—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 5. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eing dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinteklegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ͦ————x— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 2——— „„„„ 0„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſußn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ſ —— —— Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Sechſter Band. Selene. Fuͤnfter Band. —Q—Q———————.:— Leipzig, bei Georg Joachim Goſchen 1815. Inhalke des ſechſten Bandes. Das neue Ehepaͤrchen. Luſtſpiel. Troſt. Mein Wunſch. Dichterleben. Dichterſinn. Menſchenleben. Arinthia. Brautring. Trauring. Kleobis und Biton. Die Mondſucht. Oleg. Wolf und Fuchs. Im Fruͤhling. Die Verwandten. D'Alencourt. Sitten der Virginier. Geſellſchaftslied fuͤr Alte. Arkeſila's Grab.. Aſklepios. Johann Riſt. Geſang der Freien. Eibedullah. Morgenlied der Liebenden. Philipp II. und die Mahler. Der froͤhlichen Pfarrerin. Die Zuhorer. Serenate. Die Immerbluͤhende. Das Geſetz der Freude. Abſchied. Paulinens Seufzerlein. Heute! Buſchmutter. Wahl. Das doppelte Boſe⸗ Zur Erinnerung⸗ Geſchmack. Die Ungenuͤgſamen. — — Das neue Ehepaͤrchen. —— ʒõ·On;---— Luſtſpiel in einem Akt. Selene II. s. H. 1 Perſonen: Waller. Julius, ſein Neffe. Aline, deſſen Frau. Charlotte, Wallers Muͤndel. Guſtav, Alinens Bruder. Ein Bedienter. Scene: ein großes Geſellſchaftszimmer, mit einer Mittelthuͤr und zwei Seitenthuͤren, auf Wallers Landgute. —.——;—;—— —,,— Charlotte kömmt leiſe und behutſam aus der Sei⸗ tenthür rechts. Nun wird's doch wol Zeit, daß ich nach den neuen Eheleutchen ſehe; denn das hoͤrt nicht, und denkt an nichts.— Freilich iſt's noch fruͤh; aber auf dem Lande beſteht auch noch die wunderliche Einrichtung, daß die Sonne Tag macht. Und der Vormund iſt noch ein viel zu friſcher Junggeſell, als daß er uns nicht auf den Ferſen ſeyn ſollte, ehe wir's uns verſehen.— An der Seitenthür links. Bſt! bſt! — Sag' ich's doch: das hoͤrt nicht! Ei nun, drei Tage verheirathet, und zwei davon auf der Reiſe—: man muß durch die Finger ſehn! 1 Klopft. Heraus! heraus, junger Herr! die Ko⸗ moͤdie geht an, und Sie ſind der erſte Lieb⸗ haber! Aline, ſchick' ihn fort! hoͤrſt du nicht? — Nun, da regt ſich's ja!— Jetzt macht ſie das Maͤdchen und ich die Frau. Hm, ſie 4 hat gut ſpielen. Mich— genirt's, und lange mag mir's nicht dauern.— Julius, von innen. Lottchen! liebes Kottchen! Charlotte an der Thür links. Nun? Zulius. Iſt der Weg rein? Charlotte. Ja doch! Julius. Die Saalthuͤr verſchloſſen? Charlotte. Das hat Ihr Onkel geſtern Abend ſelbſt gethan. Nur heraus! 5— Julius kömmt behutſam. Guten Morgen, beſtes Lottchen!. Charlotte. Guten Morgen! Julius. Ach, wie kann ich Ihnen ver⸗ danken... Charlotte. Schon gut! machen Sie nur, daß Sie fort kommen! Julius. Ei, es iſt ja noch greulich fruͤh! wir koͤnnen noch Eins plaudern; koͤnnen uns einſtudiren, liebe, treue Seele!(küßt ſie) Charlotte. Nun wahrhaftig, mein Herr, Sie ſtudiren ſich ein. Aline kömmt aus der Thür links. Sehen Sie nur, da koͤmmt —,.— —.— 5 Jemand, der gegen dergleichen Studien viel einzuwenden haben wird. Aline. Ihr ſeid ſo heiter, ſo getroſt, und ich bin ſo bang'— Julius. Dafuͤr biſt du auch eine nagel⸗ neue Frau, mein ſuͤßes Kind! Charlotte. Und zwar von dem ſaubern Herrn da! Julius. Sie ſpricht von mir, wie der Blinde von der Farbe— Charlotte. Ja, wie jener Blinde von der Scharlachfarbe, die er mit einer Trompete verglich! Aline. Lottchen! Julius. Laß ſie nur; wenn Du mich nur beſſer kennſt. Und nicht wahr, mein ſchoͤnes Frauchen, du— du kennſt mich? Charlotte. Wirklich?— Aber bſt! ging da nicht'was? Alle horchen erſchrocken. Nein, es war nichts! Aline. Wie du mich erſchreckt haſt! Julius. Sie macht blinden Laͤrmm— Charlotte. Dankt mir's, denn ſonſt ſetzt ihr euch nimmer zurecht. Im Ernſt, Leut⸗ 6 chen, ihr wißt, daß hier nicht wenig auf dem Spiele ſteht. Was ihr Beide wagt, wenn wir den Onkel nicht mit Guͤte gewinnen, brauch' ich euch nicht erſt zu ſagen; und ich— lieber Himmel! ich bin ihm nach dem hochweiſen Teſtamente der Tante ſo in die Hände gegeben, daß er meine ganze Habe dem Jungfernſpital zuwenden kann... Julius. Ein Augenblickchen Geduld! Ich will nur erſt mein angewieſenes Quartier dort in Unordnung bringen. Aline. Ach Julius, es iſt doch gar nicht huͤbſch— Julius. Ich bin ja gleich wieder da. Ab, in die Thür rechts. 3 Charlotte. Liebes Kind, ich bitte dich, raffe dich mehr zuſammen; und vor allen Din⸗ gen ſei mir nicht ſo verliebt, denn ſonſt ver⸗ liert der Menſch vollends allen Kopf. Aline. Ich will mir Muͤhe geben. Julius kömmt zurück. Nun, da hab' ich gearbeitet, wie ein einquartirter Lieutenant vom Freicorps. Aline. Jetzt ernſtlich, liebes Maͤnnchen! —. 1—— —— — 7 und, hoͤrſt du? gehe ja mit mir um, wie... Ach!. Charlotte. Und mit mir, wie... Wehe! Aline. Es iſt doch hart. Charlotte. Wie? ihr werdet doch ein Paar Tage buͤßen koͤnnen? Verlaßt euch auf mich, nur ein Paar Tage! Denn ſeht, ich will im Hauſe ſo rumoren, will ſo alles beſſer wiſſen, ſo oft widerſprechen, ſolche Albernheiten angeben, daß der Vormund fuͤr ſich und ſeinen verhaͤtſchelten Neffen da zittern und beben, daß er ſeinen alten Plan und ſeinen Vertrag mit meiner Tante hundertmal verwuͤnſchen, daß er nichts als Jammer und Herzeleid im An⸗ zuge ſehen, und dem lieben Gott danken ſoll, wenn er am Ende die Segensbotſchaft erhaͤlt, wir ſind ungehorſam geweſen, und du biſt ſein Nichtchen, nicht ich. Aline. Aber es iſt doch Unrecht. Er iſt ſo ein lieber Mann— Charlotte. Wie? haͤtt er denn gar keine Ahndung verdient, daß er mich und dei⸗ nen Mann ſo viel gequaͤlt hat? daß er uns beide ſo, mir nichts dir nichts, wie Galeeren⸗ 8— fklaven, an einander hat ſchmieden wollen? Nein, nein; beſchwichtige du nur dein ſanftes Herzchen! Und, was ich ſchon geſagt habe— nach uͤberſtandner Angſt wird ja auch fuͤr ihn die Freude deſto groͤßer ſeyn.— Vergiß nur aber nicht, gegen den guten Herrn auch recht gefaͤllig, recht ergeben zu ſeyn— Aline. Ich will mein Moͤglichſtes thun. Es wird mir bei ihm ſehr leicht werden. Charlotte. Deſto beſſer. Und da haſt du ja auch einen ſchoͤnen Ableiter fuͤr deine Gewiſſenhaftigkeit.— Doch ſtill! wahrhaftig, das ging! Alle borchen. Aline. Es iſt oben, gleich uͤber uns. Julius. Da iſts der Onkel ſelbſt, ſo wahr ich lebe! Charlotte. Drum fort! ſeine Galan⸗ terie ſchenkt dem jungen Ehepaare den Mor⸗ genbeſuch gewiß nicht. Du, dort hinein! und Sie... Aline. Adieu denn, liebes Maͤnnchen! Julius. Leb' wohl, mein ſuͤßes Frauchen! Aline. Vergiß mich nicht! Julius. Denk' an mich— 5 9 Charlotte. Wie oft ſoll ich's denn ſagen? Aline. Wie werd' ich mich nach dir ſehnen! Charlotte. Ei ſo—! Ich glaube, du wirſt eiferſuͤchtig? Komm mir an! Aline. Pfui doch— Aber es iſt doch ſehr wunderlich: in dein Schlafzimmer! Charlotte. So? Und denkſt nicht an deinen wackern Bruder, fuͤr den ich hier in Jammer verſchmachte? den ich jede Minute erwarte? Aline. Es geht wieder! Julius. Es koͤmmt herunter! Aline. Leb' wohl! Julius. Leb' wohl! Charlotte ſingt leiſe„Ach, Scheiden und Meiden bringt Weh!“— (Aline ab, zur Thür links; Charlotte und Julius ab, zur Thür rechts.) Waller ſchließt auf und kömmt langſam durch die Mittelthür. Waller allin. Hier liegt noch alles in tiefer Ruh. Ich will nicht ſtoͤren.— am Fenſter. Hm, die Sonne noch nicht hoͤher? Haͤtt; ich doch gedacht, es muͤßte ſchon ein 10 feines Stuͤck in den Tag hinein ſeyn.— Ja, wenn man ſo ſchlecht ſchlaͤft, ſo ſchlecht zu ſchlafen nicht gewohnt iſt—— Freilich, die Unruhe, die das junge Voͤlkchen in's Haus ge⸗ bracht hat— In's Haus nur? hm!—— Das ſanfte Blauauge, das!— Still doch, ſtill doch! es iſt ja thoͤricht!—— Ich will nur wieder gehn; es iſt ja doch nicht wahr, daß ich hier nur die Morgenſonne und das junge Paar habe begruͤßen wollen. Schlaft ſanft, ihr Kinder! Geht, bleibt ſtehn. Und du, liebliches Geſchoͤpf... Schleicht an die Thür uinks. Noch regt ſich nichts. Deſto beſſer. So kann ich erſt dieſe albernen Gedanken weg⸗ ſchaffen. Sie fuͤhrten ja doch zu nichts. Geht wieder vor.—— Es iſt mir doch wunderlich. So lange gleichguͤltig gegen dies ganze Ge⸗ ſchlecht, ſo lange ruhig, und nun mit Eins... Ehrlicher Fabrice, du haſt Recht:„Es iſt doch eine Sache, woran man den Geſchmack ſein Lebetage nicht verliert!“*)— Fabrice! ver⸗ wuͤnſcht! wie koͤmmt mir auch eben der Fabrice in den Kopf? der kriegte ja einen Korb. So? *) In Goͤthe's Geſchwiſtern. — 11 Und was wuͤrdeſt denn du bekommen, wenn du den Verſuch wagen wollteſt— den gefaͤhr⸗ lichen Verſuch!— Gefaͤhrlich? und bei ihr, dem ſanften, ſchuͤchternen, aͤchtjungfraͤulichen Weſen?— Gebt wieder zur Thür links. Sie iſt auf⸗ geſtanden— Sie oͤffnet das Fenſter— Sie kömmt— Nein, ſie unterbricht den Gang— So? auch ein wenig unruhig, liebe Kleine? — Sie ſeufzt— Mein Gott, was kann dem holden, lieben Maͤdchen fehlen?—— Doch weg, weg! ich ſehe mir wirklich zu viel nach! vorn. Weiber und Schlachten zu gewinnen be⸗ darf's Gluͤck; das Gluͤck aber folgt nur der verwegenen Jugend.— Gleichwol, iſts denn nicht ein großes Gluͤck fuͤr mich, daß mein, im Grunde doch uͤbereiltes Projekt, meinen Neffen und Charlotten zuſammenzubringen, ſo gut abgelaufen iſt? Iſt es etwa meine Klugheit, daß ſie ſich ſo wohl befinden? Gluͤck iſts, Gluͤck! und Beweis genug, daß Frau Fortuna mich noch in geneigtem Andenken hat!—— Ha, da rumort's! Fatal! Dacht' ichs doch, daß der kleine Plagegeiſt zuerſt wieder auf den Beinen ſeyn wuͤrde!— 4 ½ Charlotte kommt. Charlotte. Guten Morgen, Onkelchen! Sieh, ſieh, ſchon auf dem Tapet? Waller. Daruͤber moͤcht' ich mich bei dir wundern. Charlotte. O ich— ich bin jung... Waller. Sag's nur vollends heraus: und ich altl Charlotte. Nicht juſt alt, aber doch in gewiſſen Jahren, wo man die Ruhe zu lieben anfaͤngt. Indeſſen, wenn Sie das nicht gern hoͤren.. Waller. Charlotte, ich muß dir ſagen — wir ſind allein— ich muß dir ſagen: huͤb⸗ ſcher biſt du geworden in den drei Jahren, ſeit ich dich nicht geſehen habe; aber artiger— nimm mir's nicht uͤbel— artiger find' ich dich keineswegs. Charlotte. Das nehm' ich gar nicht uͤbel, denn, guter Onkel, das Artigſeyn iſt nicht mehr Mode, ſeit Sie ſich von der Welt zuruͤckgezogen haben. Jetzt nimmt ſich Nie⸗ mand mehr die Muͤhe, ſeine beſte Seite her⸗ —— 1 3 auszukehren; eher, ſich eine ſchlechtere, als er hat, anzudichten. Waller. Ich hoffe, du ſcherzeſt. Charlotte. Wahrhaftig nicht. Ja ja, mein guter Onkel, es iſt alles anders geworden in der Welt, ſeit Sie meiner Mutter die Cour machten. Waller. Das, was du die Welt nenneſt, gehet mich nichts an: du aber geheſt mich an— Charlotte. Und ich bin auch anders— Waller. Das find' ich eben; aber nicht zu deinem Vortheil— Charlotte. Mag ſeyn; man muß doch fort mit dem Zeitalter— 1 Waller. Auch mit ſeinen Thorheiten? Charlotte. Doch wol! Man iſt ja ſelbſt ein Stuͤckchen Zeitalter! man hilft's ja mit ausmachen! Waller dei Seite. Armer Julius! Charlotte. Aber laſſen wir das Zeit⸗ alter und denken an den Zeitpunkt! Es iſt noch kein Fruͤhſtuͤck da! Onkelchen, Onkelchen, Sie haben Ihre Leute ſchlecht gewoͤhnt! Wie es nun geht in den Junggeſellen⸗Wirthſchaften! 14— Waller. Es wird ſonſt nicht ſo fruͤh Laͤrm im Hauſe. Charlotte. Nunn, ich will ſchon Ord⸗ nung machen, wenn ich nur erſt anfange! Waller. Hm, ich daͤchte, du haͤtteſt mit dem erſten Schritt' ins Haus angefangen! Nein, liebes Kind, auf die Laͤnge wollt' ich mir das doch... Charlotte. Verbitten? Das iſt's ja eben! Wer ſich einmal zu gewiſſer Beſchraͤn⸗ kung gewoͤhnt hat, muß zu freierer Lebens⸗ weiſe genoͤthigt werden. Waller. Charlotte—! Charlotte. Nun, ſeyn Sie nur nicht boͤs: ich mein' es gut. Waller. Ach, das bloße Gutmeinen ſchafft viel Uebels in der Welt! Charlotte. Sehr wahr: das bloße Gut⸗ meinen ſchafft viel Uebels in der Welt— bei Heirathyſtiften, zum Beiſpiel—— und auch ſonſt. Waller ſieht ſie aufmerkſam und ernſthaft an. Pauſe. Charlotte leicht, wie vorhin. Wo wer⸗ den wir fruͤhſtuͤcken? Waller. Wo ihr wollt. 15 Charlotte. Ich— im Garten, dort in der Laube von Immergruͤn, das ich ſehr liebe. Waller. Weil es ſich uͤberall hin bie⸗ gen laͤßt? Charlotte. Nein, weil es uͤberall wieder hervorzudringen verſteht, wo es mit Gewalt gebogen worden.—— Wollen wir nicht die Andern fragen, wo ſie fruͤhſtuͤcken werden? Von einer Thür zur andern. Heraus, Langſchlaͤfer! wir warten! Komm, liebe Aline! Julius, gleich darauf Aline kommen aus den Seitenthüren. Julius im Kommen. Ich hatte nicht geglaubt, daß es hier ſchon Tag waͤre. Guten Morgen, mein lieber Onkel! Waller überhört es, indem Alinens Thür ſich öffnet. Alinen entgegen. Guten Morgen! Ach, liebſtes Kind, rechnen Sie mir's ja nicht zu, wenn Sie geſtoͤrt worden ſind. Unſre junge Frau da hat nicht Ruhe, noch Raſt— Aline. Ich war ſchon laͤngſt munter und genoß den Morgen. Er war ſo ſchoͤn! Julius. Ja, das war er! 16 Charlotte. Wirklich? Aline. Ich kann es gar nicht ſagen, wie ſehr— wie mild und innig mich immer ein ſchoͤner Morgen bewegt! Waller. Gerade ſo gehet es mir. Julius bei Seite. Er hatt' es ja geſtern Abends erzaͤhlt. Aline. Ich beneide darum wol manch⸗ mal die Ludhewohner. Wir Staͤdter entbehren ſo viele Freuden, die ſie— freilich, Geiſt und Gefuͤhl vorausgeſetzt— ſo recht aus erſter Hand hinnehmen, ſo recht voll und unverkuͤm⸗ mert genießen koͤnnen. Charlotte bei Seite zu Julius. Macht ſie's nicht ſchlimmer, als ich? Stille Waſſer... Julius. Sie iſt allerliebſt! Waller. Wie meinſt du? Julius. Ich— geb' ihr nur Recht. Waller. Ja, ich auch. Indeſſen, meine liebe, kleine Freundin, das Jahr hat nicht lauter ſchoͤne Morgen, und beſonders oft gar ſchlimme Abende— auf dem Lande naͤmlich; und da fuͤhlt man ſich doch wol zuweilen recht einſam und wie ausgeſetzt. 17 Aline. Ei man ſollte auch nicht einſam bleiben. Waller. Ja— wenn das immer nur auf dem eignen Willen beruhete! Charlotte. Da ſtehen ſie und ſagen einander ſchoͤne Dinge, als wenn andere Leute gar nicht da waͤren— Waller vor ſich. Immer wird ſie doch ſtoͤren!.„ Charlotte. Belieben Sie ſich zu be⸗ ſinnen; die Rede war von etwas recht eigentlich Alltaͤglichem: vom Fruͤhſtuͤkk! Wohin wollt ihr's haben? Waller. Mach' doch nicht ſo viel Fra⸗ gens uͤber ſolche Kleinigkeiten! Ich daͤchte, wir blieben hier beiſammen..— Charlotte. Ei, warum nicht gar! Ins Freie muͤſſen wir— Waller. Nun ſo geht ihr in Gottes Namen— Charlotte. Geniren Sie ſich aber nicht— Waller. Nein doch! Charlotte. Wenn die Morgenluft Sie beſchwert... Selene II. 5. H. 2 2 18 Waller. Beſchwert? beſchwert!—— Ich folg' euch gern. Aline vermittelnd zu Waller. Ließen Sie mich wol hier bei Ihnen bleiben? Es iſt ein ſo freundliches Zimmer. Die heitere Ausſicht — und auch Sie ſo heiter! Waller. Wenn Sie denn bleiben wollen! — Ihr— nur fort! Junge Eheleutchen— man weiß ja! Und wir ſind diskret— nicht? Aline verlegen. O gewiß— Charlotte. Was da: wir beduͤrfen keiner Diskretion! Und du, am fruͤhen Morgen, allein mit dieſem Herrn, der— o ich weiß— der den huͤbſchen Maͤdchen immer nur gar zu gut geweſen iſt: nein, das darf nicht zugelaſſen werden! Waller wirft ihr einen verdrüßlichen Blick zu, und geht vor. Aline ſteht verlegen. Julius leiſe. Sie machen's zu arg. Sie verſtimmen ihn gegen uns alle, und ſo verfehlen wir unſern Zweck am meiſten. Charlotte reiſe. Nun iſts einmal her⸗ aus, und jetzt muß ichs durchſetzen. Waller. Du ſiehſt, Charlotte, daß du 19 unſre Freundin durch deinen— vorlauten Hu⸗ mor in Verlegenheit bringſt. Die Sache war nicht der Rede werth. Aline. Vergeben Sie ihr: ſie iſt nun ſo— Waller. Nun ja! Aber Ihnen, beſorg' ich wirklich, ſagt die Morgenluft nicht zu. Es gehoͤrt einige Gewohnheit dazu, wenn ſie nicht ermuͤden ſoll. Und ich daͤchte, Sie waͤren dieſen Morgen ohnehin ein wenig blaͤſſer... Aline ſchnen. Mir iſt ſehr wohl. Charlotte. Und die Blaͤſſe laͤßt ihr nicht uͤbel, daͤcht' ich. Waller. Ei mein Gott, das ſag' ich ja auch nicht. Nein nein, um alles moͤcht' ich nicht, daß Sie anders ausſaͤhen! Julius. Ich auch nicht. Charlotte. Und alſo— braucht ſie die Morgenluft nicht zu fuͤrchten. Drum komm nur, Liebchen! Nimmt Alinens Arm. Waller geht nochmals vor. Vor ſich. Das geht denn doch zu weit. Julius leiſe. Macht nur, daß ihr fort kommt. Ich muß ihn zu beſaͤnftigen ſuchen. lant. So geht denn, aber ich bleibe hier. 20 Charlotte. Das bin ich zufrieden.— — Onkelchen, Sie ſind doch nicht im Ernſt unwillig? Ich bin nun einmal von alter Zeit her Ihre Qual, und Sie haben mir gele⸗ gentlich auch nichts geſchenkt. Darum bin ich Ihnen doch— ſo herzlich gut! und daß Sie's nur wiſſen, auch verliebt bin ich in Sie— ſo ein Bischen! Aline nimmt ſelne Hand. Alſo nicht un willig? Waller. Nein, nein! Und auf Sie am allerwenigſten. Aline. Ja— 2 Waller kußt Alinens Hand. Gewiß, gewiß, liebe, gute Seele! Charlotte mit Alinen ab. Julius. Onkel, ich rufe nur den Be⸗⸗ dienten, und bin gleich wieder da. Waller. Gut. Julius ab. Nein, das iſt Charlotte gar nicht mehr. O die Stadt! die Stadt! Ich bin ſo voller Sorgen! Armer Julius! Und er ſieht, er hoͤrt gar nicht, vor lauter Verliebtheit. So kann's nicht beſtehn. Ich muß ihn aufmerkſam machen.— Doch 21 ihm die Flitterwochen verderben? Beſſer, als wenn ihm das ganze Leben verdorben wuͤrde!— Aber wird er jetzt begreifen, glauben, folgen? Nein; er mag erſt fuͤhlen lernen, daß es anders werden muß. Dann will ich herzutreten, will einhalten, will durchgreifen!— Und da ich ihn jetzt allein habe— hm, ſo koͤnnt' ich ja wol etwas anderes.. Verſinkt in Nachdenken. Julius kömmt zurück mit einem Bedienten, der Frühſtück bringt, und gleich wieder abgeht. Waller. Nun, lieber Neffe, koͤnnen wir ja endlich einmal ein Wort allein, im Ver⸗ trauen reden. Julius. Ich habe mich recht darnach geſehnt. Waller. Ich wol auch. Sage mir doch vor allem— aber ganz ehrlich und zutraulich: biſt du wirklich gluͤcklich? Julius. Ueber alle meine fruͤhern Be⸗ griffe. Waller. Schoͤn. Ich hatte euch wirklich ein wenig uͤbereilt, gedraͤngt— und hinterher wandelte mich wol zuweilen eine Beſorgniß an—. Julius. Ich kann nicht mehr ſagen, b 22 als: meine Frau wird mir jede Stunde lieber. Wie ich nun einmal bin, kann ich mir ſogar keine denken, die mich gluͤcklicher machen wuͤrde. Waller. Das thut mir ſehr wohl. Auf⸗ richtig— ich haͤtte nicht geglaubt, daß ſo manches, was ich jetzt erſt entdecke, dir ſo zu⸗ ſagen wuͤrde; indeß— deſto beſſer— Julius. O, Sie verwechſeln noch, was meine Frau ſcheint, mit dem, was ſie iſt. Waller. Nun, laß das nur! laß das! Julius. Ich laſſe es auch, Onkel! Waller. Aber— da ihr einander ſo vollkommen genuͤgt, wollen wir doch auf'was anders kommen. Ich warf dir geſtern Abend — beſinneſt du dich? ein Woͤrtchen hin— ein Woͤrtchen— Es geſchahe nicht ohne Ab⸗ ſicht— Julius. Ganz recht: von ihrem Ver⸗ moͤgen! Waller. Von...? Ach ja, von ihrem Vermoͤgen. G” Julius. Nun— das iſt allenfalls— recht gut. — 23 Waller. Allenfalls? Du haſt wol die Papiere noch nicht ernſtlich durchgeſehn? Julius. Wie man nun ſo etwas anſieht in den erſten Tagen des Eheſtandes! Ich werde ſchon hier mehr Zeit gewinnen. Waller. Ganz recht; ſo laſſen wir's auf dieſe Zeit.— Auch war es dies eigentlich nicht, was ich ſagen wollte. Julius. Laſſen Sie mich aber das noch hinzuſetzen, beſter Onkel! Mir war es vor allem um ein Weib von Geiſt, Gefuͤhl, An⸗ muth und wahrer Bildung, um ein Weib fuͤr mein Herz und meinen Geſchmack zu thun: das hab' ich gefunden, und alles Uebrige, ſo wenig ich mit Gleichguͤltigkeit dagegen prahlen will, durfte doch nicht entſcheiden helfen; durfte es um ſo weniger, da ich ja nicht arm bin, und nichts weniger geſonnen, als muͤßig nur fuͤr den Genuß zu leben. Waller. Das iſt ſchoͤn; das iſt gedacht und geſprochen, wie ein Mann muß. Das freut mich; freut mich auch noch aus beſon⸗ derer Urſache. Ei, es fuͤhrt mich auch zu dem, was ich eigentlich mit dir beſprechen wollte. 24 Julius. Nun?— Waller. Sieh— du haſt dir, wie ich nicht geradezu uͤbel denten mag— du haſt dir denn doch wol einige Rechnung auf mein Vermoͤgen gemacht. Julius. Wahrhaftig nicht! Leben Sie ſo lange, wie ich; genießen Sie das Ihrige bis zum Letzten: es ſoll mich vom Grund der Seele freuen! und es waͤre ja wirklich unverſchaͤmt von mir... Waller. Du biſt doch ein guter Menſch, Julius! Wahrlich, ich finde dich ſo veraͤndert, ſo zu deinem Vortheil veraͤndert— Julius. Wenn das ſo iſt, verdank' ich's meiner Frau— Waller. Ach geh' doch! die... Julius. Ich ſpreche ſehr ernſtlich, Onkel! Wenn Sie ſie nur erſt kennten— Waller. Du machſt mich lachen. Glau⸗ ben kann ich nimmermehr... Julius. Verlaſſen Sie ſich darauf, Sie werden bald hier noch gar manches glauben, was Sie ſich jetzt noch nicht einbilden. Wenn man nur erſt ſeiner Sache gegen Sie gewiß ſeyn duͤrfte.. — 25 Waller. Nun laß nur jetzt! das bringt mich von der Hauptſache ab. Alſo nochmals: es freuet mich herzlich, daß du uͤber Vermoͤgen, und beſonders uͤber das meinige, ſo denkſt, wie du denkſt. Denn ſieh— Ungluͤcksfaͤlle abgerech⸗ net, an die man doch nie mehr denken mußte, als jetzt— ſo— koͤnnten ja auch ſonſt Veraͤn⸗ derungen eintreten... Julius. Wie ſo? Waller. Sieh— Es kann im Grunde Niemand uͤber Faͤlle fuͤr ſich ſtehen, worin er nicht ſchon geweſen iſt— Julius. Mag ſeyn; aber was meinen Sie denn eigentlich, Onkel? Waller. Ich meine— ich koͤnnte Je⸗ mand finden, der mir nahe kaͤme— ſehr nahe — Verſteh' mich nur recht! Julius. Ich verſtehe Sie ja gar nicht. Waller. Alſo— Jemand, der mir ſehr werth wuͤrde, will ich ſagen— dem, wenig⸗ ſtens den groͤßten Theil meiner Habe zuzu⸗ wenden, ich mich ſogar verpflichtet ſaͤhe— Julius. Nun— unſre Verwandt⸗ ſchaft... 26 Waller ſchnell. Freilich: kann ſich erwei⸗ tern! Das iſt ja eben, was ich ſage! Julius. Jetzt merk' ich erſt: Sie be⸗ kommen Luſt zu heirathen! Waller. Nununu! du faͤllſt auch gleich mit der Thuͤr ins Haus! Julius. Oder wie ſoll ichs anders nehmen? Waller. Hm— ſo nimm es nur einmal ſo! man ſetzt blos den Fall! discurſive! Julius. Vortrefflich! herrlich! Waller. Ja? in der That?— Julius, du biſt doch ein recht guter Menſch! Aber deine Frau—! Die Weiber ſind uͤber gewiſſe Dinge verzweifelt krittlich und intolerant! Julius. Wahrlich, die meinige denkt und empfindet, wie ich! Waller. Schoͤn! ſehr ſchoͤn!— Stehr lebhaft auf, geht mit ſtillem Vergnügen umher. Julius. Lieber Onkel, Sie haben ſchon was im Auge! Waller. Bewahre! bewahre! Julius. Doch, doch! leugnen Sie's nur nicht! Waller. Still doch! ſtill! Ich ſage — 27 dir ja... Nein, du mußt mich nicht un⸗ terbrechen. Julius. So will ich kein Wort mehr ſagen. Waller gebt noch, wie vorhin, umher. Pauſe. Dann bleibt er ſchnell vor Julius ſtehen. Geh, geh! Du ſchweigſt, weil dir's nun einleuchtet, daß ja doch nichts Rechts draus werden koͤnnte. Julius. Warum denn nichts Rechts, Onkelchen? Waller. Ich— lieber Gott: ich bin zu alt— Julius. Sie ſelbſt machen ſich alt, Sie allein— Waller. Ich allein? ſo?— Nun, ich meine auch nicht, zum Heirathen uͤber⸗ haupt zu alt; nur zu gewiſſen Heirathen— Julius. Zu welchen? Waller. Zu— hm, zu ſolchen, die eben erſt was Rechts ſind! Siehſt du? du haſt mich ſchon wieder unterbrochen! Julius. Ich halte mir den Mund zu. Waller. O pfui doch! nichts laͤcherlichs! das— ſtoͤrt mich unangenehm. 28— Julius. So bin ich ernſthaft. Waller. Gut.— Sieh, ich meine ſo! Ein vernuͤnftiger Mann, und ein Mann, der denn doch noch Sinn und Geſchmack hat... verſteh' mich: ein Mann, der das Schoͤne noch erkennen, hochhalten, lieben, genießen kann; ein ſolcher Mann, mein' ich, nimmt ſich doch keine Frau, die ihm— nun, die ihm eben nichts zu erkennen, hochzuhalten, zu lie⸗ ben und zu genießen mitbraͤchte! Julius. Allerdings, liebſter Onkel! Waller. Es koͤmmt dazu— Mein Gott, ich bin kein Geck; ich weiß recht wohl, daß ich nicht mehr jung genug bin, viel an meiner Lebensweiſe, oder gar an meiner Sinnesart aͤndern zu koͤnnen. Bei den Weibern ſetzt ſich nun das noch fruͤher feſt und haͤlt dann noch zaͤher wieder— Julius. Eben darum muͤßten Sie eine junge Gattin waͤhlen! eine ſchwanke Rebe um den ſturmfeſten Ulmbaum! Waller. Waͤhlen— du haſt gut reden! Das Waͤhlen ſteht mir allerdings frei, aber ihr auch! Nein, nein; du willſt mir ſchmeicheln. * 29 Julius. Wahrhaftig nicht, beſter Onkel! Ich ſetze voraus, Sie wuͤrden ſich kein Maͤd⸗ chen ausſuchen, das obenaus wollte— Waller. Gott bewahre! Julius. Sondern ein ſanftes, freund⸗ liches, wohlwollendes Geſchoͤpf— Waller. O ja: ein ſanftes, freundliches, wohlwollendes Geſchoͤpf! Julius. Von haͤuslichem Sinn, von maͤßigen Gluͤcksumſtaͤnden— Waller. Vortrefflich: von haͤuslichem Sinn! von maͤßigen Gluͤcksumſtaͤnden! Julius. Das mithin auch durch Dank⸗ barkeit an Sie gekettet wuͤrde— Waller. Lieber Neffe, wie brav du biſt! wie du das ſo huͤbſch aus einander ſetzeſt! Julius. Sie wuͤrden dann kein un⸗ freundlicher, auch kein gar zu ſtrenger Ehe⸗ mann ſeyn— Waller. Nein— wie?— nein, das — wuͤrd' ich nicht ſeyn! Julius. Wuͤrden allenfalls eine fluͤchtige Phantaſie mit dem wahren Intereſſe des Ge⸗ fuͤhls und Willens nicht verwechſeln— 30— Waller. So? Nein, das, glaub' ich, wuͤrd' ich auch nicht⸗ Julius. Und da ſaͤh' ich ſchlechterdings nicht, warum Sie nicht ein beneidenswerthes Leben fuͤhren koͤnnten. Pauſe, während welcher Waller wieder vergnügt um⸗ her geht. Waller. Ja, aber wo ſo was gleich finden? wie? Julius. Onkelchen, ich behaupte noch⸗ mals: Sie haben's ſchon! haben's wenigſtens im Sinn! Waller. Hm, im Sinn! nun ja, im Sinn! Ein ſolches Bild, ein ſolches Muſter haͤtt' ich freilich wol— Julius. Ja, ein lebendes Bild, ein leibhaftiges Muſter! Waller. Und wenn nun—? Sie iſt freilich ein liebenswuͤrdiges, ſanftes, freund⸗ liches, wohlwollendes Geſchoͤpf, von haͤusli⸗ chem Sinn— auch von maͤßigen Gluͤcksum⸗ ſtaͤnden, nicht wahr? Julius. Wer denn? wer denn? Waller. Nun, du weißt's ja! 31 Julius. Ich? Waller. Aline! unſre Freundin Aline! Julius. Aline? Waller. Du erſchrickſt— Julius. Ich bin uur uͤberraſcht— Waller. Nein, verlegen biſt du! Julius. Nicht doch, lieber Onkel— Waller. Ja ja!— Es iſt nichts! ich ſagt's ja! Julius. Ich meine ja nur... Waller. Sie iſt nicht mehr frei? oder..2 Nein, ſag' lieber, daß ſie nicht mehr frei iſt! Julius. Beſter Onkel— Waller. Nur heraus damit: ich ſeh' dir's ja an! Julius. Waͤr' ſie nicht mehr frei, ſo waͤr' es ja wol auch— abſichtlich verborgen worden... Waller. Und du muͤßteſt ſchweigen. Ganz recht. Ich verſteh'. Wir wollen nicht weiter davon reden. Geht vor. Vor ſich. Mein unbedachtes Heirathſtiften— das iſt die Strafe dafuͤr! 32 Julius Vor ſich. Welche Verlegenheit! Wie gern entdeckt' ichs nun: aber jetzt muͤßt' es ihn um ſo mehr aufbringen! Laut. Liebſter Onkel, ich ſage ja nicht... Waller. Sag' du nur gar nichts! Es iſt gut. Laß mich nur—— Pauſe. Julius. Was iſt das? Ein Wagen rollt in den Hof. Waller. Daß dich—! Julius am Fenſter. Es iſt der Haupt⸗ mann, Alinens Bruder. Waller. Was will denn der Menſch? Julius. Ich bereitete Sie ja ſchon geſtern Abends auf ſeinen Beſuch. Waller. Ach was da— Julius. Er liegt nur zwei Stunden von hier in Garniſon. Er hat ſeine Schweſter ſeit Jahr und Tag nicht geſehen, und will ſie doch gern ſprechen— Waller. Das mag er. Aber ich.. Julius. Er bleibt nur einige Stunden. Er muß noch den Vormittag zuruͤck. Waller. Empfang' ihn. Sag' ihm, ich... Du wirſt ſchon eine Entſchuldigung 33 finden. Sprechen kann ich ihn jetzt wirklich nicht. Ich gehe, und— hoͤre, wir haben nichts geſprochen! Julius. Doch, doch, liebſter Onkel! Waller gebt, kehrt um. Du muͤßteſt denn — verſteht ſich: ganz fuͤr dich! verſteht ſich: ganz vom weiten! verſteht ſich: ganz proble⸗ matiſch!— ſo muͤßteſt du etwa ein Wort fallen laſſen—— Oder beſſer: nein, gar nichts! Geht, kehrt um. Sollteſt du mir ja etwas zu ſagen bekommen: ich gehe nicht aus dem Hauſe. Wil ab. Julius. Lieber Onkel, bleiben Sie noch einen Augenblick. Der Hauptmann iſt ſchon herein und moͤchte Ihnen begegnen. Waller. Geſchwind! halt' ihn unten eine Minute auf, daß ich erſt in mein Zimmer komme!, Inlins ab.— Waller alein. So waͤren wir denn wieder ohngefaͤhr ſo weit, als vorher. Verdruͤßlich! ſehr verdruͤßlich! Haͤtt' ich ihm nur nichts verrathen; haͤtte lieber ſelbſt verſucht.. Ja, daß uns die Zeit den Muth nimmt, iſt ihr ſchlimmſter Poſſen!— Und koͤnnt' ich denn Selene II. 5. H. 3 34— nicht noch wagen, womit ich haͤtte anfangen ſollen? Es iſt nicht alles, wie es ſeyn ſollte: das war an Julius nicht zu verkennen. Aber beſtimmt widerſprechen, ja nur beſtimmt abra⸗ then, konnt' er doch auch nicht. Es war mehr Verlegenheit, als Mißbilligung, als Warnung —— Seltſam, aber doch.. Ha, was fallt mir ein! Geſtern Abend warf er ihr zuweilen Blicke zu— Es ſiel mir gleich auf: aber jetzt bekoͤmmt's erſt Sinn. Himmel, was kann ich da fuͤr Unheil geſtiftet haben! Aus Pflicht muͤßt' ich ihm dann entziehen, was ein unſeliges Intereſſe fuͤr ihn gewinnen koͤnnte!—— Jetzt vor allem ihn beobachten! ſcharf beobachten! nicht aus den Augen laſſen! Und gegen ſie— gegen ſie will ich redlich herausgehen mit der Sprache, ſobald ſich Ge⸗ legenheit zeigt—— Sie kommen! ſind ſchon im Vorſaal. Ich trete in dies Zimmer, bis ſie herein ſind. Geht in die Charlottens Zimmer. Aline, Charlotte, Julius und Guſtav kommen durch die Mittelthür. Charlotte. Er iſt wirklich nicht mehr da⸗ Er muß den Augenblick erſt weggegangen ſeyn. Julius. Nicht doch, nicht doch! Guſtav. Ich war wol eines andern Em⸗ pfangs gewaͤrtig. Die ganze Gegend ruͤhmt ſeine Gaſtfreundlichkeit. Sollte er Ihr wun⸗ derlich Spiel ahnen? Es beunruhigt mich. Charlotte. Wie koͤnnen Sie nur alles ſo ernſthaft nehmen! Guſtav. Sagen Sie ſelbſt: wenn Ih Vormund den Zuſammenhang erraͤth; wenn er, wie faſt unvermeidlich, dadurch beleidigt iſt: wie ſtehe ich— eben ich, der Fremde, der ſich erſt um ſeine Gunſt bewerben will— wie ſtehe ich ihm gegenuͤber? Julius. Nun denn— damit Sie ſich nur beruhigen, geſteh' ich Ihnen: es iſt wahr, der Onkel war hier, er hat Sie geſehn, er iſt weggegangen, er hat mir aufgetragen, Sie zu empfangen und ihn zu entſchuldigen, bis er Sie ſelbſt aufſuchen werde— Alles das iſt wahr: aber daß er ganz andere Dinge im Kopfe hat, als unſern Plan, das iſt eben ſo wahr! auf mein Ehrenwort! Charlotte. Nun ſo laſſen Sie doch hoͤren; was hat er denn? 36 Julius. Dit, liebe Aline, dir allein muß ich das vertraun— Charlotte. Aha, wir verſtehn! und— wie heißt's dort? „Wir wollen freundlich durch die Finger ſehn⸗— Julius. Ganz recht— „Dagegen wißt ihr, daß ich ſchonen kann⸗— Julius ab mit Alinen, in ihr Zimmer. Charlotte. Eiei, ſo findet ſich ja auch ein Tete⸗a⸗Tete fuͤr uns! Und nach einem vollen Vierteljahr das erſte—: die ſollen ge⸗ faͤhrlich ſeyn. Guſtav. Wer an dem lieben Gegentheil ſchon alles verloren hat, wie ich— fuͤr den nicht mehr. Charlotte. Man hoͤre! Wer an... alles verloren... nicht mehr.. Paſſirt! wird in Gnaden angenommen! Guſtav. Sie parodiren mich— Charlotte. Nein, mein Herr, das thun Sie ſelbſt, indem Sie Ihre Artigkeiten mit ſo ernſtem Ton und ſo herber Miene ſagen.— O wenn Sie nur erſt dies ſauere Weſen los waͤren— 37 Guſt av. Drum will ich— Suͤßes nehmen— Umfaßt ſie leicht. Charlotte mocht ſich 1os. So! gleich neh⸗ men! nur nehmen! Man ſieht nicht nur, man hoͤrt auch, weſſen Uniform Sie tragen. ernſt⸗ hafrer werdend. Und ſelbſt hierbei verlaͤßt Ihr heutger Ernſt Sie nicht ganz. Nun, ich will den Reſpekt faſſen lernen, den ihr Maͤnner dafuͤr verlangt; ich will auch zugeſtehn, daß es fuͤr ein ſo leichtfuͤßtges Geſchoͤpf, wie ich, erſprießlich ſeyn mag, Jemand zu haben, vor dem es ſich ein Bischen fuͤrchten muß: aber ich muß nur auch uͤberzeugt bleiben können— feſt uͤberzeugt.... Guſtav. Wovon, liebſte Charlotte? Charlotte. Nun, eben davon, daß ich noch Ihre liebſte Charlotte ſei! Guſtav. Ja ja! das ſind Sie! das werden Sie bleiben! nimmer, nimmermehr kann ſich das aͤndern! Charlotte an ihm herauf lächelnd. Nun, ſo laſſ' ich mir's gefallen! auch wenn Sie— faſt haͤtt' ich brummen geſagt! Guſtav. Beſtes Lottchen, es mag ſeyn, 38— daß ich heute ſehr ungeſchickt erſcheine: aber wahrlich, es iſt einzig mein uͤbles Verhaͤltniß zum Vormund Schuld. Einen wackern Mann taͤuſchen helfen— das verwirret, das ver⸗ ſtimmt mich.. Charlotte. Zu unſer aller, und auch zu ſeinem Beſten? Guſtav. Daß man doch immer den gera⸗ deſten Weg durch die Welt gehen koͤnnte! Charlotte. Ja, dann muͤßte er nicht ſo in Grund und Boden zerfahren ſeyn! So aber hilft's nichts: will man vorwaͤrts, muß man zuweilen in einen Seitenpfad einbeugen— verſteht ſich, in einen, der nicht verpoͤnt iſt! Guſtav ſieht ſie lächelnd und kopfſchüttelnd an. In⸗ deſſen tritt Waller in die Mittelthür. Man bemerkt, daß er unzufrieden iſt, dieſe Perſonen zu finden. Er tritt zu⸗ 3 rück, läßt ſich aber von Zeit zu Zeit, lebhaft theilneh⸗ mend, erblicken. Guſtav. Ich bleibe doch der Meinung, wenn wir Ihrem wackern Vormunde fruͤher alles entdeckt haͤtten; wenn wir bemuͤhet ge⸗ weſen waͤren, ihn auf rechtlichem Wege fuͤr unſre Liebe zu gewinnen... 89 Charlotte. So hatte er geſchwind ſeine alten Projekte verworfen— nicht wahr? haͤtte geſchwind zu unſrer Verbindung ja geſagt— nicht wahr? Guſtav. Geſchwind oder nicht geſchwind: endlich doch wol! Charlotte. Wie wenig doch die Maͤnner ihr eignes Geſchlecht kennen! Darum ſchreiben ſie auch immer nur uͤber uns, nicht uͤber ſich! Guſtav. Er iſt ſelbſt ein redlicher Mann: er wuͤrde auch in mir den redlichen Mann erkannt haben... Charlotte geht unwillig vor. Guſtav folgt ihr nach einer Weile. Indeſſen: Waller leiſe. Auch ſie?— Gott ſei Dank, daß ſie noch in ſolche Haͤnde gefallen iſt:— Guſtav. Sie ſind unwillig, Charlotte? Charlotte. Endlich muß man's wol werden. Sie ſind heute ſo kalt, ſo krittlich, ſo uͤberdelikat— Guſtav. Sie thun mir Unrecht. Be⸗ denken Sie doch die Verhaͤltniſſe, in denen ich Sie hier treffe, und die ich ja ſchonen ſoll— 40 Charlotte. Verhaͤltniſſe, und immer wieder Verhaͤltniſſe! Jetzt ſind wir allein, und da gehen uns aller Welt Verhaͤltniſſe nichts an. Jetzt bin ich Ihre Lotte, und nichts weiter— Waller tritt heftig bervor, bekämpft aber ſeine Em⸗ ofindungen. Waller. Ha!—— Mein Herr— mein Herr Hauptmann— Guſtav. Ich hatte gewuͤnſcht, Ihnen aufzuwarten— Charlotte ver ſich. Er wird doch nichts gehoͤrt haben? Waller. Verzeihen Sie— Geſchaͤfte— — Ich hatte meinem Neffen aufgetragen, Ih⸗ nen Geſellſchaft zu leiſten; er hat ſeine Schul⸗ digkeit verabſaͤumt?— Guſtav. Er begleitete uns mit meiner Schweſter hieher— Charlotte lauernd. Und gab dann den Auftrag weiter an mich, lieber Onkel— Waller. Eutſchuldigen Sie ja... Guſtav. O mein Herr, wenn Sie mich ſo ceremonioͤs aufnehmen: wie ſoll ich meinen Ueberfall entſchuldigen? Ich hatte ſo lange 4¹ gewuͤnſcht, Ihre treffliche Einrichtung zu be⸗ wundern, von der die ganze Gegend ſpricht— Waller. Sehr verbunden— Guſtav. Und da nun jetzt die Gegenwart meiner Schweſter, fuͤr welche ich um Ihre Gewogenheit bitte... Waller. O— das iſt ein ſo liebes, treffliches Maͤdchen, daß— daß man ihr nicht widerſtehen kann. Aber wo iſt denn mein Neffe? Charlotte. Er hatte Alinen etwas zu ſagen, womit er ſehr wichtig und geheimnißvoll that— Waller. Etwas So?— So!— Nun dann hab' ich die Ehre, Herr Haupt⸗ mann, wenn Sie meine kleine Einrichtung kennen lernen wollen— Charlotte. Wollen Sie mich nicht mit⸗ nehmen? Waller. Mein Kind— der Herr iſt Offizier: er wird vorerſt meine Pferde ſehn wollen. Dabei haͤtteſt du Langeweile.— Iſt's gefaͤllig? Ab mit Guſtav. Charlotte auein. Wie iſt mir denn? 4² Sollte er wirklich etwas gehoͤrt haben? Faſt ſchien mir's ſo; und doch war mehr Verle⸗ genheit, als Zorn in ſeinem Benehmen, und gegen Guſtav blieb er ſo zuvorkommend—— Julius kömmt aus Alinens Zimmer. Julius. Fort? zurück. Aline! Aline kömmt. Aline haſtia. Lottchen, liebes Lottchen, was hab' ich ſo eben gehoͤrt— Charlotte. Was denn? Julius. Der Onkel... Aline. Ja ja, der Onkel... Charlotte. Was hat er denn? Julius. Er hat... Aline. Freilich, er hat... Sag's ihr doch, Julius!. Julius. Kurz und gut: er hat ſich— Aline. Denke dir: er hat ſich... Charlotte. Was denn? Julius. In ſie verliebt! Charlotte. Verliebt? in ſie? Aline. Ach, und wie! Julius. Er wirbt um ſie— Aline. Wirbt! wirbt ordentlich! Charlotte. Du Heidenbekehrerin! 4³ Julius. Wirbt durch mich! Aline. Denke: durch ihn! Charlotte. Gut addreſſirt! Aline. Und du— ſo gleichguͤltig? Charlotte. Hm, ein Korb iſt'was Unſchuldigs! Aline. Pfui, ſchaͤme dich— Charlotte. Er mag ſich ſchaͤmen, daß er den Neffen ſo druͤckte, weil er ſich in dich vergukt hatte, und es nun ſelbſt nicht beſſer macht. Aline. Rachſuͤchtige! Julius. Ja, Kinder, nun iſt der Faden doppelt verſchlungen— Charlotte. Ich fuͤrchte gar dreifach— Aline. Wie ſo?— Charlotte. Er uͤberraſchte mich mit Guſtav— Aline. Himmel! Charlotte. Blos im Geſpraͤch, und im ziemlich kuͤhlen— Julius. Und was ſagt' er? Charlotte. Ohngefaͤhr nichts. Julius. Aſſo nichts bemerkt? Charlotte. Ich fuͤrchte doch— Aline. Nun?— Charlotte. Er grollte und ſchmollte— Julius. Das geht voruͤber— Aline. Und gegen Guſtav? Charlotte. O da blieb er, wer weiß wie artig und gefaͤllig! Ha, das wird mir jetzt erſt klar— Aline. Wie denn? Charlotte. Nun, aus ſeinen Abſichten auf dich! Gegen den kuͤnftigen Vertrauten, gegen den, der, geliebt's dem Himmel, Va⸗ tersſtelle vertreten und die Segenshand aus⸗ ſtrecken ſoll— gegen den mußte er ſich frei⸗ lich zuſammennehmen. So bekoͤmmt's Zuſam⸗ menhang— Julius. Da ſteht ſie, und erklaͤrt, ſtatt zu handeln— Charlotte. Freilich, das iſt ſonſt nur Maͤnnerart! Hoͤrt, wißt ihr'was, ihr Herrn? bitsher habt ihr uns ſchlecht unterſtuͤtzt; nun koͤnnt ihr anfangen! Ich huͤlle mich in meine Unſchuld. Julins. Die wird nicht viel bedecken. 4 3 43 Aber es mag ſeyn! machen Sie nur wieder gut, was ſie verdorben haben. Charlotte. Was denn? Julius. Sie uͤbertreiben alles: damit haben Sie den Onkel gegen uns alle gereizt. Schaffen Sie nur erſt, daß er wieder uͤber⸗ haupt freundlich wird! Charlotte. Wenn's weiter nichts iſt! Aline. Ja, thu' das! thu' das! Charlotte. Das mach' ich wol! Am Fenſter. Spricht zurück. Sie laſſen ſich Pferde vorreiten. Seffnet. Spricht hinaus. O praͤchtig! praͤchtig! Was haben Sie fuͤr einen goͤttlichen Fuchs, Onkelchen! der tanzt ja ordentlich! und wie er die Fuͤßchen ſetzt, die niedlichen Fuͤßchen! Waller von außem. Was verſtehſt du davon! Julius und Aline lachen. Charlotte zurück. Geduld! kein Baum faͤllt auf den erſten Schlag! Hinans. O, laſſen Sie ihn noch einmal dort herum kommen! bitte, bitte! Waller von außem, klatſcht in die Hände⸗ Wie meinſt du denn? 46— Charlotte. Ich meine... Zurück. Ich weiß ſelbſt nicht was! Aber er ſieht ſchon freundlich. Hinaus. Rechts! ſol herrlich! Und nun recht anſpringen! o ja, beſter Onkel! Waller von außem, klatſcht wieder. Und im⸗ mer kurz! immer preſſirt, und doch ruhig! ſiehſt du? EAen Charlotte. Freilich! o da komm' ich lieber hinunter! Schließt das Fenſter ſchnell. Zurück. Nun vollend' ich, und bedeute dann Guſtav'n! Ab. Julius. Wie das nur lebt in der Ver⸗ wirrung und Intrigue! Waͤr' ihr Herz nicht ſo gut, es waͤr' kein Auskommen mit ihr. Aline. Geichwol, liebſter Mann, wuͤßt' ich nicht, was ich drum gaͤbe, wenn alle dieſe kuͤnſtliche Spannung aufhoͤrte— Julius. Auch mir wird's laͤſtig. Der Onkel fuͤhlt jetzt gewiß, daß dies Weſen mich nur ungluͤcklich haͤtte machen koͤnnen— fuͤhlt's vielleicht tief, wenn er's auch nicht geſtehen mag. Er billigt meine Geſinnungen uͤber die Wahl einer Gattin, uͤber Vermoͤgen und andere 1 —* 42 Verhaͤltniſe— er hat mich vorhin deshalb ſelbſt ins Geſicht geruͤhmt— Aline. Ja, im Allgemeinen billigt man ſo etwas: wenn nun aber der Fall im Einzelnen wirklich eintritt, ſo haͤlt's doch wol ſchwer! Julius. Im Anfang: doch findet ſich's bei wahrhaft Vernuͤnftigen bald, wenn man nur den erſten Eindruck des wirklichen Falls recht huͤbſch vorbereiten, recht ſaͤuberlich mil⸗ dern kann— Aline. Sieh, das iſt's eben, was ich meine—- Julius. Nun, das macht ihr Weiber tauſendmal beſſer, als wir; und beſonders ihr ſanften Heimchen, wenn ihr ſo ganz aus der Ferne, ganz allmaͤhlig, krumm herum und leiſe herangeſchlichen kommt, und dann ploͤtzlich mit einer Wendung ſtill ſteht, daß wir erſchrocken nun erſt bemerken, ihr habt uns ſo weit ge⸗ lockt, daß wir nicht mehr mit Ehren zuruͤck⸗ koͤnnen! Aline. Maͤnnchen, Maͤnnchen: mache mich nicht ſelbſt auf unbewußte Talente aufmerkſam! — 445 Julius. Immerhin! Ich vertraue deiner Geſinnung! vertraue deinem Charakter! Das muß ja ohnehin jetzt jeder Mann, der es wagt, ein liebenswuͤrdiges Weib von Geiſt und Bil⸗ dung zu heirathen! Aline innig. Und nie— nie, beſter Ju⸗ lius, ſollſt du dies Vertrauen bereuen! küßt ihn. Julius. Du machſt mich weich, Lieb⸗ chen: das koͤnnen wir aber leider jetzt nicht brauchen— Aline. Ganz recht. Es war von einer guten Wendung die Rede... Julius. Die du erſinnen ſollteſt— Aline. Ja ja. Alſo... Hm, du haſt mich doch auch ein wenig irre gemacht. Da, dorthin, dorthin tritt; und komm mir nicht naͤher, bis ich's habe! hoͤrſt du? Julius. Nun, da ſteh' ich!— 4 Aline geht nachſinnend vor. Nach einer Weile ſetzt * ſie ſich und ſtützt den Kopf. Indeſſen iſt Waller leiſe hereingetreten. Waller bei Seite. Jetzt kann ich ſelbſt beobachten, wie er meinen Auftrag ausrichtet. Julius. Nur recht nett und artig! * —— 49 Aline. Bſt! bſt!—— Julius kömmt ein wenig näher. Wie, wenn man der Sache einen Anſtrich vom Komiſchen gaͤbe? jedoch ohne den guten Mann zu ver⸗ wunden! Damit ſchluͤpft man am beſten durch! Waller wie oben. Was? Aline. Wenn nur nicht dann Charlotte... Julius kömmt wieder ein wenig näher. Ach was Charlotte! Die laſſen wir vor der Hand ganz aus dem Spiel! Sie mag ſich auch helfen, wie ſie kann! Und ſie thut's auch! Waller wie oben. Wie ſoll ich das ver⸗ ſtehen? 85 ulius gebt nun langſam ganz zu Alinen, nimmt, verliebt über ſie hingebeugt, ihre Hand. Wie allerliebſt ſie daſitzt! und das niedliche Koͤpfchen ſtuͤtzt! — Ach ein junger Ehemann iſt doch ein ſchwa⸗ ches Werkzeug! Aline. Bſt! bſt! Julius tändelt mit ihrer Hand. Es iſt mir ſo wunderlich— Aline. Still, lieber Julius! ſtill! Julius. Das iſt leicht geſagt. Pauſe. Unterdeſſen: Selene II. 3. H. 4 50 Waller wie oben. Nein, das heißt doch wahrlich nicht, eines Andern Sache betreiben! Aline ſteht auf. Ich glaube, ich hab's! So oder ſo! gut! Aber mein armer Bruder... Julius nach dem Fenſter blickend. Nun ſo gar arm ſcheint er noch nicht. Dort ſteht er mit Charlotten, und ſie haben ein Weſen—! Sie ſehen ganz darnach aus, als ſchloͤſſen ſie eben jetzt auch einen Friedensvertrag ab— Waller wie oben. Wie? Abſcheulich! Julius will Alinen umfaſſen, indem tritt Waller heftig hervor. Jene prallen auseinander. Waller. Wie? Neffe? pflichtvergeßner Menſch! Nein, das iſt unerhoͤrt! Julius. Sie waren hier, Onkel? Waller. So benutzeſt du mein Zutraun? auf ſolche Wege verlockſt du die Unſchuld? Vor drei Tagen verheirathet, und nun... Es iſt entſetzlich! Julius. Nein, nein, beſter Onkel! das iſt's nicht! Hoͤren Sie nur.... Waller. Nichhtts will ich hoͤren! nichts! gar nichts! Julius. Nur einen Augenblick— — 31 Waller. Es iſt vorbei. Jetzt geh' nur! geh', ſag' ich! Julius. Nur ein Wort— Waller. Durchaus nicht. Du entfernſt dich, oder ich thu' es! Julius. Nun, wenn Sie darauf be⸗ ſtehen—! Im Gehen, leiſe. Jetzt Aline—! Ab. Waller geht aufgebracht herum; Aline ſteht mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen, wie ſehr betrübt, verfolgt ihn jedoch mit den Blicken. Er ſiehet einigemal flüchtig nach ihr; ſie wartet, bis er das Auge etwas länger auf ihr haften läßt. Aline. Guter, beſter, theuerſter... Waller. Ach was—— Sie auch! Sie auch! O die heutge Welt! Aline. Was denn— was hab' ich denn gethan? Waller. Eine ſeltſame Frage! Aline. Ich weiß ſie nun einmal nicht beſſer. Haben Sie Geduld mit mir, und geben Sie mir eine deſto buͤndigere Antwort. Waller. Mein Gott... Wenn ich nun auch vermuthe, wenn ich glaube, wenn ich vorausſetze ſogar, daß Sie dieſen Unbe⸗ 52— ſonnenen nicht haben gewinnen wollen, daß Sie die Folgen nicht uͤberſehen... Nein, es bleibt doch unverzeihlich! Aline. Bei Ihnen? Nein, nein! Waller. Das wiſſen Sie ſo gewiß? Aline. Ja, das weiß ich gewiß. Waller. O Mademoiſelle—! Sie ver⸗ trauen der Anmuth Ihres ganzen Weſens, der Unſchuld Ihres Benehmens, dem milden Ton Ihrer Schmeichelrede— o, ich verſtehe! Aline. Ich vertraue der guten Sache. Waller. Der guten Sache? Aline. Und Ihrem Herzen— Waller. Ha, mein Herz— mein Herz—: von dem iſt gar die Rede nicht. Das weiß ich wol. Aline nimmt ſeine Hand und dlickt ihn bittend an. Nun ja doch— Laſſen Sie mich nur— Aline. Ich bin ſehr betruͤbt— Waller. O das... Aline. Daß Sie zuͤrnen— Waller. Kleinigkeit fuͤr Sie! Aline. Und ich vielleicht mit daran Schuld bin— 3* — 53 Waller. Sie werden ſich leicht wieder erheitern! Aline. Nein nein, nicht eher, gewiß nicht eher, bis Sie mich wieder— erſt nur ein wenig freundlich anblicken! Pauſe. Waller. Und wenn ich's nun thue? Er blickt ſie halb von der Seite an. Sie beugt ſich vor in ſeinen Blick. Aline. Sieht eine Verbrecherin ſo aus? ja? Er ſiehet ſie jetzt etwas länger und freundlicher an, ſie küßt ſchnell und freudig ſeine Hand. Waller. O was thun Sie!