1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 8 ö Leihbibliothek — vo... Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 2 4 . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 16 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ie hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 W ee auf 1 Monat: 1 M. Ff. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nl. ff. „ 3 „„ 2„=„„,, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zürückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deſecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zu Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Nlecttrnedl hhen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 . — Erzaͤhlungen fuͤr 4 unverdorbene Familien. 2. — Achter Band. Leipz ig bei Georg Joachim Goͤſchen 1815. Inhal! des achten Bandes. Zum Neujahr 1806. Ein Portrait. Die Myriaden, in drei mythologiſchen Maͤhrchen. Der Garten des Waldes, Romanze. Roſa, eine Novelle. Klotar. An***. Briefe zweier deutſchen Frauen aus und uͤber Paris. Luna. Elwina an ihre Mutter. Der Sprung vom Felſen. Ballade. Gluͤck und Liebe. Fabeln. Portia. Die Verborgene. Ueber den Einfluß der Freude auf Geſundheit. Die Heimfahrt. Die Winternacht. Meinem Freunde Sommer in Leipzig, von Seume. Legende. Die Bothſchaft. Wenn man nur nicht galant waͤre! Anſtatt einer Vorrede v. D. Martin Luther. Die Todtenglocke 1648. Lebensanſicht. Die Weiber in Indien. Die Ungeliebte. Romanze. Schillers erſter Beſuch. Romanze. Briefe der Babet an Bourſault. — Zum Neujahr 1806. Stuͤrme brauſen daher, wuͤhlend im Nebelduft; Ihren Schwingen entſinkt furchtbarer Seuchen Heer Auf der jammernden Jungfrau, Auf Suropa's, verhuͤlltes Haupt. Wohl verhuͤllet ſie ſich! trauert, daß Haß und Neid, Herrſchſucht, Goldgier und Liſt die noch blutende Tiefer, tiefer verwunden, Und der Retter noch immer ſaͤumt. Fama ruft: er erſcheint! Heil dir im Palmen⸗ ſchmuck! Doch verweilteſt du auch: nein, wir verzagen nicht⸗ Denn der ewige Vater Sendet Glauben und Lieb' und Muth. J. f. F. I. J. 1. H. 1 2 Zeuch, o Glaube, du ein ſiegreich in jede Bruſt! Muth! erfuͤlle den Mann, ſchützend das zarte Weib! Und die heilige Liebe Wahret, naͤhret, ihr Lieblichen! Friedrich Rochlitz. 2 Ein Portrait. Klotilde— ſo will ich die nennen, die ich durch Worte zu zeichnen verſuche, nachdem An⸗ dere ſie ſo oft durch Farben zu zeichnen ver⸗ ſucht haben— Klotilde iſt eben jetzt in dem ſchoͤnſten Fruͤhling des Lebens; ſie ſcheint aber aus dem Lande der Dichter herabgeſtiegen, wo der Fruͤhling neben den lieblichſten Blumen auch die zarteſten, ſuͤßeſten Fruͤchte erzeugt. Ihr Geiſt, Geſchmack und Charakter verraͤth ſich nicht nur in einzelnen ſchoͤnen Aufwallungen, ſondern ſtellt ſich zugleich dar in ſicherer Richtung und gleichem Gange ihrer Thaͤtigkeit. Ihre Geſtalt faͤllt durch nichts auf, aber ſie ziehet augenblicklich, unwiderſtehlich an, und haͤlt dann durch die ſanfteſte Gewalt um ſo feſter, je weniger man ſich dieſer Gewalt be⸗ wußt wird. Iſt Klotilde eben fuͤr nichts beſon⸗ ders intereſſirt, ſo giebt ſie ein Bild des Mor⸗ 4 gens vor Aufgang der Sonne: alles iſt ver⸗ ſchmolzen, gedaͤmpft, vieles ſogar verdeckt, durch ein einfaches, zartes Thaugewoͤlke; man freuet ſich der milden Darſtellung, aber man kann es zugleich nicht laſſen, noch Reicheres, noch Glaͤn⸗ zenderes, freudiger zu erwarten. Klotilde ſpricht: ihr Geſicht thut ſich gleichſam auf. Der Gegen⸗ ſtand iſt ihr werth: ihre Miene zeigt warmes Leben und Friſchheit des Charakters. Sie laͤchelt: die Blicke aller Anweſenden heitern ſich aus, und Niemand weiß das von ſich ſelbſt. Das Auge, hat es einmal auf dieſer Geſtalt verweilt, kann ſich nicht wieder von ihr wen⸗ den— wie das bei einer Gegend geſchiehet, die durch keine Einzelnheiten imponirt, aber durch das lieblichſte, in ſich ſelbſt beſchloſſene Ganze feſſelt. Man begreift nicht, wie Klotilde, in eine ihr fremde Welt verſetzt, deren Gewohnheiten— deren Bewohner ſogar, ſo ſchnell und ſo genau erkennen konnte. Nichts ſcheint ihr uͤberhaupt fremd zu ſeyn; ſie lernt nicht, ſie erinnert ſich nur. Das will man ja wol, wenn man von Tiefe des Geiſtes ſpricht? ½— — — 5 Lieblich ſtellt ſich aber ſelbſt dieſe Tiefe dar, denn ſie erſcheint immer zwiſchen den holden Ge⸗ ſtalten der Weiblichkeit und Jugend. In dem, was Klotilde ſagt, erkennet man etwas Ausge⸗ zeichnetes; nicht in dem, wie ſie es ſagt. Die Verhaͤltniſſe und Annehmlichkeiten des gewoͤhn. lichern Lebens beurtheilt, behandelt, genießt ſie, wie jedes lebhafte junge Weib von Geiſt und Herzensguͤte. Sie plaudert, ſie ſcherzt, ſie ſingt gern, und iſt dann ganz dabei. Sie liebt einen einfachen, aber gewaͤhlten, und vornehm⸗ lich gut bezeichnenden Ausdruck im Geſpraͤch ohn⸗ gefaͤhr eben ſo, wie einen einfachen, aber ge⸗ waͤhlten, und vornehmlich eigends zuſagenden Anzug, wo ſie auch erſcheine. Alles, was Koket⸗ terie heißen kann, iſt ihr ſo fremd, daß es ihr, ſelbſt an dem ſchoͤnſten und feinſten Weibe, faſt eben ſo auffaͤllt, als ob es Baß ſpraͤche. Die Horoſkope haben das Zutraun verlo⸗ ren; das aber darf man Klotilden mit Gewiß⸗ heit ſtellen: ſie wird nie ungluͤcklich werden durch das, was die meiſten ihres Geſchlechts und Standes ungluͤcklich macht— durch Leicht⸗ ſinn, oder dahinreißende Leidenſchaftlichkeit, oder 6 unbedingte Reſignation gegen laſtende Verhaͤlt⸗ niſſe. Die Milde ihres Weſens hindert das Feſte, das Entſchiedene deſſelben nicht. Dies Feſte, Entſchiedene, bei ſo viel Milde, Freundlichkeit, Nachgiebigkeit, Entgegenkommen, iſt bewundernswuͤrdiger, als alles. Gilt es ein beſtimmtes Urtheil, einen Entſchluß: ſie. faſſet ſie richtig, faſſet ſie ſchnell, und nun bleibt's dabei. Sie bedarf keines kuͤnſtlichen Fragens, keines muͤhſamen Abwaͤgens, ſelbſt keines lan⸗ gen Sinnes: die Sache ſteht klar vor ihr, ſie darf ihrer Anſicht vertrauen, und ſie that das auch ohne Hehl und Furchtſamkeit. So iſt es mit dem Leben und ſeinen Verhaͤltniſſen, ſo iſt es auch mit Literatur und Kunſt. Die letztern koͤnnen ihr noch vertrauter, ihre Urtheile moti⸗ virter, begruͤndeter werden— aber anders ſchwerlich. Ihr Herz ſchlaͤgt warm fuͤr Freundſchaft; und doch iſt ihr Freundſchaftsgefuͤhl nicht vor⸗ ſchnell und heftig, ſo daß man um ſeine Dauer aͤngſtlich ſeyn koͤnnte. Wer ſie in haͤuslichen und muͤtterlichen Verhaͤltniſſen geſehen hat, iſt um ein Bild reicher, von dem Zarteſten, was — 5 0 die neuere Kunſt und Poeſie darzuſtellen ſich beſtrebt hat.. Die ſie umgeben oder umgeben haben, wer⸗ den ſie in dieſer Skitze erkennen: ſie ſelbſt ſich ſchwerlich. Eben ſie hat wol am wenigſten erwogen, welche Vorzuͤge ſie beſitzt und wie dieſe auf Andere wirken. Die Minyaden, in drei mythologiſchen Maͤhrchen. Nemeſis. „Sohn des großen Orchomenos, du ſchlum⸗ „merſt anf deinem elfenbeinern Lager, und uͤber „dir wacht die raͤchende Nemeſis, die jedem „Uebermaß zuͤrnt? Du ſchlaͤfſt, und dich um⸗ „ſchleicht die Verbrechen und Strafe ſaͤende „Ate?“ Dreimal, fruͤh, wenn die Nacht an den Morgen grenzt, hatte dem traͤumenden Minyas dieſe Stimme ertoͤnt, und jedesmal, wenn er ſich aus ſeinen Purpurdecken erhob um des Sprechenden wahrzunehmen, war es ſtill um ihn, bis auf das Rauſchen eines leiſen, kaum hoͤrbaren Fußtritts; und das verloͤſchende Licht der Candelabern zur Seite des Thronbettes zeigte 9 nur wankende ungewiſſe Umriſſe der umgebenden Saͤulen und der Goͤtterbilder, die in den Niſchen umher hohlaͤugig herabſchaueten; doch laͤngſt der hohen Gallerie, die ſich, dem koͤniglichen Lager gegenuͤber, nach einem entfernten Fluͤgel des Pallaſts hinabzog, ſchwebte eine lichte wehende Flamme, die ſich zuletzt in der Gegend des Gynaͤceums verlor. Es iſt der Genius des Hauſes, der men⸗ ſchenwarnende Caſtor, oder ſein unſterblicher Bru⸗ der, ſo ſagte der Koͤnig, und wandte ſich auf die andre Seite, um durch heitrere Traͤume das Warnungsbild zu verdraͤngen, das ihm, im Schooße des Gluͤcks gealtert, ſo neu als unwill⸗ kommen war. Jeder Morgen brachte dann neue Opfer zu den Altaͤren der Hausgoͤtter, neue Schenkungen an ſelbſt erbauete Tempel, neuen Troſt von den befragten Prieſtern:—„Es war ein Traum; „die Himmliſchen wuͤrden doch dem Sohne des „großen Orchomenos Gutes weiſſagen!“ Minyas war der Sohn eines großen Man⸗ nes, aber nicht ſelbſt groß. Er genoß der Ehre, durch einen Helden von Goͤttern abzuſtammen, 10— genoß der Ruhe, die deſſen Siege ihm erkaͤmpft hatten, der Schaͤtze, die er geſammelt hatte, und wohnte in der praͤchtigen Stadt, die ſeines Vaters Namen fuͤhrte. Dieß waͤr' alles gewe⸗ ſen, was ſich von ihm ſagen ließ, und genug, um die Maͤchte zu reitzen, die keinem Muͤßigen den Lohn fremder Arbeiten goͤnnen; aber Mynias war nicht nur kein guter, er war ein boͤſer Koͤnig; das Land ſeufzte unker ſeinem Drucke. Tauſende verſchmachteten, um ſeinen Schwelge⸗ reien zu froͤhnen. Sein Stolz verachtete das Andenken der Ahnherrn, durch die er alles ward, und wollte, indem er die Leiter hinwegſtieß, durch die er empor geſtiegen war, ſich allein in der Luft, nahe dem Throne der Goͤtter ſchwebend, erhalten. Dem Jupiter Minyas prangte der herrlichſte ſei⸗ ner Tempel, und die Stadt Orchomenos mußte den Namen ihres großen Erbauers in Leucippe umwandeln.. Leucippe war die juͤngſte der Minyaden, ein ſpaͤtes Geſchenk, das die Liebe dem bejahrten Koͤnige durch die liebſte und edelſte ſeiner Frauen gab. Leucippens Mutter, genannt wie ſie, war nicht mehr. An dem Tage, da ſie der Koͤnig — —,— IT in den Tempel der Venus Leucippe einfuͤhren wollte, wo er, ihr unbewußt, ihr Bild auf den Altar geſtellt hatte, wo, ihr unbewußt und un⸗ gewuͤnſcht, ihr Opfer flammen ſollen, toͤdtete ſie ein Blitz; Rache zugleich fuͤr die den Goͤttern geraubte Ehre, und Belohnung fuͤr die, die mitten im Gluͤck ſich nie des Gluͤcks uͤberhob, und den Vorzug des Todes der Lieblinge der Goͤtter verdiente. 4 Leucippe, die Tochter der Vergoͤtterten, war ſchoͤn und fromm wie ſie; eine zarte Blume, im fruͤheſten Aufbluͤhen, ein liebliches Kind, kaum noch zur Jungfrau gereift. Der groͤßte der Bildner formte eine Hebe nach ihr; Steine der koͤſtlichſten Art lagen ſchon bereit, ſich zum Tempel zu woͤlben, der ihren Namen tragen ſollte. Leucippe ging und wand die Haͤnde, auf welche fromme Thraͤnen troffen: Schonet, ſcho⸗ net, ihr Goͤtter! Ich bin nur eine Sterbliche! Minyas hatte außer Leucippen noch zwei andere Toͤchter, weit verſchieden von ihr an Alter, noch verſchiedener an aͤußerm und innerm Werthe; hohe junoniſche Schoͤnheiten, ſtolz und 12 hochgebietend wie die Koͤnigin des Himmels. Noch hatte ſie die Stifterin der Ehen nicht mit dem hochzeitlichen Kranze geſchmuͤckt, denn ſie lachten jedes Sterblichen, und dachten nur mit den Goͤttern ſich zu verbinden. Der Koͤnig, geſinnt wie ſie, und um Enkel nicht ſehr beſorgt, denn zahlreiche Soͤhne ſtuͤtzten ſein Haus, dul⸗ dete was ſie begonnen, und lachte mit ihnen der Verzweiflung derer, die um ihretwillen ſtarben; doch ſich durch ſie mit den Olympiern zu verbin⸗ den, hoffte er laͤngſt nicht mehr, mehr ſinnend fuͤr ſie auf eine Stelle unter den ewigen Jung⸗ frauen des Himmels. Ddie Göoͤtter ſahen den Uebermuth, und unter allen war nur eine freundliche Gottheit, den ſtolzen Koͤnig zu warnen. Nemeſis zuͤrnte, die Verbrechen und Strafe ſaͤende Ate umſchlich ſein naͤchtliches Lager, und die himmliſche Flamme, die Warnerin, wehte vergeblich uͤber ſeinem Haupte; ſanft verlor ſie ſich, von ihm nicht geachtet, allemal in der Gegend, wo Leucippe ſchlummerte; himmliſcher wurden dann ihre Traͤume, und nur ein Schrecken, Entſetzen vor Thorheit und Laſter, durchbebte ihr Herz.— 13 „Laßt, ihr Goͤtter,“ das war das Gebet, mit dem ſie immer erwachte,„laßt ſtets der Tugend mich treu, und voll Demuth wie eine Sterbliche wandeln.“ So ſanft Leucippens Traͤume waren, ſo mußten ſie doch auch warnend ſeyn. Laß uns das Heiligthum der großen Nemeſis beſuchen, flehte ſie eines Morgens mit der Miene der Angſt an dem Throne ihres Vaters. Ich weiß, daß uns die Naͤcherin zuͤrnt, ich ſah es im hei⸗ ligen Traume. Leucippe konnte nicht leicht eine Fehlbitte thun; auch jetzt fand ſie Gewaͤhrung, und die Schwierigkeit der Erfuͤllung lag nur darin, daß niemand wußte, wo das Heiligthum der ernſten Thatenwaͤgerin ſei. Man hatte Traditionen, daß, als der erſte Minyas das Koͤnigreich aus der Hand Neptuns ſeines Vaters erhielt, ein ſolcher Tempel erbauet wurde; er ſollte auf einer Klippe des dem Ocean entriſſenen Landes geſtan⸗ den haben: aber wahrſcheinlich hatten die Wellen ihr Recht an ihm behauptet, und ihn laͤngſt wieder an ſich geriſſe. Man ſorgte nicht um ihn, man konnte ihn bei den glaͤnzendern Hei⸗ ligthuͤmern lachenderer Gottheiten vergeſſen. Klein, einfach, dem duͤrftigen Geſchmack jener grauen Zei⸗ ten angemeſſen, mochte er wohl ohnedem geweſen ſeyn.. Minyas nöſtete ſeine Lieblingstochter, und verſprach ihr, der unbekannten Goͤttin— ſo konn⸗ te man die ernſte Nemeſis mit Recht in dieſem Lande nennen— ein Heiligthum zu bauen, und Leucippe ruhte nicht, bis ihr verſprochen ward, jene fertig liegenden koſtlichen Steine, jener ganze Plan zum Tempel der Hebe, ſolle fuͤr die alte Göͤttin genußt werden. 3 Sterbliche, glaubt ihr die Goͤtter durch Opfer zu beſtechen, wenn eure Thaten ihnen trotzen?— Minyas naͤchtliche Warnungen ſchwiegen, aber das Ungluͤck erhob ſeine eherne Stimme. Die Schiffe des Meeres brachten nicht mehr die Schaͤtze der entfernten Inſeln nach der Stadt Orchomenos; Stuͤrme hatten ſie zerſtreuet. Feuer verzehrte hier und da die Pallaͤſte des Koͤnigs und ſeiner Soͤhne, Helden, die bis zu den Eimmeriern vordrangen, neue Reiche zu erkaͤmpfen, fielen viele in blutiger 15 Schlacht. Boten, von Tod, Verluſt und Nie⸗ derlage, unterbrachen jetzt die glaͤnzendſten Feſte. Leucippe, die trauernde Leucippe, Theilneh⸗ merin an keiner Freude, mit welcher man die heimliche Angſt zu verſchleiern ſuchte, kannte jetzt keinen lindernden Genuß als im Schooße der Natur, der wildeſten, furchtbarſten, die ſie fin⸗ den konnte. Außer dem Leid, das jetzt jeder Ver⸗ nuͤnftige fuͤhlen mußte, nagte noch ein geheimer Gram an ihrem Herzen; niemand als die Goͤtter hatte ihn ergruͤndet. Sie trug ihn in die tiefſte grauenvollſte Einſamkeit. Wo Abgruͤnde gaͤhn⸗ ten, wo Stroͤme ſich von wilden Felſen ſtuͤrzten, wo Schatten ewiger Cedern das Licht des Tages verbanneten, da war auch ſie. Ihr Herz ſuchte die Stelle, wo ſie weinen, wo ſie Rettung flehen konnte; ihr Herz ſuchte den Altar der heiligen Nemeſis: es nannte ihn nicht, aber ſchnell hatte es ihn gefunden. Ein dicht verwachſenes Ge⸗ buͤſch fuͤhrte unvermerkt auf die geweihte Stelle, die die Vaͤter dem Meere entriſſen hatten, um ſie der furchtbarſten aller Maͤchte zu weihen. Die Wellen hatten ihr Eigenthum nicht wieder⸗ nehmen duͤrfen; tief unten tobte die Brandung⸗ 16 Der Fuß des kleinen Saͤulengebaͤudes war vom Ocean, der ſein Eigenthum zuruͤckforderte, aus⸗ gewaſchen, aber uͤber ihm thronte es noch in ſtiller Groͤße. eucippe nahte zitternd; ihr Herz ſagte ihr, wo ſie war. Sie ſank nieder am Eingang; hier einen Schritt zu wagen war gefaͤhrlich, war wenigſtens bedenklich. Der Fußboden war ein glatt polirter Marmorſpiegel; hier konnte nur der von jeder Kleidung entbloͤßte, dreimal im heiligen Quell gebadete, reine Fuß feſte Tritte faſſen. Leucippe feierte die heiligen Gebraͤuche, die ihr eigenes Gefuͤhl ſie lehrte, und trat ein. Tiefe Stille umgab ſie; ſelbſt das Getoͤſe der zuͤrnen⸗ den Wogen hoͤrte man hier nicht; die Einſam⸗ keit vermehrte ihren Schauer. Sie ſah rund umher: uͤberall Oede und die hoͤchſte Einfalt. Ihre Augen ſuchten das Goͤtterbild, vor dem ſie knieen wollte; ſeine Stelle mitten im Tempel behauptete ein unebener, geſtaltloſer, ſchwarz⸗ grauer Stein.— Sie ſank vor ihm nieder: „O du, die niemand ſah, die niemand vernahm, „ſo deutlich ſich auch dein Bild der Seele mahlt, —— 42 „ſo hell auch deine Stimme dem reinen Herzen „toͤnt, Goͤttin der Wahrheit und des Rechts iſts „hier, daß du wohnſt? Mein Herz hat dich „geſucht! Es ſehnt ſich, vor dir zu weinen und „dich zu fragen.— Schwer wird mir der Weg „des Rechts. Leidenſchaften machen ihn uneben. „Lehre, o lehre mich ihm treu ſeyn!“ Stumme, nur den Goͤttern hoͤrbare Gebete endigten dieſen Eingang; ihr ward keine woͤrt⸗ liche Antwort, aber ihre Augen klaͤrten ſich auf. Die Daͤmmerung im Tempel ward Licht. Als ſie ſich erhob, umherzuſchauen, ſagten ihr lehrende Bilder ihre Pflicht, und getroͤſtet ging ſie von dannen. Jene ſchwarze gefluͤgelte Geſtalt in der weſtlichen Ecke, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie den Tempel verließ und in die Nacht des umgebenden Waldes hinabſtieg, jener Engel mit dem Sternen⸗ kranz— er iſt der Genius des Todes, der große Aufloͤſer aller Dinge; ihn darf ich nie aus den Augen verlieren. Jene große ſchoͤne Frau in Oſten mit der Wage und dem Zuͤgel— ſie lehrt richtige Schaͤtzung und Hemmung des Ueber⸗ maßes. Die mittaͤgliche Geſtalt mit dem ernſten J. f. F. II. J. 1, H. 2 18— Blick in den geoͤffneten Buſen— 2 O Leucippe! Leucippe! ſchaue in dich! kann jedes deiner Ge⸗ fuͤhle das Auge der Richterin ertragen?— Und die noͤrdliche Furie mit der Geißel?— O Ne⸗ meſis, halt ein! Einverſtanden mit dir, der Laͤchelnden, vertraut mit dir, ſobald dein Blick ſich in warnenden Ernſt verkehrt, werde ich nie deinen Zorn empfinden: aber vorſichtig ſei mein Schritt, rein mein Fuß, und gewaſchen in der Quelle des Heiligthums, denn der Pfad unter meinen Sohlen iſt ein hell geſchliffener Spiegel. Als Leucippe nach der Stadt Orchomenos zuruͤckkam, fand ſie alles in der tiefſten Trauer; als ſie die Marmorſtufen des Koͤnigsſchloſſes hin⸗ aufſtieg, kam ihr die Stimme der Verzweiflung entgegen. Minyas hatte den letzten ſeiner Soͤhne verloren, der Todesbote kniete noch verhuͤllt am Throne, auf welchem der Koͤnig, ein ſtarres Bild des Entſetzens, ſaß. Leucippens Schweſtern, Alcippe und Alca⸗ thoe, nicht ſonderlich bekuͤmmert, ſtanden hinter ihm, ihn mit Enkeln zu troͤſten, indeſſen die fromme Leucippe keinen Troſt hatte, weder fuͤr 49 ihn noch fuͤr ſich ſelbſt; nur heiße Thraͤnen, die ſie in ſeinen Schoos weinte. Minyas, durch Ungluͤck zwar nicht weiſe, aber weich und furchtſam gemacht, opferte in allen Heiligthuͤmern, und als ihm nirgends Weiſung, nur uͤberall die Stimme troͤſtender Schmeichelei entgegen kam, da ließ er ſich leicht von ſeiner geliebteren Tochter bereden, das neu⸗ gefundene Heiligthum zu beſuchen. Man ſuchte in alten Buͤchern, und fand, daß wirklich dort der Tempel der Nemeſis ſeyn koͤnne. Man fand in andern, die Goͤttin gehoͤre unter die Antwortgebenden, wenn man ſie gehoͤrig zu fragen wiſſe; ein drittes, wirklich gefunden, oder in der Eil durch Prieſterſchlauigkeit hervor⸗ gebracht, ſprach umſtaͤndlich von Opfern und Gebraͤuchen, und viele Wochen lang war das Hauptgeſchaͤft aller Gelehrten von Orchomenos, die Mittel zu erkunden, wie die Goͤttin, die in jedem reinen Herzen redet, zum Sprechen zu bringen, wie ihr, die an jeder unbefleckten Seele eine Prieſterin hat, ein Ausleger ihrer Geheimniſſe und ein Chor heiliger Jungfrauen 292o9—— zu Dienerinnen ihres ſo lang vergeſſenen Altars zu weihen ſeien. Leucippe ſollte die Erſte derſelben werden, doch ſie entzog ſich; der Dienſt der Goͤttin, hei⸗ liger als ihn Menſchen erdachten, lebte in ihrem Herzen. Der Tag der großen Rathfragung erſchien, man machte ſich auf den Weg. Ein langes pomphaftes Gefolge begleitete den Koͤnig. Oef⸗ ters fragte er, wenn man den Tempel ins Ge⸗ ſicht bekommen wuͤrde, und uͤberraſcht, ein wenig betroffen war er uͤber das unanſehnliche, prachtloſe Gebaͤude, das beim letzten Schritt aus den Schatten des Waldes erſt zum Vorſchein kam. Man betrat die heiligen Stufen. Auf die Glaͤtte und Ungangbarkeit des geweihten Bodens war man ſchon gefaßt; auf was ſollten Hofleute nicht gefaßt ſeyn! Man bedeckte ihn mit bunten babyloniſchen Teppichen, und es ließ ſich ganz ſicher auf ihnen wandeln, auch ohne Entbloͤßung der Fuͤße, auch ohne die heilige Ab⸗ waſchung, die man jedoch nicht verſaͤumt hatte. Der Koͤnig knieete, und umarmte den geſtalt⸗ loſen Stein; ſeine Thraͤnen troffen auf ihn, — 21 und aus ſeinem Herzen draͤngte ſich die Frage: Womit ſoll ich die Goͤtter verſoͤhnen? 6 Ruͤckkehr! war die einfache Antwort, nicht wie andre Goͤtterſpruͤche in Doppelſinn verhuͤllt; Ruͤckkehr von dem, womit du ſie beleidigteſt! Du wollteſt dich unter ſie ſetzen: ſteige zu den Menſchen herab, und deine liebſten Schaͤtze gieb den Armen. Deutlich, zu deutlich war, was der Koͤnig vernommen hatte; wollte er außer ſeinem eige⸗ nen Herzen einen Ausleger haben, ſo durfte er ſich nur an Leucippen wenden, der Sinn ihrer reinen Seele konnte nicht truͤgen; aber er fragte nicht ſich, nicht ſie, er fragte die Prieſter: durch ſie entſtand folgende Auslegung: „Dein hoͤchſtes Verbrechen, o Koͤnig, war „der Stolz, mit dem du dich unter die Goͤtter „ſetzen wollteſt; das iſt, du wollteſt nicht nur vihnen Tempel bauen, du wollteſt auch die Ge⸗ „heimniſſe ihrer Prieſter mit uns theilen; ſteig „herab von der Hoͤhe, auf die du dich wagteſt. „Der ſpiegelglatte Boden im Tempel der Goͤttin viſt Sinnbild unſers ſchluͤpfrigen Pfades; dir viſt es vergoͤnnt, auf babyloniſchen Decken zu 22—Q— „wandeln. Behalte dir die konigliche Sicherheit, uns laß die Gefahr in der Naͤhe der Unbegreif⸗ „lichen.“ Es war wahr, das Minyas mit dem Ge⸗ danken umging, Krone und Prieſterthum zu vereinigen; man hatte ihm genug geſagt, ihn von dieſem Schritte abzuſchrecken. Unerwartet war ihm dieſe Auslegung des Orakels, und ihm deſto gewiſſer. Der plane Sinn der Worte haͤtte ihm nicht genug gethan.— Er kam jetzt aus der Naͤhe der ernſteſten aller Gottheiten, ihm luͤſtete nicht nach ihrer prieſterlichen Binde, leicht war es moͤglich, daß der Prunk anderer Tempel ein aͤhnliches Innere verbarg; der Ge⸗ nius des Todes und eine Nachgoͤttin mit der Geißel waren ſeinen Blicken nicht entgangen, alles vereinigte ſich in ihm zu Einem großen Ganzen; gern entſagte er, ſo wie dem Prieſterthum der Nemeſis, das keine Reitze fuͤr ihn gehabt haben wuͤrde, dem naͤhern Dienſt aller andern Gott⸗ heiten. Den Prieſtern war ihre Auslegung ſo wohl gegluͤckt, daß ſie mit Freuden zur Dolmetſchung der zweiten Haͤlfte des Götterſpruchs eilten, —ᷣ— 23 und es der Klugheit gemaͤß achteten, dieſelbe ſammt dem kuͤhnen Wunſche, den ſie enthalten ſollte, etwas weniger deutlich zu machen. Noch⸗ maliger Anfrage des Koͤnigs um Deutung glaub⸗ ten ſie ohnedem gewiß zu ſeyn,— dann wollten ſie ſich naͤher erklaͤren; Minyas pflegte ja ſonſt aͤberall zweimal zu fragen. „Der Koͤnig, ſagten ſie, ſoll ſeine liebſten „Schaͤtze den Armen geben!— Was ſind die „liebſten Schaͤtze des großmuͤthigen Minyas? „Iſt’s Gold und Geld, das er ſo freigebig mit „uns, den Duͤrftigen, theilt?— Des Koͤnigs „hoͤchſte Koſtbarkeiten ſind ſeine Kinder; die „groͤßere Haͤlfte derſelben, die heldenmuͤthigen „Soͤhne, nahmen die Goͤtter; die himmliſch⸗ „gebildeten Toͤchter, die er blos fuͤr die Olym⸗ „pier oder große Koͤnige verſparte, fallen, nach „dem Urtheilsſpruch der nimmer fehlenden Goͤt⸗ tin, den Armen zu. Der Koͤnig weiß nun, vaus welchem Stamme er Eidame waͤhlen und „Enkel ſehen ſoll.« Der Koͤnig glaubte die Meinung der Prie⸗ ſter ganz zu verſtehen, und verſank in ein duͤſtres Stillſchweigen. Thraͤnen quollen aus ſeinen zur Erde geſenkten Augen; man ließ ihn allein, damit er den großen Entſchluß, den die Goͤtter von ihm forderten, ohne Zeugen von ſeinem Stolze erkaͤmpfen koͤnnte. Laͤngſt ſchon war die ſchoͤne Alcippe, die reitzende Alcathoe, der hoͤchſte Wunſch der Liebe und des Stolzes fuͤr die beiden Oberprieſter des Typhon, den man hier neben dem Jupiter Mi⸗ nyas als die hoͤchſte Gottheit des Landes ver⸗ ehrte; ihr Stand nannte ſich ſpruͤchwoͤrtlich die Armen: der Fingerzeig war deutlich, wem die beiden Goͤttinnen zu Theil werden ſoll⸗ ten; er konnte, wie die Hierophanten meinten, vom Koͤnige nicht mißverſtanden werden. Waͤhrend man im Tempel des Typhon ſchon Vorbereitungen auf glaͤnzende Hochzeitfeſte machte, rang Minyas, dem die prieſterliche Auslegung des Goͤtterſpruchs, haͤtte man ſie ihm deutlicher gemacht, Linderung geweſen ſehn wuͤrde, mit der Verzweiflung. Er durchkaͤmpfte mit ſeinem Stolze, mit ſeiner Liebe zu ſeinen Kindern eine ſchreckliche Nacht. Der Morgen brach an, er hatte geſiegt, er war bereit ſeinem Gluͤcke alles aufzuopfern. — 25 Was geſchehen mußte, ſollte eilend geſchehen. Sa reckliche Traͤume hatten ihm Eile geboten. Er gab ſeine Befehle, und erkuͤnſtelte die moͤg⸗ lichſte Faſſung, um die Prinzeſſinnen, die er vor ſich fordern ließ, mit Heiterkeit zu em⸗ pfangen. Meine Kinder, ſagte er, der Wille der Goͤtter muß erfuͤllt werden: ihr werdet heute eure Gemahle ſehen. Der Stand, aus welchem ſie euch das Loos waͤhlen wird, iſt euch geſtern kund worden. Ich erwarte von euch keinen Widerſpruch. Alcippe und Alcathoe ſchwiegen. Es waren in dieſer Nacht Geſandtſchaften aus dem Tempel bei ihnen geweſen, man hatte ihnen geſagt, welch ein Loos ihrer wartete, und endlich hatte man ihnen begreiflich gemacht, daß der Stand der Koͤniginnen, welcher das geringſte war auf das ſie rechneten, von dem, die ihnen die Hand ihrer kuͤnftigen Gemahle geben ſollte, nicht ſo gar verſchieden ſei. Sie mußten glauben; ſie waren in ein Schickſal ergeben, das ſie nun einmal nicht vermeiden konnten, und ſchwiegen ⸗ 26— Leucippe ſchwieg auch aus dem naͤmlichen Grunde, obgleich zu ihr keine Botſchaft aus dem Tempel gekommen war. Sie war noch faſt ein Kind, man kannte ſie wenig. Es ſchien, man hatte dort gar keine Ruͤckſicht auf ſie genommen. Nicht minder ſchwer, nicht minder erkämpft war der Entſchluß, dem Gluͤck ihres Vaters alles zu opfern, ſelbſt den ſtillſten, leiſeſten Wunſch des Herzens. Ach, in dieſem jungen Herzen wohnte bereits Liebe. Jene legten bloß Hoffnung auf Kronen auf den Altar der Nothwendigkeit, Leu⸗ cippe war bereit, der kindlichen Liebe ihr inner⸗ ſtes Selbſt darzubieten. 3 Die Stille, die auf die entſcheidenden Worte des Koͤnigs gefolgt war, ward bald durch lautes Getuͤmmel im Vorhof unterbrochen. Die Fluͤ⸗ gelthuͤren oͤffneten ſich, eine unabſehliche Menge Volks war auf dem weiten Platze in grauer Morgendaͤmmerung verſammelt. Der Koͤnig fuͤhrte die zitternden Toͤchter einige Stufen hinab. Das Freudengeſchrei des ungezaͤhlten Haufens empfing ihn. Die Namen, Koͤnig und Vater des Volks, wurden ihm herz⸗ licher zugerufen, als ſie ihm vielleicht je getoͤnt 227 hatten; denn halb traͤumend hatte man ſeinen großen Entſchluß vernommen. Minyas gebot Stillſchweigen. Fuͤr Koͤnige hatte ich euch erzogen, begann er, indem er ſich zu den Prinzeſſinnen wandte. Sehet, der Goͤt⸗ ter Gedanken ſind nicht die meinigen; aus den Geringſten und Aermſten im Volk hat euch ihr Rathſchluß die Gatten beſtimmt! Man bringe die Urne des Schickſals! was geſchehen ſoll, geſchehe bald.— Die heraufkommende Sonne entdeckte in dieſem Augenblick den ſtolzen Toͤchtern des Koͤ⸗ nigs deutlicher, zu welcher Klaſſe des Volks ſie herabſteigen ſollten. Die Aermſten und Nie⸗ drigſten der Stadt waren hier verſammelt: Bettler mit Lumpen bedeckt, rauhe Soͤhne der haͤrteſten Arbeit, Gegenſtaͤnde, vor welchen jedes Zartgefuͤhl zuruͤckbebte; ohnmaͤchtig vor Ent⸗ ſetzen, unfaͤhig die kleinſte Einwendung zu ma⸗ chen, nicht gegenwaͤrtig, halb traͤumend, ließen die Gedemuͤthigten geſchehen, was geſchah; die Looſe waren geworfen, und ein Paar der arm⸗ ſeligſten Maͤnner aus der klaͤglichen Menge wur⸗ den aufgerufen, die koͤſtliche Beute in Empfang 28——- zu nehmen, die ihnen das blinde Glück in die Arme warf. Zitternd, weder erfreut noch be⸗ gluͤckt, nahmen ſie die ſtolzen Braͤute von des Vaters Hand, und fuͤhrten ſie heim; ihnen folgten des Koͤnigs Geſchenke. Mittlerweile war das Loos auch uͤber die holde Leucippe geworfen worden; es beſtimmte ihr einen zarten, leichtbekleideten Juͤngling, den man, nach dem Roſſe, das er an der Hand fuͤhrte, fuͤr einen der Stallbedienten des Koͤnigs halten mußte. Niemand kannte ihn, und als er heraufgefuͤhrt werden ſollte, die zitternde Braut in Empfang zu nehmen, da war er verſchwun⸗ den. Der Koͤnig, entzuͤckt ſein Liebſtes gerettet zu ſehen, hielt nicht fuͤr gut, das Loos zum zweitenmal zu werfen. Er hatte gethan, was das Schickſal fordern konnte, und gelobte einſt⸗ weilen, die Tochter dem Unbekannten aufzube⸗ wahren, und ihm ihre Hand zu reichen, ſobald er ſich melden wuͤrde. 4 Und iſt das dein ernſter, ernſter Wille? fragte die erroͤthende Leucippe, als ſie von dem Vater in den innern Pallaſt zuruͤckgefuͤhrt wurde.— Und folgſt du dieſem Willen gern? 29 war des Koͤnigs Gegenfrage. Wie ſollte ich nicht? antwortete ſie mit noch hoͤherer Roͤthe; uͤber mir walten die Goͤtter!. Die Prieſter tobeten, raſeten, ihren Plan verungluͤckt zu ſehen.— Der Koͤnig zerriß ſeine Kleider ob den Botſchaften, die aus den Huͤtten der Neuvermaͤhlten kamen; er fuͤhlte, wie uͤbel er ſeinen Toͤchtern gerathen hatte, und Unter⸗ handlungen mit den Prieſtern ſagten ihm, wie falſch die Auslegung der Goͤtterſtimme von ihm verſtanden ward.— Dieſem Uebel war ja noch abzuhelfen! Heimliche Geſandten kamen zu den Frauen der Pſoleer*); die Verbrechen und Strafe ſaͤende Ate freute ſich des allmaͤhligen Aufgehens ihrer Saat; aber Alcippe und Alcathoe waren keine Danaiden: ſie erklaͤrten, ſo elend ſie⸗ waͤren, ſolle doch weder Gift noch Dolch ſie retten. *) Psolei nannte man die Gatten der Minyaden, wegen der elenden, traurigen Kleidung, die ſie, nach dieſer Dichtung, als Abzeichen ihres Stan⸗ des— nach bewaͤhrtern Zeugniſſen, als Zeichen der Trauer uͤber das nachmalige ungluͤckliche Geſchick ihrer Gemahlinnen trugen. 30 Die gereitzten Minyaden ſchwiegen, aber des Koͤnigs geaͤnderter Sinn, ſeine Anſchlaͤge auf die ſelbſt gewaͤhlten Eidame wurden laut. Das Volk murrete, die Prieſter tobten, der ſchwache Koͤnig ſchwankte von einer Seite zu der an⸗ dern. Die Zwietracht zuͤndete ihre Fackel an, und bei dem rothen, truͤben Schein derſelben wars, daß die beiden Herabgewuͤrdigten endlich den Entſchluß der Flucht ausfuͤhrten. Fliehen wollten ſie ſchon laͤngſt, aber nicht allein. Rache gegen den Vater, Neid gegen die Schweſter wollte, daß Leucippe ſie begleitete.— Als ſie um Mitternacht in ihr Zimmer drangen, die Schlummernde hinwegzureißen, ſchwebte eine zarte, lichte Flamme uͤber ihrem Lager. Dies vermehrte ihre Wuth. Schon oft hatten ſie dieſes Zeichen außerordentlicher Deutung ſie bei ſtiller Nacht umſpielen geſehen, ſchon damals ward Haß und Mißgunſt geboren; jetzt beim Gefuͤhl ihrer eigenen Schande erreichte Groll gegen die mehr Begluͤckte den hoͤchſten Gipfel. Kaum goͤnneten ſie ihr Zeit, ſich zu bekleiden, und die Bitte, die Bilder der Genien des Hau⸗ 31 ſes, der Dioskuren, mit ſich nehmen zu duͤrfen, ward mit Zaͤhnknirſchen verworfen. Ach! klagte Leucippe, als ſie die ſtaͤrkeren Schweſtern davon trugen, ach, Altar der Himm⸗ liſchen! wer wird dich jeden Morgen mit friſchen Blumen bekraͤnzen? wer wird an feſtlichen Tagen Milch und Honig und die erſten Fruͤchte des Weinſtocks dir weihen?—— Schweig, Elende! ſchrie Alcathoe, indeß Alcippe den Mund der Schweſter zuhielt; nur zu wohl iſt uns bekannt, wie du heuchelnd Goͤtter und Menſchen zu beſtechen wußteſt! Die Flucht der Minyaden ging gluͤcklich von ſtatten; die Zwietracht, die in dieſer Nacht die Straßen von Orchomenos mit Blut und Leichen erfuͤllte, deckte die Fliehenden mit ihrem Raben⸗ fittich. (Von der Verfaſſerin der Laren, im erſten Jahrgange dieſes Journals.) 41 Der Garren des Waldes. Romanze. „ Was eilt ihr ins Zimmer ſchon, edle Frau? Im Garten ja iſis noch ſo ſchoͤn! Es ſchimmern die Blumen im weſtlichen Thau, Die Baͤume, die luftigen, wehn!⸗ „Laßt, meine Frauen, laßt fruͤh mich hin, Ins ſittſame, ſtille Gemach! Am Gartenſaale woͤlbt Jesmin ums Fenſter ein ſchimmerndes Dach. Im Mondlicht hebt ſich der Lilienſchnee, Die Malven, die Roſen im Thal. Der Garten des Waldes zu Coulomiers Iſt lieblich im mondlichen Strahl! —,— 33 Entfernt iſt der Gebieter mein, Mein edler, mein treuer Gemal: Drum ſchließe das ſtille Gemach mich ein, Vor zaͤrtlichem Mondenſtrahl.“ Sie ging ins Zimmer mit ſtillem Gemuͤth; Ihr folgten die Frauen getreu— Sie ehrten die Blume, die einſam bluͤht, In ſittſamer, lieblicher Scheu.—— Wo iſt Nemours? wo mag er jetzt, Der ſchoͤne Herzog, ſeyn? Er mocht', im Herzen tief verletzt, Nur ihres Blicks ſich freun. Der Held von Metz, des Ruhmes Sohn, Er gab beſiegt ſich hin. „Ach Monden, Jahre dien’ ich ſchon Der ſchoͤnen Herrſcherin! Ach ſie iſt kalt! ihr ernſter Blick Verſchmaͤht mein ſtummes Flehn! Iſt dem ihr Herz, den nur ſein Gluͤck Ihr zum Gemal erſehn? J. f. F. II. J. 1. H.. 3 Sie liebt ihn nicht! der Aeltern Wahl Nur gab dem Gluͤcklichen ſie!— Jetzt iſt er fern im Königsſaal— Jetzt gilt es, oder nie! 3 — Schon ſeh ich die Gegend von einſamer Hoͤh; Wohl auf jetzt, mein Renner, in Eil! Der Garten des Waldes zu Coulomiers Iſt guͤnſtig zu naͤchtlicher Weil!“ Der Ritter ſprachs, es flog das Rof, Schon war der Garten ereilt; 1 Schon ſtand er am Fenſter am Gartenſchloß Von Hoffnung und Sorge getheilt. Er wagt' es, er wandte den bebenden Blick Hinein in den reitzenden Saal: Hell flammte die Kerze: ſein liebliches Glüͤck, Sie ſah er beym freundlichen Strahl. Holdglaͤnzend im weißlichen Schimmergewand, Erſchien ſie, ein heimliches Bild, Hernieder aus ſchoͤnern Sphaͤren geſandt Zu trauriger Erde Gefild. —ͤͤ On Ein Stern durchbrach mit lichtem Gold Der finſtern Locken Nacht, Und ach ein Band umſchloß ſie hold, Von— Nemours Farbentracht. Hier prangten, zu zeichnen dem Enkel die Spur, An Waͤnden die Helden des Siegs; Hier glaͤnzt' auch der edle, der ſchoͤne Nemours Im ſtolzen Geſchmeide des Kriegs. Sie nahm die Kerze, und nahte leis Dem hehren Bilde ſich; Und eine Thraͤne ſtill und heiß Dem ſchoͤnen Aug' entſchlich. In ſeliges Vergeſſen ſchien Ihr ganzes Seyn getaucht; Von ſanfter Abendroͤthe Gluͤhn Die zarte Wang' umhaucht. „Waͤrs möglich? mein der Engel? mein! Sie liebt mich! Heil'ge! mich?“ Er riefs, halb ſinnlos ſtuͤrzt' er ein, Stuͤrzt' ihr zu Fuͤßen ſich. 35 Doch wie ein Stern in Nacht entweicht, So ſchwand die Lichtgeſtalt;. Entwand dem kuͤhnen Arm ſich leicht, Geſtaͤrkt von Himmelsgewalt. Und traurig wandte ſie ſcheidend noch Auf ihn durch Zaͤhren den Blick: „Warum, Geliebter, zerſtoͤrſt du doch, Du ſelbſt, mein Leben und Gluͤck?“ Es ſchwieg ihr Mund, doch maͤchtiger ſprach Ihr himmliſches Auge voll Gram; Er ſah ſie nimmer, doch ewig nach Im Herzen die Stimm' er vernahm.—— Wol manche Blum', in tiefer Bruſt, Bluͤht ſtill an himmliſchem Licht;. Doch ruͤhrſt du die zarte mit kuͤhner Luſt, So ſenkt ſie ſich ſterbend und bricht. Louiſe Brachmann. 2 Eine Novelle. Der Menſch verſuche die Goͤtter nicht— Schiller. Der reiche Pachter gab ſeinen Dienſt auf und kaufte ſich ein ſchoͤnes Freigut am Fuße des Rieſengebirges, wohin es ihn immer geluͤſtet hatte: denn hier war er geboren. Er zog da⸗ hin mit ſeiner Frau und mit Roſa, ſeiner ein⸗ zigen Tochter. Sie lebten einige Jahre gluͤcklich. Roſa's Mutter befand ſich eines Abends krank, und das Uebel nahm ſo ſchnell uͤberhand, daß der Vater ſich entſchloß, ſelbſt in die Stadt zu fahren und den Arzt zu holen. Er war nicht lange weg, ſo vernahm die Mutter den nahen⸗ den Schritt des Todes. Sie rief die Tochter allein ans Bett und raffte alle Kraͤfte auf, ihr Folgendes zu vertrauen: Mein liebes Kind, ſagte ſie; ich fuͤhl' es, ich werde die Zuruͤckkunft des Vaters nicht erle⸗ 38—— ben. Darum muß ich dir ein Geheimniß ent⸗ decken, das mir ſchwer auf der Seele liegt. Vor zwoͤlf Jahren, da Gott meine Ehe durch dich geſegnen wollte, hatte er mir auch eine harte Pruͤfung auferlegt. Ehe du das Licht erblick⸗ teſt, befand ich mich ſehr uͤbel, und die Um⸗ ſtaͤnde waren gar ungluͤcklich. Alle kluge und erfahrne Frauen, mit denen ich zu Rathe ging, waren daruͤber einig: du oder ich, oder auch wir beide wuͤrden Opfer des Todes, wenn nun das Geburtsſtuͤndlein kaͤme. Dich um meinet⸗ willen umkommen zu laſſen— dieſer Gedanke war mir ganz unertraͤglich. Deinen Vater liebte ich herzlich; aber er hatte es nie ſo gut mit mir gemeint, als jetzt, ſeit ich mich Mut⸗ ter fuͤhlte. Und nun ſollte ich davon: ſollte nach ſo vielen boͤſen, der guten Tage nicht ge⸗ nießen! ſollte dich, zartes Wuͤrmchen, nicht ſelbſt pflegen, und dieſe liebe Sorge fremden Soͤldlingen uͤberlaſſen! Das ſchaͤrfte meine To⸗ desfurcht unendlich, und ſo gern— ach ſo gern haͤtt' ich noch laͤnger gelebt! In dieſer Noth wendete ich mein Herz mit bruͤnſtigem Gebet zur heiligen Eliſabeth. O du Beſchuͤtze⸗ —ꝛ rin aller frommen Gebaͤrenden, ſeufzte ich; erbarme dich meiner in der Angſt, die mich bedrohet! Vertritt mich Arme in deinem Gebet; und erlangeſt du fuͤr mich, daß das Kind unter meinem Herzen geſund das Licht erblickt, und ich es heranwachſen und bluͤhen ſehe: ſo will ich es dir erziehen; und es ſoll, von ſeinem ſechzehnten Jahre an, dir in deinem Hauſe dienen in Unſchuld und Froͤmmigkeit ſein Lebe⸗ lang. Und da die Stunde der Angſt kam, zagten Alle, aber ich war getroſt— denn mein Herz ſtieg empor zur heiligen Helferin und ſie beruͤhrte mich ſegnend mit himmliſcher Hand. Wunderbar fuͤhlte ich nun den herbe⸗ ſten Schmerz und die ſuͤßeſte Freude in mei⸗ nem innerſten Herzen zuſammenfließen; ſchoͤne Lichtgeſtalten ſchwebten um mein Lager; mir war, als muͤſſe ich zu ihnen und ſchien mir doch angefeſſelt. Ich rang, die Bande zu zer⸗ reißen: da wareſt du, meine Roſa, zum Er⸗ ſtaunen aller anweſenden Frauen, ſchnell und leicht geboren. Und als ſie dich, mein geſun⸗ des, mein ſchoͤnes Kind, in meine Arme leg⸗ ten: da hob ich dich, ſo hoch es meine ge⸗ 40— ſchwaͤchten Kraͤfte zuließen, gen Himmel, und wiederholte das heilige Geluͤbd' in meinem Her⸗ zen. Dir, meine Tochter, hab' ich dies bis⸗ her verſchwiegen, denn du wareſt ein Kind, das mich nicht faſſen konnte. Aber auch deinem Vater hab' ich das Geheimniß verborgen, weil er ſo hart und rauh iſt, ſich wenig um den Dienſt der Kirche bekuͤmmert, und meiner Froͤmmigkeit oft ſpottet. Nun aber muß ich von hinnen, und ich lege mein Geluͤbd' auf deine Seele, wie ich dieſe Hand ſegnend auf deine Stirn lege. Erfuͤlle, was dem Himmel verheißen worden; aber erfuͤlle es, als Neigung deines Herzens, damit dein Vater meiner im Grabe nicht zuͤrne—— Roſa beſchwor mit einem feierlichen Eide, den letzten Willen der Mutter zu erfuͤllen. Da waren die Kraͤfte der Kranken erſchoͤpft. Sie ſank zuruͤck, laͤchelte noch einmal nach der Tochter hin, und entſchlummerte. Roſa blickte betäubt und ſtarr hin, wenn die Mutter wieder erwachen und weiter ſprechen wuͤrde. Aber ſie erwachte nimmer wieder. Durch ihr ploͤtzliches Ende wurde Roſa noch mehr betaͤubt. v»——:L’’’— —— 4 I Was fie jenen Abend geſehen und gehoͤrt hatte, ſchwebte ihr vor, wie ein grauſendes Maͤhrchen, und floß, wie in ein Chaos wunderbarer Schat⸗ tenbilder eines verworrenen, furchtbaren Traumes zuſammen. Schon nach wenigen Monaten fragte ſich Roſa: haſt du denn auch wirklich dies alles vernommen, und bildeſt du dir's nicht blos ein?. 3 Die Mutter hatte ſie ſonſt zuweilen in das benachbarte Kloſter Luͤventhal mitgenommen: Roſa hatte mit ſcheuer Neugier das Thun und Weeſſen der Nonnen betrachtet. Jetzt, an einem Heilgenfeſt, fuͤhrete ſie der Vater auch dahin: Roſa empfand den entſchiedenſten Widerwillen gegen das Kloſterleben. Leiſe, doch kraͤftig bereitete die Natur in der Knospe des Maͤd⸗ chens die Bluͤthe der Jungfrau vor: ihr Wider⸗ wille gegen das Kloſterleben wurde heftiger. Darum verbarg ſie das Geheimniß jenes Abends gegen Jedermann auf das ſorgfaͤltigſte. Oeftere unbeſonnene Reden des Vaters und angeborner leichter Sinn machten ſie endlich gleichguͤltiger dagegen; in Lebensluſt und Lebensmuth ent⸗ ſchlug ſie ſich ſogar des Andenkens daran faſt 42 gaͤnzlich. Um ſich endlich vollkommen zu beru⸗ higen, fragte ſie einmal, neckend und ſcherzend, ihren alten Beichtvater: Wenn mein Vater euch, ehrwuͤrdiger Herr, verſpraͤche, ich ſollte alle Tage euch auf eurer Zelle beſuchen, oder etwas aͤhn⸗ liches, das mir ſehr ſauer wuͤrde, und er ſelbſt beſtuͤnde hernach nicht weiter darauf und hielt mich nicht dazu an—: waͤre ich wol verpflich⸗ tet, ſein Verſprechen zu erfuͤllen?— Nein, meine Tochter! ſagte der Pater, der Schelmerei des Maͤdchens laͤchelnd. Das war der lauernden Roſa genug; ſie hatte nur dieſe Antwort hervor⸗ locken wollen.— Roſa hatte faſt das ſechzehnte Jahr erreicht, und bluͤhete, wie die ſchoͤnſte der Blumen, nach deren Namen ſie genannt war. Ihre ſtrahlenden Augen, die, mit bemerkbarem Vergeſſen alles andern, ſo feſt und lang' an jedem Gegenſtande hingen, der ſie einmal auf ſich gezogen hatte; ihre bluͤhenden Wangen, die ſo oft mit dem zarteſten Roth und helleſten Purpur wechſelten; ihre volle und ſo leicht beunruhigte Bruſt; der Schmeichelton ihrer Rede bei dem Haſtigen in allen ihren Bewegungen—: alles dies kuͤndigte — 43 ein Weſen an, faͤhig, in den Freuden der Liebe, unnd durch ſie, laͤchelnd zu vergehen. Einer der ſchwuͤleſten Sommertage nahete ſich ſeinem Ende, als man von allen Seiten den Horizont mit dicken Wolken umgeben ſahe, die, unbewegt und rabenſchwarz, wie Bahren⸗ tuͤcher, vom Himmel auf den Saum der Erde zu haͤngen ſchienen. Die Schnitter eilen vom Felde, die Heerden bruͤllen aͤngſtlich, die Glucke ſammlet die Kuͤchlein unter ihre Fluͤgel. End⸗ lich kommen die ſchwarzen Wolken, ſtill und langſam, wie verhuͤllte Leichenzuͤge, weiter her⸗ auf; man hoͤrt den fernen Donner, wie das Brauſen eines Heeres erhitzter Streitroſſe. Nun zucken die flammenden Blitze oͤfter, der Donner hallet naͤher, die Betglocken ſtuͤrmen eifriger, und die geaͤngſteten Menſchen knieen an der Straße und beten um Gnade und mil⸗ dernden Regen. Da erhebet ſich ploͤtzlich ein gewaltiger Sturm, reißt die Wolken zuſam⸗ men, und wirft hoͤhnend ihren unermeßlichen Ballen wider die Berge. Ein entſetzliches Kra⸗ chen in der Luft— die Wolken zerreißen, die 44— Fluthen ſtuͤrzen von den Bergen herab, und trei⸗ ben vom Abhang Heerden, Baͤume und Huͤtten, wie leichten Flußſſand, daher. Des Pachters Haus ſtand feſt gegruͤndet. Er fluͤchtete ſich geſichert ins obere Stockwerk: aber Roſa war nicht da! Sie hatte eben eine Freundin auf dem benachbarten Dorfe beſucht, hatte vor dem Gewitter die Heimath zu errei⸗ chen geglaubt, und war von dem herabſtuͤrzen⸗ den Wolkenbruch, nahe an ihrem vaͤterlichen Doͤrfchen, dahingeriſſen worden. Die Fluth trieb ſie gegen einen großen Apfelbaum: Roſa klammerte ſich feſt. Der Baum ſtand im le⸗ ten Garten des Doͤrfchens und gehoͤrte einem armen Bauersmann, der mit Anton, ſeinem Sohne, auf den Giebel der Huͤtte geſtiegen war. Anton ſahe die Ungluͤckliche und hoͤrte ihr Geſchrei um Huͤlfe. Er erkannte Roſa, die er ſchon lange ſchuͤchtern und innig liebte. Er warf ſich in die reißende Fluth: Vater, ich muß ſie retten oder fuͤr ſie untergehn! rief er. Mit Kraft, wie ſie nur Liebe und Verzweiflung giebt, ſchwamm er gegen den Strom, erreichte den Baum, umſchlang das ermattende Maͤdchen, — 45 klimmte hoͤher hinauf, fand ein Paar engver⸗ ſchlungene Aeſte, die ihm einen ſichern Sitz boten, und hielt nun die Betaͤubte in ſeinem Schooße feſt. Er dachte nicht an die Verwuͤ⸗ ſtung der Wogen: er hatte ſein Liebſtes gerettet. Die feindlichen Elemente ſchienen ſich im Zorn erſchoͤpft zu haben, und die Fluth ſank ſchnell. Antons Vater ruderte hinuͤber und nahm die Geretteten in den Kahn. Anton be⸗ reitete der Geliebten ein weiches, erwaͤrmendes Lager. Jetzt erſt bemerkte dieſe, wem ſie ihr Leben verdanke, und wie aus den ſchuͤchternen Sorgen des Juͤnglings die innigſte Zaͤrtlichkeit hervorblicke. Da ſagte ſie zu ſich ſelbſi: Er, er allein auf weiter Erde iſt mir geſchaffen; ihm, ihm allein will ich leben! Sobald es Anton wagen durfte, trug er die Gerettete durch das Waſſer nach ihrer Wohnung. Wie ein ſchlummerndes Kind legte ſie das Haupt auf ſeine Schulter: da fuͤhlte er keine Laſt. Jetzt hatten ſie nur noch wenig Schritte bis zum Gute des Pachters. Anton erſchrak: 46 Ach da ſind wir ſchon! ſeufzete er. Ja wol! ſagte Roſa. Und nach einer klei⸗ nen Weile ſetzte ſie leiſer hinzu: Anton, biſt du mir gut? Unausſprechlich!— Nun, ich dir auch, und vergeſſe dich nie!