Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Selbſtverſtändlich gab dies den Leuten viel zu reden, und zumal Beide ſich nun noch ziemlich un⸗ vorſichtig benahmen, konnte es nicht fehlen, daß ſich die allgemeine Meinung dahin äußerte, ſie ſtänden in un⸗ paſſenden intimen Beziehungen zueinander; dies wäre wohl auch ſchon früher der Fall geweſen und möge der jungen Gräfin die nächſte Veranlaſſung gegeben haben, den außergewöhnlichen Schritt zu thun, ſich in ſo gewalt⸗ ſamer Weiſe von ihrem Gemahle zu trennen. Man würde Julie noch mehr bedauert und zu rechtfertigen verſucht haben, wäre es nicht zu wahrſcheinlich geweſen, daß ſie, von eigener Leidenſchaft getrieben, ſich dem ſei jener Zeit Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 1 vollſtändig verſchollenen Profeſſor Fröhlich angeſchloſſen habe. Im Laufe der Zeit tauchten auch noch andere Ge⸗ rüchte auf, die ſich mit jenem Ereigniſſe in Verbindung bringen ließen und theilweiſe gebracht wurden, aber ſie blieben doch ſehr unſicher, ließen ſich bei der großen räum⸗ lichen Entfernung nicht gut verfolgen, und überdies hatte die ganze Sache auch ſchon an Intereſſe verloren. Es hieß nämlich einmal, in den größeren Städten der Ver⸗ einigten Staaten von Nord⸗Amerika mache ein bedeutendes muſikaliſches Genie Epoche, und man wollte in dieſer Per⸗ ſönlichkeit Doktor Fröhlich wiedererkennen; der Mann ſollte von einer jungen ſchönen Frau begleitet werden, die ebenfalls in größeren Concerten mit Beifall wirkte,— er gebe ſie für ſeine Gattin aus, aber daran wollte man auch wieder zweifeln. Gleichviel, Doktor Fröhlich und Julie wurden allmälig vergeſſen, und die Fürſtin wie Graf Bielinski nahmen keine weitere Veranlaſſung, ihrem Ver⸗ bleibe nachzuforſchen. Die ſchlimmen Gerüchte, welche über die beiden Letzteren umgingen und allem Anſcheine nach nicht der Wahrheit enthehrten, brachten es nun auch zu Wege, daß viele ihrer bisherigen Bekannten ſich von ihnen zurück⸗ zogen, ſelbſt am kaiſerlichen Hofe ſchien die Fürſtin in Ungnade gefallen zu ſein; dazu kam noch, daß der Graf beargwohnt wurde, während des ungariſchen Aufſtandes, wenn auch nur indirekt, mit demſelben in gewiſſer Ver⸗ bindung geſtanden zu haben. Die Alles bewirkte indeſſen nicht, daß die Beiden in eine ſtille Zurückgezogenheit traten; als ſie die Scham über jene ärgerlichen Vorkommniſſe überwunden und die politiſchen Zeitverhältniſſe ſich wieder ruhiger geſtaltet hatten, füllte ſich das fürſtliche Haus wieder mit Gäſten, einer jetzt noch weniger wie früher gewählten Geſellſchaft. Der Fürſtin ſchien Alles daran zu liegen, daß ſie ſich wieder mit großem Glanze umgeben konnte, und ſie nahm es dabei nicht ſo genau mit dem Charakter Derjenigen, die ihr als Folie dienen ſollten; die Zahl ſchien den Werth erſetzen zu ſollen. Es waren meiſtentheils liederliche junge Kavaliere und ſich nicht des allerbeſten Rufes erfreuende Damen und Familien, welche jetzt der Ehre einer Einladung genoſſen und auf dem Schloſſe ſchwelgten, und die ſtolze Frau ließ ſich ſogar herab, auch eine Vertretung des bürgerlichen Elementes zuzulaſſen. Sie und Graf Bielinski waren ſogar unverſchämt genug geweſen, in der Kaiſerſtadt wieder 1* ein großes Haus machen zu wollen, dieſer Verſuch aber doch ſo unglücklich ausgefallen, welche großen Opfer auch daran geſetzt wurden, daß er bald wieder aufgegeben werden mußte; umſo ungenirter und luxuriöſer ging es auf den Gütern zu, wo ſich jener zweifelhafte Hofſtaat um die Fürſtin bildete. Da Graf Stephan bekannterweiſe kein eigenes Ver⸗ mögen beſaß und das ſeiner Frau anſcheinend freiwillig aufgegeben hatte, lag es auf der Hand, daß er nur aus der Taſche ſeiner Schwiegermutter lebte; aber er genirte ſich nicht im Mindeſten in ſeinen Ausgaben. Die Ver⸗ ſchwendung ging von beiden Seiten faſt in das Fabelhafte, und auch der blödeſte Verſtand mußte begreifen, daß das koloſſale Vermögen der Fürſtin dem vollſtändigen Ruine entgegengehe, wenn nicht bald eine Aenderung eintrete, aber wer hätte ihr dazu wohl rathen wollen? Die einzelnen Gutsverwalter betrogen faſt offenkundig, der ſogenannte Güterdirektor am allermeiſten; Graf Bie⸗ linski kontrolirte ihn garnicht mehr und war zufrieden, wenn derſelbe ihm die Summen zuwies, deren er gerade bedurfte. Aber auch Letzteres ſtieß nun ſchon auf Schwierig⸗ keiten; der Herr Direktor zuckte mehr als einmal die Ach⸗ ſeln und erklärte, die Revenuen reichten nicht mehr für die ——úν 5 Ausgaben,— freilich nur vorübergehend, unter ſeiner weiſen Leitung würden beide balb wieder in das Gleich⸗ gewicht kommen. Es traten dann Verlegenheiten ein, denen ſich nur dadurch abhelfen ließ, daß man bei Wucherern gegen die höchſten Zinſen große Summen aufnahm; die böſe Welt ſagte, der Direktor ſei ſelbſt der Darleiher und ſchlimmſte Wucherer, aber er verſicherte ſtets, er werde bei der ganzen Wirthſchaft ein armer Mann, und ſchob Mit⸗ telsperſonen vor.. Graf Bielinski glaubte ihm Alles oder auch nicht, aber er brauchte ihn und machte ſich dadurch immer mehr von ihm abhängig. Fürſtin Mathilde war keine dumme Frau,— früher hatte ſie einmal ganz gut zu wirthſchaften verſtanden, jetzt verblendeten ſie nur der wilde Taumel und ihre Leiden⸗ ſchaften. Endlich mußte ſie doch einmal klarer ſehen, und nun erſchrak ſie ſelbſt. Hinter dem Rücken ihres Schwieger⸗ ſohnes ließ ſie eines Tages den Güterdirektor zu ſich kommen und ſich eine Generalberechnung vorlegen. Die Folgen dieſer Verhandlung waren ziemlich heftige Scenen ſowohl mit dem Direktor, als nachher mit ihrem Schwiegerſohne. Sie begriff oder ahnte wenigſtens die Unredlichkeit des Erſteren, aber theils hatte ſie keinen —— augenblicklichen Erſatz für ihn, theils konnte der Mann auch nicht ohne Weiteres entlaſſen werden, weil Graf Stephan ſich ſchon zu weit in ſeine Hände begeben hatte; es hieß hier, wenigſtens noch einige Zeit, gute Miene zum böſen Spiele machen. Der Graf bekam von ſeiner Schwiegermutter auch böſe Vorwürfe zu hören, ſuchte ſich vergeblich zu rechtfer⸗ tigen und ſprach nun ſehr empfindlich davon, daß er ab⸗ reiſen wolle. Er reiſte indeſſen nicht ab, ſondern kehrte am anderen Tage demüthig und zärtlich zu der Fürſtin zurück und— machte ihr einen förmlichen Heiraths⸗ antrag. Davon wollte die Fürſtin nun allerdings Nichts wiſſen, verſöhnte ſich aber doch wieder mit ihrem Schwieger⸗ ſohne; indeſſen behielt ſie nun die Geſchäfte ſelbſtſtändiger und aufmerkſamer in der Hand und dachte ernſtlich daran, Veränderungen in ihrem Haushalte zu treffen. Zum großen Leidweſen Bielinski's, der dieſer wiedererwachenden Energie keinen rechten Widerſtand entgegenzuſetzen vermochte, wurde die Gaſtgeſellſchaft abermals verabſchiedet und ſeinem tollen Treiben die Flügel beſchnitten. Lebhafter wie je erinnerte ſich die Fürſtin nun auch ihres Sohnes, und wie ſie überhaupt eine Art von Reue —. über das Benehmen gegen ihre leiblichen Kinder empfinden mochte, ſagte ſie ſich, daß Victor, wenn ſie ihm mehr Vertrauen geſchenkt hätte, wohl geeigneter wie Graf Stephan geweſen wäre, ihre Vermögens⸗Angelegenheiten zu verwalten; freilich würde er ſich der großen Ver⸗ ſchwendung wohl widerſetzt haben, und dieſe Rückſicht war es ja auch zum großen Theile geweſen, welche es der Fürſtin räthlich erſcheinen ließ, ihn dieſen Sachen gänzlich fernzuhalten; aber jetzt, wo ſehr ernſte Befürchtungen an ſie hinantraten, änderten ſich ihre Anſichten darüber doch ſehr. Jede Verbindung zwiſchen Mutter und Sohn ſchien nun vollſtändig abgebrochen zu ſein, und wenn Erſtere jetzt ſelbſt zu dem Entſchluſſe gekommen wäre, ſich mit Victor wieder zu verſöhnen und ſeinen Rath und Beiſtand in Anſpruch zu nehmen, ſo mußte derſelbe doch ganz un⸗ ausführbar erſcheinen, da Victor ſich in ſo weiter Ent⸗ fernung befand und ſich nicht erwarten ließ, daß er ſeine eigenen Intereſſen denen hintenanſetzen werde, die man ihm bisher abſichtlich, ſogar in kränkender Weiſe, ver⸗ ſchloſſen hatte. Als die Fürſtin im Frühjahre 1851 den Brief ihres Sohnes erhielt, worin ihr derſelbe, ohne weiter ihren Rath und mütterlichen Segen in Anſpruch zu nehmen, nur ganz förmlich ſeine Verheirathung anzeigte und ſeine bereits in der Ausführung begriffenen Pläne mittheilte, war ſie vor⸗ erſt vor Aerger und Zorn halb außer ſich geweſen. Daß Victor nach Braſilien ging, vielleicht auf Niemehrwiederſehn, war ihr im Grunde gleichgiltig, jetzt, wo ſich die ſchlimme Mißheirath nicht wieder rückgängig machen ließ, ſogar er⸗ wünſcht,— ſie glaubte ſich nun auch berechtigt, vollſtändig mit ihm zu brechen; aber was eben dieſe Heirath anbe⸗ traf, ſo fühlte ſie ſich in doppelter Beziehung dadurch tief verletzt. Jemehr ſie ihre eigene Schuld fühlte und nach einer Rechtfertigung vor ſich ſelbſt verlangte, deſto übler mußte oder wollte vielmehr ſie es aufnehmen, daß Victor ihr die kindliche Achtung verſagte,— und wie ſollte ſich übrigens der ungemeſſene Stolz dieſer herzloſen Frau nicht dagegen empören, in ſo nahe verwandtſchaftliche Beziehungen zu einem Mädchen gedrängt worden zu ſein, das ſie nach Namen, Familie und bisheriger Lebensſtellung kaum für würdig befunden hätte, ihre Kammerzofe zu werden!