—— Leihbibliothek if deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —+ Cduard Otftmann in Gießen, 6 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 0 A’/ eih- und Leſe ebedingungen. 8 3 m1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Ihr Hffen. 5 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.„ 3 1 14 Abonnement. Daſſelbe muß voxraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, erriſſene. verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der— das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 8 — 5 2 8 S S 2 2 S5. 2 2 —. 8 = 2 2 3 3 6 2 verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafü — — Erzaͤhlungen fuͤr unverdorbene Familien. Driteer Bandd. Selene. Zweiter Band. bei Leipzig Georg Joachim Goöſchen 1815. Inhalt des dritten Bandes. Buchſtaben⸗Allegorie. Die Karmeliterinnen zu Eppersheim. Fortſetzung. Der erſte Seufzer. Ueber Gewitterfurcht. Lied zum Fruͤhlingsfeſte. Zwei Hochtzeitbriefe D. Martin Luthers. Skolien. Liebesbriefe eines beruͤhmten Mannes. Beſchluß. Aufloͤſung der Charade. Darſiph, eine Dichtung der Urwelt. Rechtfertigung des Romans. Nebenher etwas uͤber Maͤdchenlektuͤre uͤberhaupt. Kleine Gedichte: r. Gebet eines Kranken. 2. Erhoͤrung. 3. Ermunterung. 4. Heilige Stimmung. II Die Landsleute. Poſtſcripte. Die neuen Amazonen. Geduld. Anton. Amor. Juſtiz. Die Blinden. Das Leben von ſeinen verſchiednen Seiten betrachtet. Fragmente. Das Fremde. Telegraph. Freude. An die Laute. 1 Logogriph. 82 Poſtſcripte. Maria. Das Tagewerk. Malvina's Fenſter. Die Familien⸗Gruft. 4 Briefe einer fruͤh Vollendeten. Fragmente. —.,— Des Saͤngers Traͤume. Buchſtaben⸗Allegorie. Gras. Sarg. 4 Wenn froh die Mutter bricht des Todes Bande, der ſie mit kaltem Arm feſt hielt umfangen; wenn ſie, biefreit vom weißen Grabgewande, liebend erghuͤht von ſehnendem Verlangen; wenn ihr der Braͤutgam naht vom fernen Lande, und Roſen küßt auf die erblaßten Wangen: dann ruft ſie mich hervor, mit dichter Huͤlle deckend zu ſchirmen ihres Buſens Fuͤlle. Und uͤberall erglaͤnzt das Prachtgeſchmeide, gleich der Geſtirne namenloſen Zahlen, auf ihrem braͤutlich ſchoͤn geſchmuͤckten Kleide; buntglaͤnzend miſchen ſich des Lichtes Strahlen, mit Farben kann der Maler nicht, mit Seide des Maͤdchens Hand des Schmuckes Pracht nicht malen; Selene V. Heft. 1 2 ſo leuchtet nicht in goldnen Fürſtenſaͤlen der Perlen Thau, der Lichtglanz der Juwelen. Was Leben athmet, freut ſich meiner Schoͤne, die Mutter ſelbſt kann nur durch mich begluͤcken, kann liebevoll die lebensfrohen Soͤhne nur an die Bruſt, die ich umfange, druͤcken; verlaß ich ſie, dann fliehn der Freude Toͤne, und traurend weicht frohſinn'ger Luſt Entzuͤcken, erbleicht ſind ihre bluͤthenvollen Wangen, in Feſſeln liegt das Leben ſelbſt gefangen. Doch, wendet ſich die Reihe meiner Zeichen, ſo ſteht vor dir ein duͤſtres Bild voll Graun; wo ich erſcheine, muß die Freude weichen; nie wird das Licht, wen ich umfange, ſchaun; den ernſten Tempel will aus mir das Schweigen, Trophaͤen ſich aus mir der Tod erbaun; 2 mich ruft der Schmerz, und muß mich, rufend, haſſen, doch ſteigt ſein Leid, ſoll er mich von ſich laſſen. Wohl prang' ich oft in reichgeſchmuͤcktem Kleide, 43 gleich naͤchtlicher Geſtirne Silberſtrahl; 52 82 — 3 wohl glaͤnzt auf mir der ſtolzen Pracht Geſchmeide; wohl flammt um mich der Lichtglanz ſonder Zahl: doch nicht zur Luſt, er glaͤnzt umflortem Leide, es weckt die Pracht ſchmerzvollres Kummers Qual; entbehrt' ich ſelbſt des Schimmers von Juwelen, wird doch der Thraͤnen Perlenthau nicht fehlen. Doch iſt Erinnrung mir nicht ganz verloren, ⸗ wie aus der Mutter Leib ich einſt entſproß; denn, wie aus ihrem Schooß ich dort geboren, als ſie zu kleiden ward mein ſchoͤnes Loos, ſo bring' ich jetzt, was ſie ſich auserkoren, zur ſtillen Ruh zuruͤck dem Mutterſchoos; dann wenden ſich von neuem meine Zeichen, du ſiehſt ſie jung dem ſtillen Schoos entſteigen. A. Apel. Die Karmeliterinnen f , zu Eppersheim. n 4ℳ Fortſetzung. Ich war die einzige Tochter des kurfuͤrſt⸗ lichen Regierungsraths von L. in M. Alle, die meinen Vater kannten, prieſen ſeine Menſch⸗ lichkeit, Gewiſſenhaftigkeit, und wohlthaͤtige Wirkſamkeit in ſeinem Beruf. Ich habe ihn nur einigemale geſehen, und nur in Kinder⸗ jahren; ſein ſanftes, wohlwollendes Geſicht, ſein wuͤrdevolles und doch nicht entfernendes Benehmen, ſchwebt mir aber noch immer vor, und ſo beſtimmt, daß ihn in jener Welt mein erſter Blick erkennen muß. Meine Mutter liebte mich nicht. Es muß mir damals alles verſagt geweſen ſeyn, was ihr Herz ruͤhren konnte; denn die wenigen Male, als ich ſie ſah, floß das meinige in kindlicher Liebe uͤber 5 und ich that alles, ihr angenehm zu werden: aber es gelang mir nicht, und durch meinen Kummer daruͤber wollte Gottes weiſe Guͤte mich fruͤhe ſchon auf die Leiden vorbereiten, die mich ſpaͤter erwarteten, und die mich ſonſt in Verzweiflung oder Verbrechen geſtuͤrzt haben wuͤrden. Ich hatte noch einen juͤngern Bru⸗ der: der iſt mir aber nicht bekannt worden. Ich wurde naͤmlich ſchon in der fruͤheſten Kindheit aus dem vaͤterlichen Hauſe e en. Ein guter Pfarrer erzo iich auf dem Lande, wo ich, befreundet nadhande und muntern Hausthieren, angehalten zum Fleiß und zur Froͤmmigkeit, recht gluͤcklich war. In meinem zehnten Jahre brachte man mich zu den Ur⸗ ſulinerinnen nach Aſtheim. Hier lebte ich noch einſamer, aber nicht weniger zufrieden. Die ſtille Heiterkeit mehrerer Schweſtern und Koſt⸗ gaͤngerinnen, und die wohlgeordnete Abwechſe⸗ lung zwiſchen nuͤtzlicher Geſchaͤftigkeit, ange⸗ nehmer Unterhaltung und religioͤſen Uebungen, that mir unbeſchreiblich wohl. Ohngeachtet mir hier ein Tag ganz wie der andere verging, erinnere ich mich doch keines Abends, wo ich 5 anders, als mit frohem Dank gegen meinen Schoͤpfer entſchlafen waͤre. Ich darf mit Freuden auf jene Zeit zuruͤck⸗ ſehen; ich war, was zu werden jetzt mein hoͤchſtes Beſtreben iſt: ein ſchuldloſes, ſorgen⸗ freyes, gottergebenes Kind, wiewol meine Jahre mich zur Jungfrau machten. Ach daß es im⸗ mer ſo haͤtte bleiben koͤnnen! doch nein; das Gute in mir ſollte nicht bloße Gewoͤhnung, es ſollte Erzeugniß des freien Willens, des harten Kaͤmpfens ſeyn; ich mußte der ſtrengen Pruͤfung, mußte der Schuld dahingegeben werden, um dann gelaͤutert zu meinem Herrn zuruͤckzukehren.. Meine Erzieherinnen gaben mir, ſo wie den andern Koſtgaͤngerinnen, in den reifern Maͤdchenjahren allerhand Schriften zu leſen, worin viel von gefaͤhrlichen Freuden der Welt, von verfuͤhrerifcher Luſt der Sinne und locken⸗ dem Reiz des Beiſpiels geſprochen wurde; die⸗ ſe Schriften aber, ſtatt mir meine ſichere Ent⸗ fernung von alle dem werther zu machen, reizten meine Neugierde, erregten ſeltſame Bilder in meiner Phantaſie und mich ſelbſt 7 verwirrende Ahnungen in meinem Gefuͤhl: mein ganzes Weſen ward verwandelt— ich war verſchuͤchtert, ohne zu wiſſen wovon, be⸗ ſchaͤmt, ohne zu wiſſen wodurch, ſchwermuͤthig, ohne zu wiſſen woruͤber. Doch blieb mir der Aufenthalt bei den lieben Schweſtern theuer und werth; ja, ich wuͤrde ihn jetzt ſchwerlich verlaſſen haben, waͤre das auch in meine Macht gegeben worden. Unter allen mir befreundeten Maͤdchen hatte ich von jeher meine Angelika ausgezeichnet. Ihr Geiſt, ihre Herzensguͤte, ihre Schoͤnheit und Heiterkeit hatten mich immer bezaubert, aber ihr vornehmer Stand und großes Ver⸗ moͤgen mich noch in gewiſſer Entfernung gehal⸗ ten, bis eben jetzt ich in ihr, ſie in mir, jene veraͤnderte Stimmung bemerkte, und wir, von gleicher Sehnſucht in Einer Minute einander naͤher gebracht, mit Thraͤnen der Freude, der Liebe, des Dankes, einen Bund der Freundſchaft ſchloſſen, den keine Macht der Erde, den kein Schickſal je zu trennen vermocht hat. Im Getriebe des gewoͤhnlichen Daſeyns ſoll innige und dauernde Freundſchaft unter meinem Ge⸗ ſchlecht ſelten ſeyn: aber gewiß, in der Einſam⸗ keit und Stille eines fromm gefuͤhrten Lebens, ſchließen junge weibliche Seelen, ehe traurige Erfahrungen ſie ſtumpf, mißtrauiſch und ge⸗ heimnißvoll machen, oft Buͤndniſſe, wie ſie nicht nur fuͤr dieſes, ſondern auch fuͤr jenes Leben taugen. Angelika's Aeltern hatten in dem benach⸗ barten M. gewohnt; durch gewiſſe Verhaͤltniſſe mit der neuen Regierung ward aber der Vater vermocht, ſeine Aemter aufzugeben und mit ſeiner Gemalin ein großes Landgut in dem Paradieſe Schwabens, wo dies an die Schweiz grenzt, zu beziehen. Angelika, die ſchon fruͤ⸗ her im Kloſter geweſen und hier ſo gluͤcklich war; Angelika, mit deren Erziehung die Ael⸗ tern ſo vollkommen zufrieden ſeyn mußten, daß ſie Bedenken trugen, dieſe zu unterbrechen— Angelika ſetzte es bittend durch, bei uns bleiben zu duͤrfen, bis ſich die Zeit nahete, wo ſie in die große Welt treten und das Gluͤck einer Familie gruͤnden koͤnne. Dieſe Zeit kam nun: Angelika ſollte ſchon in einem Monat abreiſen. Dieſe Nachricht —y— — — 2 9 war fuͤr mich ein Donnerſchlag, und koſtete auch ihr viel Thraͤnen; doch ſie ging ihren geliebten Aeltern, ging einem Gluͤck entgegen, fuͤr das ſie ſich geeignet fuͤhlte— unmoͤglich konnte ihr die Trennung ſo ſchwer werden, als mir, die ich mich jetzt zum erſtenmal ganz ein⸗ ſam ſahe und vor der Zukunft ſchauderte. Nach dem Wunſch der Aeltern ſollte An⸗ gelika von ihrem Bruder abgerufen und ihrer Familie zugefuͤhrt werden. Dieſer Bruder ſtand in Militaͤrdienſten; ich hatte ihn nur durch die begeiſterten Schilderungen ſeiner Schweſter kennen gelernt, aber nie geſehen. Sein Regi⸗ ment war bisher an die aͤußerſte Grenze des Landes verlegt geweſen, und erſt ſeit einigen Wochen zur Cantonnirung in die Reſidenz geru⸗ fen worden. Er kam zur beſtimmten Zeit an, und wur⸗ de, wie gewoͤhnlich, ins Sprachzimmer gefuͤhrt. Ich war eben bei meiner Freundin, als man ihr die Ankunft ihres Bruders meldete. Gluͤ⸗ hend vor Freuden, und unbeſchreiblich reizend in dieſer Glut, flog ſie zum Gitter und zog mich, ohne Abſicht, mit ſich fort. Wir trafen den 10— Major im Geſpraͤch mit der Aebtiſſin, und ſobald Angelika ihren Bruder erkannt hatte, nahm dieſe keinen Anſtand ihn in den Saal treten zu laſſen. Bruder und Schweſter flogen einander in die Arme, konnten nicht ſprechen, blickten ei⸗ nander nur mit Augen von himmliſcher Freude an: die gute Aebtiſſin ſtand eine Weile, verſun⸗ ken in ihren Anblick, und ich gewann Zeit, aus der Ferne unbemerkt meine Augen auf den Bruder zu heften und meine ganze Seele durch meine Augen zu berauſchen. Ich wage es nicht, dieſe meine Leidenſchaftlichkeit zu ent⸗ ſchuldigen; ich wage nicht einmal zur Vermin⸗ derung meiner Schuld anzufuͤhren, wie gefaͤhr⸗ lich die Umſtaͤnde, unter denen ich den Major kennen lernte, fuͤr mich werden mußten— wie ich in Unerfahrenheit und aus Schweſterliebe die herzlichſte Theilnahme an ihm mir zur Pflicht machte; wie ich niemals, auch hernach nie, eine edle Seele ſich in einem ſo ſchoͤnen Koͤrper habe ſpiegeln ſehn—— Endlich wurde die kluge Aebtiſſin auf mich aufmerkſam, und wendete ſich eben zu mir, mich 11 freundlich zu entfernen, als Angelika im Ueber⸗ maß ihrer Freude unbeſonnen herzuſprang, und mich faſt mit Gewalt zu ihm zog, indem ſie rief: So freue dich doch nur mit mir! das iſt ja der Bruder, von dem ich dir ſo viel erzaͤhlt habel Ich ſtand aͤußerſt verlegen da; auch er ſchien ſehr uͤberraſcht, faßte ſich aber genug, um mir nur einige fanfte Worte zu ſagen, die ſeine Schweſter entſchuldigten, meiner Schuͤchternheit ſchonten, und tief in mein Herz drangen. In⸗ dem trat die Aebtiſſin herzu, faßte mit Anſtand meine Hand, und entfernte ſich mit mir, unter dem Vorwande, man muͤſſe Geſchwiſter, die einander ſo lange nicht geſehn, ohne Zeugen ih⸗ re Herzen gegenſeitig ausſchuͤtten zu laſſen. Die ganze Scene hatte gewiß nicht fuͤnf Minuten gedauert, aber mein ganzes Innere war durch ſie erſchuͤttert und in Verwirrung geſetzt— ich nahm die Keime einer grenzenloſen Leidenſchaft und tauſendfaͤltiger Leiden mit hinweg. Der Tag der Abreiſe kam. Ich hatte nicht gewagt— ſelbſt gegen meine Freundin nicht— im geringſten merken zu laſſen, was in mir vor⸗ gehe, und ſie ſelbſt war jetzt zu unruhig, um „ 12—— tiefer in meine Seele zu blicken. Wir wein⸗ ten die Nacht vor dem Abſchiede mit einander, beſchworen unſern Freundſchaftsbund noch ein⸗ mal, und verſprachen uns, woͤchentlich zu ſchrei⸗ ben. Jetzt kam der Wagen des Majors, und Angelika konnte mir zerſtreut und gaͤnzlich unbe⸗ fangen nur noch ſagen: Mein Bruder koͤmmt bald zuruͤck; damit du meine Briefe ſicher be⸗ kömmſt und die deinigen ſicher beſtellt werden, ſoll er unſer Brieftraͤger werden. Jetzt noch eine heftige, aͤngſtliche Umarmung, und Ange⸗ lika flog davon. Nun fuͤhlte ich eine ſchreikliche Oede und Leere in mir, von welcher mich nichts retten konnte: ſelbſt die Erhebung der Seele von dem vollkommenſten Geſchoͤpf zu ſeinem Schoͤpfer ge⸗ nuͤgte mir nicht— mein Herz war wie mit Ketten an die Erde gefeſſelt; und nur kalte Ge⸗ danken, nur geſuchte Worte, keine heißen Wuͤn⸗ ſche ſtiegen mehr uͤber die Wolken. Ich trauerte, ich weinte uͤber mich ſelbſt, ohne Muth und Kraft mich aufzurichten— ich ſuchte ja Muth und Kraft in mir ſelbſt! In dieſer Verwirrung erhielt ich ein kurzes —— 1 3 Schreiben meiner Mutter, werin ſie mir ankuͤn⸗ digte, ſie werde mich nach einigen Monaten be⸗ ſuchen, und wahrſcheinlich mit ſich nehmen. Dies verwandelte meine ganze Anſicht der bis⸗ herigen Verhaͤltniſſe. Ohne eben beſtimmt uͤber meine Zukunft nachgedacht zu haben, hatte ich mich, umgeben nur von Kloſterjungfrauen, all⸗ maͤhlich gewoͤhnt, mich auch kuͤnftig als eine ſolche zu denken: jetzt dieſe Aeußerung meiner Mutter— ich ſollte hinweg, ſollte(ſo dachte ich's) in die Welt— ſo durfte ich ja hoffen! ſo war ja meine Liebe wenigſtens kein Verbre⸗ chen, und nur etwa die Quelle von Leiden, die ich ſelbſt zu tragen bekaͤme, und ſo gern tragen wollte!— Nun uͤberließ ich mich meinen Phan⸗ taſieen und Gefuͤhlen ſorgloſer, und der Kampf in meinem Innern wurde ſchwaͤcher. Nach einigen Wochen kam der Major zuruͤck und brachte mir die herzlichſten Gruͤße und die traulichſten Briefe ſeiner Schweſter zuruͤck. Ich will kurz ſeyn uͤber dieſen Monat. Der Major kam oft, und nahm meine ganze Seele ein. Jetzt brachte er mir einen Brief, den er mir mit ganz beſonderer Schuͤchternheit uͤbergab. Eine 14—— ſeltſame Ahnung durchflog mich. Ich verriegelte mich aͤngſtlich in meine Zelle, ich erbrach den Brief unter ungeſtuͤmem Herzklopfen. Wie zit⸗ terte ich vor Angſt und Freude, als ich Angeli⸗ ka's Verſicherung las: mein Anblick habe ihrem Bruder von der erſten Minute unſerer Bekannt⸗ ſchaft an, mit der innigſten Zuneigung erfuͤllt; auf der Reiſe habe er ihr dies geſtanden, ſo wie, daß er bisher vergebens gerungen habe, dieſe Neigung zu unterdruͤcken; er habe ſie dringend gebeten, recht oft zu ſchreiben, damit er mich recht oft ſehen koͤnne; ſie habe ihm die heilige Zuſage abgenommen, ſeine Empfindungen mir nicht eher zu verrathen, bis er aͤhnliche bei mir vorausſetzen duͤrfe, um meine Ruhe nicht zu ſtören: jetzt aber habe er ihr mit einer Heftig⸗ keit und Leidenſchaftlichkeit geſchrieben, es ſei ihm unmoͤglich laͤnger zu ſchweigen, die ſie ſehr beſorgt mache; ſie beſchwoͤre mich alſo bei unſe⸗ rer Freundſchaft und Schweſterliebe, wenn nicht etwas ganz entſchieden in meinem Herzen gegen ihn ſpreche, wenigſtens guͤtig zu verfahren, und ihm nicht alle Hoffnung zu benehmen— er mei⸗ ne es ſo redlich, meine es ſo gut!— 15 Mein Gluͤck betaͤubte meine Sinne. Ich ſank auf meine Kniee— endlich brachen meine Thraͤnen hervor. Ich flehete freventlich um den Tod, um den Tod in dieſem Augenblicke, wenn mir dies Gluͤck der Liebe nicht beſchieden waͤre. Mein guter Engel warnte mich; er rief mir zu, dieſer Drang ſei Laͤſterung, dieſer gewaltſame Sturm koͤnne kein Gluͤck begruͤnden: umſonſt, ich ließ mich nicht warnen; ich ſtrengte meine Phantaſie an, Mittel zu erſinnen, um die red⸗ lichen, zutraulichen Schweſtern zu betruͤgen; ich ſahe den Major oft, ich ſah' ihn faſt taͤglich. Eine neue und ſtaͤrkere Warnung des Him⸗ mels! Meine Mutter berichtete mir den Tod meines Vaters, und zugleich, daß mancherlei daraus entſtandene Verhaͤltniſſe ihren Entſchluß, mich aus der Penſion zu nehmen, beſchleunig⸗ ten; ich moͤge daher ihrer Ankunft taͤglich entge⸗ genſehn. Ich hatte meinen Vater zu wenig gekannt, um zu wiſſen, daß mir an ihm der letzte Be⸗ ſchuͤtzer geſtorben ſei; meine Thraͤnen um ihn waren halb erzwungen, und die Warnung des 16— Himmels mißdeutete ich als Beguͤnſtigung mei⸗ ner Wuͤnſche. Endlich kam meine Mutter an. Ich flog ihr mit Entzuͤcken entgegen: ſie war— wenn auch kalt, doch ſehr freundlich und guͤtig gegen mich. Durch ihre Geſellſchaft und durch die Zuruͤſtungen zu unſrer beſchleunigten Abreiſe war es mir unmöͤglich gemacht, den Major zu ſprechen. Ich konnte nichts, als einige Zeilen an ſeine Schweſter von meinem Schickſal ſchrei⸗ ben. Meine Mutter nimmt mich ſchnell hinweg, ſchrieb ich; und ich weiß nicht, ob wir jetzt gleich zur Stadt oder auf unſer Landgut gehen, denn wenn ich frage, weicht ſie mir ſcherzend aus und heißt mich unbeſorat ſeyn. Laß das deinen Bruder wiſſen, fuhr ich fort; ſage ihm, da ich's nicht vermag, mein zaͤrtlichſtes Lebe⸗ wohl, und beſchwoͤre ihn bei aller Liebe zu mir, meinen Aufenthalt bald ausfuͤndig zu machen, und ſich mir zu zeigen u. ſ. w. Ich war in der Verſtellungskunſt in kurzem ſo weit gekommen, daß ich es wagte, dieſen Brief der guten, alten Aebtiſſin ſelbſt anzuvertrauen, gewiß, er ſei hier am meiſten vor Neugierde 17 geſichert, und werde dem Major, wenn er nachfragte, am ſicherſten uͤbergeben. Ich verließ die Abtei, wo ich meine Jugend ſo gluͤcklich, ſo ſchuldlos verlebt, wo ich in fruͤherer Zeit eine Ruhe geſchmeckt hatte, wie ſie mir nie wieder zu Theil geworden iſt— ich verließ ſie nicht ohne heiße Thraͤnen: aber dieſe meine Thraͤnen floſſen weit mehr einer andern Trennung, und es miſchte ſich in meinen Schmerz beim Abſchiede die Ahnung von fremden Freuden; wie ſich in meinem Herzen jetzt uͤber⸗ haupt die Entgegengeſetzten— Friede und Angſt, Hoffnung und Furcht, Gutes und Boͤſes miſchten. Unterweges erſt, als mich meine Mutter im Wagen allein hatte, fing ſie an von meiner Zukunft zu reden. Sie ſchilderte den Nachlaß meines Vaters zu unbetraͤchtlich, als daß ſie mir und meinem Bruder eine ſtandes⸗ maͤßige Exiſtenz bereiten koͤnne, und erklaͤrte, ſie muͤſſe daher, bis auf weiteres, allerdings ein Opfer von mir verlangen. Ich verſtand ſie nicht ganz, verſprach aber gern alles, was ſie zufrieden erhalten und fuͤr noͤthig erachten wuͤrde. Ich kenne ja die Freuden des großen, Selene V. Heft. 2 18— vornehmen Lebens nicht: wie koͤnnte es mir ſchwer werden, ſie Ihnen aufzuopfern? ſagte ich. Darauf habe ich auch immer gerechnet, mein Kind! antwortete ſie, und behandelte mich nun noch guͤtiger, ohne ſich jedoch uͤber meine Beſtimmung einzulaſſen. Gerade dieſe abgemeſſene Gefalligkeit, dieſes kalte und glat⸗ te Entgegenkommen, ſcheuchte auch mich zuruͤck, und machte es mir unmoͤglich, ihr meine Ausſichten in die Zukunft zu vertrauen. Wir fuhren mehrere Tage lang, wir fuhren laͤnger, als wir, meines Erachtens, noͤthig hatten, um in unſere Heimath zu kommen, und gleichwol ließ mich mein unbefangenes Vertrauen in meine Mutter nicht beſorgt werden. Die Gegend ward allmaͤhlig rauher und romantiſcher: das geſiel mir, und befrem⸗ dete mich nicht mehr, als meine Mutter mit einigen unbeſtimmten Reden beſchwichtigen konnte. Endlich hielt der Wagen vor einem großen, alten, gothiſch verzierten Hauſe. Meine Mut⸗ ter hatte von dem naͤchſten Dorfe, wo wir einige Stunden verweilten, einen Boten vor⸗ — 19 ausgeſchickt: ſobald unſer Wagen langſam daher kam, oͤffnete ſich das Thor. Wir fuhren uͤber einen oͤden Vorhof, und kamen dann in ein weites, allenthalben umſchloſſenes Gehoͤfe. Jetzt auf einmal uͤberſiel mich ein entſetzliches Grauen; mir war, als ob die hohen, ſchwarzen Mauern auf mich hereinbraͤchen, indem wir durch den engen Eingang in ein Gewoͤlbe traten, das ich fuͤr das Sprachzimmer eines Kloſters erkannte. Mutter! um Gottes Willen— wo ſind wir? rief ich. Bei den Benediktinerinnen zu Weſterode, mein gutes Kind! antwortete ſie. Ich ſtuͤrzte vor ihr auf die Kniee, ich umſchlang ſie mit Todesangſt, ich verſprach, meinen Namen zu verlaͤugnen und ihr als Magd zu dienen: ſie blieb in ihrer freundlichen Gelaſſenheit: Sei doch nicht wunderlich, liebe Thereſe! du weißt ja, daß ich nichts mehr wuͤnſchte, als dich bei mir zu behalten, wenn die Verhaͤltniſſe es zu⸗ ließen. Das iſt nun aber nicht möglich; und alſo finde dich in ein Geſchick, wo du dir ge⸗ fallen wirſt, ſobald du nur erſt wieder einge⸗ 24 20 richtet biſt. Und geſchaͤhe dies ja nicht, ſo waͤr' es ja immer noch Zeit, dich zu veraͤn⸗ dern. Brauche doch nur jetzt Vernunft, und mache nicht uns beide laͤcherlich. Hier kam eine der Kloſterfrauen an das Gitter, meine Mutter ſagte ihr einige leiſe Worte und gab ihr ein Papier; bald darauf wurden die großen Schloͤſſer geoͤffnet und wir traten in den weiten Saal. Mehrere Nonnen, alle ſchon aͤltlich, alle ſtiller und duͤſtrer, alle auch widriger und nachlaͤſ⸗ ſiger gekleidet, als ich's an meinen lieben Er⸗ zieherinnen geſehen hatte— dieſe erwarteten uns, matt auf mich hinblickend, die Haͤnde einfoͤrmig uͤber dem Herzen gefaltet—— Die Pforte ſchlug raſſelnd zu, die ſchweren Riegel wurden klirrend vorgeſchoben. Ploͤtzlich ergriffen von einem Entſetzen, als ſaͤhe ich eine graͤßliche Todtenerſcheinung, ſtuͤrz⸗ te ich zu Boden, und bin mir nichts bewußt, als daß ich laut aufſchrie, mich mit Gewalt befreien wollte, durch eine geoͤffnete Thuͤr entſprang, in die Kirche kam, und von dem ganzen Chor— wirklich oder in meiner Ein⸗ 21 bildung— verfolgt, bis an den Altar fluͤchtete, auf deſſen Stufen ich ohnmaͤchtig darniederſank. Als ich endlich wieder zu mir kam, befand ich mich im Krankenzimmer: zwei Schweſtern ſaßen ſchweigend, die eine zu meinem Haupte, die andere zu meinen Fuͤßen. Wo bin ich? fragte ich, und alles mit mir Vorgefallene daͤuchte mir ein fuͤrchterlicher Traum, woraus ich ſo eben matt und erſchoͤpft erwache. Wo bin ich? fragte ich nochmals. Unter der Obhut deines Heilands! war die Antwort der einen Nonne. Liebe Schweſter, betruͤbe ihn nicht durch Wi⸗ derſtreben und Ungeduld! ſetzte die andere hinzu. „Ich fuͤhle mich ſehr krank— „Bleibe ruhig: du wirſt geneſen. Wir ha⸗ ben zum Herrn um ein Zeichen gebetet, ob du erwaͤhlet ſeyſt: das Zeichen iſt erfuͤllt, du er⸗ wachſt unter dem Crux fidelis“—*) „Wo iſt meine Mutter?“ fragte ich nach einer Weile, im tiefſten Schmerz verſunken. „Dort iſt ſie! Dabei deutete die Schwe⸗ *) Ein alter Paſſionsgeſang. 22 ſter auf ein Marienbild, meinem Lager gegen⸗ uͤber, und fing an, mit mir zu beten. Ich fragte hernach weiter, und erfuhr, ich liege heute zum ſiebenten Tage hier. Meine Mutter— war ſie nun wirklich ſchon abgerei⸗ ſet, oder that ſie es jetzt, bei den erſten Merk⸗ malen meiner Geneſung— ich bekam ſie nicht wieder zu ſehen. Ich war zu ermattet, um nicht in alles ergeben zu ſeyn; dann lernt' ich weinen, und fuͤhlte mein Herz erleichtert; nun fing ich an, mich wieder vertrauend an Gott zu wenden, und meine Kraͤfte nahmen zu—— So befand ich mich denn hier, eingeſchloſſen in undurchdringliche Mauern eines der traurig⸗ ſten und einſamſten Kloͤſter von ganz Deutſch⸗ land, umgeben von lauter Unbekannten, fern von allem, was mein Herz liebte, ausgeſtoßen in einen Winkel der Erde, den ich nicht einmal kannte, gleichguͤltig hingegeben dem nagenden Kummer und bitterſten Schmerz— denn dieſe erwachten allerdings, als ſich meine Kraͤfte meh⸗ reten, und verſchlangen die Milde, die Erge⸗ benheit, das Vertrauen, wodurch ich geſtaͤrkt worden war, und wozu ich folglich durch noch 23 haͤrtere Zucht gelaͤutert werden mußte. Tag und Nacht ergoſſen ſich meine Thraͤnen: meine Auf⸗ ſeherinnen blieben ungeruͤhrt— ſie hatten mit den Menſchen auch den menſchlichſten Empfin⸗ dungen entſagt, Leid und Freude kannten ſie nicht mehr. Ihre gewohnte, einfoͤrmige, rauhe Lebensweiſe, die ſchweren Buͤßungen ihrer Or⸗ densregel, die noch ſchwerern zu welchen ſie ſich, mit einander rivaliſirend, freiwillig beſtimm⸗ ten, die Strenge und Haͤrte ihrer Kloſterzucht, alles das hatte ſie ſo betaͤubt und ſo verhaͤrtet, daß ſich, mochte auch vorfallen was da wollte, keine Spur von Ausdruck auf ihren todtenblei⸗ chen Geſichtern zeigte. Selbſt ihre religioͤſen Uebungen verrichteten ſie— puͤnktlich zwar, aber ohne alle ſichtbare Theilnahme, im truͤben, eintoͤnigen Mechanismus. Nie habe ich dabei auf ihren Geſichtern jene verklaͤrende Heiterkeit geſehn, die das Licht der Gnade zuweilen uͤber Betende verbreitet. Nie wurden nun auch mei⸗ ne Klagen, nie meine flehentlichen Bitten anders erwidert, als mit dunkeln, geheimnißvollen Hin⸗ weiſungen auf eine andere Welt. Alle Verſuche, irgend jemand Nachricht von mir zu geben, wa⸗ 24 ren mir abgeſchnitten; wußte ich ja doch nicht einmal, in welcher Provinz ich mich befand! Ei⸗ nige Briefe meiner Mutter enthielten nur kalte Ermahnungen und wortreiche Troſtſpruͤche. So verfloſſen mir zehn Monate, und jetzt fing man an, von meiner Einkleidung zu ſprechen. Ich verfiel in Verzweiflung, ich ſchrie laut uͤber Gewalt: ruͤhig und gelaſſen verordnete man eine ſtrengere Behandlung, um meine Wi⸗ derſetzlichkeit zu ſtrafen und mich fuͤr die Ein⸗ wirkung der Gnade faͤhiger zu machen. So vergingen wieder einige Wochen; man fing an, den Tag meiner Einkleidung als ein Freuden⸗ feſt vorzubereiten, ſandte Einladungen an die umherliegenden Kloͤſter, ſchmuͤckte die Zimmer des Weihbiſchoffs, ſuchte den reichſten Putz der Heiligenbilder hervor; meine Kraͤfte er⸗ ſchoͤpften ſich, ich ſahe dies alles in dumpfſin⸗ niger, tiefer Betaͤubung mit an— und jetzt war man mit mir zufrieden. Einſt ſchwankte ich, wie oͤfters, in den duͤſtern, wild verwachſenen Gaͤngen des Klo⸗ ſtergartens, Thraͤnen zu ſuchen, die der ver⸗ trocknete Quell meiner Augen nicht mehr her⸗ —— 2 5 geben wollte. Ich ſinke auf den Raſen, in ſinn⸗ loſes Hinbruͤten vertieft. Um mich her herrſcht eine wuͤſte Oede und ununterbrochene Todten⸗ ſtille. Auf einmal hoͤr' ich ein dreimaliges unnatuͤrliches Huſten, druͤben uͤber der Kloſter⸗ mauer. Wie von einem Zauberſchlag getroffen ſpring' ich auf, lauſche, und wage, es zu erwidern. Thereſe! Thereſe! ruft es nun leiſe, und ich glaube die Stimme des Majors zu vernehmen. Bebend naͤhere ich mich der hohen Mauer, und antworte. Kommen Sie zehn Schritte rechter Hand nach der hohen Ulme zu! ruft man. Ich eile dahin: ein Paket kömmt uͤber die Mauer geflogen und faͤllt ei⸗ nige Schritte von mir zu Boden. Ich reiße es auf, ich finde einen Brief und einen Schluͤſſel. Gott, wie koͤnnte ich das Stuͤrmen meines Herzens beſchreiben, als ich die Hand meines Freundes und ſeiner Schweſter erkannte! Meine Kniee zitterten und hielten mich nicht mehr aufrecht. Ich warf mich an den Boden: nur die Furcht ohnmaͤchtig zu werden, bewahr⸗ te mich vor Ohnmacht. Endlich vermochte ich's, folgende Zeilen des Majors zu leſen: 26 Thereſe! Du mein Leben! mein alles! Endlich iſt es mir moͤglich geworden, deinen Aufenthalt zu erforſchen. Komm, rette dich aus dem furchtbaren Grabe, das dich lebend zu verſchlingen droht! mache durch ſtille Erge⸗ benheit deine Waͤchter ſicher, und gehe den dritten Tag vor dem, der dich mir auf ewig entreißen ſoll, mit Huͤlfe dieſes Schluͤſſels zur Thuͤr des Kuͤchengartens heraus, queer uͤber das Stoppelfeld auf dem brachen Anger hin, bis zur Landſtraße. Hier warte ich deiner die ganze Nacht hindurch. Thereſe, wirſt du mich vergeblich warten laſſen? Folgendes war von Angelika's Hand: Schweſter! Geliebte meiner Seele! Ueberlaß dich getroſt der Fuͤhrung meines treuen, recht⸗ ſchaffenen Bruders! Ueberlaß dich ihm: er fuͤhrt dich in meine Arme. Gott, der mit Wohlgefallen, nicht auf den dir abgeqaaͤlten Bund, ſondern auf den Euren herabſieht, wird ſeine Engel ſenden, euch zu umſchweben, und euch durch alle Gefahren gluͤcklich hindurchzu⸗ fuͤhren. Komm, Thereſe! liebe, theure, un⸗ gluͤckliche Thereſe, komm! Ich erwarte dich 27 mit peinigender Sehnſucht, mit toͤdtlich aͤngſten⸗ der Liebe.— Wie eine Verzweifelte rang ich die Haͤnde und brach in einen Thraͤnenſtrom aus, und doch war es Entzuͤcken, was mir dieſe Aeuße⸗ rungen auspreßte. Ich hoͤrte Fußtritte im rauſchenden Sande: das brachte mich zu mir ſelbſt, und ich verbarg augenblicklich Papier und Schluͤſſel. Ich flog auf meine Zelle, ich ſchloß mich ein, meinen Gefuͤhlen und Gedanken wei⸗ ter nachzuhaͤngen. Wie der Major meinen Aufenthalt erfahren, wie er zum Schluͤſſel ge⸗ kommen, wie er im Stande ſei, mich der Ver⸗ folgung zu entziehen— das alles konnte ich mir nicht denken: aber es war ſeine, es war Angelika's Hand— kein Zweifel ſtieg in mei⸗ ner Seele auf. Mit brennender Ungeduld erwartete ich jetzt den Tag, dem ich vorher mit Schaudern entge⸗ gengeſehen hatte. Endlich nahete er ſich. Er war zugleich der Tag unſers Schutzheiligen. Kan ſchmuͤckte Tempel und Altar, man pro⸗ birte Geſaͤnge und Muſik, man gab mir, wie einem Verbrecher vor der Hinrichtung, beſſere 28 Nahrungsmittel, ſahe mich guͤtiger, nachſichts⸗ voller an: ich ließ alles das ſchweigend und ohne Thraͤnen geſchehen; meine, ihr irdiſches Gluͤck vergoͤtternde Liebe, wurde keine Stunde, auch nur durch den Gedanken geſtoͤrt, wie fre⸗ ventlich ich hier mit dem Heiligſten ſpiele, und wie unmoͤglich dies Segen und wahres Heil bringen koͤnne. Dieſe meine Faſſung beſtaͤtigte meine Abſichten: die Schweſtern hielten ſie fuͤr außerordentliche Wirkung der goͤttlichen Gnade. Jetzt kam der Tag. Behutſam hatte ich mir zur Flucht die Stunde erwaͤhlt, wo ſich alle Nonnen in die Zellen begeben, bis zur Fruͤhmette gelaͤutet wird. Ich klagte uͤber hef⸗ tige Kopfſchmerzen; die Aebtiſſin erlaubte mir, nach der Guͤte, womit man mich jetzt behan⸗ delte, mich abzuwarten und die Fruͤhmette zu verſaͤumen, ſo daß ich nun mit Zuverſicht hof⸗ fen durfte, ich werde nicht eher vermißt wer⸗ den, als des Morgens um ſechs Uhr. Kaum war ich in meine Zelle, ſo warf ich Unſinnige, brennend von irdiſcher Liebe, mich vor dem Bilde des Heilandes nieder, und ——ʒÿ„⸗—— 2 9 wagte es, ſeinen Beiſtand zu erflehen. Er hatte Erbarmen mit der Verblendung einer Unwuͤrdi⸗ gen: ich fuͤhlte neue Kraͤfte in mir, und ſtand getroſt auf. Ich kleidete mich eilig an— alles war ſtill im Kloſter. Ich oͤffnete meine Thuͤr leiſe, trat heraus, und verſchloß wieder. Nun ſchlich ich mit bebenden Schritten und einem Herzklopfen, vor dem ich kaum athmen konnte, durch die langen, finſtern, widerhallenden Klo⸗ ſtergaͤnge, deren Hauptgewoͤlbe durch einige Lam⸗ pen nur bis zur matteſten Daͤmmerung erleuch⸗ tet wurden. Auf einmal ward ich durch einen Anblick be⸗ troffen, der mein Haar emportrieb und alle Schauder des Todes uͤber mich ausgoß. Ich ſah in einem dunkeln Winkel die weiße Geſtalt einer Nonne in einem Beichtſtuhl ſitzen, und, wie mir's ſchien, mit vorgeducktem Haupt auf etwas lauern. Ich erſtarrete, ich glaubte dar⸗ nieder zu ſinken: indem flackerte das dem Erloͤ⸗ ſchen nahe Laͤmpchen heller auf, und ich ſah, daß es eine Laienſchweſter war, die dort vom Schlafe war uͤbereilt worden. Ach, haͤtte ich doch dieſer erſten Warnung Gehoͤr gegeben, um 30 nicht weit, weit ſtaͤrkere noͤthig zu machen! Aber nein; ich ſetzte meinen Gang eillig fort, ging die ſteinerne Treppe beim Chor hinunter und kam zur Thuͤr, die durch die Sakriſtei in die Kirche fuͤhrt. Hier, vor dem Altar, warf ich mich nochmals zur Erde, gewann nochmals neue Kraͤfte, und erreichte nun gluͤcklich den Kloſtergarten. Ein neues Hinderniß! eine neue Warnung! Die aͤußere Gitterthuͤr, die in den Garten fuͤhrt, und die ſonſt immer nur angelehnt ſtand, war zugeworfen und verſchloſſen. Hier paßte mein Schluͤſſel nicht, hier gab es keinen Rath. Ich ſtand einige Minuten ſtill, und die erſten Zwei⸗ fel an der Rechtmaͤßigkeit meines Unternehmens, die erſten Bedenken, ob der Himmel es beguͤn⸗ ſtigen koͤnne, ſtiegen grauſend in mir auf. Indem kam mir der Gedanke, daß ſich ja in dieſen Gittern ſelbſt Fuß faſſen laſſe, und kaum war er mir gekommen, als jene Zweifel ver⸗ ſchwanden, und ich, durch meine Angſt ſelbſt mit Geſchicklichkeit und Kraft ausgeruͤſtet, hin⸗ aufſtieg, oben auf der ſechs Ellen hohen Thuͤr ſchwebte, mich uͤberſchwang, eben ſo auf der andern Seite mich herunter ließ, und gluͤcklich zum Boden kam. Jetzt flog ich durch die Gaͤnge des Gartens, und ſchluͤpfte durch die Buͤſche, wie ein Streif⸗ wind. Ich kam zur Pforte, zitternd verſuchte ich den Schluͤſſel— er that ſeine Dienſte, ich eilte hinaus und ſchloß hinter mir ab. Gott, wie war mir, als ich mich nun außer⸗ halb der Mauern, und vor mir ausgebreitet die ſtille, freie Ebene ſahe, welche von ſanften Blik⸗ ken des Mondes lieblich erhellet wurde! Als haͤtte ein Felſengebirge bisher meine Bruſt ge⸗ preßt und waͤre nun plͤtzlich herabgewaͤlzt wor⸗ den— ſo erleichtert fuͤhlte ich mich, ſo frei und tief konnte ich nun athmen. Ich erhob meine gefaltenen Haͤnde dem Monde entgegen, ſeinem Schoͤpfer fuͤr meine Rettung zu dan⸗ ken. Worte hatte ich nicht— auch nicht ein⸗ mal in Gedanken hatte ich Worte: es war gleichſam nur die Muſik eines Gebets, was ich gen Himmel ſandte. Tief athmend ſetzte ich mich auf einen Stein, einige Minuten Kraͤfte zu ſammeln. Ich brauchte dieſe nur allzunoͤthig: noch 32— ſtand mir ein rauher, beſchwerlicher und ziem⸗ lich weiter Weg bevor. Jetzt war mir's, als ob ein gelinder Nachtwind einiges Geraͤuſch von der Landſtraße heruͤbertrage; dies entzuͤn⸗ dete mich von neuem, und ich eilte nun uͤber das breite Stoppelfeld hinweg, die Verwundung nicht achtend, die meine leicht bekleideten Fuͤße erlitten, floß dann uͤber den weiten Anger, und ſahe die Landſtraße vor mir, geſtaͤrkt durch die Hoffnung, hier meinen Geliebten zu finden und in ſeinen Armen zum erſtenmal wieder meine Gedanken zu ſammeln. Jetzt noch einen Sprung uͤber den ſchmalen Graben— ich war auf der Landſtraße! Aber, entſetzlich! kein lebendes Weſen war zu entdecken! Lang ge⸗ ſtreckt lag ſie vor mir, die weiße Bahn, vom Mondlicht hervorgehoben; ich konnte ſie weit, weit mit meinen Blicken verfolgen: nirgends die geringſte Spur eines Menſchen— alles ſtill, leer und oͤde! Ich huſtete, ich rief: keine Stimme antwortete mir! Jetzt brachen alle Schrecken der Verzweif⸗ lung auf mich ein. Sinnlos lief ich auf und nieder, von der Straße ab, wieder auf die⸗ — 33 ſelbe zuruͤck, rang die Haͤnde, jammerte laut, rief die Erde auf, ſich vor meinen Fuͤßen zu oͤffnen und mich zu verſchlingen, den Himmel, ſeine Wetter heraufziehen und mich treffen zu laſſen—: alles umſonſt; die Natur blieb in ihrem ſanften Schlummer, der Mond zog ru⸗ hig ſeine Bahn weiter, kein Laut war durch die ganze Schoͤpfung zu hoͤren! Indem kam mir der Gedanke, im Kloſter nun bald ver⸗ mißt, verfolgt, eingeholt zu werden. In der gewaltſamen Spannung, worin ich war, wurde der Gedanke augenblicklich zum Bilde: ich glaubte das Geſchrei der Nonnen im Kloſter, im Garten, glaubte die Stimmen meiner Ver⸗ folger ſchon auf der Straße zu hoͤren; das gab mir neue Kraͤfte. Ohne mir meiner klar bewußt zu werden, lief ich auf einem Rain zwiſchen Saatfeldern hin, und bemerkte erſt ſpaͤt, daß dieſer Pfad nicht weit gefuͤhret hatte, ſondern ich mit unbegreiflicher Kraft ſchon eine weite Strecke mich durch umgepfluͤgtes Ackerland gearbeitet, und einen nicht unbe⸗ traͤchtlichen Berg groͤßtentheils erſtiegen hatte. Ich ſetzte das Letzte dran, die Hoͤhe vollends Selene V. Heft. 3 ₰ 34 zu erreichen. Hier warf ich mich erſchoͤpft ins feuchte Gras, die Blicke aͤngſtlich nach dem Kloſter gewendet, das, vom ſcheidenden Monde angeſtrahlt, tief im Grunde vor mir lag. Ich uͤberließ mich meinen quaͤlenden Ge⸗ danken: Wohin mich wenden, ſagte ich, in einer Gegend, die mir ganz unbekannt iſt? wo ich Stunden zu wandern habe, ehe ich aus dem Gebiet des Kloſters, und vielleicht viele Mei⸗ len, ehe ich aus dem Sprengel des ſtrengen, alles vermoͤgenden Biſchoffs komme? wohin, ich, die ich mein ganzes Leben hindurch nur wenig Wochen uneingeſchloſſen geweſen, und mit allen Verhaͤltniſſen der Menſchen, folglich auch mit den Mitteln zu meiner Rettung, ganz unbekannt bin? Ich beſchloß verzweifelnd, nicht weiter zu gehen, moͤchte mir auch begeg⸗ nen, was da wollte, ſondern rief zum Himmel: Hier, unter deinem blauen Gewoͤlbe will ich liegen— du, du ſollſt mich verderben ſehn! Ich mochte etwa eine halbe Stunde geruht haben, ſo entdeckte ich plötzlich eine Bewegung durch das ganze Kloſter. In allen Zellen er⸗ ſchienen Lichter; Lichter flogen von Fenſter zu 3⁵ Fenſter; auch durch die Seitengebaͤude und Nebengaͤnge flogen ſie. Alles, was ich ſo eben gedacht, was ich ſo eben gelobet hatte, war augenblicklich vergeſſen; ich ſprang auf, ich hatte Kraͤfte, ich flohe den Berg hinunter, ohne zu wiſſen, wohin? Kaum tauſend Schritte war ich von meinem Ruheplatze ent⸗ fernt, ſo hoͤrte ich ſchon das Summen der Kloſterglocken, die Sturm laͤuteten. Sobald dieſes Gelaͤute ertoͤnt, muͤſſen alle umherlie⸗ genden Dorfſchaften ebenfalls Sturm ſchlagen; jeder Hausvater muß in ſeinem Hauſe wach bleiben, jede Gemeinde muß Maͤnner aus ih⸗ rer Mitte ſchicken, die dnenee beſetzen und auf Erforderniß Nachforſcht zu thun.— Ich flohe durch Getraidefelder und Wieſen, und wuͤnſchte mir nur ein Gehoͤlz, worin ich mich verbergen koͤnnte: keins war zu entdecken. Schon fing der Morgen an ſich zu roͤthen, ſchon hoͤrte ich einige Dorfſchaften zu beiden Seiten ebenfalls in die Glocken ſtuͤrmen: da bemerkte ich im Thal, nicht weit von mir, das Huͤttchen eines Waͤchters, wie deren dort meh⸗ rere angeſtellt ſind, das gehegte Wild von den 36— Aeckern der Landleute abzuhalten. Ohne davon unterrichtet zu ſeyn, ohne uͤberhaupt zu wiſſen, wohin ich kaͤme, war ich doch augenblicklich entſchloſſen, in das Huͤttchen zu fluͤchten und den Bewohnern mein Geſchick anzuvertrauen. Ich klopfte an. Ein ſehr alter Mann, dem freundliche Gutmuͤthigkeit hell unter den weißen Augenbraunen hervorſahe, oͤffnete, und war nicht wenig verwundert, ein junges Frauenzim⸗ mer, das ihm flehentlich die Haͤnde entgegen⸗ breitete, zu erblicken. Vater, Vater, rief ich, hilf mir, damit Gott deinen Kindern wieder helfe!— Was iſt's denn, mein Toͤchterchen? ſagte er. Snnin ban zu dir! ſei ohne Furcht! — Ich drang in die Huͤtte, ich blickte wild umher, und entdeckte niemand. Jetzt erſt kam mir's bei, daß ich dieſem Manne meine Ge⸗ ſchichte durchaus verbergen muͤſſe, weil er ſonſt aus Gewiſſen und Furcht, mich ausliefern, wenigſtens forttreiben wuͤrde; auch daran dachte ich jetzt erſt, daß meine Kleidung mich nicht verrathen koͤnne, indem ſie, wie gewoͤhnlich bis zur Einkleidung, die weltliche war, und ich 37 den unterſcheidenden Ueberhang nicht mitge⸗ nommen hatte. Ohne alles Beſinnen erzaͤhlte ich meinem Alten, ich waͤre von einem vornehmen Boͤſe⸗ wicht entfuͤhrt worden, haͤtte mich ſeiner Ge⸗ walt zu entziehen gewußt, irrete nun verfolgt umher, und wuͤrde, traͤfe man mich, in ſeine Arme geliefert. Das waͤr' mir ſchoͤn! rief der Alte, der mir jedes Wort treuherzig glaubte. Sei unbeſorgt, Kindchen! Ich bin allein in der Huͤtte: ich verſtecke dich! Laß ſie nur kommen! Unſer Eins iſt nicht auf den Kopf gefallen, und weiß im Nothfall auch ſeinen Dornſtock zu gebrauchen. Er brachte mir Milch, breitete reinliches Stroh in die Ecke der Huͤtte, mir zum Lager, ermahnete mich, ruhig zu ſchlafen, und ver⸗ ſprach, kaͤme Gefahr, mich zu wecken. Ganz entkraͤftet warf ich mich nieder, empfahl mich dem Schutz des Himmels, und mein Wohl⸗ thaͤter uͤberdeckte mich leicht mit Stroh. Ich war ſo ermattet, daß ſelbſt die hef⸗ tigſte Angſt mich nicht wach erhalten konnte. Vierzehn Stunden lang lag ich in ununter⸗ P 38 brochenem tiefen Schlafe; ſelbſt kein Traum beunruhigte mich, wie viel weniger hatte ich eine Ahnung, wie nahe mir indeſſen die groͤßte Gefahr geweſen war. Ich war naͤmlich noch nicht lange ent⸗ ſchlummert, ſo kamen zwei Bewaffnete heran⸗ geſprengt, und fragten eilig nach mir. Der Alte nahm ihre Aeußerung, ich ſei dem Kloſter entwiſcht, fuͤr Liſt, um durch ſeine Gewiſſen⸗ haftigkeit oder Furchtſamkeit deſto eher die Wahrheit zu erfahren. Ja, ja, rief er, ich hab' ſie geſehn! nicht wahr, ſo und ſo war ſie gekleidet? nun ganz recht! die ſaß in einem Wagen mit vier Poſtpferden! Dort unten am Berge lenkten ſie von dem Wege ab, als woll⸗ ten ſie rechts nach der Frankfurter Straße. Reitet zu, ihr Herrn! es muͤßte nicht gut ſeyn, wenn ihr ſie nicht heute noch erwiſchen wolltet!— Die Reiter machten ſich auf, und ſprengten nach jener Gegend hin. Etwa eine Stunde nachher, kamen vier Dragoner, die auf einem der nahe gelegenen Doͤrfer im Quartier ſtanden, und von den Bauern, auf Requiſition des 39 Kloſters, an ihrer Statt geſtellt worden waren. Sie waren rohe, wuͤſte Menſchen, polterten dieſelbe Frage heraus, wie jene, und bekamen denſelben Beſcheid. Iſt denn hier ſchon Nach⸗ frage nach ihr geweſen? fragten ſie. Nachfrage und Hausſuchung, antwortete der Alte, ſie von der letztern abzuhalten. Und ihr habt die Reiter auch dahin ge⸗ wieſen? 1 Freilich! wie konnt' ich anders? Nun ſo werden ſie die ſchon einholen, und wir kommen noch Zeit genug, wenn wir hier erſt unſer Fruͤhſtuͤck machen und den Pferden „was vorwerfen. Bei dieſen Worten ſetzten ſie ſich um den Tiſch, der kaum vier Schritte von meinem Lager entfernt war. Hier uͤberſiel den gefaßten Alten denn doch eine ſchreckliche Angſt. Mich zu wecken, und mir von der Gefahr einen Wink zu geben, daran war nicht zu denken; erwachte ich aber von dem tumultuariſchen Geſpraͤch, oder regte ich mich auch nur im Schlafe, ſo wurde ich entdeckt.— Um die Reiter vielleicht los zu —— 40 werden, ſagte er, er habe durchaus nichts fuͤr ihre Pferde. Sie fluchten, und der Eine ſtand ſchon auf, fuͤr dieſen Nothfall nach dem ſchoͤ⸗ nen friſchen Stroh zu greifen, worin ich lag: da rief der Alte ſchnell: Doch ja; draußen hinter der Huͤtte liegt noch etwas Grummet! ich denke ja, es wird trocken genug ſeyn! geht nur, ihr Herrn, und holt's euch.— Alter Faulpelz! riefen die Dragoner; willſt du gleich hinaus, und es ſelbſt den Pferden vorwerfen? oder wir wollen dich... Er durfte ſich nicht laͤnger ſperren, wenn ſie nicht erbittert und aufmerkſam werden ſoll⸗ ten. Nun nun! nur gelaſſen! ich gehe ja ſchon, hochedle Herrn! ſagt' er, und um ihre Auf⸗ merkſamkeit auf etwas anders zu heften, legte er ihnen ein großes Brot auf den Tiſch, und reichte ihnen ſein Branntweinflaͤſchchen. Die Soldaten wurden jetzt freundlicher, und indeß ſie uͤber das Fruͤhſtuͤck herfielen, be⸗ ſorgte er die Pferde, und betete bruͤnſtig zu Gott, daß er mich behuͤten, und auch vor jedem Roͤcheln und Huͤſteln im Schlafe be⸗ wahren moͤchte. Bald darauf zogen die Reiter 41 ab, und mein Alter war ſogar ſo guͤtig, ſeine Begierde, mir die uͤberſtandene Gefahr kund zu thun, und mich in ſeine Freude, in ſeinen Dank einſtimmen zu ſehen, zu unterdruͤcken, um ſelbſt dadurch meinen Schlummer nicht zu ſtoͤren. Endlich erwachte ich, und nun erzaͤhlte er mir mit blitzenden Augen und lebhaften, alles komiſch kopierenden Bewegungen, was ich ſo eben berichtet habe. Je aͤngſtlicher ich an ſeinen Blicken und Lippen hing, je mehr lachte er; je inniger ich dem Himmel dankte, deſto zufriedener ſahe er mich an, und rief nur immer dazwiſchen: Gelt, gelt, das hat der liebe Gott gethan? und ich bin auch nicht ge⸗ rade der Duͤmmſte?— 1 Endlich mußten wir auch ernſthaft an das weitere denken. Ich nmoͤchte ſelbſt nicht gern noch einmal ſo'was wagen, ſagte er; man muß unſern Herrgott nicht verſuchen, und wenn er Einem den Finger giebt, nicht die ganze Hand nehmen.