—— Frei⸗ lich iſt mir nicht entgangen, daß Sie die Zu⸗ dringlichkeiten jenes Leichtſinnigen nur ertrugen; wahrſcheinlich haben Sie daruͤber nie ernſtlich reflektirt: aber der zarte Takt ſolch einer jung⸗ fraͤulichen Seele haͤtte Ihnen doch zeigen muͤſ⸗ ſen— ach, und hat Ihnen auch gezeigt— Aline. Was denn? was denn? Waller. So ſoll ich's denn mit duͤrren Worten herausſagen? Daß Jultus Sie liebt! Aline.— Er hat es auch geſagt, dieſer Takt!. 54 Waller. Daß Julius Sie liebt? Aline. Schon laͤngſt geliebt hat. Waller. Wie? was? Aline. Hat es der gute Julius Ihnen doch ſelbſt ſo oft geſtanden— Waller. Mir? wann? wie? wo? Nim⸗ mermehr! Aline. Ich war das Maͤdchen, von dem er Ihnen ſo vieles ſchrieb, ſeit Sie ſo ſtreng auf ſeine Verbindung mit Charlotten drangen. Waller. Sie? Sie waren...? Nun freilich—! Pauſe. Aber, das iſt vorbei! mußte laͤngſt ganz vorbei ſeyn! Sagen Sie mir nichts; es iſt doch— verſtehn Sie mich — es bleibt doch ganz ein ander Ding, ſolch eine jugendliche Zuneigung, wobei am Ende doch nur Phantaſie und Eigenſinn die Haupt⸗ rollen ſpielen, und eine Liebe— ſehen Sie, gute Altne— eine Liebe— kurz, eine Liebe, wie ſie ſeyn ſoll, um ein gutes Eheband zu knuͤpfen. Jene hatt' er fuͤr Sie: nun gut! gut! ich will es ſogar geſtehn, daß ich ihn darum nicht tadle— o nein, gar nicht tadle! aber jetzt— jetzt... aA. 55⁵ Aline. Und dieſe Liebe, wie ſie ſeyn ſollte, finden Sie zwiſchen ihm und Charlotten? Waller. Ich— glaube. Und was ja noch nicht iſt, macht ſich! Aline. Wirklich?— Erinnern Sie ſich, wie er Ihnen neulich erſt ſo dringend ſchrieb: Ich bin leichtſinnig, fluͤchtig und unbeſonnen; ich gebe mich viel zu ſehr an Andere hin— Waller. Das iſt wahr. Da hatte er Recht. Aline. Charlotte iſt gerade das auch, und iſt's noch mehr als ich, ſchrieb er— Waller. Man wird anders— Aline. Ihr Mann, ſchrieb er, muß ernſt, muß feſt ſeyn; meine Frau dagegen beobachtend, ſorgſam, nachſichtig, wenn wir beide... 3 8 Waller. Man kann das nicht geradezu verwerfen: wozu aber dergleichen Dinge muͤh⸗ ſam aufſuchen? Nan ſindet freilich, wenn⸗ man ſo krittlich ſucht! o was faͤnde man da nicht! Laſſen Sie das gut ſeyn. Giebt's in ſolchen Verbindungen etwas— nicht ganz Paſ⸗ ſendes: es iſt einmal da, und die Nothwen⸗ 56 digkeit gebietet, ſich zu fuͤgen. Das thut man denn auch— thut's anfaͤnglich, nach Tempe⸗ rament, mit heimlichen Thraͤnen oder mit lau⸗ tem Unwillen; aber— man thut's! und nach einiger Zeit verſiegen die Thraͤnen, verſchwindet der Unwille: man richtet ſich ein und hat ſich wohl. Nur, verſteht ſich, geſittete Menſchen vorausgeſetzt! und— vergeſſen Sie nicht— keine Stoͤrungen gewiſſer Art duͤrfen zugelaſſen werden! Aline. Und wenn nun Charlotte eben⸗ falls eine andere Neigung gefaßt haͤtte? Waller. Liebſte Freundin, ſo waͤr' es mit ihr offenbar daſſelbe, und gaͤlte folglich daſſelbe. Man muß denn doch auch dergleichen Dinge nicht allzuſchwer, nicht ſo truͤb' und duͤſter nehmen! Aline vor ſich. Jetzt draͤngt er mich ſelbſt auf den andern Weg. Es ſei! Waller vor ſich. Das gute Kind iſt nur noch ein wenig wund. Eben das, denk' ich, iſt eine gute Zeit fuͤr andere Abſichten. Lant. Ja ja, meine liebenswuͤrdige Freundin, wir a 57 find da in ein faſt gar zu ernſthaftes Zerglie⸗ dern gerathen— Aline. Einmal mußte doch die Sache durchgeſprochen ſeyn— Waller. Richtig; jetzt iſt das geſchehen, und jetzt von etwas anderm!— Aline. Es wird nun das Beſte ſeyn, daß ich meinen Bruder dieſen Vormittag be⸗ gleite— Waller. Wie? Sie wollten uns verlaſ⸗ ſen? ſo ſchnell verlaſſen? Ei bewahre—! Aline. Sie ſehen ſelbſt... Waller. Nichts, liebſtes Kind, gar nichts ſehe ich, als daß Ihr Bleiben, wenn wir uns nur erſt ſaͤmmtlich einander verſtehen, uns allen Freude, Ihr Weggehen uns allen Schmerz bringen wird. Und daß wir uns verſtehen: dafuͤr laſſen Sie mich ſorgen. Ich ſpreche mit allen, ſpreche ernſtlich, mit gehoͤ⸗ riger Wuͤrde; ich fuͤhre alle in ihre Schranken zuruͤck: alle werden's begreifen, alle werden mir Recht geben.— Aber ich fuͤrchte, es gefaͤllt Ihnen nicht bei uns— JIulins ſſt bei den letzten Worten hereingeſchlichen; 58 Aline winkt ihm. Er läßt leiſe Charlotten und Gu⸗ ſtao herein. Alle drei bleiben im Hintergrunde. Aline. Mir gefaͤllt's ſo ſehr! ich bliebe ſo gern! Waller. Schmeichlerin! huͤten Sie ſich, daß ich's nicht glaube. Aline. Wie ſoll ich Sie uͤberzeugen? Waller. Aufs einfachſte: dadurch, daß Sie bleiben. Aline. Bedenken Sie doch... Waller. Was denn, Liebſte? Aline. Bißsher ließ ich mich in meiner Unbefangenheit gehen; ich wußte, daß ich nichts Unrechtes that— 4 F Waller. Nun ja doch! machen Sie es nur wieder ſo— das einzige bewußte Ver⸗ haͤltniß abgerechnet! 4 4 Aline. Ich bin nun aͤngſtlich— durch Sie! Waller. Nur aufmerkſam ſollen Sie ſeyn! Aline. Doch iſt's nun ſo! Waller. Nun ſo vertrauen Sie ſich ganz mir an; laſſen Sie mich— oder noch * 59 weit ſchoͤner, laſſen Sie uns beide gemein⸗ ſchaftlich vollends alles ausgleichen, alles leiten — zum beſten Ziele leiten! Aline. Ich wuͤnſchte wol— Waller. O wenn Sie wirklich wuͤn⸗ ſchen—! Erſchrecken Sie nur nicht! ich treibe, ich draͤnge ja nicht! Ich ſage nichts, als: zum beſten Ziele!— Nun, ſehen Sie mich nur nicht ſo wunderlich an: ich ſchweige ja— ja ja, ich ſchweige—— Soll ich, muß ich ſchweigen? wirklich? Nur Zutraun! offenes, freudiges Zutraun! Zum beſten Ziele! Aline. Ja, jetzt ſag' ich's Ihnen zu, dies offene, freudige Zutraun! von Herzen! Waller. Wahrhaftig? die Hand drauf? F Aline. Da, da! Waller. O Dank— Die liebe, ſchoͤne Hand!— Und— weiter nichts? Zum be⸗ ſten Ziele! Aline. Ei was denn weiter? Waller. Nicht einmal— einen einzigen Freundſchaftskuß zum Siegel des freudigen Zutrauns? 60— Aline plötllich in heller Freude an ſeinem Halſe. Hundert, hundert fuͤr einen! mein Freund! mein Vertrauter! mein Vater! Waller. Wie? Sie vergreifen ſich im Ausdruck— Aline. Mein liebevoller Vater... Waller. Sie wollen damit ſagen... Aline. Zum beſten Ziele! Ja ja, das will ich eben ſagen, daß dies Ziel ſchon erreicht iſt! fuͤr uns alle erreicht! Und dies freie Ge⸗ ſtaͤndniß iſt eben auch der erſte Beweis des verlangten freudigen Zutrauens! Waller. Sagen Sie mir nur... Die Andern nähern ſich ihm behutſam. Er erblickt ſie.* Waller. Wuͤnſcht ihr'was? Aline. Ihren Segen wuͤnſchen ſie, wuͤn⸗ ſche ich— Ihren Segen hier fuͤr meinen Ge⸗ mal! Führt Julius vor auf die eine Seite. Ihren Segen fuͤr dies gute Maͤdchen und ihren Ge⸗ liebten! Charlotte führt Guſtav auf die andere. Waller. Wie— Ha, ſo—! ſo!— Alle vier durch einander. Ja ja! Ihre Nachſicht! Ihre Verzeihung! Ihren Segen! Waller iſt unterdeſſen ſehr verlegen ganz vorge⸗ 61 gangen. Vor ſich. Sie haben mich uͤberliſtet. Die Welt iſt verderbt: nur Klugheit und Anſtand gerettet! Er blickt ernſt und feierlich um ſich her. Die Andern kommen ihm näher. Alle vier, wie vorhin. O zuͤrnen Sie nicht! Verzeihung! Verzeihung! Waller tritt mit pathetiſchem Anſtand zurück, zwiſchen beide Paare. So hab' ich euch endlich da, wo ich euch laͤngſt haben wollte? Erkennet ihr, fuͤhlt ihr endlich, wie ihr mir gleich haͤttet nahen muͤſſen? Jene vier ſehen einander erſchrocken und rathend an. Waller fixirt ſie, und fährt dann in noch höherm Tone fort. Seid ihr reuig durchdrungen von dem Veraͤchtlichen und auch von dem Vergeblichen eurer Verſuche, ruhigen Verſtand und lange Welterfahrung taͤuſchen zu wollen? Sag', thoͤrichte Jugend, haſt du dir wirklich einge⸗ bildet, du ſpieleſt mit mir, waͤhrend ich mit dir ſpielte? Alle vier, wie vorhin. Wie? Onkel? Nicht moͤglich! Sie wußten—! Waller. Wer ſagte: nicht moͤglich? wer zweifelte, ob ich alles wußte? Da, leſet die Berichte meines Korreſpondenten aus der Stadt — Se 62 ſelbſt— da!— Wo hab' ich ſie doch?— Nun, gleichviel! Charlotte leiſe zu den Andern. Kinder, habt Glauben, ich bitt' euch! Laut. Nein, beſter Onkel, ſo muß noch Niemand abgefuͤhrt wor⸗ den ſeyn, wie wir! Ich fuͤr mein Theil thue von nun an lebenslang auf Witz Verzicht, wenn es gegen Sie geht— 3 Waller. Dann wirſt du wohl thun! Julius. Ich bin ſo verwirret— Aline. Ich auch— Guſtav. Ich auch— Waller. Schon gut, ſag' ich! Gern ſchenk' ich einem jeden von euch, was er weit leichter erhalten haben wuͤrde, wenn er gleich ſeine Schuldigkeit beobachtet haͤtte. Daß ich gegen deine Liebe war, Neffe, ehe ich ihren Gegenſtand kannte; daß ich euch alle nach Ver⸗ moͤgen pruͤfen mußte, verſteht ſich. Doch wir wollen uns da nicht in lange Eroͤrterungen einlaſſen. Ich ſage nichts weiter, als: ich ſchenke einem jeden mit freiem Wohlwollen, was er mit unartiger Liſt erſchleichen wolle. Fuͤhlt's! beſſert euch!— — 63 Alle vier, wie vorhin. Dank! Dank! Edler, großmuͤthiger— großmuͤthiger— groß⸗ muͤthiger Mann! Die Frauenzimmer faſſen und küſſen ſeine Hände. Er läßt ihnen dieſe, ohne ſie anzuſehn, tritt ſo möglichſt vor, und ſagt vor ſich hin: Waller leiſe. Großmuͤthig! weil ich weg⸗ ſchenke, was mir nicht gehoͤrt!— Der Vorhang fällt. Der Abend kam, zur Fruͤhlingsflur Rief mich die Stimme der Natur; Mit ihrer Wonn’' und ihrem Schmerz Sank mir die Wehmuth an das Herz. Mein Auge ſah die Blumen bluͤhn; Da rief ſie laut: dahin! dahin! Ach nimmer weckt der Sonne Lauf Die Blumen, die dir welkten, auf! Es war ſo ſtill, im Haine rief Die Nachtigall ſo bang' und tief; Vom Mondlicht zauberiſch erhellt, Zerrann das Bild der Fruͤhlingswelt. Die Nacht ſchloß ihre Pforten auf; Ich ſah der goldnen Sterne Lauf, Und auf dem mondbeglaͤnzten Plan Des Lebens dunkle Bilder nahn. — Mit niegehoͤrten Melodien Sah ich ſie durch die Fernen ziehn, Und meine Seele horchte bang Auf den verhallenden Geſang: Das Sonnenantlitz ſchauſt du nicht, Doch ſchwimmt die Flur in ſeinem Licht; Ob dir ihr Auge ſchon nicht lacht, Reicht doch ihr Strahl in deine Nacht. Die Sterne ruhn voll Glanz und Luſt An ihrer Himmelsaͤtherbruſt, Und laͤcheln um den Schlaf der Zeit Die Traͤume der Unſterblichkeit. Die Freude gruͤßt der bittre Schmerz, Der Tod zerbricht das dunkle Herz; Die Knoſpe ſpringt, die Blum iſt frei, Der Winter flieht, es kommt der Mai. Blick auf! blick auf! das Bluͤmchen thaut, Der Morgen koͤmmt zu ſeiner Braut; Die Quelle rauſcht, die Bluͤthe ſpricht: Geh heim, geh heim und weine nicht!— Petrik. — Selene II. 3. H. 5 Mein Wunſch. Sollt' ich ein Gluck von den Göͤttern erflehn: nicht ſchimmernden Reichthum baͤt ich und blendendes Ruhms herzenbethoͤ⸗ renden Glanz: nicht ahnherrliches Throns weit reichende, ſichere Herrſchaft, noch allſiegendes Arms voͤlkerbezwingende Macht. Schoͤn iſt jedes und fuͤhret zum Gluͤck auf ſicherer Straße; aber ich bitte das Gluͤck, nicht zu dem Gluͤcke die Bahn. Gebt mir, Goͤtter, die liebliche Luſt herzin⸗ niger Liebe, erſt mit des Lebens Licht loͤſche die liebende lut; neu ſtets bleibe dem Maͤdchen der Kuß, wie an erſter Umarmung himmliſchem Tag, ſtets hold lächle die Liebliche mir. — 67 Dann, ihr Goͤtter, gewaͤhret die Sorgen des Ruhms und des Reichthums Wem es gefaͤllt; mir ward ohne die Sorge das Gluͤck. A. Dichterleben. [ꝭ— Ich lag im Graſe, bei dem leiſen Schwirren Der Maienluft in friſchbelaubten Zweigen. RNings um mich her war menſchenleeres Schweigen, Doch tönt' aus jungem Gruͤn der Voͤgel Girren. Ich dacht' an meiner Jugend holdes Irren, Sah' kuͤnft'ge Wonnen zu mir niederſteigen, Dann ſah ich beide ſich zuſammenneigen, Und ſanft verſchmelzend, lieblich ſich verwirren. 68—— So ſchlief ich ein— es war der ſuͤße Schlummer Ein geiſtiges, ein ſinnig ſtilles Schweben Durch der? Vergangenheit und Zukunft Raͤume; Dann wacht; ich auf, und traͤumte ſonder Kummer NRoch weiter fort— und ſo verfließt mein Leben— Traum iſt mein Wachen, wach ſind meine Traͤume. Dichterſinn. — Ich bin ſo leicht, ſo lebensfroh, ſo heiter, Als waͤr ich erſt der Mutter S chooß entſprungen⸗ Was ich gelebt, gelitten und gerungen, Verſchwunden iſt's, und froͤhlich ſtreb' ich weiter. Ich fuͤhle Kraft und Muth— ſei Er mein Leiter! Iſt manches nicht dem Juͤngling ſchon ge⸗ 1 lungen? Und jeder Feind, den meine Kraft bezwungen, Er ſtaͤhlt zu neuem Sieg den tapfern Streiter. * 69 Ihr fragt, wohin mein Lauf mich fuͤhren werde? Was küͤmmert's mich!— Strebt nicht nach dunkeln Fernen, Was lebt und webt, ein ſchoͤnes Ziel zu finden? Ihr alle wohnet ruhig auf der Erde, Und doch wohin ſie ſtrebt mit andern Sternen, Sprecht, wer vermag es jemals zu ergruͤnden? * Menſchenleben. Es ſcheinet lieblich von des Berges Hoͤhe Der ſchatt'ge Pfad im Thal mit ſeinen Kruͤmmen; Doch unten ſcheint es ſuͤß, empor zu klimmen, Daß man den Himmel noch weit um ſich ſehe. Wir ſteigen auf und ab— Doch in der Naͤhe Entflieht der Reiz, und wie Sirenenſtimmen Scheint's fernher durch die blaue Luft zu ſchwimmen— Man eilt, daß man des Lautes Quell erſpaͤhe. 70 Er lockt uns fort, durch Wald und Feld und Auen, Durch öde Steppen dann und dunkle Gruͤnde, Mit Felſen, wo nur karge Graͤſer ſproſſen. Und hier verhallt der Ruf— wir ſehn mit 4 — Grauen, Daß ſchnell mit ihm des Lebens Reiz ver⸗ ſchwinde, Und ſehn uns gern vom dunkeln Grab um⸗ 1 ſchloſſen.„ Streckfuß. —— haͤlt mich zuruͤck: jene ſchwere Mattigkeit, die Fortſetzung⸗ Laͤta Annicia an Demetrias. Es war das Klopfen meiner Seſſeltraͤger, was dich aus jenen unſeligen Traͤumen auf⸗ ſchreckte, bei denen ich dich Ohnmaͤchtige fand. Deine Dirnen werden dir geſagt haben, daß ich, ſelbſt krank vor Kummer und Entſetzen, dich erſt gegen den Morgen verließ. Du ſchlummerteſt ruhig, du wirſt heiter erwachen! Coͤnis wird mir gute Nachricht von meiner Geliebten zuruͤckbringen, und bald bin ich bei dir! Serena an Laͤta Gratiana. Ich hatte verſprochen, dich, meine muͤtter⸗ liche Freundin, zu beſuchen; aber Krankheit —— ——— — 22 mich in dem maͤßigen Alter von dreißig Jahren oft zum ſchwebenden Schatten macht! O Gra⸗ tiana, waͤren die Feſſeln, die dir hoͤheres Alter anlegt, nur heute leicht genug, dich zu mir tragen zu laſſen! Deine holde Annicia Laͤta hat ſich heute gegen die Nacht bei mir anſagen laſſen, mit ihr unſere liebe Schwaͤrmerin De⸗ metrias! 1 Komm auch du, liebenswuͤrdigſte der Ma⸗ tronen! die hoͤhere Weisheit, die deine Huld umſtrahlt, wird den Leichtſinn jenes Kindes, die üͤberirdiſchen Fluͤge des heiligen Maͤdchens, und die matte Schwermuth deiner Serena in ein Gleichgewicht bringen, das ſich in die troͤ⸗ ſtende Unterhaltung aufloͤßt, die mir ſo noͤ⸗ thig iſt. Eben bringt Saphira, die dieſer Botſchaft zuvorlief, nach deinem Befinden zu fragen, die Nachricht zuruͤck: du laͤgeſt darnieder.— Wie? an dieſem wunderbaren, verhaͤngnißvollen Tage?— Rom! fuͤr dein Beſtes wachen nur zwei Frauen, und auch dieſe ſind gefeſſelt? Gratiana, was ich dir muͤndlich mittheilen wollte, muß ich jetzt dem Griffel vertrauen: Jene —— 9 Sage von Alarichs Naͤhe iſt wahr! Heim⸗ liches Einverſtaͤndniß mit ihm, iſt mir ſo gut als erwieſen. Vor den Rath wollte ich heute, um laut diejenigen zu nennen, die ich zu uͤber⸗ zeugen weiß, aber mich bindet dieſe unſelige Mattigkeit heute ſtaͤrker, als je! Indeſſen, als ob man mir erleichtern wollte, was ich im Sinne habe, ſendet dieſen Abend der Senat den Rupilius Bonus mit ſeinen Soͤhnen und den Praͤtor Attalus Criſpus zu mir, in Ge⸗ ſchaͤften, die ich nicht errathe; ich werde zu den meinigen fuͤr Zeugen ſorgen. Mit Attalus habe ich ein heimliches Wort zu reden; doch warum heimlich? Zu ſehr tritt das Verbrechen von ſelbſt an das Tageslicht. O Rom! chriſtliches Rom! Den Feſſeln des Goͤtzendienſtes entwunden! Wie? du kehrſt zuruͤck in deine Sclaverei? Dieſe Nacht ein feierliches Opfer dem Jupiter Olympius in dem Hauſe eines deiner Vaͤter? Und Innozens, Roms Biſchoff, ſchweigt? Gratiana! daß du nicht bei mir biſt! Zorn, Eifer, Entſetzen, Wehmuth— Sehnſucht, ach heiße, heiße Sehnſucht in beſſere Welten 74 uͤbermoͤgen die ſchwache Huͤlle des aufſtrebenden Geiſtes! Engel des Todes, rufe mich, wann du willſt; ich erwarte dich freudig! Roms gaͤnzliche Entiwuͤrdigung mag ich nicht erleben. Bin ich einſt nicht mehr, Gratiana, ſo handle du!— Saphira bringt dir den Reſt meiner Schaͤtze. Mit den deinen, die du laͤngſt zum Opfer beſtimmteſt, werden ſie ſchon etwas vermoͤgen, die von ihren Vaͤtern verrathenen Kinder zu retten. Hier iſt Plautilla, die Ueberlaͤſtige! ich entferne ſie, um ihr den Auftrag an Laͤta und Demetrias zu geben, bald zu kommen; iſt mir doch, als haͤtte alles Eil, was vor mir liegt! — 9 Gratiana, kaͤmſt auch du! ich bedarf der Zeuginnen! 3 Laͤta an Demetrias. Die Einſamkeit nutzt dir nicht. Reiß dich los von deinen Traͤumereien! wo wollte das enden? Du gingſt zu Grunde! Ich habe dich und mich bei der Prinzeſſin zum Abendbeſuch — — 75 anſagen laſſen; dort, bei der heitern, finden wir Erholung.— Aber was iſt das? Sie ſendet, um Beſchleunigung unſers Beſuchs zu bitten, indeſſen mich Plautilla, die Verdruͤß⸗ liche, in einen Handel verwickelt hat, der vor Abend nicht enden kann. Demetrias, ich glaube, du ſteckſt mich mit deinen Traͤumen an. Fruͤher, als dein Wahrſagerbrief in meine Haͤnde kam, haben mich unruhige Bilder ge⸗ ſchreckt. Ja, zu dem großen Einzigen wollen wir flehen um Licht in der Dunkelheit, um Troſt in dieſen, vielleicht gefabelten, Schreck⸗ niſſen! Sobald ich Junia's Geſchaͤfte geendigt habe, welche die ſtrenge Proba, Gott weis, warum? noch dieſe Nacht zu entfernen wuͤnſcht, und deren Frieden ich machen ſoll, ſo laß uns zu Serena eilen; die gepruͤfte Heldin im Leiden, die ſtaͤrkſte aller ſtarken Seelen, wird uns Ruhe ins Herz reden, damit Angſt uͤber das moͤgliche uns nicht die Kraft raube, das viel⸗ leicht wirkliche Uebel zu ertragen. Demetrias an Laͤta. Ja, zu ihr! heut' oder niemals!— Mein Vorgenuß der Zukunft, meinſt du, werde mich unfaͤhig machen, ſie ſelbſt zu ertragen? Nein! vielleicht ſiehſt du einſt Proba! Conis an Proba Annicia. Da es unmöoglich iſt, die kranke Gebie⸗ bieterin in den Marmorpalaſt zuruͤck zu ſchaf⸗ fen; da die ſeltſame, mit jeder Minute wach⸗ ſende Unruh auf den Straßen, dir es eben ſo unmoͤglich macht, dein leidendes Kind zu beſuchen, ſo beruhige dich mit der Verſicherung: wir ſind hier gut aufgehoben. Demetrias iſt ſtark, und weiß uns zu unterſtuͤtzen; ſie traͤumt nicht mehr, da die Wirklichkeit da iſt! Wie alles ſich begab? Nimm nur hinge⸗ worfene Zuͤge! iſt mir doch alles ſelbſt wie— ein ſchrecklicher Traum. ¹ 27 Nach tauſendfachen Verſpaͤtungen, du kennſt ſie, langten wir endlich in Serena's Palaſt an; die Nacht war bereits eingebrochen— Truͤbe Daͤmmrung blickte uns aus den ſonſt ſo glaͤnzend erleuchteten Hallen entgegen. Die Pforte des Palaſts ſtand offen, kein Waͤchter bewachte ſie. Demetrias ſchwieg. Uns durch⸗ bebte heimliches Schrecken. Wir zogen uns langſam weiter, denn unſere Fuͤße ſchienen mit jedem Schritte in den Boden zu wurzeln.— Ueberall tiefe, traurige Oede! Die Vorzimmer, ſonſt voller Sclaven, waren leer. Waͤhrend die Gebieterin mit einigen von uns, zoͤgernd, und von der Dunkelheit aufgehalten,(wir hat⸗ ten unſern Fackeltraͤger zuruͤckgeſchickt,) die Gemaͤcher der Prinzeſſin betrat, eilte ich mit ein paar andern in den Theil des Palaſt, wo die Sclavinnen wohnen, um von dort mehr Licht zu holen. Dumpfes Winſeln kam uns ent⸗ gegen. Ein dunkler Schimmer fuͤhrte mich „Zitternde weiter, keine meiner Geſpielinnen wollte mir folgen.— Ach Gott! ließ ſich nur muthmaßen, was hier geſchehen war? Durch welche Stufen ich es erfuhr, ſage 78 ich dir nicht, auch enthuͤllte ſich ja bei weitem hier nicht das Schrecklichſte! Die Sclaven des Hauſes hatten Mittel gefunden, ſich frei zu machen. Serenens treue Jungfraun, von der Hand der Fluͤchtigen ge⸗ knebelt und gebunden, konnten mir, als ich die eine, und mit ihrer Huͤlfe die andern ent⸗ band, nur ſo viel ſagen, daß ſeit dieſem uner⸗ warteten Vorgang erſt einige Stunden ver⸗ floſſen waͤren, und daß alles mit ſolcher un⸗ glaublichen Stille, Eil und Ordnung zugegangen ſei, daß ſich hier nirgend Verabredung und Einwirkung einer unbekannten, ſchůtzenden Macht verkennen laſſe. Man habe ſie, ſagten die Maͤdchen, weiter nicht beleidiget, ſondern ihnen zugeſchworen, man muͤſſe thun, was hier geſchehe, und alle Sclaven wuͤrden bald wiederkehren, mittlerweile uͤber andere gerichtet wuͤrde, ſich zum Schutz dieſes Hauſes zu ſtellen, das ihnen die Feſſeln immer ſo leicht gemacht habe. Aber, Gott! rief ich, die Prinzeſſin! und alle eilten in ſtummem Schrecken, mit ſo viel Licht, als ſich in der Geſchwindigkeit aufbringen 29 ließ, mit mir nach den vordern Gemaͤchern, wo, wie mich indeſſen einige Maͤdchen troͤſtend verſicherten, ihre Gebieterin ſich zu wichtigen Verabredungen mit einigen Senatoren ver⸗ ſchloſſen habe, jede Stoͤrung verbietend. Nur zwei der Sclavinnen waͤren bei ihr geblieben, und Saphira habe Befehl gehabt, eben jetzt erſt nachzufragen. Wir wurden mit jedem Schritte durch ein unnennbares Etwas in den langen Gaͤngen ſchneller fortgetrieben. Nur einzelne Worte entfielen uns: doch jetzt ſtockte jeder Laut, denn aus einer der vordern Gallerien trat uns De⸗ metrias geiſterbleich entgegen; ſie wollte etwas ſagen, und ſank ohne Empfindung zu Boden. Einige blieben bei ihr, wir andern eilten mit einem Schrecken, der uns die Haare empor⸗ ſtraͤubte, nach den Zimmern der Prinzeſſin. In einem der innern Gemaͤcher fanden wir die ohnmaͤchtige Laͤta. Saphira, Serena's Vertrauteſte, uͤberließ ſie uns, und drang tiefer durch die Gemaͤcher, in das Betzimmer der Prinzeſſin, das, außer ihr, niemand betreten durfte. 3 ——— 80 Was ſie dort fand?— Proba, du weißt das Schreckliche! Den ſchoͤnſten, reinſten Bu⸗ ſen des Odems beraubt! die Goͤttergeſtalt kalt und erſtarrt auf dem Boden! die himmliſche Seele entſlohen! Goͤtter! Goͤtter! Welche Hand hat dieſe Greuelthat veruͤbt! Man waͤlzet alles auf die entflohenen Sclaven; aber Saphira, die ihre Gebieterin wenig Stunden uͤberlebte, redete anders. Iſt dies veielleicht ein geſetzlicher Mord? Wagte man es nicht bereits, dieſe Un⸗ ſchuldige oͤffentlich der Verraͤtherei zu beſchul⸗ digen? Die Sclavinnen, welche bei der Prinzeſſin geblieben, ſind nirgend zu finden. Junia Plau⸗ tilla ſoll ſehr ſpaͤt noch hier geweſen ſeyn. Sie hat ſich, wie man ſagt, von hier nach Pompejans Palaſt tragen laſſen. Demetrias, die immer viel Gewalt uͤber dieſe Verkehrte hatte, hat ſie zu ſich ſordern laſſen: man hat ihre Leute hoͤhniſch mit der Erklaͤrung abgefer⸗ tigt:„die von den Anniciern Verſtoßene werde immer hier Zuflucht finden!“— Was wuͤrden wir auch von dieſer Einfaͤltigen erfahren? Du -—-— — 8-1 forderſt ſie wol ſchwerlich zuruͤck! Es ſollen dieſe Nacht ſeltſame Feſte in jenem Palaſte gefeiert worden ſeyn! O meine Gebieterin, wie beneide ich Saphira!— Kann man noch an den Strafgerichten zweifeln, deren Naͤhe die Prophetin ausſagt? Laͤta, mich duͤnkt, ſo wie du vor mir liegſt in ſchwerem Schlummer, ſo waͤre dir das beſte der Tod, dir und uns allen! Proba an Demetrias. Jeetzt noch weit lieber, als vor ſiebzehn Tagen, bewillige ich dir die Zuruͤckhaltung des geliebten Kindes. Iſt in deinem Viertel der Hunger maͤchtiger, ſo iſts bei uns die Seuche. Wie koͤnnte ich meine Laͤta hieher wuͤnſchen, wo die Jugend eine noch ſichrere Beute des ſchnell endenden Uebels iſt, als das Alter! Mich ſchuͤtzen vielleicht nur meine Jahre, und das traͤge, ſchleichende Blut. Hier iſt etwas von der Spende der groß⸗ muͤthigen Laͤta Gratkana, deren Milde ſich heute Selene II. 3. H.. 6 — —— 8 ſ 32— alle Verſchmachtenden freuen: zwei Koͤrbe mit weißem Brot, und zwei Kruͤge mit Wein. Brauche dieſen Vorrath raͤthlich fuͤr dein Haus, denn ſchwerlich wird der Ton unſinnigen 14) 14) Mit lacherlichem Stolz war die von dem Barbaren um Schonung flehende Geſandtſchaft aus⸗ geſtattet; von ihm, der ſich unterſtand, die Stadt der Staͤdte zu bedrohen, und der, ungeachtet des auf ihn herabgeleiteten Feuers des Himmels, doch noch ſtand.„Je dicker das Heu iſt,“ antwortete er auf ihre großſprecheriſchen Worte von Macht und Menge,„je beſſer laͤßt ſichs maͤhen!“ Als ſie ſahen, daß ſie nichts weiter zur Ant⸗ wort erhielten, als veraͤchtliches Lachen und An⸗ ſpielungen auf den entnervten Zuſtand einer Stadt, welche ſchon laͤngſt durch Schwelgerei zum Ver⸗ derben reif war, ehe ſie der Hunger ergriff: da ſtimmte ſich doch der Ton ein wenig herab, und Alarich ließ ſich endlich um alles Gold und Silber in Roms Mauern, um alles Eigenthum, des Staats ſowol, als einzelner Buͤrger, um Loslaſ⸗ ſung aller barbariſchen Sclaven, Schonung ab⸗ kaufen.. Und was willſt du uns denn laſſen? fragte Johannes, einer der Abgeſandten. Euer Leben! lachte der Eroberer und kehrte ihnen den Rucken. Dieſe Geſandtſchaft hatte in⸗ deſſen doch die Folge, daß Alarich die Roͤmer freien Athem ſchoͤpfen ließ, und ſich nach Toſcana jn die Winterquartiere begab, auch durch ſeine — —— 42 33 Stolzes, mit dem die Geſandten des Senats den Belagerer anzureden gedenken, uns Rettung vom Hungertode bringen, und ſchwerlich Gratiana durch ein zweites Wunder Rom noch auf an⸗ dere acht Tage Brot verſchaffen koͤnnen. Auch muͤſſen ihre Schaͤtze, mit denen wir die unſri⸗ gen in den Haͤnden der weiſen Helferin ver⸗ einigt haben, endlich erſchoͤpft werden. Serena's Mord wird nun faſt nicht mehr geleugnet; des fanatiſchen Opfers ſchaͤmt man ſich noch. Raſende! den Blitz des Himmels wollt ihr auf den Feind lenken?— Er faͤllt auf euch ſelbſt, und wir werden unter die Rache eurer Verbrechen begraben! Dieſe Nacht wird wahrſcheinlich eine der merkwuͤrdigſten, die wir in dieſen Zeiten ver⸗ wachten, vielleicht zum Guten, vielleicht auch zu noch herberem Elend. Trage Sorge, De⸗ metrias, daß in deinem Hauſe ſich niemand dem Schlummer uͤberlaſſe, als Laͤta. Leute die Sicherheit der Landſtraßen wieder her⸗ ſtellen, und Nom Lebensmittel im Ueberfluß zu⸗ führen ließ. 84 Die Ungluͤckliche erfahre nichts von der nahen Gefahr; Sicherheit iſt ja in deinem Hauſe. Mein tapferer Marcus bewacht dieſe und folgende Naͤchte das ſalariſche Thor. Wir habens in dieſen Tagen erfahren, daß ſeine Naͤhe Schutz bringt.— Goͤtter, dieſer Juͤng⸗ ling! im erſten Fruͤhling des Lebens! Aber ich weiß, was ihn unuͤberwindlich macht! Arinthia, die Kaiſerin des Orients! Er wagt jetzt ſein Leben um nichts. Die Unſelige! Konnte ſie ſo das edelſte Herz mit ſich ſelbſt entzweien? Doch ſeine Verzweiflung iſt vielleicht Roms Rettung; ihn ſchuͤtzt die Gottheit! Arinthia an Theodora. Laß ab von den Botſchaften, die du mir durch jenen Eutrop zufertigeſt, der in unſerm Hauſe nicht laͤnger geduldet wird! Frage nicht nach den Urſachen, warum ich, ſchon fruͤher entſchloſ⸗ ſen, nun durch den Tod meines Mareus noch feſter beſtimmt, dem Kloſter entſagte, um endlich dem — 35 9₰ Vater zu gehorchen, und waͤhrend mich das Ausland Kaiſerin nennt, eines edlen Mannes treues Weib zu werden; ſie liegen dir zu nahe, als daß du ſie verfehlen ſollteſt. Julius iſt mein Gemahl; nein, er iſt mein Bruder, mein Vater: mehr will er nicht ſeyn, bis die Wunde tief im Herzen heilt, und Dankbarkeit mich hoͤherer Gefuͤhle faͤhig macht.— Der Treff⸗ liche! muß er ſo getaͤuſcht werden? Julius, Rom, meine zweite Mutter, iſt in Alarichs Haͤnden, und Marcus, ihr heldenmuͤthiger Ver⸗ theidiger, iſt todt!— Nein! erkalten wird wol dies Herz, aber nie erwachen zu Leben und Liebe! Arinthius an Theodora. Wir haben unſern Endzweck! und hier, em⸗ pfange die dir dafuͤr verſprochenen goldnen Ga⸗ ben! Du ſollteſt ſie eigentlich mit Alarich theilen, denn dieſer wirkte mehr, die Tochter zu beugen, als du. Ihm dankt Julius Pompejanus Se⸗ eundus die Gattin. ——— — 1 86. Eutrop verdient Strafe, und er hat ſie in zwanzig Geißelhieben erhalten. Ich hatte ihn Arinthien unter andern Sclaven auf ihre eigene Bitte mitgegeben, er war wieder der Unent⸗ behrliche an ihrer Seite, ihr braunes Haar ord⸗ nete niemand beſſer, den Spiegel hielt niemand geſchickter als er, und ſeine Erzaͤhlungen wur⸗ den hinreißender, als je. Aber eben dieſe ha⸗ ben ihn geſtuͤrzt. Julius duldet es nicht, das Herz der jungen Gemahlin oder wenigſtens ihre Phantaſie zu entzuͤnden; andere Plane, mit welchen unſere Vertraute zu fruͤh hervor⸗ trat, konnten dem hellſehenden Gemahl noch weniger entgehen; genug, Eutrop ward aus⸗ geſtoßen, und iſt wieder in meinen Haͤnden. Die Zeit bewirkt alles, verzage nicht! Ruffina wird Arinthien, Julius Arcaden weichen, und dann beginnen unſre goldnen Tage. — Eutrop an Attalus. Wie? Attalus Roms Kaiſer, und Eutrop der gegeißelte, der ausgeſtoßene Sclave einer — 87 Arinthia? Gluͤck, vertheilſt du ſo deine Gaben? Willſt du alles vergeſſen, o Attalus, ſo vergiß nur nicht der ſchoͤnen Stunden im an⸗ toniniſchen Bade. Laͤta's Anblick ward dir durch mich; ſchon laͤngſt waͤr ſie ganz dein, vernachlaͤſſigteſt du nicht in mir die helfende Hand! Zuͤrne nicht, Kaiſer, daß der niedrige Eu⸗ trop mit dir ſpricht, wie ehemals unter dem großen Porticus zu Rom: dieſe Augenblicke waren es eben, welche mir jetzt vorſchwebten. Auch Alarich bedurfte damals meiner demuͤthigen Huͤlfe; und er wird ſie ferner beduͤrfen, ſoll Conſtantinopel ſein werden, wie Rom es iſt. Attalus, vergiß nicht den Dank! Wiſſe, dies niedrige Inſekt kann auch ſchaden! Ala⸗ rich kennt nicht das Geheimniß auf dem Buſen der ſchoͤnen Annicierin, aber er kann es erfah⸗ ren; er waͤre der einzige Mann, wenn er bei der Kunde von der Allbeſiegenden kalt blieb, und dir verziehe! Deine Entſchluͤſſe zu meinem Emporkom⸗ men muͤſſen eilig ſeyn, ſonſt weiß ich mir 88 ſelbſt zu helfen. Ptoiomaͤus, in deſſen Dien⸗ ſten ich Jugend, Rechtſinn und dieſe Goͤtter⸗ geſtalt aufopferte, iſt dem Gericht nahe; uͤber dieſen Arinthius mit ſeiner Arinthia, und uͤber dieſen Julius, der mich geißeln ließ, muß nun die Rache kommen! Arinthius an Theodora. Julius ahndet in Mareus den bei weitem nicht gluͤcklichen Geliebten. Arinthia klagt, ſeit einiger Zeit, ſie wiſſe nicht wie, Arcaden zu treffen; ſie klagt, nicht dem Gemahl, ſon⸗ dern mir, durch eine verborgene Hand unab⸗ laͤſſig in Verhaͤltniſſe mit dem Kaiſer verſtrickt zu werden, die ihr druͤckend ſind. Eutrop iſt in Arcads heimlichen Dienſten; ſieh hierin die Urſach, warum ich mit dem, den du zu haf⸗ ſen beginnſt, weil er dir nicht allein dient, behutſam verfahren muß. Eutrop iſt jetzt mein Freigelaſſener, und er mußte es werden. Scherze nicht; ſeine Groͤße koͤnnte einſt uns beide erdruͤ⸗ cken! Doch dann haͤlt uns die Kaiſerin Arin⸗ 89 thia. Ruffina wird nie die Krone tragen, oder ich bin nicht Arinthius. Eutrop an Alobich 5). Du biſt der Einzige, der mich im Gluͤck nicht vergeſſen hat: auch ich will dich nicht vergeſſen in dem meinigen. Du biſt kaiſerli⸗ cher Betthuͤter: wol gut; was dir Honor 15) Alobich war eben damals an der Reihe, die heimlichſten Dienſte an Honorius Seite zu verwalten; es war dies eine bedeutende Stelle, von welcher immer einer den andern, oft nicht ohne Blut, hinwegdraͤngte. Dieſe kaiſerlichen Betthuͤter waren immer Alarichs gepruͤfteſte Siegsmittel. Alobich und Enſebius, Honors da⸗ malige Kaͤmmerlinge, mußten indeſſen bald einem andern weichen. Waͤhrend Euſebius zu Hauſe zu Tode gepeitſcht wurde, ermordete man dieſen Alo⸗ bich vor Honors Augen. Der Kaiſer zeigte denn doch etwas dem Mitleid aͤhnliches fuͤr den, den er zu ſchwach zu ſchuͤtzen war, und der ſeine Thraͤnen nicht verdiente: Alobich und ſein Ge⸗ noſſe hatten zu Nimini perſoͤnliche Unterhandlung mit Alarich uͤber Roms Untergang gepflogen, und Briefe Honors, in laͤcherlich ſtolzem, verachtenden Ton uͤber den Weltuͤberwinder geſchrieben, in 1 d 90——— gewaͤhrte, kann Arcadius mir leicht morgen um meine fleißigen Dienſte ſchuldig werden. Jetzt kuͤrzlich, was du zu thun haſt, unſer Einverſtaͤndniß zu erhalten! Um den Namen⸗ kaiſer Attalus zu ſtuͤrzen, dieſen Schattenre⸗ genten, den Alarich den Roͤmern zum Spott hinſtellte, brauchſt du nichts weiter, als von dem Ueberbringer die Mittel zu vernehmen, wie durch Einbringung der afrikaniſchen Ge⸗ treideflotte nach Ravenna verneuter Mangel in Rom zu verbreiten iſt. Dieſes Volk dient ſei⸗ nem Herrn nur um Brot, und Brot braucht auch ihr. Auch Alarich wider ſeinen Guͤnſtling auf⸗ zubringen, wider dieſen Elenden, der in ſeinem Leben nichts that, um vom Gluͤck eine Kai⸗ ſerkrone zu verdienen, als ſich auf Rennplaͤtzen herumtreiben, und ſich in ſchoͤnen Augen ſpie⸗ geln, brauchſt du nichts weiter, als ihm eine Alarichs Haͤnde geſchickt. Dieſer verachtete den einfaͤltigen Kaiſer endlich ſo ſehr, daß er, wie hiir ſchon erwaͤhnt iſt, die Krone und den Purpur des abgeſetzten Attalus nicht ihm, ſondern ſeinem Bruder uͤberſchickte. Hebe Annicia, davon ja auch durch die Eitel⸗ keit von Laͤta's Vater Abdruͤcke genug nach Rom gefoͤrdert ſind, in die Haͤnde zu ſpielen. Sage ihm dabei, daß ſein Bild auf dem Her⸗ zen jener Halbgoͤttin ruht. Laß ſie auch die Gemahlin des Cajus Petronius geworden ſeyn: ſie brennt doch nur fuͤr Alarich! Glaube, das Herz des wilden Koͤnigs wird dieſer Kunde und dem Anblick des Goͤtterbilds nicht wider⸗ ſtehen. Aufs wenigſte erwacht ſein Stolz, und Attalus, der nicht aufhoͤrt nach der ſchoͤnen Annicierin zu ſtreben, iſt geſtuͤrzt. 1 Laͤta Annicia Petroniana an Annicia Proba. Mein heimliches Entweichen aus dem Hauſe des Gemahls wird er dir ſelbſt erklaͤrt haben; es geſchah mit ſeiner Bewilligung. Der haͤus⸗ liche Herd hatte ja keinen Schutz mehr gegen den, den wir Kaiſer nennen muͤſſen, weil der 3 Allbeherrſcher es will! O wie haſſe ich dieſen 92* Alarich! Gott, laſſe mich nie ſein furchtbares Antlitz erblicken! Die gute Demetrias, die mir ſo oft ſchon Schutz gab, birgt mich in ihrem Hauſe; treu iſt Camilla, durch welche ich dir dieſes ſende, und ich muß dir daher auf Befehl deiner frommen Enkelin 16) noch mehr melden. Sie 16) Demetrias, Enkelin der Annicia Proba, bekannter in der heiligen Geſchichte unter dem Namen Euſtochium, iſt vielleicht jene, an welche der Hirtenbrief des heiligen Hieronymus gerichtet war, den uns Zimmermann ſo meiſterhaft uͤber⸗ ſetzt hat. Paula muͤßte dann Proba's Tochter geweſen ſeyn, und da dieſe verſtandige Matrone die heiligen Schwaͤrmereien dieſes Schooßkindes vom St. Hieronymus unmöͤglich mit guͤnſtigen Augen anſehen konnte, ſo entſprang daraus vielleicht der Kaltſinn auch gegen die Enkelin, der hier uͤberall hervorblickt. Daß die Geſchichte wahr ſei, die hier von Rettung der heiligen Schaͤtze durch die Klugheit der Jungfrau erzuͤhlt wird, verbuͤrgen uns Orosius Jornandes und Isidorus; auch der heilige Au⸗ guſtin in ſeinem Traktat von der Stadt Gottes erzaͤhlt dieſen Triumph einer chriſtlichen Jungfrau uͤber den unbeſtegten Barbaren, und meldet aus⸗ druͤcklich, Alarich habe erklaͤrt, er kriege mit den Römern, nicht mit den heiligen Apoſteln, welchen die Schaͤtze, die Demetrias verwahrte, zuſtaͤndig 93 ruht nicht, bis die theure Mutter ihrer Mutter auch bei ihr geſichert iſt. Komm eilig, mit allem, was dir koſtbar iſt! alle Schaͤtze aus Kirchen und Palaͤſten ſind ſchon hier in Si⸗ cherheit. Unſere Seherin prophezeiht, Rom ſtehe ein neues Ungewitter bevor, und Sicher⸗ heit ſei nur in ihrer Naͤhe. Zu oft wurden ihre Worte ſchon bewaͤhrt! Komm eilig, mit allem, was ſich an dich an⸗ ſchließt! noch iſt Raum in dieſer Freiſtatt, wohin ſich alles fluͤchtet. Demetrias wuͤnſcht ihrem kleinen Hauſe den Umfang einer Stadt geben zu koͤnnen, um alles zu retten. Alarich an Arcadius.. Sohn des großen Theodoſius, ich bin dein Feind nicht; dies beweiſen die 7) Spolien des waͤren, und die er durch eine ſtark bewehrte Bedeckung vom Berge Quirinalis bis auf den Vatikan bringen ließ. Offen trugen die Geſchuͤtz⸗ ten die ſchimmernden Kleinode, und das kriegeri⸗ ſche Geſchrei der Barbaren vermiſchte ſich mit den Pſalmen der Heiligen. 3 17) Heimliches Einverſtaͤndniß mit den unzaͤh⸗ 94 Afterkaiſers Attalus, die ich dir zuſende. Nimm den Purpur und die Krone: er trug ſie deinem Bruder Honorius zum Spott. Laß ihn aufhoͤren hinter ſeinen hundert Pforten vor mir zu zittern; ſein Feind bin ich nicht, ſondern die Sneichl ſind's, die ihn umringen. Entferne auch du Schwäche, Weichlichkeit, Tyrannei und Hochverrath von deinem Throne; dieſe werden dich ſtuͤrzen, nicht ich. Siehe, ich bin ein ſterblicher Menſch, wie du; ich finde vielleicht bald ein fruͤhes, unbekanntes Grab: aber jetzt ehre Gottes Hand noch in mir! Sie ruͤſtete mich aus, den Frevel zu ſtrafen; umſonſt widerſetzt ihr euch mir. Sie winkt: es iſt genug!. ligen Sclaven, die Roms Palaͤſte bevolkerten, war ein Hauptmittel des Siegs. Sie waren alle mit Waffen von Alarich verſehen, und als Rom uͤberging, auf ſeiner Seite. Es ſcheint, Alarich habe ſeiner Feinde mit grauſamen Muthwillen ge⸗ ſpottet, indem er unablaͤſſige Friedensbotſchaften anfangs mit ſehr milden Bedingungen an ſie ab⸗ ließ, und zu gleicher Zeit in dem Innern der be⸗ drohten Stadt des limmenden Verderbens ge⸗ wiß war. 95 Arcadius, Rom iſt mein; mein wird auch Konſtantinopel, ſobald du mich, den Verderber, reizeſt! Bis dahin Friede und Freundſchaft! — Laͤta an Proba. Alſo getrennt von dir? Mir allein die Ruhe im Schooße der von Gott geſchuͤtzten Jungfrau? Dir Schrecken und Gefahr in Beſchirmung des vaͤterlichen Hauſes? Heldin! Gottes Hand ſei uͤber dir! und ſie iſt's! das beweiſe dir der Ueberbringer. O des Entzuͤckens, das ich mitten in dieſen grauenvollen Stunden an ſeinem Buſen aus⸗ weinte! Nimm ihn hin, deinen wiedererſtan⸗ denen Marcus! Demetrias will keinen andern Schuͤtzer, als die Gottheit! Unſere Thuͤren ſind unverſchloſſen. Nur Gluͤck kann durch die⸗ ſelben hereindringen: das beweißt der Uner⸗ wartete, der unſere unverwahrte Wohnung zu⸗ erſt betrat. Mareus fiel, bei Vertheidigung des ſalari⸗ ſchen Thors, in jener ſchrecklichen Nacht, in 96 Alarichs Haͤnde. Der Barbar ſchonte des ſchoͤ⸗ nen, furchtbaren Juͤnglings. Er hat ihm Kro⸗ nen geboten, Kronen und ſeine Arinthia; aber mein Marcus iſt Rom treu geblieben. Alarich ſendet ihn mir!— Mir? Weiß der Verderber, daß und wo ich bin?— Und warum ich?— Was weiß er von mir? Soll ich auch hier fliehen?— O Mutter! unſere Seherin weiſſagt, dieſer Tag werde ſchrecklich enden!— Wo iſt Sicherheit fuͤr dich und mich? Soll ich dich zu mir wuͤnſchen? ſoll ich fliehen in deine Arme? Arinthia an ihren Vater. Wie? iſt ſelbſt die Wohnung ehelicher Treue, das Haus des Gatten, nicht ſicher vor dem Geiſte der Verfuͤhrung? Ich ging nicht mehr aus, um Arcads gehaͤſſige Leidenſchaft nicht mehr aus ſeinem Munde zu hoͤren; dringt ſeine Stimme auch in meine verſchloſſenen Gemaͤcher? Wer iſt's? wer verrieth mich an ihn?— Daß dieſe Augen, dieſes Herz einſt an ihm — 97 hingen, dies weiß er ſogar! Mein Herz— 2 du irreſt, ſtolzer Kaiſer! blos meine Phan⸗ taſie nannte dich auf Augenblicke den ſchoͤnſten aller Maͤnner! Dies war freilich viel in Mo⸗ menten, da uns nichts ſo ſehr reizt, als Schoͤn⸗ heit, in den kurzen Momenten fuͤchtiger Jugend. Vater! nimm mich zu dir! Julius wird mich laͤnger nicht ſchuͤtzen koͤnnen vor dem Selbſtherrſcher; vielleicht ſcheut dieſer aber dein Alter und deine Verdienſte um den Thron. Julius wuͤtet gegen meinen gekroͤnten Ver⸗ folger; ich fuͤrchte eine raſche That, die unſer ganzes Haus dem Verderben Preis giebt. Eu⸗ trop umſchleicht naͤchtlich unſre Wohnung, und iſt abermal gegeißelt worden. Ich glaube, er leidet unſchuldig; er iſt zu einfaͤltig, um ſtraf⸗ bar zu ſeyn. In meinem Frauenzimmer hat dieſes arme zertretene Inſekt keine Haſſerin, und ich gedenke ſeiner ſogar mit einer Art von Dank, wenn meine Maͤdchen mir den Schlum⸗ mertrank bereiten, den er ſie miſchen lehrte. Ja, Arinthius, dieſe Natur, die du oft eine der edelſten nannteſt, weil ſie nie Schmerz und Krankheit kannte, erliegt jetzt oft einem Selene II. 3. H. 7 9 heimlichen Weh, und faſt alle meine Naͤchte ſind ſchlaflos. Nimm mich zu dir, guter Va⸗ ter! bei dir werde ich geneſen und ſicher ſeyn. Zu Theodoren kann ich ja, nach dem, was ich dir einſt von ihrem Kloſter entdeckte, nicht fliehen! 2 2 Eutrop an Saturnin. Nun nicht laͤnger! Der morgende Tag muß mich zu den Fuͤßen deines Heiligen ſehen. Ich ſehe das Ungewitter kommen!— Mor⸗ gen, ich weiß es, wirft mich auch das Haus meines heimlichen Schuͤtzers, Arinthius, aus. Zwar des Kaiſers Huld bin ich ſicher, aber nichts ſchuͤtzt mich vor Unterſuchung etwaniger Anklagen, als die Buͤrgſchaft der Kirche. Schaffe mir dieſe, und du ſtehſt bald mit mir nahe am Thron. Cenis an Annicia Proba. Der dir dieſes Blatt bringt, iſt einer von Alarichs ſiegenden Tauſenden; ich traue ihm, ich muß ihm trauen! Ich ſah ihn edel han⸗ deln; unter ſeinen Geretteten bin auch ich; er vermißt ſich, dieſe Nachricht von deiner Laͤta in deine Haͤnde zu bringen; er verſichert mich, unter den wenigen Haͤuſern, die dieſer zertruͤm⸗ merten Stadt uͤbrig ſind, ſei auch der annici⸗ ſche Palaſt; durch eine Wache des Siegers ſei er geſichert. Ein gleicher Schutz deckt uns hier.— Dieſe Kirche, unſer Zufluchtsort, faßt tauſende der geretteten Frauen und Jung⸗ frauen. Unſere Freundinnen haben die kranke Laͤta auf die Maͤntel und Kleider gebettet, die man ihnen noch uͤbrig gelaſſen hat. Hier ein Bote von Demetrias: Alarich habe erlaubt, die Gebieterin in die Sicherheit ihres Hauſes zuruͤck zu ſchaffen. Nein, ich wage es nicht, wenn du nicht gebeutſt. Wir hatten ja bereits Alarichs muͤndliche Zuſage, 100—— Laͤta ſolle dem Gemahl wiedergegeben werden, und auch dieſe ward gebrochen. Ja, von allen dieſen Dingen ſoll ich dir nun erſt Bericht erſtatten! Mein Gehirn iſt in Feuer, meine Hand zittert, meine Augen ſinken! welch eine Erzaͤhlung wird das werden! Siehe, wir glaubten bereits, der geweiſ⸗ ſagte ſchreckliche Tag ſei voruͤber: aber eine Stunde war noch aͤbrig, die ungluͤckbringende, die an die Mitternacht graͤnzt. Unſere Augen ſchloſſen ſich zu unwillkuͤhrlichem Schlummer, der Koͤrper gab der Ermattung nach: da weckte uns ein ploͤtzlicher Donner, wie der der letzten Poſaune.— Proba, ſo werden wir dann nicht erwachen, wie bei dieſem— O haͤtten wir uns auf den Wolken erheben koͤnnen, die dann unſere Graͤber umſchweben werden, un⸗ ſerer Erloͤſung entgegen! tief, tief unter uns das Schrecken, die Verheerung, in deren Ge⸗ draͤng wir jetzt gefangen waren!. Proba, auch dir iſt's nicht fremd: was ſoll ich dir's malen? Dieſe Schreckensſcenen waren in jeder Gegend des flammenden Roms die naͤm⸗ lichen. Die ſalariſchen Pforten vertheidigte —— 101 diesmal kein Mareus! von dort aus begann bei uns die Glut, und erleuchtete dem Verderber den Weg. Die Liſt des Siegers hatte in jedem Hauſe die Sclaven bewaffnet. Sie brannten, die Strenge gemißbrauchter Herrſchaft zu ahnden. In Demetrias Hauſe trug niemand Ketten; chriſtliche Schweſterliebe hatte hier laͤngſt alles frei gemacht: dies war unſere Rettung, dies und die unverſchloſſenen Pforten. So ging bei uns eine Stunde dahin, blos voll ſchre⸗ ckensvoller Botſchaften, in andern Gegenden ſchon mit Blut und Flammen bekroͤnt. Die große ²⁸) Clepſitra ließ den letzten Tropfen fallen, und Demetrias erhob ſich, um dem Werke die Wendung fuͤr den neuen Tag zu geben. Eilf hundert und drei und ſechzig Jahre waren in dieſem Augenblicke ver⸗ floſſen, ſeit Roms erſter Grundſtein gelegt 18) Ich thue der Alterthumskunde meiner Leſer wol unxecht, wenn ich hier der großen Waſ⸗ ſeruhren gedenke, die die Tropfen des Stroms der Zeit mit den ihrigen zaͤhlten. 102— wurde! Romulus, Romulus, erwache, die Stadt der Staͤdte zu ſchuͤtzen! Siehe, dort ſteigt in der Ferne eine Feuer⸗ ſaͤule anher, und hier flammt ſchon ein Palaſt in der Naͤhe! Auf den Straßen wildes Geheul, und der Donner aufgerannter Pforten! Nicht lange, ſo ertoͤnte die Stimme der Verderber auch in unſerm Atrio. Die Freige⸗ laſſenen griffen zu den Schwerdtern. Hier keine Gegenwehr, gebot die heldenmuͤthige Jungfrau. Wehrloſigkeit iſt unſere einzige Rettung! Euch aber, ihr ſanften, furchtſamen Tauben, laͤchelte ſie den Freundinnen zu, und oͤffnete ihnen eine verborgene Thuͤr— euch Sicherheit hier, bis der Sturm voruͤber iſt. Ich, geſichert durch meine Jahre, geſtaͤrkt durch das Beiſpiel der Heldin, blieb dicht an ihrer Seite, und ſo ſtuͤrmte uns der Haufe der Barbaren entgegen. 4 Demetrias Anblick machte ſie ſtutzen, eine hohe, weiß verſchleierte Geſtalt, voll Majeſtaͤt und Milde, den Chriſten eine Maria, eine Veſta den Heiden. w Einer von ihnen— o wie ſoll ich ihn ſchildern 1 108 ein gewaffneter Erzengel oder ein Halbgott!— er herrſcht denen, die ihm folgen, ein Wort zu, das ich nicht verſtehe, das ſie aber in ſcheuer Ehrfurcht zuruͤckſchreckt. Demetrias, ſpricht er, ernſt und milde ſich zu der Jungfrau wendend— Huͤterin unſchaͤtz⸗ barer Koſtbarkeiten, biſt du bereit ſie auszu⸗ liefern? Wie ſoll ich zuruͤckhalten, was ich nicht zu ſchuͤtzen vermag? erwiedert ſie. Aber enthuͤlle dich, damit ich weiß, wem ich gehorche! Er entledigt ſich des Sturmhuts, und welch ein Geſicht iſts, das wir erblicken! Ha! du biſt Alarich! ruft die Jungfrau. Dir iſt erlaubt, mir zu folgen, aber nur dir allein! Und ſie fuͤhrt ihn hin in die Schatzgewoͤlbe; Tiſche mit Gold bedeckt, unſchaͤtzbare Gefaͤße an den Waͤnden aufgethuͤrmt, koͤſtliche Tafeln von Smaragd, theurer noch durch die Ar⸗ beit und die ſeltene Form als den Stoff, ſtrah⸗ len uns entgegen. Dies ſind die Schaͤtze der Kirche Sanct Peters, ſpricht Demetrias mit ruhiger Wuͤrde: r04— wagſt du ſie zu rauben, ſo iſt die That dein mein die Ergebung. Und iſt dies alles? ruft er, indem er den Herrlichkeiten, vor welchen wir erſtarren, den Ruͤcken kehrt. Wo verbirgſt du das Koͤſtli⸗ chere, das ich ſuche? Ich verſtehe dich, Koͤnig! erwiedert ſie, und umfaßt ſeine Knie. Laß mein Blut es erkaufen! Alarich wehrte ſie ab; die verborgene Thuͤr, die die Freundinnen verſchloß, war bald ge⸗ funden.