6 S“ „—----——y Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em: pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhe offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 8 * hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 b 4. Abennement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. * 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 * 3————j— Erzählungen fuͤr unverdorbene Familien. Vierter Band. Selene. Dritter Band. 1 L ei p 1 g9. bei Georg Joachim Goͤſchen 1815. Inhalt des vierten Bandes. Gradenigo von Venedig, Trauerſpiel. Jugendanſicht einer Franzoͤſin und einer Deutſchen. Der unterirdiſche Koͤnig. Verirrungen der Leidenſchaft. Italien. Die Vergeltung. Lied eines Deutſchen. Die Warnerin. Das Huͤttchen auf der Haide. Die Baumpflanzung. — II Das Blumenfeſt der Neugriechen. Fragmente. Kleine Gedichte von Louiſe Brachmann. Poſtſeripte. Rath. 8 —— Gradenigo von Venedig. Trauerſpiel in fuͤnf Akten. Selene IX. Heft. 1 Perſonen: Pietro Gradenigo, Doge. Der Erzbiſchof von Venedig. Giacomo Tiepolo, 6 Giulio, ſein Sohn, Fernando Lolli, Patricier. Lorenzo Valla, Andrea Bantino,— Laura, des Dogen Tochter. Aniello, Tiepolo's alter Haushofmeiſter. Ein alter Mann. Ein kleiner Knabe. Der Pfoͤrtner. Senatoren. Geiſtliche. Volk. Wachen. Zeit: Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Er ſt er A k. Erſte Scene. 3 Weiter Vorhof innerhalb des Palaſts Tiepolo's. Hin⸗ ten die Hauptpforte nach der Straße. An den Seiten, vorn, die Eingänge nach beiden Flügeln des Palaſts. Morgendämmerung. Der Pförtner ſchließt langſam und ſingend die drei Hauptthüren auf. Man verſtehet nur die Worte des Liedes: „Und wer was Gutes willvollbringen, „Dem laß auch heut es wohl gelingen, „Und lieber ſinken ihn, als ſeine TDhat!— Der Pförtner geht zur vordern linken Thür ab. Durch die rechte kömmt Aniello. Aniello aleein. O langerſehnter, ſchoͤner Tag des Gluͤcks, Wo dieſes Auge ſoll den Herrn, den großen, I 8 —. 4 6 4 Hochherz'gen Mann erſchaun! wo dieſer Arm, Der tauſendmal als Kind ihn trug, ſein Knie Umfaſſen, dieſe Freudenthraͤne noch Die theure Hand ihm netzen— wo ich rufen, Zum Himmel rufen ſoll: laß, Herr, in Frieden Nun deinen Diener fahren, denn ich hab' Den Mann geſehn, den du bereitet haſt!— Herauf, herauf, du goldne Sonne! ſteig' Aus Purpurwellen glaͤnzender empor: Du ſiehſt nichts Herrlichers in deinem Lauf! Schon ſcheucht ihr Licht die ſchwarze Nacht zuruͤck, Und weckt, belebt und kraͤftiget, was frei Vor ihr und aller Welt ſich zeigen darf: So geht auch Er, der Edle, dieſem Staat, Dem ſchlummernden, im Schlummer hart ge⸗ bund'nen, Erweckend, kraͤftigend, belebend auf!— Der Pförtner kömmt zurück, vor ſich ſingend, wie oben: „Und lieber ſinken ihn, als ſeine That!“— Geht ab durch die hintere Pforte, durch welche Ein⸗ zelne vom Volk langſam eintreten und ſich an die Seiten ſtellen. 4 4 Aniello vorn⸗ Doch halte dich, mein Herz! verrathe nicht In unvorſicht'ger Haſt, was langſam nur Der Menge bloͤdes Aug' erblicken darf, Soll ſie erblindend nicht ſich tiefer ſtuͤrzen! Wo bleib' ich? was beginn' ich, daß die Freud' Ich trag' und doch ſtill harrend mich gedulde? Ein alter Mann, mit einem Knaben auf dem Arme, tritt hervor. Alter Mann. Mein guter, alter Herr: ihr ſeyd vom Haus? Aniello. Ich bin's. Alter Mann. So ſagt: ich darf doch hier verweilen, Wenn euer Herr nun kommt? Verſteht mich recht: Nur ſehen will ich ihn, und dieſem da Ihn zeigen. Wißt, es iſt mein einz'ger Enkel! Aniello. Zur Pforte ſtellt euch hin. Alter Mann. Gut, lieber Herr! Ja ja, es ſind nun volle vierzehn Jahre, Seit er hinwegzog, frei ſich ſelbſt verbannte. Da ſtand ich auch gerad' an dieſem Platz, Und hielt des Knaben Vater, der noch ſelbſt Ein Knabe war, an dieſer meiner Hand. Dem ſagt' ich: Sieh ihn an! Das iſt ein Mann! Und kannſt du einer werden, bleibt ſein Bild Dir ewig in der Seele! ſagt' ich ihm. Und wenn du dann im zweifelhaften Leben 4ℳ Dir keinen Rath mehr weißt: ſo frage nur: Was haͤtte hier der Mann gethan? und thu', Ohn'’ alles Kluͤgeln, was du glaubſt, er werd' Es thun— ſo ſagt' ich ihm. Aniello. Und folgt' er euch? Alter Mann. Ja freilich folgt' er! ————— Aniello. Nun, wo iſt er denn? Verbergt ihn nicht; jetzt braucht man ſolche Soͤhne! ₰ Alter Mann. Nicht wahr? nur tauſend ſolche in Venedig jetzt: Das goldne Buch. Anniello winkt zu ſchweigen. Was da: ich ſchweige nie, Wenn ich'was Gutes weiß! das goldne Buch Blieb ohne Unterſchrift! und jene Wacht Der fremden Soͤldner bebt' in ihrem Stahl! Doch jetzund braußt die Herrſchſucht durch Venedig, Wie Herbſtſturm durch den Wald, unaufgehalten; Den jungen Anflug hat man ausgereutet; Wir alten Staͤmme— ja, wir ſtehn nun wohl, Doch hemmen koͤnnen wir den Sturm nicht mehr; Kaum faßt er uns, ſo fallen unſre Blaͤtter Und morſchen Aeſte. Aniello. Doch dein Sohn? Alter Mann. Iſt todt!— Du Friedefuͤrſt, verleih ihm ewgen Frieden!— Als Gradenigo vor Neapel zog, Zuerſt des Hermelins ſich werth zu zeigen, Da ſprach mein Sohn: das iſt ein guter Krieg: Da bleib' ich nicht! da ruft der Mann mich hin! 8 Und ſo verließ er mich, ſein junges Weib, Und dieſen, der in ihtdin Schoos noch ſchlief; Verließ uns, kaͤmpfte treu, und fiel. Er war Mit unter jenem Trupp von jungen Maͤnnern, Die nach des Feindes Admiralſchiff drangen, Es enterten, und nun ſich ſelbſt verſenkten, Den Admiral in Abgrund mit zu reißen. Ich habe nicht geweint, als ich's erfuhr: Er ſtarb fuͤr's Vaterland und fuͤr die Ehre Des jungen Helden, der es damals frei Und weiſe lenkte, jetzund aber— ha, Daß ich's erleben muß... Es haben ſich unterdeſſen Mehrere verſammelt. Unter ihnen auch Masken. Man hört Geſchrey des Volks in der Ferne. Was giebt es dort? Aniello. Er kommt! er koͤmmt! mein uͤberwallend Herz Erklaͤrt die rohen Töne! Sei willkommen, Willkommen tauſendmal! Das Volk drängt ungeſtüm Giacomo Tiepolo entgegen und ſtimmt ein: Volk. Willkommen! Hoch Leb' unſer Freund! und Vater! und Beſchuͤtzer! Giacomo Tiepolo, mit einigen Begleitern, nahet ſich. Mehrere vom Volk drängen ſich an ihn, küſſen ſeine Hände, ſein Gewand, bezeugen lebhafte Freude; andere ziehen beobachtend ſich an die Seiten. Giacomo. Willkommen, meine Freunde! Gluͤck und Heil Dem heim'ſchen Boden, den mit Ehrfurcht ich Und heißer Lieb' von neuem heut betrete! Einzelne vom Volk. Seid ſtill! er ſpricht! Hoͤrt, was er ſagt! Horcht auf! Giacomo aus den ihn Umgebenden ganz vortretend, leiſer: Empfange, meiner Vaͤter Gott, zuerſt Den Dank, daß mein Gebein bey ihrem ruhn, Nicht unter fremdem Volk verweſen ſoll... Andere vom Volk, leiſe: 1 Er laͤßt uns! ſeht ihr nicht? Er laͤßt uns auch! Giacomo. Und mein Geluͤbd': ſo lang durch deinen Hauch Das Herz mir ſchlaͤgt, es dir und guter Sache Des Vaterlands zu weihn, und ſo zu enden!— Er ſteht verſunken in ſtilles Gebet. Indeß Einzelne vom Volk, leiſe: Er betet! Still! Zuruͤck! daß keiner ſtöre! Andere. Ein Ketzer, wer das Knie nicht beugt! Ein Ketzer! Sie fallen nieder. Lange Pauſe. Dann wendet ſich Eiacomo heiter und mit Würde an ſie: Giacomo. Willkommen noch einmal!— Und jetzt, da wir Einander froh geſehn, uns froh begruͤßt, Jetzt geh' ein jeder ſtill an ſein Geſchaͤft Und ſchaffe treu das Seine. So auch ich! Viele. Du Mann des Vaterlands! du Schuͤtzer! Retter! 2 Giacomo. Geht liebe Buͤrger! und fuͤr meine Namen Laßt einſt die Nachwelt ſorgen. Lebet wohl!— — 11 Er erkennet Aniello, dem er die Hand reicht, indem er hineingeht: Mein treuer Alter, ſey willkommen mir! ab. Einzelne aus dem Volk. . Wie war denn das? So kurz— ſo ohne Dank— Selbſt kein' Oration, ſo viel ich weiß— 2. Er hat wol Wichtigers, als Komplimente An euch, und ſpart die Zeit. 3. Wol Wichtigers? Das Erſte bleibt des Volkes Lieb' und Wohl! Alter Mann. Doch nicht ſein Schreyn! Kommt, folgt ihm! An die Arbeit! Das Volk entfernet ſich nach und nach. Zwei Masken, die man ſchon vorher unter dem Volke bemerkt hat, kom⸗ men vor; es iſt Fernando Lolli, welchem Andrea Bantino folgt. Andrea. Die Huͤll' iſt gut; doch aͤndert auch den Blick, Den duͤſter brennenden, ſoll man in euch Den wuͤrdigen Fernando nicht erkennen! Fernando. Was willſt du mir? Wir haben nichts gemein. Andrea. Ich ehr' in euch das Alter; ehr' es ſelbſt In ſeinem Murrſinn, Argwohn, Stolz und Trotz. Wir haͤtten nichts gemein? Doch dieſen Platz—! Fernando. Ich waͤhlt' ihn, euch hier nimmer ſehn zu muͤſſen! Andrea. Und dies Verborgenſeyn—! Fernando. Ich bin es gern, Seit Schlechte ſchimmern. Andrea. Wagt's: ihr reitzt mich nicht! 4 Doch daß ihr hier ſo zuverlaͤß'ge Freundſchaft, Wie ſichre Feindſch aft anderswo einſchwaͤrztet: Das ſagt mir nicht! Jetzt mach' ich Platz! Lebt wohl! ab. 13 Fernando beſtürzt. Was ſagt' er? was?— Wie iſt mir... Lorenzo Valla eilt herbel. Lorenzo. Sieh, er ſelbſt! Wo bleibſt du, Vater? Alle ſind wir laͤngſt Verſammlet. Du, der Erſte, fehlſt uns nur. In Sorgen eilt' ich dich zu ſuchen, wo Geheim uns Freunde wohnen, und vergaß Hieher zu fliegen, wo der treuſte Freund, Frei, unverſtellt, uns neugeboren koͤmmt. Fernando. Und dieſen wollt' ich ſehn, mit eignen Augen. Lorenzo. Und haſt du ihn geſehn, den großen Mann? Ihn ſelbſt geſehn? O ſprich: wie trat er auf? Im Glanz annoch des maͤnnlichen Vermoͤgens? Und frank und frei? bewußt ſich ſeiner Kraft? Und zeigte ſeine Miene mehr den Schmerz Fuͤr das, was iſt? den Vorſatz mehr, fuͤr das, Was werden ſoll? Erkannt' er, ſprach er dich? 14 Und dann das Volk— o ſprich, wie nahm's ihn . auf? In freud'gem Jubel oder ſtill vertrauend? Und ſprach er frei aus, oder regt' er's tiefer Durch dunkler Reden maͤcht'gen Zauber auf? Denn daß er unſer, ganz der unſre ſei, Bei Gott, das ſchaͤmt' ich mich zu fragen! Nun So ſprich, ſo ſprich mir doch! Fernando. Beſchwicht'ge, Juͤngling, Dein raſches Blut und uͤberſtroͤmend Herz! Bei Gott, wir gehn in einen ernſten Rath! Lorenzo. Und ſoll er rathen, eh' er alles weiß? Fernando. Was jedem ziemt und nuͤtzt, das iſt ſein alles! Lorenzo. Vertraun und Waͤrme ſtaͤrkt zu großer That— Fernando. Durch jaͤhe Flamm' und Rede ſtuͤrzt kein Thron— — 13 Lorenzo. Auf kaltes Schweigen baut er feſt ſich auf— Fernando. Um, wird's gebrochen, gaͤnzlich zu zerſchellen— Lorenzo. Dich freut des Edlen Ankunft nicht: das ſchmerzt! Fernando. Du fabelſt dir den Gott, und das betruͤbt! Lorenzo. Mit Knaben handle ſo: ich duld' es nicht! Fernando. Zeig' maͤnnlich dich, daß ich dich maͤnnlich ehre! Lorenzo. So will ich's denn, und mehr als du: ich will Gerechten Unmuth kraͤftig niederkaͤmpfen, Und bitten gar: hab' ich gefehlt, vergieb! Nur fordre nicht, daß jetzt ich, kalt wie du, Mich zeigen ſoll, da endlich der erſcheint, Mir nahe koͤmmt, mich neu belebt, mich ſelbſt Zum Mitgenoſſen Einer großen That 16 Erhebt— der Mann, den nimmer ich geſehn, Und ſtets geſehn, der ſchon ſeit Knabenjahren Mein Leitſtern war und mir Begeiſtrung ſchuf— Jetzt fordr' es nicht, daß ich verſchloſſen ſtehn, Gemaͤchlich warten ſoll, bis dir's beliebt, Mir Nachricht zu ertheilen, oder keine! Nicht folg' ich dir von dieſem Platz, bis du Mir ſagſt, wie Er ſich zeigt' und wie das Volk. Fernando. So hoͤr': er wird den Uebermuͤth'gen ſtuͤrzen— Er kann's, er will's, er wird's! Lorenzo. Und aus den Armen Der hochbegabten, laͤndermaͤcht'gen Braut, Aus ew'gem Meer, ſteigt neuverjuͤngt Venedig! Er kann's! er wills! er wird's! Fernando. Das ſei dir gnug! geht. Lorenzo. Was alles in ſich faßt, das iſt mir gnug! folgt. —— — 1 2 Zweyte Secenſe. Garten am Palaſt des Doge. An der Seite, hinten, eine Laube. Laura alein. Himmliſche Liebe, Die du allmaͤchtig Wunder gewirkt: Mit Roſenſchimmer Den Geiſt erhellt, Mit ſuͤßem Zauber Das Herz erfuͤllt, Mein ganzes Weſen Ihm, dem Geliebten, Einzig ihm zugewandt: Entbind', entbinde⸗ Von bangem Ahnen Die frohe Bruſt! Laß ganz mich fuͤhlen, Dein hold Begluͤcken! Selene IX. Heft. 2 Ganz mich beruͤcken Dein' in mir lebende, Stuͤrmende, bebende Gotterluſt!— Dort, uͤber das wallende, brandende Meer, Schreitet durch duͤſtres, ſchwarzes Gewölke Dunkel gluͤhend die Sonne daher: So, Giulio, gluͤht verzehrende Liebe dir Von dunkler Stirn, aus duͤſtern Blicken! Was alle ſcheucht, bringt mir, nur mir, Verborgne Wonne, geheimes Entzuͤcken! Und flieh' ich ſchuͤchtern— wie der Vogel hier In ſtille Nacht der Einſamkeit Enrflieht dem Strahl, der ihm Verſchmachten draͤut— Soll ſelbſt mein Fliehn dich hoͤher nur begluͤcken!— Wo weilſt du, Giulio? ſagt dein Herz dir nicht, Wer hier fuͤr dich des Zwanges Feſſeln bricht? Wer ſchlummerlos um dich die oͤde Nacht In heißen, bangen Thraͤnen durchgewacht?— Was zweifl' ich! Nein, o du mein Einz'ger, weißt Was mich bewegt: in dir lebt ja mein Geiſt; 19 Mein Sehnen fluͤgelt deines Schiffes Kiel, Mit deinen Wimpeln treibt mein Gruß ſein Spiel; Und wenn dir Kuͤhlung ſanft die Wang' umweht, Es iſt mein Liebeswort, das leiſe fleht!— Warum auch, ſtrenger Vater, jetzt ihn ſenden? Dem einz'gen Kind das einz'ge Gut entwenden? Was hat mein Sinnen, Wuͤnſchen, Hoffen, Ahnen, Gemein mit deines Herrſchergeiſtes Planen? Im Reiche, das wir ſuchen, wohnt nicht Neid, Nicht Zwietracht, nicht Gefahr, kein Tauſch der Zeit; Hier kraͤnzt kein Diadem— ein Zweig von Myrten; Hier ſtuͤrmt kein Volk— hier ruhn begluͤckte Hirten— Dies laßt uns nur, was euch ja nicht gefaͤllt, Dies kleine Reich— ach, nicht von dieſer Welt!— Sie kommen; ich hoͤre maͤnnliche Tritte— Nicht ſeine ſind's! Verbirg mich, gruͤne Huͤtte, Die meine Wuͤnſch' und Freuden oft verbarg!— Der Vater iſt's, der theure. Ach, daß ihn Der Sorgen Unmuth, der Regierung Laſt So ſtreng und truͤb und ſinſter umgebildet! 20 Daß nicht, wie vormals ich, ein frohes Kind, Getroſt mich nahn, Gewaͤhrung hoffen, daß Ich mein Geheimnis ihm verſchließen ſoll! So muß denn ſtets, auch vor geliebten Seelen, Das Schoͤnſte ſich, das Heiligſte, verhehlen?— Sie geht in die Laube. Pietro Gradenigo und Andrea Bantino kommen im Geſpräch. Pietro. Genug von ihnen! Was die muͤß'ge Horde Erhitzter Schwaͤrmer, die den Brutus reden, Den Kaſſius geſtikuliren; was Gedruͤckter Hochmuth, frecher Jugendduͤnkel, Verworren traͤumen, bruͤten, leiſ' verſuchen, Laͤßt ſich berechnen, wird uns auch bekannt, Eh ihre Haſt es ſelbſt den Freunden noch Vertraut. Sie laſſ' ich gern nach hoher— Luft, Wie Kaͤfer an dem langen Faden, flattern, Um dann, zu meiner Zeit, ſie herzuziehn. Das nicht'ge Spiel, das ſich mit ihnen treibt, Iſt ſeit Jahrtauſenden verſucht, bewaͤhrt, Und ſtets mit ſichrer Hand gewonnen worden. Was will der Rohe, der dem Herrſcher draͤut? Der ſchoͤnen Freiheit Schattenbild auspraͤgen? 21 Die alte, große Zeit aus Graͤbern ziehn? Des Herrſchers Platz will er erledigt ſehn, Sich ſelbſt darauf zu ſchwingen, oder doch Die Puppe, die ſein Stolz zu lenken denkt! Leicht iſt verfuͤhrt, wer ſelber ſich verfuͤhrte. Andrea. Doch, Herr, das Volk... Pietro. Du ſprichſt es aus: das Volk—! Was ſucht es? Eſſen, trinken, ſich begatten, Stets Neues ſehn, und alles das bequem Und ſorglos! Schaff' ihm das: du biſt ſein Gott, Und magſt das Andre kuͤhn zum Dank dir neh⸗ men.— Nur Einer iſts, der laͤngſt mit Sorgen mich Aus weiter Ferne ſchon erfuͤllte; jetzt, Jetzt iſt er da— A ndrea. Vereinigt jene... Pietro. Nie!— Er einzig, er allein macht mich beſorgt: — 22 Denn ihm ſpricht ein gewaltig Wort mein Herz! Er war mein Lehrer, war mein Vater; ihm Verdank' ich dieſen Purpur: Er mir nichts, Und will und wird mir immer nichts verdanken! Andrea. Verzeih', mein Fuͤrſt, wenn ich zu Sinn dir fuͤhre, Doch hier den Menſchen auch vom Herrn zu ſondern. Es kraͤnkt der Mann den Mann, der Freund den Freund: Es mag der Mann, der Freund mag groß verzeihn; Doch wagt er frech den Herrſcher anzutaſten: Der Herrſcher muß ihn, groͤßer, ſtuͤrzen! Pietro. Ja; Trennt immer, trennt, was einig die Natur Erſchuf, in Gottgeſtalt verklaͤrt zu ſtehn, Bis es zuſammenſtuͤrzt, und ihr die Stuͤcken Der ausgehoͤhlten Form mit Kunſt und Fleiß Euch ſucht, um eure Maſſe einzudruͤcken! Andrea. Mein gnaͤd'ger Herzog... 23 Pietro. Schweig! den Mann zu faͤllen, Um den ich ſorg' und ihr in Furcht erbebt— Nichts leichter! Doch ihn wuͤrdig zu gewinnen, Nichts ſchwerer. Wohl! Das Schwerſte hat mich ſtets Gereizt: ſo will ich ſeinem Reiz auch hier Und meinem Herzen folgen.— Du bewachſt Mir alles, was er ſagt und was er thut. Andrea. In meinem Solde ſtehn von ſeinen Dienern Die meiſten.— Pietro. Wie dir's kömmt, will ich nicht wiſſen. Und meiner, merk' es wohl, wird nie gedacht! Andrea. Doch eine Bitte laß den Treuergebnen, Der ganz dir lebt, geſtehn— Pietro. Verhehle nichts. 24— Andrea. Der große Tag iſt morgen anberaumt, Der dein' und deiner Freunde Herrſchaft hier Auf ewig gruͤnden ſoll. Das goldne Buch, Das dich zum Haupt, zu thaͤt'gen Gliedern uns, Das Volk zum Werkzeug deines Willens macht— Und was den Schwachen mehr gilt: es erklaͤrt: Dies Buch ſoll morgen, morgen, in des Raths, Soll in des Volks vollſtaͤndigſter Verſammlung, Beſtaͤtigung und Unterſchrift erhalten. Bedenk' es wohl: dies iſt der maͤchtge Stein, Woran unwiederbringlich Eins zerſchellen, Auf ewig Eins zerſchellen muß. O Herr, Nicht dieſe Zeit erwaͤhle; nicht, wo du— Du ſagſt es ſelbſt— erweicht und ſorgenvoll Dir ſelbſt kaum gleichſt! Der neue Volksfreund wird Die Waffen nuͤtzen... Pietro. Kaum! Es will's der Lauf Der Zeiten. Jeder Staat durchlebt ſein Jahr. Der herrlich bluͤh'nde, kraͤftig ſchwell'nde, doch Auch arme Lenz ging dieſem laͤngſt voruͤber. 25 Sein Sommer, uͤppig treibend, gierig wuchernd, Im angeſtaunten hellen Strahlenkranz, Vergluͤht' ihm auch. Es naht der Herbſt mit Fruͤchten; Man ſammlet, jeder ſich allein bedenkend. Da greift denn jeder weiter, als er ſoll: Und jetzt muß Einer kommen, feſt und klug Die Zuͤgel faſſen, allen ſtreng gebietend: Das ſammlet, ſo tragt ein, und ſo genießt! Daß ihr von Sorgen frei und unbequemem Denken Dies koͤnnt, ſchaff' ich! und daß ich dieſes kann, Erduldet ſchweigend, was zu dulden kömmt, Und laßt mich frei gewähren— bis der Winter Uns allen naht, uns all' erſtarrend. Sieh, So wird den Lauf der Zeit mein weiſer Freund Erfaſſen! Er, der ſich einſt aufgeopfert, Wird leere Formen, wo der Geiſt verflog, Nicht feſter halten, als ein Prunkgewand Von ehedem, dem Sitt' und Koͤrper nun Entwachſen iſt. Andrea. O Herr... Pietro. Und waͤr' es auch: Verzoͤg'rung deſſen, was ſchon laͤngſt verkuͤndigt, Laͤngſt vorbereitet, durchgekaͤmpfet iſt, Verriethe Furcht, verriethe ſchwaͤchlichs Wanken, Gäͤb' Schwachen ſelber Muth, Verwegnen Trotz. Zudem: was unter uns doch einmal nun Zur Sprache kommen muß, koͤmmt beſſer ſchnell, Unvorbereitet— Andrea. Herr... Pietro. Es iſt beſchloſſen. Geh!— Andrea Bantino ab. Noch ruht der Wuͤrfel in des Spielers Hand, Der an den einzigen ſein Alles haͤngt! Er zoͤgert: doch allmächtig reitzt der Trieb, Es reitzt der Blick, der ſcharf geſpannete, Auf ihn allein gerichtete, der Menge, Die lauernd, aͤchzend ihn umſteht— Er wirft— Sie ſtaunt, ſie jauchzt—: gewann, verlor er alles?—— 2⁷ Indem er ſinnend abgehn will, entdeckt er Laura in der Laube. Mein Kind, mein liebes Kind: du hier? Sey mir Willkommen! Laura. O mein guͤt'ger Vater! Pietro. Ja, Dich bringt ein holder Genius mir jetzt, Da Labung ich, wie nie bedarf, und Freude. Laura. O dank dem guten Geiſt, der mich gefuͤhrt! Auch ich bedarf— ſchon lang... mein Vater— ach.. Sie wirft ſich an ſeine Bruſt. Pietro. Was iſt dir, Tochter? Iſts ein leiſer Vorwurf, Der unter ſchoͤner Wallung ſich verbirgt? Gewiß: ich hab' dich lange nicht geſehn, Wie Kind' und Vater ſollten. Nun, ſo laß Einholen uns, und jetzt, was wir verſaͤumt! 28— Sprich heiter mir von heitern Maͤdchendingen, Wie du gewohnt—— Doch deine Wang' erblaßt, Die Lippe brennt, dein Auge ſtrahlt in Thraͤnen? Laura. Ihr Himmliſchen, gebt Worte mir! Pietro. Du biſt Verſchuͤchtert; ſahſt vielleicht mich eben ernſt— Laura. 8 Ich ſah— vergieb— nur meine goldnen Traͤume! Pietro. Und ſinkſt in ſie zuruͤck? Faſt moͤcht' ich fragen, Ob du auch jetzt nur ſchoͤne Traͤume ſiehſt! Komm zu dir! ich bedarf jetzt heitrer Liebe. Es draͤngt der Argwohn ſich von allen Seiten Dem Herzen auf, das gern ſonſt Zutraun faßte, Und ſtreng und furchtbar muß ich vielen ſeyn: So bringe du die wankende Natur, Die ſeufzend nur ihr Gleichgewicht verlaͤßt, In ſchoͤne Harmonie zuruͤck. Blick' auf! Nimm alle meine Guͤte, wie die Andern Mein Denken all und all mein wirkſam Wollen! Laura. O Vater! daß die arme Laura dich So lang nicht alſo hoͤrte! daß vor dir Ich zittern, mich verbergen lernen mußte! Pietro. Das haͤtteſt du gelernt? Laura. 4 Ach, mußt' ich's nicht? Doch nein, ich klage nicht! vielmehr, ich preiſe Auch hier mein Schickſal! Hab' ich nimmer doch, Was du mir biſt, ſo inniglich gefuͤhlt, Dich nimmer ſo geliebt, als zitternd jetzt. So ſoll mein arm Geſchlecht denn uͤberall Nur bebend wahre, heiße Liebe lernen? Nur angſtgequalt vollkommen ſelig ſeyn? Pietro. Wer— Tochter, ſprich— wer hat den fluͤcht'gen⸗ Blick 1 An deines Weſens ſtill verborgne Tiefe 1 30 So wunderbar zu feſtigen gewußt? Du gluͤhſt mit Eins? umſchlingſt mich enger? jetzt Erblaſſeſt du— du wankſt— du ſinkſt— Laura. 3.— Ach ſchone— Pietro. Was werd' ich hören!— Ja, bei Gott, du liebſt. Laura. O ſuͤßes Wort! Laß mich die Lippen kuͤſſen, Die nun verſtummen, gleich als hielten ſie, Was ſonſt ſich ſpricht, nicht werth ſie zu be⸗ ruͤhren. Pietro. Erwach', erwache, Tochter! Ha, es webt Aus deinen Phantaſie'n mein boͤſer Geiſt Mir eine Schreckgeſtalt fuͤr dich und mich! Sie ſchwebt daher, verhuͤllt noch: loͤſe ſie! Laura. Du ſchreckſt mich, Vater! — 31 Pietro. Kennen will ich ſie— Sie jetzt erkennen! Nenne ſie! Du liebſt, Wo du nicht lieben ſollteſt! Laura. Wie, mein Vater—? Jetzt giebſt du mir mit Eins den Muth zuruͤck. Verirren kann dein ſchwaches Kind ſich, fehlen: Doch fallen nicht! O ſieh, mein guter Vater, Wie leicht dich Argwohn, wie vergeblich, reitzt, Seit du dem ſtillern, heitern Geiſt' entſagteſt, Der vormals dich und uns ſo hoch beglüͤckte! Pietro. Brich mir das Herz, da du es nicht vergifteſt! Laura. So hilf, im Himmel du, mir Worte waͤhlen, Daß unerfahrne Unſchuld nicht verwunde, Wo ſie zu heilen— ach ſo treulich ſtrebt! Ich liebe, Vater: doch, wo alle lieben, Und freudig huldigen dem hohen Geiſt, Dem freien/ tapfern Sinn, und der Geſtalt 32 Erhabner, ſieggewohnter Goͤtterbildung. O ſag' ein gütig Wort! Nicht wahr, zu ihm, Zu ihm, dem ſelbſt des Vaters Sorgen weichen, Darf ſich der Tochter Herz wol liebend neigen 2 Pietro. Vollende! ſprich es aus! ſprich Giulio aus! Laura. Mein Giulio—!— Wie, du zürnſt? 2 Nein, Freude nur, Womit ich allzuſchnell dich uͤberraſcht, Laͤßt dich verſtummen— treibt dich von mir weg— Ich weiß es wohl, wie Freude ſchmerzen kann! Als Er zum erſtenmal in dieſer Laube Zu meinen Fuͤßen lag, zum erſtenmal Sein„Blick, ſein Schwur/ ſein hingeſchmolzites Selbſt Des Himmels Freuden plötzlich zu mir wandte: Da uͤberſiel's auch mich wie liahet Tod—* Doch ſußer Tod! enuu ĩ Pietro vorn, vor ſich: O Giacomo, das iſt Nicht mannlich ſtreng, das iſt geheime Tuͤcke! 38 In meinem Hauſe mich, wo ich allein Erſatz und ruhiges Genügen finde, Leiſ' aufzuſuchen, heimlich zu umſtricken! Im eignen Hauſe, wo der Bettler Fuͤrſt, Den Fuͤrſten pluͤndern, daß er Bettler werde? Laura. Wie iſt mir? Gott! ſo zuͤrnſt du dennoch? zuͤrnſt, Daß deinen treuſten Freund mein Herz erwaͤhlt, Des Mannes Sohn, den du einſt Vater nannteſt? Pietro. Mann gegen Mann tritt auf! Mann gegen Mann Laß uns den Muth verſuchen und die Kraft! Dann ſiege— falle, wem das Loos beſchieden— Laura. Er hoͤrt mich nicht. Wohin, wohin mich wenden, Wenn Vaterlieb' und Freundes Treue bricht? Gieb dich zur Ruh, mein Herz, und klage nicht: Der ſchoͤnſte Traum muß ſchneller nur ſich enden! Indem Laura langſam abgebt, eilt von der andern Seite Andrea Bantino herbei. Selene IX. Heft. 3 Andrea. Verzeih' mir, wenn ich... Pietro. Sag', was treibt dich her? Viel Boͤſes meldet dieſer Blick mir an. Sag's kurz; man iſt, das Widrige zu hoͤren, Durch Widriges am beſten vorbereitet. Andrea. Was ich gefuͤrchtet kaum— ſchon wird's vollbracht. Venedig gleicht dem truͤg'riſch ſtillen Meer, Wenn ſichs zu moͤrd'riſcher Empoͤrung ruͤſtet, Wenn keine Welle brandend, ſchaͤumend ſteigt, Nur dunkler Flor den Spiegel überzieht, Nur hier und dort ein leicht Gekraͤuſel flittert, Und leiſes Murmeln aus verborgner Tiefe Dem wohlerfahrnen Mann den Kampf verraͤth. Ein jeder treibt das Seine, finſtern⸗Blicks Und ſchweigend, treibt's mit ſo begier'ger Haſt, Als muͤßt' er's heut beenden, oder nie. Bekannte weichen, Freunde, Anverwandte, Als kennten ſie ſich nicht, einander aus; Doch ruft ein fluͤchtger Blick dem Andern zu: 35 Du weißt doch, was ich weiß? verſtehſt mich doch? Ein raſcher Wurf des Mantels giebt die Antwort: Nur zu: ich bin bereit! Pietro. Viel ſieht ein Auge, Das viel zu ſehn entſchloſſen iſt und glaubt! Die Glocke ſchlägt dreimal drei an. Die Glocke meldet, daß die Rathsverſammlung Schon aus einander geht— Andrea. Man eint ſich ſchnell, Will jeder, was er ſoll, ſoll, was ihm nuͤtzt! Es fehlt dir morgen keiner vom Senat. Was Wunder auch! Du machſt zum Fuͤrſten jeden Mit Kind und Kindeskind auf ew'ge Zeit, Der dir ſich fuͤgt und deiner Uebermacht— Denn jeden ſolchen nennt dein goldnes Buch. Doch jene Stoͤrrigen, die du entfernſt, Fernando Lolli's bleicher Traͤumerbund, Und Sant' Antonio's uͤbermuͤth'ge Zuͤnfte, Sie haben ſich verſammlet... Pietro. Heimlich? Andrea. Nein, Bei offnen Thuͤren... Pietro. Ha, ſie lehren mich, Was laͤngſt ich ſchon geſollt: des Hochverraths Bezuͤcht'gen alles, was gemeinſam denkt, Gemeinſam will, gemeinſam ſich beſtrebt!— Was ward beſchloſſen? Andrea. Beide ſenden ihm, Dem neuen Gott, im Pomp Geſandte zu— Pietro. Wer fuͤhrt ſie an? Andrea. Fernando jene ſelbſt; Und dieſe waͤhlten ſich den trotz'gen Knaben, Der los ſich ſagte von dem großen Rath, Sobald dein Vorſchlag jenes Buchs genehmigt... 37 Pietro. Lorenzo Valla? Andrea. Eben ihn. Pietro. — Was ſoll Die Botſchaft? Andrea. Ihn willkommen heißen! mit Dem uͤbrigen ſind beide noch beſchaͤftigt. Pietro. Und Er— 2 Andrea. Sie meldeten ſich eben an— Pietro. Er lehnt' es ab? Andrea. Verſprach, ſie zu empfangen! Mein Haus ſteht jedem offen, der ſich naht 38 Wie Sitt' es heiſcht und das Geſetz erlaubt! So ſprach er, arge Liſt im Buſen bergend. Noch einmal: Herr, verzögre, was du willlſt, Und was du, freundlich zoͤgernd, leicht erreichſt! Pietro. Was je Begeiſt'rung ſchuf in großer Stunde, Und was Verſtand gepruͤft, muß ſtehn, wie's ſteht!— Ich fuͤhle freier mich, ſeit heller daͤmmert, Wie dieſer Mann mir gegenüber tritt. Ein Wort von ihm noch: alles iſt gethan!—— Verdopple alle Wachen; waͤhle ſelbſt Die Treuſten aus; doch ſtill und unbemerkt. Den Hafen ſchließt mir eng; ins Arſenal Nehmt Truppen auf, ſo viel es birgt. Und du Zahl' eigenhaͤndig und mit klugem Wort Die Lohnung meiner Leibwacht dreifach aus. Sei ſorgſam, wie du pflegſt, doch unbeſorgt!— Andrea Bantino ab. Pietro alein. Nichts Widrigers, als einen Mann zu ſehn, Der ſich ein großes, hohes Ziel geſteckt, Sein inn'res, beß'res Selbſt ihm zugewandt, Und nun die Mittel ſcheut, es zu erreichen! Der will und nicht will, ſtrebt und widerſtrebt; Im Kampf mit Gegnern nicht, im Kampf mit ſich Die Kraft vergeudet, die den Sieg gewaͤhrte— Und ſo, ſich draͤngend, nichts erreichen mag! Ich will der Welt und mir ſolch Bild nicht bieten—— Giulio Diepolo kömmt. Was ſeh' ich? Wie? du hier? du wagſt— 2 Giulio. Ich wagte, Was du befohlen und was wochenlang Beſchaͤft'gen konnt', in Tagen zu vollfuͤhren. Er giebt ihm eine Papierrolle. Dies ſendet von Ancona dir, mit Gruß Und Segen ſeiner Heiligkeit, Monacco, Des Pabſtes— Kardinal und Admiral. Es ſahen Seine Eminenz den Streit, Den wuthenden, mit an— vom ſichern Leucht⸗ thurm. Die Stadt, voll reges Eifers fuͤr Venedig, Und dankbar fuͤr die nene Sicherheit, 40 Die ihr vom Uebermaas der unſern wird, Erbot ſich ſelbſt, mir die Verwundeten Zu pflegen; ja, man draͤngte mich um ſie, Und jeder nahm den Pflegling als Geſchenk. Jetzt warf ich mich mit denen, die wie mich Es trieb zur glanzerfuͤllten Vaterſtadt, In fluͤchtige Galeeren der Piraten; Und wie der Weih die Luft, nach Beute ſtuͤrzend, Zerriſſen wir das heitre, guͤnſt'ge Meer. Beehr' uns, komm nur ſelbſt zum Hafen; ſieh Die Raͤuber, ſieh die jauchzenden Gefaͤhrten, Und ſieh— mein erſtes Probeſtuͤck vollbracht. Pietro. Und kömmſt nach eigner Willkuͤhr jetzt zuruͤck? Giulio. Mein eigner Bote mir zu ſeyn! Du zuͤrnſt? Wozu ich ausgeſandt, das iſt vollbracht. Mein Amt iſt aus. Den Freunden rathet Nori, Der, wie du ſelbſt geordnet, ſie, und mich, Haͤtt' ich's bedurft, berathen ſollte. 41 Pietro, in ernſtes Nachſinnen verſinkend, den Blick auf die Papiere. Doch Vergingſt du ſchwer dich, bringſt dich in Gefahr! Giulio. Hab' ich gefehlt, entſchuld'ge mich die Abſicht. Pietro. Und welche? Giulio. Welche, fragſt du mich? Mein Vater, Mein theurer Vater iſt zuruͤckgekehrt— Pietro. Du ſahſt ihn ſchon? Du haſt ihn ſchon geſprochen? Giulio. Wie haͤtt' ich das gedurft, bis ich von dir Der auferlegten Pflicht entbunden bin? Pietro vortretend, vor ſich: Ein guter Gott fuͤhrt durch ein Wunder mir Den Juüngling her, um freundlich aufzuloͤſen, 42 Was furchtbar ſich geſchuͤrzt. Gefeſſelt ſelbſt, Durch Liebe, ja ſogar durch ſein Vergehn, Soll er den Vater leicht und maͤchtig feſſeln! Von deiner Hand, mein treues Gluͤck, nehm' ich Als Unterpfand ihn an. Ich will zum Ziel: Doch gern durch Gunſt und nicht durch rauhe Macht. Giulio. Ich ſind' in dir nicht wieder, was ich ließ: Das ſchmerzt mich ſehr! Auf Freude, Gluͤckwunſch, Dank, Ich will es nur geſtehn, hatt' ich gerechnet; Du wendeſt ernſt und kalt dich von mir ab— Pietro reicht ihm die Hand. Mein guter, wackrer, treuer Giulio glaubt, Mich freut' es nicht, den erſten Lorbeer ihm Um's Haupt zu flechten? Giulio. O, ſo biſt du doch Der vor'ge wieder? Deine liebe Hand, Die mich zu meiner erſten That gefuͤhrt— — 43 Ich druͤcke ſie entzuͤckt an meine Bruſt! Dein iſt's, was ich errang; dein, was ich noch Erringen werde! Pietro. Sprich, mein junger Freund, So großes Wort nicht leicht und uͤbereilt! Es ſteht nicht alles, wie es ſoll; und bald, Und jetzt entſcheidet ſich's, ob vierzehnjaͤhr'ge, Des Lebens Mark und Freud' und Vollgenuß Verzehr'nde Buͤrde, die mit dieſem Purpur Ich um mich ſchlug, dem Vaterland' und mir Vergebens mich belaſtet. Ginlio. Laß mich ſtehn, Den Cherub mit dem Flammenſchwerdt, bei dir! Ich ſchwoͤr' es: eh' muß dieſer Arm nicht Sehnen, Dies Herz kein Blut, die Bruſt kein Wort be⸗ herrſchen, Eh' ungeraͤcht dir Tuͤck' und Bosheit naht! Pietro. Nicht Bosheit fuͤllt des Edlen Herz mit Sorgen; Sie ſtuͤrzt er kuͤhn, und trifft ihr Stachel doch, 44 So faͤllt er groß, und ruhig ſie verachtend. Jedoch, gutmuͤth'ge Schwaͤche, Schwaͤrmerei, Selbſttaͤuſcherei des Redlichen, der ſich, Sich ſelbſt, den Guten ſieht, in ſchlechter Welt... Giulio. Verrath iſt, was verraͤth! Pietro. So denkt ein Mann! Jetzt harre du des freudigen Empfangs, Um den Venedig dich bei mir gebracht! geht ab. Giulio alein. Was ſagt' er? was ſoll ich erwarten?— Ha, Wie füͤhl' ich anders heute mich, als ſonſt, Im Schatten dieſer wohlbekannten Baͤume! Die Bruſt iſt mir beengt, der Sinn verwirrt, Seit nicht des Himmels und des Meeres Raͤume, Die ew'gen, unermeßlichen, allein Mich frei und groß und kraͤftigend umgeben. O, daß mir einſt mit dir, mein ſuͤßes Leben, Die Tage flohn in hehrer Einſamkeit Und ſtillem, weltverachtendem Genuͤgen, 45 Vom dunkeln Erdenſinn geſchieden weit, Und weit von Menſchen, die ihm unterliegen!— Pietro Gradenigo kömmt zurück, Laura an der Hand. Pietro. Geh, meine Tochter, heiß ihn freudig mir Willkommen— und auch dir! Laura. Mein Vater—! Pietro. Wird Mein Auftrag dir ſo ſchwer? das glaubt' ich nicht! Er hat den ſchoͤnſten Gruß um uns verdient, Und kann ſich leicht— wer weiß?— noch mehr verdienen! Giulio vor ſich. Was iſt das? Laura. Vater—! Pietro. —— Du, mein junger Held, Eilſt dann zu mir, viel Wicht'ges zu vernehmen!— ab. 46 Laura oor ſich. Gott, iſt's ein Traum, ſo laß im Traum mich ſterben!— beſchämt und leiſe zu Giulio: Den Gruß ſoll ich euch bringen—— Ihr ſteht fern, Und wollt es nicht? nehmt meinen Gruß nicht an? Giulio läßt ſich auf ein Knie nieder. Blick' in mein Herz, denn Worte hab' ich nicht! Laura. Wie werd' ich freundlich gnug Willkommen ſagen? Glulio breitet knieend die Arme aus, Laura ſinkt an ſeine Bruſt. Giulio. O Gott, hilf deine Seligkeit mir tragen! Der Vorhang fällt. Ende des erſten Akts. Jugendanſicht einer Franzoͤſin und einer Deutſchen. I.*) Kein Weſen auf der Welt genießt mehr und fuͤßer, als eine huͤbſche, junge, von Allen ge⸗ feierte Frau. Es iſt ein wahres Feenreich auf Erden; aber ach! warum iſt die Herr⸗ ſchaſt des Reizes ſo vergaͤnglich, da ſie doch ſo unausſprechlich ſuͤß, ſo gluͤcklich berauſchend iſt? Jugend allein verſchafft ſie uns. Sie ver⸗ ſchwindet mit dieſer, und unſer Gluͤck iſt dann geweſen. Nur der unerſaͤttliche, der nie zu ſtillende Hang nach dieſem Genuß der Weiblichkeit, bleibt zu unſrer Qual zuruͤck, und die Erinnerung ſchaͤrft ihn, ſtatt ihn zu mildern. Unſre Eitelkeit, unſre Gefallſucht, unſre An⸗ *) Von der, auch in Deutſchland mit Recht gefeierten Verfaſſerin, einer Freundin franzöoͤſiſch geſchrieben. 45——— ſpruͤche bleiben dieſelben; das Alter verſtͤrkt ſie, wie den Wein, und ſie verlaſſen uns ſelbſt im Tode nicht. Oder ſollt' es ein Weib geben, das nicht noch mit Grazie zu ſterben, nicht noch einen ungemein angenehmen Eindruck im Sarge zu machen wuͤnſchte? Himmel! was iſt es auch fuͤr eine huͤbſche Frau fuͤr ein verdrießlicher, unleidlicher Ge⸗ danke, daß man dieſem verwuͤnſchten Alter nur durch den Tod entfliehen kann! Wie kann man ſich noch daruͤber wundern, wenn die Matronen ſo uͤbellaunig ſind! Sie haben ja vom Leben nichts mehr, als den geſchmackloſen, widerlichen Bodenſatz zu genießen! es bleibt ihnen nichts mehr von jenen, unſrer Eitelkeit ſo angenehmen Huldigungen; nichts mehr von jener Sicher⸗ heit, blos durch unſre Erſcheinung allen Ueber⸗ druß, alle Langeweile zu verjagen; nichts mehr von jenen zarten, leiſen, und doch ſo bedeu⸗ tenden Auszeichnungen, die die wahre Seele der Geſelligkeit ſind! Sie hoͤren nur noch die Seufzer der Langeweile; ihr Auge trifft nur auf zufaͤllige, voruͤbereilende, anderwaͤrts be⸗ ſchaͤftigte Blicke; man redet mit ihnen nur im — 49 gefrierenden Tone des Anſtands— keine Schmeichelei mehr— vielleicht noch zuweilen ein Handkuß, als Deputat, aber kein verſtohl⸗ ner Haͤndedruck mehr— ſie haben aufgehoͤrt zu intereſſiren— ihr unvermeidliches Loos iſt Vernachlaͤſſigung. Geſundheit, Heiterkeit, Witz, Muthwillen, Grazie, dieſe Kinder der Liebe und der Jugend— alles iſt hin. Das Ge⸗ ſicht, das ſie ſchmuͤckten, wird nun durch Zeit und Verdruß entſtellt, und keine geheime, noch ſo lange und kunſtmaͤßige Toilette vermag das zu verſtecken und zu erſetzen. Die Liebesgoͤt⸗ ter haben einen unuͤberwindlichen Abſcheu vor grauen Haaren.— Großer Gott! welch eln ſchrecklicher Zu⸗ ſtand! welch ungeheurer Vorrath von Philoſo⸗ phie gehoͤrt dazu, um den Gedanken daran ohne Verzweiflung denken zu koͤnnen! Und wenn ſie nun kuͤnftig einmal Gegenwart wird, dieſe Fer⸗ ne? Troſt uͤber den Verluſt dieſer Jugendvor⸗ rechte iſt gar nicht moͤglich; aber das empoͤrend⸗ ſte iſt, daß die Bluͤthe, von der unſer Gluͤck ab⸗ haͤngt, ſo leicht, ſo ſchnell verwelkt. Die kluͤgſten, geiſtreichſten Frauen verſtehen hieruͤber, Selene IX. Heft. 4 30 trotz dem, was ihnen uͤbrig bleibt, ſo wenig Spaß, als alle die es nicht ſind. Erfahrung und Beobachtung lehren uns, daß die Maͤnner nie unſern Verdienſten, ſondern nur der Ju⸗ gend und dem Reize huldigen. Und gehuldigt wollen und muͤſſen wir nun einmal ſeyn! es iſt und bleibt der einzige reelle Genuß fuͤr ein . Weib—— Ach fort, fort mit dieſen finſtern Gedanken! raſch einen Schleier uͤber dieſe furchtbare Zu⸗ kunft! Warum durch ſo greuliche Reflexionen eine Zeit verduͤſtern, von der man, eben wegen der Vergaͤnglichkeit ihrer Bluͤthe, jeden Augen⸗ blick ſchaͤtzen und benutzen muß? 2.*) Wie ruhig, wie ſtill liegt die weite Win⸗ terlandſchaft vor mir! Schon werden die Sterne bleicher, der Morgen roͤthet ſich im Feuer⸗ glanz und das Schneegefilde faͤrbt ſich in *) Aus dem Tagebuche eines deutſchen Maͤd⸗ chens. 3 31 ſeinem Widerſchein. Bald ſteigſt du herauf, goldene Sonne, und mit deinem erſten Strahle liegen fuͤnf und zwanzig Lebensjahre hinter mir. Mit ihnen ſcheideſt du von mir, roſige Jugend, mit deiner ſuͤßen Schwaͤrmerei des Herzens, mit deinem Durſt nach Gluͤck und Liebe, mit deiner Zuſicherung des unendlichen Lebens!— Ich ſtehe am Scheidewege und blicke zuruͤck auf die durchwandelte Bahn. Wie iſt ſie mit Bluͤthen jugendlichen Frohſinns, freundlicher Taͤuſchung, goldner Hoffnung und unbegrenzten Vertrauens beſtreut! Welche ſuͤße Thraͤnen, welche geliebte Schmerzen, welche wehmuͤthige Freude!— Welche Friſche und Neuheit aller Anſichten und Erfahrungen, welcher Reiz des Suchens und Findens!— Und das alles liegt nun hinter mir? Die geiſtige Dryade, die mit der koͤrperlichen Huͤlle bluͤhte, ſie wird auch mit ihr welken? Ich werde jetzt, wie eine Waſſerpflanze nach abge⸗ fallner Bluͤthe, verſinken in die oͤde, kalte Tiefe der Abgeſtorbenheit? Nein! mag mit der Iugendbluͤthe das Reich der Eitelkeit und des Reizes enden: ich 52— will dieſem fluͤchtigen Schmucke des Maͤdchen⸗ lebens nicht nachweinen; will mich nicht aͤngſt⸗ lich muͤhen, die Fliehende zu feſſeln.— Fruͤh hab' ich mich an den Gedanken ihrer Flucht gewoͤhnt, fruͤh mich vorbereitet, ſie jetzt nicht als den Verluſt meiner ſuͤßeſten Gabe beweinen zu muͤſſen. Fahr' denn wohl, lieb⸗ licher Fruͤhling dieſes Lebens! Du wareſt ſchoͤn— ja du wareſt ſchoͤn, und dein farbiger Nebel ſchmuͤckte die Erde und auch mich. Jetzt ſinkt er und ſeine roſigen Erſcheinungen verſchwinden: aber auch ſeine Gewitter ziehen heim, und eine reinere Luft faͤngt an, mich zu umgeben. Unerſetzlich bleiben freilich deine Guͤter! Aber laß ſie mich beim Lebewohl doch noch einmal betrachten! Lieblicher Jugendreiz: o gewiß, dein unver⸗ kennbarer Einfluß auf mich umgebende Men⸗ ſchen, gewaͤhrete viel Freude, gewaͤhrete ſuͤßen Genuß! Das wird nun aufhoͤren, und die mich um deinetwillen auszeichneten, werden mich verlaſſen. Aber Manche ſuchten mich nicht um deinetwillen allein auf; und kann ich mir's ableugnen, daß eben dieſe die Beſſern waren? 