he deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 5 4 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. A 55. Auswärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Macbeths Schloß. Ueber weiblichen Kunſtſinn und weibliche Bildung zur Kunſt. Arinthia. Das Wellenroß. Die Sonntagsdreſcher. . Ruh' und Friede. Sehnſucht. Rheinwein. Champagner. Conſtanzia. Beim Beginnen des Jahres. I. Hymnus an Nemeſis. Nemeſis, aͤlteſte Goͤttin, der weltenerhaltenden . Ordnung Mutter, dem Uebelthaͤter unſuͤhnbar, aber dem Guten Gnaͤdig und hold, dich preißt mein Lied. Wo find' ich den Tempel, Wo den erhabnen Altar, der dir, o Hehre, ge⸗ weiht iſt? Iſt das Weltall ſelber vielleicht dein ewiger Tempel? Und verkuͤndigen dort die leuchtenden Sonnen⸗ heere Deine Geſetze? Verehren die Geiſter dich uͤber den Sternen, Wo du geheimnißvoll auch uͤber die Uranionen Selene 2. Jahrg. I. Heft. 1 2 Walteſt?— Dich anzubeten, mit reinem Her⸗ zen, vergoͤnne, Ehrfurchtwuͤrdige Goͤttin, dem Sterblichen. Hier, in mir ſelber, Hier in des Geiſtes Tiefen vernehm' ich, heilige Macht, dich. Ja, du biſt es, ich ahne die furchtbare Naͤhe der Gottheit! Siehe, die ernſte, gerecht abwaͤgende Nemeſis fuͤhl ich Hier in der eigenen Bruſt! Du biſt es, welche dem Menſchen Zuruft:„Lerne, gewarnt, recht thun, und ver⸗ achte den Gott nicht, Der in dem Herzen dir wohnt.⸗ Muthwillig Fre⸗ velnde ſtuͤrzet Deine Gewalt in den Staub. Graunvoll, wie am heiteren Himmel Ploͤtzlich ein Wetter ſich woͤlkt, umfaͤngt den ſichern Verbrecher Schnelles, gefluͤgeltes Weh. Doch ſchuldlos lei⸗ 1 dende Tugend Reinigeſt du vor dem Volk, und im Glanz urlau⸗ terer Schoͤne — 3 Lebt ſie, den Himmliſchen aͤhnlich, ihr ſeliges Leben auf Erden. Wer, unſchuldig zum Tode verurtheilt, rein von der Suͤnde Starb, und ſterbend vergab den Richtenden: volle Vergeltung. Harret ſein uͤber den Urnen in friedſamen Hainen der Wonne; Denn du fuͤhreſt ihn ſelbſt in Elyſium unter dem Paͤan Hochfrohlockender Choͤr' im Triumph ein. Nemeſis richtet Ueber die Todten und uͤber die Lebenden. Keiner entrinnet Ihren verhaͤngnißvollen Entſcheidungen. Ernſte Vergeltung Uebt ſie geheim, und wacht im Verborgenen loh⸗ nend und ſtrafend. Schwer buͤßt jede vermeßne Begier dem ſtrengen Gewiſſen, Was ſie zu ſuͤndigen wagt. Zu taͤuſchen vermag ihr den Blick nicht Schnoͤder Verheimlichung Huͤlle. Die leiſeſte Spur der Gedanken Auszukunden, erforſcht ſie das Innerſte aller Er⸗ ſchaffnen. Welch ein Opfergeſchenk, Untruͤgliche, ehret dich wuͤrdig? MNehr, denn Feſthekatomben, gefaͤllt demuͤthige Sitte, Mehr die ſtille“, beſcheidene That der Vergelterin Auge. Wer mit kindlichem Sinn und geraͤuſchlos wirket das Gute, Legt auf Nemeſis reinen Altar den erleſenſten Weihrauch. Dir, rathgebende Göttin, geradurtheilende, huldigt Jede das Leben verſchoͤnende Kunſt. Dem Ge⸗ weihten vernehmbar Walteſt du ob dem Geſange der heiligen Muſen, beſtimmeſt Maß und Verhalt den Toͤnen der goldenen Leyer, 3 und ordneſt Zum anmuthigen Reigen den Tanz der Chariten. Deinem —,— —— 5 Winke gehorchend, erwirbt der Vollendung Palme der Kuͤnſte Herrlicher Chor, und ewiger Ruhm kroͤnt ihre Gebilde. Selig die Koͤnige, welche die heilige Regel der Mitte*) Nicht mißachten, dir ſelbſt an Gerechtigkeit aͤhn⸗ lich und Milde! Weithin ſehn ſie die Stadte von ordnungliebenden Buͤrgern Voll aufbluͤhn, und nimmer empoͤrt Unfriede die Voͤlker. Gluͤcklich preiſ' ich vor allen den Mann, der, fromm dich verehrend, Unter ſein Dach dich ruft, und im Heiligthum ſeiner Penaten Dich um Heil und Frieden und reine Geſinnun⸗ — gen anfleht. Was er wirket, gelingt, und was er pflanzet, erfreueſt Du mit Gedeihn, und es bluͤhet in Segensfuͤlle das Haus ihm. *) Nicht über das Maß. Deinem Gericht, o du, der Unſcham Haſſe⸗ rin, werden Alle dereinſt heimfallen die kuͤhnen Entheiliger deiner Gottheit, alle Tyrannen und Unterjocher der Menſchheit. Thoren, vom Gluͤcke berauſcht! Auf ſchwindeln⸗ der Höͤhe verdunkelt Nemeſis ihnen den Blick, und, gleich Nachtwand⸗ lern, zum Abgrund Taumeln ſie. Ob dem Nacken der Uebermuͤthigen ſchreitet Sie zum Verderben daher. Den Fluch der Ent⸗ ſcheiderin: ſpurlos Unterzugehn— ihn zu wenden vermag kein Gott von den ſtolzen Werken der Sterblichen, denen die Allgewaltige zuͤrnet. Dein iſt, Hohe, die Macht, zu ebenen Alles, und jeden Mißklang aufzulöſen in Wohlklang. Heiliger Ord⸗ nung — 7 Zuͤgel in ſicherer Hand, lenkſt du feindſelige Kraͤfte Zum einhelligen Ziele. Den Aufruhr wilder Be⸗ gierden Saͤnftigeſt du, und mit ſiegendem Reiz entſteigt dem geſtaltlos Wogenden Schaum an das heilige Licht, die himm⸗ liſche Liebe. Schaffe mir lauteren Sinn, allwaltende furcht⸗ bare Goͤttin! Lauteren Sinn, und ein Herz, das rein von der Schuld ſich bewahre! Neubeck. 2. Lebensmuth. Einſt bluͤhte ſchoͤn und anmuthsvoll das Leben, Da Leben noch der Menſchheit Hoͤchſtes war; Da ſtellte wuͤrdig ſich ein heißes Streben Nach Freiheit, wie nach Gluͤck und Liebe dar. Genoſſen ward, was die Natur gegeben, Und jedes Herz war ihr ein Dankaltar; Treu nahm die Kunſt von ihrem Schmuck und Bildern, Des Lobens Zauber göttlich abzuſchildern. Und du, o Menſch, des alten Sinn's vergeſſen, Du klagſt das Leben truͤb' und feindlich an? Und hoffſt, auf ſeinen Truͤmmern nur, vermeſſen, Zu ſchaun, die du zerſtörſt, des Gluͤckes Bahn? Was kommen wird, wer hat es je ermeſſen? Der Zukunft Herold iſt der dunkle Wahn; Der Gegenwart gehoͤrt des Menſchen Streben, Wer ſie verſchmaͤht, der hoͤrt ſchon auf zu leben. Das Leben iſt des Großen wuͤrd'ge Scene, Des Geiſtes Aufruf ſtellt es willig dar; Im Leben wohnt das Herrliche, das Schöne, Das dir der Kuͤnſte Genius gebar; Form leiht's dem Ideal, dem Lied die Töne, Und den Gedanken macht es frei, und wahr: Dem Traͤgen nur in thatenleerer Stille Verbirgt es ſeiner Gaben ewge Fuͤlle. Wer frohen Muth mit freier Kraft verbindet, Ringt ihm den Zauber ab, der es umhuͤllt; Gemeines ſucht, wer das Gemeine findet, Dem Beß'ren wird der beßre Wunſch erfuͤllt; Wenn lebenskraͤftig dein Gemuͤth empfindet, Dann wird ihm auch der inn're Trieb geſtillt! Der Schlummernde entbehrt das Licht der Sterne, Und greift ohnmaͤchtig in den Traum der Ferne⸗ Schreiber. Das Glenco⸗Thal in Schottland. Aus einem Briefe unſers Freundes, des beruͤhmten Schotten, Macdonald. —— Ein vier Meilen*) langer, ertraͤglicher Weg fuͤhrte uns durch eine hoffnungslos⸗ un⸗ fruchtbare Gegend zu dem Eingange des be⸗ ruͤhmten Thales Glenco. Die Gipfel der Berge waren jetzt mit Nebeln bedeckt; die Wolken ſenkten ſich an den Seiten allmaͤhlich herab, und loͤßten ſich auf in Regen. Vom Grunde herauf bis zu einer Hoͤhe von zwei⸗ bis dreihundert Fuß war jedoch die Luft ziem⸗ lich rein, und wir konnten die Gegenſtaͤnde *) Es iſt in dieſem Aufſatz uͤberall von engli⸗ ſchen Meilen die Rede. — 11 in der Tiefe ziemlich deutlich unterſcheiden. Zufolge der Berichte, die ich von dem erha⸗ benen Charakter von Glenco empfangen hatte, war mir dieſer Wechſel der Witterung ſehr lieb, obwol ich zugleich fuͤrchten mußte, daß der Regen und die Dunkelheit, zumal bei her⸗ annahendem Abend, uns viel von dem erwarte⸗ ten Vergnuͤgen entziehen wuͤrden. Dieß war der Gegenſtand unſers Geſpraͤchs, wie wir auf einmal eine hoͤchſt ſonderbare Erſcheinung gewahr wurden. Der ganze Raum vor uns hin, vom Thale herauf bis zur Hoͤhe von zwei⸗ bis dreitauſend Fuß, war hell und klar, indeß eine ſchwarze Decke uͤber unſern Haͤuptern, welche die Berge zu beiden Seiten erfaßte, die Gip, fel derſelben und die obere Luft vollkommen vor unſern Augen verbarg. Von dieſer Decke ſchienen linker Hand vier Hauptlinien, oder Profile, von Bergen ſich bis an den Fluß Cona hinab zu ziehen, und in der ſchauerli⸗ chen Bergreihe, die ſich rechter Hand erhob, ſtuͤrzte ſich durch eine weitgaͤhnende Ravine ein Waſſerfall wenigſtens tauſend Fuß herab. Weiterhin im Thale konnten wir drei oder vier — 12 hohe Berge bemerken, von welchen der eine, am aͤußerſten Ende unſers Horizonts, eine ſchoͤne, kegelfoͤrmige Geſtalt hatte, und an deſſen Abhange hie und da Baͤume zerſtreut ſtanden. Er ſchien ungefaͤhr zweitauſend fuͤnfhundert Fuß hoch zu ſeyn, und machte einen erhabenen Con⸗ traſt mit den ſchauerlichern Scenen gegen Nord⸗ oſten. Der Keſſel des Thals hatte faſt die Ge⸗ ſtalt des Raumes eines Schiffs, ehe das Deck und die Deckbalken hineingeſetzt werden.*) Beim erſten Anblick dieſes praͤchtigen Natur⸗ ſchauſpiels ſprangen wir alle aus unſern Wa⸗ gen, und„wunderbarl war in demſel⸗ ben Augenblick unſer lauter und einſtimmiger Ausruf. Unſer Standplatz war wenigſtens zweihundert Fuß uͤber dem Thale erhoben, und die Abfahrt hinunter glich dem Hinabſteigen in den Avernus. Ich empfand eine ſchauerliche *) Herr Dr. Soltau, ruͤhmlichſt bekannt als Ueberſetzer mehrerer trefflicher Werke verſchiedener Auslaͤnder, hat verſucht, die Scene nach obiger Beſchreibung in einer Zeichnung zu verſinnlichen, welche, in Kupfer geſtochen, eins der naͤchſten Hefte begleiten wird. — 13 Miſchung von Wunder und Entſetzen, und mit einer Beklemmung, die keine Worte ausdruͤcken konnten, ergriff mich die Betrachtung der Ohn⸗ macht aller menſchlichen Kraͤfte, in Vergleichung mit der Allmacht der Natur Unſer Hochlaͤnder, der uns bisher nur kraͤnkende Taͤuſchung unſerer Erwartungen geweiſſagt hatte, blickte nun bald auf unſere Geſichter, bald auf die Scene, die vor uns lag, und weidete ſich an den Wirkun⸗ gen, welche dieſe auf uns hervorbrachte. Das Blutbad von Glenco verfinſterte jedoch die Miene unſers Freundes, und nagte an ſeinem Herzen; denn er ſelbſt ſtammt aus dem ungluͤck⸗ lichen Geſchlechte, an welchem der verruchte Mord veruͤbt ward, und am Abend erzaͤhlte er uns alle Umſtaͤnde jener ſchrecklichen Begeben⸗ heit. Smollett beſchreibt ſie, wie ſie unter der Regierung des Koͤnigs William im Jahr 1692. ſich zugetragen hat. Je weiter wir kamen, deſto ſteiler ward der Weg. Selbſt unſere Pferde erhoben ihre Koͤpfe, als fuͤrchteten ſie ſich, ihn hinabzugehen, und unſere Kutſcher vom platten Lande murmelten Stoßgebete. Die Berge thuͤrmten ſich hoͤher ——— — 2*— 14 und hoͤher uͤber uns empor, und drohten, ſich von oben her uͤber uns zu woͤlben. Der Regen floß in Stroͤmen. Der Wind braußte. Adler ſchrien aus dem Buſen der ſchwarzen Gewoͤlke, und ſchoſſen bisweilen uͤber den Abgrund hin, einen Augenblick ſichtbar, und dann ſich verber⸗ gend in ihren unzugaͤnglichen Horſten. Wie wir hinunter an die Cona kamen, waren alle Ele⸗ mente im Aufruhr. Man hoͤrte nichts, als das Brauſen der Waſſerfaͤlle und das Toſen des Sturms. Die Sonne des Himmeis verbarg ihr Antlitz. 1 Sie werden vielleicht glauben, daß dieſe Auftritte uns, und beſonders unſern weiblichen Gefaͤhrten, mehr Schrecken, als Vergnuͤgen ver⸗ urſachten. Ganz das Gegentheil. Sie blieben in der freien Luft, bis ſie vom Regen voͤllig durchnaͤßt waren, und gingen wenigſtens eine engliſche Meile zu Fuß, um die große Ausſicht zu bewundern. Doch der Abend ward immer dunkler, die Nacht kam heran, und wir eilten den Wohnungen der Menſchen zu. In zwei Stunden erreichten wir das Wirthshaus zu Ba⸗ lechaoliſh, und fuͤhlten uns in dieſem armſe⸗ —— 1 6 ligen Hauſe vollkommen zufrieden. Anſtatt miß⸗ vergnuͤgt daruͤber zu ſeyn, daß wir naß gewor⸗ den waren, und keine Bequemlichkeit fanden, uns umzukleiden u. ſ. w., gaben uns dieſe klei⸗ nen Widerwaͤrtigkeiten vielmehr Anlaß zum Scherz und zur Froͤhlichkeit waͤhrend der fol⸗ genden zwei Tage, und vielleicht werden ſie uns noch oft in unſerm Leben Vergnuͤgen machen, wenn wir einander wiederſehen, und uns an Glenco und ſeine Schreckniſſe erinnern. Wir fanden ein ertraͤgliches Abendeſſen, und brach⸗ ten die erſten Abendſtunden mit Verſemachen zu. Bei dieſer Gelegenheit empfanden wir die Wohl⸗ thaͤtigkeit einer ſtrengen Luft, einer heilſamen Bewegung, und einer guten Laune. Auf dem ganzen Brittiſchen Grund und Boden war viel⸗ leicht keine Geſellſchaft ſo froͤhlich, als wir in dieſem elenden Bierhauſe, in der wuͤſteſten Ge⸗ gend von Schottland. 21 Wir ſtanden des andern Morgens zu unſerer gewoͤhnlichen Zeit auf, und fanden die Anſicht der Natur voͤllig veraͤndert. Die Nebel waͤlz⸗ ten ſich zwar majeſtaͤtiſch von einem Berge zum andern, oder wirbelten anmuthig um ihre Gip⸗ 16—— fel; allein ganz anders, als geſtern, denn jetzt erfreute die Sonne die ſichtbare Welt. Die Be⸗ wohner des flachen Landes haben keine Beariffe von der Lebendigkeit des Sonnenſcheins in einem Gebirglande, und noch weit weniger von dem maͤchtigen Contraſt zwiſchen dem Dunkel der Thaͤler und Seen, und den beleuchteten Berg⸗ ruͤcken; zwiſchen den gruͤnen Waͤldern, und den nackten Felsſpitzen; zwiſchen den Treibhaus⸗ pflanzen und dem gedeihenden Leben der Nie⸗ derungen, und dem ewigen Schnee auf den aͤtheriſchen Gipfeln. Dieſe Anſichten erfuͤllen das Gemuͤth mit Empfindungen, die ganz ver⸗ ſchieden ſind von denen, die man auf dem fla⸗ chen Lande hat. Dort ermuͤden, oder ſaͤttigen die Vergnuͤgungen; allein unter den erhabenen Auftritten, die ich erwaͤhnt habe, ſtaͤrken ſie die Lebenskraͤfte und erhalten immer das Herz gleichſam im rechten Ton. Die kleinen Unan⸗ nehmlichkeiten, die uns in gemiſchten Geſell⸗ ſchaften verdrießen, ſind entweder nicht vor⸗ handen, oder wir fuͤhlen ſie nicht. Das Gro⸗ ße, welches unſere Sinne durch ſeine Umge⸗ bungen einnimmt, theilt ihnen ſeine eigenen 17 weſentlichen Eigenſchaften mit, und verſchließt ſie vor jeden kleinlichen Eindruͤcken; und Lei⸗ besuͤbung, anſtatt unſere Kraͤfte zu ſchwaͤchen, ſtaͤrkt vielmehr, und naͤhrt ihre ſchaͤtzbarſten Faͤhigkeiten. So ſieht z. B. unſer Auge ſchaͤr⸗ fer in einem bergichten Lande, weil die Luft viel reiner und elaſtiſcher iſt. Zufolge dieſer verſtaͤrkten Sehkraft, vermindern ſich uns die Entfernungen, und unſer Wirkungskreis wird verhaͤltnißmaͤßig um uns her erweitert. Wir wuͤnſchen, mit allem, was wir ſehen, auch in Beruͤhrung zu kommen. Wir eilen dem Fel⸗ ſen, oder dem Waſſerfalle zu, der uns kaum eine Viertelmeile entfernt zu ſeyn ſcheint, und den wir an Ort und Stelle zu beſuchen wuͤn⸗ ſchen. Vielleicht betraͤgt ſeine wirkliche Entfer⸗ nung wol zwei Meilen; allein wir verſuchen zu ihm hinauf zu klimmen, und es gelingt uns. Im Hinaufſteigen finden wir die Luft immer reiner und kraͤftiger; wir bekommen Luſt, einen zweiten Gegenſtand zu unterſuchen. Jeden Augenblick erweitern wir unſere Kennt⸗ niſſe durch neue Vergleichungen, und berei⸗ chern mit neuen Bildern unſere Einbildungs⸗ Selene 2. Jahrg. I. Heft. 2 18 kraft. So gehen wir den ganzen Tag von einem neuen Gegenſtande zum andern, und kehren des Abends zu geſelliger Munterkeit, zu Frohſinn, und zu geſundem Schlafe zuruͤck. 1. Ueberzeugt von dieſer Thatſache, that ich der Geſellſchaft an dem Morgen nach unſrer Ankunft in Balechaoliſh den Vorſchlag, den ganzen Tag dort zu bleiben, und nach Glenco zuruͤck zu gehen, um die Gegend aufmerkſam zu betrachten, und uns nicht mit dem geſtrigen fluͤchtigen Ueberblicke zu begnuͤ⸗ gen. Der Vorſchlag ward einmuͤthig ange⸗ nommen. Wir beſtiegen unſere Wagen, und fuhren durch die Schieferbruͤche auf einem ro⸗ mantiſchen Wege von vier bis fuͤnf Meilen, laͤngs dem See Loch⸗Leven, nach dem weſt⸗ lichen Eingange des Thals. Wie verſchieden iſt der Anblick einer und derſelben Landſchaft, wenn man ſie aus entgegengeſetzten Stand⸗ punkten betrachtet! Der Contraſt zwiſchen den Tageszeiten und dem Wetter brachte nicht min⸗ der eine erſtaunliche Veraͤnderung zuwege. Der heutige Tag war einer von den ſchoͤnſten, die — 49 wir dieſen ganzen Sommer gehabt hatten. Die Berge waren bis zu ihren hoͤchſten Spitzen ſicht⸗ bar, und nur einer oder zwei waren in den be⸗ ſchneiten Regionen mit Wolkenkappen in gau⸗ kelnden Formen umgeben. Wie wir uns dem Hauſe Macdonalds von Achtrichton naͤ⸗ herten, welches in Suͤdoſten, unten im Zwi⸗ ſchenraume zwiſchen zwei furchtbaren Bergen liegt, begann die eigenthuͤmliche Herrlichkeit des Thales. Hier ſchien die Anſicht vor uns ſich als das Ende der Welt zu verkuͤnden. Die Straße ſchien ſich, vor einer ſenkrechten, zwei tauſend Fuß hohen Wand, zu endigen, von de⸗ ren erhabenem Gipfel Hunderte von Baͤchen in die Cona hinabſtroͤmten. Zu unſerer Rechten war Oſſians Malmore, zur Linken Der⸗ ſegrena's und Everallin's*) Sitze. Dicht vor uns floß die Cona vorbei, und von allen Seiten wurden wir von klaſſiſchem, Oſſianiſchem Boden umgeben. Wir ſtiegen aus, uͤberließen unſern Dienern die Sorge fuͤr unſere Wagen, und wanderten ſechs Stunden *) Sverallin war Fingal's Gemahlin. 20 lang umher. Ich ging mit unſerm Hochlaͤnder, die uͤbrigen zerſtreuten ſich auf verſchiedenen We⸗ gen; einige, um die Mineralien zu betrachten, andere die Pflanzen, und alle zuſammen die ſichtbaren Herrlichkeiten des Glens.*) Nie konnte das Wetter erwuͤnſchter ſeyn zu einem Streifzuge durch dieſe fuͤrchterlichen Gegenden, wo nichts deſto weniger die Natur in Frieden und Anmuth uns anlaͤchelte. Ich fuhr uͤber die Cona, und ging laͤngs ihren Ufern ſechs Mei⸗ len hinauf, bis zu ihren Quellen, und wanderte dann wieder hinab, nachdem ich mich am obern Ende des Thals von meinem Gefaͤhrten getrennt hatte. Ich bin kaum im Stande, mir ſelbſt von meinen ungewoͤhnlichen Empfindungen an dieſem Tage Rechenſchaft zu geben. Es war in der That ein Tag voll Thaͤtigkeit des Geiſtes und voll koͤrperlicher Anſtrengung. Erfahrung oder Philoſophie moͤgen mir in der Folge meine Gefuͤhle erklaͤren; jetzt will ich bloß verſu⸗ chen, ſie zu beſchreiben. Ich weiß, wie *) Glen(im Schottläͤndiſchen), ein bewaͤſſer⸗ tes Thal. 21 gern man ſich uͤber die aufhaͤlt, welche in Schrif⸗ ten die Gefuͤhle ausdruͤcken, die durch ſchoͤne oder erhabene Naturauftritte in ihnen erregt wurden. Doch es waͤre Feigheit, oder(wie Milton es nennt) Trotz gegen die Na⸗ tur,*) wenn man ſich deswegen enthalten wollte, jene Empfindungen laut werden zu laſ⸗ ſen. Ich werde Ihnen demnach einfach und deutlich erzaͤhlen, was ich empfand, und ſo weit es mir moͤglich iſt, auch warum ich es empfand. Wie ich das weſtliche Ende des Sees er⸗ reichte und rings umher ſchaute, fuͤhlte ich in meinem Buſen eine Bedruͤckung, die mich faſt der Kraft zu athmen beraubte. Ich fuͤhlte die Nichtigkeit meines eigenen, ſo wie in der That alles menſchlichen Vermoͤgens, in Vergleichung mit der Unermeßlichkeit der Natur. Ewigkeit, Unendlichkeit, Allmacht und Unveraͤnderlichkeit waren das Gepraͤge ihrer Grundzuͤge. Zeit und Raum entſchwanden mir. Die Zeiten Oſſians, und das Grab der Natur ſchienen mir nur wie *) Surlineſs against nature. geſtern und morgen, und(welches ſelten der Fall iſt,) uͤber dem Anſchaun materieller For⸗ men loͤßten ſich alle meine Kraͤfte in Gefuͤhl auf. Allmaͤhlich verließ mich meine Beklemmung, oder vielmehr mein, einer Beklemmung aͤhnli⸗ ches Staunen. Eine gewiſſe Ruhe, und gleich⸗ ſam ein Stillſtand des Empfindungsvermöͤgens folgte. Ich verfiel in ein tiefes Nachſinnen. Dieſes wich einem Anſchwellen des Herzens, einem raſcheren Umlauf der Lebensgeiſter, und einem erhabenen und ſtolzen Selbſtgefuͤhl, des⸗ gleichen ich noch nie zuvor empfunden hatte. Die Seele iſt groͤßer, edler und ausdauernder, als dieſe materiellen Formen. Hoch, wie jener Adler ſich uͤber die Felsſpitze emporſchwingt, und frei, wie ſein Flug durch die Luͤfte, iſt mei⸗ ne Beſtimmung, in Vergleichung mit den Ge⸗ genſtaͤnden, die ich jetzt uͤberſchaue. Ich fuͤhlte eine Erhebung, eine Freiheit und eine Fuͤlle der Freude. Der Farbenglanz, welcher die Berge, die Waͤlder, die Felſen und den See, in der mannichfaltigſten Verſchiedenheit der reizendſten Perſpektiv umgoß, war mir jetzt nur ein ſchwa⸗ — 23 ches Nachbild der Schoͤnheiten der Einbildungs⸗ kraft. Sie erfreuten mich zwar; allein ich fuͤhlte mich faͤhig, mir noch hoͤhere Gegenſtaͤn⸗ de zu denken. Meine Einbildung konnte ein weiteres Feld umſpannen. Die Wuͤnſche des Herzens konnten ſich noch hoͤher emporſchwin⸗ gen. Das Vermoͤgen der Erinnerung und der Vergleichung konnte die Bilder ohne Ende und ohne Graͤnzen vervielfaͤltigen. Immerhin moch⸗ te man die aͤgyptiſchen Pyramiden auf die Gipfel dieſer ſchauerlichen Felſen, die Peters⸗ kirche und das Pantheon an das eine, und das Coloſſeum an das andere Ende des Thals hinbauen; die Stimme der Muſik mochte aus ihnen ertoͤnen, und von Felſen zu Felſen wie⸗ derhallen; zehntauſend Jaͤger mit Oſſian und Fingal mochten das Wild dieſer Gebirge ver⸗ folgen; die Berge ſelbſt mochten in Vulkane verwandelt, oder durch Erdbeben zertruͤmmert werden; tauſend Linienſchiffe mochten ihre hun⸗ derttauſend Feuerſchluͤnde auf dem Loch⸗Le⸗ ven abfeuern und die Waͤlder und das Moor in Brand ſchießen; Millionen andere Dinge mochte man noch hinzuſetzen, und doch wuͤrde 24— die Einbildungskraft noch millionenmal mehr herbeigefuͤhrt haben. Fancy, Nymph, that loves to lie On the lonely eminence, Darting notice through the eye, Forming thought and feasting sense: Companion of the Muse, creative power. Imagination! at whose great command Arise unnumber'd images of things,. Thy hourly offspring. Thou, who canst at will People with airborn shapes the silent wood And solitary vale, thy own domain, Where contemplation haunts; ocome, invoked, To waft me on thy many- tinctur'd wing O'er earth's extendid space, and thence on high Spread to superior worlds thy bolder flight Excursive, unconfin'd. Hence from the haunts 4 Of vice, and folly, vanity, and Man!*) *) Phantaſte, Nymphe, die gern auf der einſamen Höhe ſich lagert, Kunde durchs Au⸗ ge blitzend, Gedanken bildend, und die Sinne ergetzend; Begleiterin der Muſen, ſchoͤpferiſche Macht, Einbildungskraft! auf deren maͤchtigen 23 Hier umſchlangen ſich nur Erde und Waſſer, aber Seelen koͤnnen ſich an Seelen ſchließen. Allmaͤhlich fuͤhlte mein Herz dieſes Beduͤrfniß; es ſchmolz vor Verlangen. Dieß Verlangen hatte zuerſt keinen beſtimmten Gegenſtand, ſon⸗ dern es erzeugte nur eine verwirrte Reihe von Begriffen, unter welchen ein Wunſch deutlich hervortrat, der Wunſch, mich von meinen Freun⸗ den umgeben zu ſehen, und meine Wonne mit ihnen zu theilen. Auf einmal bilden ſich dieſe Begriffe zur Wirklichkeit. Ich ſehe Glenco Befehl unzaͤhliche Gebilde von Dingen, die du ſtuͤndlich erzeugeſt, entſtehen. Du, die du nach Willkuͤhr mit luftgebornen Geſtalten den ſtillen Wald und das einſame Thal, dein eigenthuͤmli⸗ ches Reich, bevoͤlkerſt, wo die Betrachtung gern verweilt; o komm, von mir gerufen, mich auf deinen mannichfarbigen Fluͤgeln durch den weiten Naum der Erde zu tragen! Dann ſchwebe himmel⸗ an, im kuͤhnern Fluge, weithin und unaufhalt⸗ ſam, zu hoͤhern Welten. Weg von den Wohnun⸗ gen des Laſters und der Thorheit, der Eitelkeit und der Menſchen. 26 von gluͤcklichen Familien bewohnt. Laͤngs der Cona bilden Haͤuſer, umſpielt von geſunden Kindern und von Hausthieren, den lebhaften 4 Vordergrund. Mein Vater ſingt die Lieder Oſſians. Ich wandle mit meiner Freundin, der Wonne meines Lebens, am Ufer des Sees. Ich zeige ihr von fern, am nordoͤſtlichen Ende deſſelben, am Fuße jenes drohenden Felſens, auf jeuer gruͤnen Wieſe am Ufer des Fluſſes, das Fleckchen, wo ich mir meine Huͤtte bauen will. Es iſt der Sitz der Liebe und der Freundſchaft,* unerreichbar den Stuͤrmen des Ungluͤcks. Hier werden Kriege und Staatser⸗ ſchuͤtterungen uns nie ſtoͤren. Meine Freundin begleitet mich an einem Herbſtabend laͤngs der Seite des Thals, oder in den Wald von Malmore. Ich bezeichne ihr die Scenen, die mir am vorzuͤglichſten gefallen, und ich leſe in ihrem dunkelblauen, von himmliſchem Laͤcheln erleuchteten Auge, ihre Frende uͤber die Uebereinſtimmung unſers Geſchmacks. Bald beleben wir die Scene durch Lieder, bald erhoͤ⸗ hen wir ſie durch Beſchreibungen, welche die Liebe uns eingiebt. Wir fuͤhlen, wie ſehr das — 27 Gluͤck einer reinen Sympathie, durch graͤnzen⸗ loſe Zuneigung verſuͤßt, uͤber alle andre Gluͤck⸗ ſeligkeit erhaben iſt. Wir danken unſerm Schoͤpfer in dieſem großen Tempel der Natur, daß er uns als vernuͤnftige Weſen fuͤr einan⸗ der erſchuf. Unſere Gluckſeligkeit wird dauern, wie unſre Liebe, und unſre Liebe kann nur mit unſerm Daſeyn aufhoͤren. Aus dieſem bezaubernden Traume weckte mich das Bloͤcken einer Heerde Laͤmmer, und ein leichtes Trippeln hinter mir feſſelte meine Aufmerkſamkeit. Es war eine Schaͤferin mit ihrer Spindel in der Hand, welcher zwei nied⸗ liche Kinder(ein Knabe und ein Maͤdchen) und ein kleiner Hund nachliefen. Sie war entweder wirklich uͤberaus ſchoͤn, oder meine bereits vorher erhitzte Einbildungskraft verſchoͤ⸗ nerte ſie.„Das iſt ein recht ſchoͤner Tag,“ ſprach ſie mit einem freundlichen Laͤcheln, wel⸗ ches zwei Reihen der ſchoͤnſten Zaͤhne zwiſchen einem paar Korallenlippen ſehen ließ.„Ja, er iſt warm, geſund, und lieblich, wie Ihr ſelbſt!“ gab ich ihr zur Antwort. Sie laͤchelte wieder, und erroͤthete uͤber mein pedantiſches 28 Lob. Die Kinder kamen naͤher, und ſahen nach den Mineralien, die ich in der Hand hatte. Sie ſchienen es thoͤricht zu finden, daß ich dergleichen gemeine Steine mit mir ſchlepp⸗ te; ſie zeigten mir die Blumen, die ſie in einem Koͤrbchen hatten, und ſchienen ſich auf ihren beſſern Geſchmack fuͤr das Schoͤne etwas zu gute zu thun. Nicht eine Spur von Furcht, oder Schuͤchternheit, zeigte ſich in ihren kleinen Geſichtern. Sie fuͤhlten, daß ſie von mir nichts zu beſorgen hatten, obwol ich wie ein Gaul (Niederſchottlaͤnder) gekleidet war. Ich fand die Schaͤferin eben ſo vernuͤnftig, als ſchoͤn. Ihr offenes blaues Auge, ihr voller Buſen, den ihr Mieder von Tartan kaum verbergen konnte, deſſen Oeffnung, wie die der aufbluͤhen⸗ den Roſe, eben ſo unſchuldvoll, als reizend war; ihr ſchwarzbraunes Haar, welches ihren Hals und ihre Schlaͤfe umwallte, und hinten auf dem Kopfe in ein Band zuſammengeflochten war; und uͤber dies alles, ihr Blick voll unbeſchreib⸗ licher Sanftheit und Zuͤchtigkeit, machten in einem Augenblick einen Eindruck auf mach, der nimmer verloͤſchen wird. 29 —— beautiful she look'd; yet something more, And better far, than beauty, in her looks Appear'd; the maiden-blush of modesty, The smile of chearfulnefs and sweet content, Health's freshest rose, the sun-shine of the soul, Each height'ning each, effus'd o'er ale her form A nameleſs grace— the beauty of the mind.*) Ich fragte ſie nach ihrem Namen.„Kathe⸗ rine St..(ſagte ſie). Wenn Sie nach meines Vaters Hauſe, fuͤnf Meilen von hier un⸗ ten im Thal kommen wollen, ſo wird er Ihnen *) Schoͤn war ihre Bildung; doch etwas, das noch mehr und beſſer war, als Schoͤnheit, erſchien in ihren Blicken. Das jungfraͤuliche Roth der Beſcheidenheit, das Laͤcheln des Frohſinns und ſußer Zufriedenheit, der Geſundheit friſcheſte Roſe⸗ der Sonnenſchein der Seele, jedes das andre erhoͤhend, goſſen uͤber ihre ganze Form einen na⸗ menloſen Zauber— die Schoͤnheit des Gemuͤths. 30 gern etwas vom Beſten vorſetzen, das er ver⸗ mag. „Hat er denn ſo viel Schoͤnes?“ fragte ich ſie auf Galiſch.*) „ Nein, nicht viel,(ſprach ſie); aber das Wenige, das er hat, theilt er gern mit einem braven Mann.“ Ich plauderte mit Katherine St..., bis einer von unſern Freunden unten im Thale mir zurief, es waͤre hohe Zeit, uns wieder zu unſerer Geſellſchaft zu begeben, und zuruͤck zu fahren. Wir verſammelten uns alle, Acht⸗ richton⸗Houſe gegenuͤber, und verglichen die verſchiedenen Skizzen, die wir von einigen der Berganſichten entworfen hatten, die uns um⸗ gaben. Der Boden unten im Thal ſcheint frucht⸗ bar zu ſeyn, und bringt wirklich ſehr viel Gras und Kraͤuter hervor. Das Einzige, was fehlt, iſt Gehoͤlz, welches hier nicht ohne große Schwierigkeit angepflanzt werden kann, da faſt *) Bekanntlich die dortige Volksſprache, und auch die Urſprache Oſſians. — 31¼ das ganze Thal zur Schaafweide benutzt wird. Dieſe Thiere thun den Holzungen viel Schaden. Das Oehl ihrer Wolle iſt fuͤr alle jungen Holz⸗ pflanzen ſchaͤdlich, und Mangel an Futter im Winter noͤthigt ſie oft, die zarten Sproſſen und Zweige abzufreſſen. Wenn man demnach im Hochlande Holzungen anlegen will, ſo muß man vor allem ſorgen, Schaafe und Kuͤhe abzuhal⸗ ten. Dies erfordert aufgeworfene Waͤlle, oder Daͤmme, von fuͤnf Fuß ſenkrechter Hoͤhe, die man oft und ſorgfaͤltig unterhalten muß. Die Laͤnge des Thals iſt ſieben oder acht Meilen, bei einer Breite von einer Viertelmeile bis zu drittehalb Meilen. Dieſer Bezirk wird von hohen Bergen uͤberall umgeben, außer in vier engen Paͤſſen. Einer derſelben befindet ſich an jedem Ende des Thals, ein dritter geht hin⸗ ter dem Hauſe von Achtrichton hindurch, und der vierte, welcher faſt unzugaͤnglich iſt, befin⸗ det ſich hoͤher hinauf an der Nordſeite des Thals. Dieſe Seite iſt ein fortgeſetzter Ruͤcken von Alpengebirgen, die faſt alle von gleicher Hoͤhe ſind, und in das Thal hinabzuſtuͤrzen dro⸗ hen. Ihre Hoͤhe erſtreckt ſich uͤber dreitaufend 32— Fuß. Die Berge, welche das Thal an der Suͤdſeite einſchließen, ſind noch hoͤher, und ſind an verſchiedenen Stellen, entweder durch eine beſondere Erderſchuͤtterung, oder durch die lang⸗ ſamere Wirkung der Bergſtroͤme zerriſſen, welche von ihren Gipfeln herabſtuͤrzen, und ſich in die Cona ergießen. Einige dieſer Berge ſind uͤber vierhundert Fuß hoch, beſonders Bidden⸗ Mor, oder der graue Pik, welcher fuͤr einen der hoͤchſten Berge in Britannien gehalten wird. An der Nordſeite iſt er nahe bei ſeinem Gipfel mit ewigem Schnee bedeckt. Hin und wieder erheben ſich die Felſen dieſer fuͤdlichen Gebirge ſenkrecht, und die Stroͤme von ihren Gipfeln ſuͤrzen ſich zweihundert bis zweitauſend Fuß hoch herab. An den Seiten dieſer Waſſerfaͤlle, 1 am obern Ende des Thals, ſieht man bisweilen einige Baͤume, und ſie gewaͤhren die ſchoͤnſten Anſichten dieſer Art, die man in Europa finden kann. Vom oͤſtlichen Eingange des Thals bis 9¹ auf fuͤnf Meilen tiefer hinein ſieht man faſt kein einziges Haus, und uͤberhaupt giebt es —— kaum ein Dutzend ertraͤgliche Wohnungen in dem ganzen Thal. Dieſer Umſtand ſchien mir ·%— 3 unvereinbar mit der Bevoͤlkerung, die man dem⸗ ſelben zur Zeit des Blutbades zuſchreibt; allein Herr M... von Achtrichton hat mir dar⸗ uͤber Auskunft gegeben, indem er uns zugleich zum Tanz und Abendeſſen in ſeinem Hauſe ein⸗ lud. Er ſagte mir, daß vor dieſer Kataſtro⸗ phe alle Haͤuſer von Huͤrdenwaͤnden, mit Heide, Stroh, und andern waͤrmenden Sachen durch⸗ flochten, aufgefuͤhrt waren, und in der Nacht des Blutbades ſaͤmmtlich niedergebrannt wur⸗ den. Daher findet man auch wenige, oder gar keine Ueberbleibſel von dieſen Haͤuſern. Die Bevoͤlkerung iſt jetzt ſehr unbetraͤchtlich gegen das, was ſie in aͤlteren Zeiten war; denn die Landbeſitzer, welche vormals ſtolz auf die Zahl ihrer Unterthanen waren, wiſſen ſich jetzt mehr, mit der Anzahl ihrer Schaafe, die ihnen mehr einbringen, als jene. Anſtatt einer Volksmenge von fuͤnfhundert, die das Thal im Jahr 1692 gezaͤhlt haben muß, erſtreckt ſich dieſelbe jetzt nicht auf zweihundert. Um acht Uhr Abends fuhren wir zu Herrn M... nach Achtrichton⸗ Houſe, wo wir bereits einige von den benachbarten Edelleu⸗ Selene 2. Jahrg. 1. Heft. 3 34 ten*) zum Tanz verſammelt fanden. Wir wunderten uns uͤber ihre ungezwungene und elegante Art zu ſeyn, und ſich zu kleiden. Man ſprach nichts, als Engliſch, entweder aus Ge⸗ eaͤlligkeit gegen uns, weil einige unter uns wenig, oder gar kein Galiſch verſtanden, oder auch weil man nicht von den Bedienten verſtanden ſeyn wollte. Ich finde, daß ein jeder Mann von Stande und Anſehen im Hochlande gewoͤhn⸗ lich Engliſch ſpricht, und daß es hier beſſer ge⸗ ſprochen wird, als auf dem flachen Lande, und ſelbſt im Norden von England. Die Muſik beſtand aus zwei Violinen und einer Baßgeige, und man tanzte Reels, Strath⸗Sprys und andere ſchottiſche Taͤnze. Die Muſik⸗ weiſen waren ganz ſchottiſch, und uͤberaus angenehm. Die Taͤnzer waren taktfeſter, als ich ſie je gefunden habe, und zeigten ſich im *) Gentry. Obwol die Englaͤnder nur den hoͤhern Adel eigentlich Edelleute(Noblemen) zu nennen pflegen, ſo folge ich doch hier der deutſchen Art, ſich auszudrücken. Anm. d. Ueberſ. 33 Ganzen ſehr zu ihrem Vortheil. Man ſah hier Kraft und Behendigkeit, Schoͤnheit und Frohſinn, mit Eleganz vereinigt. Das In⸗ wendige des Hauſes machte mit den auswen⸗ digen Umgebungen einen erſtaunlichen Kontraſt, welcher die Einbildungskraft mit einer ſonder⸗ baren Verſchiedenheit von Bildern erfuͤllte. Draußen der heiſchere Ocean, der donnernde Waſſerfall, die ſchroffen Felswaͤnde, das Rau⸗ ſchen der Cona, und das Brauſen des Sturms: inwendig Eleganz, Fuͤlle, Froͤh⸗ lichkeit, Tanz und Geſang. Ich ſprach mit unſerm ſchaͤtzbaren Wirth uͤber Oſſians Sagen, und ich fand bei ihm einen feſten Glauben an ihre Echtheit. Er ſagte eine Strophe, oder zwei, aus Oſſians Gedichten in galiſcher Sprache her, die ſich auf die oͤrtlichen Um⸗ ſtaͤnde und auf Fingaliſche Sitten bezogen. Hier moͤgen ſie ſtehen, als eine Probe celti⸗ ſcher Jagdlieder: Nuaira dhèireadh sealg an fheidh, Dhuarglamid na cènda Cu, S' ioma damh, earb agus adh, 36 A thuiteadh sa bhail gach iul. Philleamid le'r seilg tra Neòin, Go Teamhra ceolmhor na'n teud, Am bu lionmhor cruit a's clar S' ioma Bard a sheinnidh sgeul.*) Was die Frage wegen des Alterthums und der Echtheit der Oſſianſchen Gedichte im Allgemeinen betrifft, das verſpare ich mit Vor⸗ ſatz bis an einen andern Ort. Iſt es nicht eine beklagenswerthe Unverſchaͤmtheit, uͤber ein Werk abſprechen zu wollen, das in einer Spra⸗ che geſchrieben iſt, die man nicht verſteht? Und was haben Oſſians Gegner in England wol anders gethan? *) Wie die Jagd des Rothwilds begann, ließen wir unſere Hunderte von Hunden los. Mancher Hirſch, manches Reh und Schmalthier ſiel, uͤberall, wohin wir unſern Lauf richteten. Wir kehrten zuruͤck gegen das Ende des Abends nach Teamſra(Temora) mit den melodiſchen Saiten, wo manche Harfe und manche Tafel uns erwarteten, und wo mancher Barde Sagen der Geſchichte ſang. 37 Heſperus. — Eine Mythe, Zeiten wechſeln und Geſchlechter wallen Zu dem ſonneleeren Schattenland; Um des griech'ſchen Tempels hohe Hallen Schlingt der Epheu ſtill ſein Trauerband: Doch das Goͤttliche kann nie vergehen, Ewig wird die innre Flamme wehen, Von dem Himmel ward ſie uns entſandt, Heimwaͤrts kehret ſie zum Vaterland. Siehſt du dort am gruͤnlich gold'nen Bogen Eines Flammenſternes Einſamkeit? Mild und feiernd kömmt ſein Strahl gezogen, Seine Locken gluͤhn in Herrlichkeit. Heſperus, ſo war ſein Nam hienieden; Seines ſchoͤnen Landes Zauberbluͤten Machte dankbar ſeines Volkes Mund Durch des edeln Konigs Namen kund. 38 Steigt mit mir in grauer Vorzeit Tiefen. Zu dem harmlos ſeligen Geſchlecht, Wo der Zwietracht gift'ge Schlangen ſchliefen, Und des Herzens Spruch noch galt fuͤr Recht; Zu der biedern Hirten Binſenhutten, Wo das Lied nur Lorber ſich erſtritten, Und die Blume auf dem Feldaltar Kindlicher Gemuͤther Opfer war! Da regiert' auf dieſen milden Auen Heſper mit der Liebe Blick und Wort; Keines Grames Thraͤne ſah man thauen, Keine Seufzer trugen Winde fort. Heſper ſammlet ſie an Veſta's Heerde, Daß der Menſchheit Oelbaum gruͤner werde; Ordnet dann der Zeiten Lauf und Maaß, Wie er in des Himmels Rollen las. Einſam auf des Berges alten Ruͤcken Stieg er oft in ernſter Mondesnacht, Sah mit ſehnſuchtsvollen Feuerblicken Nach des Goͤtterhauſes Flammenpracht; 39 Und dem unbefang'nen, frommen Spaͤher Kamen mild die Aetherweſen naͤher: Er empfand in ahnendem Gemuͤth, Daß das Hoͤchſte nicht auf Erden bluͤht. Hochbegeiſtert glühten ſeine Wangen Und dem Aug' entfloß der Wehmuth Thau, Wenn der Lyra Aetherſtimmen klangen, Und des Schwanes Lied, im tiefen Blau; Wenn ertoͤnt' Orions Silberbogen, Andromedens gold'ne Schleier flogen, Sich des Halmes Segensaͤhre bog, Die Hyaden Regenflor umzog. Da ergreift es ihn mit Adlerfluͤgel, Hebt ihn zu dem hohen Reihn empor; Todt, erloſchen ruhn die Erdenhügel, Ihn umbraußt der Sphaͤren voller Chor, Und der Goͤtter himmliſche Geſtalten Sieht er droben im Olympus walten, In des ſtuͤrmeloſen Kronos Saal, Sonder Muͤh, und ſonder Tod und Quaal. 40— Nehmt mich auf, ſo ruft er; Winterflocken Ruhen auf dem grauen Haupte ſchon! Schoͤner ziert der Todtenkranz die Locken, Als der Lorber, jungen Lebens Lohn! Alles iſt vollendet mir hienieden, Freundlich duften meiner Pflanzen Bluten: Seht, es nahn ſich eurem Feſtaltar Gute Menſchen, bringen Gaben dar! Hoͤrt ihr nicht die preiſenden Geſaͤnge, Die dem frommen Herzen ich gelehrt, Und der Floͤten und der Lyra Klaͤnge, Die das Heilige ſo kindlich ehrt? Seht, der weiſen Themis Grenzeſteine Schuͤtzen ſie im traulichen Vereine; Ihre Huͤtten, ohne Haß und Streit, Wirthlich ſind ſie ſtets dem Gaſt bereit. Nehmt mich auf, ihr Leuchtenden, ihr Hehren, Wo das Leben ohne Schleier ruht! Laßt den Geiſt nicht langſam ſich verzehren, Nicht den Koͤrper rauben ſeine Glut! ——— 41 Ueber euch iſt alles licht und helle, Euch umſtromt der ewgen Jugend Quelle, Und der Gotterfunken daͤmmert nicht, Rein iſt er, wie Phoͤbus goldnes Licht. Alſo fleht' er; und am Weihaltare, Als in dichten Reihn den Dank er ſpricht Mit geweihter Inful in dem Haare, Hellt Verklaͤrung ihm das Angeſicht. Dumpfe Donner rufen ihren Todten, Kronos ſendet ſeinen Flammenboten, Der mit der Vergöͤtt'rung Phoͤnixflug Ihn zum Uranidenlande trug. Bleich, erſtarret ſteht die dichte Menge— Seht des neuen Sternes Herrlichkeit!— Da erheben ſie die Feſtgeſaͤnge, Ein Altar wird dankbar ihm geweiht. Zu des Berges altergrauten Hallen Opfernd ſeine treuen Hirten wallen 3 An dem heil'gen Berg, im Lorberhain, Hebt ſich ſeines Grabmals ſchlichter Stein. Karl Beſſeldt. ———YK Das Gluͤck oder die vier Gaben. Ein Maͤhrchen. Es war einmal eine arme Frau, die lebte mit ihren vier Kindern kuͤmmerlich in einer ſchlech⸗ ten Huͤtte am Ende eines elenden Döͤrfchens, nicht weit von einem großen Walde. Dieſer Wald that, wie ein reicher Mann, Thieren und Menſchen Gutes, und naͤhrte auch unſere kleine, duͤrftige Familie. Im Sommer gab er reichliche Beeren her, von denen die aͤlte⸗ ſten Kinder das Beſte, ausgeſucht, in die be⸗ nachbarte Stadt zum Verkauf trugen; im Win⸗ ter gab er ihnen ſein Holz, bei deſſen munte⸗ rer Flamme die Mutter die Kartoffeln briet, welche das Gaͤrtchen an der Huͤtte lieferte. Als ſie eines Abends eben auch uͤber dieſem Geſchaͤft war, indem der Wind ſich draußen 43³ mit dem Schneegeſtoͤber umherjagte, klopft' es zu wiederholten Malen an die wohlverriegelte Thuͤr und bat mit flehender Stimme um Ein⸗ laß. Die Mutter nahm das irdene Laͤmp⸗ chen, ließ ihren Siedtopf am Feuer und die lauernden Knaben dazu, und ſchaute durch den Schieber an der Thuͤr, weß die bittende Stim⸗ me ſei. Da gewahrte ſie das ganz mit Schnee uͤberdeckte Haupt einer aͤltlichen Frau, die ein Koͤrbchen vor ſich trug, dergleichen die Kraͤmer tragen, welche auf Maͤrkte ziehen; und ſogleich und ohne Widerrede that ſie das Thuͤrlein auf und ließ den Gaſt herein. Als ſich die Frem⸗ de am Feuer gewaͤrmt, ihre Kleider getrocknet und ſich mit dem Wenigen gelabt hatte, was hier zu haben war, ſprach ſie alſo: Bin Freyin im Land, Frau Irrum genannt, fahre hin und her, im Kreuz, in der Quer; biet Jedem die Waar, all Tage im Jahr; bin Vielen nicht recht, Vielen zu ſchlecht. Moͤgen nicht kaufen, wohlfeil und gut. Thoͤrichtes Blut! Die laß ich laufen. Nach dieſen Worten, welche ziem⸗ lich pathetiſch und ſibyllenhaft vorgebracht wur⸗ den, und die Mutter in eine Art von andaͤch⸗ ——— 444 tiger Scheu, die Kinder aber in Furcht und Schrecken verſetzten, zog ſie die Decke von ih⸗ rem Koͤrbchen, aus welchem die ſchoͤnſten und mannichfaltigſten Waaren hervorblitzten. Bunte Tuͤcher und goldne Muͤtzen, ſpitzige Scheeren und ſcharfe Meſſer, Handſchuh und Faͤcher, und Kinderſpielwerk ohne Zahl. Die Geſich⸗ ter alle umher wurden wieder zutraulich und freundlich; die fremde Wunderfrau kehrte ſich zur Mutter, und ſprach eben ſo feyerlich, als vorher: Das Gluͤck ſich oft zeigt; ihr kennet es nicht. Das Beſte es reicht, was Jedem gebricht. Habt Acht, wenn es ſpendet: denn, einmal gewendet, kehrt nie es zuruͤck. Hierauf ſtellte ſie ſich die Buben ums Feuer, alle nach der Reihe, wie ſie gewachſen waren, daß ihnen die Flamme die bausbackigen Geſichter beſtrahlte, und blickte ſie, einen nach dem andern an, gleich⸗ ſam um fuͤr jeden eine paſſende Gabe auszu⸗ ſuchen. Die Buben blickten zutraulich die fremde Frau wieder an, Adelbert, der aͤlte⸗ ſte, mit lachenden Augen, Egbert, der zweite, mit Flammenaugen, Friedbert, der dritte, mit ſchmachtenden Augen, und Siegbert, der 45 letzte, mit ſanftem, ſcheuem Blick. Wie Frau Irrum, die Spaͤherin, dieß geſehen, ergriff ſie aus ihrem Schatze ein hellpolirtes kleines Winkelmaß, gab es dem Buben mit den la⸗ chenden Augen, und ſagte dazu: Suche das Rechte! Dem zweitenz, mit den funkelnden Augen, gab ſie einen ſtaͤhlernen Zirkel, mit den Worten: Ehre die Schranke! Dem drit⸗ ten, mit den ſchmachtenden Augen, reichte ſie eine Kinderklapper, indem ſie ſprach: Frey Gemuͤth, leicht Gebluͤt! Und dem letz⸗ ten, mit dem ſchuͤchternen Blick, gab ſie ein eiſer⸗ nes Staͤbchen, unter den Worten: Wanke nicht! Hierauf wendete ſie ſich zur Mutter, ſchaͤrfte ihr ein, die Knaben wohl auf ihre Gaben achten, dabei jeden ſein Spruͤchlein fleißig wiederholen zu laſſen, weil auf dieſem Spruͤchlein, naͤchſt der Gabe, das ganze kuͤnf⸗ tige Gluͤck eines jeden beruhe; und legte ſich ſodann, nach dieſer Vermahnung und Weiſung, zur Ruhe auf ihre Streu. Als am Morgen die Wirthin erwachte, ihrem Gaſt ein warmes Suͤpplein zuzubereiten, war Frau Irrum uͤber alle Berge; die Thuͤr war aufgeriegelt, und 46 aͤußerlich loſe mit einem Faden verwahrt. Frau Gertrud gab den Buben ihren neuen Spiel⸗ kram, die Gaben der Frau Irrum, heraus, als ſie einſtimmig darum baten; aber jeden dabei an ſein Spruͤchelchen zu erinnern, was doch die Hauptſache ſeyn mochte, daran dachte ſie nicht, weil ſie in ihrer ſchlichten Einfalt alles Wortwerk in jeder Sache nur fuͤr Nebenwerk hielt; auch hatte ſie in der That, ſo gut wie die unachtſamen Knaben, alle die ſchoͤnen Sen⸗ tenzen, welche die Geberin dem Spielkram bei⸗ geſellt hatte, reinweg wieder vergeſſen. Sie ging vor wie nach an ihr taͤgliches Geſchaͤft, fuͤr des Leibes Nahrung und Nothdurft zu ſorgen, wobei ihr die Knaben nach Kraͤften beiſtanden, trieb das ſo den Winter uͤber, und das naͤchſte ganze Jahr, und noch einige kommende Jahre, ohne daß ſich irgend vortheilhafte Veraͤnderun⸗ gen in ihrem Hausſtande einfanden, als Folgen der ſegensvollen Einkehr jener fremden Wunder⸗ frau und ihrer Geſchenke. Im Gegentheil, je groͤßer und bengelhafter die Buben wurden, deſto ſtaͤrker wurden ihre Beduͤrfniſſe; die Mutter konnte nicht mehr genug ſpinnen, und das Kar⸗ — 42 toffelfeld des engumzaͤunten Gaͤrtchens fing an, fuͤr ſo viele große Maͤgen zu klein zu werden. Sie ſah alſo keinen andern Rath, als, da die jungen Burſche nun groß genug waren, um ihr Gluͤck in der Welt zu verſuchen, ſie auch auf gut Gluͤck in die Welt hinauszuſchicken. Doch mochte ſie dieſes nicht thun, ohne einen verſtaͤndigen Mann zu Rathe zu ziehen; und da ihr, nach dem Tode des ihrigen, kein weiſerer bekannt war, als der Schulmeiſter im Dorfe, der fuͤr ein wahres Orakel galt, beſonders bei der Dorf⸗ jugend, als bei welcher er ſeine Prophezeiungen immer eigenhaͤndig in Erfuͤllung brachte: ſo nahm ſie ihre Zuflucht zu dieſem, um ſo mehr, da ſie hoffte, er werde ihr zugleich eine naͤhere Deutung der raͤthſelhaften Gaben der Frau Ir⸗ rum geben koͤnnen, die ihr zwar immer noch in den Gedanken lagen, deren eigentlichen Ge⸗ brauch aber, nach dem Sinne der Geberin, ſie gar nicht ahnete. Sie begab ſich demnach an einem ſchoͤnen Nachmittage, in Geſellſchaft ihrer Soͤhne, deren jeder ſein Wahrzeichen mit ſich tragen mußte, zum Gevatter Schulmeiſter, welcher eben dem Studium der Bienenzucht 48— oblag, trug ihm das Anliegen ihres Herzens in gebuͤhrender Demuth vor, und erzaͤhlt' ihm auch den ganzen Hergang von dem wunderba⸗ ren Beſuch und den Geſchenken; worauf der Schulmeiſter ſeine Brille nahm, die Gaben alle nach der Reihe ſorgfaͤltig muſterte, das Haupt ſchuͤttelte, und endlich ſprach, wie folgt: Ihr ſollt wiſſen, Gevatterin, daß jenes Weib kaum weniger oder mehr geweſen, als eine Zigeu⸗ nerin, von welchem Volk man ſagen will, daß es von dem Naturell der Menſchen beſſere Kund⸗ ſchaft haben ſoll, als ſonſt jemand. Indem ich nun dieſes an ſeinen Ort geſtellt ſeyn laſſe, kann ich doch nicht umhin, zu vermuthen, ſie habe es eurem Aelteſten angeſehen, daß er ein guter Zimmermann, dem zweiten, daß er ein tuͤchtiger Tiſchler, dem dritten, daß er ein wak⸗ kerer Tambour oder ſonſtiger Kriegskamerad werden moͤge, und dem vierten, daß er am be⸗ ſten zu Hauſe unter eurer Zucht und Aufſicht bleibe; weshalb ſie denn auch dem erſten das Winkelmaß, dem zweiten den Zirkel, dem drit⸗ ten die Klapper, als welche gar wohl den Krieg und ſein Geraͤuſch bedeuten kann, dem vierten 49 aber das Staͤbchen gegeben, zum Zeichen, daß er der Mutter dienen und gehorchen ſoll. Wor⸗ auf die arme Wittwe in bittere Thraͤnen aus⸗ brach, und klagte: Ach, ich armes Weib, die ich nicht habe, womit ich dieſe großen, erwach⸗ ſenen Kinder ernaͤhren kann: wie ſoll ich den Lehrgroſchen auftreiben, den jeder Meiſter ver⸗ langt, wenn er einen Buben in die Lehre nimmt? Wol mag euer Rath weiſe ſeyn und gut ge⸗ meint, doch uͤberſteigt er mir die Kraͤfte, und ich muß Gott walten laſſen. Das thut, Mut⸗ ter, riefen die Soͤhne, und ſo laßt uns auf und von hinnen ziehen, und unſer Heil in der weiten Welt ſuchen. Sprachen's, und huben ſich davon, und die betruͤbte Mutter folgte ih⸗ nen nach. Als ſie wieder daheim waren, ſprach Adel⸗ bert, der aͤlteſte, mit den lachenden Augen: Mutter, ich haͤtte den Tod davon, haͤttet ihr mich zu einem Zimmermann bracht: ich tauge nicht, tagelang vor der Hobelbank zu ſtehen; es ſprengt mir's Herz. Und ſomit nahm er ſein hellpolirtes Richtſcheidlein, und warf es unwillig in einen Winkel. Egbert, der zweite, Selene 2. Jahrg. 