“ A—— 3 0 ₰ 1 85 4 — 1= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur J 3 von Eduard Otllmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für üchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —,——— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 31 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. & d — ——— Erzaͤhlungen unverdorbene Familien. Zweiter Band. Selene. Er ſter Band. Leipzig, bei Georg Joachim Goͤſchen 1815. Die vielfaͤltigen Anfragen wegen eines her⸗ abgeſetzten Preiſes des Journals fuͤr Frauen und der Selene, haben mir bewieſen, daß dieſes Inſtitut, welches wegen der unguͤn⸗ ſtigen Zeiten ſich nur vier Jahre lang erhal⸗ ten konnte, noch nicht ganz von der Leſewelt vergeſſen worden iſt. Ich glaube daher den Wuͤnſchen vieler zu begegnen, indem ich den Freunden einer unterhaltenden Lectuͤre den erſten Jahrgang der Selene, unter einem— zweckmaͤßigen Titel, zu dem niedrigen Preiſe von 2 rthlr. 12 gl. fuͤr alle 3 Baͤnde uͤbergebe. Der Verleger. Inhalr des zweiten Bandes. Selene. Guͤldenes A B C. Schoͤn und Romantiſch. Winterlandluſt. Dora und Alonzo. Liebchens Untreu. Der Roſenbuſch. Des Göoͤttlichen Loos. Hiſtoriſche Anekdoten. Epiſtel. 1 Der Braͤutigam aus Großmuth. Des Menſchen Schickſal. Liebesbriefe eines ſehr beruͤhmten Mannes. IV Serenate. Abſchied. Bathyll. Der moderne Timon. Grabſchrift. D. Martin Luther uͤber Liebe und Ehe. Die drei Paternoſter. Leichtſinn. Mutterbangen nach Hugo. Attila und die Azimunter. Das Schiff und der Meergeiſt. Troſt. Epiſtel. Die Karmeliterinnen zu Eppersheim. Wechſel der Liebe. Der Traum. Die Brautſchau. Einfaͤlle. Charade. Selene— ſo ſagt die Fabel des Alter⸗ thums— dankte ihren Urſprung der Liebe Zeus zu der Titanide Leto. Eiferſuͤchtig be⸗ ſchloß Here die Nebenbuhlerin zu verderben. Die Erde und alle Inſeln des Meers mußten ihr ſchwoͤren, der bald Gebaͤrenden weder Zu⸗ flucht zu goͤnnen, noch ihre Geburt aufzuneh⸗ men. Ares war Zeuge des Schwurs und drohete den Widerſpenſtigen mit dem Zorn der Goͤttin. Dann rief Here den Drachen Py⸗ thon, eine giftige Sumpfgeburt, erzeugt in den Thaͤlern des Parnaß, aus dem Schlamm der Deukalioniſchen Fluth, und befahl ihm, die Fluͤchtige zu verfolgen. So irrte dieſe huͤlflos und verſcheucht von Land zu Land, bis endlich Zeus aus dem Grunde des Meers eine Inſel neu emporſteigen ließ, welche, durch jenen Eid Selene I. Heft. I 2 nicht gebunden, die Verfolgte aufnahm. Hier gebahr ſie unter einem Oelbaume die naͤchtliche Selene, und unter einer Palme den welt⸗ erleuchtenden Helios. Selene will mit ihrem ſtillen Scheine nicht ein Syſtem von Welten beleuchten und erhellen; ſie begnuͤgt ſich, der Erde das Licht zuzuſtralen, welches ſie ſelbſt aus dem himmli⸗ ſchen Lichtquell empfing. Bemerkt das, mit dem Sehrohr der Kritik bewaffnete Auge, neben dieſem Licht noch den matten Schimmer, wel⸗ chen die beleuchtete Erde ihr ſendet: ſo ſchaͤmt ſich Selene deswegen nicht ihres erdumwan⸗ delnden Laufes; ſie wollte mit dieſem Schimmer nicht leuchten, auch zeigt ſie ihn nicht dem natuͤrlichen Auge, ſondern nur dem kuͤnſtlich geſchaͤrften. Selene leuchtet der Erde, aber nicht ihrem Gewerb und dem Drange ihres geſchaͤftreichen Wirkens. Wenn der Laͤrm des Tages ſchweigt und ruht, will ſie dem ſtillern Leben leuchten, welches mit den Schatten der Nacht uͤber die Erde ſich verbreitet. In ihrem Schein blblaſ⸗ ſen die Farben, die zufaͤlligen Unterſcheidungs⸗ 43 zeichen der Dinge; das Herkoͤmmliche verſchwin⸗ det mit den Geſchaͤften und Ruͤckſichten des Weltlaufs, durch welchen es beſteht. Nur die gereinigten Formen leben in ihrem magiſchen Schimmer, und Selene ſieht und zeigt blos die Bilder der Welt, wie der befreiete Geiſt ſie in Momenten ſtiller und ruhiger Betrachtung erblickt, wo kein Nebel oͤkonomiſcher oder politi⸗ ſcher Selbſtſucht den unſichern Blick irre leitet. Auch im unterirdiſchen Tartarus wandelt Selene unter den Schatten vergangener Men⸗ ſchengeſchlechter und Zeiten. Dreigeſtaltig ſchaut ſie in die Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ kunft, und fuͤhrt die Geiſter der dreyfachen Zeit herauf zu den Menſchen, welche die ernſte, keu⸗ ſche Goͤttin mit reinem Sinn anrufen. Aber neben ihrem ernſten, feierlichen Gang am Himmel und in der Unterwelt, liebt Selene die frohe, rege Luſt der Erde. In den Hainen verfolgt ſie das fluͤchtige Wild bei Geſaͤngen der Jagd, und die Nymfen tanzen mit ihr an dem ſchattigen Quell. Doch fern von dem froh mußßwilligen Spiel ſcheucht das ſtrafende Auge der jungfraͤulichen Goͤttin jeden zuruͤck, der mit 3 4 unreinem Blick die ſchuldloſen Spiele entweiht und ſtoͤrt.. Eben ſo gern vermehrt ſie des haͤuslichen Lebens ſtilleres Gluͤck und tritt liebreich und freudebringend in die Wohnungen der Men⸗ ſchen. Sie liebt die Jungfrau, warnt die Gattin, iſt huͤlfreich der werdenden Mutter, ſchuͤtzt den Saͤugling, und bewahrt dem Manne des Stammes Ehre und des Lebens Freude. Aber ſie flieht den ehernen, wilden Ares, der die Mutter verfolgen half. Eingedenk des friedlichen Oelbaums, der ihre Geburt um⸗ gruͤnte, meidet ſie den Haß und die zerſtoͤrende Eiferſucht: doch iſt die Gewalt des Bogens ihr nicht fremd; Niobe's geſchlechtſtolzer, hohn⸗ ſprechender Mund verſtummte vor dem Klang ſeiner Sehne. Guͤldenes A B C. Ein altdeutſcher Handwerksgruß. A. Auf Gott den Herrn dein Hoffen bau, Den Menſchen nie dich ganz vertrau: Er iſts allein, der Glauben haͤlt, Dein Freund iſt ſchwach und falſch die Welt. B. Bewahr' dich vor geheimer Schand, Sonſt Ehr' und Ruhm iſt leerer Tand: Sey Adels werth, dann traͤgſt du leicht, Wenn Neid dich ſchmaͤht und Liebe ſchweigt. C. C iſt aus Reih' und Glied geſtellt Von aufgeklaͤrter Modewelt: Rufſt du's zuruͤck, iſt's wohlgethan— Dein Credo faͤngt mit ihm ſich an! D. Draͤng' nie dich an den Fuͤrſtenſohn, Du wirſt ſein Sklav, ſein Spiel, ſein Hohn: Beym kleinen Mann kehr' lieber ein, Er weiß es noch ein Menſch zu ſeyn. E. Erheb dich nicht mit ſtolzem Muth Iſt dir geworden Rang und Gut: Sie giebt das Gluck, nicht Herz, nicht Kopf, 2 Und Gluͤck ſucht oft den ſchwaͤchſten Tropf. F. Fromm ſey dein Herz und keuſch und rein— So zeig' es Gott, doch ihm allein: Der Menſch zu ſchaun es nicht begehrt, Er iſts zu ſchaun auch ſelten werth. G. Gedenk an deinem guten Tag, Daß Mancher heut wol ſeufzen mag:. Des Dankes Thraͤn', ein Druck der Hand, Ziert ſchoͤner dich, als Diamant. — — H. Hinweg mit Kaͤlt' und Haß und Streit, Iſt dir vom Freund geſchehn ein Leid: Oft ſchmerzt dich, uͤbt' er ſtreng nur Pflicht, Oft kraͤnkt' er dich und wußt' es nicht. In deiner Jugend halt dabey, Daß, was du ſchaffſt, auch tuͤchtig ſey: Der Mann das nimmer ſchoͤn vollbringt, Was nicht dem Knaben gut gelingt. K. Kein Freund iſt, wer dich tadelt nicht, Und viel von deinem Vorzug ſpricht: Gar ſelten geht von Herzensgrund, Was allzulieblich fließt vom Mund. L. Laß nie verwirrn und beugen dich, Ob dein Bemuͤhn geht hinter ſich: Wenn ſonſt nichts, lern' am Lauf der Welt, Er ſey auf Wechſel ſtets geſtellt. —— M. Maaß halt', auch zuͤrnend, jederzeit, Doch geh' im Dulden nicht zu weit: Die Schwachheit dulde, Boͤſes nicht, So üͤb' in beidem deine Pflicht. N. Nie ſchaͤm' dich, auch bey reichem Geiſt, Belehrt man dich, was du nicht weißt: Nichts wiſſen halt' nicht ſo gering⸗„ Als frech bemaͤkeln jedes Ding. O. Ob dir dein Weib jetzt Schmerzen gab⸗ So zieh dich drum von ihr nicht ab: Der Fehl liegt ſelten ganz an ihr; Und waͤr' es auch— ſie traͤgt mit dir! P. Preiſ' Gott, wenn Kinder dir verliehn; Dein Dant ſei, wohl ſie aufzuziehn: Vertrauend⸗ folgſam laß ſie ſeyn, Dann aber ſich als Kinder freun. Q. Quaͤl' niemals dich um irrigs Thun; Haſt du gefehlt, mach's beſſer nun: Vergebne Reu verzehrt die Kraft, Womit du Beſſres ſonſt geſchafft. R. Ruf gern zu Gott in ſtiller Nacht, Wenn er nur und dein Kummer wacht: Er ſchrieb den Troſt mit Sternenlicht: Hier oben wankt und ſchwankt es nicht! S. Stolz ſtrebe nicht in weite Fern; Das Naͤchſte thu, doch treu und gern: Wer ſtetig wandert, wandert weit, Und koͤmmt an's Ziel zu ſeiner Zeit. T. Tracht' ſtets darnach, daß, was gethan⸗ Du ſelbſt als gut erkenneſt an: Wer Allen all's zu Danke macht, Hat Keines Dank und nichts vollbracht. P 1⸗ umwunden gieb kein wuͤrdigs Wort— Die Kraft entweicht, der Geiſt fliegt fort: Wer Andre Edles lehren will, Rey edel, oder ſchweige ſtill. Verlaß, wozu dich Gott nicht ſchuf, Und hoͤr' auf deinen innern Ruf: Wer alles will, will keines recht,„ Wer jedes treibt, treibt jedes ſchlecht. Weh dem, der nicht an Tugend glaubt, Doch dreymal Weh, wer Unſchuld raubt: Bellagt ſey jener, der veracht't, Und haͤtt' er Davids Geiſt und Macht. 7 e* c Ferxes verließ ſich auf ſein Heer, Geſchlagen, peitſcht' er dann das Meer: Warſt du zu keck— trag's mit Geduld, Und ſprich: ich buͤß' die eigne Schuld. Z. Zier' all dein Thun mit Menſchlichkeit, Hob Gott dich uͤber Andre weit: So wird dem Neid die Kraft verwend't, Und alles nimmt ein gutes End⸗ 12— Ein Wort, welches Gefuͤhl und Empfindung bezeichnet, iſt nicht leicht einer Misdeutung un⸗ terworfen. Erſt wenn der Verſtand anfaͤngt den Begriff, welcher ihm beiwohnt, vom Ge⸗ fuͤhl zu ſondern, entſteht Ungewißheit, Irrthum und Verwirrung. Die Empfindung z. B., welche man mit dem Wort ſalzig bezeichnet, kennt jeder: allein die Salze des Chemikers wird das gemeine Gefuͤhl nicht immer anerken⸗ nen, denn den Chemiker leitet bei ſeiner Benen⸗ nung der Begriff, welchen er von der Ge⸗ ſchmacksempfindung zu ſondern gewohnt iſt. Volle Bekanntſchaft mit dem Begriff des Worts ſtellt die Vereinigung deſſelben mit dem Gefuͤhl vollkommen her; geht aber eine unvollkommne Kenntniß des Begriffs in die Vorſtellungen des gewoͤhnlichen Lebens uͤber: ſo ſtoͤrt ſie gewoͤhn⸗ lich den Sprachgebrauch und bringt in die Be⸗ 13 deutung der Worte jene Ungewißheit und Ver⸗ wirrung. Der erſte, der einen Gegenſtand ſchoͤn nannte, wußte ohne Zweifel, was er mit dieſer Benennung ſagen wollte; nicht ſo alle, die im Gebrauch dieſes Worts ihm folgten. Der eine hatte bemerkt, daß das Schoͤne ihm gefalle: er hielt ſich an dieſes Merkmal, und ſo ver⸗ wechſelte er es mit dem Angenehmen; ein andrer fuͤhlte ſeine Gemuͤthskraft nach dem Anblick eines ſchoͤnen Gegenſtandes erhoͤht und belebt: ſo vermiſchte er es mit dem Erhabenen. Ein dritter bemerkte den Irrthum und fing an zu unterſuchen. So ward das Schoͤne, wenigſtens ſeinem Begriff nach, ein Raub der Schulen und ein Gegenſtand ihres Zwiſtes. „Zu was aber eine Unterſuchung? Iſt es nicht hinlaͤnglich, wenn jedes nur weiß, oder dunkel fuͤhlt, was ſchoͤn iſt? Der Genuß am Schoͤnen gilt mehr, als die ſubtilſte Beſtim⸗ mung ſeines Begriffs!“ Der Einwurf ſchließt mit einer Wahrheit, aber es iſt dem Gegner ſelbſt kein Ernſt damit. Denn indem er den Gegenſtand, der ihm als 14—— ſchoͤn gilt, auch von andern ſchoͤn genannt ver⸗ langt: ſo fordert er ein allgemeines Einver⸗ ſtaͤndniß uͤber die Natur des Schoͤnen, das weder Zeit, noch Verſchiedenheit der Anſicht veraͤndern kann. Der ſchoͤne Gegenſtand, wie eben im Vor⸗ beigehn erinnert worden, gefaͤllt dem Sinn, zugleich aber erhebt er den Geiſt. Bemerkt man, daß,(von derſelben Stufe der Betrach⸗ tung angeſehn) der Sinn ein empfangendes, der Geiſt hingegen ein handelndes Vermoͤgen unſres Gemuͤths bezeichnet: ſo erkennt man die Eigenſchaft des Schoͤnen, das ganze Gemuͤth, von Seiten ſeiner Empfaͤnglichkeit und Selbſt⸗ thaͤtigkeit zugleich, zu bewegen. Dieſe allfeitige Bewegung iſt die hohe, goͤttliche Ruhe, von welcher die Begeiſterten durch den Genuß der Schoͤnheit mit Andacht und heiligem Entzuͤk⸗ ken ſprechen— denn Ruhe iſt nicht allein vor der Wirkſamkeit der Kraͤfte, ſie geht auch leben⸗ dig aus ihrer gleichen Wirkſamkeit durch lie⸗ bende Vereinigung hervor. Das Ideal der Schoͤnheit wird alſo in der wirklichen, vollendeten Vereinigung des Erha⸗ 15 benen und Angenehmen zu finden ſeyn. Voll⸗ endet muß dieſe Vereinigung ſeyn, gleichſam eine Durchdringung, welche die Elemente einzeln der Wahrnehmung entzieht und blos das Pro⸗ dukt ihrer Vereinigung der Anſchauung laͤßt. So ſehn wir die Farbenſtralen des Prisma ſich im Durchgange durch ein Vereinigungsglas zu farbloſem, weiſſem Licht verbinden: ſie ſelbſt ſind der Wahrnehmung entzogen; ihr Produkt nur, das Abbild ihres urſpruͤnglich vereinten Zuſtan⸗ des, ſteht vor der Anſchauung. Denkt man ſich die Schoͤnheit, das Ideal, als das Abbild der ewigen Ideen, ſo findet das erlaͤuternde Gleichniß eine volle Anwendung. Allein, wie das Licht in dem Dunſtkreiſe der Erde nicht in ungetruͤbter, farbloſer Rein⸗ heit erſcheint, ſo auch die Schoͤnheit. Die Elemente uͤben ihre Kraft und draͤngen ihr end⸗ liches Weſen der Erſcheinung des Unendlichen auf. So ſchwankt das Leben, bald verſiegend, bald verſtroͤmend, einem doppelten Tode zu; ſo ſchwankt auch die Schoͤnheit mehr oder weniger auf die Seite des Angenehmen oder des Erha⸗ benen, in deren beiden Extremen endlich ihr naͤmlich auf der Einen Seite die hohe Schoͤn⸗ 16 Weſen ſich ganz verliert— Wir wollen hier nicht unterſuchen, ob nicht die Natur in gluͤck⸗ lichen Bildungen zuweilen reine Ideale hervor⸗ gebracht habe, oder ob es dem Sehergeiſte ent⸗ zuͤckter Kuͤnſtler gelungen ſei, der Natur die Form vorzubilden, nach welcher ſinnend, ſie ihre ſchaffenden Kraͤfte bewegt— ob der Apoll und die Venus von Belvedere(die Himmliſchen lieben ihren alten, gefeierten Namen 1) das reine Ideal darſtellen oder ob jener dem Erhabenen ſeine Wuͤrde, dieſe dem Angenehmen ihre An⸗ muth danke; was hiervon auch das Wahre ſei: ſolche Erſcheinungen bleiben eine unerwartete Gunſt des Himmels, dem wahren Kuͤnſtler zum Zeichen gegeben, daß die Goͤtter ſeinen Eifer belohnen, wenn er ernſtlich iſt, und unverlockt vom Irdiſchen feſt auf das Ewige hinblickt. Gelingt es aber auch dem Kuͤnſtler in der Beſchraͤnktheit alles menſchlichen Wirkens nicht, das reine, goͤttliche Ideal darzuſtellen: ſo bleibt ihm doch der ehrenwerthe Ruhm, auf einer der beiden Seiten, dem Ideal nahe, ſeine Kunſt⸗ werke bilden zu kͤnnen. Neben dem Ideal ſteht — 17 heit, welche ſich in zahlloſen Nuͤancen endlich in das Erhabene verliert; auf der andern Seite, die reizende Schoͤnheit, welche ſich zuletzt im Angenehmen aufloͤſet. Dieſe, doch ſehr entfernt vom Extrem, zeigt z. B. die Bildſaͤule des Meleager, oder des ſogenannten Antinous; jene, dem Extrem des Erhabenen etwas naͤher, die Pallas der Dresdner Antikenſammlung. Unter muſikaliſchen Werken giebt Mozarts Sin⸗ fonie in C dur(mit dem fugirten Schlußſatz) ein Beiſpiel fuͤr das hohe, deſſelben Sinfonie in D dur(ohne Mennuett) ein Beiſpiel fuͤr das reizend Schoͤne, und beide ſtehn nicht weit vom Ideal entfernt. Unter den Werken der Dicht⸗ kunſt gehoͤrt Sofokles erſter und zweiter Oedipus der hohen, ſeine Antigone der reizenden Schoͤn⸗ heit an, beide ebenfalls dem Idealſchoͤnen ſehr nahe. Mehr nach dem Extrem des Erhabenen wendet ſich Aeſchylos; fuͤr die zweite, entgegen⸗ geſetzte Seite giebt jedoch Euripides kein in glei⸗ chem Grade paſſendes Beiſpiel, weil er mehr aus dem geſchloſſenen Kreiſe des Schönen her⸗ auszutreten und ſich dem Romantiſchen 5 naͤ⸗ hern ſcheint. Selene I. Heft. „ 18 „Wird aber das Erhabene nicht entwuͤrdigt, wenn es dieſe Anſicht eben ſo fern von dem Schöͤnen ſtellt, als das Angenehme? Soll das Hoͤchſte, was den Menſchen zu den Goͤttern erhebt, gleichen Rang haben, mit dem, was ihn mit vernunftloſen Geſchoͤpfen in dieſelbe Klaſſe ſetzt? Soll nicht vielmehr der Menſch, der ſich vom Angenehmen zu dem Schoͤnen erhoben hat, nun weiter hinaufſteigen zu dem Erhabenen, als der hoͤchſten Stufe ſeiner aͤſthe⸗ tiſchen Bildung?“ Wodurch iſt ein Gegenſtand erhaben? Iſt es nicht blos dadurch, daß er mit imponiren⸗ der Gewalt der ſinnlichen Natur ihre Schran⸗ ken zeigt und in dem Menſchen das Bewußt⸗ ſeyn einer hoͤhern, uͤberſinnlichen Natur weckt, die keiner endlichen Macht erliegt, weil ſie goͤtt⸗ licher Natur iſt, und keiner unendlichen, weil ſie ſelbſt mit dem Unendlichen Eins iſt? Das Erhabene ſetzt daher allezeit voraus, ein Unter⸗ liegen der ſinnlichen Natur entweder vor einer ſtaͤrkern Naturkraft, bei ſinnlich erhabenen Ge⸗ genſtaͤnden, oder vor einer uͤbernatuͤrlichen Macht, bei dem Ueberſinnlich⸗ Erhabenen. Es 19 iſt daher, ſo hoch es auch den Menſchen hebe, doch ſelbſt nicht von goͤttlicher, ſondern von end⸗ licher Natur: denn es ſetzt ſelbſt die Endlichkeit und Beſchraͤnktheit der Natur als Bedingung ſeines Erſcheinens voraus, und wuͤrde mit dem Endlichen verſchwinden, dahingegen das reine Idealſchoͤne unter Goͤttern lebt, in deren ewi⸗ gem Wohnſitz das an die Endlichkeit gefeſſelte Erhabene keinen Raum findet. „Aber iſt die Idee der Gottheit nicht ſelbſt das Erhabenſte, und folglich hoͤher, als die Idee der Schoͤnheit?“ Erhaben iſt ſelbſt die Idee der Gottheit blos fuͤr die endliche Natur, welche ſich ihrer Endlichkeit d. h. ihrer Beſchraͤnktheit, an ihr bewußt wird. Erhabenheit waͤre alſo keine ſelbſtſtaͤndige, ſondern eine abhaͤngige Eigenſchaft der Gottheit. Tilge die endliche Natur, ſo tilgteſt du eine Eigenſchaft der Gott⸗ heit, welches ihrer ewigen Idee widerſpraͤche. Und verſchwindet nicht vor des Menſchen hei⸗ ligem Willen ſelbſt die ernſte Majeſtaͤt der Gott⸗ heit?„Nehmt die Gottheit auf in euren Wil⸗ len, ſagt der Dichter, und ſie ſteigt von ihrem Weltenthron.“ Der Menſch, den dieſer heilige — 26 Sinn erfuͤllt, vergißt den Gedanken an ſeine eigne Endlichkeit; er fuͤhlt ſich in ſeiner ganzen Natur dem Ewigen nah, und, wie zuruͤckge⸗ treten in die unbefleckte Kindheit, ſieht er in ſeinem Gott nicht den majeſtaͤtiſchen Koͤnig und Richter, ſondern einzig den ewigen Vater. Doch wir leben in der Welt des Endlichen. Niemand ſtoͤre daher den Kuͤnſtler, der, nicht fuͤr Goͤtter, ſondern fuͤr Menſchen bildend, ſich das Erhabene zum Ziel waͤhlt. Sein Werk wird beſtehen ſo lange die Endlichkeit ſelbſt be⸗ ſteht, und die Welt des Schoͤnen wuͤrde auf der Erde nicht Raum finden, profezeihten nicht ehrwuͤrdige Formen des Erhabenen von der zu⸗ kuͤnftigen Theofanie. Und warten nicht auf uns alle die feierlich erhabenen Pforten, welche die ewige Weit des Schoͤnen, wie ein verborg⸗ nes Allerheiligſtes, geheimnißvoll verſchließen? Wohl dann dem Auge, das, gewohnt Erhabe⸗ nes zu ſchauen, in den furchtbar ernſten Bildern, theure Bekannte aus der ewigen Welt begruͤßen kann!— Eben ſo wenig verſchmaͤhe jemand die rei⸗ zenden Gebilde des angenehmen Kuͤnſtlers! Sie 21 erheitern das Leben, ohne die Goͤtter wegen klei⸗ ner Beſchwerden vom Olymp zu rufen. Dem heitern Sinn nur erſcheint das Schoͤne in ſei⸗ ner reinen, goͤttlichen Geſtalt. Der truͤbe Sinn empfaͤngt ein truͤbes Bild, und wie der Kranke oft ſich abwendet von dem, was er in den Tagen der Geſundheit mit Sehnſucht begehrte, ſo verſchließt ſich der Mißmuth der ſtillen Ge⸗ walt des Schoͤnen. Und iſt das Angenehme weniger in dem Schoͤnen ſelbſt begriffen, als das Erhabene? Wenn dieſes, als der Geiſt, in ihm ſein ewiges Leben nach abgeworfner Endlichkeit erreicht, ſo findet jenes, als Leib, in ihm ſeine verklaͤrte Auferſtehung. Wir verglichen die Durchdringung des An⸗ genehmen und Erhabenen im Schoͤnen mit der Vereinigung der Farbenſtralen zum reinen Licht. Allein außer dieſer voͤlligen, innigen(dynami⸗ ſchen) Durchdringung, in welcher die Elemente ſich verlieren,(neutraliſiren, ſagt der Phyſiker„ und nennt deßwegen eine ſolche Durchdringung Neutraliſation,) giebt es noch — 22 eine mechaniſche Vermiſchung, in welcher die Stoffe ſich nicht neutraliſiren, ſondern ſelbſt im Produkt noch ihre eigne Natur erkennen laſſen. Vermiſcht man blaue und gelbe Far⸗ benſtoffe,(Pigmente) ſo entſteht bekanntlich die gruͤne Farbe: daß man in dieſer beide Elemente unterſcheiden koͤnne, zeigen gruͤne Koͤrper, welche bei naͤherer Betrachtung gelb und blau gefleckt ſind, z. B. die Raupe auf der Wolfsmilch, oder Zeuge, aus gelben und blauen Faͤden gewebt. Das neue Produkt alſo entſteht hier blos aus dem ſchnellen Wechſel der verſchiedenen Empfindungen oder Sinnes⸗ affektionen, nicht aus ihrer wirklichen Vereini⸗ gung. Ein ſolches Produkt iſt die Harmonie der Toͤne, welche die Verſchiedenheit der ein⸗ zelnen Toͤne nicht aufhebt, wiewol der Sinn ſie im Produkt zu vergeſſen ſcheint. Eine ſolche Verbindung verſchiedner Dinge kann man zum Unterſchied von jener Durchdringung eine mechaniſche, oder auch harmoniſche Verbindung nennen. Aus einer ſolchen mechaniſchen oder har⸗ moniſchen Verbindung des Angenehmen und des 28 Erhabenen entſteht nun das Romantiſche, welches daher, um unſre Vergleichung aufzu⸗ nehmen, ſich zu dem Schoͤnen verhaͤlt, wie das Farbenſpiel zu dem reinen Licht. Wir nennen im Gegenſatz der alten, klaſſi⸗ ſchen Zeit, die neuere, und in dieſer beſonders das Mittelalter, ein romantiſches Zeitalter. Zeigt ſich aber nicht eben in dem Charakter jener Zeit dieſe unverkennbare Vermiſchung des Erha⸗ benen und Angenehmen? Es ſei hier genug, ſie in den beiden Wendepunkten alles damaligen Wirkens nachzuweiſen: in der Liebe und der Religion. In dem klaſſiſchen Alterthum konnte wenig von der Sehnſucht der Geſchlechtsliebe die Rede ſeyn. Damals, wie der Elegiendichter aus Rom ſagt, .. da Goͤtter und Goͤttinnen liebten, folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier. Enthaltſamkeit war weder durch Konvenienz, noch durch religioͤſen Kultus zur unwillkommnen Sitte geſtempelt; ja der Dienſt der ſchoͤnen 44 Goͤttin forderte Maͤdchen und Juͤnglinge auf, das goͤttliche Geſchenk der Schoͤnheit der verlan⸗ genden Bewundrung nicht zu entziehn. Die Goͤttin vergaß in der Liebe des Helden ihre Majeſtaͤt und den Heroen ſchreckte nicht ſtumme Verehrung in anbetendes Staunen zuruͤck, wenn die ambroſiſchen Arme ihn umſingen. Anders war es in der romantiſchen Zeit. Die Enthal⸗ tung, ein voruͤbergehender Gebrauch bei den heiligen Einweihungen der klaſſiſchen Zeit, ſchien dem ganzen Leben jene momentane Heiligkeit mitzutheilen, wenn ſie ſelbſt ſich uͤber das ganze Leben verbreitete. Die Meinung ging aus der kirchlichen Strenge in die Sitte des Lebens uͤber, und die Liebe mußte ſich hinter die Aegide des Sacramentes fluͤchten, um vor jener Strenge zu beſtehn. Verſchwunden war nun die Frei⸗ heit in der Liebe. Statt des Genuſſes erſchien Sehnſucht, die Pfoͤrtnerin der idealen Welt. Den Mann trieb das Geſchaͤft der Waffen in das freiere Leben; er ſtrebte nach Wuͤrdigkeit des Beſitzes, wenn ihm dieſer ſelbſt verſagt blieb. Die Jungfrau, von der Sitte ſtrenge bewacht, lernte ihre Liebe als koſtbares Kleinod 8 25 betrachten und bewachen zum Lohn fuͤr den Wuͤrdigen. So erzeugte ſich die hohe Achtung gegen das Geſchlecht der Frauen, die Chevalerie der Maͤnner— von ganz andrer Art, als der Heroismus der Halbgoͤtter— und die Galanterie der Ritterzeit. Das Erhabene der Pflicht, der Ehre, der Tapferkeit, gattete ſich mit der Aus⸗ ſicht auf Liebe, welche jede That des Ritters begleitete, und der liebenden Jungfrau erſchien der Geliebte nicht blos als liebender Mann, (wie Paris ſeiner Helena, als er vor Menelaus geflohen war,) ſondern als ſieggekroͤnter, be⸗ wunderter Held. Und die Religion— Iſt nicht die Grund⸗ feſte alles Chriſtenthums, Entſuͤndigung und Verſoͤhnung durch den Tod des Goͤttlichen, die hoͤchſte aller romantiſchen Ideen? Wenn der klaſſiſche Geiſt auch ſelbſt im kindlichen Sinn den Vater der Goͤtter auch Vater der Menſchen nennen konnte: nur der romantiſche Sinn konnte die Geſammtheit der Kirche als eine ideale Perſon, erroͤthend in Liebe, gleich einer Braut, dem goͤttlichen Braͤutigam entge⸗ genfuͤhren; nur dieſer Sinn konnte die Qualen 26 des Todes mit froͤhlichem Herzen beſiegen, und die Treue dem Geliebten ſterbend bewahren. Ueberall iſt aber hier die erhabene Kraft des Willens neben dem Genuß der ideellen oder reellen Freuden der Liebe— das Angenehme bei dem Erhabenen. Nicht aber blos den Charakter der Zeit, auch einzelne Gegenſtaͤnde der Natur und Kunſt nen⸗ nen wir romantiſch, wenn jene Verbindung des Angenehmen und Erhabenen in ihnen bemerk⸗ bar wird. Ein Fruͤhlingstag kann ſchoͤn ſeyn, eine Fruͤhlingsnacht iſt romantiſch; ſchon der abendliche Duft der Blumen iſt romantiſcher, als derſelbe am Tage, denn indem ſeine Urſache ſich verbirgt, entſteht ein Schein des Myſterioͤ⸗ ſen, welcher neben dem Angenehmen das feier⸗ lich Erhabene hervorruft; der Mond hinter Gewitterwolken iſt romantiſcher, als der, an leicht bewoͤlltem Himmel; ein bluͤhender Garten am Meerſtrand iſt romantiſcher, als an einem kleinen Fluß: hingegen ein umbluͤhter Bach in einem Felſenthale iſt wieder romantiſcher, als das Felſengeklipp am Meere, welches wild, grauſend, erhaben ſeyn kann, aber nicht roman⸗ 27 tiſch, ohne den Zuſatz von etwas Angenehmen, ſollte es auch nur eine Anforderung an die Phantaſie ſeyn, etwas dergleichen hinzuzubilden. Die Gartenkunſt bildet vorzuͤglich das Ro⸗ mantiſche, die Plaſtik hingegen das Schoͤne, doch iſt ihr das Romantiſche nicht ganz fremd, ſo wenig als dem vorzugsweis klaſſiſch genann⸗ ten Alterthum. Faſt alle chriſtlich⸗ religioͤſen Gemaͤlde ſind romantiſch, ſchon der Natur die⸗ ſer Religion ſelbſt nach. Die ſchoͤne Madonna mit dem goͤttlichen Kinde, die Auferſtehung und die Auffahrt des ſiegenden Erloͤſers in die engel⸗ erfuͤlte Wohnung voll goͤttlicher Glorie zeigen insgeſammt den angegebnen Charakter des Ro⸗ mantiſchen. Mozarts Opern haben faſt insgeſammt ro⸗ mantiſche Natur; ſeine Sinfonien gehoͤren mehr in das Gebiet des eigentlich Schoͤnen; dagegen Haydns Inſtrumentalmuſik mehr romantiſch iſt. Die vorzuͤglichſten Kirchenkompoſitionen beider Meiſter haben mit Recht romantiſchen Charak⸗ ter. Bei vielen der neuern Komponiſten ſcheint aus dem Romantiſchen, Schwulſt und Bombaſt zu werden. 28 —— Schiller nannte ſeine Jungfrau von Orleans ein romantiſches Trauerſpiet, und mit vollem Rechte. Schon die Hauptfigur, die prunk⸗ loſe, aber gottbegeiſterte, friedlich ſchwache, aber ſiegreiche, reizende, aber Liebe verſchmaͤ⸗ hende Jungfrau, iſt ein voͤllig romantiſcher Charakter. Der Gegenſatz des Idealen und Realen, welcher durch das ganze Schauſpiel durchgeht, der Sieg des Idealen und der ge⸗ heimnißvolle Tod des Schoͤnen haͤlt das Ganze durchaus romantiſch; auch die Begebenheiten wechſeln dem romantiſchen Charakter gemaͤß. Ueberhaupt iſt der romantiſche Geiſt faſt allen Gedichten Schillers eigen, und wenn unſre Vergleichung des Schoͤnen mit dem Licht und des Romantiſchen mit der Farbe nicht unpaſ⸗ ſend iſt, ſo ſcheint des Dichters Diſtichon: Wohne du ewiglich Eins dort bei dem ewiglich Einem, Farbe, du wechſelnde, komm freundlich zu Menſchen herab, feine Vorliebe fuͤr das Romantiſche im Bild anzuzeigen. 29 Goͤthe's Taſſo iſt romantiſch, ſeine Iphi⸗ genia gehoͤrt in die Reihe des Schoͤnen. Fuͤr beide Gattungen der Kunſt ſind die Werke die⸗ ſes Dichters ein reichhaltiges Repertorium, deſ⸗ ſen Werth bei jedesmaligem Betrachten immer hoͤher ſteigt. Schoͤn iſt der Friede— ſagt der Chor in der Braut von Meſſina— ein lieblicher Knabe liegt er gelagert am ruhigen Bach— Romantiſch iſt der Krieg; er hat auch ſeine Ehre, der Beweger des Menſchengeſchicks— Alles erheht er zum Ungemeinen, ſelbſt dem Feigen erzeugt er den Muth—— Welches nun das Beſſere ſei von Beiden? Es iſt ſchwer zu beſtimmen; das Beſte aber iſt, des Augenblickes Gabe nicht zu verwerfen, und uͤber dem Blick nach dem Ziel nicht den Weg dahin zu verfehlen oder vornehm zu ver⸗ achten. 4 A. A. —— ——— Winterlandluſt. Tief in den Hainen verſtummt iſt jeder Wohllaut, Dohlen und ſchwaͤrzliche Kraͤhn nur kraͤchzen Sturm her; glaͤnzender Reif deckt das Feld, ſchimmert am 3 Buſch, ſtumm, in des Froſtes Feſſeln ſtarret der Bach. Aber im Hauſe darum nicht ziemt der Raſttag; Reichliche Freuden genug gab uns der Fruͤhling. Traͤger Empfang ziemet nicht froͤhlichem Sinn: traget hinaus dem Winter Jubel und Luſt. Fern von der Stadt zu der waldumfangnen Gegend eilet in ſchnellerem Flug auf glatter Schneebahn, eh ſich im Oſt Morgenglanz roͤthlich erhebt, eh' in dem Licht des Vollmonds Scheibe verbleicht. 31 Draußen geſchwind in den Wald nach kurzem Fruͤhmahl, wo ſich im ſchneeigen Grund vom Wild die Spur zeigt, Hundegebell, Jaͤgerruf, Hoͤrnergetoͤn ziert den entlaubten Forſt ſtatt Voͤgelgeſang. Oder empoͤrt das Getoͤs blutgierger Jagdluſt Graun in der ſanfteren Bruſt zartſinnger Jung⸗ fraun? Hin zu dem Fluß! ſpiegelglatt blinket das Eis, tönt von dem Strich des hingleitenden Stahls. Seht den bequemlichen Sitz auf leichtem Eisſtuhl, Frauen gerecht, und dem Mann willkommne Dienſtluſt; oder gewaͤhrt eignes Laufs kuͤhneres Spiel, onnkelgelocktes Maͤdchen, freiere Luſt? Waͤhle den ſchöneren Stahl; umſonſt verſuchſt du, niedlichem Fuͤßchen gerecht, ihn auszupruͤfen! Gleite getroſt auf der Flut duͤnnerem Glas; ſchwebender Flugberuͤhrung weichet es nicht. 32 Aber hinaus, wo der Fluß durch Wald und Berghöhn gern in dem Laufe verweilt. Schon glaͤnzt des Abends roͤthlicher Schein, flammt von Eiskluͤften der Bahn, 4 ſchimmert in Reifkryſtallglanz golden vom Hain. Gleitet im Dunkel zuruͤck dann froh der Eistanz, hebet die Scheibe des Monds ihr Silberlicht auf; daͤmmernder Stral gießt um uns magiſchen Glanz, Elfen⸗ und Sylfenchor gleich ſchwanket der Reihn. Dampfend erwartet das Mahl frohſinnge Gaͤſte, golden ergießet des Rheins mildernſter Trank ſich, lange bewahrt; deutſches Lands heimiſche Flur gruͤßte des Vaters Prachtlauf freudiger noch, als in dem raͤumlichen Faß geiſtvolle Gaͤhrung pflegte des edelſten Sohns ſtarkkraͤftge Jugend; tief im Gewölb harrt' er lang freundliches Mahls, keuſch, von dem Mund des Fremdlings nim⸗ mer beruͤhrt. 3³ Aber den brauſenden Geiſt luftvoller Perlen ſpendet vor allem den Fraun. Hoch ſprengt den . Kork auf! Laßt von dem Glas himmelan ſpritzen den Schaum; weihet Geſang dem Erſtlingsbecher des Mahls! Jedem gewaltigen Geiſt voll Muth und Kuͤhnheit ſchalle der Becher Geton. Wer göttlich Lied ſang, Steinen Geſtalt, Farben gab lebenden Geiſt, Sternen die Toͤn' entrief, ihn feire der Klang. Aber vor allem dem Mund voll ſüͤßer Kuͤſſe toͤne das Lied, und der Bruſt voll Lieb' und Wahrheit: heiliger nicht flammt das Licht hoch im Olymp, als in der Bruſt der Lieb unendlicher Stral. A. Selene I. Heft. 8 8 —— 1 —— — — ———— Dora und Alonzo. Und da ich merkete, daß mein Herz voll Grämens ward über das, was ich ſah unter der Sonnen, und ich nicht ändern konnt': da wandt' ich mich ab, und lachte.. Salomo.. Bekanntlich nehmen ſeit einiger Zeit die deut⸗ ſchen Erzaͤhler von gutem Ton ſo gern den Flug der deutſchen Schwalben von nicht gutem Ton: ſie ziehen nach Spanien, wenigſtens nach Ita⸗ lien— Gewiß, eine der jetzt ſo haͤufigen Regun⸗ gen des reinen Patriotismus! Was unſterblich im Geſang ſoll leben, Muß im Leben untergehn— So hat man bei Schiller geleſen, und man fliehet dichtend das Vaterland, damit es lebend nicht uͤber den Haufen falle. Um nun zu er⸗ weiſen, ich ſei patriotiſch, ſo gut wie andre 35 Leute, muß ich ſchon auch zuweilen in das Land fluͤchten, wo die Zitronen bluͤhn. Zum Gluͤck bluͤhen aber da nicht nur Zitro⸗ nen, ſondern auch alte Liebesgeſchichten, mit denen ſich ein Erzaͤhler eben ſo, wie mit jenen, erquicken und— abkuͤhlen kann. In einem ſolchen Werke, das ich gewiſſenhaft anfuͤhren wuͤrde, waͤre nicht der Titelbogen von gewiſſen gemeinen Naturen zernagt, fand ich folgende bewegliche Hiſtorie—: ſo etwas jetzt zu erfin⸗ den, wagte ich gar nicht! Ich kann ſie den Freunden des Schoͤnen um ſo weniger vorent⸗ halten, da ſie wenigſtens drei ihrer Lieblings⸗ wuͤnſche ſicher befriedigt: ſie verletzt weder feine Sitten, noch einen delikaten Geſchmack; ſie hat ſo viel Natuͤrliches, als ohngefaͤhr wir ſelbſt; ſie iſt ſo kurz, daß ſie waͤhrend des Fri⸗ ſirens genoſſen werden kann. Darum, und be⸗ ſonders des letzten Vorzugs wegen, hoffe ich, ſie werde geleſen werden, ſelbſt von denen, die ſie recenſiren. 36— Zur Zeit des ſpaniſchen Succeſſionskrieges kannte ganz Madrit den ehrſamen und namhaf⸗ ten Don Pandolfo di Plampino— nicht als ob er eine betraͤchtliche Perſon geweſen waͤre, ſondern weil er betraͤchtliche Geſchaͤfte machte, und eine betraͤchtlich ſchoͤne Tochter beſaß. Pandolfo war eigentlich ein Rechtsge⸗ lehrter, hatte ſich aber ſein Lebelang weder mit dem Recht noch mit den Rechten mehr abgegeben, als landuͤblich; ſeine Sache war die Fuͤhrung einer Art von Induͤſtriecomtoir, worin jungen hoffnungsvollen Erben und andern Leuten von Nachdruck Gelder gegen ein Genuͤgliches ver⸗ ſchafft wurden. Jetzt brach der Krieg aus und der Feind ein. Wenn auch ſonſt nichts, ſo glaubt man mir in Deutſchland jetzt doch das: Koͤmmt der Feind, ſo geht das Geld; Ge⸗ ſchaͤfte ruhn, Parteiſucht wacht; das Zeitalter welkt, die Zeitungen bluͤhen. Unſer Alter wußte von allem zu profitiren. Er machte das Geldbuͤreau zu und ein Zeitungs⸗ comtoir auf. In dieſem verkuͤndigte, verkaufte, redigirte und ſchrieb er ſein Tagblatt: das Kanonenrecht— und das Blatt ging eine 37 Weile trefflich. Er liebte weder die ſanftmuͤ⸗ thige Politik, der alles recht iſt, noch den humanen Zeitungsſtil, der allem huldigt, was eben obenauf ſchwimmt: er ergriff keck und derb Partei, und zwar die Partei der alten, öſtrei⸗ chiſchen Regierung. Nach und nach ſchrieb er ſich auch wirklich dermaßen in ſeinen Gegen⸗ ſtand hinein, daß er gar nicht mehr heraus konnte und beim bloßen Namen Koͤnig Phi⸗ lipps des fuͤnften Fieberſchauer bekam. Im Kriege inkommodiren die Weiber: Don Pandolfo beſchloß daher, ſeine ſchoͤne Tochter, Dora, zu verheirathen. Ein junger Freimuͤ⸗ thiger etablirte eben ein aͤhnliches, aber noch derberes Blatt— Kettenkugeln betitelt— und ſchoß damit gegen Koͤnig Philipp und gegen Nachbar Pandolf. Wen man nicht zu beſiegen hofft— dem bietet man Allianz: Don Diego(ſo hieß der ruͤſtige Kollege) hatte mehr Leben, hatte Witz obendrein—: zu Hauſe zitterte Pandolfo, in der Stadt ſchimpfte er, bei Diego ſtreckte er die Freundeshand hin. Die Herrn, die bisher einander zerriſſen hat⸗ ten, beſſerten nun einander wieder aus: man pries, man excerpirte ſich gegenſeitig und ver⸗ gaß nicht in Klammern beizuſetzen: trefflich er⸗ zaͤhlt im Kanonenrecht! vollguͤltig erwieſen durch die Kettenkugeln u. dergl., ſo daß das liebe Publikum nun gezwungen war, zwei zu kau⸗ fen, um eins zu beſitzen. Man wundert ſich dieſes Friedens? das ge⸗ ſchieht allemal, bis man die geheimen Traktaten erfaͤhrt! Diego hatte ſich in die ſchoͤne Dora verliebt, und Papa hatte ſie ihm, als Bundes⸗ ſiegel, zur Frau verſprochen. Die ſchoͤne Dora hatte aber nicht mehr Luſt, ſich ſiegelsweiſe brauchen zu laſſen, als manche Prinzeſſin; und ſeit der junge, verwun⸗ dete Offizier, Don Alonzo, gerad' uͤber ein⸗ quartirt worden war, ſchien ihr vollends aller Appetit vergangen. Die Maͤdchen wußten ſich viel von ſeinem Heldenmuth zu erzaͤhlen— Dora lernte ihn achten; ſie ſahe den bluͤhenden Mann, den Arm, ach! in einer Binde, ſpazie⸗ ren gehn— ſie lernte ihn bemitleiden; er wurde mit Lebensgefahr der Schutz der Nachbarſchaft bei einem Auflauf des Poͤbels— ſie mußte ihn verehren; ſie fand nun in ihm den heiterſten, 39 angenehmſten, liebreichſten Geſellſchafter— ſie mußte ihn lieben. Alonzo's Empfindungen hat⸗ ten zum Gluͤck denſelben Gang genommen, wie⸗ wol auf andre Veranlaſſungen: er liebte die Schoͤne mit aller Innigkeit, und der eben er⸗ haltene Befehl, ſich wieder mit der Armee zu vereinigen, draͤngte bei Beiden das Geſtaͤndniß ihrer Liebe und die Schwuͤre ewiger Treue uͤber die heißen, bebenden Lippen. Wie gluͤcklich waren ſie, bis Alonzo das Lebewohl beginnen mußte! Wann werden wir uns wiederſehn? fluͤſterte Dora unter Thraͤ⸗ nen. Ich bin meinem Gebieter nicht unbe⸗ kannt, erwiderte Alonzo; bin von ihm ge⸗ ſchaͤtzt. Das Gluͤck wird ihm nicht immer den Ruͤcken zukehren: er wird ſiegen, er wird den goldenen Frieden zuruͤck ins Vaterland bringen! O wahrlich, das wird er, mein ſanfter, edler Philipp! Philipp? Koͤnig Philipp? rief Dora, zum Tode erſchrocken. Himmel! jetzt denk' ich erſt daran, daß du ihm dienſt! Mein Vater haßt ihn und alle ſeine Anhaͤnger, wie die Hoͤlle! Nun, ach nun iſt alles aus! 40— Alonzo begriff das ſelbſt, und was gab es nun fuͤr Exklamationen! was fuͤr echtſuͤdliche Duetten: 1 u. 2. Ach daß ſie bliebe, Die heilge Liebe! 1. Verhaßtes Scheiden! 2. Doch nimmer meiden! r. Verderben ſchauen! 2. Doch ewig vertrauen! f u. 2. Die Welt geh' unter: Liebe bleibt munter!— Hier wurden ſie durch den Eintritt Lepo⸗ rello's geſtoͤrt— Bewaͤhrter Diener! redlich Herz! tritt naͤher! redete ihn Alonzo an. Was bringſt du? „Den Brief da, Herr! Es hat ihn eben eine Ordonnanz von Eurem Regimente abgege⸗ ben!“— Der Brief wird eroͤffnet: ha, ein Licht⸗ ſtrahl durch die oͤde Nacht! Alonzo bekoͤmmt Befehl, in Madrit, gewiſſer ſtiller Geſchaͤfte wegen, zuruͤckzubleiben. Nun richtet er ſich ein: er verbirgt gegen Jedermann ſeine Anhaͤng⸗ — 41 lichkeit an Koͤnig Philipp, und um ſeine ſpani⸗ ſche Treue nicht zu verletzen, ſpricht er durchaus gar nicht uͤber Politik. Er beſchließt, ſich dem alten Pandolfo von anderer Seite zu naͤhern, indem er, gruͤndlich genug, alſo argumentirt: der Mann hat viele Jahre und immerfort Geld gezaͤhlt; das macht die Hand rauh und ſchmutzig— aber die Seele auch. Rauh iſt er: er wird auch geitzig ſeyn. Ich habe Ver⸗ moͤgen: das muß ich geltend machen!— Er machte dem Alten den Beſuch; erzaͤhl⸗ te, wie er, als Soldat, vielleicht in wenig Wochen mehrere hundert Meilen entfernt hauſe, und deßhalb, beſonders zu ſo bedraͤngter Zeit, Niemand noͤthiger habe, als einen ſoliden Mann, der mit Rechten und Geldern gleich⸗ gewandt umzugehen wiſſe, und dem er die Verwaltung ſeiner betraͤchtlichen Habe mit vol⸗ lem Vertrauen uͤbertragen koͤnne. Dem Alten waͤſſerte der Mund und ſein rechter Zeigefin⸗ ger ſtrich, gleichſam vorkoſtend, immerfort den Daumen ſchnell und gelind. Mit tauſend Buͤcklingen folgte er Alonzo'n ſogleich in ſeine Wohnung, ſich durch eigne Anſicht der Doku⸗ 4² mente augenblicks in mediam rem zu ver⸗ ſetzen. Das geht gut! dachte Alonzo, als ſie an⸗ kamen. Er ging in ein zweites Zimmer, die Dokumente zu holen: Pandolfo blieb im erſten zuruͤck. Zeitungsſchreiber haben mit Maͤdchen wenigſtens Eine Aehnlichkeit: Pandolfo ſtoͤberte umher und ſeine ſchiefen Blicke ſielen endlich auf das offene Buͤreau. Hier lag ein Brief, deſſen Da⸗ tum ihn ſo entzuͤndete, daß er ſchon darnach griff, als Alonzo zuruͤckkam. Es ſtand naͤmlich oben: Feldlager Erzherzog Karls bei Sa⸗ lamanka. Don Alonzo lebt in geheimen Geſchaͤften in Madrit, ſpricht nie uͤber Politik, am wenigſten gegen Oeſtreich, und nun dieſer Brief: eins erklaͤrt das andere— es kann nicht fehlen! dachte Don Pandolfo. Er buͤckte ſich nun noch einmal ſo tief, als Alonzo zuruͤckkam. Es iſt kein Wunder, be⸗ gann er nach allerhand Wendungen, daß ein Herr, der ſolch ein ſchoͤnes Vermoͤgen beſitzt, auch Konnexionen benutzt, wodurch er bei Zeiten von den Planen der kriegeriſchen Maͤchte... Da ihn hier Alonzo finſter anſahe, wendete er 43 ſchnell die Fahne: Ich meine nur ſo! Nicht etwa aus perſoͤnlichen Ruͤckſichten— ach Gott, welcher Edle daͤchte jetzt daran! ſondern einzig, weil man oft dem theuren Vaterlande durch ge⸗ wiſſe Verbindungen weit erklecklicher dienet, als durch offene Fehde... Jetzt verſtand ihn Alonzo erſt; ſeine hersiſche Treue gegen ſeinen Herrn quoll ſprudelnd hervor: er fuhr auf, er haranguirte— Was half's ihm? Je eifriger er ſich bemuͤhete, zu ſcheinen, was er war; je ſicherer wurde Pandolfo, er ſei, was er ſchien. Laſſen Sie's doch gut ſeyn, ſchmunzelte unſer Alter. Sie bekommen oft Briefe aus dem Feldlager Erzherzog Karls, den Gott erhalte! Sie be⸗ kommen ihrer— o ich weiß! ich habe Quellen, die man mir gar nicht zutraut! Sie werden roth, theurer Goͤnner und Patron: warum denn? Die ganze Welt weiß: ein Zeitungs⸗ ſchreiber muß ſchweigen koͤnnen! Hand her, Edler! So! Und nun Vertrauen gegen Ver⸗ trauen! Sehen Sie— mein Blatt haͤlt ſich vornaͤmlich durch die angehaͤngten Artikel gehei⸗ mer Korreſpondenz, aus allen Orten der Welt datirt. Unter uns: ich mache das alles ſelber! 44— Ueber etwanige Mißgriffe, ſelbſt wenn ſie ziem⸗ lich grob ausfielen, lieſet das Publikum hin⸗ weg; hat ſie ſchon vergeſſen, wenn ſie ſich aufklaͤren, oder lacht mich mit ſammt meinen Neuigkeiten aus. Aber das ſchadet dem Blatte nicht! au contraire! Nach gerade fange ich acber doch an zu fuͤhlen— wenn man geraume Zeit geheime Briefe hat drucken laſſen, ſo muß man doch wenigſtens zuweilen einen haben. Auch ein Brunnen ſchoͤpft ſich aus. Nun be⸗ kommen Sie oft Nachrichten aus dem oͤſtreichi⸗ ſchen Lager: thun Sie ein Uebriges an ihrem Knecht; vertrauen Sie mir manches im Ge⸗ heim, daß ichs hernach den Leſern wieder im Geheim vertraue!— Mit Don Alonzo's Korreſpondenz hing es aber alſo zuſammen! Sein Vater, der noch nicht lange todt war, hatte an einem Oberſten in Dienſten des Erzherzogs einen alten Freund; und der Oberſt in der Donna Elvira eine junge Nichte. Die alten Herrn hatten die jungen Leutchen fuͤr einander beſtimmt: Elvira verliebte ſich in Alonzo, und dieſer machte ihr aus Gefaͤlligkeit den Hof, bis er ſeine Dora — 45 kennen lernte. Elvira und ihr Onkel ahneten dieſe Verbindung nicht; ſie waren gewiß, nur Anhaͤnglichkeit an Philipps Partei mache Alonzo'n kaͤlter. Der Oberſt ſchrieb mithin ſeiner Nichte oft uͤber politiſche und militairiſche Angelegenheiten, weil ſich dieſe jetzt ſehr zum Vortheil Karls wendeten; und Elvira, bei wel⸗ cher Alonzo des Anſtands wegen, noch aus⸗ und einging, ermangelte nicht, ihm dieſe Briefe mitzutheilen, um ihn durch Eigennutz fuͤr des Onkels Partei und zugleich fuͤr ſich ſelbſt zu gewinnen. Dies, lieben Leſer, ganz unter uns!— So betruͤbt der getreue Alonzo bei dieſen Nachrichten ward, wenn er an ſeinen Gebieter dachte; ſo ſehr heiterte er ſich auf, wenn ihm dabei ſeine Gebieterin einfiel: denn die Mitthei⸗ lung dieſer Korreſpondenz machte den Alten weich, wie Wachs. Mit der erſten Nachricht von der beruͤhmten Schlacht bei Saragoſſa in der Hand hielt er um die ſchoͤne Dora an: und es war gar keine Frage, daß Pandolfo eher zehn Toͤchter, als Einen ſolchen Brief entbehret haͤtte. Er gab mit Freuden ſein Wort— doch ——— — V 46— gab er es nicht ohne ein großes Aber. Don Diego, ſagte er, mein verdammter Kollege und ſehr werther Freund, hat meine Zuſage ſchon fruͤher— Sie haben ſchon gar manches Wort oͤffent⸗ lich zuruͤcknehmen muͤſſen: warum nicht hier privatim? Ach wenn's weiter nichts waͤre! Aber dann richtet er ſeine Kettenkugeln gegen mich— Mit ſolchem Kanonenfutter, wie ich hier in der Hand habe, prallen ſie ab— Den Henker auch! Doch geben Sie nur erſt her!— Wenn der Menſch nur nicht ſo unverſchaͤmten Witz und ſo vermaledeiete Ener⸗ gie beſaͤße!— Wiſſen Sie was? machen wir's ſo! Daß Dora dem Patron nicht eben groß⸗ guͤnſtig iſt, weiß er: jetzt ſag' ich, ſie habe ſich erklaͤrt, ein gewiſſer frommer Trieb ſei dar⸗ an Schuld. Sie wolle gar nicht heirathen, ſondern eine Nonne werden— wovon ich ſie, als ein guter Chriſt, doch nicht abhalten koͤnne. Ich gebe ſie eine Weile zu den Urſulinerinnen in Penſion— man weiß ja ohnedem nicht, wo⸗ hin mit den Maͤdchen bei den vielen Durchmaͤr⸗ “ — 47 ſchen! Diego muß abziehn und meine Gruͤnde honoriren; verliebter Komplexion iſt er: ehe ein Paar Monate ins Land gehen, hat er eine andere Liebſchaft, wir kommen leiſe aus dem Schlupfwinkel hervor, decken unſerm Noͤnnchen den Schleier wieder auf und Sie fuͤhren ſie zum Altar. Finden Sie's gut? Gelt, unſer Einer weiß uͤberall die Haut zu ſalviren?— Alonzo und Dora waren entzuͤckt, Diego erbittert, aber ſtill, Pandolfo wußte ſeines Gluͤcks kein Ende. Dora kam im Kloſter an und befand ſich, in fuͤßer Hoffnung baldiger Erloͤſung, recht wohl darin. Nun war ſie zwar ein ſo liebenswuͤr⸗ diges Maͤdchen, als ich eins, nach mir, jeder treuen Seele goͤnne: aber zwei Schwaͤchen hatte ſie doch— ſie trauete den Maͤnnern nicht queer uͤber den Weg, und Schweigen war nicht ihre Sache. Unter die erſten Requiſiten ihres Kloſterlebens gehoͤrte eine Vertraute, und ihre Herzensangelegenheit war das dringendſte, was ſie dieſer mittheilen mußte. Ungluͤcklicher Weiſe hatte aber dieſe neue Freundin auch manche alte; unter dieſen aber 4⁸ k war Donna Elvira. Dahin gelangte denn Do⸗ ra's Geheimnis bruͤhwarm. Elvira— man weiß ja, wie die Elviren ſind, wenigſtens aus dem Don Juan— Elvira war außer ſich und wollte— ach, was wollte ſie nicht alles, zu⸗ mal da ihr die Nachricht eben zu der Zeit ge⸗ kommen war, als ſie Alonzo'n am ſicherſten zu ihren Fuͤßen erwartete, indem dieſer, der leidi⸗ gen Briefe wegen, jetzt ſo oft zu ihr kam, und Koͤnig Philipps Umſtaͤnde immer preßhafter wurden. Die Elviren ſind aber nicht bles hitzig, ſie ſind auch ſpitzig. Sie begriff bald, daß mit Toben hier nichts auszurichten ſei, wol aber mit Liſt. Das Erſte, was ſie that, war, daß ſie vor Alonzo alles ſorgfaͤltig verbarg, was ſie erfahren hatte; das Zweite, daß ſie jene Ver⸗ traute aufs zweckmaͤßigſte inſtruirte und ihr eine große Belohnung verſprach, wenn ſie die erhal⸗ tenen Inſtruktionen treu und klug ausfuͤhrete. Dazu war das Noͤnnchen nun gerade die rechte Perſon. Man brachte heute wieder eine neue Koſtgaͤngerin in's Kloſter, die ſchoͤn genug war, um ſogleich die Blicke aller Schweſtern —— 49 auf ſich zu ziehen, und ſchwermuͤthig genug, um dieſe Blicke feſtzuhalten. Die gute Aga⸗ tha iſt gewiß recht ungluͤcklich, ſagte Dora am Abend zu ihrer Vertrauten. Was mag ſie wol druͤcken? Davon wußte nun die Vertraute gerade ſo viel, als ich— kein Wort naͤmlich; ſie erwi⸗ derte aber doch mit Achſelzucken und wehmuͤ⸗ thiger Gebehrde: Was anders druͤckt das gute Kind, als das gewoͤhnliche Schickſal der edel⸗ ſten unſers Geſchlechts? Ungluͤckliche Liebe! du arme Agatha! Ungluͤckliche Liebe! Schon bei dieſem Worte koͤmmt jedes junge Maͤdchenherz in Fluß! Dora drang eifrig auf naͤhere Nachrichten. Die Ver⸗ traute fuhr ſeufzend fort: Es gehet ihr, wie Tauſenden: Untreue jenes meineidigen Ge⸗ ſchlechts.. Doch vergieb: die Geſchichte muß geheim bleiben!