5³ Willkommen denn ihr Beſſern! ihr werdet auch kuͤnftig bei mir verweilen! Mein Geiſt blieb nicht unangebauet, mein Herz iſt nicht ver⸗ armt: damit will ich euch, und traulicher, getroſter, inniger als ſonſt entgegen gehen, ihr Aeltern, Geſchwiſter, Freunde! Ihr nehmt mich auf? ihr nehmt mich jetzt auch traulicher, getroſter, inniger als ſonſt auf? O ſo fuͤhl' ich wahrlich jenen Mangel nicht, denke mit euch heiter laͤchelnd an jene Zeit, und wir ſingen froͤhlicher Erinnerung voll: „Ich beſaß es doch einmal—— Aber auch du, froher Jugendſinn, mit deinem Reichthum an Hoffuung, mit deiner Gabe des ſchnellen Verſchmerzens, ſcheideſt! Doch, Froͤhlichkeit iſt dein Element, nicht Heiter⸗ keit. Heiterkeit iſt die Tochter der Ruhe, und die Jugend, ungeduldig und unſicher ſtrebend, kennt dieſe nicht. Jetzt kenne ich ſie! Beobachtungen wurden gemacht, Kenntniſſe geſammelt, mein Standpunkt in der Geſellſchaft beſtimmt, meine Hoffnungen berichtigt, meine Wuͤnſche beſchraͤnkt, mein Verhaͤltniß zu der Außenwelt feſtgeſetzt — in mir ſelbſt wurde das Maas meiner 54— Faͤhigkeiten gefunden. Nun wird mir ein ſtil⸗ ler, ruhiger, aber begruͤndeter Genuß des Le⸗ bens möglich; und ſollte er mir nicht Erſatz gewaͤhren fuͤr die Lebhaftigkeit der Empfindung, das Uebermaß an unerfuͤllbaren Hoffnungen, an ſchoͤnen Traͤumen? Wenn ich fruͤher auf den gegenwaͤrtigen Zeitpunkt blickte, fragt' ich mich oft mit un⸗ beſchreiblicher Wehmuth: wie ſollſt du denn dein Herz vor einer troſtloſen Verarmung, vor dem Gefuͤhl druͤckender Leere ſchuͤtzen? Und nun fuͤhl' ich doch dies Herz warm, innig und getreu; die Welt iſt mir nicht leer, das Leben nicht gehaltlos, nichts Heiliges iſt mir zum Maͤhrchen geworden, und freundliche Ge⸗ nien des Himmels ſchweben um mich. Men⸗ ſchen, die ich unermeßlich liebte, ſind mir verloren; der Geliebte und die Freundin ſind auf die ſchmerzlichſte Weiſe mir entriſſen: aber die Liebe in meiner Bruſt iſt unvermindert, und eben ſie, der ich vertrauete, hat das Herz geſtillt und geheilt. Sie iſt mir jetzt der volle, aus unverſiegbaren Quellen fließende Strom des geiſtigen Lebens, von dem die Liebe des — 5⁵ Einzelnen nur ein Ausfluß iſt, der ſie nie erſchopfen kann. Der Menſch verliert den Menſchen, den er liebt: aber die Liebe iſt ewig; und muͤßte ſogar das Herz ſich verſchließen gegen alle, die mich umgeben, ſo wuͤrde ſie ſich doch bald einen neuen Weg bahnen: ſie wuͤrde mich zur Dichterin machen, oder mich auch ſo lebendig, ſo innig zu Gott hinziehen, daß ich des Irdiſchen nicht mehr, als eines Mittlers zwiſchen ihm und mir, beduͤrfte. Der Strom graͤbt ſich ſein Bett tiefer, und ſtroͤmt dann voller und reiner, als wenn er in weiter Flaͤche fortgleitee. Mein Herz wird nie erkalten! daß es geſchaͤhe, iſt mir undenk⸗ bar, wie Vernichtung. Mein Geiſt kann das Eine ſo wenig faſſen, als das Andre, weil er ſich mit Liebe und Daſeyn Eins fuͤhlt; von ihnen ſo wenig, als von ſich ſelbſt ſich ſcheiden kann. Da tritt ſie hervor, die holde Morgen⸗ ſonne, und ihr erſter Strahl faͤllt auf dies Blatt. Fahre wohl, du Jugend der aͤußern Erſcheinung! Liebend und ſegnend blick' ich dir nach: aber heiter genieß' ich der Gegenwart, 36 und vertrauend wend' ich mich nach der Zu⸗ kunft. Geiſt und Liebe, bleibet die Schutzengel meines Lebens, und verklaͤrt noch als mildes Abendroth das Leben der Matrone, wie ihr jetzt meines Lebens Mittag verklaͤret!— 57 Der unterirdiſche Koͤnig. Moͤnchsmaͤrchen. Hoch woͤlbt zu mondlichduͤſtrer Halle In wuͤſter Truͤmmer Dorngefild Ein Lorbeer ſich; ein ernſtes Bild Von modergruͤnlichem Metalle Steigt aus dem Schutt, und Diſteln wiegen Sich an verloſchnen Runenzuͤgen. Wer den metallnen Knaben ſchauet, Ahnt tief verſchloßne Schaͤtze hier; Es wuͤhlt bei Nacht des Graͤbers Gier; Dumpf droͤhnt, wenn kaum der Morgen grauct, Das ſproͤde Erz von maͤcht'gen Streichen: Doch nimmer will's im Grunde weichen. 58 Die Axrt auf dem gebeugten Nacken, Kommt auch die fromme Kloſterſchaar Mit dem gelehrten Abt Hilar. Man pruͤft den Grund mit Beil und Hacken, Mit Wuͤnſchelruthen, Waſſerwagen, Und ſchon beginnt's im Oſt zu tagen. Roth ſchimmert's in den dunkeln Zweigen; Der Abt ſchaut ernſt und unverwandt Stets nach des ſchwarzen Knaben Hand. Die Linke droht und warnt, zu ſchweigen, Indeß, geheimen Wink zu geben, Der Rechten Finger aufwaͤrts ſtreben. Was laͤngſt Hilar im Geiſt erwogen, Doch gier'ge Thoren nicht verſtehn— Er hofft’s— wird in Erfuͤllung gehn; Sein Daͤmon hat ihn nicht betrogen— Er winkt, den Lorbeer zu umringen, Auf ihn den ſcharfen Stahl zu ſchwingen. Von kraͤft'gen Schlaͤgen hallt die Runde, Doch haftet Axt und Karſte kaum Am hundertjährgen Lorbeerbaum; Nicht eher wankt der Stamm im Grunde, Bis zu des Mittags Feuerkreiſe Die Sonn' vollendet ihre Reiſe. Der Lorbeer ſinkt; mit lauten Freuden Verkuͤndet es der Moͤnche Ruf. Wo der Gefallne Daͤmmrung ſchuf, Sieht man das goldne Licht ſich breiten, Und, ein gigant'ſcher Sonnenweiſer, Nagt hoch das Bild durch niedre Reiſer. Scharf ſpaͤht Hilar jetzt nach der Zeile, Die der geſtreckte Finger zieht, Und o! mit ſchnellerm Herzſchlag ſieht Er einen Ring, und ſteckt in Eile Mit abgebrochnen Lorbeerzweigen Sich unbemerkt geheime Zeichen. 60 Dann forſcht zum Schein am Fußgeſtelle Er lang, und ruft: Auch Sonnenlicht Enthuͤllt die krauſen Zuüge nicht— Er haut mit uͤbereilter Schnelle Vom Bilde Arm und Zeigefinger, Und fuͤhrt die Schaar zum Kloſterzwinger. Doch als des Neumonds Horn erſchienen, Kehrt er zuruͤck mit Talisman, Und rüſtet ſich zum Geiſterbann. Sein Schuͤler nur darf ihn bedienen, Den, in verbotner Lieb⸗ geboren, Er ſich zum Erben auserkoren. Nicht eine Schön're ſah die Sonne Vom Aufgang bis zum Niedergang, Als Agna; nur Magie errang Dem Abt die Gunſt der keuſchen Nonne. Des Himmels Duft, der Hölle Gruͤnde, Umſingen ſich in ihrem Kinde. Drum brannte auch in Benno's Herzen Bei heil'ger Glut die ſchnoͤdſte Luſt; Stets duͤrſtend rang die volle Bruſt Mit frechen Wünſchen, Reu und Schmerzen; Oft, wenn die guten Engel ſchliefen, Lockt' ihn der Feind zu ſeinen Tiefen. Dem Meiſter trug er jetzt die Leuchte, Der, die Beſchwoͤrung murmelnd, ging. Bald fanden ſie den Eiſenring, Der eine ſchwere Platte zeigte; Und, folgſam finſtern Zauberworten, Erſchloſſen ſich der Erde Pforten. Durch enger Spalten ſchwarze Waͤnde, Vertrauend auf geheime Macht, Klimmt Abt und Lehrling in den Schacht; Kein ſcharfer Stein ritzt ihre Haͤnde; Sie nah'n, gefloh'n vom Geiſtertroſſe Der Erde, einem ſtillen Schloſſe. 2 62 Geſchmuͤckt mit ſchweren goldnen Stoffen Zeigt ſich durch Pfeiler ohne Zahl Dem Aug' ein grauer Marmorſaal; Die Thuͤr von Ebenholz ſteht offen; Hoch am Gewoͤlb ſchwebt ein Karfunkel, Und ſpendet Licht durch ew'ges Dunkel. Hier ruht ein Koͤnig, ſtreng und hager, Auf Gold, bei ſeiner Konigin,. Entzuͤckend fuͤr des Auges Sinn, Doch ſilberbleich, auf ſchwarzem Lager; Die ſchoͤnen Augenſterne ſtieren Gleich Amathiſten und Sapphiren. Nicht holder rief aus Paros Huͤgeln. Pygmalions begluͤckter Stahl. Das Goͤtterbild zu eigner Quaal; Ach, jedes Juͤnglings Herz befluͤgeln T Muß dieſer Mund; an dieſem Buſen Trotzt man verſteinernden Meduſen. 63 Und oftmals hat in heißen Traͤumen Der Juͤngling ſchon dies Bild geſehn; Bei buleriſcher Luͤftchen Wehn Lag leblos ſie an Bluͤthenbaͤumen, Und lieblich ſangen Geiſtertoͤne: Ein Kuß erweckt die holde Schoͤne! Faſt will das Herz voll Gluth zerſpringen; Es bebt die Bruſt, der Athem ſtockt; Von dieſem Buſen angelockt Wird Benno mit der Hoͤlle ringen; Doch Beide faßt geheimes Zagen, Als ſie durch das Portal ſich wagen, Und durch Trabanten ſeltner Laͤnge, Die, ganz aus Eiſen, furchtbar ſtehn, Zu der gediegnen Tafel gehn, Wo ſich in reicher Pracht und Menge Mit koͤſtlich blinkenden Pokalen Vermiſchen Gold⸗ nnd Silberſchaalen. Hoch aufgethuͤrmt in bunten Haufen, Mit Zweiglein von Korall geſchmuͤckt, Wird hier manch Schaugericht erblickt, Mit Königreichen nicht zu kaufen. Von Perl, Rubin und Hyacinthen Sind Frucht und Traubeu hier zu finden. Und alles ſtarrt— in ferner Ecke Lauſcht ſcharf ein Schuͤtz'; auf ſtraffem Seil Des Bogens zielt ſein blanker Pfeil Nach dem Karfunkel an der Decke. Der Abt zeigt bebend mit dem Finger Den ſchwarzen Schuͤtzen ſeinem Juͤnger. Begier und banges Grauen kaͤmpfen; Der Juͤngling, von Rubinenfrucht Zu niederm Naube nicht verſucht, Kann nicht des Herzens Triebe daͤmpfen; Er ſtuͤrzt der Koͤnigin zu Fuͤßen, Und wagt's, den bleichen Mund zu kuͤſſen. Die Saͤulen wanken, es erbebet Der ganze ſchallende Palaſt, Es ſpringt mit wilden Zornes Haſt Der Koͤnig auf, und Alles lebet. Es ſchwirrt der Pfeil nach dem Karfunkel; Ein gift'ger Schwaden fuͤllt das Dunkel. Aus tiefen Schluͤnden Stuͤrme brauſen, Und eine grauſe Todesnacht Umzieht den unterirdiſchen Schacht; Es klirren Lanzen, Schwerdter ſauſen— Hilar ward ſtumm, bedeckt mit Wunden, Der Lehrling nimmer wieder funden. Friedr. Kind. Selene IX. Heft. 5 Verirrungen der Leidenſchaft. Nach dem Tagebuche des Rittmeiſters 3*⅔**. Die Entſcheidung an dem verhaͤngnißvollen Tage bei*** ruͤckte immer naͤher; die Wir⸗ kung des feindlichen Geſchuͤtzes ward immer furchtbarer.— Ich habe genug, Bruder! rief mein Freund, der Adjutant von G*xx, und ſtuͤrzte ruͤckwaͤrts vom Pferde. Ich wollte ab⸗ ſitzen; das Gedraͤng verſtattete es nicht. Er holte tief Athem, ſtrengte ſich an zu ſprechen; umſonſt! Mit unglaublicher Angſt grub er un⸗ leſerliche Zuͤge in den Staub, richtete ſich auf, reichte mir einen Ring. Todesblaͤſſe bedeckte ſein Geſicht; ſeine Bruſt hob ſich; ein Blut⸗ ſtrom machte ſeinem Leben ein Ende. Dieß alles war das Werk weniger Augen⸗ blicke! Unſer Regiment war noch im Vorrüͤcken, obſchon laͤngſt alles verloren ſchien. Ich biß 57 die Zaͤhne zuſammen, und commandirte: Vor⸗ waͤrts!— Der Gehorſam war aufgehoben.— Der Ausgang der Schlacht iſt bekannt. Ich konnte ihn anfaͤnglich aus dem ſich zuruͤck⸗ ziehenden Kanonendonner nur errathen; denn ich lag unter den Verwundeten. Mein rechter Arm war von einer Kugel zerſchmettert; ein Streifhieb raubte wir von Zeit zu Zeit die Beſinnung. Als ich am Abende des folgenden Tage aus einer todtaͤhnlichen Erſtarrung erwachte, war man eben beſchaͤftigt, mich mit mehrern Bleſſirten auf einen Wagen zu laden. Meine Uhr und Boͤrſe war genommen; doch das Ver⸗ maͤchtniß meines Freundes, der Ring, befand ſich noch an der verwundeten Hand, die ich, ſo gut als moͤglich, mit meinem Tuche um⸗ wickelt hatte. Ein Regimentschirurgus nahm ſich meiner auf das menſchenfreundlichſte an. Ich war nach vier Wochen wieder ſo weit hergeſtellt, um weiter reiſen zu koͤnnen, und erhielt auf mein Ehrenwort die Erlaubniß, mich nach*** zu meinen Verwandten zu wenden. Unter ganz 7. 68 andern Erwartungen fuͤr die Zukunft hatten wir vor wenig Monaten von einander Abſchied ge⸗ nommen—— Meine Freunde empfingen mich mi⸗ Weh⸗ muth und der zaͤrtlichſten Theilnab me; mein Ungluͤck ſchien ſie nur noch feſte an mich zu knuͤpfen; mehrere boten mi ihre Wohnung, alle Vorſchuͤſſe, und d⸗ as ſonſt in ihren Kraͤf⸗ ten Lehe, mit der groͤßten Schonung und Be⸗ reitwilligkeit an. Nur ein Darleihen ſchlug ich nicht aus, weil ich mich im Stande wußte, mit der Zeit Erſatz zu leiſten. Die Gaſthoͤfe in*** waren mit Einquar⸗ tierten, Gefluͤchteten, entlaſſenen Gefangenen, angefuͤllt; doch gluͤckte es mir nach Verfluß einiger Tage, in einem der beſten Hotels eine Hinterſtube zu erlangen. Reine noch nicht ganz geheilten Wunden, meine eigne Lage, das Schickſal meines Vater⸗ lands, das Ungluͤck meines Koͤnigs, beſtimmten mich, alle oͤffentliche Geſellſchaften zu vermei⸗ den. Ich ſpeißte groͤßtentheils allein, und zer⸗ ſtreute mich nur dann und wann durch einſame 69 Spaziergaͤnge in der, ſelbſt im Winter, reitzen⸗ den Gegend. Zufaͤlliger Weiſe hatte im demſelben Hotel ein Mann mit Wachsſiguren den geraͤumigen, und jetzt, weil an Feſtlichkeiten gar nicht zu denken war, ganz leer ſtehenden Concert⸗Saal zu ſeinen Ausſtellungen gemiethet. Der Zu⸗ lauf war nicht gering; man ruͤhmte die Leich⸗ tigkeit und Aehnlichkeit ſeiner Figuren, die Rich⸗ tigkeit und Schoͤnheit ſeiner Gruppen, die Pracht ſeiner Garderobe; doch fuͤr mich hatten dieſe Dinge natuͤrlich zu wenig Anziehendes, um meine Menſchenſcheu zu uͤberwinden. Kurz vor ſeiner Abreiſe ſtellte der Kuͤnſtler eine neue Gruppe aus, die ſowol wegen des Gegenſtands, als wegen der Zeitereigniſſe, dop⸗ peltes Intereſſe erregte. Es war das Caſtrum Doloris des gebliebenen Prinzen, deſſen Helden⸗ ſtirn eine erhabene weibliche Hand mit dem Lor⸗ beerkranz ſchmuͤckte. Ich hatte den Vollendeten ſeit Jahren perſoͤnlich gekannt; meine Anhaͤng⸗ lichkeit konnte es ſich nicht verſagen, wenig⸗ ſtens ſein Bild noch einmal zu betrachten. Ich waͤhlte zu dieſem Endzweck eine Stunde 26— kurz vor Nachtzeit, weil ich dann den gering⸗ ſten Zulauf vermuthete. Wie zu einer Todten⸗ feier, mit einem aus Stolz und Schmerz ge⸗ miſchten Gefuͤhl, zog ich zum erſtenmal wie⸗ der Uniform an. Mein Wunſch wurde erfuͤllt. Als ich ein⸗ trat, war der Saal ſchon ſtill und verlaſſen; die Kronleuchter drohten hier und da zu verloͤ⸗ ſchen. Das ungewiſſe Helldunkel des Zimmers, die langen, ſonderbaren Schatten der hohen Bilder, das feierliche Schweigen an einem Orte, der am Tage immer ſo geraͤuſchvoll und von einer auf⸗ und abwogenden Menge erfuͤllt war, ſiel mir beklemmend aufs Herz. Der Aufſeher wollte mir die Figuren nen⸗ nen und erklaͤren. Ich verbat das; die mei⸗ ſten waren mir perſoͤnlich bekannt, die uͤbrigen gleichguͤltig. Selbſt einem ſchleichenden Schatten aͤhn⸗ lich, wandelte ich unter dieſen Lebendigtodten herum. Stolz und ſchweigend ſtanden ſie hier neben einander, die Heroen, ausgezeichnet durch Genie, Heldenſchoͤnheit, gluͤhendes Ehrgefuͤhl und unerſchuͤtterlichen Muth, ſie, die noch in 71 dieſem Augenblick uͤber die Herrſchaft des Erd⸗ kreiſes mit ſich rechteten. Ich ging langſam, mit ehrfurchtsvollem Schauer durch ihre Rei⸗ hen; auch Friedrich, mit dem Falkenblick, und der alte Ziethen, wie Schatten Samuels, waren unter ihnen! Zwei offenſtehende Fluͤgelthuͤren fuͤhrten in ein kleineres, ſchwarz behangenes Zimmer, und ließen mich eine Art von Trauergeruͤſt bemer⸗ ken; mehrere weibliche Figuren in Trauer, wo⸗ von mir eine einzige voͤllig fremd ſchien, um⸗ gaben es. Ich erkannte den Todten. Mein Herz ſchlug in laͤngern Pauſen; mein Auge ſtarrte. Mein erwachendes Gefuͤhl, mein ſtaͤr⸗ ker wallendes Blut, vielleicht meine Kopfwunde, verurſachten mir eine Art Schwindel; ich mußte mich auf einen Augenblick am Eingange feſt⸗ halten. Ich hatte nicht Luſt dem Bilde naͤher zu treten; die Naͤhe ſtoͤrt gewoͤhnlich den Genuß, und ich wuͤnſchte doch, das Bild rein und edel in meiner Erinnerung aufzubewahren. Ich druͤckte meinen gelaͤhmten rechten Arm mit dem linken an mein Herz; tauſend ſchreckliche Empfin⸗ —₰ dungen kreuzten ſich in meiner Bruſt; ich wollte mich wieder entfernen, aber ich fuͤhlte mich immer noch angezogen. Das Zimmer ward immer duͤſterer und dunkler, die Stille um mich fuͤr meine gereitzte Stimmung immer feierlicher, mein Schmerz immer dumpfer. Faſt kam es mir vor, als ſtaͤnd ich in einem Kreiſe lauter Abgeſchiedener, und Todeskaͤlte ſchien auch mich zu ergreifen. Da höͤrte ich in meiner Naͤhe einen tiefen, aͤngſtlichen Seufzer. Ich ſah mich um; ich lauſchte; alles blieb ſtill.— Ich glaubte nun gewiß, mich getaͤuſcht zu haben, doch drang es mir wieder kaͤlter ans Herz; ich wollte gehen. In dieſem Augenblick ſchien eine der Ne⸗ benfiguren, die, von mir abgewandt, an der Seite des Sargs ruhte, die Augen gegen mich ſtarr zu erheben; ich hielt dieß noch immer fuͤr Selbſttaͤuſchung, doch fuͤr eine ſolche, die meiner noch geſchwaͤchten Geſundheit nachthei⸗ lig werden koͤnnte. Jetzt erhob ſich die Figur, rief mit heftiger Stimme einige unverſtaͤndliche Worte, that mit ausgebreiteten Armen einige Schritte auf mich zu, und ſank zu Boden. 73 Laͤnger konnte mir dieß alles nicht Sin⸗ nentrug, eben ſo wenig das Ganze eine kuͤnſt⸗ liche Maſchinerie duͤnken. Ich ſprang hinzu, und umfaßte eine ſehr reitzende, ohnmaͤchtig gewordne junge Dame in ſchwarzem Schleier. Ich rief um Huͤlfe. Der Kuͤnſtler, ſeine Frau, und ein Kammermaͤdchen ſprangen eilig herzu. Die Letztere war ſehr erſchrocken, und bat mich, aus Achtung gegen die Dame mich zu entfernen. Ich gehorchte augenblicklich, doch ſucht' ich bei dem Beſitzer der Sammlung Er⸗ klaͤrung einzuziehen; er kannte die Dame nicht, und erzaͤhlte nur, daß ſie ſchon einige Abende, gerade um dieſe Zeit, in einem Wagen und bloß in Begleitung ihres Maͤdchens hieher ge⸗ kommen ſei. Ich begab mich ſehr unruhig in meine Wohnung. Der Schlaf, den ich ſehnſuchts⸗ voll herbeirief, wollte mich diesmal nicht hoͤren. Erſt gegen Morgen verſfiel ich in jenen aͤngſt⸗ lichen Zuſtand zwiſchen Wachen und Schlaf, wo die Phantaſie, durch den Koͤrper gehemmt, alle Bilder um ſo wilder verwirrt. Der Unterſchied zwiſchen Tod und Leben ſchien fuͤr mich voͤllig aufgehoben. Die geſtern erblickten Figuren wandelten auf und ab, oder mir nach, und ſprachen unter einander, bald auf die laͤcherlichſte, bald auf die grauſendſte Art. Ich ſuchte aͤngſtlich die Dame mit dem Schleier; ich fand ſie in einer engen, duͤſtern Kirche; ſie war begraben, doch wieder erwacht, und bemuͤhte ſich mit Anſtrengung, den gebor⸗ ſtenen Grabſtein von ſich abzuwaͤlzen, faſt wie Nahls*) Auferſtehende, die ich auf meiner Reiſe geſehen hatte. Dazwiſchen ſang eine durchdringende Diskantſtimme unaufhoͤrlich: „Durch den Riß geſprengter Saͤrge Sie im Chor der Engel ſehn!⸗ und dieſe Wiederholung wirkte hoͤchſt ſchmerz⸗ lich auf mein inneres Gehoͤr. Endlich, nach langem Kampfe, erwachte ich. Ich fuͤhlte mich wenig erquickt, doch froh und erleichtert; aber auch wachend konnte ich die Begebenheit des vorigen Abends durchaus nicht von mir verbannen. Sie kehrte bald lieblich, *) Bekanntlich zu Hindelbank, unweit Bern.— 75 bald ſchaurig, immer wieder zuruͤck, und oft ertappte ich mich auf der Anſtrengung, die Zuͤge der jungen Dame mir zu vergegenwaͤr⸗ tigen. Kaum nahte der Abend wieder, als ich, ohne mir von der Urſache Rechenſchaft zu geben, vor dem Eingange des Hotels ſtand. Einige Wagen fuhren ab, aber keiner wollte anfahren, am wenigſten einer mit einer trauernden Dame! Da alles vergeblich ſchien, beſchloß ich, lie⸗ ber oben auf dem Saale zu warten. Ich ſuchte, weil durchaus niemand kam, das Ge⸗ ſpraͤch mit dem Aufſeher wieder auf den geſtri⸗ gen Vorfall zu leiten, um vielleicht noch etwas von ihm zu erfahren. Aber er wußte in der That ſelbſt nichts Genaueres, und vermuthete nur, die fremde Dame moͤge eine Landsmaͤn⸗ nin von mlr ſeyn, die, aus irgend einem be⸗ ſondern Grunde, einen ungewoͤhnlich lebhaften Antheil an dem Schickſale des gebliebenen Prin⸗ zen, oder ihrer beſiegten Landsleute nehme. Sie habe— verſicherte er— ſchon einigemal hier an dem Sarge heftig geweint und die Haͤnde gerungen, geſtern aber, da ſie wieder 76 zu ſich gekommen, durchaus den vorhin da ge⸗ weſenen Officier ſprechen wollen. Nur durch die dringendſten Vorſtellungen und Bitten habe ihre Begleiterin ſie davon abgehalten. Man wird mir glauben, daß das, ſchon an ſich hoͤchſt liebenswuͤrdige Weſen nunmehr meine doppelte Theilnahme erregte. Ich war bis jetzt in einem dumpfen Truͤbſinne, gleich⸗ ſam mechaniſch, durch das Leben gewandelt; immer neu getaͤuſchte Erwartungen, und bald die gewiſſe Ueberzeugung, daß jede Erwartung Thorheit ſei, hatten meine Seele fuͤr alles er⸗ kaͤltet; ein Geiſt und Herz, wie ich, nach die⸗ ſen Nachrichten, in der jungen Landsmaͤnnin vermuthete, war mir noͤthig, um uͤber meine Nacht wieder einen ſanften Schimmer zu ver⸗ breiten. Schon jetzt ſchien mir das Leben wie⸗ der etwas ertraͤglicher. Wen dies auffallend duͤnkt, der iſt nicht vermogend, ſich ganz in meine damalige Lage zu verſetzen— 1 Kein Wunder alſo, daß ich die Hoffnung, die intereſſante Unbekannte am Eingange des Hotels oder noch einmal bei den Wachsfiguren zu ſehen, nicht ſogleich aufgab. Nach man⸗ 72 chem verungluͤckten Verſuche ſchaͤmte ich mich endlich, oͤfter im Dunkeln am Hotel zu ſtehen, und fuͤrchtete, von dem Beſitzer der Wachsſigu⸗ ren errathen, ja vielleicht, ob ich ſchon ſein beſter Kundmann war, aus ſcherzhafter Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit auch an irgend einen Dritten ver⸗ rathen zu werden. Ich machte mir es daher zum Geſetz, jeden der kuͤnftigen Abende anderswohin auszugehn. Auch verließ der reiſende Kuͤnſtler mit ſeinem Kabinet bald die Stadt, und ich wuͤrde dieſe Begebenheit vielleicht gaͤnzlich vergeſſen haben, waͤre nicht die Erinnerung an jenes holde, mit⸗ leidige Geſchoͤpf von Zeit zu Zeit unwillkuͤhr⸗ lich in meiner Phantaſie erwacht; haͤtte der Gedanke an Sie meinem eignen Leben nicht noch immer einen lieblich ſchmerzlichen Reitz mitgetheilt. Es vergingen einige Monate, waͤhrend wel⸗ cher ich vor allen politiſchen Nachrichten mein Ohr verſchloß, und gewiß in die ſeelenzerſtoͤ⸗ rendſte Unthaͤtigkeit verſunken ſeyn wuͤrde, haͤtte nicht meine gluͤckliche Erziehung mich, auch noch außer den militatriſchen Wiſſenſchaften, andere 78— geiſtige Beſchaͤftigungen kennen gelehrt. Ich wandte mich an die Geſchichte laͤngſt entflohner Jahrhunderte, und wenn ja die Aehnlichkeit der immer wiederkehrenden Begebenheiten mich auch aus dieſem Aſyl auf einige Zeit wieder verſcheuchte, ſo floh ich in die ruhigen Haine der Poeſie, wo immer Friede und Freude iſt. So kam der Fruͤhling heran. Meine ver⸗ muthliche Landsmaͤnnin, mit dem lebhaften Ge⸗ fuͤhl, trat ſo oft, als ich von Liebe und Geiſtes⸗ adel etwas las, wie aus einem fernen Duft in ſanfter Schoͤnheit hervor; doch hatte ich laͤngſt die Hoffnung aufgegeben, von ihr jemals etwas mehr, als ein ſchoͤnes Traumbild, zu erblicken. Eines Tags fand ich an der Wirthstafel den Komoͤdienzettel. Minna von Barnhelm ſollte gegeben werden. mn „Es duͤnkt' mich— wenigſtens eine Un⸗ auͤberlegtheit, dieß Stuͤck jetzt zu geben!“— ſagte ich zu meinem Nachbar, einem jungen Gelehrten, gegen den ich eine beſondre Zunei⸗ gung gefaßt hatte. Unwillkuͤhrlich, und augen⸗ blicklich uͤber ſich ſelbſt erſchreckend, ſah dieſer auf meinen Arm in der Binde. Ich wollte ſei⸗ 79 nen und meinen Fehler wieder gut machen.— „Bei alledem“— ſing ich wieder an, und zwang mich, freundlich zu laͤcheln—„muß ich den Major Tellheim einmal ſehen, um ihm— etwas Grazie im Armtragen abzulernen. Darf ich Sie gegen ſechs Uhr abholen?— Der Fremde ſagte es, obſchon erroͤthend und mit den Augen auf den Teller, augenblick⸗ lich zu. Mich ſelbſt reuete nach kurzer Zeit mein Antrag, ſo wie vermuthlich ihn ſein Verſprechen. Doch in der zufaͤllig unter uns entſtandenen Spannung mochte und konnte keiner von uns ſein Wort widerrufen. Ich erſchien puͤnktlich, doch— im einfachen Ueberrock. Haͤtt' ich den Eindruck vorausgeſehn, den fuͤr diesmal dies Schauſpiel auf mich machte, ich glaube doch, ich haͤtte den Gang noch hinter⸗ her abgeſchrieben. Die unangenehmſten Aehn⸗ lichkeiten, und wiederum die ſchneidendſten Kon⸗ traſte zwiſchen Ehmals und Jetzt, trafen jeden der Zuſchauer ans Herz; ſelbſt die Schauſpieler ſchienen dies zu fuͤhlen und ſpielten mit dop⸗ pelter Anſtrengung. Doch ſelbſt dieſe Anſtren⸗ N 80— gung ward bemerkbar, und darum niederſchla⸗ gend, druͤckend! Niemand ſchien mehr hierbei utereſſire, als mein gutmuͤthiger Begleiter. Er ſah mich mehrmals verſtohlen an; er druͤckte mir dann und wann freundlich die Hand; er ſuchte mit dem Schein von Unbefangenheit irgend ein Geſpraͤch einzuleiten. „Der Reitz zum Schauſpielerſtand iſt doch unglaublich groß“— fing er endlich, waͤhrend der Zwiſchenmuſik der letzten Akte, luftſchoͤpfend an—„denn der Lohn des Kuͤnſtlers reift„ſo zu ſagen, mit der Bluͤte zugleich. Was kann belohnender ſeyn, als die Thraͤne in ſchoͤnen Augen? Sehen Sie in jene Loge—“ Ich ſah auf, und erblickte ein Frauenzim⸗ mer, die mit einem weiſſen Tuche das Geſicht bedeckte; ſie legte das Tuch endlich nieder; es war meine Unbekannte; ſie zeug Baute nur balb Trauer. „Kennen Sie die Dame?—* tagtes 16) augenblicklich. 296 „Ein wenig!“— erwiderte er—„Sie iſt immer mit dem Hofrath von Fe*rr in der 81 Loge, ich weiß nicht, ob ſeine Braut, oder nahe Verwandte, und, nach dem allgemeinen Rufe, eins der edelſten Maͤdchen der Stadt— Seit einiger Zeit ſoll ſie etwas kraͤnkeln.“ Es ſchien, als wenn er abſichtlich einhielt, obſchon ich den Grund nicht errathen konnte; ſo ſehr ich mir Muͤhe gab, ich erfuhr nichts weiter! Jetzt war mein entſchuß gefaßt. Ich ent⸗ fernte mich, unter dem Vorwande, mit einem Dritten zu ſprechen, von meinem Begleiter, und naͤherte mich der Ausgangsthuͤre, um die holde Trauernde wenigſtens beim Herausgehen nicht zu verfehlen. Noch vor dem voͤlligen Ende ſchien ihr uͤbel zu werden; ſie verließ mit dem neben ihr ſtehenden jungen Manne die Loge. Auch ich ſuchte ohne Gerauſch aus dem Parterre zu kommen. Sie waren eben einge⸗ ſtiegen, als ich mich dem Wagen naͤherte.— „Großer Gott! da ſieh, ob ich mich geirrt habe!“— rief ſie ihrem Begleiter heftig zu, und wollte wieder heraus.—„O mein Gott!“— ſeufzte dieſer—„ich beſchwoͤre dich⸗—— Selene IX. Heft. 3 8 82 Die Wagenthuͤr ward zugeſchlagen; der Kut⸗ ſcher fuhr ſchnell ab. Der Wagen war bald aus meinen Augen. Aufs neue bezaubert von der ruͤhrenden Geſtalt, mißvergnuͤgt, die Dame aufs neue verloren zu haben, und zugleich mit der ge⸗ ſpannteſten Neugier erfuͤllt, in welchem Ver⸗ haͤltniſſe eben ich mit der mir voͤllig Fremden ſtehen könne, kam ich nach Hauſe. Einige Tage lang vermochte ich keine ernſte Beſchaͤf⸗ tigung zu unternehmen; ich war immer zer⸗ ſtreut, und gruͤbelte, ſo ſehr ich mich davon abziehen wollte, unaufhoͤrlich uͤber die raͤthſel⸗ haften Worte der Fremden, die, aufrichtig ge⸗ ſtanden, meinem Herzen gar nicht mehr fremd war. Auf den Namen ihres Bruders beſann ich mich noch wol; allein dieß fruchtete mir zu nichts, als ſeine Wohnung zu erfahren. Auch gluͤckte es mir nie, meine Unbekannte am Fen⸗ ſter zu erblicken, obſchon ich in der That mich einigemal zu ſo romantiſchen Gaͤngen entſchloß. Ungefaͤhr den dritten Tag darauf, ließ ſich ein Fremder bei mir melden. Ich hoͤrte zu meinem Erſtaunen den Namen des Hofraths. 8³ Ich fand in ihm einen angenehmen, kennt⸗ nißvollen, doch, wie es ſchien, etwas niederge⸗ druͤckten Dreißiger. Nach den gewoͤhnlichen Komplimenten und Entſchuldigungen faßte er mit Verlegenheit und Wehmuth meine Hand.— „Ich habe mich bei Einigen, die Sie kennen, nach Ihnen erkundigt— ſagte er—„und ich darf hoffen, einen Mann in Ihnen zu fin⸗ den, an deſſen Edelmuth und Delikateſſe ich mich voll Zutrauens wenden kann.“ Gewiß mußte dieſer Eingang meine Unge⸗ duld nach naͤherm Aufſchluſſe nur noch vermeh⸗ ren. Ich verſprach ihm aufs heiligſte, alles fuͤr ihn zu thun, was einem Manne von Ehre zu thun vergoͤnnt ſey. „Es kommt hier nicht auf irgend eine ge⸗ fahrvolle That an,“— fuhr er fort—„ſon⸗ dern blos auf ein einziges, vielleicht fruͤheres Aufſtehen, auf einen einzigen Gang; es kommt darauf an, eine Perſon, die mir uͤber alles theuer iſt, zu uͤberzeugen, daß Sie derjenige nicht ſind, fuͤr den jene Sie haͤlt. Sie wiſſen ja, daß ein durch mancherlei Leiden geſchwaͤch⸗ ter Geiſt, ein fein organiſirter, reitzbarer Koͤr⸗ 84 per, oft wunderbar traͤumt, daß man bei ſol⸗ chen Traͤumen zwar oft gluͤcklich iſt, doch nicht anders geheilt werden kann, bis dieſe Traͤume zerflattern. Erlauben Sie mir nichts weiter hinzuzuſetzen. Ehren Sie ſelbſt das, was ich Ihnen ſagte, als ein anvertrautes Geheim⸗ niß— und nun— darf ich auf Ihren Bei⸗ ſtand rechnen?“ Ich bezeigte mit dem theilnehmendſten Her⸗ zen meine Bereitwilligkeit, obſchon mir— auf⸗ richtig geſtanden— dieſe Art von Auflöſung, wonach ich nur als verkannt ein Intereſſe ein⸗ gefloͤßt zu haben ſchien, ict euen die will⸗ kommenſte war. zu erkennen, daß die Zuſammenkunft unvorbe⸗ reitet und ganz zufaͤllig ſcheinen moͤge. Er be⸗ ſitze— ſagte er mir— einen abgelegenen Gar⸗ ten in der Vorſtadt, wozu jedem der Eintritt erlaubt ſey. Dort halte die bewußte Perſon in dieſem Fruͤhling, einer Kur halben, ſich auf, vor dem Garten ſpazieren zu gehen. Waͤr' es mir nun gefaͤllig, mich einmal um dieſe Zeit Der Hofrath gab mir ſodamm den Wunſch und pflege jeden Morgen um 6 Uhr in und 85 dort einzufinden, ſo werde das Begegnen ſich von ſelbſt geben. Doch werde auch Er jeden Falls in der Naͤhe ſeyn.. Ich verſprach, mit dem naͤchſten heitern Morgen zu kommen. Wir ſchieden von einan⸗ der als Freunde, die ein gemeinſchaftliches Un⸗ gluͤck verbunden hat. Zuweilen kamen mir wol Gedanken, wie dieſe: Iſt ſie ſeine Geliebte? hat er dich vielleicht getaͤuſcht, oder will er ſie taͤuſchen?— Doch ich unterdruͤckte dieſen Verdacht augenblicklich, und erkannte die Schwaͤ⸗ che meines Herzens. Die ſchoͤne Abendroͤthe verſprach meinem ungeduldigen Herzen einen heitern Morgen, und die aufgehende Sonne erfuͤllte meine Hoffnung. Ich war ſchon um 5 Uhr gekleidet, und ſchon halb 6 Uhr wandelte ich nach dem bezeichneten Orte. Ich war, wie zu erwarten, zu fruͤh gekommen, und ſetzte mich auf eine gruͤne, be⸗ buſchte Anhoͤhe, von wo aus ich den ganzen Garten uͤberſehen konnte. Noch hatte die Stunde nicht geſchlagen, als die Thuͤren des Gartenhauſes ſich oͤffneten, und zwei weiſſe Geſtalten durch die Weimuths⸗ * — 86 kiefern herauf ſchwebten. Ich erkannte ohne Muͤhe die junge Dame mit ihrem Maͤdchen. An des Fraͤuleins Morgenkleidung ſah man kein Schwarz mehr; ein hellrother Schawl umwehte ihren ſchlanken Wuchs. Sie brach nahe am Hauſe einige Blumen ab, und ſteckte ſie an die Bruſt. Leicht und froͤhlich, wie es ſchien, doch mit einer gewiſſen wehmuͤthigen Freude, ſetzte ſie ihren Weg fort. Sie ſchien ſich des Morgens mit einiger Heiterkeit zu freuen, und ſprach dann und wann laͤchelnd mit ihrer Begleiterin. Wo eine Nachtigall ſchlug, blieb ſie ſtehen. Mein Herz klopfte hoͤher in wehmuͤthig⸗ ſuͤßer Empfindung. Ein reitzendes weibliches Weſen, nach allem, was ich von ihr wußte und ſah, ſo tiefer Schmerzen, ſo reiner Freu⸗ den faͤhig, mußte auf mich, vorzuͤglich an die⸗ ſem Morgen, bei dieſer geſpannten Erwartung, den tiefſten Eindruck machen. Der Verabredung gemaͤß hielt ich es fuͤr noͤthig, mich von meiner Erhoͤhung unbemerkt zu entfernen, und ſeitwaͤrts durchs Gebuͤſch auf ſie zuzukommen. Meine Unbekannte, von 37 ihrem Maͤdchen in der Ferne begleitet, lief froͤhlich auf eine entgegengeſetzte Erhoͤhung, warf ſich auf dem Gipfel mit einer Art von lyriſcher Entzuͤckung im jungen Graſe nieder, und richtete die Augen nach der Sonne. Jetzt trat ich aus dem Gebuͤſch. Mich gewahr werden, und ſich faſt von dem Huͤgel herabſtuͤrzen, war eins!—„Biſt du's? biſt du's wirklich? Hab' ich dich wieder?“— rief ſie wiederholt, und druͤckte mich heſain an chr⸗ Bruſt. Ich wich zuruͤck; ihr Luuge traf auf meine Binde. „Du biſt's! Ja, du biſt's! Nur ſo konn⸗ teſt du zuruͤckkehren!“— rief ſie von neuem, wie mit Triumph.—„So ſprich doch! So rede doch! Wie entgingſt du dem Tode? O des nicht ſo kalt, nicht ſo ſtumm!“ Alle meine Bitten, ſich zu beruhigen, alle meine Beſchwoͤrungen, mich anzuhoͤren, fruch⸗ teten nichts. Sie dankte laut Gott; ſie kuͤßte meinen verwundeten Arm; ſie preßte meine linke Hand feurig an ihr Herz. Nun erſt konnte ich mich losmachen. Sie 8 8— ſtand einige Augenblicke, als daͤchte ſie tief nach, als wollte ſie einen Gedanken feſt halten, der ihr immer entſchluͤpfte. Ich ſah aͤngſtlich nach ihrem Maͤdchen; der Hofrath trat nach einigen Minuten aus einer Seitenallee—„Still, Heinrich!“— ſagte ſie, und erhob warnend den Finger. Wunderbar! auch mein Vorname war ihr bekannt! Der Hofrath empfing mich, wie einen ganz Unbekannten. Die Dame ſchien daruͤber erbit⸗ tert, doch zu ſtolz, um eine Entdeckungsſcene veranlaſſen zu wollen. Ich nannte ihm meinen Namen. Sie ſtutzte. Doch ſchien ſie auch dies ſich bald zu erklaͤren, und ſtimmte nun mit auffallender Lebhaftigkeit in den Ton einer willkommenen, neu angeknuͤpften Bekanntſchaft ein. Wir ſprachen uͤber verſchiedene Gegen⸗ ſtaͤnde; ſie redete uͤber alles mit Scharfſinn und unglaublicher Zartheit, doch flammte manchmal gegen den Hofrath ein Strahl von Zorn in ihren dunkelblauen, uͤbrigens ſo ſanft ſchwaͤrme⸗ riſchen Augen. 1 18 Der Hofrath druͤckte mir nach einiger Zeit verſtohlen die Hand, und ſchien ſich uͤber den 89 Erfolg der Zuſammenkunft zu freuen. Ich ſelbſt ſah noch nicht ganz deutlich; denn, war es bei dem Fraͤulein Verſtellung, ſo war dieſe ſehr weit getrieben; war es ihr Ernſt, ſo ließ ſich wie⸗ der das Vorhergehende gar nicht erklaͤren. Auf jeden Fall geſtattete es der Anſtand, dieſen baͤnglichen Beſuch nunmehr abzubrechen. Niemand hatte dem Anſcheine nach etwas dawider. Doch benutzte die Dame einen un⸗ beobachteten Augenblick, und fuͤſterte mir zu: „Kommen Sie heut' Abend!“ Ich entfernte mich mit tauſend, ſich wider⸗ ſprechenden Gefuͤhlen. Wehmuth, Mittleid, Zweifel, vielleicht auch eine geheime zaͤrtlichere Regung, kreuzten ſich in meiner Seele. Ich mochte gar nicht mehr uͤber die Sache nach⸗ denken, und mußte es doch immer aufs neue. Noch denſelben Vormittag kam der Hofrath wieder. Er ſagte mir den feurigſten Dank, und war voller Hoffnung; däß die gehabte Zu⸗ ſammenkunft den gluͤcklichſten Erfolg haben werde. Zwar koͤnne er nicht laͤugnen, daß die Dame nach meinem Abſchiede wieder einmal auf die alte Idee zuruͤckgekehrt, und gegen ihn 90 aͤußerſt heftig worden ſei; doch habe ſie ſich be⸗ ſaͤnftigen laſſen, und zuletzt verſprochen, ſie wolle ihm Alles glauben, ſobald er im Stande waͤre, es ihr von mir ſchriftlich aufzuweiſen, daß ich ſie nicht ſchon ſeit dem Auguſt vorigen Jahrs kenne. Er bat mich, durch einige Zeilen dieſes Inhalts ſeine ganze Dankbarkeit zu verdienen, und zugleich nicht blos ſeine, ſondern auch die Ruhe eines ſo edlen, ihm ſo theuern Weſens, wiederherzuſtellen und auf immer zu befeſtigen. Ich konnte ihm dieſe Gefaͤlligkeit nicht ab⸗ ſchlagen. Ich ſagte ihm, daß ich jene Dame, außer heute, nur im Saal des Hotels und im Schauſpielhauſe geſehen. Er fragte fluͤchtig: „Trugen Sie damals Uniform? und von wel⸗ chem Regiment?“— Als ich dieſe Fragen beantwortet hatte, ſagte er:„So iſt's halb und halb erklaͤrlich!“— Auf meine Bitte, auch mir ſeine Muthmaßung mitzutheilen, ent⸗ ſchuldigte er ſich auf die ruͤhrendſte Weiſe mit der Achtung fuͤr ſeine geliebte Kranke. Ich ehrte ſeine maͤnnliche Thraͤne. Ich ſchrieb der Dame nun in den ſcho⸗ nendſten, verbindlichſten Ausdruͤcken, daß, wenn — 914 ſie mich ſchon im Auguſt vorigen Jahres ge⸗ kannt zu haben glaube, ſie in der Perſon irre. Ich ſetzte hinzu, daß ich jeden um ihre fruͤhere Bekanntſchaft beneiden wuͤrde, und un⸗ terzeichnete meinen Namen. Nach des Hof⸗ raths Verſicherung ſtand ſie in dem Glauben, ich habe dieſen Namen jetzt angenommen, um hier verborgen zu bleiben, oder blos ihn zu taͤuſchen. Es ward mir ſchwer, das Billet aus der Hand zu geben. Ich war den ganzen Tag uͤber aͤußerſt unruhig. Da es daͤmmerte, fiel mir die erhaltene Beſtellung wieder ein; eine ſonderbare Glut uͤberfiel mich; ich fuͤhlte eine unbeſchreibliche Angſt. Was ich auch mir ſelbſt dagegen anfuͤhrte, ich ging nach der Gegend des Gartens. Die Sonne wollte eben untergehen. Ich wandelte unter den Baͤumen, womit eine Seite des Huͤgels bedeckt iſt. Als ich um eine Ecke beugte, hoͤrte ich ein Geraͤuſch und einen aͤngſt⸗ lichen Laut. Ich trat geſchwind aus den Ellern. Das Ufer des rauſchenden Stroms lag vor mir. Eine blendende Hand ragte aus den 92²2 Wellen; an ihrem Finger erblickte ich im Strahl des Abendroths einen großen Chryſopras mit Brillanten, einen Ring, ganz wie der meinige vom Adjutant G*x*X. Jetzt hellte das ganze ſchreckliche Geheim⸗ niß ſich auf. Ich ſchrie um Huͤlfe. Fiſcher eilten herzu: die Arme wurde herausgezogen, aber— ohne Hoffnung des wiederkehrenden Lebens! Der Hofrath wurde herbei geholt; er ſank mir, in Schmerz aufgeloͤſt, in die Arme; die Ungluͤckliche war ſeine einzige, uͤber alles 92 liebte Schweſter. Da wir am andern Morgen unſere Gedan⸗ ken etwas ſammeln konnten, theilten wir uns gegenſeitig unſere Vermuthungen mit. Ich zeigte ihm an meiner Linken den Ring.— „O Gott! rief er aus— nun wird mir alles erklaͤrlich. Sie ſoll geſtern Nachmittag einige⸗ mal gerufen haben:„Er verlaͤugnet mich, und hat meinen Ring! meinen Ring!’“ Ich erfuhr nun die ganze Geſchichte. Mein in der Schlacht gebliebener Freund hatte ſich bei dem letzten Durchmarſche einige Zeit in**ε* 93 aufgehalten, und auf einem Balle mit der Un⸗ gluͤcklichen Bekanntſchaft gemacht. Beide voll Feuer, beide gleich liebenswuͤrdig und edel, lieb⸗ ten ſie ſich mit der hoͤchſten Glut erſter Liebe. Die Familie des Fraͤuleins ſah dieſen Umgang nicht gern; ihr Bruder, der Hofrath, war da⸗ mals wegen einer Geſchaͤftsreiſe nicht zugegen. Vermuthlich hatten die Liebenden geheime Zu⸗ ſammenkuͤnfte. Nach dem Abmarſche des Regi⸗ ments ſchwebte das zaͤrtliche Maͤdchen in einem unaufhoͤrlichen Sturme zwiſchen Hoffnung und Furcht. Sie erhielt keine Briefe. Truͤgeriſche Siegesnachrichten wurden verbreitet; ſie lebte in einem freudigen Rauſche. Die Geruͤchte nahmen eine andere Richtung. Mehrere Tage ward ſie in der ſchrecklichſten Ungewißheit um⸗ hergetrieben; doch hoffte ſie mit Feſtigkeit, mit Beharrlichkeit, was ſie nicht anders denken konnte und mochte. Jetzt traf die Nachricht von der allgemeinen Niederlage ein; ſie erhielt die Schreckenspoſt von dem Tode des Prinzen und ihres Geliebten, der bei jenem ſehr beliebt war, mit einander zugleich. Von nun an ſchien alle Freude der Welt fuͤr ſie verſchwun⸗ 94 den, jede Hoffnung auf die Zukunft ihr ent⸗ riſſen. 5 Mit Bangigkeit bemerkte ihr Bruder den Eindruck, den dies alles auf ſie machte. Sie ward ſtill, verſchloſſen; ſie las alle Zeitungen und politiſche Schriften mit Begier; ſie ſtritt hitzig, oft mit Verzweiflung, uͤber die Neuig⸗ keiten des Tags; doch merkte man ſonſt keine Ausſchweifung. Als das Caſtrum Doloris des Prinzen an⸗ gezeigt wurde, wuͤnſchte ſie es zu ſehen; ihr Bruder fand keinen Grund, ihr dies zu ver⸗ wehren; er waͤhnte, es ſei beſſer, den Schmerz ins Auge zu faſſen; ſie ging heimlich oͤfter dahin. Meine, mit der ihres Geliebten gleiche Uniform, eine geringe Geſichtsäͤhnlichkeit, meine Bleſſur, die Ueberraſchung am Paradebette, wo ihre Phantaſie eben auf das heftigſte gereitzt war, mochten ſie auf den Gedanken gebracht haben, ich ſelbſt ſei ihr fuͤr todt ausgegebener Geltebter; ſie ſchoͤpfte augenblicklich den Ver⸗ dacht, daß ſein Tod von ihrer Familie faͤlſch⸗ lich erdichtet worden ſei, um ſie zu taͤuſchen. Doch erſt in dem Schauſpiel hatte ſie ihrem 95 Bruder etwas Beſtimmtes hieruͤber zu erken⸗ nen gegeben, und je mehr von da an ihr Glaube ſtieg, deſto mehr entfernte ſie nach und nach alle Trauer von ſich. Was ihr Bruder fuͤr ein Mittel hielt, ſie herzuſtellen, mußte ihr Ungluͤck befoͤrdern. Mein Freund G*** fuͤhrte mit mir denſelben Vornamen, der be⸗ kanntlich bei uns, noch von den fruͤhern Tagen des Ruhms an, ſehr gewoͤhnlich iſt. Der An⸗ blick des Rings an meiner Hand hatte allen Zweifel bei ihr aufgehoben; doch nach Empfang des Billets ließ die geglaubte Treuloſigkeit ihres ſo heiß Geliebten ihr keine Rettung, als den Tod, vor ſich ſehen. Man bewachte ſie zwar ſeit jener Komoͤdie, doch, da ſie groͤßtentheils gelaſſen blieb, nicht ſtreng. Ach! die Be⸗ dauernswerthe hatte nur immer in ihrem In⸗ nern gekaͤmpft; ihre ſtarke Seele trug vielleicht manchen ſchrecklichen Sieg uͤber die zerſtoͤrende Glut ihres Herzens davon! Sie hatte ſich am Tage ihres Todes mit vieler Schlauigkeit ihrem Maͤdchen und einer Aufwaͤrterin entzogen.