— Er ſtuͤrmte hinein, und kam im Augenblick mit deiner Laͤta zuruͤck; ohnmaͤchtig hing ſie in ſeinem gewaffneten Arme. Zuruͤck! ſchrie er ſeinen Leuten zu, die ihm nachdrin⸗ gen wollten; hier gilt es nur die Eine! Alles andre ſei dir geſchenkt, Demetrias! Bringet die Jungfrau und die Schaͤtze in die Kirche, der ſie gehoͤren! Fluch uͤber den, der ſie verletzt! Ich konnte mich von der Gebieterin nicht trennen; ich folgte dem Raͤuber, der mit ſeiner ſchoͤnen Beute einer dunklen, vom fernen, ver⸗ glimmenden Feuer nur ſchwach beleuchteten Ge⸗ gend zueilte. Wir waren unter dem großen 105 Porticus. Alarich ließ die erwachende Laͤta auf einen Sitz nieder und entriß ihr den Schleier. Laͤta! rief er— Goͤttliche! du endlich mein? Furchtbarer, wimmerte ſie, wer biſt du? Wie? du kennſt mich nicht? und mein Bild ruhte auf deinem Herzen? Barbar, hier hat kein Bild Platz, als das Bild des Gemahls, dem ich angehoͤre! Wie? du riſſeſt es alſo aus ſeinem Hi und dich ſoll ich ſchonen? Laͤta zu ſeinen Fuͤßen, hielt ihm die gefal⸗ teten Haͤnde entgegen; ihr Auge ſtrömte zum Himmel. Unwillkuͤhrlich ward ich laut hinter der Saͤule, die mich verbarg. Er ſprang auf mich zu, und ein Streich mit der Flaͤche ſeines Schwerds warf mich ſinnlos zu Boden. Un⸗ geſtuͤm von ihm empor geriſſen, ermunterte ich mich wieder. Das Schwerdt war in ſeiner Hand. Der Unmenſchliche! er hatte es mit dem Blute der Heldin genetzt! 19) 19) Die That verbuͤrgt Sozomenes, ohue jedoch Alarich beſtimmt als Thaͤter anzugeben. 106 Erwecke dieſe! rief er, und zeigte auf die ohn⸗ maͤchtige Laͤta. Erwecke ſie; ich wag' es nicht⸗ ſie anzuruͤhren. Er hatte Laͤta auf ſeinen Purpurmantel gebettet. Rette, rette ſie! ſchrie er, oder ich entzuͤnde ganz Rom zu ihrem Todtenfeuer! Die Verwundung war klein, nur ein Riß der zarten Haut; ich ſtillte das Blut, und ver⸗ band ſeinen Quell an ihrem Halſe. Himmliſch laͤchelnd ſagte die Holde: Alarich, wenn dir jugendliche Leidenſchaft, fuͤr dich, den ich da⸗ mals nicht kannte, etwas iſt; wenn dies reine Blut etwas vor dir gilt: ſo ſchone Rom, und — verlaß mich! Dank dir fuͤr dieſe ehrende Wunde: ſie verbuͤrgt dem Gemahl die Treue der Gattin. Ein Fluch entfloh ſeinen Lippen. Er riß ſein Schwerd aus der Scheide, wandte uns den Ruͤcken, und befahl einigen voruͤbereilenden Kriegern, dieſe Roͤmerin ihrem Gemahl wieder zu geben. Unbeleidigt! ſchria er, indem er noch ein⸗ mal zuruͤckkehrte; oder— ich bin Alarich! Nicht in Petronians Haus, wie wir fleh⸗ 107 ten, in dieſen Tempel haben ſie uns dann ge⸗ bracht. O fuͤr beſſere Sicherheit, als vielleicht in den naͤchſten Stunden hier ſeyn wird! Die Schaäͤtze haben ſie ſicher hier abgelie⸗ fert, die Jungfraun nicht ohne Beleidigung. Ihrer Schleier, ihrer Maͤntel beraubt, kamen ſie in das Gotteshaus; was gilt in Stunden, wie dieſe, das Wort des Herrſchers? Julius Seecundus Pompejanus an Arinthiu s. Es iſt hart, Arinthius, daß du deiner kranken Tochter deinen Anblick verſagſt; doch ich verſtehe dich!— Du vermagſt nicht, worun⸗ ter auch ich erliege, die Himmliſche ſterben zu ſehen. Goͤtter! was iſt's, das mir Arin⸗ thien raubt?— Den gegeißelten Eutrop haben die Sclaven des Biſchoffs aufgenommen, und die verdaͤchtige Zoe, die ihr den Schlaf⸗ trunk zu bereiten pflegte, iſt in Ruffina's Frauenzimmer geflohen.—. Jetzt eine Frage an dich! Ein Mittel iſt in meiner Hand, die fliehende Seele vielleicht 108 zuruͤckzuhalten. Die Aerzte behaupten, ſie könne geneſen, wenn ſie es wolle. Marcus, Arinthia's fruͤher Verlobter, iſt hier, iſt aus Roms Truͤmmern entflohen, die Geliebte, die er noch ſein glaubt, zu den Anni⸗ cierinnen zu holen; was meinſt du, welchen Ein⸗ druck ſein Anblick auf die faſt entkoͤrperte Seele machen wuͤrde?— 9 Arinthius! in welche Verlegenheiten, in welche Kaͤmpfe haſt du mich verwickelt! Doch fuͤr Arinthia's Leben alles! Wußte ich, daß ſie fruͤher ſchon ſein war? Arinthia an Marcus. Aus welcher Verzuͤckung erwache icht Mar⸗ cus, ſahe ich wirklich dich ſelbſt?— Kehre zuruͤck, geliebter Schatten!— Sie fuͤhren meine Hand; ich will es, um dich zu rufen, aber— ſie ſinkt! Camillus an Demetrias. Du hatteſt Recht, dich fuͤr Arinthia's Un⸗ ſchuld zu verbuͤrgen, denn unſchuldig hat ihr Marcus ſie geſehen, unſchuldig, aber ſterbend! — 109 Warum ſendeſt du den Juͤngling hieher? Damit der Held nicht nutzlos ſein Leben auf Roms Truͤmmern verblute?— Aber toͤdtet ihn hier nicht die Liebe?. Arinthia iſt dahin! Eutrop iſt ihr Moͤr⸗ der. Er, durch ſchnelles Gluͤck zum kaiſerlichen Betthuͤter erhoben, erſcheint im Namen des Monarchen, dem verzweifelnden Julius Beileid zu bezeugen; tiefe Trauer verhuͤllt den mißge⸗ ſtalteten Koͤrper, und teufliſch lacht ſein Auge. Ha, Ungeheuer! dir auch noch dieſen Triumph, Marcus ſterben zu ſehen?— Marcus— wir koͤnnen ihn nicht mehr zuruͤck halten, ſtuͤrzt herein, ſieht die Goͤttliche entſeelt— Sein reines Blut uͤberſtroͤmt die ſchoͤne Huͤlle der Geliebten! Fuͤr beide morgen Ein Scheiterhaufen! De⸗ metrias! ich ſollte die Liebenden in den Schooß der Sicherheit bringen, und ich bringe ihre Aſche! Hier iſt niemand, der auf dieſe theuren Reſte Anſpruch macht. Arinthius wollte den Traum, ſeine Tochter einſt als Kaiſerin zu ſehen, nicht uͤberleben, und dem frommen Julius Se⸗ 110 cundus brachte heute Eutrop die Verweiſung in die Wildniſſe des Caucaſus! Wie? iſt dies der Triumph der Tugend? — 9 Demetrias; jenſeits! jenſeits! Läͤta an Marcus. Monate ſind nach jenen Schreckenstagen vergangen, und du kommſt noch nicht! O wie ſtrebt dir mein Herz entgegen, dir und meiner Arinthia! Kommt, o Geliebte, mich durch eure Erſcheinung zu erwecken, denn noch iſt alles, was mich umgiebt, alles, was in jener Zeit geſchah, mir Traum. Die Graͤuelſcenen jener Nacht, mein Erwachen in Alarichs Ar⸗ men, mein ſtroͤmendes Blut, die Entſuͤndigung wahnſinniger Liebe, alles, alles iſt Traum. O mein Gemahl, dir blieb die Roͤmerin treu! nun war ich ganz dein! mußte ich nun dich verlieren? Dein Haus wurde dein Scheiter⸗ haufen: warum nicht auch der meinige? So verließ Portia ihren Paätus nicht! Doch ſie ſagen, ſie fuͤhren mich beſſern — 111 Hoffnungen zu; ich fuͤhle das friedliche Wiegen des Schiffs, das uns auf ſanften Wellen jener ſchoͤnen Oede zufuͤhrt, die Liebe 20) der Liebe baute. Rom iſt dahin, in Afrika wird ein neues Rom entſtehen!—— Sie ruften mich aufs Verdeck. Proba deu⸗ tete auf das fliehende Rom, das ſich mit jedem Wellenſchlag weiter entfernte. Siehe, rief ſie, und deutete dorthin; ſiehe, daß wir nun nichts mehr haben, als jenes Jenſeits, auf das wir zuſteuern! Sie ſprachs, und eine hohe Feuer⸗ ſaͤule ſtieg auf in der Ferne; der ganze blei⸗ farbige Abendhimmel, an dem die Farben der ſcheidenden Sonne ſchon verblichen wauen, roͤ⸗ thete ſich davon. Dieſe Glut, ſagte die ruhige Matrone, iſt das Todtenfeuer des ſaluſtiſchen, jene, des an⸗ niciſchen Marmorpalaſts! Laßt uns Gott dan⸗ ken, daß wir entkommen. Dort iſt nun alles den Flammen geweiht. Bemerkſt du, zoͤgernde Laͤta, warum ich zur Eil trieb? 20) Eine romantiſche Sage von einem juͤn⸗ gern Juba, der an den Kuͤſten von Afrika eine juͤngere Cleopatra ſeiner Liebe ſicherte. 112—— Ach ja! ich zoͤgerte! mein Herz hing noch an tauſend Stellen des vaͤterlichen Hauſes, das ich vorm Scheiden nur einmal, nur noch einmal beſuchen wollte. Jetzt haͤngt es an nichts mehr, alles iſt Staub und Aſche; was ich liebe. — Nur du noch und Arinthia! Ha! wie ruhig alles um mich her! Roms Gluten mir im Ruͤcken— ich ſehe ſie nicht mehr! Unter mir die ruhig ſpielenden Wogen, dort die ſinkende Sonne, druͤben der aufgehende Mond; dicht uͤber Konſtantinopel muß es ſeyn, wo er herauf geht, woher ich euch erwarte! Aber was iſt dies? Zwei zarte, wehende Flammen ſchweben von dorther heruͤber? zu ih⸗ nen geſellt ſich eine vom Abend? Kaſtor und Pollux nannte man euch einſt, dich, Marcus, und deinen fruͤh verſtorbenen Klodius? die dritte vielleicht Helena Arinthia? Alſo alles, alles dahin, was ich liebe? Wie ſie den Maſtbaum umſpielen; dies bedeutet gluͤckliche Fahrt! Wohin? zur Unterwelt?——— Man ruft mich! das iſt gut! Welche Phantaſien!— Ein nachſegelndes Boot hat einen Boten aus Konſtantinopel gebracht, der — 113 uns im flammenden Rom vergeblich ſuchte! 9 dies deutet auf Marcus Ankunft! Hinweg nun ihr finſtern Traͤume! ihn werde ich ſehen und meine verkannte Arinthia 211). 21) Hier am Ende noch einige Woxte von Alarichs unbekanntem Grabe, das er ſich ſelbſt weiſſagte, und von Roms nachmaligen Schickſalen. Nachdem ganz Italien den Sieger Herr nannte, uͤberlegte er an der Spitze des rechten Arms der ſitzenden Jungfrau, wohin er nun ſeine ruheloſen Waffen lenken wolle. Ihn reizte Sicilien, und naͤchſt dieſem Afrika. Die Beſitznehmung des erſten war vermittelnder Schritt zu dem andern. Die Straße von Regium und Meſſina war nur zwoͤlf engliſche Meilen lang und an der ſchmal⸗ ſten Stelle etwa anderthalb Meilen breit; die Felſen der Scylla und der Charybdis heulender Schlund konnten nur die unerfahrenſten Schiffer ſchrecken. Doch die Goͤtter des Meeres waren dem niebeſiegten Helden nicht ſo guͤnſtig, als die Schutzgoͤtter Italiens. Ein Ungewitter faßte ſeine Schiffe und zerſtreute ſie. Der Muth der Helden ſcheiterte an den Schreckniſſen eines unbekannten Elements. Sicilien zitterte ſchon vor Alarich, die Fluͤchtigen von Rom uͤberzeugten ſich, daß ſie in Afrika vor dem Ueberwinder nicht ſicher waͤren. Mittlerweile ward er von einer unbedeutenden Krankheit ergriffen, der abgehaͤrtete Held vernach⸗ laͤfſigte ſie, und fand mitten in ſeinen Siegen ſein Grab. 1 Selene II. 3. H. 8 114— Seine Legionen, die ihren Helden unſterblich wuͤnſchten, wollten vielleicht der uͤbrigen Welt verbergen, daß er es nicht war. Mit ungeheurer Arbeit ward die Fluth des Buſentinus gehemmt, und in dem ausgeleerten Bette des Stroms das mit allen roͤmiſchen Trophaͤen gezierte Grab des Koͤnigs bereitet. Die Waſſer kamen zuruͤck, und bedeckten es mit ewiger Dunkelheit. Keiner der wiſſenden Sclaven entkam; ein Strom von Blut verſiegelte das Geheimniß. Niemand kann ſagen, wo die Aſche des Weltuͤberwinders ruht. Als nach ſeinem Tode allen Unternehmungen die Seele fehlte, und es ſich nicht mehr verbergen ließ, daß der Held dahin ſei, kehrte Friede zuruͤck. Adaulph, Alarichs Verwandter, ein mildherziger Fuͤrſt, ohne Alarichs unruhigen Heldengeiſt, ſchloß durch Placidien, Honorius Schweſter, ein friedli⸗ ches Buͤndniß. Roms geraubte Schaͤtze wurden groͤßtentheils die Brautgeſchenke der ſchoͤnen Koͤ⸗ nigin.— Wie? alſo um einer jungen Braut hundert goldene Becken mit Edelſteinen gefuͤllt vortragen zu laſſen, mußten Tauſende verarmen? Reichthuͤmer von unſaglichem Werth wurden mit Blut erkauft, um an einem glaͤnzenden Tage zur Schau geſtellt zu werden?— Mit der Zeit zerſtreute ſich dieſer Raub. Als im ſechsten Jahrhundert die Nachfolger Adaulphs den Franken weichen mußten, ſchenkte der Sohn des Clovis ſechzig goldene Kelche und eine große Anzahl anderer heiliger Geraͤthe, als einen kleinen Antheil des Raubes, den Kirchen ſeines Landes. Das große hundert Pfund ſchwere Miſſorium von gediegenem Golde, welches weiterhin Thoris⸗ 115 mund Dagoberts Geſandten gab und wieder ab⸗ jagte, der große Tiſch von gediegenem Sma⸗ ragd, auf hundert und fuͤnf und ſechzig goldenen Fuͤßen ruhend, und Placidiens zwoͤlf goldene Kronen gehoͤrten auch dahin. Die wiederkehrenden Roͤmer konnten dies leicht entbehren; denn Elend hatte den Uebermuth getödtet und Genuͤgſamkeit herbei⸗ gefuͤhrt, und frömmer und heiliger betete man in ungeſchmuͤckten Kirchen, gluͤcklicher lebte man in einfach gezierten Haͤuſern, als vormals im anni⸗ ciſchen Marmorpalaſt. Wir woͤllen hoffen, daß auch die Annicierinnen zuruͤckkehrten; die Ge⸗ ſchichte nennt nicht ausdruͤcklich ihre Namen, au⸗ ßer daß geſagt wird, Proba, Laͤta und Deme⸗ trias blieben bei ihrem Aufenthalt in Afrika von den Verfolgungen des feilen Heraclians nicht frei. Tillemont. Mem. Eccles. Tom. VIII, p. 620— 635. 116— Brautring. Bruuutbe Ning, 5 o wie gleichſt d du der Braut! ſchonwechſelnden Schimmer kraet du ſtets, doch klar hleibſt du im In⸗ 5 nern und rein. Traurin g. Einfach ſchuf aus lauterem Gold mich der 1 ſinnige Meiſter; Regen und Sonne verletzt nimmer das Gold 3 und die Treu. A. Kleobis und Biton. Was harrt das Volk in dichter Schaar? Den Tempel ſchmuͤckt ein feſtlich Prangen, Der Weihrauch duftet vom Altar, Des Opfers Stunde iſt vergangen: Und noch Kydippe nicht erſchienen, Die Here ſelbſt ſich auserkohr Dem alten Heiligthum zu dienen? Und noch verſtummt des Feſtes Chor? Warum die Prieſterin verweilt, Was ſie vom Feſt zuruͤckgehalten? Des Volkes Meinung iſt getheilt, Kein ſichres Urtheil kann hier walten. Und noch verwirrt die Stimmen wogen, Da koͤmmt im langen Zug ſie an; Doch nicht vom Roſſepaar gezogen, gZwei Juͤnglinge ſind ihr Geſpann. Selene II. 6. H. 1 2 4 Mit Blumen wird der Pfad beſtreut, Des Beifalls Jauchzen hoͤrt man toͤnen, Und immer voller ſich es reiht, Den Feſtzug Here's zu verſchoͤnen; Und laut ertoͤnen tauſend Fragen: Wer dieſes edle Juͤnglingspaar, Das laͤchelnd zieht den heilgen Wagen, Mit Myrtenkraͤnzen um das Haar? Es oͤffnet ſich des Tempels Thor, Dichtſtrömend fuͤllet ihn die Menge, Zur offnen Kuppel ſteigt empor Der Dank erhabner Chorgeſaͤnge. Die Prieſterin, im weißen Schleier, Tritt zum Altare betend hin, Und zu der Gottin wuͤrd'ger Feier Erhebt ſie den gemeinen Sinn. „O du, die hoch in Wolken thront, Zeus' Gattin, ſchaue mild hernieder! Das dein geliebtes Land bewohnt, Das Volk, bringt ſeiner Ruͤhrung Lieder! Sei ſtets gewaͤrtig unſerm Flehen, Nimm dieſe frommen Gaben an; Laß Ungluͤck ſchnell voruͤbergehen Und Freudevolles langſam nahn! „Laß nie mit raͤuberiſchem Gut Die reinen Haͤnde uns beflecken; Entflamme hohen Heldenmuth, Wenn der Barbaren Horden ſchrecken! Vor frechem Uebermuth bewahro Der Menſchen leichtberauſchten Sinn, Und lenke auf das Gute, Wahre, Das Unvergaͤngliche, ſie hin. „Denn nicht zu taͤuſchen iſt der Blick Der Himmliſchen, durch fromme Mienen: Dem Frevler folgt ſein Strafgeſchick, Bis der verhaͤngte Tag erſchienen; Da drehen alle Orkus⸗Pforten Sich weit in ihren Angeln auf, Und ihn verfolgt an allen Orten Erinnys mit beſchwingtem Lauf. 4 „So buͤßt Irion noch am Rad, Dem Kuͤhnheit ſtolz im Buſen brannte, Als er dir, Königin, genaht, Des niedern Staubes Trieb bekannte! Drum laß zu dir uns hoffend ſehen, Mit reinem Herzen ſtets dir nahn: Denn keine Freude darf beſtehen, Und dunkel iſt des Lebens Bahn. „Bald welkt der Liebe Myrtenkrand⸗ Des Ruhmes Loͤrber wird erbleichen, Und ſelbſt der Dioskuren Glanz Muß zum Aides niederſteigen; Das Dauernde kann euch nur kroͤnen, Um die ſich keine Jahre drehn! So ſchenk' auch du den theuren Soͤhnen, Was hoͤher iſt, als unſer Flehn. „Denn der geweihten Roſſe Paar War nicht mit Eos' Glanz erſchienen, Da boten ſie den Nacken dar, Mit freud'gem Blicke dir zu dienen. 1 Den langen Weg hat mich gezogen Der Soͤhne Kraft, mit hohem Muth: O Goͤttin, wenn du mir gewogen, Schenk' ihnen mild das hoͤchſte Gut!«— Des Tempels Pforte ſchließt ſich zu, Sie nahn dem alten Buchenhaine: Da ſchlummern ſuͤß in goldner Ruh Die Bruͤderherzen, im Vereine. Vollendung iſt dem Wunſch gegeben, Das hoͤchſte Gut hat ſie begluͤckt: Sie ſind aus dem bewegten Leben Zu des Olympos Ruh entruͤckt. Karl Beſſeldt. Die Mondſucht. Das Echo.. Es war grade als ob der freundliche Mond vor⸗ zugsweiſe auf das eine Fenſter in Kaufmann Reiſers Hauſe herunterſahe. Und man haͤtte ihm das gar nicht verdenken koͤnnen. Denn die drei und zwanzig uͤbrigen Fenſter waren ganz leblos; der Garten, in den ſie gingen, war auch ganz leblos: an jenem einen offenen Fenſter aber ſah es anders aus. Da bluͤhte erſtens ein ſchöͤner Roſenſtock, und ein noch viel ſchoͤneres Roͤschen, als der Stock aufzuweiſen hatte, bluͤhte daneben. Das ſechszehnjaͤhrige Tin⸗ chen ſtand naͤmlich hier, und freuete ſich unge⸗ mein. Erſtens freute ſie ſich daruͤber, daß der Papa in der Nebenſtube ſchon ſo herrlich ſchnarchte, und daß die Tante ſo eben nur im Schlafe mit ihr zankte. Ueber den freundlichen Mond aber freute ſie ſich nicht. Auch darf ſich 2 der Mond nicht ruͤhmen, daß die leiſen Seufzer, die ſich ein Paar Augenblicke ſpaͤter aus ihrem Munde ſchlichen, ihm gegolten haͤtten. Sie ſchlichen blos nach der Gartenmauer zu, um dort ein Echo aufzuſuchen. Als nun dieſe kein Echo trafen, ſo horchte ſie erſt noch einmal in des Papa Zimmer. Aller⸗ liebſt! er ſchnarchte beſſer, als jemals. Dann ſchlich ſie an der Tante ihr Bette. Scharmant, die zankte noch immer ganz muſterhaft. Drauf ſtellte ſie ſich wieder an's Fenſter, und ſuchte das Echo, welches ihre Seufzer nicht hatten erwecken koͤnnen, durch 3 dreimaliges Huſten zu gewinnen. Und der Streich gelang dem guten Tinchen. Das Echo huſtete dreimal wieder, und Tinchen waͤre gern vor Freuden daruͤber ein wenig in die Hoͤhe geſprungen, wenn das nicht den Papa und die Tante zur Unzeit im Schlafe geſtoͤrt haͤtte. 3—— Der Auditeur.. Es war aber auch eine ganz aparte Art von Echo, und eins, das ſich nicht blos hoͤren, ſon⸗ dern auch ſehen ließ. Am Tage trug es gewoͤhn⸗ lich eine blaue Auditeur⸗ Uniform mit rothen Aufſchlaͤgen. Am Tage jedoch that es neuerlich, wenn es Tinchen begegnete, gar nicht, als ob es ſich bei Nacht ſo uͤberaus gern von ihr an das Fenſter ſeufzen und huſten ließe, ſondern da ging es ganz ruhig neben ihr hin. Ruhig — aber nein, das moͤchte ich auch nicht ſagen; denn das Herz ſchiug ihm allezeit beinahe die Uniform entzwei, und das Geſicht wurde ihm manchmal von dieſen Herzensſchlaͤgen ſo roth, wie der Kragen an ſeiner Uniform. Das ertrug indeſſen das Echo, oder, mit andern Worten, der Auditeur Ferdinand Ring, alles mit einer außerordentlichen Faſſung. Tinchen. Man darf es uͤbrigens dem Auditeur nicht uͤbel nehmen, daß er ſich ſo gern bei Nacht mit — 9 Tinchen in ein Geſpraͤch einließ. Denn wenn der Mond das zarte Geſichtsoval aus der Nacht heraushob, und die braunen Locken ſpottend da ſtanden, daß er zwar das Dunkel der Nacht, aber nicht das ihrige zu ſchwaͤchen vermochte; wenn dann die ſchwarzen glaͤnzenden Augen durch einen duͤnnen Thauſchleier gemildert, den Ton der Zaͤrtlichkeit von ſich gaben, den das Sonnenlicht ihnen ſelten entlockte; wenn, ſtatt der verſchnoͤrkelten Modetracht, ein einfaches ſchneeweißes Nachtkleid, weich wie das Mond⸗ licht ſelber, die runden regſamen Linien, die nach dem ſchlanken Halſe heraufſtrebten, verraͤtheri⸗ ſcher einſchloß, als die Mode ſie den Tag uͤber enthuͤllte: da mußte Tinchen wirklich dem Keaner, der Gefuͤhl hatte, noch reizender vorkommen. Demohngeachtet hatte die Kennerſchaft des Auditeurs Auge nicht dermaßen verzaͤrtelt, daß er, weil Tinchen vom Mondſcheine allezeit einen Zauber mehr erhielt, ſie deshalb nur bei Mond⸗ ſcheine haͤtte ſehen und ſprechen wollen. Nein! Er haͤtte ſie lieber immerfort geſehen und ge⸗ ſprochen, und mußte daher, wenn es nicht geſchah, die wichtigſten Urſachen dazu haben. 10 Der Papa unſers Tinchens war die Haupt⸗ urſache, und man durfte den wohlbeleibten Mann nur anſehen, um die Wichtigkeit dieſer urſache gar nicht zu verkennen. ꝭ— Der kleine Ferdinand⸗ Schon in den fruͤheſten Jahren des Audi⸗ teurs hatte naͤmlich der Papa viel an ihm aus⸗ zuſetzen. Ferdinand war in ſeinem Hauſe jung geworden, und hatte Anfangs den Papa durch ſein Schreien ſo haͤufig im Schlafe geſtoͤrt, daß er den Aeltern des Kindes gewiß die Miethe auf⸗ geſagt haben wuͤrde, wenn ſeine kaufmaͤnniſche Natur mit keiner Einwendung dagegen gekom⸗ men waͤre. Dieſe ſagte ihm aber, daß Kriegs⸗ rath Rings aus bloßer Vorliebe fuͤr die Aus⸗ ſicht, die mit ihrer Wohnung verbunden war, einen Miethzins gaͤben, ſo hoch wie er ihn von keinem Menſchen jemals wieder erhalten wuͤrde, und daß er darum das Auge, das ihm der Kleine in der Nacht aufſchrie, wieder in aller Stille zudruͤᷣcken muͤßte. 1 11 „Das wird die Bosheit ſelber werden!“ ſo ſagte der Papa ſchon damals von dem Klei⸗ nen. Und wie dieſer dann heranwuchs und nicht ſelten, ſtatt der Lehrſtunden außer dem Hauſe, die Kirſch⸗ und Pflaumenbaͤume im Garten heimlich frequentirte, auch Weinleſe hielt, ehe Herr Reiſer noch daran gedacht hatte: da meinte der Papa, daß alles auf ſeine Rede hinausliefe. „Denn,“ fuͤgte er hinzu,„wuͤrde mir der Kujon ſonſt grade die ſchoͤnſten Kirſch⸗ und Pflaumenbaͤume, und die beſten Weinſtoͤcke abpfluͤcken?“ Vielleicht indeß haͤtte der Papa ihm alles vergeben, wenn nicht die Bosheit einmal von Ferdinanden ganz uͤbertrieben worden waͤre. Herr Reiſer beſaß naͤmlich einen Spitzhund, ſo weiß wie Alabaſter, und fragte daher ſeine Be⸗ kannten gerne von Zeit zu Zeit, ob ſie jemals ein ſolches Weiß geſehen haͤtten? Aber eben dieſes Weiß war das Ungluͤck. Wenn man auch damals noch nicht ſo gar viel über Kunſt⸗ werke und Kontraſte ſprach, als heut zutage; ſo ſchien doch dem kleinen Ferdinand bereits eine Idee von der Sache vorzuſchweben, und das 12 Weiß des Spitzes wie eine Einfoͤrmigkeit zu erſcheinen, welcher er nach beſten Kraͤften ab⸗ helfen muͤßte. Der große Farbekaſten, den er grade zum Geburtstage erhalten hatte, wollte obendrein auf dem gewoͤhnlichen Wege gar nicht leer werden. Daher gerieth er auf den Einfall, in dem Spitzhunde ein Naturprodukt zum Kunſt⸗ werke umzuſchaffen, nahm den Hund auf ſein Zimmer, und ſchickte ihn bald nachher mit einem berlinerblauen Kopfe, einem ſchwefelgelben Leibe, zinnoberrothen Fuͤßen und berggruͤnem Schwanze wieder fort. Herr Reiſer, der zu⸗ faͤlliger Weiſe ſo eben in Happelii Kurioſitaͤten vom Baſilisken geleſen, und nur der einbrechen⸗ den Daͤmmerung wegen das Buch zugemacht hatte, erſchrak uͤber die Maße, als ſein Spitz in dieſem Ornat zur Thuͤre herein und auf ihn los ſprang. Seine geſpannte Einbildungskraft glaubte wenigſtens einen Baſtard von Baſilisken vor ſich zu haben. Erſt an der bellenden Stim⸗ me erkannte er ſeinen gemißhandelten Liebling, und an der That ſogleich den Thaͤter. Seine Liebe zum Spitzhunde wuͤrde auch gewiß Fer⸗ dinands Aeltern diesmal die Miethe aufgeſagt 8 — — 13 haben, wenn ihr das Zinsbuch nicht zur rech⸗ ten Zeit noch den Mund zugehalten haͤtte. Ferdinand war bald ſo verſchrieen im Hauſe, daß alles fehlende Obſt, und jedes zerbrochene Fenſter getroſt auf ſeine Rechnung geſetzt wer⸗ den konnte, und Kaufmann Reiſer, an dem Tage, wo Ferdinands Mutter uͤber des Knaben Abreiſe nach einer auswaͤrtigen Schule, in Thraͤnen zerfloß, ganz unverholen ein Freu⸗ denfeſt feierte. Seitdem war der junge Mann nur auf ſehr kurze Zeit ins Haus gekommen, bis er von der Akademie abging. Der große Ferdinand. Der alte Groll in Kaufmann Reiſers Her⸗ zen war aber durch die wohlgemachte Figur, die feinen Kleider und noch feinern Sitten, womit der junge Kandidat der Rechte ſich jetzt in Tinchens Herz zu ſchleichen wußte, keinesweges zu beſtechen. Der Geiſt des illu⸗ minirten Spitzhundes, der vor kurzem ge⸗ 1—— 14 ſtorben war, ſchien ihn keinen Augenblick in der Gunſt des alten Herrn zu leiden, und Herr Reiſer war außer ſich vor Zorn, als er eines Tages durch Ferdinands betrunkenen Bedienten ein Briefchen empfing, das ſeinem Tinchen zugedacht war und welches das Maͤdchen in den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken um eine Zuſam⸗ menkunft im Garten erſuchte. Augenblicklich wurde Tinchen feſt eingeſchloſſen. Er ging an ihrer Stelle in den Garten, zeigte dort dem armen Liebhaber ſeine ganze boͤſe Geſinnung gegen ihn, und traf auch noch eine gute Vor⸗ kehrung gegen ſeine kuͤnftigen Verſuche an Tin⸗ chen zu kommen dadurch, daß er die Schwe⸗ ſter ſeiner verſtorbenen Frau, als Ehrenwaͤch⸗ terin, in's Haus nahm. Die Tante. Der Papa haͤtte keine ſchlimmere Wahl fur Tinchen treffen koͤnnen, als in dieſer Per⸗ ſon, welche dem guten Kinde das Haus zur Hoͤlle machte, vor dem ſie wie ein wahrer — 15 Cerberus, oder gar wie ein*** ſcher Zollbe⸗ dienter, Wache ſtand, und nichts Verdaͤchtiges ein⸗ und auspaſſiren ließ. Ueberhaupt war die Tante eine Perſon, die, weil es ihr in ihrem ganzen Leben mit der Liebe nicht hatte gelingen wollen, es in ihren alten Tagen mit dem Haſſe zu verſuchen anfing, mit dem es ihr auch in der That recht ertraͤg⸗ lich gelang. Die Liebe hatte die naͤchſten An⸗ ſpruͤche auf ihren Haß. Weil nun das Hei⸗ rathen mit der Liebe zuweilen gemeinſchaft⸗ liche Sache macht, ſo pflegte auch die Tante, wenn ſie allein war, immer zu ſagen, daß Tinchen in ihrem ganzen Leben nicht heirathen ſolle, wenn es nach ihrem Kopfe ginge. Und ob ſie gleich dem Papa davon nichts merken ließ, ſo wußte ſie ihm doch einen nach dem andern von den jungen Leuten, die es auf Tinchens Gunſt anzulegen ſchienen, ſo zu ver⸗ laͤſtern, daß er bis dahin wider ſie alle ein⸗ genommen war. Die aͤrgerliche Natur der Tante konnte es aber nicht einmal leiden, daß Tinchen in Ge⸗ ſellſchaft und auf Baͤllen ſo gar viel maͤnnliche 16 Blicke huldigten, daher dachte ſie nach gerade darauf, alle dieſe Geſellſchaften dem Papa verdächtig zu machen. Ein Tuͤrke, den wir weiter unten wahrnehmen werden, ſollte ihr als Einleitung dazu dienen. — Der Papa muß nun ſelber einen beſondern Abſchnitt bekommen, weil er mir's außerdem uͤbel neh⸗ men koͤnnte, aber nur einen ganz kurzen, weil die Leſerinnen ſonſt boͤſe werden moͤchten, an denen mir weit mehr liegt, als an dem Ranne. Der Papa war ein reiner Papa— das heißt, eine brave, alte Perſon, wie Te⸗ renz, Moliere und Holberg deren eine Menge gekannt haben; eine Perſon, die ſich Dinge weiß machen ließ, die meine lieben Leſerinnen eher ſelber jemanden weiß machen, als glauben wuͤrden. Man wollte auch allgemein behaup⸗ ten, daß er in ſeinem ganzen Leben nicht drauf gefallen waͤre, ſich ein ſolches Ver⸗ moͤgen zu erwerben, als ſein Vater ihm hin⸗ 12 terlaſſen hatte, deſſen wohleingerichtete Hand⸗ lung er nicht ſowol fortfuͤhrte, als ge⸗ maͤchlich fortgehen ließ. Er war uͤbri⸗ gens ein intimer Freund des alten Herkom⸗ mens. Er hatte geheirathet, weil es von ſeinen Voraͤltern ſo hergebracht war, und hoffte auch einmal ſelig zu ſterben, weil man ſeit undenk⸗ lichen Zeiten in ſeiner Familie keinen Sohn und keine Tochter kannte, die ihrem verſtorbenen Va⸗ ter die Seligkeit nicht zugeſprochen haͤtten. Der Zeitungstraͤger. 1 Ob nun ſchon die Tante Tinchens Neigung zu Ferdinanden ſo feſt in ihrer Fauſt zu halten meinte, daß gar keine Regung moͤglich waͤre, ſo wußte dieſe Neigung ſich doch zu helfen. Die Tante leiſtete ihr ſogar ſelber Vorſchub. Der Papa hatte naͤmlich einen Zeitungstraͤger, der außer den ſchriftlichen Zeitungen immer noch ganze Pakete muͤndliche mitbrachte, und dem keine Neuigkeit in der Stadt entging, mochte ſie auch noch ſo albern erlogen ſeyn; und es gab Selene II. 6. H. 2 18— nichts in der Welt, was die Tante lieber gehabt haͤtte, als ſolche muͤndliche Privatnachrichten. Damit ſie nun ſo oft als moͤglich aus dieſer lebendigen Neuigkeitsquelle ſchoͤpfen koͤnnte, ſtellte ſie den Mann beim Papa dermaßen in's Licht, daß er ihm freie Wohnung im Hauſe an⸗ bot, und zeigte, daß er ihm zu jeder Zeit will⸗ kommen waͤre. Da er der einzige Menſch war, der dieſes Privilegium hatte und darauf allerlei Hoffnung gebaut werden konnte, ſo ließ ſich auch der Au⸗ diteur Zeitungen von dem Manne bringen. Und da Ferdinand bald einen uͤberaus verſchmitzten Burſchen in ihm entdeckte, welcher, vom Tauge⸗ nichts an, eine ganze Menge Profeſſionen ge⸗ trieben, und der, wenn er ſich auch jetzt als Zeitungsbote zur Ruhe geſetzt hatte, den Tau⸗ genichts doch immer noch gar nicht vergeſſen konnte: ſo war das grade ein Menſch, wie er und Tinchen, in ihrer betruͤbten Lage, zu ihrem Generalpoſtmeiſter und Brieftraͤger ihn nicht beſſer haͤtten wuͤnſchen koͤnnen. 31 Durch dieſen, ſich in Kleidung und Betragen aͤber ſeinen gegenwaͤrtigen Stand erhebenden 19 Zeitungstraͤger nun, wurde der aufgehobene Umgang zuerſt, aber blos ſchriftlich wieder her⸗ geſtellt. 1 Die Zuſammenkunft. Es iſt in der liebenden Welt laͤngſt bekannt, daß es gewiſſe Punkte in der Liebe giebt, mit welchen ein zaͤrtliches Paar ſchriftlich gar nicht aufs Reine kommen kann, und daß ſich zum Beiſpiel ein ſolches Paar in einem einzigen kurzen Blicke mehr zu ſagen verſteht, als in vielen Dutzend der weitlaͤufigſten Briefe. Ferdinand aͤußerte zuerſt in einem Billet, daß er Tinchen, wenn auch nur von weitem, wieder ein einziges Mal in Augenſchein zu nehmen wuͤnſchte. Ob nun ſchon Tinchen in ihrer Antwort der Billigkeit des Wunſches alle Gerechtigkeit wiederfahren ließ, ſo fand ſie doch gegen die Moͤglichkeit der Ausfuͤhrung nicht wenig einzuwenden. Beim Zeitungstraͤger waͤre freilich Gele⸗ genheit geweſen, aber erſtens konnte durch eine 20 ſolche Maßregel auch noch das Gluͤck der Kor⸗ reſpondenz verſcherzt werden, und dann kannte Ferdinand Tinchens delikate Begriffe vom An⸗ ſtand zu gut, als daß er haͤtte glauben duͤrfen, ſie wuͤrde ſich den Vorſchlag einer Zuſammen⸗ kunft mit ihm beim Zeitungstraͤger gefallen laſſen. Er ſann ſich indeſſen etwas anders aus. Er bat naͤmlich Tinchen ſo lange um die Gunſt, in der Nacht einmal am Fenſter zu erſcheinen, bis das Maͤdchen nachgab. Doch verlangte ſie ausdruͤcklich eine ſehr dunkle Nacht dazu. In der, ſo ſagte Tinchen in ihrem Bewilli⸗ gungsbillet, ſollte er ſich ſatt an ihr ſehen, aber bei Leibe nicht ganz ſatt. Zum Gluͤck trat eine ſolche Nacht gleich den folgenden Abend ein. Und zum Beweiſe, daß er ſich in dieſer ſtichdunkeln Nacht nicht ganz ſatt an ihr geſehen hatte, bat er im naͤchſten Briefe um's Him⸗ melswillen, um eine zweite Nacht dieſer Art, welche Tinchen auch, da die erſte recht gut abgelaufen war, ihm nicht verweigerte.— — 21 Neuer Muth. Da die Tante noch in einigen dunklen Naͤchten nachher, nicht das geringſte gemerkt hatte, ſo wuchs der Muth etwas hoͤher, und es wurden nunmehr zwei Naͤchte in der Woche feſtgeſetzt, wo Ferdinand in den Garten ſchleichen und Tinchen an dem Fenſter erſchei⸗ nen ſollte. Darauf war der abſcheuliche Mondſchein eingetreten, in dem ſich das Maͤdchen zu keinem Erſcheinen verſtehen wollte. Daher mußten ſie, wie die Naͤchte wieder dunkel wurden, die verſaͤumten Zuſammenkuͤnfte nach⸗ holen. Durch dieſes Nachholen gewoͤhnten ſie ſich indeß dermaßen an die Sache, daß es ihnen beim zweiten Mal Mondſchein ſchon nicht moͤglich war, die Sichel des Mondes in den erſten und letzten Tagen als eine Ver⸗ hinderungsurſache zu reſpektiren. Das dritte Mal Mondſchein aber fand in dem Liebes⸗ paare ein Paar ausgemachte Wagehaͤlſe. Denn ſie trieben ihre Zuſammenkuͤnfte bis zum Voll⸗ monde. 22— Der Tuͤrke in London. Und bei der Entdeckung in einer Nacht, wie die im erſten Abſchnitte, nach dem wir nun wieder zuruͤck gehen wollen, wuͤrde der Laͤrm noch einmal ſo arg wie ſonſt geweſen ſeyn. Denn der Zeitungstraͤger war den Abend zuvor mit einem Blatte vom„Freymuͤthigen““, die unſchuldige Veranlaſſung zu einem uͤbermaͤ⸗ ßigen Geſchelte geweſen. Die Tante fand naͤm⸗ lich darin einen Tuͤrken in London, der ſich einen kleinen Harem von blutjungen Maͤd⸗ chen zuſammenſtehlen ließ, und ſah ſich da⸗ durch bewogen, eine Kreuzpredigt, nicht blos gegen die eigentlichen Tuͤrken, ſondern gegen alle heutige junge Maͤnner von ſich zu geben. Weil ſie ſich nun dabei ſehr erhitzte, ſo glaubte das gute Tinchen ein Wort zu ſeiner Zeit zu reden, wenn ſie ſie darauf aufmerkſam machte, daß dieſer Tuͤrke ja ſchon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts gelebt haͤtte, leitete aber damit die Hitze der Predigerin auf ſich ſelber. „So,“ ſagte die Tante,„du willſt wol vielleicht gar noch die Partie der heutigen Maͤnner nehmen, und ſagen, daß ſie beſſer 23 geworden waͤren? Tauſendmal ſchlimmer ſind ſie, lauter ſolche verruchte Tuͤrken!“ Das ſchien doch dem Papa etwas zu arg; wenigſtens aͤußerte ſich ſo'was in ſeinem ſonſt nicht beſonders ausdrucksvollen Geſichte. Aber die Tante ward es noch bei Zeiten gewahr, und fuhr ſo fort:„Ich weiß wol, was ich weiß, und was ich rede. Ich ſehe tagtaͤglich verdaͤchtiges Geſindel um das Haus herum⸗ ſchleichen, das gewiß nicht ohne Auftrag immer nach deinem Fenſter ſchielt. Pfui, ſchaͤme dich, Tinchen, den Galgenſchwengeln und ihrem Anhange das Wort zu reden! Das iſt ſchon die rechte Hoͤhe.“ Tinchens Thraͤnen goſſen nur Oel in's Feuer; die Tante ſchrie immer heftiger, und ſchien ſo uͤberzeugt zu ſeyn von dem, was ſie her⸗ ausſtieß, daß der Papa endlich ſelber zu ihrer Meinung herumgebracht wurde, und ihren Warnungen und Drohungen beitrat. Es war daher immer gewagt genug, daß das Maͤdchen trotz dieſem allen ſich in den verraͤtheriſchen Mondſchein hingeſtellt, und das Echo in ihre Naͤhe gehuſtet hatte. 24 Der Vollmond. „Ach!“ ſagte Tinchen jetzt ganz leiſe zum Fenſter hinaus, und holte ſich damit ein Ach! vom Auditeur herein, und beide warfen dabei dem Monde ein Paar erſchreckliche Blicke zu. So ſchoͤn er auch Tinchen dem Auditeur, und den Auditeur unſerm Tinchen malte, ſo haͤtte er doch ſein Malen beſſer unterweges gelaſſen. Denn, wenn der Auditeur ja ein wunderſchoͤnes Bild von Tinchen ſehen wollte, wie kein Maler und kein Mond es zu malen im Stande war, ſo durfte er nur einen Blick in ſein eignes Herz thun. Und in Tinchens Herzen ſtand das Bild des Auditeurs in eben ſo brillanten Linien und Farben. Darum verargten ſie es auch der Natur gar ſehr, daß ſie auf den kurioſen Einfall gekommen war, ihren ſchoͤnen dunkeln Naͤch⸗ ten alle vierzehn Tage einen ſo langweiligen Schwaͤtzer zur Aufſicht mitzugeben. Zwar hatte Tante Cerberus das koſtbare Talent ebenfalls, daß ſie nur erſt im feſten Schlafe ſeyn durfte, und ſie ſchlief fort bis die Uhr ſieben ſchlug. Sie lag aber doch in dem⸗ 25 ſelben Zimmer, und Einmal war es ſogar ſchon dageweſen, daß ſie wegen des Fluͤſterns am Fenſter die Bettvorhaͤnge aufgezogen, und naus der Niſche, in der ihr Bette ſtand, wirk⸗ lich herausgegukt hatte. Damals hatte ſich Tinchen ſogleich maͤuschenſtill verhalten, und weil es eine dunkle Nacht geweſen war, ſo reichte dieſe Maßregel auch voͤllig hin, um die Tante wieder in ihre Bettvorhaͤnge hinein⸗ zuſchicken. Blos nach Tinchens Bette hin⸗ uͤber hatte ſie damals noch zuvor gefragt: „ Schlaͤfſt Du, Tine?“ und da natuͤrlicher Weiſe kein Tinchen antwortete, ſo wurde die Unterſuchung mit einem kurzen Gebet an alle gute Geiſter geſchloſſen. Der helle Mondſchein aber machte dies⸗ mal die Sache viel gefaͤhrlicher. Denn wenn ſie dasmal an's Fenſter gukte, ſo wurde ſie auch den Geiſt gewahr, der ſie geſcheucht hatte, und erkannte ihn, bei aller ihrer Gei⸗ ſterfurcht, gewiß, und es war alles zu ver⸗ wetten, daß ſie die zweckmaͤßigſten Vorkeh⸗ rungen traf, dieſen Geiſt fuͤr alle kuͤnftige Naͤchte von dem Fenſter wegzubannen. 26 3 Bei jedem Worte alſo, das der Auditeur durch die Mondnacht hindurch in ihr Ohr her⸗ auffluͤſtern wollte, machte Tinchen allemal die leidendſte Miene, und wieß mit dem einen Haͤndchen nach dem ſchlafenden Cerberus, und fagte mit dem andern Haͤndchen ungefaͤhr ſo viel, als:„Um's Himmelswillen kein Wort weiter!“ Baumeiſter⸗Ruchloſigkeit. So miſerabel aber der Mond auch das Geſpraͤch der Liebenden machte, ſo haͤtte doch eine gute Pantomime die beſten Worte vielleicht erſetzen koͤnnen. Allein eine gute Pantomime war ebenfalls nicht anzubringen. Denn dem gottloſen Boͤſewichte, der vor zehn Jahren das Haus gebaut hatte, war gar nicht ein⸗ gefallen, daß das damals ſechsjaͤhrige Tin⸗ chen kuͤnftig einmal die Fenſter viel niedriger brauchen wuͤrde, als er ſie baute. Der Feuch⸗ tigkeit vorzubeugen, machte der unbedachtſame Menſch den Fußboden der Unterſtuben ſo hoch, 27 daß ſechs oder acht Stufen vom Garten nach der Thuͤre herauffuͤhrten. Bei Tage hatte man nun freilich in den Zimmern unter andern auch den Vortheil, daß kein Gaͤrtner, und kein Menſch uͤberhaupt ſo groß war, um durch die Fenſter herein ſehen zu koͤnnen; auf die Nacht aber ſollte ein guter Baumeiſter doch ebenfalls denken, und der hier ſich in's Herz hinein ſchaͤmen, daß er einem Paar allerliebſter junger Leute die muͤndliche Unterhaltung in Mondſcheinnaͤchten faſt unmoͤglich gemacht hatte. Denn Tinchen mußte ſich allezeit mit halbem Leibe zum Fenſter hinauslegen, und der Auditeur auf die Zehen treten, wenn ſie ihre vier Lippen ſo dicht aneinanderhalten woll⸗ ten, daß kein Drittes eins von den zarten, ſuͤßen Woͤrtchen vernehmen konnte. Dieſes Experiment aber war ſo gefaͤhrlich, daß es nicht allzuoft gemacht werden durfte; daher man ſich in der ganzen uͤbrigen Zeit mit Haͤn⸗ dedruͤcken und Blicken ſo gut als moͤglich zu behelfen pflegte. 28 Ungluͤcksfall. Die Haͤndedruͤcke aber und Blicke ſind als Einleitung zu Geſpraͤchen ſchon ganz leidlich, doch wenn die Einleitungen Stunden lang dauern, ſo werden die Leute bisweilen deſpe⸗ rat, und wagen dann in ihrer Deſperation Dinge, die ſie ſonſt nimmermehr gewagt haͤtten. Auch dem guten Tinchen ging es nicht beſſer. Da ſtand nun der arme Auditeur immerfort auf den Zehen, und ſtieß ſo laute Seufzer aus, daß ſie ihm den Mund durch⸗ aus noch einmal verſtopfen mußte. Und in der Deſperation erhob ſie ſich auf Einmal und ſo unvorſichtig, daß ſie das Gleichgewicht verlor, und mit einem lauten Schrei hinaus zum Fenſter, und mit dem Auditeur, der ſich auf den Zehen nicht erhalten konnte, zur Erde ſtuͤrzte. Folgen. Tinchen wuͤrde ſich eher von dieſem Haupt⸗ ſchreckniſſe erholt haben, haͤtte ihr lauter Schrei — 3 29 nur nicht Widerhalle in den Betten des Papa und der Tante gefunden.— „Was war denn das?“ fragte der Papa. „Es klang grade wie Tinchens Stimme,“ ſprach die Tante.„Schlaͤfſt Du denn nicht, Tinchen?— Keine Sylbe! Sie ſchlaͤft! ⸗ antwortete ſich die Tante ſelber, und wandte ihr Geſicht aufs eiligſte nach der Wand, da⸗ mit ihr das Geſpenſt, welches eben Tinchens Stimme ſo klaͤglich nachgemacht hatte, ja nicht vor Augen kaͤme, wenn es etwa durch ihre Bettvorhaͤnge den Kopf hereinſtecken wollte. Dazu bereuete ſie alles von Herzen, was ſie Tinchen jemals zu leid gethan hatte. Der Papa aber im Nebenzimmer glaubte bei Nacht ſein Geſpenſt ſo gut wie die Tante, und zog ſich ſeine weiße Schlafmuͤtze tief uͤber Augen und Ohren herunter. Der Spaziergang. „Ach, waͤre ich doch dasmal nicht an's Fenſter gekommen!“ rief Tinchen, und lief — 30 Eines Laufens bis zu dem aͤußerſten Ende des Gartens, und ſo ſchnell, daß der Auditeur mit ſeinen Beruhigungsgruͤnden gar nicht nach⸗ 8 konnte. Die Angſt verſchwand indeſſen ſo ziemlich, als man in die Gegend des offnen Fenſters zuruͤckkehrte und nicht nur der Roſenſtock auf dem Fenſter von Tinchens Falle nicht mit ergriffen worden war, ſondern ſich auch kein Laut mehr in den Zimmern hoͤren ließ. Fer⸗ dinand verſicherte das Maͤdchen obendrein, daß es ihm ein purer Spaß waͤre, ſie wieder nach dem Fenſter hinaufzuheben. Dazu mußte aber doch ein entſchiedener Beweiß von dem Schlafe des Papa und der Tante abgewartet werden, und Tinchen beſaß in dieſem Augen⸗ blick einen ſo verderbten Geſchmack, daß ſie ein recht tuͤchtiges Schnarchen von Papa und Tante der allerſchoͤnſten Symfonie von Haydn oder Beethoven bei weitem vorgezogen haͤtte. Bis dahin konnte indeſſen leicht ein halbes Stundchen verſtreichen, daher dem guten Paͤr⸗ chen nichts uͤbrig blieb, als ein wenig im Garten herumzugehen und ein vernuͤnftiges 31 Wort mit einander zu reden. Weil ſie aber ſo gar lange weder mit einander gegangen waren, noch mit einander geredet hatten, ſo gingen ſie ſich ſo in das Gehen, und redeten ſich ſo in das Reden hinein, daß ſie erſt nach der zweiten halben Stunde ſich wieder heraus⸗ zufinden vermochten. Da fiel ihnen aber wirklich ihre gefaͤhr⸗ liche Situation noch ein, und ſie eilten nach dem Fenſter ſogleich zuruͤck. Als nun hier Papa und Tante ein will⸗ kommenes Duett ſchnarchten, da wurde es Ferdinanden gar leicht, Tinchen, in ihrer Freude daruͤber, noch zu einem einzigen Gange den Garten auf und nieder, zu uͤberreden. Der Sturm. Sie gingen aber uͤber dieſen Gang, den andre verſtändige Menſchen recht bequem in fuͤnf Minuten beendigt haben wuͤrden, bereits ganze drey Viertelſtunden, und hatten ihn 32— noch immer nicht vollendet, und dachten gar nicht mehr daran, damit zu Stande zu kommen. Sie erbauten ſich vielmehr ein großes, geraͤu⸗ miges Luftſchloß, und ſetzten ſi ſich nicht nur ſelber, ſondern auch ihr ganzes kuͤnftiges Leben und alle ihre Wuͤnſche und Traͤume groß und breit dahinein. Und weil das Luftſchloß in unmittelbarem Zuſammenhange mit dem Him⸗ mel ſtand, ſo war es auch kein Wunder, daß das Verſchwinden des Mondes von ihnen nicht bemerkt wurde, und der Sturm, der ſich erhoben hatte, auch nicht, ob er ſchon er⸗ ſchrecklich mit Baͤumen und Wetterhaͤhnen hauſte, und alles, was er faſſen konnte, uͤber den Hau⸗ fen polterte. Der Roſenſtock. „Ach, du meine Guͤte!“ rief die Tante, und fuhr hoch auf aus dem Schlafe, als der Wind den Roſenſtock vom Fenſter in's Zim⸗ mer warf. „Was war das?“ fragte der Papa, der ebenfalls aufwachte. 4 — 33 „Du mein Himmel, ich weiß es nicht. „ Es muß ein Fenſter offen ſeyn in Ihrem Zimmer,“ ſagte der Papa. „Behuͤte, ich habe ſie, wie imnier, vor Schlafengehen alle viſitirt.“ „Aber hoͤren Sie denn nicht, wie der Sturm hereinpfeift?“ „Ach, wie meine ſelige Mutter ſterben ſollte, da that es gerade ſo einen Knall! da zitterten Thuͤren und Fenſter wie jetzt!“ „Der Roſenſtock iſt heruntergefallen, und wenn das iſt, ſo muß doch das Fenſter offen geweſen ſeyn.“ „Wenn das waͤre! Aber ich ſage Ihnen ja, daß ich die Fenſter alle ſelber zugewirbelt habe. Tinchen Du haſt es geſehen.— Tin⸗ chen, Tinchen! Das Maͤdel hat einen wahren Todtenſchlaf.“ Das Geſpenſt. „Wenn ich nur nicht grade im Schweiße laͤge, ſo wollte ich es Ihnen ſchon beweiſen, Selene II. 6. H. 3 34 daß das Fenſter in Ihrer Stube offen iſt!“ ſagte der Papa, der noch mitten in der Gei⸗ ſterſtunde zu ſeyn glaubte. „ Oder ich das offne Fenſter in Ihrem Zimmer ſinden,“ trotzte die Tante,„wenn ich nicht einen Rhevmatismus fuͤrchten muͤßte.“ In dieſem Augenblicke flog eine Porzellan⸗ taſſe in der Naͤhe des offenen Fenſters auf die Erde.. „Wer hat nun Recht?““ ſagte der Papa, und faßte ſich ſtillſchweigend ein Herz, und ſtieg aus dem Bette. Weil aber die Tante jetzt ſahe, daß alles mit rechten Dingen zuzugehen ſchien, da faßte ſie ſich das naͤmliche Herz. Doch wie ſie bei der Thuͤre des Nebenzimmers vorbei und zum Fenſter hin wollte, trat der Papa, der in der Angſt und Schnelligkeit ſeinen gruͤndama⸗ ſtenen Schlafrock verkehrt und ſo umgenommen hatte, daß das weiße Unterfutter herauskam, grade in dieſe Thuͤre. „Alle gute Geiſter!“ ſchrie die Tante und ſtuͤrzte zur Erde. „Wo denn, wo?“ ſtammelte der Papa, 35 nach dem Geiſte umherſchauend, und man konnte ſeine Knie ſchlottern hoͤren. Seine Stimme half ihr jedoch ſogleich wie⸗ der auf, und man verſtaͤndigte ſich. Ob nun ſchon zwei furchtſame Menſchen noch lange keine einzige herzhafte Perſon ausmachen, ſo wurden ſie doch gegenſeitig ruhiger. Der Papa machte das Fenſter zu, und bewies zugleich der Tante, daß es dem Winde ganz unmoͤg⸗ lich waͤre, ſolche feſte Fenſter, wenn ſie ordent⸗ lich zugewirbelt waͤren, aufzureißen. „Ich kann aber einen Eid ablegen, daß ich ſie, wie Tinchen ſchon im Bette lag, feſt zugemacht habe. Es muß wahrhaftig nicht mit rechten Dingen zugehen.“ Auf dieſes Wort begab ſich der Papa ſchleunigſt aus dem Zimmer, und die Tante eilte auch nach ihrem Bette, nachdem ſie ein Paarmal vergebens nach Tinchen gerufen hatte. Das Luftſchloß geht entzwei. Das Paͤrchen haͤtte aber vielleicht noch lange Zeit in ſeinem ſchoͤnen Luftſchloſſe zuge⸗ 36— bracht, wenn nicht ein Dachziegel, der von einem Sommerhauſe herabfiel, bei dem ſie grade vorbeigingen, es mit einem Male zer⸗ ſchmettert haͤtte. Der Ziegel ſchlug naͤmlich durch Ferdinands Hut, und gab ihm mit einer Verwundung am Kopfe einen leiſen Wink von dem Sturme, in dem ſie nun ſchon ſo lange herumwanderten.. „Welch ein Wetter!“ rief Tinchen, nach einer ſorgfaͤtigen Unterſuchung der Wunde. „Jetzt muß ich eilen, ehe das Geheul die Tante und den Papa wieder aufweckt.“ Wie erſchrack ſie indeſſen, als ſie das Fen⸗ ſter, den einzigen heimlichen Ruͤckweg in ihr Bette, nicht mehr offen fand. „Wenn wir eine Leiter dahinauf haͤtten 1⸗ ſeußits ſie, als ſie im obern Stock in Papa's Zimmer einige offene Fenſter entdeckte. Aus dieſem Zimmer fuͤhrte naͤmlich eine Treppe nach einer unverſchloſſenen Tapetenthuͤre in ſein Schlafzimmer, und von da war kein Ver⸗ ſchluß mehr bis zu ihrem Bettchen. Ferdinand dachte wegen einer Leiter hin 37 und her, aber in ſeiner Aeltern Reviere gab es keine, die dahinauf gereicht haͤtte. „„Die Gartenleiter!