1. Heft. 4 50— * mit den Flammenaugen, ſprach: Und gaͤbt ihr mir die ganze Reichsſtadt Nuͤrnberg mit ihrem Kram, ich koͤnnte nicht Tiſchlermeiſter ſeyn, ge⸗ ſchweige denn Geſell oder gar Bub, wie jeder Zuͤnftler muß. Sprach's und warf ſeinen Zir⸗ kel in den Winkel zum Richtmaß. Beiden folgte die Klapper nach, die Friedbert, der dritte, mit dem ſchmachtenden Augenpaar, von ſich warf, indem er ausrief: Pfui des Krieges und aller ſeiner Geraͤthe! muß ich ins Weite, wohin mich ein verlangender Sinn zieht, ſo ſei es doch nim⸗ mer in ein Land, wo der Krieg raſ't, und nim⸗ mer zu einer Arbeit, die ihm froͤhnt. Nicht zu den uͤbrigen Gaben der Frau Irrum warf Siegbert, der vierte, mit dem ſchuͤchternen Blick, ſein Staͤbchen, ſondern fromm und nicht der Zucht beduͤrftig, nach des Schulmeiſters Exegeſe, trat er hin zur Mutter und ſprach: Bewahret das Staͤbchen, zum Zeichen, daß ich euer Stab und Stuͤtze ſeyn will, wenn jetzt die Andern von hinnen ziehen. Denn es kommen die Tage, wo ihr nicht mehr ruͤſtig ins Holz ziehen moͤget, oder den Acker umgraben, oder die Spindel am Raͤdlein drehen. So wie nun alle euch ließen, ——. 51 waͤret ihr gar verlaſſen und elend. Das ſei ferne.— Unter dieſen Reden war es faſt ſpaͤt worden; und da die Wanderer des andern Tages bei guter Zeit ſich auf und von dannen machen wollten, ſo legten ſie ſich ſogleich aufs Ohr, und thaten noch einmal einen guten, herzhaften Schlaf in der muͤtterlichen Behauſung. Fruͤh Mor⸗ gens, mit der Sonne Aufgang, gingen ſie, von der Mutter und dem juͤngſten Bruder geleitet, bis an den naͤchſten Kreuzweg; allda ſetzten ſie ſich zum Valet, und die Mutter gab jedem, zu⸗ gleich mit dem Abſchiedszaͤhrlein, einen Batzen, mit den Worten: Hier, meine Soͤhne, theile ich unter euch die Haͤlfte von dem, was ich in langen Jahren zu einem Nothpfennig aufgeſpart von meinem Spinnerlohn. Bewahrt es wohl, und nur in bittrer Noth gebt es hinweg. Die Soͤhne nahmen jeder ſeinen beſchiedenen Batzen, und zogen aufs Gerathewohl ihre Straße, der eine dahin, der andere dorthin. Die Mutter aber ging mit dem Juͤngſten nach Hauſe und weinte den ganzen Tag. Von dieſer muͤtterli⸗ chen Spende nun ſchreibt ſichs her, daß man die jungen Guckindiewelt, die gern uͤberall hin⸗ 52 aus moͤchten, und wiſſen nicht wohin, Batz⸗ buben nennt, bis auf dieſen Tag. So zogen denn alſo die drei jungen Wichte aus auf ihre Wanderſchaft, ohne von den Amuleten der wunderlichen Frau Irrum Notiz zu nehmen; und es ſchien, als habe ſich die gute Frau ſehr betrogen, indem ſie, durch Sinnbilder und Sen⸗ tenzen, aufſtrebende Menſchen dem Gluͤcke zu⸗ zufuͤhren gedachte. Als Frau Gertrud wieder nach Hauſe kam, war ihr erſtes Geſchaͤft, die weggeworfenen Irrum'ſchen Gaben zu ſammeln und zu ver⸗ wahren. Denn außerdem, daß ſie einen ge⸗ heimen Wunderglauben an dieſe Gaben hegte, pflegte ſie auch nichts in der Welt, was ſie fand oder geſchenkt bekam, wegzuwerfen, ſon⸗ dern dagegen oft ihren Kindern zu predigen: Wer veracht't die kleinen Gaben, ſoll die großen auch nicht haben. Von nun an verrichtete ſie mit ihrem Juͤngſten gemeinſchaftlich die Arbei⸗ ten des Hauſes und des Ackers, und mit guͤnſti⸗ gerem Erfola, als vorher. Denn wenn zuvor, trotz aller ruͤſtigen Arme, kaum das Noͤthigſte fuͤr die, Erhaltung dieſer Arme gewonnen wurde, ſo 58 blieb jetzt noch uͤbrig. Der Acker am Haͤus⸗ chen gab jetzt, da er weniger Kartoffeln tragen durfte, ſein feines Raͤumchen zu etwas Flachs her. Den Flachs hatte die Mutter Zeit zu ſpinnen, da ſich der ruͤſtige Sohn im Wald und Garten fleißig ruͤhrte. Nach ein paar Jahren konnte die Mutter ſchon ein gutes Theilchen Geſpinnſt in der Stadt verkaufen; dann aber⸗ mals nach ein paar Jahren wieder ein gutes Theil; und ehe ſichs die Nachbarn verſahen, erhandelte Siegbert, der juͤngſte, mit dem ſchuͤch⸗ ternen Blick, von der Gemeine noch ein Stuͤck⸗ lein Feldes zu der Umzaͤunung ſeines Gaͤrtchens, und kaufte auch auf dem naͤchſten Viehmarkt eine Ziege. Den neuen Acker, welcher ganz verwildert war, mußte Siegbert mit ganz beſonderer Sorg⸗ falt bearbeiten, ehe er hoffen konnte, Frucht fuͤr ſeine Muͤhe einzuernten. Indem er nun eines Tages mit dem Spaten ſich durch die ſteinharte Erde durchgearbeitet, klingts ihm auf einmal, wie wenn Eiſen auf Eiſen trifft. Er wieder⸗ holt den Stoß noch kraͤftiger auf denſelben Fleck; und es erfolgt derſelbe Klang. Nun 4½ 54 nimmt er Hacke und Schaufel zu Huͤlfe; und in kurzer Zeit hat er eine kupferne Platte her⸗ ausgearbeitet, unter der nun alles wieder glei⸗ ches, feſtes Land iſt, wie zuvor. Er meint, ein ſolcher Fund ſei beſſer, als gar keiner, traͤgt das Stuͤck Kupfer in die Huͤtte und lehnt es in einen Winkel, um es einmal an einem Haupt⸗ markttage mit zur Stadt zu nehmen. Bei die⸗ ſem Vorſatze wollen wir ihn verlaſſen, und uns nach ſeinen drei aͤltern Bruͤdern und ihrem Schickſal umſehen. Der Weg, welchen Adelbert der aͤlteſte, mit den lachenden Augen, einſchlug, fuͤhrte ihn in die Gegend gen Mittag. Er ſchritt raſch vor⸗ waͤrts, und hatte, als die Sonne anfing ihn auf die Scheitel zu brennen, ſchon einige Mei⸗ len zuruͤckgelegt. Da glaubte er ſich berechtigt zu raſten, legte ſich unter einen wilden Baum am Wege, hielt Mittagstafel von einem Stuͤck Gerſtenbrot und zwei Kartoffeln, trank dazu aus einer nahen Quelle, bedachte dann, was wol aus ihm werden wuͤrde, troͤſtete ſich damit, daß er es nicht wußte, und ſchlief darauf ſehr ruhig ein. Als er wieder erwachte, han ihm 5⁵ die Sonne einen großen Vorſprung abgewon⸗ nen; er ſprang alſo nun ſelbſt deſto ſchneller auf und ſputete ſich, um heute noch ein gut Stuͤck weiter zu kommen. Er mochte unge⸗ faͤhr wieder ein paar Stuͤndchen zuruͤckgelegt haben, da kam er an ein großes Dorf, wo alles Jubel und Freude war. Baͤnder faatter⸗ ten, Fahnen wehten, Hoͤrner erklangen, Bur⸗ ſche jauchzten, Glaͤſer toͤnten, Maͤdchen ſchrien; und kurz, es ging hier zu, wie beim reichen Manne. Der Schulze im Dorfe verheirathete ſeine Tochter an einen Buͤrger der naͤchſten Stadt. Adelbert, der uͤberall gern war, wo es luſtig zuging, draͤngte ſich ſogleich in die Schaaren der Taͤnzer, und gab ſeinen Batzen fuͤr den erſten Walzer mit der naͤchſten, beſten Dirne hin. Nicht leicht wird ein ruͤſtiger und gewandter Taͤnzer uͤberſehn. Der Hochzeiter nahte ſich ihm, verbot ihm ſtreng weiter etwas an die Muſikanten zu zahlen, und lud ihn feier⸗ lich zur hochzeitlichen Froͤhlichkeit ein. Unſer Wanderer ließ ſich das nicht zweimal ſagen, tanz⸗ te, lachte, aß, trank, jubelte, ſo gut wie die an⸗ dern, ja ſo gut, als waͤr' das Feſt ſeinetwegen 36 angeſtellt worden. Ungluͤcklicherweiſe war dieß gerade der letzte Tag der hochzeitlichen Feierlich⸗ keiten; und als die Sternlein am Himmel her⸗ aufgezogen kamen und es kuͤhle ward, machten ſich die Gaͤſte aus der Stadt auf den Weg, zu Roß oder Wagen, wie ſie gekommen waren. Adelbert, der auch nach dieſer Stadt wollte, konnte nichts erwuͤnſchteres finden, als das Anerbieten eines freundlichen dicken Mannes, der allein fuhr, ihn auf ſeinem Wagen mitzu⸗ nehmen. Unterwegs ſchlief er ein, und ſchlief noch, als ſie ſich den Ringmauern der Stadt nahten. Der Mond ſchien auf ſein ſchoͤnes und faſt kindliches Geſicht; und der dicke Mann, der den Schlaͤfer mit Wohlgefallen betrachtete, und es ihm wol abmerkte, daß er ein armer Schlucker war, dachte in ſeinem Herzen: Was ſollſt du das junge Blut aufſchrecken und noch lang in der Nacht nach einer Herberg herum⸗ jagen laſſen! Willſt ihm zu Hauſe Dach und Fach geben und morgen fruͤh etwas zum In⸗ biß; dann mag er weiter ziehen!— Als ſie angekommen waren, ruͤttelte ihn ſeln Wirth auf, kommunicirte ihm ſeinen Plan, den ſich 57 Adelbert ohne weiteres gefallen ließ, und gab dem muͤden Wanderer und Taͤnzer eine gute Streu. Am naͤchſten Morgen, beim Fruͤhſtuͤck, fragte ihn ſein Wirth, wo er hingedaͤchte; und erhielt zur Antwort, das wiſſe er ſelber nicht. Wenn dem ſo iſt, hub darauf lachend der Alte an, ſo bleib doch lieber gleich hier, mein Sohn; da gehſt du mindſtens nicht irre. Das ganze Kuͤchenperſonale ſchlug uͤber dieſer Rede ein ſchallendes Gelaͤchter auf, denn die Scene war eben in der Kuͤche, und der Sama⸗ riter, der ſich unſers Helden erbarmt hatte, war der Monarch in dieſem Diſtrikte, und nichts weniger, als fuͤrſtlicher Koch. Ruͤſtige Haͤnde brauchen wir hier immerdar, fuhr er fort, und willſt du uns die geben, ſo geben wir dir zu eſſen und zu trinken, ſo viel du magſt. Das war eben unfers Adelberts Sache. Er ſchlug ohne Bedenken ein, und trat ſogleich ſein neues Amt an, deſſen Dienſte eben ſo wenig ſchwer zu errathen, als leicht zu ver⸗ richten ſind, fuͤr den, der nicht Adelberts Schultern und Adelberts frohe Laune beſitzt. Allein mit beiden machte er ſich ſehr bald die 58 ganze Kuͤche, ja bald den ganzen Hof zum Freunde; verſteht ſich, daß hier der Hof nicht den Hofſtaat, ſondern umgekehrt, gerade alles das bedeutet, was am Hofe keinen Staat macht. Den Waſſer⸗, Holz⸗, Fleiſch⸗, Tiſch⸗ und Gemuͤſe⸗Traͤgern war der flinke Adelbert eine ſehr willkommene Huͤlfe, wenn er ihnen, die muͤhſam die hohen Treppen hinaufkeuchten, auf halbem Wege ihre Laſt abnahm. Des Abends, in der allgemeinen Rekreationsſtunde der maͤnnlichen und weiblichen niedrigen Dome⸗ ſtiken, wurde er bald die Seele der Geſell⸗ ſchaft, indem er jetzt luſtige Schwaͤnke erzaͤhl⸗ te, jetzt ein herzgewinnendes Liedchen ſang, und jetzt eins auf der Maultrommel ſpielte. Es war als ob ein ganz neues Leben in die ſaͤmmtlichen mechaniſchen Proceſſe des Kuͤchen⸗ weſens gefahren waͤre, ſeitdem Adelbert in die⸗ ſem Revier ſein eben ſo heiteres als gern ge⸗ goͤnntes Regiment fuͤhrte. Nan hoͤrte keinen Streit und Zank mehr in dieſen unterirdiſchen Regionen; lauter Luſt und Leben, lauter Scherz und Freude.— Es konnte nicht fehlen, daß dieſe ſonderbare Metamorphoſe die Aufmerk⸗ 59 ſamkeit der hoͤhern Bedienten auf ſich zog, die in keinem ſo harmoniſchen Vernehmen lebten. Beſonders zeigte hier eine von den Zofen der Fuͤrſtin Mutter, die mit der maͤnnlichen Die⸗ nerſchaft des Fuͤrſten in ewiger Fehde lebte, einen ganz ſpecialen Scharfblick, und mit wahr⸗ haft genialem Ahnungsvermoͤgen beſchloß ſie, dieſen Keim der Eintracht und Heiterkeit der wilden Baumzucht der maͤnnlichen Dienerſchaft des Fuͤrſten einzuimpfen. Ehe Adelbert ſelbſt wußte, wie ihm geſchehen war, befand er ſich mitten unter den fuͤrſtlichen Dienern, in ihrer Liverey und zu gleichen Dienſten beſtimmt, die er freilich Anfangs etwas ungeſchickt, doch bald mit ſeiner gewoͤhnlichen Leichtigkeit verrichtete. Gegen ſcheele Blicke hatte er nur demuͤthige, gegen ſtolzes Vordraͤngen ſtilles Zuruͤcktreten, gegen anmaßendes Befehlen beſcheidenes und ſchnelles Gehorchen zu ſetzen. Und ſo geſchah es denn, daß er auch hier, ohne daß er es faſt zu wollen oder zu beabſichtigen ſchien, nur Freunde um ſich hatte, wo jeder andere um ſich nur Feinde ſah. Es dauerte nicht lange, ſo zeichnete er ſich im Dienſt ſogar vor allen 60 Andern aus; und zuletzt bemerkte ihn der Fuͤrſt.— Fuͤrſten bemerken nur, wen ſie brau⸗ chen koͤnnen. Adelbert wurde Kammerdiener, Vertrauter, fuͤrſtlicher Geſchaͤftsmann, und an⸗ faͤnglich im Stillen, nach ein paar Jahren aber, nachdem er ſchon einige Zeit den Kammerdie⸗ nertitel mit dem eines fuͤrſtlichen Intendanten vertauſcht hatte, erklaͤrter fuͤrſtlicher Guͤnſt⸗ ling.— Wenn ihr nun meint, ſeine Froͤhlich⸗ keit und gute Laune waͤren mit ſeiner jedes⸗ maligen Standeserhoͤhung geſtiegen, ſo irrt ihr euch. Seine ſchoͤnſte Periode hatte ſchon ein Ende, wie er das vulkaniſche Reich der Kuͤche verließ. Je naͤher er dem Olymp kam, deſto mehr beengte es ihm den Athem, und jetzt, da er vor dem Thron Jupiters ſelbſt ſtand, war alles glaͤnzend und lachend um ihn her, nur ſeine eigenen Augen nicht mehr. Truͤbe waren dieſe und eingeſunken, und der Freude Staͤtte ward nicht mehr funden in ihnen, weil er ſich in eine Lage geſchraubt fand, in welcher er ſich nicht mehr frei ruͤhren noch wenden konnte. Da that er manchmal, was ihm ſonſt nie eingefallen war: er dachte nach, dachte daß 61 das unmöglic die rechte Manier zu leben ſeyn koͤnne, bei welcher einem nicht wohl waͤr, und beſchloß in der That an einem ſo ſpleenvollen Tage den Fuͤrſten um ſeine allergnaͤdigſte Dimiſ⸗ ſion zu bitten: als ihm unvermuthet ein unver⸗ nuͤnftiges Thier dieſe Muͤhe erſparte. Sein Herr, der Fuͤrſt, beſaß unter andern Selten⸗ heiten aus der Familie der Hunde, ein wunder⸗ ſchoͤnes Windſpiel, dem, ſo ungezogen es war, kein Menſch ein unſchoͤnes Wort ſagen durfte. Dieſes bequeme Thier hatte ſich zufaͤlligerweiſe queer uͤber eine Stufe der Treppe gelegt, welche eben Adelbert, in ſeine ſplenitiſchen Grillen ver⸗ tieft, hinaufſtieg. Es war demnach nicht zu verwundern, daß der Fuß des ſchreitenden Guͤnſtlings auf eine der ausgeſtreckten vier Pfo⸗ ten des liegenden zu ſtehen kam; und eben ſo wenig war es zu verwundern, daß dieſer ſich durch einen ſchnellen Biß in die Wade des un⸗ achtſamen Steigers, aus einer hoͤchſt genirten Lage zu ziehen ſuchte. Nach demſelben Prin⸗ cip brachte aber Adelbert ſeinem Gegner mit einem Bambusrohr, welches ungluͤcklicherweiſe ſeine Hand trug, einen ſo entſcheidenden Streich 62 bei, daß in Zukunft jedermann vor den Unge⸗ zogenheiten Lianens geſichert war. Der Ruf dieſer Heldenthat gelangte ſchnell zu den Ohren des Fuͤrſten, und eben ſo ſchnell die Donner⸗ nachricht zu denen des Exguͤnſtlings, daß er ſich augenblicklich, und wie er ging und ſtuͤnd, aus dem Gebiet ſeines bisherigen Beſchuͤtzers ent⸗ fernen ſollte. Adelbert gehorchte nicht ungern, vertauſchte in einem Winkelgaͤßchen ſeine glaͤn⸗ zende Kleidung mit der eines gemeinen Hand⸗ werkers, ſteckte die herausbekommene Muͤnze als ein Viatikum ein, erwartete in einem klei⸗ nen Wirthshauſe bei einem Glaſe Wein die Nacht, und begab ſich nun, unter dem Geleit der funkelnden Sterne, auf den Weg nach ſei⸗ ner Heimath; denn die Erinnerung an dieſe, ſo wie natuͤrlich an ſeine gute Mutter, endlich auch an die verſchmaͤhte und zuruͤckgelaſſene Gabe der Frau Irrum, hatte ſich mit einem⸗ mal ſeiner bemaͤchtigt. Ja, was noch mehr iſt, ihm fiel ſogar das Spruͤchlein wieder ein, das er als Knabe wol vernommen und gemerkt, aber nicht verſtanden und beachtet, und darum auch nicht wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤckgerufen hatte: — 63 „Suche das Rechte.“ Er war ſich wol be⸗ wußt, bis jetzt nur bequemen Lebensunterhalt und allerlei Luſt und Ergoͤtzlichkeit geſucht zu haben; allein das Rechte zu ſuchen war ihm nicht eher eingefallen, als bis ihm, naͤchſt ſei⸗ nem Frohſinn, nun auch das taͤgliche Brot ent⸗ zogen wurde. Jetzt hielt er es denn zunaͤchſt fuͤr's Rechte nach Hauſe zu gehen und ſich nach ſeiner lange vernachlaͤſſigten Familie umzuſehen. Und bei dieſem Gedanken und ſeiner Ausfuͤh⸗ rung fing er zum erſtenmal nach langer Zeit wie⸗ der an frei Athem zu ſchoͤpfen, und der Zu⸗ kunft mit Heiterkeit entgegenzuſehen. Laſſen wir ihn ziehen und ſehen uns unter⸗ deſſen nach ſeinem zweiten Bruder Egbert, mit den Flammenaugen, um. Dieſen traf am erſten Tag kein ſo heiteres Loos, als ſeinen Bruder an demſelben getroffen hatte. Er wanderte gen Abend zu und ſchritt ruͤſtig vorwaͤrts, ohne zu raſten oder Nahrung zu ſich zu nehmen. Da erlugte ihn gegen Sonnenuntergang, wie er durch ein Gehoͤlz ging, eine Schaar Raͤuber. Dieſe ſielen uͤber ihn her, banden ihm, wie⸗ wol er ſich mit Rieſenſtaͤrke wehrte und mit 64 Loͤwenmuth kaͤmpfte, Haͤnde und Fuͤße, nah⸗ men ihm, da ſie weiter nichts bei ihm fanden, ſeinen Batzen, und ließen ihn mit vielen Wun⸗ den und als einen Todten liegen. Ein wacke⸗ rer Bauersmann, der voruͤber fuhr, lud ihn auf ſeinen Wagen, legt' ihn daheim beim Ofen aufs Stroh, und ließ ihm von Frau und Maͤg⸗ den ſeine Wunden waſchen; und als er wie⸗ der ein Zeichen des Lebens von ſich gab, floͤßte er ihm einen Schluck Aquavit ein, und ließ ihn dann ſchlafen, ſo lange er wollte. So wurde denn Egbert gepflegt, bis er geneſen war, blieb zum Dank bei dem Bauer im Dienſt, und that ihm manche ſaure Arbeit.— Jetzt begab ſich's, daß der Kaiſer Soldaten ausſchrieb, weil die Tuͤrken rege wurden und boͤſe Miene machten. Jeder Bauer ſuchte ſein einiges Kind zu bewahren; was aber freund⸗ los war und fremd im Dorfe, das mußte ohne Barmherzigkeit daran. Das war unſerm Egbert eben recht; denn durch die harte Arbeit hatten ſich ſeine Knochen geſtaͤrkt, und ſein Muth war feſt worden, und zum Stillſitzen fuͤhlte er ſich nicht geboren. Er war bald einexereirt, und 65 lernte die Muskete fuͤhren, wie einer; that ſich auch bei der erſten Aktion ſchon ſo hervor, daß ihm ſein Hauptmann fuͤr die zweite, betruͤg er ſich wieder ſo maͤnnlich, die Korporalsſtelle zuſicherte. Allein dieſe zweite Aktion uͤberlebte der gute Hauptmann nicht; denn da ging's gar moͤrderiſch zu; es war, als koͤnnte gar niemand mehr einen Kopf, oder Arm, oder Fuß behal⸗ ten. Da war Held Egbert oben drauf. Er machte ſich uͤberall Platz. Da ſeine Kamera⸗ den ſahen, daß um ihn alles wich, ſo draͤng⸗ ten ſie ſich zu ihm hin, und fochten, durch ſein Beiſpiel angefeuert, wie die Tieger. Dem Tapfern geſellt ſich das Gluͤck. Es waͤhrte nicht lange, ſo hatte Egbert nicht bloß eine große Schaar wackerer Kameraden neben und nach ſich, ſondern auch eine noch groͤßere Schaat fliehender Feinde vor ſich. Der Fluͤgel, auf welchem Egbert focht, und der ſchon zu wei⸗ chen begonnen hatte, erlangte einen vollkomme⸗ nen Sieg, und hatte dies in der That dem Faͤhnlein zu danken, das Egbert, an der Stelle des gefallenen Hauptmanns, ſo wacker in den Feind gefuͤhrt hatte. Es konnte nicht fehlen, Selene 2. Jahrg. I. Heft. 5 66 der junge Held ward hervorgezogen, begruͤßt, und mit der erledigten Hauptmannsſtelle begabt. Jetzt ſah ſich Egbert mit den funkelnden Au⸗ gen auf einmal auf dem Wege des Ruhms und wie in ſeinem Elemente. Keine Schlacht wurde geliefert, wo er ſich nicht durch die groͤßte Unerſchrockenheit, Kuͤhnheit und mili⸗ tairiſche Klugheit ausgezeichnet haͤtte. Er wur⸗ de nach einer beſonders hartnaͤckigen Aktion, wo er ſich beiſpiellos tapfer bewies, Obriſt, und am Ende des Feldzugs General. Bis hierher war ihm nun alles wohlgelungen, und ſeinen Verdienſten die gebuͤhrende Gerechtigkeit wiederfahren. Allein ſein Ehrgeitz kannte keine Grenzen, und da er einmal den Kommando⸗ ſtab in den Haͤnden hatte, ſo war es eine Hoͤl⸗ lenpein fuͤr ihn, daß er noch hoͤhern Befehlen gehorchen ſollte, da er doch fuͤhlte, daß er im Stande ſei, die groͤßten Armeen in freie Be⸗ wegung zu ſetzen. Als demnach nach ein paar Jahren ein neuer Krieg ausbrach, ſo trug er darauf an, man ſolle ihn zum Generaliſſimus machen, und da man dieſe Anforderung phan⸗ taſtiſch fand, und nur mit einer Zuruͤckweiſung 1 52 auf die Schranken ſeines Dienſtes abfertigte: ſo begehrte er aus Trotz ſeinen Kommandoſtab niederzulegen und Abſchied zu nehmen. Allein G man ließ ihm das nicht ſo hingehen, ſondern gedachte ſich ſeiner wenigſtens bis zum Aus⸗ gange des Krieges zu verſichern. Ehe er ſichs verſah, war er auf eine reſpektable Feſtung gebracht, und nur der Dankbarkeit eines alten Invaliden hatte er es zuzuſchreiben, daß er nach einiger Zeit bei Nacht und Nebel ent⸗ wiſchen konnte. Als er ſich in dem Kittel eines armen Schanzgraͤbers auf offner Straße befand, dachte er zum erſtenmal ſeit ſeiner Aus⸗ wanderung an ſeine gute Mutter, und an den Zirkel, das Gluͤcksgeſchenk der ſonderbaren Frau Irrum. Haͤtte ich dieſen Talisman bei mir ge⸗ habt, vielleicht, ſagte er, es waͤr mir mit mei⸗ ner Oberbefehlshaberſtelle beſſer gegluͤckt. Doch das iſt vorbei, und nun laß uns ſehn was ſie zu Hauſe machen. Inzwiſchen wir koͤnnen den guten Egbert noch nicht ſogleich zu ſeiner Mutter begleiten, weil wir nothwendig erſt ſehen muͤſſen, was 6G aus Friedbert, dem dritten, mit dem ſchmach⸗ tenden Augenpaar, geworden iſt. Dieſer war gen Mitternacht gezogen, in ſich vertieft und in Traͤumen verſunken, wie ſeine Gewohnheit war. Daher war er auch, als die Abendmetten gelaͤutet wurden, nicht weiter gekommen, als bis an ein armes Klo⸗ ſter, einige Stunden Weges von ſeiner Hei⸗ mat, wo er vor einem Marienbilde am Wege eine elende, kraͤnkliche Bettlerin mit einem Kin⸗ de flehentlich betend und weinend auf ihren Knien liegen fand. Wie er dieſe ſah, ging ihm das Herz uͤber, und mit weggewandtem Angeſicht gab er der Bettlerin den Batzen ſei⸗ 4 ner Mutter, ſein ganzes Vermoͤgen. Der Prior des Kloſters, der die Scene aus ſeiner Zelle mit angeſehen hatte, gab dem Pfoͤrtner den Auftrag, den jungen Menſchen, wenn er ans Kloſter kaͤme und Einlaß zum Nachtlager begehrte, zu ihm zu fuͤhren. Solches geſchah. Denn weil der Abend nahte, und weit und breit kein Dorf oder Staͤdtlein zu erſichtigen war, mußte ſich Friedbert wol entſchließen, im Kloſter Herberge zu ſuchen. Dem Prior 69 geſiel der junge Menſch immer mehr, je laͤnger er mit ihm ſprach, und das Ende ihres Ge⸗ ſpraͤchs lief da hinaus, daß Friedbert verſprach, es einige Zeit im Kloſter als dienender Bru⸗ der zu verſuchen. Als ob er erſt jetzt geboren wuͤrde, oder als ob er erſt jetzt die Luft ath⸗ mete, die ſeinem Leben allein dienlich ſei, ſo war ihm, ſeitdem ihn die heiligen Mauern des Kloſters aufgenommen hatten. Jeder Hang ſeines Herzens, jedes Streben ſeines Geiſtes fand hier die gewuͤnſchte Nahrung. Was An⸗ dere als peinliche Arbeit verabſcheuten, war ihm angenehmes Spiel, wornach ſich Andere mit dem innigſten Verlangen ſehnten, war ihm ein Gegenſtand der Gleichguͤltigkeit oder der Verachtung. Alle ſeine Anlagen gediehen hier, wie ein Samenkorn auf gutem Acker bei guͤn⸗ ſtigem Sonnenſchein und Regen. Er ward vollkommen fromm, und ſo gelehrt, als man in der kurzen Zeit von ein paar Jahren von einem vorher ganz unwiſſenden, ununterrichte⸗ ten Juͤngling erwarten kann. Der Prior be⸗ richtete von dieſer Wundererſcheinung an die Vorgeſetzten. Friedbert wurde in ein anderes, 70 hoͤheres Kloſter verſetzt, wurde nach kurzer Zeit Prediger, und erlangte allgemeinen Bei⸗ fall, allgemeine Achtung und allgemeinen Glau⸗ ben, der an das Wunderbare grenzte. Er ver⸗ mehrte ſich, dieſer Glaube, an die Unſtraͤflich⸗ keit, ja Heiligkeit des jungen Prieſters, als er auf einmal, und wie durch hoͤhere Fuͤgung, den Ruf und die Wuaͤrde als Abt erhielt. Jetzt fing er an von ſich ſelbſt zu glauben, der Hoͤchſte habe ihn zu ungewoͤhnlichen Din⸗ gen beſtimmt; er ging nun insgeheim noch ſtrenger mit ſich ins Gericht, als er ſonſt zu thun gewohnt geweſen war. Er rechnete ſich das kleinſte Verſehen in den unbedeutendſten Dingen als ſchweres Verbrechen an, ſo daß er in kurzer Zeit keinen groͤßern Suͤnder aner⸗ kannte, als ſich ſelbſt. Dazu legte er ſich Buͤ⸗ ßungen und Arbeiten von ungeheuerer Be⸗ ſchwerde auf, und gruͤbelte zu allem dieſem mehr als je uͤber geiſtlichen und unerforſchli⸗ chen Dingen, als in welchen ein verkehrtes Beſtreben am ſchaͤrfſten beſtraft wird. Da⸗ durch machte er ſich denn nun in kurzer Zeit im hoͤchſten Grade krank am Leibe, ſo wie an 71 der Seele. Seine Neider und Feinde, die ſich dieß zu Nutze machten, ſchwaͤrzten ihn bei dem Biſchof an. Allein da ſie dieſes auf eine ganz eigene Art gethan haben mußten, ſo erfolgte in kurzem, ſtatt einer bloßen Dispenſation, ein ſehr bedeutungsvoller Verhafts⸗Befehl. Jeder⸗ mann weiß, daß die kloͤſterlichen Verhaftsbefehle von noch ſchlimmern Folgen ſind, als die gewoͤhn⸗ lichen weltlichen. Der geheime Blitzſtrahl von dieſem Ungewitter, der dem Donner der Ankuͤn⸗ digung um einige gluͤckliche Augenblicke vor⸗ auseilte, hatte die entgegengeſetzte Wirkung von andern Blitzſtrahlen, daß er dem armen, zerſtreuten, vernichteten Friedbert Beſinnung und Kraft wiedergab, und ihn in den Stand ſetzte, aus den Mauern zu entfliehen, in wel⸗ chen er bis jetzt nicht ſowol als ein Unterthan der Kirche, als vielmehr wie ſein eigner Sklav, von ſeinem eignen Geiſte an eherne Feſſeln ge⸗ ſchmiedet, geſchmachtet hatte. Es war Nacht, als er gluͤcklich die hohe Kloſtermauer uͤber⸗ ſtiegen hatte. Zum erſten Mal athmete er auf freiem Felde wieder aus freier Bruſt. Er fuͤhlte es, daß er es gewagt hatte frei zu ſeyn, 72— und er ward es von Schritt zu Schritt immer mehr im wahren Sinne des Wortes. Wo haͤtte er ſeinen Weg hinnehmen ſollen, als zur friedlichen Wohnung der Mutter, zu welcher ihn ein innerer Drang unwiderſtehlich hinzog, und an die er vor lauter Froͤmmigkeit bis jetzt nicht gedacht hatte, eben ſo wenig, als an das deutungsvolle Geſchenk der Frau Irrum, die heitere Kinderklapper, deren wah⸗ ren Sinn ihm ſeine leidenvolle Erfahrung jetzt auf einmal vor die Augen brachte, indem ſie ihm, wie eine Stimme aus dem Himmel, zu⸗ rief, daß ohne ein freies Gemuͤth— und ein Muſter des freien Gemuͤthes iſt doch das kind⸗ liche— kein froher Blutstropfen im Menſchen ſei? Er wandelte die Nacht hindurch mecha⸗ niſch auf einem Wege fort, den er fuͤr den rechten hielt, und der es auch gluͤcklicher Weiſe war. Denn er erblickte, als die Sonne auf⸗ ging, die wohlbekannte, von maͤßigen, wald⸗ uͤberzogenen Bergen lieblich umgebene Gegend, in deren innerer Tiefe das friedliche Thal und Doͤrfchen ſeiner Mutter lag, welches er nun mit maͤßiger Anſtrengung gegen Abend zu erreichen hoffen konnte. Auch er ging ver⸗ mummt in den Kittel eines ſchlichten Garten⸗ arbeiters, und theilte ſo das endliche Loos mit ſeinen Bruͤdern. Als er gegen Sonnenunter⸗ gang aus dem Walde heraustrat, in dem ſeine ehrliche fromme Mutter ihr Brennholz zu ſu⸗ chen gewohnt war, bei welchem Geſchaͤft er ihr ſonſt ſo treulich geholfen hatte, gingen ihm die Augen uͤber; er mußte ſich auf den raſigen Platz unter einer einzelnen Eiche ſetzen, wo er ſonſt oft geruht, und im Glanz der Abend⸗ roͤthe ſchwaͤrmeriſchen Ideen nachgehangen hatte. Alle jene Tage gingen noch einmal in ihrer Roſenfarbe vor ihm voruͤber, und erſchuͤt⸗ terten ſein innerſtes Herz. Wie er nun wie⸗ der aufſchaute und um ſich her blickte, um ſein Gemuͤth zu ſammeln: ſiehe, da gewahrt' er in einiger Entfernung zu ſeiner Linken und Rechten, ebenfalls unter Baͤume hingeſtreckt und entweder im Ausruhen oder tiefen Nachſinnen begriffen, zwei Maͤnner, deren Zuͤge ihm zwar undeutlich in der Ferne, aber doch nicht unbekannt vor⸗ kamen. Es ſchien nach einiger Zeit, als haͤt⸗ ten die beiden Fremden, jeder auf ſeiner Seite, 24 in Beziehung auf ihn, dieſelbe Bemerkung ge⸗ macht; und kurz, es dauerte nicht lange, ſo erkannten ſich die drei Bruͤder, die an einem Abend zu demſelben Zweck' und Ziele angekom⸗ men waren. Es war ſehr natuͤrlich, daß ſie ſich alle eben ſo ſehr freuten, als verwunderten, und eben ſo natuͤrlich, daß ſie, nachdem die er⸗ ſten freudigen Begruͤßungen voruͤber waren, ein⸗ muͤthig beſchloſſen, zuſammen und auf einmal in das muͤtterliche Haus einzutreten. Schon hatte die gute Mutter ihr irdenes Laͤmpchen angebrannt, ſchon ſtand der Hafen am Feuer, der ihr Abendgericht ſieden ſollte, waͤhrend in ſtiller Erwartung Siegbert, der letzte, mit dem ſchuͤchternen Blick, auf einem kleinen Schemel ſaß, und mit der Ziege taͤndelte, die er an ſich gewoͤhnt hatte. Schon war die lie⸗ be, redſelige Gertrud im Begriff, ihren ehrwuͤr⸗ digen Mund aufzuthun, und die alte Litanei von den verlornen Soͤhnen zu wiederholen: als ſich auf einmal die Thuͤr aufthat und alle drei in Lebensgroͤße vor ihr ſtanden. Erſt traute ſie ihren Augen nicht, meinte es waͤren Spitzbuben, wie ſie denn auch nicht uneben darnach ausſahen: 75 als aber das Mutterherz die wohlbekannten, ihm tief eingegrabenen Zuͤge erkannte, da wollt' es brechen vor Wehmuth und Freude. Die hellen Thraͤnen ſtuͤrzten der guten Mutter aus den Au⸗ gen, ſie breitete ihre Arme aus, aber aufſtehen konnte ſie nicht, bis ihr Siegbert, der juͤngſte, in die Hoͤhe half; denn die andern drei haͤttens auch nicht gekonnt, ſo waren ſie verbluͤfft. Nun ging es an ein Halſen und Kuͤſſen und Druͤcken und Umpfangen; und haͤtte nicht Siegbert zuweilen nach dem Feuer geſehen, es waͤre erloſchen, oder haͤtte das Abendgericht in ſeiner Glut begraben. Das erſte, nachdem die gute Mutter ſich erholt hatte, war, daß ſie an ein amplificirtes Abendbrot dachte. Die Ziege wur⸗ de gemolken, ein groͤßerer Topf mit Kartoffeln zum Feuer geſetzt, und ein anderer mit koͤſtlichen Holzaͤpfeln dazu. Waͤhrend nun die Anſtalten zur Mahtzeit getroffen wurden, und waͤhrend der Mahkzeit ſelbſt, ließ die neugierige Mutter den gewanderten Soͤhnen keine Ruh, bis ſie ihr und dem juͤngſten jeder ſeine Geſchichte auf das ausfuͤhrlichſte erzaͤhlten, wobei Mutter Gertrud nicht aufhoͤrte ſich zu verwundern, zu kreuzgen, 26— zu ſegnen, und die Haͤnde vor Erſtaunen zuſam⸗ men zu ſchlagen. Endlich nachdem alle drei Ebenteurer ihren Bericht geendet hatten, fuͤgte ſie noch die noͤthigen Notizen aus ihrer Haus⸗ hronika hinzu, worauf ſich Alle mit der groͤß⸗ ten Befriedigung ſchlafen legten. Am naͤchſten Morgen waren ſie alle fruͤhe beiſammen, froͤhlich und gutes Muths, als ob ein Feſt gefeiert werden ſollte, hatten deß aber gleichwol keine andere Urſach, als die Kinder haben froh zu ſeyn, wenn ſie zuſammen kommen, nehmlich die, daß ſie beiſammen ſind. Die Wanderer beſonders umwehte ein Geiſt der Ein⸗ tracht, des Friedens, der Ruhe, wie er lange nicht uͤber ſie gekommen war. Es war als ah⸗ nete ihnen, daß ihr verkehrtes Streben ſein En⸗ de erreicht habe, und daß ſie nun nicht mehr in der Ferne und mit Verletzung des Jedem beſon⸗ ders gebietenden Geſetzes ein Gluͤck ſuchen ſoll⸗ ten, das ihnen nun bald in der Naͤhe, unge⸗ ſucht, ſicher, und in Harmonie mit ihrem gan⸗ zen Weſen, ſeine freundliche Gegenwart goͤnnen wollte. Indem ſie unter Vorſaͤtzen und Plaͤnen eines weiſern Verfahrens fuͤr die Zukunft ihre — 22 frugale Morgenſuppe verzehren, dabei die aͤrm⸗ liche und doch ſo werthe Reſidenz ihrer Kinder⸗ jahre uͤberſchauen, faͤllt Friedbert, dem dritten, oder dem Moͤnch, die kupferne Platte in die Augen, welche ſein juͤngſter Bruder eben geſtern erſt ausgegraben und in den Winkel geſtellt hatte. Da er ein ziemlich ſcharfes Auge beſaß, ſo er⸗ kannte er von weitem die Zuͤge alter Moͤnchs⸗ ſchrift, hielt's alſo fuͤr der Muͤhe werth, die Sa⸗ che genauer zu betrachten. Aber was ließt er, allen andern Augen ein Raͤthſel, nur ſolchen ge⸗ lehrten, wie die ſeinigen waren, ein klares und enthuͤlltes Geheimniß? Auf der Platte ſteht in altem Moͤnchslatein, und mit den verworrenſten Abkuͤrzungen geſchrieben, daß drei Schritte von dem Orte, wo die Platte vergraben lag, nach Morgen zu, drei Ellen tief unter der Erde, ein großer Schatz vergraben liege, reich an Gold, Silber und Edelſtein. Als Friedbert der Moͤnch den zuhoͤrenden Bruͤdern mit der Mutter den Inhalt der Platte bekannt machte, waren ſie alle wie verſteinert. Doch erholte ſich Siegbert, der vierte, mit dem ſchuͤchternen Blick, zuerſt, er⸗ zaͤhlte den ganzen Hergang der Sache, ſetzte 78 auch hinzu, daß er die Stelle noch ganz genau wiſſe, wo er die Platte ausgegraben habe. Flugs machte ſich alles auf die Beine, die Platte wurde wieder an Ort und Stelle gelegt, der Raum ausgemeſſen, und nun mit aller Kraft der Haͤnde und Schaufeln gearbeitet. Maul⸗ wuͤrfen gleich wuͤhlten die Bruͤder das wider⸗ ſpenſtige Land um, bis es endlich, nachdem ſie gegen drei Ellen hinab gegraben hatten, auf ein⸗ mal einen hohlen, dumpfen Klang gab, wie von einer vergrabenen Glocke. Jetzt dauerte es nicht lange, ſo entdeckten ſie einen maͤßigen kupfernen Keſſel mit einer Decke und zwei Handhaben, waren aber nur mit der groͤßten Muͤhe im Stan⸗ de, die Laſt aus ihrer Verborgenheit herauszu⸗ heben.— Inzwiſchen hatte ein neidiſcher Nach⸗ bar dem Beginnen ſchon lange in der Ferne zugeſe⸗ hen, wiewol die Bruͤder ſich ganz unbelauſcht glaubten, da ſelten jemand dieſes Weges ging, uͤbrigens auch ein Recht zu haben vermeinten, in ihrem Beſitzthum zu ſchalten und zu walten, wie ſie moͤchten. Der Nachbar urtheilte aber nicht alſo, denn als er den ſchweren Fiſchzug aus ſeinem Schlupfwinkel gewahr ward, ſchloß 2 9 er mit Recht, daß es ein ausgegrabener Schatz ſei, eilte alſo flugs von dannen, zog ſeinen Sonntagsrock an, und verkuͤndigte es einem weiſen Stadtmagiſtrat, zwei Stuͤndchen davon, in deſſen Gebiet und Gerichtsbarkeit das Doͤrf⸗ chen lag. Es dauerte auch nicht lange, ſo war das Haus der Bruͤder, die unterdeſſen ihren Mammon in Sicherheit gebracht, und ſchon zur Haͤlfte wieder, aus weiſer Vorſorge, in dem Grun⸗ de der Huͤtte vergraben hatten, mit einer baͤrti⸗ gen und ſtrengen Buͤrgermiliz beſetzt. Ein No⸗ tarius in ehrwürdiger Knotenperuͤcke, und ſein Gefolge, verſiegelten das Corpus delicti, nach⸗ dem ſie eine genaue Beſchreibung davon angefer⸗ tiget, feierlichſt, und machten Miene, bis auf wei⸗ tere Ordre die ganze Familie in ziemlich ſtren⸗ gem Gewahrſam zu halten. Allein, haͤtte dem boͤſen Nachbar und dem guten Stadtmagiſtrat ſein Unternehmen gelingen ſollen, ſo haͤtte dieſe Familie keinen fuͤrſtlichen Intendanten unter ſich haben muͤſſen. Adelbert zeigte ſich hier von ſei⸗ ner glaͤnzenden Seite. Er blendete den Nota⸗ rius durch den Glanz eines artigen Demants, die Wache durch einige Maß koͤſtlichen Lebens⸗ 80 waſſers, borgte ſich beim Richter einen Rock, und war in der Stadt, ehe es jemand meinte, um dem Buͤrgermeiſter und den Schoͤppen, die er alle einzeln beſuchte, das wahre Licht in der Sache aufzuſtecken. Da er ſich zu dieſer Ab⸗ ſicht uͤberall des hellen Demantſcheines bediente, ſo konnte es auch gar nicht fehlen, daß ſich die Herren ſogleich uͤberzeugten, beſonders bei der damals noch ſo ſchwankenden Geſetzverfaſſung, wie der rechtmaͤßige Eigenthuͤmer einer Sache auch der rechtmaͤßige Beſitzer derſelben ſei. Nachdem Adelbert die einzelnen Vota ſo an ſich gebracht, ließ er den Senat in pleno, der ſich deſſen nicht weigern konnte, ein Gegenmandat gegen alle bisherigen Proceduren aufſetzen. Mit dieſem Talisman verſehen kam er wohlgemuth zu Hauſe an, und ehe es noch Abend wurde, war alle Spur eines gerichtlichen Verfahrens verſchwunden. Wenn ein unvermuthet erworbener Beſitz erfreut, ſo erfreut ein unvermuthet geretteter nicht minder. Dieſer Abend wurde beſonders gefeiert. Adelbert, der erſte, hatte nach gluͤck⸗ lich abgeſchloſſenem Geſchaͤft aus der Stadt ein — 1 81 paar Flaſchen Wein in den Taſchen, und einen friſchen Braten unter dem Rocke des Richters mitgenommen; und ſo ging es denn dieſen Abend in Frau Mutter Gertrudens Huͤtte un⸗ gewoͤhnlich hoch her. Allein eine Armee nach gewonnener Schlacht iſt oft in groͤßerer Gefahr, als vor Lieferung der Schlacht ſelbſt; denn ihr groͤßter Feind iſt die Sicherheit. Eine Rotte von Spitzbuben, die in der Naͤhe des Doͤrſchens ihr Weſen trieben, hatten nicht wenig Notiz von dem Verfahren des Magiſtrats genommen, und feierlich beſchloſſen, in der naͤchſten Nacht den fetten Biſſen, den er ſich, ſie konnten ſelbſt nicht begreifen, wie? hatte entſchluͤpfen laſſen, ohne große Weitlaͤuftigkeiten ſelbſt zu ſchlucken. In der Mitternachtsſtunde war Einer ſchon ohne alles Geraͤuſch zum Dachfenſter der Huͤtte hereingeſtiegen, und nahte ſich dem Lager der Schlafenden, um ſie in aller Stille außer Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Ein zweiter hatte ſchon den Fuß zum Fenſter hereingezogen, um ſeinem Kameraden in der Arbeit zu helfen; die uͤbrigen waren auf dem Wege, und warte⸗ ten nur auf Raum, um daſſelbe Mandoͤver vor⸗ Selene 2. Jahrg. I. Heft. 6 82 zunehmen. Haͤtte in der Huͤtte nun niemand geſchlafen, als Mutter Gertrud und ihr Juͤng⸗ ſter, und der Moͤnch, und der fuͤrſtliche Erin⸗ tendant; ſo war es, wo nicht um ihr Leben, doch wenigſtens um den ſo gluͤcklich entdeckten und aus den Klauen der Juſtiz geretteten Schatz geſchehen. Allein Egbert, mit den funkelnden Augen, haͤtte nicht General geweſen ſeyn muͤſ⸗ ſen, um einen ſo eiſenfeſten Schlaf zu haben, als ſeine uͤbrige Familie. Ihn weckte nicht nur das erſte Geraͤuſch des hereinſteigenden Diebes auf, ſondern es brachte ihn auch nicht im min⸗ deſten aus ſeiner herzhaften Gemuͤthsverfaſſung. Er blieb, auch nachdem der Gaudieb Poſto auf dem Fußboden gefaßt hatte, ruhig auf ſeinem Ohre liegen, und nur erſt, als ihm dieſer den Ruͤcken zuwendete, ſprang er eben ſo behend als leiſe von ſeinem Lager auf, gab dem ehrloſen Ge⸗ ſellen einen bedeutenden Schlag ins Genick, wo⸗ von er zu Boden ſtuͤrzte, und zog nun mit eben der Behendigkeit die Fuͤße des zweiten, deſſen Kopf den Jammer nicht mit anſehen konnte, weil er noch außerhalb des Kappfen⸗ ſterchens ſtak, in die Huͤtte herab, welche der 38 uͤberraſchte Gaſt mit einem unſanften Falle begruͤßte. Von dieſem Geraͤuſch wachten die uͤbrigen Schlaͤfer auf, und ehe ſich noch die betaͤubten Schatzdiebe wieder beſinnen konnten, waren ihnen ſchon Haͤnde und Fuͤße mit eben den Stricken gebunden, die ſie fuͤr die Be⸗ wohner der Huͤtte beſtimmt hatten. Ein drit⸗ ter, dem das ſchnelle Verſchwinden des zwei⸗ ten verdaͤchtig geweſen war, ſteckte erſt behut⸗ ſam das Haupt zum Kappfenſter herein, hatte aber an einem ſchnellen Ueberblick der Dinge genug, und hielt es nicht fuͤr rathſam naͤher zu kommen. Alles ward ſtill umher; doch die Sieger blieben die ganze Nacht uͤber bei ihren Gefangenen wach, und mit Tages Anbruch wurden dieſe demſelben Magiſtrat uͤberliefert, welcher ſich den Tag vorher ſo thaͤtig zur Auf⸗ rechterhaltung der buͤrgerlichen Ordnung gezeigt hatte. Es war nicht ſchwer, die Gefangenen zum Geſtaͤndnis ihres Vorhabens und zur An⸗ gabe ihrer Spießgeſellen zu bringen. Der ganze zerſtreute Trupp wurde eingezogen, und dadurch die Gegend in eine heitre Sicherheit verſetzt.— Als nun die Bruͤder mit der Mutter 84 zum erſtenmal wieder um ihr kleines Feuer ſaßen, hub Siegbert, der vierte, an: Es iſt ganz deutlich, und Gottes Finger zeigt ſich ganz offenbar an dieſem Schatze, daß er uns allen zu gleichen Theilen angehoͤren ſoll. Ohne mich waͤr der ganze Fund verborgen geblieben, deswegen gebuͤhrt mir billig der vierte Theil. Ohne dich aber, Bruder Friedbert, und deine Gelehrſamkeit, haͤtten wir nie etwas von un⸗ ſerm eigenen Reichthum erfahren. Deswegen ſollſt du mit Recht das zweite Viertel zu dir nehmen. Du nun, Bruder Adelbert, haſt uns durch deine Liſt und Klugheit den Schatz aus den Haͤnden der Gerichte errettet, deswegen kommt dir billig das dritte Viertel zu. End⸗ lich du, Bruder Egbert, haſt uns ſelbſt und den Schatz den Faͤuſten der Raͤuber entriſſen: was iſt billiger, als daß wir das letzte Viertel dir zuſchreiben. So hat nun jeder gleiches Recht und gleichen Theil an dem Schatz. Was aber unſere gute Mutter betrifft, ſo meine ich, es kauft ſich jeder von uns Haus und Feld, und wechſelsweiſe wohnt ſie dann, nachdem es ihr behagt, bald hier bald da, bald bei dem Aelte⸗ 85 ſten, bald bei den Juͤngſten, und verlebt ihre alten Tage in guter Ruhe. Die vaͤterliche Huͤtte aber, denke ich, laſſen wir einer armen Familie uͤber um Gottes willen, damit ſie ſich ernaͤhre wie wir, ehe das Gluͤck uns den Schatz ſo wunderlich beſcherte. Sein Vorſchiog fand allgemeinen Beifall, und in kurzer Zeit ſtanden vier artige Meierhoͤfe da, mit allem verſehen, was einem wohlhabenden Bauersmanne from⸗ men kann. Die gute Mutter aber wohnte im Fruͤhjahr bei dem juͤngſten, im Sommer bei dem dritten, im Herbſt bei dem zweiten, und im Winter bei dem aͤlteſten Sohne. Doch iſt nicht zu laͤugnen, daß es ihr immer bei dem juͤng⸗ ſten am beſten gefiel, vielleicht weil ſie ihn am meiſten gewohnt war, vielleicht auch, weil er ſelbſt ſich am beſten in die Landwirthſchaft zu finden wußte, zu welcher er geboren zu ſeyn ſchien. Er war auch nunmehro immer von Allen der aufgeweckteſte, heiterſte und thaͤtigſte. Und wenn auch den Adelbert nicht mehr die Unruhe der Guͤnſtlingsſchaft, den Egbert nicht mehr der ungebaͤndigte Ehrgeitz, und den Fried⸗ bert nicht mehr der Geiſteszwang verfolgte, 86— welche Umſtaͤnde ihnen allen ehemals das Leben zur Quaal gemacht hatten: ſo waren ſie doch nicht ſo wie Siegbert, in ihrer Behaglichkeit, ohne daß ſie doch gewußt haͤtten, worin ſie dieſe ſuchen ſollten. Das Gluͤck aber, das ſo vieles fuͤr ſie gethan hatte, indem es ſie vom fal⸗ ſchen Wege zuruͤckfuͤhrte, ſchlug ſich auch bei dieſem letzten Schritte fuͤr ſie ins Mittel, da⸗ durch, daß es ihnen einen Fingerzeig zur wah⸗ ren Zufriedenheit gab. Es erfolgten kurz hin⸗ ter einander im Dorfe drei Todesfaͤlle von Be⸗ deutung, und die die ganze Gemeine in die groͤßte Beſtuͤrzung verſetzten. Es ſtarben der Richter, der Schulmeiſter, und der fuͤrſtliche Jaͤger, welcher angewieſen war, die Beſitzun⸗ gen der Bauern vor den Zudringlichkeiten des Wildes zu ſichern. Da nun dieſe drei Poſten von der Art waren, daß ſie kein Interregnum litten, und in der Gemeine die Frage entſtand, wer ſich wol dazu qualificire, ad interim dieſe ſo preſſanten Poſten zu verwalten: ſo gingen auch die drei Bruͤder, jeder mit ſich ſelbſt, oder vielmehr mit ſeiner Irrum'sgabe, die er nun wieder hervorgeſucht hatte, zu Rathe. Und 87 da Adelbert in ſeinem Winkelmaße eine wahre Vokation zu dem Geſchaͤft des Richters, Egbert in ſeinem Zirkel einen gleichen Beruf zu den Verrichtungen des ſchrankenſetzenden Jaͤgers, und Friedbert endlich in ſeiner Kinderklapper eine offenbare Hinweiſung auf den Schulmei⸗ ſterdienſt zu erkennen glaubte: ſo nahmen ſich die drei vakanten Bruͤder dieſer Funktionen an, und zwar mit ſo viel Liebe zum Werk und ſo viel Thaͤtigkeit, daß ſie ſehr bald den Bei⸗ fall der ganzen Gemeine, ja der umliegenden Gegend erwarben. Friedbert, als Theologus, verſah den Schulmeiſterdienſt auf eine Art, daß Aeltern und Kinder meinten, ſie waͤren im Himmel; Adelbert, der Hofmann, uͤbernahm das Amt des Richters, und ſchlichtete alle Haͤn⸗ del mit eben ſo viel Weisheit, als Gerechtig⸗ keit. Und Egbert, der Soldat, dem das Ge⸗ ſchaͤft des Jaͤgers mit dem des Kriegers ziem⸗ lich verwandt duͤnkte, beſtrich das Revier, ſchoß das ſchaͤdliche und uͤberfluͤſſige Wild weg, rot⸗ tete verdorbene Baͤume des Waldes aus, und pflanzte junge Staͤmmchen an. Von dem Tage an, wo die drei Bruͤder dieſe Vikariatsdienſte 38 uͤbernommen hatten, waren ſie andere Leute. Adelberts Augen lachten wieder, in Egberts Augen zogen die alten Flammen wieder ein, und Friedberts Augenpaar ſtrahlte in dem Kreiſe ſeiner Schulkinder die befriedigſte vaͤterliche, oder vielmehr eine apoſtoliſche Liebe. Der Ein⸗ fluß war zu ſichtbar, den die Bemuͤhungen die⸗ ſer drei Maͤnner hatten, als daß er haͤtte hoͤhern Orts unbemerkt bleiben ſollen. Die Gegend wurde bluͤhender, die Landleute wur⸗ den vertraͤglicher und geſelliger, und die Jugend wurde dienſtfertiger und geſitteter. Als daher die reſpektiven Behoͤrden im Ernſt daran den⸗ ken mußten, die leeren Stellen fuͤr immer wie⸗ der zu beſetzen, wurden ſie von freien Stuͤcken den wohlhabenden Maͤnnern angetragen, die ſich ihrer Verwaltung bis jetzt ohne Eigennutz unterzogen hatten. Und von nun an wich Zu⸗ friedenheit, Froͤhlichkeit und Heiterkeit nicht mehr von ihnen. An einem Abend, wie ſie im vertrauten Geſpraͤch beiſammen waren, und um ihre alte Mutter herum ſaßen, die ihr Spinnraͤdchen immer noch nicht von ſich ließ, fiel es ihnen ein, den alten Geſchenken der 89 Frau Irrum, deren Werth und Bedeutung ſie taͤglich beſſer kennen lernten, nun volle Gerech⸗ tigkeit, ſo wie der Geberin die gebuͤhrende Ver⸗ ehrung, angedeihen laſſen. Wahrlich, ſagte der Eine, wenn ſich nicht noch manchmal hoͤ⸗ here Maͤchte der Menſchen annaͤhmen, und ſie zu Rechte wieſen, es wuͤrde oft ſchlimm mit den armen Schelmen ausſehen! Und, fiel ihm ein Anderer ein, wer da meint, das Gluͤck muͤßte als eine glaͤnzende Dame erſcheinen, der irrt ſich auch gewaltig; denn unerkannt, ja oft ungeſchaͤtzt, kommt das wohlthaͤtige Gluͤck uͤber uns. Und was die Gaben des Gluͤcks be⸗ trifft, ſagte ein Dritter, ſo ſind dieſe oft nur ein Spielwerk; aber der Sinn davon, das iſt das Wahre! Iſt nicht ein Winkelmaß erſt etwas bedeutendes, wenn man ſich das Rechte, und ein Zirkel, wenn man ſich die im Leben nothwendige Schranke, ſo wie die Kinder⸗ klapper, wenn man ſich darunter den Froh⸗ ſinn und das freie Gemuͤth, und der Stab, wenn man ſich dabei den feſten, nicht wankenden Sinn, im Bilde vorgeſtellt, denkt?