— Und ſo ſehr Dora in ſie drang, ſo verrieth ſie doch weiter keine Syl⸗ be— was nicht allzuſchwer iſt, wenn man keine weiß. Unter dem Vorwand von Muͤdig⸗ keit entfernte ſich das Noͤnnchen, damit die Selene I. Heft. 4 50 Funken, die ſie in Dora's Herzenszunder ge⸗ worfen hatte, huͤbſch weiter glimmten. Sie glimmten nur allzugut weiter. Dora warf ſich im Bettchen von einer Seite zur andern, und als ſie endlich einſchlief, zogen vor ihren erſtaunten Blicken— wie vor Mak⸗ beths der Chor Koͤnige, ein Chor Treu⸗ loſer voruͤber, und wie jene alle Banko'n aͤhnlich ſehen, ſo ſahen dieſe alle Alonzo'n aͤhn⸗ lich. Das war Noth! aber es kam noch viel ſchlimmer! Am fruͤhen Morgen ſchon ſaß Elvira im Sprachzimmer und verlangte ihre Freundin zu ſehen. Dieſe kam und referirte. Man war zufrieden und nahm neue Maasregeln. Dora hatte am Morgen ebenfalls nichts dringenders, als der Freundin ihr ſorgenvolles Herzchen auf⸗ zuſchließen. Sie ſuchte ſie uͤberall, endlich auch im Sprachzimmer: ſchnell ging Elvira weg und die Vertraute ſtand verdruͤßlich auf. Ich habe dich geſtoͤrt, ſagte Dora; ach ich mußte— unwiderſtehlich zog michs zu dir! Mein Herz, ach mein armes Herz! Vergieb: ich ſehe, ich habe dich unwillig gemacht. ——ͦ——— 51 9₰ Nicht du, Theure, entgegnete die Vertraute — nicht du haſt das gethan, ſondern die Freun⸗ din, die du weggehen ſaheſt—. So ſchoͤn, ſo liebenswuͤrdig, ſo geiſtreich, und doch... ach, unſer armes Geſchlecht wird in gewiſſen Angelegenheiten nicht klug, bis es Kinder hat, die ſchon wieder gleiche Thorheiten begehen koͤn⸗ nen! Dieſe zarte Seele koͤmmt her, gluͤcklich wie im Paradieſe, mir zu vertrauen, wie ſeit kurzem ein gewiſſer junger Mann... und noch dazu ein Militair.. Ach, ſie ahnet das Ungewitter nicht, das ſie ſelbſt über ihr ſchuldloſes Haupt heraufziehet... Je mehr die Vertraute ſtockte, je begieri⸗ ger wurde Dora. Es war vergebens. Meine Zunge iſt gebunden durch ein heiliges Wort, ſagte die Schweſter; und du haſt geſtern erſt einen neuen Beweis erhalten, daß ich ſchwei⸗ gen kann, wie das Grab.— Indeſſen warf ſie doch ſo viel hin, daß eben jener junge Mann, eben jener Militair, ſich um Elvira's Liebe beworben, ihr Herz geruͤhrt, ihr ewige Treue geſchworen habe— Und ſie glaubt ihm, die Ungluͤckliche, fuhr ſie fort; ſie glaubt ihm, 52 da ſie doch weiß, daß er vor gar nicht langer Zeit einer andern gefuͤhlvollen Seele, die viel⸗ leicht noch immer vertrauend fuͤr ihn ſtuͤrbe, daſſelbe vorgeſpiegelt hat—— Wer, wer iſt der Elende? unterbrach ſie Dora, und ſchreckliche Ahnungen durchkreuzten ſich in ihrem Koͤpfchen. Verlange nichts Pflichtwidriges von mir, Liebe! Jedes Geheimnis iſt mir heilig.— Dora verging erſt faſt in ihrer Angſt, dann nahm ſie Maasregeln. Des Abends ſtellete ſie ſich heiter, beſuchte das liebe Schweſter⸗ chen, ſetzte ihm Tinto und Naſchwerk vor, leitete, wie zufaͤllig, das Geſpraͤch wieder da⸗ hin, wo es fruͤh abgebrochen worden war: die Verſchwiegene proteſtirte von neuem gegen alle Anmuthungen, ſchilderte aber auch von neuem, daß das Original nicht zu verfehlen war, und da ſie den Effekt bemerkte, entſchluͤpfte ihr ſo⸗ gar Alonzo's Name. Dora waͤre bald in Ohnmacht geſunken, und die Freundin ſagte ſchuld⸗ und harmlos: Es fehlt dir doch nichts, Theure? Aber lege dich lieber ſchlafen, ſuͤßes Kind!— 53 Traurige Nacht! Am Morgen brachte man der Armen zwar ein Briefchen von Alonzo, ein liebevolles, muſterhaftes Brieſchen: ach, was half's? Dora recenſirte— wie leider andere Leute auch— aus ihrer augenblicklichen Stim⸗ mung gegen den Verfaſſer: da war denn das Gefaßte eiskalt, das Feine erkuͤnſtelt, das In⸗ nige affektirt, das Heftige karikirt. Ehrlicher Leporello, ſagte ſie zum Ueber⸗ bringer; wie gehet es ſonſt? GScott ſei Dank, recht gut! Du kennſt ja eine gewiſſe Donna Elvira— O ja; kennen Sie ſie auch? Ein wenig! ſie iſt jetzt krank— Krank? Bewahre! davon muͤßt' ich doch auch'was wiſſen—. Ja ja, geſtern iſt ſie krank geworden— Wie die Leute nun reden! Das iſt rein aus den Fingern geſogen— weiß Gott! Geſtern fruͤh hab' ich erſt einen Brief von ihr fuͤr mei⸗ nen Herrn abgeholt, den Mittag hat er bei ihr geſpeiſet, und den Abend hab' ich wieder einen Brief hingetragen— 54 O freilich haben ſie jetzt einander viel zu ſchreiben! 8 Ja, das muß wol ſo ſeyn! Der Brief, den ich holte, und der, den ich hintrug— ſie waren beide huͤbſch dick. Und ſprechen ſich doch ſo oft—! Sie muͤſſen doch damit nicht ausreichen! Das Geheimnißvolle in ihrem Benehmen... nicht wahr? Das iſts ja, was mich aͤrgert! Mein Herr iſt ſein Lebstage nicht ſo geweſen. Heute hab' ich ein Paar Schuhe durchlaufen, alle Schul⸗ den meines Herrn zu bezahlen: das iſt immer ein Zeichen ſeiner Abreiſe zeweſen— aber ich erfahre nichts! Wie? was? ſeiner Abreiſe? Ja ja, und den großen Koffer hab⸗ ich auch herunter ſchleppen muͤſſen, und er packt ſelber, und ſo geheim, daß ich toll werden möchte— So geht mir's nun auch druͤben bei der Donna. Als ich vorhin erſt hinkam, da war ein Lau⸗ fen und Rennen, und ein Putzen und Zuſchik⸗ ken— nicht anders, als wenn ſie Hochzeit machen wollte. Ich fragte aus allen Dur⸗ 55 und Moll⸗Toͤnen: umſonſt— und ſie lachten mich noch obendrein aus!— Dora war in Verzweiflung: wie weit ent⸗ fernt war ſie, den Zuſammenhang einzuſehen! Draußen, vor den Kioſtermauern, ging's naͤm⸗ lich noch viel tumultuariſcher her, als drinnen. Derſelbe Brief, den Leporello von Elviren ge⸗ holt, und den Abend zuruͤckgebracht hatte, ent⸗ hielt die Nachricht, Erzherzog Karl ruͤcke nach Nadrit vor— eine Nachricht, die Pandol⸗ fo’n, Elviren und alle Alt⸗Spanier in das lebhafteſte Entzuͤcken; alle Lichtzieher und Wein⸗ haͤndler, Illuminationswegen, in die groͤßte Thaͤtigkeit; Alonzo'n aber in die aͤußerſte Ver⸗ legenheit verſetzte. Sein Koͤnig ſollte die Hauptſtadt verlieren! er ſelbſt eilig abreiſen! ſeine Geliebte verlaſſen! und dem parteiſuͤchti⸗ gen, jetzt uͤberdieß ſiegestrunkenen Papa konnte die Urſache ſeiner Flucht nun nicht laͤnger ver⸗ borgen bleiben!. Sie blieb es auch nicht! Jetzt, da alles Gluͤck ſich fuͤr Karln entſchieden zu haben ſchien, brannte den alten Herrn der Patriotis⸗ mus ſo auf die Naͤgel, daß er im Kanonen⸗ 56— recht einen Aufruf an alle getreue Spanier er⸗ gehen ließ, oͤffentlich hervorzutreten in Reih und Glied, die Gegner feſtzunehmen, und ſie zugleich mit den goldnen Thorſchluͤſſeln dem Triumphi⸗ renden zu Fuͤßen zu legen. Daruͤber ergrimmte Alonzo; die Herren trafen an einander— Alonzo verrieth ſich— Pandolfo tobete. Herr, rief er; ihr habt mir einen Groſchen Geld zu verdienen gegeben: hiermit vergelt' ichs euch: ſeid frei! Aber hoͤrt: am Mondtage hat unſer allerunuͤberwindlichſter Gebieter euch neuntau⸗ ſend Soldaten todt geſchlagen— folglich ſeid ihr ſeit Mondtag ein Hochverraͤther und Rebell — folglich ein krimineller Verbrecher— folglich eo ipso außerhalb aller buͤrgerlichen Rechte und Verhaͤltniſſe— folglich, ſelbſt wenn ihr mit meiner Tochter getrauet wäret, brauchte ich ſie euch nicht zu laſſen— folglich noch viel weni⸗ ger, da zwiſchen uns alles uͤber dieſen Punkt nur auf Worten beruhet—— Alonzo ſtuͤrzte verzweifelnd davon und nach Hauſe. Leporello, rief er; packe vollends alles ein und beſtelle Pferde!„Wohin?“„Um Mitternacht auf die Straße nach Portugall.“ 57 Sie wird, ſie muß mir folgen, die Liebe! die Treue! So dachte er, und eilte nach dem Kloſter. Doch Zeitungsſchreiber riechen in die Ferne. Pandolfo war noch ſchneller geeilt— und zwar erſt ebenfalls ins Kloſter! Hier verordnete er, daß, wenn etwa ein Offizier, ſo und ſo beſchaf⸗ fen, oder ein Bedienter, ſo und ſo ausſehend, kaͤmen und nach ſeiner Tochter fragten, ſie die⸗ ſer durchaus nicht gemeldet, viel weniger etwas Schriftliches von den Herrn ihr uͤbergeben, oder wol gar ſie mit den Bezeichneten zum Sprechen gelaſſen wuͤrde. Die Aebtiſſin verſprach alle dem treulich nachzukommen. Nun eilte der Alte zu Don Diego. Er dachte ſo: Zieht Alonzo aus, ſo ziehn keine Nachrichten mehr ein, und jener Schlucker uͤberfluͤgelt mich; das Maͤd⸗ chen aber, das unter allem Patriotismus iſt, heult und ſchreit mir die Ohren voll: beiden wird abgeholfen durch eine Doppelmariage— zwiſchen den Blaͤttern und zwiſchen den jungen Leuten. Theurer, begann er; Sie haben die Nach⸗ richt vom Einzug unſers Gebieters auch? Gott 5⁸ ſei Dank! der Krieg iſt nun aus und der Friede koͤmmt! Aber ach, die Novitaͤten wer⸗ den nun duͤnner geſaͤet werden! Daruͤber lach' ich: mir ſoll's nie fehlen— entgegnete Diego patzig. Wahrhaftig? Nun, was ich ſagen wollte, Freund! Der Friede bringt auch andre Fol⸗ gen; zum Exempel, die Maͤdchen kriechen nicht mehr ſo furchtſam in die Winkel! Es war bei meiner auch weiter nichts, was ſie ins Kloſter trieb; jetzt zeigt ſichs! Sie iſt von gar großer Tugendhaftigkeit; und, hoͤren Sie, das kann ich Ihnen ſagen, ob ich gleich Ihr Vater bin: ſie bluͤht ſchoͤner, als jemals! ſie hat noch ein Bischen zugenommen— verſtehn Sie mich: von der guten Koſt... Sie ſchmunzeln? In Gottes Namen! ich haͤtte nichts dagegen: aber freilich, freilich.. Was wollt' ich ſagen? Ja, um wieder auf unſer Geſchaͤft zu kommen! wir koͤnnten uns das ſehr erleichtern— durch Vereinigung, mein' ich; ohne allen Schaden! Um unſre beiderſeitigen Subſeribenten zu behalten, brauch⸗ ten wir nur die Titel in einander zu gießen— 59 etwa: Gekettetes Kanonenrecht, oder kug⸗ liches! Das erſte verſtaͤnd' kein Menſch, das zweite machte lachen— zwei große Vortheile fuͤr das Blatt!— Indem hoͤrten ſie Poſtillions blaſen, fuh⸗ ren zum Fenſter, ſahen einen ſtattlichen Herold zwiſchen den Blaͤſern, ſtuͤrzten erſtaunt dem Zuge nach, ſahen, wie er vor dem Regierungs⸗ hauſe hielt, und erfuhren— die bekannte blu⸗ tige Affaire am Tajo. O Himmel und Erde! ſchriee Pandolfo und ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen. Unſer Unuͤberwind⸗ licher ſo ſchmaͤhlich uͤberfallen, von einer Hand voll Leute verſprengt, vernichtet, und jener Philipp an der Spitze ſeines Heers auf dem Wege nach der Stadt! O mein treues Herz! und, alle Wetter! mein patriotiſcher Aufruf! Ich bin verloren! Ja, das ſeid ihr, Herr! rief nun Diego, und ſtreckte ſich ſo lang, bließ ſich ſo dick, als moͤglich. Ihr ſchlugt mir eure Tochter ab— ich weiß ſehr wohl, warum? Ich ſchwieg, bis ich die rechte Zeit erſahe: jetzt 60— iſt ſie! Meine Maasregeln ſind genommen: ihr muͤßt nieder, muͤßt klein werden, wie ein Senfkorn, und dann zermalm' ich euch ſpie⸗ lend!— Damit ging er hohnlachend ab.— Allonzo war indeſſen an's Kloſter gekommen und hatte dringend mit Dora zu ſprechen ge⸗ wuͤnſcht. Er war rund und ſtreng abgewieſen worden. Er war kein Neuling; er eilte nach Hauſe, ſchrieb ihr mit aller Gluth der Seele, was ſie erfahren mußte, nahm ein ſchoͤnes Beu⸗ telchen mit noch ſchoͤnern Dublonen zu ſich, und ſchellete nun nochmals am innern Kloſterthor. Als er die alte Pfoͤrtnerin klappern hoͤrte, zog er ſich an die Seite, hielt blos, ſanft klim⸗ pernd, das Beutelchen vor den aufgeſchobenen Laden, und nur erſt, als er am heitern Sprach⸗ ton bemerkte, die Sache thue Effekt, trat er hervor ans Gitter. Seid ihr's wieder, lieber junger Herr? ſagte die Pfoͤrtnerin. Es ſchmerzt mich: aber die Aebtiſſin hat's ſelbſt aufs ſtrengſte verboten— ich darf euch wahrhaftig der Schweſter Dora nicht melden.— Ihr ſollt's auch nicht, erwiderte Alonzo. Hoͤrt ihr, wie heiſer es im Beutelchen klingt? 61 lauter Gold! Das alles iſt euer, wenn ihr nur den Brief da uͤbergebt. Lieber junger Herr, das iſt eben ſo ſtreng verboten: ich darf den Brief wahrhaftig nicht uͤbergeben. Doch— wollt ihr erlauben?(Sie rieb ſondirend das Beutelchen zwiſchen den Fin⸗ gern.) Es wird doch nichts gegen Dora's Seelenheil in dem Briefe verlangt? Nun, ſo kann man ja'was wagen! Sehet ſo: Schweſter Dora hat eine Freundin, von der ſie unzer⸗ trennlich iſt und der ſie all ihr Bischen Ge⸗ heimnis aufzuheben giebt: der muͤßt' ich den Brief geben— ſo bin ich doch der Aebtiſſin nicht ungehorſam! und die mag ihn dann weiter befoͤrdern— ſo iſt ſie's auch nicht, weil der Befehl nur an mich ergangen iſt—— Wer war gluͤcklicher, als Alonzo! Er uͤber⸗ gab Brief und Beutel, und hoffte nichts g 139 wiſſer, als— warum er flehentlich gebeten nach einigen Stunden durch denſelben Kanal, fuͤr denſelben Preis, einige Zeilen zuſtimmende Antwort zu erhalten. Der arme Briefſteller! Die Pfoͤrtnerin that zwar ihr Moͤglichſtes; ſie praͤludirte erſt 62— bei der bewußten Vertrauten und gab ihr den Brief nicht eher, bis ſie ſie ſehr geneigt zur Uebergabe fand: es verſtehet ſich aber von ſelbſt, daß er von dieſer heimlich in tauſend Stuͤcke zerriſſen wurde. Der Abend kam; Alonzo hatte ſich in dieſem Winkel der Vor⸗ ſtadt, wohin von jener großen politiſchen Ver⸗ aͤnderung noch keine Ahnung gekommen war, verborgen gehalten, theils Verraͤthern auszu⸗ weichen, theils der Antwort der Geliebten, und der Straße nach Portugall recht nahe zu ſeyn: er ging zum Kloſter— die Pfoͤrtnerin hatte keine Antwort. Er ſchrieb noch dringender: der Brief hatte daſſelbe Schickſal, und der boshafte Unterſchleif der lieben Getreuen konnte um ſo leichter verſchwiegen bleiben, da Dora den Abend— wie ſichs gleich aufklaͤren wird — gar nicht mehr im Kloſter war. Veezwei⸗ felnd warf ſich Alonzo in den Wagen, und flohe zu ſeinen Verwandten nach Burgos, bis er von ſeinem— wie er glaubte, ungluͤcklichen Koͤnig wieder Nachricht erhalten wuͤrde. Kann man ſich noch groͤßern Jammer den⸗ ken? Pandolfo litt ihn! Der Poͤbel, der ſich 63 allezeit dem zukehrt, der eben ſiegreich uͤber ſei⸗ nen Nacken hinſchreitet, zog bruͤllend durch die Straßen, drohete den Freunden der alten Re⸗ gierung mit Laternenpfaͤhlen, und demonſtrirte den Segen der neuen mit Hebebaͤumen. Pan⸗ dolfo lief zu allen Maͤnnern von Bedeutung und fragte, ob der Sieger einen Zeitungs⸗ ſchreiber ſeiner Art wol werde haͤngen laſſen oder ſieden— er fragte, ob ihm gleich bekannt war, die Herren wuͤßten uͤber die Sache ſo wenig, als er ſelbſt. Endlich wieß man ihn an den Stadtkommandanten ſelbſt. Sein Sie doch ruhig! erwiderte ihm dieſer wohlmeinend. Ich bin gewiß, kein Fuͤrſt der Welt hat von Ihnen und Ihren Blaͤttern die mindeſte Notiz genommen; keiner wird's auch kuͤnftig... Das gab dem Alten den Todtesſtoß. Jas Troͤſtliche darin glaubte er nicht; fuͤr ſo un⸗ bedeutend erklaͤrt zu werden, das ertrug er nicht. Verzweifelnd ging er nach Hauſe und ſchloß ſich ein; da brachte man ihm, naß von der Preſſe, Diego's Blatt fuͤr morgen, das dem neuen Sieger erſt vielfaches Heil entgegenrief, dann die pomphaften Theaterreden enthielt, die 64— den Abend geſprochen, ſo wie eine Menge Inſcriptionen, die bei der Illumination aus⸗ gehangen werden ſollten, alles das mit Diego's Namen unterzeichnet— und freilich im vor⸗ aus fuͤr Erzherzog Karls Triumph verſifizirt — ja das endlich, unter der Aufſchrift: Wie wird er ſie finden? mit einer komiſchen Schilderung des Eindrucks beſchloß, den dieſes ſegensvolle Ereignis auf die Hauptſtaͤdter von der Oppoſition machen wuͤrde— wobei denn allerhand luſtige und handgreifliche Sticheleien auf unſern Alten und ſeines Gleichen, ſich am huͤbſcheſten ausnahmen. Das Blatt entſiel Pandolfo's zitternden Haͤnden, er ſank zuruͤck aufs Sopha, der Schlag ruͤhrte ihn, und da die Natur gewoͤhn⸗ 69 die Glieder zunaͤchſt ſtraft, womit am meiſten geſuͤndigt worden, ſo laͤhmte ſie ihm Zunge und rechte Hand. Die Nachbarn ka⸗ men, er konnte ſich ihnen nicht verſtaͤndlich machen: ſie holten alſo die Tochter aus dem Kloſter herbei. Die gute Dora vergaß ihr eignes Leiden, den armen Papa recht treulich zu warten. 65 Umſonſt! Der Morgen brach an, auf den Straßen toͤnte Jubelgeſchrei: da kam der Anfall zuruͤck und traf die ganze rechte Seite. Als nun aber Karl einzog, vor Pandolfo's Hauſe vor⸗ bei, an welches man zufaͤllig einen Trupp Muſikanten poſtirt hatte; als nun dieſe auf Leben und Tod trompeteten und paukten, waͤh⸗ rend das Volk ſchriee: Lebey! lebel da— ſtarb der arme Mann, und keine Thraͤnen der guten Tochter konnten ihn wieder erwecken.— Der Erzherzog hatte die erzkluge Manier, uͤberall, wohin er kam, naͤchſt den Kaſſen, die Poſten in Beſchlag zu nehmen, damit von alle dem, was ihn betraf, nicht eher Notiz ins Publikum kaͤme, bis er ſelbſt ſie ihm gab und es die Sache ſchon wieder halb vergeſſen hatte. Das applicirte er nun hier mit deſto groͤßerer Sorgſamkeit, da, wie er wußte, die Kaſſen und die Gegner in Madrit ſehr zahl⸗ reich waren. So geſchah' es denn, daß Alonzo einige Wochen in Burgos lebte, ehe er Nach⸗ richt uͤber den erfreulichen Gluͤckswechſel erhielt. Jetzt flog er zuruͤck, ſeinem Gebieter ſich zu Fuͤßen, und ſeinem Maͤdchen in die Arme zu Selene I. Heft. 5 66 werfen— denn er zweifelte keinen Augenblick, nun koͤnne der alte Herr keine Schwierigkeiten mehr machen— was ſich freilich auch ſo befand. Er kam zum Kloſter: man gab ihm Nach⸗ richt von Pandolfo's Tode und Dora's Be⸗ ſitznahme des Hauſes; dorthin eilte er nun, und trat ein, wie dort im Hamlet der Koͤnig: mit Einem frohen und Einem thraͤ⸗ nenden Auge. Dora probirte eben mehrere Deſſins von tief trauernden Krepphuͤten vor dem Spiegel, um das zu finden, das ihrem Jammer am vortheilhafteſten ſtehe: da ſahe ſie Alonzo'n— ihre Thraͤnen brachen hervor und gefluͤgelte Vorwuͤrfe folgten. Der Lieb⸗ haber verſtand kein Wort und fing ſchon an, zu beſorgen, der Schmerz habe auf das Denk⸗ vermoͤgen ſeiner Freundin gewiſſe Einfluͤſſe ge⸗ habt— als ſie Elviren nannte, er dieſen Namen als Faden auffaßte, und daran nun allmaͤhlig die ganze Hiſtorie abſpann. Wie geruͤhrt waren nun beide! wie ſchoͤn verziehen ſie einander! wie zaͤrtlich bedauerten ſie, daß die tiefe Trauer ſie ihre Verbindung ein halb Jahr aufſchigben hieß! 67 Am letzten Tage des Halbjahrs kam die Verbindung aber auch deſto gluͤcklicher zu Stande. Don Diego hatte unter allen das huͤbſcheſte Hochzeitgedicht geliefert; damit Alonzo ſeiner beim neuen Koͤnig in Anſehung der Redaktion einer etwanigen neuen Hofzeitung beſtens gedenken moͤchte. Donna Elvira ahmte auch hier ihre Namensſchweſter im Don Juan nach; ſie beſchloß: In des Kloſters oͤden Mauern Meinen Fruͤhling zu vertrauern, Fuͤr das Leben zu verſauern, Geh' ich ab und wundre mich. 68 Liebchens Unrtreu. Ich liebte, da war mir das Leben ſo neu, die Welt war ein bluͤhender Garten, und Liebchen umfing mich ſo liebend und treu, konnte kaum, bis ich kam, erwarten. Ich ſah ihr ins Auge, das blickte ſo klar, und ſo hell, wie Karfunkelkryſtallen; „„Ach Liebchen, ach ſprich, iſt's moͤglich, iſt's wahr, kann ich immer allein dir gefallen?⸗ Und ſie lachte ſo froh und ſo innig zu mir, und ſie hielt mich ſo traulich umfangen; „So, Liebchen, ſo feſt haͤng' ich ewig an dir, mag nimmer nach Andern verlangen. Wie war ich da froh, wie die Vögel im Wald! wie meint' ich mich ſicher geborgen! Doch Liebe, ſie wechſelt, ſie wendet ſich bald, und die Freude verkehrt ſich in Sorgen. 659 Ich ſuche nun Liebchen und kann ſie nicht ſehn, bin allein mit dem leeren Verlangen, und ſie laͤßt mich verlaſſen und einſam ſtehn, iſt zu andrer Liebe gegangen. Nun wird mir das Leben ſo todt und ſo ſchwer, und die Welt zum einſamen Grabe: was kann ich denn wuͤnſchen und hoffen mehr, wenn ich Liebchens Liebe nicht habe! A. Apel. 70— Der Roſenbuſch. Seliger Zeit aufblüͤhender Liebe zum holden Gedaͤchtniß pflanzte den bluͤhenden Buſch duftender Roſen Mirtill; lieblich war, wie des mooſigen Zweigs Lenzbluͤte der Kuß ihm, doch gleich dieſer im Flug war er zu eilig entflohn. A. A. Des Goͤttlichen Loos. — Wohn' im Olymp, unſterblicher Geiſt, fern ehret der Menſch dich; nahſt du, in Blödſinnswuth ſchlaͤgt er den Gott an das Kreuz. A. A. — Hiſtoriſche Anekdoten. — Es iſt mir aufgefallen, daß noch kein Erzaͤh⸗ ler das Leben der Schwiegertochter Peters des Großen von Rußland, zu einem ſoge⸗ nannten hiſtoriſchen Roman verarbeitet hat, bis ich, was die Geſchichte Zuverlaͤſſiges von ihr berichtet, zuſammenſtellete und fand, das Leben dieſer herrlichen Frau ſei wirklich fuͤr einen Roman zu— romanhaft, die Wahrheit fuͤr die Taͤuſchung zu unwahrſcheinlich, beſonders da die Hauptereigniſſe bei weitem noch nicht um hundert Jahre zuruͤckfallen, und mithin in eine Zeit, wo man ſchon keine Wunder mehr glaub⸗ te, und der man deshalb keine Wunder mehr zutrauet. Die hiſtoriſchen Data ſelbſt aber, kurz, einfach und ohne die geringſte Ausfuͤllung oder Verzierung vorgelegt, ſind doch wol Man⸗ chem angenehm, wiewol ſie denen, die uͤber die Geſchichte jener Zeit auch nur einigermaßen un⸗ terrichtet ſind, nicht ganz unbekannt ſeyn koͤnnen. 722 Charlotte Chriſtine Sophie war eine Braunſchweig⸗Wolfenbuͤttelſche Prinzeſſin, und Schweſter der Gemalin des deutſchen Kai⸗ ſers, Karls VI. Sie wurde im Auguſt 1694 geboren, und war noch in fruͤhen Maͤdchen— jahren, als ſich ſchon der Ruf ihrer Schoͤnheit, ihres Geiſtes, ihrer Liebenswuͤrdigkeit und edlen Geſinnung verbreitete. Der große Czaar Peter achtete auf ſie, lernete ſie kennen, und ward gewiß, wenn ſein einziger Sohn, Alexei Petrowitſch, von ſeiner fuͤrchterlichen Wild⸗ heit, Unbaͤndigkeit, Grauſamkeit, durch irgend etwas znruͤckgebracht, wenn ſeine Wuth durch irgend etwas wenigſtens gemildert werden koͤn⸗ ne: ſo ſei es durch ein ſolches weibliches Weſen. In dieſer Ueberzeugung warb er un Charlotten fuͤr ſeinen Sohn und die Vermaͤhlung wurde bald vollzogen.— Es war ein ſchreckliches Buͤndnis, und nie iſt ein zartes, geiſt⸗ und liebevolles Weib einem rohern Unmenſchen hingegeben, aufgeopfert wor⸗ den. Er fand an ihr fuͤr ſeine Begierde nicht Genuͤge und fuͤhlte die große Ueberlegenheit ihres Geiſtes, ihres Herzens: daraus entwickelte — 73³ ſich in ihm ein entſchiedener, unerſaͤttlicher Haß, der ihn ſehr oft bis zu den niedrigſten, poͤbel⸗ hafteſten Mißhandlungen, ja mehrmals bis zu Verſuchen, ſie zu vergiften, hinriß, ſo daß die Ungluͤckliche nur durch treue Liebe ihrer Diener und immer zur Hand behaltenes Gegengift gerettet werden konnte. Sie zu verſtoßen durfte er vor ſeinem ſtrengen Vater nicht wagen; jetzt aber begab ſich dieſer wieder auf eine ſeiner bekannten Reiſen, und Alexei glaubte nun eher etwas unternehmen zu koͤnnen. Da kam ihm die Nachricht, Charlotte ſei ſchwan⸗ ger, ſei folglich um ſo mehr unter dem Schutz der Nation; und das reizte ſeinen Haß noch heftiger. Im achten Monat ihrer Schwangerſchaft aͤberfiel er ſie einesmals mit den groͤbſten Thaͤt⸗ lichkeiten, und ſtieß ſie endlich mit dem Fuße ſo vor den Leib, daß ſie ohnmaͤchtig, in ihrem Blute ſchwimmend, zu Boden fiel. Er ſtuͤrzte hinaus: Endlich bin ich ſie los! rief er ſeinen Vertrauten zu, warf ſich mit ihnen aufs Roß und ſprengte nach ſeinem Palais vor der Stadt. 74“ Man eilt indeſſen der ungluͤcklichen Fuͤrſtin zu Huͤlfe, man ruft vorzuͤglich auch die be⸗ ruͤhmte Graͤfin von Koͤnigsmark, Mutter des großen Marſchalls von Sachſen, herbei, und dieſe findet ſich, durch Geiſt, Charakter und eigene ſehr wunderbare Erfahrungen, im Stande, augenblicklich die ſeltſamſte, aber viel⸗ leicht einzig moͤgliche Art der Rettung zu finden, zu veranſtalten, auszufuͤhren. Sie gewinnet den Arzt, gewinnet die Damen der Prinzeſſin, verpflichtet ſie durch Aufregung ihrer menſch⸗ lichen Gefuͤhle und einen furchtbaren Eid: und nun ſendet ſie die Botſchaft an Alexei, ſeine Gemalin habe ein todtes Kind geboren und ſei uͤber der Geburt verſchieden. Ganz recht, ſchrieb ihr der Unmenſch zuruͤck; laßt ſie nur ſchnell ohne alle Umſtaͤnde, in der Stille be⸗ graben. Der Tod der Prinzeſſin wird ruchbar, wird ſogleich durch Kurire dem Czaar und allen Potentaten berichtet: ganz Rußland und faſt alle Höfe Europa's legen Trauer an um eine ausgeſtopfte Puppe, die man eingeſargt und verſcharret hatte.— ⁴ 75 Die erſte Haͤlfte der Botſchaft der Graͤfin war gegruͤndet: Charlotte hatte ein todtes Kind geboren; aber durch die liebevolle Sorgfalt jener edlen Frau war ſie wieder ins Leben ge⸗ rufen, tief verborgen gehalten, und allmaͤhlich wirklich wieder hergeſtellt worden. Es war jedoch vorauszuſehen, daß jene Verborgenheit nicht immer waͤhren, und daß dann die grau⸗ ſamen Verfolgungen Charlottens nur von neuem beginnen wuͤrden. Von der Graͤfin mit Rath, mit Gold, mit allem unterſtuͤtzt, was ihr zur Ausfuͤhrung ihres Plans noͤthig war, verklei⸗ dete ſie ſich in eine gemeine ruſſiſche Buͤrgers⸗ frau, nahm einen alten deutſchen Bedienten, auf deſſen Redlichkeit, Treue und Verſchwie⸗ genheit man bauen konnte, als Vertrauten an, dieſer mußte ſich fuͤr den Vater der jungen Frau ausgeben, und ſo reiſeten dieſe beiden, gaͤnzlich unbeachtet, aus Rußland, und nach Paris.— Hier, in dieſem ewig brauſenden Strudel des Weltlebens, wo alles ſo leicht uͤberſehen und uͤberhoͤrt wird, was ſich nicht ſelbſt bemerklich machen will— hier ſollten, nach dem Rathe 26 der Graͤfin, die beiden Gefluͤchteten verborgen bleiben, bis vielleicht die Zeit andere Ausſichten eroͤffnete. Die arme Verſchuͤchterte glaubte ſich aber nur in der neuen Welt ſicher: ſie blieb eine kurze Zeit in Paris, nahm eine Geſell⸗ ſchafterin, welcher ſie ſich jedoch nicht entdeckte, in ihren Dienſt, reiſete nun mit den beiden Gefaͤhrten nach Marſeille, ſchiffte ſich ein, und gelangte gluͤcklich nach— Louiſiana. So verborgen ſie ſich dort hielt, ſo ſorgſam ſie beſonders auch ihre wiedergekehrten Reize zu verhuͤllen bemuͤhet war: ſo richteten dieſe doch nach und nach die Aufmerkſamkeit Vieler auf ſie. Unter der franzoͤſiſchen Beſatzung auf Louiſtana befand ſich auch ein ſchoͤner und wackerer junger Offizier, Dauband mit Na⸗ men; und dieſer hatte eine Zeit lang in Ruß⸗ land gelebt. Er hoͤrt von der Schoͤnheit und Anmuth der Fremden ſprechen— er wird neu⸗ gierig; ſeine Bemuͤhungen, ſie zu ſehen, ſchei⸗ tern an ihrer Abgeſchiedenheit von allem Um⸗ gang— er fuͤhlt ſich dadurch nur noch mehr gereizt, ihre Bekanntſchaft zu machen. Endlich gelingt ihm dies, und mit Staunen erkennet 2 er in ihr die Fuͤrſtin, die er in St. Peters⸗ burg oͤfters geſehen, deren damaliges Schickſal ſein Mitleid ſo lebhaft aufgeregt hatte. Er trauet ſeinen Augen und ſeiner Erinne⸗ rung nicht; er ſtreitet es ſich ſelbſt ab, daß dieſe einſame, nicht einmal wohlhabende Buͤr⸗ gerwittwe die Schwiegertochter des großen Kai⸗ ſers— nur ſeyn koͤnne: doch laſſen ſich gute Augen, ſichere Erinnerungen und ein geruͤhrtes Herz wol beſtreiten, aber nicht leicht beſiegen. Er ſchweigt und will gewiß werden. Er er⸗ richtet mit dem angeblichen Vater Charlottens eine Bekanntſchaft— was ihm nicht ſchwer wird; man ruͤckt einander naͤher— was den Alten um ſo mehr freuet, da Dauband keine Spur von Neugierde blicken laͤßt, gar nichts Geheimes zu vermuthen ſcheint; er ziehet in daſſelbe Haus— was die Prinzeſſin nicht hin⸗ dern kann, und beide ſehen einander nun oͤfters, ſprechen ſich auch zuweilen. Allmaͤhlich bemaͤch⸗ tigt ſich die innigſte Liebe des Herzens des jun⸗ gen Offiziers: aber hundert kleine Merkmale haben ihn uͤberzeugt, ſein Auge und ſeine Erin⸗ nerung haben vollkommen Recht gehabt, und 78—— ſeine Liebe bleibt ſo ehrerbietig, bleibt ſo in den Schranken ſchmeichelnder Huldigung, er beweiſet ſich uͤberdies bei vielen nicht geringen Gelegen⸗ heiten ſo dienſtfertig, ſo ergeben: daß Charlot⸗ tens Herz endlich auch nicht ganz ungeruͤhrt bleiben kann, und dies um ſo mehr, da ſie gar keine Ahnung hat, er erkenne in ihr eine an⸗ dere, als die Tochter jenes Alten. Jetzt kam durch die Zeitungen die Nachricht von der ſchrecklichen Kataſtrophe des Lebens Alexei's nach Louiſiana—: bekanntlich hatte es der Prinz endlich dahin gebracht, daß ihn ſein Vater(1718) enthaupten ließ. Dieſen entſcheidenden Moment ließ ſich der gewandte Dauband nicht entſchluͤpfen. Er ging zur Prinzeſſin, brachte ihr die Nachricht, warf ſich ihr dann mit dem Geſtaͤndnis, er erkenne ſie, zu Fuͤßen, verſprach, alles zu verlaſſen, um ſie nach Rußland, in ihr hochverdientes Gluͤck, zu⸗ ruͤckzufuͤhren, und erwaͤhnte ehrfurchtsvoll ſei⸗ ner Liebe auch nicht in der fernſten Wendung— wodurch ſie aber freilich nur deſto ruͤhrender her⸗ vorblickte. Charlotte war in der Naͤhe des Throns X 79 zu ungluͤcklich, in Einſamkeit, Stille und Be⸗ ſchraͤnktheit zu zufrieden geweſen, als daß ſie nicht ſogleich den Entſchluß haͤtte faſſen ſollen, der Fortdauer dieſer ihrer Ruhe und Verborgen⸗ heit alles aufzuopfern, was die hoͤchſte Stufe aͤußern Gluͤcks ihr nun darbot. Sie verlangte von ihrem Verehrer nichts, als das unverletz⸗ lichſte Stillſchweigen, und ein Benehmen, wie er es bisher gegen ſie beobachtet hatte. Er ſchwor ihr beides durch einen heiligen Eid zu, und hielt es auch mit groͤßter Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit— was ihm freilich durch ſein liebendes Herz ſehr erleichtert werden mußte. Indeſſen ſahe man ſich doch jetzt oͤfter, ſprach uͤber nun einmal entdeckte Verhaͤltniſſe, und ward dadurch auch uͤberhaupt unvermerkt vertrauter: Daubands feiner Verſtand, ſein redliches Herz, ſeine ſchweigende, ehrerbietige, und doch innige Anhaͤnglichkeit mußten der vier und zwanzigjaͤhrigen Wittwe immer bemerkli⸗ cher, immer werther, endlich gefaͤhrlich wer⸗ den. Jetzt ſtarb der Alte, und der Wohlſtand wollte, daß man ſich nun ſehr ſelten ſahe und 80 einander fremder ward. Charlotte kuͤndigte ihrem Verehrer dies ſelbſt, als nothwendig, an, und verlangte auch von ihm, ſogleich ſeine Wohnung zu aͤndern. Traurig verſprach er, auch hierin zu gehorchen, bemerkte aber nur zu gut, was er durch dieſen Gehorſam eben jetzt bei der Fuͤrſtin gewann. Da wagte er, ihr nicht nur ein Geſtaͤndnis deſſen abzulegen, was er fuͤr ſie fuͤhle, ſondern auch— weil ſie nun einmal allem Glanz, aller Hoheit entſagt habe, ewig ihren Stand verbergen wolle— ſie um das Geſchenk ihrer Hand zu bitten. Vielleicht uͤberraſchte er ſie mit ihren eigenen Gedanken und Waͤnſchen: kurz, ſie willigte ein, und Charlotte, die beſtimmt war, das unge⸗ heure Rußland zu beherrſchen, ſie, deren Schweſtez in dem damals faſt allmaͤchtigen 1 Oeſtreich regierte— ſie ward die Gattin eines armen franzoͤſiſchen Infanterie⸗Hauptmanns. Sie gebahr ihm noch im erſten Jahr' ihrer Ehe eine Tochter; ernaͤhrete, wartete, erzog dieſe ſelbſt, und lehrete ſie in der Folge, außer dem, was man von einem jungen Frauenzim⸗ — 31 mer vom Mittelſtande uͤberhaupt verlangt, mit ganz beſonderm Vergnuͤgen feine weibliche Ar⸗ beiten und franzoͤſiſch und deutſch ſprechen. So lebte ſie zehn Jahre lang in jener gluͤcklichen Eingezogenheit und haͤuslichen Stille, wo treue, gegenſeitige Liebe alle Gluͤcksguͤter erſetzt, und willkommene Thaͤtigkeit alle Leeren ausfuͤllt: da bekam Dauband ein Uebel, dem nur durch eine gefaͤhrliche Operation abgeholfen werden konnte, und in jenen wenig angebaueten Gegenden gab es weit und breit keinen Arzt, dem man ſolch eine Operation haͤtte uͤberlaſſen koͤnnen. Die liebende, treue Gattin entſchied ſich alſo unwiderruflich, den kranken Gemal nach Europa, und zwar nach Paris, damals dem Hauptſitz hoͤherer Chirurgie, zu bringen, und ihn durchaus keiner fremden Pflege anzu⸗ vertrauen.. Sie verkaufte ihr ganzes kleines Etabliſſe⸗ ment, in welchem ſie ſo gluͤcklich geweſen war, und ſchiffte ſich, mit Gemal und Tochter, nach Frankreich ein. Sie kamen ohne Gefahr nach Paris, und Dauband wurde dem geſchickteſten und beruͤhm⸗ Selene 1. Heft. 6 82 teſten Wundarzt uͤbergeben; ſeine Gemalin aber wartete ihn mit einer Sorgfalt, Geduld und Beharrlichkeit, deren nur das zaͤrtlichſte Weib faͤhig iſt. Sie verließ ihn nicht einen Augen⸗ blick, bis zu ſeiner vollkommenen Geneſung. Das Wenige an Juwelen u. dgl., was ihr nooch von ihren fruͤhern Verhaͤltniſſen uͤbrig ge⸗ blieben war, war indeß durch die langwierige, koſtbare Kur geſchmolzen: man mußte jetzt an neue Auswege denken, eine anſtaͤndige Exiſtenz fortſetzen und befeſtigen zu koͤnnen. Dauband bewarb ſich um eine Stelle bei der franzoͤſiſch⸗ oſtindiſchen Kompagnie, und man hatte ihn auf ſeinem vorigen Poſten ſo gut kennen und achten gelernt, daß man ihm die Stelle eines Kom⸗ mandanten auf der ſchoͤnen, kleinen Inſel Bourbon(jetzt Reunion) anvertrauete; die treue Gattin aber erwartete mit Freuden den Tag, der ihn und ſie, wenn auch nochmals in ungeheurer Entfernung, ihrem Gluͤck entge⸗ genfuͤhren ſollte. Waͤhrend das Schiff geruͤſtet wurde und Dauband ſeine Geſchaͤfte beſorgte, ging ſie zuweilen mit ihrer Tochter in den Thuilerieen 8³ ſpazieren. Das geſchahe denn auch heute; Mutter und Tochter waren ganz unbemerkt im Gruͤnen umhergewandelt, ſetzten ſich nun, ein wenig ermuͤdet, auf eine Bank, und ſchwatz⸗ ten, um von den Voruͤbergehenden deſto ſiche⸗ rer nicht verſtanden zu werden, deutſch. Der Marſchall von Sachſen, der Charlot⸗ ten in ihren ehemaligen Verhaͤltniſſen geſehen und ſich ſehr fuͤr ſie intereſſirt hatte, gehet vorbei, hoͤrt befremdet ſeine Sprache reden, und bleibt ſtehen, die Damen zu betrachten. Erſchrocken, die Aufmerkſamkeit eines Mannes auf ſich gerichtet zu ſehen, wirft Charlotte nur einen fluͤchtigen Blick auf den Marſchall, erkennt ihn, und geraͤth in eine Verwirrung, deren ſie ſich nicht ſogleich bemeiſtern kann. Hierdurch noch mehr aufmerkſam gemacht, be⸗ trachtet ſie der Marſchall genauer, erkennet ſie, und ruft mit groͤßter Befremdung: Madam— waͤr' es moͤglich.2 Hadir Im Augenblick faßt ſich Charlotte, laͤßt den Marſchall nicht ausreden, zieht ihn bei Seite, geſteht ihm mit drei Worten, daß ſie die ſei, fuͤr welche er ſie erkenne, bittet ihn 84 nur um Faſſung, die Voruͤbergehenden nicht aufmerkſam zu machen, um heilige Verſchwie⸗ genheit, und um ſeinen Beſuch, wo er denn alle ihre Schickſale erfahren ſolle. Er giebt ſein Wort, ſie entlaͤßt ihn und geht mit dem An⸗ ſchein von gewoͤhnlicher Ruhe nach Hauſe. 1 Der Marſchall kam: er erfuhr alles, was ſeit jenem Schreckenstage in St. Petersburg vorgefallen war, und wurde durch ſehr nach⸗ druͤckliche Erwaͤhnung des Antheils ſeiner Mut⸗ ter an jenen fruͤhern Ereigniſſen noch feſter ge⸗ bunden, noch naͤher in das Intereſſe gezogen. Man verlangt vor allem von ihm ein fort⸗ dauerndes Stillſchweigen, vornaͤmlich auch ge⸗ gen den Koͤnig; und da er hieruͤber bedenklich ſcheint, ſetzt man hinzu— nur auf ſo lange, bis gewiſſe angeknuͤpfte Unterhandlungen zu Ende gediehen waͤren, was nicht laͤnger, als drei Monate dauern koͤnne. Das glaubte der Narſchall zuſagen zu koͤnnen, und von nun an beſuchte er die Familie von Zeit zu Zeit, ganz im geheim. So kam er auch eines Tages, als jene drei Monate bald verfloſſen waren, und fand, 85 ſtatt der Familie, die Nachricht, ſie ſei, der Beſtimmung des Hausvaters gemaͤß, nach der Inſel Bourbon abgereiſet. Der Marſchall ging ſogleich zum Koͤnig, Ludwig XV., und ſtattete von allem, was Charlotten anging und ihm bekannt war, treuen Bericht ab. Ludwig ließ vorerſt den Miniſter des Seeweſens, Machault, kommen, und be⸗ fahl ihm, ohne eine Urſache anzugeben, an den Gouverneur von Bourbon den Befehl ab⸗ gehen zu laſſen, Herrn Dauband und ſeiner Familie mit der groͤßten Achtung zu begegnen, und alles anzuwenden, ihnen ihre Einrichtung zu erleichtern, ihre Exiſtenz angenehm zu ma⸗ chen. Nun ſchrieb er ſelbſt an die Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen, obſchon mit ihr im Krieg begriffen, und benachrichtigte ſie von dem Schickſal ihrer Tante. Maria Thereſia dankte, und ſandte ihm Briefe fuͤr die Prin⸗ zeſſin, worin ſie dieſe liebreich einlud, zu ihr zu kommen, aber ſich erſt von ihrem Gat⸗ ten und ihrer Tochter zu trennen— beides ganz im Charakter von Maria Thereſia. Beigefuͤgt war jedoch noch, daß fuͤr dieſe bei⸗ den, ihr werthen Perſonen ebenfalls Sorge getragen werden wuͤrde. Die Prinzeſſin ſchlug alle Anerbietungen unter dieſen Bedingungen aus, und verließ ihren Gemal keinen Tag, bis zu ſeinem Tode, der 1747 erfolgte. Bald nachher folgte ihm auch die Tochter, und Charlotte, die nun nichts mehr an die Inſel feſſelte, die ganz einſam und verlaſſen war, keine Verfolgungen mehr zu beſorgen hatte, kehrte wieder nach Paris zuruͤck, um ſich ein Kloſter zu waͤhlen, worin ſie ihre Lebenstage beſchließen koͤnnte.—— Als haͤtte ſie nur das Muſter einer edlen, getreuen Gattin und Mutter aufſtellen ſollen, verliert ſich ihre Geſchichte, die ſich in den aͤußerſten Spitzen der Erde hell erhalten, von der Zeit an, wo ſie aufhoͤrte Gattin und Mut⸗ ter zu ſeyn, in Dunkel, obſchon ſie im Mittel der gebildetſten Nationen, und nicht Wenigen bekannt, mehrere Jahre verlebte. Man weiß hieruͤber nur folgendes. Maria Thereſia that ihr, nach ihrer Ruͤck⸗ kunft, den Antrag, ſich mit einer jaͤhrlichen Penſion von zwanzigtauſend Gulden in Bruͤſſel 8⁵ niederzulaſſen. Wahrſcheinlich hat ſie dies an⸗ genommen und verſchiedene Jahre in der Stille in Bruͤſſel gelebt; 1765 wendete ſie ſich aber nach Vitry, eine Stunde von Paris, wo ſie mit drei Bedienten, unter denen ein alter, treuer, ſchon aus Louiſiana mitgebrachter Neger war— ſehr anſtaͤndig, aber ganz eingezogen lebte. Sie fuͤhrte hier den Namen: verwitt⸗ wete Frau von Moldac— wahrſcheinlich ohne eine andere Urſache, als weil ſie unter dem Namen ihres Gemals denn doch nicht mehr ganz unbekannt war. Der Herzog von St. Simon hat ſie hier 1771 noch geſprochen. Wann ſie geſtorben iſt, iſt unbekannt. (Wird fortgeſetzt.) Dankentbloͤßt wol ſchiltſt du, o Freund, mit Recht die Bemuͤhung, welche dem Bretergeruͤſt zufuͤhrt Schauſpieler und Dichter. Lockend ſcheinet es wol Anfangs, von erleuchtetem Prachtbau ſprechen zu hoͤren das Wort eingreifendes Sinns, das Begeiſtrung tief in der Bruſt aufweckte dem nachtdurchwachen⸗ den Juͤngling; lockender noch, vor dem ſtaunenden Volk auf ſtol⸗ zem Kothurnus ernſt herſchreitend in wuͤrdigem Kampf zu begeg⸗ nen dem Schickſal, oder in leichtem Gewand buntfarbige Spiele des Zufalls,. Selene II. Heft. 1 2— Sinn und Gemuͤth des verkehrten Geſchlechts kurz⸗ blickender Menſchen, frei von der Buͤhne herab zu bezeichnen der lachenden Menge. Vielen erhitzte die Bruſt ſolch lockendes Ziel, und der Arbeit Muͤhſal ſcheuten die Wackeren nicht. Dem ge⸗ waltigen Weltgeiſt forſchten ſie nach, tiefkundige Schrift der Geſchich⸗ ten der Vorwelt ernſt auspruͤfend und eigenes Sinnes Geſtalt und Bedeutung tief anſchauend im Geiſt—(denn Aeußeres gleichet dem Innern, ſieht es ein Mann durchdringendes Blicks voll Eifer und Wahrheit.) Auch in des Weltlaufs wechſelndem Spiel auffaßte 8 das klüglich ſpaͤhende Aug manch wichtiges Zeichen verhaltner Empfindung, heimlich entſchluͤpft achtloſem Gemuͤth in der Stunde der Wallung, oder bedeutende Worte, die kaum zu verſenden der Mund wagt. 3 So ausruͤſteten ſich der Natur Guͤnſtlinge mit Kenntniß mancherlei Art, und ſie uͤbten den Geiſt wie der Glieder Bewegung, daß der Natur Gunſtgabe ſie nicht ihr lohnten hunee 4 mit Undank. Fruͤchte des ſinnenden Geiſts nun ſtellten ſie auf der Beſchauung: Volkergeſchick, der gewaltigen Koͤnige Sturz, und — der Freiheit ſiegende Kraft in dem goͤttlichen Geiſt voll ewiges Glaubens ſang der begeiſterte Mund mit vollaustoͤnendem Prachtwort. Kluͤgelndes Sinns Schwachheit, umſtrickt von dem eeigenen Netzgarn, oder vom helleren Blick umſchaut, frohlebender Jugend, zeichnete ſcharf, nichts ſparend am Bild, der Beſchauer des Weltlaufs. Treu auffaßte das Bild in Gebehrd' und Geſtalt die Gewandheit mimiſcher Kunſt, in gewaltiger Goͤttergeſtalt des 1 Heroen 3 4 bald herſchreitend, nimmer geſehn, doch jedem befreundet, bald alltaͤglichem Thun nachbildend im Spiel die Gewohnheit— Sollte das Volk nicht jauchzen, da ihm ſolch reicher Genuß wird? Doch wie kommt es, o Freund, daß, wenn aufwaͤrts ſich der Vorhang faltet und auf dem erleuchteten Zaubergebaͤu des Theaters nun vor dem harrenden Volk ſich zeigt das Gewebe des Schauſpiels— ſelten die Luſt gleichkommt der erwarteten, ſeltner der Beifall kroͤnet das Werk, das im Bunde mit jeglicher Kunſt Poeſie ſchuf? Leicht wol wär' es geſagt, auch toͤnt nicht ſelten die Antwort: „Gebt uns treffliches Werk, Schauſpieler und Dichter! es ehrt euch gern lauthallendes Zeichen des Danks und die frohe Bewundrung; 5 doch umſonſt nicht zollet der Mann, der verſtaͤn⸗ dige, Beifall! nur dem Verdienſt, dem bewunderten Genius wird die Belohnung! Wahr auch iſt es; genuͤgend indeß ſcheint nicht die Gewaͤhrung. Selbſt einſt, ſitzend im Kreis, anhört' ich muntere Zweiſprach kritiſcher Herrn, von den Frauen gemiſcht mit lieblicher Anmuth— denn unkundig waren ſie nicht kunſtwaͤgender Fordrung, fruüh von dem Geiſt einheimiſcher Kunſt viel hoͤrend und Abends lauſchend wichtigem Wort der geheiligten Kunde der Vorzeit— Erſt flog leicht das Geſpraͤch von des Heers gleich⸗ farbigem Kriegszug hin zu des Tanzſaals buntem Gemiſch vor nahen⸗ der Faſtnacht; aber es lenkt', oft fragend, ein platzunkundiger Nachbar bald das gefaͤllige Wort zu der Buͤhne Geſtalt und dem Schauſpiel, 6 dann zu der Dichtung Kunſt. Viel waren der Koͤpfe, der Sinne mehr noch, jeglicher faſt entlud ſich doppelter Meinung, wie des Geſpraͤchs umwandelnde Zaubergewalt ſie hervorrief. Dem duünkt loſe das Spiel, traͤgt nicht tiefſinniger Weisheit heiligen Ernſt das gewichtige Wort. Fern, rufet 6 der Andre, bleibe Geſetz und pedantiſches Schulengeſchwaͤtz von der Dichtung! Macht das Unendliche kund in dem Endlichen, fordert ein Dritter. Welche Verblendung! ſpottet der Vierte; von beiden die Einheit ſchafft im Objekt! Einſeitiges Schattengebild, wo ö vereint nicht Alles erſcheint, vollendend im Bild das geſchloſ⸗ ſene Weltall! Bleibet getreu altgriechiſchem Geiſt, ruft wichtig ein Fuͤnfter; wecket des Chors koloſſale Geſtalt, in erhabenem Prachtſchritt 7 wandle der Held und in rhythmiſcher Kraft laßt toͤnen den Wortfall! Nichtiges Formengeſchwaͤtz! entgegnet ein Chor in dem Einklang: Weg mit der Kunſt Hellas, Deutſchheit iſt jetzo vonnothen! Kraft in dem Arm, in dem Mund Schlachtliederge⸗ ſang und Poſaunhall!— Lang fortwogte der Meinungen Kampf; was den Einen entzuͤckte, duͤnkte den Andern zu ſchlecht, drob nur zu ver⸗ lieren ein Scheltwort. Endlich ermuͤdet vom Streit aufriefen die Kaͤm⸗ pfer ein Maͤgdlein, jung, geiſtblickendes Augs und den Mund voll laͤchelnder Anmuth, daß ſie mit rein jungfraͤulichem Sinn ausſpraͤche das Urtheil. Nimmer gebuͤhrt die entſcheidende Richtergewalt, ſo begann ſie, mir, die den tieferen Sinn kaum ahnet der dun⸗ kelen Worte: aber betruͤbt iſt ſicher das Loos fuͤr Kuͤnſtler und Dichter, 8 theilet die Richtenden ſelbſt ſolch unaufloͤslicher Zwieſpalt. Ungern hoͤrten das Wort die Befragenden; ſpaͤt zu der Antwort oͤffnet den Mund der behendeſte Sprecher; da hob ſich der Vorhang. Doch, der Betrachtung werth ſchien mir, was geſprochen die Jungfrau. Weniger oft traͤgt Kuͤnſtler und Dichter die Schuld, wenn es mislang tief zu entflammen mit himmliſcher Glut die Ge⸗ muͤther der Menſchen, als, wie es ſcheint, der Beſchauenden eigene Sinns⸗ und Gemuͤthsart. Lehre den reineſten Moſt auskeltern, erfuͤlle der 3 Gaͤhrung dunkles Geſetz, und beguͤnſtige ſelber das Werk dir 1 Jakchos, lege die Jahre dazu langlebender Parzen Ver⸗ ſchonung, daß ſtarkkraͤftig und mild nektariſche Flut in das Glas ſtroömt; 9 netzet den frohauskoſtenden Mund der gelungene — Trank nicht, trinket der durſtige Staub den vergeudeten, feuch⸗ tet den Steingrund tief im Gewoͤlbe der goldene Strom, entlaſſen dem Stuͤckfaß durch fluchwuͤrdige Hand Schlachfeldentronnenes Wuͤthrichs, oder verſchlingt, in beaͤngſteter Eil zweideutiges Siegsgluͤcks, ihn rauhfordernde Schaar, unkundiges Sinns und geſchmacklos, gießt dem geſtumpfeten Gaum ihn ein ſchwach⸗ lallende Sattheit— wirſt du des göttlichen Kraft ausſpaͤhn in dem ſchmaͤhlichen Misbrauch? Alſo des Dichters Werk! Es verlangt hingeben⸗ des Anſchaun, ruhigen Sinn, leicht reges Gemuͤth und der Sor⸗ gen Verbannung; dann entzuͤckt es die Bruſt, ſchnell findend im Herzen den Eingang. Manches Geſetz der poetiſchen Welt aufſtellten die Weiſen: 10 wie der Natur nachahme die Kunſt, wie den heftigen Ausbruch wildes Gemuͤths ſanft mildre der ſinnige Geiſt, wie der Wohllaut adle das kraͤftige Wort, die Geſtalt, Anſtand und Gewandheit; aber gelehrt hat keiner bisher, wie die Menge den Schauplatz moͤge betreten. Iſt nicht auf Seiten der Dichter das Recht auch? Lehrt doch jeglicher Arzt, anordnend heilende Kraͤuter, wie von der Sechszahl nicht natuͤrlicher Dinge die Wirkung ſeines Recepts abhaͤnge. Beſorgt folgt jeder der 2 Vorſchrift durch ſorgfaͤltige Wahl des Getraͤnks und der Speiſen Bereitung. Aber die Dinge, die nicht natuͤrlichen, jeder Be⸗ geiſtrung, bringet die Welt ſorglos zu des Schauſpiels gött⸗ lichſter Dichtung; 11 ſchilt dann, weil vor dem truͤberen Sinn die Gebilde der Kunſt fliehn, auf das Gedicht, nicht fühlend im Innern die Schuld der Verkehrtheit. Solches erwog ich, tiefes Bedachts, von der Rede des Maͤgdleins innig erfreut: da entriß mich Laͤrm aufſtehender Menge ſchnell den Gedanken, und ſieh, ſchon war vollen⸗ det das Schauſpiel. Schaamvoll trat ich heraus, denn ſtrafend im Herzen die Andern, uͤbt' ich aͤhnliche Schuld. Abweſendes Sinns und Gedankens ſaß ich ſtarrendes Blicks nichts ſehend in fremder Beſchauung. A. Apel. Der Braͤutigam aus Großmuth. Der junge Baron von R— feierte ſein Hochzeitfeſt in einer kleinen Geſellſchaft von . Verwandten und vertrauten Hausfreunden.