“ Die ſtand indeſſen im Gaͤrtnerhauſe, und was konnte der Gaͤrt⸗ ner und ſeine Frau denken, wenn Tinchen ſich ihnen entdeckte. Sah ihr naͤchtlicher Spa⸗ ziergang mit Ferdinand nicht wie ein Beweis der aͤußerſten Sittenloſigkeit aus? Ihr Be⸗ wußtſeyn rechtfertigte ſie zwar, doch nur vor ihr ſelber. Dennoch ſollte der ſaure Schritt ſchon ge⸗ than und der Gaͤrtner herausgepocht werden, als ſie ſich auf ein neues Hinderniß beſann. Der Gaͤrtner war naͤmlich verreiſet, und ſeine Frau, die mit ihrer Furcht vor Dieben bereits im Vorderhauſe alles zu fuͤrchten gemacht hatte, oͤffnete vielleicht gar nicht einmal auf ihr Pochen. Und ihre Stimme laut hoͤren zu laſſen, ſcheuete ſich Tinchen darum, weil des Nachbars Wohnung unmittelbar an das Gaͤrtnerhaus ſtieß, und Nachbars Tinchens Stimme ſo gut kannten, als ihre eigne. Vitdder alles Erwarten aber ſtand des Gaͤrt⸗ ners Hausthuͤre ganz offen, auch brauchte der 38 Gaͤrtnerin kein Wort vergoͤnnt zu werden, da die Leiter in der Kuͤche, wohin ſie eben ge⸗ langten, allein zu ſinden war. Als ſie aber mit leiſem Frohlocken Hand an die Leiter leg⸗ ten, flog vom Sturme, wie ſie glaubten, die Hausthuͤre zu, und ließ ſich auch von innen nicht wieder aufmachen, weshalb ſie doch in die Stube gingen, die Gaͤrtnerin um ihren Beiſtand anzuſprechen. Die Diebe. Das war aber eine ganz vergebliche Muͤhe. Die Gaͤrtnerin hatte ſich naͤmlich kurz vor des Paͤrchens Ankunft durch ihre Furcht uͤber⸗ reden laſſen, daß der Wind, der hinterm Hauſe handthierte, nicht der Wind, ſondern ein Spitzbube ſey. Daher war ſie aus dem Bette geſprungen, hatte ganz leiſe die Haus⸗ thuͤr aufgeſchloſſen, und den Schluͤſſel wenig⸗ ſtens zu ſich genommen, da ſie ſich nicht getraute die Thuͤre unvermerkt wieder zuzu⸗ machen. 39 Sie war jedoch noch gar nicht weit, als ſie das Paͤrchen geſchlichen kommen und in das Haus hineingehen ſah. Ihre Einbildungs⸗ kraft war ſo voll von Dieben, daß ſie die wohlbekannten Perſonen bei dem hellſten Mond⸗ lichte nicht erkannt haͤtte, geſchweige in dieſem Dunkel. Sie glaubte daher einen wahren Meiſterſtreich zu begehen, wie ſie hinterher⸗ ſchlich und die Hausthuͤre zuwarf. Gefangen! dachte ſie, als es geſchehen war; denn das Schloß war durch keinen fremden Schluͤſſel zu eroͤffnen, und das Fenſter mit einem Pfir⸗ ſichſpalier dicht uͤberſponnen. ne Und mit doppelter Freude, erſtens, weil die Diebe nun ſo ohne Rettung verloren waren, und zweitens, weil ſie ihre Furcht, wegen der ſie ausgelacht wurde, ſo ſchoͤn mit ihnen rechtfertigen konnte, ſprang ſie vor, nach dem Herrnhauſe, und rief hier, und tobte, und warf auch, da ſie die Fenſter nicht mit der Hand erreichen konnte, einige Steine hindurch. Denn, dachte ſie, bei ſo einer wichtigen Ent⸗ deckung wird es doch wahrhaftig nicht auf ein Paar armſelige Fenſterſcheiben ankommen? 8 40 Der Laͤrm im Hauſe. Daß aber Papa und Tante nicht aufge⸗ ſtanden waͤren! In ihren Betten ſchwitzten ſie doch nur einen gelinden Fegefeuer⸗Schweiß, aber draußen war die Hoͤlle, und alles, was ſie an Kobolden und Geiſtern beſitzt, ganz und gar. Denn ein bloßer Wind, ſo ſchloſſen ſie alle beide, wirft mir ſo die Fenſter nicht ent⸗ zwei; und wer ſollte denn ſonſt im Garten ſeyn um dieſe Zeit, als der Wind oder der Mann, vor dem man drei Kreuze macht, und ſein ganzer ruchloſer Anhang, das wuͤ⸗ tende Heer? Sie fragten ſich dies jedoch ganz in der Stille, denn den Mund aufzuthun wagten ſie gar nicht mehr. Daß es die Gaͤrtnerin war, welche dazu ſchrie, hoͤrten ſie auch nicht, weil ſie, ſeitdem die Fenſter anfingen draufzugehen, ihre Ohren ganz in die Betten eingewickelt hatten. Als aber der Papa jetzt eben einmal recht tief in's Bette hineinfahren wollte, und ſein Gehoͤr auf einen Augenblick frei wurde, da klopfte es ſchon an ſeine Thuͤre, und er hoͤrte 41 zugleich mehrere Comptoir⸗ und andere Stim⸗ men. Und weil der Gedanke, daß wol gar ſeine Geldkaſſe auf dem Comptoir in Gefahr ſeyn koͤnnte, den Gedanken an das wuͤtende Heer ſogleich verdraͤngte, ſo glaubte er ſein Leben riskiren zu muͤſſen, und ſprang mit gleichen Beinen aus dem Bette und nach der Thuͤre. „Hier offenbarte ſich es baid, daß das ganze Haus von der Gaͤrtnerin aufgeweckt worden war. Das Zimmer füllte ſich darauf mit Lichtern und Leuten, unter denen ſich der Zei⸗ tungstraͤger mit befand. Die Gaͤrtnerin wurde ebenfalls hereingelaſſen, und die Tante kam nun auch aus dem Bette, um die Diebes⸗ hiſtorie mit ahauhören.— Wo iſ Tinchen „Aber ſchlaͤft denn Tinchen noch inmera ſagte der Papa, als er ſie unter dem Volke nicht gewahr wurde. Ihr Bette war leer, auch wurde im ganzen Hanſe vergebens nach ihr geſucht. 42 Um nur recht bald Leute mit ſich in ihre Wohnung zu bekommen, wollte die Gaͤrt⸗ nerin Tinchens Abweſenheit ebenfalls den Die⸗ ben Schuld geben. „Immer moͤglich“ ſagte die Tante.„Viel⸗ „leicht um ſie an ſo einen Tuͤrken zu verſchachern.“ „Moͤglich?“ rief der Papa, der daruͤber boͤſe wurde.„Haben Sie nicht das Fenſter mit ihrer eignen Hand zugewirbelt, he?“ „Darauf kann ich einen Eid ablegen.“ „So?“ fuhr der Papa fort, der unter ſo vielen Menſchen niemals an Geſpenſter glaubte; „ und hier iſt keine Scheibe verletzt, und ohne das macht mir doch niemand ein ſolches Fen⸗ ſter von außem auf!“ 12 „Sie muͤßte ſelber, das gottloſe Kind—!“ „Sie ſelber, was Sie in den Tag hin— einreden! Doch ja, ſie ſelber, es kann moͤg⸗ lich ſeyn. Wer iſt aber Schuld als Sie, Jungfer Muhme? Noch geſtern Abend zankten Sie ja mit ihr. Das arme, gute Kind, wo ſie nur hingerathen ſeyn mag? Ich haͤtte laͤngſt einſehen ſollen, daß es einmal ſo kommen 3 — 43 muͤſſe! daß man ſo ein Leben nicht ewig aus⸗ halten koͤnne!“ Es half der Tante auch nicht das geringſte, daß ſie ſchleunigſt ihr Noth⸗ und Huͤlfstuch ergriff, und ſich damit uͤber die Augen fuhr, denn der Papa war einmal im Loswettern. Um ſo eher gelang es der Gaͤrtnerin, end⸗ lich einen Zug nach ihrer Wohnung zu ver⸗ anſtalten. Die ganze Verſammlung, den Papa ausgenommen, erhob ſich dazu. Die Tante machte die letzte Perſon, und ſchloß ſorgfaͤltig die Thuͤre, welche nach dem Garten ging, hinter ſich zu. Der Papa wuͤrde tauſend unnoͤthige Angſt uͤber die in ſeiner tochterloſen Lage natuͤrliche, gehabt haben, wenn der Morgen ſich nicht ſchon von weitem gezeigt haͤtte. So aber begab er ſich mit ziemlichem Muth durch die Tapetenthuͤre hinauf in ſein Ankleidezimmer, weil er beſchloſſen hatte, ſich ſelber auf's Pferd zu ſetzen, und auf der weiten Gottes⸗ welt ſo lange herum zu reiten, bis er ſein gutes Tinchen wieder gefunden haͤtte. Der Gaͤrtnerin Triumph. „Endlich,“ ſprach die Gaͤrtnerin frohlo⸗ ckend vor ihrem Hauſe,„endlich wird man doch meinen Warnungen glauben muͤſſen.“ Als ſie aber aufgeſchloſſen hatte, war die Hoͤflich⸗ keit der Leute ſo groß, daß kein Menſch die Diebe zuerſt erblicken wollte, bis ſich noch der Zeitungstraͤger dazu entſchloß. „Daß nur ja keiner entſchluͤpft!“ ſagte die Gaͤrtnerin, und der Zug formirte ſich derge⸗ ſtalt, daß das Entſchluͤpfen ganz unmoͤglich wurde. 1 Allein die Gaͤrtnerin genoß der ſchoͤnen Erwartungen nicht lange, da ſich weder in der Kuͤche noch in der Stube eine lebendige Seele fand. Der Tante aber, die daruͤber ganz außer ſich war, ſiel jetzt ein Gedanke ein, welcher die Gaͤrtnerin vollends um alle Faſſung brachte. Die boͤſe Frau, ſo ſagte die Tante naͤmlich, haͤtte vermuthlich die ganze Diebesgeſchichte nur erſonnen, um Tinchens Verſchwinden eine Urſache unterzulegen.„Dergleichen Tuͤrken,“ fuhr die Tante erklaͤrend fort,„ſtecken ſich — 43 gewoͤhnlich hinter dergleichen Weibsperſonen.“ Zum Gluͤck gaͤbe es noch einen geſcheidten Ma⸗ giſtrat in der Stadt, der ſolchen Spitzbuͤbereien faſt allezeit auf die Spur kaͤme, wenn ſie ſo einfaͤltig angefangen waͤren, wie dieſe. Die beſte Rechtfertigung glaubte die Gaͤrt⸗ nerin jetzt auf einmal in dem zerſaͤgten Pfir⸗ ſichbaume vor dem offenen Fenſter zu finden, dem ſie, wie dem haltbarſten Eiſengitter, darum vertraut hatte, weil ſie ſich die Ruchloſigkeit eines Diebes nicht ſo groß hatte denken koͤnnen, daß er um ſeiner Freiheit willen einen ſo herr⸗ lichen Baum ruiniren ſollte. Allein die Tante ſagte:„JFaule Fiſche, nichts weiter! Wer ſo gottlos iſt, ein unſchuldiges Maͤdchen zu verhandeln, der wird ſich auch kein Gewiſſen machen, den ſchoͤnſten Baum zu ruiniren.* Um die Frau zum Geſtaͤndniſſe zu bringen, ſparte die Tante gar nichts. Sie fuͤhrte die verſtockte Suͤnderin vom Rabenſteine zum Scheiterhaufen, das reuige Bekenntniß hin⸗ gegen verſprach ſie großmuͤthig mit einer kurzen Zuchthausſtrafe zu belohnen. 46 Wageſtuͤck. Ferrdinand hatte in der That vorhin mit Huͤlfe einer Baumſaͤge, die ſich in der Stube fand, nicht nur Tinchens und ſeine Befreiung durch dieſes Fenſter bewirkt, ſondern auch die Leiter aus der Kuͤche mit hindurch genommen. Ja, das Paͤrchen waͤre dem Zuge in die Haͤnde gelaufen, wenn ſich dieſer nicht durch den lauten Triumph der Gaͤrtnerin ſchon von weitem angekuͤndigt haͤtte. Bis dahin ging alles vortrefflich und ſchon legte Ferdinand die Leiter an eins der obern Fenſter im Herenhauſe leiſe an. Als aber Tinchen die erſte Sproſſe gluͤcklich hinauf war, da ergab ſich's ſchon wieder einmal, daß die Maͤdchen zuweilen noch in den ſchwierigſten Faͤllen ihre Kapriſen haben, und mit dieſen Kapriſen dergleichen Faͤlle noch ſchwieriger machen. Daß der zart⸗ liche Ferdinand die Leiter halten mußte, das verſtand ſich doch wol von ſelbſt? Aber nein! Tinchen verſicherte, keine Sproſſe weiter zu ſteigen, wenn das nicht unterbliebe, und ſie that das, wie ich von ſicherer Hand wiſſen kann, aus keinem andern Grunde, als weil 47 ſie ſich ſelber ein Geluͤbde gethan hatte. Es ſollte naͤmlich, ſo lange ſie in ihrer Aeltern Hauſe lebte, von ihren ſchoͤngeformten Fuͤßchen keine Menſchenſeele etwas mehr, als die feinen Knoͤchel ſehen, den einzigen alten Schuhma⸗ cher ausgenommen, deſſen gefuͤhlloſes Auge gar nichts daran gewahr wurde, als ein Glied, wie er tauſendmal welche unter den Haͤnden gehabt hatte. Ferdinand that die dringendſten Vorſtel⸗ lungen.„Wie leicht“ ſagte er,„koͤnne die Leiter nicht ausgleiten!“ Allein Tinchen erwiderte unwilig, er wuͤrde es noch mit ſeiner Halsſtarrigkeit dahin bringen, daß ſie die ſchoͤne Gelegenheit ver⸗ ſaͤumte, und ſich und ihn vielleicht Zeitlebens ungluͤcklich machte. Kurz, es half alles nichts. Er mußte ſo⸗ gleich ein Stuͤck in den Garten hinein und die Zuſage geben, nicht eher wieder zu kom⸗ men, als bis es Zeit ſei, die Leiter wegzu⸗ nehmen und ſie uͤber die Wand in Nachbars Garten zu werfen. 48 Tauſend Schrecken Hauf Einmal. Den Papa aber, der eben in der Stube, auf welche Tinchen zukletterte, mit ſeinem An⸗ zuge beſchaͤftigt war, uͤberliefen allerlei bange Schauer in ſeiner Einſamkeit. Daher ging er nach einem Fenſter, um in der Morgen⸗ daͤmmerung ein wenig Luft zu ſchoͤpfen und den Fieberfroſt hinauszuſchuͤtteln. Er kam aber zufaͤlliger Weiſe grade an das Fenſter, wo die Leiter war, und auch grade zu der Zeit, als ſein Toͤchterchen von außen anlangte. Tinchen waͤre vielleicht vor Schrecken her⸗ untergefallen, wenn der Papa nicht den Bann⸗ ſpruch: Alle gute Geiſter! gerufen, und ſich nicht ſchleunigſt in die Schlafſtube hinunter gemacht haͤtte. Bei der jetzigen Verfaſſung ſeines Kopfes hatte er naͤmlich nicht im ge⸗ ringſten an die Moͤglicheit gedacht, daß ſein Tinchen dieſen ungewoͤhnlichen Weg zum obern Fenſter hereinnehmen koͤnnte. Er bildete ſich ein, daß es ganz poſitiv Tinchens Geiſt waͤre, der, weil ſich das Maͤdchen, aus Verzweif⸗ lung vermuthlich, ein Leides gethan haͤtte, nun ſpornſtreichs zuruͤckkaͤme, um ihm, dem 49 Rabenvater, mit eigner Hand den Hals um⸗ zudrehen. Das zitternde Tinchen war hon, da unter dieſen Umſtaͤnden keine heimliche Ruͤckkehr in ihr Bettchen ſich denken ließ, im Begriff, wie⸗ der hinunter zu ſteigen, als ſie einen Mann bemerkte, der eiligſt herbei und grade auf die Leiter zu lief. Hinein! hieß es nun. Allein ehe ſie in die Stube geſtiegen und von ihrer zitternden Hand inwendig zugewirbelt war, hatte der ungebetene Gaſt ſchon die oberſten Sproſſen der Leiter erreicht und den Kopf in's Fenſter mit hineingeſteckt. Guter Rath. Tinchen beruhigte ſich, als ſie den Zeitungs⸗ traͤger erkannte, welcher uͤber die Maßen er⸗ freut war, ſtatt einer Spitzbuͤbin, die er hier zu ertappen gehofft hatte, ſeine junge Goͤnnerin anzutreffen. Er war dem Zuge, der noch immer im Gaͤrtnerhauſe der Fort⸗ Selene II. 6. H. 4 50 1— ſetzung des peinlichen Verhoͤrs mit beiwohnte, grade zur rechten Stunde entlaufen, um hier einen guten Rath zu ertheilen. Da er bereits von den naͤchtlichen, empfindſamen Fen⸗ ſterpartien der Liebenden etwas inne geworden war, ſo entdeckte ihm Tinchen auch ihren Fall und Unfall aus dem Fenſter heraus, und das uͤbrige, in einem Paar gefluͤgelter Worte, und bat um's Himmels Willen, daß er ihr ſagen möchte, was nun wol anzufangen ſey. Nach⸗ dem er ihr hierauf die Geſchichte des Zuges mitgetheilt hatte, ſprach der Gauner:„Gehen Sie in Frieden hinunter.“ „Aber der Papa?“ „Immer grade zu, bei dem, wie im Schlafe vorbei. Sie koͤnnen ihn auch allenfalls, wenn er in ſeinem Geiſterglauben irre worden und Ihnen in den Weg treten ſollte, ganz gelaſſen ein wenig auf die Seite ſchieben.“ „Aber—? „Auf mein Wort, ſo Lormen Sie durch⸗ Und ſollte er fragen, ſo antworten Sie ihm mit halben Worten, und legen ſich dann in Ihr Bette, und thun, als ſchliefen Sie 51 außerordentlich feſt. Und wenn am Tage Fra⸗ gen uͤber Ihre Abweſenheit vorkommen, ſo ſtellen Sie ſich, als wuͤßten Sie kein Wort. Das uͤbrige will ich mit dem Herrn Auditeur ſchon verabreden. Auch komme ich nachher zum Papa hinein.“ So wenig Glauben auch Tinchen in das Gelingen dieſer ſonderbaren Vorkehrungen ſetzte, ſo verſprach ſie doch den Rath zu befolgen. Der Rathgeber ſtieg nun wieder hinunter und machte Ferdinanden mit dem Plane bekannt und vertraut, von dem die Leſerinnen naͤch⸗ ſtens auch hoͤren ſollen. — Tinchens Reiſe nach ihrem Bettchen. Nicht ohne ein huͤbſches Bischen Todes⸗ angſt trat das arme Maͤdchen dieſe Reiſe an. In jedem Kniſtern, das ihr feines Fuͤßchen veranlaßt hatte, glaubte ſie den derben Tritt des Papa zu vernehmen. Aber, o Gluͤck, auf der ganzen Treppe war kein Papa, und in beiden untern Zimmern auch keiner. Draußen 52 indeß hoͤrte ſie doch kommen; daher warf ſi ſie in der groͤßten Geſchwindigkeit ihr Oberkleid ab, und ſich ſelber in's Bette. Wirklich kam der Papa, der den Reit⸗ knecht geweckt hatte, zuruͤck. Er hatte zwar zu ſatteln befohlen, warf ſich jedoch eben in ſeinen Sorgenſtuhl, um zu uͤberlegen, ob er reiten ſolle oder nicht. Denn ſeit er den ver⸗ meinten Geiſt oben am Fenſter hatte aufſteigen ſehen, war er in dem feſten Entſchluſſe irre geworden.„Todt iſt das gute Kind doch nun einmal!“ dachte er eben wieder, als die Thuͤre vom Garten herein aufgeſchloſſen wurde, und ein großer Theil des vorigen Zuges ins Zimmer trat. peintice Fragen. „Nun iſt es heraus!“ ſagte die Tante, von der die Gaͤrtnerin beim Kragen gehalten wurde.„Dieſe hat das gute Tinchen ge⸗ ſtohlen, und in ſchlechte Haͤnde geliefert. Wo⸗ hin hat Sie das unſchuldige Kind geſchleppt?“ 5³ . „Ich weiß ja gar kein Wort davon.“ „Will Sie ſchon wieder laͤugnen?“ fuhr die Tante fort, und begleitete die Frage mit nachdruͤcklichen Geſten. „Ach“ ſagte die Gaͤrtnerin,„ich will ja alles gern geſtehen, was ich weiß.“ „Nun, was weiß Sie?“ „Davon weiß ich nicht das geringſte.“ Auf dieſe Worte ging die Behandlung, welche die arme Frau ſchon bewogen hatte, der Beſchuldigung keinen Widerſpruch mehr entgegenzuſetzen, von neuem an. Der Papa aber war durch Tinchens Er⸗ ſcheinung am Fenſter auch von ſeinem Geſpen⸗ ſterunglauben bei Tage und vor Leuten bekehrt, und ſagte jetzt: Geſtehe Sie es, oder geſtehe Sie es nicht, Sie ruchloſes Weib: den Hals koſtet Ihr die Sache nun einmal. Das Maͤd⸗ chen hat den ſchaͤndlichen Diebſtahl nicht uͤber⸗ lebt. Denn von Lebendigen gehen keine Gei⸗ ſter um, das weiß die ganze Welt, und doch habe ich ſo eben Tinchens ganze Geſtalt zum Fenſter in der Oberſtube hereingucken ſehen.“ 54— . Tinchen im Bette. „Ach, die gottloſe, boͤſe Kreatur!e rief die Tante, und wollte eben mit neuen Miß⸗ handlungen auf die Angeklagte eindringen. Das konnte aber das gutherzige Tinchen nicht laͤnger mit anhoͤren, daher huſtete ſie ein wenig in ihrem falſchen Schlafe. Und plölz⸗ lich blickte alles nicht ohne Schauer auf das . Bettchen, das zufaͤllig bis dahin nicht beachtet worden war. „Da liegt ja die Mamſell!“ kieſen meh⸗ rere zugleich. Alles näßertr ſich, bis auf den Papa, der ein: Gott ſei bei uns! ausſtieß. Denn er hatte noch vorhin, wie er nach dem Reit⸗ knechte ging, das Bette in ſeinem Jammer genau betrachtet, und leer gefunden, auch waren alle Thuͤren, durch welche Tinchen haͤtte ſeitdem hereinkommen koͤnnen, verlchivſſe geweſen. Das bluͤhende Maͤdchengeſicht abet konnte auch den Papa nicht lange bei dem unver⸗ angehoͤre. nuͤnftigen Gedanken laſſen, daß es einem Geiſt 55 Der Zeitungstraͤger trat nun gleichfalls herein, und kam eben um den Papa, der vor Freuden ganz vergaß, daß ſein Barbier noch nicht dageweſen war, abzuhalten, ſich mit ſeinem ſtachlichtem Kinne auf die Mar⸗ morglaͤtte von Tinchens hacheotzein Huaſtihrchan zu werfen. Mondſuͤchtig! Faſt haͤtte Herr Reiſer es uͤbel genommen. Allein der Zeitungstraͤger ſagte:„Reißen Sie das mondſuͤchtige, gute Kind, ja nicht aus dem Schlafe, wenn Ihnen ſein Leben lieb iſt. Denn ich verſtehe mich etwas auf die Mond⸗ ſucht, und weiß, daß ſie dergleichen gar nicht vertragen kann.“ „Mondſuͤchtig!“ rief Her Reiſer, und der groͤßte Theil der Anweſenden wiederholte die Ausrufung. Allein der kleinere Theil, naäͤmlich die Gruppe, welche die Tante und Gaͤrtnerin ausmachten, brachte die Uebrigen jetzt zum Schweigen. 56— Die Tante hatte naͤmlich die ganze, der Gaͤrtnerin angethane Schmach, mit einem Acht⸗ groſchenſtuͤck wieder an ſich kaufen wollen. Jedoch die Beleidigte warf ihr die Kauffumme vor die Fuͤße, und wurde dabei ungebuͤhrlich laut und boͤſe, ſo daß mehrere dazwiſchen ſprangen, um nur zu verhindern, daß ſie der Tante nicht alles Angethane in Natur wieder abtruͤge. Die Gaͤrtnerin ward entfernt, und die andern verloren ſich auch, weil der Papa zum Zeitungstraͤger ſagte: Wenn wir allein ſeyn werden, noch ein Wort. Und wer einen guten Beobachtungsgeiſt gehabt haͤtte, der wuͤrde es allen beim Fort⸗ gehen angeſehen haben, daß ihre Lippen das Wort: mondſuͤchtig! bildeten, wenn ſie ihm auch keinen Ton zukommen ließen. Selbſt die Tante, welche noch verweilen wollte, wurde hinweggeſchickt. „Mondſuͤchtig?“ fing der Papa ſodann an.„Wie kommen Sie auf den Gedanken?“ „Mein Gott, weil ich es mit angeſehen habe. Beſter Herr Reiſer, in dieſer einen 52 Nacht habe ich Dinge geſehen— Dinge, die ich nicht vergeſſen werde, ſo lange dieſe zwei Augen offenſtehen.“ „Von meiner Tochter?“ „Ja wohl, ja wohl!“ Herr Reiſer beſchwor ihn, daß er ſpre⸗ chen moͤchte. Der andre verſtand ſich nicht eher dazu, als bis alle Thuͤren verriegelt waren⸗ und Herr Reiſer ihm ein ewiges Stüſchwelgen angelobt hatter Erzaͤhlung. „Sie werden wiſſen, Herre Reiſer,“ ſng endlich der Zeitungslieferant an,„daß wir geſtern Abend ſchoͤnes Mondlicht hatten. Ich, der ich uͤberhaupt ein ſehr empfindſamer Menſch bin, lege mich denn in's Fenſter, um mir den Mond bei einer Pfeife Tabak mit anzu⸗ ſehen. Die Pfeife war aber noch nicht aus⸗ gebrannt, ſo hoͤre ich unten an Ihrem Fenſter ein Geraͤuſch, und es waͤhrt nicht lange, ſo ſteigt Mamſell Tinchen zum Fenſter heraus, 1 58— und ſpringt von dem hohen Fenſter„ mir nichts dir nichts, wie ein Laubfroͤſchchen herunter. Hm! denke ich— Und wo muß ſie denn zu wollen, noch ſo ſpaͤt?— Wo aber geht ſie hin? Auf das Gaͤrtnerhaus los. Dort klettert ſie in aller Stille und wie ein Eichhoͤrnchen an dem Pfirſichſpalier hinauf, und ſpaziert dann oben auf dem Dache ſo ungenirt herum, daß mir Hoͤren und Sehen vergeht. Da merke ich denn gleich, wie viel es geſchlagen hat, weil mein ſeliger Bruder auch eine mondſuͤch⸗ tige Tochter hatte.'s iſt doch ein verdamm⸗ ter Streich, denke ich. Zugleich denke ich aber auch, daß alles Moͤgliche fuͤr die Rettung Ihres einzigen Kindes gethan werden muͤßte. Doch wie? das war die Frage. Da werde ich ein Fenſter gewahr, das eben aufgeht. Hm, hm! huſte ich, aber ganz leiſe. Der im Fenſter wird mich inne, und ich zeige dann auf das Dach. Hoͤren Sie, Herr Rei⸗ ſer! der, wie der Blitz vom Fenſter weg, hinunter in den Garten, und an das Gaͤrt⸗ nerhaus hin. Nun war mir am meiſten davor bange, daß er die Mamſell bei ihrem 59 Namen rufen moͤchte, denn bekanntlich fallen die Mondfuͤchtigen, wie Sperlinge durchs Bla⸗ ſerohr, auf den erſten Zuruf von ihren Daͤchern herunter. Aber nein; der Menſch war ge⸗ ſcheidter, als meine Vermuthung. Denken Sie, er wagt, was ſonſt nur die Mondſucht manchmal ungeſtraft wagen kann: er klettert an dem Spalier mit der augenſcheinlichſten Lebensgefahr hinauf, und— was noch bewun⸗ dernswuͤrdiger iſt, grade in dem Augenblicke, wo die Mamſell herabſtuͤrzen will, haͤlt er ſie in ſeinen ſtarken Armen feſt, und fuͤhrt ſie dann in das Dachfenſter hinein und vermuth⸗ lich herunter. Die Gaͤrtnerin mag davon hoͤren, und ſpringt vor Furcht zum Hauſe heraus. Ihr krankes Gehirn glaubt nun noch ein Paar Leute zu entdecken, die jetzt hineingehen, und da wirft ſie die Thuͤre zu und laͤuft hieher. So weit habe ich's von meinem Fenſter mit angeſehen.“ „ Und ſteht vorhin hier, und ſagt keine Sylbe davon, wie Tinchen vermißt wurde!“ „Weil ich meine guten Urſachen dazu hatte, von denen Sie ein ander Mal hoͤren ſollen. 60 Jetzt nur das allernoͤthiaſte. Wie Sie wiſſen, gehe ich alſo mit den Uebrigen auch nach dem Gaͤrtnerhauſe, die ſogenannten Diebe zu ſehen. Aber ſchon von weitem werde ich inne, daß das Maͤdchen und der Retter zum Fenſter herausſteigen und die Gartenleiter mit ſich nehmen. Um nun alles Aufſehen zu vermei⸗ den, ſtelle ich mich, als wuͤrde ich's ſo wenig gewahr, wie die Andern, gehe auch zuerſt in das Haus hinein, entferne mich jedoch ſehr bald wieder, ſehe mich uͤberall im Garten um, und entdecke endlich den Retter, wie er die Leiter hier am Hauſe anlegt, und die Mamſell bis zum Fenſter in Ihrer Stube hinauf transportirt, wo ſie denn ſelber vollends hineingeſtiegen iſt. „Sie ſelber iſt es alſo geweſen 71 rief Herr Reiſer, nachdem er das Athemholen, das ihm waͤhrend der Erzaͤhlung— wozu dem Zeitungstraͤger, theils der Auditeur, theils Tinchen, theils das, was er vorhin vom Papa ſelber vernommen, die Materialien liehen, gar nicht gelingen ollie, laut nachgeholt hatte. 5 — 61 „Ja,“ fuhr der Mann fort,„das war eine That, die man in die elegante Zeitung, in's Morgenblatt oder den Freimuͤthigen ſchicken ſollte; denn ohne ſie laͤge das allerliebſte Kind hier, das wie die Geſundheit ſelber aus⸗ ſieht, jetzt als eine Leiche neben Ihnen.“ Die Revolution. „Wer, wer hat es gethan?“ rief Herr Reiſer haſtig. 2 „Die Liebe, die pure, helle Liebe. Denn ohne die ſetzt wol niemand ſein junges Leben wie einen Rechenpfennig auf's Spiel.“ Herr Reiſer rieth von ſeinem Buchhalter an bis auf den Markthelfer herunter, deſſen Liebe zu Tinchen er ſich jedoch verbeten haben wollte. „Er iſt es auch nicht geweſen,“ ſagte der Zeitungslieſerant,„ſo wenig als die andern.“ „So muͤßte es ja wol——“ fiel Herr Reiſer ein, und trat einen Schritt zuruͤck. „Freilich iſt es der Auditeur geweſen! 52— Verrathen Sie mich aber um's Himmels Willen nicht. Denn er faßte mich ſo eben fuͤrchter⸗ lich bei den Ohren, um zu zeigen, wie er mir den Hals brechen wuͤrde, wenn ich auch nur eine Sylbe von der Sache uͤber meine Lippen ließe. Ich weiß, ſagte er, Herr Rei⸗ ſer hat keine Neigung zu mir, und er ſoll nicht denken, daß ich mich durch dieſe Hand⸗ lung, die blos Schuldigkeit war, in ſeine Familie eindraͤngen will.“ 4 Der Ton des, Hm! das Herr Reiſer hier⸗ auf gemaͤchlich von ſich gab, ſchien den An⸗ fang einer Revolution ſeines Innern in Ruͤck⸗ ſicht des Auditeurs auszudruͤcken. Demohngeachtet nahm der Zeitungstraͤger, aus Beſorgniß, verdaͤchtig zu werden, den Mund gar nicht voll Lob fuͤr den jungen Mann, ſondern glaubte die Sache gehen laſſen zu duͤrfen. Und das um ſo mehr, da er noch denſelben Vormittag mit Zeitungen und Jour⸗ nalen ſich einen ganz unverdaͤchtigen Weg in dieſes Zimmer bahnen konnte. — 63 Guter Rath. 8— Nur das bat der Mann eh' er ging, daß Herr Reiſer ja keiner Seele von der Mond⸗ ſucht ſeiner Tochter erzaͤhlen moͤchte, weil ſo zwas gewaltigen Anſtoß gaͤbe. Er ſelber wuͤßte nnun ſchon drei bis vier ſteinreiche und bild⸗ ſchoͤne Maͤdchen, die um der bloßen Mond⸗ ſucht willen keine Maͤnner bekommen haͤtten. „Es iſt auch ganz natuͤrlich,“ ſetzte er hinzu. „Wer Teufel wird es gern ſehen, wenn ſeine Frau bei Nacht aus dem Fenſter ſteigt und Promenaden macht auf's Dach oder gar— Gott weiß wohin? Denn kann da nicht ein junger Laffe der guten mondſuͤchtigen Perſon begegnen, und ſich in ihrer Bewußtloſigkeit fuͤr ihren leibhaftigen Mann ausgeben?“ 1 3 Hier wollte der Zeitungslieferant gehen, weil er aus der grauſamen Art, wie Herr Reiſer mit ſeiner Perücke verfuhr, wol merkte, daß der Floh, den er ihm in's Ohr geſetzt hatte, garſtig darin wirthſchaften mochte. Allein Herr Reiſer faßte ihn beim Arme.„Eine Frage noch! Wenn ich nur wuͤßte, wie mein armes Maͤdel dazu gekommen waͤre? ⸗ 8 64 Die Urſache. „ Ja, das begreife ich auch nicht!“ ant⸗ wortete der verſchmitzte Burſche.„Ich weiß wol, was gemeiniglich Urſache iſt: aber bei Ihrer verſtaͤndigen Kinderzucht leidet ſo'was keine Anwendung.“ „Was denn?“ „Nun ſehen Sie, Herr Reiſer: wenn die Aeltern ihren Kindern alle Freiheit bei Tage nehmen, ſo graͤmen ſich doch die Kinder, ganz natuͤrlich! Im Traume ebenfalls. Dar⸗ aus entſteht dann die Krankheit, die man im gemeinen Leben Mondſucht zu nennen pflegt.“ Der Papa mußte den Angſtſchweiß einmal uͤber das andre von ſeiner Stirne wiſchen, und der Zeitungstraͤger entfernte ſich um ſo eiliger, als er ſahe, welche Frucht ſeine Be⸗ merkung trug, und mit wie unwilligem Blicke die zuruͤckkommende Tante Cerberus empfangen wurde. Zaͤrtlichkeit. Tinchen hatte, waͤhrend ihres ſogenann⸗ ten Schlafes die gehoͤrigen Fingerzeige zu ihrem Benehmen im wachen Zuſtande erhalten. Als ſie jetzt die Augen aufſchlug, mußte die Tante ohne alle Barmherzigkeit aus dem Zimmer. Der Papa liebkoſete Tinchen, ſetzte ſich an ihr Bette, und fragte, wo ſie geweſen waͤre? Als ſie hierauf aber zaghaft und mit niedergeſchlagenen Augen antwortete, daß ſie ja die ganze Nacht geſchlafen haͤtte, erzaͤhlte er ihr den Vorfall, wie er ihn wußte; ſagte, daß der Charakterzug vom Auditeur ihn ſehr geruͤhrt habe, und erkundigte ſich, ob ihr der Menſch noch immer wohl geſiele? Tinchen fiel ihrem Vater erroͤthend um den Hals. Ja, ſie wuͤrde, durch ſeine Guͤte geruͤhrt, im Stande geweſen ſeyn, des Zei⸗ tungstraͤgers und ihre ganze Schelmerei zu geſtehen, wenn der Papa nicht ſo eben abge⸗ rufen worden waͤre. Selene II. 6. H. 5 Die Beſuche. Vom fruͤhen Morgen an jagte ein Be⸗ ſuch den andern. Das Geruͤcht von der Mond⸗ ſucht war naͤmlich nicht ſaͤumig geweſen. Die Gaͤſte der vorigen Nacht hatten es ſchleunigſt zu ihren Bekannten getragen, und von dieſen wuar es raſch und munter weiter umher ge⸗ laufen. Der Zeitungslieferant hatte ihm gleich⸗ falls guten Vorſchub geleiſtet, ſo daß die neu⸗ gierige Verwandtſchaft mit Erkundigungen und Kondolenzen den alten Herrn den ganzen Vor⸗ mittag vom Comptoire zuruͤckhielt. „Ach, lieber guter Gott!“ ſagte Herr Reiſer, als der Zeitungstraͤger ein Journal brachte, und ſich zugleich nach Tinchens Be⸗ finden erkundigte;„ſie iſt geſund, wie der Siſch im Waſſer, und weiß kein Wort von der Mondſucht.“ „Sagt' ich's Ihnen denn nicht?“ „Deſto beſſer aber weiß es die Stadt, die ganze Stadt. Aus allen Vierteln ſind ſie ſchon bei mir geweſen. Das huͤbſche, liebe Maͤdchen, mein einziges Kind! Giebt es denn gar kein Mittel?“ „ 4 4 67 „Ja, ſo leicht keins, als ein gaͤnzliches Aufhoͤren der zeitherigen Verhaͤltniſſe: eine Verheirathung! Aber wer wird ſich dazu fin⸗ den, wenn die Sache ſchon ſo herum iſt? Denn in der erſten Zeit iſt doch der Mann nicht ſicher vor den naͤchtlichen Auswanderun⸗ gen. Und es bleibt allezeit ein Wageſtuͤck.“ „Apropos, ich habe ſchon gedacht— Der Auditeur muß ſich ſehr gebeſſert haben ſeit ſeiner Kindheit.“ „Wenigſtens giebt ihm die vorige Nacht das beſte Zeugniß.“ „Ob er vielleicht— 2— Ich meine,“ ſetzte Herr Reiſer, als der andre nicht gehoͤrig einfallen wollte, unwillig hinzu,„ob vielleicht eine Heirath zwiſchen ihm und Tinchen zu ſtiften waͤre?“ „Ja,“ ſagte der Zeitungstraͤger achſel⸗ zuckend,„ein delikater Punkt bleibt es immer; Sie werden ihn nicht fragen wollen—? Zu⸗ horchen koͤnnte man allenfalls. 4 Herr Reiſer bat um alles in der Welt, daß er ſich des Zuhorchens unterziehen moͤchte. Der herbeigerufene Arzt haͤtte den Plan 68— * beinahe geſtoͤrt. Allein zum Gluͤck wußte ihn Tinchen noch bei Zeiten zu unterrichten, und durch eine Menge Bitten ſeine Gedanken aͤber des Zeitungstraͤgers Meinungen von der Mondſucht und uͤber die Umſtaͤnde im Hauſe aͤberhaupt zum Schweigen zu bringen. Ausſichten. Der Zeitungslieferant ging und kam meh⸗ rere Mal. Den Tag darauf verſchaffte er mit Herrn Reiſers heimlicher Bewilligung dem Au⸗ diteur ein Behelfchen zum Beſuch in des Pa⸗ pa's Wohnung. Dieſer war freundlich gegen den jungen Mann. Der junge Mann wußte ſich einen zweiten Beſuch vorzubereiten, und kaum drei Tage, ſo war er und Tinchen ein erklaͤrtes Brautpaar.— Die Tante erkrankte im Voraus an den Veraͤnderungen, die das Haus bedrohten. Hert Reiſer aber freute ſich herzlich, als er ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn bei naͤherer Betrach⸗ tung ganz anders fand, als er ſich ihn ſonſt immer gedacht hatte. 59 Auch des Auditeurs Aeltern kamen ihm als recht umgaͤngliche Leute vor. Ende. Am Hochzeitmorgen aber ſtand das nahe Gluͤck des Paares von neuem auf dem Spiele. Denn als der Papa vor Tinchen hintrat, und ſein bejahrtes ehrliches Geſicht von dem Strome der Seligkeit, der aus ihren Augen ſtuͤrzte, mit uͤberglaͤnzt wurde: da hatte ſchon Tinchen das Herz auf der Zunge, und nur keine Worte dazu. Als aber kurz nachher der Gedanke an die vorgegebene näͤchtliche Krankheit ſeiner Toch⸗ ter ihm einen brennenden Tropfen an die graue Wimper hing, und der Tropfen immer durch einen neuen heruntergeſtoßen wurde, wie er ſeine Tochter feierlich ſegnete und hinzu⸗ fuͤgte:„Wollte nur Gott, daß das boͤſe Uebel recht bald von dir weichen moͤchte, meine gute Tochter!“ da brachen die gefaͤhrlichen Worte mit Gewalt hervor: „Nein, theuerſter Vater, ich kann Ihnen 70— keinen Betrug geben fuͤr Ihren Segen und die treue Liebe dieſes Augenblicks! Lieber mein Gluͤck geopfert, als die Pflicht erſtickt, die mich wie eine Verbrecherin hier zu Ihren Fuͤßen wirft!“ „Was iſt dir, meine gute Tochter?** fragte der Papa. „Koͤnnen Sie ſich meine ſchwere Vergehung gar nicht denken?“ „Nur an mein Herz herauf, beſtes Kind: welche es auch ſei, ſie iſt dir vergeben.“ „ Iſt ſie?“ rief Tinchen, und das Ge⸗ ſtaͤndniß, daß die Mondſucht eine Fabel ſei, floß in einzelnen Lauten von ihren Lippen. Hoͤchſt uͤberraſcht von dieſem, verfinſterte ſich die vaͤterliche Miene. „Widerrufen Sie Ihre Vergebung nicht, beſter Vater!“ bat Tinchen; aber Ferdinands eben hereintretenden Aeltern gehoͤrten dazu, ſei⸗ nen Unwillen aus dem Wege zu raͤumen, und ihm das Bewußtſeyn, eine geſunde Tochter zu haben, recht lebhaft werden zu laſſen. Blos auf dem Zeitungstraͤger blieb fein Groll haften. Er mußte Knall und Fall aus 71 dem Hauſe. Den Kredit aber, den dieſer verlor, gewann die Tante darum doch nicht wieder. Dennoch ſoll ſie ſich recht viel ge— wußt haben, wie Ferdinand beim Ball am Abend nicht eher nachließ, als bis ſie einen Menuet mit ihm tanzte, zu dem ihre einge⸗ roſteten Beine ſeit dreißig Jahren vielleicht keiner Aufforderung ſich ruͤhmen konnten. Fr. Laun. 72— O l e g. Ruſſiſch. Herr Oleg zaͤumte ſein rothes Pferd; Kein Roß von allen iſt mir ſo werth! 3 Er tummelt' es wol auf dem weiten Plan, Da trat ein alter Zaubrer heran: Herr Oleg, meide das Roͤßlein roth, Rothrößlein bringt dir den bittern Tod. Iſt mir von dem Roͤßlein der Tod beſcheert, So iſt mir das Leben wol mehr noch werth. Ade, mein Roͤßlein, du dauerſt mich wol, Daß ich nimmermehr dich nun ſehen ſoll. Da ſprang Herr Oleg vom Roͤßlein ab, Den Knechten er wohl zu pflegen es gab. Er zog wol aus in den blutigen Streit, Da thaten ihm Schwerter und Spieße kein Leid. 78 Er zog wol aus in den Wald und Berg, Da ſchadeten ihm nicht Baͤr noch Zwerg. Muͤßt' ich nicht ſcheuen mein Roͤßlein roth, So braucht' ich nimmer zu fuͤrchten den Tod! O Herr, das Roöͤßlein ſollt ihr nicht ſcheun, Es bleicht auf dem Anger ſein todtes Gebein. So ſterbe der Zauberer, der mich belog, Und mich um mein liebſtes Rößlein betrog! DTodt lieget vor mir das Roͤßlein roth, Wie mag es mir nun geben den Tod? Er ſprach es und hob den Schaͤdel empor, Da ſprang eine giftige Natter hervor. Sie ſtach Herrn Oleg wol in das Bein, Und ließ all ihr grauſames Gift hinein. Du arger Zaubrer, wie ſprachſt du ſo wahr; Mich toͤdtet das Roͤßlein im Tode ſogar. Da wurden die Wangen ihm kalt und blaß, Er ſank zu dem todten Rößlein ins Gras. A. ——ÿÿÿ— Wolf und Luchs. Wolf und Luchs ſchlichen um eine Heerde, ſie im guͤnſtigſten Moment anzufallen. Jetzt begegneten ſie ſich und wieſen einander die Zaͤhne. Der ſchwaͤchere Luchs trat aber bald freundlicher hervor: Was ſollen wir einander bei den Ohren nehmen, da hier Schafe genug fuͤr uns beide ſind? Was ſich mit ge⸗ genſeitiger Gefahr bekampfei wütden muß ſich verbinden! Iſegrimm war's zufrieden; ſe ſeelen in die Heerde und wuͤrgten ſchrecklich. Der Hirt floh, Huͤlfe ſuchend, zum Dorfe. Indeß ſchleppten die Raͤuber ihre Beute in den Wald, und der Wolf fing an mit aller Gierigkeit zu verſchlingen. Brauche Maß und denk' an die Zukunft, ſagte der Luchs, und ſcharrete eine Grube; du üͤberfülleſt dich und thuſt dir Schaden! Ich bring' erſt alles in Sicherheit, daß mir's 75 Niemand nehmen kann; und dann nag' ich nach Bequemlichkeit daran. Thor! den Augenblick ganz benutzen, das gilt! rief der Wolf; wer weiß, wie es im kurzen mit uns beiden ſteht! Er verſchlang immer mehr, waͤhrend der Luchs einſcharrete. Da uͤberfiel jenen ploͤtz⸗ liches Weh, und er borſt vor Ueberladung; dieſen aber fanden die Landleute, die der Hirt gerufen, und ſchlugen ihn mit Knitteln tod. Da ſehet ihr, daß unrecht Gut nicht hu⸗ delt! ſagte der Pfarrer, den ſein Spazier⸗ gang vorbeifuͤhrte. Sie liegen beide da, ohne deß Genieß gehabt zu haben! 4 Aber meine armen Laͤmmer liegen doch auch da! ſagte der Hirt. Und was hilft's mir, daß die Raͤuber nun auch liegen? Ei was! es braucht euch auch nichts zu helfen! ihr muͤßt euch uͤber das Rechte um ſein ſelbſt willen erfreuen! ſagte der Pfarrer. Es iſt doch keins von meinen Boͤckchen verletzt?— Im Fruͤhling. Es kehrt der Lenz mit ſeinen Kindern wieder Und haucht mir zu ein Meer von ſuͤßen Duͤften; Die Bluͤte, leis behaucht von Schmeichelluͤften, Streckt aus der Knoſpe vor die zarten Glieder; Und blau und freundlich blickt der Himmel nieder, Sieht, wie das Leben ſpielet durch die Triften; Er lauſcht, wie Echo's Lieb' aus dunkeln Kluͤften Den Nachtigallen nachlallt ihre Lieder! O lieber, blauer Himmel, ſieh, ich blicke Zu dir empor, mit Dank fuͤr manche Gabe: Daß ich noch leb', und deiner mich erfreue; Daß ich noch lieb', und jedem ſchoͤnen Gluͤcke Den Buſen rein und frei erhalten habe, Und daß ich vom Vergangnen nichts bereue!— Streckfuß. 1 Die Verwandten. Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei, ſprach Gott; und gab ihm, außer der Liebe ins Herz, die Halb⸗Goͤttinnen, Eingaͤng⸗ lichkeit, Gefaͤlligkeit, und Freund⸗ ſchaftsſtolz, als Gefaͤhrtinnen an die Hand. Der Menſch aber, der nie Maß haͤlt, verliebte ſich in die Gefaͤhrtinnen, buhlte mit ihnen, und ſie genaßen— die Erſte von der Nachaͤfferei, die Zweite von der Zagheit, und die dritte von der Eitelkeit. Die Toͤchter wuchſen auf, bekamen ein feines Aeußere, und fanden viel Liebhaber, ſo daß ſie den Muͤttern faſt alle Freunde raub⸗ ten, und in der Welt, vor lauter Klein⸗ und Duͤnn⸗Thuerei, ſehr groß und dick thaten. Das fand man freilich ekel und laͤſtig. Um es beſſer zu machen, wollte man die ganze Verwandtſchaft, nicht etwa einſchraͤnken, 28 ſondern lieber gleich fortjagen; wozu man auch wirklich— gegen die Muͤtter, den Starr⸗ ſinn, den Trotz und den Feindſchafts⸗ ſtolz, gegen die Toͤchter, die Singulari⸗ taͤt, den Uebermuth und die Frechheit hervorrief. Die armen Muͤtter, die nie ſtreiten, muß⸗ ten ſich nun zuruͤckziehn; die Toͤchter jedoch, die zwar auch nicht ſtreiten, aber necken, blieben auf dem Kampfplatze mit ihren Geg⸗ nern. Und dieſer Streit wird eben jetzt am lebhafteſten gefuͤhrt, und der Kampfplatz heißt, die große— wol auch, die feine Geſell⸗ ſchaft. d' Alemcourt. Romanze. Blutend fand am Tag der Ehre Ein Vezier auf Accons Flur Ihn, den Schmuck im Chriſtenheere, Ihn, den edeln d'Alemcourt. In der heißen Schlacht geſunken War er, feindlichem Geſchick; Doch es hielt des Lebens Funken Seiner Sieger Stolz zuruͤck. Er genaß zum Leben wieder: Aber ach! der Knechtſchaft Band Druͤckte ſchwer die Heldenglieder, Fern vom edeln Vaterland. In der Koͤnigsſtadt zu trauern, Traf ſein Loos, das Sklavenjoch; Ach! und in den ſtolzen Mauern Ward ein ſtaͤrk'res Band ihm noch. 30 Kaum geheilt von ſeinen Wunden, Ward zu tiefern er geweiht, Ward noch einmal uͤberwunden, Durch Zaidens Lieblichkeit; Durch die Hohe, die im Golde Schimmert in des Vaters Saal. Doch nicht fuͤhllos blieb die Holde Bei des ſchönen Fremdlings Quaal. Was er nicht zu klagen wagte, Las ſie in dem holden Blick, Und im zarten Buſen tagte, Kuͤhn erdacht, des Lieblings Gluͤck. Oft nun, wenn mit wunden Haͤnden Er im Kerker naͤchtlich lag, Wenn an oͤden, duͤſtern Waͤnden Des Verlaßnen Blick ſich brach⸗ Trat die Holde voll Erbarmen Zu ihm ein mit leiſem Fuß; Fried und Freude kam dem Armen Bei des Engels Abendgruß. 81 Er vergaß vor ihren Blicken Selbſt der Knechtſchaft rauhes Band, Goldne Freiheit, dein Entzuͤcken, Und das ſuͤße Vaterland. Viele Tag' und Monden flogen »So dahin in holdem Wahn, Aber finſtre Wetter zogen Bald aus heitrer Luft heran. Einſt, da auch in ſtiller Stunde, Ihn ihr ſanfter Arm umſchlang, Er von ihrem ſuͤßen Munde Lethe fuͤr ſein Schickſal trank: Da, in ſeiner Wachten Mitte, Trat der Koͤnig ſchnell herein,. Zorn und Wut im wilden Tritte, In des ſtolzen Auges Draͤun. Ha, Verraͤth'rin! blutig, wiſſe, Raͤch' ich meines Namens Schmach! Du und jener Sklave buͤße, Was dein frevles Herz verbrach! 2 Gelene II. 6. 5. 6 82 Sprach's, und zuckt' auf ſie ſein Eiſen, Ihm zu Fuͤßen ſank ſie hin, Flehte zitternd mit der leiſen, Weichen Stimm' um Mitleid ihn. Doch umſonſt; des Zorns Gewitter Hemmt das zaͤrtliche Gefuͤhl. Halt, o Koͤnig! rief der Ritter, Sieh in mir der Nache Ziel! Daß zu ſpaͤt ſie zu beweinen Nicht ein Tag der Reu' erſcheint, Todte mich! ich habe keinen Vater mehr, der mich beweint! Machtvoll ſchien das Wort zu faſſen Das empoͤrte Vaterherz; Seine Wangen gluͤhn und blaſſen, Und er kaͤmpft mit Zorn und Schmerz. Nein, er mag der Liebe weichen, Nief er plötzlich aus, mein Haß! Nehmt die Hand zum Suͤhnungszeichen Fuͤr der ſchweren Schuld Erlaß! Nicht unedle Sinnart heget Deine Seele, junger Chriſt! Aber wiſſ': auch uns beweget, Was dem Guten heilig iſt. 3 Louiſe Brachmann. 8¼ Sitten der Virginier. (The St. James Chron. 1802. N. 6931.) Mit einigen Anmerkungen vom Ueber⸗ ſetzer. Der Virginier iſt ſtolz und liebt Aufwand, bezahlt aber dafuͤr ſo ſelten als moͤglich ¹). In traͤger Ruhe auf ſeinem Sopha, mit einer Rolle Tabak im Munde, verliert er ſich gern in hochtoͤnende Erzaͤhlungen von ſeinen Jagden, giebt ein Verzeichniß ſeiner Pferde, und be⸗ ſchreibt ſie, wie ſeine Neger, von welchen er umſtaͤndlich angiebt, wie viel er deren in ſeinem Leben gekauft und verkauft habe ²). Jeden Tag ſteht er im Begriff, ein elegantes 1) C'est rout comme chez nous! 2) Wie ahnlich ſind ſich doch die Inoroyables in beiden Hemiſphaͤren! Dort traͤge Ruhe, hier ge⸗ ſchaͤftiger Muͤßiggang— das macht keinen Unter⸗ ſchied. — 85 Landhaus zu bauen, und nichts haͤlt ihn da⸗ von zuruͤck, als ein verdrießlicher Proceß. Seine Frau hat er ſo ziemlich lieb, ſeinen Kindern iſt er nicht gram: aber leidenſchaft⸗ lich liebt er nur ſeine Kampfhahn. Von dem wuͤrde er ſich nicht um 200 Guineen trennen, wenn er gleich zuweilen nicht zwei Dollars in der Taſche hat. In dem ſieht er den Wiederherſteller ſeines Gluͤcks; denn John— ſo nennt er ihn— bringt ihm, wie er zuverſichtlich hofft, ehe noch ein Monat vergeht, alles wieder ein, was er die letzten zwei Jahre uͤber in Pferde⸗Wettrennen ver⸗ loren hat 5). Nicht als ob er keine andern Huͤlfsmittel haͤtte! Nein! er beſitzt ja Laͤn⸗ dereien in Kentucky. Fragt man etwa nach den Papieren uͤber jene Laͤndereien? O ſie liegen ſämmtlich wohl verwahrt im Verſatz, weil er Geld noͤthig gehabt, um die Grundſtuͤcke 3) Wie aͤhnlich auch hierin! Denn daß eben ein Hahn das eigentliche Herzblatt und der letzte Troͤſter in aller Noth iſt, wird's nicht ausmachen. Dem andern bleibt nach einigen unſeligen Augen⸗ blicken bei der Roulette— nichts uͤbrig, als— Schurkerei oder Verzweiflung. wieder einzuloͤſen 4). Sein hoͤchſter Stolz aber iſt die Freiheit ſeines Vaterlandes, zu welcher er nicht wenig beigetragen zu haben verſichert. Eitelkeit und Armuth machen an ihm das Charakteriſtiſche aus: im Aeußern iſt er ein Republikaner, im Herzen ein Despot). Er verzehrt ſeine Einkuͤnfte zum voraus, und ver⸗ thut mehr, als er moͤglicher Weiſe erwerben kann. Mitt voͤlliger Zufriedenheit ertraͤgt er den Mangel an weißer Waͤſche, wenn er nur einen Phaeton beſitzt. Ein ſolcher Phaeton, und Arak und Punſch, machen die Gluͤckſelig⸗ keit des Virginiers aus; kann er dieſe genießen, ſo liegt ihm nichts daran, ob er ein Hemd auf dem Leibe hat, oder nicht 6). 4) Hat er nicht auch große Forderungen an ge⸗ ſcheiterte Regierungen? ungeheure Vorſchuͤſſe an Armeecorps u. dergl.? 3) Gilt ebenfalls auch von manchem und zu manchem Deutſchen oder Helvetier! 6) Köͤnnte man hier nicht gar auf den Gedan⸗ ken fallen, der Verf. habe das Entfernte genannt/ um das Nahe deſto ſichrer meinen zu koͤnnen?— Uebrigens iſt dieſer Verf. Hr. Theniod, ein fran⸗ zoͤſiſcher Reiſender, wie die angefuͤhrte Zeitſchrift bemerkt. ** 1 ¹ Geſellſchaftslied fuͤr Alte. Es gab eine gluͤckliche Zeit— Wer haͤtte ſich da nicht gefreut, Als in dem Strale der Sonne, Gleich Muͤcken, wir ſchwaͤrmten vor Wonne, Im flatternden Fluͤgelkleid? Da, da war noch glückliche Zeit! Es gab eine gluͤckliche Zeit— Wer haͤtte ſich da nicht gefreut, 8 Als, vom Praͤceptor entlaſſen, Wir ſchaͤkernd uns durften umfaſſen, Zu jedem Schwanke bereit? Da, da war noch gluͤckliche Zeit! Es gab eine gluͤckliche Zeit— Wer haͤtte ſich da nicht gefreut, Als wir den bloͤderen Maͤdchen 88 Im Stricken zerriſſen die Faͤdchen, Bei kluͤgern ſchon thaten geſcheid? Da, da war noch glückliche Zeit! Es gab eine gluͤckliche Zeit— Ver haͤtte ſich da nicht gefreut, Als ſie die Herzen uns ſtahlen, Und unter poſſierlichen Qualen Der Echo wir klagten das Leid? Da, da war noch gluͤckliche Zeit! Es gab eine gluͤckliche Zeit— Wer haͤtte ſich da nicht gefreut, Als jeder die Treue gefunden, Die, fruͤh ihm auf ewig verbunden, Sein Leben mit Roſen beſtreut? Da, da war noch gluͤckliche Zeit! Es gab eine gluͤckliche Zeit— Wer haͤtte ſich da nicht gefreut, Als ſchallt' in die lauſchenden Ohren: „Ein Knab' iſt dir, Vater, geboren! Komm! daß die Mutter ſich freut!“ Da, da war noch gluͤckliche Zeit! 89 Dahin iſt die gluͤckliche Zeit, Und was uns ſo lange gefreut! Doch hat uns der Himmel gegeben Erinn'rung— ſie haͤlt uns am Leben; Und ſo genießen wir heut Noch einmal die gluͤckliche Zeit. Und wenn uns die gluͤckliche Zeit Auch nicht in Erinn'rung mehr freut: Dann will ſich Freund Hain erbarmen; Er nahet ſich leiſe uns Armen, Verloͤſcht unſer Leben und Leid: Und das iſt dann gluͤckliche Zeit! H— 4* 90— Arkeſilas' Grab. thabeh dem Staub Arkeſilas' hebt ſich, o Wandrer, der Fruchtbaum; Bluͤten ertheilt er im Lenz, Schatten am heißeren Tag; Mahronde Frucht in dem Herbſt; Obdach vor den Fluten des Himmels: liebreich decket er ihm auch in dem Tode das Grab. Aſklepios. Warum ſchlingt ſich, Aſklepios, wie dem fluͤchti⸗ gen Hermes, um den gefeierten Stab ringelnder Schlange Ge⸗ flecht? „Hermes leitet die Seelen hinab zu dem naͤcht⸗ lichen Hades: gleich ihm, ſend' ich den Leib tief in die Schat⸗ . ten der Gruft.“ A. Johann Niſt*). 7 —— So war ſie denn nun meinem Unter⸗ richte entnommen. Ich dankte Gott auf den Knieen. Ehe ich's wahrnahm, wendeten ſich mein Herz und meine Worte zu ihr. Ver⸗ gieb, du Fromme, jedes Unrecht, das ich dir that! flehete ich in meiner Einſamkeit. Ich mußte grauſam gegen dich ſeyn, um dein unſchuldiges Herz von mir zu ſcheuchen, um dir das Innere des meinigen zu verbergen. Ich machte dich den Zauber deiner Augen *) Nach den eigenen Berichten dieſes edlen Mannes.