— Dieſe Ehe nie ausdrücklich anzuerkennen, war ſie entſchloſſen, nie wollte ſie Eva, der nunmehrigen Gräfin Horneck, den Namen Tochter geben,— aber was half ihr das? Alle . —— Leute würden Eva ſo nennen, und zwar mit vollem Rechte, — Victors Ehe konnte nicht verſchwiegen bleiben, und auf ſeine Mutter fiel die Schmach derſelben zurück; ſo ur⸗ theilte wenigſtens die Fürſtin in bitterſtem Grolle. In der erſten Aufwallung ſchrieb ſie einen ſehr hef⸗ tigen Brief an ihren Sohn, zu dem ſie beſonders der Spott Graf Stephans aufreizte; Victor beantwortete dieſen Brief garnicht. Graf Stephan konnte Nichts gelegener kommen wie dieſe Mesalliance ſeines Schwagers; allen ſeinen Bekannten hatte er nie ein Hehl daraus gemacht, daß er mit Victor in keiner Weiſe ſympathiſire, und ſo konnte er auch jetzt die bitterſten Urtheile über ihn fällen und ihn der Lächer⸗ lichkeit preisgeben; bei der Fürſtin glaubte er aber durch dieſes neue unheilbare Zerwürfniß mit ihrem Sohne für ſich ſelbſt viel gewonnen zu haben, und ſo war es auch in der That. Jetzt konnte, ſeiner Meinung nach, wohl keine Rede mehr davon ſein, daß ſie ihren Kindern jemals wieder näher trat, und er durfte ſich verſichert halten, der⸗ einſt ihr Univerſalerbe zu werden,— nur bedachte er nicht, daß, wenn er in der Verwaltung ihres Vermögens ſo fortführe, wie bisher, die gehoffte Erbſchaft ſich wohl ſchließlich auf Null reduziren würde. ein Leben in Saus und Braus ihr Gewiſſen zu über⸗ 10 Daß der ehemalige Abenteurer nie ein anderes Ziel wie dieſe Erbſchaft, die Befriedigung ſeines Eigennutzes überhaupt vor Augen gehabt, ſowohl bei ſeiner Ver⸗ heirathung mit Julie, als ſeinen Bewerbungen um die Gunſt der Fürſtin, daß er der Letzteren ebenſo wenig eine wahre Herzensneigung zutrug wie Erſterer, wird wohl als ſelbſtverſtändlich gelten, nach Dem, was man von ſeinem Charakter und Benehmen kennen gelernt hat. Was die Fürſtin vorausgeſehen und gefürchtet hatte, blieb nicht aus. Die Kunde von der Verheirathung Victors verbreitete ſich auch in ihren Bekanntſchaftskreiſen, ſogar die Zeitungen brachten ſie, mit verſchiedenen Urtheilen, als einen immerhin ungewöhnlichen Schritt. Die Fragen, mmeiſtens wohl ironiſche Glückwünſche und tadelnde Bemer⸗ kungen, erbitterten ſie, und ſie erklärte laut, daß ſie mit der„Konditor⸗Mamſell“ nicht das Geringſte zu thun habe. Zwiſchen Victor und ihr wurden auch keine Briefe mehr gewechſelt. Graf Stephan ſorgte übrigens noch dafür, daß ſie auch auf keine indirekte Weiſe Nachricht von dem Ergehen ihres Sohnes, ebenſo wenig wie von dem der Tochter einzog. mu K So vergingen zwei Jahre, während deren ſie durch —— 1 11 täuben wußte; dann trat die vorher angeführte Kata⸗ ſtrophe ein, die ſie ſo gewaltſam aus dem Traume auf⸗ rüttelte. Eine durchſchlagende Veränderung ihres inneren Weſens hatte dieſelbe allerdings nicht zur Folge, wie ſich ſchon daraus ergiebt, daß ſie ſich Graf Stephans nicht vollſtändig entledigte, deſſen böſen Einfluß auf ſich ſie doch wohl begreifen mußte; aber in mancher Beziehung verän⸗ derten ſich ihre Anſichten doch, wie man ſchon gehört hat; insbeſondere urtheilte ſie jetzt milder über Victor und be⸗ dauerte, wenn auch nur in eigennützigem Intereſſe, daß er ihr ſo fernſtand. Da traf auf einmal, ganz unerwartet und überraſchend, wieder ein Brief von ihm ein. Um den Inhalt deſſelben zu erklären, müſſen wir uns zu dem Grafen Horneck und ſeinen Schickſalen nach der Ankunft in Braſilien zurück⸗ wenden. Die kleine vom ihm gegründete Kolonie nahm einen raſchen, erfreulichen Aufſchwung; was ihm ſelbſt an Kennt⸗ niſſen und Fähigkeiten abging, denſelben zu bewirken, wurde durch einige mehr in ſpeziellen Fächern erfahrene Genoſſen bewirkt; gern nahm er deren Rathſchläge an, lernte von ihnen und wirkte danach mit Umſicht und Fleiß. Das Glück begünſtigte auch alle Unternehmungen, denen 12 »* ſo genügende Kräfte zur Seite ſtanden; es waren alle Ausſichten da, daß nicht allein Graf Horneck, der an der Spitze der Kolonie ſtand, da er alle Mittel zu deren Be⸗ gründung und gedeihlichem Fortgange hergab, in Kurzem ein bedeutendes Vermögen erwerbe, ſondern auch die Uebrigen ſich die angenehmſte und ſicherſte Exiſtenz ſchaffen würden. Auch Victors häusliches Glück ließ Nichts zu wün⸗ ſchen übrig, denn, wie Eva mit voller Hingebung und treuer Gattenliebe an ihm hing, ſo traten auch bei ihm die alten trüben Erinnerungen immer weiter in den Hinter⸗ grund und ſein Herz gehörte ihr ohne allen Rückhalt. Welches Glück wäre in dieſer Welt aber ganz rein und ungeſtör!l!— Obgleich man zur Niederlaſſung eine der geſündeſten Gegenden des Kaiſerreiches gewählt hatte, welche durch die herrlichſten Reize der tropiſchen Natur verſchönert wurde, ſagte das Klima doch nicht der an das nordiſche gewöhnten Conſtitution der jungen Frau zu. Victor und ſie ſelbſt hofften, daß ſie ſich allmälig an dieſe Veränderung gewöhnen werde, aber es ſollte anders kommen. Eva ging ihrer erſten Entbindung entgegen, und ihr Unwohlſein nahm zu, jemehr ſich der entſcheidende Augenblick näherte; ſie gebar einen todten Knaben, und —— 13 wie ſchmerzlich verſtimmend dies auf ſie wirken mußte, wurde das körperliche Leiden nun immer bedenklicher. Auf Victors dringendes Zureden begaben ſich Beide nach Rio⸗Janeiro, um dort einige angeſehene Aerzte zu Rathe zu ziehen, und dieſelben erklärten einſtimmig, daß es für Eva durchaus nothwendig ſei, nach Europa zurück⸗ zukehren. Das war eine harte, an Victor geſtellte Forderung; er ſollte die glänzendſten Ausſichten aufgeben, um wieder V in ihm nur noch mehr verhaßt gewordene Verhältniſſe zu⸗ rückzutreten, und dieſelben waren nun wirklich höchſt un⸗ ſicher, da er faſt ſein ganzes Vermögen in Braſilien an⸗ gelegt hatte und nicht ohne Weiteres wieder zurückziehen konnte. Dennoch war er keinen Augenblick lang darüber un⸗ entſchloſſen, was er zu thun hatte; die Rückſicht auf Ge⸗ ſundheit und Leben der geliebten Frau wog alle anderen, noch ſo naheſtehenden bei Weitem auf, und er eröffnete Eva ſofort, daß ſie die Reiſe nach Europa baldmöglichſt M antreten würden. Sie begriff vollkommen, welch' große Opfer er ihr zu b bringen gedachte, und wie ſehr ſie die Sehnſucht nach den Jalten Vaterlande auch zurückzog, ſuchte ſie dieſe Gefühle — * 14 doch zu verheimlichen und zu behaupten, die Aerzte täuſch⸗ ten ſich; ſie beſchwor Victor ſogar unter Thränen, ihrethalben nicht ſo lachende, glückverheißende Lebensaus⸗ ſichten aufzugeben; aber ſein Entſchluß war nach kurzem Kampfe nun unerſchütterlich geworden Seine treuen, ihm gänzlich ergebenen und zum Theil noch von ihm abhängigen Gefährten erfüllte derſelbe mit größter Beſtürzung; es handelte ſich nicht allein um die Trennung von ihm, ſondern auch um ihre perſönliche Eriſtenz, denn wenn er die ländlichen Beſitzungen ver⸗ kaufte, was doch eigentlich die Nothwendigkeit gebot, ſo konnte ihre Zukunft unter dem fremden Käufer und neuen Beſitzer eine höchſt ungewiſſe, gefährdete werden. In dieſer Beziehung ſuchte er ſie wenigſtens zu be⸗ ruhigen; er erklärte, ſie nicht dem Zufalle preisgeben zu wollen,— das Land mit den neuangelegten Etabliſſements ſollte nicht verkauft werden, einer der alten Kameraden, dem er beſonderes Vertrauen zutrug, die Verwaltung über⸗ nehmen und für ſeine Rechnung fortführen; demſelben wies er auch noch hinreichende Kapitalien an. Wenige begriffen oder ahnten wohl nur, mit welch' ſchweren Sorgen Vietor in dieſer Zeit kämpfte; auf der einen Seite drängte ihn die Sorge um ſeine Gattin, je —— 15 eher deſto lieber abzureiſen; auf der anderen gab er nur höchſt ungern ſeine perſönlichen Neigungen auf, fürchtete faſt, die Heimath wiederzuſehen und in ihr zu leben, und bekümmerte ſich um die Geſtaltung ſeiner pekuniären Ver⸗ hältniſſe daſelbſt, wenn die Kolonie ihm bei ſeiner Ab⸗ weſenheit und dem Mangel jedes weiteren direkten Ein⸗ fluſſes auf dieſelbe nicht anſehnliche Revenuen bringen ſollte. Nach Allem, was er darauf verwandt hatte, blieb ihm von ſeinem ganzen Vermögen nur noch ein Kapital von etwa dreißigtauſend Thalern zur Dispoſition, und die Zinſen mochten in Europa kaum hinreichen, ihm und ſeiner Frau eine ganz unabhängige Lebensſtellung zu ſichern. Nach einem ſchweren Abſchiede von dem neuerworbe⸗ nen Daheim, das ihnen nur ein ſo kurzes Glück gewährt hatte, von den bitter klagenden Freunden traten Victor und Eva die weite Reiſe an; Beide waren innerlich ver⸗ ſtimmt, ſuchten dies aber einander zu verheimlichen. Die lange Seereiſe ließ Victor genügende Muße, darüber nachzudenken, was er in Europa beginnen ſollte. Eva ſehnte ſich zunächſt nach den Gräbern ihrer Eltern; dann war es nothwendig, ihre Behandlung geſchickten Aerzten anzuvertrauen, und die Kaiſerſtadt ſchien dazu am 46. geeignetſten zu ſein, wiewohl andere Rückſichten auch da⸗ gegen ſprachen, daſelbſt längeren Aufenthalt zu nehmen. Es wurde verabredet, daß das Paar dort in aller Zu⸗ rückgezogenheit leben wollte; dennoch konnte Victor nicht daran zweifeln, daß alte Bekannte ihn bald entdecken würden. Dies bewog ihn hauptſächlich, ſeiner Mutter kurze Nachricht von ihrer Rückkehr zu geben; er betrachtete dies als eine unumgängliche Schuldigkeit, zumal ihn das noch immer nicht gänzlich erloſchene kindliche Gefühl drängte, wieder einmal zu hören, wie es ihr erging. Daran wollte er aber durchaus keine Bitte, am allerwenigſten den Wunſch knüpfen, mit ſeiner von ihr verachteten Frau zu ihr zu⸗ rückzukehren; übrigens hielt er ſich für überzeugt, daß ſie ſich bereits von Graf Bielinski getrennt habe. Das Ehepaar langte ohne beſondere Abenteuer wieder in Hamburg an— es war im Sommer 1853— und begab ſich zuerſt nach Eva's Vaterſtadt, wo es aber nur einige Tage verweilte; von da aus durchreiſte es einen Theil Deutſchlands, konſultirte mehrere Aerzte und wurde nach der Kaiſerſtadt gewieſen; die Reiſe dahin war eine Nothwendigkeit geworden. Von dort aus ſchrieb Victor erſt an ſeine Mutter, ganz in dem Sinne, wie er ſich — 17 vorgenommen hatte, aber ein weiches, verſöhnliches Gefühl verleugnete ſich dabei doch nicht gänzlich. Als Fürſtin Mathilde dieſen Brief erhielt, befand ſie ſich gerade in der vorher geſchilderten Stimmung; die Rückkehr ihres Sohnes war ihr daher eigentlich willkommen, nur die Begleitung ſeiner Frau höchſt ſtörend. In ihrer Ueberraſchung wußte ſie nicht ſogleich zu ſinden, wie ſie ſich am richtigſten zu benehmen habe; jedenfalls that ſie klug daran, Graf Stephan Garnichts von dieſem Brieſe zu ſagen und ſich Zeit zur Ueberlegung zu laſſen. Es erſchien ihr dringend nothwendig, mit ihrem Sohne Rückſprache zu nehmen, ſich auch in verſöhnlicher Weiſe ſeines Beiſtandes zu verſichern; aber ſie wußte auch recht gut, daß er nie in eine Verſöhnung willigen werde und könnte, wenn ſie ſeine Frau davon auszuſchließen verſuchte, — und welche Demüthigung für ſie, jetzt, nachdem ſie ſich einmal ſo entſchieden ausgeſprochen hatte, Eva als ihre Tochter zu begrüßen!