— Wir vereinigten uns, daß ich mit hereinbrechendem Abend mich fortma⸗ chen ſollte. Er eilte um die Mittagszeit, nachdem er mich in die Huͤtte ſorgſam einge⸗ ——— 42 riegelt hatte, nach dem nahe gelegenen Dorfe, wo er eigentlich zu Hauſe war, und brachte mir die Kleidung ſeines älteſten Knaben. Ich kleidete mich um; indeſſen machte er mir einen Querſack zurecht, wie ihn die Landleute in jener Gegend zu tragen pflegen, gab mir, als nun der Abend kam, dieſen Sack uͤber die Schultern, einen Stecken in die Hand, und ſeinen Segen auf den Weg; meine Reiſeroute hatte er mir ſchon vorher beſtimmt. Seinem Nathe gemaͤß, ſollte ich die Land⸗ ſtraßen möglichſt vermeiden, und auf Feldwegen die fuͤnf Meilen bis F— zu kommen ſuchen, wo ich, in der lebhaften, volkreichen Stadt, nicht leicht bemerkt werden und mit der Reichs⸗ poſt dann kommen koͤnnte, wohin ich wollte. Ich wollte meinem Wohlthaͤter die Kleinig⸗ keiten von einigem Werth, die ich befaß und zu mir geſteckt hatte, zuruͤcklaſſen: das haͤtte er aber faſt uͤbel genommen; im Gegentheile gab er mir fuͤr meine Kleider, was er an baa⸗ rer Muͤnze beſaß, und entließ mich mit den Worten: Juͤngferchen, ich habe fuͤnf Kinder: an dieſen mag's der liebe Gott gleich machen, 48 wenn er will. Ihm befſiehl du deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen. Und alſo— friſch auf! die Fuͤße geruͤhrt!— Es war ein wunderſchoͤner Abend. Die Luft war ſtill und warm, der Himmel klar, die Sterne erhelleten meinen Pfad, bald er⸗ ſchien auch das erquickende Licht des Mondes; kein lebendes Weſen begegnete mir, und alle Gefahr ſchien voruͤber. Gleichwol— wunder⸗ bar genug— gleichwol war ich kaum allein, hatte kaum niemand mehr, auf den ich mich ſtuͤtzen konnte und der mein Schickſal gewiſſer⸗ maßen mit mir theilte: ſo erwachte alle meine weibliche Furchtſamkeit wieder, und nicht nur jedes Luͤftchen, das im Laube der Baͤume ſpiel⸗ te, ſondern ſelbſt die Stille der Nacht, die mich doch am meiſten haͤtte beruhigen ſollen, machte mich zittern. Es mochte etwa zwei Uhr in der Nacht ſeyn, ſo kam ich an einen kleinen, einſamen Gaſthof, den mir mein Wohlthaͤter bezeichnet hatte. Furcht und Uebernehmen meiner Kraͤfte gleich beim Auswandern hatten mich ſchon wieder ſehr ermattet; ich bedurfte einiger Erqui⸗ 44 ckung hoͤchſtnoͤthig. Ich klopfte an: alles lag in tiefen Schlaf begraben. Endlich kam der Knecht. Ich nannte ihm ein Dorf, das mir mein Alter angegeben, woher ich kaͤme und mich verirrt haͤtte. Ich bat um Aufnahme nur auf einige Stunden. Der Knecht meldete es dem Wirth und kam nach einem Weilchen mit der Entſcheidung zuruͤck, ich muͤße weiter; fein Herr halte mich fuͤr einen Vagabonden, und ſie haͤtten ſtrengen Befehl, dergleichen Leu⸗ te nicht einzunehmen. Meine Thraͤnen brachen hervor, meine Glieder zitterten vor Erſchoͤpfung und Froſt: das ruͤhrte den Knecht. Armer Junge, ſagte er leiſe, komm nur'rein mit mir in den Stall!'s iſt huͤbſch warm da, und du kannſt auf dem Heue ausruhn, ein Bischen! Ich folgte ihm: ach, wie wohl that mir dieſes elende Lager! wie noch wohler die Theil⸗ nahme dieſes, wenn auch noch ſo rohen und gemeinen Menſchen! Wenn der Tag graut, ſagte er, ſo ſchirr' ich an und fahre Getraide nach F—; da mußt du mit'naus wuſchen, daß dich der Herr nicht gewahr wird. Jetzt — 45 ſchlaf' nur; ich will dich ſchon wecken, wenn's Zeit iſt. Dieſer gutmuͤthige Menſch hatte denſelben Weg, wie ich; ich hatte wieder einen Gefaͤhr⸗ ten, an den ich mich ſchließen konnte: das war Muſik, die mich in Schlummer wiegte!— Nach zwei oder drei Stunden weckte er mich; ich ſchlich hinaus, und ging nun mit aller Anſtrengung neben dem Wagen her. Hoͤ⸗ re, rief er mir nach einem Weilchen zu; du magſt mir auch noch nicht oft hinter'm Ofen zvorgekrochen ſeyn: machſt du nicht Schrittchen! haſt du nicht einen ungeſchickten Gang! Na, ſo ſetz' dich nur hinten auf die Saͤcke: du wirſt's den Braunen nicht viel ſchwerer machen! — Damit erzeigte er mir eine unſchaͤtzbare Wohlthat, denn ſchon brannten mich meine Fußſohlen, und meine Kniee ſchmerzten unbe⸗ ſchreiblich. Nun ſchwatzte er immerfort von tauſender⸗ lei Dingen, theils zu mir, theils zu ſeinen Pferden. Endlich kam er auch darauf: es ſei geſtern Abend ein Reiter mit einem offenen Briefe, aus dem Benediktinerkloſter druͤben, 46 bei ihnen geweſen; in dem Briefe habe geſtan⸗ den, daß eine Kloſterjungfer entwiſcht waͤre, und daß ſie jedermann anhalten ſollte, und daß der ein tuͤchtig Stuͤck Geld bekaͤme, der ſie wiederbraͤchte. Guk' doch mit umher, Haͤns⸗ chen, ſagte er, ob wir ſie etwa laufen ſehn! man kann nicht wiſſen! es waͤre doch ein praͤcht'⸗ ger Spas!— Mein Schrecken war ſo groß, daß er es mir abgemerkt haben muͤßte, wenn er nicht gluͤcklicher Weiſe mir den Ruͤcken zu⸗ gekehrt haͤtte. 3 Des Nachmittags kamen wir nach F—, und ich ſchied von meinem Gefaͤhrten, dank⸗ bar, doch ohne ihm eine Belohnung anzubieten, aus Furcht, mich zu verrathen; er war aber auch mit meinem Haͤndedruck vollkommen zu⸗ frieden. Den Abend ging die Poſt ab, mit welcher ich nun in gerader Linie bis Lindau zu reiſen gedachte— denn freilich wollte ich zu meiner Angelika, deren Aufenthalt ich von Lindau aus leicht zu Fuß' erreichen konnte. Dieſe ganze, weite Reiſe vollbrachte ich ohne namhafte Gefahr. Wie haͤtte mein Herz 457 erfuͤllet ſeyn ſollen von Dank gegen meinen himmliſchen Beſchuͤtzer, und von Vertrauen auf ſeine Vaterguͤte! So war es aber nicht; ſon⸗ dern kaum wurde ich ruhig genug, meinen Zuſtand beſtimmter zu uͤberdenken, als irdiſche Sorgen, irdiſche Hoffnungen, irdiſche Sehn⸗ ſucht meine ganze Seele fuͤlleten. Bald be⸗ ſchuldigte ich meinen Freund kalter Saumſe⸗ ligkeit, bald ſtrafte ich mich dafuͤr, und quaͤlte mich ſelbſt mit Vorſtellungen von vielfachem Ungluͤck, das ihn betroffen und abgehalten ha⸗ be, ſein Wort zu erfuͤllen— und was der⸗ gleichen Betrachtungen mehr waren, die mich, wie traͤumend, aus einer Poſtkutſche in die andre ſteigen ließen, bis ich, in dem unbe⸗ ſchreiblich ſchoͤnen Garten Gottes, am Bodenſee anlangte. Die Sonne neigte ſich zum Untergange, als ich in Lindau ankam. Die Begierde, meine Freundin zu umarmen und von ihr Aufklaͤrung meines Geſchicks zu erhalten, ließ mich nicht ruhen. Ich machte mich ſogleich auf und nahm auf dem naͤchſten Doͤrſchen einen Hirtenknaben mit, wie deren dort gewoͤhnlich als Fuͤhrer 48 ſich anbieten. Der Knabe verſprach mir, ſpaͤt⸗ ſtens eine Stunde vor Mitternacht ſollte ich am Ziele meiner Reiſe ſeyn. Mein Fuͤhrer war zutraulich, froͤhlich und geſpraͤchig, wie dort die Menſchen uͤberhaupt ſind. Er erzaͤhlte mir, er waͤre ſchon mehr⸗ mals auf dem Schloſſe geweſen, wohin ich wollte, und das erſt neulich wieder, bei dem Begraͤbnis der gnaͤdgen Frau, die dem gnaͤd⸗ gen Herrn in drei Wochen nachgeſtorben und ganz herrlich beigeſetzt worden waͤre. So hatte alſo meine Freundin in einem Monate, Vater und Mutter verloren! Wie bewegte mich dieſe Trauerpoſt! ach, ſie ſchien mir zugleich von boͤſer Vorbedeutung fuͤr mich ſelbſt zu ſeyn! Mit ſchwerem, gepreßtem Herzen wagte ich kaum nach meiner Angelika zu fragen; der Knabe wußte aber wenig von ihr, außer, daß das Schloß nun ihr gehoͤre; von einem Bruder war ihm gar nichts bekannt— Wenigſtens iſt ganz gewiß keiner bei der Beerdigung der alten Herrſchaf⸗ ten zugegen geweſen, beſchloß er. Es war wirklich noch nicht Mitternacht, als wir beim Schloſſe anlangten. Wir fuͤrch⸗ „ 1 49 teten lange klopfen zu muͤſſen, aber man oͤff⸗ nete uns ſogleich, als waͤren wir erwartet. Der Schließer betrachtete mich ſehr aufmerk⸗ ſam, da ich ihm ſagte, ich muͤſſe ſogleich das Fraͤulein ſprechen. Sie wird ſchon zur Ruhe ſeyn, ſagte er bedenklich; aber ich will den Haushofmeiſter rufen. Er kam nach einer Weile mit dieſem, einem freundlichen alten Manne, zuruͤck; ich wiederholte mein Geſuch, und er wiederholte jene Entſchuldigung, indem er mich immer feſter fixirte. Endlich zog er mich bei Seite und fluͤſterte mir zu: Kleiner, ſchickt dich unſer Herr?— Faſt ohne daß ich mich deſſen bewußt war, flog ein Ja uͤber meine Lippen. So koͤmmt er wol endlich? fluͤſterte der Alte noch eifriger und leiſer; und ehe ich ant⸗ worten konnte, winkte er mir zu ſchweigen, eilte die Treppe hinauf, kehrte nach einer Weile zuruͤck, und fuͤhrte mich in ein Zimmer des erſten Stocks. Nicht lange, ſo trat Angelika mit einem Maͤdchen herein. Kaum ſagte ich einige Worte, als ſie heftig erſchrak, mir naͤher trat, den Selene V. Heft. 4 50 Haushofmeiſter entfernte, und mit einem Schrei des Entzuͤckens in meine Arme ſank. Endlich faßte ſie ſich. Aber warum erſt heute? fragte ſie; warum verkleidet? warum allein? ſag', wo iſt mein Bruder? Ich erzaͤhlte der Erſtaunenden alles, was ſich begeben hatte: ſie konnte es eben ſo wenig faſſen, als ich. Sie ſchilderte mir die Liebe ihres Bruders mit den lebhafteſten Farben; erzaͤhlte z. B., daß er, alles mit ihr zu verab⸗ reden und jene Zeilen von ihrer Hand ſicher zu erhalten, ſogar die betraͤchtliche Reiſe hieher gemacht haͤtte—— Meine Freude daruͤber, und das Gluͤck, mit meiner Freundin vereinigt zu ſeyn, uͤberſtimmte diesmal meine Beſorgniſſe, und ein ſanfter Schlummer erquickte endlich mich, die der Erquickung ſo ſehr bedurfte. Am Morgen fuͤhrte mich Angelika durch alle die zahlreichen Zimmer des Schloſſes, und bat mich, die zu erwaͤhlen, die mir die liebſten ſeyn wuͤrden. Das Gefuͤhl meiner Freiheit, die himmliſche Gegend, die mich, durch welches Fenſter ich die Augen warf, aus dem Spiegel des Bodenſee's, von den gruͤnen Matten ſeiner 51 jenſeitigen Schweizerufer, von den ſich ſanft erhebenden Alpen und dem hochgethuͤrmten Glet⸗ ſcher von Chur hinter ihnen, anlaͤchelte; der nie gewohnte heitere Schmuck der Zimmer, die nie gewohnten Aufmerkſamkeiten und Bequemlich⸗ keiten, und nun die ſichere Hoffnung, alles das an der Hand des liebenswuͤrdigſten Mannes, der treueſten Freundin zu genießen—: dies ſetzte mich in eine Art von Rauſch, wo ich alles in roſenfarbenem Lichte ſah, und wo nur in ein⸗ zelnen Momenten fluͤchtige Beſorgniſſe durch mein Herz, wie graue Wolkenſchatten uͤber ei⸗ ne ſonnenbeglaͤnzte Fruͤhlingswieſe, dahin zogen. Angelika, die weit gefaßter war, als ich, theil⸗ te mir ihren Plan mit: ſie wolle noch vierzehn Tage auf ihren Bruder warten, und komme er bis dahin nicht, einen zuverlaͤſſigen Boten nach M— m ſenden, mir aber moͤge indeß, zur Zerſtreuung und Aufheiterung, die ange⸗ nehme Pflicht auferlegt bleiben, die Zimmer, die ich fuͤr ihn und fuͤr mich ausgewaͤhlt haͤtte, nach meiner Neigung einzurichten— denn, ſetzte meine Freundin hinzu, mein Bruder hat ſchon verſprochen, das Militaͤr und die Haupt⸗ 52 ſtadt zu verlaſſen, und mit dir und mir hier in ſtiller Freude ſeine Tage zu durchleben. Aber jener bezaubernde Roſenſchimmer ver⸗ flog bald, und in meiner ſchwankenden Seele ſtiegen bange Ahnungen, wie Trauergeſtalten in einem ſchweren Traume, auf; ja, ſie ver⸗ huͤlleten allss, was mich umgab, und umduͤ⸗ ſterten endlich mein ganzes Weſen bis zur troſtloſeſten Melancholie. Die beſtimmten vierzehn Tage waren voruͤ⸗ ber: wir hatten noch nicht die geringſte Nach⸗ richt vom Major. Der Bote reiſete ab: auf meiner Bruſt laſtete finſtre Schwermuth immer preſſender; ich konnte mich ihr keine Stunde mehr entziehen. Wie gut iſt der Gott, der ſie mir ſandte! was wuͤrde, ohne dieſe Vorberei⸗ tung, durch das, was meiner wartete, aus mir geworden ſeyn?— Eines Tages, als meine Freundin Geſchaͤfte halber zur Stadt hatte fahren muͤſſen, uͤberflel mich jene melancholiſche Stimmung mit verdop⸗ pelter Gewalt ſo, daß ich mir ſchlechterdings keinen Rath mehr wußte, und mich von einem uͤbermaͤchtigen Drang zu ſterben faſt gar nicht 2 53 mehr loswinden konnte. Ich rang mit meinen Phantaſieen, rang mit meinen Empfindungen aus aller Kraft: aber die Kraft ermattete ſchon — da glaͤnzte mir hell und ſchoͤn der Gedanke entgegen: fliehe an den Ort, wo ſeine Ehre wohnt, wo du die Gegenwart ſeiner Macht, an die nichts Irdiſches reicht, wo du die Ge⸗ genwart ſeiner Vaterliebe, die ſich ſelbſt des verſchmachtenden Wurmes erbarmet, naͤher em⸗ pfinden und heißer umfaſſen kannſt!— Wie die duͤrſtende Hindin nach dem labenden Fel⸗ ſenquell, ging ich, flog ich nach der uralten Hauskapelle im Hintergrunde des Schloßhofs, die ſeit Jahrhunderten faſt nur noch als Erb⸗ begraͤbnis der Beſitzer gedienet hatte. Schon im zehnten Jahrhundert ſoll ſie derſelbe Eremit, der in der Gegend zuerſt das Evangelium ver⸗ kuͤndigte und taufte, eingeweihet; er ſelber ſoll die Lampe angezuͤndet haben, die ſeitdem nie wieder verloſchen iſt. Ich oͤffnete die ſchwere Pforte; ich trat ein in die Schauder, welche ewige Kuͤhle und Daͤmmerung hier uͤber jeden Eintretenden ver⸗ breiten. Mich ergriffen alle die unerklaͤrlichen 54 Regungen und Wallungen, in denen eine frem⸗ de Geiſterwelt zu uns zu ſprechen ſcheint, wenn ſich uns etwas dunkel naht, das groß auf uns wirken ſoll; und mein Schmerz, meine Ban⸗ gigkeit, meine Selbſtqual war verſchlungen in den Schauern vor der wirkſamen Naͤhe des Unſichtbaren. Meine Augen fielen zuerſt auf den ſchwar⸗ zen Marmor, unter welchem nur ſeit einigen Monaten die Gebeine derer ſchlummerten, die ich als meine Aeltern zu ehren, zu lieben, zu pflegen gehofft hatte. Ich erhob allmaͤhlich die Augen, und ſahe an den Waͤnden die lange Reihe der Vorfahren meines Geliebten, die in den Kriegen fuͤr ihren Glauben in fremden Landen gefallen waren. Sie ſchienen mich, in ihren Ruͤſtungen, meiſtens die Hand am Schwerdt, ernſt und ſtreng anzublicken. Scheu wendete ich dann meine Blicke zu den metalle⸗ nen Heiligenbildern, die in kleinen Niſchen zwiſchen ihnen ſtanden; mir war, als ſaͤhen dieſe milder und freundlicher auf mich herab, und wollten mit ihren emporgehobnen Haͤnden mich ſeegnen. Mein Herz ſchlug nicht mehr 53 gewaltſam, nicht mehr geaͤngſtet, aber deſto ſehnender. Ich blickte nach dem Hauptaltar, wo die Himmelfahrt des Erloͤſers dargeſtellt war, uͤber welcher die Worte ſtanden: Suchet was droben iſt. Nie gekannte Gefuͤhle ſtroͤmten in meine Bruſt. Ich weinte, und nie, nie hatte ich ſo ſuͤß geweint. Unwider⸗ ſtehlich zog's mich an die Stufen des Altars. Ich ließ mich nieder auf die Kniee, ich breitete meine Arme empor, ich rief: Erhalte du mir dieſe Ruhe! labe mich mit deinem Troſt! Da fielen meine Augen auf die Unterſchrift: Wer nicht verlaͤſſet Vater und Mutter um meinetwillen, der iſt mein nicht werth.— Wie ein Donner trafen mich dieſe Worte; ich ſank mit dem Haupte zu Boden, meine Augen verdunkelten— ſie ſchloſſen ſich; mir war, als ob eine dicke Wolke mich und den Altar umhuͤllete— ich rang in Schmerzen und Zagen— ein Lichtſtrahl ſchien von oben durch die Wolke und in mein Herz zu dringen — ich fuͤhlte von neuem eine unbeſchreibliche Erquickung meiner innerſten Seele— richtete muthig das Haupt empor, erhob die feſtge⸗ 56 gefalteten Haͤnde, und rief laut: Ja, Herr, ich entſage allem, was ich liebe, ſo du es willſt! Zeige mir ſelbſt den Weg, den ich wandeln ſoll! Dir will ich leben, dir will ich leiden, dir will ich ſterben!— Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo durchdrang ein himmliſches Feuer mein ganzes Weſen, und erleuchtete, erwaͤrmte, erhob es unwiderſtehlich. Die Erde, und was ſie mir Theures hatte, ſchien verſunken— tief unter mir verſunken; wie auf Wolken getragen, wie ruhend in den Farben des Regenbogens, fuͤhlte ſich meine Seele; o, nur ein ſeeliger Tod kann dieſe Wonne mir wiederbringen!— Die Flamme, die mich entzuͤndet hatte, milderte ſich zwar allmaͤhlich zu einer ſanftern Gluth; aber alle irdiſchen Wuͤnſche, Beſorgniſ⸗ ſe und Hoffnungen blieben aus meiner Seele verſchwunden und der ſuͤße Himmelsfriede ver⸗ ließ mich nicht.— Allguͤtiger, das kam von dir! du wußteſt, welch ein Augenblick mir be⸗ vorſtand! du ergriffſt mich, da ich dir noch ein freiwilliges Opfer bringen konnte! noch 57 wenig Minuten, und das war nicht mehr in meiner Gewalt!— Doch ich war noch kein ſeeliger Geiſt; noch umkleidete mich ein Koͤrper, der ſich den Ge⸗ ſetzen der Erde nicht entwinden konnte. Ich fuͤhlte mich nach einer Weile ganz an Kraͤften erſchoͤpft, wankte in einen Winkel der Kapelle, ſetzte mich da nieder, und verfiel in eine Art von Betaͤubung, die mir ſehr wohlthat, aber doch kein eigentlicher Schlummer war. Ich weiß nicht, wie lange ich ſo geſeſſen haben mag, als mir ein leiſes Stoͤhnen in's Ohr fiel und mich zur vollen Beſinnung erweckte. Ich blickte auf, und ſahe einen alten Mann, der Kleidung nach, von ganz gemeinem Stande. Aus ſeinem Geſichte leuchtete der Ausdruck treuer Ehrlichkeit und ehrwuͤrdiger Einfalt. Er knieete vor dem Altar, und weil er ſich allein glaubte, verrichtete er ſein Gebet halblaut. Eine kleine Bewegung, die ich unwillkuͤhrlich machte, verrieth mich. Er wendete ſich ploͤtz⸗ lich um, und ſchien ſehr befremdet, ein wohl⸗ gekleidetes Frauenzimmer hier allein zu finden. Indeß ſagte er nichts, ſondern ſtand langſam auf, gruͤßte mich ſehr ehrerbietig, und wollte nun voruͤber zur Thuͤr gehn. Der Alte hatte fuͤr mich etwas außeror⸗ dentlich Anziehendes. Indem er an mir vor⸗ beigehen wollte, redete ich ihn an: Guter Vater, gehoͤrt ihr hieher ins Schloß? Ja, liebe Jungfer, antwortete er; ich ge⸗ hoͤre hieher. So lang' ich denken kann, bin ich nicht aus dieſem Gehoͤfe gekommen, bis vor wenigen Monaten— leider! leider! Ich fuͤhlte, ich weiß ſelbſt nicht was, bei den Worten dieſes Mannes; ich konnte es nicht unterlaſſen, weiter in ihn zu dringen. Warum ſagt ihr leider, guter Vater? fragte ich. Ach, antwortete er, mit draͤngender Hef⸗ tigkeit— hab' ich denn nicht ſo, das Traurigſte, was ich erleben konnte, vor Augen haben muͤſ⸗ ſen? Sehen Sie, liebe Jungfer, am Gruͤn⸗ donnerſtag bin ich ſieben und ſiebzig geweſen; den alten Herrn, der dort unter dem ſchwarzen Stein ruhet, hab' ich noch tauſendmal auf den Armen getragen, und war damals ſchon ſelbſt Vater. Dafuͤr hat er mich auch lieb 59 gehabt; bis zum letzten Athemzuge hat er mich lieb gehabt— ja, ja, bis zum letzten Athem⸗ zuge! Denn wie ihn unſer himmliſcher Vater aufs Krankenlager legte, und ich nun Tag und Nacht nicht von ihm wich, und er fuͤhlte, das letzte Stuͤndlein komme herbei: da ſagte er: Martin— guter, ehrlicher Martin, ſagt' er — du haſt mir immer treu gedient, und ich will mich bei dir bedanken. Gieb mir deine Hand, ſagt' er; und wie ich ſie ihm gab, ſo druͤckt' er ſie, und legte ſie auf ſeine Bruſt. Verſtehſt du mich, Martin? fragt' er nun, und machte mir ein ſo freundliches, liebreiches Geſicht, daß mir's vorkam, als waͤr' er ſchon ein Engel. Da knieete ich nieder an ſeinem Bette, und konnte gar nichts ſagen, ſondern nur weinen, und ſeine kalte Hand mit meinen Kuͤſſen bedecken. Endlich fing er wieder an: Hoͤre, Martin, ich haͤtte ſo gern meinen Sohn noch einmal geſehn; das iſt aber nun nicht mehr moͤglich. Willſt du deinem alten Herrn noch einen Gefallen thun? Nun, ſo reiſe, ſobald du mir das Todtenhemd angezogen haſt, zu ihm, bring' ihm meinen Seegen, bleibe bei 60 ihm, wie du bisher bei mir geweſen biſt; er wird dich lieb haben, wie ich dich lieb habe; er wird auch bald zuruͤckkommen und dann hier bleiben— er hat mir's verſprochen; und da koͤmmſt du denn auch wieder mit zuruͤck, und wenn du einmal ſtirbſt, ſo ſollſt du in unſre Kapelle begraben werden, an jedes Plaͤtz⸗ chen, das du dir ſelbſt ausgeſucht haſt. So ſagt' er, und legte dabei die Hand auf meinen Kopf; und es dauerte nicht drei Stunden— nein, nicht drei Stunden dauert' es noch— ſo war er beim lieben Gott. Ich hielt mich nicht laͤnger auf, als zu einem andaͤchtigen De profundis, und dachte: erſt ihm den Willen gethan, denn das iſt fuͤr ihn: hernach iſts Zeit, redlich um ihn Leid zu tragen, denn das iſt fuͤr dich! Da kam ich denn zu meinem neuen Herrn; ach, liebe Jungfer, wie gut, wie ſeelengut war auch er! Ja ja, weinen Sie immer: er iſts werth, daß alle gute Nenſchen um ihn weinen!— Nur Eins gefiel mir nicht an ihm: er war immer ſo tiefſinnig und traurig! Das kann ich nun an den Men⸗ ſchen gar nicht leiden, beſonders an jungen Leut⸗ 61 chen; drum nahm ich mir einmal ein Herz und las ihm den Text ein Bischen druͤber: ſehen Sie, da kam's'raus:— er— na, lieber Gott, wie nun das junge Blut iſt— er war einem Frauenzimmerchen gut, das ſie in's Kloſter ge⸗ ſperrt hatten, um das ganze Vermoͤgen ihrem Bruder zuzuwenden. Das Frauenzimmerchen hatte noch nicht Profeß gethan: ſo durfte man's ja wagen, ſie zu retten. Ja, wenn wir nur erſt gewußt haͤtten, wo ſie eigentlich waͤre? Durch den Poſtſekretaͤr, dort, wo ihre Mutter wohnte, erfuhren wir's endlich,— weil doch die Mutter dem armen Kinde einigemale ge⸗ ſchrieben hatte!— Wir alſo auf und dahin! Mit vielem Gelde bringen wir die Gaͤrtnerin auf unſre Seite. Sie vergißt einmal auf ein Weilchen den Schluͤſſel von der Pforte abzu⸗ ziehn— verſtehn Sie mich! Er wird abge⸗ druͤckt, der Schluͤſſel; er wird nachgemacht. Nun galt's aber erſt, das liebe Kind zu unterrichten, wir waͤren da, und ſo und ſo ſollt's werden! Taͤglich ſchlichen wir um die alten hohen Mauern: endlich ſteckt' uns die Gaͤrtne⸗ rin, das Frauenzimmerchen waͤr' eben ganz 62 allein im Garten, da und da, hart an der Mauer. Plauz, fliegt ein Brief und der Schluͤſſel'nuͤber. Die Gaͤrtnerin lauſcht, und wir erfahren, beides iſt richtig in Empfang genommen worden. Nun werden die Anſtalten zur heimlichen Flucht gemacht: da— ach lieber Gott, ich kann wahrhaftig kaum weiter erzaͤh⸗ len!— Sehen Sie, mein gutes, frommes Kind, wenn der Menſch'was vorhat,'was wichtigs, worauf er ſeine ganze Hoffnung und ſein Bis⸗ chen Lebensgluͤck bauet; und es koͤmmt ihm drein— nun, was man ſo recht ein Ungluͤck von obenher nennen kann: ſo muß er ſich drein finden, und er kann's auch, und wird's gewiß mit der Zeit; er lernt denken: dein Vorhaben muß doch fuͤndlich geweſen ſeyn, oder haͤtte ſonſt deine unſterbliche Seele beſchaͤdigt, anders haͤtt' es der gute Gott nicht ſo anſtellen und ſchicken knnen! Aber wenn Lumpereien, die nicht der Rede werth ſind; wenn die Dummheit oder die Ungezogenheit von Menſchen, die kaum verdienen, wie die Spreu im Evangelio mit unter dem Waizen aufzuwachſen— ſehen Sie, 63 wenn die ſich hervordraͤngen, und die gute, ſorgſam gepflegte Saat, wie im Spaße, frech zertreten: da kocht's auch im Siebenundſiebzi⸗ ger, und da iſt es ſchwer, ach gar ſehr ſchwer, ſich zu faſſen, und den Glauben zu behalten bis an's Ende!—— Wir hielten uns im nahen Staͤdchen ſo verborgen, als moͤglich, und wichen allen Nach⸗ fragen kleinſtaͤdtiſcher Neugierde aus. Das verdroß nun die Leute, beſonders auch einen Reiterhauptmann, der in unſerm Gaſthofe im Quartier lag, und der weit und breit als eine wuͤſte, rohe Seele, und als der wildeſte Hau⸗ degen im Lande bekannt war. Der legt' es nun auf alle Weiſe an, meinen guten Herrn zu reizen, und je mehr ihm dieſer ausweicht, je hoͤher ſchwillt ihm der Kamm. Endlich giebt er dem Stadtcommandanten ein, wir waͤren wol gar Spione— gewiß nur, um uns zu plagen, denn ihm ſelber fiel's wol nicht im Ernſte ein! Freilich mußte mein Herr ſich nun legitimiren, als das, was er war. Nun iſt aber zwiſchen dem koͤniglich... ſchen Militaͤr und dem kur⸗ fuͤrſtlich... ſchen ſeit undenklichen Zeiten ein 5* 64 beſtaͤndiges Necken und Raufen— beſonders dort, an den Grenzen; der Hauptmann trieb's alſo nun noch arger, und glaubte, es fehle mei⸗ nem Herrn an Muth, weil er ihm aus dem Wege ging. Endlich bricht's doch durch; es fallen einige harte Worte, er fordert meinen Herrn, und der nimmt's an, verſchiebt's aber auf eine andre Zeit. Nun erfaͤhrt der Haupt⸗ mann unſre heimlichen Anſtalten zur Abreiſe, und bildet ſich ein, wir wollen nur vor ihm die Haut retten; da beſchließt er denn mit ei⸗ nem Paar Kumpans, uns zu verſchimpfieren aufs graͤulichſte. Sie laſſen uns jenen Nachmittag ruhig ab⸗ reiſen; aber etwa auf der Haͤlfte des Weges zum Kloſter uͤberfallen ſie uns. Was ſich mit Eh⸗ ren thun laͤßt, den Streit abzuwehren, das thut der Herr: es iſt umſonſt! Endlich uͤber⸗ laͤuft's ihn mit aller Macht: er zieht— ſie fallen einander an. Aber, lieber Gott, wie's denn hergeht in der Welt; was ein rechter Schurk' iſt, der bleibt uͤberall kalt und kann Pla⸗ ne machen und alles klug auspunktiren; damit vermag er's allemal uͤber den, dem noch das † 65 Herz warm im Buſen ſchlaͤgt! Mein Herr, mein guter, lieber Herr wird zu heftig: der Hauptmann lauert ihm eine Bloͤße ab, ſtoͤßt zu— er faͤllt, und die Unmenſchen ſprengen im Triumph davon. Ein wenig ſeitab lag ein Dorf. Ich laufe enuͤber: wir tragen den guten, lieben Herrn zum Pfarrer; wir ſchaffen Huͤlfe, ſo ſchnell und ſo gut, als nur moͤglich: es war alles umſonſt — die Aerzte ſagten gleich, er werde die Nacht ſchwerlich uͤberleben. Er lag, bis der Morgen grauete, ohne Bewußtſeyn, und ich bot dem lieben Gott tauſendmal mein Leben fuͤr ſeins an; endlich erwachte er, wie aus einem tiefen Schlafe. Er erkannte mich gleich, machte mir eine bedeutende Miene, und fuͤſterte mir zu: Ach Gott, meine Thereſe!— Mehr konnt' er nicht ſagen, aber man ſah' es ihm an, daß er ſchreckliche Unruhe uͤber dies arme Frauen⸗ zimmerchen litt. Nun, ſie mag mir's verge⸗ ben— ich hatte bisher nur an meinen lieben Herrn, und mit keinem Worte an ſie gedacht; jetzt aber, den Sterbenden zu beruhigen, ſagt' ich, ich haͤtte gleich am Abend unſern Kut⸗ Selene V. Heft. 5 66 ſcher mit dem Wagen an den bewußten Ort auf die Landſtraße geſchickt. Da laͤchelte er und dankte mit Blicken, erſt dem lieben Gott, und hernach auch mir. Das ſchnitt mir tief in die Seele, da ichs nicht verdiente, ſondern jetzt erſt den Andres fortgeſchickt hatte. Nach einer Weile wurde er aber doch wieder unruhig. Die Sprache verging ihm: aber daß er immerfort von mir auf die Thuͤr, und von der Thuͤr zum Himmel ſah, erklaͤrte mir deutlich genug, was er gern ſagen wollte. Was ſollt' ich thun? Ich ging hinaus, mich nur ein wenig auszuweinen und Kraft zu ſchoͤpfen; nun bracht' ich ihm einen, freilich fal⸗ ſchen Troſt! Ich ſagte: es waͤr' ein Bote vom Andres gekommen; er ließe ſagen, es waͤr' alles beſtens ausgerichtet, und zu Hauſe bei der Fraͤulein Schweſter wuͤrden ſie ſich wieder treffen. Da holte er tief, tief Athem, zuckte mit den Haͤnden— ich merkte, daß er ſie falten wollte, und legte ſie in einander— nun ſchlug er die Augen froh gen Himmel, druͤckte ſeine Haͤnde feſt, ganz feſt zuſammen, und mit 67 dieſem Dankopfer ſtieg ſeine Seele hinauf in das himmliſche Freudenreich—— Kein Wort uͤber meine Empfindungen waͤh⸗ rend dieſer Erzaͤhlung des alten, treuen Die⸗ ners. Ich konnte ſie aushoͤren: jetzt aber ſank ich zuſammen und weiß nicht, was mit mir vorgegangen iſt, bis ich auf dem Lager in meinem Zimmer erwachte, wo Angelika wei⸗ nend an meiner Seite ſaß. Eine wunderbare, mir unerklaͤrliche Gleichmuͤthigkeit war uͤber mich gekommen: ich fragte nach nichts, was mit mir vorgefallen; ich ſprach mit niemand, ſprach ſelbſt mit meiner Freundin nicht uͤber unſern Verluſt und die Urſache ihrer Thraͤnen; ich redete von gleichguͤltigen Dingen, und konnte, als ich nach einigen Tagen wieder umhergehen lernte, die unbedeutendſten Angelegenheiten mit Achtſamkeit und Genauigkeit beſorgen. Es war, als ob alle Bluͤthe des Lebens— alles, was den Menſchen mit einer hoͤhern, ſchoͤnern Welt verknuͤpft, in mir vertrocknet und abge⸗ fallen waͤre. Ich trug ohne Vertrauen und duldete ohne Glauben; ich wuͤnſchte nicht, eine Welt zu verlaſſen, von der ich doch gar nichts 0⁸ mehr hoffte, und ſehnete mich nicht nach dem Himmel, wohin doch mein Liebſtes vorausge⸗ gangen war. Nur der Mechanismus des Le⸗ bens rollete ſich in mir, wie das Getriebe eines Uhrwerks, von ſelbſt gleichmaͤßig ab. Selbſt meiner Freundin konnte ich gar nichts ſeyn, und wiewol ich dies traurig bemerkte, ſo brachte es mich doch zu nichts, als zu einem matten Bedauern, daß das nun einmal ſo ſei. So blieb es einige Monate. Doch wo der Geiſt, der alles Gute ſchafft, den Funken reiner Liebe einmal entzuͤndet hat, da mag dieſer zwar auf Zeiten gedaͤmpft, niemals aber fuͤr immer erſtickt werden. Je entſchiedener ich mich fuͤr alles erſtorben fuͤhlte, was die Erde Angenehmes und Schoͤnes hat; nachdem ſelbſt Freundſchaft und Wohlthaͤtigkeit mich nicht wieder fuͤr das Leben gewinnen konnten; nachdem ich feſt uͤberzeugt worden war, daß ich, ſelbſt bei den redlichſten Abſichten, Andern in den gewoͤhnlichen Lebensverhaͤltniſſen nicht mehr foͤrderlich, nur hinderlich ſeyn koͤnne—: da erwachte endlich ein mildes⸗Sehnen in meiner Bruſt nach einer Heimath, die mich 69 aufnaͤhme und in Verborgenheit bewahrete, bis ich ganz abgerufen wuͤrde; jenes Geluͤbde, das ich wenig Stunden vor der Trauerpoſt gethan, erſchien mir nun in beſtimmterer Bedeutung; ich wiederholte es in dieſem beſtimmtern Sinn vor demſelben Altar, wo ich es abgelegt hatte, und fand nun zuerſt wieder Klarheit, Entſchluß und Frieden in meinem Innern. 8 Ich entdeckte mich einem alten, wuͤrdigen Geiſtlichen aus dem nicht fernen Conſtanz, der uns zuweilen beſuchte, und dieſer legte mir ein halbes Jahr zur Pruͤfung auf, worin ich fuͤr die Ausfuͤhrung meiner Wuͤnſche noch nichts thun durfte. Ich lebte dies Halbjahr im Schloſſe, wie ich im Kloſter gelebt haben wuͤrde; meine Geſinnungen, meine Wuͤnſche aͤnderten ſich nicht: und nun ſchlug er mir die wohlthaͤtigen Karmeliterinnen zu Eppersheim vor, wohin ich mich wenden moͤchte. Ich that das, wurde liebreich aufgenommen und nach einem Jahre eingekleidet. Jetzt erſt gewoͤhnte ich mich all⸗ maͤhlich, mein Schickſal mir im Zuſammen⸗ hange zu denken, und ich ſahe, wie weiſe, wie gut mich meines Gottes Vaterliebe, ſelbſt durch alle Verirrungen der Schwachheit und des irrdiſchen Sinnes hindurch, meinem Ziele zugefuͤhret hatte— dem Ziele, fruͤh fuͤr die Erde zu verwelken, durch ſtilles Dulden und gottergebenes Hoffen Andern Troſt und Erwe⸗ ckung zu geben, durch treue Pflege armer Nothleidender, die weder Freunde noch Heimath beſitzen, mich auch mit der Welt auszuſoͤhnen, und bald,(das erwart' ich getroſt von ſeiner Gnade!) bald durch einen freudigen Tod meinen Schweſtern ein ermunterndes Beiſpiel zu werden. Bei dieſer Wiederholung meines Lebens fiel es mir ſchwer aufs Herz, daß irgend Je⸗ mand mir zuͤrnen koͤnne— meine Mutter naͤmlich! Ich ſchrieb ihr, und hatte das Gluͤck, ihr ganzes Herz geaͤndert zu finden und bald darauf ſie ſelbſt zu umarmen. Jetzt lebt ſie bei mir, ergeben und ſtill, und freuet ſich mei⸗ ner Liebe, wie ich mich der ihrigen. Es thut mir unbeſchreiblich wohl, mir zu denken, daß fie es ſeyn wird, die mir die Augen zudruͤckt. Neine geliebte Angelika hat ihre Beſtim⸗ mung eben ſo ſicher erreicht, als ich die mei⸗ nige: ſie iſt eine gluͤckliche und begluͤckende Gattin und Mutter geworden. R. Der erſte Seufzer. In dem Dunkel einer Grotte Ruhte Zephyr einſt und ſchlief, Als dem jugendlichen Gotte Fernher eine Stimme rief. Leiſe rauſcht' es im Geſtraͤuche, Und, umglaͤnzt von Lunens Schein, Trat durch die verwobnen Zweige Schnell des Fruͤhlings Hora ein. Zaͤrtlich ſank ſie zu ihm nieder, Schlang um ihn den weichen Arm⸗ Kuͤßt' ihm wach die Augenlieder Und die ſchoͤne Wange warm. Liebend blickt' er ihr entgegen, Und ſie lohnt' ihm jeden Blick; Mit des Herzens hoͤhern Schlaͤgen Stieg auch ihrer Liebe Gluͤck. 72 Und der Daͤmmrung Stunden ſchwanden Schnellen Flugs bei Kuß und Scherz, In der Hoffnung Zauberbanden Wiegten Traͤume Zephyrs Herz. Duͤſter naht' mit ihren Dunkeln Die verwaiſ'te Mitternacht, Wo des Aethers Sterne funkeln, Und die treue Liebe wacht. Aber Hora, wonnetrunken Und vom Liebling eingewiegt, Schlummert, an der Lipp' entſunken, Die ihr ſanft Erhoͤrung ſpricht. Bei Aurorens Morgengruſſe Fliehend vor der Mutter Blick, Eilt auf leicht erhobnem Fuſſe Zephyr in das Thal zuruͤck. Und es tagt die Morgenrothe, Weckt die ſchoͤne Schlaͤferin, Die ſich durch des Thales Oede Sehnt nach dem Entflohnen hin. ——-e-——— 97 Trauernd ruht ſie auf dem Mooße, Sieht der ſtummen Ferne nach, Und zerknickt die junge Roſe, Die ihr der Geliebte brach. Athmend friſche Morgenluͤfte, Haſcht ſie Zephyrs leichten Hauch, Kuͤßt der Bluͤthen ſuͤſſe Duͤfte Und den Duft vom Myrtenſtrauch. Waͤhnt im Hauch des Holden Naͤhe, Athmet ſehnſuchtsvoll aufs neu— Seufzt, und füͤhlt, was ſie umwehe, Daß es Hauch der Liebe ſei. Goͤtter ſahen ihre Thraͤnen, Hoͤrten ihrer Wehmuth Ruf, Heiligten das bange Sehnen, Das den erſten Seufzer ſchuf. Ferdinand Hand. Ich befand mich in zahlreicher, und, wie man zu ſagen pflegt, ſehr gebildeter Geſellſchaft. Nan war aͤußerſt vergnuͤgt. Da zog ein Ge⸗ witter herauf, und vorbei war's mit aller Luſt. Das war vernuͤnftig. Aber ſtatt der Freude gab's nun faſt nichts als Wehklagen, Jammern, Zittern und Beben, bei den Weibern; murr⸗ ſinnigen Unwillen oder uͤbelverborgene Todes⸗ angſt bei den Maͤnnern. Ich fand von neuem beſtaͤtigt, wie viele— wie ſehr viele, eben jetzt, und eben unter den hoͤhern Staͤnden, recht eigentlich unter dem ſeufzen, was die Bibel knechtiſche Furcht nennet, und wovon ſie ſo wahrhaft behauptet, ſie peinige, und trei⸗ be alle Liebe aus. Ich ſprach zu den Bedraͤngteſten: das half aber nichts— was ich freilich vorher haͤtte wiſſen koͤnnen; da nahm ich mir vor, einmal zu andrer Zeit, wenn ſie —— 25 ruhiger waͤren, zu ihnen zu reden. Das will ich jetzt. Es geſchehe ſo, daß ich erſt abrechne, dann zugebe, und endlich wegnehme. Ich rechne ab— von denen naͤmlich, die ich mir als Zuhoͤrer und Zuhoͤrerinnen den⸗ ke— erſtens die, die an Geiſt und Koͤrper (beſonders an Nerven) ſo ganz geſchwaͤcht ſind, daß ſie alles Große und Erhabene nicht mehr tragen koͤnnen, alles Starke fliehen, alles Er⸗ ſchuͤtternde verabſcheuen— mag es ihnen im Gewitter oder in Schillers Braut von Meſſina, in einem heldenmuͤthigen Charakter oder im Ueberhange eines ungeheuern Granitblocks, im Braußen der Meereswellen oder eines Haͤndel⸗ ſchen Chors geboten werden. Sie fallen der Erde anheim, oder allenfalls dem Arzte, der ſie noch ein Weilchen uͤber derſelben erhaͤlt.— Ich rechne zweitens ab, die nicht wenigen, die es jenen aus Affektation und Ziererei nachthun; die vorgeben, ſie waͤren auch von„ungemein“ ſchwachen Nerven, von„uͤbermaͤchtiger“ Reiz⸗ barkeit, weil ſie ſich einbilden, es laſſe huͤbſch und gehoͤre zur Sache. Dieſen ſage ich nichts weiter, als, wenn ſie nun einmal einen De⸗ 76 fekt vorgeben wollen, ſo waͤre es wirklich ver⸗ nuͤnftiger, zu behaupten, ſie waͤren auf einem Auge blind, auf einem Ohre taub, auf einem Fuße lahm; denn man kann bei dieſen Maͤn⸗ geln noch ſo ziemlich ein ganzer Menſch ſeyn, bei jenen aber poſitiv nicht. Ich rechne dieſe ab— nicht als ob ſie nicht mehr hoͤren koͤnn⸗ ten, wie jene, ſondern weil ſie nicht mehr hoͤren wollen. Bei einem zur Unnatur ver⸗ ſchrobenen Weibe iſt, wie bei einem in Ein⸗ ſeitigkeit befangenen Manne, alles Reden ver⸗ gebens. Zu euch, die ihr mir nun uͤbrig bleibt, trete ich mit Achtung und gebe euch vorerſt etwas zu. Das naͤmlich! Es liegt im Tiefſten unſers Weſens eine heilige Gottes⸗ furcht— welches Wort ich hier nicht ins Aufgeklaͤrte zu uͤberſetzen, ſondern in ſeinen alten Wuͤrden zu laſſen bitte. Sie iſt— wenn auch nicht der einzige Grund, wie eini⸗ ge der Alten wollten, doch gewiß eine der erſten Bedingungen, aller Religion. Sie kann durch das Leben in der gewoͤhnlichen Welt, mit ihr, und nach ihrer Weiſe, gleichſam verſchlemmt 1 — — 27 werden; ausgerottet wird ſie nie— hoffentlich ſelbſt beim Boͤſewicht nie. Beim religioͤſen Menſchen ſchlingt ſie ſich, ſelbſt wenn er ſich deſſen nicht immer bewußt wird, mit ſanftem und doch ſtarkem Arm, um alles, was er denkt, will und thut. Andere beduͤrfen beſon⸗ derer Anregungen von außen, wenn ſie zur Anſprache kommen ſoll; ſie muͤſſen etwa einen Menſchen geboren werden, einen ſterben ſehen — kurz, ſie muͤſſen etwas erfahren, wobei man, wie mit Haͤnden greifen kann, es giebt eine hoͤhere, als menſchliche Kraft, hier iſt ſie thaͤ⸗ tig, und auch du haͤngſt von ihr ab. Eine ſolche Erfahrung macht man nun auch beim Gewitter; und iſt ſein Zuſammenhang mit den Menſchen im Moment weniger anſchaulich, ſo wird es durch die Art ſeiner Erſcheinung, vor⸗ nehmlich durch das, ſelbſt phyſiſch erſchuͤtternde Rollen des Donners, in Abſicht auf ſinnliche Wirkung maͤchtig unterſtuͤtzt. Wo aber eine unbeſchraͤnkte Uebermacht auftritt, wo ich an meine Abhaͤngigkeit von ihr dringend erinnert werde: da zeigt ſich auch etwas von Furcht in meinem Innern; und da das nothwendig aus 78⁸ meiner Natur hervorgehet, zeiget ſichs mit Recht, kann nie ganz vernichtet werden, und duͤrfte auch nicht vernichtet werden, ſelbſt wenn das möglich waͤre. Aber wer will denn auch von dieſer Furcht befreiet ſeyn? wem iſt ſie denn laͤſtig? wem iſt ſie nicht wohlthaͤtig und erwuͤnſcht? Ich weiß wol, wem! und ihr wißt's auch! Es bedarf alſo keiner Antwort. Wir uͤberlaſſen uns ihr— gefaßt; nicht jammernd, nicht weh⸗ klagend, nicht uns abaͤngſtigend, ſondern, als aſthetiſche Weſen, wie jedem Erhabenen, das immer, wenn es uns demuͤthigt, uns zugleich erhebt; als moraliſche Weſen, wie jedem, das nicht in unſre Hand gegeben, aber zum Ganzen und deſſen Wohl nothwendig iſt; als religioͤſe Weſen, im Glauben, jene allgewaltige Kraft, von der ich abhaͤnge, will das Beſte— will es auch mit mir.„Ja, wenn man in ſolcher Stunde ſo raiſonniren koͤnnte!“ Wer ſagt, daß du das ſollſt? Iſt dir das noch Raiſon⸗ nement, brauchſt du dich dazu erſt in Poſitur zu ſetzen, und uͤberlegend zuſammenzuraffen: ſo biſt du das noch nicht, was ich vorhin in — 29 dir anredete, und du haſt dir erſt nachzuhelfen, bis du dahin koͤmmſt! Es muß in dein Gefuͤhl, in dein innerſtes Weſen aufgenommen, muß du ſelbſt ſeyn: dann bleibt dir bei allem, was dich gewaltſam ergreift und dir das Bild der Allmacht, wie deiner Schwaͤche, gleichſam auf⸗ draͤngt, neben dieſer demuͤthigenden Furcht auch zugleich die ſtaͤrkende Erhebung und Belebung. Nun giebt es aber auch mancherlei,(ich fange jetzt anwegzunehmen,) das dennoch durch Raiſonnement in dich koͤmmt, und, wenn nun der Himmel ſich ſchwaͤrzt, deine Furcht ver⸗ mehrt, ſie zum Irdiſchen herabziehet, und jenes ſchoͤne Gleichgewicht zwiſchen Sorge und mu⸗ thigem Vertrauen ſtoͤrt. Dies laͤßt ſich nun am beſten wieder durch Raiſonnement bekaͤmpfen und beſiegen. Laß uns das verſuchen! Von aberglaͤubiſchen Vorſtellungen ſpreche ich nicht: die niedrigſten Staͤnde leſen mich nicht, die hoͤchſten achten nicht auf mich. Du aber ſagſt: Mein Leben iſt ja doch waͤhrend des Gewitters in großer Gefahr! Allerdings; doch ganz gewiß in nicht groͤßerer, als in jedem Augenblick deines Daſeyns! Tauſenderlei in 80 und außer dir kann im Moment den Faden abreißen und der Blitz iſt nur Eins unter die⸗ ſen Tauſenden. Gleichwol geheſt du getroſt durch die ungeheure Ueberzahl und ſtockeſt furchtſam vor der Eins! Iſt das nicht, was das arithmetiſche Verhaͤltniß anlangt, wie wenn der Lotterieſpieler an die vielen Nieten kaum denkt, und an der Einen Nummer, mit dem großen Looſe, haͤngt? Und Er hat denn doch, wenn er vergeblich hoffte, noch die Hoff⸗ nung— du aber haſt die Furcht voraus!„So koͤmmt mir doch hier die Gefahr lebhaft vor's Auge!“ Gut; aber warum fuͤhreſt du dir die andern Gefahren nicht freiwillig vor, um ein Gleichgewicht herzuſtellen, ſo daß eins das an⸗ dere hebe? oder noch beſſer, warum milderſt du dies Lebhafte nicht bis zu dem Gleich⸗ muth, womit du die andern, ebenfalls augen⸗ ſcheinlichen Gefahren betrachteſt? Das koͤnnteſt du nicht? Allerdings kannſt du's, denn es hat durchaus keinen Grund in der Sache ſelbſt, ſondern in den ganz willkuͤhrlichen und unbe⸗ ſtimmten Zuſaͤtzen deiner Phantaſie; du haſt dir's nur noch nicht ernſtlich uͤberlegen moͤgen! ——— 81 1 Beſinne dich einmal, frage, lies: wie viel Menſchen wurden denn in ſo und ſo langer Zeit vom Blitz getroffen, und wie viele ſtarben, wenn ſie getroffen wurden? Ich wette; du ſtutzeſt bei der hoͤchſt geringen Anzahl, eben weil dir's nur immer ſo geweſen iſt, als muͤßten's weit mehrere ſeyn! Nun nenne dir irgend eine Art von, nur einigermaßen ge⸗ woͤhnlichen Krankheiten; vermeide ſogar alle, die man vorzugsweiſe gefaͤhrliche nennt; denke an die unbedeutendſten, etwa an Folgen von leichter Erkaͤltung, an Schnupfen und derglei⸗ chen; beſinne dich wieder, frage, lies: wie viel Menſchen wurden in jener Zeit von die⸗ ſen hingerafft? Ich wette hier wieder: du ſtutzeſt bei der Anzahl, die jene, der vom Blitz Getoͤdteten, ſo ganz ungeheuer uͤberſteigt! So, denk' ich, bekoͤmmſt du es recht klar und beſtimmt vor's Auge, daß du waͤhrend des Gewitters kaum um einen Punkt mehr in Le⸗ bensgefahr ſchwebſt, als in den ruhigſten Mo⸗ menten deiner ganzen irdiſchen Exiſtenz; und wenn du dir das nur oͤfters, und recht feſt vorhaͤltſt, ſo wirſt du ſchon ſelbſt erfahren, Selene V. Heft. 1 6 82 wie du eben damit deine Beſorgniſſe in der Stunde des Gewitters gemindert haſt. Und daß wir uns jetzt uͤberdies gegen den Blitz in unſern Haͤuſern ſo ziemlich eben ſo ſicher ver⸗ wahren koͤnnen, als gegen den Regen, will ich noch gar nicht einmal erwaͤhnen, da ich zu⸗ naͤchſt zu Frauen ſpreche, und dieſe fuͤr andere — Spitzen zu ſorgen haben, als die man auf Gebaͤude ſetzen ſollte. „Ich denke aber auch nicht allein an mein Leben, ſondern zugleich, daß der Blitz zuͤnden koͤnne, bei mir oder in der Naͤhe!“ Wol! ſo ſei nur auch ſo konſequent, daſſelbe zu denken, bei dem Wachsſtock, den der Nachbar anbrennt, oder den du anbrennſt! Ihr beide koͤnnet ihn vergeſſen, brennend ſtehen laſſen, und er kann zuͤnden! Ich uͤbertriebe? Wahrlich nicht! es — iſt dir nur ſo! Unterſuche, ganz wie vorhin: wie oft iſt in dieſer Reihe von Jahren durch Verwahrloſung mit Licht, und wie oft iſt durch Blitz Feuer entſtanden; und du wirſt zuverlaͤſſig finden, die Gefahr iſt hier weit ge⸗ ringer, als dort, wo es dir gar nicht beikoͤmmt, bange zu ſeyn. 8³ Ich weiß das alles, ich geb' es auch zu — ſagen endlich noch Manche; es liegt nun aber einmal etwas Bedraͤngendes in meinem Blute; es iſt mir, ich weiß nicht, wie? mich druͤckt, ich weiß nicht, was?— Es mag ſo ſeyn, und man koͤnnte dir das Was und Wie auch vielleicht nachweiſen; aber es iſt nicht noͤ⸗ thig ſo ausfuͤhrlich daruͤber zu ſeyn, weil man dir beſſer gleich ein Mittel dagegen angeben kann — ein herrliches Mittel, zuverlaͤſſig in ſeinen Wirkungen, jedem und zu jeder Zeit bei der Hand, ein Mittel, auch ſonſt in vielerlei„ich weiß nicht, was und wie?“ zu gebrauchen, und immer mit beſtem, ja mit unfehlbarem Erfolg; ein Mittel, das dir nichts koſtet, das ſogar angenehm ſchmeckt, das angewendet zu haben dich allezeit herzlich erfreuet— Und dies Mit⸗ tel heißt: Wage nur ſtark zu ſeyn!— Papa. Lied zum Fruͤhlingsfeſte. 1 O wie freundlich, mild und labend ſteigt des Lenzes holder Abend nieder auf die junge Flur! O wie reich und doch wie ſtille ſtroͤmt der Freuden ſuͤße Fuͤlle durch die Adern der Natur! Alles, alles athmet Freude; jeder Buſch im Fruͤhlingskleide gruͤnet ſchoner, froͤhlicher; jedes Baͤumchen lacht' und freuet ſeines Daſeyns ſich, und ſtreuet froh der Bluͤthen Schnee umher. Jedes Graͤschen auf der Aue ſchluͤrfet mit dem Abendthaue Freuden ein aus heitrer Luft; — jedes Bluͤmchen haucht vor Wonne, von dem milden Strahl der Sonne ihm entlockt, den ſuͤßen Duft. Laͤmmer huͤpfen auf dem Hugel, Fiſchchen in des Baches Spiegel munter ſcherzend her und hin; Kaͤfer ſchwirren in den Zweigen, und aus jedem Buſche ſteigen froher Saͤnger Harmonien. Gott, wie ſchoͤn iſt deine Erde, die dein ſchoͤpferiſches Werde neu verjuͤngt uns ausgeſchmuͤckt! Wie ſo mild, ſo hehr ſie blühet! Weh dem Herzen, das nicht gluͤhet, wenn es ihre Pracht erblickt! Halm und Ceder, Staub und Sonne, Wurm und Seraph ſchuf zur Wonne Er, der alles, alles ſchuf. Auch der Menſch lebt nicht vergebens; fuͤr die Spanne ſeines Lebens iſt auch Freude ſein Beruf. 86— Du, die ſich im Thal der Maͤngel, wie im Vaterland der Engel, gern mit Lieb' und Tugend eint, Freude, hoͤr' auf unſre Lieder, ſteig' in unſern Kreis hernieder, 1 wo der Freund umfaßt den Freund! Unterm Schattendach der Linde, angehaucht vom Abendwinde naht ſie, frei von Stolz und Zwang. Zeigt euch ihr, wie ſie ſich zeiget: Zagheit, Sorg' und Furcht, entweichet, Ziehet aus auf Grillenfang! Hoch das Glas! Die Freude lebe, und der Saft der milden Rebe, der dies Kind des Himmels naͤhrt! Hoch die Liebe, die ſie leitet! Selbſt der Mißgunſt, die uns neidet, ſei ein frommer Wunſch gewaͤhrt! Moriz Engel. Zwei Hochzeitbriefe D. Martin Luthers. An drei Freunde in Mannsfeld. Gnad und Friede in Chriſto! Welch ein Zetergeſchrey, lieben Herrn, hab ich angerichtet mit dem Buͤchlein wider die Bauern.