——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeiß- und eſebedingungen. .1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 2 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 2 — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 5— ũ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 3„— ⸗„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmuͤtzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt 1’ 8 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 9 „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben: 4 +——— Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. — 4 Siebenter Band. . Selene. . Sechſter Band. 1 2 1 Leipzig, 4 bei Georg Joachim Goͤſchen 1815. . — Inhalt des ſiebenten Bandes. Nuhm und Gluͤck. Liebesproben, oder die dankbaren Thiere. Dialogen. Mondesgruß. Kleine Gemaͤlde nach der Natur. Charade. Italien. Das Hochzeitgeſchenk. Lied eines Harfenmaͤdchens. Seltſamer Brief zweier hollaͤndiſcher Bauern an den Czar Peter den Großen. Charade. Geſchichte des weiſen Avicenes. Die Pruͤfung. Okttilie. Gemeines Leben⸗ Heil'ge und Volk. Elyſium. Charaden. Aruja. Das Mondlicht. Fingerzeig. Biſchof. Bruchſtuͤcke. Bei der Einkleidung einer Benediktinerin. Charaden. Ruhm und Gluͤck. Tauſendſtimmiges Lob mag euch vergottern; mit lautkrachendem Laͤrm Kanonenmachtruf und Poſaunenhall weit in das Land donnern der Helden Siegsruhm, in der Schlacht erkaͤmpft; Leuchtend ſchmuͤcke die Bruſt demantner Sternglanz, tief eingrabe die Hand ruhmvoller Bildner euren Namenzug glaͤnzendem Erz, fernem Geſchlecht zum Denkmal in der Kaiſerſtadt; Mir toͤnt froherer Klang, wenn Lila ſchuͤchtern, hoͤrbar keinem denn mir, Willkommen liſpelt, mit aufbluͤhndem Strauß ſchmuͤcket die Bruſt, zeichnend im Hauch am Fenſter den verſchlungnen Zug. Selene II. 9. H. 1 Liebesproben, oder die dank⸗ baren Thiere. Maͤrchen nach dem Franzöoͤſiſchen. Es war einmal ein Koͤnig, der beſaß uner⸗ meßliche Schaͤtze, und ſo viel Reiche, daß ihre Namen auf keiner Bittſchrift Platz hatten, daher er ſich genoͤthigt ſah, die Etcetera ein⸗ zufuͤhren. Zugleich war er mit der ſchoͤnſten Prinzeſſin vermaͤlt. Der Hof und das gang Land prieſen ihre Schoͤnheit unvergaͤnglich und das Gluͤck des Koͤnigs graͤnzenlos. Die Schoͤnheit der Koͤnigin verging aber dennoch, denn ſie ſtarb. Der Koͤnig war un⸗ troͤſtlich. Er lief mit dem Kopf gegen die Waͤnde, weil man alles Gewehr aus ſeiner Naͤhe entfernt hatte, und man mußte die Krone und die Tapeten wattiren, damit das koͤnigliche Haupt ſich nicht verletzte. Die Vor⸗ —— 3 ſicht half indeſſen auch nichts, denn der Koͤnig ſetzte ſich auf den Fußboden, aß nicht, und trank nicht, und rief ohne Unterlaß den Tod. Die Leibaͤrzte kamen auch, das lange Faſten aber hatte den armen Koͤnig ſo geſchwaͤcht, daß er ſie fortjagte, weil er glaubte, ſie wuͤr⸗ den ihn kuriren. Das Finanzkollegium fand bei dieſen Um⸗ ſtaͤnden das koͤnigliche Kuͤchenperſonale uͤberfluͤßig und dankte es ab. Der Oberkoch aber war ein ſchlauer Fuchs, der mehr konnte, als kochen und braten. Er ließ ſeine Frau ſieben⸗ fache Schleier umnehmen, unterrichtete ſie von ſeinem Plane, und ſchickte ſie zu dem Koͤnig, bei welchem alle Trauernde freien Zutritt hatten. Die Verſchleierte weinte ſchon von fern ſo heftig, daß der Koͤnig ſeinen Schmerz uͤbertrof⸗ ſen glaubte, und vor Schaam daruͤber noch lau⸗ ter zu weinen anfing. Die Trauernde verdoppelte ihre Thraͤnen, und der Koͤnig weinte ein Dop⸗ pelconcert mit ihr, bis der Thraͤnenſchatz in bei⸗ der Augen erſchoͤpft war. Nun unterhielt die Schleierdame den Koͤnig von den Vortrefflich⸗ keiten ſeiner betrauerten Gemalin und ruͤhmte 4 Tugenden an ihr, welche ihrem Zuhoͤrer ſelbſt unbekannt ſchienen. Er ſtimmte Anfangs ge⸗ ruͤhrt ein, als von ihrer Schoͤnheit die Rede war, beſchraͤnkte dann mit Witwerbeſcheiden⸗ heit das graͤnzenloſe Lob der Rednerin, als ſie der Verblichenen Regententugenden erhob, und lenkte endlich das Geſpraͤch auf andre Ge⸗ genſtände, als eben das Kapitei von ihren haͤuslichen Vortrefflichkeiten abgehandelt wer⸗ den ſollte. Die Rednerin hatte ihren Zweck erreicht. Je mehr ſie die zarte Milde, die ſanfte Tau⸗ benhaftigkeit, die ſtille Gemuͤthlichkeit der Se⸗ ligen ruͤhmte, um ſo ungeduldiger bemuͤhte ſich ſeine Majeſtaͤt, ihr Pathos zu beſaͤnftigg. Es war ein Gluͤck, daß der ſiebenfache Schleier ihr Geſicht verhuͤllte, ſonſt haͤtte ihr Lachen den angelegten Plan verrathen. Endlich als der Koͤnig ihr viel Verbindliches uͤber die Be⸗ ruhigung fagte, welche er in ihren Geſpraͤ⸗ chen finde, und ſie bat, ihm auch den An⸗ blick ſeiner Troͤſterin zu vergoͤnnen, trat ſie mit noch groͤßerem Pathos zuruͤck und vermaß ſich hoch und theuer, keines Mannes Angeſicht 5 zu ſehen, ſo lange ihr Auge noch Thraͤnen und ihre Bruſt Seufzer habe. Die Reihe zu troͤſten war nun an dem Koͤnig, aber er hatte einen ſchwerern Stand, als ſeine Troͤſterin, denn ſie wollte nicht ein⸗ mal das Heiligthum ihres Schmerzens ſeinen Augen eroͤffnen, und der gute Koͤnig, der den Katalog der menſchlichen Leiden nicht ſehr inne hatte, mußte ſich in dem weiten Felde der allgemeinen Troͤſtungen ermuͤden. Alle Bitten um ihren Anblick oder nur um ihren Namen, blieben fruchtlos; alles was ſie ſei⸗ nen Blicken geſtattete, war zum Abſchied ein Miniaturbild, das ſie unter dem Schleier von ihrer Bruſt loͤſete, und dem Koͤnig mit dem Verſprechen uͤbergab, er ſolle ſie bald wieder⸗ ſehen. Das war aber auch ein Bild! Der Koͤnig ſchwur, Venus ſelbſt habe geſeſſen, und Amor habe gemalt. Er ſchickte alle Kammerherrn und Kammerjunker der Schleierdame nach, er machte ſich ſelbſt auf den Weg, aber umſonſt, ſie war nirgends mehr zu finden. Der Koͤnig war von neuem uͤber ſeine Gemalin untroͤſtlich, 6— aber nicht mehr uͤber die geweſene, ſondern uͤber die zukuͤnftige. Denn, daß das Original ſeines Bildes die zukuͤnftige Koͤnigin werden muͤſſe, daruͤber war bei ihm und folglich auch in der ganzen Welt kein Zweifel. Er konnte den folgenden Tag kaum erwarten, wo er auf einen neuen Beſuch der ſchoͤnen Trauernden hoffte; Feſte wurden ſchon voraus ihr zu Ehren angeordnet, wobei der Koch in Amt und Ar⸗ beit ſich befeſtigt ſah. Alles war in dem feier⸗ lichſten Glanz; allein man wartete vergebens. Die geheimnißvolle Schleierdame erſchien nicht wieder. Das Portrait der kuͤnftigen Koͤnigin blieb am Hofe und in der Reſidenz kein Geheimnß, denn der Koͤnig zeigte es aller Welt, und forſchte bei aller Welt nach dem lebendigen Original dazu. Die Hofmaler kopirten mit hoͤchſter Erlaubniß das Miniaturbild und die andern Reſidenzmaler kopirten ihre Kopien. Bei der naͤchſten Ausſtellung der Akademie ſah man nichts als Kopien in Oel, Waſſer, Paſtell, Porcellan, Email, Seide, Wolle, Holz⸗, Blumen⸗, Stein⸗, Glas⸗, Feder⸗, 7 Schmetterlings⸗ und andern Moſaik. Es war eine Freude ſo verſchiedene Geſichter zu ſehn, die alle die kuͤnftige Koͤnigin vorſtellten. Der Koͤnig bot, wie es ſich von ſelbſt verſteht, ungeheure Summen fuͤr jeden Licht⸗ ſtral in das Dunkel ſeiner Unwiſſenheit uͤber ſeine ſchoͤne Zukuͤnftige. Da ſandte der Ober⸗ koch abermals ſeine Frau zu dem Koͤnig, aber nicht unter Schleiern, ſondern in ihrer natuͤr⸗ lichen Geſtalt, wie ſie dem Koͤnige und dem ganzen Hof lange bekannt war. Seine Maje⸗ ſtaͤt waren ſonſt eben nicht allzu umgaͤnglich mit Perſonen in Ihrem Dienſt, und wiewol der Koch ſein ganzes Leben Ihrem Mund wid⸗ mete, ſo haͤtten Sie doch weder ihm noch ſei⸗ ner Familie Ihren Mund zum Geſpraͤch ver⸗ goͤnnt. Dieſesmal aber machten Sie eine Aus⸗ nahme. Madame hatte kaum das Originalbild in die Augen gefaßt, als ihr dieſe in Stroͤ⸗ men uͤbergingen. Ach, ſchluchzte ſie, ſeh' ich dich endlich wieder, allerſuͤßeſtes Zuckerpuͤppchen, mein engliſches Goldtoͤchterchen— und ſo floſſen die Aus⸗ und Anrufungen unaufhaltſam fort. 3—I Der Koͤnig ward ungeduldig, weil er das Warten nicht gewohnt war, es half aber nichts. Wollte er das Geheimniß wiſſen, ſo mußte er der Beſitzerin etwas zu gut halten. Endlich war der Sturm der Empfindungen geſtiullt, und die Dame hub an: Ew. Majeſtaͤt, ſagte ſie, koͤnnen ſich zu dieſem Schatze gratuliren. Dieſes Portrait iſt niemand anders als Prinzeſſin Adele von den gluͤcklichen Huͤgeln, ein Wunder an Schoͤn⸗ heit, Verſtand und Tugend, wie niemand beſſer wiſſen kann, als ich, da ich das Gluͤck gehabt habe, ihre Amme zu ſeyn. Der Koͤnig war entzuͤckt, Namen und Aufenthalt ſeiner unbekannten Geliebten kennen. Er beſchenkte ſogleich die Lobrednerin und ihren Gemal, den Oberkoch, mit einem Königreich, und beſchloß auf der Stelle einen Geſandten an die ſchoͤne Prinzeſſin zu ſchi⸗ cken, und ihr Herz, Hand und Reich antra⸗ gen zu laſſen. Der Geſandte wurde aus der beſten Familie gewaͤhlt, und war uͤberdies ein Mann von erprobter Erfahrung am Hofe. Er hatte 9 ſchon die Vermaͤlungsfeierlichkeiten von ſechs Koͤnigen und die Exequien von mehr als hun⸗ dert Gliedern der koͤniglichen Familie angeord⸗ net, und weil er ſich nie einer Abweichung von alter Sitte ſchuldig machte, ſo hatte er ſich ungemeine Routine erworben; er haͤtte ſchlafend jede Feierlichkeit anſtellen koͤnnen. Das Kabinet konnte keinen tauglicheren Man waͤhlen, als ihn. Der Koͤnig ruͤſtete ſeinen geſandten auf das praͤchtigſte aus. Der Hofſattler muß⸗ te einen echtengliſchen Staatswagen fuͤr die Prinzeſſin, und einen Pariſer fuͤr den Ge⸗ ſandten bauen. Alle Goldſchmidte waren in Arbeit, Ringe, Diademe, und andere Klein⸗ odien fuͤr die Braut zu verfertigen. Tauſend Pferde trugen die Geſchenke und tauſend andre waren zur Suite des Geſandten beſtimmt. Es war ein Zug, man konnte nichts ſchoͤneres und praͤchtigeres ſehn. Die Menſchen kamen viele Meilen weit hergereiſt, um die Pracht zu be⸗ wundern. Waͤhrend der Geſandte im Reich der gluͤcklichen Huͤgel ankam, und bei der ſchoͤnen 10— Prinzeſſin ſeinen Auftrag ausrichtete, be⸗ reitete der Koͤnig alles zu der Feierlichkeit ſeiner Vermaͤlung. Er beſaß von ſeinen vielen Kriegen her eine vollſtaͤndige Sammlung Spe⸗ cialkarten von der ganzen Welt, und konnte daraus und aus ſeinen beſtimmten Inſtruktio⸗ nen leicht Tag und Stunde beſtimmen, wenn Geſandter und Braut in der Reſidenz eintreffen muͤßten. Dekorateurs, Zuckerbecker, Redner, Feuerwerker, Köche, Dichter, Zim⸗ merleute, alles war Tag und Nacht in voller Arbeit, denn der Koͤnig war ſtreng. Die niedlichſten Maͤdchen der Stadt legten ihre Blumenkoͤrbchen und die neuerrichteten Buͤrger⸗ militaͤrs ihre Uniformen nicht ab, die aa nirer ſtanden mit ihren Lunten, und die De⸗ putirten aller Reiche mit ihren Komplimenten bereit, und zwiſchen allen gingen unaufhoͤrlich hundert Tambours umher, welche jedermann zur noͤthigen Wachſamkeit ermunterten, damit nichts von den Empfangsſolennitaͤten verſchla⸗ fen wuͤrde. Schon griffen die Gloͤckner an die Seile und die Garden an die Gewehre, da kam der 11 Pariſer Wagen mit dem engliſchen angefahren, aber ſo langſam als ging es zur Leiche, und die Staats⸗ und Packpferde ſchlichen ſo trau⸗ rig nebenher, daß den Kanonirern und Gloͤck⸗ nern alle Luſt verging zu ſchießen und zu lau⸗ ten. Der Koͤnig zog ein finſtres Geſicht, und wollte eben Ordre geben, Gloͤckner und Kanonirer an ihre Lunten und Seile zu knuͤpfen, da oͤffnete ſich der Wagen, der Geſandte ſtieg allein heraus, und verkuͤndigte dem Koͤ⸗ nig, die Prinzeſſin habe ſeinen Antrag abgelehnt. Dann verſchied er auf der Stelle, vor Schaam uͤber den Schimpf, Ueberbringer einer ſolchen Antwort zu ſeyn. Der Koͤnig war außer ſich vor Betruͤb⸗ niß und Unwillen. Er war nicht gewohnt, daß ein Menſch etwas anders wollen koͤnnte, als er. Man verſuchte ihn zu troͤſten, aber mit ſchlechtem Erfolg, denn er jagte die Troͤſter fort, und ließ die eifrigſten darunter in einen Thurm werfen, der ein Staatsgefaͤngniß war; ſelbſt ſein Leibpage, der ſonſt ſehr hoch in ſeiner Gunſt ſtand, weil er der ſchoͤnſte Junge am ganzen Hofe war, gewandt und 12— tapfer, wie keiner im Koͤnigreich, ſelbſt die⸗ ſer durfte kaum einen Verſuch wagen, den muͤrriſchen Koͤnig aufzuheitern. Der ſchoͤne junge Page hieß Florio. Alle Damen ſahen ihn mit verliebten, und alle Maͤnner mit ſcheelen, neidiſchen Augen an. Natuͤrlich war damals das Geſpraͤch von der verfehlten Geſandtſchaft an der Tages⸗ ordnung und Morgen⸗ und Abendblaͤtter waren voll von Epigrammen und Anekdoten daruͤber. Man lachte uͤber den alten, erfahrnen Hof⸗ mann, der an der Schaam geſtorben war, und ſetzte Preiſe auf die beſte Aufloͤſung der Frage: wie dieſes moͤglich ſei? Bei ſo einer Veranlaſſung ruͤhmte ſich einmal der ſchoͤne Florio, ihm wuͤrde gewiß die Prinzeſſin gefolgt ſeyn, wenn der Koͤnig ihn nach ihr geſchickt haͤtte. Die Neider brachten dieſe Rede geſchwind vor den Koͤnig und behaupteten, Florio halte ſich fuͤr ſo unwiderſtehlich, daß ihm die Prinzeſſin keine abſchlägliche Antwort wuͤrde gegeben haben. Da er ſich nun fuͤr ſchoͤner und liebenswuͤrdiger als den Koͤnig halte, ſo * — 13 ſei er ein Staatsverbrecher und habe das Le⸗ ben verwirkt. Der Koͤnig kannte keine andre Logik, als die ſeiner Hofleute. Er fand dieſen Schluß ſehr buͤndig, ließ Florio ru⸗ fen, und befahl ihm, ſich den Kopf abſchla⸗ gen zu laſſen. Der arme Page bat nur um die Erlaubniß ſich nach ſeinem Verbrechen er⸗ kundigen zu duͤrfen. Die Anklaͤger waren zwar der Meinung, es ſei nicht noͤthig, weil er nach ſeiner Strafe ſich nicht mehr dafuͤr zu huͤten brauche; der Koͤnig aber konnte den Zorn nicht maͤßigen, und rief ergrimmt dem Verbrecher zu: Haſt du nicht uͤber mich und meinen Geſandten geſpottet, und dich geruͤhmt, deiner Werbung wuͤrde die Prinzeſſin nicht wi⸗ derſtanden haben? Freilich— antwortete Florio— iſt das mein Verbrechen? Ich haͤtte Ew Majeſtaͤt Groͤße und Herrlichkeit vbeſſer als der Geſandte geprieſen, und ich bleibe bei der Ueberzeugung, wiewol ſie mich das Leben koſtet, daß die Prinzeſſin ſich durch den Antrag wuͤrde geehrt gefunden haben. Der Koͤnig fand dieſes ſehr vernuͤnftig, 14 hieß die Anklaͤger ſich entfernen, uͤberhaͤufte ſeinen Pagen mit Liebkoſungen und zog ihn zur Tafel. Dann rief er ihn zu ſich in ſein Kabinet und ſprach: Mein lieber Florio, ich finde, daß du ſehr klug biſt, aber auch daß ich noch außerordentlich verliebt in Prin⸗ zeſſin Adelen bin, und daß ihr Korb meine Neigung nur vermehrt hat, aber nicht ver⸗ mindert. Ich will dich zu ihr ſchicken und ſehn, ob du nicht zu viel auf deine Ueberre⸗ dungskunſt dir einbildeſt. Florio war ſogleich bereit, und verſprach mit anbrechendem Morgen abzureiſen. Der Koͤnig wollte ihn zuvor, ſo wie ſeinen vo⸗ rigen Geſandten praͤchtig equipiren, allein Flo⸗ rio erwiderte ihm verbindlich: er habe zu ſei⸗ nem Geſchaͤft nichts noͤthig, als ein gutes Pferd fuͤr ſich, und eigenhaͤndige Briefe des Koͤnigs fuͤr die Prinzeſſin. Beides er⸗ hielt er und mit dem erſten Morgenſtral war er ſchon unterweges. In der Einſamkeit ſeiner Reiſe hatte er Zeit ſich eine ſchoͤne Anrede an die Prinzeſſin auszudenken. Er hatte auf alle Hofdamen ga⸗ lante Sonette gemacht, und glaubte nicht ohne poetiſche Routine zu ſeyn. Zum Ueberfluß in⸗ deſſen, nahm er die Chreſtomathie aus Ti⸗ ton's Werken und den Geiſt aus Sadi's Schriften mit, und wenn ihm unterweges ein ſchoͤner Gedanke oder eine poetiſche Wendung einfiel, ſo ſtieg er ab, ſetzte ſich nieder und ſchrieb den Einfall in ſeine Schreibtafel, um ihn nicht zu vergeſſen. Eines Abends ſaß er auch mit ſeiner Schreib⸗ tafel am Ufer eines Fluſſes. Er hatte ſich in ſo hohe poetiſche Regionen verirrt, daß er den Ruͤckweg zu ſeinem Thema nicht finden konnte. Wie er deswegen verdruͤßlich uͤber ſeine Schreib⸗ tafel wegſah, erblickte er einen großen goldfarbi⸗ gen Karpfen, der zu ſeinen Fuͤßen zappelte und eben verſcheiden wollte. Er war nach Muͤ⸗ cken aufgeſprungen und hatte ſich ſo hoch ge⸗ ſchnellt, daß er auf das Gras am Ufer gefallen war, und nicht wieder in den Fluß konnte. Ar⸗ mes Thier,— ſagte Florio lachend— es geht dir, wie mir, koͤnnteſt du mir nur auch aus der Noth helfen, wie ich es mit dir Willens 16— bin!— Damit faßte er den Goldkarpfen und warf ihn in den Fluß. Aber der Karpfen ſank nicht unter. Er blieb mit dem Kopfe uͤber dem Fluße und ſprach: Florio, ich kann dir auch einmal aus der Noth helfen, nimm indeſſen meinen Dank. Wir ſehn uns wieder. Waͤr Page Florio nicht eben in poeti⸗ ſcher Begeiſterung geweſen, ſo waͤr er etwas erſchrocken. Jetzt aber fand er den redenden Fiſch natuͤrlich, und wunderte ſich nur, daß der Karpfen ſo artig und reſolut im Verſpre⸗ chen war, als haͤtte er am Hofe gelebt. Es waͤhrte nicht lange, ſo hoͤrte er einen Raben jaͤmmerlich kraͤchzen, weil er ſich ſelbſt das Todtenlied ſang. Ein großer Adler ver⸗ folgte ihn und wollte ihn fruͤhſtuͤcken. Flo⸗ rio ſchrieb eben an einer ſchoͤnen Reflexion uͤber die Anmaßungen der Maͤchtigen gegen Schwache, und hatte ſich ſo gegen alle Be⸗ druͤckung exaltirt, daß er ſeinen Bogen ergriff, und den Adlermagen mit einem Pfeile ſo aus⸗ fuͤllte, daß ihm der Appetit nach Rabenfleiſch verging. 17 Der Rabe flog nun naͤher, buͤckte ſich von ſeinem Zweige gegen Florio, und be⸗ dankte ſich eben ſo artig, wie der Goldkarpfen fuͤr ſein Leben. Dabei verſprach er den Dienſt niemals zu vergeſſen und bei ſchicklicher Gele⸗ genheit zu vergelten. Raben ſind geborne Schwaͤtzer— dachte Florio— indeſſen muß man geſtehn, daß dieſer beſſer ſpricht als ſeine Bruͤder und Vet⸗ tern. Damit ſetzte er ſeinen Weg fort. In dem Walde, durch welchen er ritt, bemerkte er eine Menge Vogelſchlingen, in welchen unzaͤhlige Voͤgel ſich gefangen hatten. Auf einmal hoͤrte er eine Eule gar jaͤmmer⸗ lich ſchreien. Sie hatte ſich in den Schlingen verwirrt, und war von vergeblichem Flattern faſt zum Tode ſchon erſchoͤpft. Florio machte ſich Bahn durch Geſtripp und Buſch, zog ſeinen Degen und ſchnitt die Schlingen ent⸗ zwei. Die gerettete Eule war ungemein er⸗ freut, ſie ſeufzte ihren Befreier ſchmachtend an, ſagte ihm tauſenderlei artige Dinge, und verſprach ihm die ſicherſte Vergeltung ſeines Dienſtes. Selene II. 9. H. 18— Menſch wie Vogel, und Vogel wie Menſch, — ſagte Florio— das Wort iſt ſchnell, die That hinkt. Karpfen, Rabe und Eule werden mir nichts helfen, ſie moͤgen in der Welt ſeyn, oder nicht. Haͤtten ſie mir we⸗ nigſtens Schuppen und Federn gegeben, wie Schwager Ufo der Delfin und Schwager Ed⸗ gar der Aar dem Prinzen Reinald, da haͤtte ich doch den guten Willen geſehn. So ſind es aber nur eitle Worte, dergleichen mir laͤngſt vom Hofe her bekannt ſind. Weiter hatte Florio kein Abenteuer. Er reiſete ſchnell vorwaͤrts, denn ſeine Rede war fertig und das Memoriren ward ihm nicht ſchwer, weil er mit den Hofdamen die mnemo⸗ niſchen Lektionen privatiſſime repetirt hatte. Nach vier Tagen kam er in der Reſidenz der Prinzeſſin Adele an. Man fuͤhrte ihn in den Palaſt, und Florio erſtaunte uͤber die Pracht, welche ihm hier von allen Sei⸗ ten entgegen ſtralte. Die ſchlechteſten Geraͤth⸗ ſchaften, welche am Hofe ſeines Koͤnigs nur von Silber waren, ſah er hier von dem fein⸗ ſten Golde auf das geſchmackvollſte gearbeitet 19 und mit Diamanten und andern Edelſteinen auf das artigſte verziert. Wenn die Prin⸗ zeſſin das Alles verlaͤßt,— ſagte er bei jedem neuen Gegenſtand zu ſich ſelbſt,— ſo habe ich von Gluͤck zu ſagen. Und er hatte nicht Unrecht, denn jedes Zimmer im Palaſt war bei weitem mehr werth, als alle Koͤnig⸗ reiche des brautwerbenden Koͤniges zuſammen. Waͤhrend Florio von dem Hofe der Prinzeſſin entzuͤckt war, war es dieſer Hof nicht weniger von dem ſchoͤnen Geſandten. Die Hoffraͤuleins lauſchten an allen Fenſtern, in allen Thuͤren und hinter allen Buͤſchen. Die Blumen im Garten und vor den Fenſtern erſtickten an vielem Waſſer und die Huͤner, Tauben und Kolibris in den Bauern und auf dem Hof von vielem Futter. Denn wo Florio ſich ſehen ließ, da machten ſich ſchoͤne Haͤnde etwas zu thun. Die Prinzeſſin war noch nie ſo ſchlecht bedient worden, als heute, ſie fragte nach der Urſache; da erfuhr ſie denn, daß ein Geſandter von einem fremden Koͤnig an⸗ gekommen ſei, ſo ſchoͤn, ſo ſchoͤn, daß man 20— nichts ſchoͤneres ſehen koͤnne, und daß dieſer bei der Prinzeſſin Audienz begehre. Die junge, ſchoͤne Prinzeſſin erroͤthete etwas, als ſie von dem jungen, ſchoͤnen Ge⸗ ſandten hoͤrte. Sie befahl ihn auf das koͤſtlichſte zu empfangen, ſo praͤchtig als es die Ruͤckſicht auf ſeinen Hof und auf ſeine Per⸗ ſon erforderten und dann zur Audienz vorzu⸗ laſſen. Indeſſen begab ſie ſich ſelbſt ſogleich in den großen Audienzſaal und ſetzte ſich auf den Thron. Alle hohen und niedrigen Hofchargen, alle Staatsdamen und Staatsraͤthe draͤngten ſich nun um Florio und verſicherten ihn mit fei⸗ nem Laͤcheln den gluͤcklichſten Erfolg ſeiner Ge⸗ ſandtſchaft. Er fand hier im Augenblick ſo viel Freunde wieder, als er am Hofe ſeines Koͤniges verlaſſen hatte. Indeſſen ſaß die Prinzeſſin auf dem Thron, und wartete bis zur Ungeduld, ohne daß ein andrer Geſandter erſchien als die am Hofe reſidirenden, Squire Spleen und Großkreuz Langeweile von dem treuen Alliirten aller damaligen Hoͤfe Schach Farniente. Sie ſetzten ihr in den 21 Kopf, daß ſie fuͤr eine ſolenne Audienz nicht reich genug gekleidet, und der Saal nicht praͤchtig genug dekorirt ſei Alle Hande wur⸗ den nun in Bewegung geſetzt. Die Waͤnde des Saales wurden mit den praͤchtigſten Go⸗ belins behangen, in welche alle Fuͤrſten der noch unentdeckten Welttheile, in ihrem Regen⸗ tenſchmuck eingewirkt waren, auf dem Fuß⸗ boden lagen die bereits entdeckten. Die Prin⸗ zeſſin ſelbſt bekleidete ſich mit ihrem Purpur⸗ mantel, an welchem zwoͤlf Koͤniginnen geſtickt hatten, und uͤber ihr Haupt hielten vier Mo⸗ renkoloſſen die Reichskrone von orientaliſchen Steinen und Perlen. Jeder uͤberwundene Na⸗ bob mußte einen Diamant oder eine Perle da⸗ zu liefern, das machte ſie ſo ſchwer, daß es nicht Eines Menſchen Werk war, ſie zu tra⸗ gen, am wenigſten auf dem Haupte. Florio war außer ſich vor Erſtaunen uͤber die Pracht, und noch mehr uͤber die Schoͤnheit der jungen Koͤnigin. Er hatte ſeine wohl⸗ geſetzte Rede bei ihrem Anblick rein ver⸗ geſſen, gleichwol haranguirte er, ohne mit ei⸗ nem Wort anzuſtoßen, ziemlich lange; denn 22 Hofleute duͤrfen ſich durch Gedanken und Ge⸗ fuͤhle im Sprechen nicht ſtoͤren laſſen und ge⸗ woͤhnen ſich daher zeitig daran, etwas anders zu ſprechen als ſie eben denken und em⸗ pfinden. Die ſchoͤne Prinzeſſin hatte zwar den jungen Geſandten mit mehr Intereſſe betrachtet als angehoͤrt, indeſſen errieth ſie doch, daß der langen Rede kurzer Sinn kein andrer war, als eine erneute Bitte des Koͤnigs um ihre Hand und Krone. Den Korb fuͤr den Prin⸗ cipal hatte ſie zwar ſchon geflochten, gleichwol konnte ſie ihn dem artigen Wortfuͤhrer nicht ſo trocken und unumwunden geben, als dem ernſthaften Diplomatiker. Sie putzte ihn da⸗ her mit dem ſuͤßeſten Laͤcheln auf, und legte ſo viel artige Worte darein, daß er fuͤr den zaͤrtlichen Florio zum niedlichſten Blumen⸗ und Fruchtkoͤrbchen wurde. Schoͤner Florio, ſagte ſie zu ihm, was du mir da von deinem Koͤnig und ſeinen Reichthuͤmern und Herrlichkeiten erzaͤhlt haſt, iſt Alles recht huͤbſch und artig. Du haſt mir auch weit mehr Luſt gemacht, mich von dir ——.,—— 23 in ſeine Reſidenz begleiten zu laſſen, als dein Vorgaͤnger, der, wie ich bedaure, ſich an meinem Koͤrbchen todtgetragen hat. Aber— ein Geluͤbd bindet mich, und du weißt, daß Perſonen von fuͤrſtlichem Range noch niemals ihr Wort gebrochen haben, geſchweige ein Ge⸗ luͤbd! Wenn es zu loͤſen waͤr— aber freilich, das iſt nicht ſo gar leicht. Florio ſchwur, das Geluͤbd ſo zu loͤſen, daß der ſcharfſichtigſte Gewiſſensrath keinen Bruch daran bemerken ſolle, wenn ihm nur die Prinzeſſin es zu entdecken geruhen wollte. m 5 Da fuhr ſie fort: Vor einigen Wochen fruͤhſtuͤckte ich in mei⸗ nem Garten am Meerufer. Es war einer der ſchoͤnſten Morgen, und meine Hof⸗Poeten waren ſo begeiſtert, daß ihre Romanzen und Sonnette mit dem Wein um die Wette ſpru⸗ delten und floſſen. Zum Ungluͤck hatte ich ei⸗ nen ſehr ſchoͤnen Kryſtall an dem Finger, der mir lieber war als ein Koͤnigreich; denn eine gute Fee hatte mir ihn zu meinem kuͤnftigen Brautring gegeben, und alles Gluͤck der Welt 24— hineingefeiet. Nun kann, wie du weißt, jetzt kein gutes Gedicht ohne einige Kryſtallen und Karfunkel beſtehn, mein Stein ging alſo aus einer Hand in die andre, und die Poeten reimten ſo lange: Kryſtallen, ſchallen, funkeln, dunkeln, wallen, Hallen, fallen, bis mein Ring wirklich in die dunkeln Meereshallen gefallen war. Ich war vor Schreck und Betruͤbniß ſo außer mir, daß ich gelobte, keinen Antrag zu einer Verbindung guͤnſtig zu beantworten, waͤr er nicht von der Zuruͤckgabe meines Rin⸗ ges begleitet. Es war vielleicht voreilig, aber es iſt geſchehn, und wenn es dir um deine Sache Ernſt iſt, ſchoͤner Florio, ſo weißt du, was du zu thun haſt Denn wenn du vierzehn Tage und vierzehn Naͤchte lang noch ſo artig ſpraͤchſt, und braͤchteſt den Ring nicht, ſo aͤnderteſt du auch meinen Entſchluß nicht. Florio bat ſo fuͤß als moͤglich, und machte es ſo ſchoͤn, daß Prinzeſſin Trotzkoͤpf⸗ chen nur noch feſter auf ihrem Sinn beſtand. Er wurde bis an den Abend mit Bitten nicht fertig, und mußte die Fortſetzung bis auf den Morgen und am folgenden Abend wieder auf — — den naͤchſten Tag verſchieben. Die Prinzeſſin ließ es ſich auch gern gefallen. Indeſſen ſpann zwar die Hoffnung fleißig an Florio's Geduldfaden, ſo lange noch ei⸗ niges Werg auf dem Rocken ſeiner Ueberre⸗ dungskunſt war, als aber dieſer Vorrath taͤg⸗ lich mehr zur Neige ging, brach einmal ploͤtz⸗ lich die Verzweiflung ein, und zerriß das ganze Geſpinnſt. Sie trieb den armen Florio durch Waͤlder und Felder, und er war ſchon im Begriff, dem entſcheidenden Ringe in das Meer nachzufolgen, da rief auf einmal eine ganz fremde, aber ihm doch bekannte Stimme: „Florio! Florio!“ Ich folge dir, rief er em⸗ fatiſch, denn er beſann ſich aus alten Balladen, daß die Heroen des freiwilligen Todes den Geiſterruf ihres Namens aus fremden Welten vernehmen, und ruͤſtete ſich ſchon zum Sprung in den ſchmerzſtillenden Liquor, da rief es nochmals:„Florio! Florio!l“ aber ſo ſchwer⸗ faͤllig, daß es kaum einer Menſchenſtimme glich, vielweniger einem Geiſterruf. Es war auch weder Menſch noch Geiſt, ſondern nie⸗ mand anders, als der dankbare große Gold⸗ 26 karpfen, welcher in ſeinem Munde den Ring der Koͤnigin aus dem Meer empor hielt, und dadurch in der den Karpfen ſonſt eignen Zierlichkeit der Rede etwas genirt ward. Florio— ſprach er— du haſt mir mein Leben gerettet, aus Dankbarkeit helfe ich dir jetzt, den verworrenen Knoten deines Lebens und Liebesdrama's loͤſen. Glaubſt du, daß ich durch dieſen Dienſt etwas bei dir gut behalte, und biſt du durch meine That geruͤhrt, ſo ſtelle ſie, da du Dichter biſt, dem Publikum zum Exempel vor, und belehre es, daß Wohl⸗ thun Zinſen traͤgt. Florio verſprach alles und empfing dank⸗ bar den Ring. Goldkarpfen kehrte nun in das Waſſer und Florio in das Schloß der Prinzeſſin zuruͤck. Es war noch ſehr fruͤh am Tage, als Flo⸗ rio Audienz begehrte. Die Miniſter ſteckten die Koͤpfe zuſammen und munkelten vom Zeit⸗ geiſt und von bevorſtehenden großen Veraͤn⸗ derungen, die Generale wurden ſtill und die Officiere laut, die Dichter vermutheten einen poetiſchen, und die Damen einen uͤberraſchen⸗ 3 27 den Hauptſturm auf das Herz der ſchoͤnen Prinzeſſin. Die Prinzeſſin ſelbſt aber erblaßte. Ach— ſagte ſie zu ihrer Vertrau⸗ ten— ich bin die ungluͤcklichſte aller Prinzeſ⸗ ſinnen. Der gute Junge hat gewiß eingeſehen, daß es unmoͤglich iſt, was ich von ihm for⸗ dere, nun kommt er und wird Abſchied neh⸗ men wollen, was fangen wir denn nun an? Die Vertraute wollte troͤſten, aber es half nichts. Der Papagei wollte aufheitern, aber der ungluͤckliche Spaßmacher wuͤhlte aus ſeinem Sprachſchatze das klaͤglich omineuſe: Adio, bel idol mio. Der Schauſpieldirektor hoffte angenehm zu uͤberraſchen, und kuͤndigte eine neue antike Tragoͤdie an; aber der Titel, Dido oder die verlaſſene Koͤnigin, vollendete die Summe der Traueranzeichen. Endlich erſchien Florio. Die Prinzef⸗ ſin blickte ihn ſo ſchmachtend an, und rief ihm ein ſo zaͤrtliches Willkommen entgegen, daß er ihr zu Fuͤßen geſunken waͤr, haͤtte er nicht eben die gnaͤdige Audienz bei dem Gold⸗ karpfen gehabt. Er ging mit der Sicherheit eines Siegers an den Thron, uͤberreichte der 28—— ſchoͤnen Prinzeſſin den verlangten Ring und erſuchte ſie um eine Deciſiv⸗Erklaͤrung wegen ſeines Antrages. Die Prinzeſſin freute ſich, das Un⸗ moͤgliche durch ihren Befehl moͤglich zu ſehn: indeſſen war es ihr doch nicht gelegen, daß der ſchoͤne Florio jetzt als ein wohlerworbe⸗ nes Recht fuͤr ſeinen Herrn und Koͤnig ver⸗ langte, was ſie eben als freie Gunſt ihm ſelbſt zu gewaͤhren dachte. Die Sentimentalitaͤt war verſchwunden und ſie beſchloß den Ge⸗ ſandten, der ſein Werk vollendet glaubte, noch einmal an den Anfang zuruͤckzuweiſen. Florio— ſagte ſie— ich ſehe wol, du biſt der Guͤnſtling einer Fee, denn mit rechten Dingen geht das nicht zu. Der galante Florio erwiderte raſch: fuͤr die goͤttliche Adele werde ſelbſt das Unmög⸗ liche zu einem leichten Scherz; und er kenne kein Gluͤck, außer dem, ihren Wuͤnſchen durch Bereitwilligkeit vorauszueilen. Gut,— verſetzte die Prinzeſſin,— ſo wirſt du mir einen Dienſt nicht verſagen, der uͤberdies eines tapfern Ritters wuͤrdig iſt. 29 Nicht weit von meinem Reiche lebt ein ge⸗ wiſſer Koͤnig Galifron. Dieſer Menſch hat es ſich in den Kopf geſetzt, mich zu heirathen, und hat mir ſchon unter den fuͤrchterlichſten Drohungen den Antrag machen laſſen. Sage aber ſelbſt, ob ich ihn annehmen kann. Es iſt ein Rieſe, ſo groß wie mein hoͤchſter Schloß⸗ thurm, er ſpeißt Menſchen wie wir Auſtern oder Seekrabben; denn ſein Mund iſt wie ein Stadtthor, ich begreife nicht, wie er damit kuͤſſen will. Wenn er laut ſpricht, ſo werden alle Menſchen drei Meilen im Umkreis taub, kurz er iſt ein Ungeheuer, das zu nichts in der Welt taugt, am wenigſten zu meinem Ge⸗ mal. Ich habe ihm ein Koͤrbchen gegeben, ſeitdem aber verwuͤſtet er mein Land und frißt meine Unterthanen mit Hab und Gut weg. Du begreifſt, ſchoͤner tapfrer Florio, daß ich auf keinen Vermaͤlungsantrag antworten kann, bis mir der Brautwerber den Kopf jenes uͤberlaͤſtigen Freiers bringt. Ich weiß, du ſchlaͤgſt mir dieſen Dienſt nicht ab. Florio ſtand erſtaunt. Aber er beſann ſich nicht lange. Prinzeſſin, ſprach er, ich 30 fechte mit Galifron. Ich werde vielleicht im Kampf unterliegen, aber dann falle ich fuͤr Ehre und Schoͤnheit. Mein Tod wird ſchoͤn ſeyn und ehrenvoll. Die ſchoͤne Adele war außer ſich. Sie hatte unter dem Corps diplomatique nicht ſo viel Heroismus geſucht. Nun verſuchte ſie Vorſtellungen und Bitten, um dem kuͤhnen Florio das Wagſtuͤck zu verleiden, aber ver⸗ gebens. Er empfahl ſich, nahm ſeinen Degen, ſein Reiſeneceſſair und einige Specialkarten auf den Weg und beſchloß den Feind in ſeinem eignen Lande aufzuſuchen und zu bekaͤmpfen. Auf der Reiſe erkundigte er ſich bei jedem Wandersmann und in jedem Gaſthofe nach Koͤnig Galifron. Jeder zitterte bei dem bloßen Namen und wußte Wunderdinge von ihm zu erzaͤhlen. Kein Menſch wollte dem Reiſenden zu dem Schloſſe des koͤniglichen Rie⸗ ſen den Weg weiſen, und Florio mußte auf gut Gluͤck die Reiſe fortſetzen. Er ſah auch bald, daß es hier keines lebendigen Wegweiſers bedurfte, denn die Gerippe und Knochen der 31 verſpeiſeten Menſchen bezeichneten deutlich Ga⸗ lifron's nahe Wohnung. Florio zog ſeine Schreibtafel und wollte eben ſeinen letzten Willen fuͤr jeden moͤglichen Fall notiren, da ſchien es ihm, als bewege ſich einer der hoͤchſten Wipfel in dem nahen Eichwald auf ihn zu. Er rieb ſich die Augen um zu wiſſen, ob er recht ſehe, da trat auch der Stamm zu jenem Wipfel aus dem Walde, denn der Wipfel war nichts anders als Ga⸗ lifron's Kopf, der hoch uͤber alle Baͤume hervorragte, und mit ſeinen ſtruppigen Bor⸗ ſtenhaaren einem Tannenwipfel nicht ſehr un⸗ aͤhnlich ſah. Als der Rieſe den neuen Ankoͤmmling in ſeinem Reiche anſichtig ward, ſchwang er ſeine Keule und ſang ihm mit einer graͤßlichen Stimme zu: Komm nur heran, 4 du ſaubrer Galan, gnuͤgſt kaum auf einen Zahn, doch ſollſt du gleich daran. Galifron ſtammte naͤmlich noch aus der poetiſchen Urzeit, wo die Menſchen noch nicht 32 zur Proſa herabgeſunken waren und daher alles in Verſen ſprachen. Florio antwortete ihm auf der Stelle nach derſelben Melodie: Komm ſelber heran, du toͤlp'ſcher Galan, ich achte Keul' und Zahn mehr nicht als einen Span. Die Verſe waren freilich nicht die beſten, allein Florio reimte ſie aus dem Stegreif und es iſt ein Wunder, daß ſie nicht noch ſchlechter ausfielen, denn er fuͤrchtete ſich hoͤchſt pro⸗ ſaiſch. Beſſer geriethen ihm einige Derbhei⸗ ten, die er in der Angſt gegen den Rieſen ausſtieß, denn dieſe erhitzten den koloſſalen Koͤnig ſo, daß er mit ſeiner Eiſenkeule wie unſinnig um ſich herumhieb. Er haͤtte auch den artigen Florio mit dem erſten Schlage aller fernern Furcht entbunden, wenn dieſem nicht ganz unerwartet ein Helfer von oben er⸗ ſchienen waͤr. Der Rabe war es. Er ſchoß aus den Wolken wie ein Pfeil, ſetzte ſich auf Gali⸗ fron's Naſe, und operirte ihm mit dem — 3³ Schuabel das Eine Auge ſo geſchickt, daß es von keinem Lichtſtral mehr geblendet werden konnte, und eh das linke bemerkte, was dem rechten widerfuhr, hatte es ſchon gleiches Schickſal erfahren. Florio hatte nun gut fechten. Er ſtieß dem geblendeten Urſaͤnger den Degen einige⸗ mal bis an das Stichblatt in den Leib, und als der Rieſe von vielem Blutverluſt erſchoͤpft zu Boden ſank, hieb er ihm den Kopf ab. Der Sieger wollte ſich eben mit dem Go⸗ liaths⸗Haupt auf den Ruͤckweg machen, da hoͤrte er ſich aus der Luft herab rufen. Sein Sekundant Rabe hatte ſich auf einen Baum geſetzt, und haranguirte ihn von dieſem Red⸗ nerſtuhl herab. Florio— ſprach er— du ſiehſt, ich habe Wort gehalten, und mich dankbar gegen dich bewieſen. Die Dankbarkeit iſt eine Tugend, die mit jedem Tage ſeltner in der Welt wird, wie die Tugend uͤberhaupt, beſonders ſeit die Filoſofen verlangen, daß man ſie um ihrer ſelbſt willen ausuͤben ſolle. Es iſt wahr, die Menſchen werden dadurch ungemein tugendhaft Selene II. 9. H. 3 — 34 und geizen ordentlich mit ihrem Tugendſchatz⸗ Denn weil der Filoſofenſtaat die Zinſen dieſer Kapitale verboten hat, ſo giebt ſie niemand mehr aus, und die Staatsglieder zahlen ſich gegenſeitig in Papiergeld, oder wenn ſie die⸗ ſes nicht gleich bei der Hand haben, in ge⸗ ſtempelten Worten. Um ſo erfreulicher iſt es, einmal ein Stuͤck dieſer ſeltenen Muͤnze zu ſehn, die zwar im Handel und Wandel nicht brauch⸗ bar iſt, aber doch dem Kenner Freude macht. Florio machte nicht das kluͤgſte Geſicht gegen den Raben. Er hatte einigemal ihn zu unterbrechen geſucht, aber die ſtarkſtroͤmende Rede ließ ſich nicht hemmen. Jetzt raͤuſperte ſich der Sprecher und Florio ergriff die kleine N Pauſe. 4 Biſt du denn— fragte er verwundert— fuͤr oder wider die Tugend und die Dankbar⸗ keit? Sage mir, womit kann ich dir meinen Dank bezeigen. Fordre was du willſt, mein Dank kann nie ſo groß ſeyn als dein Dienſt. Du biſt ſehr guͤtig— ſagte der Rabe— mir iſt es weder um Tugend noch Untugend zu thun. Beide ſind gleich gut, denn uͤber 2½☛ 33 Beide laͤßt ſich manches ſprechen. Du magſt mir danken oder nicht, ſo giebſt du mir Ge⸗ legenheit zur Rede, welche das hohe Goͤtt geſchenk iſt, das uns Raben vor dem ge ei⸗ nen Gefluͤgel auszeichnet. Dieſe zu kultiviren und zu uͤben iſt unſre Beſtimmung, unſer Be⸗ ruß und unſre Freude. Mit dieſen Worten flog der Moralfiloſof davon. Es war auch die hoͤchſte Zeit, denn Florio war eben daran, ihm in das Geſicht zu lachen, was nach einer Lebensrettung nicht ſehr hoͤflich geweſen waͤr.— Unterdeſſen war die ſchoͤne Prinzeſſin untroͤſtlich. Sie traumte des Nachts von nichts als von rothem Blut und von ſchwar⸗ zen Leichenzuͤgen, und am Tage kleidete ſie ſich in die tiefſte Trauer. Muſik, Tanz, Schauſpiel und alle Feſtlichkeiten waren unter⸗ ſagt. Es war eine Stille am Hofe, als ob Koͤnig Galifron ſelbſt einige Tage da reſi⸗ dirt haͤtte. So vergingen Tage und Wochen; da vernahm die Prinzeſſin auf einmal einen Zuſammenlauf von Menſchen, Geſchrei des Schreckens und Entſetzens, und darunter das 36 Krachen von dem Einſturz ihrer Reſidenzmauern. Sie war einer Ohnmacht nahe, denn ſie meinte, Florio waͤr tod, und Galifron an den Thoren. Endlich wagte ſie ſich an ein Fen⸗ ſter, und ſah ihren erſehnten Florio mit dem Rieſenhaupt auf einer Pike. Das Volk riß die Mauern ein, weil kein Schloßthor weit und hoch genug war den maͤchtigen Schaͤ⸗ del einzulaſſen. Florio eilte zu der Prinzeſſin und uͤberreichte ihr auf einem Sammtkiſſen einen zierlichen Miniatur⸗ Gips⸗Abguß des furcht⸗ baren Hauptes. Der Schaͤdel wurde ſogleich viel tauſendmal in Gold, Silber, Elfenbein, Alabaſter, Porcellan u. ſ. w. abgeformt, Hof⸗ und Stadt⸗Pindare nannten in poetiſcher Frei⸗ heit ihre Stadt die Rieſenbezwingerin und ihre Buͤrger Rieſenbaͤndiger. Jeder fuͤhlte ſich ſtolz auf ſein Vaterland, wiewol ein Fremder der Held deſſelben war, und in den naͤchſten Ta⸗ gen haͤtte kein Laſttraͤger ſein Bier aus einem andern, als einem Schaͤdelbecher à la Gali- fron getrunken, oder den Tabak aus einem andern Kopf geraucht, als aus einem Gali⸗ 37 fron's⸗Kopf, auf welchem, um die Sache zu⸗ gleich inſtruktiv zu machen, die Organe mit gold⸗ nen, oder, nach Verhaͤltniß, toͤpferglaſurnen Ziffern bezeichnet waren. Tauſendmal hatte es ſich die ſchoͤne Adele in den Zeiten ihrer Angſt geſchworen, ihrem treuen Ritter, wenn er dieſesmal gluͤcklich davon kaͤm, nicht von neuem eine Pruͤfung aufzulegen. Als er aber jetzt als Sieger vor ihr ſtand, und ſeinen Antrag erneuerte, beſann ſich Prinzeſſin Querkoͤpfchen wieder anders. Tapfrer Florio,— ſagte ſie— du haſt mein Reich von dem furchtbaren Feinde be⸗ freiet, und ich koͤnnte es jetzt einem Koͤnige als anſtaͤndige Mitgift anbieten. Allein an dieſes Reich iſt meine Hand geknuͤpft. Mir ſelbſt drohet ein maͤchtiger Feind, furchtbarer fuͤr mich, als Galifron fuͤr mein Reich war. Ich gebe mich keinem Manne, bis dieſer Feind beſtegt iſt. Billigſt du nicht ſelbſt meinen Entſchluß?