— Sie beſtand einen ſchweren Kampf mit dieſen Zweifeln, und endlich entſchloß ſie ſich, alle bisherigen Rückſichten bei Seite zu ſetzen und Victor einzuladen, daß er— mit ſeiner Frau— zu ihr komme Das Antwortſchreiben, das ohne Graf Stephans Wiſſen abging, war ein Meiſterſtück Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 2 18 von diplomatiſcher Verſtellung, die Fürſtin ſprach die zar⸗ teſten Muttergefühle aus, ihre Sehnſucht nach dem ſo lange von ihr getrennten Sohne, bedauerte auch die Krank⸗ heit Eva's tief, als ſei ihr durch dieſes Leiden auf einmal das Herz für dieſelbe aufgegangen, und deutete endlich Victor an, daß ſie auch ſeinen Beiſtand in vertraulicher Weiſe anzuſprechen genöthigt ſei; ſie vermied Alles, was ihn oder Eva verletzen konnte, und ſtellte ſich ſelbſt als reuig, tief niedergedrückt und hülfsbedürftig dar, ohne ſich doch gerade durch offene Ausſprache zuviel zu vergeben. Victor wurde durch dieſes Schreiben noch mehr über⸗ raſcht wie ſeine Mutter durch ſeinen Brief. Er hatte, wenn überhaupt eine Antwort, eine kalte und hochmüthige erwartet, und wie ganz anders klangen dieſe Worte?— hatte das mütterliche, ſo natürliche Gefühl doch endlich den Sieg davon getragen?— bereute die Fürſtin, was ſie an ihren Kindern verſchuldet, und fühlte ſich nun gedrungen, dies wieder gutzumachen? Gewiß hatten ſie nur ſehr traurige Erfahrungen dahin gebracht, aber gleichviel, an das Herz des Sohnes mußte die lange vorenthaltene mütterliche Liebe doch wieder ſprechen. Seine Mutter ver⸗ langte dringend nach ihm,— es war ſeine Pflicht, dieſem Rufe zu folgen. 19 Der Arzt, welcher Eva in Behandlung genommen,— anſcheinend auch mit Erfolg,— verlangte nun, daß ſie unter ruhigen äußerlichen Verhältniſſen die friſche Land⸗ luft genießen ſolle. Die Güter der Fürſtin boten die ſchönſte Gelegenheit dazu dar, und Victor brachte leicht in Erfahrung, daß ſeine Mutter, allerdings noch in Graf Stephans Geſellſchaft, auf ihrem Schloſſe zur Zeit zurück⸗ gezogen lebte. Er zeigte ſeiner Frau ihren Brief und ſtellte Eva jeden Entſchluß anheim, wobei er ihr indeſſen nicht verheimlichen konnte, daß er einerſeits ſehr die Ver⸗ ſöhnung mit der Mutter wünſche, andererſeits aber auch ſeine Befürchtungen wegen der Anweſenheit Graf Bie⸗ linski's hege. Eva entſchied ſich dafür, nach dem fürſtlichen Schloſſe zu reiſen; gewiß war ſie fern davon, zumal in ihrem lei⸗ denden Zuſtande, Vergnügungen dabei für ſich zu ſuchen, nur der lebhafte Wunſch beſtimmte ſie, den traurigen, un⸗ natürlichen Zwieſpalt mit ihrer Schwiegermutter beſonders in Victors Intereſſe auszugleichen; es war ihrem reinen, ſtets voll kindlicher Pietät gebliebenen Herzen ſo ſchmerz⸗ lich und ganz unglaublich, daß Mutter und Sohn nicht in innigſter Anhänglichkeit zu einander hielten, und da ſie ſelbſt zwiſchen Beide getreten, hielt ſie es auch, ihren 20 eigenen Einfluß vielleicht überſchätzend, für Pflicht, dieſes Band wieder feſter knüpfen zu helfen. Die Familienverhältniſſe waren ihr durch ihren Mann genügend bekannt geworden, und ſie fürchtete beinahe die Fürſtin; deshalb brachte ſie mit dieſem Entſchluſſe kein kleines Opfer. Wie es aber auch kommen mochte, ſie war überzeugt, daß Victor ihr getreu zur Seite ſtehen würde. Noch in letzter Zeit hatte er ihr einen neuen Beweis ſeiner Liebe und treuen Fürſorge gegeben, ohne jede An⸗ regung ihrerſeits, wahrſcheinlich nur durch die neuaufge⸗ friſchte Erinnerung an ſeine Familienverhältniſſe dazu be⸗ wogen; er ließ ihr nämlich die dreißigtauſend Thaler, über die er augenblicklich noch ganz frei verfügte, als ihr unbeſchränktes Eigenthum gerichtlich verſchreiben und de⸗ ponirte das Kapital für ſie; ihren liebevollen Einwendun⸗ gen ſetzte er entgegen, daß ſie ſeiner Mutter gegenüber dadurch eine unabhängigere Stellung einnehmen werde. Nit ziemlich ſchweren Herzen begab ſich das Ehepaar auf die Reiſe, nachdem die Fürſtin in noch beſtimmterer Form und dringender ihre Einladung wiederholt hatte. Der Empfang, der ihnen zutheil wurde, mußte ſie angenehm überraſchen. Wurde Eva ſchon durch die äußere Pracht des fürſtlichen Schloſſes beinahe geblendet, ſo ließ 21 2 ihr der liebevolle Empfang der gefürchteten Schwiegermutter auch nicht das Mindeſte zu wünſchen übrig; ſie begriff nicht das frühere Urtheil ihres Mannes über dieſe in rührender Zärtlichkeit faſt zerfließende, ihr doch ſo ſehr im⸗ ponirende Frau, und Victor ſelbſt wurde durch die ihnen entgegengetragene Güte faſt mißtrauiſch gemacht. Da war keine Rede mehr davon, daß er eine die Standesvorurtheile verletzende Heirath gemacht, wie ihm da⸗ mals ſeine Mutter doch in ſo bitteren Ausdrücken ge⸗ ſchrieben hatte, die Fürſtin ſchien ſtolz auf ihre Schwieger⸗ tochter zu ſein und dieſelbe aus voller Seele an ſich zu ſchließen,— Eva wurden die zarteſten Rückſichten er⸗ wieſen, auch von Seiten Graf Stephans, der in wehmü⸗ thiger Rührung Victor die Hand drückte und nur durch einen Blick zu ſagen ſchien: Ich bin unſchuldig an Allem, was vorgekommen iſt. Und Victor ließ ſich täuſchen,— er war immer noch zu gutmüthig geblieben; er konnte nicht an das vollendetſte Maß der Heuchelei glauben. Daß ſeine Mutter ihn zurückberief, war für Graf Bielinski anfänglich ein faſt tödtlicher Schlag geweſen, denn er erkannte nur zu gut den Beweggrund, welcher die Fürſtin dazu leitete; er ſah dadurch ſeinen ganzen Einfluß 22 bedroht, begriff aber auch, daß er gegen dieſen energiſchen Entſchluß Nichts mehr einzuwenden vermochte; für den Augenblick mußte er ſich fügen, denn er beſaß nicht die Mittel, um einen entſchiedenen trotzigen Wiederſtand durch⸗ zuführen, aber er behielt ſich die Gegenwehr auf eine ge⸗ legenere Zeit vor und machte eine freundliche Miene, während in ſeinem Herzen Wuth und Rache kochten. Er ſpielte dieſe Rolle ganz vortrefflich; die edle Gemüthlichkeit ſeines Schwagers ſicherte ihm früher oder ſpäter doch den Sieg. Man wird wohl nicht daran zweifeln, daß die Fürſtin ebenſo unaufrichtig ſich gab, wiewohl ſie dabei nicht in offenem Einverſtändniſſe mit Graf Stephan handelte. Wäre ihr Sohn jetzt allein zurückgekommen, ſo wäre es ihr vielleicht Ernſt damit geweſen, ſich wieder nahe an ihn anzuſchließen, weil ſie eben ſeiner zu bedürfen glaubte, aber der Zwang, den ſie ſich heimlich wegen der verhaßten Schwiegertochter auferlegen mußte, trennte ſie unwiderruflich von ihm; es trat hier ſogar eine Art Eifer⸗ ſucht in das Spiel, die zu allgewöhnlich iſt, als daß man ſie noch zu erklären brauchte. Eva's beſcheidenes und doch ſicheres Benehmen mußte übrigens Anerkennung finden; ohne alle Anmaßung fühlte —— 5 4 23 ſie ſich als Victors Gattin, und die vielgeſchmähte und belachte Conditor⸗Mamſell ſah man ihr nicht mehr an; ſie wäre fähig geweſen, mit dem Bewußtſein ihrer weib⸗ lichen Würde auch in der ausgeſuchteſten Geſellſchaft auf⸗ zutreten, und die Fürſtin wie Graf Bielinski konnten nicht das Mindeſte an ihrem Benehmen auszuſetzen ſinden; da ſie ſich nun auch beſonders beſtrebte, Beiden zu gefallen, — nur im Intereſſe ihres Mannes,— war es auch beim ſchlimmſten Willen nicht möglich, ihr einen Vorwurf zu machen; die Fürſtin faßte allmälig ſogar eine gewiſſe Vorliebe für ſie, auf deren Dauer ſich indeſſen ſchwerlich rechnen ließ. Victor wurde nun auch bald von ſeiner Mutter in das Vertrauen über ihre bedenklichen Vermögensverhält⸗ niſſe gezogen, und wie ihn dieſe Eröffnungen einerſeits er⸗ ſchreckten, ſo begriff er nun recht wohl, weshalb die Fürſtin ihn gerufen hatte; lag in dieſem Beweggrunde aber auch nicht die reine mütterliche Liebe, ſo doch immer eine Art Vertrauen, das ihm nur willkommen ſein konnte. Die wüſten Thorheiten Graf Stephans, den er ſchon des Schickſals ſeiner Schweſter wegen unmöglich mehr als Freund anſehen konnte, waren zu himmelſchreiend, als daß 24 er Luſt gehabt hätte, auf denſelben noch irgendwelche zarte Rückſichten zu nehmen. Er ſprach dies auch ſeiner Mutter offen aus und ſtellte anfänglich die Bedingung, daß Jener entfernt werden müſſe, aber dem widerſprach ſie hartnäckig— unbegreif⸗ lich für ihn. Alle Schuld an der Ehetrennung wurde von ihr auf Julie geworfen, und Victor hatte keine Waffe in der Hand, ſeine Schweſter zu vertheidigen; als er erfuhr, ſie habe Nichts wieder von ſich hören laſſen und ſolle jetzt unter abenteuerlichen Verhältniſſen in Nord⸗Amerika mit Doktor Fröhlich umherziehen, als die eigene Mutter ſich für die Wahrheit dieſer Angaben verbürgte, da konnte er freilich Julie auch nur verurtheilen und beklagen, und ſeitdem ſchwieg man gänzlich über ſie. Victor übernahm es, wie die Fürſtin, mit Bezug auf ſeine kindliche Pflicht, dringend von ihm verlangte, nach beſten Kräften ihre Verhältniſſe zu ordnen; er hatte in Braſilien auch in geſchäftlichen Beziehungen Erfahrungen gemacht, und übrigens gehörten nur klarer Kopf und guter MWillle dazu, hier heilbringend wirken zu können; an Beiden fehlte es ihm nicht, Die Fürſtin verſprach heilig, Graf Bielinski ſolle ſich in alle dieſe Sachen nicht weiter hineinmiſchen dürfen, und 25 welch' verdrießliches Geſicht derſelbe ſeinem Schwager machte, ſo bekümmerte ſich Victor doch nicht weiter darum und begann ruhig und feſt den von ihm für gut befunde⸗ nen Weg einzuſchlagen. Je tiefer er in das bisherige Wirthſchaftsgetriebe hin⸗ einblickte, deſto beſtürzter wurde er; da ließ ſich nicht ſo leicht und ſchnell, wie die Fürſtin zu glauben ſchien, Alles wieder in das richtige Geleiſe bringen; es waren Jahre dazu erforderlich. Ungeheure Summen waren gegen hohe Wucherzinſen, wie ſchon