— Er ſaß beim Nachteſſen neben ſeiner ſchoͤnen Braut, und hoͤrte kaum ein Wort von all den Neckereien, womit einige der aͤltern Gaͤſte, nach hergebrachter löblicher Gewohnheit, ſie erroͤthen zu machen wetteiferten. Mit frohen Sinnen ſah er bald vor ſich hin, bald auf die Geliebte, und gab kein Wort zu den Ge⸗ ſpraͤchen der Geſellſchaft, die ſich doch alle auf das Brautpaar bezogen. Woran denkſt du? rief ploͤtzlich der Ma⸗ jor, ſein Vater, ſo ſtark, als muͤſſe ein ganzes Bataillon es hoͤren. Der Braͤutigam fuhr auf aus ſeiner Ge⸗ dankenloſigkeit, und ſchien eben ſo ſehr uͤber die Frage ſelbſt, als uͤber den Ton erſchrocken. Einige der Gaͤſte lachten bedeutungsvoll,, die Sie mir einmal aufs Gewiſſen: haben Sie 13 Braut ſchlug die Augen nieder und laͤchelte ins Buſentuch. „Weißt du wol, daß es unartig iſt, hier, wo ſich alles um deinetwillen verſammelt hat, ſo eintoͤnig da zu ſitzen? Nicht einmal wenn von deiner Frau geſprochen wird, ſtimmſt du mit ein.“— Hat man wirklich von ihr geſprochen? er⸗ widerte Ednard zerſtreut. Alle lachten, denn ſeit einer Viertelſtunde war nur von ihr die Rede geweſen. Auch hatte ſie's wohl gehoͤrt, aber beſcheiden zu den Lobeserhebungen, wie zu den Neckereien, ge⸗ ſchwiegen. Man verſicherte ihm dies— Nun, verzeihen Sie mir nur, ſagte er ge⸗ faßter. Wie ſoll ich auch hoͤren, was von ihr geſprochen wird, wenn ich dies boͤſe liebe Maͤdchen ſo dicht neben mir ſehe, und beden⸗ ke, daß ich mich nun ganz unter ihr Joch gebeugt habe. 1 1 Ddiesmal ſei dirs verziehen, ſiel der Vater ein. Aber auch Sie, liebes Braͤutchen, ſollen mir nicht ſo ſtillſchweigend da ſitzen. Sagen 14 wirklich mit meinem Sohne das erſte Liebes⸗ — gehabt? Minchen ſchlug die muntern Aeuglein em⸗ por, und ſagte naiv verſichernd, indem ſie die Hand auf die Bruſt legte: Auf Ehre, das erſte! Die heitre Stimmung der Geſellſchaft machte, daß man dieſe einfache Aeußerung ganz allerliebſt fand, und Eduard konnte ſich nicht enthalten, die ſchoͤnen Lippen zu kuͤſſen, welche die troͤſtlichen Worte mit ſo viel Wahr⸗ heit geſprochen hatten. Wenns indeſſen auch nicht waͤre, ſagte er dann; alles, was du mir offen geſtaͤndeſt, wuͤrde ich dir gern vergeben, und darum nicht weniger gluͤcklich ſeyn. Weiß ich doch, was du jetzt biſt: was kuͤmmerts mich, ob du ſelbſt auf Abwegen zu dieſem Ziele gelangteſt. Junger Freund, ſagte der Major, davon verſteht er nichts. Wenn ich das geringſte Schlimme von ſeiner Braut erfahren, ſo haͤt⸗ te er nie meine Einwilligung bekommen, die ich ihm doch wegen Armuth oder niedrigen Standes nicht verſagt haben wuͤrde. Die Frau 4 — muß einen ganz unbeſcholtenen Nahmen mit ins Ehebett bringen, das iſt nothwendig fuͤr die kuͤnftige Ruhe des Mannes. Freilich, ſo lange der erſte Liebesjubel dauert, denkt man an alles das nicht; aber nachher findet ſichs ſchon. In der gluͤcklichſten Ehe faͤllt's einem ohnedem zuweilen ein, daß es kluͤger geweſen waͤre, wenn man das Joch nicht uͤber den Kopf genommen haͤtte, und kommt nun etwa Veranlaſſung zur Eiferſucht, die bei einer ſchoͤ⸗ nen Frau niemals ganz ausbleibt: dann denkt man wol an das, was man vergeſſen wollte. Mit einem Worte, wer eine nicht ganz unbe⸗ ſcholtene Frau nimmt, der macht einen erz⸗ dummen Streich. Ich habe zwar ſelbſt ſo einen dummen Streich gemacht— Er ſchwieg und warf auf die Majorin ei⸗ nen bedeutenden, aber doch freundlichen Sei⸗ tenblick, der die Geſellſchaft in noch groͤßere Verlegenheit brachte, als der ſonderbare Inhalt der Worte. Nur die Majorin blieb in der groͤßten Unbefangenheit. Als aber niemand ſprach, und das allge⸗ meine Stillſchweigen nach der vorigen lebhaften 16 Geſpraͤchigkeit einen ſonderbaren Eindruck mach⸗ te, ſo ſagte ſie: Sieh nur, was du mit dei⸗ nem Scherz angeſtellt haſt! Erklaͤre alſo geſchwind, wie die Sache iſt; der Himmel weiß, was man ſonſt von mir glauben koͤnnte. Ja, antwortete er, wenns nicht ſchon faſt Mitternacht waͤre, ſo koͤnnte ich mich wol entſchließen, den ganzen Hergang zu erzaͤhlen. Aber Sie werden wol alle keine Luſt haben, eine ziemlich lange Geſchichte anzuhoren. Erzaͤhlen Sie nur, riefen beſonders die Weiber; wir alle ſind geſtimmt dazu. Die Maͤnner waren der naͤmlichen Meinung, trotz der auf dem Schenktiſch ſo eben aufgepflanzten Champagnerflaſchen. Aber dem Brautpaar wird es zu lang dauern? ſagte der Major, und ſixirte Min⸗ chen. 4 Nein, nein, lieber Vater, rief dieſe; er⸗ zahlen Sie nur, und eine recht lange, lange Geſchichte. 1 Der Braͤutigam ſagte kein Wort zu der ganzen Verhandlung. Nun wohl denn, fing der Major an, und — 17 raͤuſperte ſich. Ich war Lieutenant, vier und zwanzig Jahr alt, und ein ſehr lebhafter Burſch. Ungeachtet ich geſtehen muß, daß die uͤbeln Beiſpiele beim Regiment meine Sitten nicht ganz rein gelaſſen hatten, ſo war mir doch eine gewiſſe Unſchuld und Reinheit des Herzens geblieben. Mein Vater, dem jenes nicht unbekannt war, und der mir den Reſt von dieſem zu erhalten wuͤnſchte, ſprach mir oft vom Heirathen vor, und ruͤhmte das Gluͤck des Eheſtandes bei je⸗ der Gelegenheit. Ungeachtet in meinem Her⸗ zen eine geheime Stimme ihm Recht gab, ſo war ich doch zu ſehr Soldat, wuͤnſchte und hoffte zu ſehr einen baldigen Krieg, als daß ich mich zu einer ernſten Verbindung haͤtte entſchließen ſollen. Auch ſetzte ich meinen Stolz darein, eine gewiße Unempfindlichkeit zu affectiren, die im Grunde kein Menſch weni⸗ ger beſaß, als ich. Einmal hatte mein Vater, der, beiläufig geſagt, als Oberſter penſionirt und ſehr reich war, eine Reiſe zu einem alten, gleichfalls in Ruhe lebenden Kriegscameraden gemacht. Ich Selene II. Heft. 2 18 ritt ihm bei ſeiner Zuruͤckkunft entgegen, und kaum hatte er mich erblickt, als er mir zurief, daß ich gleich vom Pferde abſteigen, und mich zu ihm in den Wagen ſetzen ſollte. Höore, fing er an, ſobald dies geſchehen war, morgen noch mußt du Urlaub nehmen und eine Reiſe machen. Du wirſt ein Maͤdchen kennen lernen, das dir deine Heirathsſcheu ſchon vertreiben ſoll. Ich laͤchelte gleichguͤltig. Mach' mir keine Spruͤnge, fuhr er mit komiſchem Zorne fort; oder, Trotz meiner ſech⸗ zig Jahre und meiner zerſchoſſenen Knochen, ſchnappe ich ſie dir ſelbſt noch weg. Das iſt ein Maͤdchen— ich alter Menſch bin ganz jung geworden. Mit einem Worte, er machte eine Beſchreibung, in der alle diejenigen meine Frau erkennen wuͤrden, die das Gluͤck gehabt haͤtten, ſie vor fuͤnf und zwanzig Jahren zu ſehen. Galant biſt du nicht, lieber Mann, un⸗ terbrach ihn die Majorin lächelnd— Bedenke, liebes Kind, daß wir fuͤnf und zwanzig Jahre verheirathet ſind! antwortete er, und fuhr in ſeiner Erzaͤhlung fort. Der Enthuſiasmus meines heitern Vaters hatte wirklich meine ganze Neugier rege ge⸗ macht. Zwar ſuchte ich immer noch zum Schein Entſchuldigungsgruͤnde, jedoch nur ſolche, die leicht widerlegt werden konnten, und wollte eben ſeinem Willen nachgeben, als er, der meine Veraͤnderung gemerkt hatte, auf einmal alle Entſchuldigungen boshafter Weiſe gelten ließ. Ungeachtet ich jetzt frei geſtand, es ſei ihm wirklich gelungen, mich neugierig zu ma⸗ chen, ſo wiederholte er doch gle meine vorigen Gruͤnde, ſetzte noch neue hinzu und meinte, es ſei wirklich beſſer, wenn ich nicht hinreiſ'te. Endlich, als er ſeines Siegs genug genoſſen hatte, und ich nicht mehr faͤhig war, meine Verſtimmung zu verbergen, erklaͤrte er mir ſchadenfroh, daß er mich nur fuͤr meine Ver⸗ ſtellung habe beſtrafen wollen; ich ſolle reiſen, wenn mir's beliebe, und zum Troſt koͤnne er mir ſagen, daß die Sachen zwiſchen den Vaͤtern bereits im Reinen waͤren, und es nur von uns jungen Leuten abhinge, Maun und Frau zu werden. 19336 Dadurch ward meine Phantaſte n nun vollenbs entzuͤndet. Ich ſah mich ſchon im Geiſte als 20 den Mann eines wahren Engels von Weibe, und die ganz nahe liegende Beſorgniß, o0b auch die Schoͤne mich werde haben wollen, ſtoͤrte mich in keiner von meinen angenehmen Traͤumereien. Den andern Tag ſuchte ich bereits um Urlaub an; bevor ich jedoch wußte, ob ich ihn erhalten wuͤrde, hatte ich ſchon am Morgen durch meinen Bedienten einen Mantelſack pak⸗ ken laſſen, und war eben im Begriff auch einen Koffer zum Nachſchicken zu fuͤllen— wobei ich mit vieler Sorgfalt die Aufſicht fuͤhrte, daß ja die feinſte Waͤſche, die beſte Uniform und das geſchmackvollſte Civilkleid hin⸗ einkaͤme— als mein Vater ins Zimmer trat. Er blieb mit luſtiger Verwunderung in der Thuͤr ſtehen und ſchlug die Haͤnde uͤber den Bauch zuſammen, ſobald er mich in dieſer Beſchaͤftigung geſehen hatte. Nun, mein kal⸗ ter Herr Sohn, rief er, du biſt auf dem beſten Wege— Indeſſen ließ ich mich durch ſeine Spöttereien nicht ſtoͤren, gab mir auch keine Muͤhe weiter, eine Rolle fortzuſpielen, aus der ich auf das jaͤmmerlichſte gefallen war. —— — 21 Am folgenden Tage erhielt ich meinen Urlaub, und ſaß am Mittag ſchon auf dem Pferde, um dem Landgute des Oberſten von Z— zuzueilen. Lieber Mann, ſiel hier die Majorin ein, du biſt erſchrecklich weitlaͤufig, und ich fuͤrchte, die Erzaͤhlung wird die Herren und Damen ermuͤden. Liebe Frau, parodirte ſie der Major; du biſt erſchrecklich begierig, von dir ſelbſt ſprechen zu hoͤren, und wenn ich einmal dahin komme, ſo bin ich uͤberzeugt, daß du mich nicht der Weitlaͤufigkeit beſchuldigen, noch fuͤrchten wirſt, daß die Herren und Damen dadurch ermuͤdet werden moͤchten. Meine Hoffnungen wurden noch ſtolzer, als ich mich auf dem Pferde ſah, und nun wirklich der Braut zueilte: ſie ſanken aber allmaͤhlich gegen Abend wieder, je nachdem ſich meine Muͤdigkeit vermehrte— und wie ich endlich ziemlich matt in einem ſchlechten Wirthshauſe uͤbernachten mußte, ſchien mir die ganze Un⸗ ternehmung nichts, als eine Chimaͤre. Doch ſah ich am andern Morgen bei friſchen Kraͤften die Sache wieder aus einem beſſern Geſichts⸗ . 22 punkte an, und da ich mich Nachmittags dem Landgute des Oberſten v. Z— naͤherte, ſo ſtellte ſich anſtatt meiner geſtrigen Muthloſigkeit eine gewiſſe Angſt ein, die ſich beim Anblicke des Schloſſes ſelbſt in einem hoͤrbaren Herz⸗ klopfen aͤußerte. Eine Stunde vorher war ich abgeſtiegen, und hatte in einem Gaſthofe meine Reiſekleider gegen einen geſchmackvollen Anzug vertauſcht. Gegen ſechs Uhr Nachmittags ritt ich mit meinem Bedienten im Schloßhofe ein. Ich blickte nach allen Fenſtern empor, in der gewiſſen Ueberzeugung, daß ſich an einem der⸗ ſelben das Koͤpfchen zeigen muͤßte, um deſſent⸗ willen ich hier war. Aber alles blieb einſam — was mir ſchon einigen Verdruß machte, als ein Bedienter erſchien, der mir ſagte, der Oberſt ſei mit ſeinen beiden Toͤchtern im Garten. An meinem Anzuge noch manches hervorzupfend, ordnend, abputzend, folgte ich ihm dahin, und fand bald den Vater mit den Frauenzimmern in einer Laube. Ich gab dem erſtern, ohne mich zu nennen, den Brief von meinem Vater, und muſterte, waͤhrend er ihn erbrach, die bei⸗ den Frauenzimmer ſo aufmerkſam, als es mir 23 ihre eigne Neugier geſtattete, die ſie ihre Blicke mit einer— wie mirs ſchien— aͤngſtlichen Erwartung auf mich heften ließ. Deſſenunge⸗ achtet entging mir nicht, daß die Eine recht huͤbſch, die Andere aber von einer außerordent⸗ lichen Schoͤnheit war, welche letztere ich denn natuͤrlich ſogleich fuͤr diejenige erkannte, die mir beſtimmt ſei. Der Vater hatte kaum einen Blick in den Brief geworfen, ſo eilte er mit dem Ausruf: „Tauſendmal willkommen, theurer Baron R—“ auf mich zu und umarmte mich mit großer Herzlichkeit. Aber mir entging es nicht, daß beide Frauenzimmer, ſo wie ſie meinen Namen hoͤrten, heftig erſchraken. Ein Blick, den ich waͤhrend der Umarmung neben dem Oberſten weg nach ihnen hinſchickte, zeigte mir, daß beſonders die Schoͤnere hoͤchſt unangenehm uͤberraſcht ſei, und daß ihre Schweſter ſie waͤh⸗ rend unſrer Umarmung zu beruhigen ſuchte. Der Alte hingegen bezeigte die lebhafteſte Freu⸗ de, den Sohn ſeines Freundes kennen zu ler⸗ nen, und ſtellte mich ſogleich ſeinen Toͤchtern, ſo wie dieſe mir vor. Das Schwarzauge dort 24— iſt meine Aeltſte, verheirathet, jetzt Stroh⸗ wittwe, denn der Hauptmann v. U— iſt als Kabinetskourier in Petersburg. Die Juͤngere dort iſt noch zu haben; und ich denke, Ihr Vater hat Ihnen manches von ihr erzaͤhlt, denn das Maͤdel war unverdienterweiſe ſo gluͤcklich, ſeinen beſondern Beifall zu erhalten. Ich konnte nichts ſagen. Nicht einmal der elende Nothbehelf einer alltaͤglichen Galan⸗ terie ſtand mir zu Gebote, denn wirklich war ich im erſten Augenblick wie geblendet von dem Geſichtchen der Ruchloſen, die mir hier gegenuͤber ſitzt, und die mich zu meinem groͤß⸗ ten Gluͤck jetzt nicht mehr ſo aus der Faſſung bringt. Die Frauenzimmer ſtanden auf, mich zu begruͤßen, welches die juͤngere mit großer Verlegenheit und ohne mich ein einzigesmal gerade anzuſehen, die aͤltere hingegen mit einer gewiſſen ſpoͤttiſchen Freundlichkeit that.„Wir wußten zwar, ſagte ſie, daß wir das Ver⸗ gnuͤgen haben wuͤrden, Sie zu ſehen, aber ſo eilig haͤtten wirs nicht erwartet.“ Dieſe Anrede vermehrte meine Verlegenheit, die auch nur nach und nach verſchwand, als 23 der Oberſte, der unterdeſſen den Brief ausge⸗ leſen, ſich wieder ins Geſpraͤch miſchte, und ſich nach dem Befinden meines Vaters, ſo wie nach den Umſtaͤnden meiner Reiſe erkundigte. Frau v. U—, die aͤltere Schweſter, nahm mit mancher leichtfertigen Bemerkung am Geſpraͤche Theil, die ich denn mit gleicher Muͤnze zu be⸗ zahlen nicht lange anſtand, wodurch wir ſehr ſchnell mit einander bekannt wurden. Amalie hingegen, die juͤngere, ſaß immer ſtill auf ihre Arbeit gebuͤckt, und entſchuldigte ſich mit Kopf⸗ ſchmerzen, wenn ihr Vater ſie uͤber dies Still⸗ ſchweigen neckte; doch warf ſie zuweilen einen forſchenden und wehmuͤthigen Blick auf mich, in dem ich eher alles andre, als die entfernteſte Anlage zur Liebe leſen konnte. Nach einer kleinen Weile bat mich der Oberſt um Verzeihung, daß ein Geſchaͤft ihn noͤthige, mich jetzt zu verlaſſen. Er empfahl ſeinen Toͤchtern fuͤr meine Unterhaltung und Bequemlichkeit zu ſorgen, und entfernte ſich. Uns aber war es lange nicht moͤglich, in ein Geſpraͤch zu kommen, denn die Einſylbigkeit Amaliens dauerte fort, waͤhrend die Heiterkeit 26 ihrer Schweſter ſich nach und nach zu verlieren ſchien. Die letztere erbot ſich bald, mir den Garten zu zeigen, und hieß die andere hier bleiben, um durch die Bewegung ihren Kopf⸗ ſchmerz nicht zu vermehren. Mit Freuden nahm ich dies Anerbieten an, denn es zog mich aus einer Situation, die mir, trotz des Vergnuͤgens beim Anſchaun meiner Schoͤnen, dennoch peinlich ſeyn mußte. Ich war voll Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Meine ſtolzen Hoffnungen waren durch Ama⸗ liens wenige Freundlichkeit ſehr niedergeſchla⸗ gen, und ſchon fing ich an, die nicht eben troͤſtliche Vermuthung zu hegen, daß ein An⸗ derer mir in ihrem Herzen zuvorgekommen ſei. Indeſſen ſchlug mich dies bei meiner natuͤr⸗ lichen Froͤhlichkeit nicht ſehr nieder, und ich wiederholte mir im Stillen alle Gruͤnde, war⸗ um es beſſer ſei, nicht zu heirathen. Nachdem ich mit Frau v. U— durch einige Laubengaͤnge gewandert war, kamen wir zu einem einſamen Ruheorte. Herr Baron, fing ſie an; wir kennen uns zwar erſt ſeit einer Stunde, aber ich muß dennoch ſchon ein 2⁵ Wort im Vertrauen mit Ihnen reden. Vor⸗ her verſprechen Sie mir jedoch Verſchwiegen⸗ heit. Ich verſprach ſie voller Erwartung. Sie ſind hierhergekommen, fuhr ſie nun fort, um meine Schweſter zu heirathen; aber das laſſen Sie ſich vergehen— daraus wird ein⸗ fuͤr allemal nichts. Ich war durch meine eignen Gedanken ſchon zu gut vorbereitet, als daß ich uͤber dieſe An⸗ rede haͤtte erſtaunt ſeyn ſollen und konnte daher die komiſche Art, mit der ſie vorgebracht wurde, ganz frei auf mich wirken laſſen. Wirklich ge⸗ hoͤrte Frau v. U— zu den Perſonen, mit denen man im erſten Augenblicke ſchon vertraut, oder von ihnen zuruͤckgeſtoßen wird. Mir war das erſtere begegnet, und ſo konnte ich mich nicht enthalten, herzlich uͤber dieſe Worte und ihre Lebhaftigkeit zu lachen. Das iſt gut, fuhr ſie luſtig fort, daß Sie die Sache wie ein geſcheidter Mann nehmen, und das giebt mir Zutrauen zu Ihnen. Frei⸗ lich waͤr' es kluͤger, wenn ich noch ſchwieg, aber— ich ſehe nicht ein, warum man nur 28 mit Weilen eilen ſoll. Meine Schweſter will und kann Sie nicht heirathen: gleichwol dringt der Vater in ſie, darf aber nichts von ihren Weigerungsgruͤnden erfahren. Sie hat auch bis jetzt weder ja noch nein geſagt, und im allgemeinen vorgegeben, daß ſie keine Luſt zum Heirathen habe— welches, unter uns geſagt, nicht wahr iſt. Ich rieth ihr nun, Sie mit Freundlichkeit hinzuhalten, und Ih⸗ nen den Korb zu ertheilen, wenns Zeit waͤre: aber dazu iſt ſie viel zu ehrlich, und will in Ihnen ſchlechterdings keine Hoffnungen erregen, die ſie nicht erfuͤllen kann. Nun fuͤrchte ich, 66 daß Sie aͤrgerlich werden und abreiſen, oder vielleicht auch mit dem Vater ſich verbinden und in ſie dringen moͤchten— was denn einen fuͤrchterlichen Laͤrm und eine Unterſuchung gaͤbe. Deshalb wurde kurz vor Ihrer Ankunft be⸗ ſchloſſen, Ihnen lieber Zutrauen zu ſchenken, und Sie dadurch in unſer Intereſſe zu ziehen. Hoͤren Sie jetzt was ſie thun ſollen.— Wenn mein Vater anfaͤngt mit Ihnen uͤber den Heirathsplan zu reden, ſo bekennen Sie zwar, daß meine Schweſter Ihnen gefalle; 29 indeſſen ſei der Schritt wichtig, wolle uͤberlegt ſeyn, und ſo baͤten Sie denn noch eine Zeit⸗ lang beobachten zu duͤrfen. So geht die Sache fuͤrs erſte ihren Gang fort, bis ſich eine Ge⸗ legenheit findet, dem Vater ſeine Einwilligung abzuliſten. Alſo ſoll ich helfen, Ihren Herrn Vater zu betruͤgen? erwiderte ich bedenklich. Wer betruͤgt denn? ſagte ſie. Iſt die Sache nicht wichtig? Und dann uͤberlegen Sie, beobachten Sie, ſo viel Sie wollen— das ſoll Ihnen unverwehrt ſeyn, und ſo thun Sie ja, was Sie ihm ſagen. Freilich wir verlangen viel von Ihnen, das geſteh' ich: aber beden⸗ ken Sie, daß das Gluͤck meiner Schweſter davon abhaͤngt. MNun, es ſei, wenn ich mich leidend ver⸗ halten darf, und nur zu verbergen, nicht aber zu luͤgen brauche. Duͤrfte man nichts von dem Gluͤcklichen erfahren... 2 Nein, nein, mein Herr, dazu kennen wir uns zu wenig. Indeſſen, wenns Zeit iſt, oder es uns nuͤtzlich werden koͤnnte, dann ſollen Sie unterrichtet werden. Von ihrer Diskre⸗ 3⁰0 tion hoffe ich, daß Sie mit Amalien uͤber unſer jetziges Geſpraͤch nicht zu reden anfan⸗ gen werden.— 1r Ich gab ihr nun noch die Verſicherung, daß es meinem Charakter ganz fremd ſei, etwas von Amalien durch Zwang erhalten zu wollen, und ſo endigte ſich ein Geſpraͤch, das mich im Anfange, wegen der ſonderbaren Art, womit es gefuͤhrt wurde, beluſtigte, das mir aber nachher, beſonders als ich das ſchoͤne Raͤdchen wiederſah, hoͤchſt unangenehme Eins pfindungen machte. Wir fanden Amalien in der„Geſellchaft eines ſehr ſchoͤnen jungen Mannes, und ſie ſchien durch unſre Ankunft nicht eben erfreut zu ſeyn. Er aber ging mir vollkommen un⸗ befangen entgegen, und zeigte, als wir einan⸗ der von Frau v. U— vorgeſtellt wurden, die groͤßte Gewandtheit im geſelligen Umgange. Ich hoͤrte, er ſei der Gerichtshalter des Gutes und praktiſcher Advokat, ein Freund vom Hauſe, der ſich den groͤßten Theil des Sommers hier aufhalte. Seine Kleidung war geſchmackvoll und praͤchtig, ſein Geſpraͤch geiſtreich, und in 31 ſeinem Benehmen zeigte er diejenige Sicherheit, die nur eine große Kenntniß der Welt und das Bewußtſeyn geiſtiger und koͤrperlicher Vorzuͤge geben kann. Sobald ich ihn geſehen, draͤngte ſich mir die Vermuthung auf, daß er der gluͤckliche Nebenbuhler ſei. Auch trug Amaliens Beneh⸗ men ſehr viel dazu bei, mich darin zu beſtaͤr⸗ ken: denn ſo oft ſie ſich unbemerkt glaubte, heftete ſie die ſchoͤnen blauen Augen feſt auf ihn, und erroͤthete bis unter die dunkelbraunen, ſeidnen Locken, wenn ſie auf ſolchen Blicken ertappt ward, die immer auch fuͤr mich, dem ſie nicht galten, etwas unausſprechlich ruͤhrendes hatten. „ Bin ich weitlaͤufig, liebe Frau?“ unter⸗ brach hier der Major ſeine Erzaͤhlung. Nur weiter! erwiderte die Baronin laͤchelnd. M—, ſo hieß der junge Mann, wußte hingegen ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen uns Dreien ſo vollkommen gleich zu vertheilen, er behandelte mich mit einem ſo freundlichen Zu⸗ vorkommen, wie ich unmoͤglich denjenigen wuͤrde haben behandeln koͤnnen, der hergekommen waͤre, 32 mir meine Geliebte zu rauben. So ſchwankte ich hin und her zwiſchen Glauben und Nicht⸗ glauben, und gab mich am Ende gern dem letztern hin. Wirklich hatte der Anblick der Schoͤnen— die nach und nach etwas geſpraͤ⸗ chiger wurde, und in allen Worten den Geiſt zeigte, den Sie, meine Herrn und Damen, an meiner Frau bewundern— mich zu dem Gedanken gebracht, daß es vielleicht durch Treue und Beharrlichkeit noch moͤglich ſei, ihr Herz zu gewinnen. Hierzu trug die unverkenn⸗ bare Aufmerkſamkeit bei, mit der ſie ſchon an 0 dieſem Abende mehrere meiner Aeußerungen auf⸗ nahm. Der Vater kam bald zuruͤck, und wir brach⸗ ten zuſammen einen recht vergnuͤgten Abend zu. Ich bemerkte bald, daß er ein freundlicher, aber auch ſtrenger Vater ſei: denn Amaliens Benehmen gegen ihn trug gleichermaßen als Gepraͤge der Liebe und der Furcht, waͤhrend die aͤltere Schweſter ihn mit ihren Scherzen mehr beluſtigte, und dadurch das Recht erwor⸗ ben hatte, ſich groͤßere Freiheiten gegen ihn herauszunehmen. Gegen den Gerichtshalter 9. 33 zeigte er ſich vertraut, aber mit einer entſchie⸗ denen, wiewol nicht ſtolzen Superioritaͤt, die dieſer auch, ohne ſich zu demuͤthigen, ſtillſchwei⸗ gend anerkannte. Ueberhaupt ſchien zwiſchen beiden das Verhaͤltniß zu ſeyn, wie zwiſchen Sohn und Vater, welches ſich, wie ich nach⸗ her erfuhr, darauf gruͤndete, daß der Oberſte ihn, den armen verwaiſeten Soldatenknaben, hatte erziehen laſſen, und uͤberhaupt der Schoͤpfer ſeiner ganzen jetzigen Exiſtenz geworden war. In dieſer Geſellſchaft verging mir ein Mo⸗ nat ſehr angenehm, ohne daß ſich in den Verhaͤltniſſen etwas entſchieden geaͤndert haͤtte. Einigemal fragte mich der Oberſte, wie ſeine Tochter mir gefiele?— und wenn ich nicht ohne Verlegenheit die guͤnſtigſte Meinung von ihr geaͤußert hatte, ſo gebot er mir immer ſelbſt mit dem Zuſatze Stillſchweigen, er moͤge jetzt noch keine weitere Erklaͤrung, ich ſolle das Maͤdchen nur noch genauer beobachten. Amalie ſelbſt ward mit jedem Tage in dem Maaße freundlicher gegen mich, als ihr Wohlwollen gegen M- ſich zu vermindern ſchien. Dieſer kam mir, als ich ihn naͤher kennen lernte, zwar Selene II. Heft. 3 34 immer gleich geiſtreich, aber doch nicht mehr ſo verfuͤhreriſch, wie im Anfange vor, denn in ſeinem ganzen Weſen war, trotz aller Lebhaf⸗ tigkeit, keine Spur von Herzlichkeit zu finden. Oft, wenn ich im Geſpraͤche uͤber irgend etwas Gutes oder Schlechtes warm wurde, kam er mit kaltem Witze dazwiſchen, der mich immer in meiner beſten Stimmung ſtoͤrte, und mich ſogar einigemal veranlaßte, ihn hart zu behan⸗ deln. Amalie ſchien dadurch gekraͤnkt zu wer⸗ den, und der Antheil, den ſie an ihm nahm, aͤußerte ſich, nach meiner Einſicht, am deutlichſten dadurch, daß ſie, wenn er etwas Herzloſes ſag⸗ te, in die tiefſte Wehmuth verſank, daß ihr ſogar einigemal die Thraͤnen in die Augen tra⸗ ten. Zuweilen war M— ſehr zerſtreut und duͤſter, wobei er ſich jedoch ſo in ſeiner Gewalt hatte, daß er, ſobald man ihn darauf aufmerk⸗ ſam machte, ſogleich ſeine ganze Munterkeit wieder hervorrief. Immer blieb er ſich aber darin gleich, daß er, ohne Amaliens wenige Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, auch nicht die leiſeſte Veranlaſſung zu dem Glauben gegeben haben wuͤrde, als unterhalte er mit ihr ein Verſtaͤnd⸗ 4 niß. Ueberdem war es ein Gerede im Dorfe, daß er ein ſchoͤnes, aber ſehr armes Bauer⸗ maͤdchen haͤufig beſuche, und mit ihr in der engeſten Vertraulichkeit lebe. Was mich anlangte, ſo fuͤhlte ich mich nach einer Woche ſchon ſehr feſt an meine Schoͤne gekettet, und dieſe Anhaͤnglichkeit wuchs, je mehr ſie herzliches Wohlwollen gegen mich aͤußerte. Ohne noch gerade verliebt zu ſeyn, that mir doch die Hoffnung wohl, daß ich noch einmal ihr Herz fuͤr mich einnehmen koͤnne. Die gefundenen Schwierigkeiten vermehrten die Reize dieſes Gedankens, und in die gluͤck⸗ lichſte Stimmung verſetzte es mich, als einmal Frau v. U— mir zufluͤſterte:„Hoͤren Sie, mir ſcheint, meine Schweſter wird andern Sin⸗ nes. Laſſen Sie ſich weiter nichts merken— Mich ſollte es ſehr freuen, wenn Sie mein Schwager wuͤrden.“ Einmal— ich war ungefaͤhr ſechs Wochen da geweſen,— kehrten wir des Abends von einem Spaziergange zuruͤck. Als wir in das Dorf eintraten, ſahen wir am andern Ende der Straße eine Menge Leute ſtehen, die uns 36— eifrig zuriefen und deuteten, daß wir aus dem Wege gehen ſollten. Der Sinn ihrer Zeichen ward uns ſogleich klar, denn wir ſahen einen Hund das Dorf herauflaufen, der alle Spuren der Wuth zeigte.„Er iſt toll!“ rief M—, wie außer ſich, ſprang uͤber die Straße in ein Haus hinein, die Frauenzimmer folgten, der Oberſte ging langſam aus dem Wege. Nur ich blieb ſtehen, und ſuchte, weil ich unbewaffnet war, aus einer Hecke am Wege einen Knittel zu ziehen. Schon war das Thier ganz nahe bei mir, ehe ich mich dieſer Waffe bemeiſtern konnte. Endlich gelang mirs, und ein tuͤchtiger Streich ſtreckte den Feind zu Bo⸗ den, der eben mich anzufallen im Begriff war. Ich ſchlug ſodann aus Leibeskraͤften ſo lange auf das Thier los, bis es vollkommen todt dalag, und nun erſt ſahe ich mich nach meiner Geſellſchaft um. Der Vater ſtand mit ſeinen Toͤchtern an der Thuͤr des Hauſes, und eilte nun auf mich zu.„Bravo, bravo!“ rief er, indem er mich umarmte.„Sie ſind ein Mann, wie ſichs gehoͤrt. Warlich, ich ſollte mich ſchaͤmen, 37 ſo fortgelaufen zu ſeyn: aber auf Ehre, zehn Franzoſen haͤtten mich nicht ſo in Schrecken gejagt, wie dieſe Beſtie.“ Zwei tiefe Narben auf ſeiner Stirn bezeugten, daß er Wahrheit ſprach. Indeſſen war M— auch aus ſeinem Schlupfwinkel hervorgekrochen. Sein todten⸗ bleiches Geſicht verrieth den Schrecken, in den er gerathen war, und noch konnte er kein zu⸗ ſammenhaͤngendes Wort hervorbringen.„Nicht wahr, Herr Gerichtshalter,“ rief ihm Frau v. U— zu,„es iſt eine ſchoͤne Sache um den Muth— Sie wuͤrden es außerordentlich pikant zu erzaͤhlen wiſſen, wenn der Hund das halbe Dorf aufgefreſſen haͤtte.* „O das iſt ein Haſenfuß!“ ſagte der Vater.„Seht nur, er zittert am ganzen Leibe. Wahrſcheinlich hat er den Muth bei Walters Mieken gelaſſen!“— Dies war das Maͤdchen, mit welcher man M— im Verdacht hatte. M s gaͤnzliche Faſſungsloſigkeit, ſein ein⸗ faͤltiges Laͤcheln und die Geduld, womit er dies alles ertrug, machten ihn um ſo laͤcher⸗ — 38 licher, je mehr er ſich ſonſt immer in ſeiner Gewalt hatte und geneigt war, alles andre ins Laͤcherliche zu kehren. Wirklich war von nun an ſeine gute Zeit im Hauſe gaͤnzlich dahin. Wo der Alte, der, als ein wahrer Soldat, an dem Manne nichts höher, als kaltbluͤtige Ver⸗ achtung der Gefahr ſchaͤtzte, ſeiner nur anſichtig wurde, fing er an von dieſem Abende zu ſpre⸗ chen und ihn auf alle moͤgliche Art zu necken, ſo wie Frau v. U— ihn mit minder derben, aber deſto beißendern Einfaͤllen peinigte. Ama⸗ lie ſelbſt ließ ihn keinen freundlichen Blick mehr ſehen, ſchien jedoch durch alles dies hoͤchſt ge⸗ kraͤnkt und gedemuͤthigt, und die Schwermuth, die ich gleich vom Anfange an ihr bemerkt hatte, ward von dieſem Tage an noch auffallender. Sie hatte auch dazu von ihrem Vater ſelbſt noch an demſelben Abende eine Veranlaſſung bekommen. Als wir naͤmlich im Hauſe wieder angelangt, und wir drei eben allein waren, konnte der Alte ſeine Freude uͤber meine Heldenthat nicht laͤnger zuruͤckhalten. Hoͤre, Maͤdchen, fing er jubelnd an, du bekommſt einen braven Mann 39 von mir. Was hilft das Sproͤdethun? Du liebſt ihn doch: und ſo gieb ihm in meiner Gegenwart den erſten Kuß— Amalie, die ſchon unterwegs die Thraͤnen in den Augen gehabt, brach plötzlich in Weinen aus. Ohne ein Wort zu ſagen, eilte ſie aus dem Zimmer, und ließ— ihn voll Erſtaunen, mich in der groͤßten Verlegenheit zuruͤck.— Was bedeutet das, fing er an, als ſie fort war. Iſt das Ziererei? Die ginge doch zu weit! Ich zuckte ſchweigend die Achſeln. Wiſſen Sie gar nichts? fuhr er fort. Liegt etwa die Schuld an Ihnen? Nicht an mir, ſagte ich ſtark und ver⸗ ſichernd. Er wollte noch weiter in mich dringen und mir meine Geſinnungen abforſchen, aber ich bat ihn, jetzt ruhig zu ſeyn, und mir noch einige Wochen Zeit zu laſſen, waͤhrend welcher ich mit ihr ſprechen wollte. Am andern Morgen fand ich alles ſehr verſtimmt, und vermuthete aus des Oberſten Unfreundlichkeit gegen ſeine Tochter, daß eine Scene vorgefallen ſeyn muͤßte. Durch Frau N 40 v. U— ward dieſe Vermuthung zur Gewißheit. Sie ſagte mir, der Vater habe eine große Unterſuchung angeſtellt, ihre Schweſter ſei zu aufrichtig geweſen, um alles zu verbergen, zu furchtſam, um alles zu bekennen, und ſo ent— ſtehe denn der unſelige Zuſtand der Ungewiß⸗ heit, in welcher ihr Vater das Schlimmſte argwohne.— Waͤre nur meine Schweſter nicht gar zu uͤbertrieben gewiſſenhaft, ſetzte ſie hinzu, ſo wollte ich Ihnen die gewiſſe Hoff⸗ nung geben, Sie werden mein Schwager, — wenn Sie es noch werden wollen. Sie rieth mir, ſobald als möglich mit Amalien zu ſprechen, und verſprach mir auf jedem Fall die freundlichſte Behandlung. Dieſer Verſicherung und meinem eignen Wunſche zum Trotz verfloſſen wol noch acht Tage, ehe ich mich dazu entſchließen konnte. Oft, wenn ich mit Amalien allein war, ſchien ſie ſelbſt eine Erklaͤrung zwiſchen uns zu wuͤn⸗ ſchen. Auch war ich wirklich ſchon einigemal im Begriffe geweſen, anzufangen, ohne daß es mir gegluͤckt waͤre. Die Sache ſtand auch wirklich mißlich fuͤr mich, der ich eine lebhafte 41¹ Neigung fuͤr das Maͤdchen fuͤhlte, und doch zu viel Stolz beſaß, mich einem Korbe aus⸗ zuſetzen. Eben ſo wenig durfte ich ſie durch angenommene Kälte kraͤnken und zuruͤckſcheu⸗ chen, als mich durch zu große Waͤrme bloß⸗ geben. Endlich, an einem ſchoͤnen Morgen, fand ich ſie ganz allein in einer abgelegenen Partie des Gartens, das Koͤpſchen gar male⸗ riſch auf die zarte Hand geſtuͤtzt. Jetzt faßte ich den Entſchluß, mir die Gelegenheit nicht laͤnger entſchluͤpfen zu laſſen. Ich ſetzte mich hin zu ihr, und die Freundlichkeit, womit ſie dies aufnahm, uͤberwand vollends alle Bedenk⸗ lichkeiten. Liebe Amalie, fing ich an, die Abſichten unſerer Vaͤter werden Ihnen bekannt ſeyn. Darf ich jetzt ohne Zuruͤckhaltung mit Ihnen uͤber unſer Verhaͤltniß ſprechen? Es wird mich freuen, wenn Sie aufrichtig ſeyn wollen, erwiderte ſie mit Herzlichkeit; ich werde es auch ſeyn. Sie kennen den Inhalt meines erſten Ge⸗ ſpraͤchs mit Ihrer Schweſter, fuhr ich fort, und ergriff ihre Hand. Sie verſicherte mich, 4²³ daß Sie nie die Meinige werden wuͤrden und hinderte mich dadurch, eine Hoffnung zu faſſen, die einmal genaͤhrt und dann ploͤtzlich vernichtet, mich ungluͤcklich gemacht haben wuͤrde. Ihre Gewiſſenhaftigkeit war es, die dies Geſpraͤch veranlaßte. Ich danke Ihnen dafuͤr— Jetzt heißt das Wort Ihrer Schweſter mich hoffen. Geſchieht dies auch auf Ihr Geheiß? Nein, nein, rief ſie lebhaft, hoffen Sie nicht, ich beſchwoͤre Sie; ich kann nie die Ihrige werden. Aber glauben Sie mir, es iſt nicht die Stimme des Herzens, die mich dies ſagen heißt, es iſt die Stimme der Pflicht. Ich habe einem andern mein Wort gegeben. Verdient er auch, daß Sie es ſo treulich halten? ſagte ich mit bedeutendem Tone. Ich verdiene, antwortete ſie mit einem Selbſtgefuͤhl, welches ihr allerliebſt ließ— daß ich mir ſelbſt nicht untreu werde; ſelbſt dann, wenn mein Wort mit Uebereilung gegeben waͤre und ich voraus ſaͤhe, daß ſeine Erfuͤllung mich ungluͤcklich machen wuͤrde. Wie aber, theure Amalie, wenn Sie viel⸗ leicht durch Zufall Ihres Wortes entbunden 43 wuͤrden: duͤrfte ich dann hoffen? Und ſoll ich jetzt hier bleiben oder mich entfernen? Es wuͤrde mir ſehr weh thun, ſagte ſie mit niedergeſchlagenen Augen und einem leiſen Haͤndedruck, mich auf immer von Ihnen trennen zu muͤſſen. Aber doch— es iſt beſſer ſo— gehen Sie, uͤberlaſſen Sie mich meinem Schickſal. Ich kann nie die Ihrige werden, ſelbſt dann nicht, wenn die Umſtaͤnde ſich aͤn⸗ dern. Sie verdienen ein Herz, das Ihnen die Erſtlinge der Liebe bringe— ich bin Ih⸗ rer nicht wuͤrdig. Sie ſtand ſchluchzend auf, ſobald ſie dies geſagt hatte, und ging davon. Ihre Weh⸗ muth ehrend und ſchonend ließ ich ſie von mir, ohne ſie begleiten zu wollen. Sie ſollte in der Einſamkeit die verlorne Faſſung wieder erhalten. Den Mittag drauf ſpeiſ'te M wie ge⸗ woͤhnlich in unſrer Geſellſchaft. Er ſchien noch mehr verſtimmt, als wir alle, und dieſe Verſtimmung ſtieg nach und nach bis zur Er⸗ bitterung, da der Oberſte ſowol als Fr. v. 44 u— jeden ſeiner Verſuche, uns durch erkuͤnſtelte Heiterkeit zu unterhalten, mit Kaͤlte und Spott beantworteten. Amalie ſprach kein Wort mit ihm und wuͤrdigte ihn keines Blicks; auch gegen mich war ſie einſylbig, aber freundlicher und weicher, als zeither. Ich, der ich nun nicht anders muthmaaßen konnte, als daß M— wirklich mein Nebenbuhler ſei, behandelte ihn mit Stolz und Zuruͤckhaltung, ſo daß er nach Tiſche mit einem ſchlecht verborgenen Grimm forteilte. Eine halbe Stunde nachher ſahen wir ihn in Galopp durch den Hof reiten. Der Nantelſack hinter ihm ſchien eine Reiſe anzu⸗ kuͤndigen, und der Oberſte erſchoͤpfte ſich hier⸗ uͤber in allerhand Vermuthungen, da er wuß⸗ te, daß M—s Gegenwart zu dem morgenden Gerichtstage unentbehrlich ſei. Amalie war in der peinlichſten Unruhe. Abends, als wir wieder im Garten bei⸗ ſammen waren, kam ein Bauer von einem dem Oberſten zugehoͤrigen Meierhofe, und brachte dieſem einen Brief, mit der Ausſage, daß er ihn Nachmittags gegen drei Uhr von dem Gerichtshalter mit dem Auftrage bekom⸗ 45 men, ihn nach dem Feierabend dem gnaͤdgen Herrn zu uͤbergeben. Der Oberſte ſchickte den Bauer fort, und erbrach haſtig den Brief. Kaum hatte er eini⸗ ge Zeilen geleſen, als ſein Geſicht zu gluͤhen, ſein Auge zu blitzen anfing. Sein Zorn ſtieg, je weiter er las; endlich, als er geendet hatte, ſtampfte er grimmig mit dem Fuße. Der niedertraͤchtige Schurke! brach er aus, indem er den Brief in der geballten Fauſt zuſammen⸗ druͤckte; Elende! wandt' er ſich drauf zu Ama⸗ lien, die er einige Augenblicke mit blitzenden Augen betrachtete. Dann entfernte er ſich ſchnell, und ließ Fr. v. U— und mich im groͤßten Schrecken, Amalien aber faſt ohn⸗ maͤchtig zuruͤck. Sie ward, ſobald die Be⸗ ſinnung ihrer Schweſter zuruͤckgekehrt war, von dieſer auf ihr Zimmer begleitet. Niemand hatte Zeit, ſich weiter um mich zu bekuͤmmern. So wandelte ich allein und nachſinnend im Garten herum, ganz verſtoͤrt von dem Zu⸗ falle ſelbſt, noch mehr von der Haͤrte des Vaters gegen das arme Maͤdchen erſchuͤttert. Es war mir nun kein Zweifel mehr, daß eine 46 Verbindung zwiſchen M— und Amalien wirk⸗ lich ſtatt gefunden habe. Wie weit ſie aber gegangen ſei? dieſe Frage war es, die mich jetzt hauptſaͤchlich beſchaͤftigte. Amaliens eigne Aeußerung heut fruͤh, ihre immerwaͤhrende Traurigkeit, und die Wuth des Vaters ließen mich das allerſchlimmſte vermuthen, und gleich⸗ wol war ihr Benehmen gegen M—, ſelbſt zu der Zeit, wo ſie mit den Augen nur zu deutlich ihre Liebe verrieth, ſo zart und ver⸗ ſchaͤmt geweſen, daß fuͤr eine grobe Verirrung mein Kopf keinen Begriff, meine Phantaſie kein Bild fand. Aber wer widerſteht der Macht der Liebe, ſagte ich mir, und den Kunſtgriffen eines ausgelernten Verfuͤhrers? Wenn ſie gefallen waͤre?— Ja, dann muͤßte ich freilich alle Anſpruͤche aufgeben: das ver⸗ langte die Ehre— Aber iſt dieſe Ehre nicht im Grunde ein Vorurtheil? Sollte mich das an meiner Frau beſchimpfen, was menſchlich ſo ſehr verzeihlich iſt, und was Maͤnner ein⸗ ander ſo leicht verzeihen? Soll dies edle Maͤd⸗ chen um einer einzigen ſchwachen Minute willen auf ewig der Liebe eines edeln Mannes 47 unwerth ſeyn? Wird ihr zukuͤnftiger Gatte nicht auf ihre Treue um ſo mehr rechnen koͤnnen, wenn ſie mit den Gefahren der Ver⸗ fuͤhrung genug bekannt iſt, um ihnen in Zu⸗ kunft zu trotzen? Muͤßte nicht die zarte Scho⸗ nung, mit der ich ſie behandeln und ihres Fehltritts nie mehr gedenken wuͤrde, ihr Herz mit den Banden ewiger Dankbarkeit an mich feſſeln?— Aber noch iſts ja nicht entſchieden, ob ſie einen Fehltritt gethan? Beſſer iſts in⸗ deſſen, ich denke mir die Moͤglichkeit als wahr, dann werde ich von nichts anders, als angenehm, uͤberraſcht werden koͤnnen. Von dieſen Gedanken erfuͤllt kehrte ich in das Haus zuruͤck, wo ich alles in Bewegung fand. Die Zimmer des Gerichtshalters waren erbrochen, ſeine Papiere und Effekten in Be⸗ ſchlag genommen, die ihm anvertrauten Kaſſen leer gefunden worden. Der Oberſte wuͤthete und bemerkte mich nicht einmal, als ich vor ihm vorbei ging. Fr. v. U— war mit der Schweſter in ihrem Zimmer, beide bekam ich die⸗ ſen Abend nicht wieder zu Geſichte. Die Neuig⸗ 48⁸ keit, daß M— ſchaͤndlich entwichen ſei, hatte ſich bereits allgemein verbreitet. Ich brachte den einſamen Abend und die folgende Nacht ſehr unruhig zu. Das Bild der traurenden Amalie ſtand unaufhoͤrlich vor mir, und gewann in jedem Augenblicke neue Reize. Ich uͤberlegte ihr ganzes Benehmen gegen mich, und fand darin nichts, als Zuͤge des vortrefflichſten Gemuͤths. Die Erinnerung unſers heutigen Geſpraͤchs, ihrer Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, und ihres Wohlwollens gegen mich, vollendete, mich gaͤnzlich fuͤr ſie einzunehmen, und erſt dann ſchlief ich beruhigt ein, als ich vollkommen uͤberzeugt war, daß kein Fehltritt dieſe Tugenden uͤberwiegen koͤnne. Trotz aller Muͤhe, die ich mir gab, mich ſelbſt zu uͤber⸗ reden, regte ſich indeſſen ein gewiſſes Etwas in mir, welches mich unentſchieden ließ, ob ich mich um ihre Hand bewerben ſolle, oder nicht. Sonderbar! Mein Gefuͤhl, das mich ſonſt nicht leicht betrog, ſagte mir, daß ich ſehr großmuͤthig handeln wuͤrde, ſie noch zur Gattin zu nehmen, ſie, deren Vortrefflich⸗ 49 keit mir durch unumſtoͤßliche Verſtandesgruͤnde bewieſen war. Der Oberſte ließ mich gleich am andern Mor⸗ gen zu ſich kommen. Ich bin Ihnen Aufrich⸗ tigkeit ſchuldig, redete er mich ſehr ernſt an. Wenn Sie Abſichten auf meine ungerathene Tochter gehabt haben, ſo geben Sie ſie auf. Hier, leſen Sie! Er uͤberreichte mir mit dieſen Worten den geſtern empfangenen Brief; ich las folgendes: Es war mir gewiſſer Umſtaͤnde wegen nicht moͤglich, laͤnger in Ihrem Hauſe zu bleiben. Der Entſchluß, es zu verlaſſen, war laͤngſt gefaßt, ſeine Ausfuͤhrung wurde durch Ihre Haͤrte nur beſchleunigt. Die kaͤrgliche Bezahlung, die Sie mir ga⸗ ben, und die Nothwendigkeit, ſtandesmaͤßig zu leben, hatte mich genoͤthigt, einige Schul⸗ den zu machen. Von der mir anvertrauten Gerichts⸗ und Baukaſſe habe ich fuͤnfhundert Reichsthaler zu ihrer Bezahlung verwendet. Den ungefaͤhr eben ſo ſtarken Reſt nehme ich als Reiſegeld mit, und bekenne mich hierdurch mit tauſend Thalern fuͤr Ihren Selene II. Heft. 4 50 Schuldner. Ich werde Sie bezahlen, ſo⸗ bald ich kann. Ich bleibe im Lande, wo Sie, wie ich hoffe, nichts thun werden, um mich in meinem Fortkommen zu hindern. Sollten Sie indeſſen dieſe Guͤte nicht haben wollen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich zeither mit Ihrer juͤngern Tochter in einem Ver⸗ haͤltniſſe gelebt habe, dem nur die prieſter⸗ liche Einſegnung fehlte, um Ehe genannt zu werden. Wenn Sie mich nicht verfol⸗ gen, ſo wird dies ein Geheimniß zwiſchen uns bleiben, und da Sie ein reicher Mann ſind, ſo kann es Ihnen nicht an Mit⸗ teln fehlen, die daraus entſtehenden Folgen zu verheimlichen, folglich zu vernichten. Indeſſen ſehe ich mich genoͤthigt, den Schimpf Ihrer Familie bekannt zu machen, ſobald Sie Schritte gegen mich thun. Ich zitterte, indem ich den Schluß las. So ſehr ich auch vorbereitet zu ſeyn geglaubt hatte, ſo uͤberraſchte mich doch die Beſtaͤtigung deſſen, was ich bis jetzt nur vermuthet hatte, und ſtill⸗ ſchweigend, verlegen, gab ich dem Vater den 51 Brief zuruͤck. Warten Sie hier eine Minute, ſagte er trocken, und entfernte ſich. Bald kam er wieder, die todtenbleiche Amalie am Arme haltend, und ſie ſehr unſanft ins Zimmer ziehend.„Hier warte!“ ſagte er mit unbeſchreiblicher Haͤrte zu ihr, und ließ mich nicht zum Worte kommen, da ich fuͤr ſie zu bitten verſuchen wollte. Er las ihr nun den letzten Abſatz des Briefes vor.„Luͤgt der Schurke, oder ſpricht er die Wahrheit?“ kuhr er ſie mit dem vorigen Tone an. Er ſpricht die Wahrheit, ſtoͤhnte ſie und ſchien wie vernichtet. Und welche Folgen wird euer Umgang ha⸗ ben? fragte er weiter. O Gott, die fuͤrchterlichſten!— Sie ver⸗ huͤllte ſich, indem ſie dies ſprach, das Geſ cht und ſchluchzte laut. Ich weiß genug, rief er ſchzumend vor Zorn. Jetzt aus meinen Augen!— Sie ſchien kaum die Kraft zu haben, aus dem Zimmer zu kommen, aber er war unbarm⸗ harzig genug, ſie nicht zu unterſtuͤtzen. Mit 32 Muͤhe nur erhielt ich die Erlaubniß, ſie bis an ihre Thuͤre zu begleiten. Nun, rief er mir, als ich wiederkam, ent⸗ gegen— Ihre Entſchließung kann nicht mehr zweifelhaft ſeyn! Geben Sie mir einige Tage Zeit, ſie zu faſſen, erwiderte ich. Wie? ſagte er ganz verwundert; ein ſo edler junger Mann, wie Sie, koͤnnte noch den Ge⸗ danken haben, die Metze eines Schurken zu heirathen? Ich bat, ich beſchwor ihn, ſich zu bernh⸗ gen, und die ohnedem ſchon tief genug gebeugte Amalie nicht mit dieſer fuͤrchterlichen Haͤrte zu behandeln. Aber er blieb dabei, daß er das ungerathene Geſchoͤpf gaͤnzlich verſtoßen, und ſie ihrem Schickſale uͤberlaſſen wolle. In dieſem Augenblicke trat ein Bauer mit einem jungen Maͤdchen herein, in der ich ſo⸗ gleich diejenige erkannte, der man einen zu ge⸗ nauen Umgang mit M— vorgeworfen hatte. Sie war mir ſchon vorher als das ſchoͤnſte Maͤdchen im Dorfe gezeigt worden. Der 4 Mann erzaͤhlte nach ſeiner Art, daß ſeine Toch 1 33 ter von dem Boͤſewicht verfuͤhrt und ſchwanger hinterlaſſen worden ſei.„Und Ihr Gnaden koͤnnen glauben, fuͤgte er hinzu, daß es an meiner Erziehung nicht gefehlt hat. Sehen Ihr' Gnaden, braun und blau hab' ich ſie geſchlagen, wie ſie mirs geſtern geſtand.