— Darum, ſprach Adelbert der erſte, 90 waͤr es auch nicht fein, wenn ſolche ſchoͤne Sinnbilder der Nachwelt verloren gehen ſollten. Ich, was mich betrifft, laſſe das meinige, nebſt der Bedeutung davon, uͤber meiner Hausthuͤre abbilden; da koͤnnen ſich Enkel und Urenkel, und alle voruͤberziehende Wanderer noch etwas daraus nehmen.— Ei, ſo ſollen ſie bei uns auch nicht leer ausgehen, ſprachen die Andern; wir thun daſſelbe.— Und ſo geſchah es; und man ſagt, daß dieſe Hausthuͤrmaximen weit und breit in der Gegend umher, und auf ſo lange Zeit effektuirt haͤtten, daß das Gluͤck ſich auf viele Jahre habe die Muͤhe erſparen koͤn⸗ nen in jenen Gegenden hauſiren zu gehen. Jetzt ſollen aber die belobten Bilder und ihre erklaͤrenden Epigramme ſehr unſcheinbar gewor⸗ den ſeyn, und man ſieht in jenen Gegenden, ſo wie in vielen andern, einem wiederholten Beſuche der Frau Irrum mit dem groͤßten Verlangen entgegen. S. P. Große Siege ſind errungen Durch Alcides Goͤttermacht; Selbſt der Drache liegt bezwungen, Der die goldne Frucht bewacht. Auf dem heiligen Geſtade Ruht der muͤde Heros aus, Blickt auf ſeine grauſen Pfade Tiefbewegt und ernſt hinaus. 1 Es ertoͤnen Melodien Um der Fruͤchte goldne Glut, Schwaͤne gießen Harmonien, Suͤßer, als an Struͤmons Flut. Zarte Turteltauben girren Lieb' und friedlichen Verein, Und Aedons Toͤne irren Durch den bluͤtenvollen Hain. Selene II. 2. H. 1 Aus des Haines dunkeln Hallen Bricht ein lichter Irisglanz, Schoͤne Juͤnglinge dort wallen Mit Apoll's geweihtem Kranz. Silbertoͤne hoͤrt er ſchweben, Uraniden Siegsgeſang, Und des Lebens reinſtes Leben Spricht im vollen Saitenklang. „Nimmer wird's dem Mann gelingen, Dem der ird'ſche Ruhm genuͤgt, Goͤtterruhe zu erringen, Wenn er ſich nicht ſelbſt beſiegt! Denn der Leidenſchaft Gewalten Folgen duͤſter ſeiner Bahn, Und von ihnen feſtgehalten Landet nie der irre Kahn. „Frei iſt jedes ſchoͤne Leben, Ihm nur winkt der Genius, Und das Hoͤchſte zu erſtreben Weiht der Kaſtaliden Kuß. Da entſinken alle Bande Jener rauhen Sinnenwelt, Und am Heſperidenſtrande Reines Licht den Geiſt erhellt. ——— —— — „Nimmer toben hier die Fluten, Kein Orkan durchwuͤhlt das Meer, Helios hat mild're Gluten, Nimmer tobt hier Schwerdt und Speer; Keine Blaͤtter ſiehſt du ſcheiden, Ew'ge Bluͤte ſchmuͤckt den Hain, Des Genuſſes reinen Freuden Darf kein ird'ſcher Wechſel draͤun. „Und die heiligen Geſaͤnge Ziehen aus bewegter Bruſt, Und der Lyra Aetherklaͤnge Fuͤllen das Gemuͤth mit Luſt. Nur das Goͤttliche entſteiget Auf der Toͤne Himmelsbahn; Dem nur wird der Kranz gereichet, Was der Charis unterthan. „Wer des heil'gen Quells getrunken, Den beſchleicht das Alter nie; Ewig, wie Kronions Funken, Waltet kuͤhn die Phantaſie. So ſchmuͤckt des Olympos Bluͤte Duftend unſer fliegend Haar, Und Eleuſis heil'ger Friede Waltet fromm am Feſtaltar.— Und den Held die Toͤne faſſen, Ahnung glaͤnzt im Angeſicht; Alle ird'ſchen Farben blaſſen, Hell erblitzt Prometheus Licht. Er beſteiget Oeta's Ruͤcken, Todesflamme huͤllt ihn ein, Und Verklaͤrung in den Blicken Geht er zum Olympos ein. Und die holden Pierinnen Reichen ihm die Leyer dar, Hymnenjubel ſtolz beginnen, Und er fuͤhrt die heil'ge Schaar. Seelig gruͤßen ihn die Stunden Im ſpurloſen, leichten Flug; Muſagetes heilt die Wunden, Die Alcides Leben ſchlug. Karl Beſſeldt. Eitle Muͤhe der Verliebten. Luſtſpiel in einem Aufzuge. Aus dem Franzoͤſiſchen. Perſonen. Herr Duͤrivage, funfzig Jahr alt. Mo⸗ derne Kleidung. Cecilie, ſeine Nichte; ſechzehn Jahr alt, ele⸗ gant, und nach ihrem Alter gekleidet. Dorſay, achtzehn Jahr alt. Anfangs im Ober⸗ rock, Pantalons, Friſur à la Titus, dann im ſchwarzen Frack, Unterkleidern und Strumpfen, Schnallen in den Schuhen, dreyeckigem Hute und gepudert. Das Stuͤck ſpielt in Paris. Der Schauplatz iſt ein Saal, mit einer Thuͤr im Hintergrunde, und einer in der zweiten Kuliſſe, dem Zuſchauer zur rechten. Links eine Wand; rechts, im Vordergrunde, ſteht ein Tiſch mit Schreibzeug. Im Hintergrunde, auf einem Tiſche, liegt eine Guitarre. Erſter Auftritt. Cecilie kömmt zur Seitenthüre herein, geht nach der entgegenſtehenden Wand und lauſcht. Es regt ſich nichts. Er iſt nicht auf ſeinem Zimmer!— Mein Onkel iſt ausgegangen und Dorſay vermuthlich auch. Wir haben uns ſeit heute fruͤh noch kein Wort geſagt.— Paris iſt doch ein fataler Ort!— Meine Couſine ſagte mir's wohl, daß es mir hier nicht ſo gefallen wuͤrde, als bei ihr das halbe Jahr in Soiſſons.— Das iſt eine recht kluge, verſtaͤndige Frau, meine Couſine: aber ſie iſt auch wenigſtens ein Vierteljahr aͤlter, als ich. — Sie kennt Dorſay'n; ſie billigte unſere Liebe, and erlaubte, daß wir uns ſehen durften: aber mein Onkel— Es iſt wahr, ich habe ihm noch nichts entdeckt, er iſt gar gut, er hat mich erzogen und liebt mich wie ſein eignes 8——ÿͦ—— Kind, aber— wenn er nur nicht ſo alt waͤre! — Ich glaube, der Mann iſt beinahe funfzig Jahr! Wie kann man ſich das Herz faſſen, einem Manne von dieſem Alter zu geſtehen, daß man einem von achtzehen Jahren gut iſt? — Vor der Couſine hatte ich gar keine Scheu, ſie hat ihren Mann ſo lieb: aber mein Onkel, der ſieht immer ſo kalt aus! Auch habe ich niemals geſehen, daß er verliebt geweſen waͤre! — und hernach ſagte er mir noch geſtern, ein Freund von ihm haͤtte fuͤr ſeinen Sohn um mich angehalten.— Wenn das nicht Dor⸗ ſay iſt— und der wird's nicht ſeyn!— ſo weiß ich ſeine Antwort ſchon. Der Onkel wuͤrde mir verbieten, weiter an ihn zu denken, ich wuͤrde verſichern, daß ich ihn nicht ver⸗ geſſen koͤnnte, dann wuͤrde er zuͤrnen, und ich fahre denn auch manchmal auf— Nein, nein, es iſt beſſer, er erfaͤhrt es gar nicht, daß Dor⸗ ſay unſern Hauswirth gewonnen hat, daß er hier neben an wohnt und nur eine duͤnne Wand uns trennt, durch die wir uns ſprechen, ſo oft er abweſend iſt.— Dorſay kommt immer noch nicht!— Ich bin aber auch ſo boͤſe!— Wenn — 5 er nur kommt, wie will ich ihn ausſchelten— aber ſehr arg will ich's nicht machen, das thaͤt ihm weh.— Ich hoͤre etwas!— Er iſts— Aber anreden will ich ihn doch nicht. Kurze Pauſe; ſie huſtet. Zweiter Auftritt. Cecilie. Dorſay, hinter der Wand. Dorſay. Cecilie,— Cecilie,— ſind Sie da? 4 Cecilie. Freilich; aber Sie verdienten wohl, mich nicht zu finden. Dorſay. Sie werden doch nicht boſe auf mich ſeyn? Cecilie. Ja wohl bin ich boͤſe auf Sie, und recht boͤſe. Sie laſſen ſchon eine Viertel⸗ ſtunde auf ſich warten, und wiſſen doch, daß ich das nicht gern habe. Dorſay. Vergeben Sie mirs, liebſte Cecilie, aber ich hatte ein dringendes Geſchaͤft; ich mußte einen Brief von meinem Vater ab⸗ holen. 10— Cecilie. Nun und was ſagt denn der Brief? Dorſay. Ach, Sie errathen es nicht? Cecilie. Nein, ich errathe es nicht. Wie kann ich wiſſen, was Ihr Vater Ihnen ſchreibt? — Vielleicht ſchmaͤlt er auf Sie? Nun er thut Recht daran, wenn Sie es verdienen. Dorſay. Wenn es nur das waͤre! Ach nein, ich ſoll heirathen, und er hat ſchon bei einem Freunde um deſſen Nichte fuͤr mich an⸗ gehalten. Cecilie. Das thut mir leid um die Mam⸗ ſell: aber ſie kommt ein wenig zu ſpaͤt. Sie haben ſich mir uͤbergeben, ich habe Sie an⸗ genommen, und bin ganz und gar nicht willens, mein Eigenthum einer Andern abzutreten. Un⸗ terdeſſen koͤnnten Sie Ihrem Vater antworten— Dorſay. Recht gehorſam; recht unter⸗ wuͤrfig. 1 Cecilie. Ja. Sie koͤnnten ihm zum Beiſpiele melden, daß Sie ihm unmoͤglich ge⸗ horchen koͤnnten. Dorſay. Wie! das ſollt' ich ihm ſagen? Cecilie. Ich wuͤrde es gewiß thun!— —y— — 11 Sie glauben wol gar, Sie waͤren es allein, den man verheirathen will? Nichts weniger, mein Herr. Sie muͤſſen wiſſen, daß auch ich von meinem Onkel dem Sohne eines Freundes beſtimmt bin! Dorſay. O Himmel! Cecilie. Erſchrecken Sie nur nicht! Bis ſich dieſe ſchoͤnen Projecte entwickeln, koͤnnen wir uns ja in der Stille gut ſeyn, ohne Je⸗ mandem ein Woͤrtchen davon zu ſagen. Unter⸗ deſſen wird es doch nicht uͤbel ſeyn, wenn wir auf unſrer Hut ſind. Wir wollen ein Zeichen verabreden. So! Wenn ich dreimal an die Wand klopfe, ſo bedeutet es, daß ich allein hier im Zimmer bin, und Sie ohne Furcht ſprechen koͤnnen. 3 Dorſay. Dreimal an die Wand, ſchoͤn. — Aber, liebſte Cecilie, es iſt doch ſehr be⸗ ſchwerlich, durch dieſe Wand ſprechen zu muͤſſen. Wenn Sie mir erlauben wollten— Celilie. Was denn, mein Herr! Im⸗ mer verlangen Sie etwas neues. Dorſay. Ihnen zu ſchreiben. Cecilie. Zu ſchreiben! Nein, das nicht, 12 * durchaus nicht. Ich nehme keinen Brief an.— Und wie wollten Sie ihn denn in meine Haͤnde bringen? Dorſay. Sehr leicht. In der Wand iſt eine Spalte; kein Menſch bemerkt ſie. Da, mehr rechts, ungefaͤhr eine Elle hoch vom Boden. Cecilie. Nun, ſchreiben Sie nur, wenn Sie denn wollen: aber das ſage ich Ihnen gleich, Antwort erhalten Sie nicht.— Jetzt iſt's genug, wir duͤrfen nicht laͤnger ſprechen. In einer Viertelſtunde komme ich wieder, und ſehe nach, ob Ihr Brief fertig iſt. Adien! Dorſay. Sie wollen ſchon gehen. 9 ſagen Sie mir nur erſt, daß Sie mich lieben, daß Sie mich immer lieben wollen! Cecilie. Wie oft ſoll ich das Nehmliche wiederholen? Sie ſind ein rechtes Kind, trotz Ihrer achtzehn Jahre!— Nun ja, ja, ich liebe Sie— Herr Dürivage tritt unbemerkt ein, und bleibt an der Thürs ſtehen. ich werde Sie im⸗ mer lieben, ich habe es Ihnen verſprochen, ich verſpreche es wieder, nichts ſoll meine Geſin⸗ nungen veraͤndern, und ich werde Ihre Frau, wenn ſich auch die ganze Welt dagegen ſetzte!— Jetzt, adien, bis auf ein andermal. Vergeſſen Sie das Zeichen nicht. Drei leiſe Schlaͤge an die Wand. Dürivage giebt zu verſtehen, daß er Alles vernommen babe, und tritt wieder hinaus. Cecilie geht von der Wand weg. Der arme Dorſay! Ich weiß gewiß, daß er mir aus Herzensgrunde gut iſt. Es iſt doch gar zu huͤbſch, wenn man recht geliebt wird.— Warum kommt nun aber der Onkel nicht? Er bleibt heute unge⸗ woͤhnlich lange aus. Dürivage huſtet von außen. Ah!l da iſt er! Dritter Auftritt. Herr Duͤrivage. Cecilie. Herr Duͤrivage im Eintreten, vor ſich. Sie hat mich nicht bemerkt! Cecilie. Sie kommen ja recht ſpaͤt zu⸗ ruͤck, lieber Onkel? Hr. Duͤr. Haſt du auf mich gewartet? Cecilie. Das nicht gerade, aber ich habe eben erſt an Sie gedacht. Sie beſchaͤftigen 1 4.— mich oͤfter, als Sie vielleicht glauben.— Zu⸗ weilen, wenn Sie nicht zu Hauſe ſind, uͤber⸗ faͤllt mich eine ſolche Unruhe— Hr. Duͤr. liächelnd. Dafuͤr bin ich dir recht dankbar! So war ich es wol gar, von dem du eben ſprachſt? Ceeilie etwas verlegen. Habe ich denn geſprochen?— Hoͤrten Sie mich ſprechen? Hr. Duͤr. unbefangen. Ja, wie ich ins Nebenzimmer trat, kam mir's vor, als un⸗ terſchied' ich— d Cecilie ebhaft. Sie unterſchieden—? Hr. Duͤr. Deine Stimme. Iſt denn das ſo etwas beſonderes? Cecilie ver ſich. Wie komm ich dahin⸗ ter, ob er unſer Geſpraͤch belauſcht hat? Laut. Aber, lieber Onkel, ſagen Sie mir aufrichtig: was haben Sie wol gedacht, 6 ich ſo mit mir ſelbſt ſprach? Hr. Duͤr. Nun, mein Kind, ich dachte erſt, es waͤre ſo eine Gewohnheit, wie ſie die Maͤdchen zuweilen haben: aber als du immer mehr ins Feuer kameſt, ſo ſah ich wol, daß du eine intereſſante Lectuͤre hatteſt. — 15 Cecilie. Ja, mein Onkel, es war auch ſehr intereſſant. Vor ſich. Schoͤn! er weiß nichts! i, en Hr. Duͤr. Nun, und darf man den In⸗ halt deiner Lectuͤre wiſſen? Cecilie. Es war—— Hr. Duͤr. Ein neuer, huͤbſcher Roman? Cecilie. Ach nein, lieber Onkel; Sie ſagen ja, es wuͤrden jetzt keine guten mehr ge⸗ ſchrieben. Es war ein Brief— von— mei⸗ ner Couſine. Hr. Duͤr. Sol von deiner Couſine!— Es waͤre wol indiskret, wenn ich dich baͤte, mich den Brief auch leſen zu laſſen? Cecilie verlegen. Liebſter Onkel, das kann ich unmoͤglich.— Kleine Geheimniſſe, die Maͤdchen unter einander haben— Hr. Duͤr. Darf ein Mann von meinen Jahren nicht zu wiſſen verlangen, da haſt du Recht. Zumal da in deinem Briefe— wenn ich recht gehoͤrt habe— auch das Wort Liebe vorkam,— und das ſteht freilich in dem Woͤrterbuche eines Onkels nicht. Cecilie vor ſich. Das Wort Liebe! ich 16 muß ihn von der Spur ablenken!— Laut. Wol moͤglich; denn ſie ſchreibt mir eben von einer Freundin, die eine geheime Neigung gefaßt hat. Hr. Duͤr. Eine geheime Neigung!— Das arme Kind!— Das muß ſie ja recht — geniren!— Es ſind wol ſehr triftige Urſachen vorhanden, warum ſie ſich ihren Ael⸗ tern nicht entdeckt? Cecilie. Man hat andere Abſichten mit ihr. Hr. Duͤr. Ah, ich merke! Es iſt gewiß ſo— ein Vater, oder Vormund im Wege! Cecilie. Ja, mein Onkel. Hr. Duͤr. Vor dem man ſich fuͤrchtet. Cecilie. Ja wohl! 4 Hr. Duͤr. Darum haͤlt man es vor ihm geheim? Cecilie. Freilich; man iſt gezwungen ihn zu hintergehen, und das thut man denn auch. Hr. Duͤr. Glaubt auch wol nur, ihn zu hintergehen? Cecilie. Nein, nein, lieber Onkel, man iſt ſeiner Sache gewiß⸗ —————— 8* — 12 Hr. Duͤr. Waͤr' es denn aber nicht beſſer, ihm Alles zu entdecken? Cecilie. Wie wollen Sie davon urthei⸗ len? Sie kennen ja die Verhaͤltniſſe nicht. Hr. Duͤr. Das iſt wahr; noch erſcheint mir die Sache nur ganz roh. Aber ich, an deiner Stelle, wuͤrde doch dem Maͤdchen rathen, ſich einen Vertrauten zu waͤhlen. Cecilie. Einen Vertrauten! Hr. Duͤr. Ja. Hat ſie denn keinen Ver⸗ wandten, keinen ſichern, erprobten Freund? Denn in ſolchen Faͤllen kann guter Rath doppelt nuͤtzlich ſeyn. Cecilie. Guter Rath fuͤhrt nur zuweilen zum Moraliſiren, und es giebt Zeiten, wo man das nicht gern hoͤrt. Hr. Duͤr. Ein wahrer und kluger Freund weiß auch Gruͤnde der Art gefaͤllig einzukleiden. Sieh, zum Beiſpiel, was deine Freundin be⸗ trifft, ich kenne ſie zwar nicht, aber weil ſie mich deinetwegen intereſſirt, will ich dir meine Meinung ſagen. Erſtlich ſcheint mir's— Cecilie. Lieber Onkel, meine Freundin iſt Ihnen fuͤr Ihre wohlwollende Meinung Selene II. 2. H. 2 13— recht vielen Dank ſchuldig; ich verkenne das gar nicht: aber ſie hat ein eignes Koͤpfchen, und es waͤre mir lieber, wenn wir ganz davon abbraͤchen. Hr. Duͤr. Warum ſagteſt du das nicht eher? Du mußt mich kennen, Cecilie; du mußt wiſſen, daß ich keinen andern Wunſch habe, als dir in Allem gefaͤllig zu ſeyn, und ich hoffe, du wirſt mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich dich nie— Aber was iſt dir, mein Kind,— biſt du nicht wohl? Cecilie. Es iſt nichts.— Eine entſetz⸗ liche Migraͤne uͤberſiel mich auf einmal— Sie kennen ja mein Erbuͤbel. Hr. Duͤr. So geh, und ruh' in deinem Zimmer aus; ich will dir nicht laͤſtig ſeyn. Ich hoffe, es geht bald voruͤber, Cecilie, ich hoffe, es giebt ſich bald. Ceeille geht ab. —— 19 Vierter Auftritt. Herr Duͤrivage, allen. Sie bleibt ſich immer gleich!— So viel liebenswuͤrdige Lebhaftigkeit, ſo angenehmer Muthwille, das beſte Herz von der Welt, und dabei ſo viel Verſtellung, welche die ſorgfaͤltigſte Erziehung nicht hat unterdruͤcken koͤnnen!— Moͤchte die Lehre, die ich ihr jetzt geben will, ſie auf immer davon heilen!— Sie glaubt mich zu uͤberliſten, aber meine Maßregeln ſind ſchon genommen. In dem Zimmer hier neben an wohnt ein junger Mann, der an Einem Tage mit uns das Haus bezogen hat. Er verbirgt noch ſorgfaͤltig ſeinen Namen, doch ſollen ihn alle ſeine Handlungen als einen Mann von Empfindung und Ehre zeigen. Er iſt ge⸗ bildet, unterrichtet, ja man glaubt, daß er ſich hier um eine Stelle bewirbt. Das troͤſtet mich noch, und ich danke dem Himmel, daß meine kleine Unbeſonnene wenigſtens eine ſolche Nei⸗ gung gefaßt hat, die mich nicht ſehr beunruhigen kann, zumal da ich ſie nicht aus den Augen 20— laſſe.— Alſo durch dieſe Wand da wird die Unterhaltung gefuͤhrt, und drei Schlaͤge daran ſind das Signal? Gut, ich werde gleich den Verſuch damit machen; vielleicht erfahre ich etwas Neues.— Wenn mich aber der Lieb⸗ haber erkennt? Nun, was thut's! Lange darf ja ohnehin die Intrigue nicht dauern!— Ich will denn dreimal klopfen, recht leiſe, wie mit eines Maͤdchens zartem Finger. Er klopft dreimal. Fuͤnfter Auftritt. Dorſay hinter der Wand. Herr Duͤrivage. Dorſay. Sind Sie ſchon da, Cecilie? O wie guͤtig ſind Sie! Hr. Duͤr. bei Seite. Schoͤn! da iſt er ja! Dorſay. Eben iſt mein Brief beendigt, ich lege ihn jetzt zuſammen. Hr. Duͤr. wie vorhin. Ein Brief? Vor⸗ trefflich! der Zufall beguͤnſtigt mich.. Dorſay. Nun iſt er fertig.— Hier, nehmen Sie ihn.— Da, oben eine Elle hoch 21 uͤber dem Boden. Hr. Dürivage nimmt ihn. Haben Sie ihn? Hr. Duͤr. mit veränderter Stimme. Ja. Dorſay. Sie ſprechen ja nicht. Iſt Ihr Onkel etwa in der Naͤhe? Hr. Duͤr. St! St! Er geht in den Vorder⸗ grund, und öffnet den Brief. Laß ſehen, ob ſeine Briefe eben ſo zaͤrtlich lauten, als die Unter⸗ redung. Lieſet.„Theuerſte Cecilie! Wie ſuͤß iſt es Ihnen zu wiederholen, daß ich Sie an⸗ bete.“ Nun ja, die gewoͤhnliche Verſicherung; um ein geringeres thut es ein Liebhaber nicht. Dorſay leiſe. Cecilie, wenigſtens Ein Wort! Sind Sie denn noch boͤſe auf mich? Hr. Duͤr. Ich werde den Menſchen nicht zum Schweigen bringen koͤnnen, er iſt ja verliebt! Er geht an die Wand. St! St! Lieſet. „Wenn wir etwa uͤberraſcht werden koͤnnten: ſo klatſchen Sie nur dreimal in die Haͤnde, und ich werde gleich ſchweigen.“— O ich danke fuͤr die Anweiſung, ſie kommt mir ſehregelegen. Dorſay. Cecilie, ich bin in großer Un⸗ ruhe!— Sind Sie's denn auch wirklich? Hr. Duͤr. klatſcht dreimal in die Hände, und 22— horcht. Vortrefflich! da bin ich ja auf einmal im Geheimniß des Luſtſpiels, das der laͤſtige Onkel nicht wiſſen ſollte. Sechſter Auftritt. Herr Duͤrivage alein. Weiter!—„Herr Deschamps, unſer Hauswirth, ſagt mir eben, daß Ihr Onkel nach einem Maler gefragt habe, der Ihr Por⸗ traͤt malen ſoll. Ich kann zeichnen, und werde alſo in Kurzem als Kuͤnſtler vor Ihnen er⸗ ſcheinen. Ihr Onkel kennt mich nicht, auch haben Sie mir ja geſagt, es waͤrve ein gut⸗ muͤthiger, einfacher Mann, den man uͤberreden koͤnne, was man will.“— In der That? Ein gutmuͤthiger, einfacher Mann, den man uͤberreden kann, was man will? Nun, wir wollen ſehen!—„Welche Wonne, die Zuͤge des geliebten Antlitzes, den Contur der reizenden Geſtalt auf dem Papiere nachzubilden. Aber, liebſte Cecilie, die Attituͤde zu beſtimmen, das V 23 Recht gebuͤhrt dem Maler, oder vielmehr, der Liebe. Sagen Sie, Sie wollten gemalt ſeyn, die Guitarre im Arme. Darf der Kuͤnſtler wol hoffen, daß ihm eine Kopie davon zu ma⸗ chen vergoͤnnt ſey?“— Das iſt ja ein aller⸗ liebſtes Komplott! Dieſe Entdeckung lohnt wahrhaftig die Muͤhe! Und ſelbſt Herr Des⸗ champs, unſer Hauswirth, laͤßt ſich zu ſolchen Intriguen gebrauchen? Wie ſehr ſind nicht Aeltern zu bedauern, wenn ſich noch Fremde mit ihren Kindern verbinden, ſie zu hintergehen! Leſend. Hm, Hm!„Zu feln Sie keinen Au⸗ genblick an der ewigen Liebe Ihres treuſten Dorſay.“ Mit Verwunderung. Dorſay!— O kommen Sie nur, mein Herr Dorſay. Auch Sie ſollen Ihre Lection hoͤren! Was ſich das Maͤnnchen auf ſeinen Einfall nicht einbilden mag! Sollte man es denken? Achtzehn Jahr alt, und ſchon ſolche Raͤnke! Aber ſo fein auch der Plan angelegt iſt, ſo will ich ihm doch zeigen, daß ein Feind ganz und gar nicht furchtbar iſt, wenn man ſeine Korreſpondenz aufgefangen hat, und ſeine Signale kennt! — Siebenter Auftritt. Cecilie. Herr Duͤrivage. Cecilie vor ſich. Er iſt noch immer da! Laut. Es war mir, als haͤtten Sie mich geru⸗ fen, lieber Onkel! Hr. Duͤr. Nein, mein Kind. Ich las nur einen Brief, den ich von einem— Cou⸗ ſin bekommen habe. Er iſt wol eben ſo inter⸗ eſſant, als der von— deiner Couſine. Cecilie vor ſich. Er geht nicht, und Dor⸗ ſay muß nun mit ſeinem Briefe fertig ſeyn! Laut. Sie wollten ja wol ausgehen? Hr. Duͤr. Ich? nein. Du weißt ja, daß der Maler heute kommt, von dem ich dir geſagt habe.. Cecilie. Ein Maler? Und wen ſoll er denn malen? Hr. Duͤr. Nun, dich. Ich habe ja verſprochen, mit deinem Portraͤt ein Geſchenk zu machen. Cecilie. Dem Herrn vermuthlich, dem es beliebt, mich heirathen zu wollen? O laſ⸗ — 25 ſen Sie ihn doch mit der Kopie warten, bis er das Original hat, ſo braucht ſich der Ma⸗ ler nicht zu uͤbereilen. Hr. Duͤr. Wenn ich dich aber bitte, Ce⸗ cilie— Cecilie. Das werden Sie nicht, denn Sie muͤſſen ja ſelbſt finden, daß ich heute zum Erſchrecken ausſehe. Hr. Duͤr. Nein, das fſinde ich nicht. Im Gegentheil, du ſiehſt allerliebſt aus. Cecilie. Mein Haar iſt ſo voͤllig in Unordnung— Hr. Duͤr. Das iſt ja bald geordnet; auch kommt beim erſtenmal Sitzen noch nichts darauf an. 4 Cecilie. Dann— Sie wiſſen es ja— habe ich auch heute eine ſo heftige Migraͤne, daß ich kaum ſprechen kann. Hr. Duͤr. Deſto beſſer. Wenn du nicht ſprechen kannſt, hat der Maler weniger Zer⸗ ſtreuung, und der Mund geraͤth um ſo aͤhnlicher. Cecilie. Mich eine Stunde lang, auf eine Stelle, vor ſo einem Menſchen hinzuſe⸗ tzen! Sein Geſchwaͤtz anhoͤren zu muͤſſen! 26— Denn dieſe Leute haben zuweilen ſo widerwaͤr⸗ tige Manieren— Hr. Duͤr. Nein, dieſer Maler ſoll ſehr liebenswuͤrdig ſeyn. Es iſt ein junger Mann von ſehr angenehmen Talenten. Ceeilie. Ein junger Mann? Aber Sie wiſſen es ja, mein Onkel, daß ich die nicht aus⸗ ſtehen kann! Hr. Duͤr. Das habe ich nicht gewußt: aber es iſt gut, daß ich's erfahre, und ich werde mir's merken. Cecilie. Scherzen Sie, ſo viel Sie wol⸗ len. Aber— wenn ich's denn gerade heraus ſagen ſoll— ich will mich nun heute nicht malen laſſen, und dieſer da ſoll mich gar nicht malen. Hr. Duͤr. Ich hatte mir ſchon eine recht ſchoͤne Stellung ausgedacht. Nachlaͤſſig auf dem Stuhle ſitzend, deine Guitarre im Arm— Cecilie. Meine Guitarre?— Das iſt wieder eine ſchoͤne Idee!— Ich kann das Inſtrument nicht ausſtehen! Hr. Duͤr. Heute?— Es ſcheint, es geht der armen Guitarre, wie mir. Wir ha⸗ ben beide das Ungluͤck, dir zu misfallen. — 27 Cecilie. Lieber Onkel, nehmen Sie mir's nicht uͤbel— aber wenn Sie ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt haben— wirklich, Sie ſcheinen Vergnuͤgen daran zu finden, mir ent⸗ gegen zu ſeyn. Hr. Duͤr. Nun— ich ſpreche nicht wei⸗ ter davon.— Ich muß denn ſchon hier blei⸗ ben, bis er kommt, um ihm zu ſagen— Cecilie. O gehen Sie immer, und uͤber⸗ laſſen Sie das mir; ſeyn Sie verſichert, er ſoll nicht an das Wiederkommen denken! Hr. Duͤr. bei Seite. Es iſt eine wahre Luſt, die kleine Ungeduld zu ſehen! Cecilie. Aber, mein Onkel, ich moͤchte doch nur wiſſen— Hr. Duͤr. Still!— ich hoͤre kommen! Vermuthlich unſer Maler; ich muß ihm entge⸗ gen gehen. 3 Achter Auftritt. Cecilie. Herr Duͤrivage. Dorſay, als Maler, einen Carton unter dem Arm. Cecilie vor ſich. Er mag nur kommen! Ich will ihm ſeine Zudringlichkeit wol verleiden! Hr. Duͤr. an der Thür. Kommen Sie naͤ⸗ her, mein Herr. Meine Nichte erwartet Sie mit Vergnuͤgen.. Cecilie lebhaft. O was das betrifft, Onkel, ſo kennen Sie— Indem ſie Dorſay erblickt, vor ſich Himmel! was ſehe ich? Dorſay! Hr. Duͤr. Ich habe die Ehre, Herrn Duͤjour zu ſprechen, einen jungen Maler, deſ⸗ ſen Kunſttalent allgemein geruͤhmt wird? Cecilie bei Seite. Ueber meine Unbeſon⸗ nenheit, das nicht zu errathen! Dorſay. So heiße ich, mein Herr, und ich wuͤnſche, das Gluͤck zu haben— Hr. Duͤr. O nach dem, was ich von Ih⸗ nen weiß, will ich meine Nichte viel lieber Ih⸗ nen anvertrauen, als manchem Andern.— Ce⸗ eilie, das iſt dein Maler. Dorſan und Cecilie grüßen 1 — 29 einander verlegen. Ich muß Ihnen nur gleich im Voraus ſagen, mein Herr, daß Sie hier mehr Muͤhe haben werden, als Sie wol glauben. Meine Nichte hat eine unuͤberwindliche Abnei⸗ gung, ſich malen zu laſſen. Dorſay. Wie, Mademoiſelle? Cecilie. Nun ja, ich machte allerdings einige Einwendungen, aber weil es mein Onkel ſo gar ſehr wuͤnſcht, und da Sie einmal hier ſind, ſo will ich— Ihnen doch die Muͤhe er⸗ ſparen, ein andermal wieder zu kommen. Dorſay. Das erfordert meine lebhafteſte Dankbarkeit. H r. Duͤr. Wiſſen Sie wol, daß Sie ſich etwas darauf zu Gute thun koͤnnen, meine Nichte auf einmal ſo gefaͤllig gemacht zu haben? Denn es iſt gar nicht lange her, daß ſie mir recht ernſthaft verſicherte, ſie koͤnnte die Maler nicht ausſtehen, beſonders die jungen Maler nicht. Cecilie. Aber, mein Onkel, wollen Sie denn dem Herrn alles wieder erzaͤhlen, was ich ſeit acht Tagen geſprochen habe? Hr. Duͤr. Warum nicht? Wenn ein Ma⸗ 30— ler das Temperament und die Inclination einer Perſon kennt, ſo faßt er ihre charakteriſtiſchen Zuͤge viel leichter: Dorſay blickt Cecilien zärtlich an, Herr Dürivage bemerkt es. und der Herr da ſcheint mir dieſes Geheimniß vollkommen inne zu ha⸗ ben, denn er betrachtet dich ſchon mit einem Blicke, der ein tiefes— Studium verraͤth. Dorſay verlegen. Wirklich ſuchte ich eben den Charakter aufzufaſſen, und— Ihre Augen ſind ſo ſprechend! Hr. Duͤr. Ja, ihre Augen ſind nicht uͤbel. Doch heute gar nicht ſo rein und klar wie ſonſt. Sie hat eine gewaltige Migraͤne. Cecilie. Ja; doch— iſt es, als wuͤrde mir beſſer. Vor ſich. Er hat ſichs vorgenom⸗ men, mich zu quaͤlen. Hr. Duͤr. Glauben Sie, trotz ihres Uebel⸗ befindens, mit Erfolg arbeiten zu koͤnnen?— Sonſt verſchieben wir's lieber auf einen an⸗ dern Tag. Ceeilie. Nein, nein, ich verſichere Ih⸗ nen, ich beſinde mich baſſer.— Nit Celbſtgefäl⸗ ligkeit. Ich ſehe ja doch wol noch leidlich genug aus. Nicht, mein Herr? 31 Dorſay. O Mademoiſelle, ſo ſchoͤn, daß ein gewoͤhnlicher Maler verzweifeln muͤßte! Aber eben dieſe Reize werden mich begeiſtern und— Hr. Duͤr. Sachte, ſachte, junger Mann! Man ſieht wol, daß Sie gewoͤhnlich Frauenzim⸗ mer malen. Aber laſſen Sie ſich warnen! Darum eben kann meine Nichte Ihre Kunſt⸗ genoſſen nicht leiden, weil ſie meiſtens die Ge⸗ wohnheit haben, den Perſonen Schmeicheleien vorzuſagen, die ſie malen. Wollen Sie ja mit ihr reden, ſo ſprechen Sie uͤber Kunſt, uͤber Kunſtwerke, in techniſchen Ausdruͤcken— an⸗ dere Dinge mag ſie nun einmal nicht hoͤren. Cecilie. Aber, mein Onkel, der Herr ſoll ja Sie nicht malen, ſondern mich. Sie werden alſo erlauben, daß er nur mich allein anhoͤre. Hr. Duͤr. Gut, gut; ich ſage kein Wort mehr. Nnn koͤnnen wir ja die Seance anfan⸗ gen.— Was werden wir fuͤr eine Stellung waͤhlen?— Wie waͤr' es, mit einem Buche in der Hand?— Man braucht dabei dem Ma⸗ 32——— 1 ler nicht in die Augen zu ſehen,— das genirt weniger. Dorſay. Aber es benimmt dem Bilde alles Leben.— Spielen Sie nicht etwa ein Inſtrument, Mademoiſelle? Cecilie. Die Guitarre. Dorſay. Die Guitarre? Vortrefflich! Es giebt keine reizendere Attituͤde, als die einer Dame, welche Guitarre ſpielt. Hr. Duͤr. Ja, die Guitarre iſt ihr aber zuwider. Cecilie. Das heißt, der Ton, den liebe ich nicht: aber die Form des Inſtruments finde ich allerliebſt. Hr. Duͤr. Nun gut; ſo will ich ſie holen. Dorſay heimlich zu Cecilien. Wenn wir ihn nur einen Augenblick entfernen koͤnnten! Hr. Duͤr. bringt die Guitarre. Hier!— Cecilie ſetzt üich und nimmt die Guitarre. Hm! ja, ſo nimmt ſich's recht artig aus. Nun muß wol die Figur auch einen Ausdruck haben?— Es 4 ſſt wol gleichguͤltig, welchen! Ich daͤchte, wenn nur die Arme huͤbſch liegen— 33 Dorſay. Wie, mein Herr? der Ausdruck iſt es allein, der einem Portrait das Leben giebt!— Mademoiſelle, ich bitte, richten Sie Ihren Blick ſcharf auf mich.— Ich nehme an, daß in dieſem Momente irgend eine ſuͤße Empfindung Sie belebt. Laſſen Sie alſo Ihr Geſicht, Ihren ganzen Koͤrper die Regungen Ihrer Seele ausdruͤcken.— Recht ſchoͤn!— Richten Sie Ihre Augen auf die meinigen, als ob wir durch Blicke mit einander ſpraͤchen. — O niemals hab' ich ſo Ehr empfunden, wie gluͤcklich meine Kunſt macht! Hr. Duͤr. Wie? Sie wollen mir ſie doch nicht mit dieſer zaͤrtlichen, mit dieſer leidenſchaft⸗ lichen Miene malen? Scherzen Sie? Ich bitte zu bedenken, daß das Portrait ihrem kuͤnftigen Manne beſtimmt iſt, den Sie noch nicht kennt. Wenn man in die Augen da ſieht, ſo muß man ja glauben, ſie blicke damit auf den Geliebten ihres Herzens. Cecilie. Aber, mein Onkel, ſo laſſen Sie doch den Herrn nur machen. Ein Maler muß am beſten wiſſen, was ſeine Kunſt fordert. Dorſay. Mein Herr, Mademoiſelle giebt Selene II. 2. H. 3 34 mir den Muth, Ihnen zu ſagen, daß es mich ſtoͤrt, wenn indifferente Perſonen mir zu nahe treten, und daß ich dann fuͤr die Aehnlichkeit nicht mehr ſtehen kann.— Waͤren Sie wol ſ gut, ein wenig zuruͤckzutreten? Cecilie. Ja, lieber Onkel, auch ich bitte darum; ſetzen Sie ſich, und nehmen Sie ein Buch in die Hand. Ich thue Ihnen, wider meinen Willen, den Gefallen, mich malen zu laſſen: zeigen Sie nun auch, daß Sie mir es ein wenig Dank wiſſen. Hr. Duͤr O mein liebes Kind, wenn du mich an dieſer Seite faſſeſt, ſo wirſt du immer ſicher ſeyn, Alles von mir zu erhalten. Cecilie. Ich weiß das auch, lieber On⸗ kel; Sie ſind ſo gur! Dorſay Das ſieht man Ihnen auf den erſten Blick an. Wenn ich einen liebevollen Vater malen wollte, ſo wuͤrde ich Sie bitten, mir zu ſitzen. Hr. Duͤr. Ein ſolches Urtheil uͤber mein Herz thut mir wohl.— Wohlan, Cecilie, um deiner guten Meinung zu entſprechen,— weil du nur aus Gefaͤlligkeit gegen mich nachgegeben 33 und dich entſchloſſen haſt, zu ſitzen: ſo erlaſſe ich dir dieſe Probe deiner Folgſamkeit. Du ſollſt nun nicht gemalt werden. Dorſay bei Seite. Himmel! Cecilie. Wie, mein Onkel— Hr. Duͤr. Ja, meine Liebe, ich habe mich anders beſonnen. Dorſay. Aber, mein Herr— Hr. Duͤr. Ich ſehe, ich habe Unrecht ge⸗ habt. Sie hat heute wirklich ihren ſchoͤnen Tag nicht; auch liegt ihr Haar gar nicht ma⸗ leriſch. Dorſay. Dem Haare hilft des Malers Hand leicht nach. Hr. Duͤr. Wenn man ſich nicht gern malen laͤßt, ſo wird das Bild ſelbſt gezwungen und ſteif— Cecilie. Aber ich laſſe mich ja von Her⸗ zen gern malen! Hr. Duͤr. Ich ſage dir aber, ich will nicht. Damit gut. Steh' auf, und nun nichts weiter davon.— Eecilie! ſoll ich es noch einmal ſagen? Cecilie ſteht mismüthig auf. Aber Sie ha⸗ 36 ben auch heute ſolche Caprizen— und noch dazu in Gegenwart eines Fremden! Hr. Duͤr. Dieſer Herr wird mich nicht verkennen, gewiß nicht; er weiß meinen Grund. Uebrigens hat er auch ſchon eine ſo gute Mei⸗ nung von mir: er hat auf den erſten Blick einen liebevollen Vater in mir geſehen. Dorſay. Mein Herr— gewiß— Cecilie. Er wird es ſehr artig finden, daß man ihn erſt einladet, und dann wieder gehen heißt. Hr. Duͤr. Darin haſt du Recht. Es waͤre unbillig, ihn umſonſt hierher bemuͤhet zu haben. Ich will ihn aber ſchon beſchaͤftigen. Cecilie. Soll er etwa Ihre Kupferſtiche illuminiren? Hr. Duͤr. Ganz und gar nicht; ich will ihm eine Beſchaͤftigung geben, die ihm Ver⸗ gnuͤgen machen ſoll, recht viel Vergnuͤgen, da⸗ fuͤr ſtehe ich. Ich habe mir ſchon lange vor⸗ genommen, dir mit meinem Portrait ein Ge⸗ ſchenk zu machen; dieſe Gelegenheit will ich nicht unbenutzt laſſen. 87 Cecilie. Ihr Portrait!— das ſoll Er malen?— Und heute! Hr. Duͤr. Warum denn nicht? Bei mir iſt kein Hinderniß. Ich befinde mich ſehr wohl, ich habe keine Migraͤne, und mein Haar liegt einen Tag wie den andern. Uebrigens erlaube ich auch dem Herrn mir zu ſagen, was ihm be⸗ liebt; meinethalben Schmeicheleien, wenn er Luſt hat: ich bin gar nicht ſo ſproͤde, wie du. Dorſay. Mein Herr, heute iſt mirs un⸗ moͤglich. Ich habe Geſchaͤfte, die ſich nicht aufſchieben laſſen. Hr. Duͤr. O ein Viertelſtuͤndchen werden Sie ſchon an mich wenden koͤnnen; ich verlan⸗ ge nichts weiter, als daß Sie die Umriſſe auf das Papier werfen. Er ſetzt fſch Da ſitze ich. Mitt einigen Strichen iſt's gethan.— Aber ich muß doch auch eine Attituͤde annehmen.— Wiſſen Sie was, geben Sie mir eine Stellung als ob ich— etwas beobachtete. Das wird ungefaͤhr fuͤr mich paſſen, nicht? Und dann wegen des Ausdrucks— muß ich meine Augen auch auf Sie richten, wie meine Nichte? Ceci lie, indem ſie ſich zwiſchen Herrn Dürivage 3— 0 und den Tiſch ſtellt, an welchem Dorſay ſteht. Sehen Sie denn nicht, daß er henne gar keine Luſt hat, zu malen? Hr. Duͤr. ſie hinter ſeinen Stuhl weiſend. Mei⸗ ne liebe Cecilie, tritt ein wenig von uns weg. Du haſt gehoͤrt, daß er nicht trifft, wenn ihm indifferente Perſonen zu nahe ſtehen, alſo— nimm ein Buch in die Hand. Dorſay vor ſich. Man ſollte meinen, er legte es darauf an! Koͤnnt' ich mich nur raͤ⸗ chen, und Ceciliens Zuͤge, ſtatt der ſeinigen, auffaſſen. Er ſteht Cecilien an, ſie giebt ihm ein Zeichen, daß ſie ihn verſtehe, und bleibt hinter Dürivage's Stuhle ſtehen. Lant. Recht gut ſo, mein Herr. Bewe⸗ gen Sie ſich nicht. Es wird doch leichter ſeyn, Sie zu faſſen, als ich dachte. Hr. Duͤr. Nehmen Sie's nur nicht zu leicht. Ich habe doch etwas im Geſicht, das truͤgt. Dorſay. Gleichviel! Bleiben Sie nur in dieſer Stellung. Ich habe beinahe die Umriſſe ſchon.— Panſe. Hr. Duͤr. Malen Sie mich nur nicht zu groß. — 1 39 Dorſay. Wie ſo? Hr. Duͤr. Es kommt mir vor, als ſaͤ⸗ hen Sie immer uͤber meinen Kopf hinaus. Cecilie tritt zurück. gebhaft. Aber, lieber Onkel, ich daͤchte, das muͤßte wol der Maler am beſten verſtehen. Dorſay. Auch ſitzen Sie ſo, daß Sie uͤber die Perſpektive nicht urtheilen koͤnnen. Hr. Duͤr. Freilich, ich ſitze im falſchen Licht.— Doch a propos, junger Herr, Sie ſind doch auch diskret? Man kann ſich doch auf Sie verlaſſen? Dorſay. Wie ſo, mein Herr? Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht. Hr. Duͤr. Ja, es giebt Kuͤnſtler, die ſich kein Bedenken daraus machen, Kopien von den Portraits zu nehmen. Ich hoffe, Sie werden mit dem meinigen nicht—. Cecilie lachend. Seyn Sie ohne Sorgen. Mit dieſem wird er nicht in Verſuchung kommen. Hr. Duͤr. Weißt du wol, daß dieſe An⸗ merkung eben nicht verbindlich iſt? Aber nur Geduld, ich kann dir es vielleicht vergelten, wenn er dein Portrait malt.— Aber nun mag 42— es fuͤr heute genug ſeyn: ich werde Sie ein andermal erſuchen laſſen, es zu vollenden. Dorſay vor ſich. In dem Augenblick unter⸗ bricht er mich, wo ich eben den Charakter aufgefaßt hatte— Laut. Wenn Sie nur noch einen Augenblick ſitzen wollten— Hr. Duͤr. Heute nicht. Ich habe ei⸗ nige kleine Geſchaͤfte, und die Ihrigen laſſen ſich auch nicht aufſchieben. Ein andermal, wenn's Ihnen beliebt.. Dorſay voor ſich. Das iſt alſo der ganze Gewinn!— Verwuͤnſcht! Hr. Duͤr. eben ſo. Die erſte Sitzung iſt nicht uͤbel abgelaufen; wir wollen ſehen, wie es mit der zweiten geht. Dorſay. Mein Herr, ich empfehle mich Ihnen. Er näbert ſich Cecilien. Mademoiſelle— Hr. Duͤr. zwiſchen ſie tretend. Leben Sie wohl, mein Herr. Mit Ihrer Erlaubniß, ich begleite Sie! Beide ab. 41 Neunter Auftritt. Cecilie anein. Ich bin auch ſo boͤſe!— Das ſoll mir der Onkel entgelten!— War es doch, als ob ein Plagegeiſt ihm alle Mittel eingaͤbe, uns von einander zu entfernen.— Was hat der arme Dorſay nicht ausſtehen muͤſſen! Er hat mich recht von Herzen gedauert. Wenn mein Onkel dadurch meine Gunſt zu erhalten glaubt, daß er mir zuwider handelt—! Man merkt wol, daß er unſer Geſchlecht nicht kennt. Dieſen Morgen war ich ſehr geneigt, ihm alles zu geſtehen: aber jetzt— jetzt wuͤßt' ich nicht, was ich unternehmen koͤnnte, um ihn zu be⸗ triegen. Und dann, nach dieſer Geſchichte mit dem Portrait— was wuͤrden wir fuͤr eine Predigt anzuhoͤren haben!— Lieber mag die Sache ihren Gang gehen: ſie wird ſich ſchon von ſelbſt entwickeln. 4² Zehnter Auftritt. Herr Duͤrivage. Cecilie. Hr. Duͤr. Nun, liebe Cecilie, was ſagſt du denn zu unſerm Maler? Ich, meines Theils, bin uͤberzeugt, daß er ſeine Kunſt noch nicht ganz hat in Ausuͤbung bringen koͤnnen: gleichwol bin ich ſchon mit dem Anfange recht wohl zufrieden. 4 Cecilie. Aber ich zweifle, daß er es mit Ihnen iſt. Hr. Duͤr. Ei, warum denn? Cecilie. Sie haben ſich ſchoͤn gegen ihn benommen, Sie, ein Mann von ſo feiner Lebensart.— Der arme Menſch, in welcher Verlegenheit er ſich befand! Hr. Duͤr. Meinſt du wirklich? das war wol auch die Urſache, warum du ſo uͤbel ge⸗ launt wareſt? wie? Cecilie. Wie konnte man anders? Ich gab Ihnen ja Winke genug, aber Sie wollten nicht darauf merken— Es thut mir leid, es ſagen zu muͤſſen, lieber Onkel, aber Sie wol⸗ — 43 len immer ſo ſehr fein ſeyn, und achten da⸗ rum auf nichts, was man Ihnen ſagt. Hr. Duͤr. Was willſt du aber, mein Kind? Ich habe nun einmal keinen ſchaͤrfern Blick, und ich bin zufrieden, wenn ich fuͤr einen gutmuͤthigen, einfachen Mann gelte. Cecilie. ſchnei. Das ſind Sie auch, lie⸗ ber Onkel, ſehr gutmuͤthig und— Hr. Dür. ſieht ſie an, ſie hält inne. Aber Sie wollten ja wol aus⸗ gehen? Hr. Duͤr. Nein, jetzt gleich nicht; ich erwarte noch Jemand. Cecilie ſpottiſch. Vielleicht noch einen Maler? Hr Duͤr. Nein, Jemand ganz Anders. In einer viel wichtigern Angelegenheit. Ich will eine Acte aufſetzen laſſen, die dich angeht. Cecilie. vor ſich. Gewiß die Schenkung des Landguths, von der er ſchon ſo lange ge⸗ ſprochen hat. Hr. Duͤr. Die Sache beſchaͤftigt mich nicht erſt ſeit heute; nun aber ſoll ſie zu Stande kommen. Ich habe mich eben nach einem Rechtsgelehrten erkundigt. 44 Cecilie. Nach einem Rechtsgelehrten? So? bei wem denn? Wol bei dem Herrn Deschamps? Hr. Duͤr. Ja, bei unſerm Hauswirth. Vor ſich. Ich verſtehe die Frage. Cecilie. Sie kennen ja wol aber hier keinen Rechtsgelehrten?- Hr Duͤr. Keinen einzigen. Aber Herr Deschamps wird ſchon fuͤr einen ſorgen. Cecilie vor ſich. Schoͤn. Dorſay kann auch dieſe Rolle ſpielen, und vielleicht mit beſſerm Erfolg. Laut Nun, wenn kommt er denn, Ihr Rechtsgelehrter? Hr. Duͤr. Ich habe Herrn Deschamps gebeten, ihn ſobald als moͤglich zu beſtellen. Cecilie vor ſich. Wie kann ich nur Dorſay'n einen Wink davon geben? Laut. So gehen Sie wol gar nicht aus, bis er kommt? Hr. Duͤr. Haſt du mir etwa einen Auf⸗ trag zu geben?. Cecilie. Ich daͤchte, Sie haͤtten mir geſagt— Haben Sie denn Ihre Papiere ſchon bei der Hand, die Sie brauchen? Hr. Duͤr. Nein, ſieh, die habe ich nicht. 45 Wie aufmerkſam du biſt! Ich danke dir, daß du mich daran erinnerſt. Vor ſich. Der Liebhaber ſoll benachrichtigt werden: man muß den armen Kindern freies Spiel laſſen. Geht ab. Eilfter Auftritt. Cecilie alein. Wie ſich der gute Mann doch zu Allem willig ſinden laͤßt! Man ſieht doch gleich, daß er nicht ein bischen raffinirt iſt.— Geſchwind Dorſay'n davon Nachricht gegeben.— Er will ja auch ein Nechtsgelehrter werden, und da die Schenkung mich angeht, ſo mag ſie gemacht ſeyn, wie ſie will. Sie klopft dreimal an die Wand. Zwoͤlfter Auftritt. 1 Dorſay angeſehen. Cecilie. Dorſay. Sind Sie es, Cecilie? Cecilie. Geben Sie wol Acht, und ver⸗ 46 lieren Sie keine Zeit!— Mein Onkel will eine Schenkung an mich aufſetzen laſſen, und hat Herrn Deschamps nach einem Rechtsge⸗ lehrten gefragt. Kleiden Sie ſich ſo an, und kommen Sie dreiſt. Wenn Sie ſich ein wenig verſtellen, ſo ſtehe ich Ihnen dafuͤr, er erkennt Sie nicht. Antworten Sie nicht; er kommt eben wieder zuruͤck. Dreizehnter Auftritt. Cecilie, alein. So werde ich ihn doch ſehen, mit ihm, und nicht blos durch die Wand ſprechen koͤnnen; und waͤr' es auch nur, um mich an dem Onkel zu raͤchen, der unſer Spiel ſo verdorben hat! Vierzehnter Auftritt. Cecilie. Herr Duͤrivage. Hr. Duͤr. mit den Papieren. Ich konnte die verwuͤnſchten Papiere gar nicht finden. Da 4⁷ hab' ich ſie nun endlich alle. Vor ſich. Man wird doch Zeit genug gehabt haben! Lant Nun, meine liebe Cecilie, laß uns doch einmal ein vernuͤnftiges Wort mit einander ſprechen. Cecilie munter. Fangen Sie nur an, lie⸗ ber Onkel. Hr. Duͤr. Du ſagſt es mir alle Tage— und es iſt meine hoͤchſte Freude es zu glauben,— daß deine Anhaͤnglichkeit an mich aufrichtig iſt. Cecilie berzlich. Sie thaͤten mir Unrecht, wenn Sie daran zweifelten. Hr. Duͤr. Ich bin auch davon uͤberzeugt, und in dieſer Ueberzeugung denke ich nun dar⸗ auf, es ſo einzurichten, daß wir uns niemals von einander trennen. Ceeilie wie ohen. Ich fähle, u wie ſehr mich dieſe Geſinnung ehrt, ſie erfordert meine ganze Dankbarkeit. 1 Hr. Duͤr. Ich hoffe, es ſoll mir gelin⸗ gen, deine und meine Tage gluͤcklich zu machen; ich habe mir einen Plan daruͤber entworfen, den ich dir mittheilen will. Keines von beiden wird Vergnuͤgen oder Geſchmack an etwas fin⸗ den, ohne das Andere; keines wird je einen 48 Gedanken, eine Empfindung hegen, die es nicht mit dem Andern theilte. Wir wollen ſie uns einander alle vertrauen. Nicht wahr, Cecilie? Cecilie. O ja, mein Onkel,— wenn uns das— ſo— gut und nothwendig ſcheint— denn es koͤnnte doch auch Eins Gedanken ha⸗ ben, die— Hr. Duͤr. Vernuͤnftige Gedanken braucht man vor einem wahren Freunde niemals zu ver⸗ bergen. Denn ſonſt— wenn zwei Perſonen ſich Freundſchaft zugeſagt haben, und dennoch die eine ein Geheimniß fuͤr ſich behaͤlt, dann wuͤrde freilich die Andere Wiedervergeltung uͤben duͤrfen. Cecilie. Allerdings, lieber Onkel; nicht anders als billig.— Und ich geſtehe, mir waͤr' es lieber, wenn wir uns auf dieſen Fuß ſetzten. Hr. Duͤr. vor ſich. Sie iſt immer die nehmliche! Laut. Mir waͤre nun freilich unum⸗ ſchraͤnktes Vertrauen lieber: indeſſen will ich dich auch nicht dazu noͤthigen, und, wenn wir uns auf dieſen Fuß ſetzen wollen, ſo— ſieh dich nur wohl vor! LCecilie lacht. Seyn Sie unbeſorgt:— — 49 Es gilt!— enſthaft. Aber, wohlverſtanden, daß uns das nicht etwa je veruneinigen koͤnnte, denn wenn das waͤre— Hr. Duͤr. O nicht doch, liebes Kind; ich weiß immer die Guͤte deines Herzens zu ſchaͤtzen, und mache es nicht fuͤr das verant⸗ wortlich, was das Querkoͤpfchen thut. Cecilie. Das Querkoͤpfchen? Was mei⸗ nen Sie damit? Hr. Duͤr. Du weißt wohl, daß wir nicht verbunden ſind, einander Alles zu ſagen. Ich berufe mich auf unſern Vertrag. Cecilie enpfindlich Nach Ihrem Gefallen! — Sie fingen an, mir Ihren Plan mitzutheilen. Hr. Duͤr. Meinen Plan!— Ja, ſieh, wenn unſer Geſpraͤch eine andere Wendung ge⸗ nommen haͤtte, ſo wuͤrdeſt du ihn ganz erfahren haben. Weil denn aber jedes ſeine Geheimniſſe fuͤr ſich behalten darf, ſo muß ich ſchon warten, bis der Rechtsgelehrte kommt.— Sieh, da tritt er eben ein.. Cecilie vor ſich. Wenn ihn der Onkel nur nicht erkennt! Selene II. 2. H. 4 5⁰ Funfzehnter Auftritt. Cecilie. Herr Duͤrivage. Dorſay, als Rechtsgelehrter. 4 Hr. Duͤr. Willkommen, mein Herr.— Sieh, Cecilie, wie artig doch der Herr Des⸗ champs iſt, daß er uns lauter ſolche Maͤnner zufuͤhrt, deren gluͤckliche Bildung ihnen ſchon zur Empfehlung gereicht.