*) Da iſt alles vergeſſen, was Gott der Welt durch mich gethan hat. Nu ſind Herrn, Pfaffen, Bauern, alles wider mich, und draͤuen mir den Tod. Wohlan, weil ſie denn toll und thoͤrigt ſind, will ich mich auch ſchicken, daß ich fuͤr meinem Ende im Stande, von Gott erſchaffen, erfunden, und nichts meines vorigen papiſti⸗ ſchen Lebens an mir behalten werde, ſo viel ich kann, und ſie noch toller und thoͤrigter machen, und *) Die den ſogenannten Bauernkrieg begannen. * 88 das alles zur Letzte und Ade. Denn es mir ſelbſt ahnet, Gott werde mir nun einmal zu ſeiner Gnade helfen. So hab ich nun aus Begehren meines lieben Vaters mich verehlicht, und um boͤſer Maͤuler willen, das nicht verhindert wuͤrde, mit Eile beygelegen, bin willens auf Dienſtag uͤber acht Tage eine kleine Freude und Heim⸗ fahrt zu machen. Solches habe ich euch, als guten Freunden und Herrn nicht wollen bergen, und bitten, daß ihr den Seegen helft druͤber ſprechen. Und weil die Laͤufte alſo ſtehen und gehen jetzt in den Landen, hab ich nicht durft euch dazu bitten, und zu fordern zu erſcheinen. Wo ihr aber von gutem Willen ſelbſt woltet oder koͤnntet, ſammt meinem lieben Vater und Mutter, kommen, moͤget ihr ſelbſt wol ermeſſen, daß mirs eine beſondere Freude waͤre, und was ihr mitbraͤchtet von guten Freunden zu meiner Armuth, waͤre mir lieb, ohn daß ich bitte, mich ſolches bei dieſem Boten zu ver⸗ ſtaͤndigen. Ich haͤtte auch meinen gnaͤdigen Herrn Graf Gebharden und Adelbrecht davon geſchrie⸗ .* 89 ben, habs aber nicht duͤrfen wagen, weil ihr Gnaden anders, denn mit mir zu thun haben. Iſt aber vonnoͤthen, was drinnen zu thun, und euch gut duͤnkt, bitte ich euer Bedenken mir zu eroͤffnen. Hiemit Gott befohlen. Amen! Zu Wittenberg, am Donnerſtag nach Tri⸗ nitatis. Anno. 1525. Martinus Luther. 2. An Herrn Niclaus von Amsdorff. Gnad und Fried in Chriſto. Indem ich nach einem Boten ſchicke, ihn abzufertigen zu euch, ſiehe da koͤmmt mir euere Schrift zu, und iſt nun wahr, wie das Geſchrey gehet, daß ich mir die tugendſame Jungfrau Catharina von Bore eilend, da ſichs niemand verſahe*) *) In einem andern aͤhnlichen Briefe druͤckt Luther ſich hieruͤber noch kindlicher und naiver alſo aus: Gott hat mich unverſehens, da ich viel andere Gedanken hatte, mit der tugendſamen Jung⸗ 90— habe vertrauen und geben laſſen, damit zu ver⸗ huͤten, daß ich nicht hoͤren duͤrffte, daß boͤſe ungehaltene Maͤuler ein groß Geſchrey davon machten, wie es pflegt zu geſchehen. Denn ich hoffe, ich werde nicht lange leben. So hab ich auch dieſen letzten Gehorſam und Wil⸗ len meinem lieben Vater, der ſolches von mir begehrt, guter Hoffnung, GOTT werde mir Kinder beſcheren, nicht wiſſen abzuſchlagen. Dazu daß ich auch mit der That meine Lehre beſtaͤtige, weil ich noch ſo viel kleinmuͤthiger Herzen bey ſo großem Licht des Evangelii finde. GOTT hats alſo wolt haben und gemacht. Denn ich fuͤhle weder fleiſchliche Liebe noch Be⸗ gier, ſondern habe nur einen guten Willen und Gefallen am Eheſtand, als an GOTTES Ge⸗ ſchoͤpf und Ordnung. Bin derhalben willens, vermittelſt goͤttlicher Gnade und Huͤlfe, Dienſtag nach Johannis das hochzeitliche Mahl und Freude anzurichten, frauen Kaͤthen von Bore, die etwa eine Kloſter⸗ jungfran geweſen, wunderbarlich in Eheſtand ge⸗ worfen; kann nicht anders! 91 meinen angefangenen Eheſtand oͤffentlich damit bezeugen, dazu meine liebe Eltern kommen werden, um welcher willen ich euch gerne dabey wolt haben. Demnach wie ich zuvor bedacht, euch zu laden, lade und fodere ich euch nu, hoͤchlich bittend, ihr wolt mich ja nicht laſſen, wo es euch anders zu thun moͤglich iſt ꝛc.“ * Skolien. . Laß truͤbſinnigen Gram! ſieh, wie der Wald grüͤ⸗ nende Wipfel hebt; froh, aus fernerem Land nahet die Schaar fin⸗ 8 gender Vögel ſich. Selbſt nun eränge das Haar, hebe das Aug froh zum Olymp empor: nur bei froͤhlichem Sinn wohnet die Schaar bluͤ⸗ hender Maͤdchen gern. 2. Es bluͤht die hohe Linde, vom Urvater gepflanzet; es blüht die dunkle Laube, im Lenz froͤhlicher Jugend A. —— —f— verborgnem Kuß geflochten; es breitet weit der Obſtbaum die vieljaͤhrigen Aeſte,. und mehrt mit jedem Fruͤhling die reiche Pracht der Bluͤten, und jede Bluͤt' iſt Liebe.. Warum willſt du die Liebe, 14 die ſuͤße Liebe meiden, ſo lang in Todesfeſſeln 8½ dir nicht die Glieder uas 94 Liebesbriefe eines beruͤhmten Mannes. 5(Beſchluß.) 1— An Eliſa. Wenn— wollte, Eliſa, daß deine Rei⸗ ſe nach Indien auf ein andres Jahr verſchoben werden koͤnnte! Ich bin in meinem Innerſten uͤberzeugt, daß dir dein Mann die Zeit dazu nicht vorſchreiben kann. Ich beſorge auch, Herr B. hat die Sache nur ſchlimmer gemacht. DSeein Geſicht widerſteht mir; es hat mir et⸗ 44 was Moͤrderiſches. Wenn dir ein Ungluͤck be⸗. gegnete, was haͤtte er nicht zu verantworten! Dann will ich Vater deiner Kinder ſeyn, mein gutes Weibchen! ihretwegen mache dir ja keine Sorgen!* Wenn du aber immer noch ſo kraͤnklich biſt, gute Eliſa, ſo gieb doch lieber den Vorſatz auf, “ 95 dies Jahr noch Indien zu ſehn. Schreibe deinem Manne, ſchreib' ihm alles, wie es wirklich iſt. Wenn er der wackere, der gut⸗ muͤthige Mann iſt, wie du ihn beſchriebſt, ſo muß er dein Verfahren preißen. Mich ver⸗ ſichern glaubwuͤrdige Perſonen, er ſtemme ſich gegen deinen Aufenthalt in England nur dar⸗ um, weil es ihm den Kopf wirblich macht, du moͤchteſt hier Geld aufnehmen, das uͤber die Summe hinausginge, die er dir nun ein⸗ mal ausgeſetzt hat, und das er dann doch be⸗ zahlen muͤßte. Daß ein Weſen, wie du, aus Furcht vor dem Verluſte von einem elenden paar hundert Pfunden, preißgegeben werden ſoll— das iſt zu hart, das iſt gar zu hart! 9 Kind, ließe ſichs doch nur irgend thun, daß ich ihm alles bis auf den letzten Pfennig er⸗ ſtattete, was er auf dich verwendet hat! mit Freuden gaͤb' ich ihm ja all' mein Hab' und Gut! Sieh! meine jaͤhrliche Pfarreinnahme wollt' ich verpfaͤnden, und mich wegen meines kuͤnftigen Unterhalts auf das Kapital verlaſſen, das der Himmel in meinem Kopfe angelegt hat. Liebe Eliſa, Sie ſind, ich geb' es ja zu, Ihrem 96 Ehemanne viel ſchuldig; auch dem aͤußern An⸗ ſtand' und dem Urtheile der Welt haben Sie Verbindlichkeiten: aber Sie haben denn doch auch warlich Pflichten gegen ſich ſelbſt. Und alſo kommen Sie nur immer wieder zuruͤck von Deal, wenn's mit Ihnen nicht beſſer wird. Ich will Ihnen Medicin verſchreiben, und ich thu' es umſonſt. Sie waͤren wahrhaftig nicht das erſte Weibchen, der ich'was verſchriebe, und mit erwuͤnſchtem Effekt. Meine Frau und Tochter will ich kommen laſſen, die ſollen mit Ihnen eine Geſundheitsreiſe machen, nach Montpellier, oder nach Spaa, oder wohin Sie nur wollen. Du darfſts ja nur ſagen, nach welchem Plaͤtzchen der Welt dich deine Phantaſie zieht, es zu beſuchen! Wir wollen am Ufer des Arno angeln, und in den freundlichen Irrgaͤngen der dortigen Thaͤler uns verlieren. Da ſollſt du mir wieder ſo allerliebſt vorpimpeln, wie ich's ein⸗oder ein paarmal gehoͤrt habe: Son confusa, son smarrita—— Das Herz iſt geſtorben, die Welt iſt leer, Und weiter giebt ſie dem Wunſche nichts mehr! 92 Nun ſie ſollte ſchon wieder'was geben Eliſa!— Die Vorſchrift Ihres Arztes lautete unter anderm alſo: Machen Sie ſich fleißig maͤßige Bewegung, ſuchen Sie die reine Luft im fuͤdlichen Frankreich, oder die milde in Neapel, aber in Geſellſchaft munterer, theilnehmender Menſchen. Ach das iſt gar ein geſcheidter Mann! Der hat gar richtig getroffen, was Ihnen fehlt; er kannte das Unzulaͤngliche me⸗ diciniſcher Huͤlfe fuͤr ein Geſchoͤpf, deſſen Krank⸗ heit ſich aus Schmerzen der Seele entwickelt hat! Ach, ich fuͤrchte, meine Beſte, nur von der Zeit kannſt du mit Vertrauen Huͤlfe er⸗ warten!— Uebrigens, Eliſa, verehre ich Sie, daß Sie gewiſſe Verhaͤltniſſe geheim gehalten haben, die, waͤren ſie Andern bekannt worden, Ihnen ſo ſehr zum Ruhme gereicht haͤtten. Tugend⸗ haft zu leiden, gewaͤhret eine gewiſſe Wuͤrde, bei der es Einem nicht moͤglich iſt, von der Welt Theilnahme oder Huͤlfe— nur zu wuͤn⸗ ſchen. Dieſe Wuͤrde, meine liebenswuͤrdige, charaktervolle Freundin, haben Sie trefflich be⸗ Selene V. Heft. 7 98 hauptet. Und wirklich, ich fange an mich zu uͤberzeugen, daß Sie an Tugenden ſo reich ſind, als die Wittwe meines Toby; verſtehen Sie mich wol, Weibchen: ich will nicht etwa zu verſtehen geben, daß mein Urtheil uͤber Sie nicht ganz anders begruͤndet waͤre, als ſeines uͤber Madam Wadmann! Auch mag mir nur kein Trim kommen und mich uͤber⸗ zeugen wollen, es ſei eben ſo irrig. So lange ich meiner Vernunft maͤchtig bin, wird daraus gewiß nichts!— Aber da wir doch einmal von Wittwen reden— ſehen Sie, Eliſa, ſoll⸗ ten Sie einmal eine werden, ſo laſſen Sie ſich's ja nicht beikommen, ſich an dieſen oder jenen reichen Nabob hinzugeben; denn— nun, ich ſelbſt habe Abſichten auf Sie! Meine Frau, ſehen Sie, kann doch nicht mehr lange laufen, und da hat die ganze Welt kein Frau⸗ enzimmer, das ich ſo gern zu ihrer Nachfol⸗ gerin haben moͤchte, als gerade Sie. Freilich, lieber Gott, hab' ich, wenn ich mich nach meiner Geſundheit taxiere, ſo ein fuͤnf und neunzig Jaͤhrchen auf dem Ruͤcken, und Sie ſind erſt fuͤnf und zwanzig; der Unterſchied iſt nicht —— 99 ganz ohne—: aber was mir an Jugend gebricht, will ich an Kopf und guter Laune erſetzen. Weder Swift liebte ſeine Stella, noch Scarron ſeine Maintenon, noch Waller ſeine Sachariſſa, wie ich dich lieben will! und wie werd' ich mein auserwaͤhltes Frauchen erſt be⸗ ſingen! alle jene Namen, ſo beruͤhmt ſie ſind, ſollen ſich beugen vor dem deinigen, Eliſa! Schreiben Sie mir doch ein Woͤrtchen daruͤber, daß Ihnen der Vorſchlag erwuͤnſcht und koͤſtlich koͤmmt, und daß Sie, wie die Geliebte des Zuſchauers, mehr Entzuͤcken daran haben wollen, einem alten Papa die Pantoffeln zu waͤrmen, als ſich mit luſtiger, verliebter Jugend abzugeben. Adieu, mein naives Weibchen! ich bin Ihr Triſtram. An Eliſa. Ich bin nahe am Rande des Grabes ge⸗ weſen. Ich war ſchon krank, als ich Ihnen 100 meinen letzten Brief ſchrieb, und nicht ohne Sorge, wie es ablaufen wuͤrde. Ich hatte wol Urſache beſorgt zu ſeyn, denn mein Brief war vielleicht nur zehn Minuten fort, da zerriß das feingeſponnene Gewebe Yoriks; es zerriß ein Blutgefaͤß in meiner Bruſt, und dieſen Morgen um vier Uhr erſt, konnte ich das Blut ſtillen. Alle meine ſchoͤnen, oſtindi⸗ ſchen Schnupftuͤcher ſind voll davon; es iſt, glaub' ich, aus meinem Herzen gefloſſen. Vor Erſchoͤpfung entſchlief ich. Als ich um ſechs Uhr wieder erwachte, fand ich mein Hemd auf der Bruſt von Thraͤnen naß. Mir hatte getraͤumt, ich ſaß unter einem Baldachin, der der Gleichguͤltigkeit gehoͤrte; da kamſt du in den Saal und trugſt den Guͤrtel eines Bra⸗ minen in der Hand, und ſagteſt mir, mein Engel waͤre zu dir an Bord geflogen, habe dir Nachricht von meiner toͤdtlichen Krankheit gebracht, und nun kaͤmeſt du, mir den Troſt kindlicher Liebe zu bringen, und meinen letzten Athemzug, meinen Seegen zu empfangen. Dabei umguͤrteten Sie mich mit jenem Guͤrtel, ſanken auf die Kniee, und baten, ich moͤchte 101 genau Acht haben. Hier erwachte ich, aber, o lieber Gott, wie war mir zu Muthe! Nun — du Herr haſt alle meine Thraͤnen gezaͤhlet, und meine Seufzer gezeich⸗ net in dein Buch. Beſtes Maͤdchen, ich ſehe dich in Gedanken immer um mich, wie du meine Kniee umfaß⸗ teſt, und deine ſchoͤnen Augen emporſchlugſt, und mir ſagteſt, ich moͤchte doch nur getroſt ſeyn; und wenn ich mit meiner Lydia ſpreche, ſo iſt mir's immer, als hoͤrte ich Eſaus Worte, von dir naͤmlich ausgeſprochen; Auch mich ſeegne, mein Vater!— Ja, Seegen ſei mit dir, du Tochter meines Herzens!—— Mein Bluthuſten bleibt ſchon wieder ganz weg, und ich fuͤhle den Quell des Lebens noch lebhaft in mir. Sei alſo nicht aͤngſtlich, Eliſa, ich fuͤhl' es, ich komme durch. Ich habe ſogar heute mit Appetit gefruͤhſtuͤckt; ich ſchreibe dir das mit einem Vergnuͤgen, das aus der pro⸗ phetiſchen Ahnung in meinem Innerſten ent⸗ ſpringt: Er weigert nicht, was unſre Herzen ſuchen.— Richte auch du dich immerfort auf mit dem Glauben, daß das beſte 102—OůM aller Weſen— unter welchem ſuͤßen Namen du von ihm ſprachſt— die Zufaͤlle des Lebens nicht ſo ordnen und verbinden koͤnne, daß fuͤr die, welche ſie treffen, nur Elend herauskomme. Deine Bemerkung war richtig, war gut, und auch ſehr lieblich ausgedruͤckt; koͤnnte ich mich nur jetzt noch auf deine Ausdruͤcke beſinnen!— Wer hat Sie nur ſo einnehmend ſchreiben gelehrt, Eliſa! Sie haben darin eine wahre Meiſterſchaft erlangt. Hab' ich einmal kein Geld mehr, und meine Kraͤnklichkeit laͤßt mei⸗ nen eigenen Geiſt nicht mehr thaͤtig ſeyn, ſo laſſ' ich Ihre Aufſaͤtze drucken, als vortreffliche „Verſuche einer ungluͤcklichen In⸗ dianerin“ Der Titel iſt neu: ſo wuͤrde ja das Buch ab⸗ gehen, wenn es auch nichts von dem Verdienſte haͤtte, das es haben wird. Im Inhalt' Ihrer Briefe aber, und in natuͤrlicher Leichtigkeit, ſo wie in innerm Leben, kann, glaub' ich, nie⸗ mand auf dieſer ganzen Halbkugel der Erde es Ihnen zuvorthun, und von Ihren Lands⸗ maͤnninnen auf der andern Halbkugel wird's wol auch keine. Ich habe Briefe von Ihnen 103 der Madam B. und wol der Haͤlfte von den Gelehrten dieſer Stadt gezeigt; werden Sie mir nur nicht boͤſe daruͤber, es iſt ja Ihnen zu Ehr' und Ruhm geſchehn— und ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie viele Anbeter ich Ihnen dadurch erworben, die Ihre aͤußern Vorzuͤge nie geſehen haben. Ich erſtaune nur, wo dir die Grazie, die Gutheit, alle die Treff⸗ lichkeiten hergekommen ſind, bei ſolchem Umgan⸗ ge, und bei ſolcher Erziehung! Ganz gewiß muß die Natur deinetwegen alle Gedanken zuſam⸗ mengenommen, und alle Sorgfalt aufgewendet haben: denn wahrhaftig du biſt, und nicht in meinen Augen allein, das beſte und liebens⸗ wuͤrdigſte ihrer Werke!— Das iſt nun wol der letzte Brief, den du von mir empfangen wirſt; denn das Schiff, Graf Chatam, iſt, wie die Zeitungen ſagen, von Stapel gelaufen, und der Wind iſt gut, wie ich ſehe. Muß es denn alſo ſeyn, preiß⸗ wuͤrdiges Weib, ſo nimm mein letztes Lebewohl! Denke gern an mich; denke daran, wie hoch ich dich ſchaͤtze, wie herzinniglich ich dich liebe, was du mir alles biſt! Adieu, adien! und 104 mit meinem Adieu laß mich dir nochmals die große Ermahnung zurufen, die du ſchon unter tauſend Wendungen von mir gehoͤrt haſt: Fuͤhle deine eigene Wuͤrde!— Nochmals adieu, Eliſa! moͤge kein See⸗ lenſchmerz ein Faͤltchen in dein Geſicht gegra⸗ ben haben, wenn ich dich jemals wiederſehen ſollte! moͤge keine Bangigkeit deine heitere Seele umwoͤlken, keine Sorgen um deine Kin⸗ der—(die ja Yoriks ſind, Yoriks, deines ewigen Freundes,) dich niederbeugen! Adieu! adien! adien! N. G. Vergiß nicht, daß Hoffnung alles Reiſen verkuͤrzt und auch verſuͤßt. Singe doch mein klein Liedchen dieſes Inhalts, und huͤbſch andaͤchtig, wie ein Morgenlied, fruͤh beim Aufſtehen; gieb Acht, das Fruͤhſtuͤck wird dir gleich beſſer ſchmecken. Heiterkeit, Seelenfriede und Geſundheit ge⸗ leiten dich! Wenn du doch bald freundlich und guͤtig zuruͤckkehrteſt, um meine Nacht zu er⸗ hellen! Ich bin und bleibe der letzte, der dei⸗ nen Verluſt beklagt, und will der erſte ſeyn, der deiner Zuruͤckkunft freudig entgegenruft. Adieu!— Aufloͤfung der Charade im vierten Heft: Armbruſt. Oarſiph, eine Dichtung der Urwelt. In Palmenſchatten ruheten ſie— Zipora, und Iphis, die Pflegerin der fruͤhen Kindheit der Jungfrau. Noch kaum der Kindheit entflohn, ſchmiegte ſich das zarte Weſen an den Buſen, der es genaͤhrt hatte. Mutter, fragte Zipora, alſo alles dieſes waͤren nicht Erinnerungen? nur Traͤume? Frage deinen Vater! O, was Er mir antwortet, das weiß ich wol! Nicht ihm, nur dir vertrau' ich, wa wachend mich umſchwebt und im Schlummer. Iſts etwas Neues, oder das oft ſchon gehoͤrte Alte? Das Alte mit Neuem verſchoͤnt. O, jede Stunde der Einſamkeit giebt lebendigere Farben dieſen Traͤumen!— Traͤume ſollen's ja ſeyn!— Siehe, daß dieſe Wuͤſte nicht mein Vaterland Selene VI. Heft. I 2 iſt, das weiß ich. Meine Maͤdchen nennen die bluͤhende Wildniß ſchoͤn, und auch mich duͤnkt ſie es bisweilen; aber nein! ich bin in ſchoͤnern Gegenden geboren! In goldgeſchmuͤckten Zimmern, unter Men⸗ ſchen von hoher, wunderbarer Schoͤnheit, untee ſeltſamen Gebilden von Holz und Stein, die das Leben nachahmten, ohn' es zu haben— nicht wahr, Zipora? Ja, auch dieſes, doch noch mehr! Auch in einer ſchoͤnern Natur bin ich zuerſt erwacht. Nicht dieſe ewigen Palmenwaͤlder, nicht dieſe duͤſtern Tamarindengebuͤſche, jenſeits das bren⸗ nende Sandmeer, vom toddrohenden Wind; aus dem Gebirge bewegt: nein, kuͤnſtliche, blu⸗ menvolle Gaͤrten! Keine Zelte, keine unbe⸗ uemen Lauben voll Sumpfluft und peinigender Inſekten; nein, kuͤhle, ſchattende Alleen im Ufer kryſtallner Stroͤme, und am Ende derſel⸗ ben Marmorſaͤle mit kuͤhlen, erfriſchenden Baͤ⸗ b dern! O des maͤchtigen Stroms! noch ſehh ich ihn, und die Goͤttin, die an ſeinen Ufern wandelte, mich an der Rechten, an der Linken einen Andern— ihn, den ich nie vergeſſe, 3 obgleich kein Sinnen mir ſeinen Namen zu⸗ ruͤckgiebt!— Koͤnnt' ich nur dieſen erſinnen, nur dieſen! Quaͤle dich nicht, Kind! du haſcheſt nach Traͤumen! Ich ſehe ihn noch! Mein Bruder war er nicht, aber mir lieber! Mich hatte ſie ange⸗ nommen, ihn gefunden! gefunden im Schilfe, unter Moos und bluͤhenden Seeroſen. See⸗ roſen?— Ha! jetzt hatt' ichs! Was denn? Hoͤre doch auf! Nein, dies iſt wahr, dies rede mir nicht aus! Das auslaͤndiſche Maͤdchen, das mir ſo gram war, und ihn liebte— tauſendmal hat ſie's erzaͤhlt! Sie hat ihn aus dem Schilfe geholt und ihn in Mutterarme geliefert. Bruͤ⸗ derchen nannte ſie ihn oft im Spiel; nie konnte ich das leiden! Heilige Iſis, dies wird eine ganze Ge⸗ ſchichte! O ihr ſuͤßen Seeroſen! o du reiner Kry⸗ ſtallſtrom! und du, o Engel, mit dem ich ſeinen Fluthen nachging, und du holdſelige Goͤttin... “ Zipora! Traͤume, wie dieſe, haben wir alle, und wahr mag's auch ſeyn, daß ſie auf ein ſeliges Vormals hinweiſen. Wenn der Mond ſich feurig aus dem Sandmeer erhebt, und immer bleicher, immer milder werdend, alles mit zauberiſchem Lichte verſchoͤnt; wenn dein Vater uns mit jenem Sternenraum bekannt macht, und jeder der Blumen, die dort bleichen, ihren Namen giebt: dann iſt mir's auch, als waͤr' ich einſt dort geweſen, haͤtte mit Engeln geſpielt und mich im Kryſtallmeere gebadet, raſtlos auf Wolken geſchwebt, und tief mich geſenkt in den Born ewiger Jugend. Auch dieſe Traͤume kenne ich, Iphis, auch ſie haben Wahrheit: aber jene ſind klaͤrer, menſch⸗ licher, und die Erinnrung iſt nicht ſo alt. Aber alt, mein Kind, iſt alles, was du mir davon ſagſt! zu oft hab' ichs gehoͤrt! Etwas Neues wollteſt du ja hinzuthun— Ja! Sieh'— die beiden Kindergeſtalten ſind jetzo erwachſen: Er Juͤngling, ich Jung⸗ frau; nur ſelten duͤrfen wir uns ſehen. Und auf einmal koͤmmt der Vater, kommen andere ernſte Maͤnner und fuͤhren den Juͤngling hin⸗ —— weg in ein Gezelt.— Nein, dort gab es keine!— In ein Gebaͤu, das ſie Tempel nannten— Seltſam! ein Tempel im andern! Zipora, Jethro ſagt uns, der Tempel Gottes ſei die große, heilige Natur. In einem kleinern Tempel, wo er hohe Weisheit lernen, und nach Jahren wiederkom⸗ men ſollte, mein zu werden! Fuͤr mich war dies unnoͤthig; mir war er weiſe genug, ich verſichere dich, Iphis! Wenigſtens weiſer als du, Traͤumerin! Siehe, Iphis, nun geſtehſt du alſo, daß es einen ſolchen gebe?— O nun habe— nun hab' ich dich! Laß die kindiſche Freude! Schlage nicht ſo in die Haͤnde! Du weckeſt ja den Vater! Nein! es koͤmmt noch mehr!— Weil mir's denn alſo nicht gelegen war, daß der, den du weiſer nenneſt als mich, dieſen Vorzug hatte... O ſo hoͤre doch auf! So fand ich Mittel— ſo ſohlich ich einſt — ſo verweilt' ich einſt einen ganzen Tag— — oder auch laͤnger—— Genug, Zipora, oder du wirſt mich ſchmerz⸗ lich beleidigen! Ja, und eben hier weiß ich auch nichts mehr; mich daͤucht, ich wurde entdeckt... Kind! Kind! Phantaſieen wie dieſe, be⸗ drohen Verſtand und Herz! Laß uns endlich hineingehen! — Die Maͤdchen ſind nach dem Brunnen ge⸗ gangen, die Schafe zu traͤnken, ſagte am Abend Iphis zu Ziporens Vater; jetzt koͤnnen wir ruhiger ſprechen. 3 An den Brunnen? doch nicht an jenen, jenſeit des Waldes? Ihn bewachen die Hirten! Schon einmal ſind die Kinder weinend zuruͤckgekommen, und Zipora hat geklagt, daß ihr, der Tochter des Oberprieſters in Midian, beßere Behandlung gezieme, als der Trotz roher Sklaven. Laß ſie nie wieder dorthin, Iphis! nie! Ich wollte, du begleiteteſt ſie allemal, auch zum Waſſer! Gonn' ihr die einzige Freiheit! Siehe⸗ 7 auch mir that's einſt wohl, nach langſam ſchleichendem Tage, des Abends, fern von der Aufſeherin, nur unter Maͤdchen zu ſeyn, das Kind unter Kindern. Glaube mir, beſſer iſt ihr dieſes, als das gruͤbelnde Sinnen der Ein⸗ ſamkeit! Dies ſchreckliche Sinnen! o daß es ſie nicht endlich zum Zweck bringt! Auch Oar⸗ ſiph, ſagteſt du, miſcht ſich jetzt in ihre Er⸗ innerungen? Selbſt die ganze Scene im Tempel! Auch ſein Name? Nicht doch! dann waͤre ja der ganze Zau⸗ ber geloͤßt. Aber ich verſichere dich, nahe iſt ſie dabei! ganz nahe! Auch der Trank, der ihr die Erinnrung nahm? Nein, auch diefer nicht! Nur das mahlt ihr die verraͤtheriſche Phantaſie, daß der Juͤng⸗ ling von euch zur Prieſterweihe entfuͤhrt wurde, daß ſie aus Vorwitz ihm folgte, daß ſie Mittel fand ſich einzuſchleichen, wohin kein Weib gehoͤrt— O der verraͤtheriſchen Mittel! Hier war 8 die Hand der Koͤnigstochter! Siehe, darum zog ſie Ziporen ſo nahe an ſich! darum feßelte ſie das Kind an Oarſiph! Mir hat es Mir⸗ jam verrathen, des Knaben Schweſter! Die Falſche! Sie haßt Ziporen, ſie goͤnnt ihr nicht den angebeteten Bruder! Kann ich ſie ihm goͤnnen?— Suͤße Lieb⸗ linge meines Herzens, geſchaffen Eins dem Andern, warum ſollt ihr nie einander angehoͤ⸗ ren!— Oarſiph! uͤber dir waltet eine hohes Verhaͤngniß! ich mag nicht das Schickſal der zarten Jungfrau an das deinige feſſeln! Hol⸗ de Ruhe des Thals, du ſollſt ihr bleiben, und auch mir, dem ſinkenden Greiſe.— Siehe, Oarſiph wird's vollenden: aber auf dornen⸗ voller Laufbahn, von welcher ich euch zuruͤck⸗ halten muß! Fern wollen wir ſtehn und an⸗ betend ſehn, wie Gott richtet— durch ihn richtet! Knuͤpft dich das Schickſal an ihn, ſo wirſt du, Jethro, das Band nicht loͤſen... Was? kannſt du Gedanken errathen? Fal⸗ ſches, falſches Geſchlecht! Verraͤtherinnen! im⸗ mer nur ſpaͤhend nach Geheimen! Du, Iſiman⸗ —— 9 dia, ſelbſt Zipora, die Unſchuld... uͤberall Vor⸗ witz und Herrſchſucht!— Iphis entfernte ſich, dem Eifer des Zuͤr⸗ nenden zu weichen. Iſimandia, des Koͤnigs Tochter, die ſanfte Vertreterin der dem Todte geweiheten ebraͤi⸗ ſchen Kindlein, in welchen der ſcharfſinnige Pharao die wachſende Macht eines ihm furcht⸗ barwerdenden Volks toͤdten wollte— Iſiman⸗ dia, die ihren einzigen Geretteten mit zarter Mutterliebe umfaßte: ſie verdiente nicht Haß und Tadel des ſtrengen Weiſen. Konnte er den Plan der koͤniglichen Jungfrau ganz uͤber⸗ ſehen? Den goͤttlichen Knaben, den ſie Oarſiph, Sohn der Seeroſe, genannt hatte, weil ſie unter den duftenden Seeroſen ihn fand, wollte ſie zum Thron' erziehen, aber fuͤr ihm und mit ihm regieren. Noch jung war Oarſiph. In des ſchwach werdenden Phargao Hand ſchwankte ſchon der Scepter. Keine Bruͤder Iſimandiens ſtuͤtzten den Thron, keine Enkel 10— wollte ſie, durch fruͤhe Liebe getaͤuſcht, dem ſinkenden Pharao geben. Sie war die Ge⸗ weihte der Iſis. Bald waͤre vielleicht die Krone das Eigenthum eines gehaßten Nebengeſchlechts geworden, denn nie ſah Egypten eine herr⸗ ſchende Koͤnigin. Ein Mittel gab's, ſich die Herrſchaft zu ſichern, und Rechte der Maͤnner an ſich zu reißen: Kenntniß der heiligſten Geheimniſſe, der Vorrechte des Prieſterthums. Eine Koͤnigin der Vorzeit hatte dies bereits verſucht, um einen gehaßten Gemal vom Throne zu draͤngen: aber der Verſuch mißlang ſo klaͤg⸗ lich, die Frevlerin ward ſo ſchrecklich beſtraft, daß ſpaͤte Geſchlechter ihr Schickſal ſchweigend mit Grauſen verſiegelten. In dieſe Abgruͤnde wollte Iſimandia nicht blindlings ſich wagen; ein Engel ſollte ihr vorlaufen— Jethro's Tochter, Zipora. Die Unſchuld wagte hier wenig; Zipora's zarte Jahre und ihre Unwiſſenheit jedes ge⸗ faͤhrlichen Zwecks mußten ſie ſchuͤtzen. Sie wollte ja nur dem Lieblinge nahe ſeyn, nur ſein Schickſal theilen; dies war der ganze —444 I V 11 Plan des Kindes, der den hoͤhern, der Leiterin, verdachtlos verſchloß. Und er gluͤckte. Zipora ſah, was nie vor ihr ein Weib erblickt hatte. Oft ſchon bebte ſie zuruͤck, aber noch hielt ſie ſich. Allein, als jetzt die gluͤhende Opferbinde ſich um die zarte Stirn ihres Juͤnglings wand; als der feurige Sprengwedel, in die Gluten einer Hoͤlle ge⸗ taucht, aufgehoben ward, ihn mit verzehrenden Funken zu uͤberſaͤen: da verließ ſie der Muth, und unter den dienenden Opferknaben ver⸗ rieth ſich mit hellem Geſchrei die zarte Stimme des Maͤdchens. Alle Kerzen, alle Gluten verloſchen; nur ein bleicher Schwefelglanz blieb zuruͤck. Das ganze Reich der Unterwelt wurde wach, die Verraͤtherei zu raͤchen; der Entdeckten vergin⸗ gen die Sinne. Sie blieb in den Armen des zitternden Vaters. Was er ihr war, das wußte man nicht, man traute ihm blindlings. Die Schoͤnheit, die zarte Unſchuld des Kindes erregte Mitleid. Dem nothwendigen, ſchrecklichen Todte ſeine 12 Qualen zu nehmen, war man einverſtanden. Jethro bereitete den Gifttrank.— In dieſen unterirdiſchen Regionen, dem Vorbild der ſpaͤter gefabelten Schattenwelt, gab's auch ein Lethe. Oarſiph bekam davon, um dieſen Auftritt zu vergeſſen. Zehnfach verſtaͤrkt, gab dies Waſſer den Tod; dies war Ziporen be⸗ ſchieden. Die Jungfrau nahm vertrauend den Becher aus der Hand des Vaters; ſie konnte es! Jethro wußte, was er ihr gab: nicht den Tod, nur Vergeſſenheit! O ſo aͤngſtlich war er bei dem Grade des Toͤdtenden voruͤberge⸗ gangen, daß er auch den naͤhern Zweck mehr als zur Haͤlfte verfehlte! Und ſo erwachte in der Seele der reifenden Jungfrau nach Jahren ein Bild nach dem andern; zuletzt vielleicht auch der Name Oarſiph. Dies war's, wovor Jethro jetzt zitterte! An dieſem verhaͤngnißvollen Namen hing die ganze Kette hellerer Bilder, vor welchen der Weiſe bebte. Mit einem Laute war, ſo wollte es das Schickſal, der Zauber geloͤßt; mit ihm waren Ereigniſſe nahe, die eine Welt umge⸗ ſtalten halfen. Legt nicht oft die Gottheit in V b — —— 13 den einfachen Gang gleichguͤltig ſcheinender Schickſale des Einzelnen das Verhaͤngniß gan⸗ zer Nationen? Jethro ſahe im Geiſt den Argwohn der alles Wiſſenden erwachen. Er nahm die Halb⸗ gerettete und floh. Laͤngſt ſchon hatte er ſich nach Freiheit geſehnt, laut das Geheimniß auszureden, das man hier in Bildern und Formen verhuͤllte, das Geheimniß, das der ganzen Menſchheit gehoͤrte, vom Daſeyn des einigen Gottes. Oarſiphs voͤllige Weihe war⸗ tete er nicht ab. Jahrelang mußte ſie dauern. Er verſchwand, und lange ſchon war er im großen Tempel der heiligen Natur Diener des einigen Gottes, Prieſter eines frommen Hir⸗ tenvolks, als Iſimandiens Pflegeſohn, nach muͤhſeligen Pruͤfungen und Weihen der Kun⸗ de entgegen gefuͤhrt wurde, die ihm angeboren war, die ihm ſeine einfaͤltige Schweſter Mir⸗ jam, die ihm die fromme Mutter, von Iſi⸗ mandien unwiſſend ihm zur Amme gegeben, ſchon mit den erſten Hauchen des Lebens ein⸗ gefloͤßt hatten. Weisheit iſt nicht allemal Quelle der Freude. 14—— Oarſiph brachte, als er aus dem Tempel ent⸗ laſſen ward, auch ein lebhaftes Anſchaun ſeines eigenen Zuſtandes herauf. Er, zum Throne beſtimmt, ſollte ſein Volk in Feſſeln ſehen? Er, einſt König, ſollte, an Prieſtergeheimniſſe gebunden, unfaͤhig ſeyn, ſeine Feſſeln zu loͤſen? Heimlicher Gram verzehrte ihn; einem Schat⸗ ten gleich ſah ihn Iſimandia wieder, ihn, dem ſie mit jenen Geheimniſſen alles zu geben hoff⸗ te! Endlich ermannte er ſich. Er zerriß die Bande, auch die ſuͤßern der Kindesliebe, die ihn an Iſimandien knuͤpften. Er entſagte der ihm bereiteten Groͤße, er ſtuͤrzte ſich hinaus in das Elend ſeines Volks, um wenigſtens zu leiden, um zu raͤchen. Das Blut der Unter⸗ druͤcker, das ſein Zorn vergoß, unterwarf ihn bald ſelbſt der Rache der Geſetze. Er floh. Iſimandia hatte Ziporen ſchon damals in jenen Abgruͤnden verloren, jetzt ſollte ſie auch ihren zweiten Liebling entbehren lernen! Sie, die Kinderloſe, ging bald darauf hin in die Graͤber der Koͤnige, und ließ das Scepter, das ſie jenem Gluͤcklichen bereitet hatte, der Hand der Fremden. 15 Zipora war jenes Abends mit ihren Jung⸗ frauen wieder vergebens bei dem verbotenen Brunnen geweſen, der ihnen eben darum der liebſte war. Tief hatte die Haͤrte der Huͤter ihren Stolz verwundet, aber ſie klagte nicht; doch ſtuͤrmten ihre Gefuͤhle heftiger, als je, als ſie zur Ruhe ging. Die Entdeckung koͤmmt immer naͤher, ſag⸗ te Iphis am Morgen zu Jethro. Sie hat dieſe Nacht von lauter Feuer geſprochen. War's nicht das Feuer, wobei ſie ſich im Tempel verrieth? Sah ſie vielleicht die Wundererſcheinung dieſer Nacht? fragte der ſinnende Prieſter. Die, des brennenden Waldes?— Sie ſchlief, wir weckten ſie nicht! Wol! und niemand male ſie ihr!— Bald wuͤrde ſie merken, daß hier etwas mehr war, als das gewoͤhnliche Geſicht, wenn der Wind aus den Wuͤſten ſich aufmacht, und den gluͤ⸗ henden Sand, an den waldigen Bergen vor⸗ uͤber, der aufgehenden Sonne entgegenjagt. 141 Ja, Jethro, das war mehr, du haſt recht! O wie ſchoͤn und wie ſchrecklich! 16 Nie ſah' ich es ſo, ſeit in fruͤher Jugend ich zuerſt dieſen geweihten Grund betrat, und die große Gottheit der Natur ſich dem zittern⸗ den Juͤngling enthuͤllte.„Entbloͤße deine Fuͤße! ſprach zu mir die Stimme des Unſichtbaren aus der Flamme! hier iſt heiliges Land! An⸗ betend trat ich naͤher, und hoͤrte, wie Gott mit mir von Gott ſprach.— Zu wem hat er heute geſprochen? Wer war der Schatten, der die heilige Glut umwankte? Gluͤcklicher, gluͤcklicher Juͤngling, den heute die Gottheit erwaͤhlt hat! Zur Jugend ſpricht ſie am lieb⸗ ſten; ſie ſprach auch zu mir! Dies iſt mehr, als eure Weihe in ſteinernen Tempeln! Nie vergeht dieſer Eindruck, ſo lange die Seele den Koͤrper belebt! Wie ſo neu iſt uns die Natur, und wie viel ernſter und hoͤher! Tu⸗ gend iſt uns von nun an Nothwendigkeit, wir koͤnnen ſie auf keinem Wege verfehlen; auch nicht die Wahrheit! Erſtaunt ahnet der Menſch jetzt zuerſt, was Gott mit ihm vorhat, und ſchnellen Schrittes eilt er dem Ziel' entgegen! Iphis, entferne dich! Mein Herz gluͤht! Siehe, das Volk wartet mein! Ich muß mit 17 ihm ſprechen von den Wundern der Nacht; ſprechen mit dieſem Herzen, das voll iſt von Gott und ſeiner Wahrheit!— Sinnend ging der Prieſter zum Berge, wo ſich ſchon die Hirten verſammelten. Ihm brannte noch einmal der Buſch, zu ihm redete noch ein⸗ mal die Gottheit. Truͤbe Bilder ſingen an ſeine Ruhe zu umwoͤlken. Ihm wars, als ſei ein finſtres Etwas nahe, das der menſchliche Muth, vor jedem Dunkel ſchaudernd, gern um⸗ geht; auch draͤngte ſich durch wunderbare Ge⸗ dankenverbindung Oarſiphs Bild in ſeine Seele. Eins ward am Ende ihm feſt, der Entſchluß, der Hand des leitenden Schickſals willig zu folgen, braͤchte es Ruhe ſeinem Hauſe oder Gefahr. Alſo gefaßt redete der Prieſter Got⸗ tes zum Volke. Zipora erhob ſich tiefdenkend vom Lager. Sie ſprach mit niemand von den Traͤumen, niemand mit ihr von den Geſichten dieſer Nacht. Die Dirnen ſammelten ſich um die Jungfrau und die Matrone zu den ſtillen Ge⸗ ſchaͤften des Weberſtuhls, bis der Mittag zur Ruhe unter den Palmen rief. Selene VI. Heft. 2 18 Der Tag war ſchwuͤl, am Himmel zogen Gewitter herauf. Gehet heute nicht nach dem Brunnen, ihr Maͤdchen, die Heerden zu traͤn⸗ ken! Gott kommt im Wetter! ſo mahnte war⸗ nend die Amme. 1 Thraͤnen hingen an Ziporens ſeidnen Augen⸗ wimpern. Sie wandte ſich leiſe zu Sia, der liebſten Geſpielin: Mein Herz iſt ſo voll! es bricht, wenn ich es dir nicht entlaſte. Haſt du ihn wiedergeſehen? Ja! in Flammen!— Gott ſprach mit ihm!— Scheu bebt' ich vor dem Henügan zu⸗ ruͤcl!—— Zipora! Iphis belauſcht uns!— Auf den Abend! Ja! wenn die Goͤtter helfen! Und ſie halfen. Zeitig brach die Wuth der Elemente aus; die entzuͤndete Atmosphaͤre ent⸗ laſtete ſich aber durch eine Erſcheinung, die man hier ſelten und nie ohne Ahnungsſchauer großer Ereigniſſe ſieht— durch einen heftigen Regen. Alles Lechzende trank, alle Graͤben, ſonſt muͤh⸗ ſam aus Quellen gefuͤllt, ſchwollen vom ſeg⸗ nenden Strome der Wolken, und den Himmel 19 umguͤrtete der Bogen, aus paradieſiſchen Blumen geflochten. Iphis erwieß, daß es heut' unnoͤthig ſei, die Schaafe zum Waſſer zu leiten: aber die Maͤdchen huͤpften hinaus, die Pracht des Frie⸗ densbogens zu ſehen, hochjauchzend des ſeltnen Geſichts; es folgten von ſelber die Heerden. Nur nicht zum verbotenen Brunnen! rief die Warnende nach. Bewacht iſt er heute durch ſtrengere Huͤter!— Um der Worte der War⸗ nerin willen zog es die Jungfraun den verbotenen Weg: ſo iſt die Weiſe der Jugend! Jethro's ſtolze Tochter und die geliebtere Sia gingen Arm in Arm den verſchlungenen Pfad ihnen nach, durch bluͤhende Tamarinden⸗ gebuͤſche. Schoͤn waren die Jungfrauen, doch Zipora die ſchoͤnſte. Braͤunlich zwar, wie die Maͤdchen Aegyptens, aber keine Mohrin, wie ſie in der Folge die Haſſende ſchalt. Hohes, edles Wuchſes war ſie, doch zart und von lieb⸗ lichen Formen. Finſtres, ſeidnes Haar umwallte ihre Schultern; es wehte ruͤckwaͤrts der Schleier, vom Abendwinde bewegt, und zeigte die heitere Stirn, nur jetzt ein wenig vom Gram der Liebe 20 umwoͤlkt; auch ſchwamm noch das dunkle Auge in lang verhaltenen Thraͤnen— ſo ſchwamm in dem Bade des Aethers die lachende Flur. Werde ich wirklich ihn finden— begann ſie endlich; ihn, der wachend und im Schlummer mir vorſchwebt? werd' ich einſt wirklich ihn ſe⸗ hen?— Dieſe Nacht in Gluten— wie ich ihn ſchon einmal ſahe— einmal, im wirklichen Leben!— Dieſe Nacht war's Geſicht— war's auch anders— ich weis nicht!— Dort am kryſtallenen Quell mahlte ihn ein zweiter Traum, der an den Morgen grenzte. Du weißt, meine Sia, den Traͤumen, die ſich in die Strahlen des Sonnengottes wagen, verlieh er die Gabe der Weiſſagung. Wird mir dieſer weiſſagend ſeyn?— Ich ſah den Geliebten am Brunnen, aber ernſt war ſein Blick— der Blick eines Mannes, mit dem die Gottheit geredet hat. Nicht mehr die kindiſche Lieblichkeit; auch ſchien er mich erſt nicht zu kennen: dann aber auf einmal die volle Erinnerung! Er rief: Zi⸗ pora!— Ich— ja, Sia, wie nannte ich ihn doch! Der Traum wußte ſeinen himmliſchen Namen. 21 Schon hatte ſich die koͤnigliche Jungfrau, und die Freundin mit ihr, auf der weißen Mar⸗ morlehne des Brunnens gelagert, den ein Sica⸗ more umſchattete. Matt ruhte ſie am Buſen der Vertrauten. Unten am Quell dauerte der Zwiſt der Dirnen und Hirtenknaben uͤber das verbotene Waſſer. Da trat aus dem Schatten gegenuͤber ein majeſtaͤtiſcher Juͤngling. Siehe, fluͤſterte Sia, der Genius der Flur! Doch die Goͤttergeſtalt war fern, dem Voͤlklein tief unten viel naͤher. Was iſts, ihr Sklaven, zuͤrnte der Fremd⸗ ling, daß ihr mit dieſen Schaͤferinnen rechtet? Oeffnet den Brunnen! Iſt denn uͤberall Bedruͤk⸗ kung des Schwaͤchern? Wohnt Unrecht und Gewaltthat auch unter den Hirten? Herr, entgegneten die Huͤter, die Schafe haben des Waſſers genug, und dennoch dringen die Dirnen auf Eroͤffnung des Quells, des ver⸗ botenen, um ihre Fuͤrſtin zu traͤnken. Und trinken ſoll ſie! unterbrach ſie der Hel⸗ fer der Unſchuld. Ich ſelbſt ſchoͤpfe, und bring' ihr den Becher. Die Jungfraun jauchzten des geoͤffneten 22 22 Quells, der jetzt, von dem Fremdling dem Fel⸗ ſen entriſſen, ſilbern hervorſprudelte. Sie reich⸗ ten ihm den Becher aus Sandelholz geſchnitzt, er ſchoͤpfte und ſtieg hinauf die marmornen Stu⸗ fen. terin: aber nur fluͤchtigen Blicks weilte er auf der Goͤttergeſtalt; ſein Auge bewachte den Trank, Jetzt zeigten ihm die Maͤdchen die Gebie⸗ daß kein verſchuͤttetes Troͤpfchen, boͤſen Mäch⸗ ten ein Opfer, Verderben der Erquickten braͤchte. Trink, Jungfrau, rief er, jetzt der Stau⸗ nenden nahe; trink, und moͤchte der Geber des Tranks dir Freude bringen! weilte auf dem Freudengeber. Zitternd, zwei⸗ felnd ſchaut' er ſie an: dann ſchnell mit gluͤhen⸗ der Roͤthe uͤbergoſſen, verlegen, mit niederge⸗ ſenktem Blick, kredenzt' er. Sie trank— und: Oarſiph! Zipora! ſchallt' es aus beider Munde. Sie ſanken einander in die Arme. Der Becher ſtuͤrzte hinab in den Quell der Erinnerung. rin heiliger Kunde. Wohl ihr, wenn wachend ſie ſieht das Bild entzuͤckender Traͤume!— Zipora mit ſcheuem, ungewiſſem Blicke, ver⸗ Wie ſich das alles begab, das weiß die Leſe⸗ Mit verſchlungenen Armen gingen nun die ——— 23 Gluͤcklichen heim. Keine Worte hatte ihr Ent⸗ zuͤcken; nur der Blick, nur der Druck der Hand enthuͤllte die Sprache des Herzens. 8 Jauchzend huͤpften die Maͤdchen nach den Gezelten zu Iphis und Jethro, und die athem⸗ loſe Sia erzaͤhlte die Geſchichte. Iphis ſtuͤrzte den beiden Vereinten entgegen. Ganz rein war die Freude der Mutter: aber Ernſt umwoͤlkte die Stirne des Prieſters, als jetzt die Kinder der Liebe vor ihm hinknieeten und ſeinen Segen erbaten. Iſt jetzt die Stunde? murmelte er vor ſich hin. Nahet das Schickſal ſich nun? Welch ein Schickſal, o Jethro? Kannſt du deinem Oarſiph die Tochter verſagen? Kann der, zu welchem dieſe Nacht die Gott⸗ heit aus dem Flammenbuſch ſprach, auf die Stimme irdiſcher Liebe achten?— O Moſes, welcher Zukunft fuͤhrt dich die Schickung ent⸗ gegen! Harſiph— oder wie uns ſein Name be⸗ kannter iſt: Moſes— ließ Ziporens Rechte ſin⸗ ken, in tiefes Sinnen verloren. Ich ſehe, fuhr Jethro fort, eine unzaͤhlbare 24—— Heerde, und ſie hat keinen Hirten! Wenn Oarſiph ſie durch ſchreckliche Wuͤſten zum Lande der Ruhe geleitet, ſoll dann dieſe Zarte ihm folgen? Ich folge ihm in jeden Tod! rief Zipora. Lang iſts noch hin, begann Moſes nach tie⸗ fem, ſchweigenden Sinnen; lang iſts noch, bis das Schickſal Iſraels reift. Jahre ſeh' ich ver⸗ fließen; die Stimme der Gottheit ruft noch nicht: bis dahin Ruhe fuͤr mich, Ruhe im Ar⸗ me der Liebe! Da legte der Vater Beider Haͤnde zuſammen. Und Oarſiph weidete mit Ziporen die Heer⸗ den des Prieſters von Midian, bis Gottes Stimme ihn rief, bis der Herr kam, nicht im Donner, nicht im Sturme, nein, im Saͤuſeln des Fruͤhlings, und ihm ſagte: du biſts, den ich ſenden will, mein Volk von den Feſſeln zu loͤſen! Und Gott vollendete durch ihn, was er ver⸗ ſprach, aber der Prieſter der frommen Hirten in Midian blieb noch lange mit der zarten Ge⸗ malin des Heerfuͤhrers in verborgener Stille, bis Moſes Herrſcherſtuhl feſt ſtand. Dann 2⁵ brachte er die Tochter ſeiner Umarmung und mit ihr die Kindlein. Jethro half Oarſiph den Dienſt des einigen Gottes gruͤnden; half ihm, um ein hartnaͤckig Volk die Bande der Sitte ſchlingen. Doch was dieſen Maͤnnern im Beruf der Herrſcher der Starrſinn des tauſendkoͤpfigen Ungeheuers war, das Willkuͤhr ſuchte, nicht Tugend und Freiheit— das war der ſanftern Zipora am hei⸗ miſchen Heerd die Schweſter, voll Neid und Haß. So iſt Weh vereint den liebſten Wuͤnſchen des Herzens! Doch hoͤher werfet den Blick auf den maͤchtigen Gang des Schickſals, das— Seeroſen zuſammenflicht, um eherne Ketten zu brechen!— B. N. 26— Rechtfertigung des Romans. Nebenher etwas uͤber Naͤdchen⸗ lektuͤre uͤberhaupt. Aus Briefen an eine Freundin. J. Allerdings muͤſſen Ihnen, die ich immer, un⸗ geachtet des jugendlichen Maͤdchengeſichtes, ſo hausmuͤtterlich beſchaͤftigt ſah, die Feſttage lang und einfoͤrmig vorkommen, zumal da Sie nicht gewohnt ſind, Ihre Erholung in großen Ge⸗ ſellſchaften zu finden. Allein auch dieſe Feſt⸗ tage, welche der Himmel fuͤr uns, neben der Andacht, zu einer ruhigen Beſchauung der Welt und der vollbrachten Werkeltagsarbeiten, be⸗ ſtimmte, ſind in der Ordnung der Dinge, und wer Sie, meine Freundin, veranlaßt, in den ſtillen, muͤſſigen Nachmittagsſtunden derſelben — 27 2 mit unter auch nach einem guten Romane zu greifen, ſcheint damit die Beſtimmung jener Tage nicht eben zu entweihn. Da iſt nun aber ein großer Mann, der von Ihnen gar nicht gekannt ſeyn will, eben deswegen, weil er ſelbſt Romane ſchrieb, unter welchen der Ro⸗ man ſeines Lebens, Bekenntniſſe genannt, der baͤnderreichſte iſt— der ein Maͤdchen fuͤr verloren haͤlt, das Romane lieſt: Jean Jacques Rouſſeau. Und ich habe Luſt, mich vor Ihrem Richterſtuhle mit dieſem Manne, der die auffallenden Uebertreibungen liebt, zum Beſten der Romane und des weiblichen Ge⸗ ſchlechts ein wenig zu zanken.— Ich ſage zum Beſten des weiblichen Geſchlechts, fuͤr deſſen Unterhaltung der Roman vorzugs⸗ weiſe beſtimmt iſt. Denn an welches Publi⸗ kum ſollte ſich ſonſt dieſe Dichtungsart zunaͤchſt wenden?— Der Roman waͤhlte ſich nun einmal Begebenheiten zum Gegenſtande, bei denen das weibliche Geſchlecht in dem groͤßten Glanze erſcheint. Wer ſollte ſich ganz von dem Weihrauche wegwenden, mit dem er vergoͤttert wird? Auch hatte ein ſtrenges Sittenrichter⸗ 28— verbot, wie das Rouſſeauiſche, von jeher ſo wenig Erfolg, daß es vielmehr ein groͤßeres, luͤſternmachendes Reizmittel wurde, dagegen zu handeln. Daß manche Gattungen von Romanen unverdorbenen Seelen widerſtehen muͤſſen, lei⸗ det keinen Zweifel. Alles kommt wol darauf an, was man unter Roman und gutem Romane verſtehe. Laſſen Sie uns ein we⸗ nig daruͤber philoſophiren. Philoſophiren, wie Sie wiſſen, heißt: etwas von weitem aus⸗ holen, von ſeinem Ich und Nicht⸗ich reden, und warum ſollte das ein ausſchließliches Vor⸗ recht des Geſpraͤchs unter Maͤnnern ſeyn? Es iſt eine wunderbare und unſre Wuͤrde darlegende Erſcheinung an dem Menſchen, daß er gerade im Zuſtande einer gewiſſen Be⸗ haglichkeit und des Wohlbefindens am meiſten geſtimmt iſt, ſich aus ſeinem Ich herauszu⸗ traͤumen, in fremde Zuſtaͤnde hinuͤber zu phan⸗ taſiren, oder ſeinen eignen Zuſtand aus einem allgemeinen Geſichtspunkte als fremd anzuſehn. Das einzelne, beſchraͤnkte, menſchliche Weſen hat eine Menge Wuͤnſche und Anſpruͤche an das Leben, um deren willen es ſich immer mit —— 29 ſich ſelber beſchaͤftigen muß. Doch kaum hat es ſich aus dem Zuſtande der Beduͤrfniſſe auf einen Augenblick herausgearbeitet, ſo iſts, als ob eine hoͤhere Natur in ihm erwachte, wel⸗ cher es angehoͤrt, als ob ſich ſein Geſichtspunkt erweiterte. Es faͤngt an, an einer Menge fremdartiger Dinge außer ihm Theil zu nehmen; es faͤngt an, ſein eignes Gluͤck und Wohlbe⸗ finden ſich vorzuerzaͤhlen, ſich davon ein Bild zu machen, es außer ſich herauszuſtellen, und mit einer Art von Mitgefuͤhl zu betrachten, ungefaͤhr, wie man Sympathie fuͤr einen Freund hat. Sie ſagten mir einſt, liebe Freun⸗ din, daß Sie ſich oft in der Erinnerung gluͤck⸗ licher fuͤhlten, wie in der Gegenwart, und ich glaube Ihnen das gern. Eben das iſt ein Vorrecht der geiſtigen Weſen, ſich den Gegen⸗ ſtand in der reinen Vorſtellung ſchoͤner erſcheinen zu laſſen, als er unmittelbar den Sinnen er⸗ ſchien. Die Erinnerung, die Beſchreibung in Gedanken und Worten, ſcheidet von ihren Gegenſtaͤnden ſo manches Unangenehme der Wirklichkeit, verklaͤrt, erweitert das Angenehme derſelben noch mehr, und weiß uns ſogar den 30 vergangenen Schmerz zu verſuͤßen. Je mehr eine Seele in der Erinnerung zu leben vermag, deſto aͤtheriſcher iſt ſie. Denn das eigene Licht, das von ihren Gedanken ausgeht, iſt, ſo zu ſagen, der ſchoͤpferiſche Strahl, welcher ihr eine verſchoͤnerte Welt vorzaubert. So entſteht ein gewiſſer Zuſtand des Luxus fuͤr den Geiſt. in welchem er ſeinen gewoͤhnlichen Wirkungskreis, ſeine Werkeltagsarbeiten, vol⸗ lendet hat, und ſich nach neuen Ideenbeſchaͤf⸗ tigungen ſehnt. Von dieſem Zuſtande nimmt die hoͤhere Gedankenwelt, namentlich die ſchoͤ⸗ ne Kunſt ihren Urſprung. Er kann uns zu manchem Guten, aber auch zu mancher unna⸗ tuͤrlichen Ueberſpannung verleiten. In einer ſolchen Seelenſtimmung befinden Sie ſich, wenn Sie aus Ihren Alltagsbeſchaͤftigungen heraus ſind, ſich geneigt fuͤhlen, das Leben, zu deſſen Erhaltung und Verſchoͤnerung Sie im Hauſe ſo thaͤtig waren, in einem allgemeinen Bilde zu betrachten, und eben darum einen Roman in die Hand nehmen. Daß ein ſolcher Luxus des Geiſtes, nicht aber ein Zuſtand der Noth⸗ wehr und der Arbeit, die ſchoͤnen Kuͤnſte er⸗ — 31 zeuge, iſt auch daraus klar, daß man ſelbige zuerſt beſonders bei ſolchen Voͤlkern fand, wel⸗ che die erſten Schritte zum Wohlſeyn durch die Kultur bereits gethan hatten, welche unter den Einfluͤſſen eines mildern Himmelſtriches uͤber den Kampf mit den Beduͤrfniſſen hinaus waren, waͤhrend der arme Bewohner des Nordpols, der die Erforderniſſe zu ſeinem kuͤmmerlichen Le⸗ ben dem Meere abjagt, oder aus dem Schnee herausſcharrt, wol ſelten daran denken wird, ſein Daſeyn unter einem heitern Bilde darzu⸗ ſtellen, und es mit uͤberfluͤſſigem Schmucke zu verzieren. Ddie erſte Lebensart jener fuͤdlichen, gluͤck⸗ lichern Voͤlker war ohne Zweifel das freie Hir⸗ tenleben, dem der Baum ſeine Fruͤchte, das Thierreich ſeine mancherlei Erzeugniſſe, von ſelbſt darbot und entgegen trug. Die Freuden des patriarchaliſchen haͤuslichen Zuſammenſeyns, die ehrwuͤrdigen Verhaͤltniſſe der Eltern, Kinder und Geſchwiſter, der ſpielende Umgang der bei⸗ den Geſchlechter, umgeben von den Verzierun⸗ gen einer lachenden Gegend, dies ohngefaͤhr erſchoͤpfte den Ideenkreis der erſten Menſchen, 32— und gab, da man bald den Trieb fuͤhlte, die⸗ ſen gluͤcklichen Zuſtand ſich ſelbſt in Worten vorzuerzaͤhlen, den Stoff zur Idylle. Die Idylle, das heißt zu deutſch, ein kleines Ge⸗ maͤlde des Lebens, iſt alſo wahrſcheinlich eine der aͤlteſten Dichtungsarten. Sie beſchreibt und ſchildert das kindliche Leben und Weben einer Menſchengeſellſchaft von ſchuldloſen Sitten, im Schooße der Natur. Auch jetzt, da wir den urſpruͤnglichen Stand verlaſſen haben, lieben wir noch den Dichter, der uns, ohne lang⸗ weilig zu werden, in die Einfachheit der gol⸗ denen Zeit zuruͤckzuzaubern vermag, und na⸗ mentlich die erſte Jugend des weiblichen Ge⸗ ſchlechts findet in der Idylle ihre eigene haͤus⸗ liche Welt in einem magiſchen Lichte wieder. Ein jedes unverdorbene Maͤdchen, das nicht nur lieſt, um zu leſen, um die Zeit zu toͤdten, ſondern ein Buch ſucht, das— gleichſam Ver⸗ trauter und Freund ſeiner fruͤhſten Empfin⸗ dungen ſeyn koͤnne, wird in dem Idyllendichter Geſſner dieſen Freund und Vertrauten finden, und was man auch wider manche, zu tief aus der alles entzweyenden Kulturwelt hergenom⸗ — 33 3 menen, frommen Sittenſpruͤche und Anſichten dieſes Schriftſtellers einwenden mag, ſo iſt doch das Gemaͤlde ſeiner Natur ſo friſch und leben⸗ dig, ſeine Geſtalten bewegen ſich in ſo reinen, idealen Formen, ſeine Gefuͤhle liegen dem Maͤdchenherzen und jedem kindlichen Sinne ſo nahe, daß er gewiß vor allen es werth iſt, die reine weibliche Seele in den heitern Morgen⸗ ſtunden ihres Lebens mit ſeinen lachenden Bil⸗ dern nicht nur zu unterhalten, ſondern zu fuͤl⸗ len.