— Wir beweinten beide die Ungluͤckliche, als eine Schweſter. Ihr Leichnam ward heimlich 95— in das Familienbegraͤbniß des Hofraths nach *rr geſchafft. Da ich keine Hoffnung hatte, je meinem Gerx ein Denkmal der Freundſchaft ſtiften zu koͤnnen, ſo bat ich den Hofrath um Erlaubniß, mit ihm gemeinſchaftlich, den bei⸗ den Liebenden eins zu errichten. Es iſt ein einfacher Stein unter den haͤngenden Weimuths⸗ kiefern; die Inſchrift nur den Wiſſenden ver⸗ ſtaͤndlich. Zerknickte Lorbeerzweige und Myr⸗ ten kraͤnzen die Saͤule. Der Garten iſt ſeit⸗ dem jedem Fremdling verſchloſſen. Fr. Kind. Jkalien. J. I. Immerbluͤhendes Land, ſo ſoll mein Auge dich ſchauen? ſchauen die herrliche Pracht deiner bewunder⸗ ten Welt? ſchwelgen in deinen Genuͤſſen, die reich mit den volleſten Haͤnden Kunſt ausſtreut und Natur? beide, nach hohem Triumph im wetteifernden Streit, im harmoniſchen, rin⸗ gend, und beide friedlich mit ſiegendem Kranz ſchmuͤckend das wuͤrdige Haupt? Aber es zeigt ſich mir auch ein geſunkenes Volk, und die Plage, welche der Muͤßige ſich, welche der Traͤge ſich ſchafft, Selene X. Heft. I 2 — wenn ein ſklaviſcher Sinn ihn beugt und zu Boden herabdruͤckt und ihm Hunger zum Lohn, Blöße zum Schmuck ihm ertheilt. Doch ich gedenke deß nicht; mir erſchein' im Neuen das Alte, und im geſunkenen Volk glaͤnze das große noch vor, welches, dem Baume verwandt, dem ſchloſſenge⸗ troffenen, ſchmucklos, gluͤhender Fruͤchte beraubt, Kraft in der Wurzel doch birgt. Auch gedenk' ich der Zeit, wo Bluͤthen und Fruchte der Baum gab, und mit dankendem Blick ehr' ich den altern⸗ den Stamm. Alſo bereitet empfange mich nun, du geſegneter 8 Boden! lache du Himmel mich an! weht mir, o Luͤfte, gelind! Schon weiſſaget der Geiſt mir ein heiteres, froͤh⸗ liches Leben hier im Italiſchen Land: denn es empfaͤngt mich geſchmuͤckt. 8 Prangend umfahn mich die Boͤgen der weinum⸗ ranketen Ulmen traubenbelaſtet am Berg, traubenbelaſtet im Thal; Und mit freundlichem Blick gruͤßt nickend der Winzer am Wege auch mich Fremden, der neu, ſchuͤchtern, be⸗ gruͤßet das Land. 2 2⸗ Lebe du, Padua, wohl; und ihr, Vicenza, Verona, lebt nun wohl, mich empfaͤngt jetzt das ge⸗ fluͤgelte Schiff, welches den langen Kanal mich hindurch zum Geſtade des Meeres traͤgt, wo fern in der Fluth ſchwaͤrzlich ein Puͤnktchen erſcheint, das einſt maͤcht'gen Gebots drei maͤchtige Reiche beherrſchte, kuͤhn mit der Schiffe Gewalt baͤndigend Laͤn⸗ der und Volk. 4 Dir, o ſtolzes Venedig, entgegen, in gruͤnlichen Wellen ſchiff' ich und hoffe zur Nacht dir in den Mauern zu ſeyn. Seht, wie dehnt ſich das Meer ins Weite, das nimmer ermeßne, wogende, fern dem Blick nur mit dem Him⸗ mel begrenzt! Doch ſchon ſteigt aus Wellen empor in der Ferne die Meerſtadt, grau, nicht geſondert, roh, gleichend der Klippe der Bucht. Aber es ſcheidet ſich Form und Geſtalt, und es waͤchſt der Gebaͤude reicher und reicher die Zahl, groͤßer und groͤßer das Maß. Seht, wie naͤher es ruͤckt; wie die Fenſter der grauen Palaͤſte gluͤhn im purpurnen Roth, aus von der Sonne geſandt! Hinter uns ſinkt ſie, und ſtrahlt auf Meer und Himmel noch Glut aus, und jetzt ſcheidenden Glanz auf die geſunkene Stadt. 3. Ha! wie rege das Meer von den Gondeln und Nachen! Was willſt du, Parke, zur Seite des Schiffs, das du ſo eifrig verfolgſt? Braͤunliche Maͤnner: ſie bringen die Beute des ſalzigen Meeres Fremden zum Kaufe; denn reich ſchluͤpfte die Auſter ins Netz. Friſch! die Limone dazu! So laßt in der Flur uns der Meerſtadt koſten die einzige Frucht, die ſie zu bieten vermag. 4 4. Ruͤhm' es, Venedig, ach nicht, daß nimmer Geraſ⸗ ſel der Raͤder dir von den Straßen zuruͤck hart in die Haͤu⸗ ſer ertoͤnt. Gondeln, ſie gleiten ſo ſtill auf glattem und ſtil⸗ lem Kanale: aber der Fahrer Gebruͤll gleichet dem toben⸗ — den Meer. 6 Nimmer hoͤrt' ich ſo wuͤſtes Getoͤs aus menſch⸗ lichen Kehlen; gruͤßen die Lenker ſich nur, ſcheint es ſie zan⸗ . ken erboßt. Nachts wie am Tag, und ach! weit ſchlimmer in lauſchender Nacht noch, wenn den ermuͤdeten Leib ſucht der erquickende Schlaf. Und doch litt ich ſie gern, die gewaltigen Scheucher des Schlummers, naͤhm nur guͤnſtig ein Gott groͤßere Plage von mir. Unter dem Fenſter, am Bruͤckchen des kleinen Kanals, da plaͤrren Bettler, ein kreiſchendes Paar, immer das gleiche Gebet. Eiferſuchtig auf kleinen Gewinnſt erhalten in Athem ſtets ſie einander; ſo treibt Rad in der Muͤhle das Rad. Und ſo verſcheuchen ſie mir den Beſuch, den ge⸗ . liebten, der Muſen: dieſe, die ſchuͤchternen, fliehn ſcheu das ver⸗ worrne Gebloͤk. 5. Vieles hab' ich erduldet, und noch erduld' ich ſo manches, was mir Leben und Luſt, ach! und die Ruhe benagt. Aber fuͤhrt mich in dunkeler Nacht der kundige Diener durch das Gewirre der Stadt hin zum ge⸗ raͤumigen Haus, wo das Venetiſche Volk ſich ergoͤtzt, die erkuͤnſtelten Spruͤnge ruͤſtiger Taͤnzer zu ſehn, ſchwindet das Leid mir hinweg. Nicht zwar theil' ich die Luſt der Entzuͤckten, aber es ruͤhrt mir fuͤß'res Ergoͤtzen den Sinn tief bis ins innerſte Herz. Denn ein liebliches Kind, der Grazien eine, der Muſen, ſcheint ſie zu ſeyn, im Tanz ſchwebt ſie aͤtheriſch dahin. Leben fuͤhrt ſie zuruͤck und Luſt mir; aber ach eins nur giebt des Vermißten ſie nicht: Ruhe, die ſcheucht ſie hinweg. 6. Alles iſt fremd mir umher, in den meerdurch⸗ ſchnittenen Straßen, wie auf prunkendem Markt: Sitten und Klei⸗ der und Volk. Aber wandl' ich am Meer auf ſchmalem, ſteiner⸗ nen Damm hin, wo das Gewimmel ſich treibt muͤß'ger und thaͤtiger Welt, Moͤnch und Iſraelit und die Schaar frohruͤſtiger Schiffer, und im zerfetzten Talar Edle des duͤrftigen Staats: dann, im bunten Gedraͤng, im Geraͤuſch fremd⸗ ſprechender Zungen, find' ich mich ploͤtzlich entruͤckt hin zu der heimiſchen Flur. Denn, hoch uͤber den Wimpeln dahin ſtolzragen⸗ der Schiffe hier im geraͤumigen Golf, ſchwebt unter Woͤlk⸗ chen der Mond, abendlich ſchoͤn, faſt ſelbſt nur ein Woͤllchen, am duftigen Himmel, nur vom ſcheidenden Glanz herbſtliches Tages beſtrahlt. 9 Alſo beſtrahlte daheim der Mond auch Doͤrfchen und Flur juͤngſt, und, auf heimiſcher Flur, wandelnd, die Freundin und mich. 2. Welch ein entſetzlich Geſchrey am Platze des hei⸗ ligen Marcus, nahe den Saͤulen, die einſt eherne Roſſe ge⸗ ſchmuͤckt, hart an der Pforte des Dogenpalaſts, der einſam und leer ſteht? Einer allein erregt's, mitten im ſtaunenden Volk. Einer, ein lumpiger Held, nur halb den Koͤrper bekleidet, und den vergriffenen Hut ſchwingend in ner⸗ viger Fauſt, dann mit der andern das Tuch, das zerloͤcherte, flatternde, ſchwenkend und von der Stirne den Schweiß trocknend, vom Munde den Schaum. 10 Sagt, was wuͤthet der Mann, und was ſtaunet .0 die gaffende Menge, alles vergeſſend und ſich, die ſie doch ſonſt ſo bedenkt? Doch das noͤthigſte nimmer vergeſſen ſie: ſtehend im Kreiſe, oder gelagert umher, ſtaunen und ſchmauſen zugleich alle ſie ruhig das Mahl des Tags, die grobe Polenta, oder, am Schiffe gekauft, gierig die ſchlech⸗ tere Frucht. Aber er ſelber, der Held, in der Mitte verweilt er, am Pompe groß des ſchallenden Worts, groß in gewor⸗ fener Bruſt, hochaufſtrebend das Auge voll Glut, das geſchwol⸗ lene, ſtiere, glutuͤberzogen die Stirn und das Geſicht und den Hals. Heiſer— es weichet die Stimme dem langen, dem ſchmaͤhligen Mißbrauch— poltert er tobend und wild Verſe der Meiſter heraus. I11 Dich, o Taſſo, zerfleiſcht, und dich, Arioſto, der Wüth'ge; Roland ſelber zu ſeyn fehlt es an Wuth nicht dem Mann. Toll wie ein Raſender ſtuͤrzt er umher in dem Kreiſe der Hoͤrer; aber es freut ſich das Volk, und es bewun⸗ dert ihn ſtill. Und ſo gleichet der Markt von Venedig dem Markte der Welt auch: nur das Gepolter gefaͤllt, nur das Betaͤubende ruͤhrt. 8. Truͤb' iſt der Tag, und es druͤckt mich die Luft in dem aͤngſtlichen Zimmer. Auf! an den heiteren Ort! friſche dir Augen und Herz! Aber wo ſchlender' ich hin? hier waͤchſt kein ſchat⸗ tiger Baum auf, und es verſchließet dem Keim weigernd der Boden den Schooß. 12 Mauern uͤberall nur und Felſen entſproſſen den Felſen. Wohl! ſo ſuche die Luſt auch in der Felſen Bezirk! Saaten gedeihn hier nicht, doch Menſchen in buntem Gewimmel findeſt du ungeſucht, wogend wie Halme der Saat. Auf ſtets wandeln und ab erblickſt du ſie hier an dem Marcus, froͤhlich in Handel und Tauſch, ernſt im ergoͤtzenden Spiel unter den wirthlichen Boͤgen. Es gilt! ich ſetze zum Kreis mich, woo ein erledigter Platz freundlich dem Kom⸗ menden winkt. Alle betracht' ich und Alle vergnuͤgen mich, was ſie beginnen; denn es ergoͤtzt uns der Menſch, wenn er ge⸗ ſchaͤftig ſich zeigt. Und ſo verzehrt ſich gemach des gereichten Levan⸗ tiſchen Trankes Schal', und ſieh! es verzehrt auch ſich gemach der Verdruß. — 13 9. Marmor haͤuftet ihr auf in gethuͤrmten, unend⸗ lichen Maſſen, fuͤgtet in Ordnung und Form, meiſterlich rich⸗ tend, das Werk. Und nun ſteht zum Trotze der Zeit, zur Bewun⸗ drung der Nachwelt, herrlich ein hohes Gebaͤu, ſchoͤn ein bezau⸗ berndes da. Denn es wolbet ſich praͤchtig die Form des Gan⸗ zen; und einzeln glaͤnzet jeglicher Schmuck zierlich am richti⸗ gen Ort: ſo der gewuͤrfelte Boden, als, ſaͤulengetragen, die Kuppel, und das erhabene Chor, und der geweihte Altar. Und wenn andre Gebaͤude der Maſſen viele be⸗ duͤrfen, manches Geſtein und Gebaͤlk: baute mit ſpa⸗ render Pracht nur aus Marmor allein, dem reinſten, des Kuͤnſt⸗ lers Hand dich, Stolz der ſtolzeſten Stadt, ſeltenſter Tempel der Welt. 14 Und nun dienen in dir, dem reichſten, geſchmuͤck⸗ teſten, arme wankende Greiſe, den Leib duͤrftig in braunes Gewand, wollenes, grobes, gehuͤllt, und die Scheitel ent⸗ bloͤßt, und die Fuͤße nur mit Sandalen geſchützt gegen die Kaͤlte des Jahrs, immer den kaͤlteſten Stein betretend im heiligen Dienſte, oft das ſchwaͤchere Haupt betend zum Marmo gebeugt. 3 Alſo leben die Armen nun ſtets in verſteinerter Andacht; nie lockt Phoͤbus den Schritt, nimmer ihn Luna hinaus in die erfreuende Welt. In den Hallen des ſchim⸗ mernden Marmors feiern ſie Tag ſo und Nacht, Fruͤhling und 4 Winter zugleich. Weislich dachte fuͤrwahr das Beſte der menſchliche Witz aus, welcher zum kaͤlteſten Dienſt weihte den kaͤl⸗ teſten Stein. 15 10. Immer doch feſſelt ihr uns, ihr Weiber, wo ihr 4 auch waltet; ſelbſt in den Kerker geſperrt lockt ihr uns ſchlau noch ins Netz. Nah am breiten Kanal ſteht einſam ruhig die Kirche, welche den köſtlichſten Schatz lieblicher Maͤd⸗ chen verſchließt. Hoch im vergitterten Chor, verborgen dem maͤnn⸗ lichen Anblick, lauſcht die verſchwiſterte Schaar, ſtreng in der Domina Hut.. Schon iſt der heilige Raum erfuͤllt von ernſtlichen Betern, die mit geſchlagener Bruſt knie'nd zu den Hei⸗ ligen flehn. Siehe, da rauſcht er herab der Muſik ſchoͤnwallen⸗ der Goldſtrom, fuͤllt, und erquickt, und belebt, kraͤftig, das ſchmachtende Herz. Nun einmiſcht ſich der holde Geſang melodiſcher Stimmen, weiſſe Tauben, im Flug, ſaͤuſeln zum Himmel ſie auf. 16 Beide, Muſik und Geſang, ſind der Maͤdchen. Den Trefflichen ward, ſtatt bluͤhender Kuͤſſe, Geſang, ſtatt der Umar⸗ mung, Muſik. So nun feſſeln ſie Sinn und Gemuͤth, und es opfert entzuͤckt jetzt uche den Heiligen mehr, ſterblichen Maͤdchen, das Herz. II. Oefters verwuͤnſcht' ich, Venezia, dich, im thoͤ⸗ richten Sinne, ſchalt die Straßen zu eng, ſchalt die Palaͤſte zu oͤd. Jetzt, ach! reut es mich ſehr, da hinaus mich in wilde Gewaͤſſer, in des Novembers Geſtuͤrm jagt das erzuͤrnte Geſchick. Jetzo fuͤhl' ich mit Luſt die liebliche, traute Be⸗ ſchraͤnkung/ die ich ſo choͤricht geſcheut. Schmerzlich ver⸗ laſſ' ich nun euch — 17 duͤſtre, ſchugende Haͤuſer, und euch, geſellige Bruͤckchen, welche zur Oper mich bald, bald zum Caſino gefuͤhrt; und dich, trauliches Zimmer, du Wohnort ſtillerer Muſen, und dich, kleinen Kamin, der du mich liebend gewaͤrmt. Nicht mehr ſitz' ich zu Nacht am Bett der gene⸗ ſenden Freundin, reiche nicht mehr den Trank heilender Kraͤuter ihr hin, ſchuͤre das Feuer nicht mehr, und trinke den wuͤr⸗ zigen Thee nicht, ihn, den Ermunterer, mehr, froh der ge⸗ raͤuſchloſen Nacht, welche mit leiſerem Ohr vernahm, was der Brittin ich heiter bald vom brittiſchen Geiſt, bald von dem galliſchen las. Wie wir uns oft ſo erfreut der eigenen haͤusli⸗ chen Ruhe, neckte den Sohn des Gedichts drohend ſo manche Gefahr! Selene X. Heft. 2 18— Ach mich ſelbſt nun bedrohen unſicheres Lebens Gefahren ſchnell; die kommende Nacht ſchleudert ins Weite mich hin. Ungewiß irr' ich umher auf blindhertobenden Wellen, die der entfeſſelte Po weit in die Laͤnder hin jagt gierigen Hunden gleich, zu zerreißen die ſchuͤch⸗ terne Beute, die nicht der reißenden Haſt, nicht der Gewalt widerſteht! Alſo dahingegeben dem Spiel des maͤchtigern Schickſals folg' ich gebietendem Ruf, laſſend das ſichere Gluͤck. 12. Summend hallt durch die Luͤfte die mitternaͤcht⸗ liche Glocke— ‧, Faͤhrmann, loͤſe das Seil, ſtoße den Nachen 3 vom Land,“ 19 ſchallt das gebietende Wort des rauhen, vereide⸗ ten Boten, den in der rauheren Nacht zwingt der ge⸗ waͤhlte Befehl hin zum ſchoͤnen Florenz Venezia's Kunde zu bringen, ihn, der Reiſenden jetzt Einzigen, nur ich mit ihm ſichere Pfade ſuchend im flutuͤberſtroͤmeten Lande, wo die Verwuͤſtung hinweg Haͤuſer und Her⸗ den geſchwemmt. Ruhig funkelt herab vom entwoͤlketen Himmel das Sternheer, das, ſich des Winters erfreu'nd, klarer und leuchtender ſtrahlt. Kaum noch wehrt auf dem Nachen, dem unbe⸗ deckten, der dichte huͤllende Mantel dem Froſt, der mich erſtar⸗ rend ergreift. Ungewiß ſchwanket der Kahn und ſchaukelt ſich uͤber den Wellen, ungewiß wie das Geſchick, das mich itzt ſtren⸗ ger umgiebt. yre, awande von 20— Heilige Machte des Lebens! ich flehe mit tiefer 3 Empfindung fromm euch an. Verzeiht, wenn ich gefrevelt im Gluͤck! Laßt es dem Raſcheren nicht und nicht dem Bethoͤrten entgelten, wenn er die Schranke vergaß, wie der ent⸗ feſſelte Strom! Sondern, liebt ihr die Opfer der ſtrebenden, ſterblichen Menſchen:. fuͤhrt mich durch die Gefahr! weiſer ach macht ſie allein. (Die Fortſetzung folgt.) 21 Die Vergeltung. — I. Der Krieg war zu Ende. Hauptmann von Sturm hatte einen Orden und ein Andenken am rechten Fuße davon getragen, das ihm die Wetterglaͤſer entbehrlich machte. Er hatte den Winter in der Krankenſtube verlebt, und kam jetzt mit ſeinem Abſchiede und Majorscharakter in die Reſidenz zuruͤck. Vergebens ſetzte ihm dieſe mit ihren Lockun⸗ gen zu. Vergebens hoffte manche Dame, die Obligationen von ihm hatte. Er trat mit kei⸗ ner zum Altar. Es war ihm eingefallen, ſich endlich einmal einen Lebensplan zu machen, und mit dieſem vertrug ſich weder die Reſidenz, noch die Ehe. Der Major hatte fuͤnf und dreyßig Jahre, und zwar mit einem bedeutenden Aufwande von 22— Kraft durchlebt. Drei Viertheile ſeines anſehn⸗ lichen Vermoͤgens waren verloren, und keine Zeit uͤbrig, wenn das vierte gerettet werden ſollte. Dieſes beſtand in einem, bei einigen kleinen Staͤdten gelegenen, ſchoͤnem Gute, das er zugleich zu ſeinem Aſyl erkohren hatte. 2. „Nur heirathen muͤſſen Sie dann!“ ſagte der Graf, ſein Onkel, der eben bei ihm war, wie er kurz vor der Abreiſe ſeine unnuͤtzen Papiere den Flammen uͤbergab. „Heirathen!“ rief der Major unwillkuͤhr⸗ lich laut, weil der halbinvalide Fuß ihn von langem Stehen zu ſtechen anfing. „Ja wohl.“* „Sehen Sie denn mein Hinken nicht, lie⸗ ber Onkel?““ „Deſſenohngeachtet verbuͤrge ich Ihnen eine ſchoͤne Frau.“ „Auch deren Treue? Vulkan bekam frei⸗ lich die ſchoͤnſte, aber wie bekam es auch dem armen Vulkan!“ „Eine ſpaßhafte Vergleichung!“ 23 „Nur ſo lange man ſie bei kaltem Blute machen kann. Nein, guter Onkel, Weiber, wie ich ſie liebe, tanzen gern, und haben uͤber⸗ haupt Wuͤnſche, mit denen ich auf die Dauer nicht Schritt halten moͤchte.“ „Nur Ordnung, mein Herr, und alles wird ſich finden. Ich ſpreche aus Erfahrung.“ 3. „Ach, beſter Onkel,“ rief der Major mit bedeutendem Laͤcheln,„Sie wiſſen gar nicht, welchen Schatz von Erfahrungen ich hier nach und nach vernichte. Heirathen! Leſen Sie ein⸗ mal dieſe Zeilen da. Der hatte auch geheira⸗ thet, deſſen Frau mir ſo ſchreiben konnte!““ „Wer wuͤßte nicht, daß es ſchlechte Wei⸗ ber giebt?“ „Aber wie viel, und in welchem Grade ſie es ſind! Davon faͤllt mir hier ein ſchoͤner Be⸗ weis in die Hand. Schreiberin dieſes war damals ſiebzehn Jahr alt. Vierzehn Tage fruͤ⸗ her war ihre Hochzeit geweſen, die, wie es allgemein hieß, die innigſte Liebe geſchloſſen hatte. Wenigſtens war ſo viel gewiß, daß die 24 Einwilligung dazu den Aeltern abgedrungen wur⸗ de. Und ſo ſchreibt ſie mir vierzehn Tage nach⸗ her!— Sehen Sie dies Billet eines Maͤd⸗ chens, das noch zwei Jahre ſpaͤter, dem Rufe nach, als die Unſchuld ſelbſt zum Traualtare trat!“ „ Und wen trifft uͤber dies alles die Haupt⸗ anklage?“ ſiel der Onkel ernſt und mit aufge⸗ hobenem Finger ein.—„Doch ſtill vom Ge⸗ ſchehenen. Machen Sie aber, als Familien⸗ vater, die Fehler der Vergangenheit wieder gut.“ Dieſer Entſchluß war dem Major noch im⸗ mer nicht auf dem Geſichte zu leſen. 4. „Sie fuͤrchten die Goͤttinnen der Rache!“ ſprach der Graf laͤchelnd.„Aber, ich glaube, Sie muͤſſen es darauf ankommen laſſen. Was wollten Sie allein auf dem Gute?“ „Was mancher nicht einmal kann: mich beſchaͤftigen.“ „Auch Sie fangen zu ſpaͤt an. Wenigſtens haben Sie eine zu lange Pauſe gemacht.“ — 25 „Um ſo ſtaͤrker iſt mein Verlangen nach Thaͤtigkeit geworden.“ „Und dann kommen auch Augenblicke, Stun⸗ den, der Ermattung.“ „Dem Einſamen iſt das Gaͤhnen erlaubt.“ „Das Jahr iſt lang, zumal der Winter.“ „ Es giebt Staͤdte in der Naͤhe.“ „Kleine Staͤdte.“ „Und ich der einzige drin mit einem Or⸗ den!“ lachte der Major. „Den werden Sie mit Ertragung von unleid⸗ lichen Ceremonien hoch genug verzollen muͤſſen.“ „Doch nur ſo lange, als mir es gefaͤllt.“ „Das wird nicht lange dauern— und dann? Doch ich will nicht den laͤcherlichen Inquiſitor machen. Nur als Bruder Ihres Vaters ſo viel noch: Waͤhlen Sie eine gute Frau, bei Zeiten und mit Bedacht, damit Ihnen die Langeweile nicht eine un⸗ paſſende ploͤtzlich aufbuͤrde!“ „Davor werden mich wol meine Erfah⸗ rungen bewahren.“ „Erfahrungen nuͤtzen nur bei feſten Grund⸗ ſaͤtzen.“ 26— Der Major gaͤhnte, und der Onkel ging nach einer kalten Umarmung. Der Major ver⸗ wuͤnſchte alle ennuyanten Schwaͤtzer, und be⸗ harrte feſt auf ſeinem Vorſatze, ehelos zu bleiben. Als ſeine Sachen in der Reſidenz arrangirt waren, fuhr er voller Freuden dem neuen Wir⸗ kungskreiſe zu.* 5. Auf dem Gute war alles vorbereitet. Pfar⸗ rer und Gerichtsverwalter bewillkommten den Major. Eine Reihe ſteifroͤckiger Landmaͤdchen ſtand da, fuͤr Roſengeflechte freundliche Blicke von ihm einzutauſchen. Der Schulmeiſter uͤber⸗ reichte Bewillkommungsverſe, auch hatte er dem Schulzen eine Rede eingelernt, um welche die⸗ ſer durch ſein treuloſes Gedaͤchtnis zur Haͤlfte wieder gebracht wurde.. Der Major fuhr ſich mit dem Schnupf⸗ tuche ein paar Mal uͤber die trocknen Augen, und der Schulmeiſter ſtimmte das Lied an: Warum ſind der Thraͤnen unterm Mond ſo viel? Pfarrer und Gerichtsverwalter ſpeiſeten nebſt 22 ihren Familien auf dem Schloſſe, und gingen völlig zufrieden mit dem Gutsherrn nach Hauſe. Auch dieſer legte ſich zufrieden zur Ruhe. Er hatte den Gerichtsverwalter zeither immer wenig geſchaͤtzt; allein das freundliche Geſicht ſeiner wohlgebildeten Tochter ſagte ihm, daß der Mann alle Hochachtung verdiene. 6. Noch ehe der Gerichtsverwalter fuͤr ſchick⸗ lich gehalten hatte, ſich bei dem Gutsbeſitzer nach der erſten Nachtruhe zu erkundigen, ſtand der Major in ſeiner Stube. Mutter und Toch⸗ ter verließen geſchwind den Kaffeetiſch. Der Major entſchuldigte ſich, geſtoͤrt zu haben. Der Gerichtsverwalter war hoch erfreut. Bald war der fruͤhe Gaſt es ebenfalls, denn die ver⸗ ſcheuchte Albertine kam in ſorgfaͤltigem Anzuge zuruͤck. „Welche Umſtaͤnde!“ ſprach der Major, ſie bei der Hand faſſend. „Schuldigkeit!“ antwortete der Gerichts⸗ verwalter mit Reſpekt. „Die meinen erſten Beſuch zum letzten 2 8— machen muͤßte. In meinem Leben komme ich nicht wieder, wenn Sie mir noch einmal ſo entlaufen.“ Die Gerichtsverwalterin erſchien und erhielt ihr Theil ebenfalls, und wie der Major nach einer Stunde unter den Fenſtern des Zimmers hinwegging, ergoͤtzte ihn ein Terzett, deſſen Inhalt im Weſentlichen ſagte, daß er ein aller⸗ liebſter Mann waͤre. Auf dieſes Terzett hin, kam der Major bald fruͤh bald Abends zum Gerichtsverwalter. Albertine hatte vor Kuͤrzem beim Paſtor fran⸗ zoͤſiſch gelernt, und der Major uͤbte ſie in der Sprache. Und dieß um ſo lieber, ſobald er merkte, daß die Aeltern keinen Laut davon ver⸗ ſtanden. Der Major hatte Welt genug, um die traulichſten Worte mit der fremdeſten Miene vorbringen zu koͤnnen. Albertine war gelehrig, und weil die Aeltern ſich an die fremden Mie⸗ nen hielten, ſo haͤtten ſie nicht geglaubt, daß ſie jemals einen ſo vielſagenden Brief vom Major in Albertinens Naͤhtiſchchen finden wuͤr⸗ den, als es ſechs Wochen ſpaͤter geſchah. Das Duett, das den Major am Abend nachher * I 29 empfing, klang weniger lieblich, als das Terzett, das ihn am erſten Morgen aus dem Hauſe geleitete. Tags darauf fuhr der Gerichtsverwalter mit Albertinen in eine viele Meilen entfernte Erzie⸗ hungsanſtalt, woruͤber man ſich im Dorfe die Koͤpfe nicht wenig zerbrach. 7. Der Major dachte jetzt an die Buͤcher, die er mitgenommen hatte. Aber die Tage waren lang, und die Buͤcher langweilig. Die Abende wurden ihm vollends unausſtehlich, ſeit er durch den Vorfall mit dem Gerichtsverwalter, ſich auf ſein Schloß eingeſchraͤnkt ſah. Warum hatte er auch den Paſtor und deſſen huͤbſche Frau ſo ganz vernachlaͤßigt! „Herr Paſtor!“ ſo redete er ihn einmal auf dem Kirchwege an,„Sie beſuchen bis⸗ weilen das alte Burggemaͤuer eine Stunde von hier. Laſſen Sie uns heute Nachmittag eine Partie dahin machen.“ „Nach der Kinderlehre wird mir's eine Ehre ſeyn,“ ſagte der Paſtor, und kaum war 30 die Kinderlehre angegangen, ſo ſtand auch der Major ſchon wieder in der Pfarre. Die Paſtorin ſprang vom Sopha, aber er druͤckte ſie wieder hinein. Er beklagte, daß man ſie nicht ſaͤhe.. „Der gnaͤdige Herr haben zeither zu viel Geſchaͤfte gehabt!“ ſagte die Paſtorin laͤchelnd. „Ich komme Sie abzuholen.“ „Wol meinen Mann, gnaͤdiger Herr; ich werde die Ehre nicht theilen koͤnnen.“ Er behauptete, daß er auf ſie ganz vor⸗ zuͤglich gerechnet habe. Sie zweifelte. Er bat umſonſt. Sie waͤre vollauf beſchaͤftigt, weil ihr morgen ein benachbarter Jahrmarkt den ganzen Tag wegnaͤhme. Der Major drohte mitzufahren. Die Paſtorin ließ ſich die Dro⸗ hung gefallen. Er druͤckte ihre große Hand zaͤrtlich an ſeine Lippen, und beide haͤtten dar⸗. uͤber beinahe den Paſtor uͤberhoͤrt, der eben die hoͤlzerne Treppe heraufpolterte. 8. „Ja, ich bin puͤnktlich!« rief der Major des Paſtors verwunderter Miene zu, die auf — 31 dem feuerrothen Geſichte ſeiner Gattin wie ein⸗ gewurzelt lag. „Soll ich ſatteln laſſen, Herr Paſtor, da Ihre Frau nicht mit will?“ „Ihre Pferde ſind zu raſch, gnaͤdger Herr!“ fiel die Paſtorin aͤngſtlich ein. Die Aengſtlich⸗ keit verdarb mehr, als ſie gut machte. „Ich bin wol oͤfter zu Pferde geweſen, mein Kind!“ ſagte ihr Mann beleidigt, und der Major ſchickte nach zwei Pferden. Der Paſtor mußte, als die Pferde gekom⸗ men waren, auf dem Wege hinunter die zaͤrt⸗ liche Hand ſeiner Frau ein paar Mal unwillig vom Backen ſchuͤtteln; auch verzog, wie er aufſtieg, blos der Reitknecht die Miene ein wenig. Der Spazierritt war bald zu Ende. In drei Minuten kam ein Bauer zur Paſtorin mit dem Hut ihres Mannes, und bat ſie, nicht bange zu ſeyn, weil zwei andre den Mann ſelber bringen wuͤrden. Der Paſtor hatte auf der geduldigen Kan⸗ zel das Baͤndigen ungeduldiger Pferde vollkom⸗ men verlernt. Das Pferd warf ihn an eine 32— Mauer, wobei ſein Knie ſo beſchaͤdigt wurde, daß zwei Perſonen ihn kaum nach Hauſe fuͤh⸗ ren konnten. Der Dorfbarbier fand die Wunde am Knie von keiner Erheblichkeit. „Nur Ruhe!“ ſagte er. „Aber der Jahrmarkt morgen?“ rief die Paſtorin. Der Dorfchiruraus zuckte die Achſeln, und der Schulmeiſter offerirte ihr einen Platz in ſei⸗ nem Wagen. Jetzt ging der Major, denn nun wußte er genug. 9. Schulmeiſters Wagen war am andern Mor⸗ gen noch nicht weit uͤber das Dorf hinaus, als der Major zu Pferde erſchien, und einen guten Morgen bot. Beide mußten Mittags im Wirthshauſe des Staͤdtchens ſeine Gaͤſte wer⸗ den. Der Schulmeiſter liebte die Flaſche, und der Major beguͤnſtigte dieſe Liebe, bis er ein⸗ ſchlummerte.. 1 Der Major kam mißvergnuͤgt nach Hauſe. 3³ „Ich mag die Roſen nicht, die von keinen Dornen geſchuͤtzt werden!“ ſoll er, wie ſein Verwalter verſichert, ausgerufen haben, doch wußte der Mann nicht, was das bedeuten mochte. Die Paſtorin kam am andern Morgen, ſeine Orangerie zu beſehen. Er war froh, wie ſie wieder ging. Anſpruch auf Bildung, aus der Lektuͤre ſchlechter Romane und Erziehungsbuͤcher entlehnt; ein Kopf voll Sprichwoͤrter und An⸗ ſichten, die ſchon ein paar Jahrhunderte dem Mittelſtande durch den Mund gelaufen waren; daneben die abgedankte Empfindſamkeit der vor⸗ letzten Jahre: dies zuſammen mußte wol bei Zeiten uͤberlaͤſtig machen. Vierzehn Tage dauerte der beſchwerliche Umgang, den endlich, zu des Majors Freude, des Paſtors Argwohn been⸗ digte. 10. Der Major verſuchte zum zweiten Male die Zeit durch Arbeit zu vertreiben. Allein, der Onkel hatte Recht: er war der Arbeit ſchon zu lange gefliſſentlich aus dem Wege gegangen, als Selene X. Heft. 3 34— daß ſie Luſt gehabt haͤtte, ihm ihre Treue zu goͤnnen. Der alte Saturn hatte fuͤr ihn keine Fluͤgel mehr, ſondern ſchlich wie ein gewoͤhnlicher, mat⸗ ter Greis mit ſeinen Tagen und Naͤchten davon. Der Major fand das Landleben leer und laͤcherlich, von welcher Seite er's anſchaute. Er dachte ſeufzend an den Onkel in der Reſidenz, und nahm ſich vor, die umliegenden kleinen Staͤdte zu durchſtreifen. Der Mißmuth ſtieg mit ihm in den Wagen, und blieb ihm auch in den Staͤdten bis auf wenige Zwiſchenſtunden ergeben. Der Major knuͤpfte Freundſchaften und loͤſte ſie wieder, ehe er den Freund kennen gelernt hatte. Der ver⸗ armte Adel, der gern in Landſtaͤdten ſeinen Auf⸗ zenthalt nimmt, bot ihm Fraͤuleins und Wittwen. Aber auf ein ganzes Leben! Der Buͤrgerſtand ruͤhmte ſich ſeiner beſondern 3 Zuneigung. Weil jedoch ſeine Liebe bei jedem Hauſe anfragte, deſſen Fenſter huͤbſche Maͤdchengeſichter zierten: ſo fingen die ehrſamen Buͤrger an, die Ehre zu vergeſſen, welche der Mann mit dem Orden ihnen durch ſeine Geſellſchaft verſchaffte. 4 — 35 In Zeit von einigen Monaten war der Major in drei kleinen Staͤdten ſo bekannt wor⸗ den, daß die Familienvaͤter die Haͤuſer vor ihm zuhielten, wie vor dem Diebe die Taſchen. Dabei hatten ihm der Wechſel des Aufenthalts, das Leben in den Gaſthoͤfen und andere Neben⸗ dinge, viermal ſo viel gekoſtet, als er nach ſeiner Rechnung haͤtte ausgeben ſollen. II. Der Herbſt kuͤndigte ſich an und die Zeit der Weinleſe. Er hatte reitzende Schilderungen davon im Gedaͤchtniß, und zu ſeinem Gute ge⸗ hoͤrten auch Berge, die ein Gewaͤchs trugen, welches ausſah wie Wein. Er eilte dahin. Er hatte von jungen, netten Weinleſerinnen, von ihrer Grazie und Schalkhaftigkeit, von ihren lieblichen Geſaͤngen viel geleſen. Seine Phan⸗ taſie war auf dem ganzen Wege beſchaͤftigt, ein freundliches Bild daraus zu weben, und nun, wie er ankam, fand er die letzte Klaſſe von Landleuten, die der Mangel ſtumm und haͤßlich gemacht hatte, mit dem gewoͤhnlichen Schmutz angethan. 36 Er ſchrieb ein Gedicht auf die Dichter der ſchoͤnen Winzerinnen nieder, und ſuchte abſicht⸗ lich ein Zimmer auf, das keine Fenſter nach dem Weinberge hatte. 4 Kein Heil mehr, als in der Reſidenz. Wenn er nur nicht ſo gar heftig gegen ſie deklamirt haͤtte! Seine Gutsnachbarn blieben ihm zwar noch zu beſuchen uͤbrig: die naͤchſten aber waren leider bejahrte Landjunker, denen niemand gern zu nahe kam. Ein einziger Gutsbeſitzer, der ſich erſt vor kurzem hier angekauft hatte, ſollte eine Ausnahme machen, wenigſtens in der Ar⸗ tigkeit. Er war aus einem ziemlich fernen Lande hergekommen, und lange Zeit in einem noch viel entferntern, Geſandter geweſen, ſchien aber mit ſeinem Hofe zerfallen zu ſeyn. Viel⸗ leicht ließ ſich mit dieſem wenigſtens umgehen. Der letzte Verſuch! murmelte der Maſor, als er auf ſein Pferd ſtieg. 12. Das oͤde Schloß des Fremden verkuͤndigte wenig Geſelligkeit. Der Major ging unbe⸗ merkt uͤber den weiten Hof, unbemerkt die 37 Treppe hinauf, und ein Schrei empfing ihn, als er in's erſte Zimmer trat. „Verzeihen Sie,“ rief er der reitzenden Dame zu, die ſo eben ihren Anzug vollendet hatte,„ich ſuchte einen Bedienten, der mich dem Herrn Geheimrathe anſagen ſollte.“ „Und finden leider gar niemanden zu Hauſe.“ 1— n „Wenn ich ſo ungluͤcklich waͤre, die Grazie zu verkennen——“ Nach einer leichten Verbeugung fragte ihn die Dame um ſeinen Namen, und ſagte ſo⸗ dann, daß ſie ihren Vater, den Geheimrath, alle Augenblicke erwarte. Einige Gemaͤlde im Zimmer gaben Stoff zum Geſpraͤch. „Wir ſind noch gar nicht eingerichtet!“ ſagte die Dame.„Mein Vater, werden Sie wiſſen, beſitzt das Gut ſeit kurzer Zeit, und ich bin erſt geſtern hier angekommen. O, ich fuͤhle mich recht gluͤcklich hier. Es iſt mein erſtes Leben auf dem Lande, und ich begreife nicht, wie jemand, der einen eignen Willen haben darf, in der dumpfen Stadtluft exiſtiren 38 kann. Sehen Sie nur dieſe Baͤume, dieſe Berge, dieſen Strom, und dieſen Himmel! In dem Umkreiſe will ich leben und ſterben. Doch verzeihen Sie meinen Enthuſiasmus. Wenn ich an dieß und an die Zukunft bei meinem Vater denke, ſo wird meine Seele ſo voll! Sie moͤchte dann ſo gern mit ihrer Freude die Erinnerung an eine leidenvolle Vergangenheit uͤbertaͤuben.“ Eine Thraͤne vollendete den Eindruck. Die Gedanken des Majors verwirrten ſich. Er hatte tauſend Fragen zugleich auf der gelaͤhmten Zunge, und die Empfindung, die laͤngſt aus ſeinem Auge ſtroͤmte, drohte ſich ſchon der Lippe zu bemaͤch⸗ tigen, als der Geheimrath herbeigefahren kam. 13. Um alles andre unbekuͤmmert, hatte die Tochter dem Vater ſchon im Vorzimmer ein paar Minuten an der Bruſt geruht, ehe er den Fremden anſichtig wurde. Der Geheimrath hatte ſein ganzes Leben an Hoͤfen zugebracht, und erſchrak jetzt heftig uͤber dieſe Unartigkeit.„Sidonie!“ rief er, — 39 im Tone des leiſen Vorwurfs, hoͤrte von ihr des Fremden Namen, bewarb ſich ſo um ſeine Verzeihung, als ob er ein Verbrechen abzu⸗ buͤßen haͤtte, und gab ſeine Freude uͤber den Gutsnachbar zu erkennen.„Wenn man,“ ſprach er, als Sidonie hinausgegangen war, „wenn man ſeine Rechnung aufgehoben hat mit der großen Welt, ſo tritt die Freundſchaft erſt in die vollen Rechte. Bei uns wird das gewiß der Fall werden, oder meine phyſiogno⸗ miſche Wahrſagerkunſt muͤßte mich ganz beluͤ⸗ gen. Ich habe den Zug der Guͤte, des Wohl⸗ wollens, lange nicht ſo kraͤftig in einem geiſt⸗ reichen Geſichte ausgepraͤgt gefunden.“ „Herr Geheimrath, Ihr Scherz—“ „Scherz? Soll ich boͤſe werden? Sagen Sie mir doch, wozu ich Ihnen ſchmeichelte? So ſeyd Ihr aber, Ihr Kriegsleute! Uns Staatsmaͤnnern traut Ihr kein einziges grades Wort zu. Ihr moͤgt auch groͤßtentheils recht haben. Mich indeſſen ſollen Sie, denke ich, von einer beſſern Seite kennen lernen.“ „Schon jetzt, Herr Geheimrath—— Der Major wollte in Begeiſtrung ausbrechen. 7 40 „Still, ſtill,“ ſagte der Wirth vom Hauſe; „ich bin herzlich froh, daß ich der Hofge⸗ braͤuche entbehren kann, und moͤchte um alles in der Welt nicht, einen Krieger meine abge⸗ legte Rolle annehmen ſehen.“ Sidonie kam zuruͤck. 14. Man ging in den Garten. „Sehen Sie nur dieſe ſchoͤne Partie,“ rief Sidonie von einer Anhoͤhe.„Eine Stun⸗ de habe ich vorhin hier geſeſſen, und im Son⸗ nenſcheine dem buntfarbigen Golde zugeſehen, das nach und nach von den Baͤumen faͤllt.“ „ Und haſt nicht bedacht, meine Tochter, wie dieſe Baͤume in vierzehn Tagen ausſehen werden? Arme Sidonie, den ganzen Winter von nichts umgeben, als den duͤrren Reiſern und dem traurigen Schnee!“ „Von Ihrer Liebe zunaͤchſt, mein Vater.“ Sie druͤckte ſeine Hand an ihre Lippen, und er verſprach dagegen, daß er bei ihrem erſten Worte, beim erſten Laute gegen die Ein⸗ — 41 foͤrmigkeit des Winters auf dem Lande, ſie in die Reſidenz bringen wolle. Sidonie verſicherte, daß er dieß Wort und dieſen Laut nie von ihr hoͤren werde. „Sie muͤſſen mir ſchon verzeihen, Herr Major,“ ſagte der Geheimrath,„wenn ich heute den Gaſt zuweilen wegen der Tochter unwillkuͤhrlich hintanſetze. Als Kind hatte ich ſie verlaſſen muͤſſen, und wie ich ſie geſtern nach zehn Jahren wieder ſah, fand ich ſie in tiefen Jammer verſunken. O Herr Major—! Doch heute kein Wort davon.“ Wirklich wurde den ganzen Abend alle Be⸗ ziehung auf das Vergangene vermieden. Sido⸗ nie verweilte mit Wohlgefallen bei den Aus⸗ ſichten auf kuͤnftigen Winter, und der Major bat, daß auch ihm zuweilen ein Plaͤtzchen in ihrem Winter vergoͤnnt wuͤrde. „Man vergoͤnnt nichts, worauf man An⸗ ſpruͤche macht!“ rief der Geheimrath.„Wiſ⸗ ſen Sie wol, daß Sie ſchon jetzt die Pflicht auf ſich haben, uns mit der Gegend bekannt zu machen?“ Der Major ergriff voller Freude dieſe Ge⸗ 42— legenheit zu einer Partie fuͤr den andern Morgen. 22 „Daß Sie's nicht verſchlafen!“ rief Sido⸗ nie ihm noch beim Fortgehen nach, und ihr freundlicher Blick blendete ihn ſo, daß er eine Stufe verfehlte und faſt die Treppe herunter⸗ geſtuͤrzt waͤre. 15. Die kalte Herbſtnacht war nicht vermögend des Majors Kopf und Herz zu kuͤhlen. Sido⸗ niens letzter Blick verfolgte ihn bis nach Hauſe. Er ließ keinen Schlaf in ſein Bette. Daß er mit der Liebe voͤllig auf's Reine ſei, darauf haͤtte der Major noch geſtern Abend geſchworen, und heute war ſie es doch unver⸗ kennbar, die wieder alle ſeine Pulſe durchlief. Er geſtand ſich zwar ſelbſt, daß ein unbeſchreib⸗ lich langweiliger Sommer dazu gehoͤrt haͤtte, um ſeine Gefuͤhle jetzt auf einmal zu dieſem Grade von Erhitzung kommen zu laſſen. Aber er behauptete auch gegen ſich ſelbſt, daß dann noch immer ein Weſen, wie Sidonie, dazu ge⸗ hoͤre, das doch unbezweifelt eine ſeltne Erſchei⸗ 43³ nung ſei. Dieſe herrlichen Formen bei dieſer unerſchoͤpflichen Anmuth! Die Bluͤte der Jahre und des Geiſtes beiſammen! Dieſe Regſamkeit des Herzens, dieſe heilige Liebe zu ihrem Vater, dieſe unſchuldige Freude an den Erſcheinungen der Natur! Der Major wuͤrde den haben heraus⸗ fordern koͤnnen, welcher dem Eindruck der Neu⸗ heit auch nur einen Theil davon haͤtte zuſchrei⸗ ben wollen. Sidoniens Blick— bildeten darin nicht Geiſt und Herz und Seele und Leben einen einzigen Strom? einen Zaubertrank, der wohl⸗ thuend in jede Menſchenbruſt fließen mußte? Der Major ſagte ſich das, wie er ſich in's Bette legte, er ſagte ſich das die ganze Nacht hindurch. Der Schleier, welcher Sidoniens leidenvolle Vergangenheit vor ihm verbarg, ver⸗ ſah ſie zudem mit dem vollendetſten Heiligen⸗ ſcheine. 16. Endlich kam der langſame Morgen, ihm ſeine Heilige zu zeigen. Wie ein weiſſer Licht⸗ ſtral huͤpfte ſie auf dem Spatziergange, bald neben ihrem Vater, bald neben dem Major her. 44 Bald war ſie der ernſten Rede der Maͤnner ent⸗ laufen, und kam dann ploͤtzlich wieder aus einem Buſche oder hinter einem Huͤgel hervor, vielleicht gar, ſo ſchmeichelte ſich der Verliebte, um dem Geſpraͤche den Froſt wegzuſcheuchen, welcher ſie davon ausſchloß. „Die Blaͤtter fallen mit Gewalt!“ ſagte der Geheimrath auf einem Berge, wo gefruͤh⸗ ſtuͤkt wurde.„Vielleicht der letzte ſchoͤne Tag!“ „Im Freien!“ ſetzte Sidonie troͤſtend hinzu. „Sagen Sie ihr doch, Herr Major, wie lang der Winter auf dem Lande iſt; mir glaubt ſie es nicht.“ Sidonie wurde unwillig, und der Geheim⸗ rath fuhr fort:„Ich muß mich wenigſtens gegen unſern Freund rechtfertigen. Ich habe Hihr vorgeſchlagen, ſie in eine große Stadt zu bringen, zu Verwandten, bei denen der froͤh⸗ liche Rauſch einer geiſtreichen Geſellſchaft den ganzen Winter hindurch mit Tanz und Konzer⸗ ten und Opern abwechſelt. Aber ſie hat ſich in den Kopf geſetzt, die Fledermaus in dem alten baufaͤlligen Schloſſe zu machen. Kann — 45 man das dem achtzehnjaͤhrigen Weſen fuͤr ein Leben anrechnen?“ „Aber, mein Vater, wuͤrde ich denn nicht in der Stadt geblieben ſeyn, wenn ich ein ſo großes Verlangen nach ihren Freuden haͤtte? Kenne ich denn den Geiſt dieſer geiſtreichen Zirkel ſo wenig und dieſe langweiligen Baͤlle und Plaͤtze, wo man ſeine Gefuͤhle verlaͤugnen und ſich geputzt zur Schau ſtellen muß? Ich wie⸗ derhole meine Frage: Wuͤrde ich nicht bei der Schweſter meines Mannes geblieben ſeyn, wenn——“ 17. Ihres Mannes!— Des Majors Staunen war ſo unverkennbar, wie die Urſache. Da⸗ her ſagte der Geheimrath:„Es wird Schul⸗ digkeit, daß ich Ihnen in kurzen Worten Sido⸗ niens Verhaͤltniſſe entdecke. Mein nunmehr verſtorbener Bruder ſollte des Maͤdchens Erzie⸗ hung beſorgen und ihr meine Abweſenheit un⸗ fuͤhlbar machen. Ich uͤberließ ſeiner Recht⸗ ſchaffenheit alles. Er glaubte, er muͤſſe Sido⸗ nien hauptſaͤchlich vor ſeinem nahenden Tode 46— einen Verſorger geben. Es ſand ſich ein be⸗ jahrter reicher Mann. Die Hochzeit ging vor ſich, und mein Bruder fragte ſie nachher, ob ſie mit ſeiner Wahl⸗ zufrieden ſei? Zufrie⸗ den! Konnte ſie durch Pracht fuͤr den Mangel eines Herzens ſchadlos gehalten werden? Rauhe Sitten kamen dazu. Sie haͤtte ihre Empfin⸗ dungen in dem Gewuͤhl eines abgeſchmackten Lebens abſtumpfen muͤſſen, um zu vergeſſen, welche Rechte ein Trunkenbold uͤber ſie am Altare erlangt hatte. Sie fordert eine Abſon⸗ derung der Zimmer, und erhaͤlt ſie. Allein da die Geſetze ſie nicht getrennt hatten, ſo gab es doch Faͤlle, wo ſie oͤffentlich an ſeiner Seite zerſcheinen, und einen Menſchen, den ſie ver⸗ achtete, mit der Miene der Gattin anſehen mußte.“ „Das konnte ſie nicht laͤnger uͤber ſich ge⸗ winnen. Sie entdeckt ſich der Schweſter ihres Gemahls, und nimmt mit Freuden die Zuflucht an, welche ihr dieſe in ihrem Hauſe bietet. Ein uͤbereilter Schritt, der dadurch, daß ſie ſei⸗ ner wiederholten Einladung zur Ruͤckkehr nach⸗ gegeben haͤtte, noch gut zu machen geweſen — 47 waͤre. Sie ging nicht zuruͤck, und ihr Gatte reicht die Scheidungsklage ein. Sie frohlockt daruͤber. Sie erklaͤrt ſeinem Anwald vor Zeu⸗ gen, daß ſie nicht das mindeſte von dieſem Manne wolle, als eben die Scheidung. Sie haͤtte vorſichtiger handeln ſollen; denn unter ſolchen Umſtaͤnden braucht ihr Mann ſich zu keinem Jahrgehalt zu verſtehen.“ „Ein Jahrgehalt, mein Vater, von die⸗ ſem! Wie koͤnnte ich, ohne zu erroͤthen?—“ „Der Weltlauf, mein Kind, lehrt derglei⸗ chen wohl.— Jetzt aber, lieber Sturm, wiſ⸗ ſen Sie genug davon.“ Der Major war den ganzen Tag Sido⸗ niens Schatten. Er war entzuͤckt von ihrem Sii8nne fuͤr die einfache Natur, von ihrer Ironie uͤber die Gebraͤuche der Stadt, von dem Ge⸗ ſchmack, mit dem ſie das Innere des unmo⸗ diſchen Landſchloſſes behandelte, von ihrem Scharfſinne, der der Bequemlichkeitsliebe des alten Mannes uͤberall entgegen kam. 48— 18.in Sn 4 ſ „So ein Weib giebt es nur Einmal in der Welt!* rief der Major am Abend auf ſeinem Zimmer.„Was wuͤrde die aus deinem Hauſe machen, und was aus deinem Leben?“ Der Onkel in der Reſidenz und ſein letzter Beſuch kam ihm nicht aus dem Sinne. Er ſchalt ſich thoͤricht, daß ihn ſeine Abenteuer mit Weibern zur Ungerechtigkeit gegen das Weib verleitet hatten. „Sidoniens Naͤhe,“ rief er,„hat mir die Regſamkeit, die Kraft der Jugend zuruͤckgege⸗ ben. Ich muß darauf ſinnen, mir ein Recht auf die Fortdauer ihrer Naͤhe zu erwerben.“ 19. Sidonie ordnete eben wieder in den Zim⸗ mern, als er am folgenden Nachmittage zu ihr trat. „ Entſchuldigen Sie mich, daß ich ſchan wieder komme!*⸗ fing er an. „Darauf ſoll mein Vater antworten. Ich mag dergleichen Umſtaͤnde nicht leiden. Sie ſcheinen Antheil an unſerm Hauſe zu nehmen, 49 und wir haben Ihnen dafuͤr aufrichtig gedankt. Dennoch kommen Sie mit ie dergleichen Emaſchut digungskram.“” 1187 5 Der Major kuͤßte ühre Hand, die ihm mit freundlichem Unwillen wieder genommen wurde. Der Friede war bald voͤllig hergeſtellt. Sidonie zeigte ihm, wo ihre kleine Buͤcher⸗ fammlung hinkommen ſollte. Der Major half ihr den Platz fuͤr den Fluͤgel ausſuchen, und ein paar Bilder an die Wand haͤngen. „Dieſes nicht!“ bat er, als ein Kupfer, die Melancholie vorſtellend, wie ſie einen Tod⸗ tenkopf betrachtet, zum Vorſchein kam. „Mein Lieblingsblatt!“ erwiderte Sidonie. „Laſſen Sie mich Ihnen ein anderes aus⸗ ſuchen.“ „Dieß! Es hat ſich in die Geſchichte mei⸗ nes Lebens gedrungen.“ „Drum ſtellen Sie es nicht der Erinnerung zur Pflege hin.