“ Er zeigte dabei auf die Arme und das Geſicht des Maͤdchens, die wirklich Spuren der aͤrg⸗ ſten Mißhandlungen zeigten. Und warum habt ihr ſie vorher nicht beſſer verwahrt? rief der Oberſte zornig. Jetzt iſts mit Pruͤgeln nicht gethan. Kaum aber waren dieſe Worte uͤber ſeine Lippen, als er auf einmal nachdenkender und ſtiller wurde. Wahrſcheinlich ſiel ihm ein, daß dieſer Vorwurf ihn ſelbſt treffe, vielleicht auch ſah er in der rohen Haͤrte des Menſchen ein abſchreckendes Bild ſeiner eignen. Er ſchickte den Bauer mit dem Verſprechen fort, fuͤr ihn zu thun, was er koͤnne. Er moͤge nur ein anderesmal wiederkommen, weil heut ohnedem kein Gerichtstag ſei. Sobald ich jene Bemerkung gemacht hatte, beſchloß ich, die mildere Stimmung des Ober ſten 54— zu Amaliens Beſten zu benutzen, und erhielt auch wirklich das Verſprechen von ihm, daß er fuͤrs erſte nichts weiter gegen ſie unterneh⸗ men wolle. Doch konnte ich ihn nicht bere⸗ den, ſie ſelbſt zu ſehen, und ſie mit einigen freundlichen Worten zu troͤſten. Indeſſen gab er mir die Erlaubniß, ihre Furcht vor ſeinem Zorne durch mein Zureden zu vermindern. Er ſelbſt wollte ihr ausweichen, um nicht durch ihren Anblick aufs neue zum Zorne gereizt zu werden, weshalb er heut Nachmittag auszurei⸗ ten beſchloß. Er lud mich ein, ihn zu beglei⸗ ten, welches ich aber aus mehrern Gruͤnden ausſchlug. Der Zuſtand des armen Bauer⸗ maͤdchens hatte mich um ſo mehr geruͤhrt, je mehr ich darin Aehnlichkeit mit Amaliens Schickſale fand, und ich beſchloß, ſo viel ich konnte, ihre Lage zu erleichtern. Von funfzig Louisd'or, die ich mit auf die Reiſe genommen, hatte ich bis jetzt nur ſehr wenig ausgegeben; die Haͤlfte davon beſtimmte ich zu einem Ge⸗ ſchenk fuͤr ſie, und uͤberdem wollte ich durch die Zuſicherung einer jaͤhrlichen unterſtuͤtzung ſi ſie vor Sorgen und Mangel ſchuͤtzen. — 5⁵ Vom Oberſten ging ich zu Amalien und ſprach ihr Troſt ein. Mit einiger Ruͤhrung dankte ſie mir fuͤr meine Theilnahme. O Gott, rief ſie, wie ſehr erkenne ich Ihren Edelmuth, mich in dieſem Augenblicke nicht zu verlaſſen! Ich muß ſehr ungluͤcklich ſeyn, da ich mich ſelbſt durch dieſen Edelmuth gepeinigt fuͤhle. Sie koͤnnen mich nach dem, was Sie geſehen und gehoͤrt, nicht mehr achten. Ich ſelbſt ver⸗ achte mich ja— Ach und noch eine andre Ungluͤckliche laͤßt er zuruͤck! So zart und ſchonend, als ich es vermochte, ſuchte ich ſie zu entſchuldigen: aber ſie blieb dabei, daß diejenige, die mit einem Schaͤnd⸗ lichen verbunden geweſen, fuͤr ihr ganzes Leben gebrandmarkt ſei. Ihr Schmerz ruͤhrte mich tief, um ſo mehr, da ich nun, außer dem Brief des Gerichtshal⸗ ters und den Aeußerungen des Vaters, durch ihre eignen Reden und dadurch, daß ſie ſich mit dem ungluͤcklichen Maͤdchen verglich, mich immer mehr uͤberzeugte, daß ſie ein Pfand die⸗ ſer ungluͤcklichen Verirrung unter ihrem Herzen trage. Jetzt entdeckte ich ſogar in ihrem 36 Aeußern Spuren ihres Zuſtandes, und kein Zweifel ſtieg mehr gegen dieſe Meinung auf— Bei mir hatte ſie dadurch nicht das geringſte an Achtung verloren; ihre Tugend ſchien mir vielmehr noch groͤßer, da ſie gar nichts that, um ihren Fehler zu verbergen und ſich deſſen mit einem wahren Heroismus der Reue ſelbſt anklagte. Keinen Augenblick wuͤrde ich angeſtanden ſeyn, ihr meine Hand anzubie⸗ ten, wenn nicht die Meinung der Andern noch immer eine zu große Gewalt uͤber mich geaͤußert haͤtte. Der Streit in meinem Innern wurde im⸗ mer lebhafter, und deſto mehr gewann die Nei⸗ gung fuͤr Sie die Oberhand, je mehr die Groß⸗ muth mit auf ihrer Seite war. Da ich am Mittag mit dem Oberſten allein ſpeiſ'te, ver⸗ hehlte ich ihm im geringſten nicht mehr, wie es um meinen Willen ſtehe. Zwar trat er ganz auf die Seite des Vorurtheils und ſuchte alle Gruͤnde zu entkraͤften, die ich fuͤr eine Ver⸗ bindung mit ſeiner Tochter vorbrachte; indeſ⸗ ſen bewirkte dieſer Streit nur noch eine feſtere Ueberzeugung in mir, dahingegen meine Anſicht 37 der Dinge ihn milder ſtimmte. Natuͤrlich! Ich wollte mich fuͤr das uͤberzeugen, was mein Herz wuͤnſchte, ſo wie er, wider ſei⸗ nen Willen, von ſtrengen Grundſaͤtzen ge⸗ zwungen, ſein geliebtes Kind verurtheilte. Nach Tiſche, ſobald er weggeritten war, begab ich mich in die Bauernhuͤtte. Der Va⸗ ter vergaß beim Anblicke der Goldſtuͤcke, die ich zur Ausſteuer fuͤr ſeine Tochter beſtimmte, auf einmal alles Vergangene; er meinte, nun wuͤrde es dennoch ſeiner Tochter an einem Manne nicht fehlen. Auch das Maͤdchen war getroͤſteter, ungeachtet das Geld weniger auf ſie wirkte. Ich verließ das Haus wieder, froh, dieſe Menſchen ihrer Sorgen wegen der Zu⸗ kunft entriſſen zu haben, aber faſt der menſch⸗ lichen Natur zuͤrnend, die ſich durch eine elende Handvoll Goldes ihren heiligſten Schmerz entreißen, und ſich das ſchoͤnſte Zeichen des Entzuͤckens, die Freudenthräne, entlocken laͤßt. Ich wollte nun Amalien wieder beſuchen, aber Frau v. U—, die ich vor dem Hauſe traf, bat mich, ſie jetzt einige Stunden lang nicht aufzuſuchen, weil ſie etwas vorhabe, wobei 5⁸ ſie keine Zeugen brauchen koͤnne. Ihrem Wun⸗ ſche gemaͤß entfernte ich mich und holte aus meinem Zimmer ein Buch, womit ich mich im einſamſten Theile des Gartens an einen Bach legte, der neben einer Jasminlaube vorbeirollte. Auch mein Plaͤtzchen ward von ihrem Schatten gegen die Sonnenhitze geſchuͤtzt. Es war mir unmoͤglich, die Aufmerkſamkeit auf mein Buch zu heften. Sinnend blickte ich daruͤber weg, und war in der tiefſten Zer⸗ ſtreuung, als auf einmal ein Geraͤuſch hinter mir in der Laube mich aufweckte. Gleich dar⸗ auf hoͤrte ich Amaliens Stimme, die ihrem Kammermaͤdchen befahl, jemanden hierher zu fuͤhren, und dafuͤr zu ſorgen, daß ſie ungeſtoͤrt ſeyn koͤnnte. Ich war hoͤchſt neugierig, zu wiſſen, wer die Perſon ſei, mit der ſie hier ſo geheimnißvoll ſprechen wollte. So viel mir daran lag, ſie zu belauſchen, und vielleicht eine Gelegenheit zur genauern Kenntniß ihres Charakters zu finden, ſo ſchien mirs doch wieder, als ſei dieſes Mittel zu unedel, und gern waͤre ich fortgegangen, wenn ich, ohne von ihr gehoͤrt 59 oder geſehen zu werden, haͤtte wegkommen koͤn⸗ nen. Aber es war dazu kein anderer Pfad, als vor der Laube vorbei, und aus einem, mir ſelbſt nicht klaren Grunde, ſcheute ich mich, jetzt von ihr geſehen zu werden. So beſchloß ich denn endlich hier zu bleiben, aber mir, wenn ich die Sprechenden hoͤren koͤnnte, lieber die Ohren zuzuhalten, als ihr auf dieſe Art irgend ein Geheimniß zu entreißen. Bald darauf hoͤrte ich kommen, und unterſchied die Stimme des armen verfuͤhrten Maͤdchens. Mein Herz ver⸗ ſicherte mich, daß hier nichts zu hoͤren ſeyn koͤnne, was nicht zu Amaliens Ehre gereiche, und ſo glaubte ich, unter dieſen Umſtaͤnden jener Gewiſſenhaftigkeit entbunden zu ſeyn, und ohne Scheu dem Geſpraͤche zuhoͤren zu duͤrfen. Armes Geſchoͤpf! redete Amalie das Maͤd⸗ chen an, und dieſe erzaͤhlte nun, daß M— ſie durch Heirathsverſprechungen betrogen, und einmal einen guͤnſtigen Augenblick benutzt habe, worauf ſie ſich ſeiner Willkuͤhr gaͤnzlich zu uͤber⸗ laſſen gezwungen geweſen ſei.„Ach, ich weiß es nur zu gut, welche Gewalt der Boͤſewicht uͤber das Herz hatte. Ich entſchuldige dich 60 gern, und gebe dir hiermit mein Wort, fuͤr dich und dein Kind zu ſorgen.“ Das Maͤdchen dankte ihr und war aufrichtig genug, ihr zu 4 erzaͤhlen, was der fremde Offizier fuͤr ſie ge⸗ b than habe.„Wieder ein ſchoͤner, edler Zug ſeines Herzens, rief Amalie. Aber ich will ihm hierin wenigſtens nicht nachſtehen. Was ich mir von meinen Beduͤrfniſſen abbrechen kann, ſoll dir und deinem Kinde gehöoͤren. Nimm unterdeſſen hier das wenige.“— Ich konnte nicht ſehen, was ſie ihr gab, aber ich hoͤrte, daß das Maͤdchen uͤber die Groͤße der Gabe erſtaunt, ſich weigerte, ſie anzunehmen. Indeſſen drang Amalie in ſie, und gebot ihr ſich zu entfernen, ehe noch ihr ganzer Dank ſich hatte ergießen koͤnnen. Ich Ungluͤckliche, rief Amalie, als das Maͤdchen fort war; wie edel iſt dieſer Mann! Wie gern moͤchte ſich ihm mein ganzes Herz hingeben. Aber ich darf nicht! Ich muß, ich muß ihm entſagen!—.. 4 Sehr deutlich hoͤrte ich dies Selbſtgeſpraͤch und konnte nicht daran zweifeln, daß von mir die Rede ſei. Laͤnger vermochte ich mich nicht 61 zu halten. Ich ſprang empor, eilte in die Laube und faßte die Hand Amaliens, die uͤber mein ploͤtzliches Erſcheinen heftig erſchrocken war. Theures, theures Maͤdchen, rief ich aus: koͤnnen Sie mich lieben? Ein leiſer Haͤndedruck antwortete mir. O ſo beſchwoͤre ich Sie, fuhr ich fort, vergeſſen Sie alle Bedenklichkeiten. Ich weiß alles, aber nichts entehrt Sie in meinen Au⸗ gen, denn ich kenne nun Ihr ſchoͤnes Herz ganz. Nehmen Sie meine Hand an, die ich Ihnen reiche zum Unterpfande ewiger Liebe und Treue. 3 Nein, ich darf nicht, ſagte ſie mit gepreße ter Stimme, aber entſchloſſen, und zog ihre Hand aus der meinigen. Wie gluͤcklich waͤre ich, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, wenn ich Sie ein Vierteljahr fruͤher gekannt haͤtte. 4 „Kann ich dafuͤr, daß es nicht ſo iſt? Und ſoll ich das Unverſchuldete buͤßen? Ich kann Sie nicht wieder vergeſſen!“ Ewig werde ich Ihrer gedenken. Ich geſtehe Ihnen, ich kenne kein groͤßeres Gluͤck 62 als das, Ihre Gattin zu ſeyn. Aber eben deshalb darf ich nicht einwilligen. Ich bin Ihrer nicht werth!— Ich fuhr fort, ihr zuzureden, ſie zu be⸗ ſchwoͤren, aber ſie blieb ſtandhaft bei ihrer Weigerung, ungeachtet es unverkennbar war, welches Opfer es ihr Herz koſtete, mir zu widerſtehen. So verließ ich ſie, ohne meinem Ziele naͤher gekommen zu ſeyn, aber, in der Ueberzeugung ihres Wohlwollens, mit dem Vor⸗ ſatze, meine Abſichten nicht aufzugeben, und, es koſte was es wolle, ihre Bedenklichkeiten zu vernichten. Ich traf Fr. v. U— nachdem Amalie in ihr Zimmer zuruͤck war, und erzaͤhlte ihr alles, wobei ich ſie auf das angelegenſte bat, mich in meinen Bemuͤhungen zu unterſtuͤtzen. Sie verſicherte mich, daß ich mein Ziel noch errei⸗ chen wuͤrde, weil Amaliens Herz zu laut fuͤr mich ſpreche. Bei der Lebhaftigkeit ihres Cha⸗ rakters ließ ſie mir keine Ruhe, ich mußte im naͤmlichen Augenblicke mit zu ihrer Schweſter gehen, weil dieſe, wie ſie behauptete, jetzt von dem eben beſtandenen Kampfe erſchoͤpft, 63 weniger Kraͤfte zum Widerſtande haben wuͤrde, als wenn ſie durch Bruͤten und Gruͤbeln ſich erſt in ihrem Vorſatze wieder habe befeſti⸗ gen koͤnnen. Sie hatte nicht falſch gerechnet. Amalie fing an zu wanken; der leichtfertige Ton ihrer Schweſter brachte ſie aus ihrer Feierlichkeit, und zwang ſie zum Laͤcheln. Sei keine Naͤr⸗ rin, rief dieſe; du liebſt ihn doch, und da giebt es nichts einfältigers, als eine pathetiſche Entſagung! Gleich willige ein, wenn ich dich nicht fuͤr eine Theaterheldin erklaͤren ſoll!— Nun ſo laß mich mit ihm allein, ſagte Amalie hierauf; er ſoll alles erfahren, und wenn er dann noch faͤhig iſt— Gut, gut, rief Fr. v. U— ich gratulire im voraus! in einer halben Stunde komme ich wieder. 4* Kaum war ſie fort, als Amalie mit ihrem vorigen feierlichen Tone ihre Bekenntniſſe an⸗ fangen wollte: aber ich ließ ſie nicht zum Wor⸗ te kommen. Jede Beſchaͤmung wollte ich ihr erſparen, und erſt dann ihr Vertrauen vollkom⸗ men annehmen, wenn ich es durch das mei⸗ 64 nige verdient haͤtte. Von dem Augenblicke, wo Sie mir Ihr Wort geben, rief ich, gehen erſt meine Rechte an. Ich bin uͤberzeugt, ſo wie Sie ſind, werden Sie mich gluͤcklich ma⸗ chen, und ſo beſchwoͤre ich Sie, mir jetzt nichts weiter zu ſagen. Nur Ein Wort will ich von Ihnen hoͤren— wollen Sie die Meinige ſeyn? Großmuͤthiger Mann, rief ſie durch mein Feuer endlich uͤberwunden; koͤnnen Sie mir verzeihen? „Alles, alles iſt verziehen! Wollen Sie die Meinige ſeyn?“— Ja, lispelte ſie. Ich flog an ihre Bruſt und die ganze Außenwelt verſchwand mir in den Seeligkeiten des erſten Kußes, der erſten reinen und keuſchen Umarmung. Habe ich nicht Recht gehabt, rief Fr v. u— indem ſie mit dem Oberſten hereintrat, der unterdeſſen von ſeinem Ritte zuruͤckgekom⸗ men war. Sehen Sie, Vater, alles iſt noch gut geworden. 9 Amalie hatte ſich aus meinen Armen ge⸗ wunden. Sie zitterte, als ſie ihren Vater er⸗ 65 blickte, der ſich ihr noch heut in ſeinem ganzen Zorne gezeigt hatte. Ihren Segen, Vater, rief ich, und Ver⸗ zeihung Ihrer edeln Tochter, meiner geliebten Braut. Ich trage keine Schuld, ſagte er ernſt, wenn Sie ungluͤcklich werden, denn ich bin aufrichtig gegen den Sohn meines Freundes geweſen. Beſſer, daͤcht' ich, waͤr' es, Sie warteten noch, uͤberlegten noch!— Mit aller der Heftigkeit, die einem lebhaf⸗ ten Charakter eigen iſt, wenn er das letzte Hinderniß uͤberwinden will, rief ich aus: Al⸗ les iſt uͤberlegt, nichts auf der Welt vermag mich von meinem Vorſatze abzubringen. Se⸗ hen Sie, wie meine Amalie aͤngſtlich zittert! Kann ihr Vater ſie ſo leiden ſehen? Nun wol, ſagte er weicher; wenn Er dir verzeiht, ſo darf auch ich nicht laͤnger zuͤrnen. Gott ſegne euch, meine Kinder, und ſchenke euch alles das Gluͤck, das Sie, mein Sohn, verdienen. » Und das auch Ihre Amalie verdient— wahrlich noch mehr verdient, als ich!“ Selene II. Heft. 5 66 Er umarmte mich ſtillſchweigend. Amalie kuͤßte weinend ſeine Hand, und das Vaterherz widerſtand nicht laͤnger. Mit Innigkeit und Ruͤhrung ſchlang er ſeine Arme um die Toch⸗ ter, und wie verklaͤrt ging das geliebte Maͤd⸗ chen aus der Umarmung hervor. Ein ſeliger Abend folgte auf dieſen ſtuͤr⸗ miſchen Tag. Keins von uns gedachte mit einem Worte der ungluͤcklichen Vergangenheit, um nicht unſre ſchoͤne Stimmung zu ſtoͤren. Mir ſelbſt, der ich im Beſitze ſelig war, kam kein Gedanke, daß dies Gut ſchon einen andern begluͤckt habe. Plane der Zukunft beſchaͤftig⸗ ten uns, und im holdeſten Morgenglanze lachte mir das Leben entgegen. Mit ſo viel Zartſinn, als ich ihm kaum zugetraut haͤtte, vermied der Oberſte jede verdruͤßliche Erinne⸗ rung, und erzaͤhlte aus Amaliens Kindheit tauſend Zuͤge des liebenswertheſten Gemuͤthes.— Trotz ihres Straͤubens und trotz des Widerſtre⸗ bens des Oberſten wurden beide durch meine dringenden Bitten und durch das Zureden meiner Schwaͤgerin bewogen, den Tag unſrer Verbindung auf den naͤchſten Sonntag anzu⸗ 6⁷ ſetzen. Ich ſchrieb nun meinem Vater, dem ich das Vorgefallene verſchwiegen hatte, daß ich Braͤutigam ſei, ohne mich auch jetzt auf eine Auseinanderſetzung der Umſtaͤnde einzu⸗ laſſen, denn ich wußte, daß er muͤndlich leicht beredet werden wuͤrde, alles gut zu heißen, und daß Amaliens ganzes Weſen ihn einen Fehltritt leicht verzeihen machen wuͤrde, der in einem trockenen Briefe erzaͤhlt, eine weit gehaͤſſigere Geſtalt haͤtte annehmen koͤnnen. So bat ich ihn denn, wo moͤglich ſelbſt herzu⸗ kommen, und Zeuge unſrer Verbindung zu ſeyn. Oft wollte Amalie in den naͤchſten Tagen ihre Bekenntniſſe anfangen, aber ich beſtand darauf, nichts davon vor der Hochzeit zu hoͤren, und war vollkommen zufrieden, bei jeder Ge⸗ legenheit von ihr Beweiſe der ſanfteſten, innig⸗ ſten Zaͤrtlichkeit zu erhalten. Auch der Oberſte hatte mir verſprechen muͤſſen, kein Wort uͤber dieſen Punkt fallen zu laſſen. Den Sonnabend Abend ging ich mit Ama⸗ lien allein ſpazieren. Ich fuͤhrte ſie in die Laube, wo ich ſie belauſcht und dadurch die 68 erſte Erklaͤrung herbeigefuͤhrt hatte: aber ſie verſank hier wieder in ihre vorige Duͤſterheit, und alle meine Verſicherungen von Liebe konn⸗ ten ſie dieſer nicht entreißen. Sie gedachte des armen verfuͤhrten Maͤdchens, ſie ging gleich darauf zu den Gedanken uͤber, daß das⸗ jenige, was ich jetzt fuͤr ſie thue, mich ein⸗ mal reuen moͤchte, daß durch ſie vielleicht mein ganzes zukuͤnftiges Leben verbittert wuͤrde. Alle Betheurungen, ſo zaͤrtlich und feurig ſie ſeyn mochten, waren nicht im Stande ſie zu beru⸗ higen, und ihr Widerſtreben gegen alle Troſt⸗ gruͤnde brachte mich endlich zu einem Enthuſi⸗ asmus, der mich meine zeitherige Vorſicht und Schonung gaͤnzlich vergeſſen ließ. Beim Himmel, bei allem was heilig iſt, ſei es geſchworen, rief ich aus; kein Vorwurf ſoll Sie kraͤnken! alles iſt vergeſſen, gaͤnzlich entſchuldigt iſt bei mir Ihr Fehltritt! Ihr Kind wird das meinige ſeyn, und niemals ſoll es fuͤhlen, daß es keinen Vater hat. Um Gottes willen, was heißt das? fing ſie auf einmal mit einer mir unerklaͤrbaren Heftigkeit an. Sie ſprang auf und war fort, 69 ehe ich noch Zeit gehabt hatte, mich von mei⸗ nem Erſtaunen zu erholen. Eine Menge ſonderbarer Gefuͤhle ſtiegen in mir auf; dieſe Heftigkeit gefiel mir nicht, und dennoch ſchaͤm⸗ te ich mich meiner unbeſonnenen Aeußerung. Nach einigen Minuten vergeblichen Nachſin⸗ nens beſchloß ich endlich ſie aufzuſuchen, und kehrte, da ich ſie nicht mehr im Garten fand, nach dem Hauſe zuruͤck. Im Gartenſaale ſah ich Amalien in den Armen ihres Vaters liegen, der ſie mit der groͤßten Innigkeit an ſich druͤckte. Noch in den letzten Tagen war in ſeinem Benehmen gegen ſie ein gewiſſer Zwang geweſen, der nur zu ſehr an das Vergangene erinnerte. Mit Erſtaunen ſah' ich dieſen jetzt gaͤnzlich ver⸗ ſchwunden. Sie haben ſchoͤne Streiche angefangen, rief mir Fr. v. U— entgegen und lachte. Der Oberſte ſprang auf, als er mich bemerkte. Da iſt er ja ſelbſt, ſagte er; wir beide muͤſſen meiner Tochter Abbitte und Ehrenerklaͤrung thun. Amalie ſtand da, mit hochrothen Wan⸗ gen und niedergeſchlagenen Augen. Sie zog 70 ihre Hand zuruͤck, als ich ſie faſſen wollte, und kein Zeichen von Vertraulichkeit war ihr abzugewinnen, ungeachtet eigentlich ihr Anſe⸗ hen nicht das einer Zuͤrnenden war.„Hatte ich verdient, daß Sie ſo von mir dachten?“ Dies war das einzige Wort, was ſie ſprach, und wobei ein wahrhaft edler Stolz uͤber ihre ganze Geſtalt ausgegoſſen war— bis endlich ihr Vater das Geſpraͤch wieder anknuͤpfte. Aber wie iſt das alles zugegangen, ſagte er; warum geſtandeſt du denn den Brief M=s ſo geradesweges zu? Weil er die Wahrheit enthielt, antwortete ſie. Alle meine Wuͤnſche und Hoffnungen hat⸗ ten ſich auf ihn, der mir meine erſte Neigung ſtahl, ſo lange beſchraͤnkt, bis ich Gelegenheit fand, ihn naͤher kennen zu lernen. Ich hatte ihm unverbruͤchliche Treue verſprochen und war bereit, mit ihm zum Altare zu gehen, ſobald es das Schickſal erlauben wuͤrde— alſo fehl⸗ te uns ja nichts, als die eheliche Einſegnung. „Du unſchuldiges Weſen! fuͤhlteſt du denn nicht die Zweideutigkeit, die in dem Briefe lag, und die der Niedertraͤchtige wahrſcheinlich ge⸗ fliſſentlich hineingebracht hatte?“ Ich habe nichts Zweideutiges gefunden, ſagte ſie ganz offen. Ueberhaupt hatte ich in jener Erſchuͤtterung bei dem Anblicke Ihres Zorns keine Faͤhigkeit, ſo etw as zu bemerken. Das iſt natuͤrlich, antwortete der Vater und ſchien ſich mit Reue jenes Augenblicks zu erinnern. Aber du ſprachſt ja von fuͤrchterlichen Folgen fuͤr dein ganzes Leben? „O noch jetzt fuͤrchte ich ſie! Muß es nicht auf ewig ſchaͤnden, mit einem ſolchen Menſchen verbunden geweſen zu ſeyn? Werde ich mich jemals der Achtung eines Edeln mit vollem Herzen erfreuen koͤnnen? Ich ſah mich betrogen, ich ſah mich Ihrer und des Mannes unwerth, den Sie mir beſtimmt hatten, und der mein herzliches Wohlwollen gewann, ſo⸗ bald ich Gelegenheit fand, ihn mit demjenigen zu vergleichen, den ich vorher zu lieben glaubte!“ Aber du ſelbſt haſt ja noch immer behaup⸗ tet, daß du noch etwas zu bekennen haͤtteſt? 9 Gott ja, ich will nicht laͤnger zuruͤck⸗ 72 halten. Ich habe Sie aͤrger, boshafter be⸗ trogen, als Sie es glauben moͤgen. Ich habe ſelbſt gegen denjenigen falſch und treulos gehan⸗ delt, deſſen Herz ich leider zu ſpaͤt in ſeinem ganzen Edelmuth kennen lernte. Sie ſtockte hier. Nur heraus damit, rief der Oberſte ungeduldig. „Eine Stunde nach Ihrer Erklaͤrung, daß meine Hand von Ihnen verſprochen worden ſei, ſchloß ich erſt jene Verbindung auf eine unwiderrufliche Weiſe. Und gleichwol hatte ich Ihnen nichts geſagt, mich nicht einmal aufrichtig und mit Standhaftigkeit widerſetzt. Ich verſprach M—n, ihm treu zu ſeyn, und nie eines andern zu werden. Da endlich der Baron ankam und ich fuͤrchtete, zur Heirath gezwungen zu werden, ſo erbot ich mich ſogar mit M— zu entſliehen, wenn kein anderes Mittel uͤbrig bliebe.“ Allerliebſt, ſagte Frau von U—, davon habe ich ja kein Wort erfahren. Du alſo warſt die Vertraute? fiel der Oberſt mehr verwundert, als mißmuthig ein. So war ich ja von allen Seiten betrogen. 73 Freilich, lieber Vater, rief das heitere Weib, und ich hoffe, dafuͤr werden Sie huͤbſch dank⸗ bar ſeyn; denn ich war es, die meine zu hochgeſpannte Schweſter immer ein wenig natuͤrlicher ſtimmte. Wer weiß was ohne mich geſchehen waͤre! Aber nun Red' und Antwort, warum erfuhr ich denn nichts von dem ſchoͤnen Entfuͤhrungsplane? M- ſelbſt, fuhr Amalie in ihrem Ge⸗ ſtaͤndniſſe fort, ſchlug mein Anerbieten mit einer Verlegenheit aus, die mich einen nur zu tiefen Blick in ſein Gemuͤth thun ließ. Nach⸗ her ſchaͤmte ich mich des Gedankens und er blieb dir verſchwiegen. 1 Nun Gottlob, jetzt kann ich dich wieder gerade anſehen, ſagte der Oberſt. Und Sie, Herr Schwiegerſohn, werden auch nicht boͤſe ſeyn, daß das Ding ſich ſo entwickelt hat. Mit großem Entzucken eilte ich auf Ama⸗ lien zu, ſie wegen meines ſchimpflichen Ver⸗ dachts um Verzeihung zu bitten. So ſehr ich auch uͤberzeugt geweſen war, daß ich vollkom⸗ men über alles beruhigt ſei, ſo fuͤhlte ich doch, daß mein Gluͤck ſich durch die Ueberzeugung 74 von Amaliens gaͤnzlicher Unbeſcholtenheit ſehr — ſehr vermehrt habe. Sie hatte nun ihre vorige Schuͤchternheit gaͤnzlich abgelegt; was ſie aus Liebe verſchuldet, mußte ihr gegen dasjenige, weſſen ich ſie faͤhig gehalten, ver⸗ ſchwinden, und das Unrecht, das ich ihr angethan, ward ein Gegengewicht, um in un⸗ ſer Verhaͤltniß eine ſchoͤnere Gleichheit zu bringen. Sie vergab mir, wie Sie denken können, den Beweiß von Liebe, den ich ihr gerade durch dieſen Irrthum am beſten gegeben hatte. Noch am naͤmlichen Abend kam mein Vater an. Er war alles zufrieden, und be⸗ gleitete uns den folgenden Tag zur Trauung. Ein Jahr darauf wurde mein Eduard geboren. Aber wo iſt er denn? ſagte der Major, als er den Braͤutigam nicht mehr auf ſeinem Stuhle fand. Der boͤſe Menſch hat meine Erzaͤhlung nicht einmal anhoͤren wollen!— Doch, lieber Vater, antwortete Minchen; er iſt eben erſt aufgeſtanden, um etwas zu holen. Ich will ihm ſagen, daß er ggleich wieder kommen ſolle. 75 Sie huͤpfte fort, ehe der Major geant⸗ wortet hatte. Wahrlich, ſchon ein Uhr nach Mitternacht vorbei, rief dieſer, indem er nach der Uhr ſah. Meine Erzaͤhlung hat lang gedauert und der Champagner iſt vergeſſen worden. Alles verſicherte aus ſchuldiger Hoͤflichkeit gegen den Wirth, er habe ſo angenehm er⸗ zaͤhlt, daß man an nichts weiter habe denken koͤnnen. Indeſſen hatten wirklich mehrere von der Geſellſchaft oft gegaͤhnt, die nun wieder vollkommen munter wurden, ſobald der Wein luſtig in den Glaͤſern perlte. Noch ein Wort muß ich ſagen, ſing die Majorin an. Vielleicht iſt es Ihnen aufge⸗ fallen, daß ich ſo geſchwind von einem zum andern uͤberging. Aber bedenken Sie, daß M= der erſte ausgezeichnete Mann war, den ich kennen lernte, daß er blendende Eigenſchaf⸗ ten beſaß, und daß man im ſiebzehnten Jahre leicht etwas fuͤr Liebe haͤlt, was eigentlich nur das Beduͤrfniß iſt, ſein Herz zu beſchaͤftigen. Auch muß ich Ihnen ſagen, daß die wahre Liebe zu meinem Manne erſt im Eheſtande 76 gekommen iſt. Vorher war es faſt nur herz⸗ liches Wohlwollen, und Dankbarkeit fuͤr ſeine Schonung und Großmuth. Dieſe Dankbar⸗ keit machts auch, daß ich jetzt nicht mit ihm ſchmolle. Warum denn ſchmollen, liebes Kind? fragte der Major. Weil du vorhin behaupteteſt einen dummen Streich gemacht zu haben, da du mich hei⸗ ratheteſt. Liebes Weib, erwiderte der Major, du haſt mich ſehr gluͤcklich gemacht: aber dennoch war's ein dummer Streich; denn daß das Schickſal ſich meiner annahm, vermindert nicht meine Unklugheit. Ob ich gleich von deiner Treue hinreichend uͤberzeugt war, ſo iſt mir doch immer der verwünſchte M— einge— fallen, wenn in der Geſellſchaft die jungen Herrn dich von allen Seiten lorgnirten. Als ich bald nach unſerer Heirath ins Feld mußte, traͤumte ich des Nachts viel oͤfter von dem Gerichtshalter, als von den Feinden, und wenn mir dieſe im Schlafe vorkamen, ſo war er immer mitten unter ihnen. Noch jetzt machts — 77 mir eine unangenehme Empfindung, wenn ich das Wort Gerichtshalter hoͤre, und ohne einen Grund zu haben, kann ich die ganze Zunft nicht leiden. Waͤr' es nun wahr geweſen, was ich glaubte: bei meiner Seele, ich waͤre nicht ruhig aus dem Hauſe gegangen.— Aber wo iſt denn unſer Brautpaar?— Es war weg und blieb weg. Die Gaͤſte laͤchelten ſich zu, die Maͤdchen wollten unacht⸗ ſam ausſehen. Und als der Vater endlich nachſuchte, und den Vorſaal, der zu der jun⸗ gen Leutchen Zimmer fuͤhrte, feſt verſchloſſen fand: ſo ſchickte er die Muſik, die vor der Tafel den Tanz begleitet hatte, unter ihre Fenſter, und die Gluͤcklichen entſchliefen bei dem Klange fuͤßer Akkorde. Streckfufß. 78— Des Menſchen Schhjickſal. — In dem Dunkel einer dichten Huͤlle Birgt des Schickſals Hand des Menſchen Loos; Er entſchwingt voll reger Lebensfüͤlle Traͤumend ſich dem muͤtterlichen Schoos; Tritt begeiſtert in die hohen Hallen, Wo der Blick auf oͤder Ferne ruht, Sieht hier Bluͤten keimen, Bluten fallen, Und es ſinkt der jugendliche Muth. Hell umflammt die Bruſt ein heilges Feuer, Das zum Stralenglanz der Gottheit ſtrebt; Aber nimmer faͤllt der truͤbe Schleier, Der des Geiſtes Hochſinn uͤberwebt. Nieder reißt'’s ihn zu der Erde Tiefen Und im Kampfe ſtrebt er muthig auf, Tauſend Stimmen, die ihm winkend riefen, Hemmen bald des Hochbeſeelten Lauf. 0 Waͤhnend eine nieerrungne Wonne, Feſſelt ihn das Farbenſpiel der Zeit, Und in Nacht verhuͤllt ſich ſeine Sonne, Die dem Jugendleben Glanz verleiht. Kraͤfte fuͤhlend, trotzt der ſtarke Wille, Streift vernichtend enge Feſſeln ab; Doch, entronnen der beſchraͤnkten Stille, Steht berauſcht er an des Gluͤckes Grab. . 8 Himmelan fliegt dann das Auge, thraͤnet, Sich verbergend in der Hoffnung Schoos, Sucht vergebens, was der Geiſt gewaͤhnet, Was verbirgt des Schickſals dunkles Loos. Ewig ringend nach der Lebensquelle, Die den Durſt der heißen Seele kuͤhlt,“ Schaudert er zuruͤck vor Blitzes Helle, Sucht noch einmal Troſt in ſich und— fuͤhlt. Und aus Truͤmmern ſeiner Wonnetraͤume, Die der Geiſt in freiem Spiel erſchuf, Tont allmaͤchtig durch die weiten Raͤume Seinem Herzen laut des Glaubens Ruf. 80 Glaubend fuͤhlt er wie von lichten Hoͤhen, Die des Geiſtes Forſchung nie durchdrang, Troͤſtung niederrauſchen, Palmen wehen, Und des Herzens hoher Sieg gelang. Toben wild herauf des Schickſals Wogen, Taucht er ruhvoll in die ſchwarze Fluth, Und das duͤſtre Traumbild iſt entflogen, Alles prangt umher in heil'ger Gluth. Ferdin. Hand. 2. 5 2—- 81 Liebesbriefe eines ſehr beruͤhmten Mannes. Im erſten Jahrgange des Journals fuͤr Frauen wurde eine Reihe ſolcher Briefe von der geiſtreichen, feinen, weltklugen Ninon, im zweiten, eine andere, von der ſeelenvollen, zarten, unſchuldigen Babet gegeben: billiger Weiſe hoͤrt⸗man nun auch den andern Theil!— Schwerlich ſind aber von irgend einem Manne Briefe dieſes Inhalts bekannt worden, die die hier zu liefernden uͤbertraͤfen; ſchwerlich waͤren ſie auch von dieſem beruͤhmten Manne ſo ſchoͤn geſchrieben worden, haͤtte er es hier drauf angelegt, ſchoͤn zu ſchreiben; und er wuͤrde dies gethan haben, wenn er auch nur geahnet haͤtte, ſeine Briefe koͤnnten mehrern be⸗ kannt werden, als ſeiner Eliſa, an die ſie gerichtet waren. Dieſe Eliſa war eine gebohrne Oſtindiane⸗ rin und an einen Englaͤnder verheirathet. Von Selene II. Heft. 6 8² dieſem Herrn iſt, einige Winke in den folgen⸗ den Briefen abgerechnet, nichts bekannt wor⸗ den, als daß er ein ehrlicher, gut rechnender, ungeheuer reicher, folglich angeſehener Kauf⸗ mann war. Eliſa, von einer Kuͤnſtlerin— beſinn' ich mich recht, von Angelika Kaufmann — geſchildert, wie„ein Genius, der, ganz Geiſt, Gefuͤhl, Liebe und Guͤte, eben vom Himmel ſteigt, und nur mit ſo viel Koͤrper umkleidet iſt, als unentbehrlich, um den Men⸗ ſchen ſichtbar zu erſcheinen, ihre Liebe zu gewinnen, und ihnen wohlzuthun“— dieſe Eliſa ward, faſt noch in ihren Kinderjahren, der etwas handfeſten Zaͤrtlichkeit jenes Herrn hingegeben, und krankelte vom Anfang' ihrer Ehe; ja, das junge Weib ſchien, nachdem ſie zwei Kinder gebohren, gaͤnzlich zu verſiegen. Die Aerzte drangen nun auf Entfernung und Veraͤnderung des Klima: unwillig mußte ſie der Herr auf einige Zeit nach England gehen laſſen. Hier lebte ſie moͤglichſt zuruͤckgezogen, wurde aber gleichwol das Ziel— erſt der Neugierde, dann der Achtung, endlich der Bewunderung und Liebe. Hier lernte ſie nun 88 auch der Mann kennen, von deſſen Briefen hier mehrere folgen ſollen. Eliſa ward ſeine Schuͤlerin, ſeine Tochter, ſeine Freundin, und der Gegenſtand ſeiner ſchoͤnſten Phantaſien, ſeiner fuͤßeſten Gefuͤhle, ſeiner zaͤrtlichſten Sorgen. Dieſer Mann war aber der treffliche Sterne, bekanntlich, unter dem Namen Yorik, einer der geiſtreichſten, ſeelenvolleſten, witzigſten, originellſten engliſchen Schriftſteller, deſſen Triſtram Shandy, Empfind⸗ ſame Reiſe und Reden ſchwerlich irgend einem unſrer Leſer, oder irgend einer unſrer Leſe⸗ rinnen, ganz unbekannt ſind. Ueber ihn ſelbſt darf hier nichts geſagt werden, weil man eben ihn ſelbſt in dieſen Briefen erſt finden ſoll; uͤber ſeine Verhaͤltniſſe genuͤgt es, zum Ver⸗ ſtaͤndnis mancher Beziehungen, hier zu erwaͤh⸗ nen, daß er ein Geiſtlicher, waͤhrend ſeiner Bekanntſchaft mit Eliſa gar nicht mehr jung, und fuͤr das Auge keineswegs liebenswuͤrdig war. Daß ich, ohngeachtet der wunderlichen Proteſtation des engliſchen Herausgebers, dieſe Briefe Liebesbriefe nenne, wird man mir ſo 84— wenig uͤbel nehmen, da ſie es ſind, als Ster⸗ ne'n, daß er ſie ſchrieb, da er doch eine Frau hatte und Eliſa einen Mann. Man muß die Delikateſſe eines Mannes beſitzen, der gehei⸗ me Briefe wider Wiſſen und Willen des Ver⸗ faſſers herausgiebt, um da eine Proteſtation und Apologie nothwendig zu finden, wo ein Mann, wie Sterne hier offenbar, in einem ſchoͤnen und guten Weibe das Schoͤne und Gute, nicht das Weib liebt.— Wahrſcheinlich haben dieſe Briefe ſchon einen fruͤhern Ueber⸗ ſetzer gefunden: ich entdecke jedoch in den Ver⸗ zeichniſſen der ſeit etwa dreißig Jahren heraus⸗ gekommenen Schriften nichts davon. Iſt alſo eine noch fruͤhere Ueberſetzung vorhanden, ſo iſt ſie doch ſchwerlich jetzt vielen zur Hand. Ich laſſe mehrere unbetraͤchtliche Billete weg, es iſt uns hier nicht um die Vollſtaͤn⸗ digkeit der Collection—; ich uͤberſetze treu, ſorgfaͤlig, aber nicht aͤngſtlich Wort fuͤr Wort— es iſt uns um die Wirkung des Ganzen, nicht um die Nachbildung des Ein⸗ zelnen zu thun.. Die erſten der folgenden Briefe ſind ge⸗ 85 ſchrieben, als Eliſa ſich, auf Befehl ihres Gemals, zur Ruͤckreiſe nach Indien anſchickte; die andern ſind ihr uͤber das Weltmeer gefolgt. I. An Eliſa. Deinen Brief, Eliſa, bekam ich geſtern Abends, als ich vom Lord Bathurſt nach Hauſe kam, bei dem ich zu Mittag gegeſſen hatte. Man hatte mir da mit Aufmerkſamkeit und Vergnuͤgen eine ganze Stunde zugehoͤrt— ich hatte aber auch die ganze Stunde von dir geſprochen; und der gute alte Lord unterbrach mich nur dreimal, indem er dreimal deine Geſundheit einſchob. So wie man ihn ſaͤhe, meint' er, in ſeinem fuͤnf und achtzigſten Jahre, hoff' er noch ein Hausfreund meiner ſchoͤnen Schuͤlerin zu werden, und ſelbſt zu ſehen, wie ſie die andern indiſchen Kraͤmer⸗ fuͤrſtinnen alle, nicht etwa nur an Reichthum, ſondern auch an aͤußern Vorzuͤgen, und— 86 was ja eben die Hauptſache ſei— an innern Verdienſten uͤbertreffe. Das meint' er, und das mein' ich denn auch! 1 Dieſer alte Herr iſt ſeit vielen Jahren mein Freund. Er war, Sie wiſſen es, von jeher ein Beſchuͤtzer der Leute von Kopf und Bildung; Addiſon, Steele, Pope, Swift wa⸗ ren ſeine beſtaͤndigen Tiſchgenoſſen. Seine Art mit mir Bekanntſchaft zu machen, war eben ſo wunderlich, als fein und ſchmeichel⸗ haft. Ich war einmal bei der Prinzeſſin von Wallis zur Cour; da kam er auf mich zu: Ich moͤchte gern mit Ihnen bekannt ſeyn, Herr Sterne! ſagt' er. Freilich muͤſſen Sie vor allem wiſſen, wer ſich dies Vergnuͤgen wuͤnſcht. Sie haben ja wol vom alten Lord Bathurſt gehoͤrt, uͤber den Ihr Pope und Swift ſo allerlei ſangen und ſagten? Ich habe meine Tage mit Geiſtern ſolchen Schla⸗ ges hingebracht: leider hab' ich ſie uͤberlebt! Ich hoffte nicht mehr, ihres Gleichen wieder zu finden: da hab' ich denn ſchon vor Jahren meinen Strich gezogen und mein Profit⸗Buch zugeklappt. Sie aber haben mir Luſt gemacht, 87 ſo kurz vor gaͤnzlichem Abſchluß, noch ein Folio anzufangen. Hiermit geſchieht das denn, und folglich— eſſen Sie doch den Mittag bei mir!— Dieſer Lord, glauben Sie mir, iſt ein Meerwunder: fuͤnf und achtzig Jahre, und voller Einfaͤlle und Geiſtesgewandheit, wie im dreißigſten. Ein ſo heitrer Humor und ein ſo reiches Talent, Andre heiter zu machen, iſt mir noch nicht vorgekommen; da⸗ bei iſt er auch ein gelehrter Mann, ein arti⸗ ger, ein gefuͤhlvoller Mann. Dieſer alſo, Eliſa, hoͤrte mich mit wahrem Genuß von dir ſprechen— es war naͤmlich nur noch ein drittes, und auch'was ſehr vernuͤnftiges, gegenwaͤrtig. Da will ich denn nur ſagen, wir hatten einen recht„empfind⸗ ſamen“ Nachmittag, bis Abends neun, nnd du, Eliſa, warſt die Sonne, um die ſich unſre Unterhaltungen dreheten, und von welcher ſie erwaͤrmet wurden. Und ſprach ich ja ein Weilchen nicht von dir, ſo erfuͤllteſt du doch meine Seele, und belebteſt jeden Gedanken, den ich vorbrachte—— Warum ſollt' ichs nicht geſtehen, daß du 88— mir uͤberall fehleſt, beſtes unter allen guten Maͤdchen? Ich kann's nicht beſchreiben, wie ich die ganze Nacht gelitten habe, weil du leideſt, Eliſa! Mein Glaube bewaͤhrt ſich aber: Gott giebt Kraͤfte im Verhaͤltnis zu den Buͤr⸗ den, die er auflegt. Dich, mein gutes Kind, beu⸗ gen jetzt alle Laſten, die Bekuͤmmerniſſe des Herzens und Leiden des Koͤrpers einem armen Geſchoͤpfchen nur aufbuͤrden koͤnnen: und gleichwol ſagſt du mir, du fuͤhleſt doch ſchon einige Erleichterung, das Fieber werde ja ſchon ſchwaͤcher, Mattigkeit und Seitenſtechen ſchienen dich ſchon verlaſſen zu wollen. Moͤge doch jedes Uebel meine Eliſa verlaſſen, das ihr Gluͤck ſtoͤrt, oder auch nur auf einen Au⸗ genblick ihr Sorge macht! Sei nicht aͤngſtlich, meine Liebe! Hoffe das Beſte! Das Wohl⸗ thaͤtige der Hoffnung wird auch auf deine Geſundheit Einſluß haben und dir einen Fruͤhling der Jugend und Heiterkeit bringen, wie du ihn bis jetzt wol ſchwerlich genoſſen haſt.— So haſt du denn das Bild deines Bra⸗ 39 minen*) uͤber deinen Schreibſchrank aufgeſtellt? und willſt es in Zweifeln und Verlegenheiten um Rath fragen? Du dankbares, guͤtiges Maͤdchen! Yorik laͤchelt allem, was du thuſt, beiſtimmend zu; ſein Bild wird dir nie ſo innig Beifall winken. Dein lieber, kleiner, ſuͤßer Plan, die Zeit einzutheilen— wie wuͤrdig deiner ſelbſt! Wirk⸗ lich, Eliſa, du laͤſſeſt mich auch nichts mehr beſſer wiſſen wollen; laͤſſeſt mir nichts zu begehren uͤbrig— wie? zu begehren?— nichts, als die Fortſetzung eben des Benehmens, das meine Huldigung gewann, und mich ewig zu deinem Freunde machte!— Wenn nur erſt die Roſen auf deine Wan⸗ gen, die Rubinen auf deine Lippen wieder⸗ kehren— und bald! Doch laß gut ſeyn, Eliſa! dein Gemal— wenn er der gute und feinempfindende Mann iſt, wie ich wuͤnſche— wird dich gewiß mit innigerer, herzlicherer Wonne an ſeine Bruſt druͤcken, wird dein mattes, blaſſes, ſchmachtendes Geſichtchen mit *) Man erinnere ſich, daß Sterne Geiſtlicher war, und Eliſa Indianerin. 9⁰ mehr Entzuͤcken kuͤſſen, als wenn deine Schoͤn⸗ heit in voller Bluͤthe ſtrahlete. Das muß er, oder ich beklag' ihn. Was fuͤr ein ſonderbares Ding von Herzen muͤßt' er auch haben, wenn er den Werth ſolch eines Gottes⸗ Geſchoͤpfs, wie du biſt, nicht empfaͤnde!— Es freuet mich, daß ſich Miß Light mit Ihnen einſchifft. Sie kann Ihnen manchen truͤben Moment erhellen. Es freuet mich, daß auch die andern Gefaͤhrten freundliche Men⸗ ſchen ſind. Sie koͤnnen ſchlechterdings mit Weſen nicht auskommen, die das Gegentheil Ihrer eigenen Natur ſind; und dieſe iſt edel, Eliſa, iſt ſanft, koͤnnte Wilde bezaͤhmen—— Wie faͤllt dir's aber ein, deinen letzten Brief zu entſchuldigen? Mich entzuͤckt gerade am meiſten, was du entſchuldigſt. Schreiben Sie mir nur immer ſolche Briefchen, mein liebſtes Kind! Laſſen Sie ſie die ungekuͤnſtelte, ungeſuchte Sprache eines Herzens reden, das ſich, unbekuͤmmert um den Schein, einem Manne öͤffnet, den Sie achten, dem Sie ver⸗ trauen. Solche Briefe, Eliſa, ſchreib' ich dir ja auch; und ſo wuͤrd' ich auch immer mit 91 dir umgehen, ohne alle Kunſt, nur ganz von Herzen— haͤtt' es die Vorſehung verſtattet, daß wir beide auf Einer Halbkugel der Erde leben duͤrften—— 2. An Eliſa. An wen ſollte ſich Eliſa in Verlegenheiten wenden, als an ihren Freund, der ſie liebt? Beſte, warum alſo Entſchuldigungen Ihrer Auftraͤge? Yorik naͤhm's uͤbel, und mit Grund, wenn Sie jemals einem Andern etwas zu be⸗ ſorgen gaͤben, das er auch ausrichten kann. Ich bin bei Zumps geweſen; Ihr Piano⸗ forte muß nach der mittelſten Saite Ihrer Guitarre geſtimmt werden— das iſt C.*) Ich habe Ihnen auch einen Stimmhammer ge⸗ kauft, und auch ein Zaͤngelchen, womit man das Oehr an den Saiten drehen kann. Moͤ⸗ ge jede Saite Ihnen ſuͤße Hoffnung und Troſt *) Kann nicht fehlen! ohngefaͤhr wie: in einem Herameter müſſen lange und kurze Sylben ſeyn; man haͤlt um die Mitte gern ein wenig innen: das iſt ein Einſchnitt. 9² toͤnen! Ich habe noch viel mehr— ich hab' Ihnen zehn nette Wandhaͤkchen gekauft, aller⸗ hand Beduͤrfniſſe dran zu haͤngen.(Eigent⸗ lich waren's zwoͤlf: ein Paar hab' ich aber geſtohlen fuͤr mein liebes Kabinetchen zu Couwould. So oft ich meinen Prieſterhut daran haͤnge oder davon nehme, denk' ich nun an Sie!) Ich habe Ihnen auch noch ein Paar eiſerne Schrauben beſorgt: man kann ſich bei den Globen beſſer auf ſie verlaſſen, als auf die meſſingnen. Ich habe auch an Herrn Abraham Walker, Lootſen zu Deal, geſchrieben, daß alle dieſe Habſeligkeiten an ihn addreſſirt ſind; ich bitt' ihn, er ſoll ſichs augenblicklich geben laſſen, wenn die Dealer Poſt koͤmmt. Ich hab' ihm auch ausfuͤhrlich die Art Lehnſtuhl geſchildert, die Sie gern haben, und ihm geſagt, ja den beſten, der nur in Deal aufzutreiben iſt, zu kaufen und mit jenem Paͤckchen in das erſte beſte abge⸗ hende Boot zu laden—— Wollte Gott, ich koͤnnte allen deinen Beduͤrfniſſen abhelfen, Eli⸗ ſa! allen deinen Wuͤnſchen zuvorkommen! Wie gluͤcklich wuͤrde mich das machen!—— — 93 Heut Morgen bin ich bei Madam James geweſen. Sie liebt dich von Herzen, unver⸗ ſtellt. Sie iſt deinetwegen ſehr beſorgt. Sie ſagt, du habeſt beim Abreiſen kraͤnklich und ſehr ſchwermuͤthig ausgeſehn. Sie bedauert dich. Ich will ſie alle Sonntage beſuchen, ſo lang' ich in der Stadt bin.— Da dich vielleicht nur dieſer Brief noch trifft, ſo wuͤnſch' ich dir von Herzensgrund eine gluͤckliche Reiſe. Gott, der gnadenvolle, walte mit ſeiner Huld ſtets uͤber dir, und nehme dich, die du jetzt ohne Schutz biſt, in ſeine unmittelbare Obhut. Zu taͤglicher Er⸗ quickung naͤhre die Wahrheit in deinem Herzen: was fuͤr ein Maas von Sorgen und Beſchwer⸗ den dir auch zugemeſſen worden: er, der im Himmel iſt, und den du dir zum Freunde er⸗ kohren, wird dir Kraft und reichen Erſatz geben. Lebe wohl! Eliſa, lebe wohl! So lange ich bin, rechne auf mich als auf den treueſten und uneigennuͤtzigſten unter allen deinen ſterb⸗ lichen Freunden!— (Wird fortgeſetzt.) Serenare, Toͤn' in die Nacht, o Laute, fluͤſtre der Liebe Klage, zaͤrtliche Seufzer trage bittend zu Lilli's Ohr. Was ich, zu blod', am Tage nimmer dir noch vertraute, fluͤſtre, geliebte Laute, kuͤhn in die Nacht empor. A. Apel. Abſchied. Laß dich den ſuͤßen Schlummer, Liebchen, nun ſanft begruͤßen, traͤume von Lieb' und Kuͤſſen, bis froh der Tag erwacht. Daß wir uns trennen muͤſſen giebt mir allein noch Kummer, gern ließ ich Haus und Schlumm theilt' ich mit dir die Nachht. Bathyll. Hier, an des Meers umrauſchtem Geſtad, ſank tief in der Fluten wogenden Schoos Bathylll's liebliche Knaben⸗ geſtalt. Feire der Gruft Klagopfer, dem Gluͤcklichen nicht: der Umarmung liebender Nymfen des Meers folgte der Lie⸗ bende gern. Der moderne Timon. Haß dem Geſchlecht, laut ruf' ich es aus, hört alle den Ausruf! hoͤrt mich ein Mann, dann gleich wendet mein Haß ſich von ihm, Grabſchrift. Was ich empfing, ich geb' es zuruͤck den unend⸗ lichen Maͤchten, Aether, empfange den Geiſt, Erde, die Glie⸗ der zuruͤck! Was ich gewirkt, euch bleib' es vertraut, ernſtrich⸗ tende Zeiten: foͤrdert das Gute, den Wahn laßt in dem Strome vergehn. 1 Was ich geliebt, in dem Tode noch halt' ich es feſt; und Erinnrung knuͤpfe mit ewigem Band gern an den Todten . 8 den Freund. 4 A. A. D. Martin Luther 6 uͤber Liebe und Ehe. Erſte Aehrenleſe. Wiewol mir grauet und nit gern vom ehlichen Leben predige, darum, daß ich beſorge, wo ichs einmal recht anruͤhre, wird miri's und Andern viel zu ſchaffen geben: ſo muß ich doch hinan und friſch drein greifen, denn es iſt Noth, und fuͤr Noth hilft kein Scheuen.— Wie hat jetzt der ehelich' Stand ſo ein jaͤmmerlich Geſchrey bey Jedermann! Iſt es doch, als haͤtten ſie beſchloſſen, wenn die Weisheit ſelbſt ein Weib waͤre, ſollt' man den⸗ noch nicht freyen! Wollen nun ertappet haben, das Weib ſey nichts, als ein noͤthiges Uebel, und haͤnge ſich nur an mit ihren Kindlein Selene III. Heft. 1 * 2 laͤſtiglich—— Das ſind nun blinder Heiden Wort', die nicht wiſſen, daß Mann und Weib Gottes Geſchoͤpf ſey, und laͤſtern ihm ſein Werk, gerade als kaͤme Mann und Weib un⸗ verſehens daher. Ich halt' auch, wenn die Weiber ſolten Buͤcher ſchreiben, ſo wuͤrden ſie von den Maͤnnern eben dergleichen Klaͤffens und boͤen Schrey geben.—— Dafuͤr erkenne du und halt' zuerſt feſte, daß Weib, wie Mann, Gottes Werk, und gut, nuͤtz, und herrlich ſey. Denn freylich iſts mit dem ehlich ſeyn alleine nicht gethan; auch iſt es ein viel ander Ding, nur ehlich ſeyn, und ehlich Leben auch erkennen! Wer ehlich iſt, und ehlich Leben nicht erkennet, der kann nim⸗ mermehr ohn' Unluſt, Muͤhe und Jammer drinnen leben; wer es aber erkennet, der hat Liebe, Luſt und Freude drinnen ohn' Unterlaß — Viel haben Weiber, aber ich ſag', wenig finden Weiber: warum? ſie ſind blind, oder wollen auch Gottes ſchoͤnes Bild am An⸗ dern nicht wahrnehmen, weil ſie das Gewiſſen mahnt, und zeugt, wie ſie's an ſich ſelbſt ver⸗ —, — lohren haben, und ſich ſchaͤmen muͤßten vor ihren Hausfrauen.—— So du ein Weib ſieheſt, treu und fleißig ſeyn mit ihren Kindlein, und du biſt ein wacker guter Mann, ſo wird dir das Herz be⸗ weget zu ihr, fuͤhleſt aber gar wohl, daß das nicht ſey irdiſch Gedank', noch Freude, noch Geluſt. Siehe, ſo erkenneſt du innerlich Got⸗ tes Werk und Herrlichkeit in ihr, und ſeines Geiſtes Kraft iſts ſelbſt, die dichs erkennen laͤſſet und anreget, und kannſt nicht anders, ſondern mußt freundlich zu ihr ſeyn und keinen Dank dafuͤr wollen—— Ich hab' oft den Weibern gepredigt, ſie ſollen nicht denken, ſie thun'was kleines, wenn ſie das Kind ſaͤugen, wiegen, baden, und ander Werk mit ihm thun: das ſind alles ei⸗ tel guldene, edele Stuͤck! Darum ſoll man auch ein Weib, was der Herr geſeegnet, herrlich und in Ehren halten, und wenn das Stuͤnd⸗ lein koͤmmt, ihr nicht zuſprechen, wie Kindern, mit Legenden und naͤrriſchem Weiberwerk, ſondern ihr'was zutrauen, und troͤſtend und 4 ſtaͤrkend alſo zu ihr ſagen: Gedenk, liebe Gre⸗ ta, daß du ein Weib biſt und dies Werk Gott an dir gefaͤllet! troͤſte dich ſeines Willens froͤhlich und laß ihm ſein Recht an dir! Gieb das Kind her der Welt, und thu' dazu mit aller Macht: ſtirbſt du druͤber, ſo fahr' hin; wohl dir, denn du ſtirbeſt eigentlich im edlen Werk und Gehorſam Gottes. Ja, wenn du nicht ein Weib waͤreſt, ſo ſolteſt du itzt, allein um dieſes Werks willen, wuͤnſchen, ein Weib ſeyn, und ſo koͤſtlich in Gottes Werk und Willen Noth leiden und ſterben—— Es meynen viel damit dem ehlichen Stande entlaufen, daß ſie eine Zeitlang wollen ausbu⸗ ben und darnach fromm werden. Ja, Lieber, wenn unter Tauſend da Einer geraͤth, ſo iſts wohl gerathen! Wir ſehen's ja taͤglich! Der Teufel ſelbſt hat dies Weſen aufgebracht und das Sprichwort erdicht't: Es muß einmal genarret ſeyn! wer's nicht thut in der Jugend, der thut's im Alter! Harre, da will ich dir ein ander, fein, edel Woͤrtlein drauf geſagt haben: Fruh aufſtehn und fruh freyen, das ſoll nie jemand reuen! Sieh: da werden doch — 5 Leut'»ous, die geſunden Leib, gut Gewiſſen, Gut und Ehr' und Freunde behalten, welches alles ſich durch unordentlich Weſen zuruͤttelt und zuſtreuet, daß es gar ſchwerlich wieder zuſammenbracht wird, und unter Hundert nicht Einem gelinget—— Doch ich hab auch ein' große ſtarke Ein⸗ rede zu verantworten. Ja, ſagen ſie, es waͤre gut, ehlich werden: wie will ich mich aber er⸗ naͤhren? Ich hab nicht! kann ich ein Weib nehmen und davon eſſen? Das iſt freylich das groͤßeſt' Hinderniß, das allermeiſt Ehen hindert und zureißt, und vieles Boͤſen Urſach. Was ſoll ich dazu ſagen? Es iſt Unglaub' und Zweifel an Gottes Guͤt' und Wahrheit— warum es auch nicht Wunder iſt, daß viel Uebels und Ungluͤcks draus kommt. Sie wol⸗ len zuvor des Gutes ſicher ſeyn und den Kopf aus der Schlingen ziehn, Geneſ. 3., Im Schweiß deines Angeſichts ſollt du dein Brot eſſen; moͤchten lieber faule Schelmen ſeyn, die nicht arbeiten duͤrfen! Drum wollen ſie auch nur freyen, wenn ſie huͤbſchreiche, frommfreund⸗ 6 1— liche Weiber haben moͤgen! Ja, harre: wir wollen dir ſie malen laſſen! Laß du ſolche Heiden fahren! wir reden mit ihnen nicht; und obs ihnen gelaͤnge, daß ſie ihr' Gattung nach Geluſt uͤberkaͤmen: wuͤrd' es doch ein unliebig' und unchriſtlich' Ehe blei⸗ ben, und ein ſauer, huͤmpelich Weſen. Sie trauen Gott, ſo lange ſie wiſſen, daß ſie ſein nicht duͤrfen und Vorrath haben!