— Da gewahrete der Vater die Tochter, eilte mit lauter Freude hinab, und druͤckte ſie an ſein Herz. An den guten Anton dachte er nicht. Dieſer Tag war Roſa's ſechzehnter Ge⸗ burtstag. Sie dachte wol daran, auch fiel ihr der Todestag der Mutter und ihr Verſpre⸗ chen dabei ein: aber ſie entſchlug ſich deſſen leicht, verſunken in die ſuͤßen Traͤume der erſten Liebe. Anton verging faſt vor Wonne. Aber nach wenigen Tagen vermiſchte ſich ſein Entzuͤcken mit dem Schmerz einer tiefen Sehnſucht, wo⸗ von ihm das Herz brechen wollte. Er ließ die Gartenarbeit und warf ſich unter jenen Apfel⸗ baum. Die Sonne ging unter; ſinnend blickte er ihr nach, und es war ihm, als ob mit ihr ſeine Jugend und ſeine Freude auf immer unter⸗ —— 47 ging. Da hoͤrte er ein Rauſchen hart hinter ſich. Schnell wendete er ſich um—: es war Roſa, freundlich und ſchoͤn, wie ein Engel. Die Ueber⸗ raſchung gab ſeiner Liebe Muth: Anton und Roſa ſchworen einander ewige Liebe und Treue. Roſa war zu leidenſchaftlich und der Vater zu wachſam, als daß dieſer nicht bald die Liebe der Tochter haͤtte bemerken ſollen. Roſa war zu unverſtellt und der Vater zu erfahren, als daß dieſem auch der Gegenſtand ihrer Liebe haͤtte verborgen bleiben koͤnnen. Der geldſtolze, rauhe Mann drohete der Tochter aufs heftigſte: es war vergebens; er ſtrafte und quaͤlte ſie: es hatte keinen Erfolg. Nun brachte er es dahin, daß Antons Vater, durch Ueberſchwemmung, Miß⸗ wachs und anderes Ungluͤck verſchuldet, von allen ſeinen Glaͤubigern zugleich angefallen wurde. Er konnte ſie nicht befriedigen: man nahm und ver⸗ kaufte ſeine Huͤtte. Vater und Sohn mußten mit dem Grabſcheit, nun ihrer einzigen Habe, auswandern. Anton war nicht ganz ungluͤcklich: Noſa hatte, trotz aller Wachen, ihn noch einmal 48 geſehen und den Schwur ihrer Treue wieder⸗ holt. Anton wurde bald gluͤcklich: er ſahe Roſa wieder, und nun ſogar ſicherer und ſorg⸗ loſer, als ehedem. Er hatte mit ſeinem Vater, zwei Stunden von ihrem vorigen Wohnorte, ein Unterkommen gefunden. Ein guter Herr gab ihnen einen kleinen Meierhof in Pacht, und was ſie unternahmen, wurde mit Segen gekroͤnt.— Eine kleine Viertelſtunde von Roſa's Doͤrfchen, in dem wilden, unbeſuchten Tan⸗ nenwalde, lagen die Ruinen eines alten Klo⸗ ſters auf dem Vorſprung eines ſteilen Felſen. Die ganze Gegend war rauh und wenig be⸗ wohnt, und weil man ſich ſeit undenklichen Zeiten ſchauerliche Maͤhrchen von jenen Ruinen erzaͤhlte, ſo wurde dieſer Theil des Waldes von Jedermann ſorgfaͤltig vermieden. Nun hatte Roſa's Vater nicht ſelten wilde Gelage bei ſich und zechte dann mit ſeinen Freunden bis gegen Morgen, nachdem ſie die Tochter in ihr Schlafkaͤmmerlein verwieſen hatten. So oft aber ein ſolcher Tag des Schmaͤrmens ver⸗ anſtaltet wurde, ſchlich Roſa nach dem ver⸗ borgnen Plaͤtzchen am Kloſterhuͤgel, und ver⸗ 49 ſteckte einen friſchen Blumenſtrauß in eine ab⸗ geſtorbene, hohle Weide. Anton kam jeden Morgen der aufgehenden Sonne zuvor, um vor der Arbeit zur Weide eilen und nach dem fri⸗ ſchen Blumenſtrauß forſchen zu koͤnnen. Fand er ihn, ſo war dies ein Zeichen, daß er heut Abend an dieſem Plaͤtzchen die Geliebte umar⸗ men werde. Ein halbes Jahr verfloß: ſehr gluͤckliche Stunden brachte es, wenn auch ſelten, dem liebenden Paare. Den lauernden Vater hatte die ſtille Zufriedenheit der Tochter ſchon lange befremdet; er beobachtete ſie genauer: er erfuhr ihr Fluͤchten. Kluͤger iſts, ich verberge meine Entdeckung, ſagte er; ſo kann ich die Plane der Widerſpenſtigen ſichrer vereiteln. Er beſprach ſich mit einem ſeiner rohen Nachbarn, ſtellte nun das gewoͤhnliche Gelag an, ließ die Tochter die Blumen am Morgen verbergen, ließ ſie den Abend an das ſtille Plaͤtzchen im Walde zuruͤck⸗ kehren. Noch nie hatte Roſa den Geliebten erwar⸗ ten muͤſſen: diesmal mußte ſie es. Sie ſetzte ſich an den Stamm der Weide, den Kloſter⸗ 6. f. F. II. J. 1. H. 3 4 ruinen gegenuͤber: Anton kam nicht— ihr wurde bange. Der Mond ſtieg hinter dem Walde her⸗ auf; die Ruinen und Felſenſtuͤcken traten in gro⸗ tesken Geſtalten hervor und ſchienen ihr zu dro⸗ hen; ein leiſes, dumpfes Rauſchen der leichtbe⸗ wegten Tannenwipfel ſchien in dies Drohen ein⸗ zuſtimmen und vermehrte das Schauerliche: Anton kam nicht— ihr wurde baͤnger. Furcht, Be⸗ ſorgniß um Anton und liebende Sehnſucht ſchmol⸗ zen in Ein Gefuͤhl zuſammen; es war ihr, als muͤſſe ſie den Geliebten nur diesmal, nur dies einemal noch an ihre Bruſt druͤcken und dann ſterben— und ſie woltte es gern. Da ſchwamm auf den Wellen der gelinde bewegten Luft der Glockenklang ihres Doͤrfchens heruͤber. Roſa ſchauderte. Zwoͤlfmal ſchlug die Glocke an. Beym letzten Schlag that ſich die Thuͤr des halbverfallnen Kloſterthurms auf. Ein Moͤnch in ſilbergrauer Kutte trat langſam heraus. Sein weißer Bart reichte bis zur Bruſt, das Alter hatte ſeinen Nacken tief gebeugt: auf ſeiner Schulter trug er ein ſchwarzes hoͤlzernes Kreuz. Sorgſam verſchloß er die Thuͤr wieder, richtete muͤhſam das Haupt empor nach den Sternen, ,51 that dann einige Schritte nach den kleinen Graͤ⸗ bern an der Kloſtermauer, und befeſtigte das ſchwarze Kreuz auf das erſte, das friſch aufge⸗ worfen ſchien. Die andern waren ſchon ſo be⸗ zeichnet. Nun ſchlich er ruhig, den vom Mond⸗ ſchimmer ſilberweißen Fußpfad uͤber die Felſen herunter. Roſa erſtarrete erſt vor Schrecken; dann wollte ſie entfliehen: aber ihre bebenden Kniee verſagten ihr den Dienſt. Der alte Moͤnch kam ruhig naͤher. Nun kann ich nicht entwei⸗ chen, ohne von ihm bemerkt zu werden, dachte Roſa; die Tannen beſchatten den Platz ſo dun⸗ kel: wenn ich hinter die Weide trete, gehet er voruͤber, ohne mich zu entdecken. Sie trat leiſe hinter die Weide. Der Moͤnch kam herab, ſchritt langſam auf den abgeſtorbenen Baum zu, blieb unbeweglich davor ſtehen, und ſagte mit tiefer, hohler, eintoͤniger Stimme: Mein Kind, verfuͤndige dich nicht laͤnger an dieſem geweiheten Ort durch Freuden einer nicht geheiligten Liebe. Roſa war ſich ihrer nicht mehr bewußt. 5² Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich nieder⸗ geworfen vor dem Moͤnch, der noch eben ſo unbe⸗ weglich daſtand. Sprich zu mir, meine Tochter! fuhr er tief, hohl, eintonig fort. Ich will dir antworten. Ich kann mehr als antworten. Wer biſt du? fragte Roſa zitternd. Der Bewohner dieſes Kloſters— Man haͤlt es fuͤr ausgeſtorben— Die Menſchen finden oft den Tod, wo ſie Leben ſuchen: ſie moͤgen auch einmal Leben finden, wo ſie den Tod ſuchen. Du kenneſt mich? Ich kenne dich und den du erwarteſt. Haͤltſt du ihn heute ab? fragte Roſa noch aͤngſtlicher. Nein; dein Vater kennet deine Wege. Anton iſt vom wilden Horſt aufgefangen, und wird eben jetzt in den tiefſten Kerker ſeiner Veſte ge⸗ worfen.— Roſa brach in lautes Wehklagen aus und rang die Haͤnde. Der Moͤnch ſtand unbeweglich und fuhr tief, hohl, eintoͤnig fort: Klage nicht. Der Menſch ſoll nicht klagen. Es geſchiehet, was geſchehen muß. Die Zeit eilet: rede weiter. Ich kann mehr, als ant⸗ worten. O ſo mach' ihn frei! ich flehe dich an— knieend— Das koͤnnte ich— Ach bald! bald! Werdet ihr euren Bund durch die heilige Kirche ſegnen laſſen? O ja, ja! wenn wir das duͤrften! wenn mein Vater bewogen wuͤrde—! Das koͤnnte ich— Das kannſt due rief Roſa mit freudigem Erſtaunen. Der Moͤnch ſtand unbeweglich und fuhr in dem vorigen Sprachton fort: Triumphire nicht. Der Menſch ſoll nicht triumphiren. Es geſchiehet, was geſchehen muß. Die Zeit eilet: rede weiter.— Die ſtarre Kaͤlte des Moͤnchs bei der Gluth ihrer Freude, erregte ein geheimes Grauen in ihr. Sie fragte: 4 Was ſoll ich thun, dieſes mein Gluͤck her⸗ beizufuͤhren? 54 Nichts! Ich wuͤrde an deiner ſtatt ane deln—— Wie? ohne Kampf, ohne den Vater zu kraͤnken, wuͤrde Anton durch dich mein Gatte⸗ Das koͤnnte ich—— Roſa uͤberließ ſich den innigſten Bitten. Der Moͤnch ſtand unbeweglich und fuhr in dem vori⸗ gen Sprachton fort: Bitte nicht. Der Menſch ſoll nicht bitten. Es geſchiehet, was geſchehen muß. Du waͤreſt ſehr gluͤcklich mit Anton: aber nicht immer! Wer waͤre immer gluͤcklich? wer duͤrfte dar⸗ auf hoffen? Wer das Leben liebt, hoffet darauf! Ich liebe das Leben, und doch will ich gern— gern mit meinem Gatten und um ſeinetwillen leiden.— Wache uͤber deine Rede! Ich ſchwoͤre es dir bei dem, der dem Men⸗ ſchen nur ein unvollkommenes Gluͤck beſtimmte. Wie aber, wenn eben das, was deine Liebe an ſich riſſe, ſie nicht erwiederte? nicht erwie⸗ dern koͤnnte? Wie, wenn es ſelbſt im Augen⸗ blick deiner innigen Hinneigung, dir vor Schmerz das Herz brechen wollte? Das wird, das kann Anton nie. O from⸗ mer Vater, ihm darf ich vertrauen! Ja, ihm darfſt du vertrauen! wiederholte der Moͤnch. Und die Andern— ſie moͤgen mich kraͤnken, moͤgen mich verlaſſen— Ueberlaß ſie mir: ich mache dich auch von ihnen frei. Willſt du das? Ob ich will? O du mein unbekannter Wohl⸗ thaͤter— ob ich frei werden will von dem, was mir im Augenblick der innigen Hinneigung das Herz brechen moͤchte? was meine Liebe an ſich riſſe und nicht erwiederte? nicht erwiedern koͤnnte? Aeberlaß das mir. Ich halte dir Wort halte du mirs auch. Gieb mir deine Hand dar auf— Entzuͤndet, begeiſtert reichte Roſa die Hand hin: der Moͤnch nahm ſie haſtig. Dies war ſeine erſte Bewegung. Roſa erbebte und wankte zuruͤck: ſeine Hand war kalt, wie die eines Todten, und ſie fuͤhlte einen Druck, der ihr 56 ſchmerzlich durchs innerſte Mark zuckte. In demſelben Augenblick wendete ſich der Moͤnch nach dem Gebuͤſch, die Luft ſchlug ſeine Kutte ein wenig zuruͤck, ein heller Mondſtrahl fiel auf ſeine Bruſt; Roſa entdeckte, daß er unter der Kutte ein blutbeflecktes Gewand trug. Sie ſtieß einen lauten Schrei des Entſetzens aus, wollte den Moͤnch feſthalten: er war verſchwun⸗ den. Sie ſank zu Boden. Als ſie aus der langen Ohnmacht erwachte, fand ſie ſich in ihrem Bett und der Morgen brach an. Die Magd kam, wie gewoͤhnlich, ſie zu bedienen: Roſa wußte weder wie ihr geſche⸗ hen war, noch wie ihr jetzt geſchahe. Behutſam forſchte ſie: Iſt dieſe Nacht nichts vorgefallen? Nein, ſagte die Magd unbefangen. Du haſt kein Geraͤuſch— kein Kommen und Gehen, gehoͤrt? hier, in dieſer Kammer? Bewahre! nicht das Geringſte! Du haſt ſehr feſt geſchlafen— Faſt gar nicht. Euer Vater hat, wie gewoͤhn⸗ lich, bis Mitternacht mit zweien ſeiner Nachbarn gezecht. Wir waren zu Bett, wie Ihr auch. 57 Ich hoͤrte aber, wie er den Nachbarn das Ge⸗ leite gab, und etwa nach einer Stunde zuruͤck⸗ kam. Dann ging er ſchlafen. Seid ihr auf⸗ gewacht, ſo wird euch das wol geſtoͤrt haben. Der Vater kam nach einer Weile herauf. Er ſprach uͤber gewoͤhnliche Dinge, auf gewoͤhn⸗ liche Weiſe, und ging dann gleichguͤltig nach ſeinen Erndtern. So hat dir das alles nur getraͤumt? ſagte Roſa. Und gleichwol bin ich wahrhaftig nach der Weide gegangen, und hier, in meiner Rechten, fuͤhl' ich noch den Schmerz, und ſehe das rothe Merkmal. Ein geheimes Grauen uͤberſchlich ſie: doch verſchloß ſie alles in ihrer Bruſt. Alle behutſamen Nachforſchungen uͤber jene Nacht waren vergebens. Sie erfuhr auch nichts von Anton; denn wenn ſie es wagen und zur Weide gehen wollte, uͤberfiel ſie jenes geheime Grauen unbeſiegbar. Dachte ſie daruͤber weiter nach, ſo verſank ſie faſt in den Zuſtand einer Nachtwandlerin: ſie that, was ſie gewohnt war, aber ohne ſelbſt darum zu wiſſen.— Kaum einen Monat nach jener wundervollen Nacht zogen die unruhigen Wenden ihre Heeres⸗ 58— haufen in dieſe Gegend, um ſich mit dem tapfern Herzog zu meſſen. Mehrere der reichen Vaſallen unterſtuͤtzten jene Raubgierigen insgeheim, aus Uebermuth gegen ihren rechtmaͤßigen Herrn. Unter dieſen Uebermuͤthigen war auch Roſa's V ter. Die Rebellen kannten dieſe faſt unweg⸗ ſamen Gegenden, und hatten den Herzog hieher gelockt, ſein Heer zu theilen, damit ſie es ver⸗ einzelt aufzureiben vermoͤchten. Der Herzog ſahe bald, in welchen Gefahren er ſchwebe, wenn ihm nicht ein der Gegend vollkommen kun⸗ diger und redlicher Mann zur Seiten ſtaͤnde. Wie aber dieſen finden, da, wo alle insgeheim mit dem Feinde einverſtanden ſchienen? Ein wackerer Edelmann hatte vormals am Hofe des Herzogs, und als ſein Freund, gelebt. Jetzt hatte er ſich in dieſe Gegend zuruͤckgezogen, ſein Leben in der Stille zu beſchließen. An dieſen wendete ſich der Herzog. Der Edelmann war Antons und ſeines Vaters jetziger Herr. Er gab dem Herzog dieſe beiden Maͤnner, die er als bewaͤhrt kannte, zu Fuͤhrern. Es war der letzte Heereszug der ſchleſiſchen Herzoge gegen die Wenden. Sein Ende iſt bekannt. Weniger bekannt iſt, daß Anton und ſein Vater durch Klugheit und Treue einen ſo bedeutenden Antheil an dem Siege des Herzogs hatten. Dieſer aber ſchenkte beiden ein ſchoͤnes Freigut in einem Dorfe bei Friedberg, und verheerte die Beſitzungen derer, die uͤberfuͤhrt wurden, ſie haben mit dem Feinde in Verbindung geſtanden. Unter dieſe gehoͤrte auch Roſa's Vater. So war in weniger als einem halben Jahre das Gluͤck beider Familien ganz umgetauſcht. Kaum erfuhr Anton das Schickſal des Vaters ſeiner Roſa, als er zu ihm eilte, ihm auf alle Weiſe beiſtand, und nicht abließ, bis ſein zerruͤttetes Hausweſen wenigſtens ſo weit hergeſtellt war, daß er ſich wieder aufhelfen konnte. Roſa war vom Vater, ſeit ſich die Heere der Gegend genaͤhert hatten, nach Hirſchberg zu einer Verwandten gebracht worden. Antons Treue und Wohlthat ruͤhrte das Herz des Pachters, das durch unge⸗ wohntes Ungluͤck ohnehin erweicht war. Er faßte den Entſchluß, zu welchem ihm jetzt ſogar der Eigennutz rathen konnte— ſeine Tochter mit Anton zu verbinden. Er verſtattete dieſem, ſeine Braut ſelbſt in Hirſchberg mit der Einwilligung 60 — 1 zu uͤberraſchen. Bringe ſie zu mir, ſagte er, damit ich eure Haͤnde in einander lege: dann fuͤhre ſie in dein neues Eigenthum, und ſie moͤge dir vergelten, was du an mir gethan haſt. In der Nacht vor Antons Ankunft in Hirſchberg beſchloß Roſa ihr ſechszehntes Jahr. Jetzt gedachte ſie der Bedeutung dieſes Tages, und wie aus weiter, weiter Ferne kam ihr auch die Erinnerung an den Abſchied ihrer Mutter. Erſt gegen Morgen entſchlief ſie. Da erſchien ihr ihre Mutter in die weißen Grabtuͤcher gehuͤl⸗ let, wie ſie ſie das letztemal im Sarge geſehen hatte. Die Mutter trat an ihr Lager, blickte lange ſchweigend und wehmuͤthig nach der Toch⸗ ter, und erhob dann die Hand hoch: Hoͤrſt du die Glocke? ſagte ſie. Drei Uhr! In dieſer Stunde gebar ich dich und weihete dich dem Himmel. Du ſieheſt mich nie wieder. Der Schatten ſchwankte nach der Thuͤr; hier wendete er ſich, und ſchien noch einmal mit tiefer Wehmuth zuruͤckzublicken. Roſa fuhr auf vom Lager. Der Mond war mit einer ſchwar⸗ zen Wolke verhuͤllet. Roſa knieete an ihr Bett und betete zur Heiligen: Gieb mir Kraft das — 61 Geluͤbd der Mutter zu erfuͤllen! ich will es ja!— Die ſchwarze Wolke zog voruͤber, der Mond ſchien freundlich durch das Kammerfenſter. Roſa legte ſich nieder: der ſanfteſte Schlaf erquickte ſie. Shenn Sie erwachte ſpaͤt: ſie fuͤhlte ſich munter, leicht und heiter, wie ein junges Reh. Dunkel kehrte zwar der Traum in ihr Andenken zuruͤck: aber er ſchreckte ſie nicht, und ihre Schwaͤrmerei wußte ſich ſogar daraus einen ſeltſamreitzenden, ſinnlichen Genuß zu bereiten. Aber haſt du denn wirklich das Geluͤbde deiner Mutter ſelbſt wiederholt? fragte ſie ſich, endlich doch aufge⸗ ſchreckt. Roſa, bedenke, daß du dich ſo oft und noch wunderlicher getaͤuſcht haſt, antwortete ſie ſich leichtſinnig. Du biſt nun einmal ein Kind, das ſich aus dem Wachen ſo leicht ins Traͤumen verirret! Wie oft iſt es dir nicht vorgekommen, du habeſt etwas hell wachend gethan oder erfah⸗ ren, und es war dir doch nur im Schlafe vor⸗ gekommen!— So bekaͤmpfte ſie den leiſen Widerſpruch, der, wie aus ihrem innerſten Herzen, ſich her⸗ vordraͤngte; da trat Anton herein, gluͤhend vor 62— Freuden, und druͤckte ſie an ſeine Bruſt: Roſa, meine Braut— nun mein vor Gott und allen Menſchen! Mehr konnte er nicht ſagen. Vor dem Aufflammen der lange genaͤhrten und unbe⸗ friedigten Liebe verloſche alles andere in ihrer Bruſt.— 1 Roſa und Anton reiſen zum Vater. Erinne⸗ rung an uͤberſtandene Leiden verkuͤrzet ihnen den Weg: da erfaͤhrt Rofa auch, daß Anton jenen Abend wirklich von Horſts Leuten aufgefangen, davongeſchleppt und in den Kerker geworfen worden ſei. Es wurde bald verrathen, und mein guter Herr ließ nicht ab, bis er mich wie⸗ der frei ſahe, beſchließt Anton. So hatte der Greis in dem furchtbaren Traume doch recht— ſagt Roſa zu ſich ſelbſt. Warum ſchaudert mich's denn? Ich muß mich ja freuen: denn er wird nun auch recht behalten und mich von dem befreien, was die Freuden ſtoͤren koͤnnte, die er mir jetzt ſchon zuwendet!— NKRoſa und Anton kommen zum Vater. Der Anblick ihres Gluͤcks macht ſelbſt den rauhen Alten mild und froh: da erfaͤhrt Roſa vom Va⸗ ter auch, daß er ihr jenen Abend mit einem einzigen Vertrauten nachgegangen ſei. Wir hatten uns im Walde verlaufen, beſchließt er; wir fan⸗ den dich erſt nach einer Stunde, und zwar auf dem Boden liegend und ſtarr wie eine Todte. Leiſe trugen wir dich nach Hauſe, ich brachte dich in dein Bett, und ſchwieg abſichtlich uͤber die ganze Sache, weil ich ſo glaubte, meinen Zweck ſichrer zu erreichen. Ich hoffte ja damals noch nicht auf einen ſo gluͤcklichen Ausgang!— So hatte ich doch nicht blos getraͤumt? ſagte Roſa zu ſich ſelbſt. O Gott, wie verwirret ſich mein ganzes vergangenes Leben! Wo beginnet denn mein Wachen, und wo hoͤren meine Traͤume auf? — Die Fuͤlle der Freuden einer jungen Ehe erſtickte die bangen Ahnungen, die ſich zuweilen in der Bruſt des jungen Weibes hervordraͤngen wollten. Roſa und Anton kommen in ihr neues Eigen⸗ thum. Die verzehrende Flamme wird zur ſanf⸗ teren, aber dauernden Gluth. Sie ſagen ſich tauſendmal, Lippe an Lippe, Herz an Herz gedruͤckt; Hoͤher kann kein Erdengluͤck ſteigen! Aber ich erwartete dies Gluͤck von dir!— Und dennoch ſtieg beider Gluͤck noch hoͤher. Anton 64— bemerkte ſorgenvoll eine mattere Roſenfarbe auf den Wangen der jungen Frau; aͤngſtlich drang er in ſie: mit einem Strom von Freudenthraͤnen ſchmiegte ſie ſich ergebener als je an ihn, und ließ ihn ahnen, daß auch ſein geheimſter, ein⸗ ziger Wunſch erfuͤllet ſei. Von dieſer Zeit an ſchien ein boͤſer Geiſt uͤber Antons Hauſe zu ſchweben. Es war Sommer. Der Hagel zerſchlug die Ernte, Ueberſchwem⸗ mung verwuͤſtete den Garten, das Sterben kam unter die Heerden. Die jungen Gatten trauerten. Da trat Anton's Vater ermunternd zu ihnen, erzaͤhlte die Geſchichte von Hiob, und wie dieſer geſagt: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen: der Name des Herren ſei gelobet. Und ſie umarmten ſich, trockneten einander die Thraͤnen ab, und hofften auf Erſatz im kuͤnftigen Jahre. Aber Roſa konnte ſich geheimer, furcht⸗ barer Ahnungen nicht mehr erwehren. 3 Es wurde Herbſt. Der Vater klaͤnkelte: an einem Morgen fanden ſie ihn todt auf ſeinem Lager. Roſa ſank verſtummend an dem friſchen Grabhuͤgel in Antons Arme; er ſagte: und wenn alles von meinem Herzen riſſe, was ihm —— 65 lieb und theuer iſt: du bleibſt mein! Mit dir will ich ruhig entbehren und ſtill hoffen lernen. Aber in Roſa's Bruſt mehreten ſich die furcht⸗ baren Ahnungen und bildeten ſich des Nachts aus in noch furchtbarere Traͤume. Seid doch unbeſorgt: es iſt nur von ihren jetzigen Umſtaͤn⸗ den! ſagten die Frauen zu dem aͤngſtlich forſchen⸗ den jungen Manne. Der Winter kam; es nahete ſich die Zeit der Niederkunft. Eine unbeſchreibliche Furcht quaͤlte die arme Roſa unaufhoͤrlich. Sie erſchrak vor ihrem eigenen Schatten, und hoͤrte in jedem Sturmwind drohende Stimmen feindſeliger Gei⸗ ſter. Anton durfte nicht von ihr weichen. Liebes Weib, ſagte er eines Abends; du ſieheſt, unſer Schuldner in der Stadt koͤmmt nicht, uns zu bezahlen. Gleichwol ſind wir dieſer Schuld beduͤrftig. Willſt du, ſo reite ich morgen fruͤh hin. Vor Abend bin ich wieder da, und bleibe dann immer um dich. Roſa wußte, daß man des Geldes dringend bedurfte, und gab nach. Anton ritt davon. Kaum war er uͤber die Graͤnzfelder des Dorfs, als die ſchreck⸗ lichſte Bangigkeit, maͤchtiger, als je, das arme, J. f. F. II. J. 1. H. 5 66 gequaͤlte Weib befiel. Sie ſchiten zur Nachbarin. Dieſe kam— Anton, mein Anton iſt fort, und ic ſeh ihn nie wieder— rief ihr Roſa entgegen Die gute Alte erwiederte troͤſtend:. Wie ihr nun wunderlich ſeid! ſmd's— num drei Stunden bis nach der Stadt: v dem Abendlaͤuten iſt er wieder da. Nein, nein! laßt mir den Willen, daß ich ihm einen Boten nachſende— Was koͤnnt's denn helfen? So muß er mor⸗ gen oder uͤbermorgen fort, und da iſt's wieder, wie heute. Und welcher Bote wuͤrd' ihn auch einholen? Wahrlich, er wird das Pferd nicht ſchonen, um bald wieder bei euch zu ſeyn. Kommt, junges Weib; ſetzt euch an euren Spinnrocken, wie ich mich an den meinigen! Ich will euch alte Geſchichten erzaͤhlen: ſo ver⸗ geht die Zeit— Die Alte erzaͤhlte gutmuͤthig. Roſa wurde durch die wunderbaren Geſchichten nur noch mehr gereitzt. Sie fiel der Alten oft ein: Nachbarin, ſeht ihr, wie der Schnee fint⸗ Anton wird keinen Weg erkennen— 67 Das Bischen Schnee— was will das heißen? Er weiß den Weg blindlings: ja, das Pferd findet ſich allein nach Hauſe.— Die Alte erzaͤhlte weiter. Nachbarin, hoͤrt ihr, wie der Sturm brau⸗ ſet? Er wird die Hohlwege verwehen— Ach, dann muͤßte der Schnee noch ganz anders gefallen ſeyn! Und man kann ja die Hohlwege umgehen, wenn man durch die Doͤrfer reitet.— Die Alte erzaͤhlte weiter. Nachbarin, das iſt Thauwind! wenn der Fluß aufginge und austraͤte— Ei, mein Kind, das gehet nicht ſo geſchwind: dazu gehoͤren wenigſtens zweimal ierundawanzig Stunden— Und, Nachbarin: wie lange iſs her, daß die Naͤuber in die Kreuzacher Muͤhle brachen? 84 Je, das iſt ja uͤber's Vierteljahr! Wie ihr euch nun das Herz ſchwer macht—— So trieb es Roſa bis den Nachmittag. Der Sturm hatte ſich gelegt, der Himmel war heiter. Roſa ließ ſich nicht mehr halten: ſie wollte Antonen entgegen. Da alles Einreden vergebens 68— war, ging die gute Alte mit ihr, und nahm auch noch eine Magd zu ſich. Haſtig ging Roſa eine halbe Stunde Weges. Sie kamen an den Buſch, durch den der Weg fuͤhrt. Nein, nun ſagt, was ihr wollt, begann die Nachbarin: weiter laſſ' ich euch nicht. Roſa wollte weiter gehen; ſie ſtan⸗ den eine Minute und ſtritten ſich: jetzt hoͤrten ſie den Hufſchlag eines eilenden Roſſes im Buſch — Er koͤmmt! das iſt er! Gott ſei gelobt! rief Roſa. Da ſprengte Antons Pferd, ſchnaubend und brauſend, mit fliegender Maͤhne, aus dem Buſch, ohne ſeinen Reiter. An der Bruſt war es verwundet und das Blut rann herab in den weißen Schnee. Roſa erkannte das Thier. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte ſie ohnmaͤchtig in die Arme der Nachbarin. Man fand Antonen nach einigen Stunden, beraubt und erſchlagen, im Buſche. Roſa war nach Hauſe gebracht worden. Sie war ſich ihrer nicht bewußt, erkannte Niemand, rang mit ſchrecklichen Bildern ihrer Phantaſie, wie eine Raſende. Um Mitter⸗ nacht gebar ſie einen Sohn— ein geſundes, 69 ſchoͤnes Kind. Man glaubte ſie durch den Anblick des Neugebornen zu ſich ſelbſt zu brin⸗ gen: aber mit fuͤrchterlicher Wuth griff ſie nach ihm— man mußte das Kind vor ihr verbergen. Sie blieb vier Tage in dieſem Zuſtande; dann verſank ſie in einen langen Schlaf, und lag da wie eine Todte. Aber ihre Zuͤge heiterten ſich immer mehr auf. Die treue Nachbarin verließ ſie nicht. In der fuͤnften Nacht erwachte Roſa endlich. Sanft ſagte ſie: Wo iſt mein Kind? O gebt mir meinen Sohn! Die Nachbarin ging verwundert, holte das Kind, und zeigte es der Mutter behutſam. Nachbarin, laßt mich meinen Sohn kuͤſſen! ſagte Roſa, und ſtreckte die Arme ſehnſuͤchtig nach ihm aus. Mit Sorge gab ihr die Alte das Kind. Milde Freudenthraͤnen ſanken aus Roſa's Augen auf den Schlummernden. Sie druͤckte ihn ſchweigend, und immer inniger, an ihre Bruſt: da erwachte das Kind, wehrete ſich unbeholfen und ſchriee— Er erwiedert meine Liebe nicht! Er kann ſie nicht erwiedern! ſagte Roſa wehmůͤthig. 20 Sie bot alle Schmeichelkuͤnſte und Liebkoſun⸗ gen auf, das Kind zum Schweigen zu bringen Endlich gelang es. Die großen, blauen Augen des Knaben fielen auf die Mutter; ſie ſahe ihn eine Weile genauer an, und ſagte dann entzuͤckt: Seht, Nachbarin, ſeine ſchoͤnen Augen! Und dieſe breite, hochgewoͤlbte Stirn—! Ach, ſie ſind meines Antons! rief ſie mit ſchmerzlicher Erinnerung und abgewendetem Ge⸗ ſicht— Da ging die Thuͤr auf. Der Moͤnch in ſilbergrauer Kutte ſtand da. Er ſagte mit tiefer, hohler, eintoͤniger Stimme: Er erwiedert deine Liebe nicht— Er kann ſie nicht erwiedern— Selbſt im Augen⸗ blick deiner innigſten Hinneigung will er dir vor Schmerz das Herz brechen— Ich habe dir Wort gehalten— Nun mußt du mir Wort halten— Er iſt mein— Die Nachbarin war nach Huͤlfe gelaufen. In einigen Augenblicken kam ſie zuruͤck. Der Moͤnch und das Kind waren verſchwunden. 2l Roſa lag queer uͤber dem Bett. Man ſahe Merkmale, daß ſie in Todesangſt um das Kind gerungen hatte. Von Erſchoͤpfung war ſie todt dahingeſunken. 3 Friedrich Rochlitz. * Aõn. Amanda's Brautfeſt zu verſchoͤnen Erſcheint Klotar bei'm Fuͤrſtenmahl; Er ſingt in wundervollen Toͤnen Der Liebe Gluͤck, der Liebe Qual. Und hoch erhebt ſich auf dem Throne Der König, reicht in frohem Sinn Dem Fremdling zu des Liedes Lohne Die goldgeflocht'ne Kette hin. „Groß— ruft der Saͤnger—„iſt die Ehre; „Doch wall' ich jetzt nach fernem Land; „Drum wahrt mir, bis ich wiederkehre, „„Dies köſtlich⸗theure Gnadenpfand!“ Und ſchnell ſtimmt er die Harfe wieder Mit ernſtem Aug' und truͤbem Blick; Von neuem preißt der Klang der Lieder Der Liebe Qual, der Liebe Gluͤck. Und laͤchelnd winkt aus ferner Weite Miit zarter Hand und mildem Sinn Den Sohn des Lieds an ihre Seite Die ſchöne, ſtolze Koͤnigin. Sie ſpricht:„Wird mir es nicht gelingen, „Das Herz des Saͤngers zu erfreu'n?⸗⸗ Den ſchoͤnſten Becher laͤßt ſie bringen, und beut ihm ſelbſt den goldnen Wein. Und tief neigt ſich Klotar zur Erde, Erhebt den Blick dann groß und hell: „Ihr lohnt die Kunſt nach hohem Werthe— „Des Saͤngers Trank iſt Wieſenquell.“ Und duͤſtern Aug's geht er zuruͤcke Zu ſeinem Sitz im goldnen Saal, Erhebt aufs neu mit truͤbem Blicke, Der Liebe Gluͤck, der Liebe Qual. 74 Verloren ſchweifen ſeine Toͤne; Es bebt die Hand, es ſtockt der Laut. Die Thraͤne tritt in heil'ger Schoͤne Ins Aug' der jungen Fuͤrſtenbraut. Da laͤßt er raſch die Saiten klingen, Und ſchnell erſtirbt der Harfe Ton: „Gott ſegn' euch alle! Fuͤr mein Singen „Ward mir ein goͤttergleicher Lohn!⸗ Der Koͤnig fragt:„Was kann er meinen? „Ihm ſchien zu arm mein Reich und Thron! 18 Doch nur verſtanden von der Einen, War ſchnell Klotar dem Saal entfloh'n. Friedr. Kind. zweier deutſchen Frauen aus und uͤber Paris. Dieſe Briefe, die von nun an als ſtehender Artikel unſers Journals zu betrachten ſind, wurden und werden nicht für den Druck geſchrieben; er iſt uns aber verſtattet. Aus dem, was ſich ſchon in unſern Haͤnden beſindet, waͤhlen wir nur, was eigene Anſichten des geſellſchaftlichen und des haͤus⸗ lichen Lebens in Paris, vorzuͤglich unter dem weib⸗ lichen Geſchlecht, giebt. Wir gehen nicht weiter als in den September des letztverwichenen Jahres zuruͤck. Da aber bei den aus dem Spiegel zurüuͤck⸗ geworfenen Bildern ſo vieles auf den Spiegel ſelbſt ankömmt, glauben wir von den Verfaſ⸗ ſerinnen, mit Schonung aller ihrer Privatverhaͤlt⸗ niſſe, doch ſo viel im voraus ſagen zu muͤſſen. Frau Graͤfin S. und Madame B.(wir nennen beide ſo, weil ſie nicht ſo heißen) ſind durch 26 Geiſt, Herz, und auch durch ihre buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe im Stande, das Thun und Weſen der Damen am Hofe, der Frau in den feinſten Zirkeln— ja auch der untern Haͤlfte des mittlern Standes, ſelbſt zu beobachten, und denen, die ihnen inter⸗ eſſant ſcheinen, zu den Feſten der großen Welt, in die Schauſpielhaͤuſer und an andere Orte des oͤffentlichen Vergnuͤgens— aber auch in ihre engern, haͤuslichen Kreiſe zu folgen. Ueber alles das theilen ſie nun ihren Freundinnen eigene Beobachtungen, eigene Urtheile mit; und dem⸗ nach bekommen die Leſerinnen nicht nur Schilde⸗ rungen der Pariſerinnen jener Staͤnde in ihrem öffentlichen Leben, wo das Repraͤſentationsſyſtem gilt, ſondern auch in Verhaͤltniſſen, wo die Natur die Kunſt nicht aufkommen laͤßt— in Verhaͤltniſſen der Gattin, der Mutter, der Wirthin, der Dame im einſamen Leſekabinet u. ſ. w. Die Frau Graͤſin ſiehet, vermöge des diploma⸗ tiſchen Charakters ihres Herrn Gemahls, den Hof— ſiehet ihn oͤfters und ganz in der Naͤhe; ſchon darum, und noch mehr ihrer eigenen innern Vor⸗ zuͤge wegen, iſt ſie ein Liebling vieler der erſten Haͤuſer. Wie ihre Freundin und vertraute Geſpie⸗ —xxx— 27 lin in Deukſchland ſie ſchildert,(dieſelbe, an welche eben ihre Briefe gerichtet ſind) und wie ihre Briefe ſelbſt belegen— ſo beobachtet ihr Geiſt gern im Stillen; ihr ſcharfes Auge unterſcheidet richtig, ſelbſt im Getuͤmmel, ſo daß ſie genau die man⸗ cherlei Farben und deren Schattierungen bemerkt, wo Andere nur— etwas Buntes erblicken; daß ſle, wo Andere an gewiſſen Kappen nur die Schel⸗ len klimpern hoͤren, ſelbſt die harmoniſchen Verhaͤltniſſe des Geklimpers aufzufaſſen vermag. Ihr Charakter iſt ernſt, doch freundlich und immer herzlich wohlwollend; Leidenſchaft, fremde Mei⸗ nung, Vorurtheile, ſcheinen ſchwerlich etwas üͤber ſie zu vermoͤgen. 3⸗ Eben dieſes herrſchenden Hanges zum Ernſt und zur Stille wegen, der ihren Weltverhaͤltniſſen nicht ganz zuſagt, waͤhlte ſie ſich Madame B. zur Geſellſchafterin. Dieſe junge Wittwe erkennet man aus ihren Briefen und Briefchen gar leicht als ein heiteres, immer gutgelauntes, witziges, leicht bewegliches, leichtfertiges, gleichſam gefluͤ⸗ geltes Weſen. Wir ſind uͤberzeugt, ſie lieſet ſelbſt dieſe paar Zeilen uͤber ſich ſelbſt nicht, ohne uns 8—— daruͤber mit einer Fluth munterer Einfaͤlle zu be⸗ gießen, und finden uns geduldig drein— wie ſich alles drein finden muß, wenn mit ihr auszukom⸗ men ſeyn ſoll.*,Da jetzt noch hier— ſchreibt ſie ſelbſt im Anfang des Septembers an ihre Schweſter— keine eigentliche, officielle Adels⸗ diſtinktion ſtatt ſindet, kann ich faſt uͤberall ein⸗ ſchleichen, wo die Graͤfin auftritt; und da ich zugleich ihrem Hausweſen— was man ſagt: vorſtehe, ſo komm' ich auch mit vielerlei Leut⸗ chen anderer Staͤnde in Verhaͤltniſſe, und zuwei⸗ len in recht nahe, was mir unendlich lieb iſt. Auch darum, mein Kind, iſt mir's lieb, weil es das unſchaͤtzbare Pfund, was mir Gott gegeben— lachen und uͤberall die komiſche Seite eines Dings auffaſſen zu koͤnnen— in ſteten Umtrieb ſetzt! Vielleicht gluͤckt es mir, dies Talent hier bis zur Virtuoſitaͤt auszubilden; denn wie ſehr ſich die Pariſer, beſonders der gemeinern Staͤnde, ſelbſt im alltaͤglichſten Thun und Treiben, durch bewußte oder unbewußte Buffonerieen vor unſern Lands⸗ leuten auszeichnen— davon haſt du, in deinem duͤſtern Walde, gar keine Ahnung.“— 79 Daß aus dieſen Briefen alles weggelaſſen werde, was Privatverhaͤltniſſe angehet oder aus andern Blaͤttern ſchon bekannt ſeyn kann, haben wir nicht nöthig hinzuzuſetzen. Die Gräfin S. an die Baromin D. Täbis⸗ den 13. September 1805. Sie wollen es verhehlan„Emilie, aber 19) 69 es doch ihren beiden letzten Briefen an: Sie ſind meines Beſchreibens der hieſigen Sehens⸗ wuͤrdigkeiten muͤde. Kein Wunder! Bin ich doch ſogar nun muͤde, ſie zu beſuchen! Es iſt aber einmal eine Art nothwendigen uebels fuͤr alle, die eine Zeit lang an einem Orte leben wollen, erſt mit dem bekannt zu werden, was man nun eben ſeine Sehenswuͤrdigkeiten nennet; auch kann man's ſchon ſelbſt nicht laſſen, ihnen vor allem nachzulaufen— die Sache will abge⸗ macht ſeyn! Wie nun aus Uebel immer Uebels folgt, ſo entſtehet auch aus dieſem fuͤr die Freunde, denen man ſchreibt, wieder das noth⸗ wendige Uebel, daß ſie Beſchreibungen— mit⸗ unter wol ſchon hundertmal beſchriebener Dinge leſen muͤſſen. Jetzt aber genug davon! Sie wollen und ſollen keine ſolchen Schilderungen mehr leſen, auch keine Theatergeſchichtchen, nichts mehr von Feierlichkeiten, von Baͤllen, und dergleichen. Aber was wollen Sie denn ſonſt? Verſtehe ich die ſchlaue Wendung am Schluß Ihres letzten Blaͤttchens recht: ſo ſoll ich von Bildern auf Menſchen, von oͤffentlichen Gebaͤuden auf einſamere Zimmer, vom Daſeyn aufs Leben kommen! Fuͤhlen Sie aber auch das Schwierige dieſer Aufgabe? Soll ich ſie zu loͤſen verſuchen, und eben damit vielleicht die gute Meinung, die Sie von meinen Faͤhigkeiten haben, herabſtimmen? Welch ein Unterſchied⸗ etwas, faſt Jedermann Bekanntes nochmals, hoͤchſtens mit einigen eigenen Bemerkungen zu beſchreiben, oder auch allerlei bunte Scenen aus der Welt der artigen Kleinigkeiten im eleganten 81 Carrier*) zu durchfliegen und etwas allenfalls Lesbares daruͤber hinzuſchreiben— oder Sitten, Menſchen, ja eine Geſammtheit von Men⸗ ſchen, und eine ſo zahlreiche, ſo gemiſchte, wie ſie dieſe Hauptſtadt in ſich haͤlt, ſchildern? wol auch daruͤber urtheilen? Liebe Emilie: welch ein Unterſchied! Wenn dort guͤnſtige aͤußere Verhaͤltniſſe, ein offenes Auge und eine ſchnell ſchreibende Hand hinreichten: was wird hier nicht alles erfordert? Kann man uͤber die Er⸗ ſcheinungen ſelbſt richtig urtheilen, ohne immer zugleich im Auge zu haben, wodurch ſie hervor⸗ gezaubert wurden? Muß man nicht neben dem, was jetzt iſt, immer auch an das denken„ was vordem war? nicht, im ewig Schwankenden das Bleibende finden? Und wird das nicht bei einer Nation, wie die franzoͤſiſche, und in einer Periode, wie die jetzige, doppelt ſchwer? Denn, glauben Sie mir— der Pariſer, wie ich ihn 1805. ſehe, iſt um gar vieles ein anderer, als ich ihn 1800. ſahe— das Fruͤhere jetzt noch *) Ein zwefraͤdriges, ſehr leichtes, eben jetzt modiſches Fuhrwerk. Wir haben doch das Wort recht geleſen? 3 J. f. F. II. J. 1. H. 6 82— ganz zu geſchweigen! Da ſich, bei dem gewal⸗ tigen Staatsbeben, der franzoͤſiſche Charakter in ſeinem Grunde erſchuͤttert hat; da die gegen⸗ waͤrtige Regierung denn doch noch ganz neu iſt, — und Sie wiſſen, was Regierung uͤber Franzoſen, vornehmlich uͤber Pariſer, vermag, und von jeher vermocht hat— ſo begreifen Sie leicht, daß der neue Charakter der Franzoſen noch nicht mit Beſtimmtheit, ja noch nicht ein⸗ mal in den Umriſſen mit Praͤciſion gezeichnet ſeyn kann, indem ſich mit dieſen neuen Zuͤgen noch viele halbverwiſchte Linien, undeutliche Ueberreſte aus dem alten Gemaͤhlde, vermengen. Und wie ſehr erſchwert das alles das Geſchaͤft des urtheilenden Beobachters?— Doch bewege ich mich nicht hier in lang⸗ weiligen Gemeinplaͤtzen umher, als waͤr ich ein Mann, der eine Abhandlung einleiten will? Beſſer, ich fange gleich mit dem an, worauf Sie mich nun einmal luͤſtern gemacht haben; und fange zwar gleich mit dem Manne an, mit dem ich anfangen muß— nicht nur, weil ſich hier jetzt alles mit ihm anfaͤngt, ſondern weil ſich ſeine neue Schoͤpfung auch — 83 ſo vorzuͤglich auf die Sitten aller Staͤnde er⸗ ſtreckt— denn uͤberall, gewiß aber nirgends mehr als hier, wird bald ſchicklich nachgeahmt, bald kindiſch nachgeaͤfft, was Regent und Hof— ſind, oder mit Conſequenz ſcheinen. Sollten Sie glauben, daß mich eine Art von geheimem Schauer uͤberfiel, als ich meine Beobachtungen uͤber jenen Guͤnſtling Fortunens aufzuſchreiben anfangen wollte?*)—— Wie es mit dieſem allen auch ſei: ſelbſt ſein erbit⸗ terter Feind muß zugeben, es gehoͤre ein ganz ausgezeichneter Kopf dazu, eben dieſen Punkt, eben in dieſem Augenblicke, auszufinden, und eine ungeheure Kraft und Energie des Wil⸗ lens,— und zwar eines Willens, der ſeine Gewalt zuerſt uͤber das erweiſt, was Menſchen ſonſt von ihrem eigenen Innern her⸗ aus irret, ſtoͤrt, bewegt— um dieſen Punkt *) Es thut uns ſehr Leid, daß die jetzigen Ver⸗ haltniſſe uns zwingen, dieſe außerordentlich anzie⸗ hende, feine, und offenbar aus oͤfterer eigener Beobachtung geſchöpfte Schilderung, ſehr, und eben im Entſcheidendſten am meiſten, abzukuͤrzen. 84 eben auf dieſem Wege und ſo beharrlich zu ver⸗ folgen. So wie man dieſem Manne nun auch, ſei es ſogar in der gleichguͤltigſten Situation, naͤher koͤmmt, fuͤhlet— ſiehet man ſagar: hier iſt dieſer Kopf, dieſe Kraft, dieſer Wille! Und ich begreife gar nicht, wie einige deutſche Schriftſteller von Ruf, die vor einiger Zeit hier geweſen ſind, und ihre Bemerkungen dem Publikum vertrauet haben, das ſcharfe Gepraͤge des großen Genies und die ſtarken Merkmale von innerer Rieſenſtaͤrke, auf dieſer Stirn ha⸗ ben verkennen koͤnnen— vorausgeſetzt, ſie ſind dieſem Manne wirklich ſo nahe geweſen, wie ſie geweſen ſeyn wollen——— Einmal auf die⸗ ſer Hoͤhe, vermindern ſich aber die Schwierig⸗ keiten immer mehr und mehr. Er hat jetzt ein unermeßliches Kapital an politiſcher Kraft: mit dieſem Kapital gehet es aber, wie mit andern. Die erſte Summe wird allmaͤhlig, gemeiniglich muͤhſam erworben: doch wer ein⸗ mal eine Million hat, wird leicht die ander? gewinnen, und ſo fort, bis man ſein Vermoͤ⸗ gen gar nicht mehr ſelbſt uͤberſehen kann, ſondern—— und folglich——— —— Nun, dieſer Mann, mit ſolchen Kraͤften ausgeruͤſtet, verſucht durch ſein Geprage— man darf wirklich ſagen, das ganze Volk zu ſtempeln. Noch aber iſt dem Volke die⸗ ſer Stempel nicht aufgedruͤckt, und darum laͤßt ſich auch bei dieſem die Frage: Weß iſt das Bild und die Ueberſchrift? nur mit Ver⸗ meſſenheit entſcheidend beantworten. Weß es nicht ſei— das leuchtet eher ein! z. B. nicht der vorigen Galanterie! Dieſe den Fran⸗ zoſen wiederzugeben, muͤßte dieſer allgewaltige Monarch, wie Ludwig der vierzehnte, die Weiber lieben. Aber er iſt nur Held und Staatsfuͤhrer, und ſein Ehrgeitz vereinigt ſich nicht mit dem Buhlen um Weibergunſt. Hier iſt auch nichts von einem Heinrich dem vier⸗ ten, der vor ſeinen Geliebten knieete und ploͤtz⸗ lich ſich aufriß, kuͤhn das Haupt im Felde hochzuheben; deſſen Erziehung aber auch eine ganz andere war, als die des jetzigen Herr⸗ ſchers! Bei dieſem ſind gewiſſe ſcharfe, rauhe Ecken der ſeinigen nicht abgeſtoßen. Er ward, wie Sie wiſſen, in einer Kriegsſchule, blos zum Soldaten erzogen, lebte lange unter den 36— republikaniſchen Grenadieren——— Das alles ſpuͤrt, das ſiehet man ſogar jetzt noch; wenn er ſich z. B. im glaͤnzenden Zirkel des Hofs ploͤtz⸗ lich aus der Unterredung mit irgend Einem neben ihm wendet, jene raſch abbricht, und dieſem, mit einem lauten: Ah bah! den Ruͤcken kehrt, darzu aber, die eine Hand im Buſen, die andere in der Taſche ſeiner Unterkleider, die Ellenbogen auf dem Ruͤcken zuſammenwirft, als wollte er dadurch ſeinem Umdrehen mehr Schnelligkeit geben———. Alſo nicht Galanterie, die ihre glaͤnzendſten Epochen unter Heinrich dem vierten und Ludwig dem vierzehnten hatte! Sie koͤnnen die beiden Begriffe: Galant, und: Franzos— noch immer nicht trennen? Nun ſo laſſen Sie mich uͤber dieſen Punkt einen Vergleich verſuchen zwiſchen jetzt, und vormals, wobei ich aber nicht weiter zuruͤckzugehen brauche, als auf das, was ich noch ſelbſt geſehen— auf den Hof Ludwigs des ſechzehnten und in die feinſten Zirkel jener Zeit. Heute aber draͤngt mich die Poſt ꝛc. — 87 Madame B. an ihre Schweſter in F. Paris, den 19. September 1805. —— Sollteſt du wol glauben, du„kluge Frau im Walde,“ daß man mich geſtern bei ... uͤber die Achſeln anſah? hier? jetzt? mich? Buͤrgerlich! hoͤrte ich hart an mir wispern; kann in Deutſchland nicht in hohen Zirkeln erſcheinen! und doch hier? ſonderbar! man hat ſie faufilirt geſehen mit Kaufmannsweibern im bois de Bou- logne! ꝛc. Man glaubte wahrſcheinlich, ich ver⸗ ſtaänd kein Wort von dem Getraͤtſche, obſchon man ſich nicht die Muͤhe nahm, ſehr leis zu reden— was die Leute hier uͤberhaupt ſehr ſchwer zu lernen ſcheinen; man mußte aber wol glau⸗ ben, ich hoͤrte nichts, weil man hoͤchſt gemeines Franzoͤſiſch ſprach, ohngefaͤhr wie es unter den Hallen gehoͤrt wird! Und wer waren meine gefaͤlligen Lobrednerinnen? An der Spitze die...., eine Frau, die allerdings an einen Großen des Reichs verheirathet iſt, die aber vor zwoͤlf Jahren noch als Waͤſcherin Kunden 88— in der rue Cau-martin bediente; dieſelbe, die im Zorne ein mißliches Spiel auf den Tiſch geworfen haben ſoll, mit der Exclamation: Ah! je suis frite! dieſelbe, die ihrer Mode⸗ haͤndlerin ſchrieb, ihr eine robe de Satin comme aux autres dames de la Cour zu liefern, aber ungluͤcklicher Weiſe in der Ortho⸗ graphie verſtießs, und, weil das C in vielen Fällen wie ein 8 ausgeſprochen wird, auch hier Satin mit dem C ſchriebz dieſelbe, von der man im Gedraͤnge der Volksmenge, beim Feuer⸗ werk in Luxenburg nach dem Kroͤnungsfeſte, den Ausruf aufſchnappte: Quelle canaille! die⸗ ſelbe—— doch ich habe keinen Athem mehr zur gehoͤrigen Vollendung meiner Tirade! Du glaubſt vielleicht, ich habe mich geaͤrgert? Mein Gott, nein! Im Gegentheil, ich habe ge⸗ lacht— und ich denke, recht herzlich gelacht. Thu mir's zu Gefallen und ſchiebe hier nicht dein boshaftes Fragzeichen ein! Sieh nur, war⸗ um ſollt' ich nicht herzlich lachen? Es giebt ja hier auch unter den Weibern vom erſten Range ſo unbeſchreiblich liebenswuͤrdige und zugleich wahrhaft achtungswerthe, die mich Gnade fin⸗ — 59 den laſſen vor ihren Augen. Ich duͤrfte dir nur zuerſt die Prinzeſſin...dann die Ehrenda⸗ me... und die Generalin B. nennen. Und Frau de la S., die eben vorgefahren iſt, uns zu einem tour de promenade— es hilft nichts: du mußt dich an die eigenen Kunſtausdruͤcke ge⸗ woͤhnen! alſo: uns zu einem tour de prome- nade nach Ranelagh abzurufen.—— Da koͤmmt Georg: ich ſoll mich fertig machen! So eilig? Ei ſchoͤn: der zweite Bote in einer Minute! Ich komme ja ſchon!„Aber was iſt denn Ra⸗ nelagh? was giebt man dort an? wie gebehrdet man ſich da? wie biſt du dazu gekleidet? wie iſt es die Graͤfin? und wie die Frau de la S. 2 Frag' du nur, Schweſterchen! Antworten kann ich nicht— ſonſt koͤmmt der dritte Bote— Adjeu, mein Kind!—.. 853 Sieh, dies Blaͤttchen wollt' ich abgehen laſſen, dich ein wenig zu peinigen für—— Aber ich bin nun ſo ein gutherziges Ding, daß ich deinen Schmerz, einen Poſttag auf die Fra⸗ gen, was Ranelagh ſei u. ſ. w. warten zu muͤſſen, ſelber nicht tragen kann. Nun— ich habe von dem ſpaͤten Nachhauſekommen ſpaͤt 90— ausgeſchlafen, und bin eben jetzt in der bitter⸗ ůͤßen Stimmung der Kinder, die die Lektion aufſagen ſollen. Ich ſage auch auf: Was iſt Ranelagh? Antwort: Ein hoͤchſt langweiliger Ort, wo eines um das andere in die tiefe Be⸗ merkung ausbricht: Ah, delicieuse soriée! und, wol zu merken! dabei gaͤhnt, was es nur kann, und laͤchelt, gerade als ob's weinen woll⸗ te.— Was treibt man dort? Antwort: Ein Theil, gar nichts, außer ſich ſelbſt, was zuwei⸗ len nicht viel mehr ſagen will; ein anderer, und der bedeutendſte, bemerkt das Steigen und Fal⸗ len der Reputationen— denn man iſt da auf der Boͤrſe der Societaͤt, wo der boͤſe Leu⸗ mund en gros untergebracht und umgeſetzt wird.— Findet man dort immer Geſellſchaft? Antwort: Nein! In den Fruͤhſtunden„ſieht man ſich“ im bois de Boulogne— und hier ſieht man ſich nur im eigentlichen Verſtande, denn ſprechen kann man Niemand, ſo ſchnell ſprengt oder faͤhrt alles an einander voruͤber! Eigentlich ſollt' es ſogar nur heißen: man zeigt ſeine Pferde und Equipagen! Fahren die Da⸗ men, ſo ſind ſie im einfachſten Morgenkoſtume; —ᷣᷣ 9 1 ſitzen ſie zu Pferde, im Reitkleide— das man jett, wie ich hoͤre, in Deutſchland nachahmt, ohne zu reiten! Gut!— Des Abends ſieht man ſich auf dem Boulevard vor Koblenz.„Und im Ranelagh?“ Nach dem Mittagseſſen, aber bei Leibe nur Donnerstags! Doch die katechetiſche Form will mir nicht gelingen. Alſo kuͤrzer: Ranelagh beſteht aus zwey oder drey unanſehnlichen Haͤuſern, an den Rand eines kleinen Gehoͤlzes gelehnt. Vor dem Tanzſaale iſt ein großer freier Raſenplatz, auf welchem ſich die ſchoͤne Welt in mannichfaltigen Gruppen verſtreuet. Das Einzige, was den Ort angenehm macht, iſt dieſer gruͤne Teppich mit bun⸗ ten lebendigen Figuren geſtickt, und ein langer Durchhau, auf beiden Seiten mit Kaſtanien⸗ baͤumen eingefaßt, der am Ende die blaͤuliche Ferne der hohen— Berge eben nicht, aber Erdhoͤcker zeigt, an deren Fuße das Schluß von St. Cloud aus einem Grunde hervorblickt.— Lache nicht uͤber mein hoͤbriges Wort; ſeit ich in der Schweiz war, bin ich ſparſam mit dem majeſtaͤtiſchen Namen, Berg! Da ich den Tanzſaal erwaͤhne, fragſt du * 92 natuͤrlich, ob man dort tanze? Bewahre Gott! das wuͤrde ſich ſchicken! Ehedem waren Ranelagh, Tivoli, Hameau de Chantilly, anſtaͤndige, ſo⸗ gar beruͤhmte, auserwaͤhlte Plaͤtze des geſell⸗ ſchaftlichen Vergnuͤgens. Seit einigen Jahren ſind ſie zu dem herabgeſunken, was der Pariſer bassetrinque nennt.