— Wie koͤnnte ich in den Armen des geliebteſten Mannes mich gluͤcklich fuͤh⸗ len, wenn ich die Feinde fuͤrchten muͤßte, die 36 unaufhoͤrlich mein Gluͤck zerſtoͤren, und meines Gemals Liebe von mir abzuwenden ſuchen! Florio ſagte einige Galanterieen, aber die Prinzeſſin fuhr fort: Miein Feind iſt das maͤchtige Alter, mit allen ſeinen Prinzen und Prinzeſſinnen von Gebluͤt, Krankheiten, Schwaͤchen, Furchen und Runzeln. Dieſe mußt du noch bekaͤmpfen, wenn ich dir folgen ſoll. Zweifle aber nicht. Es giebt ein Mittel dagegen, das Waſſer der unterirdiſchen Roſe, aber es iſt ſchwer zu er⸗ langen, denn es quillt allein in der ſchwarzen Grotte. Zwei Stunden von meiner Reſidenz liegt dieſe Grotte. Sie fuͤhrt tief in einen Felſen, und von ihrem unterſten Grunde mißt man nur wenig Schritte bis zum Mittelpunkt der Erde. Ihr Eingang wird von zwei ungeheuren Dra⸗ chen bewacht, die Flammen aus Rachen und Augen ſpruͤhen, und dadurch die entſetzliche Dunkelheit am Eingang der Hoͤle etwas er⸗ hellen. In der Mitte iſt die Finſterniß ſo dicht, daß aus ihr beſtaͤndig Schlangen, Mol⸗ che und giftiges Gewuͤrm ſich erzeugen. Unten 39 aber dringt aus dem Centralkryſtall der Erde ein Thau hervor, welcher aus den Waͤnden der Grotte Roſen von unvergaͤnglicher Schoͤnheit hervorruft und ſich auf ihren Blaͤttern in glaͤn⸗ zenden Perlentropfen ſammlet. Dieſe Tropfen ſind das Waſſer der Schoͤnheit. Das Schoͤne bleibt davon ewig ſchoͤn, dem Haͤßlichen gewaͤhrt es Schoͤnheit; das Jugendliche bleibt ewig jung, dem Alter kehrt die Jugend dadurch zuruͤck. Dieſes Waſſer mußt du mir bringen, ſchoͤner Florio, dann folg' ich dir, wohin du mich fuͤhrſt. Aber ohne ein Flaͤſchchen da⸗ von, das begreifſt du ſelbſt, kann ich unmoͤg⸗ lich mein Reich verlaſſen. Prinzeſſin,— ſprach Florio— du biſt ſo ſchoͤn, daß der Thau der unterirdiſchen Roſe dir ſehr entbehrlich iſt. Ich aber, das ſeh' ich wol, bin dir verhaßt, und du willſt meinen Tod. Sei gewiß, ich gehe zu der ſchwarzen Grotte, ich weiß, der Ruͤckweg iſt unmoͤglich, mir iſt es beſtimmt, durch deine Schoͤnheit zu ſterben. Der Finſterniß jener Grotte bedurfte es nicht dazu, die tiefere 40 Nacht meiner Sehnſucht haͤtte mich eben ſo gewiß getoͤdtet. Mit dieſem Bekenntniſſe entfernte ſich Flo⸗ rio, und die ſchoͤne Prinzeſſin verfiel aufs neue in ſchwermuͤthige Verzweiflung. Sie berief alle ſtehende und ambulante Apotheker, alle Chemiker, Adepten wie Inepten, und forderte ſie auf, die wirkſamſten Gegengifte und Praͤſervative gegen Schlangen und Dra⸗ chenberuͤhrungen zu bereiten. Die fleißigen Maͤnner arbeiteten auch Tag und Nacht; wie aber jedem menſchlichen Dinge eine kleine Ge⸗ brechlichkeit anhaͤngt, ſo hatten auch ihre edel⸗ ſten Praͤparate nur den Fehler, daß ſie bei aller Univerſalitaͤt, doch fuͤr den einzigen vor⸗ liegenden Fall unbrauchbar waren. Florio wanderte indeſſen ſeinen Weg nach der ſchwarzen Grotte, welche ſchon durch ihren Namen auf nichts erfreuliches deutete. Wer ihm unterwegs begegnete, bedauerte das arme junge Blut, das ſich ſo um nichts und wie⸗ der nichts dem Tode uͤbergeben ſollte. Die Maͤnner beſtuͤrmten ihn mit verſtaͤndigen Gruͤn⸗ den, die Frauen mit zaͤrtlichen Blicken und — 41 Worten, um ihn von dem tollen Abenteuer abzuhalten. Vergebens. Er ſetzte ſeinen Weg fort, ſprach keine Sylbe, und dachte bloß an die geliebte Prinzeſſin. Gegen Abend kam er auf der Spitze eines Berges an, und ſetzte ſich, um auszuruhen. Vor ihm lagen in einem wilden Gebirge die ſchoͤnſten Materialien zu hoͤchſt romantiſchen Partien, aber ſo widrig unter einander gewor⸗ fen, daß ſie gleich vortrefflichen Tragoͤdien Nitleid und Schreck erregten, naͤmlich Schreck vor der Unform, und Mitleid mit dem ge⸗ mißhandelten Stoff. Florio erwartete hier das Ziel ſeiner Reiſe zu finden. Bald erblickte er einen haͤßlichen Felſen, ſchwarz wie Dinte und muͤrbe wie Pfefferkuchen, als ob ihn die Natur dem Felſenmaler B.. nachgebildet haͤtte. Ein dicker Qualm ſtieg unaufhoͤrlich aus ihm empor und bildete ein ewiges Nebel⸗ gewoͤlk uͤber der unfreundlichen Landſchaft. Florio vermuthete in dieſem Felſen die furcht⸗ bare Grotte, und bald entdeckte er auch wirk⸗ lich einen der beiden Waͤchterdrachen des Ein⸗ gangs. Es war ein wohlbeleibtes Thierchen. —— 4² Mit ſeinem ſchuppigen Leibe bedeckte es zwei Acker Feld, und wenn es ſeinen Schweif um Mitternacht emporringelte, ſo ſptelte ſeine Spitze noch im Abendroth. Aus ſeinem Rachen kam der Dampf, den Florio aus dem Felſen hatte emporſteigen ſehn, und von dem der Felſen ſo berußt war, daß es eine Arbeit fuͤr Herkules geweſen waͤr, dieſen Schornſtein zu fegen. Page Florio verlor hier allen Muth; er hatte manchen Waͤchter der Schoͤnheit von ſeinem Poſten zu verlocken gewußt und den bewachten Schatz erobert, aber dieſe abſolute Schoͤnheit zu erobern, die eben als Princip der Schoͤnheit ſelbſt nichts weniger als ſchoͤn war, duͤnkte ihm, bei aller Routine doch ab⸗ ſolut unmoͤglich. Er ſeufzte bei dieſer Einſicht laut, und vernahm, daß ein kraͤchzendes Echo den Seuf⸗ zer wiederholte, und bald von freien Stuͤcken einen Kraͤchz⸗ und Schnurrlaut hervorbrachte, in welchem Florio ſeinen Namen erkannte. Die Eule war es. Sie arbeitete ſich aus einem hohlen Baume herauf. Florio— ſprach ſie— du haſt vielleicht vergeſſen, wie —,— —,— 4³ du mich aus den Schlingen der Jaͤger befreit haſt, aber ich habe dich nicht vergeſſen, denn ich habe ein weichgeſchaffnes Gemuͤth, das jeden Eindruck unverloͤſchlich behaͤlt. Jetzt iſt die Zeit, wo ich deinen Dienſt vergelten kann. Du wirſt das Waſſer der Schoͤnheit nicht finden, denn dein irdiſcher Blick iſt durch das Licht geblendet, und erkennt nicht das heilige Ge⸗ heimniß der Nacht. Wir Eulen ſind von der Natur berufene Myſtiker, wir ſehn die Fin: ſterniß und ſind befreundet mit ihren Geburten. Ich bringe dir aus dem tiefſten Dunkel der Grotte den Thau der unterirdiſchen Roſe; harre nur eine Weile, und noch eine kleine Weile, dann ſiehſt du mich wieder. Damit flog die Eule davon. Florio wußte nicht, wie ihm geſchah, da hoͤrt' er ſingen: Ungeweihter Wandrer, ſchaue, Roſ' in unterirdſcher Aue labt die Nacht mit heilgem Thaue. Der Zuhoͤrer bemuͤhte ſich zu ſchauen, aber es war und blieb Dunkel in und um ihm. Da ſang es weiter: 4 44——— Sohn des Sonnenlichtes, lerne, unten nur in tiefer Ferne I Bluͤhn der Weisheit ewge Sterne. Florio horchte immer mehr verwundert, und die Stimmen toͤnten fort: Flieh' des todten Lichts Empfaͤngniß, Leben athmet im Bedraͤngniß⸗ Freiheit wohnt nur im Gefaͤngniß. Bei aller Feierlichkeit haͤtte der Zuhoͤrer doch beinahe laut aufgelacht, waͤr nicht eben die Eule mit einem Flaͤſchchen voll Thau der Schoͤnheit zuruͤckgekommen. Sie uͤbergab es Florio und die Stimmen toͤnten noch ver⸗ hallend: Forſche nicht: Gedankenbaarheit fuͤhrt allein zu tiefer Wahrheit, leitet dich zur dunkeln Klarheit. Wer war froher, als Florio! Er ließ die Stimmen ſingen und eilte mit ſeinem Schoͤn⸗ heitflakon von der dunkeln Klarheit und von den blaͤhenden Sternen der Tiefe, ſo ſchnell er konnte, zuruͤck. Dann uͤberreichte er noch am naͤchſten Morgen der ſchoͤnen Prinzeſſin die Fiole mit dem Thau der unterirdiſchen Roſe. 45 Die Prinzeſſin konnte ihre Einwilli⸗ gung nun nicht laͤnger aufſchieben. Sie dankte dem ſchoͤnen Florio ſehr zierlich, und gab Befehl, alles zu ſeiner und ihrer Abreiſe bereit zu halten. Als Florio ſie zu dem Wagen fuͤhrte, ſagte ſie einigemal zu ihm: Wenn du gewollt haͤtteſt, ſo haͤtte ich dich zum Koͤnig von den gluͤcklichen Huͤgeln gemacht, wir waͤren zuſammen geblieben, und ich haͤtte nicht noͤthig, nach meinem Gemal zu reiſen. Florio lehnte edelmuͤthig dieſes Gluͤck von ſich ab, wiewol er die Prinzeſſin zum Sterben liebte, und die ſchoͤne Adele fuͤhlte nur um mſo mehr Liebe gegen ihn. Drei Meilen vor der Stadt kam ihr der Köoͤnig entgegen. Er konnte ihre Ankunft wiſſen, denn bis an die Graͤnze ſeines Rei⸗ ches ſtunden alle Viertelſtunden Weges Signal⸗ Kanonen bereit. Bei dem erſten Schuſſe fuhr der Koͤnig aus dem Schloſſe, und aus Haͤuſern und Huͤtten traten die erfreuten Buͤrger mit Prachtexemplaren aller Eheſtandsbeduͤrfniſſe zu Geſchenken fuͤr das hohe Brautpaar. Pracht⸗ wiegen und Prunkwindeln, Patent⸗Taufzeuge 46 und Geſundheits⸗Kinder⸗Klappern aller Art quollen uͤberall hervor. Es ging auch alles recht gut, bis das hohe Paar zuſammen traf. Denn die Prinzeſſin hatte ſo viel von Florio zu fragen, daß der Koͤnig ſeine Galanterieen nicht anbringen konnte und ſchon unterweges ziemlich eiferſuͤchtig wurde. Die Hofleute, welche ſich fuͤr Florio ſehr in⸗ tereſſirten, verſicherten zwar den Koͤnig, er ſei gar nicht eiferſuͤchtig, und prieſen ſeine Maͤßigung bei ſolchen Gelegenheiten, es half aber nichts, ſeine Eiferſucht vermehrte ſich auf jeder Feierlichkeitsſtation, und ſein erſtes Wort beim Einzug in die Triumfbogen des Schloſſes war der Befehl, ſeinen Geſandten in den Thurm zu werfen. Da ſaß nun der arme Florio zwiſchen dicken Mauern in einer Finſterniß, wie ſie kaum die ſchwarze Grotte aufzuweiſen hatte, und fand Zeit genug die ſchlechten Folgen ſeines Edelmuthes zu betrachten. Ich koͤnnte jetzt auf dem Throne ſitzen, ſagte er, und die ſchoͤne Prinzeſſin lieben, ſe mehr je lieber, wenn ich meine Treue gegen den Koͤnig nicht ——— 47 jedem andern Gluͤck vorgezogen haͤtte. Statt deſſen ſitze ich hier im Gefaͤngniß, weil die Prinzeſſin nicht ſo undankbar gegen mich geſinnt iſt, wie der Koͤnig. Mirr ſoll kein Goldkarpfen mehr vorſchwatzen, daß Wohlthun Zinſen traͤgt, der Rabe hat Recht: Tugend und Untugend ſind beides gleichguͤltige Dinge, und zu nichts gut, als daruͤber viel unnütze Worte zu machen. Damit ſetzte er ſich in den finſterſten Winkel ſeines Thurms und weinte, bis er vor Muͤdigkeit einſchlief. Indeſſen bereitete der Koͤnig die Feier ſeiner Vermaͤlung mit moͤglichſter Pracht. Nichts, was ſeine Dekorateurs, Architekten und Poeten erſannen, war ihm praͤchtig und geſchmackvoll genug. Alles ſollte originell ſeyn, und doch von dem Ueblichen nicht um ein 2 Haar breit abweichen, es ſollte imponiren, und doch mit einſchmeichelnder ſanfter Beſchei⸗ denheit auftreten. Die ſaͤmmtlichen literariſchen und eleganten Blaͤtter des Koͤnigreichs hatten den Dichtern und Kuͤnſtlern nicht ſo viel Noth gemacht, als die Kritiken des Koͤniges, der als ein guter Recenſent niemals von dem Werk 48 ſprach, ſondern von der Stimmung in welcher er es betrachtete. Dieſe war aber ſelten rein. Denn die ſchoͤne Prinzeſſin verſtimmte den Koͤnig durch Feuer und Kaͤlte, und ließ ihn durchaus zu keiner gleichſchwebenden Tem⸗ peratur gelangen. Ihr drittes Wort war und blieb Florio und immer Florio. Wollte der Koͤnig die Muſik ihrer Stimme hoͤren, ſo mußte er das unerſchoͤpfliche Thema von Florio's Verdienſten, wie er den Braut⸗ ring aus dem Meer geholt, den Rieſen Ga⸗ lifron bekaͤmpft und ihr das Waſſer der Schoͤnheit gebracht habe, in ewigen Variazio⸗ nen vorſingen laſſen. Von ihm, dem hohen Braͤutigam, war die Rede gar nicht. Er ver⸗ doppelte zwar die Feſte und kleidete ſich des Tages zwoͤlfmal um, bald majeſtaͤtiſch, bald ſchmachtend, aber die Prinzeſſin Braut bemerkte weder ſeine Beſtaͤndigkeit noch den Wechſel ſeiner Draperie, und ihre erſte Frage blieb nach wie vor allemal nach Florio. Der Koͤnig beſchloß daher, das Mittel gegen Florio zu gebrauchen, welches ſchon oft gegen Maͤnner, nach welchen das Volk 49 mehr fragte, als dem Koͤnig lieb war, gute Dienſte geleiſtet hatte. Dieſes Mittel war auch ein wunderbares Waſſer, welches aber nicht aus der ſchwarzen Grotte kam, ſondern in die dunkle Behauſung fuͤhrte. Man wuſch das Geſicht damit, und in kurzer Zeit fiel der Gewaſchene in einen ſo ſuͤßen Schlummer, daß er das Erwachen fuͤr immer aufgab. Der Koͤ⸗ nig hatte dieſes Waſſer allezeit in hoͤchſteigner Verwahrung, und hielt es ſehr geheim ver⸗ borgen. An einem Abend, wo er ſehr mißver⸗ gnuͤgt von ſeiner Braut in ſein Kabinet zuruͤck⸗ kehrte, nahm er es aus dem geheimen Ver⸗ ſchluß und ſetzte es auf das Kamin, um mit dem fruͤheſten Morgen den armen Florio von jedem irdiſchen Makel rein zu waſchen. Aber der Ring der Prinzeſſin haͤtte von keiner Fee ſeyn muͤſſen, wenn er einen ſolchen Frevel gegen ſeine Beſitzerin zugelaſſen haͤtte. Der Koͤnig beſann ſich, daß, wenn er auch als hoͤchſter Lehns⸗ und Landesherr, Florio's bewegliche Habe, nach Erbrecht an ſich ziehn koͤnnte, er dennoch in der Ver⸗ laſſenſchaft des Erblaſſers Anmuth und Liebens⸗ Selene II. 9. H. 4 30—— wuͤrdigkeit nicht erhalten wuͤrde, indem der⸗ gleichen geiſtliche Guͤter, gleich Kirchenſtuͤhlen, nicht den gewoͤhnlichen Erbgang zu gehn pfleg⸗ ten. Er beſchloß daher, neben dem negativ wirkenden Mittel zugleich ein poſitives zu ge⸗ brauchen, und begab ſich noch einmal ſpaͤt zu der Prinzeſſin, um ſich einige Tropfen von ihrem Schoͤnheitswaſſer zu erbitten. Die Prinzeſſin meinte, er ſetze Mißtrauen in ihre Erzaͤhlung, und befahl einer Kammerfrau es zu bringen. Wuͤßten Frauen nicht in allen Verhaͤltnlſſen Rath zu finden, ſo waͤr die Kammerdame auf der Stelle todt, oder wenigſtens ohn⸗ maͤchtig geblieben. Sie hatte eine Spinne auf der Fiole geſehn, und indem ſie das haͤß⸗ liche Thier mit dem Beſen abkehren wollte, war die Fiole mit dem Schoͤnheitswaſſer zu Boden gefallen und zerbrochen. Guter Rath war hiir freilich theuer, in⸗ deſſen beſann ſie ſich ſchnell. Sie wuſch zu⸗ voͤrderſt alles, was ſich in der Geſchwindigkeit an ihr waſchen ließ, mit dem vergeudeten In⸗ halt des Flacons, pruͤfte die Guͤte des Mittels ——ãx— 51 9 geſchwind durch den Spiegel und ſchlich ſich dann in das Kabinet des Koͤnigs, wo, wie ſie ſich erinnerte, verſchiedene aͤhnliche Flaſchen ſtanden. Denn der Koͤnig mar ein Alchy⸗ miſt. Er hatte neben jener Univerſalmedicin, auch das allgemeine Aufloͤſungsmittel, Alka⸗ heſt genannt, erfunden, und das letztere ſogar ſeinem Finanz⸗ und Kriegs⸗Kollegio zum prini legirten Gebrauch mitgetheilt. Der Zufall, oder vielmehr der Ring der Prinzeſſin, welchen die Kammerdame in Verwahrung hatte, leitete ihre Hand nach der Flaſche, welche der Koͤnig ſo eben zu den uͤbrigen geſtellt hatte. Dieſe brachte ſie der Prinzeſſin. Der Koͤnig empfing ſie dankbar, entfernte ſich, und nahm eine ſo ſtarke Doſis zu ſeinem Verſchoͤnungs⸗ und Verjuͤnguns⸗ Verſuch, daß er in den, fuͤr Florio beſtimm⸗ ten Schlaf verſank, ehe er ſeinen Irrthum gewahr werden konnte. Im Palaſt lief alles durch und gegen ein⸗ ander, als die Nachricht von dem Tode des Koͤniges laut ward. Er war eben nicht ſehr geliebt, um ſo ſichtbarer war die Trauer 52 uͤber ſein ſchnelles Ende. Die Prinzeſſin Adele erbte, als deſignirte Gemalin des ver⸗ ſtorbnen Koͤnigs, die Krone, aber bevor ſie noch die Huldigungen ihrer neuen Unterthanen annahm, eilte ſie ſelbſt nach dem Thurm, in welchem Florio gefangen ſaß. Sie löſte ei⸗ genhaͤndig die Feſſeln des Gefangenen, ſetzte ihm eine goldene Krone auf das Haupt, gab ihm den Koͤnigsmantel um die Schultern, und erklaͤrte ihn vor allem Volk, welches ſich bei jedem Schritt um ſie draͤngte, fuͤr den Koͤnig des Landes und fuͤr ihren Gemal. Das Volk jauchzte hoch auf. Denn dem, was eine Koͤ⸗ nigin oͤffentlich thut, beſonders wenn ſie ſchoͤn iſt, und gar eben erſt die Regierung antritt, fehlt nie der öffentliche Beifall. Man fuͤhrte das koͤnigliche Brautpaar unter lautem Jubel zuruͤck, und beging die Vermaͤlungsfeier, zu welcher ſich alles, recht ſchoͤn von dem ſeligen Koͤnig bereitet, vorfand, mit ſo viel Freude als Pracht. Als die Feſtlichkeiten zu Ende gingen, erinnerte man ſich, daß es Zeit werde, den verblichenen Koͤnig zur Erde zu beſtatten. Das Hofmarſchallamt war in Verlegenheit, die 53 Trauer des Landes mit ſeiner Freude in Har⸗ monie zu bringen, und ordnete Schwarz und Roſenroth zur Trauerfarbe, welche ſpaͤterhin im Kreislauf der Mode, als Mode à la Marl- brough in der tragiſch⸗erotiſchen Periode des achtzehnten Jahrhunderts wiederkehrte. A. A. Dialogen. J. 1 Das Urtheil Salomo's. Die junge und ſchoͤne, bei alle dem auch ſehr verſtaͤndige Kriegsraͤthin Y* kam eben von der heurigen oͤffentlichen Gemaͤldeausſtellung am Arme ihres Onkels, des launigten Land⸗ kammerraths** zuruͤck, der ſeine Nichte zwar herzlich lieb hatte, jedoch ſich dadurch nicht abhalten ließ, ihr lachend oder ernſt, (wie es ſich gerade traf,) manches ans Herz zu legen, was zu Berichtigung ihrer Gefuͤhle, — oder Gedanken,— oder Einfaͤlle, noth⸗ wendig ſchien. Sie machten noch eine kleine Promenade durch die ſchattigten Lindenalleen des Heimweges, und ihr Geſpraͤch verbreitete ſich uͤber alles, was ſie in den Kunſtſaͤlen ſchoͤn 55 oder nicht ſchoͤn gefunden hatten. Es fiyxirte ſich endlich bei den Meinungen uͤber das große Gemaͤlde eines jungen talentvollen Mannes, das Urtheil Salomo's zwiſchen den beiden Muͤt⸗ tern, uͤber das noch lebende Kind vorſtellend. Beide Kunſtrichter waren darin einverſtan⸗ den, daß Anordnung und Gruppe gedacht und genialiſch, Zeichnung und Charakteriſtik mei⸗ ſterhaft, Beiwerk und Draperie geſchmackvoll, ſelbſt das Kolorit eben ſo wahr, als wohlger faͤllig ſei. Nur die Kleidung der beiden Muͤtter,(ſagte die Kriegsraͤthin Y* und ruͤmpfte den holden Roſenmund,)— ſcheint mir ein wenig zu un⸗ ſittlich. Halt!(erwiderte der gandtammerrath X**:) Denken Sie huͤbſch ans Modejournal! Y. Vielmehr, denken Sie daran, daß die Szene in ganz andern Laͤndern und Zeiten liegt! Und dann, welch ein Unterſchied, ſelbſt zwiſchen unſrer entbloͤßteſten Merveilleuſe, und dieſen beiden Figuren! Stehn ſie nicht da,— mehr als halb nackend!! X. Je nun, laͤndlich iſt, wie man ſagt, auch ſittlich. Der Fall der Damen war dringend; ſie hatten nicht Zeit zu großer Toi⸗ lette: und ſo gilt auch hier der Anzug,(wie man uͤberhaupt an Ihrem Geſchlechte bemerken will,) fuͤr— charakteriſtiſch. DY. Mag ſeyn! Aber etwas verhuͤllter haͤtte ſie der Maler doch wol darſtellen moͤgen. X. Iſt denn nicht die Zeichnung des Na⸗ ckenden, wo nicht die hoͤchſte Schoͤnheit, doch wenigſtens die hoͤchſte Kunſt? Gehen Sie in welche Antikengallerie Sie wollen,—— Y. Ich mag ſie nicht ſehn! Ich gehe, wie Sie wiſſen, nie dahin. N. Freilich Ihre Sache; der Geſchmack iſt nun einmal ſchon ſo verſchieden, wie— die Grundſaͤtze. Aber, um wieder auf unſer Gemaͤlde zu kommen: Sie ſcheinen zu ver⸗ geſſen, daß jener waͤrmere Himmelsſtrich eine leichtere Draperie nicht nur geſtattete, ſondern ſogar erfoderte. Verhuͤllen ſollte der Maler die beiden Frauen?! Lieber Himmel, da wuͤrde er doch eben ſo unſchicklich gefehlt haben, als wenn er den weiſen orientaliſchen Koͤnig in einen Hermelinpelz gekleidet haͤtte! Der junge 7 57 Mann ſcheint nicht in Rembrands Antikaglien⸗ Kabinette, ſondern in Rafaels Stanzen zu ſtudieren. N. Sagen Sie was Sie wollen! Unſitt⸗ lichkeit iſt immer Unſchicklichkeit; ſogar in der Malerei. Nafael, oder Rembrand,— das macht da keinen Unterſchted; auch fremder Ort und ferne Zeit nicht: denn der Maler malte ja fuͤr uns.. R. Welche große, wenigſtens doch ganz neue Bemerkung! Werde mir das, mit Ihrer Erlaubniß, in meine moraliſchen Kuͤnſt⸗ ler⸗Aphorismen,(die ich zu ſchreiben nicht uͤbel Luſt habe,) ſorgfaͤltig eintragen. Inzwiſchen,— was unſern Maler betrifft,— hm! ſo ließe ſich wol noch zu ſeiner Ent⸗ ſchuldigung ſagen: die beiden Damen, ihrer Reize bewußt, haͤtten ihren koͤniglichen Rich⸗ ter, der, unbeſchadet ſeiner Weisheit und Pre⸗ digertalente, gar ein geuͤbter Kenner weiblicher Schoͤnheit war,— dadurch ein wenig beſtechen wollen: und ſo wuͤrde dieſe Nacktheit ſogar zur Charakteriſtik des Ganzen gehoͤren; ohn⸗ 38— gefaͤhr wie die auf dem Ida. Meinen Sie nicht auch? Y. Ich meine, daß Sie wie gewoͤhnlich ſcherzen; daß Ihre Laune zwei ſehr ungluͤck⸗ liche Weiber zu Koketten herabwuͤrdigt; daß Ihnen der Kuͤnſtler ſelbſt, fuͤr dieſe poſtiſche, untergeſchobne Idee wohl wenig Dank wiſſen wird. Das meine ich! 4 NX. Sachte! Nichts fuͤr ungut! ſagt Meiſter Wunderlich. Ueberdieß war's ja nur eine bloße Landkammerraths⸗Idee; und ſo bitte ich ſie dem Kuͤnſtler herzlich ab, ſo wie auch Ihnen, gegebnen Aergerniſſes halber! Moͤgen nun aber die Nebenideen der beſchauenden Keittler ſeyn, welche ſie nallen; genug, daß die Hauptidee, naͤmlich das ſchwierige und treffliche Urtheil des weiſen Koͤnigs, in einer Sache, die alle heu⸗ tige Juriſtenfakultaͤten in die groͤßte Verlegen⸗ heit geſetzt haben wuͤrde, ſehr gluͤcklich gewaͤhlt, und herrlich ausgefuͤhrt iſt! Y. Gewaͤhlt?— Das ſcheint mir doch eine große Frage. Ausgefuͤhrt? Nun ja; nur wird dadurch eine Idee noch nicht zu einer vorzuͤglichen und gewaͤhlten. Ich wenigſtens, 4 — 59 haͤtte wol Luſt, Ihnen auch hieruͤber ein wenig den Krieg zu machen. 1 . Immer zu! Dafuͤr ſind Sie ja— Kriegsraͤthin. Aber laffen Sie doch Ahr Ma⸗ nifeſt hoͤren! 5 Y. Ich weiß nicht,— die ganze dee ſcheint mir ſo,(wie ſage 1 gleich?—) ſo unweiblich. E4s x. Unweiblich!!— Sio iſt aber wahr; iſt geſchichtliche Anekdote. Y. Wenn auch! Sie hat dennoch ſo et⸗ was zuruͤckſtoßendes fuͤr eine zartfuͤhlende weib⸗ liche Seele; iſt an und fuͤr ſich ſchon ſo torv, ſo grauſam;— kurz, ich weiß wahrlich nicht! X. Da geht es Ihnen gerade wie mir. Y. Naͤmlich ob ſie ſich fuͤr eine Kunſt ſchickt, die, wenn ſie auch nicht geradezu Leh⸗ rerin der Humanitaͤt waͤre, dennoch keinen Gegenſtand waͤhlen ſollte, der dieſer Huma⸗ nitaͤt zuwider iſt, weil er dem beſſern Ge⸗ fuͤhl ſchmerzhaft werden kann. R. So meinen Sie? Aber was tauſend machen wir denn nun mit unſern gemalten Schlachtſtuͤcken, Bethlehemitiſchen Kindermor⸗ 50— den, Maͤrtirergeſchichten, und juͤngſten Ge⸗ richten? NY. Weg mit ihnen! Beſchaͤftige ſich da⸗ mit meinethalben ein Loͤwengeſicht, wie Mi⸗ chael Buonaroti; erfreue ſich an ſowas ein harter kalter Kunſtkenner, wie— ohngefaͤhr, — wie ſage ich gleich? P. Ohngefaͤhr wie der Onkel: nicht wahr? Y. Ernſthaft, lieber Onkel, wenn ich bitten darf, uͤber eine ſehr ernſte Sache! Schon unſer braver Naumann fuͤhlte ſehr richtig, daß ſich das eigentlich Tragiſche, nicht einmal zur großen Oper ſchicke. Das wiſſen Sie doch? f. Ich weiß nur,— daß Naumann darin Unrecht hatte. Y. Geſetzt auch, obgleich nicht eingeraͤumt! Daß ſich aber ſolche tragiſche Suͤjets noch weit weniger fuͤr die ſchoͤnſte aller ſchoͤnen Kuͤnſte, fuͤr die Malerei, eignen: das geben Sie mir doch wol zu? X. Ich?! Nimmermehr! Y. Und darf ich mir wol das Warum erbitten? N . Eigentlich, meine gute Niece, ſind — 51 Sie mir ja noch Ihr Warum⸗nicht ſchul⸗ dig. Doch, unter Freunden und Verwandten gehts ſchon: ich will einmal Zahlung leiſten, ohne Valuta erhalten zu haben. Alſo: warum ich Ihnen nicht zugebe, daß ſich tragiſche Suͤjets nicht fuͤr die Malerei ſchicken ſollten? Darum: weil es mit ihr in dieſer Ruͤckſicht, (und auch wol als Familienaͤhnlichkeit mit allen andern bildenden und redenden Kuͤnſten,) ge, rade ſo iſt, wie— in der lieben Natur. Ueber⸗ all wirft das Licht auch Schatten; immer ſind Dornen bei der Roſe; in ſtetem Wechſel folgt Krieg auf Frieden, Friede auf Krieg. Das Menſchenherz iſt, ſeiner Beſtimmung nach, der Beruͤhrungen des Schmerzes eben ſo em⸗ pfaͤnglich, als der des Vergnuͤgens. Selbſt dem Auge ward nicht nur das Funkeln der Freude, ſondern auch die Thraͤne des Mitleids gegeben. Kurz, die ernſten, ja ſelbſt die ſchmerzhaften Gefuͤhle, ſind eben ſo gut in der Natur vorhanden, als die angenehmen: folglich duͤrfen Sie es den bildenden Kuͤnſten, dieſen Schuͤlerinnen der Natur, nicht verdenken, wenn ſie alles, was dieſe Gefuͤhle wecken kann, 62— in ihr Gebiet ziehn, das ſo weitumfaſſend iſt als das ihrer Lehrmeiſterin. Sie arbeiten ja nicht blos, wie der Tragantkuͤnſtler oder die Putzmacherin, fuͤr Menſchenaugen, ſondern auch fuͤr Menſchenherzen: und in der ſchoͤnſten Landſchaft eines Claude Lorrain iſt Chloens fruͤhes Grabmal mit der Inſchrift: Auch ich war in Arkadien! gar nicht uͤbel ange⸗ bracht. N. Ihre Moral in allen Ehren! aber ſie verbiete mir nicht, wenn ich einen Straus binden will, die wohlgefaͤlligern Blumen zu waͤhlen! X. Das geht zu Befriedigung Ihrer Ge⸗ ruchs⸗ und Geſichtsnerven wol an. Anders verhaͤlt es ſich mit den innern Gefuͤhlen! Auf ſie ſollen die vorkommenden ernſten, ſelbſt die furchtbaren Gemaͤlde, in der Bildergallerie ſowol als in der Weltgeſchichte, die wohlthaͤ⸗ tigen Wirkungen der Nuͤhrung und Beſſerung, durch Mitleid, Schrecken und Furcht aͤußern. Hat nun vollends der Kuͤnſtler, oder auch der Geſchichtſchreiber und der Erzaͤhler, mit Talent nud Geſchmack gearbeitet: ſo mildert uns das — — 63 ſogar das Allzuunangenehme des Suͤjets, und wir erhalten noch obendrein in den Kauf das eben ſo geſunde als angenehme Bitterſuͤße. Y. Aber,— fuͤr den, der nun einmal das Bittere nicht liebt, ſollte denn die Suͤße nicht ohne dieſen Beiſatz zu haben ſeyn? X. O ja! Thun Sie nur Honig in Ih⸗ ren Syrop Kapillaire, oder wacker viel Kan⸗ dies in Ihren Milchrahm! Nur muͤſſen Sie nicht fragen, ob es geſund iſt, oder nicht! Hoͤchſtens kann ich nur zugeben, daß, was Kunſtdarſtellung anbetrifft, freilich manches bloß auf den verſchiednen individuellen Ge⸗ ſchmack ankommt. Wiewol vieles auch hier, ſo wie uͤberhaupt in der Welt, jedem unver⸗ dorbenem Kopfe und Herzen behagen ſollte. Y. Warum nicht lieber gar muß?! Nein, lieber Onkel, in allen dieſen Punkten muß der Menſch freie Wahl haben: das werden Sie mir doch nicht abſtreiten? X. Wie koͤnnte ich das? Sie duͤrfen ja ſogar von einer Bußpredigt wegbleiben, ohn⸗ geachtet ſie durch Landesherrliche Mandate ein⸗ geſchaͤrft wird, und die Sache ſelbſt doch 54 wol nicht ohne Nutzen und Frommen fuͤr huͤbſche verſtaͤndige Weiber iſt.— Ueberhaupt, was ich geſagt habe, das war bloße Noth⸗ wehr meines individuellen Geſchmacks, gegen die Angriffe des Ihrigen. Machen wir Friede, und ſagen: leben, und leben laſſen. Ich verdenke es Ihnen nicht, daß Sie Sich an den lieblichen Nachbildungen eines Huyſum und einer Friedrichin ergoͤtzen: nur muͤſſen Sie es auch mir nicht verargen, wenn ich mich von einem Rugendas, Salvator Roſa, Lebruͤn, und Michel piu che mortal Angel divino, angezogen und geruͤhrt fuͤhle. Das iſt doch, auf Ehre, alles was maͤnnliche Ga⸗ lanterie vis à vis d'une Dame, thun kann! Beluſtigen Sie Sich alſo immerhin an einer Weißiſchen Operette, oder an einer Ifflandi⸗ ſchen Hauschronik: aber veruͤbeln Sie mir auch meinen Geſchmack nicht, den ich an einer Weißiſchen Befreiung von Theben, an einer Schillerſchen Maria, und an einem Sha⸗ kespeariſchen Hamlet finde! Y. Gut, gut, lieber Onkel! Der Friede ſoll fuͤr dießmal Cverſteht ſich!) gemacht 65 ſeyn: denn, wir haben kaum noch hundert Schritt bis nach Hauſe, und kaum zehn Mi⸗ nuten bis zur Suppenterrine. Nur noch eine einzige kleine Bemerkung, und Frage! N. Noch Eine?! Aber— die Suppe wird kalt! Y. Daß dieſer Geſchmack am Bittern und Dunkeln nur bei Euch Maͤnnern herrſchend iſt; daß wir Weiber vor Euern Salomo's Ur⸗ theilen, Bethlehemiaden, und juͤngſten Gerich⸗ ten erſchrecken: woher kommt das? X. Natuͤrlich daher, weil wir Maͤnner ſind, und Ihr— Weiber ſeid. N. Da waren Sie auf einmal gefangen! N. Wirklich? Y. Denn nun muͤſſen Sie mir doch ein⸗ geſtehn, daß Ihrem Geſchlechte das ſeine weib⸗ liche Gefuͤhl durchaus fehlt; daß Ihr alleſamt nicht nur an Haͤrten und Grauſamkeiten Ge⸗ fallen finden koͤnnt, ſondern auch,(vielleicht nicht ſelten!) hart und grauſam urtheilt. Ach, mein Onkel! Salomo's Gemalin wuͤrde ganz anders zwiſchen den beiden Muͤttern entſchieden haben! Brutus ließ ſeine beiden Soͤhne hin⸗ Selene II. 9. H. 3 66 richten: das waͤr kein Mutterherz im Stande geweſen! Ihr aber erhebt jenes Urtheil zum Range preiswuͤrdiger Weisheit, ſtellt dieſen Kindermord unter die Heldenthaten, und labt Euch ſogar an Darſtellungen ſolcher Art. Wenn das nicht falſch, nicht ungerecht geurtheilt iſt,——! X. Gemach, gemach, liebe Nemeſis! Deſto wahrer und gerechter urtheilen wir uͤber Ihr Geſchlecht, und glauben faſt, daß ein Weib mit einem Brutusherzen, ein wirkliches Ungeheuer, nicht einmal eine Loͤwin, ſondern eine Sphinx, und wol gar eine Warpye ſeyn wuͤrde. Y. Schon recht: aber, was folgt daraus? P. Nur dies: daß manches an und in uns Maͤnnern natuͤrlich, nothwendig, und ſogar groß ſeyn kann, was an Euch, liebe Weiber,— graͤßliche Unnatur waͤre. Es iſt mir, als hoͤrte ich den ſeligen Doktor Luther, wie er zu beiden Geſchlechtern ſpraͤche:„Da ſiehe deinen Stand an nach den Zehn Ge⸗ boten, ob du Unterrock oder Hoſe zu tragen berechtigt biſt!“— Doch, da ſind wir ja 67 ſchon an Ihrer Hausthuͤre! Kommen Sie, Nichtchen, eh die Suppe kalt wird! Es ſoll mir auf unſre Disputation ganz vortrefflich ſchmecken: nur,— bitte ich im Voraus,— wenig Zucker, und deſto mehr Senf; wo er ſich naͤmlich hinſchickt! Kretſchmann. 18. Int dun ie 8 hi 8 8 Hna Mo n de s gru ß.:8ℳ8 — Sei mir willkommen, Stiller Freund der Naͤchte! Keine Zaubermaͤchte Zaubern ſo wie du. Iſt das Herz beklommen, Druͤckt es duͤſtrer Kummer:. Du wiegſt es in Schlummer, Giebſt ihm ſanfte Ruh. In ein Reich voll Frieden Laͤſſeſt du uns ſchauen, Wenn auf Wald und Auen Weilt dein Silberſchein. 2 Wen das Gluͤck gemieden, Wer es nicht gefunden, Traͤume goldner Stunden Fuͤhrſt du zu ihm ein. Schoͤner knuͤpfen Herzen Jetzt den Bund der Treue, Schaun in Aetherblaͤue Sie dein Heiligthum. Nichterkannte Schmerzen, Hoffnungsloſe Qualen Schmelzen deine Stralen Sanft zu Wehmuth um. Immer wallſt du heiter Durch die hohe Ferne, Und die ernſten Sterne Bleiben weit zurück. Ach, ſchon ziehſt du weiter, Sinkſt bald ſcheidend nieder! Doch erſcheinſt du wieder, Bringſt du neues Gluͤck. H— h. 69 70— Kleine Gemaͤlde nach der Natur. Selbſt das Bekannteſte ſchaut gern in dem Bilde der Menſch. A. A. 1. Wir hatten den guten Vater, ſo friſch und heiter er auch gewöhnlich war, doch ſeit Jah⸗ ren nicht in dem Maße belebt und froͤhlich ge⸗ ſehn, als heute, an ſeinem ein und ſechzigſten Geburtstage. Ich weiß uͤberhaupt nicht, wie es kommt: uns Juͤngere erweichen und daͤmpfen unſre Freudenfeſte ſo leicht, ſtatt daß die Vaͤter dadurch nur gekraͤftiget, nur zu unvermiſchter 3 Froͤhlichkeit belebt wurden. So moduliren jetzt ſogar unſre Triumf⸗Symfonien viel in Moll, ſtatt daß ſonſt ſchon jeder Marſch in ſeinem Dur unverruͤckt ausharrete. 71 Am Morgen hatte jedes dargebracht, wo⸗ mit es dem Vater ſeine Theilnahme bezeigen wollte. Schweſter Laurette ſtach uns alle aus; und indem ſie, dies bemerkend, ſich bis zum Uebermuth gluͤcklich fuͤhlte, ward ſie eben dadurch nur noch liebenswuͤrdiger und ſchlug uns deſto ſicherer aus dem Felde. Der Vater ging dann aufs Comptoir, wovon ihn nicht leicht etwas abhielt, und beſtellte nur noch, daß alle Mitglieder des Hauſes den Mittag bei ihm bleiben und viel gute Laune mitbringen moͤchten. Das geſchahe denn auch: wir hielten ein aͤußerſt frohes Mahl. Als wir aufſtanden, nahm der Vater meinen Freund in ein Fenſter allein. Lieber Hermann— redete er ihn leiſe und liebreich an; alles iſt dieſen Mittag ſo recht von Herzen froh geweſen, bis auf Einen — bis auf Sie: wie kommt das? Hermann wollte leugnen, der Vater un⸗ terbrach ihn: Glauben Sie denn, daß ich mich in ein und ſechzig Jahren nicht ein wenig habe auf Geſichter verſtehen lernen? oder daß 72 ich weniger auf Sie achte, weil Sie ganz unten an der Tafel ſitzen? oder daß ich Ihnen einen Vorwurf machen will?— 3 Aufmerkſam gemacht zu werden, man habe das Leid der Seinen nicht mitempfunden, be⸗ ſchaͤmt und verhaͤrtet; aufmerkſam gemacht zu werden, man habe an ihren Freuden nicht theilgenommen, erſchreckt und erweicht. So ging es Hermann. Der Vater bemerkte es, und zugleich, daß Einige aus der Geſellſchaft auf ihn achteten. Er rief alſo mir zu: Laß anſpannen, Julius! ich thoͤcht ein Stuͤnd⸗ chen in die freie Luft! 5*: Der Wagen kam. Der Vater begann: Heut' iſt Mittwoch— alſo keine Hamburger Poſt: da haben Sie am beſten Zeit, Herr Hermann; wollen Sie mich begleiten? Nehmen Sie mich nicht auch mit, Vaͤ⸗ terchen? fragte Laurette. „Du haſt doch wol noch fuͤr die Geſell⸗ ſchaft heut Abend zuzuſchicken, liebes Kind! Morgen, wenn du willſt!’“— Die beiden Maͤnner ſtiegen ein. Hermann bemuͤhete ſich, den Vater zu unterhalten: dieſer —— 73³ ließ ihn ſchwatzen, bis ſie in den ſchoͤnen, ſtillen Birkenwald kamen. Fahre hier lang⸗ ſam! rief er dem Kutſcher zu. Und Sie, junger Herr— wendete er ſich plöͤtzlich an Hermann— jetzt gebeichtet: wo klemmt's? wo fehlt's? Aus dem, was Hermann erwiderte und nicht erwiderte, fand Papa Grund, ihn nach einer Weile mit der Behauptung zu erſchrecken: Sie lieben! Nun, iſt denn das ein Ungluͤck? Fuͤr mich— ja! Wie ſo? Sie haben mich als einen blutarmen Kna⸗ ben in die Stadt genommen: Niemand weiß beſſer, als Sie, daß ich noch eben ſo arm bin. uUnd was weiter? O junger Herr, ich daͤchte doch wahrlich, das Schickſal ruͤckte es uns eben jetzt naͤher als je vor die Augen, wie unſicher alles iſt, was Gluͤck genannt wird! Aber meine Geliebte iſt ſehr reich— Dazu gratulir' ich freilich nicht unbedingt. Oder vielmehr: die Ihrigen ſind es— Das iſt gemeiniglich fuͤr den armen Mann 74—— noch viel ſchwerer zu tragen. Sie hat alſo noch Aeltern? Den Vater. Was iſt das fuͤr ein Mann? O der beſte, der guͤtigſte, der... Aha! So ſo! fiel Papa ein, und blickte eine Weile ſummend zum Wagen hinaus. Dann fuhr er fort: Nun, das Maͤdchen ſelbſt: wer⸗ den Sie wieder geliebt? Ganz gleichguͤltig bin ich ihr nicht. Aber geliebt— nein, das zu ſeyn darf ich nicht hoffen.. Und warum ſuchen Sie nicht da erſt ge⸗ wiß zu werden? Wie koͤnnt' ich das anders, als wenn ich ſie ganz zu gewinnen trachtete? Und wuͤrde ſie nicht ungluͤcklich, durch mich ungluͤcklich, wenn ich ihr Herz an mich geriſſen haͤtte, und ihre Hand wuͤrde mir verſagt? Das iſt brav gedacht— ſehr brav, mein lieber Hermann! ſagte der Vater ernſthaft, und legte ſeine linke mit ſtarkem Nachdruck auf Hermanns rechte Hand. 75 Indem rief der Kutſcher: Befehlen Sie, daß ich in den Gaſthof fahre? Ja freilich, war die Antwort. Wir wollen den Kaffee da trinken.— Es demuͤthigt uns weit mehr,( und mit Grund,) wenn der, dem wir Geſtandniſſe thun, ſich ſtoͤren laͤßt, als wenn er gar nicht darauf achtet. Hermanns ſchon aufglimmende Hoffnung wurde alſo ſchmerzlich darnieder ge⸗ ſchlagen. Und daß der Vater ſich, wie ge⸗ woͤhnlich, in die Geſellſchaft miſchte, und auf dem Nuͤckwege den Faden eines weitlaͤufigen Geſchaͤftsgeſpraͤchs gerade bis an die Haus⸗ thuͤre auszog, ohne auch nur ein Woͤrtchen, nur eine Wendung, nur eine Beziehung auf die vorige Unterhaltung anzubringen: das druͤckte den armen Liebhaber vollends ganz zu Boden, und er fand ſich faſt beleidigt, als ihm beim Scheiden zugerufen wurde: Und kommen Sie den Abend nicht zu ſpaͤt! und huͤbſch vergnuͤgt!—— Weder dieſen Abend, noch in den naͤchſten acht Tagen fiel das Geringſte vor, was mit jener Szene in Verbindung zu ſtehen ſchien. 76 Das laſtete denn ſchwer auf meinem Freunde, und Laurettens ungeſtoͤrte Heiterkeit konnte ſeine Burde wol am allerwenigſten erleichtern. Aber die Anrede Papa's am neunten daße ſchlug vollends alles darnieder. Lieber Hermann, ſagte er naͤmlich; Sie kennen meine Geſchaͤfte mit dem Hauſe R. in Paris. Es ſteht bedenklich um dieſe Herrn. Ich wuͤnſchte da ſchnell zu retten, was noch zu retten iſt. Durch fremde Mittelsperſonen wird mir die Sache zu weitlaͤuftig. Wie, wenn Sie die Reiſe dahin machten, und mir die Angelegenheit ſo gut fuͤhrten, als ſich's thun laſſen will?— Und als nun die ganze Sache ausfuͤhrlich durchgeſprochen und auch berichtigt war, daß Hermann ſchon morgen fruͤh abreiſen ſollte, ſetzte der Vater ſogar noch hinzu: Gewiß wird die angenehme Reiſe, und die bunteſte, luſtigſte Stadt der Welt, Sie auch wieder aufheitern und— zerſtreuen. Hermann erwiderte kein Wort, ſchloß ſich in ſein Zimmer, beſorgte ſeine Angelegenheiten, ließ ſich den Abend entſchuldigen, daß er nicht zu Tiſche komme, und bat durch mich bei „— 82 allen, ihm den Abſchied zu erlaſſen— was denn Papa alles recht gut fand. So ritt mein Hermann vor Sonnen⸗Aufgang ſtill und traurig davon. Laurette war dieſen Tag ernſt⸗ hafter und zerſtreueter, als gewoͤhnlich; da aber hernach der Vater ſelbſt, weit mehr als ſonſt, ſich darum bekuͤmmerte, daß ſie oft in Geſellſchaft kam, an allerhand Luſtpartien theil⸗ nahm, und ſtets andere Geſichter ſahe: ſo ſchien ſich das bald zu verlieren. Wenigſtens ich, ich achtzehnjaͤhriger Flüchtling, fand ſie ganz, wie ehedem. — V—·— 2. So verging der Reſt des Fruͤhlings und der ganze Sommer. Der Fruͤhherbſt— dieſe Jahreszeit, die uns Deutſchen ſo vorzuͤglich wohlwill und wohlthut, vielleicht weil ſie mit uns ſelbſt die meiſte Aehnlichkeit hat— der Fruͤhherbſt kam, und zeigte ſich ſo ſchoͤn, als jemals. Da begann der Vater eines Tages: Kinder, ihr wißt, daß ich dies Jahr meine gewoͤhnliche Brunnenreiſe unterlaſſen habe, 78 weil ich mich wohl befand. Jetzt iſt mir doch, als haͤtte ichs nicht thun ſollen. Und da noch Zeit iſt, wo nicht zum Brunnen, doch zur Reiſe: ſo, dice iche machten wir uns noch auf.. 86 nn Wie— ſul Lautette ein; daß 6 ich auch mit? Ja freilich, antwortete der Vater. Du haſt mich ſo verwoͤhnt, daß ich mir einbilde, ohne dich nicht mehr ganz froh ſeyn zu koͤnnen. Laurette wendete das mit einem neckenden Einfall von ſich ab, bewieß aber durch die dankbare Perle in ihrem Auge, daß ſie ſich ſchon recht geſchickt an das Doppeltſpielen ihres Geſchlechts gewoͤhne. Und wohin ſolls denn gehen? fragte ſie Ber ach. Nach Frankſurt. 4 erAus Nach Frankfurt: da ſind wir ja a vor vier Jahren geweſen! Das wol; es iſt aber doch ehumat eine der angenehmſten Reiſen, die man im Vater⸗ lande machen kann, und dann moͤcht' ich auch )— 79 meine Schweſter noch einmal ſehen. Sie wird ſehr ſchwaͤchlich. Nun freilich! ſagte Laurette etwas kleinlaut. Vielleicht, fuhr der Vater fort, koͤnnen wir unſern Hermann dort empfangen und mit zuruͤcknehmen. Hermann? Hermann? riefen wir alle, bis auf Lauretten, die den Vater ſchweigend nur mit einem durchdringenden Blick ins Auge ſahe. Sein Geſchaͤft iſt zu Ende, fuhr Papa in ungeſtoͤrtem Gleichmuth fort. Ich hab' ihm angeboten, laͤnger in Paris zu bleiben: er will aber nicht. Nach dieſem ſeinem Briefe macht er ſich naͤchſtens auf. Der Vater erzaͤhlte nun, wie gut Her⸗ mann jene Angelegenheit gefuͤhrt habe; Lau⸗ rette las jedes Wort von den Lippen, und ſchien Hermann's Lob mit noch mehr Genuß zu empfangen, als wenn es ihr eigenes ge⸗ weſen waͤre. Doch ſagte ſie kein Wort, und wurde nur ein kleines Weilchen ernſthaft, her⸗ nach aber deſto muthwilliger. Endlich fragte der Vater: 80 Hab' ich euch denn ſchon geſagt, daß nun auch Louis wieder in Frankfurt iſt? Za, Sie haben! erwiderte Laurette ſchnell und kurz. Louis war naͤmlich meiner Tante Stiefſohn. Er ſoll ein geſchickter, wackerer, liebens⸗ wuͤrdiger M enſch geworden ſeyn, ſchreibt mir die Mutter. Die Mutter— nun ja! fiel Laurette ein. Und der Vater beſchloß: Ich hoffe, wir wer⸗ den ihn auch ſo finden!— 3. Wir reiſeten, wir kamen an, wir unterhiel⸗ ten uns ſehr angenehm. Laurette allein hatte zuweilen Launen, und war gegen Gewohnheit zuruͤckhaltend. Vetter Louis hatte genug Selbſt⸗ gefuͤhl aus Dijon mitgebracht, um dies, ein⸗ ſtimmig mit der guten Tante, ſehr zu ſeinen Gunſten auszulegen. Er ward etwas zudring⸗ lich: da gab's ziemlich beſtimmte Erklaͤrungen, und nach dieſen gab es eine lange, ernſthafte 81 Unterhaltung mit Papa, deren Reſultat ich nur vernahm: „Sie haben recht, liebſter Vater: Louis iſt ein huͤbſcher, munterer, galanter Mann geworden; aber ich habe auch Recht: in der Geſellſchaft wuͤrd' ich mich recht angenehm bei ihm befinden, in der Ehe aber ſehr ſchlecht. Er unterhaͤlt, er amuͤſirt mich: aber ich kann ihn nicht hochachten. Und hochachten, ſogar aus Hochachtung ein wenig ſcheuen muß ich den Mann, dem ich mich hingeben ſoll; ſonſt — ich kann Ihnen das nicht ſo recht ſagen, wie ich's empfinde, aber... ich wuͤrde mich gewiſſermaßen beſchaͤmt fuͤhlen, ich wuͤrde bei gewiſſem Geſchwaͤtz der Welt nicht gleichguͤltig bleiben koͤnnen, ich wuͤrde vielleicht gar zu Thorheiten geneigt werden... kurz, wie ge⸗ ſagt, es ginge ſchlecht!“ Was du da ſagſt, genuͤgt mir vollkommen, und ich werde die Sache nie wieder erwaͤhnen, beſchloß der Vater.— Hermann hatte kurz vor ſeiner Abreiſe von Paris noch Hinderniſſe gefunden; ſtatt ſeiner kam ein Brief, der dies ankuͤndigte. Der Selene II. 9. H. 6 32 Vater war verdruͤßlich, Laurette hatte am Mor⸗ gen truͤbe Augen, die Freude im Hauſe war durch jenes Reſultat ebenfalls geſtoͤrt: da be⸗ ſchloß der Vater abzureiſen, die Rheingegenden mit uns zu beſehen, und Hermann, falls er eintraͤfe, nach Eiſenach zu beſcheiden.— Die Gegenden am Rhein bluͤheten damals noch uͤppig vom Segen des Friedens; Trau⸗ lichkeit und Frohſinn, Freimuth und Wohl⸗ ſtand wohneten unter ſeinem ſchirmenden Dach. Leben und leben laſſen, war allgemeiner Wahl⸗ ſpruch der gluͤcklichen Laͤnderchen; gut, leicht und froh ſeyn, der Sinn ihrer Bewohner; ruhig ſchaffen, mild gewaͤhren, friſch genießen, ihr Thun. So fanden wir den Vornehmen, den Geiſtlichen, den Buͤrger, den Bauer. Furcht hatte der Unterthan ſo wenig vor dem Fuͤrſten, als der Fuͤrſt vor dem Unterthan. Unſer Herr iſt gut, darum folgen wir ihm gern, ſagte der Letztere; meine Unterthanen ſind treu, darum beſchraͤnk' ich ſie wenig, ſagte der erſtere. Gaſtfreiheit und Liberalitaͤt herrſchten uͤberall. Man horchte gern auf das Neue, blieb aber dem beſſern Alten getreu. 83 Viel wahre Religioſitaͤt fand ſich bei keckem Urtheil oder gewohntem Mechanismus in der Religion; viel philoſophiſcher Geiſt bei wenig Philoſophie; ein ſicherer, tiefer Blick bei wenig und fluͤchtigem Raiſonnement. Die Kuͤnſte bluͤheten ohne große Theoretiker; ſie wurden reichlich unterſtuͤtzt, ohne Aufheben, und ſchoͤn in das taͤgliche Leben verwebt, ohne betraͤcht⸗ liche Bildungsanſtalten. Wir haͤtten ſehr milz⸗ ſuͤchtige oder ſehr boͤſe Menſchen ſeyn muͤſſen, wenn uns, dies alles zu bemerken und darin mitzuleben, nicht uͤberaus gluͤcklich gemacht haͤtte. 4. Hermann war den Abend vor uns in Eiſenach eingetroffen. Einſam, ſchwaͤrmeriſch, gern in der Vorzeit lebend, hatte er dem Wunſche nicht widerſtehen koͤnnen, die Nacht auf jener er⸗ habenen Staͤtte zuzubringen, die jedem Deut⸗ ſchen wenigſtens eben ſo heilig ſeyn ſollte, als dem Griechen der Hain zu Dodona, auch nachdem dieſem hier, wie uns dort, die Goͤt⸗ 84 terſtimmen verklungen waren, oder doch, nach⸗ dem dieſe von ihm, wie jene jetzt von uns, nicht mehr befragt wurden. Das Kunſtgetriebe der großen Welt hebt nur leichte Laſten vom Herzen: ſchwerere draͤngt es deſto tiefer zuruͤck, druͤckt ſie deſto feſter ein. Das hatte auch Hermann an ſich ſelbſt erfahren. Jetzt ſtieg er, ſo wie die Sonne geſunken war, hinauf, zwiſchen maͤchtigen Buchen und freundlichen Birken, zur Wart⸗ burg Der Abend war ſchoͤn und lau. Unten im Thal lag ſchon alles mit weißem Nebel zugedeckt, und nur einzelne Felſenſtuͤcken draͤng⸗ ten aus dieſem ihre ernſten Haͤupter hervor, die nun vom Mondlichte ſanft angelaͤchelt wur⸗ den. Blos die Burg ſelbſt und ein Theil des Maͤdelſteins ſtanden noch roͤthlich beleuchtet. Hermann verweilete bei dieſem Anblick, und fluͤſterte ſich ſelbſt zu: du treues Bild meiner Vergangenheit und Gegenwart! dort zeigſt du mir meine Kindheit, in meiner Seele faſt unter⸗ gegangen, bis auf einzelne, ernſte Szenen, die nun aus ſtiller Ferne der Erinnerung ſo mild angeſtralt werden; und hier meine Ge⸗ 85⁵ genwart, mein muͤhſames Emporklimmen nach einem ſchroffen Ziele! Doch iſt ja auch dies Ziel ſichergeſtellt und glaͤnzt ſchoͤn aus dem Dunkel! Und als er eben durch dieſe Worte ſich ſelbſt erheben wollte, waren die letzten Schimmer des Abends verblichen, und die Burg lag ſtill, kalt, ſchwarz, und wie dro⸗ hend, nahe vor ihm. Ein heftiger Schmerz ſchnitt ihn bei die⸗ ſem Anblick durchs Herz, doch bekaͤmpfte er ihn und ſtrafte ſich uͤber ſeinen Bilderdienſt. Indem kam der Kaſtellan, der ihn freundlich empfing und gern zu beherbergen verſprach.— Der Morgen ergrauete. Das ganze große Thal war in Duft gehuͤllt, und Nebel ließen auch nur erſt nach manchem Kampfe die Stra⸗ len der aufgehenden Sonne durchbrechen. Kaum riſſen ſich aber dieſe hindurch, ſo ſanken jene und entflohen! und jetzt ſtieg bald dieſer und jener Theil des heitern Thals, bald aber auch auf Augenblicke das Ganze, wie ein gruͤnen⸗ des Eiland aus wogendem Meere hervor. Nur ganz unten und fern, da wo die Menſchen wohnen und ihre Sorgen und ihr Wankel⸗ 86 muth, nur da erzeugten ſich neue Nebelhuͤllen: aber ſie waren leichter, als die von oben wal⸗ tenden, und zogen nur uͤberhin, und ſchatteten nur zarter ab, woruͤber ſie hinzogen. Dieſe bedeutungsvollen Bilder des Erden⸗ lebens, der vom herrlichen Hellthal unter ſei⸗ nen Fenſtern feſtgehaltene Blick, und die Erin⸗ nerung, daß hier, eben hier, Luther, ein Menſch, wie er, volle Heiterkeit und Kraft gewann, Europa zu wecken, geiſtig neu zu geſtalten, und eine Welt von Gegnern her⸗ auszufordern:— dies erhob Hermanns Ge⸗ muͤth weit uͤber alles Zweifeln und Sorgen und Kuͤmmern. Heitern Muths heſuchte er nun jede, durch große Seelen und große Tha⸗ ten der Vorzeit heilige Stelle; und als er mit dem Saale der Minneſaͤnger beſchloß, konnte er ſogar nicht unterlaſſen, laut in das Lied einzuſtimmen, das eben hier der mannhafte Herr, Hans Hadloub, voorr ſechshundert Jahren vorgeſungen hatte: Wie fern ich von der Schoͤnen fahr, Ich hab einen Boten, der ſchnell zu ihr geht; Den ſend ich alle Morgen dar 87 Zu ihr, und auch manchen Abend ſpaͤt: Es iſt mein Sinn, Der faͤhrt zu ihr, wie fern ich bin. 3. Hermann machte ſich nun auf, nach der Stadt zuruͤckzugehn; da wollte er noch auf dem Wege der heiligen Eliſabeth an ihrem Brunnen ſein Morgenopfer darbringen. Er war noch nicht weit, als er aus der Tiefe eine Geſell⸗ ſchaft Staͤdter nach demſelben Wunderquell heraufſteigen ſah. Es war ihm gar nicht recht, und er beſchloß, ſich jetzt nur den Ort zu be⸗ ſehen, die eigentliche Wallfahrt aber fuͤr ein andermal zu ſparen. Die Geſellſchaft, die fruͤher angelangt war, hatte ſich um den Brunnen gelagert. Auf dem Rande deſſelben ſaß eine weibliche Geſtalt, die ſtill in den hellen Waſſerſpiegel blickte, und mit ſcherzhaftem Laͤcheln leichten Wohlge⸗ fallens auf das horchte, was einer der Gela⸗ gerten aus einem kleinen Buche vorlas. Und zwar las man des lachenden Muſaͤus 88—— ſchelmiſche Melechſala, worin bekanntlich auch die Geſchichte der heiligen Eliſabeth, und dieſes ihres Brunnens, des glaͤnzenden Zen⸗ tralpunktes ihrer Mildthaͤtigkeit, der mit allen ſeinen Stralen nichts als Bettler an ſich ſei— anmuthig berichtet wird. Der Vorleſer gab eben die Stelle zum beſten, wo die fromme Landgraͤfin wieder einige Laiblein Weizenbrots, benebſt dem Abhub der Tafel, konttedand ge⸗ macht, alles in ein ſauberes Koͤrbchen geſamm⸗ let, es unter dem Schuͤrzchen wohl verborgen hat, und nun mit der Spende, dem harther⸗ zigen Ehegemal zu entſchluͤpfen, durch das verſteckte Felſenpfoͤrtchen, dort den gekruͤmmten Burgweg hinab, ihren magern Gaͤſten entge⸗ genwandelt. Da konnte es die Geſellſchaft nicht laſſen, die Blicke, als komme die fromme Lisbeth eben wieder herab, nach dieſem Burg⸗ wege zu richten. Indem unterbrach ein lau⸗ ter Schrei den Vorleſer, der Schrei ward oben erwidert, der Vorleſer ſchrie mit, und alles ſprang auf in Freude und Jubel. Es verſtehet ſich: die Geſellſchaft waren wir, und Hermann war das Echo. 4 1 — — — 89 Nach den erſten Ergießungen beſtand Her⸗ mann darauf, die angefangene Morgenandacht fortzuſetzen, indem man ihn kuͤnftig noch oft genug zur Hand haben wuͤrde, nicht aber den Brunnen der heiligen Eliſabeth. Man that ihm den Willen; Papa ſetzte ſein Pfeifchen, ich meine Melechſala fort, die Geſellſchaft genoß aus Laurettens Koͤrbchen einiges Nahr⸗ hafte zu dem Erfreulichen, und dieſe nahm ihr Plaͤtzchen an der einen Seite des Brun⸗ nens wieder ein, waͤhrend Hermann an der entgegengeſetzten Poſto faßte. Ich ließ den Soldan Othman, den Scheik Kiamel, den verkappten Boſtangi nach Moͤglichkeit hervortreten: ich weiß aber nicht, ob jene beiden Leutchen viel von ihnen vernommen haben. Sie ſahen einander laͤchelnd an, und da ſie bemerkten, dies ſei geſchehen, ſchlugen ſie die Augen verlegen nieder. Was konnten ſie nun aber dafuͤr, daß ſich jetzt die Blicke im kryſtallenen Waſſerſpiegel wieder be⸗ gegneten, und hier, unbelauſcht, und durch das untheilnehmende Element dreiſter gemacht, ihr un⸗ ſchuldiges Freudenſpiel kuͤhner fortſetzten?—— 90 Die wenigen Tage unſers Aufenthalts in der friedlichen Stadt und in ihren paradieſi⸗ ſchen Umgebungen verflogen uns, wie Stun⸗ den; und keines konnte mehr zu ſich ſelbſt kommen, als eben noͤthig iſt, um eine ſchoͤne Gegenwart recht auszukoſten. Jetzt wollten wir fort. Da wendete ſich Papa an mich und Schweſter Lauretten: Kin⸗ der, ich habe fuͤr euch einen Miethwagen bis Gotha beſtellt. Ich will gern mit Hermann unſre Geſchaͤftsſachen ruhig durchſprechen. Ihr haͤttet dabei Langeweile. Fahrt alſo nur immer vorauf!