— Wer aber chriſtlich will ehlich ſeyn, der muß ſich nur nicht ſchaͤmen, auch geringe Werk' mit Eifer und Fleiß zu thun. Er muß ihm daran ge⸗ nuͤgen laſſen— aufs erſt, daß Gott ſein Stand und Werk wohlgefalle; aufs ander', daß er nun in Gottes Brot ſteh', der ihn gewißlich wird naͤhren und kleiden, wenn er nur arbeit't, und ſchafft, ſo viel er kann. Kannſt du nicht ein Junker und Fuͤrſt ſeyn, ſo ſey ein Dienſtknecht oder Magd; biſt du es treulich, ſo wollen wir dich in Ehren halten und baß achten, denn all die ſchlechten Prin⸗ zen, Hofjunkern und Prahlhanſen, wie man wol ſiehet heut zu Tage!— Aber der leidige Unglaube laͤſſet es nicht zu, und ſiehet, grei⸗ 7 fet und fuͤhlet doch, wenn er ſich gleich zu Todt ſorget, daß er nicht ein Koͤrnlein auf dem Felde machen noch behalten kann; dazu, wenn ſchon alle ſein Gemach voll voll waͤren, daß er's dennoch, nicht ein'n Biſſen noch Fa⸗ den brauchen kann, Gott behalt' ihn denn geſund und lebendig, und bewahr' ihm ſein' Habe. Darum zu beſchließen: Wer ſich nicht ſagen mag einen der hohen, reichen Geiſter, von Gottes Gnaden aufgezaͤumet, die freywilliglich ohn' Ehe bleiben moͤgen, und ſprechen: ich konnt' und mocht' wol ehlich werden, aber ich will lieber am Himmelreich ſchaffen und geiſt⸗ liche Kinder mehren— welche ganz ſeltſam ſind, und unter tauſend nur Einer, als durch Gottes beſondere Wunderwerk: der thu bey Zeit dazu, daß er'was ſchaffe und zu arbeiten hab', und wag's dann in Gottes Namen und greiſ friſch zur Ehe— ein Knab aufs laͤngſt, wenn er im zwanzig, ein Maͤgdlin, um funfzehn bis achtzehn: ſo ſind ſie noch geſund, munter und geſchickt, und laſſen da auch froͤhlich Gott ſor⸗ — gen, wie ſie mit ihren Kindern ernaͤhret werden. 8 ) Er aber thuts ſicherlich, wenn ſie nur Glauben haben und Liebe und Fleiß, und nicht obenaus wollen; denn, wie er die Liebe geſchaffen in ih⸗ ren Herzen, ſo ſchafft er auch die Kinder, und ſolt' ſie nicht ernaͤhren, da er doch dazu hat voll⸗ auf immer und ewiglich? Die drei Paternoſter. Legende. In der freien Stadt Augsburg im Schwabenland war ein frommer Biſchof, Sankt Ulrich genannt⸗ der ward nicht muͤde mit Lieb' und Erbarmen, theilte ſein Geld und Gut mit den Armen. Einmal, als zu Sankt Peters Stadt ihn der heilige Vater beſchieden hat, heißt er einen der Armen zu ihm treten, bittet ihn, fleißig fuͤr ihn zu beten drei Paternoſter bei dem Schlag des Horaglockleins an jedem Tag, befiehlt auch dem Schaffner Sorge zu haben, daß ihm nimmer fehlen die milden Gaben. Des Armen Gebet nun zum Himmel dringt ſobald das Horaglöcklein erklingt, und dem Biſchof in wunderbarem Laͤuten des Gebetes Inbrunſt anzudeuten 10 ¹ wehen die heiligen Engel nach Rom den Schall des Gloͤckleins vom fernen Dom. Nur eines Tages verſtummt der Klang, das macht dem heiligen Biſchof bang, und er bittet vom Papſt mit truͤber Geberde die Ruͤckkehr zu ſeiner verlaſſenen Heerde. Als nun der Biſchof kam ins Thor, ruft' er bald ſeinen Armen hervor, ſpricht: ſage mir Sohn, ganz unverholen, haſt du gebetet, wie dir befohlen, das Paternoſter den Tag dreimal, bei des Horaglöckleins toͤnendem Schall? Der Arme, demuͤthig blickend, ſpricht: nur einmal, o Herr, geſchah das nicht,— als dein Schaffner mich ſtieß aus der Pforten und die Gabe weigert mit boͤſen Worten. Wie nun der Biſchof dies vernommen, laͤßt er den Schaffner vor ſich kommen, ſpricht zu ihm: Eile geſchwind, mein Sohn, hin, zu des heilgen Vaters Thron, und laß dir aus ſeinem heiligen Munde geben beſtimmte und deutliche Kunde, wie viel ein Paternoſter ſei werth, ich ſelbſt bin's, der es zu wiſſen begehrt. 11 Der Schaffner wollte ſich nicht verweilen, reiſ'te den Tag wol zehen Meilen, kam bald zuruͤck in die Vaterſtadt gar ſehr ermüdet, und herzlich matt. Das Paternoſter, ſprach er, gilt wenig, der Papſt ſchaͤtzt es einen guͤldenen Pfennig. Darauf der Biſchof laͤchelnd ſpricht: Mein Sohn, die Antwort gnuͤgt mir nicht! Du mußt mir des Pfennigs Groöße ſagen, oder den Papſt noch einmal fragen. Der Schaffner, der glaubte zu raſten im Haus, mußte noch einmal nach Welſchland hinaus, kam hungrig und durſtig zum Biſchof wieder, dehnte, gaͤhnend nach Ruh, die Glieder. Der Pfennig, ſprach er, muß ſeyn ſo breit, als die ganze Erde iſt weit. Du biſt doch den Weg nicht umſonſt gegangen, antwortet der Biſchof, doch haͤtt' ich Verlangen, auch von der Schwere zu wiſſen ein Wort, ſonſt muͤßteſt du wol zum drittenmal fort. Der Schaffner hoͤrte das ſehr verdroſſen, that ſich im Innern heftig erboßen, murmelte was von Inſolenz, doch mußt er leiſten Obedienz, 12— und ſtatt zu ruhn, zu trinken, zu eſſen, mußt' er gar den Weg noch einmal meſſen, wollt' aber nun ſo die Sach' erwaͤgen, als muͤßt' er den Pfennig ſelbſt auspraͤgen, drum bracht' er von dem Römiſchen Hof folgenden Bericht dem frommen Biſchof: Der Pfennig, ſo ſprach er, ſoll mehr noch gelten, als die koͤſtlichſten Schaͤtze aller Welten, von dem lauterſten Golde ſoll er ſeyn, ſo klar, wie der Gnade himmliſcher Schein; ſeine Schwere ſoll groͤßer ſeyn, als das Gewicht der Suͤnden der Welt am letzten Gericht, ſein Stempel das Bild von Gottes Sohne, ſein Rand die heilige Dornenkrone, ſein Wappen das Kreuz im blutigen Feld, umringt von getilgten Suͤnden der Welt. Ein ſolcher Pfennig allein iſt ſo reich, daß er ſtehe dem Paternoſter gleich. Da blickt der Biſchof den Schaffner an, und ſpricht: Sieh nun, du thörichter Mann, wenn du des Gebetes Werth erwogen, um welche Schaͤtze du mich betrogen, als du dem Armen die Gabe gewehrt, 4 und die drei Paternoſter mir geſtoͤrt, die bei des Horaglöckleins Schlag, der Arme betete jeden Tag! Drum haſt du dreimal wandern muͤſſen nach Rom, die Suͤnde abzubuͤßen, und was du geſuͤndigt an Geld und Gut hat billig bezahlt dein Fleiſch und Blut. 13 A. A. Leichtſinn. Wirr waren ein frohes, leichtſinniges Voͤlkchen, mein Bruder, ich und die andern Enkelinnen der Großmutter, und wußten uns in der Stille reichlich fuͤr den Zwang zu entſchaͤdigen, unter dem wir zuweilen leben mußten. Daß wir nur leichtſinnig, nicht ausſchweifend waren, lag eben nicht an der Biegung, die man uns zu geben ſtrebte. Zweckloſe Strenge auf der einen, Gelegenheit, leicht zu taͤuſchen, auf der andern Seite, hat ſchon oͤfters Leutchen unſrer Art auf die verbotenſten Wege gelockt. Dem Un⸗ terricht ſelbſt unwiſſender Lehrer waren wir zum Gluͤck ſchon alle entwachſen, und jedes von uns hatte davon gebracht, was ihm der eigene Genius lieb machte, einige wenig genug, andre wirklich ſo viel, daß es Schade um ſie war, nicht in beſſere Haͤnde gefallen zu ſeyn. Unſre gute Großmutter war keine boͤſe oder abſichtlich ſchlechte Frau; der immerwaͤhrende 15 Kampf mit tauſenderlei Schwierigkeiten bei einem nicht ſehr großen Vermoͤgen, die herein⸗ brechende ſchlechte Zeit, deren Anbeginn ſie ſchon ſeit den Jahren rechnete, da ihr eigner Sommer verbluͤht war, und ach, die Laſt, die ihr nach dem fruͤhen Tode unſrer Aeltern in Erziehung aller ihrer Sohns⸗ und Toͤchter⸗ ſhder zufiel, entſchuldigte manche Nachlaͤſſig⸗ it, manche Haͤrte, in Ruͤckſicht auf uns. Ich klage ſie nicht an. Sie ließ uns froͤhlich und wild aufwachſen, und machte uns, wo ſie einmal fuͤhlte, daß Beſchraͤnkung noͤthig war, die Ueberſchreitung der gezogenen Schranken ſo leicht, daß ich es nicht genug ruͤhmen kann. Einer unſrer Hauptgenuͤſſe beſtand in heim⸗ lichen Ausfluͤgen aus unſerm Zwinger. Wir hatten Freunde und Freundinnen in der Naͤhe, deren Umgang uns zum Theil beſſer anſtand, als der, unſerer Pflegerin; dieſe zu ſehen, wenn uns die gute Alte, nach gethaner Runde durch unſere lichtloſen Zimmer, laͤngſt in den Armen des Schlafs glaubte, und außer dem Hauſe kleine Feſte zu feiern, wozu wir Maͤd⸗ chen uns die ſparſamen Koſten mit heimlicher 146 16 Handarbeit erwarben— dies war ein Troſt fuͤr ſo viel einfoͤrmige Tage, den wir uns wol zuweilen unbefangen und ſorglos gönneten. Die Großmutter war eine alte Edeldame, die es uns nie verziehen haben wuͤrde, unſere kleinen weißen Haͤnde, auf deren Schonung ſie vorzuͤglich hielt, mit belohnter Arbeit zu ent⸗ weihen: aber dieſer Verſtoß wider ihre Regeln war gerade nicht der ſchlimmſte; er lehrte uns Vergnuͤgen mit Muͤhe erkaufen, und beſchraͤnkte uns in Zeit und Aufwand hinlaͤnglich, um jedes Uebermaaß unmoͤglich zu machen. Es war zu den Zeiten des** ſchen Kriegs, da uns dieſe ſchuldloſeſten Tage ſchoͤner Roſen⸗ zeit laͤchelten. Das Ungewitter waͤlzte ſich un⸗ ſern Gegenden immer naͤher, und waͤhrend die weiſe Alte, die Auftritte, wie ſie uns bevorſtan⸗ den, ſchon mehr erlebt hatte, jede Zeit, die ſie ihren druͤckenden Sorgen abgewinnen konnte, anwendete, uns die fuͤrchterlichſten Gemaͤlde von den Dingen, die da kommen ſollten, zu machen— lachten wir heimlich, in kindiſcher Freude, denkend: die Sache ſei doch ſo ſchlimm eben nicht! ſie gaͤbe wenigſtens einmal eine 17 kurzweilige Veraͤnderung der traͤgſchleichenden Alltaͤglichkeit!— Mein Bruder, Ludwig, der ſeit einem Jahr in die Militairſchule aufgenommen, und ſeitdem, weil er mehr Freiheit genoß, als wir Maͤdchen, fuͤr unſere heimlichen Freuden eine ſehr wichtige Perſon geworden war, gab uns bei einem kurzen Beſuch, den er uns machte, waͤhrend der großmuͤtterlichen Weiſſagungen und Warnungen, den gewoͤhnlichen Wink, heute fruͤhzeitig ſchlaͤfrig zu werden, und dann, ſo bald alles im Hauſe ſicher ſei, ihn an der heimlich geoͤffneten Gartenthuͤr als Fuͤhrer zu irgend einer Freude zu erwarten. Aus den Reden der Großmutter wußten wir ſchon ſo viel, daß dieſe Nacht einige** ſche Regimenter in unſerer Naͤhe vorbeimarſchiren wuͤrden, und wir konnten alſo wol errathen, wohin unſer kleiner Herkules ſeine Muſen fuͤh⸗ ren wuͤrde. Mit innigfroher Ahnung ſahen wir einander an. Louiſe, eine unſrer ver⸗ heiratheten Freundinnen, hatte ein Gartenhaus in der bezeichneten Gegend; welch ein Ge⸗ nuß! welche neue Anblicke in dieſer herrlichen Selene III. Heft. 2 18 mondhellen Nacht!— Und Muſik! fuuͤſterte Alide, fuͤr Freude die Haͤnde reibend, mir heimlich zu; ganz gewiß Muſik, wie wir ſie noch nie hoͤrten!— Mein Kind, ſagte die Großmutter, du frierſt! du haſt wieder einen von deinen Fieberanfaͤllen. Zeige deine Haͤnde! Mein Gott, ſchon die Naͤgel ganz blau! Geh zeitig zur Ruhe; auch mir iſt nicht ganz wohl — wir ſpeiſen bald, dann folgen dir auch die andern. Gluͤcklicher, gluͤcklicher Zufall! erwuͤnſchtes Fieber! Wir haͤtten es alle bekommen moͤgen, um nur des Zwangs ſo fruͤh entlaſſen, um nur der frohen Beſchaͤftigung mit unſerer auf⸗ geregten Phantaſie ſo fruͤh anheimgegeben zu werden, als Alide— Nur daß Eſther nicht mit von der Partie iſt! ſagte Amalie, die die Kranke abfuͤhrte. Seid ohne Sorge, er⸗ widerte dieſe; ich weiß das zu machen. Noch iſt ſie von der Tante nicht zuruͤck: ſie kann, findet ſie uns alle in Ruhe, hoͤchſtens etwas muthmaßen; die Nachfolge will ich ihr ſchon verwehren. Eſther, eine der zahlreichen Enkelinnen un⸗ 7 19 ſerer guten, armen Großmutter— bei weitem die aͤlteſte, aber nicht eben die liebenswuͤrdigſte unter uns, hatte uns ſchon manche Freude verdorben. Sie war nicht ungern zuweilen bei unſern naͤchtlichen Wanderungen, und dies war die Urſach, daß ſie dieſelben nie ganz an die geſetzgebende Macht verrieth: aber zuweilen uͤberlief ſie der Eigenſinn, und dann wußte ſie kuͤnſtlich genug alles zu ſtoͤren, was ſie nie ſo voll genießen konnte, als wir. Ihr fehlte Schoͤnheit, Liebreiz, Gefaͤlligkeit, kurz alles, was uns faͤhig macht, von Jugendfreuden das beſchiedene Theil neidlos hinzunehmen. Verlaſ⸗ ſen ſaß ſie meiſtens da, wo wir andern ſcherz⸗ ten und lachten; dies gab ihr Muße zu ge⸗ ſtrenger Sittenrichterei, die man ihr verziehen haben wuͤrde, wenn ſie Ernſt, nicht trauriger Nothbehelf geweſen waͤre. Genug, ſie paßte nicht fuͤr uns, und beſonders heute Nacht konnte, durfte ſie nicht mit uns ſeyn— dar⸗ uͤber waren wir alle ſtillſchweigend einver⸗ ſtanden. Alide, unſre Fieberkranke, war, wie die ſchoͤnſte, ſo auch die ſchlaueſte von uns; man 20 konnte ſich auf ſie verlaſſen, und der Gedanke, der mir, der Gutmuͤthigſten des wilden Zirkels, einfiel, ſie werde doch der armen Eſther keinen ſchlimmen Poſſen ſpielen, war wol ſehr uͤber⸗ fluͤſſig. Alide uͤbertraf mich ſo ſehr in den feinern Gefuͤhlen, daß man ſie eher eine Schwaͤrmerin haͤtte nennen moͤgen.— Wir Geſunden warteten noch Eſthers Ruͤckkunft ab. Eſther genoß mehr Freiheit, als wir andern — wie auch ihrem geſetzten Weſen, ihren ſechs und zwanzig Jahren— in unſern Augen ein faſt ergrauendes Alter— und dem Range, den ſie in der Gunſt der Großmutter beſaß, zu⸗ kam, und ſie bediente ſich dieſer Freiheit ſo gewiſſenhaft, daß ſie auch dieſesmal weit fruͤher zuruͤckkam, als wir andern zur Ruhe geſchickt wurden. Man ſagte ſich gute Nacht, und jede ſuchte ihr Zimmerchen. Noch eine heim⸗ liche Frage von Eſther an Amalien, ob dieſe Nacht etwas vor ſei?— Bewahre! Alide iſt krank! wo Alide fehlt, mangelt die Seele der Luſt! Eſther, die Aliden gewogner war, als unſerm ganzen leichtſinnigen Haufen, bajaͤhte dieſes und man trennte ſich. 21 Ohne Aufſchub und Geraͤuſch legte ſich jede zu Bette: dies war ſo Sitte bei uns in aͤhn⸗ lichen Faͤllen. Die Zeit war koſtbar; einige Stunden gingen ohnedem immer hin in Er⸗ wartung der großmuͤtterlichen Runde, in un⸗ geduldigem Lauſchen auf ſichere Stille, in eili⸗ gem Ankleiden, in leiſer, trefflich geuͤbter Ver⸗ ſchließung unſerer Zimmer, in eben ſo leiſem Entwiſchen nach dem Garten— und oft draͤng⸗ ten ſich zwiſchen dieſe Hauptſcenen noch vie⸗ lerlei gelegentliche Hinderungen epiſodiſch hin⸗ ein. Diesmal gluͤckte aber alles beſſer, als ſonſt. Es war noch gar nicht ſpaͤt zur Nacht, und eine nach der andern haäͤtte ſich bereits gluͤcklich nach der Gartenthuͤr geſtohlen. Ich oͤffnete ſie. Ludwig fragte: Seid ihr alle da? Nur Alide ſehlt noch, ſagte Amalie. Wir follen vorausgehen; ſie hat noch'was zu thun, dann folgt ſie ſogleich.„Und Eſther auch?“ — Behuͤte! Alide buͤrgt fuͤr ihr Zuruͤckbleiben. Ludwig war voll von dem Vergnuͤgen, das uns dieſer Abend geben ſollte. Louiſe erwar⸗ tete uns in ihrem Gartenhauſe. Noch war ſie uns die Nachfeier ihres Hochzeitfeſts ſchul⸗ 22 dig: dieſen Abend ſollte ſie uns werden. Um das Hauptfeſt hatte uns die Strenge der Haus⸗ zucht und Eſthers Abneigung gegen Louiſen gebracht, die ſich auf nichts weiter gruͤndete, als daß ſie, die Jungfrau, faſt zehn Jahr aͤlter war, als dies ſehr jugendliche Weibchen. Da Louiſe der ewigen Jungfrau, wie wir Eſther'n nannten, gleichfalls ein wenig ab⸗ hold war, ſo wurde gar nicht nach ihr ge⸗ fragt: aber deſto herzlicher empfing man Ali⸗ den, die unſerm wilden Schwarm auf dem Fuße folgte, und Louiſe fluͤſterte ihr zu, auch Julius, ihr Bruder, wuͤrde erſcheinen. Die Roſengluth, die die Wangen des heimlich lie⸗ benden Maͤdchens uͤberflog, beantwortete die fuͤße Zuſage. Alide, naͤchſt mir die Aelteſte unter der leichten Geſellſchaft, zaͤhlte bereits neunzehn; ſie war die einzige unter uns, die an Liebe dachte, und ſich dieſes, Alters halben, fuͤr er⸗ laubt hielt. Julius verdiente Alidens Hand und konnte ſie mit Anſtand fordern. Dieſe Nacht ſollte die Verabredung zum Antrag rich⸗ tig machen. An der Einwilligung der entzuͤck⸗ 28 ten Großmutter konnte man nicht zweifeln und die muthwillige Louiſe hielt uns ſchon eine Kernrede im Geſchmack der guten Alten: wie es gar nicht anders moͤglich geweſen ſei, das ſchoͤnſte Kleinod ihres Hauſes hinter allem Ver⸗ ſchließ zu erſpaͤhen, als in der Kirche, und wie thoͤricht wir andern immer nur ſtrebten, geſehen zu werden, da doch der Himmel, wen er erlſen wolle, billiger Weiſe nur an der Stelle erwaͤhle, die dem Vereinigungspunkte, dem Altar, am naͤchſten ſei—— Louiſens Laune nebſt dem Reichthum und der Gaſtfreiheit ihres liebenswuͤrdigen Gatten, hatten uns in dieſer herrlichen Nacht eine Menge von Genuͤſſen bereitet. Die Natur war mit ihnen einverſtanden. Heller leuchtete nie der Mond, lieblicher athmete nie die Mailuft, alle Nachtigallen wachten, ſelbſt das Schweigen der lebloſen Schoͤpfung ſchien nur ein ſchonendes Zuruͤckhalten fuͤßer Harmonieen. Erſt gegen den Morgen rief uns die krie⸗ geriſche Muſik der hier erwarteten** ſchen Truppen an die Fenſtervorhaͤnge. Das Licht des ſcheidenden Monds und die anbrechende 24 Morgenroͤthe ſpiegelten ſich in ihren Waffen; es waren herrliche Leute, ſie gefielen uns, und wir kehrten uns nicht an das Geftuͤſter, daß ſie auch wol als Feinde kommen moͤchten. Verlegt waren ſie im naͤchſten Orte; ein klei⸗ nes Lager ſollte, ein Viertelſtuͤndchen beitnwanis von uns, ſchnell errichtet werden. Die Daͤmmerung ward nun heller: jetzt mußten wir Maͤdchen freilich an die Ruͤckkehr denken; jetzt fanden wir aber keine Moͤglich⸗ keit, unentdeckt, und bei der Unruhe, die die fremden Gaͤſte uͤberall verbreiteten, mit Sicher⸗ heit nach unſerm Kloſter zuruͤckzukommen. Am aͤngſtlichſten gebehrdeten ſich die kleinern von den Couſinen, denen man es kaum noch an— ſahe, daß ſie der Schule entſchluͤpft waren, und die ſich auf den aͤrgſten Fall mit dem Beiſpiel ihrer aͤltern Schweſtern ſchuͤtzen konn⸗ ten. Ehre, Tugend und guter Ruf ſtand bei ihnen auf dem Spiel, und Louiſe konnte ſie nur durch den Rath zufrieden ſprechen, wir ſollten uns alle in die Kirche fluͤchten, und von da aus nach einigen Stunden ganz ehrbar nach Hauſe kommen. Euren ſchlaͤfrigen Augen 25 wird man's nicht anſehen, ſagte ſie, ob ihr bei mir eine Nacht durchſchwaͤrmt habt, oder bei dem ſalbungsvollen Nichts des Herrn Dia⸗ konus ein wenig eingenickt ſeid.— Der Ein⸗ fall war herrlich; waͤhrend wir aͤltern noch einige Zuͤge aus dem Becher des Vergnuͤgens thaten, horchten die kleinen auf das erſte Ge⸗ laͤut von dem alten Dom, das ſich nun bald mußte hoͤren laſſen. Und horch! jetzt toͤnten ſchon die Glocken! Aber alle? alle? und welch ein Gelaͤut? „Hoͤrt ihr's wimmern dort vom Thurm? „Das iſt Sturm!— 8 Das iſt Sturm! Gott, das iſt Sturm! toͤnte es jetzt aus aller Munde. Einige liefen hinaus auf den Altan, nach der Stadtſeite. Die ganze Gegend gluͤhte, die ganze Stadt ſchien in Flammen zu ſtehen. Jetzt halleten alle Glocken. Der Ruf: Feuer! Feuer! die Frage: wo? wo? in welchem Stadtviertel? ließ ſich hundertſtimmig hoͤren. Wir waren außer uns! Kein geſetzter Mann war um uns, außer Julius und Louiſens Gemal. Ludwig 26 war auf die erſte Gewißheit von dem Ungluͤck wie im Fluge davon, weil er wußte, was, ſobald man ihm in dem Inſtitute vermißte, auf ſeinem heimlichen Entweichen ſtand. Louiſe, die jetzt eben erfuhr, das Feuer wuͤthe ſchon in der Gegend ihres verlaſſenen Hauſes, erklaͤrte, hier keine Minute laͤnger verweilen zu koͤnnen. Sie nahm ſich kaum die Zeit, die nöthigſte Huͤlle fuͤr die ſcharfe Mor⸗ genluft umzuwerfen, und rief mir, am Arm ihres Gatten davon eilend, zu: nur geſchwind hier alle Sachen von Werth zu verſchließen und dann mit dem Bedienten, den ſie mir zuruͤck— ließ, zu folgen. Alide mit Julius, Amalie mit den Kleinen waren ſchon fort: eine grauen⸗ volle Stille, nur durch das Braußen und Win⸗ ſeln der Sturmglocken, das Wirbeln der Trom⸗ meln, das Raſſeln der Sturmfaͤſſer unterbrochen, folgte dem Tumult um mich, der mich bis hieher faſt aller Sinnen beraubt hatte. Ich wußte nicht, wie mir geſchah; ich hatte Aliden halb⸗ ohnmaͤchtig in Julius Arm geſehen, ich hatte die Worte aus ihrem Munde gehoͤrt, das Feuer ſei gewiß in unſerm eignen Hauſe— ich wußte — 4 27 aber uahnehtes 69das wirklich geſehn und gehoͤrt hatte, wie viel weniger, ob ihr Schreckenswort gegruͤndet ſei. Jetzt kam mir zuerſt klar meine ehrwuͤrdige Großmutter in den Sinn— ſie, die ich liebte und verehrte, ob ich gleich leichtſinnig genug war, ſie zu hinter⸗ gehen. Gott, wenn die Flammen wirklich in unſerm Hauſe wuͤtheten! und ſie huͤlflos waͤre! Hin mußte ich, und retten— retten, nur ſie!— Hier keine laͤngere Ueberlegung. Ich verſchloß, Louiſens Bitten getreu, das Unbe⸗ deutendſte, Silberzeng und koͤſtliches Tiſchgeraͤth ließ ich liegen. Die Schluͤſſel warf ich, der Sicherheit wegen, ins Baſſin— denn allein war ich, ganz allein. Der Bediente, den Louiſe mir zuruͤckgelaſſen hatte, war laͤngſt fort; rund um mich die grauenvolleſte Oede! Ich flog in einer Bewegung, die ſich mit nichts vergleichen laͤßt, hinaus auf die menſchen⸗ leere Straße. Weiterhin begegneten mir Leute aus der Stadt. Um Gotteswillen, Leute! wie ſteht es?— Alles, alles nieder!— Und was denn?— Im großen rothen Eckhauſe, der Kirche gegen uͤber, kam es aus: dort ſtehen 4 8 8 8 28— n1N. R.S enewun noch einige Mauern!— Wie? das Haus mei⸗ ner Großmutter?— Kann wol ſeyn! aber weiter hin iſt alles nieder, all die kleinen Haͤu⸗ ſer, auch—— Ach Gott! Gott! alles alles nieder! ſchrie ich mit gerungnen Haͤnden, ohne die Erzaͤhler auszuhoͤren. O Mutter! Mutter! was mag aus dir geworden ſeyn! Ich ſetzte meinen Weg— meinen Flug moͤcht' ich ſagen, weiter fort. Der Pfad ſchien ſich unter meinen Fuͤßen zu verlaͤngern. Die Stadt lag kaum eine halbe Stunde vom Gar⸗ tenhauſe: ich haͤtte ſie laͤngſt erreicht haben ſollen. Der Himmel hatte ſich umzogen, die Wolken troffen, der Weg unter mir war ſo ſchluͤpfrig, daß ich mit meinen kleinen ſeidnen Schuhen mehr ruͤck⸗ als vorwaͤrts ging, und den einen hatte ich bereits verloren. Mein langes Muſſelinkleid, das ich aufzuſchuͤrzen ver⸗ geſſen hatte, zog eine Laſt von naſſer Erde hinter ſich her; meine Bruſt war kaum bedeckt, der Hut war mir entfallen, meine dunkeln Haare flatterten im Winde. So mochte ich freilich das Anſehen einer Nachtſchwaͤrmerin haben!— Jetzt kam ich in ein Gedraͤng 29 1* — von Pferden, und, wie ich meinte, zuruͤckkeh⸗ renden Sturmfaͤſſern. Wollte Gott, es waͤre ſo geweſen! Die Wagen, die Leute, von denen ich gedraͤngt wurde, und die ich, entſchloſſen hier durch zu kommen, wieder draͤngte, gehoͤr⸗ ten zu den Truppen, die ich vor einer Stunde mit ſo viel Entzuͤcken voruͤber ziehen ſah. Ich kam im Gedraͤng ganz von dem Weg ab, und befand mich auf einmal, ohne nur zu wiſſen, wie? unter Zelten. Ich hoͤrte mich in der aller⸗ rauheſten Mundart, und mit Worten anre⸗ den, vor denen ich zuſammenſchauderte. Ich wollte mich mit dem Taſchentuch verhuͤllen: ein Halbtrunkner riß mir die Huͤlle hinweg, und ſagte: ich ſei zu ſchoͤn, um nicht ganz geſehen zu werden. Bis hieher war ich wirklich in einer Art von Rauſch, von Betaͤubung, geweſen, wie man ſie oft zur Zeit jaͤhes Schreckens erfaͤhrt; ich erinnre mich, nur halb geſehen und gehoͤrt zu haben: jetzt erholte ich mich auf einmal. Ich ſtieß die rauhe Hand, die mich faßte, muthig zuruͤck, und nannte den Namen eines der kommandirenden Offiziere, den ich zufaͤllig 30 behalten hatte. Ach ſo, antwortete man mir. Alſo ſchon beſtellt! Armes Taͤubchen! Wie durchnaͤßt! Waͤrm' dich doch erſt im Wachzelt! Da— einen erquickenden Trunk!— Ich fing an zu weinen. Still, ſtill, Kleine! rief der Taumelnde. Mich nicht verrathen! ich habe nichts geſagt! Nun— da iſt das Zelt!— Die Wache rief: wer da? Mein Begleiter antwortete: wir wurden eingelaſſen. Hier war es noch dunkel. Ein ſchon etwas bejahrter Offizier ſaß, Schriften muſternd, an einem Tiſche, auf welchem zwei Lichter brann⸗ ten. Er blickte auf, und wendete, mich gewahr werdend, ſeine Augen unmuthig hinweg. Sein Blick, die Worte, die er ſagte, erklaͤrten, was er von mir dachte. Ich ſchlug verzweifelnd die Haͤnde zuſammen, und ſchrie: Gott, auch hier keine Huͤlfe? was wird aus mir werden?— Keine Theaterſtreiche, rief er muͤrriſch, und wandte ſich, indem er aufſtand, um mich naͤher zu betrachten, zu meinem Fuͤhrer, mit welchem er einige Worte in einer mir ganz unbekannten Sprache wechſelte. Die ziemlich weitlaͤuftige Antwort des Nuͤchternwerdenden milderte ſeine 31 Zuͤge. Er ſah mich halb laͤchelnd an, und fragte, wer ich ſei?— Ich nannte ſchuͤchtern und einfaͤltig meinen Namen. Roſalie Y. oder Rofalie Z., ſagte er; das ſind mir gleichlau⸗ tende Toͤne: ich will wiſſen, wer Sie ſind? will wiſſen, woher und wohin? vor allem, warum zu dieſer Stunde? und in waes fuͤr Abſicht eben hier unter den Zelten? Der Fragen waren mir zu viel; doch errieth ich ihren Sinn gut genug, um mich zur Ant⸗ wort mit der Verſicherung zu begnuͤgen: ich ſei ein ſehr ehrliches Maͤdchen. M Schade waͤr' es um Sie, wenn Sie's nicht waͤren! erwiderte er. So jung, ſo huͤbſch, ſo neu— wenn dies nicht Verſtellung iſt. Erbarmen Sie ſich! ſchrie ich und fiel auf die Knie. Halten Sie mich nicht laͤnger auf! Laſſen Sie mich zu den Meinigen zuruͤckbringen. Wohin? Nach der Stadt. Das wird unmoͤglich ſeyn; als Freunde haben wir in R. nichts zu thun, als Feinde wird man uns nicht einlaſſen. Auch haben wir keine urſache, dieſer Stadt, die in den 32 naͤchſten Tagen in Belagerungsſtand erklaͤrt ſeyn wird, vielleicht Nachrichten aus unſerm Lager zuzufoͤrdern. Halten Sie mich fuͤr eine Kundſchafterin? Kleines Ding, weißt du doch etwas von dieſen verdaͤchtigen Weſen? In der That, du faͤllſt aus deiner Rolle! ſo jung, ſo neu, und alſo doch gar nicht unerfahren, in Dingen, die du unmoͤglich im Kloſter kannſt gelernt haben. Ich fing von neuem an zu weinen, und Herr von S.. hielt es fuͤr gut, eine aͤltliche Frauensperſon rufen zu laſſen, die in ſeinen Dienſten zu ſeyn ſchien, und mich ihrer Pflege zu uͤbergeben. 1 Welch Entzuͤcken, mich endlich mit einer, dem Anſehen nach, rechtlichen Frau allein zu ſehen! welch Labſal in Anlegung trockner, rein⸗ licher Kleider! welcher Genuß in der Schale Thee, die ſie mir reichte! 9 wie dankbar macht uns ein klein wenig Entbehrung fuͤr die klein⸗ ſten Troͤſtungen des Lebens! Ich glaube, ich ſchloß die Geberin aller dieſer Herrlichkeiten in die Arme!—— Kaum hatte ich mich gelabt, ſo begann ich ihr ungefragt und mit mehr Ord⸗ 33 nung, als zuvor ihrem Herrn, meine ganze Ge⸗ ſchichte, auch die Geſchichte des vorigen Tages zu erzaͤhlen. Sie antwortete mir nicht, denn eben kam ein neuer Ruf zum Oberſten. Sie blieb lang aus, und als ich bei ihrer Wiederkunft ihr zeigte, daß ich mich indeſſen zum Abſchied geruͤſtet habe, und ſie bat, mich nur bis auf die Landſtraße, die zur Stadt fuͤhrte, zu be⸗ gleiten, weil ich dann ſicher zu ſeyn hoffe: da fing ſie an zu lachen, und verſicherte, das ſei unmoͤglich. Man breche bald von hier auf, man ziehe ſich einige Meilen zuruͤck, um in kurzer Zeit verſtaͤrkt wiederzukommen; dies habe ſie Erlaubniß mir zu ſagen, und dieſe Erlaub⸗ niß ſei mir Unterpfand, daß man mich nicht entlaſſen werde, um dieſe neueſte aller Neuig⸗ keiten der Stadt zuzubringen. Mit meiner Geſchichte moͤchte es ſeyn, wie es wolle: den Brand in dieſer Nacht habe man freilich ge⸗ ſehen, und da er weit groͤßer geweſen ſei, als ich denken moͤchte, ſo ſei allerdings glaublich, daß ich all die Meinigen, alles was mir lieb ſei, verloren habe; um ſo weniger bleibe mir Urſach, an Ruͤckkehr zu denken, und verſichert Selene III. Heft. 3 89 34 ſolle ich ſeyn, daß der Zuſtand jener ungluͤck⸗ lichen Stadt in kurzer Zeit elend genug ſeyn werde, um ſich lieber heraus, als hinein zu wuͤnſchen. So ſei die Lage der Sachen, und ich wiſſe hiermit genug, um zu begreifen, daß ich nun nicht entlaſſen werden koͤnne. Wollte ich heimlich entweichen, welches mir vielleicht bei den Unruhen des Aufbruchs moͤglich ſeyn wuͤrde: ſo moͤchte ich an die Gewißheit den⸗ ken, als eine Kundſchafterin wieder zuruͤckge⸗ 4 racht, und als eine ſolche beſtraft zu werden. Ueberhaupt werde ich bald einſehen, daß mein Betragen ganz der Maasſtab der Behandlung ſei, die man mich finden laſſen wuͤrde. Ich ſolle nicht glauben, daß ich faͤhig ſei, Perſo⸗ nen zu taͤuſchen, welche weiter ſaͤhen, als ich. Noch ſei man irre an mir: dies ſei aber die Zeit, jedermann fuͤr verdaͤchtig zu halten. Sei ich keine Kundſchafterin, mit welchem Namen ich ja zuerſt hervorgetreten waͤre, ſo koͤnne ich ja auch wol eine weit hoͤhere Perſon, als Roſalie von 3. ſeyn. Erkundigungen muͤßten hieruͤber eingezogen, weitere Berichte erſtattet werden: dies alles erfordere Zeit. Ich werde 35 mich in Geduld faſſen und Gott danken muͤſſen, daß ich in keine ſchlimmern Haͤnde gefallen ſei, als in die meines Beſchuͤtzers. Beſchuͤtzer werde er mir wirklich ſeyn, Beſchuͤtzer auf alle Art, ſobald ich nur wuͤnſchen wuͤrde. Ich war viel zu einfaͤltig, einzuſehen, was eigentlich unter dieſen Dingen verborgen lag; ich hatte kein Nachdenken uͤber dieſelben, hatte zu wenig Weltkenntniß, als daß mir all mein Sinnen etwas haͤtte helfen koͤnnen, hatte nichts als Thraͤnen und endloſe Betheurungen, ich ſei gewiß und ganz gewiß nicht mehr und nicht weniger als die, fuͤr welche ich mich ausgab. 25 Viele meiner Leſerinnen, weltkluger als ich, werden bald muthmaßen, man wollte mich nicht freilaſſen— nicht gerade, weil man mich fuͤr verdaͤchtig hielt, dazu zeigte ich zu viel Einfalt; nein, vielleicht weil ich geſiel, und man mich fuͤr freie Beute nahm. Seit man ſo viel einſah, ich ſei nicht das Geſchoͤpf, fuͤr welches man mich anfangs gehalten haben moch⸗ te, ſo bezeugte man mir allerdings einen Theil der Achtung, welche auch der leichtſinnigſte 36 Mann der Unſchuld nie verſagen kann; aber nicht ungern haͤtte man es vielleicht geſehen, haͤtte ich mich durch etwas verdaͤchtig gemacht, um mich dann freier behandeln zu duͤrfen. Der Engel der Rechtlichkeit, oder der Furcht⸗ ſamkeit, hielt mich vor jedem falſchen Schritte zuruͤck. Als des andern Tages beim Aufbruch alles drunter und druͤber ging, und niemand auf mich zu achten ſchien, nahte ſich mir ein Jude:„Juͤngferle, ein Goldſtuͤckel, und ich bringe ſie nach der Stadt!“ Ich ſchuͤttelte mit dem Kopfe.„Zu ihre Freundſchaft!“ redete er weiter, als er nach einer Weile wie⸗ derkam.„He? ich thu's auch wol umſonſt, wenn ſie kein Geld hat! ſie iſt ſo huͤbſch und ſo unſchuldig.“— Ich rang die Haͤnde und fing an zu weinen. Ach, wer geſtern nicht verſprochen haͤtte, auszuhalten! Wer ſich nicht gefuͤrchtet haͤtte vor der Drohung! Und dann — der Jude war ſo haͤßlich! wer konnte dem Rothbart trauen, daß er mich nicht tiefer ins Unglück fuͤhrte? he Ich blieb alſo, und als wir ins Quartier kamen, ſchien's, als wenn man mich mit mehr 37 tung behandelte. Ich bekam ein eignes Pinne. die Frau war artiger gegen mich. Der Oberſt ließ um Erlaubniß bitten, mich zu beſuchen. Ich eilte ihm entgegen. Um Gottes Wil⸗ len, meine Freiheit! rief ich mit zuſammenge⸗ ſchlagnen Haͤnden. Sind Sie denn gefangen? fragte er laͤchelnd. Ich wuͤrde mich nicht gewundert haben, wenn Sie uns heute entwiſcht waͤren! Konnte, durft' ich denn? Hatte ich nicht verſprochen, zu bleiben? Haͤtte ich nicht, auch auf dem Fall, daß es gluͤckte, hier den ver⸗ worfenſten Namen zuruͤckgelaſſen? Niemand wird ſich unterſtehen, nun ein Frauenzimmer, das ſo Wort haͤlt, anders, als mit Achtung zu nennen! ſagte er mit einem Ernſt der ihn unglaublich verſchoͤnerte. Aber, Gott, was ſoll nun hier aus mir werden? fragte ich. Und was ſollte in R. aus Ihnen werden? in dieſer dem Verderben geweihten Stadt? Aeltern, Geſchwiſter, Haus und Hof, alles 38 haben Sie durchs Feuer verloren— ich habe mich erkundigt. Seine Worte bewieſen, daß er ſich nicht erkundigt hatte; ich war aber zu bewegt, um es einzuſehen, und rief in meiner Einfalt: So lebt doch Louiſe und Julius! Auch Louiſe iſt dahin, antwortete er. Aber Julius? wer iſt der Julius? Alidens Braͤutigam! ſagte ich. Ach Alide! Alide! und du, geliebte Amalie! und ihr armen Kleinen— ihr ſolltet alle dahin ſeyn? Sind ſie es nicht, erwiderte er, ſo befinden ſie ſich doch gewiß in einem ſo huͤlfloſen Zu⸗ ſtande, daß es fuͤr Sie zuverlaͤſſig beſſer iſt, in meinem Schutze zu bleiben. Ein Strom von Thraͤnen beantwortete dieſe Rede. Als ich mich ein wenig gefaßt hatte, wußte mein ſogenannter Beſchuͤtzer mich kuͤnſtlich genug in ein Geſpraͤch zu verſtricken, worin ich ihm, ohnedem erzaͤhlungsluſtig, alles ſagte, was ihm noͤthig war, das, wovon er mich zu uͤberreden ſuchte, ein andermal beſſer, als jetzt, einzukleiden. Er wußte nun alle meine Verhaͤltniſſe; mußte ſich nicht, wenn er von 9— 39 Meinigen ſprach, mit den bloßen Vorna⸗ en behelfen und ſich der Frage ausſetzen, die eine Kluͤgere gethan haben, und die mir am Ende doch eingefallen ſeyn wuͤrde— wie er bei ſo wenigen Angaben zu ſeinen Nachrich⸗ ten gekommen ſei?— Durch vielfache Muͤhe, durch lebhafte Gemaͤlde ganz begrabener Ver⸗ gangenheit und ganz dunkler Zukunft, gelang es ihm endlich, mich dahin zu bringen, daß ich gern bei ihm blieb und ihm verſprach, ſo lang auszuhalten, bis er mich zu meinem Oheim nach E. gebracht haͤtte. Dieſer Mann, der Bruder meines Vaters, lebte zwar kinderlos und in ſehr eingeſchraͤnkten Umſtaͤnden: doch fuͤhlte ich, ich lebte ſchicklicher an ſeiner Seite, als unter Fremden, und ich zwang mich, zu hoffen, er werde mich aufnehmen. Mein Beſchuͤtzer, durch mein Beiſpiel von der Heiligkeit gegebenen Worts belehrt, huͤtete ſich wol, mir etwas zu verſprechen, was zu halten er keine Luſt hatte; er zeigte mir die Schwierigkeit, in jetzigen Zeiten nach einem ſo entfernten Orte zu kommen, und verſchob alles bis zum Frieden, der ja gar nicht mehr lang 40 ausbleiben koͤnne!— Er ſchien aber doch noch lange auszubleiben, dieſer Friede— das erhellte aus allem, was ich hier ſah' und hoͤrte. Doch durfte ich auch allem trauen, was man mich hoͤren ließ? Ich dankte Gott, daß dieſes ſeine Ausnahmen litt. Meine Vaterſtadt, von deren Schickſal man, um mich zu ſchrecken, ſo viel ſchauervolles geſagt hatte, und die mir lieb blieb, ungeachtet man mich verſicherte, niemand von den Meinen befinde ſich mehr daſelbſt— das dem Untergange geweihte R. blieb wenig⸗ ſtens noch verſchont; wir zogen uns immer weiter zuruͤck, und all dieſe mir ganz anders vorgeſpiegelten Schritte ließen ſich bei mir ſehr leicht mit den wandelbaren Kriegsmaximen ent⸗ ſchuldigen. 4 Ich ſah meinen Beſchuͤtzer jetzt taͤglich, und er war oft ſo gut, daß ich ihn mit dem Namen Vater beehrte. Er liebte das nicht, und er⸗ klaͤrte mir, er wuͤnſche einen zaͤrtlichern Namen bei mir zu fuͤhren. O, lange hatte ich das gemerkt, ſo einfaͤltig ich war! aber von keinen zaͤrtlichen Verhaͤltniſſen etwas wiſſend, als von Ehe, erklaͤrte ich offen, daß er zu alt zu meinem 41 Gemal ſei, indem ich bei weitem noch nicht zwanzig Jahr habe, und er gewiß vierzig gelebt haben muͤſſe. Er war beleidigt und verließ mich. Ich war ihm in der That von Herzen gut, und gab mir vielleicht zu viel Muͤhe, ihn auszuſoͤhnen. Ich meine ja nicht... ſprach ich; ich ſage ja nicht... Sie meinen und ſagen nur, was Sie nicht ſollten, erwi⸗ derte er. Sie ſind undankbar; etwas laͤngeres Leben in der Welt wird Sie uͤber manches be⸗ lehren.—— Ach, er hatte wol recht! Ein ganzes Jahr, das ich genoͤthigt war in ſeinem Gefolge zu bleiben, mußte mich uͤber manches belehren— auch uͤber die Unſchicklichkeit meines Verhaͤltniſ⸗ ſes zu ihm. Seine Abſichten auf mich konnte ich freilich nur muthmaßen; ſeine Ehrliebe und meine Unſchuld verhuͤteten, ſie mir deutlich wer⸗ den zu laſſen. Geſetzmaͤßige Verbindung waren ſie nicht: warum haͤtte er hieruͤber nicht deutlich ſprechen ſollen? Vielleicht haͤtte ich jetzt milder geantwortet: er war mir ſehr lieb geworden. Er kam mir jetzt nicht mehr ſehr alt, ich nicht mehr ſehr jung vor—— Mein Leben uͤbri⸗ 42 gens war ganz freudenlos; ich wußte oft nicht, was ich wuͤnſchte, woruͤber ich trauerte. Doch ja, den Frieden wuͤnſchte ich— wer haͤtte ihn nicht wuͤnſchen ſollen— ob er mich gleich von dem Freunde, den ich jetzt nicht mehr Vater nannte, getrennt haͤtte. Ach, die Ausſichten waren ſo ganz dunkel! ſelbſt das Leben meines Wohlthaͤters ward bedroht! Hatte ich ihn nicht ſchon zweimal in das Feuer der Schlacht eilen ſehn? Die heißeſten Angſtgebete fuͤr ihn— fuͤr ihn— fuͤllten die zweifelhaften Stunden aus! Mit offnen Armen kam ich das letztemal dem Sieger entgegen. Er druͤckte mich an ſein Herz! das erſtemal ruhte ich in des Helden Armen. Reiß dich nicht von mir los, unſchul⸗ dige Seele! rief er. Dieſe Umarmung iſt kein Verbrechen! Er gab mir ruͤhrende Schmeichel⸗ namen, ſein Benehmen blieb ſo edel— ich brach in Thraͤnen aus, ich verſtand ihn nicht, aber mein Herz ward innig bewvegt und ihm zugewendet. Jetzt war aber nicht die Zeit, Buͤndniſſe der Liebe zu ſchließen. Eine Aktion nach der an⸗ dern fuͤhrte meinen Helden in immer neue To⸗ 4 4³ desgefahren. Die Unſrigen— ach, ſo nannte ich ja jetzt die Feinde meines Vaterlands!— ſie fochten nicht immer gluͤcklich! Die letzte Schlacht lieferte meinen Beſchuͤtzer toͤdlich ver⸗ wundet in meine Arme. Alles war verloren. Was die Feinde nicht erbeutet hatten, raubten treuloſe Bedienten. Auch jenes Weib, das ich dieſe Zeit uͤber auf ſo mancher verabſcheuenswuͤr⸗ digen Seite hatte kennen lernen, bewieß ihrem Herrn, was man ſich von der Anhaͤnglichkeit Laſterhafter zu verſprechen hat. Ich ſtand allein bei ihm, pflegte ihn und verband ſeine Wunden. Roſalie! rief er an einem der ſchlimmſten Tage, indem er meine Hand an ſeine Lippen zog. Unter allen quaͤlenden Gedanken beun⸗ ruhigt mich keiner ſo ſehr, als der Gedanke an dich! Was ſoll aus dir werden, wenn ich nicht mehr bin!— Kind! Weib meines Herzens! nenne dich, wie du willſt: ich kann nichts fuͤr dich thun, ſo lange dir die Geſetze kein Recht auf mich geben! und warum erhielt ich dieſes Recht nicht? antwortete ich mit all der Offenheit, welche „ N unſere Lage entſchuldigte, und die uͤberhaupt nur zu ſehr in meinem Charakter lag. Wuͤrdeſt du mir den zaͤrtlichſten Namen nicht verſagt haben? fragte er.—„Haͤlt mich mein Wohlthaͤter fuͤr undankbar?“— „»Alſo mein? meine Gattin, du, mein ſicht⸗ barer Engel? Ich betheuerte ihm, was mein Herz mit Sehnſucht wuͤnſchte. Aber wie kurz wird meine Freude ſeyn, fuhr er dann fort; denn ſiehe, ich ſterbe!—„Ich ſterbe mit dir — die Gattin mit dem Gatten!“—„Wollte Gott, mit mir ſterben waͤr' moͤglich! Denn elend und kuͤmmerlich iſt das Loos, das ich dir hinterlaſſe. Sie nahmen mir alles!—„Du wirſt leben, und ich habe dann dich!“— „Nichts haſt du, als meinen Namen!“— „Er ſei mir heilig! nie will ich ihn mit einem andern vertauſchen!“—„Keine Geluͤbde, Roſalie!— Aber jetzt Eil; was geſchehen ſoll, geſchehe bald. Schon fuͤhl' ich die Hand des Todes an meinem Herzen—— Nie iſt wol ein Ehebuͤndniß kuͤrzer verab⸗ redet und ſchneller geſchloſſen worden. Als der Feldprediger kam, meinem Verlobten, wie er „ 45 pflegte, geiſtlichen Troſt zu bringen, da wurde ihm das Geſchaͤft entdeckt, das man von ihm verlangte. Er ſah mich verwunderungsvoll an. Die Nichte mit dem Oheim? fragte er. Die⸗ ſes war der Name, unter welchem ich die letzte Zeit uͤber mir das Recht erwarb, meinen Be⸗ ſchuͤtzer zu pflegen. Er verſtaͤndigte den Predi⸗ ger uͤber unſere Verhaͤltniſſe, und wir erhielten ſeinen Segen. Ach kurze Tage, die mich an den edelſten Mann banden! Er wendete ſie groͤßtentheils an, einige Verfuͤgungen meinetwegen zu treffen. Er war nicht reich, und hier hatte man ihm faſt alles genommen. Fuͤr Dinge dieſer Art hatte ich keinen Sinn: ich zuͤrnte mit ihm, daß er daran dachte. Feſt hoffte ich mit ihm zu ſterben! Erſte, unſchuldsvolle Liebe, aus Dank⸗ barkeit entſtanden— Liebe unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden, waͤchſt ſchnell heran! Selbſt der Zwei⸗ fel, in dem ich immer uͤber ſeine Abſichten ſchwebte, half ſie naͤhren. Ich konnte nichts Unwuͤrdiges von ihm fuͤrchten, konnte das, was ich bald wuͤnſchen lernte, nicht von demjenigen hoffen, deſſn Eheſcheu mir jenes Weib ſo oft 46 mit den haͤßlichſten Zuͤgen gemalt hatte. Es gab Zeiten, wo ich ihn zugleich liebte und haßte, zugleich floh und mich feſter an ihn anſchloß— Kenner des menſchlichen Herzens, entſcheidet, ob nicht aus ſolchen Extremen die ſtaͤrkſte Lei⸗ denſchaft geboren wird!— Ja, leidenſchaftlich liebte ich den, mit wel⸗ chen mich das Schickſal nur auf Stunden ver⸗ einigt hatte. Er ſtarb in meinen Armen—— Ich blieb in der Pflege des Feldpredigers, der auch zugleich mein Arzt war. Kaum war es ihm moͤglich, mich dem Grabe zu entreißen, das ich ſo ſehnlich wuͤnſchte.— Ach, leben, leben ſollt' ich! Stunden, die ihr mich von dem theuren Gemal trennt, werdet ihr nicht bald verfloſſen ſeyn? Mein Freund, mein Arzt, erklaͤrte mir, ſobald er meiner voͤlligen Geneſung gewiß ſeyn konnte, ich muͤſſe nun anfangen, mich wieder ins Leben zu finden, muͤſſe Plaͤne fuͤr die Zu⸗ kunft machen. Die Goldboͤrſe meines Mannes und einige koſtbare Kleinigkeiten, die ihm der Sterbende fuͤr mich aufzubewahren gab, legte er in meine Hand, und ſagte mir, daß dies 47 vor der Hand das Einzige ſei, was ich mein nennen koͤnnte: aber Verfuͤgung ſei getroffen, daß nach geſchloßnem Frieden mir ein anſehn⸗ licher Gnadengehalt nicht entgehen koͤnne— ein eigenhaͤndig von dem Sterbenden verfaßtes Schreiben an den Koͤnig ſei fuͤr mich ſehr vor⸗ theilhaft beantwortet worden, und bis zur Er⸗ fuͤllung des Verſprechens des Monarchen werde es, vermittelſt der Schritte, die mein Mann auch hier gethan haͤtte, vielleicht moͤglich ſeyn, fuͤr mich ein kleines Einkommen aus dem Gute zu ziehen, das der Verſtorbene an der jetzt auch vom Kriege gedruͤckten— iſchen Grenze mit ſeinem aͤltern Bruder gemeinſchaftlich beſaß. Zuſage von letzterm, der ein ſehr edler Mann ſei, habe er hieruͤber ſchon erhalten. Ach was kuͤmmerten mich all dieſe Dinge! was ſann man fuͤr mich auf Unterhalt kuͤnftiger Jahre, die ich nicht zu erleben gedachte! Nichts freute mich hier, als ein Brief von dem edeln Bruder meines Gemals; ach dies waren Schriftzuͤge, den ſeinigen aͤhnlich! dies ſein Name! Meine vertrockneten Augen hatten das Weinen verlernt: jetzt quollen labende Thraͤnen 48 aus ihnen hervor.— Der Feldprediger drang auf meinen Entſchluß, wo ich kuͤnftig leben wollte. Ich nannte meinen Oheim. Dies war wegen der Entfernung und des dazwiſchen liegen⸗ den Kriegsſchauplatzes unmoͤglich. Ich nannte das vaterlaͤndiſche R... Mein Freund zog die Schultern, und weiſſagte das Schiickſal, das dieſer ungluͤcklichen Stadt ſchon einmal ge⸗ droht war und das ſie auch nur gar zu bald betraf. Am Ende war's doch ſie und keine andre, die mir zur Zuflucht beſtimmt war. Mit Uebergehung aller hindernden und foͤrdern⸗ den Umſtaͤnde erlaube man mir dort meinen traurigen Einzug zu halten. t Staͤtte meines fruͤheſten Daſeyns, Gegen⸗ den, wo ich das Licht erblickte— wie verließ ich euch, und wie ſollte ich euch wiederſehn! Leichtſinn und Thorheit entfernten mich in jener Nacht aus dem ſtillen muͤtterlichen Hauſe, und wie ganz anders ſollte ich es von neuem betre⸗ ten! Abwege, und Wege zu Verderben und Laſter lagen dazwiſchen; ein halbes Wunder war es, daß ich nicht in den Abgrund hinabgeriſſen wurde. War S. ein anderer, als der edle 1 2 Mann: ich war verloren.— Und was war deßohngeachtet in dieſer Zeit aus mir gewor⸗ den? Aus dem lachenden, ſorgloſen Maͤdchen eine troſtloſe Wittwe; aus dem bluͤhenden Ge⸗ ſchoͤpf, das von der Welt alles erwartete und erwarten konnte, ein Weſen, das nichts mehr hoffte, als das Grab! Damals von zahlreichen muntern Geſpielen umringt: jetzt ſo verarmt, daß ich auch nicht eine Seele mit Zuverſicht mein nennen konnte— denn zwar hatte mir mein Verſtorbner endlich geſtanden, daß er den Verluſt aller meiner Lieben nur erdichtet habe, um mich ihnen nicht herausgeben zu duͤrfen; wer aber von ihnen fehlen konnte, wußte ich doch nicht. Ich war nicht lang abweſend, wenig uͤber ein Jahr: aber wir meſſen die Zeit nach den Ereigniſſen— meine Abweſen⸗ heit duͤnkte mich der vierte Theil eines Saͤcu⸗ lums zu ſeyn und ich glaubte merklich gealtert zu haben, ob ich gleich noch nicht ein und zwanzig zaͤhlte. So wie ich mich anders fuͤhlte, als da ich zuletzt durch dieſe Straßen huͤpfte, ſo fand ich auch hier alles anders. Dieſe gute Stadt Selene III. Heft. 4 50 hatte binnen Jahr und Tag viel gelitten. Mangel und Truͤbſinn ſchlichen ſtatt damaligen Wohlſtandes; alles war ſo todt; Seuchen hat⸗ ten hier gewuͤthet, geflohen war, wer fliehen konnte—— Als ich auf die Stelle kam, wo ehemals die Wohnung friedlicher Eingezo⸗ 4 genheit, das Haus meiner guten Ahnfrau ſtand: da brachen meine Thraͤnen unaufhaltſam her⸗* vor. Noch lag es in Schutt und Aſche—— Ich ließ halten, um die Ruine genauer in Augenſchein zu nehmen. Ja, dies war die Ruine des Altans, wo wir Maͤdchen an ſcho⸗ nen Tagen neben der Großmutter ſaßen! dies die kleinen Oberzimmer, die wir als Kinder bewohnten! dies der Giebel, der Verbindung mit Louiſens Hauſe hatte! dies das Fenſter der Verabredung ſo mancher heimlichen Feſte! Ich weinte, ohne meine Thraͤnen zu verber⸗ gen.—— Ein kleiner Haͤusler, unſer Nach⸗ bar, ſchien mich zu kennen; er hatte ſeine Huͤtte nothduͤrftig wieder wohnbar gemacht, und ſprang aus ſeinem Laden herbei, um mit dem alten Jakob, dem einzigen von den Leuten meines Mannes, den ich beibehielt, zu ſprechen. — 51 Wie? ſchrie er, die Oberſtin von S.? Je, es iſt ja Fraͤulein Roſalie! O lieber Himmel — wo ſind Sie denn geweſen? Was haben Sie uns fuͤr Thraͤnen gekoſtet! Die meinigen hinderten mich zu antworten. Ich druͤckte die harte Hand des Mannes und fragte nach meiner Großmutter. Die alte Mama? antwortete er; o die iſt fuͤr ihre Jahre leidlich!—„Und wo lebt ſie? wo?“—„Bei der Frau von B...“—„Wie? bei meiner Louiſe?