— Aber— es iſt doch ſonderbar— findeſt du nicht auch, daß der Herr mit unſerm Maler viel Aehnlichkeit hat, ganz auffallende Aehnlichkeit! Cecilie. Was fuͤr ein Einfall, Onkel! Dorſay. Aehnlichkeit? Vielleicht mit Herrn Duͤjour? O das iſt mein Bruder! Hr. Duͤr. Gewiß, Zwillingsbruder? Dorſay. Ja wol, wir ſind in einer Stunde geboren.. Hr. Duͤr. Nun dann iſt es allenfalls zu begreifen!— Ich habe Sie einer Angele⸗ genheit wegen einladen laſſen— aber wir wol⸗ len doch erſt Platz nehmen.— Hier liegen ſchon die erforderlichen Papiere. Er geht zum Liſche. Dorſay. O Ceecilie! 51 Cecilie leiſe. Nur dreiſt! Hoͤren Sie ihm aufmerkſam zu. Ich will ſchon einen Vor⸗ wand finden, ihn zu entfernen. Hr. Duͤr. Wenn es Ihnen gefaͤllig iſt. Dorſay. Ich bin zu Ihrem Befehle. Hr. Duͤr. Wollen Sie dieſen Stuhl neh⸗ men, ich ſetze mich neben Sie; Cecilie auf die andre Seite. Sie ſetzen ſich. Dorſay. Sie werden die Guͤte haben, mir zu ſagen— Hr. Duͤr. Es bedarf keiner langen Vor⸗ rede. Die Acte, die Sie aufſetzen ſollen, be⸗ trifft meine Nichte. Dorſay und Ceeilie ſprechen lei⸗ ſe mit einander, ohne zuzuhören. Mein Herr, die Sache betrifft meine Nichte.— Ein ſo ge⸗ ſchickter Rechtsgelehrter, wie der Ruf Sie ſchil⸗ dert, wird, ſo jung Sie auch ſind, doch alle Klauſeln vollkommen kennen, welche eine Aete recht feſt und buͤndig machen. Dorſay. Vollkommen. Ich habe ſchon genug Schenkungen aufgeſetzt. Sehen Sie, mein Herr, der Schenkungen giebt es vielerlei. Die Donatio iſt propria et impropria, re- muneratoria, unter den Lebendigen, auf den 52 Todes⸗ oder auf einen andern Fall, donatio propter nuptias, Gegenvermaͤchtniß genannt, und dann in Hinſicht auf die Form— Hhr. Duͤr. Ich ſehe, daß der Ruf von Ihrer Geſchicklichkeit nicht zu viel ſagt, denn man kann die Lehre von Schenkungen gar nicht gruͤndlicher inne haben, als Sie. Aber— von einer Schenkung iſt nur ganz und gar nicht die Rede, ſondern— von einem ganz einfachen Heirathscontract. Dorſay. Von einem Heirathscontract? Hr Duͤr. Allerdings. Cecilie. Doch nicht fuͤr mich? Hr. Duͤr. Allerdings, Mademoiſelle. Cecilie ſteht auf Auf dieſen Fall kann ſich der Herr die Muͤhe erſparen; denn ich werde ihn ſchlechterdings nicht unterſchreiben. Hr. Duͤr. Aber du weißt ja noch nicht, wer der andere Theil iſt. Cecilie. Das iſt wol ſchwer zu errathen. Der Sohn Ihres Freundes, der— Hr. Duͤr. Und wenn es ein Anderer waͤre? Dorſay. Herr Duͤrivage, mein Amts⸗ beruf befiehlt mir, Ihnen vorzuſtellen, daß, 58 wenn ſich Mademoiſelle weigert, den Contract zu unterſchreiben— Cecilie. Allerdings weigere ich mich, und erklaͤre das laut. Dorſay. ſteht auf. Alsdann, mein Herr, kann ein Mann von Pflicht und Gewiſſen, wie ich mir zu ſeyn ſchmeichle, nicht einen Schritt weiter gehen. Hr. Duͤr. Wollen Sie die Guͤte haben, mich auszuhoͤren? Sie ſelbſt ſollen Richter ſeyn. Cecilie. Auch ich waͤhle Sie dazu, und verſpreche, mich Ihrem Ausſpruche zu unter⸗ werfen. Hr. Duͤr. So ſind wir ja ſchon uͤber einen Hauptpunkt einig: alſo habe ich Ihnen nur die Sache vorzutragen. Ein Freund von mir hat einen Sohn, einen jungen, liebenswuͤr⸗ digen Mann, der ſehr gute Eigenſchaften, auch viel Vermoͤgen beſitzt, mit einem Worte, der meiner Nichte vollkommen werth iſt. Dieſen trage ich nun Cecilien an. Dorſay. Und was antworten Sie darauf, Mademoiſelle? Cecilie. Daß, wenn Andere ihn liebens⸗ 54 wuͤrdig finden, er es nicht fuͤr mich iſt; daß ich ſein Vermoͤgen nicht achte; daß Sie unter ſeinen geruͤhmten Eigenſchaften eine vergeſſen haben, dieſe: daß er mir mißfaͤllt; mit einem Worte, daß, wenn der Vater der Freund mei⸗ nes Onkels iſt, ich darum den Sohn nimmer⸗ mehr lieben, geſchweige denn heirathen werde. Dorſay. Dieſe Antwort iſt beſtimmt. Alle Faͤlle ſind vorausgeſehen, allen Einwen⸗ dungen begegnet, alle Gruͤnde widerlegt. Cecilie. Sie ſehen, Onkel, ich habe den Prozeß gewonnen. Hr. Duͤr. Halt! ich appellire!— Ein Onkel, wie es deren ſo manche giebt, haͤtte ſich vielleicht gar fuͤr berechtigt gehalten, von ſeinem Anſehen Gebrauch zu machen, um ſeine Nichte zu der vorgeſchlagenen Heirath zu noͤ⸗ thigen: ich aber hab' es fuͤr rathſamer gehalten, die Urſach dieſes Widerwillens zu erforſchen, und ich glaube, ich habe ſie entdeckt. Cecilie lüächelnd. Sie, mein Onkel?— Nun, laſſen Sie doch hoͤren! Hr. Duͤr. Ich habe nehmlich gefunden, daß, wenn ſich Cecilie weigert, jenem jungen — 55 Mann ihre Hand zu geben, der Grund davon kein andrer iſt, als der, daß in dem Augenblicke, wo ich mit Ihnen davon rede, ihr Herz ſchon heimlich fuͤr einen Andern eingenommen iſt. Dorſay. Fuͤr einen Andern! Hr. Duͤr. Ein Onkel, wie ich mir ihn eben dachte, wuͤrde daruͤber empfindlich ſeyn, daß man ihm ein Geheimniß aus einer Sache macht, die ihn doch ſo nahe angeht; ich aber entſchuldige meine Nichte mit ihrer Jugend und— Unbeſonnenheit, und ich denke darauf, alles ſo einzuleiten, daß ſie ſich nicht uͤber mich beſchweren kann. Cecilie. verlegen. Ich weiß in der That nicht, Onkel— Hr. Duͤr. ohne auf ſie zu hören. Da die nicht betraͤchtliche Erbſchaft von ihrer Mutter noch durch Prozeſſe geſchmaͤlert werden kann: ſo muß ich auf Jemand fuͤr ſie bedacht ſeyn, deſſen Einſicht und Kenntniß der Rechtsgelehrſamkeit — A propos, ich habe von einem Ihrer Col⸗ legen viel ſprechen hoͤren, von einem Herrn Dorſay. Dorſay. Wie!? dieſen Dorſay wollten Sie— 5 6— Hr. Duͤr. fein. Ja, wenn Sie es nicht uͤbel naͤhmen, ſo meine ich, ſeine Gegenwart duͤrfte hier nicht uͤberfluͤſſig ſeyn.— Er ſ ſehr geſchickt, wie man ſagt. Cecilie ſohneu. Sehr geſchickt, lieber Onkel. Hr. Duͤr. Nun freilich, wenn ſein Ruf auch zu dir gedrungen iſt! Zu Dorſay. Er wohnt, wie ich hoͤre, auch in dieſem Hauſe? Dorſay. Ja, mein Herr. Hr. Duͤr. Gleich hier im Zimmer ne⸗ ben an? Dorſay. Ja. Cecilie vor ſich. Er weiß Alles! Hr. Duͤr. Es ſoll ein liebenswuͤrdiger Mann ſeyn. Cecilie. Liebſter Onkel— Hr. Duͤr. Was meinen Sie dazu, mein Herr? Dorſay. Mademoiſelle wollte die Guͤte haben zu antworten. Ceeilie. Mein Onkel, da Sie wiſſen— Hr. Duͤr. ohne auf ſie zu hören. Nachdem, was man mir Gutes von ihm ſagt, und was 22 Sie beide beſtaͤtigen, will ich ihn gleich einla⸗ den laſſen. Als wolle er weggehen. Cecilie beimlich zu Dorſah. Geben Sie ſich zu erkennen; jetzt iſt der Augenblick. 1 Hr. Duͤr. Oder wollen Sie ihn ſelbſt zu uns bringen? Cecilie verlegen. Lieber Onkel,— Dor⸗ ſay— Hr. Duͤr. Nun, was? Dorſay. Er iſt ſehr gluͤcklich— aber auch ſehr ſtrafbar. Hr. Duͤr. Was hat er denn begangen? Dorſay. Sie ſehen ihn vor ſich.— Darf er auf Ihre Verzeihung hoffen? Hr. Duͤr. erſtaunt. Wie, mein Herr, waͤr' es moͤglich— Sie ſind— Dorſay. Der nehmliche Dorſay, dem Ihre Guͤte— Hr. Duͤr. gatmüthig. So bin ich ja dem Zufall Dank ſchuldig!— Im Ernſt, es iſt mir recht angenehm! Cecilie. Wie? Sie wollten ihm dieſe Liſt verzeihen? Hr. Duͤr. Was waͤre denn ſo Strafbares 58 dabei?— Er hat einen Scherz machen wollen; das geht ſeinem Alter leicht hin.— Ich brau⸗ che alſo nicht von vorn anzufangen, da Sie ſchon wiſſen, wovon die Rede iſt.— Nehmen Sie denn dieſen Platz wieder ein, und ſetzen Sie den Heirathscontract zwiſchen mir und meiner Nichte auf. Dorſay. Himmel, was hoͤr' ich?— Sie wollen ſie heirathen? Hr. Duͤr. Allerdings. Dorſay. Und ich bin hier— Hr. Duͤr. Als unſer beider Conſulent, der eines Jeden Intereſſe beſorgt. Hier ſind die Papiere; ſehen Sie ſie mit Bequemlichkeit durch; ich habe nicht das geringſte Bedenken, ſie Ihnen anzuvertrauen. Dorſay oor ſich. Ich bin wie vom Donner geruͤhrt! Laut. Haben Sie Mitleid mit mei⸗ ner Lage! Cecilie. Liebſter Onkel, das iſt nicht— Hr. Duͤr. Es iſt nicht Dorſay? Dorſay. Ach, wol bin ich Dorſay. Aber der Dorſay, den Sie zu Rathe ziehen wollen, liebt ſie ſelbſt. 59 Hr. Duͤr. Meine Nichte?— Sie lieben Cecilien? Dorſay. Ich bete ſie an, und Sie ma⸗ chen durch Ihre Heirath das Ungluͤck meines Lebens, da Cecilie mir ihr Herz geſchenkt hat. Hr. Duͤr. ernſt. Sie ſollte Cecilie lie⸗ ben?— Unmoͤglich, mein Herr. Sie hat zu viel Vertrauen in mich, ſie weiß zu ſehr, wie theuer ſie mir iſt, als daß ſie mir nicht die Nei⸗ gung entdeckt haben ſollte, mit der Sie ſich ſchmeicheln. Ceecilie. O wie lebendig fuͤhl' ich nun mein ganzes Unrecht!— Vergeben Sie mir einen Fehler, deſſen ich mich nie— ich ver⸗ ſprech' es Ihnen— nie wieder ſchuldig machen will. Dorſay. Laſſen Sie mich meine Bitten mit den ihrigen vereinigen! Cecilie zu ſeinen Füßen. Beſter Onkel! Dorſay eben ſo. Guͤtiger Mann! Hr. Duͤr. rritt einen Schritt zurück und ſieht ſte lächelnd an. Iſt das die ganze Frucht eurer Schlauheit, eurer Heimlichkeit? So ſeid ihr mir alſo doch in die Haͤnde gegeben, und ich bin 60 ja nur ein gutmuͤthiger, einfacher Mann, dem man glauben laͤßt was man will! Steht auf, meine Kinder, ſteht auf, mein Herz entſchul⸗ digt euch, und ich verſpreche— Cecilie. Uns zu vereinigen? Hr. Duͤr. Ich verſpreche, dich nicht zu heirathen! Dorſay. Koͤnnen Sie noch mit uns ſcherzen? Hr. Duͤr. Iſt es etwas Kleines, einen ſolchen Nebenbuhler los zu ſeyn? Cecilie. O ſchaffen Sie den andern auch weg! Hr. Duͤr. Halt! das iſt nicht ſo leicht!— Die Wahrheit zu ſagen, ich halte dieſen nicht fuͤr ſo vernuͤnftig, als ich bin. Es iſt ein jun⸗ ger, verliebter Menſch; Cecilie iſt huͤbſch, lie⸗ benswuͤrdig, ihm zugeſagt— Cecilie. O wenn Sie ſich ins Mittel ſchluͤgen— Hr. Duͤr. Der Vater legt mir's in ſei⸗ nem Briefe ſo nahe— Cecilie. Ueberlaſſen Sie mir's, ihm zu antworten. — 61 Hr. Duͤr. Das moͤchte ich beinahe ver⸗ ſuchen!— Ja, wahrhaftig!— Nun da lies einmal ſeinen Brief, ob du dich getrauſt, ihn zu beantworten. Er iſt etwas unleſerlich ge⸗ ſchrieben.— Zu Dorſay. Sie ſind ja wol ge⸗ uͤbt, allerlei Haͤnde zu dechiffriren; wollen Sie ihn vorleſen? Giebt ihm den Brief. Dorſagy. Was ſehe ich? meines Vaters Hand?— Wie? der gefuͤrchtete Nebenbuhler war— Hr. Duͤr. Kein anderer, als Sie. Dieſe Heirath war zwiſchen Ihrem Vater und mir ſchon abgeredet. Wenn ihr euch alſo auf eure Liſt viel zu Gute thun wollt, ſo denkt: Es war eitle Muͤhe der Verliebten! Dorſay. Und wir waͤhnten, Sie ſo fein uͤberliſtet zu haben! Hr. Duͤr. Ach, ihr Kinder, unſer eins wird heut zu Tage ſo ſehr in die Schule ge⸗ nommen, daß es keinen gutmuͤthigen, einfachen Mann mehr giebt! Cecilie. Wer haͤtte nur dem Onkel da dieſe ſchlimmen Streiche zugetraut! Hr. Duͤr. Ihr habt es verdient! Lernt 62 daraus, meine Kinder, daß es in allen Ver⸗ haͤltniſſen des Lebens keine zuverlaͤſſigeren und herzlichern Vertrauten giebt, als gute Aeltern, oder— einen Oheim, der ſo zaͤrtlich liebt, wie ſie! 1 Hab' ich Recht? Weiblichkeit iſt die Wahrheit des weiblichen Charakters. Sie iſt der Bund zwiſchen Schuͤch⸗ ternheit des Wollens, und Sicherheit des Ge⸗ fuͤhls, zwiſchen Sehnſucht und Entſagung, zwiſchen Hoheit und Demuth, zwiſchen Schwaͤ⸗ che und Kraft— der gerade dem Weibe eigen⸗ thuͤmlich iſt. Wenn der Mann das Schoͤne vielleicht mehr kennt und fuͤhlt, ſo liebt es das Weib deſto inniger. Das weibliche Gemuͤth ſtraͤubt ſich, wenn der kalturtheilende Verſtand den Schleier von dem Heiligen und Schoͤnen ab⸗ zureißen ſucht. Es iſt dem Weibe eigen, weit lieber und weit mehr mit Thaten, als mit Worten zu ſchmeicheln. 64 Das reine Weib bewahrt dem Manne die Schamhaftigkeit. Verliert er dieſe, ſo verliert er zugleich das Herz ſeiner Geliebten, wenn ſie wahrhaft liebt. 65 Nicht nach Neuem ſehnt ſich das Weib, ſondern nach immer wechſelnden Formen des Alten. In den niedrigſten Staͤnden bewahrt das Weib noch eine gewiſſe Neigung zur Poeſie. In Dorfkirchen hoͤrt man die Weiber am an⸗ daͤchtigſten ſingen, die waͤhrend der Predigt ſchlafen. l — Aus Vernunft zu ſchließen, ſich Grundſätze fuͤr das ganze Leben zu bilden, iſt wol die Sache weniger Weiber. Ihr Genius iſt der feine Takt, ein inſtinktartiges Ergreifen des Schick⸗ lichſten und Beſten fuͤr jeden Augenblick. Schreiber. Wo liebt mit ew'ger Treue ſchuldlos die fromme Bruſt? Wo truͤbt nicht ſpaͤte Reue des Lebens ſchoͤnſte Luſt? Dort nur, bei reiner Sterne Glanz, ſchmuͤckt fromme Treu der ew'ge Kranz, truͤbt nichts die reine Bruſt. Wenn wird dem Kampf zum Lohne, was frommer Sinn geglaubt? Wenn ſchmuͤckt die Stralenkrone des ſtillen Dulders Haupt? Einſt, wenn der Geiſt bei Sternen wohnt, in Glanz verklaͤrt die Liebe thront, wird dir, was du geglaubt. Still ſoll der Blick hienieden zum Glanz des Himmels ſchaun, es ſoll das Herz in Frieden dem Herrn des Lichtes traun. Der finſtrer Nacht die Sterne gab, fuͤhrt maͤchtig uns durch dunkles Grab, ſein ew'ges Licht zu ſchaun. A. Selene II. 2. H. 3 3 66 Henri, Edler von Sp—tz— b, an ſeinen lieben Sohn. / Es kann den Leuten im Leſen genug ſeyn, da es ihnen im Leben oft genug iſt, wenn ſie wiſſen, der Mann, mit dem ſie jetzt in Ver⸗ bindung treten, iſt ein feiner, reicher Herr, iſt, was man ſagt, ein gemachter Weltmann, und ſogar einige Zeit bei einer Legation angeſtellt geweſen. Zum Ueberfluß, und fuͤr Damen, ſetz' ich hinzu: Jetzt iſt er faſt funfzigjaͤhriger Vater eines zwanzigjaͤhrigen Sohnes, und ſeit vier Monaten ein Wittwer, der uͤberall in geſchmack⸗ voller Trauer erſcheint; ſeinen Sohn will er in die Welt ſchicken, wozu er ſeine guten Ur⸗ ſachen hat, und um ihn vor Verirrungen zu bewahren, giebt er ihm Warnungstafeln mit auf den Weg, von welchen wir eben eine in fruchtbarem Auszuge gewiſſenhaft mittheilen. Ob der Sohn dadurch werde gewitzigt werden, ſteht faſt zu bezweifeln, da man taͤglich auf 67 allen Straßen Beweiſe laufen ſieht, wie ver⸗ geblich ſich zaͤrtliche Aeltern anſtrengen, durch alberne Streiche die Kinder zu klugen zu ver⸗ leiten. Daß der junge Sp—tz—b aber ein alter werden und ein ſchoͤnes Gluͤck in der Welt erringen werde, iſt leicht zu glauben. Henri, Edler von Sp— tz— b, an ſeinen Sohn. Du biſt kein Knabe mehr und ſollſt nun in die große Welt treten. Andere Vaͤter wuͤrden dich mit froſtigen Moralien erkaͤlten: ich will dir durch Bekenntniſſe meiner Fehltritte warm machen. Ich habe das gute Zutrauen zu dir, wie du jene vergeſſen wuͤrdeſt, wirſt du dieſe zu Herzen nehmen. Ich fange da an, Liebſter, wo du ſo eben anfaͤngſt: wo ich naͤmlich, als ein huͤbſch auf⸗ geſchoſſener junger Menſch in die feinere Ge⸗ ſellſchaft eingefuͤhrt wurde. Im Innern und Weſentlichen hatte ich mehr Aehnlichkeit mit 0 68 dir, als es ſcheinen wuͤrde, wenn ich mich aus jener Zeit neben dich in die jetzige ſtellen koͤnnte. Der Zeitgeſchmack hat ſich und uns ſehr geaͤn⸗ dert, aber nur in den Außenwerken. Ich war, in damals modiſcher bloͤder Toͤlpelhaftigkeit, was du in jetziger unverſchaͤmter biſt. Uebrigens hatte ich, wie du, mancherlei gelernt, hatte auch zuweilen eine Regung von geſunder Ur⸗ theilskraft: aber mein linkes, ungeſchicktes Be⸗ tragen vernichtete allen Effekt dieſer Vorzuͤge. Dir iſt naͤmlich nicht unbekannt, Beſter, daß man in jeder guten Converſation vor allem alle erſinnliche Gegenſtaͤnde durch einander zu wirren, und von einem auf den andern zu ſpringen hat, ohne irgendwo nur einigermaßen zu verweilen; und daß— dieſes mit leichtfertig ſcheinender Behendigkeit, ſo wie mit gelaͤufigſter Zunge und angenehmer Sprache zu vermoͤgen, eben den erſten Hauptzug im Charakter des guten Geſellſchafters ausmacht. Nun denke dir ſelbſt, wie aͤrmlich ich bei Menſchen von Ton repraͤſentirte! Heute, zum Beiſpiel, fing die Untethaltung mit einer Recenſion des geſtrigen Balles an: — 69 indem ſiel Jemand aus der tanzenden Colonne in den ſchwediſchen Krieg und die eben ausge⸗ laufene Scheerenflotte. Dort hatte ich Thor geglaubt, nicht entſcheiden zu duͤrfen, weil ich nicht auf dem Balle geweſen war; hier ſuchte ich endlich den Faden zu erhaſchen, da eine artige Dame fragte: was es denn eigentlich mit einer Scheerenflotte fuͤr ein Bewenden habe? ob die Schiffe vielleicht den Scheeren aͤhnlich geſtaltet waͤren? Ich wußte ganz gewiß, wie es damit ſtand; aber ehe das Regiſter: Ball, in meinem Kopfe abgeſtoßen, und das: Scheerenflotte, oder auch nur Technologie, angezogen war, hatte man ſich von der gefahrloſeſten Methode, den Mopshuͤndchen die Ohren abzuſchneiden, ſchon wieder ausgeſprochen, und redete von Romeo und Julie. Jetzt kam ich mit meiner ſehr verſtaͤndigen Relation uͤber jene Flotte, und nur der Achtung, die man gegen meines Vaters Vermoͤgen beſaß, hatte ichs zu verdanken, daß man mir nicht ins Geſicht lachte, ſondern mich reden ließ, hernach ein Weilchen auf gewiſſe furchtbare Weiſe ſtill ſchwieg, und nun ohne 70 allen Uebergang von dem heftigen Gewitter dieſer Nacht erzaͤhlte. So wurde ich mit all meinem Wiſſen und all meiner geſunden Beurtheilung ein Gegen⸗ ſtand des Spottes; hatte uͤberall Langweile und machte uͤberall Langweile. Ich fuͤhlte das ſchmerzlich und wußte es doch nicht zu aͤndern. Mein Vater rieth mir, mehr Gefaͤlliges anzu⸗ nehmen; ich glaubte, daß er recht habe, und ſuchte ſeinem Rathe nach Moͤglichkeit nachzu⸗ kommen. Aber er hatte vergeſſen hinzuzuſetzen: will man in der feinen Geſellſchaft durch Ge⸗ faͤlligkeit Gluͤck machen, ſo muß man ſie nur ge⸗ gen die wenigen beweiſen, denen der groͤßte Theil nun gerade jetzt huldigt, die andern uhe deſto frecher behandeln und zuruͤckſtoßen. Und dann: man muß es ſelbſt Jene immer leiſe mitempfinden laſſen, daß man ſie auch quaͤlen und preisgeben koͤnne, ſobald es Einem beliebe. In der fei⸗ nen Geſellſchaft muß man gefuͤrchtet ſeyn, um behandelt zu werden, als ſei man geliebt. Davon hatte ich keine Ahnung, gab mich mit gutem Willen einem jeden hin, bequemte mich nach allen, und hieß bei allen ein huͤbſcher Ein⸗ —— 4 71 faltspinſel. Ich bin ſpaͤter nie ſo ungluͤcklich geweſen, als eben damals in den frohen Geſell⸗ ſchaften. Als ich eines Tages wieder in einem Zirkel ſaß, und meiner Noth kein Ende wußte, be⸗ merkte ich, daß eine der Damen wohlwollend ihre Blicke auf mir ruhen ließ. Ich erroͤthete und fuͤhlte mich ſehr bewegt. Indem wurden die Spieltiſche geruͤckt, und die Dame wußte es ſo zu machen, daß ich an ihrer Partie theil⸗ nehmen mußte. Indem wir hingingen, geſtand ſie mir das ſelbſt, und in meinem Leben habe ich mich nicht ſo geſchmeichelt gefuͤhlt. Sie war eine ſehr anſehnliche, wohlgenaͤhrte Ge⸗ ſtalt; uͤbrigens nun zwar faſt noch einmal ſo alt als ich, aber fuͤr mich Unfeinen eine Huld⸗ goͤttin. Sie nahm meinen Arm, als wir zu Tiſche gingen, und unſere Unterredung wurde ſehr lebhaft— das heißt: ſie redete ſehr viel und mit Eifer. Da ſie aber doch das Ge⸗ webe ihrer ſchoͤnen Rede an meine einſilbigen Wörtchen anknuͤpfte, ſo konnte man es wol eine Unterredung nennen. Ich fand außerordentlich viel Geiſt bei ihr: das war ihr ſehr lieb, denn 7 2—-— ſie beſaß gar keinen. Sie bewunderte meine geſelligen Tugenden, und das entzuͤckte mich, denn ich hatte bisher keine Spur davon an mir entdeckt. Eitelkeit bringt Herzen weit oͤfter und weit ſchneller zuſammen, als Gefuͤhl; und reißen dieſe Bande auch deſto ſchneller wieder, indem man, je naͤher man ſich koͤmmt, je weniger ſich ſchmeichelt: ſo iſt das gerade noch das Beſte dabei, bringt Mannichfaltigkeit in das Einfoͤrmige des Lebens, und haͤlt vücht lange auf beim Vorwaͤrtsſtreben. Unſere gegenſeitige Theilnahme ſchien mit jedem Tage zuzunehmen. Als ich die Dame zum fuͤnftenmal ſprach, hatte ich wirklich ſchon das Herz, ihr den Arm zu bieten, um ſie zu ih⸗ rem Wagen zu fuͤhren; kaum aber ſah' ich ſie dies annehmen, als ich ſchon vor Furcht uͤber meine Anmuthung zitterte. Sie zitterte nicht; ſie uͤberraſchte mich ſogar mit der Her⸗ ablaſſung, meine Hand nicht fahren zu laſſen, fondern mich in den Wagen nachzuziehen. Ich ſaß bei ihr, ich wußte ſelbſt nicht wie, und ruͤckte, ſo weit ich nur konnte, in meine Ecke, indem mir's ganz wunderlich zu Muthe ward. 73 62 Ich wollte immer ſprechen und konnte durch⸗ aus auf nichts kommen. Sie fing endlich ſelbſt an, und ſchwatzte nun immer fort— wovon? das hoͤrte ich nicht, denn mich aͤngſtigte eine neue Bedenklichkeit. Wenn der Wagen nun vor ihrem Hauſe haͤlt—! Begleiten oder nicht begleiten— das war die Frage! Er hielt, ich fuͤhlte einen Dolchſtich im Herzen: meine Freundin loͤſete alle Zweifel, indem ſie ohne Umſtaͤnde meinen Arm nahm und mich in ihr Zimmer hinauffuͤhrte. Wir kamen dahin— die Zofe ging, und ich ſaß, neben der Freundin, wie ein Verbrecher im Verhoͤr.— Sie begann: Lieber, Sie ſind ein junger Mann von ſo ausgezeichneten Talenten aller Art, und dennoch machen Sie in der ſeinen Geſellſchaft kein Gluͤck. Ach Gott, ich weiß das, ſeufzte ich. Das muß anders werden— meinen Sie nicht? Allerdings! aber wie, meine gnaͤdge Frau? Sie ſind doch von meiner Freundſchaft uͤberzeugt? 74 Wie von meinem Leben! Und ich rechne ganz auf Ihre Ergebenheit, Diskretion und Treue. Das koͤnnen Sie! o wahrhaftig, das köͤn⸗ nen Sie! Nun denn— ein junger Mann, wie Sie, kann nur durch Weiber fuͤr die Welt gebildet werden. Ja ja; ich erinnere mich das irgendwo ge⸗ leſen zu haben. Wo war es doch? Gleichguͤltig, wenn's nur wahr iſt! Das muͤſſen nun aber Weiber ſeyn— nicht etwa ſolche, die ſelbſt erſt vor kurzem der Kindheit entwachſen ſind, denn das ſchnickert in die Welt hinein und weiß gemeiniglich ſelbſt nicht, was es will— Weiß ſelbſt nicht, was es will— ganz gewiß, gnaͤdge Frau! Ich glaube das auch bemerkt zu haben. 5 Sehen Sie! Alſo Frauen von gewiſſer Soliditaͤt des Charakters, von Klarheit der Anſichten, Beſtimmtheit der Empfindungen; dabei von gewiſſem Anſehn in der Geſellſchaft; uͤbrigens— da nun der Kreis des Schoͤnen 73 einmal die Welt unſers Geſchlechts iſt— nicht ganz ohne Reize und Anmuth der Perſon... Ich faßte in Begeiſterung ihre Hand, ſtot⸗ terte einige Komplimente heraus, und fuhr dann wieder zuruͤck, als haͤtt' ich in Brenneſſeln ge⸗ griffen. Sie laͤchelte, verbot mir alles leere Schmeicheln, als ich ſchon nichts mehr ſagte, empfahl mir dagegen Zutrauen, und legte da⸗ bei ihre Hand ziemlich feſt auf meine Schulter, indem ſie meinen verwirrten Blicken zu begegnen verſuchte. Ich wurde hieruͤber von neuem wieder ſo kopflos, daß ich nichts zu ſagen, nichts zu thun wußte, und da ſie irgend etwas zu er⸗ warten ſchien, ſtockte unſere Unterhaltung. Endlich nahm ſie doch den Faden wieder auf, obgleich, wie mir's ſchien, mit einigem Verdruß. Sie ſprach weiter uͤber die Bildung, die junge Maͤnner durch feine Frauen erlangen muͤßten, und meinte, ganz ohne Theilnahme des Her⸗ zens gelinge das jedoch ſchwerlich. Als ich meine Beſorgniſſe hierbei aͤußerte, troͤſtete ſie mich damit, daß, wenn man auch ſein Herz verloͤre, man ein anderes dafuͤr wieder bekaͤme; daß 76 manche Erfahrung dieſer Art ſogar wohlthaͤtig auf einen kuͤnftigen Eheſtand vorbereitete; daß ſolide, wahrhaft gebildete Perſonen eine ewige Liebe eben ſo wenig erwarteten, als einen ewi⸗ gen Fruͤhling— und da ſie mich durch alles das außerordentlich geſpannt und in Allarm geſetzt ſahe, unterbrach ſie ſich ſelbſt mit der Wendung: Es wird ſpaͤt: eſſen Sie doch den Abend mit mir! Wie gern haͤtte ich dies angenommen: aber zentnerſchwer ſiel mir die Erinnerung an mei⸗ nen ſtrengen Vater, der mich erwartete, aufs Herz. Mit tauſend Entſchuldigungen geſtand ich ihr dies, und wollte davon eilen: ſie aber richtete ſich ſtolz auf, gratulirte dem Herrn Papa zu ſolch einem gehorſamen Sohne, und rieth mir, zu eilen, damit die Suppe nicht kalt werde. Daß dieſer Abſchied nicht war, wie er ſeyn ſollte, fuͤhlte ich zwar, und fuͤhlte es ſchmerz⸗ lich, fand aber die Urſache darin, daß ich doch wol zu unbeſcheiden geweſen ſei, und nahete mich der Dame, als ich ſie wieder in Geſell⸗ ſchaft traf, mit noch mehr Ehrfurcht: ſie hin⸗ — 77 gegen ſahe mich nicht an und ſprach geradezu von mir, wie von einem Dummkopf— was mich eine Zeit lang an mir, an den Weibern, an der ganzen Welt irre machte. Dir, meinem gebildeten Sohne, habe ich den Zuſammenhang nicht noͤthig zu erklaͤren; du begreifſt, daß ich entweder nicht ſo weit, oder viel weiter gehen, oder endlich— und dies waͤre das Sicherſte und Zweckmaͤßigſte geweſen— daß ich mich nur gegen Andere ſo nehmen mußte, als ſei viel weiter gegangen worden, wodurch denn die Dame dem Geſpoͤtt ausgeliefert worden, ich aber denn doch ſchon zu einigem Anſehen ge⸗ diehen waͤre, ohne ihrem fluͤchtigen Ge Euhac gefroͤhnt zu haben. Ein junger, artiger, und lalgeſuchter Avan⸗ tuͤrier, der lebhaftes Attachement an mein Taſchengeld fuͤhlte, und mich dafuͤr durch Mun⸗ terkeit reichlich amuͤſirte, erwarb mein Zutrauen, erklaͤrte mir meine Fehler, und verſchaffte mir nach und nach allerlei Gelegenheiten, mich an ſeine Anſicht der Dinge zu gewoͤhnen. Dies half mir zwar, aber wenig. Daß ich mich an den Herrn anſchloß, ihm mein 1 78— Geld, auch wol noch ſo manches, was nicht zu verachten iſt, hingab— das will ich nicht ohne Einſchraͤnkung tadeln; er beſaß Welt und Witz, er war uͤberdies als ein liebenswuͤrdiger Wuͤſtling angeſehn und in Mode: ſo konnte ich indirekt vielfach gewinnen, was ich direkt durch ihn verlor. Aber daß ich mich ſelbſt an ihn verlor, daß ich mich ihm hingab mit aller albernen Waͤrme einer ſogenannten Ju⸗ gendfreundſchaft— das war ein neuer, grober Fehler! Wird der Gebildete ſelbſt in den Stunden etwaniger erhoͤheter Gefuͤhle oder fro⸗ her Gemuthlichkeit, ſogar gegen den vertrau⸗ teſten, erprobteſten Freund ſich nicht weiter hingeben, als der Gedanke, er koͤnne einmal ſein boshafteſter Feind werden— zulaͤſſet: wie viel mehr haͤtte ich mich dieſem Menſchen nur gleich⸗ſtellen ſollen, um ihn zu benutzen, und dann ihn ruhig fallen laſſen, ſobald ich ihm gewachſen war! Aber, wie geſagt, ich gab mich ihm ganz hin, und wurde, vornaͤm⸗ lich durch ſeinen Beiſtand, in nicht allzulanger Zeit gerade das Gegentheil von dem, was ich bisher geweſen war.— 79 Dies hatte ſein Uebles, aber freilich auch ſein Gutes. Ich gewoͤhnte mich ziemlich ſchnell und loͤblich an die Gebraͤuche der ſchoͤnen Welt. Je mehr ich Thorheiten hoͤrte, je weniger ſagte ich, je mehr ich deren ſah, je mehr beging ich: hierdurch gewann ich allerdings ganz ungemein. Doch nichts in der Welt theurer, als um den aͤußerſten Preis zu kaufen, iſt eine Hauptma⸗ rime wahrer Lebensklugheit, und jene Vortheile waren wirklich viel zu theuer erkauft! Ich haͤtte die kecken Albernheiten und liebenswuͤr⸗ digen Suͤnden eines jungen Libertins zwar vor⸗ geben und allenfalls ihre Folgen in meinem Aeußern nachkuͤnſteln, nicht aber ſie wirklich annehmen und ausuͤben ſollen! Das Schei⸗ nen, theuter Sohn, einzig und allein das Scheinen iſts ja, was auf die feine Welt wirkt; ob dieſem etwas Wahres zu Grunde liege, dar⸗ um hat ſie ſich nicht zu bekuͤmmern, und be⸗ kuͤmmert ſich auch wirklich nicht darum. Hat nun, wie im gegenwaͤrtigen Falle, das Seyn, geſondert vom Scheinen, mehr Nachtheil, als Vortheil und Vergnuͤgen: ſo begnuͤge man ſich mit dem Scheinen und ſeinen wohlthaͤtigen 30 Folgen. Nichts kann einfacher und einleuch⸗ tender ſeyn, als dieſe Maxime: aber leider ge⸗ brach es mir an Leitung; ſo ward ich, was ich ſchien, und da mir uͤberdies noch eine Zeit lang aus der Periode meiner Einfalt manche Kleinlichkeiten zuruͤckblieben, ward ich's nicht einmal mit gehoͤrigem Glanz und Effekt. Ver⸗ ſtehe mich hier ja nicht falſch, mein Guter! Ich will dir's lieber durch einige Details noch beſtimmter vor Augen ſtellen! Alſo z. B., daß ich mein Gluͤck vornaͤm⸗ lich durch Weiber machen wollte, war verſtaͤn⸗ dig; daß ich ihnen dafuͤr gar manches hin⸗ opferte, war unumgaͤnglich— umſonſt iſt nur der Tod; daß ich aus ihrer ſtillen Schule in die große Geſellſchaft laut, auffallend, trotzig vortrat, war in der Ordnung und nicht ohne guten Erfolg: aber daß ich— dies iſt die Hauptſache— z. B. meine muthwillige Dret⸗ ſtigkeit, mein grenzenloſes Selbſtvertrauen, ei⸗ nige Unverſchaͤmtheit, Witz⸗ und Verſpottungs⸗ Sucht— daß ich in ſchwachen Stunden wol auch gewiſſe zaͤrtliche Gefuͤhle wirklich beſaß, und nicht blos zeigte: das war das Thoͤrichte, —:;—;;õę— 8 1 und das brachte mich um den ſchoͤnſten Theil meiner Jugend— mag ich dieſe nun als fuͤr ſich beſtehend, oder als Vorbereitung fuͤr die Zukunft anſehen. Die hier genannten Eigen⸗ heiten, deren ich mich bemeiſtert hatte, haͤtte ich zwar allerdings gehoͤrig wuͤrdigen, aber z. B. jenes Geſchlecht auch heimlich verachten lernen muͤſſen: dann haͤtte ich nicht nur mein eignes Selbſt beſſer gerettet, ſondern all meinen Verkehr mit ihm, ſo wie alle meine darauf gebaueten Lebensplane tiefer entwerfen, gelaſſe⸗ ner uͤberdenken, geſchmackvoller anordnen, be⸗ harrlicher und ſegensreicher ausfuͤhren koͤnnen. So aber gerieth ich— um nur Einiges an⸗ zufuͤhren— in Schulden und boͤſe Haͤndel, untergrub meine Geſundheit, machte im Duell einen meiner beſten Freunde zum Kruͤppel, kam in den Ruf gemeiner, folglich allerdings ungehoͤriger Unordnungen; und durch alles das erlangte ich weiter nichts, als daß von mir viel geſprochen, daß ich pikant befunden ward, und daß Maͤdchen und junge Weiber eine Art von Furcht vor mir bekamen. Dieſe Vortheile, ich wiederhole es, waren Selene II. 2. H. 6 82— zwar allerdings zu ſchaͤtzen; ich muß aber auch wiederholen: ſie waren viel zu theuer er⸗ kauft; ich haͤtte das alles, und mehr, durch den bloßen Schein erreichen koͤnnen, und waͤre nicht, wie jetzt, in Gefahr gekommen, ohne einen gluͤcklichen Zufall ganz zu Grunde zu gehen! Jene gewiſſe Art von Furcht des andern Geſchlechts nämlich, hat fuͤr daſſelbe etwas ſehr Anlockendes— ſo ſeltſam das klingt und ſo wenig Ehre es ihm bei den Moraliſten machen mag. Ehe ich's mich verſahe, hatte ſich eins der reichſten und huͤbſcheſten Maͤdchen der Stadt in mich verliebt. Eine induͤſtrioͤſe Mit⸗ telsperſon gab meinem Vater die Sache unter den Fuß, und das Verzeichniß der Kapitalien in die Hand: der alte Herr fand beides vor⸗ trefflich, ſprach mit mir daruͤber, und es ver⸗ ſteht ſich, daß ich mit Vergnuͤgen in ſeinen Plan einging, obgleich ich mich nur dunkel erinnerte, meine Schoͤne einigemal von fern geſehn zu haben. Ich beſuchte ſie nun, ſie gefiel mir recht wohl; und da ihre Phantaſie, oder ihre Neu⸗ 88 gierde, oder wer weiß was ſonſt— mir ſo gut vorgearbeitet hatte: ſo wurde es mir leicht genug, ſie vollkommen fuͤr mich zu gewinnen. Schon in einigen Wochen(ich brauchte noth⸗ wendig Geld, und viel Geld!) ließ ſie ſich mit mir trauen. Dieſe Verbindung nun, mein Sohn, zaͤhle ich keineswegs unter meine Thorheiten: ſie iſt vielmehr einer der ruͤhmlichſten Streiche meiner ganzen Jugend— nur daß ich, um aufrichtig zu ſeyn, hier faſt alles dem gluͤcklichen Ohn⸗ gefaͤhr verdanken muß. Ich erwaͤhne dieſes Ereigniß in dieſem Zuſammenhange blos um ſeiner Folgen willen. Deine Mutter war naͤmlich ſchon damals ein vortreffliches Geſchoͤpf, war voll Liebe zu mir, und die Genuͤgſamkeit ſelber. Wenn ich ſie alle Monate einigemal auf den Ball, ins Konzert, in die Oper fuͤhrte; wenn ich dafuͤr ſorgte, daß ſie immer die erſten Moden trug, daß ſie in der Geſellſchaft huͤbſch befunden, von meinen Freunden umgeben und ausgezeichnet wurde: ſo waren alle ihre Wuͤnſche erfuͤllt; und als ſich ihr nach einigen Monaten vollends die 54— Ausſicht auf dich, lieber Sohn, erdffnete: ſo wußte ſie ihres Gluͤcks kein Ende, und war lauter Ergebenheit, Demuth und Freundlichkeit, wenn ich auch noch ſo ſehr— ohne irgend eine Urſache, als weil ich glaubte, es gehoͤre zu dem noͤthigen Anſehen eines Ehemannes— im Hauſe gelangweilt, muͤrriſch und kalt that. Auf dieſem ergiebigen, dauerhaften Grund und Boden haͤtte ich nun gelaſſen weiter fort⸗ bauen, dort verharren, alles in Syſtem und Haltung bringen, und dadurch mir die ſchoͤne Ruhe, die bequeme Genuͤglichkeit, den wohl⸗ abgemeſſenen Lebensgenuß des Weiſen, der mich jetzt begluͤckt, ſchon damals bereiten ſollen: aber das that ich nicht, und dies iſt— unter uns— der albernſte von allen meinen albernen Streichen. Ohne mein Wiſſen und Willen hatte ich deine Mutter wirklich lieber gewonnen, als zu⸗ traͤglich; doch es mochte drum ſeyn, wenn ich nur nicht, als ich damit geneckt wurde, gewalt⸗ ſam gegen meine Zuneigung gekaͤmpft, mich dadurch verſtimmt, und nun Intriguen ange⸗ knuͤpft haͤtte, bei denen mir wirklich nicht ſo wohl ward, als im Umgange mit meiner Frau. 3 —— 85 Dieſe machte mir nun bittere Vorwuͤrfe: das reizte mich zu deſto heftigerm Widerſtand; ſie affektirte Gleichguͤltigkeit und Verachtung: ich ließ meine geheimen Angelegenheiten immer lauter werden, um ſie zu peinigen; ſie ſchmollte und weinte viel: nun ſetzte ſich wirklich etwas Widriges in meiner Seele feſt, das ich mir noch heute zum Vorwurf mache. Jetzt konnt' es nicht fehlen— es fanden ſich Hausfreunde, die die Thraͤnen der jungen, huͤbſchen Frau abtrockneten, und ihr Inneres angenehmer zu beſchaͤftigen wußten, als ich. Statt durch gute Methode das ſchlechte Spiel zu verbeſſern, war ich Schuld, daß unſer Umgang eine Kette ward von Neckereien und kleinen Zwiſtigkeiten, welche das Leben weit mehr verbittern, als bedeutender Verdruß— wie viele Muͤckenſtiche weit beſchwerlicher ſind, als eine anſehnliche Fleiſchwunde. Endlich wurden wir ſo gluͤcklich, beide zugleich die Geduld zu verlieren; wurden ſo traulich, es einander ins Geſicht zu ſagen, und ſo geſcheidt, ein Etabliſ⸗ ſement zu treffen, wodurch fernerhin keins das andere beſchwerte. Vom Sommer verlebte ſie die 86—— eine Haͤlfte auf dem einen Gute und die andere auf dem zweiten; ich aber, eben ſo, allezeit auf dem, wo ſie nicht war. Wir notiſicirten einander die Tage dieſes Wechſels gegenſeitig mit ſchuldiger Hoͤflichkeit und Delikateſſe. Im Winter bewohnte ſie die eine Reihe unſrer Zim⸗ mer, und ich die andere; ich lud ſie durch die Karte zu mir in Geſellſchaft, ſie mich eben ſo zu ſich. An Geburtstagen, zum heiligen Weih⸗ nachtsfeſte u. dgl., beſchenkten wir einander mit Galanterieen, und außer dem Hauſe beob⸗ achteten wir den beſten Anſtand. Hier laß mich wieder eine Anmerkung machen, mein Sohn! Daß ich hier auf thoͤ⸗ rigte Weiſe meine Vortheile geſtoͤrt hatte, habe ich ſchon oben zugeſtanden: war es nun aber einmal bis zu jenen erſten Mißverhaͤltniſſen gekommen, ſo mußte ich(denn auf meiner Seite war alles Unrecht) eine Zeitlang die Impertinenz und Tyrannei, kalt und konſequent, aufs aͤußerſte treiben: dann haͤtte ich meiner Frau imponirt, ſie ganz muͤrbe gemacht, ſie zur Reſignation getrieben, und nun die Zuͤgel in der Hand behalten, die ich dann, fand ichs — 87 gut, ohne Schaden allmaͤhlich nachlaſſen konnte. Das gute Weib haͤtte ſich hernach bei jedem Nach⸗ laß ſehr gluͤcklich gefuͤhlt, auch alles Unrecht fuͤr verguͤtet gehalten, und, um Nuͤckfaͤllen vorzu⸗ beugen, mir gedienet, wie ein Taͤubchen dem andern. O daß ich einen Freund gehabt haͤtte, wie du ihn jetzt an mir haſt! Nur Eins kann ich aus jener Zeit an mir ruͤhmen: daß ich auf die oben angegebene Weiſe, den An⸗ ſtand, den unausſprechlich wichtigen, den ent⸗ ſcheidenden Anſtand beibehielt; wodurch ich denn auch erreichte, daß, ſo bekannt meine haͤuslichen Verhaͤltniſſe wurden, ich doch bei den Feinen und Gebildeten an Ehre und Anſehen eher gewann, als verlor. Nach und nach wurde ich aber dieſe meine Exiſtenz und alle ihre Annehmlichkeiten herzlich ſatt. Koͤmmt man in gewiſſe maͤnnliche Jahre, ſo genuͤgt es Einem nicht mehr, etwas in der Welt zu heißen, man will auch etwas— ſeyn eben nicht, aber gelten, will wenigſtens(was am Ende ganz daſſelbe iſt,) dafuͤr angeſehen ſeyn, daß man etwas gelte. Dazu giebt es nun zwei Wege: angeſtrengte ruͤhmliche Thaͤ⸗ 88-— tigkeit in irgend einem Fache, oder betraͤchtliche Ehrenſtellen, allenfalls bei wenig, oder nicht eben allzuruͤhmlicher Thaͤtigkeit. Fuͤr den erſten Weg war ich nicht gemacht: ich ſuchte alſo den zweiten einzuſchlagen. Aber auch dieſer Weg iſt ſteil! Will man ſchnell hinauf, ſo muß man man ausgezeichnete Talente beſitzen, oder ausgezeichnete Verbindungen, oder ausgezeich⸗ nete... es fehlt mir das anſtaͤndige Wort fuͤr das poͤbelhafte: Schurkerei; mir aber ge⸗ brach es an alle dieſem. Nur nach tauſend Sorgen, tauſend Aufopferungen, tauſend Taͤu⸗ ſchungen gluͤckte mir'’s, und doch nur im Klei⸗ nen. Man brauchte einen Geſandten an ein Hoͤfchen, wo es nicht viel zu thun, aber viel Aufwand zu machen gab. Ich erhielt dieſe Stelle 88 Neue Thorheit eines jungen, eitlen Mannes: bei heimlich gefuͤhlter Unfaͤhigkeit, irgend etwas zu uͤbernehmen, wodurch man dieſe Unfaͤhig⸗ keit verrathen mußte! Um unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden Anſehen zu gewinnen, haͤtte ich gerade das Gegentheil thun, haͤtte mich vornehm von allen Geſchaͤften zuruͤckziehen, ein ernſtes Aeu⸗ 8 39 ßere annehmen, und uͤber alles, was geſprochen, geſchrieben und gethan wurde, mitleidig laͤcheln, ſchweigend die Achſeln zucken, und nur zuwei⸗ len mit einer runden Sentenz oder einem huͤb⸗ ſchen Bonmot keck und derb herausbrechen muͤſ⸗ ſen. So aber wollte ich verbergen, was ſich auf dieſem Wege gar nicht verbergen ließ. Ich nahm einen ſehr armen und ſehr geſcheidten jungen Mann zum Sekretair an, ſchenkte ihm mein Zutrauen und bereicherte ihn freigebig, damit er meine Blöße decken moͤchte. Neue Verkehrtheiten! Einen geſcheidten Mann mußte ich freilich haben; daß ich ihn arm waͤhlte, war auch gut: aber ich haͤtte ihn in ſeiner Ar⸗ muth laſſen, haͤtte ihn unaufhoͤrlich angeſtrengt beſchaͤftigen, und ſo immerwaͤhrend unter dem Druck halten muͤſſen, damit ſein Muth ge⸗ brochen, und er allmaͤhlig bloß zu einer taug⸗ lichen Arbeitsmaſchine abgerichtet worden waͤre. Jetzt verrieth er in Uebereilung meine Geheim⸗ niſſe, machte im Uebermuth mich laͤcherlich, und da ich nun auf einmal— mit neuer Unbeſon⸗ nenheit— aͤußerſt ſtreng gegen ihn verfuhr, berichtete er gewiſſe kleine Verhaͤltniſſe, in 90— welche ich mich mit einigen Geſandten anderer Hoͤfe eingelaſſen hatte, an den meinigen, und ich verlor meinen Poſten, verlor ihn ſogar nicht ohne Aufſehn. Das war ein ſchrecklicher Schlag, der mich dermaßen betaͤubte, daß ich den einzigen Aus⸗ weg, den mir die Klugheit vorgeſchlagen haben wuͤrde— ſogleich in aͤhnliche Dienſte eines feindlichen Fuͤrſten zu gehen, und dort mit deſto mehr Stolz, Trotz und Aufſehn aufzutreten— gar nicht fand. Vielmehr zog ich mich ganz leife in die Stille des Landlebens zuruͤck; gab mich— entſetzlich!— den Lachern in der Reſidenz preiß, ſchmaͤhete auf Fuͤrſten und Hofkabalen, und zwar— Thorheit uͤber Thor⸗ heit!— vor ehrlichen Landjunkern und Fuchs⸗ jägern, vor einfaͤltigen Paſtoren und Landraͤthen, die in die hoͤhere Anſicht des Lebens gar nicht eingehen konnten, ja, die wol gar aus meiner Geſchichte und dieſen meinen Deklamationen auf Dinge ſchloſſen, die mich, wenigſtens in ihrer Denkungs⸗ und Sinnesart, abſcheulich, ja veraͤchtlich machten. Ich bemerkte dies bald, und es wurde mir 1 91 ſo unausſtehlich, wie dieſe trockenen, unbehuͤlf⸗ lichen, die Individualitaͤten Anderer ſo wenig ſchonenden Geſellſchafter ſelbſt. Ich zog mich alſo von ihnen, wie von allem Umgange zuruͤck, empfand von neuem eine toͤdtliche Langweile, und wußte gar nicht mehr, was ich mit mir und meiner Zeit anfangen ſollte. Da, da, und eben aus dieſem troſtloſen Zuſtande, entwickelte ſich fuͤr mich die Art zu denken, zu empfinden und zu handeln, deren ich mich bis dieſen Au⸗ genblick erfreue, und die ich, ohne Stolz und Eitelkeit, nicht anders, als die behagliche Ruhe und ſtille Thaͤtigkeit des Weiſen nennen kann. Dieſen gluͤcklichen Zuſtand, theils zu be⸗ ſchleunigen, theils mit Konſequenz in allen ſei⸗ nen Details fein auszubilden, war ich aber damals noch nicht gewandt, auch noch nicht feſt genug: nur eine ſchoͤne Seele, die ihr Ge⸗ ſchick ganz an das meinige band, konnte mir das Mangelnde geben.. O, der Himmel hatte mir ſolch eine Seele aufgehoben; und zwar, wunderbar genug, in meiner Gattin, deiner Mutter! Langweile hatte uns ehemals aus einander gebracht, Langweile * brachte uns nun wieder zuſammen; wir hatten aber beide der Erfahrungen genug eingeſam⸗ melt, um jetzt gaͤnzlich fuͤr einander zu paſſen, einander gegenſeitig zu ſchonen, alles Vergan⸗ gene kluͤglich zu vergeſſen, und einander das Leben bequem, wol gar annehmlich zu machen — ſo zwar, daß eins die kleinen Schwaͤchen des andern ſoͤrderte, und ſorglich alles umging, was uͤber dieſe und den Kreis der gewoͤhnlichſten Verhaͤltniſſe des Lebens hinausreichte. Wir lebten, wie Kinder; und ſelbſt die Philoſophen ſagen ja, daß man da am gluͤcklichſten lebt. Der durch keine Kunſt verfeinte, oder, wie man ſich auch ausdruͤckt, der tugendhafte Menſch, braucht Liebe, und da er ſie nir⸗ gends befriedigend findet, verfaͤllt er unvermeid⸗ lich in Sehnſucht, Schwaͤrmerei und Senti⸗ mentalitaͤt: wenn du aber auch von der jetzigen Welt noch gar nichts wuͤßteſt, mein Sohn, ſo koͤnnte es dir doch nicht verborgen geblieben ſeyn, daß eben jetzt nichts widriger, laͤcherlicher, verhaßter und allem bedeutenden Gluͤck hinder⸗ licher iſt, als eben dieſer Zuſtand. Der Menſch von kunſtreicher Bildung hingegen, der Kluge, — 93 der Weltmann, bedarf keiner Liebe, ſo wie er keine zu beweiſen gewillet iſt; und die Luͤcke, die dadurch allerdings, wenn ihn die Leiden⸗ ſchaften verlaſſen haben, in ſeiner Seele ent⸗ ſteht, fuͤllet er trefflich und genuͤglich aus, durch Liebhabereien. Siehe darin die Grand⸗ pfeiler meiner Zufriedenheit, meiner Ruhe, mei⸗ nes Gluͤcks! Ich fing an mit Anhaͤnglichkeit an die Freu⸗ den der Tafel, und mit zarter Bildung fuͤr ſie, ſo wie mit angenehmen Sorgen fuͤr die Her⸗ beiſchaffung, Bereitung und Anordnung der Mittel, dieſe Freuden zu erwecken; aber, ſo gern ich ihren Werth noch heute anerkenne, ſo war doch(und iſt) in mir wirklich zu viel Geiſtiges, als daß ſie allein mir, wie jetzt Vielen, haͤtten genuͤgen koͤnnen. Sonach ver⸗ band ich damit eine gewiſſe Thaͤtigkeit fuͤr Sachen des Geſchmacks im andern Sinne des Worts. Immer modiſche Dekorirung, groͤßte Bequemlichkeit, vergnuͤglicher Wechſel meiner Zimmer und Geraͤthſchaften; Sammlung von Kupferſtichen und auslaͤndiſchen Prachtwerken; ſogar einige Fuͤrſorge fuͤr Garten⸗, Bau⸗ und 94— Blumenweſen— alles das, mit ſcherzender Oekonomie, mit im geheim beluſtigenden Han⸗ delsgeiſt, und(wohl zu merken!) ſo ausge⸗ fuͤhrt, daß es nie eigentlich das Herz einnimmt, ſondern immer nur leiſe anregt, gelinde bewegt, freundlich den Moment ausfuͤllt— das, und nun die Delikateſſe des ſpaͤtern ehelichen Zuſammen⸗ ſeyns mit einer gleichgeſtimmten Seele—: das, das, mein Sohn, iſt es, was mich im ge⸗ ruhigen Hafen des Lebens ſo lange feſthielt, ſo ſehr gluͤcklich ſeyn ließ, und nun zu dem Wunſch bringt, auch du moͤchteſt dahin gelan⸗ gen, aber fruͤher und mit weniger ſchmerzhaften Erfahrungen! Deshalb hab' ich dir nun auch dieſen lan⸗ gen Brief, nicht ohne Anſtrengung, und mit Verleugnung aller Ruͤckſichten auf vaͤterliche Autoritaͤt, ſchreiben wollen. Du wirſt ihn verſtegelt mitnehmen, und am erſten Abend in der Reſidenz eroͤffnen. Ich aber werde ohn⸗ gefaͤhr an demſelben Tage, wo du ihn lieſeſt, meinen Verluſt zu erſetzen und die durch dei⸗ ner Mutter Tod verurſachte Stoͤrung meiner Nuhe wiederherzuſtellen, mich mit Fraͤulein 95 Bloͤde, mit welcher du aufgewachſen biſt, und bisher in bruͤderlichem Verhaͤltniß geſtanden haſt, verbinden. Ich erlaſſe dir zugleich hier⸗ mit alle bei ſolchen Faͤllen gewoͤhnliche, ſchrift⸗ liche oder muͤndliche Hoͤflichkeitsbezeigungen, gegen mich ſowol, als meine Gemalin. Durchlebe die Jahre deines akademiſchen Lebens, und hernach die, deiner Reiſen, klug, gewandt und fein; alsdann— eher nicht, mein Lieber!