— Riſt war geboren 1607, und ſtarb 1667, als Prediger und Meklenburgiſcher Kirchen⸗ rath. Als Dichter kennen ihn ſelbſt fluͤchtige Le⸗ ſer— wenigſtens aus ſeinen zum Theil trefflichen Kirchenliedern und aus der Matthiſſon'ſchen An⸗ thologie. Uebrigens war er auch Stifter des, zu ſeiner und der naͤchſtfolgenden Zeit, beruͤhmten Schwanen⸗Ordens. Selene II. 7. H. 1 2 2 ſcheuen; ich warnte dich vor Vergehungen, die du nicht kannteſt. Ach, der ſchwelgeri⸗ ſche Taumel des vaͤterlichen Hauſes mußte ſie dich ohnehin nur gar zu bald ahnen lehren! Vergieb! vergieb! Der ſtrenge Lehrer wah⸗ rete dich und rettete ſich! Uns beiden lohnt einſt die Ewigkeit! Ein leiſer Finger ließ ſich an der Thuͤr hoͤren. Die gute Mutter trat herein. Herr Johannes, ſagte ſie; Ihr habt Meta ent⸗ laſſen, aber ich bringe ſie bald zuruͤck in eure treuen Haͤnde! Ich zitterte. Gnaͤdge Frau, warum das? Und warum nicht?— Auch Meta wei⸗ gert ſich— Eben die Urſach, warum ſie ſich weigert, iſt mir Grund, mein Heiligſtes noch einige Zeit unter eure Obhut zu ſichern. Sie klagt uͤber feindliche Strenge; ſie geſteht, eure finſtern Lehren haben ihr den Fruͤhling ihres Lebens verbittert: eben dies war noͤthig, um den Leichtſinn des froͤhlichen Kindes dem Schwindel unverfuͤhrbar zu zeigen, in wel⸗ chem hier ſich alles dreht. Das Kind iſt 3 ſchon; was koͤnnten Schmeicheleien, hinter die ſich Leidenſchaft verſteckt, aus ihr machen! Ich ſchwieg. Meta's Mutter noͤthigte mir noch das Verſprechen ab, die Schuͤlerin zum Altar zu begleiten. Dies erfordere hier die Sitte bey der erſten Kommunion. O welch eine Aufaabe fuͤr mich, dieſe Heilige im Allerheiligſten knien zu ſehen! Geluͤbde von dieſen reinen Lippen ſtroͤmen zu hoͤren, die nur ihr Schutzgeiſt mit heiligerer Gewißheit vor dem Thron des Ewigen beſchwoͤ⸗ ren konnte, als ich! Ich beſchwor zugleich die Feſtigkeit mei⸗ nes Herzens. Ach, ich gelobte mehr, als ich zu halten vermochte! Ich draͤngte mich hinaus durch die vor Freuden weinende Menge. Die nahe katho⸗ liſche Kirche war offen. Es war Aſchermitt⸗ woch. Alles ſtroͤmte hinuͤber zu den heiligen Gebraͤuchen. Ich zitterte, als ich in die weiten, ſchweigenden Hallen trat. Dieſer ernſte, ruͤhrende Pomp fehlte noch, meine Gefuͤhle bis zum Unertraͤglichen zu erhöhen! Himm⸗ liſche Stimmen ſangen.„Ach, was lebt 4 und liebt auf Erden, muß zu Staub und Aſche werden!“ Einer der Marmorpfeiler verbarg mich. Es ward ſtill um mich. Die Stimmen ſchwie⸗ gen. Ein junger fremder Mann mochte lang; an meiner Seite geſtanden haben, ohne von mir wahrgenommen zu ſeyn. Er brach das Stillſchweigen. Ohne das Kreuz von Aſche, und doch ſo innig geruͤhrt? ſagte er. Wer wollte nicht! Tauſend Gefuͤhle draͤn⸗ gen ſich hier auch dem auf, der nicht fuͤr dieſe Geheimniſſe geweihet iſt. Dies ſchweigende, und jetzt leiſe murmelnde Gedraͤnge— jedes Jahr daſſelbe, und immer von Andern! Wo ſind heute die, die vorm Jahre hier nieder⸗ ſanken? wo werden dieſe im kuͤnftigen ſeyn? Ja,„was lebt und liebt auf Erden, muß zu Staub und Aſche werden.“ Dieſe flimmern⸗ den Todtenkraͤnze, dieſe wehenden Fahnen, dies Aſchenkreuz auf allen Stirnen— alles dies ſpricht nur auf verſchiedene Weiſe aus, was jene Stimmen ſangen. Ich lehne mich, ſeh' ich, an ein Monument! Allhier ruhet in Gott: der große Marſchall von***.— Dieſe 5 kleine Marmortafel daneben— ſie ſagt: eine Mutter legte ſie ihrem Saͤugling, mit deſſen Leben ihr und ihres Hauſes ganzes Gluͤck dahinſtarb. Und dort jener Engel mit der Palme bekraͤnzt mit Myrten die Urne einer jugendlichen Braut! Wir wollen es leſen!— Er ſahe mich ſtarr an. Ich? ſagte er. Ich — dies leſen? Gott! es iſt ja meine Braut! Er druͤckte mir ſtuͤrmiſch die Hand, und verlor ſich unter der Menge. Ich trat naͤher zu dem laͤchelnden Genius, der uͤber der Gruft der Jungfrau ſchwebte, und las:„Angelica, geborne von** x, verlobte Graͤfin von Sel⸗ dorf. Sie verbluͤhte im zweiten Monat ihres ſechzehnten Jahrs.“ 1 Ach Gott, faſt eben ſo alt war Meta! Sollte denn alles diejenige tiefer in mein Herz druͤcken, deren Bilde ich entfliehen wollte?— Ich konnte den aufgedrungenen Lehrſtunden nicht entgehen. Doch ließ mir die Mutter, die das feurige Maͤdchen nur zu beſchaͤftigen wunſchte, die Wahl, was ich ſie lehren wollte. Wahrlich, was ſie zu wiſſen bedurfte, beſaß ſie ſchon in ſeltener Vollkommenheit. So 5— waͤhlte ich denn Mathematik, und ging lei⸗ dend an das Werk der Verleugnung. Ich lerne alles, was du mich lehrſt, ſagte Meta, bei jeder neuen, erſchwerten An⸗ ſicht. Das Verſprechen ward mit Ernſt an⸗ genommen, aber das Du, als kindiſch, ein⸗ fuͤr allemal verbeten. Das iſt eben Schade, ſeufzte ſie, daß ich kein Kind mehr bin! Laß mich's doch wenigſtens bei dir vergeſſen! Mein Verhaͤltniß zu ihr ward immer un⸗ leidlicher. Wie in allem, ſo zeichnete ſie ſich auch bald in dieſer Wiſſenſchaft aus. Liebe, Bewunderung, Freude, mußte ich unter ſtren⸗ gen, mißmuͤthigen Ernſt verbergen. Kann ich dir denn gar keinen Dank mehr abgewinnen, mein Johannes? ſagte ſie. Sonſt mußte ich mich dir gegenuͤber fuͤr eine verſtockte Suͤn⸗ derin halten; jetzt fuͤr ein Gehirn von Eiſen: und doch treffen alle meine Aufgaben zu! Der Himmel ſandte mir Erloͤſung. In einer dieſer heißen Stunden war es, daß ſich der junge Graf Seldorf, der mich ſeit jenem Kreuz von Aſche oft ſahe, bei mir anſagen ließ. Meta wollte ſich entfernen, und huͤpfte 7 eben ſo ihm entgegen. Erroͤthend begruͤßte man ſich von beiden Seiten; und dann folgte ein langes Geſpraͤch von dem fliehenden Engel, in welchem ſich mein Herz ſeiner ganzen Be⸗ wunderung entledigte. Der Graf verſank in tiefes Nachdenken; er antwortete wenig, und ſchnell verließ er mich. Er kam nun ſeltner zu mir, und bald er⸗ zaͤhlte mir Meta, er ſei bei ihren Aeltern ein⸗ gefuͤhrt worden, habe mit ihr von mir geſpro⸗ chen, und geaͤußert, daß er ihr Mittſchuͤler zu werden wuͤnſche. Gluͤckliche, gluͤckliche Wendung! Die Sache ward ausgefuͤhrt. Ich war mit meiner gefaͤhr⸗ lichen Schuͤlerin nicht mehr allein, denn nicht allein der Graf, ſondern auch die weiſe Mutter war jetzt gegenwaͤrtig. Ach, warum dieſe Vor⸗ ſicht nicht ſchon laͤngſt auch in Ruͤckſicht auf mich? War ich minder Juͤngling, minder bluͤhend, als Seldorf? Oder machte mich mein Stand unverletzlich? Iſt das Zeichen der Kirche eine verſteinernde Gorgone? Meine Luſt an den Lehrſtunden war jetzt gewachſen. Meta bekam ſogar manches Lob, 8—— um den ihr weit nachſtehenden Mitſchuͤler an⸗ zufeuern; aber die Lernbegierde nahm ab, we⸗ nigſtens bei der Mutter, die jetzt tauſend Ab⸗ haltungen fuͤr Meta hatte. Der Graf kam oͤfters allein, war zerſtreut, ſandte Entſchul⸗ digungsſchreiben an ſeiner ſtatt; und endlich kam er und ſchrieb er auch nicht mehr. Ihn ſah' ich nun im Hauſe nie, Meta nur bei der Tafel. 4 War der Geliebten ſparſamer Anblick Un⸗ gluͤck oder Gluͤck für mich?— Anfangs das erſte!— Das Grab der Braut in der Ka⸗ puzinerkirche ſah die Thraͤnen, mit welchen ich meine thoͤrichten Gefuͤhle begrub; aber endlich entwand ich dem Engel die Palme— er ſah auch meine Siege. Ich ſtuͤrzte mich zu voͤlliger Heilung in die tiefſinnigſten Geſchaͤfte. Das Verſprechen eines geiſtlichen Amtes, das fuͤr meine Ju⸗ gend— ich zaͤhlte noch nicht drei und zwan⸗ zig,— faſt zu hoch war, machte dieſe An⸗ ſtrengung noͤthig. Meta's Mutter, die ihren Gemal um mein Gluͤck gedraͤngt hatte, ſprach von Beſchleunigung deſſelben: mein Fleiß 9 raubte mir Tage und Naͤchte. So kehrte Ruhe in mein Herz zuruͤck. Was im Hauſe vor⸗ ging, davon wußte ich wenig. Des Som⸗ mers lebte die Familie auf dem Lande, und ich war dann im weiten, ſchallenden Palaſte faſt ganz allein. Einſt ploͤtzlich die Nachricht: Meta iſt Braut!— Durfte mich das noch ſo erſchuͤt⸗ tern? Warum nochmals die Wallfarth nach der Kirche, wo die junge Heilige kniete, und dann zu jener, wo die Trophaͤen des Todes weheten? Ach ja, ich mußte noch einmal mit dem Engel uͤber dem Grabe um ſeine Palme ringen! Bewußtlos wandte ich mich, den Tempel zu verlaſſen. Seldorf ſtrich bei mir voruͤber. Freund, rief er, und preßte meine Hand ſtuͤrmiſch in die ſeinige; wir ſind beide ſehr, ſehr ungluͤcklich! Ungluͤcklich— Er? Meta's Braͤutigam? Daß er ſie liebte, wußte ich aus unſern Lehr⸗ ſtunden; daß er um ſie warb, war ſtadt⸗ kundig. Als ich aus dem kalten Kirchgewwlbe trat, hing das Gewitter, das ſich fruͤh feurig vor 10 der aufgehenden Sonne gelagert hatte, nahe drohend vom Himmel herab. Die Schwuͤle war druͤckend. Die Straßen der volkreichen Stadt wurden leer von dem kommenden Sturm: alles floh nach Hauſe. Ich eilte hinaus in's Freie. Glaubte das gepreßte Herz ſich mehr gedruͤckt von dem ſchirmenden Dach, als von dem Gewoͤlbe des zuͤrnenden Himmels? Glaubte es dort einem rettenden Blitze naͤher zu ſeyn? Sie erzaͤhlten mir viel, als ich gegen den Abend nach Hauſe kam, von dem ſchreckli⸗ chen Wetter. Ich wußte mich kaum zu be⸗ ſinnen. Naß war ich, als haͤtte ich den Strom durchſchwommen. Fieberfroſt bebte durch meine Glieder, Fieberglut brannte auf meinen Wangen. Ich fuͤhlte dies, jedoch ohne es zu achten. Mich beſchaͤftigte ein ein⸗ ziger Gedanke; nur eines einzigen, allum⸗ faſſenden Wunſches war ich mir bewußt— deſſen: Meta nur einmal, nur noch ein ein⸗ zig mal zu ſehen! 88 Ich hatte im Hofe Wagen und Pferde wahrgenommen. Man war zuruͤckgekehrt, Meta mir nahe. Zweifelnd forſchte ich. Das 11 Haus war wirklich nicht mehr einſam; ich hoͤrte bekannte Stimmen auf Galerieen und Saͤlen. Hoffnung durchzitterte meine Seele: dein Wunſch kann erfuͤllt werden! Und was nun, wenn dies geſchieht? fragte ich mich ſelbſt. Wie oft genoſſeſt du das naͤm⸗ liche Gluͤck? wie oft floheſt du es? Es grub neue Pfeile in deinen Buſen; und jetzt— 7 Iſt ſie nicht Braut?— Mein Herz blieb mir die Antwort ſchuldig. Ich verſank in tiefes, bewuͤßtloſes Traͤumen. Was ich die⸗ ſen Abend bis zu Mitternacht begann— ich weiß es nicht. Man hatte am Abend meine kleine Tafel gedeckt. Als man nach einigen Stunden kam, ſie aufzuheben, als man ſie unberuͤhrt fand: da trat die gute, freundliche Seele, die mich bediente, zu mir, und noͤthigte mir einen Be⸗ cher Wein, mit dem Rath auf, mich nieder⸗ zulegen: ich ſei ohne Zweifel krank, und— Fraͤulein Meta ſei auch krank nach Hauſe ge⸗ kommen. Meta krank? Sie krank? rief ich.— Man klingelte, die Erzaͤhlerin verſchwand; es 12 war Meta's Amme— Vielleicht ging ſie von mir zu ihr! Meta's Krankheit hatte mir Thraͤnen ge⸗ geben; dieſe erleichterten mein Herz. Ich erhob mich, und ſchwankte meinem Pulte zu, um zerſtreuende Arbeit vorzunehmen. Das Buch der Buͤcher, welches alle troͤſtet, lag vor mir aufgeſchlagen. Ich vermag alles, durch den, der mich maͤchtig macht! las ich. Meine Thraͤnen troffen haͤufiger, eine ſanfte Abſpannung bemaͤchtigte ſich meiner. Mein Kopf ſank zuruͤck; ich entſchlummerte. Aber meine Fantaſie wußte nichts von dieſer Ruhe. Meta war das Bild, das mir in tauſend wechſelnden Geſtalten vorſchwebte, und — Meta'’s, Meta's Stimme war's, die mich erweckte. Johannes! begann ſie leiſe. Lieber Johan⸗ nes! Haſt du deine arme Schuͤlerin denn ganz vergeſſen? Willſt du mich denn jetzt in mei⸗ ner hoͤchſten Bedraͤngniß verlaſſen? Gott! Fraͤulein! rief ich und ſprang auf. Meta ſtand an der Thuͤr des Zimmers, die man, wegen der unleidlichen Hitze, offen ge⸗ — 13 laſſen hatte. Mein Licht war am Ausloͤſchen: aber der Mond am hohen Fenſter, der hinter einer Gewitterwolke hervortrat, machte die ſchoͤne Geſtalt ſichtbar. Ich zitterte. Mit Muͤhe hielt ich mich an der Lehne meines Stuhls feſt. Meta trat einige Schritte naͤher; ſie wollte reden, aber ein Strom von Thraͤ⸗ nen brach ihre Stimme. War's der Mond⸗ ſtrahl, der ihr dieſe Geiſterbleiche anſtrich, oder was war es ſonſt: ich glaubte ein wei⸗ ßes Marmorbild vor mir zu ſehen. Nur der Laut ihres Weinens, nur das gewaltſame Heben ihrer Bruſt ſagten, daß hier Leben ſei. Ich war ohne Gegenrede. Du hoͤrſt mich jetzt, begann ſie nach einiger Faſſung, und deine Blicke fragen; dies iſt mir genug. Vernimm alles! Es koͤmmt nur auf eine Kleinigkeit an, und du wirſt mir ſie nicht verſagen. Ich verlange von der treuen Hand, die mich ſo lange geleitet hat, das Einzige, daß ſie mich noch bei einem— nur noch bei Einem ſchweren Gange nicht verlaſſe. Was fuͤr ein Gang, Fraͤulein? ſtam⸗ melte ich. 14 1 Du willigſt ein? fuhr ſie mit ſeltſamer Haſtigkeit fort. Gut! du biſt gekleidet; gut! wir koͤnnen gleich gehen! Gehen? Wohin? Es muß nun einmal ſeyn! Ich kaͤmpfte lang genug. Ich muß endlich wiſſen, woran ich bin, und was ich noch zu hoffen habe.— Komm, mein Fuͤhrer, fuhr ſie fort, als ſie ſahe, daß ich zoͤgerte; komm ſogleich, und ohne Geraͤuſch! Die Nacht grenzt ſchon an den Morgen. Alles ſchlaͤft, und alles muß noch ſchlafen. Morgen darf's noch nicht ſeyn, wenn wir zuruͤckkommen. Noch wußte ich kaum, ob ich wachte, oder ob ich traͤumte: da faßte mich ihre kalte Hand, und zog mich mit ſich fort. Das letzte Licht verloſch: uns leuchtete nur der truͤbe Mond. An einer kleinen Hinterthuͤr, die durch den Garten fuͤhrte, beſann ich mich erſt voͤllig; und mit allem Ernſt, mit aller Strenge ſogar, wie ich ſie mir nur abzwingen konnte, drang ich auf Ruͤckkehr. Wie? rief ſie— die ganz Verlaßne verlaͤßeſt auch du? Siehe, ich gehe 15 gewiß auch ohne dich: aber ob ich dann je zuruͤckkehren werde—? Die Gefahren der Nacht ſind groß— ich bin ohne Beſchuͤtzer.— Noch einmal fragte ich ſehr ernſt: Wo⸗ hin? und bekam eben ſo ernſt die Antwort, daß man mir dies nicht ſagen werde, weil man dann meiner verdoppelten Weigerung ver⸗ ſichert ſei. Nun! rief ich, ſo folge ich dir dann, und waͤr's in den Abgrund! Allein ſollſt du wenigſtens nicht umkommen!— Wir gingen weiter und ſchwiegen beide. Gott weiß, welche Moͤglichkeiten mir ſchoͤn und ſchrecklich vorſchwebten. Heller Gedanken war ich nicht faͤhig. Schweigend hatten wir jetzt die Straßen der Stadt zuruͤckgelegt, wo uns niemand be⸗ gegnete, als die heimkehrenden Waͤchter. Jetzt kamen wir an ein Pfoͤrtchen, wo die Wache ſchlief. Wir gingen mit leiſen Tritten hinaus auf den Wall. Tief unten rauſchte der Strom. Gott! mir kam der Gedanke: ein Schritt, und du faͤndeſt in Meta's Armen hier den ſuͤßen Tod! Meta ſchien jetzt ruhiger. Eine einfache 15— Frage, die ſie an mich that, zeigte, daß ſie meinen Gedanken auch nicht von fern ahnete. Wir lenkten uns abwaͤrts in die engen Straßen der Vorſtadt. Mehrere dieſer finſtern Schlupf⸗ winkel der Armuth und oft des Verbrechens waren zuruͤckgelegt. Ich aͤußerte Unruh und Zweifel: Meta verſicherte mich, ihre Amme habe ihr den Ort zu gut bezeichnet, als daß ſie ihn verfehlen koͤnne. Den Ort— Meta, welchen Ort? Und ſchon ſind wir da! Dort ſind die Mau⸗ ern der alten Burg— Sieh, wie die Kaͤuzlein ihr weißes Gefieder im Strahl des untergehen⸗ den Mondes ausbreiten! Haͤtt' ich doch nicht gedacht, daß ich ſo ſchaudern wuͤrde!— Meta klopfte an ein kleines Haus, das ſich an die verfallene Burgmauer lehnte. Ein kleines Geraͤuſch von innen, eine leiſe Frage, und dann oͤffnete man. Ein kleines, altes Weib war es, faſt an⸗ zuſchaun wie jene Voͤglein, die wir eben aus den Thurmluken in den Mondſchein hatten heraustreten ſehn. Was ihr wollt, das weiß ich, ſprach ſie. — 17 Aber wer ihr ſeyd— Juͤngling und Jungfrau, einander ſo nahe verwandt? Mir ward es jetzt hell vor den Augen. Ich kannte die, auf welche Meta vorhin ſich berief, kannte ihre aberglaͤubige Amme. Zwar wußte ich ſelbſt nicht, was von gewiſſen Din⸗ gen zu halten ſei; ich glaubte mich aber doch hinlaͤnglich unterrichtet, um ſie zu verab⸗ ſcheuen. Mein ſtrafend auf Meta gerichteter Blick wiederholte ihr alles, was ſie ehemals hieruͤber von mir gehoͤrt hatte. Sie blickte mich vorbittend an: ich konnte nur noch trauern. Da gab ſie der Alten die Gegen⸗ rede: Du willſt rathen, und kennſt uns nicht beſſer? Nennſt uns nahe verwandt— Junger Mann, unterbrach ſie das Weib; tadle du mich, wenn ich irre! Mich beſiel bei dieſen Worten, die ſo tief in mein Herz griffen, ein Schauder. Ich zog leiſe an Meta's Arm, uns zu entfernen; doch die Alte hatte uns ſchon hereingezogen. Die Thuͤr war hinter uns verſchloſſen. Die Wirthin druͤckte uns gaſtfrei auf eine ſchwarze Selene II. 7. H. 2 18 Bank an der Wand des berußten Zimmers, das eine einzige, ſtarkdampfende Lampe erhellte. Was du willſt, begann ſie zu Meta, das weiß ich; was du im Herzen fuͤhrſt, wen⸗ dete ſie ſich zu mir, gebe ich in den Kauf, wenn du's verlangſt. Armes Maͤdchen, man will deine Hand in die Hand eines Mannes zwingen, den du verabſcheueſt. Ob dies ge⸗ lingen, oder ob der andere, den du liebſt, Kraft haben wird, ſeinen Eid zu loͤſen, und, kann's nicht anders ſeyn, dich durch den zu befreien, der alles vermag: das willſt du wiſſen! Hab' ich Recht? Wenn ich dir's ſagte, wuͤrdeſt du noch zweifeln; komm lieber und ſieh' es! Meta antwortete nicht: ihr war vielleicht zu Muthe, wie mir. Meinen Zuſtand aber kann ich mit nichts vergleichen, als mit einem beginnenden, ſchweren Rauſche. War die Luft hier verpeſtet, oder was war's, das uns nach und nach aller Sinne beraubte, das uns ſogar einen Trunk, den uns die Alte reichte, ohne Bedenken hinnehmen ließ? Trink, ſagte ſie zu mir, du Armer! Du moͤchteſt ſchwer⸗ lich mit ihr wieder aus einem Becher trinken! Wir fuͤhlten uns wirklich geſtaͤrkt und folg⸗ ten. Was uns auf dem finſtern Wege, den wir hinter ihr betraten, geleuchtet hat, weiß ich jetzt nicht mehr— ſchwebt mir doch das Ganze nicht anders, als ein Traum vor! Genug, um uns war's hell genug, um alles wahrzunehmen. Wir ſtiegen erſt ab⸗, dann aufwaͤrts, und aus der Schoͤnheit der letzten Stufen, ſo wie aus allem andern, was uns nun umgab, haͤtte ſich ſchließen laſſen, wir befaͤnden uns in dem unverfallenen Theile jener veroͤdeten Burg. Es war ein weites Saͤulengewoͤlbe, worin wir uns befanden. Einen großen Marmor⸗ tiſch, der in der Mitte ſtand, bedeckte die Alte mit purpurfarbenem Tuch; ein himmel⸗ blau ſeidnes erhoͤhte ſeine Farbe. Tretet doch naͤher! ſagte das Weib, und huͤllte ſich in ihren ſchwarzen Schleier. Du, Jungfrau, lege deine Rechte in die Rechte des Juͤnglings! Er waͤre ja dein geworden, wenn der Men⸗ ſchen Verblendung und Eigenmacht nicht dem 20 8 Schickſal vorgriffen, und das heut zernichteten, was nun doch morgen geſchieht! Wir thaten zitternd, was uns geboten war. Dieſe Worte und Meta's Hand in der meinigen— haͤtt' ich nicht zittern ſollen? — Ein wunderbarer Rauch erfuͤllte das Zim⸗ mer; wir athmeten ſchwer und vor unſern Augen verſchwanden auf einige Momente alle Gegenſtaͤnde. Der Rauch verſchwand. Eine Kryſtall⸗Kugel wogte, wie ein kleines Welt⸗ ſyſtem, auf und nieder; alle Gegenſtaͤnde erſchienen vor uns in weiter Ausdehnung. Schließet nun die Augen, begann das Weib von neuem, und trage jedes in ſtillem Ge⸗ bete dem Himmel vor, was es am heißeſten wuͤnſcht. Und dann blicket auf und ſchauet. Was ich, was Meta dem Himmel vor⸗ trug? Ihr Engel habt es verzeichnet, und das Flehen des verirreten Kindes tief verſie⸗ gelt, indeß ich meine Schwaͤche nochmals hart buͤßen muͤſſen! Schweigend zog uns die Alte naͤher zu dem Gegenſtande, der jetzt unſern geoͤffneten Augen in wunderbarer Schoͤnheit vorſchwebte— 21 zu der reinen, durchſichtigen Sphaͤre, die, wie die Seifenblaſe, nur vom Hauche geſchwellt ſchien und mit denſelben uͤberirdiſchen Farben prangete.— Jetzt ruhete ſie, ohne irgend einen Gegenſtand zu beruͤhren, und Bilder entwickelten ſich in ihrem Innerſten, erſt ver⸗ worren, dann deutlich— Bilder, die unſere ganze Seele feſſelten. Ich ſahe das Bild der Geliebten! Meta ſahe vermuthlich etwas, das ihrem Herzen eben ſo nahe verwandt war; was aber? dies verrieth keines ihrer Worte, doch ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen. Die Seene veraͤnderte ſich. Dies waren die Straßen der alten Reichsſtadt, dies Me⸗ ta's aͤlterliches Haus. Meta blickte mich an; ihr Auge verrieth, daß ſie daſſelbe wahrnahm, wie ich. Jetzt kam auch die Kirche zum Vor⸗ ſchein, wo die fromme Meta das erſte Geluͤbde der chriſtlichen Jungfrau abgelegt hatte. Die Straßen waren gedraͤngt voll Volks, ich ſah bekannte Geſtalten. Alles lebte, alles wollte dem Tempel naͤher, als in Erwartung irgend einer Erſcheinung. Die Pforten des Gottes⸗ hauſes oͤffneten ſich. Rund herum wich die 22 Menge. Da naͤherte ſich ein Brautzug. Me⸗ ta war es, im braͤutlichen Schmuck ſchoͤn wie ein Engel, aber ihr Antlitz bleich wie ein Marmorbild, bleich, wie ſie dieſe Nacht dem Monde gegenuͤber ſtand. An ihrer Seite ſtolzierte ein goldgeſchmuͤckter Mann, den ich nicht kannte; er achtete nicht auf das Zittern des Opfers an ſeiner Seite. Nun fahren die Wagen vor. Aengſtlich ſchaut die Braut umher nach einem Etwas, das ſie nicht fin⸗ det. Halb gezwungen ſteigt ſie ein: ihr Ge⸗ leiter wirft ſich ſtolz an ihre Seite. Noch einmal eine Bewegung ihres Hauptes, noch ein Blick unter die herandraͤngende Menge: der Blick ſucht, endlich findet er! Ein Ver⸗ huͤlleter tritt naͤher. Er zieht etwas aus dem Mantel hervor: ein Schuß faͤllt, und ge⸗ troffen ſinkt die Braut in des Braͤutigams Arme. Ein zweiter Schuß: jetzt ſinkt auch der Thaͤter!— Seldorf! Seldorf! rief hier Meta an meiner Seite. Ich ließ ihre Hand aus der meinigen. Mir vergingen die Sinne. Als ich mich beſann, lag ich auf meinem Bette; mein treuer Diener ſaß neben demſelben. Anton! rief ich, und riß die Vorhaͤnge aus einander— Anton, was iſt mit mir vorgegangen? Ihr ſeyd gerettet! antwortete er freund⸗ lich. Gottlob! Ihr ſprecht ja wieder, und wiſſet auch, wo Ihr ſeyd! Ich rufe gleich den Arzt! Den Arzt? Bin ich denn krank? Mein Gott, ſeit drei Wochen! und wie habt Ihr ausgeſtanden! Halt! unterbrach ihn hier der Hausarzt, der eben eintrat. Erſt Kraͤfte, dann Erzaͤh⸗ lung!—— Sie kamen ſehr langſam, dieſe Kraͤfte! Werde ich deren aber auch jetzt beſitzen, nie⸗ derzuſchreiben, was man mir endlich nicht mehr verſchweigen konnte? Am Morgen jener ſeltſamen Nacht, von welcher ich mit voller Ueberzeugung nie werde behaupten koͤnnen, ob ich ſie, ſo wie ſie hier be⸗ ſchrieben, in der Wirklichkeit oder nur im Trau⸗ me verlebt hatte— da wollte mich Meta's 24 Amme im Garten ohnmaͤchtig auf der Terraſſe gefunden haben, wo ich auch wirklich oft die Sonne aufgehen ſahe. Sie hatte mich in Antons Haͤnde geliefert, und eine lange Krankheit, wo ich mir meiner nicht bewußt ward und mit den ſeltſamſten Fantaſieen kaͤmpf⸗ te, hatte mich an die Pforten des Todes ge⸗ bracht. Hatte Meta, meine fromme, ewig unvergeßliche Meta— hatte auch ſie an die⸗ ſem Morgen die Sonne aufgehen ſehen wollen, wie ſie allerdings auch zuweilen that; und hatte ſie da eine toͤdliche Erkaͤltung eingeſo⸗ gen— 7 Ich weiß es nicht. Daß auch ſie mehrere Tage, von jenem Nu an, in den Armen des Todes gelegen hatte, das erfuhr ich, als man mir nichts mehr verſchweigen konnte. Ach Gott, muͤßte ich nur nichts Schrecklichers verzeichnen! Kaum geneſen, zwang man ſie, ihre Hand in die Hand des Fremden, des Ungeliebten zu legen. Die verzweifelnde Mutter bat fuͤr den edeln Seldorf, den nichts als verſchiedene Glaubensmeinungen verwerflich machen konn⸗ ten; ſie bat vergebens. 2⁵ Von nun an waltete das ſchwarze Schick⸗ ſal, dem man die Unſchuldige geweiht hatte. Die Braut kam zum Altare. Ihre Blicke forſchten unter der Menge, ob der Geliebte gegenwaͤrtig ſei, ob er das laͤngſt gegebene Wort erfuͤllen werde. Er war ihr nahe; ach, nur allzunahe! Noch einmal: ſahe ich in jener Nacht wirklich, oder ſahe ich im Traum einer fieberhaften Fantaſie, was oben erzaͤhlt worden— ich kann es durchaus nicht ergruͤn⸗ den: aber was jene Kryſtallkugel zeigte, ward wahr! Die Ungluͤcklichen vereinte der Tod!— Und ich—? Was ich ward, was ich blieb, was auch die treueſte Pflichtuͤbung und feſter Glaube an Gott nicht an mir zu aͤndern vermochten: das ſagen Euch meine Lieder, welche die chriſtliche Kirche nun ſchon eine lange Reihe von Jahren mir nachſingt. Gebe Gott, daß die naͤchtliche Wehmuth, die in denſelben oft meine helleſten Gedanken um⸗ ſchleiert, keinen Gluͤcklichen ſtoͤre, daß aber der Troſt, der mich im Dichten oft ſo himm⸗ liſch erquickte, in jedes Ungluͤcklichen Herz ſanft uͤberfließe!— Geſang der Freien. —q Wie die ſtillen Nachen gehn Auf dem Todesſtrome! Um das duft'ge Ufer wehn Fluͤchtige Fantome. Aus dem truͤben Reich der Zeit Sind es Luftgeſtalten, Die in matter Herrlichkeit Laͤngſt voruͤberwallten. Ehre, die uns einſt erhob, und der Liebe Kräͤnze, Die uns Fruͤhlingstraͤume wob, Finden hier die Grenze. Ueber dieſen heil'gen Fluß Wird kein Kahn ſie fuͤhren; Nie ihr leichter Taͤuſchungskuß Unſern Mund beruͤhren. 27 Denn gerettet ſind wir nun Aus des Traumes Bande, Werden ewig ſchmerzlos ruhn In dem ſtillen Lande. Kein Orkan, kein Wetterſtrahl Raubt den tiefen Frieden; Ewig ſchmuͤcken dieſes Thal Lichte Silberbluͤten; Und ein ſuͤßer Flötenton Weht in aller Herzen; Aus dem Buſen ſind entflohn Erdenweh' und Schmerzen. Aetherrein das Leben fließt Uns Uranionen, Die der Freiheit Kranz umſchließt, Edlen Kampf zu lohnen. Karl Beſſeldt. 28— Eibedullah. Eine orientaliſche Geſchichte, fuͤr die tauſend und zweite Nacht. Dort draußen am himmelanſtrebenden Kauka⸗ ſus, dort wo das wohlbekannte Neſt der Zau⸗ berer, die Tummelbahn der Geiſter, und das Domaͤnengebiet der Feen iſt, dort lebte vor tauſend Jahren ein ſehr ſchoͤnes und auch ſehr geſcheidtes Maͤdchen. Aber das Maͤdchen war eben ſo ſtolz als ſchoͤn, und noch ein Großtheil eigenſinniger als geſcheidt; woran jedoch das arme Kind nur wenig Schuld hatte: denn dieſe Fehlerchen lagen,(ohngefaͤhr wie der Adel,) ſchon in Blut und Herkunft. Sie hieß Eibedullah. Ihr Vater war der maͤch⸗ tige Silfenkoͤnig Azor, der ſich in ihre Mut⸗ ter Zairide, eine der gefuͤhlvollſten Natur⸗ toͤchter, unſterblich,(oder ſterblich; ich will die Wahl haben!) verliebte. So uͤbel auch 29 Mesallianzen ſchon vor tauſend Jahren aus⸗ zufallen pflegten; ſo war das doch dort am Kaukaſus etwas verſchiedener, als an den Pyrenaͤen, dem Brocken, oder dem Rieſen⸗ gebirge. Azor und Zatride befanden ſich ſehr gluͤcklich dabei. Zairide war die einzige, fruͤhverwaiſete Tochter eines wohlhabenden Landmanns in ei⸗ nem der fruchtbarſten Thaͤler des Kaukaſus. Sie beſaß an zeitlichen Guͤtern genug, um geborgen und zufrieden zu ſeyn. Ihr Lieb⸗ haber bot ihr noch uͤberdieß Ehre, Macht, Reichthum an: Zatride verlangte nichts, als ſeine Liebe. Das gefiel Azorn; er prieß ihre kluge Genuͤgſamkeit, und verhieß ihr dagegen Weisheit, Seelenruh, unveralternde Geſund⸗ heit, und nie verwelkende Schoͤnheitsbluͤte. Zum Verwundern war es, daß ſie die beiden erſtern Gaben vergnuͤgter annahm, als die beiden letztern: aber freilich war Zairide nur eine rohe Aſiatin. Ein naher Zedernwald verbarg ihre Zu⸗ ſammenkuͤnfte, wo das undurchdringlichſte Ge⸗ heimniß die Freuden ihrer Zaͤrtlichkeit wuͤrzte. 30 So ſchieden ſie heute mit ungeſaͤttigter Liebe; ſo kamen ſie morgen wieder mit ſchmachtender Liebe zuſammen; Azor ward immer entzuͤck⸗ ter, Zairide immer theilnehmender. So uͤber⸗ natuͤrlich dieſes alles ſcheinen mag, ſo naruͤr⸗ lich war endlich der Erfolg des Duodrams, als die dritte Perſon in Eibedullah erſchien. Daß ein ſolches Aelternpaar alles moͤgliche that, um, naͤchſt der koͤrperlichen Vollkom⸗ menheit, auch den Geiſt des Kindes zu ent⸗ wickeln, und zugleich mit dem Herzen auch den Verſtand zu bilden, verſteht ſich am Kau⸗ kaſus von ſelbſt. Eibedullah ward eins der reizendſten Maͤdchen, ſo wie eins der witzig⸗ ſten und lebhafteſten; ja, ſie wuͤrde ſogar das vernuͤnftigſte, folglich auch das gluͤcklichſte ge⸗ worden ſeyn, wenn Vater Azor den Keim ſtolzen Eigenſinnes und ſchimaͤriſcher Wuͤnſche bei Zeiten ausgerottet haͤtte. Aber der Sil⸗ fenkoͤnig achtete zu ſpaͤt auf dieſes emporſchoſ⸗ ſende Unkraut; er gefiel ſich ſelbſt darin, daß Eibedullah auf den Namen ſeiner To chter ſo ſtolz ward, ſah ihr manchen Eigenſinn zu guͤtig nach, und ſchwur ihr einſt, daß er 31 ſie ganz nach ihrem eignen Willen wolle gluͤcklich werden laſſen. Ein junger Nachbar, Namens Osmin, zwar nur ein Schaͤfer, nicht arm, aber auch nicht reich, doch maͤnnlichſchoͤn, verſtaͤndig, edeldenkend und gutherzig— kurz, ein Ge⸗ ſchoͤpf, aus welchem ſich ein ganz leidlicher Ehemann machen laͤßt, hatte Bekanntſchaft bei Zairiden gefunden. Da ſah und ſprach er die Tochter vom Hauſe; er lernte bald ihren gebildeten Geiſt ſchaͤtzen, und eben ſo bald gewann ihre Schoͤnheit ihm das Herz ab. Auch Eibedullah konnte dem huͤbſchen, ver⸗ ſtaͤndigen, jungen Manne ihre Achtung nicht verſagen; ſie ſprach oft und gern mit ihm. Azor und Zairide, dieſe Annaͤherung mit Vergnuͤgen bemerkend, hofften ſchon auf eine baldige feſtere Verbindung: aber, leider!: umſonſt. Die Schoͤne, ohngeachtet ſie ſchon etwas, das ſie Freundſchaft nannte, fuͤr Os⸗ min empfand, wollte doch ſchlechterdings nichts weiter geſtehn: ſie ward vielmehr, als ſie die Abſicht ihrer Aeltern gewahrete, zuruͤckhalten⸗ der, immer kaͤlter, und ſuchte mancherlet 32 Ausflucht. Vergeblich drangen Azor und Zai⸗ ride mit Vorſtellungen, Osmin mit Bitten in ſie: Eibedullah erklaͤrte endlich feſt,— Os⸗ min koͤnne nie ihre Hand erhalten. Zairide war erfahren genug, um zu be⸗ merken, daß ihre Tochter im Grunde den ſchoͤnen Osmin wirklich zu lieben anfange: ſie konnte ſich alſo dieſe Widerſetzlichkeit nicht an⸗ ders, als nur fuͤr eine jungfraͤuliche Ziere⸗ rei erklaͤren, und hoffte deßwegen noch im⸗ mer, was ſie wuͤnſchte. Azor hingegen drang mit ſeinem Geiſterblicke tiefer, und ſah mit Verdruß, daß die Unkrautſproſſen des Stol⸗ zes und ſchimaͤriſcher Wuͤnſche, den Roſen⸗ keim der Liebe hoch uͤberwuchſen, und mit ihm Gluͤck und Ruhe des Maͤdchens zu er⸗ ſticken drohten. Leider hatte er nur allzurich⸗ tig geſehen. Eibedullah war ſtolz auf ihren Vater, und dieſer Gedanke hauchte ihr ei⸗ nen ſehr hochfliegenden Uebermuth ins Herz. „Wie?(ſagte ſie oft heimlich zu ſich,) „Bin ich denn etwa nicht ſchoͤn genug? Nicht die Tochter des maͤchtigen Silfenkoͤnigs? Darf ich denn gar keinen Anſpruch an das ehren⸗ 3³ volle Gluͤck meiner Mutter machen? Kann ich nicht ebenfalls die Geliebte eines ſchoͤnen und maͤchtigen Genius werden, oder doch we⸗ nigſtens die Gemalin eines großen Koͤnigs? Und gleichwol will man mich zwingen, dieſem niedrigen Schaͤfer Herz und Hand zu geben? Nein! Das kann ich, das will ich nicht! Ich bin Azors Tochter, und ich habe ſeinen Schwur!“. Azors Geiſterohr allein vernahm dieſes ge⸗ heime Selbſtgeſpraͤch. Jetzt beſchloß er noch einen Verſuch. Als er ſich in einer feierlichen Stunde des kindlichen Vertrauens und der herzlichſten Vaterliebe, mit ſeiner Tochter al⸗ lein befand, wandte er alles an, um ſie von der Thorheit ihrer Wuͤnſche zu uͤberzeugen, und ihren Eigenſinn zu brechen: aber Eibe⸗ dullah ſetzte ſeinen Vorſtellungen die ihrigen, ſeinen Gruͤnden ihre Bitten, und den Drohun⸗ gen ſeinen Schwur entgegen.„Nun wolan! (rief endlich der Silfenkoͤnig mit Unwillen und Betruͤbniß—) So bereite dich zu harten Pruͤfungen! Geh du deinen ſelbſtgewaͤhlten Weg: ich muß den meinigen gehn! Von nun Selene II. 7. H. 3 —₰ 34 an ſiehſt du mich nicht wieder, als bis du — kluͤger geworden biſt. Aber nimm hier, zum Andenken deines treuen Vaters, deſſen Rath du verwirfſt, dieſen Rubinring! Soll⸗ teſt du in allzugroße Noth und Gefahr gera⸗ then, oder,(was Allah verleihe!) ſollteſt du endlich deinen Eigenſinn ernſtlich bereuen; ſo drehe den Stein des Ringes unterwaͤrts, und ich werde dir beizuſtehn ſuchen, wenn es naͤmlich moͤglich, und— noͤthig iſt. Denn, (merke das wohl!) wer ſich ſelbſt noch helfen kann, der bedarf keines Talismans; und wer ihn mißbrauchen will, der verſcherzt eben da⸗ durch ſeine Kraft!“ Mit der letzten Sylbe verſchwand Ahar aber nicht, wie ſonſt, im Saͤuſeln des Ze⸗ firs, ſondern mit einem Blitz' und Donner⸗ ſchlage, der von allen Wipfeln des Zedern⸗ waldes, aus allen Schluchten des Kaukaſus, fuͤrchterlich widerhallete. Die erſte traurige Folge von Eibedullah's Eigenſinne war nicht nur Osmins unheilbarer Schmerz, ſondern auch Zairidens gerechter Unwille: denn von nun an blieb der Silfenkoͤnig ſogar fuͤr ſeine † 35 Geliebte unſichtbar. Eibedullah ſelber litt ſehr ſchmerzhaft bei dieſer unerwarteten Wen⸗ dung der Dinge; manchmal ſtand ſie faſt im Begriffe, nachzugeben: aber— ſo iſt die Natur des ſtolzen Eigenſinnes: er heilet ſich immer nur halb, um ſich immer von neuem wieder zu verwunden. Osmins trauernde Mienen, und die gefurchte Stirn Zairidens, wurden ihr unertraͤglich; ſie entfernte ſich von beiden ſo oft als moͤglich; ſie geſiel ſich jetzt nur in der Beſchaͤftigung einer Laͤmmer⸗Hirtin, weil ſie nach Gefallen ihre Heerde recht weit von dem muͤtterlichen Gehoͤfte treiben, und ihren Grillen, ſammt allen Fantomen ihrer ehr⸗ ſuͤchtigen Wuͤnſche, in ungeſtoͤrter Einſamkeit nachhaͤngen konnte. Ach, ſie ahnete nicht, daß eben dieſe Grillen, dieſe Wuͤnſche, die⸗ ſer Eigenſinn, ihr die Threteahſti Gefahren zubereiteten! Das Reich der Clententetgeſter naͤmlic, hatte, wie ſo manches der Irdiſchen, ſein getheiltes Intereſſe. Immerfort beneidete der Gnome den Salamander, dieſer den Waſſer⸗ geiſt, und alle drei den Silfen. Je glaͤn⸗ 36—— zender Azors Regierung in den unermeßlichen Luftraͤumen war, deſtomehr Mißgunſt erweckte das bei den andern. Sie ſuchten ihm auf alle Weiſe Verdruß zu machen, beobachteten heimlich alle ſeine Schritte, und ſpaͤheten ſo⸗ gar die Mißhelligkeit zwiſchen ihm und ſeiner Tochter aus. Dieſe Gelegenheit, um ihn aufs empfindlichſte zu kraͤnken, kam ihnen all⸗ zu erwuͤnſcht: ſie beſchloſſen, wenigſtens das Maͤdchen zu verfuͤhren und ungluͤcklich zu machen, um den Vater dafuͤr zu beſtrafen,— daß er ſo gut und ſo groß war. Eines Abends, als Eibedullah ihre Laͤm⸗ merheerde wieder nach Hauſe trieb, kam ihr eine glaͤnzende Karavane entgegen: Kamele mit goldgeſtickten Purpurdecken, arabiſche Roſſe mit juwelenbeſetztem Geſchirr, praͤchtig⸗ gekleidete Sklaven, und mitten in dieſem Schwarm ein großer aſchfarbener Elefant, der von blitzenden Edelſteinen ſtralte. Auf ſeinem Ruͤcken trug er einen jungen majeſtaͤtiſchen Mann, deſſen Augen, mit der hohen Flamme von Rubinen und Diamanten auf ſeinem Tur⸗ hane, um die Wette funkelten. Sein Kleid 37 war ein reicher, feuerfarbener Goldſtoff. Die ſchoͤne Laͤmmerhirtin war ein wenig uͤber den ungewohnten Anblick erſchrocken;: aber dieſe Pracht gefiel ihr doch ungemein, und noch weit mehr der treffliche Mann in all dieſer Herrlichkeit, die ſo viel Macht und Groͤße verhieß. Kaum nahm er ſie wahr, als er auch ſchon von ſeinem Koloſſe herabſprang, und ſich ihr mit ſtolzem Schritte zwar, aber doch mit huldreicher Miene naͤherte. Er ſprach ſanft und herablaſſend mit ihr; ſie mußte ihm ihren Namen, ihre Abkunft ſagen; und ſie that das mit ſo viel Artigkeit und Anſtande, daß der Karavanen⸗Herr eben ſo ſehr von ihrer Schoͤnheit, als von ihrem Geiſte bezaubert ward. Bald geriethen ſie in ein vertrauliches Geſpraͤch, worin Eibedullah folgendes erfuhr: Er komme vom fernen Kaiſerthume Kytai, (das jetzt noch ſein alter Vater beherrſche,) um die Tochter des Sofi von Perſien, von deren wunderbaren Reizen man in aller Welt ſo viel ruͤhme, kennen zu lernen, und, wenn der Ruf nicht zuviel geſagt, um ihre Hand 38— zu werben.„Doch,“ fuͤgte er ſtolzlaͤchelnd hinzu,„das Ziel meiner Reiſe iſt, glaube ich, hier und nicht weiter. Hier iſt mehr, als ich in Perſien zu finden hoffen darf. Ge⸗ nehmige, o göttlichſchoͤne Eibedullah, das Opfer meiner Großmuth! Sprich das Wort der Gegenliebe; und die Dankbarkeit der rei⸗ zendſten Hirtin, die auf Erden lebt, wird dann den Erbprinzen des maͤchtigſten Reiches noch gluͤcklicher machen, als er ſchon iſt.“ Eben ſo feuerroth, wie das goldſtoffne Ge⸗ wand ihres Liebhabers, ward jetzt Eibedullahs Geſicht. Die ganz unerwartete Erklaͤrung verengte ihr die Bruſt, drohte den Buſen zu zerſprengen; kaum war ſie ſeufzend zu ſagen im Stande:„Ach, gebietender Herr! du treibſt doch wol nur deinen Scherz mit einem armen Maͤdchen!“ „Ich Scherz?“ rief der Prinz ein wenig unwillig;„Scherz, uͤber die wichtigſte An⸗ gelegenheit meines Lebens, und meines Reichs? Scherz, wenn ich dir nicht nur mein Herz, ſondern ſogar meine Hand anbiete?“ 39 „Aber bedenke doch, Herr, deinen hohen Stand, und— meinen niedrigen „Du kannſt recht haben: allein, hat denn Eibedullah noch nie gehoͤrt, daß die Liebe alles gleich macht? So uͤberzeuge dich jetzt davon! Komm! Belohne Liebe dankbar mit Gegen⸗ liebe, und dann theile ich alle Macht und Herrlichkeit mit dir, die uns auf dem Throne Kytai's erwarten!“ Eibedullah fuͤhlte dennoch alle Pein der Unentſchloſſenheit. Des Prinzen merklicher Stolz fing ſogar an, den ihrigen zu druͤcken: aber— die Erfuͤllung ihres Wunſches nach Herrlichkeit und Macht war doch jetzt ſo nahe, ſo lockend, ſo unwiderſtehlich! Ueber⸗ raſchung bewirkt oft mehr, als Ueberlegung. Kurz, eh die Schoͤne ſelbſt noch wußte wie, ward ſie ſchon auf den praͤchtigen Thronſattel des Elefanten gehoben, und der Zug ging eiligſt weiter. Der Salamander Girgis,(denn das war der vorgebliche Kaiſersſohn aus Kytai,) ritt neben ſeiner ſchoͤnen Entfuͤhrten, und troͤſtete ſie mit der Schmeichelei der ausſchweifendſten 40— Hoffnungen. Eben ward es finſtre Nacht, als die Karavane durch einen Wald kam: aber alle Baͤume des Weges waren aufs praͤchtigſte mit bunten Lampen erleuchtet. Der Zug trat endlich auf eine langgeſtreckte Sandſteppe: doch auch hier durchkreuzten unzaͤhlige Schwaͤr⸗ me von leuchtenden Feuerkaͤfern die Luft, und machten es ſo hell wie am Tage. Das alles erweckte den Argwohn der erſtaunten Eibe⸗ dullah; ſie ahnete Geiſterweſen: allein der Gedanke gab der Silfentochter Muth, daß, ſei ihr Liebhaber ein Prinz oder ein Genius, dennoch ihr Wunſch nach Macht und Groͤße, auf jeden Fall in Erfuͤllung gehe. Endlich roͤthete der Morgen herauf, als die Karavane am Fuß eines ungeheuern Gebirges ankam, das aus hundert Kratern Feuer⸗ und Rauch⸗ faͤulen mit donnerndem Getoͤſe emporſtieß. Da entſetzte ſich Eibedullah, und wuͤnſchte ſich tauſend Meilen davon: Girgis aber ver⸗ ſicherte ihr froh, daß hier die Grenze ſeines Reichs ſei. Er zog ſeinen Flammen⸗Saͤbel, und durchhieb ein ſchwarzgebranntes Felsſtuͤck, das ſogleich in ein hohes, wildgeformtes Portal — 41¹ zerſprang. Jetzt gab er Befehl: zwanzig ſeiner Sklaven hoben die Erſchrockene vom Elefanten herab, und trugen die Ohnmaͤchtig⸗ gewordene durch finſtre Felſengaͤnge. Als ſie von ihrer Bewußtloſigkeit erwachte, fand ſie ſich auf einem aſchgrau ſeidnen, mit feuerfarbnem Golde geſtickten Sofa, in einem praͤchtigen Gartenkiosk, an deſſen Platfond zuckende Blitze ſpielten, und deſſen Waͤnde mit lebendigen Schilderungen der furchtbarſten feuerſpeienden Berge geziert waren. Jetzt trat der ſtolze Girgis herein. Er geſtand ihr, wer er ſei; er entſchuldigte ſeine gewaltſamſchei⸗ nende Entfuͤhrung mit der Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft; er bat um Gegenliebe, und verſprach ihr alle nur erdenkliche Macht und Herrlichkeit: ſie ſollte durch ihn die furcht⸗ bare Feuerkoͤnigin werden, und uͤber alle Flammenberge der Welt, bis an den entfern⸗ ten Hekla, gebieten koͤnnen. So ſchoͤn auch Girgis war, ſo fuͤhlte dennoch Eibedullah nichts weniger als Liebe fuͤr ihn. Seine Verſtellung und Argliſt miß⸗ fielen ihrem graden Herzen; es empoͤrte ſie, 4² daß er ſie durch Trug und Gewalt hieher ge⸗ bracht habe; ja ſelbſt ſeine Macht erſchien ihr in der ſchrecklichſten Furchtbarkeit. Dieß, und das peinigende Andenken an ihre verlaſſene Mutter, brach ihr das Herz. Sie weinte ſo troſtlos, daß der gewaltthaͤtige Salaman⸗ der fuͤrs erſte mit allen raſchen Maßregeln anſtand.„Faſſe dich doch, reizende Eibe⸗ dullah!“ ſprach er ſchmeichelnd;„nimm mir nur nicht die Hoffnung auf deine Gegen⸗ liebe; ſo will ich ja gerne Geduld haben! Komm jetzt, zerſtreue dich, und lerne den Werth und die Groͤße deines Anbeters kennen!“ Auf ſeinen Befehl ward ein von Sonnen⸗ ſtralen ſchimmernder Wagen, beſpannt mit ſechs rieſenmaͤßigen Feuermolchen, vorgefuͤhrt. Die Laͤmmerhirtin entſetzte ſich vor dieſen Un⸗ thieren, und beſtand darauf, die Promenade lieber zu Fuße zu machen. Girgis bemerkte zwar mit Spotte, das ſaͤhe ſehr demuͤthig aus: doch bot er ihr den Arm, und fuͤhrte ſie in ſeine Gaͤrten, wo die Gaͤnge, ſtatt des Sandes, mit reinen, durch Feuer geſchmol⸗ zenen Kuͤgelchen von Diamant, Rubin, Sma⸗ — 4³ ragd und Safir, beſtreuet waren. In den Beeten flammten unbekannte koͤſtliche Blumen voll betaͤubenden Duftes; an den Spalieren gluͤhete die Roſe, brannte der Granatapfel; aber die ſchoͤnſten Bluͤten ſengten wie Neſſeln, die herrlichſten Fruͤchte hatten den Feuerge⸗ ſchmack aͤtzender Gewuͤrze, ja die Blaͤtter der Baͤume ſelbſt waren gruͤnes gediegenes Feuer, und in ihren Wipfeln brachte die heiße Som⸗ merluft kein erquickendes Saͤuſeln, ſondern nur ein Knittern wie von lodernden Flammen hervor. Ach, wie ſehnte ſich da die Schoͤne nach dem erfriſchenden Schatten ihres Waldes, nach dem kuͤhlenden Blumenraſen ihrer Wie⸗ ſen! Sie wandelte ſtumm, betruͤbt, und un⸗ geruͤhrt von aller Macht und Herrlichkeit ihres Liebhabers, durch den unermeßlichen Feuer⸗ park. „Du wirſt Erfriſchung beduͤrfen,“ ſagte Girgis endlich, und fuͤhrte ſie in einen Prunk⸗ ſaal, zu einem der koͤſtlichſten Mittagsmale. Die Geſellſchaft beſtand aus den Großen und Vaſallen des Flammenreichs, von denen Ei⸗ bedullah, als ihre kuͤnftige Gebieterin, mit 44 Ehrfurcht empfangen ward: aber die Sterb⸗ liche fand daran weder Geſchmack, noch Be⸗ friedigung ihres Hungers. Meiſt nur an kuͤh⸗ lende Milch und erfriſchende Fruͤchte gewöhnt, wollten ihr dieſe Schuͤſſeln nicht behagen, die man alle ſiedendheiß auftrug; ſelbſt die Weine waren, zwar unſchaͤdlich, doch fließendes Feuer; das kriſtallhelle Waſſer ſogar berauſchte, wie der geiſtigſte Likoöͤr. Die Unterhaltung waͤhrend der Tafel trug eben] ſo wenig bei, den ſterblichen Gaſt zu ermuntern, als zu unterhalten: denn Girgis ſprach mit ihr nur von ſeinen Flammen, ſeinem Herzensfeuer, ſeinem Liebesbrande; und die Andern wußten von nichts, als von ihrer unwiderſtehlichen Macht, von der Furchtbarkeit ihres Elements, von der Groͤße ihres vulkaniſchen Reichs zu reden. Uebermuth und Prahlerei loͤßten ein⸗ ander ab. Dieſes Banket dauerte bis ſpaͤt in die Nacht, wo ſich die ganze Feſtlichkeit durch eine blendende Illumination und ein betaͤuben⸗ des Feuerwerk endigte. Eibedullah, eben ſo verdruͤßlich als ermuͤdet, ſehnte ſich nach der — 45 Ruhe. Da fuͤhrten ſie hundert geſchaͤftige Salamanderinnen in ihr Schlafkabinet: aber das unaufhoͤrliche Praſſeln und Knittern der nahen Feuer, ſammt dem Donner der fernen Vulkane, ſtoͤrten ihr allen Schlummer hin⸗ weg. Die ganze unertraͤglich ſchwuͤle Nacht verfloß ihr zwiſchen fuͤrchterlichen Fantaſien, quaͤlenden Gedanken, ſchreckenden Erwartun⸗ gen, und— reuigen Seufzern. Jetzt uͤber⸗ zeugte ſie ſich, es ſei bei Macht und Groͤße doch wol nicht zu finden, was ſie gewaͤhnt hatte. Das Bild ihrer troſtloſen Mutter trat raͤcheriſch vor ihre Seele. Ihr Auge hoͤrte nicht auf, bittre Thraͤnen zu vergießen. Doch ſah ſie wol ein, daß nur muthige Ent⸗ ſchloſſenheit und wachſame Klugheit ſie viel⸗ leicht noch retten koͤnnten. Ach, die Unge⸗ wißheit zwiſchen vielleicht, oder nicht, iſt oft ſo ſchrecklich, als die Frage zwiſchen Seyn, und Nichtſeyn. Im hoͤchſten Nothfalle verließ ſie ſich auf ihren Ring. Schon fruͤh war Girgis wieder bei ihr, und erneuerte ſeinen Liebesantrag; dießmal ſchon mit ſtolzerm Ungeſtuͤmn. Zum Gluͤck 465 vermochte ſie ſeinem auflodernden Feuer kalte Faſſung genug entgegenzuſetzen. Sie erklaͤrte ihren Widerwillen nicht beſtimmt, ließ ihn noch immer Hoffnung faſſen, und gewoͤhnte ihn zur Geduld; auch wußte ſie das Geſpraͤch geſchickt auf andre Gegenſtaͤnde zu lenken. Un⸗ ter anderm bat ſie ihn, als einen Beweis ſeiner Liebe, und ſogar ſeiner Macht, ihre geliebte Mutter herzuſchaffen, ohne deren Rath ſie ihre Hand, geſchweige denn ihr Herz, nie verſchenken wuͤrde. ürgis, in deſſen Plan es lag, ſie von allen irdiſchen Banden loszureißen, ſuchte ihr dieſen Wunſch, als fuͤr die Braut des groͤßten unter den Geiſtern viel zu klein, auszureden, und that alles moͤg⸗ liche, ihr kindliches Gefuͤhl durch uͤberraſchende Gedanken an alle Herrlichkeiten ihrer kuͤnftigen Macht, abzuſtumpfen: aber dieſe Liſt ver⸗ fing nicht an Eibedullah's noch unverdorbenem Herzen. Sie beklagte ſich ſehr bitter, daß er ihr dieſe erſte, und ſo billige Bitte, nicht gewaͤhren wolle. Girgis brach kurz ab, mit der Verſicherung, daß er es nicht koͤn⸗ ne, da Zairide, wenn auch nicht unter einer — 47 hoͤhern Macht, doch unter einer andern Ob⸗ hut ſtehe, deren armſelige Grenze zu uͤber⸗ ſchreiten er zu ſtolz ſei. Eibedullah, durch dieſe hochmuͤthige Verweigerung erbittert, er⸗ klaͤrte nun kuͤhn und hartnaͤckig, daß ſie nie, nie ihn lieben werde! „Nicht?“ flammte nun der Feuerkoͤnig auf;„und darf ich die Urſache dieſer ſonder⸗ baren Unmoͤglichkeit wiſſen?“ „Keine andre, als die: du biſt viel zu gewaltſam, um liebenswuͤrdig ſeyn zu koͤnnen.“ „Unbeſonnene Thoͤrin! Was willſt du? Haſt du dir denn nicht ſelber Gewalt, Macht und Groͤße gewuͤnſcht? Warum das? Sprich!“ „Vielleicht eben darum,— weil ich eine Thoͤrin war.“ „Schade, daß dieſe weiſe Selbſterkennt⸗ niß, und ſogar deine Reue, zu ſpaͤt kommen! Aber, ich ſehe tiefer in dein Herz, als du glaubſt. Sproͤdes Naͤrrchen, geſtehe! Haͤtteſt du denn noch nie geliebt? Das machſt du— mir nicht weiß!“ Stolz antwortete die Schöne: n9, ich 48— habe geliebt: aber ich Thoͤrin glaubte, meines Osmins treues Herz ſei zu wenig fuͤr den Wunſch einer Silfentochter. Sucht nach Macht und Groͤße riß mich von ihm. Leider ward ich dafuͤr hart genug beſtraft!