geſagt, aufgenommen worden, Holz, Getreide, Wolle u. ſ. w. ſchon im Voraus verkauft oder verpfändet, zahlreichen Beamten war man die Beſoldung ſchuldig geblieben— kurz, es war ein entſetzlicher Wirr⸗ warr. Wie erbittert Victor dadurch auch auf ſeinen Schwager werden mußte, der für ſeine eigene Perſon, jeden⸗ falls im Spiele, mindeſtens ebenſoviel verbraucht hatte wie die Fürſtin bei der Entfaltung eines ungemeſſenen Lurus, ſo ſtand demſelben doch immer noch eine allerdings ſehr ſchwache Entſchuldigung zur Seite: ſein Leichtſinn und ſeine Geſchäftsunkenntniß; die ſchwerſte Verantwortung traf den Güter⸗Director, deſſen Betrügereien für eine Cri⸗ minal⸗Unterſuchung reif geweſen wären, aber Victor be⸗ griff recht wohl, daß ſeine Mutter es dazu nicht kommen 2* 26 laſſen würde und dürfe, denn eine ſolche Maßnahme hätte ſie ſelbſt und Graf Bielinski beſonders arg compromittirt und am Ende auch keinen anderen Erfolg gehabt als öffentlichen Scandal; der Mann hatte ſich jedenfalls, Graf Stephans Schwäche benutzend, zu ſichern gewußt, und man hing ſogar theilweiſe noch von ihm ab, da er aus eigenem Vermögen anſehnliche Vorſchüſſe geleiſtet. Wir haben dieſes Güter⸗Directors ſchon öfter er⸗ wähnt, aber über ſeine Perſönlichkeit noch nichts Näheres geſagt, als daß er äußerlich einen beſtechenden Eindruck machte und ſehr gut zu ſchmeicheln verſtand. Er nannte ſich Croup und ſtand damals in der zweiten Hälfte der Vierziger. Von hoher, wohlgebildeter Figur, trug er ſich ſtets ſehr würdevoll und ſogar vornehm; dies behauptete er ſelbſt der Herrſchaft gegenüber möglichſt, denn wo er ſich der Schmeichelei bediente, hatte dieſelbe wenigſtens nicht das verächtlich Kriechende; umſo beſſer konnte ſie auch wirken. Der Mann beſaß ein hübſches Geſicht, auf dem ſich beſonders Intelligenz und überlegene Ruhe aus⸗ prägten; wer dieſe Züge aber genauer zu beobachten ver⸗ ſtand, entdeckte wohl eine tiefliegende Schlauheit und ge⸗ fährliche Härte des Gemüthes Er war mit einer mehr als zehn Jahre jüngeren — 27 Frau verheirathet, kinderlos, und wenn man ſie auch nicht gerade ſchön nennen konnte, ſo lag in der üppigen Ge⸗ ſtalt, dem Antlitze von feurigem, ſüdlichen Typus und ihrem ziemlich freien Weſen doch etwas Pikantes, das durch Koketterie noch gehoben wurde. Viele behaupteten, Graf Stephan ſtehe auf ſehr freundſchaftlichem Fuße mit Frau Croup und habe auch deshalb ihrem Gatten Man⸗ cherlei durch die Finger geſehen, aber direkte Beweiſe la⸗ gen dafür nicht vor und der Fürſtin war dies noch nicht zu Ohren gekommen; ſie ſah dieſe Frau auch nur ſelten, denn ſie erkannte ſie nicht für courfähig an. Herrn Croup war die Ankunft des Grafen Horneck und noch mehr die demſelben von der Fürſtin ertheilte General⸗Vollmacht zweifellos ſehr fatal; indeſſen ließ er ſich dies äußerlich nicht anmerken und benahm ſich Victor gegenüber in der ihm eigenthümlichen, eben erwähnten Manier. Anfänglich ſuchte er es unter allerlei Vorwänden in die Länge zu ziehen, daß Letzterer einen Einblick in die Bücher erhielt; um dies zu beſchleunigen, kam Victor ſelbſt in ſeine Wohnung— für den Güterdirector war in der Nähe des Schloſſes ein beſonderes hübſches Haus erbaut worden— wurde daſelbſt mit größter Achtung und Zuvorkommenheit empfangen, und beſonders ließ es ſich 28 Frau Croup angelegen ſein, ihn durch ihre Liebenswürdig⸗ keit zu feſſeln. Dies blieb indeſſen ein durchaus unwirkſamer Ver⸗ ſuch; Victor ähnelte zu wenig ſeinem Schwager. Er be⸗ nahm ſich gegen die Dame ſehr höflich, ließ ſie aber doch deutlich genug merken, daß er es nur mit ihrem Manne zu thun habe und daß ihre Reize keinen beſonderen Ein⸗ druck auf ihn machten. Der Herr Director mußte endlich mit ſeinen Rechnungen hervorrücken, und wie geſchickt er den Grafen auch zu täuſchen verſuchte, gelang ihm dies doch deſſen klarem Blicke gegenüber durchaus nicht. Es gab eine ſehr ernſte Auseinanderſetzung zwiſchen ihnen. Victor machte ihn auf die unzähligen Unzuträg⸗ lichkeiten der bisherigen Verwaltung aufmerkſam, ohne denſelben aber den verdienten ſchlimmeren Namen zu geben; er ſchrieb, ſobald er ſich gehörig orientirt hatte, gemeſſen und energiſch den neuen, von ihm entworfenen Plan vor, und Herr Croup ſah ein, daß er ſich fügen müſſe. Er biß dabei die Zähne aufeinander, wie Graf Stephan, und hoffte mit dieſem, daß es, bei der Unbeſtändigkeit der Fürſtin, doch bald gelingen werde, Graf Horneck mit ſeinem neuen, für ſie Beide ſo üblen Einfluſſe aus dem Sattel zu heben. Er und ſeine Frau waren glühende 29 Feinde Victors geworden und traten heimlicherweiſe in ein förmliches Bündniß gegen denſelben mit Graf Bielinski. Die Fürſtin war ſchon anfänglich nicht ganz zufrieden mit ihrem Sohne, als dieſer ihr ganz reinen Wein ein⸗ ſchenkte und die Ueberzeugung ausſprach, daß, ſelbſt bei nunmehr anzuwendender größter Sparſamkeit, die voll⸗ ſtändige Wiederherſtellung ihres Vermögens Jahre er⸗ forderte. Sie war bald wieder von dem klugen Entſchluſſe zurückgekommen, ſich Entbehrungen aufzuerlegen, denn die⸗ ſelben langweilten ſie, und ſie hielt von vornherein Victors Anſichten für zu pedantiſch. Den ihr vorgelegten That⸗ ſachen konnte ſie ſich aber doch nicht gänzlich verſchließen, und es blieb bei der ihrem Sohne ausgeſtellten General⸗ Vollmacht. Victor traf nun auch ſofort manche Veränderungen, die allgemein nicht recht behagten und gerade nicht dazu beitrugen, ihn beliebt zu machen; wer nicht direkt davon betroffen wurde, vermochte ihre Nothwendigkeit auch nicht einzuſehen, und die betroffenen Schuldigen litten darunter verdientermaßen; mehrere Beamte wurden entlaſſen und durch neue, zuverläſſigere erſetzt; im ganzen großen Haus⸗ halte traten Beſchränkungen ein. Graf Stephan und Herr Croup machten dazu ſanfte 30 Mienen, zuckten aber gelegentlich doch die Achſeln und ließen Aeußerungen fallen, welche die Meinung verbreiten ſollten und wirklich verbreiteten, Graf Horneck handle ſo nicht im Intereſſe ſeiner Mutter, ſondern im eigenen, als vermuthlicher Erbe. Ueberhaupt wurden dieſe Reformen Victor unendlich ſchwer gemacht; es hatte ſich, unter Jener Leitung, ein ſtiller Widerſtand dagegen organiſirt, der ihm alle erdenk⸗ lichen Verlegenheiten zu bereiten ſuchte; zuweilen trat der⸗ ſelbe ſogar offen hervor, und dann mußte der junge Graf eine Kraft anwenden, die hart erſcheinen konnte. Wurde die Aufnahme von Capitalien nothwendig, um alte Schä⸗ den zu decken, ſo wollte Niemand die Hand dazu bieten; Victor mußte dann ſelbſt Reiſen unternehmen, um das Geld zu beſchaffen, und geſchah dies nicht immer unter den vortheilhafteſten Bedingungen— obgleich viel vor⸗ theilhafteren wie bisher— ſo ſuchte man ihm einen ſchweren Vorwurf daraus zu machen und denſelben der Fürſtin einzuflüſtern. Dieſes ganze Treiben war der Fürſtin höchſt un⸗ angenehm und peinlich; ſie ſah ſich ſelbſt vielfach genirt und beläſtigt und fühlte die Abhängigkeit von ihrem Sohne; andererſeits konnte ſie deſſen Maßnahmen aber nur billigen, ——— 31 weil ſie eben unumgänglich nothwendig waren. Victor erhielt ſich, trotz aller gegen ihn in Scene geſetzten In⸗ triguen, aber er ſelbſt hatte wahrlich keine Freude davon. Auch ſeine Mutter legte ihm Hinderniſſe in den Weg, wenn auch ohne beſtimmte feindliche Abſicht. Sie machte für ihren eigenen Bedarf noch immer Anſprüche, die ſich unter den vorliegenden Umſtänden garnicht rechtfertigen ließen, aber dennoch duldete ſie keine Einwendungen da⸗ gegen, und ſie mußten ihr erfüllt werden; noch ſchlimmer war es, daß ſie von Zeit zu Zeit auch wieder Graf Stephans Schulden bezahlte. Ein paarmal kam es dar⸗ über beinahe zum neuen Bruche zwiſchen ihr und Victor; der Letztere zeigte ſich aber zu ſchwach und gab immer, wenn auch widerwillig und nicht ohne ernſtliche Vorſtel⸗ lungen, nach.— Was Graf Bielinski anbetraf, ſo bekümmerte er ſich nun nicht im Mindeſten mehr um die Verwaltung und ſchien wieder ganz heiteren Sinnes geworden zu ſein; er trieb ſich auf benachbarten Gütern umher, wo er ſeine Spielkumpane fand, gewöhnlich unter dem Vorwande der Jagd, die er ja ſo leidenſchaftlich liebte, machte wohl auch einmal eine weitere Reiſe und brachte zuweilen Beſuch mit. Immer lebte er noch wie ein unbeſchränkter Herr auf den 32 Gütern ſeiner Schwiegermutter; dieſelbe konnte ſich nicht entſchließen, ihn aufzugeben. Indeſſen wurde es der Fürſtin doch bald erſichtlich, daß die Bemühungen Victors einen heilſamen Erfolg hatten, und dies feſſelte ſie auch an ihn; die Thatſachen ſprachen gegen alle Verleumdungen, die man ihr unterzuſchieben ſuchte. Es ging ihr nur zu langſam mit dieſen Erfolgen; ſie hätte ſich gar zu gern in den Stand geſetzt geſehen, das alte Leben wieder anzufangen. Was Victor für ſie that, verdiente alle Anerkennung; er hatte eine wahre Siſyphus⸗Arbeit auf ſich genommen, mit Mühen und Verdrießlichkeiten zu kämpfen, und dabei führte er für ſich ſelbſt das einfachſte Leben und machte keinen Anſpruch auf Belohnung. Obgleich ſeine Mutter wohl wußte, wie es mit ſeinem eigenen Vermögen ſtand, fiel es ihr doch nie ein, ihm irgendwelche hülfreiche An⸗ erbietungen zu machen, während ſie für den lüderlichen Schwiegerſohn noch immer mit vollen Händen das Geld fortwarf. Aus Braſilien erhielt Victor keine Nachrichten, nicht ein einziges Mal die Zinſen ſeines dort angelegten Ver⸗ mögens oder irgendwelche Einkünfte. Im beſten Stande hatte er Alles zurückgelaſſen, aber ſeit ſeiner Abreiſe — 33 ſchien es mit der Kolonie rückwärts zu gehen, mochte dies nun an mangelhafter Verwaltung oder an Unredlichkeiten liegen, die ſeine freundſchaftliche Hingebung ſchlecht be⸗ lohnten. Sein dort zurückgebliebener Vertreter entſchuldigte ſich mit dem Zuſammentreffen aller möglichen ungünſtigen Umſtände; in Wahrheit ſchien es aber, als ob dort die alte Einigkeit der Koloniſten geſchwunden und Jeder nur darauf bedacht ſei, ſein eigenes Schäfchen