(Freilich ſteht das Wort nicht im Dictionnarie de PAcademie, und ich muß dir's uͤberſetzn! Nun, Kneipe etwa!) Der Olymp ſteigt, wie geſagt, nur Donnerstags im Ranelgh nieder, um dem luſti⸗ gen Geſchwaͤrme und froͤhlichen Tanze der— Dryaden, Oreaden und Najaden zuzuſehn. Ihro Goͤttlichkeit, Mars, und wol auch Apollo, werfen denn jezuweilen auf dieſes oder jenes Nymphchen gnaͤdige Blicke; und du begreifſt, daß das ſchoͤne Einleitungen zu Geſpraͤchen uͤber die oben angegebene Hauptrubrik abgiebt. Im Anfange dieſes Sommers unterſchieden ſich dort die Damen der vornehmen Welt durch maͤchtig lange Schleppen, weil ſie dorthin im Wagen fuhren,— und jene kleinen Halbgoͤttin⸗ nen zu Fuß, folglich ohne jene Schweife erſchie⸗ nen; auch konnten dieſe den ganzen langen Quai, 93 der dahin fuͤhrt, oder den Hochweg der eliſaͤi⸗ ſchen Felder, nicht, ohne laͤcherlich zu werden, kehren! Hernach kam aber die Klaſſe, die noch etwas anders ſcheinen will, als ſie iſt, auf den Einfall, ihre Toilette an Ort und Stelle zu machen, wo denn lange Schleppen vorraͤthig in Bereitſchaft gehalten wurden. Seitdem ſind jene Schweife bei den Damen verſchwunden; man wuͤrde nun aber einer noch leichtfertigern Klaſſe jener Weſen aͤhnlich ſcheinen, wenn man nicht eine andere Unterſcheidung haͤtte— die Livreyen, die jetzt immer in kleiner Entfernung der Herrſchaft nachziehen. Vorzuͤglich fuͤhrt man dorthin Knaben, die man jetzt im Alter von 12 bis 14. Jahren in Dienſte nimmt. Dieſe werden aber nicht etwa als Jokeys gekleidet, ſondern man ſteckt ſie in das volle franzoͤſiſche Kleid, ſo daß ſie eine Art Pagen vorſtellen— verſteht ſich, ſeit der Kaiſer Pagen hat! Ha, da ſteht es, das Wort das man nie ſchreiben kann, ohne irgend etwas Hiſtoriſches anzuhaͤngen! Unſere ſchoͤne Freundin wird dir wahrſcheinlich den geſtern abgeſchickten Brief der 94 Graͤfin, wie die fruͤhern, zu leſen geben. Da iſt denn auch die Rede von dem Kopfe jenes großen Mannes. Erlaube mir dazu auch ein Woͤrtchen zu geben, und zwar uͤber den Theil ſeines Geſichts, welchen(an Andern!) moͤg⸗ lich zu handhaben ich von jeher befliſſen gewe⸗ ſen bin, woher ich denn, wie ich hoffe, einige Stimmfahigkeit daruͤber erlangt habe— ich rede von der Naſe. Ich alſo ſage dir: glaube allen von ihm erſchienenen Abbildun⸗ gen in Betracht dieſes ſehr charakteriſtiſchen Gliedes nicht, ſondern glaube mir: wer in die⸗ ſer Naſe nicht große Bedeutung— beſſer eine verſchuͤchternde Feſtigkeit, unwandelbaren Wil⸗ len, eiſerne Beharrlichkeit— ſiehet, bei dem kann man's wagen, ihn ſelbſt ſaͤuberlich bei der ſeinigen zu faſſen. Noch Eins! die bloͤde Graͤfin ſagt auch et⸗ was uͤber Liebe in Beziehung auf jenen Herr⸗ ſcher. Bilde dir aus dem, was ſie ſagt, nicht etwa ein, er ſei ein Weiberfeind! Jedermann in Paris weiß, was es ſagen will, wenn Phe⸗ dre in St. Cloud gegeben wird: jedermann erin⸗ b nert ſich auch der Signora..., und——*) Freilich, ihr, der allgewaltigen Urania mit der Sternenkrone, huldigt er nich!—— Was an ihn will, muß unter ſein Zepter. Gaͤngeln wird ihn nie auch das ſchoͤnſte, das liebenswuͤr⸗ digſte Weib, und waͤr' es die, von Vergoͤtte⸗ rung jetzt etwas zu leibig gewordene G.—— Er macht es mit den gemeinern Leidenſchaften wie die Schlange mit ihrer Haut. Er wirft ſie ab und gehet derſelbe hervor— ſchluͤpfrig anzutaſten. *) Es gilt von dieſer Stelle, was von jener andern geſagt iſt. (Wird fortgeſetzt.) Die Graͤen. Als die ſchoͤne Ceto die Goͤttinnen durch ihre Reize, die Goͤtter durch die Wahl des Phorkys, die uͤber Unrecht wachende Nemeſis dadurch er⸗ zuͤrnte, daß dieſer Gewaͤhlte der Sohn ihres eigenen Vaters war: da ward ihr gegeben die Geburt der Ungeheuer. Der dreikoͤpfige Ge⸗ ryon, die ſchreckliche Echidna, ſind ihre Kinder. Aber die Graͤen,„die drei ewig alten, ſchwa⸗ „nenweißen Jungfrauen, die von ihrer Geburt „an ſchon grau waren“ ſind ihre Erſtgebor⸗ nen.— An dem aͤußerſten Ende der Erde, in der Behauſung der ewigen Nacht, an der Pforte der Unterwelt wohnen ſie. Weder Sonne noch Mond viſſen ſie dort zu finden, J. f. F. II. J. 2. H 1 wie viel weniger irdiſche Verſolger. Siche⸗ rern Zufluchtsort, als in ihrem Schooße, konn⸗ ten die Minyaden nicht waͤhlen. Toͤchter der Himmliſchen, die einſt ſelbſt Cytheren zur Mißgunſt reizte, gebt mir Zu⸗ flucht, mir und meinen Schweſtern, die aus den Armen verhaßter Maͤnner fliehen! So flehte die ſchmeichleriſche Alcippe, und zu viel Gefaͤlliges hatte die Schlaue in dieſe wenigen Worte zuſammengedraͤngt, um nicht Erhoͤrung zu finden. Pephredo laͤchelte ſanft zu ihrer Schweſter Dino hinuͤber— ſo leuchtet einwin⸗ terlicher Sonnenſtral uͤber ein Schneegeſild— und Enyo erhob ſich langſam, um den Wan⸗ drerinnen ein Lager am waͤrmenden Feuer ein⸗ zuraͤumen.— Dieſe Schweſtern waren uͤbri⸗ gens gutmuͤthige Weſen; ohne Streit behalfen ſie ſich mit den Werkzeugen des Geſichts und Geſchmacks, welche dieſem Dreiblatt die ſtief⸗ muͤtterliche Natur blos einfach geſchenkt hatte, aber fein war ihr Gehoͤr, und ſcharf ein ge⸗ wiſſer innerer Sinn fuͤr Annaͤherung eines jeden feindlichen Weſens. Sie haßten nichts mehr, als die Haͤlfte des menſchlichen Geſchlechts, — 3 zu welcher die Minyaden nicht gehoͤrten, und nichts glich der Empfehlung, die dieſe ſich ſelbſt durch Maͤnnerflucht gaben. Die gelaͤu⸗ fſige Zunge der beiden aͤltern Schweſtern er⸗ goͤtzte das Ohr der grauen Einſiedlerinnen, die hier ſeit Jahrhunderten nichts als das Toben des entfernten Chaos, das Bellen des Hoͤllen⸗ hundes, und das Klagen der in die Unterwelt hinabſchwebenden Schatten gehoͤrt hatten. Ueber den weitlaͤuftigen Erzaͤhlungen Alcippens und Alcathoens von dem Ungluͤck, das ſie hierher trieb, ward Leucippens beſondere Befragung uͤber den Zuſtand ihres Gemuͤths gegen die gehaßte Haͤlfte des Menſchengeſchlechts faſt gar vergeſſen; ſie kam mit der geſchraubten Ver⸗ ſicherung hinweg, daß keiner aus demſelben außer ihrem Vater ſich ihrer Zuneigung ruͤh⸗ men, daß nie einer der Sterblichen ihre Hand oder ihr Herz erlangen ſollte. Zuͤrnend ſahen Alcippe und Alcathoe ihre holde Schweſter bei dieſen Worten an: doch hier war es nicht der Ort, den Doppelſinn zu ruͤgen; alles kam ihnen ja darauf an, Leu⸗ cippen nebſt ſich in dieſer Verborgenheit feſt 4 zu halten— nicht, Verdacht gegen ſie bei den argdenklichen Wirthinnen zu erregen. Ach dieſe Verborgenheit, dieſe undurchdring⸗ liche Nacht, durch ſpaͤrliches Feuer ſchlecht er⸗ waͤrmt und erhellt, dieſes ewige Einerlei, kaum im erſten Augenblick als rettende Zuflucht vor einem feindlichen Geſchick willkommen— welche Laſt mußten ſie den junoniſchen Toͤchtern des Minyas endlich werden! Man hatte ſich aus⸗ geſprochen, die Graͤen forderten Erzaͤhlungen. Man war muͤßig, die Halbſchweſtern der Par⸗ zen forderten Beſchaͤftigung. Unwiſſend waren die ſtolzen Prinzeſſinnen in allen Kuͤnſten des Weberſtuhls und der Nadel— Arbeit fuͤr Scla⸗ venhaͤnde war ihnen dieſes immer geweſen. Leu⸗ cippe, in der Schule der fleißigen Pallas er⸗ zogen, verſtand das alles, was ihre Schweſtern erſt lernen mußten, und heiter, in ſuͤßen Traͤu⸗ men, von denen ihr hoffendes Herz voll war, flohen ihr Stunden dahin, die jenen eine Ewig⸗ keit duͤnkten; auch fehlte es ihr nicht an heim⸗ lichem Troſt, den jene entbehrten. Das duͤſtre Dreiblatt laͤchelte bald ihr freundlicher als jenen, die ſich am Ende blos durch die Geſchaͤfte der . 4 — 5 Zunge empfehlen konnten, in welchen freilich die ſtille Leucippe von ihnen uͤbertroffen ward. Den Toͤchtern der ſchoͤnen Ceto war zur Schadloshaltung fuͤr ſo manches Verſagte die Gabe der Weiſſagung verliehen; kaͤrglich waren ſie aber auch hierin bedacht, ſonſt muͤßten ſie ihre ſchoͤnen Hausgenoſſinnen, wenigſtens die Eine derſelben, richtiger beurtheilt haben, und ſchnell waͤr' alsdann dieſe von den Unerbittlichen ver⸗ ſtoßen worden. Ihr Sinn fuͤr kuͤnftige Fuͤ⸗ gungen des Schickſals war indeſſen doch hin⸗ laͤnglich, ſie jetzt vor einem Ereigniß zu war⸗ nen, welches der ganzen Welt Wohlthat, nur ihnen, den ewig Einſamen, Entſetzen war. Der junge Bacchus, der Goͤtter und der Menſchen Herrſcher, hatte endlich alles unter ſein ſanftes Scepter gebeugt; nur die Reiche der ewigen Nacht, nur die oͤden, unfruchtbaren Gegenden jenſeit der Herrſchaft des Sonnen⸗ gottes fehlten noch unter ſeinen Siegen. We⸗ nigſtens die Wunder ſeiner Macht ſollten ſie hoͤren, wenigſtens die Zauber ſeines Bechers ſollten ſie koſten, wenn auch hier keine Trauben gedeihen konnten, denſelben zu fuͤllen. Die grauen Herrſcherinnen des duͤſtern Reichs ahneten, was ihnen bevorſtand; ſie zit⸗ terten vor dem Eingriff in ihre Rechte, zitter⸗ ten— vielleicht wenigſtens die holden Pilgerin⸗ nen durch den alles Beſiegenden entfuͤhrt, und in ihnen um die einzige Abaͤnderung ihrer ewig einfoͤrmigen Einſamkeit gebracht zu wer⸗ den. Pephredo, die gewandteſte von allen, erhob ſich von dem Sitze, den ſie ſonſt nie verließ, um noͤthige Vorkehrungen zu treffen, und die ſpruchreiche Dino ergoß ſich in Mah⸗ nungen an die beiden aͤlteſten der Minyaden zu verdoppeltem Fleiß, indeſſen Enyo, welche heute im Beſitz des Auges war, nach Leu⸗ cippen umherſpaͤhte. Man vermißte ſie jetzt nicht ſelten, und mußte ſie oft in den entfernteſten Hoͤlen des finſtern Bezirks auffuchen. Nur die Vorliebe, die man fuͤr ihre fleißige und kunſt⸗ reiche Hand und ihre ſich immer gleich blei⸗ bende Sanftmuth hatte, konnte aͤhnliche Frei⸗ heiten ohne ſonderliche Ruͤge hingehen laſſen. Ach die Himmliſche konnte ja die haͤrteſten Herzen in faſt unglaublichem Grade umaͤndern! Die ſtrenge Enyo mit dem feinen Gehoͤr hatte in Aufſuchung der ſchoͤnſten der Minyaden jetzt eben Dinge bemerkt, Töne vernommen, welche zu verſchweigen faſt Hochverrath gegen die heiligen Geſetze der ewigen Jungfrauen war. Doch ſchwieg ſie: ein Blick auf die Schonung bittende Leucippe feſſelte ihre Zunge. Kinder, begann Pephredo, als ſie jetzt das doppelte Dreiblatt vollzaͤhlig ſahe, die Maͤchte der Unterwelt verkuͤnden gefaͤhrliche Stunden; es gilt jetzt die angeſtrengteſte Emſigkeit, die bedenklichen Minuten voruͤber zu bringen— vielleicht daß eine von euch um die andere ſie, wie ihr gewohnt ſeid, mit ſchoͤnen und lehr⸗ reichen Geſchichten der Vorzeit hinwegtaͤuſcht. Hoͤrt ihr das ferne Geraͤuſch, das unſere hei⸗ lige Stille unterbricht? Doch wohl euch, ihr Sterblichen, daß euer Ohr den meilenweiten Schritt des Verderbens nicht vernimmt!— Das iſt der Koͤnig Minyas mit den Pſoleern! Haltet, o haltet euch verborgen unter den Fluͤgeln der ſchuͤtzenden Vorſorge! ſeine Abſicht iſt, euch zu rauben und jene ſchimpflichen Bande zu erneuern! Fluch dem verhaßten Maͤnnergeſchlecht! Die Minyaden ſchauderten in ſich zuſam⸗ men ob der vernommenen Laͤſterung, die keine ganz bejahte, am wenigſten die ſanfte Leucippe. Zu raſtloſer Emſigkeit gewoͤhnt, griffen die ſchoͤnen Fremden zur Arbeit; es dehnte ſich der wunderfeine Faden gleich Arachnens Ge⸗ webe, es flog das Weberſchiff, und Alcippe, die geſchichtreichſte der Minyaden, begann, in⸗ dem ſie Fleiß der geſchickten Hand mit lieb⸗ licher Rede vereinte, den Horchenden die Ge⸗ ſchichte Meleagers. 3. Die Geſchichten. Ja, falſch ſind die Maͤnner und treulos, auch trifft ſie zuweilen die Rache. Anders euch zu melden, ihr Haſſerinnen des gefährlichen Ge⸗ ſchlechts, das ziemte mir nicht— auch wuͤrdet ihr ſchwerlich es dulden. Als Althea, die Koͤnigin von Calydon, den Meleager gebar, da ſah ſie an der Goͤt⸗ —— 9 tergeſtalt des Knaben, daß ihre Furcht Wahr⸗ heit ſei, und daß ſie nicht dem treugeliebten Gemal, ſondern dem betruͤgeriſchen Mars, der die Geſtalt des Koͤnigs zu borgen wußte, einen Sohn gegeben hatte. Verwandelt ſich bei einer reinen Seele Furcht des Verbrechens in Gewißheit, ſo iſt Verzweiflung die Folge, und geſchaͤftig ſind die Furien, das Ende mit Schrecken zu kroͤnen. Der Pallaſt des Koͤnigs Oeneus toͤnte wie⸗ der von laͤrmenden Feſten ob der Geburt des goͤttlichen Knaben; entzuͤckt eilte der betrogene Vater unablaͤſſig aus dem Kreiſe der Froͤhlichen, von dem Genuß ambroſiſcher Becher, hinuͤber, in Altheens ſtilles Zimmer, ſie zu liebkoſen und ihr zu danken. Krank war ſie an Leib und Geiſt, das Geheimniß kaͤmpfte in ihrer Bruſt, ſie ſcheute ſich es mit zu den Schatten zu nehmen, ſie zitterte, dem theuren Gemal das Andenken einer Schuldigen zuruͤckzulaſſen. Laͤſtig war ihr die Gegenwart des Allgeliebten; ſie entfernte ihn, bald nach ihm auch all ihre Sclavinnen— ſie wollte allein ſterben. Da woͤlkte es ſich um ſie im weiten Saͤu⸗ 10— lengemach wie Nebel zuſammen, da zertheilte ſich zoͤgernd der Dampf, der awbroſiſche Ge⸗ ruͤche verbreitete, und vor ihr ſtanden drei ehrwuͤrdige Geſtalten. Wir ſind, begann die juͤngſte, wir ſind die Toͤchter des Schickſals, die freundlichen Parzen; wir ſpinnen den Faden des Lebens und zuͤrnen dem, der die Macht ihn zu zerſchneiden, die uns allein verliehen war, uns freventlich entreißt. Hoͤre auf, o Königin, dich durch fruchtloſen Gram zu ver⸗ zehren, und verſiegle mit Schweigen, wovon keine Schuld auf dir haftet. Dich zu troͤſten, dein Kind zu begaben, ſind wir erſchienen. Ich, die Schoͤpferin des erſten ſchoͤnen menſch⸗ lichen Lebens, die Freudengeberin Clotho, lege den Geiſt des edelſten Heldenmuths in die Seele des Knaben, der auf deinem Schoos laͤchelt.— Ja, ſetzte Lacheſis hinzu, mit tief⸗ denkend zur Erde gerichtetem Blick, ein Held wird er ſeyn, Blut wird ſein ſiegreiches Schwert netzen, Blut, nicht allein der Feinde, Blut auch der naͤchſten Verwandten! und, endigte die finſtre Atropos, noch ſteht es in deiner Hand, ob du den werdenden —— 11 Helden erhalten, oder den Moͤrder deines Ge⸗ ſchlechts verderben, und die Schande ſeiner Geburt durch ſeinen Tod buͤßen willſt. Dieſer Aſt, den ich in die Glut lege, wird nicht ſobald verzehrt ſeyn, als ſich Meleagers Leben endigt: aber unſterblich iſt der Held, unſterb⸗ lich! wenn du den Zauber bewahreſt. Das Geſicht verſchwand, die Koͤnigin lag in halber Ohnmacht. Kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn, und durch das Sauſen des Orkus, das in ihren Ohren toͤnte, vernahm ſie dennoch ganz deutlich das kniſternde Auflodern einer hellen Flamme, und das herzzerreißende Geſchrei ihres Kindes, das ihren Armen entfallen war. Sie raffte ſich auf. Auf dem niedern Feuerheerd, zu den Fuͤßen ihres Lagers, flammte ein Cedernaſt— der nehmliche, den ſie die Parze hineinlegen ſahe, und der kleine Meleager, den ſie aufnahm und in ihre Arme druͤckte, konnte durch keine Liebkoſung, durch keine Huͤlfleiſtung, nicht durch die dargebotene ſuͤßeſte Nahrung des Kindes geſtillt werden. Schauervoll trat in dieſem Augenblicke der Inhalt des ganzen Geſichts vor ihrer Seele. 1²— Dich toͤdten? in dir den Moͤrder der Mei⸗ nen, in dir den Helden toͤdten? den Flecken deiner Geburt mit den Schatten des Erebus decken— dieſen Flecken, an dem du ſchuldlos biſt, ſchuld⸗ los wie deine Mutter? das verhuͤten die Goͤt⸗ ter!— Sie half ſich mit dieſen Worten auf aus den Purpurdecken, der Brand wurde ſchnell aus dem Feuer geriſſen, ſchnell im Marmor⸗ becken geloͤſcht, und auf die Seite geſchleudert. Der Knabe kam mit dem ſanftwerdenden, ſich befriedigenden Aechzen, das dem wildeſten Schmerz folgt, zu ſich ſelbſt, und beruhigt, in ſanftem Schlummer liegend, war es, daß die Sclavin⸗ nen beide fanden, als ſie, zu lange den Ruf der Gebieterin erwartend, zuruͤckkehrten. Eine von ihnen ward auf den köſtlichen Decken einen ſchmutzigen Loͤſchbrand gewahr; in halber Ohnmacht hatte ihn Althea liegen laſſen, und ſchnell warf ihn die Huͤterin der Reinlichkeit von neuem ins Feuer. Sein ziſchendes Glimmen ſchien neue Schmerzen im Innerſten des Kindes zu erregen, ſein beginnen⸗ des Wimmern erweckte die Mutter, bald wurde es wieder das helle herzzerreißende Geſchrei von 13 vorhin. Voll Verzweiflung blickte die Koͤnigin umher; ihr Auge ſiel auf die lodernde Flamme. Schnelle Entfernung des verhaͤngnißvollen Hol⸗ zes brachte wiederum ſchnelle Huͤlfe; doch vor⸗ ſichtiger als vorhin, ward es nun mit ſtrengen Verboten auf die Seite geſchafft. Die Koͤnigin verwahrte es, ſobald ſie das vermochte, unter ihren heimlichſten Schaͤtzen— ſtets zitternd vor ſeinem Anblick, wuͤnſchend ſich ſeiner entladen zu koͤnnen, ungewiß wie dies ohne Schaden des geliebteſten Lebens geſchehen koͤnne! Meleager wuchs heran, und man konnte in ihm den Halbgott nicht verkennen. Alles bekennend hatte Althea zu den Fuͤßen ihres Gemals gelegen, der ihrer Unſchuld die Los⸗ zaͤhlung nicht verſagen konnte. Umſonſt ſtrebte Mars, die betruͤglichen Bande von neuem an⸗ zuknuͤpfen— er war genoͤthigt, die Liebe zur Mutter allein auf den Sohn uͤberzutragen. Wunderbar ruhte auf dieſem der Geiſt des kriegeriſchen Vaters; das Spiel des Kriegs, die Jagd, war ſein liebſter Zeitvertreib; bald gebrach es den calydoniſchen Waͤldern an Un⸗ geheuern, ſein Schwert zu uͤben. Doch der 14 Zorn einer beleidigten Gottheit war wirkſam, dieſen Mangel zu erſetzen. An dem Tage, da Althea den unfzehn⸗ jaͤhrigen Juͤngling mit der ſchoͤnen*) Cleone, der Tochter eines ihrer geliebten Bruͤder, ver⸗ band, vergaß der verliebte Braͤutigam, daß an dieſem Feſte auch noch andern Gottheiten, als der liebebringenden Venus und der Ehe⸗ ſtifterin Juno, Opfer geziemen. Dianens Altar blieb von ihm ungeehrt und unbegabt; Diana kannte den ſchoͤnen Jaͤger wol— ihr Zorn mußte entbrennen, ihm unbekannt zu ſeyn. Cleonen haßte ſie gleichfalls, und beide traf der Schwur, den ſie that: nie als Lucina ihr Buͤndniß zu ſegnen. Genug des Fluchs, die gluͤcklich Verbunde⸗ nen grenzenlos elend zu machen! aber die Ge⸗ reizte bereitete des Ungluͤcks noch mehr. Kennt ihr die Himmliſche, wenn ſie ihr holdes Ge⸗ ſicht in die Zuͤge der Hoͤllengoͤttin umwan⸗ delt?— Als Hecate hochgeſchuͤrzt, mit flie⸗ gendem Rabenhaar, umguͤrtet mit Schlangen *) Cleopatra nennt ſie die Sage. —— — 15 zum naͤchtlichen Zauber, ſchuf ſie ein Ungeheuer fremder Art, und ließ es los in die calydo⸗ niſchen Waͤlder. Die Menſchen nannten es einen Eber, aber es verband mit einer dieſem Thiere aͤhnlichen Geſtalt die Staͤrke des Loͤwen, die Liſt des Tigers, und die Schnelligkeit des Hirſches; ſo ungewoͤhnlich als ſeine Eigenſchaf⸗ ten, war auch ſeine Groͤße— genug, nie hartte man etwas aͤhnliches geſehen, und unnennbar war die Freude des jungen Helden, als er es zum erſtenmale erblickte. Er war geſonnen, es ganz allein auf ſich zu nehmen; Althea und Cleone zitterten, und uͤberzeugt, daß Aeuße⸗ rung ihrer Furcht ganz das Gegentheil von ihrem Wunſche bewirken wuͤrde, nahmen e ihre Zuflucht zur Liſt. Wie Schade, ſchmeichelte Cleone, wenn mein Held ſeinen Sieg in einſamen Waͤldern voll⸗ enden; wie ungroßmuͤthig, wenn er ſeine Freunde von den Freuden einer ſolchen Jagd ausſchlirhen wollte! Das letzte wirkte noch beſſer, als das erſte. Meleager wußte nichts von Ruhmſucht, aber gern theilte er mit Freunden eine große That. 16 Jaſon und Peleus, und die Dioskuren, und Admet, und viele andere wurden geladen, auch die Bruͤder Altheens, deren einer Cleonens Vater war— die Freuden der Jagd zu theilen. Die ſchadenfrohe Diana klopfte vor Freuden in die Haͤnde, daß alles ſo wohl gelang; ſie eilte ihr Werk zu kroͤnen, denn Gefahr in Bekaͤmpfung jenes Ungeheuers war das we⸗ nigſte, was ſie zur Abſicht hatte; viel weiter gingen ihre Plane: nur Zerreißung der innig⸗ ſten Bande, nur Stroͤme von Blut, konnten die Rachbegierige befriedigen. Es gab ein Weſen, das ſie dem ruͤſtigen Jaͤger lieber ge⸗ goͤnnt hatte, als die bloͤde Cleone. Atalante, die Prinzeffin von Arcadien, eine Heldin unter: den Helden, eine zweite Diana unter den Ja⸗ gern— ſie haͤtte dem jungen Halbgott beſſer ge⸗ ziemt, als die ſtille, von der Mutter gewaͤhlte Gattin. u 1 Atalante! rief ſie, indem ſie im Traum an das Lager der Schlummernden trat. Er⸗ wache! Deine Goͤttin ruft dich zu ſchoͤnen Thaten! Helden verſammelt der Ruf des jun⸗ gen Meleagers, ein Ungeheuer zu erlegen, das — 1 17 ich fuͤr dich ſchuf. Du biſt nicht geladen, denn du biſt ein Weib! Erhebe dich! Raͤche die Ehre unſers Geſchlechts! Dir iſt gegeben, den ſtets treffenden Pfeil zuerſt mit dem Blute des Un⸗ thiers zu faͤrben, und der Preis, der ſchoͤnſte Preis wird dir nicht entgehen! Atalante ſprang auf aus dem leichten Schlum⸗ mer, dem ſie nur wenige Stunden goͤnnte— eine hohe Goͤttergeſtalt, wuͤrdig, den Unſterblichen den Vorzug zu beſtreiten. Blos an die Freuden der Jagd gewoͤhnt, kannte ſie weder das Geſchaͤft des Spiegels, noch den Trieb, Maͤnnerherzen zu erobern; ſie ſchlug die feinſten Locken, zarter als Seide, aus dem bluͤhenden Geſicht, und Aurora ſchien aus Naͤchten zu treten. Ein gol⸗ dener Guͤrtel faßte das fliegende Gewand unter der ſchoͤnen Bruſt zuſammen. Ein koͤſtlicher Stein zog es uͤber dem Knie des linken ſchoͤn umwundenen Fußes zierlich in die Hoͤhe, und Pfeil und Bogen in der Hand, fehlte ihrer blendenden Stirn nur die Zierde des wachſenden Mondes, um ganz Diana zu ſeyn. So war Atalante, als ſie ihr ſchneller Fuß in die Verſammlung der Helden trug; die J. f. F. II. J. 2. H. 2 18— heftige Bewegung hatte die Schoͤne noch ver⸗ ſchoͤnt. Wange und Mund gluͤhten, und den ſchwarzen Augen entblitzte unſterbliches Feuer. Ich ſage euch nichts von den Gefuͤhlen, die ihre Erſcheinung erregte Keiner der Helden war, der ihr nicht huldigte. Auch Meleager!+ Welch ein Gegenſatz! Die blonde ſtille Cleone und dieſe Goͤttin! 127 Was Cleonen, Atalanten gegenuͤber, an ſiegendem Reitze gebrach, das wollte ſie durch Schmuck erſetzen. Die Schaͤtze Altheens wurden an dieſem Tage gepluͤndert, um ihren Anblick blendend zu machen.— Mutter! fragte auf einmal die waͤhlende Cleone, in Perlen und Edelſteinen wuͤhlend, was iſt das fuͤr ein unge⸗ ſtaltes Holz, das du unter Gold und ſchimmern⸗ den Steinen verwahrſt? Althea erroͤthete; Angſt beklemmte ihr Herz. Sie wollte verbergen, was kein ſterbliches Auge haͤtte erblicken ſollen. Ach! es war der verhaͤng⸗ nißvolle Brand, an welchem Meleagers Leben hing! Wer konnte der bittenden Cleone widerſte⸗ hen?— Sie erfuhr alles. Mit heimlichem —— 19 Schauer ſtanden beide dem grauenvollen Gegen⸗ ſtande gegenuͤber, an den das Schickſal dasjenige geknuͤpft hatte, was ihnen das Koſtbarſte war; dem Gegenſtande, den beide haßten, ohne ihn entfernen zu koͤnnen; beide mit einem Gefuͤhl ſorgender Liebe betrachteten, ohne ihn anruͤhren zu moͤgen. Ueberlaß ihn mir, rief die Schmuck und alle Freuden des Feſtes vergeſſende Cleone; uͤberlaß ihn mir, ich werde ihn beſſer bewahren. Nichts iſt dem Weibe theurer, als das Leben des Ge⸗ mahls; ſelbſt die Mutter ſorgt nicht ſo um den einzigen Sohn, als die Gattin fuͤr den Gatten. Die Goͤtter koͤnnen uns nach dem erſten Sohne noch den zweiten ſchenken: aber iſt der Gatte dahin, ſo floh unſer eigenes Leben; was ſind wir dann ohne ihn?— Wir folgen ihm zu den Schatten, und hinab will ich, hinab, wenn Meleager dahin iſt!— Mutter, vertraue du mir das Bedingniß ſeines Lebens! Du biſt aͤlter als ich, die Goͤtter werden die Huͤterin des Heiligthums fruͤher abfordern als mich; nach dir kommt es vielleicht in unheilige Haͤnde— gewiß in Haͤnde, die ſeinen Werth nicht kennen. 20 Siehe, kein aͤußerer Glanz empſiehlt es; es taugt, ſo ſcheint es, zu nichts, als in die Flammen! ind in Flammen, in Flammen ſehe ich's ſchon!— Schont, o ſchont, ihr Goͤtter, des Helden! Mir, mir laßt die Hut ſeines Lebens; nur ich weiß es zu bewahren! Cleonens Bitten und ihre Verzweiflung ſieg⸗ ten am Ende. Althea uͤberließ der Tochter das verhaͤngnißvolle Holz unter der Bedingniß, es täͤglich zu ſehen. Auch wurden beide einig, ſo⸗ bald die Feſttage der großen Jagd voruͤber waͤren, und man an Dinge von ſolcher Wichtigkeit den⸗ ken koͤnnte, dem unwerth ſcheinenden Gegenſtande die koͤſtlichſte Faſſung zu geben, und ihn, durch die Schaͤtze eines halben Koͤnigreichs auch dem Auge wichtig gemacht, in irgend einem Goͤtter⸗ tempel niederzulegen. Der zuverlaͤſſigſten Gott⸗ heit, der alten Themis, oder der hohen Adraſtea, wollte man es anvertrauen, und ihr, nur ihr den Zauber bekennen, der daran haftete. Die Frauen umarmten ſich ob dem Plan, ihrem Lieblinge die Unſterblichkeit geſichert zu haben. Doch konnte keine ſich ganz freuen; es war, als ſchwebte ſchwarze Ahnung uͤber ihren 21 Haͤuptern. Cleone vollendete ihren Schmuck, aber ſie war nicht ſchoͤn, ihr Auge war vom Weinen getruͤbt, und heimliche, unerklaͤrbare Angſt kaͤmpfte in ihrem Herzen!— So erſchien ſie, der ſchoͤnen Arkadierin gegenuber. Welch ein Gegenſatz! o ihr Toͤchter der himmliſchen Ceto, welch ein Gegenſatz! Die ſorgenvolle Gattin, und die bluͤhende, unbefan⸗ gene Jungfrau! Cleone und Atalante!— Maͤn⸗ ner! nur nach dem Auge iſt's, daß ihr richtet! Freilich war die kuͤhne Jaͤgerin ſchoͤner, als die ſtille Hausfrau; aber ſorgende Liebe wohnte in dem Herzen der letzten; in der erſten, ſtolzer, verachtender Kaltſinn; Meleager, ſahſt du auch dies?— Doch immer und immer entſinkt das Innere euern geblendeten Augen! Meleager lebte an dieſen und allen folgenden Tagen nur fuͤr die ſchoͤne Atalante; auch ent⸗ fernte ihn das Geſchaͤft der Jagd von Cleonen, und ſchloß ihn dichter und unaufhoͤrlich an jene. Schwach und zart war Cleone, die Arkadierin feſt und an jede Beſchwerde gewoͤhnt; immer war ſie unter den Helden, und immer und immer war ihr Meleager der naͤchſte. Cleone verzehrte 3 22 ſich in ſtilem Gram. Er ward Verzweiflung, als der Pfeil der Jungfrau am dritten Tage das Wild zuerſt verletzte, und ihr dieſe kleine That von dem Helden mit Vergoͤtterung belohnt ward. Meleager legte ihr, als das Ungeheuer erlegt war, das furchtbare Haupt zu Fuͤßen; ein Ge⸗ ſchenk, vor welchem die ſanfte Cleone zuruͤckge⸗ bebt waͤre, das ſie aber demungeachtet der Ne⸗ benbuhlerin mit wuͤthendem Neid zu entreißen wuͤnſchte; denn war's nicht Liebe, Liebe, die es ſchenkte? Seit Cleone ihr Herz dem Neid und der Eiferſucht geoͤffnet hatte, war ſie nicht mehr der Liebling der beſſern Gottheiten; die Erinnyen nahmen allgemach Beſitz von ihrer Seele, und ſie waren es, die ſie trieben, das Feuer der Zwietracht unter die Helden zu werfen. Siee ging zu ihrem Vater. Und kannſt du es, kannſt du es dulden, weinte ſie, daß Ata⸗ lanta nicht allein mir den Gemahl, ſondern auch dir den Preis der Jagd raubt? Dir geziemt die Ehre des Siegs uͤber das Ungeheuer. Siehe, ich weiß, daß du und dein Bruder dem Unthier den Fang gaben, welcher es faͤllte; und ihr, ihr „— Helden, ihr wolltet es dulden, daß ein Maͤd⸗ chen ſich mit euern Trophaͤen ſchmuͤcke?— Solche und aͤhnliche Worte redete ſie. Was ihre ſchlaue Zunge nicht vermochte, das endeten Altheens Thraͤnen.— Ach, ganz andre Thraͤnen ſollte die gute Koͤnigin bald weinen! Das Feuer der Zwie⸗ tracht entglomm; die Helden geriethen an ein⸗ ander. Um Atalanten einen nichtigen Raub zu ſichern, den ſie, die Edle, ſo wenig achtete, als die verbrecheriſche, von ihr unbemerkte Liebe, toͤdtete Meleager die Bruͤder ſeiner Mutter, den Vater ſeiner Gemahlin. Damals, ja damals war es, daß die Furien die verzweifelnde Cleone endlich uͤbermochten!— Sie war entſchloſſen zu ſterben; wie haͤtte ſie die Liebe des Gatten, wie den Tod des Vaters, wie Altheens ſtummen Jammer um die getoͤdteten Bruͤder, uͤberleben koͤnnen! Sie wollte ſterben, aber mit Meleager! Das Bedingniß ſeines Lebens war in ihren Haͤn⸗ den. Die Maͤchte der Unterwelt ſiegten; der Brand ſlog ins Feuer, und qualvoll verglomm mit ihm das Leben des Helden. O hoͤr' auf! hor' auf! unterbrach die wei⸗ nende Leucippe die Erzaͤhlerin, und bedenke, daß, indem du die Maͤnner zu laͤſtern denkſt, du hier den Frauen ein ewiges Schandmal auf⸗ richteſt. Alles ſchwieg, ſelbſt die Graͤen ſchwiegen. Nur die kluge Dino bemerkte zuletzt mit trau⸗ rigem Blick, die Goͤtter waͤren gerecht, und ſtaͤnde es ſo in den Gegenden, die der Tag be⸗ herrſche, ſo ſei ewige Nacht die beſte Zuflucht. Mittlerweile ließ ſich das Evan Evoe des nahenden Zugs der Maͤnaden deutlicher hoͤren. Man ſloh in eine noch entferntere Hoͤle; die Arbeit wurde verdoppelt; neue Erzaͤhlungen be⸗ gannen, und uͤbel zufrieden waren die Maͤnner⸗ haſſenden Schweſtern, als Alcathoens Wahl auf Ariadnens Geſchichte ſiel. Ach, mehr, viel mehr enthielt ſie freilich von dem Gegenſtande, der hier der beliebteſte war, von der Treuloſig⸗ keit der Maͤnner; aber der Umſtand, daß am Ende Bacchus als Retter der Verlaſſenen auftrat, verrieth verwandte Ideen mit dem, was von außen vorging, und was man den ſchoͤnen Frem⸗ den doch ſo gern verbergen wollte, weil man die 25 Naͤhe des Gottes fuͤr zu verfuͤhreriſch bei viel⸗ leicht mit der Verfuͤhrung einverſtandenen Herzen hielt. Die bedenkliche Enyo, kuͤrzlich noch durch Erfahrungen belehrt, war's, die Alcathoen noch vor dem Ende der Erzaͤhlung unterbrach, und Leucippen aufforderte, nun das ihre zu leiſten. Alſo auch ich, auch ich ſoll reden in Beiſeyn von Goͤttinnen, in Beiſeyn von kluͤgern Schwe⸗ ſtern? alſo begann der Minyaden juͤngſte und ſchoͤnſte. Siehe, kurz war mein Leben, und nur wenig der eigenen Erfahrungen; auch vergaß ich bei Spindel und Weberſpule, und bei der Hut des haͤuslichen Herds, den Dienſt der goͤttlichen Muſen. Alter Geſchichten weiß ich nicht viel; doch iſt eine, die ewig im Herzen mir lebt, und vermag es der Mund, ſo ſoll er ſie ſingen. Seid mir gegruͤßt im himmliſchen Licht, ihr freundlichen Sterne! Bilder der heiligſten Liebe, die einſt zwo Seelen entflammte. Ungetrennt ehet ihr auf, und ungetrennt in die Schatten. 26—— Siehe, das ſelige Feuer der hohen Zwillings⸗ geſtirne hat mir fruͤh die Seele entflammt zu wundervollen Gefuͤhlen, und oft, gar oft fragte ich die Haͤterin der erſten Jahre des Lebens: welches die Geſchichte ſei, die, eh' ſie das Ohr vernahm, die zarte Seele ſchon ahnete. Gern vernahm die fromme Weiſe die Frage der auf⸗ bluͤhenden Jungfrau, und alſo erzaͤhlte ſie mir die Geſchichte der hohen Tyndariden. Dioskuren nannte ſie ſie, denn Zevs iſt ihr Vater. Caſtor war ſterblich geboren, nicht ſo der himmliſche Polluy; doch zog immer mich innigeres Gefuͤhl zu jenem, als dieſem. Waͤr' ich Helena geweſen, die aͤltere der mit ihnen gebornen Schweſtern, gern haͤtte ich dem himmliſchen Bruder den Kranz meiner Unſterblichkeit gelaſ⸗ ſen, und waͤre mit der irdiſchen Schweſter zum Orkus geſtiegen; denn Unſterblichkeit ziemt den Maͤnnern mehr, als dem ſchwachen Geſchlecht, das wie Blumen bluͤht, und nach der Bluͤthe vergehet. Unbewußt des Vorzugs, den einer vor dem andern hatte, wuchſen die Bruͤder auf, gleich groß in goͤttlichen Thaten. Wohlthaͤtig war, — 27 was ſie begannen; ſie lehrten den Menſchen den Gebrauch des maͤchtigen Roſſes, des Theilneh⸗ mers ſeiner Siege; auch lehrten ſie ihn die Kunſt, ohne Waffen, blos durch die Kraft der ſtaͤrkern Arme, zu uͤberwinden. Ihre Macht reinigte die Wege von hinterliſtigen Raͤubern. Siegreich befreiten ſie die Schweſter aus ſchimpf⸗ lichen Banden; aber kein Blut, keine Gewalt⸗ that bezeichnete ihre Siege. Fromm und ſanft waren ſie immer, und fruͤh begann ihre Ver⸗ goͤtterung. Himmliſche Flammen umſpielten ihr Haupt, wohin ſie ſich wandten. Ruhe folgt' ihrem Schritt, und Stuͤrme ſchwiegen vor ihnen. Juͤnglinge! ahnet ihr nicht die Gottheit im klopfenden Buſen? Warum Liebe— warum irdiſche Liebe, die euch zum Orkus hinab zog? Caſtor, mein Liebling, gewann die holde Ilaira lieb, und Pollux die reitzende Phoͤbe. Fruͤher waren die Jungfrauen verſprochen an gluͤcklichere Juͤnglinge. Siehe, der Kampf ſoll en. ſchei⸗ den; Pollux, der unſterbliche, ſiegt. Caſtor, der zarte, der in irdiſchen Gliedern den Samen des Todes traͤgt, ſinkt: es ſinkt mein Liebling! 28 Schweſtern, weint mit mir, denn Caſtor iſt gefallen! Wirſt du ihn laſſen, unſterblicher Bruder? wird Pollux ſeinen Caſtor verlaſſen? Nein! die himmliſche Liebe ſiegt ob, er geht mit ihm zu den Schatten. Phoͤbe weint ihm nach, er achtet nicht ihrer Thraͤnen. Heiliger iſt ihm die ewige Freundſchaft, als irdiſche Bande. Maͤchte der Unterwelt, ſo flehet er, Pluto, und du, Perſephone! ſchonet, o ſchonet des Bru⸗ ders! wo nicht, ſo laßt mich mit ihm ſterben! Und den Bruͤdern wurde gegeben, ſich nimmer zu trennen. Wechſelsweiſe ſteigt Caſtor mit Pollux herauf in die himmliſchen Welten; wechſelsweiſe ſinkt Pollux nieder mit Caſtor in die Schattengefilde. Retter bleiben ſie noch immer in allen Gefahren; wehende Flammen verkuͤnden ihr Daſeyn. Die freundlichen Sterne, die ſo oft zu mir in mein ſtilles Kaͤmmerlein blickten, ſiehe, die Sterne ſind ſie der heiligen Dioskuren. Schon als Kind hab' ich den Bruͤ⸗ dern himmliſche Liebe geſchworen, dir, Caſtor, mehr noch als Pollux— dir, meinem Caſtor!— Deinen Altar, den die Vaͤter neben der himmli⸗ ſchen Veſta dir weihten, kraͤnzten friſchere Blu⸗ 29 men; der ſuͤßeſte Wein floß, und balſamiſche. Milch, und Honig, meinem Gewaͤhlten; auch Weihrauch ſtreut' ich dir taͤglich mit zarten jungfraͤulichen Haͤnden. Denn Genien des Hauſes ſind die hohen Tyndariden, ſind dem Vater verwandt, der auch von den Goͤttern ent⸗ ſproſſen iſt— Einſt, als Zevs—— Halt ein! ſchrie Enyo, und hemmte die Worte des begeiſterten Maͤdchens. Weißt du auch, was du raſeſt? Denn ſoll ich Geſang oder Rede dies nennen? Und ziemt es der keuſchen Jungfrau, vor Jungfrauen von verbre⸗ cheriſcher Liebe zu reden? Verbrecheriſche Liebe? ſtammelte Leucippe. Ja! denn kannſt du ihn verleugnen, den Zeugen ſchaͤndlicher Bande, den du heute, wie Muͤtter pflegen, nicht Jungfrauen, in jener entlegenen Hoͤle an deinen Buſen druͤckteſt? Und iſt nicht Hippaſus mein? mein und Caſtors? Habe ich ihm nicht in dieſen Hoͤlen das Leben gegeben? Verbrecherin! du faͤlleſt dein Urtheil! Und iſt nicht Caſtor mein Gemahl? Dein Gemahl, Verworfene? Ja! Als Minyas die Schweſtern den Pſoleern vermaͤhlte, ſiel mir das Loos auf den Juͤngling, den ich aus himmliſchen Traͤumen wohl kannte. Caſtor, mein Caſtor! wenn vor⸗ zeiten das Licht des Zwillingegeſtirns in mein Kaͤmmerlein leuchtete, wenn ſich die Augen der liebenden Jungfrau mit Schlummer umwoͤlkten, da ſtiegſt du laͤchelnd herab, und flehteſt himm⸗ liſche Liebe; himmliſch weiht' ich ſie dir, die irdiſche ziemt nur Vermaͤhlten, und vermaͤhlt biſt du mir, denn dreimal fragt' ich den Vater, ob er ernſtlich gemeint ſei, mich dir, dem Ver⸗ ſchwundenen, zu geben. Freudig bejaht' er's, und als er nach meinem Willen forſchte— Ja! ſprach ich, ja! denn uͤber mir walten die Goͤtter! Dann kam Caſtor nicht mehr blos im Traume zu ſeiner Erwaͤhlten; dann waren's nicht blos liebliche Flammen, die mich Einſame umſpielten. Nein, die Stralengeſtalt, das Bild meiner lieblichſten Traͤume— nie vermiß ich ſie, bin ich allein; ſelbſt dieſe Naͤchte erhellt ſie. Sahſt du ihn, ſahſt du ihn nicht, freundliche Enyo, als du mich vorhin belauſchteſt? Hier im Arme —— 31 hielt ich das Kind, und da zur Rechten ſtand der himmliſche Gatte! Doch er will verborgen ſeyn!— Der Finger auf ſeinem Munde!— Der Umſtand, daß er immer mir, nur mir ſichtbar iſt!— Hab' ich zu kuͤhn geſprochen?— — 9 Pſyche! Pſyche! dein Beiſpiel! Ja, du haſt zu kuͤhn geſprochen, ſchrie Enyo, und ewig, ewig ſollſt du nun ſchweigen! Kuͤhner haſt du noch gehandelt, un.d dafuͤr er⸗ warte deine Strafe. Siehe, dein Frevel hat nach und nach die Schweſtern alle entfernt— die deinen ſowohl, als die meinen. Froͤmmer ſind Alcippe und Alcathoe als du; ſie haſſen ſchimpf⸗ liche Bande, und ich, der himmliſchen Jung⸗ frauen eine— ziemt es, ziemt es auch mir, ſo lange auf dich zu hoͤren? Geh zum Orkus! ich eile in die Arme der frommen jungfraͤulichen Schweſtern. Es war wahr, was Enyo ſagte. Das Zart⸗ gefuͤhl der ſchweſterlichen Graͤen hatte ſie gleich im Anfange von Leucippens Erzaͤhlung zur Flucht bewogen. Die Minyaden waren laͤnger geblie⸗ ben; aber nicht ſo bald waren ſie des heimlichen Gluͤcks, des beſſern Looſes der holden Leucippe 32 gewiß, als auch ſie voll Verzweiflung die Flucht nahmen. Sie, dieſes zarte, unausgebildete Weſen, dieſes Kind, die Vermaͤhlte eines Gottes? rief Alcathoe, als die Thraͤnen der Wuth ihr die Sprache verſtatteten. Sie, ſchrie Alcippe, ſie, um die nie ein Sterblicher warb, ſoll dem betrogenen Minyas Enkel geben? Mutter iſt ſie bereits! Und wir, um derentwillen Koͤnige verzwei⸗ felten, wir ſind die Frauen der Pſoleer? Die Schweſtern redeten noch, als ſich ſchnell die Höle erhellte, und eine hochgebildete Jung⸗ frau hereintrat, die Stirn mit Epheuranken umwunden, in der Hand den bunt bebaͤnderten Thyrſus. Toͤchter des Minyas, eine Fremde bin ich, und Geſandtin des Gottes, deſſen Triumphzug dieſe Gegenden erleuchtet, und den ihr, Frevle⸗ rinnen, verſchmaͤhet. Habt ihr nicht mit niedri⸗ ger Handarbeit ſeine Feſte entweiht, die jetzt in dieſen duͤſtern Regionen gefeiert werden? Habt ihr euch nicht mit den Feindinnen der Menſch⸗ heit verbunden, und die beſſere Haͤlfte derſelben 33 geſchmaͤht, um ihnen zu ſchmeicheln? Bacchus ſendet mich zu euch: er fordert verſoͤhnende Opfer. Weigert ihr euch dem, was er heiſcht, ſo zittert vor ſeiner Rache! Die zitternden Minyaden waren noch nicht im Stande, eine Antwort uͤber die Lippen zu bringen, als neue und neue Wunder ihr Ent⸗ ſetzen vermehrten. Rundum wandelte ſich das duͤſtre Gewoͤlb in eine himmelhohe Weinlaube. So umwoͤlbte weiland das Schiff, das den zar⸗ ten Lyaͤus entfuͤhrte, der Segen der Trauben, und die Raͤuber beugten ſich vor ſeiner Gott⸗ heit.—— Entzuͤcken erfuͤllte die zu Boden geſunkenen Schweſtern. Welch ein Anblick, hier in dieſem ewig unfruchtbaren, von ewiger Nacht belaſte⸗ ten Winkel, volle Traubengelaͤnder mit lieblich gruͤnendem Laube! Doch nicht lange, und dieſe Freude wechſelte von neuem mit Furcht und Entſetzen. Feſten zermalmenden Schrittes tappte das Geſpann des Traubengottes herein, der Low' und der Panther. Der blutgierige Rachen der Ungeheuer ſuchte ſeinen Raub; die faſt Vernich⸗ teten ſahen noch nicht, wer uͤber ihnen thronte, J. f. F. II. J. 2. H. 3 —— und die Wuth der ſchaͤumenden Unthiere in Zaum hielt. Fuͤrchtet, fuͤrchtet euch nicht, ſprach der laͤchelnde Lyaͤus, der jetzt aus einer ambroſiſchen Wolke hervortrat. Sehet, jetzt kennt ihr mich, und dieſe Wunder ſagen euch, daß man wider meine Macht nichts vermag. Doch ſie gebrauche ich nicht, ich fordre freywillige Opfer. Hier in dieſen Hoͤlen athmet ein himmliſches Weſen, das mein ſeyn muß— mein, durch eure Huͤlfe. Verkennen koͤnnt ihr's nicht: es iſt das Urbild der Unſchuld und Schoͤnheit, iſt hier das einzige ſeiner goͤttlichen Art. Seht, jetzt will ich euch pruͤfen. Schon entſunken ſeid ihr der beſſern Macht, die Menſchenherzen beherrſchet. Lebt noch ein Funken in euch, der euch wieder zu den Reichen des Lichts hinauf leuchtet, ſo iſt keine Gefahr, ihr werdet mein Raͤthſel errathen. Was ich begehre, iſt nicht mein, auch fordre ich's nicht fuͤr mich: aber retten will ich's aus den Reichen der Nacht, und ihr ſollt mir, der keiner Huͤlfe bedarf, ihr ſollt mir helfen. Doch merkt wohl: Gehorſam fordre ich ohne Saͤumen! 33 —— 35 Als die Schweſtern zu ſich ſelbſt kamen, da war das Geſicht verſchwunden. Rundum herrſchte wieder oͤde Nacht in dem feuchten Gewoͤlbe, und nur der Schimmer des verglimmenden Feuers, das, um der Kaͤlte zu trotzen, hier ſparſam genaͤhrt ward, lehrte die Wiederauflebenden, die das Schrecken weit aus einander geworfen hatte, ſich wieder zuſammen finden. Schweſter, was ſollen wir thun? fragte die Eine. Ja! was ſollen wir thun? entgegnete die andre. Ich verſteh' ihn auf ein Haar, und keinen Zweifel leiden ſeine Worte! Und wie verſtehſt du ſie? Wie?— Sein Opfer?— Kein andres als die, die uns uͤberall im Lichte ſteht!— O dies Urbild der Unſchuld und Schoͤnheit! dieſe Ein⸗ zige!— die zweite Ariadne!— Wir ſehen ſie noch unter den Sternen! Unſchuld und Schoͤnheit? Leucippe?— Das wuͤßt' ich doch nicht! Ganz anders verſteh' ich das Raͤthſel! Und wie? 36 O ihr Kind! ich hab' es geſehen! Schoͤner war nicht der neugeborne Eros!— O den Kna⸗ ben goͤnn' ich ihr nicht! Auch darf er ihr nicht bleiben: denn ihn, ihn fordern die Goͤtter zum Opfer! Recht! du haſt Recht! Unſchuld und Schoͤn⸗ heit— was gleicht der Unſchuld des Kindes! Die Boshaften ſind leicht vereinigt, wenn es auf eine Unthat ankommt; mit halben Worten verſtehen ſie ſich, und die Maͤchte der Hoͤlle ſind geſchaͤftig, dem Anſchlag die Ausfuͤhrung zu geben. So wie dieſe der Sache einig waren, fuͤhlten ſie ein ehernes Herz im Buſen, fuͤhlten ſich, oder waren es auch wirklich, in die Ungeheuer verwandelt, die den Wagen des Traubengottes ziehen. Feſten, zermalmenden Schritts tappten ſie durch die labyrinthiſch verſchlungenen Hoͤlen, und ſuchten ihr Opfer. Ihr Opfer, das Opfer eigener Rache! Fern, o fern war es von dir, du milder Lyaͤus, Hippaſus Blut zu fordern! Nein, die Gattin des Freundes, des himmliſchen Caſtor, wollteſt du befreien, und dieſe Verwor⸗ fenen pruͤfen. 32 1 Wie die Pruͤfung gelang, das erraͤth man. O ſchenkt der Muſe die Bilder! Nur an himm⸗ liſches Licht gewoͤhnt, haßt ſie Blut und Leichen— geruͤche. Die That war geſchehen! Leucippe— kann man ſagen, daß ſie noch lebte? Siehe! die Nacht der duͤſtern Hoͤle, des Grabes der Unſchuld, flieht! Der Trauben⸗ bekraͤnzte Sohn des Donnergottes tritt herein! herein als Richter! Scheu entfliehen die Moͤr⸗ derinnen von dem himmliſchen Lichte, in Fleder⸗ maͤuſe verwandelt! Schoͤne Leucippe, ſpricht Bachus, der auch ihr die Probe nicht ſchenkt, willſt du mein ſeyn? Willſt du das Leben des Sohns erkaufen mit deiner Liebe? Ich bin Caſtors! aͤchzt die verzweifelnde Mutter; doch ſchlaͤgt dir noch Goͤttergefuͤhl im menſchlich gebildeten Buſen, Bacchus, ſo laß mich vergehen! Siehe, auch ich ſei ein Vogel der Nacht, ſo gut wie die Schweſtern! Laß mich mit Philomelen am Grabe des Lieblings trauern; ach, verwandt iſt mein Schickſal dem 38 R ihren! Verlaſſen bin ich, wie ſie war, verlaſſen von Goͤttern und Menſchen! Seelen, die gelitten haben was Leucippe litt, haben in irdiſchen Regionen nichts mehr zu thun. Bacchus fuͤhrte ſie in die Arme des himm⸗ liſchen Gatten; naͤchtlich ſehet ihr ſie zwiſchen den Sternen der Dioskuren leuchten, oder, wie einige wollen, nebſt Hippaſus, die beiden klei⸗ neren Sterne der himmliſchen Lyra entflammen. (Von der Verfaſſerin der Laren, im erſten Jahrgange dieſes Journals.) — 39 Die Sonne ſchloß den Stralenlauf In goldner Abendpracht, Da hob am Horizont herauf Sich Luna durch die Nacht. Erroͤthend blickt ihr Angeſicht Zum fernen Weſten hin, Es ſcheut das prachterfuͤllte Licht Der Jungfrau ſtiller Sinn. Und hoͤher ſteigt ſie nun empor, Da Nacht die Welt umhüllt Und nur der Sterne ſtiller Chor Des Himmels Plan erfullt. Und alles huldigt nah und fern Der lieblichen Gewalt, Und liebend ſchaut ein jeder Stern Die ſanfte Lichtgeſtalt; Die, gleich des goldnen Traumes Bild, Den Schlaf der Welt durchſtralt Und grauſend bald, bald himmliſch mild Der Wolken Bilder malt. Und eh' noch Hyperions Licht Oeſtlich dem Meer' entſteigt, Hat ſich ihr keuſches Angeſicht In Weſten ſchon geneigt. Doch Eos' goldner Morgenglanz Weckt Luna's ſtillen Neid: Ihr gnuͤgt nicht mehr der Schöoͤnheit Kranz, Den ihr die Nacht geweiht; Sie zoͤgert, bis aus goldner Flut Auror' in Purpur ſteigt, Und ſieht entzuckt, daß nicht der Glut Ihr ſinkend Licht erbleicht. Und laͤnger weilt ſie, bis das Heer Der Sterne ſcheu entflieht, Wenn es dem froh bewegten Meer Den Gott entſchweben ſieht. Bald, in vermeßnem ſtolzen Wahn, Duͤnkt ſie dem Gott ſich gleich, Will mit ihm wandeln ſeine Bahn, Theilen des Tages Reich. Da tritt mit klarem Himmelslicht Der Morgenſtern zu ihr⸗: „Wo iſt dein glaͤnzend Angeſicht, „Der Naͤchte ſchoͤnſte Zier? „Schau dich im ſpiegelnden Kryſtall „Des hohen Aethers an: „Du wandelſt hin, ein dunkler Ball, „Auf fremder Stralenbahn. „Verſchwunden iſt der Silberſchein⸗ „Der ſonſt dein Haupt geziert, „Als du der Sterne goldnen Neihn, „Die ſchoͤnſte ſelbſt, gefuͤhrt.“ 41 2 = = = — = — — — ₰ = 8 — — G◻ ½ — — —₰½ Beſchaͤmt zur Nacht zuruͤck. Dort nur bey ſtillen Sternen winkt Der Lieblichen das Gluͤck. Carlo. Elwina an ihre Mutter. Du haſt mich ſehr erſchreckt durch Deinen Brief, liebſte Mutter, und hernach hab' ich auch wol ein Stuͤndchen dabei geweint. Wie kannſt Du Dir nur ſolche Sorge machen? Und Unrecht haſt Du mir auch gethan,— ja gewiß, gute Mutter, Du haſt mir Unrecht gethan! Es iſt mir niemals in den Sinn gekommen, Dir'was zu verheimlichen; ich hatte nur den Kopf ſo voll, daß ich nicht zum Schreiben kommen konnte. Und mich unbeſonnen hin zu verlieben— da ſei der liebe Gott vor! wie haſt Du das Deiner Etwina zutrauen koͤnnen? Ich weiß alles, wie's zugegangen iſt— Schritt vor Schritt; und habe mich oft, wenn ich allein war, beſonders des Abends, recht ausdruͤcklich darum hingeſetzt, mir alles zu wiederholen und ſo es immer vor Augen 44 zu behalten. Und alſo bin ich nicht unbeſonnen geweſen, wie Du ſchreibſt. Hoͤre nun meine redliche Beichte!— Der Bruder hatte ſchon oft und in jedem Briefe an den Onkel ein langes und breites uͤber ſeinen Freund geſchrieben— wie er ſo gut und ſo geſchickt waͤre, und ihm ſo viel wichtige Dienſte geleiſtet haͤtte, und was dergleichen mehr war. Nun laͤßt mich doch der Onkel alle Briefe des Bruders leſen. Da mar mir's denn nun wol lieb, daß Karl einen ſo guten Freund ge⸗ funden haͤtte: aber weiter hab' ich nichts daraus gemacht— gewiß nicht! Und auch, wie er neulich ſchrieb, er werde ihn mitbringen zum Beſuch, ſo war mir's faſt ganz gleichguͤltig. Ich weiß gewiß, daß ich Karl's Stube viel lieber zurecht machte, und auch huͤbſcher, als die, wo Robert wohnen ſollte. So heißt nemlich der Freund. 