“ „Ei Maͤdchen! Welch eine ganz erbaͤrm⸗ liche Liebſchaft! Ich kann unmoͤglich zugeben, daß du deine Reize fuͤr ſolch einen armſeligen Wicht aufſparen willſt. Komm, und ſei klug! Du biſt in meiner Gewalt; nichts zwiſchen Himmel und Erde kann dich daraus retten. Meine Geduld mit deiner laͤcherlichen Ziererei geht zu Ende. Ich gebiete dir Gehorſam, und ich fodre nun deine Gegenliebe!“⸗ „Ha! So maͤchtig du auch ſeyn magſt; ſo haſt du doch nicht Gewalt genug, Liebe zu erzwingen, wenn das Herz keine zu geben hat!“ „Das ſollſt du bald anders erfahren! Noch dieſen Tag laſſe ich dir Bedenkzeit. Morgen giebſt du mir als Gemalin die Hand, oder— zittre vor der Allmacht meiner unver⸗ ſoͤhnlichſten Rache!“ Er verließ ſi ſi e mit dieſen Worten, uͤber und uͤber Eine Flamme. 49 Krank vor Gram und Entſetzen, brachte Eibedullah den uͤbrigen Tag in Schrecken und Angſt hin, die ſich mit ſinkender Nacht ver⸗ doppelten. Die aufwartenden Salamanderinnen wachten an ihrem Lager, ſuchten ſie zu be⸗ ruhigen, und erſchoͤpften ſich in Beſchreibung aller Herrlichkeiten, die ihrer warteten. Um⸗ ſonſt! Eibedullah hoͤrte nichts, als ihre Ver⸗ zweiflung. Schon war der unſelige Vermaͤ⸗ lungsmorgen angebrochen. Man bat ſie, auf⸗ zuſtehn und ſich braͤutlich ſchmuͤcken zu laſſen. Eibedullah blieb liegen, und ſtieß die Zudring⸗ lichen von ſich. Da nahete ſich ein feierliches Getoͤſe; ſtuͤrmiſche Muſik ließ ſich hoͤren; alles rief:„Unſer Koͤnig kommt! Der Braͤu⸗ tigam kommt, um ſeine Braut abzuholen!“ — Jetzt faßte die Ungluͤckliche ihren Ring, drehte den Rubin unterwaͤrts, und— kein Augenblick entflieht ſchneller, als das ganze Salamander⸗Reich vor ihr verſchwand. Es war als ob ein maͤchtiger Orkan ſie auf und davon fuͤhrte. 1 Bald und ſanft ſank ſie auf einer blumig⸗ ten Wieſe am Fuße des Kaukaſus nieder, Selene II. 7. H. 4 30—ÿʒÿ;ʒÿ———⅓ÿʒÿ— deſſen wohlbekannte Felsſpitzen ihr ſagten, daß ſie kaum noch eine Tagereiſe von ihrer muͤtter⸗ lichen Wohnung entfernt ſei. Welches Ent⸗ zuͤcken fuͤr die Gerettete! Wie labte ſie ſich an dem milden Sonnenlichte, an der reinen Himmelsluft, an den duftenden Blumen, den ſchattigen Baͤumen, der maleriſchen Aus⸗ ſicht! Aber ach! ſie hatte nicht nur ihre Freiheit und Unſchuld aus dem Feuerreiche zu⸗ ruͤckgebracht, ſondern auch ihren Magen. Seit vier und zwanzig Stunden war kein Biſſen, kein Tropfen uͤber ihre Zunge gekommen. Der Hunger ſtellte ſich ein: aber ſie beſaß nicht das mindeſte, ihn zu befriedigen. Zwar drang ſie eilig in die Schluchten des Berges, und ſuchte den Heimweg: allein, ſie gerieth in einen Wald, aus dem ſie ſich nicht heraus zu finden vermochte. Angſt ergriff ſie, Schwaͤche druͤckte ſie zu Boden; der Abend daͤmmerte immer ſchauerlicher heran. Alles Drehen ihres Ringes war vergeblich! Da ſank ſie kraftlos unter eine Zeder, und rief bitterweinend: „Ach ich Thoͤrin! Wie ſicher haͤtte ich in meinem muͤtterlichen Hauſe wohnen, wie ſanft und gluͤcklich an der Bruſt des redlichen Os⸗ min ruhen koͤnnen! Und jetzt— ſchrecklich! — jetzt wird die ſtolze Silfentochter, der kein Wunſch zu groß ſchien, entweder die Beute des Hungertodes, oder der Raub eines wilden Thieres!“. Ein Jaͤger, der nahe vorbeiwandelte, ver⸗ nahm endlich ihre ſtoͤhnenden Seufzer, und drang durchs Gebuͤſch. Er war ein Mann in den mittlern Jahren, ernſt, aber ohne Wildheit; nicht ſonderlich huͤbſch, jedoch weder an Geſtalt noch Betragen verdaͤchtig. Freund⸗ lich fragte er nach ihrer Heimath und Namen: ſie konnte darauf vor Mattigkeit wenig ant⸗ worten, bis er ſie durch einen Biſſen kraͤf⸗ tigen ſchwarzen Brotes aus ſeinem Jagdbeu⸗ tel, und mit einem Schlucke Weines aus ſeiner Kuͤrbisflaſche geſtaͤrkt hatte. Nun, da er ihre Heimat wußte, bat ſie ihn dringend, ſie vollends nach Hauſe zu fuͤhren.„Sehr gern!“ erwiederte der Mann;„ich kenne deine wackre Mutter recht gut: aber fuͤr heut iſt der Weg zu ihrem Gehoͤfte noch zu weit. Komm, und erharte den morgenden Tag in — 52 meiner Jaͤgerhuͤtte, die kaum hundert Schritte von hier entfernt iſt!“ Eibedullah, ſchon einmal ſo fuͤrchterlich betrogen, gerieth in Argwohn, befuͤrchtete Hinterliſt, und beſchloß, lieber im Walde zu uͤbernachten. Das ſuchte nun der beſorgte Jaͤger ihr auszureden; er warnte ſie vor dem giftigen Nachtthaue, und der Gefahr vor den herumſtreifenden wilden Thieren. Schon ließen ſich dieſe immer naͤher hoͤren. Es war Tiegergebruͤll, Wolfsgeheul, Hyaͤnengeſchrei. Kurz, die Noth aͤnderte den Entſchluß ab. Eibedullah folgte dem Jaͤger nach ſeiner Huͤtte. Ein altes, kleines Muͤtterchen eroͤffnete die Thuͤre, und bewillkommte die Fremde mit ge⸗ ſchwaͤtziger Freundlichkeit. Aus ſeinem Jagd⸗ beutel zog jetzt der Waldmann ein Paar Gold⸗ faſane hervor; das Muͤtterchen bratete ſie mit eben ſoviel Geſchick, als Hurtigkeit: man ſetzte ſich zu Tiſche, wo die Kuͤrbisflaſche fleißig herumging; die kleine Geſellſchaft ward froͤh⸗ lich, und verwickelte ſich in vertrauliche Ge⸗ ſpraͤche. Muͤtterchen, das in gute Laune ge⸗ rieth, plauderte viel, aus alter Zeit her, vom 53 Gluͤck der Liebe, das Armen ſowol als Rei⸗ chen zu Theil werden koͤnne: doch,(meinte ſie,) die Letztern haͤtten immer den beſſern Anſpruch darauf. Eibedullah war nicht abge⸗ neigt, ihr beizuſtimmen. Sie aͤußerte den Wunſch, recht reich zu ſeyn, um ihren Ge⸗ liebten einſt deſto gluͤcklicher zu machen. Sie behauptete ſogar, nur wer Reichthum beſaͤße, koͤnne ſich aͤchte Zufriedenheit verſchaffen, in⸗ dem er ſie, was der Arme nicht vermoͤchte, rings um ſich her zu verbreiten im Stande ſei. Das Muͤtterchen und ihr Sohn laͤchel⸗ ten, und nickten einander bedeutſam zu. Dar⸗ uͤber war Mitternacht herangekommen, und die Alte nahm ihren Gaſt mit ſich in ihre Schlafkammer, wo Eibedullah, auf einer Streu von ſammtweichein Mooſe und duften⸗ den Waldblumen, bald in einen feſten Schlaf verfiel. Als ſie wieder erwachte, glaubte ſie bis an den hellen Tag geſchlafen zu haben: aber noch war alles um ſie her mehr als mitternaͤchtliche Finſterniß. Sie fuͤhlte, daß ſie nicht mehr auf der blumigen Moos⸗Streu lag; ſie betaſtete Sammt, Seide, und Sti⸗ 54— ckereien. Da uͤberwaͤltigte ſie das Schrecken boͤſer Ahnung. Sie ſank mit einem lauten Schreie zuruͤck. In dieſem Augenblicke trat das Muͤtter⸗ chen herein. Sie trug einen goldnen Arm⸗ leuchter mit vier Talglichtern, und nun ſah ſich Eibedullah in einem unterirdiſchen Ge⸗ mache, das an verſchwendeten Juwelen und geſchmackloſer Pracht, alle Palaͤſte der Ka⸗ lifen zu Bagdad und Delhi uͤbertraf. Das Muͤtterchen ſelbſt war mit einem ſchweren, brokatnen Schleppkleide angeſchirrt, das mit ſeinen reichgeſtickten Blumen und Ranken gar ſonderlich gegen die gehuzelte, kleine Figur ab⸗ ſtach.—„Ei ſchoͤnen guten Morgen, herz⸗ liebes Toͤchterchen!“ rief die Alte;„ſchon ausgeſchlafen? Und doch wol nur von großer Liebe, oder von noch groͤßerm Reichthume, oder auch wol gar von einem gewiſſen wackern Jaͤger getraͤumt? So iſt's brav! Ich ver⸗ ſtehe mich ein wenig auf Traͤume, und ſage dir in's Ohr,——— Aber was tauſend! Puttchen, du haſt ja nicht einmal eine Pen⸗ deloque darin! Nu, nu; nur Geduld! Wollen — 55 ſchon faͤr ein Paar ſorgen, und zwar fuͤr recht ſchoͤne! Jetzt ſage ich dir nur ſo viel, daß dein Traum wol noch heut in Erfuͤllung gehn kann; wenn du naͤmlich huͤbſch artig und folgſam biſt!“— Damit hatte ſie die Girandole auf den Tiſch geſetzt, deſſen maſſiv⸗ goldne Kuhfuͤße eine Platte von einem ein⸗ zigen Opale trugen. Jetzt ſchlug ſie klatſchend in die Haͤnde: da erſchienen ſechs zwar juͤnger ſcheinende, aber eben ſo haͤßliche Weiblein, und ſchleppten auf großen, ebenfalls gediegen⸗ goldnen Schaalen, ein gar geringes, unappe⸗ titliches, zuſammengeſtoppeltes Fruͤhſtuͤck her⸗ bei. Eibedullah ruͤhrte keinen Biſſen an. Alles Zunoͤthigen der Zwergin war vergeblich. Mit Unwillen ſtieß ſie dieſe von ſich, und rief in Verzweiflung:„Hebe dich weg von mir, alte Zauberin! Sprich, abſcheuliche Menſchendiebin, wo haſt du mich hingefuͤhrt?“ „Oho! Juͤngferchen!“ murrte nun die Alte;„kommt ſie mir ſo, komm' ich ihr eben ſo! Solch ein Bettelmaͤdel ſollte ſich auch noch das Maͤulchen daruͤber zu lang werden laſſen, daß wir ſie aus Barmherzigkeit im 56 Walde aufgeleſen haben! Du biſt bei gar huͤbſchen, vornehmen Leuten!“ „Nun ſo ſage, wer biſt du?“ „Zu dienen! Leute, wie wir, brauchen ihre Namen wahrhaftig nicht zu verheimlichen. Hoͤre nur'mal an, und erſtaune! Ich bin Mirlefanz, verwittwete Kron⸗Groß⸗Schatz⸗ meiſterin im Gnomenreiche; und mein Herr Sohn iſt Attar, anjetzt regierender Koͤnig der Erdgeiſter, Beherrſcher aller Schachten und Floͤtze, Großſultan der Goldgebirge, und Erbfuͤrſt ſaͤmmtlicher Juwelengruben der ganzen Welt. Gelt, Liebchen, ſo was haͤtteſt du dir wol nicht traͤumen laſſen? Und die Sache iſt nun ganz was anders?“ „„Ach was gehen mich deine Gnomen, dein Gold und deine Juwelen an! Ich ver⸗ lange nichts, als daß du mich wieder zur Waldhuͤtte des armen, aber menſchenfreund⸗ lichen Jaͤgers bringſt, woraus du mich ge⸗ ſtohlen haſt!⸗ „Hoͤre, Maͤdchen, ein⸗ fuͤr allemal, zaͤhme dein ehrenruͤhriges Maͤulchen; ſonſt—— Jetzt ſage ich dir: der arme Jaͤger, der 57 menſchenfreundliche Bewohner jener Waldhuͤtte, iſt kein anderer, als eben Attar, mein Hert Sohn, der dir die Ehre anthat, dich ein wenig zu entfuͤhren. Er braucht, da ich nach grade alt werde, eine Frau zur Wirthin. Die ſchoͤnſten unſrer Gnomiden liebaͤugelten zwar laͤngſt ſchon um ſeine Hand: da hat er nun aber zu deiner ſchmaͤchtigen Gertengeſtalt, deinen Roſenbaͤckchen und Agataͤuglein Luſt ge⸗ kriegt. Meinethalben! Ich habe nichts dar⸗ wider, wenn du nur gutthun, und wirth⸗ ſchaftlich werden willſt. Du mußt aber auch die Gnade, die dir wiederfaͤhrt, mit gehoͤ⸗ rigem Dank erkennen, und es vorzuͤglich, bei Leibes Leben, ja nicht an der Ehrfurcht gegen mich ermangeln laſſen.“ Eibedullah hatte keinen Ausdruck fuͤr ihr Entſetzen. Blos in Seufzern und Thraͤnen ergoß ſich ihr Schmerz. Da trat endlich Attar ſelbſt in das Gemach. Er hatte ſeine Gnomengeſtalt wieder angenommen. Zwar trug er noch einen Jagdhabit, an welchem das Gruͤn kaum unter allen Brillanten her vorblickte, wie die Grasſpitzen durch den ge⸗ 58 frornen Reif in den kaͤlteſten Thaͤlern des Kau⸗ kaſus: aber er war und blieb, bei aller Pracht, dennoch ein dickkoͤpfiges, buckliches, kurzſtaͤmmiges und krummbeiniges Ungeheuer.— „ Leichtfertiges Muͤtterchen!“ laͤchelte er mit graͤßlichem Zaͤhnſletſchen;„ich hab's wol ge⸗ hoͤrt; du ſprachſt ein wenig zu derb mit mei⸗ ner ſchuͤchternen Erdtaube. Das wird hoffent⸗ lich nicht noͤthig ſeyn! Eibedullah, die ſich als ein kluges Maͤdchen Macht und Groͤße, oder, was gleichviel iſt, Reichthum wuͤnſchte, wird gewiß ihren Vortheil einſehn, das Gluͤck, das ihr bevorſteht, mit Dank annehmen, und die Ehre, die ich ihr beſtimmt habe, nicht mit Fuͤßen von ſich ſtoßen!““ „Nu, nu!“ erwiederte Mirlefanz krei⸗ ſchend;„Du wirſt ſchon ſehn, daß dein Erdtaͤubchen auch Krallchen hat, und mit ſeinem Schnaͤbelchen tuͤchtig herumhackt. Aber, meinetwegen! Macht, was ihr wollt! Es bleibt doch eine Mesallianz! Noch die Augen werden ſich unſre Gnomenfraͤulein aus den Koͤpfen weinen!“— Damit matſchelte ſie 59 fort, und verließ das Zimmer mit Aerger und Keiffen. Der Gnomen⸗Adonis aber geſtand nun ſei⸗ ner Erdtaube die gnaͤdige Neigung zu ihr, und bat nicht, ſondern ſchacherte, um Gegenliebe. „ Von dir, als einer ſehr verſtaͤndigen Sterb⸗ lichen, darf ich, ohne Ruhm zu melden der maͤchtigſte Monarch auf und unter der Erde, wol eher Gegengunſt hoffen, als Osmin, der arme Schlucker, und Girgis, der prahlende Feuerwerker. Ihre ſogenannte Liebe war doch nur Poſſen; gar nichts gruͤndliches, nichts widerhaltendes. Bei mir aber findeſt du alles beiſammen, was Sterbliche oder Un⸗ ſterbliche ſich nur wuͤnſchen koͤnnen: Groͤße, Macht, Ehre, Herrlichkeit, Liebe, alles, was du willſt; denn, wer Gold und Gut hat,— der hat alles. Doch das wirſt du erſt ganz einſehn, ſobald du meine Frau biſt. Schicke dich alſo in die Zeit; denn deine kleine Sproͤ⸗ digkeit wuͤrde dir bei mir wenig Ausbeute geben, und ſchlechten Zins tragen! Jetzt komm, Schaͤtzchen! Sieh erſt naͤher, wer ich bin! Da wird dir dein ſproͤder Stolz g 60 wol vergehn, und du wirſt geſchmeidig werden, wie Gold!“ Sogleich ergriff er ihren Arm, und fuͤhrte ſte unwiderſtehlich durch ſeine reichſten Floͤtze, Goldfabriken, und Juwelenſchmelzen. Ueber⸗ all gruben, ſammelten und arbeiteten Tau⸗ ſende von garſtigen Gnomen, einer immer mehr Karikatur als der andre. Ihr mißge⸗ ſtalter Koͤnig konnte unter ihnen noch fuͤr leid⸗ lich gelten. Alle bezeigten ihr, als ihrer kuͤnftigen Gebieterin, ſo viel poſſirliche Ehr⸗ erbietung, daß ſie laut haͤtte lachen muͤſſen, wenn ſie nicht ſo gar ſehr betruͤbt geweſen waͤre. Man wieß ihr dienſtfertig alles Koſtbare dieſer Unterwelt: aber die traurige Eibedullah ſah kaum darauf. Blos ein ungeheurer Kar⸗ funkel, im Umfange des groͤßten Kuͤrbißes, erweckte ſie mit ſeinen Strahlen auf ein Weil⸗ chen aus ihrer Betaͤubung; was Attar mit ſtolzem Laͤcheln bemerkte. Beſſer gefiel ihr eine Spiegelfabrik, wo man Gold⸗ und Sil⸗ berplatten von jeder Groͤße goß, und kryſtall⸗ hell polierte. Andre kleinere Platten waren zu Zauberſpiegeln beſtimmt, und man gab ihnen 61 ſo eben die magiſche Kraft, abweſende Ge⸗ genſtaͤnde als gegenwaͤrtig darzuſtellen. Man machte ihr einen von jenen groͤßern Spiegeln zum Geſchenk: allein Eibedullah bat lieber um einen der kleinern. Attar ſchuͤttelte darzu ſeinen dicken Kopf, und gab vor, ſie waͤren ſchon alle beſtellt, und taugten uͤberhaupt nicht fuͤr Weiberhaͤnde. Als ſie mit ihm von daſem emͤdenden Spatziergange zuruͤckkam, drang er mit neuen Liebesantraͤgen in ſie. Er bat, er flehte, er verſprach goldne Berge; er fing endlich ſogar mit Drohungen an: aber die Schoͤne blieb kalt und unerbittlich; doch unterdruͤckte ſie kluͤglich ihren Unwillen, und ſagte noch ge⸗ laſſen genug:„Mit Drang iſt bei uns Er⸗ dentoͤchtern nur wenig, mit Sturm vollends gar nichts auszurichten! Wir koͤnnen ſterben: aber zwingen kann man uns nicht!“ „O warlich,“ erwiderte der Gnom,„es ſoll an Nachgeben und Gefaͤlligkeit von meiner Seite gar nicht fehlen, wenn's nur etwas hilft, und— wenn's ohne meinen Schaden geſchehn kann! Sprich doch, ſage nur her, 6²2 welchen Wunſch zu erfuͤllen, welche Bitte zu gewaͤhren, haͤtteſt du wol?“ „ Ja!“ ſeufzte Eibedullah,„Rich naͤhre allerdings einen heißen Wunſch, und hätte wol eine Bitte, deren Gewaͤhrung nur eine Kleinigkeit fuͤr dich iſt.“ 0 Attar, der das ſchon fuͤr den Anfang einer zahmern Nachgiebigkeit hielt, verſprach zu thun— weniges ausgenommen,— was er koͤnne.„Willſt du Silber? Oder haͤtteſt du Gold lieber? Verlangſt du einen Rubin⸗ ſchmuck, einen Smaragdguͤrtel, eine Brillan⸗ tenbeſetzung, wie noch keine Koͤnigin trug?“ „Mein Wunſch iſt das alles nicht. Meine Bitte,— ach daß du ſie erhoͤrteſt!— be⸗ ſteht blos darin,——.“ „Aha!“ unterbrach ſie Attar;„nun merke ich! Mein großer, kuͤrbisfoͤrmiger Kar⸗ funkel ſticht dir in die Augen: nicht wahr? Das iſt nun freilich ein Bißchen viel: denn das Stuͤck gehoͤrt zu meinen ſeltenſten und koſtbarſten. Na! Topp, ſchlag' ein; du ſollſt ihn haben: aber— erſt als Morgengabe. Verſtehſt du wol?⸗ — 63 Eibedullah fuͤhlte ſchuͤttelnden Froſt.„Ach!“ rief ſie;„behalte dein Gold, nebſt deinem ungeheuern Karfunkel, den eine Miſſethaͤterin zur Strafe ſchleppen mag! Mein einziger Wunſch, meine letzte, ſo wie meine erſte Bitte an dich, beſteht blos darin, daß du mich in einem deiner Zauberſpiegel meine geliebte Mutter Zairiden ſehn laͤßeſt, und mir zeigſt, wie es ihr geht.“ Attar ſtutzte. Nach langem Schweigen fragte er:„Was, in aller Welt, kannſt du denn vom bloßen Anſehn haben?“ „Viel! Die Beruhigung dieſes kindlichen Herzens!“ „Vielleicht auch nicht!“ entgegnete der Gnom tuͤckiſch;„'s iſt ja nur eine arme, alte Frau!“ „Aber meine Mutter!“ fuhr Eibedullah ſtolz auf.„Ich haͤtte doch nicht geglaubt, daß du, der ſo viel Liebe fuͤr mich zu haben vorgiebt, mir dieſe Kleinigkeit abſchlagen wuͤrdeſt!“ „Nu nu!'s war ſo boͤſe nicht gemeint. Wenn du ſchlechterdings auf dieſer Grille be 64 1— ſtehſt, ſo kann wol Rath dazu werden: aber — ſei auch dagegen huͤbſch nachgiebig, huͤbſch folgſam!“— Sogleich fuͤhrte er ſie in ſein geheimſtes Kabinet, und ſtellte ſie vor einen dichten, ſchwarzen Vorhang: dann murmelte er geheimnißvolle, magiſche Worte, zog die Huͤlle raſch hinweg, und ein großer, hellpolier⸗ ter Zauberſpiegel erſchien vor ihr im herrlich⸗ ſten Glanze. Aber, o Himmel, was erblickte da die arme Eibedullah! Sie ſah die Gegend der muͤtterlichen Wohnung: allein das ganze Gehoͤfte war abgebrannt, und lag in dam⸗ pfender Aſche. Im Vorgrunde befand ſich das wohlbekannte Haus ihres Osmin. Zai⸗ ride, krank und abgezehrt, ſchlich an einem Stabe, in zerlumpten Kleidern heran, und — bettelte; bettelte vergeblich um ein Almoſen. Osmin ſtieß ſie mit Haͤrte fort. „Ach Attar!“ ſchrie die verzweifelnde Ei⸗ bedullah;„liebſter, beſter Attar, erbarme dich! Hilf doch meiner verarmten, ungluͤcklichen Mutter!“ „Ja?“ grinſete der Gnom,„bin ich ich nun endlich der liebe Attar? Ich ſoll — — 65 helfen? Recht gut; das iſt leicht geſagt: aber— wie denn?“ „Thue deinen Schatz auf! Gieb ihr von deinem Golde!““ „So! und— muß das gleich ſeyn?“ „Freilich! Gleich! Augenblicklich!“ „So ſo! Aber— wie viel denn ohnge⸗ faͤhr?“ „Gieb zwei Millionen; gieb eine halbe; gieb Eine! Was weiß ich? Nur gieb, und gieb bald!““ „Hm! Das Mittlere iſt immer das beſte. Ich daͤchte, wir ließen's bei einer halben. Ein ſchoͤnes Stuͤck Geld, womit ſie ſich Zeit⸗ lebens forthelfen kann! Na! Topp! Morgen fruͤh ſoll Zairide das Gold vor ihrem Stroh⸗ lager finden, wenn du nur in dieſer Nacht noch— Beilager mit mir haͤltſt.“ Eibedullahs Fieberfroſt uͤberfiel ſie heftiger als vorher; Zorn, Entſetzen, Wehmuth und Angſt banden ihr die Zunge: ſie konnte kein Wort auf Attars ſchreckliche Bedingung ant⸗ worten. Der unterirdiſche Gnom aber hatte laͤngſt die oberirdiſche Bemerkung abzuziehn Selene II. 7. H. 5 66 Gelegenheit gehabt, daß jungfraͤuliches Still⸗ ſchweigen manchmal fuͤr ein gar deutliches Ja gelte. Zudem hielt er die Sache,(als eine Geldſache, mit der ſich nicht ſpaßen laſſe,) fuͤr abgemacht, und verſprach, ſo entſchloſſen wie ein Wechſelglaͤubiger, auf den Abend wiederzukommen, und ſeine Befriedigung in Eibedullahs Armen einzukaſſiren. In keiner ihrer vorigen Lagen war ſie bedraͤngter geweſen. Von Herzen gern haͤtte ſie ihre Mutter gerettet: aber, ach, der ent⸗ ſetzliche Preis dafuͤr! das grauſame Opfer, das ſie dagegen bringen ſollte!— Nein! das ſchien ihr doch unmöglich! Endlich, als ſie ein wenig gefaßter geworden war, hielt ſie den Gedanken feſt, daß die Darſtellung im Zauberſpiegel— doch wol nur eine Hinter⸗ liſt des boͤsartigen Gnoms, und ihre Mutter weder abgebrannt, noch bettelarm ſei. Dieß gab ihr wieder Muth, ja ſogar den feſten Entſchluß, eher zu ſterben, als die elende Gemalin des haͤßlichſten und Wiſitmn aller Geiſter zu werden. Der Abend brach an, und Koͤnig Attar — 67 erſchien, mit Juwelen belaſtet, in Begleitung aller ſeiner Reichsbeamten, um die ungluͤck⸗ liche Eibedullah in die Brautkammer abzuholen. Mit grinſendem Laͤcheln ergriff die praͤchtig angeſchirrte Mirlefanz ſie bei der Hand, und kreiſchte:„Nun, Erdtaͤubchen, komm, und ſei huͤbſch artig!“— Aber Eibedullah ſtieß ſie mit Abſcheu von ſich. Da murrten alle Gno⸗ men fuͤrchterlich; die keifende Mirlefanz ergoß ſich in Schmaͤhungen; ſelbſt Attar ergrimmte, und fragte in donnerndem Ton:„Belohnſt du, armſeliger Erdwurm, alſo meine Gnade? Genug mit deinen albernen Thorheiten! Ein einziges Wort entſcheide dein Schickſal: Ja, oder Nein! Sprich, willſt du mir folgen?“ „Nein!“ rief Eibedullah.„Und tauſend⸗ mal Nein!“ „Hab' ich's nicht geſagt?“ ſchrie Mirle⸗ fanz;„das Erdtaͤubchen hat Krallen und Schnabel. Aber, das iſt nur zum Lachen! Nur in's Poͤnitenzgewoͤlbe mit ihr! Nur fort, in's Gewoͤlbe!“ Der grimmige Attar winkte: da ergriffen hundert Gnomen die ſich ſtraͤubende Eibedullah, 6G und ſchleppten ſie nach einem hoͤchſt ſonderbaren Verließe. Es war eine Art von Schacht, die Waͤnde mit den koſtbarſten Edelſteinen getaͤfelt. Ringsherum hingen hellpolierte Zauberſpiegel, die, wohin auch die Gefangene das Auge warf, ihr Zairiden in den ruͤhrendſten Bildern vorſtellten; der Sofa beſtand aus einem Hau⸗ fen Goldes, woran man ſie mit diamantnen Ketten feſſelte; ihr gegen uͤber, jedoch ihrer Hand unerreichbar, ſetzte man Tiſche mit duftenden Speiſen, und lockenden Getraͤnken: das Ganze dieſes praͤchtigen Grabes war durch Becken voll flammenden Erdharzes erleuchtet. „Hier, Thoͤrin,“ rief der zuͤrnende Attar; „hier beſinne dich eines Beſſern! Hier lerne den Reichthum und ſeinen Koͤnig ſchaͤtzen, oder— ſtirb!“ Die Gunomen verließen das Gewoͤlbe; Attar ſelbſt warf mit ſchmetterndem Krachen die unzerbrechliche Eiſenthuͤre zu. Da lag nun die Arme, ein wahres Ab⸗ bild des Geizes, mitten unter Ueberfluß und Schaͤtzen, doch unfaͤhig das mindeſte davon zu genießen. Aber dieſer Zwang, dieſe Grau⸗ ſamkeit ſtaͤhlten ihren Muth bis zur Verzweif⸗. — — 69 lung. Wollten ihr auch die Abbildungen ihrer Mutter, immer eine ſchrecklicher als die andre, das Herz zerreißen; ſo uͤberzeugte ſie ſich doch nach allen Umſtaͤnden, daß es damit lauter Betrug und Luͤge ſei. Gleichwol ſah ſie kein Mittel ihrer Rettung; ſie betrachtete dieſe praͤchtige Marterkammer als ihr gewiſſes Grab, wuͤnſchte ſich nur geſchwinden Tod, und rief ihn mit aͤngſtlichem Haͤnderingen uͤber⸗ laut. Wider Abſicht drehte ſie dabei ihren magiſchen Ring einwaͤrts. Sogleich erbebte das Gewoͤlbe, die Goldgefaͤße klirrten an ein⸗ ander, die Zauberſpiegel zerſprangen, die Pech⸗ pfannen erloſchen, eine ſanfte morgenrothe Klarheit verbreitete ſich durch den ganzen Ker⸗ ker, und in ihr ſchwebte ein ſchoͤner, mit Ro⸗ ſen bekraͤnzter Genius, in azurblauem Ge⸗ wande, mit einem Kriſtallbecher in der Hand. „Ha! Wer biſt du?“ fragte die erſtaunende Eibedullah.„Vielleicht der, den ich rief? Sollteſt du wol mein endlicher Retter ſeyn?“ „Getroffen, ſchoͤne Gefangene!“ erwi⸗ derte der Genius laͤchelnd. „Ach, ſo ſei mir willkommen: denn alsdann 70 biſt du— der Tod! Was aber traͤgſt du da in dem Becher?“ „Deine Befreiung!“. „Ich verſtehe dich! Wol iſt es Befrei⸗ ung: denn es iſt Gift! Willkommen! Nur her damit!“ Der Genius reichte ihr den Kriſtallbecher; ſie trank ihn lechzend aus, ſank bewußtlos um, und ſchlummerte ſanft hinuͤber in ſelige Vergeſſenheit. Aber der freundliche Geniuns, ein Liebling Azors des Silfenkoͤnigs, jetzt ſein gewalthabender Abgeſandter, hatte nicht Tod gebracht, ſondern Befreiung und Leben. In Grabesgedanken war Eibedullah entſchlafen: ſie erwachte mit dem uͤberraſchenden Gedanken der Auferſtehung, deren wonnige Schauer Herz und Seele burchbebten. Als ſie die Augen aufſchlug, fand ſie ſich in ihrer muͤt⸗ terlichen Wohnung, auf ihrem gewoͤhnlichen Sofa, umgeben von Vater Azorn, ihrer Mutter Zairide, und Freund Osminen; alle voll Freude, voll Liebe, voll Entzuͤcken. Ei⸗ bedullah ſprang jetzt froͤhlich auf, und flog aus ihrer Mutter Umarmung an ihres Vaters 71 Bruſt. Die fuͤßeſten Thraͤnen wurden ge⸗ weint; ſelbſt in Azors unſterblichen Augen perlte ein reiner Thautropfen: aber in die Freudenzaͤhren der Tochter miſchten ſich auch mehrere der bittern Reue. Aor, der ihre Seele ganz durchſchaute, verſtand ſie, und rief ihr troͤſtend zu:„Faſſe dich nun, und freue dich deiner uͤberſtandenen Pruͤfungen! Du haſt nun begriffen, wie thoͤricht deine vorigen Wuͤnſche waren; du haſt nun gelernt, daß des Herzens wahres Gluͤck weder im Glanze der Macht, noch in gehaͤuften Schaͤ⸗ tzen und genußloſem Reichthume beſteht. Die Liebe nur allein hat dieſes Gluͤck in ihrer Ge⸗ walt, wenn ſie bei kluger Genuͤgſamkeit, ohne druͤckenden Mangel, und noch weit druͤcken⸗ dern Ueberfluß, ſich ſelber genug iſt. Sieh, liebſte Tochter, von nun an haſt du es in deiner Macht, ſo gluͤcklich zu ſeyn, und deinen Osmin eben ſo gluͤcklich zu machen!“ Die Schoͤne warf einen ſchamhaften, aber feurigen Blick auf den ſchmachtenden Schaͤfer. Da ergriff Zairide die Hand Osmins, und fuͤhrte ihn zu ihrer Tochter. Azor fuͤgte ſeg⸗ 7222 nend beider Haͤnde zuſammen. Die Liebe triumphirte nun uͤber Vorurtheil und Wahn: Eibedullah's Pruͤfungen hatten ſie weiſer ge⸗ macht; und Osmins liebevolle Geduld erhielt die ſchoͤnſte Belohnung. 4 Kretſchmann. Morgenlied einer Liebenden. Sei gegruͤßt, du goldner Morgen, Holder Liebling der Natur! Scheu hat ſich die Nacht verborgen, Vor des Nahnden Goͤtterſpur. Braͤutlich gluͤhen deine Wangen; Deine Blicke ſchauen Luſt Und ein liebendes Verlangen In der Erde Fruͤhlingsbruſt. Ihre Blumenaugen weinen, Schneller huͤpft der Pulſe Schlag; Liebend ſich mit dir zu einen, Tritt ſie aus dem Brautgemach. Huͤpft auf zarten Bluͤtenwegen Mit verklaͤrtem Angeſicht Dir, du Freundlicher, entgegen, Und dein Herz verſchmaͤht ſie nicht. Deine Purpurlippen kuͤſſen Ihren friſchen Roſenmund; Und ſo knuͤpft ihr unter ſuͤßen Ahnungen den ew'gen Bund. Ach ſie ſchlingt mit tauſend Ranken Sich an ihren Liebling feſt, Den ſie, wenn die Sterne wanken, Nicht aus ihren Armen laͤßt! Ach, ſie haͤngt an deinen Blicken Mit der Sehnſucht Sympathie, Mit der Mutter Hochentzucken, Und ihr Wort iſt— Harmonie! Füͤhret dich mit ſuͤßem Beben In ihr ſchimmerndes Gemach, 1 Dir nun ganz ſich hinzugeben; Und der Himmel folgt euch nach. Dein gedenk ich, goldner Morgen, Wenn mein Juͤngling mich umſchließt; Und der Sehnſucht bange Sorgen Von der Jungfrau Lippen küͤßt. Petrik⸗ Philipp 11. und die Maler. Koͤnig Philipp der Zweite von Spanien iſt, durch mehrere der trefflichſten Geſchichtſchreiber und Dichter verſchiedener Nationen, zu einem der bekannteſten Charakterbilder geworden, die die Geſchichte nur irgend aufgeſtellt hat; in Deutſchland aber ſchwebt er wol jedem, der nur einigermaßen uͤber ſeine vier Pfaͤhle hinauszu⸗ blicken pflegt, beſonders ſeit Schillers gro⸗ ßer, maͤchtig effektuirender Zeichnung, nicht nur als hiſtoriſches Charakterbild eines furchtbar con⸗ ſequenten Tyrannen, ſondern mehr noch, als in der Wirklichkeit ausgepraͤgtes Ideal aller Tyranney in großem Styl, vor Augen. Wo dies aber einmal mit irgend einem Bilde ſtatt hat, da pflegt es ſich jeder, nach Maßgabe ſei⸗ ner reichern oder aͤrmern Fantaſie, noch weiter auszumalen, und dieſe Darſtellung praͤget ſich nun zugleich dem Gefuͤhl ſo tief ein, daß 26 es an ihrer Richtigkeit dann nicht mehr zweifeln — eine andere nicht mehr aufkommen laͤßt. So erklaͤre ich mir's wenigſtens, daß ich alle, der Geſchichte nicht eben Kundige, ver⸗ ſtutzt und unglaͤubig fand, wenn ich ihnen ſagte, daß Philipp doch auch wahrhaft, und im beſtimmteſten Sinn, menſchliche Stun⸗ den gehabt, und oͤfters gehabt; daß er ſich in dieſen auch beſonders gern an gluͤckliche Men⸗ ſchen geſchloſſen, und ſo ſich gewiſſermaßen mit dem allgemeinen Charakter der Humanitaͤt aus⸗ geſoͤhnt— wenigſtens fuͤr den Moment abge⸗ funden habe. Gleichwol iſt das wirklich ſo; und man glaube nicht, daß der Koͤnig in dieſen Stunden ſolchen Menſchen ſich nur genaͤhert habe, um ſie mit derſelben verachtenden Gleichmuͤthigkeit, wie der Loͤwe die Maus in ſeinen Maͤhnen, ſpielen zu laſſen; oder daß jenes nur fluͤchtige Augen⸗ blicke geweſen ſeien, wo ihn Weiber, zu denen ihn die Leidenſchaft zog, mit ſanftern Empfin⸗ dungen angeſteckt hatten; oder endlich, daß er dann, wie ſonſt oͤfters, von geheimer Seelen⸗ qual gleichſam abgetrieben und muͤrbe gemacht, 22 zuſammengeſunken und zu dem geflohen waͤre, den ihm der Augenblick brachte, und den er hernach deſto haͤrter wieder von ſich zu ſtoßen pflegte: nein, es waren das Stunden, oft wiederkehrende Stunden, wo er ſo ruhig, als Menſchen ſeiner Art je werden koͤnnen, ſo be⸗ ſonnen, wie er ſtets war, dieſen oder jenen un⸗ abhaͤngigen, unbefangenen, heitern, freimuͤ⸗ thigen, gluͤcklichen Mann recht abſichtlich auf⸗ ſuchte, um ſich an ihm, ſeiner ſelbſterwaͤhlten Thaͤtigkeit, ſeiner Anſicht der Dinge, ſeinem Geſpraͤch— ja, an ſeinem Scherze ſogar, zu erfreuen, zu erquicken. Es thut ungemein wohl, in den verborgnen Spalten ſchroffer, furchtbarer Felſen einzelne Pflanzen oder wol gar Blumen zu entdecken: ſollte es nicht eben ſo ſeyn mit dergleichen Bluͤten ſanfterer Menſchengefuͤhle an Charak⸗ teren, die, wie Philipps, ſolchen Felſen glei⸗ chen?—— Maler waren es vornaͤmlich— talent⸗ volle, muntere, leichtgeſinnete Maler, denen ſich der Koͤnig in jener Abſicht oft und gern hingab. Daß es eben Maler waren, lag offen⸗ 78 bar weit mehr in aͤußern Verhaͤltniſſen, als etwa in Liebe zu ihrer Kunſt oder in Freude an den Eigenheiten, die ſie als Maler beſaßen. Philipp achtete nur Eine Kunſt— die, welche mit ihm ſelbſt manches Analoge hat, die Bau⸗ kunſt; wendete er auf andere Kuͤnſte eben⸗ falls nicht wenig, ſo war das nun einmal wuͤrdige Sitte aller großen Hoͤfe jener Zeit, und eine Anzahl beruͤhmter Kuͤnſtler dienete damals den meiſten occidentaliſchen Fuͤrſten ohngefaͤhr wie ein reich ausgeſtatteter Harem den orientaliſchen. Welche andere Klaſſe leb⸗ hafter und intereſſanter Maͤnner aus dem Mit⸗ telſtande haͤtte aber jenem Monarchen in ſei⸗ ner Art von Hofhaltung ſo nahe gebracht wer⸗ den; wer haͤtte in ſeiner Gegenwart ſo ungeſtoͤrt, wer in ſeiner Thaͤtigkeit und in ſeinem Ver⸗ haͤltniß zum Koͤnige den Großen und den Geiſt⸗ lichen ſo gleichguͤltig bleiben koͤnnen, als eben Maler? Unter denen nun, die Philipp auf die angegebene Weiſe auszeichnete, mag vorerſt Coello genannt ſeyn, ein Hiſtorien⸗ und Portrait⸗Maler von mehr Verdienſt, als — 79 Ruhm, der vornaͤmlich unter den Koloriſten einen hohen Rang behauptet. Koͤnig Philipp be⸗ ſchaͤftigte ihn mehrere Jahre unausgeſetzt im Eskurial, und begab ſich in dieſer Zeit ſehr oft, ja zuweilen woͤchentlich mehrmals, durch geheime Treppen in ſein Arbeitszimmer: denn freilich mußte alles geheim geſchehen, was Philippen als Menſchen erſcheinen ließ— wo⸗ durch aber auch dem Beobachter verbuͤrgt wird, es ſey das dann keine, zu irgend einem be⸗ rechneten Zweck vorgenommene Maske gewe⸗ ſen. In dieſen Stunden, in dieſen Zimmern aͤberließ ſich denn der Monarch, der mitten unter ſeinen Garden vor verborgenen Dolchen zitterte, unbewaffnet und unbewacht einem jungen, leichtſinnigen, reizbaren, nichts we⸗ niger als furchtſamen Manne; Er, dem ſich ſonſt alles nur im Prunk und knieend nahen durfte, ſahe hier dieſen jungen Mann in ſei⸗ ner gewoͤhnlichen Hauskleidung und in frey erwaͤhlter Geſchaͤftigkeit! t Coello hatte fuͤr den Fall, daß der Koͤnig⸗ kam, keine andere Vorſchrift, als zu thun, wie wenn er ihn nicht bemerke— wenn es 80 naͤmlich dieſem nicht ſelbſt geſiel, ſich bemerk⸗ lich zu machen. Am oͤfterſten that Philipp dies nicht; ſondern da er, wie ſein Alba oder wie Wallenſtein, das Reden haßte, begnuͤgte er ſich damit, ſich ſtumm hinzuſetzen, und den heitern Kuͤnſtler, ſo wie ſeine Ar⸗ beiten, mit ſchweigender Theilnahme zu be⸗ trachten. Ging aber Philipps faſt nimmer ganz verſiegender Unmuth waͤhrend ſolch eines Beſuchs nicht nur in wohlthuende Selbſtver⸗ geſſenheit und ſtille Zufriedenheit uͤber, ſon⸗ dern ſteigerte ſich dieſe ſogar bis zum heitern Wohlwollen und einer Anwandlung von froͤh⸗ licher Belebtheit: dann fing er ſelbſt an zu ſprechen, und Coello durfte nun ſagen, was er wollte— je munterer, je unbefangener, je treuherziger, deſto beſſer. Die Großen des Hofs hatten ihre Spaͤher, die ihnen au⸗ genblicks verkuͤndigen mußten, wenn der Koͤ⸗ nig die geheime Treppe betreten hatte: ſie waren gewiß, er werde in der mildeſten Stim⸗ mung zuruͤckkehren, deren er uͤberhaupt nur faͤhig war, und man duͤrfe ihm daher jetzt vortragen, was man in anderer Stunde nicht — 81 wagen mochte. Und als Coello in fruͤhen maͤnnlichen(und in Philipps ſpaͤten) Lebens⸗ jahren ſtarb, zeigte der Koͤnig mehr wehmuͤ⸗ thige Theilnahme, als da ſein Carlos auf⸗ geopfert war und ſeine vier Gemalinnen in's Grab ſanken. Noch enger und zugleich laͤnger dauernd war das Verhaͤltniß Philipps mit Coello's Leh⸗ rer, dem trefflichen Portraitmaler Moro, der fruͤher als Coello, viele Jahre im Eskurial wohnete und beſchaͤftigt ward.*) Sein Be⸗ nehmen gegen dieſen Mann war im Ganzen daſſelbe, wie gegen Coello, ohngeachtet der Lehrer nichts von der Gewandtheit und Artig⸗ keit des Schuͤlers beſaß, ſondern leidenſchaftli⸗ cher und launiger, rauher und eigenwilliger, in Stolz und Eitelkeit oft uͤbereilt, vorlaut, ja uͤbermuͤthig war. Philipp ertrug die Aeußerun⸗ gen dieſer Gemuͤthsart mit wahrhaft bewun⸗ dernswuͤrdiger Nachſicht, that gewoͤhnlich als bemerke er ſie nicht, und rechnete ihm ſeine Ta⸗ *) Moro hatte unter Raphaels groͤßten Schü⸗ lern ſeine Studien vollendet. Seine Bildniſſe wer⸗ den ſogar den Tizianiſchen an die Seite geſetzt. Selene II. 7. H. 6 3e— lente, ſeinen Fleiß, und ſeine treue Ergebenheit ſo hoch an, daß ſich jenes ohne Schaden davon abziehen ließ. Statt allgemeiner Schilderungen mag jedoch hier lieber die Anekdote Platz finden, wodurch Moro am Ende doch uͤber ſein Schick⸗ ſal verderblich entſchied und ſeinen Sturz her⸗ beifuͤhrte. Koͤnig Philipp beſuchte ihn eben wieder in ſeinem Arbeitszimmer, und Moro blieb, wie gewoͤhnlich, vor ſeiner Staffelei beſchaͤftigt. Der Koͤnig war heute in der mildeſten, wohl⸗ wollendſten Stimmung; dies, und wahrſchein⸗ lich, daß eben heute zugleich einige der. erſten Hofleute gegenwaͤrtig waren, reizte den eitlen Maler bis zum unbeſonnenſten Uebermuth.*) Er hatte eben den Pinſel mit Carmin geſaͤttigt; der Koͤnig, der ſchon laͤnger hinter ihm geſtan⸗ den, legte jetzt ſeinen Arm mit Guͤte auf Mo⸗ ro's Schulter, und dieſer fuhr nun ploͤtzlich mit dem vollen Pinſel uͤber die Hand Philipps, daß ſie einen dicken, blutrothen Streif bekam— Philipps Hand, die ſelbſt von Fuͤrſten und *) Vergl. Cumberland, Anecdotes of eminent painters. 83 Fuͤrſtinnen nur knieend gekuͤßt werden durfte— in Gegenwart verſchiedener Großen des Hofs! zu einer Zeit, wo Philipp noch nicht lange ſelbſt ſeinem Alba, da dieſer auf dringende Veran⸗ laſſung, ohne vorgeſtellt zu ſeyn, in ſein Ka⸗ binet getreten war, zugerufen hatte: Eine Kuͤhn⸗ heit, wie die eure, haͤtte das Beil verdient!— Allerdings hing in dieſem Augenblick das ganze Schickſal, ja das Leben des Unbeſonnenen an einem Haar, an einem Wink der Augen. Die Hofleute waren erblaßt und warteten erſtarret auf den Erfolg der Unthat; der Koͤnig ſahe ein Weilchen ſtill und ernſthaft auf die rothe Hand; jetzt erbebte auch Moro, dem ſeine Verwegenheit nun ploͤtzlich einleuchtete: da ging Philipps ernſte Miene in eine leicht lä⸗ chelnde uͤber, und ſo wollte er ſich ſchweigend von ihm wenden, als der Maler, durch⸗ drungen von der Gnade ſeines Gebieters, nie⸗ derſtuͤrzte und ſeine Fuͤße kuͤßte. Der Koͤnig entfernte ſich, ſagte kein Wort, und ſo durfte auch zu ihm kein Wort geſagt werden. Die Sache ſchien um ſo vollſtaͤndiger abgethan, da 84— Philipp nach einigen Tagen wieder, wie zuvor, die geheimen Treppen zu Moro hinaufſtieg. Wahrſcheinlich war ſie es auch wirklich beym Koͤnige; aber nicht alſo bey den Gro⸗ zen und Geiſtlichen ſeines Hofs. Fuͤhlten ſie ſich ſelbſt in der Beleidigung der Majeſtaͤt er⸗ niedriget, oder hielten ſie des Koͤnigs verzei⸗ 3 hende Herablaſſung fuͤr eine allzubedenkliche Abweichung von dem Syſtem, das er einmal erwaͤhlt hatte und beibehalten ſollte; oder endlich— was das wahrſcheinlichſte iſt— glaubten ſie, ein Mann, der ſo etwas wagte und dem es hinginge, koͤnne wol gar man⸗ chem unter ihnen ſelbſt gefaͤhrlich werden: kurz, der ganze Verlauf wurde beim Officium der Inquiſition angebracht. Die heilgen Vaͤ⸗ ter fanden fuͤr den Koͤnig, fuͤr ſich ſelbſt und ſogar fuͤr den Verbrecher— den ganz und ſogleich aufzuopfern ſie ſich, um der Liebe des Koͤnigs willen, ſcheueten— keinen gluͤcklichern Ausweg, als daß ſie erklaͤrten: Anton Moro, geboren in dem von Ketzerei nicht freien Ut⸗ recht, hernach eine Zeit lang verweilet in dem unglaͤubigen England, muͤſſe irgend ein ge⸗ 8⁵ heimes Zaubermittel beſitzen, womit er die Sinne und Kraͤfte des Koͤnigs, wenn dieſer ihm nahe, zu ſchwaͤchen vermoͤge, damit aber Kirche, Staat, und die geheiligte Perſon des Monarchen ſelbſt, aufs aͤußerſte gefaͤhrte. So wurde die Sache an den Koͤnig, und, wie durch geheimen Verrath, aber ganz ab⸗ ſichtlich, auch an Moro gebracht. Dieſer, zitternd vor der Macht jenes Tribunals, bat den Koͤnig dringend um ſeine Entlaſſung. Philipp ſchlug dies Geſuch erſt ab, und ver⸗ ſicherte ihn, ſogar in eigenhaͤndigen Schrei⸗ ben, von ſeinem Schutz und der Fortdauer ſeiner Gnade: er mochte aber doch— wenn anders jene Zuſicherungen nicht gegeben waren, um nur den Schein der hoͤchſten Uebermacht zu retten— hernach bemerken, daß er ſeinen Liebling wenigſtens einer peinlichen Unterſuchung nicht wuͤrde entziehen können; und ſo ent⸗ ſchluͤpfte der geaͤngſtete Kuͤnſtler— wie es ſcheint, mit geheimer Nachſicht beider Parteien, aus dem Reiche, und begab ſich nach Bruͤſſel, wohin ihm noch reiche Beweiſe der Huld und praͤchtigen Freigebigkeit ſeines Koͤnigs folgten. — R. 36— Der froͤhlichen Pfarrerin, an ihrem Geburtstage. In fröhlich gelaunetem Stuͤndchen Gab dich Fortuna der Welt. Witz, Freude und Liebe verkuͤnd'gen, Sie ſein dir zu Pathen beſtellt. Die Schoͤnheit aus guͤldener Schaale Gießt Waſſer zum Taufſakrament, Die Freundſchaft zum Kindtaufenmale Hat neckend die Gaͤſte ernennt. Begabt ſo in reichlichem Maaße Waͤchſt unter Buben ſie'ran; Fuͤhrt ſaͤuberlich ſie bei der Naſe Und hat ihre Freude daran. Die Schule greift jetzt in die Zuͤgel, Da nimmt ſie das Chriſtenthum ein; Doch lieber vor blinkendem Spiegel Verſucht ſie huͤbſch artig zu ſeyn. Gar ſittſamlich geht ſie zum Tempel, Erbauet ihr ſchelmiſch Gemuͤth. Die Stadt nimmt ein gutes Exempel, und alles zum Gotteshaus zieht. Da druͤckt ſich's und ſchiebt ſich's und ruͤcket, Doch keinem vergoͤnnt ſie ein Ohr: Denn was ihr das Herzchen entzuͤcket, Ragt dort auf der Kanzel hervor. & Er troͤſtet ſo freundlich; es haftet Sein ſchoͤn Evangelium. Wem, Goͤtter, ihr's Schauen verſchafftet, Der faͤllt auch im Glauben nicht um! Und Glaube bricht Roſen! Man weinet Ein kurzes, ein fluͤchtiges Jahr: Der Stern uͤber Bethlehem ſcheinet, Und leuchtet zum Traualtar. Nun haͤngt der Himmel voll Geigen! Kein Seegen der Ehe gebricht. 38 Die wackeren Jungen— ſie bleichen Nur wenig der Mutter Geſicht.—— Das iſt, und das bleib' deine Habe! Und willſt du dann ſchlafen einſt gehn, Soll auf dem umbluͤmeten Grabe „Der froͤhlichen Pfarrerine ſtehn. — 1 Die Zuhoͤrer. O— Die Nachtigall, gleich Anfangs beſtimmt und geneigt, die Naͤchte heißer Tage zu ver⸗ ſchoͤnern, ließ ſich's, ihrer unſchuldigen Neu⸗ gier zu Folge, einesmals beikommen, zu er⸗ forſchen, was ſie fuͤr Zuhoͤrer habe. Sie ſuchte und ſuchte, und fand, alles ſchlafe, bis auf den Froſch, der ſie mit ſeinem Ge⸗ ſchrei uͤberſtimme, und die Eule, die ſie lieber gar gerupft und verſchlungen haͤtte. Das that der Nachtigall ſehr wehe; ſie zog ſich noch tiefer in das Dunkel des Hains zuruͤck, und beſchloß, fuͤr immer zu ſchwei⸗ gen. Sie hielt das auch, aber nur auf Monate! Da der Fruͤhling wieder aufbluͤhete und der Hauch der Liebe ſie durchdrang— da mußte ſie wieder ſingen, trotz allen Schlaͤ⸗ fern, und Froͤſchen, und Eulen; nur daß ſie von dieſer Zeit an etwas Wehmuͤthiges und 90 Klagendes in ihre Geſaͤnge aufnahm, wie wir dies auch noch heute von ihr hoͤren, und wie es immer ausdruͤckt: Ich moͤcht' euch ſo gern durch Geſang erfreuen: ihr moͤgt nicht froh ſeyn durch Geſang! Serenate. Tritt heraus, ins ſtille Dunkel, lauſch' am Fenſter gern dem Klang! Nichts verraͤth das Sterngefunkel, unſichtbar toͤnt nur Geſang. Leicht im Flug mit Abendluͤften wallet hin des Liedes Lauf, ſteigt zu dir gleich Bluͤtenduͤften aus der Liebe Sehnſucht auf. Tritt heraus, ins ſtille Dunkel, mich umfaͤngt der Schatten Flor; droben nur glaͤnzt Sterngefunkel, und zu dir blick' ich empor. A. Die Immerbluͤhende. Stetsumbluͤhetem Roſengebüͤſch, ſchoͤnprangende Mutter, 1 gleichſt du, es bluͤhn dir ſtets roſige Tochter empor. Ehe die Juͤngſte das Licht noch gruͤßt, entbluͤht von der Erſten ſchon dir ein Enkelgeſchlecht, ſchoͤn wie die Mut⸗ ter zu ſchaun. A. Druckfehler. Im ſechsten Stuͤck S. 90, in der erſten Zeile des Epigramms: Aſklepios, iſt, anſtatt: Warun ſchlingt ſich, Aſklepios u. ſ. w. zu leſen: Warum ſchlingt ſich Aſklepios, dir, u. ſ. w. 8 Was ein Sonnenblick, durch zerriſſene Wol⸗ ken, der Erde iſt, die lange des freundlichen Lichts entbehrte, das iſt ein Augenblick der Freude dem vom Kummer belaſteten Gemuͤth. Die Pflanzen, um zu gedeihen, beduͤrfen des erheiternden und erwaͤrmenden Sonnenlichts; und die Menſchen gedeihen nicht, wo nicht die Strahlen der Freude ihr Leben erwaͤrmen und erhellen. Wenn der Menſch keine Freude mehr hat, wenn ſich nicht alles um ihn her warm und innig an ihn, ſo wie er ſich hin⸗ wiederum mit voller Seele an alles, ſchmiegt, was ihn umgiebt: ſo iſt es auch mit ſeinem Leben aus; denn ein Leben ohne Freude iſt keines. Und ſo duͤrfte man leicht anzuneh⸗ men geneigt ſeyn, es gebe nicht viele Leben⸗ dige unter uns, die Kinder ausgenommen: denn dieſen glaͤnzt und bluͤht hell und warm Selene II. 8. H. 1 alles, was um ſie her iſt; das Geringſte er⸗ getzt ſie und iſt ihnen von hohem Werth, da hingegen den meiſten der gereiften Menſchen die Freude, die ſie einſt in lebendiger Gegen⸗ wart umgab, entweder blos als verbleichte Vergangenheit, oder doch nur als daͤmmernde Zukunft erſcheint. Unter Sorgen, Unruhen, Leidenſchaften, Schmerzen mancherlei Art haſcht der Menſch immer vergeblich nach der entwei⸗ chenden Nahrung ſeines Lebens, wie Tanta⸗ lus, und verbringt ſeine Zeit in einem kampf⸗ und arbeitsvollen Zuſtande. Denn man blicke in das Gewirr und Treiben des Lebens, und ſehe, ob dies nicht das Loos ſogar derer iſt, die von den Meiſten als gluͤcklich geprieſen wer⸗ den. Die, welche ſorglos durch das Leben taumeln, ſind darum nicht gluͤcklicher und freu⸗ dereicher: ſie ſuchen nur mit blinder Begierde, umſonſt, was Andere mit beſonnener Anſtren⸗ gung eben ſo wenig erreichen. Daß es die Freude ſei, nach welcher das Leben aller Men⸗ ſchen hinſtrebt, iſt gar keine Frage; denn in ihr allein, ſie erſcheine nun unter welcher Ge⸗ ſtalt ſie wolle, findet jeder, bewußt oder un⸗ 3 bewußt, die geſuchte Befriedigung. Aber eben daß die Meiſten im Leben nicht befriediget werden, iſt der Beweis, daß die Freude ſie flieht. Sonderbar! alles in der Natur iſt ſo eingerichtet, daß es findet, was es zu ſeinem Beſtehen und Gedeihen bedarf; und dem Men⸗ ſchen ſollte der Weg verſchloſſen ſeyn, mit Siccherheit und Leichtigkeit dem weſentlichſten Beduͤrfniß ſeines Lebens genug zu thun? Das Thier, wenn es ſeine Nahrung ſucht, wird von ſeinem Inſtinkt geleitet: ſollte der Menſch, wenn er ſich nach der Freude, der lieblichſten Nahrung ſeines Lebens, ſehnt, von aller An⸗ weiſung verlaſſen ſeyn, wo er ſie zu finden und wie er ſie zu ſuchen habe? Keinesweges! Was das Thier durch ſeinen Fuͤhrer, den Trieb, entdeckt, das enthuͤllt ſich dem Men⸗ ſchen durch den Geiſt und durch aufmerkſame, beſonnene Betrachtung. Der Baum wurzelt, gruͤnt und bluͤht nur in dem Mutterſchooße der Erde; der Fiſch regt und bewegt ſich lebendig nur in ſeinem Ele⸗ mente, dem Waſſer; kurz, alle Natur hat ihren feſten Kreis, in welchem allein ſie Leben 4. 1 athmet, und außer welchem ſie verſiegt und untergeht. Und alles dies nicht willkuͤhrlich, ſondern nach eingebornen, unveraͤnderlichen Ge⸗ ſetzen. Jedes Weſen nun gieht durch ſein eigen⸗ thuͤmliches Streben das Geſetz zu erkennen, nach welchem ſein Daſein geleitet und erhalten wird. Der Stein haͤlt mit kraͤftigem Zuge ſeine Atome zuſammen: ungemeſſene Dauer iſt ſein Geſetz. Die Pflanze iſt in immer⸗ waͤhrender Entfaltung begriffen: das Geſetz ihrer Natur iſt, ſich auszubreiten. Das Thier ſucht Nahrung und Weide; und in ihm ſpricht ſich das Geſetz der Selbſterhaltung am deutlichſten aus. Das Element des Menſchen iſt, nicht das verſchloſſene, ſchlafende Leben des Steines, nicht das ſtille, ſchlummernde der Pflanze, nicht das blinde, traͤumende des Thieres, ſondern, wie wir uns daruͤber ſo eben verſtaͤndigt haben, das wache, helle, heitere Leben der Freude. Was fuͤr ein cha⸗ rakteriſtiſcher Zug aber im Menſchen verraͤth uns das Geſetz, nach welchem er, wie jedes andere Weſen, auf ſeine eigenthuͤmliche Weiſe, die Nahrung ſeines Lebens findet? 