“— „Ja! laſſen Sie umlenken in die andre Straße: die Vorderſeite ihres Hauſes blieb un⸗ beſchaͤdigt, nur dieſer Fluͤgel hatte mit uns gleiches Schickſal.“—„Gott! rief ich und Freudenthraͤnen entſtuͤrzten meinen Augen: meine Mutter werde ich wiederſehen! meine Louiſe!”“—„Jal! und was wird das fuͤr eine Freude ſeyn, mein' ich!“ rief er, und ruͤſtete ſich, der Verkuͤnder meiner Erſcheinung zu ſeyn.— Ich konnte ihn nicht halten: es war vielleicht gut, die Geliebten meines Her⸗ zens nicht unvorbereitet zu uͤberraſchen. Es war ein ziemlicher Umweg, der uns 8 52 zu der Einfahrt brachte: der froͤhliche Bote hatte ſich einen naͤhern Weg durch den noch mit Schutt und Steinen erfuͤllten Hinterhof gebahnt.— Ich fand Louiſen ſchon in der Thuͤr, mit ihr Amalien.— O Freude des Himmels— und wenn du nichts waͤrſt, als das Wiederſehn unſerer Lieben: man muͤßte dich unausſprechlich nennen!— Louiſe ſtuͤrzte mir bis mitten auf die Straße entgegen, und achtete nicht das Gaffen der Menge; Amalie war unbeweglich an ihre Stelle gewurzelt, ihre Haͤnde falteten ſich, ihre Augen ſtroͤnten zum Himmel! Der treuherzige Nach⸗ bar, auf den niemand achtete, wollte auch ſein Theil an unſerm Gluͤck haben: er ſprach und erzaͤhlte unablaͤſſig, ungeachtet er nichts wußte, als daß ich wieder da ſei, und wol eine Wittwe ſeyn muͤſſe, weil ich Frau Oberſtin hieß und doch in tiefer Trauer ging. Er notiſicirte dies der ganzen Nachbarſchaft und wir ſahen uns von zahlreichen Zuſchauern umringt, ungeachtet man hier auf der Hauptſtraße ſchon etwas weni⸗ ger kleinſtaͤdtiſch war, als hintenaus auf der Brandſtaͤtte. 4 5³3 Komm zur Mutter! rief Louiſe und zog mich ſich nach. Sie ſteht nicht mehr am Fen⸗ ſter: wir wagen ſonſt, daß ſie ſich dir entgegen leiten laͤßt!— O du Gute! ſchluchzte ich, daß du der Verlaſſenen Tochter wardſt!— War ich nicht eure Schweſter? erwiderte ſie.— Und nicht blos zu verſtohlnen Feſten, ſagte Amalie, die ſich zwiſchen uns ſchmiegte; nein, zu ſchweſterlicher, zu kindlicher Huͤlfe!— Still von alten Thorheiten! rief Louiſe, und zwang ſich zu lachen; uns hat das Ungluͤck gebeſ⸗ ſert!— 4 Wir waren jetzt in dem Zimmer der Ma⸗ trone, die wirklich im Begriff war, ſich uns entgegen leiten zu laſſen. Ich warf mich ihr zu Fuͤßen. Es ſchien nicht, als fuͤhle ſie, daß ſie chenaas herehen haben ihr Empfang war lauter Liebe. Louiſe winkte mir, die ſuͤße Illuſion durch kein Suͤndenbekenntniß zu ſtoͤren. Die theure Alte uͤberhaͤufte mich mit Liebkoſun⸗ gen, und nachdem ich die Geſchichte des großen Brandes, der ihre fixe Idee war, ei dd abermal gehoͤrt hatte, nahm ſie wenſchleiers wahr, und bemerkte 54 Jakob, der Befehle wegen meines Gepaͤcks abholte, mich Frau Oberſtin nannte. Ein ziemlich guter Brillant an meinem Finger ver⸗ buͤrgte ihr Guͤltigkeit und Gehalt des geſchloß⸗ nen Ehebuͤndniſſes— doch fragte ſie etwas zoͤgernd nach dem Stammhauſe des Herrn Ge⸗ mals, wie ſie ſich ausdruͤckte. Der Name von S... ward vollwichtig gefunden: O dieſes Geſchlecht(Familie ſagte ſie von Altadelichen nie) iſt mir nicht unbekannt! bemerkte ſie. Die Mut⸗ ter meines Großvaters ſtammte daher, und wir waren alſo verwandt— doch nicht in verbote⸗ nem Grade!—— Genug, die liebe Mutter war ganz noch die alte, nur noch ein wenig mehr geſchwaͤcht durch Gram und Schrecken. Ich konnte mich nur von ihr trennen, um nach Aliden zu ſtagen. Man Schultern. Ich fragte nach den Kleinen; ſie waren in dem benachbarten Fraͤuleinſtifte zu A... und ſollten morgen heruͤber gebeten werden. Louiſe beee ſich weit aus uͤber die unvermuthete Freude oſalien wieder zu ſehen, und nahm Abſprung zu Ludwig, der bei dem ... war, und dem eilig geſchrieben 5⁵ werden ſollte— den auch nur die weite Entfer⸗ nung abhalten wuͤrde—— A) Louiſe! rief ich, welch geaͤnderter Ton? Hier iſt etwas, das mir verhehlt wird! Steht's mit Ludwig ſchlecht? fehlt eine der Kleinen? oder was iſts mit Aliden? Und ſage, wo iſt Julius? Warum hoͤre ich nichts von ihm?— Untreu? ihr untreu?— Als Julius Gattin glaubte ich freilich meine Alide zu finden!— Louiſe brach in Thraͤnen aus, und Amalie, die ſich mit Muͤhe faſſen konnte, beſchaͤftigte ſich mit der Großmama, um uns beiden Raum zum Abgehen zu verſchaffen. Alide? rief Louiſe, als wir auf ihrem Zim⸗ mer allein waren— Alide—? Sie iſt hier im Hauſe, aber wie wirſt du ſie wiederfinden! kaum wage ichs, ſie dir zu ze mir zu zeigen? Welch ein Ausdküͤck!“— „Ach die Arme! Die Unglückliche! Sie iſt ein Gegenſtand, der nur ſelten gezeigt, nur weni⸗ gen gezeigt werden kann, ungeachtet ſie jetzt ſchon ſeit Monaten in der Beſſerung iſt. „Gott! was iſt ihr begegnet?* wags Seit jener Ungluͤcksnach * 56 mehr ſeit jenem Ungluͤcksmorgen, da ſie Julius nicht eilig genug zu unſern brennenden Haͤuſern fuͤhren konnte, iſt ſie des Verſtandes beraubt— Anfangs vollig, jetzt mit allmaͤhlich ſich verlaͤn⸗ gernden hellen Zwiſchenraͤumen!“ Ich ſchlug vor Entſetzen die Haͤnde zuſam⸗ men: Vor Schrecken alſo? vor Schrecken? rief ich. Kinder! ſagte Amalie, die mittlerweile zu uns gekommen war— glaubt mir, hier liegt mehr verborgen, als das Schrecken des Feuers, das wir alle theilten!—„Gewiß, Julius Untreue! o gewiß!—„Julius? untreu? Er? Du wirſt ihn ſehen und beſſer urtheilen! Zum Schatten abgehaͤrmt ſchleicht er umher, kennt keinen Troſt, als den Anblick ſeiner Alide, n it jedem das Maas ſeines Grams. „ der bei ihrer jetzigen Beſſerung nicht zu hoffen wagt; oft duͤnkt mich, er wiſſe oder muthmaße mehr, als wir andern—— „ Und was muthmaßet ihr?⸗⸗— Wer kann von Muthmaßungen reden, zumal wenn ſie ſo ſchrecklich ſind?—— Zulus, der von meiner Ruͤckkehr gehört V V 4 — 57 hatte, trat hier ein, mit ihm Louiſens Gemal. Alidens Ungluͤck hatte bei mir alle Freude des Wiederſehns getoͤdtet, die Maͤnner theilten unfre Nuͤhrung. Sie muß ſie ſehen! Roſalie muß ſie ſehen! ſagte Louiſens Gemal. Unvermuthete Erſchuͤtterung, Erblickung lang nicht geſehener werther Gegenſtaͤnde, wirkt in Alidens Fall oft Wunder!— Ja, ſehen ſoll ſie die Ungluͤck⸗ liche! rief Louiſe; aber ganz heiter muß ſie ſeyn! ganz ohne Thraͤnen! Eine Thraͤne in un⸗ ſern Augen bringt ſie oft Tagelang in ihren vorigen Zuſtand z Mein Herz war ſo voll von meiner Alide, daß ich, um ſie ies zu ſehen, eine Faſſung erzwingen wollte. Mirr ſiel gleich kein gleich⸗ guͤltigerer Deafomn ein, mis abzuziehn, und ich fragte nach Eſther. Meine Freundinnen ſchwiegen, Julius trat ans Fenſter, und Loui⸗ ſens Gemal ſagte mit ſeltſamer Kaͤlte: Sie wird ſeit dem Brande vermißt; Alide haͤlt ſie fuͤr todt, und verwebt ſie auf eine fuͤrchterliche Art in ihre Phantaſien. Warum ſollten wir ſie aber nicht ſo gut fuͤr gerettet halten, als 58— Roſalien? Louiſe! fuhr er fort, und faßte mit weicherer Stimme die Hand ſeiner heftig wei⸗ nenden Frau— Louiſe, meinſt du nicht, daß wir dieſen Umſtand, ich meine Roſaliens Wieder⸗ erſcheinung, fuͤr unſre Kranke nuͤtzen koͤnnten? —„Welch ein Unterſchied! ſagte ſie. Roſalie war bei uns, Eſther blieb hier zuruͤck!— „Wer weiß? ſagte er. Du erinnerſt dich, wie gluͤcklich ich ſchon einmal bei Aliden auf die Moͤglichkeit gebaut habe, auch ſie koͤnne ab⸗ weſend geweſen ſeyn.“—„Ich verſtehe euch alle nicht, fiel ich ein, und am wenigſten be⸗ greife ich, wie die ungeliebte Eſther Aliden je theuer genug werden konnte, um durch ihren Verluſt ihrem Verſtande zu ſchaden?“— Alle ſchwiegen, und die Maͤnner baten uns, unſre Gruͤbeleien einzuſtellen. Ueber den Zuſtand eines Wahnſinnigen nachdenken, ſprach Julius, kann ſelbſt Sinnen verwirren. Wir ſchwindeln an dieſem Abgrunde. Roſalien muͤſſen wir ihre ganze Heiterkeit, ſo viel ſie davon etwa uns zugebracht hat, laſſen, wenn wir von ihrer Erſcheinung etwas fuͤr Aliden hoffen wollen. Wir gingen zu der Matrone zuruͤck, und 59 in der That, ihre Geſellſchaft war das beſte Erheiterungsmittel fuͤr mich. Sie war gluͤck⸗ lich, ſie war heiter, faſt wie ein Kind. Von Schmerz und Krankheit faſt ganz frei, fuͤhlte ſie nur jene ſuͤße Mattigkeit, die uns langen, traumloſen Schlaf verkuͤndigt; dabei war ſie zu abgeſtumpft, um etwas zu fuͤrchten, zu wenig unterrichtet, um anders, als mit voller Selbſtzufriedenheit in ihre Vergangen⸗ heit zuruͤckzublicken, und doch noch reich genug an frohen, frommen Phantaſieen, nur wunderbar Schoͤnes zu hoffen—— Ihr Anblick hatte etwas wahrhaft Erquickendes. Jene Schreckensgeſchichten des Feuers, die uͤberhaupt einen großen Stillſtand all ihrer Kraͤfte veranlaßt zu haben ſchienen, hatten alles Nachdenken uͤber die vorhergehenden Dinge be⸗ ſchraͤnkt, und von allen jenen Geheimniſſen un⸗ ſers Zirkels ahnete ſie noch dieſen Augenblick nicht das geringſte. Sie war an jenem Tage gerettet, ſie ſahe bald die meiſten ihrer Lieben auch gerettet: dies befriedigte ſie und nie kam es ihr in den Sinn, zu fragen, wie das ge⸗ ſchehen, wie das moͤglich geweſen ſei, da ſchlech⸗ 60 terdings in dem ganzen Haufe nichts den Flam⸗ men entging, als ſie, die betaͤubte Alte, von der Hand einer treuen Magd dem Verderben entriſſen. Mich hatte ſie, wie es ſchien, mit großem Kummer vermißt: meine ehrenvolle „Wiedererſcheinung entzuͤckte ſie, und ſie nahm ſie als Unterpfand, auch Eſther wuͤrde zu einer oder der andern Zeit wieder zum Vorſchein kommen. Doch, ſagte ſie, und hob bedeutend den bleichen Zeigefinger der hagern Hand in die Hoͤhe, Eſther war nie ſo gut, als Roſalie! ſie hatte ihre heimlichen Gaͤnge— ich weiß, ſie hatte ſie! Gottes Engel wird ſie nicht ſo aus den Flammen dem Gluͤck entgegengefuͤhrt haben, wie dies ſchuldloſe Kind, das nie mich taͤuſchte. Die Ueberbleibſel ihrer Kleider auf dem zerſtoͤrten Schlafzimmer konnten auch wol die Aſche ihrer Gebeine decken! Gott, du haſt gerichtet, laß mich meine Haͤnde falten und ſchweigen!— Heiße Thraͤnen des Schmerzes, der Reue, der Beſchaͤmung troffen auf die Haͤnde der Ma⸗ trone. Ich weinte ſo heftig, als ich hier noch nicht geweint hatte. Eſthers wahrſcheinliches Schreckensende, das ich erſt hier deutlich er⸗ — 61 fuhr, und das Urtheil der getaͤuſchten Alten rechtfertigen dieſe Thraͤnen. Von Aliden wußte die Alte nicht mehr, als ich ſelbſt wußte, in mancher Ruͤckſicht noch weniger. Sie meinte, das Kind habe des Abends vor dem Feuer ſchon Fieberanfaͤlle ge⸗ habt: kein Wunder, daß ihr zarter Bau durch Schrecken und Gefahr heftig erſchuͤttert worden waͤre—— Bleich, abgezehrt, ſich nicht mehr aͤhnlich, fand ich Aliden, als man mich des andern Morgens zu ihr brachte— die lebensvolle, kraͤftigbluͤhende Jungfrau in einen Schatten verwandelt!— Sie war heiker, und ſchien mich ohne Befremden zu erkennen, ungeachtet man, eben um ihrer ſchlummernden Seele eine gewaltſame Erſchuͤtterung zu geben, ſie nicht auf meine Erſcheinung vorbereitet hatte. Dies war natuͤrlich. Eine Phantaſie, die ſo lange in den wildeſten Irrgaͤngen herumgeſchwaͤrmt war, konnte kein Bild neu oder auffallend finden. Es dauerte lange, ehe meine Begleiterin⸗ nen, Louiſe und Amalie, glaubten, daß ſie ba— mich fuͤr etwas anders hielt, als für eine ihrer Ideen; aber als ſie jetzt gewahr wurden, daß ſie voͤllig beſonnen war, als ihr ganzes Betra⸗ gen von Ruhe und Heiterkeit zeigte, da wand⸗ ten ſie ſich hinweg, um Freudenthraͤnen zu verbergen. Engel des Himmels! rief Louiſe, die mich am Ende auf die Seite zog— du bringſt ihr voͤllige Geneſung! Bleib bei ihr, wenn ſie es verlangt! laß dann die Unterhal⸗ tung mit ihr ſanft und ruhig ſeyn! vermeide alles, was ihre Phantaſie entflammen, beſon⸗ ders alles, was ſie auf die Vergangenheit zu⸗ ruͤckfuͤhren koͤnnte, und dein Umgang wird Balſam fuͤr dieſe kranke Seele werden. Da Alide wirklich mit ihrer unwiderſteh⸗ lichen Anmuth und Innigkeit bat, ihr dieſen ganzen Tag zu ſchenken und ich die Beſorg⸗ niſſe der andern immer mehr und mehr fuͤr Wahn halten mußte, ſo blieb ich gern, und die Stunden eines langen Tages verflogen mir wie Minuten. Ich fand die Freundin meines Herzens, die gewelkten Bluͤthen ihrer Schoͤnheit ausgenommen, ſo faſt ganz, wie ehemals, daß ich vor Verlangen brannte, auch den alten Ton mit 63 ihr anzunehmen und von tauſend Dingen mit ihr zu reden, die ſonſt der Inhalt unſrer ver⸗ traulichen Unterredungen waren— von ihrer Liebe zu Julius, von ihren Hoffnungen; auch von den Begebenheiten waͤhrend unſrer Tren⸗ nung wuͤnſchte ich zu ſprechen, von dem Zu⸗ ſtande, in dem wir ſchieden und in dem wir uns wiederſahen. Meine eigne Geſchichte war ſo reich an Unterhaltung fuͤr ſie: durfte ich ſie ihr ungefragt erzaͤhlen? Doch ich war gewarnt, und mein guter Engel behuͤtete mich, daß ich dieſe Warnung nicht aus der Acht ließ, unge⸗ achtet alles mir zu ſagen ſchien, daß ich es duͤrfte. 3 Alide lenkte das Geſpraͤch auf unſere ge⸗ meinſchaftlichen Studien; ſie hatte von Julius ein wenig Italieniſch gelernt, und ich war vor der Trennung hierin ihre Schuͤlerin geweſen. Sie trug Buͤcher hervor, und docirte wie ein kleiner Sprachmeiſter. Sie ſchalt, daß ich ſo zuruͤckgekommen ſei, und ich wußte allenfalls noch ſo viel, daß ich finden mußte, ſie habe erſtaunliche Fortſchritte gemacht. Dieſe liebe Sprache, ſagte ſie, iſt meine einzige Beſchaͤf⸗ 64—— tigung in meiner Einſamkeit: aber heimlich! Sie denken, es ſchadet mir. Muſik wird mir erlaubt. Komm, Roſalie, ich muß ſehn, ob du noch ſingen kannſt! Sie fuͤhrte mich zum Klavier, und— o ihr Wunder⸗Spiel! ihr himmliſches Singen! Auch hier ſand ich ſie weit vollkommner, als zuvor. In ihrer Stimme lag etwas unaus⸗ ſprechlich Ruͤhrendes, das vielleicht nur ihrem Zuſtande eigen war. Man brachte uns das Mittagsmahl, und ich konnte Amalien, die uns Geſellſchaft leiſtete, nicht bergen, daß ich glaube, ſie ſeien alle irre an unſrer Freundin. Behutſamkeit! fluͤſterte Amalie; o Behutſamkeit! wahrſcheinlich folgt auf dieſe Stille ein fuͤrchterlicher Sturm! Ich blieb auch den Nachmittag, und als man des Abends kam, mich abzuholen, ſo er⸗ klaͤrte Alide, daß ſie mich nicht von ſich laſſen wuͤrde, ſondern mich auch zur Schlafgeſellin zu haben wuͤnſchte. Louiſe erſchrak heftig, und gab mir einen Wink, mich zu weigern. War⸗ um haͤtte ich geſollt? Ich willigte ein, und Alide lohnte mir mit der zaͤrtlichſten Umarmung. Sie ſchien zu fuͤrchten, man moͤchte mich ihr rauben, und ließ mich nicht aus den Augen. Louiſe konnte kaum mir unbemerkt zufluͤſtern: Sei ohne Sorge: Alidens Maͤdchen bleibt im Nebenzimmer!— Was fuͤr Vorſichtigkeitsan⸗ ſtalten!— Mir war es faſt verdruͤßlich. Wir ſangen und ſpielten noch eine Stunde und gin⸗ gen vergnuͤgt zur Ruhe. Man hatte Aliden ſehr ſchoͤn logirt; zwei große heitre Zimmer, deren eins die Ausſicht auf den Garten hatte, fuͤhrte in ein eben ſo geraͤumiges Schlafgemach. Zwei dicht neben einander ſtehende Betten waren unſere Ruhe⸗ ſtelle. Die Thuͤren in die Nasben imnnn blieben offen: Alide verlangte das. Meine liebenswuͤrdige Schtafgeſellin hates kaum die Kiſſen beruͤhrt, als ſie in einen Schlummer ſank, der ihr faſt alle ihre Reize wiedergab, nur etwa die vorige Fuͤlle ausge⸗ nommen. Ihre Wangen bluͤhten, der ernſte Mund bekam das ehemalige Laͤcheln, und die ſanft geſchloßnen Augen waren die Augen eines Kindes, das im Traume mit Engeln ſpielt. Mit Entzuͤcken betrachtete ich ſie, und ſpaͤt erſt Selene III. Heft.— 5 66 legte ich mich, um den Schlaf zu rufen, der mich, wie es ſchien, dieſe Nacht gar nicht beſuchen wollte. Es ſchlug Mitternacht, und noch waren meine Augen offen. Das Nachtlicht war aus⸗ gegangen, aber der Schimmer des aufgehenden Mondes beleuchtete dieſes und die benachbarten Zimmer. Auf einmal war's, als hoͤrte ich in dem, das in den Garten ſah, ein kleines Ge⸗ raͤuſch, und mir ſchien es wenigſtens ein leich⸗ ter, ſich nahender Fußtritt. So leiſe er war: Alide erwachte; haſtig richtete ſie ſich auf, ohne ſich an mich, die auch ſchon horchend neben ihr ſaß, zu kehren. Koͤmmſt du? fragte ſie mit ihrer ſanften Silberſtimme„ und hef⸗ tete die großen, ſchwaͤrmeriſchen Augen auf etwas zu den Fuͤßen ihres Bettes, das ich nicht ſah. Kömmſt du, Freundin meines Her⸗ zens? liebe, ausgeſoͤhnte, himmliſche Seele? O, dein Beſuch iſt der einzige Troſt in mei⸗ nem Jammer! O decke nicht mit der Hand dies heiße, gluͤhende Herz! Oder hat es die Flamme, die ich entzuͤndete, endlich zu Aſche aufgezehrt? Wollte es Gott! dann wuͤrde auch ich frei! dann waͤr mein Vergehen ab⸗ gebuͤßt! Vergehen war es, Eſther! nicht Ver⸗ brechen!. Man denke ſich mein Entſetzen bei dieſen Worten, beſonders, da ich nicht leugnen kann — ſei es nun Spiel aufgeregter Phantaſie oder Taͤuſchung des Mondlichts geweſen— daß in dieſem Augenblick eine graue Nebelgeſtalt, der Genannten aͤhnlich, vor meinen Augen aufging und verſchwand. O Eſther! Eſther! rief Alide und breitete die Arme aus. Warum heute ſo bald? Schreckt dich Roſalie? O Roſalie! hilf mir ſie bitten, daß ſie zuruͤckkehrt!— Doch nein! Eſther, ich verſtehe dich! Noch weiß ſie nichts von dem Geheimniß! erſt eingeweiht muß ſie werden! Eingeweiht mußt du werden, meine Roſalie! Mir vergingen die Sinne. Ich wollte Huͤlfe rufen: die Stimme fehlte mir. Ich wollte das Bette verlaſſen, um die Waͤchterin zu holen: Alide hielt mich feſt— es war unmoͤglich, mich loszumachen. Welche Kraft in dieſen zarten, durch Ueberſpannung geſtaͤrkten 68 Armen!— Warum willſſt du fliehen, liebe, einzige Freundin? ſagte ſie. Fuͤrchteſt du dich vor dem, was wir einſt ſeyn werden? Oder willſt du Zeugen holen? O zu ſolchen Auftrit⸗ ten braucht man keine Zeugen! Wiſſe, dieſe Seele ward frei, auf gewaltſame Art frei, frei zur Unzeit, ach durch mein Vergehen! Siehe, noch ſteht das all ganz vor mir: ſieh, die Verabredung iſt geſchloſſen— mein Herz ſchlaͤgt Julius entgegen— es wird ſtill im Hauſe— ihr ſeid ſchon an der Gartenthuͤr — Eſther darf nicht mit— ich, an ihre Thuͤr— leiſe, leiſe den Riegel vor— dreimal ge⸗ dreht den Schluͤſſel, und mitgenommen! Sieh', nun kann, nein, nun kann ſie nicht folgen— ich lache der wohlgelungenen That— Ach, ſo lacht der Thoͤrigte, wo Gottes verborgene Gerichte drohen!— O Eſther! Eſther!— Roſalie! Roſalie! Sanft und mit dem Ausdruck kindlicher Freude hatte Alide begonnen; jetzt hatte ſich ihr ganzes Aeußere verwandelt. Aus ihren Au⸗ gen tropften einzelne Thraͤnen, und mit unge⸗ hemmter Rede, ſchnell und immer ſchneller, mit 69 einem Tone, der mir die Haare emporſtraͤubte, fuhr ſie fort: Hinweg uͤber die Freuden! hinweg! Wir nannten ſie ſchuldlos, und ſie opferten die Schweſter! Horch, horch— die Sturmglocken! ſiehſt du dort druͤben die Glut? Wehe! dort kaͤmpft die Geopferte mit den Flammen, die ieh entzuͤndete! Ließ ich nicht flammend das Licht im Nebenzimmer? Verſperrte ich ſie nicht rettungslos? Julius, Julius, fort! hin! viel⸗ leicht iſts noch moͤglich!— Hier verloren ſich ihre Worte in ein grauenvolles Murmeln; endlich ſtieß ſie einen gellenden, kreiſchenden Schrei aus, und ſank zuruͤck. Ich fuͤhlte mich los von ihren Haͤnden; ich ſtuͤrzte nach der Thuͤr des Nebenzimmers, aus welchem mir ſchon, nebſt der Waͤchterin, Louiſe und Amalie entgegen kamen. Sie hatten dieſer befohlen, ſie auf das erſte Geraͤuſch augenblicklich zu rufen.— Ach Gott! rief Louiſe, indem mich die andre halb ohnmaͤchtig in die Arme nahm — Gott! dies ließ ſich denken! Warum wag⸗ ten wir es! O Roſalie! Roſalie! du weißt nun alles! Dies ſind die Auftritte jeder Nacht, 70— nur ſelten ſo ſchrecklich. Haͤtteſt du nur ihre Ideen unterbrochen, ehe ſie volle Lebhaftigkeit erhielten! Wer konnte dir's ſagen? wir hofften ja, deine Gegenwart wuͤrde ganz das Schreck⸗ geſpenſt bannen, das alle Naͤchte vor ihrer Seele aufſteigt! Dieſe abgebrochnen Reden ſchallten wie aus tiefer Ferne in meine halbgeſchloßnen Ohren. Ich verlor jetzt alle Beſinnung. Niemand konnte bei mir bleiben, als die weinende Amalie, indeß ſich die andern mit der Un⸗ gluͤcklichen beſchaͤftigen mußten, bei welcher jetzt ganz die alte Raſerei ausgebrochen war. Man erlaube mir, den uͤbrigen Theil dieſer Schreckensnacht, und mehrere der folgenden Tage zu uͤbergehen. Das Leiden der armen Alide minderte ſich: ſie hatte wieder Stunden, in welchen es ſich ruhig und vernuͤnftig mit ihr ſprechen ließ. Bisher hatten wir den Um⸗ ſtand als Beruhigungsmittel gebraucht, daß jener Plagegeiſt, den ſie ihren Engel nannte, ſeit jener Nacht nicht wieder vor ihrer Phan⸗ taſie aufgeſtiegen war; jetzt durfte ich ſchon, aber nur ich, deutlicher mit ihr von jenen 21 Vorgaͤngen reden, durch welche ſie ſo ungluͤck⸗ lich geworden war. Ueber den Umſtand, ſie ſei die Urheberin jenes Brandes, hatte ich ſchon ihre Ideen voͤllig berichtigt. Niemand wußte ſo gut als ich, daß kein Licht in unſerm Zim⸗ mer zuruͤckblieb, denn ich war noch einmal um⸗ gekehrt, dies zu unterſuchen, als Alide eben mit dem unſeligen Einfall beſchaͤftigt war, die unbequeme Nachfolgerin auf ihrem Gemache zu verriegeln. Ueber die Sache ſelbſt und ihren grauenvollen Ausgang wußte ich nichts zu ſa⸗ gen, und von hier aus begann allemal der Kampf der Gequaͤlten von neuem. Eben begannen wir wieder Hoffnung zu faſſen, auch dieſe Leiden wuͤrden ſich in milde Ruhe aufloͤſen: da drang der Feind wieder in unſre Provinz vor, lagerte ſich vor unſern Tho⸗ ren, und das vor dem Jahre ſchon R. gedrohte Verderben brach fuͤrchterlich herein. Hinter der Theuerung, welche die immer engere Ein⸗ ſchraͤnkung der Stadt, und die Unmoͤglichkeit, Lebensmittel einzufuͤhren, nach ſich zog, ſchlichen Hunger und Seuchen einher; auf die kuͤnftige Nacht war uns ein gluͤhender Regen gedroht, 72— und alles war beſchaͤftigt, die Schrecken, die uns bevorſtanden, ſo unſchaͤdlich als moͤglich zu machen. Das Steinpflaſter ward aufgewuͤhlt, um die Wuth der Bomben zu ſchwaͤchen; uͤber⸗ all waren dem Feuer widerſtehende Materien aufgehaͤuft. Alles fluͤchtete in die Keller, um dort nicht nur der Gefahr, wo moͤglich auch dem Schreckensgetoͤs zu entgehen. Fuͤr niemand war dies noͤthiger, als fuͤr Aliden und fuͤr unſre arme Großmutter. Die Sterbeſtunde der letzten, die ſich allmaͤhlig herannahte, ſtill und ruhig zu machen, und die erſte vor Ruͤckfaͤllen zu bewahren, begruben wir uns ſo tief in die Erde, als es moͤglich war. Aber haͤtte uns auch dieſe Entfernung das, was uͤber uns vorging, unhoͤrbar machen koͤn⸗ nen, ſo kam doch Kunde genug zu uns herab; und als wir am Begraͤbnißtage unſrer ehrwuͤr⸗ digen Ahnfrau, einem heitern, ſtillen, ganz gefahrloſen Tage, vom Himmel beguͤnſtigt, uns Erholung am Grabe der nun auf ewig Befrei⸗ ten zu geben— als wir an dieſem unvergeß⸗ lichen Tage zuerſt wieder heraufſtiegen: welche Veraͤnderungen auf der Oberwelt! welche Zer⸗ — 23 ſtoͤrung! wer erkannte in dieſem Bilde noch das ſchoͤne R.. 2 was fuͤr Zeitungen von verlornen und verungluͤckten Freunden kamen uns entge⸗ gen! Als ſich der prachtloſe Leichenzug durch die mit Schutt und Truͤmmern bedeckten Straßen wand, da kamen uns hier und da Bekannte entgegen, die die, welche wir zur letzten Ruhe⸗ ſaͤtte fuͤhrten, mit ſtroͤmenden Augen gluͤcklich prieſen, und uns, ihre Begleiter, als Wieder⸗ erſtandene, als Buͤrger einer andern Welt, voll freudigen Erſtaunens in die Arme ſchloſſen.— So traf man ſich in jenen Tagen! Dieſen hatte man, als den Beſitzer eines ſtolzen Hau⸗ ſes, verlaſſen: heute fand man einen Bettler wieder! nach jenem fragte man liebend, und er war nicht mehr! nach einem andern zitterte man Erkundigung einzuziehen, und lebend und gebor⸗ gen an Leib und Gut ſtuͤrzte er in unſre Arme! Das Schickſal unſers Hauſes war bei wei⸗ tem das leidlichſte geweſen. Nur ſie, die Ru⸗ hebeduͤrftige, die Ruheverlangende, hatten wir verloren. Louiſens Gemal lebte; Julius lebte, und verſprach uns mit den Kleinen, wie die juͤngern Couſinen immer noch heißen mußten, 74 in unſerm Grabe zu beſuchen. Heraufſteigen durften wir noch nicht auf immer: uns drohten noch einige gefahrvolle Tage, dann der Abzug des Feindes, und nun erſt Friſt, wenigſtens zu einer Erholung. Wir ſchieden, und thaten, was uns befohlen war. Des andern Tages kam Poſt zu uns herab, wie einige matt eingeworfene, und im Schutt vollends ihrer Macht beraubte Kugeln durch Wiederſchlag in unſer Haus gefallen waͤ⸗ ren. Es war noͤthig, dieſe tuͤckiſchen Feinde aufzuſuchen, denen auch in der Entkraͤftung nicht zu trauen iſt. Jetzt erklaͤrten wir uns, was wir in vori⸗ ger Nacht mit Grauen gehoͤrt hatten, und die Frage war nur, wer ſich herauf wagen ſollte. Jakob, mein alter Kriegsgenoſſe, war der Ueber⸗ bringer der Botſchaft, und wir beide, mit Dingen dieſer Art ein wenig bekannter als die andern, waren auch die einzigen, die die ge⸗ fahrvolle Sendung uͤber ſich nehmen konnten.— Wir ſtiegen herauf. Ich oͤffnete, auf Ja⸗ kobs Angabe, Louiſens Putzzimmer. Zitternd that ich es und zitternd ſchaut' ich hinein. Es war von einem ſeltſamen Dampf oder Staub erfuͤllt, der uns die Unterſcheidung keines ein⸗ zigen Gegenſtandes erlaubte. Mein Begleiter wagte ſich hinein, und gab Bericht, daß auch wirklich hier kein Gegenſtand zu finden ſei. Die Verderberin, die hier ihre Wuth in ſich ſelbſt verzehrte, hatte alles in einen gleichfoͤr⸗ migen, weißgrauen Staub verwandelt: Spiegel, Geſchirr, Tiſche und andere Meubeln, alles ſchien eine einzige Maſſe, welche alles uͤberzog, Waͤnde, Decke und Boden, und die zu unter⸗ ſuchen es uns an Luſt und Kaltbluͤtigkeit fehlte. Jakob war zufrieden, nichts Schlimmeres— gefunden zu haben, und fuͤhkte mich, da noch ein gefaͤhrlicher Feind aufzuſuchen war, aus dem Vordergebaͤude, uͤber den mit Schutt und Steinen bedeckten Hinterhof, nach der ſogenann⸗ ten Brandſtaͤtte. Wir ſtiegen uͤber eine wohl⸗ erhaltene Treppe hinauf, nach dem Giebel des Hauſes, wo es an unſer ehemaliges grenzte. Hier mußte der furchtbare Gaſt ſeyn. Einer meiner Schluͤſſel oͤffnete die gezeigte Thuͤr. Ich ſah um mich her: hier war ich bekannt, dies war das ſogenannte Zimmer der Verabre⸗ 76 dung, aus welchem wir muthwilligen Kinder ſo oft zu Louiſen hinuͤber und heruͤber geſtiegen waren. Jakob, deſſen Augen indeſſen wichti⸗ gere Gegenſtaͤnde ausgeſpaͤht hatten, ſchrie ploͤtz⸗ lich laut auf, ich moͤchte um Gotteswillen flie⸗ hen; hier ſei die eingefallne Bombe, fuͤr deren Kraftloſigkeit er noch nicht zu ſtehen wage. Was ſich hier thun ließ, und was er wirk⸗ lich that, weiß ich nicht: ich entfloh, und als ich mich beſann, ſahe ich erſt, daß ich ganz zur unrechten Seite gefluͤchtet war; eine mir ganz unbekannte Thuͤr hatte mich auf eine enge, abwaͤrtsgehende Treppe gebracht, welche noch alle Spuren jenes Brandes trug. Ich half mir auf den morſchen Stufen ſo gut weiter, als ich konnte, und glaubte alle Augenblicke uͤber mir die wieder auflebende Wuth jener Feindin losbrechen zu hoͤren und hier in unver⸗ meidlichem Untergang begraben zu werden. Es ſchien, dieſes Ungluͤck hatte uns Jakobs Erfahrenheit erſpart, aber ich war darum noch nicht geborgen. Meine bei jedem Tritt den Einſturz drohende Treppe fuͤhree mich am Ende in ein kleines, von den Flammen ſehr —* er beſchaͤdigtes Zimmer, das ich mit Entſetzen fuͤr das Gemach der ungluͤcklichen Eſther erkannte. Hier Truͤmmer ihres von den Flammen verzehr⸗ ten Bettes! hier Ueberbleibſel ihrer kaum kennt⸗ lichen Kleider! Zu dem Grauen, mich hier zu befinden, geſellte ſich ſchnell die Unmoͤglichkeit, weiter zu kommen: hinab ging hier kein Weg mehr. Man mußte mir auf mein Geſchrei mit Leitern zu Huͤlfe kommen, und ſo gerettet langte ich endlich todtenbleich und athemlos bei den andern in der unterirdiſchen Wohnung an, ohne im Stande zu ſeyn, ihnen von meinen Abentheuern Nachricht zu geben. Schnell kam aber Alide auf mich zu, und mit einem großen Schreckgeſchrei fuhr ſie zuruͤck. Was iſts, rief ſie, das du um deinen Arm geſchlungen haſt? —„Dieſes ſeidne Tuch? ich fand's in der Kammer auf dem Giebel; auf dem Boden fand ich es liegen, und maſchinenmaͤßig muß ich es um den Arm geſchlagen haben.“—„Wo? wo fandſt du es?“—„In dem Winkel un⸗ ſrer kindiſchen Zuſammenkuͤnfte.“—„Gott! das iſt Eſthers roſenfarbnes Tuch! Laß mir ſie, dieſe heilige Reliquie! laß mich ſie tauſend⸗ 78 4 mal kuͤſſen! tauſendmal an mein Herz druͤcken! o ſie trug's an dem Tage, der der letzte ihres Lebens war! an ihrem ſchrecklichen, doppelten Geburtstage! es war eins unſerer Geſchenke!“ Wir zitterten alle uͤber den Zufall, der uns eine fuͤrchterliche Erneuerung aller Auftritte beſorgen ließ. Doch Alidens Empfindungen loͤßten ſich in Thraͤnen auf: dies ließ uns hof⸗ fen.— Jetzt trat Jakob herein. Er erzaͤhlte uns umſtaͤndlicher, Urſach und Art von Gefahr und Rettung; auch Eſthers Tuch, das er mich voll Entſetzen dicht neben dem Gegenſtande unſerer Furcht, der ſchlummernden Bombe, hatte aufheben ſehen, kam an die Reihe. Alſo wirklich, ſagte Julius, der die Kleinen eben zu uns gebracht hatte; wirklich fand ſie es in jenem, zu dieſem Hauſe gehoͤrigen Zim⸗ mer?—„ Nicht anders.“—„Und wie kamen Sie aus demſelben in das niederge⸗ brannte Haus der Großmutter?⸗ ſagte er, ſich zu mir wendend.„ Durch eine mir ganz unbekannte Treppe, die in Eſthers Zimmer fuͤhrte.—„Unmoͤglich! rief Amalie; waͤr eine ſolche Treppe vorhanden geweſen, ſo haͤtte —— 79 ich nicht ſo oft mit Lebensgefahr uͤber das Gelaͤnder ſteigen muͤſſen, eure Botſchaften hin und her zu tragen.“—„Kinder, ſagte Louiſens Gemal, dieſes ſind Dinge, die wir in ruhigen Stunden naͤher unterſuchen muͤſſen. Mir daͤmmert hier ein Licht, das Aliden voͤl⸗ lige Beruhigung geben koͤnnte. Hatte Eſthers Zimmer dieſen heimlichen Ausweg, ſo war ſie durch Alidens Riegel nicht fuͤr alle Rettung verſperrt: ſie konnte entkommen, ſie entkam vielleicht— wenigſtens iſt dieſes Tuch, dem man keine Beſchaͤdigung vom Brand anſehen kann, eine ſehr ſonderbare Erſcheinung; wir alle wiſſen, daß ſie es am Tage des Ungluͤcks erſt von Louiſen erhalten hatte.—— Die Zeiten waren nicht darnach, uns laͤn⸗ ger mit dieſen Gruͤbeleien aufzuhalten. Tage, Wochen des Schreckens folgten noch auf die zu fruͤh gehoffte Ruhe. Aber als in der Folge gluͤcklichere Zeiten anbrachen, als wir die zer⸗ ſtoͤrte Stadt zwar etwas aͤrmer, aber froh und ruhig wie vormals, verließen: da dachten wir der Kunde, die wir noch zuvor einzuziehen hatten. Wir alle, ſelbſt Aliden nicht ausge⸗ 80 nommen, beſuchten jenen grauenvollen Winkel, und es gelang uns hier, mit Zuziehung des roſenfarbnen Tuches, das ſie nie von ſich ließ, ihr aus der Lage des Orts Dinge einzureden, die— die wir freilich ſelbſt nur halb glaub⸗ ten, die aber ihre Wirkung auf dieſes kranke Gemuͤth nicht verfehlten. Ich ging bald darauf mit Amalien und den Kleinen nach dem Gute meines verſtorbe⸗ nen Gemals, wo uns ſein edler Bruder mit Entzuͤcken aufnahm, und man lieſet vielleicht nicht ohne alle Theilnahme, daß wir bei einem Beſuche, den wir in der Folge bei Louiſen abſtatteten, Aliden als die gluͤckliche, ganz ge⸗ heilte Gattin ihres Julius fanden. Keine Spur ehemaliger Phantaſieen: aber auch leider nie eine Spur, ob jene Ungluͤckliche wirklich gerettet worden war, oder ob wir unſre Freundin mit einer heilſamen Moͤglichkeit getaͤuſcht hatten.— Schlummere, du grauenvollſte aller Erinnerun⸗ gen, bei dem Heer zahlloſer Wir ſel die jener Tag 1) loͤſen hat! 1 Murterbangen nach Hugo. Ach Hugo, mein Hugo, wie ſchlaͤfſt du ſo lange? Du warſt mir ja immer, ach immer ſo wach! Iſt dir denn, mein Kuͤchlein, nach Mutter'n nicht bange? Sonſt, wenn ich mich wende, Breitſt du die Haͤnde Und blickſt mit den braunen, ernſtfreundlichen Aeug⸗ lein mir nach! — Ich ſchalt dich dann Quaͤler, als ob ich dir zuͤrne— Ach ſchlummre doch, Lieber! ſchlaf, Hugo, mir doch! So bat h dich weinend, lag Stirn dir an Stirne;; Kaum wollt' es gelingen, 1 Dich einzuſingen. Jetzt lehn ich mich ſhmerzlich: Quaͤl', lieblicher Qualer, mich noch! Selene“ III. Heft. 6 8² Erwache, du Holder! Willſt ſchlummernd noch liegen? Gefaͤllt dir dein liebſtes Ruhſtaͤttchen nicht mehr? Du ließeſt ſo gern mich im Schooße dich wiegen: Bett' hieher doch wieder Die zarten Glieder— Kalt iſt ja dein Sandbett, die Decke von Raſen ſo ſchwer. Es ſchlaͤft ſich im kuͤhlen Sandbettchen wol ſuͤßer? Drum bett' ich mich beſſer, mein Liebling, zu dir. Man iſt hier der ſtorloſen Ruhe gewiſſer: Kein ſchmerzliches Sehnen, Nicht heiße Thraͤnen Erwecken dich— Theile, wie ſonſt ich, dein Bett⸗ chen mit mir! Ich waͤhne, du koͤnneſt die Mutter nicht miſſen, Und ziehſt mit allmaͤchtiger Liebe mich nach; Du biſt mir, ach! wie aus dem Herzen geriſſen— Mich widert die Freude, Ich leb' im Leide— Was fuͤllet die Luͤcke im Leben, die Hugo mir brach?—— 83 Bald find' ich dich wieder! dieß fuͤllet die Luͤcke! Hier liegt nur dein erſteres Kindergewand. Schon ſeh' ich deine verlichteten Blicke, Die dort mich begruͤßen, Alles verſuͤßen, Was Bittres um dich nur jemals die Mutter empfand.— Nun pflegt mir ihn, Schweſtern, du theure Jeannette, Und freundliche Lina du, pfleget mir ihn! Vollendete Vaͤter, an heiliger Staͤtte, Lehrt ſel'ge Geſchaͤfte,— Uebt ſeine Kraͤfte, 4 Die Jeſus dem Enkel fuͤrs ewige Leben verliehn! Er, gut, unausſprechlich weit uͤber das Alles, Was gut noch hienieden, gut droben noch heißt, Er nahm ihn hinweg aus dem Lande des Falles, Giebt himmliſche Glieder Dem Liebling wieder, Damit auch der Leib in vollkommener Schoͤnheit ihn preißt. 84 Er nahm ihn, damit ich— nicht ich ihn verlore; Die Schwachheit der Klage verzeiht er mir gern, Und weihet ſich auch meine Thräaͤnen zur Ehre. Sprich, ſchmerzliches Sehnen, Wie Freudenthraͤnen Einſt ſprechen es werden: Gelobt ſei der Name des Herrn! Madelon Sch—. Attila und die Azimunter. Hiſtoriſche Anekdote. Den beſten Staat, wie die beſte Frau, er⸗ kennt man, nach dem bekannten Diſtichon, daran, daß man von beiden nicht ſpricht. Fuͤr den erſten Theil der Behauptung geben die Einwohner der kleinen Thraciſchen Stadt Azi⸗ mus, an der Illyriſchen Grenze, einen glaͤn⸗ zenden Beweis. Die Geſchichte nennt ihren Namen nur Einmal, und die Welt erfaͤhrt ihr Daſeyn nur in der Nachricht von ihrem bewundernswerthen Muth, der ſie uͤber alle Staͤdte ihrer Zeit hoch erhob und ihrem Na⸗ men ewigen Ruhm ſichert. Attila hatte mit ſeinem ungeheuren und ſiegreichen Heer ſchon die roͤmiſchen Grenzfeſtun⸗ gen in Illyrien erobert, viele der volkreichſten und bluͤhendſten Staͤdte von Grund aus zer⸗ ſtoͤrt, und die Laͤnder vom ſchwarzen Meer an, 86 bis an das Adriatiſche Meer verwuͤſtet und mit ſeinen Hunnen uͤberſchwemmt, als Kaiſer Theodoſius der Zweite noch ruhig zu Konſtan⸗ tinopel unter Andachtuͤbungen und Vergnuͤgen lebte, ohne den traurigen Zuſtand ſeines Reichs zu ahnden oder auf Vertheidigung gegen den unaufhaltſam vorwaͤrts dringenden Feind zu denken. Aufgeſchreckt endlich durch die laut werdenden Beſorgniſſe der Einwohner in der Reſidenz und durch die furchtbaren Nachrichten von den Verwuͤſtungen der Barbaren, die ſich nicht mehr dem Kaiſer verbergen ließen, zog er aus den entlegenſten Theilen ſeines Reichs eine Macht zuſammen, der Macht Attila's gleich, und faͤhig, dem vordringenden Feind die Spitze zu bieten. Stolz auf den alten Ruhm roͤmiſcher Waffen ruͤckte die Armee unter drei Anfuͤhrern gegen Attila aus. Die Feld⸗ herren trotzten auf die bewaͤhrte Kriegskunſt des unuͤberwundenen Caͤſar, die Soldaten auf ihre Menge und die ſeit Jahrhunderten be⸗ ruͤhmte roͤmiſche Diſeiplin. Allein der roͤmiſche Name hatte den roͤmiſchen Geiſt uͤberlebt. Attila vernichtete in drei Schlachten das große 87 roͤmiſche Heer, deſſen Feldherren des Befehlens ſo ungewohnt waren, als die Soldaten des Gehorchens, und zog, Verwuͤſtung uͤberall ver⸗ breitend, gegen Konſtantinopel. Siebzig Staͤdte des morgenlaͤndiſchen Kaiſerthums wurden der Erde gleich gemacht. Brand und Blut be⸗ zeichnete uͤberall den Weg des Siegers, und die aufſteigenden Flammen leuchteten bald mit ihrem fuͤrchterlichen Schein bis in die Straßen der kaiſerlichen Neſidenz. Konſtantinopel war durch unbezwingliche Mauern beſchuͤtzt und bot dem kaiſerlichen Hof einen ſichern Aufenthalt, allein auch die Natur ſchien an dem großen Ereighiſſe der Zeit mit⸗ wirken zu wollen. Ein gewaltiges Erdbeben vermehrte die Schrecken in der Kaiſerſtadt. Ganze Landſtrecken verſanken, das Meer entriß ſich ſeinen Ufern, Berge ſruͤrzten zuſammen. Konſtantinopel litt mehr, als die andern, weni⸗ ger feſten Staͤdte; acht und funfzig Mauer⸗ thuͤrme fielen durch die Gewalt des Erdſtoßes, und die Oeffnung der Mauer haͤtte einem ſie⸗ genden Heere ohne Widerſtand freien Einzug geboten. Man eilte zwar, die Feſtungswerke 88—— herzuſtellen, aber den Lehrern der Kirche galt dieſes Ungluͤck als Zeichen des zuͤrnenden Him⸗ mels, welcher beſchloſſen habe, die Stadt in die Haͤnde fremdſprechender, abgoͤttiſcher Bar⸗ barn zu geben. Das Volk verlor den Muth. Theodoſius, verlaſſen von fremder Huͤlfe, wel⸗ che die ſelbſtſuͤchtige Politik des abendlaͤndiſchen Kaiſerthums verſagte, und zu unkriegeriſch, um ein neues Heer aus ſeinen weiten Staaten zu ſammeln und dem Feind entgegen zu gehen, entſchloß ſich zu einem demuͤthigenden Frieden mit Attila. Seine Bedingungen waren: Ueber⸗ gabe eines langen, funfzehn Tagereiſen brei⸗ ten Stuͤck Landes an der Donau; Aus⸗ zahlung von ſechstauſend Pfund Goldes als Erſatz der Kriegskoſten; Erhoͤhung des bis⸗ herigen jaͤhrlichen Tributs von ſiebenhundert Pfund Gold auf zweitauſend Pfund z unentgeld⸗ liche Zuruͤckgabe aller gefangenen Hunnen, Los⸗ kaufung aller roͤmiſchen Gefangenen um den Preis von zwoͤlf Goldſtuͤcken fuͤr den Kopf, und Auslieferung aller hunniſchen Fluͤchtlinge und Ueberlaͤufer, ohne Hoffnung auf Begna⸗ digung. 89 Leichter waren dieſe Bedingungen zugeſtan⸗ den, als erfuͤllt. Die Abgaben, durch welche Attila's Forderung befriedigt werden konnte, gingen ſparſam ein, und auf dem langen Weg, aus der Hand des Gebers, bis in die Kaſſe des letzten Empfaͤngers, ging der groͤßte Theil der Summen verloren. Ungeheure Erpreſſun⸗ gen druͤckten daher das, durch den Reichthum der Guͤnſtlinge verarmte Land, und die urvaͤ⸗ terliche Pracht alter Familien, der glaͤnzende Schmuck der Frauen und das Beduͤrfniß der Armen, wurde oͤffentlich verkauft, um die For⸗ derung des Ueberwinders zu befriedigen und dem ſchwachen Kaiſer Thron und Schaͤtze zu erhalten. Druͤckender noch war die Ausliefe⸗ rung der Ueberlaͤufer, welchen man Schutz ver⸗ ſprochen hatte, ohne ſie jetzt vor dem marter⸗ vollen Schickſale, das ihrer bei Attila wartete, anders, als durch zuvorkommenden Tod, ſchuͤtzen zu koͤnnen. nnt Das ganze Reich litt unter dieſer allge⸗ meinen Noth. Die einzige Stadt Azimus verweigerte ihre Theilnahme an dem ſchimpf⸗ lichen Frieden, wie an ſeinen Bedingungen. 90 Seit dem Einfall der Hunnen hatte dieſe Stadt, ohne auswaͤrtige Huͤlfe, bloß durch tapfere Entſchloſſenheit ihrer Einwohner, der Verheerung des Feindes widerſtanden. Waͤh⸗ rend die andern illyriſchen Feſtungen die An⸗ naͤherung des Feindes, in traͤger Ruhe auf des Kaiſers Armeen hoffend, erwarteten, fielen die muthigen Azimunter aus ihrer Feſtung aus, und der, durch ſchnelle Tapferkeit und kluge Gewandheit uͤberraſchte Feind, mußte jedesmal der kleinern Zahl mit großem Verluſt weichen. Der Muth lockte die Muthigen in die Stadt, und den Verluſt im Gefecht erſetzten bald die Bewunderer des Siegs. So ward Azimus den Hunnen furchtbar, und die große Kaiſer⸗ ſtadt der kleinen Grenzfeſtung entbehrlich. Nach geſchloſſenem Frieden forderte Theodo⸗ ſius von Azimus den Beitrag an Geld, und Attila die Auslieferung der Ueberlaͤufer und Gefangenen. Beides verweigerten die Azimun⸗ ter, ihr Recht zur Verweigerung durch kraͤftige Ausfaͤlle auf die Hunnen beweiſend, die noch immer die Stadt eingeſchloſſen hielten. Ent⸗ ruͤſtet uͤber den Widerſtand einer unbedeutenden 91 Stadt, und muͤde gegen ſie in unruͤhmlichem Kampfe zu ſtreiten, drohte Attila dem Theo⸗ doſius mit neuem Krieg, dafern er die Empoͤrer in Azimus nicht zu ihrer Schuldigkeit anhalten wuͤrde. Der tiefgeſunkene Kaiſer ſah ſich daher genoͤthigt, Abgeſandte an die Azimunter zu ſchicken und dieſen, ſeinen eignen Unterthanen, die Unterwerfung unter den Willen des Feindes anzubefehlen. Anatolius berief im Namen des Kaiſers die Buͤrger. Wie mögt ihr es wagen, unbeſonnene Aufruͤhrer, redete er ſie an, in dieſer Zeit ungeheurer Drangſale, die Noth zu vergroͤßern, unter welcher das Reich leidet, und das Gemuͤth eures Beherrſchers mit neuen Sorgen und neuer Betruͤbniß zu erfuͤl⸗ len? Mit welchem Recht entzieht ihr, Unter⸗ thanen, euch dem Willen und Beſchluß eures Kaiſers, den Frieden nicht erfuͤllend, durch wel⸗ chen ſeine Weisheit euch, wie ſein ganzes be⸗ drohetes Reich, vor den verheerenden Folgen des Krieges ſchuͤtzte, indem ſie aus dem ſiegreichen Feind und Ueberwinder einen maͤchtigen Freund und Bundesgenoſſen ſich erwarb? Euer Wider⸗ ſtand beleidigt die Majeſtaͤt des Kaiſers, eures 9² Herrſchers, und reizt den gerechten Zorn des Koͤnigs der Hunnen, eures Ueberwinders; von jenem habt ihr die Strafe des Geſetzes, von dieſem die Rache nach dem Recht des Siegers zu erwarten. Tollkuͤhnheit, nicht Tapferkeit iſt es, wenn ihr allein gegen die zahlloſen Heere der Feinde einen unnuͤtzen Kampf beginnt; Em⸗ poͤrung iſt es, nicht Vertheidigung, wenn ihr, nach hergeſtelltem Frieden, die Waffen gegen ein Volk erhebt, deſſen Koͤnig mit eurem Herrn Freundſchaftsbund und Frieden geſchloſſen hat. Wendet euch daher, ihr Buͤrger von Azimus, zu eurer Pflicht, eurem Herrn als treue Unter⸗ thanen gehorchend, und die Bedingungen des Friedens nach eurem Antheil willig und ſchnell erfuͤlend. Hoffet dann bei thaͤtig bezeugter Reue die Verſchonung des ſiegreichen Helden, und des Kaiſers eigenſte Verwendung bei ihm fuͤr eure Sache und ſeine Verzeihung. Die Azimunter hörten Anatolius Vor⸗ trag mit der Ehrerbietung an, welche einem Abgeſandten ihres Kaiſers gebuͤhrte. Dann antwortete einer aus ihren Aelteſten: Hoͤre uns nun auch, Bote des großen Kaiſers, denn, 9³ weil du uns tadelſt, ſo gebuͤhrt uns die Recht⸗ fertigung, und weil du forderſt, was wir nicht erfuͤllen koͤnnen, die Widerlegung. Du begruͤßeſt uns, Thraker, als Unterthanen des Kaiſers vom Orient. Wirf deine Blicke auf das Thraciſche Land und ſuche, außer Azimus, eine Stadt, in welcher es dir vergoͤnnt iſt, zu Buͤrgern und Unterthanen deines Kaiſers zu ſprechen; ſuche die Kette von feſten Schloͤſſern, welche Illy⸗ riens Grenze beſchuͤtzten; und wenn du keine Spur von ihr aus der Verwuͤſtung herausfin⸗ deſt: weſſen Werk iſt es, daß du hier in ſichern Mauern auf deines Kaiſers Eigenthum ſtehen und Tadelworte an uns richten darfſt? Koͤnnteſt du den Kaiſer noch Gebieter von Azi⸗ mus nennen, haͤtte Azimus ihm nicht ſelbſt dieſes Gebiet gegen die Angriffe der Barbarn erhalten? Schilt alſo unſern Widerſtand nicht Empoͤrung, denn nur durch jenen blieb Theo⸗ doſius unſer Kaiſer; wir empoͤren uns aber nicht gegen den Herren, deſſen Herrſchaft wir uns erhalten, erkaͤmpfen und vertheidigen. Eben ſo wenig nenne unſern, nicht unterſtuͤtzten Kampf tollkuͤhn. Seit dem erſten Einfall der Bar⸗ 94 barn ſtanden wir, verlaſſen von jeder Huͤlfe, allein gegen den gemeinſchaftlichen Feind; daß wir aber nicht erfolglos den Kampf beſtanden, bekennt, ruͤhmlicher als unſer Wort, deine Ge⸗ ſandſchaft an uns. Uns war der Feind au Zahl uͤberlegen, aber nicht an Macht, und noch jetzt, in unſerer kleinen Schaar, lebt unbe⸗ ſiegt von den Barbarn das Reich des Orients. Vernichte daher nicht ſelbſt, indem du uns dem Feind zu unterwerfen unternimmſt, deinem Kaiſer das Recht auf den Namen des Unuͤber⸗ windlichen; von uns aber erwarte nicht, daß wir, unbeſiegte, dem Frieden eurer beſiegten Heere beiſtimmen und ſeine Bedingungen er⸗ fuͤllen ſollen. Allein haben wir geſtritten, allein werden wir auch den Streit enden; wir theil⸗ ten eure Waffen nicht, ſo koͤnnen wir auch nicht euren Frieden theilen. Unerhoͤrt waͤre es aber, wenn die Sieger um Frieden bitten woll⸗ ten. Im Kampf nur ſind wir die Erſten und eiferſuͤchtig auf den Vortritt; den Anfang der Friedensunterhandlung uͤberlaſſen wir dem Feind. Attila kennt unſer Schwert: wir werden ihm, wuͤnſcht er es, auch das Wort nicht verſagen. 95 So ſprachen die Azimunter, und Anatolius brachte ſorgenerfuͤllt dieſe Botſchaft zu dem Kaiſer und zu dem gefuͤrchteten Helden. Attila erſtaunte, aber ſeine Entruͤſtung wich bald der Bewunderung. Er entſchloß ſich, mit den muthigen Einwohnern von Azimus ſelbſt in Friedensunterhandlungen zu treten, und dieſe forderten als Bedingung gegenſeitiger Einſtel⸗ lung aller Feindſeligkeiten nichts, als die Zu⸗ ruͤckgabe zweier der Stadt gehoͤrigen Hirten, welche die Hunnen zugleich mit ihren Heerden geraubt hatten. Attila bewilligte dieſe, und forderte dagegen die Auswechſelung der von den Azimuntern gefangenen Hunnen. Doch wenig fehlte, daß der Krieg von neuem aus⸗ gebrochen waͤre, denn auf beiden Seiten be⸗ hauptete man, die Gefangenen ſeien nicht mehr vorhanden. Muͤde des Streites mit der ein⸗ zelnen Stadt trat Attila in die Verſammlung der Buͤrger. Maͤnner von Azimus, redete er ſie an, ihr kennt Attila's Macht, euren Muth habt ihr meinem Volk und mir bewieſen. Ihr koͤnnt dem Feind widerſtehn, aber nicht ihn vernichten; ich kann euch verheeren, aber nicht 96 beſtegen. Laßt uns daher, die wir den Frieden wollen muͤſſen, nicht um die Bedingungen uns entzweien. Ihr fordert eure Hirten: ſie ſind geſucht, aber nicht gefunden. Sendet Abge⸗ ordnete, ſie zu ſuchen, ſelbſt in mein Lager, und uͤberzeugt euch von der Wahrheit meiner Rede! Dann gebt mir eure Gefangenen aus meinem Volke zuruͤck. Wollt ihr aber, ſtolz auf das Gluͤck eurer Waffen, meinen gebotenen Frieden verſchmaͤhn, ſo hofft nicht, daß Attila, der des Kriegsgottes Schwert fuͤhrt, ſeinen Arm zu ſchwach fuͤhle, euch zu vertilgen.