“ „Der Tag, an dem meine Verzweiflung dieſen Todtenkopf anſtarrte, wie jene Trauern⸗ de, der Tag ſteht ſchon mit ewigen Buchſtaben in meinem Gedaͤchtniſſe.“ Solene X. Heft. 4 50— „Dem Auge aber ſollten Sie ihn doch er⸗ ſparen.“ „Iſt es denn keine Luſt, die vergangenen Schmerzen mit Innigkeit anzuſchauen?“ „Keine fuͤr die gerechten Hoffnungen Ihrer kraͤftigen Jugend! Kurz, ich dulde das Bild nicht in Ihrem Zimmer.“ „Sie?“ „In den Worten, mit denen Sie vorhin meine Entſchuldigung verwarfen, liegt mein Recht dazu. Als Freund darf ich mir eini⸗ gen Einfluß auf Ihre Entſchluͤſſe vorbehalten. Ich beſitze ein artiges Kupfer, einen Amor auf dem Schooße ſeiner Mutter. Ich tauſche mir dies dafuͤr von Ihnen ein.“ „Sie betroͤgen ſich dann, ohne mich zu entſchaͤdigen.“ Sn „Ich ſetzte Liebe und Melancholie an den rechten Platz, und wuͤrde die letztere ſchon darum verehren, weil ſie mir von Ihnen zuge⸗ theilt waͤre.“ „Ich will Ihnen aber keine Melancholie zutheilen.“ „Keine im Bilde!“ 4 51 „Was heißt das?“ „Daß ich verrathen bin! daß ich mich ſelbſt verrathen habe! Leben Sie wohl, Sidonie!““ 20. „Lieber Sturm!“ ſprach Sidonie, ihn liebreich zuruͤckhaltend. „Ihr Auge iſt toͤdtlich, Sidonie. Die Thraͤne darin wirft mich Ihnen zu Fuͤßen, und doch muß Ihrem Herzen das Wort fehlen, mir wieder aufzuhelfen.“ „Sie geben mir Raͤthſel auf, guter Sturm!“ „Keine Raͤthſel! Sie wuͤßten genug, um mich laͤcherlich zu finden. Mein klares Ge⸗ ſtaͤndniß ſoll mir den Stab brechen. Sehen Sie hier einen Thoren, den fuͤnf und dreißig Jahre aus dem Reiche der Jugend verwieſen haben, und den auf Einmal der Wahnſinn ergreift, als ob er zuruͤck koͤnnte; der alle ſeine nach und nach erworbenen Erfahrungen mit Fuͤßen tritt und Sidonien beſchwoͤrt, ihr bluͤ⸗ hendes Leben in ſeinen Armen zu vergraben. Sie haben ihn zum letzten Male geſehen!“ fuͤgte er hinzu und ſprang auf. 52— „Mein guter, lieber Sturm!“ rief Sidonie. Ihr Arm legte ſich um ſeinen Nacken. Ihr Geſicht naͤherte ſich, und er riß es an das ſeinige. Die Haͤnde fielen in einander. Die Blicke vollendeten das Verſtaͤndniß. Der Major entfernte ſich in ſeiner Seligkeit. Er wollte die Zuruͤckkunft des abweſenden Ge⸗ heimraths nicht erwarten. Auf den kommenden Tag hatte ihm dieſer ſchon einen Beſuch zuge⸗ ſagt. Da wollte er ihn erſt wieder ſehen. Der Major haͤtte heute nicht ſchweigen koͤnnen. Gleichwol wuͤnſchte er den Geheimrath mit ſei⸗ nem Gute bekannt gemacht zu haben, ehe er um Sidoniens Hand anhielt. Das Gut brachte ſo viel ein, als zur anſtaͤndigen Erhaltung einer Familie hinreichte. Wenn der Vater einmal davon uͤberzeugt war, ſo ſchob wenigſtens kein okonomiſches Bedenken ſeine Einwilligung wei⸗ ter hinaus, und manche laͤſtige Frage wurde in der Geburt erſtickt. 21. Zwei Stunden ſchon hatte der Major am Fenſter zugebracht, als des Geheimraths erſehn⸗ 53 ter Wagen in den Hof rollte. Sidonie war noch nie ſo reizend geweſen. Ihr Auge ſuchte den Blick des Majors, die Haͤnde trafen heim⸗ lich zuſammen. Der Major blieb deßhalb in mancher Erklaͤrung ſtecken, die er uͤber dieſe oder jene Einrichtung ſeines Gutes dem Vater zu geben hatte. Beinahe der ganze Vormittag war den ſchoͤ⸗ nen Spatziergaͤngen und Plaͤtzen mit Ausſichten gewidmet worden. Das Mittagseſſen wurde in einem Saale eingenommen, von dem ſich die ganze Gegend uͤberſchauen ließ. „Was Sie fuͤr eine Beſitzung haben, Major! Dagegen muß ſich mein Gut ver⸗ ſtecken!“ ſo rief der Geheimrath nach Tiſche am Fenſter. „Und dennoch fehlt mir noch gar viel zum Gluͤcke!“ ſagte der Major, naͤher tretend. Zu⸗ gleich faßte er Sidoniens Hand. Der Geheimrath ſchien das letztere nicht zu bemerken. „ Wer weiß, lieber Major, wie hoch Sie Ihre Forderung ſpannen? Es giebt Men⸗ 54 ſchen, denen es der Himmel nie recht machen kann.“ „Er hat meine Zufriedenheit, mein Gluͤck, meine Seligkeit Ihren Haͤnden anvertraut. Wol⸗ len Sie mir ſie geben?“ Sidonie ſank ihrem Vater um den Hals. 22. „Ei, ei, Sidonie!“ ſagte der Geheim⸗ rath mit aufgehobenem Finger, und ernſter, als der Major es erwartete.„Du haſt kurze Zeit zu einem ſo folgenreichen Entſchluſſe ge⸗ braucht! Und Sie, lieber Sturm, trifft der⸗ ſelbe Vorwurf. Wie lange kennt Ihr denn einander?““ „Die Herzen zaͤhlen nicht nach Tagen und Jahren!“ rief der Major, ein wenig verſtimmt. „Nun, nun,“ ſagte der Geheimrath,„wenn es euch beiden ſo gefaͤllt, meinetwegen. Je ſchneller Ihr aber geweſen ſeid, deſto bedaͤchti⸗ ger muß der Vater zu Werke gehen. Sie haben hinlaͤngliches Einkommen, lieber Sturm, das iſt ſicher. Aber was erhaͤlt Ihre Bra⸗ wenn Sie ſterben ſollten?“ „Alles.“ „Gut, wenn Sie das gerichtlich verſichern wollen.“ 1 „ Mein Vater!“ rief Sidonie. „Eben als Vater ſprach ich ſo. Sie koͤn⸗ nen mir's nicht verargen, braver Mann, wenn Sie meine Tochter lieben.* „Gar nicht!“ ſagte der Major, und be⸗ fahl, den Gerichtsverwalter zu holen. „Und noch ein Punkt, Major! Das Un⸗ gluͤck meines Kindes hat mir zu viel Kummer verurſacht, als daß ich nicht darauf denken muͤßte, Sidonien vollkommen ſicher zu ſtellen, ehe ich ſie wieder aus dem vaͤterlichen Hauſe laſſe. Die Geſinnungen, auch guter Menſchen, ſind zuweilen veraͤnderlich. Was bekommt mei⸗ ne Tochter, wenn es— ich ſetze nur den Fall, den der Himmel verhuͤte!— wenn es Ihnen einfiele, ſich— von ihr ſcheiden zu laſſen?“. „Pfui, beſter Vater!“ rief Sidonie. „ Scheiden von dieſem Engel!“ ſprach der Major.) „ Ich habe ſchon erwaͤhnt, daß mir als Vater zu ſorgen obliegt.“ 36— 23.— Sidonie ſtand mit bittender Miene vor Sturm, daß er ihr nur ſo etwas nicht zurech⸗ nen moͤge, und Sturm rief, berauſcht von dem thauenden Himmel ihres Auges:„Das ganze Gut gebe ich ihr dann; alles, wie es ſteht und liegt! Wenn ich dieſe Heilige von mir ſtoße, dann verdiene ich alles zu verlieren!“* Er war im Begriff mit dieſem Eifer fort⸗ zufahren, aber der Geheimrath erinnerte ihn, daß der Gerichtsverwalter ſchon eine Weſle da⸗ neben ſtehe. „Ich kann das Irdiſche heus Anmaglich bedenken! ſprach der Major, und bat den Geheimrath, den Mann zu inſtruiren. Die⸗ ſer that es nach einigen leeren Weigerungen. Sidonie verſicherte den Major indeſſen, daß ſie, moͤchte er auch noch ſo boͤſe an ihr han⸗ deln, dennoch nimmermehr von einer ſolchen Schrift Gebrauch machen wuͤrde. Der Reſt des Tages war ein Paradieſes⸗ moment fuͤr den Major. Sidonie ſein! er dachte nicht eher wieder an die verſprochene Verſchreibung, als am andern Vormittag, da — 57 der Gerichtsverwalter ſie ihm einhaͤndigte. Der Geheimrath war ſchon eine Stunde fruͤher ge⸗ kommen.— Gm. 226 Der Major unterſchrieb und beſiegelte. „Der Freund wird verzeihen, was der Vater thun mußte!“ ſagte der Geheimrath, die Verſchreibung in der Hand, den Major umarmend.„Die ungluͤckliche Vergangenheit verpflichtete mich zu einer zwiefachen Sorgfalt fuͤr die Zukunft meines Kindes.“ 8 24. Der Major war der alte nicht mehr. Er lachte, wenn ihm ſeine vormaligen Grundſaͤtze einſielen, und der Stolz, mit dem er ſie be⸗ hauptet hatte.„Erfahrung! Menſchenkennt⸗ niß!“ lachte er laut.„Der Onkel in der Reſidenz hatte recht. Er ſoll auch mein erſter Beſuch ſeyn, wenn ich mit ihr dahin komme.— In die Reſidenz? Was haͤtte ſie, das Natur⸗ geſchöpf, dort zu ſchaffen? Wenn Engel auf die Erde herunterſtiegen, wuͤrden ſie wol in dem giftigen Glanze des Hofes verweilen moͤgen?’“ Nach acht Tagen kam die Nachricht von Sidoniens Scheidung, und in vier Wochen war ſie die Gemahlin des Majors. 25, Der Winter uͤberſiel das Paar mit allen ſeinen Unannehmlichkeiten, aber die junge Ehe hatte ein Himmelszelt uͤber daſſelbe ausgeſpannt, unter dem es ihn nicht gewahr wurde. Vierzehn Tage waren ſo vergangen. Ein heftiger Schnupfen machte den Major jetzt darauf aufmerkſam, und Sidonie theilte ſeine Aufmerkſamkeit. 5 „Wie ſchwer der nordiſche Fluch auf der Gegend laſtet!“ rief er, auf das dicke Schnee⸗ geſtoͤber hinausdeutend. „Wenn er ſich nur nicht in das Haus hen eindraͤngen wollte!“ erwiderte Sidonie klagend. „ Und an geſcheidten Aerzten fehlt es auch in der Naͤhe! man ſchleppt ſich Wochen lang mit unbedeutenden Uebeln.“— Der Schnupfen verging, aber nicht lange nachher litt der Major an ſeinem Fuße. Auf Sidoniens Stirn lagen zuweilen kleine Wolken. — 59 Ihr Auge truͤbte ſich, und ſogar ihr Mund konnte nicht immer die Klage unterdruͤcken. Der Major merkte nun wol, daß die Neu⸗ heit der Situation, verbunden mit der Freude, einer unangenehmen Lage entflohen zu ſeyn, Sidonien in den erſten Tagen ſo enthuſiaſtiſch fuͤr das Landleben und ihren Vater gemacht hatte. Es aͤußerte ſich jetzt manche Einwen⸗ dung gegen letztern ſowol, als gegen das erſtere. Es gab ſchon Momente, in denen der Major ſich die Raſchheit verwies, mit der er in Hymens Tempel geflohen war. Wenn ſie nun das nicht waͤre, was Du glaubteſt! Indeſ⸗ ſen blieben es nur Momente. Die weiblichen Schwaͤchen, welche nach und nach an Sido⸗ nien hervortraten, hatten ſie freilich auch in ſeinen Augen um die Engelsſluͤgel gebracht, allein fuͤr ein ſeltenes Weib hielt er ſie in den beſſern Stunden noch immer. 26. Abwechſelnder Froſt und Regen machte die Wege ſo abſcheulich, daß der Geheimrath ſogar, nur ſelten mit dem Paare zuſammen kam. Die 60— Geſpraͤche gingen aus. Zeit fand ſich viel, aber keine zu Geſchaͤften. Die Naͤchte mußten den Schlaf oft entbehren, weil er ſich zu ſehr am Tage einniſtete. Erſt wollte der Morgen nicht kommen, dann wieder nicht gehen. Der Mittag wuͤrde ſich haben ertragen laſſen, wenn der Koch mehr getaugt haͤtte. Aber der heil⸗ loſe, unendliche Nachmittag und dann der Abend, der ſich ebenfalls ausbreitete, wie eine oſtlaſe Leichenpredigt! Der Paſtor und der Gerichtsverwalter waͤren freilich Leute geweſen, mit denen man im Noth⸗ fall einen leeren Abend haͤtte ausfuͤllen koͤnnen. Allein Pfarrer und Gerichtsverwalter hatten noch immer ein Haͤkchen auf den gnaͤdgen Herrn und kamen ſelten. Man hatte deswegen ſchon einmal zum Schulmeiſter ſeine Zuflucht genommen. Der aber brachte einen ſo odioͤſen Tabaksgeruch in ſeinen Kleidern mit, daß Sidonie halb ohn⸗ maͤchtig davon wurde. „Arime Frau,“ ſagte der Major eines Nach⸗ mittags,„in dieſem Lappland bleiben zu muͤſ⸗ ſen! Keine Menſchen zu ſehen, mit denen man 61 jeben moͤchte! Allein zu ſeyn mitten unter ver⸗ ſchneiten Bauerhuͤtten!““ Sidonie laͤchelte ſeufzend und ſchmiegte ſich an ihn an. „Geht mir mit eurer laͤndlichen Natur,“ fuhr er fort,„zumal im Winter! Die weiſſen Berge da druͤben, ſtehen ſie nicht da wie ge⸗ ſteifte Nachtmuͤtzen? Man reibt ſich die Augen, wenn man ſie nur anſieht.“ Der Major war im Zuge ſo fort zu ſprechen, als der Geheim⸗ rath ankam. 27. „Lieber Vater,“ fing Sidonie nach den wechſelſeitigen Begruͤßungen an,„ich habe eben einen Entſchluß gefaßt, zu dem ich Ihren Rei⸗ ſewagen brauche.“ „Aha! biſt Du das Land uͤberdruͤſſig?“ „Ich eben nicht, aber mein Mann! Da⸗ mit er mich nicht am Ende auch uͤberdruͤſſig wird, denke ich ihn und mich naͤchſtens in einen Wagen zu packen, und ſo viel Pelze dazu, als noͤthig ſind, uns auf dem Wege von hier nach der Reſidenz vor dem Erfrieren zu ſichern.“ 62— „Aber, liebes Hnid.** fing der Major an, „Sie wiſſen doch—— „Etwa, daß Ihre Gelder nicht ausreichen, um in der Reſidenz zu glaͤnzen? Kleinigkeit! Muͤſſen wir denn glaͤnzen? Meinen Sie, daß ich um Ihretwillen nicht ſparen, daß ich nicht allen Ueberfluß entbehren koͤnnte, um Ihnen Freude zu machen? Wie wenig kennen Sie doch den Scharfſinn einer Frau, wenn es auf Haus⸗ haltungskunſt ankommt! Wie wenig kennen Sie mich! Nein, mein Lieber, ich ruhe nicht, bis ich Sie aus dieſer aͤngſtlichen Gegend habe. Sie gingen mir zu Grunde, unid wie ſollte ich das uͤberleben?“ Ihr weicher Ton, die Perle im ſchoͤnen Auge, und der Arm, der ſich um den Major ſchlang, verſetzten ihn in die erſten Wochen ſei⸗ ner Ehe. Im Fortgange des Geſpraͤchs aͤußerten ſich jedoch, ſowol von Seiten des Majors, als des Geheimraths, einige Einwuͤrfe. Sidoniens Be⸗ redſamkeit beſiegte jeden, wie er ſich zeigte. „Nur den oͤkonomiſchen Plan zuvor moͤg⸗ lichſt beſtimmt und ausfuͤhrlich gemacht!“ ſagte ₰ 63 der Geheimrath beim Fortgehen, und Sidonie ſetzte ſich noch denſelben Abend du an den Schreibtiſch. 28. „Hier, lieber Sturm, leſen Sie.“ Sie uͤberreichte ihm triumphirend den Plan. Sturm laͤchelte zufrieden. Sidonie hatte auf alles Ruͤckſicht genommen, und herausgebracht, daß ſie in der Reſidenz vierhundert Thaler jaͤhrlich weniger auszugeben brauchten, als auf dem Gute. „Wir werden eingezogen leben,“ ſagte Sidonie,„aber anſtaͤndig. Selten Leute bei uns ſehen, und recht oft Freunde. Wir werden das Geraͤuſch der Freude vermeiden, weil wir in der Stille einer netten Wohnung ihr Weſen finden. Wir werden ohne Neid, Arm in Arm neben der praͤchtigen Equipage voruͤbergehen, und mit dem Glanz der Liebe im Auge mitleidig auf den Glanz des Reichthums herabſehen. Der Major breitete ſeine Arme aus und Sidonie ſank auf ſeinen Schooß. . 4 54 Sie ſchickte am folgenden Morgen mit dem Fruͤheſten zu ihrem Vater wegen des Reiſewa⸗ gens, und am vierten ſtand er ſchon völlig be⸗ packt und beſpannt vor der Hofthuͤre. Von dem Geheimrath wurde im Vorbeifah⸗ ren Abſchied genommen. Sidonie weinte lange am Halſe ihres Vaters, und ſagte, als ſie wie⸗ der in dem Wagen ſaß:„Mit ſchwerem Her⸗ zen verlaſſe ich das Laldahe aber ic mache Dich dadurch gluͤcklich!“ Dieſe Worte brachten keine gute Wirkung auf den Gatten hervor. Sie entſchluͤpften jedoch ſeinen Gedanken wieder.— Zwei Naͤchte hatten ſie elend geherbergt, und waren drei Tage durch Moraſt gefahren: kein Wunder, wenn die Reſidenz, die ſie nun endlich erreichten, einen erfreulichen Eindruck hervorbrachte. Sidonie, welche nie da geweſen war, wurde von den großen, breiten Straßen beſonders angenehm uͤberraſcht. „Des Onkels Haus!“ rief der Major, und konnte ſich nicht erwehren, den Kutſcher halten zu laſſen, um den M zu ſehen, deſſen guten Rath er mit Undank belohnt hatte. * 8 . 65 29. „Da bin ich doch wieder!“ fing er im Zim⸗ mer bei ihm an,„und zwar mit meiner Frau.”“ „Wundern Sie ſich nicht, Herr Graf,“ fiel Sidonie ein,„daß er ſeinem Vorſatze ſo untreu geworden iſt?“ „Die Schoͤnheit hat ſchon manchen Ketzer dieſer Art zum wahren Glauben bekehrt.“ Die Seitenthuͤre oͤffnete ſich. Die Graͤfin mit ihrer Tochter. „Ihr Geſchlecht hat doch uͤber dieſen Hals⸗ ſtarrigen triumphirt, liebe Graͤfin!“ redete der Graf ſie an, indem er auf Sidonien zeigte. „Aber,“ ſetzte der galante Alte hinzu,„es hat auch ſeinen ganzen Zauber aufgewendet!“ „Nun, lieber Onkel—“ hiermit zog der Major den Grafen in ein Fenſter—„was duͤnkt Ihnes du meiner Wahl?“ nue man anders, als loben? Unbe⸗ dingt loben! Ihre fruͤhern Erfahrungen ſagen mir, daß Sie vor der Wahl gewiß den Beob⸗ achter gemacht, daß Sie Ihre nunmehrige Gattin in mannichfachen Verhaͤltniſſen gepruͤft haben. Ein ſolcher Weiberkenner vertraut nicht Selene X. Heft. 5 „ 66 auf Gerathewohl dieſer Jugend und Schoͤnheit die Ruhe ſeines Lebens.“ „Iſt das Ironie, lieber Onkel?“ ſprach der Major etwas betroffen. „ Zuverſicht iſt es.“ 1 30.. 4„Nun, ſo ſehe ich wenigſtens, daß Sie ſich auch noch taͤuſchen koͤnnen,“ rief der Major, indem er mit Gewalt ſeinen ganzen Athem zu⸗ ſammennahm.„Nein, lieber Onkel, nichts von alle dem laͤſtigen und kleinlichen Vorunter⸗ ſuchen! Ich fand eine Blume fuͤr mein Herz, und nahm ſie an mein Herz ohne Zoͤgern. Glauben Sie mir, lieber Onkel, ich bin zuruͤck⸗ gekommen, ganz zuruͤck von meiner vorigen Sinnesart. Die Nichtigkeit aller Erfahrung leuchtete mir in's Auge, als Sidoniens Auge ſah. Oder wollen Sie laͤugnen, daß es Blicke giebt, durch die man auf einmal, und beſſer, als durch jahrelangen Umgang, bis in die heiligen Tiefen eines ſchuldloſen Herzens dringt?“ 4 Gegen die aͤngſtliche Haſt, womit der Major * 67 zu uͤberzeugen wuͤnſchte, ſtach die gedehnte Ant⸗ wort des Grafen:„Das nicht eben— indeſ⸗ ſen—“ gewaltig ab. 12G „Ich ſehe ſchon, lieber Onkel, ich muß Ihnen die Geſchichte ſelbſt erzaͤhlen.“ Der Major that es. Er beruͤhrte die Suͤn⸗ den ſeines Sommers nur leiſe, nur ſo fern ſie dem Zuſammenhange unentbehrlich waren. Auch der Langweile geſtand er nicht alle die Macht zu, welche ſie vor der Bekanntſchaft mit Sido⸗ nien uͤber ihn ausgeuͤbt hatte. Deſto laͤnger verweilte er bei dieſer kurzen Bekanntſchaft. Aber je mehr er der Poeſie abborgte, um Sidonien in das hoͤchſte Licht zu ſtellen, deſto mehr uͤberzeugte ſich der bejahrte Menſchenken⸗ ner davon, daß die erſten Tage mit Sidonien dem Major nur darum ſo himmliſch erſchienen waren, weil er zuvor in einer Hoͤlle gelebt hatte. Verzweiflung mußte vorhergegangen ſeyn, um ein, in den Mißbraͤuchen des Lebens laͤngſt verarmtes Herz wieder zu einem Scheine von Reichthum zu erheben. Der Graf ſah die Warnung, die er dem Major gegeben hatte, eingetroffen: die Langweile hatte ihn einer 68 Gattin zugetrieben; er hatte Muͤhe, es zu ver⸗ hehlen. Ein allgemeiner Gluͤckwunſch zu dem Schatze, den der Major erbeutet, gewaͤhrte dem Onkel eine Ausflucht, die aber dem Nef⸗ fen auch mehr fuͤr das erſchien, was ſie war, als wofuͤr er ſie nehmen ſollte. Der Major forderte ſeine Frau zum Ab⸗ ſchied auf, hoͤrte aber, daß ſchon ausgeſpannt und fuͤr Wohnung im Hauſe geſorgt ſei. 3. Ein Zettel an der Hausthuͤre gegenuͤber fiel Sidonien am andern Morgen in's Auge. Eine vollkommen eingerichtete Wohnung zu vermie⸗ then! 4 „Wie herrlich!“ rief ſie, die neue junge Freundin umarmend—„Ihnen grade uͤber!— Hier muͤſſen wir durchaus wohnen, liebſter Mann!“ „Aber doch erſt die Zimmer anſehen!“ ſagte der Major, der in Gedanken die Groͤße der Wohnung mit der geringen Summe zuſam⸗ menhielt, welche Sidoniens haͤuslicher Plan auf dem Gute der Ausgabe dafuͤr beſtimmt hatte. ☛ 59 „So gehen wir, Lieber, ehe man uns zu⸗ vorkommt!““ 1 oc Sie gingen. Der Major hielt ſein Beden⸗ ken zuruͤck, weil er der Sache nicht vorgreifen wollte. Aber Sidoniens Entzuͤcken, als ſie in die Wohnung traten, rieth ihm wenigſtens bald moͤglichſt nach dem Preiſe zu fragen. Er lachte hoch auf, denn es war ſechsmal ſo viel, als ſie fuͤr eine Wohnung zu geben beſchloſſen hatten. „Aber, liebſter Sturm,“ fluͤſterte Sidonie, wie er im erſten Zimmer ſchon umkehren wollte, „das Anſehen haben wir ja frei.“ Dazu faßte ſie ihn, der ziemlich verdruͤßlich von dieſer Frei⸗ heit Gebrauch machte, gewaltſam beim Arme. Die Zimmer wurden immer ſchoͤner, und Sidonie immer zaͤrtlicher. „Liebſter, beſter Mann— nur auf einen Monat! Wir muͤſſen uns ja doch erſt Geraͤth anſchaffen, und brauchen bis dahin ein einge⸗ richtetes Quartier. Nicht auf einen Monat, Maͤnnchen? Du weißt ja, welchen ſchoͤnen Ueberſchuß wir jaͤhrlich haben nach meiner Be⸗ rechnung? So ſprich doch!“ Dem Major war es gar nicht wie ſprechen. 70— „ Aber Maͤnnchen, Dir zu Gefallen habe ich das Gut und meinen Vater verlaſſen, und Du—— antworteſt nicht einmal, wenn ich doch ſo ſehr bitte?“ „Was haben Sie mehr, wenn ich, nein! antworte?“ „Kannſt Du das, Beſter? Sprich⸗ waͤre Dir das wol moͤglich?“ „ Nun ja, ins— meinetwegen, wollt' ich ſagen; ſo nehmen wir das Quartier.“ Sidonie zog ihren Arm beleidigt aus dem ſeinigen. n. „ Iſt es noch nicht techt fragte er. „ Mir iſt alles recht!“ erwiderte el in weinerlichem Tone.. So aufgebracht auch der Major war, ſo bezwang er ſich doch. Sein Stolz kam in's Spiel. Er wollte durchaus nicht des Onkels Haus zu Zeugen dieſer ehelichen Verſtimmung haben, daher naͤherte er ſich mit Bitten, die denn auch um ſo eher erfuͤllt wurden, weil er die Miethe auf zwei Monate⸗ gass eines, ab⸗ ſchlaß 119. — 71 1 32.. Abends war große Geſellſchaft beim Grafen. Sidonie machte Aufſehen durch ihr Erſcheinen, noch mehr durch ihre geiſtreiche Rede. Man draͤngte ſich um ſie her. Wer keinen guten Einfall ihr zu bieten hatte, der ſuchte wenig⸗ ſtens als Bewundrer ihrer Einfaͤlle einen Blick zu gewinnen. Das Geſpraͤch kam auf Literatur. Sidonie klagte uͤber ihre Unbekanntſchaft mit der neue⸗ ſten Meſſe. Auch von Muſtkalien hatte ſie lange nichts neues erlebt. Es wurden ihr Buͤcher und Muſikalien zugeſagt. Sie freute ſich im voraus der erſteren, und lehnte die letz⸗ tern ab, weil ſie, leider, ihren ſchoͤnen Fluͤgel auf dem Gute habe. Was haͤtte dem Baron Walldorf gelegener kommen koͤnnen, als der ſchoͤ⸗ nen Frau ſeinen Fluͤgel anzubieten! Nan weigerte ſich zwar der Annahme aus Beſcheidenheit; allein am folgenden Morgen kamen nicht nur Buͤcher und Muſikalien zu Haufen an, ſondern auch der Baron ſelbſt, der die Traͤger des Fluͤgels, welche ihm auf dem Fuße folgten, nicht zuruͤckweifen ließ. 72— Sidonie war entzuͤckt uͤber den ſchoͤnen Tou des Inſtruments. Der fade Baron verſicherte, als ſie geſpielt Hatte, daß er nie habe ſpielen hoͤren, als jetzt; ja, er ſetzte, als der Major daruͤber verdruͤßlich in's Nebenzimmer ging, noch hinzu, daß er's fuͤr das groͤßte Gluͤck ſei⸗ nes Lebens hielt, wenn die Majorin ihm ver⸗ goͤnnen wollte, zuweilen zuzuhoͤren. „Sie werden uns immer angenehm ſeyn, wenn Sie nicht ſpotten, wie jetzt!“ ſagte Sido⸗ nie, und glaubte, wie der Major wieder zum Vorſchein kam, eine Schmeichelei, die eben im Anzuge war, mit einigen maͤchtigen Griffen auf dem Fluͤgel zuruͤckſchlagen zu muͤſſen. Der Baron empfahl ſich. Obſchon Sturm die Bitte, bald wieder zu kommen, mit keinem einladenden Geſichte begleitete, ſo nahm ſie der Fremde doch ſo buchſtaͤblich, daß er ſich ſchon am zweiten Morgen wieder einfand. 33. „Welchen Dank bin ich Dir ſchuldig, Maͤnn⸗ chen, daß Du mit dem Landleben ſo unzufrie⸗ den wurdeſt!“ ſagte Sidonie, als ſie Abends — 73 einmal aus der Oper kamen.„Wie ein Mur⸗ melthier zu leben! Wahrhaftig, der Entſchluß, ſich den Winter auf dem Lande zu vergraben, kann nur aus irgend einer albernen Poetenſeele durch Deine Buͤcherſammlung auf Dich uͤberge⸗ gangen ſeyn. Ueberhaupt, die Freuden der Natur, was ſind ſie? Eine huͤbſche Abwechſe⸗ lung auf ein paar Tage— wenn wir aufrich⸗ tig ſeyn wollen!“ Sidonie war dem Major allzuaufrichtig. Er ſelbſt hatte zwar zu wenig Sinn fuͤr die Natur, um ihr nicht recht geben zu muͤſſen, er erinnerte ſich aber noch zu wol an ihre Aeußerungen auf dem Gute. Dieſe Inkonſe⸗ quenz! wie, wenn ihre uͤbrigen Grundſaͤtze keine feſtre Wurzel hatten? . 34. So ſchien es beinahe. Sie hatte den rau⸗ ſchenden Freuden der Stadt Strafreden gehal⸗ ten, und jetzt konnte man ſie die Beute dieſer Freuden nennen. Ihre reizende Figur erſchien nicht nur, ſondern ſie zeigte ſich uͤberall. Ihr Auge ſprach nicht ſelten mehr, als es bei der 74—— ehelichen Treue verantworten konnte. Daher bildete ſich in Konzerten und auf Baͤllen alle⸗ zeit eine Leibgarde von Auserwaͤhlten um Sido⸗ nien her, welche dem Major recht oft die Laune voͤllig verdarb. Aeußern wollte er nichts, er zeigte ſich ſo⸗ gar nicht gern verdruͤßlich daruͤber. Die Er⸗ fahrung, die er nach gerade wieder fuͤr etwas gelten ließ, rieth ihm dazu. Aber ſein Ver⸗ druß beſiegte endlich den Rath der Erfahrung. Er expektorirte ſich eines Morgens auf Einmal uͤber Sidoniens ſprechende Augen, uͤber ihr Betragen, das er nicht weniger ſprechend fand, und uͤber das ganze Heer ihrer Anbeter. Sido⸗ nie bewies ihm indeſſen durch Thraͤnen, wie ſehr er unrecht haͤtte. Er glaubte ihr in die⸗ ſem Augenblick und umarmte ſie. Den Augen⸗ blick nachher ſtampfte er mit dem Fuße, daß er ihr geglaubt und ſie umarmt hatte. 5 35. e 3 Am Abend ging der Zwieſpalt wieder an. Sidonie hatte auf dem Balle ſich der Wildheit des Tanzes voͤllig uͤberlaſſen. Beſonders machte — 75 der Major ſeine Bemerkungen uͤber einen Wal⸗ zer, den er unanſtaͤndig nannte. Sidonie, noch voll von den Freuden des Saales, vergaß dies⸗ mal die Nachgiebigkeit.„Ei, warum tanzen Sie nicht?“ fragte ſie;„dann hoͤrte der Laͤrm gleich auf.“ Er ſagte ein ſehr bittres Wort.„Soll ich denn,“ ſprach ſie hitzig, „ weil Sie ein lahmes Bein und Jahre haben, meine Jugend ganz ungenoſſen laſſen? Haͤtten Sie mir doch davon vor unſrer Bereicathuns geſagt.” Ein paar Tage vergingen dem Paare hier⸗ auf in einem dumpfen, unbehaglichen Zuſtande. Indeſſen, man naͤherte ſich wieder, man ſcherzte, und der Major verſprach ſogar, auf dem naͤch⸗ ſten Ball einen Schottiſchen mit ihr zu tanzen. Dieſer Tanz ſchlug aus endern ueſaben nicht zum Beſten aus. Der Major wurde einen Fremden in der Kolonne gewahr, welcher Sidonien die Hand allemal ſo verſagte, daß es auffallen mußte. 76 „Haben ſie etwas gegen dieſe Dame?“ fragte der Major. „Und nicht wenig!“ lachte der andere ſpoͤttiſch. „Sie werden mir es verantworten muͤſſen.“ „Wer ſind Sie?“ 2 „Major von Sturm, ihr Gatte!“ „Dann verzeihen Sie, Sie ſind geſtraft genug.“. „Herr!“ rief der Major ergrimmt; doch der Andre ſagte ganz gelaſſen:„Ich bin der erſte Gatte dieſer Dame geweſen.-⸗ 1 87. Ein Donnerſchlag fuͤr den zweiten. Der Mann, der ihm immer unter dem Bilde eines haͤßlichen, trunkenen Alten vorgeſtellt worden war, ein ziemlich flinker Taͤnzer, juͤnger und anſehnlicher, als erl! Der Major fuͤhlte ſich durch dieſen uͤber⸗ raſchenden Aufſchluß gaͤnzlich entwaffnet, und begleitete ihn ganz hoͤflich in ein Seitenzimmer. „Seyn Sie auf Ihrer Hut, mein Herr!“ fing der Andre hier an.„Die Verſchwendung 77 dieſer Frau und ihre Liebe zum Vergnuͤgen wuͤrden mich um Vermoͤgen und Ehre gebracht haben, wenn ich nicht bei den Geſetzen Huͤlfe gegen ſie geſucht haͤtte. Ich gebe Ihnen wei⸗ tere Auskunft, morgen, wenn Sie zu mir kom⸗ men wollen. Auch iſt mein Degen bereit, es zu beweiſen, wenn Sie beſſere Beweiſe ver⸗ ſchmaͤhen ſollten.“ Sie gingen aus einander, weil ſich Beob⸗ achter zeigten. Die ganze Sache hatte Auf⸗ ſehen gemacht, da Sidonie ſchon im Anfange des Geſpraͤchs ihr Bewußtſeyn verloren und nach Hauſe gebracht worden war. Der Major entfernte ſich ebenfalls, wie er's hoͤrte. „Was hat er Dir von mir geſagt?“ Mit dieſen Worten kam ſie ihm zu Hauſe in der Thuͤr entgegen. Sie wollte ihn umarmen, aber er entfernte ſich und ging auf ſein Zimmer. Auch dahin verfolgte ſie ihn mit ihrer Frage. „Das alſo iſt der bejahrte Trunkenbold!“ rief der Major;„Sie haͤtten wahrſcheinlicher luͤgen koͤnnen!“ Sidonie ſchwor darauf, daß ſie ihn ſelbſt 28— nicht gekannt haͤtte, ſo ſen er veraͤndert und verjuͤngt.. m 5 Der Major bat, daß ſie e ihn Haſſen. 1Sges morgen wolle er weiter mit ihr ſprechen. 38. Schon ſehr fruͤh erſchien ein Billet des Fremden, das ſeine verſprochene Auskunft auf einmal verſchob, weil ihn Briefe, die er beim Zuruͤckkommen vom Balle gefunden, zur ſchleu⸗ nigſten Abreiſe aufgefordert haͤtten. Der Major warf den Zettel verdruͤßlich auf die Erde. Sidonie fand ihn, als er hinausge⸗ gangen war, und wußte bei ſeiner Ruͤckkunſt die ſchnelle Abreiſe trefflich zu benutzen. Sie ſparte ihre Thraͤnen und Liebkoſungen nicht. Es war viel von verlaͤumderiſchen Boͤſewichtern die Rede, welche behaupteten, ohne beweiſen zu koͤnnen, und wenn auch der Major in dieſen Augenblicken nicht ganz zu der Ueberzeugung zuruͤckgelangte, daß er einen Engel in ſeinen vier Pfaͤhlen habe, ſo ſtaͤrkte ihn doch der Ge⸗ danke, daß nur an wenig Maͤnner ſich ein ſo reizendes Weib ſchmiegte, als grade an ihn. 79 Er bemerkte um ſo weniger, daß die Sinnlich⸗ keit es war, die ſeinen Verſtand in eine Wolke huͤllte, da ſich ſein Herz bei dieſer Taͤuſchung recht wohl befand. 63 1 KS 39. 2 Des Majors Tanz hatte auch Folgen fuͤr ſeinen Koͤrper. Sein Fuß war ſeit der Ver⸗ wundung nicht mehr auf ſchottiſche Spruͤnge eingerichtet. Die Wunde brach auf und warf ihn nieder.. In den vierzehn Tagen, die er zu Hauſe bleiben mußte, fand ſich Zeit zum Nachdenken uͤber ſeine Oekonomie, zumal da Sidonie, vor Gefellſchaften, nicht immer dazu kommen konnte, ihm Geſellſchaft zu leiſten. Ohne ein Haus zu machen, hatte er zwoͤlf⸗ mal mehr Aufwand gehabt, als er dem Plane nach haben ſollte. Jetzt fiel ihm die Warnung von Sidoniens erſtem Manne doch wieder ein. Mochte ſie Grund haben oder Verlaͤumdung ſeyn, eine Anwendung mußte vorgenommen, die Reſidenz verlaſſen werden. Er machte ſich ſchon deshalb auf einen Kampf mit Sidonien 80— gefaßt. Ohne alle Urſache, wie er bald inne wurde. Von Herzen gern war Sidonie den Entſchluß zufrieden; ſie habe ſelbſt darauf an⸗ tragen wollen. Der Major konnte ſich dieſes nicht entraͤth⸗ ſeln. Aber der Aufſchluß fand ſich bald. 40. Schon ſeit einigen Wochen offenbarte ſich eine Spannung mit des Grafen Familie, die den Major befremdete. Die Tochter des On⸗ kels, ſonſt ein taͤglicher Beſuch ſeiner Frau, erſchien nicht mehr. Sie hatte Stunden lang im Fenſter gelegen, und mit Sidonien Kuͤſſe ausgetauſcht: jetzt blieben die Vorhaͤnge den ganzen Tag zugezogen. Sidonie war eben ausgegangen, als end ich eine Einladungskarte vom Onkel zum folgenden Abend erſchien. An den Major allein; daruͤber ſtutzte er. Doch ſchwieg er gegen Sidonien und ging. 4 Seine Verwundrung ſtieg, als er einen großen Damenzirkel antraf. Der Onkel merkte es ihm ab und winkte ihm in's Nebenzimmer⸗ 81 41. „Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen, Neveu?“ fing er an. „Sie darum erſuchen ſogar!“ „So muͤſſen Sie eine bittre Einleitung dazu dem wohlwollenden Bruder Ihres Vaters verzeihen.“ „Herzlich gern.“ Der Major war betreten. „Sie haben ſich in Ihrer Frau ganz ver⸗ griffen, Neveu!“ „Wie ſo?* „Man ſagt ihr boͤſe Dinge nach.“ 4 „Wer?“ Des Majors Hand fiel auf's Degengefaͤß nieder. „Kein Koͤnigsſchwert zerſchluͤge die Stimme des Rufs. Sie muͤſſen etwas anders fuͤr Ihre Ehre thun.“ „Weſſen klagt man meine Frau an?“ „Ihr erſter Mann... 3 „Der Gchuek⸗⸗ der mir ſeine Bewei ſchul⸗ dig blieb— „Aus unverdaͤchtigem Munde weiß ich, daß ſie in dem Umgange einer unordentlichen, von ſeiner Familie ausgeſtoßenen Perſon, ſeiner Selene X. Heft. 6 8² Schweſter, ſich ſeiner Hand unwuͤrdig gemacht hat. Die Stadt iſt ſeit einigen Tagen voll davon. Mit Einem Worte: handeln Sie wie jener, und laſſen ſich ſcheiden.““ „Es geht nicht!“ ſagte der Major.„Und zugegeben, die Wahrheit ſpraͤche gegen das Be⸗ nehmen meiner Frau in der erſten Ehe: habe ich Urſache, ſie darum zu beſtrafen, da ſie— mich gluͤcklich macht?“ 42. „ Gluͤcklich?“ rief der Graf.„Der Angſt⸗ ſchweiß bricht Ihnen dabei aus der Stirne. Ich kenne Ihre Einkuͤnfte, Major, und kann die Ausgabe ungefaͤhr berechnen, zu der Sie von ihr veranlaßt werden. In einigen Jahren, Neveu, ſind Sie ruinirt!“ „„Wir gehen aus der Reſidenz, uns einzu⸗ ſchraͤnken.“ „Reicht alles nicht hin. Ihre Ehre iſt von der Natur an die meinige geknuͤpft. Haͤtten Sie jetzt die Stimme der Vergangenheit gehoͤrt, ſo duͤrfte ich Sie nun mit der Gegenwart ver⸗ ſchonen, allein die Decke muß von Ihrem Auge. 83 Das neueſte Benehmen Ihrer Frau verſchließt ihr bereits die anſtaͤndigen Haͤuſer in der Neſi⸗ denz. Daher muß ſie freilich ſelbſt auf einen andern Aufenthalt denken. Hier iſt ein Brief, den ſie frech genug geweſen iſt, meiner Tochter zu ſchreiben.”“ Des Majors Hand zitterte, indem er las. „Hier iſt eine Schmaͤhſchrift auf die Ver⸗ buhlte, die ich geſtern fruͤh von Ihrer Haus⸗ thuͤr abnehmen ließ.“ Der Major ſank auf einen Stuhl. „Scheidung, Neveu! um unſers gemein⸗ ſchaftlichen Namens willen!“ „Ich wuͤrde zum Bettler dadurch.“ Der Major erzaͤhlte, welche Schrift in des Geheimraths Haͤnden war. „Ungluͤckliche Verblendung!“ rief der Graf. „Bei Ihrer Erfahrung! Aber ſehen Sie wol die Hand der Vergeltung?“ Der Major ſchlug ſich heftig vor die Siirne. „Nun, leben koͤnnen Sie laͤnger nicht mit dieſer Perſon.“ „Auf dem Gute will ich ſie einſperren, und die Handlung mit dieſen Dokumenten vor 84— ihrem Vater rechtfertigen. Leben Sie wohl, Onkel! Ich kann das Auge nicht aufſchlagen, bis ich mich von der Gemeinſchaft mit ihr gereinigt habe.“ Der Graf geleitete ihn hinaus, und druͤckte ihn ſtillſchweigend in ſeine Arme. 43. Die Pferde wurden ſogleich beſtellt. Sido⸗ nie wunderte ſich daruͤber ſowol, als uͤber die Einſilbigkeit ihres Gatten. „So eilig?“ fragte ſie. „Den Abſchied zu erſparen;“ war ſeine Antwort. „Wohin aber?“ „An einen paſſendern Ort.“ In ſeiner Freundlichkeit dabei lag etwas Widerwaͤrtiges, etwas, das Sidonien den Mund zuhielt. So bedeutend es auch war, daß er ihre Jungfer am Wagen ploͤtzlich abdankte, ſo wagte doch die ſchuldige Frau keine Erklaͤrung daruͤber von ihm zu fordern, ſondern ſtieg ohne weiteres, wenn ſchon ziemlich beklommen, ein. — — — 8⁵ Der Major blieb ſich die Reiſetage ziemlich gleich. antia S 25 Sidonie wiederholte die Frage: wohin? recht oft, aͤußerte auch, daß ſie ja gar wieder auf dem Wege nach dem Gute waͤren. Er lachelte.„Habe ich's nicht geſagt? ſprach ſie, als ſie vor der Kirche vorbeifuhren.„Nur nicht auf lange Zeit, beſter Mann!e“ „Schon morgen,“ ſagte er,„denke ich wieder abzureiſen.“e 2 anen Auf dem Schloſſe endlich brach die verhal⸗ tene Wahrheit aus des Majors Munde: „Dies, Madam, ſind Ihre Zimmer auf Lebenszeit, und hier die Vollmacht dazu, die meine beleidigte Ehre mir giebt.“ 18. Er zeigte die Papiere und verließ die Ohn⸗ maͤchtige und das Gut, nachdem er die noͤthi⸗ gen Sicherheitsanſtalten getroffen hatte. Nur durch einen Sturz aus dem Fenſter haͤtte ſich Sidonie aus dieſen Zimmern, und zwar auf Koſten ihres Lebens, befreien koͤnnen. 86 44. Er fuhr ſogleich zum Geheimrath. „Willkommen!“ rief dieſer.„Aber ſo allein?“ „Das Schickſal will, daß ich von nun an immer allein bleiben ſoll.⸗ Er erzaͤhlte. r „ Ich beklage, lieber Major. Aber wer iſt Schuld? Die Weiber ſind ſchwach, zumal bei ſolcher Jugend! Sidoniens erſter Mann hatte die Arme ſich ſelbſt uͤberlaſſen; Sie haͤtten beßre Aufſicht fuͤhren ſollen. Wiſſen Ste wol, daß ich, als Vater, Sie anzuklagen Urſache habe? Verſoͤhnung mit ihr iſt das ie was ich Ihnen rathen kann.“ „ Unmoͤglich! Sehen Sie dieſe Hapuan 4 „„ Aber was wollen Sie machen?“ „ Sie mit einem Jahrgehalt aui dem Gute feſthalten.“ „ Ueberlegen Sie, daß Sie nshr Gut dabei wagen.“ 3 Der Major ſtaunte ijn an. „Wiſſen Sie nicht mehr, daß das Gut im Scheidungsfall auf Ihre Frau faͤllt?“ 82 „Wenn ich mich von ihr ſcheiden laſſe.“ „Im Scheidungsfalle, ohne Einſchraͤnkung! Leſen Sie, was Sie unterſchrieben haben.“ Der Major las und wollte ergrimmt nach dem Papiere greifen, aber der Geheimrath ſicherte es. Der Major ſank vernichtet in eine Ecke. Hatte der Gerichtsverwalter aus Rache wegen der Tochter die Schrift ſo abgefaßt, oder war ſie von dem Geheimrathe ſo verlangt worden: jede Scheidung von Sidonien, ſah' er, brachte ihn um ſein Gut. „Betrug, ſchaͤndlicher Betrug!“ rief der gebeugte Mann. „Sind Sie bei Sinnen, Major? Zeugt Ihre Unterſchrift nicht von Ihrem Willen? oder wer zwang Sie zum Unterſchreiben?— Oder unterſchrieben Sie ein ſo wichtiges Dokument, ohne es zu leſen? Dann waͤre freilich Ihre Un⸗ faͤhigkeit, einem Hausweſen vorzuſtehen, außer Zweifel geſetzt, und ich zu ſchelten, daß ich die Ehre meiner Tochter ſo ungeſchickter Hand zu bewahren gab.“ 88— Der Major zog den Degen, aber der Ge⸗ heimrath rief ſeine Leute. „Wie die Sachen nun ſtehen, iſt die Schei⸗ dung unvermeidlich!“ ſagte der Geheimrath, und verließ ihn. 45.. Der Major kehrte zuruͤck auf ſein Gut. Er erzaͤhlte Sidonien kurz und trocken, was vorge⸗ fallen war, erinnerte ſie an ihr Verſprechen, unter keinen Umſtaͤnden von der Schrift, die ihn um alles brachte, Gebrauch zu machen, und ſchlug ein andres Auseinanderkommen vor. Aber Sidonie ſagte:„Nach dem, was Sie mir zugedacht hatten, fuͤhle ich mich aller Pflich⸗ ten gegen Sie entledigt, und muß mich gicß auf meinen Vater verlaſſen.“ „Elende!“ ſchrie er, ſie heftig faſſend. Sie rief um Huͤlfe. Es drangen Leute her⸗ ein, und der Major, deſſen Wuth den Degen gezogen hatte, wurde, auf des Gerichtsverwalters Anordnen, wie ein Wahnſinniger eingeſperrt. Nach dieſer Demuͤthigung ſchaͤmte er ſich vor dem Auge des Hauſes und des Dorfs. 89 Mitten in der Nacht oͤffnete er daher einen Fenſterladen und entfloh von ſeinem eigenen Gute, daß er uͤbrigens ſchon nicht mehr als Eigenthum betrachten konnte.. Zum Gluͤck, daß er, ehe er zum Geheim⸗ rathe gefahren war, die Einkuͤnfte in Geld zu ſich genommen hatte. „An das aͤußerſte Ende des Landes!“ ſo hieß ſein Entſchluß, nachdem er am andern Tage einem Advokaten in der naͤchſten Stadt Vollmacht zur Unterhandlung oder zum Prozeß mit dem Geheimrath und Sidonien hinterlaſſen. 46. Ein Grenzſtaͤdtchen ward ſein Aufenthalt nach einer fuͤnftaͤgigen Reiſe. Die Wahl dieſes Orts zeugte nicht von ſeiner Klugheit. Das bluͤhende Gewerbe, welches hier ſeinen Sitz hatte, verlangte einigen Aufwand von denen, die fuͤr Honoratioren gelten wollten, und der Major glaubte das, kraft ſeiner Herkunft, ſeines Standes, und ſeines Ordens, vor andern for⸗ dern zu koͤnnen. Sein erſtes Auftreten war ziemlich glaͤnzend, 90 aber um ſo eher zehrte ſeine Geldboͤrſe ſich ab. Sein Bevollmaͤchtigter befoͤrderte dieſes noch durch allerler Schloͤſſer, die er ihm in der Luft erbaute. Endlich kam die Nachricht, daß das Gut verloren, und eine anſehnliche Summe Prozeßkoſten zu bezahlen ſei. Dieſe und des Anwalds Forderung aufzubringen, mußte ein Drittheil von des Majors Penſion auf Jahre hinaus ihm verkuͤmmert werden. Er hatte mit Vielem nicht auszukommen vermocht, und brachte es mit Wenigem vollends nicht dahin. An ſeine Verwandte ſich zu wen⸗ den, beſaß er zu viel Stolz; zu wenig Muth aber, um in einer andern Stadt ein kuͤmmer⸗ liches Leben zu verſuchen. In kurzem erſchien er als der lebendige Beweis von dem Worte ſeines Onkels, daß bei einem Mangel an Grund⸗ ſätzen alle Erfahrungen unnuͤtz werden, als ein Bild der Sorge und der Verzweiflung. Noch an der unſcheinbarſten Kleidung aber unterließ er nicht, ſeinen Orden zu zeigen. Und dies gereichte zu ſeinem Gluͤck, wenn man die Friſtung eines alſo herabgekommenen Lebens fuͤr Gluͤck betrachten kann. Ein junger Graf. der ein Haus in der Stadt beſaß, und aus Mangel an Zeitvertreib Kriegsdienſte genommen hatte, kam jetzt zurück. Der Zufall hatte ihn im Kriege auf einen Poſten geſtellt, wo er blos die traurige Alternative vor ſich ſah, tapfer zu ſeyn, oder grade zu umzukommen. Er hatte ſich zu dem erſtern entſchloſſen, es war ihm gelungen, und derſelbe koͤnigliche Or⸗ den, den der Major trug, auch der ſeinige geworden. Der Orden hatte Aufſehen machen ſollen in der Stadt, aber der Anzug des Mannes, mit dem er ihn theilen mußte, empoͤrte ihn. Er bot dem Major einen Jahrgehalt, wenn er ſich entſchloͤſſe, das Gnadenzeichen abzulegen. Der Graf wurde bald von der Bezahlung dieſes Gehalts losgeſprochen. Denn zwei Jahre darauf ſpuͤlte der Fluß den entſeelten Leichnam des Ungluͤcklichen an's Ufer. Friedrich Laun. Lied eines Deutſchen im Gewuͤhl des dreyßigjaͤhrigen Krieges. Hinweg mit Gram und Sorgen, So lang das Herz erwarmt! Wer dies nur hat geborgen, Der iſt noch nicht verarmt. Ihm raub' ein wuͤth'ger Krieg, Was muͤhſam kaum erworben: Sein Herz iſt nicht geſtorben, Und ſo hat Er den Sieg! Er ſieht die Zeiten brechen, Das Vaterland verſinkt; Sein Zorn darf ſelbſt nicht ſprechen, Auch Blicke ſind verdingt: Doch lebt nur noch das Herz, Und ſchlaͤgt in edlen Flammen An Freundesbruſt zuſammen, Erhebt, erquickt auch Schmerz. Woran ſich Edle laben, Was ſchoͤn das Leben ſchmuͤckt— Der Muſen holde Gaben, Hat Mars in Staub gedruͤckt: Doch ſtirbt's im Herzen nie; Und will die Welt erblinden, So wird Dein ſtill Empfinden Zur ſchoͤnſten Poeſie. Die Fauſt hat jetzt nur Ehrenz Und wer durch ſchnoͤdes Gold Dem ſchnoͤdern Trieb kann wehren, Nur dem ſind Fuͤrſten hold. Doch bleiben Herzen rein, So bleibt der Stamm, der gute, Fuͤr Kinder, groß am Muthe: Und dann wird's beſſer ſeyn. Was Gluͤck uns einſt gegeben, Nimmt Gluͤck nun wieder hin: Doch uͤber's Erdenleben Reicht aus ein edler Sinn. 1 93 94 Lauft gegen dieſen an Mit Hohn und Schmach und Waffen: Frei wird er ſich entraffen Auf hoh're Himmelsbahn. Drum weg mit Gram und Sorgen⸗ So lang das Herz erwarmt! Dies hab' ich mir geborgen, Und bin ſo nicht verarmt. Nimm alles, wuͤth'ger Krieg, Was muhſam kaum erworben: 8 Mein Herz iſt nicht geſtorben, Und ſo bleibt mein der Sieg!