in das Trockene zu bringen; es trafen auch noch mehrere Briefe ein, und Einer klagte den Anderen an. Eine Weile tauchte in Graf Horneck, der ſich durch dieſe Nachrichten tief betrübt und auch ernſtlich gefährdet fühlte, die Idee auf, in eigener Perſon noch einmal nach der Neuen Welt zu reiſen und ſeine Verhältniſſe zu ordnen, am liebſten die Ländereien zu verkaufen und für ſich zu retten, was noch zu retten war; indeſſen ſtellten ſich der Ausführung mancherlei Hinderniſſe entgegen. Obgleich Eva jetzt wieder als vollſtändig hergeſtellt von ihrem körperlichen Leiden gelten durfte, ließ ſich doch mit Sicherheit vorausſehen, daß ſelbſt ein kürzerer Auf⸗ enthalt in jenem Klima letzteres wieder in noch bedenk⸗ licherem Maße zurückführen werde; ſie wollte ihren Mann aber durchaus nicht allen reiſen laſſen und Victor ſie auch Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 3 34 nicht gänzlich ſeiner Mutter anvertrauen. Ferner ſcheute er ſich gewiſſermaßen vor allen den Unannehmlichkeiten, die er dort zu bekämpfen haben würde, denn wenn er mit der nöthigen Energie auftrat, konnte er nur die Unſchul⸗ digen mit den Schuldigen aufgeben, und dies widerſtrebte zu ſehr ſeinem weichen Gefühle; er mochte auch noch nicht an die kraſſeſte Undankbarkeit glauben und hoffte, ſeine ernſten Rathſchläge, die er in Briefen niederlegte, würden Alles wieder zum Beſten wenden. Er ſollte darin bitter genug getäuſcht werden. Endlich erklärte ihm die Fürſtin, als er ihr ſeine Befürchtungen und Abſichten mittheilte, auf das Entſchiedenſte, er dürfte ſie jetzt nicht verlaſſen; bei ihr handele es ſich um ein viel größeres Vermögen als das ſeinige, und ſie verſprach ihm geradezu, ihn für das letztere reichlich zu entſchädigen, wenn es wirklich ver⸗ loren gehen ſollte.— „Du biſt jetzt mein einziger natürlicher Erbe,“ ſagte ſie in anſcheinend zärtlicher Gefühlswallung zu ihm,— „wiewohl ich die arme, unglückliche Julie auch nicht gänz⸗ lich vergeſſen werde; Du bringſt alſo nicht allein mir Opfer, ſondern arbeiteſt auch für Dich ſelbſt; die Frucht wird hier reicher ſein wie dort drüben. In welche Hände müßte ich gerathen, wenn Du mich jetzt verließeſt?“ 35 Victor hatte ſich nie eine Rechnung auf die Erbſchaft ſeiner Mutter gemacht, wiewohl der letzte Wille des ver⸗ ſtorbenen Fürſten Turn, ſeines Stiefvaters, deutlich aus⸗ ſprach, daß ſein Vermögen einmal auf ihn und Julie übergehen ſolle; jetzt befand er ſich aber in einer Lage, zumal ſeine Frau einer zweiten Entbindung entgegenſah, ihre und ſeines Kindes Zukunft möglichſt ſicherſtellen zu müſſen und daher ein übrigens ſo natürliches Anerbieten nicht zurückweiſen zu dürfen. Er blieb— zu ſeinem Unglücke. Alles oben Erzählte ſpielte ſich nicht ſo raſch ab, wie es ſich niederſchreiben ließ, ſondern entwickelte ſich im Ver⸗ laufe von Monaten und Jahren. Es war darüber das Jahr 1855 gekommen. Wir haben noch nachzuholen, welche Stellung ſich indeſſen Eva in dem Hauſe ihrer Schwiegermutter ge⸗ wonnen hatte. Treu der Abſicht, wieder ein recht inniges Verhältniß zwiſchen ihrem Manne und der Fürſtin knüpfen zu helfen, überſah ſie gern die Fehler der Letzteren und bemühte ſich eifrig, ihre Gunſt für ſich zu erwerben. Dies war ihr auch gelungen, und ſie hatte damit, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, einen glänzenden Triumph gefeiert; alle Vorurtheile der ſtolzen Frau waren freilich nicht 3*½ ———j 36 überwunden, aber ſie ſah Eva doch nicht mehr mit feind⸗ lichen Augen an, hatte ſogar eine Zuneigung für ſie ge⸗ faßt. Die junge Frau ordnete ſich ihr, ſelbſt gegen die eigene Ueberzeugung, in Allem unter— das ſchmeichelte der Fürſtin. Eva ertrug jede Laune geduldig und er⸗ widerte ſie mit zärtlicher Hingebung; gerade in der jetzigen Einſamkeit, bei den vielen Verdießlichkeiten ſehnte ſich wohl auch das harte Herz nach einer ſolchen und wurde da⸗ durch einigermaßen befriedigt. Die Fürſtin brauchte ſich jetzt auch nicht des früheren Standes ihrer Schwieger⸗ tochter zu ſchämen, denn es war Niemand da,— höchſtens Graf Stephan— der denſelben bekrittelte. Bei Alledem glaube man aber nicht, daß ſie Eva wirklich recht feſt und warm in ihr Herz geſchloſſen hatte; dieſelbe war eigentlich nicht viel mehr als ein an⸗ genehmes Spielzeug für ſie. Wie ſchon erwähnt, mußte Victor in Geſchäften ſeiner Mutter häufig auf längere oder kürzere Zeit ver⸗ reiſen. Graf Stephan benutzte dies, um ſeiner Schwä⸗ gerin, wie er ſie nannte, ziemlich ſtark den Hof zu machen, gewiß nicht, weil ſie ihm wirklich liebenswerth erſchienen wäre, ſondern nur, um, wenn er könnte, Victor eine ſchwere Kränkung zu bereiten. Indeſſen hatten dieſe Be⸗ ——::— 37 ſtrebungen auch nicht den mindeſten Erfolg; Eva blieb gegen ihren Schwager immer gleich höflich und freundlich, ließ ſich aber auf keine Vertraulichkeiten mit ihm ein, da ſie ſein Verhältniß zu ihrem Manne wohl durchſchaute und an ſeiner Perſönlichkeit auch kein beſonderes Wohl⸗ gefallen fand. Sie ahnte nicht, daß es der Bosheit und Liſt dennoch gelingen könnten, das Glück ihrer Ehe zu vergiſten. Zweites Capitel. Zum zweiten Male wurden die Elternhoffnungen Victors und Eva'’s nicht getäuſcht; zu Beginn des Jahres 1855 wurde ihnen glücklich ein Töchterchen beſcheert, und ihre gegenſeitige Liebe und Zärtlichkeit ſchien ſich damit zu verdoppeln. Auch die Fürſtin nahm an dieſem freu⸗ digen Ereigniſſe Antheil und ſchloß das kleine Weſen eng an ihr Herz; daſſelbe ſchien wirklich ein feſtes Band zwiſchen ihr und Victor wieder ſchließen zu ſollen. Es liegt auf der Hand, welche Befürchtungen da⸗ durch in Graf Stephan erweckt werden mußten; ſie rüt⸗ telten jetzt ganz gewaltig an ſeinem Leichtſinn und dräng⸗ ten ihn immer entſchiedener zu dem Ziele, das er ſich ſchon längſt geſteckt hatte, ſich die gefährliche Nebenbuhler⸗ ſchaft Victors aus dem Wege zu ſchaffen. Bei ſeinen Beziehungen zu der Fürſtin hatte er ent⸗ ſchieden darauf gerechnet, deren Haupterbe zu werden, ſei 39 es durch ein beſonderes Teſtament zu ſeinen Gunſten— mündliche Verſprechungen deshalb waren ihm auch ſchon von ihr geworden— oder dadurch, daß ſie ſich doch noch entſchließe, ihm, den ſie nicht entbehren konnte, ihre Hand zu geben, wäre es auch nur in heimlicher Ehe. Victor hätte er ihrem Herzen ſchon wieder entfremden zu können geglaubt. Die Geburt des Kindes ſchien aber viel ändern zu ſollen, beſonders da er ſich überzeugen mußte, daß die Zuneigung der Fürſtin zu demſelben eine aufrichtige war; was lag näher, als daß ſie dereinſt vor Allen die Enkelin bevorzugte, die nun unter ihren Augen aufwachſen und auf die ſich alle die Gefühle concentriren ſollten, welche dem Mutterherzen bis dahin abhanden gekommen waren? Es ſchien ihm alſo dringend nothwendig, das Kind baldmöglichſt zu entfernen, und dies war wohl nur da⸗ durch möglich, daß es mit den Eltern zuſammen aus dem Schloſſe vertrieben wurde. Graf Stephan verkehrte jetzt noch häufiger wie ſonſt im Hauſe Herrn Croups, allerdings möglichſt heimlich; die Fürſtin erfuhr dies dennoch, und zum erſten Male tauchte der eiferſüchtige Gedanke in ihr auf, er möge ſich beſonders um die kokette Frau bekümmern, denn mit dem 40 Manne hatte er ja keine Geſchäfte mehr. Die Eiferſucht mag immerhin ein Beweis für noch beſtehende Liebe ſein, jedenfalls aber auch von Mangel an Vertrauen. Es mußte Graf Stephan deshalb daran liegen, dieſes Miß⸗ trauen zu entkräften, und er machte ſich einen Plan, der, ſeines Charakters und ſeiner Abſichten ganz würdig, auch noch andere ihm ſehr naheliegende Zwecke verfolgen ſollte. In der That war er ſchon längſt ein bischen mehr als guter Freund von Frau Croup, und deren Gatten mochte dies auch ſchwerlich ganz unbekannt ſein; er drückte aber darüber gern beide Augen zu, ſo lange er von Graf Stephan noch Vortheile erhoffen konnte. Bei dem häu⸗ figen Zuſammenſein des Trio's handelte es ſich jetzt auch hauptſächlich um die gegen den Grafen Horneck in das Werk zu ſetzenden Intriguen; Einer ſtützte hier ſeine Exiſtenz auf die des Anderen. Als die Fürſtin ihrem Schwiegerſohne in ziemlich empfindlicher Weiſe ihren Verdacht andeutete, lachte er ihr geradezu in das Geſicht und vermaß ſich hoch und theuer, Frau Croup erſcheine ihm nicht viel hübſcher wie eine Meerkatze; leicht ſetzte er hinzu, er verwundere ſich nur über Victors Geſchmack, der doch wohl anders urtheile. Dieſe Verdächtigung war der Fürſtin ganz neu, und 41 ſie fand dieſelbe ſo wenig glaubhaft, daß ſie nur eine grobe Verleumdung darin erblicken wollte. Graf Stephan erwiderte, in ſeiner leichtfertigen Weiſe lachend, es falle ihm nicht ein, ſeinen Schwager anzuklagen, er kümmere ſich überhaupt nicht um deſſen Galanterien, aber die ge⸗ wöhnlichen Leute ſprächen ſo und Victor mache ſich im Hauſe des Direktors wohl auch mehr zu ſchaffen, als ge⸗ rade nothwendig ſei. Das Letztere war eine Lüge, nur ſoviel daran wahr, daß Graf Horneck in ſeinem geſchäftlichen Eifer allerdings häufig den Direktor in deſſen Wohnung aufſuchte, weil derſelbe ſich jetzt immer ſehr ſaumſelig anſtellte; jedenfalls kam Victor öfter dahin, wenigſtens ganz offen, wie ehe⸗ mals Graf Stephan, der ſich um Geſchäfte nicht viel be⸗ kümmert hatte. Die Fürſtin ſagte dies ihrem Schwiegerſohne auch unverhohlen und ſprach ſich ärgerlich über ſein grundloſes Geſchwätz aus; Graf Stephan hatte aber doch ſeinen nächſten Zweck erreicht: ſie ließ einſtweilen den eiferſü chti⸗ gen Verdacht gegen ihn fallen und war auf Das, was noch kommen ſollte, vorbereitet. 