— Unſer Proteſtiren war vergebens; die Wagen kamen, wir mußten vorn weg. Ich kann eben nicht ruͤhmen, daß mich Laurette auf dieſer Fahrt vorzuͤglich unterhalten haͤtte. Der Reſt der Ruͤckreiſe bot ebenfalls nichts dar, das hier zu erzaͤhlen waͤre. Der gute Hermann verſank ſogar zuweilen wieder in ſeine ſchwermuͤthige Laune, was mir von gar nicht guter Vorbedeutung ſchien. Wir kamen zuruͤck, und wurden in unſerm Hauſe ſehr freudig empfangen, vornaͤmlich von Herrn Luchs. Dieſer war ſeit langer Zeit Buchhalter in meines Vaters Dienſten geweſen, ſeit kurzem aber zum Compagnon erhoben wor⸗ den, weil er wirklich ein geſchickter, gewerbs⸗ luſtiger, treuer Mann war. Wir jungen Leute konnten ihn jedoch niemals recht leiden, um ſeines ewigen Schleichens, Krittelns, Knau⸗ ſerns und Belferns willen. Selbſt der Vater nannte ihn im Scherz nur ein perſoniſfizirtes Rechenexempel; das nahm auch Herr Luchs gar nicht uͤbel, ſondern ſetzte nur laͤchelnd hin⸗ zu: Aber das Exempel iſt richtig!— Daß er diesmal ſo belebt und freudig er⸗ ſchien, hatte auch weit weniger unſre Ankunft zum Grunde, als die, ſeines lieben Sohnes, der vor etwa acht Jahren, lockerer Streiche wegen, in ein fremdes Handlungshaus gebracht wor⸗ den war, und daſelbſt mit Geſundheit, Gei⸗ ſtes⸗- und Lebenskraft ſo reich hausgehalten hatte, daß er ſich jetzt gefallen ließ, mit den 9²2 kuͤmmerlichen Ueberreſten irgend ein liebenswuͤr⸗ diges und reiches Maͤdchen, von angeſehener Familie, zu begluͤcken. Sein Vater war ent⸗ zůͤckt uͤber dieſen großmuͤthigen Entſchluß, und wollte nun deſto eiliger und eifriger betreiben, was ſchon laͤngſt im Hinterhalte der oͤden Stelle, die er ſein Herz nannte, geſchlum⸗ mert haben mochte. Das war denn nicht mehr und nicht weniger, als: Traugott⸗ chen ſollte in allen jenen Beziehungen durch Laurettens Hand zufriedengeſtellt werden. Miein Vater ließ es, nach alter Sitte, an Familientagen gern etwas hoch hergehn. Auch jetzt hatte er ſchon fruͤher ein tuͤchtiges Empfangsfeſt beſtellt, wozu alle Mitglieder und Freunde des Hauſes eingeladen waren, und das noch durch eine ganz beſondere Vor⸗ richtung beziehungsreich werden ſollte. Indem wir naͤmlich beim froͤhlichen Deſert ſaßen, bemerkte Eins, der Garten ſei unver⸗ merkt erleuchtet worden. Alles eilte herzu, alles eilte hinab. Schaͤkernde Leuchtkugeln lockten die Geſellſchaft nach und nach an das Ende der Hauptallee, wo ein weitgeſpreitetes 93 Geruͤſte ſtand, das ſeine Beſtimmung noch nicht klaͤrlich verrathen wollte. Der gute Hermann, der ſich uͤber Tiſche, aus Schuͤchternheit nicht zu Lauretten, und aus Delikateſſe gegen dieſe neben die aͤlteſte Tante geſetzt hatte, erfuhr hier, wie das Gute ſich ſelbſt belohnt. Die Tante ſchlug hoͤflichſt ſeinen Arm aus, weil die Kuͤhle der Abendluft ihren alten Magenhuſten reizen wuͤrde, und Laurette wußte es nun, auf einem der tauſend Schleichwege, die einem Maͤdchen in ſolchen Faͤllen immer offen ſtehen, zu er⸗ reichen, daß ſie, bei aller Unbefangenheit, ohne Begleiter blieb, und der bloͤde Schaͤfer ſie nun, da alles fort war, wol geleiten mußte. Beide fanden fuͤr gut, etwas langſamer als die andere Geſellſchaft zu wandern, und fanden dieſe eben vor jenem Geruͤſte verſamm⸗ let. Kaum war Laurette herzugetreten, als ihr der muntere Vater eine Fackel reichte, und ſie anwieß, damit, auf den Stufen des Al⸗ tars, das Opfer anzuzuͤnden. Das geſchahe, und aus der Opferflamme flogen zwei Stralen hinauf an die Enden des Baues, und ent⸗ 94“ zuͤndeten, an dem einen, ein gewaltiges, an dem andern, ein gleiches L. Nachdem dieſe ſich eine feine Weile in rothſpruͤhendem Feuer gezeigt hatten, vereinigten ſie ſich in Eine große Flamme, die nun vielgeſtaltig und ſtilllodernd gen Himmel ſchlug, und nach und nach kleinere, ihr aͤhnliche ausſtroͤmte, welche dann luſtig flackernd um ſie her ſpielten. Die Idee, ſollt' ich meinen, waͤre faßlich genug geweſen; aber das Faßlichſte wird nur allzuoft am wenigſten gefaßt, weil uns das Suchen weit mehr erfreuet, als das fertig Ge⸗ fundene. Alles war druͤber her, die Szene, als waͤre ſie ein Werk eines Helden oder Poe⸗ ten, weit hergeholt zu erklaͤren und abzuleiten: jeder aber erklaͤrte, wie eben in jenen Faͤllen auch zu geſchehen pflegt, nur ſich ſelbſt in das Werk hinein. Der Troß hielt ſich hier— wie er's dort zu thun pflegt— nur an das Gemeinſte. „H. L., heißt, Hoch lebel und damit gut! und es gehet uns huͤbſch alle an— alle in gleichem Maße!“— Andere vertieften ſich mehr ins Beſondere. 8 — 95 Bedenken Sie, ſagte der idealiſirende Ober⸗ pfarrer, daß eben meine liebe Pathe das Werk entzuͤndete, und daß die Buchſtaben lateiniſch ſind! die Sache bekoͤmmt eine gewiſſe gewich⸗ tige Doppelzuͤngigkeit, wird ein wahrhaft or⸗ ganiſches Fragment, wenn wir ſie erklaͤren, mit: Haec lucet— Sie leuchtet— durch die Fackel naͤmlich und zugleich durch ſich ſelbſt; oder auch, mit: Haec luceat— Sie moͤge glaͤnzen— was ich ihr ſchon gewuͤnſcht habe, als ich ſie zur Taufe hielt! 3 Mit Verlaub, Ihro Hochwuͤrden, erwi⸗ derte der ganz reale Buͤrgermeiſter, und ſtemmte den Arm in die Seite; ich finde das etwas gekuͤnſtelt, und liebe das Natuͤrliche. Ich behaupte, es heißt: Häc limen— hier iſt die Grenze, hier iſt's aus— mit der Illu⸗ mination naͤmlich! und ſehen Sie, man kann wirklich nicht weiter gehen; es brennet auch keine einzige Lampe weiter hinterwaͤrts!— Hoffnung und Liebe, ziſchelte Trau⸗ gottchen ſeinem Herrn Vater zu; und dieſer entgegnete ihm: Sei doch kein Haſenfuß: ich habe ja noch nichts von dir angebracht! Be⸗ 96— greife doch: H. iſt der Familienname und L. der meinige; es heißt alſo ſo viel, als was wir ſonſt ſchreiben: H. und Compagnie. Es ſchmeichelt mir, darum ſag' ich's nicht laut. Mein Vater ſtand zufaͤllig bei ihm, lachte ihm ins Geſicht, und wendete ſich an Her⸗ mann und Lauretten:„Und wie erklaͤrt ihr's denn?“— Dieſe ſehr freundlich ausgeſpro⸗ chene Frage, der liebreich neckende Blick, und das aͤngſtlich verlegene Stillſchweigen der Ge⸗ fragten, ließen Herrn Luchs plötzlich ein Licht aufgehen, das ſtark um ſich griff und ihm moͤrderlich den Buſen brannte. Er ruͤckte die Naſe etwas hoͤher, ſog die Luft, wie nach Wittterung, ſtaͤrker ein, huͤſtelte, ſtieß ſein liebes Kind an den Aermel, und zog es leiſe, mit großem Bedenken, bei Seite. (Der Beſchluß im naͤchſten Heft.) 92 Charade. (Einſylbig.) Ich und die ernſte Schweſter war, Seitdem die graue Mutter uns gebahr, Ein ungetrenntes Zwillingspaar. Der Gruͤbler nagt an unſerm Weſen: Er kommt, und geht, und iſt geweſen! Der Endlichkeit Geſtalten ziehn Mit ihm durch unſre Reiche hin. Wo die beginnen, wo verſchwinden? Verſuch' es, Endlicher, zu finden! Doch willſt du gluͤcklich es ergruͤnden, So nimm erſt einen Standpunkt wahr, Wo niemals unſer Fußtritt war; Sonſt droht dem Schwindelnden Gefahr! Was mich betrifft, ich bin— ohſchon Der ſchaudervollen Goͤttin Sohn 98— Ein leerer, luftiger Patron. Platz hab' ich gnug, um Welten zu logiren— * Die Schweſter mag ſie dekoriren, Und— ihrem Untergang entgegen fuͤhren! Ihr ſchmilzt ja alles hin wie Schaum!— Ein Zeichen mir, und ich bin— Traum! Italien. IV.*) T. Sagt, was woget das Volk zum Tempel? was fuͤllet der Hallen maͤchtiges, weites Gewoͤlb, dicht, die gedraͤng⸗ teſte Schaar?2 Kaum noch brechen die Reihn ſchwarzkuttiger, glatziger Prieſter, tragend im Zuge das Kreuz, durch das Gewuͤhl ſich die Bahn. Alles draͤngt dem Altare ſich zu, mit banger Er⸗ wartung: dorther, ſcheiner es, quillt Gluͤck und gewuͤnſch⸗ tes Gedeihn. *) Fortſetzung aus dem 12ten Stück des vorigen Jahr⸗ gangs. Der Dichter verließ uns dort mitten in Neapel. Er wird uns noch in den Abſchnitten V. und VI. durch Rom führen; und dieſe beyden Abſchnitte folgen in den zwey nächſten Heften. Der Herausg. Selene II. 10. H. 1 2 4 Naͤuchernde Knaben umhuͤllen den Prieſter mit naͤchtlicher Daͤmmrung, unnd mit gemurmeltem Spruch zieht er ein Wun⸗ der herbei. Laͤngſt ſchon ſtockte das Blut Januars in geweih⸗ ter Phiole, und unſaͤgliche Noth druͤckte belaſtend das Land. Zuͤrnend waͤhnte das Volk den Geheiligten, und es begehrt nun fließend wieder das Blut, guͤnſtig den Schuͤtzer zu ſehn. Lang erſt zoͤgernd entflammt der behutſame Prie⸗ ſter die Menge: aber es fließet zuletzt, Wunder! der purpurne Quell. Jubelgeſchrei, wildbrauſendes, ſtromt von den Lippen der Hoffer: zwar nicht ſchwindet die Laſt, aber es ſchwindet die Furcht. 2. Druͤckend iſt oft dein Strahl im fels'gen Neapel, „ Phoͤbus: Feuer ſcheinet die Luft; allesverſengende Glut — 3 nagt an den Baͤumen umher und den Blumen; es ſchmachtet entſeelt faſt Alles lebend'ge; die Luſt, ach! ſie entflieht wie der Muth. Aber es nahet die Nacht, und erfriſchende Luft von der See her weht jetzt uͤber das Land, gleich dem gewaͤhrenden Gott. Froͤhlicher athmet die Bruſt: nun duften die Blu⸗ men, die Baͤume ſaͤuſeln und wiegen vergnuͤgt ſchattiger Wipfel Gezweig. 5 Aus in die Straßen ergießt ſich das Volk; und, hier die Guitarre, dort der Geſang, ſpricht froh lieblichen Wechſel der Zeit. Freundlicher neigt zu dem Schoos vielgruͤnender Erde der Himmel ſelbſt ſich: es ſinken vertraut tiefer die Sterne herab. Und in der Daͤmmrung Mantel gehullt entzuͤckt es den Wandrer, wandelnd am Meere, vermaͤhlt Himmel und Erde zu ſchaun. 3. Spanne die Segel, o Schiffer! hinweg von der Kuͤſte Neapels fuͤhr' uns Steuerer, klug, zwiſchen der Inſeln Gewuͤhl hin zum heiteren Sitz Aphrodite's, die ſich in Bajae, blumenbekraͤnzt den Altar, lieblicher Tage ge⸗ freut. Seeliges Leben! es ſchifft ſich ſo ſchoͤn auf gruͤn⸗ licher Meerfluth; über den Schiffenden lacht freundlich das himm⸗ liſche Blau. Hinter uns eilet zuruͤck das Geſtad, es ſchwinden die Berge, ſchwindet die herrliche Stadt, glaͤnzend im Spie⸗ gel des Meers. Lebe, du liebliche, wohl! ein Tag nur ſoll die Ver⸗ einten trennen, ein fluͤchtiger Tag, bringend ein fluͤch⸗ tiges Gluͤck. 4. Schoͤn aufſchwebt, am bluͤhnden Geſtad, des grau⸗ lichen Tempels 5 Woͤlbung, einſt von dem Land dir, o Cythere, geweiht. Liebliche Maͤdchen umtanzten im Kreiſe den feſtli⸗ chen Altar, ſchmeichelnder Floͤten Geroͤn lenkte den froͤhlichen Reihn. Jetzt nur ſaͤuſelt die Luft durch offene Hallen, und Epheu ſchwankt am verwaiſten Geſtein, hangend, ein duͤrftiger Schmuck. Nicht doch laß' ich den heiligen Ort, ruͤckhaltend das Opfer, welches der Frevelnde nur dir, Cythereah verſagt. Nimm dieß reine Geſchenk, ſuͤßduftend die juͤngſte der Roſen: opfernd leg' ich ſie her auf den geweiheten Platz. Und nicht minder, als einſt andaͤchtige Prieſter, erbitt' ich Goͤttin, fromm, was allein Leben dem Leben verleiht. 5. Iſt dieß Bajae, Maͤnner des Strands? ihr ſtaunet, und kaum noch 6—— kennt ihr, entwoͤhnet das Ohr, roͤmiſcher Na⸗ men Getoͤn! Hier einſt prangten im Glanz Blicklabende Villen, es zogen rings an der Kuͤſte, gepflegt, bluͤhende Gaͤrten 3 ſich hin. Sklaven, ein Heer, buntwimmelnd, und ſchnell im blinden Gehorſam, ſtets von Befehlen gedruͤckt, ſchwaͤrmten verbrei⸗ tet umher. Sorgenentwoͤhnt, reichwechſelnde Luſt durchko⸗ ſtend, erſchoͤpften hier die Gebieter der Welt jeglichen Lebens⸗ genuß. Aus dem Gebiete verdraͤngt ward ſtolz des ewigen Meeres heilige Fluth; ſie entfloh, weichend dem prun⸗ kenden Saal. Aber es raͤchte der Wellen Gebieter die gierige Hoffarth: langſam zehrend und ſtill tilgte die Woge den Bau. Und nun, aus dem Geklipp hervor, aufragen zer⸗ truͤmmert — 2 einzelne Boͤgen, es ſpielt ſiegend die Well' um ſie her. Weg ſind Gaͤrten geſchwemmt und Palaͤſte, du ſchaueſt die Spur nicht: aber im uͤppigen Wuchs reifet die Feig' und der Wein. 6. Klein, Puzuoli, erſcheinſt du dem Blick, doch gaſtlich und heimiſch iſt es in dir; uns zieht naͤher Geringeres an. Zwar viel Großes umher üͤberraſcht vortretend den Wandrer: herrlicher Tempel Gewoͤlb, maͤchtiger Saͤulen Gewind. Aber genug des Vergangnen beſtannt! es verachte der Menſchen Keiner den köſtlichen Tag, keiner die taͤgliche Luſt. Breite das reinliche Tuch, o Wirth! ihr Knaben, die Flaſchen bringt nun herauf, die, gekuͤhlt, laben nach heißerem Weg! 7. Suchſt du behagliche Ruh? dann meide Neapel! b es raſtet nimmer der Sinn, vom Glanz uͤppiger Fluren gelockt. Bald aufregen des Pauſilips Hoͤhn, in der Naͤhe, den Wandrer, ſtets durch ſteigende Pracht hoͤher verlockend den Schritt. Bald lockt Portici dich, bald freundlich das heitre Sorrento, welches des heiligen Lieds lieblichen Saͤnger ge⸗ bahr. Doch mich zieht es dahin, wo hell, in heiterer Klarheit, ab von den Bruͤdern getrennt, raget der hohe Veſuv. Friedlich erhebt vom Schooße ſich ihm, aufſteigend, ein Woͤlkchen. Rieſe, du ſchlaͤfſt: jetzt wol dulden die Schul⸗ tern den Gaſt. Auf denn! ehe der Tag noch graut, im gefluͤgelten Fuhrwerk uͤber die Lava dahin! hin, wo die Lava entſtroͤmt! 8. Graulicher Schleier umhuͤllt noch die Gegend; mun⸗ teres Blickes ſchauen die Sterne herab auf die entſchlafene Welt. Einſam rollet der Wagen dahin an der Kuͤſte. Was glaͤnzt dort, Fuͤhrer, leuchtend im Meer?„ Fiſcherlaternen im Kahn. Nachts ausfahren die Fiſcher; es folgen dem Schei⸗ ne die Fiſche.⸗ Goͤtter! wie? ſo bethoͤrt Gleiches ja Menſchen und Fiſch! 9. Kaum noch faͤrbt ſich das Haupt hochgipflicher Berge mit Purpur, und ſchon regt ſich das Dorf, regt ſich die laͤnd⸗ liche Stadt. Fluͤchtigen Laufs zwar rennt durch Straßen und Plaͤtze der Klepper: aber es faſſet der Blick doch das Enteilende wohl. Nichts iſt dem Blicke verhuͤllt, es verwehren die neidiſchen Waͤnde 40 nicht, ſo innres Geraͤth, als die Geſchaͤfte zu ſehn. Wie in der fruͤheſten Zeit, ſo ſchuͤtzt ein ſicheres 3 Dach nur hier die Bewohner, es bleibt ringsum geoͤffnet das Haus. Wachen ſie, webend am Stuhl, ausbeſſernd am Schuh und am Mantel, oder, ſpeiſend im Kreis: alles erblickeſt du 2 frey; ſchlafen ſie: dieß auch könnteſt du ſchauen; die rohrenen Betten, breit, fuͤr Viele bequem, ſiehſt du wie andres Geraͤth. Gluͤckliche! hier giebts keinen Verrath und keinen Verraͤther: denn, ihr Wackern, es nagt nie ein Geheimniß 8 an euch. 10. Labte das Auge ſich je der gewanderten Maͤnner ſo herrlich, als in dem uͤppigen Kreis, welchen es hier über⸗ X uberſchaut? — 11 Rings vom Berge herab, in die Ebenen hin, wo die Lava Bahn ſich gebrochen, erbluͤht doppeltgeſegnet das Land. Wie in den Welten des Traums, die ſo oft du ge⸗ bildet, erſcheint hier hoͤher der Strauch und der Baum, größer und gruͤner das Blatt. Was an Fruͤchten das Feld und der Garten gebieh⸗ ret: es reicht's hier dreifach Gaia's Kraft von dem Vulkane ge⸗ traͤnkt. Hundert Gehege ſind hier, und jegliches ſtreitet an Reichthum mit dem benachbarten: wer ſchlichtet den ruͤhm⸗ lichen Streit? Feigen begegnen in ſchwellender Laſt den geſenkten Kaſtanien, und es beugen ſich tief, gluͤhend, die Trauben am Stock. Edeler keltert Italien nicht die gereifteſte Traube, Leben ſpendend und Luſt, als am Zerſtoͤrer Veſuv. 12— IT. Wie ſich allmaͤhlich das Leben verliert! wie dunkler der Boden, gleich dem geoffneten Grab, duͤſter und klaffend ſich zeigt! Schon ſind ſchuͤchtern die Baͤume zuruͤck und die Straͤucher geblieben, und nun fliehet zuruͤck auch das beharrliche Gras. Ningsum nicht mehr Stimmen der Voͤgel; ſie lie⸗ ben des Lebens buntes und fröhliches Spiel, wie der geſellige Menſch. Schwarz ſind Huͤgel umher und Ebenen; ewige Trauer kuͤndet das oͤde Geſtein, dem ſich das Leben entzog. Und nun ſtellt er ſich dar mit gewaltigem Ruͤcken, der Rieſe, welcher das Leben mit Hohn, das er geſchaffen, verſchlingt. Schauer bewaͤltigt die Bruſt. Wie ſuͤß iſt des Le⸗ bens Erinnrung, da, wo im ſchweigenden Ernſt finſter der Orkus erſcheint! — 13 12. Immer entſchloſſen noch nicht zum Steigen, ſchwank' ich am Fuße Zoͤgernd, des ſteilen Veſuvs; loſ' iſt und ſchluͤpf⸗ rig der Pfad: denn mit jeglichem Schritt rollt nieder die Rinde von Aſche, welche den Ruͤcken des Bergs truͤgeriſch ſicher bedeckt. Doch nur, Fuͤhrer, voran! denn es gleicht das Beginnen der Haͤlfte: und wer nimmer begann, endet ja nimmer das . Werk! 13. Alſo erſtiegen iſt nun dein Gipfel, du drohender Unhold! Nieder ſchauet das Aug in den enthuͤlleten Schlund. Still iſt's umher, und klar iſt die Luft, und deut⸗ lich erkenn' ich auf ſchwarzſcholligem Grund Spalten und Kluͤfte genug. Aber es raucht nur ſpaͤrlich herauf aus ſeltener Eſſe, 44 wie von der Huͤtte des Dorfs friedlich der Rauch ſich erhebt. Nicht anklammert die Furcht dem Gemuͤthe ſich; ruhig erblick' ich nur den verloſchenen Grimm, nicht den ergluͤ⸗ henden, jetzt. Alſo treibt es der Menſch: er erbebet der kuͤnft'gen Gefahr nur, und der vergangenen denkt nimmer das leichte Gemuth. 14. Eins noch praͤg' ich mir ein, eh' wieder ins freund⸗ liche Thal ich kehre vom Gipfel Veſuv's, Warnung und Lehre 1 zugleich: Nimmer ſuche das Gluͤck in der Ferne ſich, wem in der Naͤh' es freundlich erſcheint; er erjagt haſtig den bittern . Verdruß. Keuchend eilt' ich hieher; mit Haſt nur koſtend des Weges erſten und lieblichſten Reiz ſtrebt' ich dem hoͤhe⸗ 4 ren zu. — 13 Schoͤneres hofft' ich zu ſehn, als die Kuͤſte, das Thal und die Huͤgel boten auf bluͤhendem Pfad. Aber wie bin ich getaͤuſcht! Hoher als noch der Veſuv aufragen die Gipfel der Berge 8 rings, Blickhemmend, umher: Somma, der Nachbar, zunaͤchſt; und wo frei ſich hinab in das Thal der gewaltige Fuß ſtreckt, dir, o Veſuv, da erſchau nur ich verwuͤſtetes 3 Land. 13. Dir nun weih' ich den Blick des Betrachters, und heilige Wallfarth, Dir Pompeji, das einſt ſtroͤmend die Lava be⸗ grub. Wie man Kinder verhuͤllt, daß ſie ſicherer ſchlafen, ſo lagſt auch du, vielduldende Stadt tauſend der Jahre ver⸗ huͤllt. Endlich nahte die Zeit und nahm die verſchleiernde Decke 16 von dir; ſieh, da erhob neu ſich die fruhe Geſtalt. Laͤngſt hinſchwanden, zerſtöͤrt von der Zeit, die Staͤdte, die einſt dich ſtaunend vermißt: jetzt ſuchſt ſtaunend du ſelbſt ſie umſonſt. Sagenerzaͤhlend, ein Greis biſt du nun, mit Blu⸗ men die Scheitel reichlich bekraͤnzt: dich umbluͤht rings eine neue — Natur. Gruͤnender Reben Gezweig umguͤrtet dich, und um der Vorzeit heiliges Denkmal ſchlingt heiter der Schmuck ſich des Tags. . 16. Mitten in reges Geſchaͤft und die Freude des flie⸗ henden Tages tauſendjaͤhriger Zeit, fuͤhrſt du, Pompeji, uns ein. Offen iſt noch das Gewoͤlb des Kraͤmers, offen die 2. Werkſtatt, offen der Speiſenden Saal, offen der Frauen Gemach. Wie ein geſchaͤftiger Mann aufſteht vom Sitz, die Geraͤthſchaft — 12 nicht verwahrend; er geht nur zu dem Nachbar ins Haus: alſo umher in der emſigen Stadt liegt alles Beſitz⸗ thum ruhig, der heutige Tag lebt in der graueſten Zeit. Rollte die Straße dahin nicht eben ein Wagen? Die Spur, noch iſt ſie ſo friſch!„Friſch her noch aus der Zeit des Trajans.“ 17. Einen, noch einen der Blicke dem ſauberſten Zim⸗ mer! es kraͤnzen rings die geglaͤttete Wand Blumengewinde ſo friſch, reich an Farben und zart, als waͤren ſie heute dem Pinſel erſt entfloſſen: es lebt jegliches zarte Gezweig. Und in dem mittleren Raum, welch liebliche, hol⸗ de Geſtalt ſchwebt tanzend, im Fluge, zuruͤck zaͤrtlich das Kopfchen gebeugt. Selene II. 10. H. 2 — 18 Wie ſie die Fuͤßchen bewegt, und die Arme ſo zau⸗ beriſch wendet: Kind nur ſcheint ſie zu ſeyn, Meiſterin iſt ſie ſo erſt. 18. Dieß, Pompeji's Buͤrger, iſt hoͤchlich zu loben, 1 B daß nicht ihr breit, zur Straße heraus, Zimmer zum Gaffen gebaut. Vorn ſind Atrien nur, dann zeigt der geraͤumige Hof ſich, und zur Seite des Hofs Zimmer des Herrn und der Frau. Fehlen durfte das Bad auch nicht: im hinterſten Hofe ſchließt es, zierlich geſchmuͤckt, edles Gebaͤudes Bezirk. So war alles vereint, was noͤthig und nuͤtzlich ge⸗ * duͤnkt hat; dazu verbannet ein Feind: laͤſtiges Straßenge⸗ raͤuſch. . 19 19. Marmorne Buͤhne„ wie warſt du belebt! wie oft hat die Hoͤrer Plautus erfreut und Terenz, oder auch griechi⸗ ſches Spiel! Floten! es ſind die Plaͤtze nur euch geblieben, verhallt iſt euer Geſang: hier wird nimmer er wieder ge⸗ . weckt! Hier bleibt ewige Stille; ſie ſtoöͤrt nur Wanderers Fußtritt, der in dem marmornen Haus traurig und leiſe ſich regt. 20 Dialogen. Fortſetzung. II. Der Landkammerrath, der Kriegsrath, die Kriegsraͤthin, an der Mittagstafel. Der Landkammerrath. Darf ich mir noch ein wenig Senf zu dieſem trefflichen Poͤ⸗ kelfleiſch ausbitten? Es iſt, muß ich beken⸗ nen, aͤußerſt delikat. Der Kriegsrath. Gelt? Hab's auch ganz friſch von meinem beſten Hamburger Spe⸗ diteur erhalten. Lottchen, gieb doch den Senf! Aber, Herr Landkammerrath, nur brav Zucker hinein: denn es iſt aͤchter Engliſcher. Die Kriegsraͤthin.(Beides praͤſenti⸗ rend.) Beliebt Ihnen, lieber Onkel? Wo es nicht etwa— wider Ihre aͤſthetiſchen Grund⸗ ſaͤtze laͤuft! 21 Der Lndkrth. Ich bitte blos um Senf. Der Krgsrth. Was! Ohne Zucker? Die Krgsrthin. Weißt du denn nicht, daß das— wahrer maͤnnlicher Geſchmack iſt? Der Krgsrth. Nu nu! Habe nichts darwider. Was die Aeſthetik beim Rindfleiſche thun ſoll, begreife ich zwar nicht ſo ganz: aber — uͤber den Geſchmack laͤßt ſich ein fuͤr allemal nicht ſtreiten. Die Krgsrthin. Bravo, lieber Mann! Da haͤtte ich nun ſchon eine Stimme mehr wider den Onkel!. Der Krgsrth. Wie ſo? An dieſem Axiom wird doch der Herr Landkammerrath nicht zweifeln wollen? Der Lndkrth. Ich zweifle ſogar,— daß es ein Axiom iſt; außer etwa bei Ent⸗ ſcheidung der wichtigen Frage uͤber Senf mit oder ohne Zucker. Der Krgsrth. Hm! Ein ſo uraltes deutſches Sprichwort? Dergleichen luͤgt doch ſelten! 2 Der Lnudkrth. Aber manchmal doch. Zu dem iſt's ja blos eine Dolmetſchung aus 4 22, dem Lateiniſchen. Dem ſei aber, wie ihm ſei; genug dieſer Senf, und dieſes Poͤkelfleiſch—— Die Krgsrthin. Bitte um Vergebung: der Herr Onkel glauben alſo noch, daß man⸗ ches jedem unverdorbenen Magen und Her⸗ zen,(war's nicht ſo?) ſchmecken muͤſſe? Der Lndkrth. Nichtchen!„Du ſollſt nicht falſch Zeugniß reden!“ u. f. w. Ich ſprach mit Ihnen blos von Kopf und Herzen: Magen und Gaum moͤgen's allenfalls halten, wie's ihnen ſchmeckt. Wiewohl ich noch im⸗ mer der Meinung bin, daß ſich auch hierwider manches ſagen und ſtreiten laſſe; ſo wie dar⸗ wider, vielleicht ſo lange die Welt ſteht, gar vieles geſagt und geſtritten worden iſt. Der Krgsrth. Davon wuͤnſchte ich ſchon,—(Lottchen, erlaube mir doch den Zucker!)— naͤhern Beweis zu hoͤren. Nach meiner Ueberzeugung laͤßt ſich, von den Pa⸗ radießaͤpfeln an, bis hieher auf mein Ham⸗ burger Poͤkelfleiſch, uͤber den Geſchmack ſchlech⸗ terdings nicht ſtreiten. Kotzebues Hetman wuͤrde ſagen:„Wenn ich Geſchmack nenne; ſo verſtehe ich darunter Gaum und Zunge.“ 23 Die Krgsrthin. Richtig! Und noch weit weniger, atls uͤber den koͤrperlichen Ge⸗ ſchmack, kann ein Streit uͤber den geiſtigen Statt finden! Ueber beides wird uns der Onkel wol den Gegenbeweis ſchuldig bleiben. Der Lndkrth. Ich? der ich weder vom Fleiſcher noch vom Schneider Kredit verlange? Nichtchen! Fodern Sie mich nicht heraus: ſonſt mache ich Ihnen ſogar die Freiheit Ih⸗ res Leckermaͤulchens ſtreitig! 3 Der Krgsrth. Oho! Da waͤr ich doch neugierig genug. Die Krgsrthin. Nur Beweis, lieber Onkel! Ohne dieſen will uns nun ſchon jede trockne Behauptung ſo wenig ſchmecken, als— der Senf ohne Zucker. Alſo nur heraus mit dem Beweiſe! Der Lndkrth. Gar gern: nur aber jetzt, waͤhrend der Tafel—— Die Krgsrthin. O, man kann eſſen und beweiſen; beides zugleich. Denn, was koͤnnt Ihr Maͤnner nicht, die Ihr, wie man ſagt, manchmal ſogar beweiſet, um zu eſſen! Der Lndkrth. Das ſchreiet um Rache! 24 Wohlan, ſo ruͤſten Sie ſich denn, mein Herr Kriegsrath, und auch Sie, liebe Bellone! Ich ſoll naͤmlich beweiſen, daß ſich uͤber den Geſchmack allerdings ſtreiten laͤßt. War's nicht ſo? Der Krgsrth. Getroffen!— Doch, da kommt der Fiſch. Erlauben Sie erſt, daß ich davon vorlege!——— Der Lndkrth. Aha! Zander; der deut⸗ ſche Sterlet. Sehr delikat! Aber, das be⸗ ſticht mich noch nicht, und ich hebe getroſt meinen Spruch an.— Unſerm Geſchmacke behagt zwar dieſer Fiſch, mit dieſer Sauce, ganz vortrefflich: gleichwol wuͤrde der Esqui⸗ maux dafuͤr ſtreiten, daß nur ein Stuͤck halb⸗ verfaultes Wallfiſchfleiſch den wahren nordi⸗ ſchen Hautgout habe, folglich nothwendiger Weiſe beſſer ſchmecken muͤſſe. Die Krgsrthin. Pfui doch, pfui! Der Lndkrth. Der Hurone wird Ih⸗ nen abdiſputiren, daß Ihr feiſteſter Rehzim⸗ mer delikater ſei, als ſein an der Sonne ge⸗ doͤrrtes Hirſchfleiſch; und der Scherokeſe, daß unſer Faſan ſeinen Baͤrenbraten uͤbertraͤfe. So — 23 wird der Groͤnlaͤnder einen Trunk Fiſchthran Ihrem Tokaier oder Ihrem Konſtanzia vor⸗ ziehn; und der Neuſeelaͤnder wird Ihnen in den Hals hineinſtreiten, daß der Zucker ſalzig ſchmecke. Der Krgsrth. Wohl bekomm's den Herrn alleſammt! Ich wenigſtens, wuͤrde deßwegen ſehr geruhig meinen Zander oder Fa⸗ ſan verzehren, meinen Johannisberger dazu trinken, und mir nicht einmal einfallen laſſen, uͤber ſo was nur ſtreiten zu wollen. Der Lndkrth. Und wauͤrden mit dieſer Friedensliebe ſehr Unrecht haben! Wer etwas fuͤr beſſer erkennt, der ſollte das auch 4* theidigen wiſſen. 1 man viel zu then Kann man denn auch von etwas uͤberzeugt ſeyn, ohr rſt daruͤber zu ſtreiten? Der Lndkrth. Man kann d das ae freitih: aber geſtehn Sie nur, daß dieſes gerade ſo⸗ viel waͤre, als Ausflucht, oder— wol gar Flucht, wozu ich einem Kriegsrathe wol am allerwenigſten rathen moͤchte. Warum denn, 26 (wenn Sie bei ſich ſelbſt feſt uͤberzeuat ſind,) wollten Sie nicht dafuͤr ſtreiten, daß Ihr Ge⸗ ſchmack der beſſere, jener der ſchlechtere ſei? Der Krgsrth. Warum?— Was das fuͤr eine Frage iſt! Weil— je nu, weil die Kerls da draußen— warlich gar keinen Ge⸗ ſchmack haben muͤſſen! Der Lndkrth. Und warum haben ſie keinen, oder doch nicht den Ihrigen? Der Krgsrth. Ueber Ihre verzweifel⸗ ten Warums! Vermuthlich darum,— weil ſie es von Kindesbeinen an nicht anders ge⸗ wohnt ſind; weil die armen Teufel nichts beſ⸗ ſeres haben; weil ſie ſich einbilden, es ſchmecke gut, was doch im Grunde ganz abſcheulich ſchmeckt. Der Lndkrth. Alſo—! Sie raͤumen mir dadurch ein, daß es einen verſchiednen Geſchmack giebt: daraus folgt, daß jeder den ſeinigen, als den beſſern, ſo lange zu vertheidigen das Recht hat, bis der Prozeß entſchieden iſt.. Der Krgsrth. Vor welcher Inſtanz denn? 22 Der Lndkrth. Sogar vor den Kriegs⸗ gerichten! Sie ſelbſt ſtreiten ja ſchon, in⸗ dem Sie behaupten wollen, daß ſich uͤber ſowas nicht ſtreiten laſſe. Mithin iſt Ihre Partie verloren, Herr Kriegsrath, und Sie zahlen Bete! Der Krgsrth. Hm! Wie kaͤme denn das? Labet, und mit ſolcher Karte? Unmoͤg⸗ lich!— Lottchen, ſieh doch einmal, ob auch Stich fuͤr Stich richtig iſt! Die Krgsrthin. Falſch geſpielt, ſage ich, lieber Onkel; und falſch eingeworfen, lieber Mann! Von ganz verdorbenem Ge⸗ ſchmacke darf hier ſo wenig die Rede ſeyn, als von Mangel, oder Hungersnoth, die, wie man ſagt, leider manchmal die beſten Koͤche ſind. Wer wird auch uͤberhaupt zum Geſchmacke rechnen, wenn, zum Beiſpiel, eine Frau in gewiſſen Umſtaͤnden, nach Kohlen und Kreide luͤſtern ward; oder wenn ein genaͤſchiges Maͤd⸗ chen uͤber ſeines Vaters Aloepillen gerieth, und ſeinen Appetit nach und nach daran gewoͤhnte? Der Lndkrth. Ich will billig ſeyn, und Ihnen alle dieſe Faͤlle ſonder Widerrede 28 Preis geben. Ueber ſo was daͤßt ſich eilch nicht ſtreiten. Aber——— Die Krasrthin. Aber doch berufen Sie ſich auf jene Barbaren, jene unerzogne Naturkinder, die an jedem Geſchmackswerk⸗ zeuge verwahrloſt ſind? Der Krgsrth. Hahaha! Nur friſch zu, Lottchen! Wie ich ſehe, wird's nun mit dem Beteſetzen keine Noth haben. Der Lndkrth. Gut. Auch dieſe Bar⸗ baren will ich fallen laſſen: wie dann aber, wenn ich Ihnen aus ſehr civiliſirten Voͤlkern Beiſpiele herzaͤhlen kann, daß friſchweg uͤber den Geſchmack geſtritten ward, und noch ge⸗ ſtritten wird? Die Krgsrthin. Die erwarte ich! Der Lndkrth. Und da ſind ſie! Der Moraliſt, zum Exempel, ſtreitet mit Gruͤn⸗ den und Syllogismen wider den Tafelluxus, folglich wider den Geſchmack uͤberhaupt. Die Krgsrthin. Indem er ſich, wenn's ihm nur nichts koſtet, Ihren Kaviar und Or⸗ tolan trefflich ſchmecken laͤßt? Ein feiner Be⸗ weis!. 29 Der Lndkrth. Doktor Sangrado wird ſtreiten, daß Waſſer eben ſo gut als Wein ſchmecke, und ein gekochter Apfel eben ſo de⸗ likat als eine Ananas ſei. Die Krgsrthin. Verſuchen Sie es, ob er ſich nicht Ihren Malaga zu Ihrer Ana⸗ nas belieben laſſen wird! Der Lndkrth. Don Pedro Rezio,(ich glaube ſeine Schule exiſtirt noch,) legt ſein Staͤbchen auf manche der wohlſchmeckendſten Speiſen. Die Krgsrthin. Ja doch! Um ſie ſeinen Pazienten vor dem Munde wegzueſſen! Doch, das alles iſt alte, laͤngſt abgenutzte Schriftſteller⸗Badinerie. Der Lndkrth. Kann Ihnen auch wol mit etwas ganz Neuem aufwarten. Der kom⸗ petenteſte Richter in Sachen des Geſchmacks, naͤmlich der gelehrte Verfaſſer des Almanaoc Ppour les Gourmands, iſt,(wie mir mein Neffe, der Legationsſekretaͤr, aus Paris ſchreibt,) eben uͤber einen Beweiß her, daß weder Griechen noch Roͤmer Geſchmack hatten, und daß gegen ſeine Andouillets à Pantique, 30 ſelbſt Apiciuſſes gefuͤllte Saumaͤgen keinen Ver⸗ gleich aushielten. Der Krgsrth. Saumaͤgen! Gefuͤllt! Wie herndniſch! Den Beweis kann ſich der gute Mann fuͤglich erſparen: denn uͤber ſowas mag doch unmoͤglich ein Zweifel, geſchweige ein Streit Platz finden.(Indem er ihm eine Zwiſchenſchuͤſſel reicht.) Nicht ein Marktort⸗ chen gefäͤllig? Lndkrth.(Zulangend.) Was kriege ich aber dann erſt, wenn ich— im Grunde ſel⸗ ber Ihrer Meinung bin? Der Krgsrth. Sie? O Sophiſt! Um des Himmels Willen, liebſter Onkel, warum ſtreiten ſie denn alſo? Der Lnudkrth. Darum, daß wirklich von jeher uͤber den Geſchmack geſtritten worden iſt, und noch jetzt geſtritten wird. Sie laͤugneten das: und ich habe Sie durch Beiſpiele widerlegt. Ein weit anderes iſt die Frage: ob uͤber koͤrperlichen Geſchmack geſtritten werden ſoll: und da belieben Sie ſich beide zu entſinnen, daß ich gleich Anfangs 31 ſagte: Magen und Gaumen moͤchten's allen⸗ falls damit halten— wie's ihnen ſchmeckt. Der Krgsrth. Bravo! Damit kann ich mich voͤllig beruhigen.(Er ſtoͤßt mit ihm an.) Es leben die Friedensſchluͤſſe! Die Krgsrthin. Wowider ich feierlichſt proteſtire! Der Onkel hat ſich ſo viel geheime Artikel vorbehalten, als kaum der Pabſt Kar⸗ dinaͤle in Petto. Bemerkten Sie denn nicht, lieber Kriegsrath, wie liſtig er uns die Frei⸗ heit des Geſchmacks fuͤr Gaum und Zunge zu⸗ giebt, um mit ſeinem Lieblingsgrundſatze un⸗ geneckt durchzuſchluͤpfen? Der Krgsrth. Oho! Und der waͤre? Die Krgsrthin.„Daß es ſich mit Geiſteswerken ganz anders verhalte, und daß dieſe jedem unverdorbenen Herzen und Kopfe, ohne Unterſchied, ſchmecken muͤſſen.“ Der Krgorth. Wenn ſie gut und ge⸗ ſchmackvoll ſind,— warum das nicht? Die Krgsrthin. Nun ſchmecken mir aber jene triſten Suͤjets, die mancher Maler und Dichter mit ſoviel Wohlgefallen bearbeitet, ſchlechterdings nicht. Moͤgen ſie mit noch ſo⸗ 32 wiel Kunſt und Geiſt ausgefuͤhrt ſeyn: ſie ma⸗ ſhen mir Kopfweh, und Herzweh. Habe ich da wol Unrecht, wenn ich keinen Geſchmack dyaran finde? Der Krgsrth. Ja ſo! Das iſt was amnders! Herr Landkammerrath, da werden noir ſchon noch ein geheimes Artikelchen ein⸗ ſihieben muͤſſen. Nur aber geſchwind, eh der Braten kommt! Ich daͤchte mit allgemeiner Almneſtie waͤr die Sache abgemacht. Der Lndkrth. Die muß ich mir aus⸗ dr uͤcklich verbitten: denn da kaͤme uns leicht alllzuloſes Geſindel wieder ins Land zuruͤck. Der Krgsrth. Nun ſo ſetzen Sie da⸗ fuür— Toleranz. Der Lndkrth. Wohlgerathen! Aber doch wol mit einer kleinen Einſchraͤnkung zu Gunſten der Rechtglaͤubigen, die weder an Herzweh noch Kopfweh leiden? Die Krgsrthin. Dacht' ichs doch! Da ſind wir wieder, wo wir waren! Nein, lieber Onkel, Ihre Toleranz iſt viel zu unbe⸗ ſtimmt, folglich unſicher. 33 Der Lndkrth. Gut. Des lieben Friedens halber wollen wir ſie genauer beſtimmen; etwa nach folgendem Formular:„Wer da glaubt, daß man die Kartoffel delikater finden muͤſſe, als Champignons und Truͤffeln; wer da behaup⸗ tet, daß Rauchfleiſch mit Speckkloͤſern und Backvirnen jedermann beſſer ſchmecken muͤſſe, als Rebhuͤhner⸗ oder Aal⸗Paſteten; oder auch: wer da behauptet, daß Anakreons und Gleims Lieder,(in ihrer Art, verſteht ſich!) ſchlech⸗ ter waͤren, als Klopſtocks Oden, oder Schil⸗ lers Trauerſpiele; wer hingegen verlangen wuͤrde, daß dieſe niemanden beſſer munden ſollten, als jene; und endlich, wer ſeinen lite⸗ rariſchen Nebenchriſten, wegen dieſes ſeines individuellen Geſchmacks(vorausgeſetzt, daß es wirklich geſunder Wohlgeſchmack ſei,) zu bekritteln ſich beigehen ließe: der ſoll von der wohlthaͤtigen Verordnung dieſer unſrer Toleranz, in Akademieen und Journalen, bei Tiſch und Bouteille, gaͤnzlich ausgeſchloſſen ſeyn, und mit aller Strenge unſrer kritiſchen Kriminalbehoͤr⸗ den beſtraft werden.“—(Zur Krgsrthin.) Sind Sie damit zufrieden? Selene II. 10. H. 3 34— Die Krgsrthin. Je nun— da muß ich ja wol. Der Krgosrth. Alſo Friede, Friede! 's iſt auch hohe Zeit: denn, da kommt eben die Bratenſchuͤſſel! Kretſchmann. —— —;— Das Hochzeitgeſchenk. Nach einer Urkunde des Archivs der Familie von D—. 5 Otto von D— kehrte, obwol er vier Jahr auf Reiſen, und die zwei letzten davon in der uͤppigen Hauptſtadt Frankreichs verlebt hatte, als ein junger Mann von kraͤftigem Koͤrper und Geiſt nach Deutſchland zuruͤck. Sein heller, durch Erfahrung geſchaͤrfter Blick ließ ihn ſehr bald die Fehler entdecken, wo⸗ durch, waͤhrend der letzten Kraͤnklichkeit, vor⸗ zuͤglich aber nach dem Tode ſeines Vaters, die Familienguͤter in Unordnung gerathen und ziemlich verſchuldet worden waren; ſeine Thaͤ⸗ tigkeit, von eignen und fremden Kenntniſſen unterſtuͤtzt, brachte es in kurzem dahin, daß von dem Ertrage der ziemlich betraͤchtlichen Be⸗ ſitzungen, nicht nur die ruͤckſtaͤndigen Zinſen gehoͤrig entrichtet, ſondern auch die erborg⸗ 36— ten Kapitale nach und nach bezahlt werden konnten. Nun erſt, da er der Zukunft ruhig ent⸗ gegenſah, hielt er es fuͤr Zeit, ſich eine Ge⸗ faͤhrtin zu erwaͤhlen, die ihm die Freuden des Lebens mit freundlichem Blick wuͤrze, die Laſten deſſelben durch treue Theilnahme erleich⸗ tere. Er hatte Adelheid, des Oberforſt⸗ meiſters von 8— juͤngere Tochter, als ein aufbluͤhendes, hoffnungsvolles Maͤdchen von vierzehn Jahren verlaſſen; als eine gebildete, mit allen Reizen jugendlicher Unſchuld geſchmuͤckte Jungfrau fand er ſie wieder, und ſchon die, bei einer ſtarken Anzahl Kinder, beſchraͤnkten Vermoͤgensumſtaͤnde ihrer Aeltern, ſchon ihr eignes Erroͤthen beim erſten Wiederſehen, wuͤr⸗ den ihn keine abſchlaͤgliche Antwort haben be⸗ fuͤrchten laſſen, waͤr' er auch in jeder andern Hinſicht ein weniger willkommner Eidam und Braͤutigam geweſen, als er in der That war. Geſegnet von Vater und Mutter, von den verheiratheten Schweſtern mit Wehmuth und Freude lieblich geſchmuͤckt, von den bei⸗ derſeitigen Unterthanen im eigentlichſten Sinne 1. 37 des Worts faſt auf den Haͤnden getragen, ging Adelheid an ſeiner Seite uͤber Blumen zum laͤndlichen Altar, und es haͤtte der gehaltvol⸗ len Traurede des alten Pfarrers, ihres ehe⸗ maligen Lehrers, nicht bedurft, um das auf ewig bindende Ja durch, aus ihren Augen her⸗ vorſtuͤrzende Thraͤnen zu verſchoͤnern. Das Hochzeitmahl war ganz dem Herkom⸗ men gemaͤß, ganz eines ſolchen Brautpaars wuͤrdig, veranſtaltet. Nur die naͤchſten Ver⸗ wandten, und der wuͤrdige Pfarrherr mit ſei⸗ nem ſtill beſcheidnen Weibchen, ſaßen in dem, mit ſtattlichen Geweihen verzierten Saale zur Tafel; aber unten, auf dem von Linden be⸗ ſchatteten Vorplatze des Schloſſes, ſpeißten, unter Oberaufſicht des Schulmeiſters, die Vor⸗ ſteher, die Hausvaͤter und die alten Auszuͤg⸗ ler beider, nun befreundeten Gemeinden, in⸗ deß die Weiber, die jungen Burſche, die Maͤd⸗ chen und Kinder im ſchoͤnſten Sonntagsſchmuck ungeduldig auf den Augenblick harrten, wo auch ihnen vergoͤnnt ſeyn werde, an der Herr⸗ lichkeit des Feſtes Theil zu nehmen. Der biedere Oberforſtmeiſter, der nach 38— ſeiner alten Gewohnheit den Pfarrer erſt ein wenig gereizt, aber ihm dann auch zur Ver⸗ ſoͤhnung wacker die Hand geſchuͤttelt hatte, fand endlich den Uebergang von der vierten zur fuͤnften Flaſche doch bedenklich, und gab dadurch das, von den uͤbrigen Gaͤſten ſchon ſeit einer Stunde herbeigewuͤnſchte Zeichen zum Aufbruche. Der Brautkranz ward nun die Beute des aͤlteſten Brautbruders, eines baͤrti⸗ gen Huſarenrittmeiſters, und in demſelben Au⸗ genblick ſprangen ſchnell die bei der Tafel auf⸗ wartenden Trompeter an die Fenſter, um die jetzt freier aufathmende Weiberſchaft und Jugend aus ihrem verhaßten Hinterhalte zu befreien. Alle Gaͤſte, die junge Frau, nun mit einem ſchnell herzugebrachten ſittſamen Haͤubchen be⸗ deckt, in der Mitte, kamen auf den Linden⸗ platz; unter Vortritt der Dorfmuſikanten uͤber⸗ reichten die Baͤuerinnen eine Wiege und ſelbſt⸗ geſponnenes, feines Kinderzeug, die jungen Burſche ein ſchoͤnes Fuͤllen und Ackergeraͤth⸗ ſchaften, die Maͤdchen ein ſchneeweißes Laͤmm⸗ chen, die Kinder Tauben und Blumen. Adel⸗ heid gab allen ſtillſchweigend die Hand. Otto b ——Q—— 39 ſprach wenige, aber ans Herz dringende Worte, und foderte am Schluſſe die ganze Verſamm⸗ lung im Namen des Brautvaters zum frohen Mahl und Tanze bis in die ſpaͤte Nacht auf, wozu auch ſogleich Anſtalt getroffen wurde. Schon erklangen Geigen und Pfeifen luſtig unter den bluͤhenden Linden; ſchon hatte Otto und Adelheid, wiewol vergeblich, den Verſuch gemacht, ſich vor dem lauten Getuͤmmel in der Gartenlaube freundliche Stille zu fluͤchten; ſchon wurden die Lampen des Tanzplatzes ange⸗ zuͤndet; als ein fremder, ziemlich duͤrftig ge⸗ kleideter Livreibedienter mit unperſtaͤndlichem Geſchrei und Fluchen einen Trupp der laͤnd⸗ lichen Gaͤſte um ſich verſammelte. Auch einige der Vornehmern ſtreckten ihre Haͤlſe uͤber den lachenden, laͤrmenden Kreis; aber Alles, was man aus dem gebrochnen Deutſch des mit Haͤnden und Fuͤßen geſticulirenden Volksred⸗ ners zuſammenſetzen konnte, beſtand darin, daß hinter den Tannenbuͤſchchen ein verwuͤnſch⸗ tes Vorderrad morſch entzwei gebrochen ſei, und ſein guter alter Herr nun heute nicht weiter koͤnne. 40 „Ei was Vorderrad! was weiter reiſen!“— ſagte der alte Oberforſtmeiſter, um zu zeigen, daß er auch noch ſeine Worte zu ſetzen wiſſe, und klopfte, ſich ſelbſt applaudirend, mit den Fingern auf das ſtrotzende Jagd⸗Kuppel— „Heute muͤſſen alle Vorderraͤder in Stuͤcken gehen; heute ſoll niemand weiter! Komm, mein Sohn, und fuͤhre mich zu deinem Herrn!““ Jung und Alt, den gravitaͤtiſch einher ſchreitenden Oberforſtmeiſter an der Spitze, ſetzten ſich alsbald nach dem Waͤldchen in Bewegung. Hier lehnte ein leichtes, mit einem Dach von gemalter Wachsleinwand verſehenes Waͤgelchen an einer jungen Tanne, und ſchien mit ſeinem ſeitwaͤrts gebeugten Obertheil recht flehentlich um Mitleid zu bitten; die Speichen des Vorderrads waren nach dem Urtheil der ſachverſtaͤndigen Schirrmeiſter recht wie mit einer Axt zerſplittert; eine lange, hagere Ge⸗ ſtalt, in einfachem blauem Ueberrock, deren beide Arme das Chiragra zu ſeinem Wohaplatze er⸗ waͤhlt zu haben ſchien, deren linkes Auge mit einem ſchwarzen Tuche verbunden war, hielt mit finſterer Miene das magere, eben 41 nicht zum Ausreißen geſchaffne Roͤßlein. Kaum hatte der fremde alte Herr den herbeieilenden Haufen bemerkt, als er ſich mit vieler Artig⸗ keit, doch auch mit, leider, ſehr gelaͤufiger franzoͤſiſcher Zunge, an den Anfuͤhrer wandte; allein obſchon der Oberforſtmeiſter ſein ganzes ehemaliges Hof⸗Franzoͤſiſch ſtotternd hervor⸗ ſuchte, ſo gelang es ihm doch nur mit Muͤhe, den Alten zu verſtaͤndigen, daß er heute durch⸗ aus nicht weiter duͤrfe, ſondern einen Hoch⸗ zeitgaſt abgeben muͤſſe. Der fremde Papa nahm dies, weil er ohnedem ſehr ermuͤdet, und die Straße in dieſem Lande auch ganz execrabel ſei, mit ver⸗ bindlichem Dank an, ließ ſich von ſeinem Sancho ſogleich Reiſehut und Stiefeln ein wenig abſtaͤuben, und oͤffnete, da das Aus⸗ ziehen mit vieler Schwierigkeit verbunden ſchien, ſeinen Ueberrock, aus welchem eine Art von Uniform beſcheiden hervorguckte. So ausge⸗ kuͤſtet, doch von nun an ziemlich wortkarg, ſetzte er ſich mit Huͤlfe eines tuͤchtigen Kruͤcken⸗ ſtocks an der Seite des Brautvaters in Marſch, bei welcher Gelegenheit denn zugleich wahrzu⸗ 4² nehmen ſtand, daß auch der linke Fuß nicht vollkommen mobil, doch der Hinkende in dieſer Kunſt nicht ein bloßer Dilettant, ſondern ein wahrhaftiger Virtuos ſei. Kaum war man, unter dem lauten Jubel der Dorfjugend, wieder zu den Linden gelangt, als der alte Franzos dem Brautpaar vorgeſtellt zu werden verlangte. Er ſtattete dem Braͤuti⸗ gam nur ganz kurz in geradebrechtem Deutſch ſeinen Gluͤckwunſch ab; der Braut hingegen kuͤßte er mit vieler Galanterie, ja ſogar mit einer ſichtbar werdenden wohlgefaͤlligen Nuͤh⸗ rung, die Hand, und ſagte ihr halb leiſe auf Franzoͤſiſch viele, recht ausgeſuchte Schmeiche⸗ leien, die ihr jedoch, ſeines fremden Organs wegen, groͤßtentheils verloren gingen. Alles eilte nach dieſer Unterbrechung wieder raſch zum Tanz und zum Spiel; Otto, an dem der Fremde wenig Behagen zu finden ſchien, wußte ihm ſeine Braut bald genug zu entfuͤhren; man ſah es fuͤr ſehr natuͤrlich an, daß der ſteife und ermuͤdete alte Papa, der ſich vor der Hand nichts als Bisquit und Li⸗ monade ausbat, eine Bank unter einer allein⸗ 4³ ſtehenden Linde zu ſeinem Ruheſitzchen erkohr, und ſich von aller Geſellſchaft, die ihn, und die er, nicht verſtand, moͤglichſt entfernt hielt. Nur erſt, da die Zeit zur Abendtafel heran⸗ nahte, ſtellte man Berathſchlagung an, ob man wol dem Fremden eine Marſchallstafel duͤrfe decken laſſen; was jedoch, da er ſich durch⸗ gaͤngig als einen Mann vom beſten Tone ge⸗ zeigt hatte, als unſchicklich verworfen ward. Auch fand der Alte die Einladung zur Tafel nur ganz in der Ordnung, hinkte mit moͤglichſtem Anſtand nach dem Eßſaal, und pflanzte ſich ſogar mit nicht geringer Gewand⸗ heit, einem jungen Lieutenant recht zum Trotz, zwiſchen deſſen ſchoͤne Couſinen, zwei der volle⸗ ſten und kerngeſundeſten Landfraͤuleins, die aber kein Wort Franzoͤſiſch verſtanden. Die heiterſte Froͤhlichkeit bemeiſterte ſich aufs neue aller Herzen; niemand bekuͤmmerte ſich um den alten Franzoſen, deſſen einziges Auge den jungen Nachbarinnen bei jeder ſchick⸗ lichen Gelegenheit ſehr verbindliche Dinge ſagte; jeder ſprach und ſcherzte laut oder leis, wie es ihm gutduͤnkte, und nur da richteten 44 ſich ſchnell alle Augen nach dem Brautpaare, als ein aufwartender Bedienter dem Braͤutigam ein wohl verſiegeltes Kiſtchen uͤberreichte, das ſo eben ein Bote gebracht habe. Die ganze Geſellſchaft, einen Scherz ver⸗ muthend, beſtand auf alsbaldiger Eröffnung. Otto und Adelheid durchſchnitten eilig Straͤnge, erbrachen Siegel, ruͤttelten am Deckel; der Bediente mußte Hammer und Zange herbei⸗ bringen, und als man durch die faſt zahl⸗ loſen Huͤllen endlich zu dem Inhalte gelangte, erhob Otto einen einfachen, aus Holz geſchnitz⸗ ten Becher mit der Inſchrift: Présent de noces du gueux. „Jaques!