— Ihm ſtelle ich Kleiſts Fruͤhling und andre Gedichte, voll herzerhebender Schilde⸗ rungen und Empfindungen, Stuͤcke aus Thom⸗ ſons Jahreszeiten, Hoͤltys Lieder und Elegien, von origineller Grazie, auch Voſſens Idylllen, in denen eine kraͤftige, gediegene, wiewol minder zarte Natur, mit feſten Umriſſen gezeichnet wird, Paul und Virginie, u. ſ. w. zur Ab⸗ wechslung, in der Handbibliothek eines jungen Maͤdchens an die Seite. Und wuͤßte ich in einer treuen, aber doch reizenden Ueberſetzung eine gewaͤhlte Blumenleſe aus den griechiſchen Hirtendichtern herbei zu ſchaffen, ſo wuͤrde ich den Vorwurf der Pedanterei nicht fuͤrchten, Selene VI. Heft. 3 82 34 und hoffte meine Leſerin in ihren muͤſſigen Stunden mit dem komiſch naiven, einaͤugigen Cyklopen, dem ſittſamen Daphnis des Theokrit, mit des Moſchus vom weißen Stier geraub⸗ ter Fuͤrſtentochter Europa, mit des weichen Bion Klagen um Venus Liebling, Adonis, ge⸗ wiß nicht wenig zu unterhalten. Aber die Seele des Maͤdchens bildet ſich um, je tiefer ſich ihre Blicke in das Leben der eigentlichen Welt wagen. Sie ſtrebt nach Be⸗ griffen von ihrer wirklichen Beſtimmung, von ihren Verhaͤltniſſen, von ihren kuͤnftigen haͤus⸗ lichen Pflichten, von ihrem Einfluſſe auf das Leben, von der großen Welt und ihren Geſell⸗ ſchaften, wo das weibliche Geſchlecht, wie ſie ahnet und ſchon aus der Ferne hoͤrt, die be⸗ deutendſte Rolle hat. Wenn ſie als Kind in einer gefaͤlligen Fabel einen leichten Spruch der Lebensweisheit gern auswendig lernte, wenn ſie als reifendes Maͤdchen ſich freute, ihr vaͤ⸗ terliches Haus, den Garten, wo ſie die erſten Kinderſpiele ſpielte, die freundliche Morgenſonne, die ihr im Maienthale auf das Bufenſtraͤus⸗ chen ſchien, den taͤndelnden Umgang von Kna⸗ 35 ben und Maͤdchen, wo ſich ſchon das kuͤnftige Verhaͤltniß ankuͤndigt, und ſo manchen Zug aus der holden Maͤhrchenwelt, welcher ſie noch ange⸗ hoͤrt, in der Idylle wiederzufinden: ſo wird ſie bald als Jungfrau ſich geneigt fuͤhlen, Buͤcher zu ſuchen, die ihr geſammelte Erfahrungen aus der wirklichen Menſchengeſellſchaft darbieten, um ihre Urtheile zu leiten, welche ſie ſchon uͤber ihre Nachbarinnen und Freundinnen, oder uͤber ihre Stadtbekanntſchaften zu faͤllen anfaͤngt. Eine wunderbare, mit ſanftem Grauen unter⸗ miſchte Empfindung wird ſich ihrer bei dem Gedan⸗ ken an das maͤnnliche Geſchlecht bemaͤchtigen, das ihr immer fremder wird, je mehr ſie ihm ent⸗ gegen reift. Unwillkuͤhrlich wird ſie nach einer Kenntniß dieſes ihr gefaͤhrlichen Geſchlechts verlangen, unter welchem der Mann iſt, der ihr kuͤnftiges Schickſal beſtimmen, ſie ihrer ſuͤßen Freiheit berauben, ſie ſich zu eigen machen ſoll. Sie muß ihr Gefuͤhl und ihr Urtheil uͤber wahre Maͤnnerwuͤrde ausbilden, das ſie vor einer ungluͤcklichen Wahl bewahre.— — 36— 3 II. Jetzt, liebe Freundin, denken Sie gewiß, werden wir gewonnen haben. Schon lange ſah' ich Sie im Geiſt mich mit Ihren Blicken ungeduldig fragen, wohin wir durch dieſe Um⸗ ſchweife wollen.— Aber noch ſind wir nicht beim Romane. Auch noch in dieſer Stim⸗ mung, in dieſen Jahren, wuͤrde ich dem Maͤdchen, wie ich mir es denke, keinen Ro⸗ man in die Haͤnde geben, und wenn ihn ſelbſt die Mutter mitlaͤſe, welches ich manche er⸗ fahrne Muͤtter als einziges probates Auskunfts⸗ mittel habe empfehlen hoͤren. Noch hat die weibliche Seele nicht Feſtigkeit und Erfahrung genug, daß ihr der Roman, der in gefaͤhr⸗ licher Geſpraͤchigkeit die Wirklichkeit mit phan⸗ taſtiſchen Traͤumen zu durchweben ſucht, nicht ſchaͤdlich werden ſollte. Der Roman hat leider das Verfuͤhreriſche, daß er die wirkliche Welt zum Schauplatz ſeiner Phantaſieen macht, daß Her dieſe Phankaſieen heimlich durch Intriguen gegen die Convenienz, wie durch eine Garde⸗ robentreppe einfuͤhrt. Dieſe Phantaſieen liegen gleichſam als ein giftiger Kern innerhalb ſeiner 37 gefaͤlligen Schale im Hinterhalte, machen uns mit der rauhen Auſſenwelt unzufrieden, und reizen doch, durch einen Schein von moͤglicher Ausfuͤhrung, zur Nachahmung.— Wie leicht kann das hierdurch erhitzte Maͤdchen die erſte, beſte, oder vielmehr ſchlechteſte Gelegenheit er⸗ greifen, und durch den Schein getaͤuſcht, auf im⸗ mer der platten Gemeinheit zu Beute werden. Nein: eben jetzt, da ſich die erſten Gefuͤhle fuͤr ihre Verhaͤltniſſe zum Manne in ihr regen, an der Schwelle der wirklichen Welt, muß ſie jenes Verhaͤltniß zum Manne noch einmal, vielleicht zum letztenmale, frei von allen ſtaͤd⸗ tiſchen Convenienzen, in einem reinidealen, reli⸗ gioͤſen und hoͤchſtens blos wunderbaren Lichte erblicken. Itzt oder nie iſt die Zeit, wo ſie durch hoͤhere Gefuͤhle von der eigenen, goͤtt⸗ lichen Reinheit ihres jungfraͤulichen Weſens, das ſich mit einer gerechten, eingezognen Selbſt⸗ genuͤgſamkeit rings umher anbeten laͤßt, ohne es kaum zu bemerken, gegen alle niedrige Verfuͤhrung gewaffnet werden muß. Und dieſes Amt, das jungfraͤuliche Herz zum Gefuͤhle ſei⸗ ner hoͤchſten Wuͤrde zu erheben, ward wiederum 38 der heiligen Dichtkunſt aufbehalten. Sie werden mir gewiß nicht vorwerfen, daß ich eine Dich⸗ terin oder Belletriſtin erziehen will. Ich be⸗ rufe mich hier auf Ihre und aller Erfahrungen. Was praͤgt ſich der ſchoͤnen weiblichen Seele leichter und zugleich tiefer ein,— ſei das Maͤd⸗ chen auch in ganz proſaiſchen Verhaͤltniſſen aufgewachſen— als der Monolog von Schillers Jungfrau, deſſen Worte mir oft aus Ihrem Munde in einem ſo reinen, kindlichheiligen Tone entgegen klangen? Was koͤnnen die Maͤdchen lieber horen, als die Beſchreibung der frommen Hirtin, welche, im Bewußtſeyn ihrer Heiligkeit, von den Bergen auf der Erde kleine Laͤnder herabſieht? Woran nehmen ſie waͤrmern Antheil, als an den Schickſalen einer Goͤtheſchen Iphigenie, jener Prieſterin, die durch jungfraͤuliche Reinheit die alten Verbre⸗ chen ihres Stammes zu fuͤhnen ſucht? Auch die Prinzeſſin, welche Goͤthe in ſeinem Tor⸗ quato Taſſo darſtellt, wird fuͤr das weibli⸗ che Herz gewiß ein intereſſantes Bild der jung⸗ fraͤulichen Hoheit ſeyn. Koͤnnte ich meiner Leſerin eine gluͤckliche Ueberſetzung von der 39 Antigone des Sophokles in die Hand geben, ſie wuͤrde dies hoͤchſte, weibliche Ideal mit Andacht anſchauen. Der Oedipus eben die⸗ ſes Dichters ertraͤgt als Mann, mit maͤnnli⸗ cher Lebendigkeit und hoher Staͤrke ſein Schick⸗ ſal, das ihn zum Verbrecher macht: aber Antigone, das ihm entgegengeſetzte, weibliche Ideal, erſcheint als reine Maͤrtyrin deſſen, was dem Weibe am heiligſten ſeyn muß, als Maͤrtyrin der frommen Sitte. In jungfraͤu⸗ licher Ruhe folgt ſie, mit Entſagung des Lebens und der haͤuslichen Gluͤckſeligkeit, ihrer heiligſten Ueberzeugung. Sie, wie unſer alter deutſcher Martin Opiz es uͤberſetzt, geboren nicht zum haſſen, nur zum lieben, uͤbertritt freiwillig, um hoͤherer, goͤttlicher Geſetze willen, das Staats⸗ geſetz des Bannfluchs, und begraͤbt ihren in Bann gefallnen Bruder, der, ohne ſie, keinen Eingang in die ruhigen Wohnungen der Se⸗ ligen gefunden haͤtte.—— Wenn ſich der weibliche Charakter mit ſolchen Idealen naͤhrte, mag er dann auf eini⸗ ge Zeit ſich uͤber die ſanften Reizungen einer ganz hingegebenen Liehe erhoben fuͤhlen, mag 40— er ſich in ſchuͤchterner, vor ſich ſelbſt verborge⸗ ner Schoͤnheit anbeten laſſen, wie die Goͤttinnen Petrarka's und Taſſo's. Weit entfernt, ihn umſtimmen zu wollen, wuͤrde ich dieſes jung⸗ fraͤuliche Selbſtgefuͤhl meiner Leſerin noch durch manche Stelle aus Taſſo's dramatiſchem Schaͤ⸗ ferſpiel, Amynt, mit manchem Seufzer des ungluͤcklich liebenden Petrarka zu naͤhren ſuchen. Daß jenes jungfraͤuliche Selbſtgefuͤhl nicht zur ſtotzen, eigenſinnigen Bloͤdigkeit, zur kalten Eroberungsſucht werde, dafuͤr buͤrgt mir das Intereſſe fuͤr den Mann, welches ſich jetzt in der Jungfrau zu regen anfaͤngt. Gerade indem ſie ſich vor dem Manne verbirgt, vor ihm flieht, fuͤhlt ſie das Verhaͤltniß, in wel⸗ ches ſie mit ihm treten muß, fuͤhlt ſie, daß er ihrer Ruhe gefaͤhrlich werden wird. Und es iſt ein Hauptzug ihrer aͤchten Jungfraͤulich⸗ keit, daß ihr Intereſſe fuͤr den Mann, ihre erſte Neigung zu ihm, ſich als Furcht und Verſchloſſenheit aͤußere. Dieſer erſten Furcht am naͤchſten liegt es, daß die Geſchichten, welche ſie in Beziehung auf Liebe zu leſen an⸗ faͤngt, von dem Schleier des Wunderbaren 4¹ umhuͤllt ſeyn muͤſſen, wie Ahnungen, ferner Zuruf aus einer noch unbekannten Geiſterwelt. Welches Maͤdchen— und auch hier berufe ich mich auf Erfahrung— wird ſich nicht gern in Wielands Am anda hinuͤberphanta⸗ ſiren, die von ihrem Huͤon die erſte Kunde in Traͤumen empfaͤngt, die ihn zuerſt im Trau⸗ me liebt, und von einem wohlthaͤtigen Gnomen auf wundervollen Wegen mit ihm endlich zu⸗ ſammengefuͤhrt wird? Von dieſer wunderbaren Stimmung, von dieſer romantiſch unbeſtimmten Sehnſucht, ein Weſen zu finden, das mit Entſchloſſenheit, hoͤherem Muthe, weiterrei⸗ chendem Auge begabt, das Schickſal des Maͤd⸗ chens beſtimme, iſt bei ihr nur ein kurzer Schritt zu einer religioͤſen, heiligen An⸗ ſicht der Liebe und des ehelichen Bundes auf Leben, Tod, und Ewigkeit. Hier tritt der guͤnſtige Moment ein, wo ein gepruͤfter und ernſter Freund des Hauſes ihrem Gefuͤhle auch dieſe Bildung geben und ihr gewaͤhlte Stellen aus Milton und Klopſtock vorleſen kann. Gewiß wird die heilige Liebe des erſten Men⸗ ſchenpaares unter den Augen des Weltenſchoͤ⸗ 42— pfers, umſtrahlt von den jugendlichen Lichtern des Himmels und im Schooße einer paradieſi⸗ ſchen, neugeſchaffenen Erde, tiefen Eindruck bei ihr zuruͤcklaſſen; ſie wird in Adam das Ideal der maͤnnlichen Anmuth, in ſeiner und Eva's Liebe den ſteten Aufblick zum Weltgeiſte be⸗ wundern, die in dieſer Richtung eine Ewig⸗ keit wachſen kann; ſie wird ſich ſehnen, ſtatt eines Liebhabers, der ihr vortaͤndelt, vorgirrt, vorſtutzert, einem Manne einſt anzugehoͤren, zu dem ſie ſagen koͤnne, wie Eva zu Adam: Gott iſt dein Geſetz, du das meine. Eben ſo werden ihr einige ſchoͤne Worte Klop⸗ ſtocks, in denen er das Gefuͤhl von Himmel und Ewigkeit zuſammenfaßte, die heitere Aus⸗ ſicht eroͤffnen, daß ihre ſchoͤnſten Empfindungen unſterblich ſind, wie ſie ſelbſt.— Doch meine junge Leſerin ſoll nicht zur Schwaͤrmerin werden. Sie iſt mehr noch als der Mann fuͤr diefe Erde beſtimmt, da ſie gerade den ungeſtuͤmen, maͤnnlichen Geiſt an dieſe Erde feſſeln ſoll. Daher wird eben der Freund, welcher ſie mit Milton und Klopſtock bekannt machte, wohl thun, wenn er aus der unbeſtimm⸗ —— 43³ ten Geiſterwelt jetzt einen unvermerkten Ueber⸗ gang in das beſtimmte irdiſche Thun und Han⸗ deln nimmt, wenn er das wenige, was er aus jenen Dichtern ihr vorlieſt, zuweilen mit ſolchen Buͤchern abwechſeln laͤßt, die eine ganz nuͤchter⸗ ne und doch ſchoͤne Anſicht von dem wirklichen Leben und der buͤrgerlichen Haͤuslichkeit, wie ſie wenigſtens ſeyn kann, in beſtimmten Umriſſen zu geben vermoͤgen. Dieſe ſchoͤne, einfache An⸗ ſicht der Wirklichkeit findet ſich wol nirgends kla⸗ rer, als in der Vorſtellungsart der Griechen, namentlich in den Schilderungen der Odyſſee. Stuͤcken aus dieſer Erzaͤhlung Homers, in Voſſens aͤlterer Ueberſetzung, muͤſſen jedem Weibe anziehend bleiben, weil das haͤusliche, buͤrgerliche Leben und Weben, die eigentliche Welt des Weibes, ihre verwickelten Situatio⸗ nen, Verhaͤltniſſe und Pflichten, nirgends kraͤf⸗ tiger, wahrer, ſchoͤner geſchildert, und doch von aller Schwaͤrmerei und Ueberſpannung, wie von aller modernen, eleganten Gemeinheit freier ſind, als eben dort. Die Leſerin findet in dem Ulyſſes keinen alleserobernden, hin⸗ reiſſenden Goͤtterſohn, keinen galanten Alcibia⸗ 44 des, keinen hohen Tugendhelden, aber einen wackern, vielgewanderten Mann, der die rau⸗ hen Stoͤße ſeines Schickſals maͤnnlich ertraͤgt, Muth, Klugheit, Gewandtheit, Erfahrung genug beſitzt, außerhalb des Hauſes im Rathe der Maͤnner einer der erſten und im Kriege keiner der letzten zu ſeyn, innerhalb des Hau⸗ ſes ſeinem Hausweſen mit Wuͤrde vorzuſtehn, einen Mann, kalt, eigennuͤtzig, liſtig, wo er es ſeyn muß, demuͤthig, aber nie ſich wegwer⸗ fend, voll Liebe gegen ſein Vaterland und gegen die Seinen, aber keinen Augenblick Phantaſt. Dieſem Manne als Gegenſtuͤck gegenuͤber ſteht das Ideal der griechiſchen Hausfrau, Pene⸗ lope, die ihm Jahre lang, mitten unter dem Schwarm jugendlich uͤbermuͤthiger Freier, ihre verſprochene Treue haͤlt, ſich in den verwickelt⸗ ſten Situationen mit Geduld und Klugheit, und ſelbſt gegen ihren nach langen Jahren wie⸗ derkehrenden Gemal in den ruͤhrenden Augen⸗ blicken des Wiedererkennens, bei dem Ausbruche eines wahren, innigen Gefuͤhls, mit Vorſicht, Ruhe, ohne Empfindelei betraͤgt— Penelo⸗ pe, die das Probeſtuͤck einer muſterhaften Treue 45 beſteht, nicht aus romanhafter, ſchwaͤrmeriſcher Hingebung, ſondern weil Ulyſſes ihr Mann, der Vater ihres Kindes iſt, weil ſie Gefuͤhl fuͤr wah⸗ ren Maͤnnerwerth, weil ſie Gefuͤhl fuͤr edle, wahre Sitte, fuͤr ihre eigene Wuͤrde als Haus⸗ frau hat. Lehrreich endlich fuͤr jedes Maͤdchen macht jenes ganz einfache Gemaͤlde noch das Bild der jungfraͤulichen Nauſikaa, die einen Geſchmack aͤußert, von welchem unſre modernen Romanenleſerinnen ſich keinen Begriff machen koͤnnen: die mit einer wahren Naivetaͤt, ge⸗ gen welche die Naivetaͤt der Maͤdchen auf un⸗ ſern Theatern veraͤchtlich abſticht, ſich ihren Gefuͤhlen fuͤr den Ausdruck der Maͤnnlichkeit im Charakter des Fremdlings Ulyſſes hin⸗ giebt—— Wo bin ich hingerathen, liebſte Freundin? Hier haben wir die Folgen vom leidigen Philo⸗ ſophiren, wobei gewoͤhnlich alles andere eher ausgemacht wird, als der eigentliche Gegenſtand, von dem die Rede war. Da ſcheint bis jetzt noch kein Grund zur Rechtſertigung des Ro⸗ mans, zur Sichtung der guten von den ſchlech⸗ ten Romanen ausgefunden; vielmehr habe ich Ihnen unmerklich eine foͤrmliche Vorleſung uͤber ſchoͤne Kunſt und erſte Maͤdchenlektuͤre gehalten, methodiſch, wie ſie nur von einem Pedanten gehalten werden mag. Doch, Vorleſungen ſind ja itzt Mode, und vielleicht habe ich uͤberdies ein Wort zu ſeiner Zeit geredet, da der belletriſti⸗ ſche Unfug, der hin und wieder mit der weibli⸗ chen Welt getrieben wird, und die große Flut mittelmaͤßiger gedruckter Sachen manche von den vernuͤnftigſten Frauen in Anſehung deſſen, was ſie leſen ſoll, ungewiß machen, vielleicht gar zum andern Extrem verleiten kann, in Buͤ⸗ chern uͤberhaupt keine Bildung mehr zu ſuchen. Dieſe meine Abſchweifung reuet mich ſo wenig, daß ich mich mit Ihnen zu einer andern Zeit auch uͤber die Einfluͤſſe des Theaters auf die weibliche Bildung aͤhnlicher Weiſe zu unter⸗ halten wuͤnſchte. Durch alles dies Vorlaͤufige haben wir aber doch hoffentlich einen Stand⸗ punkt gefaßt, der unſern Hauptgegenſtand von allen Seiten beherrſcht, ſo daß wir dieſen nun werden deſto kuͤrzer abhandeln koͤnnen. — 47 III. Wol ſelbſt bin ich neugierig, wie mein Maͤdchen, Sophia genannt, oder Emilia, oder wie Sie ſonſt wollen, die ich ſo recht wie eine beguͤnſtigte Lieblingstochter erzog, und etwa bis in ihr ſiebzehntes, achtzehntes Jahr mit ein paar Fabeln, Geſchichten, Gedichten und Verſen hinhielt, ſich mit ihren Gefuͤhlen und Urtheilen benehmen wird, wenn ſie ſich nun in die moderne Romanenwelt und mittelſt derſelben unmerklich in die wirkliche eingefuͤhrt ſieht. Ich denke mir alſo ihre, anfangs mit dem Lichte der Idyllenwelt erheiterte, Seele nun erfuͤllt von einigen hohen weiblichen und maͤnnlichen Idealen, einer Antigone, Laura, Iphigenie, Penelope, einem Adam, Meſſias, Ulyſſes, von einigen wunderbaren romantiſchen Liebesge⸗ ſchichten aus Taſſo und Wieland. Ich denke mir ihr Gedaͤchtniß, wie ein goldnes Buch, in welchem ein paar der treffendſten Lebensre⸗ geln, ein paar der ſchoͤnſten, gelungenſten Worte des Glaubens und der Liebe aus Dichtern auf⸗ bewahrt ſind— die herrlichſte Prachtausgabe, nach welcher die Dichter nur immer ſtreben koͤn⸗ 48 nen! Wenn ich mir meine Sophie ſo einfach ſchoͤn gebildet vorſtelle, ſo fuͤrchte ich von Ih⸗ nen gewiß am wenigſten den Vorwurf, ein unmoͤgliches Geſchoͤpf der Phantaſie aufgeſtellt zu haben. Sollte es gleich bei der Zufaͤllig⸗ keit, wie Buͤcher in Maͤdchenhaͤnde und Ge⸗ danken in Maͤdchenſeelen kommen, nicht leicht denkbar ſeyn, daß irgend ein weibliches Weſen ſo ſtreng nach meiner Methode geleſen habe: ſo wird Ihnen doch eigene Erfahrung ſagen, daß ein Maͤdchen von aͤcht weiblichen, jung⸗ fraͤulichen Anlagen, die durch aͤußere Umſtaͤnde nicht ganz verbildet, verfuͤhrt wird, ſich von ſelbſt ungefaͤhr ſo bildet, wie ich es wuͤnſche, das heißt, daß ſie von dem, was ſie las, alles Unnutze, als gleichguͤltig, vergißt, und nur die Quinteſſenz aus dem Beſſern, nach meiner Angabe, behalten wird. Wenn ich ſie aber erſt mit dem ſiebzehnten, achtzehnten Jahre in die großen Zirkel eingefuͤhrt wiſſen will, ſo ver⸗ lange ich freilich etwas, das unſern Ge⸗ wohnheiten ſchnurſtracks entgegenlaͤuft. Die meiſten Muͤtter begehn, weil ſie einmal ihrem ſtaͤdtiſchen Herkommen, und ihrer eigenen 49 Sucht, alle Aſſembleen auszutrollen, nicht ent⸗ ſagen koͤnnen, die verdammliche Grauſamkeit an ihren Toͤchtern, daß ſie ſie noch als Kinder uͤberall, als Schleppe, mit ſich fuͤhren, wo nur immer die feine Welt verſammelt iſt. Die Entſchuldigung, daß man die Kinder da⸗ heim nicht ſchlechterer Geſellſchaft Preis geben wolle, kann ich nicht gelten laſſen. Unter nur leidlicher Aufſicht ſind die Maͤdchen in Geſell⸗ ſchaft ihrer Geſpielinnen, wo ſie ſich noch un⸗ gezwungen bewegen, ihre koͤrperliche Geſund⸗ heit und heitere Laune befeſtigen koͤnnen, weit beſſer aufgehoben, als in den großen Zirkeln, wo ſie die Thorheiten und Schlechtheiten der großen Welt mit anhoͤren muͤſſen, und ſich bet ſteifem Modezwang oder ſtillſitzenden Arbeiten eine melancholiſche Zuruͤckhaltung angewoͤhnen, die leicht zur Tuͤcke werden kann. Die wenige ſogenannte Tournuͤre, die ſie dadurch be⸗ kommen, daß etwa ein aͤlteres Zierpuͤppchen das Kind am Arme mit herumzieht, ihm zu⸗ ziſchelt, mit welchem von den jungen Herrn es reden koͤnne, oder daß ein Hausfreund aus Ruͤckſichten gegen die Mutter der Kleinen wol Selene VI. Heft. 4 gar ſchon den Hof macht— dieſe dadurch gewonnene ſogenannte Tournuͤre, ſag' ich, iſt etwas ſehr Entbehrliches, iſt in ein paar Ta⸗ gen zu erlernen. Die wahre Grazie der Jung⸗ frau, mit der ſie alle Weltmaͤdchen verdunkelt, wird in der Einſamkeit gebildet. Wenn ſie ſich in dieſer, mit Hoheit und Leichtigkeit, wie in einer angebornen Glorie bewegt, wird ſie ſelbſt im ſittſamen Schweigen, eine ganze ſchnarren⸗ de und ſingende Aſſemblee beſchaͤmen, und ſelten wird auch nur Ein Fall vorkommen, wo ſie in ihrem Tagebuche mit Miß Byron ſagen muͤßte:„Ich verneigte mich, und ich glaube, ich ſah einfaͤltig aus.“ Miß Byron— ah, ebendie, die Heldin der großen Richardſoniſchen Romanenepopee, Grandiſon genannt, iſt mir zur gluͤcklichen Stunde ins Gedaͤchtniß gekommen. Das Ta⸗ gebuch, welches dieſes ſittſam und ſtill erzoge⸗ ne Maͤdchen aus London ſchreibt, als ſie, eben ſo gebildet, wie ich mir meine Sophie denke, in die große Welt tritt, die kleinen Aengſtlich⸗ keiten und Verlegenheiten, welche ſie zuweilen — 51 uͤber dieſe bunten Geſellſchaften anwandlen, die gutmuͤthige Art, wie ſie ſich von der Zudring⸗ lichkeit ihrer erſten Liebhaber befreit, bis der Einzige in ihrem Geſichtskreiſe erſcheint, wie eine neue Sonne,— ihre Urtheile und Cha⸗ rakterſchilderungen bei den Menſchen und Sit⸗ ten, die ihr aufſtoßen, die Erfahrungen, wel⸗ che ſie in dieſen Zirkeln, wo alles ſchimmert, ſelbſt vom Daſeyn ſchlechter Menſchen macht, der Pruͤfungsſtand ihrer Liebe, ihr Betragen als Braut,—— kann fuͤr mein achtzehnjaͤh⸗ riges Maͤdchen, das ſich mit Miß Byron in gleichen Verhaͤltniſſen befindet, das, umringt von den neuen Geſtalten, oft geblendet vom Glanze einer noch unbekannten Welt, ihrer Beſtimmung mit Beſonnenheit entgegengehen ſoll,— etwas unterhaltenderes und lehrreicheres gedacht werden? wird ihr nicht jedes Wort der Byron aus der eigenen Seele geſchrieben ſeyn? wird ſie nicht in Grandiſonhall, in der gruͤnen oder gelben Stube des Selbyſchen Hauſes zu Hauſe ſeyn, wie in ihrem eigenen? Und das nenne ich das Epochemachen eines Buchs bei einer Leſerin, wenn die Geſchichte deſſelben, 52 zur Geſchichte ihres eigenen Geiſtes und Herzens wird—— Zuweilen habe ich behaupten hoͤren, daß ſolche ideale Charakterſchilderungen aus der buͤrgerlichen Welt, wie im Grandiſon ſtatt finden, neben ihrer Kaͤlte auch das Schaͤdliche mit ſich fuͤhren, daß ſich junge Maͤdchen oft die fixe Idee eines ſolchen Grandiſons als ih⸗ res kuͤnftigen, einzigmoͤglichen Geliebten in den Kopf ſetzen.„Daß das Maͤdchen, faͤhrt man fort, an ihren kuͤnftigen Geliebten die Anfor⸗ derung mache, einem Grandiſon an Edelmuth, Ruhe, maͤnnlicher Kraft, wahrer und feinfuͤh⸗ lender Zaͤrtlichkeit zu gleichen— kann man ſich wol gefallen laſſen: denn dieſe, freilich ein wenig hochgeſtellte Forderung, wird ſie doch wenigſtens vor einer gemeinen, ungluͤcklichen Wahl bewahren. Aber Grandiſon hat auch aͤußere Eigenſchaften, die er lediglich der Gnade ſeines reichlich ausſtattenden Schöͤ⸗ pfers verdankt. Er iſt eine wahre maͤnnliche Schoͤnheit, iſt von ausgezeichneter Familie, be⸗ ſitzt Landguͤter, und Haͤuſer in der Stadt, Equipagen, Bibliotheken, Muſikzimmer u. ſ. w. 353 Wird das Maͤdchen bei Aufſtellung ſolcher Ideale des Stadtlebens nicht mit ihrem eige⸗ nen Zuſtande unzufrieden, und einer kuͤnftigen, ehrbaren Haushaltung in Geſellſchaft eines braven Mannes abgeneigt werden, wobei es ſelten, wie in Grandiſonhall, zugehn mag? Wird ſie nicht nebenher vielleicht heimlich wuͤnſchen, auch einmal auf einem Maskenballe entfuͤhrt, von einem vornehmen Herrn gerettet, und mit dem Degen in der Hand vertheidigt zu werden, weil dieſes Abenteuerliche der leicht empfaͤnglichen weiblichen Seele allerdings ſehr reizend vorkommen kann?“ Ich habe dieſen Einwurf in der ganzen Staͤrke vorgetragen, die ich ihm nicht ablaͤug⸗ nen will. Einestheils halte ich zwar ein Buch, wie den Grandiſon, bei aller der altvaͤteriſchen Steifheit und Weitſchweifigkeit, die er haben mag, naͤchſt dem Engliſchen Zuſchauer, den Verſuchen von Goldſmith, und einigen deutſchen Schriften in dieſem Sinne— fuͤr das beſte, was man der weiblichen Jugend in die Haͤnde geben kann, um ſie zuerſt an unſer modernes Weſen zu gewoͤhnen, 34 und ihr den Uebergang aus der Idealwelt in die wirkliche nicht ſo auffallend werden zu laſſen. Anderntheils ſchlage ich aber vor, wegen des falſchen, ſtaͤdtiſchen Glanzes und des Aben⸗ teuerlichen, das er mit unter in einem zu blendenden Lichte zeigt, ihm irgend ein Gegen⸗ gift beizugeſellen, und das ſchoͤne Geſchlecht, welches— es ſei mir erlaubt, das in Ihrer Gegenwart zu ſagen— auf das Aeußerliche, auf eine empfehlende Erſcheinung in Geſellſchaf⸗ ten, auf eine nur vom Stand, Reichthum und Tanzmeiſter erborgte Wuͤrde ein wenig zu viel Gewicht legt, von dieſer Schwachheit zu heilen. In dieſer Ruͤckſicht weiß ich keinen Roman, der jenen idealen Gemaͤlden von der großen Welt mit beſſerm Erfolge an die Seite ge⸗ ſtellt werden moͤchte, als der herrliche Land⸗ prieſter von Wakefield. In der ehrwuͤr⸗ digen Perſon des Landprieſters wird hier dem buͤrgerlichen Heldengedichte, Grandi⸗ ſon, eine buͤrgerliche Idylle zum Gegen⸗ ſtuͤck gegeben— die Geſchichte eines Mannes, der in beſchraͤnkter Lage, bei allen Aufopfe⸗ rungen, die er ſeinen Ueberzeugungen bringt, faͤchlichkeit dieſe Verfuͤhrer gezeichnet, 5⁵ die Freuden der Haͤuslichkeit zu genießen weiß, der alle ſeine Pflichten erfuͤllt; der mit eben der himmliſchen Geduld die Fehler der Seini⸗ gen zu mildern ſucht, mit welcher er die un⸗ vermeidlichen Folgen derſelben ertraͤgt. In den Perſonen der Landprieſterin und ihrer Toͤchter iſt ein warnendes Beiſpiel aufgeſtellt, wie un⸗ gluͤcklich und zugleich wie laͤcherlich die Sucht, durch Reichthum und Aeußerliches zu glaͤnzen, die Rivalitaͤt gegen ſogenannte hoͤhere Staͤnde und die zaͤrtliche Nachgiebigkeit gegen vor⸗ nehme Modehelden, welche einem Maͤdchen Hoff⸗ nung machen, ſie zu ihrem Glanze zu erheben, Perſonen des weiblichen Geſchlechts machen kann. Mit den meiſterhafteſten Zuͤgen ſi ind in ihrer ganzen vornehmen Arroganz ſe kuͤrzern Begebenheiten ſcheinen mir um lehrreicher, als der lange Richardſoniſche Ro⸗ man Klariſſa, den ich bei allen ſeinen ide⸗ alen Schoͤnheiten doch nicht eben empfehlen moͤchte, well er den Kampf eines Engels mit dem verlarvten Keufel in zu heroiſchem Lichte zeig, eine an ſich ſchon wichtige Sache zu 56 einer angſtlichen Wichtigkeit erhebt, und ein Maͤdchen, welches in ſorgloſer Unſchuld vielleicht vor der Klippe voruͤbergehuͤpft waͤre, aufmerkſam machen, reizen kann, die gefaͤhr⸗ liche Probe heldenmuͤthig zu beſtehn,— und zu unterliegen. 4 IV. Aus dem Vorhergehenden laͤßt ſich nun die Rechtfertigung des Romans, die ich Ihnen, liebe Freundin, zu geben verſprach, ſehr leicht folgern. Der Roman iſt bei veraͤn⸗ derten Sitten an die Stelle der alten Hel⸗ denge ſchichten getreten. So wie dort ein eroiſcher Charakter in muthigen, kriegeri⸗ aten dargeſtellt wurde, ſo erſcheint hi Entwicklung eines Charakters, ſei⸗ ner Meinungen und Schickſale, in der moder⸗ nen buͤrgerlichen Welt, beſonders in Hinſicht auf die Geſchlechterneigung, auf haͤusliches und geſellſchaftliches Gluͤck. Da nu ei derglei⸗ chen Begebenheiten das weibliche eſchlecht eine Hauptrolle hat, die der auane den un⸗ 57 bekannt war, ſo kann dem Maͤdchen, das zu ih⸗ rer Beſtimmung reif iſt, und uͤberhaupt dem jungen Weibe, der Roman nicht vorenthalten werden. Es iſt der ihr nun eigenthuͤmlich ge⸗ wordene Wirkungskreis, den der Roman dar⸗ ſtellt, in welchem ſie zu Zeiten, wenn ſie Zer⸗ ſtreuung bedarf, wie in Freundesumgange, ſich ſelbſt vergeſſen, und in fremden, aber ihr aͤhn⸗ lichen Weſen, leben, lieben und leiden kann. Nur er kann fuͤr ſie unterhaltend werden, und wenn es der Verfaſſer verſteht, ſie auch uͤber alles, was das Geſpraͤch der Frauen abzuhandeln pflegt, belehren. Durch ihn allein kann ihr die wirk⸗ ſamſte Moral, Menſchenkenntniß und lebens⸗ klugheit beigebracht werden. Selbſt die chlech⸗ ten Sitten der Zeit, die verlarvten Charaktere, die ſchmeichleriſchen Reden der Galanterie, fuͤhre der Roman vor dem unbefangenen Maͤdchen, wiewol mit Behutſamkeit auf, und er wird ſie durch die Schickſale erdichteter Perſonen er⸗ fahren und vorſichtig machen. Im Romane entwickelt ſich vor unſern Augen das Innere eines Charakters, und ſeiner Meinungen. Der Held wird vor unſern Augen erzogen. Und 588 was kann einem Weibe, die ſelbſt ihrer Be⸗ ſtimmung nach, Erzieherin, zumal der Toͤch⸗ ter, werden ſoll, merkwuͤrdiger ſeyn? Die Neigung zum Unerreichbaren und Aben⸗ teuerlichen, welche ſelbſt die beſſern Romane naͤhren— wird durch den Roman auf der andern Seite auch wieder gleichſam abgelei⸗ tet, in Buͤchern befriedigt, daß ſie ſich nicht in die Wirklichkeit verliere.— Es iſt wahr, das Weib, als ein rein empfaͤngliches, nicht ſelbſt⸗ thaͤtiges, ſondern nur reizbares Weſen, hat mehr vielleicht, wie der Mann, eine Unend⸗ lichkeit von Wuͤnſchen vor ſich; ſie kann in ih⸗ rer Sehnſucht nach Gluͤck ſich leicht ein zu unbeſtimmtes Ideal formen, und dadurch ihre jungfraͤuliche Zufriedenheit verlieren. Aber der Roman fuͤllt dieſe Luͤcke der unbefriedigten weib⸗ lichen Phantaſie auf die unſchuldigſte Art aus. Wie der ungeduldige Juͤngling, dem die Gele⸗ genheit zu Thaten verſagt iſt, wenigſtens von Thaten und Schlachten traͤumt, das Leben be⸗ ruͤhmter Menſchen lieſt, und uͤber Tragoͤdien und Heldengedichten ſeine Wirklichkeit vergißt, ſo lieſt das junge Weib verwickelte haͤusliche und 39 geſellſchaftliche Begebenheiten und Sittenſchilde⸗ rungen, in denen ſie ſich als die thaͤtigſte Haupt⸗ triebſeder wiederfindet; ſo phantaſirt ſie ſich manches vor, das ihr ſelbſt bei der ſchoͤnſten Wirklichkeit dennoch nothwendig abgeht, traͤumt von manchem ſchoͤnen, zarten Verhaͤltniſſe, das ihr die rauhe Außenwelt verſagte, und kehrt alsdann zufriedener in dieſe Außenwelt zuruͤck. Den Mann halte ich fuͤr einen Thoren, ob es gleich viele ſolche laͤcherliche Egoiſten giebt, der auf Romanhelden eiferfuͤchtig wuͤrde, und ſelbſt in allem den Lieblingshelden fuͤr die Phanta⸗ ſie ſeines Weibes zu ſpielen verlangte. So wie Rouſſeau bei den verſchlimmerten Sitten in großen Staͤdten die Schauſpiele empfiehlt, eben ſo iſt bei dieſer Ueberverfeinerung und Steige⸗ rung unſrer phantaſtiſchen Wuͤnſche dem jun⸗ gen Weibe der Roman nothwendig, auf daß ſie ihn leſe, aber nicht ſpiele.— Auch was ein guter und fuͤr ſie lesbarer, wenigſtens unſchaͤdlicher Roman ſei, wird das Maͤdchen— iſt es ſo, wie ich mir's denke, ge⸗ bildet— leicht von ſelbſt ihrem Gefuͤhle nach zu beſtimmen im Stande ſeyn. Sie wird nur 60 diejenigen Romane in ihrer Naͤhe leiden, in welchen ſie, wie Werthers Lotte ſagt, ihre eigene Welt wiederfindet, wo ſie Thatſachen aus der Geſellſchaft, aus dem haͤuslichen Leben, aus der Geſchichte des Herzens dargeſtellt lieſt. Aber auch von Schriften dieſer Gattung wird ſie das Mittelmaͤßige, wie das Schlechte, gleich ſchnell wegwerfen. Alles Mittelmaͤßige, in dem ſich kein kraͤftiges, ganzes, aus der Seele kommendes und in die Seele greifendes Leben ausſpricht, was aus tauſend unpaſſen⸗ den Ingredienzien zuſammengeſtoppelt iſt, wo ſich oft die Plattheit niedriger Sitten, die gemeinſte Anſicht des Lebens, neben dem Schei⸗ ne einer kindlichen Idyllenwelt, gezierter Nai⸗ vetaͤt und ſentimal ſeynſollender Tugend mit in das Herz zu ſchleichen ſucht— wird ihrem rei⸗ nen weiblichen Sinne ganz widerſtehn. Schon die Weitſchweifigkeit ſolcher Produkte, die wol oft durch eine gewiſſe Leichtigkeit des Erzaͤh⸗ lungstons, und durch knechtiſches Anſchmiegen an die gemeine Denkart dahin gelangen, Mo⸗ de zu werden, wird ihrem gebildeten Geiſte zuwider ſeyn, da ſie gewohnt iſt, in einigen 61 kurzen Lieblingsſpruͤchen, in den wenigen un⸗ ſterblichen Worten des Glaubens und der Liebe, die ſie im Gedaͤchtniſſe aufbewahrt, das hoͤchſte Leben der Seele, die groͤßte Fuͤlle der Empfin⸗ dung ausgedruͤckt zu wiſſen.— Sie, die ſchon das wahre Ideal der maͤnnlichen Charaktere in den wenigen von ihr als gut erkannten Ge⸗ ſchichten aus der poetiſchen Welt bewundern lernte, wird unmoͤglich ſich in die galanten Begebenheiten eines Kammerjunkers im fuͤrſtli⸗ chen Vorzimmer, eines verfuͤhreriſchen Alcibia⸗ des von den Offizieren der Friedensparade, oder ſonſt eines reichen Modehelden der Stadt lan⸗ ge vertiefen koͤnnen. Unmoͤglich wird ſie Buͤ⸗ cher in ihre reinen, jungfraͤulichen Haͤnde neh⸗ men koͤnnen, denen man es gleich auf den er⸗ ſten Blick anſieht, daß ihre Verfaſſer nur die Neigungen einer wuͤſten, nach allem Schlech⸗ ten greifenden Einbildungskraft mit geſtaltloſen Gemaͤlden aus der ſogenannten großen Welt zu befriedigen ſuchen, welche ſie, in laͤcherlicher unerfahrenheit, ſchildern wollen, ohne ſie nur einmal zu kennen— Neben jener erwaͤhnten Gattung von Ro⸗ 62—— manen, welche ich die buͤrgerlichen nennen will, weil ſie die Haͤuslichkeit und das ge⸗ ſellſchaftliche Leben in verwickelten, aber wahrſcheinlichen Situationen darſtellen, giebt es nun auch eine zweite Hauptgattung, wel⸗ che ich die ſentimentalen nenne. Mit aller Beredſamkeit, welche der Stimme einer unterdruͤckten Natur eigen iſt, ſuchen uns die letztern durch das Schickſal ſolcher Charaktere zu intereſſiren und zu ruͤhren, welche ſich in die Sitten, in die tyranniſch⸗kalten Gewohnheits⸗ geſetze und Vorurtheile der buͤrgerlichen Anord⸗ nung, nicht finden koͤnnen, welche feurig genug, ſich gegen jene Zuchtruthe empoͤrt zu fuͤhlen, doch nicht hinlaͤngliche Schoͤpferkraft haben, eine beſſere, der Natur gemaͤßere Ordnung her⸗ beizufuͤhren, folglich in dieſem Kampfe mit der wirklichen Welt untergehn. So wie der buͤr⸗ gerliche Roman ſich der Denkart des Maͤd⸗ chens anſchmiegt, welche aus zuͤchtiger Ehrer⸗ bietung fuͤr alles, was Sitte heißt, und dann aus einer gewiſſen angebornen Neigung fuͤr aͤußern Glanz und regelmaͤßiges Wohlleben ſich den Tyranneien des Stadtherkommens leichter 63 unterwirft— ſo iſt dagegen der ſentimen⸗ tale Roman der Freund und Warner des weicher fuͤhlenden, empfaͤnglichen Juͤnglings, welchem alles maſchinenmaͤßige Modeln und Regeln ſeiner Jugend zuwider iſt, und der denn doch nicht Selbſtſtaͤndigkeit genug in ſich fuͤhlt, jenen Regeln ganz zu trotzen, weil er nur durch ſie gluͤcklich werden kann. So lan⸗ ge ſich Stadtſitte und Natur zu auffallend wi⸗ derſprechen, iſt und bleibt dieſer ſentimen⸗ tale Roman— nothwendig, indem er durch ſeine Ruͤhrungen vielleicht das Herannahen ei⸗ ner Ausſoͤhnung beſchleunigen kann— er bleibt das einzig moͤgliche, lebendige Heldengedicht zur Zeit der modernen, unheroiſchen Sitten, das heim⸗ liche Freimaurerlied der buͤrgerlichen Geſellſchaft, die innere, fortgeſetzte Krankheitsgeſchichte des Menſchengeſchlechts! Die ſeelenkranken Helden, mit deren Schickſalen er uns bekannt macht, wer⸗ den zuweilen verzuͤckt, und erblicken Geſichte, wie in einem duͤſtern Fieberwahne, Geſichte von beſſern Welten, Erinnerungen aus einem voll⸗ kommenern Zuſtande, die, wie ein ſchwebender Zug weißer Engelgeſtalten, an der Woͤl⸗ 64 bung des engen Kranken⸗ oder Irrenhauſes vor⸗ uͤber fliehn, in dem ſich jene Ungluͤcklichen ein⸗ geſperrt fuͤhlen. Die Reize eines der Natur an⸗ gemeſſenen Lebens, welche an ſich in ihrer Ein⸗ fachheit wenig bemerkbar ſeyn wuͤrden, werden durch die duͤſterſten Contraſte gehoben, und die Sehnſucht nach ihnen wird, vermoͤge einer wun⸗ derbaren Elaſtizitaͤt des Gefuͤhls, auf das hoͤch⸗ ſte geſpannt. So empfinden Leſer, welche An⸗ lage und Empfaͤnglichkeit fuͤr phantaſtiſche Vor⸗ ſtellungen haben, einen in ſeinem Urſprunge zwar krampfhaften, aber maͤchtig bezaubernden Rauſch des Vergnuͤgens, von dem ſich Seelen, die den boͤſen Einfluß der Außenwelt noch nie fuͤhlten, die mit ſich ſelbſt noch in friedlicher Einigkeit leben, denen eine jungfraͤuliche Engelsruhe zu Theil ward, wie Ihnen, liebſte Freundin— keinen Begriff machen koͤnnen. Ungeachtet dieſe ſentimentale Romanen⸗ gattung, wie geſagt, mehr die Juͤnglinge hinreißt, welche poetiſche Anlagen mit einer ge⸗ wiſſen empfindſamen Schwaͤche der Thatkraft verbinden, ſo wird doch auch das reifere Maͤd⸗ chen ſich das Vergnuͤgen nicht ganz zu verſagen 63 brauchen, das dergleichen Kunſtwerke, wie Werther und ſeines Gleichen, gewaͤhren. Einestheils erſcheint in dieſen Werken gewoͤhn⸗ lich das Weib beinah in der hoͤchſten Vergoͤt⸗ terung, wie ſie ihr der Zauber der Dichtkunſt nur immer zuſichern kann. Sie erſcheint ge⸗ woͤhnlich als der einzigmoͤgliche, wohlthaͤtige Arzt, dergleichen ſeelenkranke Juͤnglinge zu hei⸗ len. Sie lernt alſo in den aufgeſtellten Bei⸗ ſpielen die beſte Art, die maͤnnlichen Leiden⸗ ſchaften zu leiten, von denen ſo manches Maͤdchen verfolgt wird. Sie lernt die Ge⸗ fahren der uͤberſpannten Empfindſamkeit kennen, und fliehen. Anderntheils aber giebt ihr der ſentimentale Roman, mehr noch wie der buͤrgerliche, auch manche heilſame Stim⸗ mung, welche ihre natuͤrliche Neigung und zu große Anhaͤnglichkeit an aͤußeren Glanz und ſtaͤdtiſches Herkommen etwas mildert.— Minder tolerant denk' ich in Abſicht einer dritten Gattung Romane, welche ich vorzugs⸗ weiſe die abenteuerlichen nenne, weil ſie Menſchen darſtellen, die, anſtatt wie im ſen⸗ timentalen Roman ſich gegen die buͤrgerliche Selene VI. Heft. 5 66 Ordnung laut zu empoͤren, ſich neben den Ver⸗ boten derſelben, in galanten Abenteuern, heim⸗ lich durch-und vorbei⸗luͤgen, immer nach neuen Veraͤnderungen lechzen, und blos ihre wuͤſte Phantaſie zu befriedigen ſuchen. Leide vertragen ſich bei der Verderbtheit— ten dergleichen pfiffige Abenteurer beſſer mit der wirklichen Welt, wie jene empfindſamen Murrkoͤpfe, und werden oft von den Freunden und Freundinnen des buͤrgerlichen Herkommens am meiſten beguͤnſtigt. Indeſſen verdienen dergleichen Menſchen die Verachtung aller Tu⸗ gendhaften.— Romane, wie der ehrliche Aventurier Gilblas, koͤnnen allenfalls eine fluͤchtige Unterhaltung gewaͤhren; doch, im Ganzen genommen, wird ein ſittſames Maͤd⸗ chen dergleichen regelloſe Produkte, die blos die Phantaſie anſpannen, erhitzen und ver⸗ wuͤſten, keiner Aufmerkſamkeit wuͤrdigen, und den ganzen Wuſt von Raͤuber⸗Ritter⸗ Ge⸗ ſpenſtergeſchichten, galanten Abenteuern u. ſ. w. zum verdienten Scheiterhaufen verdammen. Fuͤr Zeitalter und Menſchen, die das ſelige Gefuͤhl von Harmonie mit ſich und der Welt ganz verloren haben, die nur noch mit den Augen des kalten, alles zergliedernden, ver⸗ einzelnden Verſtandes ſehen, dienen die Bruch⸗ ſtuͤcke des ſogenannten humoriſtiſchen Ro⸗ mans, der mit Witz und origineller Laune die grotesken, bald komiſchen, bald ernſten Scenen der Wirklichkeit zuſammenſtellt, und daruͤber mehr philoſophirt als empfindelt. Erſt die aͤltere, verheirathete Frau, wenn ſie anfaͤngt an Buͤchern, wie Charion, Rochefaucault u. ſ. w. Geſchmack zu finden, wird ſich auch damit un⸗ terhalten. Moͤge dieſes Greiſenalter des Geiſtes noch lanot fern von Ihnen ſeyn f C. A. H. Elodius. 68 — Gebet eines Kranken. Hoͤre mich 4 du Gott der Götter; Gieb mir Kraft, die langerſehnte, ſchwerentbehrte, gieb ſie wieder, tilge jede Spur von Schwachheit. 5 Doch, verleihſt du mir die Staͤrke: nimm den Schleier auch vom Auge, der in truͤbverworrnen Zuͤgen mir das Bild der Welt entſtaltet. Haſt du Kraft und Klarheit wieder mir gegeben: dann, o ſcheuche, ſcheuche auch die Todtenkaͤlte aus dem Buſen, und belebe neu mit Waͤrme mir das Herz. — 69 2. Erhoͤrung. Kraft und Licht und Waͤrme bat ich, ſieh, da wurden mir drei Worte tief zur Lindrung eingefloͤßet. Glaube war's, Geduld, und Hoffnung. Unbekannt war ihre Kraft mir: nun beginn' ich ſie zu fuͤhlen. Glaube iſt der Keim des Muthes, der die Ohnmacht bald vertilget⸗ Die Geduld gewaͤhrt uns Ruhe, die im Geiſte, wie im Bache, klar der Welt Geſtalten zeichnet. Hoffnung facht des Triebes Funken, der noch in der Aſche glimmte, wieder an zu neuer Flamme, die uns mild das Herz erwaͤrmet. Und ſchon fang' ich an die Waͤrme, Kraft und Licht in mir zu fuͤhlen. Darum ſey von mir geprieſen, maͤcht'ger Arzt, und gieb Gedeihen deinem heilenden Bemuͤhen. 70 3. Ermunterung. Nein, ich duld' es nicht, ihr Blinden, daß ihr blind das Leben laͤſtert, eitel es und nichtig ſcheltend, truͤb und duͤſter und voll Qualen. Lernet wirken, lernet ſchaffen, lernt, mit Ordnung und mit Klarheit, was ihr thut, allſtets beginnen; doch, vor allem, thut das Rechte, was der Geiſt in euch gebietet: und die Nebel werden fliehen, die die ſchoͤne Welt euch decken und die Bruſt euch druͤckend engen; eine Sonne wird euch leuchten, eine Sonne wird euch waͤrmen, die ihr jetzt nicht fuͤhlt, nicht ſchauet, weil ihr traͤg und ſcheu ſie fliehet. Doch, belebt von ihren Strahlen, werdet bald ihr aller Klage, aller Traurigkeit vergeſſen. 4. Heilige Stimmung. In Verworrenheit und Dunkel lebt, den Todten gleich, der Arme, der dem Goͤttlichen entſagte. Waͤr' er auch vom Glanz umgeben und von allem Gluͤck des Reichthums, ſchleicht doch oͤd ſein Leben weiter, wie ein matt verſiegter Quell. Doch wenn du, Geweihter, Reiner, jeden Tag und jede Stunde denkſt der goͤttlichen Gewalten, die dich uͤberall umgeben, und mit heilig⸗ſcheuen Haͤnden unablaͤſſig Gaben opferſt: dann, aus deinem innern Herzen⸗ öffnet ſich des Lebens Fuͤlle. Dich begleitet dann die Weisheit⸗ offnet dir den Blick des Auges, daß du klar die Welt erkenneſt. Dich umſcherzt mit ihren Kindern hold die Kunſt, das Leben ſchmuͤckend. Dich begabt mit ſeinen Schaͤtzen uberfluͤſſig reich das Gluͤck. 71 H— h. Die Landsleute. Skizzen weiblicher Portraits. Marie an Caͤcilie. Er koͤmmt nicht, Caͤcilie! Er hat mich ver⸗ laſſen! Ein langer Tag iſt wieder hingeſchwun⸗ den, und er kam nicht, und keine Spur ließ ſich von ihm entdecken. Seine Kaͤlte hab' ich laͤngſt bemerkt, ſeine Beſuche ſind immer ſeltner geworden: jetzt ſind zwoͤlf Tage hingegangen, ſeit ich ihn nicht ſah. Vergebens lauſcht' ich auf das leiſeſte Geraͤuſch im Vorſaal, und glaubte die bekannten lieben Tritte zu verneh⸗ men; meine Wangen uͤberflog oft eine gluͤhende Roͤthe, und mein Herz ſchlug hoͤrbar, wenn mich die Phantaſie mit ſeinem Nahen taͤuſchte; die Thuͤr ging auf, und es war ein eintre⸗ tender Bedienter, oder ein peinlicher, langwei⸗ liger Beſuch.— Ja, er iſt hin! es iſt ihr gelungen, das beſte Herz von meinem loszu⸗ 73 reiſſen! Du kennſt die ſchoͤne Linden, oder wenigſtens den Ruf ihrer Schoͤnheit— O, wenn ſie ihn liebte, wenn ſie ihn gluͤcklich machte: ich wollte nicht mehr weinen! Aber ſie ſpielt mit ihm; ihr Herz vermag den Na⸗ men Liebe nicht zu faſſen. Zu einem Spiel⸗ werk ihrer Eitelkeit entwuͤrdigt ſie den edelſten der Menſchen! Caͤcilie, weißt du das Lied: Zerſtreu die Perlen! und zerreiß die Kraͤnze! Ich will nicht hold mehr, will nicht lieblich ſeyn! Die Blume welk' in ihrem vollſten Lenze; An ihr ſoll nimmer ſich ein Aug' erfreun! Kannſt du begreifen, was es heißt: Verrathen, Verlaſſen ſeyn von ſeinem einz'gen Gut? Fuͤr den allein die ſtillen Seufzer baten, Der einzig wohnt in reines Herzens Glut? Kannſt du's begreifen? Nein! du kannſts nicht faſſen! Stroͤmt, meine Thraͤnen, ſtrömt nur gluͤhend hin! Sagt aller Welt, daß ich von ihm verlaſſen, Daß ich von ihm— von ihm, verrathen bin! 74—— Und einer Andern ſoll er angehoren?