5 Wenn wir auf uns ſelbſt achten, in Au⸗ genblicken, wo unſer ganzes Daſein von vol⸗ ler, inniger, aͤchter Freude durchdrungen, er⸗ heitert, und gleichſam uͤber ſich ſelbſt erhoben wird: ſo finden wir, nicht blos, daß dieſes der Zuſtand voͤlliger Befriedigung iſt, in wel⸗ chem wir immer zu ſeyn wuͤnſchten, ſondern wir finden uns ſelbſt auch in dieſem Zuſtande merklich veraͤndert, oder wenigſtens in einer nicht gewoͤhnlichen, hoͤhern Stimmung, wel⸗ che uns alle Gegenſtaͤnde umher in ſanftern, angenehmern Farben, und, ſo zu ſagen, in einem reinern Lichte zeigt, ſo wie unſer ei⸗ genes Weſen ſodann uns als der erwaͤrmende, belebende, erhellende Punkt erſcheint, von welchem dieſe Verklaͤrung der Welt um uns her ausgeht. Wir fuͤhlen uns leichter, unge⸗ feſſelter, freier; alles ſpricht uns harmoniſch und angenehm an, und wir wirken auf unſere Umgebungen mit ſpielender Kraft, mit hei⸗ terer Klarheit, mit freigebiger Liebe zuruͤck. Dieſer Zuſtand des Gemuͤths nun, dieſes in⸗ nere Befinden, wo uns ſo wohl iſt, wo wir uns ſo lebendig, ſo gehoben, ſo kraͤftig und 6— thaͤtig, und dabei ſo empfaͤnglich und gefuͤhl⸗ voll, im Ganzen aber ſo heiter und leicht er⸗ ſcheinen, zeichnet ſich allezeit, wenn wir uns darin finden, durch ein beſonderes Gepraͤge, durch einen eigenthuͤmlichen Charakter aus, der mit ihm unzertrennlich verbunden iſt, ja der ſein eigentliches Weſen, ſeinen wahren Gehalt auszumachen und ihm zugleich Ton und Hal⸗ tung zu geben ſcheint. Es iſt dies das vor⸗ herrſchende Gefuͤhl der Freiheit von jeder Schranke, von jedem Druck, in uns oder außer uns. Faſt ſcheint es, als ob uns die Freude blos wegen der Erregung die⸗ ſes Gefuͤhls ſo uͤber alles theuer waͤre; we⸗ nigſtens iſt ſo viel gewiß, daß erſt dann die Freude vollkommen genannt werden kann, wenn ſich dieſes Gefuͤhl von ungeſtoͤrter Freiheit und ungehinderter Bewegung unſers Weſens, in uns erhebt; wenn es uns daͤucht, als haͤtten wir Fluͤgel erhalten, mit denen wir uns uͤber alles Gemeine und Einengende emporſchwaͤn⸗ gen. In dieſem Moment, wenn wir ihn in der Betrachtung erfaſſen, werden wir mit Ueberraſchung zuerſt unſere wahre Natur, unſer 7 eigentliches freies Weſen und Leben ge⸗ wahr; entzuͤckt erfahren wir, in dieſem Zu⸗ ſtande des geſteigertſten innern Lebens, daß wir goͤttlicher Abkunft ſind, und die Tiefe des goͤttlichen Weſens ſelbſt iſt fuͤr uns in ſolch einem Augenblicke kein Geheimniß mehr. Deſto empfindlicher aber und niederſchlagender iſt es, wenn wir von dieſer Hoͤhe zu ſchnell in das gewoͤhnliche Daſein zuruͤck⸗ und hinab⸗ gezogen werden, welches geſchieht, indem irgend ein Druck von einer oder von mehreren Seiten die freie Bewegung unſers Innern hindert und einengt. Je ſtaͤrker dieſer Druck wirkt, je weniger wir ihm Widerſtand zu leiſten ver⸗ moͤgen, je naͤher ſich die Schranken um uns legen und uns mannichfaltig umwinden und umſtricken, deſto unaufhaltbarer geht jenes Gefuͤhl des unbeſchraͤnkten, heitern, freien Daſeins verloren; an die Stelle der fried⸗ lichſichern, hellen, wonnevollen Stimmung tritt ein unruhvoller und aͤngſtlicher, truͤber, ſchmerzlicher Zuſtand, die Freude und das ſuͤße Gefuͤhl des innern vollſtaͤndigen Wohl⸗ ſeins entflieht, und ein leeres, ſchmachten⸗ 8—— des Sehnen nach dem verlorenen Gute bleibt allein zuruͤck. Verſchwunden iſt das Gefuͤhl der Kraft, der Klarheit und der reich aus uns hervorſtroͤmenden Liebe, und es iſt als waͤre mit jener freien Stimmung, wel⸗ che der Freude das Daſein gab, unſer einiges und wahres Leben entwichen. Erwaͤgen wir dieſes Steigen und Fallen unſers innern Lebens, und die Zuſtaͤnde unſers Selbſt, welche damit unzertrennlich verbunden ſind, aufmerkſam und genau: ſo finden wir, daß nur in dem Maße, wie die einengen⸗ den Schranken von uns entfernt wer⸗ den, auch unſer Leben ſich aufheitert, wahr⸗ haft lebendig, hell und froh wird; daß hin⸗ gegen, ſo wie wir uns gedruͤckt und be⸗ ſchraͤnkt fuͤhlen, auch die Froͤhlichkeit unſers Daſeyns ſchwindet: woraus wir mit Sicher⸗ heit folgern koͤnnen, daß die alleinige Bedin⸗ gung und das Geſetz der Freude die Freiheit unſers Innern iſt. Jetzt nun, wo wir auf den Punkt gekom⸗ men ſind, die Freude, das letzte und hoͤchſte Ziel alles unſers Strebens,(welches nur ein — 9 ſchiefgerichteter Verſtand, oder ein abgeſtumpf⸗ ter Sinn nicht anerkennen wird,) von einer Bedingung abhaͤngig zu machen, die wir vor⸗ laͤufig ein Geſetz genannt haben— iſt es vor allen Dingen noͤthig, uns davon, was ein Geſetz ſei, eine beſtimmtere und deutliche Vorſtellung zu machen. Der aufmerkſame Beob⸗ achter findet, daß alles Entſtehen, alle Ent⸗ wickelung und alles Beſtehen der Dinge in der Natur auf feſtgeſtellten und unveraͤnderli⸗ chen Richtungen ihrer Kraͤfte beruht. So be⸗ wegen ſich die Sterne in ihren Kreiſen, ſo ſaugt die Pflanze mit ihren Wurzeln den Re⸗ gen, mit ihren Blaͤttern das Licht ein, ſo baut der Vogel ſein Neſt, ſo verfolgt das Wild ſeine Beute; alles mit einem beſtimm⸗ ten, unwiderſtehlichen, unveraͤnderlichen Zuge. Dieſe Einrichtung nun, wo die den Dingen eingepflanzte Kraft genoͤthigt iſt, ſo und nicht anders zu wirken, nennt man Geſetz. Fin⸗ det ſich nun, daß das Beſtehen des menſchli⸗ chen Daſeins ebenfalls von einer beſtimmten und nothwendigen Richtung ſeiner eigenthuͤm⸗ lichen Kraft abhaͤngt, ſo wird man anerken⸗ 10— nen muͤſſen, daß auch dieſes Daſein unter ei⸗ nem Geſetz ſteht. Das wahre, volle, menſch⸗ liche Daſein offenbart ſich nur in der Freude. In ihr allein geht uns das eigentlich menſch⸗ liche Leben auf. Alle andern Zuſtaͤnde im Menſchen ſind nur Vorbereitungen zu dieſem Daſein oder krankhafte Abweichungen von dem⸗ ſelben. Nach Freude, als nach dem Leben ſeines Lebens, ſtrebt unaufhoͤrlich das Herz des Kindes, wie des gereiften Menſchen. Bald iſt es das Spiel, bald die Liebe, bald die Einſicht, bald die Macht, bald das Beſitz⸗ thum, wodurch wir Freude zu erlangen, die Flamme unſers Lebens zu ernaͤhren trachten. Nicht in jenen Gegenſtaͤnden, nur in der Freude, welche ſie uns gewaͤhren, ruht, wenn wir uns recht bedenken, unſer Ziel. Allein nur indem unſer Gemuͤth frei wird, entzuͤndet ſich in ihm die Freude; und jene Gegenſtaͤnde koͤnnen nur in ſo weit erfreuen, als ſie das Gemuͤth von einer oder der an⸗ dern Schranke, die es druͤckte, befreien. Das Kind fuͤhlt ſich beſchraͤnkt und iſt unruhig, bis ſich ein Gegenſtand des Spieles zeigt, 11 an dem es ſeine freie Thaͤtigkeit uͤben kann. Das Herz des Maͤdchens, wie des Juͤnglings, fuͤhlt ſich beengt und gedruͤckt, bis gluͤckliche Liebe das zuruͤckgedraͤngte Gefuͤhl ſeiner Feſſeln entledigt. Der Mann, welchem die Wiſſen⸗ ſchaft, wie jener, welchem Macht und Herr⸗ ſchaft das Hoͤchſte iſt, gelangen beide auf ver⸗ ſchiedenen Wegen zu demſelben Ziele; denn die Wiſſenſchaft iſt unbeſchraͤnkte Erkenntniß, wie die Macht unbeſchraͤnktes Handeln; in beiden Faͤllen iſt das Gefuͤhl innerer Freiheit die Frucht der Muͤhe. Wenn endlich das Greiſenalter vorzuͤglich nach Beſitzthum trachtet, ſo findet es darin den ſichern Damm gegen die Schran⸗ ken, in welche es von ſeinem zunehmenden Unvermoͤgen gezwaͤngt wird: der Beſitz ver⸗ tritt die Stelle der Kraft, durch welche das ruͤſtigere Alter ſeine Freiheit ſichert. So kann alſo der Menſch nur durch das Gebiet der Freiheit in das der Freude dringen. Iſt es nun Natureinrichtung, daß wir nach Freude ſtreben, ſo muß es auch Natureinrichtung, d. h. Geſetz ſeyn, daß wir nach innerer Freiheit ſtreben, deren Tochter die Freude iſt. Dem⸗ 12 nach duͤrfen wir uns nur beobachten, wie wir, beſtimmt und unveraͤnderlich, jeden Druck, jeden Zwang verabſcheuen, wie wir auf alle Weiſe bemuͤht ſind, jede Schranke, die uns einengt, zu entfernen: und wir entdecken in dieſem uns angebornen Beſtreben den noth⸗ wendigen Zug der Natur, das Geſetz der Frei⸗ heit, welches zugleich das Geſetz der Freude iſt. Folgen wir dieſem Zuge unausgeſetzt, wie der Vogel dem Zuge, der ihn nach der fernen Heimat treibt, ſo koͤnnen wir mit Sicherheit auf die Erhaltung unſers eigentlich und wahr⸗ haft menſchlichen Lebens, auf die Fortdauer des Lebens in der Freude rechnen. Es oͤffnen ſich hier Ausſichten, welche zu reizend, zu bedeutend fuͤr die ganze Einrich⸗ tung und Leitung unſers Lebens, wiefern es unſerer Willkuͤhr unterworfen iſt, ja auch zu heilig ſind, als daß wir ſie blos oberflaͤchlich beruͤhren oder gar uͤbergehen ſollten. Nie hat die Betrachtung, deren ernſte und ſtrenge Ge⸗ ſtalt uns nicht erſchrecken darf, zu einem ſchoͤnern Ziele gefuͤhrt. Folgen wir ihr noch 13 eine kleine Weile, und ſie ſchließt das Para⸗ dies vor unſern Blicken auf. Aus der Freiheit unſers Gemuͤths geht a9. Vollkommenheit, alles Gedeihen unſers Lebens, und zugleich alle Heiterkeit und Freude hervor, deren unſer Weſen faͤhig iſt. So lange wir uns frei fuͤhlen, ſind wir auch gut, rein, heilig, und von Freude beſeligt. Unſer Leben, ſo beſchaffen und geſtaltet, iſt das Meiſter⸗ ſtuͤkk aller Natur. Was Wunder, wenn der Kuͤnſtler, der uns ſchuf, ſein Werk durch eine Einrichtung zu ſichern ſuchte, welche, wenn wir ſie klar erkennen, unſre tiefſte Bewun⸗ derung und Anbetung erregt? Man erzaͤhlt aus der Maͤhrchenwelt von Ringen, welche den Finger, der ſie trug, ſtachen, wenn der Beſitzer eine Thorheit begehen wollte. Ein ſolches Kleinod iſt das Geſetz der Freude, wel⸗ ches in unſerm Innern unermuͤdlich, ein ſchuͤ⸗ tzender Talisman, uͤber unſer wahres Leben wacht. Wo wir Freude ſuchten und Schmerz fanden, werden wir durch ein wunderbares Gefuͤhl von Beſchraͤnkung und Einengung zu⸗ ruͤckgedraͤngt, und uns wird nicht eher wohl 14 und leicht, als bis wir, uns uͤber die Schran⸗ ke erhebend, die Freiheit unſers Weſens ge⸗ rettet haben. Sollen wir an Beiſpiele erin⸗ nern, wie ſie das Leben faſt in jedem Au— genblicke herbeifuͤhrt? Ein lockendes Vergnuͤ⸗ gen zieht uns an: entgegen fuͤhrt uns ihm der eingeborne Hang zur Freude; allein je naͤher wir ihm treten, um deſto mehr fuͤhlt ſich das Herz beengt, Unruhe und Angſt be⸗ maͤchtigt ſich der Bruſt: wir zaudern, wir erwaͤgen, wir treten ſcheu zuruͤck; und ſieh, mit jedem Schritt ruͤckwaͤrts und hinweg von dem Zauberkreiſe der verfuͤhreriſchen Luſt, ath⸗ men wir leichter, unſer ganzes Weſen erhei⸗ tert ſich, und eine himmliſche Wonne durch⸗ bebt uns zuletzt, im Gefuͤhl unſerer Freiheit, welche wir retteten, indem wir den Banden entflohen, in welche der Genuß uns ſchmie⸗ den wollte. Wir erkennen nun, in freier Ruhe des Gemuͤths, mit Klarheit, daß wir im Begriff waren uns aus dem Gebiet der Freude in das des Schmerzes zu verirren; denn alle Luſt, die uns nach außen zieht, ge⸗ biert nur Schmerz. Wir duͤrfen nur weichen, —ÿ——— I 5 nur nachgeben, um zu ſehen und zu erfahren, daß das Gefuͤhl nicht log, welches uns warnte, die Schlinge zu fliehen, die unſerer Freiheit gelegt war. Denn im Augenblick, wo wir des Gegenſtandes werden, haben wir aufgehoͤrt unſer zu ſeyn: es reißt der Gegenſtand uns mit ſich fort, wir ſind ſein Spiel und ſeine leichte Beute. Dann giebt es keine Freude mehr fuͤr uns, Unruh und Angſt, Furcht und Begierde treiben uns umher, wir leiden nur, wir leben nun nicht mehr. Ein ganz anderes Loos trifft uns, wenn wir jeden Au⸗ genblick unſers Lebens nur in dem Bezirk zu⸗ bringen, wo uns die Freude begleitet, wo uns wohl iſt, wo wir keine Schranke fuͤhlen. Indem wir dem Geſetz der Freiheit folgen, welches, mit leiſem Zuge, jede Beſchraͤnkung durch ein Gefuͤhl von Weh und Bangſein kund thut, erfuͤllen wir zugleich, oder viel⸗ mehr eben dadurch, das Geſetz der Freude, und dieſe ſchuͤttet nun das volle Maß ihrer Guͤter uͤber uns aus. Ein die Schranke fliehendes, froͤhliches Gemuͤth ſchwebet frei und unbefangen uͤber der Welt, erkennt mit Klarheit ihre Verhaͤlt⸗ 16 niſſe, fuͤhlt mit Innigkeit den Aether der Lie⸗ be, der aus der ganzen Natur ſtroͤmt, lebt in Harmonie und Einheit mit dieſer Liebe, wirkt, wie ſie, ſchaffend, in freier, ſpielen⸗ der, kuͤnſtleriſcher Kraft. Der Ernſt, der Druck, die Gefahr des beſchraͤnkten Lebens verſchwinden vor einem ſolchen Gemuͤth; es lebt wie ein Kind in des Vaters Hauſe, ſorg, los, unbefangen, froh, entgegen einer immer ſchoͤnern Zukunft. Nicht erkuͤnſtelt, nicht uͤbertrieben iſt die Beſchreibung eines ſolchen Gemuͤthszuſtandes, welcher aus einer beſtaͤndigen Achtſamkeit auf das zarte Geſetz der Freude hervorgeht, das in der Bruſt eines Jeden ſpricht, ſo lange es nicht durch Leidenſchaft gewaltſam zuruͤckge⸗ draͤngt, oder durch Laſter allmaͤhlich erſtickt wird. Jeder, der ſich die Muͤhe geben will, mit Huͤlfe des beſagten Geſetzes, welches, wie der Kompaß den Schiffer, das verwickeltſte Leben ſicher leitet, ſich aus dem Gewirr von Beſchraͤnkungen herauszuarbeiten, in welche ihn die angewohnte Nichtachtung jenes Geſetzes allmaͤhlich gezogen hatte, wird bald die Kraft —— 1 1 7 und Wirkung deſſelben an der zunehmenden Heiterkeit, Freiheit und Froͤhlichkeit ſeines Gemuͤths wahrnehmen. Das Geſetz der Freude iſt ein lieblicher, freundlicher Wegweiſer, der uns uͤberall nur die ſchoͤnſten Wege zeigt, und nur da uns ernſt und ſtreng zuruͤckhaͤlt, wo uns Abgruͤnde drohen, oder wo wir, geblendet, in Wildniß und Dornen zu gerathen Gefahr laufen; und bei jedem Schritte, den wir unter ſeiner Leitung thun, erſcheint uns die Welt lebenvoller, erfreulicher, herrlicher. Es moͤge ſich niemand ſchaͤmen von der Freude durchs Leben gefuͤhrt zu werden: die Freude, wenn ſie nur aͤcht iſt— und die unaͤchte iſt nur verlarvter Schmerz, und verraͤth ſich au⸗ genblicklich— iſt das Erhabenſte, Reinſte, Goͤtt⸗ lichſte, was es im Himmel und auf Erden giebt. Darum iſt auch das Leben in der wahren Freude, die wir mit Gewißheit, als ſolche, fuͤhlen und erkennen, das einzige wahrhaft goͤttliche Leben; und es iſt Thorheit, oder wenigſtens maͤchtiger Irrthum, zu glauben, daß finſterer Ernſt und harte Strenge das goͤttliche Leben und Weſen ergriffen habe und jemals ergreifen werde. Die Selene II. 8. H. 2 18 3— Freude iſt das Allerheiligſte der Schoͤpfung, und die Freiheit deſſen Huͤter und Pfoͤrtner. Noch bleibt vom Geſetz der Freude einiges zu ſagen, das uns ganz bekannt und vertraut mit ihm mache, das uns in ihm unſer beſtes, inner⸗ ſtes Weſen ſelbſt, unſere eigenthuͤmliche Seele zeige, und uns anrege, es, wie eine zarte, wunderſchoͤne Blume zu warten und zu pfle⸗ gen. Vorerſt iſt zu bemerken, daß, was Ei⸗ nige das Sittengeſetz in uns genannt haben, und was in Menſchen, die mit religioͤſer Aengſtlichkeit fuͤr die kalte, erſtarrende Pflicht⸗ erfuͤllung erzogen worden ſind, als ſtrenger Richter ihrer Handlungen auftritt und ihre Ver⸗ gehungen als zuͤchtigendes Gewiſſen ſtraft— daß dieſes zwar allerdings mit unſerm Geſetz der Freude eines und daſſelbe iſt, aber nur von einem tiefern Standpunkte aufgefaßt; von dem Standpunkte, wo wir alle als unnuͤtze Knechte angeſehen werden. Allein das liebende Leben, das ſelbſt Freude iſt und uns zur Freude ſchuf, konnte uns zum Leitfaden unſers Lebens auch nur das Geſetz geben, welches ihm ſelbſt die Fuͤlle ſeiner Freude bewahrt, das uͤberſchweng⸗ — —— 19 1 lich ſchoͤne und edle Geſetz der Freiheit. Ruft uns die Stimme dieſes Geſetzes, unſer edleres Ich:„wache uͤber deine Freiheit!“ ſo ſpricht die Gottheit ſelbſt das Geſetz aus, in dem ſie lebt; und wir ſind uͤber alle Kreatur geadelt. Und iſt denn dieſe heilige Stimme etwas Frem⸗ des, das etwa von oben herab in uns hinein ſchallte? Nein, wir ſelbſt ſind es, uns er⸗ faſſend in unſerer hoͤhern Kraft; wir ſelbſt, unſer eigenthuͤmliches, reines Streben ver⸗ kuͤndigend. Wer dieſen Selbſt⸗Zuruf, mit gehaltener Energie, zur That, erſt zur augen⸗ blicklichen, dann zur fortgeſetzten That verwan⸗ delt, ſo daß ſie Gewohnheit ſeines Lebens wird, der iſt gelaͤutert von den Schlacken, ſein Inneres iſt hoͤherer Bildungen empfaͤnglich, dieſe Weis⸗ heit ſchließt ſich an ihn an, und weiht ihn ein zu Kunſt und Wiſſenſchaft, zu Tugend und Religion. Was zwingſt du dich, und lockſt, und ſchmei⸗ chelſt mir auf's neue? Was ſchmaͤhſt du, was du ſuchſt— dein neues Gluͤck? Hab' ich dein Herz nicht mehr, ſo nimm auch deine Treue— Mit dieſem Haͤndedruck nimm ſie zuruͤck! Die Gunſt des Augenblicks kann augenblicks vergehen: Sie iſt dahin, und bald iſt's auch mein Schmerz! Du giebſt mir ſcheidend viel— laß dankbar mich's geſtehen: Giebſt weiſern Sinn und giebſt ein freies Herz! 21 Was laß ich dir zuruck? Nimm dieſe bunten Kraͤnze! Sie ſind dir werth? Sie ſind dir auch verwandt! Wie danken ſie entzuͤckt dem reichen, holden Lenze: Und ſchoͤn zu taͤuſchen ſchuf ſie Kuͤnſtlers Hand. Paulinens Seufzerlein. Charade.*) O kehre wieder, goldne Zeit, Da mich die Erſte ſchmückte, und eh' die Zweite jene mir Und auch das Ganzz entruͤckte! Als ich die Erſte war—, wie gern, Wie gern ward ich die Andre! 1 Daß jene laͤnger treu mir blieb, Sprach ich zum Ganzen: Wandre! . Doch ach, umſonſt! So ſei mir denn Das Eine noch verliehen: Laß von mir Zweiten, ſchon und gut, O Schickſal, Ganz' erblühen! *) Die Auflöſung am Ende dieſes Hefts. — 2 3 Und werden ſie auch Zweite dann, 4 So laß mich nicht verſaͤumen Bei ihrem Anblick, froh und ſuͤß Zur Erſten mich zu traͤumen. r.S Dann ſteh' auf meinem Leichenſtein: Sie war die Zweite treulich; Und ſelbſt, als Erſt' und Ganzes floh, Blieb's hold ihr und erfreulich. Der Sommer ſtralt mit hellem, gluͤhndem Leben: Du ſehneſt weichlich dich in Fruͤhlingsduft zuruͤck! Der Herbſt will Kuͤhlung dir und Fruͤchte geben: Du denkſt an Stadt, du denkſt an flimmernd Win⸗ tergluͤck! Jetzt glaͤnzt es dir: du wirſt nach Fruͤhling trachten; Er kömmt— du ſinnſt, du klagſt, du fuͤhlſt dich krank und matt! So bleibt dir nichts, als ein verzehrend Schmach⸗ ten; Du wirſt die ſchoͤne Welt, die Welt dich, Schoͤne, ſatt. O feßle jedes, was dich feſſeln möchte, und laß gemuͤthlich ziehn, was ewig weiter flieht: Kein Lebenstag, der nicht ſein Schoͤnes braͤchte, Doch auch kein Lebenstag, wo Schoͤnes nicht ver⸗ bluht! R. Buſchmutter. „Schlaf einmal aus heut' und geh' nicht auf die Arbeit!“— rief an einem truͤben Novem⸗ bermorgen die wackere Steigersfrau, Katha⸗ rine, in das Kaͤmmerchen der noch ledigen Schweſter—„Schau', die Buſchmutter hat eingeheizt; wie ein graues Tuch haͤngt der Nebel um die Tannen, und ganz weiß raucht die Haide! Immer giebt's dann einen Land⸗ regen!““ „Endlich einmal wieder!“— antwortete aus dem Bett ſpringend die ſchlanke Chri⸗ ſtel, warf nur das Halstuch um, und flog ſchnell ans Fenſterlein.—„O ſo halte mich nicht auf, Herzenskaͤthel! Ich muß fort, fort, aber nicht auf die Arbeit! Zur hohen Birke muß ich, und— finde ich dort nichts— gehe es mir auch, wie es wolle! dann ſuch' ich Buſchmuͤtterchen auf!”— Die 26 hellen Thraͤnen waren ihr dabei in die zrohen blauen Augen getreten. Der Frau Steigerin ward angſt und bange. Zwar war ſie nicht einig mit ſich, ob die oft gehoͤrte Sage von der Buſchmutter nur ein ſprichwoͤrtliches Maͤhrlein ſei, oder auf Wahrheit beruhe. Geſetzt aber, es gab in der Naͤhe jener verfallenen Grube in der That ein dergleichen geheimnißvolles Weſen, als viele mit eignen Augen geſehen haben wollten; welche Gefahr ſtand der lieben Schweſter be⸗ vor, und welcher Nutzen war von einem ſo gewagten Unternehmen zu erwarten? Schon einigemal hatte Chriſtel von einem Beſuch bei der alten Buſchmutter gelegentlich etwas fallen laſſen, und den Muth dazu konnte man ihr zutrauen! Das gute Kaͤthchen gab ſich daher anfaͤng⸗ lich alle Muͤhe, die ganze Sache ins Laͤcher⸗ hhe zu ziehen, und das Zweckloſe eines ſol⸗ hen Frevels mit den lebendigſten Farben zu ſchildern. Als aber alles Zureden nichts fruch⸗ tete, und Chriſtel mit der groͤßten Geſchwin⸗ digkeit fortfuhr, ſich anzukleiden; da malte * — 27 die beſorgte Schweſter alle Schreckbilder, welche die Fantaſie der Holz⸗ und Heidelbeerleſerinnen ſeit mehrern Jahren von der Buſchmutter aus⸗ gebruͤtet hatte, auf das furchtbarſte aus. Es konnte nicht fehlen, die einſiedleriſche Alte, falls ſie wirklich dort hauſte, war irgend ein hoͤlliſcher Unhold mit feurigen Augen und Krallen; ihr ſich nur naͤhern, hieß ſeine Seele dem Feinde des Menſchengeſchlechts muthwillig uͤberliefern! Doch Chriſtel ſtand ſchon, und zwar im Sonntagsmieder und Haͤubchen, fix und fer⸗ tig, ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf, und meinte endlich, ſie trage zu der Alten ein beſſe⸗ res Zutrauen. Dann kuͤßte ſie der Reihe nach die halbnackend herumlaufenden Kinder, ſteckte noch das ſchneeweiße Regentuch zu ſich, und trat ihre Wanderſchaft an. Und wol war es dem feurigen Maͤdchen nicht zu verdenken, daß ſie, wenn eine andere ſuͤße Hoffnung ſie taͤuſchen ſollte, ſelbſt das aͤußerſte zu wagen und bei einer ſonſt bedenklichen Hel⸗ ferin, an welche ſie aus guten Gruͤnden glaubte, 28— fuͤr ihr beaͤngſtigtes Herz Rath und Troſt zu ſuchen, entſchloſſen war. Denn... Ohngefaͤhr vor anderthalb Jahren, als ſie ihrer Gewohnheit nach mit Sonnenuntergang aus Gruͤnberg, wo ſie um Lohn naͤhte, heimkehrte, und, unweit der ſogenannten hohen Birke, zum Schutz gegen die garſtigen Muͤcken einen Wachholderzweig abbrach, ſchaute ploͤtzlich aus dem Geſtraͤuch ein ſteinfremdes, aber gar bluͤhendes, ſchwarzgelocktes Juͤnglingsgeſicht. Man kann leicht denken, wie ſehr ſie, bei aller ihrer ſonſtigen Herzhaftigkeit, erſchrak. Sie war im Walde mutterſeelenallein, und kaum ſechzehn Jahr alt; ſie war nur gewohnt, in aller Unſchuld ſeitwaͤrts hinter dem Hauben⸗ ſtreif nach den Mannsperſonen zu ſchielen, und dies Geſicht ſah ihr ſchnurgerade in die Augen. Sie ſchlug geſchwind dieſe nieder, aber das aus dem Strauch hervorblitzende, recht pech⸗ ſchwarze Augenpaar ſchien gar nicht geſonnen, ein gleiches zu thun, ſondern blieb vielmehr, wie feſtgezaubert, recht ſtarr auf ſie gerichtet. Ihre Beſtuͤrzung vermehrte ſich hierdurch ſo ſehr, daß ſie, ſchnell die Hand von dem ——— 29 Wachholderzweige zuruͤckziehend, an den Dor⸗ nen ſich ritzte; aber nun trat der Fremdling gar hervor und ergriff mit der lebhafteſten Theilnahme die verwundete Hand. Jetzt war gewiß guter Rath theuer! Zwar hatte der Anblick des zudringlichen jungen Man⸗ nes nicht eben ſo gar viel Furchtbares, und nur ſein zur Seite ſtehender, ungeheurer Hund konnte einigen Verdacht gegen ihn erwecken; allein in der That war es doch ein wenig zu kuͤhn, daß der Unbekannte, ohne viel zu reden, ſo⸗ gleich das um den Hals geſchlungene, ſeidne Tuch abknuͤpfte, und, ſeiner Sache ſo ge⸗ wiß, als waͤr' er der privilegirte Bader im Dorfe, die Wunde damit verband. 3 Vermuthlich beſaß aber dies Tuch eine ganz beſondre, ſchmerzſtillende Kraft, oder des Wundarztes ſanftes, wenn gleich nur in gebrochenem Deutſch geaͤußertes Bedauern hatte die Patientin einigermaßen mit ihm ausge⸗ ſoͤhnt; denn— von dieſem Tage an kam Chri⸗ ſtel immer ein halbes Stuͤndchen ſpaͤter, als ſonſt gewoͤhnlich, wieder heim. Schweſter Kaͤthchen hatte deſſen Anfangs 30 kein Arg; ja, ſie haͤtte vielleicht nicht das mindeſte davon gemerkt, waͤr' ihr nicht nach ohngefaͤhr acht Tagen Schweſter Chriſtel ganz außerordentlich ſtill und traurig vorgekommen. Kaͤthchen fragte um die Urſache; allein Chri⸗ ſtel wollte von nichts wiſſen. Nun hielt es die brave Steigerin fuͤr Pflicht, um uͤbler Nachrede oder wol gar einem Ungluͤck zuvor zukommen, der taͤglich mannbarer und ſchoͤner werdenden Chriſtel, ein wenig aufzulauern. Schon am naͤchſten Abend uͤbergab ſie die erwachſenern Kinder der Obhut der Nachbarin, das kleinſte der Fuͤrſorge des Windes,*) und ſchlich, ſo viel es die Gegend verſtattete, im⸗ mer hinter dem Geſtraͤuch, der Schweſter entgegen. Dieſe blieb diesmal ſogar noch laͤn⸗ ger aus, als die vorigen Male, und Kaͤth⸗ chen wuͤrde ſie, da ſie endlich kam, gewiß mit ſehr ſcharfen Fragen bewillkommt haben, waͤre das gutmuͤthige Schweſterherz nicht au⸗ *) Die Bergleute bedienen ſich einer Art Wiege, welche durch Windmuͤhlenfluͤgel in Bewegung ge⸗ ſetzt wird. 1 /˖·—·¶·¶Q¶Q— 3 I genblicklich von dem lebhafteſten Mitleid er⸗ griffen worden. Langſam, tief ſeufzend, ſchmerzhaft gen Himmel blickend und manchmal ein Thraͤnchen abwiſchend, kam Chriſtel durch die Tannen daher, und als Kaͤthchen hervorſprang und ſie recht aͤngſtlich um die Urſache ihrer Be⸗ kuͤmmerniß fragte— da fiel ihr jene weinend um den Hals, und druͤckte ihr, ohne vor Schluchzen reden zu koͤnnen, einen blitzenden Ring in die Hand. Der Steigerin Verwunderung und Be⸗ ſorgniß wurde dadurch nicht um ein kleines verſtaͤrkt und ihre Neugier ſtieg aufs hoͤchſte, als ſie den Ring gegen die eben untergehende Sonne hielt, und ihr aus der glaͤnzenden, gold⸗ nen Faſſung ein brennender Stein in der Form eines Herzens in die Augen funkelte. Sie gab ſich alle moͤgliche Muͤhe, Chriſtels Schmerz, den ſie noch nicht kannte, zu beſaͤnftigen, um nur recht bald der Loͤſung des ganz unerklaͤr⸗ lichen Raͤthſels theilhaftig zu werden. Nach und nach erfuhr ſie denn auch, was die Leſer theils ſchon wiſſen, theils vermuthen 32 koͤnnen, mit dem Zuſatze, daß ſich der wund⸗ aͤrztliche Fremdling Joſeph nenne, und bald zuruͤckzukommen verſprochen, auch zum Pfande der gelobten ewigen Treue dieſen Ring gegen Chriſtels ſilbernen, von einer Pathe geerbten Jeſusring, und gegen ſein mit Chriſtels Blute gefaͤrbtes Tuch, worauf er eben darum vor⸗ zuͤglichen Werth gelegt, ausgetauſcht habe.. Dem guten Kaͤthchen kam dies alles ziem⸗ lich bedenklich vor; da ſie jedoch auf weitere, halb verbluͤmt angeſtellte Nachforſchung nach dem Grade der unter dem neuen Liebespaar ein⸗ getretenen Vertraulichkeit, in ihrem Innern das ſittſame, gottesfuͤrchtige Maͤdchen von allem Ma⸗ kel freiſprechen mußte; ſo fiel ihr wenigſtens ein ſchwerer Stein vom Herzen, und man ver⸗ einigte ſich waͤhrend des Nachhauſegehens, daß man den Ausgang abwarten, inzwiſchen aber dem, ſtrenges Hausregiment fuͤhrenden Mann und Schwager, Andreas, alles verſchwei⸗ gen wolle. Chriſtel kam von nun an wieder auf das ordentlichſte nach Hauſe; ſie trug den Ring mit dem feurigen Herzen, den ſie nicht oͤffent⸗ ———— 3 2 9₰ lich zu tragen wagte, nahe an dem ihrigen, das dieſem Sinnbilde glich; ſie glaubte feſt an die Treue des ihr unbekannten Geliebten, und wuͤrde ſeiner Wiederkehr aus fremden Landen ziemlich getroſt entgegengeſehen haben, haͤtte nicht indeſſen ihre weibliche Neugier, von einer geheimen Aengſtlichkeit der Schwe⸗ ſter noch mehr gereizt, ſie zu einem Schritte verleitet, der ſie anfaͤnglich in große Verlegen⸗ heit ſetzte, und, felbſt als dieſe gluͤcklich ab⸗ gewandt war, doch ihr Gemuͤth oft peinlich beunruhigte. Oft, wenn Kaͤthchen des Nachts aufwachte, oder wenn Andreas angefahren und Chriſtel auf die Arbeit gegangen war, fiel die Aus⸗ wechslung des Jeſusrings und des blutbefleckten Tuchs gegen ein glutrothes, flammenwerfen⸗ des Herz, dem guten Weibe laſtend auf die Seele. Chriſtels, mit aller Schaam und Glut eines unſchuldigen, aber auch brennend ver⸗ liebten Maͤdchens, entworfene Schilderung des fremden, hochgewachſenen Juͤnglings, mit den ſchoͤnſten, kohlſchwaͤrzeſten, durch und durch blickenden Augen; manche ſeiner ausſchwei⸗ Selene II. g. H. 3 34 fenden Liebesſchwaͤrmereien, die Chriſtel mit ſtillem Wohlgefallen woͤrtlich wiederholt hatte; die eigene, oft keinen Ausdruck findende Sehn⸗ ſucht der kindlichen Schweſter, dergleichen ſie an ſich ſelbſt nie beobachtet hatte, und die ſie daher ziemlich einer Bezauberung zuſchrieb; dies alles beſtaͤrkte ſie in ihrem gleich anfaͤnglich gefaßtem Verdachte, es moͤge hier wol nicht alles mit rechten Dingen zugehen, und es ſchien ihr endlich rathſam, die Minnegabe des, der Hexerei verdaͤchtigen, Fremdlings von irgend einem Sachkundigen unterſuchen zu laſſen. Kaum war ihr dieſer Einfall gekommen, als ſie ſich's zum ſteten Geſchaͤft machte, auch die Schweſter, unter dem Anfuͤhren, es ſei doch nicht uͤbel, den Werth des Ringes zu kennen, weil ſich hieraus wieder auf Stand, Reichthum und— ernſtliche Ab⸗ ſichten des Liebhabers ſchließen laſſe, zu einer Beſichtigung zu bewegen. Sehr bald hatte ſie ihre Neugier der lie⸗ benden Chriſtel mitgetheilt, und es kam nur noch auf die Frage an, wie die Unterſuchung des verdaͤchtigen Liebespfandes zu bewerkſtelligen — 35 ſei, ohne ſich auf irgend eine Weiſe zu ver⸗ rathen, und ohne daß Andreas etwas davon erfuͤhre. Weiberfeinde verſichern, daß, ſobald Wei⸗ ber etwas unter ſich beſchloſſen haben, wovon die Maͤnner nichts wiſſen ſollen, der gute Rath ſpottwohlfeil, und die Quelle der Plaͤne aͤußerſt ergiebig ſei. Moͤgen jene ihre kecke Be⸗ hauptung im Allgemeinen beweiſen; ſonderbar genug! diesmal traf ſie ein. Sehr ſchnell hatte man ausgerechnet, daß in Elberfeld, einem etwas entfernter liegenden Staͤdtchen— denn in dem naͤchſten, wo Chriſtel arbeitete, fuͤrchtete man eine Entdeckung— eheſtens Jahrmarkt gehalten werde; ſehr ſchnell war eine Urſache ausgeſonnen, warum dort, eben dort, das allerwohlfeilſte und haltbarſte Toͤpfer⸗ geſchirr zu bekommen ſei, und ſehr ſchnell hatte der ſtrenge Hausregent, Ehrn Andreas, ſich von den beiden Schweſtern ſein:„Es ge⸗ ſchehe alſo!“ ablocken laſſen. Mit nicht ganz leichtem Herzen machten Kaͤthel und Chriſtel ſich auf den Weg; mit noch ſchwererm traten ſie in das Gewoͤlbe 36— des vorzuͤglichſten Goldſchmidts; aber eine Centnerlaſt uͤberfiel ſie, als der Goldſchmidt, nach einer kurzen Beaugenſcheinigung des Rin⸗ ges ſie ſelbſt fluͤchtig vom Haupte bis zu den Fuͤßen anſah, dann mit ins Nebenſtuͤbchen gehen hieß, nun die Brille immer putzte und wieder putzte, zuletzt aber mit langſamen Schritten an die Thuͤr ging und dieſe abriegelte. Beide in der geſpannteſten Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, zitterten, wie ein Eſpenlaub; beide verſtummten anfänglich auf des Goldſchmidts, auch Innungs⸗Aelte⸗ ſten und Stadtrichters zu Elberfeld, Amts⸗ frage: woher ſie den Ring bekommen? und waren dem Weinen nahe. Endlich ermannte ſich Chriſtel, durch den ſchaͤndlichen Verdacht eines Diebſtahls erbittert, und durch den Ge⸗ danken, daß ſie hier die Hauptperſon, und ihre Schweſter aus dieſer peinlichen Lage zu reißen verbunden ſei, aufs Aeußerſte gebracht, und verſicherte, wiewol ſtockend und uͤber und uͤber erroͤthend, ſie habe den Ring— ge⸗ funden! Das Bekenntniß, ihn von einem Liebhaber zum Geſchenk erhalten zu haben, — 37 wollte vor dem ihr ganz fremden Inquiſitor unmoͤglich uͤber ihre Zunge. Der Iuwelier haͤtte durch dieſe bedenkliche Antwort in ſeiner Vermuthung nur noch be⸗ ſtaͤrkt werden koͤnnen; allein ſeine blankgeriebe⸗ nen Augenglaͤſer hatten ihn nun auch bemer⸗ ken laſſen, daß Kaͤthchen ein recht feines, rundes Weibchen, und Chriſtel das allernet⸗ teſte Bergmannsmaͤdchen auf der Welt war, beide aber von Diebinnen oder andern ſchlech⸗ ten Weibsperſonen auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit hatten. „Gefunden? Ei, eil!“— ſagte er um ſo freundlicher, je mehr ihm bei weiterer Muſterung des artigen Schweſterpaares ſeine eigne, ſehr kontraſtirende alte Hausehre einfiel, und wollte das ſich zuruͤckziehende Chriſtelchen auf die roſenrothen Baͤckchen taͤtſchen.—„Be⸗ denkt euch wohl, lieben Leutchen! Man ſagt manchmal etwas, um dem erſten Verdruße zu entgehen, und der letzte wird weit aͤrger! Ich muß euch aufrichtig ſagen: Iſt dieſer Stein, wie ich glauben muß, ein aͤchter Ru⸗ bin, ſo iſt er unſchaͤtzbar; eine Prinzeſſin 88 koͤnnte ihn am Finger tragen! Da nun aber vor drei Wochen in der Reſidenz ein gewalti⸗ ger Diebſtahl verlüt worden, ſo erfordert meine Pflicht—— Die beiden Weiber horchten hoch auf. Kaͤthchen erſchrak nicht wenig; denn es waren gerade drei Wochen, ſeit Chriſtel den Ring bekommen hatte; der liebenden Chriſtel aber war bei aller Verlegenheit, in welche der hohe Werth des Ringes ſie jetzt verſetzte, die Nach⸗ richt davon doch nicht ganz unerwuͤnſcht. Ein ſo reizender Liebhaber, der ſolche Geſchenke gab— etwas Unrechtes konnte ſie von ihm gar nicht glauben— war doch gewiß fuͤr eine arme, vater⸗ und mutterloſe Waiſe ein nicht alltaͤgliches Gluͤck! Ermuntert durch des Goldſchmidts ſanfte Worte und mit etwas gereizter Eitelkeit faßte ſie nun den Muth, alles der Wahrheit gemaͤß zu beichten, und bat nur aufs dringendſte, ja Niemandem etwas davon zu ſagen. „Soll mich freuen, Kindchen!— erwi⸗ derte dieſer— wenn alles zu deinem Beſten ausſchlaͤgt. Ei, ei, noch ſo jung und ſolch — 39 einen Liebhaber— viel! ſehr viel! Nun, wer weiß— es iſt nichts unmoͤglich, und auf dieſen Fall rekommandire ich mich im Vor⸗ aus beſtens! Allein— vor der Hand— muß, muß, ſage ich, dieſer Ring in meiner Ver⸗ wahrung bleiben, und zwar ſo lange, bis der Eigenthuͤmer oder Schenker ihn perſoͤnlich abholen wird!“ Kaͤthel und Chriſtel mochten vorſtellen, was ſie wollten, der Juwelier blieb unerbitt⸗ lich; er verſicherte ſie, daß er ſie zwar beide fuͤr unſchuldig halte, allein der Schenker koͤnne ja den Ring, wo nicht ſelbſt geſtohlen, doch von den Dieben gekauft haben. Kurz, an ein Zuruͤckgeben ſei vor der Hand gar nicht zu denken! Betruͤbten Muthes verließen die Schwe⸗ ſtern das Gewoͤlbe und das Staͤdtchen; der Verluſt des Ringes ſchmerzte beide tief; allein weit tiefer die Moͤglichkeit des geaͤußerten Verdachts, ſo heftig auch Chriſtel unaufhoͤr⸗ lich dawider ſtritt. Dem Andreas etwas von der Sache anzuvertrauen und durch dieſen den Elberfelder Goldſchmidt in die Enge trei⸗ 40 ben zu laſſen, ſchien nun vollends ganz unmoͤglich, und gern haͤtte am Ende Chriſtel das ihr ſo werthe Andenken dem Goldſchmidte ganz gelaſſen, waͤre es ihr nur moͤglich ge⸗ weſen, an ſeine ſchreckliche Vermuthung nicht immer denken zu muͤſſen. Man kann ſich leicht vorſtellen, wie dem armen Maͤdchen von nun an zu Muthe war. Sie hatte des Tags keine Ruhe, des Nachts keinen Schlaf.—„O kaͤm' er nur ſelbſt bald zuruͤck!“— ſeufzte ſie oft im Stillen— „O Gott! laß mich nur Einmal ihn wieder⸗ ſehen, ihn unſchuldig wiſſen! Dann will ich gern ſterben!“ Mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt, kehrte ſie nach Verfluß eines halben Jahres einſt, wie gewoͤhnlich, aus der Stadt zuruͤck. Sie blickte bang und ſehnſuchtsvoll nach allen Him⸗ melsgegenden, als muͤſſe doch wenigſtens aus einer der Geliebte ſich nahen. Alles ſchien menſchenleer und oͤde; nur auf dem fernen Berge heizte die Buſchmutter ein; da— ſprang ploͤtzlich Joſephs Hund ihr liebkoſend entgegen. — 41 Es fehlte nicht viel, daß ſie nicht laut aufſchrie! Ihre freudige Hoffnung, daß nun auch der Herr nicht fern ſeyn koͤnne, wech⸗ ſelte jedoch mit dem heftigſten Erſchrecken, als eine rauhe Stimme den Hund zu ſich rief, und ſie unter dem Gebuͤſch nicht ihren Freund, ſondern einen finſtern, duͤſter ſchauenden Vier⸗ ziger ſitzen ſah, der ſchnell etwas Glaͤnzendes in ſein Raͤnzlein verbarg und gar nicht ge⸗ ſchaffen ſchien, ſich Vertrauen zu erwerben. Alle Mordgeſchichten, die ſie an langen Abenden beim Spinnrocken hatte erzaͤhlen hoͤren, traten in dieſem Augenblicke vor ihre Seele; der fremde Wanderer ſchien ihr ganz gewiß einer jener abſcheulichen Wegelaurer, von welchen Joſeph ihr einmal erzaͤhlt hatte; und wie konnte er anders zum Beſitze dieſes Hundes gelangt ſeyn, als durch die Ermordung des, wie ſie in der Minute glaubte, gewiß fuͤrſt⸗ lich⸗reichen Vorbeſitzers? Die Begierde, den Wandersmann nach der Art zu fragen, wie er zu dem Hunde gekommen ſei, und die Furcht vor ſeinen drohenden, buſchigen Augenbrauen kaͤmpften 42²— nur eine kurze Weile in ihrer Bruſt; bald ſiegte die letztere, und ſchon ſtand ſie im Be⸗ griff, eilig die Flucht zu ergreifen, als der vermeinte Raͤuber ſie mit feſtem Blick von oben bis unten maß. Sein umwoͤlktes Ge⸗ ſicht ſchien ſich nach und nach aufzuklaͤren, und ein großer Theil ihrer Bangigkeit ſchwand, als er mit ſo freundlichen Blicken, als ſeine kleinen Augen nur aufbringen konnten, ſie anredete.. „Bleibe ſie doch, ſchoͤne Jungfer!— ſagte er— Ich thue Niemand etwas zu Leid; und ihr wol am wenigſten! Kommt ſie nicht aus Gruͤnberg? He? Wie heißt ſie denn, huͤbſches Kind?“ Chriſtel ertheilte ihm von allem kuͤrzlich Beſcheid; der fremde Mann fragte weiter, immer weiter, und gab endlich ſchmunzelnd zu verſtehen, daß er einen Auftrag ſeines Herrn an ein gewiſſes ſchoͤnes Bergmannsmaͤdchen in dieſer Gegend ausrichten ſolle, das einen ge⸗ wiſſen Ring aufzuzeigen habe— „Ach! ich hab' ihn nicht mehr!“— ſeufzte Chriſtel tief, theils, weil ſie ihres — 43 Verluſts jetzt recht lebhaft gedachte, theils, weil ihr dieſer Diener ihres Joſephs etwas anſtoͤßig war;— und der Fremde warf einen bittern, veraͤchtlichen Blick auf ſie. Erſchuͤt⸗ tert durch ſeinen Unwillen, durch ſein heftiges Fragen:„Sie hat ihn nicht mehr? den Ring Joſephs nicht mehr?“ konnte ſie nicht umhin, ihm, der von ihrem Liebesgeheimniſſe ja ohne⸗ dies voͤllig unterrichtet ſchien, die ganze Ge⸗ ſchichte mit dem Iuwelier weitlaͤuftig zu er⸗ zaͤhlen. Er mußte dabei mehreremale unmaͤßig lachen, ließ ſich den Namen der Stadt und des Goldſchmidts ſagen, und ſchwur die kraͤf⸗ tigſten Eide, daß, wenn ſich alles alſo ver⸗ halte und ſie morgen mit ihm gehe, das bren⸗ nende Herz zuverlaͤſſig wieder in ihre Hand kommen ſolle. Dann, und nicht eher, werde er ihr auch von dem Befinden ſeines Herrn Nachricht geben; denn alſo laute ſein Auftrag! Hiervon war er denn auch weder durch gute Worte, noch durch ein geweintes Thraͤn⸗ chen, woruͤber er recht mit Genuß laͤchelte, abzubringen, und Chriſtel bedachte ſich daher nicht lange, gegen die Hoffnung, ihren Ring 44 und von dem Geliebten Nachricht zu erhalten, die Reiſe mit dem fremden Manne, der doch nicht eben boͤſe ſchien, zu wagen, ſondern verſprach, morgen fruͤh um dieſelbe Zeit, da ſie gewoͤhnlich nach der Stadt gehe, auf dem⸗ ſelben Flecke ſich einzufinden. Sie hielt, ſo ſehr ſie auch in der Nacht hin und her ſchwankte, um ſieben Uhr puͤnkt⸗ lich Wort, fand es aber ſehr verdruͤßlich, daß gerade in derſelben Viertelſtunde an der hohen Birke auch eine Extrapoſt gleichfalls auf jemand zu warten ſchien. Doch ihr Verdruß legte ſich bald, als ſie naͤher kam, und in dem, neben dem Wagen ſtehenden Herrn keinen an: dern, als den heute recht ſaͤuberlich, in einen etwas verblichenen, gruͤngemuſterten Pluͤſch⸗ rock gekleideten Boten der Liebe erkannte! Dieſer freute ſich ungemein, daß ſie ihr Ver⸗ ſprechen erfuͤllt habe; meinte, er werde doch die ſchoͤne Jungfer nicht ſo weit zu Fuße gehen laſſen, und noͤthigte ſie mit aller mög⸗ lichen, ihm in der That etwas ſauer wer⸗ denden Galanterie zum Einſteigen. Die lebhafte Chriſtel, die noch nie in der 45 Kutſche gefahren und durch alles Aeußere ſehr zur Freude geſtimmt war, fand es ſonderbar, doch nicht unangenehm, ſo fortgezogen zu werden; ließ ſich aber gegen ihren Begleiter nicht das mindeſte hiervon verlauten, ſondern dachte ſtill vor ſich an die Worte des Gold⸗ ſchmidts, eine Prinzeſſin duͤrfe ſich des Ringes nicht ſchaͤmen, und ſah in dieſem Fahren ſchon Etwas von fuͤrſtengleicher Hoheit. Auch ge⸗ lang es ihr recht gut, ſich in alles, als in etwas laͤngſt Gewohntes, zu finden, und ſie ſpann nun mit der ſchlaueſten Unbefangenheit, doch ohne ſonderlichen Erfolg, ein Geſpraͤch nach dem andern an, um ihren, ſehr lako⸗ niſch antwortenden Reiſegefaͤhrten uͤber ſeinen ſogenannten jungen Herrn und Patron ein wenig auszulocken. Alles, was ſie aus ſeinen Erwiederungen abmerken konnte, beſtand darin, daß er ſelbſt ihren Geliebten mit der groͤßten Anhaͤnglichkeit und Treue liebe, und daß dieſer einen ſehr wackern, aber auch ſtrengen Vater habe, ohne deſſen Einwilligung an eine Ver⸗ bindung gar nicht zu denken ſei.— Der Poſtillon ſtieß am goldnen Horne in 46 ſein meſſingnes, und wollte halten; allein der Fremde befahl ihm mit einem kraͤftigen, Chri⸗ ſteln unverſtaͤndlichen Fluche, ſogleich vor das Haus des Goldſchmidts, den er nicht allemal mit den ſchmeichelhafteſten Zunamen belegte, zu fahren, hob dort das aͤngſtlich werdende Maͤdchen aus dem Wagen, und trat mit Ha⸗ ſtigkeit in das Gewoͤlbe. Kaum hatte er den Goldſchmidt ins Auge gefaßt, als er ihn ſehr heftig zur Rechenſchaft zog, wie er ſich habe unterſtehen koͤnnen, einer unbeſcholtenen Per⸗ ſon ihr Eigenthum vorzuenthalten? wer ihn zum Aufſeher uͤber fremde Geſchenke gemacht— habe? u. ſ. w., u. ſ. w. Der Goldſchmidt, der ſeine Aelteſten⸗ und Rathsherrnwuͤrde von einem unbekannten Durch⸗ reiſenden ſehr verletzt glaubte, warf ſich nun auch in die Bruſt; beide geriethen in einen Wortwechſel, und Chriſtel fuͤrchtete ſchon, die Sache moͤge diesmal noch uͤbler, als das er⸗ ſtemal, ablaufen, als ihr Reiſegefaͤhrte den Goldſchmidt mit ziemlich herriſchem Tone er⸗ ſuchte, ſeine Begleiterin einſtweilen ſeiner 47 Frau zu uͤbergeben, indem er allein mit ihm ſprechen muͤſſe. Dies geſchah; der Elberfelder Herr Vulkan rufte ſeine wohlbetagte Cythere herein, und ging mit dem Fremden ins Kabinet; die Frau Goldſchmidtin machte einen geſegneten Anfang, die ſtockfremde Chriſtel von allen Familienzwi⸗ ſtigkeiten des Staͤdtleins Elberfeld vollſtaͤndig zu unterrichten; dieſe aber horchte nur auf das, was zuweilen aus dem Nebenſtuͤbchen hereinſcholl. Sie konnte nichts erlauſchen, als anfangs ein ziemlich leiſrs, aber langwie⸗ riges Geſpraͤch. Dann wurde es ſtill, als haͤtten ſich beide in ein andres Zimmer be⸗ geben. Der Goldſchmidt kam einigemal, im ganzen Geſicht ſchwitzend, herein, und ſuchte einige Steine und Geraͤthſchaften; dann kam er einmal wieder, einen großen Rußfleck an der Stirn, und bat hoͤflichſt, ſich die Zeit doch ja nicht lang werden zu laſſen. Schon wollte es Mittag werden, als endlich wieder Beide ſich ſehen ließen. Der Fremde brachte ihr ihren Ring, den ſie kuͤßte; der Herr Goldſchmidt bat mit tiefen Kratzfuͤßen gegen 48— ſie, mit ſcheuer Unterwuͤrfigkeit gegen ihren Begleiter, tauſendmal um Vergebung, und der Pluͤſchrock befahl, in den beſten Gaſthof des Staͤdtchens zu fahren. Hier ließ er aufſchuͤſſeln, was nur zu haben war, und mehr, als er und Jungfer Chriſtel, ſelbſt bei einem Wolfshunger, in mehrern Tagen haͤtten verzehren koͤnnen; allein deſto duͤrftiger ſiel der, von dem guten Maͤd⸗ chen ſehnlich erwartete und von dem Fremden nun endlich ausgerichtete Auftrag aus, wel⸗ cher nur darin beſtand, daß ſein junger Herr ſich recht wohl befinde und vielleicht bald ein⸗ mal wiederkomme. Dieſe Nachricht beglei⸗ tete eine goldne Halskette mit einem Kreuzchen, woruͤber Chriſtel, als uͤber einen neuen Be⸗ weis von Joſephs Liebe, ſich herzlich freute. Nachdem der Pluͤſchrock ſie unweit des Doͤrſchens wieder abgeſetzt, und von ihr, nach erhaltenem Auftrag unzaͤhlicher Gruͤße an Joſeph, Abſchied genommen hatte, eilte Chriſtel froͤhlich zu Kaͤthchen, um ihr die vor⸗ her verſchwiegene Reiſe und den ganzen Vor⸗ gang des heutigen Tages zu erzaͤhlen, und — 49 den zuruͤckerhaltenen Ring nebſt den neu er⸗ haltenen Geſchenken, zu zeigen. Kaͤthchen ſchuͤttelte anfaͤnglich den Kopf; allein bald theilte ihr redliches Schweſterherz Chriſtels Entzuͤcken, und zwar nun um ſo lieber, weil das ſchwarze Kreuzlein an der Kette wenigſtens allen heimlich gehegten Ver⸗ dacht von einer uͤbernatuͤrlichen Bezauberung der guten Schweſter, oder einer Verbindung Jofephs mit boͤſen Geiſtern, auf einmal ver⸗ nichtete. Das Amulet eines Kreuzchens konnte doch unmoͤglich aus der Hand eines Geiſter⸗ banners und Hexenmeiſters kommen! ſo wider ſein eignes Reich handelt der Boͤſe nicht! Von Zeit zu Zeit— und ſonderbar! im⸗ mer wenn es auf der Hoͤhe geraucht hatte, kamen wieder andere Abgeſandte Joſephs, welche Chriſtelchen an der hohen Birke erwar⸗ teten, und Nachricht und Geſchenke von ihrem Geliebten überbrachten; zuletzt, und abermals hatte des Morgens Buſchmutter eingeheitzt, erſchien auch einmal wieder der Thomas— ſo hatte ſich der Pluͤſchrock genannt— mit der willkommenen Nachricht, daß nun Joſeph Selene II. 8. H. 4 50 ſelbſt gewiß recht bald wiederkehren, und gro⸗ ße Freude im Steigerhauſe anrichten werde. Man wird es begreiflich finden, daß Chri⸗ ſtel von nun an bei jedem Aufſtehen gleich nach Rauch ſpaͤhte, obſchon ſie der Schweſter hievon nicht das mindeſte ſagte, aus Furcht, den alten Zauberverdacht in ihr wieder zu wecken. Allein, leider! ließ lange Zeit hin⸗ durch auch kein Woͤlkchen ſich blicken. Wochen und Monden ſchlichen dahin, und kein Bote ließ ſich ſehen; ja, um die Angſt und peinliche Lage des armen Maͤdchens noch zu vermehren, geſchah nun auch ein Eheantrag, der in jeder Hinſicht hoͤchſt ehrenvoll und vortheilhaft fuͤr ſie erſcheinen mußte. Der weit und breit hochgeachtete Schul⸗ meiſter des Doͤrfchens, in welchem Chriſtel wohnte, hatte auch ſie unterrichtet, und ihr, weil ſie ſich immer an Aufgewecktheit, wie an Gutherzigkeit, vor allen Maͤdchen aus⸗ zeichnete, ſchon als Kind eine vorzuͤgliche Liebe geſchenkt. Jetzt ſtand er im vierzigſten Jahre, und war ſeit kurzem Wittwer. Alle reiche Bauerstocher, alle artige Steigersmaͤd⸗ — 31 9 chen waͤren ihm mit Vergnuͤgen halben Weges entgegen gekommen; allein er hatte nun ein⸗ mal einſt waͤhrend der Predigt ſeiner artigen, jetzt aufs ſchoͤnſte aufgebluͤhten Schuͤlerin zu tief unter das Haͤubchen geguckt, und als einſt Steiger Andreas an der Kirche vorbei⸗ ging, rief ihm der Herr Pfarrer ſchon von ferne ein recht freundliches: Gluͤck auf! uͤber die Gartenwand zu, lud ihn auf einige Au⸗ genblicke zu ſich, und gab ihm, im Garten auf⸗ und abgehend, nach einigen Umſchweifen aufs klaͤrlichſte zu verſtehen, daß er fuͤr ſeinen Schulmeiſter einen Freiersmann um die ſlei⸗ ßige und geſetzte Chriſtel abgebe. Andreas, ein Mann von altem Schrot und Korne, dem ſich jetzt ganz unvermuthet ein ſo edles, ſilberhaltiges Geſtein zeigte, glaubte kaum recht zu hoͤren; er ſtieß den Steigerſtock ſo heftig in die Erde, daß er faſt des Pfarrers ſchoͤnſte Balſamine in Grund und Boden geſtampft haͤtte, faßte mit treu⸗ herziger Waͤrme deſſen Hand und dankte Gott mit lauter Stimme fuͤr das Gluͤck und die Ehre, die ihm und ſeinem ganzen Hauſe wi⸗ 52 derfuͤhre.—„Gottes Seegen ruht auf den beiden Schweſtern; glauben Sie es, liebſter Herr Magiſter!