— IJtaliſen. I. Endlich hab' ich denn euch, Avenninen, ihr hohen, erſtiegen, wolkiges, rauhes Gebirg! Freier erhebt ſich das Herz hier auf ſtillerer Hoͤh; es blieben die tuͤck'ſchen Gefahren tief in den Thaͤlern zuruͤck, wo das Geraͤuſche noch tobt. Diesmal rettete mich der Gott: dem Erretteten geb' er nun, was zu maͤßigem Gluͤck gnuͤgſames Leben bedarf. Selene XI. Heft. 1 2. Fremdes Geklingel ertoͤnt von des Maulthiers far⸗ bigem Hauptſchmuck. Sicher ſchreitet das Thier auf dem gefaͤhr⸗ lichen Pfad, nahe dem Abhange, hin, dem ſteileren, wo in den Abgrund, ſtrauchelt der wankende Fuß, nicht zu erret⸗ ten es ſtuͤrzt. Aber es ſcheu't ſich nicht, und es kennt die droh'nde Gefahr nicht! Wahrlich, es iſt wie ein Kind; aber doch ſicherer tritt's, kuͤnſtlich belehrt durch den Sinn, den eingebore⸗ nen, klugen. So waͤhlt ſicher der Menſch, pruͤfend mit 3 4— reinem Verſtand, wol das Rechte ſich aus, nicht ſtrauchelnd in ſchluͤpfriger Laufbahn. Und ſo ſichert, den Pfad Jedem ein ſchuͤtzen⸗ der Gott. 3. Ja! wol gleichet das kuͤnft'ge Geſchick dem zoͤgern⸗ den Wagen; beide, ſo ſind⸗ ich, gehn nur den gemaͤch⸗ lichen Gang. Fern iſt Florenz, und ſobald nicht erreicht; und es ſtrebt das Gemuͤth doch immer dem neuen Geſchick, immer dem kuͤnf⸗ tigen zu. Gae, dir iſt die Straße bekannt, du Treiber des Maulthiers, iſts noch weit gen Florenz? komm' ich zum Abend noch hin? „Wenn ihr ruſtig euch regt durch die Berge hin, die zu erſteigen noch euch ſind, ſo gelangt wol ihr am Abend ins Thal. Fahrt ihr wacker die Nacht dann hindurch, ſo naht mit des Morgens Daͤmmerung ihr Florenz, zieht mit der Sonne dann ein.“ Ach ein böſer Bericht! kaum tragen die Fuͤße mich weiter auf dem beſchwerlichen Pfad, welchen die Hoffnung gekuͤrzt. 4 Wol iſt es wahr: es frommt uns nicht zu erkun⸗ 4 bis den das Schickſal, denn ein Schwacher ertraͤgt nicht das Gemeſ⸗ ſene leicht. 4. Schon grau't daͤmmetrnd der Morgen, und noch erſpaͤht durch die Huͤlle leiſe ſich loſender Nacht nicht das gewünſchte der Blick, nicht das gehoffte Florenz; es zaudert, und wei⸗ — let, und kommt nicht. Aber auf einmal, horch! rollt üͤber Pflaſter das Rad. Nahe nun bin ich der Stadt gewiß, ich erblicke ja Baͤum' auch, ſchön zu den Seiten des Weg's kuͤnſtlich in 3 Reihen gepflanzt! O wie rauſchet ihr mir mit ſanftem Gefluͤſter ſo lieblich, glaͤnzet ſo lieblich im Schein weißlicher Daͤm⸗ merung mir, 3 friedliche Zweige! Noch kenn ich euch nicht; wie Silber, ſo ſchimmert, und ſo rauſchet das Laub⸗ leiſe vom Winde bewegt. So einſt toͤnte dem Knaben das Lied der pflegen⸗ den Mutter, lag er im liebenden Schooß, ſicher, ein lie⸗ bendes Kind. 5. Heiteres Wandeln iſt hier, Florenz, du ſchoͤnſte der Staͤdte! freundlich gruͤßet den Blick uͤberall jeglicher Platz. Und die Portale, die Saͤulen, die Kirchen, die 2 hohen Palaͤſte, alles deutet den Sinn, edel, den ordnen⸗ den an. Laß ein verworr'nes Gemuͤth erblicken das froͤh⸗ liche Gleichmaß, welches die Steine der Stadt, ſiegend, die todten belebt: 6 wahrlich, es wendet ſich ab, beſchaͤmt, vom ver⸗ wirrenden Sinne; denn hier redet der Stein kraͤftig dem Men⸗ ſchen ans Herz. 6. Wol durchwandl' ich den Tempel der Kunſt, und die Saͤle, mit Ehrfurcht; aber vor allem den Saal, wo du, o Niobe, weilſt, du, mit der Schaar der Toͤchter im weiten, bluͤ⸗ henden Kreiſe, jede den ſtaunenden Blick feſſelnd an liebliche Form. Soll ich, Niobe, dir, der herrlichen, kinderbe⸗ begabten, mehr wol klagenden Schmerz, oder Bewun⸗ derung weihn? dir und den ſchönen Erzeugten, den bluͤhenden 4 Toͤchtern, die alle ihr in Fuͤlle der Luſt liebliches Leben ge⸗ ſchmeckt, als den toͤdtenden Pfeil die erzuͤrnete, hohe Diana ſandte zur athmenden Bruſt Jeder der bluͤ⸗ henden Schaar? Nein! ich beklage dich nicht; denn es weichet das goͤttliche Leben keiner im heiligen Kreis⸗ treffe das Goͤtter⸗ geſchoß Buſen ſicher und Herz; ihr ſeid unſterblich: es ſchirmet ewiger Schoͤnheit Glanz euch den untadli⸗ chen Leib. 2. Oft ſchon, Laokoon, hat fuͤhlend das Herz dich 1 betrauert/ aber das Auge zugleich ſtill ſich im Schauen ergoͤtzt, wenn es den bitteren Kampf mit den Leiden der 4 Soͤhn und der eignen Qual, im Marmor erblickt, der zu bewegen ſich ſcheint 8— von dem unendlichen Schmerz erfuͤllt der Schlan⸗ genverletzten, deren entſetzlich Geſtoͤhn waͤhnt zu vernehmen das Ohr. Doch mich erfreuet das Eine: daß klar der Gemar⸗ terten Blick ſagt, wie der willkommene Tod bald von der Qual ſie befreit. 8. Kuͤnſtler, was bildetet ihr ſo gern den Schmerz und den Tod euch, liebend, in mancher Geſtalt? auch ja der Fechter erſcheint ſterbend, ich ſeh' es, und hauchet den Geiſt im naͤchſten Moment aus. Waret den Schmerzen ihr hold? freute das letzte Geſchick ſterblicher Menſchen euch ſo? ich verkenn' euch, oder ihr weihtet immer der Freude den Schmerz, immer dem Leben den Tod. 9. Staune, b betrachtendes Aug' und verlier' in unend⸗ licher Macht dich, wenn das vollendetſte du, wenn du den Torſo erblickſt. Reich in gedraͤngteſter Kraft ſtrotzt ſtark der gewal⸗ tige Ruͤcken, jeglicher Muskel erzaͤhlt maͤcht' ge, heroiſche That. Mui dem Gotte, dem Gottergezeugten, gehoͤrte die Bildung, denn 3 verkuͤndet es laut: ſeht, ich beſiegte die Welt! 10. Venus, holdes Merkur, ihr reinen Geſtalten des Aethers, ſinnvoll find' ich euch hier neben einander geſtellt: dich, den ſußen Genuß verkundend und inniges Gnuͤgen, Cypria; Hermes dich, deutend gelingende That. 10— Alſo geſellt ſcheint ihr unſterbliche Goͤtter zu ſagen: That nur neben Genuß giebt ein vollendetes 4 Gluͤck. 1 II. Meerentſtiegene, heitre, begluͤckende, ſelige Goͤttin, Zierde des hohen Olymps, Mutter des nmas tigſten Gott's, deine Geſtalt zu beſtaunen, den Glanz vollendeter Anmuth, goͤnnte zum ſchoͤnſten Geſchaͤft mir der erfreu⸗ lichſte Tag. Schwankend zweifelt' ich lang, auf welchem der himmliſchen Reize ruhen vor allem der Blick moͤchte, von allen entzuͤckt. Endlich hab' ich mich ſchnell entſchieden, den Preis, den verdienten, keinem zu rauben, und dir ſelber den köſt⸗ lichſten Preis — 11 zuzugeſtehn, die du hold geſchmuͤckt mit unend⸗ licher Schoͤnheit, dir des Zaubers bewußt, in dich geſchmiegt ihn verbirgſt. 12. Bacchus, goͤttliche Kraft, du Fuͤlle des froͤhli⸗ chen Lebens, wie, volluͤppiges Schwungs runden die Glie⸗ der ſich dir! wie iſt das Auge belebt, und die heitere Stirn, und der Locken wogender Reiz, wie gewoͤlbt bluͤhen dir Schul⸗ tern und Bruſt! Welch ein entzuͤckendes Lacheln beſeelt dein jugend⸗ lich Antlitz! Kaum faßt, weich, die Geſtalt, freudiges Leben, dich ganz. Schoner, ulülhende Gott, du ſchoͤnſter der ſeligen Goͤtter, dir vor Allen umfaßt flehend der Beter das zinnn Knie; 12²— hoͤre das leiſe Gebet(ihm zuͤrne der uͤbrigen Goͤtter keiner): weile du ſiets, himmliſche Freude, bei mir! 13. Wie dort fröhlich der Faun ſich ergotzt! die ſchel⸗ miſche Miene deutet den liſtigen Scherz, den er der Nymphe geſpielt. Ganz vergeſſen in Luſt hinlauſcht ſein Auge zur Schoͤnen, die ihn beſitzt, und die er, wiederbeſitzend, nun neckt. 14. Welch ein beſondres Gemiſch! In unuͤberſehbaren Reihen ſteht an den Boden die Zahl roͤmiſcher Herr⸗ ſcher gepflanzt; 13 Koͤpfe von Martndr und Erz, wie Blumen in kuͤnſtlichen Beeten, wo ſie der Gaͤrtner erzog, gleich nicht an Tugend und Glanz: oft die prangendſte Bluͤthe der Kelch nur heimli⸗ chen Giftes, oft das widrigſte Kraut bergend die heilende Kraft. 15⸗ Gern verweil' ich um euch, ihr redenden Kopfe der Mahler, hier in farbigen Reihn rings um die Waͤnde gehaͤngt. Jeden⸗ das Agane Bild und die eigenen Züge der Leinwand anvertrauend, erzaͤhlt ſchnell das erlebte Ge⸗ ſchick, zeigt den lebendigen Trieb, den eingebornen, die Farbe ſeines Gemuͤths und den ſtreng Jeden beherr⸗ ſchenden Sinn. 14 Keiner verbirgt das Inn're, ſich ſelbſt zu betruͤgen, geſchickt wol, doch nicht das Wort des Geſichts, nicht den Verraͤther, den Geiſt. So offenbart denn jeder, dem Trunkenen gleichend, geſchwaͤtzig, ob er die goͤttliche Kunſt, ob er ſich ſelbſt nur geliebt. 16. Haltet ſie heilig, die Waͤnde, wo einſt der begei⸗ ſterte Mahler auf die Trophaͤen gehaͤngt; leer ach erblick⸗ ich ſie jetzt. Zeigt ſie dem Fremden, daß einſt, anſtaunt er am fremderen Ort das Kunſtwerk, er ihm, gerecht, weihe gebuͤhren⸗ den Platz. 17. Milder wehte die Luft, als kehrte der ſcherzende Fruͤhling, gaͤnzlich vergeſſend der Zeit, mitten im Win⸗ 6158. 4 ter zuruͤck. Sieh, da enteilt’ ich der Stadt und verlor in der laͤchelnden Flur mich, welche das holde Florenz, ſchoͤn es bekraͤn⸗ zend, umſchließt. Reineres Blau durchfloß das hohe Gewoͤlbe des Aethers, und mit belebendem Strahl waͤrmte die Sonne den Ort, wo 5 ich, umſaͤuſelt vom Gruͤn der nimmeraltern⸗ den Baͤume, und vom Voͤgelgeſang, unter den Zweigen, ergoͤtzt/ teiſer zu treten dem Fuße gebot, daß die froͤhliche Waldſchaar nicht verſtummte, dem Hain ſchüͤchtern ver⸗ bergend die Luſt. Um mich wogte das Gras verjungt auf freund⸗ lichen Plaͤtzen, wo, einladend zum Sitz kuͤnſtliche Baͤnke ge⸗ ſtellt, 16 bald auf Brunnen den Blick, bald auf ſchoͤnglaͤn⸗ 39 zende Saͤle lockten, und dann zum Beet duftender Blu⸗ men zurück, die, von den Göoͤttern beſchuͤtzt der prangenden : 12 Ln Gaͤrten, die Herme Hiary die beſcheidene, dort kraͤnzten die Hohe Statue bald des Pans und der Faunen, und bald der 2 rreichen Pomona, und im n ſanfteren Schmuck, lieblich die Goͤt⸗ — tergeſtalt Florens, verehrt von der Flur, verehrt von der asanen Stadt, der ſie hold iſt, der ſie den blüͤhenden Glanz auch noch im Alter erhaͤlt. Alſo den herrlichen Reiz umfaſſend ſchwelgte mein Blick; mir, ſanft vom Lenze verlockt, ſchwand der Ge⸗ danke der Zeit, ſhwand der Gedanke des Orts: ich waͤhnt' im elyſiſchen Traume bei der verſammelten Schaar ſeliger Götter zu ſeyn 12 auf ſtets bluͤhender Flur, wo keine der Sorgen, der Schmerzen keiner das laͤchelnde Gluͤck, das ſich verjuͤn⸗ gende, ſcheucht. Aber es kehrte der Sturm und es kehrten die Wolken, und jagten weit das liebliche Bild froͤhliches Lenzes hinweg. Doch nun mahlt es der Griffel im warmen Zim⸗ mer, und zaubert ſtill beim flackernden Licht Fruͤhling und Goͤt⸗ ter zuruͤck. Selene XI. Heft. Die Warnerin. Eine Geſchichte aus dem dreißigjaͤhrigen Kriege. An Ludmilla. (1654 geſchrieben) Du dringſt in mich, Ludmilla, und ich muß dir nachgeben. Noch einmal ſchließe ich dir das Heiligſte auf. Wahre es wohl, und laß es vor keine andern Augen kommen, als die deinigen. Laß dich die Tagebuͤcher meiner Ael⸗ tern warnen; laß ſie dich warnen vor der aus⸗ laͤndiſchen Heirath. Wir ſind deutſche Jung⸗ fraun, und keine Damen. Mirr giebts allemal einen Stich ins Herz, wenn dein Signor Sa⸗ velli mich eine Dame ſchilt. Seit dieſe fremden Worte deutſche Sitten verdraͤngen iſt bei uns deutſche Freiheit, ſamt deutſcher Zucht und Freude verſchwunden. Ich haße aber den Signor nicht allein ob dieſer Frechheit in allerley ehrlich ſeyn ſollenden Ekelnamen, und nicht nur weil er Savelli heißt, ſondern noch um eins. Denkſt du noch dran, als deine b 19 Neugier, und der Wahn, die Mutter, ſeel ge, ſey verborgner Dinge kundig geweſen, mich be⸗ wog, dir zum erſtenmal dieſes Heiligthum zu oͤffnen? und Savelli, den ich damals noch lei⸗ den mochte, dazu kam, und, uns heimlich uͤber die Schulter leſend, in des Vaters Buch die Worte fand:„Anno 1634 der Dinge we⸗ nige verzeichnet, amoris causa?“ Er befragte mich damals, fuͤrwitzig gnug: ob der ſtrenge,⸗ tugendliche Lilienſtröm auch einſt die Liebe gekannt, und in wen er entbrannt geweſen? und als ich, zorniglich ihn anſehend, antwor⸗ tete: in wen anders, als in meine Mutter? zaͤhlte er an den Fingern, recht ſpottlich, die Jahre, und findend, daß ich damals ſchon auf der Welt ſeyn mußte, hat er weiter ge⸗ fragt: Seyd ihr auch ehelich gebohren? Als ich aber vor Zorn ſchon erſtummet, hat er hinzugeſetzt: Ey, Dame, dann glaube ich, daß eure Mutter heimliche Kuͤnſte beſe⸗ ßen! denn welch Weib kann im zweyten Ehe⸗ ſtandsjahre, wo nicht gar im dritten, den Mann noch feſſeln, daß er ſein ſelbſt vergaͤße? Siehe, ſeitdem weiß ich, was ich von den 20 Savelli denken ſoll; weiß es in alle Wege, und gebiete dir ernſt: Laß keine Zeile dieſer dir vertrauten Schriften vor ſeine Augen kommen. Biſt du ſeiner Meinung, daß Margaretha von Lilienſtroͤm mehr vermochte als ein Weib, ſo lerne aus dieſen Schriften, welches ihre Zauberkraft war, und wodurch ſie freilich im Leben gar viel vermocht. Gott gebe dir und auch mir aͤhnliche Kraͤfte. Hier ſind die Blaͤtter, ſo viel dir davon zu leſen dienlich. Es war im Jahr unſers Herren 1630. als ich, unter dem Kriegsvolk des großen Gu⸗ ſtav, am Ausfluß der Peene, ans Land ſtieg. Großer Gott, damals war noch Recht und Gottesfurcht unter den Leuten, und ich weiß keinen unter uns, der nicht, gleich dem ſchwe⸗ diſchen Helden, ſein Herz zum Himmel erho⸗ ben, ſamt den Haͤnden, als er, der König, auf die Knie ſiel, und den Boden, den wir betraten, gleichſam mit Gebet weihete. Eini⸗ ge zwar meinten, dies ſey pfaͤffiſch, und iſt 21 ſonderbar, daß, wie ich fleißig beobachtet, juſt dieſe zagten, wenn es an den Feind ging. Ich habe jenesmal wohl herzlich gedanket und gebetet, hatte ſolches auch vonnoͤthen wegen der ſchweren Verwundung am linken Schenkel, die mein Tod haͤtt werden koͤnnen, und nicht ward, jedoch mich noch gnugſam hinderte am Gebrauch der Waffen, auch das Reiten mir ſchwer macht, dazu ich inbruͤnſtig⸗ lich bat, Gott moͤcht mir wieder helfen. Als der Koͤnig, dem ich allernäachſt ſtand, das inne ward, daß ich weinte, hat er geſpro⸗ chen: Ey, langer Fritz! Hier gilts nicht Wei⸗ nens, ſondern freudigen Danks! Hat auch nach meinen Wunden gefragt, und verſchafft, daß⸗ als wir gen Stettin kommen ſind, mein beßer gepflegt werden ſolt. Ungluͤcks gnug fuͤr mich, daß in den Actionen, die dazwiſchen lagen, ich nicht mit machen konnt, ſondern mußt auf der faulen Baͤrenhaut liegen. Sind inzwiſchen meine Wunden ſo veraͤrgert, daß die Wund⸗ aͤrzte vom Abnehmen des Schenkels geſprochen, wofuͤr ich lieber den Tod gewaͤhlt. In Stettin hab' ich mich ſtark gemacht uͤber 22 mein Vermoͤgen, und hat mich koͤnigliche Ma⸗ jeſtaͤt zum alten Herzog geſandt, ihm anzu⸗ deuten, was der Koͤnig nachmals ſelbſt mit ihm ſprach. Und als ich nun ſeiner Durchlaucht beweglichen zugeredet, Königs Guͤte nicht zu verkennen, ſondern Stadt und Land in Gottes Namen in des chriſtlichen Helden Hand zu le⸗ gen, wo beyden wohl gerathen ſey, hat des alten Herzogs Durchlaucht ſich dennoch nicht entſchließen koͤnnen, ſondern geſagt: Will ſei⸗ ner Majeſtaͤt muͤndlichen Vorſchlags gewaͤrtig ſeyn. Ihr, Rittmeiſter, laßt inzwiſchen zu Euren Wunden ſehen, maßen Euch wol herz⸗ lich weh iſt, und ihr ſchier Euch Sinkens nicht entbrechen koͤnnt. Man rufe der Jungfrau Margaretha, daß ſie ſein ſelbſt wahrneh⸗ me!— Hab alſa damals den Namen dieſer köoͤſtlichen Perle zum erſten gehoͤrt. Mir ſind aber bald darauf alle Gedanken vergangen, und habe wol nichts von dieſer Jungſrau ge⸗ ſehen, bis dieſer ſichtbare Engel Gottes ſchon mehrere Tage an meinem Lager iſt beſchaͤftigt geweſen. Es war eines Morgens, juſt beym Fruͤh⸗ — 23 laͤuten, als mir zuerſt die Augen aufgingen, und ich gewahr ward, wo ich lag, und wen ich um mir hatte. Mein Diener, ſo mich dieſe Nacht bewacht, hatte ſogleich laut aufgeſchrien vor Freuden, und iſt, ſeinen Gefaͤrthen zu meiner Hut herbeyrufend,⸗ ſogleich nach der) ar garetha gelaufen, welche nicht weit ſeyn konnt, irgend im Nebenzimmer. Habe ich denn je einen der guten Geiſter geſehen, ſo vor Gottes Throne ſtehen, ſo iſts damals geweſen, ſo daß ich, als freudig er⸗ ſchrocken, mich aufgerichtet, und ſchwaͤchlichen geſtrebt, das Haupt zu blößen; waͤr wol vor ihr niedergekniet, haͤtte ich ſolches vermocht. Sie, die Holdſeelige, hereintretend, ging auf mich zu mit dargebotener rechter Hand. Willkommen ins Leben, Herr Rittmeiſter, ſag⸗ te ſie. Legt Euch flugs, und ſchließt die Augen wieder! Euch dienet jetzt weder Sehen, noch Reden!— Guͤtiger Gott! nicht reden, wenn das Herz zerſpringen will! nicht ſehen, wenn all unſer Geiſt in die Augen geflohen iſt! Ich gehorcht indeßen, hab aber doch ein 24— wenig durch die Augenlieder geblinzt, die holde Rede, die aus ihrem Munde ging, auch zu ſehen. Und ſie ſagte mir freundlich, wie krank ich geweſen, doch nicht allein aus Urſach des Schenkels, als der nun gerettet ſey, ſondern von uͤbermaͤßiger Anſtrengung; ſollte hinfuͤhro Gott nicht verſuchen, maßen ich auch ein Menſch ſey, der ſinken und ermatten koͤnne, obgleich mir Gott ungewoͤhnliche Geſtalt und Kraͤfte gegeben. Ihre, der Jungfrauen Geſtalt, war aber auch ungewoͤhnlich, nicht allein durch hohe Schoͤnheit, ſondern auch durch der Glieder ſtolzen Bau, ſo daß ſie ſchier ehr einem ruͤſti⸗ gen Juͤngling glich, als einem Maͤgdlein. Habe ſie einſt, als ſie ſchon mein war, in Waffen geſehen, da ſie ſchier nichts verrieth, wenn ich ein einziges ausnehme, als des Auges ſanfter, unter den langen Wimpern ſittig ge⸗ ſenkter Blick, und des Mundes unausſprech⸗ liche Lieblichkeit. Schwarz war ihr Haar, die Augen von gleicher Farbe, zierliche Bogen be⸗ ſchirmten dieſe Lichter; in Summa, ſie war untadelich. 25 Mit ſolchem Himmelsbild im Herzen ſank ich bald in liebliche Traͤume, und wachte doch. Der Leib genas, aber die Seele erkrankte, bis eben an dem Tage, da ich reden wolt,(es war der erſte meines Aufſeyns) man mir ſagte: die Jung⸗ frau laſſe freundlich mich gruͤßen, und da ich ihrer Huͤlfe ferner nicht beduͤrfe, werde ſie ge⸗ rufen zu andrer Pflicht. Ich fragte dann meine Leute, wer ſie ei⸗ gentlich ſey, und wohin ſie verſchwunden, wuß⸗ ten mir aber ſolches nicht zu ſagen. War da⸗ malen ſchon die Stadt den Schweden uͤberge⸗ ben, und der Herzog mit ſeinem Volk hatte ſich in andre Gegenden verwendet. Habe wol rechtſchaffen getrauert ob ihrem Verſchwin⸗ den, war aber doch immer, als ſagte mir einer: du wirſt ſie wiederſehen! wie auch ge⸗ ſchehen. Man ſagt, des Kriegsmanns Herz iſt leicht geheilt; muß auch wol, denn wer doͤrfte mit krankem Herzen ſich unter die Eiſen wa⸗ gen! Unſelde hatte mich von meinem Herru, dem ſchwediſchen Helden, getrennt; Kriegs⸗ thaten ohne dies theure Haupt waren faſt nie 26— gluͤcklich, denn es fehlte, nebſt der alles ord⸗ nenden Seele, auch die alles zuſammenhal⸗ tende Hand, daher wir auch gerathen ſind in die leidige Gefangenſchaft des Torquaro Conti. Haͤtten wol alle lieber ſterben moͤgen, als ihm das Leben danken; denn, hilf Gott, wel⸗ cher Graͤuel mußten wir Zeugen ſeyn, bey ihm gezwungen in ſogenannter freyer Haft verharrend! Nahm unſer Ehrenwort, zu blei⸗ ben! waren uns Waffen vergoͤnnt ſogar, je⸗ doch die Haͤnde gebunden, ſie zu fuͤhren! Heil⸗ loſes Spiel mit den Worten Freyheit und Knechtſchaft! O Fritz Lilienſtroͤm! daß du nicht lieber in dein Schwerd rannteſt, als das ſogenannte Quartier annahmſt! Doch iſt ſolches gottlos zu ſagen; hab wol gethan was ich konnt um ehrlich zu ſterben, dem Thrannen nichts ver⸗ ſchwiegen, ihn oftermalen gereitzt, fruchtet aber nichts, blieb immer mir hold. Als Paſewalk uͤberging, hab ichs dem Ty⸗ rannen ins Angeſicht geſagt: hier werde teuf⸗ liſch gewuͤtet; hat mir auch ſolches zu gut 9 — 27 gehalten, mir Macht gegeben ſogar, den Ret⸗ genden bey Brand und Blur, ſo er am Ende ſelbſt beorderr, an die Seite zu treten. Ich habe ſolches vedlich gethan, und viel Nachfol⸗ ger funden, denn der Menſch von Natur iſt nicht grauſam geartet, ſondern wirds nur, wenn ihm der leidige Satan den Taumel⸗ kelch reicht des Bluts und der Luͤſte, aus welcher Trunkenheit befonders einer dieſes verruchten Heers nicht nuͤchtern ward! Es war dies der Savelli, des Tor⸗ quato Untergeneral. Hat ſelber unerhoͤrte Unthat veruͤbt, an Maͤnnern, Jungfraun und Kindern. Hatte einen Buben, der ſein Sohn war, damals allermeiſt zehn Jahr; mußte der Zeuge ſeyn aller Graͤuel, und hat ihn der Vater gar eben erzogen, das zu werden, was er ſelbſt war, und noch viel mehr, ſagend: Weiß wol, was mirs fuͤr Muͤhe gekoſtet, hin⸗ uͤber zu kommen uͤber das Pfaffengeſchwaͤtz, ſo ſie Gewiſſen nennen, und ſoll mein Jung kein Gewiſſen haben!— Mit des Conti Gutheißen, der jenen immer nur eine Weil machen ließ, bereitet ich alſo 28 dem kranken Herzen in mir auf dieſen blutigen Tag ein Feſt, zu retten, was jener Teufel verderben wolt. Wer mir nachfolgt, ward deß bald gar willig, und haben den ſuͤd⸗ lichen Theil der Stadt faſt ganz aus den Flam⸗ men gerißen, auch des elenden Manns⸗ und Frauenvolks viel in des Conti Obhut bracht, darzu auch Kinder. 3. Das ſchwerſte Werk ſtand uns vor in einer Kirchen, da ſich ein Haufe Frauenvolk und Alte, nebſt unmuͤndigen Kindlein, enthielten. Hatten Gewehr drinn, und vertheidigten ſich aufs verzweifeltſt, indem ſie aus Fenſtern und Zugloͤchern ſchoßen auf den eindringenden Savelli; wurden befehlicht von einem Frau⸗ enbild, ſo hier als ein Held gehalten. Wir kamen eben dazu, als man dran war, Feuer zu legen an das Gotteshaus und jene Elenden mit Rauch zu erſticken. Hab hier maͤnnlich gethan was mir oblag, und da ich, ſo wie ich gern gewolt, keine Gewalt brauchen durft, gelang mirs, weiß ſelbſt nicht wie, des Savelli hartes Herz zu regen, daß er or⸗ dentliche Capitulation einging und dem elenden Frauenvolk nebſt Alten und Kindern einen ehr⸗ lichen Abzug verſprach. Zogen die alſo furchtſam heraus, nicht trauend ſelbſt ſeinem hoͤchſten Eyde, als wohl ermeßend, daß ſolch ein Menſch keines Eydes nicht achtet. Er auch Uicht ſo bald die ſchoͤnen Bilder wahrnahm, noch verſchoͤnt durch die Glut der Angſt in den lieblichen Geſichtern, als er anders Sinns geworden. Niedergebeugt von Furcht und Scham, die Kindlein feſt an ſich preßend mit der einen Hand, leitend mit der andern die Alten und Kranken, ſo ſchwebten ſie einher, nicht wagend oder nicht wollend vor dem zu knien, zu dan⸗ ken oder zu bitten, wie ſie gelehrt worden, dem ſie lieber ganz unſichtbar haͤtten bleiben moͤgen. Mir vergingen faſt die Gedanken, denn eine hohe Iungfrau, uͤber alle hervorragend, war ihre Anfuͤhrerin. Sie allein einestheils in Waffen, in der Hand das Schwerd, auf dem Haupt den offenen Sturmhut, ſchoͤn wie ein gewapneter Engel. O Margaretha! Mar⸗ garetha! konnt' ich dich verkennen? Mein 30 Herz bebte, und jetzt erſt kam mir ein, es ſey einem Boͤswicht auch wol moͤglich zu brechen den heiligen Eyd, huͤlfloſer Unſchuld geſchwo⸗ ren; mochte aber ſolches nicht aͤußern, und ſolches um deintwillen, du meines Lebens Le⸗ ben! haͤtte, dich auszeichnend, des Wuͤtrichs Augen lenken moͤgen ſonderlich auf dich! Je⸗ doch ausgezeichnet warſt du ſchon genug, durch hohe Schoͤnheit, des Gemuͤthes Tapferkeit, und maͤnnliche Waffen. O Margaretha, haͤt⸗ teſt du nur dieſe gelaſſen, nur dieſe: vielleicht waͤrſt du unter den andern, die ja auch ſchöͤn waren, den Augen des Tyrannen entkommen! Doch die Heldin wolte das nicht. Kuͤhn und ernſt trat ſie vor den Savelli. General, ſagte ſie, was ihr fuͤr uns thatet, das lohne euch Gott; wir danken fuͤr ehrlichen Abzug. Darob er lachend erwiederte: Leben und Ehre hab ich euch geſchenkt vor der Hand, mit nichten die Freyheit. Ehrlichen Abzug ſolt ihr ja haben, doch mit uns; was kann wol ehrlicher ſeyn, als zu ziehn mit dem Hel⸗ den, der ſo gern ſich der Thaten erholt in ſanf⸗ ten Weiberarmen! 31 Hat auch flugs Anſtalt gemacht, zu feßeln die zarten Weiblein, und ſie auf Wagen zu wer⸗ fen, oder ſie zu binden an den Sattelknauf, in Willkuͤhr des Reuters, ob ihm gemuͤthlich ſey⸗ ihrer zu ſchonen, oder ſie zu Tode zu jagen aͤber Dornen und Hecken. Ich aber, als ich ſah, daß meiner Marga⸗ retha— ſage: meiner, meiner Margaretha— auch alſo geſchehen ſolt, und ſich der Savelli ſie zur ſondern Beute erkohren: da hab ich mich nicht mehr gekannt vor Zorn und grimmi⸗ gen Wuͤten, hab einen Streich gefuͤhrt nach dem Boͤſewicht, ſtark genug, ihn vonſammen zu ſpalten. Doch er traf leider ihn nur halbz ſie fielen mir in die Arme, und weil ich denn einen Heerfuͤhrer verwundet, war ich fliugs in Ketten und Banden. Als man mich zum Conti bracht, um ihn zu bewegen, mein Todesurtheil ſtraks Ange⸗ ſichts zu faͤllen, und ich dargegen maͤchtiglich fuͤhrte meiner Sachen Gerechtigkeit, antwortet er: Rittmeiſter, ihr habt uͤber die Schnur ge⸗ hauen, und kann euch nun nicht helfen. Sehet, das Leben ſey euch geſchenkt, aber die Haft 32 auf Ehrenwort hat nun ein Ende; erkennet nun auch die Haft in Ketten und Banden. Wie? entgegnete ich; jener Vertrag iſt null, und ihr beginnt einen neuen? Kein Vertrag, antwortet er; eure Feßeln ſagen gut fuͤr euch!— Woruͤber ich mich hoͤchlich gefreuet, heimlich gedenkend, wel⸗ ches Gott mir verzeihe: Haſt nun zuruͤck das Ehrenwort nicht zu entweichen, biſt ſo gut als frey; was ſind gegen jenen Zwang eiſerne Ketten und Bande!— Muß wol einſt einem Moͤnchlein durch die Schul gelaufen ſeyn, um dieſen Ausweg zu erlernen!— Wie ich gedacht, ſo iſt mirs gelungen. Haben mich ja wol ehr einen Samſon genannt, wie haͤtte ich Bande nicht brechen ſollen, zu⸗ malen bey wiederkehrenden Kraͤften und der Huͤter Gelindigkeit, gewonnen durch jenen Freybrief, den Gott manchen der Seinen ver⸗ leiht, daß ſie niemand verletze, und iſts oft mir Troſt und Rettung geweſt, daß ich wußt, ich hab einen ſolchen. Der Poͤbel, auch in unſern Tagen die Vornehmen wol, nennen dies: feſt ſeyn; und bin ich auch feſt geweſen 923 59 allewege, durch Vertrauen auf Gott, und auf mir verliehene Kraͤfte. Als nun Nacht und Schlauheit mein Werk gedeckt hatten und ich frey war, bin ich nicht geflohen, ſondern zuruͤckblieben auf dem Aſchenhaufen der an einigen Stellen noch bren⸗ nenden Stadt, theils zu beſſerer Verheimli⸗ chung meines Entweichens und Verwirrung meiner Spur, theils um der Jungfrau nahe zu bleiben, von welcher meine Huͤter, als ich noch in Banden war, mich verſichern wolten, man wiſſe nichts von ihr, und ſey ſie vermuth⸗ lich in dem Getuͤmmel von Savellis Verwun⸗ dung entkommen. War ſie dies, ſo befand ſie ſich nirgend, als hier. Hatte ich doch in ihren Armen ein gerettetes Kindlein geſehen, als ſie vor Sa⸗ velli ſtand, und hielt ſich doch hinten an ihr Gewand ein ſchwacher Alter, der ſie, ich hoͤrt es, Tochter nannte. Hier in Paſewalk alſo war ſie wahrſcheinlich zu Hauſe, hier hielten ſte Bande des Bluts, hier mußt ich ſie finden. Aber ich bin die rauchende Staͤtte viel Ta⸗ Selene XI. Heft. 3 ge lang durchzogen, ohne die ich ſuchte zu finden. Elend zu lindern fand ich gnug, hats auch die Kraͤfte dazu allermaßen. Wo nicht Rath nuͤtzt und That, da gnuͤgt auch Geld wol zuweilen; hatte den Feinden manchen Ort abgelauſcht, wo ſie Schäͤtze geborgen, und, vor eigenem Feuer fliehend, zuruͤckgelaſſen hatten. Das zeigt ich denn den Abgebrannten ehrlich an; ihr war es, nicht das meine. Gleichwol dankten die Armen mir dafuͤr, als waͤrens gar große Dinge; wär gut gewe⸗ ſen, haͤtten ſie mir danken koͤnnen durch gute Nachricht von meiner Jungfrau. Was ich er⸗ fuhr, war ehr Gift, als Balſam in meine Wunden. Einige kannten ſie gar nicht, andere, denen ſie bekannt war, ſagten: ſie ſey eine Reichsſtaͤdterin, nur durch Unfall zum alten Herzog kommen, ſey nun uͤber ein Jahr Bettmeiſterin geweſen in ſeinem Hauſe, und ihm gar innig verbunden, habe ihn laͤngſt ſchon gewarnt vor dem Ungluͤck, wie ihr denn die Gabe verliehen ſey, Ungluͤck vorauszuwißen und Menſchen zu warnen, habe ſolches, mit 35 dem Kindlein nach Paſewalk kommend, auch hier gethan, ſey aber nicht gehört worden. Mir gefiel in dieſem Bericht gar wenig. Zwar ſchaͤmt ich mich faſt, der Bettmeiſterſtelle bei einem ſo frommen, alten Herzog ſchlimme Deutung zu geben, auch glaubt man heut zu Tage nicht viel von verborgenem Umgang mit Kunde gebenden Geiſtern: gleichwol bleiben ſolche Sachen in Dubio, und hat mir das Vor⸗ auswißen kuͤnftiger Dinge bey einer chriſtlichen Jungfrau, zuſamt dem Kindlein in ihren Ar⸗ men, ſchwerer Gedanken gar viele gemacht, ſo daß ich verging wie ein Schatten, mich auch des Lebens erwogen, und weiß ſchier nicht, welches haͤrter iſt, von dem Geliebten ver⸗ bannt, oder irre ſeyn an deſſen Gortesfurche und Tugend. Als ich endlich mit mir eins ward, die Margaretham gar mir aus dem Sinn zu ſchla⸗ gen, da hat mir Gott eine große Freude be⸗ ſchert, und ward damals durch dies Zeichen gewiß, daß mein Entſchluß recht ſey vor ihm. Es kam nemlich unſer ſchwediſcher Held in dieſe Gegenden, mit ſeinem allweg ſiegreichen 36 Heer, und konnt ich mich wieder zu ihm fuͤgen, wie zu dem Haupte die Glieder. War nicht muͤßig geweſen in dieſem veroͤdeten Winkel: viel der verſprengten Unſern hatt ich zu mir geſammelt, ſo daß ich mich mit einem ziemli⸗ chen Haͤuflein ihm darſtellen konnte. Seine Majeſtaͤt war meines und der Mei⸗ nen Anblicks froh, nannte uns alle bey Na⸗ men, und von mir allen Vorgang verneh⸗ mend, gebot er mir ſein Fuͤhrer zu werden uͤber die verſtoͤrete Staͤtte. Sein Herz brach vor Wehmuth, als er den Jammer geſehen; ſchier nichts als Aſchen⸗ haufen und Blutſtroͤme, verſtuͤmmelte Men⸗ ſchen und offene Graͤber! Reichlich gab er, und erquickte die Verſchmachtenden, wuͤnſchte auch mit gen Himmel gehobenen Haͤnden, Ei⸗ nen Tag nur die Macht zu haben, die dort oben waltet, um alles Elend zu vertilgen von der Erde, da ers jetzt nothgedrungen oft meh⸗ ren mußt; Einen Tag nur zu helfen, wenigſtens hier, wo der unausſprechliche Jammer ſo hef⸗ tig eindrang auf ſein großes Herz, das eine ganze Welt mit Liebe umfaſſet. O dieſer Köoͤnig iſt viel zu groß fuͤr eine irdiſche Krone! Ohne die Zukunft zu wiſſen, wie Margaretha, wolt ich wol ſagen, Gott habe ein beffer Koͤ⸗ nigreich dort ihm beſchieden, werde auch nicht lang ihn darauf warten laſſen; wehe aber als⸗ dann, wenn er dahin iſt, ja wehe uns Armen! Gleich dem Herrn hat ſich in dieſem Win⸗ kel des Elends auch das Volk huͤlfreich er⸗ wieſen. Sie kamen hierher, und bedurften wol ſelbſt der Labung, nach dem Feuer einer heißen Schlacht: aber jeder theilte ſeinen Biſ⸗ ſen Brots mit den Verſchmachtenden. Hab wol ehr geſehn, daß ein armer Kriegsknecht alle ſeine Taſchen umgekehrt, um den hier verun⸗ gluͤckten Armen auch das letzte zu geben, und ja nichts uͤbrig zu laſſen ihm ſelber. Mir gab der Konig eine Bedeckung, um, wo ich koͤnnte, Nahrung aufzutreiben und hier zu vertheilen, und dies alles fuͤr baare Zah⸗ lung, denn der Schwede haͤlts fuͤr ſchimpflich, ohne Geld etwas zu fordern, als wolte er betteln oder ſtehlen; uͤberlaſſen ſolches den Wallenſtein⸗ ſchen, und andern, ſo der Ehre nicht achten. Hat ſich aber dermalen ein ſonderer Caſus 38— zugetragen. Es ward nämlich unter den ver⸗ irreten Kindlein, ſo keine Aeltern hatten, und die der Koͤnig verſorgte, ein ziemlich ſtaͤmmi⸗ ger Knabe zu ihm bracht, und als ichs beym Lichte beſah, wars des Savelli Bub. Waren viele, die dem Koͤnig rierhen, ſolchen zu be⸗ halten, als Geißel irgend eines in Zukunft zu erlangenden Vortheils, worauf der Koͤnig lachend ſagte: Sind Gott Lob noch nicht ſo weit, anderes Vortheils zu beduͤrfen, als des Schwerdts und unſerer guten Sache; wolt auch ihn laufen laſſen, wozu ich allermaßen ge⸗ rathen, dieſer jungen Natter nicht alleweg zu trauen. Als ich aber zum Konig ſprach, wie der Knabe werde vom Vater angelehret zu aller Untugend, aͤndert ſeine Majeſtaͤt den Sinn, ſagende: Bleib bey mir, Knab! ſollſts gut haben, und lernen, was zum Rechtthun und zu chriſtlichen Waffen gehoͤrt: halt ja, du ſeyſt ein Chriſt?— worauf der Knabe tugend⸗ licher geantwortet, als ich je ihm zugetraut; hat alſo des Koͤniges Herz ihm geſtohlen. Wir zogen indeßen nun weiter; ich leider die Jungfrau immer im Herzen habend. Mocht thun was ich wollt, ſo ſtand ſtraks ihr Bild⸗ niß vor mir. Habe mir ſolches zu großer Suͤnd gerechnet im Gefolg ſolchen frommen Koͤnigs, denn ſie doch mein nicht werden konnt⸗ nicht allein wegen des Kinds, ſondern auch heimlicher Kuͤnſte Verdacht. Wir hoͤrten gar viel von ihr, wie ſie im Warnen faſt nie ge⸗ fehlt, abſchon nie gehoͤrt worden, gleich jener trojaniſchen Koͤnigstochter Caßandra, und war ſie aus Augsburg, eine Fuggerin, alten Patrizier⸗Geſchlechts, aber durch den Krieg und mancherley Unſelde verirrt von Freund⸗ ſchaft und Heimath, welches gar wunderlich in meinem Sinne gepaaret das heißeſte Mit⸗ leid mit heimlicher Furcht und Grauen. Und als ich ſolches einſt dem Koͤnig entdeckte, ma⸗ ßen er mit mir redete, wie ein Freund zu dem andern, antwortet er: Friz, mußt nicht alſo richten! der Poͤbel haͤlt alles fuͤr geiſtiſch, was er nicht begreifen kann: halten mich ja fuͤr ei⸗ nen Engel Gottes, ihnen zum Schutz geſandt/ weil ich nicht wuͤte, wie der Conti oder der Wallenſtein, ſo ich doch nichts bin, als ein fuͤndiger Menſch. Deine Margaretha halte 40— ich gutes Verſtandes und offener Augen, dazu heldenmuͤthigen Geiſtes, welche drey wol Wunder wuͤrken, bey Mann und Frauen. Bleib du der Jungfrauen hold, bis auf das Kind, als uͤber welches ich freylich nicht kann, da alle ſagen, es ſey das ihre. Es kamen aber nun andre Dinge, bei wel⸗ chen einem die Liebesſorgen wol vergingen. Gluͤcklich oder auch ungluͤcklich gnug war ich, einen Menſchen beym Koͤnige zu ſtuͤrzen, wel⸗ cher bisher meiner Gunſt bey ihm faſt die Wag gehalten. Es war der Quinti del Ponte. Ich ſah ſolches ſein Anſehn beym Koͤnig ohn allen Neid, welches Gott mir zeuge; ging mir auch gar hart ein, ſeine Majeſtaͤt die Augen zu öffnen: aber der Ponte verdaͤchtig war gar böſer Stuͤck, welche ſich all erwieſen; haͤtte ich denn ſelbſt Verraͤther werden ſollen an meinem Herrn, aus Furcht, boͤslich und ſelb⸗ ſtiſch gehalten zu werden, als der allein regie⸗ ren wolt in des Koͤnigs Herzen? Nein, das ſey ferne! ich habe offen geredet bis daß der Verraͤther vertrieben ward, zog mich aber als⸗ 41 dann zuruͤck beſtermaßen, ſo daß auch einſt der Koͤnig ſagte: Fritz, wirſt ja kein Ponte werden? worauf ich geantwortet: Daß ich ſol⸗ ches nie werden kann, weiß Eure Majeſtaͤt gar wohl, mag aber nicht ſcheinen, als der ſich in des Ponte Erbſchaft theilen wollt! worauf der König gar freundlich lachte, ſagend: Langer, mit uns bleibts beym alten! Wir ruͤckten aber gar maͤchtig vor in Er⸗ oberung der pommerſchen Staͤdte, und als gegen den Winter der Conti meynte, wir ſol⸗ ten nun hinter den Ofen kriechen und unſer wohl pflegen, maßen die Kaͤlte den heißen Ita⸗ liaͤnern ſcharf die Haut zuſammenzog: da ließ ihm der Koͤnig ſagen durch mich: die Schwe⸗ den waͤren Eisvoͤgel, ſo im Winter ihren Raub am beſten faͤnden, ſeyen auch Raſtens nimmer gewohnt. Mir war lieb, daß der Koͤnig mich zu ſolcher Botſchaft nahm, und habe ſie red⸗ lich und heldenmuͤthiglich ausgerichtet. Eini⸗ ge des Savelli kannten mich, als den, der dieſen Sommer ihren Herrn gebracht an die Todespforten, auch dem Torquato mußte ich gar wohl bekaunt ſeyn, obſchon er ſich deß 4²2— nicht austhat; aber mich kuͤmmerte das wenig, konnte ja beweiſen, daß er mir mein Ehren⸗ wort zuruͤckgegeben, und mich den Banden vertraut, die er fuͤr ſicherer hielt. Dem Savel⸗ li brachte ich ſeinen Buben wieder, welchen der Koͤnig mir ließ, als der ihn in des Verraͤthers Ponte Sachen verflochten findend, endlich ein⸗ ſah, daß er nichts an dieſer gottloſen Brut auferzog, als einen Aufmerker. Auch dieſe des jungen Savelli Entfernung hat man mir ausgelegt als Neid um des Koͤnigs Gunſt. Gedenke meiner, mein Gott, daß ſolche Tuͤcke nie in mein Herz kommen iſt! Der Savelli nahm ſeinen Sohn gar kalt auf, woraus ich geſchloſſen, daß auch keine Naturliebe in ſolcher Menſchen Herzen ſey, oder daß der Bub abweſend geweſen auf ſein Geheiß, als den er an Guſtavs Seite wohl haͤtt brauchen koͤnnen, Von meiner Margaretha erfuhr ich hier nicht viel, ohne daß einige glaubhafte Frauen, denen ich Dienſte geleiſtet, mir ſagten, ſie ſey en Magdeburg gezogen, zu Verwandten, die ſie etwa hatte. Von dem Kind meynten ſie alle, ſie habe es noch bey ſich, aber es ſey ihr keinesweges verwandt, obſchon dem Herzogz woruͤber ich heimlich Freudenthraͤnen geweint, deſſen ich mich nicht ſchaͤme, maßen es kein Menſch geſehen. Glaube wol, daß ſelbſt die ſtar⸗ ken Engel Gottes fuͤr Freude weinen, wenn ſie hier und da Einen beßer finden, als er ſcheint. Glaubte auch alles gern zu meiner Jungfrauen Beſten, wie denn der Menſch immerdar das Gute am liebſten fuͤr wahr haͤlt; und war nun Margaretha wiederum eingeſetzt in mein Herz, wenn mir nicht zuweilen ihr verborgenes Wiſ⸗ ſen einſiel, darob mir doch des Koͤnigs Aus⸗ legung nicht ganz genug that, denn ſelbſt die Frauen, ihre Freundinnen, erzaͤhlten mir wunderlicher Dinge gar viele von ihr, die ſie alle der Einwirkung guter Geiſter zuſchrieben, ich aber in Dubio laſſen mußte. Hat mich der Koͤnig nun gen Schweden ge⸗ ſand mit einer Botſchaft an den Kanzler, ſo daß ich nicht eher wiederkam, als nach Mag⸗ deburgs Uebergang an den Till)y. O was habe ich gelitten durch das Geruͤcht, die Jung⸗ frau dort wißend! O was hab' ich drauf gelit⸗ 44 2 ten durch ganz andre Geruͤchte von ihr! ſo daß ſch auch abermalen mein Herz von ihr gewen⸗ det: wolt aber doch nicht trauen, als meinen Augen; kam deſſelben gar wohl zu Fund, lei⸗ der Gottes! wie nun folgt. —— 1650. Margaretha zur Fortſetzung. Und hier erlaube mir, mein lieber langer Fritz, daß ich deinen folgenden Bemerkungen die meinen an die Seite ſetze, ſammt der Aus⸗ legung, damit die Deinen, die irgend deine langwierigen Blaͤtter leſen werden, beſ⸗ ſer kennen lernen die Jungfrau, die du im July 1630 liebgewannſt, der du im May 1631 ent⸗ ſagteſt, und die gleichwol nunmehr dein gluͤckliches Weib iſt, und das ſeit mehr als achtzehn Jahren. Ob ich dem jungen ſchwediſchen Rieſen, wie er unter allen genannt wurde, die ſeinen Namen nicht wußten, auch erſtes Anblicks hold war, als ich, des alten Herzogs Bettmei⸗ ſterin, dem lieben Undankbaren, der ſo oft mich verkannt, heilte: das gebuͤhrt euch, lie⸗ be Toͤchter, ſchwerlich zu wißen. Mir hatten jene ſchweren Zeiten ja wol. alle Gedanken vertreiben moͤgen, als an ei⸗ nen Retter. Ein Labſal des Gemuͤths iſts, einen ſolchen zu wißen, und als eines ſolchen haͤtte ich ja doch des ſchwediſchen Rittmeiſters gedenken duͤrfen. O Friedrich, nie vergeſſe ich den Streich, den du auf den Savelli fuͤhr⸗ teſt, mich zu befreyen, und kein Ungluͤck traf mich hinfort, daß nicht dein Bild, Schutzen⸗ geln gleich, an meiner Seite ſtand, und ich gedachte: Der Fritz wuͤrde dich wohl retten, wenn er koͤnnte. Vom Savelli wurde ich frey durch die Mittel, die mir noch uͤberall durch⸗ halfen; durch keine uͤbernatuͤrlichen, meine Kinder, ſondern durch Geduld und Hoffnung zu Gott, wie auch offene Augen auf alles was mich umgab, nebſt ein wenig Anſtelligkeit und Gewandheit. Die, welche mich bedraͤngten, ſahen mich ruhig und froh: dies machte ſie ſicher. Boͤſen Anforderungen entging ich nie 45 vnrch ein ſtoͤrriges Nein, ſondern durch freund⸗ lichen, doch ehrenhaften Aufſchub bis auf ein Morgen, das nimmer erſchien: ſo kam endlich die Zeit heran, daß ich durch das Thuͤrlein ent⸗ ſchluͤpfen konnte, das ich lang ſchon offen ſah, und deſſen Ausgang ich mir ſicherte durch wohl erdichtete Blindheit. Alſo entkommen nach Magdeburg, hab ich daſelbſt mehrere Monate ruhig gelebt bey meines Vaters Schweſter, der Frau des Thum⸗ predigers Baker, habe auch meinem lieben alten Herzog, der gen Wien zu dem Kayſer gefluͤchtet ward, den kleinen Prinzen, ſeiner Tochter, der ſeeligen Markgraͤfin, Kind, zu⸗ geſchickt, und weiß Gott, wie weh mir gewor⸗ den, mich von dem lieben Knaben zu trennen⸗ den ich geliebt, als waͤr er mein eigen; that aber wohl daran, haͤtte ihn ſchwerlich hier durch⸗ gebracht, wie zu Paſewalk und anderer Orten,⸗ da das Schwerdt gar oft uͤber mein und des Kindes Haupt geſchwebt, und ich beym Sa⸗ velli ihn mir nicht ſchuͤtzen konnt anderer Weis, als durch die ſchimpfliche Sag, er ſey mein. Ueber das arme Magdeburg brachen nun die Schreckenstage herein, die ich keinem Wei⸗ be ſchildern kann. Wehe den Frauen und Jungfrauen, die derley erleben und mit eig⸗ nen Augen ſehen muͤſſen! Daß ich das Un⸗ gluͤck kommen ſah, darf ich euch nicht ſagen⸗ denn ich haße den Schein der Selbſtklugheit an einem Weibe, und habt ihr ſelbſt geſehen aus des Vaters Schriften, was der unſeelige Ruf ungemeines Wißens, in dem ich war, mir fuͤr Nachtheil gebracht, bey dem Edelſten der Menſchen! Was ich wußte, war Frucht der leidigelt Erfahrung, die ich, in meinem einundzwanzig⸗ ſten Jahre vom Ungluͤck der Zeiten hin und her geſchleudert, leider ſchon gemacht hatte. M ir iſt immer nachdenklich geweſen, daß der erſte Schritt zu meinem Ungluͤck, die Reiſe war zu der Baſe Kunigunde Hochzeit, die ich allerdinge unternahm gegen Mahnen der in⸗ nern Stimme. So ſtellt Gott an jeden Schei⸗ deweg einen warnenden Engel, deßen Ruf ja keiner uͤberhoͤre! Ward auf jenem mir ſelbſt abgezwungenen Wege, trotz der Beglei⸗ tung, die die Aeltern mir gaben, von den 48—— Kayſerlichen geraubt, und iſt dies der Anfang all der ſchweren Schritte geweſen, die ich euch oft ſchon erzaͤhlt, bis ich ins Haus kam der hochſeeligen Markgräfin, und von ihr zu dem Herzog. Was aber die Magdeburger betrift, zu welchen ich mich nun ohne weiteren Umſchweif wiederum wende, ſo waren auch ſte von mei⸗ nem Oheim, dem ehrwuͤrdigen Baker, ofter⸗ malen gewarnt, ließen aber alles aufs aͤußer⸗ ſte kommen. Unſere Ahndungen, daß man den ſchwediſchen Retter, den großen Guſtav, bey welchem auch mein Erloͤſer lebte, von uns zuruͤckhalten wuͤrde, bis zum Untergang, tra⸗ fen ein, und— Nun, wie ich euch geſagt, ich ſchildre Magdeburgs greulichen Uebergang nicht, der das, was ich zu Paſewalk erlebt hatte, noch weit iͤbertraf. 