—— Ha, einer Andern, die vielleicht nicht fuͤhlet, Nicht ahnen kann den Umfang ihres Gluͤcks! Ach, die mit dem, was ich vergöͤttert, ſpielet, Wie mit den Bluͤthen eines Augenblicks! Ich mußte geſtern hier abbrechen, liebſte Caͤcilie; die Thraͤnen ſtuͤrzten mir unwillkuͤhr⸗ lich auf das Blatt, und verdunkelten meine Augen. Indem trat meine Fanny ein, das gute Maͤdchen, das ich ſchon ihres gleichen Vaterlandes wegen ſo liebe. Wiſſen Sie wol, rief ſie mir entgegen, wen ich ſo eben geſehen habe, Fraͤulein, als ich nach der St. Georgen⸗ Vorſtadt ging? Sir Robert! Ich glaubte er waͤre verreiſt, weil er ſo lange nicht zu uns gekommen iſt: aber heute ſah ich ihn in Lebens⸗ groͤße; er ging mit Frau von Linden nach dem Schauſpielhauſe. Ich darf dir meine Empfindungen in dieſem Augenblicke nicht beſchreiben! Erbleichend wandt' ich mich, und eilte hinweg, meinen Schmerz in heißen Thraͤnen auszuſtroͤmen. 75 Gern waͤr' ich der treuen Fanny in die Arme geſunken: allein es iſt mir immer, als hielt mich ein inneres Gefuͤhl von der Mittheilung meiner Empfindungen ab— als verloͤre ein theures Geheimniß von ſeinem Zauber, ſobald es uͤber die Lippen geht; und auch der Schmervz der Liebe iſt ja heilig und fuͤß!— Ich warf mich auf mein Bett und weinte heftig. Wie inſtinktmaͤßig trat ich endlich ans Fenſter. Die Sonne ging in rothen, wun⸗ derbar ſchattirten, kaͤmpfenden Wolkengruppen unter; mir ward es ſeltſam wohl und weh im Herzen, als ich ſo in die unruhvolle, glut⸗ entbrannte Ferne ſtarrte; ich fuͤhlte etwas von dem, was die Dichter in ihren geweihten Stunden fuͤhlen moͤgen. Erinnerſt du dich wol an das ſchoͤne, ſeelenvolle Gemaͤlde der Angelika Kaufmann, wie ein Liebesgott der ungluͤcklichen Sappho die goldne Lyra bringt, und ſo den Aufruhr ihres hoffnungsloſen Grams beſaͤnftigt?— Hier haſt du das Lied, das ich in dieſen Stunden dichtete: Den Buſen hebt ein ſchmerzlich Streben, Ein ruhlos Kaͤmpfen, heiß empor: Es will ſich frei der Geiſt erheben, Verſchmerzen ſtolz, was er verlor: Doch immer kehrt das weiche Sehnen, Die zarte Wehmuth in das Herz, Und liebend loͤßt in heißen Thraͤnen Sich auf, getaͤuſchter Hoffnung Schmerz. Noch einmal ſinkt der Abend nieder, Noch einmal wich ein langer Tag, Und keine Stunde bringt ihn wieder, Und ſtillt des Herzens kranken Schlag! Ich moͤcht' ihn lieben, moͤcht' ihn haſſen! Es kaͤmpfen Stolz und Zaͤrtlichkeit; Wer kann des Wortes Inhalt faſſen, Das Wonn' und Qual zugleich mir beut? Dort, fern im Weſten, welch Getuͤmmel Von rothen Wolken thuͤrmt ſich auf! Zum weiten Kampfplatz wird der Himmel— Es ſank die Sonne, matt vom Lauf. 22. Hier daͤmmern Wolken, blaß, veroͤdet; Dort ſtuͤrmt die eine ſchwarz empor, Und dort, von tiefer Glut geroͤthet, Draͤngt ſehnend ſich die andre vor. Und koͤnnten Schatten menſchlich fuͤhlen? Natur, wie ſprichſt du wunderbar! Du ſtellſt in luft'gen Wolkenſpielen Den innern Kampf des Buſens dar.— Und keine Macht gebeut dem Streite, Und keine Macht beſchwoͤrt den Schmerz! Nach Ruhe ſchweift der Blick ins Weite, Nach mildem Frieden ſeufzt das Herz. Da ſieh, aus ſel'gem Ruhgefilde, Dort fern im Oſten, hehr und licht, Erhebt mit ſanfter Engelsmilde Der ſtille Mond ſein Angeſicht.— Ich fuͤhlte eine wunderbare Beruhigung, als ich dies vollendet hatte; der ſanfte Mond goß ſeine Strahlen lindernd in mein verwun⸗ detes Herz, und ich antſchinf; zu einem ruhi⸗ gen Schlummer. 7 Nimm, meine treue, meiue gepruͤfte Freundin, dieſe Zeilen liebend auf! Du biſt die Einzige, der ich mich vertraue. Dein Sinn iſt heiter, du ſcherzeſt gern: aber ich weiß, du wirſt heute auch mit mir weinen.— Caͤcilie an Marie. Ja, meine ſanfte Maria, ich habe mit dir geweint! Wie koͤnnte ich es gleichguͤltig anſehn, daß dieſes weiche, ſo himmliſch liebende Herz von feiler Gemeinheit ſo ſchmerzlich gekraͤnkt, zerriſſen wird von Menſchen, die ſeine Tiefe nicht zu ahnen faͤhig ſind,(denn wol kenn' ich dieſe Frau von Linden). Ich fuͤhle, was es ſagen will, ſi ch ganz mit Sinn und Seele an ein Weſen angeſchloſſen, hingegeben zu haben, von dem man ſich nun verlaſſen, wenigſtens um einer Schlechtern willen, vernachlaͤſſigt ſehen muß! ich fuͤhl' es, wenn ich auch ſelbſt noch nie liebte, wenn man mich gleich ſelbſt des Un⸗ 1 79 beſtands, der Flatterhaftigkeit gegen die Maͤn⸗ ner beſchuldigt. Ich bin ſonſt heitern Sinns, du haſt ſehr Recht: aber ich weiß nicht, hat mich dein Brief ſchon in dieſer truͤben Stim⸗ mung getroffen, oder hat er mich darein ver⸗ ſetzt— ich bin ſeit Jahren nicht ſo ſchwer⸗ muͤthig geweſen. In dieſer Stimmung fand mich geſtern einer meiner Bekannten aus Eng⸗ land, einer der edelſten Menſchen, die ich je geſehn, und theilte mir eine treffliche Ballade ſeines Vaterlands: Turn gentle Hermit of the tale, mit, die mich innig ergriff und freilich meine Schwermuth ſehr verſtaͤrkte. Ich weiß nicht, ob ſie dir bekannt iſt, dieſe Balla⸗ de? Hier haſt du einige Zeilen daraus, wie ſie ſich mir eben in unſrer Sprache darſtellen! Woher, ungluͤcklicher Juͤngling, ruft der Ein⸗ ſiedler dem jungen Fremdling zu— woher ſo traurig? Biſt du aus ſchoͤner Flur verbannt? Und preßt der Gram dein Herz? Ward deiner Freundſchaft Treu verkannt Und deiner Liebe Schmerz? . 4 80 Ach, was iſt Freundſchaft, als ein Laut, Der ſuß in Schlaf uns wiegt! Ein Schatten, Gluͤck und Ruhm vertraut, Der falſch dem Gram entfliegt! Und Lieb'? ach Wort ſo zauberſuͤß! Und ach, ſo nichtig leer! In Traͤumen gluͤht dein Paradies, Doch ſonſt wol nirgend mehr! Da ſiehſt du denn, liebe Maria, daß ich auch traurig ſeyn kann; aber meine Traurigkeit entſpringt gerade aus den deinigen entgegen⸗ geſetzten Quellen: ſie iſt mehr jener peinliche Zwieſpalt des Innern, der aus Unzufeiedenheit mit ſich ſelbſt entſteht. Ja, Liebe, ich will dir's nicht verhelen: oft kann ich mich des Vorwurfs ſelb nicht erwehren, den mir alle meine Freunde in, den auch du mir oft gemacht haſt— ſei keiner treuen Liebe faͤhig. Sollte es r ſeyn? waͤre wirklich mein Herz nicht fuͤr tiefes Gefuͤhl geſchaffen? Schrecklicher Gedanke! Gleichwol habe ich eine ſo unbeſchreiblich treue Anhaͤnglichkeit an * 1 8¹ meine Freundinnen; an alles Alte, was mir jemals lieb war! Nein, Maria! es iſt nicht moͤglich, ich bin nicht flatterhaft!„Mir iſt nicht treulos, was ihr treulos nennt“ heißt's dort, und iſt aus meiner Seele geſprochen. Jeder Menſch hat, es heller oder dunkler ahnend, ein Ideal in ſeiner Bruſt; dies iſt nun gemeiner oder hoͤher, nach ſeiner hoͤhern oder gemeinern Natur; er ſehnt ſich oft, ihm ſelbſt unbewußt, das gleichgeſchaffne Weſen zu finden, das freilich wol ſo mancher im ganzen Leben nicht erreicht! Nun traͤgt aber oft ein fremdes Antlitz Zuͤge von dem geliebten, ſtill erſehnten Zwillings⸗Weſen, und taͤuſcht die Phantaſie mit einer ſcheinbaren Verwandtſchaft — wir fuͤhlen nachher den Irrthum und kehren zuruͤck: aber eben je hoͤher und edler unſre Forderungen ſind, deſto ſchwerer ſind ſie zu erreichen, und deſto leichter iſt die Taͤuſchung moͤglich. Drum meyn' ich: wir ſind nicht treulos, ſo lange wir uns ſelbſt, ſo lange wir den Forderungen unſers beſſern Ichs nicht un⸗ treu ſind. So, liebſte Maria, bin ich denn nicht Selene VI. Heft. 6 82 wankelmuͤthig! Kann ich dafuͤr, daß mein Beruf als Kuͤnſtlerin mehrere Maͤnner in meine Naͤhe fuͤhrt? Ich fand ſo manchen ſchoͤnen Zug im Einzelnen, und treu dem Schoͤnen, mußt' ich mich dafuͤr intereſſiren: aber ſtets, ehe mein Intereſſe Liebe werden konnte, fuͤhlt' ich die Taͤuſchung. Ein Zart⸗ gefuͤhl, das unſerm Geſchlecht eigen iſt, ſchuͤtzt uns vor fruͤhzeitiger Enthuͤllung unſrer Empfin⸗ dung; mein Bewußtſeyn ſagt mir, daß ich dies nie verletzte, und ſo bleibt der Verluſt, der Schmerz der Taͤuſchung, mir allein.— Doch verzeih, daß ich dich mit meinem Kum⸗ mer unterhalte, da ich blos von dem deinigen ſprechen wollte; glaube nicht, daß ich darum minder lebhaft damit beſchaͤftigt ſei! O, ich wollte, liebe Marie, du waͤreſt wie ich; viel⸗ leicht daß— dein Ungetreuer dir dann fruͤher zuruͤckkehrte! denn daß er dir zuruͤckkehren wird, bin ich feſt uͤberzeugt. Die Maͤnner ſind ihrer Natur nach zum Widerſpruch geneigt, und ich glaube, eben das, daß ich mehr auf meine Kunſt, als an ſie denke, daß ich ſie kommen und gehen laſſe, ohne große Notiz 83 von ihnen zu nehmen, macht, daß ſie eine Art von Point d'honneur darein ſetzen, mich zu feſſerln. Wann und ob dies jemals einem gelingen wird, weiß ich nicht; von allen denen, die mich umgeben, iſt aber keiner, uͤber den ich Luſt haͤtte, dir etwas Naͤheres zu ſchreiben. Nur einer erregt meine Theilnahme auf eine eigene, mir ſelbſt noch unerklaͤrbare Weiſez aber dies iſt eine Theilnahme, die auf mich ſelbſt keinen Bezug hat. Es iſt der Englaͤnder, deſſen ich vorhin erwaͤhnte, oder eigentlicher zu reden, ein Schottlaͤnder ſeiner Herkunft nach, ob er gleich in England geboren iſt. Sein Name iſt Odonell. Von dieſem muß ich dir noch einiges ſchreiben! Ich darf es um ſo un⸗ befangener, da er ganz und gar nicht unter die Klaſſe meiner ſogenannten Liebhaber gehoͤrt; er hat mir nie ein Wort von Liebe geſagt; mir ſcheint es ſogar, als ruͤhre die tiefe Schwer⸗ muth, die auf ſeinem ganzen Weſen ruht, von einer fruͤhern, ungluͤcklichen Leidenſchaft her. Ich wuͤnſchte, er machte mich zu ſeiner Ver⸗ trauten; denn faſt in meinem Leben erinnere ich mich nicht ein innigeres Mitleid, eine ſo 84— wunderbare Theilnahme gefuͤhlt zu haben, als fuͤr ihn. Du ſollteſt ihn ſehen, liebe Marie! es liegt etwas ſo Ruͤhrendes, ſo hinreißend Einnehmendes in dem Ausdrucke ſtillen Leidens auf dieſer edlen, maͤnnlichen Geſtalt! Oft, wenn er ſich unbemerkt glaubt, haͤlt er die Hand vor die Augen, und ſcheint wie aus einem tiefen, ſchmerzlichen Traume zu erwachen, wenn man ihn unterbricht. Daß er Liebe gefuͤhlt hat, das ſpricht aus der Tiefe ſeiner ſeelenvollen, dunkeln Augen; doch ſcheint es noch ein an⸗ drer ſchwerer Kummer zu ſeyn, der ihn zu Bo⸗ den druͤckt. Ich habe von ſeiner Geſchichte noch nichts weiter erfahren koͤnnen; er ſcheint in ſich gekehrt, und ich— will doch nicht gar zu viel Intereſſe an ihm zeigen, da doch nicht gerade jedermann die Art meiner Theilnahme weiß, wie ich dir ſie bezeichnen kann! Sobald ich mehr Auskunft uͤber ihn erhalte, ſchreib' ich dir ſie; denn ich muͤßte dich nicht kennen, oder, auch du biſt nicht gleichguͤltig bei der Geſchichte eines Ungluͤcklichen. Leb' wohl, geliebte Freundin! Moͤchte doch meine Ahnung nicht truͤgen: dann kehrte dein 85 Robert, zaͤrtlicher und treuer als jemals, zu dir zuruͤck. Sei dann nicht zu ſtreng, liebe Marie! eine kleine Treuloſigkeit darf man den Maͤnnern nicht ſo hoch anrechnen; nur wenige tragen den Ausdruck der Treue in ihrem We⸗ ſen— und unter dieſe wenigen ſcheint mir, beilaͤufig geſagt, jener ungluͤckliche Schotte zu gehoͤren.— Vor allem aber, meine Liebſte, nimm dich in Acht, ihm Vorwuͤrfe zu machen! Vorwuͤrfe ſind, ich bin es uͤberzeugt, der Tod der maͤnnlichen Leidenſchaft, und das beſte Mittel ſie feſtzuhalten— ihnen wenig Auf⸗ merkſamkeit zu bezeigen! N. S. Dein Gedicht hat meine Bewunderung erregt. So ſollt' es doch wirklich moͤglich ſeyn, daß ein leidenſchaftlicher Gemuͤthszuſtand das Dichtertalent wecken koͤnnte? Caͤcilie an Marie. Du ſchreibſt mir nicht, liebſte M rie! was geht mit dir vor? Iſt der Fluͤchtling 86— wiedergekehrt, und vergiſſeſt du in der Fuͤlle deines Gluͤcks der Freundin? Wollte Gott, es waͤre ſo! gern wollt' ich um dieſen Preis einige Zeit von dir vergeſſen ſeyn! Ich, meine Liebſte, bin nicht ſo gluͤcklich, die Freundſchaft uͤber der Liebe vergeſſen zu koͤnnen. Mein Herz iſt zwiſchen dir und meiner Kunſt ge⸗ theilt, und es iſt meine liebſte Ergoͤtzlichkeit, die Stunden, die mir dieſe uͤbrig laͤßt, mit Schreiben an dich zubringen zu koͤnnen. Ich habe nun die Geſchichte des armen Odonell erfahren; mein Urtheil uͤber ihn hat mich nicht getaͤuſcht, und die Schwermuth auf ſeinen Zuͤgen hat einen tiefen Grund! O, Ma⸗ rie! wie ungluͤcklich iſt der, an dem ich ſo innigen Antheil nehme! Sprich, giebt es et⸗ was ſchrecklicheres, als der Mörder ſeines liebſten Freundes zu ſeyn? Und dies— ich ſchaudre dir es zu ſchreiben— dies iſt der ungluͤckliche Odonell! Er hat, wie es mir ein gewiſſer Zug gleich Anfangs verrieth, einige Jahre als Militaͤr gedient und ſein Freund mit ihm in demſelben Regimente; ein unſeliger Ehrenhandel, dergleichen es unter den Maͤn⸗ 87 nern ſo oft giebt, hat beide entzweit; ein Zweikampf war, nach militaͤriſchen und maͤnn⸗ lichen Ehrgeſetzen, unvermeidlich— dieſe be⸗ fahlen den Fleck wegzuwaſchen, ſollt' es auch lebenslaͤnglich Gluͤck und Ruhe koſten. Odo⸗ nell ſtieß den Stahl ins Herz des Buſenfreun⸗ des; allein dieſer Stahl gab auch dem ſeinen zugleich den Todesſtoß! Er ließ den geliebten Todten auf dem Wahlplatze zuruͤck, und floh aus ſeinem Vaterlande in unſre fernen Gegenden, wo ihm nun uͤberall der quaͤlende Schatten folgt. In einer vertraulichern Stunde, wo ich mit ihm allein war, entdeckte er mir ſo viel, und fragte mich, ob ich mich nun wol noch uͤber den Schatten wundere, der ewig uͤber ſeinen Zuͤgen ruhen wuͤrde? Ich geſtehe dir es aufrichtig, Marie: ich habe von Grund des Herzens uͤber ihn geweint, als ich allein war. Noch weiß ich ſelbſt nicht, welchen Namen ich meiner unbegreiflichen Empfindung fuͤr ihn geben ſoll? Liebe iſt es nicht, ſo viel kann ich dir verſichern; wie ſollt' ich einer ſo thoͤ⸗ rigten Leidenſchaft Raum geben, da ich nur gar zu wohl uͤberzeugt ſeyn muß, daß er eine 38—— Geliebte in ſeinem Vaterlande zuruͤckgelaſſen hat—— Marie an Caͤcilie. Was ſoll ich dir von meinem Zuſtande ſagen, meine theure Caͤcilie? Weiß ich noch ſelbſt ob er gluͤcklich oder ungluͤcklich iſt? Ja, meine Freundin, deine Ahnung hat dich nicht betrogen: Robert iſt zuruͤckgekehrt! ob er ganz der Meinige zuruͤckgekehrt iſt, daruͤber wag' ich noch nicht zu entſcheiden; aber er hat we⸗ nigſtens die Netze zerriſſen, die ihm Frau von Linden vielleicht zu ſichtbar gelegt. Ich glaube, es mochte ihm ſchwer geworden ſeyn, eine Anknuͤpfung unſrer getrennten Verbindung zu finden; denn mehr als drei Monate waren hin⸗ gegangen, ſeit ich ihn nicht geſehen hatte— endlich war er verreißt. Ich hatte ſchon die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wiederzuſehen: allein es gab meiner Schwaͤrmerei eine ſuͤße Nahrung, mich auch in ſeiner Abweſenheit, auch ungeliebt von ihm, mit dem zu beſchaͤftigen, 1 —— 89 was ihm wohlgefiel. Ich uͤbte mein Engliſch fleißig, weil es ſeine Sprache iſt, weil Er es war, dem ich den erſten Unterricht darin ver⸗ dankte; ich ſpielte fleißig Klavier; ja ſelbſt— laͤchle nicht uͤber meine Schwachheit— ich trug taͤglich nur die weiße Farbe, weil dieſe ihm vorzuͤglich gefaͤllt. Es war ein ſchoͤner, heiterer Morgen; ich war dieſen Tag ſehr fruͤh aufgeſtanden und hatte einen Spaziergang auf den Huͤgel hinter unſerm Garten gemacht. Die rothen Morgenwolken gluͤhten funkelnd durch die Birken an des Huͤgels Fuße, und die Sonne uͤbergoß das Thal mit einem Strahlen⸗ meer. Ein wunderbarer Friede kam auf mein verletztes Herz; zwar konnte ich mich nicht zu der heitern Lebenshoffnung erheben, die rund umher aus allen Zweigen ſprach— ich fuͤhlte, daß mein Herz noch immer an dem Undank⸗ baren hing, und daß es ſich auch wol durchs ganze Leben nicht frei machen wuͤrde: allein ich ergab mich darein, zu lieben und zu leiden. — In dieſer Stimmung kam ich auf mein Zimmer zuruͤck; aber wie ward mir, als we⸗ nige Minuten darauf Fanny mit ganz ver⸗ 90 klaͤrtem Geſicht in mein Zimmer trat und mir meldete, daß mich Sir Robert nur auf eine halbe Stunde ſprechen wollte; er habe mir Briefe von L... aus W. mitgebracht.— Wie ich mich bei ſeinem Eintritt fuͤhlte, darf ich dir nicht beſchreiben. Mein eignes Gefuͤhl ſtimmte mit deinem Rathe uͤberein. Wie haͤtte ich ihm Vorwuͤrfe machen ſollen? wie kann dies nur jemals ein Weib thun, wenn ihr nur einige Beſinnung bleibt? Vor⸗ wuͤrfe erbittern, wenn ſie ungerecht, und be⸗ ſchaͤmen, wenn ſie gerecht ſind; und kann der Mann, das ſtolzeſte der Weſen, kann er die jemals lieben, die ihn beſchaͤmt? Ich kam dem lieben Fluͤchtling ſo freundlich und ſo unbefangen entgegen, als es das heftige Zittern aller meiner Nerven zuließ, und an meiner Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt fehlte es wenigſtens nicht, ihm jede peinliche Verlegen⸗ heit zu erſparen; ſein Gefuͤhl ſchien ihm nur zu lebhaft das zu ſagen, was ich ihm ſo gern haͤtte erſparen moͤgen. Ich fuͤhlte, daß mein Weſen dieſen Tag, daß mein Betragen, daß jeder kleine Umſtand, ſelbſt an meiner Kleidung, 91 mich mit jedem Augenblicke ſeinem Herzen naͤher brachte, und Caͤcilie! welch ein himm⸗ liſches Bewußtſeyn liegt fuͤr mich in dieſem Gefuͤhle! Er iſt ſeitdem oͤfters wieder zu uns gekommen, aber immer mit einer gewiſſen Schuͤchternheit. Wir leſen wieder engliſch zu⸗ ſammen, und er iſt entzuͤckt uͤber meine Fort⸗ ſchritte, oder vielmehr geruͤhrt daruͤber, denn er fuͤhlt es wol, welch ein Beweiß von meiner grenzenloſen Liebe darin liegt.— Bete fuͤr mich, meine Freundin! das Schickſal meines Lebens liegt jetzt auf der Wage! Lebe wohl! ich umarme dich mit inniger Zaͤrtlichkeit. N. S. Meinem gepreßten Herzen, meinen zerſtoͤrten Gedanken, verzeih es, Geliebte, daß ich dir gar nichts uͤber die ruͤhrende Geſchichte jenes intereſſanten Ungluͤcklichen geſchrieben habe. Ach mein Kopf iſt ſo zerruͤttet von den Be⸗ gebenheiten der letzten Tage, daß ich nicht einmal weiß, was ich thue. Aber ſage dem armen, liebenswuͤrdigen Odonell, daß.. Doch du darfſt ihm ja wol nicht ſagen, daß du einer Dritten von ihm geſchrieben haſt? 3 — ⸗* 9² Marie an Caͤcilie. Wuͤnſche mir Gluͤck, o meine geliebte Cä⸗ cilie! Wie ſoll ich Worte finden dir den Ue⸗ bergang von der tiefſten Muthloſigkeit zur hoͤchſten Freude zu beſchreiben? Robert iſt im Stande geweſen ſeine augenblickliche Ver⸗ irrung mit klaren Gruͤnden in meinen Augen zu entſchuldigen. Es haftet kein Flecken an ihm, der mein Herz beunruhigen koͤnnte; ſehr verzeihlich iſt ſeine Verirrung unter dieſen Umſtaͤnden, die ich dir ein andermal ausfuͤhr⸗ licher auseinander ſetzen will. Jetzt nur mit gefluͤgelten Worten den Hauptinhalt alles des Gluͤcks, das ſich jetzt mit einemmale uͤber mir zuſammendraͤngt! Daß der Schluß unſrer Verſoͤhnung eine foͤrmliche Bitte Roberts um meine Hand war, daß er auch bei meinem Oheim um mich angehalten hat, daß ich in wenig Monaten das ſchoͤne England ſehe,— das, o das iſt es noch nicht allein!— Al⸗ les, alles Schoͤne muß jetzt zuſammenkommen, mich zu beſeligen!— O meine liebſte Caͤcilie, denke dir: Odonell iſt in dieſen Tagen hier “ 93 geweſen, der edle, der liebenswuͤrdige Menſch, dem es allein unter allen Maͤnnern gelungen iſt, das großmuͤthige Herz meiner Freundin zu ruͤhren!(Du laͤugneſt dies doch nicht laͤnger gegen mich?) Aber wie wird dies Herz ſchlagen, wenn du hoͤrſt, was ich dir zu ſagen habe! wenn du hoͤrſt, daß Odonell nicht mehr ungluͤcklich iſt! daß durch eine wun⸗ derbare Verkettung der Umſtaͤnde ſein Gluͤck mit dem meinigen auf Einem Gegenſtande zuſammentrifft! O Caͤcilie, du wirſt es fuͤr Traum halten, was volle, klare Wahrheit iſt! So wiſſe denn, daß dieſer todtgeglaubte, lang⸗ beweinte Freund niemand anders, als mein Robert iſt!— O welche wunderbare Fuͤgung der himmliſchen Guͤte! Der Liebling meiner ſchweſterlichen Freundin iſt der Herzensfreund meines Geliebten! kann man eine ſeligere Vereinigung denken?— Alles hat ſich aufge⸗ klaͤrt, und das Ungluͤck ſcheint dieſe fruͤhver⸗ wandten Herzen nur noch inniger vereint zu haben. Odonell koͤnnte nun gluͤcklich ſeyn: er iſt es nicht! Eins fehlt zu ſeinem Gluͤcke, und 94 dies Eine.. o Caͤeilie! hat dir es dein Herz nicht geſagt? Biſt du denn ganz ver⸗ blendet geweſen, daß dir dies entgangen iſt? O ruͤhme dich ja keines ſcharfen Blicks in das menſchliche Herz! deſto hoͤher iſt deine kuͤnſt⸗ leriſche Phantaſie zu preißen, die eine Geliebte des Erwaͤhlten im fernen Vaterlande erſpaͤht, die ſie mit blos natuͤrlichem Verſtande ganz nahe haͤtte— im Spiegel erblicken koͤnnen!— In meine Verbindung mit Robert hat mein Oheim gewilligt: in zwei Monaten ſoll ſie vollzogen werden, dann— noch hat der Gedanke etwas Erſchuͤtterndes fuͤr mich— dann ſoll ich Deutſchland, ſoll Euch alle verlaſſen, und ihm in ſein Vaterland folgen. O Cacilie, wenn du mich dahin begleiten koͤnnteſt!— Mein guter Oheim hat mir verſprochen, ſeine Guͤter in Deutſchland nach und nach zu ver⸗ aͤußern, und den Abend ſeines Lebens bei uns in Fairfield(Roberts Landſchaft) zuzubringen. — Noch einmal, alles Gluͤck vereinigt ſich fuͤr mich: aber genießen wuͤrd' ich es erſt ganz, wenn du es mit mir theilteſt! In wenig Tagen bereite dich auf einen 95⁵ Beſuch. Nobert und ich haben uns eine Rei⸗ ſe zu dir vorgeſetzt. Vielleicht daß dann mein Fuͤrwort Odonells ruͤhrenden Bitten zu Huͤlfe koͤmmt! daß meine Freundin, meine Schwe⸗ ſter, Englands Boden mit mir zugleich betritt! Louiſe Brachmann. Kaiſer Karl V. fand bekanntlich ſchon bey Leb⸗ zeiten zwei beruͤhmte Geſchichtſchreiber, die ihn und ſeine Thaten ſchilderten: Paul Giove und Sleidan; er dagegen ſchilderte dieſe wieder, als ſeine Luͤgner, deren einer ihn zu gut, der an⸗ dere zu ſchlimm mache. Ich will weder gelobt, noch getadelt, ich will nur aufgefaßt ſeyn, wie ich bin, ſagte er. Wie war er aber? meynt der geiſtreiche Sleidan. Ernſt und pathetiſch in Spanien, zuvorkommend in den Niederlanden, ſtolz in Deutſchland, einfach gegen das Volk, vertraut gegen die Soldaten, fein gegen die Großen, geiſtreich gegen die Gelehrten, galant gegen die Damen, fromm gegen die Geiſtlichen, freigebig gegen die Armen— und alles das ſo von Herzen, daß man darauf rechnen konnte, wie auf ſeinen gewohnten Schwur: So wahr ich ein ehrlicher Mann bin— nach welchem er ge⸗ woͤhnlich das Gegentheil von dem that, was er 92² beſchworen hatte.— Als er 1525 in der Schlacht bei Pavia Franz 1. gefangen be⸗ koͤmmt, blickt er ſeufzend zum Himmel und ver⸗ bietet alle oͤffentlichen Freudensbezeigungen, „weil Chriſten ſich nur uͤber die Siege freuen duͤrfen, die ſie uͤber die Unglaͤubigen erhalten— denn er war eben in Madrit. Als der Papſt in der Engelsburg gefangen gehalten wird, Karl durch ein Wort ihn frei geben kann, ordnet er ſtatt deſſen Prozeſſionen und Gebete an, daß Gott ihm wieder zur Freiheit verhelfen moͤchte— denn er war in Rom. Da er ſich in Afrika bei ſeiner Armee ſelbſt in Gefahr gebracht hat, und ſie durch einzelne, perſoͤnliche Wagſtuͤcke ferner an ſich zu feſſeln bemuͤhet iſt, ruft ihm der Mar⸗ quis Guaſt, dem er damit ſeine hoͤhern Plane verdarb, zu: Als kommandirender General be⸗ fehl' ich Euch, beim Centrum der Armee zu bleiben! und Karl gehorcht ohne Widerrede— denn er war unter Soldaten. Da Franz I. (1539) Karln als Gaſtfreund in Paris, und deſ⸗ ſen Perſon ganz in ſeiner Gewalt hat, dringt man in ihn, den Koͤnig, die Gelegenheit zu benutzen, und ſeinen Gegner wenigſtens zum Widerruf Selene VI. Heft. 7 9⁸ des, Frankreich ſo laͤſtigen Vertrags von Madrit zu noͤthigen. Sehet, ſagt Franz zu ihm, das raͤth man mir! Karl beſiegt ſeine Beſtuͤrzung und erwidert: Rathen gute Menſchen ſo, ſo muß man folgen— denn er war bei einem Fuͤrſten, der ſelbſt ein guter Menſch war. Einige ſeiner Impromptuͤs, worin er be⸗ kanntlich eben ſo ſchnell, als gluͤcklich war, moͤ⸗ gen hier Platz finden. Ihr Derbes wird man hoffentlich nicht gemildert wuͤnſchen. Man ſprach uͤber ſeine Maximen in der Be⸗ handlung der verſchiedenen buͤrgerlichen Staͤnde. Sie ſind einfach, ſagte er: den Adel beug' ich, weil er mich pluͤndert; den Gelehrten erheb' ich, weil er mich unterrichtet; den Kaufmann laſſ' ich gewaͤhren, weil er mich bereichert. Seine Hoͤflinge prieſen ihn einſt im Beiſeyn vieler Großen uͤber alle Maaßen; eine Weile ſchien er es zu uͤberhoͤren, bis er endlich auffuhr: Luͤgt nur zu! ich weiß doch ſehr gut, wie ihr von mir denkt! Auf einem Balle entzuͤckte ihn eine junge Unbekannte; er wuͤnſchte ſie kennen zu lernen, und ſeine dienſtfertigen Hoͤflinge kamen bald mit 99 der Nachricht zuruͤck, ſie ſei die junge Gattin eines wackern Oberſten, und ſie wuͤrden ſchon Gelegenheit ſfinden... Gott bewahre, fiel er ein, daß ich die Ehre eines Mannes kraͤnkte, der die meinige mit dem Schwerdte vertheidigt!— So ſehr er imponierenden Anſtand, ge⸗ ſchmackvolle Pracht, und, wo es galt, auch blendenden Schimmer liebte, ſo widrig war ihm leeres Ceremoniel. Einſt kam er dazu, als ſich zwei Hof⸗Damen an einer Thuͤr um den Vortritt ereiferten: Nun, ſagte er, die groͤßte Naͤrrin ſoll ihn haben! Beliebt's?— Man ſprach von der Liebhaberei an Hun⸗ den und von den Vorzuͤgen der einen Gattung dieſer Thiere vor der andern. Man entſchied fuͤr Pudel oder Huͤhnerhunde, konnte aber uͤber dieſe nicht einig werden. Der Pudel iſt mehr werth, ſiel Karl ein, der bis dahin nicht Theil genommen hatte. Der Pudel! ja freilich, der Pudel! ganz gewiß der Pudel! ſtimmten nun die Hofleute ein. Und zwar, warum? fuhr er fort. Weil er alles Gute des Huͤh⸗ nerhundes hat, ohne, wie dieſer, ſeinem Herrn 100 ſo kriechend zu ſchmeicheln, der ihn doch nur zu ſeiner Luſt haͤlt und— geißelt!— Als der ſchwediſche Eroberer, Karl XII., bei Leipzig ſpazieren ging, ſiel ihm ein Bau⸗ ersmann zu Fuͤßen, und bat um Gerechtigkeit gegen einen ſeiner Gardiſten, der ihm ſein und der Seinigen Mittagseſſen genommen habe. Iſts wahr, fuhr der Koͤnig den Gardiſten an — iſts wahr, daß du dieſen Mann beſtohlen haſt? Sire, antwortete der Soldat, ich hab' dem Kerl nichts, als ein Paar Huͤhner ge⸗ nommen, alſo bei weitem nicht ſo viel, als Ew. Majeſtaͤt ſeinem Landesherrn. Hier, nimm zwei Dukaten fuͤr deine Huͤhner, ſagte Karl zum Bauer; und du— wendete er ſich zum Andern— du ſprichſt, wie dir's um's Herz iſt: das iſt nun wol nicht uͤbel, aber beſinne dich auch, daß, wenn ich dem Koͤnig Auguſt ein Koͤnigreich nahm, ich nichts davon fuͤr mich ſelbſt behielt!— (Wird fortgeſetzt.) Die neuen Amazonen. —— Das wechſelnde Geſpraͤch verweilte endlich ernſthafter bei einem allerdings wichti⸗ gen Gegenſtande— bei der Glaubwuͤrdigkeit der alten Geſchichtſchreiber uͤber diejenigen ih⸗ rer Erzaͤhlungen, welche wir den neuern nicht glauben wuͤrden. Wahrſcheinlich um die Frauen nicht ganz unintereſſirt dabei zu laſſen, fuͤhrt das Haupt unſrer Skeptiker unter andern Bei⸗ ſpielen auch das der alten Amazonen auf. Nun, dieſe Amazonen— 2 unterbrach ihn der Sprecher der Glaͤubigen. Ich gebe zu, daß hier, wie in allen aͤhnlichen Faͤllen, die poeti⸗ ſirende Phantaſie, ordnend, abrundend, modelnd, thaͤtig geweſen ſei; daß auch uͤber dem Dar⸗ ſtellen, wider Wiſſen und Willen der Maler ihr Schoͤnheitsſinn, wenigſtens die Bilder retouchirt, und hin und wieder kleine Lichter und wirkſame Drucker hineingeſetzt habe; ich gebe das gern zu, da es ſich von ſelbſt ver⸗ Selene VII. Heſt, 1 ſteht, und ja ſogar bei jeder Stadtgeſchichte der Fall iſt, die vor unſern Augen vorgehet, ſogar wenn wir— ich bitte um Erlaubnis die Wahrheit zu ſagen— ſogar wenn wir ſelbſt ſie wieder erzaͤhlen: aber daß nun... Ich bitte dich, fiel unſer neuer Hardouin ein, behalte deine Aber, und die allgemeinen Bemerkungen, die alle nur halb wahr— das heißt denn, zu gleichen Theilen wahr und falſch, folglich gar nichts ſind. Du haſt die Ama⸗ zonen angefuͤhrt: ſo bleibe ich vor der Hand bei den Amazonen—— 37 1 Und nun bekaͤmpfte er, was jener aus ſei⸗ nem Herodotus, Diodorus, Curtius und andern anfuͤhrte, mit einer Fluth von Gruͤnden, die er aus, wer weiß was all fuͤr Quellen— ſogar aus der Phyſik des Weibes, herbeifuͤhrte. Gut, ſagte jener; wie denn nun aber, wenn ich— nur erſt als Inſtanz, darthaͤte, daß ſogar in dem gebildetſten Theile von Europa, ſogar vor noch nicht anderthalbhundert Jahren, ſogar in einem Reiche, das ſchon damals in der Bluͤthe ſeiner Kraft, ſeines Einfluſſes und ſeiner Kultur ſtand— ein ziemlich vollſtaͤndiges —— 3 Weiberregiment, oder vielmehr eine recht eigent⸗ liche Amazonenwirthſchaft ſtatt hatte? Die Frauen ſahen ihn lachend an, und vermutheten einen Scherz; die Maͤnner ſchuͤt⸗ telten die Koͤpfe und ſuchten ihn metaphoriſch zu deuten. Ihr werdet mir zugeſtehen, fuhr er fort, daß man von einem Reiche, wo die Weiber, nicht etwa heimlich und unter der Hand, ſon⸗ dern feierlich und mit oͤffentlicher Autoritaͤt, Krieg und Frieden abſchließen, die hoͤchſten Wuͤrden im Staat beſetzen, Feldzuͤge, Schlach⸗ ten und Belagerungen— nicht blos entwerfen, ſondern in eigener Perſon kommandirend aus⸗ fuͤhren helfen, durch oͤffentlich angekuͤndigte Empoͤrungen den Staat umzukehren ſuchen, die Großen, die Fuͤrſten und Helden des Reichs nach Gefallen abſetzen, verweiſen, auch wol in eine andere Welt befoͤrdern—; daß, ſage ich, ein ſolches Reich, ſo lange es in dieſer Ver⸗ faſſung bleibt, eine ziemlich komplette Amazonen⸗ wirthſchaft genannt werden kann— 2 Die Frauen riefen ſchnell: Gewiß! Gewiß! 4 Pater Hardouin fragte gelnd: Und wie bei das Reich? Frankreich— wenn man's nicht abel nimmt, fuhr jener fort. Und nun las er eine kurze Schilderung der Adminiſtration der An⸗ na von Oeſtreich vor, wie er dieſe Schil⸗ derung den zuverlaͤſſigſten und oͤffentlich beglau⸗ bigten Geſchichtſchreibern dieſer Nation ſelbſt nachgezeichnet hatte, und wie ſie auch hier ihr Plaͤtzchen finden mag, in der Vorausſetzung, ſie werde ſchon an ſich nicht ohne Intereſſe ſeyn, und eben jetzt durch das uns allen ſo ſehr nahe vor das Auge gebrachte, ſchneidend kontraſtirende Bild von der jetzigen franzoͤſiſchen Regierung, noch mehr Intereſſe bekommen— Erzherzogin Anna, nachmalige Regentin von Frankreich, hatte von ihrem vaͤterlichen Hofe, Oeſtreich, dieſelbe Jugend und Schoͤn⸗ heit, dieſelbe Miſchung von koketter Gefaͤllig⸗ keit und ſtolzer Herrſchbegier, von reitzbarer Sinnlichkeit und weiblicher Wuͤrde, nach Frank⸗ reich mitgebracht, die hundert Jahre ſpaͤter die beklagenswerthe Antoinette eben daher und eben dahin mitbrachte. Beide fanden aber ganz — 5 verſchiedene Vorbereitungen, ganz verſchiedene Umgebungen und Verhaͤltniſſe, einen ganz ver⸗ ſchiedenen Geiſt der Zeit: und ſo ward An⸗ toinette, ohngefaͤhr auf demſelben Wege, die letzte und ungluͤcklichſte Koͤnigin des Reichs, auf welchem Anna eine vielgeprießene, glaͤn⸗ zende Fuͤrſtin, und eine Heldin eben der wun⸗ derlichen Periode ward, von welcher hier eini⸗ ge Zuͤge mitgetheilt werden ſollen. Man kann dieſe Periode nicht beſtimmter — wenigſtens nicht kuͤrzer und anſchaulicher bezeichnen, als wenn man ſagt: ſie war eine Nachahmung der edlen, altfranzöſiſchen Galan⸗ texie bei den Maͤnnern, und des kuͤhnen, alt⸗ ſpaniſchen Heroismus bei den Frauen; aber eine Nachahmung nur der leeren Form und aͤußern Geſtaltung, bei ganz veraͤndertem Geiſt und Sinn— das heißt, die Karikatur davon — und zwar eine recht arge, eine ausgelaſſene Karikatur. So frech entſchieden das ſcheint, ſo leicht iſt es zu erweiſen. Anna's Regentſchaft waͤh⸗ rend der Minderjaͤhrigkeit des Prinzen, und der in dieſer Zeit gefuͤhrte Krieg, zeigen dieſe 6— phantaſtiſche Schoͤpfung im helleſten Lichte: ſo moͤgen denn folgende einzelne Momente vor⸗ naͤmlich aus dieſer Zeit hier aufgeſtellt werden. Frankreich feufzete damals unter offenbarer Anarchie: aber in dieſer Anarchie war Syſtem, und in dieſen Seufzern Geſchmack. Man verlor Kopf und alles, nur nicht die beliebte Methode. Dieſer Methode gemaͤß vermiſchte man, und behandelte ohngefaͤhr mit gleicher Wichtigkeit, theatraliſche Harlekinaden und blutige Feldſchlachten, Vaudevilles und Ver⸗ ſchwoͤrungen, Serenaden und Hinrichtungen. Alles das wurde von Weibern uͤberdacht, von Weibern geleitet, von Weibern entſchieden. s gehoͤrte zum Ton, daß jede ſchöne Dame foͤrm⸗ lich zu einer Hauptpartei des Hofes oder ſeiner Gegner, zu einer Hauptpartei der geſetz⸗ gebenden oder verwaltenden, der diplomatiſchen oder kriegfuͤhrenden Gewalten uͤbertrat, und de⸗ ren Abzeichen oͤffentlich zur Schau trug. Jede Dame von Anſehn mußte, wenn ſie bei Ehren bleiben wollte, in unaufhoͤrlicher gewaltſamer Spannung, mußte in geheimer, doch unver⸗ kennbar zu Tage gelegter Thaͤtigkeit fuͤr Poli⸗ 7 tik oder Militaͤr ſeyn— mußte wenigſtens in ſolcher Spannung und Thaͤtigkeit zu ſeyn ſchei⸗ nen; jede mußte auf verborgene, große Ope⸗ rationen ſinnen, geheime Korreſpondenzen fuͤhren, Parteien machen und Parteien verfolgen— oder mußte wenigſtens gewichtigt thun und die Figur von alle dem nachmachen. Damen ſtellten die Verſammlungen der pedeutendſten Maͤnner an, worin wirklich uͤber die wichtigſten Angelegenheiten Europa's ent⸗ ſchieden wurde; und zwar wurde da ohngefaͤhr mit gleichem Ernſt, mit gleicher Ausfuͤhrlich⸗ keit, und mit gleicher Unwiderruflichkeit uͤber dieſe Angelegenheiten entſchieden, wie uͤber die breiten, langweiligen, widerhaarigen Romane jener Zeit. Solche Berathſchlagungen gehoͤrte ſich's, immer zur Nacht anzuſtellen. Ohne Madame im Bette oder Madame im Armſtuhl ging's gar nicht in der Rathsverſammlung. Madame hatte den Vortrag, ob mit dieſer oder jener Macht unterhandelt oder gefochten werden, ob man dem Hofe entgegentreten oder ihn unterſtuͤtzen ſolle; die Helden und Staats⸗ maͤnner gaben ihre Stimmen: Madame ſam⸗ 8 melte ſie bedachtſam, zog das Reſultat und dabei blieb's. Welchen weiten Spielraum hier oftmals geheime Schwachheiten bekamen, wie oft das Wohl und Wehe einer Provinz um einer verliebten Grille willen beſtimmt wurde, bedarf keiner weitlaͤuftigen Auseinanderſetzung. Es war ja in der Ordnung, es war Rechtens — die Liebe, wirklich gefuͤhlt oder nur vor⸗ gegeben, ſollte den Vorſitz bei allen Ver⸗ handlungen haben. Es ſollte ausſehen, als waͤre wirklich 1 3 Die alte Zeit zuruͤckgekehrt,“ Wo zarte Minne herrſchte, wo die Liebe Der Ritter große Heldenherzen hob, und edle Frauen zu Gerichte ſaßen, Mit zartem Sinne alles Feine ſchlichtend— nur daß ſich die damaligen edlen Frauen mit dem Schlichten nicht viel abgaben, ſondern mehr mit dem Verwirren. Dieſer vom Gluͤck eben jetzt beguͤnſtigten Rivalin mußte ein An⸗ beter entriſſen werden; damit dies mit gehoͤri⸗ gem Anſtande bewirkt wuͤrde, und zugleich deſto tiefer verwundete, mußte er freiwillig 2 . 9 gehen; damit er freiwillig ging, mußte er ein glänzendes Kommando bekommen, und damit er mit dieſem lange genug außenblieb, mußten die angebotenen Friedensunterhandlungen mit dem Feinde des Vaterlands oder mit der Ge⸗ genpartei im Innern des Reichs abgebrochen 4 werden. Sonach verkuͤndigte eine Revolution in dem Herzen einer Dame faſt auch immer eine Revolution in den Angelegenheiten des Reichs—— Vielleicht haͤlt man dieſen Grundriß des poſſenhaſten, karikirten Trauerſpiels ſelbſt fuͤr poſſenhaft und karikirt; darum moͤgen aus den hier nur allzureich fließenden Quellen der Ge⸗ ſchichte auch manche einzelne Facta geſchoͤpft und mitgetheilt werden. Jede Dame von Gewicht hatte ühr Depar⸗ tement, hatte ihr Reich, wo ſie regierte. Dieſe Worte ſind Kunſtausdruͤcke, die, in ihrem eigenen, pikanten Sinn, bis in die gewoͤhnliche Sprache feiner Zirkel ſogar aufgenommen waren. So wurde der Herzog von Beaufort regiert von der ſchoͤnen, glaͤnzenden Montbazon; der Herzog von Rochefoucault von der geiſtreichen 1 10 Longueville; der große Conde von der Chatillon, und, bei ſeiner Unbeſtaͤndigkeit, noch von man⸗ cher andern; Orleans von der liebenswuͤrdigen, frommen Sanjou; Bouillon, um durch das Ungewoͤhnliche noch mehr hervorzuſtechen, von ſeiner— Frau. Andere, wie die beruͤhmte, leidenſchaftliche Thevreuſe, uͤberließen ſich, frei und unverholen, dem Mannichfaltigen— in der Liebe, wie in der Staatsverwaltung; und die geiſtreiche, ſeelenvolle Prinzeſſin von der Pfalz, wechſelsweiſe Conde“s Freundin und Gegnerin, ſein Spielzeug und ſein Spieler, trieb es in beiden Hinſichten noch weiter. In dieſer Maͤnner Haͤnden waren damals, wie bekannt, die wichtigſten Angelegenheiten des Reichs, ja auch mancher andern Staaten, und vermißt man unter den bedeutenden Maͤnnern jener Zeit und jener Regentſchaft hier noch manche, ſo iſt das, kaum Einige ausgenommen, nur darum, weil ich die aufbehaltenen Liſten nicht mit diplomatiſcher Weitlaͤuftigkeit vorlegen will. Alle dieſe gegenſeitigen Verhaͤltniſſe, Ver⸗ bindungen, Intriguen und Parteien wurden 11 nun nicht etwa im geheim geſchloſſen, und im geheim fortgefuͤhrt: ſondern jedermann wußte ſie, und blickte mit einer Art reſpectuoͤſer Scheu hinauf. Die Hauptperſonen, beſonders die Damen, thaten ſie ſelbſt, durch oͤffentliches Hervortreten in dieſer oder jener Geſellſchaft, der Welt kund; man wollte ſie bemerkt, woll⸗ te ſie beobachtet haben; man prunkte damit— es gehoͤrte zum großen, vornehmen Leben, zum Wohlſtand, zum Unentbehrlichen in bedeutenden Verhaͤltniſſen— ſo gut, wie der Reifrock am Gallatage, oder die, die Partei oͤffentlich an⸗ kuͤndigende, bunte Scherpe an der Spitze des Regiments, oder auch die lyriſche Miſchung von Helmen und Violinen,*) von Kuͤraſſen und Federn, wohl gruppirt, in den Prunk⸗ zimmern. An der Spitze des Regiments, ſagt' ich: und auch das iſt keineswegs Meta⸗ pher oder Floskel. Die Damen traten feierlich, 2) Die Violine war damals den feinen Frauen, was ihnen jetzt die Guitarre in Deutſchland, die Harfe in Frankreich und England iſt. — 12 am Arm ihrer Feldherrn unter die rauhen Krieger; halfen in der That und Wahrheit muſtern, und hatten, wie bei jenen Staats⸗ verſammlungen im Bette, ſo im Kriegsrath hinter den Trommeln, das Praͤſidium. Es war, um auch hier nur einiges Einzelne auf⸗ zuzaͤhlen— es war ein eigenes Regiment er⸗ richtet unter dem Namen: Regiment der Ma⸗ demoiſelle, und dies Regiment hieß nicht nur ſo, ſondern war wirklich, was es hieß. Alle bedeutenden Chargen darin waren von Damen bekleidet, und jede von ihnen hatte einen Mann nur zur Seite. Auch andere hohe mi⸗ litaͤriſche Poſten, beſonders in geheimer oder oͤffentlicher Oppoſition gegen den Hof, wurden mit Weibern beſetzt, die dann ihre maͤnnlichen Gehuͤlfen waͤhlten, und oͤffentlich als ſolche auffuͤhrten. Der Bruder des Koͤnigs ſelbſt ſchrieb an die Damen, die ſeiner Tochter nach Orleans gefolgt waren, woͤrtlich alſo: An Mesdames, die Feldmarſchalinnen, Generalin⸗ nen, Oberſtinnen u. ſ. w. in Dienſten bei der Armee meiner Tochter gegen Mazarin. Und zwar— ich wiederhol' es— das alles hieß £ 21 13 nicht nur, ſondern war ſo; die Damen verrich⸗ teten wirklich den Dienſt, und namentlich die Tochter Orleans, Prinzeſſin von Montpenſier, die alle den Muth, alle die Bravour beſaß, die ihrem Vater fehlte, fuͤhrte zwiſchendurch wahre Heldenthaten aus. Sie hatte z. B. die Mauern von Orleans ſchon faſt erſtiegen, als die Maͤnner in der Stadt noch feſtſaßen und rathſchlagten, ob es wol recht und klug waͤre, ſie mit ihrem Heer einzulaſſen. Waͤhrend her⸗ nach der große Conde’ gegen den nicht minder großen Tuͤrenne in der St. Antons⸗Vorſtadt von Paris heldenmuͤthig focht und ſich mit Ruhm bedeckte, gab ſie in der Stadt ſelbſt alle noͤthigen Verhaltungsbefehle, da ſonſt Je⸗ dermann den Kopf oder den guten Willen ver⸗ loren hatte, und was damals kein Befehl, keine Erinnerung an die Pflicht des Gehorſams aͤber das Volk vermocht haͤtte, das ſetzte ſie durch, indem ſie dieſem zu imponiren und ſeine Galanterie zu reizen wußte—— Daß aber neben Eine ſolche Heroine hun⸗ dert Aeffinnen traten, konnte nicht fehlen; und dadurch wurde eben das Romantiſche in dieſem . 14 Spiel zur Karikatur. Um dieſe zu vervoll⸗ ſtaͤndigen, mußte man auch von der Andacht, Religioſitaͤt und Gottergebenheit, die ehemals das Mitttelalter erhob, kraͤftigte und begluͤckte, die Figur annehmen. Auch dies verabſaͤumte man nicht, und es kam hier etwas, wo moͤg⸗ lich, noch Grelleres und Schneidenderes zu Stande. Mademoiſelle ſegnet die Ihrigen ein, ehe ſie wieder einen Streich der Empoͤrung verſuchen; Mademoiſelle reiſet nicht ab zur Vollfuͤhrung ihrer Raͤnke gegen den Koͤnig, ohne zuvor Meſſe gehoͤrt, gebeichtet und das Abendmahl empfangen zu haben. So wenig ſie, waͤhrend des von ihr gefuͤhrten Buͤrger⸗ kriegs zu Orleans eine gegebene Parole ver⸗ gißt, ſo wenig vergißt ſie ihren Abendſegen taͤglich in der Kapelle abzubeten. Die feſtge⸗ ſetzte und oͤffentlich angekuͤndigte Ordnung des Tages will, daß Mademoiſelle allezeit, wenn ſie aus der Meſſe koͤmmt, den Aufruͤhrern ſolenne Audienz giebt. Die Damen von Ton beſuchen des Abends nicht mehr die Schau⸗ ſpielhaͤuſer, ſondern die Kloͤſter. Die meiſten laſſen ſich in irgend einen Orden einſchreiben— 15 beſonders die Hofdamen, bel denen der Orden der Karmeliterinnen vom feinſten Geſchmack iſt. Mit alle dem glaubte man nun die alte ſchoͤne Ritterzeit, vorzuͤglich aber die heroiſche kaſtilianiſche, vollkommen wiederhergeſtellt, und obendrein ſie durch Verfeinerung veredelt zu haben. So weit die franzoͤſiſche Lebhaftigkeit und die Mode es zuließ, wurde deshalb nun auch alles ſpaniſch: Taͤnze und Kriegsuͤbungen, Romane und Ausforderungen, Schauſpiele, Mondſchein⸗Intriguen, Verkleidungen, Ent⸗ fuͤhrungen, geſellſchaftliche Gebraͤuche, Sere⸗ naden— alles, alles wurde ſpaniſch. Es ging gar nicht anders, man mußte von einer leiden⸗ ſchaftlichen Liebe verzehrt werden, oder darnach ausſehen; man ſchaͤtzte ſichs zu Ehr' und Ruhm — und die Maͤnner blieben darin nicht hinter den Damen zuruͤck. Ihre Thaten wollten ſie durchaus fuͤr dieſe oder jene Herzenskoͤnigin gethan haben, ſie kuͤndigten ſie ſelbſt als ſolche, als Opfer an, der Schoͤnheit dargebracht, als bloße Schuldigkeit gegen dieſe. Sie ließen ſich, zogen ſie in Gefahren und Schlachten aus, wie der alte Kaſtilianer, ein Armband, ein 16 ſuͤßes Blaͤttchen ſchenken, behandelten dies mit pathetiſcher Ernſthaftigkeit, trugen es oͤffentlich zur Schau, und nicht ſelten half es wirklich uͤber die wichtigſten Angelegenheiten entſcheiden. Der beruͤhmte Herzog von Rocheſoucault ſagte ſelbſt, und machte auch ſelbſt in einem bekann⸗ ten Gedichtchen an die ſchoͤnen Augen der Frau von Longueville bekannt: 44 Euch, ihr ſtolzen zu beſtegen, Mußt' ich Koͤnige bekriegen; Schoͤnes Herz, dich zu erringen, Haͤtt' ich Götter ſelbſt bekriegt. Auch der große Tuͤrenne verheimlichte es nicht, daß er, dieſer ſchoͤnen Frau zu Gefallen, gern ſein Heer im Elſaß gegen den Koͤnig ver⸗ fuͤhrt haͤtte; ſo wie der weltberuͤhmte Conde“ nach einer Galanterie jener Tochter Orleans, denſelben Hof oͤffentlich verhoͤhnte, den er ſo eben erſt heldenmuͤthig gerettet hatte. Selbſt die Koͤnigin hatte ihren oͤffentlich erklaͤrten Ritter: der Herzog von Bellegarde war dies. Um als ſolcher bei Uebernahme des Kommando's vor der Armee auftreten zu koͤnnen, reichte er — 17 ſeiner Gebieterin in der feierlichen Abſchieds⸗ audienz knieend ſeinen Degen, und beſchwor ſie, zum Beweis ihrer Gunſt, das Gefaͤß deſſelben zu beruͤhren. Die Koͤnigin vollbrachte dieſe große That: der Marſchall kuͤßte das Schwerdt mit vielen Ceremonieen, ging darauf pathetiſch ab, und nun konnt' es ihm nicht fehlen. Ein Herr von Chatillon trug in den Schlachten des Buͤrgerkriegs ſogar oͤffentlich ſeiner Freundin, einer Fraͤulein Guerci, Strumpfband als Amulet um den Arm.— Dieſer Geiſt, dieſer Sinn, dieſer Geſchmack gab nun auch dem damals neuerwachenden Geiſt der Poeſie in Frankreich eine eigene, und zwar die Richtung, die ihm faſt durch das ganze, ſogenannte goldene Zeitalter franzoͤſiſcher Literatur geblieben iſt. Am klaͤrſten zeigt ſich der entſcheidende Einfluß dieſes Geiſtes, dieſes Sinnes, dieſes Geſchmacks in den Werken des eben damals ſich ausbildenden Corneille; und hier zeigt er ſich am glaͤnzendſten und ſchoͤnſten, denn hier ſtrahlt er gereinigt, ver⸗ edelt, verherrlicht zuruͤck, aus einer wahrhaft großen Seele und einem wahrhaft poetiſchen Selene VII. Heft. 2 18 Charakter. Der Wirklichkeit am getreueſten und am vollſtaͤndigſten ging dieſer Geſchmack aber in die damaligen Romane uͤber; und hier wuͤrde er auch am poſſirlichſten erſcheinen, wenn Langeweile nicht jeden Scherz erdruͤckte. Alle dieſe Romane gleichen naͤmlich einander im Stoff, und noch mehr in der feſtſtehenden Nanier, wie Strohhalme; man koͤnnte ſie nach Recepten verfaßt nennen. Hier findet ſich am klaͤrlichſten dargeſtellt, wie die große, vornehme und elegante Welt damals wirklich zu erſcheinen beſtrebt war. Die außerſt dickleibigen und baͤndereichen Werke nehmen gar kein Ende, wie die Liebe damals kein Ende nehmen ſollte; ſie ſind ſtrotzend von Pathos, ſind ſauer vom Ernſt, gerade wie damals auch die Liebe ange⸗ ſehen zu ſeyn wuͤnſchte. Man findet in ihnen ein unſaͤgliches Gewirre der wunderlichſten Aben⸗ teuer: es wurde ja vorausgeſetzt, die Liebe mache auch im Leben die Leute immer etwas verruͤckt, wenn ſie nur ernſtlich waͤre; ganze Alphabete ſind angefuͤllt mit gelehrten Discuſ⸗ ſionen uͤber das eigentliche innere Weſen und den politiſchen Werth der Zaͤrtlichkeit und der 19 Galanterie, ſo wie mit caſuiſtiſchen Spitzfin⸗ digkeiten uͤber die allerſeltſamſten Moͤglich⸗ keiten in Herzensgeſchichten: es war ja Zaͤrt⸗ lichkeit und Galanterie im Leben ſelbſt zu einer gelehrten Wiſſenſchaft und erlernbaren Kunſt geworden, die ihre allgemein zugeſtandenen Grundſaͤtze, ihre ſichere Methode, ihre gemein⸗ guͤltige Terminologie— ja man moͤchte ſagen, ihre ſyllogiſtiſchen Formen und Figuren hatte— Und was brachten denn nun endlich dieſe abentenerlichen Miſchungen der Extreme, dieſe unbegreiflichen Widerſpruͤche fuͤr Frankreich— was brachten ſie fuͤr die Welt hervor? Ludwig den vierzehnten!