3 Wie ſie nun ankamen, ſo war's ganz das vorige, und ich habe wol drei Tage lang immer nach dem Bruder allein geſehen. Nun waren aber die Beiden unzertrennlich beiſammen, und ſtrichen ſogar oft, einer den Arm um die Schul⸗ —ᷣ 45 ter des Andern gelegt, im Garten und Felde umher. Da ſieheſt Du ſelbſt, liebe Mutter, daß es gar nicht anders moͤglich war, als daß ich auch Roberten ſehen mußte, wenn ich Karln ſahe. Da freuete ich mich denn, daß er, der Robert, ſo froͤhlich war und doch auch ſo geſetzt, und von ſo ſchoͤnen Dingen ſprach und ganz begeiſtert davon wurde, ſo daß ihn oft Karl mit einer Umarmung unterbrach; aber ich kann Dich verſichern, daß mir das Alles, wenigſtens im Anfange, faſt nur darum ſo lieb war, weil ich dachte: nun hat doch der unruhige Bruder end⸗ lich etwas gefunden, woran er recht herzlich haͤngt, und das ſo gut iſt! ach, ſo herzlich gut! und nun wird er gewiß nicht wieder in ſeine finſtre, melancholiſche Laune verfallen. Nach gerade gingen wir nun wol auch zu⸗ ſammen ſpazieren, oder er ſetzte ſich zu mir in die Laube: aber Karl war doch immer dabei, und wenn wir ja ein Weilchen allein waren, ſo ſprach er nichts und ich auch nichts, oder hoͤch⸗ ſtens redeten wir von Dingen, die ich mit Dir, liebe Mutter, eben ſo haͤtte beſprechen koͤnnen, ja mit der ganzen Welt. Hernach las er mir 46 auch zuweilen'was vor. Nun das muß ich ſagen— das war vortrefflich! Es waren herr⸗ liche Buͤcher, die er mitgebracht hatte; und wie las er! mit einem Leben, und Ausdruck— nein, das kann ich Dir nicht anders deutlich machen, als wenn ich ſage, es war gar nicht als ob er's aus dem Buche laͤſe, ſondern als wenn's eben jetzt aus ſeiner Seele quöͤlle, und wenn's Geſchichte war, als ob er allemal der nemliche waͤre, von dem er las. Nun, ſo gingen zwei Wochen hin, und im Grunde die dritte auch— nur daß mir in dieſer zuerſt zweierlei einſiel. Das erſte war: Robert ſei doch auch ein ſehr ſchoͤner Mann— noch weit ſchoͤner als Bruder Karl, den ich doch immer von guten Freundinnen gar recht habe preiſen hören. Das zweite— ei, gute Mutter, hier ſiehſt Du recht, daß ich Dir nicht das Geringſte verbergen will, ſo ſchwer mir's auch wird, es hinzuſchreiben! ſagen koͤnnte ich Dir's leichter, etwa des Abends in der Daͤmmerung, vor Licht⸗ anbrennen!— Nun alſo: wie wir einmal alle vier ins Feld gingen und auf dem Rain nur zwei neben einander gehen konnten, und die beiden —— 47 Freunde, gerade ſo umſaßt, wie ich Dir oben beſchrieben habe, voraus wanderten: da blieb der Onkel mit einem Male ſtehen, ſchlug die Arme in einander, ſahe ihnen ganz unbeſchreib⸗ lich heiter nach, und ſagte die Worte Salomo's vor ſich hin: Ein treuer Freund iſt koͤſtlicher, denn kein Gold! wer Gott fuͤrchtet, dem giebr er einen ſolchen Freund. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie mich das im Innerſten der Seele ruͤhrte. Ich hatte die Augen voll Thraͤ⸗ nen; da nahm der Onkel meine Hand, druͤckte ſie recht herzlich, und wir gingen weiter, ohne daß eins ein Wort ſagte. Aber mir fiel ein: Wer an ſeinem Freunde ſo haͤngt und ihm ſo treu iſt, wie wird der erſt gegen ſeine Gattin ſeyn? Ich unterdruͤckte nun freilich dieſen Ge⸗ danken, wie ſich's ſchickte; und wenn er auch noch ſo oft wieder kam, ſo that ich doch mein moͤglichſtes, um ihn abzuweiſen—— Den Tag darauf— es war ein Sonntag— hatte ich nicht gut geſchlafen; und wenn ich nicht gut geſchlafen habe, ſo iſt mir's immer von fruͤh an ſo weich um's Herz und ſo wunderlich— Ich weiß nicht, ob Dir's auch ſo geht, liebe 48 Mutter! Wir gingen alle in die Kirche, und unſer guter Pfarrer hielt uͤber das Evangelium von der Frau, die den Groſchen verloren hatte und wiederfand, eine ſchoͤne Predigt, wie Gott ganz gewiß jedem Menſchen, und oft auf die wunderbarſte Weiſe, das zufuͤhre, was gerade ſein Gluͤck machen koͤnne; wie aber gar oft der Menſch, aus Unachtſamkeit oder Stolz und der⸗ gleichen, es aus den Haͤnden laſſe, und nur dann erſt aͤngſtlich darnach ſuche, wenn's verloren iſt— und wie er das nun weiter recht ſchoͤn ausfuͤhrte. Dieſe Predigt hatte mich noch viel weicher gemacht, ohne daß ich recht wußte, warum? und es war gut, daß der Onkel Paſtors auf den Mittag und Nachmittag heruͤber gebeten hatte, denn ſo blieb mir nach der Kirche mehr als gewoͤhnlich zuzu⸗ ſchicken, und daruͤber vergingen mir meine trau⸗ rigen Gedanken. Doch blieb mir etwas in der Seele zuruͤck, das ich Dir nicht beſchreiben kann. Es machte mir Schmerz, und gleichwol konnt' ich froͤhlich dabei ſeyn. Des Nachmittags wollten alle einen weiten Spaziergang in den Wald machen; nur ich mußte zu Hauſe bleiben, weil Paſtors nun auch 49 den Abend daſeyn ſollten, und ich nicht darauf eingerichtet war. Ich beſtellte alſo meine Kuͤche und hatte hernach noch Zeit mich mit meinen Schuͤlerinnen abzugeben. Du weißt nemlich, liebes Mutterchen, daß ich eine ganze Partie kleiner Bauermaͤdchen das Stricken lehre. Ich ſetzte mich alſo auf den großen gruͤnen Raſen⸗ platz im Garten, unter den Apfelbaum, und die Maͤdchen mit ihren Strickſtruͤmpfen ſaßen alle rund um mich herum. Ich wußte nicht anders, als, es iſt alles ſpazieren: auf ein⸗ mal ſtehet Robert vor mir. Er hatte die Arme vorn herunter ſinken laſſen, die Haͤnde oberwaͤrts gefaltet und ſagte kein Wort. Ich war verwirret; damit es nur nicht gar zu ſelt⸗ ſam ließe, wollt' ich ein paar Worte zu ihm reden; dazu ſahe ich denn an ihn hinauf und bemerkte, daß er ſo recht innig froh und auf ganz eigene Art zu mir herunter blickte. Das machte mich noch verwirrter; ich brachte die Worte nicht heraus und lief davon— geſchwind ins Haus, als habe ich da was vergeſſen. Ich ging in der Stube auf und nieder, und war eine Weile ganz entſetzlich unruhig, wußte J. f. F. II. J. 2. H. 4 auch gar nicht, was ich angeben ſollte. Endlich faßte ich mich, ſchalt mich aus, daß ich etwas unſchickliches gethan haͤtte, und beſchloß, wieder hinaus zu gehen, wenn ich nur erſt wieder in Ord⸗ nung waͤre. Dahin brachte ich's denn auch nach einer Weile, und als ich im Vorbeigehen in den Spiegel guckte, bemerkte ich, daß ich nicht gar viel roͤther ausſaͤhe, als gewoͤhnlich. Ich will alſo, munter, als ſei gar nichts vorgefallen— (Du verſtehſt mich ſchon!) ſo will ich wieder zu meinen Strickermaͤdchen: da ſtehet Robert unter der Hausthuͤre, ſo verlegen, wie ich's jetzt vielleicht auch ſeyn mochte. Ich habe Sie geſtoͤrt! ſagte er, und dies, denn doch gewiß unſchuldige Wort, iſt alles, was ich von ihm gehoͤrt habe. Er nahm meinen Arm und fuͤhrte mich wieder zu meinem Sitze. Unterweges druͤckte er mir ganz leiſe die Hand— erſt nur an die ſeinige, hernach auch an ſein Herz: aber ich habe ſie ihm nicht wieder gedruͤckt, liebe Mutter! ganz gewiß nicht! So kamen wir wieder an den Apfelbaum. Ich ſahe nach, was meine Maͤdchen unterdeſſen gemacht hatten, und ſetzte mich wieder an meinen — 31 Ort. Er ließ ſich auch ins Gruͤne nieder, aber ganz ans Ende der Reihe, zu dem allerletzten Maͤdehen. Und nun ſing er an mit den Kindern zu ſchwatzen,(mit mir nicht!) und wußte es ſo kuͤnſtlich zu machen, daß die Maͤdchen alle recht munter wurden und geſcheidter ſprachen, als ich ſie in meinem Leben gehoͤrt habe, auch eine Menge Dinge wußten, die ich gar nicht bei ihnen geſucht haͤtte. Ich will's nicht leug⸗ nen, daß mich das alles freuete. Daruͤber kamen nun die Spaziergaͤnger nach Hauſe, und dieſen Abend ſiel weiter nichts vor. Doch ja, noch eine Kleinigkeit! Wie Paſtors fort waren, ging ich, wie gewoͤhnlich, auf meine Stube; es war mir aber noch nicht, wie ſchla⸗ fen. Nach einem halben Stuͤndchen ohngefaͤhr, hoͤrte ich Roberten und den Bruder die Treppe herauf kommen, und beide in Karls Zimmer gehen. Ich trat noch ein Weilchen an's Fen⸗ ſter— hinter den Vorhang nemlich. Nun wohnt Karl in der gruͤnen Stube, und Du weißt, dieſe iſt meiner gerad' uͤber. Da ſahe ich denn am Schatten, daß die Herrn ſchnell auf⸗ und abgingen, und recht viel Bewegungen 52 machten; und ſo ging es gewiß eine Stunde lang. Ich kann nicht ſagen, daß ich mir'was dabei dachte— ich dachte wol uͤberhaupt nichts; aber ich fand mich recht gut unterhalten und es kam mir gar kein Schlaf an. Endlich machte eins — es war gewiß der Bruder— das Fenſter auf, und Karl rief recht laut heraus: Gute Nacht, Schweſterchen! und jemand anders ſagte leiſer: Gute Nacht. Ich erſchrak, denn jetzt fiel mir's erſt ein, daß ſie ja auch meinen Schatten am Vorhange geſehen haben konnten, weil das Licht unten ſtand; und ſo war mir's unmoͤglich, das Fenſter aufzumachen und anders zu danken, als ſo leiſe vor mich hin, daß es auch niemand ge⸗ hoͤrt haͤtte, wenn alle Fenſter offen geweſen waͤren. Jetzt koͤmmt aber die Hauptſache, und die iſt freilich ſchlimm, liebe Mutter! Wie werde ich die vorbringen koͤnnen? Ich habe eine lange Weile damit zugebracht, meine Angſt zu unterdruͤcken und mich zu ſam⸗ meln; jetzt ſoll Alles heraus, ſo ſchwer mir's auch werden mag. à — 58 Du erinnerſt Dich wol der ſchoͤnen, dicht verwachſenen Roſenlaube, ganz hinten im Obſt⸗ garten des Onkels? Nun, da ſaß ich ganz allein und gab meinen Gedanken recht unbeſorgt Au⸗ dienz. Auf einmal ſteht er wieder da, im Ein⸗ gange— Robert nemlich. Ich erſchrak, daß mir's durchs ganze Leben ging, und es war mir eine Wohlthat, daß er im Eingange ſtehen blieb. Von meiner Arbeit hab' ich kein Auge verwen⸗ det. Er ſuchte lange nach einer Roſe: es war aber noch keine aufgebluͤht. Er ſagte, das ſei Schade, und ich ſagte: Ja. Mirr ſchlug das Herz gewaltig, denn ich merkte wol, daß es bei dieſen Worten nicht bleiben wuͤrde; und doch waͤr' es auch gar zu unſchicklich gewefen, wenn ich davon gelaufen waͤre; ja, ich haͤtte ſogar auf ihn zugemußt, weil er im Eingange ſtand. Endlich ſieht er, etwa in der Mitte der Laube, aber ganz hoch oben, ein aufgebrochnes Knoͤsp⸗ chen. Er ſagt's, und muͤhet ſich nun geſtreckt —(er iſt ſehr lang und ſchlank, liebe Mutter!) ſo bemuͤhet er ſich, den Zweig zu erreichen. Jetzt erwiſcht er ihn und beugt ihn herunter. Da, pfluͤcken Sie ſelbſt! ſagt er. Das konnt' 54— ich doch nun wol nicht abſchlagen! Ich ſtand alſo auf, und freilich mußt' ich etwas nahe zu ihm treten. O, erſt die Dornen weg! fing er an, und indem er dieſe recht ſchnell wegmachen wollte, ritzte er ſich tuͤchtig. Ich bot ihm ein Bischen engliſch Pflaſter an, und wie ich das kleine Streiſchen abſchnipple, ſiehet er mich an, auf eine Art— liebe Mutter, auf eine Art, daß alles mit mir umging und ich kaum athmen konnte. Das willſt du wol verhuͤten, dacht' ich. (Siehſt Du, Mutterchen, ich bin gar nicht un⸗ beſonnen!) Als er mir die Hand reichte und ich das Pflaͤſterchen auflegte, trat ich ſo, daß er mich faſt gar nicht im Geſicht ſehen konnte. Da gings denn gut; und meiner Meinung nach ſollte es gerade wieder ſo ſeyn, wenn ich nun die Roſe abbraͤche, die er mir wieder vorhielt. Ich greife alſo darnach hinauf, und will durch⸗ aus nichts ſehen, als die Roſe; aber dieſe haͤngt gerade ſo hoch, daß, indem ich nach ihr ſehe, mein Blick— es war wahrhaftig gar nicht an⸗ ders moͤglich, gute Mutter— daß mein Blick dem ſeinigen begegnen mußte. Da war's vorbei! Mir war's, als ob mir etwas ploͤtzlich * 55 das Herz zuſammendruͤckte; mir ſchwindelte: da faßte er mich heftig in ſeine Arme, kuͤßte mich zwei⸗, dreimal— ach wol noch oͤfter! und ich war mir meiner faſt gar nicht mehr be⸗ wußt, bis ein Thraͤnenſtrom aus meinen Augen ſtuͤrzte, und meinem armen, gepreßten Herzen ein wenig Luft machte. Das ſchien ihn ſehr zu erſchuͤttern. Er ließ mich ſanft auf den Sitz nieder, denn ich konnte mich wirklich kaum noch auf den Fuͤßen halten; er nahm nun meine Hand, ſuchte mich zu beruhigen, und redete mir ſo ſchmeichelnd, und ſo troͤſtend, und ſo ſee⸗ lengut zu, daß es ihm am Ende ja wol halb und halb gelingen mußte. Was er mir aber alles geſagt hat, das weiß ich nicht mehr, denn es war mir immer noch, als phantaſiere ich im Schlafe; nur das iſt mir ſehr gut erinnerlich geblieben, daß er mir hoch und theuer zuſchwur, er liebe mich und werde nie eine Andere als mich lieben. b Wie ich endlich wieder mehr zur Beſinnung kam, kam der Onkel mit dem Bruder Karl die Allee herauf. Sie riefen uns zu einem Spazier⸗ gang ab; mir war's aber nicht moͤglich mitzuge⸗ 56 hen, und ich bat, daß man mich allein zu Hau⸗ ſe laſſen moͤchte. Ich weiß nicht, wie mich da— erſt der Bruder, hernach auch der Onkel anſa⸗ hen: aber es verdroß mich, und Robert that mir einen großen Gefallen, daß er die beiden Maͤnner beim Arme faßte und fortfuͤhrte. Als ich allein war, kam ich mir wie aus einem tiefen Traume erwacht vor, und hernach war mein erſter Gedanke, Dir, meiner lieben Mutter, alles zu ſchreiben. Ich ſetzte mich auch: aber es flog alles noch ſo die Kreuz' und die Quer' in meinem Kopfe herum, daß ich nichts aufs Papier bringen konnte. Und den andern Morgen— denke Dir um alles in der Welt! den andern Morgen iſt Robert vor Tages An⸗ bruch auf und davon geritten! Das hat mich nun dieſe Tage her in eine ſo ſchreckliche Verwir⸗ rung geſetzt, daß mir auch da das Schreiben un⸗ moͤglich wurde. Wahrſcheinlich muß Dir nun denſelben Morgen, wo es dem Herrn Robert ge⸗ fiel, ſich wie ein Dieb davon zu ſchleichen, der Herr Bruder oder auch der Herr Onkel in großer Eilfertigkeit geſchrieben haben: denn wie koͤnnte fonſt Dein letzter Brief ſchon angekommen ſeyn? 557 94 Was Dir die Herren uͤber gewiſſe Verhaͤltniſſe geſchrieben haben moͤgen, kann ich mir aus Dei⸗ nem Briefe ohngefaͤhr denken. Es mag drum ſeyn— ich vergebe es ihnen, denn freilich denkt ſich Jeder den Andern nur ſo, wie Er etwa in gleichen Verhaͤltniſſen ſeyn wuͤrde! Ich bin bei⸗ den dieſe Tage uͤber, ſo viel als moͤglich, aus dem Wege gegangen; aber daran iſt nicht ſowol ihre Zutraͤgerey, als vielmehr eine unertraͤgliche Art Schuld, wie ſie mich anſehn und behandeln. Ach liebe Mutter! indem ich ſchließen will, erfahre ich, daß die Poſt ſchon durchs Dorf ge⸗ fahren iſt. So muß denn dieſer Brief bis zum Freitage liegen bleiben. Wirſt Du noch laͤnger boͤs ſeyn auf Deine treue Elwina? Nachſchrift. Ich bin wie verrathen und verkauft. Es iſt ein Brief durch einen Expreſ⸗ ſen angekommen; aber ich erfahre nichts, und mag gewiſſen Leuten auch nicht die Freude ma⸗ chen, zu fragen. Man hoͤrt nicht auf mit jenem wunderlichen Benehmen, und beſonders peinigt man mich mit einer gewiſſen Freundlichkeit— 5 5—— 7 Ach lieber Gott! bin ich denn nicht ohnehin un⸗ gluͤcklich genug?— — Nachſchrift. So ſind mir drei Tage verfloſſen. Wie viel hab' ich geweint! Ach, liebſte, beſte Mutter! vielleicht haſt Du doch nicht ſo ganz unrecht mit Deinen Vorwuͤrfen! Hier halte ich's nicht laͤnger aus. Ich komme zu Dir. Darf ich? wirſt Du Dein armes Kind guͤtig aufnehmen?— — Nachſchrift. Was iſt das? Ich war heute gar nicht wohl. Ich blieb den Abend auf meiner Stube und ging nicht zum Eſſen. Ich hoͤre einen großen Lerm unten in des Onkels Stube. Ich horche; da koͤmmt Chriſtine: Ein Brief an Sie!— Die Aufſchrift iſt von frem⸗ der Hand. Ich breche ihn auf, es ſteht nichts darin, als:„Willkommen! tauſendmal willkom⸗ men, mein allerliebſtes Kind! Werden Sie es auch mit mir altem, ehrlichen Kriegsknecht gut meinen?— —— — 59 Das wird immer aͤrger. Indem ich das letzte Wort hier geſchrieben habe, bringt mir Chriſtine die paar Zeilen von Dir. Sag'’, was iſt das? Du wuͤnſcheſt mir mit Thraͤnen der Freude Gluͤck? Ich ſoll den Ueberbringer auch in Deinem Namen von ganzem Her⸗ zen kuͤſſen?— Wer iſt denn dieſer Ueber⸗ bringer?— Eben poltert's die Treppe herauf. Ich zittere und bebe an allen Gliedern.— Nachſchrift. O meine theure, ewig ge⸗ liebte Mutter! Ja wol haſt Du recht geſchrie⸗ ben: Mein gluͤcklichſtes Kind! Ich bin es— ja ja, ich bin es! Ach womit hab' ich das ver⸗ dient?— Er kam an der Hand des Onkels und des Bruders. Nun, was ſagſt du zu dem Ku⸗ rier, rief der Onkel noch in der Thuͤre. Sein Brauner hat genug auf Lebenszeit.— Was ſag' ich— Wir ſanken einander in die Arme. Nein, gute Mutter! das will erzaͤhlt, nicht geſchrieben ſeyn. O Vater im Himmel, wie ſchoͤn iſt's doch auf deiner Erde!— 60 Wir haben vor Freuden dieſe Nacht keines ein Auge zugethan. Der Morgen grauet; mein Buͤndelchen iſt gepackt; ich hoͤre den alten Gottfried die Pferde anſchirren: es geht zu Dir! es geht zu Roberts gutem alten Vater! Kaum kann ich mein Gluͤck tragen!— Aber bin ich nicht eine Naͤrrin, daß ich Dir geſchrieben habe, da ich nun Alles hundertmal beſſer erzaͤhlen kann? Aber warte, ich will's auch ſo machen, wie mein Robert; erſt ſchick' ich den Brief, und hernach, wenn Du noch daran ſtudirſt, tret' ich ſelbſt herein! Ja ja, ich bin Dein gluͤcklichſtes Kind!— Friedrich Rochlitz. Der Sprung vom Felſen. Ballade. Was ſeufzet ſo ſchaurig im einſamen Thal? Was wandelt dort unter Cypreſſen? Wer ſtieg, beleuchtet vom Mondenſtral, Den ſteilen Pfad ſo vermeſſen?— Es rauſchen die Wellen, es duftet der See, Und perlender Thau entſinkt der Hoͤh. Maria beſchritte die felſige Bahn, 8 Sie folgte dem ſchmerzlichſten Triebe; Umduͤſtert von ſanft melancholiſchem Wahn, Und blaß wie die ſchmachtende Liebe; Die Wehmuth über entſchwundenes Gluͤck Umflorte den immer freundlichen Blick. 61 62 Es hatte der Liebe ſuͤße Magie Sie ſchmeichelnd mit Roſen umwunden, Und traulich zu ſchwaͤrmender Sympathie Zwey füͤhlende Herzen verbunden; Doch leicht, wie die Roſen des Lenzes verbluͤhn, Die ſchoͤnen Gefuͤhle der Liebe vergluͤhn! Dem Juͤngling ward das wandelnde Herz Zu fremder Liebe gelenket— In namenloſen unendlichen Schmerz Die Treue, die Holde verſenket; Es trieb ſie ein traͤumender Irrſinn fort, Und hin zum einſam ſchaurigen Ort. Hier wandelt am Abend keiner den Gang, Daß ihm der Fuß nicht entgleite; Es toͤnt ſo furchtbar am Felſenhang Der Wind, wie Trauergelaͤute, Und ſtuͤrzend in Abgrund zum ewigen Raub Verliert ſich des Waſſerfalls leuchtender Staub. 63 Sie ſtieg, und ſtieg vom Mondglanz umringt, Die Locken vom Winde umſaͤuſelt, Zum Ort, wo leiſe der Quell entſpringt, In lieblichen Wellen ſich kraͤuſelt; Hier ſchien ihr im trauten Immergruͤn Die Hoffnung noch einmal aufzubluͤhn. Sie ſank in Traͤumen auf weiches Moos Und ſchaute hinab in die Fluten, Andaͤchtig die Haͤnde gefaltet im Schoos, Das Auge voll himmliſcher Gluten; Und ſanft wie des Silberquells ſpielender Klang Ertoönte melodiſch ihr Schwanengeſang: „Brich, o Herz! dein Straͤuben wird gerochen! „Nunter von des Abgrunds ſteilem Rand! Die Palme winkt. Mein Engel hat's geſprochen, Es faͤllt des Lebens morſche Wand.“ „Liebe? Leben? alles iſt zerronnen; Jede Wonne aus der Bruſt geſcherzt: Der falſche Mann hat mir das Herz umſponnen— Hinab! daß ihn kein Meineid ſchmerzt.⸗ 4* 64— „Mir verſiegen jeder Hoffnung Quellen, Selig war ich— ach, und liebereich! Maria ſchlummert in dem Schoos der Wellen— Hinab! hinab ins Schattenreich!“ „„Faßt auch ihn der Todesfluͤgel Rauſchen, Schwebt ſein Schatten zur Vollendung hin, Da will ich an der dunkeln Pforte lauſchen, Da ſoll der Theure nicht entfliehn.“ „»Kuͤhn will ich mit ihm empor mich ſchwingen, Ihn umfaſſen, der mir Alles war; Vereint mit ihm zum hohen Himmel dringen, Wo Liebe thronet frei und klar.“⸗ „Dort will ich die heil'gen Rechte nennen, Die er mir, der Suͤßerwaͤhlten, gab; Und buͤßend, ihm den wilden Schmerz bekennen, Der mich verſenkte in der Wellen Grab.“ „Nichtig ſind der Erde ſchoͤnſte Gaben; Lieb' und Treue raubt die falſche Zeit! Auf ihre Truͤmmern hoffend mich begraben— Mir bleibt nur dieſe Seligkeit!⸗ b b Still, ſtill! Daß der Freund mich nicht erſpaͤhe, Daß mein Schmerz ihn nicht umwehe: Unter ſuͤßer Traͤume Koſen Ruht er weich auf zarten Roſen, Still, ſtill! ‚Merkt ihr wol der Traͤume Koſen? Athmet ihr den Duft der Roſen? Seht! dort liegt er wonnetrunken Dief in Zauberſchlaf verſunken. „Wiegt ihn, ſanfte Abendluͤfte, Spendet alle Blumenduͤfte, Daß der letzte Hauch der Liebe Seinen Schlummer nicht betruͤbe! „Welch ein ſehnlich ſuüͤßes Bangen? 65 Raſch!— ihn ſchlummernd zu umfangen— Seinen Namen auf der Lippe, Von des ſteilen Abgrunds Klippe!⸗ J. f. F. II. J. 2. H. 66 Da ſprang ſie vom jaͤhen Felſenhang Hinab in die rauſchenden Fluten, Zu enden des Herzens verzehrenden Drang, Zu kuͤhlen die flammenden Gluten; Wild ſchaͤumte die Brandung, wild braußte der See, Doch blickt ſie gelaſſen zur Sternenyoh. Sie ſtuͤrzt auf die ſilberne Flaͤche hinab, Wo ſchuͤtzende Wellen ſie heben; Lang waͤhrte der Kampf, lang droht' ihr das Grab, Kein Schauder macht muthlos ſie beben; Bis endlich von harrender Sehnſucht krank, Im ſtillen Ermatten ſie laͤchelnd verſank.— Und wenn nun der Mond beym naͤchtlichen Grau Die ſchaurige Gegend beleuchtet; Im Duft der Bluͤthen ein perlender Thau, Wie Thraͤnen, Cypreſſen befeuchtet: Da hebt ſich ihr Geiſt, da webet und wallt Er freundlich in ſchimmernder Engelsgeſtalt. Die Palme des Friedens reichet ſie hin, Und reget ihr lichtes Gefieder; Den Augen entſtralt ihr liebender Sinn, Verſtummt ſind Klagen und Lieder; Doch ahnlich der flötenden Nachtigall, Stirbt ſeufzend ihr Ton im Wiederhall. Julie von Bechtolsheim. Die Veranlaſſung zu dieſer Ballade iſt eine irlaͤndiſche Sage von einem romantiſchen Ort in den Gebirgen von Wicklow, wo ein verfuͤhrtes un⸗ gluͤckliches Maͤdchen ſich von dem hoͤchſten Felſen herabſtuͤrzte. Seitdem heißt dieſer Fels: the lo- vers' leap, und man asäht ſchauerliche Geſchich⸗ ten davon. Die Verfaſſerin per die Geſchichte, die ihrer Dichtung zum Grunde liegt, dadurch veredelt, daß das Maͤdchen nicht entehrt, ſondern blos von einem untreuen Geliebten verlaſſen iſt. Bemerkung des Einſenders. Gluͤck und Liebe. Aus dem Engliſchen der Miß Aikin. In jener goldnen Zeit der erſten Unſchulds⸗ welt, wo noch die Himmliſchen zur Erde nie⸗ derſtiegen, und traulich unter Menſchen wan— delten, begluͤckten zwei vor allen uͤbrigen die Welt— zwei Abkoͤmmlinge Jupiters, beliebt vor allen himmliſchen Maͤchten. Sie hießen: Lieb' und Gluͤck. Die Blumen ſproßten un⸗ ter ihren Fuͤßen, die Sonne ſtralte glaͤnzender und reiner, ſeit ſie erſchienen, und alles ſchien verſchoͤnert in der holden Gegenwart.— In ſchoͤner Eintracht wandelten ſie Hand in Hand, und Jupiter erfreute ſich der wachſend⸗ zarten Liebe. Allein die Menſchen fielen, die ſel'ge Unſchuld ging verloren, und Laſter und Verder⸗ ben verbreiteten mit Rieſenſchritten ſich uͤber die gefallne Welt. 69 Aſtraͤg floh mit ihrem himmliſchen Gefolge aus den befleckten Wohnungen hinweg: nur Liebe bliebzuruͤck. Die Hoffnung hatte ſie entfuͤhrt, die Pflegerin des geliebten Goͤtter⸗ kindes. Sie brachte ſie zu Schaͤfern in die Waͤlder Arkadiens. Doch Jupiter beſtimmte ihr von nun an einen andern Gatten, den Sohn der Ate— Kummer. 8 Nit Widerwillen mußte ſie gehorchen, denn ſeine Zuͤge waren rauh und ungefaͤllig, geſunken ſeine Augen, und ſeine Stirn mit ewigen Run⸗ zeln bedeckt; um ſeine Schlaͤfe wand ſich dunkel ein Kranz von Wermuth und Cypreſſen. Mit ihm vermaͤhlte ſich die ſchoͤne Liebe, und eine Jungfrau ward die Tochter dieſer beiden, die ihre ſtrengſte Aehnlichkeit in ſich vereinigte. Die duͤſtern Zuͤge ihres Vaters verſchmolzen auf ihrem Antlitz ſo innig mit den hol⸗ den Reitzen ihrer Mutter, daß ihre Miene, wenn auch traurig, doch hold und lieblich war. Die Schaͤfer und die Maͤdchen aus den nahen Fluren benannten ſie nach ihrer Weiſe: Mit⸗ leid. Ein Rothkehlchen baute in der Hoͤle, wo ſie geboren ward, und eine Taube, die ein Ha⸗ 70— bicht jagte, ſuchte Schutz in ihrem Buſen, als ſie noch Kind war. Die ganze Gegend liebte ſie mit einer Art von Schwaͤrmerei, ſo hold und mild war ihre Miene, ſo ſehr zog ihre ſanfte Niedergeſchlagenheit die Herzen an. Ihre Stimme war leiſ' und klagend, aber unaus⸗ ſprechlich ſuͤß. Gern ruhte ſie am Ufer einſa⸗ mer, melancholiſcher Gewaͤſſer, und ſang zum Klange ihrer Laute. Sie iſt es, die die Men⸗ ſchen weinen lehrte, denn ſie fand eine wunder⸗ bare Luſt in Thraͤnen. Oft wenn die Maͤdchen des Dorfs bei ihren Abendſpielen verſammelt waren, ſtahl ſie ſich mitten unter ſie, und be⸗ maͤchtigte ſich ihrer Herzen durch Erzaͤhlungen voll von einer reitzenden Traurigkeit. Ein Kranz umſchlang ihr Haupt, gewebt aus ihrer Mutter Myrten und ihres Vaters daͤmmern⸗ den Cypreſſen. Einsmals, als ſie am Rande der Muſenquelle ſaß, fiel ihre Thraͤne in die Fluth: darum weckt dieſe gern zu ſtiller Wehmuth. Die Nymphe war vom Jupiter beſtimmt, den Schritten ihres Vaters durch die Welt zu folgen, den Wunden Balſam einzugießen, die 71 er geſchlagen, die Herzen zu verbinden, die er gebrochen hat. Sie folgt ihm nun mit auf⸗ geloͤßtem Haar, mit klopfendem, entbloͤßtem Buſen, von Dornen das Gewand zerriſſen, die Fuͤße blutend von der Rauhigkeit des Pfads. Mitleid iſt ſterblich, denn ihr Vater iſt es. Sie werden beide ſterben, wenn die Nym⸗ phe ihre irdiſche Beſtimmung vollendet haben wird, und Liebe wird ſich wieder mit dem Gluͤck vereinigen, mit ihrem unſterblichen, ihr lang beſtimmten Braͤutigam. Louiſe Brachmann. Eule und Adler. Eine junge Eule fand, daß ihre Augen noch groͤßer, ihre Hoͤrnchen noch ſchmucker, als die ihrer Schweſtern waͤren, und daß es darum ſehr unklug ſei, mit ihren Wuͤnſchen nicht hoͤ⸗ her, als zu ihres Gleichen zu ſtreben. Sie warf das Auge auf einen ſchoͤnen jungen Adler; und wie auch die Mutter ihr das Gleich und Gleich zu Gemuͤthe fuͤhrete, beſtand ſie doch darauf, dem Adler vermaͤhlt zu werden. Die ſchwache Mutter machte den Antrag. Der Ad⸗ ler kalkulirte: Bei Tage, wenn du deines Le⸗ bens froh biſt, kann ſie nicht ſehen und muß zu Hauſe hocken; des Nachts, wenn ſie mun⸗ ter wird, ſchlaͤfſt du, und ſie faͤngt Maͤuſe und Voͤgel. So incommodirt ſie dich nicht, du kannſt es treiben, wie zuvor, und haſt den Vortheil, —— 73 von ihr ernaͤhrt zu werden— denn daß ſie her⸗ geben muß, was ſie hat, dafuͤr willſt du ſchon ſorgen. So gab er ſein Wort, und die Eule flog entzuͤckt in ſein Neſt. Aber bald ging es ihr, wie der Adler berechnet hatte, und ſpot⸗ tend verfolgten ſie uͤberdies alle andere Voͤgel, wenn ſie ſich ſehen ließ— kurz, es ging ihr, wie manchem eitlen, reichen Maͤdchen, das die Augen hoch warf. Die Brieftaube. Ein junges, munteres, gutmuͤthiges Taͤub⸗ chen in Perſien wurde weggefangen, von einer Sklavin gekauft und einer Prinzeſſin gebracht, die es mit Liebkoſungen empfing, mit Naͤſche⸗ reien fuͤtterte und es dann ihrem Geliebten lieh, der es eben ſo machte. Ach, ſagte das Taͤub⸗ chen, wie gute, wohlthaͤtige Menſchen giebt es nicht! Und ſie ſind doch ſo vornehm! ſetzte es hinzu und bruͤſtete ſich hoͤher. Eines Morgens trieb der Geliebte das Taͤubchen fort; es flog ſeiner Gebieterin zu, wurde wieder ſo gut em⸗ 24— pfangen, und weil man nun gewiß war, es finde den Weg, band man ihm ein Billetchen unter den Fluͤgel. Es brachte dies richtig, und meinte: Nun, dieſe vornehmen Wohlthaͤter thun dir zwar um ihrer ſelbſt willen Gutes: aber das mag ſeyn— dein Loos iſt darum doch das an⸗ genehmſte.— Der Anbeter glaubte Anlaß zur Unzufriedenheit mit ſeiner Goͤttin zu haben, ſchrieb ihr Vorwuͤrfe: die Prinzeſſin wurde bͤs und behandelte das Taͤubchen veraͤchtlich. Sie wollte ſich raͤchen, ließ das Thierchen fliegen, gab ihm aber nichts mit. Der Liebende, der das Taͤubchen kommen ſah, war voll Entzuͤcken, weil er eine wehmuͤthige Beichte zu leſen hoffte, und da er nichts bekam, ſtieß er das Taͤubchen von ſich und jagte es hinaus. Mein Loos, ſagte es, hat zwar ſein Angenehmes, aber wahrhaf⸗ tig auch ſeine Laſten. Indeß, was will ich thun? Ich bin einmal an Zuckerbrot gewoͤhnt!— So flog es an das Fenſter der Prinzeſſin und gur⸗ rete bittend. Der Zorn der Dame war voruͤber gegangen; ſie ſchrieb; der Liebende ergriff die Gelegenheit zur Ausſoͤhnung: man taͤndelte mit der kleinen Vertrauten und ſchmeichelte ihr wie⸗ — 75 der, wie zuvor. Aber der Haremswaͤchter hatte Unrath gemerkt, und da die Brieftraͤgerin eben wieder uͤber den Schloßhof flog, ſchoß er ſie; ſie ſank blutend herab, man band ihr das Zet⸗ telchen ab. Es war zwar ohne Unterzeichnung, doch fand man Beweiſe genug von einem gehei⸗ men Verſtaͤndnis, und da allerlei fruͤhere Muth⸗ maßungen wenigſtens wahrſcheinlich machten, daß dies Verſtaͤndnis zwiſchen der Prinzeſſin und jenem jungen Herrn obwalte, ließ der Sul⸗ tan dieſen feſtnehmen und mit der Prinzeſſin vor ſich kommen. Das Taͤubchen lebte noch und hoffte nun das Beſte. Ich weiß weder von dem Blatte, noch von der Taube, ſagten beide und beſchworen es. So muͤſſen wir weitere Nach⸗ forſchungen halten, ſagte der Oberhaͤmling; da⸗ mit uns aber dieſes Thier, da nun einmal das Brieftragen gewohnt iſt, nicht neue Streiche mache, iſt es das Beſte—— Hier drehete er dem Taͤubchen den Hals um. Der Pelikan. Ein Pelikan flog heim und naͤhrte ſeine Jun⸗ gen auf die gewoͤhnliche Weiſe. O, rief eine junge Mutter, die in der Fer⸗ ne zuſahe— o du ruͤhrendes Bild zaͤrtlichſter Aelternliebe! Nein, gehe nicht allzuweit! er⸗ ſchoͤpfe dich nicht ſelbſt, indem du deine Kinder mit deinem Herzblute naͤhrſt! Sei unbeſorgt! antwortete ein trockener Naturgeſchichtſchreiber, das laſſen ſie wol blei⸗ ben! Sie geben nur her, was ſie eben uͤbrig haben und ſelbſt nicht mehr brauchen koͤnnen!— Theodor. 2 1 Bfr iefe zweier deutſchen Frauen aus und uͤber Paris. — Fortſetzung. — Paris, den 21. Oktober 1805. —— Sie lachen uͤber die Schwierigkeiten, die ich mir ſelbſt mache, um durch ein Bild der Sitten und des geſellſchaftlichen Lebens un⸗ ter Ludwig XVI. auf die Schilderung derſelben Gegenſtaͤnde in unſern Tagen zu kommen?— Sie haben vollkommen Recht zu lachen, und ich ſtimme jetzt wol ſelbſt mit ein, nachdem ich mich erſt in meiner thoͤrigten Ernſthaftigkeit ſo lange gequaͤlt habe. Ja, ja, gequaͤlt! Ich habe geſchrieben, und wieder geſchrieben, und immer geſchrieben— da iſt denn eine ſolche 7 3— Menge von Details aufs Papier gekommen, daß ich am Ende den Faden verlor, der ſie zuſam⸗ men halten mußte. Nun wollte ich abkuͤrzen und ordnen: aber, wie ich mich auch aͤrgerte— es kam nur immer mehr hinzu, und Ordnung wurde auch nicht. Am Ende gerieth ich in eine Art verzweifelnder Reſignation, die mich ganz traurig machte. Mein freundlicher Philoſoph ..„ wußte ich wol, wuͤrde mir bald aus der Noth helfen: aber welche von uns geſtehet denn gern den Maͤnnern zu, daß wir ſie uͤberall brau⸗ chen? Sie bilden ſich's ohnehin ein! Am Ende wurde es aber doch nicht anders, und was ich Ihnen hier uͤber geſellſchaftliches Leben und Sitten jener Zeit ſchreibe, gehoͤrt ihm faſt ein⸗ zig und allein zu. In Frankreich war nichts von der einengen⸗ den, druͤckenden, ſchwerfaͤlligen Etikette, die ſonſt in Deutſchland faſt uͤberall an Hoͤfen und in den erſten Zirkeln herrſchte, und auch wol jetzt noch an mehrern herrſcht; auch waren die Rangordnungen nicht, wie in England, auf eine unabaͤnderliche Art beſtimmt. Kein Hof⸗ geſetz, ſondern angenommene Meinung und ein 79 gewiſſer Takt fuͤr das Schickliche, der weniger auf Raiſonnement, als auf ſchnellem und feinem Gefuͤhl beruhete— dieſe geboten in der großen Welt, und ſetzten die Weiſe feſt, nach welcher man Aufmerkſamkeit, Auszeichnung und Ehren⸗ bezeigungen, der Geburt, den Staͤnden und den Anſpruͤchen gemaͤß, vertheilen mußte. Dieſe Abſtufungen waren nicht weniger nothwendig und abgemeſſen, als wenn ſie durch die ſtreng⸗ ſten Geſetze vorgeſchrieben waͤren: aber es blieb dem Geiſte ein freier und wirklich anziehender Spielraum innerhalb der gehoͤrigen Grenzen. Sonach gab es freilich ein allgemeines Syſtem in der Geſellſchaft, jene Verſchiedenheit der Ge⸗ burt, des Standes u. ſ. w. gehoͤrig anzuſchla⸗ gen: aber geſchrieben war dies Geſetz nirgends vorhanden; dabei war es mit der Zeit ſo ſpitz⸗ findig, ſo raffinirt geworden, daß man es die Geſetzgebung uͤber das im Sinne Behal⸗ tene nennen durfte. Bei den Anſpruͤchen, die jeder in Geſellſchaften machte, berief er ſich freilich nicht laut auf ein Recht: man bemerkte aber doch gar leicht, daß er etwas dem Aehn⸗ liches in ſich trage, und dieſem gemaͤß im Stil⸗ 80 4—— len bemuͤhet ſei, ſeinen Platz zu behaupten. Wenn einem ungeuͤbten Auge in der großen Geſellſchaft alle Staͤnde vermengt ſchienen: ſo entdeckte der hellere Blick, daß auch keine noch ſo kleine Stufe da ſei, welche nicht, wenn ich ſo ſagen darf, durch einen andern Farben⸗ und Licht⸗Ton angedeutet waͤre. Die große Kunſt der Frau des Hauſes, und vielleicht ihr Ver⸗ gnuͤgen, wenn ſie zugleich vornehme Frau, im wuͤrdigern Sinne des Worts, war— be⸗ ſtand nun darin, immer ſehen zu laſſen, daß ſie jene Verſchiedenheit genau kenne, und doch dieſe Kenntnis mit ſoviel Zartgefuͤhl zu aͤußern, daß Niemandem gerechter Anlaß zu Beſchwerden, oder auch nur zu Mißbehagen, gegeben wuͤrde. Eine Frau von Stande, die Geſellſchaft an⸗ nahm, ſaß deshalb immer abſichtlich auf einem wohlgewaͤhlten Platze— gemeiniglich an der Ecke des Kamins. Ihr Armſeſſel mußte von beſonderer Form ſeyn, damit der eintretende, weniger Bekannte, ſie ſogleich erkennen, unter⸗ ſcheiden, und nicht etwa durch einen Mißariff in Verlegenheit geſetzt werden koͤnne. Der Seſſel mußte ferner einfach und ſo bequem — 8 1 ſcheinen, daß es moͤglich war anzunehmen, ſie aͤndere nichts in ihrer taͤglichen Gewohnheit— um auch von dieſer Seite allem leeren Ceremo⸗ niel entgegen zu kommen. Vor ihr ſtand in der Regel ein Stickrahmen, der leicht auf alle Seiten zu ſchieben war. Ihr Arm ruhete auf der Stickerei, die, wenn man's recht genau nahm, nur angefangen, oder doch nur ſoweit fortgefuͤhrt war, daß man noch keine beſondere Beſtimmung bemerken konnte. Mit ſtudirter Nachlaͤſſigkeit wurde nun die Nadel hin⸗ und hergezogen.— Dieſer Stickrahmen war ein faſt unentbehrliches Requiſit. Er erlaubte der Frau des Hauſes bei'm Eintritte eines Ankom⸗ menden nur halb aufzuſtehen und es mit einer gewiſſen Biegung zu thun, die ein Mittelding zwiſchen Verneigung und gefaͤlligem Nachgeben in ihr Hindernis war— einer Biegung, die von der Stellung der Dame herkam, und nicht von dem eintretenden Gaſte auf ſich gezogen werden konnte! So wurde zugleich den erſten unver⸗ meidlichen Hoͤflichkeitsbezeigungen alles Gemeine oder Genirende benommen. Doch gab es hier 3. f. F. II. J. a. H. 6 82 Ausnahmen, wiewol ſelten. Dem Prinzen von Gebluͤte, den fremden Damen vom erſten Range, dem Feldherrn, der ſiegreich zuruͤckkam, dem beguͤnſtigten Miniſter, wurden ſolenne Aus⸗ nahmen vorbehalten— doch dem letztern nur, wenn er in ſolchem Anſehen ſtand, daß es zwei⸗ felhaft blieb, ob die beſondere Auszeichnung nicht ſeinem perſoͤnlichen Verdienſte erzeigt werde. Man empfing auch auf eine beſondere, doch mehr gefaͤllige als auffallende Weiſe, Perſo⸗ nen, die bei wahren Vorzuͤgen doch keinen beſtimm⸗ ten Platz in der vornehmen Welt hatten, und denen man einige Zuverſicht geben wollte. So⸗ bald dieſe Perſonen aber zu weit gehen wollten, ſo wußte man ſie durch irgend eine ſchnelle Anrede, durch eine Frage, die ſich mit einem gewiſſen eindringenden Tone endigte, u. dgl. leicht und bald wieder auf ihren rechten Platz zu verſetzen.—— Mitt dieſen allen war das Spiel nicht ſchwer; weit kuͤnſtlicher aber mit denen, die etwa mit einem Fuße auf einer hohen Stufe, oder doch nicht tief genug ſtanden, um ſich als Untergeordnete zu fuͤhlen— weit kuͤnſt⸗ licher vorzuͤglich dann, wenn irgend ein Wort, 83 irgend ein Ausdruck, ſchon des Herzens Meinung verrathen mußten.—— In allen dieſen wichtigen Unwichtigkeiten leiteten nur Kenntnis der Welt, Nebung, und ein gewiſſer Geſellſchaftsſinn, der unter den Franzoͤſinnen von Erziehung oͤfter getroffen wird, als unter den gebildeten Damen aller Nationen; und ſie leiteten richtig. Sie allein regierten im Saale und verhinderten Fehlgriffe. Um dieſen Sinn in allen ſeinen Wendungen und Aeuße⸗ rungen gehoͤrig zu wuͤrdigen und ihm die Ach⸗ tung zu beweiſen, die ihm wirklich gebuͤhrt: ſo denken Sie ſich nur im Einzelnen, mit wem man es alles in ſolcher Geſellſchaft zu thun und wie vielerley Unterſcheidung man mithin zu machen hatte! Da fand ſich die Dame vom erſten Range, die Hofdame, die Frau mit einem Titel, die Gattin eines berühmten Mannes, die Frau von perſönlich hoher Geburt, aber unter ihrem Stande verheirathet, und umgekehrt, die, welche mit dem Ringe einen gemeinen Namen gegen einen beruͤhmten vertauſcht hat, die Frau von großem Reichthum, die ein offenes großes Haus und eine gute Tafel haͤlt u. ſ. w. 84— Alles das wollte, wie geſagt, unterſchieden, wollte bemerkbar und doch nicht im geringſten beleidigend, ſondern ſogar wohlthuend unter⸗ ſchieden ſeyn— und das um ſo viel mehr, da es hier immer mit der Eigenliebe anzubinden galt, die leicht Feuer faͤngt, und da man den geringſten Misgriff nicht verziehen haben wuͤr⸗ de! Ja„ja, dazu gehoͤrte unendlich mehr Geiſt, das war tauſendmal ſchwieriger, als etwa in Deutſchland die Ahnen zu berechnen, die ſtifts⸗ oder courfaͤhig machen!— Laſſen Sie uns nun die andere Seite be⸗ trachten, und von der, die den Platz in der großen Geſellſchaft anweiſet, auf die kommen, die ihn darin behaupten, und auf die Art, wie ſie es thun! Da gab es denn wieder eine Menge feiner und verſteckter Kunſtgriffe. Ich rede auch hier nur von den Weibern; denn dieſe behaupten ja doch in allen ſolchen Din⸗ gen das Vorrecht, und werden es wol auch immer und uͤberall unter den fuͤr feine Geſell⸗ ſchaftlichkeit gebildeten Nationen behalten. Nun alſo— ſchon bei'm Eintritt in einen Saal war jeder Frau, die hier erſcheinen durfte, eine 85 gewiſſe Weiſe eigen, ſich zu verneigen, ſich niederzuſetzen, um ſich herum zu blicken— eine Weiſe, welche ſchon ihren Grad von Zuver⸗ ſicht und das beſtimmte, was ſie von ihrem Verhaͤltnis zu den Andern dachte. Vor Allem war ſchon jene Verneigung entſcheidend, und ſagte bei der Geuͤbten im Grunde Alles. Sie hatte unendliche Modifikationen, dieſe Vernei⸗ gung— von der faſt impertinenten an, wo nur Eine Schulter die Hauptrolle ſpielte, bis zu der edlen, ehrfurchtsvollen Verbeugung, die nur wenig Weiber in ihrer ganzen unbeſchreiblichen Schoͤnheit zu machen verſtehen. Was dieſe letztere anlangt— denken Sie ſich ein lang⸗ ſames in die Kniee Sinken, mit niedergeſchla⸗ genen Augen, mild vorwaͤrts geſenktem Koͤpf⸗ chen, und nun, bei'm Erheben, den beſcheide⸗ nen Aufblick zum Gehuldigten, waͤhrend der Leib ſich mit Anmuth zuruͤckbeugt— denken Sie ſich das recht beſtimmt, und wenn Sie das Bild haben, ſo verſuchen Sie es vor Ihrem Spiegel, und Sie werden das ſehr Schwierige, aber auch das ſehr Zarte, Be⸗ zaubernde, und zugleich aͤußerſt Sprechende 86 fuͤr ein Zeichen der Ehrerbietung— ſchon ſelbſt finden. 4 So weit fuͤr diesmal, liebe Emilie; und nun in der Folge das Gegenſtuͤck dazu in der heutigen Frau vom Hofe und von großer Welt.—— Madame B. an ihre Schweſter. Paris, den 6. Dez. 1805. Moͤgen Dich auch in Deinem Walde die Nachtvoͤgel jetzt noch ſo widerlich umkraͤchzen; mag der Himmel uͤber Dir noch ſo truͤbe um⸗ hangen ſeyn: Du biſt gewiß nicht ſo melancho⸗ liſch, als ich, die ich eben aus einem großen Zirkel zuruͤckkomme. Ich habe alle Windlampen und alle Wachskerzen im Zimmer anzuͤnden laſ⸗ ſen, und es will doch nicht Tag in mir werden! Mein Herz iſt ſo beklommen— nein, ich kann mich nicht erholen— ich komme mir ſelbſt wie ausgetauſcht vor— wo will das hinaus mit 35 mir? War ich denn bei einer Beerdigung? Ach, freilich war ich bei einer! Gutes Herz und guten Namen trug man zur Ruhe, und alles ſchien darauf eingerichtet, das Requiem nur recht feierlich anzuſtimmen. Stelle Dir vor! Ich befand mich in einem großen, weiten Saale. Im Kreiſe herum ſaßen ſchwarze Frauen und ſchwarze Maͤnner; ſchwarz beklei⸗ det waren die Waͤnde, ſchwarz bedeckt die So⸗ phas und Stuͤhle. Du ſchauderſt? Du ahneſt ſchreckliche Ereigniſſe? Nun, komm nur zu Dir! Es iſt weiter nichts, als daß die Mode geſagt hat: Schwarz ſoll alles ſeyn! und da iſt denn alles ſchwarz! Ueber einer Robe von ſchwarzem Flor mit weißer Einfaſſung, tragen die Damen eine weiße Scherpe, und das Huͤt⸗ chen von ſchwarzem Sammet iſt mit weißem Atlas gefuͤttert, und, eines halben Fingers breit, am Rande umgeſchlagen. Selbſt die Douillettes (Winteruͤberkleider) ſind entweder mit Schwan beſetzt und vorgeſtoßen, oder auch mit weißem geraͤufelten Sammet. Im vollen Staate iſt die Robe im tuͤrkiſchen Geſchmack geſchnitten, und faͤllt hinter die Huͤften; ſehr oft iſt ſie auch mit 88 Schwan garnirt. Die Herren ſind ebenfalls ganz ſchwarz gekleidet, und tragen nur ein weißes Gilet unter dem obern ſchwarzen. Ja ſo! da⸗ von wollt' ich eigentlich nicht reden, ſondern von der Geſellſchaft ſelbſt! Nun, wenn der Geſeell⸗ ſchaftsſaal ſchwarz drapirt iſt— denn alle praͤch⸗ tige Wandbekleidungen werden noch immer in Faltenwuͤrfen aufgehangen— ſo muͤſſen ihm reiche, dicke, breite, goldne Franzen und Qua⸗ ſten ringsherum etwas von dem traurigen An⸗ ſehen nehmen, und einigen Glanz verbreiten. Die ſchwarzen Sophas und Stuͤhle aber haben nicht die geringſte Verzierung, ſind einfach, und nur vom ſchoͤnſten Acajou. Laß nun die Geſell⸗ ſchaft in dieſem Saale und auf dieſen Sitzen ſich reihen, und Du haſt einen Begriff, wie das Ganze einer Todtenfeier glich, beſonders da hier hydroſtatiſche Lampen hingen und ſtanden, die zwar viel, aber ein umnebeltes Licht ver⸗ breiten, indem eine Kugel von weißem Milch⸗ flor die Flamme birgt. Und was that man in dieſer Geſellſchaft? Kind! was man immer thut! man ſchwatzte und ſpielte.„Man ſchwatz⸗ te? Ueber welche Punkte der Unterhaltung 89 mag wol eine ſolche Menge zuſammentreffen?“ O, liebe Schweſter, davon iſt gar die Rede nicht! Hier ſpricht Einer mit dieſer, ein An⸗ derer mit jener; man ſpricht uͤber Alles und verweilt bei Nichts— darf bei nichts verwei⸗ len, bei nichts verweilen wollen! Es ſchickt ſich nicht! Der gewoͤhnliche Gegenſtand der Unterredung bei den Weibern iſt Mode, Thea⸗ ter, Sentiment,(uͤberſieh' nicht: ich ſchreibe das Wort franzöſiſch!) Pferde, Roman und Botanik— verſteht ſich, jetzt im Winter! Im Sommer auf dem Lande, wo man keinen eigentlichen Haushalt hat, duͤrfen auch wirth⸗ ſchaftliche Angelegenheiten mit ins Geſpraͤch gezogen werden. Botanik iſt jetzt noch immer ein Steckenpferd der Damen. Ich muß nur einmal einen ganzen Brief dazu beſtimmen, Dich zu belehren, wie und nach welchen Re⸗ geln eine Dame von Stande jetzt Botanik treibt.— Heute ſprach man viel von dem groß⸗ muͤthigen Benehmen der Madam Rocamier bey ihres Mannes Bankerut. Wie giftig ſelbſt die beſtaubte Anekdote von Pſyche's Bette— Du weißt ja noch!— wieder aufgeputzt wurde! 99 alles rief man mit einem moͤrderiſchen Mitleiden ſich wieder ins Gedaͤchtnis.—— Du wirſt mich in dieſem Briefe gar nicht erkennen, Schweſter! Aber ich wuͤrde auf mich ſelbſt boͤſe ſeyn, wenn ich heute anders waͤre, obgleich ich mir in der ſchwarzen Laune ſo wenig gefalle, als in den ſchwarzen Prunk⸗ zimmern. (Die Fortſetzung folgt.) ——ᷣ—᷑—ÿ—ÿ—x—xx:˖:BLO—Q:·Y⁸ů⁰˖— Rubria. Sehe ich endlich die Gemalin des Junius Brutus wieder in unſerm Tempel? Portia. Wohl mir, daß ich ihn betreten darf! Hier finde ich immer die Tugend und dich. R. Du biſt willkommen— willkommen der Goͤttin, willkommen der Freundin, die nicht ganz unwuͤrdig iſt, das heilige Feuer zu huͤten. P. Laß mich anbeten.— Ihr, der Ho⸗ hen, Geſtaltloſen, ewig Gegenwaͤrtigen, ziemt der erſte Blick; dann erſt die Umarmung der Freundſchaft.„O du, die keine Namen nen⸗ nen, Seele des großen Alls! O du, die hier kein Bild, kein Gleichnis verkuͤndet, weil dein J. f. F. II. J. 3. H. 1 2 Weſen, das alle Weſen durchdringt, kein Sterb⸗ licher erforſchte! Heilige, dreimal heilige Veſta! Zu dir flieht das Herz, das ſonſt keine Zuflucht mehr weiß! zu dir weint das Auge, deß Thraͤ⸗ nen Nacht und Schleier verhuͤllen! Goͤttin! du verſteheſt mich!— O hilf mir, Helferin! — Rieines Feuer! reinſtes Licht! umleuchte mein Herz— zerſtreue das Dunkel, das von innen und außen mich, wie Naͤchte des Chaos, umfaͤngt! Siehe, das Chaos belebteſt du einſt: o belebe was gut in mir iſt, und das Verwerf⸗ liche toͤdte!“—— R. Stehe auf, Portia! du biſt erhoͤrt!— Wie ſteigt die Flamme des Altars! Wie ſich die Schatten erhellen!— Das heilige Rund, das Sinnbild des Weltalls, ſchimmert im hohen Dom mit ungewoͤhnlichen Stralen!— Komm, be⸗ ruhige dich nun! Nicht mehr dieſe Thraͤnen! denn hold ſind dir die ewigen Goͤtter.— Setze dich zu mir auf des Altars Stufen!— Du bleibſt doch? Dieſe Nacht iſt die meine! P. Rubria, oft hab' ich gedacht, wie ſo ſelig er iſt, der Dienſt der heiligen Goͤttin! 3 Wohl mir, waͤr' er mein Loos! Hier moͤcht' ich ewig verbleiben! R. Suͤß iſt auch und heilig der Stand der Gattin und Mutter!— Wittwe des ſchoͤnen Bi⸗ bulus, des edlen Brutus Gemalin! Mutter, Mutter bereits!