4 Es war im Juli, ein ſchöner, heißer Tag. Einig Tage zuvor war Victor von einem der im Intereſſe ſeiner 42 Mutter unternommenen geſchäftlichen Ausflüge zurückge⸗ kehrt, und zwar ziemlich verſtimmt, denn er hatte wieder große Opfer bringen müſſen, um Geld aufzunehmen. Seiner Frau machte er nicht gern ſolche Mittheilungen, die ja auch nur ganz nutzlos ſein und ſie nicht erfreuen konnten; ſie ſah ihn ſowieſo nur ungern verreiſen und mochte auch wohl ſchon den Einflüſterungen Graf Stephans Gehör geſchenkt haben, daß Victor ſich viel zu ſehr in ſolcher Weiſe perſönlich bemühe und dies, unter ſeiner Leitung, Anderen überlaſſen könnte. Eine liebende Frau entbehrt natürlich ſchwer die Ge⸗ ſellſchaft ihres Gatten und begreift nicht immer ſo leicht, daß er ſich um anderer Pflichten willen zeitweilig von ihr trennen muß. Kam Victor dann noch mit ernſter, trüber Miene zurück, ſo vermißte ſie bei ihm die Freude des Wiederſehens, die ſie doch für ſo natürlich hielt und ſelbſt, ohne alle anderen Rückſichten weiter, empfand; er war ihr dann zuweilen nicht zärtlich genug gegen ſie, gegen das Kind. Und kaum gönnte er ſich Ruhe, bei ihr zu bleiben— immer wieder Geſchäfte, die leidigen Ge⸗ ſchäfte!— Nun hatte Graf Stephan auch nicht verſäumt, zu⸗ weilen ihr gegenüber freilich ganz harmlos klingende Scherze 43 darüber zu machen, daß Victor ſo viel und anſcheinend gern im Hauſe des Güterdireltors verkehre. Es fiel Eva, die Frau Croup kaum kannte, nicht ein, denſelben des⸗ halb zu beargwöhnen, denn die Eiferſucht war ihr, Dank ſeinem Benehmen, eine noch ganz unbekannte Empfindung, aber angenehm waren ihr ſolche Scherze nicht und er⸗ weckten mindeſtens unbehagliche Gefühle in ihr; ſie konnte ſie auch nicht vergeſſen. An dem erwähnten Tage hatte Victor ſich bald Nach⸗ mittags von ſeiner Frau mit der Angabe verabſchiedet, daß er in ſehr wichtigen Angelegenheiten mit ſeiner Mutter zu ſprechen habe, auch beiläufig erwähnt, Herr Croup werde zu dieſer Konferenz in den Gemächern der Fürſtin gezogen werden. Dies verhielt ſich auch wirklich ſo, aber der Güter⸗ direktor erſchien nicht, ſondern ließ ſich mit plötzlich ein⸗ getretenem bedenklichen Unwohlſein entſchuldigen. Er ſollte über verſchiedene Angelegenheiten unumgänglich nothwen⸗ dige Auskunft geben, und die Fürſtin ſelbſt, verdrießlich über ſein Ausbleiben, erſuchte ihren Sohn, dieſerhalb zu ihm zu gehen und ihr nachher Beſcheid zu bringen. Das Haus des Direktors lag etwa fünfzehnhundert Schritte von dem Schloſſe entfernt, umgeben von einem 44 hübſchen ſchattigen Garten, der von einer niedrigen leben⸗ digen Hecke eingeſchloſſen wurde. Als Victor ſich dahin begab, hatte die drückende Tageshitze ſchon einer weicheren, angenehmeren Temperatur Platz gemacht. Kaum überſchritt er die Schwelle des Hauſes, ſo kam ihm Frau Croup in ſichtlich aufgeregtem Zuſtande ent⸗ gegen; ſie war ſehr blaß und hatte Thränen in den Augen, ihre Toilette erſchien, ganz gegen ihre ſonſtige Ge⸗ wohnheit, ein wenig derangirt, was Graf Stephan jeden⸗ falls an ihr noch kleidſamer und verführeriſcher gefunden haben würde. „O Herr Graf!“ rief ſie mit halberſtickter Stimme Victor entgegen,—„der Himmel ſendet Sie! Mein armer, armer Mann und ich noch viel unglücklichere Frau!“ Ihr ganzes verzweiflungsvolles Benehmen machte Victor beſtürzt und erregte ſeine volle Theilnahme; faſt vergaß er ſeine eigenen dringenden Angelegenheiten dar⸗ über. Auf ſeine beſorgten Fragen erfuhr er endlich, Herr Croup ſei auf einmal ſehr unwohl geworden und habe wohl gar einen Schlaganfall bekommen; er liege in der Stube bewegungslos auf dem Sopha, es ſei bereits nach 45 dem Arzte geſandt worden, der aber noch lange nicht zu erwarten ſei, u. ſ. w. Frau Croup führte ihn auch in das Zimmer, wo ihr Mann ſchwerathmend lag; ein paar Dienſtboten be⸗ ſchäftigten ſich um ihn. Das Bewußtſein war ihm ſchon wieder zurückgekehrt, aber er ſchien kein Wort ſprechen zu können oder zu wollen und machte nur abwehrende Bewegungen gegen jeden ſich ihm Nähernden; die Zu⸗ reden ſeiner Frau und Victors machten nicht den gering⸗ ſten Eindruck auf ihn. Der Graf wußte hier nicht zu helfen; nachdem er ſich eine Weile aufgehalten und die jammernde Frau zu tröſten verſucht hatte, wollte er ſich wieder zurückziehen, aber nun hing ſich Frau Croup an ſeinen Arm und be⸗ ſchwor ihn flehentlich, ſie in den Garten zu führen, wo ſie in der friſchen Luft für ſich ſelbſt Erholung bedürfte. Das ſonſt ſo gemeſſene Weſen Victors ihr gegenüber hätte unter ſolchen Umſtänden wohl höchſt theilnahmlos und grauſam erſcheinen müſſen; er that ihr deshalb den Willen, obgleich er ſich von dieſer Vertraulichkeit gewiſſer⸗ maßen peinlich berührt fühlte. „Mir zittern die Knie,— ich kann nicht weiter!“ hauchte ſie nach einer kurzen Promenade, und es blieb 46 Nichts übrig, als daß man ſich in einer hübſch beſchatteten Laube auf die Bank niederließ. „Mein Gott, die Sinne ſchwinden mir— ich werde ohnmächtig!“— und Frau Croup ſank wirklich ohnmäch⸗ tig in die Arme des Grafen. Kurze Zeit vorher— es war Alles von den Be⸗ theiligten recht hübſch und genau berechnet worden— war Graf Stephan zu ſeiner Schwägerin gekommen und hatte ſie, auf die nunmehr eingetretene milde Abendluft deutend, aufgefordert, mit ihm einen kleinen Spaziergang zu machen; bei ihrem nahen verwandtſchaftlichen Verhältniſſe konnte darin nichts Auffälliges oder gar Unpaſſendes liegen. Eva antwortete ihm indeſſen, ſie erwarte die Rück⸗ kehr ihres Mannes, der ſich in die Zimmer ſeiner Mutter begeben habe. „Victor bei der Mutter?“ entgegnete Graf Stephan verwundert.„Nein, beſte Frau Schwägerin, da irren Sie ſich; ich ſah ihn vor einiger Zeit ſchon nach dem Hauſe des Direktors gehen, und deshalb eben wollte ich Ihnen den Vorſchlag machen, dorthin ein kleine Promenade zu unternehmen und ihn abzuholen.“ Es lag ſo etwas Eigenthümliches in dem Tone Graf Stephans, daß Eva ſtutzte, und doch hatte er anſcheinend 47 zu unbefangen geſprochen, als daß ſich eine hämiſche Ab⸗ ſicht dabei vermuthen ließ. Sollte ihr Mann ſie wirklich abſichtlich getäuſcht haben? Sie traute ihm dies nicht zu, aber die Sicherheit Graf Stephans frappirte ſie doch, und ſie wollte Gewiß⸗ heit haben. Warum fiel es ihr auch garnicht einmal ein, daß Victor nach Erledigung der Geſchäfte mit ſeiner Mutter noch andere mit dem Direktor haben könnte?— warum wurde ſie auf einmal ſo unruhig?— Das lag gewiß nur in den Wirkungen des Giftes, das ihr all⸗ mälig eingeflößt worden war. Die Gelegenheit, ſich Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, lag ſo nahe, und wenn ſie ſich auch ſagen mußte, daß ſie keinen Grund haben würde, Victor irgendwie zu verurtheilen, ſollte ſie ihn auch in dem Croup'ſchen Hauſe treffen, wenn ernſtliche Eiferſucht ihr auch noch ziemlich fern lag, ſo wollte ſie ſich doch wenigſtens überzeugen, ob Graf Stephan dieſesmal Recht gehabt hätte. Sie nahm Hut und Shawl und ging mit ihm. Ihr Schwager plauderte unterwegs leichthin, wie immer, und ſie bemerkte nicht, mit welcher Spannung er ſchon von fern ſeine Augen auf den Croup'ſchen Garten heftete. Der Weg, den ſie eingeſchlagen hatten, führte ge⸗ rade auf das Haus zu und dann unmittelbar an der Hecke des Gartens entlang; man konnte den letzteren recht gut von da überſehen. Plötzlich blieb Graf Stephan ſtehen, als wäre er ſehr überraſcht, dann ergriff er in ſonderbarer Haſt den Arm Eva's und ſagte mit gedämpfter, unſicherer Stimme: „Ach, es iſt Nichts! geh'n wir weiter!“ Dieſes eigenthümliche Benehmen machte die junge Frau erſt aufmerkſam; ſie folgte ſeinen in den Garten gerichteten Blicken und blieb ganz erſtarrt ſtehen. Sie waren gerade zur rechten Zeit gekommen, um zu ſehen, wie Frau Croup, ſich eben ſchwach von ihrer Ohn⸗ macht erholend, in den Armen Victors lag, der viel zu ſehr mit dieſem fatalen Zufalle beſchäftigt war, als daß er die Beobachter bemerkt haben ſollte. Daß die Letzteren gerade zur rechten Zeit kamen, hatte ſeine ſehr natürliche Urſache: Frau Croup, welche mit Graf Stephan und ihrem Manne dieſes ganze Intriguenſpiel verabredet, hatte wohl aufgepaßt, um im geeigneten Momente ihre Ohn⸗ macht zu ſimuliren. Den geſchickten Schauſpielern ging Alles wie am Schnürchen. Es iſt unmöglich, das Wehe zu beſchreiben, das Eva's Herz durchzuckte; die ganze Situation, die ſie vor Augen 49 hatte, war vollſtändig dazu angethan, ſie zu täuſchen, zu⸗ mal ſie in immerhin ſchlauer und nichtswürdiger Weiſe ſchon darauf vorbereitet worden. Sie hätte in ihrer Her⸗ zensangſt laut aufſchreien, Victor zu ſich rufen mögen, aber die Stimme verſagte ihr, und Graf Stephan beeilte ſich, zufrieden mit dem augenſcheinlichen Eindrucke, den ſie empfangen hatte, ſie nun fortzuführen. „Beeilen wir uns!“ flüſterte er ihr zu;—„es würde einen häßlichen Skandal geben, wenn man uns hier bemerkte, und Victor könnte uns am Ende gar der abſichtlichen Spionage beſchuldigen. Alteriren Sie ſich nicht zu ſehr, liebe Schwägerin; ich möchte mich dafür verbürgen, daß er es mit dem koketten Weibe nicht zu ernſt nimmt. Ich bitte Sie, laſſen Sie uns ſtill weiter⸗ gehen; wir dürfen Nichts geſehen haben!— Sie ſind es uns Allen ſchuldig, von einem ſolchen Scherze kein Auf⸗ hebens zu machen!“ O, welcher Schmerz für das Herz einer treuliebenden Gattin!— Aber die Erinnerung ging nicht an Eva'’s Ohr vorüber, ſie war ſo ängſtlich beſorgt, alle die Pflichten zu erfüllen, welche ihr Stand ihr auferlegte! Welche Rolle ſollte ſie auch ſonſt unter dieſen Leuten ſpielen, die Grabowsti, Schigſſal u. Schuld. III. 4 50 ſie doch eigentlich nur in Gnaden zu ſich emporgehoben hatten? Sie nahm Graf Stephans Arm und ließ ſich von ihm fortführen, ohne einen Blick auf den Garten zurück⸗ zuwerfen. In ihrem Inneren war ſie tief empört und er⸗ bittert auf Victor und vermochte kein Wort auf die Reden ihres Schwagers zu erwidern, der die ganze Sache bald als einen bloßen Scherz darzuſtellen ſuchte, bald wieder Victor entſchuldigte, als handle es ſich doch um ſehr großen Ernſt. Sie kehrten ſofort nach dem Schloſſe zurück, wo ſich Eva kurz von ihm verabſchiedete und auf ihre Zimmer eilte, nicht um, was vielleicht das Beſte geweſen wäre, dem gepreßten Herzen durch Thränen Luft zu machen, ſondern in ein dumpfes verzweiflungsvolles Hinbrüten zu verſinken. Jedes Wort Graf Stephans, dem es früher nicht gelungen war, Argwohn gegen ihren Gatten zu erwecken, klang jetzt von Neuen an ihr Ohr und fand die vollſte Beſtätigung durch Das, was ſie mit eigenen Augen geſehen hatte; ſein ganzes Benehmen erſchien ihr in anderem Lichte und fand die ſchlimmſte Erklärung,— er liebte ſie nicht mehr, hatte ſie wohl nie geliebt, er vernachläſſigte ſein Kind, und das Alles um jener verächtlichen Frau willen, — 51 die er heute wieder in ſeinen Armen gehalten hatte!