“— rief Otto tief geruͤhrt mit leuchtenden Augen, und kuͤßte den Becher; mit neugierigen, zaͤrtlich fragenden Blicken ſah Adelheid den Geliebten an, und ließ ſich die Inſchrift zeigen; doch kaum hatte ſie den Becher gefaßt und ihn, da er wegen ſeiner unvermutheten Schwere ihre Hand niederzog, etwas ſtark auf den Tiſch geſetzt, als der Boden herausging, und man auf einem roſen⸗ farbnen Kiſſen zwei brillantne Armbaͤnder vom 45 ſchoͤnſten Feuer und neueſten Geſchmack erblickte. Auf den Atlas waren die Worte geſtickt: A la belle épouse de mon ami. Man kann ſich denken, welche Aufmerk⸗ ſamkeit, welche Neugier von allen Seiten entſtand; die geſammten Gaͤſte erhoben ſich von den Stuͤhlen; nur der fremde Papa blieb mit beinahe beleidigender Kaͤlte ſitzen und ſah mit dem Zuge ſpoͤttiſcher Verachtung auf ſei⸗ nen Teller. Otto, deſſen vorgefaßter Wider⸗ wille gegen den Fremden dadurch verdoppelt ward, maß ihn mit den Augen, und ließ ſich nun von ſeiner ſchoͤnen Braut und den uͤbri⸗ gen Gaͤſten um ſo leichter erbitten, den Zu⸗ ſammenhang zu erklaͤren. „Ja meine Herren!“— fing er mit ſchoͤner Wallung an, indem er zuweilen ſtra⸗ fende Blicke auf den Fremden ſchoß und die Hauptſtellen, gleichſam in usum delphini, alsbald ins Franzoͤſiſche uͤberſetzte—„ja, meine Freunde und Freundinnen! ein Bettler— Jaques iſt der Name des Edlen— iſt mein innigſter Freund, iſt— um Ihnen mit wenig Worten Alles zu ſagen— der Retter meines 46 Lebens! Mag ich immer vor Ihnen mich eines jugendlichen Leichtſinns anſchuldigen muͤſ⸗ ſen; ich ſcheue dieſe Erniedrigung nicht, um dem wackern Jaques nach Wuͤrden zu lohnen, deſſen Hochzeitgeſchenk mir ſtets das theuerſte von allen, und meiner Adelheid in meinen Augen ſtets der koſtbarſte Schmuck ſeyn wird!“ „So darf ich auch heute ihn tragen?“— fragte die holde Jungfrau mit ſchwimmenden Augen, und ſchnell wanderten die Armbaͤnder von dem roſigen auf den weißen Atlas ihres Arms. Otto fuhr mit einem Blick, in dem alle Seligkeit der Liebe verſchmolzen war, nach kurzer Pauſe fort: 3 „Waͤhrend meines Aufenthalts in Paris fuͤhrte mich mein Weg faſt jeden Tag uͤber Pont neuf. Dort, jederzeit in einem und demſelben Pfeiler, ſaß ein Bettler, den man, ungeachtet er kaum funfzig Jahr alt ſchien, ſchon ſeit dreißig Jahren dort geſehen hatte und durchgaͤngig den alten Jaques nannte. Auch mich, wie alle Voruͤbergehende, ſprach er um eine Gabe an. Nicht aus irgend einem beſondern Mitleid, ſondern um mich nicht auf⸗ — 47 zuhalten, und weil mir ſein Wefen geſiel, warf ich ihm jedesmal, wenn ich ihn ſah, einen Sou in den Hut. Dies ward mir und ihm mit der Zeit zur Gewohnheit; ſo oft ich vorbeiging, fuhr ich wie von ſelbſt in die Taſche, obwol, wenn ich es auch unterlaſſen haͤtte, er mich ſchwerlich erinnert haben wuͤrde. Er wuͤnſchte mir immer— ich kann wol ſagen, auf eine recht vernuͤnftige Weiſe— alles mög⸗ liche Gute, verkuͤndigte mir zuweilen die Neuigkeiten des Tages, warnte mich ſogar dann und wann; kurz, wir ſtanden nach einem halben Jahre faſt in dem Verhaͤltniſſe von guten Bekannten, die ſich zwar an Stande ungleich, an gegenſeitiger Zuneigung aber gleich ſind.“ „Mein Aufenthalt zu Paris verſtrich mir ſehr angenehm, ich darf wol auch ſagen, nicht ohne Nutzen. Ich lebte ſo anſtaͤndig, als es meine Einkuͤnfte verſtatteten, aber nie ver⸗ ſchwenderiſch; nur kurz vor meiner Abreiſe ward ich in den Umgang mit einigen jungen Leuten verwickelt, die mich, ſo ſehr ich mich his dahin davor gehuͤtet hatte, erſt zum klei⸗ 48 nen, bald auch zum groͤßern Spiel verleiteten. Meine Vernunft ſagte mir, an welchem Ab⸗ grunde ich ſtehe; allein mißverſtandnes Ehr⸗ gefuͤhl, die Hoffnung, meinen Verluſt wieder zu gewinnen, ein unzeitiges Vertrauen gegen meine Geſellſchafter, und mein leichter Sinn, der nur zu oft Alles im ſchoͤnſten Lichte er⸗ blickte, ließen mich dennoch die Gefahr nicht vermeiden. Meine ſogenannten Freunde waren weniger eigennuͤtzig, als ich geglaubt hatte; ich war in kurzem theils ihnen, theils dem Wirth des Hotels, drei hundert Louis d'or ſchuldig. Unruhiger, als ſonſt, ſah ich jetzt der Ankunft meiner Wechſel entgegen, mit dem feſten Entſchluß, meine Schulden ſogleich abzu⸗ tragen und meine Ruͤckreiſe anzutreten. Die Wechſel blieben aus; ich mußte zu Wuche⸗ rern meine Zuflucht nehmen, und gerieth taͤg⸗ lich tiefer in Verfall. Immer muthloſer, im⸗ mer finſterer und ſtiller, ging ich nun bei Jaques voruͤber; ſein feſt auf mich gerichteter Blick ſchlug mich nur noch mehr zu Boden:; 49 ich machte mich gewoͤhnlich ſo ſchnell von ihm los, als es nur anging.“ „Endlich kamen Briefe aus der Heimath, aber ſie enthielten, ſtatt der gehofften Anwei⸗ ſungen, womit ich wenigſtens das Noͤthigſte zu decken hoffte, die Nachricht von dem Tode meines Vaters und von der Unmoͤglihhkeit, anjetzt ein mehreres, als hundert Louisd'or Reiſegeld, zu uͤberſenden.“ „Warlich, zu viel ſtuͤrmte jetzt zugleich auf mich los! Der Tod meines guten Vaters verſetzte mich in ſtille Traurigkeit; die erſt jetzt mir gemeldete verſchuldete Lage der Guͤter nahm mir alle Ausſicht fuͤr die Zukunft; der Gedanke, hier— in einem fremden Lande, wo ich keinem mich anvertrauen konnte und mochte, Schulden zu haben, die ich nicht befriedigen konnte, der Gedanke, daß man mich fuͤr einen Betruͤger halten und mit Arreſt verfolgen werde, meine Ehre, meine, ſehr unedlen Menſchen preisgegebene Ehre, brachte mich zur Verzweiflung. Je laͤnger ich nach⸗ ſann, deſto mehr verfinſterte ſich Alles vor Selene II. 10. H. 4 30— mir; je laͤnger ich auf Rettungsmittel dachte, deſto unmoͤglicher erſchien mir die Rettung.“ „Mit einer faſt an Wahnſinn grenzenden Melancholie, mit den ſchrecklichſten Entſchluͤſſen, die nur die Verzweiflung hervorbringen kann, ging ich eines Morgens, nachdem ich meine Schriften verbrannt und alles, ſo weit moͤg⸗ lich, in Ordnung gebracht hatte, mit haſtigen Schritten uͤber Pont neuf. Jaques ſtellte ſich mir, zudringlicher, als je, in den Weg. Ich wollte ihn nicht ſehen.“ „Ein Wort, mein Herr!“— ſagte er im flehendſten Tone, und hielt mich zuruͤck. „Laß mich, guter alter Jaques!— ant⸗ wortete ich mit erzwungener Ruhe, die von dem Ton meiner Stimme Luͤgen geſtraft ward— „ich— ich habe heut Alles weggegeben!“ „Er hatte mich beſſer verſtanden, als meine Abſicht war.—„Bei allem, was hei⸗ lig iſt, lieber, junger Herr!“— ſagte er ernſt—„vertrauen Sie mir, was Ihnen fehlt!“ „Wozu kann das fuͤhren?“— verſetzte ich kalt—„Du wirſt mir nicht helfen!“ 51 „Wer weiß! Sprechen Sie nur, mein Herr! Ich kann nicht ruhen, bis ich weiß, was Sie ſo veraͤndert hat!“ „Hm!“— antwortete ich mit Spott— „lumpige vierhundert Louisd'or waren das im Stande!“. „Vierhundert! Gut! trefflich! Ich leihe ſie Ihnen!“ 3 „Du, Jaques?— Guter Alter, heut' haſt du doch wol getrunken!“— verſetzte ich ſpoͤttiſch. „Bemuͤhen Sie ſich dieſen Abend zu mir, und bis dahin— ich beſchwoͤre Sie— unter⸗ nehmen Sie nichts!“ Seine theilnehmende Miene, die Feſtigkeit, womit er dies ſagte, und der Gedanke, daß ja zu Vollfuͤhrung meines Vorſatzes jeder Au⸗ genblick geſchickt ſei, bewogen mich, den Aus⸗ gang abzuwarten. Jaques nannte mir ſeine Wohnung in einer der entfernteſten Vorſtaͤdte, und ich gab ihm endlich mein Ehrenwort, ihn mit einbrechendem Abende zu beſuchen. „ Nichts hoffend, aber auch nichts mehr fuͤrchtend, erſchien ich des Abends in dem 7 52 — bezeichneten Hauſe. Ich ſand Jaques in einem kleinen, doch ſehr reinlichen Zimmer, das, wenn gleich mit ſichtlicher Sparſamkeit, doch recht nett und artig verziert war. Er ſelbſt trug jetzt einen anſtaͤndigen Hausrock, und kam mir freundlich entgegen. „Sehen Sie alles, was Sie hier finden, fuͤr das Ihrige an!“— redete er mich beim Empfang an—„Ich habe weder Kinder noch Verwandte; fuͤr mich und meine Haus⸗ haͤlterin langt das, was ich taͤglich an milden Gaben erhalte.“ „Sie koͤnnen leicht denken, lieben Freunde! daß ich in meiner damaligen Lage kaum wußte, ſollte ich den Mann fuͤr einen unzeitigen Spaß⸗ macher, oder fuͤr verruͤckt halten. Doch ſehr bald uͤberzeugte er mich eines andern. Indem er mich bat, mich einiger aufgetragenen Er⸗ friſchungen zu bedienen, hob er unter der Diele einen gewichtigen Topf hervor und ſetzte ihn mit immer ſich gleich bleibender Freundlichkeit, gleichſam zum Deſert, auf den Tiſch.“—„Langen Sie zu, mein Herr!“— ſagte er mit aufblitzender Freude in ſeinen 5³ ſonſt finſtern Augen—„Hierin ſind gegen fuͤnfhundert Stuͤck vollwichtige Louisd'or: alles, was ich an baarem Gelde beſitze! Sollten Sie mehr brauchen, ſo——“ „Er nahm bei dieſen Worten den Deckel vom Topfe; denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich das Gefaͤß in der That faſt bis an den Rand mit Goldſtuͤcken angefuͤllt ſah.“ „Verkennen ſie mich nicht!“— fing mein ehrlicher Jaques wieder an—„Ich bin kein gemeiner Bettler, der das Handwerk aus Hange zum Muͤſſiggehen treibt und Duͤrfti⸗ gern die fromme Gabe der Mitleidigen ſtiehlt. Ich bin von edler, doch armer Geburt, und ward, fruͤh verwaiſt, in meinem ſechzehnten „ Jahre Soldat. Ich diente unter dem Mar⸗ ſchall von Sachſen; ob wuͤrdig eines ſolchen Feldherrn, daruͤber ſpreche dies Zeugniß!”— Er zeigte mir einen Ludwigsorden, der, ſauber in Papier eingewickelt, auf den Goldſtuͤcken lag.—„In meinem zwanzigſten Jahre— fuhr er fort—„nahm mir eine Kugel den rechten Arm; ich erhielt meinen Abſchied 54 und— war nun mir ſelbſt uͤberlaſſen! Eine Kunſt, ſelbſt ein Handwerk, hatte ich nie er⸗ lernt; auch wuͤrde mein mangelnder Arm mir ſchwerlich erlaubt haben, meinen Unterhalt durch irgend eine andre Anſtrengung zu erwer⸗ ben. Ich verſuchte mit meiner Linken das Schreiben; es wollte nicht ſo gluͤcken, daß ich davon leben konnte. Eine Krankheit, in welche ich aus Schwermuth verfiel, und hin⸗ terdrein— eine Art von Trotz, machten mich zum Bettler. Meine Jugend und mein Ge⸗ brechen erwarben mir mehr Mitleid, als ich erwartet hatte. Ich erwarb bald nicht nur mein taͤgliches ſparſames Auskommen, ſondern legte auch etwas zuruͤck. Da ich mir auf den Fall der Krankheit einen Nothpfennig geſammelt hatte, kam ich auf den Gedanken, das Uebrige in Lotterieen zu legen. Auch hier wandte mir das Gluͤck ſeine Gunſt zu; ich gewann mehrere mal, wenn gleich nicht auf einmal etwas betraͤchtliches. Ich ſah dies als einen Wink der Vorſicht an, ihr Verwalter zu werden. Ich unterſtuͤtzte meine, in ihrem Gewerbe weniger gluͤcklichen Elendsgefaͤhrten; 55⁵ und erwarb dadurch zwar ein gewiſſes Anſehen unter ihnen, aber keine uneigennuͤtzige Zunei⸗ gung. Dies that mir wehe. Ich fing an, mich noch weit mehr einzuſchraͤnken, als ich vorher gethan. Ein Fuͤndlings⸗Kind ward das meinige. Ich ließ den Knaben bis in ſein ſechzehntes Jahr erziehen und unterrichten; da— fand ſich ein Parlaments⸗Advocat, der mich uͤberzeugte, daß er naͤhere Rechte an ihn habe, und den Juͤngling in ſeine Dienſte nahm. Dieſer ſelbſt— 0 François! Fran- gois! wieviel Thraͤnen haſt du mir ausge⸗ preßt!— Er duͤnkte ſich bald zu vornehm, um nur dann und wann zu mir zu kommen. An dem naͤmlichen Tage, da Sie mir das erſte⸗ mal ein Almoſen gaben, ging er, als kennte er mich nicht, vor mir voruͤber, und— ſchaͤmte ſich meiner, meiner, der noch jetzt fuͤr ihn bettelte!—„Er bedarf meiner nicht!“— ſagte ich zu mir ſelbſt, und ſeine unnatuͤrliche That trieb alles Blut nach meinem Herzen—„Du, allmaͤchtiges Weſen! gieb mir einen andern Sohn!“— Kaum hatte ich dies Gebet geſprochen, als Sie uͤber die 56 Bruͤcke kamen, und mir mit den freundlichſten Augen eine Gabe in den Hut warfen!“— Otto war bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und mußte eine Pauſe machen. Adelheid, in ſchoͤner Vergeſſenheit, druͤckte ſeine Hand an die hoch⸗ wallende Bruſt. Otto begann von neuem:„Sie werden ſich nicht meiner ſchaͤmen— fuhr mein guter Jaques ſanft fort—„Sie ſind ungluͤcklich jetzt— machen Sie dem alten Bettler die Freude, ſich von ihm helfen zu laſſen!“ „Sie koͤnnen leicht vermuthen, wie mir in dieſem Augenblicke zu Muthe war. Die wunderbare Schickung der Vorſehung, der edle, ich moͤchte faſt ſagen, himmliſche Blick des Alten, meine ſchreckliche Lage— ich be⸗ dachte mich keinen Augenblick, ſein großmuͤ⸗ thiges Erbieten anzunehmen. Mein Vorſatz, ihm die Urſache meiner jetzigen druͤckenden Lage zu geſtehen, war ſehr zwecklos: er hatte ins⸗ geheim ſehr genaue Aufſicht uͤber mich gefuͤhrt; faſt alles war ihm ſchon bekannt!“⸗ „Ich ließ mir vierhundert Louisd'or von ihm abzaͤhlen; ich bat um Feder und — 57 Tinte, ein Bekenntniß daruͤber auszuſtellen. Allein hiervon wollte der Alte nichts hoͤren.— „Kraͤnken Sie mich nicht— nehmen Sie, nehmen Sie, mein Herr!“— ſagte er mit vor Freuden ſchimmernden Augen—„Sie werden mich nicht hintergehen; und ſterben Sie, ſo— bezahlen Sie dort! Ich brauche nur wenig— und als Sohn ſind Sie nun doch einmal vom Himmel mir zugeſandt, Sie mogen auch wollen, oder nicht! Ich bin ein braver, ehrlicher Kerl, und— den geheimen Gedanken, ich ſei ihr Vater, koͤnnen Sie mir doch nicht nehmen!“ „Ja, Vater! Retter und Vater!“— ſagte ich weinend und ſtuͤrzte in ſeine Arme— „Einen gab mir die Natur, und da ich ihn verlor, gab mir der Himmel einen zweiten!“ „Erſt ſpaͤt in der Nacht verließ ich die Huͤtte des wackern Jaques; die Sterne ſchie⸗ nen mein Entzuͤcken zu theilen, und zum erſten⸗ mal wieder ſank der Schlaf auf meine Augen⸗ lieder.“ „Sobald es Tag wurde, bezahlte ich zur allgemeinen Verwunderung alle meine Glaͤu⸗ 58 biger in den ſchoͤnſten, blankſten Goldſtuͤcken, feierte bei meinem Bettler noch ein, von ihm angeſtelltes Abſchiedsfeſt unter Zweien, und machte mich eilends auf die Ruͤckreiſe. Gewiß waͤre es nach meiner Ankunft mein erſtes Ge⸗ ſchaͤft geweſen, dem edlen Darleiher ſofort meine Schuld zu erſtatten; allein, da er beim Abſchiede ausdruͤcklich von mir verlangte, daß ich dies zum Beweis meines Vertrauens wenig⸗ ſtens vor Jahresfriſt nicht thun duͤrfe; ſo mußte ich damit billig bis ganz vor kurzem anſtehen, wo ich denn auch ihm, den ich ſtets fuͤr meinen Vater und Retter mit dank⸗ barem Herzen erkennen werde, mein bevor⸗ ſtehendes Gluͤck im Beſitz meiner Adelheid, und den Tag unſerer Verbindung zugleich mel⸗ dete.“ „Auch mein Vater ſei er!”— unter⸗ brach Adelheid den Geliebten, und fuͤllte den hoͤlzernen Becher mit den koͤſtlichſten Tropfen— „Hoch leben meine edlen Vaͤter, Oberforſt⸗ meiſter von 3— und Bettler Jaques in Paris!“ 29 Die ganze Geſellſchaft war ergriffen, und 59 ſchwang freudig die Glaͤſer; nur der Fremde blieb noch immer gleichguͤltig, ſchob ſeinen Stuhl zuruͤck und ſtand mit einem Geſicht, auf dem ungefaͤhr: Viel Laͤrmen um einen Bettler! in verzerrten Buchſtaben zu leſen war, haſtig auf. 2— „Aber, mein Herr! Sie mißbrauchen das Recht der Gaſtfreundſchaft!“— donnerte Otto, der jetzt ſeine ganze Faſſung verlor, und ſtuͤrzte auf den ſich ihm naͤhernden Fremden— „Mon ami! ah mon fils!“— erwi⸗ derte der Alte, der auf einmal recht ordentlich gehen konnte und das Tuch von dem ſehr hell⸗ ſehenden linken Auge abriß, mit dem zaͤrtlichſten Ausdruck—„O mein Herr! Sie haben mich nicht verlaͤugnet— o meine ſchoͤne Braut, Sie haben mich Vater genannt—: nur da⸗ von wollte ich mich uͤberzeugen; nur darum wagte ich dieſe weite Reiſe und ließ die Rad⸗ ſpeichen in Stuͤcken hauen—— Er konnte nicht weiter ſprechen. Otto, Adelheid, der biedre Oberforſtmeiſter, alle Gaͤſte beſtuͤrmten ihn mit Lobſpruͤchen und Umarmungen; der dankbare Otto nannte, ſeine 50 1 Adelheid kuͤſſend, dieſen Augenblick den ſchoͤn⸗ ſten ſeines Lebens. „Laßt mich denn die wenigen Tage noch bei euch verleben!“— ſagte der Alte, und zog mit der linken Hand ein Papier aus dem Buſen, indeß alle Anweſende nunmehr die rechte fuͤr ſehr taͤuſchend aus Wachs geformt erkannten—„Hier, mein Sohn, ſind Ihre Anweiſungen zuruͤck. Zur Laſt werde ich Ihnen nie fallen; ich ziehe jaͤhrlich zwoͤlfhundert Livres Renten. Geben Sie mir ein huͤbſches Stuͤbchen in Ihrem Gartenhauſe, oder wo ſonſt ein ehrlicher Bettler den Tod freundlich erwar⸗ ten kann, und— einſt ein Grab neben Ih⸗ rem Erbbegraͤbniß.“ Alle Anweſende, groß und gering, reichten ſich ſtill bewegt die Haͤnde. Jaques d'Aavry ſchlummert in der Familiengruft zu D— neben Adelheid und Otto. Der Holzbecher und ſeine Geſchichte wird noch jetzt im Archiv des Ge⸗ ſchlechts, als ein Kleinod, bewahrt. Friedrich Kind. 1 — — Lied eines Harfenmaͤdchens. Siehſt du in Weſten Der Berge goldne Kante? Mich zieht's hinuͤber An ſtiller Sehnſucht Bande. Dort wohnt mein Friede, Dort wallten meine Lieben, Jenſeit, dort druͤben. Siehſt du in Weſten Der Pinien Schattenhaine? Des Kloſters Kreuze Im lichten Abendſcheine? Dort wohnt der Holde, Denkt mein beim letzten Strahle Im ſtillen Thale. Siehſt du in Weſten Die Kirchhofmale glaͤnzen? Dort mußt' ich fruͤhe Der Meinen Urnen kraͤnzen; —— In Frieden ſchlummern Sie, fern vom Weltgewuͤhle In Grabes⸗Kuͤhle. Siehſt du in Weſten Die Abendroͤthe bleichen? Wann wird ſich endlich Mein Tag zum Schlummer neigen?— Verſiegt, ihr Thraͤnen: 3 Schon daͤmmern aus der Ferne Der Ruhe Sterne. Karl Beſſeldt. 63 Kleine Gemaͤlde nach der Natur. (Beſchluß.) ä. 7. Am Morgen erhielt Laurette durch mich ein gewiſſes Briefſchen. Ich wußte, was in dem Briefchen ſtand; und als ſie das nun auch wußte, druͤckte ſie das Blatt an ihre Lippen, flog entzuͤckt auf mich zu, warf ſich an meine Bruſt, und ſchwatzte viel Verworrenes. Es war aber doch gar leicht zu verſtehen. Endlich kam's zu der leiſen, verſchaͤmten Frage: Und wann wird wol der gute Vater allein ſeyn? Fuͤr ihn, meinſt du? fragte ich zuruͤck, und bekam den Mund zugehalten, doch ſo, daß ich unbeſchwert hinzuſetzen konnte: das hab' ich eben recht geſcheidt abzupaſſen! Iſt's heute nicht, ſo iſt's morgen! 64— Sie ſahe mich ſtumm und erſchrocken an. Nur ruhig, nur ruhig! fuhr ich fort. Blos das rechte Stuͤndchen abgepaßt und nichts uͤbereilt: ſo wird ja gewiß alles gut! Sobald es Zeit iſt, bekommt Hermann von mir einen Wink. Aber du, Schweſterchen— ſchreibſt du denn nicht wieder? O ja doch, ja! rief ſie, und fing an, und ſtrich aus, und fing wieder an, und ſtrich wieder aus. Es kam aber nichts aufs Papier, als unvollendete Saͤtzchen, die ſich wie erſtickte Seufzer des Entzuͤckens ausnahmen. Lachend nahm ich ihr endlich das Blatt und bracht's ihm. Kann man wol einen echtern Liebesbrief bringen?— Ich begab mich nun auf meinen Poſten zum Rekognosziren; da entdeckt' ich aber viel Wunderliches. Herr Luchs war bei meinem Vater im langen, einſamen Geſpraͤch. End⸗ lich ging er weg; aber der Vater hatte ſich eingeſchloſſen und ließ Niemand zu ſich. War das von guter oder ſchlimmer Vorbedeutung? Der Vater pflegt alles Angenehme mit Andern zu theilen, ſagte ich zu mir ſelbſt; nur das 65 Unangenehme ſucht er allein zu verarbeiten! und der alte Schleicher iſt ſo demuͤthig⸗freund⸗ lich, und ſeine Blicke funkeln ſo umher— 1 Nein, es iſt nicht alles, wie es ſeyn ſoll; und du mußt Licht haben!— Ich erſann mir einen Vorwand, und trat, des Verbots ungeachtet, beim Vater ein. Was willſt du? redete er mich ſo finſter, ja ſo hart an, als ich's kaum jemals gehoͤrt hatte. Ich fragte ihn uͤber eine Geſchaͤftsangelegenheit: Laß mich damit in Ruhe! ſagte er. Frage Herrn Luchs. Und beſtell' es: ich komme nicht zu Tiſche. Liebſter Vater, ſagt' ich erſtaunt; ſind Sie nicht wohl? Laß nur, unterbrach er mich. Ich bin nicht krank. Aber ſehr beſchaͤftigt bin ich. Ich will Niemand ſprechen. Adieu!— Hermann hatte mich hinaufgehen ſehen und lauerte mich ab. Er fragte mit aͤngſtlichen Blicken, Laurette hernach mit Thraͤnen—: der Vater hat heute viel zu thun, antwortet' ich beiden. Beruhigt euch nur bis morgen.— Das war leicht geſagt! Ueber Tiſche aß Selene II. xo. H. 5 66 Niemand, als jener Griesgram. Wir ſtanden auf; er wich und wankte nicht, bis Hermann fort war. So blieb es den ganzen Tag, und mein nochmaliger Verſuch, den Vater zu ſprechen, war fruchtlos. Am fruͤhen Morgen erhielt Hermann von meinem Vater folgendes Billet: „Sie haben mich lange getaͤuſcht. Sie haben mich jetzt ſchmerzlich erſchuͤttert und tief betruͤbt. Doch ich will es ihnen vergeben. Aber um meines Sohnes, und noch um Jemands willen muß ich Sie bitten, mein Haus zu verlaſſen. Ich wuͤnſche, daß es noch in dieſer Woche geſchehe, und wir uns weiter nicht ſprechen. Herr Luchs wird Ihnen Ihren Ge⸗ halt auf ein Jahr auszahlen. Was mich zu dieſen Maßregeln zwingt, ſoll bei mir ver⸗ ſchloſſen bleiben, denn ich wuͤnſche Ihnen Gutes. Ohne Haß, aber mit Bedauern ſcheide ich hiermit von Ihnen.“—. Hermann war erſtarret, riß ſich dann auf, ſtuͤrzte hinaus, und fort. Ich ſah nur ſeine ſchreckliche Bewegung; er hatte mir kein Wort geſagt, keins zu leſen gegeben. Ich drang / — 67 zum Vater; ich wollte erzaͤhlen, was ich eben geſehn hatte: er unterbrach mich, ſanft, aber ſehr feſt: Kein Wort von ihm! jetzt keins! Ich werde dir in der Folge ſelbſt Gelegenheit geben!— Ich eilte hinauf zu Lauretten. Sie hatte keine Ahnung von allem, was vorgefallen war. Ich blieb bei ihr, zu verhindern, daß ſie nichts erfuͤhre. Ihre Fenſter gingen auf den Hof; die Zimmer des Vaters waren vorn, ihnen gegenuͤber. Unten im Hauſe gingen unſre Leute, wie gewoͤhnlich, ſtill und gemaͤch⸗ lich ihren Alltagsgeſchaͤften nach. O, ich haͤtte unter ſie ſtuͤrmen moͤgen, daß mein Freund verzweifelte, und ſie den gewohnten Hand⸗ werksgang ſchlenderten!— Nach einer Weile ſah' ich einen ſtattlichen, bejahrten Landmann, an ſeinem Stabe eilig in's Haus treten. Er ſprach Einen unſrer Leute an, ward von ihm bedeutet, und ſtieg nun die Treppe hinauf, in meines Vaters Vorſaal. Der Bediente ſchien ihn abzuweiſen; er ließ ſich aber nicht ſtoͤren, ſondern wollte auf das Zimmer zu. Der Bediente vertrat ihm den 68 Weg, und der Mann ſchien heftig zu werden. Ich eilte hinunter, zu ſehn, was es ſei. Eben kam ich in den Vorſaal, da erhob der Mann die Stimme und rief dem Bedienten zu: Mein Sohn, Gott hat mich zum Men⸗ ſchen gemacht, wie deinen Herrn: er muß mich hoͤren! Und indem oͤffnete mein Vater ſelbſt die Thuͤr. Verwunderung in der Miene winkte er den Landmann herbei, der nun mit beſcheid⸗ nem Amſtand in's Zimmer trat.— 7 Mich beſchaͤftigten jetzt ganz andere Dinge viel zu ſehr, als daß ich viel aus dieſem Vor⸗ fall haͤtte machen ſollen. Ich ging wieder hinauf zu Lauretten. Nach einer Weile hoͤr' ich, wie in des Vaters Zimmer heftig— aͤußerſt heftig in die Klingel geriſſen wird. Ich fliege erſchrocken hinunter, und mein Schrecken mehrt ſich, indem ich eintrete. Der Vater ſaß matt, erſchoͤpft, die Augen voll Thranen, da; der Landmann war in ſiuich um ihn befaafeue—— 8. 69 8. Ich berichte jetzt den Zuſammenhang von dem, was ſich denn eigentlich begeben hatte, und gehe deshalb bis zum Morgen des geſtrigen Tages zuruͤck. Da war nun, wie geſagt, Herr Luchs bei guter Zeit zu meinem Vater gekommen. Nach ſeiner krummen Manier hatte er erſt allerhand Geſchaͤftsſachen beſprochen, und nach⸗ her einen Brzgf u unſers Commiſſionairs in Paris hervorgezogen, worin gemeldet wurde, daß auf gewiſſen Wegen in jener R— ſchen Ange⸗ legenheit weit mehr zu erlangen geweſen waͤre, als Hermann erlangt haͤtte. Laſſen's gut ſeyn, erwiderte mein Vater. Den Herrn verdrießt's, daß wir ihm die Sache nicht uͤberlaſſen hatten. Nun will er uns und dem redlichen Hermann boͤſes Blut machen. Das iſt ſo in der Ordnung. Wol wahr! ja ja, wol wahr! verſetzte . Herr Luchs, der nie widerſprach, um deſto ſicherer umzuſtimmen. Indeſſen ſch Kann doch nicht ganz Unrecht zu haben. Ware man dieſe Wege aasisef... ² 70 Kann ſeyn! Hinterher ſind wir alle kluͤ⸗ ger, ſtatt daß wir vorher vielleicht nicht ein⸗ mal ſo klug geweſen waͤren. Das iſt wieder in der Ordnung! Freilich! freilich! Auch bin ich gewiß, daß Herr Hermann den beſten Willen gehabt hat— Allerdings! Aber thun Sie mir den Ge⸗ fallen, den Brief enauſtcent Recht wohl! Auch gheit fehlt's unſerm Freunde nicht— bin ich überzeugt! Ueberhaupt, mein' ich, nicht blos in ſolchen Angelegenheiten, fehlt's ihm nicht an Klug⸗ heit. Deſto beſſer fuͤr ihn! Ja ja! Und iſt ſo ſtill vor ſich hin— truͤbt kein Waͤſſerchen— kein Menſch weiß ihm'was vorzuwerfen— hier im Ha lich— von Erheblichkeit naͤmlich— er iſt ein trefflicher junger Mann. Hier wurde mein Vater aufmeitſuches Er drang in Herrn Luchs, weil er offenbar etwan egen Hermann anzubringen habe. Die⸗ 4 ſer proteſtirte ſeierlichit dagegen; verſicherte ſogar, wer den lieben jungen Mann ver⸗ leumden oder anſchwaͤrzen wolle, werde es mit ihm, dem alten ehrlichen Luchs, zu thun bekommen; und fuͤgte nun allerlei halbe Entſchuldigungen Hermanns bei, wenn man ja uͤber ihn dieſe und jene kleine Bedenklich⸗ keit haben moͤchte, und die Bedenklichkeit wol auch nicht ganz klein und noch weniger grund⸗ los ſeyn ſollte. Der Menſch iſt ſchwach, ſagte . Jugend hat nicht Tugend, wenigſtens nicht er; und die Stunden ſind ſich nicht gleich. wie leicht iſt ein junges m Ende iſt's auch nicht ſo eint. Und waͤr' es ſogar— chmal noch fehr ſolide Maͤnner aus jungen Leuten, die ſich hier und da einen (eitenweg erlaubt haben. Wenn nur die liebe Geſundheit dabei nicht untergraben wird— was freilich leider oft genug geſchieht, und dann nicht trauriger zum Vorſchein kommt, in der lieben Ehe— wobei mich nur im⸗ mer die armen, unſchuldigen Weiber dauern—— Mein Vater, an jeder Tugend reicher, als an Geduld, war hier gerade ſo gereizt, als 72 er es werden ſollte, und als noͤthig war, um erſt durch Inſinuationen gleichſam zugerichtet, hernach aber durch einen Hauptſchlag leicht bezwungen zu werden. Er fuhr heftig auf, und verlangte durchaus rund und beſtimmt zu erfahren, was man gegen Hermann habe. Nach nochmaligen Verwahrungen und Vor⸗ berichten fuhr der Schleicher fort: Ew. Edlen haben mir nun einmal die jungen Leute in ſpecielle Aufſicht uͤbergeben. Da nun abes Geſchicklichkeit ohne reine Moralitaͤt ur mi wenig Werth hat, ſo folgen i gen auch uͤber das Kompt kann ich nicht ſagen, daß Hermann irgend etwas Nam ken bekommen haͤtte, außer— 2 gaͤnge, des Abends, nach geſchloſſenen ee ſchaͤften. Warum gehet er faſt immer allein? warum faſt immer denſelben Weg— naͤmlich— 2 zum untern Thore hinaus?. 4 Zum Henker, weil's ihm da gefaͤllt! rief der Vater. 2 * Freilich, weil's ihm da gefaͤllt! fuhr Luchs fort. Aber eben das gefaͤllt mir nicht. 5* * 4 Gott! draußen am Ende liegt doch auch— mem Blut!— Es iſt wahr, es iſt ein huͤbſcher Weg, 5 an der Straße hin, und der Fluß dan nimmt ſich auch nicht uͤbel aus: aber, lieb daß ich den Namen in meinen Mund nehme!— das gruͤne Roß! der Gaſthof naͤmlich! Nun, iſt denn die Peſt da drinn? Freilich, die Peſt! die wahre Peſt! die ſchlimmſte Peſt fuͤr junge Leutchen von war⸗ 1 derr Luchs ſette das nun weiter uͤber alle Zweideutigkeit ins Klare. Und haben Sie: thn i in dies Haus gehen ſehen? fuhr mein Vater in heftiger Bewegung fort. Herr Luchs erwiderte mit unwandelbarer Ruhe: Nein, das hab' ich nicht! Nicht? nicht? brauſete der Vater auf, und der haͤmiſche Satan hatte ihn nur bis zu dieſer ſtuͤrmenden Frage zoͤgern wollen, um dann deſto kaͤlter entgegenſetzen zu koͤnnen: 4 Ich nicht: aber Sie ſelbſt koͤnnen b 1 hineingehen ſehen.„. Ich? ich ſelbſt? wiederolte: mein Bater erſchrocken. 74 Wenn's Ihnen gefaͤllig iſt: o ja! und wahrſcheinlich heute noch! JIch ſelbſt— und heute, eben heute, da ich... O mein Gott! und mein armes Kind! rief der gute Vater. In ſeiner Ge⸗ laſſenheit ſetzte Meiſter Luchs hinzu: Haften kann ich nun freilich gerade für den heut'gen Abend nicht: doch hab' ich aller⸗ dings Gruͤnde fuͤr meine Vermuthung, die Sie ſelbſt genuͤgend finden werden. Welche? geſchwind ſagen Sie, welche? Eben heute—! Ja, eben heute— vor einem Stuͤndchen, als das Komptoir noch kaum eroͤffnet war, da kommt ein Aufwaͤrter aus dem bewußten Hauſe, ein alter Spitzbube, den mein Traugott auf den erſten Blick wie einen Bruder erkannte— der kommt ganz ſchuͤchtern und demuͤthig her⸗ aangeſchlichen, fragt nach Herrn Hermann und laͤßt ihn beiſeits rufen. Unter den Andern entſteht ein Pispern, ein heimliches Laͤchern: 8* das macht mich erſt aufmerkſam. Ich frage, ich erhalte Beſcheid. Indem kommt unſer junger Herr ſelbſt zuruͤck und hat den alten 75 Kerl abgefertigt. Nun haͤlt er gewiß ſonſt auf Ehre, und ich wolte ſelbſt dafuͤr ſtehen, er iſt ohne Schuld, daß ſich der Filou ins Haus zu ſchleichen unterſtand; man ſah' ihm auch eine gewiſſe Werwitrung. eine gewiſſe Unruhe unverkennbar an... Aber, ich ſehe Ew. Edlen ſo alterirt! Lieber Gott, das wollt' ich nicht! Nein, haͤtt' ich das gewußt, kein Wort waͤr' uͤber meine Lippen gegangen! Und es iſt ja doch noch nicht das Aller⸗ ſchlimmſte, wenn man's auch freilich nicht loben kann... Herr Luchs, unterbrach ihn der Vater, ſich faſſend; Sie ſtehen mir doch fuͤr das alles? Fuͤr jedes Wort! So halten Sie es geheim. Laſſen Sie den jungen Menſchen ganz frei ſchalten, als ſei er un⸗ bel ane Laſſen Sie ihn aber nicht aus den Augen, und kommen Sie bald wieder zu mir.— Herr Luchs ging, Herr Luchs kam den Nachmittag wieder. Die Sache iſt nur all⸗ zugegruͤndet, ſagte er. Den Mittag zeigte Herr Hermann noch klaͤrlicher ſeine Verlegen⸗ heit und Aengſtlichkeit und Beſorgnis. Auch 26 waren ihm die Geſchaͤfte den ganzen Vormit⸗ tag gar nicht wie ſonſt von der Hand gegangen. Nach Tiſche wich ich nicht von ſeiner Seite, und das halbe Stuͤndchen vor Eroͤffnung des omptoirs... weiß Gott, es thut mir in de Dae wehe daß ich's geſtehen muß.. da eilte er hinaus, und— nun ja, er ſchlich ins gruͤne Roß. Ganz gewiß? fragte der Vater. So gewiß, als daß ich lebe. Mein Vater, der von ſeiner Voreiligkeit an dieſem Vormittage ſchon laͤngſt zuruͤckge⸗ kommen war, erwiderte jetzt ſehr gefaßt: Fahren Sie fort, ihn zu beobachten, und mir Nachricht zu geben. Ein reiner Menſch kann ſich ſelbſt in die Wohnung des Laſters unſchuldig verirren.* 4 O ja, meinte Luchs; nur das edes Herauskommen iſt etwas ſchwer zu glaube Die Geſchaͤfte waren kaum geſchloſſen und der Herbſtabend hereingebrochen, ſo war Herr Luchs wieder da, und berichtete, der gute, verirrete Hermann ſei unmittelbar aus unſerm Hauſe ins gruͤne Roß gegangen, und 27 werde nun hoͤchſtwahrſcheinlich den Abend dort zubringen. Gut, ſagte mein Vater; wir wollen auch hin. Herr Luchs ſtutzte; 4 blieb aber dabei, und er mußte folgen. 9. Sie kamen an das Haus. Jener Aufwaͤrter ſaß eben vor der Thuͤr. Nach meines Vaters Auftrag machte ſich Herr Luchs an ihn. Ein blanker Thaler machte ihn geſpraͤchig; man erfuhr, Hermann ſei wirklich oben, und zwar allein mit einem jungen Maͤdchen. Herr Luchs fragte: Koͤnnte der Herr dort ihn nicht unbe⸗ merkt beobachten? und ließ noch zwei andere Thaler bedeutungsvoll zwiſchen den Fingern raſcheln. Der Alte kruͤmmte ſich; aber das Geld beſiegte ihn, wie ſchlechte Menſchen immer. Nur duͤrft' es kein Menſch erfahren! ſagte er. Denn ſonſt muͤßt' ich, auf Ehre! morgenden Tags aus dem Hauſe. Kommen Sie nur, aber leiſe; es ſtoͤßt eine Kammer mit einer Glasthuͤr an das Stuͤbchen, die einen beſondern Ausgang hat. 28 Er fuͤhrte meinen Vater zwei finſtre Trep⸗ poen hinauf und ſchob ihn leiſe in das Kaͤm⸗ merchen, das er nun von außem bewachte. Hermann ſaß wirklich allein da mit einem niedlichen Landmaͤdchen, und ſaß mit ihr ſo ganz vertraut, in ſo zwangloſein, taͤndelnden Geſchwaͤtz, daß eine ſehr nahe Bekanntſchaft auf den erſten Blick zu bemerken war. Ja ja, mein Lieschen, ſagte er, und ſtrich ihr freundlich die Wange; ich muß mich nur erſt wieder ſatt an dir ſehen! Du biſt doch gar zu huͤbſch, und haſt mich ſo recht eigentlich von Herzen lieb! Und das thut mir ſo wohl, ſo ſehr wohl! Du biſt ja auch ſo gut, ſo ſeelengut! erwiderte das Maͤdchen. Dabei legte ſie ihre Hand vertraulich auf ſeine Schulter und hing mit zaͤrtlichem Blick unverwandt an ſeinen Au⸗ gen. Guter, lieber Hermann, begann ſie von neuem; wenn ich dich nur auch ſo ganz glüuͤcklich und vergnuͤgt ſehen ſollte!— Her⸗ mann kuͤßte ihre ſchoͤnen Augen und verſicherte, er ſei es ja; jetzt vergeſſe er alles, und ſei 79 es!— Sie gab das nicht zu: es entſpann ſich ein lieblicher Zwiſt unter ihnen, wo das Eine freudig gegen die Freude ſtritt, das Andere wehmuͤthig fuͤr dieſelbe. Nun, ſagte endlich Hermann; wenn's auch waͤre, ſo denke du, es ſei eine bloße Laune bei mir, und laß dich nicht anſtecken. Vertreibe mir ſie lieber, gutes Kind! ſei deſto vergnuͤgter! ſchwatze mir'was vor— mag' es ſeyn, was es will! Alles, alles, was dir gefaͤllt! verſetzte ſie. Nur gieb mir erſt die Hand darauf, daß du nicht ungeduldig uͤber meinen Schnickſchnak werden willſt! Schlag' ein! Nun, ſchoͤnen Dank!— Und dabei druͤckte ſie ſich ſchaͤkernd noch feſter an ihn—— Es iſt genug! ſagte mein Vater leiſe vor ſich hin. Ein paar große Tropfen rollten ſeine Wangen hinab. Er trat leiſe hinaus. Unten erwartete ihn Herr Luchs und fragte haſtig: Nun? haben Sie geſehn? haben Sie gehoͤrt? haben Sie?— Ich bin eben jetzt nicht vermoͤgend viel zu ſchwatzen, verſetzte der Vater; geben Sie mir aber Ihr Ehren⸗ 80 wort, daß die ganze Sache ſtets unter uns bleiben ſoll. Herr Luchs gab das Wort, ſie gingen nach Hauſe, der Vater ſchloß ſich ein, und ſchrieb das oben angefuͤhrte Billet, das er am Morgen Hermannen uͤberſchickte. 10. Jener fremde Landmann trat, wie ich vorhin erzaͤhlt habe, mit beſcheidnem Anſtand in mei⸗ nes Vaters Zimmer. Mein hochgeehrter Herr, ſagte er; halten Sie mir's zu Gute, daß ich mich ſo unhoͤflich eindraͤnge. Ich haͤtte mich's nicht unterſtanden, wenn ich nicht gekommen waͤre, Ihnen einen großen Gefallen zu er⸗ zeigen! Wie ſo? fragte mein Vater etwas zer⸗ ſtreuet. Ja ja, lieber Herr, einen großen Ge⸗ fallen! Sie haben einen rechtſchaffenen Men⸗ ſchen faſt zur Verzweiflung gebracht. Ei, das muß fruͤh oder ſpaͤt ſchrecklich quaͤlen! Da will ich denn verſuchen, es Ihnen abzuneh⸗ men. Sie ſehen mich mit großen Augen an? Hab' ich mich denn ſo ganz veraͤndert in den eilf Jahren, ſeit ich Ihnen meinen Schatz, meinen Reichthum, meinen Sohn Hermann uͤberbrachte? Lieber, guter Mann! rief mein Vater ſehr bewegt. Ihr kommt eben jetzt... Sagt, iſt das Zufall, oder wie haͤngt's zu⸗ ſammen? Ei nun, daß ich eben jetzt hiehergekommen bin, wird wol eben ſo zugegangen ſeyn, wie dort im Sonntagsevangelio, daß ſie den Juͤng⸗ ling zu Nain eben da zum Thore hinaustru⸗ gen, als unſer Herr hereinkam.— Ach lieber Gott, muß mir auch bei meinem Hermann gerade der geſtorbene Juͤngling einfallen, der auch ein einiger Sohn war! Guter Mann, nahm mein Vater das Wort wieder; ihr ſeid angegriffen: erholt euch lieber erſt, und laßt uns indeß von andern Dingen ſprechen. Wie iſt es euch auf der betraͤcht⸗ lichen Reiſe ergangen? Ich hab' ſie mit Freuden gemacht, fuhr der Mann fort, und da iſt ſie mir nicht ſchwer geworden. Mein Sohn hatte mir ſchon ſeit Selene II. 10. H. 6 82 beinah' einem Jahre immer traurig geſchrieben; und gleichwol konnt' ich nicht herauskriegen, was ihm denn eigentlich fehle. Ich wollte mich ſchon damals aufmachen: aber da ſchickten Sie ihn nach Paris. In dem Briefe, wo er mir das ſchrieb, brach's durch. Er geſtand mir, er habe Ihre gute Tochter gar zu lieb gewonnen; dieſe ſei ihm aber wenigſtens nicht ſo gut, daß ſie ihm ihr Gluͤck darbringen wuͤrde— ooer wie er's ausdruͤckte. Und Sie, Sie ſchienen nun vollends gar nicht geneigt, zu ſolch einer Verbindung Ja zu ſagen. Ei was da— dacht' ich. Ein junger, huͤbſcher Mann, dem Kopf und Herz auf dem rechten Fleck ſitzt; der geſund iſt an Geiſt und Leib, vor Gott und Menſchen angenehm— was? der ſollte irgend einem Maͤdchen auf der ganzen weiten Welt zu ſchlecht ſeyn? Der gute Junge iſt fruͤh ein Bischen ſtreng gehalten worden, dacht' ich; hernach iſt er mit Einemmale in die feine Welt gekommen; da hat er erſt nicht mit fortgekonnt, und wie er das gelernt hat, iſt er doch immer der einzige Arme unter lauter Reichen, der einzige Geringe unter lauter Vor⸗ 8³⁸ nehmen geweſen. So iſt denn was von Schuͤch⸗ ternheit, von Mißtraun gegen ſich und Andere, in ihm ſitzen geblieben.—— Das ſchrieb ich ihm denn auch derb heraus; aber, was half's? Ich haͤtte freilich ſelbſt ſo klug ſeyn und wiſſen ſollen, daß, wenn ich Jemanden am Aermel zupfe und rede in ihn ein: du biſt ſchuͤchtern und ungeſchickt— ſo wird er's nur deſto mehr. Indeſſen, es war einmal geſchehn. Seine Antwort war klaͤglicher, als alles Vorhergegangene. Links um denn! ſagt' ich nun zu mir; du willſt ſelbſt hin, und findeſt du alles, wie's ſeyn ſoll, ſo trittſt du froͤhlich und mit Zutraun zum hochedlen Herrn Principal, und wirbſt geradezu um ſein liebes Toͤchterchen. Beſchloſſen war's, aber merken durft' es der arme Verliebte nicht; er haͤtte mir's wahrlich ſelbſt nicht zugelaſſen. Nur weiter, weiter! rief mein Vater. Nun ja— fuhr der gute Alte fort. Vor⸗ geſtern Abend kam ich denn an. Die zwei letzten Tagereiſen waren in Einem Strich ge⸗ macht worden— wie es geht, wenn herzliche Liebe vorwaͤrts treibt. Es war ſchon ganz 84 finſter, und mit meinen Kraͤften war's auch ganz am Ende. Ich frage im erſten, beſten Hauſe nach Ihrer Wohnung. Ich war an einen Gaſthof gekommen. Der Wirth, ein freundlicher, hoͤflicher Mann, ſtand an der Thuͤre. Der erinnert mich denn dran, daß es noch eine tuͤchtige Strecke bis zu Ihnen iſt, und daß man auch in ſo ein vornehmes Haus nicht ſo ſpaͤt und ſo ſchmuzig von der Reiſe zulaͤuft. Wie mit lachendem Muthe ſagt' er: wir ſollten nur zu ihm kommen. Man ſchliefe in der ganzen Stadt nicht beſſer, als bei ihm. Morgen noͤcht' ich mich dann erſt zurecht machen— und was der huͤbſche⸗ luſtige Mann weiter plauderte. Es konnte mir gar nicht beſſer gluͤcken. Nur, wie ich geſtern fruͤh aufwache, faͤllt mir dies und das ein. Du ſollteſt doch vor allen Dingen deinen Hermann vornehmen, dacht' ich. Iſt denn auch alles in ihm beim Gleichen? hat er nicht etwa das leidige Geld im Auge, ſondern liebt die Jungfer, wie— na, wie unſer Einer in ſeiner Jugend geliebt hat? Alles das, dacht' ich, laͤßt ſich beſſer 85 hier abmachen, als drinnen bei ihm. Du willſt ihn alſo herausrufen laſſen, ehe du hin⸗ eingeheſt. Nun war ich aber durch den Glau⸗ ben, du thuſt hier was Gutes, und es iſt dir brav ſauer geworden, und darum wird’s ja der liebe Gott gelingen laſſen— ſehen Sie, dadurch war ich ſo vergnuͤgt, daß ich mir noch einen beſondern Spaß ausſann. Er ſoll nicht wiſſen, wer da iſt! Ob er wol ein Bis⸗ chen hochmuͤthig zu den fremden Bauersleuten hereintreten wird? ob er euch gleich kennen wird? oder wie er nach und nach große Augen machen und es hernach helle durchbrechen wird? Na, Sie ſind ja ſelbſt Vater—! Weil mir aber der Wirth gar nicht darnach ausſah, als koͤnn' er viel verſchweigen: ſo ſagt' ich dem auch nichts, als, er ſolle Herr Hermannen aus Ihrer Handlung rufen laſſen; es waͤren Fremde hier, die ſehr nothwendig mit ihm ſprechen muͤßten. 16— Hoͤren Sie: er hatte nichts gemerkt! Her⸗ mann hatte nichts gemerkt! Er ließ uns bis nach Tiſche warten— der Schelm! Herr Gott, wie lang iſt mir die Zeit geworden, 86— bis er kam! Und wie er nun endlich herein⸗ trat.. 1 Lieber Mann— geſchwind: wann, wann kam er? fiel ihm mein Vater haſtig in die Rede. 1 Gleich nach Tiſch, aber nur auf ein Vier⸗ telſtuͤndchen. Wir konnten uns jetzt nur her⸗ zen und wieder herzen: aber bereden noch gar nichts. Er mußte wieder an die Arbeit... Und wann kam er wieder? Es mocht' ein Stuͤndchen dunkel ſeyn. Ich war mit dem hoͤflichen Wirth auf ſeine Stube gegangen, und weil ich die Stunde wieder nicht erwarten konnte, beredete mich der gute Nann zu einem Spielchen.. e Und wo— wo wohnt ihr?— Im gruͤnen Roß, gleich am aͤußerſten Thore. Es gehen recht huͤbſche Stadtleute da aus und ein, ſo viel ich geſehn habe— Und ihr ſeid nicht allein?. Meine juͤngſte Tochter iſt mit. Sie war Hermannen ſchon als ein kleines Ding immer die liebſte. Und es iſt auch ein huͤbſches, nettes Maͤdchen. Alle Welt iſt ihr gut. Auch —— 87 unſer Wirth ſieht ihr ſchon alles an den Augen ab; ich glaube, er behielt ſie lieber gar hier— Und Hermann war geſtern Abend, bis ihr kamt, bei eurer Tochter? ihr traft ihn da? Freilich! das war eine Herrlichkeit unter den beiden! Sie ſaßen wie Liebesleutchen bei⸗ ſammen. Sie haͤtten Ihre Freude dran ge⸗ ſehen, wenn Sie da geweſen waͤren. Droben, zwei Treppen hoch, in dem Stuͤbchen... Gleich links'rum: ganz recht! Aber, lieber Herr, was iſt Ihnen denn?—— Mein Vater ſiel ihm um den Hals, lief im Zimmer umher, ſchlug in die Haͤnde, riß dann in die Klingel, und ſank nun faſt er⸗ ſchoͤpft auf's Sopha. — II. So fand ich ihn denn. Julius, geſchwind ſchaff' Hermann! rief er mir entgegen. O ſo lauf doch! Hoͤren Sie, junger Herr: er ſitzt draußen 88 im gruͤnen Roß bei Lieschen! rief mir der gute Alte nach. Einen ſichrern Beweis, fuhr mein Vater fort, daß er nicht weiß, wo er eigentlich ſitzt, kann er nicht geben, als daß er die liebe Schweſter dort laͤßt! Nimm den Wagen, Ju⸗ lius, und bring' ſie beide! Nur geſchwind!— Das hatte denn Laͤrm im Hauſe gemacht; es war auch hinauf, zu Lauretten, und hin⸗ unter, zu Herrn Luchs erſchollen: nur wußte noch Niemand, was es eigentlich ſagen wolle. Ich trat mit Hermann und Lieschen herein, eben da Schweſter Laurette eingetreten war, und Herr Luchs ſchlich uns bald nach. Hermann, rief mein Vater in flammender Freude— lieber, guter Hermann, ich habe dich beleidigt, ich habe dich gekraͤnkt! Willſt du mir's vergeben? Sieh, und wenn du mich nun auch gar nicht einmal fragſt, war⸗ um und wofuͤr: ſo... ſchenk' ich dir— dieſe da! Was erſchrickſt du? Willſt du nicht? Sie will! Geſtern fruͤh, auf dein Briefchen an ſie— da hat ſie mir's geſtan⸗ den!— Nun, was ſteht ihr denn da, ein⸗ — 69 ander gegenuͤber, wie Adam und Eva, als ſie gefuͤndigt hatten? Ihr habt ja nicht ge⸗ ſuͤndigt! Ihr ſeid gute, liebe, ſchuldloſe Kinder!. Je Hermann! potz Stern, ſo greif' doch zu, und laß nicht wieder los in Zeit und Ewigkeit! rief ſein Vater. Die beiden Liebenden ſanken einander ſtumm in die Arme, und wir Andern ſtanden lange eben ſo ſtumm und trockneten uns die Augen. Jetzt nahete ſich mit vielen anſehnlichen Buͤcklingen Herr Luchs und wollte wahrſchein⸗ lich eine demuͤthige Verwahrung einlegen: aber mein Vater druͤckte ihm lachend die Hand auf den Mund und rief: Allen Suͤndern ſoll vergeben Und die Hoͤlle nicht mehr ſeyn! Aber Hochzeit! fuhr er fort. Und wann? ſagt, Kinder, wann? doch recht bald?— 12. Am Hochzeittage uͤber Tiſche wendete ſich mein Vater zu dem gluͤcklichen Brautpaar: Aber, 90 meine Kinder, jetzt muß ich euch auch noch Rechenſchaft geben uͤber mein Benehmen in der fruͤhern Zeit eurer Liebe. Daß ihr euch einander gern ſahet, hatte ich freilich bemerkt; aber du warſt mir auch ein gar zu bloͤder Schaͤfer, und du eine gar zu gemuͤthliche Schaͤferin! Auch wuͤnſchte ich wirklich kein naͤheres Verhaͤltnis zwiſchen euch. Wenn man ſo mit einander herangewachſen, wenn man huͤbſch und nicht ohne Empfindung iſt: ſo gewinnet man wol einander lieb, aber es iſt das doch gemeiniglich ein ganz andres Ding, als es ſeyn muß, ſoll man erſt des Erden⸗ Himmels theilhaftig werden, und hernach, Freude und Leid, Sorge und Genuß, immer gleich und immer getreu mit einander theilen. Wenn da das Gluͤck gut iſt, ſo geht's gut: „aber,“ ſteht dort,„zur Zeit der Anfech⸗ tung fallen ſie abe!