*) Wuͤrdeſt du dieſe Namen mit dem Dienſte der Strengen vertauſchen? P. Mirr iſt Veſta nicht ſtreng: ihr Geſetz iſt in meinem Herzen. Sohn und Gemal, ich bin Euer, aber auch Dein bin ich, himmliſche Veſta! R. Bleib' es! Theuer iſt ihr die Tugend der jugendlichen Matrone, und hoͤher geachtet vor ihr, als ſelbſt der Dienſt ihrer Jungfraun. Hier, in der Wohnung des alles reinigenden Feuers, hier in der Stille, die jede Leidenſchaft zum Schweigen bringt, iſt unſer Sieg ja ſo leicht; wie ſchwer in der Welt verderblichen Stuͤrmen!— Du weinſt? was ſagen dieſe Thraͤnen? P. Du verſtehſt ſie, Rubria! *) Zwoͤlf Jahr alt war Portia, da ſie dem achtzehnjaͤhrigen Bibulus vermaͤhlt ward; im ſieb⸗ zehnten Jahre wurde ſie Wittwe. R. Sie fließen der Tugend!— Rein iſt dein Herz, rein, wie der numiſche Quell, der einzige, der unſere Opfer netzen darf: aber du wohnſt nahe an der Pforte des Laſters.— Dei⸗ ne naͤchſten Befreundinnen—— P. Beide Servilien—! die Mutter mei⸗ nes Junius—! R. Ach wo iſt Junius Vater? P. Junius Vater iſt todt! R. Wohl ihm, wenn es ſo iſt! Hier duͤrfte ſeine Gattin nicht knien, hier keine Ser⸗ vilia, hier nicht Attilia, Portia's Mutter— hier nicht, wo die reine Tochter ſich niederwarf! P. Schone, ſchone meines Herzens! Auch ziemt es der Veſtalin nicht, die Huͤlle des La⸗ ſters zu heben. R. Wol ziemt es ihr— der juͤngern Freun⸗ din zur Warnung! Siehe, Portia, zwar nie verlaͤßt dich der Genius, der heilige Unſchuld ſchirmt: aber dem Laſter ſo nah, muß dir we⸗ nigſtens das Grauenvolle der Nachbarſchaft nicht fremd bleiben.— Iſt Attilia wieder im Hauſe deines Vaters? 5 P. Sie und Servilia, auch vom Lucullus geſchieden! R. Geſchieden?— Heilige Veſta! Raͤche⸗ rin der Ehen! ernſter und ſtrenger als Juno! P. In Cato's Hauſe! Goͤtter, in Ca⸗ to's Hauſe!— Waͤr' ich ihm nah! koͤnnt' ich vereinen die Pflichten der Gattin und Toch⸗ ter!— Rom— ſo traͤumt' es mich juͤngſt— Rom ſtand in Flammen. Brutus! Brutus! ſchrie ich, voll Verzweiflung ihn ſuchend in der wehenden Glut— Doch dort flammt's auch in Utica auf! ſchon liegt es in Aſche! Cato! Cato! rief ich und erwachte in kaltem Schweiße gebadet. Nimmer, nimmer Euch fern! ſagt' ich, denn Brutus erwachte; nim⸗ mer dir fern, dir und Cato! Brutus lachte der Traͤumerin, und ſagte, ich habe auch Caͤ⸗ ſarn gerufen!— Moͤglich iſts, denn auch ſei⸗ ne Geſtalt kreuzte wild und verworren durch die Flammengefilde des Traums. R. Caͤſar iſt Eurem Hauſe gar hold: er liebt Junius Brutus Mutter, die ſchoͤne Ser⸗ vilia! O, er liebte ſie laͤngſt! P. Was liebt Caͤſar nicht! R. Hat's ihm doch ein Decret des Senats erlaubt, aus Roms edelſten Frauen zu waͤhlen! P. Entſetzlich! Hoͤr' es nicht, heilige Ve⸗ ſta, denn es iſt wahr! R. Kennt Julius Caͤſar dich? P. Kaum; mich deckt ja immer der Schleier, und die Sorge des Hauſes und meines Bibulus Pflege haͤlt mich immer beim Altar der Laren. R. Dort ſuchte einſt Tarquin Lucretien auf! P. Caͤſar wird dort mich nicht ſuchen. Weiß er doch kaum, daß ich lebe. Weiß er's, ſo haßt er Cato's Tochter, und ſcheut Junius Brutus Rechte. R. Er, der nichts ſcheut? Brutus Rechte? warum? wegen der Verwandtſchaft? P. Welche?— Ja! es iſt wahr: Ju⸗ nius Brutus iſt Caͤſarn nahe verwandt! R. Sehr nahe!— Am naͤchſten! P. Sein naͤchſter Verwandter war Junius Brutus, ſein Vater: laͤngſt iſt er todt! R. Wirklich? P. Und lieb iſt mir's, daß er todt iſt! 3 — — 7 R. Lieb? Das iſt dir lieb? P. Wegen des Orakels, das ſich ſonderbar auch in jenen Traum verwebte. Es iſt ſchreck⸗ lich, auch iſts wenigen unſers eigenen Hauſes bekannt— ich darf dir's nicht melden. R. Mir? nicht mir? der Dienerin Veſta's? — Oder weiß ichs vielleicht ſchon?— Es machte Brutus zum Vatermoͤrder! P. Meinen Junius! meinen edeln, großen, frommen Junius!—— Rubria! ich muß dich verlaſſen!— Halb geheilt war ich vorhin: jetzt blutet die Wunde von neuem! Portia kehrte zuruͤck mit ihrem Gefolge, das an der palatiniſchen Pforte, der aͤußerſten Graͤn⸗ ze des Heiligthums, ihrer wartete. Nicht ge⸗ troͤſtet verließ ſie das Heiligthum, nicht ganz zufrieden, wie ſonſt, mit ihrer Rubria. Die Strenge hatte mit zu rauher Hand gewiſſe Wunden beruͤhrt, die in dem Herzen der from⸗ men Roͤmerin nicht aufhoͤrten zu bluten; hatte auf Stellen getroffen, wo ſie fuͤrchtete, es moͤch⸗ ten neue ſich oͤffnen. O Portia's Seele war 3 rein, rein wie der Himmel: aber am naͤchſten Thore des Laſters wohnte ſie. Attilia— die Servilien— o, ſie waren's nicht allein!— Die meiſten Roͤmerinnen— ihre Goͤttin war die heilige Veſta nicht! ſie opferten freundlichern Gottheiten! Und unter dieſen mußte ſie leben! — Mit ihnen lebte ſie nicht! Nur wenig war ſie ſichtbar, herzlich zufrieden, daß manche ein⸗ faͤltig ſie ſchalt, und haͤßlich ſie waͤhnte.— Brutus kannte ſie; ihr Stolz war ſeine Liebe. War's dies, was an dem Herzen der ju⸗ gendlichen Matrone nagte? was ihr jene Thraͤ⸗ nen vor dem Altar der Goͤttin auspreßte?— O nein, das war mehr, viel mehr! Wer kann hier alles enthuͤllen? Portia ſchwieg: ſelbſt Rubria errieth nicht das Ganze. Rom ſah jetzt ſeine gefaͤhrlichſten Zeiten. Freiheit und Buͤrgergluͤck flammten auf Julius Caͤſars Altar. Sein Wille war Geſetz: er be⸗ ſtimmte die Graͤnzen der Tugend. Das Große, das Edle, das unbeſtreitbar in ihm war, machte ſeine Laſter deſto gefaͤhrlicher. Die ſtillern Tugenden verwelkten unter ſeinem ſengenden Hauch, und ſein Fuß ſtand bereits auf dem 9 Nacken des Volks, dem er mit dem Worte Frei⸗ heit ſchmeichelte. Tauſend Sehende gab's; doch was jeder ſah, was jeder dachte, behielt er im Herzen. Wußte man denn oft ſelbſt, ob man den Gott der Zeit lieben oder haſſen ſollte? Dicht an einen haſſenswuͤrdigen Zug draͤngte ſich oft ein Zug von Groͤße, die man uͤber⸗ menſchlich nennen mußte. Wie zog er die Tu⸗ gendhaften hervor! wie liebte er ſeinen Brutus! dieſen Brutus, von keinem Eigennutz, von kei⸗ ner Selbſtſucht beſtechbar!— O man ſah, wie Brutus Herz brach, daß er nicht lieben und haſ⸗ ſen konnte zu gleicher Zeit den Freund, der des Vaterlands Feind war. Wird das Goͤttliche, was in Caͤſar iſt, zu⸗ letzt ganz ſiegen? wird ſich ihm Roms Frei⸗ heit endlich ſicher vertrauen koͤnnen?— Cato beurtheilte ihn am richtigſten; ſchon reifte zu Utica der Entſchluß, der bald darauf das Le⸗ ben des Weiſen endete, welcher Roms Ehre nicht uͤberleben mochte. Portia wußte nicht, was in Cato's— nicht, was in Brutus Herzen ſtuͤrmte; kalte Ruhe log man ihr ja! Sie ahnete viel, zit⸗ 10 terte zu forſchen, und wußte keinen Troſt, als am Altar der Hausgoͤtter und in Veſta's Hei⸗ ligthum. O ihr nahten ſchreckliche Stunden! Portia, wie wirſt du ihn wiederſehn, den Al⸗ tar deiner Goͤttin? Einfach und groß war Veſta's Heiligthum. Groß, nicht durch Umfang, nicht durch Pracht, nur durch hohe Bedeutung. Das maͤchtigſte, das reinſte Element, das Feuer, das geiſtige Princip der Koͤrperwelt, das Weſen, das alles belebt, alles durchdringt, Sinnbild der einigen, alles belebenden, alles durchdringenden Gottheit, einziges wuͤrdiges Sinnbild derſel⸗ ben— dies ward hier verehrt. Reinheit und Unſchuld waren Prieſterinnen. Kein Blut floß an dieſen Altaͤren. Blumen und Fruͤchte wa⸗ ren die einzigen Opfer. Waſſer des reinen numiſchen Quells, keines andern, und Wein — wie man meinte, dem Weſen der Gottheit am naͤchſten verwandt. Als die Goͤtter, ſo ſagten die heiligen Buͤ⸗ cher, die Menſchen zu ſtrafen, das ihnen ent⸗ 11 wendete Feuer der Erde entzogen— erkaltender Sommer, erkaltende Menſchengefuͤhle zeugten davon—: da rettete Bacchus einen himmli⸗ ſchen Funken in ſeine Trauben, und erhielt ihn dem Menſchengeſchlecht. Daher goͤnnte auch Veſta vor Alters dem rettenden Lyaͤus einen Tempel dicht neben dem ihrigen. Schon zu Caͤſars Zeiten hatte er keinen Platz mehr auf der geweihten Stelle, wo die ernſte Goͤt⸗ tin herrſchte. Der Mißbrauch des goͤttlichen Tranks hatte die befreundeten Gottheiten ent⸗ zweit. Die Maͤnaden konnten nicht in Ve⸗ ſta's Naͤhe ihre Feſte feiern. Der Tempel der ernſten Veſta war der aͤlteſte in Rom. Romulus Mutter hatte ihn erbaut, der fromme Numa erneut und erwei⸗ tert; aber klein war er noch immer im Ver⸗ haͤltnis mit andern— ein duͤſtres, rundes Saͤulengebaͤude, mit keinem Goͤtterbilde geziert. Das heilige Feuer, das ewig in ſeiner Mitte auf einem kleinen einfachen Altare brannte, ver⸗ trat die Stelle jedes andern Sinnbildes der Gottheit. Hoch uͤber ihm, in der tiefſten Woͤlbung des ſinſtern Doms, ſchwebte eine 12 kryſtallne Kugel— das Sinnbild der Erde. Von der aufflammenden Glut erhellt, ſpielte ſie oft einfache Strahlen, oft alle Farben des Weltauges: ein himmliſcher Anblick— dem Betenden Unterpfand der Erhoͤrung. Als Nubria wieder die Wache des Feuers hatte, lag Portia wieder in ihren Armen. Stumme Thraͤnen begegneten ſich. Welch ein Wiederſehn! Cato war bei den Goͤttern! Er war den ſchoͤnen, den ſchrecklichen Tod geſtor⸗ ben, der Rom dem Verderben Preis gab. Sein Schutzgeiſt war entflohn! Schrecklichere, nur immer ſchrecklichere Zeiten konnte es nun erwarten. Drei Tage hatte Brutus Portien verwilligt, Ruhe in dem Heiligthum ihrer Goͤttin zu ſuchen. Auch er war der Ruhe beduͤrftig. Caͤſar weinte um Cato: was ſollte Brutus thun?— Portia wußte und ahnete es nicht. Wie kann das Weib errathen des Mannes Entſchluͤſſe! Geh, Por⸗ tia— geh! ſagte Brutus, als er endlich die Weinende aus den Armen ließ. Sokrates war der Genius, der Cato's Blick in hellere Gegen⸗ den zog; Sokrates und Cato nehmen Portia 13 bei der Hand und lehren ſie hoffen auf unver⸗ gaͤngliche Zukunft. Einſt, und, glaube mir, bald, wird alles anders ſeyn!— Es war eine fuͤrchterliche Sturmnacht, die Portia an Veſta's Altar verweinte. Draußen tobte der Donner, der Wind heulete in den Hallen; Rubria ſchuͤrte das Feuer, an welchem ihr Leben hing; oft drohte die Flamme, kaum noch an der aͤußerſten Spitze des Brandes haͤn⸗ gend, zu entfliehen, und alles in Nacht zu ver⸗ huͤllen. Gegen den Morgen traten die andern Jung⸗ frauen herein, die beaͤngſtete Geſpielin abzuloͤſen. Wenig waren ihrer— wie Einige wollen, kaum ſechs: denn heilig war der Dienſt der Goͤttin, nur wenige wuͤrdig deſſelben. Sulpitia, die erſte der Veſtalen, war Por⸗ tien nahe verwandt. Hier floſſen Cato's Schat⸗ ten gemeinſchaftliche Thraͤnen. Worte wurden wenig gewechſelt. Doch erzaͤhlten die Jung⸗ fraun die Schrecken voriger Nacht. Von bluti⸗ gen Meteoren hatte der Himmel geflammt, und 1 4 aus dem fernen Getuͤmmel der Stadt waren Toͤne heruͤber gehallt, wie das Bruͤllen der Loͤ⸗ wen, wie das Angſtgeſchrei der Ermordeten, wie das letzte Roͤcheln der Sterbenden. In einer Nebenhalle flammte Cato's Klag⸗ opfer, blos von wohlriechenden Kraͤutern ge⸗ mengt, beſprengt aus der numiſchen Quelle. Die gehemmte Glut gab nur ſchwachen Schein, Rieſenſchatten ſchwankten umher, willkommen der traͤumenden Seele; ſie waͤhnte Geiſter der Abgeſchiednen zu ſehn; Cato winkte— wie gern waͤre Portia gefolgt! Sie und Sulpitia waren allein. Und flie⸗ ßen dem Vergoͤtterten nur Thraͤnen? fragte ſie Portien. Was hab' ich ſonſt, als mein Blut? Dein Blut und deine Entſchluͤſſe! Ent⸗ ſchluͤſſe, einer Roͤmerin wuͤrdig! Komm mit mir in die innern Heiligthuͤmer der großen Goͤttin: dort werden Thraͤnen vertrocknen und Thaten reifen!— Portia folgte. Augenblicke einer andern Welt, wo die fromme kindliche Seele Enthuͤl⸗ lung der Gottheit ahnet— Taͤuſchungen ſeid 15 ihr vielleicht: aber wie ſegensvoll wirkend auf das innere Leben des Geiſtes! wie ſtaͤrkend auf dem dunkeln Pfade der Zukunft! Veſta's offener Tempel enthielt keine Abbil⸗ dung der Gottheit: aber Portia ſah' in dem Innern viele der Symbole, durch welche der Dienſt der Goͤttin verſinnlicht wurde— viele, welche ſeine Verwandtſchaft mit den uraͤlteſten Ideen des menſchlichen Geſchlechts erwieſen. Hier erhob ſich eine dichtverhuͤllte, rieſen⸗ foͤrmige Iſis, mit der Inſchrift: Ich bin alles, was iſt, was war, und was ſeyn wird! Kein Sterblicher lebt, der meinen Schleier zuruͤckſchlug. Dort hielt eine zarte liebende Mutter den gro⸗ ßen Zevs, den Schoͤpfer des Weltalls, als Kind in den Armen. Sulpitia's Auslegungen fehlen uns: auch ihre Abſichten kennen wir nicht. Wollte ſie durch dieſe heiligen Wan⸗ derungen blos das zarte Herz, das ſie einſt ſelbſt in eben dieſen Hallen bildete, heilen? oder lag hier mehr verborgen?— Ein Geheimnis ent⸗ huͤllte ſich Portien, vor dem ſie erſtaunte. Ein Symbol redete ihr von der ewigen Verwandt⸗ 16 ſchaft der Goͤtter, die nur der Menſch, der ewig mit ſich ſelbſt uneinige Menſch, zu trennen wagt. Allgemach gewannen die ernſten, ſchauer⸗ vollen Hallen ein laͤchelndes Anſehn. Sie woͤlb⸗ ten ſich heiterer und hoͤher, ſie bekleideten ſich mit froͤhlichern Farben. Man trat ins Freie. Ein duftendes Myrtengebuͤſch fuͤhrte in einen kleinen Tempel von weißem Marmor, mit Cy⸗ therens Sinnbildern geſchmuͤckt. Sie ſelbſt prangte ſchöner, als ſie je ein Bildner ſchuf, auf dem Altar in der Mitte. Wie? rief Portia; Venus in Veſta's Hei⸗ ligthum? Das iſt, begann Sulpitia mit immer ernſter werdendem Blick— das iſt das Ziel unſrer Wanderung: der Tempel der Venus Verti⸗ cordia. Einſt war eine Zeit, der gegenwaͤrtigen faſt aͤhnlich. Das Laſter ſaß auf dem Throne, die Unſchuld ward ihm geopfert. Die Genien der Menſchheit entflohen, wie Cato entflohen iſt, und ließen Rom dem Verderben. Auch in die⸗ ſen Tempel verſchlich ſich das Laſter. Das hei⸗ lige Feuer erloſch, und deutete auf heimliche — — 17 Entweihung. Marcia! Aemilia! Licinia! eure Namen verloͤſche dieſe Thraͤne! Lebend nahm ſie das Grab. Du koͤmmſt der colliniſchen Pfor⸗ te voruͤber, beſuchſt du dieſen Tempel: dort iſt das Feld, das noch jetzt das Feld der Verbreche⸗ rinnen heißt; dort iſt die eingeſunkene Hoͤle! Die Goͤttin verhuͤte Erneuerung. Portia! Por⸗ tia! ich zittre! Laß uns beten zur Herzenslen⸗ kerin, zur himmliſchen Liebe! Herzen vereine ſie dort und gebe Rom Freiheit und Frieden! Tugend ſchuͤtze ſie hier, und bewahre die Jung⸗ frauen vor Schande! Rubria! du biſt uns heimlich gefolgt? Weine nicht, du Fromme, dich wird das Ungluͤck nicht treffen! nicht blind⸗ lings hingegeben ſind wir der Hand der Verfuͤh⸗ rung: die Tugend ſchirmt ein feſter Wille. Immer ernſter ward die Scene vor Portien, Rubria lag ſchluchzend an ihrem Buſen, Sul⸗ pitia erzaͤhlte weiter. In jenen ſchrecklichen Zeiten gab die große Goͤttin, die zuweilen zu uns redet, den Aus⸗ ſpruch: das einzige Mittel, die Zeiten zu beſ⸗ ſern, weibliche Tugend wieder zu beleben, Rom Frieden und Freiheit zu ſichern, auch die Schande J. f. F. II. J. 3. H. 2 18 unſers Tempels zu tilgen, ſei, der Mutter der heiligen Liebe, der himmliſchen Venus, Tempel und Altar zu weihen in unſers Tempels Gebie⸗ ten. Venus Verticordia, himmliſche Herzens⸗ lenkerin, damals ſahſt du hier dein erſtes, un⸗ blutiges Opfer!— Roms tugendhafteſte Ma⸗ trone, die einzige vielleicht, die ſich unter einem ganz ausgearteten Geſchlecht rein erhalten hatte, meine Urahnfrau, des Sulpitius Paterculus Gattin, ward durch einhellige Wahl eines gan⸗ zen Volks zur erſten Prieſterin der himmliſchen Goͤttin der Liebe erwaͤhlt. Fulvius, ihr Ge⸗ mahl, fuͤhrte ſie ein; ſie war was Portia iſt— Muſter und Lehrerin eines verderbten Geſchlechts. Stimmet an den heiligen Weihgeſang! Ge⸗ weiht ſey Portia, des Junius Brutus Gemah⸗ lin, des goͤttlichen Cato Tochter, geweiht der himmliſchen Venus, unter Veſta's Schutz an ihrem Altar zu dienen, wie hier Sulpitia diente, und die Goͤtter Roms zu verſoͤhnen. Zuͤrnſt du, Veſta? dich ſoll die Liebe verſöͤhnen! Kein Blut fließe! Portia, kein Blut! du biſt Ju⸗ nius Brutus Gemalin! Portia war auf die Marmorſtufen geſunken, —— 19 ihre Stirn beruͤhrete den geweiheten Stein. Der Schnee ihrer ausgebreiteten Arme, die Weiße des ſie umfließenden Gewandes, be⸗ ſchaͤmte den blendenden Grund, auf welchen ſie hingegoſſen lag— ein Sinnbild der Un⸗ ſchuld und Reinheit. Und rund um ſie erwach⸗ ten Harmonien, wie ſie nie ein ſterbliches Ohr vernahm; die Jungfrauen begannen das hohe Lied der verſchwiſterten Goͤttinnen. Toͤne aus einer andern Welt, nur fuͤr dieſes Heiligthum geeignet! Als Portia ſich erhob, ſchmuͤckte Sulpitia ihre Stirn mit der geweihten Opferbinde, und gab ihr das heilige Weihungsfaß. Sie verſah den Dienſt, aber mit Zittern. Ihre Augen ſtroͤmten, ihr Herz ſtammelte Gebete, allein von den Goͤttern vernommen— von Sulpitien vielleicht nur gemuthmaßt. 1 Eine Kohle entfiel der Rauchpfanne in der ſchwankenden Hand: Portia faßte die gluͤhende Kohle und hielt ſie, ſpottend der Schmerzen, mit hoher Begeiſterung empor. Goͤtter! rief ſie, wenn je mein Herz der Tugend entſagt, und dir, o heilige Liebe, Liebe zu meinem Ju⸗ —— L 20 nius: dann— euren Donner! Siehe, der Tugend weihe ich mich— der Tugend, der Lieb' und dem Tode! Sterben, ſterben will ich, fuͤr die Tugend und meinen Vermaͤhlten! Wenn nicht fuͤr Junius ſterben, doch mit ihm! Goͤtter, Goͤtter, das ſchwoͤr' ich bey dieſen Schmerzen! Sie ſprachs und die gluͤhende Kohle entſank der zarten, verwundeten Rechten. Iſt dies dein ganzes Geluͤbde? rief Sul⸗ pitia. Ich kenne die Kraͤfte des Weibes, der Gat⸗ tin heilige Schranken! erwiederte Portia und ſchlug den ſinnenden Blick zur Erde. Was Roms Freiheit frommt, weiß Brutus beſſer, als ich.— Der Menſchheit ſchoͤnſte Feſte wurden von jeher mit Thraͤnen gefeiert. Auch hier fehlte es nicht an Trauer⸗, Freuden⸗ und Ahnungsthraͤ⸗ nen! Rubria vergaß die heißeſten— nicht Thraͤnen der Freude! dieſe ließ ſie ihren Ge⸗ ſpielinnen, die ſich der herrlichen Prieſterin freu⸗ ten und mit Entzuͤcken ſie Schweſter nannten. Es iſt wahr, rief ſie, als ſie mit Portia allein war; es iſt wahr, was du hoͤrteſt. In 21 dieſer ſchrecklichen Nacht, wo mir das Feuer zu verloͤſchen drohte, redete die Goͤttin zu den fra⸗ genden Jungfrauen. Ach, eine Rubria ſoll einſt den Tod der Verbrecherinnen ſterben! Goͤtter, bin ichs, ſo gebt mir jetzo den Tod! Keine Furcht auf der Welt gleicht der Furcht, von der Tugend zu fallen! Portia troͤſtete die Freundin— auch konnte ſie es. Unſre Tugend ſchuͤtzt feſter Wille, und Veſta's Orakel ward erſt in ſpaͤtern Zeiten erfuͤllt, als der raſende Nero Hand an das Heiligſte legte, und eine Veſtale entfuͤhrte, die gleichen Namen mit Portia's Freundin hatte. Portia's Tempeltage waren verfloſſen; ſie mußte zuruͤck in den Sturm aus der Stille— doch auch ans Herz des Geliebten. Große Ge⸗ danken beſchaͤftigten ihre Seele: ſo ſenden ſie uns die Goͤtter oft dicht vor Schlaͤgen des Schick⸗ ſals, um uns vom Sinken zu retten! Als ſie ihr Gefolge am aͤußerſten Tempelthor erreichte, da kamen ihr Geruͤchte entgegen, von uner⸗ hoͤrten Wundern. Veſta's Rieſengeſtalt(oder 22— war's die verſchleierte Iſis?) war des Nachts, beim truͤben Lichte des Neumonds, durch die Tempelhoͤfe gewandelt, Cybelens eherne Loͤwen hatten gebruͤllt, und daß das heilige Feuer erlo⸗ ſchen ſei, wußte man gewiß. Ueber das letzte beruhigte Portia ihre jam⸗ mernden Dienerinnen:„Siehe, noch flammt es ſchoͤn und herrlich empor! auch fuͤr Euch hab' ich heute bei ſeinem Schimmer gebetet, daß ihr treu bleibt der Tugend!“ Ach, es gab andere Ungluͤckszeichen als dieſe, die weiſe Roͤmerin zu ſchrecken! Schon am Feſte der Lupercalien hatte man den doppelſinnigen Verſuch gemacht, Caͤſarn mit den Zierden der Koͤnigswuͤrde zu ſchmuͤcken; ahnend vielleicht, daß jetzt alles Verſuch ſei, nicht zu gleiten auf ſchluͤpf⸗ rigem Pfade, ſchlug er ſie dreimal zuruͤck. Jetzt, als Portia in ihrem Tragſeſſel vor dem Kapito⸗ lium voruͤber kam, ſah ſie das Volk beſchaͤftigt, Caͤſars Bildſaͤulen auf die Art zu beehren, die er fuͤr ſeine Perſon ausgeſchlagen hatte.— Welch ein Anblick fuͤr eine Roͤmerin, fuͤr Cato's Tochter! Portia dachte an das zuruͤck, was Sulpitia im Tempel ihr heimlich vertraute, und 23 ſchauderte in ſich zuruͤck. Ein Gedanke knuͤpfte den im Blute ſchwimmenden Vater und den ge⸗ kroͤnten Abgott des Volks zuſammen! Das Volk jauchzte und rief Caͤſarn die Namen der hoͤchſten Wuͤrde zu; mit allem Abſcheu, der den Roͤmern fuͤr dieſe Namen angeboren war, widerſprachen andre. Es ſchien zum Streit zu kommen. Das Gedraͤnge ward dichter. Kaum entkamen Portia's Seſſeltraͤger mit ihrer er⸗ ſchrockenen Gebieterin auf einem Umwege. Halb entſeelt uͤber das, was ſie unterweges ſah, uͤber die Auslegung, die ſie machen konnte, langte Cato's Tochter in dem Hauſe an, wo ihrer ver⸗ ſpaͤtigten Ankunft ſchon das Geruͤcht zuvorgelau⸗ fen war. Sie fand alles in der hoͤchſten Beſtuͤrzung. Brutus war nicht allein, ſie konnte ſich nicht in die Arme des Gemals werfen. Alle, die die Sache beurtheilten wie er, Glie⸗ der eines heimlichen Bundes, die ſonſt nur ver⸗ ſtohlen ſich ſahen, nur zu Stunden der ſchuͤtzen⸗ den Nacht, an entlegenen Orten— waren jetzt um ihn verſammelt. Schneller Ausbruch des Gefuͤrchteten verdraͤngte jegliche Ruͤckſicht. Alle 24 ſprachen zugleich, und der ſchweigende Brutus ſchien die Worte zuſammen zu ordnen, mit wel⸗ chen jeder das Schreckliche meldete. Wie? den Koͤnigsnamen ihm? durch ver⸗ einbarte Stimmen? Und die Zunftmeiſter wehrten dem Volk? und nun— 2 Gefangen nahm man ſie, gefangen! Gefangen? und das Volk? Es hat ſie befreit, iſt ihnen mit Jubel ge⸗ folgt! doch war der Taumel der andern noch nicht geendet, die Caͤſarn Koͤnig nannten! Und Caͤſar?— Nun er verabſcheute neu⸗ lich ja ſelbſt die unziemliche Ehre! Stieß er nicht ſelbſt die Krone zuruͤck? Er verabſcheute? doch wol nicht im Her⸗ zen! Er ſtieß zuruͤck? mit wie zoͤgernder Hand! Wahrſcheinlich wartet er heute mit Unruh dem Ende der Dinge!— Er erfuhrs, und biß auf die Lippen!— Die Zunftmeiſter ſind abgeſetzt! 4 Abgeſetzt? Roͤmer! fließt noch das Blut der Vaͤter in euren Adern? Abgeſetzt?— O Cagͤ⸗ ſar! wie ſchlecht biſt du beſtanden vor dem Ge⸗ —— — ,— 25 richt dieſes Herzens, das dich noch immer in Schutz nahm! Letzter Verſuch, dich groß, dich edel zu ſinden! Siehe, nun kennt er keine Ver⸗ ſtellung mehr! er weiß, was er wagen kann! Blieb er doch juͤngſt ſchon ſitzen, als ihm der Senat neue Ehren antrug! Darbieten koͤnnt ihr ihm nichts, das er nicht ſelbſt ſich herrlicher beilegt! Roms Freiheit— ſie iſt ein entſeelter Leich⸗ nam! Laßt uns Fackein anzuͤnden, und ſie zum Holzſtoß begleiten! Und Brutus, du ſchläͤfſt? 2 Siehe, ein Feuer bricht aus ihrer Aſche her vor, es wird—— Cato iſt todt! Brutus lebt! Die beaͤngſtigte Portia erfuhr in ihren entle⸗ genen Gemaͤchern nicht, was bei Brutus vor⸗ ging. Es war ſpaͤt, die Kerzen brannten dun⸗ kel; unruhig irrte die Roͤmerin umher, von einem Gemach in das andre. Brutus trat ein— wie zerſtoͤrt! wie wild ſein Blick! Iſt das 26 Brutus, der ſeine Gemalin in drei Tagen nicht ſahe?— Portia! du irrſt. Ich bin ja ſanft! bin gelaſſen! Eben weil ich ſo lang dich nicht ſah, eben darum meine Unruh! Meine Portia! wie iſt dir's ergangen? O rede doch, rede! Die kluge, liebende Gattin nuͤtzte den Wink; mit holder, beſaͤnftigender Stimme ſprach ſie von gleichguͤltigen Dingen— von unbedeutenden Vorgaͤngen im Tempel, nichts von Cato's Klag⸗ opfer, nichts von den Scenen am Altar der himmliſchen Venus, nichts von den Schreckens⸗ zeichen jener Naͤchte: aber mit ſchlauem Ueber⸗ gang jetzt einige Worte von dem Tumult bei der Ruͤckkehr nach Hauſe. Brutus hatte bisher ihr gegenuͤber geſeſſen und gedankenlos mit den zarten Fingern ihrer ſchoͤnen Hand geſpielt: jetzt fuhr er auf einmal auf, und ſtieß ſie gewaltſam von ſich. Innius! Was iſt dir? Ich weiß nicht— es war— es duͤnkte mir— Es duͤnkte dir? Siehſt du Geiſter? Geiſter?— O die ſahe ich wol!— Ha, 27 mein Genius! mein boͤſer Genius!— Hier ſchon fandſt du mich wieder? hier, in der Naͤhe der Unſchuld? Dein boͤſer Genius?— Ich zittre! Brutus, dem traue du nicht!— Brutus, dich ſchuͤtzen die Goͤtter! die heiligen!— Jede boͤſe That ſei von dir fern! 4 Boͤſe—? Was iſt boͤſe? was iſt gut?— Fuͤhrt Boͤſes zu Gutem; ſo wird's Tugend.— Ihr, der Tugend, alles! alles der Freiheit! auch das beſſere Selbſt! P. Venus Verticordia! wache uͤber ſeine Anſchlaͤge! B. Anſchlaͤge—! Welche? P. Junius! du verſchließeſt dein Herz!— Du biſt mir alles: ſollte nicht auch ich dir alles ſeyn? B. Das kann kein Weib, auch das edelſte, kann ſelbſt Portia nicht! Sie iſt des Mannes, nicht ſo der Mann der ihre! P. Brutus—! B. Zuͤrne nicht, Geliebte; du biſt mein! mein theures Eigenthum! mein lieberes Selbſt! Kein Winkel deines Herzens kann, darf mir 28 verborgen ſeyn! ich kann in allen walten, in allen rathen und helfen! Nicht ſo du mir! P. Ja, Junius, ich bin dein! Cato gab mich dir! Aber nicht wie dieſe Purpurdecken, dieſe Prachtgefaͤße, dieſe Kleinodien, die auch dein ſind; nein, zur treuen Lebensgefaͤhrtin, zur unabweisbaren Theilnehmerin des Boͤſen, wie des Guten! Verheelt Junius ſeiner Portia wol eine Freude, ein Gluͤck, das ihm die Goͤt⸗ ter geben?— Nein!— Nun warum denn das Boͤſe? B. Das Böͤſe? Was fuͤr Boͤſes?— Ich kenne kein Boͤſes!. P. Kein Boͤſes— und Caͤſar herrſcht? Und Cato iſt todt? und die Freiheit—2 B. Portia, was haſt du an dieſer Hand? ſie ſcheint verwundet. P. fortfahrend. Nein, nichts darf mir fremd ſeyn, was dich angeht! dies iſt fuͤr mich der Gewinn unfrer Ehe! Wie ſoll ich dir dies ganze, volle, heiße Herz, das nur dir leht, darlegen, wenn nicht in druͤckenden Lei⸗ den? Dazu gab mich Cato dir, nicht blos zu 29 feohlichen Tagen, welche auch die Fremde gern mit dir theilt. B. Siehe, du hoͤrſt mich nicht, liebe Schwaͤtzerin! Nach der Wunde dieſer lieben Hand iſt's, daß ich frage! P. Ja, geſchwaͤtzig ſind die Frauen: ich kenne den Vorwurf! Aber bin ich nicht Cato's Tochter? nicht Junius Brutus Gemalin? Ich ward beſſer gebildet, beſſer in deinem Umgange gewoͤhnt!— Dieſe Hand— wenn dir nun die Schwaͤtzerin die Geſchichte ihrer Verwundung weder ſagen koͤnnte, noch duͤrfte?— Siehe, die Wunde iſt nicht klein; ſie fuͤllt die ganze Hoͤle der Rechten, die Cato einſt in die deine legte! B. Goͤtter! dies iſt Verletzung durch Feuer! Wie muß die Wunde dich ſchmerzen! P. Mich ſchmerzt nur eins! B. O eine Wunde am haͤuslichen Heerde! Die Ehrenwunde der Hausfrau! Da koͤnnt ihr Schmerzen ertragen, wie Mutius! P. Schweigen und Schmerzen ertragen, wie er!— Sieh hier die Probe! 4 B. Goͤtter! was machſt du! Huͤlfe! Huͤlfe! Lesbia! Dole! wo ſeid ihr? 30 Wer iſt nun der Verzagte? lächelte Portia, die am Ende des Geſprächs ſpielend ein Meſſer ergriff, und ihrem Brutus den Beweis ihrer Worte durch eine Wunde gab, mit welcher ſie ſich den linken Schenkel fuͤrchterlich verletzte. Zitternd lag ſie in Brutus Armen. Der zarte Koͤrper war nicht ſo ſtark, wie der helden⸗ muͤthige Geiſt. Der Fußboden faͤrbte ſich mit dem reinen Blute der Roͤmerin; die weinenden Sklavinnen knieeten umher und verbanden ſie. Laͤchelnd ſuchte ſie ſich der Ohnmacht zu erweh⸗ ren. Welch ein Zeichen von Schwaͤche, in Ge⸗ genwart des Gemals, dem ſie Staͤrke beweiſen wollte, haͤtten jetzt ſie die Kraͤfte verlaſſen! Brutus war außer ſich. Die Haͤrte, die Kaͤlte, die er oft zeigte, die aber ſeinem Herzen ſo fremd war, mußte jetzt ganz dieſem Auftritte weichen. Portia fuͤhlte ihre Schmerzen kaum: ſie triumphirte in denſelben. Bin ich, fragte ſie mit ſchwacher Stimme, bin ich nun deiner Ver⸗ traulichkeit wuͤrdig? Schweigen und Schmer⸗ zen ertragen, Brutus—! Man hatte ſie zu Bett gebracht; ein hefti⸗ ges Fieber ergriff ſie. Junius ſaß an ihrer Seite. Doch die verhaͤngnisvollen Augenblicke, die ſich immer mehr naheten, geſtatteten ihm nicht lange dieſe Ruhe; er ward abgerufen, und wenigſtens fuͤr jetzt mußte Portia die Hoffnung aufgeben, die Fruͤchte einer That zu genießen, durch die ſie ſich ſeinem Herzen naͤher zu draͤngen ſuchte. Ja, die verhaͤngnisvollen Stunden nahten! Caͤſars Untergang war beſchloſſen. Manche Be⸗ rathſchlagung, grauenvoll fuͤr den edeln, Rom und Caͤſarn liebenden, Brutus, erwies: Rom ſei nicht anders zu retten! 1 Brutus ſah jetzt ſeine Gemalin wenig: er. floh ſie! Er wußte, was ſie verlangte, was ſie geſtrebt hatte, ſich mit ihrem Blute zu erkau⸗ fen. Sein Vertrauen wollte ſie! Konnte er es ihr gewaͤhren? Wußte er, was er ihr ſagen ſollte? War er ſchon einig mit ſich ſelbſt? Konnte ſie das Grauenvolle ertragen? Was man Portien nicht ſagen konnte, das ſchwebte ihr dunkel vor. In des Hauſes ſchwei⸗ genden Hallen ſchlich ein finſteres Geheimnis: 32 Brutus boͤſer Genius wandelte durch daſſelbe. Der gute Genius, die fromme, treue Gemalin, konnte nicht an ſeine Seite treten! Und ach, welchen Rath haͤtte ſie in dieſen verzweiflungsvollen Stunden geben koͤnnen?— Geduld, die Tapferkeit der Frauen? Aufſchub des Richteramts, bis die Goͤtter richteten?— Dies war fuͤr keinen Brutus! dies paßte uͤberhaupt nicht fuͤr die damalige Zeit.— Hier war bereits alles verloren; hier waltete ſchon die raͤchende Nemeſis; hier herrſchten die Maͤchte der Unterwelt! Caͤſar— auch er fuͤhlte den nahenden Schritt des Verderbens! Gehaͤuftes Gluͤck machte ihn zittern. Schlachten, wider alle Wahrſcheinlich⸗ keit gewonnen, Tod ſeiner gefuͤrchtetſten Feinde, ſcheinbare Umwandlung der Geſinnungen ſeiner Haſſer, machten ihn zittern! Der Stahl war bei verſchiedenen Gelegenheiten ſchon geſchliffen, mit welchem ſeine eigene Hand ihm den Tod geben ſollte; er traute ſich zu, wie Cato zu ſterben, und in den Worten:„O Cato! ich be⸗ — 33 neide dir deinen Tod!“ lag wol noch etwas mehr, als er durch den Schluß:„denn du beneideteſt mir die Ehre, dir das Leben geſchenkt zu haben”— in dieſelben legen wollte. Doch die Zeiten augenſcheinlicher Gefahr gingen gluͤcklich voruͤber; aber ſtillern, leiſern Schritts nahte heimlich das Verderben!— Er bemerkte es nicht.— Caͤſar mußte fallen; der Tag, den ihm die Goͤtter verbargen, war be⸗ ſtimmt— war vor der Thuͤr. Doch noch am nemlichen Tage die Stimme der Warnung! Huͤte, huͤte dich vor des Maͤrzes funfzehntem Tage! ſo ertoͤnte ſie ſchon mehrmals. 4 Man kam am Morgen, ihn in den Senat zu holen. Ich werde heute nicht ausgehen, ſagte er kalt. Wie? du befindeſt dich uͤbel? Nein! Mir iſt wohl! Die Goͤtter verkuͤnden doch kein Ungluͤck? Was ſagen die Auguren? Die Auguren ſagten das vortheilhafteſte. Wie konnten, wie durften ſie anders! J. f. F. II. J. 3. H. 3 Und doch, das eine der Opfer—!— Man uͤbertaͤubte den Boten. Nun dann, Traͤume? Du weißt, wie wenig Caͤſar auf Traͤume achtet. Und doch, ſiel Kalpurnia geaͤngſtet ein, ein Traum von mir—— Zu ſehr liebt mich Caͤſar, um ihn zu verachten! Wie? du traͤumteſt? Ich ſah' ihn in Blut, in lauter Blut, und dann mit Stralen umgeben, im Schooße der Goͤtter. Blut, das iſt der Purpur! und die Strah⸗ len der Vergoͤtterung, die koͤnigliche Binde! Hinweg! Du weißt, daß ich das haſſe! Genug, ich bleibe heute zu Hauſe. Wie? weil Kalpurnia traͤumte?— Und hat Caͤſar vergeſſen, was heute verhandelt werden ſoll— heut' oder niemals?— Wie? weil Kalpurnia traͤumte? Hoͤrt es nicht, ihr Roͤmer! Caͤſar wankte. Man drang ſtaͤrker in ihn. Kalpurnia bat— bat vergebens. Die Freunde lachten ihrer Unruh', und ſagten freundlich ſpot⸗ tend ihr, was ſie ihm nicht ſagen durften. Endlich gluͤckte der Streich: der warnende Genius entfloh! Caͤſar ging den Weg, den er nie wieder zuruͤckkehren ſollte. Caͤfar! Caͤſar! toͤnte es ihm noch unterwegs aus dem Haufen geringen Volks nach: huͤte, huͤte dich vor dem funfzehnten Maͤrz!— Nie⸗ mand errieth den Sprecher. Ungehoͤrt, wenigſtens unbeachtet, blieb die Stimme, von dem, der ſie hoͤren ſollte: denn jetzt ward er von fern den geliebten Brutus ge⸗ wahr, der ſich mit einigen Freunden nahte. Brutus ſprach emſig mit ihnen; ein Geſuch, das in dieſem Augenblicke an Caͤſarn gerichtet wurde, verſchlang den Gedanken, den er im Naͤher⸗ kommen ſeinem Liebling mitgetheilt haben wuͤr⸗ de, ihm, der kaum wußte, wie lieb er ihm war! Und verſtandſt du genau, fragte einer von Brutus Begleitern den andern, verſtandſt du, was der Menſch zu uns ſagte, da er ſich dort im Schatten des Tempels an uns draͤngte? Gluͤck zu euerm Vornehmen!— Goͤtter! wir ſind verrathen! erwiederte der andre. Und weißt du, fluͤſterte ein dritter, daß es der nemliche iſt, 36 der jetzt mit Caͤſar ſpricht?— Siehe, er wird bleich! er ſcheint zu zittern! Goͤtter! Goͤtter! wir ſind verrathen!— Brutus, was ſagſt du?— Brutus antwortete nicht, in dumpfes Sinnen vergraben.— Brutus— ein Bote aus deinem Hauſe! Es iſt Lucius; dieſer Zettel iſt von Portia's Hand. Brutus wehrte ab: Lies ihn, Me⸗ tellus! Metellus las:„Portien ohne Abſchied ver⸗ laſſen?— Ich erwache; dein Lager iſt leer?— Komm zuruͤck, Geliebter! nur auf Augenblicke! Dieſe namenloſe Angſt—“ Klagen der Weiber! Brutus, du hoͤrſt ſie doch nicht? Brutus hoͤrte nicht!— Sag' Portien, fer⸗ tigte Metellus den Knaben ab, Brutus ſei wohl und kehre bald zuruͤck zu ſeiner Geliebten. Aber Portia iſt krank!— Sie gebot—— Nichts, was ſie gebot! Brutus gebietet Ruhe! Nun keine Botſchaft mehr! Eben ſind ſie am Thore des Kapitols, eben kam ein Bote der Verſchwornen. Geſchwind 37 ihnen nach! ſprach Caſſius, und dicht, dicht wollen wir uns an Caͤſarn ſchließen! Cinna, du weißt deine Rolle. Und ich die meine, murmelte Kaska; ich habe die ſchoͤnſte erkoh⸗ ren!—— Portia ward von unausſprechlicher Angſt aus einem Zimmer des weiten Hauſes ins andre getrieben. Die von Brutus erhaltene Antwort gnuͤgte ihr nicht; Lucius mußte geſtehen, daß er ſie nicht aus ſeinem Munde erhalten.— Bleich, entſtellt ſah' er aus? ſo wiederholte ſie ſich die Worte, die ihr Lucius ſagte. Er las nicht ſelbſt den Brief? Metellus antwortete?— O, er iſt krank! Eil' ihm nach, noch einmal, Lucius! eile! Lucius eilte den Weg noch einmal zuruͤck, und Portia ſank halb ſinnlos an einer Saͤule nieder. Ich weiß, rief ſie und erhob ſich; ſiehe, jetzt weiß ich, was ich thun will! Lucius koͤmmt nicht zuruͤck! Ich eile zu meiner Goͤt⸗ tin!— Lesbia, den kuͤrzeſten Weg nach dem Tempel! 38—— Portia ſchwankte hinab, ſich in den Trag⸗ ſeſſel zu werfen: da ſah ſie eine von Kalpur⸗ niens Sklavinnen mit den ihrigen ſprechen. Was giebts? was bringt Kamilla? Sie bittet um den Zuſpruch der alten Lokuſta. Was ſoll ſie? Kalpurniens Leute ſind außer ſich; ihre Frau hat fuͤrchterlich getraͤumt! Getraͤumt? und was?— Lokuſta, eine alte im Traumdeuten hocher⸗ fahrne Sklavin in Portia's Dienſten, von der roͤmiſchen Sklavenwelt fuͤr untruͤglich gehalten, war von Kalpurniens Traum ſchon belehrt. Sie trat hervor und erzaͤhlte ihn ihrer Gebieterin, mit dem Zuſatz, den die Sklavinnen entweder erdacht, oder den Kalpurnia ihrem Gemal aus ahnendem Grauen verſchwiegen hatte: ſie habe Julius Caͤſar von ſeinem Sohne ermordet geſehen. Auf dieſes Wort war's, als ſiel ein Schleier von Portia's Augen. Julius Caͤſar ermordet? ſchrie ſie, und ſank: denn ihr war's, als ver⸗ naͤhme ſie eine geſchehene Geſchichte. Ermordet 39 von ſeinem Sohne? Sie ſank noch tiefer. O Brutus! Brutus! endete ſie, ſich ſelbſt kaum hoͤrbar; denn jetzt vergingen ihr die Sinne, und entſeelt lag ſie auf dem Marmorpflaſter. Wie hier die Sklavinnen um Portia, ſo draͤngen ſich im nemlichen Augenblick die Ver⸗ ſchwornen um Caͤſar. Man dringt in ihn, we⸗ gen Cinna's Zuruͤckberufung: er weigert ſich. Man umſchließt ihn immer dichter: dies iſt das Signal! Schon fuͤhlt er Kaska's Dolch im Nacken! Er wendet ſich um, ſich dem Mord⸗ ſtahl zu entreißen, und im nemlichen Nu drin⸗ gen zehn Dolche auf ihn ein. Caͤſar ſinkt! Sein brechendes Auge ſieht den Dolch in der geliebteſten Hand—„Brutus! Brutus! auch du? So ſtirb denn, Caͤſar!“ Boten kommen in den ſtuͤrmenden Senat; ſie dringen zu Brutus:„Portia liegt in todes⸗ aͤhnlicher Ohnmacht!“ Bleich und zitternd ſteht Brutus, den blutgebadeten Dolch in der Rech⸗ ten, ſtarren Auges auf den Purpur geheftet, der den Ermordeten deckt. Um ihn toͤnt das 40 wachſende Geraͤuſch der That, die eben geſchehen iſt. Brutus ſchweigt, auch hoͤrt er nicht die Poſt aus ſeinem Hauſe.„Portia, Portia iſt todt!“ ruft ein andrer Bote: er hoͤrt's nicht!— Doch wer vermag zu ſchildern, Augenblicke, wie dieſe? Schauer und Schweigen verſiegle ſie. Portien ward der Tod nicht gegoͤnnt: noch ſollte ſie den Gatten wiederſehn!— Wir erblicken die Treue, die nicht mit, nicht fuͤr ihn ſterben, nicht ohne ihn leben konnte, ihn auf ſeiner Flucht begleitend.— Die ſchwere Reiſe durch Lukanien bis an's Meer theilte ſie mit ihm. Nicht weichen wollte ſie von ſeiner Seite, bis zum Sieg' oder Tode. Durch gewaltſam unterdruͤckte Thraͤnen, durch erkuͤnſtelte Staͤrke, ſuchte ſie ſich die Gewaͤhrung dieſes letzten Wunſches zu erkaufen— des einzi⸗ gen, den ſie noch hatte. Ich werde nie weinen, ſagte ſie, nie zittern! Ich werde mit dir die Gefahren des Meers theilen. Die Treue, die Unſchuld der Gattin werden deine Fahrt gluͤck⸗ lich machen. Siehe, ich theile mit dir ſelbſt 41 die Gefahren der Schlacht; ich kaͤmpfe an deiner Seite, ich ſiege oder ich ſterbe mit dir! Und koͤnnteſt du dies? fragte der Mann, der Roms Freiheit alles opferte. Koͤnnteſt, koͤnnteſt du dies?— Thraͤnen— o ſie wuͤrden bald die Schwaͤche deines Geſchlechts verra⸗ then!— Portia, ja, du folgeſt mir, wenn wir nur das Meer ohne dieſe Zeugen deines Jam⸗ mers erreichen! Portia kaͤmpfte, und kaͤmpfte gluͤcklich, bis faſt zu Ende der Reiſe.— Nicht weit vom Ufer des eleiſchen Meers ſtand ein kleiner Tem⸗ pel Neptuns; die fromme Roͤmerin wollte ihm nicht voruͤber gehen. Brutus folgte der Gattin: auch ſein Herz floh zu den Huͤlfe bringenden Goͤttern.— Portia hielt ſich feſt, obgleich hier ſchon heiße Andacht die Thraͤnen hervorlocken wollte, auf deren Unterdruͤckung jetzt ihr alles ankam. Doch verloren war ſie, als im Zuruͤck⸗ wenden vom Altar ein Gegenſtand auf ſie wirkte, der wol ein weniger erweichtes Herz haͤtte uͤber⸗ fließen machen! In einer Vertiefung der Mauer, dem Altar gegenuͤber, prangte ein großes Gemaͤlde, von 4²— Alcimedons Meiſterhand gezaubert. Mit gött⸗ licher Kunſt war hier Andromache geſchildert, wie ſie von Hektor ſcheidet. Eben gab Hektor der zagenden Gattin den zarten Aſtyanax zuruͤck, auf deſſen Munde noch der Scheidekuß des Va⸗ ters gluͤhte. Andromache's Auge ſiel nicht auf den Knaben, den ſie an ihre Bruſt druͤckte; nein, mit einem großen Blicke, in welchem eine Thraͤne blinkte, ſah ſie auf den Gemal, ſah ſie nichts als ihn. Welch ein Bild! Portia's Thraͤnen brachen hervor, denn Andromache weinte! Mit Andro⸗ mache's Worten ſtuͤrzte ſie ſich ihrem Brutus in die Arme— mit Worten, die zu ſchoͤn ſind, um durch eine Ueberſetzung gleichſam ent⸗ weiht zu werden. Nur die Ueberſetzung wird ſie nicht entweihen, die die gluͤckliche Gattin aus dem Munde des Gemals hoͤren, und ihm mit heißem, vollem Herzen nachſprechen wird.*) Es iſt vorbei! rief Brutus und wandte ſich *) Tu mihi nunc pater es, mihi mater, amabilis Hector! Tu pro fratre mihi es, dulcisque marite ma- ritus! — 4³ mit einer Bewegung, die er kaum zu bemeiſtern faͤhig war, zu den Reiſegefaͤhrten. Es iſt vor⸗ bei! ich darf nun Portien nicht anders antwor⸗ ten, als mit den Worten, die Hekror Andromachen zuruͤckgab!*) O wie kalt war dies geſprochen, und mit wie gluͤhendem Herzen! Portia verſtand, was der Held ihr abzuleugnen ſtrebte— die Todesangſt, mit welcher er, nachdem er Roms Freiheit alles geopfert hatte, ſich nun auch von dem Letzten, Liebſten, von der treuen Gattin loszureißen rang! Feſt, feſt hielt ſie den Gatten umſchlungen: jetzt ſtroͤmten ihre Thraͤnen; mit jedem Augen⸗ blicke wards ihr unmoͤglicher, ſich von dem zu trennen, deſſen erkuͤnſtelte Ruhe ſie nicht taͤuſch⸗ te. Roms Freiheit war mit Caͤſars Blute noch nicht erkauft! Welchen Preis ſollte Brutus noch fuͤr ſie zahlen?— O, innere Ahnung ſagte Por⸗ tien, ſie werde den Gatten nie, nie wiederſehn! Und vergiſſeſt du deiner Kinder? fragte Bru⸗ tus, ſich ermannend. So verließ Andromache *.. 3 ) Tu telam cape cum fusis, famulisque jubelo? 44 ihren Aſtyanax nicht, wie du deinen Bibulus, und meinen, ach meinen Junius! Dies war das einzige Mittel, durch welches Brutus ſiegen konnte, und er ſiegte.—— In Veſta's Tempel ſehen wir Portien wie⸗ der. Erhalten war die Mutter den Kindern— ach, auf wie lange? 3 — Die philippiſche Schlacht war verloren. Brutus und Caſſius hatten Wunder der Ta⸗ pferkeit gethan, aber— die Goͤtter waren nicht auf ihrer Seite, ſie entzogen ihnen den Sieg. Die Nacht, die ſchreckliche Nacht, die der Nie⸗ derlage folgte, ſahe Caſſius bluten, von eignem Schwerdte getoͤdtet. Brutus fiel, wie ſein Freund; ihm winkte der furchtbare Genius, der verſprochen hatte, hier ihn zu finden. O Brutus! war Portia vergeſſen? Oder wußteſt du, ſie wuͤrde dir folgen? Heiter entſchloſſen folgte ſie. Man ſah ih⸗ ren Vorſatz. Schon die ruhige Kaͤlte, mit wel⸗ cher ſie den letzten Streich des Schickſals hin⸗ nahm, ſchon ihr Laͤcheln bei der Nachricht vom Tode des Gemals, zeigte, wie bald ſie bei dem Geliebten zu ſeyn hoffte. Sulpitia, die ſie innig liebende, noch inni⸗ ger ehrende— ſie, die gern in ihr ein leuchten⸗ des Beiſpiel der Tugend erhalten haͤtte, wachte uͤber ihr Leben. Kein Werkzeug des Todes blieb in Portia's Hand. Portia laͤchelte. Dem fe⸗ ſten Willen fehlt kein Mittel! Rubria und ſie, feſte, unzertrennliche Freun⸗ dinnen, treu bis zum Tode, waren allein, al⸗ lein in Portia's liebſtem Heiligthum— dem Tempel der himmliſchen Venus, Veſta's heiliger Nachbarin. Portia begann nach einem langen, tieſen Schweigen: Rubria, hier war es, wo Sulpi⸗ tia mich der Herzenslenkerin weihte. Herzen lenken ſollteſt du, himmliſche Liebe? Ach ſchon damals fuͤhlte ich, es ſei unmoͤglich! Graunvoll waren die Ausſichten, die hier ſich mir oͤffneten. O ich verſtand mehr, als Sulpitia ſagte: aber helfen konnt' ich nicht!— Mein einziges Ge⸗ luͤbde hier am Altar, war, mein Leben Junius zu opfern, ihm und der Tugend!. Rubria. Das letzte gelobt' ich mit dir. —— 46 Portia. Und wirſt du es halten? R. Feſt!— Gefaͤhrlich ſind die Zeiten! Die Tugend flieht aus dem Sturm in die Stille! P. Rubria! meine Rubria! R. Siehe, nun bin ich ſicher!— Nun trotz' ich ſelbſt der Gewaltthat. Sprach nicht das Orakel davon? nannt' es nicht ſelbſt meinen Namen?— Sichher, ſicher bin ich! ich trage den Tod im Buſen! P. Rubria! Wie? R. Schon fuͤhl' ich die Wirkung des retten⸗ den Tranks! P. Schweſter! Komm an meinen Buſen! Liebe Gefaͤhrtin des ſchmerzlichen Kampfs, der ſchon in meinem Innern beginnt— R. Portia! Gluͤckliche! auch du? P. Bei der Glut dieſes Altars, der einſt mein Geluͤbde bewaͤhrte— Ich habe— auch ich!—— Die Freundinnen umſchlangen ſich. Portia ſank am erſten. Die Geſchichte ſagt: gluͤhende Kohlen vom Altar gaben ihr den ſchoͤnen, ſchreck⸗ lichen, unbegreiflichen Tod. — 47 Sie und Rubria— die Jungfrau, die der Furcht vor dem Laſter das Leben opferte, und die treue Gattin, die den Gemal nicht uͤber⸗ leben wollte— gingen vereint zu den Schatten, zwei ſtralende Lichtgeſtalten. Sie erhellten die Nacht des Orkus! Nie fanden ſie ihres Glei⸗ chen! Von der Verfaſſerin der Conſtanze Cezeli im erſten Jahrgange dieſes Journals. —z Die Verborgene. Was ſuchſt du aͤngſtlich von Land zu Land? Was ſuchſt du von Meere zu Meere? Es ſtreuet das Gluͤck mit voller Hand Sein Gold, ſeine Macht, ſeine Ehre! Jahrhunderte, die die Sonne gebracht, Sind armer, als jetzt Ein Tag, Eine Nacht! „So preiſeſt auch du, was Voͤlker beruͤckt, Und kein' ihrer Ketten mag loͤſen? Nicht ſuch' ich das Gluͤck— nur was beglüͤckt, Und nicht wie den Guten, den Boͤſen! Was den Gott im Menſchen aufrecht erhaͤlt, Bei bebender, wankender, taumelnder Welt! 49 „Du, himmliſche Liebe, wo floheſt du hin, Du heilige, muthige, treue; Aus Gott geboren von Anbeginn, Vor der Welten undenklicher Reihe; Auf Erden erſchienen in Fuͤlle der Zeit, Zu beleben den Staub fuͤr die Ewigkeit— „»„Du heilige— fremd und unverwandt Mit irdiſchen Qualen und Freuden; Du muthige— bietend dem Tode die Hand, Ja, lebenslang laſtendem Leiden; Du treue— die ewig verbindet und eint, Was trennet in Leichtſinn und Tuͤcke der Feind— „O du, die allein dem Sterblichen lohnt Sein Sinnen und Muͤhen und Sorgen, Wenn er heimkehrt, wo deine Gottheit wohnt, Und ruhet in Stille, verborgen, Und was er that, ſchon ſchlinget hinab Der Strudel der Zeit in das ewige Grab— 3. f. F. II. J. 3. H. 4 50 E „Du, himmliſche Liebe, wo floheſt du hin, Du heilige, muthige, treue? Erſchein', erſcheine dem wankenden Sinn, Daß er in Kraft ſich erneue! Ein lodernder Holzſtoß glaͤnzt dieſe Zeit: O hebe den Geiſt zur Unendlichkeit!“ Sie ſuchſt du ſo angſtlich von Land zu Land? Sie ſuchſt du von Meer zu Meere? Leg' an deine Bruſt bereuend die Hand: Da ſpricht dir die Heilige, Hehre! Und ſpricht ſie da nicht und zeiget ſich, So iſt ſie, du Armer, verſchwunden fuͤr dich!