— Je länger ſie alle eiferſüchtigen Regungen zurückgedrängt hatte, deſto größer und wilder loderte die Flamme dieſer böſen Leidenſchaft jetzt empor. Inzwiſchen war Graf Horneck, dem Nichts ungelegener kommen konnte wie die Ohnmacht Frau Croups, ſchon im Begriffe geweſen, die Dame, für die er ſich nicht im Min⸗ deſten weiter intereſſirte, auf die Bank zu legen und aus dem Hauſe Hülfe herbeizuholen, als ſie ſich, zu ſeiner großen Befriedigung, wieder zu erholen begann. Sie machte nun auch keinen Verſuch mehr, ſeine Empfindungen für ſie auf die Probe zu ſtellen, denn ſie hatte die Gleich⸗ giltigkeit derſelben ja ſchon längſt erkannt, ſondern ent⸗ ſchuldigte ihre Schwäche nur mit der großen Gemüths⸗ aufregung; Victor mußte ſie noch einmal in das Haus zurückführen, wo er den Director noch in demſelben Zu⸗ ſtande wie vorher antraf, und dann nahm er bald Ge⸗ legenheit, ſich zu verabſchieden. Nachdem er ſeiner Mutter Bericht erſtattet hatte, kehrte er, im Ganzen mißgeſtimmt, nach ſeiner eigenen Wohnung zurück. Wie Eva ſich auch zuſammennahm, um ihre Empfin⸗ dungen vor ihm zu verbergen, mußte ihm doch ſehr bald 4* 52 ihr ſonderbares Weſen auffallen; ſie ſchob daſſelbe darauf, daß ſie ſich von der Hitze des Tages ſehr ermattet und überhaupt unwohl fühle. Er äußerte zärtliche Beſorgniſſe darüber. Was konnte dies anders ſein als Verſtellung, deren ſo natürliche Durchführung ſie nur ſchließen ließ, daß es ihm früher ſchon oft gelungen ſei, ſie zu täuſchen? Er erzählte ihr auch von Dem, was im Hauſe des Directors paſſirt war, und ſeiner fatalen Situation dabei,— aber anſtatt hierin eine ganz einfache Aufklärung, vollkommene Rechtfertigung für ihn zu finden, hielt Eva ſich überzeugt, er habe ſie entweder dennoch bemerkt oder Graf Stephan ihm eine Warnung zukommen laſſen,— ſie wollte und mußte nun einmal jedes Vertrauen zu ihrem Manne ver⸗ loren haben. Um ihre Anſicht noch zu beſtärken, ſtellte es ſich am anderen Tage heraus, daß Herr Croup ſich wieder ganz wohlauf befand; er kam perſönlich, um der Fürſtin und Graf Horneck mitzutheilen, es habe ſich um weiter Nichts als eine heftige Anwandlung von Ohnmacht gehandelt, wahrſcheinlich in Folge der großen Tageshitze, vor der er ſich nicht genügend geſchützt; als der Arzt eingetroffen, war er ſchon wieder ganz munter geweſen. Graf Stephan hatte übrigens nicht verfehlt, ſeiner 53 Schwiegermutter unter dem Siegel ſtrengſter Verſchwiegen⸗ heit von dem Geſchehenen Kenntniß zu geben, und die Fürſtin wurde dadurch ebenſo getäuſcht wie Eva. Daß ihr Schwiegerſohn in dieſer Weiſe Frau Croup anklagte, diente ihr als Beweis, daß er für dieſe Frau kein beſonderes Intereſſe hegen könne; auf Victor war ſie erzürnt, ent⸗ ſchuldigte ihn aber doch gewiſſermaßen, wie galante Frauen immer galante Männer entſchuldigen, nur nicht Ihres⸗ gleichen; jedenfalls fand ſie keine Veranlaſſung, ihn zur Rede zu ſtellen. Eva dachte zwar nicht daran, ſich bei der Fürſtin über ihren Mann zu beſchweren, beobachtete aber doch, ob dieſelbe Etwas von deſſen vermeintlichem Verhältniſſe zu Frau Croup wiſſen oder ahnen möge, und dieſe Gewiß⸗ heit ſtellte ſich ihr bald heraus; das galt ihr wieder als ein Beweis ſeiner Schuld. Eva war recht unglücklich; in ihren heiligſten Ge⸗ fühlen getäuſcht und tödlich verletzt, mußten dieſelben ſich auch ändern; Victor konnte ihr nicht mehr Das ſein, was er ihr bis dahin geweſen, alle ihre Liebe wandte ſich nun auf ihr Kind, das arme Weſen, an dem der Vater auch eine ſo ſchwere Schuld begangen haben ſollte. Mit dem Vertrauen hatte ſie auch den Muth verloren, ſich mit ihrem 32½ 54 Manne offen auszuſprechen; wozu, meinte ſie, könne dies anders führen, als daß er ſie abermals täuſchte oder daß er zornig aufbrauſte?— Er hatte ja größere Rechte wie ſie; ſie verdankte ihm Alles, und war es ihr ſchon mög⸗ lich geweſen, dieſe große Schuld abzutragen?— Es iſt nicht gut, daß ſich Ungleiches zueinander geſellt, Oel und Waſſer vermiſchen ſich nie!— ſo philoſophirte die arme Frau, denn in ihrer Beſcheidenheit wagte ſie das Höchſte, das ein Menſch hinzugeben vermag, ſein ganzes Herz, nicht den äußeren Gütern gleichzuſtellen, welche die ganze Welt als Götzen anbetet. Solches Philoſophiren, bei dem weniger der Verſtand wie das Gefühl das Ruder führt, iſt beſonders für eine Frau höchſt gefährlich; es erkaltet das Herz. Wir wollen nicht behaupten, daß Eva ihren Mann garnicht mehr liebte, aber es war eine andere Liebe geworden, und ſie beſaß nicht genügende Verſtellungskunſt, um dies zu verbergen. Victor begriff ihre Kälte nicht, fühlte ſie aber ſchmerz⸗ lich; er ſchrieb ſie auf den Einfluß des Verkehres mit ſeiner Mutter, wohl auch ein bischen ſeines Schwagers, der nicht abließ, Eva mit Aufmerkſamkeiten zu überhäufen, ſelbſt unter den Augen ihres Mannes, die indeſſen Letz⸗ terem keinen Grund geben konnten, ſie ſich zu verbitten. 55 Victor wurde nicht im Mindeſten eiferſüchtig, aber er glaubte, ſeine Frau laſſe ſich durch die mit ihren früheren Verhältniſſen ſo wenig übereinſtimmenden, jetzt glänzenden und vornehmen verführen, und dies konnte ſie in ihrer Liebe und Achtung gerade nicht heben. Gern wäre er mit ihr in ein beſcheidenes, zurückgezogenes Leben getreten, aber theils verhinderten ihn die übernommenen Pflichten jetzt noch daran, wobei er auch die Zukunft ſeines Kindes berückſichtigen mußte, theils zweifelte er, daß ſie dazu Luſt bezeugen würde. Kurz, es war ein böſer Geiſt zwiſchen die beiden Gatten getreten, und da Jeder von ihnen denſelben unter einer anderen Geſtalt ſuchte, konnten ſie ſich nicht zu einem gemeinſamen Widerſtande vereinigen. So waren einige Wochen vergangen, als wieder neue Geldnoth für die Fürſtin eintrat, deren Laſt natürlich auf ihren Sohn fiel; ſie ſelbſt regte den Gedanken an, deſſen Ausführung auch am praktiſchſten erſchien, daß er ſich wegen eines Anleihens an ſeinen ehemaligen Vormund wende, einen reichen Mann, der ihm bis in die letzte Zeit hinein freundſchaftliche Gefühle bezeigt hatte. Es war ein ſchwerer Schritt, den Victor unternehmen ſollte; vielleicht iſt Nichts peinlicher, als Freunde um ſolche 56 Gefälligkeiten anzugehen, wenn in dieſem Falle auch alle reelle Garantien dafür geboten werden ſollten und Victor ja nicht in ſeinem eigenen Intereſſe unterhandeln wollte; überdies mußte er aber nach ſeiner Vaterſtadt zurückkehren, die er nie wiederzuſehen entſchloſſen geweſen war. Welche neuen Gefühlsaufwallungen waren dabei zu befürchten! Unter anderen Umſtänden würde er wahrſcheinlich das beſte Mittel angewendet haben, das ihn noch gegen die letzteren ſchützen konnte, nämlich Eva mit ſich zu neh⸗ men; aber dies verbot ſich theils ſchon von ſelbſt dadurch, daß ſie das Kind nicht allein zurücklaſſen konnte, theils beſaß er auch nicht mehr das volle Vertrauen zu ihr, um ihr ſeine Empfindungen klar darzulegen. Er reiſte alſo allein ab, und es verletzte ihn heim⸗ lich, daß der Abſchied von ihrer Seite ein wenig kühler wie ſonſt ausfiel. Schon am nächſten Tage ging auch Frau Croup auf die Reiſe,— wie es hieß, um ihre Eltern zu beſuchen, die noch irgendwo am Leben waren. Das mußte auf⸗ fallen; ſeit jahrelanger Anweſenheit auf dem fürſtlichen Gute unternahm ſie zum erſten Male eine Reiſe, hörte man zum erſten Male, daß ſie noch Verwandte habe, und da ihr Gatte nun auch noch eine gewiſſe Unruhe zeigte — ͤ— 57 und Graf Stephan an geeigneten Orten verdächtigende Aeußerungen fallen ließ, konnte es nicht fehlen, daß man die Ausflüge Graf Hornecks und der Direktorgattin in Zuſammenhang zu bringen ſuchte. Wir brauchen wohl kaum noch zu erwähnen, daß von den Dreien hier wieder eine Intrigue geſpielt wurde,— Frau Croup war wirklich zu ihren Eltern gereiſt. Die Fürſtin und Eva machten ſich indeſſen ganz andere Vorſtellungen und konnten ihre Beſtürzung einander kaum verheimlichen. Erſtere war entſchloſen, bei der Rückkehr ihres Sohnes denſelben ernſtlich in das Gebet zu nehmen, und Eva ließ in düſte⸗ rem Schweigen das Haupt noch tiefer ſinken. Victor reiſte geradenwegs nach der herzoglichen Re⸗ ſidenz und dachte dabei ſicherlich am allerwenigſten an Frau Croup, in deren Abſicht es auch garnicht lag, ihm in den Weg zu kommen. Dort eingetroffen, begab er ſich ſogleich zu ſeinem ehemaligen Vormunde und eröffnete nach herzlicher Be⸗ grüßung demſelben ſein Anliegen; er hatte ſich feſt vor⸗ genommen, keine Stunde unnütz in der Stadt zu ver⸗ weilen, mochte er ſeinen Zweck nun erreicht haben oder nicht. Der alte Herr war ſofort bereit, ihm das Geld, etwa 58 zwanzigtauſend Thaler, zu geben, zumal er durch die General⸗Vollmacht der Fürſtin dafür ganz ſichergeſtellt wurde, aber die Flüſſigmachung dieſes Capitals erforderte einige Tage Zeit. Victor mußte dieſe Friſt abwarten. Er hatte ſeine Wohnung in einem großen Hotel ge⸗ nommen, und ſeine Anweſenheit konnte nicht verſchwiegen bleiben. Mehrere alte Bekannte fanden ſich ein, um ihn zu begrüßen, beſonders Offiziere, mit denen er noch zu⸗ ſammen gedient hatte, und durch ſie wurde er, wider Willen, wieder in ihren Umgangskreis gezogen, der ſeine Amüſements in ziemlich leichtfertiger Weiſe ſuchte; be⸗ ſonders war hier hohes Hazardſpiel beliebt, und es war kaum möglich, ſich der Einladung dazu zu entziehen, wenn man nicht eben ganz ſchroff gegen die Geſellſchaft mit von ihr verlachten Grundſätzen auftreten