5 „ Die ſchrecklichſten Shnnen waren jetzt voruͤber. Mein Oheim hatte uns in der Kir⸗ che geborgen. Hier waren meiſt alte Frauen und Jungfrauen der Stadt verſammelt, an welchen ich genug zu troͤſten hatte, denn ihrer * 49 keine hatte erlebt, was ich ſchon mehr erlebte: Gottes Rettung aus Todes⸗Noͤthen. Ich ſagte ihnen, daß beym Uebergang ei, ner Stadt die erſten Stunden der Wut die fuͤrchterlichſten ſeyn, ſo nun verfloßen. Auch des Mordens und der Gewaltthat werden die Teufel muͤde; die oberſte Macht gebietet Still⸗ ſtand, und das Stuͤndlein der Gnade hat ge⸗ ſchlagen. Auch das unſrige ſchlug. Man gelobte uns freyen Abzug, die Fluͤgel der Domkirche oͤffneten ſich, mein Oheim an unſerer Spitze, wir alle ihm nach in geſchloßener Ordnung zo⸗ gen heraus. Als wir vorgefuͤhret wurden vor den Tilly, graute mir doch ein wenig, wieder einen Sa⸗ velli zu finden, maßen mir die Frauen, als wir aufgefordert wurden, ſelbſt das Wort vor dem Sieger zu thun, einhellig das auftrugen, und das wol recht wider meinen Willen. Ich indeß, einen faſt bejahrten grauhaͤrigen Alten vor mir ſehend, faßte ein Herz; dachte an den alten Senator von Paſewalk, den ich aus dem Feuer gerißen und dann bey uns in dortiger Selene XI. Heft. 60— Kirche geborgen. Hat mir ſolcher noch beym Abſchied geweiſſagt, ich werde allezeit Gnade finden bey den Alten. Wagts alſo, redete mit dem Tilly vernuͤnftig, freundlich und herz⸗ haft, daß er auch ſagte: Jungfrau, ihr habt wohl geredet; was ihr bittet, ſoll geſchehen, denn nun hat die Stunde der Gnade geſchla⸗ gen. Ich gedachte alſo nun einzugehen in die Ruhe des ſtillen Hauſes, welches der Jung⸗ frau liebſte Wohnung iſt, maßen der Feldherr uns bringen ließ nach dem Reuenhofe, der ganz unverſehrt geblieben von dem Feuer, und ſchier abgeſondert war jeder dieſer Stun⸗ den Erinnerung. Wolten dort arbeiten fuͤr der Verwundeten Verband, bis, wie mir ver⸗ ſprochen war, ich und meines Oheims Toͤchter ſicher Geleit erhielten gen Augſpurg, zu den Fuggern, unſern Verwandten. Aber ſo hats mein Schickſal nicht gewolt; mußt erſt noch tiefer hinein in das Ungluͤck, mußt erſt meinen trauten Schweden wiederſe⸗ hen, und in welcher Geſtalt! Als der Tilly ſein Wort hielt und wir ſchon des zweyten Tages bereit waren in den Wagen zu ſteigen, ich mich faſt freuend auf Augſpurg, denn unter uns die Rede ging, der Schwede gedenke dort hin, bei welchem ich wol Einen wußte, der mir lieb war: da kam ſchnell Bot⸗ ſchaft von dem Feldherrn, die andern Jung⸗ fraun moͤchten nur abreiſen, aber die Mar⸗ garetha Fuggerin ſolte eilig zu ihm kommen. Als ich dann kam, zitrernd eben nicht, aber etwas verlegen, ſagte er: Jungfrau⸗ mir iſt eben von euch geruͤhmt, daß ihr uͤber⸗ natuͤrlicher Dinge kundig ſeyd, auch in der Heilkunſt erfahren, und will ich, ihr ſolt hier bleiben, mir in beyden zu dienen. Ich will euch taͤglich ſehen und von euch erfahren, was der Wallenſtein aus ſeinen Sternen ſieht; doch ſolt ihr nicht bey mir wohnen, zu meiden boͤ⸗ ſen Verdacht: denn ob ich gleich gar alt und dafuͤr bekannt bin, daß mir nie ein Weib be⸗ hagte, ſo ſeyd ihr doch ein ſchoͤnes Menſch, und die Welt iſt bos. Es iſt aber hier eine edle Jungfrau aus Thuͤringen, die Lucar⸗ dis von Lichtenhayn, meines alten Waf⸗ fenbruders Tochter, ſo ich nicht gewußt: die 3² iſt fliehend vor dem Eindringen eines meiner Hauptleute, etwa aus einem Fenſter geſprun⸗ gen, und hat ſich das Bein verletzt, iſt aber gar ſchamhaft, will keinen Mann zu ihren Wunden ſehen laſſen, ſondern lieber ſterben. Gehet zu ihr, verbindet ſie und wartet ihrer, das Arztlohn will ich euch zahlen.— Schweigend gehorchte ich, und gehorchte, was das letzte betraf, herzlichen gern. Meine Baſen waren einmal dahin: wo konnte mir, da ich hier bleiben mußte, beßer gerathen ſeyn, als in der ehrenhaften Naͤhe einer meines Ge⸗ ſchlechts? Von der Lucardis heldenmuͤthigen Flucht an jenem Tage des Schreckens, wo der Jungfrauen viele den Tod waͤhlten, hatten wir wol gehoͤrt, und bedenkend, daß heute war der dritte Tag nach dem Fall, habe ich faſt geeilt zu ihr zu kommen; und ſie reichte mir ſchwäͤchlichen die Hand und nannte mich ihren Engel, goͤnnte mir auch ſogleich des Schadens Anſicht, woruͤber ich ſehr erſchrocken, maßen Huͤlfe hier faſt zu ſpaͤt war. Als mir aber nach einigen Wochen es doch gelang ſie zu hei⸗ len, und ſie nur mit einem leichten Hinken, ſo A — — 360 ihr nicht uͤbel ließ, davon kam, da haben die Leute wieder Wunder geſchrien und von ver⸗ borgenen Kuͤnſten geredet. Ich, nicht wiſſend⸗ was ſolch Geruͤcht mir bereits fuͤr Schaden go⸗ than in eines Biedermannes edlem Herzen⸗ lachte deß, widerlegts auch nicht groß, dankte aber heimlich Gott und meinem Vater, daß ich Gelegenheit gehabt, ſtatt Saitenſpiel, Sang und Tanz, den Kuͤnſten andrer Jungfraun, als wovon mir wenig bewußt, gefaͤhrlicher Wunden Behandlung aus dem Grunde zu ler⸗ nen. Denke noch dran, daß mein Vater zu mir ſagte: Margaretha, du haſt zum Erbe den fuggerſchen Namen, aber nicht den fug⸗ gerſchen Reichthum; weil du nun auch geerbt haſt der Fugger mildreiches Herz, ſo gehe aus in die Haͤuſer, die deine Anherrn den Armen und Preßhaften bauten, und lerne lindern mit eigner Hand, was du nicht vermagſt mit Gold und Geldez bin alſo unter des ſeligen Licen⸗ tiaten Weingarten Anweiſung wohl gelehrt worden, in dem, was ich jetzo uͤbte. Die Uebung des andern, was der Tilly mir gufbuͤrdete, wurde mir ſchwer, denn/ ob⸗ 54 ſchon gegen ihn hartnaͤckiglich leugnend, daß mir von verborgenen Dingen ichtwas be⸗ wußt, wie dem auch wahr war, mußte ich ihm am Ende doch ſeinen Glauben laſſen. Meine Lucardis, mir durch die innigſte Freundſchaft verbunden, dazu ein Hoffraͤulein, des Sinns der Weltleute kundig, rieth mir allermaßen, nicht laͤnger zu ſtreiten mit des Feldherrn Wahn, ſondern kluͤglich zu nutzen, was mir durch den⸗ ſelben in die Hand gegeben ward; und, hilf Gott! welch ein Schatz war dies! waͤr er fruͤ⸗ her mein worden, waͤrs gut geweſen fuͤr Mag⸗ deburg! die erlaubte Luſt, die der Wuͤterich ſeinen Bluthunden meynte dort einen Tag oder einen halb goͤnnen zu muͤſſen, haͤtte ich ihnen ſchon verkuͤmmern wollen! Habe viel durch dies Mittel gehindert und gelindert, manche Grau⸗ ſamkeit zuruͤckgehalten, hab auch oft den Feldherrn gewarnt vor eigner Gefahr, denn obſchon er ein grauſamer Tyrann war, ſo war mir doch etwas wie Dank gegen ihn in mei⸗ nem Herzen, weil er mich ehrte und hochhielt, mir auch die Lucardis geſchenkt, und ofterma⸗ len mit folgte; hoffte immer noch, ganz ihn 85 herumzubringen, und einen Menſchen aus ihm zu machen. Was mich am meiſten hier ſchmerzte, war, daß ich eins ſeyn und ſcheinen mußte mit dem Feinde des Guten, mit dem Feinde der mir ſo theuren Schweden, die ich nie aus dem Sinne ließ, abſonderlich den Einen, von dem ich oft jammerte gaͤnzlich vergeſſen zu ſeyn; wär auch vergangen ohne Lucardis Troſt, die nicht von mir wich, obſchon ſie deſſen Er⸗ laubniß hatte von dem Freunde ihres Vaters. Sie beſaß ein ſchoͤnes Schloß in Thuͤringen auf einem Felſen am Ufer der Saale, vom Kriege noch unverſehrt; haͤtte auch wol dort ruhig leben koͤnnen, waͤrs ihr moͤglich geweſen mich zu verlaſſen. Wie viel Tage nun verfloßen in ſolchem Zuſtand, wie auch des Kriegs wechſelnde Auf⸗ tritte, das laßt euch von eurem Vater erzaͤh⸗ len, ihr Toͤchter! Ich eile zum letzten meiner Ungluͤcksfälle; ach, zu jenen Tagen in 1632ſten Jahr nach unſers Herrn Geburt, da Friedrich von Lilienſtroͤm ſich losriß auf ewig von ſeiner Margaretha— wie er meynte, muß ich 56 ſagen! O haͤtte ichs damals geahndet, einſt noch ſein zu werden, und ſo gluͤcklich! Im May, in der ſchoͤnſten Pracht des Fruͤh⸗ lings war es, da wir uns Leipzig naͤherten, und war wol dieſer guten Stadt das naͤmliche Schickſal zugemeſſen, wie Paſewalk und Mag⸗ deburg. Alle mein Bitten und Warnen half diesmal bey dem Tyrannen nichts, und ſah ich wol, daß ich nichts geſchafft an ſeinem boͤſen Herzen, auch hier wenig Gehoͤr finden wuͤrde im Lindern und Retten. Es hielt mir der Ge⸗ neral unablaͤßig vor der Leipziger Unbeſonnen⸗ heit und Tuͤcke, indem ſie ihm die Zufuhr des Proviants abgeſchnitten, auch, als er letzt⸗ mals nahte jetzt im Herbſt, in ihre eigene Eingeweide wuͤthend, ihm zum Trotz und Hin⸗ derung alle Vorſtaͤdte abgebrannt bis zum hal⸗ liſchen Thor. Die Tage, zum Untergang Leipzigs be⸗ ſtimmt, waren ſchon genannt; perſoͤnlich der Stadt nahend, um einſam einiger Umſtaͤnde Augenkunde einzunehmen, fand ſich kein Zu⸗ gang fuͤr den Feldherrn, als am beſagten Thor. Mir war faſt Angſt uͤber dem Schick⸗ 57 ſal der armen Stadt, denn ſolche perſoͤnliche Erkundigungen des Generals waren immer, wie ich aus den Berichten ſeiner Leute wußte, Vorboten des Unwiderruflichen. Lucardis und ich bruͤteten uͤber Nacht einen Anſchlag aus, den einzigen, durch argliſtige Kunſt erfundnen, der ſchaden konnte indem er half, deſſen ich mich je bezuͤchtigen kann, der aber im Grunde mehr auf Rechnung des Hoffraͤuleins kam, als auf die meine. Es war aber ſolche Lucardis ei⸗ gentlich in Leipzig geboren, und wolte ſchier verzweifeln uͤber dem Schickſal ihrer Vater⸗ ſtadt, und verſchiedener darin wohnender Ver⸗ wandten; wußt auch des Orts Gelegenheit wohl, und konnt in unſerm Vorhaben mich leiten. Verſchaffe, ſagte ſie, als man am Mor⸗ gen mich zu dem Tilly rief, verſchaffe nur das Eine, daß er nicht verſaͤume die Einfahrt ge⸗ nau an benannter Stelle; muß das uͤbrige dem Himmel empfehlen! du aber ermangele nicht ihn vorzubereiten, und auf das Bereitete fortzubauen, wie ich geſagt. Thaͤt ich denn alſo, wie mich die Freundin 58— 45. geheißen. Sprach den ganzen Morgen nichts, als von Nichtigkeit und Hinfaͤlligkeit menſch⸗ licher Groͤße, von der Rechenſchaft des letzten Augenblicks, und zu uͤbender Barmherzigkeit, damit auch uns Barmherzigkeit wiederfahre, daß er mich endlich ſchweigen geheißen, wenn ich anders nichts vorzubringen wuͤßt. Ich ſchwieg denn, an meiner Worte Wirkung gar verzweifelnd; waren ſie aber tiefer gefaßt, als ich meynte. Er, der Graf, pflegte mich aber oft mit ſich in ſeinem Wagen fahren zu laſſen, und trug ich dann, um dieß der Menge nicht zum Aer⸗ gerniß zu machen, kaiſerlichen Soldaten⸗Man⸗ rel und Hut; dieß geſchahe auch heut, doch fuhren wir nur einer halben Stunde Wegs, bis uͤber das Doͤrflein Podelwitz, als wo wir uͤber die Lover gegangen, dann ſind wir aus⸗ geſtiegen, um unerkannter den Bans zu Fuße zu machen. 12 Hier ward ich gewahr, daß ein Reuter, von welchem des Generals Diener, hinter uns auf dem Wagen ſtehend, uns einigemal ſchon zugefluͤſtert, er ſey uns unablaͤßig gefolgt, auch 2 einſt ſchon vor uns langſam voruͤbergeritten, welches wir beide, im Geſpraͤch vertieft, nicht wahrgenommen; daß dieſer Reuter, ſag ich, ſich ſchnell im nahen Waͤldchen verlor. Ich ſchauderte freudig und angſtvoll zuſammen, denn ach, mich duͤnkte die Geſtalt meines Li⸗ lienſtroͤm zu ſehen; wie denn die Schweden in der Naͤhe, unweit Duͤben ſtanden. O Friedrich! die Freude dich mir nahe zu wiſſen! und meine Angſt um dich! Warſt du es, ſo kamſt du ja wol nur um meinetwillen! aber wurdeſt du entdeckt, welch meucheliſcher Ver⸗ dacht, bey dem, der ſich ohnedem immer von Meuchelmoͤrdern umgeben dachte! Angſt um das letzte wurde bey mir ver⸗ ſchlungen von Gewißheit des erſten. Ja ja⸗ du warſts, warſt um meinetwillen hier; ich wußt in ſolchem Augenblick, daß es nicht anders ſeyn konnt, und giebt von des Ge⸗ liebten Nähe uns ſichere Kunde der Liebes⸗ engel, den Gott denjenigen ſendet, die er be⸗ ſtimmt hat zu frohem Ehebunde. Thut auch, ich muß es euch endlich geſtehen, ihr Toͤchter, ein Maͤgdlein keine Suͤnde, ſo es, dieſe Stim⸗ 6 me untvuͤglich hoͤrend, ſich hingiebe treuer, hoffender, tugendlicher Liebe; naͤmlich im Her⸗ zen, nicht durch aͤußere Zeichen, als welche der löblichen Zucht und Sitte entgegen ſind, auch oft des Zweckes ſtracklich verfehlen. Ich, ganz in ſolche Gedanken vergraben, inſonderheit der Moͤglichkeit nachſinnend, wie der Geliebte mich reißen koͤnnt aus des Tilly Gewalt, ging ſtumm neben dem General her; der Weg aber zog ſich dicht an dem Waͤldlein hin. Der Himmel uͤber uns ward duͤſter, und duͤſter ſchienen auch des alten Helden Gedan⸗ ken zu ſeyn(wie ich bald merkte) uͤber des ſchwarzen Reuters Kommen und Verſchwinden, das auch mir, aber freudig, im Sinn lag. Fragt auf einmal, was ich von Geſpenſterwerk halte. Ich, ſo ſchnell und wunderſam aus meiner Liebestraͤumerey geriſſen, geſtand et, was erſchrocken, daß mir nie etwas begegnet, und ich mich deshalb billig des Urtheils ent⸗ halte, ausgenommen der Vorzeichen, welche wol nicht allerdings zu verwerfen ſeyn moͤch⸗ ten. Sagte dies diesmal ohne Abſicht, als meiner innern, wahren Herzensmeynung, — 6 1. wolt auch ſchon Exempel hinzuthun, als wir, hart an der Stadt Feldmark, von einem hef⸗ tigen Platzregen uͤberfallen, genoͤthigt wurden Obdach zu ſuchen. Hatten aber der Leipziger Flammen gewuͤtet bis hieher, und war kein Obdach zu finden, als ein einzig klein weiß Haͤuslein, auf welches der Feldherr maͤchtig⸗ lich zuſchritt. Ich folgte nach Vermoͤgen, aber unſere wenigen Leute, dem Herrn nacheilend, hatten mir ſchon den Vorſprung abgewonnen, ſo daß ich tuͤchtig durchnaͤßt eintrate, ſchior als jene dem Grafen ſich nach, wie im Getuͤm⸗ mel, hineingedraͤnget hatten. Ich trete ein, und, Kinder! was erblick ich! Hilf Gott! das iſt ein Beinhaus! nichts, als weißgebleichte Schaͤdel rings umher, und dem Eingang gegenuͤber grinzt ein groß, rie⸗ ſenhaft aufgeſtellt menſchlich Beingeruͤſt uns entgegen. Ich ſchaue mich um nach dem Gra⸗ fen, der ſteht unter ſeinen erſchrockenen Leuten, hart an die Wand gelehnt, bleich, athemlos, mit feſtgeſchloſſenen Augen. Mein General! rufe ich, und ſpringe er⸗ ſchrocken hinzu. Er aber ſchuͤttelt geſchloßner 62—— Augen das Haupt, und winkt nach dem Aus⸗ wege. Eilig bringt man ihn hinaus, und ich, mit Arzneyen, die ich allezeit bey mir trage, und Huͤlfe des herabſtrömenden Regens, brin⸗ ge den alten Helden endlich voͤllig zur Be⸗ ſonnenheit. Inſtaͤndig bat ich, als er Mund und Augen wieder oͤffnete, das verlaßene Schirmdach wie⸗ der zu ſuchen: aber er wehrte mit der Hand, wolt auch davon nichts hoͤren, ſo daß ich, zuſam⸗ mengenommen mit einigen ihm entfallenen Wor⸗ ten, klaͤrlichen erſehn, das Todtenbild hab ihn als Vorzeichen erſchreckt, und waͤren meine vorbedachte und unbedachte Worte nicht ver⸗ loren gegangen. Ich war wol ſelbſt etwas entſetzt, maßen mir aus der Lucardis Reden zwar ſo viel klar war, daß dem alten Grafen hier ein Schrecknis erwar⸗ tete, von welcherley Art aber war mir verbor⸗ gen; und hatte mich, die reines Gewißens, der Anblick des Todtenbilds mit heimlichem Schauer erfuͤllt, wie viel mehr dieſe blutbela⸗ ſtete Seele! Waren hier unvorhergeſehene Din⸗ ge viel wuͤrkſam geweſen, den heimlichen An⸗ ſchlag zu beguͤnſtigen, von des ſchwarzen Reu⸗ ters Erſcheinung bis auf den Regen, der uns in das Todtenhaͤuslein jagte, das zwar ſchwer⸗ lich auch ohne dieſen, von dem fuͤrſichtigen Ge⸗ neral unbeſichtigt blieben waͤre, ſo die Lucar⸗ dis wol denken konnt. Ich hatt indeſſen ſogleich einen der Leute nach dem Doͤrflein geſandt, wo wir den Wa⸗ gen gelaſſen hatten, ſolchen herbeyzuholen, leiteten indeſſen wir andern den Grafen lang⸗ ſam am Wäͤldlein hin, weil ich das Gehen fuͤr ihn dienlicher hielt, als das Ruhen auf na⸗ ßer Erde. Er ſprach kein Wort, verharrete immer bleich und zitternd, ſo daß mich jammerte ſei⸗ ner hohen Jahre, und ihm unablaͤßig das Glaͤslein vorhielt, ihn zu laben, ihm auch die Schlaͤfe gerieben mit der Kraͤuter ſtarkrie⸗ chenden Saͤften. Endlich jagte der Wagen daher, und der Ermattete gewann Kraͤfte, unterſtuͤtzt allein von mir einzuſteigen, da ich dann mich eilig ihm nach hineinwarf, an ſeine Seite, dem Fuͤhrer gebietend nun zuzujagen. 64 Die Pferde gingen in Fluͤchten davon; und quer uͤber den Weg, ihnen beynah in die Zuͤ⸗ gel, ſtuͤrzt ein Reuter aus dem Walde, ſchwarz geruͤſtet mit bleichem Todtengeſicht.. O konnte, konnt ich ihn verkennen? Nein! es war der Fritz! Wilde Verzweiflung auf ſeinem Ge⸗ ſicht, und ein Blick ſiel aus ſeinen hohlen Augen auf mich, den ich nimmer, o nimmer vergeße. Wie? Lilienſtroͤm! ſo ſolt ich dich wie⸗ derſehen? War dies ein Blick der Liebe? Warſt du's vielleicht nicht ſelbſt? Wars nur dein Geiſt, mich zum Tode zu mahnen? Faſt finnlos ſank ich zuruͤck, ſo daß nach einer Weile mich der General zuerſt anſprach: Nun, Jung⸗ frau, ſagte er, wo iſt euer Muth? ich halte, das Todesbild hat auch euch gar maͤchtig er⸗ griffen. Mein Herz iſt rein! entgegnete ich mit ſchwacher Stimme. Aber das meine? er⸗ wiederte er. Und ich mich ſchnell beſinnend, was hier mir zu thun ſey nach meiner Verab⸗ redung mit Leipzigs Retterin, fuhr fork: Iſt das Herz des Feldherrn nicht rein von vergan⸗ gener Schuld, ſo kann er es wenigſtens rein erhalten vor kuͤnftiger. 65 Er, mich zorniglich anſchauend, ſagt: Ich frage, was eure Gedanken ſind, von je⸗ ner Erſcheinung? Ein Zeichen, antwortet ich achſelzuckend, ein Zeichen iſts allemal! Und von was? Der große Tilly wird hier nicht gluͤcklich ſeyn! Was groß, ſchrie er, wenn mirs gegen dieſes Neſt fehlen ſolte! hab Magdeburg ge⸗ wonnen, und wol noch andre!— Ein jeder Held, antwortet ich, hat noch ein Ziel gefunden, wo er aufhoͤrte, groß zu ſeyn. Wohl ihm, wenn er beherzigte die Zeichen der Zeit, und ſich warnen ließ! Er hieß mich hier abermal ſchweigen, hat auch des ganzen Wegs uͤber kein Wort mehr geſprochen, als am Ende: Ich ſolte nicht et⸗ wa glauben, daß er ſich vor dem beinern Mann entſetzet habe, ihn habe blos Erhitzung und Regen etwas machtlos gemacht! Hat auch ſei⸗ nen Dienern verboten, von dem ganzen Vor⸗ gang etwas zu entdecken. Des ſchwarzen Reuters gedachte er gar nicht, und ich, die Selene XI. Heft. 5 etwa ein Ungluͤck im Hinterhalt lauernd be⸗ ſorgte, ihn darob mit Zittern befragend, be⸗ kam zur Antwort: Mußt nicht bang ſeyn, Margaretha! biſt ſonſt ſo feſt! iſt etwa ein Schatten geweſen der kommenden Nacht, wie ich das mehr erlebt an unheimlichen Orten. Sahe alſo wol, daß der Feldherr nicht frey war eines Glaubens, der meinem Fritz zu gut kam und mich einigermaßen troͤſtete. Was dieſer Dinge Wirkung auf ſein Ge⸗ muͤth nun ſeyn mochte, ſo iſt doch dies wahr, daß er von nun an abſtand von Belagerung der Stadt. Zog ſich zuruͤck bey zwey Stun⸗ den Wegs, und lagerte ſich bey einem Wald⸗ doͤrflein, deſſen Namen ich vergeſſen, hinter einer Reihe Huͤgel, der Stadt den Ruͤcken kehrend, den Schweden entgegen, die immer mehr anruͤckten. Ließ mich des andern Abends zu ſich kom⸗ men, ſagend: Jungfrau, ihr habt wohl ge⸗ rathen; die Retter jener Stadt, die der Tod bewachte, waren zu nah. Ich konnte wenig hierauf antworten, beur⸗ laubte mich auch kurz, maßen ich dieſen Gang —rr. 67 uͤber Vermoͤgen gemacht, und nach Hauſe ei⸗ len mußt, um mich zu legen; denn, hilf Gott, ach hilf Gott, welche Nachricht hatte ich beym Heimkehren von der Lucardis erhalten!— Ja ja!l ihr Anſchlag war gelungen, Leipzig war gerettet, welches ich ihr und der guten Stadt wol nicht mißgoͤnne, aber mein Gluͤck, mein ganzes Gluͤck war dahin! Kurz vorher, ehe ich an des Feldherrn Seite von jener Farth zuruͤckkam, laͤßt ſich bey der Lucardis ein Fremder melden, tritt auch ſogleich der anmeldenden Dienerin nach; eine Rieſengeſtalt, faſt ſchrecklich anzuſehn. Es war mein Lilienſtroͤm. Jungfrau, ruft er, man ſagt, ihr ſeyd der Fuggerin Gefreundte; ra⸗ thet ihr, daß ſie vom Boͤſen ablaße. Ein Mann, der ſie im Herzen getragen und ihr nun entſagt, hat ſie wol mehr zweifelhaft, aber heut ganz ſchimpflich erfunden. Hat ihr nun vorgemahlt meine Vertraulichkeit mit dem alten Grafen, meine Beſorgnis um ihn, und alles aufs ſchnoͤdeſte gedeutet, ſogar bis auf den kaiſerlichen Mantel und Hut, die mich je⸗ doch, wie er grauſamlich hinzugeſetzt, nicht ſo 68— unkenntlich gemacht, als mein geaͤndertes Le⸗ ben, das mir auf Stirn und Wangen geſchrie⸗ ben ſtuͤnd. O meine Lucardis! Dank dir, daß du, du Zeugin meines heimlichſten Wandels, du Zeu⸗ gin ſelbſt meiner Gedanken, ihn, der ſich ſchnell entfernen gewolt, nicht von dir gelaßen, bis du ihm das Verſtaͤndniß geoͤffnet uͤber all mein Thun und Weſen! Haͤtteſt, o haͤtteſt du nur ihm dies Eine verſchwiegen, wie auch ich ihn immer im Herzen getragen, und mich in allem nur ſeiner getroͤſtet! Dies, ja dies verſchlimmert alles, denn nun wird er mich ewig nicht achten! So klaget ich damals: jetzt weiß ichs an⸗ ders! Halb und halb von meiner Unſchuld uͤberzeugt durch der Freundin maͤchtige Worte, hatte die Entdeckung, wie unausſprechlich lieb er mir ſey, meine Entſchuldigung ſchier ganz vollendet,(durch welche Art zu ſchließen, das iſt Gott bewußt;) er hat mirs nachmals ge⸗ ſtanden. Gegen Lucardis aͤußert er damals nichts hievon. Jungfrau, hat er geſagt, ich gehe, 659 wohin mich der Tod ruft. Alles ſetze ich dran, um den Wuͤterich zu toͤdten, der ſich des Lieb⸗ ſten anmaßt, das ich hatte. Ich gehe zu Grunde, das weiß ich, beym Angriff des zehnfach Bewachten in offener Schlacht: aber ich ſterbe vergnuͤgt, befreye ich die Jungfrau und das Land von einem Ungeheuer. Ich legte mich dieſen Abend krank zu Bette. Vom Geraͤuſch der Schlacht, die in wenig Ta⸗ gen geliefert wurde, vernahm die ſcheidende Seele gar wenig, obgleich der vielpfuͤndigen Ku⸗ geln gnug in unſer Doͤrflein gefallen ſind; mir hat alles vorgeſchwebt als im Traum, und hab ich die bey meinem Lager angſtvoll ab⸗ und zugehende Freundin nur immer getröſtet, die Nacht werde nun bald voruͤber ſeyn, der Tag anbrechen. Habe wol jenen himmliſchen Mor⸗ gen gemeynt, maßen ich nicht mehr auf der Welt war. Als das Schickſal entſchieden hatte, war Sprache und Verſtand bey mir gar dahin, und glaubte die Freundin bey meiner Leichen zu weinen, als der Schweden Siegslied ertönte. Ja, die Schweden hatten geſiegt, die Kay⸗ 70 ſerlichen flohen, der Tilly ſchwer verwundet; ihn hat ein einzelner Reuter mitten unter den Seinen gefaßt, und nicht von ihm abgelaffen, bis der Tod entſchied. Lucardis warf ſich und mich der ſiegenden Macht in die Arme. Sie ging ſelbſt, fuͤr uns beym großmuͤthigen Guſtav Adolph zu bitten, und ſie erhielt von dem milden Koͤnige alles, was ſie wuͤnſchte. Als ich nach einigen Wochen genaß, ſagte ſie mir, wie ſie das Verſprechen vom Konige erhalten, ſie duͤrfe ſich von den umliegenden Schweden eine Bedeckung ausſuchen, an jeden Ort zu kommen, der ihr oder ihrer kranken Freundin gefaͤllig. Ich ſah ſte ſehnlich an, und nannte meinen Lilienſtroͤm. Lucardis ſchwieg, und Thraͤnen ſKuͤrzten aus ihren Augen. Ach, als ſie Audi⸗ enz beym Koͤnige hatte, da wurde ihm Hut, Ringkragen und Schwerdt eines ſchwediſchen Hauptmanns gebracht, deſſen Leichnam eben vom Schlachtfelde hereingeſchafft worden war. Es iſt mein braver Lilienſtroͤm, ſagte der Koͤ⸗ nig, und Thraͤnen traten in des Helden Augen. 21 Er wollte mir alles gewinnen, indem er den Wuͤterich toͤdtete, und hat mir ſein Leben ge⸗ opfert! ohne Ruh verfolgte er den Feldherrn, hat auch ihn gefaͤhrlich verwundet, aber das Leben des Edeln bezahlte fuͤr die verſuchte Hel⸗ denthat! Auf! daß ich die Ueberreſte meines Freundes ſehe, und ehrlich ihn begrabe! Meine Freandin ſagte mir ſolches in jener Stunde nicht, aber ihre Thraͤnen ließen michs ahnen, und bin ich alſo, als ſie mir es endlich nicht mehr zu laͤugnen vermocht, mehr todt als lebendig in den Reiſewagen gehoben, und gen Augſpurg gebracht worden, unter ſchwediſcher Bedeckung. Ich wars, die für meine Vaterſtadt ent⸗ ſchieden hatte, und Lucardis zog die Pflicht, die Freundin nicht zu laſſen, der Ruhe vor auf ihrem ſtolzen Schloße, wohin ihr diesmal zu folgen ein innerer Trieb mich hielt, der mich zum Gluͤck leitete. O dieſen Trieb, dieſes Anmahnen, jenes zu thun, dieſes zu laſſen, ruͤhme ich mich oft bemerkt zu haben, obwol nicht immer. Er iſt die einzige Macht fremder Kraͤfte, die ich je 72— 82 gekannt, der ich auch allemal nachging, wenn ſte mir deutlich ward. Ein halbes Jahr nach meiner Ankunft bey den Meinen kam das Geruͤcht, wie der ſieg⸗ reiche Guſtav im Sinn habe, mit großem Ge⸗ folg gen Augſpurg zu kommen. Meines Lei⸗ bes Geſundheit war damals ziemlich hergeſtellt, obgleich das Herz noch krank war, denn meinen Fritz konnt ich ja nimmer und nimmer verge⸗ ßen. Ich ſchwamm in Thraͤnen, da alles ſich ſchmuͤckte und freute, dem ſchwediſchen Hel⸗ den entgegen. Die kriegeriſche Muſik war mir ein Todtentanz. Kaum konnte mich meine Lu⸗ cardis bewegen, hinter dem Vorhange ein we⸗ nig zu lauſchen, bey des Koͤnigs Einzug. Jetzt gewahrend den freundlichen Koͤnig, der mit Dank und Gruß alles erfreute, was hier verfuͤgt war, ihn zu erfreuen und zu eh⸗ ren, druͤckte ich die Stirn an das verhangene Fenſter, und meine Thraͤnen troffen nieder vor mir. Auf einmal ruft die Lucardis im Erker: Margaretha, ſieh doch! o ſieh doch! Und jetzt kommt ſie, jetzt reißt ſie mich hin auf den offenen Umgang. Dies iſt Guſtav, ſpricht ſie, 73 der große Koͤnig; aber wer reitet da hinter ihm, ſchier Herzog Bernharden zur Seiten? Und ich ſchaue, ſchaue noch einmal, und die Augen vergehen mir, mit ihnen die Kraͤfte. Fritz! rufe ich, mein Fritz! und ſinke ruͤcklings zu Boden. Unvorſichtige Freundin! was hatteſt du ge⸗ than! Doch du wußteſt es ja ſelbſt nicht, wa⸗ reſt ja ſelbſt faſt von Sinnen vor Freude uͤber das Gluͤck der Armen, die ſchon jedem Gluͤck entſagt hatte! Waͤhrend man mich auf das Bette dracßte⸗ war Lucardis, die meine Pflege meinen Schwe⸗ ſtern uͤberließ, ſchon aus auf Kundſchaft, ob der Fritz auch wirklich lebe, lebe fur mich! Aber noch ehe ſie hierin etwas thun konnte, war ſchon Botſchaft bei uns von dem freund⸗ lichen Koͤnige: er haͤtte wahrgenommen, daß eine Jungfrau hier ohnmaͤchtig geworden, wol⸗ te nicht hoffen durch des Einzugs Geraͤuſch, welches ihm leid ſey, und wuͤrde ſein Leibarzt gleich da ſeyn, zu hindern, daß die Freude der guten Stadt nicht in dieſem Hauſe in Leid verkehrt wuͤrde. 74— Was der Koͤnig geſagt hatte, geſchah, und von dem Doctor erfahrend, daß wir zu den Fuggern gehoͤrten, in deren Haͤuſern er Her⸗ berg genommen, hat er uns hoͤflicher Dinge noch viel ſagen laſſen, und Lucardis iſt ihm vorgeſtellt worden, die er ſchon kannte; hat ſelbe ſogleich nach der kranken Jungfrau gefragt, und ob ich noch krank ſey von jener Zeit her bei Leipzig. Worauf meine Freundin gar viel von mir mit ihm geſprochen, iſt auch gar lang geblieben: was fie aber geredet, das wolt ſie nicht ſagen; that mir das Einige kund, daß Lilienſtroͤm noch lebe, und nicht geſtorben ſey an ſeinen Wunden; ob er aber lebe auch fuͤr mich, das konnt ſie nicht ſagen, maßen ihn der Koͤnig ausgeſchickt nach dem Herzog von Lau⸗ enburg, der mit einem Theil des Heers noch zuruͤck war, und den er, als ihm gar lieb, gern um ſich haben wolt, zur Feyerung hieſi⸗ ger Feſte, indeß der Fritz beym Heer blieb. Bey mir begann jetzt Freude und Hoffnung ſich neu zu beleben, und ſagten mir die Leute, ich ſey ſchoͤner als je, obſchon ein wenig ſchmaͤch⸗ iger und zarter als wol ſonſt, wegen Krank⸗ — 75 heit und Grams, der mich auch wol ſicher zu Tode gefoͤrdert haͤtte, ohne des Geliebten Leben. Wir Jungfraun aber, den Koͤnig innigli⸗ chen verehrend, wie dann alle Welt that, er⸗ fannen der Dinge gar viel, ihm Freude zu machen: wolten nur nicht recht gelingen, weil das Hoflager aus lauter Maͤnnern beſtand, und ſich nichts mit Geſchick unternehmen ließ⸗ maßen die Gegenwart keiner Fuͤrſtin unſer un⸗ gefordertes Erſcheinen rechrfertigte. Mir lag ſehr daran, dem Koͤnig nahe zu kommen, weil mir etwas im Herzen ſaß, blos ſeine Perſon betreffend, das ich niemand entdecken wolt, ſelbſt nicht der Lucarde; war ja kaum ſelbſt darob mit mir eins! Wir blieben alſo mit unſern Anſchlaͤgen da⸗ heim, bis der Herzog von Lauenburg ankam, ach ohne Lilienſtroͤm!— Es war aber ſolcher Herzog ein Luſt⸗ und Weltliebender Herr, der oftmals Tänze anſtellte, und die Jungfrauen aus den alten Geſchlechtern der Patrizier dazu lud. Ach wie oft hab ich da nach dem Abwe⸗ ſenden geſeufzt! wie gern haͤtt ich ihn ver⸗ tauſcht um den Lauenburg, der allweg uns 76— nahe war, ſo daß man nicht eins ohne ihn an den Koͤnig kommen konnt, wozu mir auch, wenns zum Treffen kam, oft der Muth gebrach. Es war aber der Herzog gar oft in unſerm Hauſe, und darf ich wol ſagen, daß die ſchoͤne Lucardis ihm gefiel, ungeachtet des kleinen Fehlers am Bein. Sie aber haßte ihn, wie die Suͤnde, und als wir ihn naͤher beobachte⸗ ten, und die Stellung ſeines Gemuͤths gegen den Koͤnig, ſo wie auch deſſen gegen ihn, da hatten wir ſeltſamer Gedanken gar viele, und manches ging mir auf, was ſeit Guſtavs An⸗ blick nur dunkel gelegen in meiner Seele. Es war das eben der innere Sinn, was auf ein⸗ mal in mir wach ward, und den ſie mir als einen Wahrſagergeiſt auslegen; wußt jetzt gar wohl, was ich dem Koͤnig ſagen wolt, entdeckts aber niemand, ob ich ſchon ſchier des Nachts nicht ſchlafen konnt vor innerm Triebe den Helden zu warnen wegenheimlicher Feinde. Eines Tages, es war am heiligen Pfingſt⸗ kag, recht am 30. May, als meinem Ge⸗ burtstag, wie wir des Morgens aus des Do⸗ ctor Fabricii Predigt kamen, wo auch der — 7⁷ 4 Koͤnig geweſen, da tritt der Herzog herein, und nachdem er die Mutter begruͤßt, ſagt er: Luſtig, ihr Jungfraun! Es giebt heut ein Neues. Der Koͤnig hat auf dieſen Abend, nachdem er des Morgens fromm geweſen, ei⸗ nen Tanz beſtellt, und ſoll es zwar, ſo will ich, ein Mummentanz werden, ob auch ihm dies zu weltlich ſcheinen moͤchte. Wir Jungfrauen wußten nicht, was ein Mummentanz ſey, welches er uns dann begreif⸗ lich machte mit der Mutter Huͤlfe, die ſolcher neu hergebrachten Weiſe aus Welſchland nicht unkundig war, vom kayſerlichen Hofe; hat ſelbe jedoch Bedenken getragen, uns die Theil⸗ nahme zu erlauben, und haben wir erſt, als der Herzog abgetreten, auf heißes Bitten Vergunſt erhalten der gefaͤhrlichen Luſt, nicht ohne Warnung und Lehre, welches ich der Mutter gar nicht verdenke. Kaum war der Lauenburg fort, ſo kam ein Page des Koͤnigs mit Einladung. Ich aber ſchreie laut auf vor Wunder, denn hier war abereins ein Bekannter, naͤmlich des Savelli 78— Sohn, der ſich von neuem an den ſchwediſchen Hof gefunden. Eitel Dankbarkeit waͤr es, ſagt er auf Be⸗ fragen, das ihn wieder zu ſeinem königlichen Wohlthaͤter gebracht, und Sehnen nach beſſe⸗ rer Zucht, als bey ſeinem Vater; mir aber mißduͤnkte hierob, und wolte mir nicht ge⸗ fallen. Man durfte nur dem Buben in die kleinen, ſchwarzen, tiefliegenden Augen bli⸗ cken, und des Mundes falſchen Zug beobach⸗ ten, um in ihm den kuͤnftigen Boͤswicht zu ſehen, wenn nicht ſchon den gegenwaͤrtigen. Mir wandelte allemal ein Grauſen an, wenn ich ihn erſah, als ſollt er einſt in mein, oder vielleicht noch ungebornen Meinigen Geſchick widrig verſlochten werden. Daß ſeiner Tuͤcke auch fuͤr die Gegenwart nicht zu trauen war, das ſollten wir heut die⸗ ſen Tag noch erfahren. Lucardis und ich, insgeheim ſchon uͤber un⸗ ſere Abendmummerey einig, gingen aus, ei⸗ nige Blumen zu kaufen zu unſerm Anzug, ma⸗ ßen nach jetziger Weiſe ſich keine Verl rvung ſchicken will, ohne Blumenſchmuck. Ich brauchte — 79 deren gar viel, die Lucardis zu ihrem Ge⸗ ſchaͤft einzig einen Mohnkranz. Und als wir zu dem Kunſtgaͤrtner in den großen Garten ka⸗ men, zeigt er uns, zunaͤchſt der Blumen, eine ſeltene perſiſche Frucht, durch kuͤnſtliche Hitze erzeugt jetzt im Fruͤhjahr, da ſie ſonſt im ſpaͤ⸗ ten Herbſt erſt mit dem Wein reif wird, dem ſie gleich iſt an Saft und Suͤße, und iſt ſolche ein großer, gruͤnlich gelber, ſamitner Apfel, in der Mitte ein wenig geſpalten, ſanft mit lieblichem Roth ſchattirt, ſo daß Lucar⸗ dis, die ein wenig leckerhaft iſt, laͤchelnd ſprach, ihr waͤßere der Mund, von ſolcher Koͤſtlichkeit etwas zu genießen. Und Jung⸗ frau, erwiedert der Gaͤrtner, dies kann leicht geſchehen, heut dieſen Abend. Hangen an dieſem Aſt ſolcher Aepfel ſieben, auf Koͤnigs Tafel beſtimmt: er wird euch einen reichen, als der ſchoͤnſten, welches ich nicht darf, ſo gern ich auch moͤchte. Ey, entgegnet der junge Savelli, der uns heimlich gefolgt war, ob ihn ſchon Lucar⸗ dis von ſich getrieben, weilen er ihr einen Kuß angemuthet, den keine zuͤchtige Jungfrau 80— einem zwölfjaͤhrigen Knaben geſtatten wird, beſonders keinem ſolchen! Ey, Meiſter, ſchaut doch zu, wa ſind denn die ſieben? zaͤhle ihrer nur fuͤnf!— Und als der Gaͤrtner aͤngſtiglich umſchaut, ohne zu finden, auch uns gar arg⸗ woͤhniſch anſteht, beginnt die junge Natter: Schaut nach bey mir, wenn ihr etwa mich ver⸗ daͤchtig haltet, gethan zu haben nach Knaben Art; doch bitte ich, beſucht auch die Jung⸗ fraun! Und haben ſich, als der Gaͤrtner halb ſcherzend ſolches that, zwei Stuͤcken des koſtli⸗ chen Obſts funden in der Lucardis Handſack. Denkt euch unfre Beſchaͤmung, ihr Kin⸗ der! Hochangluͤhend vor Scham und Unmuth, bezahlten wir des Meiſters ſchwere Forderung, gern unſere Blumen dahinten laſſend. Sa⸗ vellis Bub aber dehnt ſich lachend an der ho⸗ hen Lucardis hinauf, und bertelt den verſag⸗ ten Kuß von neuem, ſo daß wir eigen ſahen, dies ſey geweſen, ihr etwa zum Spott, ein Gaukelſpiel von ihm aus der ſchwarzen Ta⸗ ſchen, wobey man ſchier nicht allemal weiß, ob nicht der Boͤſe ſein Spiel habe. Wir entſliehen wollend, ſteht auf einmal — 81 der Lauenburg bey uns, verniumt die Sache, bezuͤchtiget den Buben oͤffentlich der That, welches jener auch nicht leugnet, iſt alſo die Lucardis gerechtfertigt, und ſind uns unſere Blumen wieder worden. Hat auch der Her⸗ sog doppelt fuͤr den Savelli bezahlt und alles in einen Scherz verkehrt, wir aber haben deß wenig geachtet, und ſind im Stillen des An⸗ ſchlags noch feſter worden, den wir des Abends Lusfuͤhren wolten. 135 Als uns der Herzog nach Hauſe gebracht, befragte er uns ob unſerer Masken; lagen viele weiße Maͤntel ſchon fertig fuͤr uns und die Schweſtern, wie auch lachende Larven, alle einander faſt aͤhnlich. Wir zeigten ſie ihm, vorgebend, daß, mit ſolchem Spiel un⸗ bekannt, wir nicht verlangten, durch irgend eins hervorgezogen oder zum Sprechen genoͤ⸗ thigt zu werden, welches den Herzog nicht ge⸗ ſiel, zeigt uns auch koͤſtliche Verlarvung gar viel, ſo ſein Diener bracht, und lehrt uns, wie die eine von uns ſich als eine Schaͤferin, die an⸗ dre als Nonne, jene als des Großtuͤrken Ge⸗ mal, dieſe als Hexe(oder Zauberin) zu ge⸗ Selene XI. Heft, 6 82— behrden habe. Die vorletzte ſchien er nicht uͤbel willens meiner Lucardis anzueignen, viel⸗ leicht geſinnet, ihr Soltan zu werden, ſo wie er die gar allerletzte mir darbot, faſt mit Be⸗ leidigung ſagend: Ich halte ja, Jungfer Fug⸗ gerin, ihr ſeyd deß etwas! und waren ſolche zwey letzte Mummenkleidungen ſchier die praͤch⸗ tigſten. Wir verſchmerzten alles, blieben bey unſerm Nein, unſere Bloͤdigkeit vorſchuͤtzend; blieben auch bey unſern einfaͤltig lachenden Weißmaͤnteln, als uns am aͤhnlichſten von Sinn und Gemuͤth, ſo daß er endlich von uns abließ, und nur die Mutter heftig anſtrengend, darauf beharrte, uns einzufuͤhren, welches ſie ihm auch abgeſchlagen, unter dem Vorwand, daß der Lucardis Bruͤder, beyde ſchon unter dem ſchwediſchen Heer brave und mannhafte Leute, ſolches verrichten wuͤrden, darauf er alſo abgezogen mit ſeinem Savelli. Nun war uns aber kund worden, wie ſich der Herzog vermummen wolt; naͤmlich um dem Koͤnig eine Luſt und ſchmeichelndes Vorſpiel kuͤnftiger Siege zu geben, hatt er eine Larve gewaͤhlt, dem Wallenſtein faſt aͤhnlich, mit gelb 8³ ledernem Koller, blutrothem Mantel und Ho⸗ ſen, rother Feder des Huts, auch blutfarb⸗ ner Scherpe. Den jungen Savelli hatte er dunkel gekleidet, gleich einem verſuchenden Daͤmon; ſolte dieſer im Saal auf und nieder huͤpfen, das anweſende Frauenvolk zu necken, beſonders aber bleiben ihm ſelbſt zur Seiten, gleichſam anzudeuten, daß der Wallenſtein ſey mit dem Geiſte des Abgrunds im Bunde: war denn ſchon alſo verfuͤgt, zur ſchnoͤden Schmei⸗ ley fuͤr einen Herrn wie der Koͤnig, daß am Ende der verlarvte Feind und Helfer fallen ſolten zu des Helden Fuͤßen. Wie? ſprach Lucardis zu mir, als ihre Getreue uns dieſe Verlarvungen brachte zur Anſicht. Wie? dieſe blutige Maske Lauen⸗ burg? Hat er unſern Anſchlag errathen? Daß er guͤnſtig waͤhlen wuͤrde fuͤr uns, das hatt ich erwartet: was kann dieſer erſinnen, dem heim⸗ liche Strafe nicht nachhinkt? aber faſt iſt die⸗ ſes zu treffend! Daß wir ihm nicht verrathen ſeyn konn⸗ ten, wußten wir indeß; niemand kennet unſer Geheimniß, als wir zwey und die Mutter. 84— Und ſchickten wir uns ſchnell nun zur Arbeit des Putztiſches; die Schweſtern, und anderer Jungfraun ein Paar, waren vorlaͤngſt ſchon abgefuͤhrt von der Lucardis Bruͤdern nach dem Tanzfaal. Und es ſchuf die Mutter, den Poſſen nur um des guten Endzwecks willen billigend, meine Freundin zur hinkenden Ate, mich aber zum glaͤnzenden Schutzgeiſt. Iſt aber jene, die Ate, eine alte heidniſche Goͤttin der Strafe, ſo unab⸗ kaßig dem Laſter, dem blutigen, nachſchleicht. Und ward ſie vorgeſtellt als eine dunkle Ge⸗ ſtalt, welcher, um nur ein wenig ins Auge zu fallen, Blumen wol noͤthig geweſen waͤren; aber als dieſe Ate fragte, wo iſt mein Mohn⸗ kranz? entgegnete die Mutter: Laß alſo feyn; wir wollen das Laſter wecken, nicht einſchlaͤ⸗ fern! Auch mir hat ſie keine Blumen ge⸗ goͤnnt, ungeachtet mich, als Schutzgeiſt, ein ganzer Fruͤhling haͤtte umduften ſollen; hatte fuͤrſichtiglich alle den Weißmaͤnteln gegeben, denn uns ſolche haͤtten verrathen koͤnnen an den Lauenburg, der ſie kannte. Zog aber hervor fuͤr mich, meiner Pathe, der alten Frau Fug⸗ 1 — 85⁵ gerin, ganzes Gepraͤnge, neu in Gold geſetzt, faſt blendend, daß einem die Augen vergingen: und ſo erſchien ich im weißen Engelkleide, him⸗ melblau umguͤrtet, mit wallendem Haar, als glaͤnzender Schutzgeiſt. Und die Mutter, alle Wege kennend des Fuggerſchen Palaſts, bracht uns nun ſelbſt durch heimliche Stiegen und Gaͤnge, ungeſe⸗ hen an eine der Thuͤren des Tanzſaals, ſo daß wir ſtanden mitten unter der glaͤnzenden Ver⸗ ſammlung, ohne daß einer wußte, wie oder woher wir kamen. 