— Friedrich Rochlitz. Ueber den Einfluß der Freude auf Geſundheit. Die wunderbare Vereinigung zweier entgegen⸗ geſetzten Naturen in dem Menſchen, das Zu⸗ ſammentreffen der eng begrenzten Koͤrperlichkeit mit einer in das Unendliche ſtrebenden Vernunft in einem und demſelben Weſen, fuͤhrt das Be⸗ duͤrfnis der angenehmen Gefuͤhle herbei. Wer truͤge wol willig dieſe koͤrperlichen Feſſeln, die den Geiſt in ſeinem kuͤhnen Fluge laͤhmen und den ſtralenden Gipfel der Tugend zu einem un⸗ erreichbaren Punkte machen, waͤren die Genuͤſſe der Sinnenwelt nicht ſo maͤchtig, daß ſie ſelbſt den Geiſt mit ſeinem irdiſchen Gefaͤhrten auszu⸗ ſoͤhnen vermoͤchten? Und wuͤrde nicht die Traͤg⸗ heit der koͤrperlichen Natur uns von jedem Ver⸗ ſuche zuruͤckhalten, nach dem Guten und Wah⸗ — 52 ren zu ringen, wenn nicht dieſes Streben mit angenehmen Gefuͤhlen gepaart waͤre, die ſelbſt das Leben dieſer materiellen Gebilde ſteigern? Fern alſo von dem Frevel, der angenehmen Ge⸗ fͤhle uns uͤberheben zu wollen, muͤſſen wir viel⸗ mehr darauf bedacht ſeyn, ſie zu veredeln und jedes derſelben als eine Sproſſe zu gebrauchen, welche uns dem Ziele moͤglichſter Vervollkomm⸗ nung naͤher bringt. Wenn nun uͤberhaupt die Diaͤtetik eine Anleitung iſt, durch ein und daſ⸗ ſelbe Verfahren, den hoͤchſten Lebensgenuß und die groͤßtmoͤgliche Wirkſamkeit und Energie zu erlangen, ſo erwarten wir von ihr vorzuͤglich auch Belehrung uͤber dieſe Genuͤſſe und uͤber die⸗ jenige Leitung derſelben, die fuͤr unſre koͤrper⸗ liche und geiſtige Geſundheit am angemeſſenſten und am wohlthaͤtigſten iſt. Unter den mannichfaltigen angenehmen Ge⸗ fuͤhlen aber, welche den Reiz des Lebens erhoͤ⸗ hen, ſteht die Freude oben an. Sie behaup⸗ tet dieſen Rang vor dem ſinnlichen Genuſſe, da ſie in Vorſtellungen begruͤndet iſt, mithin in der hoͤhern Natur des Menſchen ſich entwickelt; das Vergnuͤgen uͤbertrifft ſie durch die groͤßere Staͤrke und Lebendigkeit der angenehmen Empfindung; und vor der Heiterkeit, ſo wie dem Frohſinne, hat ſie den Vorzug, daß ſie ſich eines beſtimm⸗ ten Gegenſtandes bewußt iſt. Ueberlaſſen Sie ſich mit mir auf einen Au⸗ genblick der freudigen Erinnerung an den Zu⸗ ſtand, worin wir uns befanden, wenn ein gluͤck⸗ licheres Ereignis unſre Pulſe hob, oder den wir an Andern beobachteten, die ſo eben von einem warmen Sonnenſtrale des Gluͤcks beſtralt wur⸗ den, damit wir die Wirkungen dieſes Zuſtandes in einen deutlichen Begriff zuſammenfaſſen. Schon ein fluͤchtiger Blick uͤberzeugt uns, daß die Frende als ein maͤchtiger Reiz die Kraft⸗ aͤußerung der hoͤhern Natur des Menſchen ſtei⸗ gert, daß ſie nemlich die Wirkſamkeit ſeines Gei⸗ ſtes und Gemuͤths und derjenigen Theile des Koͤrpers, welche mit dem letztern zunaͤchſt in Verbindung ſtehn, erhoͤht. Der Sitz der Freude iſt das Gemuͤth, und in ihm offenbart ſich zuerſt und vorzuͤglich das hoͤhere Leben, wel⸗ ches ſie herbeifuͤhrt. Die kleinlichen Leidenſchaf⸗ ten, dieſes Eigenthum eines ſchwachen Gemuͤ⸗ thes, erloͤſchen wie Irrlichter, aus ſumpfigem 4 1 Grunde geboren, wenn das reinere, aͤtheriſche Feuer der Freude ſich entzuͤndet. Der Rachſuͤch⸗ tige umarmt willig ſeine Feinde; der Bedaͤchtige vergißt ſeine engherzige Politik und giebt mit ge⸗ ſchwaͤtziger Zunge unverhohlen Preis, was er denkt und fuͤhlt; der Geitzige wird von einem Anfalle von Freigebigkeit uͤberraſcht, der ihn ſpaͤterhin erſchreckt und den er ſich ſelbſt nicht er⸗ klaren kann; der Karge begeht das Wagſtuͤck, ſich oder Andern einen Genuß zu geſtatten, der mit Koſten verbunden iſt; ſelbſt der Hochmuͤ⸗ thige verliert auf einen Augenblick die Summen, uͤber die er gebietet, und das Geſchlecht, von welchem er abſtammt, aus dem Geodaͤchtniſſe, und ſchließt ſich mit Innigkeit an das erſte beſte Menſchenkind an; den Furchtſamen fuͤhrt ein ungewohnter Muth in die Saͤle der Großen, in die oͤffentliche Verſammlung, zu den Fuͤßen ei⸗ ner ſtill Geliebten; und der Neidiſche betrachtet ruhig die bluͤhenden Saaten ſeines Nachbars. Von dieſen Feſſeln der Schwaͤche entwunden giebt ſich das Gemuͤth gern den Affekten hin, welche auf Wohlwollen fuͤr die Menſchheit ſich gruͤnden; es iſt geneigt, den Bund der Freundſchaft und — 5⁵ der Liebe zu knuͤpfen, das kleinliche Intereſſe des Egoismus zu beſiegen und dem Guten und Edlen ein Opfer zu bringen. Aber auch uͤber den Geiſt ſtroͤmt die Fuͤlle des Lebens; ein ſchneller Wechſel von Ideen rauſcht unaufhaltſam voruͤber, alle Anſichten des Freudigen ſind klarer und deutlicher, er urtheilt ſchneller, beſtimmter und ſichrer, die Phantaſie leuchtet ihm auf ſeinem Pfade, und mit dem Ge⸗ wuͤrze des Witzes veredelt er die gemeine Koſt, zu welcher er verurtheilt iſt. In dem ungeſtuͤmen Klopfen des Herzens, in dem Huͤpfen der Pulſe, in der Spannung aller Muskeln wirft die Exaltation des Gemuͤ⸗ thes ihre Stralen auf die koͤrperliche Natur des Menſchen. Eine allgemeine angenehme Waͤrme verbreitet ſich uͤber den Koͤrper, ein friſches Roth faͤrbt die Wangen, der ſiegende Glanz des Auges zieht mit magiſcher Gewalt Herzen an ſich, und die Anmuth laͤßt ſich auf dem Ange⸗ ſichte nieder, welches die Freude zu ihrem Auf⸗ enthalt waͤhlte. Alle Bewegungen ſind kraͤfti⸗ ger und beſtimmter, und ein unwiderſtehlicher Drang bemeiſtert ſich des Menſchen, das Kraft⸗ 56 gefuͤhl in ſeinen Muskeln durch Bewegung aus⸗ ſtroͤmen zu laſſen; aͤngſtlich ruͤckt der Freudige auf dem Kiſſen herum, wenn ihn die Konve⸗ nienz an den Stuhl feſſelt; alle ſeine Beſonnen⸗ heit muß er auf oͤffentlichen Plaͤtzen zuſammen⸗ nehmen, um nicht unwillkuͤhrlich einen Ehren⸗ ſprung à la Asmus zu machen, und mit muͤh⸗ ſam erlogener Ernſthaftigkeit auf der Stirne laͤuft er, wie gejagt, durch die Spaziergaͤnge. Selbſt ſeine große Redſeligkeit ruͤhrt zum Theil von dieſem Drange nach Muskelbewegung her, denn wenn er auch nicht uͤber den Gegenſtand ſeiner Freude ſich mittheilen kann, ſo thut ihm ſchon das reine Sprechen, das Sprechen um zu ſprechen— das Schwatzen— wohl, welchem eine Art Kuͤtzel in den Muskeln der Stimmwerkzeu⸗ ge zum Grunde liegt. Eine ungeſtuͤmere Freude iſt wie ein wahrer Rauſch, mit Taumel und Schwaͤchung des Be⸗ wußtſeyns verbunden, und der ungebildete Na⸗ turſohn kann ihr nur durch die ſtaͤrkſten Bewe⸗ gungen Luft machen: laut jauchzt er auf, jetzt wirft er ſich zur Erde, jetzt tanzt er wie trunken umher, und wehe dem, der ihm ſich naͤhert und die Exploſionen ſeiner ungeſtuͤmen Freude auf⸗ faͤngt! Die niedern Beduͤrfniſſe des Menſchen ſchwei⸗ gen in dieſer Periode der Freude: des Leibes Nahrung, Ruhe und Schlaf verlieren ihre Macht und hoͤren auf, Beduͤrfniſſe zu ſeyn; dieſe Laſten loͤſen ſich von den Schwingen des Gemuͤths, und wie der entfeſſelte Adler ſteigt es zu reinern Hoͤhen empor. Die Freude iſt alſo einer der maͤchtigſten Reize, welche auf den Menſchen einwirken koͤn⸗ nen, ein köſtlicheres Staͤrkungsmittel, als Peru ſendet, ein trefflicheres Schoͤnheitsmittel, als Ninon je beſitzen konnte, und ſchon deshalb kommt ihr der Preis vor allen materiellen Reiz⸗ mitteln zu, weil ſie unmittelbar auf den geiſti⸗ gen Kern des Menſchen einwirkt, ohne erſt den Umweg durch die irrdiſche Schale zu nehmen. Allein die Kraft, welche ausgezeichnek wohl⸗ thaͤtige Wirkungen aͤußert, kann auch die ver⸗ derblichſte werden; und ſo wie dieſelbe Subſtanz, die jetzt in den Haͤnden des Arztes vom Tode rettet und die Geſundheit wieder herſtellt, unter andern Umſtaͤnden als das grauſendſte Gift wirkt, ſo iſt auch die Freude bald eine Panacee des Le⸗ bens, bald eine Verwuͤſterin deſſelben. Der Diaͤtetik kommt es demnach zu, zu beſtimmen, wie wir uns zu verhalten haben, damit die Freude blos wohlthaͤtig auf uns wirke, und da⸗ mit wir die Wirkungen einer ſolchen Freude oͤf⸗ ter erfahren, als die Laune des Zufalls es will. Um zu dieſem Ziele zu gelangen, muͤſſen wir die verſchiednen Arten der Freude unterſcheiden. Die erſte, welche ich die gemeine nennen moͤchte, bezieht ſich blos auf aͤußere Ereigniſſe, welche ſchlechterdings nicht, wenigſtens nicht un⸗ mittelbar, Produkte unſrer Freiheit, ſondern Gluͤcksfaͤlle ſind: ihr Gegenſtand iſt alſo die Erlangung aͤußerer Vortheile, der Erwerb von Vermoͤgen, Auszeichnung durch Ehrenbezei⸗ gung, und das aͤußere Wohlbefinden der U. fri⸗ gen, die wir als einen Theil von uns zu betrach⸗ ten gewohnt ſind. Dieſe Freude iſt am meiſten ſtuͤrmiſch und wenn ſie unerwartet eintritt, fuͤr die Geſundheit und das Leben gefaͤhrlich. Sie bewirkt dann, ſo wie jeder zu ſtarke Reiz, volle Ueberreizung, welche ſich vom Gemuͤth auf den Koͤrper fortpflanzt; es tritt ein krampfhafter 59 Zuſtand ein, worin das Bewußtſeyn ſuspen⸗ dirt iſt, und alle Wirkſamkeit der Seele und des Koͤrpers ſtockt; ſtumm und unbeweglich ſtarrt der Menſch vor ſich hin, er wird blaß, ſeine Lippen zittern, ihn uͤberfaͤllt Beaͤngſtigung, Herzklopfen, ſelbſt Ohnmacht. Endlich loͤßt ſich dieſer Krampf in ein Hervorſtoßen unartiku⸗ lirter Toͤne, in wilde Bewegungen oder in ſanf⸗ ten Thraͤnenerguß auf, und die Folgen davon ſind Schmerz, Schlafloſigkeit und Entkraͤftung. Ja es giebt ſogar Faͤlle, wo dieſer Sturm den Verluſt des Verſtandes oder einen toͤdtlichen Schlagfluß zur Folge hat. Damit diejenige Freude, welche wir uͤber ein gluͤckliches Ereignis empfinden, wohlthaͤtige Folgen fuͤr unſre Geſundheit nach ſich ziehe, ha⸗ ben wir folgende Maßregeln zu beobachten: Erſtlich: Man uͤberlaſſe ſich auf einige Zeit dem ungeſtoͤrten Genuſſe dieſer angenehmen Empfin⸗ dung, und ſuche in dieſer Abſicht in ſeinen Ge⸗ ſchaͤften bald eine Pauſe zu machen oder andre Stoͤrungen zu vermeiden. Glauben Sie nicht, daß dieſe Maxime blos auf den Genuß des Au⸗ genblicks berechnet iſt: ſie fließt im Gegentheile 60— aus dem Grundſatze her, das Maß unſrer Kraft moͤglichſt zu erhoͤhen, damit wir durch hohe Thaͤtigkeit den Zweck unſers Daſeyns vollkomm⸗ ner zu erreichen im Stande ſind. Von dem Ge⸗ nuſſe der Freude kehren wir mit verjuͤngten Kraͤf⸗ ten zu den Geſchaͤften des Lebens zuruͤck, und wer weiß, ob nicht die naͤchſte Stunde ein Mis⸗ geſchick herbeifuͤhrt, zu deſſen mannhafter Be⸗ kaͤmpfung wir dieſer Wirkung recht ſehr beduͤr⸗ fen? Wer buͤrgt uns dafuͤr, daß uns nicht ein Verhaͤltnis bevorſteht, wo wir nur mit Huͤlfe einer erhoͤhten Kraft den Egoismus beſiegen und unſer kleinliches Intereſſe aufopfern koͤnnen, um der Menſchheit nuͤtzlich zu werden? Es iſt eine peinliche Anſtrengung, die Regungen der Freude zu unterdruͤcken, und eine tadelhafte Vergeudung iſt es, die ſchoͤnen Aufwallungen ihrer erſten Momente ungenuszt fuͤr die Geſundheit unſers Koͤrpers und unſrer Seele voruͤber gehen zu laſſen. Zweitens: Man folge der Stimme der Na⸗ tur und nehme eine maͤßige koͤrperliche Bewe⸗ gung vor; man gehe bis zu einer leichten Ermuͤ⸗ dung. Dadurch verbreitet ſich die belebende 61 Kraft der Freude deſto ſichrer von dem Seelen⸗ organe uͤber den niedern Organismus. Indem ſo koͤrperliche Thaͤtigkeit mit der geiſtigen ſich verbindet, wird ein Gleichgewicht der Erregung herbeigefuͤhrt und dadurch eine zu große Abſpan⸗ nung der Seele vermieden, welche ſonſt zu erfol⸗ gen pflegt, wenn ſie allein in zu hohem Grade thaͤtig iſt. Man vermeide drittens dabei die koͤr⸗ perlichen Genuͤſſe, oder ſei doch bei denſelben aͤußerſt maͤßig. Die Speiſen werden in dieſer Periode nicht aſſimilirt, und geben nur zu Uebel⸗ beſinden Anlaß; geiſtige Getraͤnke machen die Waͤrme der Freude zur Fieberhitze, und alle dieſe koͤrperlichen Reize truͤben die Reinheit der Freude und fuͤhren das Gemuͤth um ſo fruͤher in Bande zuruͤck, deren momentanes Vergeſſen ihm ſo wohlthaͤtig iſt. Viertens: Wann die erſte Glut der Freu⸗ de auf dieſe Weiſe voruͤbergegangen iſt, ſo tritt Froͤhlichkeit und eine angenehme Ermattung ein, welche eine Folge der ſtarken Reizung und der erhoͤhten Thaͤtigkeit iſt. In dieſem Zeitraume muß man dem Koͤrper durch Mittel der Reſtau⸗ I 62 ration zu Huͤlfe kommen. Am zutraͤglichſten iſt hier zuvoͤrderſt die Ruhe, damit der vorherge⸗ gangene Aufwand an Muskelkraft wieder erſetzt werde. Ein laues Bad iſt ungemein zweckmaͤ⸗ ßig, das Nervenſyſtem vor einer Abſpannung zu ſichern, welche nach dem Rauſche der Freude leicht eintritt. Leider iſt nur dieſes große Be⸗ foͤrderungsmittel der Geſundheit immer noch zu wenig unter uns eingefuͤhrt! Der maͤßige Ge⸗ nuß eines edeln Weines iſt in dieſer Periode ebenfalls wohlthaͤtig, der Erſchoͤpfung vorzu⸗ beugen und die verlornen Kraͤfte zu erſetzen. Endlich muͤſſen wenige, aber kraͤftige und nahr⸗ hafte Speiſen, vornemlich warme, leicht ver⸗ dauliche Fleiſchgerichte, genoſſen werden, denn ſo ſehr auch der Koͤrper jetzt einer reichlichen Nah⸗ rung bedarf, ſo ſind doch die Verdauungskraͤfte noch zu ſchwach, als daß man ihnen eine groͤßere Maſſe minder nahrhafter Speiſen aufbuͤrden koͤnnte.— Allein wir ſehen uns nun nach den Mitteln um, welche uns ſichern, daß die Freude nicht durch zu große Heftigkeit uns verderblich werde. Es ſind dies theils ſolche, welche der, den der Rauſch eines Gluͤcks zu ergreifen droht, ſelbſt anzuwenden vermag, theils ſolche, die der Arzt oder der Freund zu ſeinem Beſten herbeifuͤhren muß. Das erſte und ſicherſte Mittel, daß ein Gluͤcksfall uns nicht zu ſehr erſchuͤttert, iſt das Streben nach innerem Gluͤcke, die Bildung unſrer hoͤhern Kraͤfte, welche mit einer gehoͤ⸗ rigen Schaͤtzung der aͤußern Verhältniſſe, und der verſtaͤndigen Beurtheilung ihres wahren Werthes verbunden iſt. Leibnitzens Nichte fand, da ſie die Verlaſſenſchaft ihres Oheims unterſuchte, unter dem Bette des Philoſophen unerwartet einen Kaſten mit 6000 Dukaten, und, von der Freude uͤberwaͤltigt, ſank ſie todt zur Erde nieder: haͤtte ſie richtigere Begriffe uͤber die Gluͤcksguͤter gehabt, ſo wuͤrde ſie ein heitres Alter haben genießen koͤnnen. Haͤtte Pabſt Leo X. ſeinen Sinn mehr dem Ueberirr⸗ diſchen zugekehrt, ſo wuͤrde ihn die Nachricht von der Niederlage der Franzoſen nicht fuͤr Freu⸗ de getoͤdtet haben. Auf den vernuͤnftigen Mann wirkt die ſeinen Bemuͤhungen angemeſſene Aus⸗ zeichnung, die ihm von den Großen der Erde 64 oder der allgemeinen Stimme zu Theil wird, als ein wohlthaͤtiger Reiz, der ihn zu immer hoͤhern und gluͤcklichern Anſtrengungen geſchickt macht, indeß der eitle Thor, vom Flitterglanze geblendet, dieſe Freude mit dem Verluſte ſei⸗ nes Verſtandes erkauft. Der Leibkutſcher Frie⸗ drichs des Einzigen lag an einem hitzigen Fie⸗ ber gefaͤhrlich darnieder, als ihm ſein guͤtiger Monarch in einem Handſchreiben wiſſen ließ, daß er eine nothwendige Reiſe ſeiner Krank⸗ heit wegen habe verſchieben muͤſſen, und daß er ihm deshalb um ſo mehr eine baldige Ge⸗ neſung wuͤnſche. Wie ein Zauberſchlag wirkte dieſe Schmeichelei auf den treuen Diener; das Fieber war verſchwunden und am folgenden Tage meldete er ſich als vollkommen wieder hergeſtellt. Als Gegenſtuͤck dazu erwaͤhne ich einen Artille⸗ rieofficier, der durch einen Zufall von dem Koͤ⸗ nige von Pohlen zum Ueberbringer eines Ge⸗ ſchenkes an die ruſſiſche Kaiſerin beſtimmt wor⸗ den war. Da ihm nun wegen dieſes Auftra⸗ ges in Petersburg ein ausgezeichneter Empfang zu Theil wurde, ſo machte ihn die Freude uͤber ſein Gluͤck ſo ſchwindlig, daß er anfangs die erſten Fuͤrſtinnen mit ſeiner zudringlichen Liebe verfolgte, endlich ſich fuͤr den natuͤrlichen Sohn Peters des Großen und fuͤr den rechtmaͤßigen Erben des ruſſiſchen Reichs hielt, und in dieſer Einbildung auch im Waldheimer Irrenhauſe bis an ſeinen Tod verharrte. 4 Ich komme zu einer zweiten Maßregel, um den nachtheiligen Wirkungen einer erſchuͤtternden Freude zu entgehen, und zwar um den ſchon eingetretenen heftigen Affekt zu vermindern. Man ſuche dem angenehmen Gefuͤhle mehr Aus⸗ breitung zu geben; man mahle die verſchiednen erfreulichen Folgen des neuen Gluͤcks mit dem Griffel der Phantaſie weiter aus, man genieße in der Einbildung im voraus die mannichfaltigen Freuden, welche aus demſelben hervorgehn und uns in der Folge noch zu Theil werden koͤnnen, und das Gemuͤth ergehe ſich in dem unermeßli⸗ chen Raume der Luftſchloͤſſer. Indem auf dieſe Weiſe dem Gefuͤhle mehr Extenſion gegeben wird, verliert es an intenſiver Staͤrke: am ge⸗ faͤhrlichſten iſt es, wenn alle Seelenthaͤtigkeit in einem einzigen Gefuͤhle ſich concentrirt und wie 3. f. J. 11. J. 3.9. 3 66 unbeweglich auf den einzigen Gegenſtand hin⸗ ſtarrt. 4 Drittens: Man mache durch Mittheilung, durch freundſchaftliche Unterredung ſeinem Her⸗ zen Luft; Schmerz und Freude hoͤren auf ſo nachtheilig zu wirken, wenn man einem theil⸗ nehmenden Herzen ſeine Gefuͤhle offenbaren kann; die krampfhafte Spannung loͤßt ſich und man kehrt fruͤher zur natuͤrlichen Beſonnenheit zuruͤck. Die vierte Regel iſt, daß man dem Geiſte dabei Beſchaͤftigung giebt, ſich nicht dem Ein⸗ drucke leidentlich uͤberlaͤßt, ſondern durch geiſtige Thaͤtigkeit dem Affekte der Freude entgegen wirkt. Indem man uͤber den Gang des Schickſals nach⸗ denkt, uͤber die Umſtaͤnde, welche das gluͤckliche Ereignis herbeigefuͤhrt haben, raiſonnirt, Plaͤ⸗ ne fuͤr die Zukunft entwirft und beurtheilt u. ſ. w. leitet man das Uebermaß der Thaͤtigkeit von dem Gemuͤthe ab und ſtellt das Gleichgewicht der Geſundheit in der Seele her. Ein fuͤnftes Mittel iſt ein Blick auf das Ganze der Natur, mit religioͤſen Betrachtungen verbunden. Man fliehe, wenn es moͤglich iſt, die Stadt mit ihren beengenden Erinnerungen an die kleinlichen Verhaͤltniſſe und an die Herr⸗ ſchaft des Egoismus; man uͤberlaſſe ſich dem Anblicke der freien Natur: hier draͤngt ſich uns der Gedanke an unſre Verbindung mit dem gro⸗ ßen Ganzen recht lebhaft auf; aus dem engen Kreiſe unſrer Selbſtliebe werden wir zu hoͤhern Betrachtungen erhoben; die Sympathie mit allen geſchaffnen Weſen bemaͤchtigt ſich unſrer und mit Dankbarkeit gegen die guͤtige Natur und frei vom Rauſche des Egoismus kehren wir von einem ſolchen Spaziergange zuruͤck. Sechſtens kann man auch den, der von ſei⸗ nem Gluͤcke berauſcht iſt, veranlaſſen, uͤber die Maͤngel deſſelben oder uͤber die Moͤglichkeit, es zu verlieren, nachzudenken. Doch erfordert dies die groͤßte Behutſamkeit; er darf nur ganz von fern darauf gefuͤhrt werden, ſo daß dieſe Vor⸗ ſtellung ihm nicht aufgedrungen wird, ſondern ohne Ahnung fremden Einfluſſes ſich in ihm ent⸗ wickelt. Endlich kann man auch ſiebentens die nach⸗ theiligen Wirkungen der Freude dadurch vermin⸗ dern, daß man irgend eine Furcht erregt. Tiſ⸗ ſot behandelte einen jungen Soldaten, der am 98⁸ Arme verwundet war und nach einer freudigen Begebenheit ein heftiges Entzuͤndungsfieber be⸗ kam: da ihn Tiſſot fuͤr ſein Leben bange machte, verminderte ſich das Fieber ſichtbar und er genas in kurzem. Die zweite Art der Freude iſt diejenige, welche wir uͤber die Vollkommenheiten empfin⸗ den, die wir uns zu eigen gemacht haben. Dieſe Art der Freude behauptet einen hoͤhern Rang als die erſtere, denn ihr Gegenſtand iſt ein Produkt unſrer Freiheit; ſie iſt um ſo edler, je hoͤher die Kraͤfte ſind, welche wir ausgebildet haben, und je weniger wir durch natuͤrliche An⸗ lagen oder aͤußere Umſtaͤnde dabei unterſtuͤtzt worden ſind; ſie iſt um ſo vorzuͤglicher, da ſie weniger von der Laune des Zufalls abhaͤngt und da ſie ſo innig mit der Veredlung unſrer Natur verknuͤpft iſt. Der Beſitz macht ungleich weni⸗ ger Freude, als der Erwerb, Lernen vergnuͤgt uns mehr als Wiſſen und Koͤnnen: damit uns alſo dieſe Quelle der Freude nie verſiege, duͤrfen wir in der Uebung und Veredlung unſrer Kraͤfte niemals ſtill ſtehn; jeder Fortſchritt in einer Tugend, einer Wiſſenſchaft, einer Kunſt oder einer Fertigkeit, erhoͤht dann das Gefuͤhl unſe⸗ rer Exiſtenz, gewährt uns den ſchoͤnſten Genuß und vermehrt unſre Kraͤfte. Pythagoras hatte ſchon geraume Zeit ſeinen Genius beſchworen, als ihn deſſen Erſcheinung gerade in der Geſell⸗ ſchaft uͤberraſchte, und entzuͤckt uͤber die gluͤck⸗ liche Loͤſung ſeines Problems rief er zur Verwun⸗ derung der Umſtehenden in hoher Begeiſterung aus: Jetzt hab' ichs! Ich darf es als einen Vorzug dieſer Art der Freude vor der erſten, gemeinen, anfuͤhren, daß ſie dem Leben nicht gefaͤhrlich iſt. Wir finden zwar, daß der beruͤhmte Kuͤnſtler Zeuxis uͤber den Anblick eines ihm vorzuͤglich gelungenen Ge⸗ maͤldes in ein ſolches Gelaͤchter ausbrach, daß er auf der Stelle ſeinen Geiſt aufgab: allein hier war ohnſtreitig die mechaniſche Erſchuͤtterung des Lachens, nicht die Gewalt der Freude, Ur⸗ ſache des Todes. Allein wenn auch dieſe Freu⸗ de nicht mit dem Tode droht, ſo kann ſie doch einen noch ſchlimmern Juſtand herbeifuͤhren, nemlich die Verruͤcktheit und jenen ungemeßnen Stolz, bei dem man ſich ſelbſt und ſeine Vor⸗ zuͤge ſo unverhaͤltnißmaͤßig hoch, andre ſo un⸗ 70 verhaͤltnißmaͤßig gering ſchaͤtzt, daß dieſe Schwaͤ⸗ che der Beurtheilungskraft ein wahrhaft kranker Zuſtand der Seele und ein Anſatz zur Verruͤckt⸗ heit iſt. Wir verwahren uns vor dieſem Uebel erſtlich durch Beobachtung der Menſchen, welche uns nothwendig Mistrauen einfloͤßen muß gegen die guͤnſtigen Urtheile, die jeder uͤber ſich ſelbſt zu faͤllen gewohnt iſt; zweitens, durch ſtetes Fort⸗ ſchreiten in unſrer Thaͤtigkeit— durch Bildung eines Ideals; der beſchraͤnkte Kopf, der zu ſtumpf iſt, das Hoͤchſte mit ſeiner Phantaſie zu erreichen, verliert aus Freude uͤber ſeine Vollkommenheit am erſten den Verſtand. End⸗ lich verwahrt man ſich dagegen durch Beruͤck⸗ ſichtigung der zufaͤlligen Umſtaͤnde, welche uns bei unſrer Bildung unterſtuͤtzt haben, und durch einen Blick auf die große Kette der Weſen, der uns mit Beſcheidenheit erfuͤllt. Die letzte Art von Freude endlich iſt die erha⸗ benſte, frei von Egoismus und frei von jedem Verderben; ſie iſt ſo rein wie Aether, kein gif⸗ tiger Hauch dringt zu ihren Regionen und allein mit Segen uͤberſchuͤttet ſie den, welcher zu ihr ſich emporſchwingt: es iſt die Freude uͤber die 71 Vollkommenheit an ſich, ſie komme vor, wo ſie wolle, uͤber die Beiſpiele moraliſcher Groͤße oder intellektueller Kraft, welche uns die Geſchichte darſtellt, oder die in den Werken der Schrift⸗ ſteller uns ſelbſt anſprechen; uͤber die Schoͤn⸗ heiten der Natur und der Kunſt, uͤber die weiſe Ordnung der Dinge und uͤber die alles umfaſſende Liebe, die in dem Weltall ſich ver⸗ kuͤndigt. Heil dem, der in dem Qualme des Menſchengetuͤmmels ſeine Kraft bewahrt, in dieſe heitern Hoͤhen ſich ſchwingen zu koͤnnen! D. K. F. Burdach. 7² Die Heimfahrt. Der Lufte Fittig kußt die klare Welle, Sanft wiegt den leichten Kahn die blaue Flut; Ein zaͤrtlich Paar umſtralt die ſanfte Helle, Die liebend auf der ſtillen Flaͤche ruht; Die Sterne zogern nicht: O Mond, geſelle Dich freundlich mir— der Holden ſinkt der Muth! Rief ſanft Alwin zur ſtillen Nacht Genoſſen, Als ernſt des Dunkels Schauer ſie umfloſſen. Ein traulich Doͤrfchen hat das Paar geſehen; Es prangt die dunkle Ulme, ſchwer belaubt, Im Chor der Baͤume, die den See umwehen. Der Treuen Gluͤck iſt flüchtig nur geraubt; Einfaͤlt'ge Fiſcher wollten Heil erflehen Dem Bund, an den die ſtolze Welt nicht glaubt. Der Menſchen unempfindlich Auge ſcheuet Die Seligkeit, die Himmliſche erfreuet. 73 Den Augen, die im Wellenglanz ſich ſpiegeln, Schwand bald der Fiſcher niedrig Huͤttendach. Das Schiff, das heil'ge Maͤchte ſorgſam zuͤgeln, Naht ſchon der Staͤdter oͤdem Prunkgemach. Alwina zuͤrnt des Kahns behenden Fluͤgeln, In Alwins Arm ſie hingegeben lag; Ihm dünkt der Tod an dieſem Buſen Leben, Die Welt iſt ihm in ihrem Kuß gegeben. Aus lichten Aetherraͤumen Engel gruͤßen, Die Geiſter ſich der holden Liebe freun; Ein ſpielend Luͤftchen traulich naht— der ſuͤßen, Verwegnen Glut den zarten Hauch zu leihn.— Auf Alwins Bruſt der Sehnſucht Thraͤnen fließen, Die Sterne ſie zu ſtummen Zeugen weihn:— Verſchmaͤhen will ſein Herz das kuͤhnſte Wagen, Es fuͤhlt ſich groß im ſchmerzlichen Entſagen. Doch leiſer ward das bange Widerſtreben, Und ſchauerlich Alwin das Gluͤck ereilt— Wol Engel mild dem Bunde Weihe geben; Der Liebe Hauch die ſuͤßen Schmerzen heilt: Doch moͤgen auch die Sterne ſchützend ſchweben, Vermeßnen Raub das Schickſal doch ereilt! Und ruͤhret ſelbſt die Parze ſuͤßes Lieben, So moͤgen Irrd'ſche dunkle Rache uͤben! 24— Denn ſuͤß beranſcht von gluͤhendem Verlangen Sieht Alwin nicht die drohende Geſtalt; In wildem Flug zum Ziele zu gelangen, Ein ſtolzes Segel naht— erreicht ſie bald— Der leichte Kahn muß wehrlos es empfangen; Er ſinkt erdruͤckt von feindlicher Gewalt. Die Liebenden umarmen dunkle Wogen— Das kuͤhnſte Gluͤck hat ſie hinabgezogen. Der Lufte Fittig kuͤßt die klare Welle, Es wiegt den leichten Kahn die rege Flut; Ein zaͤrtlich Paar umſtralt die ſanfte Helle, Die liebend auf der ſtillen Flaͤche ruht. Geleite treu die Todten, Mond! Geſelle Dich mild dem ſtillen Zug! der Stuͤrme Wuth Verſchone fromm den Spiegel, wo ſie ziehen— In Oſten ſanft der Fruͤhe Stralen gluͤhen. Minna— r. Die Winternacht. Was lockſt du mich, in deinem tiefen Schweigen? Was rufſt du mich, in deiner ſtummen Pracht? Was ſchimmert ihr, in euerm lichten Reigen, Erhabne Sterne— glanzerhellte Nacht? Vergeblich muß ſich alles ſtralend zeigen: Im tiefen Herzen nur der Kummer wacht! Erſtarren will des Nordes Hauch die Thraͤne, Kalt iſt der Glanz der mitternaͤcht'gen Schoͤne! „Es meinet dich der hellen Sterne Schweben, Es laͤchelt dir des reinen Aethers Licht! Doch milde Glut nur Fruͤhlingsweſte geben: Von eisumwoͤlbten Hoͤhen kehrt ſie nicht. Die Fluren ſind erſtarret— Schauer beben, Wo kalt erbluͤht mein blendend Angeſicht. Erwarmen kannſt du nicht in eiſ'gen Thalen, Es gnuͤgen dir des hehren Glanzes Stralen.“ 76 Und kannſt du nicht des Buſens Schmerzen heilen, Was ziehſt du mich in deinen kalten Arm? Laß mich bei meiner Sehnſucht Flamme weilen: Die ſuͤße Glut labt mich in meinem Harm. Ihr ſtillen Lichter! werd' ich nie ereilen Ein treues Herz, von edler Liebe warm?— Ach laͤchelt nicht ſo ſtumm auf mich hernieder: Das Leben beut mir keine Freude wieder! „Auch mir war einſt ein zarter Hauch geliehen, Auch meine Pracht erwaͤrmt des Frühlings Glanz; Die Purpurwolken ſah ich abwaͤrts ziehen, Ein grauer Nebel barg der Bluͤthen Kranz: Erbleichend mußten alle Farben fliehen, Vom welken Raſen wich der frohe Tanz— Doch fern bleibt mir das ſchmerzlich bange Klagen, Die Sterne hell in Winternaͤchtentagen.“ Wol zieht mich's aufwaͤrts zu der Sterne Banen, Doch ewig fern ſind ihre Stralen mir; Die kalten zu erwarmen will mich's mahnen, Mir gnuͤgt des Aethers ſtilles Licht nicht hier; Den leiſen Sinn der Weiſung nur zu ahnen Vermag ich in der ſchmerzlichen Begier— Ach! lehro du mich ohne Sonne laͤcheln, Vergeſſen meiner Fruͤhlingsluͤfte Faͤcheln! „Ich rufe dich in meinem tiefen Schweigen, Ich leuchte dir in meiner ſtummen Pracht! Wir ſchaun auf dich in unſerm hohen Reigen, Wir ſtillen Lichter mild erhellter Nachtz Vergeblich laß uns nicht die Stralen zeigen; Verſchmaͤhe nicht den Blick, der ſchuͤtzend wacht! Entſage muthig dem vermeßnen Sehnen: Verwandt dem Hoͤchſten, darfſt du ſo dich waͤhnen.“ Minna— r. Das Feuer im Walde. Eine Geſellſchaft Reiſender zog durch einen ſuͤd⸗ amerikaniſchen Wald. Man lagerte ſich am Abend, machte Feuer, erquickte ſich, und zog weiter. Die Flamme loderte hoch durch das Dunkel des Waldes. Der Loͤwe ging ſcheu vor⸗ uͤber, der Elephant verbarg ſich. Da kam Meerkaͤtzchen, ſetzte ſich, und ſagte, die Pfoͤt⸗ chen waͤrmend: Der will ſo muthig ſeyn, de r ſo klug, und beide wagen ſich nicht an die Flam⸗ me! Ich mach' mich dran!'s iſt huͤbſch warm! Ich glaube, das ganze Feuer iſt fuͤr mich ange⸗ macht. Und fuͤr uns! rief eine Rotte Paviane. Die Tuͤckiſchen ſchwaͤrmten herbei und riſſen, im ungeſtuͤmen Muthwillen, in toͤlpelhaftem Ueber⸗ 79 muth, die Braͤnde aus einander. Zwar ver⸗ brannten ſie ſich die Pfoten dran, aber das Feuer erloͤſchte doch, und es ward wieder ganz finſter im Hain. Die Geſellſchafter des Loͤwen. Ein junger Loͤwe ſuccedirte ſeinem verſtorbe⸗ nen Vater, und ſein geheimer Nath war eben beſchaͤftigt, ihm einen vertrauten Geſellſchafter zu geben. 4 Wer dazu taugen ſoll, ſagte Eins, muß alles mit ſich machen laſſen, und doch gelaſſen und gleichmuͤthig bleiben: drum gebt ihm den Eſel! Nein, hieß es; der hat zwar dies Gute, iſt aber jedermann laͤcherlich und giebt Skandal— das geht nicht! die oͤffentliche Meinung muß geſchont werden! Er muß auch viel Spaß machen koͤnnen, und pikanten, fuhr man fort; gebt ihm den Fuchs! „Der laͤßt ſich freilich wol'was gefallen, iſt aber intriguant, tuͤckiſch; ſchluͤge uns gelegent⸗ in unter, wuͤrde uns wenigſtens zu klug in die§ arte guken— das geht nicht!“ „So gebt ihm den Baͤren! der genießt eine gewiſſe Achtung, vieles ſteht ihm poſſirlich, und ſeine ungelenke, treuherzige Ehrlichkeit wird keinem von uns Schaden bringen.“ „Braucht aber ſchon'was rechts zur Leibes Nahrung und Nothdurft; hat zu viel innere Kraft, und plumpte mit ſeiner gemeinen Ehr⸗ lichkeit wol auch dummdreiſt in unſre Plane— das geht auch nicht!“— Was zerbrechen wir uns die Koͤpfe? nahm endlich der praͤſidirende Wolf das Wort. Wir geben ihm das Faulthier! das hat kein uͤbles Anſehen— hat ſogar etwas vom Menſchen, wenn man's aufrichtet; laͤßt ſich alles gefallen, macht ſtets zu lachen, iſt ſchwach an Geiſt und Koͤrper, ſagt gar nichts, iſt durchaus unſchaͤd⸗ lich, und frißt wenig.— Und ſie gaben ihm das Faulthier, und die Sache ging ziemlich gut. Theodor. Meinem Freunde Sommer in Leipzig. Unerbittlich hat in dieſen Tagen Fruͤh der Tod aus unſrer Freunde Schoos Manche ſchoͤne Hoffnung weggetragen: Aber Dein Verluſt iſt furchtbar groß.* Raſch und muthig waren Deine Knaben, Und an ihnen hing des Vaters Herz; Und Du haſt ſie beide nun begraben: Traure laut, und weine Deinen Schmerz. Beide ſtarben, keiner iſt geblieben; Und ſie bluͤhten Blumen gleich empor. Selten wurd' ein Loos ſo hart geſchrieben, Daß ein Mann ſo ſchnell ſo viel verlor. J. f. F. II. J. 3. 9. △ 32 In der erſten Jugend ſchönſtem Spiele, Wo das Leben ſuͤß wie Nektar ſchmeckt, Waren ſie mit Schrecken an dem Ziele, Das das Schickſal unerforſchlich ſteckt. Freude brachten ſie Dir laut entgegen, Wenn Du muͤde von der Arbeit kamſt, Und ſie alle, ſchon auf halben Wegen, Nach der Reihe ſchnell zum Kuſſe nahmſt. Wie des Lenzes werdenden Geſtalten Jeder Morgen neue Reize leiht, Fing ihr Geiſt an ſchoͤn ſich zu entfalten In des Frohſinns ganzer Lieblichkeit. Seelenſchaͤtze ſammelten ſie munter, Weisheit ſchon zu ihrem Lebenslauf; Da ging traurig ihre Sonne unter, Ihre Sonne ging nicht wieder auf. Freund, wie ſoll ich Deine Seele troͤſten? Menſchlich iſt es! Ach, das tröoſtet nicht, Daß dem kleinſten Bettler und dem groͤßten Gleichen Gram des Schickſals Urne ſpricht. Schweigend ſaß ich, mit dem Auge waͤrmer, Als ich auch den zweiten Schlag erfuhr; Tropfen ſielen: Weiſe waͤren aͤrmer Ohne dieſen Schauer der Natur. Deine ſchonen Roſen ſind gebrochen, Rein und voll, des beſten Gaͤrtners werth, Ehe ſie ein boͤſer Wurm geſtochen, Der ſehr oft das herrlichſte verzehrt. Sicher ſind die Knaben nun vor Seuchen, Vor den Seelengiften aller Art, Die am Mittag wie im Finſtern ſchleichen, Zukunfttoͤdtend durch die Gegenwart. Die Verfuͤhrung gießt nun ihren Ohren Liſtig ſchmeichelnd nicht Sophismen ein; Und kein Weiſer ſtempelt ſie zu Thoren, Statt dem Heiligthume ſie zu weihn. Keine Wogen, keine Klippenriffe Auf dem ſturmempoͤrten Ozean, Drohen mehr in Zukunft ihrem Schiffe Mit Gefahren durch die dunkle Bahn. 84 Kein Bedruͤcker wird ſie nun verachten, Der ſich links und rechts geſetzlich blaͤht; Kein Deſpot zwingt ſie in ſeine Schlachten, Wo der Menſchenſinn zu Grabe geht. Wer kann jedes Labyrinth durchſchauen, Das ſich ſtill um unſer Leben ſtrickt? Deiner beſſern Kraft will ich vertrauen, Daß der Kummer Dich nicht niederdruͤckt. Hebe Dich empor zu Deinen Pflichten; Hemme Deine ſtumme Traurigkeit. Jetzt mußt Du den Zoll als Mann entrichten: Thraͤnen lindern, und es heilt die Zeit. Kaͤmpfe maͤnnlich, Lieber, Dich zu faſſen; Sieh nicht immer muthlos nur in Dich. Vieles Gute wurde Dir gelaſſen: Halt' es dankbar, pfleg' es vaͤterlich. Toͤchter widmen, ſagt die Seelenkunde, Ihres Weſens beßre Zaͤrtlichkeit Ihrem Vater, wenn die ernſte Stunde Einſt Genuß nur durch die Kinder leiht. 85 Manche Hoffnung bluͤht Dir noch auf Erden! Suche ſie in der Verwaiſung auf. Gruß den Sonnen, welche kommen werden! Auch noch Freudentage bringt ihr Lauf. Und die ſanfte, ſchoͤne, gottgeborne, Treue Troͤſterin, Religion, Troͤſte himmliſch uͤber das Verlorne Dich von ihres Glaubens Strahlenthron. Waͤr' es Taͤuſchung? Ach, ſie blickt ſo milde, Freundlich wie das Sonnenuntergehn, Daß wir ſie dort in dem Lichtgeſilde Jener Sternenwelten wieder ſehn. Seume. Aegen d e. Vor Zeiten ſchon lief aus dem Gotteshaus Das Volk nach geendeter Predigt heraus, Trieb vor der Thuͤre manch loſes Spiel Und andrer Narrentheidinge viel, Verführt' auch wol ein Laͤrmen groß, Das Kuͤſter und Prieſter ſehr verdroß. Drum, zu der Kirche und Gottes Ehren Das leid'ge Aergernis abzuwehren, Droht' oft der Archidiakonus Von der Kanzel herab mit Kirchenbuß; Der Kuſter trat wol an die Thuͤr, Stellt' den Leuten vor das Ungebuͤhr, So vor der Zeit in ganzen Haufen Aus der heiligen Kirche wegzulaufen; Doch kaum verlieſ't man das Kirchengebet, Alles Volk wieder aus der Kirche geht. Da winkt der Kuͤſter dem Erzbiſchof Hinaus zu ſehn auf den Kirchenhof, Wie dort das Volk in boͤſer Zucht Bewaͤhre ſeiner Lehren Frucht. Ambroſius laͤchelt, nimmt ſein Buch, Folgt auf den Kirchhof nach dem Zug, Thut dort mitten unter ſie treten Und mit lauter Stimme weiter beten: Darob das Volk ſich verwundert ſchier. Der Erzbiſchof ſpricht: Was ſtaunet ihr? Wo die Schafe ſind, muß der Hirte ſeyn! Geht ihr wieder zur Kirchthuͤr hinein, So will ich mit euch zuruͤcke gehen; Wo nicht, ſo kann ich auch draußen ſtehen⸗ Denn wo dem Herrn die Glaͤubigen dienen, Da iſt er mitten unter ihnen. Als nun das Volk die Worte hoͤrt, Es ſtill zuruͤck zur Kirche kehrt, Faltet wieder betend die Haͤnde, Wartet die Kirch' ab bis zum Ende, Und bis der Prieſter„missa est“ rief, Kein Menſch mehr aus der Kirch' entlief. Car le. Die Botſchaft. Sag⸗ es ihr, Dorkas; und zum zweiten Mal ſag' es ihr wieder, Und zum dritten Mal alles; ſo gehe doch ſchnell, Schnecke, ſo ſlieg doch— Warte doch, Maͤdchen, hoͤre, noch etwas! Dorkas, was eilſt du denn ſo, eh du noch alles gehoͤrt? Zu dem Geſagten ſage noch— ach ich werde zum Narren— Sag' ihr nur gar nichts— Nein, ſag' ihr nur alles, und geh'; Alles ſag' ihr, hoͤreſt du, Dorkas?— Aber was ſchick' ich Denn die Naͤrrin auch erſt? Wart', ich geh ſelber voran. Griechiſche Anthologie. — 39 Wenn man nur nicht galant waͤre! Eine Anekdote. Was koſten die Roſen, Jungfer? fragte ich das Gaͤrtnermaͤdchen an der Marktecke. Leſen Sie ſich nur aus: wir werden ſchon einig! ſagte ſie ſchelmiſch. Meine Augen fielen auf einige, die beſon⸗ ders gelegt und mit gruͤnen Blaͤttern ſorgfaͤltig bedeckt waren. Dieſe da— was koſten ſie? Ja, dieſe koſten acht Groſchen. Zwei Roſen? Ja, aber es iſt noch zeitig im Jahre, und ſolche Roſen— zwei an Einem Stiel, und, ſehen Sie doch nur! an den gruͤnen Hoffnungs⸗ blaͤttern ein kleines Knoͤspchen—! 90 Jetzt verſtand ich! Es iſt wahr, dacht' ich, indem ich den halben Gulden ſuchte; ge⸗ ſetzt, du waͤreſt etwa ſeit acht Wochen verhei⸗ rathet: was koͤnnteſt du deiner jungen Gattin ſchoͤneres und bedeutſameres geben? Es wurde mir ganz weich um's Herz, indem ich daran, und zugleich an meine Einſamkeit dachte. Waͤhrend meines Denkens und Weichwer⸗ dens trat ein junges, ſehr niedliches Weibchen zum Korbe und zugleich in ein Geſpraͤch mit der Gaͤrtnerin. Sie ſchien eine wohlhabende Buͤrgerin zu ſeyn, und ohngeachtet des großen Tuchs, war ſelbſt meinen ungeuͤbten Augen unverkennbar, daß man ihr ſolch ein Roſen⸗ knoͤspchen mit Sicherheit bieten duͤrfe. Kaum hatte ich das bemerkt und den wunderlichen Ef⸗ fekt empfunden, den eine ſolche Bemerkung auf ein reizbares Junggeſellenherz macht, ſo drang ich ihr wirklich meine Roͤschen auf. Sie erroͤthete verlegen, und Verlegenheit iſt fuͤr mich anſteckend, wie der Schnupfen. Nun weiß ich wol, ich ſehe etwas dumm aus, wenn ich verlegen bin; und darum lauf' ich 91 denn immer lieber davon, ſobald ichs werde. Ich machte mich alſo auch diesmal fort, und weidete mich waͤhrend eines Spaziergangs an dem lieblichen Bilde und an meinen Empfin⸗ dungen dabei. Den Abend ſitz' ich an meinem Arbeits⸗ tiſche, als etwas in meine Stube hereinpoltert. Erſchrocken wende ich mich um: ein junger Offizier tritt, klirrenden Sporns, ſo nahe an mich, daß ich kaum aufſtehen kann. Wen hab' ich die Ehre— 2 frag' ich be⸗ ſcheiden. Was da— faͤhrt er mich an— Sie haben die Ehre ſich mit mir zu ſchlagen! Zu ſchlagen? da ſei Gott vor! Darf ich wol wiſſen, warum? Sie ſind ein Boshafter! Sie haben mich beleidigt, gekraͤnkt— mich oͤffentlich in einer Perſon gekraͤnkt, die—— So groß meine Friedfertigkeit und ſein Degen war, ſo blieb ich doch hier nicht gelaſ⸗ ſen: wir fuhren auf einander los, wie ein Paar 92 Kampfhaͤhne, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe auch anpacken— wir aber thaten einander nichts. Nachdem wir eine Weile geſchrieen, und hernach eine Weile geredet hatten, ſo kam's heraus— der Herr Lieutenant war verliebt, aber nicht vermaͤhlt; mein vermeintes Buͤrger⸗ weibchen war ſeine Haushaͤlterin; er hatte mich fuͤr unterrichtet gehalten von gewiſſen Verhaͤltniſſen, uͤber die er ohnehin viel leiden mußte—: da war denn ſeine Galle ins Kochen und endlich ins Ueberlaufen gekommen. Um uns Beide, und zugleich ein Drittes, wo nicht auch ein Viertes, gehoͤrig aus einander zu ſetzen, gab ich ihm nach und ſchrieb eine Ehrenerklaͤ⸗ rung fuͤr die Dame, worin ich ausdruͤcklich aͤußerte, daß es mir nie in den Sinn gekom⸗ men ſei, ihrer Jungfraͤulichkeit zu nahe zu treten und ihre Sittſamkeit zu verletzen; daß ſich namentlich das Knoͤspchen, an welchem ich wahrlich ganz unſchuldig ſei, nur zufällig ein⸗ gefunden habe, und ich der Dame mit der ganzen Offerte nichts habe bezeigen wollen, als meinen guten Willen. 9³ Der Lieutenant war damit zufrieden und ging; ich aber ſagte mir wol zehnmal vor: Wenn man nur nicht galant waͤre!— Theodor. Anſtatt einer Vorrede. 4 ... Als weil denn nun der Fruͤhling hat begunnen und thut alles gruͤn und luſtig an, wollen auch wir unſre Herzen ergruͤnen laſ⸗ ſen in gutem Muth und friſchen froͤhlichen Weſen... Was ſollen uns hiebey die, ſo draußen find? Moͤgen ſies halten, die Paͤpſtler, die den Fuchsbalg ſtreichen, und die Kriegesleut, die nur geizen in ihren eignen Sack, oder auch die großen Hanſen, denen das Haͤupt zu enge wird fuͤr großer Weisheit und uͤbri⸗ ger Kunſt.. ſitzen am Markte und rufen allewege: halt, Geſellen, wir habens, da 1 es doch eitel Tuͤnch iſt und leerer Schaum.. Wir wollen hinausgehen in Frieden, und was der Herr bluͤhen laͤſſet, froͤhlich empfa⸗ hen mit guten Gedanken und einem geiſtli⸗ chen Singen, ein jeder nach ſeiner Weis, wie ers erlernet hat oder vermag. D. Martin Luther. Die Todtenglocke. 1648- Zueignung. Wie lange raſ't auf klirr'nden Waffenwagen Die Mordgier, Schwerd und Pechkranz in der — Hand, Durchs dunſt'ge Feld, wo Leichenwaͤlle ragen; Schweift graͤßlich jauchzend durch der Staͤdte Brand? Soll auch der Frommen glaͤub'ge Bruſt verzagen? Hat der Erbarmer ganz ſein Aug' gewandt? Wird ſtets der Strom mit blut'ger Woge ſteigen, Das Morgenroth mit Rauch umflort ſich zeigen? Lob, Ehr und Preis! Es winkt der Herr im Himmel; Als Friedensglocke droͤhnt der Feuerſchlund; Die Streiter ziehn mit jubelndem Getummel Zum Heerd der Heimath, zu der Liebe Bund. S. f. F. II. J. 4. H. 1 2 Den Geigern folgt der Kinder froh Gewimmel; Zum Dome ruft der tiefen Orgel Mund; Der Helm iſt gruͤn, und Haar und Bruſt der Frauen Bunt, wie ein wallend Blumenbeet, zu ſchauen. Schon kehrt der Pfluͤger nach der wuͤſten Stelle Und waͤhlt zum Markſtein der Gefallnen Mal. Der Zimmrer haut, der Maurer ſchwingt die 3 Kelle, Die Bruͤcken ſperrt der Wagen reiche Zahl; Der Schaͤfer weidet noch bei Sternenhelle Schalmeiend durchs geſchwaͤtz'ge Birkenthal, Und alles hofft, daß in der Eiche Schatten Nun Fried' und Recht, und Fleiß und Gluͤck ſich gatten. Jauchzt nicht zu fruͤh! In droh'nder Na . ſchweben Gefahr und Schrecken euch noch unbekannt. Ein Todesengel wich; doch andre heben Das bleiche Antlitz aus der Wolken Rand. Vor ihrem Blick erſtarrt das rege Leben; Aus gift'gem Dunkel raſtlos abgeſandt Und ſicher treffend, mit des Blitzes Eile, Durchſchwirren Huͤtt' und Schloͤſſer ihre Pfeile. Unſel'ge Tage! Von der Parze Rocken Riß wild verworren jeder Faden ab. Im Silberhaar, im Schimmer goldner Locken, Sinkt Greis und Jungfrau in das weite Grab. unſel'ge Tage— wo gedaͤmpfte Glocken Verkuͤnden, daß die Gnade ſteigt herab; Wo Leichenzuͤge jedem Herzen Leben⸗ Und jedem Buſen Athem wiedergeben! Still! ſie ertönen!— Alles horcht und wanket Auf oͤde Straßen aus dem oͤden Haus, Und, wie die ſchwarze Bahre naͤher ſchwanket, Bricht jedes Aug' in heiße Thraͤnen aus; 3 Die Freude kehrt zuruͤck, und Hoffnung ranket Sich Arm in Arm mit der Erinn'rung Graus. Nur Eine— jüngſt die Glücklichſte von allen, Seh' ich verlaſſen durch die Reihen wallen! Und dieſe Eine— ihre kurzen Wonnen, Ihr nie geſtillter, ſchwerer Todesſchmerz, Was mit der Zeiten Fluten laͤngſt verronnen, Sei hier geborgen fuͤr ein fuͤhlend Herz. Dir, Ida, weih' ich, was ich fromm begonnen, Dir, Ida, hold in Trauer, wie im Scherz. Im reinen Spiegel deiner Wehmuthszaͤhren Wird ſelbſt das Lied zur Wonne ſich verklaͤren. I. Clara Gartenbergin in N. an Maria Heerwartin in F. Schmolle nicht, liebe Schweſter, daß ich dich und deinen Mann, der mich oft zum Spott als die fleißigſte Schreiberin geprieſen, ſo lange auf eine Antwort warten ließ. Du wirſt glauben, das Friedensfeſt, welches auch bei uns, wie in allen deutſchen Landen, mit großem Gepraͤng be⸗ gangen worden, habe mich abgehalten; aber, aufrichtig geſprochen, ſo habe ich den Feierlich⸗ keiten zwar leiblich beigewohnt, doch im Herzen weit weniger dabei empfunden, als die aͤltern und verſtaͤndigern Leute. Du weißt, daß ich waͤhrend der noch gluͤck⸗ lich abgeſchlagenen Belagerung geboren und bei ſteten Kriegstrubeln aufgewachſen bin; zudem iſt unſre Stadt in den letzten Jahren ziemlich mit feindlicher Beſatzung verſchont geblieben, und ich ... freilich bin ich wol noch ein einfaͤltiges Kind ... ich kann mir gar nicht als wirklich denken, was man von den ſchrecklichen Greuelthaten mit⸗ 5 unter erzaͤhlt hat. Jetzt nun, da ſich alles uͤber ie wieder hergeſtellte Ruhe freut, denke ich im⸗ mer, daß das ja eigentlich gar nicht anders ſeyn koͤnne und duͤrfe. Auch laufen noch unaufhoͤr⸗ lich die traurigſten Nachrichten von Hunger und Noth ein, womit die entfernten, verheerten Ge⸗ genden ſchrecklich heimgeſucht werden; wer kann ſich da recht mit Leib und Seele freuen? Alſo, das Friedensfeſt kann meine Zoͤgerung nicht entſchuldigen, aber wol... du wirſt uͤber mich lachen, und nicht ganz mit Unrecht... aber wol haͤusliche Beſchaͤftigung, deutlicher zu reden, die Fuͤhrung des Hausweſens, welche jetzt einzig und allein auf den ſchwachen Schul⸗ tern deiner armen Clara ruht. Du fragſt, wie das zugehe? und ob die gute Baſe Hedwig das Amt der Schluͤſſel will⸗ faͤhrig an mich abgetreten? Ja, liebe Maria, das iſt eben die große Neuigkeit, die ich zu be⸗ richten habe, aber dir, um mich einmal recht ausreden zu koͤnnen, ſo karg zumeſſen will, wie der Arzt einem Geneſenden den ſtaͤrkenden Wein. Ich muß lachen uͤber dieſe Vergleichung; iſt's d 6 doch wirklich, als hing einem das an, wovon einem immer vorgeredet wird. Baſe Hedwig hat mich in den letzten Wo⸗ chen ihres Hierſeyns, wie ein leibhaftiger Ober⸗ Feld⸗Chirurgus, faſt von nichts, als von vor⸗ trefflichen Wundbalſamen und verwundeten Ge⸗ neralen unterhalten. Doch genug zum Eingange! Du weißt beſſer, als ich, wie die gute Hedwig in unſer Haus gekommen iſt, und daß ſie alles, was ſie ſich nur abdarben koͤnnen, auf ihren Stiefſohn ge⸗ wandt hat. Dieſer, in deſſen Lobe ſie ſtets ſehr weitſchweifig war, jetzt aber ganz unerſchoͤpf⸗ lich iſt, hatte vor einigen Jahren die Wuͤrde eines Licentiaten der Medicin und die Feldleib⸗ arztſtelle bei einem der vornehmſten kaiſerlichen Kriegsoberſten erlangt, und ſchickte ihr zuweilen ſchoͤne Geldroͤllchen, wovon ſie aber keinen Heller verthan hat. Seit einiger Zeit blieb alle Nach⸗ richt von ihm aus, und ich habe ſie manchmal des Nachts bitterlich ſeufzen und weinen hoͤren, auch wol insgeheim ſelbſt ein Thraͤnchen zur Ge⸗ ſellſchaft mitgeweint. Nun denke dir, liebe Maria, ſelbſt die — —ſ—j — —. 