“ Auf jener Spazierfahrt an meinem ein und ſechzigſten Geburtstage— nun ja, da merkt' ich wol, daß es dir, Her⸗ mann, etwas tiefer im Herzen ſitze: aber von ihr wußt' ich ja noch nichts; und zu fragen huͤtete ich mich wol! Ein munteres Maͤdchen von achtzehn 91 Jahren ſagt, wenn ſie nichts anders im Kopf' und Herzen hat, unter ſolchen Umſtaͤnden immer Ja! Und eigentlich war dir's, liebe Tochter, auch wirklich noch nicht tief in die Seele ge⸗ gangen. Da kam mir alſo die Pariſer Reiſe eben zu rechter Zeit. Laß ihn wandern, dacht' ich, und unter die einnehmendſten Weiber! Sie ſoll ſich indeſſen mehr in der Welt, be⸗ ſonders unter huͤbſchen, jungen Maͤnnern um⸗ ſehen. Iſt nicht mehr in Beiden, als das Gewoͤhnliche: ſo wird's verduften, oder man wird doch— ſoll's ſeyn— ohne großen Schmerz entſagen und vergeſſen lernen. Iſt aber wirklich mehr da: ſo wird es eben durch Trennung und Beobachtung Anderer ihnen ſelbſt klaͤrer, wird tiefer, wird feſter, kommt zur ernſten Ueberlegung, zum ſichern Ent⸗ ſchluß. So wurd' es dann auch, und dort am Brunnen der heil'gen Eliſabeth merkte ich zuerſt, es ſei ſo. Die herbe Station von Ei⸗ ſenach nahm ich dich, Hermann, unvermerkt ſo ernſtlich in die Preſſe, als man's bei jedem ſungen Herrn muß, der eben aus Paris kommt; du gabſt mir, eben ſo unvermerkt, volle Be⸗ 9² ruhigung, und nun glaubte ich euren furcht⸗ ſamen Herzchen auch ein wenig Lebensbalſam eintroͤpfeln— oder vielmehr anzuͤnden zu duͤrfen. Ihr erinnert euch ja meiner Illumination! Am Morgen darauf brachteſt du mir, mein wackeres Toͤchterchen, Hermanns ſchoͤnen, lie⸗ bevollen Brief an dich. Ich verdankte dir dein unbeſchraͤnktes Vertrauen mit meiner Zu⸗ ſage, freuete mich der innigen Zaͤrtlichkeit dei⸗ nes Freundes, blieb auf meinem Zimmer, weil ich vorausſetzte, er werde wie du zu mir geſchlichen kommen: und ſtatt deſſen erfahr' ich, daß eben heute Ja ſo, das bleibt mein Geheimnis! Nun, ihr ſollt leben, Kin⸗ derchen! Einen Tuſch, meine Herrn Mu⸗ ſiker!—— . —— 93 Seltſamer Brief zweier hol⸗ laͤndiſcher Bauern an den Czar, Peter den Großen. (Der Brief iſt aus Saardam, vom 5ten De⸗ cember 1698. Das Original, das Peter von ſeinem Admiral Cruys beantworten ließ, be⸗ findet ſich noch in St. Petersburg. Der Ueber⸗ ſetzer giebt es ſo treu, als moͤglich. Sollte der Brief auch vor Jahren ſchon irgendwo oͤffentlich erſchienen ſeyn, ſo verdient er doch wol auch hier ſein kleines Plaͤtzchen.) Peter Alexiewitſch, Guͤnſtiger Freund und Bruder in Chriſto Jeſu! Nach Wuͤnſchung alles Guten hier und dort K ewiglich! Unſer erſter und letzter Brief an Euch iſt geweſen vom 28ſten November, und iſt dieſer eine Kopie von dem vorigen, worin gemeldet, daß wir vor dieſem die Ehre nicht gehabt haben an Euch zu ſchreiben. So dient nun dieſes, um Euch bekannt zu machen, daß 94— in unſer Dorf Saardam und andere umliegende Oerter in Holland gelegen, als Ihr aus Hol⸗ land abgereiſet geweſen, gar haſtig eine große Theuerung im Getraide kommen iſt, vornaͤmlich im Roggen. So iſt denn mit dieſen wenigen Zeilen unſre inſtaͤndige Bitte und Anerbietung an Euch, daß wir die Freiheit haben moͤgen, eine Schiffsladung Roggen, groß zweihundert Tonnen, zu kaufen, und ſie nach Saardam bringen zu laſſen; dies zu thun verobligiren wir uns, und wird's Euren ruhmwuͤrdigen Namen in einem ewigen Godaͤchtniſſe bleiben laſſen bei Euren ſehr geneigten Saardamer Freunden. Erſuchen ſehr freundlich eine guͤnſtige Antwort auf's allerbaldigſte, wornach wir uns richten koͤnnen; und worin wir Euch wiederum dienen koͤnnen, ſeid verſichert von unſrer Geneigtheit. Wir thun Euch freundlich gruͤßen, und bedanken, daß Ihr uns beliebt habt mit Eurer Perſon zu beehren. Beliebt zugleich Alexan⸗ dern*) und Gabriel'’n*x*) zu gruͤßen. *) Fuͤrſt Alexander Menzikoff. **¼) Graf Gabriel Goloſkin. 95 Schließlich Euch noch in Gottes Obhut befeh⸗ lende, Eure ſehr geneigten Freunde Kornelis Mighielz Kalff. Kornelis Korneliſſe Kalff. (Das Schiff kam wirklich im Fruͤhling 1699 an, wurde auf Befehl des Czars mit Roggen befrach⸗ tet, und dieſer ſeinen„ſehr geneigten Saarda⸗ mer Freunden“ zum Geſchenk gemacht.) Charade. Gehuͤllt in mein Ganzes durchſtrich ſie den Hain⸗ Und miſchte mit leiſen Accenten Geſang zu veralteter Saiten Verein.— Willſt du mir drei Zeichen entwenden, So wird dir die einfache Leier genannt, Die einſt ſie geruͤhrt mit der zitternden Hand. Das myſtiſche Dunkel im daͤmmernden Wald, Die Huͤlle der Sangerin, lehnte Den kunſtloſen Liedern oft Kraft und Gehalt. Man forſchte, man fragte, man waͤhnte. Die Saͤngerin hielt den Schleier feſt Und nicht das Fragen ſich irren laͤßt. Da lupft' ein Sturmwind das Nebelgewand, Da wollte die Schüchterne fliehen, Da gluͤckt' es der Neugier mit neckender Hand Die Huͤll' ihr ganz zu entziehen. Erroͤthend ſtand die Saͤngerin da, Der Nachbar nichts als— die Nachbarin ſah! Kein myſtiſches Dunkel im daͤmmernden Wald Und keine Huͤlle mehr lehnte Den einfachen Liedern jetzt Kraft und Gehalt; Der Schleier war's, der ſie verſchoͤnte! „Nun genug des Geſanges!“ die Gegend ſprach; Die Saͤngerin laͤchelnd die Leier zerbrach. Aufloͤſung der Charade im vorigen Hefte: Naum. I. . Schoͤn iſt die feurige Traub' am Stock, unter roͤthlichen Blaͤttern, wenn, vom Thaue beglaͤnzt, friſch ſie am Mor⸗ gen ergluͤht. Doch weit herrlicher iſt der gekelterte Wein, der im Becher. ſprudelt, und froͤhlichen Muth gießet dem Trinker ins Herz. Ihr, der lieblichen Traube, vergleich⸗ ich das ſchoͤne Neapel, doch dem begeiſternden Wein gleichet das herr⸗ — liche Rom. Selene II. I1. H. 1 2. Rom, ich hab' es geſehn, ich hab' es genoſſen, und ſchmachte, laͤngſt von der ſchoͤnſten getrennt, immer nach ijhrem Genuß. So nicht wehet die Luft an anderen Orten; der Himmel laͤchelt ſo blau nur hier, wo er das Hoͤchſte beſtrahlt, was zur gluͤcklichen Zeit der Genius, jetzt in Geſtalten, jetzt in bezaubernder Pracht kuͤhner Gebaͤude, gezeugt. Wie am heilſamen Quell die gelaͤhmeten Glieder der Kranke freier bewegt, und bald ledig der Plage ſich fuhlt: alſo ſchwindet in Rom das beengte, bekuͤmmerte Leben: frei fuͤhlt jeder den Geiſt, hoͤher erſcheint er ſich ſelbſt. Fragt ihr, welch ein Zauber in Rom das Leben begeiſtert? Schon iſts, Freunde, geſagt: allesveredelnde Kunſt. 3 Dieſe verſcheucht das Gemeine, das ſtets auch Beſſern noch anhaͤngt; und wo Gemeines entflieht, ſchließet der Him⸗ mel ſich auf. 3- Als ich von Capua her der Erdbeherrſcherin 3 nahte, ruht' in Stille der Nacht, daͤmmernd, die roͤ⸗ miſche Flur. Aber es leuchtete ſanft am naͤchtlichen Himmel die reine Luna dem Wanderer vor, ſicher bezeichnend den Pfad. Alſo fuͤhrte man einſt die Geweihten in hohes Geheimniß, wie zu der herrlichen Stadt Luna, die ſchwei⸗ gende, mich. Wie in bezauberten Kreis ein trat ich, als ich die Mauern Roms nun erreicht; es erſchien goͤttlich mir Alles beſeelt; 4 wuͤrdig erſchien mir Alles des Anblicks und der Bewundrung, doch das Groͤßte zuerſt, was von den Alten uns blieb. Staunend begruͤßt' ich zuerſt, bei Luna's daͤmmern⸗ dem Strahle, halb in Dunkel gehuͤllt, Felſen zu Felſen ge⸗ thuͤrmt, dich in erhabener Pracht, unvergaͤngliches Coliſeum, hochaufragend. Du ſtand'ſt maͤchtig, ein Rieſe, vor mir, unuͤberſehlichen Bau's, mit gewaltigen, kraͤftigen Gliedern, gleich als waͤrſt du bereit maͤchtig zu ſchutzen die Stadt. Wahrlich, du ſchuͤtzeſt ſie auch; du bewahreſt den Ruhm und die Staͤrke Roms: kein raubender Feind fuͤhrt dich als Beute hinweg. 4.. Vieles erregt das Erſtaunen der Welt, doch der Zeiten Verwandlung iſt das Erſtaunlichſte wol, was ſich dem Sin⸗ nenden zeigt. —— 5 Als zur maͤchtigen Roma, gefeſſelt, Koͤnige 1 wallten und der Beherrſcherin ſich Laͤnder zu Fuͤßen gelegt: da, von unendlicher Kraft emporgerichtet, erhob ſich das Coliſeum, ſtolz, Wunder der roͤmiſchen Welt. Hoch, im Kreiſe vereint, auf breiten Subſellien ſaßen rings der Senat, und das Volk tiefer die Stu⸗ fen hinab, Alle des Caͤſars harrend, und ſchnell mit unendli⸗ chem Jauchzen, trat er herein, den Ruf: Lebe! verbreitend umher. Hier, unzaͤhlbar, ſchauten ſie nun in der Mitte des Platzes, auf den gegebenen Wink, blutige Kaͤmpfe mit uſt Grimmausſchnaubender Löwen und Glutausſpruͤ⸗ hender Tiger, wie ſie einander ſich ſelbſt, wie ſie die Sklaven zerfleiſcht. 6 Jetzt, verſchwunden iſt Rom, die Beherrſcherin, . oͤd' und bemooſt ſind nun die Sitze, nur Gras winkt vom erhabenen Thron; in der Arena Mitten erhebt ein hoͤlzernes Kreuz ſich, und an der Mauer Gewoͤlb ſchmiegen Kapellen ſich an, gleich dem gebrechlichen Neſt vielzwitſchernder Schwalben am Scheunthor, welches der Landmann gern, Segen verhoffend, erhaͤlt. Aus den Hallen hervor aufſchallt die gewaltige Stimme freihinſchreiendes Moͤnchs, welcher die Wande⸗ rer lockt: Maͤrkter; ſie ziehn von den Doͤrfern herein; ein geraͤumiger Durchgang iſt das Gebaͤude, bequem Koͤrbe⸗ belaſtetem Volk. Dieſe verweilen, und ruhn hier aus, und hoͤren die Predigt, welche die Echo hinauf zu den Subſellien traͤgt. 5. Immer vom Neuen gedraͤngt entweicht unmerklich das Alte; was an dem Lichte geglaͤnzt, zieht ſich ins Dunkel zuruͤck. Doch dir bleiben die Spuren, o Rom, hochpran⸗ 4 gender Schoͤnheit: mitten in juͤngerer Zeit gruͤnet die alte noch fort. Oefters verjuͤngteſt du dich, und es wuchſen neue Palaͤſte, Kirchen und Villen hervor, ſchoͤn von den Kuͤn⸗ ſten geſchmuͤckt: aber es blieben dir immer, erglaͤnzend in ewiger Jugend unverwelklicher Pracht, Boͤgen des hohen Tri⸗ umphs, Saͤulen von Erz und Stein, die Geſchichten der ruͤhmlichen Tage kuͤndend, muͤhſames Werk alter, erhabener Kunſt, Tempel und Baͤder, und ſtolz Obelisken, erſtaun⸗ liche Wunder. So in dem reichen Gemiſch gleichſt du dem heimiſchen Baum, 8 welcher, erwaͤrmt von dem heiterſten Licht, und genaͤhrt von dem beſten, kraͤftigſten Boden, zugleich Fruͤchte zu Bluͤthen geſellt. 6. Friedliches Lebensgewuͤhl iſt in Rom, nicht ver⸗ mengt mit Neapels laͤrmendem Marktes⸗Geraͤuſch, noch mit Ve⸗ nedigs Geſchrei: nur ein heit'res Gedraͤng iſt hier und geſchaͤftiges Wandeln; Reich' und Arme, gemiſcht, ſuchen daſſelbige Ziel, ruhig. Es eilet der Abt keck hin zum fuͤrſtlichen Gaſtmal; hier, der Bettler, vergnuügt, ſchleppt ſich die Spende nach Haus. Freundlich begruͤßen ſich Buͤrger und Moͤnch; Ver⸗ kaͤufer und Kuͤnſtler regen ſich frei, es vertritt keiner dem Andern den Weg. Wandelnde Proceſſionen, und Heerden verkaͤufli⸗ ches Schlachtviehs, Wagen und Roſſe, zugleich, faßt der geraͤumige Platz. 9 Zeigt mir, Freunde, den Ort, wo Geſchiednes ſo friedlich vereint iſt: Rom, das neue, ja ſelbſt ruht in des aͤlteren Schoos. 2. Immer doch zehrt von dem Alten das Juͤng're, vom Eye das Küuͤchlein, und von dem wolligen Schaaf, ſaugend, im Stalle, das Lamm. Alſo zehret vom aͤlteren Rom das juͤngere Rom auch; Nahrung, mancherlei Art, zieht es, beduͤrftig, von ihm. Unter den Truͤmmern erhaſcht der Denker die Spu⸗ ren der Vorwelt, ihre ſchoͤnere Form eignet der Kuͤnſtler ſich an; gierig ſcharret der Fleiß des Kaufmanns Glieder und Ruͤmpf' aus, Muͤnzen der aͤlteſten Zeit, und den geſchnittenen Stein, bietend die Waare dem Fremden, und vortheilhaft ſich bereichernd; ſelbſt der Gaſtwirth zehrt, heilige Roma, von . dir. 8. Fremdling, lebſt du in römiſcher Luft, auf roͤmi⸗ ſchem Boden: wie es der Roͤmer verlangt, naͤhr' und bewege dich auch. Schaͤdlich iſt es, in Rom des Getraͤnks und der Speiſen die Menge ſich zu vergoͤnnen: es trifft tuͤckiſches Fieber dich leicht, lebſt du nach noͤrdlicher Art; auch lieben die Mu⸗ 4 ſen den Aether, nur dem heiteren Geiſt zeigt ſich das heitere Rom. Schaͤdlich iſt auch, zu wandeln zur Zeit wo die Sonne hinabſinkt, ſchaͤdlich, im offenen Raum ſchlafen bei naͤcht⸗ licher Luft. Aber es lockt der Morgen hinaus in die roͤmiſchen Fluren, und es erlaubt den Genuß koͤſtliches Himmels die Nacht. Nur der heißere Tag vergoͤnnt nicht freien Spa⸗ ziergang, nicht das ernſte Geſchaͤft, fern von dem kuͤhle⸗ ren Haus. 11 Fragſt du:„was ſoll ich am Tage beginnen, dem zoͤgernden, langen?⸗ Schließe die Laden, und laß, weiſe, den Tag nicht herein; ſchlumm're; bewirthe den Freund; ergreife den Griffel; ſtudiere; oder, will es das Gluͤck, ſammle tibulliſchen Stoff. 9. Lieben, ich will es geſtehn, verfuͤhreriſch wahrlich iſt Rom ſehr, und es verwahrt nicht genug Jeder im Buſen das Herz. Schwach iſt der Menſch. Und huͤteten Andre, 4 vor mir, ſich denn beſſer? liebte Tibull und Ovid, liebte doch ſelber Horaz! Ja was nenn' ich die Alten? geſtand der neue Ti⸗ bull nicht ruͤhrend und ſchalkhaft uns, wie er in Rom ſich erfreut? Hoͤret es denn. Es fand ſich auch mir in Rom die Geliebte, welche das Herz und den Geiſt, welche den Sinn mir entzuͤckt. 12— 3 5 Kraͤftig war ſie und zart, ein ſtolzes Gemuth, und die weichſte Seele zugleich, ſie umfloß unuͤbertrefflicher Reiz. Unwiderſtehlich zog ſie mich an, auch lohnte die Glut ſie dankbar: köſtliches Gluͤck hat ſie dem Fremd⸗ * ling gewaͤhrt. Doch, nun vernahmt ihr genug; nur ſprech' ich offen den Namen euch der Geliebten noch aus: wiſſet, ſie nannte ſich Rom. 10. Wollt ihr, kindliches Sinns, euch lieblicher Bil⸗ der erfreuen: 1 ſteiget des Vaticans alternde Stufen hinan. Schoͤner als glaͤnzend Geſtein und Gold, ſchmuͤckt, kraͤnzend, der Hallen hohes, gewoͤlbetes Dach Raphaels gluͤhender Geiſt. Euch enthuͤllet ſich hier die Geſchichte der heiligen Schoͤpfung, ſo wie die Roſe des Mai's duftend enthuͤllet den Kelch. 13 Hier zeigt offen dem Blick ſich der bruͤtenden Liebe Geheimniß, wie ſie der Welt Schoͤnheit, wie ſie das Gluͤck ſich erzeugt, dann den Menſchen erſchafft, den Erdegebornen, 4 und Schönheit ihm und das Gluͤck, liebend, in Fuͤlle, ge⸗ b waͤhrt. Dann, wie der Menſch ſich verirrt und der Un⸗ ſchuld goͤttlichen Frieden von ſich ſcheucht, wie der Haß naht und der feindliche Krieg, und mit der Suͤnde der Tod, und wie dann, goͤtt⸗ liches Kunſtwerk, herrlich ins Leben den Tod wandelt der ſter⸗ bende Gott, der nun verklaͤrt ſich erhebt, ein bluͤhender Juͤng⸗ ling, und mit ihm neu, in verjuͤngter Geſtalt, bluͤhend und ſelig die Welt. Hier, gleich Kindern, im Spiel' anſchaut ihr ewigen Weltlauf; ahnend erblickt ihr im Ernſt ſelbſt nur ein goͤttliches Spiel. 14— II. 8 Wie von dem Vorhof einſt in das Heiligſte zitternd 7 der Prieſter eintrat, tretet ihr ein jetzt in den innern Inf Palaſt. Hier ſtrahlt Raphaels Kunſt, wie die Sonn' im 0 purpurnen Glutmeer, lichtausblitzend, den Tag fuͤhrend im Glanze herauf. Uebererfuͤllt wird der Blick von dem Reichthum holder Geſtalten, und vom harmoniſchen Spiel lieblicher Farben entzuͤckt. Alles iſt Reiz an den Waͤnden der hohen, geadel⸗ ten Saͤle, wie durch Zauberers Spruch ſind ſie belebt und beſeelt. Wachend duͤnkſt du dich nicht: von nimmergeſehe⸗ nen Dingen meinſt du zu traͤumen, es zieht Wunder an Wunder vorbei. Maͤchtige Thaten ſiehſt du geſchehn, im Schlach⸗ tengewuͤhle biſt du verloren, es reißt unwiderſtehlich dich fort. 15 Jetzt, mit beruhigter Bruſt, durchwandelſt du heiter die Reihen heiterer Weiſen, Athen haͤlt ſie im pflegenden Schoos. Jetzt entruͤckt in des Tempels erhabene Hallen, ergreift dir Andacht rüͤhrend das Herz, wenn du die Beten⸗ den ſchauſt. Jetzt in den Kerker hinab zu Petrus ſteigſt du, — es ſchlafen tief die Waͤchter und matt glimmt noch das naͤchtliche Licht: ſieh, da erſcheinet im Glanz der goͤttliche Bote; geblendet ſtehſt du wie Petrus da, ſtauneſt, und beteſt ihn an. 12. Wollt' ich die Schaͤtze benennen, gehaͤuft in den Muſengeweihten Naͤumen des Vatikans, nimmer beendigt' ich es. Zaͤhle die Blaͤtter der Baͤume des Walds, und die Blumen der Wieſen: dann auch zaͤhleſt du wol hier die unendliche Zahl 16 köſtlicher Werke der Kunſt, wie ſie einſt das Leben der Alten heiter geſchmuͤckt und verſchoͤnt. Hier iſt der goͤttliche Kreis hoher Gedanken bewaͤhrt, wie in lieblichgeſtalte⸗ ten Bildern klar ſte der Kuͤnſtler geſehn, liebend dem Steine . ſie dann oder dem Erze vertraut, dem bleibenden: erſtlich der Goͤtter— himmliſch⸗ erhabne Natur, dann der Heroen 84 Gewalt, dann der Genien Reiz und der erdebeſchuͤtzenden 1 Kraͤfte; endlich der Irdiſchen Loos, wie das Geſchick es beſcheert: Vaſeln und Garkophagen„ Altaͤre, Leuchter, und Vaſen ſprechen vom Leben mit Luſt, ſprechen mit Liebe vom Tod. So an dem Becher des Mahls, wie an aſche⸗ bergender Urne ehñ du das heitere Spiel, ſiehſt du den froͤh⸗ lichen Tanz: — 17 huͤpfende Knaben, ſie kraͤnzen den Faun, und die ſchlankeſten Maͤdchen halten im ſchwebenden Kreis froͤhliches Blu⸗ mengewind. Und ſolch munteres Leben, ſo heiteres, frohes Be⸗ hagen, uͤberall blickt es dich an in dem geweiheten Raum. . Selbſt das Geringere findeſt du hier geſchmuͤckt und veredelt, immer, beherrſchend den Stoff, zeigt ſich der ſiegende Geiſt. Billig bewahrt man im ſchönſten Palaſt die Schaͤtze des Schoͤnſten, wie man den edelſten Stein faßt in das lauterſte Gold. 13. Eins nur muß ich beſchreiben von Tauſenden— lieb⸗ liches Kunſtwerk, das mir im Vatikan froͤhliches Lachen erregt! Sorgſam baute der Kuͤnſtler ein Neſt von Mar⸗ mor, und drinnen klettern im bunten Gewuͤhl zierliche Amors herum, Selene II. Ir. H. 2 18 jungen Voͤgelchen gleich, dem Ei' entkrochen; ſie ſcchuͤtteln friſch die Schwingen, es ſtrebt jeder zum Neſte . heraus,. emſig, mit kindiſchem Ernſt, doch ſchelmiſch, blickſt du genauer ihm ins Geſicht; er verbirgt ſchwer ſich, der ſchaͤdliche Gott. Kalt duͤnkt ihnen der Ort, und es ſehnen die lo⸗ ſeſten Voͤgel ſich nach dem waͤrmeren Neſt. Wahret den Feinden das Herz! 4 (Der Beſchluß folgt.) Geſchichte des weiſen Avicenes. Nach perſiſchen, franzoͤſiſchen, und verſchiednen andern Berichten. Im dreizehnten Jahre der Regierung Or⸗ moz's, Koͤnigs von Perſien, ſaß dieſer große Monarch, wie auch ſonſt wol, auf ſeinem er⸗ habenen Thron' und hatte Langweile. Da trat Smauch al⸗Moluk, ſein Vezier, herein, thaͤt ſeinen Mund auf, und ſprach: Großer Beherrſcher der Welt! Deine in⸗ duͤſtrioͤſe Weisheit, welcher kein Ding verbor⸗ gen bleibt, kennet zwar, ich bin es uͤberzeugt, alle Schaͤtze, die bei deinen beneidenswerthen Unterthanen verborgen ſitzen: doch einer, und wahrlich keiner der kleinſten, hat ſich dir und meinen Spaͤhern annoch entzogen, bis ich ihm geſtern ganz zufaͤllig auf die Spur gekommen bin. 1 20 Gieb ihn an, Smauch, gieb ihn an, den Schatz, damit wir ihn taxiren und unſer be⸗ ſcheiden Theil davon nehmen! verſetzte der Koͤnig. Das Taxiren duͤrfte hier ſchwerer ſeyn, als das Nehmen, erwiderte der Vezier; denn der Schatz iſt ein weiſer Mann. Avicenes iſt ſein Name. Das iſt ein Mann, der nicht nur alles weiß, was auf Erden geſchieht, ſondern auch, wie alles geſchehen ſollte, und was nun geſchehen wird, weil, was geſchehen, nicht ſo geſchehen iſt, wie es haͤtte geſchehen ſollen— kurz, ein Selbſtdenker vom groͤbſten Kaliber. Und was denkt dieſer Selbſtdenker jetzt? fragte der Monarch, etwas verſtimmt. Er hat zuletzt uͤber die Fehler nachgeſonnen, die waͤhrend deiner glorreichen Regierung be⸗ gangen worden ſind, und kennet ſie nun auf's Haar— Smauch, die kenn' ich ſchon ſelbſt, jetzt, da ſie gemacht ſind— fiel der Koͤnig ein. „Aber er ſagt auch alle ihre Folgen auf ferne Jahrhunderte vorher— 21 Hoffſt du die Jahrhunderte zu erleben, Mo⸗ luk, um die Probe ſeiner Exempel zu machen? fiel der Koͤnig nochmals ein. Aber... ſtockte der etwas verbluͤffte Ve⸗ zier; aber... wenn nur erſt deine Majeſtaͤt geruhen wollte, ihn zu hoͤren und zu ſehen: es wuͤrde ihr Hoͤren und Sehen vergehen, ſo denkt, ſo ſpricht, ſo ſchließt, ſo beweiſ't der Mann!. Nun ſo laß ihn kommen! entſchied Ormoz. Es gehoͤrt einmal zu den unvermeidlichen Ge⸗ brechen der Natur, daß, ſo wie der Baum unzaͤhliche Regentropfen annehmen muß, die der Sturm ſogleich wieder herabwehet, und unzaͤhliche Samenkoͤrnchen ausſtreuen, die ſogleich vertreten werden, auch der Menſch tauſenderlei hoͤren muß, das zu nichts frommt, und tauſenderlei ſagen, das zu nichts fuͤhrt. Alſo— laß deinen Mann nur kommen mit all ſeiner Weisheit!— Smauch⸗al⸗Moluk beurlaubte ſich und kehrte nach einer Weile, den weiſen Avicenes an der Hand, in den Saal zuruͤck. Avicenes, nahm der Monarch das Wort— 22 ich hoͤre, du haſt alle Weisheit der Welt gleich⸗ ſam conſcribirt, requirirt und in deinem In⸗ nern exercirt: wie kommt es, daß ich bis die⸗ ſen Augenblick von dir und deinen Orakeln noch nicht das Mindeſte vernommen habe? Großer Monarch, erwiderte Avicenes, mir war die Welt bisher noch nicht reif genug: nun aber haben die letzten Jahre ſie zum Verwundern ſchnell gezeitigt, und darum halte ich auch mit gar nichts mehr zuruͤck, was mir der Himmel verliehen hat, oder was mir ſonſt woher zugekommen iſt. Frage nur: ich bin gewiß, auf alles eine Antwort zu haben; eine Antwort, auf die ſich weiter gar nichts ſagen laͤßt. Ob uͤbrigens die Welt Recht habe mit dem Geraͤuſch, das ſie von mir macht, gebuͤhrt mir nicht zu entſcheiden; das aber bin ich mir ſelbſt zu geſtehen ſchuldig, daß ich neun und dreißig, in vollendete Syſteme abge⸗ rundete Wiſſenſchaften mir zu eigen gemacht habe. Das waͤren ihrer vor der Hand genug, verſetzte Ormoz. Theile mir aus deinem rei⸗ chen Schatze etwas mit, weun dir's gefaͤllt. Ich 23 liebe es aber, wenn die Demonſtrationen der Spekulanten an etwas Hiſtoriſches geknuͤpft werden: ſie verlieren dadurch von ihrem Lang⸗ weiligen; darum erzaͤhle mir deine Geſchichte: ſie iſt dir ſelbſt gewiß das Wichtigſte alles Hi⸗ ſtoriſchen, und ich traue dir zu, du wirſt es auch an gelehrten Seitenblicken gar nicht fehlen laſſen. 3 5 Mit Freuden gehorche ich deinem Befehl, erwiderte Avicenes, und mit ſo viel Beſchei⸗ denheit, als die Sachen ſelbſt und die Macht der Ueberzeugung nur immer zulaſſen. Man will bemerkt haben, fing Avicenes ſeine Geſchichte an— daß von jeher die ge⸗ nialeſten Menſchen nicht auf dem Lande und nicht in den groͤßten Staͤdten aufgewachſen ſeyen; waͤre ich eitel, ſo wuͤrde ich mit eini⸗ gem Genuß berichten, daß das Staͤdtchen Afhana in der Provinz Bochara der Ort iſt, wo ich geboren ward und die erſten Kinder⸗ jahre verlebte. Kaum hatte ich laufen gelernt und die erſten Hoͤschen bekommen, als man 24 mich in die kleine Hauptſtadt dieſer Provinz, wo eine hohe Schule iſt, ſandte, damit ich meine Studien dort beginnen moͤchte. Ich trieb den Alcoran, und ſo viel ich mich mei⸗ ner ſelbſt, als eines ſechs⸗ bis ſiebenjaͤhrigen Knaben erinnere, waͤre ich damals leicht der vollkommenſte Iman im Lande geweſen. Aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Es brachte mir einen Dichter in die Haͤnde; ich verſchlang ihn, und ward ſelbſt Poet, indem ich das Verſchlungene, moͤglichſt veredelt, wie⸗ der von mir gab. Jetzt ging ich zur Kritik, und von dieſer zur eigentlichen Theorie uͤber; ſo daß ich einen nicht uͤbeln Curſus als Schoͤn⸗ geiſt gemacht hatte, als eben mein zwoͤlftes Jahr vollendet war. Nun aber wurden mir dieſe Beſchaͤftigun⸗ gen denn doch zu leicht, zu ſpielend, zu wenig durchgreifend. Ich wendete mich zur Mathe⸗ matik, zur Phyſik, zur Philoſophie; welche ſaͤmmtlich ich jedoch nur als Voruͤbungen be⸗ trachtete, und hernach, ſo wie mich ſelbſt, in die reine Medizin und in die ſpekulative Religionslehre warf— 25 „Das heißt, in die unreine“— ſchob Koͤnig Ormoz ein. Avicenes fuhr aber fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen: So durchſtrich ich die Tiefen faſt aller Wiſſenſchaften— was man naͤmlich, bis auf mich, Wiſſenſchaften nannte; und hatte kaum mein zwanzigſtes Jahr erreicht, als mein Ruf⸗ ſo viel ich weiß, vom Ufer des Gihon bis zum Ausfluß des Indus verbreitet war. Jetzt machte mein Vater eine Geſchaͤfts⸗ reiſe nach Samarkand, und mir fiel ein, ihn zu begleiten, um doch auch einmal einen Hof zu ſehn. Ich fand dort Gelegenheit, von mir in oͤffentlichen Blaͤttern zu ſprechen; man ward aufmerkſam auf mich, und ſelbſt der Groß⸗ vezier wuͤnſchte ſich Gelegenheit, mich kennen zu lernen. Stolz bin ich nie geweſen: ich machte es alſo dem guten Herrn nicht ſchwer; ich blieb ſogar bei ihm, da er eine koͤſtliche Tafel hielt. Seine Gefaͤlligkeiten vergalt ich ihm reichlich, indem ich ihm diſcurſive, ge⸗ woͤhnlich uͤber Tiſche, beibrachte, wie das Land zu regieren ſei, und, weil er meiner 26 Ueberlegenheit ſich hingab, es im Grunde auch uͤber Tiſche regierte. Der Vezier ſtarb; der Koͤnia ſelbſt erſetzte mir ſeinen Verluſt und ward mein Vertrauter. So haͤtte ich freilich deſto leichter das Heil des Landes beſorgen koͤnnen; aber die Sache zerſtreuete mich doch zu viel, und uͤberdies waren weder Koͤnig noch Land fuͤr meine An⸗ ſichten tief und reif genug. So gab ich denn meine Dimiſſion. Den Köͤnig daruͤber zu tröͤſten, erbot ich mich jedoch, immerfort in der Reſidenz, als ſein Freund und Vertrauter, zu verweilen. Man verdenke mir das nicht; einmal war ich dem Koͤnig gewiſſermaßen gut, obgleich ich ihn nicht achten konnte, und dann amuͤſirten mich der Hof und die Geſchaͤfts⸗ leute, an denen mein Witz ſich gern ausließ. Ich theilte nun meine Zeit zwiſchen Leſen und Schreiben; kam jedoch vom erſtern immer mehr zuruͤck, je armſeliger und ſchuͤlerhafter ich alles fand, was geſchrieben worden war. Endlich mußte ich, der Natur der Sache nach, wenn ich nun ja leſen wollte, mich auf meine eigenen Werke einſchraͤnken; und in der That. —— 227 genuͤgten dieſe mir auch vollkommen, ich mochte ihren Werth oder ihre Anzahl in Betrachtung ziehen. Denn mir war es nie gegeben, wie ſo vielen andern Gelehrten, den Platanen zu gleichen, die, weit ſich verbreitend, un⸗ endlich viel Lebensluft aus dem Aether ſaugen, ohne den Armen, die unter ihnen herumwan⸗ deln, erquickende Bluͤten und naͤhrende Fruͤchte darzubieten. Ich brachte beides zur Welt: die Bluͤten in unzaͤhlbaren Gedichten, die Fruͤchte in einigen hundert wiſſenſchaftlichen Werken; und wenn die Welt, wie nicht zu leugnen, ſeit einem Decennio Riefenſchritte in's Licht hinein gethan hat: ſo duͤrfte ich wol einige Anſpruͤche auf den Dank des Jahrhun⸗ ders machen, wenn ich dieſen nicht lieber ruhig von den folgenden, größern, erwartete. Jetzt machte mir eine gewiſſe Schwachheit, die eben die maͤchtigſten Naturen, unter gewiſ⸗ ſen Verhaͤltniſſen und Dispoſitionen, am gewal⸗ tigſten ergreift, eine kleine Diverſion. Ich ver⸗ liebte mich, und ward des hoͤchſten Preißes der Liebe theilhaftig. Da ich nun aber gewohnt war, uͤber alles und bei allem zu philoſophiren, 28 ſo philoſophirte ich auch bei den vertraulichen Umarmungen meiner Geliebten, ſo wie bei den reichlichen Erfolgen derſelben. Ich forſchte uͤber die geheimſten Geheimniſſe der Natur, uͤber die verborgenſten Uranfaͤnge des menſchlichen, ſo wie jedes Lebens und Daſeyns, und zwar forſchte ich daruͤber in Momenten jener muthmaßlichen Uranfaͤnge ſelbſt; ſo gelangte ich zu der recht eigentlichen Naturwiſſenſchaft, wo Theorie und Praxis, auf der hoͤchſten und ſubtilſten S pitze, einander ganz durchdringen, ſich in einander verfloͤſſen, Eins werden und Alles. Und wie weit haſt du's darin gebracht? fragte Koͤnig Ormoz kopfſchuͤttelnd. So weit, antwortete der weiſe Avicenes, daß ich die geſammte organiſche und unorga⸗ niſche Natur in ihre wahren Elemente der ſogenannten Elemente zerlegen koͤnnte, wie der Chemiker dieſes und jenes Produkt in ſei⸗ nem Tiegel; aber daß ich auch gewiß bin, bei mehrerer Muße, aus dieſen Urelementen eine neue Natur zuſammenzuſetzen, wenn ſich nur erſt die Potentaten der Erde vereinigten, fuͤr die etwas koſtſpieligen Verſuche zu beidem mir 29 die Summen voraus reichen zu laſſen. Ich darf letzteres um ſo ſicherer erwarten— fuhr Avicenes mit beſonderm Nachdruck fort, da der Koͤnig hier noch ſtaͤrker ſchuͤttelte— weil einem jeden Monarchen die ungeheuern Vor⸗ theile meiner Schoͤpfungen ſogleich einleuchten muͤſſen. Menſchen, zum Beiſpiel, die nicht aus dem Schoos der liebenden Mutter, ſon⸗ dern aus den kalten Mauern des Laborato⸗ riums hervorgehen; Menſchen, die nicht aus der Fuͤlle des Lebens, ſondern aus der Mi⸗ ſchung des(vermeintlich) Todten entſpringen, koͤnnen nicht das Geringſte dagegen haben, wenn ſie ſogleich wieder todt geſchlagen werden... Laß gut ſeyn, fiel der Koͤnig ein; wir wollen weiter davon ſprechen, wenn du uns die erſten Proben von ihnen vorzeigſt. Jetzt erzaͤhle nur weiter.— Als ich eben auch mit dieſer Wiſſenſchaft theoretiſch im Reinen war, fuhr Avicenes fort, kam eine extraordinaire Geſandſchaft vomn Koͤ⸗ nig zu Kaſchgar, Kuft⸗Beddin, in Sa⸗ markand an. Man zerbrach ſich die Koͤpfe, was ſie wolle; Manche erwarteten eine Kriegs⸗ 30— erklaͤrung, Manche eine Brautwerbung, Man⸗ che eine Allianz. Nichts von alle dem! Der Geſandte, nachdem er bei der feierlichen Au⸗ dienz ſein Beglaubigungsſchreiben uͤberreicht hatte, hielt folgende Rede: Sire! der Koͤnig Kuft⸗Bedodin, mein Herr, faß neulich bei Tafel und unterhielt ſich mit ſeinen Hofleuten uͤber das goldne Zeitalter. Hoͤrt, ihr Schwätzer, begann er, ich moͤchte endlich doch auf den Grund kommen, ob's wahr iſt, daß das goldne Zeitalter mit meiner Re⸗ gierung begonnen hat, oder nicht. Ihr kriegt nichts weiter zu eſſen, bis ihr mir die Sache ins Reine gebracht habt; ich bin fuͤr's Nein, ſo wie ihr fuͤr's Ja: nun packt eure Gruͤnde aus! Nan disputirte lange fuͤr und wider beides; man bekam, ſelbſt durchs Disputiren, einen unglaublichen Appetit: da fand ſichs ploͤtz⸗ lich, daß beide Theile Recht hatten, weil beide ſich beim goldnen Zeitalter etwas ganz anderes dachten. Am Ende entſchied mein Gebieter: Das alles ſind faule Fiſche; nur das Zeitalter verdient dieſen Namen, das Maͤnner hervor⸗ bringt, wie Sokrates und Plato, Homer und 31 * Dion. Nun ſchafft mir ſolche Maͤnner, wenn ihr koͤnnt! Die Hofleute, in nicht geringer Verlegen⸗ heit, mußten einander zugeſtehen, daß derglei⸗ chen in der Naͤhe nicht zu haben ſei, hoffent⸗ lich aber aus der Ferne herbeigefuͤhrt werden koͤnne. Sie beſprachen ſich daruͤber mit den Hofjuden, weil dieſe aller ſeltenen Artikel kun⸗ dig und in keinem Lande fremd waͤren. Dieſe wußten auch wirklich ſogleich Rath, und berich⸗ teten, daß zu Samarkand zwei beruͤhmte Maͤn⸗ ner lebten, welche gegen jene Alten ſich wenigſtens verhielten wie Gold gegen Silber, oder wie Zimmt gegen Pfeffer. Der Eine hieß Avicenes, der Andere Fazel Aspahani. Sogleich be⸗ ſchloß mein koͤniglicher Herr, an deine Majeſtaͤt durch mich die Bitte zu ſenden, daß du ihm dieſe Maͤnner auf einige Zeit borgteſt, damit er ſie kennen lernen und durch ſie Schulen ſtiften koͤnnte, wo ihres Gleichen moͤglichſt ſchnell und ohne zu große Koſten herangezogen wuͤrden. Ich beſchwoͤre deine Majeſtaͤt, dieſen dringen⸗ den Wunſch meines Gebieters zu ſtillen, denn er hat eher keine Ruhe, maßen er ein Mann 32 von hohem Geiſt iſt, und ſogar eine gewiſſe Teintuͤre von mancherlei Wiſſenſchaften ſeltſteis gen beſitzt. So ſprach der Gefande Der Koͤnig von Samarkand ließ Fazel'n und mich rufen und redete uns an: Seine Majeſtaͤt, der Koͤnig von Kaſchgar, mein liebetrauteſter Bruder, wuͤnſcht euch eine Zeit lang bei ſich zu ſehn, und Ich moͤcht' es ihm nicht gern abſchlagen. Habt ihr Luſt?— Herr, erwiderte Fazel, gebiete nur, dein Sklav gehorcht. Ich ſchwieg, und da der König hieraus abnahm, die Reiſe ſei nicht recht nach meinem Geſchmack, ſo fragte er mich noch⸗ mals darum. Ich verhehlte meine Abneigung nicht; ſo⸗ gleich nahm der unverſchaͤmte Fazel mit giftigem Blick und freundlichem Ton das Wort, und un⸗ terſtand ſich mir vorzuſtellen— wenn wir das Verlangen Kuft⸗Beddins nicht befriedigten, wuͤrde es herauskommen, als fuͤhlten wir uns zu ſchwach, unſerm Rufe zu ſtehen; und da nun uͤberdies die Großen der Erde keine geringen Mittel haͤtten, auch den Weiſen zu bearbeiten und ſein Schickſal zu beſtimmen: ſo duͤrfte es doch 22 59 wol gerathen ſeyn, Seiner Majeſtaͤt Zolge zu leiſten. Dieſe Rede mußte mich freilich ein wenig reizen. Du aͤußerſt hier Beſorgniſſe, ſagte ich, die einem Weiſen ziemlich laͤcherlich ſtehn. Was vermoͤgen alle Fuͤrſten der Welt gegen einen Mann, der mit ſich ſelbſt und der Welt im Rei⸗ nen iſt? Freilich, du, der du noch nicht uͤber dem Schickſal ſteheſt, dem Hoffen und Fuͤrchten noch nicht Staub unter dem Fuße ſind— frei⸗ lich, du bedarfſt noch der Gunſt der Koͤnige, und mußt dich nach einem Kuft⸗Beddin fuͤgen. Mit deiner Weisheit wird er auch recht wohl zufrieden ſeyn, oder vielmehr mit deinem Hoͤf⸗ lingsſinn— Hier hob ſich Fazels Bruſt gewaltig, ſeine Augen blitzten, und mir balleten ſich, wie von ſelbſt, die Faͤuſte. Der Koͤnig, der bemerkte, wie der Streit ſich lenke, nahm ſchnell das Wort: Avi⸗ cenes, ſagte er in ſeiner ſchoͤnen Humanitaͤt, mein koͤniglicher Bruder brennt nun einmal fuͤr euch und eure Gelehrſamkeit! Sage ſelbſt: koͤnnte nicht ein laͤnderverwuͤſtender Krieg daraus entſtehen, wenn wir ſeinen Geſandten mit langer Naſe Selene II. 11. H. 3 34 abſdchen ließen? Verſteh' mich recht: ich ehre deinen edlen Stolz; aber wir armen Koͤnige verdienen doch wol auch einige Ruͤckſichten von euch! Aus Gefaͤlligkeit gegen mich gehe eine Zeit lang an jenen Hof, und ſei mir dann an dem meinigen deſto willkommener. MNaͤchtiger Beherrſcher der Welt, erwiderte ich; und haͤtt' ich tauſend Leben— du weißt, wie verhaßt mir Schmeichelei iſt— ich gaͤbe ſie freudig hin, wenn ich dir damit auch nur einen heitern Morgentraum erkaufen koͤnnte. Da du es wirklich wuͤnſcheſt, bringe ich gern das Opfer, reiſe, und bleibe dir ewig getreu. Hierauf bekam der Geſandte, außer dieſem Beſcheid, einen goldnen Ueberrock mit diamant⸗ nem Kragen, und zog ab. Fazel Aspahani war ein Mann, ohngefaͤhr von meinen Jahren. Er hatte viel gelernt— das will ich ihm nicht abſprechen. Aber Ori⸗ ginalkopf, nachtwegblitzender, geiſtherba ender, ewig gebaͤhrend⸗vernichtender Genius, wie der des Weltalls, war er nicht; und was iſt am Ende alles andere, als Wiſſenſchaftelei? Aber boshaft war er, boshaft, wie ein Luchs. Er * kam den folgenden Morgen zu mir: Großer Avicenes, ſagt' er hoͤflichſt; da man uns nun einmal als ein Paar vollendete Weiſe ins Ge⸗ ſchrei gebracht hat, ſo ſollten wir auch, daͤcht' ich, nichts wie andere Leute thun, folglich auch nicht wie andere Leute reiſen. Wie, wenn wir auf dem ganzen Wege weder aͤßen noch traͤn⸗ ken? Er iſt freilich etwas lang, dieſer Weg: aber wer, wie du, uͤber dem Schickſal ſteht und die Kraͤfte der Natur zwingt, wird ſich daran nicht ſtoßen. Unſre Sklaven werden Zeu⸗ gen unſrer Enthaltſamkeit ſeyn, werden ſie in Kaſchgar verkuͤndigen, und weiter braucht's nichts, um dort gleich Anfangs alles fuͤr uns zu gewinnen. So lange die Welt ſteht, hat niemand mehr Freunde gehabt, als wer entwe⸗ der aͤußerſt praͤchtig, oder gar nicht ißt. Der Tuͤckiſche! er that mir dieſen Vorſchlag nur„Weil er das Geheimnis beſaß, gewiſſe Pil⸗ len zu miſchen, deren jede einen Menſchen einen Tag lang ernaͤhrete. So durfte er alle vier und zwanzig Stunden nur ſolch eine Pille unbemerkt verſchlucken, und er hungerte und duͤrſtete nicht. Nun war er uͤberzeugt, ich wuͤrde ihm in nichts 36 ½ den Vorſprung laſſen, wuͤrde darum ſeinen Vor⸗ ſchlag annehmen, und ſpaͤtſtens den dritten bis vierten Tag verſchmachtet ſeyn. Aber wie ſetzte ich ihn auf den Sand! Ich gab ihm die Hand, die Reiſe auf jene Art mitzumachen, und berei⸗ tete mir in der Stille ein gewiſſes Opiat— mit Opium hatt' ich uͤberhaupt ſchon vieles gezwun⸗ gen— welches von derſelben Wirkung war, wie ſeine Pillen— von welchen ich uͤbrigens damals noch nichts wußte. So reiſeten wir denn ab. 8 WVirr ritten unmittelbar neben einander, kei⸗ ner ließ den Andern aus den Augen, jeder er⸗ wartete, daß der Andere nun bald ermatten und die Ueberlegenheit ſeines Nebenmanns anerken⸗ nen wuͤrde. Es geſchahe dies aber drei, vier, fuͤnf Tage nicht, und wir unterhielten uns, dar⸗ uͤber hoͤchlich verwundert, uͤber den reinen Wil⸗ len und alles wahrhaft Goͤttliche im M wenn recht freundlich. Ich befand mich auch am ſech⸗ ſten Morgen ſehr wohl; nicht alſo aber mein Nachbar! Ich fand ihn duͤſter, ſtumm und blaß. Der Arme; er hatte den Morgen vorher ſein Pillenſchaͤchtelchen verloren! doch verſchwieg 37 er ſeinen Unfall, und verbiß Hunger und Durſt. Endlich behauptete die erſchoͤpfte Natur ihre Rechte: er ſank kraftlos vom Kameele Ich redete ihm liebreich zu, etwas Speiſe und Trank zu nehmen, und eine Ueberlegenheit anzuerken⸗ nen, die ſich doch nun einmal nicht mehr in Zweifel ziehen laſſe: aber er ſtieß mich von ſich und gab den Geiſt auf. Das ſchmerzte mich nun unendlich. Ich badete ſeinen Leichnam mit Thraͤnen, ſchrieb eine ausfuͤhrliche Todtenklage in Verſen, und begrub ihn in den Gebirgen von Botom..Jetzt„. erfuhr ich auch erſt die Geſchichte von ſeiner Pillen-Kunſt durch ſeinen Lieblingsſtlaven, ſo wie den Verluſt des Schaͤchtelchens und die ei⸗ gentliche Urſache ſeines Todes. Dieſer Vorfall hatte mich gegen die ganze Reiſe verſtimmt Ich ſchenkte den Sklaven die ee und unſre Reiſeequipage, und entließ A. H. bon ſie ſelbſt wollten, indem ich ihrer nicht weiter beduͤrfe. Dem Koͤnige von Samar⸗ kand aber ließ ich mit meinem Gruße vermel⸗ den: Freundſchaft ſei doch nur ein Verhaͤltnis; der große Menſch ſtehe aber uͤber allen Verhaͤltniſ⸗ 88 ſen und folge allein ſeinem Genius. Sonach moͤge er wohl leben; wir ſaͤhen einander nicht wieder.— Was ich nun wollte, wußte ich eigentlich ſelbſt nicht. In ſolchem Fall iſt aber, wie je⸗ der Reiche weiß, nichts zutraͤglicher, als Reiſen. Ich durchſtrich alſo, ganz allein, und, Auf⸗ ſehn zu vermeiden, pſeudonym, Uzkund, Ko⸗ genda, und kam endlich nach Karizma. . Indem ich durch dieſe große Stadt ſchlen⸗ derte, bemerkte ich ein gewiſſes freudiges Draͤn⸗ gen und Treiben, eine gewiſſe Haſt und eil⸗ fertige Thaͤtigkeit der Einwohner. Die Da⸗ men legten ſich laͤchelnd und geputzt zu den Fen⸗ ſtern heraus, die Kaufleute ſchloſſen einander zuwinkend die Gewoͤlber, die Gelehrten machten mit freundlichem Verdruß die Buͤcher zu, alle Blicke waren nach Einer Straße hin gerichtet. Es ſchien, als wuͤrde eben eine Armee daesh. ter Feinde einziehen. Am Ende kam nicht mehr und nichts weniger, als ein Herold, der von Straße zu Straße ſtolzierte, und mit maͤch⸗ tiger Stimme ausrief: Euch, ihr aufgeklaͤrten, euch, ihr gebildeten Bewohner dieſer Stadt, ſei 4 39 hiermit kund und zu wiſſen, daß morgen, ſo Gott will und der Talisman, der weltenerhel⸗ lende Schlund der Literatur ſich oͤffnet!— Ich wußte nicht, war das Spaß oder Ernſt. Ich zog alſo dem Herolde nach, hoͤrte dieſelben Worte wol taufendmal, und hielt ihn endlich am Aermel feſt, als er, nach durchlaufener Stadt, in ſein Haus zuruͤckkehren wollte. Der Mann nahm mich fuͤr einen fremden Eremiten. Lieber Heiliger, ſagte er, wenn du auch gar nichts weißt, ſo weißt du doch, daß vor den Thoren dieſer Stadt, nach der Seite des kaspiſchen Meeres hin, ein Gebirge liegt, das das rothe genannt wird, weil es Jahr aus Jahr ein mit bluͤhenden Roſen bedeckt iſt. Un⸗ ter dieſem Gebirge nun, links, wo der hoͤchſte Felſen hervorſtrotzt, da iſt ein tiefer Schlund, oder, wenn dir das beſſer klingt, eine tiefe Höͤhle. Dieſe Hoͤhle hat vier Pforten— zum Hineingehen naͤmlich; und dieſe vier Pforten oͤffnen und verſchließen ſich von ſelbſt, aber nur alle Jahre an einem gewiſſen Tage— durch einen Talisman, verſteht ſich! Die Neugieri⸗ gen ſtroͤmen nun hinein, fruͤh bei grauendem 40—— Tage, ehe die letzten Sterne verſchwunden ſind, und finden darin eine ungeheuere Menge Buͤ⸗ cher. Jeder greift eilig nach dem, was er zu leſen wuͤnſcht, und nimmt es mit ſich nach Hau⸗ ſe, haͤlt ſich aber ſo ſchnell als irgend moͤglich dazu, denn die Pforten klappen praͤciſe neun und dreißig Minuten nach dem Oeffnungspunkt wieder zu. Sollte ungluͤcklicher Weiſe etwa ein allgemeiner Bibliothekar in der Begierde alles durchzuſtoͤbern, auch nur einen Augenblick laͤn⸗ ger verweilen: ſo iſts um ihn geſchehn, und er muß verhungern, weil ſich die Pforten erſt uͤber's Jahr wieder aufthun. Der weiſe Schuk⸗Ba⸗ rabonho ſoll dieſen Schlund zur Bewahrung ſei⸗ ner eigenen Werke, und aller derer, die ihm in der Welt vorgekommen, eingerichtet haben. Er hat, beſonders die letztern Jahre ſeines ho⸗ hen Alters, vor allem auf Curiosa geſehen; ſo findet man denn 7399 Werke uͤber den Stein der Weiſen, gerade 1100 verſchiedene Syſteme uͤber die beſte Regierungsform, deren jedes aber das allein wahre iſt— und dergleichen, was unſer Einer als Laye nicht ſo recht merken kann. Da der große Mann gewußt hat, wie leicht ——òͦ§ͦ— 3 4 I Buͤcher verriſſen und folglich vergeſſen werden, ſo hat er den Pforten, die uͤbrigens von bloßem Sandelholz ſind, jene wunderbare Eigenheit ge⸗ geben. Das iſt ja doch umſonſt, erwiderte ich, da Jedermann die Buͤcher mit nach Hauſe nehmen kann! 4 Ja, wenn er ſie uͤber's Jahr nicht wieder⸗ bringen muͤßte! verſetzte der Herold. Das muß er aber, und mit der Minute, ſonſt plagt ihn der Alp Tag und Nacht. Wir haben Exempel, daß dieſer Spukgeiſt Leuten, die ſeitene Werke zuruͤckbehalten wollten, den Kopf umgedrehet hat, wie die Koͤchin einer Taube. Ueberhaupt, lieber frommer Mann, mußt du wiſſen, daß hier alle Bibliothekgeſchaͤfte, vom Oberbibliothe⸗ kar an, der nichts thut, bis auf den letzten Auf⸗ waͤrter, der Fliegen todtſchlaͤgt, von Geiſtern beſorgt werden. Ja, wer die unter die Fuch⸗ tel kriegen koͤnnte—! Ich mußte lachen. Es ſind ja doch wol nur Erdgeiſter? ſagte ich. Keine andern, war die Antwort; aber ſie rumoren doch teufelmaͤßig!— 4² Ich dankte nun dem ehrlichen Kautz hoͤflichſt fuͤr ſeine Nachrichten, und mein Vorſatz ſtand feſt, nicht nur am Morgen mit den Neugierigen in den Schlund zu ſteigen, ſondern auch darin zu verweilen, möchte mir begegnen was da wollte. Wie wenig brauchte ich von meiner, in jenen intrikaten Stunden erfundenen Naturwiſ⸗ ſenſchaft, um eine Rotte Gnomen zu Paaren zu treiben! Ich machte mich alſo am Abend auf, kam an den Fuß des rothen Gebirges, und ſahe beim Mondſchein die vier Pforten von Sandelholz, worein vielerlei wunderliche Thiergeſtalten, en basreliéf, gearbeitet waren, und in welchen eben der Talisman ſeinen Sitz hatte. Ich legte mich unter die ſuͤßduftenden Roſen des Gebirgs, konnte aber vor Begierde, mein Wiſſen hier vielleicht zu erweitern, kein Auge zuthun. Endlich nahete der Tag, und nun ſtroͤmte es ſchaarenweiſe aus der Stadt; Her⸗ ren und Damen, Greiſe und Jungen, oͤffntli⸗ che Vorleſer mit ihren ganzen Auditorien aus beiden Geſchlechtern angenehm gemiſcht, Leih⸗ bibliothekare mit ihrem Anhang, Muſeenſtifter, ¹ 43 Kritiker, Ueberſetzer, Zu⸗ Ab„ und Nachſchrei⸗ ber— alles, alles ſtuͤrmte heraus zu den Pfor⸗ ten, und ihr Geplapper rauſchte zu mir her⸗ auf, wie das Geraͤuſch der Meereswellen, die ſich an Felſen brechen. Ich ſtieg nun auch hinunter, um nicht der letzte in der Hoͤhle zu ſeyn, und war nicht lange angelangt, als ſich ein unterirdiſcher Donner hoͤren ließ. Still! ſtill! rief nun alles; es geht los! O das don⸗ nert goͤttlich!— Jetzt ein ungeheurer Schlag, und auf ſprangen die Pforten angelweit. Nun alles hinein, uͤber Hals, uͤber Kopf! Nan ging nicht, man wurde getragen. Weiber ſchrieen, Kinder kreiſchten, Maͤnner fluchten. Die Wachen, die Ordnung halten ſollten, ſtan⸗ den lachend dabei, und ſchlugen nur im Spaße bald hier bald da die Leute auf die Koͤpfe— Kurz, ich hab' in meinem Leben ſolch ein Spektakel nicht geſehn! In etwa drei Minuten war aber alles in der ungeheuern Schlucht aus einander geſprengt. Man konnte nun zu Athem kommen, und ſe⸗ hen, wo man war. Der Anblick war wirk⸗ lich impoſant. Die entſetzliche Menge Buͤcher 44—— war an den Seiten hin auf Repoſitorien von wohlriechendem Aloeholz in ſchoͤnſter Ordnung aufgeſtellt; jedes Werk hatte Gold auf dem Schnitt, und hinten die gehoͤrige Etikette, die in blaulichem Feuer zu brennen ſchien. Und nun die tauſenderlei artigen Gruppen, die das Zuruͤckbringen, das Ordnen, das Auswaͤhlen, das Durchblaͤttern der Buͤcher bildete! Dort fuͤnf, ſechs Ueberſetzer, die ſich um ein und daſ⸗ ſelbe Originalwerk riſſen; dort zwei verbruͤderte Autoren, die die Werke zu verſtecken ſuchten, die ſie ausgeſchrieben hatten; hier einige junge Damen, die die hohe Leiter hinanklimmten, ſich etwas Neues zu ſuchen, indeß ihre Anbeter unten vorgelehnt ſtanden, das Abrutſchen der Leitern zu verhuͤten; und nun das aͤngſtliche Hinausſtuͤrzen eines jeden mit ſeinem Fund—: wie geſagt, es war ein anziehender Anblick, und er zog mich auch wirklich ſo ſehr an, daß ich nicht eher recht zu mir ſelbſt kam, bis ich den vorigen entſetzlichen Donnerſchlag wieder hoͤrte, die vier Pforten im Augenblick ſich zuſchlugen, unnd ich mich ganz allein in den weiten Ge⸗ woͤlben gelaſſen ſahe. Doch nein— ich ſahe 45 mich nicht einmal; denn da der Schlund nur durch das Tageslicht erhellet wurde, das durch die offnen Thore fiel, ſo umgab mich jetzt eine Finſterniß, daß ich die Hand vor den Augen nicht erkannte. 