— ſagte er, faſt bis zu Thraͤnen geruͤhrt— Jal ſie haben es wol ge⸗ merkt, wenn der Herr Pfarrer oft ſo ſchoͤn vom vierten Gebote die Auslegung machte; ſie haben ihre blinde Mutter, ob ſie faſt noch Kinder waren, mit ihrer Haͤnde Arbeit er⸗ naͤhrt und bis zum Tode gepflegt!“ Er konnte vor inniger Freude nicht laͤnger bleiben, lief beim Schulmeiſter vorbei, rief ihm durchs Fenſter zu: Ich weiß es! ich weiß es! und eilte ſchnell nach Hauſe. Aer⸗ gerlich, daß Chriſtel auch diesmal in der Stadt war, ging er nun pfeifend, brummend, eine Melodie ſingend, im Hauſe herum. Er riß wider Gewohnheit ſelbſt Schleißen, nahm den kleinen Goͤrgel aufs Knie, kratzte ſogar ein Bergliedel auf der beſtaubten Geige. Alles wollte nichts fruchten. Das Geheimniß ſaß ihm immer auf der Zunge, um es wenigſtens Kaͤthchen mitzutheilen; allein er zwang es mit Gewalt zuruͤck, um beide Schweſtern zu⸗ — 5³3 gleich mit dem unglaublichen Gluͤcksfall zu uͤberſchuͤtten. Nun denke man ſich ſein Erſtaunen, als die Chriſtel endlich, endlich kam, er nun ohne lange Einleitung haſtig mit ſeinem Antrage hervorruͤckte, die Weiber aber einander ver⸗ legen anſahen, und Chriſtel zuletzt ein:„Man muͤſſe es uͤberlegen!“ kleinlaut hervorſtam⸗ melte. Es fehlte wenig, daß der gottesfuͤrchtige Mann diesmal nicht— fluchte!—„Gott ſoll mich... troͤſten! Seid ihr denn geſcheut, Wei⸗ ber?“— ſagte er heftig, und ballte die Faͤuſte—„Seid ihr geſcheut? Der Schul⸗ meiſter, ſag' ich,— dich— dich, Chriſtel!—“ „Ach ja wol“— verſetzte Chriſtel— „aber ſei er nur nicht boͤs auf mich, Schwa⸗ ger Andreas; ich weiß wol, daß er es gut meint; aber ich kann ihm nun heute nicht anders antworten!“ Andreas mußte ſich mit aller Gewalt zu⸗ ſammennehmen; ſeine Frau ſuchte ihn zu beſaͤnftigen, und goß damit Oel ins Feuer. Er lief mit heftigen Schritten auf und ab— 54—— „Schulmeiſterin— Naͤrrinnen— der wackere Mann— Schulmeiſterin— man denke— uͤberlegen!“— brummte er unaufhoͤrlich vor ſich, und ging endlich vor Unmuth, ganz wider ſeine Sitte, in den Krug. Von dieſem Tage an war nun in dem Steigerhauſe alle ſonſt gewohnte Ruhe und Einigkeit wie verſchwunden. Andreas ſprach faſt gar nichts, weder mit der Frau, noch mit den Kindern, am allerwenigſten mit der Schwaͤgerin, ging fruͤher aus, als er mußte, fruͤher zu Bette, als er gewohnt war; Kaͤthel hatte, ohne daß ſie der Schweſter Vorwuͤrfe daruͤber machte, wegen ihr ſo ſchlimme Zeit, als ſie vorher niemals in ihrem Eheſtande er⸗ lebt hatte, und weder ein Bote Joſephs, noch er ſelbſt, wollte ſich ſehen laſſen.— Heute endlich rauchte es wieder einmal auf der alten Halde, was Chriſtel ſtets fuͤr ein gutes Zeichen anſah, und ſie war, in der Hoff⸗ nung, daß ſie dort vielleicht etwas entdecken werde, feſt entſchloſſen, wenn ihr keiner von Joſephs Bekannten unter Wegs begegnete, 55 gerade auf den Rauch los zu gehen, und die beruͤchtigte Buſchmutter ſelbſt aufzuſuchen. Mit eilenden Schritten trat ſie ihre Reiſe an. Die Wetterprophezeihung ihrer Schweſter ſchien erſt nicht in Erfuͤllung zu gehen; eben ſo wenig war jemand an der hohen Birke zu finden. Chriſtel wanderte daher tiefer ins Holz. Nach einigen Stunden hob ſich der Nebel; es fiel ein feiner Regen, der den ſchmalen und ſteilen Waldweg aͤußerſt ſchluͤpf⸗ rig machte; das Waſſer troff von den hohen Foͤhren und Fichten; die ganze Gegend war umzogen; man ſah in der ganzen Landſchaft nichts, als den blaͤulich⸗weiß und gleich einer Saͤule aufſteigenden Rauch. Chriſtel hatte ſich in ihr Regentuch gehuͤllt, und ſchritt auf ihrem Wege unerſchrocken fort. Weit entfernt, ſich durch die Warnung eines voruͤberfahrenden Bauers: ſie ſolle ſich auf ſeinen Wagen ſetzen; er habe einige Maͤnner geſehen, die ihm ganz wie Wildchuͤtzen oder Raͤuber vorgekommen! zum Umkehren bewegen zu laſſen, diente dieſe Nachricht vielmehr dazu, ſie in Ausfuͤhrung ihres Wagſtuͤcks nur noch 56— hartnaͤckiger zu machen. Joſephs Abgeſandte hatten nun einmal nicht immer das anlockend⸗ ſte Aeußere; aber ſie ſchienen doch uͤbrigens alle recht kluge und gutmeinende Leute! Es laͤutete in der Ferne Mittag, als ſie der verrufenen Hoͤhe, von welcher ſie ganz deutlich die Rauchſaͤule aufſteigen ſah, auf ziemlich unwegſamen und ſteilem Pfade naͤher kam. Das Gebuͤſch wurde immer dichter und ſchwaͤrzer; ſelbſt der Holzweg verlor ſich nun ganz. Jetzt hoͤrte ſie einen Hund bellen; zwei andere antworteten ſogleich, und ein gar nicht liebliches Terzett ließ ſich vernehmen. Sie ſah ſich nach dem Orte um, wo der Schall herkam, und drei große, ganz dem des Joſeph und ſeiner Boten aͤhnliche Bullen⸗ beißer lagen vor dem Eingange einer Hoͤle, in welcher ſie ſehr deutlich gluͤhende Kohlen erblickte. War ſie gleich ziemlich durchnaͤßt und er⸗ ſtarrt; ſo verbreitete ſich doch, da ſie hier⸗ aus auf die Naͤhe von Menſchen ſchloß, eine Waͤrme durch alle ihre Adern, die aber au⸗ genblicklich mit toͤdtlicher Kaͤlte und einem Zit⸗ 57 tern aller Glieder abwechſelte, als ſie ſich buͤckte, und auf dem dunkeln Hintergrunde eine weibliche, nur halbmenſchliche Figur er⸗ blickte, welche die von der Frau Buſchmutter gewoͤhnlich gemachte Schilderung an Haͤßlich⸗ keit faſt noch uͤbertraf. Ein altes, zahnloſes Weib hockte auf den Knieen, nagte an einem auf dem Feuer gebratenen, zum Theil noch glimmenden Erdapfel, und blies von Zeit zu Zeit mit vollen Backen in die ausgehenden Kohlen. Man wird zugeben, daß die Lie⸗ benswuͤrdigkeit des geſpenſtigen Weſens durch dieſe Stellung und Beſchaͤftigung noch um ein großes vermehrt werden mußte. Chriſtels Herzhaftigkeit war zu Ende, und ſie wollte ſich langſam wieder davon ſchleichen, als, auf ein wiederholtes Anſchlagen der Hun⸗ de, die Alte aufblickte und die Fliehende ins Auge faßte. „Nur naͤher, nur naͤher, Maͤuschen!“— rief die Dame der Hoͤle Chriſteln mit dem allerfreundlichſten Grinſen nach—„Du biſt ja ganz pudelnaß. Nu, Nu! du brauchſt dich nicht vor mir zu fuͤrchten; ich war ein⸗ 58 mal eben ſo glatt und pimperlich, wie du jetzt! Wollte das gute Maͤdchen nun wohl oder uͤbel, ſie mußte gehorchen, und ging, von Buſchmuͤtterchen gegen die Hunde in Schutz genommen, zitternd und zagend an das Feuer. Die Alte war auch in der That weit weniger Menſchenfreſſerin, als ſie ſchien; mit einer recht handfeſten Gutmuͤthigkeit wollte ſie Chri⸗ ſteln durchaus auskleiden helfen, und obſchon dieſe es abwandte, weil das Regentuch ſie ziemlich geſchuͤtzt hatte, und uͤberdies zum Auskleiden hier gar kein ſchicklicher Ort ſchien; ſo konnte ſie doch nicht vermeiden, an ver⸗ ſchiedenen Orten ihres Geſichts und ihrer Klei⸗ der den Abdruck von der Buſchmutter rußigen Fingern, als Zeichen ihrer Freundſchaft, da⸗ von zu tragen. „Weißt du was, Maͤuschen?“— ſagte die Alte endlich—„du haſt heute zu Mit⸗ tag gewiß noch nicht gegeſſen, und drinnen im Stuͤbchen iſt's weit waͤrmer, als hier im Vorhauſe. Ich werde den Herrn fragen, ob ich dich hineinbringen darf?“ — 59 Chriſtel konnte ſich zwar von den Einwoh⸗ nern der Hoͤle ſchwerlich große Begriffe ma⸗ chen; allein die Erwaͤhnung eines Stuͤbchens reizte doch ihre Neugier, und die Nennung des Herrn gab ihr eine leiſe Vermuthung, es koͤnne doch am Ende wol gar Joſeph ſelbſt, der von ſeinen Abgeſandten gewoͤhnlich ſchlecht⸗ weg der junge Herr genannt wurde, hier zu Hauſe ſeyn. Sie ließ daher die Alte ohne Widerſpruch gehen, und ſah, durch die Spalte der geoͤffneten Thuͤr neugierig nachblickend, recht deutlich drei, um einen Tiſch ſitzende, wild ausſehende Maͤnner. Jetzt wurde ihr's auf's neue unheimlich, und ſie zweifelte kaum, daß ſie ſich in einer Raͤuberhoͤle befinde. Doch es galt hier kein weiteres Beſinnen; denn ſchon kehrte die Alte mit der frohen Nachricht des erlaubten Ein⸗ tretens zuruͤck. Chriſtel befahl ihre Seele Gott, und folgte mit lautem Herzklopfen der Alten. Ein Felſengewoͤlbe, nur von dem Feuer eines ſonderbaren Kamins erleuchtet; ein im Grunde befindlicher eiſerner Geldkaſten; einige Tiegel, voll einer geſchmolzenen Maſſe, mit 60 Zangen und andern Inſtrumenten umgeben; einige umherliegende Seitengewehre, und die fremde Sprache der drei, an einem ſteiner⸗ nen Tiſche weidlich ſchmaußenden Maͤnner, in welcher die gute Chriſtel das beruͤchtigte Roth⸗ welſch, oder die Spitzbubenſprache zu erkennen glaubte, waren nicht dazu geeignet, ihr eine beſſere Meinung beizubringen; aber wie ward ihr erſt zu Muthe, als der eine der Maͤnner mit einem, ihr unverſtaͤndlichen Freudenge⸗ ſchrei aufſprang, und ſie in dieſem den Pluͤſch⸗ rock erkannte? Der finſtre Thomas ergriff hoͤchſt froͤhlich ihre Hand, und fuͤhrte ſie zu dem Aelteſten der Geſellſchaft, einem Greis mit Ehrfurcht gebietendem, eisgrauem Schei⸗ tel, welcher das Haupt der uͤbrigen zu ſeyn ſchien. In dieſem Augenblicke feſt uͤberzeugt, ihr Joſeph gehoͤre zu einer Raͤuberbande, konnte ſie ſich kaum laͤnger aufrecht erhalten; allein ihre Furcht nahm in etwas ab, als der ma⸗ jeſtaͤtiſche Greis ſich liebreich und mit Wohl⸗ gefallen zu ihr wandte. „ Fuͤrchte dich nicht, meine Tochter!“— 61 rief er ihr zu, und reichte ihr einen mit Wein gefuͤllten Becher—„du biſt unter ehr⸗ lichen Leuten, wenn dir gleich unſer Aufent⸗ halt und Gewerbe verdaͤchtig ſcheinen kann. Trink und ſei ohne Furcht! Deinetwegen habe ich in meinen alten Tagen die weite Reiſe nicht geſcheut; hat er mir doch faſt zwei Jahre Tag und Nacht in den Ohren ge⸗ legen; und iſt dein Herz, wie deine Geſtalt, ſo wird mein Joſeph gewiß mit dir gluͤcklich. O waͤr er doch gleich hier, um dich zu ſehen—“ „Er iſt nicht hier?“— ſeufzte Chriſtel aͤußerſt beklommen.“ „Er miuß dich verfehlt haben! Schon mit Tagesanbruch iſt er fort, um dich durch ſeine Zuruͤckkunft zu uͤberraſchen“— antwor⸗ tete der Greis. „Er wollte dir auf dem Wege nach Gruͤn⸗ erg begegnen!“— ſetzte Thomas hinzu. Chriſtel, die ſich freilich aus mehrern Gruͤnden noch nicht von ganzem Herzen freuen konnte, erzaͤhlte nun, daß ſie heute nicht in die Stadt gegangen ſei, ſondern— aus hal⸗ ber Verzweiflung einen Beſuch bei der Buſch⸗ 62— mutter gewagt habe, und der Alite bezeigte ihr ſeinen Beifall uͤber ihre muthvolle Liebe. Thomas und der andere Tiſchgefaͤhrte gingen aus, um Joſeph zu ſuchen, kamen aber un⸗ verrichteter Sache wieder. Thomas ſagte dem Alten einige Worte in der unbekannten Spra⸗ che, und dieſer ward etwas unruhig. „Siehſt du ihn heute nicht, ſo ſiehſt du ihn morgen gewiß!“— ſagte endlich, recht mit Innigkeit, der Greis—„Geh' jetzt heim, damit du zu rechter Zeit wieder ein⸗ triffſt, und erzaͤhle vor der Hand von der Buſchmutter ſo abſcheuliche Dinge, als du nur aufbringen kannſt. Thomas wird dich begleiten.“ Der Alte ſprach hierauf mit Thomas noch einiges allein, und ſie machte ſich, ohne zu einer feſten Ueberzeugung kommen zu koͤnnen, unter des einſtmaligen Pluͤſchrocks Begleitung, wieder auf den Weg. Alle ihre Fragen an dieſen nach Joſephs Stande und nach den Geſchaͤften in der Hoͤle blieben unbeantwortet. Sie werde ihn bald ſelbſt ſehen— antwortete der Finſtre— und zu ſeiner Zeit alles, was — 63 ihr gut ſei, erfahren; der alte Herr, der Marino heiße, ſcheine großen Gefallen an ihr zu finden, und dafuͤr moͤge ſie immer ihrer Heiligen auf den Knieen danken!“— An der hohen Birke ging Thomas ſeines Weges, und Chriſtel, uͤber das Sonderbare ihrer Liebſchaft nicht ohne Unruhe nachdenkend, ſchlenderte langſam nach ihrem Doͤrfchen, von wo aus ihr ein ganz ungewoͤhnliches Getuͤm⸗ mel entgegen ſcholl. Sie fragte den erſten Begegnenden um die Urſache, und hoͤrte, man habe einen Raͤu⸗ ber gefangen genommen; ſie ging weiter, und ſahe das im Eingange des Doͤrfchens gelegene Haus des Richters mit Menſchen umringt; ſie hoͤrte mit der groͤßten Beſtuͤrzung den Na⸗ men ihres Schwagers nennen, und draͤngte ſich hindurch; ſie riß die Thuͤre auf, und erblickte in einer Ecke ihren Schwager, den man eben verkunden hatte, auf dem Tiſch einen blutigen Saͤbel, im Hintergrunde der Stube aber, von bewaffneten Maͤnnern und mit Stricken gebunden,— ihren Joſeph! Erbleichend vor toͤdtlichem Schreck, ſtand 64 ſie einige Augenblicke unbeweglich, ungewiß, zu welchem der beiden Ungluͤcklichen zuerſt ſie ſich wenden ſolle; allein, da Joſeph ihr zu⸗ rief, und ſie ermunterte, nur Muth zu faſſen, weil er weder ein Raͤuber, noch ein Moͤrder ſei, da ſiegte ihre ſo lange von tauſend Be⸗ kuͤmmerniſſen heaͤngſtigte Liebe, und ſie flog Joſeph, trotz ſeiner Banden, weinend um den Hals. 1 Andreas fuͤhlte den Schmerz ſeiner Wun⸗ den eine Zeit lang weniger, weil ihn dies unerklaͤrliche Benehmen der, ſonſt ſo ſittſamen Schwaͤgerin, dieſe ihre Vertraulichkeit gegen einen, den er fuͤr einen Landſtreicher und Verbrecher hielt, weit heftiger ſchmerzte.— „Chriſtel! Schwaͤgerin!“— rief er ihr er⸗ ſchrocken zu—„komm zu mir her; hier iſt dein Platz!“ 1Et. Jetzt trat denn auch das jammernde Kaͤth⸗ chen, und faſt zu gleicher Zeit ein Kommando Soldaten ein, welches den Arreſtanten in das Amt Gruͤnberg, wohin das Doͤrfchen gehoͤrte, abfuͤhren ſollte. Man kann denken, welchen Eindruck dies beides auf das arme Maͤdchen machte. Dennoch hoͤrte ſie nun blos auf die Stimme der aͤltern Pflicht und das Wehklagen ihrer Schweſter; nahm zaͤrtlich, doch ſtand⸗ haft, von Joſeph Abſchied, und half den verwundeten Schwager in ſein Haus ſchaffen. Andreas konnte jedoch nicht eeher Ruhe finden, bis ihm die Schweſtern das Geheimniß, ſo weit noͤthig, anvertraut hatten. Seine Wunden in Schulter und Bruſt ſchienen keine Hiebe oder Stiche, doch waren ſeine Kraͤfte von ſtarkem Blutverluſt ſehr erſchoͤpft. „Darum alſo wollteſt du den Herrn Schul⸗ meiſter nicht? arme Schwaͤgerin!“— ſagte er, alle Lebensgeiſter ſammelnd, in der Nacht zu den wachenden Weibern—„Nun! ein Moͤrder iſt der Fremde nicht: nein! das war nicht ſein Wille; aber, wie es ſonſt mit ihm ſtehen mag, das weiß Gott!“— So war denn wenigſtens Eine Angſt von Chriſtels Herzen genommen, obſchon noch genug andere Beſorgniſſe auf daſſelbe druͤckten. Sie weinte unablaͤſſig, bis es tagte, und war am Morgen feſt entſchloſſen, ihren Geliebten, komme es nun auch, wie es wolle, in ſeinem Selene II. 8. H. 5 66 Ungluͤck nicht zu verlaſſen. Mit Sonnenauf⸗ gang ſtand ſie auf, um Thomas oder Marino aufzuſuchen, und zu Joſephs Huͤlfe aufzuru⸗ fen. Andreas ſchlummerte noch, und Kaͤthel war ſelbſt viel zu bewegt, als daß ſie ſie daran haͤtte hindern ſollen. Schon an der hohen Birke ward ſie Tho⸗ mas und Marino gewahr. Jener hatte von der Verhaftung Joſephs etwas, wiewol nichts gewiſſes, gehoͤrt, und dem Alten Nachricht gebracht; allein beide mußten den Morgen abwarten, um naͤhere Erkundigung einzu⸗ ziehen. Freiwillig erbot ſich Chriſtel, ſie nach dem Amte zu fuͤhren. Da der Alte vorgelaſſen wurde, behauptete er, daß ſein Sohn nur in der Hitze etwas Unrechtes begangen haben koͤnne, und erbot ſich zu einer Caution von tauſend Dukaten. Allein weit gefehlt, daß dies Anerbieten Jo⸗ ſephs Befreiung bewirkt haͤtte, ſo beſtaͤtigte ſie vielmehr den Amtmann in ſeiner Vermu⸗ thung, alle Fremdlinge moͤchten zu einer, da⸗ mals ſehr beruͤchtigten Bande gehoͤren. Er ließ daher nicht nur den Alten und Thomas, — 6 7 obſchon beide die unverwerflichſten Reiſepaͤſſe aus Turin, erſter ſogar ein mediciniſches Doktordiplom der Univerſitaͤt Pavia vor⸗ zeigte, ſondern auch die arme Chriſtel in Ver⸗ wahrung bringen. Die Unterſuchung nahm ſodann ihren An⸗ fang, und bei der erſten Vernehmung ergab ſich ohngefaͤhr Folgendes: Joſeph hatte auf dem Wege nach Gruͤn⸗ berg ſeine Geliebte verfehlt. Da ſie nicht kam, beſchloß er, bis zum Abende in der Naͤhe zu verweilen. Er ſtrich hin und her, und ein offenſtehender Stolln im Revier des Andreas hatte ihn angelockt, ſich dort ein wenig umzuſehen. Hier traf ihn dieſer im Begriff, von dem Geſtein etwas abzuhauen. Der Pflichteifer des ehrlichen Steigers erblickte ſogleich einen Bergdieb in ihm, und wurde darin durch das an des Fremdlings Seite haͤngende lederne Saͤckchen noch mehr beſtaͤrkt. Andreas konnte nun nicht weniger thun, als ihm vorerſt Schlaͤgel und Eiſen, nebſt dem Saͤckchen abzufodern. Das erſte ließ ſich Jo⸗ — — 68 ſeph willig nehmen, weil er wol einſah, ge⸗ fehlt zu haben; deſto hartnaͤckiger aber ver⸗ weigerte er die Ablieferung des letztern, deſſen Inhalt an verſchiedenen Erdarten, Bergſtufen und Edelſteinen er vorzeigte. Durch dieſen Anblick nur noch hitziger gemacht, drang An⸗ dreas ſchaͤrfer auf Auslieferung des Saͤckchens. Es kam vom Wortwechſel zum Balgen; aber der Kampf fiel fuͤr Andreas ſehr uͤbel aus, weil Joſephs Hund, der ihm heimlich gefolgt war und ſeine Spur gefunden hatte, ſich ganz unvermuthet darein miſchte und den Steiger wuͤtend an der Schulter faßte. Andreas, der Joſephs, in fremder Sprache geſchehenes Ab⸗ rufen des Hundes fuͤr Anhetzen hielt, wehrte ſich gegen beide aus Leibeskraͤften; der Hund ward immer grimmiger, und Joſeph mußte endlich zur Rettung des Steigers das letzte Mittel anwenden, und den treuen Hund mit ſeinem Saͤbel niederhauen. Kaum war dies geſchehen, als mehrere Bergleute, durch das Geſchrei herbeigelockt und von der Verwundung ihres Steigers aufs heftigſte gereizt, ſich Jo⸗ ſephs bemeiſterten, um ihn den Haͤnden der —— 69 Juſtiz, und, wie ſie ſicher hoften, wenigſtens dem Rade zu uͤberliefern. Dem Amtmanne war dieſer Sachverlauf nicht ganz nach Sinne. Er hatte ſich mit der angenehmen Hoffnung geſchmeichelt, wo nicht den beruͤhmten und beruͤchtigten Dra⸗ chenſtoͤbrer ſelbſt, doch den ſchwarzen Dikumdei, oder den Henker von Pe⸗ gau, allerwenigſtens aber den Dukaten⸗ toffel*) erwiſcht zu haben, durch deſſen exemplariſche Juſtificirung einſt große Cele⸗ britaͤt, bei deſſen Vernehmung fuͤr das „Gruͤndliche Kießler⸗ und Staͤpler⸗ d. i. Diebs⸗ und Brandbettler⸗Idio⸗ tikon,“ an welchem der Herr Amtmann ſeit langen Jahren ſammelte, eine reiche Ausbeute zu erwarten ſtand. Statt deſſen fand ſich nun, leider! nur ein junger, ſehr gelaſſen bleibender Menſch, der nichts weniger, als *) Diebsnamen des Hauptmanns und einiger Mitglieder einer um das Jahr 1733 ſehr beruͤch⸗ tigten Raͤuberbande, die ſich ſelbſt die Saͤchſiſche Familie nannte. 8 70 gut cochem*) war, wol aber ſeines eignen Feindes Leben gerettet hatte, und auf den, dem Anſcheine nach, ſchwerlich etwas anders, als etwa beabſichtigte Ausfuͤhrung der weißen Erde oder Verſchleppung der Landedelſteine zu bringen war, mithin, nach den allgemach, leider! einreißenden gelin⸗ dern Grundſaͤtzen, hoͤchſtens ein lebenslaͤnglicher Zuchthaus⸗Kandidat! Um jedoch alles zu thun, was ſeines Am⸗ tes ſei, und weil doch auch die Inhaftaten ſehr bei Mitteln ſchienen, ſo beſchloß der Amtmann, alles ſo ernſt anzugreifen, als ſich ohne Verantwortung nur thun laſſe. Er un⸗ terſagte daher nicht nur aufs ſtrengſte alle Kommunikation unter ſaͤmmtlichen, wie er ſich auszudruͤcken beliebte, Komplicen, ſondern er befahl auch, ihnen nur Waſſer und Brot zu reichen, auch allen uͤbrigen, wie zeither nur bei Joſeph geſchehen war, eine Bein⸗ ſchelle anzulegen. *) Gut ecochem ſeyn, d. i, die Diebsſprache verſtehen. Dies emporte den Alten, der bis jetzt noch gar nicht vernommen worden war, aufs aͤu⸗ ßerſte. Er ſchickte durch den Gerichtsfrohn dem Amtmanne einen ſehr heftigen, drohen⸗ den Brief, worin er ſchlechterdings noch die⸗ ſen Tag eine geheime Unterredung verlangte, und ſich auf den Schutz einiger, ſehr bedeu⸗ tenden Auslaͤnder bei Hofe berief. Der Amtmann, gegen Geringere ein Loͤwe, gegen Hoͤhere ein Wurm, der das Wort: Hof, niemals leſen konnte, ohne unwillkuͤhrlich den Nuͤcken zu kruͤmmen, machte große Augen; er fand gerathen, etwas ſaͤuberlich mit dem Kindlein zu verfahren, und der Alte wurde daher ſofort durch den langen, mit Bildniſſen beruͤhmter Spitzbuben aufs ſchoͤnſte verzierten Gang, in's Verhoͤr gebracht. Von neuem ſoderte hier Marino mit ſehr beſtimmtem Tone die Entfernung aller Zeugen, und der Amtmann gab, ihn von oben bis unten mit den Augen meſſend, dem Gerichts⸗ diener einen Wink, nur im Nothfalle bei der Hand zu ſeyn. „Ich will Ihnen nunmehr das Verſtaͤnd⸗ — ̈—— 2—x —8 niß oͤffnen“— fing jetzt Marino an, und ſetzte ſich gemaͤchlich nieder—„damit Sie ſehen, wir ſind weder Diebe, noch Moͤrder!— Schon ſeit einem Jahrhundert giebt es im Piemonteſiſchen einige Familien, welche in Erzeugung, Zeitigung und Zerſetzung der Mineralien große Vortheile beſitzen, und ſolche von Vater auf Sohn forterben. Sie beduͤrfen dazu auch verſchiedener auslaͤndiſcher Erdarten, die zwar fuͤr die nicht Eingeweihten durchaus keinen Werth haben, aber deſſen ungeachtet nur heimlich erlangt werden muͤſſen, weil man ſonſt Verdacht ſchoͤpfen und vielleicht das Ge⸗ heimniß erpreſſen wuͤrde. Dieſe Maͤnner ſen⸗ den daher von Zeit zu Zeit auch hieher einige ihrer Angehoͤrigen in geringer Kleidung, welche ſich, ſo viel moͤglich, verborgen halten; wenn ſie ja nicht anders koͤnnen, bald fuͤr fremde Kuxkraͤnzler, bald fuͤr Glashaͤndler oder der⸗ gleichen ſich ausgeben, und von dem gemeinen Volke unter dem Namen welſcher Ruthen⸗ gaͤnger gekannt und hoͤchlich geehrt werden. Wenn ſie in dieſe Gegend kommen, pflegen ſie gewoͤhnlich in der, durch eine alte Geſpen⸗ — — 73 ſterſage vor ungelegenen Beſuchen geſicherten Hoͤle der ſogenannten Buſchmutter einzukehren, auch dort, zu Verminderung ihrer Laſt, die gewonnene Erde oft ſogleich zu ſchmelzen. Der davon aufſteigende Rauch hat in der Nachbarſchaft ein, ich weiß nicht, was fuͤr ein furchtbares Anſehn erlangt, und die alte Frau, die Wittwe eines uns ehemals erge⸗ benen Bergmanns, findet zuweilen einen eignen Gefallen daran, die zu kuͤhnen Wan⸗ derer zu necken, und die von ihr herumge⸗ hende Furcht, ſo viel es ſich thun laͤßt, zu erhalten.“ „Beſagter Fleck gehoͤrt nicht in meinen Jurisdictionsbezirk,“— antwortete der Amt⸗ mann, der bis jetzt Maul und Naſe aufge⸗ ſperrt hatte, mit einer Amtsmiene—„an⸗ ſonſt ich dieſem Unfug laͤngſt geſteuert, dieſes Geiſterneſt laͤngſt eigener Perſon demolirt haben wuͤrde!“ „Auch ich mit den Meinigen“— fuhr der Alte ſort—„gehoͤre zu dieſen Familien, habe mir aber ſtets Muͤhe gegeben, das von meinen Voraͤltern mir hinterlaſſene Arkanum 74— zu vervollkommnen, und neue Entdeckungen zu machen. Nicht nur ich, ſondern auch ſpaͤterhin mein Sohn, haben daher zu Pavia alle in das chemiſche und mineralogiſche Fach gehoͤrige Wiſſenſchaften erlernt, und wir duͤr⸗ fen uns ruͤhmen, manches entdeckt zu haben, was ſelbſt den Kenner in Verwunderung ſetzen muß!““. „Wie ſagen Sie?“— ſiel der Amtmann in's Wort—„Eben will mir beifallen— reden Sie doch weiter! Mein Gott! reden Sie doch!“— Er vergaß ſich ſo weit, Inhaftaten Taback zu praͤſentiren—„Be⸗ lieben Sie?“ „Eins unſrer vorzuͤglichſten Geheimniſſe“— erwiderte Marino—„beſteht in der kuͤnſt⸗ lichen Erzeugung, Bereitung und Schmel⸗ zung der Edelgeſteine, welche zwar ein geuͤb⸗ tes Auge von den gewachſenen leicht unter⸗ ſcheidet, die aber dennoch der Natur aͤußerſt nahe kommen. Ich kann verſichern—— „Was ſagen Sie?“— fiel der Amt⸗ mann nochmals ein, wurde bald blaß, bald roth, und holte, vor Freude und Angſt zit⸗ X 75 ternd, hurtig ein kuͤrzlich erhaltnes Blatt des privilegirten Staats⸗ und Gelehr⸗ ten⸗Spions herzu.—„Leſen Sie, ich bitte Sie, mein Herr Doctor! leſen Sie dies Avertiſſement, das, wie ich gewiß weiß — er ſagte das kommende aus tiefem Reſpekt nur halblaut—„ſich unmittelbar, ſage un⸗ mittelbar von ſeiner Excellenz, des Herrn, Herrn salvis titulis Grafen von Silber⸗ fels, eines großen Liebhabers in Chymicis und Alchymicis, und Potentissimi aller⸗ hoͤchſter rechter Hand— unmittelbar, ſage ich unterthaͤnigſt, von deſſelben Herrn Secre⸗ tario herſchreibt. Potentissimus ſelbſt ſoll, wie man verſichert, den Stein der Weiſen— doch ich ſchweige in Ehrfurcht!“ Der Greis las mit einiger Verwunderung eine Aufforderung des Inhalts: „Es hat ſich am(Jahr und Tag) bei einem gewiſſen Goldſchmidte in N. N. ein fremder Paſſagier(hier folgte die Beſchreibung, in etwas verfeinerter Steckbriefsmanier) in Begleitung eines jungen, gleichergeſtalt unbe⸗ kannten Maͤdchens, in Betreff der Zuruͤckbe⸗ 76— haͤndigung eines, mit einem rothen, herz⸗ foͤrmigen Steine verſehenen Ringes, eingefun⸗ den, und denſelben aus ſonderlicher, quasi kollegialiſcher Hochachtung, auch Werthſchaͤ⸗ tzung der von beſagtem Goldſchmidt geaͤußerten Kenntniſſe, die Praͤparation und Zeitigung gewiſſer Steine zu lehren verſprochen, dazu auch demſelben ein kleines Puͤlverlein guͤtigſt hinterlaſſen. Da nun ſolches Pulver bei an⸗ geſtelltem Verſuche ſich auf das ſchoͤnſte appro⸗ biret, gleichwol in kurzem konſumiret, dem Goldſchmidte aber das wahre Arkanum, naͤm⸗ lich die Bereitung beſagten Tinctur⸗Pulvers, zur Zeit nicht bekannt worden; als wird ob⸗ beſchriebener Paſſagier, oder wem ſonſt von der Zubereitung ſolches Pulvers einige Wiſſen⸗ ſchaft beiwohnen ſollte, auf Veranlaſſung eines hohen Freundes der Natur, resp. veranlaßt und hoͤflichſt erſucht, ſich ehemoͤglichſt in der Expedition dieſer Zeitung perſoͤnlich oder in Schriften zu melden, woſelbſt ihm weitere, zweifelsohne ſehr angenehme Auskunft er⸗ theilt werden ſoll.“— „Nun, Herr Amtmann!“— fing der 7⁷ Greis ſpöttiſch an, indem er das Blatt aus der Hand legte—„Ich haͤtte doch Ihrem Scharfblick ein mehreres zugetraut! Der fremde Paſſagier, der den Goldſchmidt zu Gruͤnberg laͤcherlich zu machen drohte, weil der— ver⸗ zeihen Sie!— der Eſel einen unaͤchten Ru⸗ bin fuͤr einen aͤchten anſah, der ihm zuletzt auf vieles Flehen und Betteln ein wenig Pul⸗ ver zuruͤckließ, war kein andrer, als— „Als wer? als wer?“— ſchrie der Amt⸗ mann—„Reden Sie! ich will es vergelten! auf den Haͤnden will ich Sie aus der Frohn⸗ veſte tragen!—“ „Nun wer anders, als mein Diener und Mitgefangener, Thomas?“ „Wo hatte ich die Augen! wo hatte ich ſie!“— fing der Amtmann aufs neue an, und rannte, wie im Paroxismus, ſich immer vor den Kopf ſchlagend, in der Stube her⸗ um—„O die Schande uͤberlebe ich nicht! ich! ich!— Gerichtsfrohn! he! Gerichts⸗ frohn!“— Der Knecht kam ſchnell herbei, im Glauben, Inhaftat faſſe den Amtmann beim Kragen—„Geſchwind, augenblicklich 78— den fremden Herrn— den fremden Herrn— hoͤrt er denn nicht?— den Herrn Thomas!“ Thomas wurde eiligſt herbeigeſchaft, und als der Amtmann das Signalentent von Wort zu Wort mit deſſen Geſtalt verglich, war er augenblicklich uͤberzeugt, dieſer ſei— mit Aus⸗ nahme des Pluͤſchrocks— wirklich der Be⸗ ſchriebene. Er lief noch einigemal, angſtſchwitzend, auf und ab, hieß dann augenblicklich den Amtsfrohn ſich— zum Teufel ſcheren, und dem jungen Herrn Joſeph auch einſtweilen die Ketten abnehmen, die Mamſell Chriſtel aber gaͤnzlich entlaſſen, und lud— Herrn Doctor Marino mit Herrn Famulo Thomas freundlichſt zu Tiſche. Der Aktuarius mußte ihnen bis dahin Geſellſchaft leiſten; er ſelbſt fertigte augenblicklich eine Staffette an Sr. Hochgraͤfl. Excellenz ab. Der Graf Silberfels meldete in wenig Tagen zuruͤck, daß er bei Gelegenheit einer in dortiger Gegend zu haltenden Schweinsjagd ſelbſt beim Amtmanne einzuſprechen gedaͤchte, und dieſer, durch eine ſo auszeichnende Ehre — 79 voͤllig berauſcht, ſchien von nun an ein ganz andrer Menſch zu ſeyn. Kaum berichtete der Phyſicus, daß des Andreas Wunden ſich zu⸗ ſehens beſſerten, ſo fuͤhlte der Amtmann ſo⸗ gar gleich, als haͤtt' er einen Kurſus bei den beſten, ſpaͤterhin beruͤhmt gewordenen Krimi⸗ nal⸗Familiengemaͤlde⸗Dichtern gemacht, eine unwiderſtehliche Regung von Nachſicht gegen jugendliche Leidenſchaft, verſtattete von freien Stuͤcken eine außerordentlich ruͤhrende Zuſam⸗ menkunft Joſephs und Chriſtelchens im Kerker, und bedauerte nur, ihn nicht ſogleich entlaſſen zu duͤrfen, maßen er ihn quasi als Geißel der andern Herren welſchen Ruthengaͤnger be⸗ trachte, auch Sr. Excellenz in den Werken der Menſchenfreundlichkeit und Großmuth vor⸗ zugreifen ſich nicht erkuͤhne. Dagegen flehte er den gelehrten Herrn Marino um freund⸗ lichen Rath und Beiſtand an, um ſich der Gunſt Sr. Excellenz zu ewigen Zeiten auf die nachdruͤcklichſte Weiſe zu empfehlen, und ließ endlich, um das Herz des Guͤnſtlings gleich⸗ ſam mit Gewalt zu erobern, in einem Ge⸗ woͤlbe des Amthauſes, uͤber deſſen aͤußern Ein⸗ 30— touche und Nickel Liſt wegzunehmen ver⸗ gaß, mit moͤglichſter Pracht eine Art von Laboratorium mit einer Ehrenpforte errichten. Schon Tages darauf verkuͤndigte ein im Staͤdtlein Gruͤnberg unerhoͤrtes Geraſſel die Ankunft des Grafen, und verſetzte die geſammte, mit ungeheuern Baͤndern der Hoffarbe para⸗ dirende Jugend der Amtsfroͤhnerſchaft in Zit⸗ tern und Beben. Der Amtmann, von Sr. Excellenz beim Ausſteigen auf die Achſel ge⸗ klopft und mit der Anrede: mein lieber Amt⸗ mann! begruͤßt, kannte nichts angelegentli⸗ cheres, als den hohen Goͤnner alſofort in das Laboratorium zu fuͤhren, ihm daſelbſt die Herrn Steinmacher, als ſeine wertheſten Freunde, vorzuſtellen, und zugleich den, blos aus Liebe zur Mineralogie in einen leicht verzeihlichen Fehler verfallenen jungen Herrn Giuſeppe Marino der hohen Gnade des allberuͤhmteſten Beſchuͤtzers der Wiſſenſchaften auf das ſub⸗ miſſeſte zu empfehlen. Der Graf ließ ſich mit Marino in ein Geſpraͤch ein, und da er ſich bald uͤberzeugte, gang man in der Eil das Contrefait des Car⸗ 81 daß es hier fuͤr ſein Steckenpferdchen fette Weide gebe, uͤbrigens Andreas, durch Chri⸗ ſtels Arretirung und die Thraͤnen ſeines Wei⸗ bes tief erſchuͤttert, freiwillig aller perſoͤnli⸗ chen Genugthuung entſagt hatte, ſo war an Fortſtellung der Unterſuchung gar nicht weiter zu denken. Auch Joſeph mußte herbeigeholt werden; man machte ſogleich einige Experi⸗ mente; der Graf ſah vieles, wovon er vor⸗ her nichts geahnt hatte, und gewann den jungen Marino wegen ſeines feinen Anſehens und guten Betragens außerordentlich lieb. Er gab ihm daher ſelbſt unter den Fuß, ſeine Kenntniſſe bei der Bergakademie pruͤfen und ſich alhier anſtellen zu laſſen: der aͤltere und juͤngere Marino hatten nichts dawider, und der Graf nahm Joſeph bei ſeiner Abreiſe ſo⸗ gleich mit ſich. Joſeph, der ihm gar nicht mehr von der Seite durfte, gewann nur mit Noth einige Augenblicke, um ſeine Chriſtel einmal zu kuͤſſen, und ihr zu ſagen, ſie ſolle ihm fein treu bleiben; er komme bald wieder, um ſie zu heirathen! Waͤhrend Joſephs Abweſenheit kam der Selene II. 8. H. 6 82 alte Marino oft zu Andreas; beide fingen an, große Stuͤcke auf einander zu halten, und Kaͤthel und Chriſtel wuͤrden ſchon jetzt wie im Himmel gelebt haben, haͤtte nicht Andreas zu erkennen gegeben, daß er, ſo gern er auch wolle, in die Heirath— wegen Ver⸗ ſchiedenheit des Glaubens, dennoch nicht willi⸗ gen koͤnne. Dieſen Gedanken zu beſtreiten, wurde jedoch vom alten Marino der ehrwuͤrdige Pfarr⸗ herr in Bewegung geſetzt, und kaum fing An⸗ dreas an zu wanken, als ganz zur rechten Zeit Joſeph mit den ruͤhmlichſten Zeugniſſen und der Ernennung als Bergguardein zuruͤck⸗ kehrte. Nun konnte Andreas der Verſicherung ſeines Beichtvaters, daß ſein Gewiſſen hier⸗ durch nicht verletzt werde, dem Flehen des Juͤnglings, den Gruͤnden des ehrwuͤrdigen Marino's, den Bitten der Weiber und— der Ehre, eines Bergquardeins Schwager zu heißen, unmoͤglich laͤnger widerſtehen. Das gute Kaͤthel ſchnitt am naͤchſten Sonn⸗ tagsmorgen mit eigner Hand den Rosmarin und die Mirthe zum Kraͤnzlein fuͤr die, vor —— 83 Freuden weinende Chriſtel. Die Berghaut⸗ boiſten blieſen und fiedelten, daß faſt die Wald⸗ hoͤrner ſprangen und die Saiten riſſen, erſt geiſtliche, dann weltliche Lieder; Thomas ging im gemuͤſterten Pluͤſchrock, die ganze Knapp⸗ ſchaft in Feierkleidern einher, und ſelbſt der brave Schulmeiſter troͤſtete ſich, weil er an demſelben Tage mit einer reichen Pachters⸗ tochter getraut wurde, die, nach ſeiner Ueber⸗ zeugung, der kuͤnftigen Frau Bergguardeinin wie aus den Augen geſchnitten war!— Friedrich Kind. 84— Wahll. Eines mußt du von beiden: dem Geiſte willig ge⸗ horchen, oder, erſchreckt dich der Geiſt, folgen der reinen Natur. Was du auch thuſt, entgehſt du doch keinem; es führet der Geiſt dich ſtets zu der Schweſter Natur, ſtets die Natur zu dem Geiſt. H— h. Das doppelte Boͤſe. Was mehr peinigt, ich weiß es, ach, nicht: ob eitles Verlangen, oder, erſcheinet das Gut, nicht zu erregender Sinn. Jenes quaͤlet und druͤckt, und dieſes beſchraͤnkt und verdrießt uns; beſſer waͤr' es gewiß, ließen uns beide verſchont. H— h. 3 — — —— Zur Erinnerung an den 15ten May dieſes Jahres.*) Ich war an dieſem Tage zum erſtenmal beim Grafen** x. Ich war von der Stadt aus auf ſein Schloß geritten, den Park und was ſich ſonſt noch faͤnde, mir anzuſehn, ohne daß ich wußte, der Beſitzer ſei einige Tage vor⸗ her angekommen. Einige ſeiner Leute hatten mich bemerkt, und erkannt; ſeine Gaſtfreiheit mich den Mittag bewirthet. Als wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, gab er mir den Erzieher ſeines Sohnes mit, mich im Park zu geleiten. Ich hatte mit dieſem trefflichen Manne ſchnell und leicht ziemlich nahe Bekanntſchaft gemacht— wie denn das immer Maͤnnern ge⸗ lingt, die beim erſten Zuſammentreffen fuͤhlen, ſie paſſen fuͤr einander—— *) Von Wien aus eingeſandt. 86 Bei alle dem, fuhr ich in unſrer Unter⸗ haltung fort, indem wir unter den maͤchtigen Eichen auf die gothiſche Kapelle zuwandelten; bei alle dem muß ich doch geſtehen, daß es mich zuweilen unheimlich uͤberlaͤuft, wenn ich jetzt, eben jetzt, in einem Hauſe bin, wo ein ſo ungeheurer Ueberfluß herrſcht. Nicht als ob ich mich den thoͤrigten Traͤumen uͤber⸗ ließ, als ſollten, oder koͤnnten auch nur, die Menſchen, ſelbſt nur einigermaßen, in Abſicht auf Beſitz einander gleich ſeyn; nur davon kann ich mich nicht losmachen, daß eben zu Zeiten, wo Millionen ohne Verſchulden gar nichts haben, oder noch ſchlimmer, ein nicht unbetraͤchtliches, treuerworbenes Eigen⸗ thum gewohnt geweſen ſind und verloren haben— daß da Einzelne ſo unmaͤßig viel gar nicht ſollten beſitzen wollen. Und wenn ſie es nun beſitzen: was ſollen ſie denn thun? fragte mein Gefaͤhrte. Das bedarf wol nicht erſt einer Antwort: mit einem ſehr betraͤchtlichen Theil ihres Ueber⸗ fluſſes ſo vielen von jenen Herabgekommenen, — 87 als nur moͤglich, wieder emporhelfen— das ſollen ſie! Und wiſſen Sie denn, was der Graf thut? Wer ſo glaͤnzend, wie er, lebt; auf wen ſtets ſo viel Augen gerichtet ſind, wie auf ihn: der wird auch, ſelbſt wenn er wollte, ſchwerlich etwas Bedeutendes in dieſer Art thun koͤnnen, ohne daß es bekannt wuͤrde. Nun weiß ich wol, der Graf wirft nicht ſelten einem artigen Maͤdchen, das ihren armen Liebhaber gern heirathen moͤchte, oder einer huͤbſchen Frau, die ihre Kinder nicht ernaͤhren kann, eine tuͤchtige Banknote in die Schuͤrze; er belohnt manchen jetzt brotloſen Virtuoſen reichlich u. dergl.; jenes iſt doch aber nichts weiter, als wenn ich, bei meiner Freude an Kindern, wo mir einige huͤbſche und artige aufſtoßen, ein paar Stuͤckchen Konfekt aus⸗ ſpende; und dies nichts, als wenn ich mit dem reiſenden Virtuoſen meine Flaſche Wein theile, oder ein Viertelſtuͤndchen an einen Em⸗ pfehlungsbrief fuͤr ihn verwende— ja es iſt kaum das!—— Indem trat ein ſtattlicher Mann von mitt⸗ 3 8—x lern Jahren in Uniform aus einer Seitenallee, gruͤßte mich mit Anſtand, und nahm meinen Gefaͤhrten traulich bei der Hand, indem er ihn fragte: Kann ich den Herrn Grafen jetzt ſprechen? Wenn's ſeyn muß— ja! antwortete mein Gefaͤhrte. Sonſt aber— wir ſind laͤnger als gewoͤhnlich bei Tiſch geweſen; ſein Mittags⸗ ſchlaͤfchen wird noch nicht zu Ende ſeyn. O ich habe nichts Nothwendiges. Ich will erſt noch ein Stuͤndchen auf und ab gehn! Mit dieſen Worten entfernte ſich der Offizier eben ſo anſtaͤndig, als er herzugetreten war. Das ſchien ja preußiſche Uniform? frag⸗ te ich. Ganz recht, war die Antwort. Ich koͤnnte Ihnen wol etwas von der Geſchichte dieſes wackern Mannes erzaͤhlen, weil ſie eben in unſer voriges Geſpraͤch paßt— und ſo weit ſie dahin paßt! Ich bat darum; mein Gefaͤhrte erzaͤhlte Folgendes. Herr von*** war in preußiſchen Kriegs⸗ dienſten, theilte das Ungluͤck ſeines Koͤnigs, — 89 folgte ihm nach Koͤnigsberg, mußte aber, mit ſo vielen, bis auf weiteres, entlaſſen werden. Er ging mit Frau und Kindern nach Schle⸗ ſien zuruͤck, woher ſeine Frau gebuͤrtig war. Er, ganz ohne Vermoͤgen, hatte dieſe aus herzlicher Liebe, aber wider Willen ihrer Ael⸗ tern und Verwandten geheirathet. Die Aeltern waren bald nach einander— die Mutter fruͤher, der Vater vor ganz kurzem, geſtorben. Die Tochter war enterbt. Die Verwandten konnten oder wollten nichts fuͤr ſie thun. Kurz, die Fa⸗ milie war in den traurigſten Umſtaͤnden. Von groͤßter Noth bedraͤngt, ging der ungluͤckliche Mann uͤber die Grenze, Dienſte bei unſerm Monarchen zu ſuchen. Kaum war er aber auf fremdem Boden, als ihm der Gedanke, ſeinen Koͤnig zu verlaſſen, der ſeiner doch vielleicht wieder beduͤrfte, doppelt ſchwer auf die Seele ſiel; gleichwol wußte er keine andere Rettung. Er machte die Reiſe durch Boͤhmen zu Fuß, und mit jeder Meile vermehrte ſich jene Laſt auf ſeiner Seele. Unſer Graf war eben zum Beſuch auf dem Schloſſe ſeines Freundes, des Grafen*** in Boͤhmen, 90 wo unſer Durchreiſender im Gaſthofe uͤber⸗ nachten wollte. Der Wirth hat— ich weiß nicht, was fuͤr Bedenklichkeiten uͤber ſeinen Paß; er erkundigt ſich: ſo lernen die beiden Freunde unſern Reiſenden ein wenig kennen, pflegen ihn, und nun zieht er weiter. Aber mein Graf ſchleicht ihm nach, bewirbt ſich um ſein Zutraun, und erfaͤhrt, was ich Ihnen eben erzaͤhlt habe. Der Fremde kennet den Grafen nicht, und dieſer giebt ihm, da alle Verſuche, ihm Geſchenke zu machen, verge⸗ bens ſind, Empfehlungen an ſich ſelbſt nach Wien. Wir gehen in einigen Tagen eben dahin zuruͤck. Niemand weiß etwas von dem frem⸗ den Offizier, oder von dem, was der Graf mit ihm vorhat. Dieſer haͤlt fleißig Nach⸗ frage: endlich kommt unſer Mann. Der Graf nimmt ihn in ſein Kabinet. Suchen Sie noch Dienſte hier? fragt er.„Tauſend Dinge draͤngen mich dazu, aber mein Herz widerſpricht, iſt die Antwort. Wenigſtens nicht Militaͤr⸗Dienſte, und uͤberhaupt keine andern, als die ich ohne Bedenken und ohne Vorwurf verlaſſen kann, ſobald mein Koͤnig mich braucht.“— Der Graf lobt das, und faͤhrt fort: Ich glaube, ſchon ſo etwas fuͤr Sie gefunden zu haben. Ich habe in... geſehen, Sie verſtehen ſich trefflich auf Pferde. Sie beſchaͤftigen ſich wol auch gern damit? Nun gut! Ich habe huͤbſche Pferde auch ſehr lieb, verſtehe aber im Grunde wenig davon, kaufe fleißig, und werde tuͤchtig uͤber's Ohr gehauen. Von einer Bedienung, oder ſo etwas kann nun bei mir gar keine Rede ſeyn: aber einen großen, großen Gefallen wuͤrden Sie mir erzeigen, wenn Sie bei mir blieben, mit mir lebten, wie und ſo lang' es Ihnen geſiele, und mir bei jener Liebhaberei zu Rathe gingen. Ich wuͤnſch' es aus Eigennutz! Ich wuͤrde mit Ihnen verdienen— baares Geld wuͤrd' ich mit Ihnen verdienen, und das nicht we⸗ nig!— So war die Sache abgemacht; ich muß aber hinzuſetzen, daß der Graf ſich auf Pferde wenigſtens eben ſo gut verſteht, als unſer Preuße; daß er jedoch, um dieſen in der ſchmeicheln⸗ den Illuſion zu laſſen, und um allem, was er an 92 ihm thut, auch den entfernteſten Schein von Wohlthat zu benehmen, ihn uͤberall zu Rathe zieht, was er ohnehin gethan haͤtte, auf ſeinen Rath zu thun vorgiebt, alle Kaͤufe durch ihn abſchließen laͤßt, und dergleichen mehr—— Ich wollte hier, freudig bewegt, den Er⸗ zaͤhler unterbrechen; aber er rief: Nein, nein, laſſen Sie mich erſt ausreden! Ich komme auf jene Zuſammenkunft zuruͤck. Es iſt mir aber ſehr wahrſcheinlich, fuhr alſo damals der Graf zu ſeinem Gaſte fort, daß Sie auf andere Art hier ſogar ein wahrhaftes Gluͤck machen. Laͤcheln Sie nicht! Wiſſen Sie wol, daß Sie auf eine gewiſſe Dame, die unſre beiderſeitige Achtung verdient, einen tiefen Eindruck gemacht haben? auf eine ſehr liebenswuͤrdige Dame, die zu kennen auch mir zum großen Vergnuͤgen gereicht? Sie ſehen mich mit großen Augen an? Wie? ich ſpotte Ihrer? Warum nicht gar! War⸗ ten Sie, ſie ſoll Ihnen ſelbſt ihre Schwaͤche geſtehen!— Bei dieſen Worten oͤffnete er eine Thuͤr ein wenig, und rief hinaus: Haben Sie gehoͤrt? Er will's nicht glauben, daß —— 8 93 Sie ihn lieb haben: verſichern Sie es ihm doch ſelbſt!— Indem riß er die Thuͤr auf, und unſer Freund ſahe ſeine Gattin, von ihren drei Kindern umgeben, die Arme nach ihm ausbreiten—— Ich muß, ich muß Sie unterbrechen! rief ich hier. Nicht doch! ich bin ja nicht zu Ende! fiel mein Gefaͤhrte ein. Es ſei ferne von mir, auch nur ein Wort uͤber das Ent⸗ zuͤcken der beiden Gatten und ihrer Kinder zu ſagen. Nach den erſten Ergießungen threr Ge⸗ fuͤhle begann die gluͤckliche Frau: Und daß ich dir auch ſo gute Nachrichten zu bringen habe! Nichtwahr, er weiß noch nicht... wendete ſie ſich an den Grafen. Nein, er weiß es noch nicht, ſagte dieſer ernſthaft. Was weiß ich nicht? fragte unſer Preuße. Daß mein Vater uns auf dem Todesbette vergeben hat! rief jene. Daß der gute, der liebe Vater uns noch da wenigſtens einen Theil ſeiner Habe zugewendet hat— vierhundert Thaler jaͤhrliche Penſion, bis unſre Kinder verſorgt ſind! Ja ja, das Haus K. in B. zahlt ſie aus, in was fuͤr Terminen wir ſelbſt wollen!— Nein, 94 meine Liebe, ſagte Er langſam, hierin irreſt du ganz zuverlaͤſſig. Ich weiß nur allzugut... Er will's nicht glauben! unterbrach ſie ihn mit edler Hitze. Wie? er will's von meinem guten Vater nicht glauben! Weißt du auch, daß das nicht ſchoͤn iſt von dir? Erſt iſt man zu ſaumſelig geweſen, uns Nachricht zu geben, und hernach, da du ausmarſchirt biſt, hat man unſern Aufenthalt nicht gewußt, und dann iſt die Verwirrung des Krieges gekommen — Wart', ich will dich bald uͤberfuͤhren, und du ſollſt's mir und meinem guten Vater in der Erde abbitten!— Danmit eilte ſie in jenes Zimmer zuruͤck, und der Graf ziſchelte dem wackern Manne, der den Zuſammenhang nun einzuſehen anſing, heftig zu: Herr, wenn Sie heute oder jemals Ihrer Frau und zugleich mir dieſe Freude verderben: ſo haben Sie mich nie lieb gehabt!— Jetzt kam die red⸗ liche Tochter mit einem großen Papiere zuruͤck. Da, da ſieh' ſelbſt, rief ſie; das iſt die Ab⸗ ſchrift des Teſtaments—— So fleißig? rief hier mein Gefaͤhrte nach einem Seitengange hin. Im Schatten einer 95 herrlichen Eiche ſaß eine ſehr einfach, aber mit Geſchmack gekleidete Frau von etwa dreißig Jahren mit einem niedlichen Blondinchen, etwa zehn Jahr alt, am Naͤhetiſchchen, und beide arbeiteten, indeß zwei kleinere Knaben nicht weit davon mit langen Stoͤcken exercirten. Das iſt unſere liebe Schleſierin! fuhr mein Ge⸗ faͤhrte leiſe zu mir fort; und das ſind ihre drei Kinder. Sehen Sie ſie immer genau an, damit Sie ſich uͤberzeugen, daß ſie— nicht huͤbſch iſt! Aber dort kommt Ge⸗ ſellſchaft: laſſen Sie uns von andern Dingen ſprechen. Darf ich aber noch ein Wort im Allgemeinen hinzuſetzen, ſo ſei es dies: Ich bin viel gereiſet und habe durch Verbindungen dieſes Hauſes viele Vornehme und Reiche ge⸗ ſehen: glauben Sie mir, unter fuͤnf Reichen von der Art, daß Einem das Herz blutet, wenn man an die denkt, die unverſchuldet darben, ſind Viere ſolche, denen das Geld Mittel zum Erwerb, und nur Einer, dem es Mittel zum Genuß iſt. Wollen Sie alſo jenen Schmerz vermeiden, ſo werden Sie zuver⸗ laͤſſig ungleich ſicherer gehen, wenn ſie die 96 großen— oͤffentlichen oder ſtillen— Comptoirs, als wenn Sie die Puſtſchliſer der Bornehme fliehen.— Nachſchrift des Einſenders. Jetzt kann dieſe kleine Anekdote ohne Bedenken gedruckt werden, da jener wackere Offizier eben wieder in die Dienſte ſeines Koͤnigs zuruͤckgegangen iſt, jener Penſion fuͤr ſeine Kinder Aueſagt⸗ aber leider auch ſeine Gemalin durch den Tod verlohren hat. Geſchmack. Dichteſt du Lieder, ſo dichte ſie ſchön; doch nim⸗ mer genugt dies uͤbergeſaͤttigtem Ohr, kitzelſt du reizend es nicht. G— h. Die Ungenuͤgſamen. „Mehr nur ſollt' er uns geben, der Dichter; er wuͤrde bekannter!“— Reichet ein Berg euch Gold:„waͤr' er doch gol⸗ den, der Berg!⸗— G— h. Aufloͤſung der Charade S. 22. A‿. IJungfrau. In allen Buchhandlungen iſt zu haben: . Der heitere und unterrichtete Hausfreund fuͤr 8 edle Familien und ihre Jugend. 4 von D. G. Proͤmmel, 3 Vorſteher einer Erziehungsanſtalt in Wandsbeck⸗ Preis brochirt 20 gl. Allen Eltern und Erziehern, die ihren heran⸗ wachſenden Kindern eine das Herz und den Ver⸗ ſtand zugleich bildende Lektuͤre in die Haͤnde geben 1 3 woollen, muß dieſes Buch willkommen ſeyn. Es 4 ¹ fuͤllt eine Luͤcke unſerer Litteratur aus, indem es 8 3 ſich ganz beſonders eignet, das ſo ſchaͤdliche fruͤh⸗ zeitige Leſen der Romane entbehrlich zu machen, das nur durch den Mangel an unterhalten⸗ den Buͤchern fuͤr die reifere Jugend, zumal des weiblichen Geſchlechts, ſo eingeriſſen iſt.— Rei⸗ zende Schilderungen der ſchoͤnen Natur ſind darin zwanglos verbunden mit unterhaltenden und ruͤh⸗ renden Erzaͤhlungen. Beſonders eigenthuͤmlich iſt dem Verfaſſer eine gluͤckliche Gabe zu unter⸗ richten und zu erklaͤren, ohne das Anſehen zu haben, als wenn er belehren wolle. Der Umſtand, daß der Verfaſſer Vorſteher einer Erziehungsanſtalt iſt, wird ein gutes Vor⸗ urtheil fuͤr das Buch erwecken; ſo wie man im Gegentheil verſichern kann, daß niemand das Buch leſen wird, ohne von jener Anſtalt eine guͤnſtige Idee zu faſſen. Leipzig, im Maͤrz 1815. . G. J. Goͤſchen. ffffffffſffſffffſff 14 15 16