— alsdann wuͤnſche ich dich wie⸗ derzuſehn: und haſt du in dieſer Zeit meine Rathſchlaͤge treulich befolgt, ſo umarme ich dann ohne allen Zweifel einen gluͤcklichen jun⸗ gen Mann in dir. Dein getreuer Vater Henri, Edler von Sp— tz— b. 1 Olenos und Lethaͤg. Der ſchoͤnen Göttin Bild zu kraͤnzen, erſcheint mit Lobgeſang und Taͤnzen, an Afrodite's Feſtaltar, des frohen Volks vereinte Schaar. Es hebt geheimer Liebe Bitte des Maͤdchens ahnungvolle Bruſt, und laͤchelnd ſpendet Afrodite dem Juͤngling ſuͤße Liebesluſt. Und knieend vor der Goͤttin Bilde fleht jeder Afrodite's Milde; des Armen, wie des Reichen Hand, bringt opfernd frommer Gaben Pfand. Nur Olenos bleibt an den Pforten, fern von des Altars Heiligthum, nicht mit Geſchenk noch frommen Worten erhebt er Afrodite's Ruhm. Selene II. 3. H. Nur von Lethaͤa's Reiz durchdrungen weiht er des Herzens Huldigungen mit froher Hymnen Jubellaut, dem holden Jugendſchmuck der Braut. Verherrlicht durch den Glanz der Schoͤnen prangt ſeiner Vaͤter Koͤnigsthron,. doch wenig duͤnkt's ihn, ſie zu kroͤnen, der Liebe gnuͤgt kein ird'ſcher Lohn. s 8* „Dich nur als Goͤttin will ich ehren, du lebend Bildniß von Kytheren, das keines Menſchen Kunſt erfand; du Götterbild aus Goͤtterhand. Waͤrſt du den Himmliſchen erſchienen, dir huldigte der Goͤtter Schaar, und weihte, deiner Macht zu dienen, dir den Olymp zum Feſtaltar, Als Charis, deinem Dienſt erkoren, kam Kypris in dem Tanz der Horen, und Here's ſtolze Lilienhand i8 umkraͤnzte dienend dein Gewand; zu weben goldnes Schleiers Faden, der deine Glieder ſchirmend ſchmuͤckt, wenn in dem Goͤtterquell ſie baden, prieß ſelbſt Athene ſich begluͤckt. Doch unter Menſchen willſt du wohnen, und frommes Herzens Dienſt zu lohnen, haſt du, mit Goͤtterherrlichkeit, zum Tempel den Palaſt geweiht. Stets ſoll auf meines Reichs Altaͤren nur deiner Gottheit holde Macht der Opfer heil'ge Glut verklaͤren in nieverloſchner Flammenpracht. Was ſollt' ich von den Goͤttern hoffen? Elyſium ſteht ſchon mir offen. Nicht aller Goͤtter Ueberfluß gleicht meinem ſeligen Genuß. Sie ſpenden kalt der Gaben Fuͤlle, unnahbar ſelbſt im Aetherreich. Nur in der Schoͤnheit zarter Huͤlle naht Gabe mit dem Gott zugleich.“ 62 Der Koͤnig ſpricht's, und ihr zu Fuͤßen, will er als Goͤttin ſie begruͤßen; ſchon preißt, von ihrem Reiz entzuͤckt⸗ anbetend ſich das Volk beglückt: da zittern des Palaſtes Thuͤrme, ees bebt der Mauern feſter Grund, den Goͤtterzorn verkuͤnden Stuͤrme, ſchwarz oͤffnet ſich der Erde Mund. Und ſtrenges Blicks, mit Flammenbraͤnden in hochgehobnen blutgen Haͤnden, tritt in des Koͤnigshauſes Thor der Eumeniden grauſer Chor. Wild kreuzen ſich die Feuerblitze von ihrer Fackeln Racheglut, und ziſchend nach der Fuͤrſtin Sitze zuckt ihrer Nattern giftge Wut. Doch ſchnell mit der Verzweiflung Schritte hat ſchaudernd aus der Flammen Mitte der Koͤnig ſeine Braut entrafft; ihn ſtaͤrkt der Liebe Goͤtterkraft. Und vor Erinnys wildem Grimme birgt das geliebte Haupt ſein Herz. Er ruft empor, und ſeine Stimme traͤgt zu dem Götterthron der Schmerz. „Ward eines Frevels Schuld verbrochen, am Schuld'gen werde ſie gerochen: doch ſtrafet, Goͤtter, nicht die Bruſt, der keines Frevels Schuld bewußt. Ich wollt' als Goͤttin ſie begruͤßen. Iſt Schoͤnheit nicht Anbetung werth, ſo laßt mich mein Verbrechen buͤßen, Daß ihre Gottheit ich verehrt. Doch wollt ihr ſolchen Dienſt verdammen, wer zuͤndet euch die Opferflammen, wenn von Olympos Hoͤhn geſenkt, zu Menſchen ihr die Schritte lenkt? Ein Gott iſt uns, wer, gleich der Sonne, mit Himmelskraft die Welt beglückt, und Goͤttin, die zu Götterwonne mit Schöͤnheitzauber uns entzuͤckt. Laß nicht dein ſchoͤnſtes Bild zerſtören, mag ſich der Goͤtter Zorn empoͤren, Kythere, von Er innys Pein, Laß nicht der Schoͤnheit Glanz entweihn. Mich laß mit Ades ſinſtern Schauern verſinken in die grauſe Nacht; doch laß Lethaͤa's Schoͤnheit dauern. in göttergleicher Himmelspracht.“ Und lächelnd hoͤret Afrodite des liebentflammten Herzens Bitte. Sie ſcheucht Erinnys wilde Schaar,* der Koͤnigsthron wird ein Altar. Und ſtaunend, zu des Opfers Brauche, ergreifet ſchnell des Koͤnigs Hand das Weihgefaͤß mit heilgem Rauche, anzündend den geweihten Brand. Und wie des Opfers Duͤfte wallen, und Jubelhymnen laut erſchallen, erbebt vor Kypris naher Macht des neuen Tempels Saulenpracht. Und ſchnell zu Marmorſtein erkaltet, prangt hoch in ewger Schönheit Ruhm, zum Götterbildniß umgeſtaltet, Lethaͤa's Reiz im Heiligthum. Weit uͤber Land und Meereswogen kam ferner Bildner Schaar gezogen; Lethaͤa's Marmorbildniß ſtand als Göttin bald in jedem Land. Und in des Urbilds Tempelhallen, ein Prieſter in dem Heiligthum, ließ Olenos ſtets Hymnen ſchallen, zu Kypris und Lethaͤa's Ruhm. A. A. — 8 1 k. Der Pantoffel. Feenmaͤrchen nach dem Franzöſiſchen. Vor vielen, vielen Jahren lebte ein Koͤnig und eine Koͤnigin, die ſich zaͤrtlicher liebten, als es damals unter gekroͤnten Haͤuptern Sitte war. Das Volk folgte dem herrſchenden Bei⸗ ſpiel und das ganze Land glich bald einem Pa⸗ norama haͤuslicher Gluͤckſeligkeit. Aber ein be⸗ nachbarter Monarch, dem es zu Hauſe nicht ſo wohl gefiel, zog mit großer Heeresmacht her⸗ an. Er ſchlug die Armee des friedlichen Koͤ⸗ nigs, verjagte ihn aus ſeiner Reſidenz und ſetzte ſich ſelbſt auf ſeinen Thron.. Der Koͤnig vergaß bei ſeiner Flucht nicht, die Krone mit den andern Reichskleinodien zu ſich zu nehmen. Auch die Koͤnigin packte 9 ihre Staatskleider, Points, Diademe, nebſt allen dazu gehoͤrigen Schraͤnken ein, und zu⸗ letzt fuͤhrte der Koͤnig noch die drei Prin⸗ zeſſinnen an den Wagen. Die Koͤnigin umarmte ihre Toͤchter zaͤrtlich und verſicherte, daß ſie uͤber den Schmerz der Trennung bei⸗ nah vergeſſen haͤtte ſie mit zu nehmen. Der Zug ging nun fort, und da der Ueberwinder im Lande manches zu thun fand, ſo kam der Koͤnig mit Gepaͤck und Familie gluͤcklich uͤber die Graͤnze. Das Privatleben— ſagte der Koͤnig zu der Koͤnigin— iſt nicht ſo uͤbel, als es vom Throne herab ausſieht. Wenn man auch auf dem Throne eben nicht viel Sorge hat, ſo bildet man es ſich doch manchmal ein, weil einem die Unterthanen immer ſo viel davon vorſchwatzen. Ich wenigſtens habe in meiner zwanzigjaͤhrigen Regierung immer geglaubt, ich lebte nur in den Flitterwochen des Regiments und der Ernſt mit den Sorgen werde noch kommen. Darum bin ich meiner eigentlichen Koͤnigsfreuden auch niemals recht froh gewor⸗ den. Ich wuͤßte keinen Unterſchied zwiſchen 10— Sonſt und Jetzt, als daß ich mich vor den kuͤnftigen Sorgen gar nicht mehr zu fuͤrchten habe. 1 Die Koͤnigin gab ihrem Gemal Recht. Die entthronte Koͤnigsfamilie zog in eine artige Handelsſtadt, machte nach dem erſten Ban⸗ quier das beſte Haus, und fand, daß haͤusliche Tugend die beſte Vorbereitung auf ein Leben jenſeit des Thrones ſei. Waͤhrend der Zeit leerte und fuͤllte ſich die koͤnigliche Kaſſe mehrmals, und bald zeigten die Glaͤubiger des Koͤnigs ihm nochmals den Wechfel des Gluͤcks in ſeinen eignen Wechſeln. Die Brillanten ſeiner Krone waren nicht hin⸗ reichend, die Schuld zu tilgen; er mußte die ganze Zierde des koͤniglichen Hauptes dem Gold⸗ ſchmidt anbieten. Aber dieſer materielle Kriti⸗ ker bezeigte vor der reinen Form ſo wenig Re⸗ ſpekt, daß er ſie blos nach ihrem wahren Wer⸗ the ſchaͤtzen und bezahlen wollte. Deer Koͤnig fand ſich indeſſen abermals in ſein Schickſal. Er verſammelte die vornehm⸗ ſten Troͤdler der Stadt zu einer Berathſchla⸗ gung uͤber ſeinen Mobiliar⸗Etat, uͤberließ die 1 — 11 Reſte der koͤniglichen Garderobe dem Schau⸗ ſpieldirektor um ein Billiges, die Sammlung ſeiner Gewehre dem Stadtmagiſtrat um ein Anſehnliches, und ſein Haus und Hof ſeinen Glaͤubigern um ein Beliebiges. Dann zog er mit Gemalin und Prinzeſſinnen nach einem kleinen Landhaͤuschen, um hier der Sorge fuͤr ſeine Familie und ſeine Finanzen zu leben. Sie richteten ſich ſchnell ein, um die Be⸗ willkommnungsbeſuche aus der Nachbarſchaft anſtaͤndig empfangen zu koͤnnen. Weil aber acht Tage vergingen, ohne daß ſich die Nach: barſchaft einſtellte, ſo ſagte der Koͤnig eines 4 Abends zu der Koͤnigin: Mein Schatz, wir ſind aus unſerm Koͤnigreiche und nun ſogar aus der Welt vertrieben. Gleichwol muͤſſen wir leben, und unſre drei Toͤchter auch. Ich erſuche dich nun, uͤberlege, wie wir dieſes an⸗ fangen, denn, was mich betrifft, ich habe nichts gelernt, als Land und Leute regieren; das lernt ſich bald, und iſt nicht ſchwer, wenn man nur Land und Leute hat. Die Koͤnigin hatte einen ungemein auf⸗ geweckten Geiſt; weil ſie nun eben ſehr ſchlaͤfrig 8 12 war, und nicht Luſt hatte viel zu fprechen, ſo bat ſie ſich bis zum Morgen Bedenkzeit aus. Am Morgen ſprach ſie: Mein koͤniglicher Gemal, wir wollen uns um unſern Unterhalt nicht viel Sorge machen. Kaufe dir eine Heerde Schaafe und einen Hund zum Gehuͤlfen deines neuen Regimentes. Die Schaafe ſind uͤberall nicht allzuwitzig, und den Hund kannſt du dir etwas beißig auswaͤhlen; ich will dir beim Melken und bei der Schaafſchur treulich beiſtehn, und deinen Hund kareſſiren, daß er mit dem ſchlechten Futter vorlieb nimmt. So werden wir beide von dem Wechſel unſres 32 ſtandes wenig gewahr werden. Bei dieſen Worten umarmte ſich das kö⸗ nigliche Ehepaar, und die Sprecherin fuhr fort: Unſre drei Toͤchter ſollen uns auch nicht lange mehr Sorge machen. Das ſind faule Staatspuppen, denen nichts gut genug iſt. Sie denken, ſie ſind noch große Damen, und wol⸗ len hier die Prinzeſſinnen ſpielen. Deine Schaafe wuͤrden nicht Milch genug geben, ihre Laͤrvchen damit zu waſchen. Die muͤſſen wir 4 18 4 wegfuͤhren, weit, weit, daß ſie das Wieder⸗ kommen vergeſſen. Der Koͤnig weinte, wie er hoͤrte, daß er ſeine Kinder einbuͤßen ſolle. Er war ein guter Vater, aber die Koͤnigin ſtellte ihm vor, man muͤſſe mit der Zeit fortgehn, und im Kriege ſei das haͤusliche Gluͤck aus der Mode gekom⸗ men. Weil nun die Koͤnigin am Ende im⸗ mer recht behielt, ſo hatte ſich der Koͤnig das Widerſprechen bei Zeiten abgewoͤhnt, und gab ihr bei dem erſten Worte Recht. Die juͤngſte Prinzeſſin Betty hatte indeſ⸗ ſen Papa und Mama einen guten Morgen ſa⸗ gen wollen: weil aber die Thuͤre abgeſchloſſen war, ſo hatte ſie am Schluͤſſelloche den aͤlterli⸗ chen Plan belauſcht. Ohne ſich lange zu be⸗ ſinnen, nahm ſie Butter, Eier, Milch und Mehl zu ſich und machte ſich auf den Weg zu der Fee Miranda. Dieſe war naͤmlich ihre Pathe. Sie lief im Anfang leicht und ſchnell, wie ein junges Reh, aber bald wurde ſie muͤde. Die duͤnnen Soͤhlchen liefen ſich bis auf das letzte Haͤutchen ab, die Struͤmpſchen dazu, und 14— ihre zarten, niedlichen Fuͤßchen zerſtachen und zerritzten ſich, daß es ein Jammer war. End⸗ lich konnte ſie nicht weiter; ſie ſetzte ſich ins Gras, und fing an zu weinen. Da kam auf einmal ein Pferd herange⸗ ſprungen, ſchneeweiß, geſattelt und gezaͤumt, und ſchlank wie ein Hirſchchen. Zaum und Gebiß waren mit Brillanten beſetzt, man haͤtte drei huͤbſche Staͤdte dafuͤr kaufen koͤnnen. Wie das Pferd nahe bei Betty kam, blieb es ſtehn, fing an zu graſen, kam immer naͤher und beugte die Knie, wie ein asbgerichtetes Kunſtpferd. Die Prinzeſſin gab ihm Gras aus ihren weißen Haͤndchen, faßte es dann beim Zaum und ſprach: Du huͤbſches Hotto⸗ chen, traͤgſt du mich wol zu meiner Frau Pa⸗ the, der Fee? Du biſt auch recht huͤbſch, wenn du es thuſt, und ich will dir mit eignen Haͤnden den beſten Haber geben und ſchoͤnes Heu und auch friſches Stroh zum Lager, daß du dich recht weich legen kannſt. Das Pferdchen ſtreichelte mit ſeinen rothen Lippen Betty's Haͤndchen, als waͤre es ihm mehr um die Hand, als um den kuͤnftigen Haber 0 zu thun; dann buͤckte es ſich tief, und die kleine Betty ſprang leicht wie ein Vogel auf den ſchlanken Ruͤcken. Nun ging es fort, ge⸗ rades Weges nach der Wohnung der Fee. Es ſchien, als haͤtte das Pferd den Weg gelernt, und ſo war es auch, denn Miranda war nicht eine ordinaͤre Fee, wie man ſie in Ro⸗ manen zu Dutzenden findet. Sie hatte das Pferd ſelbſt abgeſchickt, weil ſie als eine kluge Frau wohl wußte, daß Pathchen Betty ſie beſuchen wollte.. Betty trat in die Grotte der Fee, und verneigte ſich dreimal tief, tief vor der Frau Pathe. Dann faßte ſie den Saum ihres Klei⸗ des und kuͤßte ihn. Guten Morgen, liebe Frau Pathe, ſprach ſie nun, wie befinden Sie ſich? Hier bringe ich Butter, Eier, Milch und Mehl, und will Ihnen einen Kuchen à la Patypata backen, wie er jetzt Mode bei uns iſt.. 3 Sei willkommen, ſtebe Bietty, ſprach die Fee, und umarmte die Prinzeſſin. Ich weiß wohl, was dich zu mir fuͤhrt. Du haſt an der Thuͤre gelauſcht, und gehort, daß deine 16 Mutter dich mit deinen Schweſtern weit, weit wegfuͤhren will, und darum biſt du in Angſt. Nun, ſei nur ruhig: Hier haſt du einen Knaul Garn. Binde das Ende an deine Hausthuͤre und wickle im Gehn ihn immer nach und nach ab. Der Faden iſt beim thée mécdisant von einer funfzigjaͤhrigen Jungfrau geſponnen und reißt nimmer. Wickle alſo den Knaul getroſt ab, ſo weit dich deine Mutter auch fuͤhren mag. Wenn ſie zuruͤck iſt, wirſt du den Weg leicht finden, wenn du den Faden wieder zum Knaul aufwickelſt. Betty bedankte ſich bei ihrer Frau Pathe, und empfahl ſich. Dieſe gab ihr noch ein Paͤckchen mit ſchoͤnen Kleidern von Gold und Edelſteinen auf den Weg, umarmte die Prin⸗ zeſſin und ließ ſie wieder auf das ſchoͤne ſchlanke Pferdchen ſteigen. In zwei bis drei Minu⸗ ten war ſie ſchon vor dem Hauſe Ihrer Maje⸗ ſaͤten. Sie ſtreichelte das Pferd und ſagte: Schimmelchen, du biſt ganz allerliebſt, du ſollſt ſchön bebankt ſeyn, komm wohl nach Hauſe. Damit galoppirte das Pferdchen ſchneller als der Wind zuruͤck. 17 Betty ſchlich ſich nun ins Haus, legte ſich zu Bett, und that, als wuͤßte ſie von al⸗ lem nichts. Als der Morgen anbrach, ſtand die Koͤnigin auf, zog ihre dickſten Rahmen⸗ ſchuhe an, dazu einen kurzen Rock und einen fleiſchfarbenen Kaſimir⸗Mantel mit großem Kra⸗ gen; in die Hand nahm ſie einen Stock und rief dann ihre drei Toͤchter, Nanny, Fan⸗ ny und Betty. Mich hat dieſe Nacht von meiner Schwe⸗ ſter getraͤumt, ſagte ſie, und ich habe Luſt, ſie zu beſuchen. Sie wird uns gut bewirthen und da wollen wir nach Herzensluſt eſſen, tanzen und lachen. Wenn ſie gut zu eſſen hat, ſagte Lecker⸗ maͤulchen Fanny, ſo geh ich mit bis ans Ende der Welt, denn hier ſchmeckt mir's gar nicht mehr ſchoͤn. Wenn es Baͤlle giebt, ſagte Putzkoͤpſchen Nanny, ſo bin ich auch dabei, denn hier ſteht einen ja kein ordentlicher Menſch, wenn man ſich noch ſo ſchoͤn putzt. Wenn's auch dort nichts zu lachen giebt, ſagte Schmeichelkaͤtzchen Betty, ſo lach' ich, Selene II. 3. H. 2 18 wenn ich nach Hauſe komme. Nicht wahr⸗ Papa? Dem guten Koͤnig ſtand das Waſſer in den Augen, aber das Feuer in den Augen der Koͤnigin trocknete ſeinen Thraͤnenquell. Er blieb ſtill, umarmte die reiſefertige Gemalin, reichte Betty den Mund und den andern bei⸗ den Prinzeſſinnen die Hand zum Kuß, und befahl die ganze Reiſekarawane dem Schutz des Himmels. Die Koͤnigin fuhrte ihr Kindergefolge beinah ſo weit, als der beruͤhmte Kindermuſa⸗ get zu Hameln, und Betty war ſchon bange, daß ihr Faden nicht bis an das Ende des We⸗ ges reichen wuͤrde. Endlich, als ſie einmal fruͤh aufwachten, war die Koͤnig in verſchwun⸗ den. Nanny und Fanny meinten, die Mut⸗ ter waͤr vorausgegangen, und nun ſchalten ſie die arme Betty, daß ſie nicht munterer ge⸗ weſen ſei; aber Betty erzaͤhlte ihnen die Ge⸗ heimniſſe muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit. Waͤr ich nicht ſo ein gutes Maͤdchen, febtr ſie hinzu, ſo haͤtte ich jetzt die ſchoͤnſte Gele⸗ genheit, mich an euch zu raͤchen, weil ihr mich — 19 immer kratzt und ſchlagt. Denn meine Frau Pathe, die Fee Miranda hat mir ein Mittel gegeben, daß ich bequem den Weg nach Hauſe finden koͤnnte, waͤhrend ihr verhungern und ver⸗ durſten muͤßtet, wenn euch die wilden Thiere noch dazu kommen ließen. 4 Die Schweſtern ließen ſie kaum ausreden. Sie ſielen ihr um den Hals, kuͤßten ſie, und gaben ihr die ſchoͤnſten guten Worte. Nan⸗ ny verſprach ihr die geputzteſte Lyoner Puppe, und Fanny die beſten Pariſer Bonbons. Betty ſagte, ich weiß doch, daß ihr nicht beſſer als ſonſt Wort halten werdet, aber ich kann es nicht uͤbers Herz bringen, euch allein zu laſſen. Damit griff ſie nach ihrem Garn⸗ knauel und drehete den Faden mit ihren nied⸗ lichen Fingerchen ſo ſchnell darum, daß die drei Prinzeſſinnen Abends in der Daͤmmrung vor dem Landhauſe des Koͤnigs ſtanden. Sie pochten an die Thuͤre. Der Koͤnig fragte: Wer da? Ihre drei Toͤchter, Papa, war die Antwort; Fanny, Nanny und Betty. Die Koͤnigin fing an zu zittern. Mache nicht auf, ſagte ſie zu dem Koͤnig, 20 ſie koͤnnen es nicht ſeyn, und wenn ſie da waͤ ren, ſo waͤren es doch nur ihre Geſpenſter. Der Koͤnig war eben nicht in ſeiner tapfer⸗ ſten Stimmung, und rief: Packt euch fort; ihr moͤgt ſeyn was ihr wollt, aber nicht meine Toͤchter. Betty beſann ſich nicht lange. Pa⸗ pa, ſagte ſie, ich will mich buͤcken, ſehen Sie durch das Katzenloch, und wenn ich nicht Bet⸗ ty bin, ſo will ich die Ruthe kriegen. Papa Koͤnig buͤckte ſich, und weil er ſeine liebe kleine Betty erkannte, ſo machte er auf. Die Koͤnigin druͤckte die Kinder an ihr muͤtterliches Herz. Sie ſagte ihnen, ſie haͤtte nur etwas vergeſſen gehabt, und waͤr eben auf dem Wege geweſen, nachzukommen. Die Prin⸗ zeſſinnen thaten, als glaubten ſie alles, und gingen in ihr Schlafkaͤmmerchen. Nun, ſagte Betty, wir ſind zu Haus. Wo bleibt nun meine Puppe? wo bleiben mei⸗ ne Bonbons?. Da kannſt du warten, hieß es. Wir haͤt⸗ ten ohne dich auch wol den Weg gefunden! — Und nun ſchlugen ſie die arme Betty aͤrger, als jemals, daß ſie ſich weinend zu 8 1 — 21 Bett legte, und vor Weinen nicht einſchlafen konnte. Es waͤhrte nicht lange, da hoͤrte ſie, daß die Koͤnigin zum Koͤnig ſprach: Dasmal ſind ſie zuruͤckgekommen, aber nicht wieder. Ich will die Maͤdchen in eine andre, noch weniger bekannte Gegend fuͤhren, und noch viel weiter; da ſollen ſie wol wegbleiben ler⸗ nen. Betty dachte gleich an ihre Frau Pathe, die Fee Miranda. Mit dem fruͤhſten Mor⸗ gen ſtand ſie leiſe, leiſe auf, ging in den Huͤ⸗ nerſtall, nahm zwei Huͤner und einen fetten Kapaun zu ſich, und machte ſich auf den Weg. Sie war kaum eine Stunde gegangen, da ſprang ihr das bekannte Pferdchen wiehernd und munter entgegen. Sie begruͤßten ſich bei⸗ de, wie gute Bekannte, Betty ſprang hin⸗ auf, ſetzte ſich ſeitwaͤrts auf den Sattel, ließ dem Pferde den Zuͤgel, und ſtuͤtzte ſich, wie eine junge Kunſtreiterin, ganz nachlaͤſſig auf den ſchlanken Hals des niedlichen Thiers. So ſchnell, wie das vorigemal, kam ſie auch jetzt vor die Wohnung der Fec. Sie 22 trat ein, machte ihre Verbeugung und brachte ihre Geſchenke. Dann klagte ſie ihr neue Lei⸗ den, daß Mama ſie nun bis ans Lucle Welt fuͤhren werde, wo ſie gewiß nicht zuruͤck koͤnnte. Mein liebes Pathchen, ſagte die Fee, ſo ſchlimm ſoll es dieſesmal nicht werden. Hier haſt du einen Sack mit Aſche. Beſtreue da⸗ mit den Weg, den deine Mutter dich fuͤhren wird. Die Aſche iſt aus aſſonirenden Dramen gebrannt, und liegt feſt auf dem Boden; ſie bleibt auch trocken, weil ſie bloß Erde und we⸗ nig Salz enthaͤlt. Laß dir alſo vor Wind und Regen nicht bange ſeyn, ſie ſchaden ihr nichts. Wenn du nun zuruͤck willſt, ſo haſt du bloß dieſer Spur nachzugehen, und kannſt nicht feh⸗ len. Aber deine Schweſtern nimm nicht mit zuruͤck. Das ſind boͤſe Kinder. Sonſt will ich nichts mehr von dir wiſſen. Betty bedankte ſich und nahm Abſchied. Die Fee gab ihr noch in einem Schmuckkaͤſt⸗ chen fuͤr dreißig bis vierzig Millionen Diaman⸗ ten mit auf den Weg; das Pferd ſtand geſat⸗ telt und gezaͤumt vor der Thuͤr, und trug ſeine „ — 23 niedliche Reiterin ſo geſchwind als das erſtemal zuruͤck. Den andern Tag fruͤh ſprach die Koͤni⸗ gin zu den drei Prinzeſſinnen: der Koͤ⸗ nig wird mir etwas hypochondriſch. Das geht ſo, wenn man in gewiſſe Jahre kommt. Da hab' ich nun dieſe Nacht von gewiſſen Kraͤu⸗ tern und Blumen getraͤumt, die in einer ge⸗ wiſſen Gegend ganz vorzuͤglich wachſen. Da wollen wir einen Spaziergang hin machen und welche ſammlen, um damit den Koͤnig zu ver⸗ jüngen. Bn. Fanny uͤnd Nanny behaupteten zwar, ihre Botanik beſchraͤnke ſich bloß auf die kuͤnſt⸗ lichen Blumen zum Schmuck des aͤußeren Men⸗ ſchen: es half aber nichts, und die Lehre der Mutter, daß ſie mit der Zeit gern nach ſolchen Blumen weit, weit gehen wuͤrden, machte ſie endlich willig. Gegen dieſen Spaziergang war der be⸗ ruͤhmte Spaziergang nach Syrakus nur eine Bademotion. Die Aſche in Betty's Feen⸗ ſack ging zur Neige, und noch zeigte ſich keine Ausbeute dieſes botaniſchen Exkurſes. Endlich 24½ an einem ſchoͤnen Morgen nach einer ſehr dunk⸗ len Nacht war die Koͤnigin wieder uͤber alle Berge. Fanny und Nanny wollten ver— zweifeln Betty aber war ein mitleidiges Maͤd⸗ chen. Sie vergaß die Warnung der Fee, und fuͤhrte ihre beiden Schweſtern auf der poeti⸗ ſchen Aſche gluͤcklich nach Haus. Ihre Majeſtaͤten waren nicht wenig erſtaunt, die Prinzeſſinnen wiederzuſehn. Sie ſpra⸗ chen die ganze Nacht davon, und Betty hoͤrte, daß die Koͤnigin einen neuen Plan ausſann. Sie wollte ſie nun gar in eine Wuͤſte fuͤhren, wo ſie ohne Rettung wuͤrden umkommen muͤſ⸗ ſen. Betty weeckte ihre Schweſtern, erzaͤhlte ihnen, was ſie eben erlauſcht hatte, und ſing an zu weinen, daß ſie ihrer Frau Pathe nicht gefolgt, und ihre Schweſtern dem Hunger und den Baͤren im Walde uͤberlaſſen hatte. Waͤr ich allein zuruͤckgegangen, ſagte ſie, ſo faͤnd' ich jetzt gewiß wieder Huͤlfe bei ihr: nun aber darf ich ihr nicht mehr vor die Augen, ſie wird mir das huͤbſche Pferdchen nicht entgegen ſchicken, und allein find' ich den Weg nicht zu ihr. 1 — 25 Wir brauchen die alberne Fee nicht, ſagte endlich Fanny. Sie wird nicht alle Weis⸗ heit allein in ſich haben. Wir nehmen einen Sack mit Erbſen auf den Weg und ſtreuen ſie aus. Die werden uns den Ruͤckweg ſo gut zeigen, als die ſchmuzige Aſche. Nanny fand die Auskunft vortrefflich, und nahm die Erbſen. Betty nahm ihr Diaman⸗ tenkaͤſtchen, und das Paͤckchen mit ſchoͤnen Klei⸗ dern zu ſich. Fanny verſah ſich mit Kuchen und Bonbons. So waren ſie ſchon reiſeſertig, ehe ihnen die Königin noch die Reiſe an⸗ kuͤndigte. Diesmal ging es noch viel weiter, bis in eine Wuͤſte, wo kein Baum und kein Strauch wuchs. In einer dunkeln Nacht machte ſich die Koͤnigin unvermerkt auf den Ruͤckweg, und als es Nachmittags bei den Prinzeſſinnen Morgen ward, ſahen ſie ſich allein. Das Wei⸗ nen war nun an Betty. Nanny und Fan⸗ ny aber ſchalten ſie aus, und meinten, dieſes⸗ mal ſchon ohne Pathe Miranda den Weg zu finden. Lachend ſahen ſie ſich nach ihrer Erbſenſaat um, aber ſtatt der Erbſen war eine 26 lange unabſehliche Reihe Tauben zu ſehn, an welchen die Wuͤſten ungemein reich ſind. Dieſe pickten eben die letzten Erbſen auf und flogen denn mit dem Wegweiſer der Prinzeſſin⸗ nen hoch in die Luft. Nun gab es großes Wehklagen. Statt zu eſſen, weinten die armen Kinder zwei Tage, und am dritten, als ſie eſſen wollten, fanden ſie nichts und mußten nun von neuem daruͤber weinen. Der Hunger iſt nicht der beſte, ſon⸗ dern der ſchlechteſte Koch von der Welt, oder gar nur ein Pfuſcher, denn er ſetzt die Spei⸗ ſen ſchlecht oder halb gekocht auf, und den armen Prinzeſſinnen ſervirte er gar die Kraͤuter und Wurzeln roh, wie ſie die Natur gab. Eines Tages fand Betty eine Eichel.. Ihre Schweſtern haͤtten ſie ihr gern genommen und ſich einen deutſchen Kaffee gekocht, aber weil ſie fuͤrchteten, er moͤchte fuͤr zwei zu duͤnn ausfallen, ſo folgten ſie einmal Berty's Rath, und pflanzten die Eichel, um einen Baum zu haben, der ihnen die Frucht in Menge truͤg. Alle Morgen und Abende lockerten ſie die Erde — — auf und begoſſen ſte. Dann tanzten ſie herum im Kreis, und ſangen: Keime ſchön und grun hervor, wachſe liebe Eiche, hebe bald den Stamm empor, breite bald die Zweige! So ſangen ſie taͤglich, und die Eiche wuchs zuſehens friſch in die Luft, wie das allezeit bei den Eichen der Fall iſt, wenn es nicht natuͤrlich damit zugeht. Als das Baͤumchen etwas herangewachſen war, wollte Nanny hinaufſteigen und ſich umſehn, allein die Prinzeſſin hatte etwas zu viel Embonpoint, das Baͤumchen beugte ſich unter ihr und ſetzte ſie wieder ſanft auf den Boden. Fanny wollte es nun verſuchen, aber ſie war nicht gewandt genug, um ſich an der glatten Ninde zu halten, und gleitete ſanft am Stamme herab. Betty war leicht und be⸗ hend; ſie klimmte ſchnell in den gruͤnenden Wipfel hinauf, und das Baͤumchen ſchaukelte ſie nur etwas hin und her. Man wußte nicht, wollte es ſie necken, oder ihr damit liebkoſen. 28— Siehſt du was? fragten ſie die Schweſtern, und Betty ſah ſich weit um. Ja, ja, rief ſie, dort, ein großes Schloß! Ach, wie ſchoͤn, wie ſchoͤn! Die Waͤnde ſind von Smaragd, das Dach von Rubin, die Fenſter und Thuͤren mit Diamanten eingefaßt, und uͤberall haͤngen goldene Gloͤckchen, die der Wind bewegt. Ach, wie ſchoͤn muß das klingeln, und wie muß das in der Naͤhe erſt glaͤnzen, und gar inwendig! Fanny und Nanny mußten es aufs Wort glauben, und waͤhrend Betty ſich oben an den Herrlichkeiten der Ferne nicht ſatt ſehen 1 konnte, unterſuchten die Schweſtern unten ihr Paket von der Fee, erklaͤrten es fuͤr gute Priſe, und packten aus. Dann machten ſie ihre Toilette, kraͤuſelten ſich die Haare mit huile antique, zogen Kleider von Petinet an, mit diamantnen Sternen, und putzten ſich her⸗ aus, man konnte nichts praͤchtigeres ſehen. Betty wollte ſich geſchwind auch putzen, aber als ſie ihr Paͤckchen oͤffnete, fand ſie nichts darin, als Kieſel. Sie wurde nun gewahr, daß ihre Schweſtern mit ihrem Eigenthum Staat machten, und forderte weinend lhre ſchoͤ⸗ 29 nen Kleider zuruͤck. Aber die ungerathenen Prinzeſſinnen lachten ſie nur aus, und droheten ihr gar mit Schlaͤgen. Soll ich denn ſo wie ich hier bin, auf das Schloß gehen, fragte das arme Maͤdchen, waͤh⸗ rend ihr euch mit meinen Sachen ſo ſchoͤn geputzt habt?— Du kannſt unſre Magd vor⸗ ſtellen, war die Antwort; zu weiter biſt du nichts gut, und wenn du das nicht willſt, ſo ſchlagen wir dich todt, und begraben dich hier, ohne daß ein Hahn um dich kraͤht. Betty mußte ſich in ihr Schickſal ergeben. Fanny und Nanny zogen geſchmuͤckt wie Koͤniginnen nach dem Schloſſe, und ſprachen ſchon in profetiſcher Begeiſterung von den Herr⸗ lichkeiten der Zukunft. Betty ging in ganz einfacher Kleidung, als Magd hinter ihnen und wollte vor Betruͤbniß vergehen. Als ſie an das Schloßthor klopften, kam ein Ungeheuer von altem Weibe heraus, das ſie fuͤr eine Art von Pförtnerin hielten, denn ſie hatten ehemals in der großen Welt von Rieſen und haͤßlichen Mohren mancherlei ge⸗ hoͤrt. Das Weib hatte ein einziges Auge, 30 und zwar nicht, wie gewoͤhnlich, neben der Naſe, ſondern gerade daruͤber in der Mitte der Stirn. Dieſes einzige Auge war groͤßer, als alle ſechs der Prinzeſſinnen zuſammengenommen, die doch nicht unter die kleinſten gehoͤrten; aber man ſah lieber das halb geſchloſſene der weinenden Betty, als das ungeheure der Rieſin, das ſie, wie ein Krebs, beſtaͤndig offen und ohne Wim⸗ per trug. Uebrigens maß das Ungethuͤm funf⸗ zehn Fuß in der Hoͤhe und dreißig im Umkreis, hatte eine platte Naſe, einen Teint wie ein alter Eichenſtamm im Regen, eine Haut wie eine zerfahrne Chauſſee, und einen Mund, der das ganze Geſicht quer in zwei gleiche Theile zerſchnitt. Was wollt ihr hier? ſprach ſie; wer fuͤhrt euch hierher? Das iſt das Schloß des Ogers, dem ihr noch kein Fruͤhſtuͤck ausfuͤllet. Seid froh, daß ihr nur mir in die Haͤnde gefallen ſeid. Ich bin nicht ſo ein Vielfraß, wie mein Mann. Kommt herein, ich ſpeiſe nur Eine auf einmal: da habt ihr doch den Troſt, daß die Eine ein paar Tage laͤnger lebt. Die armen Maͤdchen zitterten vor Angſt, —— — 31 und wollten entlaufen, aber Ein Schritt der Frau Ogerin maß uͤber funfzig ſolcher Maͤd⸗ chenſchritte. Sie haſchte ſie ein, nahm alle drei unter den Arm, und warf ſie in einen Keller, wo viel tauſend Eidechſen und Schlangen herum⸗ krochen. Man trat in dem finſtern Loche uͤber⸗ all auf Knochen von Menſchen, welche dieſe Thiere ſchon gefreſſen hatten. 3 Die Ogerin hatte eben Eſſig, Oel und Salz geholt, um ſich gleich aus der zarten Betty einen delikaten Salat zu machen. Da kam der Herr Oger ſelbſt nach Haufe. Sie ſtuͤlyte geſchwind ein großes Faß uͤber die Prin⸗ zeſſinnen, denn, weil ſie alle drei ſo jung, zart und weiß waren, ſo wollte ſie den guten Biſſen allein ſchmaußen, und dem Oger nichts davon geben. 3 Herr Oger war ſechsmal ſo groß, als Ma⸗ dame. Wenn er ſprach, ſo klirrten die Fenſter, huſtete er gar, oder nießte er, ſo zitterten die Mauern und der Grund des Schloſſes. Er hatte ebenfalls nur Ein Auge, und Haare wie Stachelſchweinſtacheln. In der rechten Hand hielt er eine Tanne, die von ihm zum Spazier⸗ 32 ſtock geſchnitzt war, in der linken aber einen 3 Korb mit funfzehn Kindern, die er unterwegs eingeſteckt hatte. Er zog ſie nach und nach im Geſpraͤch mit ſeiner Frau heraus, und ver⸗ zehrte ſie, wie eine Mandel Pflaumen. Die Prinzeſſinnen zitterten und bebten unter ihrem Faſſe. Sie trauten ſich nicht zu weinen, um ſich nicht durch Schluchzen zu verrathen. Weil Maͤdchen aber doch nicht ganz ſtumm bleiben koͤnnen, ſo klagten ſie ſich ganz leiſe, leiſe ihre Noth, obgleich keine der andern damit etwas Neues ſagte. Es waͤhrte nicht lange, ſo ſah ſich der Oger um. Du, ſagte er zu ſeiner Frau, ich wittere friſch Fleiſch, gieb her! Ei, du witterſt immer, ſagte die Ogerin. Die Kinder werden es ſeyn, die du eben ver⸗ zehrt haſt.. Friſch Fleiſch iſt hier. Wart, ich will ſelbſt ſuchen, erwiederte Er.. Suche wo du willſt, antwortete Sie; wenn du keins bringſt, ſo wirſt du keins finden. Der Sger ward nun boͤſe. Haſt du mir's — 33 verſteckt, grunzte er, ſo ſchneide ich dir den Kopf ab, und mache Preßkopf daraus. Die Drohung war der Ogerin zu ernſt⸗ haft. Aergere dich nur nicht gleich, Oger⸗ chen, ſagte ſie und krabbelte ihm die Stachel⸗ haare; ich muß dir nur alles erzaͤhlen. Ich habe heute drei junge Maͤdchen eingefangen, aber es waͤr' Schade, dieſe zu verſpeiſen, denn ſie ſind ſehr geſchickt und bethulich. Ich werde, wie du weißt, mit jedem Tage aͤlter, und moͤchte auch gern einmal Ruhe haben. Sieh nur unſer ſchoͤnes Haus an, wie alles ausſieht! ich kann nicht mehr alles allein zwingen, ſonſt geht mein bischen Anſehn vollends ganz fort und das wird dir auch nicht recht ſeyn. Da will ich denn die Maͤdchen als Maͤgde brauchen. Du darfſt ſie alſo wenigſtens jetzt nicht eſſen; kuͤnftig kann eher einmal Rath dazu werden, wenn du ſo großen Appetit haſt. Es koſtete noch viel Suade, dem Oger die Prinzeſſinnen aus den Zaͤhnen zu ſchwa⸗ tzen. Er wollte erſt zwei, dann wenigſtens Eine, und endlich nur die Kleinſte eſſen. Zu⸗ letzt mußte er doch nachgeben, denn die Frau Selene II. 3. H. 3 34— Ogerin kannte die Gewalt der Zunge ſo gut, als ihre ſchoͤnen menſchlichen Schweſtern. Um indeſſen wenigſtens etwas von ſeinem maͤnnli⸗ chen Willen durchzuſetzen, verlangte er die drei Gefangenen zu ſehn. Die Ogerin aſſekurirte ihnen ihr Leben, und ſie erſchienen vor dem allzeit hungrigen Schloßherrn. Was koͤnnt ihr? grunzte er ſie an, und haͤtte gern von ſeinem Faſtengeluͤbde ſich diſpenſirt. Betty erholte ſich am erſten, und ſprach: Wir haben alles gelernt, was zu guten Wirth⸗ ſchafterinnen gehoͤrt; ſticken, ſtricken, naͤhen, flicken, Kuchen backen, Suͤlze hacken— Koͤnnt ihr auch kochen? fragte der Oger unterbrechend. Freilich! fuhr Betty fort, und das ganz delikat, engliſch und franzoͤſiſch, wie es ver⸗ langt wird. Wir haben lange bei dem Koͤnig und der Koͤnigin, und bei drei Prinzeſſinnen die Kuͤche beſorgt und ſie haben faſt die Tel⸗ ler mit aufgegeſſen, ſo viel Appetit hatten ſie noch nach Tiſche. 33 Der Oger aß gern etwas Gutes; da er aber zeither alles roh verſpeiſen mußte, weil er mit den Koͤchinnen immer den Anfang machte, ſo kannte er die Kuͤchenkuͤnſte nur dem Namen nach. Jetzt konnte er es nicht erwar⸗ ten ſeine neuen Koͤchinnen in Thaͤtigkeit zu ſetzen. Allein Betty hatte an ſeinem Kuͤ⸗ chengeraͤth uͤberall etwas zu maͤkeln. Der Heerd war ihr zu breit, der Rauchfang zu weit, der Ofen zu ſchief, die Kaſſerole zu tief. Wollte der Oger etwas Delikates auf ſeinen Tiſch haben, ſo mußte er ſich entſchließen, Hand anzulegen und alles nach Angabe der Meiſterin Betty zu arbeiten. 3 Erſt mußte er ihr den groͤßten Keſſel uͤber das Feuer ſetzen, der ſo weit war, daß ein maͤßiges Kriegsſchiff darin allerlei Wendungen machen konnte. Hierein ließ ſie ihn hundert Kaͤlber, funfzig Rinder und tauſend Huͤner zu einer kraͤftigen Bruͤhſuppe werfen. Dann ſollte er zwei neue große Backoͤfen bauen, von welchen ſich doch Betty, gleich einem billi⸗ gen Feldconſtrukteur, durch Bitten und Ver⸗ ſprechungen die Haͤlfte abdingen ließ. Arbeit macht Appetit, und der Oger ſehnte ſich nach dem Fleiſchkeſſel. Iſt denn das Fleiſch noch nicht gut? fragte er faſt bei jedem Stein, den er vermauerte. Wir muͤſſen probiren, ſagte endlich Betty, als der Dampf wie Gewitterwolken in den Rauchfang ſtieg. Woran ſiehſt du das? fragte der Oger neugierig. Die ſchlaue Betty merkte wol, daß ihr großer Schuͤler nur darum ſo gelehrig war, um naͤchſtens an dem Fleiſche ſeiner Lehrerin ſelbſt den Verſuch machen zu koͤnnen. Das iſt leicht, ſagte ſie; man muß die Zunge etwas tief in die Bruͤhe, bis auf das Fleiſch, bringen. Wenn es gelinde waͤrmt, ſo iſt es gut. 1 Nun ſo probire, erwiderte der Oger, und fuͤhrte die kleine Betty zu dem Heerd. Ich bin nur fuͤr den großen Keſſel viel zu klein, ſagte ſie und ſah freundlich an dem Oger hinauf. Eure Hoheit koͤnnten wol eher hinan reichen. Was wollt' ich nicht, antwortete der Oger; 7 — 7 2 bei der Gelegenheit profitire ich ſelbſt etwas von deiner Kochkunſt. Damit buͤckte er ſich ſo weit in den Keſſel hinab, daß ſein Vordertheil das Uebergewicht bekam, und der ganze Oger zu den Rindern, Kaͤlbern und Huͤnern in den Keſſel fiel. Das Feuer ziſchte laut von der ausſpruͤtzen⸗ den fetten Bruͤhe. Die Ogerin kam erſchro⸗ cken herbeigelaufen, weil ſie glaubte, das Eſſen ſei in das Feuer gefallen. Als ſie aber hoͤrte, daß es ſich nicht vermindert, ſondern gewiſſer⸗ maßen vermehrt habe, gab ſie ſich bald zu⸗ frieden. Die Prinzeſſinnen bezeigten ihr das in ſolchen Faͤllen uͤbliche Beileid und ſtell⸗ ten ihr vor, wie das Leben einer Wittwe in ihren Jahren nicht ohne eigne und bedeutende Annehmlichkeiten ſei, und daß, wenn ſie nur ſich etwas moderner zu kleiden belieben wollte, alle Koͤnige und Fuͤrſten um ihre Hand wer⸗ ben wuͤrden. 6 Das haͤßliche Unthier hoͤrte dieſe Schmet⸗ cheleien ſchmunzelnd an, und befahl den Prin⸗ zeſſinnen, ſie ſollten ſie auf der Stelle zur ſchoͤnſten, liebenswuͤrdigſten Dame umſchaffen, 58— wenn ſie nicht ſelbſt von ihr in die delikateſte Suͤlze wollten umgeſchaffen werden. Die Prinzeſſinnen erſchraken vor dieſer Drohung, gegen welche ſie keine Toilettenkunſt ſchuͤtzen konnte, aber Betty erſann auch in dieſer Noth, gleich dem vielgewandten Ulyſſes, den beſten Rath. Sie wuſch, kaͤmmte und ſalbte nach Moͤglichkeit an dem haͤßlichen Oger⸗ kopf; indeſſen mußten ihre Schweſtern eine Waffelform zum Kreppeiſen, und ein paar Brat⸗ ſpieße zu Schnabeleiſen einrichten und weiß gluͤhen laſſen. Betty brannte nun erſt mit dem Waffeleiſen ein paar Stachellocken der Ogerin, um ſie an das Feuer zu gewoͤhnen, dann aber ſtach ſie ihr das neue Schnabeleiſen ſo tief durch das Stirnauge in das Seelenor⸗ gan, daß die desorganiſirte Seele, noch eh das Eiſen kalt ward, aus dem lleixeganenn Leichnam entwich. Nun gab es Freude voſouf Die Prin⸗ zeſſinnen liefen im ganzen Schloſſe umher, und konnten nicht ſatt werden, die vielen ſchoͤ⸗ nen Sachen darin zu beſehn und zu bewun⸗ dern. Sie lachten und ſangen, und tanzten und ſprangen, und wenn ſie von dem vielen Glanz geblendet waren, liefen ſie auf die ru⸗ binenen Schloßzinnen und klingelten mit den goldenen Gloͤckchen. Alles, was ſie nur verlangen konnten, hatte das Schloß im Ueberfluß. Da gab es Korn und Waizen, Confekt und Fruͤchte, und Pup⸗ pen von lauter Perlen und Edelſteinen, ſchoͤner als in allen Kunſtkammern und Raritaͤtenge⸗ woͤlben. Wir ſind jetzt reicher, ſagte Fanny zu Nanny, als Papa und Mama, wie ſie noch ihr Koͤnigreich hatten; es fehlt uns in der Welt nichts, als ein paar Maͤnner, die uns heirathen wollen; aber hier ſucht uns kein Menſch. Denn das Schloß iſt gewiß weit und breit als eine Gurgelſchneide verſchrieen, und wer weiß es denn, daß der Oger mit ſeiner Frau todt iſt? Da wollen wir uns helfen, ſagte Nanny. Wir machen dieſen Todesfall durch ein Aver⸗ tiſſement in den Zeitungen bekannt. Oder noch beſſer, wir gehn morgen ſelbſt in die Stadt und ziehn vorher unſre ſchoͤnen Kleider an. Jetzt, nach dem Kriege, treffen wir relche Lie⸗ 44— feranten, Commiſſairs und kaſſiteridiſche Kauf⸗ leute genug, die ſich nach Prinzeſſinnen umſe⸗ hen, und wie koͤnnen wir ein beſſeres Gluͤck machen? Beide fanden den Plan allerliebſt, und be⸗ ſchloſſen, ihn morgen auszufuͤhren. Dann leg⸗ ten ſie ſich, jede in ein ſchoͤnes Himmelbett, mit inkarnatſeidnen Vorhaͤngen; die Kiſſen waren mit Flaum von Colibri gefuͤllt und viel weißer, als friſchgefallner Schnee. Die arme Betty wurde in die Kuͤchenkammer verwieſen und erhielt den Beſcheid, morgen mit Tagesanbruch die Toilette der beiden Prinzeſſinnen be⸗ reit zu halten, und, waͤhrend ihres Spazier⸗ ganges in die Stadt, das Haus zu ſaͤubern, zu kehren, zu buͤrſten, zu fegen und zu wa⸗ ſchen, was ſich nur zu kehren, zu buͤrſten, zu fegen und zu waſchen faͤnd. Und das war nicht wenig. Ach, haͤtte ich doch meiner Frau Pathe, der Fee, gefolgt! ſeufzte Betty, als ſie nun allein in dem weiten Hauſe war, und Zimmer kehrte und Schlöſſer putzte. All mein Ungluͤck kommt davon her, daß ich nicht folgte. Meine — 41 Schweſtern ſtehlen mir meine ſchoͤnen reichen Kleider und putzen ſich damit, und ich muß nicht nur zuſehn, ſondern ihnen noch gar als Kammermaͤdchen dabei helfen. Ohne mich leb⸗ ten Herr und Madame Oger noch, und haͤt⸗ ten ſich meine Schweſtern wohl ſchmecken laſ⸗ ſen, und ich bin hier im Hauſe ſchlimmer daran, als die niedrigſte Magd. Haͤtte ich mich doch lieber freſſen laſſen!— Was helfen mir nun alle meine Thaten? Hier fing ſie bitterlich an zu weinen, daß ihr die Thraͤnen die Worte erſtickten. Indeſſen kamen ihre Schweſtern aus der Stadt. Sie hatten alle Taſchen voll Ananas und ſuͤße Orangen, und die Strickkoͤrbchen voll Bonbons und alle Arten von niedlichen Deli⸗ kateſſen. Betty mußte ſie auskleiden, und von allen den Herrlichkeiten erzaͤhlen hoͤren, welche ihre Schweſtern geſehn hatten, und die ſie nicht ſatt werden konnten, ſich zu wieder⸗ holen. Als ihr daruͤber von neuem ein paar Thraͤn⸗ chen ins Auge traten, fielen die boͤſen Schwe⸗ 4² ſtern uͤber ſie her, und ſchlugen ihr blaue Strie⸗ men auf die zarte weiße Haut. Den andern Tag ging es eben ſo. Fanny und Nanny vergnuͤgten ſich auf dem Ball in der Stadt, und Betty ſaß zu Haus und arbeitete und weinte. Sie kehrte eben die Kuͤ⸗ che, als ſie zwiſchen den Fugen der Steinplat⸗ ten einen niedlichen Schluͤſſel entdeckte. Er war ſo ſchmuzig, daß ſie lange putzen mußte, eh er rein wurde, nun aber ſah ſie, daß er von purem blanken Dukatengolde war. Ein Schluͤſſel von Gold kann nichts Ge⸗ meines verſchließen, dachte Betty und ver⸗ ſuchte ihren Fund an allen Schloͤſſern im Hauſe; aber vergebens. Endlich fand ſie ein allerlieb⸗ ſtes Kaͤſtchen von Schildkroͤte, Elfenbein, Mar⸗ mor und Alabaſter, ein wahres Meiſterſtuͤck. Der Schluͤſſel oͤffnete und aus dem Kaͤſtchen quollen Kleider, Schleier, Kaͤmme, Ketten, Baͤnder, Spitzen, Ringe, Schmucknadeln, kurz, alles, was ſich ein junges, allerliebſtes Maͤd⸗ chen wuͤnſchen kann, wenn ſie ſich zum Balle putzt. Schoͤnheitwaſſer und Pommaden, Lip⸗ penpurpur, Wangenroſen und Halslilien kamen —— 4³ nicht mit heraus, denn das Kaͤſtchen wußte, wen es vor ſich hatte, und daß es bei Pur⸗ purlippen, Roſenwangen und einem Lilienhals dieſe Spende auf ein andermal ſparen konnte. Alles war auf das koſtbarſte und geſchmack⸗ vollſte gewaͤhlt und der ſchoͤnen Betty wie auf den Leib gepaßt, ſo daß keine Putzmacherin es ſo artig fuͤr ſie haͤtte auswaͤhlen und zu⸗ ſchneiden koͤnnen. Keine Koͤnigin hatte noch als Braut einen ſo reichen und ſchoͤnen Anzug gehabt.. Betty konnte vor Freude kein Wort ſpre⸗ chen. Sie huͤtete ſich auch wol, ihren Schwe⸗ ſtern ein Wort von ihrem Gluͤck zu ſagen. Aber kaum hatten dieſe den Ruͤcken gewendet, um wieder nach der Stadt zu gehn, ſo flog ſie zu ihrem Kaͤſtchen, und putzte ſich heraus, daß ſie ſchoͤner war, als Sonne, Mond und alle Sterne. Sie ging nun in die Stadt auf den naͤm⸗ lichen Ball, wo ihre Schweſtern waren. Bei ihrem Eintritt erhob ſich ein leiſes Fluͤſtern, das immer lauter wurde, je weiter ſie hervor⸗ trat. Die Taͤnzer vergaßen den Tanz vor Bewun⸗ 44—— derung und die Taͤnzerinnen vor Eiferſucht. Der Pauker zitterte vor Entzuͤcken und ſchlug einen Wirbel, die Trompeter riefen ein erſtau⸗ nendes Ah! in die Trompeten und bließen einen Tuſch. Der ganze Tanz war geſtoͤrt, man mußte von neuem anfangen. Zwei galante Herren duellirten ſich, weil jeder mit Betty vortanzen wollte, indeſſen fuͤhrte ſie ein dritter an die Spitze der Colonne. Nun vermehrte ſich die allgemeine Bewundrung, denn Betty uͤbertraf alle Damen an Gewandheit und An⸗ ſtand im Tanz, ſo wie ſie alle an Schoͤnheit und Pracht uͤberſtralte. Die Frau vom Hauſe bezeigte ebenfalls der ſchoͤnen Fremden ihre Achtung und bat ſie mit vieler Artigkeit um ihren Namen. Betty hatte Grund, ihren wahren Namen nicht be⸗ kannt werden zu laſſen, und weil ihr in der Eil kein andrer einfiel, ſo nannte ſie ſich Amoͤne. Alles war nun entzuͤckt. Der getreueſte Lieb⸗ haber vergaß ſeine Schoͤne, und ſeufzte Amoͤne! Jeder Dichter zitirte die Kamoͤnen und reimte auf Amoͤnen. Das Echo hallte nur von Kla⸗ getoͤnen um Amoͤnen, denn niemals hatte noch 4⁵ ein niedliches Figuͤrchen ſo viel Koͤpfe gepluͤn⸗ dert, und ſo viel Herzen entzuͤndet, als Am oͤne. Man hatte nicht Augen genug, ſie zu bewun⸗ dern, und nicht Lippen genug, ſie zu preiſen. Nanny und Fanny hatten auf dem Balle ausgeglaͤnzt, als Betty erſchien. Gleich⸗ wol mußten ſie zum boͤſen Spiele gute Miene machen und ſich an Betty's Bewunderer an⸗ ſchließen, wenn ſie nicht allein im großen Tanz⸗ ſaale ſtehen wollten. Sie erkannten ihre Schwe⸗ ſter nicht, denn weil ſie zu Hauſe nur gewohnt waren, ſie in dem ſchlechteſten Aufzuge zu ſehn, und ſo in die Farbe der Kuͤche gekleidet, wie ein Kaͤtzchen, das ſich im Aſchenloche ge⸗ waͤrmt hat; ſo haͤtten ſie in der ſchoͤnen, glaͤn⸗ zenden Ballkoͤnigin Amoͤne, eher eine Fee vermuthet, als ihre Schweſter Betty. Als ſie zuruͤck in ihr Schloß kamen, war auch Betty ſchon wieder an ihrer Arbeit. Sie mußte ihre Schweſtern auskleiden, und die Herrlichkeiten des Balls von neuem ruͤhmen hoͤren. Diesmal weinte ſie auch nicht, ſondern als Fanny und Nanny von der wunderſchoͤ⸗ nen Dame erzaͤhlten, ſang ſie ganz leiſe vor 45 ſich: So war ich, ſo war ich, ach waͤr ich noch dort! Was murmelſt du? fragten ihre Schweſtern, und als ſie noch leiſer fortſang und dazu lachte, ſchlugen ſie das arme Maͤd⸗ chen beinah wund. Die Freude in der Stadt dauerte noch einige Zeit fort. Betty war alle Tage auf dem Ball und jeden Tag glaͤnzender. Denn ihr Kaͤſtchen war ein Talisman, und jemehr man forderte, deſtomehr gab es, und alles, was es herausgab, war noch neuer, als die neueſte Mode, denn es ward von dem Augenblick an Mode, da es Betty trug. Alle Damen klei⸗ deten ſich nach ihrem Model, und weil dieſes alle Tage wechſelte, konnten die Modehaͤndler und Putzmacherinnen nicht genug liefern, um die Damen zu befriedigen, und die Ehemaͤn⸗ ner und Galans nicht genug eincaſſiren, um die Modehaͤndler und Putzmacherinnen zufrieden zu ſtellen. 