3 Einem Menſchen gemeiner Art haͤtt' ichs nicht verdacht, wenn er hier erſchrocken waͤre; ich, meiner Art und Kunſt mir wohl bewußt, laͤchelte, zog den Kreis um mich, und zwang vorerſt die Geiſter, die bei der Bibliothek an⸗ geſtellt waren, mit gewaltigen Formeln und Fragmenten. Die Erdgeiſter haben mit den meiſten Erdmenſchen das gemein, daß ſie nichts verlegner macht, als ihr freier Wille, und daß ſie ins geheim ihrem Schoͤpfer danken, wenn nur ein kraͤftiger Mann unter ſie tritt, und ſie, komman⸗ dirend, tuͤchtig zuſammennimmt. Sie kamen recht gefuͤgig aus den Waͤnden getrippelt und fragten furchtſam nach meinen Befehlen. Schafft Lichter, ihr Hundsvoͤtter! rief ich, und illuminirt mir die ganzen Gewoͤlbe, daß jedes Buͤcherbret ſtrahle, wie das Haus eines Geſandten am Feſte des ſelbſtgeſchloſſenen Frie⸗ dens!— Nicht fuͤnf Minuten, und ich war 46 wie mit einem Lichtmeer umfſloſſen; ich verſt⸗ chere, daß mir nie eine brillantere Erleuchtung vorgekommen iſt. Beſonders ſchoͤn nahm ſich die obere kuppelfoͤrmige Hoͤlung aus die mit Lampen ſo beſaͤet war, daß ſie eine Art Mit⸗ tagshimmel bildete.. MNun fing ich an zu kramen und zu leſen, zu entziffern und(nachdem ich mir Papier, Feder und Dinte bringen laſſen) zu excerpi⸗ ren; auch ließ ichs zwiſchendurch nicht fehlen, von den koͤſtlichen Gerichten und Weinen zu genießen, welche die Gnomen mir auftiſchen mußten. So verflog mir das Jahr, unter Aufnaͤhrung des Geiſtes und Koͤrpers, wie ein Tag, und von innen und außen ſchwerer und gediegener erwartete ich gelaſſen die Stunde, wo wieder der Donner krachen und die Hoͤhle ſich oͤffnen wuͤrde—— Hoͤre, Avicenes, nahm hier der Koͤnig das Wort; in dem letzten Abſchnitt mißfaͤllt mir deine Geſchichte nicht mehr ſo ganz: man weiß da doch, wofuͤr man ſie zu nehmen hat. Deſto mehr ſchmerzt es mich, mein großer Gebieter, daß ich ſchon am Ende bin, verſetzte 47 der weiſe Mann. Denn daß ich, als ſich nun die Hoͤhle oͤffnete, herausging, daß ich die Huldigungen des Volks annahm, daß ich mich dann, im Gefuͤhl meiner Vollendung, zuruͤck⸗ zog, Laͤnder durchſtrich und endlich hieher kam: das iſt ohne laͤſtige Wiederholungen kaum möͤg⸗ lich weiter auszufuͤhren. 1 Und was treibſt du jetzt und wirſt du kuͤnf⸗ tig treiben? fragte der Monarch. Es hat vor kurzem ein beruͤhmter Mann ge⸗ ſagt— war Avicenes Antwort— die erha⸗ benſte und freieſte aller freien Kuͤnſte ſei, Natio⸗ nen beherrſchen; und ich finde, der Mann hat Recht. Da nun der große Menſch nur das Er⸗ habenſte und Freieſte erſtreben will: ſo ſuche ich mir jetzt wandernd eine Nation, an und in wel⸗ 3 cher ich dieſe freie Kunſt ausuͤben koͤnne; aber freilich nicht etwa nur lehrend, rathend, hel⸗ fend, ſondern ganz unbedingt, ganz unbe⸗ ſchraͤnkt, indem dies zum echten, vollkommen conſequenten Zwang unentbehrlich, ſolcher Zwang aber allein heilbringend iſt, maßen die Men⸗ ſchen, wie zum Sehen, ſo zum Gluͤck, maͤchtig 45— gedraͤngt werden muͤſſen, ſonſt ſehen ſie eben nicht und werden eben nicht gluͤcklich. Da moͤchteſt du doch wol noch ein feines Weilchen ſuchen muͤſſen! ſagte Koͤnig Ormoz. Ich glaube kaum, erwiderte Avicenes. Aber freilich ſetze ich bei der Nation, welche ich draͤn⸗ gend begluͤcken ſoll, auch gewiſſe nicht gemeine Eigenheiten nothwendig voraus! Und welche ſind das? fragte der Koͤnig. Die Nation muß, mit Einem Worte, ge⸗ nialiſch ſeyn, war die Antwort; folglich frei und losgebunden von allem, was bisher gegol⸗ ten, heiße es Geſetz, Moralitaͤt, Sitte, Recht, der wie es will; ſie muß nichts ſuchen, als Kraftaͤußerung, und willkuͤhrliche, und blos um der Kraft, um der Aeußerung, um der Willkuͤhr willen. Nur ſolche Maſſe finde ich werth und zweckmaͤßig, von mir zum Teige geknetet, geformt, und im gluͤhenden Ofen zum Verbrauch geroͤſtet zu werden. Hoͤre, Avicenes, ſiel hier der Koͤnig lebhaf ter ein, dazu koͤnnt' ich dir eben jetzt verhelfen, ohne Gewiſſensſcrupel uͤber deine etwanigen Mißgriffe! Weit draußen in dem ſuͤdlichen 49 Meere, das noch keinen Namen hat und keinem Fuͤrſten der Erde, außer mir, bekannt iſt, hat neulich einer meiner Seefahrer eine wuͤſte In⸗ ſel entdeckt und fuͤr mich in Beſitz genommen. Die Inſel iſt gerade entlegen, rauh und ſchlecht genug, um mir zu einem Verſammlungs⸗ und Verwahrungsort der Art genialtſcher Menſchen, die du beſchrieben haſt, und die wir bisher in unſern alltaͤglichen Staaten Verbrecher ge⸗ nannt haben, bequem zu ſcheinen. Ich habe deren eine feine Zahl ſchon dort ausſchiffen laſſen, und eben liegen wieder einige Galeeren zu gleicher Deportation im Hafen bereit. Du ſollſt dieſer Inſel, ſollſt dieſer neuen Nation Statthalter— oder, da euch Weiſen doch mehr am Namen liegt, als ihr zugeben moͤgt— ſollſt ihr Koͤnig ſeyn, und nur unter der einzigen Be⸗ dingung, daß ihr durchaus die uͤbrige Welt, in ihrer Gemeinheit, verachtet; und darum ſie nichts von euch hoͤren laſſet, noch weniger die geringſten Verſuche macht, mit ihr in unmit⸗ telbare Verbindungen zu kommen. Nach zehn Jahren werde ich eine Deputation vernuͤnftiger Maͤnner zu euch ſenden, die an Ort und Stelle Selene II. 11. H. 4 50— unterſuchen ſoll, was ihr zu Wege gebracht habt; und habt ihr euch einander bis dahin nicht todt⸗ geſchlagen, ſo wollen wir ſchon weiter ſehen. Biſt du das zufrieden! Heil mir, rief Avicenes, Heil, daß ich die⸗ ſen Tag erlebte! Heil dem großen Ormoz, der Geiſter zu wuͤrdigen weiß! Heil dem neuen Volke, das alle alte Feſſeln zerriß, um in neue von mir geſchlagen zu werden! Fort, fort, zu Schiffe! fort, zur hoͤchſten Tendenz des Jahr⸗ hunderts! zum groͤßten Experiment in der Welt⸗ geſchichte!—— 1 Avicenes ſegelte ab mit den Seinigen; wei⸗ tere Nachricht finde ich aber, leider, in meinen Quellen nicht. Die bekannte Kolonie auf Bo⸗ tany⸗Bay ſcheint nur eine ſchwache Nachah⸗ mung jenes Aviceniſchen Inſtituts zu ſeyn. R. Die Pruͤfung. Zu ſeinem treuen Kaͤmmrer ſprach Ein edler Fuͤrſtenſohn: Sag' mir— dein Aug' iſt immer wach— Wie ſteht's um meinen Thron? Und findet an ſeiner geheiligten Schwelle Noch Weisheit und Tugend die ſicherſte Stelle? Mit Ehrfurcht ſpricht der ernſte Greis: Dein Thron ſei ein Altar, Geſchmuͤckt mit gruͤnem Friedensreis; Die Unſchuld ſein Talar; Das Vaterland ſei ſein geheiligter Tempel, Du Prieſter, und Liebe dein glaͤnzender Stempel. Ich ehre dich, ſpricht nun der Fuͤrſt, Du biſt ein weiſer Mann; Dein Blick iſt hell, und niemals irrſt Du dich in deinem Plan: Drum ſollſt du mir richten die Diener der Krone, Damit ich den edelſten fuͤrſtlich belohne.. 52 Gar viele ſtehen um mich her Und merken auf mein Wort; Was ich befahl, ſei's noch ſo ſchwer, Jagt ſie geſchaͤftig fort: Doch was auf der glaͤnzenden Flaͤche ſich ſpiegelt, Hat nimmer die Tiefen des Lebens entſiegelt. Drum ſpende heut mir deinen Rath: Wie wird im tiefſten Grund Die wahre Wurzel jeder That Dem Forſcherblicke kund? Und welcher von allen, die nah mich umgeben, Traͤgt ſchweigend im Buſen das heiligſte Leben? Lang ſchwieg der Greis, dann ſpricht er laut: O, Herr, das forſche nicht! Was nur dem Innern ſich vertraut, Iſt nicht fuͤr dein Gericht. Die Goͤtter allein, die das Ewige richten, Sie duͤrfen den Streit in dem Buſen nur ſchlichten. Fuͤr Menſchen iſt allein die That, Wie ſie mit Luſt und Schmerz Sich windet um den Lebenspfad; Doch wie das dunkle Herz Die heiligen Keime empfaͤht und geſtaltet, Das hat ſich dem Forſcher noch nimmer entfaltet. 53 Es fluͤchtet vor der ird'ſchen Macht Die tief verborgne Schuld In eines Tempels Goͤtternacht, Dort richtet ſie die Huld; Zu des innerſten Heiligthums daͤmmernden Orte Verſchließt ſie dem irdiſchen Richter die Pforte. Darauf der Koͤnig alſo ſpricht: Zu pruͤfen ſchwor ich mir, Zu lohnen, doch zu richten nicht; Dies, Kaͤmm'rer, gnuͤge dir. Drum ſage mir ſchnell, wie muß ich's beginnen, Daß ungekannt keiner mir möge entrinnen? Du willſt es, Herr: ich bin bereit! Laß deiner Diener Zahl Verſammeln ſich in kurzer Zeit In dieſem Fuͤrſtenſaal. Dann laß mich fuͤr dich mit den Harrenden ſprechen, Enthuͤllen das Gute und ſeine Gebrechen. Und wer an dieſem Pruͤfungsort Mit hohem Muth gewaͤhrt, Was ich mit feierlichem Wort Zu thun von ihm begehrt: Nur dieſer von allen, die dich umgeben, Trug ſchweigend im Buſen das heiligſte Leben. 54 Doch, noch iſt's Zeit: ich fleh dich an, Herr, aͤndre deinen Sinn! Ein ernſtes Werk, zu raſch gethan, Reißt oft zur Reue hin! Sobald aus dem Willen die That iſt geboren, Zerreißt ſie den Zuͤgel im Arme der Horen; Und waͤchſet oft im raſchen Lauf, Den nur das Schickſal lenkt, Zu einem Ungeheuer auf, Das keine Macht beſchraͤnkt, Und ſuchet, voll heimlicher, blutiger Tücke, Den Schoos, der es zeugte, mit mordendem Blicke. So fleht der Greis; ſein Auge hellt Ein wunderbares Licht: Doch was des Greiſen Buſen ſchwellt, Beruͤhrt den Koͤnig nicht. Das forſchende Auge des Herrſchers iſt bloͤde, Und raͤthſelhaft klingt ihm die maͤchtige Rede. Er ſpricht: Viel Zeit iſt ſchon entflohn; Verſammle mir die Schaar, Und drohte mir und meinem Thron Die ſchrecklichſte Gefahr! Denn was ich geſchworen, das will ich ergruͤnden; Du ſei mir gewaͤrtig, das Mittel zu ſinden:— — Und ihm laͤßt's fuͤrder keine Raſt; Der Diener volle Zahl Ruft in den fuͤrſtlichen Palaſt Der Konig allzumal. 3 Und ſchauet, geſchmüͤckt mit Scepter und Krone, Mit forſchendem Blicke herunter vom Throne⸗ 7 An ſeiner goldnen Schwelle ſteht, Mit Locken ſilberweiß,⸗ Den Blick vom Boden nicht erhoͤht, Der feierliche Greis. Doch ſtrahlt von des Angeſichts reinem Gebilde Der Seele Vollendung voll himmliſcher Milde. Und endlich nimmt der Fuͤrſt das Wort: Warum ich euch berief Geheimnißvoll an dieſen Ort, Kommt aus der Seele tief. Empfangt aus des Kaͤmm'rers beredtem Munde Von dem, was ich heiſche, die deutliche Kunde. Und im Palaſte wird es ſtill, Höoͤrbar kein Odem weht: Denn jeder tief vernehmen will, Was keiner doch verſteht. Da oͤffnet mit ernſten, prophetiſchen Worten Der Kaͤmmrer des Schweigens verſchloßne Pforten. 56 Euch fuͤhrte heut ein ernſt Geſchick In dieſen Fuͤrſtenſaal. Aus ſeinem nachtumwobnen Blick Erblitzt ein Aetherſtrahl, Durchdringt gleich des Altars geheiligten Kerzen Erleuchtend den daͤmmernden Tempel der Herzen. Drum frag' ich ernſt um euren Rath: Wie wird im tiefſten Grund Die wahre Wurzel jeder That Dem Forſcherblicke kund? Und welcher von uns, die den Thron wir umgeben, Traͤgt ſchweigend im Buſen das heiligſte Leben? Da rinnt ein leiſer Murmelton Verhallend durch die Reihn; Der Muth iſt jeder Bruſt entflohn, Es blitzt des Thrones Schein Wie forſchende Blicke der pruͤfenden Goͤtter Aus hell ſich verbreitenden Flammen der Wetter. Der Koͤnig ſchaut nun lang umher, Die goldne Runde ſchweigt, 3 Aus der Gedanken reichem Meer Kein einz'ger Tropfen ſteigt, Und in des Herzens tief unterſtem Grunde Da ſpricht das Bewußtſeyn mit richtendem Munde. Jetzt ruft der Greis: Iſt keiner da, Der mir das Mittel kennt? Doch Aller Blick zu Boden ſah, Kein Mund das Mittel nennt In der Seele verborgenen Labyrinthen Die Quelle des heiligſten Lebens zu finden. Da ſpricht er laut— in ſeine Hand Schleicht drohend, wie ein Molch, Aus dem verhuͤllenden Gewand Ein ſcharfgeſpitzter Dolch— Hier hab' ich den Schluͤſſel, er oͤffnet die Wahrheit, Und zeiget das Innre in lebender Klarheit! Wem ſtroͤmt der Tugend reiner Quell⸗ Befeuchtend durch das Herz, Wem iſt der Blick des Innern hell, Wer laͤchelt ob dem Schmerz: Der nehme den Talisman ſonder Erbeben Und ſprenge die Pforte zum heiligſten Leben!— Da faßt der Diener ſtumme Zahl Kalt das Entſetzen an; Zu dieſer ungeheuern Wahl Will keine Hand ſich nahn. Der Herrſcher erbebt auf dem ſtrahlenden Sitze, Es zuckt um die Schlaͤf' ihm wie Leuchten der Blitze. 38—— „Ihr ſtaunt mich an, und ſeyd erblaßt, Und euer Schweigen ſpricht: 3 Du haſt den Urtheilsſpruch verfaßt, So trag auch ſein Gericht; Bewaͤhre dich ſelbſt in der blutigen Probe, Daß prangend das Werk nun den Meiſter erſt lobe! „Die Ahnung hat ſich mir erfuͤllt: Am Ziel iſt ſchon der Lauf, Und was ſich raͤthſelhaft verhuͤllt, Geh eine Wahrheit auf! n Sie bluͤh' aus des Lebens vollendeter Thraͤne, Aus blutigem Keim, zu unſterblicher Schöne! „Wem vor der eignen Pruͤfung graut, Der geh nicht ins Gericht; Was nur ein Götterblick durchſchaut, Ach! das erforſcht er nicht; 31 Und ernſt wird der Spruch/ den im Wahn er geſprochen, Mit blutiger Hand an ihm ſelber gerochen! So ſpricht der Greis, und ſeine Hand Traͤgt in das reine Herz, Den Blick auf ſeinen Herrn gewandt, Des Todes bittern Schmerz. Sei menſchlich, ſo ruft er, dann hab' ich mein Leben Zur heiligen Stunde den Goͤttern gegeben. 59 Der Koͤnig nimmt ihn an die Bruſt, Und weint, und rauft das Haar; Der Tugend maͤcht'ger ſich bewußt Ruft feierlich die Schaar: Bei den Goͤttern, von allen, die den Thron umgeben, Trug dieſer im Buſen das heiligſte Leben!— Petrik. 60 Schon ſeit acht Tagen hatte ich in Swine⸗ muͤnde auf guten Wind gewartet, und mich in der fuͤr ein Maͤdchen ſo heilſamen Tugend der Geduld geuͤbt, als man mir endlich die Nachricht brachte, morgen fruͤh mit Sonnen⸗ aufgang ſolle ich am Bord ſeyn; der Wind habe ſich gedreht, und mein Schiffer wolle dann die Anker lichten. Eingepackt war ſchon lange; mein Vor⸗ mund war vor zwei Tagen verreiſet, er hatte alſo ſchon mein Lebewohl empfangen, und ich konnte dieſen letzten Abend ganz ungeſtoͤrt der ſuͤßen Wehmuth weihen, mit welcher ich ein Land verließ, wo ich freilich manche Thraͤne geweint, aber auch den Zauber genoſſen hatte, den Jugendphantaſie und die reiche Unendlich⸗ keit des eignen Herzens dem Leben zu verlei⸗ — 61 hen vermoͤgen. Ich eilte ins Freie, um noch einmal vom Adlerberge die Sonne unterge⸗ hen zu ſehen. Der Gipfel dieſes Berges iſt mit Baͤumen beſetzt: man uͤberſieht alſo nicht den ganzen Horizont, ſondern nur auf drei Seiten oͤffnet ſich perſpectiviſch der Wald Links die ſchoͤne, dieſen Abend ſo ruhige blaue Oſt⸗ ſee, in der die Sonne, ſegnend und liebend im Scheiden noch, eben verſank. Gerade vor mir die dem Meere abgewonnene, meilenweit ſich erſtreckende Plantage, zu der ſich der Berg in ſanften Abhaͤngen und den mannichfachſten Schattierungen ſchoͤnen Baumſchlags bis zur Rhede herab ſenkt; und Swinemuͤnde ſelbſt, mit ſeinen zierlichen rothen Haͤuſerchen und lebendigen Straßen; dahinter die Swine und die Inſel Wollin mit ihren finſtern Waͤldern und vom Abendroth vergoldeten, blauen Huͤ⸗ geln; dann das friſche Haf, und Pommern in ſeiner unuͤberſehbaren Flaͤche von Wieſen, Hoͤl⸗ zern, bluͤhenden Saatfeldern, den Thuͤrmen von zehn Staͤdten, und dem ſchoͤnen Vorgebirge Golmen; rechts im Vordergrunde die ſchoͤne Wolgaſt, welcher ganze Rudel Hirſche zuzogen, 62 und uͤber den See hinweg der Blick ſo frei in eine freundlich⸗ daͤmmernde, von der Peene und von Wolgaſts und Anklams dhürman begrenzte Weite—— Nie werde ich dieſen Abend vergeſſen; nie der Empfindung, mit welcher ich ſeinen Zauber genoß. Den Druck der getragenen Feſſeln fuͤhlte ich erſt jetzt, da ſie zerbrochen waren, und unertraͤglich wuͤrden ſie mich geduͤnkt ha⸗ ben, waͤren ſie mir, nachdem ich das Gluͤck der Freiheit gekoſtet, wieder angelegt worden. Aber nun— ſo frei, ſo gluͤcklich im Moment der Gegenwart, und doch ſo voll Vorgefuͤhl eines noch hoͤhern Gluͤcks— dem Wiederſehen von Mutter und Schweſter ſo nahe! morgen, mor⸗ gen ſchon der Tag der Reiſe!— Mein Vater, ein Beamter im M— ſchen, wurde mir entriſſen, da ich noch Kind war; aber der Himmel hatte mir und meiner Schwe⸗ ſter Amalie das groͤßte Gut gewaͤhrt, das ſeine Guͤte einem Maͤdchen zu gewaͤhren vermag: eine edle, treffliche Mutter. Sie zog nach dem Tode meines Vaters in ein kleines Landſtaͤdtchen, wo wir von ihrer Penſion ſehr eingeſchraͤnkt, faſt 8 63 duͤrftig lebten; doch wir waren zufrieden, hei⸗ ter, arbeitſam, und ſo gluͤcklich, wie Kinder es nur immer ſeyn koͤnnen. Ich war ſchon vier⸗ zehn Jahr alt, als die Schweſter meines Va⸗ ters meiner Mutter ſchrieb, der Tod habe ihr ihren einzigen Sohn geraubt, und ſie ſolle ihr daher eine ihrer Toͤchter ſenden, die ſie, wenn ſie ſich nach ihrem Sinne ziehen laſſe, an Kin⸗ des Statt annehmen und zu ihrer Erbin einſe⸗ tzen wolle. Die Frau galt fuͤr boͤſe und geizig; ſie hatte ſeit vielen Jahren mit meinen Aeltern in Unfrieden gelebt, und uns, trotz ihres Ver⸗ moͤgens, nie unterſtuͤtzt. Meine Mutter konnte daher in ihrem jetzigen Anerbieten kein willkom⸗ menes Gluͤck fuͤr eine von uns finden; aber ſie war auch zu beſonnen, um es ohne reifliche Ueberlegung zu verwerfen, da es das Schick⸗ fal ihrer Toͤchter zu ſichern ſchien, die ſie ſonſt bei ihrem Tode ganz ſchutz⸗ und huͤlflos zuruͤcklaſſen mußte. Ich, die ich ihre bange Beſorgniß wegen unſrer Zukunft ſchon theilen konnte, drang in ſie, dieſen Antrag anzuneh⸗ men. Amalien konnte und wollte ſie nicht von ſich laſſen, weil das zwoͤlfjaͤhrige Kind zu leicht 64— eine ſchiefe Richtung haͤtte bekommen koͤnnen; in mir glaubte ſie mehr Sicherheit gegen ſchäd⸗ liche Eindruͤcke vorausſetzen zu duͤrfen, und ſo ward es beſchloſſen, daß ich zu der Tante reiſen ſollte... Der Abſchied von Mutter und Schweſter wurde mir durch den Gedanken erleichtert, daß ich ſie nur verlaſſe, um ihnen in der Zukunft ein ſorgenfreieres Leben zu ſichern. Voll froͤhlicher Jugendhoffnung, voll Vertrauen auf Menſchen⸗ herz und Menſchenwerth, kam ich ganz wohlge⸗ muth bei der Tante an, die ich auch gar nicht fuͤrchtete, da mir von Haͤrte und boͤſer Laune nur die Worte bekannt waren. Die Tante.. nun, Gott' hab' ſie ſelig!— gar zu gern haͤtte ſie mich nicht ein wenig, ſon⸗ dern recht viel gequaͤlt; aber ſo recht wollte ihr das nicht gelingen. Ihr Gut lag auf der Inſel Uſedom, in einer oͤden, ganz einſamen Ge⸗ gend; das Haus war verfallen, die Moͤbeln wurmſtichig, der Garten nur mit Kohl und Kartoffeln bepflanzt. Die Tante hielt mich ſehr ſtrenge zum Fleiß und zur Wirthlichkeit an; ſie hieß mich aber auch, was ich dadurch zu Stande 63 brachte, als mein Eigenthum anſehen, und das gab mir Freude am Fleiße, und Anſicht deſſen, was Ausdauer und Emſigkeit bei der Arbeit fer⸗ tig zu ſchaffen vermoͤgen. Aber, aber... ich war an intereſſanten Umgang, an das beleh⸗ rende, freundliche Geſpraͤch meiner Mutter, an das trauliche Geſchwaͤtz meiner Schweſter ge⸗ woͤhnt, und hoͤrte jetzt nur brummen und ſchel⸗ ten. Ich befaß manch kleines Talent, ich liebte die Lektuͤre: aber die Tante litt von Buͤchern nur Geſangbuch und Katechismus im Hauſe, und an ein Klavier, warum ich oft ſo innig bat, war nicht zu denken; ja, ich durfte nicht einmal ſingen! Das war hart; noch haͤrter aber war es, daß ich nie mit ihr von Mutter und Schweſter, nie von der geliebten Heimath plau⸗ dern, und nur alle Vierteljahre einmal ſchreiben durfte! Dann ſchrieb ich immer, ſo oft auch eine wehmuͤthige Thraͤne auf das Papier fiel, recht froh, und freute mich, wenn meine theure Mutter in ihren Antworten zeigte, ich habe ſie getaͤuſcht, ſie glaube mich zufrieden und gluͤck⸗ lich. Ungluͤcklich war ich aber auch nicht; ich hatte ein paar Roſenſtoͤcke, mehrere Tauben, Selene II. I1. H. 66 viel, viel Veilchen; ich liſtete der Tante doch zuweilen ein Stuͤndchen Einſamkeit oder ein wohlwollendes Laͤcheln ab, und konnte doch, wenn ſie den Ruͤcken wandte, einigemal auf meine eigne Hand das Zimmer durchtanzen, oder ein Lied ſingen. Das machte mich denn ſo froh, daß die Tante ſelbſt wol auf Minuten von ihrem Murrſinn aufthaute. Umgang hat⸗ ten wir durchaus gar nicht; aber nicht weit von unſerm Hauſe lag ein ſchoͤner, meilenlanger Forſt⸗ und in dem Forſte der dunkle Eichenumkraͤnzte See Zarnin. Den ganzen Sommer uͤber durfte ich nur drei⸗ bis viermal dahin gehen: aber mit welchen vollen, durſtigen Zuͤgen ſog ich dann auch Leben, Freiheit und Heiterkeit ein! wie belebt war mir dieſe Natur! wie bald kannte und liebte ich jeden Baum, jede Epheuranke, die ihn fuͤr mich, das einzige empfindende We⸗ ſen in dieſer Wildniß, ſchmuͤckte! wie gab ich den Schwaͤnen, die ſo ſtill und friedlich auf dem See wohnten, Gruͤße mit, wenn ſie nach dem waͤr⸗ mern, ſchoͤnern Lande zogen! wie liebend hieß ich ſie bei der Ruͤckkehr willlommen!— Unend⸗ liche Vorſicht, wer hat je dieſen Zauber ſchuldlo⸗ ———— 67 ſer, reiner Jugendfreuden genoſſen, ohne hof⸗ fend zu ahnen, er werde uns wiederkehren beim Eintritt in ein hoͤheres Fruͤhlingsleben!— So verſtrichen zwei Jahre: da fuͤhlte ich mich zum erſtenmale recht tief gekraͤnkt, und ſo ernſtlich betruͤbt, als man es nur immer im ſech⸗ zehnten Jahre, wo auch der tiefſte Schmerz poetiſch iſt, ſeyn kann. Meine Schweſter ward Braut eines jungen Kaufmanns, der in unferm Staͤdtchen wohnte, und deſſen Sitten und Recht⸗ lichkeit meine Mutter bewogen, ihm die vierzehn⸗ jaͤhrige Amalie zu geben, beſonders da dieſe un⸗ ter ihren Augen blieb. Schon lange war ein Beſuch bei den Meinen mein ſehnlichſter Wunſch geweſen; manche Thraͤne der Liebe und der Sehnſucht floß, wenn ich in ſtillen Naͤchten die Zugvoͤgel hin zur Heimath ziehen hoͤrte: aber die Tante verweigerte mir ſtets hartnaͤckig die— Erlaubniß dazu. Jetzt erhielt ich eine Einla⸗ dung zur Hochzeit meiner Schweſter; meine Mutter ſchrieb ſelbſt an die Tante; ich bat mit heißen Thraͤnen, mit Worten, die mich ſelbſt immer mehr erweichten, je unerbittlicher ſie blieb—: Verlaͤſſeſt du mich, ſo lange ich lebe, 68 ſo kehrſt du nie wieder— war und blieb die Schlußformel ihrer Antworten, die einen Un⸗ muth in mir weckte, dem die Erfuͤllung dieſer Drohung ſehr erwuͤnſcht ſchien. Der Gedanke: du biſt hier um deiner Mutter ein ſorgenfreies Alter zu ſichern, kaͤmpfte ihn zwar nieder; doch meine heitre Laune war dahin. Es war gegen den Fruͤhling, und je herrlicher dieſer ſeine Bluͤ⸗ then entfaltete, je heimlicher und wehmuͤthiger ward mir. Ich hielt dieſe Stimmung fuͤr Vor⸗ gefuͤhl einer Krankheit, und fing an mich mit Sterbegedanken vertraut zu machen: aber ſtatt meiner wurde die Tante krank und am Johan⸗ nistag ward ſie begraben. Der Arzt, den ich in ihrer Krankheit kennen gelernt hatte, nahm ſich meiner vaͤterlich an, und ſchlug mir vor, die Eroͤffnung des Teſtaments in ſeinem Hauſe in Swinemuͤnde abzuwarten— ein Anerbieten, das mir um ſo willkommener war, da ich mir nach dem Tode der Tante in dem alten, wuͤſten Hauſe mehr denn je mißfiel und doch nicht gleich an meine Ruͤckkehr nach Hauſe denken durfte. Das Teſtament ward eroͤffnet, und ich fand mich im Beſitz eines ſchuldenfreien Landgutes und eines anſehnlichen Kapitals. Das Gericht ernannte mir einen Vormund, das Gut ward verpachtet, und ſo ſtand nach einigen Wochen meiner Abreiſe nichts mehr im Wege. Meine Mutter ſchrieb mir, ich ſolle uͤber Stettin gehen, wo ich meinen Schwager vorfinden wuͤrde, unter deſſen Schutz ich den uͤbrigen Theil des Weges zuruͤcklegen ſollte.—— Und jetzt war dieſer ſo ſehnlich gewuͤnſchte Tag der Reiſe da! Wind und Wetter beguͤnſtigten die reizende Waſſerfahrt, und bei meiner Ankunft in Stettin fand ich meinen Schwager ſchon dort, in dem ich bald den redlichen, guther⸗ zigen Gatten meiner Amalie ſchaͤtzen und lieben lernte. 3 Schon hatte ich mit klopfendem Herzen die Grenze meines Vaterlands wieder betreten, ſchon rechnete ich den Augenblick des Wieder⸗ ſehens nach den Stunden des letzten Tren⸗ nungstags aus, und verließ am Morgen deſ⸗ ſelben innig froh die Landſchenke, wo wir uͤber⸗ nachtet hatten, ohne die einzelnen Regentropfen und den rundum bezogenen Himmel viel zu beachten; als der Wirth an unſern Wagen 70— trat, und uns bat, einen Fußgaͤnger mitzu⸗ nehmen, der geſtern Abend ſpaͤt noch bei ihm angekommen ſei, und nun in dieſem Regen nicht weiter zu kommen wiſſe. Ei nun, ſagte mein Schwager, auf dem Bock iſt ja noch ein Plaͤtzchen; laß' Er ihn in Gottes Namen herkommen. Der Reiſende wurde gerufen. Er trug einen ſchlichten gruͤnen Ueberrock, und wiederholte ſeine Bitte in ſehr einfachen Aus⸗ druͤcken; aber es lag in dieſer Einfachheit ein Etwas, das meinen Schwager, wie durch einen Zauberſchlag, auf den Ruͤckſitz verſetzte, damit der Gruͤnrock den Ehrenplatz an meiner Seite einnehmen koͤnne— ein Anerbieten, das er aber ernſtlich ausſchlug. Er ſetzte ſich mir gegenuͤber, die Wagenthuͤre flog ins Schloß, der Poſtillion knallte, und fort rollten wir. Mein Schwager begann unſern Reiſege⸗ ſellſchafter etwas kleinſtaͤdtiſch auszufragen, er⸗ fuhr daß er Armand heiße, von Berlin komme, nach Hamburg wolle, und weiter nichts. Der Gruͤnrock hatte eine verzweifelte Methode, ſeine Fragen zu beantworten; er ſchien dies ſo offen zu thun, und doch hatte 71 man, wenn er geantwortet hatte, wenig oder gar nichts erfahren, und nur den Muth ver⸗ loren, weiter zu fragen. Mich armes Kind aͤngſtigte er nun gar! Noch nie hatte ich mit einem jungen Manne etwas Bedeutendes geredet, kaum je einen ordentlich angeſehen: und nun ſaß dieſer mit einemmal, wie vom Himmel gefallen, mir gegenuͤber! Ich war gewohnt, die Leute anzuſehen, wenn ſie ſprachen, und da trafen nun meine Augen, ſo oft ich ſie aufſchlug, auf ein Paar andre, und zwar ſo ſtrahlende, ſchwarze Augen, daß mir angſt und bange dabei ward. Doch hatten eben dieſe Augen, ihrer Schwaͤrze und ihrer Strahlen unbeſcha⸗ det, zugleich einen ſo ſanften Ausdruck, und ruheten von Zeit zu Zeit ſo mild und ſchonend auf mir, daß allmaͤhlich meine Angſt verſchwand, und ich ſogar— zwar ſehr leiſe, aber doch ohne Stammeln, antworten lernte, und nur ganz wenig dabei erroͤthete. In einer Stunde war das Geſpraͤch faſt ausſchließend unter uns beiden im Gange, und nie hatte ich ſo viel und mit ſolchem Vergnuͤgen geſprochen, als an dieſem Tage, deſſen Laͤnge ich beim Er⸗ 72— wachen ſo gefuͤrchtet hatte, und der mir nun mit Minutenſchnelle entfloh. 3 Als wir in R. vor dem Gaſthofe vorfuhren, das Mittagsmal dort einzunehmen, bemerkte ich einen ſehr reich gekleideten Bedienten, der beim Anblick unſers Geſellſchafters ehrerbietig herbei⸗ eilte, uns aus dem Wagen zu helfen, aber, wie es mir ſchien, auf einen Wink deſſelben ſich ſchweigend zuruͤckzog. Ich beachtete das weiter nicht, und freute mich nur, als der Gruͤnrock, der anfaͤnglich nur bis hieher hatte mit uns fahren wollen, jetzt bat, ihn bis zu unſerm Staͤdtchen mitzunehmen. Er hatte mir geſagt, daß er nach St. Petersburg wolle, und ich hielt ihn fuͤr einen jungen Menſchen, der dort etwa, als Secretaͤr oder Hofmeiſter, an⸗ geſtellt zu werden wuͤnſche. Es ſiel mir durch⸗ aus nicht ein, daß das ſein Bedienter geweſen ſeyn koͤnne; auch ſah ich ja kurz vorher, eh' wir wieder wegfuhren, dieſen Bedienten in einem eleganten, mit Poſtpferden beſpannten Reiſewagen abgehen! Gegen Abend wurde mir die Gegend be⸗ kannter; im rothen Abendſchimmer ſah ich den — 23 Thurm unſers Staͤdtchens blinken, und konnte der Bewegung meines Herzens nicht mehr ge⸗ bieten. Ich weinte, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Dort! dort! rief ich, und druͤckte die Hand meines Schwagers an mein klopfendes Herz. Schweigend rollten wir weiter; ſchon erkannte ich den kleinen Bach, der hinter unſerm Garten wegfloß; nun den Garten ſelbſt, nun unſer Haus: meine Nuͤhrung, mein Ent⸗ zuͤcken war unausſprechlich— und doch was war dies gegen den Augenblick des erſten Wie⸗ derſehns meiner Mutter! Sie ſtand mit aus⸗ gebreiteten Armen vor der Thuͤr; neben ihr meine bluͤhende Amalie, die ich als zwoͤlf⸗ jaͤhriges Kind verlaſſen hatte, und die mir jetzt ihren laͤchelnden Erſtgebornen entgegenhielt! Sie alle erblicken, mit Blitzesſchnelle aus dem ſchnell rollenden Wagen ſpringen, und mich in die Arme meiner Mutter ſtuͤrzen, war das Werk einer Sekunde. O dieſe Minute voll Vorgefuͤhl der Aufer⸗ ſtehungsfreude— dieſe lange, ſtumme Umar⸗ mung— dieſe ſeligen Thraͤnen, dieſe Himmels⸗ wonne—: Ewiger, was waͤre der Menſch, koͤnnte 74 er ſolche Minuten vergeſſen, und faͤnde er in ih⸗ nen nicht den Buͤrgen ſeiner Unſterblichkeit!— Keines von uns bemerkte in dieſem Freu⸗ dentaumel den Reiſegefaͤhrten; nur dann erſt, als er leiſe meine Hand faßte, gewahrte ich ſeiner, und las in ſeinem naſſen Auge ſeine Theilnahme. Nur wer ſolche Freuden verdient, vermag ſie zu genießen— ſagte er mir; der Himmel erhalte ſie Ihnen!— Meine Ant⸗ wort ward durch das Rollen eines Wagens unterbrochen; ich erkannte den Reiſewagen und den Bedienten, die ich am Mittag hatte aus R. fahren ſehen. Noch eh' ich von dem Erſtaunen, mit dem ich ſie jetzt vor unſerm Hauſe halten fah, zu mir ſelbſt kommen konnte, zog der Unbekannte meine Hand an ſeine Lip⸗ pen; raſch kuͤßte und druͤckte er ſie, raſch entzog er mir eine Roſe, die ich den Tag getragen hatte, und noch raſcher warf er ſich in den Wagen, der ihn im Fluge unſern Au⸗ gen entfuͤhrte. Wir waren indeſſen zu ſehr mit uns ſelbſt beſchaͤftigt, zu ſehr in den Genuß unſers Gluͤcks verſenkt, um dieſem raͤthſel⸗ haften Verſchwinden viel nachzuſinnen. Wurde 7 — —— 73 ich doch eben im Triumphe im Hauſe wieder eingefuͤhrt! ſaß ich doch nun wirklich neben meiner Mutter! war wieder in der Heimath, in den Armen der Theuren, die ich ſeit dem erſten Schlage meines Herzens geliebt hatte, und genoß in der Wirklichkeit ein Gluͤck, deſſen Fuͤlle meine Phantaſie kaum geahnet hatte!— Heitre, ſchoͤne Tage folgten dieſem Abend und reiheten ſich unvermerkt zu Monaten und Jahren. Das Andenken des Reiſegefaͤhrten, das in der erſten Zeit ſehr lebhaft war, wurde ſchwaͤcher, blieb aber ein liebliches Spiel mei⸗ ner Phantaſie. Nicht als ob ich ihn zu lieben geglaubt haͤtte, nicht als ob ſein Andenken mir je als Hinderniß einer andern Wahl er⸗ ſchienen waͤre: aber er war der erſte junge Mann, der mir im Leben naͤher trat; ſeine Geſtalt, ſeine Unterhaltung, ſeine Bildung waren keineswegs alltaͤglich; das Dunkel, worein ihn die Art ſeiner Entfernung huͤllte, gab ſeinem Andenken einen eignen Reiz— kurz, es war der erſte Eindruck, den ich empfing, und dieſer iſt bei einem tieffuͤhlenden, in einſamer Abgeſchiedenheit erzogenem Maͤdchen unaus⸗ 76 loͤſchlich, und die ſpaͤtere Geſchichte ihres Her⸗ zens nie mehr, als eine mehr oder weniger aͤhn⸗ liche Wiederholung deſſelben. Der Unbekannte war fuͤr mich eine ſo fluͤchtig voruͤbereilende Erſcheinung geweſen, daß es wahrſcheinlich fuͤr einen Andern nur einer ſehr fernen Aehn⸗ lichkeit mit ihm bedurft haͤtte, um ſich meiner Phantaſie ſtatt ſeiner unterſchieben zu koͤnnen: aber dieſe Aehnlichkeit fand ſich nicht, und ich ſchraͤnkte mich mehr und mehr auf meinen Fa⸗ milienzirkel ein, wo Gutmuͤthigkeit, Frohſinn, Fleiß, Haͤuslichkeit und Liebe jedem Einzelnen ein Gluͤck gewaͤhrten, das wir genoſſen, ohne je zu kluͤgeln und zu unterſuchen, worin es eigentlich beſtehe. So vergingen zwei Jahre. Ich ließ mich jetzt muͤndig erklaͤren, und fand Gelegenheit, mein Gut auf Uſedom zu verkaufen. Dies machte die Theilung zwiſchen meiner Schweſter und mir ſehr leicht. Mein Schwager wuͤnſchte ſich jetzt, bei dieſem Zuwachs ſeines Vermoͤgens, einen Kreis groͤßrer Thaͤtigkeit, und waͤhlte Luͤbeck zu ſeinem Aufenthalt. Ich hatte von jeher das Landleben ſehr geliebt; meine theure 77 Mutter theilte dieſe Vorliebe, und wir kauf⸗ ten uns in meinem Vaterland ein kleines, nied⸗ liches, am Ufer der Oſtſee gelegenes Landgut. Der Feldzug von 1806 begann, und der Nachricht ſeiner Eroͤffnung folgte in wenig Tagen die, der ſchrecklichen Kataſtrophe des vierzehnten Octobers. Wen ließ ſie unerſchuͤttert? Fuͤr unſer kleines, friedli⸗ ches, neutrales Laͤndchen ahnete man indeſſen keine Gefahr; ahnete noch weniger, daß ſich dieſer Strom ſo verheerend auch uͤber unſre Felder ſtuͤrzen wuͤrde. Doch nur zu bald wur⸗ den wir aus dem Traum dieſer eingebildeten Sicherheit geweckt. Das Bluͤcherſche Corps zog durch unſer Land, und am dritten No⸗ vember kam es zwiſchen ihm und dem Ber⸗ nadotteſchen Corps zu einem ernſtlichen Gefecht. Noch vor Sonnenaufgang weckte uns der Kanonendonner und erſt gegen Abend ver⸗ ſtummte er. Wir ſchickten einige unſrer Leute aus, Nachricht einzuziehen; ſie trafen einzelne kleine Trupps fliehender Preußen und nach⸗ ſetzender Chaſſeurs: aber keiner brachte Aus⸗ kunft des Weges, den die beiderſeitigen Truppen 4 78 genommen hatten. Schrecken und Angſt hatten ſich aller Menſchen bemaͤchtigt. Durchaus auf dieſen Fall nicht vorbereitet, und bis zu dieſem Tage in ſorgloſer Sicherheit, ging jetzt faſt allen die ruhige Beſonnenheit verloren, die hier allein rathen und ſichern konnte. Meine Mutter war nicht wohl, und unfaͤhig, nach dem Rath und Beiſpiel einiger Nachbaren in die naͤchſte Stadt zu fliehn. Auch war dies nach dem Verlauf einiger Stunden fuͤr uns nicht mehr ausfuͤhrbar. Das vom Bluͤcher⸗ ſchen Corps verſprengte Huſaren⸗Regiment U. kam mit der Morgendaͤmmerung bei uns an und machte Halt.— Warum ſollte ich es leugnen, daß mich, als der erſte Schrecken uͤberſtanden war, die Neuheit des Schauſpiels anzog und fuͤr meine Angſt entſchaͤdigte?— Artig nahmen wir den Herrn General auf, der ſich mit allen ſeinen Offizieren in unſerm Hauſe einquartirte, und herzlich gern gab ich fuͤr ſeine Leute her, was Kuͤch' und Keller nur immer vermochten. Als gegen Abend die Wachtfeuer ſo hell heruͤber loderten, beredete mich der Ge⸗ neral, ihn nach dem Bivouaqueplatz zu be⸗ „— 9 gleiten; und noch jetzt halte ich dieſe Stunde fuͤr eine der reichſten und gehaltvolleſten, deren Bilder meine Phantaſie aufbewahrt. Wir Weiber, durch unſre Lage an beſchraͤnkte An⸗ ſichten gewoͤhnt, erhalten ſo ſelten eine klare Anſchauung deſſen, was der Menſch im Gro⸗ ßen zu leiſten vermag; und doch liegt in uns, oft mehr, wie in den Maͤnnern, eine roman⸗ tiſche Begeiſterung fuͤr alles, was am Menſchen heroiſch und ungewoͤhnlich erſcheint; und eben dieſer Schwung, den die Natur als Antrieb und Belohnung fuͤr den Mann in uns legte, iſt wol groͤßtentheils die Urſache der Vorliebe, die faſt alle Weiber fuͤr das Militaͤr zeigen. Begeiſtert ſtand ich neben einem Haufen, der Schillers Reuterlied angeſtimmt hatte: da flammten ploͤtzlich im Weſten die Wachtfeuer der Franzoſen auf, die Keiner ſchon ſo nahe glaubte. Ich erſchrack, aber die Huſaren jauchzten; ſie wußten, daß der Weg nach Schwediſch⸗Pommern noch offen war, wo ſie aufgenommen zu werden hofften. Die Offiziere, mit dem Schickſal, das ſie am mor⸗ genden Tage erwartete, bekannter, waren groͤß⸗ 80—„ tentheils in dumpfes Schweigen verſunken, und nur in einzelnen Lauten brach der Mißmuth gekraͤnkten Ehrgefuͤhls hervor. Man erfuhr, die Franzoſen waͤren hoͤchſtens fuͤnfhundert Mann ſtark: da nun die Preußen noch uͤber tauſend Mann zaͤhlten, ſo hieß es, man wolle den Feind am andern Morgen erwarten und ſich mit ihm ſchlagen— eine Nachricht, die mich um ſo mehr erſchuͤtterte, da das Be⸗ ſinden meiner Mutter uns jetzt Entfernung ganz unmoͤglich machte. Ein alter Unteroffi⸗ zier, dem meine Angſt nahe ging, ſprach mir indeſſen Troſt ein, und verſicherte, die Sache ſei ſchon abgeredet, und es werde ſehr fried⸗ lich zugehen. Seine Vorherſagung traf ein. Der franzoͤſiſche General S. ſandte dem Re⸗ giment, als es am andern Morgen zum Auf⸗ bruch geruͤſtet hielt, einen ſeiner Adjutanten entgegen, und— die Preußen waren gefan⸗ gen. Die Huſaren wurden mit einer kleinen Escorte abgefuͤhrt, waͤhrend der Herr Gene⸗ ral mit ſeinen Offizieren nach der naͤchſten Stadt ritt, um ſich dort, auf einen Befehl des franzoͤſiſchen Generals, das Reiſegeld — 81 fuͤr ſich und ſeine Begleiter auszahlen zu laſſen!— Tage des Schreckens und der namenloſen Angſt folgten jetzt. Einzelne Streifcorps durch⸗ zogen, das Land; meine Mutter wurde kraͤnker und war ſchon bettlaͤgrig, als wir die Nach⸗ richt von der Einnahme Lubecks erhielten. Dieſe, vielleicht die furchtbarſte der Szenen des Ent⸗ ſetzens, welche der letzte Krieg dargeboten hat, vom tauſendzuͤngigen Geruͤcht noch ſchwaͤrzer kolorirt, war fuͤr meine, um das Schickſal der zaͤrtlich geliebten Tochter beſorgte Mutter, eine Todesbotſchaft. Ein hitziges Fieber er⸗ griff ſie. Jeder Verſuch, einen Arzt herbei⸗ zuſchaffen, mißlang. Der Kutſcher, den ich mit Wagen und Pferden zur Stadt ſandte, ihn zu holen, ward unterweges reqlirirt; von einem zweiten Fuhrwerk kam nur der Knecht zuruͤck; ein Bote zu Fuß, den ich mit Golde erkaufte, brachte mir die Antwort des Arztes, er duͤrfe bei der Unſicherheit der Landſtraßen durchaus nicht wagen, herauszukommen. Dieſe Antwort brachte mich zur Verzweiflung und dieſe zum Entſchluß. Ich ließ die letzten zwei Selene II. 11. H. 6 E— noch uͤbrigen Pferde herausfuͤhren, warf mich in einen Maͤnneranzug, und ſetzte mich ſelbſt auf den Wagen, hoffend, der Arzt wuͤrde maeeinen Thraͤnen nicht widerſtehen koͤnnen. Nach einer halben Stunde war mein Wagen von Chaſſeurs umringt; ſie ſpannten mir die Pferde aus, wuͤnſchten mir eine gluͤckliche Reiſe, und ritten lachend davon. Jetzt ſah ich keinen Ausweg mehr offen; nichts war nun uͤbrig, als zu meiner Mutter zuruͤckzu⸗ kehren, um ſie ſterben zu ſehen. Mit einem Gefuͤhl graͤßlicher Empoͤrung all meines Innern ſtand ich neben dem Wagen, als ich einen andern, viel groͤßern Zug Reuterei heranſpren⸗ gen ſah. Der Gedanke: es gilt das Leben deiner Mutter— Menſchen muͤſſen helfen! gab mir Muth, und ſiehe, ſchon aus der Ferne ſprengte ihr Fuͤhrer auf mich zu, und⸗ fragte mit mildem Ton: Was giebt's hier?— Ich ſahe zu ihm auf, ich erzaͤhlte, ich bat: wer haͤtte dieſem Geſicht nicht vertraut?— Seyn Sie ruhig, ſagte er freundlich; es ſoll Ihnen geholfen werden. Er befahl ſeinem Adjutanten, ein paar andre Pferde herbeifuͤh⸗ 5*“ 83 ren zu laſſen. Ich wollte danken: ein for⸗ ſchender Blick, den er auf mich warf, und der, von einem faſt unmerklichen Laͤcheln be⸗ gleitet, auf meinen vollen Haarflechten ruhete, die durch das Abnehmen des Hutes ſichtbar geworden waren— machte mich verſtummen. Ich war beſchaͤmt, ich fuͤhlte peinlich, wie ich erroͤthete, die Thraͤnen traten mir ins Auge. Fuͤrchten Sie nichts, ſagte er mir mit einem Tone, der mich uͤberzeugte, daß er mein Geſchlecht errathe und es zu ehren wiſſe; ich werde Sorge tragen, daß Sie auch auf dem Ruͤckwege ſicher ſind und Ihnen einen meiner Bedienten zur Sauvegarde mitgeben. Moͤge der Zweck Ihrer Reiſe durch den Er⸗ folg belohnt werden!— Er riß ein Blatt aus ſeiner Schreibtafel, ſchrieb einige Worte darauf, rief: Lefevre! gab dem Manne das Blatt mit einigen leiſen Befehlen, und— da flog er ſchon, noch eh ich danken konnte, ſei⸗ nen vorbeigezogenen Reutern nach!— Wir trafen auf unſerm Wege noch mehrere Truppen, aber mein Begleiter und ſeine ſchrift⸗ liche Autoriſation halfen uns unangefochten 84— durch. Ich erfuhr von ihm den Namen ſeines Herrn, Oberſt Comolli. Ich hatte den Namen nie gehoͤrt, ich konnte den Mann fruͤher nie geſehen haben, und doch war in mir ein dunkles Streben, dieſen Sprachton, dieſe Augen, ſogar den Blick— eben dieſen Blick, mit dem er Abſchied nahm, in mei⸗ nem Gedaͤchtniſſe aufzuſuchen, als gelte es nur eine Wiedererinnerung. Mir war er ein ſichtbarer Schutzengel geweſen, und ich fuͤhlte beſtimmt, daß mir dieſer Blick, dieſer Ton, immer klar und beſtimmt vorſchweben wuͤr⸗ de.— Der Arzt machte wenig Schwierig⸗ keiten mich unter Lefevres Schutz zu beglei⸗ ten; wir fanden aber bei unſrer Ankunft meine theure Mutter ſehr krank. Ihre ſchrecklichen Fieberphantaſien waren jetzt einem noch quaͤ⸗ lendern Bewußtſeyn gewichen, das die Unge⸗ wißheit uͤber Amaliens Schickſal zur angrei⸗ fendſten Seelenfolter machte. Der Arzt geſtand mir, daß ich alles fuͤrchten, wenig hoffen duͤrfe, ſo lange dieſe ſchmerzliche Unruhe die Wirkung ſeiner Arzneien hindere. Ich litt unbeſchreib⸗ lich. Alles, was ich zu thun vermochte, war, 8⁵ einen Boten nach Luͤbeck zu ſenden, der aber erſt nach ſechs Tagen zuruͤckkommen konnte, wo es, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſchon zu ſpaͤt war, als daß auch die gluͤcklichſte Nach⸗ richt noch das Leben meiner Mutter retten wuͤrde; und ach! wer durfte nach allen Be⸗ richten auf eine gluͤckliche Botſchaft rechnen?— (Der Beſchluß folgt naͤchſtens.) 36 Gemeines Leben. Dies iſt der niedrigſte Sinn: im Zwang vollen⸗ den die Arbeit, dann abſchuͤtteln das Joch, welches den Traͤ⸗ gen gedruͤckt; und jetzt, ledig der Sitt' und der Zucht, ſich ſtuͤr⸗ zen, wohin nur luͤſtet dem ſchweifenden Sinn und dem begehr⸗ lichen Trieb. Nimmer erſaͤttiget wird der Trieb, er erſtirbt im Genuſſe, rathlos, ohne Geſetz. Dies iſt des Poͤbels Geſchick. H— h. * Heil'ge und Volk. Wetter, Geſundheit, Frieden, es hofft's das Volk oon den Heil'gen: doch hat ein Heil'ger etwas nie von dem Volke gehofft. H— h. Ein leiſer Nebel dammert auf den Wogen Des ſtillen Stroms im Schooß der Unterwelt; Doch herrlich winkt, umwöoͤlbt vom Siegesbogen, Der Ruhe Land, vom Fruͤhlingsglanz erhellt; Die Haine ſind mit Bluͤthenduft durchzogen, Von ſuͤßem Wohllaut iſt die Luft geſchwellt: Und alles Schoͤne wohnt, und alles Holde, Auf dieſer Fluren lichtem Blumengolde. Der graugelockte Schiffer lenkt den Nachen, Und winkt der Schatten ſchweigendem Verein; Wol freudig ſchlief, um jenſeit zu erwachen, Manch armes Herz nach ſchweren Kaͤmpfen ein! Hier wird der Tugend heil'ge Kraft dem Schwachen, Und Kuͤhlung winkt nach ſchwuͤler Tage Pein; Der finſtre Schiffer pruͤfet ſtreng die Schatten, Den Wuͤrd'gen nur den Eingang zu geſtatten. 88 Und mitten in der Schatten ſtiller Feier 3 Erſcheint ein Weſen himmliſcher Geſtalt; Die ſchoͤnen Zuge von dem Zaͤhrenſchleier Der ſanften Schwermuth daͤmmernd uberwallt; Doch aus den Augen bricht ein himmliſch Feuer Mit wundermaͤcht'ger, ruͤhrender Gewalt: Ihr Anblick weckt Erinnrung fruͤh'rer Schmerzen, Doch maͤcht ger faßt ihr ſuͤßer Reiz die Herzen. „Wer biſt du? fragt der ernſte Faͤhrmann duͤſter; Du biſt kein Schatten ird'ſcher Form ent⸗ wandt. 3 „Ich bin, ſo toͤnt des ſuͤßen Munds Gefluͤſter, Der Liebe Sehnſucht von der Welt ge⸗ nannt.“ „Dann geh zu Fluren, trauriger und wuͤſter: Von dieſen Ufern iſt dein Fuß verbannt. Was Unruh bringt, muß fern von hier entweichen, Ein ew'ger Friede herrſcht in dieſen Reichen.“ „O banne nicht mich aus des Friedens Hainen! Zu tief bin ich der Menſchenbruſt verwebt! 89 Nicht Himmel mehr wuͤrd' ihnen Himmel ſcheinen, Waͤr' ich auf ewig ihrem Blick entſchwebt. Nur edelm Wunſch kann ſich das Gluͤck vereinen; Der iſt nicht ſeelig, der nicht liebend ſtrebt: Die mir geweiht, die edeln, tiefen Seelen, Sie werden frei noch hier ſich mir vermaͤhlen.⸗ Louiſe Brachmann. Charaden. 1. Zwei Paar Sylben. Empfaͤngſt du, Lechzender, mein Erſtes nur bei 4 Tropfen, So fuͤhlt dein Herz der Labung ſanftes Klopfen; Doch laͤßt's der Himmel dir mit vollen Strömen regnen, So rufſt du bald: O Herr, höor auf zu ſegnen! Das Zweit' iſt— leerer Raum fuͤrs Federſpiel! Auch hier giebt dir gefuͤllt die Milde leicht zu viel; Und laͤßt ſie's Dutzendweis hin auf dich regnen, So ſeufzeſt du auch hier: Höor' auf mit Segnen! Vor dieſem iſt es, wild wie Meereswogen, Mit Tauſenden wol in den Krieg gezogen. Da war es nicht ein Raum fuͤr leeres Federſpiel, Und kuͤhnen Helden nimmermehr zu viel! Jetzt iſt es— wie ſich nun die Zeiten wenden— Nur in des Wilden, nur in Kinderhaͤnden. 7 91 Das Ganze iſt ein Licht am dunkeln Orte; Iſt die von Himmelsblumen aufgebaute Pforte, Durch die, wenn Sturm und Ungewitter flieht, Die holde Hoffnung ihr Gebiet bezieht. 