— Die Azimunter antworteten ihm ſchnell mit beſon⸗ nener Entſchloſſenheit: Wir entziehn uns, o Attila, deinem Frieden nicht, auch wuͤrden wir die Gefangenen deines Volks dir nicht vorent⸗ halten, waͤren ſie ſelbſt noch lebendig unter uns. Allein mißtrauend jedem Feind, haben wir die Gewohnheit, alle Gefangene und Fluͤcht⸗ linge zu toͤdten. Ein gleiches widerfuhr den Maͤnnern, welche du von uns forderſt. Doch verlangen wir nicht, daß du unſerm Wort glaubeſt, auch trauen wir dem deinen nicht. Denn wir ſind Feinde und kaͤmpfen billig 9² gegen einander mit Gewalt oder Liſt. Aber der Goͤtter Freundſchaft ſuchen wir Beide und ſcheuen uns, ſie mit Betrug zu taͤuſchen, ob es uns auch Nutzen ſchaffte. Darum ſchwoͤre du uns bei deinen Goͤttern, daß du wahres Wort geſprochen haſt, ſo glauben wir dir, und ſichern dir unſer Wort gleicherweiſe mit den uns hei⸗ ligen Eiden. Die Eide wurden nun gewechſelt. Die Azimunter fuͤhrten dem Attila zwei aufgefundne Hunnen aus ihrer Gefangenſchaft zu, und von dem ſtolzen Hunnenkoͤnig geachtet, ſtand Azimus frei und unverſehrt allein in dem weiten Felde der Verwuͤſtung. (Wird fortgeſetzt.) Selene III. Heft. 7 98— Das Schiff und der Meergeiſt. Es ging ein Schifflein uͤber's Meer. Wo gehſt du kleines Schifflein hin? Was treibt dich fuͤr ein kuͤhner Sinn vom fernen Vaterlande her? „» Will ſchaun wie man hier außen lebt 3 wird mir zu eng die Felſenbucht, wo jeder duͤrftig Nahrung ſucht und aͤngſtlich an der Huͤtte klebt.⸗ Hier außen, Schiff, da brauſt der Wind, die weite Flut iſt Fruchte⸗leer, und weiter unten, tief im Meer, des Meeres Ungeheuer ſind. „ Die Ungeheuer fuͤrcht' ich nicht, das Meer traͤgt willig meine Laſt, der Wind mich treibt in muntrer Haſt und luſtig mit den Segeln ſpricht.⸗ 99 Der Wind treibt dich zum fernen Land, den unbekannten Klippen zu; du fliehſt des heim'ſchen Hafens Ruh, zu ſcheitern dort am wilden Strand. „Und komm' ich auch zu ſcheitern dort, zu Hauſe daͤucht mir's nimmer gut; mich treibt's zu eilen durch die Flut, ſei's hin zur Klippe, ſei's zum Port.⸗ 100—— Tr o ſt. 1 4 Sprich, was ſoll das bange Klagen uͤber Leiden, die dich druͤcken? Mag verzweiflungsvolles Zagen deine Leiden dir entruͤcken? Dulde muthig, trage ſchweigend, ſo wird dir die Kraft ſich ſtaͤhlen, und das Gluͤck, ſich zu dir neigend, wird der Kraft ſich gern vermaͤhlen. Sieh, gefeſſelt an die Erde ſteht des Winters Raub, die Pflanze, duldend jegliche Beſchwerde. Doch zum friſchen Jugendglanze weckt der warme Mai ſie wieder, denn der Winter gab ihr Kraͤfte. Froh treibt ſie nun auf und nieder neues Leben, neue Saͤfte. H— h. 7 Enp i ſtel.*) Tadel erſinnt leicht Jeder und prediget; doch in des Uebels Grund eindringen, und bannen das Schaͤdliche, . Wenigen gluͤckt es. So auch meinſt du, o Freund, anklagen der ſchauenden Menge unregſames Gemuͤth, ſey leichtes Geſchaͤft, die Erſtarrung loͤſen, den truͤberen Sinn aufhellen, erfordre Bemuͤhung, nimmerbelohnte, verſpottete gar. Schlecht kennt die Geſinnung buͤhnebeſuchendes Volks, wer zu lehren es meint unnd zu meiſtern. „Zahl' ich doch die Gebuͤhr, die geforderte, we⸗ gen des Eintritts, *) Vergl. die Epiſtel zu Anfang des zweiten Stuͤcks dieſes Journals. Selene IV. Heft. I 2 2[—C—U tadeln mag ich es auch, mißfällt das bezahlete Werk mir.“ Alſo des Sinns Rohheit.„Ich ſuche die Luſt, und es langweilt mich das gedehnt hochtragiſche Werk, entgegnet der Luͤſtling. „Von den Geſchaͤften des Tags, den ermattenden, ſuch' ich am Abend ſuͤß abſpannende Nuh ſchier ſchwindelndem Haupt zur Erquickung,“ gaͤhnt, ſchwerfaͤllig im ſeufzenden Stuhl aus⸗ ruhnd, der Geſchaͤftsmann. So von der Buͤhne begehrt nur Jeder das eigne Beduͤrfniß, eigenes Sinnes Geluͤſt, kein einziger folgt der Belehrung. Wie du geſprochen, ſo iſts, doch weil nichts frommt die Vermahnung, mußt du deswegen im Mund einſchließen die gol⸗ denen Worte? Schaue dich um, wie lebet das Volk? Scheint ihnen das Leben nicht bloß Karnevalzeit vor des Tods truͤbnahen⸗ der Faſtnacht? — anders deuten ſie nimmer die Pflicht der em⸗ pfohlnen Bereitung— Wollten darum die Verſtaͤndigen gleich von der Lehre ſich abziehn, —˖—— 3 d 9ϑo laͤngſt ja ſtaͤnden um uns Lehrſtuͤhle veroͤdet und Kanzeln, Akademieen zur Schmach und zur Schande der kirchlichen Ordnung. Aber ſie hoffen von beſſerer Zeit, was der ſchlech⸗ teren mislang. Ziehet das Licht den erfreuenden Stral doch nicht von der Welt ab, ruͤhret er gleich Anfangs kalt ſtarrendes Eis, und empfaͤngt ihn ſpaͤter das anmuthloſe Geſicht aufthauender Land⸗ flur. Stillfortwaͤrmend erzeuget er bald des bekraͤnzeten Fruͤhlings holdauflaͤchelndes Bild, es erſcheint ſchneefarben das Gloͤcklein, oft Froſtſturmen zum Raub, doch Bote der ſiegen⸗ den Sonne, bis allfarbiger Glanz einſtralt in des Waldes Tri⸗ umflied, und weißprangend in jeglichem Wipfel die Fahne des Siegs weht. 3 So auch— duldet das kleinere Werk mit großem Vergleichung— mag das verlorene Wort ausſtroͤmen; verlach' es die Menge,. oder entgegne ſie gar anmuthentbloͤßte Geſin⸗ nung. 4—— Beſſert es nicht, doch zeiget es an, daß vor dem Theater weniger nicht unziemliches wohnt als hinter dem Vorhang. Bring' ein freies Gemuͤth zu der Buͤhne, der Sorgen Beſchwerung ſtoͤrt den Genuß. Es verkennt ja den Wein, den gewaͤhlteſten, oftmals, ward ſie von herberem Safte geſtumpft, die ge⸗ taͤuſchete Zunge. So das Gemuͤth. Starr bleibt das Bekümmerte jeder Beruͤhrung, ſchauend allein, in verſchloſſener Oede der Bruſt, die Betruͤbniß. Willſt du jedoch mit der Kunſt gottgleicher Gewalt die Verbannung wirken des laͤſtigen Grams, gieb muthgem Be⸗ ſchluß die Erfuͤllung, ſelbſt angreifend im Streit; dem Beginnenden helfen die Goͤtter, doch mislingt der Verſuch, nicht tadle darum das . Verſuchte. Trauer allein nicht ſtoͤrt den Genuß, auch fro⸗ her Entzuͤckung herzburchfennende Luſt. Dir, Gluͤcklichen, gluͤhet die Wange hoch von dem Erſtlingskuß der Geliebteſten. Blei⸗ be vom Schauſpiel! 5 Himmliſches Gluͤck ſchon gab dir ein Gott; was die Seele des Dichters ahndend ſchauet im Geiſt, das erlebteſt du ſelbſt. Zu der Wahrheit fordre mit ungnuͤgſamen Gemuͤth nicht ſchimmern⸗ de Taͤuſchung! Oder dafern ruhlos dich umher treibt maͤchtige Wonne, kalt dich duͤnket der Buſen des Freunds, und am naͤchtlichen Himmel wehrt, in die Flur, den befluͤgelten Schritt, ſtern⸗ huͤllender Schneeſturm, nahe dem leicht hinſchwebenden Spiel; ſchnell rauſcht es voruͤber, ſtoͤret den Traum, den begluͤckenden, nicht, und oererweckt es gewaltig; warlich, es lohnt den Erwachenden dann, und erſetzt den Verluſt ihm. Doch wenn ſuͤßer die Zeit hinſchwand in dem Traum, mit dem Tadel nimmer beſchauetes Spiels entheilige icht das Empfundne. Gluͤcklich waͤre der Buͤhne Geſchick, afuhei die Luſt nur, oder des Leids ſtilltraurender Gram den verdiene⸗ ten Beifall. Trauer und Luſt ausſenden die Himmliſchen, aber im niedren 6 Kreiſe gezeugt, ſtoͤrt öfters ein anderer Feind die Beſchauung. Viel, unzaͤhlige faſt, umſchweben das Volk in 1 dem Schauſpiel, gleich Daͤmoten der Nacht aufregend im Sinn die Verwirrung. Welcher vermoͤchte zu zaͤhlen die feindlichen? Ei⸗ nige nenn' ich. Fuͤhre den Reihn, du bejahrte Matrone, ge⸗ feierte Kritik! goͤttlicher Mutter entartetes Kind, der geheiligten Wahrheit. Vormals ſprach, was die Mutter gelehrt, dein kindlicher Mund aus, und gern; lauſchte der Genius dir, wie das Auge der Jungfrau ſelbſt ſternklar, aufblicket mit Luſt zu dem himmli⸗ unr ſchen Sternglanz. Doch⸗ dich, glaͤnzendem Ruhm nachbuhlende, lockte Gefallſucht bald in die Schule der ſtarren Manier und der flatternden Mode, bis du, geſchwaͤtzig und jeglichem feil, in die ſchmaͤhliche Knechtſchaft ſankſt, unruͤhmlichem Sinn zu beſtehn unredliche Kaͤmpfe. 3 Dir folgt, nimmer getrennt, bleichfarbiger Neid, und die Misgunſt, & C ſcheelausblickendes Augs, mit ſchadenbelachender Rachſucht, feigheimtuͤckiſcher Groll, und flammendes Blicks Parteigeiſt. Schlau das gehaͤſſige Bild dem betrachtenden Volke verbergend, dingen die Larven von dir das Geſicht und die blendenden Worte. Manche bethoͤrt die erborgte Geſtalt und der beſ⸗ ſern Empfindung blod mistrauend, ertauſchen ſie Dunſt und des Sinnes Verkehrtheit. Doch den Verſtuͤndigen taͤuſchet ſie nicht, wohl kennt er die Geiſter: Urtheil pruͤft er am Werk, nicht pruft er das Werk an dem Urtheil. Weiter bewohnet das Haus vornehm nachlaͤſ⸗ ſige Neugier. Gern auswaͤhlet ſie ſich den geſuchteren Platz, wo den Umkreis weit durchſchauet das Aug und das Volk hinſtaunt in Bewundrung. Nicht an dem Spiele den Geiſt zu erfreun umſitt ſie die Buͤhne. Spaͤt ankommend, in weitem Bezirk mit künſtli⸗ chem Hohlglaß rings ausſpaͤhnd in der Schaar die Bekannteren, oder den Fremdling, 8— ſendet ſie kaum halbſtreifenden Blick zu der Welt ddes Theaters, wenn in dem Reiz prachtvolles Gewands ſich erhe⸗ bet die Schoͤnheit, oder dem glutaufflammenden Grund entſteiget ein Nachtgeiſt. Paſſender waͤhlte ſie wohl in dem bunten Gewuͤht der Verſammlung bei dem geſelligen Thee und dem Tanz anſtaͤndi⸗ gen Wohnſitz doch nicht ſtoͤrt ſie den fremden Genuß, mißt gleich ſie den eignen. Herriſcher ſtets blickt dienendes Volk als hohe Gebieter, derb auftragend in grelleſtem Tuͤnch, nachaͤfft es die Herrſchaft. So das Gefolge der weitumblickenden laͤſſigen Neugier. 4 Traͤg ausſtrecket die Glieder im Sitz mismuthige Schlaffheit, ſich mit erkuͤnſteltem Schein aufſchmuͤckend erſaͤt⸗ tigter Wuͤnſche. Nimmer zufrieden entladet die Bruſt großprah⸗ lende Flachheit, ruͤhmt der bereiſeten Staͤdte Gepraͤng, und erzaͤh⸗ let des Auslands Sitten, erzuͤrnt dem verfehleten Bild auf heimi⸗ ſcher Buͤhne. 9 Laͤchelnde Blicke dem muͤßigen Spiel ſchenkt ſchwache Beſchraͤnktheit, mild nachgebend unſchaͤdlichem Ruf jetzt herrſchen⸗ den Zeitgeiſts, dem Poeſie mehr gilt als ſchwermuͤhſeliger Ar⸗ beit wichtiges Werk, von den Alten geehrt in verſtaͤndi⸗ 2 ger Vorzeit. Alles beſchwatzt mit gelaͤufiger Zunge die thorige Geckheit. Gab dir im Zorn dein boͤſes Geſchick ſolch laͤſtigen Nachbar, fruchtlos oͤffnete ſich dir ſelbſt der Olympus und fruchtlos ſaͤngen die Engel im himmliſchen Chor die bezan⸗ bernden Lieder. Beſſere Saͤnger verkuͤndet er dir, noch hoͤrt er die Toͤne, hoͤrt der Begleitung ſuͤße Muſtk, luftſaͤuſelnder Floͤten, flußnachlispelnder Geigen Getoͤn und die Pracht der Poſaunen. RNichtet mit Ernſt dein Blick zu der Buͤhne ſich hin, der Verfolgung nimmer entgingſt du darum, er belehrt dich uͤber den Dichter: Shakespeare ſei der gewaltigſte Geiſt, doch leid er an Rohheit, 10 lebet' er jetzt, in der Zeit der Kultur, leicht wuͤrd er ein Muſter. Biſt du bewegt durch wuͤrdige Kunſt, ſo erſeufzt die Empfindung ihm in der Bruſt, und er mahnet zu hoͤren, daß uͤber der Mahnung nichts du vernimmſt und den beſten Genuß dir ſcheuchet der Unmuth. Mehr noch ſchwaͤrmen im Haus Daͤmonen um⸗ her, legionweis. Doch nicht fuͤlle das Blatt die gehuͤſſige Menge; genugſam zeuget die Zahl der Benenneten ſchon von der Buͤhne Bedraͤngniß. Moͤchte mit heiterem Sinn doch wieder das Volk in dem Schauſpiel ſuchen der Freuden ermunternde Luſt, und des Her⸗ zens Erhebung, daß, ſtatt finſtres Geſchlechts frohlaͤchelnde Toͤch⸗ ter des Himmels ſäͤhen erfreut das vereinete Spiel helikoniſcher Schweſtern. Aber, o Freund, der du menſchliches Herz durchſchauſt, und Gedanken ließeſt, den Lettern gleich, auf preſſengeglaͤttetem Druckblatt, nenne die Formel, du findeſt ſie aus, die kraͤftiges Bannfluchs — 11 ſcheuchet den Feind, und bereitet im Herzen den Göttlichen Wohnung. Jeglichem Guten verheißt die Natur zwar ſichres Gelingen, doch mild gaben die Goͤtter dem Geiſt das gewal⸗ tige Machtwort, welches dem Werk der Natur vorgreift und das Saͤumende zeitigt. A. A. Die Karmeliterinnen zu Eppersheim. Warum nehmen und behandeln wir doch die Menſchen im gewoͤhnlichen Leben uͤberhaupt nicht, wie wir ſie in Baͤdern nehmen und be— handeln? Da ſind wir zufrieden, finden wir ſie nur fuͤr den Moment nicht ohne Intereſſe, und bekuͤmmern uns nicht darum, was und wie ſie in ihren vier Mauern ſeyn moͤgen; da gehen wir jedem mit dem guten Willen ent⸗ gegen, angenehm auf ihn einzuwirken, und mit dem nicht uͤblen, angenehme Eindruͤcke von ihm zu empfangen; da laſſen wir ruhig ſei⸗ nes Weges gehen, was auf dem unſrigen nicht fortkann, und ſchließen uns deſto ſchneller an die, die uns friſch folgen oder auch vor⸗ laufen koͤnnen; da heißen wir auch jedes kleine Verhaͤltniß der Freundſchaft und Liebe willkom⸗ men, wenn es ſich hier oder da von ſelbſt — 1 3 anknuͤpft, ohne es darum— ruft das Schick⸗ ſal und ruft die Welt— mit folcher Freund⸗ ſchaft oder Liebe anders zu halten, wie das junge Maͤdchen mit dem Rothkehlchen, das ſie den Winter uͤber fuͤtterte und liebkoſete, und das jetzt, da der Fruͤhling koͤmmt, fort will. Sie druͤckt es noch einmal recht herzlich an ihre Wange und ſpricht: Nun ſo flieg' nur hin! es iſt dir ja wohl draußen! und vielleicht koͤmmſt du den Herbſt wieder! waͤr' das aber auch nicht: ſo iſt dir's doch bisher wohl ge⸗ weſen, und ich habe dazu beygetragen!— Warum, frag' ich, machen wir's nicht ſo? und frag' es nie dringender,(mich ſelbſt naͤmlich!) als wenn ich in einem Bade durch ſolches Gewaͤhren und Empfangen gluͤcklich geweſen und im Begriff bin, wieder in die Alltaͤglichkeit und Schwere der gewoͤhnlichen Lebensverhaͤltniſſe zuruͤckzukehren. 1 Das war denn auch jetzt der Fall. Eini⸗ ge der Familien, mit denen ich den ſchoͤnen Monat uͤber zunaͤchſt verbunden gelebt hatte, reiſeten zu einer Zeit mit mir ab. Wir waren dem Vater Rhein und ſeinen Paradieſen zu 14— nahe, um nicht vereint ſeinem majeſtaͤtiſchen Laufe einige Tagereiſen zu folgen. Wir thaten es. Unſre Herzen, noch mehr geoͤffnet durch die lachenden, ſeelenvollen Blicke der Natur um uns her, durch das ſtete Zuſammenſeyn, Zuſammenempfinden, Zuſammengenießen, durch die Naͤhe der, wahrſcheinlich immerwaͤhrenden Trennung— unſre Herzen draͤngeten ſich ei⸗ nander noch naͤher; als wollten wir unwillig dem uͤbermaͤchtigen Schickſal das Loͤſen dieſer Bande des Friedens wenigſtens erſchweren, ſchlangen wir ſie deſto feſter: da kam der Tag des Scheidens, den wir bisher den Frauen im Dunkel gelaſſen, den wir auch vor uns ſelbſt moͤglichſt verborgen gehalten haätten—— Frau von U., dieſe laͤchelnd verſchmach⸗ tende Maͤrtyrin, hingegeben, faſt noch in Kinderjahren, den rohen Begierden eines vor⸗ nehmen Wuͤſtlings, der die Schoͤnheit ihres Weſens nie ahnen, nur in den Reizen ihrer Bildung zerſtoͤrend ſchwelgen konnte— Frau von U. nahm zuerſt wieder das Wort, als wir am Abend die morgende Trennung hatten verkuͤndigen muͤſſen. Sanft, in Fried' und 15 Freundlichkeit, wie immer, ſagte ſie: Huͤbſch gelaſſen, auch bei dieſem Unvermeidlichen! Aber die letzte Stunde ſollten wir uns doch durch irgend etwas noch feierlicher, und zugleich recht ſchoͤn machen!— Durch was? daruͤber wollen wir uns jetzt berathen, damit auch die Abend⸗ ſtunden nicht in matter Trauer vergehen!— Die Geſellſchaft belebte ſich durch Vor⸗ ſchlaͤge aller Art; endlich wurde man eins, jetzt gleich ſich der Ruhe zu uͤberlaſſen; vor dem Erwachen des Morgens, fort, und nach dem nahen, herrlich gelegenen Kloſter Eppers⸗ heim zu fahren; dort, auf dem Berge des Gartens, den erſten Sonnenſtrahl zu erwarten; nun Hand in Hand zuruͤckzugehen in die wei⸗ ten Woͤlbungen der uralten Kloſterkirche, einan⸗ der da noch einmal die Hand zu druͤcken, und dann jedes ſeine Straße ſtill zu wandern, wohin Pflicht oder Verhaͤltniß es rief. Der Plan war zu wenig auf Zufaͤlligkeiten und zu viel auf die vorauszuſetzende Stim⸗ mung unſrer Seelen gebauet, als daß er nicht vollkommen ausgefuͤhrt worden waͤre. Wir ſtiegen im Eppersheimer Gehoͤfe aus, eben 16— da ſich der Himmel roͤthete, und walleten langſam, wie eine pilgernde Bruͤderſchaft, den Berg hinan. Unſre blaſſe Heilige, die ſicherer als irgend Eins von uns, dem fruͤhen Ver⸗ welken entgegenging, war heiterer, als wir alle; und kaum hatten wir die maͤßige Hoͤhe des Bergs erreicht, als aus purpurn lodern⸗ den Pforten die Koͤnigin des Tags weißgluͤ⸗ hend hervortrat, und wir alle bewußtlos mit einem lauten, Ah! ihr die Arme entgegenbrei⸗ teten. Furchtſam zoͤgernd wanderten wir herab in die weite Kirche, wohin ſich die Daͤmmerung gefluͤchtet zu haben ſchien; wo Todtenſtille herrſchte, und kein lebendes Weſen ſichtbar ward, als die alte Pfoͤrtnerin, die uns oͤffnete. Jedes fuͤhlte ſich hier nur allzumaͤchtig er⸗ griffen, und jedes wollte ſeine Bewegung den Andern verbergen: unter dem ſtillſchwei⸗ gend genommenen Vorwand, ſich die Kirche zu beſehen, ſchlich Eins dahin, das Andere dorthin, um Faſſung zu gewinnen. Ich blieb vor dem Seitenaltar, in dem Bogen, der zur rechten Nebenhalle fuͤhrt, ſte⸗ hen, als betrachte ich mit großer Aufmerkſam⸗ 17 keit das Gemaͤlde, von dem ich jedoch gar nichts ſahe. Endlich wende ich mich, und ſehe Frau von U., die, indem ich zu ihr treten will, wehmuͤthig laͤchelnd mit dem Finger vor ſich hin, weiter in die Nebenhalle deutet. Ein Schwerdt ging mir durch die Seele: dort war ein ſchwarzes Tuch auf die Erde gebreitet, vier brennende Kerzen ſtanden auf ſeinen Ecken, eine Nonne, uns den Ruͤcken zukehrend, lag zwiſchen innen ſtill betend auf den Knieen— indem bricht der erſte Sonnenſtrahl durch die gemalten Fenſter, buntfarbig und magiſch; er faͤllt auf die Betende, und im vollen Accord beginnt plötzlich die Orgel hinter uns, wie ein wogendes Meer der Harmonieen, zu braußen. Es waren naͤmlich einige von unſrer Ge⸗ ſellſchaft hinaufgeſtiegen, und hatten die Ab⸗ ſchiedsſcene auch durch erhabene Toͤne noch feierlicher machen wollen. Der Zufall, der alle dieſe Erſcheinungen fuͤr mich in einen Moment vereinigte, uͤbertaͤubte einige Minuten lang meine Kraͤfte ſo ſehr, daß mir die Ge⸗ danken vergingen und ich mich an den Pfeiler Selene IV. Heft. 2 18 lehnen mußte, nicht umzuſinken. Als ich mich wieder beſann, fand ich die Pförtnerin bei mir, die aus meinem Anſehn, und aus der Richtung meiner Blicke gemerkt haben mochte, daß jene Knieende mich uͤberraſcht habe. Die gute Alte redete wohlmeinend und geſpraͤchig in mich ein: Schweſter Beate dort halte ja nur die Vigilien fuͤr eine geſtern Begrabene, die eben unter der ſchwarzen Decke ruhe! und das ſei ja gar nichts Ungewoͤhnliches, ſondern allezeit ſo! Aber das Schickſal der Geſtorbenen, fuhr ſie wichtig und plauderhaft fort— das iſt'was ganz Außerordentlichs! und das, ih⸗ rer Tochter, die gleich daneben ruht, iſt noch viel ungewoͤhnlicher! Sehen Sie? gleich dort an der Mauer, wo der Blumenkranz noch nicht ganz gedunkelt iſt, da ruht die Tochter, und Thereſe hieß ſie, und ſie ſah der ſchoͤ⸗ nen, blaſſen Jungfrau, mit der Sie vorhin hier ſprachen, recht ſehr aͤhnlich—— Ich hatte das nur halb gehoͤrt, beſchloß jedoch, wenn die uͤbrige Geſellſchaft abgereiſet ſei, mich weiter davon zu unterrichten. Wun⸗ 19 derliche Schwachheit, dem ſchoͤnen Regenbogen, wo er ſich ſtuͤtzt auf dem feuchten Moor, nahe treten zu wollen, obſchon man vorher weiß, ſtatt ſeiner bluͤhenden Farben dort grauen Dunſt zu erblicken! wunderlich, die vollſtaͤndige Aufloͤſung des ſchauerlich ergreifenden Geiſter⸗ maͤhrchens auszuforſchen, obſchon man vorher weiß, ſtatt ſeines Zaubers dann ein hoͤchſt⸗all⸗ taͤgliches Ereigniß zu erfahren! wunderlicher Reiz des entſeelenden Baums der Erkennt⸗ niß!——. Ich ſahe jetzt, daß mehrere der Ge⸗ ſellſchaft zuſammentraten; ich ging zu ihnen. Das volle Licht der Morgenfonne ſtrahlete uns vom Hauptaltar entgegen—; ein Haͤndedruck, ein leiſes Lebewohl— und wir gingen ſchwei⸗ gend von einander, jedes fuͤr ſich, jedes durch eine andre Thuͤr. Ich allein blieb zuruͤck, meinen Schmerz verklaͤrend durch theilnehmen⸗ den Anblick der alten, frommen Bilder. Ich hoͤrte die Wagen, einen nach dem andern, abrollen; ich erkannte den einen Wagen an der Zahl der Pferde, und die abgeriſſenen Worte, aus Schillers Jungfrau klangen nun im⸗ 20— merfort vor meinen Ohren, wie uns zuweilen eine abgeriſſene Melodie uͤberall folgt: „Die hier geduldet, wird dort oben groß⸗— Dies ſtimmte mich allmaͤhlig heiterer, und nun ſah' ich recht gern die alte Pfoͤrtnerin wieder auf mich zukommen. Sie lobte, mir gefaͤllig zu ſeyn, die Geſellſchaft und die rei⸗ chen Geſchenke, die ſie zuruͤckgelaſſen; lobte beſonders„die ſchoͤne blaſſe Jungfrau’— Ich unterbrach ſie, nach der Geſchichte der Begrabenen fragend, da ſie ſie mir als ganz ungewoͤhnlich angekuͤndigt habe. Die ehrliche Alte war gleich bereit, und erzaͤhlte mit immer wachſender Unmſtaͤndlichkeit und Gelaͤufigkeit der Organe— was freilich nicht ohne Intereſſe bleiben, doch aber nur einer von aller Welt Abgeſchiedenen ſo wichtig und einzig vorkommen mußte. Es kam auf Folgendes hinaus. Schweſter Anna— welchen Namen die zuletzt Verſtorbene die drei Jahre ihres hieſigen Aufenthalts gefuͤhrt hatte— Schweſter Anna war aus altadelichem Geſchlecht in Franken ge⸗ 21 boren; aber ihre Familie war nach und nach bis zu großer Armuth herabgeſunken, ohne da⸗ rum den aͤußern Schein des Wohlſtands auf⸗ geben zu wollen. Von kleinan war dem Maͤdchen vorgeſagt worden, ſie muͤſſe, dieſer Verhaͤltniſſe wegen, in ein Kloſter, wenn es ihr nicht gelinge, fruͤhzeitig einen vornehmen und reichen Gemal zu finden. Das lebhafte Geſchoͤpf wuchs kaum heran, ſo dachte es mit einem Grauen, das alle Lebensgeiſter zum Widerſtreben aufrief, an das Erſte, mit einer Sehnſucht, die auf alle andern, als jene zwei Vorzuͤge an einem Gemal verzichtete, an das Zweite. Anna wurde ſchoͤn: die Pflege ihrer Schoͤnheit, als des ſicherſten Mittels, ſie dem Lebendigbegrabenwerden zu entreißen, ward ihre einzige Sorge; daruͤber, und uͤber der ſteten Richtung ihrer Wuͤnſche, der ſteten Spannung ihrer Kraͤfte auf jenen Einen Punkt, wurde das Gleichgewicht ihrer Vermoͤgen ganz ver⸗ ruͤckt, und, was dienen ſollte, draͤngte quaͤlend ſich geheim zum Herrſchen hervor. Das Schickſal ſchien ihr wohlzuwollen, und ſie prieß ſich ſelbſt unbeſchreiblich gluͤcklich, als 22 der geheime Rath von R. auf ſie aufmerkſam ward, ſie auszeichnete, ſich um ſie bewarb. R. beſaß jene Erforderniſſe— er war vornehm, er war reich: aber er verdiente auch beides zu ſeyn, denn er war zugleich ein Mann von Geiſt, von edlem Charakter, und von großer, wahrhaft ſegensvoller Thaͤtigkeit; er war da⸗ bei ein allgemein verehrter, und auch ein an⸗ genehmer Mann: aber freilich ſtand er ſchon in den vierziger Jahren. Er bemuͤhete ſich um das Maͤdchen mit Anſtand, bis er gewiß ſeyn konnte, ſie ſei ſehr gern um ihn; jetzt befragte er die Aeltern, und dieſe wuͤnſchten ſich, wie ihrer Tochter, Gluͤck. 3 Es bedurfte keines Zwangs, es bedurfte ſogar keiner Ueberredung— Anna nahm die Bewerbung R. s mit einer Herzensfreude auf, die ſie kaum ſo viel im Zaum halten konnte, um den wuͤrdigen Mann durch das, ihr ſelbſt pikante Spiel jungfraͤulicher Aengſtlichkeit, und durch die tauſenderlei kleinen Kuͤnſte ihres Ge⸗ ſchlechts, wenn es ſeine entſchiedene Uebermacht uͤber ein Maͤnnerherz fuͤhlt und benutzen will — nur immer enger zu feſſeln, und, dem 23 Rath der bedaͤchtig rechnenden Aeltern gemaͤß, ſich fuͤr gewiſſe, denn doch in der Hand des Hoͤchſten ruhende Moͤglichkeiten, eine ſichere und glaͤnzende Exiſtenz zu begruͤnden. R., der bei ſeinen und Anna's Jahren mehr Schwierigkeiten gefuͤrchtet hatte, war entzuͤckt, verſicherte ihr nach ſeinem Tode ſein ganzes Vermoͤgen, und nun ward die Vermaͤhlung ſchnell und gluͤcklich vollzogen. Anna hatte Zaͤrtlichkeit, hatte liebevolle Anhaͤnglichkeit an den Verlobten— nicht bloß vorgegeben, ſondern im Rauſch der Freu⸗ de ſie ſich ſelbſt zugetraut: jetzt, da ſie den Umarmungen des Gatten ſich hingab, zerſloß mit Eins die Taͤuſchung— ſie fuͤhlte ſich ver— kaͤltet, gedemuͤthigt, entwuͤrdigt, ſie mußte ein geheimes Widerſtreben ihrer innerſten Seele mit Gewalt darniederkaͤmpfen, und von dieſer Stunde an zeigte ſich ein unbeſiegbarer Zwieſpalt, ein unaufloͤslicher Widerſpruch, in ihrem verborgenſten Weſen. Nicht anders: Hochachtung ſoll mit dem Immergruͤn der Freundſchaft—: mit der Myrthe der Liebe darf nur die Liebe kraͤnzen!— R., nur des einſamen, freudenloſen Ge⸗ ſchaͤftslebens gewohnt, war die wenigen Stunden, die er ſeinem Berufe entziehen konnte, im Umgange mit dem ſchoͤnen, heitern Weibe viel zu gluͤcklich, als daß er irgend ein Mißver⸗ haͤltniß haͤtte bemerken, irgend etwas vermiſſen ſollen; Anna hingegen lernte ſich gefallen im Glanz ſeiner Titel und ſeines Vermoͤgens. R. ließ ihr das gern zu und fand ſich ſelbſt durch die Auszeichnung, die ihr uͤberall ward, geſchmeichelt; Anna war dankbar und wachte uͤber den Anſtand, der wieder ihr Herz be⸗ wachte. R. war ſanft und ergeben; Anna herrſchte uͤber ihre, herrſchte uͤber ſeine Umge⸗ bungen und Verhaͤltniſſe: er laͤchelte, neckte ſie damit, und ließ es geſchehen. So verſtrichen faſt zwei Jahre und Anna war ſo gluͤcklich, als ein Weſen ihrer Art durch Erkenntlichkeit, Glanz, Zerſtreuung, und ſich ſelbſt aufgedrungene Taͤuſchung werden kann: da fuͤhlte ſie ſich ſchwanger— der große Grenzſtein am Scheidewege fuͤr ihr Geſchlecht in ihren Verhaͤltniſſen! Die wahrhaft reine, wahrhaft ſchoͤne Seele waͤre nun eine gute 25 Gattin geworden, dadurch, daß ſie eine gute Mutter ward: Anna haͤtte ſich ſelbſt auf dem Abwege ergreifen koͤnnen, indem ihr das Mut⸗ tergefuͤhl laͤſtig war, indem die kleinen Entſa⸗ gungen, die ihr Zuſtand verlangte, ſie heftig verſtimmten und wol gar erbitterten, indem ihr die geruͤhrte Freude des Gemals ſo widrig wurde, daß ſie zu ſchlauen Weiber⸗Kuͤnſten ihre Zuflucht nehmen mußte, um die beſorgliche Liebe des wuͤrdigen Mannes zu hintergehen. Eine Tochter wurde, nicht ohne Unwillen, ans Licht geboren; der Unwille erwuchs faſt zum Haß, als Anna die Verwuͤſtungen erblickte, die der kleine Engel ſchuldlos unter ihren Reizen angerichtet hatte. Anna fand ſich von den Pflichten, die ihre Thereſe ihr auflegte, be⸗ ſchwert; Freude an ihr, Liebe zu ihr fuͤhlte ſie nicht: ſo wurde es ihr leicht, ſich ſelbſt zu uͤberreden, es ſei wohlgethan, wenn man die Kleine, als ſie noch kaum um die Mutter ſpie⸗ len konnte, dem Pfarrer auf einem ziemlich entlegenen Landgute ihres Gemals anvertrauete. Durch eine betraͤchtliche Anzahl Gruͤnde, wie vortheilhaft dies fuͤr das geiſtige und koͤrper⸗ 26 liche Wohl der Kleinen werden muͤſſe— noch mehr, durch ſchlaue Benutzung der Gefaͤllig⸗ keit ihres Gemals, gelang es ihr endlich, daß dieſer traurig ſeine Einwilligung gab, und das Kind nun wirklich entfernet wurde. Ach, Anna hatte noch einen andern, ent⸗ ſcheidendern Grund, Thereſen zu entfernen, wiewol ſie ſich dieſen ſchwerlich ſelbſt ganz zu⸗ geſtand! Die Ungleichheit der Jahre und Sinnesarten beider Gatten hatte vom Anfang ihrer Verbindung manches lauernde Auge auf die junge, lebhafte, reizende Frau gezogen: Anna ſchien aber gluͤcklich, und man wagte darum nur, ſie zu umgaukeln. Jetzt hatten die Beguͤnſtigungen des Gluͤcks, worin ſich Anna geſiel, den Reiz der Neuheit verloren, ſie fuͤhlte die Leere des Weltlebens, in ſich ſelbſt zuruͤckzukehren war ſie weder geneigt, noch ge⸗ wohnt: den Laurern entging eine gewiſſe un⸗ natuͤrliche Kaͤlte, ein gewiſſer geheimer Unmuth, eine gewiſſe unbeſtimmte Sehnſucht nach fremden Freuden keineswegs, und nun wagte man mehr, als um ſie her zu flattern, und die kleine 27 Thereſe ward entfernt, weil ſie in dieſen Ver⸗ haͤltniſſen uͤberlaͤſtig zu werden begann. Anna war zu ſtolz um ausſchweifend zu ſeyn: aber wie flach wurzelt jede Pflichter⸗ fuͤllung, die aus irgend etwas entſprießt, als aus liebevoller Anhaͤnglichkeit einer ſchoͤnen Seele an alles Reine und Gute— aus der einzig wahren, der einzigen Tugend! Ein jun⸗ ger Mann, von guͤnſtigem Geſchick mit Schön⸗ heit und Geiſt, von feiner Erziehung mit An⸗ muth und Gewandtheit ausgeſtattet, und er⸗ fahren in allen Kuͤnſten der Verfuͤhrung, gewann Anna's Herz, und zerknickte bald und leicht genug den Rohrſtab des Stolzes und der Erkenntlichkeit, worauf ſich ihre Treue ſtuͤtzte. Die Leidenſchaftlichkeit ſchien in ihrem Herzen ſo lange geſchlummert zu haben, nur um deſto mehr Kraͤfte zu ſammlen, jetzt mit aller Gewalt hervorzubrechen. Anna, ganz hin⸗ gegeben an den gefaͤhrlichen Mann, lebte nur von ſeinen Blicken, nur auf ſeinen Wink; und ſeiner Gewandtheit, ſo wie dem unbegrenzten Vertrauen ihres Gemals, war es allein zuzu⸗ — 28 ſchreiben, daß die Bethoͤrte nicht auch ihre außere Ehre bei der Welt preißgab. Der vertrauteſte Umgang der Beiden hatte etwa ein halbes Jahr gedauert, als der junge Mann an ſeinen Poſten zur Armee berufen ward. Anna wollte verzweifeln: aber daß ſie ſich ſchwanger fand, daß ihr ganzes Gefuͤhl ihr unbezweifelt den Geliebten als Vater nann⸗ te, troͤſtete ſie allmaͤhlich uͤber ſeine Entfernung, troͤſtete ſie auch, als ſie nach einiger Zeit er⸗ fuhr, er ſei auf dem Schlachtfelde geblieben. Sie ſuchte nun die Einſamkeit, hing mit Ent⸗ zuͤcken und entzuͤndender Wolluſt an dem Kinde, ehe es noch die Welt ſahe, und ſeit es gebo⸗ ren war, verfolgte ſie es mit einer unbegrenzten, alles andere verſchlingenden, alles andere auf⸗ opfernden Liebe—— Doch die Natur geht ihren ſichern Gang, wenn auch geheim, und die furchtbare Nemeſis folgt ihren leiſen Tritten. Kein Vorwurf, kein Verdacht ſollte die Gattin ſtrafen— wie leicht haͤtte ſie jetzt beides getragen! der Sohn ſelbſt, der heißgeliebte, wurde die Zuchtruthe der Mut⸗ ter— und das verwundete bis ins innerſte 29 Mark! Nicht ſchoͤne, dem Diamant gleich, ſich ſelbſt reinigende Liebe, nur wild entflammte Be⸗ gierde hatte den Knaben ins Leben gerufen: je aͤngſtlicher das Herz der Mutter an ihm hing, je mehr wendete er das ſeinige von ihr ab. Er wuchs heran, kraͤftig und feurig, der Stolz der Mutter und ihres Gemals: aber im geheim fuͤhlte ſie von ſeinem Uebermuth, von ſeinen Launen, von ſeiner Verachtung ihr Herz tau⸗ ſendmal zerriſſen— und dennoch ſchmiegte ſie ſich gern unter ſeine Tyranney. Der Gemal ſtarb; wenig Thraͤnen vergoß ſie an ſeinem Gra⸗ be, aber unzaͤhliche, bei den Gefahren und Un⸗ ordnungen, denen ſich der Juͤngling ergab. Anna war durch den Tod ihres Gemals Be⸗ ſitzerin eines ſehr betraͤchtlichen Vermoͤgens ge⸗ worden: ihr Sohn brachte ſie um einen großen Theil deſſelben, und ſie verwendete hernach frei⸗ willig einen andern darauf, ihn von neuem mit Glanz auftreten zu ſehn, als er ihren Bitten nachgab, ſich um eine liebenswuͤrdige Gemalin zu bewerben— durch die er, wie ſie glaubte, zuruͤckgebracht werden ſollte. Das erwaͤhlte, junge, wahrhaft liebenswuͤrdige Weib ward 30 grenzenlos ungluͤcklich durch ihn, denn ſeine Un⸗ ordnungen aller Art wuchſen mit jedem Tage: da erbarmte ſich die Vorſicht der Betrogenen, und rief ſie fruͤhzeitig ab. Sie ſtarb kinderlos: die Verwandten zwangen den wuͤſten Menſchen, ihr Vermoͤgen herauszugeben, verfuhren dabei aus gerechter Rache aͤußerſt ſtreng, und die Mut⸗ ter mußte den Reſt ihrer Habe dranſetzen, daß er auch diesmal noch gerettet wurde. Aus Dank⸗ barkeit verkaufte er kurz darauf ihre letzte Be⸗ ſitzung— das Landguͤtchen, wohin ſie ſich zu⸗ ruͤckgezogen, und worauf er ihr einmal ein Recht abzuſchmeicheln gewußt hatte. Mit dieſem Blut⸗ gelde ging er in Dienſte der Feinde ſeines Va⸗ terlandes, und kam um, ich weiß ſelbſt nicht, wie?— 1 Jetzt, von allen verlaſſen, zerriſſen von Be⸗ ſchaͤmung, von Reue, von Selbſtqual, dachte Anna, und dachte vielleicht zum erſtenmal mit Thraͤnen inniger, ſehnſuͤchtiger Liebe daran, daß ihr noch ein Herz auf Erden ſchlage, ein from⸗ mes, ſanftes, ſchonendes Herz— das Herz Thereſens, ihrer Tochter! Sie hatte dies gute Maͤdchen dem Pfarrer ₰ 31 uͤberlaſſen, bis ſie glaubte, es werde Zeit zur Vorbereitung auf ihre kuͤnftige Beſtimmung. Uneingedenk der eigenen Jugend, hatte ſie feſt⸗ geſetzt, Thereſe ſolle den Schleier nehmen, da⸗ mit alle Geſchenke des Gluͤcks fuͤr den geliebten Sohn zuſammen gehalten werden koͤnnten. Was ſich in ihrem Innern dagegen regte, beſchwich⸗ tigte ſie leicht durch Vorſtellungen, daß There⸗ ſens ſanftſchwaͤrmeriſcher, die Einſamkeit lieben⸗ der Sinn den Plan ſelbſt beguͤnſtige; daß, wenn ſie nur die Welt gar nicht kennen lerne, ſondern immer, ohne den Anſchein von Zwang, in Klo⸗ ſtermauern erhalten werde, keine andern Wuͤn⸗ ſche in ihr erwachen wuͤrden; und daß man ja ihr auch dieſe Exiſtenz durch Fuͤrſorge und Un⸗ terſtuͤtzung angenehm genug machen koͤnne. Dieſemnach gab ſie Thereſen in die Penſion eines entfernten Kloſters, wo die Koſtgaͤngerin⸗ nen wirklich vorzuͤglich gut verſorgt, und, weit weniger durch Zwang, als durch die einſame Lage des Orts von der Welt geſondert waren. Thereſe befand ſich hier in der That nicht uͤbel und nicht ungern; ſie war noch halb Kind— das kaum erwachende Herz fand noch Genuͤge an 32 der Freundſchaft junger Schweſtern und an den eigenen Bildungen ihrer lebhaften Phantaſie. Jetzt erreichte ſie die Jahre der Jungfrau: da holte die Mutter ſie ab und brachte ſie, um durch die ſehr gemaͤßigte Zucht des Kloſters nicht ge⸗ faͤhrdet zu werden, in ein anderes, wo ſie un⸗ ter ſtrengerm Gewahrſam bleiben, und, ſobald die Geſetze es verſtatteten, eingekleidet werden ſollte. Umſonſt warf ſich die arme Thereſe der Mutter zu Fuͤßen und ſlehete, mit Entſetzen zu⸗ ruͤckſchaudernd, ſie wußte ſelbſt nicht, wovor— ihr Erbarmen an: ſie bekam freundlichkalte Zu⸗ redungen, herzloskluge Troͤſtungen, und man verließ ſie, gewiß, ſie werde ſich recht wohl be⸗ finden, wenn ſie nur erſt eingerichtet waͤre. Nehrere Jahre verfloſſen, das oben erzaͤhlte Ungluͤck haͤufte ſich auf Anna's Haupt: ihr ge⸗ brochenes Herz draͤngte ſie, zur aufgeopferten Tochter zu fluͤchten. Sie ſchrieb an die Aebtiſ⸗ ſin: mit Todesſchrecken las ſie die Antwort, The⸗ reſe ſei kurz vor ihrer Einkleidung auf unbegreif⸗ liche Weiſe aus dem Kloſter verſchwunden, ohne daß man auch nur eine Spur von ihr habe ent⸗ decken koͤnnen; das Herz der Mutter und die 3³ Ehre des Kloſtees zu ſchonen, ſei ihr dies bis⸗ her verborgen gehalten worden. Nach fuͤnf Jahren des bitterſten Leidens erfuhr Anna, ihre Tochter lebe jetzt unter den Karmeliterinnen zu Eppersheim, wohin ſie ſich freiwillig begeben habe. Sie machte ſich auf, traf die gute Thereſe, von allen Schweſtern geehrt und geliebt, fromm, ſtill, freundlich, mit zaͤrtlichſter Liebe die Mutter empfangend— aber ſchon einem Schatten gleich um das Grab ſchwebend. Anna blieb bei ihr, ſahe ſie erblaſſen, mußte ſie uͤberleben— das war der 1 einzige neue Schmerz, der ſie noch traf. Nach einigen Jahren folgte ſie ihr aber ſchon, und das war die ſchoͤnſte Freude, die ihr noch zu Theil wurde—— Dieſe Geſchichte, ſo wenig ich ſie gleich⸗ guͤltig nennen moͤchte, konnte doch, wie geſagt, nur einer ehrlichen, einſamen Kloſterfrau ſehr ſeltſam und außerordentlich vorkommen. Wer dem verborgenen Getriebe der Welt naͤher ſtand, den lehrte das Leben ſelbſt noch ganz andere Aufgaben fuͤr einen zweiten Theil unſrer Exiſtenz ruhig hinzulegen. Dennoch hatte mich Selene IV. Heft.. 3 34 theils dieſe Geſchichte ſelbſt, theils das Ver⸗ ſprechen der Pfoͤrtnerin, hier noch etwas weit Seltſameres und ganz Unerhoͤrtes zu erfahren, auf die naͤhere Geſchichte Thereſens begierig gemacht. Die gute Alte, die ſich im behenden Gebrauch ihrer Zunge ſo gluͤcklich fuͤhlte, ließ ſich leicht erbitten, mir auch hierin zu Willen zu ſeyn: aber theils waren dieſe allerdings auffallenden Ereigniſſe zu verwickelt, theils hatte der Bericht der Pfoͤrtnerin zu viel Luͤcken— kurz, ich erfuhr nur ſo viel, um mich, alles zu erfahren, gedraͤngt zu fuͤhlen. Niemand iſt wol beſſer daruͤber unterrichtet, als die Frau Aebtiſſin? fragte ich. Ei freilich, antwortete ſie; und ſie hat auch recht viel Geſchriebnes von ihr, von der Schweſter Thereſe— denn die ſchrieb ſo herr⸗ lich, wie unſer Herr Weihbiſchof Hochwuͤrden. Kann ich die Aebtiſſin ſprechen? 9 ja, ſie ſpricht mit jedermann, und waͤr's ein Bettlerskind.— Ich ließ mich melden, wurde angenommen, und fand eine ſehr ehrwuͤrdige Matrone. Sie nahm meine Erkundigungen wohlwollend auf, 35 als ſie bemerkte, daß ſie aus wahrer Theilnahme floſſen; erzaͤhlte mir, was ich zu erfahren wuͤnſchte, und zeigte mir mehrere Aufſaͤtze The⸗ reſens, die kurze Schilderungen der Hauptſcenen ihres Lebens und fromme Betrachtungen daruͤ⸗ ber enthielten.— Jetzt iſt bekanntlich das Kloſter aufgehoben; ſeine damaligen Bewohnerinnen ſind zerſtreuet oder todt; alle Perſonen, die in dieſer Ge⸗ ſchichte auftreten, ſind ebenfalls nicht mehr: warum ſollt' ich mir noch Bedenken machen, Thereſens Geſchichte mitzutheilen? Duͤrfte ich doch auch dem Publikum zumuthen, die Be⸗ trachtungen des frommen Maͤdchens mitanzu⸗ nehmen! Aber ich weiß es wol, das iſt jetzt nicht an der Zeit: Rohheit wuͤrde ſie verhöhnen und Froͤmmelei mit ihr eine leere Spiegelfech⸗ terei treiben. Ich verberge alſo dies; aber Thereſens ganze Anſicht ihres Lebens werd' ich, kann ich nicht verbergen, wie man dieſe auch aufnehmen moͤge. Und damit ich nicht, mich ſelbſt unterbrechend, ſie nur hin und wieder einfuͤhren muͤſſe, lege ich ihr lieber die ganze Erzaͤhlung in den Mund. Gelaͤnge es mir, 36 zu ſprechen, wie ſie geſprochen haben wuͤrde: kein Leſer, keine Leſerin, von reinem Herzen und unverdorbenem Sinn wuͤrde dieſe Blaͤtter ohne die Art der Ruͤhrung aus der Hand le⸗ gen, die uns menſchlicher, die uns wahrhaft beſſer macht. 1 R *(Thereſens Geſchichte folgt ungetheilt im naͤchſten Heft.) 37 Wechſel der Liebe. Idyile. — J r. i 3. Die ihr Arkadiens Stroͤme bewohnt, ihr holden Najaden, Liebliche Nymphen auch ihr, die ihr in Waͤldern euch bergt: Naht, o nahet der Trauernden euch! die Klagen der Liebe Horet! und lindert vielleicht freundlich der Leiden⸗ den Schmerz! Ach es erleichtert die Klage das Herz!— Ihr ſchimmernden Blumen, Ahnet ihr nimmer die Qual toͤdtender Liebesge⸗ walt? Meine Thraͤnen bethauten euch oft—— Sie ſchimmern und ſchweigen: Glüͤckliche Blumen, ihr bluͤht ewig in friedlicher Nuh!— 38—— Graſet, ihr Laͤmmerchen! graſ't, ihr unbekum⸗ merten, frohen: Die euch pflegte, ſie mag huͤlflos in Jammer ver⸗ gehn!— Gluͤcklich war ich vordem; es hielten die Wellen des Alpheus Im Entfliehen wol oft freundliche Spiegel mir vor; Ich erblickte das Bild der roſig bluͤhenden Jugend, Wenn ich mich ſelber im Glanz wallender Locken erblickt. Maͤdchen nannten mich ſchoͤn, und Juͤnglinge ruͤhr⸗ ten die Saiten, Sangen zur Cither mein Lob, wenn ich die Wie⸗ ſen betrat; Ach es liebte mich da der ſchoͤnſte der Schaͤfer am Alpheus, Glykonz ihr Nymphen, auch ihr kennet den Holden gewiß.— Wenn er die Augen erhob, ſo war es als braͤchen die Wolken, Dunkel verklaͤret und tief duͤrfte den Himmel man aumſchaun. Grazien ſchmuͤckten ſein Haupt mit der Anmuth goͤttlicher Blume, 39 Schmückten den Nacken, den Wuchs, ach und den 8 reizenden Gang! Alles erkannt' ich, doch trieb mich Ungluͤckſelige ſproͤder Stolz, ich achtete nicht Bitten des Holden und Flehn, Nicht die koͤſtlichen Gaben, und nicht die Trauer der ſchoͤnſten Augen, was Freude mir gab, ſchien ich verach⸗ tend zu fliehn. Aber es raͤchen die Goͤtter den Wahnſinn freveln⸗ den Stolzes, Und die Nemeſis folgt ſtrafend des Gluͤcklichen Spur. Fern in fremdes Gefild berief ein ernſtes Geſchaͤft ihn, und ich erharret' ihn lang, heimlicher Sehnſucht Raub; Ach die Trennung ſchmolz die eiſige Kaͤlte des Stolzes, Und die verhaltene Gluth loͤßte zu Schmerzen ſich auf. Reue nun quaͤlte mein Herz und Zweifel, ob er mir jemals 40— Kehren wuͤrde? Zu ſchwer buͤßt' ich den freveln⸗ den Stolz. Endlich erſchien er; wie klopfte mein Herz! Faſt haͤtt' ich die ſpröde Strenge vergeſſen, ihm frohliebend entgegen zu fliehn. Weh mir! welch ſchrecklicher Tauſch! Es hatte die tdtende Kaͤlte Meines Auges den Sitz raͤchend in ſeinem gewaͤhlt! Ihn nun ſuch' ich, er flieht! In Toͤnen des zaͤrt⸗ lichſten Sehnens Redet mein Herz ihm, und fremd koͤmmt mir die Rede zuruͤck. Ehmals vermied ich, ihn einſam zu ſehn, jetzt gaͤb' ich mit Freuden Halb mein Leben, vertraut einmal dem Holden zu ſeyn! Grauſame Liebe, du raͤchſt dich ergrimmt! du raubſt mir das Leben, Ach! und ich fuͤhl' es, mir folgt ſelber zum Or⸗ kus die Qual! 41 Glykon. en ich denn endlich dein Wort, du Schoͤnſte der Maͤdchen am Alpheus? Kannſt du dem Lauſcher verzeihn, dem du verra⸗ then ſein Glück? Hämaciſche Liebe, du raͤchſt dich mit Huld! du giebſt mir das Leben, Und ich begruͤße dereinſt ſelber die Schatten mit Luſt. Dies verwoͤlbte Gebuͤſch verbarg mich am Hange des Felſen, Als du der fuͤhlenden Bruſt ſchoͤnes Geheimniß enthuͤllt. Hoͤre, Geliebte, nun auch der Wahrheit treues Bekennen, Und verzeihe der Liſt, die mich die Liebe gelehrt! Als ich verweilt' im aͤtoliſchen Land, da ſah mich ein weiſer Greis; er nahm mir die Hand, ſprechend das freundliche Wort: Juͤngling, dir bleichet die Wang', es ſchwindet der Schimmer der Augen, Und die erfreuliche Kraft ſchwindet, der Jugend, dahin; 4² Sicher Verehe. dich der Gram der lebentoͤdtenden Liebe, Die am verderblichſten ſtets foltert ein edles Ge⸗ muͤth! 3 eveas⸗ ,„ da klagt' ich dem Guten mein Leid und deine Verachtung; Aber mit freundlichem Troſt redet' er alſo mich an: Faſſe du Muth, mein Freund, und kehre getroͤſtet zur Heimath, Doch in verſchwozegter Bruſt bergend des Herzens Gefuͤhl.. cis vedecke die Glut der heimlich lodernden Liebe, Und kein verräthriſcher Blitz leuchte, des Auget, hervor; Eh zwei Monden vergehn, ſo wett' ich, wird ſich die Haͤrte Schmelzen, das gluͤckliche Ziel wirſt du, der Lei⸗ den, erſehn. Wunderbar iſt das Geſchlecht; oft fliehn ſie, was ſie mit Inbrunſt Suchet, und ſuchen dann ſelbſt, was ſie verach⸗ tend geflohn. 4³ Alſo ſprach er. Ich folgte getreu dem weiſen Befehle, Und— Geliebte— zu gut weißt du das Uebri⸗ ge ja! Schmerzen nur gab mir bis heut die begluͤckende himmliſche Liebe; Laß mich die Schale nun auch koſten des lieben⸗ den Gluͤcks! Louiſe Brachmann. 44— Luftige, leere Geſtalten, Bilder aus Nichts, ſchilt der Erwachte die naͤchtlichen Geſichte ſeines Traums. Er ſchenkt den begluͤckenden einen Augenblick froher Erinnerung, ſie ſchwe⸗ ben durch die Stunden des Morgens, ein lichtes Wolkenbild, dem Monde gleich, wenn er am Tage durch den Himmel zieht; aber die finſtern Bilder verſcheucht der Wachende mit des Tages Licht und dem Gefuͤhl der wahren Welt. An dieſem Gefuͤhl der wahren, wirklichen Welt allein, erkennt der Menſch die Nichtig⸗ keit der Traumwelt; das Reale belehrt ihn uͤber das Ideale, das Weſenhafte uͤber das We⸗ ſenloſe, oder, um in einem Gleichniß die Vor⸗ ſtellung der Verhaͤltniſſe ſchneller zu wecken: das Licht belehrt uͤber ſeinen Abglanz, die Sonne erklaͤrt den Schimmer des Mondes. 