3 Ich ſtand anfangs erſchrockener, als einem Genius zukam, aber Ate gewahrte bald ihr blutiges Opfer, das eben unter den freundli⸗ chen Weißmaͤnteln eine Lucardis glaubte aus⸗ fuͤndig gemacht zu haben. Indem ſie begann dieſem Fliehenden durch alle Saͤle mit ihrer Geißel und mit beißendem Spott zu verfolgen, (wie denn ihr Zuͤnglein das wohl konnte,) gewann ich Muth, hinter den Koͤnig zu treten. Mein ſtrahlender Aufzug machte mir Platz, und der Gedanke an das, was ich vorſtellte, erhob meine Seele. Guſtav, du beſter der Koͤnige, ——— ———— 86— wer wollte dein Schutzgeiſt nicht ſeyn! und wer, geſandt dich zu warnen, ſich an deine Seite nicht wagen, ſelbſt mitten unter den Feinden! Ich verharrete ſtill auf meinem Poſten; die Art Weſen, worunter ich mich geſchwungen, beguͤnſtigte mein Schweigen, maßen die Him⸗ melsgeiſter nicht viel ſprechen ſollen! Der Koͤnig, mich gewahrend, maß mich unablaͤßig mit den Augen, in welchen ich eini⸗ ges Wohlgefallen wahrnahm. Statt der Larve beſchattete meine Augen nur ein leichter Flor, der mich unkenntlich machte, ohne zu entſtellen die etwanige Lieblichkeit des jungfraͤulichen Geſichts. Schoͤner Engel, wer biſt du? fragte der Koͤnig endlich. Dein Schutzgeiſt, Guſtav! Haſt du Botſchaft an mich? Der Geiſt ſpricht zu dem Menſchen nur, wenn er allein iſt! Und ſiehe, nun ſind wir allein, begann er nach einer Weile von neuem, als man ſich, vermuthlich mit Abſicht, entfernte. — 82 Nicht ſo ganz allein! verſetzte ich; denn we⸗ he, dort iſt noch das blutige Laſter, von der Strafe verfolgt! Sieh, ſieh, jetzt kruͤmmt ſichs durch feine Schlangengaͤnge dir naͤher! Das iſt der Wallenſtein, lachte der Koͤnig, den ſie mir vorſpielen! Einfaͤltige Mummerey: ich kann ſie nicht leiden! Das iſt der Lauenburg! entgegnete ich ernſt. Er iſt in des Wallenſteins Farbe! den⸗ ke dem Raͤthſel nach, und huͤte dich! Engel, was ſagſt, und wer biſt du? Dein Warner, o Guſtav! auch dein Rek⸗ ter vielleicht, willſt du anders mir trauen und folgen! Villſt du mir Wichtiges entdecken, ſagte er leiſe, ſo redel jetzt iſt es Zeit! Und ich redete, und ſagte viel, aber nicht gnuͤglichz wie war dies moͤglich, hier unter tauſend Aufmerkern! Der Koͤnig ſtaunte, glaubte, glaubte nicht, forderte Beweiſe; hier war zu Beweiſen der Ort nicht. „Mittlerweile geißelte Ate den Lauenburg heran, ach zu zeitig! Die Jungfraun brachten zu gleicher Zeit den boͤſen Daͤmon, der ihnen —-.— — 83— dieſen Abend tauſend ſchlimme Streiche geſpielt aus ſeiner Taſchen. Sie hatten ihn mit Blu⸗ menketten gebunden und ſtellten ihn vor Ge⸗ richt des Koͤnigs. So ward dies ernſt gemeyn⸗ te Schauſpiel eine Poſſe, und verfehlte ſeines Endzwecks, ſo wie immer geſchieht, wenn Wahrheit zu lachend ſich kleidet. Ach, Ver⸗ dacht hatt ich vielleicht geſaͤet in das Herz des verrathnen Konigs, aber keine Rettungz dies erwies ja die Zukunft! Unſere Masken ſielen, der Koͤnig fragte nach meinem Namen. Lucardis nannte mich ihm. Ey, ſagte er, ſo muß ich auch dem guten Gei⸗ ſte, der mich bewacht, eine Himmelsbelohnung geben! Man rufe den wachhabenden Rittmei⸗ ſter an der ſuͤdlichen Pforte! Der Geforderte kam, und mein Geliebter, euer Vater, meine Kinder, lag in meinen Armen. Daß er euer Vater iſt, liebe Toͤchter, das fage euch, womit der Koͤnig ſeinen Schuͤtzern, dem irdiſchen und dem ſogenannten himmliſchen, an dieſem Tage lohnte. Er legte unſre Haͤnde —— — 89 zuſammen. Der folgende Tag war unſer Hochzeittag. Lauenburg, der etwas von den Geheim⸗ niſſen unſerer Mummerey in dem Kaltſinn des Koͤnigs muthmaßen mochte, nahm ſeine Mas⸗ regeln. Nie konnte dem Helden der Schutzgeiſt wieder nahen! Ate entkam dem Laſter, das nun ſie ver⸗ folgte, auf ihr einſames Bergſchloß; mich ſchirmte die Hand des treuen Gatten.—— Euch aber, ihr Toͤchter, euch warne ich vor dem boͤſen Daͤmon; auch dich, Ludmilla, mei⸗ ner Schweſter einziges Kind! Siehe, faſt zwan⸗ zig Jahr ſind ſeit jenem Abend verfloßen. Ein Savelli wirbt um dich. Siehe zu, obs nicht jener ſey, der aus einem boͤsartigen Kna⸗ ben unmoͤglich ein tugendhafter Mann geworden ſeyn kann. Solt ich mich, wie nach meines Lilienſtroͤm Tode mir oft freudig der innere Sinn ſagt, ſchnell niederlegen zu ſterben: ſo ſey dir, Ma⸗ ria, das Bedenkliche vertraut! Eile und warne die Freundin! B. N. 9⁰ Das Huͤttchen auf der Haide. Romanze. Ging einſt auf oͤder Haide Ein Maͤochen mud und matt, Sie ſucht' mit Weh und Leide Des Liebſten Ruheſtatt. Zerrißne Wolken flogen Am Himmel, grau und wild; Es murmeln dumpf die Wogen, Der Sturm braußt durch's Geſild. Aus nebelvoller Ferne Winkt ihr ein Lichtesſtrahl, Sie folgt dem letzten Sterne Durch's blumenleere Thal. Umrauſcht vom alten Haine, Wo Stuͤrme ſchaurig wehn, Sieht ſie beim truͤben Scheine Des Lichts, ein Huͤttchen ſtehn. 6 Dort unter falber Weide Saß ernſt ein alter Mann Im ſchwarzen Faltenkleide, Doch blickt er mild ſie an. — 24 „Haſt, Vater, du geſehen Nicht einen Juͤngling ſchoͤn Zur Jagd des Wildes gehen Durch dieſe duͤſtern Hoͤhn?“ „O Jungfrau, nicht geſehen Hab' ich den Juͤngling ſchoͤn Zur Jagd des Wildes gehen Durch dieſe duͤſtern Hoͤhn!“ „Mit meinem Gram verlaſſen, Ach, wandr' ich ohne Gluͤck; Ich kann ihn nicht erfaſſen, Verwaißt kehr' ich zuruͤck. Es haͤngt im kruͤben Schleier Die Nacht auf mich herab; O loͤſchte doch das Feuer Im kalten Raſengrab!“⸗ „„Ruh' aus in meiner Kammer, Du muͤde Pilgerin, Vielleicht loͤßt ſich dein Jammer, Und Ruhe wird Gewinn. 80 Schon viele Muͤde fanden Auf dieſem wilden Pfad, Wonach ſo heiß ſie brannten, Was nicht die Erde hat. 92 Geh ein zu meinem Frieden, Du muͤde Pilgerin, Wild iſt des Sturmes Wuͤthen Und Ruhe winkt dort drin!⸗ Sie hebt die feuchten Blicke So ſehnend himmelwaͤrts; „Ich ſolge dem Geſchicke!“ und ſchwerer wird das Herz. Sie tritt zu ſtillen Hallen, Wo eine Lampe brennt, Und von den Schlaͤfern allen Den Juͤngling ſie erkennt. Er ruht auf dunkelm Mooſe In ewgen Schlaf gewiegt, Des Todes weiße Roſe Auf ſeinem Antliz liegt. Sie kniet ermattet nieder,— Ein Geiſterhauch umher,— Umſchlingt des Juͤnglings Glieder, Und ſinkt in Schlaf wie er. Karl Beſſeldt. — Ikalien. 11I. I. Darch viel mißliche Wege, durch holytige Stra⸗ ßen und Doͤrfer, viel vom Regen am Tag, Nachts von der Kälte geplagt, endlich in Rom nun zu ſeyn, und Rom nicht zu ſehen! es foltert! denn ach! die dunkelſte Nacht birgt uns die glaͤnzendſte Stadt. Zwar nicht die naͤchtliche Zeit: das Dunkel des ſchwaͤrzeſten Tag's iſt's und der entfeſſelte Strom, der von dem Him⸗ mel ſich ſtuͤrzt. Tief in die Maͤntel gehullt eilt Alles geduckt von den Straßen, ja und der Bettler ſogar kriecht in die Hoͤhle zuruͤck. Selene XII. Heſt. 1 2— Ob noch ein Pantheon hier, ein Coliſeum, ein Circus, ob Saukt Peter noch hier, ein Obelisk noch ſich hebt 2 Fragt dieß, Freunde, mich nicht; ich ſeh es nicht; duͤſterer Schleier hat jetzt alles umhuͤllt. Kein Cicerone er⸗ ſpaͤht jetzo die Fremden; er druͤckt ans Kamin ſich in der Taverne; und ſo macht er es recht, beſſeres kann man nicht thun bei dem entſetzlichen Sturm und dem Wetter des rauhen Decembers; denn jetzt giebt's kein Rom, giebts kein Ita⸗ lien mehr. Beſſeres rieth uns keiner, als Rom im Ruͤcken zu laſſen, a ſie ſich ſproͤde verbarg. Denn du erlauerſt die Gunſt 3 nimmer der launiſch Geſinnten, im ſtillen„ gedul⸗ digen Harren: beſſer, du ſiedelſt dich an, wo man dich hei⸗ ter empfaͤngt. Nein! ſo ſinſtres Geſicht zeigt nimmer der ſuͤdliche Himmel: du drohſt rauhen Empfang, heiteres Napoli, nicht! Laßt dorthin uns ziehn, dort gruͤßen den herrli⸗ chen Fruͤhling, wo das verewigte Rom ſelber ihn einſtens begruͤßt/ wenn es den Duͤnſten eutfloh der peſtaushauchen⸗ den Suͤmpfe und an des Meeres Geſtad ſchluͤrfte des Le⸗ bens Genuß. Druͤckt uns heftiger einſt Glut ſtrahlend das fels'ge Neapel: dann, o Roma, vielleicht, nimmſt du uns freundlicher auf. 3. Rauh iſt der Weg des Gebirgs, und gefaͤhrlich die ſteilere Straße, wild der Waͤlder Gewirr, oͤd das verwilderte Land. Doch ein ergoͤtzendes Bild des ſanfteren Lebens⸗ des ſichern, Zeigt im heiteren Spiel hier die geſchaͤft'ge Natur. Sie, die der Boden verſtoͤßt, der felſige, weil er er Blumen, weil er der Kraͤuter Gemiſch ſtoͤrrig und tro⸗ tzend verſchmaͤht, Schmiegt an die Baͤume ſich an, die alten, und kraͤnzt mit des Epheu's uͤppig wucherndem Gruͤn jedem den braͤunli⸗ chen Stamm. 4 Hart an dem Ufer des Meers hinzieht ſich die Straße. Willkommen bleibt uns der Wechſel doch ſtets. Immer die Baͤnme zu ſehn 5 waͤlderdurchzognes Gebirg's, es ermuͤdet. Billig ergoͤtzt ſich ſchweifend auf wogendem Meer jetzt der ent⸗ feſſelte Blick. Schoͤn iſt der Abend; es gruͤßt ein heiterer Him⸗ mel die Wellen, und die gereinigte Luft ſtaͤrkt das Gemuͤth und den Leib. Fuhrmann, wackerer, ſieh! ich lobe dich, daß am Geſtade du zum Raſten den Ort, welchen ich wuͤnſchte, gewaͤhlt. Nah um die Mauern bewegt ſich des wirthlichen Hauſes die Welle, die von der Hoͤhe des Meers immer zum Ufer ſich zieht. Ganz ſo gleicht ſie dem Wand'rer: er treibt in be⸗ weglicher Welt ſich, ſchweifend, umher, und ſtrebt ſtets nach dem friedlichen Platz. 5. Wenn ich verſenke den Blick in dich, du wogende Meerfluth, wie du im ewigen Kampf wechſelnd die Wel⸗ len bewegſt, bald im dumpfen Gebrauß zum Geſtade ſie ſchleu⸗ dernd, und wieder rufend zum liebenden Schoos bald! die ver⸗ ſtoß'nen zuruͤck: ach! dann' waͤhn ich ein menſchliches Herz in dir zu erblicken, wie es Geliebtes verſtoͤßt, wie es Verſtoß'nes begehrt. 6. Wer in Italien reis't, er muß drei Dinge nicht ſcheuen: Koſten, druͤckende Luft, ſchlechter Oſterien Qual. Koſten, nicht rechnet der Dichter ſie nach: der Sci⸗ rocco entſchluͤpft ihm; doch die Oſteria bleibt, und ich beſchreibe ſie . wol. 7 Muͤde, durchſchuͤttelt vom Wagen die Schultern und Rippen, eutſteigt ihr näöſaut, froſtdurchſtarrt, hungriges Magens, dem Sitz. 4 Aber es heitert den Blick euch auf ſuͤßſtuͤſternd die Hoffuung warmes Gemachs, und des Mahls, und des erquickenden Schlafs. Doch harrt ſtill nur ein wenig am Wagen in rau⸗ herer Luft noch und im Regen, daß nicht ſchlau der Facchin' euch beſtiehlt, welcher geſchaͤftig ſich zeigt das Gepaͤck dem bela⸗ ſteten Diener nachzutragen. Nun geht! ſicher iſt alles ins 2 Haus. Doch, ſo ſehr es verdruͤßt mit erſtarreter Hand in die Boͤrſe noch zu greifen; ihr muͤßt's, von den Facchinen verfolgt. Sagt, wie gefaͤllt es im Hauſ euch nun, im rußgen, grauen, ſteindurchpflaſterten? Kalt iſt's in dem ſtei⸗ nernen Haus! 8 Schuell nur Zimmer, o Wirth! und die Flamme nur ſchnell zum Kamin auch!⸗ „Eccellenza, verzeiht! nur in dem einzigen Saal, in dem geraͤumigen, hohen, des Hauſes erfreut ein Kamin euch!“. Nur ſchnell Kohlen herbei, Reiſer, und ſichte⸗ nes Holz, ſey es auch immer ſo naß: denn anderes findet ſich nirgends. Ach! wie lange noch plagt nun ſich der Kaͤmm'rer damit! Gluͤcklich! es brennt! o Himmel, wie ſtreckt ſo ge⸗ waltig die Flamme Feurige Zungen hervor! qualmend erſtickt uns der Rauch, welcher mit Wolken den Saal, den gewaltigen, fuͤllt!— Er verjagt euch, öͤffnet die Fenſter ihr nicht. Traget die Kaͤlte beherzt! Schon hat der Diener die Tafel gedeckt; es erſchei⸗ nen die Speiſen; aber der Braten iſt hart, ſauer der roͤthliche Wein. —m 9 Wie? noch ſinket der Muth euch nicht? Ach! hoffet umſonſt nicht, euch des Lagers zu freun und des ergnickenden Schlafs! Denn es erfaßte der Sturm, der naͤchtliche, pfei⸗ fende, grauſam, hoch an oberſter Wand zauſend den Laden von Holz, welcher die Oeffnung ſchließt, die ſonſt durch Fen⸗ . ſter verwahrt iſt; klappernd bewegt er ſich ſtets, widrig verle⸗ tzend das Ohr. Endlich, die Qualen des Lagers! Doch hier ſchweigt ſchuͤchtern die Muſe: denn was das Leben ertraͤgt, oft nicht ertraͤgt es das Lied. 7. Hat ſich der Schiffer genng auf ſchaukelnder Woge getrieben: ſchaut nach beſchwerlicher Fahrt endlich entzuͤckt er das Land. 1o— Gleich ihm ſchau' ich entzuͤckt, von dem letzten der Berge nun gleitend, nieder ins liebliche Thal, finde mich nahe dem Ziel. Hier nun ſtrahlt dem Blick eine Welt voll ſeeliges Fruͤhlings⸗ die ich im ſchoͤnen Florenz, ahnend, im Geiſt unr getraͤumt. Hier in der rauheren Zeit des Jenners, wo ſich im Norden Eis um den perlenden Bach, Schnee um die Baͤume noch ſchmiegt⸗ weiden die Heerden im Thal, und es weht ein weichliches Luͤftchen bin durchs uͤppige Gras. Sauft in dem reine⸗ ſten Blau laͤchelt der Himmel durchs dunkle Gewoͤlk ſtetsgruͤ⸗ nender Baͤume, denen die goldene Frucht laſtend die Zweige gebeugt. Viel ſchon liegen im Gras der Citronen und ſuͤßen Oraugen, funkelnd, uͤbergereift, nicht von dem Gaͤrtner gepfluͤckt. —— 11 Ja! wie ein koͤſtlicher Garten, bezaubernd, um⸗ giebt mich die Gegend; zweifeln kann ich nicht mehr, daß mich He⸗ ſperien umfaͤngt. Wohl; ſo dank' ich denn euch, ihr Goͤtter! ſendet zum Gluͤcke mir, zum vollkommenen, nun heitere Muſen noch her! 8. Wie in der traulichen Zeit der Chriſrnacht flim⸗ mernd das Zimmer ſtaunende Kinder empfaͤngt, welche die bun⸗ teſte Welt prangend umgiebt, durchſpaͤht von dem Blick wol⸗ aber erfaß't nicht, weil das ſchoͤnere Gut immer noch ſchoͤn'res verſteckt: alſo empfaͤngt, zur naͤchtlichen Zeit, von Kerzen erleuchtet weithin Straßen und Markt, glaͤnzend Nea⸗ pel uns jetzt. ——— 12— Auch uns ſchlaͤget das Herz, den Frembeinfahren⸗ den, freudig; alles erſcheinet uns neu, alles bedeutend und groß. Nimmer, ſo ſcheinet es, enden die langhinſtrahlen⸗ den Straßen,. und zum Himmel empor ſteiget der Haͤuſer ebaͤu. Alles iſt hier ein lebendiger Markt, ein feſtlich Getuͤmmel; hier, zum rauſchenden Tag kehrt ſich die ſtil⸗ lere Nacht. Neugierlockend erglaͤnzen die Waaren aus hohen Gewoͤlben; hier aus Laͤden und dort winket der Wein, das Sorbet, winket die duftende Frucht, und es ſtroͤmet die res ſame Menge bald zum Genuße hinein, bald vom Genuße zuruͤck. Uns auch ziehet der Wirbel, es dehnt ſich die Bruſt von Erwartung und in den magiſchen Kreis ſehnt ſich das luͤ⸗ ſterne Herz, — 13 immer vom Neuen entzuͤckt, wie die Kinder. Ach, blieb die Erwartung immer uns treu, es blieb immer uns treu der Genuß! 9. Viel iſt doch anders das Leben des Tags, als das naͤchtliche, dunkle: ungewiß macht uns die Nacht, heiter und ſicher der Tag. Wie ſo gefaͤllig das laͤhheelnde Blau des freundlichen Aethers Stadt und Kuͤſten und Meer traulich verei⸗ nend umfangt! 1 Klar und freundlich am Fuß des Gebirgs hin zieht ſich der Stadt Kreis, ſtolz in heiterer Hoͤh zieren den Ruͤcken des Bergs reiche Palaͤſte, gethuͤrmt in Pracht, und erhabene Kloͤſter, wo, dem Geraͤuſch entruͤckt, ewige Stille verweilt. 14— Nicht alſo in der Tiefe der Stadt, in den wim⸗ melnden Straßen, auf dem geſchaͤftigen Markt, und in dem Ha⸗ fen, am Kay: hier wogt, immer erneut, und nimmer verſchwin⸗ dend, das bunte luſtige Treiben der Welt, immer lebendig und friſch. Raſch treibt jeder das ſtrenge Geſchaͤft, ſo großer als kleiner,. dieſer zu Wagen und Roß, jener mit ſtaubi⸗ gem Fuß. Leben erwerben iſt jedem ein Ernſt, Verkaͤufern und Kaͤnfern, ſo in den Laͤden des Markts, wie in den Na⸗ chen der See: Alle doch ſelbſt nur ein Spiel des Lebens; dieſes erfreut ſich,. immer bewegt in der Fluth, immer im Men⸗ ſchen zu ſeyn. 10. Wie ſich das ruͤſtige Tkeiben bemuͤht der geſchaͤfti⸗ gen Menge! gleich dem ſchaͤumenden Strom wogt es die Straßen dahin. Kaum gewinnen den noͤthigen Platz ſich die raſſeln⸗ den Wagen unter dem engen Gewuͤhl fremder und heimi⸗ ſcher Welt. Hier draͤngt Gallier ſich, und Britt und Deutſcher und Ruſſe; ganz Italien ſchickt lanernde Soͤhne hleher. Dazu vermehren das irr'dſche Gedraͤng noch himm⸗ liſche Schaaren, und in Kapuzen vermummt miſcht ſich zum Leben der Geiſt, ſchauend umher mit forſchendem Blick auf eitles Gepraͤnge thoͤrichter Welt, die ihm nur Gaben zu rei⸗ chen noch taugr. Gaben erflehn in der Meng' auch der Bettler un⸗ endliche Schaaren, und was der Vettler noch ließ, fordern die Kraͤmer dir ab; 16 wandelnd, die Laſt auf dem Kopfe, ausrufen ſie bruͤlend die Waare, die ſie zu Markte gebracht, alle vernehmlich, doch nicht Einer gehort, weil Jeder betaͤnbt. So treibt es der Haufen fruͤh mit erwachendem Tag, ſpaͤt in der dun⸗ kelnden Nacht. Niedrig iſt zwar das Gewuͤhl, doch ergoͤtzt das be⸗ wegtere Leben auch in der duͤrft'gen Geſtalt, auch im gerin⸗ gen Geſchaͤft. 1Te Mitten im Ernſt des Geſchaͤft's erfreun ſich Muͤß'ge. Den Poͤbel, ſorgenverſcheuchend, vergnuͤgt kindiſch das kin⸗ diſche Spiel. Luſtige Gaukler verkleideten ſich, und— Weiber und Prieſter, Buͤrger, Soldaten, verkappt ſtellen im Spiele ſie dar, frei, auf offenem Platz; und das ſtrenge, gemeſ⸗ ſene Leben, locker erſcheinet es gier los von den Banden des Ernſts. Und ſo verlangt, was den Poͤbel erfreut, auch des Kluͤgern Bewundrung, weil auch der Niedre noch zeigt, daß er die Frriheit beſitt. Enene 12.„ n2 Hier erguͤtzen der Bettler ſich zwei, der Sorgen : vergeſſend, die der beduͤrftige Leib taͤglich und ſtuͤndlich — erneut. Treu der Patut die wenig bedarf, beduͤrfen zum Spiel auch nur ſie der Finger: behend zaͤhlen die Finger, 112 das iſt's! Ob der deine die vollere Hand, ob weniger Finger ſchnell er gezeigt, dieß draͤngt, ſchnell zu er⸗ rathen, den Freund. Selene XII. Heſt. 2 18—— Traf er es nicht, ſo verliert er das Spiel, und den Ruhm, und Gewinn auch; denn Gluͤck, Ruhm, und Gewinn, uͤberall ſucht ſie der Menſch. 13. Seht in finſterer Nacht das erleuchtete Haus des verſchmitzten Lichterverkaͤufers: er weiht wuchernd die Waa⸗ re dem Gott. Kuͤnſtlich ein feuriges Rad anzuͤndet er opfernd den Heilgen: ſo nun der Pöbel umher gaffet, und draͤngt ſich, und kauft. Alſo war es der Wille des Liſtgen: ideß den Ver⸗ klaͤrten ſtrahlenden Glanz er geweiht, lockt er er⸗ blindetes Volk. 14. 3 bewegt. zweien Lenz. gnetten ten Naturen, bens Geſchaͤft. 19 Lieblicher als der Gewinn iſt die Freude des Le⸗ bens; es weilet gern der betrachtende Sinn, wo ſich die Freude Froͤhliche Taͤnze beginnt, ihr Maͤdchen, zweie zu ſcherzend immer geſellt, jetzt im erwachenden Munter huͤpfet ihr auf und ſchlaget der Caſta⸗ klapperndes Holz mit Geraͤuſch ſtets im ge⸗ . meſſenen Takt. Jetzt mit der Rechten, du Eine, beruͤhrſt du die Rechte der Andern, dann mit der Linken ſogleich wechſelſt du An⸗ dre den Schlag. Habt die geforderte Zahl ihr erfuͤllt, dann, ſprin⸗ gend, vertauſcht ihr ſchnell den behaupteten Platz, und es erneut ſich das Spiel. Alſo gehorcht ihr ſcherzend dem Loos der erwach⸗ ruft ſie der Fruͤhling hervor hold zu des Le⸗ 20 Friſch aufbrechen die Blumen, es ſaͤuſelt der Zweig, und es uͤbt der Vogel den neuen Geſang— ihr nun, o Maͤd⸗ chen, den Tanz. §— h. (Fortſetzung im folgenden Jahrgange.) „Die Baumpflanzung. Nachdem der alte, ehrwuͤrdige Paſtor zu Wolfersdorf nach gehaltener Predigt am drit⸗ ten Oſterfeiertage die eingegangenen Dankſa⸗ gungen, Fuͤrbitten, Aufgebote u. d. g. beſei⸗ tigt hatte, ſchaltete er vor dem Vater Unſer noch Folgendes ein:„Auch wird Ew. chriſtl. Liebe hiermit vermeldet, daß die drei Juͤng⸗ linge und vier Jungfrauen, welche am vori⸗ gen gruͤnen Donnerſtage zum eyſtenmale am Tiſche des Herrn erſchienen ſind, wie auch die Ge⸗ richten und Kirchvaͤter, hergebrachtem Gebrauch nach, zu der ſeit Anno 270 hieſigen Orts einge⸗ fuͤhrten Baumpflanzungsfeier heute Nachmit⸗ tags zwei Uhr auf der Pfarrwohnung allhier ſich einzufinden haben. Gott wolle guͤnſtige Witterung und ſeinen Segen zu unſerm Vor⸗ haben verleihen. Amen. Wir beſchließen hier⸗ auf unſre Andacht u. ſ. w. In der kleinen Pauſe, da der Pfarrer nie⸗ derkniete, um das Vater Unſer zu beten, flogen von hier und von daher und von Alten 22 und Jungen den drei Juͤnglingen und wier Jungfrauen freundliche Blicke entgegen. Die Freude, der Gegenſtand einer allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit in der Kirche zu ſeyn, trieb den jungen Leuten das Blut in die Geſichter. Am meiſten erroͤthete Auguſte ſ die funfzehnjaͤhrige Pflegetochter des herrſchaftlichen Pachters; denn ihr hatten viele Leute in der Kirche, un⸗ ter andern des Pfarrers trefflicher, einziger Sohn, aus dem Berſtuͤbchen gegenuͤber, zu⸗ genickt. Die von der Kanzel eingeladenen Perſo⸗ nen erſchienen insgeſamt zur beſtimmten Stun⸗ de vor der Pfarrwohnung. Der Paſtor em⸗ pfing ſie an der Thuͤre, die in ſeinen Baum⸗ garten fuͤhrte, zwiſchen zwei Fliederlauben. Die zu ſeiner Rechten wieß er den jungen Leu⸗ ten an, die zur Linken den Alten. Legt aber, meine guten Kinder, ſagte er zu den Jungen, eure mitgebrachten Baͤumchen erſt hieher in die Laube der Alten, damit dieſe ſie unterſuchen koͤnnen. Hernach koͤmmt Chriſtoph Boͤrner zuerſt zu mir herauf in die Studierſtube. Un⸗ terſucht ſein Baͤumchen zuerſt, ihr Nachbarn. 23 s Baͤumchen ward fuͤr tauglich und gut befunden, und Chriſtoph Boͤrner folgte dem Pfarrer zuerſt auf die Studierſtube. Mein lieber Sohn, redete ihn dieſer an: ich thue jetzt einige Fragen an dich. Erſtens, was willſt du heute thun? Ich will einen Baum pflanzen. Warum willſt du das? Aus Dankbarkeit. Wem willſt du das Baͤumchen pflanzen? Ihnen, Herr Paſtor! Mir? Und warum grade mir? Weil ich Sie lieb habe, ſo lieb als meinen Vater; und weil mein Vater ſelbſt haben will, daß ich Ihnen zu Ehren das Baͤumchen pfllan⸗ zen ſoll. Ich, ſagt er immer, ich ſorge fuͤr dein Zeitliches; er aber fuͤr das Wohl deiner unſterblichen Seele. Dawider kann ich nun freilich nichts ſagen. Ich danke dir, mein Sohn— Siehſt du die Allee da, von meinem Garten aus, an dem Felde hin? Dieſe Baͤume alle ſind Beweiſe von Lieb' und Dankbarkeit, die mir gute Soͤhne und Toͤchter aus dem Kirchſpiel ſeit 24 nunmehr dreißig Jahren gegeben habem Es 3 iſt ein recht huͤbſches Alleechen geworden. Sieh, dort unten ſteht der letzte Baum allein. Der gegen uͤber, auf der andern Seite, fehlt noch. Nun iſt er auch da! Und du willſt mir ihn ſe⸗ tzen, du guter Junge! Nal! geh in Gottes Namen!— Hier kuͤßte er ihn, und eine frohe Thraͤne rollte aus ſeinem Aüge auf des Juͤnglings Waige— „Mein Baͤumchen iſt eine recht ſchoͤne Goldreinette. Die Gerichten und Kirchvaͤter haben es gar gut befunden.“ Gut, gut, Borner! Geh nun, und laß mir Anna Roſina Hegerin heraufkommen. Der Paſtor ging mit ſchnellen Schritten und gefalteten Haͤnden in der Studierſtube auf und ab. Du guter Gott— ſprach er mit ſich ſelbſt— Wie viel tauſend Seegen ſproßt doch oft aus einem einzigen guten Gedanken, wenn man ihn in Ausuͤbung bringt!— Jetzt erſchien Anna Roſina Hegerin. Sie wollte, ſagte ſie, etwas zum allgemeinen Be⸗ ſten beitragen, und auf einem Gemeindeplatze eine Fliederbaum ſetzen. Die Alten haͤtten ſie ſehr gelobt— ob ſie denn ſo etwas Be⸗ ſonderes damit thaͤte?— 8 Etwas ſehr Gutes, allerdings! antwortete der Paſtor; denn Gott hat gar wohlthaͤtige, ſchoͤne Kraͤfte in die Bluͤthe und in die Frucht des Holunderbaumes gelegt, wie du wol aus der Schule wiſſen wirſt— Aber auch was Be⸗ fonderes— was Beſonderes, meine Tochter, willſt du thun! Die Menſchen ſind dir, kider, jetzt faſt alle ſo, daß ſie nur fuͤr ſich und ihre naͤchſten Freunde, und allenfalls fuͤr diejeni⸗ gen, von denen ſie Vortheil haben, handeln. Uneigennuͤtzig fuͤr das allgemeine Beſte thun zur gar wenige etwas. Du gehoͤrſt unter die Wenigen. Dein gutes Beiſpiel wirke doch auf recht Viele!— Laß mir die Zwillinge, Carl Heinrich Muͤller und Caroline Henriette Muͤllerin heraufkommen. Sie traten nach einem Weilchen ereir. Kommt, meine lieben Zwillinge und Kraus⸗ koͤpfe! redete ſie der wohlgelaunte Paſtor an. Ihr habt zu gleicher Zeit das Licht der Welt erblickt, ſeyd immer bisher in geſchwiſterli⸗ 26 cher Liebe und Eintracht vereinigt geweſen,— Aber wenn Zwillingsgeſchwiſter das auch nicht ſeyn wollten, welches Geſchwiſter ſollte es denn ſeyn?— Nun, was laͤchelſt du mich denn ſo ſchalthaft an, Heinrich? „Nehmen Sie mirs nicht uͤbel, Herr Pa⸗ ſtor, ich dachte an Eſau und Jakob.“ Nun?— Ja, aber ihre Zaͤnkereien waren auch unrecht vor Gott und Menſchen, und— es waren auch zwei Jungen. Du, Schelm, haſt eine gute Schweſter, und dieſe haͤlt Friede — Drum ſollt und duͤrft ihr auch heute beim Baumpflanzen nicht von einander getrennt ſeyn; drum ließ ich euch auch zuſammen herauf kommen. Sagt denn an: Warum pflanzt ihr eure Baͤumchen? Beide. Aus Liebe. Wem pflanzt ihr ſie? Er. Henriette dem Vater. Sie. Heinrich der Mutter. Exr. Sie iſt des Vaters Haͤtſchelchen. Sie. Er iſt der Mutter Herzblatt. Paſtor. Ich weiß wohl— Jedoch— ihr Kinder— folgt einmal mir! Du, meine 27 Tochter, pflanze unmaßgeblich dein Baͤumchen der Mutter, und du, mein Sohn, deines dem Vater. Ihr verſteht mich doch, warum? Er. Halb und halb. Sie. So ein Bißchen. „Der Vater wird denken: Heinrich iſt doch ein guter Junge— Er. Und wird mich kuͤnftig noch lieber haben— denn lieb hat er mich wol auch. „Die Mutter wird denken: Henriette iſt doch ein gutes Maͤdchen— Sie. Und hat mich von nun an wol ſo lieb, als den Bruder Heinrich. „Richtig! Jetzt geht mit Gott, und laßt mir Suſanna Paͤhriſchin herauf kommen. Apro⸗ pos! Was fuͤr Baͤume wollt ihr pflanzen? 2 Beide. Zwei Linden.—— Ich leſe gewiß noch einmal, ſprach der Paſtor, als die Kinder fort waren, mit ſich ſelbſt: ich leſe gewiß den alten Muͤllers, wenn die heutige Lektion bei ihnen nicht anſchlaͤgt, den Text im Beichtſtuhle! Es iſt mir doch lieb, daß ich nicht, wie ſo manche von den Herrn Confratribus, die Privatbeichte abgeſchafft 28— habe. Im Beichtſtuhle ſpricht man beſſer vom Herzen und beſſer zum Herzen— Ob's wol daher koͤmmt, daß man den Leuten naͤher ſitzt? Suſanna trat herein. Sie trocknete ſich die Augen; ihre Wangen Süpkan; ſ ſie war in heftiger Wallung. Fehlt dir etwas, meine Tochterꝛ Ach, heute iſts ein Jahr, da begruben ſie meine gute, liebe,. fromme Mutter, und ich habe ſo eben an ſie gedacht.— 3 Laß uns jetzt von etwas anderm ſorechen, mein Tochterchen! Warum pflanzelt du dein Baͤumchen? 2— Zur Erinnerung. Eine Thrͤnenweide! Auf deiner Mutter Grab? nicht wahr? O ja, lieber Herr Paſtor! Haſt du denn ſo ein zzuchen hier bekom⸗ men koͤnnen? Jal mein Herr Pache, der gerrſchaftäche Gaͤrtner, hat mir eins geſchenkt. 18 So ſol— Hm hm!— Alſo auf deiner Mutter Grab ſoll es heute gepflanzt werden? Ja! 29 Da wird es, wenn es heranwaͤchſt, Fruͤch⸗ te tragen? Fruͤchte? Ach,n das wol ce Sie wiſe ſen ja—⸗. Aber doch vielleicht ſchönen Schatten ge⸗ ben, worunter der muͤde Wandrer Aich dins erquicken kann? Auch das wol han Es iſt Ihnen ja b o kannt, wo meiner ſelgen Mutter Grab iſt! In das düſtre Winkelchen kommt auſter mir 1udi Niemand 4 Alſo dein Baum ſoll Riemand nübgen, aber dir wol ſchaden?: Suſanne ſah den Paſtor mit Bethen„ver⸗ wunderungsvollen Augen an— Mir ſchaden? Hoͤre mich an, mein gutes Kind! Unſer eber Vater im Himmel will, daß wir alle zufrieden und froh leben ſollen. Seit deiner Mutter Tode biſt du gar das heitere, frohe Maͤdchen nicht mehr, das du ſonſt wareſt. Du haſt einen Hang zur Schwermuth bekommen. Was wird aus dir werden, wenn das ſo fortgeht? Gegenſtaͤnde, die deine Traurigkeit naͤhren, ſind fuͤr dich, fuͤr deine Geſundheit, und fuͤr 30 dieſe nicht allein, gefaͤhrlich. Sie muͤſſen nicht vermehrt werden! Ach, mein Kind, ich ehre dein kindliches Andenken an eine gute, fromme Mutter; aber es muß aufhoͤren, ein fuͤr dich ſchmerzhaftes Andenken zu ſeyn. Keine Thraͤ⸗ nen mehr um die Seelige! Ehre ihr Gedächt⸗ nis durch Nachahmung des Beiſpiels, das ſie dir gab. Pflanze heute lieber ein Baͤumchen, deſſen du dich freuen kannſt! Pflanze es nicht uͤber die Todten, ſondern unter die Lebendi⸗ gen! Nicht auf die Stelle, wo deine Mutter begraben liegt, ſondern lieber auf irgend ein Plaͤtzchen vor dem Hauſe, wo ſie geboren ward. Ich will dir eins in deines Großvaters Garten zeigen, wo ich ſie vor dreißig Jahren als Kind neben ihrer Mutter unter Blumen liegen, ins ſchoͤne Leben laͤcheln, und ihre klei⸗ nen Haͤndchen froh ausſtrecken ſah—— Ha⸗ ben denn die Alten deine Thraͤnenweide ge⸗ billigt? Sie ſchuͤttelten die Koͤpfe, ſahen einander an, und ſprachen heimlich unter ſich. Endlich ſagte der Richter zu mir, ich ſollte erſt mit Ihnen reden. e Nun ſo geh, und ſage dem Kirchvater Kunze, er ſoll aus meiner Baumſchule ein recht munteres und geſundes Franzbirnenbaͤum⸗ chen ausheben. Du wirſt dem Grosvater, der dieſe Art in ſeinem Obſtgarten noch nicht hat, eine recht große Freude damit machen. Geh, meine liebe Suſanne, und laß mir Jonathan Nuͤdigern herauf kommen!—— Ich pflanze mein Baͤumchen, beantwortete der luſtige Junge des Paſtors Frage— der Freundſchaft zu Ehren; denn ich heiße Jo⸗ nathan! Haſt du denn auch einen David? Was ſollt' ich nicht?— Hirten David! Sie wiſſen ja! Vor vier Jahren, da haben wir einen Freundſchaftsbund geſchloſſen. Tau⸗ ſend, wenn der David nicht war—! Das war ein rechter Freund in der Noth. Beſin⸗ nen Sie ſich doch, Herr Paſtor! Sie lobten ihn ja ſelbſt noch ſo damals in der Predigt von der Kanzel, den naͤchſten Sonntag drauf! Ich war auf dieſer Seite von der Wolfersbach, und David war druͤben und balgte ſich mit einem Ziegenbocke herum—— 32— „Sey nur ſtille; ich weiß ja— 44 Ach, wenn ich meine Geſchichte einmal augefangen habe, ſo will ſie auch gand her⸗ aus.. 8 „Na, ſo erzaͤhle, bis du fertig biſt!"“ Ich rief ihm zu: Laß dich nicht werfen, David! Wehre dich!— David ſah nach mir heruͤber; und da rief er auf einmal: Da kommt unſer Modrach. Er iſt toll. Er laͤuft grad' auf dich zu. Klettre auf einen Baum, daß er dich nicht beißt! Es iſt keiner da! ſchrie ich in der Angſt— Nun ſo ſpring' in den Bach! Da koͤmmt er dir gewiß nicht nach— antwor⸗ tete David, und ließ den Bock Bock ſeyn. Ich ſprang in's Waſſer, und kam grade in eine recht tiefe Stelle. Ich waͤre bei einem Haar er⸗ trunken. Wie der Blitz ſprang David vom andern Ufer ins Waſſer, und dog mich hex⸗ aus— Ich wußte von meinen fuͤnf Sinnen nichts. So wie ich wieder zu mir ſelber kam, war mein erſtes Wort: David und Jonathan! bis in den Tod! Wir hatten naͤmlich nur ein Paar Tage vorher in der Schule die Geſchichte von David und Jongthan gehabt„ und einan⸗ 33 der immer dabei angeſehen. Es war, als wenn wir etwas ahneten. „Biſt du nun fertig?“ Ja! „Daviden willſt du alſo delgen Baum pflanzen?“ Das will ich! Einen rsoaben Pflaniene baum! Es geſchehe, und Gott ſegne hn, und eure Freundſchaft!— Nun iſt noch Auguſta Maria Wehnerin unten; ſie ſoll heraufkommen. Sie kam, und es war dem guten Paſtor, als wenn er eine Grazie in ſeine Stube treten ſaͤhe. Er haͤtte ihr das gern geſagt, wenn ſichs nur fuͤr ſeinen Stand und ſeine Jahre ge⸗ ſchickt haͤtte, und Auguſta nicht ſeine Beicht⸗ tochter geweſen waͤre. Wahr aber war es doch. Die Tugend, die Schoͤnheit, der Wuchs, die Haltung, der Anſtand, das Ta⸗ lent ſich vortheilhaft zu kleiden; alles an dem ſchönen Landmaͤdchen erinnerte an eine Grazie, alles war Grazie. Der Paſtor war wirklich mit ihr in einiger Verlegenheit. Er brauchte ein feines Weilchen, ehe er mit ſeiner lieben Selene XII. Heft. 3 34 Beicht⸗ und Pflanz⸗Tochter huͤbſch geſetzt und wohlgemeſſen ſprechen konnte. Endlich begann er: Was bewegt denn meine liebe Auguſta ihr Baͤumchen zu pflanz en? Die ſchoͤne Roͤthe auf des Maͤdchens ju⸗ gendlicher Wange verbreitete ſich ſchnell bei dieſer Frage uͤber ihr ganzes freundliches Ge⸗ ſicht, nach allen Seiten hin, bis an die braun⸗ gelockten Haare; ihr ſeelenvolles, großes Auge ſah, in zaͤrtlichem Glanze ſchwimmend, herab auf den wallenden Buſen; ihre kleine Hand ward wie von einer magnetiſchen Kraft an ihr Herz gezogen; ihr kleiner, von ſuͤßem Laͤcheln umfloſſener Roſenmund öffnete ſich, indem er zwei Perlenreihen der ſchoͤnſten Zaͤh⸗ ne zeigte, das holde Wort auszuſprechen: Die Liebe. Die Liebe! Ei, und welche Liebe? fragte der nicht wenig erſtaunte Paſtor. Auguſte ward von dieſer Frage unbeſchreib⸗ lich uͤberraſcht. Die Roͤthe verſchwand von ihrem Geſicht, ihr Auge erhob ſich, um den Pfarrherrn verwundernd anzuſehen; ihr Buſen horte, wie erſchrocken, auf zu wallen; ihre 35 Hand gleitete vom Herzen ab, und ſank an ihrer Seite nieder— Doch bald faßte ſie ſich wieder. Sie ergriff kindlich ſeine Hand, kuͤßte dieſelbe und ſtockte: Die Liebe zu Ihnen. Mein liebliches Kind, antwortete der Pa⸗ ſtor, das geht nicht. Ich habe mirs, uͤble Nachreden zu vermeiden, zum Geſetz gemacht, jedes Jahr nur hoͤchſtens Ein Baͤumchen von meiner lieben Beichtjugend anzunehmen. Auf dies Jahr bin ich ſchon verſorgt. Ich nehme Boͤrnern ſeins an. Ich habe ja nicht gewußt, daß du, liebes Kind... Ach, Sie haben mir ſeit dem Tode meiner Aeltern ſo viel Liebe bewieſen! Sie gaben mir die Verlornen in meinen † flegeaͤltern wieder— Sie haben... Gut, mein Guſtchen! ſo pflanze dein Baͤumchen dem Pflegevater. Er hat's verbeten; er hat mir ausdruͤck⸗ lich befohlen, es Ihnen zu pflanzen. Sie, ſagt er, haͤtten mein Herz gebildet; ſie ver⸗ dienten— Nein, nein! Es geht nicht— Wenn ich nur ſonſt wuͤßte... 36— Ich wuͤßte wol— Wenn Sie mirs nun einmal abſchlagen muͤſſen— Ich wuͤßte wol— Ja, ſo blieb es in der Freundſchaft— Wie denn? Wie denn ſo? Ich pflanzte das Baͤumchen... Wem denn? ſag' doch, wem, mein gutes Guſtchen? Ihrem— Herrn— Sohne! Meinem— Herrn Sohne?— Hm hm! — Sol— Er wendete ſich von Auguſten hinweg, trat an das Fenſter, ſahe gen Himmel— Eine Thraͤne rollte an ſeinen Wangen herab— Meinem Karl? Hm hm! Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey, ſprach er ganz leiſe vor ſich hin, und faltete die Haͤnde— Du willſt ihm eine Gehuͤlfin ſchaffen, die um ihn ſey! Auguſte ſtand im banger Erwartung da— Gut, meine Tochter! wendete der Paſtor ſich wieder zu ihr. Ich nehme dein Anerbieten an; ich genehmige dein Thun. Was fuͤr ein Baͤum⸗ chen willſt du denn pflanzen? 37 Freude lachte aus Auguſtens Zuͤgen allen, Freu⸗ de druͤckte ſich in allen ihren Bewegungen aus. Einen Akazienbaum, antwortete ſie. Und wohin? Sie wiſſen, vorm Jahre pflanzte mein Bruder Ihrem Herrn Sohne aus Dank barkeit auch eine Akazie. O, ich denke, mein Sohn wird einen tüch⸗ tigen Oekonomen aus ihm ziehen! Nun, und ſein Baͤumchen— 2 Es ſteht, wie Sie wiſſen, an der einen Seite des Laubeneingangs, der gleich unter dem Fen⸗ ſter Ihres Herrn Sohnes in das Haus fuͤhrt. An der andern Seite waͤre nun wol ein recht ſchoͤnes Plaͤtzchen fuͤr noch einen Baum. Dahin wollt' ich den meinigen pflanzen. Gut, gut, mein Kind! ſo wollen wirs machen! ſagte der Paſtor, druͤckte ihr freund⸗ lich die Hand, kuͤßte ſie auf die Stirn, und ſandte ſie hinunter. Charitas! meine traute Charitas! rief er in die anſtoßende Wohnſtube, biſt du fertig?— Komm aber erſt einen Augenblick zu mir!— Die Frau Paſtorin trat, heitern Muths 38 und fein gekleidet, in die Studierſtube, und griff zu, dem Papa die Halskrauſe zu ordnen, als womit er eben nicht ohne Muͤhe beſchaͤftigt war. Hoͤre, liebe Frau, begann der Paſtor in einem Gemiſch von Ruͤhrung und Luſtigkeit; weißt du nichts Neues? von Karln naͤmlich— verſteh' mich wohl! Von welchem Karl? Von einem gewiſſen Oekonomen Karl, der drunten, am Ende des Dorfs, das hüͤbſche Guͤtchen hat— da, an der Wolfersbach— dem Herrenhofe gegenuͤber— Ei Papa, wie koͤmmſt du mir denn vor? Von unſerm Karl ſprichſt du! und ſo ſpaß⸗ haft— Von unſerm Karl, ſiel der Paſtor ein, ohne aus dem Tone zu kommen— und vom Herrenhofe, auf dem ein Pachter iſt, und der Pachter hat eine Pflegetochter— ei, eine ſchoͤne, ſchoͤne Pflegetochter, und die pflanzt heute... Aus was fuͤr einer Urſache? Sag' einmal, Mamachen— Aus Liebe! 39 Betroffen, Mamachen! Sie pflanzt aus Ljebe... Aber woher weißt du denn das? Soll ich dir auch ſagen, wem ſie ihr Baͤum⸗ chen pflanzt? Nun? Unſerm Karl. Charitas! Du haſt uns behorcht— und das iſt nicht erlaubt— Behorcht? Warum nicht gar! Wenn ich mich putze, da hab' ich keine Zeit zum Hor⸗ chen— da hoͤr' ich und ſeh' ich nicht— Woher haſt du denn aber deine authenti⸗ ſchen Nachrichten? So aus mir ſelber. Sie ſind Fruͤchte des Nachdenkens uͤber ſo manches, das neuerlich vorgefallen und hinter deinem Ruͤcken geſche⸗ hen iſt. Schoͤne Dinge muß ich hoͤren! Sie kommen noch ſchoͤner, wenn du ſie hoͤ⸗ ren willſt— Aber wir muͤſſen wol fort. Ein Viertelſtuͤndchen haben wir ſchon noch Zeit. Wir ziehn ja erſt nach drei Uhr aus. So hoͤre denn. Unſer Karl hat ein ſtarkes Auge auf Auguſten. 40— Ein ſtarkes Auge? Ich kann's ihm nicht verdenken. Aber ſie auch auf ihn! Ich verdenk' es ihr eben ſo wenig. Mamachen, da bekomm' ich dir einmal ein bildſchoͤnes Paͤrchen zu trauen— Aber, ſo erzähle doch weiter! Hat er ſich denn ſchon entdeckt? 1 O ja! Nun, hat ſie Ja gefagt? Bewahre! Sie weiß ja nichts. Wie kommſt du mir aber vor, Mama? Die Viertelſtunde wird vergehen, und ich wer⸗ de nichts Ordentliches erfahren. Ich frage: Hat er ſich entdeckt? und da antworteſt du: Ja? Ganz recht! Mir hat er ſich entdeckt; Au⸗ guſten nicht. Ja ſo!— Karl hat ſie doch das ganze Jahr, da ſie in der Stadt in Penſion geweſen, nicht geſe⸗ hen, und ſie hat ſich in dieſem Jahre außer⸗ ordentlich gebildet. Als er ſie an Faſtnachten das erſtemal wiederſieht, da iſt ihm grade ſo, wie es, einer alten Sage zufolge, dir geweſen ſeyn ſoll, als du mich zum erſtenmale erblick⸗ — 41¹ teſt— Er ſtutzt, er fuͤhlt, er liebt— Von nun an macht er ſich dang und wann ein Be⸗ helfchen zu Pachters, und iſt ſo viel als moͤglich um Auguſten her, huͤtet ſich aber, ihr von ſeinem Stutzen und Fuͤhlen und Lieben ein Wort zu ſagen, wiewol es, beſonders das Lieben, mit jedem Mal ſehen ſo zunimmt, daß es ihm faſt das Herz zerſprengt. Ei, der wunderliche Menſch! Ich haͤtte doch— 3 So? Grade in der Praͤparationszeit vor Oſtern? Nein! Karl, mein lieber Karl ſchwieg, und wartete auf eine ſchicklichere Zeit. A— h Allen Reſpekt! Es bringt freilich dem zarten Baume der Religion in einem ju⸗ gendlichen Herzen kein Gedeihen, wenn ihn die wuchernde Pflanze einer erſten Liebe um⸗ rankt. Auch war es gewiß nicht richtig mit Auguſten. Ich erinnere mich, in den erſten Stunden, die ich den heurigen Katechumenen gab, kam ſie mir manchmal ſo zerſtreut vor. Nur erſt, nachdem ich einmal von der Macht und Ge⸗ fahr der Leidenſchaften im jugendlichen Alter, wiewol, verſteht ſich, ohne allen Bezug auf 4²2 Auguſten, mit den Kindern geſprochen hatte, verlor ſich ihr zerſtreutes Weſen. Ich erinnere mich ſogar, daß Auguſte bei einigen eindringli⸗ chen Warnungen, die ich ſo mit einfließen ließ⸗ ſehr weinte. G Aber wahrhaftig, Papa, Karl hatte nicht die mindeſte Schuld. Wie ich dir ſchon ge⸗ ſagt habe, er verſchwieg Auguſten ſeine Liebe. Erſt am erſten Oſterfeiertage, als wir auch Abends bei Pachters waren, hat er ihr gleich⸗ ſam ein vorlaͤufiges, du wuͤrdeſt ſagen, ein metaphoriſches Geſtäͤndniß ſeiner Liebe gethan. Auguſte harte ihn eben vor unſrer Ankunft ge⸗ beten, ihr das Hurkaſche Liedchen: Das waren mir ſelige Tage, auf dem Fortepiano zu ſpie⸗ len und zu ſingen.. Als er an die letzte Zeile: Und ſchiffe durchs Leben mit dir— kommt, blickt er unterm Singen Auguſten in die Au⸗ gen, ſpielt den Baß allein, ergreift mit der rechten Hand ihre linke, druͤckt ſie zaͤrtlich an ſeine Lippen, ſteht auf, und iſt im Begriff, ſie zu fragen, ob ſie ſich wol entſchließen koͤnnte, mit ihm durchs Leben zu ſchiffen: da treten wir herein, und dem armen Menſchen erſtirbt bei unferm Anblick das Wort auf den Lippen. Du wirſt bemerkt haben, daß er den ganzen Abend ſehr traurig, Auguſte aber ſehr vergnuͤgt und aufgeweckt war. Seine Traurigkeit kam da⸗ her, weil er ihr fuͤr ſeine Umſtaͤnde zu wenig geſagt, ihre Luſtigkeit aber daher, weil ſie grade genug von ihm vernommen hatte. Ge⸗ ſtern mußte Karl fruͤh ſchon verreiſen, er konn⸗ te alſo den ganzen Tag die kleine Verliebte nicht ſehen— und heute— kommt ſie ihm auf halbem Wege entgegen. Ob ſie wol heute ſchon mit einander ge⸗ prochen haben? Zuverlaͤßig nicht. Karl iſt ja dieſen Mor⸗ gen erſt zuruͤckgekommen und vor einer halben Stunde nur von uns wieder nach Hauſe gegan⸗ gen— Heut Abend aber, ſagte er mir vor⸗ hin, wollt' er ihr gewiß ſein Herz entdecken. Charitas, ich bin recht ſeelenvergnügt! Aber es hat drei Uhr geſchlagen. Ich muß hinunter.