2. Du ſchoͤnes Land, von Himmelblau umfloſſen; Du reiches Thal, wo goldne Saaten ſproſſen— Mein kleinſtes Theil, wo doch das Ganze lebt, Das in drei Sylben ſich verwebt! Der Lenz iſt hin! die Voͤglein all ermatten: Da regt es ſich in zarter Halme Schatten, Da toͤnt den langen heißen Tag, Was man auch doppelſylbig nennen mag. Noch ſtaͤrker toͤnen ſeine Schlummerlieder, Noch trauernder giebt ſie der Nachhall wieder, Wenn nun des Schnitters Sichel ſinkt Und Heſperus hernieder blinkt. Denn dieſes zarte, geiſtergleiche Weſen Hat Sternenlicht und Schatten ſich erleſen: Es toͤnt die lange ſchwule Nacht, Von Lieb und Schwaͤrmerei bewacht. 92 Sein Namensſchweſterchen, kein holdes Weſen, Hat auch die ſtillen Schatten ſich erleſen! Am liebſten fluͤſtert's in der Nacht, Von Eigenſinn und Gram bewacht. Ganz geiſtig iſt dies: willſt du ihm entfliehen, So mußt du nach der erſten Sylbe ziehen; So nimm die Sichel, die dem Schnitter blinkt, Bis Hespers Schein hernieder ſinkt. 2 Denn ruhlos foltern ſeine Martertoͤne Des ſatten Muͤßiggangs verwoͤhnte Soͤhne, Und gleich dem Thierchen, das Horaz beſang, Folgt dir's durch Roßgewuͤhl und Wogendrang. Aufloͤſung der Charade im vorigen Hefte: Schleyer. IJralien. Blückſt du hinauf zu den Sternen, die funkelnd am naͤchtlichen Himmel Zahllos leuchten: es faßt nimmer die Menge der Blick; wachſend mehren ſie ſich, je tiefer in naͤchtlichen Aether forſchend das Auge ſich ſenkt. Schauer ergreift dich zuletzt. Alſo, erblickend das kuͤhne Gebaͤu, die Kirche des Petrus, faßt dich ein Schauer: ſie ſtrebt unuͤberſehlich empor. Nicht auszaͤhlet das Auge der hochaufſtrebenden Saͤulen herrlichverſchlungnes Gewuͤhl. Schwindelnd erhebſt du den Blick Selene II. 13. H. 1 2 auf zur gewaltigen Kuppel, die ſtolz in unendli⸗ cher Hoͤhe ſchwebt, von den Boͤgen umringt, kraͤftig, in edeler Form. Schimmernd glaͤnzt, in der Pracht vielbildender Kuͤnſte, das große, nicht zu ermeſſende Werk. Wer uͤberzaͤhlet den Schmuck? Auf von dem Boden, dem köſtlichgewuͤrfelten, bis zu der Kuppel goldumſponnenem Haupt zeigt ſich verſchwen⸗ driſch die Kunſt. Reiche Gemaͤhlde, Statuen, ſie ziehn ſich bald an Altaͤren, rings zu den Seiten umher, bald an Kapellen hinan. Ueberall glaubſt du das Ganze zu ſehn, in vollen⸗ deter Mitte ſtets zu ſtehn: und du ſiehſt nur den geordne⸗ ten Theil. Wiederum ſiehſt du im Einzelnen ſtets rüͤckſtrah⸗ lend das Ganze: und ſo umgiebt dich im Bild hier die unend⸗ liche Welt. — 3 2. Endlich zeigt ſich erwuͤnſcht nun der Tag des hei⸗ ligen Petrus! Reg' iſt die thaͤtige Stadt; Fremde, ſie ſtrö⸗ men herbei. Glockengelaͤut erfuͤllt die Luft, und es fuͤllet die Straßen weit das gedraͤngte Gewuͤhl wandelnder Pro⸗ ceſſion. Feſtlich enteilet der Tag; und dem Abend harrt, dem geweihten, froͤhlich, mit klopfender Bruſt, ſchweigend ent⸗ gegen die Stadt. Denn nur ſelten geſehn iſt die Pracht des verherr⸗ lichten Abends, und, vom Bezirke der Welt, nur in dem einzi⸗ gen Rom. Schon bricht daͤmmernd der Abend herein, und es ſtroömt zu dem weiten Vorplatz Peters das Volk, wallend, in Hau⸗ fen heran. Kaum noch erkennt der Nachbar den Freund in der Huͤlle der Daͤmmrung: ſo, im Dunkeln, erharrt jeder das Wunder der Nacht. 4 Jetzt, in der Luft, laut donnert der Schall weit⸗ ſchluͤnd'ger Kanone, dreimal: ſieh, und ſogleich wandelt die Nacht ſich in Tag. Tauſende ſtrahlender Sonnen umkleiden in bren⸗ nendem Lichtglanz ſchnell Sankt Peters Gebaͤu: Kuppel und Stu⸗ fen und Dom. Weithin glaͤnzet das naͤchtliche Rom von der ho⸗ hen Beleuchtung; weithin uͤber das Land ſtrahlet die Kirche ver⸗ klaͤrt; und die Bewohner umher der entlegenen Fluren, ſie ſchauen andachtsvoll nach der Stadt, welche den Petrus — verehrt. Petrus, welchen du einſt im dunklen, dumpfigen Kerker, Goͤtter⸗ anbetendes Rom, unter die Erde ver⸗ grubſt: Jetzt mit Flammenſchrift zu dem Himmel, Heilge verehrend, hebeſt du ihn, So erliegt zwingendem Wechſel der Menſch. . 3. Herrlich erhebt, auf geraͤumigem Platz, ſich das praͤchtige Denkmal graueſter Zeit in die Luft, dauernd, der ſtolz' Obelist. Einſt, mit unſaͤglichem Fleiß, entriſſen dem haͤrte⸗ ſten Fels ihn Maͤnner Aegyptens; er trug feſt die Geſchichte des Lands, mit dem geduldigen Meiſel in fremden, bedeuten⸗ den Zuͤgen eingegraben; und ſtand nimmer beruͤhrt von der Zeit. 8 Kuͤhner jedoch als die Zeit bewegte die roͤmiſche Kraft ihn weg vom geweiheten Platz, zwang das ſich ſtraͤubende Meer hin die erbeutete Laſt zur Siegerin Roma zu fuͤhren, 5 die mit dem köſtlichſten Stein nun triumphi⸗ rend ſich ſchmäͤckt. Nicht mehr lieſet der Fremde die Schrift aͤgypti⸗ 1 ſcher Zeichen: doch ihm kuͤndet der Stein römiſchen Willen und Muth. 4. Wie in dem magiſchen Spiegel die fernen Geſtal⸗ ten erſcheinen, welche das kuͤnſtliche Glas wirft in verdunkelten Naum: alſo erſcheint, auf Saͤulen gebannt und kuͤnſtliche Boͤgen, mitten im neueren Rom, lebend, die aͤlteſte Zeit. 5. Hoch auf eherner Saͤule Trajans, wo hinauf ſich, im Kreiſe, Bilder der Schlachten ziehn, die er um Roma gekaͤmpft, 1 hebt ſich im ſiegenden Stolz die Statue des heili⸗ gen Petrus: „„Aus gleicht alles die Zeit!“ ruft ſie dem Wan⸗ derer zu. 6. Titus einſt zerſtoͤrte Jeruſalems Tempel und Mauern. Was er vernichtet: im Bild zeigt es der Bo⸗ gen, geweiht 7 ſeinem Triumph. Doch es nagt an dem herrlich gewoͤlbeten Bogen ſelber die Zeit und verzehrt roͤmiſchen Sieg und Triumph. 7. Fern vom bewegteren Theile der Stadt, auf ein⸗ ſamen Plaͤtzen, ragen der aͤlteſten Pracht graue Ruinen hervor: Saͤulen der Tempel, wohin einſt betend das roͤmi⸗ ſche Volk zog. 3 Jetzt auf ſpaͤrlichem Gras weiden die Heerden umher. 8. Einſt durchzogen im Glanz des Triumphs ſieg⸗ prangende Kaiſer kriegeriſch⸗feſtlich die Stadt. Köſtliche Beute zuerſt oͤffnete prunkend den Zug: Elephanten im ſchim⸗ 1 8. mernden Schmucke großherſchreitend, und ſtolz tragend die Thuͤrme der Schlacht; 3———ꝭ—O— Könige dann, und Krieger und Waffen; dann 4 des Beſiegers tapfre, erleſene Schaar, glaͤnzend im Waffen⸗ geſchmeid; endlich der ſtrahlende Wagen, und auf ihm, pran⸗ gend, der maͤcht'ge Herrſcher der ſklaviſchen Welt, gottlich vom Volke verehrt. Jetzt, im geſchorenen Haupt durchziehen die Rei⸗ hen der Moͤnche, haͤr'nes Gewands, den Kranz betend, die Stra⸗ ßen der Stadt. Lang iſt der Zug: die ſchwarzen voran, dann die weißen Gewaͤnder, dann die braunen, ſo wie anders die Regel es heiſcht. Dann erſcheinen im purpurnen Schmuck, mit Stolz, Cardinaͤle; dann, im bunten Gewand, Einer, das goldene . Kreuz hocherhebend; umher vier Knaben: den ſamtenen Himmel tragen ſie ſchuͤtzend empor uͤber den köſtlichen Schatz. 9 Folgend dem Zuge ſchreitet in Demuth fromm der geweihte 3 Stellvertreter des Chriſts, dreifach gekroͤnet das Haupt. Wachen ſchließen den Zug, und der Poͤbel, ge⸗ draͤngt zu den Seiten, fallt auf die Knie' und erfleht Segen vom ſterblichen Gott. 9. Rom iſt dem köſtlichen Ring zu vergleichen, der an der Hand des maͤchtigen Zauberers blitzt, ſtrahlend vom edlen Geſtein: jeglicher Stein eine Kirche; der Werth des Rin⸗ ges unſchaͤtzbar: denn an dem heiligen Reif hangen die Geiſter gebannt. 10. Rom, auch gleicht's dem Theater: im naͤmlichen 1 1 Raume erſcheinen Gaͤrten und Hoͤhlen und Wald, zierliche Zim⸗ mer zuletzt. 10 Alſo die Tempel der Goͤtter, Palaͤſte, Baͤder, und Graͤber alteſter Zeit, ſie ſtehn prangend als Kirchen nun da. II. Wie in das ruhige Meer die gewaltigen Fluͤſſe, ſo — ſtroͤmten einſt die Kuͤnſte nach Rom, fuͤllten ſo Kirch' als Palaſt. Und der Betrachter in Rom, er iſt wie der Schif⸗ fer im Meere: ohne Grenzen und Ruh treiben die Wellen ihn hin. 12. Uebergeſaͤttiget wird und nimmergeſaͤttigt der Blick doch, welcher die Werke der Kunſt roͤm'ſcher Pa⸗ laͤſte beſtaunt. Was die Geſchichte, die Fabel, und Erd' und , Himmel und Hoͤlle bieten, im lieblichſten Reiz bildeten Kuͤnſtler es nach; —— 11 gluͤcklich dieſer in Farben und jener in richtiger Zeichnung: aber die Andern beſiegt, wem ſich die Grazie gab. 13. Eins, ein liebliches Bild, beſchreib' ich, weil mit dem Zauber mannichfaltiger Kunſt mich es harmoniſch be⸗ wegt. Nieder daͤmmert der Abend, es glimmt in Weſten am Himmel kaum noch ein roͤthlicher Streif; Schweigen umhullet die Flur. Aus vielwipflichtem Walde hervor, der jetzt in die letzten Baͤume ſich, ſcheidend, verliert, treten der Wanderer drei, eiliges Schritts: es zieht ſie das Ziel, die trau⸗ liche Heimat: doch den gedehneten Pfad kuͤrzet ein traulich Geſpraͤch. 12— Wer ſie erblickt, die holden Geſtalten, freudig erkennt er Emaus Juͤnger, und ihn, hehr in der Mitte, den Herrn. Nicht noch erkennen ſie ihn, doch ruͤhrt ſie vom Munde des Meiſters jegliches Wort, und den Gott ahnet die ſee⸗ lige Bruſt. Trefflicher Küͤnſtler! es ſtrahlet zuruͤck, ſo von daͤmmernder Landſchaft, wie von den Wanderern ſelbſt, Sehnen und Hoffnung und Ruh. 14. Nicht hat der Genius noch die Stadt der Kuͤnſte verlaſſen: Landi, mit Reiz und mit Kraft, zaubert ein goͤttliches Bild. Seelig entſchlafen ruht auf der Bahre die reine Maria: ſchoͤn, in erhabenem Schmerz, ſtehen die Juͤn⸗ ger umher, 13 kraͤft'ge Geſtalten, reines Gemuͤths, doch jeder verſchieden: Frommheit, Eifer, und Ernſt, liebliche Milde, Vertraun, zeigt uns Sterbliche hier: doch herab vom ewi⸗ 3 gen Aether ſchweben mit zarterem Leib Engel des Him⸗ mels; es ſchmuͤckt blendend harmoniſcher Reiz ſie und unverwelkliche Schoͤnheit. Blumen des Friedens und Gluͤcks ſtreu'n ſie auf irdiſchen Staub. 13. Dir, o Meiſter, gebuͤhret ein Kranz aus den Hai⸗ nen Apollo's: dich, o Canova, verehrt, wer ſich am Schoͤ⸗ nen ergoͤtzt. Haſt du des Phidias Meiſſel gefunden, der lange vergraben durch Jahrtauſende lag? Einfach, und edel,⸗ und groß, 14 3 Zart, und mit Grazie geſchmuͤckt, erſcheint, was in reger Begeiſtrung hell du geſchau't, und dann, feſt, mit beſonne⸗ 3 ner Ruh aus zur Geſtalt du gepraͤgt: ſey's ſtolz die maͤnn⸗ liche Kraft des Gottes, oder in Reiz ſchuͤchtern die Goͤttin gehuͤllt. Wer dich erblickt, er vergleicht dich mit Sokrates, welcher der Liebling ſtets dir war: denn es fließt weiſe das Leben dir hin. Prunklos ſteheſt du da in der Werkſtatt, opfernd den Goͤttern; Gluͤhend dem Schoͤnen geweiht ſchmaͤheſt du eitelen Tand. luͤcklicher biſi du, als Sokrates doch; denn es bildete jener nie in den Menſchen den Gott: du doch den Gott in den Stein. 16. Ehe der Stadt man enteilt, iſt's billig den ſaämmt⸗ lichen Goͤttern froͤhlich zu opfern: es ſteht offen das Pantheon hier. 13 Schuͤchtern betritt es der Fuß: denn es ruft der Tempel zur Andacht auch das entfremdete Herz, durch die harmo⸗ niſche Form. Still iſt es rings an den Waͤnden, doch ſtrahlt die belebende Schoͤnheit aus dem gehaltenen Maas. Seht das Geheim⸗ niß der Kunſt! Billig ruhet ihr hier in des Pantheons Hallen verewigt, heilige Prieſter der Kunſt: Raphael, Pick⸗ ler und Mengs! 17. Lieblich umweht ein harmoniſcher Geiſt dich, Villa Borgheſe, und in den ſchoͤnen Bezirk theilet Natur ſich und Kunſt. Heiter umfangen uns Lorbeer⸗Alleen, und Myr⸗ then, und zartes Roſengeſtraͤuch, und verſteckt, kuͤnſtleriſch man⸗ che Statue 16 hier der badenden Nymphe am ſtillen, ſpiegelnden Weiher, dort im Gebuͤſche der Faun, dann an der Grenze die Sphinx. Weit von der hohen Terraſſe herab des umſchloſſe⸗ nen Gartens ſchauſt du das praͤchtige Rom; einſam, die regeſte Welt. Irrſt du wieder umher in den labyrinthiſchen Gaͤngen, lockt dich zauberiſch neu hoher Kaskade Ge⸗ raͤuſch. Jetzt nun winkt der Palaſt dir zu, von dem koͤſt⸗ lichen Garten eingeſchloſſen, der Kunſt herrlichſten Schäͤtzen geweiht, freundlich von außen geſchmuͤckt, und innen, reich in den Saͤlen, reich in den Zimmern verziert, feſſelnd den ſtaunenden Blick. Marmor haͤufet zu Marmor ſich hier; Gemaͤhlde der Meiſter Zuͤrnen, weil nicht ſie gnug achtet der Wan⸗ derer, ſchnell 17 hin wie im Wirbel geriſſen, wiewol bei jedem verweilend, reicher Genuß ihm winkt. Venus, in mancher Geſtalt, 3 dann der Hermaphrodit, der Merkur, der ſter⸗ bende Fechter, Genien, rufen uns zu: bleibe, verweile doch hier! Seelig, wem es das Glück vergoͤnnte dem Ruf zu gehorchen, denn es bringt dem Olymp nah uns die goͤtt⸗ liche Kunſt. 43. Nimmer vergeß ich den Abend, als, innig geruͤhrt das Gemüͤth, ich, Villa Borgheſe, dich ließ: liebliche, lauliche Luft wehte durch Baum und Geſtraͤuch, es laͤchelte freundlich der Himmel, und in dem ſanfteſten Licht ſtand in der Blaͤue der Mond. Selene II. 13. H. 2 18 Hart an der Mauer des Thors von der Villa, birgt eine Niſche heiliger Jungfrau Bild, brennend ein Laͤmp⸗ chen darin. Sanft aus ſtrahlte das Licht in den Schatten der 3 Mauer; das Mondlicht ſchimmerte hoͤher: doch Ruh ſtrahlt' aus den beiden zugleich. Nuhe des Himmels und irdiſche Ruh: ſie ſtrahlte der Abend mir zum Abſchied noch. Beide genießt ihr in Rom. H— h. 8- In Damas lebte ein ſchon etwas bejahrter Kauf⸗ mann mit Namen Banu. Der Mann beſaß das koſtbarſte Waarenlager, das reizendſte Land⸗ gut, und die ſchoͤnſte Frau in der ganzen Stadt. Die Stadt ließ ſich das gefallen, denn man kaufte in ſeinem Gewoͤlbe ſtets die neueſten Mo⸗ den, fand auf ſeinem Gute ſtets offene Tafel, und ward von ſeiner Frau ſtets angenehm unter⸗ halten. Der Mann hatte viele Freunde, und ſogar die Frau viele Freundinnen. Sein ſchoͤnſter Genuß war, jene an ſeinem Vermögen Theil nehmen zu laſſen, und ihr ſchoͤnſter Genuß, die Launen dieſer freigebig zu befriedigen. So vermehrten ſich denn die Einen wie die Andern zuſehends. Aber Banu's Reichthum vermehrte *) Die Fabel zum Theil nach einem alten Volkshiſtoͤrchen. 20 ſich eben darum keineswegs; und da er vom glaͤnzenden Leben dennoch nicht laſſen konnte, ſo gerieth er endlich dahin, daß das reizende Land⸗ gut verloren ging, das koſtbare Waarenlager nachfolgte, und ihm nichts blieb, als die ſchoͤne Aruja, ſeine Frau. Die Freunde und Freun⸗ dinnen waren naͤmlich ebenfalls ihres Weges ge⸗ gangen; und die, denen er aufs bloße Wort Vorſchuͤſſe gethan, am weiteſten. Holete er dieſe dennoch ein, ſo leugneten ſie die Schuld ab, und ſchworen wol auch dazu, wenn er's verlangte. Das beugte den guten Banu ſo tief— ſo tief, als es kaum die ungewohnte Duͤrftigkeit that; und es iſt gar kein Wunder, daß er von Kraͤn⸗ kung, Kummer und Sorgen endlich aufs Kran⸗ kenlager ſank. Auf dieſem Lager hat man gemeiniglich Zeit und Geneigtheit nachzudenken; nur daß es da⸗ mit, was die Zeit anlangt, zu ſpaͤt, und was die Geneigtheit betrifft, nicht von Dauer zu ſeyn pflegt. Banu dachte auch nach; endlich glaubt' ers gefunden zu haben, und rief die ſchoͤne Aruja zu ſich. Liebſtes Kind, ſagte er, wir duͤrfen noch nicht verzweifeln. Eben erin⸗ — 21 nere ich mich, daß mir ja der weiſe Daniſch⸗ mend tauſend Goldzechinen ſchuldig iſt. O ge⸗ wiß, der leugnet nicht wie die Andern! Aber, damit wir ihn nach Möglichkeit ſchonen: geh du ſelbſt zu ihm, Liebchen, und ſtell' es ihm recht ſittig und ſo hoͤflich vor, wie du gewohnt biſt! Nicht wahr, meine gute Frau?— Die Schoͤne nahm ihren Schleier und ging zu Daniſchmenden, den ſie in einem ſehr ele⸗ ganten Studierzimmer fand. Er kam ihr mit ſalbungsvoller Gemuͤthlichkeit entgegen, noͤthigte ſie auf die Ottomane, und fragte nach ihrem Anliegen. Großer Lehrer der Welt und edler Freund unſers Hauſes, begann Aruja, indem ſie den Schleier zuruͤckſchlug; ich bin die Frau des Kaufmanns Banu. Er gruͤßt dich ſchoͤn⸗ ſtens und wuͤnſcht dir alles Heil und Wohler⸗ gehn— Und nun brachte ſie ihre Woͤrtchen ſo artig, ſo wenig beſchaͤmend und ſelbſt ſo ver⸗ ſchaͤmt vor, daß der Weiſe ſie mit keinem Laut unterbrach, ja noch ſtarr hinhorchte, als das liebenswuͤrdige Weib laͤngſt zu Ende war und mit niedergeſchlagenem Blick ſeine Antwort ſtill erwartete.— 82 8* Endlich beſann ſich der weiſe Mann, und ſagte mit laͤchelnder Milde: Tauſend Zechinen wuͤnſcheſt du, ſchoͤne Freundin? Tauſend? Mit Vergnuͤgen! Nicht, als ob ich ſie dei⸗ nem alten Herrn ſchuldig waͤre, ſondern um mich fuͤr dieſen zutraulichen Beſuch dankbar zu beweiſen. Ja, bei meinem Leben ſchwoͤr' ich: machſt du mich oͤfter ſo gluͤcklich, dann folgt auch dieſe Summe oͤfter. Und jetzt.. Ja, jetzt— fuhr die ſchoͤne Aruja hoͤchſt entruͤſtet auf— jetzt zuruͤck, du truͤgeriſcher, ehrvergeßner Heuchler! Und boͤteſt du mir alle Schaͤtze Aegyptens: du wuͤrdeſt meine Treue nicht wankend machen. Bezahle deine Schuld— Meine Schuld? Unverſchaͤmte! trat jetzt der Weiſe gebieteriſch vor ſie hin. Meine Schuld! Womit beweiſeſt du ſie? Ein Al⸗ moſen wuͤrd' ich deinem Manne ſchicken, wenn es nicht thoͤricht waͤr', einen Verſchwender zu unterſtuͤtzen, oder auch es einem Weltweiſen geziemte, ſich von blindem Mitleid gaͤngeln zu laſſen!— Hiermit verließ er hochmuͤthig das Zimmer und warf die Thuͤr ziemlich unſanft hinter ſich zu. 23 Das arme Weib ſchwankte nach Hauſe. Nicht wahr, das iſt ein ganz andrer Mann, als jene Schurken, die ſich Freunde nannten? rief ihr ihr Mann entgegen. Der Himmel ſegne ihn, daß er jetzt, in der Stunde der Noth, uns nicht verlaͤßt!— Hier ſtuͤrzten der ſchoͤnen Aruja die Thraͤnen aus den Augen; doch faßte ſie ſich bald genug, den Gemal nicht tiefer zu verwunden, als mit dem Bericht: auch Er leugne die alte Schuld ab. Und gleichwol wirkte ſchon dieß auf den gu⸗ ten Banu heftig genug. Der Elende! rief er. Was hab' ich nicht alles fuͤr ihn gethan; und was haͤtt' ich nicht gern noch mehr gethan? Meine ganze Habe haͤtt' ich ihm anvertraut! mein Lehen und meine Frau dazu!— Und ſo ging's eine feine Weile fort. Aber was nun? ſetzte er hernach von neuem an. Dieſe Nie⸗ dertraͤchtigkeit ihm ruhig hingehen laſſen? Nimmermehr! Er ſoll zur Rechenſchaft gezo⸗ gen, er ſoll uͤberfuͤhrt— beſchaͤmt ſoll er wer⸗ den! O liebſtes Weib, geh' zum Kadi! Das iſt gar ein ſtrenger Richter— ein geſchworner Feind aller Ungerechtigkeiten. Erzaͤhl' ihm unſre Ge⸗ 243 ſchichte: gewiß, gewiß, er wird geruͤhrt wer⸗ den; er wird uns Recht ſchaffen!— Die Schoͤne nahm ihren Schleier und ging zum Kadi, den ſie in einem ſehr angefuͤllten Audienzzimmer fand. Beſcheiden zog ſie ſich zuruͤck; aber ihr zierlicher Wuchs und edler An⸗ ſtand machten, daß ſie ſogleich bemerkt wurde. Der Kadi gehoͤrte unter die gebornen Freunde des ſchoͤnen Geſchlechts; und noch jetzt in ſeinen alten Tagen konnte ihn ſchon eine huͤbſche Schuh⸗ ſpitze bis ins tiefſte Herz verwunden. Er winkte der ſchoͤnen Aruja gnadenvoll, und als ſie ſich ſchuͤchtern nahete, fand er fuͤr anſtaͤndiger, ihr Geſuch nicht vor ſo vielen Ohren, ſondern in ſeinem Kabinette zu vernehmen; wohin er ſie denn auch mit aller Wuͤrde geleitete. Hier mußte ſie ſich niederlaſſen, und, um bequemer zu ſprechen, den Schleier zuruͤckſchla⸗ gen. Aber kaum war das geſchehen, als der alte Herr, erſt vor Schrecken ein Stuͤck ruͤck⸗ waͤrts, dann vor Freuden ein noch groͤßeres vor⸗ prallte. Mechaniſch rief er aus: Du haſt Necht, liebliche Roſe! durchaus Recht, himmliſche Li⸗ lie! Aber wovon iſt die Rede? 25 Aruja, die noch gar nichts vorgetragen hatte, brachte nun ihre Klagen gegen Daniſch⸗ menden an, und bat den Kadi, ſich mit ſeinem Anſehen dreinzulegen, damit ihr Mann die tau⸗ ſend Zechinen bekaͤme. Ganz gewiß! unter⸗ brach ſie der Kadi heftig. Nichts iſt gerechter, und nie bin ich ſo gern gerecht geweſen. Der boshafte Heuchler zahlt, oder es ſoll ihm noch ganz anders eingebrockt werden! Aber, ſuͤße Himmelsblume, was zahlſt denn du? mir naͤm⸗ lich? Umſonſt iſt wol der Tod, aber nirgends die Gerechtigkeit! Eine Lieb' iſt der andern werth, und eine Hand waͤſcht die andere—— Hier brach das arme Weibchen wieder in helle Thraͤnen aus. O Himmel, rief ſie; giebt's denn gar keine Tugend mehr unter den Maͤnnern? machen ſich ſelbſt die kein Beden⸗ ken, auf Abwege zu leiten, die ſie zu ſtrafen verpflichtet ſind?— Der alte Herr ſuchte verge⸗ bens ihre Thraͤnen zu trocknen; und da er ſelbſt dies auf eine Art that, die ſich von ihm nichts Gutes verſehen ließ, ſo eilte Aruja mit zerriß⸗ nem Herzen davon, und nach Hauſe. Nichtwahr, das iſt ein ſtrenger, rechtlicher 26 Mann, der alte Kadi? rief ihr ihr Mann ent⸗ gegen. Der Himmel ſtaͤrk' ihn in den Beſtre⸗ bungen ſeines Alters, da er uns jetzt beiſtehet, und nicht die Perſon anſieht!— Kaum konnte das junge Weib hier an ſich halten; ſie that es aber doch ſo weit, daß ſie nur geſtand, er habe ihr Huͤlfe verſagt. Was? Huͤlfe verſagt? rief Banu ſehr hef⸗ tig. Der Schleicher! Fuͤr was iſt er da, und fuͤr was wird er bezahlt?— Und ſo ging's noch eine feine Weile fort. Hernach begann er von neuem: Und damit waͤr' die Sache zum Eude? Nimmermehr! das muß der Statt⸗ halter wiſſen. O liebſtes Weib, geh' zu ihm! Ich hab' ihm oft koſtbare Stoffe auf Kredit verkauft und er hat in ſeinem Leben nicht be⸗ zahlt: nun, deſto bereitwilliger wird er ſeyn, ſich unſrer anzunehmen, jetzt, da wir's brau⸗ chen, und ihn doch nicht mahnen— was ohne⸗ hin vergeblich waͤre!— Die Schoͤne nahm ihren Schleier und ging zum Statthalter. Schuͤchtern und zitternd trat ſie ins prachtvolle Vorzimmer. Einige junge Laffen von Bedienten ſchoſſen voruͤber und wuͤr⸗ 27 digten ſie keiner Anrede. Endlich kam ein aͤlte⸗ rer, der ſte mit kenneriſchem Streifblick maß, und ſich dann freundlich mit der Frage an ſie wandte: ob ſie den Herrn Gouverneur zu ſpre⸗ chen wuͤnſche? Und kaum hatte Aruja ihr Ja gelispelt, als er ſie mit großer Hoͤflichkeit durch die Reihe Prunkzimmer fuͤhrte, ihr unter Weges Muth einſprach, und ihr rieth, nur recht zutrau⸗ lich ihr ganzes Herz vor ſeinem Gebieter auszu⸗ ſchuͤtten. Jetzt endlich ließ er ſie in das letzte Zimmerchen eintreten, machte eine hoͤflicher⸗ gebne Geſte, ging ab, und druͤckte die Thuͤr leiſe zu.— Das junge Weibchen beſahe ſich eben das wunderſchoͤne Kabinet: erſt die mit blaßgelbem Sammet uͤberdeckten Sopha's, dann die roſen⸗ farbnen Gardinen, die ein zauberiſches Hell⸗ dunkel verbreiteten, nun die auslaͤndiſchen Blu⸗ men, die einen ſuͤßberauſchenden Wohlgeruch aushauchten; da oͤffnete ſich ploͤtzlich eine Ta⸗ petenthuͤr, und der Statthalter, im geſchmack⸗ vollen Negligee, trat herein. Mit verbindlichem Entgegenkommen noͤthigte er ſie zu ſitzen und ſich des genirenden Schleiers 28 zu entledigen. Aruja, die uͤber beides nun Er⸗ fahrungen geſammlet hatte, weigerte ſich beſchei⸗ den, vermochte aber doch ſeinem artigen Ein⸗ dringen nicht zu widerſtehen. Er bekannte ihr nun mit ſchmeichelhaftem Laͤcheln, in ſeinem Leben ſolch eine pikante Schoͤnheit nicht geſehn zu haben; und da er ihr furchtſames Erroͤthen bemerkte, ſetzte er gleich die beruhigenden Fra⸗ gen hinzu: wer ſie ſei, und womit er ihr dienen koͤnne? Gnaͤdigſter Herr, erwiderte Aruja mit ruͤh⸗ render Aengſtlichkeit; ich bin die Frau des Kaufmanns Banu, der einigemal die Ehre gehabt hat, Ihnen Stoffe zu verkaufen— O, den kenn' ich recht gut! fiel er ein. Ein wackrer Mann, den ich ſehr ſchaͤtze!— Und was fuͤr ein gluͤcklicher, beneidenswerther Mann! ſetzte er verbindlich hinzu. Mitleidswerth, wollen Sie ſagen, gnaͤ⸗ digſter Herr! nahm Aruja das Wort wieder; und nun erzaͤhlte ſie mit ſchoͤnſtem Anſtand ihres Gatten Ungluͤck und ihr gegenwaͤrtiges Anliegen.— Der Statthalter ſchien zwar etwas zer⸗ 29 ſtreuet waͤhrend der Erzaͤhlung, doch blieb ſein Auge, nicht ohne Theilnahme, auf der Er⸗ zaͤhlerin haften, und kaum hatte ſie geendigt, als er ihr auf's Wort verſicherte, der Daniſch⸗ mend muͤſſe augenblicks zahlen und der alte Schelm von Kadi eine ungeheure Naſe be⸗ kommen. Aber freilich— ſetzte er laͤchelnd hinzu— freilich rechne ich auch auf einige Erkenntlichkeit... O, fiel Arufa ſchnell ein— mein ganzes Leben hindurch werd' ich Ihre Gnade nie ver⸗ geſſen! Nein, nein, unterbrach er ſie noch ſchneller; das verlang' ich gar nicht! Wer der Welt Lauf kennet, haͤlt ſich an den Moment, und giebt dann gelaſſen auf, was, ſeiner Natur nach, nur fuͤr den Moment geeignet iſt. Ich meine naͤmlich ſo, ſchoͤnſtes Frauchen... Und nun wollte er dieſe abge zogene Ma⸗ rime ſo anziehend praktiſch darſtellen, daß das treue Weib vom Gluͤck zu ſagen hatte, als es ihr durch eine ſchnelle Wendung gelang⸗ ihm zu entſchluͤpfen. Sie flohe, wie von boͤſen Geiſtern gejagt, durch alle Zimmer, zum 30 Palaſt hinaus, und in ihr ſicheres Haus, zum ſehnſuͤchtig harrenden Gemal. Nun endlich haben wir doch unſern Zweck erreicht? rief ihr dieſer entgegen. Der Statt⸗ halter— o, alle Zeitungen ſind voll von Be⸗ weiſen ſeiner Popularitaͤt und Menſchenliebe. Heil dem Lande, das unter ſolcher Regentſchaft ſteht!— Ach, erwiderte Aruja, erhitze dich nicht in Lobpreiſungen; auch ihn ruͤhrt unſer Ungluͤck nicht! auch er will uns nicht beiſtehn! Kaum waren dieſe Worte uͤber ihre Lippen gegangen, ſo brach Banu in die heftigſten De⸗ klamationen gegen die Menſchheit, gegen ihr Verderbniß und bodenloſes Verſinken aus. Die gute Frau ſtoͤrte ihn nicht, ſondern knuͤpfelte indeß ſchweigend am Schuͤrzenbande. Wie er aber immer wieder von vorn anfing, da dachte ſie: Es iſt wol gut, daß ſich die Maͤnner bei draͤngendem Ungluͤck keifend aufregen, aber es iſt doch noch beſſer, daß die Weiber in ſolchem Fall auf neue Huͤlfsmittel ſinnen. Sie machte ſich alſo, waͤhrend eines Huſtens ihres Ge⸗ mals, leiſe davon, und ſaß nun ſtill und nach⸗ denkend auf ihrem Zimmerchen. 2 31 Nach einer Weile wurden ihre Augen leb⸗ hafter, ein Zug von Schaͤlkelei ſchlich ſich um den Mund, die Bruſt hob ſich ſchneller, und der Mittelfinger der rechten Hand ſtieg allmaͤh⸗ lich bis zum Kinn, wo er eine Ruheſtaͤtte nahm. Das heißt denn: ſie hatt' es! Sie hatt' es auch wirklich, und erhob ſich langſam und ernſthaft. Nein! ſagte ſie; das iſt zu gefaͤhrlich. Zwar wuͤrden meines Mannes Vertrauen und der Ausgang mich rechtfertigen: aber dennoch... Beſſer, ich ſchweige, dulde, und verachte jene niedrigen Seelen!— Beſſer? unterbrach ſie ſich lebhafter; macht denn nicht eben das die Boͤſen in der Welt ſo maͤchtig, daß die Guten entweder furchtſam ihnen nicht ent⸗ gegen zu treten wagen, oder in verachtendem Selbſtgefuͤhl ſich zuruͤckziehen? Der Boͤſe pocht auf dieſe Furchtſamkeit, er lacht dieſer Ver⸗ achtung, und wird nur ſchlimmer durch beides. Nein, ich will ſie in ihren eigenen Schlingen fangen; will damit meinen Mann retten, mei⸗ ner weiblichen Ehre genugthun, und zugleich mein ganzes Geſchlecht an ihnen raͤchen! So ſprach ſie, und ging zuruͤck zu dem ehr⸗ 3 2——— lichen Banu, der eben, weil er vom Deklamiren weder Athem noch Kraft mehr hatte, leicht zu bearbeiten war. Ihren Anſchlag ſagte ſie ihm nicht, ſondern nur, daß ſie einen habe, und daß Er, im Vertrauen auf ſie und in ungeſtoͤr⸗ tem Genuß ſeiner Bequemlichkeit, das Ende ab⸗ warten moͤge. Mache, was du willſt, ent⸗ gegnete Banu matt; ich kenne dich, mein kluges, rechtſchaffnes Weib, und verlaſſe mich uͤbrigens auf deine Induͤſtrie.— Die feine Aruja hatte, wie jede feine Frau, auch eine feine Magd. Dalla hieß die Magd. Dieſe bekam nun alle Haͤnde voll zu thun, und den Kopf auch. Erſt mußte ſie ihre Dame nach Moͤglichkeit putzen helfen; hernach, als dieſe ausgegangen war, hatte ſie das ganze weite, ſchoͤne Haus— das Banu'n, wie einem italieniſchen Großen, von allem Reichthum allein geblieben war— zu raupern, zu fegen, und gewiſſe, ihr beſonders angezeigte Zimmerchen aufzuſchmuͤcken; ja waͤhrend dieſer Arbeit mußte ſie noch ihre Rolle genauer einſtudiren— wenn ſie anders nicht obendrein noch eigene Privatan⸗ legenheiten im Kopf' und Herzen trug. 3³ Schoͤn, wie die Fruͤhlingsroſe, niedlich, wie ein Perlhuͤhnchen, und gewandt, wie die Waſ⸗ ſerſchwalbe, ſchluͤpfte Aruja ins Haus des wei⸗ ſen Daniſchmend, und ließ ſich bey ihm mel⸗ den. Der Lehrer der Welt, der nicht wußte, was er von der Sache denken ſollte, empfing ſie mit der ſteifen Wuͤrde, die auch andere Leute in gleichem Fall anzunehmen pflegen. Aruja that, als bemerke ſie das nicht, ſondern ſetzte ſich mit kindlicher, ſuͤßlaͤchelnder Schaͤmigkeit auf die bewußte Ottomane und ſchlug freiwillig den Schleier zuruͤck. Daniſchmendens Antlitz ver⸗ aͤnderte ſich, und die Schoͤne begann: Großer Lehrer der Welt, ich wage es noch einmal, dich um die tauſend Zechinen zu bitten, die mein Mann dir wirklich geliehen hat, ſollteſt du auch, den Kopf voll hoͤherer Dinge, es aus der Acht gelaſſen haben. Du wollteſt dieſe Summe zah⸗ len, wenn ich— beſinn' ich mich recht— dei⸗ ner Gefaͤlligkeit nicht allzuſtoͤrrig entgegenkaͤme. Verzeihe meiner Unerfahrenheit, daß ich im erſten Schrecken mir, wer weiß was alles, dachte, und daß ich mich deswegen ſo kindiſch und unziemlich gegen dich benahm. Ich habe Selene II. 12 H 3 34 nun ruhiger den Fall erwogen; ich begreife ja— du wirſt meine Ehre, wirſt meinen und meines guten Mannes Ruf ſchonen... Beſte, das verſteht ſich! unterbrach ſie der Weltweiſe, und ſchmunzelte, wie ein Kaͤtzchen, das Braten riecht. Ehre, ſiehſt du— Ehre iſt die gute Meinung, die Andere von uns haben; guter Ruf aber iſt die ins allgemeine Geſchwäͤtz gleichſam zerlaſſene Ehre: wenn man mithin, was man thut, ſo anordnet, daß Andere davon keine Notiz bekommen, ſo bleibt alles, wie es ſteht und liegt, und jedes Geſchehene iſt ungeſchehn. Es koͤmmt dazu, daß denkenden Perſonen, wie wir beide ſind, nichts ungeziemend ſcheinen kann, was natuͤrlich iſt: was aber— ſage ſelbſt— was iſt natuͤrlicher, als daß ein Mann mit geſunden Sinnen ein ſo liebenswuͤrdiges Weib liebenswuͤrdig findet, das junge Weibchen aber, beſonders wenn das blinde Schickſal ſie in die Arme eines alternden Gemals gefuͤhrt hat, dem ſuͤßen Zuge folgt, der nicht nur alles auf Erden, ſondern ſelbſt die himmliſchen Koͤrper haͤlt und leitet? Nimm nun noch in Obacht, daß dein Mann auf jeden Fall dabei gewinnt! Von 35 den tauſend Zechinen will ich nicht einmal ſpre⸗ chen: aber ganz gewiß wird deine Gutherzig⸗ keit ihm, waͤhrend ſolch einer kleinen Epiſode, deſto freundlicher begegnen, ihn deſto beſſer pflegen und warten... Auf jeden Fall, nahm Aruja das Wort, weil ſie vor Beſchaͤmung nicht weiter hoͤren konnte— auf jeden Fall wird ſich uͤber alles das, daͤcht' ich, in meinem einſamen Zimmerchen dieſe Nacht wol noch beſſer ſchwatzen laſſen... O gewiß! ganz gewiß! fiel der Weiſe hitzig ein. Dieſe Nacht alſo? und zwar.. 7 Und zwar, fiel Aruja mit brennenden Wan⸗ gen ein— wenn du Schlag zwoͤlf Uhr am Hinterpfoͤrtchen unſers Hauſes leiſe klopfen willſt. Eine treue Sklavin— Dalla heißt ſie— dieſe wird dich erwarten, wird oͤffnen, und dich be⸗ hutſam in mein Zimmerchen fuͤhren. Daniſchmend war entzuͤckt und verlangte auf der Stelle einen Kuß zum Aufgelde. Die Schoͤne ſetzte dieſen dran, da es nun einmal nicht anders ſeyn wollte, und entwand ſich dann ſchnell ſeinen ſennigen Armen. Der Weiſe aber bereitete ſich auf die begluͤckende Nacht vor, 36— indem er, waͤhrend der Lekture erotiſcher Dich⸗ ter ſich ſalben ließ und allerhand Feinheiten indi⸗ ſcher Tafeln genoß. Aruja war indeſſen, um wieder Athem zu ſchoͤpfen, einige Straßen langſam durchwandelt. Jetzt kam ſie an das Haus des Kadi, und ſchluͤpfte hinein. Der Kadi hatte eben die Audienz geſchloſ⸗ ſen; deſto weniger fiel es auf, daß er die Ver⸗ ſpaͤtete mit ſich in das bewußte Kabinet nahm. Ach, hochweiſer Herr, begann Aruja beſcheident⸗ lich; ich habe, ſeit ich Euch verlaſſen, keine Minute Ruhe gehabt vor aͤngſtlichen Zweifeln, und zwar vor lauter patriotiſchen. Ihr ſeyd der Mann, der Recht und Gerechtigkeit ver⸗ theilt: wenn aber dieß bloß in Strenge gehand⸗ habet wird, ſo muß es nicht ſelten, wie ich mein Lebetage gehoͤrt habe, in druͤckende Haͤrte, ja wol gar in ſchreiende Ungerechtigkeit ausar⸗ ten. Woher ſoll aber dem Richter, der denn doch ein Menſch bleibt, und auch ein Mann— woher ſoll ihm Milde kommen, wenn ſich nicht das Geſchlecht vermittelnd dreinlegt, das ja 37 hauptſaͤchlich zur Erhaltung der Milde und Freundlichkeit da iſt? Das weiß der liebe Gott, rief der alte Kadi, daß du hier ein großes und wahres Wort geſagt haſt! O fahre fort, ſuͤße Wunderblume! Dein Ton iſt gut, deine Materie iſt ſchoͤn, und du biſt beides! Und ſie fuhr fort, und beide Theile trenne⸗ ten ſich hernach— mit einander und mit ſich ſelbſt ſehr wohl zufrieden; Aruja aber nahm das Verſprechen mit, daß der alte Knabe in dieſer Nacht Schlag Ein Uhr leiſe klopfen und ſich von der treuen Dalla ſchweigend geleiten laſſen wolle. Waͤhrend der Mann der Gerechtigkeit ſich ſeiner Freude uͤberließ und ſtaͤrkende Mittel ge⸗ noß, war die ſchoͤne Aruja ſchon im Vorzim⸗ mer des Statthalters. Ei, Ei, ſchoͤnes Weibchen, redete ſie jener aͤltliche Bediente an, und wedelte mit dem Zei⸗ gefinger— Sie haben vorhin einer großen Uebereilung ſich ſchuldig gemacht! Ohne Zweifel ſoll dieſe jetzt repariret werden? Nun, in die⸗ 383 ſer Zuverſicht ermangele ich nicht, die nochma⸗ lige Introduktion zu wagen— Mit dieſen Worten fuͤhrete er ſie wieder in das bewußte, roſenbeleuchtete Kabinet. Aruja that, als wolle ſie ſich vor dem maͤchtigen Statthalter reumuͤthig auf ein Knie niederlaſſen: mit vornehmkalter Herablaſſung fing dieſer ſie aber auf, indem er ſagte: Nicht alſo! Vor dem großen Propheten ſoll man knieen; nicht aber vor Menſchen!— Was fuͤhrt dich zuruͤck, junge Frau? Gnaͤdigſter Herr, erwiderte Aruja; das Gefuͤhl fuͤhrt mich zuruͤck, ich habe mit meiner kindiſchen Furcht Sie beleidigt... Setze dich doch, ſchoͤnes Kind! unterbrach ſie der Gouverneur, ſchon etwas freundlicher. Aruja gehorchte, indem ſie fortfuhr: Ihre Huld ließ mich Gerechtigkeit gegen jene beiden Maͤnner hoffen— Gerechtigkeit, nahm Er das Wort wieder; Gerechtigkeit findet jedermann vor meinem Rich⸗ terſtuhl. Laß deinen Mann in gehoͤriger Form klagend einkommen; wenn der Reihe der Kla⸗ gen nach die ſeinige folgt— was ſchon in den 39 naͤchſten Jahren geſchehen kann— ſo werd' ich die rechtliche Unterſuchung gehoͤrig verhaͤngen; die Beklagten moͤgen ſich dann in den gewoͤhn⸗ lichen Friſten vertheidigen; dein Mann, wenn er kann, ihre Vertheidigungen widerlegen: ſo wird die Sache durch alle Inſtanzen in beſter Ordnung gefuͤhrt, und es laͤßt ſich hoffen, ſie werde nach zehn bis zwoͤlf Jahren zum ent⸗ ſcheidenden Spruch gedeihen. O Himmel! rief Aruja; dann iſt mein Gemal laͤngſt vor Mangel, und ich bin vor Gram geſtorben! Das ſollte mir leid thun: aber es iſt das der gewoͤhnliche Gang der Juſtiz! erwiderte der Statthalter. Und laͤßt ſich dieſer Gang nicht beſchleuni⸗ gen? fragte Aruja errothend. Mein Kind, antwortete der Statihalter bedeutend; es laͤßt ſich jeder gewoͤhnliche Gang beſchleunigen, wenn man ſich nännlich zehenſei⸗ tig die Hand bietet! 6 Hier iſt die meinige! ſagte Aruja, indem ſie zitternd die Hand hinreichte und das erblaſ⸗ ſende Antlitz lieblich zur Seite wandte. 40— Der Statthalter zog die gebotene Hand leb⸗ haft an ſeine Lippen, und nun ſchien alles beym Gleichen, bis die gewandte Frau noch⸗ mals vor ihm aufs Knie ſank, und in die Worte ausbrach: O Herr, haben Sie Nach⸗ ſicht mit einem unerfahrnen Kinde, das hier, umgeben von tauſend verſchuͤchternden Gegen⸗ ſtaͤnden, nur wie ein bebendes Lamm in Ihren Arm ſinken wuͤrde—— Der erfahrne Weltmann, der ſelbſt im Rau⸗ ſche uͤber ſeine Genuͤſſe zu kluͤgeln verſtand, um ſie ganz vollſtaͤndig auszukoſten— hoͤrte ziem⸗ lich gelaſſen zu, uͤberſchlug das Plus, welches ihn in Aruja's Hauſe erwarte, und wurde nun eben dahin gebracht, wohin der Weltweiſe und der Juſtizpfleger gebracht war, ſo daß er das Weibchen mit der Zuſage entließ, Punkt zwei Uhr am Hinterpfoͤrtchen leiſe zu klopfen und ſich der Leitung der treuen Dalla ver⸗ trauensvoll zu uͤberlaſſen. 9O Mahomet, ſeufzete Aruja aus frommer Seele, da ſie aus dem Palaſt des Statthal⸗ ters trat; großer Prophet, erfahrner Kenner des weiblichen Herzens, und Beſchuͤtzer aller ——— 4 1 glaͤubigen Frauen! ſiehe gnaͤdig herab von dei⸗ ner himmliſchen Wohnung auf mich und meine Schleifwege, aber auch auf meine Abſichten und meine Geſinnungen dabei! und findeſt du mein Herz rein, meine Zwecke lauter: dann ſtehe mir bei, daß jenes gerechtfertigt und dieſe erreicht werden. Amen!— Dieſer herzinnigliche Seufzer verfehlte die Wirkung nicht, die dergleichen auf weibliche Seelen immer zu haben pflegen: er erleich⸗ terte, erquickte, und ſtaͤrkte zu dem kitzlichen Vorhaben. So kam die Schoͤne nach Hauſe, verſicherte ſich nochmals des Vertrauens ihres Eheherrn, und half nun der treuen Dalla drey von ein⸗ ander betraͤchtlich entfernte Zimmerchen, mit kleinen Kabinets, niedlich aufputzen, Erfriſchun⸗ gen aller Art aufſetzen, und alles vorbereiten, um ihre Gaͤſte aufs ſchmeichelhafteſte zu em⸗ pfangen. Jetzt warf ſie ſich in einen zierlich ſittſamen Schlafrock, ſetzte ſich in das eine jener Zimmerchen, und ſtrickte Borden— eine ſehr einfoͤrmige Arbeit, wobei ſich aber die 4²— Damen deſto bequemer ſammeln und zweck⸗ maͤßig umſtimmen koͤnnen. Schlag zwoͤlf Uhr klopfte der weiſe Daniſch⸗ mend. Dalla öoͤffnete, er trat ins Zimmer, die treue Sklavin folgte und hatte ſchon den Beutel mit den tauſend Zechinen in Empfang genommen. Aruja nahm freundlich laͤchelnd die ſchoͤnen Phraſen des Herrn an, und warf nur fluͤchtig hin, er moͤge ja leiſe ſprechen, weil ihr guter Mann in ſo hellen Mondnaͤchten zu⸗ weilen an Schlafloſigkeit leide. Die Sklavin bot nun Erfriſchungen, und Aruja knuͤpfte ein Geſpraͤch uͤber die Rechtlichkeit dieſer Zuſam⸗ menkunft an. Daniſchmend, der hier zu dispu⸗ tiren und Gewiſſensſcrupel zu beſchwichtigen bekam, war in ſeinem Elemente. Ein halbes Stuͤndchen verging; dann erſt wurden die Deklamationen des weiſen Mannes dringender, und er ſchoß ſeitwaͤrts giftige Blicke auf die treue Dalla, die nicht weichen und wanken wollte.. Mit Einemmale brach Aruja erſchrocken mit⸗ ten im Worte ab:„St! was war das? ging's nicht draußen?“ Augenblicklich flog Dalla hin⸗ 43 aus, augenblicklich kam ſie wieder. Der Herr koͤmmt! dor Herr koͤmmt! rief ſie. Er waͤr' ſchon da, wenn ich nicht erſchrocken gethan, und mit einer Wendung ſein Licht ausgeblaſen haͤtte. Hier iſt es: ich hab' ihn gebeten zu warten, bis ich's bei Ihnen angebrannt habe, damit er ſich nicht ſtoße! Aruja war aufgeſprungen und rang die Haͤnde, Daniſchmend fluchte, und wollte wiſſen, was zu thun ſei? Die Schoͤne vermehrte ſein Schrecken und ſein Mitleid durch das Geſtaͤnd⸗ niß: das wiſſe ſie nicht, ſondern nur, daß ſie Zeitlebens elend durch ihn ſei. Indem ziſchelte Dalla: Geſchwind, edler Herr, in das Kabinet! Sie ſchließen ab— wendete ſie ſich zu ihrer Gebieterin— und nehmen den Schluͤſſel zu ſich; und Sie— fuhr ſie zu Daniſchmenden fort— warten da draußen maͤuschenſtill, bis wir wieder oͤffnen!— Bei dieſen Worten hatte ſie den vor Ueberraſchung verdutzten Herrn hinausgeſchoben, die Thuͤr ward verſchloſſen, der Schluͤſſel abgezogen, und Aruja ging mit der gewandten Sklavin ziemlich gemuͤthlich hin⸗ aus— hinaus in das zweite der aufgeputzten 44— Zimmerchen, waͤhrend der redliche Banu ganz feſt auf dem Ohre lag und von eingehenden Schuldpoſten traͤumte. Sie hatten hohe Zeit, die beiden Frauen⸗ zimmer; denn kaum hatte Aruja ein Weilchen nach dem heiligen, keuſchen Mond geblickt— was auf viele ziemlich dieſelbe Wirkung thut, wie Bordenſtricken— ſo war's Ein Uhr, und Papa Kadi klopfte. Dieſen empfing Aruja viel heiterer, weil ſie weniger von ihm zu befuͤrchten hatte. Sie ließ ihn ſeine veralteten Galanterien herſagen, und warf im fluͤchtigen Geſpraͤch hin, daß ſie morgen ihren Bruder aus Cairo erwarte, wor⸗ uͤber ſie denn ganz erſtaunt froͤhlich ſei. Der alte Herr machte ſeine Gratulation zur hoffent⸗ lich gluͤcklichen Ankunft des Herrn Bruders, und wurde hierauf in eine Auseinanderſetzung des Prozeßganges gegen den hartnaͤckigen Daniſch⸗ mend verwickelt, wobei er ſich nach Belieben breit und wichtig machen konnte, ſo daß ihm ein halb Stuͤndchen verflog, er wußte eſ nicht, wie. Auf einmal brach die Dame erſchrocken mit⸗ 45 ten im Wort ab: Was war das? hoͤrteſt du nicht Geraͤuſch im Hofe, Dalla? Geſchwind, ſieh' nach!— Dalla flog athemlos hinaus und athemlos wieder herein. Himmel! rief ſie— Ihr Herr Bruder liebt die Mondnaͤchte, und iſt die jetzige durchreiſet. Alleweile ſchleicht er hin⸗ auf zu Ihrem Gemal, ihn leiſe zu wecken. Er will ſich den Spaß machen, Sie zu uͤber⸗ raſchen— Aruja war aufgeſprungen und rang die Haͤnde, der Kadi ſchimpfte, und verſprach, ſein Anſehn zu gebrauchen. Ach ja, rief Aruja, damit kommen die Juſtizpfleger wol durch: aber unſers Eins! meine Ehre! mein guter Ruf! mein zaͤrtlicher Mann! mein geliebter Bru⸗ der!— Haben Sie doch Erbarmen rief Dalla. Zum Henker, ich hab' ja welches! antwortete der Kadi. Nun, ſo entſpringen Sie in dies Kabinet, fuhr jene fort; wir ſchließen ab, neh⸗ men den Schluͤſſel zu uns— laſſen die Herren kommen— werden muͤde— ſie gehen— wir oͤffnen— und Ihnen geſchieht dann nach Ver⸗ dienſt!— Aber laßt mich nur nicht zu lange ſtecken! ſeufzte der uͤberraſchte Kadi, als ſchon 46— die Thuͤr hinter ihm zugeklappt und der Schluͤſ⸗ ſel abgezogen wurde. Nun ging der Weg ins dritte Zimmerchen. Aruja las einige Blaͤtter in einem epiſchen Ge⸗ dicht— das dritte weibliche Mittel, ſich ernſt⸗ haft fuͤr ſeine eigenen Angelegenheiten zu ſam⸗ meln; daruͤber ward's zwei, und der Herr Gouverneur ſtand am Hinterpfoͤrtchen. Bei ſeinem Eintritt war deun doch dem liſti⸗ gen Weibchen nicht wohl zu Muthe. Er war viel erfahrner, als der Gelehrte, viel gewand⸗ ter, als der Richter, viel beſonnener, gewieg⸗ ter, gefaͤhrlicher, als ſie beide. Die Schuͤch⸗ ternheit, womit Aruja ihn empfing, war mit⸗ hin nicht erkuͤnſtelt, und erfreuete ihn um deſto mehr. Er ſchonte ſie, einer ſchoͤnen Gradation zu genießen; nahm von den Erfriſchungen, die Dalla bot, und ſchwatzte von allerlei, witzig und ſchmeichelnd, bis endlich die treue Sklavin, auf einen geheimen Wink von ihm, oder viel⸗ mehr auf einen Seitenblick ihrer Gebieterin, ſich entfernte. Jetzt wurde er beziehungsreicher und Aruja aͤngſtlicher. Er fragte zaͤrtlich, warum ſie ſo 47 ſchuͤchtern ſei? Ach, ſagte ſie; ich kann mich noch immer nicht ganz von dem Schrecken erho⸗ len, das ich vorhin gehabt habe. Was fuͤr ein Schrecken, liebſtes Weibchen? fuhr er theilneh⸗ mend fort. Mein Mann, mein guter, armer Mann, erwiderte ſie, iſt verwichnen Abend fpaͤt von einem ungeſtuͤmen Glaͤubiger groͤblich belei⸗ digt worden, und hat ſich an ihm vergangen. Der Mann iſt wuͤthend davon geeilt, und hat ſich hoch und theuer vermeſſen, den Kadi zu holen. Ach, wenn er nur nicht Wort haͤlt!— Er wird ja nicht, liebſtes Kind! fuhr der Statt⸗ halter fort. Er wird ja wenigſtens dieſe Nacht nicht! Und morgen fruͤh nehm' ich den weiſen Daniſchmend in die Kur: der zahlt, dein Mann kann den Grobian befriedigen, und... Was iſt denn das fuͤr ein Laͤrm? unterbrach der Gou⸗ verneur ſich ſelbſt. Man hoͤrte naͤmlich ein Paarmal derb an die Hausthuͤr ſchlagen, und jetzt ſtuͤrzte Dalla herein. Welch ein Ungluͤck! welch ein raben⸗ ſchwarzes, halsabwuͤrgendes Ungluͤck! rief ſie. Der grobe Tſchertſcheswar iſt zuruͤckgekom⸗ men, hat den alten Kadi— den verſtockten, 48 dort von der großen Moskee⸗Straße, und ein Paar meilenlange Helfershelfer mitgebracht; der Herr iſt aus dem Bett' entwiſcht, hat ſich ver⸗ ſteckt, Niemand weiß, wo? und ſie thun nun Hausſuchung nach ihm!— Ich bin des Todes! rief Aruja. Verwuͤnſchter Streich! rief der Gou⸗ verneur. Der alte Griesgram darf mich hier nicht ſinden. Wohin fuͤhrt dieſe Thuͤr?— Eben nach dem Gange, wo ſie herkommen! ſagte Dalla. Und dieſe da? fragte jener. Nach einem kleinen Kabinet! war die Antwort.„Hat es noch einen Ausgang?“—„Ja, auf die Galerie.