45 Ganz anders iſt das Verhaͤltniß, ſo lange jenes Gefuͤhl des Wirklichen die Traumwelt noch nicht uͤberſtralt und verſcheucht hat. Im Traume bildet ſich eine neue Welt. Das Weſen, welches in dieſer Welt meine Stelle vertritt, deſſen Empfindung und Thaͤtigkeit ich mir zu⸗ ſchreibe, das ich im Traume als mein Ich fuͤhle und noch in der Reflexion uͤber den Traum mein Ich nenne— iſt es denn Eins mit mir, der ich vom Schlummer gefangen liege und traͤume, oder iſt es ein von mir verſchiednes Weſen, ein mir fremder Geiſt, der blos meinen ſchlaftrunknen Sinnen eine mir bekannte Geſtalt vorgaukelt, die ich im Wahn fuͤr die meinige annehme, bis ich erwacht mich ſelbſt finde und von dem fremden Gaukelſpiel unterſcheide? Ueber die Gegenſtaͤnde, mit welchen ſich mein getraumtes Ich umgeben fuͤhlt, dringen ſich mir weniger Zweifel auf; ich erklaͤre ſie fuͤr Phantome, fuͤr weſenloſe Schattenbilder, ich beruhige mich auch bei dieſer Anſicht, bis mich jene Ungewißheit uͤber die Natur meines Ichs im Traume aufmerkſam macht. Kann ich denn 46 uͤber das Weſen dieſer Dinge entſcheiden, ſo lange mir jenes getraumte Ich, welches mit ſeiner Welt doch in gegenſeitiger fortdauernder Beruͤhrung ſteht, ein unaufgeloͤſtes Raͤthſel iſt? Ich, Wachender, kann leicht eine, fuͤr mich nicht mehr vorhandne Welt fuͤr niehtig erklaͤren, iſt ſie aber deswegen auch nichtig fuͤr den, welcher in dieſer Welt lebt? Das Ich im Traume wird ſo lebhaft von ſeinen Traumumgebungen ange⸗ regt, wie ich ſelbſt, wenn ich erwacht bin, durch die Umgebungen der Welt, in welcher ich lebe. Fuͤr jenes alſo hat ſeine Welt dieſelbe Wirklichkeit oder ſichere Selbſtſtaͤndigkeit,(Rea⸗ litaͤt) als fuͤr mich die Welt, welche Gegen⸗ ſtand meines Empfindens und Handelns iſt. Mit welchem Rechte darf ich nun wol der Traumwelt die Realitaͤt uͤberhaupt abſprechen, ſo lang' ich zweifelhaft bin, ob das Ich, wel⸗ ches in dieſer Welt des Traums lebt, mein eignes Selbſt iſt, oder ein Phantom, fremd meinem Weſen, und erzeugt, ich weiß nicht wie, nicht wodurch? Ich fuͤhle das Gewicht dieſer Zweifel, gleichwol draͤngt ſich mir ein dunkles Gefuͤhl — 47 auf, als ſei es mit ihnen kein rechter Ernſt, als ſei dieſes Raiſonnement ſelbſt ein leeres Spiel, ein Regenbogen fuͤr den Verſtand. Ich erfahre es ja mit jedem Erwachen, daß die ganze Welt des Traums bis auf die Erinnerung daran in Nichts verſchwindet, und ich finde mich in einer ganz andern, von der getraumten ganz verſchiednen, und nur durch Zufall dann und wann ihr aͤhnlichen Welt. Anders iſt es mit dem, was in der Traumwelt die Stelle meines eignen Selbſt einnimmt; dieſes verſchwindet nicht, gleich jener Welt, es kehrt nur gleichſam zu ſich ſelbſt zuruͤck, befreit von den Feſſeln und den oft aͤngſtenden Beſchraͤnkungen der Traumwelt; es geht mir nicht ſelbſt verloren, wie ſeine Welt, die es im Traum umgab, nur die Beſtimmun⸗ gen, die Verhaͤltniſſe, die Beziehungen, in welchen es ſein Daſeyn in der Traumwelt em⸗ pfand, haben es verlaſſen, und verſchwinden; das Ich ſelbſt, abgeſehn von dieſen Beſtim⸗ mungen, bleibt, und in ihm erkenne ich mich ſelbſt, mein eignes wahres Selbſt, das ich im Wachen wirklich fuͤhle und empfinde. So habe ich auf einmal den genuͤgendſten 48⁸ Aufſchluß, die voͤllige Loͤſung meiner Zweifel ge⸗ funden. Das Ich meines Traums in den Verhaͤlt⸗ niſſen und Beſtimmungen der Traumwelt— mit einem Worte: in ſeiner Traumindividualitaͤt, iſt von derſelben Realitaͤt, wie die ganze Welt des Traumes ſelbſt. Erſcheinet mir, dem Wachen⸗ den, dieſe als Phantom, ſo iſt mein Traum⸗ Ich auf dieſelbe Weiſe auch Phantom; es ent⸗ ſteht mit der Welt, in welcher es ſich findet, und verſchwindet mit derſelben, denn es iſt ſelbſt nichts anders, als das Wiſſen um jene Welt, und das ſich ſelbſt erkennende Gefuͤhl von ihrer Wirklichkeit. Spreche ich daher der Welt des Traums die Realitaͤt ab, ſo habe ich den Ge⸗ ſichtspunkt wohl in Obacht zu nehmen, von welchem aus ich ſie betrachte. Stelle ich mich in das Verhaͤltniß des Ich im Traume, ſo erſcheint mir dieſe Welt vollkommen und im hoͤchſten Sinn real. Stelle ich mich uͤber dieſen Geſichtspunkt hinaus, ſo iſt mir das Ganze des Traums, ſein Ich und deſſen Welt, etwas blos Ideelles; ich begreife, daß mein eignes Selbſt, abgeſchnitten durch den Schlaf von ſeiner Welt, in deren Umgebungen allein 1 49 es ſich bewußt wird, ſeine Kraft und Thaͤtig⸗ keit auf ſich ſelbſt richtet. Indem es ſich als etwas beſtimmtes zu erkennen ſtrebt, unter⸗ ſcheidet es ſich von dieſen Beſtimmungen, d. h. es findet ſich in einer Welt, deren Einwir⸗ kung auf ſich, es als reell und von ſich unab⸗ haͤngig anerkennt, ſo wie es ſelbſt auf dieſe Welt, als auf etwas fremdes, reelles und von ſich unabhaͤngiges, einwirkt. Ich, der Wachende bemerke, daß ſich mein Selbſt im Traume gleichſam zerlegt hat, daß eine Welt daraus geworden iſt, in welcher das Empfindende und Erkennende ſich in Verhaͤltniß mit Etwas ſin⸗ det, welches nur empfunden und erkannt wird, daß aber dieſe ganze Welt, das Empfundne ſowol als das Empfindende, nur Eins iſt, naͤmlich ich ſelbſt. Philoſophirte das Denkende im Traum, ſo wuͤrde es, ſo lange es blos reflectirte, entweder ſeine Welt als abſolut ſelbſtſtaͤndig, und ſeine Umgebungen als Dinge, die, abgeſondert von dem Erkennen, fuͤr ſich be⸗ ſtehen, betrachten, oder es wuͤrde die Dinge aus ſeinen Vorſtellungen herzuleiten, und ihre Exiſtenz daraus zu erklaͤren ſuchen. Wir, Wa⸗ Selene IV. Heft. 4 50 chende, wuͤrden dieſe Philoſophie nur belachen, wie⸗ wol ſie in der Traumwelt nicht ohne Anhaͤnger bleiben möchte. Moͤglich waͤre es aber auch, daß das Denkende im Traum uͤber ſeinen Standpunkt, im Denken, ſich erhoͤb, und die Idealitaͤt, nicht blos ſeiner Objecte, ſondern des ganzen Verhaͤltniſſes der Traumwelt erkennte, ihm wuͤrde dann dieſe ganze Welt blos als Produkt einer urſpruͤnglichen Handlung vor⸗ kommen, oder vielmehr als dieſe Handlung ſelbſt(nehmlich wie ſo eben gezeigt worden, als die, auf ſich ſelbſt gerichtete, Kraft, des im Schlaf von der Außenwelt abgeſonderten Selbſt.) Wir Wachenden wuͤrden ihm beiſtimmen, und ihm zugeſtehen, daß es geiſtig, im Denken, die Welt nachgebildet habe, welche wir, ſo oft wir traͤumen, wirklich bilden. Seine Philoſophie wuͤr⸗ de uns die wahre, einzige heißen, waͤhrend er vielleicht in der Traumwelt manchen Widerſpruch und manche Verfolgung finden duͤrfte. Das wache Leben haben viele ſchon figuͤrlich, oder auch in religioͤſer Erhebung einen Traum genannt, und den Tod ein Erwachen zu dem wahren Leben. Er bleibt der ſchoͤne Genius 51 mit der verloͤſchenden Fackel, aber er wendet ſie nicht, um die Finſterniß des Nichtſeyns herr⸗ ſchen zu laſſen, ſondern das Sonnenlicht des wahren Lebens iſt aufgegangen, und es bedarf nicht mehr der naͤchtlichen Fackel. Der alte Mythus, welcher den Schlaf und den Tod, als Zwillingskinder, der Nacht in den Schooß gab, findet ſeine wuͤrdige tiefere Bedeutung. Die Mutter aller Goͤtter, des Himmels und der Erde, konnte ja nicht unmittelbar aus ih⸗ rem Schooße den lebenloͤſenden Tod und den Sinnefeßler, den Schlaf gebaͤren; ſie gebiert nur ſchaffende Goͤtter, den Schlaf, den Bildner der Traumwelt und den Tod, den Wiederher⸗ ſteller der ewigen Welt. So ſind beide ſelbſt⸗ ſtaͤndige Weſen, wie es Goͤtterkindern geziemt, nicht Einer blos das nachahmende Schattenphan⸗ tom des Andern, wie eine andre Anſicht des Mythus, mehr auf Zufaͤlligkeiten achtend, ſie auffaßt. Je tiefer ich in die Natur des Traumes eindringe, je feſter ich die Vergleichung der Traumwelt mit der Welt, die mich im Wachen umgiebt, auffaſſe, um ſo klarer wird mir die 52 Aehnlichkelt zwiſchen beiden. Nicht nur ſiguͤr⸗ lich, nicht nur in religioͤſer Erhebung, in der Wahrheit ſelbſt erkenne ich die Gleichheit des Lebens mit dem Traum, ich fuͤhle es in der tiefſten Seele, daß dieſe ganze Welt, in welcher ich mich finde, ſo wenig die wahre, unabhaͤn⸗ gige, ſelbſtſtaͤndige Welt ſei, als die, welche mit meinen Traͤumen entſteht und verſchwindet; daß uͤber ihr das wahre Weſen ſei, und daß, ſo lange meine Welt mich umgiebt, ich im Glauben lebe, und nur jenſeit der Welt im Schauen. Die Ahnung eines hoͤhern Lebens, welche mir oft, wie eine Geiſterſtimme, Troſt aus einer uͤberirdiſchen Welt zufuuͤſterte, recht⸗ fertigt ſich vor meinem Verſtande und wird mir zur heiligen Gewißheit ſchon in dieſem Leben, wie die Hoffnung, die mir oft in die Traumwelt aus meinem wachen Leben hinuͤber⸗ weht, daß wol alles ein Traum ſei, ſich durch mein Erwachen rechtfertigt. Nichts als Traum waͤre alſo mein Leben? Unglückſelige Gewißheit! Immerhin beweiſe 53 mir metafyſiſche Subtilitaͤt, die gleiche Wirk⸗ lichkeit der Traumwelt fuͤr das Ich im Traume, und meiner, mich umgebenden Welt fuͤr mich ſelbſt, ich werde vielleicht nicht Worte finden, jenen Beweis zu widerlegen, aber ich fuͤhle ſeine Widerlegung in mir. Der Traum iſt verſchwun⸗ den wenn ich erwache, die Handlungen meines Ich im Traume ſind gleichguͤltig fuͤr mich Wachenden. So kann es mit meinem Leben nicht ſeyn, es kann nicht verloren ſeyn, wenn der Tod es endet, mei⸗ ne Handlungen, welche ich nicht einer blinden Nothwendigkeit unterwerfe, ſondern mit Frei⸗ heit nach einem mir vorſchwebenden Geſetz ordne, koͤnnen einer hoͤhern Welt nicht gleich⸗ guͤltig ſeyn; ich wuͤrde dieſe hoͤhere Welt, das heilige Object meines Glaubens, ſelbſt zu einem Traumphantom herabwuͤrdigen, koͤnnte ich mein Leben, das auf jene Welt gerichtet iſt, gleich einem Traume fuͤr bedeutungslos achten. Je⸗ ne Philoſophie, welche dieſes behauptet, muͤßte vor ihren Saͤtzen erroͤthen, und mein Glaube muͤßte vor dieſer Philoſophie erblaſſen. Darum kann es nicht alſo ſeyn. Eine Philoſophie, der nicht der ganze Menſch mit Verſtand, Glauben, 54 Phantaſie und Gefuͤhl beiſtimmt, iſt unmoͤglich die wahre. Wenn der Dichter den Hayfiſch die Hy⸗ aͤne des Meers, der Beobachter den gefundenen Centralkoͤrper, die Sonne des Weltſyſtems, nennt, ſo ſtellt er die Verglichenen nur in den Haupt⸗ punkt der Vergleichung, nicht aber in jeder ihrer einzelnen Beſtimmungen ſich gleich. Vor der Sonne des Weltſyſtems behauptet er durch dieſe Benennung nicht, daß ſie von der Groͤße unſrer Sonne ſei, daß ſie in gleicher Entfer⸗ nung von der Erde ihren Platz behaupte, ja nicht einmal, daß ſie, gleich der unſrigen, Licht ausſtrale, ſondern nur, daß ſie in ihrer Sfaͤre und fuͤr dieſe das ſei, was die Sonne fuͤr und in der Sfaͤre ihres Syſtems iſt. Voͤllige Gleichheit wuͤrde die Moͤglichkeit der Verglei⸗ chung aufheben. So koͤnnte wol auch das Leben, in Beziehung auf eine hoͤhere Welt, ein Traum genannt werden, ohne deshalb in jeder andern Beziehung dem Traume unſres Schlafes gleich zu ſeyn. Ich habe mich uͤberzeugt, daß das Ich meines Traumes zwar mein eignes wahres Ich — —Qnᷓnʒnʒeʒe 55 ſei, aber beſtimmt und beſchraͤnkt(individua⸗ liſirt) von einer, durch daſſelbe und fuͤr daſſelbe vorhandnen Welt, welche mir, dem Wachenden, fremd iſt. Es iſt mir dadurch klar, daß das Ich meines Traums mich ſelbſt in einer niede⸗ rern Sfaͤre als die meinige iſt, repraͤſentirt, denn ich ſelbſt bin der Urquell, nicht nur des Em⸗ pfindens im Traume, ſondern auch aller ſeiner Umgebungen, ſeiner ganzen Welt. Bildlich zu reden iſt alſo mein Traum⸗Ich nur ein Theil von mir, und ſeine Welt der andre,(wiewol ich weiß, daß mein Selbſt durch den Traum nicht reell getheilt wird.) Philoſophirte mein Ich im Traume, ſo wuͤrde es mein wahres Ich als ſeine hoͤchſte Idee anerkennen, als das Abſolute und Ewige, als Einheit des Denkens und Seyns, des Ich und der Welt(als Sub⸗ ject⸗Object.) Nenne ich nun mein Leben ſelbſt einen Traum, ſo dringt mir ja ſchon die⸗ ſe Benennung das Bekenntniß ab, daß dieſes Leben ſich zu meinem Traum auch eben ſo verhalte, wie ich ſehe, daß ſich mein wah⸗ res Selbſt zu dem im Traume verhaͤlt. Der Unterſchied zwiſchen beiden wird mich uͤber die 56— Bedeutung meines Lebens beruhigen, indem mich die Aehnlichkeit beider mit der Wirklich⸗ keit ausſoͤhnt. Die Umgebungen meines Traums zeigen mir eine Welt, aber keine Natur. Ich finde mich im Traum unter einer Menge von Ge⸗ genſtaͤnden, die ich von mir und unter ſich unterſcheide, aber vergebens ſuche ich ein Ge⸗ ſetz, nach welchem ſie unabhaͤngig von meiner Vorſtellung entſtehn und beſtehn. Eben ſo erlebe ich im Traum Begebenheiten, aber keine Geſchichte, die Aufeinanderfolge nur verbindet mein Traumleben zu einem Ganzen, nicht innre Nothwendigkeit, es entwickelt ſich nichts aus dem andern, es erhaͤlt nichts das andre, meine Welt iſt ein Chaos, nicht von Elementen, ſondern von Geſtalten und Begebenheiten, ein ſolches Chaos, das ich oft wachend nicht mehr denken kann, weil die Formen, unter welchen ich im Wachen denke, ſeiner Aufnahme wider⸗ ſprechen. Ich erfahre zwar in jedem Traume, daß mit meiner Traumwelt ſich auch der Raum und die Zeit bilde, denn wie weit iſt der Raum meiner Thaͤtigkeit im Traume gegen den phy⸗ 57 ſiſchen, welchen ich wirklich erfuͤlle, wie oft traͤu⸗ me ich Begebenheiten vieler Wochen, Monate oder Jahre, waͤhrend dem Wachenden neben mir kaum wenige Minuten verſtrichen, ich er⸗ kenne daher, daß Raum und Zeit— wie der Philoſoph ſpricht— nothwendige, aber nicht den Gegenſtaͤnden, ſondern meinem Subjecte angehoͤrige Formen des Erkennens ſind; allein wie verworren iſt meine Traumerkenntniß in Anſehung der urſpruͤnglichen Begriffe, welche jede Erkenntniß ordnen und befeſtigen,(der Kategorien)? Urſachen ohne Wirkung, Wir⸗ kungen ohne Urſache ſchweben unaufhoͤrlich in dem Traume umher, ohne das Subject im Traume zu befremden, nichts iſt unnatuͤrlich, nichts unmoͤglich, eben weil keine Natur vor⸗ handen iſt, und kein Geſetz, welches das Moͤg⸗ liche beſtimmte. Allein gleichwol fuͤhlt ſich das Ich der Traumwelt durch dieſen Mangel eines Naturgeſetzes in ſeinen Umgebungen am meiſten geaͤngſtet, denn es ahndet in ſeinem Innern ein Geſetz, dem gleichwol in ſeinen Umgebungen nichts mit Nothwendigkeit entſpricht, das Ge⸗ ſetz einer Naturordnung, welches die phantaſti⸗ 58 ſche Willkuͤhr der Erſcheinungen ſeiner Welt zuͤgele; und aus dem Widerſpruch der Traum⸗ welt mit dieſem geahndeten Geſetze— nicht aus dem Widerſpruch mit dem Naturgeſetz ſelbſt, welches reell und wirkend nicht vorhan⸗ den iſt,— entſtehen die Schreckniſſe des Traums, in ſo fern ſie dem Traume ſelbſt angehoͤren, und nicht bloße Reminiſcenzen aus dem wirkli⸗ chen Leben ſind. Die Traumwelt iſt demnach blos eine Welt der Sinne, welche den Verſtand unbefriedigt laͤßt. Die Begriffe ſind dem Traum⸗Ich eine hoͤhere Cintellectuelle) Anſchauung, welcher in ſeiner Welt nichts reelles entſpricht. Das Traum⸗Ich wuͤrde von ihnen wie Plato von den Ideen ſagen, ſie ſeyen verloren fuͤr die Welt und lebten als Goͤtter im Ewigen. Wir Wachenden wuͤrden den Sinn dieſer Worte ver⸗ ſtehn, in der Traumwelt hingegen duͤrfte er vielleicht ſo verlacht werden, wie Plato's Worte in unſrer Welt. Die Ordnung und Naturgeſetzlichkeit, welche das Ich des Traums vergebens in ſeiner Welt ſucht, iſt nun der Grund unſrer ſogenannten 59 wirklichen Welt; in ihr finden ſich die, fuͤr jene Traumwelt verlorenen,(d. h. in ihrer Bildung aufgeloͤßten) urſpruͤnglichen Begriffe als reell und, um das obige Bild zu wiederholen, als weltregierende und erhaltende Goͤtter, durch welche die Welt zu einer Natur wird. Wenn auch der Menſch dieſe Naturordnung in ihrem ganzen Umfange noch nicht erfahrungsmaͤßig kennt, ſo weiß er doch mit Gewißheit, daß ſeine Welt auf ſolchen Geſetzen beruht, und daß diefe Geſetze wirklich fuͤr dieſe Welt gelten. Auf glei⸗ che Weiſe ſieht er ſich und die Welt in einer Ge⸗ ſchichte enthalten, deren Vergangenheit beſtimmt und ſicher in der Erinnerung ruht, deren Gegen⸗ wart er ſieht, und deren Zukunft, ſo fern ſie mit Nothwendigkeit erfolgt, ſich durch die Begriffs⸗ verhaͤltniſſe von Urſache und Wirkung vorherbe⸗ ſtimmen laͤßt. Ein ganz andres Leben iſt alſo das wirkliche, als das Leben des Traums. Der Mangel einer Natur im Traum, und die Ent⸗ bloͤßung von Begriffen entzieht jener Welt alle Dauer, alle Selbſtſtaͤndigkeit, alle Bedeutſam⸗ keit; was koͤnnte mich denn aus der Welt des Traumes in die wirkliche begleiten, da mein Ich 60 im Traume, des ordnenden und zuſammenfaſſen⸗ den Prinzips entbloͤßt, nur Sinneneindruͤcke empfaͤngt, aber keine Begriffe? Nur die Erin⸗ nerung an jene Sinneneindruͤcke folgt mir aus dem Traum in die Wirklichkeit, aber ſehe ich nicht ſogar in dieſen ſchwachen fluͤchtigen Erſchei⸗ nungen, daß ihr Angenehmes oder Unangeneh⸗ mes(das Gute und Boͤſe der blos ſinnlichen Natur) den Zuſtand meines wachen Lebens be⸗ ſtimmt? Und aus dem wirklichen Leben, wel⸗ chem Natur und Begriff, Dauer, Selbſtſtaͤndig⸗ keit und Bedeutſamkeit geben, ſollte mich nichts in eine andre Welt begleiten, wenn der Tod mich von dem Lebenstraume erweckt? es ſollte verloren ſeyn fuͤr eine andre hoͤhere Welt, da nicht einmal mein Traum fuͤr dieſe Welt mir ganz verloren iſt? Ich muͤßte den Ausdruck: das Leben ſei ein Traum, unbegreiflich misver⸗ ſtehen, wenn ich dergleichen Folgeſaͤtze daraus ziehen zu koͤnnen glaubte. Was ich in der Welt des Traumes mir wahrhaft eigen machen konnte, folgt mir in die Welt nach, was ich hier mir wahrhaft eigen machte, kann mir nicht verloren ſeyn, wenn ich zu einer hoͤhern Welt erwache. 1 61 Die Welt des wirklichen Lebens iſt alſo nicht, wie die Traumwelt, bloß eine Welt der Sinne, ſie befriedigt auch den Verſtand vollkommen. Allein ich ſelbſt finde mich durch die Beruhigung des Verſtandes noch nicht befriedigt. Wie mich im Traume die Geſetzloſigkeit der Erſcheinungs⸗ welt und die Willkuͤhr ihrer Erſcheinungen aͤng⸗ ſtete, ſo beunruhigt mich im Leben die Geſetzlo⸗ ſigkeit einer andern Welt, zu welcher ich mich als denkendes und wollendes Weſen erhaben fuͤh⸗ le. In mir wohnt ein Geſetz, welches ich als Geſetz des Wollens und Handelns anerkenne, aber in der Welt des Wollens, die mich um⸗ giebt, entſpricht nichts dieſem Geſetz mit Noth⸗ wendigkeit. Die Willkuͤhr herrſcht, und ſelbſt die Naturordnung ſcheint mit jener hoͤhern Welt⸗ ordnung, deren Geſetz ich in mir fuͤhle, in ewi⸗ gem Streit. Die phyſiſche Kraft giebt den Aus⸗ ſchlag auf der Wage des Schickſals uͤber das Recht, die Beſtrebungen vieler Geſchlechter erlie⸗ gen der gewaltſamen Erſchuͤtterung eines Augen⸗ blicks: die Thaͤtigkeit der Redlichgeſinnten ſchei⸗ tert an der traͤgen Starrheit des Egoismus: Raͤnke untergraben das Gebaͤude der Rechtlich⸗ 62 keit, und die Krone des Gelingens ſchmuͤckt das Haupt des boshaften Verbrechers. Aus dieſem Widerſpruch der Wirklichkeit mit dem Geſetz, das ich in mir fuͤhle, und doch nirgends realtſirt finde, entſtehen fuͤr mich die Schreckniſſe dieſer Welt, wie die Schreckniſſe der Traumwelt aus dem Widerſpruch der Erſcheinungen mit der ge⸗ ahndeten, und nirgends im Traum realtſirten Ordnung der Natur. Der Menſch klagt uͤber den Verluſt der Ideen, welche die hoͤhere Welt⸗ ordnung bilden und erhalten, wie die urſpruͤng⸗ lichen Begriffe die Naturordnung, und er ahn⸗ det ihr wirkliches Daſeyn in einer hoͤhern Welt, wo ſie, gleich Goͤttern, in den ewigen Wohnun⸗ gen leben, und die Welt der Vernunft bilden und erhalten, welche dem Menſchen im Leben als eine ideale Welt vor den Augen des Geiſtes ſchwebt, deren Wirklichkeit er aber in ſeinen Um⸗ gebungen uͤberall vermißt, die ein Gegenſtand ſeiner Sehnſucht iſt und ſeines Glaubens, die aber niemals in dieſem Leben von ihm reell er⸗ kannt oder erreicht wird. Zu dieſer Welt der Vernunft werde ich er⸗ wachen, wenn der Tod den Traum meines Le⸗ 63 bens endet. Wie ich, in meinen wirklichen Umgebungen des Lebens, das Naturgeſetz finde und erkenne, welches mein Ich im Traume nur ahndete, ſo werde ich in jener Vernunft⸗ welt die moraliſche Weltordnung als nothwen⸗ diges Naturgeſetz jener Welt finden, welche ich hier nur ahnden, und im Glauben an etwas Heiligers als die Erſcheinungen mir zeigen, hoffen und wuͤnſchen konnte. Hier ſuche ich es, dort werde ich es finden. Aber ſo gewiß ich es finden werde, wenn ich es hier ſuche, ſo gewiß werde ich es auch ſelbſt nach geſchloſſenen Lebenstraume nicht finden, wenn ich es hier nicht mit Ernſt und Liebe, mit Eiſer und An⸗ dacht, mit ausdauernder Geduld und mit Glau⸗ ben ſuchte. Kann ich denn wohl, ſelbſt im ge⸗ woͤhnlichen Kreiſe meines Wirkens, etwas ſinden, deſſen Begriff mir fremd iſt, und zu deſſen Na⸗ tur ich mich nicht durch innern Trieb gezogen fuͤhle? Ich kann dem durchaus mir Fremden wol durch Zufall begegnen, aber mir ſelbſt iſt es darum nicht ein Gefundenes, ich werde es voruͤbergehn, wie das Nahrungſuchende Thier den kuͤnſtlich gebildeten Marmor, ich koͤnnte es 64 ſogar in mich aufnehmen, aber ich wuͤrde mich nicht mit ſeinem Weſen, ſondern mit einer Zufaͤllig⸗ keit an ihm in Verbindung geſetzt haben, wie das Thier die Blume, nicht als Blume, ſon⸗ dern als Kraut genießet. Was ich wirklich finden ſoll, das muß ich geſucht haben, das heißt, es muß Gegenſtand meines Verlangens ſeyn. Und ſo erſcheint mir nun die Bedeu⸗ tung meines Lebens in dem klarſten Licht. Es iſt wahre eigentliche Vorbereitung zu dem ewi⸗ gen Leben. Die Seligkeit der Vernunftwelt wuͤrde fuͤr mich nicht vorhanden ſeyn, haͤtte ich nicht ſelbſt hier ein Leben nach Vernunft⸗ geſetzen gelebt, denn meine hoͤchſte Seligkeit beſteht ja in nichts anderm, als in der Er⸗ kenntniß und dem Gefuͤhl der realen Ueberein⸗ ſtimmung meiner Welt mit den Ideen(den Urprincipien der Vernunft) oder wie die Re⸗ ligion es nennt, in dem Anſchaun Gottes. Wem das Vernunftgeſetz in dem Leben gleich⸗ guͤltig war, wer ſeine Realitaͤt nicht ſuchte und im Vorbilde in ſich ſelbſt und außer ſich dar⸗ zuſtellen bemuͤht war, weſſen Sehnen blos auf das Endliche gerichtet war, wie waͤr' es moͤg⸗ 63 lich, daß ein ſolcher Gott ſchauen, und in ſein Reich eingehen koͤnnte? Denn das Reich der Ideen iſt das Reich Gottes und ſie ſind die ſeligen Geiſter, die, als ſeine erſte, reinſte Schoͤpfung ewig um ſeinen heiligen Thron ſtehen. Der Irdiſchgeſinnnte verbannt ſich ſelbſt dar⸗ aus, er hat ſich geblendet fuͤr das Licht des Himmels, denn in dieſen heiligen Regionen, aus welchen Zufall und Willkuͤhr, welche im Traum und im Leben herrſchen, verbannt ſind, kann er nicht einmal, indem er Gluͤck ſucht, die Seligkeit finden, wie das Thier, Nahrung ſuchend, die Bluͤthe antrifft. Ueber die Bedeutung meines Lebens, als eines Traumes, waͤre ich denn durch dieſe An⸗ ſicht der verſchiedenen Welten vollkommen be⸗ ruhigt, denn ſein Zuſammenhang mit dem ewi⸗ gen Leben zeigt ſich mir als der innigſte und feſteſte, die Seligkeit erſcheint mir als Beloh⸗ nung meines Strebens darnach und der Olymp wird der Preis fuͤr den muthvollen Kampf des Heroen. Aber, indem ich mich uͤber meine Anſicht des Lebens beruhigt fuͤhle, werde ich auch dadurch vollkommen mit meiner Wirklich⸗ Selene IV. Heft. 5 66 keit ausgeſöhnt. Was mich mit Grund in der Wirklichkeit aͤngſtiget, iſt dieſes, daß es Wahn iſt, wie der Dichter ſpricht, zu glauben:„an die goldene Zeit, wo das Rechte, das Gute wird ſiegen,“ zu glauben:„daß das buhlende Gluͤck ſich dem Guten vereinigen werde.“ Daß „das Rechte, das Gute ewig Streit fuͤhrt, daß ihm nie der Feind erliegt, daß das Gluͤck dem Schlechten mit Liebesblick folgt und dem Guten nicht die Erde gehoͤrt“— das ſind die Schreckniſſe der Wirklichkeit, die nie verſtum⸗ menden Klagen, des, nach dem Beſſern aufblik⸗ kenden, Menſchen; denn gegen dieſe Feinde kennt unſre Welt keinen Schutz, es iſt Wahn, in ihr ihn zu erwarten. Allein eben dieſe Schreckniſſe ſind es ja, welche das Traumbild meines Lebens ausmachen, ſie ſind das Ver⸗ gaͤngliche, das Phantom, das Schattenbild, welches mir gewiß nicht in jene Welt nachfolgt, welches bei dem Erwachen verſchwindet, weil es einzig und allein dem Traum angehoͤrte. Moͤge daher mein beſter Wille nie in dieſer Welt ſeine Erfuͤllung finden, moͤge das Gute, wel⸗ ches ich ſchon um mich emporkeimen ſah, von 67 dem eiſernen Tritt der Verheerung zu Boden gedruͤckt werden, moͤge die Bluͤthe vieler Jahr⸗ hunderte von dem Sturm eines Augenblicks erkaͤltet und abgeſtreift werden; ich werde es beklagen, daß das Schoͤne und Gute nicht be⸗ ſteht, aber nie wird, weder meine Ueberzeu⸗ gung wanken, noch mein Glaube, der das Be⸗ ſtehn des Guten in der fremden Welt, mit geiſtigen Blicken ſieht. Noch weniger wird mich das Mißlingen des Guten zu dem Wahne verleiten, als ſei mein Handeln verloren, wenn es, vom Erfolge nicht belohnt, ſich auf das Gute richtet. Kein Wollen, kein Handeln nach Geſetzen der Vernunft, iſt verloren, ſchien auch die ganze Welt mit ihrer Kraft ſich dagegen zu ſetzen und es zu vernichten, denn dieſer mein Wille, dieſes mein Handeln ſelbſt, iſt ja das Beſtehende meines Lebens, das, was mir aus dem Leben in jene Welt hinuͤberfolgt, und mich faͤhig und wuͤrdig macht zu dem Leben in der ewigen Welt. Ueberzeugt mich alſo auch die Erfahrung meines ganzen Lebens von der Frucht⸗ loſigkeit meiner Bemuͤhung, das Gute in dieſer Welt zu befoͤrdern, ſo werde ich, dieſer Ueber⸗ 68 zeugung ungeachtet, noch in dem letzten Augen⸗ blick meines Wirkens mit demſelben Enthuſtas⸗ mus fuͤr das Rechte und Gute leben, leiden und ſterben, als in dem erſten. Die Welt kann aufhoͤren Gegenſtand meines frommen Hoffens zu ſeyn, aber bis zu meinem letzten Hauche bleibt ſie Gegenſtand meiner Pflicht; ich ſelbſt kann nach einem Leben voll Taͤuſchungen mei⸗ nen Glauben einzig auf den Himmel richten, aber meine Thaͤtigkeit bleibt unveraͤndert mei⸗ ner Welt gewidmet. Nur den, welcher im Wollen des Guten bis an das Ende beharret, ſchmuͤckt die Krone des ewigen Lebens. Mein Glaube verſoͤhnt mich alſo nicht allein mit der Wirklichkeit, er gibt auch dieſer erſt ihre wahre Bedeutung. Je feſter mein Glaube iſt, deſto mehr und um ſo dringender fordert er mich auf, meine ganze Thaͤtigkeit auf meine Welt, welche ich als das Objekt meiner Pflicht erkannt habe, zu wenden. Das iſt nicht Glau⸗ be, in thatenloſem Hinſchauen auf eine beſſere Welt, die gegenwaͤrtige aufgeben. Traͤgheit waͤre dieſes, welche den heiligen Namen des Glau⸗ bens durch Heuchelei misbrauchte. Lebendig muß 69 mein Glaube ſeyn, in meinen Werken muß er ſich zeigen, ſoll er ein ſeligmachender, d. h. auf die ewige Welt der Vernunft gerichteter Glaube ſeyn. Jener todte Glaube wuͤrde ſelbſt das Werk der Vernunft ſtoͤren, indem er mich hin⸗ derte, dem vernuͤnftigen Willen angemeſſen zu handeln. Kann ich uͤbrigens auch nicht mit Zu⸗ verſicht auf den guten Erfolg meines Wollens und Handelns rechnen, ſo iſt doch das Mislin⸗ gen des Guten nicht abſolute Gewißheit. Ich wuͤrde alſo durch jene Thaͤtigkeit beides ſtoͤren, mein vernuͤnftiges Handeln, welches in meiner Macht ſteht, und die Moͤglichkeit des Gelingens und der Verbreitung des Guten, welche ich zwar nicht mit Gewißheit erwarten, aber eben ſo we⸗ nig im Voraus als unmoͤglich behandeln darf. Noch mehr verkennen wuͤrde ich die Natur dieſes Glaubens, wenn ich ihn als Beruhi⸗ gungsgrund wegen ſolcher Leiden misbrauchen wollte, die nicht aus dem Widerſtreit einer ge⸗ ſetzloſen, unbezwinglichen phyſiſchen Macht, ge⸗ gen die Forderungen der Vernunft, entſtehen. Auch hier ſcheut ſich oft die Traͤgheit nicht, das Heilige zu entweihen. Alles was in der, mich 70 umgebenden, Welt, nach Naturgeſetzen geſchieht, iſt ein Gegenſtand meines Erkennens, ich kann es durchforſchen, in die Geſetze ſeines Weſens eindringen und durch meine Erkenntnis entweder die ſchaͤdliche Wirkung der Naturkraͤfte von mir ableiten, oder, ſind ſie meiner Einwirkung zu maͤchtig, mich ſelbſt dem Kreiſe ihres Wirkens entziehen. Unterlaſſe ich dieſes, ſo verſaͤume ich eine Kraft zu bilden, welche zu aͤußern meine Pflicht, als verſtaͤndiges Naturweſen, iſt, ſo iſt meine Traͤgheit mit meiner Natur in Wider⸗ ſtreit, nicht die Weltwillkuͤhr mit dem reinen Willen der Vernunft; ich buͤße dann die Schuld meiner eignen Thorheit, naͤmlich der Vernach⸗ laͤßigung meines Verſtandes. Wie kann ich mir anmaßen das Reich der Vernunft foͤrdern zu wollen, ſo lange ich noch nicht einmal den Grund und Boden kenne, auf welchen mein Handeln beſchraͤnkt iſt? Das Feſtſtehen auf dieſem Bo⸗ den iſt Bedingung meines vernuͤnftigen Lebens; die Welt mit allen ihren Verhaͤltniſſeu als Natur und als Menſchenverbindung, iſt die Sprache welche ich kennen muß, um in ihr, wuͤrdig und vollſtaͤndig, das heilige Wort der Vernunft aus⸗ 71 ſprechen zu koͤnnen. Fern ſey es alſo von mir, den Mechanismus des Verſtandes und die Kennt⸗ niß der Dinge und der Menſchen, welche mich umgeben, zu vernachlaͤßigen, oder in verkehrtem Duͤnkel zu verachten. Dieſe Kenntniß iſt aller⸗ dings nicht mein Zweck, aber ſie iſt unentbehr⸗ liche Bedingung deſſelben; bei ihr mich beruhi⸗ gen, hieß, mich aus dem Kreis der Vernunftweſen ausſchließen, ſie verwerfen hingegen, meine Be⸗ ſtimmung durchaus, und in jeder Beziehung, verkennen.— Die Beſtimmung und Bedeutung meines Le⸗ bens iſt mir klar geworden, ich betrachte es ruhig als einen Traum, denn ich habe das Weſen des Traums im Allgemeinen erkannt, nicht blos in den naͤchtlichen Schoͤpfungen meines Geiſtes. A. Die Brautſchau. Romanze. Das Horn erklingt durch Staͤdt' und Auen, Der Herold neigt den goldnen Zweig; Die ſchöͤnſten aller Edelfrauen Entbeut er aus des Koͤnigs Reich, Eh man des Sommers Ende zaͤhle Zu nahen vor des Fuͤrſten Thron, Daß er die Wuͤrdigſte ſich waͤhle, Und mit ihr theile Reich und Kron. Und wie der Fruͤhling ſich erneuet, Verſammelt ſich im ſchönen Kreis Der Kranz der Damen, holdgereihet,— Wetteifernd um des Beifalls Preis. 73 Der Koͤnig naht, und gruͤßt die Menge, Umgeben von des Hofes Pracht; Und unter feſtlichem Gepraͤnge Entweicht der Abend und die Nacht. Beim Klang der Hoͤrner und Schalmeien Beginnt das hohe Konigsmahl, Drauf ordnet ſich in frohen Reihen Der Tanz im kerzenvollen Saal. Und ſtill durchforſcht mit ernſten Blicken Der Fuͤrſt der Jugend muntre Reihn; Die Schoͤnſte ſoll ſein Herz begluͤcken, Und alles Schoͤne ſieht er ſein. Und als der Morgen ſich erneuet, Verſammelt ſich im ſchoͤnen Kreis Aufs neu die Menge, holdgereihet, Wetteifernd um des Beifalls Preis. Der König ſteigt vom goldnen Throne, Und ſpricht:„Schwer iſt die ſchnelle Wahl! Werth ſeid ihr all' der Herrſcherkrone, Das Schoͤne herrſchet uͤberall. 74 Nur Eine fehlt in dieſem Kranze, Die geſtern lang mein Auge ſah, Fern von des Feſtes hohem Glanze Stand einſam ſie und ſinnend da. Ihr Antlitz barg ein dichter Schleier, Doch zu der Laute Silberklang Entfloß in heiligſtiller Feier Den Lippen ſchmelzender Geſang. Und als ſie kaum mich ausgefunden, Senkt demuthsvoll ſie ihren Blick, Und eh' ich naht', war ſie entſchwunden, Nur meine Sehnſucht blieb zuruͤck. Wo weilt ſie, die mein Herz geruͤhret, Eh' ich ihr Antlitz noch geſehn? Wird ſie den Dank, der ihr gebuͤhret, Von ihres Koͤnigs Hand verſchmaͤhn? Und alle ſehn betroffen nieder, Und Schweigen waltet uͤberall; Da ſchallt von fern der Klang der Lieder, Und toͤnt harmoniſch durch den Saal. Es öffnet ſich die goldne Pforte, In zauberiſchen Melodien Vermiſchen ſanft ſich die Akkorde— Beſcheiden naht die Saͤngerin. Wer biſt du? ruft in Luſt verloren Der Koͤnig.„Arm und unbekannt Ward ich auf ſtiller Flur geboren, Und kenne nicht mein Vaterland. „Ein ewig ungeſtilltes Sehnen Zieht mich in weite Fernen hin— Nur in der Laute ſuͤßen Töonen. Erfreuet ſich mein trunkner Sinn. Wo freundlich mir der Blick ſich neiget, Da weil' ich, auch beim niedern Heerd: Doch, wo das Schoͤne frei ſich zeiget, Iſt mir der Glanz des Lebens werth. So nah' ich jetzt, mit frohen Weiſen Und mit des Liedes zartem Laut Der Frauen Wuͤrdigſte zu preiſen, Die du erwaͤhlt zu deiner Braut!“ 6—— Und ſittſam zu dem Kreis der Frauen Schlaͤgt ſie empor den frommen Blick, Die Neuerkohrene zu ſchauen— Doch ſanft zieht ſie der Fuͤrſt zuruͤck; Setzt auf ihr Haupt die goldne Krone, Und nimmt die Hand, die ihn begluͤckt, Und ſpricht:„Die Wuͤrdigſte zum Throne Iſt die, die ihn mit Demuth ſchmuͤckt.“ Und als er kaum das Wort vollendet, Wird todtenblaß ihr Angeſicht; Und wie erſtaunt ſein Blick ſich wendet— Schließt ewig ſie der Augen Licht! Schreiber. — 72 Liebesbriefe eines beruͤhmten Mannes. (Fortſetzung.) An Eliſa. Heute fruͤh hab' ich ein neues Tagebuch an⸗ gefangen. Nun, Sie ſollen es ſehen: denn leb' ich nicht, bis Sie wieder nach England kommen, ſo vermache ichs Ihnen in meinem Teſta⸗ mente. Es iſt ein ſchwermuͤthiges Blatt: doch werden auch freudige kommen; und koͤnnt' ich dir Briefe ſchreiben, ſo ſollten's auch nur freu⸗ dige werden. Ich fuͤrchte aber, es kommen nur wenige bei dir an! Dennoch ſoll, verlaß dich drauf, mit jeder Poſt etwas Geſchriebenes an dich abgehen, bis du deine Haͤndchen erhebſt und mir winkend befiehlſt: Laß das Schreiben! Sagen Sie mir, wie Sie ſich beſinden, und auf welche Weiſe der Himmel Ihren Muth belebt. Wie iſts mit Ihren Bequemlichkeiten, 28 liebſte Freundin? alles gut? Schreiben Sie mir's! ſchreiben Sie mir alles und jedes. Ganz gewiß werden Sie mich mit James'ens zu Deal ſehen, wenn widrige Winde Sie aufhal⸗ ten ſollten. Wirklich, Eliſa, mit Freuden floͤg' ich zu Ihnen, koͤnnt' ich Ihnen Dienſte leiſten, oder auch nur eine Gefaͤlligkeit erzeigen. Du guter, barmherziger Gott, ſiehe an das Leiden eines armen Weibes, und ſtaͤrke und beſchuͤtze ſie in allen Beſchwerden, denen ſie ſich ausſetzen muß! Sie hat ja jetzt keinen Schutz, als dich! Hilf du ſelbſt ihr alle Gefahren eines truͤgeriſchen Elements uͤberſtehen, und richte, immer von neuem, ihr Herz mit deinem Troſt auf!— Mirr iſt, als muͤſſe mein Gebet erhoͤrt ſeyn, Eliſa! Ich blicke gen Himmel und er ſcheint mir freundlich zuzulaͤcheln.— Ich bin jetzt von unſrer lieben James zu⸗ ruͤckgekommen, wo ich drei Stunden von dir geplaudert hatte. Sie hat dein Portrait erhal⸗ ten und freuet ſich druͤber; Mariot und andre Kenner meinen aber, meines ſei beſſer und ſtelle deinen ſanften Charakter treuer dar. Was iſt aber das alles gegen das Original? So viel 1 —— ᷣ 79 ſeh' ich jedoch: jenes Bild iſt ein Gemaͤlde fuͤr die Welt; meines hingegen iſt blos gemalt, um einem ehrlichen Hausfreunde und„empfindſa⸗ men Philoſophen“ zu gefallen. Dort ſind Sie zum Laͤcheln verfeint, und geſchmuͤckt mit dem Glanze von Seide, Perlen und Hermelin; hier— ohn' allen Putz, einer Veſtalin gleich, ſind Sie nur ganz das gute Maͤdchen, wozu die Natur ſie ſchuf: und das hat, wenigſtens fuͤr mich, weit mehr Anziehendes, als ſelbſt Madam Drape, geruͤſtet, Huldigungen zu em⸗ pfangen, im Feſtſchmuck, mit neuverjuͤngtem Geſicht und unverkennbaren Gruͤbchen in Kinn und Wangen. Iſt mir recht, Eliſa, ſo woll⸗ ten Sie ſelbſt den Tag, als Sie fuͤr Madam James ſaßen, alle Grazien Ihres Weſens in Ihrem Geſicht vereinigen; auch Ihre Farbe war hoͤher, Ihre Augen leuchteten lebhafter, als ſonſt. Als Sie aber fuͤr mich ſaßen, bat' ich, Sie moͤchten ohne allen Putz und Schmuck kommen; ich wußte wol— weil ich mit unbe⸗ ſtochnen Augen ſehe— ich wußte, daß Ihnen kein Juwelier und kein Seidenwurm Vortheil bringen koͤnne. Laſſen Sie mich Ihnen hier re 80 eine Wahrheit geſtehen, wenn ich ſie auch ſonſt ſchon geſtanden haben ſollte! Als ich Sie zuerſt kennen lernte, intereſſirten Sie mich nur als ein Gegenſtand meines Mitleidens, und uͤbrigens als ein Weibchen— nun, ſchlecht und recht; ja die Art, wie Sie gekleidet waren, obſchon nach der Mode, entſtellte Sie ſogar in meinen Augen. Dahin wird's nun in alle Ewigkeit bei mir nicht wieder kommen, außer wenn man Ihnen einredete, die ſchoͤne Dame zu machen. Schoͤn, Eliſa, ſind Sie nicht; und wenn Zehen den Blick uͤber Ihr Geſicht ſtreifen laſſen, ge⸗ faͤllt es vielleicht nur Einem darunter: aber Sie ſind etwas, das mehr werth iſt; ich habe— warum ſollt' ichs denn nicht ſagen?— ich habe nie ein ſo geiſtreiches, ſo ſeelenvolles, ſo engel⸗ gutes Geſichtchen geſehen, und gewiß gab es noch nie einen Mann von Geiſt, von Ge⸗ fuͤhl und Delikateſſe,(wird auch keinen geben) der drei Stunden mit Ihnen in Geſellſchaft war, und nicht Ihr Verehrer oder Freund wurde — vorausgeſetzt, Sie wollten keinen Charakter annehmen, der Ihnen fremd iſt, ſondern blos das kunſtloſe Weſen bleiben, wozu die Natur ——— 81 Sie beſtimmte. Es iſt etwas in Ihren Augen und in Ihrer Stimme, das ſo unwiderſtehlich einnimmt, wie ichs noch von keinem Weibe geſehen, geleſen oder erzaͤhlen gehoͤrt habe. Freilich ruͤhren aber dieſe bezaubernden Vorzuͤge ohne Namen auch nur Maͤnner, die wirklich zart empfinden! Ihr Mann— waͤr' er in England: herz⸗ lich gern gaͤb' ich ihm ein Paar hundert Dukaten,(waͤr' naͤmlich auch das fuͤr Geld feil!) daß er dich taͤglich etwa zwei Stuͤndchen nur in meinem Zimmer ſitzen ließ, wenn ich an meiner empfindſamen Reiſe ſchreibe. Gewiß, die Leute riſſen ſich dann um das Buch, und mein Geld truͤge mir ſiebenfaͤltige Frucht. Fuͤr dein Portrait, das Newnhams geſto⸗ chen herausgegeben haben, geb' ich keinen Zwan⸗ ziger. Das iſt ja eine ſchnickere, zierige, erobe⸗ rungsſuͤchtige Mamſell!—— Morgen ſchreib' ich dir wieder, du erzgutes, liebenswuͤrdigſtes Weibchen! Gott gebe dir eine gute Nacht. Mein Geiſt umſchwebt dich jede Minute. Adien!— Selene IV. Heft.— 6 28— 1 An Eliſa. Freilich wol konnten Sie's mit dem jungen Offizier nicht gut anders machen, als Sie's gemacht haben! Die Thuͤre vor ihm zu ver⸗ ſchließen: das ging nicht, aus Artigkeit und — Menſchenliebe. Du ſagſt, er ſcheine fuͤr ſanftere Gefuͤhle empfaͤnglich, und ehe ihr vierzehn Tage zu Schiffe waͤret, wuͤrde er ſich in Miß Light verliebt haben? Aber, nimm's nicht uͤbel, mir leuchtet tauſendmal mehr ein, daß er ſich in dich vergukt, Eliſa, weil du tauſendmal liebenswuͤrdiger biſt. Um Eliſa, und fuͤnf Monate lang, und in einem und demſelbigen Zimmer, und ein verliebter Uniform⸗ Traͤger: „Meine Ruh' iſt nun verlohren, „»Meine Freude floh davon— Maan rallaralla u. ſ. w. Nun ſieh: die liebe Sonne ſcheint auch auf manches Fleckchen, wo ſie's wol bleiben ließ, wenn ſie koͤnnte; ihre Stralen ſind aber ſo himmliſch und rein, daß ich mein Lebelang nicht gehoͤrt habe, ſie wuͤrden davon beſchmitzt. 83 Alſo, mein fuͤßes Kind, wird's mit den deinigen auch ſeyn, hier, wie bei jeder aͤhnlichen Ge⸗ legenheit, wovon du nicht frei bleiben wirſt, ſo lange du auf Erden wandelſt! Aber dein Verſtand, deine Feinheit, deine Unſchuld, dein Genius, und auch deines Yoriks Genius, die einander ſo aͤhnlich ſehen— dieſe werden deine beſten Rathgeber ſeyn. Ganz gewiß geht's eben druͤber her, dein Reiſezimmerchen einzurichten. Warum laſſen Sie's nun aber nicht beim Scheuern und Auf⸗ putzen bewenden, und bei den Tapeten, womit es ausgeſchlagen werden ſoll, ſondern wollen es auch gemalt haben? Der Farbengeruch iſt ge⸗ wiß Ihren Nerven und Ihrer Bruſt nachthei⸗ lig; auch entfernet er Sie laͤnger aus Ihrem Zimmer, in welchem Sie doch, wie ich hoffe, manche ſehr gluͤckliche Stunden hinbringen koͤnnten! Ihre Reiſegefaͤhrten ſind artig? Ich fuͤrchte, ſie ſind es nur, verglichen mit dem Schiffsvolke, mit dem Sie ſie zuſammen ſehen. So war's auch mit— Sie wiſſen ſchon, mit wem! da machte Ihr Urtheil auch ſich ſelbſt ein. ſuͤr 8 ein U., und... doch ich will Sie an ſo etwas nicht erinnern! Wenn ſich die Herren nur anſtaͤndig benehmen und in ſchuldiger Ent⸗ fernung bleiben: da iſts ſchon gut, und ſo viel, als man verlangen kann. Sind einige von ihnen wirklich noch beſſer: ſchoͤn, ſag' ich Ih⸗ nen! Sie beduͤrfen mancherlet Beiſtand, und ſind berechtigt, ihn anzunehmen. Nur, meine Liebe, behutſam, behutſam mit vertrautem Umgange! Gute Herzen ſchließen ſich leicht an; ſie ſind ſchon ihrer Natur nach geneigt dazu. Der Himmel ſtehe dir in dieſem, ſo wie in allen bedenklichen Faͤllen mit Feſtigkeit bei. Lebe wohl, du beſtes Geſchoͤpf Gottes! Behalt' mich lieb, ich bitte dich! Und denk' auch flei⸗ ßig an mich! Meine Eliſa, ich bin und bleibe ſo lang' ich lebe, im vollguͤltigſten Sinne des Worts, dein Freund, Yorik. N. S. Sehr wahrſcheinlich zeigt ſich Ihnen Gelegenheit, mir mit einem hollaͤndiſchen oder franzoͤſiſchen Schiffe zu ſchreiben, waͤr' es auch erſt vom gruͤnen Vorgebirge. Durch beide wird's ja wol richtig an mich gelangen!— 5₰ An Eliſa. Ach, wie plagt mich Ihr Kajuͤtenzimmer, meine liebſte Eliſa! Schon die friſche Farbe greift gewiß alle Ihre Nerven an! Die Welt hat nichts ſchaͤdlichers, als Bleiweiß. Seyn Sie doch behutſamer mit Ihrer Geſundheit, beſtes Maͤdchen! und ſchlafen Sie mir nicht zu fruͤh dort. Nur davon koͤnnten Sie Kraͤmpfe, wer weiß wie arg, uͤber den Hals bekommen.— Hoffentlich ſind Sie nicht zu— ge⸗ blieben, und meine Briefe kommen Ihnen gruͤßend entgegen, ſobald Sie zu Deal aus dem Wagen ſteigen. Wenn Sie ſie alle beiſammen haben, Beſte, ſo ordnen Sie ſie huͤbſch in Reih' und Glied. Die erſten acht' oder neun ſind numerirt; bei den uͤbrigen bin ich aus die⸗ ſer Ordnung gefallen: du wirſt dich aber leicht aus den Tagen oder Stunden zurechte finden, die ich hoffentlich allemal angegeben habe. Haſt du ſie chronologiſch klaſſiſizirt, ſo hefte ſie in einen Umſchlag; ich denke, du wirſt von Zeit zu Zeit zu ihnen zuruͤckkehren; du wirſt, —— —;—ÿ—ÿͦ wenn dich Narren oder leeres Getraͤtſch ermuͤ⸗ det haben, dich in dein Kaͤmmerlein riegeln, und dir mit ihnen und mit mir ein Stuͤndchen die Zeit vertreiben. Es iſt mir durchaus nicht moͤglich geweſen, auch nur einen Einzigen davon, auch nur durch Einen Zug des Witzes und der Laune, auch nur beleben zu wollen: aber du findeſt'was Beſſeres drin, etwas, das du wenigſtens in deinen jetzigen Verhaͤltniſſen beſſer brauchen kannſt— guten Rath, Aufrichtigkeit und Erfahrung. Hoffentlich findeſt du auch in je⸗ dem, Zuͤge einer redlichen Seele, die mehr bedeuten, als ſchoͤn geruͤndete Perioden; und dieſe werden dein Zutrauen und den Glauben an deinen Yorik feſter gruͤnden, als alles, was ſtudirte Kunſtrednerei hervorbringen koͤnnte. Auf dieſen Glauben ſtuͤtze dich nun auch ge⸗ troſt, meine Eliſa! Armuth, Noth, Herzeleid und Schmach ſei mein Loos, wenn ich jemals Schuld werde, daß du deine Bekanntſchaft mit mir bereueſt! Ich lege dieſen Schwur vor den Augen des gerechten Gottes ab, und bitte ihn, es mir ſo ergehen zu laſſen, wie ich aufrichtig 87 und redlich mit dir umgehe. Ich wuͤrde dich nicht herabſetzen, auch nicht in den Augen ei⸗ nes einzigen Menſchen, und koͤnnt' ich damit die Krone des reichſten Monarchen gewinnen. Vergeſſen Sie nicht, daß, ſo lang' ich lebe und da bin, alles, was mein iſt, auch Ihnen zugehoͤrt, und Sie es folglich nach Willkuͤhr brauchen koͤnnen; ob es mir gleich Ihrer Delikateſſe wegen nicht lieb ſeyn ſollte, wenn Sie meine Freundſchaft auf dieſe Probe ſetzen muͤßten. Guineen und Spielmarken ha⸗ ben, nach meiner Denkungsart, gleiche Beſtim⸗ mung: man berichtigt ſich durch beide mit Andern. Ich hoffe, Sie werden mir auf dieſen Brief antworten; werden Sie aber durch die Elemente, die Sie von uns reißen, verhindert: ſo will ich einen Brief in deine Seele ſchreiben, und glauben, er ſei ſo, wie du ihn geſchrieben haben wuͤrdeſt, und ihn hochhalten, als meiner Eliſa Brief.— Ehre, und Gluͤck, und Geſundheit, und was es ſonſt noch Gutes giebt, das ſchiffe mit dir, mein allerwackerſtes Maͤdchen! Fuͤr dich 88 und meine Lydia will ich leben; reich will ich werden fuͤr die theuern Lieblinge meines Her⸗ zens; nach Weisheit will ich ringen, nach Ruhm, nach Gluͤck, um das alles mit dir, und mit ihr, in meinen alten Tagen zu theilen. Nun tauſendmal, Adien! Sorge fuͤr dein Leben! Vergiß nicht, was wir beſprochen ha⸗ ben! Laß dir ja durch nichts das entwenden, was dir der Himmel gab, dich zu begluͤcken! Was kann ich noch hinzuſetzen, da ich ſo unruhig bin und die Poſt in fuͤnf Minuten abgeht, als dich dem Himmel anbefehlen, und mich ſelbſt, zugleich mit dir, dem Himmel anbefehlen, in dem herzinniglichen Seegens⸗ wunſch, daß er uns ſo gluͤcklich mache, einan⸗ der wiederzuſehen, wo nicht in dieſer, doch in der kuͤnftigen Welt! Adieu! Eliſa, ich bin der deinige, und innig und ewig! (Wird fortgeſetzt.) 89 Einfaͤlle. Nach der Schlacht bei Hoͤchſtaͤdt erkannte Marlborough unter den verwundeten Gefangnen einen Soldaten, den er waͤhrend des Treffens als einen der tapferſten bemerkt hatte. Wenn dein Herr, ſagte er zu ihm, viel Soldaten haͤtte, wie du biſt, ſo waͤr' er unuͤberwindlich. — Ach, erwiderte der brave Mann, es fehlt ihm nicht an Soldaten, wie ich, aber an Ge⸗ neralen, wie Sie!—— Als der Herzog Regent von Frankreich den Anmaßungen des Kardinals Duͤbois auch ſeinen Guͤnſtling, Noce“, aufgeopfert hatte, trat ein Freund des Geſtuͤrzten zu dieſem und wollte ihn troͤſten:„Gewiß dauert Ihre Entfernung nicht lange!— Ach was wiſſen Sie davon! erwiderte jener.„Ich weiß es vom Regenten ſelbſt!«— Ach, was weiß der davon! war die Antwort.— 90— Als Richard II. eben erſt Eduarden auf den engliſchen Thron gefolgt, aber bei der furchtbaren Empoͤrung faſt nur zum Namen des neuen Regenten gekommen war, ruͤckte der beruͤchtigte Wat Tiler, das Haupt der Rebellen, pluͤndernd und mordend ſogar vor London. Der funfzehnjaͤhrige Koͤnig ritt ihm, mit we⸗ nigen, die ihm getreu waren, entgegen und wollte ihn ſprechen. Der uͤbermuͤthige Rebell behandelte ihn, in dieſem Geſpraͤch, wie ei⸗ nen Knaben, that die tolleſten Vorſchlaͤge, und als Richard, obſchon immer nur mit Sanft⸗ muth, widerſprach, fuchtelte er ſogar, wie ſpielend, mit dem Schwerdte um den Koöͤnig herum. Das empoͤrte den Lord Mayor im Gefolge Richards ſo, daß er, ohne an Folgen zu denken, einen maͤchtigen Streich gegen Tiler fuͤhrte, und ihn auch den Augenblick zu Boden ſtreckte. In demſelben Augenblicke riſſen die Auf⸗ ruͤhrer wuͤtend in ihre Bogen, und Richard ſchrie: Wie, meine Freunde? bringt euch der Verluſt eures Oberhaupts außer Faſſung? Ich will euer Anfuͤhrer ſeyn! Folgt mir! marſch! Hier lenkte er ſein Pferd, ließ die Muſik er⸗ 91 klingen, fuͤhrte mit blankem Schwerte auf, und die, durch das Unerwartete ganz verbluͤff⸗ ten Schaaren, zogen wirklich ohne Widerrede hinter her, bis er ſie auf dem großen Londoner Markte hatte, der rings mit bewaffneten Buͤr⸗ gern beſetzt war. Hier wendete er ſich wieder ploͤtzlich, und obſchon die Gegner wol funfzig⸗ mal ſtaͤrker waren, als die Seinigen, befahl er ihnen doch mit Hoheit und Strenge: Werft die Waffen weg und bittet um euer Leben! Sie waren durch das alles ſo verdutzt, daß ſie wirklich gehorchten, und der Aufruhr war ge⸗ ſtillet, ohne daß ein Tropfen Blut gefloſſen war, außer Tilers. Charade. Wen die Erſte voll Verlangen liebend an die Zweite druͤckt, fuͤhlt von Wonne ſich umfangen, preißt ſich, Goͤttern gleich begluͤckt; Doch wenn Zorn, in wildem Triebe feindlich mit dem Ganzen droht, druckt die Erſte, ohne Liebe, auf die Zweite Schmerz und Tod. A. Apel.