— Er fand die Alten und die Jungen mit ih⸗ ren Baͤumchen ſchon in Ordnung geſtellt. Der Zug ging durch den Pfarrgarten, aus wel⸗ chem man auf einen großen, mit Buchen um⸗ kraͤnzten freien Platz kam, wo ſich die Ge⸗ meine verſammelt hatte, und einen halben Zirkel bildete. In der Mitte war der Dorf⸗ kantor mit ſieben Chorſchuͤlern aus der benach⸗ barten Stadt, und acht Hautboiſten von der daſelbſt befindlichen Garniſon. So wie die Kinder aus dem Pfarrgarten traten, blieſen die Hautboiſten die ſchoͤne Melodie von Kotze⸗ luch zu dem Meßgeſange: Wir fallen vor dir nieder; und die Chorſchuͤler ſangen folgendes kurze Liev, vas ver Paſtor vor einiger Zeit jener Muſik untergelegt hatte. Wir pflanzen ſunge Baͤume Mit Sott ins Freie hin; Daß er ſie nicht verſaͤume, Verduͤrgt ſein Vaterſinn. Sie werden uns durch Bluͤten Und Laub und Duft erfreun; Sie werden Fruͤcht' uns bieten, Und unſre Naͤhrer ſeyn. — 43 So tritt mit regem Streben Aus engem Vaterhaus Mit Gott ins freire Leben Die Jugend auch heraus⸗ Ihr Toͤchter, und ihr Soͤhne, Seid euern Baͤumen gleich! Vereint das Gut' und Schoͤne, So lang ihr lebt, in euch. Nach dieſem Geſange hielt der Paſtor eine kleine Anrede an das Volk, worin er im All⸗ gemeinen die ſchoͤnen Bewegungsgruͤnde nann⸗ te, aus welchen die Baͤumchen dießmal von der pflanzenden Jugend geſetzt wuͤrden, und der Richter machte bekannt, wie die jungen Baumpflanzer nach einander den Zug anfuͤhren ſollten, und welche Baͤume ſie pflanzen wuͤr⸗ den— Wem zu Ehren? das wurde, der Ueberraſchung wegen, von welcher der Paſtor ein großer Freund war, nicht bekannt gemacht. Der junge Boͤrner machte den Anfang. Er ſtellte ſich mit ſeiner Goldreinette an der Hand des Cantors vor das Muſikchor, dem Muſtkchor folgten die uͤbrigen ſechs Kinder, 46— den Kindern der Paſtor, dem Paſtor die Kirch⸗ vaͤter und Gerichten, und dieſen endlich die gan⸗ ze Gemeine. So ging der Zug unter einem ernſten Marſche nach der Pfarrallee, und in die⸗ ſer bis an den letzten Baum. Als dieſem gegenuͤber von den Kirchvaͤtern das neue Baͤum⸗ chen eingeſetzt war, dankte mit einem Kuß und Haͤndedruck der geruͤhrte Paſtor dem jun⸗ gen Pflanzer, und Chor und Gemeine ſpielten und ſangen das Gewoͤhnliche: Dem Juͤngling Heil, der Gutes ſchafft! Er grub ein Baͤumchen ein, Dem giebt die Erde Kraft und Saft, Der Himmel das Gedeihn. Jetzt ging der Zug auf die vorige Art un⸗ ter der Anna Hegerin Anfuhrung nach einem Gemeineplatze mitten im Dorfe, in deſſen Mitte ein Teich beſindlich war. Ihr Flieder⸗ baͤumchen ward der Erde anvertraut, und der Paſtor rufte den Richter auf, daß er ihr im Na⸗ men der Gemeine, als welcher Anna ihre Gabe gewidmet hatte, den ihr gebuͤhrenden Dank abſtatten moͤchte. Der Richter that — 47 weiter nichts, als daß er ſeinen Hut ſchwenk⸗ te, und mit lauter Stimme ausrief: Anna Hegerin ſoll leben! Vivat hoch! Die ganze Gemeine wiederholte in froher Stimmung das Vivat, und ſang: Dem Maͤdchen Heil, das Gutes ſchafft! ꝛc. Die Zwillingsgeſchwiſter Heinrich und Heu⸗ riette Muͤller nahmen nunmehr Anna's Stelle ein, und fuͤhrten den Zug vor das Haus ihrer Aeltern. Zwei große Linden ſtanden vor dem⸗ ſelben, deren eine unter dem Namen der Va⸗ terlinde, die andre unter dem, der Mutter⸗ linde, im Dorfe bekannt war. Vor beiden war Raum genug zu noch einem Paar Baͤumen; dieſen Raum waͤhlten die Zwillinge fuͤr ihre Baͤumchen. Heinrich pflanzte ſeines vor die Vaterlinde, Henriette das ihrige vor die Mutterlinde. Als ſie fertig waren, draͤngten ſich Vater und Mutter aus dem Volke zu ih⸗ ren Kindern. Du haſt alſo mir, und nicht der Mutter zu Ehren deine Linde gepflanzt? ſagte der Alte zu Heinrich, und trocknete ſich die Augen. Ja, Vater, antwortete Heinrich, den Hals, und ſchluchzte: Ja, liebe Mutter! 48 und reichte ihm die Hand, in welche der Alte herzlich einſchlug. Und du, Henriette, rief die Mutter, gabſt dein Baͤumchen nicht dem Vater, ſondern mir? Henriette fiel ihr um Wie ſoll ich das aber verſtehen, mein Hein⸗ rich? fragte die Mutter bedenklich— Jal! wie ſoll ich das verſtehen, Henriette? nahm der Vater das Wort, und ſchuͤttelte nun auch mit dem Kopfe. In dieſem Augenblicke fuͤhlte der Paſtor, daß er den Kindern nicht ganz gut gerathen hatte. Die Aeltern, merkt' er wohl, beſchul⸗ digten im Herzen beide ihre Kinder des Un⸗ danks. Der Vater glaubte fuͤr ſeine größere Liebe gegen die Tochter von ihr, die Mutter fuͤr ihre Vorliebe fur den Sohn von ihm das Baͤumchen fordern zu können— Der Paſtor half ſich, ſo gut er in der Geſchwindigkeit konnte. Er reichte jedem von den Alten eine Hand, und ſagte, ſie ſanft zu ſich ziehend: Alſo ſollt ihrs verſtehen, ihr lieben Leute! Wer ſein Kind lieb hat, der haͤlt es unter der Ru⸗ the, ſagt die heilige Schrift. Hatte Vater — 49 Muͤller den Sohn ſo lieb, als die Tochter, und hatte die Mutter dieſe ſo lieb, wie jenen; ſo wur⸗ den ſie beide verzogen. Der Ernſt des Vaters gegen den Sohn, und die Strenge der Mutter gegen die Tochter machte wieder gut, was ihrer beider Vorliebe verdarb— Der Vater hat alſo den Sohn im Grunde lieber gehabt, als die Tochter, und die Mutter die Tochter lieber, als den Sohn. Folglich gebuͤhrt der Mutter das Baͤumchen von jener, und dem Vater das Baͤumchen von dieſem. Uebrigens, ihr Nach⸗ barn und Freunde, heißen dieſe neu gepflanz⸗ ten Baͤume kuͤnftig die Zwillingslinden. Die Alten herzten und kuͤßten ihre Kinder eins um das andre, und die Gemeine ſang: Dem Juͤngling(dem Maͤdchen) Heil! ꝛc. Suſanne Paͤhriſchin füͤhrte hierauf die Ge⸗ meine in ihres Großvaters Garten, um hier das Franzbirnbaͤumchen zu pflanzen, das ſie fuͤr ihre Trauerweide aus der Pflanzſchule des Pfarrers erhalten hatte. Der Alte war nicht im Zuge. Ein Aufall von Gicht am Fuße noͤ⸗ thigte ihn, das Bette zu huͤten. Die Nach⸗ Selene XII. Heſt⸗ 4 50— richt, daß ſeine Enkelin dem Andenken ihrer verſtorbenen Mutter nicht eine Trauerweide auf ihrem Grabe, ſondern einen Obſtbaum in ſei⸗ nem Garten, da, wo ſie als Kind geſpielt hatte, pflanzen wollte, machte einen ſo guͤn⸗ ſtigen Eindruck auf den Alten, daß er ſich ploͤtz⸗ lich von ſeinem Uebel befreit fuͤhlte, und wie ein junger Burſche in den Garten hinunter ſpringen konnte. Er kam eben dazu, als das Baͤumchen eingeſetzt ward. Er fſiel ſeiner En⸗ kelin um den Hals. Das iſt recht, das iſt recht von dir, mein Suschen! rief er aus. Hier ſpielte als Kind deine ſeelige Mutter; hier pflanzte ſie mir dieſen Baum, als ſie zum erſtenmal zum heiligen Abendmal gegangen war; hier unter dieſem Baume gab ſie deinem guren Vater ihr Herz, den erſten Kuß und ihre Hand; hier hat ſie oft deinen kleinen Spielen zugelaͤchelt— Hier neben dieſem Baume ſteht dein Baͤumchen zu ihrem Andenken am beſten. Ich danke dir! Ich danke dir! Sieh nur, wie vergnuͤgt ich bin. Ich habe vor Freude mein Reißen verloren. Ich wollte gleich tanzen.— Er hob wirklich ſchon die Beine: aber der Pa⸗ ſtor ließ es nicht zum Tanzen kommen. Er winkte und der Chor ſiel dem Alten ins Wort und in die Beine, und ſang: Dem Maͤdchen Heil! ꝛc. Jetzt trat Jonathan NRuͤdiger vor den Zug, und fuͤhrte ihn, ſtolz um ſich herſehend, bis an das Ende des Dorfes, wo das Haͤuschen des Hirten einzeln lag. In einiger Entfernung der Wolfersbach weidete dieſer die Schafe; ſein Sohn David war bei ihm, und las in einem Buche. David, Bruder David! ſchrie ihm Jonathan zu; wirf dein Buch weg, und komm heruͤber und hilf!— Kein Menſch, wendete er ſich an die Maͤnner, die ihm bei der Pflan⸗ zung ſeines Baͤumchens beiſtehen wollten; kein Menſch ſoll mir helfen, als Bruder David. Dir, David, ſagt' er zu dieſem, der indeßen herbeige⸗ ſprungen war, und voll Verwunderung daſtand; dir ſchenk' ich mein Gottestiſchbaͤumchen. Da, halt's, derweil ich grabe. Du haſt mir das Leben gerettet. So lang du von dieſem Bau⸗ me eſſen wirſt— und er wird mit Gottes Huͤlfe recht ſchoͤn tragen, und du ſollſt und 5²2 mußt recht lange davon eſſen— ſo denk' an mich, und daß ich ein dankbares Herz im Lei⸗ be trage. Und warre nur: wenn ich einmal mein eigner Herr bin— Ich werd' einmal, ſluͤſtert' er ihm zu, wenn ich muͤndig bin, ein reicher Mann— Ließ nur immer recht fleißig in Buͤchern. Ich laſſe dich ſtudiren, zu einem großen Gelehrten laß' ich dich ſeudiren!— Das Baͤumchen war gepflanzt, und Da⸗ vid fiel vor demſelben auf die Knie, ſahe bald Jonathan mit klaren Augen an, blickte bald die Haͤnde faltend gen Himmel. Jonathan wollt' ihn aufheben, ſtreichelte ihm die Wan⸗ gen, kuͤßte ihn— Es war eine allgemeine Ruͤhrung, ein faſt allgemeines Freudeweinen. Man hoͤrte nur wenige Baß⸗ und Tenorſtim⸗ men mit ſingen, als das: Dem Juͤngling Heil! ꝛc. angeſtimmt ward. Wer unter allen am wenigſten Theil an dieſer Scene genommen hatte— ſollte man es glauben?— war Auguſte. Verzeihen wir es ihr. Ihr Herz war zu ſehr mit ihren eigenen ruͤhrenden Angelegenheiten und mit den ihr be⸗ vorſtehenden Auftritten beſchaͤftigt. Es war ihr, als ob ſie aus einem ſuͤßen Traume er⸗ wachte, als ihr der Paſtor zurief, ſich an die Spitze des Zuges zu ſtellen. Die hoͤchſte Roͤ⸗ the uͤberflog ihr Geſicht bei dem erſten Schrit⸗ te, den ſie nach ihres Geliebten Wohnung that; beim zweiten erblaßte ſie, beim drit⸗ ten bebten ihr die Glieder. Ein Gluͤck, daß ſie bis an die Stelle, wo ihr Baͤumchen ge⸗ pflanzt werden ſollte, etwa uͤberhaupt nur funfzig Schritte zu gehen hatte. Ganz er⸗ mattet lehnte ſie ſich an ihres Bruders Aka⸗ zienbaum vor des Geliebten Wohnung, und zeigte mit niedergeſchlagenen Augen auf die Stelle gegenuͤber, wo der ihrige, den ihr ei⸗ ner der Alten abnahm, eingegraben werden ſollte. Es entſtand in dem halben Kreiſe, den die Gemeine um ſie her gebildet hatte, ein Gemurmel, theils von den Fragen, die man ſich that: warum dem Sohne? warum nicht dem Vater? warum nicht den Pflegeaͤltern? theils von den herzlichen Gluͤckwuͤnſchen, oder den neckenden Anmerkungen, womit die, wel⸗ 54 che dem jungen Manne zunaͤchſt ſtanden, ihn uͤberhaͤuften. War Auguſte in großer Verlegenheit, ſo war es dieſer nicht minder. Jedoch er faßte bald ein Herz, und zog ſie und ſich dadurch auf einmal aus derſelben, daß er ſich durch das ihn umgebende Getuͤmmel draͤngte, ſich ihr mit heitrer, unbefangener Miene naͤherte, ihre Hand, die ſeinen ſanften Druck zitternd erwiederte, in der ſeinigen hielt, und ihr mit lauter Stimme fuͤr den Beweis, den ſie ihm von ihrer Freundſchaft und— was er aber nur ihr hoͤrbar hinzufuͤgte— und von ihrer Liebe gegeben, dankte. Auguſte wollte ihm etwas erwiedern, allein die Stimme verſagte ihr. Hand in Hand ſtand das bildſchoͤne Paͤr⸗ chen da, und ſah ſtillſchweigend der Einpflan⸗ zung des Baumes zu. Nur einmal fluͤſterte Karl ihr zu: Auguſte, ich liebe dich. Du haͤlſt meine Hand, du beſitzeſt mein Herz— Und Augnſte erwiederte eben ſo leiſe: Tauſend Dank fuͤr dies ſchoͤne Geſchenk. Ach! es war mein ſehnlichſter Wunſch! Ich bin ewig dein. Der Paſtor hatte gleich anfangs ſeiner 55 Charitas einen Wink gegeben, daß ſie waͤh⸗ rend der Ceremonie Auguſtens Pflegeaͤltern das Verſtaͤndniß eroͤffnen moͤchte, indeſſen er das junge Völkchen beobachten wollte. Da Augu⸗ ſte ſchon Abends vorher das ihnen nicht unwill⸗ kommene Geſtaͤndniß ihrer Liebe gethan hatte; ſo ward ihr das uͤbertragene Geſchaͤft eben ſo leicht, als dem alten Herrn das Beobachten. Sie naͤherte ſich dieſem nebſt den Pflegeaͤltern⸗ als das Baͤumchen eingeſenkt war. Papachen, laͤßeſt du nicht ſingen? fragte ſie. Alles rich⸗ tig! ziſchelte ſie ihm in die Ohren. Nun ſo ſingen wir denn zum letztenmal fur heute, rief der Paſtor mit lauter Stimme, und intonirte ſelbſt: Dem Maͤdchen Heil! u. ſ. w⸗ Dem Geſange folgte des Paſtors gewoͤhn⸗ liches Schlußwort, wie er es nannte, an die Gemeine, welches dießmal eine kurze Betrach⸗ tung uͤber die Heiligkeit der Baͤume enthielt; und die Gemeine ging aus einander zu den klei⸗ nen Familienfeſten, zu welchen die Baumpflan⸗ zung in Wolfersdorf am dritten Oſterfeiertage jedesmal Gelegenheit gab. ——— Das froͤhlichſte dieſer kleinen Feſte ward wol diesmal in Karls Hauſe gefeiert. Noͤthi⸗ ge ſie hereinzukommen, auf daß dein Haus voll werde! ſagte der ſeelenvergnuͤgte Vater, und der noch rauſendmal vergnuͤgtere Sohn gehorchte. Kari ergriff Auguſtens Hand und ſagte zu ihr: So komm denn, liebes, theures Maͤdchen, in dein kuͤnftiges Haus! Und— Her⸗ ein! rief der Paſtor zu den Pflegeaͤltern und zu ſeiner Charitas: Herein, in das Haus un⸗ ſrer gluͤcklichen Kinder! Karl und Auguſte wurden an dieſem Tage der Baumpflanzung verlobt, im folgenden, ein Jahr darauf, feierten ſie ihr Hochzeitfeſt, und am dießjährigen brauchten ſie fuͤr ein hol⸗ des Maͤdchen, das vielleicht nach funfzehn oder ſechszehn Jahren, wie einſt ſeine Mutter, ebenfalls einem huͤbſchen jungen Manne, wie ihr Vater iſt, ein Akazienbaͤumchen pflan en wird— Gevattern. Karl Seyfried. Das Blumenfeſt der Neu⸗Griechen. Chor. Eine farbige Blumenwelt Iſt der Staubgebornen Loos, Mitgefuͤhl ihr Buſen enthaͤlt, Troͤſtung entweht dem duft'gen Schooß. Einzelne Stimmen. I. Glaͤnzende Lilien dem Pfad entbluͤhn Des Herzens, welchem die Unſchuld theuer; Zwiſchen der Liebe Mirtengruͤn Verſchlingt ſich die Roſe zur Hochzeitfeier. 2. Wenn in die Ferne Geliebte ziehn, Vergißmeinnicht die Trauernden bindet; Hoffnung mit lichtem Blaͤttergruͤn Der Zukunft Iſisſchleier umwindet. 63— 3. An dem Grabmal duftet Die Blume ſtiller Ruh, Und dunkler Rosmarin ſchließt ſtill Den Kranz des Lebens zu. Chor. Wie ſpielet der Blumen Irisbogen So friſch in das Jugendleben hinein! Im großen Ring der Liebe gezogen, Wie gattet ſich wechſelnd ihr Farbenſchein! Einzelne Stimmen. I. Wie ſpruͤhen in des Juͤnglings Geiſte Funken Von Thaten und Hoffnung fuͤr Wirklichkeit! Wie wandelt er im Morgenglanze trunken, In alter Zeiten Fabelwelt verſunken, Durch lichte Reiche der nendlicheeit, Lorbern reicht ihm Sein Geſchick: Iſt, das Gluͤck Nicht der feurigen Jugend Braut? 8662. Es neigt ſich zu des Maͤdchens Blumenwangen Der Juͤngling mit entflammter Schwaͤrmerei; Ein neuer Stern iſt in ihm aufgegangen, Ein ſchoͤner Traum hat ſeinen Geiſt umfangen, Es ſaͤuſelt lieblicher der holde Mai. Lippenbluͤten Sind die Kuͤſſe: O genieße, Ch' ihr Zauber dir verſchwindet! 2 3. Die Blume bleicht nach ihrer ſchoͤnſten Bluͤte, Die Nachtigall verſtummt, der Mai entflieht; Ach einſam, weich und weh wird's im Gemuͤthe, Wie nach dem ſchoͤnen ausgeſungnen Liede, Wenn Jugend und Liebe ſind verbluͤht. Jugend und Liebe, Hochſtes Leben⸗ Deinem Entſchweben Weinet der Wehmut Floͤte nach. Ehor. Waltet nicht ein gleiches Loos Ueber dem Leben und der Bluͤte? 60 Sie erſchuf Ein Mutterſchoos, Daͤmmernd umhuͤllt er einſt das Mude. Einzelne Stimmen. I. Es oͤffnet die Blume die freundlichen Augen, Die Strahlen des himmliſchen Lichtes zu ſaugen: Des Menſchen Herz Vergißt den Schmerz, Wenn Frohſinn und Frende im Schweben Suͤßſtimmig begruͤßen das Leben. 2. Stiller wird's im Lebensgarten Nach der Jugend Bacchanale; Zuͤchtig holde Frauen warten Bei dem laͤndlich frohen Male, Auf dem weißen, zarten Arm das Kind. und die Zuͤge, die ihm theuer ſind⸗ Gruͤßt der Mann mit frohem Blick; Dankt dem guͤtigen Geſchick, Das ihn zur Exwaͤhlten hat gezogen Aus der Leidenſchaften wildem Wogen. 61 3. Blumenkrone, Farbenſchimmer, Sinkt dahin in leichte Truͤmmer, Doch den Saamen birgt das Mutterland: Still im kuͤhlen Sand Schlaͤft, wie Blumenſtaub, das weiche Herz; Himmelwaͤrts Schwebt der Geiſt zum heimatlichen Land. Chor. Im Abendhauche leiſ' und kuͤhl Faltet ſich ſtill die Blume zu; Der Menſch am ſchoͤn errungnen Ziel Reiche mit Hoffnung die Hand der Ruh. Karl Beſſeldt. — 6²2 Fragmente. I. Fuͤr den Mann, der die Welt und die Men⸗ ſchen kennt, wird das aufmerkſame und fortge⸗ ſetzte Studium der Geſchichte zu einer lehrreichen Sammlung von Formeln, welchen er nur be⸗ ſtimmte Zahlen unterlegt, um ſich Aufſchluͤſſe oder Beſtaͤtigung von Aufſchluͤſſen zu verſchaffen. Bei der Anwendung dieſer Rechnungsweiſe findet er nun, daß viel Neues— und wieder gar nichts Neues unter der Sonne geſchieht. Er ſieht ſich um in einer Welt von Erſcheinun⸗ gen, die, unter andern Geſtalten, ſchon vor⸗ uͤbergeſchwunden ſind, und wieder voruͤber⸗ ſchwinden, um, anders modificirt, auf anders modificirte Menſchen, zu einem großen End, zwecke, den wir nicht wiſſen, ſondern nur ah⸗ nen und verehren koͤnnen, zu wirken. Je tiefer wir in die Geſchichte eindringen, deſto mehr ſind wirblind — ſagt ein Kenner, der ſich ſelbſt in dieſem 03 weiten Felde mit Gluͤck verſucht hat. Je tie⸗ fer— koͤnnte man dagegen ſagen— wir in die Geſchichte eindringen, deſto heller ſe⸗ hen wir. Vorausgeſetzt naͤmlich: daß nicht etwa die wahre Geſtalt der Gegenwart durch Unwiſſenheit, Sorgloſigkeit, Stolz u. ſ. w. verborgen ſey.— 2. Schwer iſt es allerdings, in Zeiten, wie z. B. die Zeiten der Ligue waren, mit hellem und feſtem Blicke in das Gewirre der Bege⸗ benheiten, in das Chaos der Meinungen, in den Kampf mannigfaltiger Leidenſchaften, in den Widerſtreit entgegengeſetzter Wuͤnſche und Erwartungen, zu ſchauen; ſchwer iſt es aller⸗ dings, und nur Wenigen verliehen. Erleichtert wird es um vieles, wenn man nur darauf achtet, was Menſchen zu vereini⸗ gen oder Menſchen zu trennen geeignet iſt. Waͤre nur nicht auch dieſes ſo ſchwer, und ſo mancher Täuſchung ausgeſetzt!— Nur zu vielfaͤltig traͤgt Manches den Schein des Mit⸗ 4 64— tels zu Vereinigung, was es doch gar nicht iſt; und wieder zeigt ſich Manches als Aufloͤ⸗ ſung und Trennung, was doch allein unauf⸗ loͤslich und auf immer vereinigen kann. Was hilft hier unterſcheiden?— Beobachtung mit Beſonnenheit,/ und ruhiges Erwarten der Ent⸗ wickelung— ſollte auch dieſe der Ungeduld noch ſo lange zu zoͤgern ſcheinen. Woher aber dieſe Ruhe, bis die Entwickelung herankoͤmmt? Schwerlich aus einer andern Auelle, als gerade aus der, welche der Stolz des Menſchen verſchmaͤht, und zu welcher er doch— fruͤher oder ſpaͤter zuruͤckkehren muß, wenn ihm wirklich beſſer werden ſoll. — 3. Saat. Freundliches, lehrreiches, Geiſt und Herz erhebendes Bild des biedern, fleißigen Land⸗ manns, der unter dem ſeegensreichen Einfluß der aufgehenden Sonne ſeinen Saamen aus⸗ ſtreut! Immer ſollſt du mir vorſchweben; zur 63 ſteten Erinnerung, daß es Pflicht fuͤr mich iſt, auch meinen Beitrag zu der kuͤnftigen Erndte des Guten zu liefern! Mag es denn nur ein Korn, nur ein klei⸗ nes Koͤrnchen ſeyn, was ich liefere: genug, wenn ich nur nicht ganz zuruͤckblieb!— Und faͤllt auch das unbemerkte Koͤrnchen auf einen undankbaren Boden, wo es ganz verloren zu ſeyn ſcheint: vielleicht fand es doch irgend einen Steinriß, der ihm einen kleinen Raum fruchtbarer Erde darbietet, und es geht dennoch auf, und miſcht ſeinen Ertrag unter den Reichthum des Jahres. Was liegr, bei der künftigen Ernte, dem Benutzer daran, wenn er auch nicht unterſcheiden kann, wer jenes Koͤrnchen mit ausgeſteckt hatte?— Gera⸗ de nicht mehr, als an der Unterſcheidung eines jeden einzelnen Regentropfens, der ſeinen Acker befruchten half. Von dieſem wird eingeernd⸗ tet: nach jenem fragt niemand mehr, und kann niemand fragen, weil er ſich nicht von andern unterſcheiden ließ. Selene XII. Heſt. A 66 . 4. Labradorſtein oder Schillerſpat. (Min. Syſt. von Wallerius; im Ausz. v. Leske, I. 210.) Bekanntlich hat dieſer merkwuͤrdige Stein eben nichts Auszeichnendes fuͤr das Auge, ſo lange der Blick in gerader Richtung darauf faͤllt: wird er aber unter ſchiefen Winkeln be⸗ trachtet, wie erſcheint er alsdann ſo ganz ver⸗ ändert! Er zeigt uns dann ein liebliches Spiel mit Farben; und gerade mit den Farben, die vorzuͤglich gefallen, aufmuntern, erheitern.— Was waͤre wol ſein Gegenbild in der geiſtigen Welt?—— Wahrheit— Tu⸗ gend— Verdienſt.— 5. Loxodromiſche Linie. Kann doch der Aufmerkſame, der Beſon⸗ nene, kaum einen Schritt im Leben thun, ohne irgend einem bedeutenden Bilde des Lebens zu begegnen!— 6— —ᷣP:— 1 Meine doch niemand, er gehe einen graden und voͤllig den kuͤrzeſten Weg! Auch der Menſch, der es am ſicherſten meint, der mit dem gleicheſten und feſteſten Sinne darnach ſtrebt: in einer Kruͤmmung windet ſich dennoch ſein Pfad! doch nur auf Umwegen naͤhert er ſich dem Ziele ſeiner Bahn! dennoch beſchreibt dieſe— ihm unbewußt— eine loxodromiſche Linie.— Freilich iſt hierbei noch ein Unterſchied; und zwar ein ſehr bedeutender Unterſchied.— Fuͤr die loxodromiſche Linie ſind ihre beiden Punkte beſtimmt: dem Menſchen iſt der End⸗ punkt der ſeinigen— wie ihr erſter— ein Geheimniß, in welches einzudringen er ſich umſonſt bemuͤht.—. Ahnen kann er es jedoch: und wohl ihm, daß er dieſes vermag!— Sie werde nur recht lebendig in ſeinem Innerſten, dieſe Ahnung; und ſie wird— Anbetung und Dank.—— ¼ 1 68 Lied des Maäaͤdchens. Sol ich ringen, ſoll ich ſchmachten, Und der Sieg mich ewig fliehn? Willis hab' ich Herz und Leben, Alles willig ihm gegeben; Doch er will es nimmer achten, Schwaͤrmt umher mit leichtem Sinn, Und vergißt mein Schmachten! Soll ich ſchmachten, ſoll ich flehen, Und das Wort dem Sturm vertraun? Wie ſie Liebe mich gelehret, Hat er Bitten oft gehͤret; Doch verſtummt ſah' ich ihn gehen, Und er flieht, mich anzuſchaun, Und verſchmaͤht mein Flehen! Soll ich flehen, ſoll ich klagen, Und nur Spott zum Lohn empfahn? Seufzer kuͤndeten die Schmerzen, Wie ſie wogen mir im Herzen; Doch er laͤßt es ſo verzagen, Blickt mich bitterlaͤchelnd an⸗ Und verhoͤhnt mein Klagen! Soll ich klagen, ſoll ich weinen, Nie die Thraͤnen trocknen ſehn? Wird er ſie auch kalt belauſchen, Und nicht Lieb' um Liebe tauſchen: Dann, ach, muß ein Gott erſcheinen, Und er ſtrafbar untergehn. Ungeraͤcht werd' ich nicht weinen! 69 70 Kleine Gedichte von Louiſe Brachmann. Die Freie. Heitre bunte Wieſen! Dunkler Haine Kranz! Meine Tage fließen Sanft im Morgenglanz. Meine Freunde bluͤhen Auf der ſtillen Au, Blumenphantaſieen, Hell im Morgenthau. Von den kuͤhnen Hoͤhen Schweift mein Blick mit Luſt; Freie Luͤfte wehen Um die freie Bruſt. Und es ſchmuͤckt mein Leben Froher Lieder Klang, Meinen Pfad umgeben Blumen und Geſang. —— Muͤßt' ich jemals ſcheiden,⸗ Holde Flur, von dir, Ruh und ſanfte Freuden Ließ ich ſcheidend hier. Heitre bunte Wieſen! Dunkler Haine Kranz! Meine Tage fließen Hell im Morgenglanz. 71 Die Liebende. Ihr lieblichen Wieſen, Ihr ſonnigen Hoͤhn: Ich habe den Holden, Den Schoͤnſten geſehn! O Sonne, ſo lieblich Iſt nimmer dein Licht! Ich ſahe ſo Schoͤnes Auf Erden noch nicht! Der Schimmer der Augen, Die ſuͤße Gewalt, Die himmliſchen Zuͤge Der ſchoͤnen Geſtalt: Das zaubernde Laͤcheln Des holden Geſichts— So daͤmmern die Strahlen Des öſtlichen Lichts. O ſag' es nicht wieder, Du rauſchender Bach⸗ Und ſing ihm die Toͤne Der Flote nicht nach! Schon ſenkt ſich der Abend Aufs oͤde Geſild, Doch bleibt mir im Dunkel Sein leuchtendes Bild. Verduͤſtert euch immer, „Ihr Schatten der Nacht Mir leuchtet ein Scimner, Mit himmliſcher Pracht. Die Getrennte. Ich rufe dich vergebens, Du, meines Herzens Ruh; Die Seele meines Lebens, Mein ganzes Gluͤck biſt du. Ich irre bang und weine, Wenn du entfernt mir biſt. Von keinem Sternenſcheine Wird meine Nacht verſuͤßt. Doch nahſt du dieſen Thalen, Dann zieht der Tag herauf, Dann thut der Quell der Strahlen Sich himmliſch glaͤnzend auf. 2 7 Der Scheidende. Himmliſche Schuͤtzer, ihr glaͤnzt, o Dioskuren, dem Laufe Meines Schiffes, und fernt rettend die Stuͤr⸗ me von ihm; Gluͤckliche Bruͤder! ihr wohnt in ſeelger Naͤhe bei⸗ ſammen, Aber mich trennt das Geſchick, ach! von dem Leben,— dem Freund! Maͤdchenſpiele. Maͤochen, welch frevelndes Spiel! Am Licht er⸗ goͤtzt ſich die Kleine; Reicht ihm das Faͤdchen und zieht ſchnell es der Flamme zuruͤck. Liebliches Kind, noch kennſt du ſie nicht, des ſpie⸗ . lenden Feuers Stille Gottheit, die ernſtwaltend den Frevel be⸗ ſtraft; Schone der Haͤndchen nur jetzt, du Schelmiſche! aber als Jungfrau Einſt, mit heiliger Scheu, nahe der hei⸗ ligen Gluth. —— △ Betrachtung. Nina. In es nicht billig, daß wir, wie Sommervögel an Faͤdchen Laßen das freyle Geſchlecht endlich gefeßelt ſich drehn 2 Mirto. Laß uns die Nemeſis fuͤrchten ja doch! ſie flattern ein Wellchen, Aber der Faden zerreißt, aber der Vogel enr⸗ flieht! Maͤnnerliebe. Sie erring' ich, und mein ſind alle Geſchenke des Himmels; Oder ſie haßt mich, und Nacht birgt mir auf ewig das Licht! Du, o friebliche Ruh, nie wirſt du mich fuͤrder begleiten! Dir, Entzuͤcken, und dir oͤffn' ich, Ver⸗ zweiflung, die Bruſt! —— 7 7 Frauenſinn. Darf ich vertrauen dem Gluͤck, dem unendlichen, hohen, ſo werde All mein Weſen ein Hauch ewiger zaͤrtlicher Gluth; Aber vergißt er den Schwur und das treuſte der Herzen, dann loͤſe Saufter, erbarmender Tod, du mir den ewigen Schmerz! Der Saͤnger. Einem Talisman gleicht das Blatt der gefluͤgel⸗ ten Noten; Dunkel, geheimnißvoll, ſtehn ſie, die Zeichen gereiht; Und du gebieteſt, o Zaubrer! du rufſt ſie, die Geiſter, die Toͤne, und aus der Tiefe der Bruſt ſteigen ſie maͤch⸗ tig empor. Himmliſche Zaubergewalt des Menſchen! Doch ganz zu beherrſchen, Ach, wer vermoͤcht' es, der Bruſt furchtbares Geiſtergebiet?— —— —————————ꝛꝛꝛxññ⁄———= ——— ———ÿ— — — — Seelenruhe. An B. N. Wohl, du haſt mit feſter Weisheit Muthe Dir die furchtlos edle Bruſt bewehrt, Daß Verleumdung nie mit deinem Blute Mehr die gift'ge Schlangenſeele naͤhrt; Ruhig darfſt du nun durchs Leben gehen, Nie von feilem Tadel mehr erreicht; Magſt verachtend auf die Kleinen ſehen, Deren Haß in niederm Dunkel ſchleicht. Doch nur Einem magſt du nie enteilen, Einem Angriff nur erliegt das Herz; Stolz und Weisheit nicht vermag zu heilen Jener Wunde heft'gen Flammenſchmerz! Kennſt du ſie, die tiefe Seelenwunde? (Ach dem Herzen iſt ſein Muth entwandt!) Kömmt der Vorwurf aus geliebtem Munde, Koͤmmt der Todpfeil aus geliebter Hand. 79 Am Grabe der Geliebten. Aus dem Franzoͤſiſchen. Hier, wo ich jetzt gern mein Leid verhele, In dem Schatten, wo die Sehnſucht ruht, Hier empfing der Abgott meiner Seele Das Geſtaͤndniß reiner, ew'ger Gluth; Hier empfing den Schwur ſie, der mein Leben, Meinen Willen ihr zu eigen gab— Ach, die Schatten jener Stunde ſchweben Herz durchbohrend ſuͤß auf mich herab! Welches Luͤftchen, das ſo lind' und leiſe, Zaͤrtlich koſend um die Bruſt mir ſpielt, Traurig liſpelt im Cypreſſenreiſe, und ſo mild das wunde Herz mir kuͤhlt? Biſt du es, Geliebte? ſchoͤnſte Roſe? Daß mein Herz ſo heiß entgegen ſchlug? Spielt um mich dein ſuͤßes Liebgekoſe? Laß mir, Gott, o laß den holden Trug! 0—q—— O L Poſt ſeripte. Der Churprinz von Brandenburg, Johann, aͤlteſter Sohn Albrechts von Brandenburg, war ſchon als Knabe(1468) mit einer ſaͤchſi⸗ ſchen Prinzeſſin verlobt, und 1474 ſollte die Vermaͤhlung vollzogen werden, wenn man die Koſten würde beſtreiten koͤnnen. Denn, ſchrieb der Prinz ſeinem Vater— nach⸗ dem mich der Schwiegervater geſehen, hat er gemeinet, ich ſey groß genug fuͤr ein Weib, und ſeine Tochter Margretha waͤre auch groß genug fuͤr einen Mann, und in guter Geſund⸗ heit: drum wolle er ſie uͤberantworten, an welch Ende man's begehre. Allein, wie wir uns ſchmuͤcken, und woher wir's nehmen ſol⸗ len, dann was wir vom Geſtickten haben ſol⸗ len, waͤre nun wohl Zeit, daß ſolches ange⸗ fangen wuͤrde zu machen. Denn wir vermoͤ⸗ gens von dem Unfrigen hierinnen nicht, Ewr. Liebe wohl wiſſentlich. Item, wir ſind in un⸗ ſrer Haushaltung gar geringe verſehen mit Bettgewand, Laken, Tiſchtuͤchern, und allen andern, das darzu dienet, darzu etweniges Geld gehoͤret—— An Silbergeſchirr haͤtten ſie jedoch, ſchreibt er hernach, zwoͤlf ſilberne Löffel machen laſſen; Wein und Hafer ſey aber zur Hochzeit zu ſenden vonnoͤthen,„an⸗ geſehen, daß der Haber in allen Marken nicht gerathen iſt”—— Ohngeachtet dieſer Klagen, dieſer Bitten, und der Sehnſucht der Lieben⸗ den,„kunnt man's doch nicht ausfuͤhren,“ und Braut und Braͤutigam wurden bis 1476 ab und zur Ruhe verwieſen, wo denn endlich ihre treue Liebe gekroͤnet ward.—— Markgraf Johann, Bruder des Kurfuͤr⸗ ſten Joachim II. und Beſitzer der Neumark⸗ (von 1535) ſahe einſt ſeinen geheimen Rath, Berthold von Mandelsloh, an einem Wochen⸗ tage in ſeidnen Struͤmpfen einhertreten. Die⸗ ſe Ueppigkeit uͤbermannte ſein oͤkonomiſches Gemuͤth dermaßen, daß er ihn anließ: Ber⸗ thold, ich hab' auch ſeidne Struͤmpfe; aber ich ziehe ſie nur Sonn⸗ und Feſttags an, zur Eh⸗ re Gottes. Er war uͤbrigens ein eifriger und ſtreuger Reformator, und, wie es ſcheint, nicht zum Selene XII, Heft⸗ 6 32 kleinſten Theil aus demſelben Haß gegen das⸗ was ihm als Ueppigkeit und Verſchwendung erſchien, und wovon er in dem Ceremoniel der aͤltern Kirche, zu ſeiner immerwaͤhrenden Aergerniß, ſo vieles vorfand. Sein Bruder hingegen, der Glanz und Prunk liebte, moch⸗ te dieſen auch beim Gottesdienſte nicht ent⸗ behren, woruͤber denn mancherlei Streitigkei⸗ ten entſtanden, welche die Theologen beider Parteien nicht wenig beunruhigten und in die Enge trieben. Kurfuͤrſt Joachims Probſt, Buch⸗ holzer, dem Sinne des Markgrafen weit mehr ergeben, als dem, ſeines Fuͤrſten, ſchlug vor, die Sache Luther“'n ſelbſt vorzulegen und ſein Gutachten zu fordern— gewiß, Lu⸗ ther, der Freund des einfachen, prunkloſen Gottesdienſtes, werde fuͤr Johanns Weiſe ſtimmen, und ihm, dem Probſt, dadurch das Uebergewicht zuwenden. Der helle, freie, herrliche Martin ſchrieb dagegen woͤrtlich alſo: —— Hieruͤber iſt das mein Rath! So euer Herr, der Kurfuͤrſt will laſſen das Evan⸗ gelium lauter und rein predigen, ohne Zuſatz, und die beiden Sakramente Jeſu Chriſti nach — 88 ihrer Einſetzung reichen und geben: ſo geht im Namen Gottes herum und tragt ein ſilbernes oder goldenes Kreuz, und Chorkappen oder Roͤ⸗ cke von Sammet, Seide oder Leinwand; und hat euer Herr, der Kurfuͤrſt, an einem Chor⸗ rocke nicht genug, ſo zieht ihrer drei an, wie Aaron, der Hoheprieſter, auch drei Roͤcke an⸗ thaͤt, die herrlich und ſchoͤn waren. Haben auch Ihro kurfuͤrſtl. Gnaden nicht genug an einem Umgang oder Prozeſſion, daß ihr um⸗ herzieht, klingt und ſingt, ſo gehet ſieben⸗ mal umher, wie Jaſua mit den Kindern Is⸗ rael vor Jericho thaͤt; und hat euer Herr ja Luſt, ſo moͤgen Ihro kurfuͤrſtl. Gnaden vorher ſpringen und tanzen, mit Harfen, Pauken, Zimbeln und Schellen, wie David thaͤt vor der Lade des Herrn: bin damit ſehr wohl zu⸗ frieden; denn ſolche Stuͤcke, wenn nur Miß⸗ brauch davon bleibt, geben oder nehmen dem Evangelio gar nichts. Doch, daß nur nicht eine Noth zur Seeligkeit, und das Gewiſſen damit zu binden, daraus gemacht werde!— 34— Der beruͤhmte Baco(v. Verulam), den man den Vater und Repraͤſentanten alles deſ⸗ ſen nennen konnte, was je Philoſophie der Englaͤnder geweſen iſt und geheißen hat— Baco war zugleich durch ſein hohes Staats⸗ amt, noch mehr aber durch Gewandtheit des Benehmens und treffenden Witz, bei ſeiner Koͤ⸗ nigin, Eliſabeth, in großem Anſehn, und benutzte die doppelte Gunſt, der Natur und der Monarchin, wo er nur konnte, wohlthaͤ⸗ tig auf Eliſabeth zu wuͤrken. Schon folgende Kleinigkeit ſtellt dies recht gut dar. Ein armer Doktor, Hayward mit Namen, hatte eine Regierungsgeſchichte der Eliſabeth zu ſchreiben und herauszugeben angefangen, wodurch er ſein Gluͤck, und dies um ſo ſiche⸗ rer zu machen gehofft hatte, da er nicht nur die Koͤnigin ſelbſt, ſondern auch ihren erklaͤrten Guͤnſtling, den allmaͤchtigen Grafen Eſſex, bis zu den Sternen erhoben hatte. Ungluͤck⸗ licher Weiſe tritt aber, eben da der erſte Band dieſer Geſchichte ausgegeben wird, die be⸗ kannte traurige Kataſtrophe in dem Leben die⸗ ſes Grafen ein: er ſtuͤrzt ſich ſelbſt, Eliſabeth — 83 laͤßt ihn im Uebermaß des Zornes fallen, er ſtirbt als Rebell und Hochverraͤther auf dem Schaffot. Nun macht jenes Buch al⸗ lerdings ein großes Aufſehen; die Koͤnigin laͤßt den Verfaſſer feſtnehmen, will ihn als Hochverraͤther beſtraft wiſſen. Da tritt Baco ernſt und wichtig zu ihr:„Vom Hochverrath iſt nichts im Buche; aber von einem andern großen Verbrechen kann man den Verfaſſer uͤberfuͤhren.“ Von welchem? fragr die Koͤnigin hitzig.„Er hat den Tacitus gepluͤndert und ſeine Quelle verſchwiegen. Eliſabeth wird durch die unerwartete Wendung in gute Launo geſetzt, und die Sache beiſeite gelegt. Nach einiger Zeit koͤmms jedoch ihr gruͤb⸗ leriſcher, argwoͤhniſcher Geiſt wieder darauf zuruͤck, und ſie lieſet das Buch ſelbſt. Wie das zu geſchehen pflegt— ſie findet nun, ganz erſtaunet, viels Anekdoten und Particularitaͤ⸗ ten darin, die, wie ſie glaubt, kein Menſch, außer ihren Vertrauten wiſſen konnte, mit welchen ſich aber laͤngſt das ganze Land trug. Dahinter köoͤmmt ſolch ein Doctor nimmer, ſchließt ſie; ich bin mit Verraͤthern umgeben, 86 die ihn unterſtuͤtzt haben und ſich nur ſeines obſcuren, unſchuldigen Namens bedienen. Er entdecke den geheimen Zuſammenhang und die Verraͤther! Hayward kann nichts entdecken, da er nichts zu entdecken hat. Mau bringe ihn auf die Folter, bis er bekennt! befiehlt Eliſa⸗ beth. Da nahet ſich Baco wieder, ernſt und wichtig: Nein, nicht den Mann muß man auf die Folter bringen, ſondern— ſeinen Stil. Man gebe dem Doctor ſeine Papiere und Buͤ⸗ cher, und befehle ihm, das Werk, wie er's angefangen, fortzuſetzen: da wird ſichs am ſi⸗ cherſten zeigen, ob er den erſten Theil ohne fremde Huͤlfe hat ſchreiben koͤnnen. Die Koͤ⸗ nigin ging in den Vorſchlag ein, ihr rachſuͤch⸗ tiges Herz wollte aber doch auch eine Strafe fuͤr den armen Doctor. Eben dies Schreiben, ſagte Baco, iſt eine ſchreckliche Strafe fuͤr zhn; denn bedenken Ew. Majeſtaͤt, wie er ſich nun kruͤmmen und winden wird, um nebenbei ſeine Scharten auszuwetzen!— Dabei blieb es denn; der Doctor ſchrieb unter Todesangſt⸗ man fand aus ſeinem Manuſcript ſeine Recht⸗ fertigung, er aber fand fuͤr jene Angſt Erſatz — 37 in der Celebritaͤt, die ihm dieſes Hiſtoͤrchen verſchaffte. — Der beruͤhmte Fabeldichter Laf ontaine war im Umgange noch viel naiver und poſſirli⸗ cher, als ſelbſt in ſeinen Erzaͤhlungen; und zwar war er's vornaͤmlich durch ſeine faſt immer⸗ wahrende Zerſtreutheit, in welcher er, dem Grade nach nicht nur, ſondern auch der Art vach, unſerm Georg Benda auffallend aͤhnlich erſchien. Um ſein Haab' und Gut, um alle ſeine aͤußern Verhaͤltniſſe war er ſo ganz unbe⸗ ſorgt— und konnte nicht anders— daß er immerfort eine Art Vormund brauchte und ohne Fuͤrſorge Anderer zu Grunde gegan⸗ gen waͤre. Die gebildeten Frauen am Hofe Ludwigs XIV. uͤbernahmen vornaͤmlich dieſe Fuͤrſorge, trugen zuweilen ſchwer an ſeiner Apathie und Vergeſſenheit, thaten's aber doch gern, und er vergalt es ihnen mit Verſen, Ge⸗ ſchichtchen und Einfaͤllen ohne Zahl. Die Herzogin von Bouillon fuhr eines Morgens nach Verſailles und ſah' ihn in tiefen Gedan⸗ — 1 3 88 ken unter einem Baume liegen. Baal dich⸗ tet; wir wollen ihn nicht ſtoͤren! ſagte ſie, und fuhr voruͤber. Als ſie des Abends zuruͤckfuhr, ſahe ſie ihn, ohngeachtet es geregnet hatte und ziemlich kalt worden war, noch unter demſel⸗ ben Baume, und in derfelben Stellung„ und wahrſcheinlich waͤr' er die Nacht dort liegen geblieben, wenn ſie ihn nicht aufgepackt und mit ſich genommen haͤtte, wo er ſich dann uͤber nichts wunderte, als daß— ſeine Schreibta⸗ fel leer fey. Er hatte naͤmlich viel gedacht, viel im Kopfe ausgebildet, viel ſchreiben wol⸗ len, aber nur in der Einbildung wieen ge⸗ fchrieben.— In einer gemifhten Geſellſchaft warf ein junger Mann einen feinen Gedanken hin, der Lafontainen angenehm aufſiel, und nun in der Stille weiter von ihm ausgebildet wurde. Nachdem das Geſpruͤch ſchon wieder auf hun⸗ dert andere Dinge ſich gewendet hatte; fing er ploͤtzlich von neuem an: Wie ſchoͤn bemerk⸗ ten ſo eben der junge Herr, daß ꝛe. So eben? fiel man ihm lachend ein. Der junge Herr? Der junge Herr iſt ja Ihr Sohn! — „O das freut mich ſehr!“ ſagte er ernſthaft und geruͤhrt.— In ſeinem ſpaͤtern Alter ging das immer weiter, und es war gar nichts mehr mit ihm anzufangen, wenn er nicht dichtete, oder man ihn von außen her ganz beſonders geiſtig an⸗ regte. Dann erwachte er, wie ein ganz Au⸗ derer, zu einem neuen Leben: ſonſt ſchwebte er ſtill immerfort in wunderlichen Betrachtun⸗ gen. Seiner Wohlthaͤterin in dieſer Periode, der beruͤhmten Sabliere, die ihn zu ſich ins Haus genommen hatte, und pflegte, und haͤt⸗ ſchelte, kann man es alſo wol vergeben, daß ſie einmal auf die Frage: wo ſie geſtern gewe⸗ ſen? antwortete: zu Hauſe! ich hatte allen meinen Leuten erlaubt zum Roſenfeſte zu ge⸗ hen, und ſchloß mich ganz allein ein mit meinen Hausthieren— dem Hunde, der Ka⸗ tze und Lafontaine'n.— Auf dem Todesbette beſuchte ihn der Geiſtliche und leitete das Ge⸗ ſpraͤch auf religioͤſe Gegenſtaͤnde; er that das um ſo mehr, da Lafontaine im Geruch der Freygeiſterey ſtand. Ja, mein Pater, ſagte der Kranke, was Sie mir ſagen wollen, hab' 90 ich in einem Buche geleſen, in einem gewiſſen Buche— ja, richtig! das Neue Teſtament heißt's! Ach das iſt ein gutes Buch! leſen Sie's nur auch einmal! das iſt ein gutes, ſehr gutes Buch!— — Das bekannte, einzige, der Lobſpruͤche Herders ſo wuͤrdige, und nur zu oft entſtellte Werk— Tauſend und eine Nacht, verdankt der Occident dem Herrn Galland, der vor hundert Jahren Profeſſor der arabiſchen Spra⸗ che in Paris war, und den der große Colbert nach Werken der Poeſie und Kunſt in den Orient geſandt hatte. Galland beſaß große hiſtoriſche und Sprachkenntniſſe, andere aber gar nicht, und Geſchmack am allerwenigſten. In den erſten beiden Baͤnden jenes Werks, die, von ihm uͤberſetzt und zum Theil bear⸗ beitet, zugleich erſchienen, hatte jede Erzaͤh⸗ lung den ſinnreichen Eingang: Meine liebe Schweſter, wenn du nicht ſchlaͤfſt, ſo gieb uns eine von den Erzaͤhlungen, die du wohl weißt! und nun fing die Geſchichte an. Ein Trupp —-— — — ———— — 9 L junger Witzkoͤpfe ging in einer kalten Winter⸗ nacht an Gallands Haus, pochte an, und rief, da der ehrliche Profeſſor erſchrocken und un⸗ angekleidet au's Fenſter kam, hinauf: Wohnt hier der beruͤhmte Galland?— Ja!— Der die Reiſe in den Orient gemacht hat?— Ja ja!— Der die unvergleichlichen Kunſtſchaͤtze Faruͤckgebracht hat? Und ſo ging das Fragen fort, bis der gute Mann, halb erfroren, nicht mehr aushalten wollte; da brachen ſie das Ge⸗ ſpraͤch mit der Bitte ab: Mein lieber Pro⸗ feſſor, wenn du nicht ſchlaͤfſt, ſo gieb uns eine von da Erzaͤhlungen, die du wohl weißt!— RN a t h beim Schluſſe dieſes Jahres. Laß das bange, truͤbe Klagen, zuͤrne nicht mit dem Geſchicke, wenn die ſchwanken, irren Blicke nimmer dir das Gluͤck erjagen. Blicke nicht in weite Fernen⸗ ins Vergangne nicht zuruͤck: naͤher mußt du ſehen lernen, ſonſt erjagſt du nie das Gluͤck. ————— ——