— R. 9 n ⸗Geduld. Harchi welch ein klagender, ſchmetzlicher Klangt kommt her aus der Ferne gezogen?— er toͤnt von dem einſamen Felſenhang, rauſcht 14 vom Kaheſtade der Wogen: „Was wendeſt du, Sonne, den Fralenden Lauf? was weht ihr Luͤfte gelinder? was ſteigſt du, holdlaͤchelnder Fruͤhling, herauf, zu wecken die ſchlummernden Kinder? Du weckſt mir die ſchlummernde Liebe doch nicht aus dem dunklen, naͤchtlichen Grabe, und das Gras, das jung aus dem Huͤgel bricht, iſt der Lieblichen einzige Gabe. Was blickeſt du, Mond, zu dem oͤden Strand, auf des Schiffes zertruͤmmerte Splitter? Einſt hatteſt du doch dein Geſicht gewandt und verhuͤllt in ſchwarze Gewitter. Du entzogſt der bedraͤngten Liebe den Schein, gabſt die Fluͤchtgen den tobenden Wellen. O Menſchen, o Sterne, ihr freut euch der Pein, wollt das Leid noch feindlich erhellen!“ Da ſank der Verlaßne aufs huͤgliche Grab, verzweifelnd in toͤdtlichen Qualen, und lichthell ſchwebt' es vom Himmel herab, wie des Mondſcheins ſilberne Stralen. Und gleich des Himmels Engeln ſchön, mit blaſſen Lilienwangen, ſenkt ſich ein Bild aus Sternenhöhn, vom Lichtgewand umfangen. Des Augs ſanftblickend Laͤcheln ſchien mit Thraͤnen mild zu ſtreiten, und leiſe glitt die Hand dahin auf bebend goldne Saiten: „Vom Vater bin ich ausgeſandt, den leiderfuͤllten Kindern mit Troſt aus uͤberirdſchem Land des Lebens Schmerz zu lindern. 22— Noch hielt des Schickſals Hand der neu entſtandnen Welten Looſe, da rief mich heilges Glaubens Treu aus ew'ger Liebe Schooſe. Gefuͤhrt vom Frohſinn junger Luſt, geſchmuͤckt mit Roſenkraͤnzen, der nahen Gotter nur bewußt, ſollt' ich als Hoffnung glaͤnzen. Doch bald entfloh das ſchoͤne Gluͤck; in lichterfuͤllte Fernen trat heilig jeder Gott zuruͤck, lebt' ewig uͤber Sternen. Da ſchwebt' auch ich zum Sternenheer, die Bruſt voll tiefer Wunden, denn auf der Erde ward nicht mehr der Hoffnung Raum gefunden. Dort nahte mir des Vaters Huld, der Mutter ſuͤße Liebe, und wiederkehrt' ich als Geduld, daß Troſt den Menſchen bliebe. — 23 Denn auf der dunklen Erde nicht wohnt Gluͤck, das niemand raubet, hoch oben ſtralt's, wie Sternenlicht, dem Geiſt, der liebt und glaubet.“ Sie ſprach es und hoch zu den Sternen hinan erhoben ſie himmliſche Stralen, und der Jüngling ſchaute die leuchtende Bahn⸗ ihm ruhten im Herzen die Qualen. Und weit aus zog er ins heilige Land, geleitet vom Pilgerſtabe, heimkehrend ruht' er am Meeresſtrand, und erblaßt' auf dem theuren Grabe. A. A. r* Anton war mir der liebſte meiner Jugend⸗ freunde. Die andern Juͤnglinge nannten ihn den ehrlichen Grillenfaͤnger, und er zog ſich von ihnen zuruͤck: ich nannte ihn den huͤb⸗ ſchen, und er ſchloß ſich an mich an. Er war beydes, aber— die Menſchen wollen ſchon fruͤh weit lieber klug, als ehrlich ſcheinen, ſagt Rouſſeau, und ſchließt daraus auf die Erbſuͤnde; die Menſchen wollen ſchon fruͤh weit lieber huͤbſch, als ehrlich heißen, ſag' ich, und ſchlie⸗ ße daraus auf die Erbthorheit.— Wenn ich nicht irre, Freund, ſagte ich einſt zu Anton; enn ich nicht irre, ſo gehſt du ſeit einiger Zeit nicht nur, wie ſonſt, auf den lieben Grillenfang, ſondern biſt wirklich ungluͤcklich— Du irreſt nicht, antwortete er, und ſchlug die dunkeln Augen recht ſchoͤn zum Himmel auf; ich bin ungluͤcklich— o ich bin es ſo ſehr! ſo ſehr! 8 4 25 Warum aber? Du biſt jung, biſt ge⸗ fund... 3 n O ja doch, das bin ich: aber arm bin ich auch! Gedruͤckt von Sorgen, umgeben von Menſchen, die ihren Ueberfluß eben ſo wenig verdienet haben, als ihn zu benutzen wiſſen, be⸗ raubt aller Bequemlichkeiten und Annehmlichkei⸗ ten des Lebens: ſag', wie kann ich anders, als ungluͤcklich ſeyn? Und doch kenneſt du ſelbſt gewiß Menſchen gnug, die in eben den Verhaͤltniſſen, und doch recht froh und gluͤcklich ſind! Ganz gewiß; aber haͤngt denn Gluͤck oder Ungluͤck vom Raiſonnement ab? Das Herz, das Herz ſchafft beydes! Fuͤhl' ich mich un⸗ gluͤcklich, ſo bin ichs, und nenne man mein Gefuͤhl eingebildet, oder wie man ſonſt will. Beyſpiele taugen hier nichts; uͤber ſein Gefuͤhl kann jeder nur ſelbſt urtheilen, und oft verbirgt ſich unter lachenden Mienen das kummervollſte Herz. Uebrigens behaupt' ich auch nicht, daß nicht viele, hoffentlich ſehr viele, bey Armuth froh und gluͤcklich leben: nur, wer ſo iſt, wie ich— ſo organiſirt und gemiſcht, ſo erzogen 26— und gewoͤhnt, nur der, behaupt' ich, muß un⸗ 4ℳ gluͤcklich ſeyn, wenn er arm iſt. So waͤre das Gluͤck einer trefflichen Men⸗ ſchenart vom Reichthum abhaͤngig: bedenke, welch ein Vorwurf fuͤr die Natur! Gar keiner! Wo haͤtt' ich des Reichthums gedacht? Reichthum wuͤrde mich, wie ich nun bin, vielleicht noch ungluͤcklicher machen; aber ein maͤßiges Eigenthum, das mich ohne Sor⸗ gen, ohne Abhaͤngigkeit, ohne Zwang fuͤr mei⸗ ne unſchuldigen Neigungen leben ließ— das— folglich eben, was die Natur einem jeden goͤn⸗ net und einem jeden bereitet hat, wenns nur die Menſchen an ihn kommen ließen— das, eben das wuͤrde mich gluͤcklich machen, wuͤrde alle meine Wuͤnſche ausfuͤllen—— Ich wußte hierauf nicht viel Kluges zu er⸗ widern; mir ſchien's, als habe er nicht un⸗ recht, und doch auch wieder nicht ganz recht. Indeſſen ſtarb nach einiger Zeit ſein Onkel und hinterließ ihm ein artiges Landguͤtchen, wovon er wirklich ohne Sorgen, ohne Abhaͤngigkeit, ohne Zwang fuͤr ſeine unſchuldigen Neigungen 27 leben konnte. Wer war gluͤcklicher, als mein Anton!— Einige Jahre darauf beſuchte ich ihn in ſei⸗ ner kleinen Beſitzung, und fand ihn von neuem truͤb' und unzufrieden. Ey, mein Freund, rief ich; wo iſt die Heiter⸗ keit, das Vertrauen, die Lebensluſt, womit du meinen Gluͤckwunſch zur unverhofften Erbſchaft aufnahmſt? Dahin ſind ſie— dahin! antwortete er. Wahr iſt es, was dort ſteht: Die Natur iſt ewig gerechtl aber die Menſchen— ach Lieber, die Menſchen!— Betrachte nur ein⸗ mal das Naͤchſte! Das Bauernvolk, das mich umgiebt, iſt roh, iſt grob, iſt halsſtarrig; die wenigen, einigermaßen Gebildeten in der Nach⸗ barſchaft, ſind unbeholfene Eremiten, aus Stolz, aus Traͤgheit, aus Ceremonieenſucht. Muthwillige oder tuͤckiſche Jugend zertruͤmmert, womit ich mein Guͤtchen verbeſſere und aus⸗ ſchmuͤcke; meine Dienſtboten ſind ungeſchickt und faul zu allem, außer, wo ſie mich betruͤgen wollen. Ueberdies bemerk' ich jetzt nur allzuwol: man braucht, um gluͤcklich zu ſeyn, mehr, als 28 womit der aͤußere Menſch abgefunden wird. Welcher nur nicht ganz Verwahrloſete kann allein fuͤr ſich ſelbſt leben! welcher will nicht wuͤrken, bedeutend, wohlthaͤtig wuͤrken! Da⸗ zu bedarf man Einfluß; zum Einfluß, eines einigermaßen anſehnlichen, buͤrgerlichen Be⸗ rufs; dieſen zu erlangen, muß man geachtet, und um geachtet zu werden, bekannt ſeyn. Ich wollte z. B. den Landbau verbeſſern; die Bau⸗ ern erhoben Klagen aus bloßem dummdreiſten Uebermuth: meiner Gegenvorſtellungen achtete man nicht, denn ich war unbekannt und beſtritt verjaͤhrtes Herkommen. Ich verſuchte die Ju⸗ ſtizpflege zu reinigen; die Herren gaben mich als unruhigen Neuling an: meiner Vertheidigung trauete man nicht, denn man wußte nichts von mir und ich beſtritt den Schlendrian—— Hier ſchien mir's nun wieder, als habe mein Freund nicht unrecht, und doch auch nic recht; das aber ſiel mir ziemlich f ver aufs Herz, daß doch die Guͤter dieſer Welt ſich ſo ganz anders ausnehmen, je nachdem man ſie in der Naͤhe oder in der Ferne betrachtet. Mei⸗ nen verſtimmten Anton auf etwas anderes zu 29 leiten, fuhr ich fort: Nun, du ſchriebſt aber auch... 88 Ich ſchrieb, fiel er mir ein; ja ja, ich ſchrieb, und kam aus dem Regen unter die Traufe! Meine wiſſenſchaftlichen Buͤcher las Niemand, außer den Recenſenten, die einander zwar in allem widerſprachen, aber doch in dem Einen nicht: alles das wuͤrden Andere— jeder meinte ſich— weit beſſer machen. Jetzt ſchrieb ich, Menſchen nicht gemeiner Art zu un⸗ terhalten und zu erfreuen. Es war aber ein⸗ mal ein boͤſes Vorurtheil von jenen Herrn an meinen Namen geknuͤpft; die Heroen unſrer Li⸗ teratur bekuͤmmern ſich faſt nur um ihre SSn Arbeiten, dadurch bekommen unwiſſende Se rey⸗ haͤlſe Raum, und dieſe wollten ſich durch Ge⸗ kreiſch uͤber meine Werkchen ein Gewicht geben. Wo ich allein ſtand, ſchrien ſie: das iſt un⸗ reifes, geſuchtes, bizarres Zeug! wo ich mit Andern in Zufaͤlligem zuſammentraf: das iſt wieder einmal leere Nachahmerey. Was man im gemeinern Sinn das Publikum nennt, und was am Ende doch uͤber die Schickſale deut⸗ ſcher Buͤcher und deutſcher Schriftſteller 30 entſcheidet— wenn dies auch, wie die Beſſern, jene Schreyhaͤlſe verachtet, ſo ſchließt es doch zu⸗ gleich, wie die Frau Gevatterin von der Frau Gevatterin... Und wie ſchließt dieſe? Sie iſt zwar eine Laͤſterzunge, ſchließt ſie; aber ganz kann ſie doch ihren Geifer nicht aus den eigenen Fingerchen geſogen haben! Und ſo bleibt die Wirkung faſt dieſelbe, als ob ſie Ev⸗ angelien verkuͤndigt haͤtte.— Ich kann es nicht leugnen, auch hier ſchien mir Anton, zwar nicht ganz recht, aber doch auch nicht ganz unrecht zu haben, und bis ich beydes ſchaͤrfer wuͤrde ſondern koͤnnen, verlor ich mich, wie die Hiſtoriker in gleichen Fallen, in allgemeinere Bemerkungen. Nichts iſt wol ſchwieriger, fand ich, und nichts erfordert mehr innere Kraft und Lebensfuͤlle, als gerade, was man fuͤr das Leichteſte und Bequemſte zu halten pflegt— ein ganz freies, ſorgloſes Leben auf die Dauer wuͤrdig und gluͤcklich zu fuͤhren! Eben darum, fuhr ich fort, beduͤrfen auch bei weitem die meiſten Menſchen aͤußerer S kungen und Banden; wuͤnſchen ſie au) wol 31 ſehnſuͤchtig, in Stunden, wo ſie ſich ſelbſt klar werden und aufrichtig mit ſich ſelbſt umgehen. Sollte nicht Anton auch unter dieſe gehoͤren? Wir wollen ſehen! Ich ſchlug nun dieſe Saite, und anfaͤnglich recht leiſe, an, indem ich fragte: Vielleicht waͤ⸗ re fuͤr dich ein Amt... 1 Aber er fiel mir gleich mit vollem Accorde hell ein: Freilich ein Amt! ein Amt! Nun, ſo ſuch' es— Ja, ſuchen koͤnnt' ichs wol, aber nicht fin⸗ den! Den Herrn, von welchen ichs bekommen muͤßte, bin ich ein Muͤßiggaͤnger, ohngeachtet ich mehr arbeite, als ihrer ſechs zuſammenge⸗ nommen; ein Ruheſtoͤrer, ohngeachtet ich ſelbſt vor dem Baume in großen Bogen auf den Ze⸗ hen vorbeyſchleiche, wo ein Vogel niſtet; ein Kluͤgling, ohngeachtet ſelbſt meine Natur mich zwingt, an allen Menſchen und ihren Werken nur die gute Seite heraus zu heben, die uͤble auf ſich ſelbſt beruhen zu laſſen—,— Ich ſprach ihm Muth ein, ich gab ihm an⸗ dere Wege an, als er bisher verſucht hatte, und war wirklich ſo gluͤcklich, in kurzem zu Efahren. 9 32— er habe ſeine Abſicht erreicht. Wie entzuͤckt dankte er mir, mit welchen ſchoͤnen Hoffnungen, mit welchem redlichen Eifer begann er endas W3 abertragene Geſchaͤft!— 6A nNat Ein Jahr darauf beſuchte ich ihn, und ſan ihn ſtiller und ſchwermuͤthiger, als jemals. Wie, lieber Freund, ſagte ich; du beſitzeſt dein Guͤtchen, du haſt Sitz und Stimme im Collegium, und haͤngſt doch den Kopf, wie eine angeſtochene Roſenknospe? Iſt das recht? iſt es vernuͤnftig und weiſe? 3 Ich fuͤrchte, nein! Ich mache mir Vor⸗ wuͤrfe daruͤber, und ſtimme mich, ſelbſt durch dieſe Vorwuͤrfe, nur noch tiefer herab. Du wuͤnſchteſt ſo eifrig... Ach, der Menſch wuͤnſcht oft, was er nicht ſollte! unterbrach er mich. Wahr! o vollkommen wahr! rief ich. Jetzt guter Freund, faͤngſt du an zu raiſonniren, wie es ſeyn ſoll! Fahre fort, auf dieſem Wege fahre fort, und du wirſt bald aufhoͤren ungluͤck⸗ lich zu ſeyn! So? Nun— die Kur ſcheint wangfn ſehr langſam anzuſchlagen, Ich raiſonnire und 33 argumentire von fruͤh bis in die Nacht, und bleibe doch ungluͤcklich, nach wie vor. Du haſt den aͤußern Widerſtand noch nicht in der Gewalt! Vielleicht dein Amt... Freylich ſind die mir dabei Untergeordneten bloße Schlendriansmenſchen, die uͤber ihrem ewigen Einerlei zugeſetzt haben, was ihnen von Gott an geſundem Verſtand' und Menſchenſinn verliehen worden; fahren auf dem Suͤnden⸗ bock vor dem Schreibpult vor Angſt herum, als waͤr' er ſtoͤßig und voll Mucken, ſobald ſie nur ein anderes Urtheil hoͤren, als es gerade jetzt hier officiel iſt; gleichen der Schnurre des Nacht⸗ waͤchters, die ewig in demſelben engen Kreiſe eintoͤnig knarrend um die Spindel laufen oder ganz ſtillſtehen muß;— freilich haben ſich mei⸗ ne Vorgeſetzten, vor deren Geiſt' und Bildung ich uͤbrigens allen ſchuldigen Reſpekt habe, noch nicht die Muͤhe genommen, uͤber mein Geſchaͤft ſich beſtimmt unterrichten zu laſſen, haben auch wirklich ſelten Zeit und noch ſeltner Luſt dazu; und da ſie nun gleichwol glauben, es gehoͤre doch einmal dazu, die Arbeiten der Untergebe⸗ nen zuweilen rundweg zu verwerfen und anders Selene VII. Heft. 3 34 anzuordnen, bleibt mir allerdings oͤfters nichts, als die Grillen ſtatt der Vernunft, das Her⸗ kommen ſtatt der Einſicht auszupraͤgen;— freilich wuͤrde ich dir auch ſogleich recht geben muͤſſen, wenn du mir anfuͤhrteſt, ſo gehe es allen Geſchaͤftsleuten, wuͤrde ſogar ohne alle Heuch eley hinzuſetzen, daß ich es wirklich nicht beſſer haben wolle, als ſie... Gut! brav! nun das lange genug vorbe⸗ reitete Aber! ... Daß ich auch von der Schwaͤrmerei zuruͤckgekommen ſey, alles, was mir als gut erſcheint, alles auf einmal, alles auf dem We⸗ ge, den ich fuͤr den kuͤrzeſten und zweckmaͤßig⸗ ſten halte, ausfuͤhren zu wollen.. Immer beſſer deine Sache, wie immer laͤnger deine Periode! „Alles ſei recht, was du thuſt, doch dabei laß es bewenden, Freund, und enthalte dich ja, alles, was recht iſt, zu thun⸗— Nun das Aber! das Aber! Aber— fuhr er fort und ſammelte wieder Athem— es leuchtet auch von ſelbſt ein, daß 35, * ſolch ein Leben ein ſteter Kampf iſt, und ein innerer Kampf, der nicht ſtaͤhlt, ſondern auf⸗ reibt. Das innerſte Weſen fordert unabweis⸗ lich— nicht Vergeltung, auch nicht eben Er⸗ ſatz, aber irgend etwas, das jenem buͤrgerli⸗ chen Treiben entgegenſtehet, ihm das Gleichge⸗ wicht haͤlt; irgend etwas, das nach dem Kampfe Ruhe, nach dem Verleugnen freie Hingebung, nach dem Abmuͤhen Staͤrkung, nach dem Ver⸗ druß Freude gewaͤhrt, das das Herz beſchaͤftigt, Genußfaͤhigkeit erhaͤlt, die Hoffnung neu belebt, und mit demſelben Bande an das irdiſche Leben kettet, mit welchem es dies an ein hoͤheres knuͤpft. Sag' ichs doch: immer beſſer, immer beſ⸗ ſer! rief ich vergnuͤgt. Aber du, du warmes, herziges Weſen, eben du haͤtteſt nirgends ge⸗ funden, was du hier ſo lebhaft und treffend beſchreibſt? Sieh, wie ſich deine Wange faͤrbt, und deine blitzenden Augen feuchtet eine Thraͤ⸗ ne! Du, du haͤtteſt nirgends gefunden— 2 Mein Haus iſt oͤde und einſam— ſagte er ſehr ſchwermuͤthig. Das war ein Wort! Du liebſt! Gott ſei Dank! rief ich noch vergnuͤgter. 36 Ja, ja, ich liebe! brach er heftig aus. Und nun folgte eine Schilderung ſeines Maͤd⸗ chens, die mich vollkommen uͤberzeugte, es ſei ihm hoher Ernſt um dieſe ſeine Zuneigung. Ich bleibe bei meinem heutigen Refrain: beſſer, und immer beſſer! rief ich. Wie? fiel er mir faſt feyerlich ein. Immer beſſer? Und eben dieſe, ſo oft und ſo verge⸗ bens bekaͤmpfte Liebe macht mein Ungluͤck? Wier heißt dich denn bekaͤmpfen? Heira⸗ then heiß' ich dich! Heirathen?— Ja ja! es hilft— es hilft wahrhaftig! Du kannſt ſcherzen, und ich bin ſo bewegt! Meine Liebe wird nicht erwidert— Und du haſt deine Herzenspein geſtanden? Ei ſs muͤßte ja der boͤſe Feind ſein Spiel haben... Geſtanden— nun, mit Worten wagt' ichs freilich noch nicht: aber mit Blicken, mit tau⸗ ſend Blicken— Und ſie blickte nicht wieder? Nein, immer Nein, ſagten ihre Augen— Ging's mit Blicken nicht— gieb Acht— ſo gehet's mit Worten. Nur Geduld! Auch 37 den Demant weiß man jetzt zu ſchmelzen. Und kenn' ich denn den demantenen Engel?— Er zog mich geheimnißvoll an die Seite und fluͤſterte mir, unter dem Siegel der heilig⸗ ſten Freundſchaft, den theuren Namen zu. Wie? rief ich vor Freuden uͤberlaut. Bet⸗ ty? meine allerliebſte Freundin und Nachbarin? Nun, beſſer konnteſt du nicht waͤhlen! und gerade fuͤr dich iſt ſie geſchaffen! gerade fuͤr dich! Laß mich machen! Du ſollſt ſie ſprechen, du ſollſt... Nun, du wirſt hernach ſchon weiter ſorgen—— Er druͤckte mir die Weſtenknoͤpfe ziemlich ſcharf in die Bruſt. Ich ſchrie nicht, und that hernach, was einem ehrlichen Vertrauten zu⸗ ſtehet: in zwei Monaten waren die Leutchen Mann und Frau. Ach, ſolch ein Paradies iſt wol kaum jemals auf Erden hergeſtellet wor⸗ den—— Jetzt machte ich meine bekannte Reiſe um die Welt; und da ich mich beſonders bei den Ja⸗ paneſen und Feuerlaͤndern lang verweilete, von jenen die Art der Staatskunſt, von dieſen die Art der Sitten zu erlernen, die ſich bekanntlich 38 jetzt in den gebildetſten Reichen Europens ein⸗ zurichten ſcheinen: ſo kehrte ich erſt nach ſie⸗ ben Jahren in mein liebes Vaterland zuruͤck, die Sehnſucht der Raritaͤtenſammler, der Thee⸗ zirkel, und der gelehrten Akademieen nach alle dem Neuen, das ich mitbringen wuͤrde, zu ſtillen. Doch ja— ein Weilchen mußten ſie erſt noch warten, weil ich nicht nur Neues, ſondern auch etwas Altes mitbrachte, das mir naͤher lag— mein altes, freundſchaftliches Herz naͤmlich. Mit dieſem wandelte ich nach meines Antons Landguͤtchen, ihn daſelbſt zu uͤberraſchen. Ich ſtieg vor dem Dorfe ab, mich durch den Garten in ſein Haus zu ſchleichen. Ich fand beym Eintreten durch die kleine Pforte eine Verwilderung, die mich Wunder nahm. Faſt ſchien es, als wachſe hier nur noch, was ſich durchaus im Wachsthum nicht hindern laſſen wolle. Ich kam zu dem Geſtell, wo Anton ſonſt ſeine ſeltenen Blumen taͤglich neu gruppirte und vaͤterlich wartete: es war ganz leer und mehrere Sparren hingen abgebrochen herunter. Endlich ſah' ich ihn ſelbſt, allein 39 und ſtumm, muͤßig und gleichguͤltig unter einem Baume ſitzen, der herrlich untergehenden Son⸗ ne den Ruͤcken zugekehrt. Er ſchien ein ganz andrer Menſch; er ſahe blaß und verfallen aus, ſeine Kleidung und Haltung war laͤßig, ſeine Miene, ohne Ausdruck ſich gleichbleibend. Selbſt bei unſrer Umarmung bemerkte ich kaum eine voruͤbergehende Veraͤnderung in ſeinem Aeußern. Ich verbarg meine Bemerkungen und mei⸗ ne Sorgen. Wie gehet dir's, mein lieber Freund? fragte ich. Nicht uͤbel! antwortete er kalt und ohne Accent. 1ee Und wie iſt dir's ergangen? Leidlich. Wie es nun hergeht in der Welt! Und dein liebes Weibchen? O, um ſie ſtehet's ſehr wohl! Das freuet mich— von ganzem Herzen freuet es mich!— Hier wieß er auf eine Urne, die, nicht weit von uns, durch eine Cypreſſe beſchattet wurde. Erſchrocken blickte ich hin und las: Betty A. Sie ſtarb beim Ueberfall der Armee des Freundes. 40— 24 Ich verſtummte, die Haͤnde faltend, den Blick auf die Urne gerichtet. Wir gaben die⸗ ſen unſern Alliirten alles, was wir hatten— fuhr Anton nach einer Weile kalt ſort. Be⸗ rauſcht von meinem letzten Wein, wollten ſie mein Weib mit Gewalt zu ihrem Willen zwin⸗ gen. Sie zu befreien, verwundete ich einen der Unmenſchen. Nur durch beſondere Gnade des Fuͤrſten... behielt ich das Leben. Mei⸗ ne Habe, von meinen Gefreunden und Nach⸗ barn genau ſpecifizirt, ward preisgegeben. Meine Frau ſank von den Folgen dieſer Auf⸗ tritte nach zwei Monaten ins Grab. Ich mochte nun nicht weiter fragen. Aber mit heißen Thraͤnen mußte ich ausrufen: O ihr, die ihr den Maasſtab der Goͤtter an euch reißt, ohne mehr, als Menſchen zu ſeyn— ihr, denen Menſchen Zahlen ſind auf der alles duldenden Flaͤche der Rechentafel— ihr, de⸗ nen die Geſellſchaft der Buͤrger wie ein Hau⸗ fen emſiger Ameiſen erſcheint, den der Guts⸗ beſitzer gelaſſen und planmaͤßig zerſtoͤrt, wenn er ihm unbequem faͤllt oder ſeine Erſchoͤpfung eines Staͤrkungsbades bedarf— und, o du, dort 41 * oben im Himmel: daß auf deiner Erde ein Veſuv wuͤthen muß, wenn ein Italien auf⸗ bluͤhen ſoll... Ja, das iſt nun einmal ſo! ſagte Anton, und ſchlug gleichguͤltig die Arme in einander. Endlich ermannete ich mich, und fragte, meinen Freund von jenen Erinnerungen abzu⸗ ziehen, nach ſeinen zwei Kindern, von denen er entzuͤckt mir ſo viel Schoͤnes geſchrieben hatte. Schweigend uͤberreichte er mir eine noch unvollendete Zeichnung. In freundlicher Gegend ſahe man ein einſames, laͤndliches Haus, und dies Haus ſtand in vollem Feuer; ein Juͤngling trug ein, von Schrecken halb⸗ todtes Maͤdchen heraus, und ein Himmel von Freude glaͤnzte aus ſeinem Antlitz, indeß die Flammen rund um ihn zuſammenſchlugen; und jetzt, indem er liebevoll die Gerettete ins wei⸗ che Gras legen wollte, ſtach ihn eine giftige Natter in die Ferſe. Gott, was iſt das? rief ich, von neuem erſtarrend vor Schrecken. Meine kleine Maria bekam das Scharlach⸗ fieber, begann Anton, wieder in ſeinem kalten, 4² erſchuͤtternden Sprachtoen. Sie mußte vom Bruder getrennet werden. In allen Phantaſieen des Maͤdchens war dieſer Bruder die Hauptper⸗ ſon; das verſtaͤrkte ihre Sehnſucht nach ihm in den Stunden des Bewußtſeyns. Eine plauder⸗ hafte Waͤrterin ſagt ihm das. Er ſpricht: ich werde ſterben, aber ich muß Marien ſehen und mit ihr ſpielen! So entſchluͤpft er unſrer Ob⸗ hut, ſiehet, kuͤſſet ſeine Schweſter, ſpielt mit ihr, wird angeſteckt, und ſtirbt den dritten Tag. Aber ſie— ſie iſt gerettet! rief ich. Wo iſt ſie, die theuer Erkaufte?. Dort— ſieheſt du? dort ſitzt ſie! Unter einem herabhangenden Fliederſtrauch ſaß das fuͤnfjaͤhrige Maͤdchen— ſchwaͤchlich, kraͤnklich, aber weiß, wie Schnee, und freund⸗ lich, wie ein Engel. Sie ſpielte ruhig mit Blumen. Mit tiefer Ruͤhrung blickte ich lange nach ihr: da kamen mir ihre Bewegungen, ihr Greifen, ihr Suchen ſo ſonderbar vor; ich ſtuͤrzte hinzu: ach, das Kind war blind!— Jetzt weißt du alles, beſchloß Anton. Ein leiſer Abendwind wehete in den Zweigen des 43 Apfelbaums und beſtreuete uns mit roſenfarbenen Bluͤthen. Anton ſtäubte ſie haſtig von ſich ab und ſeine Miene ward ſehr finſter. Anton, rief ich, lieber Anton! NRicht ſo! Sieh' die ſchoͤnen Bluͤthen! Sind ſie nicht abgefallen? erwiderte er duͤ⸗ ſter, nahm die kleine Maria auf, und ging ſchweigend mit ihr in das Haus. Ich bot hernach alles auf, die Eisrinde, die ſein Herz umzogen hatte, zu brechen. Alle Verſuche, ſeinen Schmerz zum Ergießen zu reizen, waren vergebens: er hatte keinen Schmerz—; alle Verſuche, neue Wuͤnſche in ihm zu beleben, blieben umſonſt: er hatte keine Wuͤnſche mehr. Da warf ich mich in meinem Schlafkaͤmmer⸗ chen auf die Kniee und ſprach das Abendgebet: O du lieber Vater im Himmel, erhalte mir mei⸗ ne unerfuͤllten Wuͤnſche, erhalte mir meine Schmerzen, daß mit ihnen nicht auch Trieb und Luſt zum Leben aus meiner Seele verſchwin⸗ den!—— Jahre vergingen— nur wenige der Jahl, aber viele dem nach, was darin geſchahe. Die Provinz, wo ich mit Anton meine Jugend 44— verlebt hatte, ward von neuem der Schauplatz des Kriegs, und eines Kriegs, der zwar nur ſchnell, wie ein Bergſtrom, voruͤber brauſete, aber auch, wie ein ſolcher, alles mit ſich dahin⸗ zureißen drohete. Viele Einheimiſche waren ge⸗ fluͤchtet, Fremde nahmen nun ihre Plaͤtze ein— viel Gutes und viel Boͤſes war ſchnell unterge⸗ gangen, viel Gutes und viel Boͤſes ſchnell em⸗ porgekommen. Auch der arme Anton war beim Ausbruch des Ungewitters geflohen; trotz allen meinen Erkundigungen erfuhr ich durchaus nichts weiter von ihm. Das Wetter war voruͤber, die Sonne des Friedens trat mild hinter getheilten Wolken her⸗ vor. Mich hatte es um etwas gebracht, ohne das ich nirgends leben kann, nirgends leben mag: um Werthſchaͤtzung und Zutrauen zu denen, unter welchen ich wohne, deren Mitbuͤrger und Bru⸗ der ich mich nennen ſoll. Ich machte mich alſo eben damals auf, als andere ſich wieder geru⸗ hig zu betten anfingen; ich wollte mir ein Laͤnd⸗ chen ſuchen, das in aller Gefahr und Noth ſich ſelbſt und einem guten Fuͤrſten getreu geblieben waͤre und nun vom Schickſal dafuͤr belohnt 45 wuͤrde. Nur wenig Wochen ſind es, ſeit ich ſolch ein Laͤndchen fand; nur wenig Wochen, ſeit ich deine Grenzen betrat, du werthes, menſchliches, getreues, und auch, du ſchoͤnes Meklenburg! Ich fing an dies Laͤndchen nach allen Sei⸗ ten hin zu durchwandern, um mir einen Wohn⸗ platz auszuſuchen. Eines Abends kam ich an dem Fluͤßchen hin, das ich nicht nenne, weil ich das nicht ins Gerede bringen will, was eben durch ſeine Verborgenheit ſo gluͤcklich iſt. Ich hatte auf alles geachtet, nur nicht auf den Weg, bis ich mich ohne betretenen Pfad in einem Buſche befand, deſſen helleres Gruͤn eben von der Abendſonne mit ſchoͤnem Gold⸗ glanz übermahlet wurde. So ruhig, als man es in dieſen Gegenden immer kann, wander⸗ te ich fort, und ſahe bald einige wohlgekleidete Landleute in einiger Entfernung munter daher⸗ ſchreiten. Ich rief, und ſie blieben ſtehen. Wohin, ihr Leutchen? rief ich. Nach..., war die Antwort. Wir ſind dort zu Hanſe, und gehen die Nacht uͤber. 46 Habt ihr noch weit? fragte ich, nachdem ich zu ihnen getreten war. Wenigſtens weiter, als der Herr da mit koͤnnte! ſagte Einer, ſchalkhaft meine leichte Kleidung muſternd. Noch gute ſieben Stunden haben wir— nahm ein Alter ernſthafter das Wort, als duͤr⸗ fe er ſelbſt die ſcherzhafte Neckerei nicht laͤn⸗ ger wuͤrken laſſen. Wir kommen von Altona— So weit her? O was man ſo gern thut, wird Einem nicht lang und nicht ſchwer. Wir haben da unſern gnaͤdgen Landesvater beſucht, und die liebe, herzensgute Landesmutter, und alle die lieben Herrſchaften haben wir beſucht— Und ſelbſt geſprochen haben wir ſie— ſe⸗ hen Sie, ſo wie wir alleweile mit Ihnen ſpre⸗ chen— unterbrach ihn ein Anderer— Und ſie haben uns die Hand gedruͤckt— fiel der Dritte lebhafter ein— Und wir haben ihr was in die Kuͤche mitgebracht gehabt, rief der Vierte noch hitzi⸗ ger; und ſie hat gelacht, und es recht gern ange⸗ nommen— hat ſie; und ihm haben wir... 47 Na, Nachbar, nahm wieder der Alte ernſt⸗ hafter das Wort— davon muß man kein Gerede machen. Aber wohin wollen Sie denn?— Ich nannte das Staͤdtchen, wo ich mein Nachtlager zu halten gedachte, und erfuhr, daß ich betraͤchtlich vom Wege abgekommen, und daß es dahin noch ziemlich weit ſey. Der Abend wird feucht und kuͤhl, ſagte der Alte weiter; das ſind Leutchen, wie Sie, nicht gewohnt. Gehen Sie doch lieber hier auf dem Fußſteige fort. Dort hinter der großen Eiche— ſehen Sie?— da liegt ein huͤbſches Vorwerk. Wir ſind vorbei gekommen. Da koͤnnen Sie ja ſchlafen!— 3 Wir ſchieden. Ich ging auf die Eiche zu, ich ſahe das im Buſch angenehm halbverſteck⸗ te Vorwerk. Ein Mann ging in einiger Ent⸗ fernung vor mir her und ſchien daſſelbe Ziel zu haben. 4 Der Weg fuͤhrete jetzt an einer Wieſe hin, und nicht ohne Befremdung ſahe ich, daß un⸗ gelockt mehrere, dort weidende Pferde wie⸗ hernd herzu ſprangen, des Mannes Haͤnde leck⸗ ten, ſich an ihn draͤngten, ſich von ihm ſtrei⸗ 48 cheln und kirren ließen, dann freudig ſich ſchauerten und mit den Ohren zuckten, und nun wieder ihrem Huͤter zuflogen, daß der Boden zu zittern ſchien. Dieſe kleine Scene hatte fuͤr mich etwas ſo Ungewoͤhnliches und Idylliſches, daß ich ſtehen blieb, ſie ganz zu genießen, und nun abſichtlich den Mann nicht einholete, auch mich ihm nicht bemerkbar machte, in Hoffnung, vielleicht mehr Sonderbares zu ſehen. Der Hirt trieb ſeine Heerde nach Hauſe und ſpielte dabei auf der Schalmey. Jetzt holte ihn der Mann ein und nickte ihm freundlich zu. Der Hirt brach mitten in der Melodie ab und rief heruͤber: Halt, da muß ich ja das blaſen! Das iſt Ihr Leibſtuͤck! — Und nun ſpielte er's, und der Mann ging langſamer, bis es aus war; dann dankte er und nahm wieder den vorigen Schritt. So kam er dem Maierhof naͤher. Ein Trupp Bauernkinder brach das Spiel ab, ihn anſtaͤndig zu gruͤßen. Er redete die Kinder an: nun kamen ſie um ihn her, und gingen mit ihm weiter. Ein ziemlich artiges, kleines 49 Maͤdchen nahm er an die Hand; ein noch klei⸗ neres faßte, da er in der andern den Stock hielt, ſeinen Rockſchoß, und trollte ſo an ſei⸗ ner Seite mit fort. Jetzt kamen ſie an den gruͤn eingezaͤunten Garten. Die Kinder boten gute Nacht und gingen. Der Mann oͤffnete die Thuͤr, die nur zugekrampt, nicht verſchloſſen war; und in dieſem Nu ſchoſ⸗ ſen zwey ſchneeweiße Spitzhunde heraus, die, wie es ſchien, mit groͤßter Sehnſucht auf ihn gewartet hatten, ohne jedoch ihrer Liebe zu ver⸗ ſtatten, uͤber ihren Gehorſam hinauszuſchwei⸗ fen und ſie dem Gebieter weiter entgegenzulo⸗ cken, als, wo er ihnen zu bleiben geboten hatte. Er ſagte den lauernden Thieren einige freundli⸗ che Worte, machte dem einen, wie dem an⸗ dern, einige Liebkoſungen: und nun wußten ſie ſich vor Freuden kaum zu laſſen— ſprangen voraus, kamen wieder, jagten lermend in gro⸗ ßen Bogen rund um ihn her, rannten einander uͤber den Haufen, waren im Augenblick wie⸗ der auf den Fuͤßen— und empfing nun der oder jener eine neue Liebkoſung, ſo wurde der Jubel noch groͤßer, und der Beguͤnſtigte machte Selene VII. Heft. 4 50 ſtolzer ſich, aufgeblaͤhet, in Eil uͤber den andern her, mit noch groͤßerm Laͤrmen. Jetzt hoͤrte ich eine Stimme, wie eines klei⸗ nen Kindes. Der Mann blieb ſtehen und rief: Haͤnschen! ſchoͤn Haͤnschen komm nur, mein Haͤnschen! und ein ſchwatzender Staar kam hochbeinig, in weiten Saͤtzen, mit gewaltigem Ernſt, herbeigetappt: der Mann hielt die Hand hin, der Staar ſchwang ſich hinauf, ließ ſich ſo forttragen, und plapperte in Eins fort, was er aufgeſchnappt hatte— das laͤcherlichſte und treffendſte Bild von— man weiß ſchon wel⸗ chen Herrn! So ging der Mann jetzt zum Hauſe hinein und war mir aus den Augen. Ich war ſelt⸗ ſam angeregt; ich haͤtte fuͤr mein Leben gern mit Jemand in freundſchaftlichem Duo— al⸗ lein durchaus nicht— lachen moͤgen, und doch war ich zugleich inniglich geruͤhrt. Du biſt gewiß ein guter, ein liebevoller Menſch, rief ich dem Manne in Gedanken zu; nur ein ſolcher kann, wie du, uͤberall Liebe finden, und was ihn liebt, nirgends uͤberſehen, nirgends es anders als befriedigend, behandeln! O du, du 51 3 mußt auch ein gluͤcklicher Menſch ſeyn! Ich muß dich naͤher kennen lernen; muß wenigſtens einige Stunden mit dir unter einem Dache le⸗ ben, und dir ſagen, wie deine Guͤte und Liebe mein Herz erquickt!— Mit wahrhaft frommer Regung nahete ich mich dem kleinen Hauſe, deſſen Fenſter noch nicht durch Licht erhellet waren, und hoͤrte, von neuem und noch hoͤher geſpannet, ſanfte Accorde von einer Guitarre. Ich lehnete mich, in ſuͤßem Genuße, an die Mauer zwiſchen zwei Fenſter, und vernahm— Gott, mit welchen Empfindungen— folgendes Lied: Was mein guͤnſtig Gluͤck gegeben, Riß ein ſtrenges Schickſal hin; Doch aus Todtem keimt mir Leben, Aus Entbehren, was ich bin. Aus dem Trieb nach reichem Gute Ward die Kunſt, mich deß zu freun, Was dem Fleiß und regen Muthe, Menſch und Goͤtter gern verleihn. 52 Aus dem Stolze, viel zu treiben, Groß in Neuem mich zu ſehn, Ward die Luſt, dem treu zu bleiben, Was im Stillen kann geſchehn. Schnell getrennter Liebe Schmerzen Ziehn die Blicke himmelan: Suͤße Sehnſucht ſpricht im Herzen: „Gott, dein Gott hat dir's gethan; „Und er ſpart in andern Welten, „Was fuͤr dieſe viel zu ſchoͤn, „Was du nimmer hier vergelten, „Nimmer konnteſt lohnen ſehn.“ Wird die Sehnſucht traͤges Schmachten, Lehrt des blinden Engels Huld Auch das Kleinſte werth zu achten, Lehrt mich himmliſche Geduld. So aus Todtem keimt mein Leben, Aus Entbehren, was ich bin; So ward ich mir ſelbſt gegeben, So fließt ſanft mein Leben hin. Meines Antons Stimme hatt' ich ſchon den erſten Verſen erkannt. bei 24 Amor. Loͤſe vom Aug' das verhuͤllende Band, blindflat⸗ ternder Amor, daß nicht irrend die Hand Fremdes dem Frem⸗ den vereint. „Sorge du nicht, es vertilget die Glut der olym⸗ piſchen Fackel jegliches Fremde der Bruſt, einet dem Geiſte den Geiſt. — IJuftiz. Blünde Juſtiz, o entzog dir ein Gott die verhuͤt⸗ lende Binde, daß du der Wage Gewicht ſaͤhſt, und des Schwertes Gebrauch! * Die Blinden. Amor iſt blind und das Gluͤck, blind auch die gefeierte Themis, ſage, warum ſte vereint theilen das gleiche Geſchick? Hor' es, o Freund: ſie begluͤcken die Menſchen mit 1 goͤttlicher Willkuͤhr, wem es der Zufall gönnt, treten die Blinden ins Haus. Sebaſtian. 55 Das Leben, von ſeinen verſchiedenen Seiten betrachtet. — Wie ſelten iſt es, daß die Menſchen finden, Was ihnen doch beſtimmt geweſen ſchien— Es giebt ein Glück, allein wir kennen's nicht; Wir kennen's wol, und wiſſen's nicht zu ſchaͤtzen. Göthe’s Tafſo 3. Aufz. 2. Auft. Unter den tauſendfaͤltigen Kreiſen, welche das Leben der mannigfaltigſten Menſchen⸗Naturen beſchreibt, iſt keiner vorzuͤglicher, keiner gerin⸗ ger, als der andere, wenn er ſich in der vorge⸗ ſchriebenen Bahn haͤlt. Denn eben die richtige Bahn, welche einem jeden durch das Geſetz in ſeinem Innern fuͤr ſeinen Kreis vorgezeichnet wird, dieſe nur iſt es, nach welcher der Werth oder Unwerth eines jeden Lebenslaufs abzumeſſen iſt, nicht aber der Umfang, oder die groͤßere Nenge von Windungen in dieſer Bahn. Aus dem geſetzmaͤßigen Fortſchreiten des Lebens ent⸗ ſpringt die Harmonie deſſelben mit ſich ſelbſt 36— und dem Ganzen. Ein ſolches Leben iſt gleich ſtark und gleichfoͤrmig durchdrungen von Ruhe und von Thaͤtigkeit, von gebendem und von em⸗ pfangendem Genuß, und alles Leiden iſt daraus verbannt, weil es nur durch Stoͤrung der Harmonie zwiſchen dem Innern und dem Aeu⸗ ßern, der Seele und der Welt, entſteht. Nun iſt es zwar gewiß, daß wir keinen finden wer⸗ den, der in einer ſolchen vollſtaͤndigen Harmonie lebe: wir werden aber doch mehrere finden, die ſich derſelben aunaͤhern, und die in dem Maße wahrhaft leben, als ſie dieſes thun. Inzwi⸗ ſchen iſt die Zahl derer, die ſich von der, jedem vorgeſchriebenen, rechten Richtung des Lebens entfernen, bei weitem die groͤßere; und dieſe ſind es, die uns die verſchiedenen Seiten des Lebens zeigen, ſo wie uns der gebrochene Licht⸗ ſtrahl die Farben zeigt, da hingegen das erſt⸗ genannte Leben, ſo wie das Licht an ſich, rein und durchſichtig iſt. Die verſchiedenen Seiten des Lebens nun, welche ſich in dem mannigfaltigen Menſchen⸗ Leben offenbaren, ſind eben ſo viele Beſchraͤn⸗ kungen und Einzeinheiten des reinen und voll⸗ — 57 ſtaͤndigen Lebens, als die verſchiedenen Farben Schranken des Lichts ſind. Wenn daher in dem reinen Leben(welches uns in der Erſcheinung des goͤttlichen Nazaraͤers aufgeſtellt iſt, ſo wie das reine Licht uns allein von der Sonne zu⸗ kommt,) NRuhe und Thaͤtigkeit, und der Dop⸗ pelgenuß des Gebens und des Empfangens, auf das innigſte verſchmolzen iſt, ſo wird in dem getrennten und unvollſtaͤndigen Leben jener Bund zerriſſen und jedes Glied jenes Ganzen als ver⸗ einzeltes Leben erſcheinen. Daher wir denn die Maſſe der Menſchen aus— entweder ruhigen, oder thaͤtigen, oder genießenden, oder— leidenden Individuen beſtehen ſehen, dem Hauptcharakter ihres Lebens nach. Daß uͤbrigens hier zuerſt des Leidens Erwaͤhnung geſchieht, darf nicht befremden, da das Leiden nur erſt dann in das Leben eintritt, wenn die Harmonie deſſelben, durch ſeine Schuld oder ohne dieſelbe, geſtoͤrt worden iſt. Man iſt nicht blos berechtigt, ſondern auch genoͤthigt, das unter das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht vertheilte Leben, wie es wirklich er⸗ ſcheint, von den beſchriebenen vier Seiten anzu⸗ 5⁸ ſehen, welche ſchon die Alten genau beobachtet, und, wie bekannt, unter dem Namen der Tem⸗ peramente feſtgehalten haben. Auch iſt es un⸗ verkennbar, daß der Hauptcharakter des ſoge⸗ nannten phlegmatiſchen Temperaments die Ru⸗ he, der des choleriſchen, die Thaͤtigkeit, der des ſanguiniſchen, der Genuß, und der des melancholiſchen, das Leiden iſt; ſobald es naͤmlich jedem derſelben verſtattet wird, ſeinen eigen⸗ thuͤmlichen und vorwaltenden Hang zu zeigen. Nach dieſen verſchiedenen Standpunkten des Le⸗ bens modiſiciren ſich daher auch nothwendig die Anſichten deſſelben, und es iſt nicht zu verwun⸗ dern, daß auf dieſe Anſichten die Denker aller Zei⸗ ten ihre Lehrgebaͤude des Lebens errichtet haben. Die Lehre, welche alles bezweifelt, will ſich und ihre Anhaͤnger dadurch in Ruhe erhalten; die, welche aller Spekulation entſagt und nur auf das Wirkliche(auf die thaͤtigen Kraͤfte) ihr Augenmerk richtet, will dadurch den Menſchen zur Thaͤtigkeit fuͤhren; die, welche dem Gedanken weniger als dem Gefuͤhl Raum giebt, goͤnnt ihren Schuͤlern, als das Beſte, den Ge⸗ nuß; diejenige endlich, welche ohne Widerſtand 59 die Geſamtheit der Gegenſtände auf ſich ein⸗ wirken laͤßt, giebt ſich gehorſam(leidend) dem allmaͤchtigen Schickſal hin, und weiht ſich der Betrachtung. Auf dieſe vier Punkte kommen alle Lehren der Weltweiſen alter und neuer Zeit zuruͤck, und die Stifter der Schu⸗ len gruͤndeten ihre Lehren auf ihre Tempera⸗ mente. Aber nicht blos in der Lehre, ſondern auch in den Lebensweiſen ſelbſt ſprechen ſich jene vier Seiten des geſpaltenen reinen Lebens aus. Die Ruhe iſt die Goͤttin der Gewerbe, welche das Leben friſten; die Thaͤtigkeit iſt die Goͤttin der Kuͤhnern, welche die Welt erobernd durchwandern oder beſchiffen; der Genuß iſt der Gott der Kuͤnſtler und Dichter; und das Leiden iſt die Gottheit der Religiöſen. Man wird ſagen: Aber die Temperamen⸗ te, und was ſich darauf in Lehre und Leben gruͤndet, ſind ja erſtlich, nicht willkuͤhrlich er⸗ funden, ſondern das Werk der Natur, oder vielmehr der ſchaffenden Gottheit; zweitens befoͤrdern ja die mannigfaltigen Temperamente und die eben ſo mannigfaltig verſchiedenen Seiten des Lebens die weitere Ausbreitung und 60 verſchiedenartigſte Entwickelung deſſelben: wie kann denn alſo hier eine Unvollſtaͤndigkeit und Fehlerhaftigkeit im Menſchen⸗Leben ſtatt ſin⸗ den, da vielmehr ohne dieſe beſtimmte Man⸗ nigfaltigkeit ſich das Geſammt⸗ Leben hoͤchſt einſeitig und unvollkommen zeigen wuͤrde? Hierauf iſt folgendes zu antworten. Aller⸗ dings ſind dieſe vier Seiten des Lebens ein Erzeugniß der Natur, oder vielmehr ſelbſt Natur, d. h. Anlagen, welche erſt ausgebil⸗ det, verarbeitet und aus ihrer Einzelnheit zu etwas Ganzem gebildet werden ſollen. Aber eben weil ſie dies ſind, duͤrfen ſie nicht ſo bleiben, wie ſie ſind, ſondern es muß eine jede auf die uͤbrigen gleichſam eingepfropft werden, wenn ſie Fruͤchte tragen ſoll. Jedes Tempe⸗ rament traͤgt das entgegengeſetzte als das Geſetz ſeines Lebens in ſich und befindet ſich nur dann wohl und iſt in ſich felbſt harmoniſch, wenn es dieſem Geſetze Genuͤge leiſtet. Dem nach Ruhe Stre⸗ benden iſt in ſeinem Innerſten Thaͤtigkeit, dem Thaͤtigen Ruhe, oder Maͤßigung, dem Genie⸗ ßenden iſt Hingebung, dem ſich Hingebenden Genuß geboten, als welchen er am meiſten fliehet, und durch den er doch allein ſich ins Gleichgewicht mit ſich ſelbſt zu ſetzen vermag, ſo wie alle uͤbrigen durch das, was ihrer Na⸗ tur entgegen iſt. So wird der Phlegmatiker nie ein guter Landmann werden, wenn er nicht thaͤtig, der Choleriker nie ein gluͤcklicher Er⸗ oberer, wenn er nicht maͤßig und enthaltſam, der Sanguiniker nie ein Kuͤnſtler, wenn er nicht in Ergebung das Begeiſternde in ſich aufnimmt; endlich der Religioͤſe nie ſelig, wenn er nicht die Schoͤnheit des Gottes genießt, dem er ſich nur duldend unterwerfen wollte. Doch zugegeben, daß es ſo in der Ordnung ſei, und daß die vier Temperamente und die verſchiedenen Seiten des Lebens, auf welche dieſe hinfuͤhren, ſchon ſo, wie ſie ſind, unter die weiſen Natur⸗Anſtalten gehoͤren: ſo wird doch gewiß ſo viel nicht abgeleugnet werden koͤnnen, daß kein lebendes Individuum unmit⸗ telbar durch das Temperament, durch die na⸗ tuͤrliche Richtung nach einer der vier beſondern Seiten des Lebens, ſeine Befriedigung finde. Der Phlegmatiker iſt nur gluͤcklich in ſeiner Ruhe; weil aber dieſe beſtaͤndig geſtoͤrt wird— 62 denn auf wen draͤnge nicht wirkend die Außen⸗ welt ein?— muß er beſtaͤndig ſuchen, ſie wie⸗ der herzuſtellen: er wird ihrer alſo nicht froh. Der Choleriker findet nie ſeines Stre⸗ bens Grenze. Dem Sangunniker wird nie voller Genuß. Der Melancholiker, da er das Ganze nur in einzelnen gluͤcklichen Momenten empfinden kann, bringt die uͤbrigen nur in Schmerzen uͤber ſeine Beſchränkung zu. Und ſo iſt es denn uͤberall die Schranke, und uͤberall der Schmerz, welche das Leben, das auf irgend eine beſondere Richtung ausgeht, begleiten. Es iſt mit dieſen Elementen der geiſtigen Welt, wie mit denen, der phyſiſchen. Getrennt ar⸗ beiten ſie nur auf Zerſtoͤrung hin, und nur ver⸗ einigt bringen ſie Leben hervor. Auf welche Seite des Lebens man ſich demnach immer ſchla⸗ ge, ſo ſucht man gewiß, ſo lange man dieſe einzelne Seite nur verfolgt, Befriedigung ver⸗ gebens; und es iſt unweiſe, an Alle ohne Aus⸗ nahme denſelben Ruf ergehen zu laſſen: ent⸗ weder daß ſie ausſchließlich die Ruhe, oder die Thaͤtigkeit, oder den Genuß ſuchen, oder daß ſie ſich leidend verhalten ſollen. Und hoͤrt 63 man nicht noch taͤglich dieſe Anweiſungen, die nur auf einzelne Faͤlle paſſen, wie beſtimmte Arzneien fuͤr beſtimmte Krankheiten, gleichwol allgemein und fuͤr Alle empfehlen? Iſt es nicht von Vielen ein feſt angenommener Satz: daß der Menſch nicht eher gluͤcklich iſt, als bis er zur Ruhe kommt? von vielen Andern: daß nur in der Thaͤtigkeit das Heil fuͤr Alle zu finden ſei? von einer eben ſo großen Menge: daß es das Beſte ſei, zu genießen, was da iſt, und dem Augenblicke zu leben? von den Uebrigen endlich: daß der Menſch erdulden muͤße, was ihm auferlegt ſey, und ſchweigen? Wir muͤſſen uns hier vor einem Vorwurſe retten: als ob namentlich das letztere die Grund⸗ lage der Religionslehre ſei, welche die neuere Zeit verehrt, und als ob wir deswegen die dar⸗ auf gegruͤndete Religion ſelbſt als etwas Einſei⸗ tiges betrachteten. Wer dieſen Vorwurf der wah⸗ ren Religionslehre macht, macht dem wahren Leben den Vorwurf, daß es die Elemente zu allem ſpeciellen Ungluͤck enthalte, weil es durch⸗ aus Ruhe und Thaͤtigkeit, und gebender Genuß (Kunſt) und empfangender Genuß(Religion) 54— iſt. Die wahre Religionslehre, wie wir ſie von ihrem Meiſter empfangen haben, ſteht uͤber alle einzelne und beſondere Lebenslehren der Weiſen ſo vollſtaͤndig und ſo erhaben da, wie das reine und vollſtaͤndige Leben uͤber ſeinen ein⸗ zelnen Seiten. Was nur jemals ſterbliche Wei⸗ ſe lehrten, wird auch in dieſer empfohlen: die Ruhe eben ſo wol, wie die Thaͤtigkeit; der Genuß eben ſo wol, wie die Ergebung; aber nichts ausſchließlich, nichts einzelnes fuͤr alle. „Eines ſchickt ſich nicht fuͤr alle: „Sehe jeder, wie er's treibe!“ Aber vor allem wird empfohlen— und dieſes iſt die Grundlage der wahren Religionslehre— daß ein jeder fuͤr ſich und in ſeinem Kreiſe das Rechte ſuche. Da wird es ſich denn finden, daß, entweder fuͤr immer, oder nur auf gewiſſe Zeit, und unter gewiſſen Umſtaͤnden, fuͤr den Einen Ruhe, fuͤr den Andern Thaͤtigkeit, fuͤr den Dritten Genuß, fuͤr den Vierten Ergebung erſprießlich ſei; kurz, daß man ſich an diejenige Seite des Lebens ſtuͤtzen muͤſſe, deren man am meiſten bedarf. 