4 Einmal hatte ſich Betty⸗Amoͤne in der Stadt verſpaͤtet, weil ein junger Ritter bei ihr voruͤber ritt, der ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit an ſich zog. Er war ſchlank, wie — 47 Apollo, und anmuthig, wie der junge Bacchus. Sein Pferd war ſchwarz wie die Nacht, aber ſo praͤchtig geſchmuͤckt, wie das Leibroß der Pathe Fee. Betty wollte nichts weiter ſehn, wiewol der ſchoͤne Ritter keinen Blick auf ſie geworfen hatte. Warum bin ich denn ſo huͤbſch, wie alle Leute mir vorreden? ſagte ſie auf dem Nuͤckwege, wenn der es nicht ſehn will, fuͤr den ich allein huͤbſch ſeyn moͤchte? Was hel⸗ fen mir alle meine ſchoͤnen Kleider, wenn ich ihm darin nicht gefalle? Sie hing ihr Koͤpfchen, wie eine Narciſſe, und weil ihre Gedanken bei dem ſchoͤnen Ritter geblieben waren, ſo dachte ſie nicht an ihre ſchoͤnen Tanzſchuhe von rothem Sammt, die mit Perlen und Diamanten reich geſtickt wa⸗ ren. Sie verlor auch wirklich einen davon, und bemerkte es, in Gedanken vertieft, nicht eher, als bis ſie nach Haus kam. Der Schade war indeſſen nicht groß. Denn, obgleich mit dem niedlichen Pantoͤffelchen ein Solitaͤr ver⸗ loren war, den allein die Kaufleute hoͤher ſchaͤtzten, als alle ihre Waarenlager in und außer der Stadt, ſo hatte doch das Zauber⸗ 48 kaͤſtchen dergleichen Koſtbarkeiten fuͤr Betty mehr. Das Beſte aber dabei war, daß Solitaͤr und Pantoffel in Haͤnde gekommen waren, die ſo einen Fund zu ſchaͤtzen wußten. Der Kron⸗ prinz des Koͤnigreiches war der Finder. Er war eben auf der Jagd, und ſah am Wege den großen Solitaͤr leuchten, als ob der Abend⸗ ſtern vom Himmel gefallen waͤr. Neugierig buͤckte er ſich darnach, und hob den niedlichſten Pantoffel auf, der jemals ein Maͤdchenfuͤßchen bekleidet hatte. Er konnte ſich nicht ſatt daran ſehn, drehete ihn hin und her auf alle Seiten, herzte und kuͤßte ihn, und trug ihn auf ſeinem Herzen mit in ſeinen Palaſt. Von Stund' an ſchmeckte dem Kronprin⸗ zen kein Biſſen mehr. Er ward ſtill, nieder⸗ geſchlagen, traurig, blaß, mager, und endlich gar krank. Der König nahm andre Koͤche an, aber der Appetit ſtellte ſich nicht ein. Man engagirte eine andre Schauſpielergeſellſchaft, welche ſich auf eigentliche Kunſt verſtand, aber der Prinz ſah und hoͤrte nicht darauf. Man wollte auf den Rath einer Wahrſagerin fremde — — 49 Aerzte verſchreiben, aber der Koͤnig hatte ſo viel Laͤnder erobert, daß uͤberall nichts fremdes mehr zu haben war. Dabei ward es von Tag zu Tage gefaͤhrlicher mit dem Prinzen, und der Koͤnig und die Koͤnigin waren außer ſich vor Schmerz. 1 n Endlich gelang es der Koͤnigin hinter das Geheimniß zu kommen. Sie uͤberraſchte den Prinzen einſt, als er ſich unbemerkt glaubte, und eben das niedliche Pantoͤffelchen mit tauſend Thraͤnen benetzte. Du liebſt, mein Sohn, redete die Koͤni⸗ gin den Prinzen an. Sei ohne Furcht. Dein Leben und dein Wohl gilt uns mehr als Alles. Wer auch deine Geliebte ſei, unſre Macht erhebt uns uͤber politiſche Convenienz, und wir haben Laͤnder genug, deine Braut zu einer groͤßern Koͤnigin zu machen, als jemals eine geweſen iſt. Der Prinz war geruͤhrt, und ſprach, in⸗ dem er den Pantoffel kuͤßte und empor hielt: Wol liebe ich, meine koͤnigliche Mutter! Se⸗ hen Sie hier die kleine, niedliche, allerliebſte Urſache meiner Leiden! Kann ich das Fuͤßchen Selene II. 3. H. 4 .50 nicht finden, das dieſes Pantoͤffelchen tragen kann, ſo will ich ſterben. Damit neigte er das Haupt und ſank erſchoͤpft auf das Kiſſen zuruͤck. 4 Sei nur ruhig, lieber Sohn, ſprach die Koͤnigin, das Fuͤßchen wird ſich wol finden. Nimm indeſſen etwas zu dir, und werde mun⸗ ter, denn wenn du eine huͤbſche Braut haben willſt, ſo mußt du friſch ausſehen und lebendig ſeyn. Abgehaͤrmte Liebhaber intereſſiren nur in der Ferne, und unterhalten in der Naͤhe ſchlecht. Steh auf und ſetze dich zum Gabel⸗ fruͤhſtuͤkk. Ich will dir Krebspaſtete ſchicken und einen Faſan und einen Becher Portwein, daß du wieder zu Kraͤften kommſt. Die Koͤnigin trug ſogleich die Nachricht von der Liebe des Prinzen zu dem Koͤnig, und dieſer hatte nun nichts angelegentlicheres, als durch Heroldruf und Trompetenſchall alle niedliche Fuͤßchen in Requiſition zu ſetzen. Keine Requiſition war jemals ergiebiger. Von allen Seiten ſtroͤmten mehr Fuͤße und Fuͤß⸗ chen zu dem koͤniglichen Fußmeſſer, als Koͤpfe und Koͤpfchen jemals zu dem Wiener Cranio⸗ 351 ſcopen, und Herrn Mercier's Behauptung, daß nicht der Kopf, ſondern der Fuß uͤber den Menſchen entſcheide, fand damals ihre volle Beſtaͤtigung. So viel Fleiß aber die ſchoͤnen Damen auch anwendeten, ihren Fuͤßchen die Koͤnigs⸗ form zu geben, ſo draͤngten ſich doch bei allen die Unterthanen⸗ und Buͤrger⸗Organe zu ſehr vor, als daß alles Faſten und leiblich ſich Be⸗ reiten mehr bei ihnen bewirkt haͤtte, als eine feine aͤußerliche Zucht. Die unkoͤniglichen Pro⸗ tuberanzen waren weder durch Schoͤnheitwaſſer noch feine Pomaden zu extirpiren. Das nied⸗ liche Pantoͤffelchen fing ſchon vom vielen Pro⸗ biren an, ſich abzunutzen, bei dem Prinzen ſtellten ſich Ruͤckfaͤlle ein, und Stadt und Reich waren noch immer ungewiß, wer auf einem ſo kleinen Fuͤßchen ſtehe, um damit auf dem gro⸗ ßen Fuß einer Koͤnigin leben zu koͤnnen. Nanny und Fanny hatten kaum gehoͤrt, wie ſehr das Wohl des Reichs auf einem klei⸗ nen Fuß beruhe, als ſie ihre engſten Schuhe hervorſuchten, um ſich an die, einer Koͤnigin noͤthige Beſchraͤnkung zu gewoͤhnen. Als 52—— Betty's Schyweſtern hatten ſie in der That ein niedliches Familienfuͤßchen, und wenn Bett y ſelbſt nicht geweſen waͤr, ſo haͤtte ihnen der Preis beinah nicht entgehn koͤnnen. Sie putzten ſich zu der Koͤnigsprobe praͤch⸗ tiger als jemals, und Betty fragte, was ſie fuͤr beſondre Feſtlichkeiten vorhaͤtten. Wir wol⸗ len nach der Reſidenz, war die Antwort. Der Prinz hat einen Pantoffel gefunden, und wer den anziehn kann, wird ſeine Gemalin. Unſer Fuß paßt gewiß hinein und da wird eine von uns Koͤnigin. Betty dachte an ihren verlornen Pan⸗ toffel, und haͤtte ſich bald verrathen. Soll ich da nicht auch mit? fragte ſie ſchnell. Aber die beiden Prinzeſſinnen lachten ſie aus. Dauerten uns unſre ſchoͤnen Kleider nicht, ſag⸗ ten ſie, ſo wollten wir dir die Luſt vertreiben. Geh in deine Kuͤche, und waſche auf; dann kannſt du das Haus fegen, bis wir wieder⸗ kommen. Betty ſchwieg. Aber kaum waren die Schweſtern fort, da nahm ſie aus ihrem Zau⸗ berkaͤſtchen das ſchoͤnſte Kleid, und putzte ſich. 53 So ſchoͤn war ſie noch niemals geweſen, und das Kaͤſtchen uͤbertraf alle ſeine vorigen Lie⸗ ferungen diesmal noch weit an Pracht, Reich⸗ thum und geſchmackvoller Wahl. Das einzige, was die ſchoͤne Betty bekuͤmmerte, war, daß ſie den Weg nach der Reſidenz nicht wußte“ denn der Ball, den ſie oft beſucht hatte, war in einer andern Stadt. Sie uͤberlegte eben, was zu thun ſei, da war ihr, als hoͤrte ſie Pferdegewieher, und wie ſie die Thuͤr oͤffnete, da ſtand das be⸗ kannte Pferdchen der Pathe Fee vor dem Schloſſe, geſattelt und gezaͤumt, aber weit praͤchtiger als ſonſt. Auf dem Kopfe hatte es einen hohen Buſch von Diamanten, Rubinen und Saffiren, und an dem Buſch hingen viele goldne Gloͤckchen, die wie eine Aeolsharfe klan⸗ gen, bald leiſe, bald laut, aber immer ſo lieb⸗ lich und ſchoͤn, daß man nicht muͤde wurde, ihnen zuzuhoͤren. Betty kareſſirte das Roͤßchen, und dieſes bezeigte ſeinerſeits auch ſeine Freude, der ſchoͤ⸗ nen Reiterin wieder dienen zu koͤnnen. Es bengte die Knie und Betty ſaß in dem Sattel 54— leicht und ſchoͤn, wie eine Nymfe. Das Pferd⸗ chen wußte den Weg nach der Stadt ſo gut, wie nach der Wohnung der Fee, und ſchien mehr in der Luft, als auf dem Erdboden zu laufen, wiewol es keine Fluͤgel an ſeinem ſchlan⸗ ken Ruͤcken hatte. Vor der Reſidenz nahm das Feenroß einen ſtolzern, praͤchtigern Schritt an. Die Wachen meinten, wenigſtens eine Koͤnigin zu ſehn, und traten ungerufen ins Gewehr, der Tambour wirbelte, der Fahnjunker ergriff die Fahne, die Officiers, welche Betty⸗Amoͤnen vom Balle her kannten, liefen, als ob ſie in der Schlacht waͤren, von ihren Poſten, machten ihr Bahn durch das Volk, und riefen laut: Platz, Platz fuͤr Amoͤnen, das Wunder der Schoͤnen! Die Juriſtenfakultaͤt ſprach in der Begeiſterung das erſte unangefochtene Urtheil: daß ſie nicht wiſſe, was ſie denken ſolle; der Buͤrgermeiſter gab die erſte Reſolution ohne den Stadtſchrei⸗ ber: daß man ſich naͤher erkundigen muͤſſe, und die geſammten Rathsherrn ſagten Ja, als ob ſie in der Rathsverſammlung votirten Die ganze Stadt war auf den Straßen, und die — 55 Räͤuber haͤtten in den offenen Haͤuſern gutes Spiel gehabt, wenn ſie nicht uͤber Amoͤnen ihr Metier vergeſſen haͤtten. Betty trat endlich in das Gemach des Prinzen, und ihre ſchoͤnen Wangen roͤtheten ſich hoͤher, denn ſie erkannte in ihm ihren ſchlan⸗ ken Ritter, deſſen Bild ihr manchmal auf ih⸗ rer Reiſe zum Throne in den Weg getreten war. Der Prinz vergaß ſeinen Pantoffel, warf ſich der ſchoͤnen Betty zu Fuͤßen, und be⸗ ſchwor ſie, nicht durch einen Verſuch damit ihn zu beſchaͤmen, denn er verlange von Goͤt⸗ tinnen weder Ahnen⸗ noch Pantoffelprobe. Er war ſchon im Begriff zu Bekraͤftigung ſeiner Worte den Pantoffelſolitaͤr dem verſam⸗ melten Gaſſenpublikum durch das Fenſter zuzus werfen. Aber Betty war ihrer Sache zu gewiß und wollte nicht Gnadenkoͤnigin heißen, wo ſie mit vollſtem Recht Gerechtigkeitskoͤnigin ſeyn konnte*). Sie hielt den Prinzen von . 4 *) Gerechtigkeits⸗Ritter heißen be⸗ kanntlich diejenigen Ordensritter, welche der Strenge der Ahnenprobe volle Gnüge leiſten; Gnaden⸗ 56 dem raſchen Wurf zuruͤck. Halten Sie ein, mein Prinz, ſagte ſie laͤchelnd; trennen Sie nicht das Paar, welches fuͤr einander gemacht iſt und unzertrennlich bleiben ſoll. Mit dieſen Worten uͤberreichte ſie dem Prinzen den Compagnon zu dem gefunde⸗ nen Pantoffel, und indem er und alle die Augen verwundert darauf hefteten, wechſelte ſie ſchnell den Schuh an ihrem Fuße mit dem gefundenen Modellpantoffel. Der Koͤnig, die Koͤnigin und der Prinz umarmten ſie nun aufs zaͤrtlichſte, der Hofmarſchall gab 8 ein Zeichen, und alle Kanonen auf den Waͤl⸗ len ſalutirten mit einem feurigen Zuruf die koͤnigliche Braut. Alles Volk ſchrie laut: Lebe hoch! und was ſich nur von Inſtrumenten ſtrei⸗ chen, ſchlagen und blaſen ließ, das wurde ge⸗ ſchlagen, geſtrichen und geblaſen. Es war eine Freude, dergleichen ſich Maͤnner von ausge⸗ zeichneter Erfahrung am Hofe nicht zu erin⸗ nern wußten. ritter hingegen nennt man die, welche durch Verdienſte die Maͤngel der Geſchlechtsregiſter be⸗ decken. 57 Betty erzaͤhlte nun ihre Geſchichte. Wie man erfuhr, daß ſie eine Koͤnigstochter war, freute man ſich noch mehr, und beinah uͤber die Hofſitte. Der Koͤnig ließ das Hauptbuch ſeiner Eroberungen nachſchlagen, und fand darin, daß er Betty's Vater ſein Koͤnigreich ge⸗ nommen hatte. Er machte ſich einige Vor⸗ wuͤrfe daruͤber, und fertigte ihm geſchwind ein Patent aus, worin er ihn nicht nur als wirk⸗ lichen Koͤnig mit Land und Leuten anerkannte, ſondern ihm auch zum Erſatz der bisher ent⸗ behrten Reichsnutzungen das erſte Koͤnigreich verhieß, welches er erobern wuͤrde. Er konnte es thun, denn er hatte weit uͤber hundert Koͤ⸗ nigreiche; eins ab und zu kam gar nicht in Betrachtung. Indeſſen waren Fanny und Nanny auch angekommen. Sie hoͤrten das Krachen der Kanonen, und erfuhren, daß der entſchei⸗ dende Pantoffel ſeinen Fuß gefunden habe. Voll Verdruß wollten ſie umkehren, aber Betty hatte ſie ſchon bemerkt, und ließ ſie vor ſich fuͤhren. Sie haͤtten ihre Schweſter im Koͤ: nigsglanze nicht erkannt, noch weniger, als 58 auf dem Ball, allein Betty redete ſelbſt ſie an. Erſchrocken warfen ſie ſich ihr zu Fuͤßen, denn ſie erwarteten eben nicht die freundlichſte Aufnahme bei ihr. Doch Betty hob ſie lieb⸗ reich auf, ſtellte ſie der Koͤnigin vor und ſprach: Ew. Majeſtaͤt, hier ſind meine Schweſtern, ein paar liebenswuͤrdige Prinzeſſinnen. Ich erſuche Ew. Majeſtaͤt ihnen Ihre Liebe zuzu⸗ wenden. Dann erzaͤhlte ſie ihren Schweſtern, daß der Koͤnig ihrer Familie ihr voriges Koͤ⸗ nigreich zuruͤckzugeben entſchloſſen ſei, und daß ſie daher beide mit ihren Eltern in die Reſi⸗ denz zuruͤckkehren koͤnnten. Betty ſchrieb nun an ihre Pathe, Fee Miranda, denn ſie glaubte, alles Gluͤck ihr allein ſchuldig zu ſeyn. Sie lud ſie zu ihrer Hochzeit, und ſchickte das ſchnelle artige Pferdchen mit dem Briefe an ſie ab. Am Hochzeittage kam die Fee Miranda mit Betty's oͤniglichen Eltern in der Re⸗ ſidenz des Brautpaars gluͤcklich an. Alle um⸗ armten ſich auf das zaͤrtlichſte, und die Hoch⸗ zeit ward mit einer Pracht gefeiert, daß das Papier im Lande nicht zureichte, die Feierlich⸗ — 59 keiten zu beſchreiben, und der Koͤnig ſich ge⸗ noͤthigt ſah, den Kanzleien engere Schrift vor⸗ zuſchreiben, um Papier zu gewinnen. Zwei fremde Koͤnige verlobten ſich noch waͤhrend Betty's Hochzeit mit ihren Schweſtern, und der Vater von Betty's Gemal ſtellte ihnen zum Hochzeitgeſchenk einen Revers aus, daß er ihre Laͤnder niemals erobern wollte. Alle reiſeten nun voll unendlicher Ruͤhrung zuruͤck. Beim Abſchied nahm die Fee Bet⸗ ty's Pantoffel, und ſprach: Liebes Pathchen, folge mir jetzt beſſer als vorher, ſo wirſt du gluͤcklich leben. Halte den Pantoffel hoch, und wenn dein Mann launiſch wird und grillen⸗ faͤngig, wie es alle Maͤnner zu werden pfle⸗ gen, wenn ihnen alles nach Wunſch geht, ſo zeige ihm den Pantoffel, und erinnere ihn da⸗ durch an die Zeit ſeiner Sehnſucht und treuen Liebe; du ſelbſt aber erinnere dich dabei an die Geduld, welche du deinen Schweſtern bewei⸗ ſen mußteſt, und beweiſe ſie freiwillig und gern auch deinem Manne. Mit dieſen Worten ſchied die Fee. B etty verſprach zu folgen, und hielt das Verſprechen 50 bis an ihren Tod. Ihre Enkelinnen aber, welche im Scherz von der Pantoffelgewalt der ſchoͤnen Betty gehoͤrt hatten, deuteten dieſes Symbol des Hausfriedens anders, und ſtatt ſchoͤner Erinnerung an die heiterſten Stunden der Liebe, weckte in der Folge der Pantoffel zuweilen boͤſe Ahnung von truͤben Tagen kuͤnf⸗ tiges Unfriedens. 61 Die Wahrſagerin. —Q Manche Geſtalt, zu bethoͤren die Sterblichen, borget ſich Amor, fliehſt du den Freundlichen, bald hat dich der Ernſte beſtrickt. Fruͤhlingsblumengefild durchſchwaͤrmet er, lauſcht in der Wildniß Felſengeklipp, durchſchifft laͤnderumarmende Flut, Goldenes Fuͤrſtenpallaſts ſchönprangende Marmor⸗ umſaͤulung waͤhlet der Maͤchtige, gleich binſenbegruͤnetem Dach. Bald aus Voͤgelgeſang in dem Luſthain ruft er die Menſchen, bald aus wildes Gekluͤfts Giftbaſiliskengeziſch. Einſt, Amarante, o nimmer vergeß ich es! lehrte des Gottes Liebesgebot uns dumpf murmelnder Zauberin Spruch. 62 Wunderberuͤhmt weiſſagte ſie weit. Ihr war die Geſtirnbahn Linienſchrift in der Hand waltendes Voͤlkerge⸗ ſchicks. Blutiges Schlachtengewuͤhl vorſchaute ſie; Köni⸗ gen fernher, grauſenden Thronumſturz, drohendes Tod⸗ 1 meteor flammt' ihr blaſſes Kometengeſtirn, umſpruͤhender Lichtdocht 4 haͤusliches Heerds Truͤbſal, Aftergeſchwaͤtz und Verdruß. Muthwill fuͤhrte dich hin, mit der Schaar neu⸗ 26r gieriger Maͤdchen, Liebesgeſchick zu erſpaͤhn, kuͤnftiges Gatten Geſtalt; auch des Vergangenen Bild in des magiſchen Dun⸗ kels uUmhuͤllung, denn das Bekannteſte ſchaut gern in dem Bilde der Menſch. Aber es ſchreckte der Nacht weitſchattender, dun⸗ keler Mantel euch von den einſam, tief ruhenden Straßen zuruͤck, 63 bis mit Betheuerungswort unbruͤchliches ewiges G Schweigens ihr zu begleitendem Schutz mich, den Er⸗ waͤhlten, geweiht. Armumſchlungen, geſichterverhuͤllt mit den ſchim⸗ mernden Tuͤchern wandelten wir, ſchalkhaft lachten die Maͤdchen des Streichs. Sollt' ich beſchreiben den Weg, nicht gnugte der Raum; an die Gaͤßchen reihten ſich Gaͤßchen, dem Stral tagendes Lichtes zu eng. Endlich erſchien, rauchſchwarz und beruſt die ſibyl⸗ liſche Wohnung; tappend ſtolperten wir klappernde Stufen hinauf. Gaͤſteverrathend erſcholl das Gebell lautlaͤrmendes . Schooshunds: bald oͤllampenerhellt thaten die Pforten ſich auf. Laͤchelnd winkte zum Tiſch die Bewohnerin. Si⸗ tzend im Lehnſtuhl goß ſie des Lieblingstranks taſſenbezeichnende Flut. 8 64 Mengte dem Waſſer, dem klardurchſichtigen, gal⸗ lerndes Eiweis, legte mit ordnender Hand farbiges Karten⸗ gemiſch. Rockenumhuͤllenden Flachs auflockernd ballte ſie Kugeln, hochaufſteigende, fuͤgt braͤutlicher Finger die Glut. Maͤdchengeluͤſt wahrſagte den Horchenden nun die . Sibylle: günſtiger Buhlſchaft Gluͤck, fäͤlſchlichen Lie⸗ besverdacht, hausliche Ruhe dem blonden Gelock, braunringeln⸗ . dem Haupthaar fernherwinkendes Loos bräutlicher Feier⸗ lichkeit; heimliches Kummers Troſt ſanftklagendem Lilien⸗ antlitz, froͤhlicher Luſt Leichtſinn bluͤhendem Roſen⸗ geſicht. Doch, dir gnuͤgete nicht, Amarante, der taͤu⸗ ſchende Wortſchwall, wahres Geſchicks Zukunft wollteſt im Bilde du ſchaun. Flammendes Augs aufhob ſich die Zauberin. Zwei⸗ 3 felbeleidigt zurnte ſie dir, und Verrath ſinnend, ergriff ſie die Hand, 4 beugte die roſigen Finger zuruͤck, purpurner Be⸗ zeichnung, auf alabaſternem Grund, zarte Gewinde zu ſchaun. Goͤtter, wie frech entweihte das niedliche Haͤnd⸗ chen der Unhold! zierlichen Gruͤbchen verhieß laſtende Beutel der Spruch, Purpurlinien, ehrendes Gluͤck. Wahnſinnige Thorheit! 4 Stralender Sonne verheißt ſonnigen Stral der Profet! Ehrendes Gluͤck, gluͤckſeligen Ruhm ausſpendet die Schoͤnheit, Gluͤcklich, welchem ſie naht, Himmliſchen gleich, wen ſie liebt! . Doch, nie hege der Menſch den vermeſſenen Wahn, zu begluͤcken, was, zu begluͤcken die Welt guͤtige Goͤtter geſandt. Selene II. 3. H. 5 66.— Uebelverheelt, aus finſterem Blick ſprach mir die Geſinnung, aber es drohte der Zorn mir chiromantiſcher Kunſt. Meine Geſtalt ausſpuaͤhte die Zauberin bald in dem Haͤndchen, nicht zu verkennen, da ſcholl lautes Gelaͤchter umher. Schnell entzogſt du die Hand, und erroͤtheteſt. Aber es ſtillte nichts der Sibylle Geſchwaͤtz. Immer ver⸗ folgte ſie dich, drohend neuen Verrath dem enthuͤlleten Liebesge⸗ heimniß, weil der geheimeren Kunſt ſichere Macht du verkannt. Nichts half laͤugnen, ſie zuͤrnte darum, mit er⸗ neueter Drohung; ſollte ſie ſchweigen, beſtuͤrmt mußteſt du Liebe geſtehn. Auch mich draͤngte die Zornige nun zu dem Lie⸗ besbekenntniß; blöde verhaltenes Wort löſte der gluͤckliche Zwang. 67 Leicht, an den Anfangsſchritt, den gewageten, ſcchließt ſich der Fortgang. Bald in deleagen las ich das ſuͤßeſte Gluͤck, las in dem freundlichen Aug' willkommener Liebe Geſtattung, Kuͤßte vom Purpurmund liebegewaͤhrendes Wort. Dank chiromantiſcher Kunſt, und dem Nachegeluͤſt der Profetin, alſo begünſtige ſtets zürnenden Feind das Geſchick! —e. 3*— Macberhs chloß, in ſeinen Truͤmmern und mit ſeinen Umgebungen. 4 (Aus einem ungedruckten Briefe Mardonalds). 1 4 Perth, den r. Jul. Wir haben die letzten zwei Tage klaſſiſchen Bo⸗ den bereiſet. Der Unterſchied zwiſchen 200 und 2000 Jahren iſt eine bloße Kleinigkeit, wenn die Einbildungskraft ihr Spiel treibt. Das Lager des Agricola erfuͤllte mich nicht mit ſo tiefer Ehrfurcht, als Macbeth's Schloß. 0 Shakſpeare, wie groß iſt der Zauber deiner Farbengebung!.— . 8 4 When learning's triumph o'er barbarous foes; First rear'd the Stage, immortal Shakespeare 108e; „ — — 69 Each Scene of many-colour'd life he drew, Exhausted worl and then imagin'd new; Existence sa spurn her bounded reign, And panting time toil'd after him in vain ⁵³). I— n. Sie werden ſich nicht wundern, daß ich ſo ploͤtzlich unſers rieſenmaͤßigen Dichters er⸗ waͤhne, wenn Sie bedenken, daß ich mich hier mitten auf dem Schauplatze ſeinen Macbeth befinde. Doch ich will jedes Ding in ſeiner Ordnung erzaͤhlen. Den Tag nach unſerer An⸗ kunft brachten wir zu, dieſe ſehenswerthe Stadt und ihre Umgebungen zu durchwandern, ihre vortreffliche Akademie, ihre Manufakturen und 7 1 *) Wie der Sieg der Wiſſenſchaften uͤber ihre barbariſchen Feinde zuerſt die Buͤhne empor brachte, da ſtand der unſterbliche Shakſpeare auf. Er zeichnete jede Scene des vielfarbigen Lebens, erſchoͤpfte Welten, und erfand dann neue; die Wirklichkeit ſah ihn ihr begraͤustes Reich verſchmaͤ⸗ hen, und keichend ſtrebte die Zeit vergeblich, ihm nachzukommen. 2 70 ihre Kirchen zu beſuchen, und ſolche allgemeine Erkundigungen einzuzieh wie Reiſende ge⸗ woͤhnlich zu thun pflegen.— Die Bevoͤlkerung von Perth beſteht aus 18000 Seelen. Seine Leinwand⸗ und Leder⸗ fabriken betragen jaͤhrlich 300,000 Pfund Ster⸗ ling, und die Lachsfiſcherei in der Gegend bringt 7000 Pfund Sterling ein Mitten auf der Bruͤcke hat ein Waͤchter ſeinen Standplatz, um den Fiſchern, die immer in Bereitſchaft ſtehen, ein Zeichen zu geben, wenn Laͤchſe durch die Bogen gehen. Wenn man die große Waſ⸗ ſermaſſe des Fluſſes bedenkt, ſie iſt die groͤße⸗ ſte von allen fließenden ſuͤßen Gewaͤſſern in Großbritannien, ſo muß man bei dieſem Waͤch⸗ ter einen ſehr ſchnellen und ſcharfen Blick und viele Erfahrung, und zugleich eine vorzuͤgliche Durchſichtigkeit des Waſſers vorausſetzen. Es iſt in der That außerordentlich klar, und man verſichert mir, daß der Waͤchter jeden Lachs verraͤth, der den Tag uͤber herauffkommt. Kaum hat er das Zeichen gegeben, ſo wird der arme Fiſch von den wartenden Bootsleuten mit dem undurchdringlichen Netze umſtrickt. — 71 Die Druckerei des vornehmſten Buchhaͤnd⸗ lers, Morriſon, iſt ſehr ſehenswerth. Die zahlreichen Ausgaben ſchottiſcher Claſſiker und Originalwerke, beſonders die perthiſche Ency⸗ clopaͤdie, ſind Beweiſe, daß hier Geiſt und Gelehrſamkeit keineswegs fremd ſind. Doch weder die öͤffentlichen, noch die Privatgebaͤude, weder die Kirchen, noch die Schulen, noch die Fabriken, ziehen das Auge des Fremden ſo ſehr auf ſich, als die Lage des Stadt. Kein Platz fuͤr eine anſehnliche Stadt kann beſſer gewaͤhlt werden. Sie liegt an einem ſchönen, ſchiffbaren Fluſſe, mitten in einer fruchtbaren und ungewoͤhnlich reizenden Gegend, vor hef⸗ tigen Winden geſchuͤtzt, und im Mittelpunkte des Königreichs Schottland. Hier iſt mehr ebener Raum zum Bauen, als irgend eine Stadt in Europa einnimmt, und man kann ſich keine angenehmere und geſundere Lage den⸗ ken. Darum ſagt uns auch die Geſchichte von Perth, daß es in vorigen Zeiten der Lieb⸗ lingsaufenthalt der ſchottiſchen Koͤnige war. Sie wurden zu Scone, eine kleine Meile von den Vorſtaͤdten, gekroͤnt, und hielten ſich 8* 2² gewoͤhnlich in Perth, oder in der benachbar⸗ ten Gegend auf. Jetzt ſieht man rings um die Stadt eine große Menge angenehmer Landſitze. Wir nahmen zwei Wagen, um eine kurze Ausfahrt in der Nachbarſchaft zu an hen⸗ be⸗ ſonders nach der Nordſeite, und Perth vor drei Tagen um 3 uhr Morgens. Wir kamen zum Fruͤhſtuͤck nach dem geſchmackvol⸗ 4 len Landſitze des Herrn M.... zu St. M. und. brachten den Tag bei dieſem verſtandigen und aufgeklaͤrten Manne zu. Sein Landhaus liegt beinahe ſechs Meilen von Perth an der Unten Seite des Weges. Hier brachte Emilie von Berlepſch auf ihrer ſchottiſchen Reiſe eini Wochen in der Geſellſchaft der mreranfs jungen Dame zu, deren ſie mit ſo vieler Zu⸗ neigung erwaͤhnt*). Wir fanden die Familie ſo, wie Frau von Berlepſch ſie verlaſſen hatte, und wir haben vollkommen Urſache, ihren Lob⸗ reden auf den Verſtand und die Artigkeit ihrer —) In ihrer ſehr anziehenden, bei weitem nicht nach Verdienſt bekannten Cale donia. 2 8 Freundin Cecilia unſern lauteſten Beifall zu geben. Herr M. begleitete uns auf einer Spa⸗ zierfahrt durch ſeinen Park nach einem Moor, wo ein großer rauher Stein ſteht, den man den Hexenſtein nennt, eine kleine Meile von einem runden Schloſſe, welches noch jetzt Mac⸗ beth's Caſtle genannt wird. Die Steine des Schloſſes ſind mit der Zeit ſaͤmmtlich weg⸗ geräͤumt; allein die Erhoͤhung, von einem brei⸗ ten Graben umgeben, iſt noch ſehr bemerklich. Ich ward von einem ſchwaͤrmeriſchen Eifer durchdrungen, jede Spur der Alterthuͤmer auf⸗ zuſuchen, auf welche ſich Shakspeare und die Geſchichte beziehen, und ich bat deswegen unſern gefaͤlligen Freund M.... unſere Wa⸗ gen nach ſeinem Belieben durch dieſe klaſſiſchen Gegenden fahren zu laſſen Wir kamen zu einem romantiſchen Landſitze der Familie in Perth, Stobhall genannt, am Ufer des Tay, und fuhren laͤngs dieſem ſchoͤnen Fluſſe hinunter bis zu ſeiner Vereinigung mit der Isla, nahe bei dem Gute Meiklour. Die Truͤmmer eines alten Schloſſes, welches vor beinahe tauſend Jahren von Malcolm Clan⸗ 2 4—— more, Koͤnig von Schottland, bewohnt ward, erfuͤllte uns mit tiefer, ſanfter Ehrfurcht, und wir fuhren uͤber den Fluß, um es zu beſe⸗ hen. Die Mauern ſind uͤbermaͤßig dick, faſt zwoͤlf Fuß, und ſchienen ehemals mit großen Quadern von außen bekleidet geweſen zu ſeyn, die man weggenommen hat, ſeitdem das Schloß nicht mehr bewohnt ward. Die Lage iſt herr⸗ iich, und wenige Plaͤtze haben einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, als die Umgebun⸗ gen dieſes Schloſſes. Indem ich auf den Truͤm⸗ mern ſtand, und linker Hand nordwaͤrts nach der erſtaunlichen Grampiſchen Bergkette hinuͤber ſchaute, ſah ich den duͤſtern Berg Birnam⸗ Hill, der jetzt, alles Gehoͤlzes beraubt, nur Schiefer und Heidekraut liefert. Rechter Hand war die Isla⸗Bruͤcke und die Vereinigung der ſchoͤnen Isla mit ihrem maͤchtigern Gat⸗ ten, dem Tay, und eine Viertelmeile davon das ſchoͤne, im neuen Geſchmack erbaucte Land⸗ haus und Gut Meiklour, welches der Fa⸗ milie Mercer von Aldie gehoͤrt. Vier Mei⸗ len oſtwaͤrts konnten wir, auf dem Gipfel eines gruͤnen Huͤgels, die Truͤmmer des Schloſſes 75 entdecken, wo Macbeth gefangen, und von Macduff und ſeinen tapfern Getreuen er⸗ ſchlagen ward. Man kann noch den Pfad von dem benachbarten Moor unterſcheiden, auf wel⸗ chem der finſtre Tyrann die Steine und Ma⸗ terialien zum Bau ſeines Schloſſes hinauf brachte, und auf welchem ſeine Feinde es erſtie⸗ gen, um in ſeinem Blute die Flamme der An⸗ maßung und der Raubgier zu erſticken. Der Huͤgel heißt, wie beim Shakspeare„), Dunſinnane, und der Landſitz des Lords Dunſinnane iſt nahe dabei. Wir wandten uns rechts 1 und kamen nach einem kleinen Fa⸗ milienſitze des Herrn Wright von Lawton, wo wir zu Mittag blieben. Sie koͤnnen ſich keinen Begriff von dem Vergnuͤgen machen, das mir dieſer zufaͤllige Beſuch verſchaffte. Es iſt unmoͤglich, der Gaſtfreiheit, Offenherzigkeit . 8 1 ³) Macbeth shall never vanquish'd be, unil Great Birnam-wood to high Dunsin- nane-Hill Shall come against him. Shak. im Macbeth. 76 und Gutmuͤthigkeit des Hausherrn, und dem Geſchmack und den Geiſtesvollkommenheiten ſeiner Gattin volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Die Familie iſt eine der anziehend⸗ ſten, die ich je gefunden habe, und wenn ich auch alles abrechne, was ihrem Wohnorte auf klaſſiſchem Boden, und meiner eigenen Ge⸗ muͤthsſtimmung waͤhrend meiner heutigen Be⸗ ſchaͤftigung zugehoͤrt, ſo muß doch etwas außer⸗ ordentlich bezauberndes in dieſer Familie ſelbſt liegen. Die Dame iſt eine Nichte von Beat⸗ tie, dem Verfaſſer des Minstrel und des Es- say on truth. Sie war der Liebling ihres Oheims; und das mußte ſie ſeyn. Wer koͤnnte ſie kennen, ohne ſie liebenswuͤrdig zu finden! Herr W. und ſeine Gattin begleiteten uns nach Dunſinnane⸗Hill, und gaben uns genaue Nachricht von den Volksſagen der Ge⸗ gend. Lord Dunſinnane hat dicht an der Grundlage von Macbeths Schloſſe gra⸗ ben laſſen, in der Hoffnung, einige Muͤnzen, oder andere Denkmaͤhler aus den Zeiten ſeiner Regierung anzutreffen; allein man hat nichts gefunden. Etwas getrocknetes Korn fand man . ₰ 6 unverſehrt, in einer Tiefe von vier bis fünf Fuß unter der Erd⸗Oberflaͤche; ob es aber dort ein, oder zehn Jahrhunderte gelegen hat, iſt unge⸗ wiß. Den Plan des Gebaͤudes kann man noch erkennen; allein kein Zimmer iſt ſtehen blieben, und ſelbſt kein betraͤchtlicher Theil von der Mauer. Von der Hoͤhe eines Stein⸗ haufens auf dem Gipfel des Huͤgels und im Mittelpunkte des Schloßbezirks hat man gegen Suͤden und Norden eine weit ausgebreitete Ausſicht. Von der Nachbarſchaft von Stir⸗ ling bis an die Huͤgel nahe bei Aberdeen kann man eine Strecke von achtzig bis neunzig Meilen, und das ganze Thal von Strathmore von einem Ende zum andern uͤberſehen. Schott⸗ lands Tyrann konnte ſich keinen beſſern Cen⸗ tralplatz zum Wohnſitze waͤhlen, wo er ſchnel⸗ ler im Stande war, ſich der einen Partei ſeiner Unterthanen gegen die andere zu bedie⸗ nen. Mitten in Niederſchottland befand er ſich nur eine maͤßige Tagesreiſe von dem Mit⸗ telpunkte des Hochlandes. Divide et impera, war ſein Wahlſpruch. Indem er die Hochlaͤn⸗ der gegen die Niederlaͤnder Anßzuſehalte behaup⸗ 8 78 tete er ſeine angemaßte Macht einige Jahre lang, und er haͤtte vielleicht ruhig in ſeinem Bette ſterben, und ſein Zepter auf ſeine Nach⸗ kommen vererben koͤnnen, wenn nicht England ſich großmuͤthig und kluͤglich ins Mittel ge⸗ legt haͤtte. 3. Ich zog meinen Shakſpeare aus der Taſche, und las meinen Gefaͤhrten diejenigen Stellen aus dem Trauerſpiele Macbeth laut vor, die ſich am naͤchſten auf die Lage und die Sitten des Landes beziehen. Es liegt ein gewiſſer Zauber darin, Gedanken und Empfin⸗ dungen mit materiellen Formen zu verbinden, und den verfloſſenen Zeitraum zu vergeſſen. Von allen Zauberern war jedoch Shaks⸗ peare einer der maͤchtigſten. Er ſchilderte uns den Menſchen ſogar in ſeinem Gange, ſeiner Kleidung und ſeiner Wohnung, wie in ſeinen geheimſten Gefuͤhlen und Leidenſchaften. Unſere Bewunderung wird auf gleiche Weiſe gefeſſelt, wenn wir ſeinen Othello in Ve⸗ nedig, oder ſeinen Macbeth in Dunſin⸗ nan⸗Caſtle leſen. Der erſtere verſetzt uns nach Italien mit ſeiner Verſchmitztheit, ſeinen 79 unbaͤndigen Leidenſchaften, ſeinen ſchwarzen In⸗ triguen und ſeinen Meuchelmoͤrdern; und in dem letzteren ſtellen uns Macbeth und ſeine Gemalin, mit dem ganzen Schwarm von He⸗ ren und Vorbedeutungen von kuͤhner und ver⸗ wegener Ehrſucht, und ſelbſt von weiblicher Heftigkeit, welche einem gewoͤhnlichen Sinne kaum begreiflich iſt, das lebendigſte Gemaͤlde dar, von dem Treiben und Weſen der Schott⸗ laͤnder in jenen Zeiten. Eine unbezaͤhmbare Herrſchſucht, im Kampfe mit Grundſaͤtzen, wel⸗ che oft mit jener verbunden ſind, und welche leider nur zu oft ihr ſchaͤdliches Streben ver⸗ bergen, perſoͤnliche Tapferkeit, der Glanz der Siege und Heldentugenden, bringen einen Zu⸗ ſtand von ſchrecklicher Gemuͤthsbewegung und unſchluͤſſigkeit hervor, welchen ein noch ver⸗ ruchterer Mirſchuldiger in den grauſamen Vor⸗ ſatz umwandelt, einen naͤchtlichen Meuchelmord zu begehen. Dieß ſind die Hauptzuͤge in dem Charak⸗ ter Macbeths, von welchem ich immer ge⸗ dacht habe, daß er dem Trauerſpiele ein In⸗ tereſſe giebt, welches daſſelbe faſt uͤber alle 80 andern dramatiſchen Werke emporhebt; ſelbſt ohne die Ausbruͤche vaͤterlicher Gefuͤhle, die dem gequaͤlten Herzen eines Macduff ſo na⸗ tuͤrlich ſind*). Die Eindruͤcke, welche dieſe rieſenhaften Schilderungen auf das Gemuͤth eines Reiſenden machen, der ſich an den Oer⸗ tern befindet, auf welche ſie ſich beziehen, in einer Geſellſchaft, welche ihre Staͤrke fuͤhlt, indeß das Reiſen die Geſundheit ſtaͤrkt, und die Elaſticitaͤt der Luft, die Bewegung des Wagens, und vor allen Dingen die freimuͤthige Aeußerung und die freundſchaftliche Eroͤrterung der ver⸗ ſchiedenen Meinungen die gute Laune nie ſinken laſſen; dieß alles gehoͤrt gewiß zu den hoͤchſten Genuͤſſen des menſchlichen Lebens. Wie wir von den Truͤmmern des merkwuͤr⸗ digen Schloſſes zuruͤckkehrten, erwartete uns in Lawton⸗Houſe eine glaͤnzende Geſell⸗ ſchaft und ein vortreffliches Mittagsmal. Die⸗ ſem folgte das Vergnuͤgen, Miß Macd... *) Macduff. Ie has no Children.(Er hat keine Kinder!) Ebendaſ. 81 einige Stuͤcke auf dem Fluͤgel ſpielen zu hoͤren, welche den Gefuͤhlen des Tages voͤllig ange⸗ meſſen waren. The yellow- hair'd Laddie, Roslin-Castle, und andere alte caledoniſche Me⸗ lodien ſchmelzten und bezauberten die Herzen der Geſellſchaft. Nie ward eine Muſik beſſer auf⸗ gefuͤhrt und vollkommener empfunden. Wie wenig koſtet es, um ſich das reinſte und leb⸗ hafteſte Vergnuͤgen von der Welt zu verſchaf⸗ fen! Wohlgefallen an den Schoͤnheiten der Natur, welches durch das Reiſen erhoͤht wird; Gefuͤhl fuͤr geſelligen Umgang und Muſik, mel⸗ ches allen unverdorbenen Menſchen natuͤrlich iſt; ein maͤßiges Mahl, und ein freundliches Geſpraͤch in Geſellſchaft ſolcher Perſonen, die un⸗ ſere Achtung verdienen: darin beſteht alles, was die Natur uns als die vollkommenſten ihrer Ga⸗ ben zur Geſelligkeit darbietet*), und dieſe bieten *) To thise the Sire Omnipotent unfolds The world's harmonious volume, there to . read The transcript of himself. On every part They trace the bright impressions of his hand: Selene II. 3. H. 2 * 82— ſich nur leider ſo manchen(ach wie vielen!) an, die ſie nie ſchmecken wollen. Die Familie in Lawton begleitete uns nach St M...., und wir brachten den Abend mit Spaziergaͤngen und Geſpräͤchen zu. Schott⸗ land iſt in den Monaten Junius und Julius ſo anmuthig, als irgend ein Land in Europa, mit welchem ich bekannt bin. Die See geht in mancherlei Richtungen tief in das Land hin⸗ ein, ſo daß kein Fleck in dem Reiche uͤber zehn Meilen vom Salzwaſſer entfernt iſt. Deswe⸗ gen iſt das Clima gemaͤßigt im Winter, und angenehm kuͤhl und friſch in der heißeſten Som⸗ In Earth or Air, the meadow's purple stores, The moon's mild radiance, or the virgin's form, Blooming with rosy smiles. They see pour- tray'd That uncreated Beauty, which delights The Mind Supreme. They also feel her Charms; Eramourd, they partake tl'eternal joy. Aikenside. 83 merszeit. Der letztere Umſtand iſt wichtig, da wo die Sonne an den laͤngſten Tagen 18 bis 19 Stunden uͤber dem Horizont ſteht, und wo folglich die Hitze, welche von den Bergen zu⸗ ruͤckprallt, ohne von einem Seewinde gemaͤßigt zu werden, unertraͤglich ſeyn wuͤrde. Dieſe uͤbermaͤßige Hitze empfindet man oft im Inne⸗ ren des noͤrdlichen Rußlands und Schwedens. In Schottland iſt die Hitze nie druͤckend, und auch die Kaͤlte iſt nie ſo heftig, als man ſie nicht nur in Berlin und Dresden, ſondern ſelbſt in Paris und Madrid bisweilen em⸗ pfindet. Ich finde die Luft in dieſer heißen Jahrszeit ſtets rein und elaſtiſch, und was ich in Britannien nicht erwartete, ſie iſt außeror⸗ dentlich durchſichtig. Weiten, die man nach dem Augenmaße beurtheilt, ſind hier faſt ſo truͤglich, wie in der Schweiz. Birnam⸗cn 5 welcher zehn(engliſche) Meilen in gerader Linie von Dunſinnane entfernt iſt, ſcheint nach dem Augenmaße kaum eine Stunde Weges davon 8 zu liegen. Dieß ſtreitet mit dem gewoͤhnlichen Vorurtheil, welches man auf dem Lande von dem bewoͤlkten Dunkel der brittiſchen Luft hat. 84— Es iſt jedoch nicht der einzige Fall, in welchem man auf dem feſten Lande, London mit der ganzen brittiſchen Inſel verwechſelt; ein Land, deſſen Clima und Produkte uͤberaus verſchieden ſind, und durchaus nicht unter einem allgemei⸗ nen Charakter begriffen werden koͤnnen. Wer kann auch wol erwarten, daß dieſelben Be⸗ ſchreibungen von Erdgegenden gelten ſollten, die ſo verſchieden ſind, wie Paris und Copen⸗ hagen? Und doch iſt Nordſchottland, in An⸗ ſehung ſeiner geographiſchen Laͤnge und Breite, von dem ſuͤdlichen England eben ſo verſchieden, wie jene zwei Staͤdte. Ich haͤtte dieß alles ſchon laͤngſt anmerken koͤnnen; allein es iſt mir ſelbſt nicht eher in ſeinem wahren Lichte auf⸗ gefallen, bis heute davon zufaͤllig geſprochen ward. 85 Ueber weiblichen Kunſtſinn und weibliche Bildung zur Kunſt. Aus dem Briefe an eine Freundin. Unſer Geſpraͤch uͤber dieſen Gegenſtand ent⸗ ſtand neulich aus einer Ihrer Aeußerungen, die ich Anfangs ſchweigend fallen ließ, weil ich ihr nicht Beifall geben konnte. Sie wollten mich aber ſo nicht entlaſſen. Sie behaupteten, es ſei nicht nur Pflicht, jede Kunſtanlage, die man in ſeinen Kindern entdecke,(ohne Ruͤck⸗ ſicht auf das Geſchlecht,) auf das ſorgfaͤltigſte auszubilden; ſondern Sie wollten auch, daß man ſelbſt in den Kindern, die keine Kunſtan⸗ lage verriethen, ſo lange forſchen ſollte, bis man irgend eine noch ſo tief verſteckte aufge⸗ funden; daß man dieſe um ſo ſorgfaͤltiger pfle⸗ gen muͤſſe, je kleiner ſie Anfangs erſcheine. Ich wendete Ihnen ein, daß ja unmoͤglich das 4 30 ganze Menſchengeſchlecht in allen ſeinen Indi⸗ viduen zu Kuͤnſtlern berufen ſeyn koͤnne; Sie entgegneten, daß ohne die Verherrlichung der Kunſt das Menſchenleben nichts als die er⸗ baͤrmlichſte Alltaͤglichkeit ſei, aus welcher man ſich ſelbſt und die uns anvertraute Jugend um jeden Preis herausreißen und emporbringen muͤſſe. Kurz, wir kamen immer weiter und weiter aus einander, je beſtimmter ein jedes von uns ſeine Anſichten darlegte.— Die mei⸗ nige hat ſich ſeitdem nicht im mindeſten geaͤn⸗ dert, ſo viel ich mich auch ſeit jenem Tage mit demſelben Gegenſtand beſchaͤftigt habe. Sie iſt vielleicht noch beſtimmter dieſelbe geworden. So habe ich mir zuerſt uͤber die Frage Re⸗ chenſchaft zu geben geſucht, ob beide Geſchlech⸗ ter auf gleiche Weiſe zur ausuͤbenden Kunſt rufen ſeyn koͤnnen? Die Antwort war ver⸗ — ind hier meine Gruͤnde: Der Mann, deer ſich innerlich berufen fuͤhlt, im Heiligthum * der Kunſt als Prieſter zu dienen, mag es ohne Bedenken; er kann ihr ſeine ganze buͤrgerliche Exiſtenz hingeben, ohne der Geſellſchaft etwas entzogen zu haben, das er ihr nicht tauſendfach 8 — 82 als Kuͤnſtler vergelten koͤnnte. Nicht alſo das Weib. Der Mann kann als Kuͤnſtler, Gatte und Vater ſeyn— aber auch das Weib Gat⸗ tin und Mutter? Doch, ſie kann ſich auch in dem Grade zur Kunſt und zum Kuͤnſtlerle⸗ ben hingezogen fuͤhlen, daß ſie ihr freudig das Opfer ihres ganzen Daſeyns bringt. Ob ich dies zu tadeln wage?— Wie koͤnnt' ich! — Aber wie oft in jedem Jahrhundert wird eine ſolche weibliche Kuͤnſtlerſeele geboren?— Und wie iſt ſie von der Schaar ihrer nachah⸗ menden und nachſpielenden Schweſtern zu un⸗ terſcheiden? Etwa dadurch, daß man fruͤhe des Kindes ſchwachem Emporſtreben beide Haͤnde reiche, und verſuche, wohin es alſo unterſtuͤtzt zu bringen ſei? Keinesweges! Durch Schwie⸗ rigkeiten, durch Hinderniſſe, die man ſie auf ihrem Wege finden laͤßt, wird ihre Kraft er⸗ kannt, erprobt und geſtaͤhlt. Welches Talent dadurch nicht ermuͤdet, nicht zerknickt wird, das allein iſt himmliſchen Urſprungs, und ſoll ihm der Weg zur Ausbildung nicht ferner ge⸗ ſperrt werden. Aber wie viele Angelika⸗ bringt jedes Jahrhundert der Welt? Auch 3 8— giebt nur die Legende von einer heiligen Caͤ⸗ cilia Bericht, und nur von einer einzigen. Das ganze Alterthum hat nur Eine Sappho; das ganze deutſche Mittelalter(von der neuen Zeit iſt es weiſer zu ſchweigen, als zu reden—) nur Eine Roswitha. Noch hat keine weibliche Hand den Meißel der plaſtiſchen Kunſt zu fuͤh⸗ ren gewagt; und in welchem Weiberkopf hat ſich jemals das Ideal einer Peterskirche g ltet, woran man laͤnger als ein Jahrhundert aus⸗ zufuͤhren hatte, ehe es zur ſichtbaren Wirklich⸗ keit werden konnte?— Welche Schluͤſſe ſol⸗ len wir hieraus ziehen?— Und wenn es ſich etwa aus der Geſchichte ergeben ſollte, daß Prometheus von ſeiner ſchaffenden Kraft auf unſer armes Geſchlecht nur eine kleine Por⸗ tion vererbt habe: ſoll denn bei uns die Probe nicht ſtrenger angeſtellt werden, ob auch wirk: lich des göktlichen Feuers ein Fuͤnkchen hie oder da wohne, als bei den Maͤnnern?— Vor dieſer Forderung ſehe ich Sie, meine Freun⸗ din, faſt ſo erſchrecken, wie die Hoͤrenden einſt vor der Behauptung erſchraken, es ſei leichter, daß ein Kameel durchs Nadeloͤhr gehe, als daß 1⁵ 4 b 89 ein Reicher in das Reich Gottes komme. Und doch kann ich nichts zuruͤcknehmen; denn dort waren doch noch viele berufen, wenn gleich nur wenige ſich als Auserwaͤhlte bewaͤhrten: aber hier iſt ſelbſt die Berufung zum Himmelreich (der Kunſt) ſo zweifelhaft, und, was ſonder⸗ bar iſt, ſo muß hier erſt durch das Diplom der Auserwaͤhlung der Beruf erwieſen werden! — Und da fuͤr eine niedere Stufe des Kuͤnſt⸗ lerruhms und Kuͤnſtlerwerthes das Opfer eines ganzen Lebens zu koſtbar iſt, ſo kann die Aecht⸗ heit des Diploms nicht ſtreng genug unterſucht werden. Iſt dieſe bewaͤhrt, ſo ſpraͤche der ſei⸗ nem eigenen Urtheil— das Urtheil— haͤtt' ich beinahe geſagt, der dann ein Wort des Tadels ausſpraͤche. Wohl— ſagen Sie— es iſt ja aber auf dies koſtbare Opfer gar nicht angeſehen! kann man ſich denn nicht der Kunſt und dem haͤuslichen Leben zugleich ſchenken?— Ge⸗ rade da liegt es, gerade das iſt es, was ich ſtark in Zweifel ziehe. Der Kuͤnſtler muß un⸗ abhaͤngig von allem Familienverhaͤltniß reifen, muß ohne Ruͤckſicht auf Vater, Mutter, Bru⸗ der, Schweſter fort, wenn und wohin ſein 90— Genius ihn ruft. Und zwar muß er nicht reiſen, wenn ſeine Laufbahn ſchon halb vollen⸗ det iſt; er muß es in der Bluͤthe der Kraft, gerade dann, wenn alle Segel aufgeſpannt ſind, und ein friſcher Lebenswind hinein blaͤſt. Nur ſo geſtaltet ſich ihm die Welt in die ſchoͤnſten Formen, nur dann entglähet ſeine Seele fuͤr das Heiligthum der Kunſt, wenn er ſeiner Goͤttin ein reines Herz, eine friſche, jugendliche Phantaſie entgegenbringt.— Bei dem Maͤdchen iſt dies aber gerade die Zeit, wo ſein ſtilles Gemuͤth ſich im engen Fa⸗ milienkreiſe ſchoͤn und immer ſchoͤner entfalten und das haͤusliche Leben mit reiner Liebe um⸗ faſſen ſoll. Wer es da mit Kuͤnſtler⸗Sehnſucht, mit dem Reiſeweh anſteckte, der zerſtoͤrte die zarteſten Keime ſeines kuͤnftigen Gluͤcks. Die Ausnahme der ſehr wenigen gebornen Kuͤnſt⸗ lerinnen habe ich Ihnen ſchon zugeſtanden; die möͤgen, die muͤſſen vielleicht ihr Lebensgluͤck dran ſetzen.— Aber warum denn das? fallen ſie mir wieder ein. Koͤnnen nicht Kuͤnſtler und Kuͤnſt⸗ lerin ſich zu gleichen Lebenszwecken verbinden? Es ſoll dergleichen Faͤlle gegeben haben, wo 91 Tonkuͤnſtler und Tonkuͤnſtlerin, Dichter und Dichterin, Maler und Malerin froͤhlich, ein⸗ traͤchtig und liebend mit einander als Gatten durch das Leben pilgerten; es ſoll—! Wir wollen ſie nicht beſtreiten. Aber ſehr ſelten muͤſ⸗ ſen ſie wenigſtens ſeyn, da mir ſo viele Faͤlle vom Gegentheil vorkamen, und von dieſem kaum ein einziger.— In der Natur des eigentlichen Künſtlerle bens liegt es einmal, daß es ungeſellig macht und ungleich. Waͤhrend der Kuͤnſtler von ſei⸗ nem Genius beſucht wird, kann ihm menſch⸗ liche Gegenwart— und waͤr' es auch die des liebſten Freundes— nicht angenehm ſeyn. Dies ſagt er entweder gerade heraus, und dann ſchleicht der Freund leiſe, und wenn er gutes Nuthes iſt, froͤhlich hinweg, und kommt ein andermal eben ſo froͤhlich wieder. Wenn er nun aber eben hypochondriſch waͤre? Und wer iſt das nicht zu Zeiten! Will der Guͤnſtling des Genius ſich zuſammennehmen, und den Mißmuth uͤber die Stoͤrung ſtill in ſich ſelbſt verſchmerzen: ach, dann iſt es noch ſchlimmer. Ich koͤnnte hier vieles hinzuſetzen—— Sind 92— ¾- nun aber beide Kuͤnſtler mit oder ohne Verab⸗ redung daran gewoͤhnt, einander in Ruhe zu laſſen, ſo oft dem einen oder dem andern die Stunde der Begeiſterung kommt: was folgt daraus? Daß man einander entbehren lernt! daß man ſehr wol ohn' einander beſtehen kann! ja, daß man am liebſten allein beſteht—— Oder wollen wir etwa annehmen, daß beiden die Stunden der Weihe immer zu gleicher Zeit ſchlagen werden? Laͤßt ſich das auch nur den⸗ ken?— Doch ich will Ihnen das Allerun⸗ wahrſcheinlichſte zugeben, daß naͤmlich ein Paar ganz gleich organiſirte Menſchen und mit gleich ungeſelligen Lebenszwecken ſich dennoch in dieſer engen Verbindung begluͤcken koͤnnten: zu den ſehr ſeltenen Ausnahmen zaͤhlen Sie dieſe Faͤlle doch hoffentlich, wohin wir auch ohne Zweifel das weibliche Genie rechnen muͤſſen: und wir ſollten nach dieſer entfernten Moͤglichkeit, nach dieſem großen Loos in der Lotterie, das ganze Leben zuzurichten wagen? „Wie aber ſtehet es um den Kunſt ſinn und das Kunſt ſt u dium der Weiber? Dieſe koͤnnen des produktiven Genius entrathen. Wollen Sie 93 uns auch dies Gebiet verſchließen?“— Das will ich nicht, wofern die Himmliſchen es uns geöffnet haben! Daß auch der aͤchte Virtuos dieſer Art ſein ganzes Leben dran ſetzen koͤnne, ja faſt muͤſſe, hat uns Winkelmann durch ſein Beiſpiel bewieſen. Wie maͤchtig zog es ihn hin nach dem Lande der Kunſt! Was hat er dafuͤr aufgeopfert! Koͤnnte ein Weib ſolche Opfer bringen, ohne das Heiligthum ihres We⸗ ſens zu zerſtoͤren? Kann das Weib eine Re⸗ ligion oͤffentlich bekennen, die nicht von je⸗ her Glaube ihres Herzens war, es bis in ih⸗ ren innerſten Tiefen war, oder geworden iſt? u. dgl. Aber angenommen, es werde mit der Kunſt auch der verwandte Glaube das Eigen⸗ thum ihres Herzens: zehrt nicht die heiße Kunſtliebe faſt alles andere im Menſchen auf, wo ſie einmal recht einheimiſch geworden? Doch, ſie moͤge es— in einem Winkelmann unter den Weibern! wir wollen ihn ehren, wie eine Erſcheinung aus fremden Welten. Ihr geſtat⸗ ten wir, ſich in alle Tiefen der Kunſt zu ſen⸗ ken und alle ihre Hoͤhen zu erklimmen; ihr ſei es vergoͤnnt, mit pruͤfendem Richterblick vor 94— einem Kunſtwerke zu ſtehen, waͤhrend der Kuͤnſtler in ſchweigender Ergebung ihr Urtheil uͤber das geliebte Kind ſeiner Begeiſterung er⸗ wartet; doch Eins muß ich mir erbitten: Nen⸗ nen Sie mir nur einen einzigen Winkelmann unter den Weibern alter, mittler oder neuer Zeit! Denken Sie ſich nur dieſen Mann, oder auch andere, welche mehr oder weniger ihm gleichen— denken Sie ſich ihn nur recht be⸗ ſtimmt, und nun ſtellen Sie im Geiſte mit dieſen Bildern zuſammen, was aus unſerm Geſchlecht ſich jetzt als Kennerin giebt. Ich will nichts ausmalen, um ruhig zu bleiben und ruhig zu laſſen: aber— bleiben Sie auch wirk⸗ lich ruhig zu dieſem Vergleich! Noch einmal: Die Kunſt giebt von ihrem ſchöͤnſten Nektar nur von ihr ſelbſt geweihten Lieblingen— ſolchen, die zu ihr ins ſtille Hei⸗ ligthum eindringen, durch ſtete Uebung ihres Schoͤnheitsſinnes durch Hoͤren und Erwaͤgen und Pruͤfen der reiferen Kunſturtheile, durch oͤfteres Beſchauen ihrer groͤßten Werke, und zwar, mit von der uͤbrigen Welt abgekehrtem, ganz ihr zugewandtem Sinne. Davon nun, 95 Freundin, iſt bei uns(jene hoͤchſtfeltnen Aus⸗ nahmen zugeſtanden) im Ernſt gar nicht die Rede; und wo von Erziehung, als vom Vor⸗ bereiten und Zurichten des ganzen Menſchen⸗ lebens geſprochen wird, muͤſſen wir doch wol im allerernſtlichſten Ernſt ſprechen!