7 2 Freude, als vor kurzem wieder ein Brief von ihm einlief. Sie hatte mir noch keinen gewie⸗ ſen, aber den wies ſie mir, und da ſtand drinne, wie er ihr gar viel zu erzaͤhlen habe, und daß er am kaiſerlichen Hofe ein Amt erhalten ſollen, wenn er den Glauben aͤndre, daß er das aber nicht gethan, ſondern bald zu ihr kommen werde, und daß ſie nicht mehr den reichen Anverwandten .. das hat mich ordentlich verdroſſen von ihm... zur Laſt fallen ſolle, u. ſ. w. Ja, alles das ſtand in dem Briefe und noch weit mehre⸗ res; aber, wie er das Alles gegeben hatte, das mag ihm eine Geſcheidtere nachmachen; nur ich nicht! Genug, die gute Alte hatte nun bei uns keine bleibende Staͤtte und gab meinem Vater zwar ſchuͤchtern, doch unaufhoͤrlich, zu verſte⸗ hen, daß es ſich nunmehr nicht laͤnger ſchicken wolle, in Lohn und Brote zu ſtehen, und der⸗ gleichen, bis dieſer endlich darein willigte, daß ſie mir die Wirthſchaft uͤbergab. Manch Thraͤn⸗ chen hat es freilich von beiden Seiten geſetzt; aber ſie iſt nun ausgezogen, und der Stiefſohn iſt angekommen. Naͤchſtens erfuͤlle ich das Verſprechen, ihre Einrichtung und... den Wunderdoctor zu be⸗ ſehen, und dann ſollſt auch du etwas naͤheres hievon erfahren. Der Vater iſt nach ſeiner Art munter, und laͤßt euch gruͤßen. Ich hoͤre ihn eben in der Wechſelſtube mit den Geldſaͤcken klimpern; du beſcheideſt dich alſo von ſelbſt, daß er jetzt nichts Schriftliches beiſchließen kann. Ich empfehle dich und deine lieben Kinder in den Schutz des Hoͤchſten. 2. Maria Heerwartin an Clara Gartenbergin. Ich danke dir, mein liebes Claͤrchen! daß du mich wieder mit einem, und zwar mit einem recht ausfuͤhrlichen Briefe erfreut haſt. Zwar wußte ich ſchon eins oder das andere von der Veraͤnderung im vaͤterlichen Hausweſen, aber doch war es mir lieb, von dir alles noch genauer zu erfahren. — 4 Wir befinden uns alle bei guter Geſundheit, wofuͤr man bei jetziger ſchlaffen und truͤben Wit⸗ terung dem Hoͤchſten nicht genug danken kann, und ich weiß dir von uns nicht das Geringſte zu ſchreiben. Was aber deinen... Wunderdoctor anlangt, da rathe ich dir doch, ein wenig auf deiner Hut zu ſtehen. Ich weiß mich noch recht gut zu beſinnen, daß der junge Palmer.. wir nannten ihn damals nur Vetter Maxel .. dich immer im Garten herumgetragen hat, und einmal zum Weihnachtsabend bracht' er dir gar eine ſelbſtgefertigte Chriſtſchaͤferei mit Moos und Figuren. Der Vater wollte ihm durchaus einen Mariengulden dafuͤr ſchenken, aber er haͤtte das Geld um nichts in der Welt genommen, und du hatteſt uͤber die Laͤmmchen mehr Freude, als ſelbſt uͤber den Zuckerbaum und die große Wachs⸗ docke in Drapd'or. Nachher habe ich ihn nur einmal wieder ge⸗ ſehen, als er von dem Gymnaſium auf ein paar Tage hier war; aber vor einigen Wochen bei ſeiner Durchreiſe hat er uns beſucht... Claͤr⸗ chen! ich kann dir nicht ſagen, was aus dem Maxel fuͤr ein ſchoͤner und doch ſo beſcheidener 10 Mann worden iſt! Er ging hier noch in Un⸗ garſcher Tracht; da haͤtteſt du ſehen ſollen, wie die Leute ihm auf den Gaſſen nachliefen, wenn er in dem ſchwarzen Sammtpelz mit goldnen Schnuren die Gaſſe herauffam. Mein Mann, der doch ſonſt eben nicht redſelig und zutraulich iſt, hat ihn bis in die ſpaͤte Nacht bei ſich be⸗ halten, und ihm gewaltig zugeſetzt, daß er ſich hier einrichten ſolle. Von dem, was er erzaͤhlt hat, koͤnnte ich einen ganzen Bogen voll ſchreiben; denn ich habe immer an der Thuͤr gehorcht, und ſelbſt die kleine Adelheid wollte nicht einſchlafen. Aber ich will der Mutter Hedwig nicht ins Handwerk pfuſchen. Darum ſage ich dir nur noch einmal: Wahre dein Herz! Gehab dich wohl und gruͤße den Vater! —— Der Licentiat Naximilian Palmer an den kaiſerlichen, Hauptmann Caſpar von Geismar. Liebſter Freund, Endlich bin ich in meiner Vaterſtadt ange⸗ langt und habe meine Buͤcher und Inſtrumente etwas in Ordnung gebracht. Das erſte Blatt, das ich in dieſer meiner eignen Wohnung be⸗ ruͤhre, verwende ich zu einem Brief an dich, an dich, trauter Geismar, den die Vorſicht ſelbſt meinem Herzen zufuͤhrte, der in Freud' und Leid', auf dem ſchluͤpfrigen Wege der Gunſt und im Felde der Gefahr, ſtets mein Rathgeber und redlichſter Beiſtand war! Dir, der faſt von Jugend auf an das Ge⸗ tuͤmmel des Lagers ſich gewoͤhnte, wird es kaum begreiflich ſeyn, welch ſonderbares Ge⸗ fuͤhl einen friedlichen Gelehrten uͤberfaͤllt, wenn er, nach jahrelangem Herumſchweifen, endlich in die ſtille Heimath zuruͤckkehrt. Wie viele Doͤr⸗ 12— fer und Staͤdte war ich durchzogen, und doch, wie wunderbar ward mir zu Muthe, als ich die Kirchthuͤrme meines Geburtsorts wieder er⸗ kannte! wie oft war ich auf dem Schlachtfeld durch die Haufen der Todten und Verwundeten feſten Muthes gewandelt, und doch, da ich die Leichenſteine uͤber die Kirchhofsmauer meiner Va⸗ terſtadt hervor ragen ſah— welche Beklemmung, ich moͤchte faſt ſagen, welche Bangigkeit, be⸗ maͤchtigte ſich meines Herzens! Nie, nie, habe ich den Tod gefuͤrchtet; er iſt des Arzts bekann⸗ teſter, unverſoͤhnlichſter Feind; aber jetzt, da mir einfiel: Hier ruhen deine Aeltern und Gros⸗ aͤltern, hier wird deine gute, edle Mutter, hier wirſt auch du, ſo die Vorſicht deine Wuͤnſche er⸗ fuͤllt, ein ſtilles Kaͤmmerlein finden... wie ernſt und feierlich ward meine Stimmung, wie langſam und bedaͤchtig mein Schritt! Doch ich mußte mich mit Gewalt von dieſer nicht unangenehmen Wehmuth losreißen. Der freudigſte Empfang ſtand mir ja bevor, und wie ſehr wuͤrde ich meine gute, fromme, redliche Mutter betruͤbt haben, haͤtte ſie auch nur ———y— — 13 einen einzigen Pulsſchlag in mir geahnet, der nicht der Freude geheiligt geweſen waͤre. Es iſt unmoͤglich, dir ihre lebhafte Ruͤh⸗ rung und Freude, das Feuer ihrer Umarmun⸗ gen, das Ruͤhrende ihrer hervorſtuͤrzenden Thraͤ⸗ nen, auch nur einigermaßen zu ſchildern, und kaum hatte ſie ſich einmal beruhigt, als ſie mich ſchon wieder aufs neue in ihre Arme ſchloß, dann mir alles Stuͤck vor Stuͤck zeigte, was ſie ſorglich fuͤr mich eingerichtet, dann wol gar mich an das Fenſter zog, um auch die Nachbarn zu Zeugen ihrer Freude, zu... wirklich, es lag ſo etwas in ihrem gutmuͤthigen Freudentaumel ... zu Neidern ihres muͤtterlichen Stolzes zu machen. Ich mußte mich ihren Fragen und Erzählun⸗ lungen faſt den ganzen Tag uͤberlaſſen, und konnte erſt gegen Abend nach dem Triebe meines vollen Herzens ein wenig ins Freie gehen. Ich durchwandelte einige Straßen; uͤberall ſtieß ich auf Erinnerungen meiner Jugend, zu⸗ weilen auch auf bekannte, doch gealterte, Ge⸗ ſichter, die mich lange fragend anſahen, und dann meinen Gruß freundlich erwiederten. End⸗ 14— lich war ich, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, auf den Thumplatz gekommen. Ein altes Bild an der Mauer, wo eine ganze Familie vor einem Kruzifix auf den Knien liegt,... rechts der Vater und die Soͤhne, links Mutter und Toͤch⸗ ter, alle in herabſteigender Linie, wie die Pfei⸗ fen an einer Orgel,... dann aber der Groß⸗ vater wie aus der Erde hervorwaͤchſt, und ernſten, geiſtergleichen Geſichts, bedeutend mit dem Fin⸗ ger auf die abgelaufene Uhr zeigt... dieß Bild, das ſonſt oft, wenn ich zur Schule ging, mei⸗ ne Froͤhlichkeit milderte, verſetzte mich ganz in jene fruͤhern Zeiten; ein Sohn des Gloͤckners ſtand am Pfoͤrtlein des Thurms, hielt mich ver⸗ muthlich fuͤr einen Fremden, und fragte, ob ich nicht den Petersthurm beſteigen wolle? Das war es, wonach mein eingeengtes Herz, ohne es deutlich zu wiſſen, ſich geſehnt hatte; nur eine weite Ausſicht in die weite Ge⸗ gend, auf welche eben hehr und ernſt der Abend herabſank, konnte meine aufgeregte Seele beru⸗ higen. Ich ſtieg die Treppe hinan, umging das ganze Thurmgelaͤnder; ſchon ſtieg der Nebel aus dem Strom, der Thau von den Wieſen — 13 empor, und die Sonne ging in rothen Wolken hinter mit Korn und Wein bepflanzten Gebuͤr⸗ gen unter, und neben mir wurde zum ſogenann⸗ ten Tuͤrkengebet gelaͤutet.— Mein Herz ſchlug laut, doch ruhig, und nur ungern ließ ich mich in meiner Andacht ſtoͤren, als der Thuͤrmer mich einlud, nun auch ſeine Glocken zu beſehen. Dieſe Glocken ſind wegen ihres hellen Klangs und kunſtreichen Guſſes ſehr beruͤhmt, und ich konnte dem ehrlichen Alten unmoͤglich die Freude verkuͤmmern, ſeine Schaͤtze lobpreiſend zu zeigen. Er war unerſchoͤpflich in der Geſchichte dieſer Glocken, nannte mir ihre Namen, und nickte mir jedesmal freundlich zu, wenn ich das kuͤnſt⸗ liche Bildwerk und die Verſe darum hoͤchlich be⸗ wunderte. 4 3 Doch das beſte hatte er ſich weislich auf die letzt verſpart; ſein groͤßter Stolz war das Tod⸗ tengloͤcklein, nach ſeiner Verſicherung, faſt ganz von Silber gegoſſen. Unter ihrer Krone ſind ge⸗ fluͤgelte Engelskoͤpfchen angebracht; darum laͤuft eine Inſchrift in ziemlich unleſerlichen Moͤnchs⸗ Buchſtaben; doch bracht' ich endlich die Worte 16 heraus:„Mich hat gegoſſen Eberhard Roͤsler und mich hieher geſchenkt; bei ſeinem Hinſcheiden bin ich zum erſtenmal gelaͤutet worden.“ Ich kann dir nicht ſagen, wie mich das aufs neue ergriff; der fleißige Meiſter ſtand lebendig vor mir, wie er die freundlichen Engelgeſichter geformt und mit jedem, das ihm gelungen, ge⸗ liebaͤugelt, und dabei mit der Ruhe des guten Gewiſſens an ſein letztes Stuͤndlein gedacht hat. Ich wollte drauf wetten, daß er, wenn er hier⸗ an gearbeitet, unmoͤglich mit der Frau zanken oder den Lehrjungen zuͤchtigen koͤnnen.... Doch uͤber dem Unbedeutenden das Wichti⸗ gere nicht ganz zu vergeſſen, ſo muß ich dir noch melden, daß ich hier ein ſehr gutes Fortkommen erwarten darf. Mein ehemaliger Lehrer, der Oberpfarrer, hat mich auf das herzlichſte wieder bei ſich aufgenommen, und der treffliche Miſan⸗ throp, Doctor Baͤr, durch deſſen Verwen⸗ dung ich an Palfy gekommen bin, mithin auch dich kennen gelernt habe, will, wie er ſagt, mit mir wieder jung werden. — ———— — 17 Es ſchmerzt mich, daß ich den Brief ſchon ſchließen ſoll; das Schreiben iſt doch ein kleiner Erſatz fuͤr unſere ſonſtige trauliche Unterhaltung. Gott erhalte dich mir, mein beſter Geismar! — 41. Clara an Maria. Ich ſoll mein Herz wahren, gute Maria? Ja, warum haſt du auch mit deiner Warnung ſo lange gezoͤgert? und warum mußte dein Brief gerade diesmal einen Umweg nehmen? Wenn nun ein Ungluͤck entſteht, biſt du und der Zufall allein Schuld daran! Du ſiehſt wol, daß ich immer noch heiter und froͤhlich bin, und giebſt daher deine Beſorg⸗ niſſe hoffentlich auf; ich brauche mir alſo um ſo weniger das Vergnuͤgen zu verſagen, dir uͤber ... die bewußte Sache die verſprochne aus⸗ fuͤhrliche Nachricht zu ertheilen. Du beſinnſt dich, daß ich Willens war, die gute Baſe Hedwig und den Vetter... nun, die J. f. F. II. J 4. H. 2 18 Verwandtſchaft iſt zwar ein wenig weit, aber Vetter heißen muͤſſen wir ihn doch wol... alſo den Vetter Palmer zu beſuchen. Hedwig hat ein zwar kleines, aber nettes Quartier auf der Ja⸗ kobsſtraße gemiethet, und es, wie du leicht den⸗ ken kannſt, nach Herzensluſt ausgeſchmuͤckt. Ihr Herzblatt, der Herr Stiefſohn... denn ſie kann ſich nur in ſeiner Gegenwart entſchließen, das Herr wegzulaſſen... war eben zum Doctor Baͤr gegangen, und ſie erhielt daher um ſo mehr Muße, mir alles und jedes zu zeigen. Erſt gings durch die Kuͤche, wo das kupferne und zinnerne Geſchirr einen gar hellen Schein giebt, dann in ihr eignes und in das Putzzimmer, zu⸗ letzt in Maximilians Studierzimmerchen. Ja, liebe Schweſter, das haͤtteſt du ſelbſt mit anſe⸗ hen ſollen! In der That, es giebt an Schoͤn⸗ heit und Glanz unſrer eignen großen Stube, ob⸗ ſchon dort eine ganze Amazonenſchlacht auf den Waͤnden zu ſchauen, wenig oder nichts nach, und ich glaube es der guten Alten recht gern, daß der Vetter nur ihr zu Liebe das alles ertraͤgt. Die Tapeten ſind von ſchwerem, großgeblumten gruͤnen Damaſt, die Fenſtergardinen bilden 7 19 einen ganzen Betthimmel voll Blumen und Schleifen, und der Rahmen des Spiegels muß dem Bildhauer und Vergolder manchen Schweiß⸗ tropfen gekoſtet haben. Bei alledem iſt der gu⸗ ten Alten ein großes Leidweſen widerfahren, wo⸗ von ſie aber um keinen Preis etwas verlauten laſſen wuͤrde; denke ſelbſt, unter aller dieſer ir⸗ diſchen Pracht, ja ſogar unter den ſchoͤnſten Blumentoͤpfen und Schaufiguren ſtehen bleiche, lebensgroße Bein⸗Gerippe, und ſelbſt die ſpie⸗ gelnden Bohnſchraͤnke ſind mit Todtenkoͤpfen und mancherlei Monſtris, die nur ein Arzt um und neben ſich leiden kann, reichlich beſetzt. Baſe Hedwig zeigte mir das alles mit nie⸗ dergeſchlagenem Blick und manchem ſtillen Seuf⸗ zer, ging aber bald, um ſich zu troͤſten, zu etwas froͤhlicherm uͤber, und breitete nun mit unerſchoͤpflicher Beredſamkeit mancherlei Ehren⸗ geſchenke, die ihr Sohn erhalten, eine goldne Kette, einige koͤſtliche Ringe... dann auch mancherlei Seltenheiten, die er mitgebracht, ein großes Buch voll getrockneter Kraͤuter, tuͤrkiſche Teppiche und Tuͤcher, einige Buͤchslein mit Balſam von Mekka, und, was weis ich alles 20 noch ſonſt, vor meinen ſtaunenden Augen aus. Zum Schluß mußte ich auch noch das Ungriſche Wams, ja ſelbſt Saͤbel und Halbſtiefeln ſehen, worin der Herr Licentiat Gnade vor deinen rich⸗ tenden Blicken gefunden hat, und gerade, da Hedwig dies auskramte, trat er unvermuthet ſelbſt ein. Ich glaube wahrhaftig, daß ich uͤber und uͤber roth geworden bin. Ich ſprang von der Truhe hinweg, als haͤtt' ich ſie beſtehlen wollen... Ja, liebe Schweſter, du haſt Recht. Was iſt aus dem Mayel fuͤr ein ſchoͤner, be⸗ ſcheidener Mann worden!... Das verwuͤnſchte Geplauder! Eben ſchickt der Vater und laͤßt fragen, ob der Brief noch nicht fertig ſey; ſonſt muͤſſe er fuͤr diesmal lie⸗ gen bleiben. Ich haͤtte dir noch ſo vieles zu ſchreiben, und doch bin ich nun ſo beklemmt, ſo unruhig, weil mich die Poſt draͤngt... Gehab dich wohl, gute Maria! 5. Geheimſchreiber Sylvani an den Licentiat Palmer. Es faͤllt mir ſchwer, hochgelahrter Herr Li⸗ eentiat und hochgeehrteſter Freund und Goͤnner, den Befehl des Herrn Feldzeugmeiſters zu erfuͤl⸗ len, und doch darf ich mich dieſer traurigen Pflicht nicht entziehen. Sie ſind ein Mann, dem der Anblick des Todes nichts ungewohntes, nichts ſchreckbares, mehr ſeyn kann; ich wuͤrde daher ihren Muth zu entehren ſcheinen, wollte ich lange Umſchweife ſuchen.. Ihr vor einem Monat mit der Feldpoſt ein⸗ gegangener Brief an den Herrn Hauptmann von Geismar folgt anbei uneroͤffnet zuruͤck; der wack⸗ re Kriegsheld, den ſie einſt unter den Todten hervorzogen, iſt nicht von einer feindlichen Ku⸗ gel getroffen, ſondern in ſeinem Standquartiere, nach einem Krankenlager von wenig Tagen, in ein anderes Leben uͤbergegangen. Er hat, ein⸗ gedenk der alten Freundſchaft, ſie zu ſeinem Er⸗ ben ernannt; jedoch tragen des Herrn Feldzeug⸗ 22 meiſters Gnaden Bedenken, ſeinen Nachlaß dermalen an Sie abgehen zu laſſen. Wir ſind Freunde und Maͤnner; warum ſoll ich auch vor Ihnen verbergen, was man nur den Schwachen zu verheimlichen ſucht? Es iſt nicht mehr zu leugnen, daß in den umliegenden Gegenden eine ungewoͤhnliche Sterblichkeit graſ⸗ ſiret; einige ſchreiben das Uebel den Ausduͤnſtun⸗ gen der vielen Gebliebenen, andere einem Heu⸗ ſchreckenheer zu, welches im Morgenland durch den Wind in die See, und von da wieder zuruͤck ans Land getrieben worden ſei. Von dort aus ſoll die Contagion uͤber unſre Lande ſich verbreiten. Hieſige Stadt iſt, Gott ſei Dank! bis jetzt noch verſchont; doch wer weiß, wie lange wir uns deſſen noch zu getroͤſten haben? Ich empfehle Sie in den Schutz des Hoͤch⸗ ſten, als ꝛc. ꝛc. 23 6. Hedwig verw. Bernſteinin an Maria Heerwartin. Hochgeehrte Frau, Herzgeliebteſte Frau Muhme und Tochter, Ich kann mir nicht helfen, ich muß an Sie ſchreiben, und Sie werden es mir zu gut hal⸗ ten, daß ich auch das Frau Tochter von Alters⸗ her noch immer beibehalte. Das liebe Kind, die Claͤrchen, hat Ihnen gewiß ſchon gemeldet, daß mein Herr Sohn wieder hier iſt. Er hat mir auch geſagt, daß er auf der Reiſe bei Ihnen geweſen, und hat mir einen ſchoͤnen Gruß von Ihnen mitgebracht,⸗ welches mich ſehr erfreuet. Nun hoͤren Sie aber, wie das weiter ge⸗ gangen, und warum ich in meiner Noth an Sie ſchreiben thue. Alſo der Herr Licentiat war angekommen, und Claͤrchen that mir die Ehre, meine neue Wirthſchaft zu beſehen. Da war er nun erſt 24 —† nicht da; denn er hat ſchon ſtarke Kundſchaft, wie auch der Herr D. Baͤr... Sie werden ſich wol noch auf ihn beſinnen; Sie fuͤrchteten ſich immer vor ihm, weil er ſo dicke Augenbrau⸗ nen hat, und auch oft gelb ausſieht... ſein gar großer Patron und Goͤnner iſt. Aber, da er kam, naͤmlich der Licentiat, wurde das gute Kind feuerroth und riß die großen blauen Augen noch viel weiter auf; und er wollte erſt gerade auf ſie zu, aber beſann ſich noch zu gutem Gluͤck, und nahm ſie nur ganz ſanft bei der Hand. Her⸗ nach traten ſie ans Fenſter, und er behielt im⸗ mer ihre Hand. Die Sonne ſchien recht freund⸗ lich herein, und da ich die beiden beldſchoͤnen jungen Leutchen ſo ſah, mußte ich hinausgehen; denn die Augen gingen mir uͤber. Da ich nun wieder kam, wol nach einer Viertelſtunde, ſtanden ſie immer noch ſo, und er zeigte ihr ein Kraut, das die Blaͤtter ſinken laͤßt, wenn man ſie anruͤhrt, und Claͤrchen griff immer ein Blatt ums andre an, und er ſagte ihr viel Schoͤ⸗ nes und Gelehrtes von der Natur des Krautes, was ich nicht alles verſtand, und ſie griffen wol auch manchmal ein Blatt zuſammen an. — 2 2 G* Das war gut, und wie ſie gehen wollte, zog er mich auf die Seite, und ich mußte ihr ein ſchoͤnes tuͤrkiſches Tuch verehren, das er ſich ſelbſt nicht getraute, ihr zu ſchenken, und er ſtand nur hinterm Thuͤrfenſter und lauſchte, ob ſie's auch nehmen wuͤrde. Aber ſie nahm es, und hatte eine große Freude, und hat es immer getragen, als waͤre es noch praͤchtiger, als es doch wirklich iſt, da ſelbſt die Weiber der Ottomaniſchen Pforte ſol⸗ che Tuͤcher tragen. Hernach iſt ſie oͤfter wiedergekommen, des Morgens und Mittags, und auch des Abends, manchesmal nur auf einen Huſch; und mein Sohn iſt auch bei dem alten Herrn Gartenberg geweſen, welcher ihm Wein vorgeſetzt und alle Ehre erwieſen, und auch uͤber ſeinen Huſten befragt.. Da werden Sie nun immer noch nicht wiſ⸗ ſen, wo das Ungluͤck herauskommen ſoll; aber es kommt nach, leider Gottes! ach ja! Ja, es war alles ſchoͤn, und lauter Freude und Luſt; da kriegte mein Herr Sohn aus Un⸗ garn oder Maͤhren einen Brief, daß ein Haupt⸗ 26 — mann und Edelmann, der ſein beſter Freund ge⸗ weſen, ploͤtzlich an einem Faulſieber geſtorben ſey. Dieſer hatte den Maximilian nun wol zum Univerſal eingeſetzt; aber das kuͤmmerte ihn nicht ſo viel, und ſo verſtaͤndig und geſetzt er ſonſt auch iſt, ſo war er doch ganz weg uͤber die Tod⸗ tespoſt, und ich wußte mir keinen Rath. Er aß und trank nicht, und ſo ſtark er ſich auch ſtellte, ſo ſah er doch wie eine Leiche, und ſchlief keine Nacht. Da ſagte ichs dem guten Claͤrchen, daß ſie ihm doch zureden ſollte, und ſie war auch gleich willig dazu. Sie kam noch denſelben Nach⸗ mittag, und ich ging immer ab und zu. Claͤr⸗ chen weinte, als waͤre ihr eigner Bruder geſtor⸗ ben, und der Maximilian druͤckte und kuͤßte ihr manchmal die Haͤnde, und eh' ich michs verſehe, kommt mir die Claͤrchen nachgegangen und fällt mir um den Hals, und weint helle Thraͤnen, und ſagt immer:„Du biſt meine gute Mutter Hedwig, und der Maximilian iſt mein, und ich nehme ſonſt keinen.“ Ich ſagte nun wol das und jeaes, aber der Maximilian iſt doch auch ein Mann, der ſich 27 ſehen laſſen darf; ſein Vater iſt Pfarrherr ge⸗ weſen, und er ſelbſt hat große Gelehrſamkeit und koͤnnte wol ein kaiſerlicher Leib⸗ und Hof⸗Arzt ſeyn, wenn er ſeinen Glauben haͤtte abſchwoͤren wollen. Nun, ſo uͤberließ ich endlich die Sache Gott, und ſie kuͤßten ſich noch beim Abſchied vor meinen Augen. Nun kommt aber das Aergſte. Denken Sie, wertheſte Frau Tochter, das gute Claͤrchen hat doch gleich am folgenden Morgen alles dem alten Herrn Gartenberg haarklein geſtanden, und der iſt daruͤber entſetzlich boͤs worden. Die Claͤrchen ſoll ſich nicht unterſtehen wieder meine Schwelle zu betreten, und wir ſind doch ehrliche Leute, und dem Licentiat hat er fuͤr ſeine Gaͤnge und Wege ein Papier mit Gelde geſchickt, und er ſollte ſich nicht weiter bemuͤhen. Das iſt nun eigentlich die Urſache, warum ich an Sie ſchreiben wollen, herzgeliebteſte Frau Tochter! Sie ſind doch die aͤlteſte Tochter und gelten was bei dem Alten, und Sie wiſſen auch wol noch, wie es Ihnen deuchte, als Sie Ihren Mann nehmen mußten und doch den ſchwediſchen Herrn Officier lieber gehabt haͤtten. Ich ſehe 28— es noch heute, wie ich Sie zur Trauung anputzte und Sie mir zuletzt, ganz wie auch Claͤrchen, um den Hals fielen und ſagten:„Nun, wir wollen nicht mehr an ihn denken und nicht mehr weinen, gute Hedwig! Er iſt nun einmal ſo!“ Alſo, was Sie thun koͤnnen, das thun Sie doch ja, auch um meinet⸗ und Claͤrchens willen. Das Geld macht es ja nicht allein in der Welt, und der Maximilian wird nicht verderben, ſieht auch gewißlich nicht auf das Geld; und ein Ge⸗ lehrter iſt auch ehrenwerth und Doctor kann er werden alle Tage. 4 Nun ſtelle ich alles dem Hoͤchſten und Ihnen liebe Frau Tochter, anheim, und verbleibe mit ſchoͤnſtem Gruße an Ihre Kleinen Ihre ꝛc. 7. Der Kaufherr Adam Gartenberg an Maria Heerwartin. Liebe Tochter, Anbei erhaͤltſt du durch den Fuhrmann Pe⸗ ter Pech 1 Faͤßl. Traubenroſinen, Ctr. Wachs⸗ lichter beſter Qualitaͤt, und 4 Pfund Lebkuchen —— 29 fuͤr meine Enkel, welche den Hoͤchſten bei guter Geſundheit zu verzehren bitte. Deinen Brief wegen der Clara habe mit reiflichem Nachdenken, wie du auch gebeten, ver⸗ leſen. Aber ich werde die gefaßte Entſchließung nicht abaͤndern, da es meine Pflicht, als Vater fuͤr euch zu ſorgen, und nicht zugeben kann, daß, was ich von meinem Großvater und Vater er⸗ erbt, auch mit ſauerm Schweiße ſelbſt zuſam⸗ mengebracht, in Buͤcherbibliotheken verwandt, oder ſonſt wieder vergeudet werde. Ein Jeder halte bei ſeines Gleichen, dies iſt meine Mei⸗ nung, und ich habe auch den Herrn Licentiaten bereits alſo beſchieden. Verſchone mich daher mit weitern Vorſtellungen. Frage nur deinen Mann, der wird dir ſagen, daß es nicht ange⸗ he, und verſteht es ſolcher beſſer, als du oder arme Verwandte, die ſich freilich gern mit Be⸗ guͤtherten noch naͤher befreunden moͤchten. Kann ich dem Herrn Vetter mit einigen Hundert Guͤl⸗ den zu ſeiner Wirthſchaft dienen, ſo will ich ihm ſolches Capital ohne Zinſen vorſtrecken; aber meine Tochter, und nach meinem Tode die Haͤlfte 30 ———— des Ganzen, waͤre ein wenig zu viel. Das iſt alſo hiermit abgethan!—. Es ſterben in unſrer Gegend viele Leute, und, wen Gott mit Vermoͤgen geſegnet hat, der hat jetzt keine frohe Stunde. Wenn es aͤrger werden ſollte, will ich mein Haus dem alten Buchhalter uͤbergeben, und mit der Clara und den Handlungsdienern aufs Vorwerk Dreiei⸗ chen, oder wol gar in mein Fabrikdorf Berg⸗ ſtaͤdtel ziehen, welches jedoch Gott in Gnaden annoch abwende. Indeß wollen wir beten und arbeiten, und auch du thue mit deinem Manne desgleichen! 8. Amtlicher Bericht an den verſam⸗ melten Rathsſtuhl. O. B. V. Einem Hochedlen und weiſen Raths⸗Colle⸗ gio habe bereits sub dato den... wegen der⸗ maliger Zeitlaͤufte und im Stillen graſſirender 8 — 31 Krankheiten meine pflichtmaͤßigen und wohlge⸗ meinten Bedenklichkeiten an den Tag gelegt; al⸗ lein man hat meine Anzeige, als die Stimme eines Ungluͤrk weiſſagenden Leichhuhns und hage⸗ ſtolzen Melancholici, nicht geachtet, und nicht nur 64 Ballen rothtuͤrkiſch Garn, obſchon ich ſolches nicht zu geſtarten gebeten, allhier auspacken und luͤften, ſondern auch die beiden Griechiſchen Kauf⸗ leute Sterio, welche im Gaſthofe zum Heil⸗ bronnen, am ſogenannten Fleckfieber, mit Tode abgegangen, oͤffentlich begraben, ja ſogar, wider mein ausdruͤckliches flehentliches Verbot, die Saͤr⸗ ge bei einem großen Zulauf Menſchen auf dem Kirchhofe nochmaln eroͤffnen laſſen. Ich ſtelle es an jenem Tage zu Recht, ob man daran kluͤglich gehandelt, und bitte den Hoͤchſten, daß er mich in meinem 73ſten Lebens⸗ jahre zu einem s. v. Luͤgner und falſchen Pro⸗ pheten mache. Ich bezeuge es aber laut vor Gott, und vor einem wohlweiſen Rathe, auch einer loͤblichen Buͤrgerſchaft, daß der Wirth und ſeine Leute im Heilbronnen an einer wahren, peſtilenzialiſchen Seuche verſtorben, und daß auch das bereits eingeriſſene Sterben alle Zeichen 1 — einer giftigen Anſteckung an ſich trage. Dieſer Heilbronnen wird fuͤr unſre arme Stadt, ſo Gott nicht durch ein Wunder das Beſſere wir⸗ ket, ein wahrer Unheils⸗ und Elendbrunnen wer⸗ den, und obſchon einige junge Doctoren verſi⸗ chert, daß bis jetzt nur die Theurung der Le⸗ bensmittel und die feuchte Luft in den Erdgeſto⸗ cken unter dem niedern Volke mancherlei ſchnelle Todesfaͤlle verurſacht habe, ſo wird es doch nur allzubald offenbar werden, was der alte heidniſche Poet Horatius ſchreibet: Pallida mors aequo pulsat pede etc. welches zum Beſten der Laien alſo zu vertiren ſeyn moͤchte: Hanns Holzmeyer acht't alles gleich, Sei Bettellump oder ſtolz und reich. Da es mir nun auch hinterbracht worden, daß den Vorſitzern E. E. Rathes die zwar noch im Finſtern ſchleichende, aber bald einen Aus⸗ bruch drohende Gefahr nicht gaͤnzlich entgangen, ſondern anheute und nunmehr, da bereits 3 Glie⸗ der des Raths bettlaͤgrig befunden, eine allge⸗ meine Verſammlung angeordnet worden; als habe auch ich, obſchon man mich alten Mann ſtets gekraͤnkt und den Quackſalbern, Badern und Olitaͤtenkraͤmern, auch Wurmdoctoribus und an⸗ dern Charlatanen, allen Vorſchub geleiſtet, dem allgemeinen Weſen nicht entſtehen wollen, ſon⸗ dern in dieſer Nacht mit denen zwei Freunden, ſo mir Gott auf dieſer Welt geſchenket, mich be⸗ rathen, und werden wir, ſo es uns geſtattet wird, mit Gottes Beiſtand ausfuͤhren, was wir in ſeinem Namen beſchloſſen. Es wuͤrde nicht taugen, wollte ich der man⸗ cherlei Fehler und Gebrechen gedenken, ſo man bis jetzt begangen; alſo kann nur von dem geredet werden, was in Zukunft Noth iſt. Um aber dieſes E. E. Rathe klaͤrlich darzuſtellen, wuͤrde mehr Zeit erfordert, als die jetzige preß⸗ hafte Lage geſtattet, und gebe ich daher nur kuͤrz⸗ lich zu bedenken, daß, um alles ſchleunig und mit Nachdruck ins Werk zu ſetzen, einige Maͤn⸗ ner von Muth, Geſchick und Erfahrung an die Spitze geſtellt werden muͤſſen, um dem Uebel, ſo es moͤglich, kraͤftiglich Schranken zu ſetzen. Es hat ſich aber der Doctor Francont bei jetziger ungeſunder Luft erinnert, daß ſeine Aeltern annoch in Italien leben, und iſt geſtern dahin abgegangen, damit es ihm nach der Ver⸗ 3. f. F. II. J. 4. H. 3 34 heißung wohlgehe und er lange lebe auf Er⸗ den. Dahingegen hat der zweite Sohn des Herrn Buͤrgermeiſters, Ephraim Goldhammer, ſo eben eine botaniſche Reiſe angetreten, und wird ohne Zweifel kuͤnftighin der heilenden Mit⸗ tel eine große Menge mit anhero zuruͤck bringen. Solchergeſtalt iſt, da auch der Doctor Stoͤr krank danieder lieget, Doctor Gerhard aber am Zipperlein laboriret, die Anzahl der Aerzte, wenn ich diejenigen, welche des Namens ſich nicht einmal foͤrmlicher Weiſe erfreuen duͤrfen, nicht mitzaͤhle, außerordentlich gering, und kann ich keinen derſelben zu meinem Vorhaben brauchen. Dahingegen habe ich ſelbſt nur eins oder zwei Jahre oder Tage noch zu leben, und mein Freund, der Oberpfarrer zu St Annen, hat keine Frau und Kinder, und der Licen- tiatus Palmer, ſo waͤhrend der Winterquar⸗ tiere zweimal die tuͤrkiſche Graͤnze bereißt und große Erfahrung geſammelt hat, will ſich mit uns beiden Alten allem ausſetzen, was zum Be⸗ ſten gemeiner Stadt dienet. So man nun dieſen unſern Vorſchlag ge⸗ nehmigt, zu deſſen Ausfuͤhrung wir uns in —— 3 5 dieſer Nacht auf Gewiſſen und Hand⸗Schlag verpflichtet haben; ſo wird der Hr. Oberpfar⸗ rer mit ſeinen Diaconis das Geiſtliche, wir aber wollen das Zeitliche beſorgen, wie es ei⸗ nem rechtlichen Peſtiario allenthalben geziemet und gebuͤhret. Und haben meine beiden Freun⸗ de ſolches zu Urkund mit unterſchrieben. Ich bitte Gott, daß er einen h. Raths⸗ ſtuhl mit ſeiner Weisheit erleuchte, als Ders pflichtſchuldiger Jeremias Baͤr, Doctor medicinae et p. t. Physicus. Vorſtehendes haben genehmigt und unterzeichnet M. Ehrenfr. Gottſchalk Moͤller, Oberpfarrer zu St. Annen. Maximilian Palmer. —— 9. Maximilian an Clara. Ich darf dich nicht ſehen, Theuerſte auf Erden! auch wenn mich das ſtolze Verbot dei⸗ nes Vaters nicht laͤnger zuruͤck ſcheuchte; doch 36 ſichert dich der Spiritus, mit welchem dieſes Blatt getraͤnkt iſt, vor aller Gefahr. Rette dich, Geliebteſte! rette dich ſchleunigſt aus den Mauern dieſer Stadt. Vermuthlich ſchon mor⸗ gen fruͤh werden die Thore geſperrt. Rette dich, und gieb mir durch deine Entfernung den Muth, den ich brauche. Clara, ich beſchwoͤre dich bei unſerer Liebe, fliehe aufs ſchleunigſte. Meine gute Mutter Hedwig— Gott! wie ſoll ich dirs, du Sanf⸗ te, Fuͤhlende, ſagen, und doch mußt du es wiſſen, um die Groͤße des drohenden Ungluͤcks zu kennen— auch ſie iſt ein Opfer, und wird ſchwerlich den Morgen erleben. Ich bin allein in der Welt. Lebe wohl. Vielleicht feh' ich dich nie— doch ja! Gott und deine Liebe werden mir beiſtehen! Nur fort, fort, Clara! und noch ehe der Morgen graut! 10. kucas Schnellwage an Adam Gartenberg in Bergſtaͤdtel. Ew. Wohledlen, meinem hochgeehrteſten Herrn Patron, thue vermelden, daß nach Dero wertheſten Abreiſe auf Dero Comptoir und hie⸗ ſigem Platze nichts vorgefallen, als wie folget. Naͤmlich Imo. iſt bald nach Dero Abfahrt, welche ich in Gottes Geleit befehle, mit fruͤhem Morgen der Herr Lio. Palmer zu mir gekom⸗ men, und hat ſich aͤngſtiglich erkundigt, ob Dieſelben mit den lieben Ihrigen von hier ab⸗ gegangen. Und da ich ihm dieſes bejahet, hat er alsbald die Augen gen Himmel gehoben und die Haͤnde zuſammengeſchlagen und hat mich alten Mann mehreremalen faſt bruͤnſtiglich an ſich gedruͤckt und einmal uͤber das andere ge⸗ gerufen: Gott ſei Dank! Gott ſei Dank! Nun iſts gut! ſo daß ich deſſelben gute Af⸗ fection gegen Ew. Wohledl. und deſſen Dank⸗ barkeit fuͤr das vor einigen Monaten uͤberſand⸗ te Douceur deutlich verſpuͤren koͤnnen. 38— IIo. ſind noch an demſelben Morgen die Thore geſchloſſen blieben, ſo daß niemand mehr paſſiren kann ohne einen beſondern Schein. Item iſt ein Theil der Schleußenſtraße und die ganze Judengaſſe, wo das Uebel ſich am furchtbarſten zeiget, ganz in der Fruͤhe ver⸗ rammet worden und darf niemand daſelbſt aus und ein, außer denjenigen, welche die beiden Herrn Pestiarii, will heiſſen, der Herr D. Baͤr und Lic. Palmer, dazu beſtellt haben. IIIrio. iſt geſtern Nacht die Frau Ehelieb⸗ ſte des Hochedlen Herrn Vice⸗Stadtrichters, item der Herr Doctor Stoͤr und zwei Thum⸗ herren ploͤtzlich verſtorben, ſollen aber des Abends ohne Gelaͤut und in aller Stille begraben wer⸗ den, inmaßen Anſtalt getroffen, mehrere Lei⸗ chen zugleich bei naͤchtlicher Weile durch den Ausfall zu ihrer Ruheſtaͤtte zu bringen. IVto. iſt hierdurch allenthalben ein großes Schrecken unter die Leute kommen, ſo daß ge⸗ ſtrigen und vorgeſtrigen ganzen Tag uͤber kein Menſch auf dem Comptoir etwas geſucht. Habe daher als ein getreuer Arbeiter einſtweilen die Reſte und das Inventarium hervorgeſucht, obwol ——e— 1 6 ——e— 39 vermeynend, daß zu deren Auſarbeitung hin⸗ reichende Zeit kommen werde. Endlich Vio. ſollen ſich bereits in hieſiger Stadt liederlich Geſindel und Zigeuner rottirt haben, um die Haͤuſer zu uͤberfallen und zu pluͤndern; werde daher meines Herrn Patrons Haus und Waarenlager nicht verlaſſen, falls man mich nicht etwa nach Gottes gnaͤdigem Willen her⸗ austragen ſollte. Womit ich in ſchuldigſtem Reſpect behar⸗ re Ew. ꝛc. T. S. Bitte auch Ew Wohledl. ſaͤmmtli⸗ che mitgenommene Handlungsbediente von mir ſchoͤnſtens zu gruͤßen, ingleichen guͤtigſt zu condoniren, falls dieſer Brief nicht ganz zierlich zu Dero Haͤnden gelangen ſollte, maaßen alle Papiere vor dem Thore zer⸗ ſtochen und in beizende Feuchtigkeiten ge⸗ taucht werden muͤſſen, in Folge der von den Pestiariis gegebenen Ordre. II. Clara Gartenbergin an Makia Heerwartin. Gott ſtehe dir ferner bei, und uns allen geliebte Schweſter! Gott ſtehe uns bei! dieß iſt die Stimme des ganzen Landes. Du wirſt mich nicht fuͤr ſelbſtſuͤchtig hal⸗ ten oder glauben, daß ich die allgemeine Noth uͤber mein eigenes Ungluͤck vergeſſe, wenn ich dich das Schickſal unſerer Vaterſtadt aus den beiliegenden, mehrmals gereinigten, folglich ge⸗ fahrloſen Briefen erſehen laſſe, und meinen Kummer in dein ſchweſterliches Herz ſchuͤtte. Wen habe ich außer dir? und ſoll ich der Laſt meines Schmerzens ganz erliegen?... Ich erkenne mich ſelbſt nicht mehr, wenn ich von ohngefaͤhr vor den Spiegel trete; alle Freu⸗ den der Jugend ſind von mir gewichen, meine Bluͤte wird fruͤhe welken, ich bin in wenſg Wo⸗ chen um Jahre gealtert... Du haſt von dem maͤnnlichen Entſchluſſe meines Maximilians... ach! wie wol thut — 41 es mir, ihn doch gegen irgend jemand mein nennen zu duͤrfen... ſchon im Allgemeinen gehoͤrt. Auch unſer Vater meinte: es ſei viel von dem jungen Palmer, da er doch hier nichts zu verlieren habe; und als ich ihm den Brief zeigte, den Maximilian in der groͤßten Angſt ſeines Herzens an mich geſchrieben, da unter⸗ druͤckte er ſogar ſeinen Unwillen, ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und ſagte:„Nun, warlich, er meint es doch gut! Nun, er ſoll mich gut den⸗ kend finden, wenn auch nicht ſo, wie er es moͤchte!“ So ſind wir denn hieher gereißt, ohne daß ich ihn noch einmal ſehen konnte, ſehen durfte; ach! ich ſehe ihn wol nie wieder. Wir erhalten immer Briefe ſeines Lobes voll, aber er ſelbſt wagt es nicht, mir etwas von ſich wiſſen zu laſſen. Ach nur eine Zeile von ihm, um zu er⸗ fahren, daß nicht auch unſre ungluͤckliche Liebe ihn zu dem verzweifelten Entſchluß gebracht ha⸗ be... was ſag' ich? iſt es mir nicht ſchmerz⸗ lich fuͤß, zu denken, daß es ſo ſeil Gern ſaͤhe ich Eitle zuweilen die Groͤße ſeines Herzens geringer, um nur zu wiſſen, wie ſehr er mich liebe. 4² —xxx— Er, der Gute, der Edle, wandelt nun unter Sterbenden und Todten, ohne daß ihn jemand troͤſtet, ohne daß ein Auge ihm Dank laͤchelt⸗ ohne daß ein liebendes Herz fuͤr ihn ſorgt... ich Arme lebe hier in der reitzendſten Bergge⸗ gend, athme die friſcheſte Luft und werde von der Schaar unſerer Spitzenkloͤpplerinnen faſt wie ein höheres Weſen verehrt. Ach, du ſollteſt es ſehen, wie gluͤcklich ich ſeyn koͤnnte... und wie elend ich bin! Sie ſitzen um mich herum, wie erwachende Engel; alle ſehen mich traurig an, und moͤchten mich erheitern, aber keine ver⸗ ſteht meinen Schmerz. Doch nein! ich will nicht undankbar ſeyn gegen Gott; eine Seele habe ich gefunden, die mit mir leidet, wenn ihr auch der Ausdruck fehlt, es zu ſagen. Ich muß dir von ihr ſchrei⸗ ben, damit doch Etwas anders, als lauter duͤſtre Schatten, auf dieſem Blatte dahinſchwe⸗ ben. Dieſe eine, das aͤlteſte unter den Kloͤppel⸗ maͤdchen, iſt eine lange, ſchlanke, blaſſe Geſtalt mit geſenktem Haupt, eine Bergmannstochter,.* deren Braͤutigam eine eingehende Wand getoͤdtet hat; ſie bewegt ſich unter den uͤbrigen, wie ——ͤͤ —— ——————e eine ſterbende Lilie in einem bluͤhenden Roſengar⸗ ten, wie ein Schatten unter den Lebenden. Die andern guten Maͤdchen alle ſingen, um mich zu erfreuen, oftmals ein Lied zur Cither und erzaͤhlen mir ihre Maͤhrchen von Kobolden, Bergmaͤnnchen und andern Grubengeiſtern, von blauen, wandelnden Flaͤmmchen und gediegenen Schenktafeln; auch Kaͤthel, ſo heißt die Vor⸗ ſteherin, fing lezthin einmal an. Aber ſie kam bald auf ihren ſeligen Andreas, und daß er ihr vor ſeinem letzten Anfahren geſagt: wenn auch im Winter keine Blumen hier mehr bluͤhten, ſo bluͤhe doch unten im Finſtern manches Zweiglein und Bluͤmlein von edlem Geſtein. Da konnte ſie nicht laͤnger an ſich halten. Die hellen Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen; ſie ſiel mir um den Hals und ſagte halb erſchro⸗ cken: Ach, edle Jungfrau! verzeiht.. nicht wahr, Ihr wißt, warum ich weine? Von dieſer Zeit an habe ich ſie ganz zu mir genommen, und ſie ſoll bei mir bleiben, ſo lange ich lebe. Liebe Maria! ich habe dir da alles unter einander geſchrieben; aber ſo ſieht es aus in 44— meiner Seele. Ich will mich immer von dem Traurigen entfernen, und komme, wie Kaͤtchen, ſtets darauf zuruͤck.. Der Vater hat eben dem alten Buchhalter geſchrieben, daß er dem Maximilian, weil er doch ſo brav ſei und auch nach uns ſich erkundigt habe, einen Korb des beſten Weines ſenden ſol⸗ le zur Labung, und auch einen Gruß, doch ohne einige ſonſtige Annaͤherung. Koͤnnte, duͤrfte ich nur einen Brief beilegen; o! nicht einmal einen ſo langen, wie ich an dich ſchreiben darf! nur einige, nur eine einzige Zeile! Vielleicht thue ich es doch einmal, wenns der Vater nicht er⸗ fahren kann. Sollte das wol Unrecht ſeyn? Meine Augen ſchmerzen mich von vielem Schreiben. Gott beſchuͤtze dich mit deinem Mann und Kindern! — æ — — 45 12. kucas Schnellwage an Adam Gartenberg. Wohledler Herr Patron, „ Aus tiefer Noth ſchrei' ich zu dir!“ Die⸗ ſe Weiſe blaͤſet eben der Thuͤrmer zum erſtenmal wieder vom Petersthurm, und ich fange daher auch dieſen Brief in Gottes Namen an: Aus tiefer Noth ſchrei' ich zu dir! immaßen denn, wie es das Anſehen gewinnet, Gott uns nun⸗ mehr errettet hat aus der großen Noth, und die Ueberbliebenen alles mit einem ſrommen Seuſzerlein anzuheben gegruͤndete Urſache haben. Ew Wohledlen werden condoniren, daß ich Imo. faſt ſeit 2 Monaten nicht geſchrieben, obwol ich Zeit genug dazu gehabt, und, um nicht muͤßig zu gehen, fruͤh und ſpaͤt in man⸗ cherlei guten geiſtlichen und weltlichen Buͤchern geleſen, auch alle alte Rechnungen nochmals, durchgegangen und alles richtig befunden, bis auf die Schichtmeiſter⸗Rechnung vom Quartal Crucis a. pr. sub No. 114. wo der Kobaltausfall wie ich ſchon damals zu ſagen mich erkuͤhnet, allerdings nicht 366 fl. 18 gr. 325 pf. ſondern ſo viele Guͤlden und Groſchen 35 pf. macht, wie ich mit rother Tinte notiret. Aber warum ich unterlaſſen, an Dieſelben zu ſchreiben, davon iſt Ildo. die Urſache, daß die Paſſage waͤh⸗ rend der Zeit gaͤnzlich gehemmet geweſen, und nichts ein⸗ und auspaſſiret, als einige Lebens⸗ mittel uͤber die Stadtmauer, und des Nachts die Peſtkarren, ſo ſaͤmmtlich mit Tuch beſchla⸗ gen geweſen, damit die noch Lebenden das Ge⸗ raſſel nicht vernehmen koͤnnen. Nunmehr aber, da gel. Gott, IIltio. morgen fruͤh die erſten Brief⸗Pakete wieder abgehen, werde nicht ermangeln, alles getreulich zu berichten, ſo viel ich alter Mann bei der großen Angſt und Verwirrung mich deſſen noch zu entſinnen vermoͤgend. Alſo muß ich Denenſelben IVto. melden, daß die Noth ſehr groß ge⸗ weſen und uns faſt zu ſchwer worden. Anfaͤng⸗ lich iſt die ganze Juͤden- und Lorenz⸗Gaſſe, auch die Gegend am Teich ausgeſtorben, und —--——— ——H—⏑:˙:—:B—:—B—B—B—— —— 47 hat es angefangen, fuͤr die Geſunden an Pro⸗ viant zu mangeln. Da aber die Peſt⸗Aerzte und der Oberpfarrer nebſt einigen mannhaften Glie⸗ dern des Rathſtuhls noͤthige Anſtalt getroffen, ſo iſt der Mangel gewichen, aber bald wieder ein andres Unheil entſtanden, maaßen die ge⸗ meinen Leute geſagt, es haͤtten die Todtengraͤ⸗ ber aus Gewinnſucht Gift ausgeſtreut, ja ſogar den Jacobsbrunnen inficiret, ſo daß der Todten⸗ graͤber mit ſeinen Knechten heimlich entflohen. Da iſt nun wieder großes Drangſal entſtanden, bis der Licentiat Palmer einige arme Buͤrger und deren Weiber beredet, die Wartung der Kranken und Begrabung der Todten zu beſor⸗ gen, ſo ſie jedoch nicht eher gethan, als bis man ihnen und ihren Nachkommen verſprochen, bei allen Hochzeiten und Kindtaufen mit aufwarten zu duͤrfen, ſie auch nicht Peſtleute, ſondern Heimbuͤrger zu nennen dieweil ſie unbeſcholtnen buͤrgerlichen Standes, und die irdiſche Huͤlle geborgen fuͤr die ewige Heimath. Nach dieſem iſt VWio. alles wieder in Ordnung gegangen, und habe ich, wenn ich des Tags ans Fenſter 45— getreten, um mich zu erholen, nichts auf den ſtillen, ſtets neblichten Gaſſen geſehen, als eini⸗ ge Herren Geiſtlichen, beſonders den Oberpfar⸗ rer, mit dem heil. Sacrament, und die beiden Aerzte, ſo ſaͤmmtlich gar fuͤrchterlich ausgeſehen in weiten, gewaͤchſten Maͤnteln und Geſichts⸗ masken, auch mit langen Staͤben, womit ſie den Kranken in den allzu inficirten Haͤuſern un⸗ terweilen die Arzenei zum Fenſter hinein ge⸗ reichet. Aber gegen Abend habe ich die Peſt⸗ weiber und Heimburgsleute gewahrt, des Nachts aber die Waͤgen gehoͤret, ſo ganz ſchwarz ange⸗ mahlt, und nur dumpf auf dem Pflaſter geſchut⸗ tert. Wieder nach einer Weile habe ich Vio. nur einen Doctor noch gehen ſehen, und da ich ihn einmal aus dem Fenſter angerufen, iſt er leiſe zu mir getreten und hat mir geſagt, daß der D. Baͤr dahin ſei, und hat ſich gar freundlich nach meinem Wohlbefinden erkundigt, und mir Muth eingeſprochen, ſo mir alten Knaben ſehr ans Herz gegangen. Von andern aber habe ich ſpaͤterhin erfahren, daß ſolcher Licentiat auch dem alten Phyſicus bis auf ſein Hinſcheiden redlich beigeſtanden, 49 und dieſer kurz zuvor noch zu ihm geſagt:„Ob tauſend fallen zu deiner Rechten“... Dabei habe er aber geſtockt, und ſei todt aufs Kiſſen geſunken.— VIImo. Wiederum nach einigen Wochen hat— ſich die Zahl der Kranken taͤglich gemindert, und iſt niemand mehr geſtorben, wer nicht bereits angeſteckt geweſen, und haben die Leute wieder hie und da an den Fenſtern geſtanden, und ſich zugewinkt. Waͤre aber zuletzt noch faſt der hoch⸗ ehrwuͤrdige Herr Oberpfarrer Todes verblichen, ſintemaln er zwar nicht von der Contagion be⸗ ruͤhrt, ſondern in eine quartanam verfallen. Es hat aber der Licentiat um ſo fleißiger ſich deſ⸗ ſen angenommen, je mehr er ſelbigem mit freund⸗ ſchaftlichen Geſinnungen verwandt. Und iſt ſolcher durch Gottes Gnade, wie man berichtet, ziemlich wieder reconvalesciret. VIIIVvo. iſt der Licentiat Polmer durch Got⸗ tes wunderbare Gnade ſtets friſch und ruͤſtig ge⸗ blieben, obſchon zuletzt alle Laſt einzig auf ſei⸗ nen Schultern gelegen, und darf ſelbiger ſich nicht ſehen laſſen, ohne daß die Leute, we che ſchon meiſtens auf immer von einander Abſchied J. f. F. I.. J. a. 9. 4 50 genommen, aus allen Haͤuſern treten, vor ihm niederfallen wollen, und ihn naͤchſt Gott ihren Retter und Heiland nennen. Wollte mit re⸗ ſpectsvoller Unvorgreiflichkeit Denenſelben auch wol anrathen, gedachtem Licentiato eine Er⸗ goͤtzlichkeit zu uͤbermachen, maaßen ſolches ſich fuͤr Sie, als den ſolideſten Kauf⸗ und Handels⸗ herrn dieſes Platzes, gar wol ziemet, auch be⸗ reits die Nachricht eingegangen, daß unſere gnaͤ⸗ digſte Landesherrſchaft demſelben aus eigenem Antriebe eine guͤldne Gnadenkette verehrt, item ihm von der Univerſitaͤt W. das diploma do- ctoris ausgewirkt habe. Schluͤßlich habe noch IXno zu berichten, daß auf den heil. Oſter⸗ tag das öͤffentliche Dankfeſt gefeiert werden ſoll, als von welchem Tage an wiederum die Leichen mit Sang und Klang, item dem Leichengeraͤth und dem Schuͤlerchor, ſo viel deren noch am Le⸗ ben, wieder beerdigt werden ſollen. Hoffe da⸗ her, Ew. Wohledl. baldigſt wieder allhier zu ſehen, bei welcher Gelegenheit ich alles treulich zu uͤbergeben denke, als ein rechter Haushalter, und Ew. ꝛc. 13. Clara Gartenbergin an Maria Heerwartin. Maria! koͤnnt' ich dich in meine Arme ſchließen; koͤnnt' ich ihn ſehen, ihn, den Retter, den Edlen! duͤrft' ich, duͤrft' ich nur durch ein Wort, nur durch einen Blick, ihm ſagen, wie ich ihn ehre, achte— ach, welche Worte haͤtte die Sprache fuͤr meine Gefuͤhle? Wo ſoll ich anfangen, wo ſoll ich enden, lie⸗ be Schweſter, dir alles zu erzaͤhlen, was ſeit wenig Tagen auf meinem gluͤhenden Herzen ruht? So muß es einem unſchuldig Gefang⸗ nen ſeyn, wenn die Glocke der Freiheit toͤnt! ſo einem Sterbenden, wenn ſich die Himmel ihm oͤffnen! Hoffentlich weißt du es ſchon, daß nun das grenzenloſe Ungluͤck beendet iſt, und in wenig Wochen das Dankfeſt begangen wird; aber haſt du es auch gehoͤrt, daß mein Maximilian der rettende Engel Aller war, daß ich ihn wieder⸗ ſehen werde, daß ſelbſt der Fuͤrſt ſeine Verdien⸗ ſte belohnt hat, daß auch unſer Vater den Na⸗ 52 men Palmer mit großer Achtung ausſpricht? Erſt geſtern noch, da der Buchhalter den hier beigeſchloſſenen Brief geſchickt hatte, rieb ſich der Vater lange die Stirn und ſagte endlich be⸗ deutungsvoll:„Der Max, der Max, macht mir viel zu ſchaffen. Ich will aber auch ſo⸗ gleich dem Lucas ſchreiben, daß er meinen ſchoͤn⸗ ſten ſilbernen Pokal demſelben zuſende.“ Ich haͤtte nun freilich ein anderes Geſchenk fuͤr ihn erleſen, aber— ach! ich werde ihn ja bald ſehen! Gedulde dich, armes Herz! Ich ſchreibe ſchon wieder unordentlich, gute Schweſter! Du mußtt mir das verzeihen; es iſt jetzt gar ſo mancherlei durch meine Seele gezogen. Alſo, nur noch ſo viel, daß wir leider erſt am Tage des Dankfeſts ſelbſt in N. wieder eintref⸗ fen werden. Der Vater iſt jetzt wegen ſeiner Geſundheit weit aͤngſtlicher, als vordem, und nimmt lieber das Gewiſſe fuͤrs Ungewiſſe. O haͤtten die Stunden Fluͤgel bis dahin! Mit welchem Blick werd' ich ihm unter die Augen treten! Werd' ich die Augen auf⸗oder zur Erde ſchlagen? werd' ich die Arme zuruͤckhalten koͤnnen, daß ſie ſich nicht nach ihm ausſtrecken? 