65 Was gewaͤhrt uns denn die Ruhe, im Cha⸗ rakter, und folglich auch in den Handlungen? Sie hindert und vernichtet alles Aufbrauſen und Ungeſtuͤm des thaͤtigen und genießenden Lebens, oder vielmehr des Lebens, das nach Wirkſamkeit und Genuß ſtrebt; und ſie iſt das Heilmittel fuͤr die, welche durch ein allzura⸗ ſches Temperament ſich die That, ſo wie den Genuß ihres Lebens ſelbſt zerſtoͤren, oder richtiger, es kraft jener Unſtetigkeit zu keinem von beiden bringen. Wem iſt die Thaͤtigkeit das Eine, was noth iſt? Allen denen, die zum Schlaf oder zum Traͤumen durch die Na⸗ tur ihres Temperaments geneigt ſind. So wie das Leben jener Erſten verflattern wuͤrde ohne Ruhe, ſo wird ſich das Leben dieſer ver⸗ zehren, indem es immer tiefer und tiefer in ſich ſelbſt ſinkt, ohne eine heilſame Thaͤtigkeit, die es wiederum an das heitere, wirkſame Licht des Tages hervorruft. Wer bedarf des Ge⸗ nuſſes? Alle die, welche entweder durch eine uͤbermaͤßige Thaͤtigkeit allzuſehr angeſpannt, oder durch ausdauerndes Leiden allzuſtark nie⸗ dergedruͤckt ſind; jene, um die Kraft nicht er⸗ Selene VII. Heft. 5 66—— ſchlaffen zu laſſen, dieſe, um ſie wieder anzu⸗ ſpannen. Sollte es aber wol unter ſo vie⸗ len nicht Befriedigten auch nur Einen geben, der des Leidens und der Ergebung beduͤrfte? Allerdings nicht Einen, ſondern faſt die mei⸗ ſten, allein nur nicht die, welche ſchon leiden, nicht die, welche ſchon reſignirt ſind; denn fuͤr dieſe gehoͤrt Genuß und Thaͤtigkeit. Aber die, welche im Genuße, die, welche in angeſtreng⸗ ter Thaͤtigkeit ſind, beduͤrfen es, ſich oft mit⸗ ten in beiden durch Entſagung vor Frivolitaͤt und Willkuͤhr zu ſchuͤtzen, und ihre That, und ihren Genuß, durch, wenn auch ſchmerzliche, Bezaͤhmung und Beſchraͤnkung, vor einem ſchmerzlicheren Untergange zu bewahren. Die auf ſolche Art arm ſind und Leid tragen, ſind ſelig. Sobald ein jeder das Gegenmittel fuͤr ſein Temperament gefunden hat und braucht, hoͤrt ſein Leben auf einſeitig zu ſeyn und tritt in den Kreis des vollſtaͤndigen Lebens ein; denn er loͤßt die Schranke auf, die ihn feſſelte, und iſt mithin frei; und Freiheit iſt ja der Charakter des vollſtaͤndigen Lebens. Dann iſt 6⁷ der Ruhige durch Thaͤtigkeit zum Weiſen, der Bewegliche durch Ruhe zum Helden, der Hi⸗ tzige durch Geduld zum Kuͤnſtler, der Dul⸗ dende durch die Waͤrme der Liebe zum Reli⸗ gioͤſen geworden. Vorher war keiner etwas werth, und alle nur auf verſchiedene Art ego⸗ iſtiſch; jetzt iſt keiner mehr egoiſtiſch und jeder hat auf verſchiedene Art den gleichen Werth: denn ſie ſind alle Glieder eines Leibes, naͤm⸗ lich des freien, goͤttlichen Lebens, welches, in ſich vollendet und abgeſchloſſen, keine eckigen und endlichen Seiten mehr anerkennt. Jeder wandelt friedlich und freundlich neben und mit den Andern, ja ſogar in der Bahn derſelben, ohne ſie zu ſtoͤren. Er begreift ſie, er wirkt fuͤr ſie, ſie leben in ſeinem Geiſte, wie er ſelbſt, und er fuͤhlt ſich mit ihnen, wie in ſich ſelbſt. Mit einem Worte: das Leben des ech⸗ ten Denkers, des echten Helden, des echten Dichters, des echten Religioͤſen, iſt nicht ein⸗ ſeitig, ſondern allſeitig; Ein Geiſt, Ein Leben iſt es, was ſie Alle durchdringt, Alle um⸗ faͤngt; es iſt das Leben des Himmels auf der Erde. Wie weit wir noch zu dieſem Ziele 68 haben, iſt eine Frage, die der Fabeldichter Aeſop ſchon beantwortet haben ſoll. Daß aber das Leben aufhoͤren werde vielſeitig zu ſeyn, wenn es aufgehoͤrt hat einſeitig zu ſeyn, iſt eine, wie uns duͤnkt, vielverſprechende Aus⸗ ſicht; weil alles Vielſeitige verwirret und alles Einſeitige lange Weile macht. 9— 5. Fragmente. — Pſyche. Sollte wol dieſer treffliche Mythos jemals et⸗ was anderes haben ſagen wollen, als die Ge⸗ ſchichte der Seele und der Liebe?— So einfach dieſe Deutung an ſich iſt, ſo befriedigend ſcheint ſie auch zu ſeyn, indem ſie den ganzen Mythos aufſchließt, und zugleich alle, oder gewiß die meiſten Denkmale des Alterthums, die ſich darauf beziehen, ganz un⸗ gezwungen erklaͤrt.—— Sonderbar iſt doch die Aehnlichkeit einiger Scenen dieſes reichen, lieblichen Mythos mit einigen Scenen des bekannten Feen⸗Maͤhr⸗ chens, aus welchem das gefaͤllige— aber mehr noch, als nur gefaͤllige— Singſpiel: Zemi⸗ re und Azor, geſchoͤpft iſt. Verraͤth ſich nicht auch hier eine Spur von Umformung und Wanderung derſelben Dichtung? Nur das 70 Gewand der Einkleidung erſcheint mit dem Ei⸗ genthuͤmlichen verſchiedener Zeitalter und Voͤl⸗ ker bezeichnet: was darunter verborgen liegt, das Geiſtige des Mythos, oder des Maͤhr⸗ chens, bleibt immer daſſelbe, in jedem Zeit⸗ alter, bei jedem Volke. Und kann es wol anders ſeyn? Es liegt ja dem Menſchen ſo nahe!— Zauber⸗Spiegel. Erſchein'! Erſchein'! ruft Pſyche⸗Zemire, wenn ſie in dem wunderbaren Spiegel, den ihr ein freundlicher Genius geſtattet, den lie⸗ benden Urheber ihres Lebens erblickt. Erſchein'! Erſchein'! ruft Zemire⸗ Pſyche, wenn ſie ſehnſuchtsvoll, nach dem zu blicken verſucht, was jenſeits des Grabes wer⸗ den ſoll, und wenn ſie, ahnend, Etwas von dem zu entdecken glaubt, was der große Ur⸗ heber ihres Seyns jenſeits dieſer Welt auf⸗ geſpart haben moͤchte. Erſchein'! Erſchein'! ruft die Sehnen⸗ de— und der Vorhang rauſcht wieder uͤber den Spiegel. 71 Das Fremde. Viel und aͤngſtlich entlehnt der Geiſtes⸗Arme von Andern, Aber niemals wird ſein, was er den Andern entnahm; Wenig, und kraftvoll entlehnt die ſtaͤrkere Seele von Andern, Und das Fremde wird ihr eigen, zum beſten Genuß.— Weg mit dem Vielen, von Andern entlehnt in aͤngſtlicher Armuth: Wenig nur werde geborgt— aber dieß Wenig ſei— dein! Dein— fuͤr das Leben, zum Troſt, zur Lehre, zur Warnung, zur Freude, Auch im Tode noch dein, fuͤr den entfeſſelten Geiſt. Und noch weiter hinaus!— Fuͤr hinterlaſſene Lieben Bleibt die Leſe zuruͤck— ihnen auch eigen, wie dir:— Ihnen auch eigen, zum Troſt, zur Lehre, zur Warnung, zur Freude; Ihnen auch nuͤtzend dereinſt, fuͤr den entfeſſel⸗ ten Geiſt. — Roſe. Nicht genug, daß ihre Schoͤnheit gefaͤllt, und ihr Duft erfriſcht: ſie lehrt auch!— In der Knospe noch verborgen, erinnert ihr einfacher Reiz an Beſcheidenheit, ihre Fuͤlle an Zuruͤckhaltung, an Verſchließen in ſich ſelbſt. Entfaltet, in ihrem ganzen Reichthum von Blaͤttern, im lebhafteſten Schimmer ihrer Far⸗ ben, im kraͤftigſten Duft ihres Wohlgeruchs, mahnt ſie an geben, an geben! Und doch er⸗ blickt das Auge nicht einmal alles, was ſie be⸗ ſitzt! tief verborgen liegt ihr Gold!—— Von der Sonne koͤmmt ihr Leben, von der Sonne koͤmmt ihr Tod. Wir ſehen es, wie ſie beides, ſo bedeutend und ſo eindringlich ſagt. Laßt euch den Reiz ihrer Farben erfreulich ſeyn, ehe ſie verbleicht! Laßt ihren Duft euch laben, ehe ſie welkt!— Und wollt ihr ſie pfluͤcken— vernehmt, was ſie ſpricht: 73 „ Giebt dir vielleicht, wenn deine Hand mich pfluͤckt, „Indem mein Reiz dir Aug' und Herz ent⸗ zuͤckt, „Ein Dorn von mir auch eine leichte Wunde: „Was iſt es mehr? Nur nicht noch tiefer eingedruͤckt! „„Der Schmerz verfliegt!— Haſt du doch mich gepfluͤckt! „Ein ſuͤßer Lohn fuͤr jene leichte Wunde!“ Telegraph. Mag den Telegraphen erfunden haben, wer da will: genug, ein Menſch erfand ihn; und, aller Wahrſcheinlichkeit nach, fuͤr die Menſchheit.— Deutet doch ſchon die Be⸗ nennung auf Wirkung in die Ferne von Laͤn⸗ dern und Zeiten! Ein ziemlich beſchraͤnkter Kreis umſchloß vormals die Graphik, die Bibliographie und die Mittheilungswege der alten, ſelbſt der grie⸗ chiſchen und roͤmiſchen Welt. In welchem Um⸗ fang wurde nicht jener engere Kreis durch Buch⸗ druckerey und Buchhandlung, durch Nautik und Reiſenkunde und Einrichtung der Poſten er⸗ weitert! ſo erweitert, daß er kaum eines noch mehr ausgedehnten Umfangs faͤhig zu ſeyn ſchien. Und dennoch laͤßt die Erfindung des Telegraphen eine ſolche Erweiterung ahnen! Mit ihrer Ausbreitung und Vervielfaͤltigung ruͤcken entfernte Laͤnder naͤher zuſammen; Jahre 75 verkuͤrzen ſich zu Tagen; Tage zu Stunden, Stunden zu Augenblicken; die Menſchen wer⸗ den einander naͤher gebracht. Wozu aber das alles, wenn nicht die Menſchheit dabei und dadurch gewinnen ſoll?—— Doch hier umhuͤllt uns wieder jener Ne⸗ bel, der die Schickſale unſers Geſchlechts be⸗ deckt; und die weite, heitere Ausſicht verſchwin⸗ det wieder dem Blicke der Wißbegierde und der Sehnſucht!— *** Der Wißbegierde?— Doch wol nur der Wißbegierde, die offenbar zu viel wiſſen will.— Der Sehnſucht?— Doch wol nur der, die ſich nach Etwas ſehnt, wozu dieſe Welt nur vorbereiten ſoll. F* X Beſchraͤnken muͤſſen ſich beide: aber er⸗ weitern muͤſſen ſich auch beide!— Und die getruͤbete Ausſicht erheitert ſich von neuem— noch groͤßer und lieblicher, als zuvor.— Freude. 7 I. Auf u erſcheint die Freude(Hila- ritas) mit Blumenkraͤnzen gekroͤnt, und einen Oelzweig in der Hand. Zuweilen ſcheint ſie jene darzureichen; denn im Alterthum war es bekanntlich Sitte, an feſtlichen Tagen ſich mit Blumen zu ſchmuͤcken. 1 2. Auf einer Fauſtina haͤlt die Freude in ihrer rechten Hand ein Ueberflußhorn, mit Blu⸗ men und Fruͤchten gefuͤllt; in der Linken eine Lanze, mit Blumenkraͤnzen umwunden. 3. Auf einer andern roͤmiſchen Muͤnze haͤlt die Freude(Laetitia) in der einen Hand eine Krone, oder vielmehr ein Diadem; in der an⸗ dern einen Anker, der ihre Dauer bezeichnen ſoll. 4. Die letzten Gedanken findet man auf einer Criſpina ſo ausgedruͤckt: daß die Figur der Freude ein Steuerruder haͤlt, und daruͤber ſtehet: Laetitia fundata. 22 4. Sollte allgemeine Freude(Laectitia temporum) angedeutet werden, ſo erwaͤhlte man dazu das Bild der oͤffentlichen Spiele. **.* Wie viel Sanftes und Liebl hes, wie viel Erhabenheit und Groͤße, liegt nicht in dieſen Bildern!(aus einem— vielleicht zu wenig geachteten— Buche entlehnt.) „Es iſt Friede im Innern geworden!— ſagt auf No. I. der Oelzweig;„und Friede ſoll auch im Aeußern unter den Menſchen ſeyn. Nicht mehr Feſſeln aͤhnlich ſoll das Band wech⸗ ſelſeitiger Pflichten ſie druͤcken; ſanft und leicht, wie dieſe Kraͤnze, ſoll es ſie umwinden.“—— In der Linken haͤlt— auf No. 2.— die Goͤttin der Freude die Lanze, die gebraucht worden iſt, aber— wo moͤglich— nie wie⸗ der gebraucht werden ſoll.—— 4 4 An die Laute. Laute, ſprich, warum die Saiten mit des Wohllauts ſuüßem Klang willig ſtets das Lied begleiten, ſchmeichelnd gern des Herzens Drang? Weckſt du nur in luft'gen Klaͤngen gleiches Spiels vertraute Luſt? Töont nicht liebenden Geſaͤngen Antwort in des Maͤdchens Bruſt? Biſt du maͤcht'ger als die Toͤne, biſt du weicher als ihr Herz; ſanfte Laute, dann verſoͤhne troͤſtend mich mit meinem Schmerz! A. Apel. Logogryph. Zweimal vier Zeichen lehren dich mein Ganzes kennen— So leichten Kaufs giebt dir kein Apotheker mich! Wenn meiner Kraft Schmerz und Entzuͤndung wich, So pflegt man wundervoll und heilſam mich zu nennen. In einem andern Sinn werd' ich aus Stein geſchaffen. Wer mich mit Fuͤßen tritt, und ſonſt nichts thut, Als himmelan von mir nach Mond und Sternen gaffen, Den nennt das Volk dir, derb und gut, Mit andern Worten, einen Laffen. Nimmſt du von mir die erſten Zeichen hin, Die mich zu dem, was du nun kenneſt, ſchufen, So ſteht ein Weſen da, fremd jedem reinen Sinn. Es droht zum Himmel; ſeine Stimmen rufen 30 Die Glut der heil'gen Scham auf Unſchuldswan⸗ 3 gen hin; Die Tugend kämpft mit ihm, die Himmelsbuͤrge⸗ 5 rin, Und ach, erliegt ihm oft an ihres Tempels Stu⸗ fen!— O, ſchnell das Zeichen weg, das mich zum Ungeheuer, Zum Abſcheu in der Gottheit Augen macht; Und ſieh' ein Bluͤmchen, das dir mild entgegen lacht, Dem faſt verwaiſ'ten Blumenfreunde theuer! Es bluͤht im Herbſt, bluͤht ohne Kunſt und Fleiß, Geruchlos, doch voll Reiz, blau, roth und weiß; Der Sterne Namen borgt es, nicht ihr Feuer. Du, die du ſchonungslos mich ſo zerſtückelt haſt, Den Tod ſeh' ich fuͤr mich in deinen Blicken lauern. Nimm nur die Wurzeln! ach, ſo bleib' ich doch ein Aſt, — 81 Zur Waͤrmung dir in kalten Winterſchauern! Und gaͤbſt du, weil dich meine Wunden dauern, Ein Zeichen mir zuruͤck: ſo wuͤrd' ich dir zur Laſt— Wie dieſes NRaͤthſelſpiel, ließ ichs noch laͤnger dauern. Selene VII. Heft. 6 Noſtſeripee. Fortſetzung. Clemens XIV.,(Ganganelli) dies Muſter der Paͤpſte, wie ſie die neue Zeit vertheidigen, verehren, preiſen kann, hielt ſich bekanntlich, neben dem, ein treuer Vater der Kirche, ein ruhiger Selbſtherrſcher ſeines Reichs, ein ge⸗ wiſſenhafter, edler Mann zu ſeyn, vornaͤmlich fuͤr verpflichtet, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, durch die wohlthaͤtigſten und zweckmaͤßigſten Mittel, und ohne alle Eitelkeit und Prahlerei, zu foͤrdern und empor zu halten. Ueber das weltberuͤhmte, von ihm ſelbſt angelegte Muſeum ſchreibt er: Ich ſelbſt, in einem Dorfe geboren, in einem Kloſter auferzogen, konnte mir die ge⸗ hoͤrigen Kenntniſſe, um als Kenner uͤber Kunſt⸗ werke zu urtheilen, nicht erwerben. Aber als Fuͤrſt achte ich's fuͤr meine Schuldigkeit, die vollkommenſten Muſter aus der alten Welt den Augen der Kuͤnſtler und Kunſtfreunde auszu⸗ 83 ſtellen, damit ſie diefelben ſtudieren und ſich nach ihnen bilden koͤnnen—— Als er dieſe Denkmaͤler alter, herrlicher Kunſt geſammlet hatte, faßte er den Plan, mit gleicher Sorgfalt Gelehrte und Kuͤnſtler von Talenten, Verdienſten und beſchraͤnkten Verhaͤlt⸗ niſſen aufſuchen zu laſſen, und ſie in den Stand zu ſetzen, daß ſie— nicht etwa muͤßig ſich hin⸗ gehen laſſen, aber doch ſorgenfrei ſich ihrem in⸗ nern Beruf ergeben koͤnnten. Es iſt ja ſo billig, ſagte er zum Kardinal Cavalchini, der ihm bei dieſem Vorhaben dienſt⸗ lich ſeyn ſollte— es iſt ſo billig, daß Maͤnner, die uns belehren, erbauen, erheitern, bei Fuͤr⸗ ſten die Belohnung finden, die ihnen die beſten der andern Menſchen gemeiniglich nur wuͤnſchen koͤnnen. Wie kann man auch das Geld beſſer, wie uͤberdies nuͤtzlicher fuͤr die Nation anwen⸗ den, als zur Unterſtuͤtzung des Verdienſtes und zur Aufmunterung der Talente? Es iſt doch gewiß eine Schande fuͤr die Staaten, daß es nur eingefuͤhrt iſt gegen Miſſethaͤter Nach⸗ ſuchung zu erhalten, und ſich um den Aufent⸗ halt und die Verhaͤltniſſe von Maͤnnern, die 84— die Welt bilden helfen, nicht bekuͤmmert—— Bekanntlich rief thn aber, ſchon nach den erſten Vorkehrungen zur Ausfuͤhrung dieſes Plans, der Tod ab. — Crillon, bekanntlich einer von Hein⸗ richs IV. thaͤtigſten, tapferſten, trefflichſten Heer⸗ fuͤhrern, von ſeinen Franzoſen der zweite Ba⸗ yard, von ſeinem Koͤnig aber feſtſtehend„mein braver Crillon“ genannt— war ein eben ſo wunderlicher Kautz, als er ein wackerer Degen war. Er hatte nur zwei Dinge, um die er ſich von jeher mit Ernſt bekuͤmmert hatte: wo giebt's zu ſchlagen, und wofuͤr ſoll ich ſchlagen? Konnte ſein Koͤnig ihm dort etwas angeben, und hier ihn uͤberzeugen, die Sache ſey gerecht und ehrenvoll: ſo war er befriedigt und die ganze Welt mochte nun gehen, wie ſie wollte — er nahm von nichts weiter Notiz, und wuß⸗ te auch in der Regel gar nichts weiter. Einesmals, zur Paſſionszeit, kommt er— was von jeher ſehr ſelten geſchehen war— in eine Kirche, wo ein guter Prediger uͤber die 85 Geißelung des Erloͤſers ſpricht, worauf Crillon, als auf eine ihm ganz neue Sache, mit großer Aufmerkſamkeit und Theilnahme horcht. Der Pater ſetzt die Umſtaͤnde, ſetzt den Charakter des Pilatus auseinander— Crillon brummt; jetzt erwaͤhnt jener, wie der Landpfleger den Un⸗ ſchuldigen nur darum habe geißeln und be⸗ ſchimpfen laſſen, damit dem erbitterten Volke ein Genuͤge geſchaͤhe— da kann Crillon ſich nicht mehr halten: Hallunke! ruft er laut, die Hand am Schwerdte. Aber, Crillon, wo warſt du damals?— Der junge Herzog Guiſe wollte ſeine Faſ⸗ ſung in Marſeille auf die Probe ſtellen; er ließ, als Crillon ruhig ſchlief, unter dem Fenſter Laͤrm ſchlagen, ſprang nun zum Bett:„Der Feind iſt da, hat ſchon den Hafen, iſt Meiſter der Stadt: kommt, entflieht, ſeinen Sieg nicht zu verherrlichen!“— Was? ruft Crillon, aus dem Bette ſpringend, und, wie er iſt, nur nach dem Degen greifend; fliehen? ent⸗ gegen ihm! ſterben, aber mitnehmen, ſo viel als moͤglich! Damit reißt er den Herzog 86 fort, die Treppe hinab. Hier bricht dieſer in ein Gelaͤchter aus und geſteht ſeinen— Scherz. Crillon faßt ergrimmt ſeine Hand, als wollte er ſie zu Brei druͤcken, und ruft: Buͤrſchchen Herzog, bei allen... ſpaße nicht wieder, den Muth eines rechtſchaffenen Soldaten aus⸗ zuforſchen! Haͤtteſt du mich in der Ueberei⸗ lung ſchwach befunden— ſo wahr ich lebe, jetzt ſtieß ich dich nieder!— Hiermit ging er, ohne der Sache nun weiter zu gedenken.— Als Heinrich IV. bei Arques geſiegt hatte, ſchrieb er auf der Trommel und ſchickte Crillon' vom Schlachtfelde dies Billet:„Haͤnge dich, Crillon! wir haben zu Arques geſiegt und du warſt nicht dabey! Adieu, mein bra⸗ ver Crillon! Ich liebe dich; es gehe, wie es wolle!“— Wer das Große, Herrliche, Fuͤrſtliche— auch im Kaufmannsgeiſte kennen lernen will, der gehe um einige Jahrhunderte zuruͤck und mache ſich mit der Geſchichte der reichen deut⸗ 87⁷ ſchen(z. B. der Augsburger) und der nieder⸗ laͤndiſchen Handelshaͤuſer bekannt. Was ſind z. B. die jetzigen englaͤndiſchen Nabobs gegen die Fugger, gegen die Daens, und nicht we⸗ nige andere, aus jener Zeit! Nur Einen Be⸗ leg, ſtatt vieler! Kaiſer Karl V. hatte von dem Hanphes des letztgenannten Hauſes, von Johann Daens in Antwerpen, zwey Millionen geborgt, zog jetzt durch dieſe Stadt, ſollte bezahlen und konnte nicht. Um den alten Herrn durch Hoͤflichkeit zu gewinnen, ließ er ſich bey ihm ein Mit⸗ tagsmal ausbitten. Daens gab ſeinem Kaiſer ein hoͤchſt anſtaͤndiges, doch nicht luxurioſes Mal. Nach Tiſche nahm ihn Karl allein und trat an's Kamin: Ihr habt von mir die eigen⸗ haͤndige Verſchreibung auf zwey Millionen— begann er. Ja, Ew. Majeſtaͤt! erwiederte Daens, hier iſt ſie! Er zog ſie hervor, ließ ſie Karln erkennen, und warf ſie in's Kamin⸗ feuer. Was thut ihr? rief der Kaiſer erſchre⸗ ckend. Mit ruhigem Anſtand entgegnete der Kaufmann: Ich bin durch die Ehre, die mir Ew. kaiſerl. Majeſtaͤt heute erzeigt haben, mehr als 88 bezahlt. Doch darf ich mir eine Gnade aus⸗ bitten...„Sagt ſchnell, was wuͤnſcht ihr?⸗⸗ —„Daß dieſer Sache fortan mit keinem Wor⸗ te gedacht werde.“—— 1 — Haben Sie... s Romane geleſen? fragte jemand vor kurzem eine geiſtreiche Frau.„O ja freilich; aber nur etwa ein Dutzend.“ Was ſagen Sie davon?„Was Chapelle von Ra⸗ cine's Berenice!“”“ Und das war?„Ra⸗ cine fragte ihn uͤber dies Drama, gerade wie Sie mich uͤber jene Romane. Ei nun, ſagte Chapelle: Marion pleure, Marion crie, Marion veut qu'on la marie. (Wird fortgeſetzt.) M a T i a. Buchariſche Legenden. — 1. Das Loos. Un Maria, die arme Wgiſe, mit finſtern Blicken ſtanden berathend in weitem Kreiſe des zarten Kindes reiche Verwandten. Wer ſoll die Verlaßne naͤhren, ſtatt Vater und Mutter ihr ſeyn? Keiner will es gewaͤhren, fuͤr ſich ſorgt jeder allein. Umſonſt, mit bittenden Mienen, ſteht vor ihnen das ſchoͤne, das zarte Kind; doch der Bittenden bleiben die Augen blind, von ihr will keiner den Dank verdienen. Selene VIII. Heft. Und jeder draͤngt ſie unhold zuruͤck, ſtreckt ſie nach ihm die kleine Hand; dem Nachbar goͤnnt jeder das theure Gluͤck, das zu hoch iſt fuͤr ſeinen Verſtand. Und einer ſpricht: Was zaudert ihr viel? Einer von uns muß ſich bequemen, und will ſie keiner freiwillig nehmen, ſo mag entſcheiden des Zufalls Spiel. Das Kind will ſich zu einem draͤngen; ſo werft eine Feder ins Waſſer hinein, an weſſen Hand ſie ſich wird haͤngen, der ſoll des Kindes Pfleger ſeyn. Sie tauchten alle ins Waſſer die Haͤnde; wie ſchnell, daß die Feder abwaͤrts ging! Sie zogen alle heraus die Haͤnde, froh, daß an ihnen die Feder nicht hing. Da trat der fromme Sacharjas herbei; dem Kindlein war er nicht verwandt, doch hob er vermahnend auf die Hand und ſprach von Erbarmen und Lieb' und Treu. Und ſpottend wieſen ſie ihn zum Faß, wo die Feder einſam im Waſſer trieb: „Iſt dir das Kindlein ſo werth und lieb, ſo mache doch ſelbſt die Haͤnde dir naß! Er blickt zu dem Himmel mit frommen Gebet, und kaum iſt er zu dem Waſſer gekommen, ſo kam, unſichtbar angeweht, die Feder ihm ſchon entgegengeſchwommen. Und eh noch die Hand das Waſſer beruͤhrt, da wird, von goͤttlichem Hauche gehoben, die Feder ihm hoch entgegengefuͤhrt, daß alle den Heiligen preiſen und loben. Und ehrfurchtvoll mit anbetenden Mienen umſtehn ſie das ſchoͤne, das liebliche Kind; die zuvor taub waren den Bitten und blind, ſtehn gebeugt und moͤchten dem Kindlein dienen. Aber Sacharjas, in froher Eil, führte Mariam uͤber die Straßen, und dankete Gott laut fuͤr das Heil⸗ das er ſeinem Haus widerfahren laſſen. 2. Die Erhaltung. Zu dem Tempel mußte Sacharjas eilen, ihn rief das heilge Prieſteramt, und von des Altars Dienſt entſlammt, pflegt' er oft im Gebet zu verweilen, Einſt lag er betend vor dem Altar, entzuckt zu goͤttlichen Geſichten, und ſah der Engel glaͤnzende Schaar vor dem Thron den heiligen Dienſt verrichten. Und viel Geheimniß ward ihm kund, er ſah die Wunder der Ewigkeiten; weiſſagend oͤffneten alle Zeiten dem heiligen Seher den ernſten Mund. Bis endlich ein Tempeldiener den Saum des betenden Prieſters ſcheu berühret, und kindlich ſorgſam ihn entfuͤhret dem unausſprechlichen Himmelstraum. 1 5 Drei Tage, ſprach er, o Herr, verfloſſen, ſeit ihr an dem Altar betend lagt: nicht Speiſe habt ihr, nicht Trank genoſſen, da wurden wir alle um euch verzagt. Drei Tage war ich vom Haus? o Jammer! ruft bang Sacharjas, und eilet hinaus; ach einſam haucht in verſchloſſener Kammer Maria verſchmachtend ihr Leben aus. Und er eilet zu helfen, und weilt vor Entſetzen, daß zu ſpaͤt die Huͤlfe der Armen erſcheint. Nichts blieb ihr, die ſchmachtende Lippe zu netzen, als Thraͤnen, vom brechenden Auge geweint. Und er öffnet die Thuͤr' und dem Kommenden winken 3 S die koͤſtlichſten Speiſen mit ſeltenem Duft. Milch ſieht er und Wein in den Bechern blinken, und er hoͤret ſein Kind, das ihn freundlich ruft. Wer brachte, mein Kind, dir die koͤſtlichen Speiſen? wer drang in die heimliche Kammer herein? Ach Vater, die Kinder, wie mögen ſie heißen? um die Locken mit glaͤnzendem Morgenſchein. 6— Sie kamen zu mir und begruͤßten mich froͤhlich; mir war's, als waͤren wir lange bekannt; ſie ſagten mir viel und ich fuͤhlte mich ſelig, als waͤr' ich im goldenen Wolkenland. Viel Gnade, mein Kind, hat der Herr dir gegeben, dich entriſſen die heiligen Engel dem Tod; dem Himmel weihten ſie ſelbſt dein Leben! So ſprach Sacharjas und blickte zu Gott. z. Die Verkuͤndigung. Unvewußt der knoſpend zarten Jungfrau war Maria's Kindheit hingeſchwunden, und ſie wuchs heran, von Reiz umgeben, wie der Tag heranwaͤchſt unter Bluͤten. Fruͤhling war, und aus dem Kelch der Blumen ſtieg empor der ſuͤße Hauch der Sehnſucht. Viele kuͤßten ſich mit zarten Lippen, aber manche ſtand allein und hauchte Lieb und Thraͤnen einſam in die Luͤfte, welkend an dem Stral der Fruͤhlingsſonne. Und am Abend dampften alle Fluͤſſe, aus den Quellen ſtieg der weiße Nebel, und die Erde wob den feuchten Schleier, und die Bluͤthen boten gern die matte ſehnſuchtvolle Bruſt dem Bad des Abends, hoben friſcher dann ihr Haupt zum Himmel. Und Maria ſtand, die zarte Jungfrau, gleich der einſam aufgebluͤhten Knospe, an des Quellborns weichumgruͤntem Rande, mitten in des ſichern Walds Umſchattung. Von ſich legte ſie die weiße Kleidung, band empor des goldnen Haars Umlockung, und des klaren Quells erfreutem Spiegel gab ſie ſtatt des Bilds, die reinen Glieder. Abendluft war in dem Laub der Wipfel, Nachtigallgeſang in tiefen Zweigen, aus dem Wieſengrund rief die Cicade, und Maria ſang mit leiſen Toͤnen in des Waldes ſtille Abendfeier. 2 Aber bang vernahm ſie bald ein Rufen, ſah doch niemand denn allein ſich ſelber, und: Maria! ſcholl es durch die Waldung. Scheu ergriff ſie das Gewand, und ſchamvoll ſich verhuͤllend, floh ſie halb bekleidet. Aber ſchnell zu himmliſcher Geſtaltung formte ſich die Luft vor ihren Blicken, und, den Lauf ihr hemmend, trat ein Juͤngling, lichthell von Gewand und hoch von Bildung, vor die ſchamerroͤthend zarte Jungfrau. Fliehe nicht, ſo ſprach er zu Maria, großes Heil will ich dir jetzt verkuͤnden. Mutter werden wirſt du eines Sohnes, Iſai ſollſt du das Kindlein nennen, mir zum Zeichen, daß ich ihn verkuͤndet. Denn hervorgehn ſoll aus deinem Schooße in dem Kindlein der Profet und Heiland, der die Menſchen lehrt, und einſt zum Himmel, unbeſiegt vom Tode, ſich erhebet. Hocherröthend ſprach zu ihm Maria: Wie vermag ich deinem Wort zu trauen, da ich Jungfrau bin und ohne Gatten? Und der Engel ſprach: Kein Mann der Erde wird als Gatte deinen Leib umfangen, denn vom Himmel biſt du auserwaͤhlet. Aus dem weiten Reich der todten Oede formte Gottes ew'ge Macht die Erde; aus der Erde, ſeiner erſten Schoͤpfung, rief ſein Hauch, mit Kraft die Kraft vermaͤhlend, Adams hohe erſte Menſchenbildung; in das Fleiſch des Menſchen haucht' er maͤchtig neue Goͤtterkraft des ewgen Weſens, und hervor trat holder Frauen Schoͤnheit. Aus dem ſchonſten Werk der ſchönſten Schoͤpfung will er ſich ſein eignes Bild erzeugen, und der Schoͤpfung heilgen Kreis beſchließen, wenn dem Ewgen gleich wird das Erſchaffne. Himmelshauch umwehte nun die Jungfrau, von der Schoͤpfung ewigem Geheimniß ward die Bruſt der Seligen durchdrungen. So, im heilig jungfraͤulichen Schooße ward der Sohn des Ewigen empfangen⸗ 4. Die Geburt. Wie des Geiſtes maͤcht'ge Geſtalten, empfangen in des Weiſen Gehirn, zu des Wortes Geburt ſich entfalten, und doch nicht furchen die reine Stirn; ſo der Menſchen Augen verborgen, der jungfraͤulichen Mutter allein bewußt, wuchs unter der zarten Bruſt das Kind entgegen des Lebens Morgen. Und als der Scheuren Raͤume voll waren der goldenen Erndte Frucht, und dem herbſtlichen Wipfel der Baͤume entnommen die reife ſaftige Frucht, da fuͤhlte mit ſuͤßen Schmerzen Maria die heilige Stunde nah; ſie fuͤhlt' es im tiefſten Herzen, was an ihr kein ſterbliches Auge ſah. Als den Schmuck die Baͤume verloren, keine Frucht in dem Laub mehr gluͤhte, ward die Frucht des Himmels geboren aus der unverwelklichen Bluͤte. Zu dem Wald war Maria geflohn, wo das himmliſche Gluͤck ihr verheißen, deß ſelig die Engel ſie preiſen, zu gebaͤren den ewigen Sohn. Sie durchzuckte der Seligkeit Stral; und der Schmerz und das aͤngſtende Grauen⸗ die Foltrer gebaͤrender Frauen, ruhten freundlich zum erſtenmal. Sie traͤumte der Seligkeit Traum; Luſt beugte die Kreißende nieder, und ſie ſenkte die matten Glieder an des Waldes entblaͤtterten Baum. und er gruͤnt' in der uͤppigſten Pracht, es umwehten ihn Fruͤhlingsweſte, und es woͤlbten die bluͤhenden Aeſte um die Jungfrau daͤmmernde Nacht. 11 12 Und es bluͤhte das weite Land, weich hob ſich die Wiege von Mooſe, als den Gott aus goͤttlichem Schooße die ſeligſte Mutter entband. Und es hallte der Feiergeſang durch die Opfer der duftenden Fluren, in die Feier aller Naturen toͤnt der Sterne Jubelgeſang. Und es thaute das ewige Eis der demantfeſten Kryſtalle, aus der Erde geheimſter Halle rauſcht' es dem Ewigen Preis. Es drang durch der Erde Rinde in reiner urſpruͤnglicher Quelle, und bot die lautere Welle zum Bad dem heiligen Kinde. Und die Engel ſchwebten hernieder; zunaͤchſt von des Thrones Stufen waren die Erſten berufen, zu baden die goͤttlichen Glieder. 13 Und als ſie das Bad vollendet, tropften Demant, Rubin und Saffiren, und den Waſſern, die tief ſich verlieren⸗ ward heitende Kraft geſpendet. Und vor der Jungfrau gebeuget, gaben die Engel das Kind zuruͤck, und preiſeten ſie, die erreichet lebend des Himmels ewiges Glüͤck. Von den Wolken herniedergefahren, der heiligen Mutter zur Ehre, ſchwebten die himmliſchen Heere, lobſingend, in glaͤnzenden Schaaren. Die Hirten hoͤrten es ſchallen verwundernd bei ihren Heerden: das Heil iſt geboren Allen, Ehr' in der Höoh und Fried' auf Erden! 14— 5. Die Rechtfertigung. Mit dem Sohn des Himmels auf den Armen, kam Maria aus dem Wald zuruͤcke, und entruͤſtet ſahen's die Verwandten. Zu Sacharjas kamen ſie mit Schelten um des Hauſes tiefe Schmach und Schande, und ſie ſparten nicht die ſchnoͤden Worte, nicht des Vorwurfs frech ſchamloſe Reden; doch Maria hoͤrte nicht ihr Toben, ſprach kein Wort, die Wilden zu beſchamen. Endlich, als der Strom der frechen Worte tiefe Schaam in ihrer Bruſt emporte, rief ſie laut: Ich ſchweige, denn es ziemet nicht dem Menſchen, Gottes heilge Werke vor der Welt, rechtfertigend, zu nennen. Doch mein Kind, der Zeuge meiner Unſchuld, wird das Recht der Mutter ſelbſt vertreten. Und alsbald erhob das Kind die Stimme, und es ſprach vom ſeligen Geheimniß, das den Himmel mit der Welt vereinet. Und, im Staub gebeugt dem hohen Wunder, flehten alle von Maria Schonung, betend an des Himmels Auserwaͤhlte. Aber hochentzuͤckt ergriff Sacharjas ſelbſt Maria's Kind, und hob es freudig auf den Armen hoch empor zum Himmel⸗ Und er rief in heiliger Entzuͤckung: Herr, in Frieden laͤſſeſt du mich fahren, denn geſehen hab' ich deinen Heiland! 16— Das Tagewerk. „Ungluͤcklicher Melina! nicht in deinem Stan⸗ de, ſondern in dir liegt das Armſelige, uͤber das du nicht Herr werden kannſt.⸗ Gothe's Meiſter. Bd. I. S. 127. Nichts in der Welt giebt mehr Heiterkeit der Seele, nichts macht zum Genuſſe der Guͤter des Lebens, ſo wie zur freien Ertragung ſeiner Beſchwerden, empfaͤnglicher, oder vielmehr nichts uͤberhaupt erfreut, belebt, ſtaͤrkt uns und unſer ganzes Weſen wahrhaft, als die Erfuͤl⸗ lung der Pflicht. Kein Menſch iſt in der Welt, dem nicht nach Maaßgabe ſeiner Kraͤfte ein beſtimmtes Tagewerk ſeines Lebens aufer⸗ legt waͤre, welches die Meiſten, je nachdem ſie ſich um ſeine Erkenntniß bemuͤhen, mehr oder weniger uͤben, die Wenigſten ganz vernach⸗ laͤſſigen. Jeder, er mag ſich befinden auf wel⸗ cher Stelle er will, kann von da aus arbeiten, — 15 um der Aufgabe ſeines Lebens Gnuͤge zu leiſten. Eigentlich ſollte einem Jeden von Kindheit auf der Weg zu dem kuͤnftigen Geſchaͤft ſeines Le⸗ bens geebnet und die Bahn vorgezeichnet wer⸗ den, die er zu durchlaufen hat, bis zu dem Punkte, wo ſeine entwickelten Kraͤfte ihn ſiche⸗ rer leiten, als alle Vorſchrift. Wir ſind aber bis jetzt in der Kenntniß der menſchlichen An⸗ lagen und ihrer zweckmaͤßigen Beſchaͤftigungen noch zu wenig vorgeruͤckt, als daß wir den nicht gereiften Menſchen mit Sicherheit und Beſtimmtheit ſeinem Ziele entgegen fuͤhren koͤnnten. Daher wird Vielen die Wahl ihres kuͤnftigen Geſchaͤfts blind uͤberlaſſen, Viele werden entweder durch Zwang, oder durch uͤber⸗ weiſe Klugheit zu Uebungen der Kraͤfte ange⸗ halten, die die geſetzmaͤßige Entwickelung dieſer Kraͤfte, anſtatt ſie zu befoͤrdern, auf alle Weiſe ſtoͤren und die lebendigſten Naturanlagen im Keime erſticken. Wenigen gluͤcklichen Naturen gelingt es, vermoͤge einer hoͤhern Energie, den Damm widriger Unſtaͤnde und einer verkehrten Leitung zu durchbrechen, und mit froͤhlichem Triebe ſich in den Raum auszubreiten, den zu Selene VIII. Heft. 2 18 erfuͤllen ſie nach der natuͤrlichen Anordnung ih⸗ rer Kraͤfte beſtimmt ſind. Viele gelangen erſt auf der Mitte ihrer Laufbahn zu einer gewiſſen Selbſtſtaͤndigkeit, welche ihren Schritt auf dem falſchen Wege, den ſie betraten, hemmt, und ſie antreibt, irgend einen andern einzuſchlagen, auf dem ſie ſich beſſeres Gedeihen verſprechen koͤnnen. Andere, denen alle Haltung ihres in⸗ neren Weſens, auch in ſpaͤterer Zeit, abgeht, folgen gezwungen und unwillig dem Strome eines fremden, ihrer Natur widrigen Lebens, bis dieſes, nach vergeblicher Erſchoͤpfung der Kraͤfte, verronnen iſt, und ſind eben ſo unfaͤhig das Gute des Lebens mit rein empfaͤnglichem Sinn zu genießen, als ſeine Arbeiten mit Freu⸗ digkeit zu vollenden, indem ſie nun die Duͤrf⸗ tigkeit des Lebens ſelbſt und ein treuloſes Schickſal als Quellen ihres Ungluͤcks anklagen. Allein, nichts iſt reicher, ais das Leben, und nichts gerechter, als das Schickſal. Dieſes letztere iſt immer nur der Widerſchein der ſelbſt, erwaͤhlten Lebensweiſe; denn auch wer ſich zu einer Lebensweiſe zwingen laͤßt, zieht aus Wahl den aͤußern Zwang dem innern Widerſtande vor. — 19 Wie wir leben, ſo ergeht es uns; und ſteht unſer Schickſal in unſerer Gewalt, ſo haben wir auch offenbar es uns zuzuſchreiben, wenn das Leben uns diuͤrftig erſcheint. In dem Maaße, wie wir thaͤtig ſind, oͤffnen ſich alle Springroͤhren des Lebens, und eine reiche Thaͤtigkeit zaubert uns das Leben zu einem rei⸗ chen Luſtgarten um. Wir koͤnnen aber nicht thaͤtig ſeyn, und alle unſere Kraͤfte verſagen uns, gelaͤhmt, ihre Dienſte, wenn wir ſie ge⸗ gen ihre Beſtimmung und natuͤrliche Richtung anſtrengen wollen, wenn wir uns ein Ziel vor⸗ ſtecken, auf welches unſere Natur nicht den Preis des Gelingens gelegt hat. Wer nur aus Traͤgheit das Geſchaͤft des Landmannes, aus Eitelkeit das des Kuͤnſtlers treibt, aus Hab⸗ ſucht den oͤffentlichen Aemtern dient, wird nie Befriedigung erlangen; eben ſo wenig, wie der, welchen der Zwang zum Krieger, oder vaͤterliche Klugheit zum Kaufmann machte, in Kraft gedeihen wird, wenn ihn ſeine Natur zieht, in heiterer Stille der Vaͤter Land zu bauen. Dazu haben wir denn einen Mahner in uns, der auch nie ſchweigt, und der uns deutlich 20— zeigt, ob wir auf dem rechten Wege ſind, oder nicht. Dieſer Genius, der einem jeden eingeboren wird, leitet uns, oder bemuͤht ſich wenigſtens um unſere Leitung, von der Wiege bis zum Grabe. Wenn wir uns gewoͤhnen, ihm ſein gebuͤhrendes Opfer zu bringen, da⸗ durch, daß wir ſeinen Anweiſungen folgen, ſo verlaͤßt er uns zuletzt nie mit ſeinem Rathe, und ſteht uns in allen zweifelhaften Faͤllen bei, am meiſten aber in ſolchen, die das Haupt und Weſen unſers Tagewerks betreffen. Wer nie den Genius in ſich fragte: was ſoll ich heute thun? ſondern immer blind den zwingenden Reizen der aͤußern Umgebung folgte, wird zu⸗ letzt in ein Labyrinth gerathen, in welchem ihn oft nur die harten Schlaͤge des Schickſals— das heißt, die nothwendigen Folgen eines verkehrten Beginnens, aufregen, endlich einmal die lang vernachlaͤſſigte Stimme des wohlthaͤtigen War⸗ ners zu hoͤren. Doch wwyer ſich von der fruͤheſten Zeit an gewoͤhnte, ſeinem Genius, ſeiner in⸗ nern reinen Natur, zu gehorchen, zu vermeiden was ſie verſchmaͤht, zu ſuchen was ſie erheiſcht, wird fruͤh die rechte Straße ſeines Lebens nicht 7 21 verfehlen, und ſpaͤterhin ſich ſchwerlich jemals weit von ihr verirren, oder geſchah es, ſie bald wiederfinden. Wir leben nur ſo viel, als wir uns zweckmaͤßig beſchaͤftigen. Zweckmaͤßige Beſchaͤftigung fort und fort iſt unſer Tage⸗ werk und unſer wahres Leben: zweckwidrige Beſchaͤftigung gehoͤrt nicht zum Leben, ſondern zur Verkuͤrzung, d. h. Verſtuͤmmelung deſſelben; ſie enthaͤlt keinen Theil des Lebens, nehmlich weder wahre Thaͤtigkeit, noch wahren Genuß in ſich, ſondern nur Leiden, nur Siechthum, und Krankheit, deren Folge das Abſterben der Kraͤfte iſt. Wer ſein Tagewerk verrichtet, wer unausgeſetzt das thut, wozu gerade jetzt die Zeit und ein reines Beduͤrfniß ſeiner innern Kraft ihn treibt, der gedeiht, deſſen inneres Weſen entwickelt ſich und breitet ſich aus; die Welt empfaͤngt ihn freundlich, und hegt und pflegt ihn als ihren Wohlthaͤter, als ihren Schmuck, ſo wie er hinwiederum ein heiteres, froͤhliches Bild von der Welt in ſich aufnimmt. Wie ein kraͤftiger Baum wurzelt er ein in den Mutterſchooß der Erde, und treibt ſeine Zweige frey und ſpielend nach der heitern Hoͤhe des 22—— Aethers; er wirkt, und genießt wahrhaft; er lebt— Und ſo lange es noch Tag iſt, vermag auch jeder ſein Tagewerk zu finden, ohne deſſen Verrichtung kein Heil, kein Gluͤck, kein froͤhliches Leben denkbar iſt. Es ſei ein Menſch, uͤbel gelei⸗ tet durch Andere und ſich ſelbſt, in der groͤßten Verwirrung ſeines Thuns und Treibens; es moͤgen alle Raͤder ſeiner natuͤrlichen Wirkſam⸗ keit ſtocken, alle Quellen eines belebenden Ge⸗ nuſſes verſiegt ſeyn. Mit Verdruß, mit Wi⸗ derwillen blickt er um ſich, auf eine Welt, in die er durch ſeine Wirkſamkeit nicht eingreifen kann, und die ihm, erſtarrt und ſproͤde, jede Gabe ihrer Huld, jede Befriedigung ſeines Be⸗ duͤrfniſſes entzieht. Einſam, wie ein verdor⸗ render Baum, ſteht er da; und warum? weil er es verſaͤumte ſolche Nahrung zu ſuchen, wie ſie ſeinem Wachsthume foͤrderlich war, und ſeine Wurzeln nach dieſer Nahrung hinzubrei⸗ ten. Er fange alſo an, dieſer Verlaſſene, ſich der Welt zu oͤffnen, da, wo ſie in ihn, und er hinwiederum in ſie, eindringen kann. Denn ſo wie jeder Pflanze, jedem Gewuͤrm, die —— 23 paſſende Nahrung beſchieden iſt, ſo jedem Men⸗ ſchen die Sphaͤre ſeiner Wirkſamkeit und ſeines Genuſſes. Und ſich in dieſer Sphaͤre einhei⸗ miſch zu machen, in ihr zu leben, das iſt ſein Tagewerk. Er fange alſo an— er, den wir als in einem fremden Elemente lebend, oder vielmehr vergehend, betrachtet haben, ſich einer jeden fremden Sphaͤre, die fuͤr Andere wol eine Quelle von Genuß und Thaͤtigkeit ſeyn kann, es aber fuͤr ihn nicht iſt, zu entziehen, und ſich in immer engern Kreiſen ſeines Da⸗ ſeyns bis auf den Punkt einzuſchraͤnken, auf welchem er endlich beginnet die laͤngſt vermißte Ruhe und Befriedigung zu empfinden, und von welchem aus er ſich nun wieder mit Leichtigkeit und ohne Widerſtand in das Leben verbreiten kann. Dieſen Punkt, wo innere Zufriedenheit ſein Theil iſt, halte er feſt, und laſſe ſich von ihm weder durch den Druck einer aͤuſſern Ge⸗ walt zuruͤckdraͤngen, noch durch die Zauberkraft eines aͤußern Reizes hinwegziehen; denn es iſt dieſes der Mittelpunkt, an welchen allein ſich ein haltbares Gewebe ſeines aͤußern Lebens, und folglich auch ſeines innern, anknuͤpfen laͤßt. In 24 dem Augenblick, wo er aufhoͤrt reine Selbſt⸗ zufriedenheit zu empfinden, iſt er auf falſchem Wege, und er ſage nicht, daß er angefangen habe zu leben, wenn er aufgehoͤrt hat zufrieden zu ſeyn. Alle Unzufriedenheit entſteht eben daher, daß wir uns von der rechtmaͤßigen Be⸗ ſchaͤftigung unſers Lebens entfernt haben, und nun die Ruhe und Heiterkeit, die wir uns ſelbſt geben ſollten, von den lebloſen oder le⸗ bendigen Umgebungen verlangen. „Laßt uns beſſer werden, bald wird's beſſer ſeyn.“ Daß wir uns aber rechtmaͤßig beſchaͤftigen, davon unterrichtet uns das ſtets zunehmende Gefuͤhl des weiter verbreiteten Daſeyns: eine lebendigere, innigere, waͤrmere Empfindung der Welt und ihres mannichfaltigen Regens und Strebens, ſodann ein ſchnelleres, leichteres, erfolgreicheres Wirken.— Wenn nun der Verirrte, von dem wir ſprechen, und deſſen Lebensgange wir jetzt zuſehen, mit Ernſt um ſein verſaͤumtes Tagewerk bekuͤmmert iſt, ſo wird er es jetzt nicht mehr da ſuchen, wo ſei⸗ 25 ne Empfindung keine Nahrung und ſeine Kraft keinen Gegenſtand ſindet, ſondern nur da, wo jene belebt und dieſe beſchaͤftigt wird. Bei taͤglicher Uebung wird er dann immer vertrau⸗ ter mit der Welt, fuͤr die er geſchaffen iſt, und zuletzt ganz in ihr einheimiſch, ſo wie er in der vorigen fremd war, harmoniſch mit ihr, ſo wie er mit der vorigen im ſteten Zwieſpalt lebte; mit einem Worte: er wird gluͤcklich! Ungluͤck⸗ lich iſt keiner, der das Rechte thut, das, was fuͤr ſeine Natur und ſeine Kraͤfte paßt, und was alſo das Geſchaͤft ſeines Lebens und ſein Tagewerk ſeyn ſoll. Aber ſchuldig, und folglich auch ungluͤcklich, iſt jeder, der eine Lebenswei⸗ ſe wider ſeinen Willen und ſeine Neigung fuͤhrt. Ihm widerſpricht ſein innerſtes Weſen und ruft ihm zu: Dieß iſt dein Tagewerk nicht! Wie froͤhlich, wie heiter, wie ruhig ſind die Men⸗ ſchen, die das uͤben, wozu ihre Natur ſie rief, und die nicht aus dem Kreiſe weichen, der ih⸗ nen vorgezeichnet iſt! Man ſage nicht, daß der muͤhſeligarbeitende Landmann, daß der ver⸗ achtete, gemeine Handwerker ungluͤcklich ſei; er iſt froͤhlich und ſeelig, wenn es ſein Beruf war, 26— was er treibt; und nicht das geehrteſte, nicht das belohnendſte Geſchaͤft in der Welt macht uns zufrieden, wenn es unſerer Neigung fremd iſt. Woher alſo die unendliche Menge miß⸗ vergnuͤgter, ungluͤcklicher Menſchen? Nicht daher, daß ein unguͤnſtiges Gluͤck ſie verfolgt, ein boͤſes Schickſal ſie anfeindet— aus unſerm Leben fließt beides, unſer Gluͤck und unſer Schickſal—; ſondern daß ſie nicht da ſind und da wirken, wo ſie ſeyn und wirken ſollen. Und iſt dies die Schuld der Umſtaͤnde? Ent⸗ weder dieſe ſind ihnen guͤnſtig, ſo kann ſich ihre Natur deſto froͤhlicher entwickeln; oder ſie ſind unguͤnſtig, ſo wird ihre Natur zum ſtaͤr⸗ kern Gegenſtreben aufgereizt, und es iſt nur die Schuld der Feigheit, wenn der Bedruͤckte im Kampfe unterliegt; wiewol unſere Eigen⸗ liebe, und das zarte Mitleid, das wir mit uns ſelbſt haben, dieſes kaum eingeſtehen wird. Aber mitten unter den Ungluͤcklichen, die das Leben verwuͤnſchen, weil es kein verkehrtes Trei⸗ ben beguͤnſtiget, finden ſich auch wieder Schaa⸗ ren zufriedener, ihrer Arbeit im reichen Genuſſe froher Menſchen. Man ſehe das Treiben und 27 Wogen der geſchaͤftigen Menge an, die, wie Ameiſen und Bienen, nur das thun, wozu ſie berufen ſind. Ihnen ward Fuͤlle des Lebens, Zufriedenheit und Gluͤck. Nicht als ob das Gluͤck bei den Laſttraͤgern und wandernden Hand⸗ werksburſchen zu Hauſe waͤre, ſondern weil dieſe gerade das thun, wozu ſie Kraft und Neigung haben. Je hoͤher die Anlagen eines Menſchen ſtehen, je hervorquellender ſeine Kraft iſt, deſto leichter iſt es ihm, die rechte Bahn ſeines Le⸗ bens zu verfehlen, und ſtatt ſeines Tagewerks etwas unnuͤtzes zu thun; denn ſeine Kraft hat freieren Spielraum, und weniger feſt iſt ſie an die leitende Regel gebunden, ohne welche kein Gluͤck und kein Gedeihen iſt. Daher ſehen wir niedrigere und beſchraͤnktere Naturen faſt immer gluͤcklich, eben weil ſie mehr am Gaͤngelbande der Natur bleiben, und das Geſetz ſtrenger uͤber ſie wacht; hoͤhere hingegen, mit einer faſt goͤt⸗ tergleichen Freiheit, meiſtentheils ungluͤcklich; doch eben ſo wenig dieſe ungluͤcklich ohne ihre Schuld, als jene gluͤcklich durch ihr Verdienſt. Denn es ward den freieren Naturen auch ein zarterer Sinn fuͤr das Rechte, Hohe und Schoͤ⸗ 28 ne gegeben, der ſie mit ſicherer Hand zu ihrem Tagewerk hinfuͤhrt und dabei leitet. Kurz, es iſt keiner, der, wenn er dieſes letztere und ſein Gluͤck verſaͤumt, ſich mit einem Schein Rechtens entſchuldigen oder gar rechtfertigen duͤrfte. Wiie reizend muͤßte der Herabblick auf ein Menſchengeſchlecht ſeyn, wo jeder aus der Menge ſich mit Ernſt und Liebe bemuͤhte, den Platz zu erreichen, wohin ihn ſeine Natur geſtellt wiſſen wollte? Dann ginge keine Menſchenkraft, dann ginge keine Gabe der Natur mehr verloren. Jeder wuͤrde mit allen ſeinen Kraͤften wuchern und mit allen ſeinen Sinnen genießen, und dieß blos, weil er es gewagt haͤtte, den treuen Wei⸗ ſer in ſeinem Innern ſich zu ſeinem wahren Ta⸗ gewerk fuͤhren zu laſſen. Dann ſaͤhen wir viel⸗ leicht Koͤnige vom Throne ſteigen und in laͤnd⸗ licher Stille das heilige Prieſterthum der Natur verwalten. Wir ſaͤhen vielleicht hier einen Sohn des Landes vom Pfluge hinwegeilen, um mit Weisheit das Scepter zu fuͤhren, dort den Krieger und den Mahler ihre Geraͤthſchaften vertauſchen, anderswo einen Richter des Volks das Werkzeug des friedlichen Kuͤnſtlers ergreifen, und wiederum einen ſchlichten Gewerksmann zum kraͤftigen Rechtsſprecher, zum Arzt, oder zum Prieſter geweiht werden. Es ſchiene zwar die Gegend, in welcher ſich ſo etwes zutruͤge, ein Fabelland, ein Land voller Zaubereien zu ſeyn; und dennoch wuͤrde es nur den Sieg des Genius im Menſchen kund thun, und ein Buͤr⸗ ge fuͤr die rechte Richtung ſeyn, welche die menſchlichen Kraͤfte, ihren Anlagen gemaͤß, ge⸗ nommen haͤtten. So viel iſt gewiß, wer wahrhaft fuͤr das Gluͤck der Menſchen beſorgt iſt, der ſorge dafuͤr, daß jeder in ſeinem Kreiſe das wahre Geſchaͤft ſeines Lebens finde, und daß er ſich dieſem mit Treue und Anhaͤnglichkeit ergebe. Es iſt ein ehrwuͤrdiger— wiewol ſeltener— Anblick, einen Menſchen zu ſehen, der ganz das iſt, wozu ihn ſeine Natur beſtimmte, der ganz in ſeinem wahren Berufe lebt, der redlich ſein Ta⸗ gewerk vollbringt. Raſtlos und doch nicht uͤber⸗ eilt iſt ſin Gang durch das Leben und die Welt; jeder ſeiner Schritte iſt mit einer fruchtbaren That bezeichnet, und jede ſeiner Thaten erwu⸗ chert ihm neue, hoͤhere, ausgebreitetere Kraft. 