— Aber ein anderes iſt es um Anregung und Leitung aller edlen Gefuͤhle, alles reinen, ſchoͤnen Sin⸗ nes, dem allerdings dann auch die Kunſt von ſelbſt etwas ſeyn wird, ſeyn muß! Etwas, ſag' ich? Ich haͤtte ſagen koͤnnen: gerade das Rechte! Von einer Darſtellung Raphaels zur verſtummenden Andacht, von einem Guido zu ſanftem Entzuͤcken erhoben zu werden; bei Haͤndels:„Troͤſtet mein Volk, ſpricht euer Gott,“ ſich im Innerſten tief bewegt zu fuͤh⸗ len und vielleicht bewußtlos das Auge voll Thraͤnen frommer Freude zu haben; dann hin⸗ zugehen in das ſtille Kaͤmmerlein, und Gott zu danken, fuͤr dieſe Erquickung, oder, von Niemand geſehen, an die Bruſt des geliebten Mannes zu ſinken, ſeine Gefuͤhle theilend, und nun mit neuen Kraͤften, mit neuer Heiterkeit, mit neuem Muthe in den ganz gewoͤhnlichen 96 Beruf zuruͤckzugehen und das Seinige zu ſchaffen mit Liebe und Ernſt, bis einmal wie⸗ der ſo ein Feſt koͤmmt:— das, meine Freun⸗ din, iſt ganz etwas anders! dies entfremdet kein Weib ſeinem Weſen und Beruf; dies darf nicht nur, dies ſoll einer jeden, beſonders aus den ſogenannten gebildeten Staͤnden, zu eigen werden; dies bedarf aber— Gott ſey's ge⸗ dankt!— keines großen Apparats, keiner be⸗ ſondern Kunſtkennerei, keines Heraustretens aus den natuͤrlichen— ſelbſt nicht aus den ge⸗ woͤhnlichen conventionellen Verhaͤltniſſen der Weiber! Das wollen wir uns erhalten, da⸗ fuͤr unſre Toͤchter bilden—— Selma. Arinthi a. 4 Annicia Proba an Arinthia. ¹) TDochter meiner aͤlteſten Freundin, ſuche keine Laͤta mehr unter den Annicierinnen! Deine Jugendgeſpielin iſt in eine Reburria Maxima verwandelt. Dies iſt der Geſchmack der Zeit. Rom, das ausſchweifende, unter ſein einfaches, 1) Die hier und auf den folgenden Bläͤttern entworfenen Sittengemaͤlde werden von gleichzei⸗ tigen Schriftſtellern verbuͤrgt. Ammianus Mar⸗ cellinus und Claudian ſind die vorzuͤglichſten, auf welche man ſich hier beziehen kann. Die Schilde⸗ rungen des letzten fallen jedoch zuweilen ins Ueber⸗ triebene, und man kann ihn nicht allemal außer Ver⸗ dacht kleiner poetiſcher Licenzen laſſen. Dunkel iſt uͤberhaupt dieſe Gegend der Geſchichte, und durch muͤhſame Vergleichung gleichzeitiger Schriftſteller iſt oft kaum das rechte, dem man ſo gern treu bleibt, ausfindig zu machen. Zum Gluͤck trifft das Zweifelhafte nur einzelne Verzierungen des Gan⸗ zen, nicht die Geſchichte ſelbſt. 84 Selene II. 4. 9. 2 großes Selbſt hinabſinkende Rom, gefaͤllt ſich am Ende auch in eiteln, hochtoͤnenden Namen; wir glauben uns ſelbſt zu ehren, wenn wir die einfachen, von unſern Vaͤtern ererbten, gegen etwas voller lautende vertauſchen. Die alten Annicier, Arinthia, ſuchten ihre Ehre in Thaten; wir haben in unſerm Ge⸗ ſchlecht einen Annicius Probus, einen Annicius Africanus, und es iſt zu errathen, wie ſie das wurden. Warum der Vater deiner zarten Laͤta ſie in eine Reburria Maxima verwandelte, iſt unbekannt; nur ſo viel finde ich, daß ſie ſeitdem noch etwas leichtſinniger, eitler, in das end⸗ loſe Rund, in welchem ſich unſer Rom herum⸗ reeibt, tiefer verflochten iſt, als vordem. Sie hat jetzt ſo viel zu thun, daß, wenn dein Bote nich ohne Antwort abgehen ſoll, die Ahnfrau, die freilich weniger Geſchaͤfte haben mag, ſich entſchließ en muß, fuͤr ſie den Griffel zu nehmen. O, meine Arinthia! wie fuͤß iſt mir dieſes Geſchaͤft! Glaubſt du, daß ich der Tage ver⸗ — geſſen habe, da dein Vater, der dem großen Csheodoſins ſeine Siege erfechten half, ſein hol⸗ des Kind den Anniciern anvertraute? Wie 3 lieblich wuchſeſt du heran, Laͤta's Gefaͤhrtin in allem, was eine roͤmiſche Jungfrau zu wiſſen braucht! Du wurdeſt mir bald eigener, als ſie. Laͤta muß ich einſt einer andern Mutter ver⸗ trauen, aber einer meiner Enkel konnte dich auf ewig zu der Meinigen machen, und ſo ſollte es ſeyn. Clodius waͤre jetzt dein Gemal, wenn der Tod den kriegeriſchen Juͤngling geſchont haͤtte. Aber haſt du im Geraͤuſch des griechi⸗ ſchen Hofs vergeſſen, daß Clodius einen Bruder hatte? Verkenne deinen Marcus nicht, ob ihn gleich ſein namenliebender Vater in einen Fabu⸗ nius Annicianus umgewandelt hat. Marcus iſt noch ganz der Vorige: er haßt alles, was ihn deinem Herzen fremd machen koͤnnte. Gleich⸗ heit der Jahre brachte ihn ja immer dieſem ſanften Herzen noch faſt naͤher, als ihm Clodius war. Vergiß ihn nicht, vergiß deinen Marcus nicht! Bald koͤmmt die Stunde, da er dich, du von mir ſelbſt geſchaffene Zierde meines Hau⸗ ſes, mir wiedergeben wird. Dich hieran zu mahnen, iſt eine der Hauptabſichten dieſes Schreibens. 45ℳ Läͤta an Arinthia. Glaube der guten Mutter nicht! Wie koͤnnte ein Name mich aͤndern? Roms Gluͤckwuͤnſche uͤber die mir zugefloßne Ehre annehmen, Feſte feiern, wie man hier alles mit Feſten feiert, dies mußte ich freilich; aber ſei gewiß, daß ich darum doch noch immer, wie bisher, deine Laͤta bin. Eins hat mir doch ein wenig geſchmeichelt. Die Bildſaͤule der Reburria Maxima, die mein Vater geſtern aufſtellen ließ, und die viele fuͤr eine Hebe halten, ſieht deiner Laͤta ſo aͤhnlich, als ob der Kuͤnſtler den Abdruck von ihr genom⸗ men haͤtte. Dies wird Streit fuͤr die Nach⸗ welt geben; du weißt, wir haben dergleichen erlebt. Denke an die Gezaͤnke unſrer Paraſiten, ob die Statue des erſten Annicius nicht viel⸗ leicht ein Kriegsgott ſei!— Aber ich— nein, ich bin nimmermehr ſo ſchoͤn!— Doch, guter Vater, laß mir nun mein Bild, wie es iſt! Nichts von unnuͤtzem Prunk! 5 Ich bin kein Acilius! ²) ich habe keinen Antio⸗ chus uͤberwunden! Wozu die goldnen Platten? Dies reine, jungfraͤuliche Weiß, dieſer fleckenloſe Marmor, ziemt mir beſſer, als jene blendende Verzierung! Auch iſt Vergoldung zu gemein. Ein jeder, der jetzt einige hundert tauſend Pfund Goldes jaͤhrliche Renten zieht, laͤßt ja ſein Bild vergolden. Niemand laͤßt dies jetzt mehr fuͤr Reichthum gelten. Aber, Arinthia, daß bei deeſer vunmnzfigen Wohlhabenheit doch ſo viele andre neben uns leben, die gar nichts beſitzen: iſt das recht? Die Schaͤtze der Annicier, ſagt man, mehren ſich mit jedem Tage; waͤre hier nicht, um die Nemeſis, an die wir zwar nicht mehr glauben, zu verſoͤhnen, ein wenig Theilung gut? Der gute Vater hat mir den Preis meiner Vergol⸗ dung geſchenkt, und ich weiß, wie ich ſie an⸗ wende; aber dies iſt doch immer nur Almoſen, keine Gleichheit: und dieſe, dieſe will ich, a) Acilius Glabrio trieb ohngefaͤhr zwei hun⸗ dert Jahr vor Chriſti Geburt den Sieger Antio⸗ chus den Großen aus dem bedraͤngten Griechen⸗ land; Rom ehrte ihn mit goldenen Bildſaulen. 5 damit das unſelige Arm und Reich aufhoͤre, und ich ruhiges Herzens froh ſeyn kann. Ruhig? Warum biſt du nicht ruhig, mein Herz? Es iſt wahr, ich habe den Kuͤnſtler, der mich verewigte, ein kleines Bild, das mir unſchaͤtz⸗ bar iſt, koͤniglich bezahlt. Haͤtte ich vielleicht auch dieſe Summe den Armen geben ſollen? Proba, die dieſes lieſ't, meint, es ſei Wahrheit und Redlichkeit in meinen Gleich⸗ heitstraͤumen; aber, ſetzt ſie weiſſagend hinzu: ſpiele nicht mit dem Gedanken! er koͤnnte fruͤher und ſtrenger verwirklicht werden, als wir glauben! s⸗. Du weißt, meine Freundin, die Alten weiſſagen immer, und ich, welcher jedes Wort dieſer geliebteſten aller Weiſſagerinnen Göͤtter⸗ ſpruch iſt, ſchaudre denn doch ein wenig zu⸗ ſammen. Dieſe Vergoldung gaͤb' ich ja wol hin, aber auch das ganze Bild dieſer Hebe? auch die Anbetung der gaffenden Menge? auch dieſe koͤſtlichen Purpurgewaͤnder? auch die Bequem⸗ lichkeit, von hundert Sclavenhaͤnden bedient zu werden? Als ich heute meinen Vater in den — 2 Circus folgte, umringten zwanzig ſchwarze und zwanzig weiſſe Maͤdchen meinen Tragſeſſel, und es haͤtte mir leid thun ſollen, wenn ſie minder ſchoͤn, minder praͤchtig gekleidet geweſen waͤren, als die der andern Roͤmerinnen, die uns begeg⸗ neten. Sie trugen, wie das gewoͤhnlich iſt, die Geſchenke zur Schau, die mir der Vater heut' an meinem Tage verehrt hat: koͤſtliche tyriſche Schleier, mit goldenen Drachengeſtalten umſaͤumt; murhiniſche Gefaͤße, von ſeltner Koſt⸗ barkeit; ſilberne Spiegel und ſeltne Voͤgel aus den Inſeln, und Vaſen mit arabiſchen Salben. Sprich, iſt dieſes nicht beſſer, als das Geſchick, unbemerkt unter der Menge zu gehen? Alles fluͤſterte um mich her: Wie? dieſe Geſchenke der neuen Reburria? Nur ein Annicier kann ſo begaben! Toͤnte dies nicht wohllautender, als etwa die Frage: Wer iſt denn dieſe? gebt Acht, daß ſie uns nicht zu nahe komme! Es mag denn alſo einſtweilen bleiben, wie es iſt; meiner Weichherzigkeit will ich durch reiche Spenden an die, welche nicht reich ſind, gelindes Oel auflegen, und was das Schickſal meiner Sclaven anbelangt— nun, dies liegt ja 3—— in meinen Haͤnden. Leben meine Maͤdchen nicht wie kleine Koͤniginnen? fuͤhlt eine die Geißel? verirrt ſich meine Hand je in ihre ſeidenen Locken? zeichne ich ihre zarten Wan⸗ gen je mit Blut, wie meine Baſe, Junia Plautilla, und mit ihr ſo viele andre thun? Nein, immer bin ich mild und verzeihend; eine oder zwei ruͤhmliche Handlungen, ſo ſind ſie meine Freigelaßnen, und heißen Annicierinnen; ich genieße nichts, das ſie nicht auch genießen; und was ſage ich? nicht allein dieſe lieben Geſchoͤpfe, die uns ſo theuer ſind, weil ſie unſrer Eitelkeit froͤhnen, genießen bei mir goldne Tage, nein, auch der Fremde, auch der ganz Arme hat hier in der Stadt der Staͤdte Genuͤſſe, die unſere 5) Ahnherren, die Hercules und Agamemnon, nicht kannten. 3) Die Annicier waren die erſten unter den romiſchen Edeln; die andern ſtritten bloß um den zweiten Platz. Sie rechneten ihr Geſchlecht von Hercules und Agamemnon her; ohngefaͤhr hundert und ſechs und achtzig Jahr vor der chriſtlichen Zeitrechnung ward dieſer alte Adel durch die Praͤtorſchaft des großen Annicius, der den illyri⸗ ſchen Krieg endigte, wieder aufgefriſcht; von da 9 Als ich geſtern aus dem antoniniſchen Bade kam,(erſt ſeit ich fuͤr voͤllig erwachſen erklaͤrt bin, darf ich andre Baͤder, als die des annici⸗ ſchen Marmorpalaſts beſuchen,) da ſahe ich eine Menge ſchmutziger, zerlumpter Elender das pompejaniſche verlaſſen, das fuͤr eins unſrer praͤchtigſten gehalten wird. Fuͤr eine kleine Kupfermuͤnze genießen dieſe von uns zu ſehr bedauerten Menſchen, was die Conſuln und Praͤtoren genießen. Ihnen fuͤllen dieſe unge⸗ heuern Aquadukten Becken von gruͤnem, numi⸗ diſchen Marmor mit heilſamen Stroͤmen; der Rachen dieſes ſilbernen Loͤwen erwaͤrmt die kalte Fluth mit heißem Waſſer ſowol fuͤr den Plebejer, als den Patricier; jene laͤchelnde Alabaſternymphe reicht ihre Schale mit koͤſt⸗ an fehlte es dieſem Hauſe nie an conſulariſchen Ehrenzeichen.*) Claudian beſingt zwei anniciſche Juͤnglinge, die beide zugleich Conſuln waren. Ihr Reichthum glich ihrer Hoheit; der Marmor des anniciſchen Palaſts wurde ſprichwoͤrtlich ge⸗ braucht, um den hoͤchſten Grad von Pracht aus⸗ zudruͤcken. *) Per fasces numerantur avi, ſagt Clandian von dieſem Hauſe. 10 licher Salbe auch ihm dar, und die ganze ſchwelgeriſche Scene, die ihm Koͤnige beneiden moͤchten, laͤßt ihn wenigſtens auf gluͤckliche Stunden vergeſſen, daß er nicht iſt, was aus Andern geneigtere Sterne gemacht haben. Proba, die, wie ſie pflegt, meinem Griffel mit dem Auge folgt, unterbricht mich hier, um fortzufahren.— Nicht auf gluͤckliche Stunden, Arinthia, nein, auf ungluͤckliche ganze Tage vergeſſen ſie ihr Loos. Sie fuͤhlen's nicht, daß ſie ewig die Nackenden und Zerlumpten bleiben, obgleich die Stadt der Welt, das ewige Rom, reich genug iſt, allen ſeinen Soͤhnen um Arbeit Wohlſtand zu geben. Dieſe Wohlgeſalbten und Wohlgebadeten haben voͤllig genug mit dem Genuß einiger wolluͤſtigen Augenblicke. Die wenigen Obolen, die ihnen etwa noch uͤbrig ſind, verwenden ſie auf den Genuß einiger Tropfen warmer Getraͤnke, einiger Biſſen ge⸗ wuͤrzter Speiſen, die den Hunger ſtillen, ohne den Leib zu naͤhren: dann ſchlendern ſie hin den ganzen Tag durch die Straßen, nach dem Forum, in die Schauſpiele, hoͤren Neuigkeiten 11 oder erdenken dergleichen, kennen keine Arbeit, wenn es nicht irgend einem Reichen einfaͤllt, ſie zu leidlich bezahlten, die Menſchheit ernie⸗ drigenden Geſchaͤften zu dingen, damit ſie mor⸗ gen wieder baden, eſſen, trinken, muͤßig gehen koͤnnen, wie heute. Gewinnen ſie einen Tag etwas mehr durch ihre finſtern Handthierun⸗ gen, ſo koͤnnen ſie ſich morgen auch den Rei⸗ chen in der edeln Beſchaͤftigung mit Taͤflein und Wuͤrfeln zu ſpielen gleich ſtellen. Sie ſpielen bis in die Nacht, und verkriechen ſich dann in ſchmutzige Winkel zu den groͤbſten Genuͤſſen der Sinnlichkeit, waͤhrend Weib und Kinder in grenzenloſem Elend leben, und ſich ſelbſt in den Abgrund des Laſters ſtuͤrzen, oder das Loos unſerer niedrigſten Sclaven beneiden muͤſſen. O, Arinthia, dies iſt das ſittliche Elend der Kleinen; von dem der Großen laß mich ſchweigen. Ich zweifle, ob die gewuͤnſchte Gleichheit der gutmuͤthigen Laͤta hier etwas aͤndern wuͤrde: aber Gott wird richten und aͤndern; er laſſe dann meine Aſche in Frieden bei den Annicierinnen ruhen!— Dies hat die Mutter geſchrieben, meine 12 4 Arinthia; meine Thraͤnen endigen den Brief; ach, noch ganz andre, als ich der Mutter ver⸗ trauen darf! Schickſal, ende dieſe Verworren⸗ heit! Gieb mir Macht, nur ſo weit als dieſe Augen ſehen, als dieſe Haͤnde reichen koͤnnen, Menſchenelend zu lindern, das koͤrperliche und das geiſtige!— Ach, Arinthia, auch mein eignes! Ich bin nicht gluͤcklich, Arinthia! Wuͤnſche mir Licht in der Dunkelheit! Arinthia an Läta. Bewohnerin des anniciſchen Marmorpa⸗ laſts, ich verzeihe dir jede Spur von Eitelkeit, die dein Brief enthaͤlt, um deines milden, ſanften Herzens willen! Immer muͤſſe dieſes Herz gluͤcklich ſeyn! So lange es tugendhaft iſt, werden keine finſtern Traͤume dieſen Him⸗ mel truͤben koͤnnen. Zug vor Zug koͤnnte ich dir deine Schil⸗ derungen mit Gegenbildern aus unſrer Stadt der Staͤdte, dem hundertthuͤrmigen Conſtanti⸗ 13 nopel, beantworten; doch du magſt den blen⸗ denden Hof unſers liebenswuͤrdigen Kaiſers einſt ſelbſt ſehen! Waͤhrend euer Namenkaiſer, der ſchlummernde Honorius, 4) nie ſein Rom zu ſehen bekommt, und in ſeinem goldnen Kaͤfig der Sclav ſeiner Sclaven iſt, verſchoͤnt unſer 4) Honorius, der weichlichſte von den beiden ſchwachen, verwahrloßten Soͤhnen des großen Theo⸗ doſius. Aus Aberglauben verſchmaͤhte er, wie man ſagt, das Leben in der Kaiſerſtadt, und waͤhlte ſich das ſchöͤne Ravenna zum Sitz; dort ſchlummerte er unter den Schmeicheleien ſeiner Miniſter und Freigelaßnen, deren immer einer den andern verdraͤngte, ſein traͤges Leben hin, unbekannt mit dem, was in ſeinem Lande vor⸗ ging, unbekannt ſelbſt mit der Gefahr, bis ſie ihm ſo nahe war, daß er ihr immer nur durch neue Wunder einer guͤnſtigen Schickung entgehen konnte. Seine Schmeichler taͤuſchten ihn in dem Grade, daß er, bis zu Roms gaͤnzlichem Unter⸗ gang, den großen Alarich als einen Barbaren ver⸗ achtete, und ihm glaubte trotzen zu koͤnnen. Jene ungluͤckliche Stadt, die er zu retten zu ſchwach war, gab er dann ruhig den Verheerungen des Feindes Preis: gewaͤhrten ihm doch die Sumpfe von Ravenna, und das heimliche Einverſtaͤndniß ſeiner Selaven, einige perſoͤnliche Sicherheit. Seine gluͤcklichſte Spoche war, als nach des Ero⸗ berers Alarich Tode völlige Ruhe wiederkam, und der Nachfolger des Siegers, Adaulphus, durch 14— Herrſcher durch ſeine Gegenwart jede unſerer Freuden, und iſt er freylich noch lange kein Eben⸗ bild ſeines großen Vaters, ſo kann er es doch leichter werden, als ſein ſchwachſinniger Bruder! Arcadius—— Doch was ſoll ich von ihm ſchreiben, ich, die ihn ja ſo wenig geſe⸗ hen hat! Was kuͤmmert mich der Kaiſer; laß mich von gemeinern Dingen reden. Wiſſe, meine gute, wohlthaͤtige Laͤta, auch ich habe Gelegenheit zu einer guten Handlung gehabt. Arinthius, der gute Vater, der, wie du weißt, mir nichts abſchlaͤgt, verſtattete mir geſtern das erſtemal, mich liegend auf einem offenen Prachtbette durch acht rieſenhafte Kap⸗ padocier nach Hofe tragen zu laſſen; dies iſt, ſagt man, die Sitte bei euch, und wir neh⸗ men ſie an, nur daß wir, etwas beſcheidner als ihr, den Schleier, den dichteſten, den man Vermaͤhlung mit der kaiſerlichen Schweſter, Pla⸗ cidia, ihn ſein Pflanzenleben auf dem Throne ungeſtoͤrt beſchließen ließ. Arcadius, verwahrloßt und verweichlicht wie er, regierte zu Conſtantinopel mit etwas mehr Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit, jedoch ebenfalls nur unter dem Ein⸗ fluß ſeiner Gemalin und ſeiner Diener. — 15 in Lesbos webt, nicht zuruͤcklaſſen; er umhuͤllt den Baldachin und macht uns faſt unſichtbar. Der meinige war nicht dicht genug, um mir ein wildes Gedraͤng vor dem Palaſte des Ptolomaͤus unbemerkt zu laſſen. Es war faſt Nacht; ich ſandte einige Fackeln hin, und man brachte mir die Nachricht zuruͤck, jenes Haus habe wieder einen halbtodt geſtaͤupten Selaven auf die Straße geworfen. Mein Mitlleid erwachte, einige Toͤne eines durchdringenden Schmerzgeſchreies, die aus der Ferne in mein Ohr drangen, vollendeten meine Nuͤhrung, ich dachte an dich, und gebot, jenes elende Geſchoͤpf aufzuheben und in unſern Palaſt zu bringen. Der heiſere, gellende Ton jenes Jammer⸗ geſchreis, ließ mich waͤhnen, ein Weib gerettet zu haben, und ich forderte, als ich dieſen Mor⸗ gen aus dem Bade kam, jene Elende zu ſehen. Meine Maͤdchen lachten und verſicherten, daß ich keine große Urſach habe, mich meines Funds zu freuen; dieſer Menſch ſei wahr⸗ ſcheinlich um großer Verbrechen willen ausge⸗ worfen worden; ich duͤrfe ihn nur ſehen, um dies zu erkennen.. Daß ich einen Mann nicht an meinen Putz⸗ tiſch konnte kommen laſſen, begreifſt du; ich hies die Dirnen ſchweigen; es iſt die Art die⸗ ſer Menſchen, uns den Genuß guter Handlungen dadurch zu verbittern, daß ſie uns zu verſtehen geben, jede Wohlthat, die nicht ihnen erzeigt wird, ſei verloren: aber den Vater habe ich gebeten, mit Ptolomaͤus hieruͤber zu ſprechen; ich glaube, man haͤlt es hier fuͤr eine Art Beleidigung, die Wunden zu heilen, die ein Herr ſeinem Sclaven ſchlägt. Grauſamer Wahn! er ſoll mich nicht hindern, menſchlich zu han⸗ deln! Ptolomaͤus muß dieſen Sclaven mir ſchenken: er wird mir treu ſeyn! Er kann unſer Botſchafter werden bei kuͤnftigen Briefen. Arinthia an Proba. Glaubſt du, theure Mutter, daß ich je die goldnen Tage meiner Kindheit vergeſſen koͤnne? du, der ich alles danke?— Was macht mein holder Marcus, deſſen Bild du mir ſo freund⸗ lich zuruͤckrufſt? Lebhaft ſchwebt er mir noch 17 vor Augen. Noch ſehe ich ihn, als er an jenem Tage die Knabenkleidung mit dem Ge⸗ wande des Juͤnglings verwechſelte. Sein wei⸗ ches Haar, das vormals den Goͤttern gebuͤhrte, opferte er mir; o ſuͤße, unvergeßliche Gabe! Sie ruht an meinem Herzen! O moͤchte er ſchnell heranwachſen, um ſeine Rechte auf dieſes Herz geltend zu machen! Wir ſind beide noch ſehr jung, und ob ich gleich heute ſchon aufgefordert werden kann, einem Ge⸗ mahl zu folgen, ſo giebt ihm doch der ſtolze, drohende Name, den man ihm beilegte, kein Jahr mehr, als er hat.— Sage meinem klei⸗ nen Fabunius, daß er eile, durch Thaten den Fehler des Schickſals zu verbeſſern, das ihn ſo ſpaͤt in die Welt rief. Der große Marrel⸗ lus, Druſus Liviens Sohn, unſer Anherr der große Alcides, zeigten fruͤh, was ſie werden ſollten; Schrecken und Retter der Welt! O was koͤnnte Marcus Annicius jetzt ſchon ſeyn, waͤre er nicht noch ein halbes Kind! Maͤnner, wie er einſt werden wird, koͤnnten Beiſpiele ſeyn fuͤr unſere jungen Kaiſer! Wie ſehr brauchtet ihr ihn dort fuͤr euren Schlum⸗ Selene II. 4. H. 2 18 mernden auf dem Throne! Was koͤnnte er un⸗ ſerm Arcadius werden! dieſem Halbgott, dem die Natur keine Heldenſeele einhauchte! Wollte die große Mutter, die ewig Wahre, uns mit einer Heldenform taͤuſchen? Nein, ſie konnte unmoͤglich in Bildung dieſer himmliſchen Ge⸗ ſtalt eine Luͤge zur Abſicht haben! Hier ſchlummert nur der Funke der Gottheit; ein Knabe, wie mein Marcus, koͤnnte ſie in dieſem goͤttlichen Juͤnglinge erwecken. Jahre meſſen nicht den Werth des Menſchen! o daß Mar⸗ cus jetzt hier waͤre, ſeine Erziehung mit meinen Bruͤdern zu vollenden, und unſern Arcad mit ſich auf die Bahn der Heldengröße zu reißen! Proba, du merkſt, daß ich hier mein eig⸗ nes Gluͤck im Auge habe. Waͤre Mareus hier, Arinthius wuͤrde ſeine Tochter nicht mehr mit ihrer Leidenſchaft fuͤr ein halbes Kind hoͤhnen, und mein Herz mit der Nennung andrer, die nichts als einige Luſtra vor ihm voraushaben, verwunden. Traue mir zu, daß ich Kraft habe, mich zu widerſetzen, und Schlauigkeit, den Zwang 19 zu umgehen; aber— Marcus Gegenwart waͤre doch beſſer. Laß dir hier etwas vertrauen; ganz troſt⸗ los uͤber Arinthius Abſichten, iſt mir Troſt von einer Seite gekommen, wo ich nicht glaubte, daß mir Unterſtuͤtzung und Belehrung erwach⸗ ſen wuͤrde. Sicher bleibt keine gute That un⸗ vergolten. O was iſt mir jener gerettete Sclave theuer! was lerne ich durch ſeine Erzaͤhlungen von den Wegen der Menſchen, die freilich etwas anders ſind, als ihr Muͤtter ſie uns ſchildert! Dieſer einnehmende Redner, dieſer Eutrop iſt oft in meinem Frauenzimmer, und ich erlaube es meinen Maͤdchen, ſich mit ihm zu unterhal⸗ ten. Ich lerne aus ſeinen Erzaͤhlungen, daß Mareus nicht verzagen darf, ob mich auch der Vater einem andern beſtimmte. — Proba an Arinthia. Arinthia, du liebſt deinen Marcus, und du wagſt ihn zu ſchmaͤhen? Liebe erhoͤht den geliebten Gegenſtand zu ſich ſelbſt, du verach⸗ 20 teſt den Freund deiner Jugend neben dir? Lei⸗ denſchaft thut noch mehr: ſie reißt alle Graͤn⸗ zen nieder, ſie iſt blind fuͤr jede Hinderung, und hat ſchon geſiegt, ehe ſie noch Gefahr ahn⸗ dete! Kaltes, zaghaftes Wohlwollen iſt dein Gefuͤhl fuͤr Marcus; wagſt du es Leidenſchaft zu nennen? Taͤuſche dich nicht, ungluͤckliches Maͤdchen, du gehſt dahin in einem Rauſche, der dich einem Abgrunde entgegenfuͤhrt. Indem du deinem Mareus ſchmeichelſt, hoͤhneſt du ihn; Arcadius, jene Heldenform ohne Geiſt, mit welcher dich nicht die Natur, nein, dein eignes Herz be⸗ trog, herrſcht in dieſem Herzen. Oder ſoll ich das noch ſchimpflichere annehmen? Dieſer ein⸗ nehmende Sclav mit ſeinen verfuͤhreriſchen Er⸗ zaͤhlungen, was iſt er dir vielleicht jetzt ſchon, was kann er dir noch werden? Man ſagt viel bei uns, Arinthia, von den griechiſchen Sitten, zu denen ihr zeitig angelehrt werdet! Arinthia waͤr nicht die erſte Kaiſerin, die einen Zephirin beguͤnſtigte. 3 Deines Vaters Zwang?— Erroͤthe, Arin⸗ thia, dich uͤber ſolchen zu beſchweren, du, die 21 du ihm ſelbſt das Unanſtaͤndige abheiſchen darfſt: Geſellſchaft eines ausgeſtoßenen Sclaven im Frauenzimmer! Vergunſt, dich, eine Jung⸗ frau, auf offnem Prachtbette zur Schau tra⸗ gen zu laſſen! Bei uns wagen dieſes nur ſelten vermaͤhlte Frauen, und in unſern chriſtlichen Tagen nicht allemal die ſittlichſten! Der les⸗ biſche Schleier hilft dir nicht, meine Augen durchdringen ihn. Meinen Mareus betreffend, ſo bleibt er hier, mich mit den Fruͤchten einer vollendeten Erziehung zu erfreuen, die er nicht erſt mit deinen unmuͤndigen Bruͤdern zu thei⸗ len braucht.. Heilige Tugend! Eutrop iſt einnehmend, Arcad ein Halbgott, Marcus ein Kind, Arin⸗ thia in ihrem ſiebzehnten Jahre eine vollendete, uͤberreife Griechin! aus dieſen vier Dingen, welch ein Ganzes!— Urtheile, Verblendete, mit wie ſchwerem Herzen deine Mutter dieſen Brief endet. Arinthia an Laͤta. Frage den Boten, den ich dir ſende, wie es mir ergeht. Er uͤberreicht dir mit dieſem auch den Brief deiner Mutter. Du ſiehſt in ihm die Urſach vielleicht meines Todes.— Heilige Gottheit, ſo verkannt zu werden! dies muß das Herz der Unſchuld brechen! Den Boten laß vor dich kommen, ſiehe ihn an, betrachte ihn genau, er iſt meine leben⸗ dige Schutzſchrift gegen die Anfaͤlle derjenigen, die mir bisher die Liebſte war, zu deren Ur⸗ theil mein Herz fluͤchtete, vor eigenem, oft zu ſtrengem Tadel! O Laͤta, welch ein Abgrund von Verwor⸗ fenheit muß euer Rom ſeyn! Die Farben zu meinem Bilde wurden bei euch gefunden. Komm zu uns, Laͤta! Rette dich! Im In⸗ nern unſers Hauſes wohnt noch Reinheit und Tugend. Proba an Arinthia. Dein Bote iſt zu uns gekommen, und der Anblick dieſes halbmenſchlichen Ungeheuers rechtfertigt dich gegen einen Theil meiner Be⸗ ſorgniſſe. Eutrop iſt kein Paris, der eine He⸗ lena verfuͤhren wird; aber iſt er auch kein Soͤldner des Laſters mit Gift auf den wohl⸗ redenden Lippen? Zu zweifelhaften Worten hat er dich bereits verleitet; die hoͤchſte Liebe, die Liebe einer Mutter, mußte an dir irre werden. Huͤte, huͤte dich nun; zweifelhafte Handlungen folgen nach! Arinthia, iſt dir's wirklich moͤg⸗ lich, mit der Mutter deines Marcus uͤber das Wort treuer Mahnung zu zuͤrnen?— Toch⸗ ter des großen Alcides, erwache! du ſtehſt am Scheidewege! Dieſer große Augenblick muß dir durch keinen taͤuſchenden Nebel verdunkelt werden!. Frage dein Herz: iſts Wahrheit, was hier der Schwaͤtzer keinem verhehlt? Arinthia hat nicht den ſchoͤnen Arcadius allein bemerkt; ſie 24 iſt auch von ihm bemerkt worden! Warum verſchweigſt du mir dieſes? Eine kleine, maͤd⸗ chenhafte Freude uͤber ſein entzuͤcktes Lob haͤtte ich dir ja wol gegoͤnnt, aber Verhehlung die⸗ ſer Kleinigkeit vor der alten Vertrauten deines Herzens, zeigt von Schuld. Erzaͤhlenswerther war das Lob deines Kaiſers allemal, als die Ge⸗ ſchichte eines Sclaven, den du dem Clau⸗ dius Ptolomaͤus geraubt haſt. Eile, ihn zuruͤckzurufen, dieſen Eutrop! Mir ekelt vor ſeinem Anblick, und Ungluͤck leſe ich in ſeinem Tigerauge, Ungluͤck fuͤr uns alle. 3 Arinthia zur Antwort. Meinetwegen ſei ruhig, Annicia Proba! Daß Arcadius mich bemerkte, erfuhr ich durch dich zuerſt. Es kann ſeyn; ich bins gewohnt, bemerkt zu werden. Eutrop iſt nicht mein, er gehoͤrt meinem Vater; er wird zuruͤckkehren, wenn er deſſen 25 Geſchaͤfte in Rom, zu denen er manchen Auf⸗ trag erhielt, beendigt hat. Fuͤr die muͤtterliche Weiſung danke ich; wir ſtehen jeden Tag unſers Lebens an einem Scheidewege, wo Wahrheit und Irthum uns die Hand bieten; ſelbſt gehaͤufte Jahre, An⸗ nicia, ſchuͤtzen uns nicht vor falſcher Wahl. Du ſelbſt konnteſt an dem Herzen, das du ge⸗ bildet haſt, irre werden. Stolzes, reines Herz, wirſt du das je vergeſſen? Und ich— auch ich ſtand am Scheide⸗ wege. Um meinem Marrus treu zu bleiben, wollte ich mich dem endloſen Argwohne einer eiferſuͤchtigen Mutter entgegen ſtellen. Zu rein, ihn zu verdienen, zu ſtolz, ihn zu ertragen, was wuͤrde in dieſem Hauſe aus mir gewor⸗ den ſeyn! Marcus! mein Marcus! dir muß ich alſo entſagen? Laͤta an Arinthia. Laß mir ihn, deinen wunderbaren Sclaven! Nie habe ich einen Menſchen geſehen, der auf eine kurzweiligere Art haͤßlich iſt, als dieſer Eutrop, und nie wird er mir kurzweiliger, als wenn er mir ſagt, daß er vordem ſo ſchoͤn war als Antinous, und es wagt, im ſeligen Gefuͤhl vormaliger Reize, ſich in eine mei⸗ ner Maͤdchen zu verlieben. Ich kann den Dir⸗ nen die unſchaͤdlichen Poſſen mit ihm nicht mißgoͤnnen; auch mich beluſtigen ſie. Die Mut⸗ ter haßt ihn, aber Annicius kann ihn leiden, und er begleitet mich uͤberall. Es iſt Sitte bei uns Roͤmerinnen, eigene Schoͤnheit durch Begleiter von ſeiner Figur zu heben, und ich kann mich ruͤhmen, keine laͤßt ſich den Son⸗ nenſchein oder den Pfauenwedel durch ein un⸗ foͤrmlicheres Ungeheuer nachtragen, als ich. Dieſe aufgeſchwollene Rieſengeſtalt, von gleicher Hoͤhe und Breite, dieſes ſchlaffe, geiſterbleiche Geſicht, dieſe erloſchenen Augen, dieſer weite, zahnloſe 27 . 2⁷ Mund, dieſe bis zu der faſt unſichtbaren Naſe herabgeſunkene Stirn, dieſes duͤnne, wie vom Feuer verſengte Haar— nein, du findeſt auf dem ganzen Markte der Haͤßlichen ⁵) keinen ſeines Gleichen, und hat man einmal den Ekel uͤberwunden, den ich durch praͤchtige Kleider zu mindern ſuche, ſo thut einem das Lachen wohl, das jede ſeiner Bewegungen erregt. Meine Sclavinnen legen ihrem Antinous oft Frauenkleider an, nicht eben zur Kurzweil allein, ſondern weil uns der Schleier, der dann ſein abenteuerliches Geſicht verhuͤllt, noͤthig iſt, ſo vieles Feine, Unterhaltende, ſelbſt mo⸗ raliſch Gute, das er vorbringt, wenn er un⸗ ſers Lachens muͤde iſt, mit Faſſung anzuhoͤren. Da Eutrop uͤberall an meiner Seite iſt, ſo kannſt du denken, daß ich ihn auch mit zu der Prinzeſſin genommen habe 6). Er begleitete 5) Ein eigener Markt der Mißgeſchaffenen war in Rom. Die hoͤchſte, vollendetſte Ungeſtalt ſtand oft hier mit Schoͤnheit in gleichem Werth. 6) Serena, angenommene Tochter des kaiſerli⸗ chen Hauſes; daher ihr der Name, Prinzeſſin. Sie 28 mich mit mehr Freude zu ihr, als an irgend einen Ort, aber nichts konnte ihn bewegen, ſich ihr zu zeigen; er blieb, demuͤthiger als er ſonſt pflegt, unter ihren Sclaven. war die Wittwe des großen Stilico, des einzigen Helden, vor welchem Alarich zitterte. Auch Sti⸗ lico ward am Ende, ſeiner Verdienſte um das Reich ungeachtet, das Opfer der Hofkabale. Ver⸗ raͤtherei, wovon ihn nicht allein ſein Lobredner, Claudian, ſondern auch Zoſimus gaͤnzlich freiſpricht, und Verdacht des Arianismus, waren der Vor⸗ wand ſeines Todes. Der feige Heraclian, der nach Alarichs Tode, bei unglaublichen Vortheilen flohe, ohne von irgend etwas gejagt zu ſeyn, als von ſeinem Gewiſſen, vergoß das Blut des Helden. Man kann ſeinen Heereszug nicht ohne laͤchelnde Verachtung leſen; eine raͤchende Nemeſis ließ viel⸗ leicht damals Stilicos Schatten vor ihm uͤberge⸗ hen. S. Orosius und Idarius, wovon Gibbons, Tom. V. p. 277. Serena, ein Engel an Schoͤnheit und Guͤte, wenn wir Claudians Laudes dieſer Dame anneh⸗ men, lebte nach dem Tode ihres Gemahls in wphl⸗ thaͤtiger Stille. Man ehrte ſie oͤffentlich und fuͤrchtete ſie insgeheim wegen ihrer großen Eigen⸗ ſchaften. Die Chriſten nannten ſie eine Arianerin und glaubten ſie mit dem Arianer Alarich ein⸗ verſtanden. Die Heiden konnten ihr nicht vergeſ⸗ ſen, daß, als Stilico die Tempel der alten roͤmi⸗ ſchen Goͤtter zerſtoͤrte, ihr mit allgemeiner Bewil⸗ — 29 Aber ſie ſowol als Demetrias muͤſſen von ihm wiſſen; ihre Stimme iſt die Stimme der Mutter: beide warnten vor ihm, und Serena mit beſonderm Nachdruck. Aus Serena ſpricht nicht Eigenſinn und die Graͤmlichkeit des Alters: ſie iſt nur alt an ſchmerzlichen Erfahrungen; doch machen nicht auch dieſe bitter und ungerecht?— Laß mir ihn alſo nur noch einige Zeit. Seine Erzaͤhlungen ſind bezaubernd. Auch von dir ſagt er uns viel, das du uns eben nicht ge⸗ ſtehſt. Laß es gut ſeyn. Marcus iſt gegen dich ein Kind, ſo ſehr ihn Streben nach Ruhm auch gehoben hat, und dir winket vielleicht einſt die Herrſchaft uͤber die Haͤlfte der Welt. ligung viel von deren Schmuck verehrt wurde; beſonders wurde ſie um das unſchaͤtzbare Halsband der Veſta beneidet. Auch die Verbrennung der drei letzten ſybilliniſchen Buͤcher wurde auf ihre Rechnung geſchrieben, da ſie doch aus einer Eigen⸗ heit, die ſie mit allen Frauen gemein hatte, dieſel⸗ ben lieber haͤtte retten möogen!— Dieſe heimli⸗ chen Beſchuldigungen ſprachen in der Folge der Unſchuldigen das Todesurtheil. 30— 7) Eutrop an Arinthia. Darf ſich der Selav erkuͤhnen, einige Worte an ſeine erhabene Gebieterin zu richten? Die hohe Reburria Maxima, zu deren Fuͤßen mich 7) Eutrop wird hier ſo oft genannt, daß wir nicht umhin koͤnnen, zu bemerken, daß alles We⸗ ſentliche, was hier von ihm geſagt wird, die Buͤrgſchaft gleichzeitiger Schriftſteller vor ſich hat. Claudian und Chryſoſtomus bezeugen ſeine Haͤß⸗ lichkeit und Verworfenheit. Zehnmal verkauft und verſtoßen, brachte er ſeine ſchoͤnere Lebenszeit in Ptolomaͤus Hauſe zu und ward daſelbſt zu dem Ungeheuer, dem, nach Claudian, alle andern wichen, und dem, nach dem heiligen Chryſoſtomus, nur die Schminke abgewaſchen werden durfte, um es zu dem haͤßlichſten zu machen, das die Natur kennt. Dieſes halbmenſchliche Weſen erſchlich ſich in der Epoche, mit welcher ſich dieſe Blatter endigen, nichts deſto weniger das Wohlwollen jenes Heili⸗ gen, und die Gunſt des Kaiſers; erhielt das Patriciat und die conſulariſche Wuͤrde, ſchwelgte in dem Reichthum der Nationen, und ſiel erſt ſpaͤt als das Rachopfer einer Kaiſerin, die ihm die Krone dankte. Auch den Umſtand, daß Eutrop aus Ptolomaͤus Dienſten in die Dienſte des Feldherrn Arinthius das Schickſal gefuͤhrt hat, verlangt es von mir; ſie kann nicht begreifen, daß dieſe nie⸗ drige Hand, blos beſtimmt zu den demuͤthi⸗ gendſten Geſchaͤften, auch den Griffel zu fuͤh⸗ ren weiß. O Arinthia, fern ſei es dem Staube, ſich gegen dich zu ruͤhmen: aber du kannſt erfah⸗ ren, wer ich ehemals im Hauſe des Ptolomaͤus war. Undank gegen alle treue Dienſte, nicht Unwerth wars, was mich auswarf. Jetzt, durch die Hand eines guten Gluͤcks zu den Fuͤßen zweier Huldgoͤttinnen erhoͤht, wage ich es, Wie⸗ derkehr beſſerer Tage zu hoffen. O Arinthia, du entriſſeſt mich dem Tode, du lehrteſt mich die ſchoͤne Roma und in ihr die noch ſchoͤnere Laͤta, kam, und der ſchoͤnen Arinthia als ein Theil ihrer Mitgabe in das Haus ihres Gemahls folgte, be⸗ ſtaͤtigt Claudian, ſo wie ſeine Einwuͤrkung auf die Schickſale ihres Lebens und ihren Tod; ſelbſt die ſpottende Beileidsbezeigung im Namen des Kai⸗ ſers iſt nicht erdichtet. Nachdem Claudian alle ungeheure, unheilsvolle Scenen jener merkwuͤrdigen Periode hergerechnet hat, ſchließt er, von Eutrop redend: Omnia cesserunt eunucho consule monstra. 32 die nur dir an Reizen weicht, kennen; thue noch mehr an deinem Sclaven: laß mich nicht laͤnger den Antinous dieſer Dirnen ſeyn. Ket⸗ ten kann ich tragen, aber keinen Hohn! Arin⸗ thia! goͤttliche Arinthia! rufe mich zuruͤck, un⸗ ter deinen Augen zu leben. Eutrop an Arinthia. Du verlangſt es, Goͤttin der Schoͤnheit, und der arme Eutrop faßt noch einmal den Griffel, Worte zu zeichnen, die von deinen himm⸗ liſchen Augen geleſen werden ſollen. Schwer wird es mir, den ungeheuern Abſtand zwiſchen dir und mir zu vergeſſen, und dir, wie du verlangſt, mit einiger Freiheit zu ſchreiben; aber rufſt du mich zuruͤck, von deiner, weit min⸗ der ſchoͤnen und edeln Freundin, zu dir, der ich einzig angehoͤre, ſo iſt dieſe Anſtrengung hinlaͤnglich belohnt. Faſt zu grauſam iſt das Spiel, das man ſich hier mit meiner ungluͤcklichen Geſtalt er⸗ laubt; grauſam iſts, und gefaͤhrlich. Kein 3³ Weſen iſt ſo elend, dem die Gottheit nicht Vergeltungsmacht verlieh. Um mich indeſſen einzuſchlaͤfern, laͤßt Laͤta, deren Zartheit ich nicht mit den ihr beigelegten Prunknamen hoͤhnen will, mir es nicht an al⸗ lerlei Verzierungen fehlen; ich trage die Klei⸗ dung ihrer Freigelaſſenen, ich ſchwelge in dem Ueberfluß des anniciſchen Hauſes genug, ich genieße faſt alles, was du deine beguͤnſtigſten Selaven genießen laͤſſeſt, und einen hoͤhern Ge⸗ nuß, als ich je kannte, gewaͤhrt mir der An⸗ blick der roͤmiſchen öͤffentlichen Spiele. Conſtantinopel, Gebieterin, iſt einzig in ſeiner Art; nur in dieſen Darſtellungen wird ſie von ihrer Schweſter uͤbertroffen. Du warſt zu jung, als du Rom verließeſt, um etwas von dieſen Wundern zu wiſſen, auch werden in dem Hauſe der Annicier deinem Ge⸗ ſchlechte zu enge Graͤnzen gezogen; du wirſt dir, kommſt du je in daſſelbe, nie einen Be⸗ griff von dieſen Dingen machen koͤnnen, wenn du, wie Laͤta, deine Huͤter nicht heimlich zu taͤuſchen weißt. Erlaube mir alſo einige Zuͤge dieſes Gemaͤldes; dir es ganz zu geben, waͤre Selene II. 4. H⸗ 3 34— Verletzung deines Zartgefuͤhls. Du wuͤrdeſt nicht durch Erzaͤhlung vernehmen moͤgen, was Frauen und Jungfrauen hier mit verſtohlner Luͤſtern⸗ heit zu ſehen wagen. O ſanfte Arinthia, der Roͤmer verſchwen⸗ det bei ſeinen Feſten nicht nur Gold, nein, auch das koſtbarſte, was die Gottheit dem Menſchen anvertraute— das Blut ſeiner Bruͤ⸗ der. Zwar ſind es nur Sclaven, die er ſei⸗ nen Luͤſten opfert, doch— Arinthia iſt eine CEhriſtin, vor ihr darf ich dieſen Ungluͤcklichen wol jenen erhebenden Namen beilegen. Ich muß hier die Berechnung oft hoͤren: dieſes Schauſpiel, dieſe Anſtalten zu jenem Feſte haben— nicht ſo viel hundert Pfund Gold — nein, ſo und ſo viel hundert barbariſchen Sclaven das Leben gekoſtet. Die eigentlichen Fechterſpiele ſind zu Ehren der ſanfteſten, men⸗ ſchenfreundlichſten Religion aufgehoben; aber nicht ſelten hoͤre ich von chriſtlichen Lippen den Ausruf, daß dies Schade ſei! Ach, Arinthia, von weiblichen, ſehr holden Lippen hoͤrte ich ihn! Laß mich die Sprecherin verſchweigen! Leichter iſt es, ſanft ſchreiben, als handeln! 3⁵ Was mich anbelangt, den man ja oft, weil man meine Abkunft nicht kennt, einen barbari⸗ riſchen Sclaven nennt, ſo darf ich dir wol geſtehen, daß ich dieſe Spiele, die blutigen, bis zur Raſerei liebe. Moͤchte ich nur dieſe uͤbermuͤthigen Kinder des Gluͤcks, die, weil ſie Chriſten ſind, an keine raͤchende Nemeſis glau⸗ ben duͤrfen, mit den afrikaniſchen Ungeheuern, an der Stelle ihrer Sclaven kaͤmpfen ſehen! Der Circus iſt und bleibt der Ort, der meine ganze Seele anzieht; er iſt meine Hei⸗ math, mein Tempel und mein Alles; ganze Naͤchte verwache ich unter dem großen Porti⸗ cus, damit, wenn der Anbruch des Tages die Menge hereinſtroͤmen laͤßt, mein Platz, ohne empfangene oder gegebene Fauſtſchlaͤge, der beſte ſei. Dergleichen Rangſtreitigkeiten unter der Klaſſe von Menſchen, in welche dein demuͤthi⸗ ger Selave jetzt geſchleudert iſt, ſind oft blutig genug, um der wachſenden Menge einen er⸗ goͤtzlichen Vorgenuß des Hauptſchauſpiels zu geben. Endlich iſt alles in Ordnung; viermal hun⸗ derttauſend Menſchen ſitzen in ſich uͤber einan⸗ 36 der zu den Wolken erhebenden Kreiſen, um un⸗ ter den Beſchwerlichkeiten des offenen Himmels den Augenblick zu erwarten, da ſich unter Trompetenſchall das Hauptthor oͤffnet, und die unabſehbare Reihe, von auf goldenen Wagen gezogenen Roͤmern herein laͤßt, die um den hoͤchſten Preis ſtreiten wollen. Du ſiehſt, Gebieterin, ich ſchildere dir nur eins der ſchoͤnern, meiſtens unblutigen Schau⸗ ſpiele: ein roͤmiſches Wettrennen; beſonders lebhaft iſt mir dieſes im Gedaͤchtniß geblieben, durch den entzuͤckenden Anblick, den mir das letzte gewaͤhrte. O% Arinthia, das Haus, in das mich deine Guͤte gebracht hat, kann auf ſeine Kinder ſtolz ſeyn! iſt Laͤta eine Hebe, was iſt denn dieſer Marcus, deſſen zarte Bluͤthe ſie mit den mil⸗ den Namen Fabunius Annicianus entſtellt haben? O%O des holden Achills, der eben erſt Maͤd⸗ chenkleider ablegte! o des zarten Knaben an der Pforte des Juͤnglingsalters!— Iſt dies kein Phoͤbus, der die Sonnenroſſe lenkt; iſts kein Bacchus, der ſein Tigergeſpann bezaͤhmen kann: warum vertrautet ihr ſein Blumenleben —— 3 7 dieſen wilden Beſtien, die ihn im Fluge zum Ziel reißen? Doch die ſechs milchweißen, cap⸗ padoziſchen Roſſe, die den goldnen Wagen im Fluge davon fuͤhren, ſind gewoͤhnt an die zarte Knabenhand; jetzt naht der junge Halbgott dem Ziele: er ſiegt! er ſiegt! Laͤta und Junia Plau⸗ tilla holen freier Athem. Wie ich dir ſage, Gebieterin, der Lorbeer ward dieſer jugendlichen Stirn zu Theil. Die Wangen des jungen Siegers gluͤhten, denn ſchon legte er im Geiſte die Krone— die erſte, die er errang— der holden Junia Plautilla zu Fuͤßen, in deren blonden Locken ich ſie noch dieſen Abend von der Hand der ehrwuͤrdigen Annicia Proba mit unſchaͤtzbaren Juwelen durch⸗ wunden glaͤnzen ſeh. 8 Du ſiehſt, Arinthia, deine Freundinnen ehren jetzt deinen Sclaven gnugſam, um ihm den Anblick ihrer geheimſten Familienfreuden zu goͤnnen. Seit ich den Namen eines an⸗ niciſchen Freigelaſſenen fuͤhre, koͤnnte ich dir viel mittheilen! Das meiſte verſpare ich auf muͤndliche Erzaͤhlung. Dieſe Junia Plautilla ſteht alſo im Begriff 38 eine der Annicierinnen zu werden. Du ſollſt ſie als Kind gekannt, und ſie, wie viele an⸗ dre, nicht ſchoͤn gefunden haben; aber was wuͤrdeſt du jetzt ſagen?— Dieſe zarte Roſe, die ſich erſt zu voller Bluͤthe aufſchließt! O Arinthia, koͤnnte ich außer dir etwas ſchoͤn nen⸗ nen, ſo waͤre es Junia Plautilla! Faſt zu jung iſt ſie noch, einem Gemahl zu folgen: aber man ſtrebt fuͤr den jungen Kaiſer nach dieſer ſchoͤnen Beute; man wird die Feierlichkeit beſchleunigen muͤſſen. Hono⸗ rius und Marcus Annicius! welche Wahl! Ich kann nicht laͤugnen, ich aͤußerte Wunſch und Wahl fuͤr eine andere. Haͤtte Junia doch Kaiſerin werden moͤgen!— Doch jene, die ich dem jungen Annicier zudachte, ſoll nicht jung, nicht ſchoͤn, nicht hoch genug fuͤr ihn ſeyn; auch laͤſterte man die Reinheit ihrer Sit⸗ ten. Dieſes Kind, dieſe Junia, wird ſich frei⸗ lich williger unter Proba's Zuchtmeiſterſchaft ſchmiegen. 3) Attalus an Alarich. Deine Anſchlaͤge, groͤßter der Koͤnige, ge⸗ lingen zum Verwundern. Du lebſt und wuͤrkſt ſchon in allen, durch die goldenen Mittel, die du mir verliehſt. O Alarich, dein unuͤberwind⸗ liches Schwerdt iſt allein hinlaͤnglich, dir uͤber⸗ all den Weg zu bahnen, und Schonung iſt es, goͤttliche Menſchenliebe, daß du jenem raſtloſen Verheeren durch Mittel der Milde vorzuarbei⸗ ten ſtrebſt. Du ſpendeſt Gold, um Blut zu ſchonen! Unter dem demuͤthigen Namen eines gemei⸗ nen roͤmiſchen Ritters habe ich nun auch in den Haͤuſern mehrerer roͤmiſchen Großen Zutritt erhalten; was ich hier, da die Sichern mir, „. 8) Zoſimus und Sozomenes ſagen das meiſte von dieſem Attalus. Er war ein ephemeres Ge⸗ ſchöpf von Alarichs Gunſt; nicht lange, ſo ſandte dieſer die Spolien des ſchnell erhöhten und eben ſo ſchnell entthronten Kaiſers nach Conſtantinopel. Bei dem Brautzug der Koͤnigin Placidia ſinden wir ihn unter den— Floͤtenſpielern wieder. 49.— dem Unbemerkten, Unverdaͤchtigen, nichts ver⸗ bergen— was ich hier erlauſche, kann uns noch mehr nuͤtzen, als jene bezahlten Einwuͤrkungen in jeden Anſchlag, der in der ſogenannten Siadt der Staͤdte gefaßt wird. Meine Hebe habe ich denn endlich auch gefunden. Du ſahſt es nicht, dieſes Goͤtter⸗ bild, ſonſt wuͤrdeſt du mir den Wahn verge⸗ ben haben: dies koͤnne nichts ſeyn, als das Ideal eines von der Gottheit begeiſterten Bild⸗ ners. Als ich den anniciſchen Marmorpalaſt, die Wohnung des Groͤßten unter den hieſigen Großen, betrat, da erfuhr ich meinen Irrthum noch gewiſſer, als mir ihn der Maler Regins, der mein erſtes Entzuͤcken ſah, da ich jenes Wunderbild zuerſt auf dem Marsfelde erblickte, begreiflich machen konnte. O mein Koͤnig, iſt es dem, den du deinen Guͤnſtling nennſt, iſt es ihm erlaubt, dich nur ein wenig von ſeinen eigenen Angelegenheiten zu unterhalten? Sie ſind dir Unterpfand von der raſtloſen Betreibung der deinigen. Du kannteſt Weiberliebe nie, ihre Allmacht ſollſt r——:— 41 du in mir kennen lernen. Rom iſt dein, da⸗ mit dieſe goͤttliche Hebe mein werde! Als ich den großen Hof im Innern des Palaſts der Annicier betrat, der ziemlich dem kleinen Markt von Ravenna an Pracht und Umfang gleicht, da war das erſte das Bild meiner Goͤttin, das mir entgegen lachte. Ich fragte, und erfuhr ſehr leicht, daß es die ſchöne Laͤta, die Tochter des hohen Hauſes ſei, in welchem ich mich einfuͤhren ließ. O Goͤtter, kaum ließ mir die Freude, ihr nahe zu ſeyn, Faſſung, mich ſchicklich darzuſtellen. Meine Aufnahme war huldreich, wie am Throne eines herablaſſenden Koͤnigs! Annicius Pro⸗ bus geruhte zu bemerken, der goldene Ring an meiner Hand bezeichne wol etwas mehr, als einen roͤmiſchen Ritter; auch fiel mein Name auf. Man erinnerte ſich von einem Attalus, einem Guͤnſtling des großen Alarich, gehoͤrt zu haben. Ich kannte weder dieſen Attalus, noch dich perſoͤnlich, und hatte das Gluͤck, ganz unbefan⸗ gen von dir ſprechen zu hoͤren. O groͤßter der Koͤnige! ſelbſt deine Feinde verkennen nicht deinen Ruhm; ſchone, ſteht 42²2— einſt dein Fuß auf dem Nacken der ſtolzen Roma, ſchone das Haus der Annicier: es ehrt dich, ohne dich zu kennen! Auch die andern Roͤmer geſtehen dir alles zu, Macht, Groͤße, Adlersgeſchwindigkeit, Schlangenklugheit, Loͤ⸗ wenſtaͤrke, Unbeſiegtheit— nur die Unbe⸗ ſiegbarkeit nicht.