33 14. Auszug aus einer hinterlaſſenen Handſchrift Gotthold Ehrenpreiß Kronbiegels, weil. Custodis zu St. Annen, betitelt:„Gen Himmel brennendes Buß⸗ und Dankopfer, d. i. das erſt lamentirende, und ſodann jubilirende N.“ „ Alſo iſt durch Gottes Erbarmung und die Mannhaftigkeit eines Licentiati medicinae der ſchrecklichen Peſtſeuche ein Einhalt geſchehen, und der Sonntag des heil. Oſterfeſts zu einem allgemeinen Buß⸗ und Dankopfer angeſetzt worden.. Ich kann aber nicht verfehlen, hochgeehrter Leſer, dir annoch eine merkwuͤrdige und ſonder⸗ lich nachdenkliche Hiſtoriam zu berichten, und wollte dir beſcheidentlich wohl rathen, daß du, ſo du nichts dringenders zu verrichten, dich einmal deiner Sterblichkeit erinnern und den all⸗ hieſigen Gottesacker beſchauen wolleſt. Allda wirſt du linker Hand des Kirchhofgatters einen Schwibbogen, und in demſelben ein Bildniß 54— antreffen, auf welchem von dem nun auch ver⸗ ſtorbenen Meiſter Veit Bruͤckner beſagter Li- centiatus medicinae mit einem rothen Doctor⸗ hut und Wappenbrief, daneben eine gar ſchoͤne Jungfrau, ein Mirtenkraͤnzlein in der Hand haltend, in Lebensgroͤße abgeſchildert zu finden. Daruͤber befindet ſich ein gemahltes Gloͤcklein, und iſt dabei die Inſchrift zu leſen: Als man zaͤhlt neun und vierzig Jahr, Da tauſend ſechs verfloſſen war, Dieß Glocklein jedem Luſt und Freud, Doch uns gelaͤutet ſchweres Leid. Damit du nun dieſen Spruch wohl verſtehen moͤgeſt, will ich dir alles berichten, wie es ſich begeben und ichs noch von Perſonen, die da⸗ mals gelebet, mit eignen Ohren vernommen. Naͤmlich: dieſer wackre Junggeſell im ſchwar⸗ zen Habit iſt beruͤhrter Licentiatus medicinae geweſen, und hat ihm der gnaͤdigſte Landesherr eine goldne Kette und das diploma doctoris gnaͤdigſt conferiret. Es iſt aber auch der Ruf ſeiner Thaten bis zu dem Kaiſerhofe erſchollen, und hat Se. des Roͤmiſchen Kaiſers glorwuͤrdige Majeſtaͤt, vorzuͤglich auf Verwendung eines 55 von hohem Adel, Namens Palfy, demſelben einen freien Adelsbrief und Wappen fuͤr ihn und ſeine Nachkommen auf ewige Zeiten zuge⸗ ſandt, naͤmlich ein getheiltes Schildlein, worin ein goldner Palmbaum im rothen, und der ſil⸗ berne Schlangenſtab des heidniſchen Heil⸗Got⸗ tes Aesculapii im blauen Felde, ingleichen ein junges Maͤgdlein auf dem offnen Helme mit wehenden Haaren und zwei weiß und blau ge⸗ ſchachten Faͤhnlein, welches Aérem, oder die geſunde Luft, vorſtellen ſollen. Es iſt aber ſol⸗ ches gnaͤdigſte kaiſerliche Diplom erſt einige Stunden vor deſſen Begraͤbniß alhier angelangt, ſintemaln er ſich uͤber die Maaßen angeſtrengt und weder Tag, noch Nacht geraſtet, daruͤber aber in eine ſchwere Krankheit verfallen, und ſolchergeſtalt der erſte und letzte ſeines Stammes geblieben. Zu derſelben Zeit hat aber auch alhier ge⸗ lebt ein reicher Kauf⸗ und Handelsherr, ſo durch Erbſchaft und Erkaufung verlorner Schiffe gro⸗ ßen Reichthum erworben, auch eine wunder⸗ ſchoͤne Tochter, Namens Claram, gehabt. Die⸗ ſe nun hat den Licentiatum hoͤchlich geliebet, 56— iſt aber mit ihrem Vater vor der Contagion ge⸗ fluͤchtet. Als nun die Seuche am heftigſten gewuͤ⸗ thet, ja der ordentliche Stadtphyſikus und Peſtdoctor daran verſtorben, ſo, daß die Laſt dem Licentiato faſt ſchwer und unertraͤglich werden wollen, hat eine fremde Kaufmanns⸗ frau, ſo alhier gezogen und geboren, und der Clarae Schweſter geweſen, ſelbigem zu ſei— ner Leibes⸗ Recreation, ſo ihm auch wol zu goͤnnen geweſen, ein Kiſtlein mit Citronen und, Pomeranzen uͤber die Stadtmauer hinein trans⸗ vortiren laſſen. Es hat aber der Licentiatus aus einer der Pomeranzen einen Zettel gezogen, ihn geherzet und gekuͤſſet und unter ſeinem Wammes verborgen, iſt auch von Stund an gar heiter und unerſchrocken geweſen. Haben etli⸗ che dieß Zettlein fuͤr ein geheimes Liebesbrieflein, andere hingegen fuͤr ein Amulet und Peſtſeegen halten wollen, wodurch der Licentiatus alle pe⸗ ſtilenzialiſche Anſteckungen uͤberwunden. Wel⸗ ches aber hiervon das Wahre, uͤberlaſſe billig dem geneigten Leſer ſelbſt zu judiciren. Ob nun uͤbrigens wol der reiche alte Mam⸗ 57 mon anfaͤnglichen, wie auch jetzt zu geſchehen pflegt, die Gelahrſamkeit gar gering geachtet und den Freier mit ſchnoͤdem Geld und Guth abfinden wollen; ſo iſt doch ſelbiger in ſich ge⸗ gangen, da ihm am Oſtertage auf dem Vor⸗ werke Dreieichen durch die uͤberbringende Esta- fetten die Nachricht zukommen, daß ſelbſt kai⸗ ſerliche Majeſtaͤt den Licentiatum zu adelichen Ehren befoͤrdert. Und hat ſelbiger ſich auf den Bauch geſchlagen, und zu ſeinem Toͤchter⸗ lein geſagt:„So der Kaiſer ihn nicht gering achtet zu einem Edelmanne, will ich ihn fer⸗ ner nicht geringe halten zu meinem Eidame.“ Alſo iſt das Maͤgdlein vor Freuden gehuͤ⸗ pfet aund geſprungen, iſt alsbald in ihr Kaͤn⸗ merlein gegangen und hat gebetet und gewei⸗ net. Sodann aber hat ſie fuͤr ſich ein Mir⸗ ten⸗oder Wintergruͤn⸗Kraͤnzlein gebunden, auch goldne Spaͤnglein und ein Brauthemd von Spitzen angethan, ſo ihr die Gewerk⸗ und Knappſchaft ob reicher Gutthat verehret, um ihren Liebſten alſo braͤutlich geſchmuͤckt zu um⸗ fangen. und als ſie mit dem Vater der Stadt na⸗ 5⁸—— he gekommen, hat das Muſikchor eben die Melodie: Nun lob' meine Seel' den Herren ꝛc. vom Petersthurm mit Pauken und Trompe⸗ ten ſchoͤn erklingen laſſen, ſodann hat das Tod⸗ tengloͤcklein zum erſtenmal wieder angefangen zu laͤuten, und haben alle dieß ein gutes Zei⸗ chen geheißen, weil bis dahin die Leichen zu⸗ ſammen, und des Nachts, ohne Gelaͤut und Leichengeraͤth, hinaus geſchafft worden ſind in 4 die Kalkgruben. Da ſind alle Leute, auch die. noch kaum fortgekonnt, aus den Haͤuſern ge⸗ laufen, und auf ihre Knie geſunken, und ha⸗ ben, alles vergangene Leid vergeſſend, ſich bruͤnſtiglich umarmet und Gott gedanket; als man aber erfahren, wen ſie daher gebracht, hat ſich bei deren einigen die Freude in Leid verkehrt und haben klaͤglich geſeufzet, daß der dahin gemußt, dem die ganze Stadt ihre Rettung verdanke, andere aber ſind uͤber die Freude den Dank ſchuldig blieben. Es iſt aber ſolcher Licentiatus geſtorben nach Ausweiß des mit ihm wieder anhebenden Todtenregiſters alt 33 Jahr 2 Monat 3 Tage. Und da die Traͤger mit der Bahre ans v 59 Marien⸗Thor gekommen, iſt auch Clara an⸗ gelangt mit ihrem Vater, und iſt ausgeſtiegen auf freier Straße. Da hat ſie den Oberpfar⸗ rer erblickt, ſo den Conduct gefuͤhrt, und bei ſelbigem ohne Scheu angefragt: wo ihr Braͤu⸗ tigam ſey? Dieſer aber iſt blaß worden und hat ſich ſtill gewandt, und auf das rothſamtne Baret und Wappen am Bartuche gezeigt, und Clara iſt dieſem ihrem Beichtiger fuͤr todt in die Ar⸗ me geſunken. Nachher hat ſich ſelbige zwar wieder erholt, aber nie wieder ein Wort geſprochen, obſchon nach einigen Jahren ihr Vater geſtorben und ihr großes Gut und Geld anheim gefallen. Sondern ſie hat ſtets den Armen Gutes ge⸗ than, und iſt taͤglich mit ihrer treuen Magd, einer ſittſamen Perſon, eines Berghaͤuers Toch⸗ ter, in weißen Kleidern auf den Gottesacker gegangen, und hat gebetet, ſo oft die Todten⸗ glocke ſich hoͤren laſſen. Und hat keinem Men⸗ ſchen ein Leides gethan, ſondern ſind die Men⸗ ſchen ihr gern ausgewichen; aber die Kinder haben ſie gegruͤßt und ihr Veil und Thymian, 60— auch andere Blumen gebracht, dafuͤr denn ein jegliches einen Silberbatzen erhalten. Endlich, da ſie 48 Jahr alt geweſen, hat der ewige Gott ſich ihres Leidens erbarmet, und ſie zu ſich gerufen in das himmliſche Freu⸗ denreich. Sie hat aber vor ihrem Tode alle ihre Habe dem Armuth vermacht, und ruͤh⸗ ret von ihr insbeſondre das reichbegabte Cla⸗ renſtift her bis auf dieſen Tag. Auch ſind ſonſt Pfarrer und Schullehrer wohl bedacht worden, wie ich denn ſelbſt 10 Mfl. Leuchterzins an jeglichem Oſtertage erhalte, ſo mir und meinen armen Wuͤrmlein wohl zu Gute kommen. Verhoffe denn auch zu dem grundguͤtigen Gott, daß ihr ſelbiger ihre bruͤnſtige irdiſche Liebe verzeihen wolle, als warum denſelben flehentlich bitte. ꝛc.“ Friedrich Kind. — — Lebens⸗ Anſicht. Vieler Trug bethoͤrt das Leben, Groß iſt eitler Wuͤnſche Macht. Stets hat unnütz⸗muͤhſam Streben Schmerz und Reue nur gebracht. Doch Erfahrung macht uns weiſet; Wir verſchmaͤhn den falſchen Schein, Und ſo ſchleicht ſich leiſ' und leiſer Ruh und Gluͤck zum Herzen ein. Aus dem eignen Herzen quillet Aller Freuden ſchönſter Quell, Der den Durſt nach Freude ſtillet, Immer kraͤftig, rein und hell. Ach ihr eilt mit Haſt vergebens In der Welt nach Luſt umher: Stockt in euch der Quell des Lebens, Iſt die Welt auch freudenleer. 61 Still und klar ins Leben ſehen, Iſt des Lebens hoͤchſte Luſt, Und wenn Stuͤrme ringsum wehen, Ruhig ſeyn in eigner Bruſt.— Ziehn auch Wolken weit und weiter Um den kleinen Erdenball; Iſt in euch der Himmel heiter, O ſo iſt er's uͤberall. Heinroth. Die Weiber in Indien. Ein Abſchnitt aus dem noch ungedruckten Werke: Briefe aus Oſtindien von Beſt. * 8* (Zugleich zur Erklärung der Kupfer.) . Die Toͤchter des Hindoos werden ſchon in zar⸗ ter Kindheit verlobt. Ihre Aeltern berathſchla⸗ gen ſich mit einem oder mehrern Braminen uͤber das kuͤnftige Loos ihrer Toͤchter, ein Loos, das ſie nicht einmal ſelbſt zu ziehen die Freiheit ha⸗ ben. Iſt der Schluß der Berathſchlagung ge⸗ faßt, ſo wird der Braͤutigam gleich zu der Woh⸗ nung der Braut in einem Palankin gefuͤhrt, die Braut ſetzt ſich zu dem Erwaͤhlten ein, oder die⸗ ſer ſitzt zu Pferde und jene in einem bedeckten Dooly— und nun geht das Paar in feierlicher Proceſſion mit der dabei uͤblichen Muſik zu dem Hauſe der Aeltern des Braͤutigams. Hier ſchrei⸗ 64 ben die Braminen im Beiſeyn beider Aeltern die Einwilligung derſelben zu dem Buͤndniß foͤrm⸗ lich nieder, die Verſammlung haͤlt eine Mahl⸗ zeit, koſtbar oder einfach, wie es das Vermoͤ⸗ gen der Aeltern erlaubt: damit iſt die Ceremo⸗ nie geendiget, und die Braut wird zu ihrer Wohnur g wieder zuruͤck gefuͤhrt, wo ſie bleibt, bis ſie 3 mannbares Alter erreicht hat, welches oft ſchon im zehnten Jahre der Fall iſt. Dann wird die eigentliche Hochzeit gehalten, zu deren Vollziehung durchaus nothwendig iſt, daß das Maͤdchen ihre Unſchuld rein erhalten habe. Dieſes Erfordernis iſt die Urſach, warum die Ehen ſo fruͤh geſchloſſen werden. Außer die⸗ ſem Schatz bringt ſie dem Gatten keine Gabe; in Unſchuld, Kleidung und Schmuck beſteht ihre ganze Ausſteuer. Die Koſten der Hochzeit traͤgt der Vater des Braͤutigams. Sie ſind oft ſehr betraͤchtlich, weil alle Anverwandte, meh⸗ rere Freunde und die Braminen dazu eingela⸗ den, auch die letzten dabei reichlich beſchenkt wer⸗ den muͤſſen—— Ein Bramine uͤberreicht dem Braͤutigam eine goldne Medaille— den Toly— worauf der Gott der Ehen abgebildet — 63 iſt. Der Braͤutigam haͤngt dies Bild ihres Beſchuͤtzers der Braut als Mahlſchatz um den Hals. Die Verſammlung betet, und auf dieſe Weiſe iſt mit einigen religiodſen Ceremonien der Trauungsakt vollbracht. Die Ehen ſind bis in den dritten Grad der Blutsfreundſchaft erlaubt Nur eine Gat⸗ tin wird als rechtmaͤßig anerkannt; deſſen ohn⸗ geachtet haben die Reichen und Vornehmen mehrere Kebsweiber, deren Kinder nicht glei⸗ chen Antheil mit den Kindern aus der recht⸗ maͤßigen Ehe an dem Nachlaß ihres Vaters haben.— Eine ſchwangere Frau wird nicht allein von der Familie, ſondern von jedermann mit Ach⸗ tung und mit einer ruͤhrenden Sorgfalt behan⸗ delt. Alles, was ihr gefaͤhrlich werden kann, wird entfernt, alles was ihr Wohlſeyn befoͤr⸗ dern kann, herbei geſchafft. So ſehr dieſes Betragen das menſchliche Gefuͤhl der Nation zeigt, ſo grauſam iſt die Befugnis, welche ein Mann hat, ſeine Frau zu verſtoßen, wenn ſie ihm keine Nachkommen giebt, und die religioͤſen J. f. F. II. J. 4. H. 5 66 Huͤlfsmittel, dieſem Mangel abzuhelfen, von keinem Erfolge ſind.— Wenn eine Frau ihrem Manne zum erſten⸗ mal die Hoffnung giebt, Vater zu werden, ſo ſtellt er ein Freudenfeſt an, und im ſiebenten Monat opfert die ganze Familie den Goͤttern. Sobald das Kind geboren iſt, eilt man, dem Vorſteher der Kaſte von ſeiner Erſcheinung Nachricht zu geben. Es wird von der Mut⸗ ter ſelbſt geſtillt, und oft erſt in dem vierten oder fuͤnften Jahre entwoͤhnt. Es bleibt bis dahin gewoͤhnlich ohne Kleidung, und ſind ſeine Eltern nicht vornehm, oder nicht reich, ſo geht es noch laͤnger nackt. Nach der Niederkunft muß die Mutter ſich zehn bis funfzehn Tage durch Baͤder rei⸗ nigen. Nun erſcheint ſie, von ihren Hausge⸗ noſſen umgeben, ſauber gekleidet, das Kind auf ihrem Arme, vor dem Braminen, der dem Kinde den Namen irgend eines Goͤtzen giebt, wobei wieder ein kleines Feſt gefeiert wird.— Die Toͤchter der Vornehmen werden der groͤßten Traͤgheit uͤberlaſſen, erfahren nichts von der Welt, und werden in nichts als in 67 der Geſchichte ihrer Goͤtter unterrichtet. Als Weiber leben ſie in dem vollkommenſten Muͤ⸗ ßiggange; ihre Beſchaͤftigung iſt blos der Putz, den doch niemand bewundern kann, noch mag, außer die Hausgenoſſen, Freundinnen und Ver⸗ wandten, die ſie beſuchen. Nuͤtzlicher ſind die Frauen der geringeren Klaſſen, die ſich des Hausweſens und der Kuͤche annehmen muͤſſen. Da nun aber die Weiber der Vornehmern nichts ſind, als verzaͤrtelte, ſchwaͤchliche, ge⸗ putzte Muͤßiggaͤngerinnen, ſo darf man ſich auch nicht wundern, wenn ſie von den Maͤn⸗ nern blos als Gegenſtaͤnde ihrer Sinnlichkeit geachtet werden. Und ſo iſt es auch! Zaͤrt⸗ lichkeit, Freundſchaft, gegenſeitige Zuneigung unter Ehegatten habe ich nie gefunden. Der Mann ſieht ſein Weib gar oft den ganzen Tag nicht, und ſelten ſpricht er mit ihr.—— Die Frauenzimmer der Hindoos ſind klei⸗ ner als die Europaͤiſchen, doch ſind ſie ſchoͤn gebildet. Sie haben feine Geſichtszuͤge, lan⸗ ges ſchwarzes Haar, einen ſchlanken Wuchs, Augen voller Ausdruck, einen ſchoͤnen Buſen, und weiße Zaͤhne, die ſie aber, leider! durch * 68— das viele Kauen des Betels verderben. Ihre Schoͤnheit verbluͤht eben ſo ſchnell, als ſie ſich entfaltet; im fuͤnf und zwanzigſten Jahre iſt t ſie gewoͤhnlich ſchon ganz dahin. Koͤnnen ſie vor dem zwoͤlften Jahre nicht verheirathet werden, ſo erwaͤhlen ſie das Loos eines Kebs⸗ weibes oder eines Freudenmaͤdchens. Die Tracht iſt nach dem Coſtuͤme ihrer Ka⸗. ſten verſchieden. Die Tanzmaͤdchen kleiden ſich vorzuͤglich uͤppig. Die gewoͤhnliche Kleidung 6 ſtellen die Zeichnungen zu dieſem Stuͤck des Journals dar. Die erſte Frau auf dem Ti⸗ 8 telkupfer iſt aus der Braminenkaſte; ſie iſt be⸗ 1 ſchaͤftigt, Waſſer zu holen.(Alle dieſe Figu⸗ ren ſind nach beſtimmten Individuen in der Natur gezeichnet.) Ein farbiges, oder weißes langes Stuͤck Zeug wird uͤber die rechte Schul⸗ ter und um die Huͤften geſchlagen; es verhuͤllt zuweilen die ganze Geſtalt, um das Frauen⸗ zimmer den Blicken„der Maͤnner zu entzie⸗ hen, oder vor den heißen Sonnenſtrahlen zu ſchuͤzen. Ihr Schmuck iſt ihrem Vermoͤgen gemaͤß. Die Frau traͤgt den Toly an einer ſchoͤnen goldnen Halskette. Ihr Haar iſt vorn — —. 69 geſcheitelt, und hinten in einen Wulſt zuſammen gebunden. Sie iſt mit wohlriechenden Oehlen geſalbt, ihre Haut mit Safran, oder einem andern gelben Pulver, das einen dem Indier lieblichen, dem Europaͤer widrigen Geruch giebt, geſchminkt; ihre Naͤgel an Haͤnden und Fuͤßen ſind mit dem Safte eines gewiſſen Krau⸗ tes roth gefaͤrbt. Die Weiber der Armen tragen ein kurzes Gewand von grobem Cattun, welches nicht ein⸗ mal den Obertheil des Leibes bedeckt, und nur eben hinreicht, einmal um die Huͤften gewun⸗ den zu werden. Ringe von gefaͤrbtem Glaſe ſchmuͤcken ihre Arme und Beine, aͤhnliche Per⸗ len den Hals. Die Mutter mit dem Kinde auf dem Titelkupfer iſt eine ſolche Frau aus der Kaſte der Pariars. Sie iſt noch reichlich, mehr als gewoͤhnlich, bedeckt.— Die Frauenzim⸗ mer der hoͤheren Kaſten— ſie moͤgen verheira⸗ thet ſeyn oder nicht, gehen nie allein, und ſind vermummt. Gehen ſie einmal unverhuͤllt, und es begegnet ihnen von ungefaͤhr ein Europaͤer, ſo fliehen ſie ſchnell in das erſte beſte Haus eines Hindoos. Auf dem Lande iſt dieſe Furcht vor 70 den Europaͤern noch ſtaͤrker, wo ſie ſich auch auf die Braminen, erſtreckt. Ein Europaͤer vermag blos durch ſeine Erſcheinung die ganze Gemein⸗ de eines Dorfs in die Flucht zu jagen. Die Urſache dieſer Furcht liegt in der Ungezogenheit betrunkener Soldaten und Matroſen, in der Un⸗ behutſamkeit anderer Fremdlinge, welche die Landesſitte der Hindoos verletzen, und ihre Wei⸗ ber, ihre Speiſen, ihre Geraͤthe ꝛc. beruͤhren.— Der Zeitvertreib der Weiber aus den hoͤhe⸗ ren Kaſten beſteht darin, daß ſie ſich ſalben, waſchen, putzen, Betel kauen, Maͤhrchen er⸗ zaͤhlen und Patſchy ſpielen. Ein Stuͤck Tuch in Form eines Kreuzes, worauf mehrere Felder abgetheilt ſind, wird auf den Boden gelegt; die Spielenden lagern ſich darum her, werfen mit ſieben Muſcheln, und beſetzen die Felder mit hoͤlzernen Knoͤpfen— darin beſteht das eben genannte Spiel.— Groͤßer als die Weiber der Hindoos ſind die 1 eben ſo fruͤh. Ihre Farbe iſt dunkelbraun, ei⸗ nige ſind ganz ſchwarz. Die Haare werden die maͤnnlichen Eingebornen, vornehmlich auf Mooriſchen Weiber; aber ſie bluͤhen und altern — 71 vorn geſcheitelt und hinten in einen Knoten ge⸗ flochten; ihre weißen Zaͤhne werden mit Spieß⸗ glas ſchwarz gebeitzt, um ihre Augen wird ein ſchwarzer Ring gemahlt, die Naͤgel werden roth gefaͤrbt. Ihre Tracht iſt der Kleidung der Wei⸗ ber der Hindoos faſt gleich, nur tragen ſie unter ihrem Gewande Pantalons, und verwenden we⸗ niger auf ihren Schmuck. Die hier abgebildete Frau iſt die Gattin eines vornehmen Mannes aus dieſem Geſchlecht. Das Geſetz verſtattet auch den Mooriſchen Maͤnnern nur Eine Gattin, aber dieſes Geſetz wird, wie bei den Hindoos, und noch haͤufiger, von den Vornehmen uͤber⸗ ſchritten. Die Nabobs und andere Mooriſche Fuͤrſten haben zahlreiche Serails, in welchen oft mehrere hundert Weiber aufbewahrt und be⸗ wacht werden. Verlaſſen dieſe Weiber ihren Harem, ſo muͤſſen ſie ſich verſchleiern. Man ſieht von ihrem Geſicht weiter nichts, als den Schimmer der Augen. Der Schleier beſteht aus dichtem Cattun, worin fuͤr die Augen eine kleine Oeffnung iſt, die jedoch wieder durch ein kleines Netz uͤberdeckt wird. Auch die Weiber der Geringen verhuͤllen mit ihrem Gewande das 72 Geſicht. Wenn die Vornehmen in Palankins oder Doolins reiſen oder Beſuche abſtatten, ſo wird alles rund umher ſorgfaͤltig zugehangen, und bewaffnete Diener gehen zur Bedeckung mit.— Meine Landsmanninnen werden das Loos der Indiſchen Damen, wie ich glaube, nicht beneiden. B. — Die Ungeliebte. Romanze. „Wie ſo ſchnell, verraͤthriſch wendet Sich der Menſchen taͤuſchend Gluͤck! Eh ich halb die Bahn vollendet, Wirft mein Loos mich ſtreng zuruck! Lebt denn wohl, ihr goldnen Hallen! Du, geſchmuͤckter Fuͤrſtenſaal! Der Verbannte, freundlos wallen Wird er im entfernten Thal.⸗ Und er floh zu ſtillen Fluren, Waͤhlt' ein niedres Hirtendach; Doch es folgte ſeinen Spuren Stets ein guter Engel nach. Eines Hirtenmaͤdchens Milde Bot dem Armen Labung an, Wenn am Abend aufs Gefilde Sanfte Sterne niederſahn; 74— Bracht ihm ihres Gaͤrtchens Bluͤthen, Bracht' ihm Fruͤchte von der Flur; Ihm ſie liebend darzubieten Schien ihr Gluͤck und Freude nur.— Doch, auch hier nicht durft' er weilen, Ihn verfolgt des Schickſals Zorn; Trieb ihn raſtlos fortzueilen 3 Durch der Wuͤſte Stein und Dorn. Aber ſtets an ſeiner Seite Zeigt' ein holder Page ſich; Gab ihm ſchützend das Geleite, Wenn des Tages Glanz entwich; Glãnzend ſeidne Locken flogen Um ſein reizend Angeſicht, Lieblich winkten dunkle Bogen Um der holden Augen Licht.— Und zu weit entlegnen Auen Floh der Ritter troſtlos hin, Stuͤrzte in der Schlachten Grauen Mit dem hoffnungsloſen Sinn. * Aber ewig ihm zur Seite War der holde Seraphin; Tief im wuthentflammten Streite Focht der Zarte maͤnnlichkuͤhn.— Doch des Ritters harrten Bande; Weit entfuͤhrt im Wogenſturm Schmachtet' er am Heimathsſtrande Tief im oͤden Felſenthurm. „Iſts des Kerkermeiſters holde, Schoͤne Tochter, die mir naht? Die im blaſſen Abendgolde Mild und freundlich zu mir trat? O du traͤgſt verwandte Züͤge Meinem treuen Seraphin! Doch— ich ließ im heil'gen Kriege, Ließ an fremden Kuͤſten ihn!——— Und die Gute bracht' ihm Seile; Nieder an der Felſenwand Zu entfliehn in raſcher Eile Bot ſie rettend ihm die Hand. 25— Band das Seil mit zarten Haͤnden, Ihn empfing des Thales Schoos; und, die Wohlthat zu vollenden, Theilte fliehend ſie ſein Loos. Doch entkraͤftet ſank ſie nieder, Der gebrochnen Lilje gleich; Auf dem Reiz der holden Glieder Ruhten Schatten, toͤdtlichbleich. O wer biſt du, mein Erretter? Rief der Ritter— Engel, ſprich! „Segen aller guten Gotter, Heil und Sieg begleite dich!⸗— „Die im Gluͤck von dir Verſchmaͤhte, Clara iſt's, gepruͤft im Schmerz; Hier an dieſer ernſten Staͤte Oeffne ſterbend ſich mein Herz! 4 „»Wohl mir! auf entlegnen Auen Durft' ich Blumen fuͤr dich ziehn! Kaͤmpfen in der Schlachten Grauen Als dein treuer Seraphin! ———O—;—ZZ—ZOZO—O—— —————˖—ᷣ—ʒ—ʒ—ʒ—QAA Q A-A—H—H—ʒ·ʒ—A˖L˖Q———— 77 „Bald nun dem vereinigt werden Soll ich, der mich liebend ſchuf; Dich zu lieben hier auf Erden War mein ſeliger Beruf!“ Louiſe Brachmann. Schillers erſter Beſuch. Eine Aneldote. Schiller hatte ſeit einigen Jahren durch die Raͤuber, den Fiesko, und Kabale und Liebe, die Aufmerkſamkeit von ganz Deutſchland erregt, beſonders aber durch das letzte dieſer Trauerſpiele uns Weiber, wie Ker⸗ zen die Muͤcken, an ſich gezogen und— ver⸗ ſengt. Er lebte jetzt in Leipzig, und mich ſollte im kurzen eine Reiſe durch dieſe Stadt fuͤhren. Ich hatte dafuͤr geſorgt, daß man mit ihm von mir geſprochen; ich war verſichert worden, er werde mir ſeine perſoͤnliche Bekanntſchaft gern goͤnnen. Ich ſchrieb ihm den Tag meiner An⸗ kunft, und bat, er moͤchte mich eine Karte fin⸗ den laſſen, die mir die Stunde beſtimmte, wo ich ihn ſprechen koͤnnte. Ich kam den Abend an, ich fand die Karte: morgen Nachmittag um ſechs Uhr ſollt' ich ihn erwarten. Ich war fruͤh auf, durchlief(ich war da⸗ ———— — 79 mals noch recht jung!) die Hauptſeenen jener Schauſpiele und was ich etwa dabei gedacht und empfunden hatte. Ich konnte kaum ſpeiſen. Nun machte ich meine Toilette, ſo gut, aber auch ſo einfach, ſo beſcheiden, vor allem ſo we⸗ nig vornehm, als moͤglich. Meine Leute konn⸗ ten kaum genug eilen damit! Schlag vier war ich fertig, und erſchrak vor zwei langweiligen Stunden des Wartens, die mir bevorſtaͤnden. Deſto erfreulicher, und ſchmeichelhaft obendrein, war es mir, daß ſchon vor fuͤnf der Bediente oͤffnete:„Herr Doctor Schillerle— Wie? dieſe gefaͤllige, gut genaͤhrte, ſich vollkommen wohlhabende Geſtalt; dieſe lebhaf⸗ ten und petillanten Augen, mit dem freien, ſichern Blick; dieſen ſatyriſchen Zug um den Mund; dieſe elegante, leichte Kleidung; dieſes gewandte Benehmen, dieſes artige Zuvorkom⸗ men, dieſes leichte, neckende Wenden des Ge⸗ ſpraͤchs— dieſes“, dieſes alles hat Er? hat Schiller? So rief ich einmal uͤber das an⸗ dere, als er mich nach einem halben Stuͤndchen verlaſſen hatte. Himmel, wie haſt du dich ein⸗ mal wieder ſelbſt angefuͤhrt!— Gefallen hatt' — 90 er mir, recht ſehr gefallen: aber doch gar nicht auf die Art, wie er mir haͤtte gefallen ſol⸗ len!— Oder ſollte er wol gar, ſiel mir her⸗ nach ein, gegen dich, als ein Frauenzimmer, abſichtlich nur den feinen, artigen Gefellſchafter haben ſpielen wollen? Mein Blut wallete leb⸗ hafter, meine Wangen brannten von Roͤthe: da kam der Bediente:„Herr Schillerl⸗ Es iſt ſo! dacht' ich. Nun ſiehet er ſein Unrecht; koͤmmt zuruͤck, es gutzumachen!— Ich gehe ihm entgegen: ein ganz anderer, ebenfalls ſehr huͤbſcher Mann tritt ein! Eine kaum mittel⸗lange, etwas unterſetzte, kraͤftige, aber nicht fleiſchige Geſtalt, große offne Augen voll Geiſt, ernſte Miene, ziemlich feſter und haftender Blick; anfaͤnglich ein etwas kaltes, abgemeſſenes, aber durchaus anſtaͤndiges, ge⸗ bietendes Betragen; wenig Worte, aber bedeu⸗ tende; etwas langſame, nachdruͤckliche, wohl⸗ klingende Sprache—— Das, rief es in mir, das iſt der wahre Schiller! mit jenem unterge⸗ ſchobenen hat einer deiner Freunde dich geneckt, und das ſoll ſich ſchon finden! Nach den erſten Hoͤflichkeiten wendete ich ——— das Geſpraͤch auf Poeſie und Kunſt. Er ging gern und willig darauf ein; er ſprach gedacht und zugleich ungemein einnehmend. Nach gerade fing er an zu kritiſiren; je dunkler ſeine Aus⸗ ſpruͤche wurden, je heller wurden ſeine Augen, und ſo bildete ich mir wenigſtens ein, ihn zu verſtehen. Nur Eins befremdete mich dabei— gerade an ihm: er redete den Franzoſen ſo lebhaft das Wort! Vielleicht beugt er ſeine Grundſaͤtze dir zu Gunſten, dacht' ich, und fuͤhlte mich von neuem fein geſchmeichelt. Deſto unangenehmer war mir, daß er nach einem hal⸗ ben Stuͤndchen ſchon abbrach, und, meiner Bit⸗ ten ungeachtet, davon ging, doch mit dem Ver⸗ ſprechen, bald wiederzukommen. So war das Bild, das du dir von ihm entworfen, doch nicht ganz verfehlt! ſagte ich. Nur noch ſtrenger, duͤſtrer, rauher, weit we⸗ niger gefaͤllig und fein im Benehmen, haſt du dir ihn gedacht, und feuriger, imponirender! Deſto beſſer, daß er anders iſt! oder— wie fuͤhl' ichs denn?— auch wol, nicht deſto beſſer!— Indem ich daruͤber ins Reine kom⸗ men will, iſt der Bediente wieder da:„Es iſt J. f. F. 11. 3.4. 9. 6 32— noch ein Herr Schiller draußen und bitter.... — Wie? was? rief ich erſtaunt, und die Ge⸗ duld riß mir aus. Eben trat herein ein ſehr langer, hagerer Mann, von ſtarkem Knochenbau, ſehr markirten Zuͤgen, blaßgelber Geſichtsfarbe, tief liegenden, aber durchdringenden Augen, et⸗ was ſtarrem, doch nicht zuruͤckſcheuchendem Blick, nicht vortheilhaft gefaͤrbtem und gehaltenem Haar, in etwas nachlaͤſſiger Kleidung, mit nicht eben beholfenem Aeußern, und alles, was er, mit tiefer, faſt hohler Stimme eintoͤnig hinfagte, war: Ich bin Ihnen Dank ſchuldig, daß Sie mir ſelbſt Gelegenheit gegeben haben, Ihre per⸗ ſoͤnliche Bekanntſchaft zu machen. Mein Unwillen ſtockte vor dem Impoſanten der Erſcheinung. Ich ſuchte mich zu ſammlen: es gerieth mir nicht ſogleich, und er ward ver⸗ legen uͤber meine Verlegenheit. Mein Herr, begann ich endlich; es iſt hier ein Mißverſtaͤnd⸗ nis. Wer Sie auch ſeyn moͤgen—— Ich bin Schiller, ſagte er durchaus trocken und kalt. Ich weiß nicht, was mich darin wieder reizen mochte; ich konnte wirklich ſpitzig antworten: 83 Ich habe nicht gewußt, daß dieſer beruͤhmte Dichter eine ſo zahlriche Familie in Leipzig hat, z daß Mißverſtaͤndniſſe moͤglich waͤren—— Er wurde erſt noch verlegner, ſahe mich dann ſinſter an, ſagte nicht ein Wort, und brachte mich eben damit faſt außer Faſſung. Darf ich Sie bitten, fing ich endlich wieder an, eine Rolle abzulegen, die, wie ich ſehe, Sie genirt, und die den Scherz, den man vorhaben mag, verderben koͤnnte? Er ſchwieg nochmals eine Weile, ſtand ſtramm da, ſahe mir verdruͤßlich ins Geſicht, und er⸗ wiederte nun ernſt und wuͤrdig, aber ohne alles Beleidigende im Ton: Eine Rolle kann ich nicht ablegen: ich habe keine angenommen. Einen Scherz kann ich leicht verderben; ich bin davon nicht unterrichtet. So will ich mich Ihnen lieber empfehlen—— Hier buͤckte er ſich ein klein wenig und wollte gehen; indem kam der Bediente:„Die beiden andern Herrn Schiller ſind wieder draußen— Wer? ſagte der lange Mann ſehr befremdet — indem kamen jene beiden herein, auf mich zu, baten um Entſchuldigung—— Wie? ſagte 84— der ernſthafte Mann nun freundlicher: Sie hier, lieber Juͤnger? und du, guter Huber? Ja, liebſter Tragiker! antworteten die bei⸗ den; wir haben mit deinem Rufe uns hier eine guͤtige Aufnahme erkaufen wollen! Daß wir dieſem ſo viel zugetrauet, verdient die Erkennt⸗ lichkeit, daß Du uns nun entſchuldigen hilfſt— D. — —— Rymanze. Die Wolken ziehen in hoher Luft, Den Wald durchſchauern die Stuͤrme; Das Schloß dort hoch an der Felſenkluft, Das zieren zwei glaͤnzende Thuͤrme. — Von den Zinnen ſtralt ein lieblich Bild: Helene, das Knaͤblein im Arme! Ein Blick in's Weite das Herz ihr ſtillt, und Troſt ihr gewaͤhret im Harme. Es forſcht ihr Blick am Himmelsgezelt, Ob ein Stern, ein treuer, ſich zeiget; Ihr iſt ſo bang in der dunkeln Welt: Die Kunde vom Liebſten— ſie ſchweiget. Den Fluͤcht'gen treibt's mit Sturmes Gewalt Hinaus in die blaͤuliche Ferne. Wol liebt er heiß die ſchlanke Geſtalt, Der Augen freundliche Sterne: 86— Doch nur um zu ſcheiden nahet ſein Blick, Ihn haͤlt kein zaͤrtliches Flehen; In Leid zerrinnet das ſuͤßeſte Gluͤck, Verlaſſen muß Treue ſich ſehen. Nun irrt mit näͤchtlichen Wolken ihr Sinn, Ihr Klagen verwehen die Stuͤrme, Kein Stral verheißt ihr ſuͤßen Gewinn, Kein Licht erhellet die Thuͤrme! Da zeigt des Knaͤbleins kindliche Hand Den Fels hinunter mit Freuden: Ein Stern ragt uͤber der Fichtenwand, Sanft ſtralend— ein Troͤſter im Leiden! Es jauchzt das Kind dem goldigen Schein, Doch neidiſche Wolkengehaͤnge Umkreiſen der Blicke lichten Verein Ihm nahend— in drohender Menge. Und raſtlos jagen die Wolken ſich, Den liebenden Schein zu entruͤcken; Der Sturm treibt die irren— matt erblich Das Sternlein, des Kindes Entzuͤcken. —— —— Doch ſieh! nun erglaͤnzt der leuchtende Blick, Da die Schatten voruͤber gezogen, Und liebender nur gewaͤhret das Gluͤck, Was neidiſch die dunkeln entzogen. Und Troſt finden beide, Knaͤblein und Braut, In dem naͤchtlichen Himmelsgeſichte: Es leuchtet der Stern, dem ſie zagend vertraut, Durch die Irren— mit himmliſchem Lichte. Da tritt zu Helenen mit freundlichem Gruß Ein Bote aus blaͤulicher Ferne: „Willkommen! es nahet des Fluͤchtigen Fuß! Nun weichen die Wolken dem Sterne!“—— Minna— r. Briefe der Babes an Bourſault. 4 Die Deutſchen ſind immer ſo geneigt geweſen, das Beſte aller andern Nationen im Literariſchen hochzuſchaͤtzen und aufzunehmen, als andere Na⸗ tionen geneigt geweſen ſind, das Beſte der Deut⸗ ſchen im Nicht⸗ Literariſchen hochzuſchaͤtzen und ihnen ab zunehmen. Die Briefe der Ninon ge⸗ hoͤren gewiß unter das Anziehendſte der aͤltern franzoͤſiſchen Literatur, und verdienten eine ſo geiſtreiche und geſchmackvolle neue Ueberſetzung, als ſie im erſten Jahrgange dieſes Journals ge⸗ funden haben; aber die Briefe der Babet ſind ohnſtreitig nicht weniger anziehend, ſind uͤberdies in Deutſchland weit weniger bekannt, und doch großentheils noch ſchöner und merkwuͤrdiger. Noch ſchoͤner— darüber mag das eigene Gefuͤhl der — 89 Leſerinnen entſcheiden; noch merkwuͤrdiger— denn ſie ſind das vorzuͤglichſte, vielleicht das einzige Muſter anſpruchloſer Naivetaͤt in der geſammten, mit feinem Witz und pomphaften Pathos prangen⸗ den franzoͤſiſchen Literatur des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts. Ich wage daher eine Ueberſetzung derſelben Sie iſt nicht die erſte. Schon Weiße machte vor etwa dreißig Jahren eine, in ſeinen Frauen⸗ zimmerbriefen, bekannt. Sie iſt meiſtens richtig und fließend, aber etwas weitſchweifig. Jetzt machen wir ganz andere Forderungen an eine Ueberſetzung, und duͤrfen ſie machen, weil⸗ ſie zu erfuͤllen, moͤglich iſt. Ich habe mich be⸗ muͤhet, den Sinn uͤberall moͤglichſt gedraͤngt und den Eigenheiten des Originals nahe wiederzu⸗ geben. W. A. Gerle. I. F Ich erwartete Sie den ganzen langen Dienſtag, weil Sie mir am Montage verſprochen hatten, mich zu beſuchen; aber Sie kamen nicht. Ge⸗ ſtern mußte ich eine Viſite machen. Ganz der Etikette zuwider ging ich Vormittags, um Ihre Gegenwart nicht zu verſaͤumen, wenn Sie etwa Nachmittags bei uns einſpraͤchen; aber Sie er⸗ ſchienen wieder nicht. Heute wartete ich auf Sie in meinem Zimmer bis man mich zum Abendeſſen rief, aber Sie ließen Sich nicht ſe⸗ hen. Ich wuͤnſche Ihnen alles Boͤſe! Ich kann es nicht leiden, wenn man mir etwas verſpricht, das man nicht Luſt hat zu halten. Man bewirbt ſich bei mir dringend um dies Wohlwollen, das ich Ihnen zu leicht zugeſtand, und ich kenne Leute— man muß bei Ihnen Hochmuth mit Hochmuth vergelten— denen mein Anblick eben ſo viel Vergnuͤgen gewaͤhrt, als mir Montags Ihre Unterhaltung. Wenn Sie ſehr viel Geiſt haben, ſo bedenken Sie, daß ich ziemlich huͤbſch bin, und daß mir das Geſchlecht, zu dem ich —— 91 mich zaͤhle, das Recht giebt, noch etwas ſtolzer zu ſeyn. Gute Nacht. 2. Ich bin entzuͤckt, daß Sie mich fuͤrchten; wahr⸗ lich, ich hielt mich nicht fuͤr ſo furchtbar! Waͤr' ich in der That ſo reizend, als Sie beſcheiden: ich wollte Ihnen zeigen, daß ich Ihre Erobe⸗ rung nicht ſo gering achte, als Sie wol glauben. An meiner Sorgfalt ſollten Sie ſehen, wie hoch ich ſie halte. Es giebt keinen glaͤnzendern Sieg, als uͤber die, denen die Gabe ertheilt ward, mit leichter Muͤhe ſich die Gemuͤther zu unterwerfen, und ich wuͤrde kein Mittel unverſucht laſſen, einen ſchoͤnen Geiſt in meine Netze zu verſtrik⸗ ken! Kaͤm' es nur auf's Liebaͤugeln an, ſo weiß der Himmel, wie gut ich meine Sachen machen wollte!. Um Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht leere Worte mache, und in ehrlicher Fehde, ſonder Tuͤcke und Hinterliſt gegen Sie ziehe, ſo kuͤn⸗ dige ich Ihnen an, daß Sie Ihr Herz zu ver⸗ theidigen haben, weil ich es zu beſtuͤrmen geſon⸗ nen bin. Ihr Beſtreben, mich zu ſehen, oder die Anſtrengung, meine Gegenwart zu fliehen, wird mir ſeine Stärke oder Schwaͤche verrathen. Als ein Maͤdchen, das Ihnen den Handſchuh hinwirft, erklaͤr' ich Ihnen von nun an, daß Sie die froͤhliche Stimmung— die Sie bei uns gelaſſen haben wollen— nicht eher zuruͤck erhal⸗ ten, als bis Sie ſelbſt kommen, ſie zu ſuchen; und auch wenn Sie kommen, iſt es nicht gewiß, ob Sie ſie ganz wieder mit fort tragen, wenn ich nicht großmuͤthig ſie Ihnen zuruͤckgebe. Le⸗ ben Sie wohl. 3. Waͤre ich ſicher, daß Sie ganz uͤberwunden ſind, ſo wuͤrde ich mich meines Sieges maͤßig bedienen. Ich bin nur ſtreng gegen die Hart⸗ naͤckigen, welche ſich weigern meinen Reizen zu huldigen, und zufrieden, Sie durch dieſe Waf⸗ fen uͤberwunden zu haben, wuͤrde ich nun mit Guͤte Sie zu erhalten ſuchen. Finden Sie Sich um ſieben oder acht Uhr am Luxembourg ein, und ich werde Ihnen die 98 gute Laune zuruͤckſtellen— was ich zu thun ver⸗ gaß, als Sie das Letztemal bei mir waren. Sie haben meine Neigung ſo leicht erwor⸗ ben, und ſie iſt ſo ganz frei von Eigennutz, daß ich— wenn ich Sie langweilen ſollte— Ihnen volle Freiheit gebe zu ihrer ſchönen Michelon zuruͤckzukehren, ohne Ihnen das Geringſte mei⸗ ner Achtung zu entziehen. Ich zweifle nicht an ihren Vorzuͤgen, da Sie ſie liebten. Sie ſpra⸗ chen, als ich das erſtemal das Gluͤck Ihrer Ge⸗ ſellſchaft genoß, mit ſo gluͤhender Zaͤrtlichkeit von ihr, daß ſie dieſer hohen Gunſt nicht wuͤr⸗ dig iſt, wenn ſie ſich nicht darnach betrug, ſie zu belohnen! Ich hoffe, Sie werden dieſen Aus⸗ druck nicht falſch deuten; denn ſo ſehr ich auch der Pruͤderie geſchworne Feindin bin, ſo wuͤrde es mir doch ſehr weh thun, wenn meinem Froh⸗ ſinn etwas entſchluͤpfte, das meiner Tugend Eintrag thaͤte. Ich achte Sie, weil ich in Ihnen einen Eh⸗ renmann fand, und rechne feſt darauf, Ihre Achtung zu gewinnen, wenn auch Sie mich naͤ⸗ her kennen lernen werden. Ich bin gewiß ein recht ehrliches Madchen. Bis dahin, Adieu. 4. Ich will morgen ins Hotel de Bourgogne ge⸗ hen, um die Nikanders zu ſehen, die nicht ſchlecht ſeyn koͤnnen, da Sie ſie gemacht haben. Sonntag war ich bei St. Paul, und ließ mir Ihre Michelon zeigen, die an der Seite der Sakriſtei ſaß. Ich fand ſie ganz ſo ſchoͤn, als Sie mir ſie ſchilderten, aber auch Schwermuth in ihren Zuͤgen; vielleicht, weil ſie Sie nicht mehr ſieht. Ich fuͤhlte mich vielmals verſucht ſie anzureden, und ihr zu verſichern, ſie habe unrecht, denn ich bin feſt uͤberzeugt, daß Sie nicht unrecht haben koͤnnen. Gern gaͤbe ich vier Piſtolen, um in einer Loge an ihre Seite zu kommen, und mich zu uͤberzeugen, ob auch ihr Geiſt dem glaͤnzenden Bilde entſpricht, das⸗ Sie mir von ihm entworfen haben. Sie ſind zwar faͤhiger als irgend jemand hieruͤber abzu⸗ ſprechen, das gebe ich zu; aber, abgerechnet, daß wir den Gegenſtand, den wir zu lieben Luſt haben, ſo gerne mit dem Lieblichſten ſchmuͤcken, ſo lehrt mich auch das Gute, das Sie von mir ſagen, daß Sie oft mehr als 95 das Verdienſt erkennen. Mein Vater iſt zu Bageolet, und mein Bruder, der Rentmeiſter, ſpeiſt morgen bei mir: wollen auch Sie kom⸗ men, ſo werden Sie ihm eine große Verbind⸗ lichkeit auferlegen. Er iſt ſo begierig Sie ken⸗ nen zu lernen, als ich es war, Ihre Herrin zu erſchauen! Was mich betrifft, ſo wiſſen Sie wol, daß ich nichts lieber thue, als Ih⸗ nen zu ſagen, ich ſei die Ihre. 5. Sie geſtehen mir eben ſo viel Reize, ſo viel Geiſt und ſo viel Tugend zu, als jener Un⸗ dankbaren, die Ihrer Liebe entwich; aber Sie vergeſſen, daß ich gerechter bin als jene! Mit dieſer Wahrheit will ich ſo gern Sie vertraut machen, als ich es hoͤre, daß Sie mich lieben. Sie verſichern mich, Sie ſpraͤchen ernſtlich: ich thue daſſelbe. Der Zorn, den die meiſten Weiber zur Schau ſtellen, wenn man ihnen dies Geſtaͤndnis thut, iſt laͤcherlich oder erlo⸗ gen. Wer uns liebt, ehrt uns, und gern ge⸗ ſtehe ich Ihnen, daß ich hoͤher erroͤthen wuͤrde, 96 Sie zu verlieren, als Sie zu erobern. Wenn ich bis jetzt nur ſpielend Ihre Gunſt erwie⸗ derte, ſo lag die Schuld daran, daß ich ſie fuͤr Spiel hielt; ich war artig gegen Sie, weil ich Ihnen Artigkeit ſchuldig bin; ich ach⸗ tete Sie, weil Sie Achtung verdienen, und wenn ich ſelbſt dem feurigſten Dringen, Ih⸗ nen zu ſagen, daß ich Sie liebe, widerſtand, ſo wuͤrde es mir ſehr leicht geworden ſeyn: Nein! zu ſagen, wenn ich dazu Luſt gehabt haͤtte. Ich verbiete Ihnen, mir die Liebe wieder⸗ zugeben, die ich Ihnen gab. Sie haben ſelbſt nicht allzuviel, da Sie es nicht wagen, Sich mir unbedingt hinzugeben; und wenn ich fin⸗ den ſollte, es fehle mir daran, ſo weiß ich ſchon, woher zu nehmen. Wenn Sie einſt mehr Liebe haben, als ich wuͤnſche, ſo werde ich Ihnen ſchon ſo viel entwenden, als ich bedarf. Adieu. Verbrennen Sie meinen Brief, wenn Sie ihn geleſen haben, und kommen Sie Nachmit⸗ tags gewiß. Ich glaube deutlich genug gewe⸗ ſen zu ſeyn, und darf es wol nicht erſt durch — 97 Schwuͤre beurkunden, daß es mich entzuͤckt, wenn Sie lebenslang der Meine ſeyn und mich die Ihre— ich bin entſchloſſen es zu ſeyn— nennen wollen. 6. Flattergeiſt! Du ſiehſt gerade aus, als woll⸗ teſt Du mich betruͤgen! Du ſprichſt zu viel Gu⸗ tes von der jungen Dame, die Du geſtern auf dem Balle trafſt, um nur Achtung fuͤr ſie zu empfinden. Ich ſehe aus Deinem Bilde, daß ſie hoͤchſt reizend, hoͤchſt liebenswuͤrdig iſt, und dennoch haſſe ich ſie, denn ich fuͤrchte, Du koͤn⸗ neſt ſie lieben. Dies Geſtaͤndnis iſt vielleicht etwas zu ſchmeichelhaft, aber Du haſt mir ſo oft geſagt, Guͤte ſei die feſteſte Kette fuͤr Dich— daß ich mich ihrer bedienen will, um nicht einen Verraͤ⸗ ther zu verlieren, der mir nur zu leicht entſchluͤ⸗ pfen koͤnnte. Sei mir treu, und ich will alles fuͤr Dich thun, was man ohne Entweihung thun kann, wenn man ſich liebt, wie wir uns lieben. J. f. F. II. J. 4. H. 2 98— Ohne zu unterſuchen, ob es Menſchen in der Welt giebt, die man Dir vorziehen koͤnnte, ver⸗ ſpreche ich Dir, Dich allem vorzuziehn, was es von Menſchen auf Erden geben mag. Ich be⸗ ſtelle Dich ſelbſt zum Richter, und frage Dich im Vertrauen, ob Du nicht der undankbarſte Mann waͤreſt, wenn Du mir untreu werden koͤnnteſt. Heute Abends iſt Geſellſchaft bei uns; wir koͤnnen alſo weder nach Herzensluſt ſchwatzen, noch einander Kuͤſſe durch die Scheiben zuwer⸗ fen: aber morgen bin ich wieder in Paris, und zur Entſchaͤdigung fuͤr hundert eingebildete Kuͤſſe, ſollſt Du von mir den herzlichſten wirk⸗ lichen erhalten. 6 Wenn Du morgen mein Wort nicht einloͤſeſt, ſo biſt Du ein verlorner Mann. Mein Bruder, den Du nicht fortzujagen wagteſt, als Du mir Dein letztes Stuͤck vorlaſeſt, hat davon einen ſo vortheilhaften Bericht erſtattet, daß die brav⸗ ſten Leute des Reichs von Sehnſucht gluͤhn, 99 Deine Freunde zu werden. Man befuͤrchtete, Du werdeſt Dich weigern, Dein Werk fremden Leuten vorzuleſen, aber ich habe ihre Zweifel gehoben. Auf meinen Befehl, ſagte ich, wird er keinen Augenblick zoͤgern zu erſcheinen; ein ſo ehrfurchtsvoller Anbeter widerſtrebt nimmer dem Gebote einer ſo guͤtigen Dame. Ueberhaupt, mein Herr Superklug, moͤchte ich wol wiſſen, wofuͤr Sie mich halten? Gilt Ihnen mein Urtheil ſo wenig, daß Sie, nach⸗ dem ich ſo gnaͤdig war, das Stuͤck ſchoͤn zu finden, Sich noch weigern, es andern Leuten vor⸗ zulegen? Glauben Sie wol, weil ich ſelbſt keine Verſe machen kann, ich koͤnne auch nicht ihren Werth oder Unwerth beurtheilen? Du ſollteſt doch begreifen, daß ich als Dein Liebchen Dei⸗ nen Ruhm theile, und Dein Bischen Ehre keine Gefahr laͤuft, ſo lange es in ſo getreuen Haͤn⸗ den, als die meinen, ruht. Beduͤrfte ich Deiner morgen nicht, ſo wuͤr⸗ de ich Dich auskeifen; aber wenn ich Dich nicht mehr brauche, will ich mich recht ſehr be⸗ muͤhen, Dir uͤbel zu wollen, und ich verſichre Dich, Du wuͤrdeſt viele Muͤhe haben meinen 100 Zorn zu beſchwichtigen, wenn ich ſo herzlich boͤſe waͤre, als ich von ganzer Seele— Du verſtehſt mich. 8. 1 Aha, mein Herr Verraͤther! Sie ſagen alſo, b daß Sie Sich gar nicht unterhalten? Ich war geſtern ſchon bei Madam Reverend, als Sie in der beſten Geſellſchaft dort ankamen. Sie waren — mit Babet und Catos, Parier und Demoiſelle Celoron. Nun ſehen Sie, ob ich Ihre Ge⸗ heimniſſe nicht weis! Sie tanzten eine Boureſe herzlich ſchlecht, und die folgende Courante fiel noch ſchlimmer aus. Sie erſchienen als Muſel⸗ mann, und die Babet war ihre Favorite; ſie tanzt unverbeſſerlich, und ihre Bruſt iſt eine der ſchoͤnſten, die ich je ſah. Obſchon ich Ihnen ganz nahe war, ſo ver⸗ barg ich dennoch„die Anmuth:) die mir 1) Bourſault hatte Babet gebeten zu Mad. Reverend in den Maskenball zu kommen. Es iſt unnothig, verſicherte er, mir uͤber die Form Ih⸗ rer Erſcheinung einen Wink zu geben. Sie mögen — 3 101 angeboren, und keinem andern We⸗ ſen eigen iſt,“ ſo wohl, daß Sie mich nicht erkannten. Ich hatte die Maske eines Skara⸗ mouche, und unterhielt ein junges Daͤmchen, das, als ich einen Augenblick die Larve abnahm, in mir einen ſo huͤbſchen Jungen fand, daß es mir nicht viel weniger gut ward, als ich Ihnen. Wiſſen Sie wol, mein Herr, daß Ihr Ver⸗ fahren weder ſchoͤn, noch rechtlich iſt? Wenn ich geahnet haͤtte, Sie ſeien mit Zaͤrtlichkeiten, die mir gebuͤhren, ſo verſchwenderiſch: ſo wuͤrde ich mit den meinigen beſſer Haus gehalten haben. Wir ſchwaͤrmten die ganze Nacht herum? und ich kann die Augen nicht mehr offen halten! Meine Muͤdigkeit erſpart Ihnen heute einen gewaltigen Strafſermon, dem Sie aber drum noch nicht fuͤr immer entlaufen ſind. Ich gehe Sonntags nicht in die Kirche St. Martin, und Sie werden mich eher ſehen, wenn Sie mich lieben. verkleidet ſeyn, wie Sie wollen, ſo wird die An⸗ muth, die Ihnen angeboren, und keinem andern Weſen eigen iſt, Sie mir im erſten Augenblick verrathen. 9⸗ Geſtehe nur immer, daß es ſehr ungefaͤllig von Dir iſt, mir eine Abſchrift des Briefes zu ver⸗ weigern, den Du nach Deiner Ruͤckkehr von Chantilly ſchriebſt. Mein Oheim, der ihn vor mehr als vierzehn Tagen leſen hoͤrte, und in dein Wahne ſteht, ich haͤtte einige Gewalt uͤber Dich, draͤngt mich ſo ſehr, ihm dieſen Brief zu verſchaffen. Du wirſt mich ſehr verbinden, wenn Du ihm die Gunſt erzeigſt, die Du mir ſo hartnaͤckig abſchlugſt. Jede andre wuͤrde an meiner Stelle glauben, dieſe Ungefaͤlligkeit ent⸗ ſpringe aus Geringſchaͤtzung: aber ich weiß nur zu wol, daß es blos Traͤgheit iſt. Du magſt nun aber ſo traͤge ſeyn als Du willſt, ſo wiſſe doch, daß, wenn Du mir bis Sonnenuntergang den Brief nicht ſchickſt, ich Dir einen Streich ſpielen will, auf den Du gewiß nicht gefaßt biſt. Das„Ganz und gar nicht, 2) das ſich in 2) Bourſault ſchrieb an Hrn. Millage, daß er in Chantilly ein junges Maͤdchen angetroffen habe, die auf die Verſicherungen, ſie ſei ſchoͤn und habe ſehr viel Geiſt, er freue ſich ſehr uͤber 103 dem Munde der Baͤuerin von Chantilly ſo naiv ausſprach, ſoll in dem meinigen zur Bosheit werden. So oft Du mich frageſt ob ich Dich liebe— und Du fraͤgſt ſo unzaͤhlige Male, als ob Du daran zweifelteſt— ſoll ein„Ganz und gar nicht“ meine ganze Antwort ſeyn. Wenn Du ſelbſt mir ſagſt, ich ſei das Weſen, fuͤr das allein die reinſte Liebe Dich erfuͤllt; wenn Du mit der Gluth, die Dich nie verlaͤßt, mir Schwuͤre ſtammelſt, daß es auf Erden keine Probe gebe, die Deine Liebe nicht beſtuͤnde— wird mir ein zweites„Ganz und gar nicht“ zu Gebote ſtehn, und wenn ich mich herablaſſe an Dich zu ſchreiben, und ich habe alles anbefoh⸗ len, was ich gethan haben will, dann glaubſt Du wol mein Brief werde wie gewoͤhnlich mit der Verſicherung ſchließen, ich ſei die Deine auf immer? Ganz und gar nicht! ihre Heirath, ihr Braͤutigam ſei ein ſehr recht⸗ ſchaffner Mann, ſtets mit dem Refrain antwor⸗ tete: Ganz und gar nicht. (Die Fortſetzung folgt.) 4. H. —————— — 3 “ * —