30 In ſeinem Leben iſt keine Leere, kein Ueberdruß, kein Anſtoß. Alles fuͤgt ſich ihm, alles dient zu ſeinem Zweck, und erſcheint, wie gerufen von einer fremden Macht, zur rechten Zeit, als das Werkzeug ſeiner Thaͤtigkeit, da es doch eigentlich ſeine hoͤhergebildete, freiere Thaͤtigkeit ſelbſt iſt, welche alles, auch das Fremdartigſte, zu ſeinem Gebrauch und Nutzen umgeſtaltet. Ruhe und Klarheit ſind ſeine Begleiter jeden Augenblick ſeines Lebens; und wie er nichts wi⸗ derſtreitendes wirkt, ſo fuͤgen ſich auch alle ſeine Umgebungen fuͤr ſeine Empfindung in Harmo⸗ nie zuſammen, und beleben das Gefuͤhl ſeines Daſeyns mit einer wohlthaͤtigen Waͤrme, die ihn zu neuem, frohen Wirken treibt. Dieſes vom Tagewerke des Menſchen, wenn wir daſſelbe blos von einem iſolirten Stand⸗ punkte aus, und blos in Beziehung auf ſeine Individualitaͤt betrachten. Es erſcheint uns hier blos als das zweckmaͤßig eingetheilte Le⸗ ben jedes Einzelnen, und dieſer ſelbſt als der Mittelpunkt eines ſolchen geordneten, zweck⸗ vollen Lebens, welches unmittelbar in ſich und fuͤr ſich ſelbſt ſeine Frucht traͤgt, und wo der — 31 Eigenthuͤmer des Kapitals nur zu ſeinem eig⸗ nen Beſten wucherte. Allein es giebt noch einen hoͤhern Standpunkt, wo die Willkuͤhr und die Abſicht jedes Einzelnen, ſo rein ſie auch ſeyn moͤge, gaͤnzlich verſchwindet, wo ein allgemeiner Wille und ein allgemeiner Zweck uͤber das Ganze waltet, und wo der geſamm⸗ ten Welt der Individuen ihr beſtimmter An⸗ theil an Kraft und That zugemeſſen iſt. Auf dieſem Standpunkte wird die ganze Einrich⸗ tung der Natur nur als eine große Oekono⸗ mie angeſehen, wo jedem Individuum ſeine Aufgabe zur Erhaltung des Ganzen zugetheilt iſt, wie den Arbeitern auf dem Felde die ih⸗ rige. Hier ſoll das Tagewerk eines jeden zu einer allgemeinen Erndte behuͤlflich ſeyn, zu welcher kein Einzelner die Idee entworfen hat, noch entwerfen kann, ſondern die er als eine fremde, hoͤhere Anſicht nur empfangen und in ſich aufnehmen mag. Inzwiſchen entſpricht dieſe Anſicht— die uns bekanntlich nicht durch Den⸗ ker zugekommen iſt, ſondern durch ganz ſchlichte Renſchen, die Kinder am Geiſte waren und nur den Worten des Meiſters glaubten— 32 einem religioͤſen Gemuͤthe auf eine wunderbare Weiſe. Die Idee einer allgemeinen Aufſicht uͤber Alles, eines wachſamen, auch das Gering⸗ ſte abwaͤgenden Auges, ſenkt volle Beruhigung auf das Herz und den Geiſt des Menſchen, der Einheit und Harmonie des Ganzen ſucht; und es findet ſich, daß alle Luͤcken unſers for⸗ ſchenden Innern durch nichts auszufuͤllen ſind, als durch dieſe Idee. Der Herr der Erndte alſo, dieſer heiligen Anſicht nach, iſt es, der Jedem ſein Tagewerk vorgeſchrieben hat, das er nach ſeinem beſten Wiſſen und Gewiſſen vollenden ſoll. Dadurch erhaͤlt das nichtige Menſchenleben einen unendlichen Werth, und einen Einfluß auf das unermeßliche Ganze; und dieſes letztere hinwiederum, gleichſam als waltend uͤber der That des Einzelnen, laͤßt alle Hinderniſſe, die gegen ſein kurzes Tage⸗ werk auftreten, als unbedeutend und kraftlos verſchwinden. Auch hat es die Geſchichte be⸗ ſtaͤtigt, daß alle die, welche mit der religioͤſen Idee eines harmoniſchen Ganzen, das durch ſie, einem beſtimmten Theile nach, gefoͤrdert werden ſollte, an ihre Arbeit gingen, daß dieſe 33 ſchnell und gluͤcklich die ſchwierigſten Hinderniſſe uͤberwanden und gerade durch ihren belebten Ei⸗ fer die Fuͤlle des Lebens in reicherem Maße ſchmeckten. Nur der Menſch, deſſen Vorſtel⸗ lungsweiſe noch vom fluͤchtigen Zufalle hin⸗ und hergetrieben oder von einer eiſernen Nothwen⸗ digkeit zu Boden gedruͤckt wird, verliert des Le⸗ bens Gewinn und Genuß; wer aber ſeine Hal⸗ tung in einer freiwaltenden Gottheit findet, die alle Willkuͤhr und allen Zwang aus ihrem Reiche verbannt, der erblickt in ſeinem eigenen Leben weder ein Spiel, noch eine Froͤhne, ſondern ein heiteres, froͤhliche Ausſicht bietendes, Tagewerk. H— h. Selene VIII. Heft 82 34 Malvina's Fenſter. Taͤglich erneuſt du, mit ordnender Hand, bunt⸗ farbiger Blumen augentzuͤckendes Spiel, wechſelnd im Fen⸗ ſter den Ort. Bald herrſcht rothes Granats weitleuchtende Pracht; es ergießet bald Pomeranzengezweig liebegebietenden Duft; bald aus gruͤnender Myrte Gebuͤſch blickt liebli⸗ cher Roſen zarte Geſtalt, duftvoll ſenkt die Narziſſe den Kelch. Fruͤhlingsduft aushauchet das Veilchen, es ſcherzt mit des Winters Kleide das Glöckchen, und gruͤßt kaum mit den Lippen den Lenz; bald in gedrungenen Reihn hebt maͤchtige Blu⸗ men der Goldlack, bald die Levkoie, die bunt bluͤhet in Farben und Duft. — 33 ₰ Jedes entzückt und es mehret die Luſt die gelungne Verwirrung und frohbluͤhender Schaar wechſelndes buntes Gewühl. Einem allein nur goͤnnt' ich Beſtand von der lieb⸗ lichen Menge: deinem Geſichtchen, wenn froh unter den Blumen es bluͤht. Sebaſtian. 36 Die Familiengruft. Die Antipathie. Kein Menſch haͤtte in dem neunzehnjaͤhrigen Koͤpfchen der Steuerraͤthin den ſchaurigen Ge⸗ danken an eine Familiengruft geſucht. Gleich⸗ wol hatte ſie ihn nicht nur, ſondern ſie hatte ſo⸗ gar uͤber den Beſitz einer ſolchen Gruft einen Prozeß mit der Juſtizdirektorin angefangen. Da nun der letztern die Juſtiz naͤher verwandt war, ſo verlor die Steuerraͤthin dieſen Prozeß. Seitdem erſchien ſie bei keinem Balle und nir⸗ gends, wenn ich die Kirche ausnehmen will, wo ſie die Beſitzerin der Familiengruft vermu⸗ then konnte. Da aber neuerlich auf der Kir⸗ chentreppe ein Wortwechſelchen zwiſchen beiden Damen vorgefallen war, ſo kam die Steuerraͤ⸗ tin auch nicht mehr in die Kirche, ſondern diente von nun an ihrem Gott zu Hauſe, wobei ſie ihr Gebet ein paarmal ſo zweideutig ſoll ge⸗ 37 ſtellt haben, als ob er ihr wol die Familiengruft haͤtte zuwenden koͤnnen. Als einem getreuen Manne und Theilhaber an ihrem Mißvergnuͤgen, ging dem Steuerrath die Sache ſehr zu Herzen. Er wollte ihr eine eigne, praͤchtige Gruft bauen laſſen. Nein!— Er mochte ihr verſprechen, was er wollte, es ſchien, als ob ſie die Haͤuslichkeit ſo zu uͤbertrei⸗ ben Willens waͤre, um zeitlebens nicht wieder auf die Straße heraus zu treten. Der Steuerrath ſprach mit dem Iuſtizdirek⸗ tor wegen der Gruft. Er bat ihn, aber er bat umſonſt; er drohte, aber er drohte auch umſonſt. Blos einige heftige Reden ſtieß er hierauf nicht umſonſt aus, denn der Juſtizdirektor erhob eine Injurienklage gegen ihn, die Abbitte und Eh⸗ renerklaͤrung zur Folge hatte. Die Steuerraͤthin war außer ſich, wie ſie davon erfuhr. Ihre Niederkunft wurde jetzt ein kleines Licht in dieſer Finſterniß, das aber mit ihr ſelbſt und dem Kinde, dem guten Steuereathe bald wieder verloſch. 38 Das Mitleid. Allen jungen und alten Maͤdchen, allen jun⸗ gen und alten Wittwen, ja allen jungen und al⸗ ten Leuten uͤberhaupt gab das Zeitungsblatt dar⸗ uͤber Auskunft, daß dem Steuerrath ein Inbe⸗ griff aller weiblichen Vollkommenheiten im erſten Wochenbette geſtorben war. Es war ein troſt⸗ loſer Menſch mehr auf der Welt. Das Zei⸗ tungsblatt ſagte ausdruͤcklich, daß dieſer Todes⸗ fall die Grundveſten ſeines Gluͤcks fuͤr das ganze Leben erſchuͤttert, daß ihm die ganze Welt kei⸗ nen Erſatz zu bieten haͤtte. Ewig Schade um den jungen Mann! Seine neun und zwanzig jaͤhrige Geſtalt hatte nichts Unangenehmes. Seine modiſche Kleidung verdarb die Sache auch nicht. Und daß er in Nebenſtunden Verſe niederſchrieb— mein Gott! das waͤre wol zu verſchmerzen geweſen, zumal wenn er ſich anheiſchig gemacht haͤtte, ſie niemandem mehr vorzuleſen. Obendrein hatte er einen huͤbſchen Gehalt und dabei ſo viel eignes Vermoͤgen, um ſelbſt eine zahlreiche Familie mit allem moͤglichen Zubehoͤr unterhalten zu koͤnnen. Und dieſer hoffnungsvolle Mann ſollte nun 39 ohne Familie aus der Welt gehen? Es war na⸗ tuͤrlich, daß daruͤber viele mitleidige Seelen in der Stadt die Koͤpfe ſchuͤttelten. Umſonſt. Es gab Muͤßiggaͤnger in der Stadt, die ſich unparteiiſche Beobachter nannten, und dieſe wollten wiſſen, daß ſogar allerlei Anſchlaͤge auf die junge Wittwerhand gemacht wuͤrden. Sie behaupteten, daß der Weg von des Steuerraths Wohnung bis zum Steuerhauſe, um die Zeit, da er ihn gewoͤhnlich zu gehen pflegte, viel mehr mit Maͤdchen und Wittwen geziert ſei, als bei Lebzeiten ſeiner Frau, und die Fenſter an dieſem Wege ebenfalls. Ja, man wollte noch ſpaͤt bei Abend weibliche Seufzerchen vor ſeiner Hausthuͤre haben hin und her fluͤſtern hoͤren. Sollten doch einige Damen in der Stadt die⸗ jenigen neuen Moden, welche ihnen beſonders gut ließen, ſeit den drei Wochen, daß die junge Woͤchnerin beerdiget war, allezeit zuerſt vor des betruͤbten Wittwers Fenſtern vorbei⸗ tragen! Umſonſt, alles umſonſt. Der Steuer⸗ rath ſah und hoͤrte gar nicht mehr. Auf der 40[— Straße ſchwankte er in ſeinem ſchwarzen Anzuge hin und her, wie die Leichenwagen, die ſeine Frau zum Kirchhofe begleitet hatten, und wenn er einmal reden mußte, ſo hing er gewiß ent⸗ weder eine proſaiſche Lobrede auf die Verſtorbene an, oder er recitirte einen poetiſchen Nachruf an ſie, der ihre glorreichen Eigenſchaften in das gehoͤrige Licht ſetzte. Die Stadt wird öoͤſe. Das fing denn nach gerade an die mitleidi⸗ gen Seelen zu verdrießen, und es liefen in der ſechſten Woche nach dem Todesfalle allerlei wun⸗ derliche Reden durch einander. Eine junge Witt⸗ we ſagte, wie der Steuerrath ſo eben bei ihren ſprechenden Blicken maͤuschenſtill voruͤbergegan⸗ gen war, ſie waͤre gewiß auch recht betruͤbt ge⸗ weſen bei ihres Mannes Tode, aber faſſen muͤſſe ſich der Menſch doch wieder, und nicht daruͤber ganz zum Narren werden. Die Wahrſagerin⸗ nen der Kaffee⸗ und Theetiſche verſicherten nun⸗ mehr, daß des Wittwers Betruͤbniß bloße Affek⸗ tation waͤre. Er wolle damit nur den Leuten Staub in die Augen ſtreuen, aber man wiſſe 41 recht gut, daß er ſeine arme Frau unter die Erde gebracht habe; ja, es wurden nach und nach als Belege hierzu allerlei einzelne Faͤlle, in denen ſich der Betruͤbte abſcheulich gegen die Verſtorbene ſollte benommen haben, ausge⸗ muͤnzt und in Cours geſetzt. Dennoch fanden ſich ſogar Leute maͤnnli⸗ chen und weiblichen Geſchlechts, die expreß zu ihm kamen, und ihn freundſchaftlich am Arm faßten, und ſo zu ſagen auf dieſe oder jene heirathsluſtige Dame mit der Naſe ſtießen. Aber zuweilen war es, als ob er gar nichts merkte. Ein andermal wieder wollte er aus der Haut fahren, weil ihm ein guter Freund ganz ohne alle Abſicht geſagt hatte, daß durch den eben erfolgten ploͤtzlichen Tod des Inſtizdirektors wieder eine recht huͤbſche Frau vakant worden waͤre. Er war ſchon daruͤber außer ſich, daß man nur den Namen der Feindin ſeiner Verſtor⸗ benen in ſeinem Hauſe hatte ausſprechen koͤnnen. Daß nach einer Ewigkeit von drei Mo⸗ naten ſich die Zeit noch ins Mittel ſchlagen, und des Steuerraths tiefe Wunde heilen wuͤrde, daran dachte niemand mehr. 4² Franz. Und doch! Franz, ſein Bedienter, ſagte, wenn er allein war, er wiſſe doch, was er wiſſe. Und das war ungefaͤhr folgendes: In den erſten Tagen nach dem Todesfalle hatte ſein Herr we⸗ der gegeſſen, noch getrunken. Dabei konnte er nicht laͤnger beſtehen, daher entſchloß er ſich am dritten Tage wiederum dazu. Sechs Wochen hatte er ſich hierauf, wie alle uͤberfluͤſſige Ge⸗ nuͤſſe, auch das Tabakrauchen verſagt.„Was kann das aber der guten, ſeligen Frau helfen?“ ſagte er in der ſiebenten, und rauchte wie ehe⸗ mals. Acht Wochen lang war der Steuerrath alle Abende, ſelbſt beim abſcheulichſten Wetter, auf den Kirchhof zu ihr gegangen. In der neunten aber hielt ihn der Regen einige Abende davon zuruͤck.„Ja, ſagte er, herzlich gern wollte ich naß werden bis auf die Haut, und die ganze Nacht auf ihrem Grabe ſitzen, wenn ihr das wieder ins Leben helfen koͤnnte! So aber!“— Und nun wurde feſtgeſetzt, daß er woͤchentlich zweimal nachſaͤhe, ob der Todten⸗ graͤber auch den gruͤnen Huͤgel mit dem noͤthigen Waſſer verſorge. 4³ Franz hatte ſich das alles hinter's Ohr ge⸗ ſchrieben, und meinte eines Abends, wie ſein Herr grade dem Kirchhofe ſeinen Beſuch abſtat⸗ tete:„Ob er nicht bald einmal fragen wird: Was geſchieht denn meiner guten Frau drunten im Grabe fuͤr Abbruch, wenn ich nun auch in die⸗ ſes große, weite Quartier, das ſie doch nicht mehr mitbewohnen kann, eine andere gute Frau hereinnaͤhme?“ Der Ruͤckfall. Aber die Traurigkeit des zuruͤckkommenden Herrn ſchlug Franzen gewaltig auf den voreili⸗ gen Mund.„Engel, mein Engel!“ rief der Steuerrath haͤnderingend. Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch, und die herabgebrannten Lichter und die zerkauten Federn wuͤrden Franzen am Morgen die poetiſch verfloſſene Nacht angezeigt haben, wenn ihm ſein Herr auch nicht das neue Klagelied auf die Verewigte vorgeleſen haͤtte. Und das war keine blos voruͤbergehende Laune geweſen. Auch am andern Tage war der Steuer⸗ rath wieder ganz mitten in ſeinem erſten Schmer⸗ ze. Er kuͤßte den Ring mit dem Portraͤt der 44— Verſtorbenen tauſendmal, und nicht den Ring allein, ſondern auch die alten Kuͤchen⸗ und Waͤſchzettel, als das einzige, was die Selige an Mannſkripten hinterlaſſen hatte. Sogar der auf zwei Tage in der Woche beſchraͤnkte Kirch⸗ hofsbeſuch wurde wieder alltaͤglich abgeſtattet, und das einemal in einem Wetter, daß man keinen Hund gern hinausgeſchickt haͤtte, ge⸗ ſchweige einen Steuerrath. Die Gratulation. Franz ließ ſich dieſe Beſuche gern gefallen, denn auch er hatte ſeine kleinen Vortheilchen dabei. Hofraths Ausgeberin neben an, pflegte dann, wo moͤglich, ihrer Herrſchaft ein halbes oder ein ganzes Viertelſtuͤndchen vom Dienſte abzudarben und es dem ehrlichen Franz zuzuwen⸗ den, der ihr dafuͤr ſchon ſein ganzes kuͤnftiges Leben zuzuwenden verſprochen hatte. Waͤhrend eines Kirchhofbeſuchs kam ſie jetzt auch einmal und ſagte:„Apropos, Franz, nun darf man wol bald gratuliren?““ „Gratuliren?“ wiederholte Franz, wie ſchlaftrunken. — 45 „Zur neuen Frau Steuerraͤthin?“ „Du lieber Himmel, die muͤßte er vom Kirchhofe mitbringen!“ „Eben vom Kirchhofe, ja, ja!“ „Was? „Die verwittwete Frau Inuſtizdirektorin Kranz wird er heirathen.“ „Dieſe Todtfeindin der Seligen? Das muß meinem Herrn der Neid nachſagen.“ Hier aber zerriß der hereintretende Steuer⸗ rath das ganze Geſpraͤch. Ein Stadtgeruͤcht hatte uͤbrigens der Gratu⸗ lation wirklich zum Grunde gelegen, dem wir bis zur Quelle nachgehen wollen. Die Ohnmacht. Wie der Steuerrath durch den Tod ſeiner Frau der betruͤbteſte aller Wittwer geworden war, grade ſo hatte der Tod ihres Mannes die Juſtizdirektorin zur betruͤbteſten aller Witt⸗ wen gemacht. Sie weinte vom Morgen bis zum Abend, und hatte bei ſeiner Leiche das Ge⸗ luͤbde gethan, das Zimmer in ihrem Leben nicht wieder zu verlaſſen. Mit dieſem Geluͤbde ging 46 es ihr aber freilich ungefaͤhr wie dem Steuerrath mit dem Tabakrauchen: wie grade einmal recht ſchoͤnes Wetter war, dispenſirte ſie ſich davon, 1 jedoch blos um ihrem geliebten Manne einen Myrtenkranz in die Gruft zu haͤngen. Der Steuerrath ſtand eben bei dem Huͤgel ſeiner Gattin, als die Wittwe zur Kirchhofthuͤre hereintrat. Die ſchwarze Verhuͤllung gab der hohen Figur, die er nicht erkannte, etwas Ma⸗ jeſtaͤtiſches, und ihr langſamer Schritt kuͤndigte Gefuͤhle an, welche ſeinem trauernden Herzen verwandt waren. Erſt als ſie an der Gruft niederſank, erſt da bemerkte er, wen er vor ſich hatte. „Ach Gott! meine Frau, ſie ſtirbt!“ rief ein Dienſtmaͤdchen, das mit ihr gekommen war. „Bemuͤhten Sie ſich wol einen Augenblick her⸗ uͤber?“ Der Steuerrath war kein Unmenſch, daher eilte er zu der Ohnmaͤchtigen, waͤhrend das Maͤdchen nach einem Glaſe Waſſer lief. — 47 Die Verſoͤhnung. Er nahm die ſchoͤne Geſtalt in ſeinen Arm. Er entſchleierte das blaſſe Geſicht. Er verargte es ſeinem Auge, daß er außerordentliche Reize darin finden wollte. Hier mußte aber noch mehr gethan werden. Die Halstuͤcher waren viel zu feſt zuſammengezogen fuͤr dieſen Zuſtand. Sie mußten geluͤftet und dadurch die Athemzuͤge er⸗ leichtert werden. Je leiſer ſeine Hand dabei verfahren wollte, deſto ungeſchickter zitterte ſie von einer Nadel und einer Schleife zur andern, ſo daß es gar lange dauerte, eh' er ſeinen Zweck erreichte. Er erreichte ihn aber auch voͤl⸗ lig. Das ſchoͤne Leben fing an ſich in ſeinen bebenden Armen neu zu regen. Bewußtlos ſchlug die Wittwe in einem Traume von ih⸗ rem Verſtorbenen den Arm um den Nacken des Steuerraths. Dazu leitete der Zufall den Myrtenkranz, den ſie krampfhaft in ihrer Hand behalten hatte, ſo, daß er um ſeinen Hals zu liegen kam. Noch mehr, die Wittwe druͤckte den Mann ſo feſt an ihr Geſicht, daß das Maͤdchen, welches jetzt mit dem Glaſe 48 Waſſer herzu kam, ſich vor Lachen hinweg wen⸗ den mußte. Faſt waͤre die Wittwe zuruͤck in ihre Ohn⸗ macht gefallen, als ſie die großen blauen Augen endlich aufſchlug. Indem der Steuerrath be⸗ ſcheiden zuruͤcktrat, erzaͤhlte das Maͤdchen den fragenden Blicken ihrer Gebieterin den Vorfall. „Verſoͤhnung denn!“ rief die Wittwe ge⸗ ruͤhrt.„Der Himmel will, daß wir bei der Staͤtte der Entſchlafenen das Mißverſtaͤndniß vergeſſen ſollen. Ihr menſchliches Herz hat den erſten Schritt gethan: mein Dankgefuͤhl verpflichtet mich zu dem zweiten. Die Todten haben keinen Zorn: wechſelſeitiges Verzeihen daher und Verſoͤhnung!“ Der Steuerrath war in dieſem Augenblicke durchaus nicht geſtimmt den Hartnaͤckigen zu ſpielen. Und wenn ein Cherub mit ſeinem Flam⸗ menſchwerte zwiſchen ihn und die Wittwe getre⸗ ten waͤre, er haͤtte ihr doch die Hand gereicht. Das Geſpraͤch. „Laſſen Sie uns der Verſtorbenen gedenken!“ ſagte die Wittwe, indem ſie den Myrtenkranz — 49 ſtillſchweigend von des Steuerraths Halſe nahm und in der Gruft aufhing. Sie ſprachen hierauf beide von den Ihrigen, und weinten dazwiſchen, und das ſo lange, bis der Abſchied des Tages ſie an die Nothwendig⸗ keit des ihrigen erinnerte. Bei der Gelegenheit muß ich noch erwaͤhnen, daß ein Paar Leichenſteine in der Naͤhe den Traurenden ein großes Aergerniß gaben. Der eine war einer Frau von ihrem zweiten Manne, und der andere einem Manne von ſeiner zwei⸗ ten Frau geſetzt. Die Wittwe behauptete, daß jede zweite Ehe ein Verbrechen genannt werden koͤnnte, und auch der Wittwer wandte ſein Auge nicht ohne Unwillen von den Leichenſteinen, wel⸗ che zu Zeugen einer ſolchen Greuelthat aufge⸗ ſtellt worden waren. Beide kamen darin mit einander uͤberein, daß dergleichen Menſchen durchaus kein Herz haben koͤnnten. Fortgeſetzter Umgang. Und dies war der naͤmliche Abend, an dem der Wittwer von neuem außer ſich gerieth, die Portraͤts und Mannſkripte der Seligen kuͤßte, Selene VIII. Heft. 4 50— und den Schlaf einer ganzen Nacht, ihr zu Eh⸗ ren, an die Verfertigung eines Klagelieds abtrat. Die Wittwe hatte ſich verlauten laſſen, daß ſie der Naͤhe ihres verſtorbenen Gatten eine Staͤrkung verdanke, welche ihr ſeit ſeinem Tode abgegangen ſei, und daher den Kirchhof von nun an jeden Nachmittag beſuchen wuͤrde. Der Steuerrath ließ das nicht außer Acht, beſonders des Gedichtes wegen. Es ſchien ihm ausgemacht, daß der Geiſt der Wittwe die Kla⸗ gen ſeiner Poeſie beſſer muͤſſe wuͤrdigen koͤnnen, als die ſchlaͤfrige Bedientenſeele, deren Ohr der Nothnagel war, an dem er ſeit dem ungluͤckli⸗ chen Todesfalle ſeine Verſe aufzuhaͤngen pflegte. Er hatte ſich nicht geirrt. Die Wittwe war uͤber Erwarten entzuͤckt von ſeinem Gedicht. Sie zweifelte, daß je ſo'was Vortreffliches aus irgend einer Feder gefloſſen ſeyn koͤnnte, und wenn er auch ganz gehorſamſt bat, daß ſie ihn damit nicht gar zu ſehr beſchaͤmen moͤchte, ſo mußte er ſich auf der andern Seite doch geſtehen, daß kein Menſch auf der Welt einen ſo richtigen Sinn fuͤr Poeſie und ſolchen Beruf zur Kunſt⸗ richterei haͤtte, als die ſchoͤne Wittwe. — 51 Sie verlangte, daß er die uͤbrigen Gedichte auf die Verſtorbene den folgenden Tag mitbrin⸗ gen moͤchte, und wie er dieſe ihr vorgeleſen hat⸗ te, konnte die Wittwe den Wunſch, ihrem Ver⸗ ſtorbenen ein aͤhnliches Andenken zu weihen, nicht unterdruͤcken. Ein Paar Tage ſpaͤter ka⸗ men auch wirklich einige Verſe auf den ſeligen Iuſtizdirektor unter des Steuerraths Anleitung zu Stande. Die Verlaͤumdung. Das reine Verhaͤltniß zwiſchen dieſem Witt⸗ wer und dieſer Wittwe ſpringt zwar den guten Leſerinnen in die Augen, aber nicht ſo der boͤſen Welt. Obſchon beide die Vorſicht brauchten, immer einzeln zu kommen, auch allezeit aus ver⸗ ſchiedenen Kirchhofthuͤren zu gehen, ſo ließ das Geruͤcht dieſe Zuſammenkuͤnfte dennoch nicht oh⸗ ne die beleidigendſten Gloſſen. Sogar die Ohn⸗ macht lief von Haus zu Hauſe. Und zwar als eine von jenen wohlberechneten Ohnmachten, die bei wichtigen Krankheiten der heiligen Ehe und in andern bedenklichen Faͤllen als Hausmittel⸗ chen zuweilen mit Gluͤck angewendet werden. 32 Der Myrtenkranz erfuhr beſonders herbe An⸗ merkungen. Das Unbegreiflichſte bei der Sache war, daß man den unſchuldigen Stoff zu dieſen ſkandaloͤſen Erzaͤhlungen erfahren hatte, da es doch damals auf dem Kirchhofe keine Zeugen gab, außer dem treuen Stubenmaͤdchen der Wittwe. Man hat mich freilich verſichern wol⸗ len, daß der Kammer⸗ und Stubenmaͤdchen Au⸗ gen und Ohren einen unſichtbaren Zuſammen⸗ hang mit dem Munde haͤtten, durch den alles Geſehene und Gehoͤrte mit Gewalt wieder her⸗ aus zu dringen pflege. Allein wie mancher weib⸗ liche Ruf ergiebt ſich den Augen und Ohren die⸗ ſer Maͤdchen auf Diskretion, und wuͤrde er das wol, wenn dies der Fall waͤre? Durch wen aber auch die Kirchhofsanekdote bekannt worden war, ſie verbreitete ſich auf die giftigſte Weiſe, und es hieß bald, daß nach dem Vorgefallenen eine Heirath zwiſchen der Wittwe und dem Wittwer zu Stande kommen muͤſſe. Es liefen auch ſogar ſchon Gratulationen bei ihnen ein, die aber ſehr uͤbel aufgenommen wurden. 1 —— 53 9₰ Der Aktenſtaub und die Sonnen⸗ ſtralen. „Nein, es iſt nicht zum Aushalten mit dem ſchwarzen Tuche!“ ſagte der Steuerrath einmal Mittags, wie er nach Hauſe kam. Franz nickte. „Aber“ ſo fuhr er ihn auf dieſes Nicken heftig an,„kann ich denn?“ Franz ſchuͤttelte auf der Stelle. „Der haͤßliche Aktenſtaub macht mir's un⸗ moͤglich!“ ſetzte er hinzu; und der erſchrockene Franz ſagte:„Nun ja freilich, der Aktenſtaub!“ Auf dem Wege zum Schneider, den er ho⸗ len ſollte, wunderte ſich Franz zwar ein wenig, daß der Steuerrath den Aktenſtaub, mit dem ſein ſchwarzer Anzug nun ſeit ſechs Monaten alle Tage zu kaͤmpfen hatte, jetzt auf Einmal ſo un⸗ leidlich faͤnde; er that indeß was er thun ſollte, und in drei Tagen erſchien der Aſſeſſor in bunter Kleidung. Wunderbar genug hatte die Frau Juſtizdi⸗ rektorin mit ihrer Trauer eine aͤhnliche Fatalitaͤt. Der Aktenſtaub war es nicht, der ſie plagte, aber die Sonnenſtralen, die brennenden Son⸗ 54 nenſtralen! Sie wuͤtheten, wie ſie allen Men⸗ ſchen erzaͤhlte, ſo heftig auf der ſchwarzen Kleidung, daß ihre Geſundheit davon ange⸗ griffen wurde. Eins mußte ſie aufgeben, ent⸗ weder den Trauerſchleier, oder den Beſuch ih⸗ res verſtorbenen Gatten auf dem Kirchhofe, * und es war wol natuͤrlich, daß ſich die lie⸗ bende und verſtändige Gattin zu dem erſtern entſchloß. Der Garten der Tante. Die Beſuche auf dem Kirchhofe erlitten bei alledem kurz nachher eine Verminderung. „Der Leute wegen!“ ſagte die ſchoͤne Witt⸗ we, indem ſie darauf antrug.„Es faͤllt viel weniger auf, lieber Steuerrath, wenn Sie mich in meiner Tante Garten beſuchen. Auch dort werden wir von den Geiſtern unſrer lie⸗ ben Verſtorbenen umſchwebt ſeyn. Denn es waͤre laͤcherlich, zu glauben, daß ſie ſich auf den engen Raum des Kirchhofs beſchraͤnken ſollten!“ 1 Und daß Wittwer und Wittwe wirklich in dem Garten der Tante ſo gut wie auf dem 55 Kirchhofe von ihren Verſtorbenen ſprachen, das wird ſchon im folgenden Abſchnitte ganz deut⸗ lich werden. Das Portraͤt der ſeligen Frau. Der Steuerrath brachte den Ring mit dem Bilde ſeiner Verſtorbenen nicht von der Hand. „Nur den unmodiſchen Kopfputz ſollte das Bild nicht haben!“ ſagte die Juſtizdirektorin einmal, indem ſie den Ring von ſeinem Fin⸗ ger nahm und ihn betrachtete.„Sie ſaͤhe noch einmal ſo gut aus, wenn das geaͤndert wuͤrde.“ Je mehr der Steuerrath dawider einwandte, deſto heftiger beſtand die ſchoͤne Frau auf ih⸗ rer Behauptung. „Und wiſſen Sie was, Steuerrath, ich ſelber nehme mich der Sache an; ich kenne einen ſehr geſchickten Maler.“ „Gleichwol,“ wandte hier der Wittwer im Tone des Vorwurfs ein,„gleichwol verſagten Sie mir neulich die Bitte um Ihr Portraͤt, unter dem Vorwande, daß alle hieſige Maler nichts taugten!“ 56 „Ei, was wollten Sie auch mit mein em Bilde?— Mit Einem Worte, Sie bekommen dieſen Ring nicht eher wieder, bis der Kopfputz daran anders geworden iſt.* In vierzehn Tagen war das geſchehen. Der Steuerrath fand ſich aͤußerſt uͤberraſcht. Nicht der Kopfputz allein war anders geworden, ſon⸗ dern auch das Geſicht. Man ſchwor darauf, daß das Bild die Frau Juſtizdirektorin und kei⸗ nen andern Menſchen vorſtellte. Das Portraͤt des feligen Mannes. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte die Wittwe, wie der Steuerrath das Portraͤt mit ſeinen Blicken verſchlang,„ich ſehe, Sie wollen das Original in Ihre Haͤnde haben.“ „Das Original!“ rief der Wittwer, beide Arme wie zu einer Umarmung ausſtreckend. „Nun ja, das Original!“ rief die Wittwe laͤchelnd, indem ſie ihm den Ring mit dem alt⸗ modiſchen Kopfputze vorzeigte, der in Anſehung der Faſſung dem andern zum Original gedient hatte. 57 Der Wittwer erbot ſich, ihr den alten Ring gegen den neuen zu uͤberlaſſen, wenn ſie anders den alten recht gewiſſenhaft aufheben wollte. „Nun gar noch Bedingungen!“ ſagte die Wittwe ſcherzend. Indeß ſie ließ ſich's gefal⸗ len, auch ließ ſie ſich gefallen, daß der Steuer⸗ rath, damit er gewiß waͤre, daß das Bild ſei⸗ ner Verſtorbenen recht gut bei ihr aufgehoben wuͤrde, ein Miniaturgemaͤlde des ſeligen Juſtiz⸗ direktors, das ſie ſonſt immer am Buſen getra⸗ gen hatte, als Geiſel mit ſich nach Hauſe nahm. Das Arrangement. Die Wittwe verlangte waͤhrend der naͤchſten acht Tage das Bild ihres verſtorbenen Gatten einigemal zuruͤck, und der Steuerrath brachte ihr endlich— ſein eignes. Was aber damit anfangen? Beide Por⸗ traͤts, das im Ringe und das jetzige, beide wa⸗ ren ſchoͤn gerathen! Es waͤre eine Verraͤtherei an der Kunſt geweſen, ſie der Menſchen Au⸗ gen entziehen zu wollen. Gleichwol wagte un⸗ ter den jetzigen Verhaͤltniſſen weder die Wittwe 58 den Medaillon, noch der Wittwer den Ring zu tragen. Es mußte etwas vorhergehen und der Wittwer wußte auch was. „Beſte!“ ſagte er zu ihren Fuͤßen, und hielt ihre Hand an ſein klopfendes Herz. „Aber!“ ſprach ſie ſeufzend. „Meine Retterin!“ rief er.„Ich waͤre dem Gram untergelegen, wenn Du nicht getroͤ⸗ ſtet haͤtteſt! 4 „Aber,“ ſprach ſie,„erinnern Sie ſich noche wie ſtrafbar wir jede zweite Verheirathung fan⸗ den?“ „Ein voreiliges Urtheil waͤre doch wol mit einem ganzen, ungluͤcklichen Leben allzuhart ge⸗ buͤßt!* Die Wittwe fand das einleuchtend, und bald darauf lag ihr Geſicht mit Bewußtſeyn ſo an dem ſeinigen, wie es bei dem erſten Zuſammentreffen auf dem Kirchhofe bewußtlos gelegen hatte. Die Sympathie. Wenig Monate nachher ſagten die Zeitun⸗ gen, daß der Steuerrath die Hochzeit mit der verwittweten Kranz vollzogen habe. — 59 Alles war in der gehoͤrigen Ordnung, die beiden Bilder der Verſtorbenen lagen in einem Kaͤſtchen friedlich beiſammen, auch ließ die neue Frau Steuerraͤthin nicht eher nach, bis die vo⸗ rige aus der Erde wiederum ausgegraben, und ihr Wunſch, in die Familiengruft zu kommen, erfuͤllt war. Franz hatte am Hochzeittage nicht verſaͤumt, ſeinem Scharfſinne im Stillen eine kleine Eloge zu machen. Auch ſagt man, daß er in der Fol⸗ ge einmal im Schlafzimmer ſeiner Herrſchaft, und ein andermal in der Naͤhe der Familiengruft ein paar Einfaͤlle unterdruͤckt habe, die fuͤr einen Menſchen ſeines Schlages recht paſſabel geweſen feyn ſollen. 3 Fr. Laun. Briefe einer fruͤh Vollendeten. 9) I. Theurer, einziger Freund! Wird es dich erfreuen, daß ich noch einmal ein Andenken bei dir erneure, das ein ſanfter Wechſel der Zeit vielleicht ſchon in einen ru⸗ higen Hintergrund ſtellte?— Ja, ich fuͤhle es im tiefſten Innerſten meines Herzens, das das deine kennt, du wirſt mit Thraͤnen der Freude dieſe letzten Zeilen deiner Lodoiska be⸗ netzen, und ein leichter Schmerz uͤber den Inhalt derſelben, wird dieſe durch keine an⸗ dre eines bittern Gefuͤhls verſchmelzen.— *) Anm. Man hat an dieſen Briefen lieber einige kleine Zuͤge im Dunkel laſſen, als dieſe, oder ſonſt irgend etwas an ſo reinen Erguͤſſen einer wahrhaft ſchoͤnen Seele aͤndern wollen. 61 Die Macht einer ſchoͤnen Pflicht zwingt mich, dir noch einmal zu ſchreiben, dir jetzt zu ſchreiben, da mich Bande der Religion auf ewig von dir reiſſen, von dir, an den mich jede Stunde der Einſamkeit noch immer mit ſchoͤnſter Erinnerung knuͤpſte. Ein wichtiger Schritt zwingt mich von nun an, dieſe Ein⸗ ſamkeit zu fliehen, die mir ſo manchen ſuͤßen Genuß gewaͤhrte, um im Geraͤuſche des Le⸗ bens den Vorſaͤtzen getreu zu bleiben, die ich hier fuͤr meine Pflicht gefaßt habe. Laß dich, mein getreuer Freund! den ern⸗ ſten Eingang meines Briefes nicht befremden! Ruhig, wie einſt im ſchoͤnen Ernſt deiner Ju⸗ gend, der ſo oft deiner Freundin Staͤrke gab, uͤberſieh auch jetzt dieſe Zeilen von der Hand der einſt geliebten, nie vergeßnen Freundin, und das Zittern derſelben ſage dir, wie Schmerz und Liebe in ihrem Herzen mit ei⸗ ner ſchweren Pflicht kaͤmpfen, deren widerſtre⸗ bende Gewalt ſie erſt in dieſen Augenblicken in ihrer ganzen Kraft empfindet.— Mit dem edlen Stolze, der uns einſt deine Bekanntſchaft ſchenkte;— mit der ſchoͤnen Ruhe, mit der 62 du in dem bedeutendſten Augenblicke deines Lebens einen Platz erkaͤmpfteſt und behaupteteſt, auf den du ſelber dich, nicht Reichthum und Geburt geſtellet— mit dieſem ruhigen Stolze ſieh auch jetzt das unumgaͤnglich Nothwendige an, und mir gebe die volle Ueberzeugung, daß du es thuſt, dieſelbe Faſſung und Ruhe, um dir alles zu ſagen, was ich dir in dieſem ſchreck⸗ lichen Augenblick einer ewigen Trennung ſagen muß—— Einer ewigen Trennung?— Nein!— Denn dort, wo alle Verhaͤltniſſe eines irdiſchen Lebens nicht mehr ſind, in den Gefſilden einer ewigen Freude, in die mich oft deine ſuͤße Schwaͤrmerei hinuͤber fuͤhrte, dort wird es mir nicht mehr verſagt ſeyn, offen und ruhig die getreue Rechte des Freundes zu faſſen. Und warum zoͤgr' ich dir das entſcheidende Wort zu ſchreiben? Warum zieht dieſe Hand ſich unwillkuͤhrlich zuruͤck? Schwaͤcher wie ich geglaubt, fuͤhle ich mich im Augenblicke der Entſcheidung, und dieſe vielleicht ſcoen—— nein, nicht— ſtrafbare Thraͤne, die hier die Zuͤge meiner Hand verloͤſcht, macht mir mein — 63 innerſtes Gefuͤhl nur zu klar. Und doch darf ich nicht laͤnger zoͤgern; jeder voruͤberfliehende Augenblick fuͤhrt mich dem entſcheidenden naͤ⸗ her, der mich unwiderſtehlich von dir reißt, und dieſer letzte, der noch mein iſt, ſei dir geweiht, ganz dir, und dem Schmerze der Trennung von dir.— — Ich bin Braut— und morgen das Eigenthum eines Mannes, an den mich Ver⸗ haͤltniſſe und Nothwendigkeit knuͤpfen. Graf S. iſt ein ſchaͤtzenswerther Mann, ein Mann, dem du ſchon einſt deine Achtung zollteſt, und den ich ſtets wie einen Vater geliebt habe. Schon vor zehn Jahren, wie du ihn in un⸗ ſerm Hauſe kennen lernteſt, ſtand er nicht mehr in der erſten Bluͤthe der Jugend, und, — dir darf ich jetzt noch dies Geſtaͤndniß thun, — nur ſein reiferes Alter macht mir die Ver⸗ bindung mit ihm moͤglich. Er fordert keine Liebe von mir, er ſcheint es zu ahnen, daß eine tiefere Leidenſchaft mein Herz erfuͤllt, und die achtende Schonung, die er ihr erwies, ge⸗ wann ihm mein ganzes Vertrauen. Haͤtte ein juͤngerer Mann mein Herz mit meiner 64— Hand gefordert, ich haͤtte ihm die eine ver⸗ ſagen muͤſſen, weil ich ihm das andre nicht haͤtte geben koͤnnen, denn betruͤgen durft' ich ihn ja nicht. Aber S. forderte nur mein Zu⸗ trauen, meine Achtung, und beides konnt' ich ihm im vollen Maaße geben. Sieh, mein Freund! mein theurer, im⸗ mer noch geliebter Freund! dieſe Verbindung iſt es, die mich fuͤr dieſes Leben auf immer von dir trennt; die mich zwingt, ſelbſt dem Andenken an dich zu entſagen, weil ich auch den Schein einer Treuloſigkeir vor mir nicht entſchuldigen moͤchte. Und du kennſt mich zu gut, um mich mißverſtehen zu koͤnnen; du ſelber wuͤrdeſt mir,— ich kenne dich,— du wuͤrdeſt ſelber mir das alles ſagen, was mein Gefuͤhl oft nicht zu faſſen vermag. O waͤreſt du hier! Staͤndeſt du vor mir in die⸗ ſem Augenblicke, mit der großen Ruhe, mit der du, ein Juͤngling noch, einſt ſagteſt:„Sie muͤſſen gerecht handeln!“— und wie dir mit dieſem großen Worte mein Herz zuerſt maͤchtig entgegen ſchlug! Theurer Freund! dein Anblick ſelber wuͤrde mir Staͤrke geben, die ich noch 63 nicht ganz zu erringen vermag, und die Thraͤ⸗ ne, die du von meinem Auge kuͤſſen wuͤrdeſt, waͤre mir das letzte Pfand einer Seeligkeit, die nicht fuͤr dieſe Erde war.— O! laß es mich noch einmal waͤhnen, du ſteheſt mir in dieſer Trennungsſtunde gegen uͤber, wie bei jener, da ein leichter Hoffnungsſchimmer deinen kuͤhnen Geiſt nur ſtaͤrker machte. Zerriſſen war dein Herz, wie das meine; doch die edle Faſſung, mit der du mir ſagteſt:„Ludoiska! Sei groß, wie du es ſeyn kannſt, und bleibe mir, getrennt, was du mir warſt und biſt!“⸗ — dieſe Faſſung machte mich ſtark gleich dir, und der letzte brennende Kuß riß mich von dir. Ich habe dich nicht wiedergeſehen ſeitdem, es konnte, durfte nicht ſeyn: denn wie haͤtte ich zum zweitenmale dein Leben auf dem Spiele ſehen koͤnnenn! Aber meiner Seele le⸗ bendig ſtandeſt du vor mir in jeder einſamen Stunde, die ich ſuchte, weil ich kein Weſen hatte, das mich verſtand, keins, dem ich mei⸗ nen Schmerz haͤtte klagen duͤrfen. Minna, meine getreue Minna, war die einzige, die mit mir fuͤhlte,— ach! und ſie durfte nicht Selene VIII. Heft. 5 66 reden. Sie betete dich fuͤr die Rettung ihres Vaters an, wie einen Engel; ſie ſah meinen Schmerz, und ein Schwur band ihre Zunge. Stundenlang ſaß ſie neben mir, und vermiſchte ihre Thraͤnen mit den meinigen, und dein Name kam nicht uͤber ihre Lippen. Ich glaubte nicht, daß ich die Qual dieſes Schweigens wuͤrde ertragen koͤnnen, aber ſpaͤter fuͤhlte ich, daß es wohlthaͤtig fuͤr mich war. Ihre Worte wuͤrden in jedem Augenblicke meinen Schmerz erneuert haben, und nur ihr Schweigen konnte mir allmaͤhlig die Ruhe geben, die du von mir verlangt hatteſt. Nur durch ihren Vater er⸗ hielt ich von Zeit zu Zeit irgend eine Nach⸗ richt von dir, und das beruhigte mich. Jeder Fruͤhling, der mich nach** brachte, war mir ein ſtiller Bote der Freude, und meine Wuͤn⸗ ſche befluͤgelten die Wellen, die mich an das geliebte Ufer fuͤhrten, das ſo lange ein ſchoͤner Zeuge meines Gluͤcks geweſen war. — Es klopft; ach ungern unterbrech' ich mich.— — Minna war es.— Eine wehmuͤthige Freude lag auf ihrem Geſicht. Schweigend — 67 kuͤßte ſie meine Wange, ich fuͤhlte eine bren⸗ nende Thraͤne auf derſelben⸗ Sie hielt etwas in der Hand, das ſie ungewiß vor mir verber⸗ gen zu wollen ſchien. Endlich uͤberwand ſie ſich, und reichte mir es.— O mein Freund! mein theurer Freund! Es war dein geliebtes Bild, das ich ſelber in jenen erſten gluͤcklichen Stunden unſrer Liebe malte. Schon vor meh⸗ rern Wochen hatte ich es vor mir ſelbſt ver⸗ ſteckt, und ich ſuchte mich um die Erinnrung an daſſelbe zu betruͤgen, weil ich es fuͤr un⸗ moͤglich hielt, mich von demſelben zu trennen. Aber daß es Minna gerade in dieſem Augen⸗ blicke beim Einpacken meiner Sachen findet⸗ und es mir üͤberbringt, dies iſt ein Warnen des Himmels, in der Erfuͤllung meiner Pflicht nichts zu verſaͤumen. Auch dies ſend' ich dir zuruͤck, das theure Bild, das dem erſten leben⸗ digen Aufflammen meiner Liebe ſein Entſtehen verdankte. So blickteſt du hinauf, ruhig und ernſt, wie du den Ungluͤcklichen vertrateſt, und was die Ungeuͤbte dem Bilde nicht zu geben vermochte, das konnte Lieb' und Phantaſie er⸗ ſetzen. O wie oft hab' ich es in den traurigen 68 Jahren unſrer Trennung an meine Lippen ge⸗ druͤckt! vor mir lag es, wenn ich die Lieder, die du mir einſt dichteteſt, zur Harfe ſang; ich waͤhnte du hoͤreſt ſie, und jeder Blick auf daſſelbe fuͤhrte die Erinnrung einer ſchoͤnen Stunde vor meine Seele zuruͤck. Dann ſah ich dich wie an jenem erſten Tage, dann in den traulichen Verhaͤltniſſen unſres Hauſes, in das deine Erſcheinung eine andre Seele, ein neues Leben gebracht hatte. O wie oft ſah mein Auge mit Stolz zu dir hinauf, wenn du, ein Juͤngling, in dem Kreiſe der Maͤnner da⸗ ſtandeſt, geliebt von allen und geehrt, wenn das Feuer deiner Jugend ſelbſt das kalte Herz meines Vaters erwaͤrmte, und jeder im weiten Hauſe dir mit Ehrfurcht und Liebe entgegen kam. Jede ſchoͤne Stunde des Unterrichts und der Belehrung trat dann vor meine ſchmerzer⸗ fuͤllte Seele; das Gefuͤhl fuͤr alles Edle und Schoͤne, das ich dir verdanke, alles was mir ohne dich ewig fremd geblieben waͤre, rief der Anblick deines Bildes, wie ein theures Geſchenk in mein Herz zuruͤck, und mich ſelber, wie ich bin, betrachtete ich als ein Geſchenk von dir. 69 Du, ein und zwanzigjaͤhriger Juͤngling, mit gluͤhender Phantaſie, und voll Enthuſiasmus fuͤr jedes Edle und Schoͤne, wareſt der Fuͤhrer und Lehrer des ſechszehnjaͤhrigen Maͤdchens, und der ruhige Ernſt des Mannes thronte auf deiner Stirn, wenn das brennende Auge die Gluth deines Innern verrieth. Und was waͤre aus mir geworden, wenn du weniger edel wa⸗ reſt, da ich mich dir mit der ganzen Fuͤlle meiner Liebe hingab?— Das iſt es, was mich an dich feſſelt mit unaufloͤßlichen Banden! das iſt es, was mich einſt wieder zu dir fuͤhrt, wenn ich es frei geſtehen darf, was du mir warſt und biſt, wenn kein irdiſches Verhaͤltniß mehr die ſchoͤnen Bande trennt, die Geiſter an einander knuͤpfen. Aber daß ich dir dann ruhig entgegen eilen moͤge, dies zwingt mich jetzt, mich ganz von dir loszureißen, und ich, die ich alle Menſchen mit Liebe umfange, wuͤrde den haſſen koͤnnen, der dieſen Zwang Schwaͤr⸗ merei nennen moͤchte. Tief im Innern ruft eine heilige Stimme, gleich der Stimme mei⸗ nes Freundes, mir zu: ſo mußt du handeln; und du verſtehſt mich, du fuͤhlſt es heilig, wie 70 ich, daß ich es muß: denn daß ich es kann, danke ich ja dir. Und ſo lebe denn wohl, mein Ithenker, in⸗ nig geliebter Freund! Moͤg' ein guͤnſtiges Schickſal dich gluͤcklicher in die Arme eines Maͤdchens fuͤhren, deren reine Liebe dir in jedem Augenblicke das Andenken an mich in deine Seele zuruͤckruft; der du es gern geſtehen moͤgeſt, daß du einſt ein Weſen kannteſt, das ihr an inniger Liebe glich. Meine Hand zit⸗ tert. Lebe wohl! Ewig wohl! Und geden⸗ ke deiner 9. Ludoiska. Fragmente. I. Summarien zu einer kuͤnftigen Biographie Kurf. Friedrichs III. von Sachſen. Wer einmal dieſe Biographie zu liefern unter⸗ nehmen wird, ſei erſucht, folgende Umſtaͤnde und Charakter⸗Zuͤge— deren fluͤchtige Andeutung hier geſtattet ſeyn mag— vorzuͤglich heraus zu heben. Friedrichs ganzes Benehmen gegen die Gedruͤckten ſeiner Zeit in Deutſchland hat eine merkwuͤrdige Aehnlichkeit mit Eduards, K. von England, ganzem Benehmen gegen die Gedruͤckten ſeiner Zeit in einem benachbarten Reiche. Mit ſtiller Kraft der Würde weißt Er es von Sich ab, wenn Ihm Verfolgung zu⸗ gemuthet wird: mit wuͤrdevoller Freundlichkeit 72 nimmt Er, zu eben der Zeit, das geweihte Symbolum der Eintracht und des Friedens an. Friedrich, ein Freund der Geſchichte, der Philoſophie und der Tonkunſt, war auch Soldat. Waͤhrend Er es war, und nachher, erfuhr Er Neid und Verlaͤumdung, wußte aber Beides zu ertragen und zu uͤberwinden. „Et sine Te!— dachte und fuͤhlte Friedrich; ohne daß er deswegen den hohen Werth einer Krone— als eines Mittels, in einem weitern Umfange zu begluͤcken— ver⸗ kannt haͤtte. Friedrich war in ſeinem Glauben, wie er denſelben, mit wahrer Reinigkeit, im Herzen trug, ſehr ernſt und eifrig. Davon zeugt un⸗ ter andern auf einer ſeiner Muͤnzen jenes Zeichen, welches ſo haͤufig mißverſtanden und mißge⸗ deutet worden iſt.(Man ſ. Koͤhlers Hiſt. Muͤnz⸗Beluſt. II. 257— 264.) Lehren und Nachdenken hatten Ihm gewiſſe Grundſaͤtze und Maximen ſo eigen ge⸗ macht, daß er ſie oft im Munde fuͤhrte. Be⸗ ſonders dieſer Ausſpruͤche wegen haben Ihn 73 ſeine Zeitgenoſſen den Zunamen des Weiſen gegeben. Friedrich regierte Selbſt. Beiſpiel und Reden von Ihm moͤgen nicht wenig auf ſeinen Bruder ſowohl, als auf ſeinen Neffen, der auch ſein Zoͤgling geweſen war, gewirkt haben. Der Weiſe— wird man wol ſagen duͤrfen— bildete den Standhaften und den Bekenner. Friedrich und Johannes geben das ſeltene Beiſpiel einer gemeinſchaftlichen Regie⸗ rung, die weder den Regenten noch den Un⸗ terthanen verderblich ward.—— In einer gewiſſen Stimmung hatte Fried⸗ rich eine Reiſe nach dem heiligen Lande gemacht. Dort— wo zwiſchen Unbekannten ſo mancher blutige Kampf gekaͤmpft, aber auch ſo mancher Bund der Freundſchaft geſchloſſen worden war— dort ſcheint Friedrich einen Eindruck auf ſein Gemuͤth erhalten zu haben, der nie wieder erloſchen ſeyn mag. An einem Grabe laͤßt man gar Manches ſchwinden: von einem Grabe bringt man gar Manches zuruͤck. 2. Wem die Gabe, auf Menſchen wirken zu koͤnnen, nicht verliehen ward, den bindet, mit verſtaͤrkter Kraft, die Pflicht, fuͤr ſie zu wir⸗ ken. Doppelt wichtig ſei ihm das Amt, wel⸗ ches ihm der Staat uͤbertrug; und bleiben ihm, nach deſſen gewiſſenhafter Verwaltung, noch Stunden der Muße, ſo nuͤtze er dieſe Stunden, um irgend Etwas aus dem Vor⸗ rath von Gefuͤhlen und Ueberzeugungen, die er geſammelt haben mag, zum Beſten ſeiner Zeitgenoſſen— vielleicht auch kuͤnftiger Men⸗ ſchen— niederzuſchreiben. Was er zu ſagen fruchtlos verſucht, das nuͤtzt vielleicht, zu ſeiner Zeit, als ſchriftliches Denkmal ſeines guten Willens; und vielleicht benutzt man dereinſt ſeinen Nachlaß, wenn er ſelbſt laͤngſt vergeſſen iſt.—— 3. Süß iſt jede Frucht der Arbeitſamkeit, dop⸗ pelt aber iſt ſie das, wenn ſie unter Druck von koͤrperlichen Leiden errungen werden mußte. Auch die kleinſte, ſchwaͤchſte Bluͤthe unſers Geiſtes, die unter ſolchen Umſtaͤnden hervor⸗ drang, behaͤlt einen eigenen Werth fuͤr uns; und mit Wohlgefallen denken wir an die truͤbe Stunde zuruͤck, in welcher ſie, durch die maͤch⸗ tige Kraft des reinen Wollens und der An⸗ ſtrengung, aus unſerm Innern durchbrach.— Verſchmaͤhe ſie nicht, Allguͤtiger!— Auch ſie verwebe ſich in den Kranz der Verehrung und des Danks, den dir deine beſſern Men⸗ ſchen, durch edle Thaten, fuͤr mehr als eine Welt, zu winden ſich beſtreben!— tt In 76 Des Saͤngers Traͤume. Erſtes Lied. Ein Knabe ſaß ich an Ufersgrün, Die Wellen ſpielten ſo munter, der Tiefe ſah' ich die Wolken ziehn, Ich wollt' hinunter, hinunter! Da wehte der Wind in Mittagsglut, Und der Spiegel zerrann in truͤbe Flut, Und meine Sehnſucht ging unter! Ich ſaß auf ſonnigen Bergeshoͤhen/ Die Voͤgel girrten im Haine, 5 Am Himmel ſah' ich die Wolken gehn, Beſtralt vom Morgenſcheine; Da wollt' ich hinauf in das blaue Meer, Doch die Wolken irrten hin und her, Ich blieb alleine, alleine! Ich ſtand im traulichen ſtillen Thal, Die Sonne ſank von ferne, 8 77 Und es hing mein Blick an dem letzten Stral, Ich folgte ſo gerne, ſo gerne! Da fluͤſtert' es leiſe, wie Geiſterweh'n, Und es hob mich empor zu den himmliſchen Hoͤhn, Und es gruͤßten mich freundlich die Sterne. Zweites Lied. Iſt der holde Fruͤhling doch gekommen, Alles ſchwebt in neugeborner Luſt, Und ſo ſtill iſt's mir, und ſo beklommen In der tiefen, ahnungsreichen Bruſt; Wie die Blüthen prangen an den Baͤumen! Soll ich untergehn in meinen Traͤumen, Suͤßer Freuden unbewußt? In die heitern Farben moͤcht' ich greifen, Stellen mir das unbekannte Bild, Mit den Luͤften durch die Fluren ſchweifen, Ob die weite Fern' es mir enthuͤllt! Alle Toͤne moͤcht' ich magiſch binden, In den Melodieen es zu finden, Was mein trunk'nes Herz erfuͤllt! 78⁸ Soll das fromme Kind nicht friedlich ſpielen Mit dem Bilde, das ihm wohlgefällt? Was entreißt ihr freundlichen Gefuͤhlen Seine Bruſt, die leiſe Hoffnung ſchwellt? In das kalte Leben ſoll es ſchauen? Ach, da wohnt ſein Gluͤck nicht, ſein Vertrauen, Es gehöret einer andern Welt! Drittes Lied. Die Laute willſt du mich lehren, Alter Saͤnger? Ich mag dich ſo gerne hoͤren Von alten Zeiten ſingen: So laß die Saiten erklingen, Traulicher Saͤnger! Die Welt bin ich durchzogen, Die Welt zu finden, Und leichte Wuͤnſche flogen Vor meinen Sinnen; Ich konnt' es nimmer gewinnen, Mein Glück zu ergruͤnden! Da kamſt du von ferne gegangen, Alter Saͤnger! Es zog mich ein ſtill Verlangen Nach deinen ſuͤßen Toͤnen; Sie faſſen all mein Sehnen, Traulicher Saͤnger. Viertes Lied. Es wehen die Lieder hernieder von himmliſchen Hoͤhen, Du hoͤrſt ſie, und weißt nicht, von wannen ſie kommen und gehen, Sie fließen aus ewigen Quellen, Das Leben mit Luſt, die Bruſt mit Hoffnung zu ſchwellen, Dahin auf melodiſchen Wellen. 1. Sie ſchweben, und athmen die Bluͤthen vom hoͤheren Leben, Und ſtreuen die Duͤfte, die himmliſche Roſen uns weben, Sie regen und ſtillen das Sehnen 80 Im tiefen Gemuͤth, es gluͤht in den magiſchen 4 3 Tönen Das Urbild des ewigen Schönen. Es wehen die Lieder hernieder von himmliſchen Hoͤhen, Du hoͤrſt ſie, und weißt nicht, von wannen ſie kommen und gehen: Doch ſchnell iſt ihr Zauber verſchwunden, Haͤlt innig Gefühl, im Spiel des Geſanges empfunden, Nicht den ſuͤßen Nachhall gebunden! Schreiber. — 2 ger ———— — —————- 3 4