“— Gut; ich trete hinein, ſagte der Statthalter. Schließ' du hier ab, liebſtes Frau⸗ chen! Wenn ſie dies Zimmer durchſucht haben, gieb ihnen erſt falſche Schluͤſſel, daß ſie eine Weile klappern: indeſſen kann ich unbemerkt dort hinausſchluͤpfen; und kommen ſie dann hin⸗ aus, bin ich ſchon wieder hier. Jetzt aber geſchwind den andern Schluͤſſel zu jener Thuͤr!— Hier! hier! rief Aruja, und gab ihm einen falſchen. Er trat hinaus, ſie ſchloß hinter ihm ab, und ging nun zu ihrem Gemal, ihm alles treulich zu berichten. 49 Dem guten Banu war denn doch nicht wohl bei der Sache. Er rieb ſich die Haͤnde, er rieb ſich den Bart, er rieb ſich ſogar die Stirn; aber Aruja bezog ſich auf ſeine Zuſage, und ver⸗ ſprach, wenn er nur noch wenige Stunden ſich gedulden wolle, den glorreichſten Ausgang der Sache herbeizufuͤhren. Denn, beſchloß ſie, wir leben, dem Himmel ſei's gedankt, unter der Regierung Sultan Manu's, des weiſen, des gerechten, des menſchenfreundlichen, der jeden hoͤrt, der gehoͤrt ſeyn will, und jedem hilft, der Huͤlfe verdient.—— Sultan Manu ſaß auf ſeinem hohen Thron, neben ihm ſtand ſein alter Vertrauter und Vezier, vor ihm hatten ſich aus allen Voͤlkern ſeines Reichs verſammelt, die Gehoͤr wuͤnſchten. Eben hielt er mit maͤchtiger Stimme die gewoͤhnliche Anrede, voll ſtrengen Ernſtes und herrlicher Sentenzen, als Aruja demuͤthig in den Audienz⸗ ſaal ſchlich, und zitternd in der Entfernung ſtehen blieb. Der Sultan, der ſich noch guter Augen erfreuete, gewahrete ſie alsbald, und da er ein Punktum in der Rede zu halten bekam, wendete er ſich ſeitab zum Vezier und fluͤſterte Selene II. 12. H. 4 50— ihm zu: Sieh' das ſchoͤne Weib! laß ſie Bueeſt an meinen Thron treten! Und nun fuhr er mit erhabener Stimme im Zufammenhange fort, bis zum Ende der pathetiſchen Oration. Jetzt riefen die Herolde: Herbei, herbei, herbei, zum Stellvertreter des Propheten! Aber huͤtet euch, ſein tonwaͤgendes Ohr mit Lug, ſein nierenpruͤfendes Auge mit Trug taͤuſchen zu wollen!— Eine feierliche Stille erfolgte, und der Vezier winkte der ſchoͤnen Aruja, ſich zu nahen. Sie ließ ſich auf den Stufen des Thrones knieend nieder, und empfing den Befehl, zu ſprechen, im moͤglichſt ſanften Ton. Großmaͤchtigſter Beherrſcher der Welt, be⸗ gann ſie; moͤge der Himmel deine Tage bis in Ewigkeit friſten, oder wenigſtens Jahrhunderte lang! Willſt du dein Ohr gnaͤdig deiner Magd zuneigen, ſo wirſt du von ihr eine ſehr ſelt fame Geſchichte vernehmen. Sprich nur, erwiderte der Monarch; ich neige ſchon, und fuͤhle mich außerordentlich disponirt, dir zuzuhoͤren. Ich bin die Frau des Kaufmanns Banu, 51 nahm Aruja das Wort wieder; er hat das Gluͤck, dein Unterthan zu ſeyn, und wohnt in dieſer deiner Hauptſtadt. Er hatte vor einigen Jahren dem weiſen Daniſchmend tauſend Zechi⸗ nen geliehen, und dieſer leugnete die Schuld ab. Ich ging zu ihm, machte ihm die beweglichſten Vorſtellungen: er blieb dabei, er werde ſich einer Schuld gegen uns nimmer erinnern, wenn ich nicht gewiſſen ſtraͤflichen Wuͤnſchen, die er außerte, entgegenkommen wolle. Ich beklagte mich beim Kadi uͤber dieſe Bosheit, und der Kadi verſprach mir Gerechtigkeit, doch nur unter derſelben entehrenden Bedingung. Ich wendete mich an den Gouverneur dieſer deiner Hauptſtadt und klagte uͤber beide: ich fand ihn gerade ſo geſinnet, wie ſie—— Sultan Mann ſchuͤttelte das weiſe Haupt, erhob warnend den Zeigefinger, und wendete ein Weilchen das Auge von der ſchoͤnen Klaͤ⸗ gerin ab, um mit Ernſt ſagen zu koͤnnen: Wache uͤber deine Worte! Deine Geſchichte kann ich nicht glauben. Ein Lehrer meines Volks, der alles weiß, ſollte ſeine Schulden nicht wiſſen? ein Rechtspfleger pflichtvergeſſen 52 nur ſich ſelbſt recht pflegen wollen? mein Statt⸗ halter in der Stunde der Pruͤfung ſo wenig Stand halten? Beherrſcher der Glaͤubigen, erwiderte Aruja mit einem Sprachton, der einen tiefen Seufzer aus der Bruſt des Sultans lockte; wenn du deine arme, unwuͤrdige Magd keines Zutrauens wuͤrdigeſt— woruͤber ſie nur in der Stille weinen mag— ſo wird doch deine Gerech⸗ tigkeit die ganz unverwerflichen Zeugen abhöͤ⸗ ren, die ſie fuͤr die Wahrheit ihrer Ausſage darſtellen kann. Wo ſind deine Zeugen? erwiderte der Sul⸗ tan. Ich wiederhole, daß ich dir gern ſehr viel Gnade beweiſen moͤchte. Meine Zeugen ſind in meinem Hauſe; ant⸗ wortete Aruja. Es ſind ihrer drei. Jeder iſt in einem beſondern, wohlverſchloſſenen Zimmer. Hlier ſind die Schlauͤſſel dazu. Sende hin, und laß die Maͤnner holen. Der Sultan bedachte ſich einen Augenblick und entſchied dann: Nicht alſo, junges Weib! Wir wollen ein Uebriges an dir thun, und, falls deine Sache ſich nachtheilig wendete, dir — 53 wenigſtens die oͤffentliche Beſchaͤmung erſparen. Zu dem Ende werden wir auf unſerm Spa⸗ zierritt, gleich nach Beendigung dieſer Geſchaͤfte, mit unſerm getreuen Vezier in deinem Hauſe erſcheinen, und dort verſuchen, was ſich thun laͤßt. Damit aber keine Verabredung und der⸗ gleichen ſtatt finde, zur Kraͤnkung des Rechts und des Geſetzes: ſo verweile du indeß hier an der Seite unſers Throns, ſchweigend und un⸗ frer Huld gewaͤrtig. Die Sachen wurden heute recht huͤbſch ſchnell abgemacht, obſchon Sultan Manu das nierenpruͤfende Auge noch oͤfter auf die war⸗ tende Schoͤne ſeitwaͤrts, als auf die Parteien vorwaͤrts richtete. Der Spazierritt verzog ſich diesmal auch nicht lange, und ehe man ſichs verſahe, waren Sultan Manu und ſein treuer Vezier in Banu's Hauſe. Vezier, ſagte der Sultan, nimm die em⸗ pfangenen drei Schluͤſſel, laß die wohlverwah⸗ reten Zeugen einzeln in dieſen Saal fuͤhren, und verhoͤre ſie genau— wobei du dich nicht zu uͤbereilen brauchſt: wir wollen, das Wahre deſto ſicherer zu ergruͤnden, in dieſem Neben⸗ 54— zimmer alles mitanhoͤren und dann das Urtheil ſprechen. Begleite uns, ſchoͤne Aruja! Großer Beherrſcher der Welt, nahm Aruja das Wort, wird deine Huld mir Unwuͤrdigen noch eine einzige, kleine Gunſt zur Vollendung dieſes deines weiſen und gerechten Entſchluſſes gewaͤhren? Sie ſei dir gewaͤhrt, und wenn ſie eine große waͤre; erwiderte der Monarch. So verſtatte, daß in demſelben Nebenzim⸗ mer dieſer mein redlicher, treugeliebter Gemal den Ausgang mit uns vernehme. Es muß ihm, das Wahre ſicher zu ergruͤnden, ſo wich⸗ tig ſeyn, als dir und mir. Sultan Manu ſtutzte erſt ein wenig; dann malte ſich auf ſeinem koͤniglichen Antlitz Scherz uͤber ſich ſelbſt, Wohlgefallen an der Gewand⸗ heit des ſchoͤnen Weibes, und Achtung gegen ihre Treue, in ſchoͤner Miſchung. Mit dieſer Miene und mit der ihm zuruͤckkehrenden Wuͤrde im Ton, ſprach er: Es ſei! und Aruja folgte ihm nun, am Arme des Gemals, durch die Seitenthuͤr. Das Verhoͤr war kurz: wie haͤtte Einer —— 55. der Angeklagten auch nur wagen ſollen vor dem maͤchtigen Vezier die Wahrheit zu verber⸗ gen, die, wie ſie wol ſahen, nun ſo leicht herauszubringen war! Sultan Manu trat hervor mit dem treuen Paare. Lehrer der Welt, entſchied er, du leh⸗ reſt— Richter der Stadt, du richteſt— Gouverneur, du gouvernirſt fortan nur dich ſelbſt! Weil Wir aber, unſrer Menſchlichkeit uns wohl bewußt, eure uͤbrige Strafe moͤglichſt mildern wollen: ſo befehlen Wir euch, daß jeder nur noch tauſend Zechinen dieſem unſern lieben getreuen Banu in den Schoos ſchuͤtte. Ihr ſeid reich und koͤnnt ſie miſſen: er iſt arm und kann ſie brauchen. Hier ſanken Aruja und Banu zu ſeinen Fuͤßen; er aber reichte beiden die Haͤnde, und ſprach mit hoher Wuͤrde: Auf meinem goldnen Thron’ beneid' ich euch. Was ich beſitze, was die Welt anſtaunt, iſt doch nur Weg zum Gluͤck: Gluͤck ſelbſt iſt treue Liebe!— Das Mondlicht. Es wandelt ein Kindlein bei naͤchtlichem Wehn, Wenn am Himmel die goldenen Sternlein ſtehn; Es kommt mit mildem, verklaͤrenden Strahl Aus daͤmmernder Fern' uͤber Berg und Thal. Es wandelt am Bach, wo die Welle ſich bricht, Blickt freundlich aufs Bluͤmchen Vergißmeinnicht, Das die Thraͤne bewahrt, die der liebende Freund Beim Kuſſe des Abſchieds dem Freunde geweint. Durch wallende Fluren, auf blumigen Rain, Da wandelt es ſchimmernd, da wandelt's allein, Und ſpielt mit der Baͤume ſuͤßduftendem Reis, Bekraͤnzt ſich mit Bluͤthen des lieblichen Mays. Es wandelt zum Haine, wo tief und bewegt Im gruͤnenden Dunkel die Nachtigall ſchlaͤgt, 57 Und forſcht, ob im naͤchtlichen Schweigen ein Herz Noch einſam hier weine, gebrochen von Schmerz. Es ſendet den Blick uͤber Wald und Feld Auf die heilige Ruhe der ſchlummernden Welt, Und wandelt dann ſtill durch die wallende Saat Zu Huͤtten der Menſchen ſeinen naͤchtlichen Pfad, Und ſtrahlet ſein reines, verklaͤrendes Licht Den ſchlafenden Kindern ins Angeſicht; Wo heimlich das Bette der Liebe ſich baut, Webt's liebliche Traͤume um Braͤut'gam und Braut. Es ſchwebet auf goldenen Fluͤgeln empor, Hinauf zu der Felſen erhabenem Chor, Wo die Stroͤm' entſpringen, wo der Sturmwind haußt, Und donnernd hinab in die Thaͤler braußt; Und naht ſich dem Wandrer, der in Wald und Schlucht Die daͤmmernden Pfade zur Heimath ſucht, Und leitet ihn ſchweigend auf ſchwindligem Steg Ueber Ströͤm' und Geklüfte gefahrlos hinweg; 38—x Und träufelt ins einſame, ſehnende Herz Ihm heilige Schauer voll Wonn' und Schmerz, Es oͤffnet ihm klingend die Pforten der Zeit Und zeigt ihm die Au'n der Vergangenheit, Die heilgen Ruinen der verſunkenen Welt, Vom lieblichen Strahl der Erinn'rung umhellt, Wo einſt mit reiner, unſterblicher Luſt Das Leben ihn ſchloß an die bluhende Bruſt; Und hat er geweint, dann flüſtert's ihm zu: Du weinſt nicht vergebens, einſt kehret die Ruh! Schon winkt ihm der Heimath beſchirmendes Dach, Da ſcheidet's vom Wandrer und blicket ihm nach; Und lenkt ſeinen einſamen, naͤchtlichen Gang Die ſchimmernden Thaͤler und Hügel entlang Zu den Graͤbern der Todten, dort weilt es vertraut Und laͤchelt am blumigen Huͤgel der Braut; Blickt ernſt auf die Kraͤnze am ſchimmernden Stein, Die das einſame Denkmal des Schlummernden weihn, 59 Der vergebens gerungen, deſſen ſehnendes Herz Nur hier erſt genaß von dem irdiſchen Schmerz. Und eh noch, von Thraͤnen des Himmels bethaut, Der Morgen die roſigen Pforten erbaut: Da wandelt es wieder mit dem himmliſchen Strahl Weit, weit von hinnen uͤber Berg und Thal. Petrik. Ottilie. Beſchluß. Gegen Mitternacht ſank meine Mutter in einen unruhigen Schlummer. Ich kniete vor ihr Bette und ließ meinen Thraͤnen freien Lauf. Ich fuͤhlte unendlichen Schmerz, und doch hob ſich in mir das Vertrauen auf Huͤlfe rein und troͤſtend hervor. Wie nahe war meiner Hoff⸗ nung die Gewaͤhrung! Ich hoͤrte an das Hof⸗ thor pochen, ſah es oͤffnen, und erkannte in den beiden Reitern, die heraufſprengten, zwei Chaſ⸗ ſeurs von dem Regimente, dem ich am Morgen begegnet war. Der eine brachte mir von ſei⸗ nem Oberſten eine Empfehlung und einen Brief. Ich erkannte Amaliens Handſchrift. Wer ſchildert meine Freude?„Ich flog ins Zimmer zuruͤck. Ein Billet von unbekannter Hand war beigelegt; es war unterzeichnet: Armand St. Comolli. Er ſchrieb meiner Mutter, daß er 61 ſich mit wahrem Vergnuͤgen eines Auftrags mei⸗ ner Schweſter entledige, und da es ihm unmoͤg⸗ lich falle, jetzt ſelbſt unſre Bekanntſchaft zu machen, ſende er uns zwei ſeiner Leute, deren Anweſenheit hoffentlich alle Unannehmlichkeiten von uns entfernen wuͤrde, welche im Kriege ſelbſt von dem beſten Willen der Officiere nicht immer verhindert werden koͤnnten. Ich druͤckte dieſe Zeilen an mein Herz, welches in dem Schreiber dieſes Briefes meinen Schutzengel von dieſem Morgen wiederfand; und als ich nun Amaliens Brief erbrach, als ich nun las, wie ſie mit den Ihrigen in der groͤßten Gefahr heraus auf die Straße einem eben vorbeigehenden Officier zu Fuͤßen geſtuͤrzt ſei; wie dieſer ſie in ihr Haus begleitet, mit eben ſoviel Muth als Klugheit die trunknen Soldaten daraus entfernt, ihnen Leben, Vermoͤgen, Ehre geſi⸗ chert und erhalten habe; wie jeder Verſuch, ihm einen Beweis ihrer Dankbarkeit aufzu⸗ dringen, von ihm eben ſo ernſt als feſt zuruͤck⸗ gewieſen worden ſei; wie er, als er ihre Sorge um unſre Mutter und mich geſehen, ſich beim Abſchied erboten habe, Briefe fuͤr uns mitzu⸗ 62— nehmen und uns ſo nuͤtzlich zu werden, als die Umſtaͤnde es ihm nur immer vergoͤnnen wuͤr⸗ den—: als ich das las, da ſtuͤrzte ich auf meine Knie und flehte: Vater, vergilt du ihm!— Ich flog zu meiner Mutter und las ihr dieſe Briefe vor, die neues Leben in ihre Adern goſſen. Auch ihre Thraͤnen floſſen; zu ſchwach fuͤr jedes Wort des Dankes, ſahe ſie ſtumm auf gen Himmel, druͤckte mir die Hand, und ſank bald in einen ſanften Schlummer, aus dem ſie am Morgen geſtaͤrkt erwachte. Ich fuͤhrte nun Lefevre vor ihr Bette. Er, der ſeinen Herrn nie verlaſſen hatte, war auch mit ihm bei Amalien im Quartier geweſen, und ergaͤnzte uns jetzt manche Luͤcke ihrer ſchriftlichen Erzaͤhlung. Mit welcher Ehrfurcht, mit welcher Liebe ſprach er von ſeinem Ober⸗ ſten, und wie ſorgſam bewahrte ich jedes Wort uͤber ihn! Ich hatte dem Oberſten nur wenige Zeilen geantwortet, und dieſe wurden von Thraͤ⸗ nen der begeiſterndſten Ruͤhrung faſt verloͤſcht! Er wußte jetzt, daß es Amaliens Schweſter war, die er mit ſo zarter Großmuth geſchuͤtzt hatte 63 und die ihm wahrſcheinlich das Leben ihrer angebeteten Mutter verdankte. Auch war mein Dank ein eben ſo tiefes, als leidenſchaftliches Gefuͤhl. In meinem bisherigen Leben war meine Empfindung, wie eine klare Quelle, ſanft und leiſe fortgeglitten: die Begebenheiten die⸗ ſer letzten Wochen hatten das geaͤndert. Reich und tief durchſtroͤmte ſie jetzt mein Leben mit einer Kraft, deren Daſein ich fruͤher nicht in mir geahnet hatte. Meine Mutter erſtand bald von ihrem Kran⸗ kenlager und auch von außen wurde es ruhi⸗ ger in unſerm Lande. Man fuͤhlte denſelben Druck; aber es war doch alles geordnet, und der Willkuͤhr die Herrſchaft genommen. Mek⸗ lenburg hatte ſeinen Fuͤrſten verloren und ſeine Einwohner fuͤhlten die Trauer verwaiſeter Kin⸗ der. Einſamkeit und Schweigen herrſchten uͤberall, Sorge und Kummer lagen auf jedem Geſichte: aber das Getuͤmmel des Krieges hatte ſich entfernt, und die Stille eines druͤk⸗ kenden Gewitterabends war ihm gefolgt. Nur von Pommern her ſchallte der Kanonendonner bis zu uns. Ach, dieſe Belagerung Stralſunde 64— war fuͤr mich von dem hoͤchſten Intereſſe: Comolli kaͤmpfte dort, und es waren Schwe⸗ den, gegen die er kaͤmpfte!— Die Schweden ſind ein tapferes, allgemein geachtetes, nie von der Schmach der Feigheit ge⸗ ſchaͤndetes Volk. Kein andres ſpiegelt auch in ſei⸗ nem Charakter ſein Klima treuer ab. Die langen Winter dieſes Landes entkleiden die Erde und das Leben von ſeinem Schmuck, und der Schwede kann, die groͤßre Haͤlfte des Jahres von Bildern des Todes und der Vergaͤnglichkeit umgeben, nicht heiter und ſpielend durch das Leben huͤpfen. Die Fuͤlle des Daſeins iſt aber in ihm; und da ſich dieſe in der aͤußern Natur nicht abſpie⸗ gelt: ſo richtet er das Auge hinauf zu ſeinem hellfunkelnden Sternenhimmel; ſo ſenkt er den Bllick in die eigne Bruſt herab, und fuͤhlt, und denkt, und ſinnt, und ahnet, und glaubt, und hofft, wo der in einem gluͤcklichern Klima Ge⸗ borne lebt und genießt. Ernſt, wie die finſtern Waͤlder feines Landes, feſt, wie ſeine kuͤhnen Berge, tief, wie ſeine Seen, wurzeln Glaube, Liebe, Ehre, tief in ſeiner Seele. Ein Geiſt hat ſich gewaltig an dieſem edlen Volke verſuͤn⸗ —— 63 digt, indem er dem Sinne deſſelben eine, ſei⸗ nem Charakter durchaus widerſprechende Form aufdringen wollte; der vornehmere Schwede, der nach Feinheit und Eleganz ſtrebt, traͤgt den Unſegen jeder Unnatur an ſich— aber die Nation ſelbſt ſteht an Einfalt, Treue, Recht⸗ lichkeit, an Liebe und Ehre mit auf der hoͤch⸗ ſten Stufe unverkuͤnſtelten Menſchenwerths.— Kein Volk hat auch je von ſeinen Feinden aus⸗ gezeichnetere Beweiſe der Achtung erhalten, als die, wodurch die Franzoſen ſich und die Schwe⸗ den geehrt haben.— In der großen Kriegsgeſchichte unſrer Zeit war die Belagerung Stralſunds eine zu unbe⸗ deutende Epiſode, obſchon ihre Begebenheiten unter andern Umſtaͤnden nicht unaufgezeichnet geblieben ſeyn wuͤrden. Ein Mann, den der grellſte Schickſalswechſel von der Seite ſeines Koͤnigs, der ihn als Freund liebte, fort, und dann im Wirbel der Begebenheiten zu dem Punkte hinriß, wo er, ſeinem Vaterlande(dem Anſchein nach) fuͤr immer entfremdet, verbannt, geaͤchtet, in einem großen Theile Europa's hei⸗ mathlos herumirrte, bis er am Fuß des Kaukaſus Selene II. 12. H. 5 66— Verborgenheit fand; ein Mann, deſſen Privat⸗ leben den Stoff zu dem allerintereſſanteſten Ro⸗ man liefern wuͤrde, ſo wie ſein oͤffentliches Leben ihn einſt Blicken unſers Welttheils preisgab: dieſer Mann, Moritz Armfeld, war An⸗ fuͤhrer der Schweden.— Ich zitterte fuͤr Comolli's Leben, deſſen oͤftre Briefe mich indeſſen zu beruhigen ſtreb⸗ ten. Uebrigens zog aber mein Auge und mein Herz ſich mehr von dem Schauplatz der Zeit⸗ begebenheiten zuruͤck, um einzig meiner Mutter zu leben, die nur geneſen war, um leiſer und allmaͤhliger zu vergehen. Die Groͤße dieſes mir bevorſtehenden Verluſtes beugte mich dar⸗ nieder. Sie, die Sanfte, die Fromme, ſie, vom Morgenroth jener Welt ſchon verklaͤrt, ſchien nur noch auf Erden zu weilen, um die Herzen, die ſie liebte, zu troͤſten und zu ſtaͤr⸗ ken. Mit Segen und unendlicher Liebe auf uns zuruͤckblickend, war es ihr letztes Erden⸗ geſchaͤft, mich zu lehren, wie ich ihren Verluſt tragen koͤnne, tragen muͤſſe.— Um dieſes Ster⸗ bebette war es fuͤr jede ungeſtuͤme Klage, fuͤr jeden heftigen Affekt, zu heilig und zu ſchaurig. 6⁷ An einem der ſchoͤnſten Mayabende ſchloß ſich mit der ſinkenden Sonne ihr Auge. Ein Engel trat mit leiſem Friedenskuſſe zu ihr und nahm ſie mit ſich von der Erde. In meinem Gar⸗ ten wurde ſie begraben, und als ich mit Ama⸗ lien an ihrem Grabe ſtand, ſielen wir einander an's Herz und fuͤhlten uns naͤher, unaufloͤsli⸗ cher, denn je mit einander verbunden; fuͤhlten, daß wir ſie, die Eine in der Andern, ſo herz⸗ lich fortliebten. Amalie drang in mich, ſie nach Luͤbeck zu begleiten: aber die ſchmerzlich⸗ fuͤße Wehmuth, das Zimmer zu bewohnen, wo die geliebte Mutter wohnte, und zu weinen, wo ſie ruhete, war mir zu viel werth. Amalie reiſete allein und ich blieb zuruͤck.— Aus der Stille dieſes Schmerzes riß mich bald neues Kriegsgetuͤmmel, von dem unſre Gegend ganz unvermuthet der Schauplatz ward. Die Franzoſen verließen Schloediſch⸗Pommern. Armfeld folgte ihnen mit ſeinem Corps. Ritt⸗ meiſter P. von Moͤrners Huſaren uͤbereilte R. und nahm die dortige Beſatzung gefangen. Ein⸗ zelne Detaſchements ſchwediſcher Huſaren und Jaͤger durchzogen das Land. Es kam zu meh⸗ 68— 8 rern kleinen Gefechten. Auch in der Naͤhe mei⸗ nes Guts trafen ſich ein franzoͤſiſches und ein ſchwediſches Detaſchement. Es war eine finſtre Gewitternacht, und mit dem Donner zog ſich auch der Pulverdampf und Knall naͤher und naͤher. Da klopfte es an's Thor. Ein ver⸗ wundeter Officier! riefen mir meine Leute zu, und ich eilte ſchnell hinunter, ſelbſt Anſtalten zu ſeiner Verpflegung zu treffen. Der erſte Gegenſtand, den ich erblickte, war— Lefevre. Ein Schauder goß ſich erkaͤltend durch meine b Adern; ſchwankend faßte ich das Gelaͤnder der Treppe. Ach, Mademoiſelle, ſagte mir der treue Menſch mit Thraͤnen; ich bringe Ihnen meinen guten Oberſten! Bei Ihnen iſt er ge⸗ wiß gut aufgehoben.— Die Fluͤgel der Haus⸗ thuͤr ſprangen auf; vier Chaſſeurs brachten ihn getragen. Bleich, mit geſchloßnen Augen, mit Blut uͤberdeckt, ſah ich den Schutzengel mei⸗ ner Amalie, den Retter meiner Mutter, mei⸗ nen eignen Retter vor mir! Der Wundarzt kam und nannte am andern Tage, als er den erſten Verband abgenommen hatte, ſeine Wunden gefaͤhrlich, aber nicht hoff⸗ nungslos toͤdtlich. Mit unausſprechlicher Angſt erwartete ich im Vorzimmer ſeinen Ausſpruch; mit Thraͤnen der Freude und des Schmerzes druͤckte ich jetzt ſeine Hand dankend und fuͤrch⸗ tend an mein Herz. Mein Betragen konnte ihn befremden; ich fuͤhlte das, und erzaͤhlte, was ich dem Oberſten zu verdanken hatte. Froh erwiderte er: Dann hoffe ich ſelbſt; er bedarf der ſorgſamſten Pflege, und da ich jetzt weiß, daß dieſe ihm hier nicht fehlen wird, ſo rechne ich deſto zuverſichtlicher auf ſeine Jugend und meine Kunſt. Vergoͤttert von ſeinen Soldaten, geliebt und geehrt von ſeinen Officieren, erhielt Comolli auch jetzt von beiden die ruͤhrendſten Beweiſe zaͤrtlicher Theilnahme. Mein Haus wurde in den erſten Tagen nicht leer von Beſuchen, und ich mußte mich, zuruͤckgezogen in mein Zimmer, darauf beſchraͤnken, zu erfragen, wie es mit ihm ſtehe. Bald aber verließen die Truppen unſre Gegend; nur der Wundarzt und Lefevre blieben zuruͤck, und ich durfte nun dem Zuge folgen, der mich nach dem Krankenzimmer mei⸗ nes Wohlthaͤters leitete. Ich fand ihn im 270— heftigen Wundfieber phantaſierend— viel kraͤn⸗ ker, als ich ihn mir gedacht hatte: aber eben dieſe Bewußtloſigkeit feſſelte mich an ſein Lager. Lefevre konnte auch im Schmerze die Volubili⸗ taͤt einer franzoͤſiſchen Zunge nicht verleugnen; und wovon konnte er mich beſſer unterhalten, als von ſeinem Herrn? Aus dieſen ungeſchmuͤck⸗ ten Thatſachen, aus dem Prunkloſen dieſer klei⸗ nen Zuͤge ſtrahlte mir das Bild des trefflichſten, edelſten Mannes immer heller hervor; und die⸗ ſen Mann, an deſſen Schickſal ſich meine hei⸗ ligſten Empfindungen knuͤpften, ſah ich, jetzt, in der Bluͤthe ſeiner Jahre auf einer Laufbahn, welcher kein Ziel zu hoch iſt, ſterbend vor mir!— Oft ſank ich dann in einſamen Minu⸗ ten an ſeinem Lager nieder, und flehte mit Thraͤnen heißer Inbrunſt um Friſtung und Rettung dieſes reichen, ſchoͤnen Lebens. So ſaß ich auch einſt in wehmuͤthiger Trauer einſam ihm gegenuͤber, indem er, wie im Todesſchlummer dalag; da glitt, durch eine Bewegung, die er machte, ein Medaillon her⸗ vor, das er an einer ſchwarzen Schnur am Halſe trug. Wahrſcheinlich, dachte ich, das 71 Bild ſeiner Geliebten; und meine Thraͤnen floſſen ſtaͤrker. Unwillkuͤhrlich ſtreckte ich die Hand nach dem Medaillon aus, weil ich auf der Kehrſeite ein Gemaͤlde zu finden glaubte. Statt deſſen fand ich eine Feder, deren Druck es oͤffnete. Erſchrocken uͤber das, was ich gethan, und doch voll Begierde, die Zuͤge des Weſens zu ſehn, dem Er angehoͤrte, warf ich einen furchtſamen Blick darauf—: unter Glas gefaßt ſah ich eine Roſe, mit der Ueberſchrift: Der Erinnerung ewig bluͤhend! Darunter ſtand der Name meiner Vaterſtadt, ſtand Jahreszahl und Monatstag, an dem vor Jahren der unbekannte Reiſegefaͤhrte mir einſt beim Abſchied dieſe Roſe nahm.— O nur, wer die Gewalt des erſten, geheimnißvollen Eindrucks empfunden und be⸗ wahrt hat, wie ich, kann es fuͤhlen, mit wel⸗ chem namenloſen Beben ich mich in dieſem Mo⸗ ment des Lautes ſeiner Stimme erinnerte, die mich, als er mir Schutz und Huͤlfe verhieß, wie das Echo einer in die Vergangenheit ver⸗ ſunknen Melodie, ergriffen hatte! Vorgefuͤhl und Gegenwart, Traum und Wahrheit— alles ver⸗ einte ſich jetzt in Einer aͤbermaͤchtigen Empfin⸗ 72 dung, welche ſich endlich in Thraͤnen der Wonne und der Verzweiflung aufloͤſete. Er war es— Er, im Gewuͤhl des Lebens, im Getuͤmmel des Krieges, ſo treu bewahrend das Andenken des Maͤdchens, das ihm einſt ſo ſchnell voruͤber⸗ eilend erſchienen war! Er mir, ich ihm nicht wieder begegnend, bis er mir nach Jahren, un⸗ erkannt, im Augenblicke der hoͤchſten Noth, Schutzengel ward! Und nun, ihn wiederfindend, theilnehmender an mir, als meine kuͤhnſten Traͤume es hatten malen duͤrfen— aber am Rande des Grabes, deſſen Nacht ihn fuͤr immer zu verhuͤllen drohte!— Ich ſank an ſein Bette nieder; ich zog ſeine Haͤnde an mein Herz, meine Thraͤnen benetzten ſie. Und du willſt dieſe Welt verlaſſen, ſeufzte ich, ohne zu erfahren, wie ich um dich weine? ohne zu wiſſen, daß die Liebe, die den Lebenden nicht begluͤckte, dem Todten ins Grab folgen wird? O erwache, erwache, oder nimm mich mit dir!— Die Heftigkeit meiner Bewegung, dieſer Ton der leidenſchaftlichſten Trauer— und warum nicht die geheimnißvolle Wunderkraft der Liebe 2 6 ſelbſt?— erweckten Comolli's ſchlummerndes Leben. Er ſchlug ſein Auge auf: ſein erſter Blick fiel auf die weinende, vor ihm hingeſun⸗ kene Geſtalt. Ottilie! rief er mit jenem Tone, der, aus dem Herzen kommend, ſich des Her⸗ zens ſo unwiderſtehlich bemaͤchtigt, und richtete ſich empor. Ohnmaͤchtig ſah ich ihn aber wie⸗ der zuruͤckſinken. Mein Angſtgeſchrei um Huͤlfe fuͤllte das Zimmer mit Menſchen. Ich war außer mir. Entzuͤckend aber und unvergeßlich war dann der Uebergang von dieſer furchtbaren Todesahnung zur Gewißheit ſeines Lebens und ſeiner Geneſung, die mir der Arzt nach dieſern Moment der Kriſis verbuͤrgte.— Es giebt Zeitpunkte im Leben, von denen man nicht ſprechen kann, und nicht ſprechen darf; ſie ſind zu gehaltvoll fuͤr Worte, die nur die Oberflaͤche abſpiegeln, nicht ihren Gehalt zu ergruͤnden vermoͤgen. Comolli's Wiedergene⸗ ſung iſt ein ſolcher Zeitpunkt in meinem Leben. Genußvoll war fuͤr uns noch oft die Erinnerung unſers erſten Begegnens. Comolli, damals auf einer Geſchaͤftsreiſe nach St. Petersburg begrif⸗ fen, ſah mich den Abend in dem Wirthshauſe 74 Eenoeeereee ankommen, wo ich ihn am andern Morgen zu⸗ erſt erblickte. Voll Jugendluſt und frohen Lebensſinnes, der gern nach jedem zeitkuͤrzen⸗ den Abenteuer haſcht, ſandte er am andern Mor⸗ gen ſeinen Wagen voraus, um ſich in dem unſern ein Plaͤtzchen erbitten zu koͤnnen. Die Liebe, ſagte er mir, hat, wie die Andacht, ihre prophetiſchen Augenblicke und ihre myſtiſche Buͤrgſchaft des Wiederſehens fuͤr jede Trennung: ich ging von St. Petersburg nach Paris zuruͤck in Begleitung Ihres Bildes und in der Zuver⸗ ſicht, ich werde Ihnen irgendwo wiederbegeg⸗ nen. Als mich dieſer letzte Feldzug Ihrem Vaterlande ſo nahe fuͤhrte, ward mir dieſe Moͤg⸗ lichkeit zur Gewißheit, und es befremdete mich faſt gar nicht, als ich in Luͤbeck, in Zimmer Ihrer Schweſter, Ihr Gemaͤlde fand. Uner⸗ ſchoͤpflich war ich aber in Fragen, die Ihrer guten Schweſter im Munde des fremden Man⸗ nes unverdaͤchtig klangen, und von ihr gern be⸗ antwortet wurden. Doch ſah ich Sie nachher, ohne Sie zu erkennen, und nur als Ihr Brief und Lefevre mich von dieſer Gunſt des Zufalls unterrichteten, fuͤhlte ich den ganzen Werth jener 8 7 79 unvergeßlichen Minute. Ihre Briefe waren jetzt mein ſchoͤnſtes Gluͤck; meine Wuͤnſche und Hoffnungen mir ſelbſt immer klarer und ver⸗ ſtaͤndlicher: doch huͤtete ich mich, Ihnen unſre fruͤhere Bekanntſchaft ins Gedaͤchtniß zuruͤckzu⸗ rufen. Wenn mein Herz mich nicht taͤuſchte, wenn dies treue, unwandelbare Gefuͤhl deſſelben einem gleichen begegnete: ſo mußte auch Ihnen noch eine dunkle Erinnerung, ein leiſes Streben geblieben ſeyn, in mir, wenn wir jetzt zuſam⸗ mentrafen, den fruͤher Geſehenen auffinden zu wollen. Von dieſer Probe erwartete ich das Gluͤck meines Lebens. Die Geliebte, die mir Vaterland, Familie, Freunde aufopfern ſollte, um ihr Schickſal an das Ungewiſſe der Lage eines Kriegers zu binden, den ſein Geſchick in der naͤchſten Minute vielleicht in einen fremden Welttheil ruft— mußte durch ein unſichtbares, geheimnißvolles Band mit mir verbunden ſeyn, wenn ich den Muth haben ſollte, ein ſolches Opfer von ihr zu fordern und es anzunehmen. So zwiſchen Furcht und Hoffnung getheilt, fuͤhrte mich der Zufall Ihnen wieder nahe. Ich war feſt entſchloſſen, Sie auf dieſem Zuge zu ſehen, 76 und muͤßte ich mir die Minuten dazu ſtehlen; es ſchien anders beſchloſſen zu ſeyn. Der Ge⸗ danke an Sie war mein letzter, als ich ſchwer verwundet vom Pferde ſank, und der erſte daͤm⸗ mernde Lebensblick nach langer Todesnacht zeigte mir die weinende Freundin im Gebete vor mei⸗ nem Sterbelager hingeſunken und verklaͤrt vom Widerſchein der Abendſonne—— Bald ſah' ich meinen Freund von ſeinem Lager erſtehen, bluͤhender als jemals; und ſeiner Geneſung folgte bald der Tag, wo ein Band, das ſchon fruͤher zwei Herzen zu Einem ver⸗ knuͤpft hatte, durch Prieſterhand den Segen der Erde zu dem des Himmels erhielt. Noch lebe ich mit ihm in meinem Vaterlande; bald viel⸗ leicht muß ich es verlaſſen: aber keine Ahnung, keine Furcht verduͤſtert meine Seele. Reich im Augenblicke der Gegenwart bin ich uͤber die Zu⸗ kunft ruhig— wie es das Weib eines Helden ſeyn muß; geſaßt, wie jene Liebe, fuͤr die es keine Trennung giebt, es beim Gedanken des Todes iſt, der ihrem Gluͤcke Wuͤrde, ihren Freuden einen leiſen, veredelnden Schauer giebt. Fanny. 1 Fingerzeig. Nimmer beſiegt, doch alles beſiegend, erſchien Aphrodite nur mit dem Guͤrtel, den ſchoͤn ſchmuͤckend die Grazien gewebt. Alſo der Dichter: es preiſet ihn jeder, und keiner zu tadeln wagt ihn, fuͤgt er der Kunſt lockenden Reiz noch hinzu. H— b. Biſchof. Bitter und ſuͤß, in berauſchender Kraft rothfun⸗ kelnder Weinfluth, gleichſt du der Liebe, die Schmerz miſcht in den fuͤßeſten Rauſch. A. 78— Bruchſtuͤcke. — T. Beim Anblick des raſtloſen Ringens nur nach Mehrerm, in der geiſtigen Welt. Man muß die groͤßte Sorgfalt anwenden, daß das ſelbſtthaͤtige, urtheilende und bildende Ver⸗ moͤgen des Geiſtes ſtets mit dem aufnehmen⸗ den und empfangenden im richtigen Verhaͤlt⸗ niſſe bleibe; widrigenfalls erdruͤckt die Maſſe des aufgefaßten Stoffes und toͤdtet den Geiſt, ohne welchen das ganze Leben nur eine ſchwer⸗ faͤllige Laſt iſt. Immer freilich kann man nicht meſſen, waͤgen, vergleichen, ſondern, einigen; es wird zu gewiſſen Zeiten Ruhe dieſer Kraͤfte, es wird zu andern Herbeiſchaffung der noͤthi⸗ gen Materialien zu ihrer Beſchaͤftigung erfor⸗ dert: aber gewiß iſt es, daß ihre gaͤnzliche — — 79 Vernachlaͤßigung die groͤßte Zerruͤttung in der Oekonomie des innern Lebens erzeugt. Der Gedanke muß herrſchen, und der Gedanke be⸗ herrſcht auch alles, indem er als Begriff ſich alles Dargeſtellte unterordnet. Je mehr man die Welt und ſich ſelbſt begreift, deſto mehr beherrſcht man ſie und ſich ſelbſt, deſto leichter ſind alle Beduͤrfniſſe zu befriedigen, deſto naͤher folglich ſteht man der Zufriedenheit und dem Gluͤck. Woher denn die ſo große Unzufrieden⸗ heit ſo Vieler? Daher, daß ſie nichts von den Erſcheinungen begreifen, und dieſe als fremde Maͤchte auf ſich einwirken laſſen! Auch die ſtaͤrkſte Macht dient uns, wenn wir ihr Weſen, ihre nothwendige und unabaͤnderliche Handels⸗ weiſe begriffen haben; wir begreifen aber die letztere, wenn wir ſie in Beziehung auf die Gegenſtaͤnde ihres Wirkens beobachten und die Veraͤnderungen wahrnehmen, welche ſie in den⸗ ſelben hervorbringen. Eine Kraft iſt nur das, was ſie wirkt, und uͤber ihren Wirkungskreis hinaus kann ſie nicht. Eine Beobachtung der Wirkungskreiſe verſchiedener Kraͤfte ſetzt uns in den Stand, das Reich der Kraͤfte uͤberhaupt 80 auszumeſſen; und haben wir die Richtungen und die Verhaͤltniſſe dieſer Begriffe, ſo iſt uns die Mechanik der Welt und des Lebens aufge⸗ ſchloſſen. Beide, Welt und Leben, ſind kein unregelmaͤßiges Gewebe; dem aufmerkſamen Blicke entgeht es nicht, daß alles zuſammen⸗ haͤngt oder doch zuſammenſtrebt, um eine große Einheit, ein in ſeinen Gliedern ſich fuͤhlendes und bewegendes Ganzes zu bilden. Alles greift, alles arbeitet in einander ein; und wir werden dies um ſo mehr gewahr, je mehr wir ſelbſt mit ordnender und bildender Kraft in Alles, was noch um uns her unbegriffen und unbe⸗ ſchraͤnkt iſt, wirken. Der Menſch iſt in dem Maaße Sklav, als alles um ihn her frei und unabhaͤngig von ſeinen Geſetzen iſt; er befreit ſich aber von dem Joch der Dinge, wie er ſie durch die Geſetze feines Geiſtes beſchraͤnken lernt. Was iſt alle wahre Kultur anders, als Unterwerfung der Dinge unter die Botmaͤßig⸗ keit des Geiſtes? Beſchraͤnkung iſt das Zauberwort, welches allein die Harmonie zwi⸗ ſchen der Welt und dem Menſchen hervorbrin⸗ gen kann, die dieſer unablaͤßig verlangt, weil — 81 ohne ſie keine Zufriedenheit in ihm moͤglich iſt, und die auf eine reelle Weiſe nur dadurch entſteht, daß der menſchliche Geiſt ſeine ſaͤmmt⸗ lichen Umgebungen nach ſeinen eigenen Geſetzen begreift. Der Begriff aber iſt die Schranke, die der Menſch den Dingen anlegt und wo⸗ durch er ſie an ſich feſſelt. Je mehr der Menſch begreift, deſto freier iſt er, deſto rei⸗ cher entfaltet ſich ſein Leben; denn er wandelt nicht unter fremden Umgebungen umher, ſon⸗ dern uͤberall in ſeinem Eigenthum. Das freie Begreifen ſichert dem Menſchen die Selbſtſtaͤn⸗ digkeit und die Heiterkeit ſeines Lebens. Den kann nichts angreifen und uͤberwaͤltigen, der den Angriffen auszuweichen verſteht; und un⸗ getruͤbt von Mißmuth ſind die Tage deſſen, dem der Tag heller Begriffe ſein Inneres er⸗ leuchtet. Allein dieſes Licht der Begriffe will immer aufgeregt und unterhalten ſeyn durch die ihm eigenthuͤmliche Thaͤtigkeit, durch das Denken, durch das Meſſen und Beſchraͤnken der Gegenſtaͤnde um uns her. Die unaus⸗ bleibliche Folge von dieſer Beſchaͤftigung iſt die allmaͤhlige Erlernung des Bildens, als des Selene II. 12 H. 6 82 charakteriſtiſchen Weſens der Menſchheit. Der Menſch iſt zwar kein geborner Bildner, aber er iſt zum Bildner geboren. Jeder, in dem der Funke der Menſchheit nur einigermaßen glimmt, bildet irgend etwas, und fuͤhlt ſich wahrhaft belebt nur ſo lange er bildet. Der Landmann ſchafft oͤde Plaͤtze zu bluͤhenden Ge⸗ hegen um, der Kuͤnſtler den rohen Stoff des Steines oder der Farben oder der Toͤne zu harmoniſcher Form, der Regent die Maſſe des Volks zur organiſchen Geſellſchaft, der Weiſe das getrennte Leben des Einzelnen zur begluͤck⸗ ten Vereinigung Aller. Kurz, alles wahre Leben geht auf Bilden aus; und wir moͤgen in der Welt blicken wohin wir wollen, uͤberall werden wir Spuren des Bildens, aber auch nur auf dieſen Spuren den Gang des Gedei⸗ hens erblicken; denn ganze Voͤlker, wie einzelne Menſchen, zerſtoͤren ſich und gehen unter, wenn die bildende Kraft in ihnen verliſcht. Dieſe letztere alſo immer rege zu erhalten muͤſſe ein Hauptgeſchaͤft unſers Lebens ſeyn. Und wie⸗ wol nicht jeder Tag fuͤr dieſes Geſchaͤft gleich guͤnſtig iſt, ſo muͤſſe doch keiner vergehen, an 83 welchem wir uns nicht uͤben, in der Kunſt des Bildens, oder vielmehr in dem, was dieſer Kunſt zum Grunde liegt— in dem ſelbſtthaͤ⸗ tigen Ergreifen und Begreifen der Gegenſtaͤnde durch Vergleichung, Sonderung und Einigung— weiter fortzuſchreiten. 2. Bei der Einkleidung einer Benediktinerin.*) Da ſeh' ich dich, liebes Noͤnnchen, mit dei⸗ ner jungfraͤulichen Fackel! Du koͤmmſt wol ganz unſchuldig zu dieſem Gange; weißt wol nicht, wie dir geſchiehet, indem du dich neigſt vor dem Altar deines heiligen Schwures! Es iſt heute das letztemal, daß ſo viele Menſchen um dich hier verſammlet ſind— daß *) In einer Schrift, die wol nur ſehr Wenige noch durchblaͤttern— denn was wird ſeltner zur Hand genommen, als ein laͤngſt ausgeſtorbenes Journal?— da ſind' ich dieſen Aufſatz eines Un⸗ genannten. Man leſe ihn, und ich werde hoffent⸗ lich wegen der Wiederholung entſchuldigt ſeyn. Meine Aenderungen wird der Ungenannte, lebt er noch, mir vergeben; man wuͤrde jetzt geſpottet haben, und geſpottet uͤber Heiliges!— 8⁵ du vielleicht ſelbſt ſo viele Menſchen auf ein⸗ mal ſieheſt. Nun nicht mehr! Um dich her ſtehet ein Haufen allerlei Alters und Geſchlechts. Wie wenige denken wol mit Theilnehmung an dich? Einige lachen, andere gaffen dich ſinnlos an. Du ſiehſt dich nach keinem um; ſcheinſt aber heiter— froͤhli⸗ cher, als oft eine Braut an der Hand ihres Ver⸗ lobten. Macht es das Feierliche?— Es iſt ein feſtlicher Tag fuͤr dich— und alles Feſt⸗ liche iſt jungen Seelen ein reiner Quell un⸗ ſchuldiger Freuden, erhebender Freuden, Freu⸗ den einer beſſern Welt! Oder macht es der goͤttliche Friede? das Gefuͤhl eines heiligen Geluͤbds? Hinter dir ſtehen ſogenannte Schoͤnen, deren buhlendes Auge in denſelben Augenblicken aus der Naͤhe und Ferne an ſich zu ziehen ſucht, was du auf ewig abſchwoͤren willſt! Frag' ſie, ob ſie mit dir tauſchen mogen! Das Auge des Himmels ſiehet auf ſie und auf dich! Dein Geluͤbd beginnt!— Mit Demuth und jungfraͤulicher Heiterkeit trittſt du dem Altar nahe, und dein ſchoͤnes Angeſicht beruͤhrt 36— die Erde.— Dein ernannter Hirt in ſeinem gothiſchen Pomp reicht dir das Blatt, und du ſchreibſt deinen Namen— Dein Hirt ſetzt dir den Kranz auf, den du heute tragen ſollſt dem Hirten der Seelen zu Ehren fuͤr alle Tage deines Lebens— Möͤg' er deinem Haupte hei⸗ lig ſeyn! auch der Hand deſſen heilig, der ihn dir aufſteckt! Kein Blaͤttchen welke daran! Er gruͤne und bluͤhe, wie dein Herz! Ein Anblick deſſelben, und die Empfindung, wem er ge⸗ widmet iſt, muͤſſe dir Genuͤgſamkeit ins Herz ſprechen, reines Juͤngferchen!— Da haſt du geſchworen! auf immer ge⸗ ſchworen! Ich ſehe, du fuͤhlſt jetzt keine irdi⸗ ſche Regung— Sei allezeit rein in Gedanken, und heiter im Herzen! Du trittſt vor deine Aeltern und Anver⸗ wandten und entſagſt ihnen—— Sie ſchei⸗ nen den Geiſt deſſen wenig zu fuͤhlen, welcher ſprach:„Ihr ſollt abſagen Allem— auch Vater und Mutter, um meines Namens willen“— Du muͤſſeſt nicht die kindliche Liebe verlieren; aber ihn uͤber alles lieben, auch wenn du ihm kein Geluͤbd zu bezahlen haͤtteſt—— 82 Fuͤnf Minuten im Staube der Welt ent⸗ ſagt— O daß dein Geiſt im Himmel, nicht im Staube ſei!— Dein Geluͤbd iſt vollbracht— auf immer vollbracht!— Du koͤmmſt zuruͤck in deinem Schmuck! Deine ſchoͤnbelaubte Fackel kleidet dich wohl! Die Krone ſteht dir wohl! Dein Geluͤbd auf immer—— ja, auf immer! Du biſt wol kaum funfzehn Jahr auf Erden; kannſt noch funfzig es bezahlen muͤſſen! Ein Jahr hat viele Stunden, jede Stunde mehrere Minuten, wo dich dein Geluͤbd mit Nachweh gereuen koͤnnte, wenn du nicht unter die Enthaltſamen Gottes gehoͤrſt— Eine Mi⸗ nute koͤnnte dir ein Jahr ſeyn— Er, der Troſt aller Seelen, die ihn kennen, mag dich an ſich halten, und deinem Herzen Friede und Genuͤgſamkeit ſchenken!—„ Es fehlt nicht an ſolchen, die dich Naͤrrin heißen, um des Geluͤbds willen. Ich will dir das Recht nicht ſtreitig machen, wenn du es thuſt eines beſſern Theils wegen. Es muß dir ja erlaubt ſeyn, dein Leben dem Schoͤpfer und 88 Hirten aller Seelen zu widmen! Wenn du nur Genuͤgſamkeit ſindeſt!—— Es thut mir doch leid, daß den Jung⸗ fraun deines Geluͤbdes, mit der Gelegenheit eines zweideutigen Umgangs, zugleich alle Ver⸗ einigung mit beſſern Seelen, die du zur Erwei⸗ terung deiner eigenen brauchteſt, abgeſchnitten iſt! Iſt die Einſamkeit leer, ohne unſterbliche Nahrung— und dieſe liegt nicht in deinen Chorbuͤchern, und ſelten in den Geſpraͤchen dei⸗ nes Geſpiels— ſo iſt eine ſolche Oede fuͤr das Gewaͤchs der Unſterblichkeit nicht viel nuͤtzlicher, als die eitelſte Taͤndelei der Zeitverderbung. Ich ſehe in den Stiftungen der Jungfrauſchaft, welche der Kreis eines goͤttlichen Lebens auf Erden ſeyn ſollen, wenig von dem Geiſte, nach welchem Chriſtus Geſellſchaften dieſes Berufs ſtiften wuͤrde. Triebe der Natur werden ge⸗ kraͤnkt, welches vielen wehe thut; und wo Ent⸗ haltſamkeit iſt, da bleibt doch immer eine geiſt⸗ loſe Oede. Es giebt eine Liebe, die uͤber Fleiſch und Blut geht, kein Geluͤbd und kein Dominium kraͤnkt. Wo Uebergewicht des Gei⸗ ſtes iſt, da ſchweigen die niedrigern Triebe. 7 — 5 Man blickt, faßt die Hand, theilt die Seele mit, und iſt vergnuͤgt—— Die geſellſchaft⸗ liche Ausſicht in eine beſſere Welt giebt Frie⸗ den, den keine Vermiſchung giebt!— So lange Stiftungen dieſer Art vorhanden ſind, ſollten ſie der Menſchlichkeit naͤher gebracht, und durch den wahren Geiſt der Religion beſeelt werden. Auch koͤnnten ſie nuͤtzlich fuͤr die Welt leha⸗ wenn die Welt chriſtlich waͤre.— Dein Hirt koͤmmt— Auf, liebes Noͤnn⸗ chen! Siehe da, er nimmt dich bei der Hand, und fuͤhrt dich— wohin? in deine Zelle! Noch ſeh' ich dich in deinem Kranz und Schmuck. Ungetruͤbt ſcheinen deine Augen, heiter dein Herz! Paulus wuͤrde ſagen: Ich will dich fuͤhrzen, meine Tochter, als eine reine, ſchoͤne Braut dem Herrn zu, und dich einſt ihm dar⸗ ſtellen! O daß dein Fuͤhrer etwas davon fuͤh⸗ le!— Du entweichſt meinen Augen. Lebe wohl, liebes Noͤnnchen! Die Tage deines Lebens! Lebe wohl! Dein Kranz verlaſſe dich nicht! Holder Friede ſchwebe uͤber dir— ruhe in deinem Herzen! Ich ſehe dich nicht wie⸗ der— auf Erden nicht wieder! Jede Sonne 90—— gehe lachend uͤber dir auf, und wecke dich zum Gebet! Jeder Mond ſcheine hold uͤber dir! Hoffe der beſſern Welt! Du haſt entſagt, wo⸗ nach der Haufen ringt— biſt entwichen— biſt ſchon in deinem Kaͤmmerlein! Lebe wohl, liebes Noͤnnchen! Dein Geluͤbd ſei mir ein Bild des Geiſtes, der nicht auf Ordensklei⸗ dung geht— Auch dir, ſo viel du faſſen magſt! Biſt du treu bis in den Tod, wirſt du einen beſſern Kranz bekommen!— Charaden. (Zweiſylbig.) I. Suchſt du uns auf im Reich der Subſtantive, So ſinken wir in grauer Vorzeit Tiefe. Wir ſind der Keim, aus dem die Gegenwart ent⸗ ſproſſen/ Der großen Leiter unzaͤhlbare Sproſſen. Der duͤrftigſte von allen Bettlerknaben Muß unſrer immer viele Hundert haben. Die große Welt, ſonſt nicht ſo gar beſcheiden, Laͤßt dieſes Uebermaas gemeinen Leuten; 3 Kann ſie zu Dutzenden ans Licht nur bringen, V So— ſchwebt ſie leicht empor zu hohen Dingen.— 92 Ein Zeitwort bin ich dir in anderm Sinne, Und dir, du innig Fühlender, gewinne 4 Ich in dem Wogendrang von tauſend Leiden Das Vorgefuhl der hoͤchſten Seligkeiten. Sprech ich dich an aus deines Herzens Tiefen, So leben Kraͤfte auf, die vormals ſchliefen. Erwach ich dir in dunkeln Sternennaͤchten, So greifſt du kuͤhn zu deinen Engelrechten, Du ſteigſt empor, durch tauſend Sonnenheere, Und miſcheſt dich in reiner Geiſter Choͤre. Geh ich verſchleiert dicht im Nebelkleide, Du Juͤngling und du Maͤdchen, dir zur Seite, So klopft in dir der erſten Liebe Freude, So nennt dein Herz die gluͤcklichſte der Braͤute. Doch kann ich auch mich tief in Naͤchte huͤllen! Flieh, flieh, um aller guten Geiſter willen, Die Hoͤllenbilder, die in finſtern Stunden Dein zartes, leichtbewegtes Herz verwunden! Denn hier nur wohn ich! Nur in tiefer Stille Ergießt ſich meiner Krafte ganze Fuͤlle. Weit fruͤher als das Reich von dieſen Sonnen Hat mein uraltes Reich begonnen; Verloͤſcht ſie einſt das ewige Geſchick, Fordr' ich den Scepter mir, den bleiernen, zuruͤck. Mich Raͤthſelhafte huͤllt des Dichters Leier, Mit Großem ſpielend, dir in leichten Schleier; Mich, die des großen Alls furchtbare Mutter war, Stellt ſeines Raͤthſels erſte Sylbe dar. Mir und dem Chaos, meinem ernſten Gatten, Entſproſſen Soͤhn'; es ſind die duſtern Schatten, Die, farbenlos, wie ich, und von mir ungetrennt, Das Raͤthſel doppelſylbig nennt. Entfliehn die Maͤchte, welche uns verbannten, So kehren wir zuruͤck zu unſern Landen, Und malen trauernd uns auf daͤmmerndes Gefild, Des alten, laͤngſt entthronten Koͤnigs Bild. 94 Im Abendthau, vom Einfluß dunkler Horen, Ward einſt ein Wunderbluͤmchen uns geboren, Das farbelos, wie wir, und von uns ungetrennt, Das Raͤthſel mit drei Sylben nennt. Verkannt, wie ich, die ich nur dann gefalle, Wenn ich im goldgeſtickten Mantel walle, Und mit dem Diadem im finſtern Haar Mich als Monarchin ſtelle dar— Verkannt, wie ich, entblößt von allem Reize, Im Dunkeln bluͤht's, und haͤlt mit frommen Geize Den Ambraduft, den ſeine Bruſt verwahrt, Fuͤr mich und meine Freunde aufgeſpart. Dicht neben meinem Liebling bluͤht die Roſe, Die Nelke blüht: doch ſeinem zarten Schooße Entquillt ein ſuͤßrer Opferduft; Neidlos durchwuͤrzt es ihre Luft.—— So bluͤht des Dichters Freundin in der Stille, Und ihrer Thaten reine Himmelsfuͤlle, Und was ſie wirkt mit ſtill verborgner Hand, Wird ſchoͤnern Schweſtern zuerkannt!— Aufloͤſung der Charaden im vorigen Hefte: 1. Regenbogen. 2. Heuſchrecke,(Grille), und deren in dieſem Hefte: 1. Ahnen. 2. Nachtſchatten.