— Sie werden ſie kennen lernen. Deine Perſon kennen ſie gar nicht; du koͤnnteſt unerkannt unter ihnen wandeln. Sie denken ſich den Helden voll Schoͤnheit und Kraft, in der Mitte maͤnnlicher Jahre, als einen unter den Waffen grau gewordenen Ne⸗ ſtor. Der Irrthum iſt denkbar. Sie meſſen deine Zeit nach deinen Thaten. Auch iſt perſoͤn⸗ liche Kenntniß deiner Heldengeſtalt unter deinen Feinden unmoͤglich; wer iſt je entkommen, den dein Schwerdt beruͤhrte! Derſelbe an Denſelben. Seit ich hier eingefuͤhrt ward, habe ich Vergunſt, taͤglich zu erſcheinen: dies iſt die ſtolze, verſchwenderiſche Sitte dieſer Uebermuͤthler, die ſich taͤglich in hundert kaum geſehenen Gaͤſten gefallen. Das zweite, dritte Mal hatte man ſchon meinen Namen vergeſſen; indeſſen gnuͤgte mein Wort, daß ich den Herrn geſehen habe, und von ihm aufgenommen ſei. Ich finde ſeitdem allemal meinen Platz an der Tafel be⸗ reit, und kann unbemerkt ein⸗ und ausgehen, wie jedes andre, bekannte, unſchaͤdliche Hausthier. Sie, den einzigen Endzweck meines unab⸗ laͤſſigen Kommens, da die deinigen laͤngſt erreicht ſind, ſie, meine goͤttliche Hebe, ſehe ich nie. Ich darf das Gefolg des großen Annicius ver⸗ mehren, wenn er ſich, von ſeinen Tiſchfreun⸗ den umringt, nach dem Schauſpiel erhebt: aber auch dort iſt Laͤta nicht; die Sittſame iſt weit weniger ſichtbar, als andere Roͤmerinnen. O mit welchen Opfern muß ich dies un⸗ 434 ablaͤſſige, nutzloſe Streben nach ihr erkaufen! Welche Unterhaltung bei der tagelangen Tafel! — Alarich! wir heißen Barbaren: aber glaube, wir halten mehr auf Wiſſenſchaft und Sitten, als dieſe gebildeten Roͤmer. Wie gern laͤßt Alarich ſich aus den Schriften der weiſen Al⸗ ten belehren! Annicius beſitzt die praͤchtigſte Sammlung der ſeltenſten Abſchriften dieſer Art: aber glaubſt du, daß je bei der Tafel hiervon die Rede ſei? Das einzige Buch, das ſie leſen, iſt etwa der wort⸗ und fabelreiche Ma⸗ rius Maximus. Die Seele der Gaͤſte iſt einzig bei den gefuͤllten Schuͤſſeln, und ſie allein bieten die Unterhaltung dar. „Dieſe goldene Schale mit Scoruslebern „— was meinſt du, Pagonius, daß ſie mich „koſtet?““ Der Gefragte antwortet dem Hausherrn natuͤrlich mit einer Schmeichelei, behauptet aber dennoch, daß dieſes koſtbare Gericht nicht mit einem ungeheuren Fiſche verglichen werden koͤnne, den er heute in Olympius Kuͤche geſe⸗ hen habe und morgen mit ihm zu verzehren hoffe. — 45 Olympius, der gegenwaͤrtig iſt, muß ſich gefallen laſſen, daß ein anderer Gaſt den naͤm⸗ lichen Fiſch noch theurer und groͤßer gekauft haben will. Es kommt zu einem beſcheidenen Streite, beide Fiſche werden gebracht, eine große ſilberne Wage, zu ſolchem Gebrauch al⸗ lemal bei der Hand, entſcheidet, und ein Po⸗ kal voll Chierwein begluͤckwuͤnſcht den Beſitzer des groͤßten Fiſches. Eine andere Unterhaltung bieten Stadtge⸗ ſchichten dar.„Popilius Plautus hat endlich ſei⸗ nen letzten Willen zum Beſten des verſchwenderi⸗ ſchen Neffen, der gegenwaͤrtig iſt, gemacht. Man begluͤckwuͤnſcht dieſen, und bittet ihn, etwas weiter zum Sitz des Hausherrn hinauf zu ruͤ⸗ cken. Doch ein anderer weiß, daß Popilius Gemahlin, von welcher ſein ganzer Reich⸗ thum ſich herſchreibt, am naͤmlichen Tage die naͤmliche Handlung zum beſten einer be⸗ jahrten Nichte vollzog. O waͤre die Erbin nur nicht ſo alt, ſo ließ ſich die Sache ja wol noch ausgleichen!— Einer der Paraſi⸗ ten behauptet, ihm ſei ein Mittel bewußt, dem Ungluͤck abzuhelfen; man dreht das Ganze ins 4— Laͤcherliche, doch der Erbe behaͤlt den Helfer wohl im Geſicht, und waͤhrend bei ſchallendem Gelaͤchter aͤhnliche Geſchichten genug Preis gegeben werden, verlieren ſich jene beiden, um ein Etwas zu bereden, das ſich vielleicht in ein paar Tagen aus ein paar ſchnellen Todes⸗ faͤllen muthmaßen laͤßt. Der Neffe macht nun ein Haus, trotz dem großen Annicius, und der helfende Freund iſt auf ewig ſein Haus⸗ genoſſe.— Laß mich zu dem Gemaͤlde, das du ver⸗ langſt, noch einige Zuͤge hinzuthun.— Dieſe Leute nennen ſich nun eigentlich Chriſten, ſo wie wir es ſind, nur daß ſie uns durch den Beinamen, arianiſche Barbaren, brandmarken; indeſſen ſcheuen ſie ſich nicht, bei jedem Thiere, das fuͤr ihre Kuͤche geſchlachtet wird, auf die Lage der Eingeweide zu merken, und keiner wuͤrde zu einem wichtigen Werke ſchreiten, wenn er nicht zuvor den Stand des Merkur, oder die Adſpekten des Monds beobachtet haͤtte. Wichtig iſt uͤbrigens bei ihnen manches, das uns Kleinigkeit duͤnkt. Es gehoͤrt freilich Muth dazu, an einem heißen Tage auf dem — 47 Lucriner See nach einem Landhauſe zu ſchiffen, das man etwa zu Puteoli hat. Kommt die vergoldete Gondel gluͤcklich an, ſo wird die Fahrt des Abends beim Pokal mit ſchmetzen⸗ den Liedern gefeiert, und das mit kriegeriſchem Ton einfallende Chor ſetzt die Expedition den Reiſen Alexanders und Caͤſars an die Seite. Hat aber der Sturmwind die ſeidenen Schutz⸗ waͤnde vor den Sonnenſtralen verſchoben, iſt die alabaſterne Hand der Dame des Hauſes durch die Hitze mit einem braunen Fleckchen entſtellt worden, ſind die Muͤcken unbeſcheiden geweſen, oder hat gar der Himmel einige Tro⸗ pfen fallen laſſen: o alsdann, welche Klagelie⸗ der! Lieber wollte man in dem Lande der Cimmerier, in den Reichen ewiger Nacht ge⸗ boren, als ſolchen Muͤhſeligkeiten ausgeſetzt ſeyn. Indeſſen ich heimlich der Ziererei lache, und deiner ruh⸗ und labungsloſen Feldzuͤge, o mein Koͤnig, gedenke, werden, nicht etwa zum Scherz, nein, im vollen Ernſt, alle, die das Amt ha⸗ ben, uͤber die Vorzeichen zu wachen, zur Rede geſtellt, und da gewoͤhnlich die Schmeichler des Hauſes, dem Warnungsamte vorſtehen, 48— ſo faͤllt bei ſolchen Gelegenheiten meiſtens einer derſelben auf Wochen und Monate in Ungnade. O Alarich, ſendet dich die Gottheit hieher, zu richten, ſo findeſt du ein ganz verweichlich⸗ tes Volk. Dein Sieg, durch Verraͤtherei er⸗ leichtert, die hier ſo leicht zu kaufen iſt, wird keiner der blutigſten ſeyn! Man mußte zuletzt Verdacht auf mich ha⸗ ben, oder man wurde meiner muͤde— genug, mein Anſehen fiel ſo ſehr, daß es mir nicht mehr gelang, mit dem Gefolge des großen An⸗ nicius in den Circus zu kommen, ſo oft ich ihn auch begleitete. Ein guͤnſtiges Schickſal wars, das mich noͤthigte alſo hier in die gemeinen Rechte der Menſchheit zuruͤckzutreten. Wenn ich den Tag nicht verfaͤumen wollte, da der Bruder meiner Laͤta, der ruͤſtige Juͤngling Marcus, um den Lorbeer kaͤmpfte: ſo mußte ich mich bequemen, mit andern Muͤßiggaͤngern eine Nacht unter dem großen Porticus zu verwachen. Dieſe verhaͤngnißvolle Nacht, o Koͤnig, entſcheidet uͤber Roms Schickſal, auch vielleicht uͤber das meinige. Ich habe unſern Eutropius — 49 wieder gefunden, der, ſeit er unſere Geſchaͤfte in Conſtantinopel ungluͤcklich genug betrieb, um halb todt gegeißelt aus dem Palaſte des Pto⸗ lomaͤus geworfen zu werden, mit aller Frech⸗ heit, mit allem Gluͤck, hier ein Freigelaſſener der Annicier heißt. Er lebt dicht an der Seite meiner Hebe! er iſt eins der Ungeheuer, die die Schoͤnheit bewachen! Du weißt, gegen Goldgewicht kann man bei ihm alles haben. Vielleicht gelingt mir es felbſt durch ihn, in das unzugaͤnglichſte aller Heiligthuͤmer, in den Palaſt Serena's einzu⸗ dringen, und dorthin deine Rache gegen die Wittwe eines einzigen gluͤcklichen Gegners des blutigen Stilico, gegen die treue Warnerin Roms, gegen die Veraͤchterin deiner dargebo⸗ tenen Hand zu tragen. Sorge nicht, Alarich, die Hand roͤmiſcher Buͤrger ſoll dir dieſes Opfer ſchlachten. Selene II. 4. H.. 4 50 Arinthia an Theodora. Kuͤndige mich deinen Schweſtern als eine Mitgenoſſin ihrer Entſagungen und ihrer Trium⸗ phe an; mir bleibt nichts uͤbrig, als das Kloſter. Die Achtung der liebſten Freundin meiner Jugend iſt dahin. Du kennſt meine Unſchuld und meine Thraͤnen! Jetzt haben ſie mir auch das letzte geraubt, das mir das Leben lieb machte. O Marcus! mein Marcus! daß ich ſo dich liebte, wußte ich nicht fruͤher, bis ich ſahe, fuͤr wen du beſtimmt biſt. Wie? das Eigenthum der kleinen Junia Plautilla? ſein erſter Lorbeer, der mir gebuͤhrt haͤtte, als Siegszeichen in ihrem morgenroͤthlichen Haare? ich, nicht ſchoͤn, nicht hoch, nicht rein genug, Proba's Tochter zu werden? jene bereits an ihn gebunden, um dem ſchwankenden Kaiſer⸗ thron zu entgehen? O Junia, dieſen haͤtte ich dir nicht beneidet, auch mir winkte dieſer Thron; aber ihn, den Lluns meiner fruͤhſten Jugend——— 51 Marcus, zu dir floh kindliche Treue vor der Verfuͤhrung der Sinne! Theodora, du weißt, dieſe Augen waren nicht blind vor der Hel⸗ denſchoͤne, mit welcher Arcad die Wahrheit taͤuſcht. Sein kann ich nicht werden, da ihm Selbſtſtaͤndigkeit und Tugend mangeln; weſſen denn ſonſt? Jenes fremden Mannes, mit deſ⸗ ſen Hand mich der Vater verfolgt?— Nein! ich gehoͤre der Gottheit!— O Theodora! oͤffne deine Arme und nimm die Verlaſſene auf! — Arinthia an Theodora. Mir die Krone von Arcadius Hand?— O Theodora, du biſt mit meinen Sinnen im Bunde!— Nein! laß mich fliehen in die heiligen Schatten, die nur eine Nonne, die ihres Geluͤbdes uͤberdruͤſſig iſt, mir verdaͤchtig machen kann! Nein, in Arcadius Goͤttergeſtalt wohnt eine ſchlummernde Seele, die mich, wo ich wanke, nicht der Tugend erhalten wuͤrde. Seinen Thron zu ſtuͤtzen, die Krone fuͤr ihn zu tragen, 52 bedarfs einer Staͤrkern. Sein Wohlgefallen an mir iſt nicht jene himmliſche Liebe, die mich fuͤr tauſend Entſagungen entſchaͤdigen koͤnnte; noch verarmter waͤre ich auf dem Throne, als im anniciſchen Marmorpalaſt, an der eiferſuͤch⸗ tigen Proba Seite. Eutrop iſt zuruͤck, und ſeine muͤndlichen Er⸗ zaͤhlungen vervollkommnen die Winke uͤber die Annicierinnen, welche ſeine Briefe enthielten. Wohl mir, daß ich durch einen Augenzeugen Kunde erhielt, in welch einen Abgrund ich mich an Marcus Seite ſtuͤrzen wolle. Wohl mir, daß ſie ihm dieſe Junia geben! dies war meine einzige Rettung!— Junia!— ich lache unter den Thraͤnen!— Dieſe Einfaͤl⸗ tige! Dieſe Haͤßliche! Welch eine Verguͤtung fuͤr deine Arinthia!— Armer, armer Marcus! Eutrop hat mir einen Brief von Marcus Schweſter gebracht. Sie giebt vor, mich noch zu lieben, dieſe Laͤta, und ſie duldete, daß man mir ihren Bruder raubte? Ich habe Eu⸗ trop gefragt, ob Laͤta noch tugendhaft ſei?— „Ouja, Arinthia! Wie nun die heutigen — 53 Roͤmerinnen ſind. Eine Portia wuͤrde ſie nie werden!“ Goͤtter! o Goͤtter, Theodora! Attalus an Alarich. Eutrop iſt nach Conſtantinopel zuruͤck; ich hoffe, er wird im Palaſte des leichtſinnigen Arinthius gluͤcklicher fuͤr dich arbeiten, als in Ptolomaͤus Hauſe. Ich habe ihm gerathen, ſich dem Throne ſo nahe zu draͤngen, als moͤg⸗ lich. Arinthius hat eine bluͤhende Tochter, und Areadius iſt kein Feind der Schoͤnheit; der Sclave wird die Schoͤne ihm verrathen, wie er mir meine Laͤta verrathen hat. Dienſte wie dieſer, gewaͤhren Einfluß. Auch habe ich ihm unter den Fuß gegeben, die Heiligen nicht zu verſaͤumen; der fromme Biſchoff der orien⸗ taliſchen Kaiſerſtadt, der heilige Chryſoſtomus, muß vornaͤmlich verblendet, und durch ihn fuͤr unſere Plaͤne gewonnen werden. Laß Rom erſt dein ſeyn, ſo liegt auch Conſtantinopel zu deinen Fuͤßen. 54 Du fragſt, mein Koͤnig, denn ich kenne deine Herablaſſung zu meinem kleinen Selbſt, wie mir unſer Sclav bei der ſchoͤnen Annicierin gedient hat?— Wenigſtens wollte ich, daß du ſo fragteſt, um dir die Fuͤlle meines Gluͤcks geſtehen zu duͤrfen. Wiſſe, ich genieße alle Tage des vollen un⸗ verhuͤllten Anſchauens dieſer Cythere. Durch Eutrops wohlbezahlte Huͤlfe kenne ich das Bad, das ſie jeden Abend beſucht. Mein iſt, Dank ſei es dem Verraͤther, die Niſche, aus wel⸗ cher eine Alabaſter⸗Nymphe ihre kuͤhlende Juui der Badenden zuſtroͤmt. Arme Annicia! holde, ſich unbemerkt glau⸗ bende Unſchuld! Deine Wohlthaͤterin hat Au⸗ gen, und daß dir ihre Urne ſtatt des gelaͤu⸗ terten Waſſers der gelben Tiber nicht die koͤſt⸗ lichſten Wohlgeruͤche ſpendet, daß aus ihrem Kranze dich nicht lebende Roſen erfriſchen, das gehoͤrt auf die Rechnung der Behutſamkeit, welche ſchon oft dem Thoren Einhalt that, der im Begriff war, ſein Gluͤck zu verrathen. Oͤ mein Koͤnig! ich ſchildre dir nicht die Seligkeit jener Stunden: die Schilderung waͤre 5³ gefaͤhrlich, ſelbſt fuͤr den Halbgott, der jeder ſanften Leidenſchaft lacht. Halte mich indeſſen nicht fuͤr zu gluͤcklich. Laͤta liebt nicht mich! Sie liebt einen Unge⸗ nannten, deſſen Bild auf ihrem Herzen ruht. O, ich wuͤrde verzweifeln, wenn ich nicht dieſer hoffnungsloſen Leidenſchaft ſpotten muͤßte. Arme Laͤta! du wirſt nie gluͤcklich ſeyn! Wirf dich in die Arme, die dir Attalus bald entgegen breiten wird! dort, bei jenem, harrt deiner nichts, als die beſchaͤmendſte Fehlſchlagung. O, daß ich reden duͤrfte, wenn du deine Coͤnis aber⸗ und abermal vergebens fragſt: Wer mag er ſeyn, der Goͤttliche? Getroſt! Laͤta wird mich einſt lieben! Dieſe Roͤmerinnen lieben ja immer, wie Pflicht ge⸗ beut, wenn ſie an der Hand einer ſolchen Tu⸗ gendtyrannin aufgewachſen ſind, wie Proba Annicia ſeyn ſoll. Die Hand des Vaters ſoll mich der ſchoͤnen Tochter zufuͤhren. Durch deine heimliche Einwirkung, Koͤnig, iſt hier bereits alles unſer: die roͤmiſche Praͤfectur iſt mein, wenn du winkſt, und du wirſt es thun, wenn du bedenkſt, daß dein Attalus hier nicht 56— maͤchtig genug ſeyn kann, um dir kuͤnftige Siege zu erleichtern. Eutrop an Saturnin. Trage Sorge, daß Serapion 9) nicht ge⸗ genwaͤrtig ſei, wenn du mich dem Biſchoffe als einen Neubekehrten vorſtellſt. Chryſoſtomus dienender Freund hat mich in meinen glaͤnzen⸗ den Tagen bei Ptolomaͤus gekannt; hier koͤnn⸗ ten Aufklaͤrungen meiner warten, die unſern ganzen Plan vernichteten. Die Seelenreinheit deines Heiligen kennt nur die Welt dort uͤber 9) Serapion war der vertraute Freund des conſtantinopolitaniſchen Biſchoffs; der einzige, deſſen taͤglichen Umgang ſich der menſchenſcheue Heilige goͤnnte. Beide, wenigſtens Chryſoſtomus, waren ſo unbekannt mit den Stricken der Argliſt, ſo hartnaͤckig, ſie nicht zu ſehn, daß es der Bos⸗ heit leicht wurde, den letztern zu taͤuſchen, und endlich aufzureiben. Der Boͤſewicht, Eutrop, ge⸗ noß lange des unverdienten Schutzes des heiligen Chryſoſtomus, verdankte ihm bei Verfolgungen mehrmals das Leben; der Zorn der Kaiſerin ver⸗ zehrte am Ende aber doch den Geſchuͤtzten und den Schuͤtzer. 527 den Sternen, in der unſrigen iſt er ein voll⸗ kommner Fremdling: er wird keine Nebenab⸗ ſichten in meiner Buße ahnen, wenn ihm kein Hellſehender die Augen oͤffnet. Ich triumphire bereits im Gelingen mei⸗ ner Plane. Die Naͤhe der Weiber war doch fuͤr mich nie ohne Vortheil! Was erwarb mir nicht alles meine goldne Laͤta, und was wird Arinthia mir gelten, ſie werde nun Kaiſerin oder die Gattin des Mannes, den ihr der Vater beſtimmt. Triumph! ich arbeite fuͤr zwei, die meine Dienſte mit Gold aufwiegen, und meiner Wohlthaͤterin Arinthia thue ich damit keinen Schaden, als daß ich ſie um ihre Jugendneigung getaͤuſcht habe. Schöne, bunte Schlange! den tauſendfaͤltigen Spott, dem du mich bei der Annicierin entgegenwarfſt, und die graͤnzenloſe Verachtung, mit der du noch jetzt mich uͤberſiehſt, haͤtte ich dir doch noch beſſer lohnen ſollen! Was hierin geſchehen iſt und noch geſche⸗ hen ſoll, davon dir jetzo nichts. Trage Sorge, daß dein Heiliger mich wohl aufnehme. Auch dir ſoll dies goldne Fruͤchte tragen, ſiehe davon 58—— hierbei eine Probe. Bringe es bei deinem Bi⸗ ſchoffe dahin, daß, ſobald ich in den Schoos der Kirche aufgenommen bin, Arinthius meine Feſſeln loͤßt. Ich bin es muͤde, dieſen muth⸗ willigen Dirnen zum Spielwerk zu dienen. Dieſe Hand, die Welten regieren koͤnnte, ſoll nicht laͤnger zu dem niedrigen Geſchaͤfte herab⸗ gewuͤrdigt bleiben, mit ſilbernem Kamm Arin⸗ thiens Locken zu ordnen, und ihr den Spiegel zu halten!— Rom kennt mich vielleicht jetzt ſchon, Conſtantinopel ſoll mich kennen 3 lernen. Arinthius an Theodora. Eutrop wird dir ſagen, daß ohne ein ſchnel⸗ les Gegenmittel alle unſere Plane verloren ſind. Arinthia muß Kaiſerin werden, darum riß ich ſie von dem Annicier los; aber jetzt ſteht ihr 15) Ruffina noch entgegen. Bis dieſe geendet 10) Ruffina, von ihrem Vater, dem damaligen Guͤnſtling des Kaiſers, zu der hoͤchſten Ehrenſtelle 59 hat, mit ihr in die Arme eines Gemals, der zu ſeiner Zeit Arcaden ſchon weichen ſoll. Sie waͤhlt das Kloſter, und erfaͤhrt dies unſer alberner Heiliger, ſo ſind meine ſchoͤnen Hoff⸗ nungen zertruͤmmert auf immer. Trage Sorge, daß ſie dich in deiner wahren Geſtalt kennen terne; dies iſt das einzige Mittel, die Tugend⸗ ſchwaͤrmerin zu baͤndigen. Eutrop bringt dir Bernſtein und Kryſtall⸗ kugeln aus Rom mit, und eine kleine Lacerta mit zartem, ſeidenem Fell; er wird dir ſagen, daß deine Vorbilder, die Roͤmerinnen, ſich jetzt in dergleichem Ungeziefer gefallen. Es iſt billig, daß Molch und Schlange an verwandten Buſen ſchlummern. Dieſen Abend bin ich bei dier trage Sorge, daß die froͤmmeren Schweſtern ſchlummern. beſtimmt, ſchwach, ſanft, einfaͤltig, ohne Hofin⸗ trignue, mußte am Ende einer maͤchtigeren und ſchlaueren Nebenbuhlerin, Eudoxia, weichen; ihr Vater, der einen maͤchtigen Feind eben geſtuͤrzt hatte, glaubte zu ihrer Hochzeit mit Arcad zu eilen, und er eilte zu ſeinem und ihrem Grabe. (Claudian, mit Zoſimus verglichen.) 60 Eutrop ſagt, du ſeiſt im Nonnenſchleier ſchöner als je. b Theodora an Arinthius. Dein Brief iſt voll verdeckter Stacheln; doch ich zuͤrne dir darum nicht, leichtfertiger Alter! Mich erblicken ſoll Arinthia wie ich bin, und dadurch von meinem naͤhern Umgang abgeſchreckt werden?— Die Schmeichelei iſt einzig!— Doch du ſchenkeſt zu reich, mein goldner Alter, man muß dir gehorchen! Arin⸗ thia ſoll einige der Zuͤge, die du wuͤnſcheſt, in ſo guter Geſellſchaft erblicken, daß auch eine kleine Rache an den froͤmmeren Schweſtern, die nicht immer ſchlummern wollen, daraus entſprießt. Laͤta an Demetrias. Seit ich mit Arinthia zerfiel, ſeitdem habe ich keine andre Zuflucht als dich. So muß uns 61 immer Fehlſchlagung das Beſſere kennen lehren. Warum ſchuͤttete ich meine innern Herzensge⸗ heimniſſe nicht fruͤher in deinen Schoos? Du biſt aͤlter, als Arinthia, und wirſt mir beſſer rathen; du biſt mir naͤher als ſie, und keine Zwiſchentraͤger koͤnnen unſer Einverſtaͤndniß ſtoͤren. Ach, meine fromme Baſe, du entſchul⸗ digteſt Arinthien ſo oft! Ob ſie auch ſo boͤs und verworfen ſeyn mag, als Eutrop ſie uns ſchilderte?— Demetrias, laß uns niemand trauen, als uns ſelbſt. Ich werde nicht einmal mehr der einfaͤltigen, verachteten Plautilla, die⸗ ſer ewigen Laſt unſers Hauſes, etwas an dich auftragen; Unheil zu ſtiften waͤre ſie doch wol klug genug! Sie haßt mich, weil ich ſie mit ihrer thoͤrigten Leidenſchaft fuͤr einen Annicier, fuͤr den ſchoͤnen Marcus, verſpotte. Ihre Thor⸗ heit wird nur durch ihre Haͤßlichkeit uͤbertroffen. Was den griechiſchen Seclaven anbetrifft, ſo ſei ruhig! Proba's Strenge hat endlich geſiegt, er iſt zu ſeiner Gebieterin zuruͤck. Auch ich ward zuletzt irre an ihm, doch wird er ſehr von meinen Maͤdchen vermißt; es fehlt ihnen ihr Spielwerk. Sie haben ihn in zwanzig laͤcher⸗ 6²— lichen Schreiben, die er leſen wird, an Arin⸗ thiens Selavinnen empfohlen. Ich bin alſo nun ganz dein, geliebte Deme⸗ trias, aber ich bitte— ſei nicht zu ſtreng gegen mich, damit ich Muth behalte, zu dir aufzuſe⸗ hen, und kindlich an deiner leitenden Hand zu gehen. Fordre nie von der jugendlichen, fuͤr die Welt beſtimmten Freundin, deine hohen Ent⸗ ſagungen!— Gott geweihte Jungfrau, nur wenige ſind faͤhig, wie du, mitten im Strudel der Welt das Leben der Engel zu leben. Du ver⸗ ſagteſt dir die Ruhe des Kloſters, um deine Kaͤmpfe zu erſchweren. Heilige, du kaͤmpfeſt auch fuͤr mich! laß mich deines Schutzes genie⸗ ßen! reiche mir aus den Wolken, auf denen du in deiner Glorie ſchwebſt, die Hand, und fuͤhre mich, wo ich nicht gehen kann! Meine heim⸗ lichſten Geſtaͤndniſſe„ meine innerſten Anliegen, die ſelbſt Arinthia nicht erfuhr, hoͤrſt du heute aus meinem Munde! Dieſelbe an Dieſelbe. Du willſt es, und das liebe, verraͤtheriſche Bild ſei auf ewig von meinem Buſen verbannt. Aber auch aus meinem Herzen?— Du ſagſt, die Zuͤge, die der Kuͤnſtler auf das Elfenbein zauberte— denn ich wende es hin und her, und es iſt nur Elfenbein, was mich ſo entzuͤckt— dieſe Zuͤge, ſagſt du, gleichen dem wilden Verheerer meines Vaterlandes, den du einſt in heiligen Traͤumen, mit geſchwungener Fackel Rom an⸗ zuͤndend, erblickteſt?— Ja, waͤr' es dieſer, ſo muͤßte er, wie von dem Buſen, ſo auch aus dem Herzen! aber bedenke gleichwol, Demetrias, was du ſaheſt, war nur ein Traum! Wie dun⸗ kel ſind die Geſichte, die uns ſelbſt die Begei⸗ ſterung in heiliger Verzuͤckung leiht! wie viel⸗ facher Deutung ſind ſie unterworfen! O ein Rom hat freilich dieſer Alarich ent⸗ zuͤndet: es iſt dieſes ſchwache, unbewachte Herz!— Verzeihe, Jungfrau, die Verglei⸗ chung! ſie iſt nicht unpaſſend. Auch dieſes 64— kleine Rom in mir iſt unbewacht: nur ein ohn⸗ maͤchtiger Stolz ſteht auch an ſeinen Pforten. Der rechtmaͤßige Beherrſcher iſt abweſend; er ſchlaͤft unter den ſuͤßen Liedern ſeiner Sclaven. Honor in ſeinem Ravenna weiß nicht, daß ein maͤchtiger Feind in dem Innern ſeines Reichs wuͤtet: dies iſt Roms Schickſal, dies iſt auch das meinige. Die herrſchende Vernunft iſt abweſend, die Sinne ſchlaͤfern ſie ein, ſie wird— doch Goͤtter, was ſage ich! Wie, Laͤta, wagſt du, die ſchaudervolle Vergleichung kaltbluͤtig fortzuſetzen? Demetrias, ich weiß nicht, wie es war: ein Grauen, wie aus einer andern Welt, befiel mich. Ich will abbrechen. Eine Zuſage nimm noch von mir! noch weiß ich nicht, ob ſie mit jener Entſagung des Bildes zuſammenhaͤngt; aber du forderteſt beide zu⸗ gleich, und ich gehorche in beiden. Nein, die Baͤder Antonins ſollen nie wieder von mir be⸗ ſucht werden! Hat nicht der anniciſche Mar⸗ morpalaſt auch Baͤder, die keinem Kaiſerbade weichen? Was kuͤmmerts mich, daß die Fau⸗ ſtinen und Flaccillen dort badeten? Vielleicht 65 iſts eben das Schweben ihrer Geiſter, was mir dieſen Ort am Ende verleitet! Wiſſe, meine fromme Baſe, auch ohne dein Ermah⸗ nen wuͤrde ich dieſen Ort nie wieder betreten. Hoͤre und ſchaudere! Nicht allein ich, ſon⸗ dern auch Coͤnis, die mich, indeſſen die andern Sclavinnen im Vorgemach blieben, allein hie⸗ her begleitete, iſt Jeuge von dem, was ich mir kaum niederzuſchreiben getraue. Wiſſe, dort ſind die Marmorbilder belebt! Vernehmliche Seufzer toͤnen aus denſelben, oft gebrochne Worte. Neulich hemmte ſich auf einmal der Waſſerſtrahl, der das Bad fuͤllt, und bald darauf fuͤhle ich mich mit einem Meer von Wohlgeruͤchen uͤberſtroͤmt, wie nur Elyſium ſie ſpenden kann. Der Lotoskranz der Nymphe, welche auf der Urne ruht, hat ſich das einemal vor unſern Augen in einen Kranz von lebendigen Roſen verwandelt, und ein Regen von Orangenbluͤthen, der aus den gol⸗ denen Wolken uͤber uns zu kommen ſchien, uͤberſaͤete das Bad.— Wir entflohen! Dies alles war nur Blendwerk, war Zauberei oder anderes Geiſterweſen; denn als Coͤnis zuruͤck⸗ Selene II. 4. H. 5 66 eilte, meinen vergeſſenen Schleier zu holen, erblickte ſie von dem allen nichts mehr. Nimm alſo noch einmal mein Wort, nimm meinen Eid, nie werde ich wieder ein fremdes Bad beſuchen.— Ach nur gar zu bald moͤchte wol die Zeit der engſten Eingezogenheit fuͤr Roms keuſche Buͤrgerinnen erſcheinen! Ruͤckt nicht jener Unbeſiegte, jener Alarich, immer naͤher? und Roms Herrſcher ſchlaͤft?— In ſeinen, in Honorius Armen wollen ſie mich 4 ſichern?— Neben ſo einem Kaiſer kann keine Kaiſerin ſicher ſchlummern! Schuͤtzen ihn die Goͤtter, ſo iſts wegen ſeiner ganz wehrloſen Kindereinfalt, ſo iſts aus Erbarmen, weil lau⸗ ter Verraͤther ſeinen Thron umringen; aber iſt Ravenna ſicher, wehe, wehe dann Rom! —— Theodora an Arinthia. Sei willkommen, du dreimal Liebe, in den heiligen Mauern, die du waͤhlteſt! Du hat⸗ teſt Recht, ſie dem Leben in den Wogen der Welt vorzuziehen! Siehe, hier allein athmet — ᷣ— —. 67 Freiheit, und das Leben der Engel, die von keiner Schuld wiſſen, weil der Himmel, der ſie umgiebt, alles zur Tugend macht.— Siehe, der heilige Schleier, den du nun bald annehmen wirſt, deckt Geheimniſſe, die eigent⸗ lich keiner jenſeit deſſelben erfaͤhrt; aber du biſt zu ungluͤcklich, dein zartes, liebes Herz iſt zu bedraͤngt, um nicht zuvor einen Schimmer unſers Gluͤcks zu verdienen. Geſtehe es nur, du wuͤrdeſt nicht in den Abgrund unſerer Ent⸗ ſagungen, unſerer Abtoͤdtungen, die die Welt ſieht, ſteigen, du wuͤrdeſt nicht dieſe ſchoͤne Welt fuͤr unſere Grabesſtille hingeben, wenn noch ein Marcus fuͤr dich lebte, oder wenn dein beſtimmter kalter, herbſtlicher Gemal ein bluͤhender Arcadius waͤre. Waͤhle getroſt, Arin⸗ thia, waͤhle unſere Kloſtermauern! die Freude, die hinter denſelben lebt, wird dir Eutropius ſchildern. Eutrop iſt mir ſehr wohl bekannt; er hat mir von den Seltenheiten Roms viele mitgebracht, die mich bei unſern heimlichen Feſten vor allen unſern Schweſtern auszeich⸗ nen ſollen. Glaube doch ja nicht, daß die Scheere, die dir deine ſchoͤnen Locken rauben 63 wird, dich auf ewig zum Schleier verdammt, der den Maͤnneraugen ſo widrig iſt. Dte Natur giebt dir ſie in einem Jahre verſchoͤnert wieder, und bis dahin hat die roͤmiſche Sitte auch Mit⸗ tel. Eutrop hat mir das hochrothe Haar der ſchoͤnſten Sicambrierin mitgebracht, in welchem ich an deinem Einweihungstage die naͤchtliche Feier eroͤffnen will. Dieſe Farbe iſt jetzt die beliebteſte. Beneide die kleine Junia Plautilla, die mit den ſchoͤnen morgenroͤthlichen Locken von der Natur ausgeſtattet ward; ſie wird ihrem Marcus darum nicht minder gefallen, und du ſollſt aͤhnliche haben jenſeit des Schleiers. Arcadius, der zuweilen an unſern heimlichen Freuden Theil nimmt, hat erklaͤrt, du wuͤrdeſt ihm beſſer gefallen, ohne das finſtere, braune Haar, das dein bluͤhendes Geſicht ſo verunſtaltet. Arinthia, was habe ich dir entdeckt! Wirſt du mich verrathen? Weißt du, daß auf Ent⸗ deckungen dieſer Art der Tod ſteht?— Ich bitte dich, Geliebte, ſchone der Freundin, die dich liebt! Laß dir Eutropen lieber nichts erzaͤh⸗ len, damit man nicht merkt, daß wir einver⸗ ſtanden ſind; du kannſt ohnedem aus meinen — Winken viel errathen. Auch dein Vater darf nichts erfahren. Er wird dich freilich, wie nun die alten Vaͤter ſind, lieber Pompejans ehrſame Gattin, als Theilnehmerin unſerer Freiheit ſehen! Erraͤthſt du nun den Grund ſeines Abſcheues vor dem Schleier?— Komm, liebliche Unſchuld! aͤngſtige dich uͤber nichts! vor allem aber beſchleunige dein frommes Geluͤbde, und glaube nichts von der Strenge deſſelben, wie dir ſie Sanct Chryſoſtomus, der ſchon uͤber den Sternen lebt, bei der Weihe vorſpie⸗ geln wird! Ich will, daß du ganz froh in unſern Himmel kömmſt. — — Laͤta an Demetrias. „ Ich muß dir eine neue Erſcheinung in unſerm Hauſe entdecken, die die Ruhe deiner armen Laͤta zu bedrohen ſcheint. Ein gewiſſer ravenniſcher Ritter, Attalus iſt ſein Name, der oft meine Coͤnis meinetwegen bedraͤngt, oft ſelbſt den griechiſchen Eutrop, den wir zuruͤck⸗ geſchickt haben, zum Dolmetſcher einer verwe⸗ 20 genen Leidenſchaft gegen eine Annicierin hat machen wollen; dieſer Attalus, ein unbedeuten⸗ der Tiſchfreund meines Vaters, iſt auf einmal, durch kurz hinter einander betretene Stufen, auf welche ihn, Gott weis welche Hand, lei⸗ tete, roͤmiſcher Praͤfekt geworden Mein Vater kann ihm den freieren Zutritt in ſeinem Hauſe, in Stunden, wo er auch mich zuweilen treffen muß, nicht verſagen; er fordert dieſe Vor⸗ rechte mit allem Uebermuth ſeines Standes, und ich bin, kann ich ihm einmal nicht ent⸗ weichen, das Ziel ſeiner zuͤgelloſen Blicke. Annicius, ungeachtet er von dem, was ich fuͤrchte, noch nichts weiß, ſieht die ſchnelle Er⸗ hoͤhung eines Menſchen, der ſich unter unſern gemeinſten Paraſiten verlieren wuͤrde, mit ſehr ernſten, ahnungsvollen Blicken an. Er ſpricht von Einwirkung verborgener Maͤchte, von bo⸗ ſen Vorzeichen, von Verraͤtherei. Er verachtet und verabſcheuet den, den er jetzt ehren muß. Was wuͤrde er ſagen, wenn er genoͤthiget waͤre, die Bewerbungen eines Unwuͤrdigen um ſeine Läta anzuhoͤren; um die Laͤta, von welcher er neulich, da er ihre Thraͤnen um Honorius 71 Bewerbungen ſahe, verſicherte:„fuͤr einen Thron, „wie jetzt die Throne ſind, wuͤrde er die gelieb⸗ „teſte Tochter ewig zu hoch halten; die Portia „eines Paͤtus ſolle ſie werden.“ O Demetrias! rathe mir in allen Bedraͤng⸗ niſſen dieſes beunruhigten Herzens! und ihr, Tugend und Ehre, ſchuͤtzet mich ſchuͤtzet mich all ihr Gottheiten des alten Roms! — Demetrias an Laͤta. Jetzt nichts mehr von den kleinlichen Be⸗ draͤngniſſen eines kindiſchen Herzens! Erwache, Tochter unſers Ahnherrn! Der Schatten des großen Julius 11) Annicius ruft dich zu edlern Sorgen. Siehe, das große Ganze fordert jetzt deine Thraͤnen, fordert vielleicht Opfer: ach, fordert in dieſen Augenblicken wenigſtens rin⸗ gende, die Wolken zerreißende Gebete, nicht I11) Der Ahnherr der Annicier. Ein hundert und ſechzig Jahr vor unſerer Zeitrechnung machte er dieſen Namen beruͤhmt; die Annianiſchen, Pe⸗ tronianiſchen und Olybriſchen Linien dieſes Hau⸗ ſes vereinigten ſich in ihm. 72 zu Goͤttern, wie du, Chriſtin, laͤſternd oder mo⸗ diſch ſpielend zu oft ſagſt; nein, zu dem großen Einzigen, der jetzt uͤber Rom furchtbar richtet! Meine Geſichte— dunkel nennſt du ſie?— vielfacher Deutung faͤhig?— Sie ſinds nie! die meinigen nie! Hell und klar ſind ſie, wie der Tag, der dich umleuchtet!— Arme Caſſandra: niemand glaubt dir, weil niemand ſieht, was du erblickeſt! Dein Wiſſen iſt nur dein Ungluͤck! Siehe, das Loos iſt geworfen! die verhaͤng⸗ nißvolle Zeit iſt da! Morgen, Alarich, morgen glaubſt du in Rom zu ſeyn?— Honorius, ſchlaͤfft du? Weißt du nicht, daß jener Wun⸗ dermann alle ſeine Geluͤbbde wahr macht?— Morgen wacht der Verderber an den zwölf Tho⸗ ren der heiligen Stadt; nichts kann zu uns her⸗ eindringen, als der Hunger. Der Senat verſammelt ſich. Man ſpottet des Barbaren, der ſich erkuͤhnt, die Stadt der Welt zu bedrohen. Thoren! vergeßt ihr, daß ihm bis hieher alles gelang? Und ob ihm alles fehlſchluͤg, ſo wird uns ihm der Hunger in die Haͤnde liefern. Siehe, ihr hofft auf die ſegen⸗. — — ·3 ſpendende Tiber: aber traurig ſchleicht der nun bald mit Blut gefaͤrbte Strom voruͤber; ſeine Schiffe bringen dem Feinde Nahrung, nicht uns. Die Stadt empoͤrt ſich. Man bezweifelt die Moͤglichkeit. Sinnend uͤber die Urſachen unſers Untergangs geht man vor dem Verder⸗ ben uͤber, das laͤngſt ſchon in unſerm Innern wuͤthete, und ſpricht von Verraͤtherei. Verraͤtherei? Ja, ja, ſie irren nicht!— Aber wo? bei der ſchuldloſen, frommen Taube? — O Serena! Serena!— Sieh, ſie drin⸗ gen herein! Blutlos— ſie ſcheuen das hei⸗ lige Blut! zum Himmel moͤcht' es rufen!— blutlos verglimmt das Leben der Maͤrtyrin. Wie nun die Thaͤter davon ſchleichen! wie die dumpfe Verwunderung ſtaunt, daß dies Opfer, ein Geiſt des Abgrunds forderte es, nicht ſogleich den Feind zuruͤcktreibt, und Rom ſeinen alten, ſchwelgeriſchen Schümmer von neuem beginnen laͤßt! Wie? glaubt ihr, dem boͤſen Seeſen, mit dem ihr in Bund tretet, bereits genug gethan zu haben?— Hoͤrt ihr die Stimme des Un⸗ erſaͤttlichen?— Stilico raubte der heiligen 74 Veſta den Strahlenkranz, weihte die Reſte der Goͤttern! Dort allein iſt Rettung. Wehe, daß ihr die Schuͤtzer Roms verließt! Und Roms Biſchoff, der wehren nicht kann, widerlegen nicht will, ſchließt die Augen. Im Innern jenes Marmorhauſes— es wird beim nahen Verderben zuerſtſtuͤrzen— in ſeinem In⸗ nern fallen die ſondernden Teppiche. Zwanzig Gemaͤcher erweitern ſich zum großen, purpur⸗ umhangenen Tempel. Seht ihr den beginnen⸗ den Zug? hoͤrt ihr die Floͤten der Opferknaben? Eine roͤmiſche Jungfrau geht voran im Opfer⸗ ſchmuck ¹2). Freilich konntet ihr unter Roms 1 11) Zoſimus und Sozomenes behaupten das faſt Unglaubliche, die Wiederkehr des Paganismus in einem feierlichen Opfer; dies war die Wirkung der Verzweiflung. Innozens konnte nichts verhin⸗ dern, als die Publicitaͤt; man beſorgte hier gerade nicht den Himmel, den alles ſehenden, aber den Kaiſer zu erzuͤrnen. Erklaͤrten ſich doch einſt bei anderer Gelegenheit Roms Senatoren, als ſie die Friedensvorſchlaͤge des Ueberwinders mit toller Verblendung ausſchlugen:„Haͤtten ſie allein bei „ſie Eidesbruch wol wagen, aber ſie haͤtten be⸗ heiligen Kunde der Glut. Flieht zu den alten „dem Namen der Gottheit geſchworen, ſo wollten edlern Toͤchtern keine andere finden, als die niedrige Junia. Tdhoͤrigte! glaubſt du dir durch dieſes Gepraͤng irgend einen heimlichen Wunſch deines Herzens zu erſiegen? Marcus haͤngt mit unſterblicher Liebe an ſeiner Arin⸗ thia. Dies Opfer, das den Geiſtern des Ab⸗ grundes flammt, wird ſo wenig die Liebe, die verbrecheriſche, in dieſe reine Bruſt, als das Feuer des Himmels auf das feindliche Lager leiten! Rom! Rom! du biſt gefallen! gefallen! gefalle!— Von nun an keine Rettung! „rüͤhrt in heiliger Feier den Sitz der hoͤchſten Ma⸗ „jeſtaͤt: hier treulos zu werden, dies muͤſſe wenig⸗ „ſtens zeitliches Verderben bringen, wenn auch „nicht das ewige.“ Dies war die Gewiſſenhaf⸗ tigkeit jener Zeiten; dies war auch die naͤmliche, die bei jenem halb oͤffentlichen, halb verſtohlnen Opfer vorwaltete. Es ward in dem Palaſte des Praͤfekts Pompejanus vollzogen; wahrſcheinlich eine Nachahmung jener Handlung, mit welcher Numa Zeus und ſeine Donner auf den Aventinus herabzog. Wir finden hier die ſeltne Bezeichnung eines Tages: d. 1. Maͤrz. A. D. 409.— An die⸗ ſem Tage ſollte alſo Feuer vom Himmel fallen und Alarichs Kriegsruͤſtung verzehren; aber Ala⸗ rich ſchlummerte dieſe Nacht ruhig, und in der naͤchſten flammte Rom. 76 nein, keine! Schon ſchleicht der Hunger um⸗ her in tauſend Geſtalten. Die Mutter ſchont nicht des unmuͤndigen Kindleins; die beſſere nicht des eigenen, himmliſch gebildeten Koͤrpers! Ein Tag verſchleicht nach dem andern, und keine Huͤlfe! Sie verſchmachten mitten unter ihren zur Rettung geſchonten Schaͤtzen. Aber drau⸗ ßen haͤuft ſich Leichnam auf Leichnam. Zu dem Hunger geſellt ſich ſeine Schweſter, die Peſt, denn Alarich bewacht die Graͤber, daß Verweſung unter den Lebenden wohne. Laͤta! in einer Glorie ſchwebt dein Name vor mir uͤber: du wirſt dem Elend wehren! Wer iſt die Goͤttliche, die ihr Alles ſpendet fuͤr eine einzige Ladung Brot? Wer iſt ſie, die mit goldaufgewogner Liſt, durch die verſchloßnen Pforten das Mittel hereinſchafft, Aufſchub vom Feinde zu heiſchen, und bet ihm um Scho⸗ nung zu flehen? Reburria Maxima, des An⸗ niciers hochbenamte Tochter, dieſe That, die ewig, wie Sterne, glaͤnzen wird, dieſe thatſt du nicht; das iſt die alte, faſt vergeßne 15) 13) Lata Gratiana, die Wittwe des ſchuldlo⸗ ſen ſanften Kaiſers Gratian, ihm gleich an Milde, —————— 77 Laͤta Gratiana, deren Daſeyn keine Bildſaͤule verewigt! 4 Koͤnnteſt, o koͤnnteſt du nur Weisheit ein⸗ fuͤhren, du Goͤttliche, wie du Brot ſpendeſt! Mit ſtolz drohenden Worten erfleht man keine Schonung vom Sieger.„Mein, ſpottet Ala⸗ „rich, mein iſt die Macht, die mir Gott gab: „mein iſt alſo auch das Recht! und Thoren, „Thoren ſeid ihr, in mir die Hand des Him⸗ „mels zu verkennen!“ ¹4) und reich genug zu helfen. Man goͤnnte ſie ihr, goͤnnte ihr den kaiſerlichen Namen, wegen ihrer echten Matronentugend, die jeder verehrte. Sie opferte ihr Alles dem allgemeinen Mangel; dafuͤr ward ihr das Gluͤck, Roms dritten und letzten Sturz nicht zu erleben. 14) Mit laͤcherlichem Stolz war die um Scho⸗ nung flehende Geſandtſchaft an den Barbaren aus⸗ geſtattet, der ſich unterſtand, die Stadt der Staͤdte zu bedrohen, und der, ungeachtet des auf ihn her⸗ abgleitenden Feuers des Himmels, doch noch ſtand. „Je dicker das Heu iſt,“ antwortete er auf ihre großſprecheriſchen Worte von Macht und Menge, „je beſſer laͤßt ſichs maͤhen!“ Ats ſie ſahen, daß ſie nichts weiter zur Ant⸗ wort erhielten als veraͤchtliches Lachen, und An⸗ ſpielungen auf den entnervten Zuſtand einer Stadt, welche ſchon fruͤher durch Schwelgerei zum Ver⸗ 78 Flehenden zu vertreten. Biſt du es, Geiſt meiner Serena? Wehſt du mit der himmli⸗ ſchen Palme Milde in das Herz des Siegers? Siehe, die Blutgefilde zerfließen vor deinem Glanz in himmliſches Licht, und—— Laͤta Annicia! Was iſt dies? Sind dies die erſten Schreckenstoͤne aus jenem Sturm? das Angeld auf die Wahrheit der Weiſſagung? derben reif war, als ſie der Hunger ergriff, da ſtimmten ſie doch den Ton ein wenig herab, und Alarich lies ſich endlich um alles Gold und Sil⸗ ber in Roms Mauern, um alles Eigenthum, des Staats ſowol, als einzelner Buͤrger, um Loslaſ⸗ ſung aller barbariſchen Sclaven, Schonung ab⸗ kaufen. Und was willſt du uns denn laſſen? fragte Johannes, einer der Abgeſandten. Euer Leben! lachte der Eroberer und kehrte ihnen den Ruͤcken. Dieſe Geſandtſchaft hatte in⸗ deſſen doch die Folge, daß Alarich die Romer jetzt wieder freien Athem ſchöpfen ließ, und ſich nach Toſcana in die Winterquartiere begab, auch durch ſeine Leute die Sicherheit der Landſtraßen wieder herſtellen, und Rom Lebensmittel im Ueberfluß zufuͤhren ließ. (Die Fortſetzung folgt.) 9 4. Doch jetzt ſteigt ein Engel herab, die tiefer Das Wellenroß. (O— Einſt traͤumt' ein Juͤngling ſuͤß und ſchon Bis an den daͤmmernden Morgen Von Piſangwaͤldern, Kokoshöh'n, Wo ſeltne Wunder verborgen; Voll Blumenſchein War Grott' und Hain, Und Quellen entſprangen mit leiſem Schall, Wie Liebesgefluͤſter der Nachtigall. Und auf des Eilands weiten Gau'n Herrſcht' eine reizende Feie; Ihr Wink umgab die Wunderau'n Mit ewig bluͤhendem Maie. Zu ihr, zu ihr Zog Glutbegier; Doch Meere umrauſchten das goldne Land Und Klippen umragten den fernen Strand. 80 Und als er aus dem Traum erwacht, Eilt' er zum ſchallenden Hafen, Bot ſich in niedrer Schiffertracht. Dem fremden Kaufmann zum Selaven, Wuͤrd' er zuletzt Ans Land geſetzt, Wo, abwaͤrts gelegen vom Handelspfad⸗ Ein Gott ihm gewieſen ein neu Geſtad. 1 Der Kaufmann ſpricht mit kaltem Spott: „Du waͤrſt ans Ruder zu brauchen, Doch opfr' ich nicht dem neuen Gott; Sein Land lag jedem vor Augen, Wol blitzt am Strand Juwelenſand; Doch raget dabei der Magnetenberg, Stets hungrig nach Anker und Naͤgelwerk!“ Und traurig zieht der Juͤngling fort, Ruht unter ſchattigen Zweigen, Schaut reger Seele nach dem Bord⸗ Wo Seegevoͤgel ſich zeigen. „Gieb, Schwalbe, mir Den Flug von dir! Vergebens! vergebens! im Traume nur Erſchien mir der lieblichen Feie Spur!“ 3 Und als im Wind das Segel floß, Rann heiß die gluͤhende Thraͤne—— Da taucht empor ein Wellenroß, Schneeweiß, mit blaͤulicher Maͤhne. Es ſtutzt und naht 3 Ernſt dem Geſtad'! Schwimmt rauſchend durchs kniſternde Schilf und Rohr. Und hebt die Augen gar dreiſt empor. „Du ſchoͤnes Roß, wohin? woher? Von wannen biſt du gekommen? „Ich bin durchs ferne, dunkle Meer Mit Liebe zu dir geſchwommen. Der ſchoͤnſten Fei Dien' ich getreu, V Und haſt du die Reiſe zu wagen Muth, So trag' ich dich ſchnell durch die gruͤne Flut!“ V Selene II. 4. H. 6 82² OO— Alsbald entwich des Juͤnglings Harm, Sein Herz thaͤt muthiger ſchwellen; Er ſchwang um Roſſes Hals den Arm, Gab ſich den brauſenden Wellen. Das Ufer floh, Und leicht und froh 3 Gings durch der Korallen bedornten Wald Und durch des Magnetenbergs grauſen Spalt. Da wies ſich ihm die Sehnſuchtswelt Mit Regenbogen umfangen; Er ſah im duft'gen Bluͤtenzelt Die Fei mit gluͤhenden Wangen; Von Götterluſt Schwoll ſeine Bruſt, Sie bot ihm ſüßläaͤchelnd die weiße Hand— Er kehrte nie wieder ins Heimathland. Fr. Kind. * —f— Die Sonntagsdreſcher. (Moderne Volksſage.) „Ehrt ihr ſo die Sabbatsfeier, Heiligt ſo den Oſtertag? Schallend klappt in eurer Scheuer Muntrer Dreſcher Wechſelſchlag. Horcht, die Glocke laͤutet, Nuft ins Gotteshaus; Weib und Dirne ſchreitet Mit dem Tuch und Straus.“ „Vater!— ſprach verſchaͤmt Frau Aenne— „Glaubt ſo Arges nicht von mir! Niemand driſcht auf meiner Tenne; Schaut, es haͤngt der Schluͤſſel hier. Suͤnd'gen ich— bewahre!— Wider Gotts Gebot? War nicht ſchon drei Jahre Groß des Armen Noth?“ —— —— 1 „Was mein eignes Ohr vernommen, Halt' ich Alter auch für wahr. Wie? euch zaͤhlt ich zu den Frommen, Und ihr taͤuſcht dies graue Haar?“— „Euer Wort iſt theuer, Aber— ſeht mich an; Kommt in meine Scheuer, Ob ich luͤgen kann!“ Hand in Hand geh'n ſie zur Tenne, Weilen unterm Lindenbaum. Wacker dreſchen hoͤrt Frau Aenne, Traut den eignen Sinnen taum. Hoͤrt mit baͤngerm Lauſchen An der Scheuer Thor Deutlich Garben rauſchen, Und Geſang im Chor. „Wir verkuͤnden gute Maͤhre— Klingt es hell, wie Silberklang— „Hundertfaͤltig traͤgt die Aehre Sieben reiche Jahre lang. — Ihres Gottes wegen Gab Frau Aenne gern; Drum giebt Gott ihr Seegen; Alles kommt vom Herrn!e Und als ſie das Thor zur Banze Bangen Herzens ſeitwaͤrts drehn, Sehn ſie, ſchlank, im Aehrenkranze, Drei der ſchoͤnſten Maͤgde ſtehn. Die Gewaͤnder blinken Wie des Himmels Duft, Und ſie laͤcheln, winken, Und zergehn in Luft. Fr. Kind. Ruh' und Friede. An des Baches lieblicher Quelle Saß ich im ſtillen Abendſchein, 6 Schaute in die fliehende Welle, Sehnſuchtsvoll in die Flut hinein; Aber es ſchwanden die Wellen dem Blick, Und nur die Sehnſucht blieb mir zuruͤck. Philomelens klagende Lieder Toͤnten im nahen Birkenhain; Tief im Buſen hallten ſie wieder, Denn, ach, ich fuͤhlte mich allein; Und es ſtillte der ſuͤße Geſang Nicht das Gefuͤhl, das die Seele durchdrang. Heimwaͤrts ſprang die muntere Heerde, Als fern die Abendglocke rief; Silberſterne begruͤßten die Erde, Alles in ſuͤßer Ruh entſchlief. Aber mein Auge begruͤßte kein Stern, Und mir allein blieb die Ruhe fern. Da entſtieg voll goͤttlicher Milde Eine Geſtalt den himmliſchen Hoͤhn. Suͤßen Duft aus Edens Gefilde Fuͤhlt' ich leiſe mein Haupt umwehn: Und als die Hand ſie mir liebend gereicht, Ward es dem ſehnenden Herzen ſo leicht! Suche— ſo ſprach ſie— Ruh' und Frieden Nicht in dem bunten Weltgewuͤhl! Was ein GSott dir liebend beſchieden Traͤgſt du im Herzen voll Gefuͤhl. Suche des Himmels entzuͤckende Luſt, Suche ſie nur in der eigenen Bruſt! Herz, was ſehneſt du dich? Nimmer doch kann es ſeyn. Liebendes Herz, ach, brich, Nimmer wird ſie ja dein! Haſt du ſie doch geſehn, Trunkner, liebender d Waͤhlteſt im Augenblick, Lieben oder vergehn. Denn nur bei ihr allein Iſt Gluͤck des Lebens. O könnt' es, koönnt' es ſeyn!— Liebendes Herz, ach nein, Es iſt vergebens. Rheinwein. d Göttlich biſt du, ein lauteres Gold, und gleicheſt der Wahrheit: Selten bekommt dich das Volk rein, wie der Him⸗ mel dich gab. A. Champagner. Bei Bacchus voller Kelter Stand unter Winzerinnen Bettina mit der Cither, Und ſang mit ſchlauem Laͤcheln Das Lob des holden Amor. Da kam, mit Wein und Efeu Die Götterſtirn umwunden, Der ſchoͤne Gott der Reben, Bettinen fuͤr den Frevel An ſeinem Feſt zu ſtrafen. Doch kaum ſah er das Maͤdchen, Als Amors Macht er fühlte, Und ſtarker griff Bettina, Als ſie der Gott umarmte,— Des Citherſpiels Beſaitung, Daß aus dem zarten Finger Lebendger Purpur ſpruͤtzte; Und Liebesgluth Bettina's Fiel in den Saft der Trauben. Er braußt in ewger Jugend, Hat nun Bettina's Schalkheit, Und hat Bettina's Leichtſinn, Und hat Bettina's Liebe, Und hat Bettina's Treue. Ein Morgentraum erweckt ſie, Ein Abendwind verweht ſie. 7 Conſtanzia. Feuer des goͤttlichen Augs und des Munds am⸗ broſiſche Suͤße Miſcht' Afrodite und ſchuf, ſuͤße Conſtanzia, dich. 4 5 6— A.. Saun