wollte. Daß Victor keinen ſtarken Charakter beſaß, haben wir ſchon mehrmals hervorgehoben, und manche ſeiner Erlebniſſe werden wohl den Beweis dafür geliefert haben; in hoher Gemüthserregung verlor er ihn oft gärzlich. Indeſſen hielt er ſich dieſer Verführung gegenüber ganz wacker; er hatte nicht den Muth, die an ihn geſtellten Forderungen ganz entſchieden zurückzuweiſen, aber er be⸗ nahm ſich dabei vorſichtig und ließ ſich ſelbſt gemeſſene 59 Spöttereien über ſeine Zurückhaltung gefallen. Es waren wohl Viele in dieſer Geſellſchaft, welche zu ihrem Nutzen die Börſe des als ungemein reich ausgeſchrieenen Grafen Horneck gern erleichtert hätten, und ſie ließen es nicht an Bemühungen, die zuweilen wenig Kavaliermäßiges und Ehrenhaftes hatten, fehlen, ihn zu verführen. Der Wein hat ſich immer als ein ſehr gutes Hülfsmittel dafür er⸗ wieſen, aber auch in dieſer Beziehung hielt ſich Victor ſehr mäßig. Beſonders war es ein ehemaliger kaiſerlicher Kavallerie⸗ offizier, ein Baron von Sterner, der ſich Victor in dieſer Weiſe zu nähern ſuchte. Der Letztere hatte ihn ſchon früher, bei ſeiner erſten Anweſenheit auf dem fürſtlichen Gute, als einen Freund Graf Bielinski'’s kennen gelernt, was allerdings nicht zu ſeiner Empfehlung beitrug, aber doch zu Rückſichten nöthigte. Victor wußte nicht, daß der Baron nothgedrungen die Uniform ausgezogen hatte, weil ihm der Beweis für falſches Spiel geliefert worden war; die Anderen wußten dies auch nicht, nur Einigen war es als ein unſicheres Gerücht zu Ohren gekommen. Man duldete Herrn von Sterner, keinen ganz jungen Mann mehr, in dieſem Kreiſe, weil er äußerlich immer höchſt ——ö——— 3 3 1 4 60 kavaliermäßig auftrat, das große Wort zu führen und be⸗ ſonders gewandt ein Spielchen zu arrangiren verſtand. Victor hatte ſich vorgenommen, beſonders dieſem Manne gegenüber auf ſeiner Hut zu ſein, ſchon deshalb allein, weil er nicht zweifelte, daß derſelbe es ſeinem Schwager berichten würde, wenn er ſich irgend Etwas zu Schulden kommen ließe; dem kordialen, zudringlichen Weſen Sterners gegenüber war es ihm aber nicht ſo leicht, zurückhaltend zu bleiben, ohne zu beleidigen. Sich dem herzoglichen Hofe zu nähern, vermied Graf Horneck faſt ängſtlich. Er hatte ſchon einmal die Erfahrung gemacht, daß der Dank, den man ihm dort ſchuldete, den hohen Herrſchaften peinlich war, und wollte es nicht auf eine zweite Probe ankommen laſſen; auch erſchien es ihm ganz zwecklos und ſogar nicht ungefährlich, die Erbherzogin Anna wiederzuſehen. Eine heiße Leidenſchaft, die er ihr einſt zugetragen und ja auch erwiedert glauben durfte, war allmälig in ſich zuſammeugeſunken, beſonders während der glücklichen Jahre ſeiner Ehe. Aber die erſte wahre und tiefe Liebe bleibt dem Herzen doch theuer und unvergeßlich, und es pflegt ſelbſt im ſpäteſten Alter wenigſtens Stunden zu geben, in denen die Erinnerung daran lebhaft und 61 mächtig hervortritt, auch die alten Gefühle wieder herauf⸗ beſchwört.. Victor hatte in dieſer Beziehung ſchon eine gewiſſe Unruhe mit ſich genommen, als er nach der herzoglichen Reſidenz abreiſte; dieſelbe mußte ſich ſteigern, als er ſich nun daſelbſt in ſo großer Nähe der Erbherzogin befand. Von ihrem Schickſale hatte er ſeit langer Zeit Nichts er⸗ fahren, weil er jede Erkundigung danach ſcheute; jetzt konnte er aber doch nicht umhin, ſolche gelegentlich mit aller Vorſicht anzuſtellen. Es war im Ganzen noch Alles beim Alten; die Ehe des Erbherzogs hatte ſich nie zu einer glücklichen geſtaltet, da er ſeinen Charakter und ſeine Gewohnheiten beibehielt; man bedauerte noch immer die ſchöne, ſanfte und gütige Frau, die, aller Vermuthung nach, ſo ſchwer leiden mußte. Sie war Mutter zweier Kinder geworden, welche die Hauptſtädter wegen ihres Liebreizes faſt vergötterten, aber man ſagte Victor auch vertraulich, daß die Freude über dieſen Anblick durch den der Mutter geſtört werde, welche ſichtlich einem frühen Tode entgegenwelke. Victor hörte auch noch manche Specialitäten, die ihm faſt das Herz zer⸗ riſſen: man nannte ihm die koketten Weiber,— ſie waren in allen Ständen und Lebenslagen zu finden,— denen der 1 xRMWe——— V 9 62 Erbherzog ſeine Huldigungen zutrug, wie ungenirt und roh er ſich dabei benahm; man wollte wiſſen, daß er ſeine Gemahlin auf das Empörendſte behandle, ſie ſogar ſchlage und daß ſie ſchon genöthigt geweſen, ſich vor ſeinen Ge⸗ waltthätigkeiten zu ihrer hohen Schwiegermutter oder gar dem Herzoge zu flüchten. Wie heiß mußte ſein Blut nicht bei ſolchen Mitthei⸗ lungen aufwallen!— aber er ſuchte es gewaltſam wieder dadurch zu beruhigen— und was hätte er auch Beſſeres thun ſollen?— daß er ſich ſagte, ſolche im Volksmunde umhergehenden Gerüchte ſeien nicht zuverläſſig, ſie über⸗ trieben immer. Es dauerte beinahe vierzehn Tage, bis er das ge⸗ wünſchte Geld erhalten konnte; er empfing die baare Summe, und quittirte darüber, laut ſeiner Vollmacht, mit dem Namen ſeiner Mutter. Es war in den erſten Nachmittagsſtunden— für die große Welt noch vor dem Diner— und ſein Weg führte ihn durch eine der von letzterer beſonders um dieſe Zeit ſehr belebten Promenade. Eine Menge von glänzenden Equipagen, Reitern und Fußgängern begegnete ihm, aber er ſchenkte dieſem bunten Treiben, das ihm längſt nichts Neues mehr war, keine beſondere Aufmerkſamkeit; düſter 63 in ſich gekehrt, ſchritt er vorwärts und dachte an ſeine baldige Abreiſe, an die Heimkehr, ob ihn Eva wohl ebenſo kalt wieder empfangen würde, wie ſie ihn von ſich gehen gelaſſen hatte, und— an die Erbherzogin. Wie oft hatte er dieſen Weg früher ſchon gemacht, als Knabe, als hoffnungsvoller Jüngling in gläuzender Uniform, und mit welch' verſchiedenen Empfindungen! „Die Erbherzogin!“ tönte es plötzlich an ſein Ohr. Die Vorübergehenden riefen es ſich zu und bildeten förmlich eine Chaine, um die hohe Frau, die im Wagen mit ihren Kindern vorüberfahren ſollte, auf das Achtungs⸗ vollſte zu begrüßen; man las es auf den Geſichtern der Leute, daß ſie eine wirkliche Verehrung für die Prinzeſſin fühlten, und doch ſchien ſich eine ſiille Wehmuth hinein⸗ zumiſchen.. Ein Vorreiter in der herzoglichen Livrée ſprengte dem Wagen um etwa fünſfzig Schritte voraus; dann kam der letztere, von zwei edlen, raſchen Pferden gezogen, und in ihm ſaß die Erbherzogin in einfacher Toilette, die beiden reizenden Kinder neben ihr, gegenüber eine Kammerfrau. Victor war auch wie elektriſirt ſtehn geblieben und hatte ſeinen Hut gezogen. Die Prinzeſſin bemerkte ihn 64 noch nicht, aber ſeine Augen hingen wie feſtgebannt an ihr. Er erkannte in ihr Dieſelbe wieder, für die ſein Herz einſt ſo ſtürmiſch geſchlagen hatte, der es jetzt wieder laut entgegenklopfte— und doch war ſie ſo ſehr verändert!— Man las deutlich die Leiden, die ſie erduldete, auf ihrem krankhaft bleichen Antlitze, in den umflorten blauen Augen, die ſich noch ihre Herzensgüte bewahrt hatten, und wenn ſie, freundlich grüßend, nach allen Seiten den Kopf neigte, ſo ſchien ihr dies faſt Mühe zu verurſachen, und die Lip⸗ pen preßten ſich dabei ſo eigenthümlich feſt aufeinander; nur einmal überflog ein wirklich zufriedenes Lächeln ihre Züge, als ſie auf die ſchönen, fröhlichen Kinder blickte. Victor wußte ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft davon zu geben, was ihn bewegte,— halb wehuüthige Freude, halb bitterer Groll gegen Den, der dieſes ſchöne junge Leben bereits zerſtört hatte,— er wußte nicht einmal, ob er wünſchen dürfe, daß ihn die Prinzeſſin ſähe und wieder⸗ erkenne. Im Fluge mußte ſie der raſche Wagen ihm wieder entführen. Es kam indeſſen anders. Das Pferd des Vorreiters ſcheute vor irgendeinem Gegenſtande, machte einen Seiten⸗ ſatz, glitt aus und ſtürzte nieder. Die Sache ſah gefähr⸗ 65 lich aus, die Leute ſchrien im Schrecken laut auf, und der Kutſcher der herzoglichen Equipage war genöthigt, ſeine Pferde raſch zu pariren; die Erbherzogin, ſelbſt ſehr er⸗ ſchrocken, rief ihm auch dieſen Befehl zu. Alle drängten ſich zu dem geſtürzten Vorreiter hin, der ſich ſo raſch wie möglich wieder erhob und ſein Thier auf die Beine zu bringen ſuchte; glücklicherweiſe hatte Beide keinen Schaden genommen. Victor war ſtehen geblieben und bekümmerte ſich nicht um den Mann, wiewohl er bei ähnlichen Gelegenheiten ſtets Theilnahme zeigte; augenblicklich exiſtirte für ihn nur die Erbherzogin auf der Welt. Sie hatte zuerſt die Kinder über den Vorfall beruhigt und ließ dann durch den Bedienten den Vorreiter heran⸗ rufen, jedenfalls um dem jungen Menſchen, der mehr um einen Tadel für ſeine Ungeſchicklichkeit wie für ſeine eigene Perſon beſorgt zu ſein ſchien, einige freundliche und be⸗ ruhigende Worte zu ſagen. Da ſiel ihr Blick auf Graf Horneck, der noch immer unbeweglich daſtand. In einem Momente war auch die letzte Farbe aus ihren Wangen gewichen, und in ihrer Beſtürzung lehnte ſie ſich, die Augen halb ſchließend, weiter zurück. Aber jener Blick hatte Victor ſchon genug geſagt; das unerwar⸗ Grabowsti, Schickſal und Schuld. III. 5 66 tete Wiederſehen mochte ihr ganz gleiche Gefühle wie ihm erwecken. Einer ſo hohen Dame, einer ſo vielgeprüften Frau konnte es nicht lange an Selbſtbeherrſchung fehlen; es waren nur wenige Sekunden, während deren ſie dieſelbe verloren hatte, und Niemand bemerkte dies wie Victor, der allein ſie auch vollſtändig zu verſtehen vermochte. Dem erhaltenen Befehle gemäß erſchien der Vorreiter, ſchon wieder im Sattel ſitzend, am Wagenſchlage, und die Erbherzogin ſagte ihm jedenfalls weniger, wie ſie noch ſoeben beabſichtigt hatte. Sogleich war Alles wieder in Ordnung, und die Equipage fuhr raſch weiter;— die Erb⸗ herzogin blickte nicht noch einmal auf den Grafen Horneck — ſie durfte es ja auch nicht! Wie ein Träumender ſetzte auch Victor ſeinen Weg fort; er fühlte ſich furchtbar niedergedrückt. Wohl begriff er vollkommen, daß die Prinzeſſin hier keine weitere Notiz von ihm nehmen konnte, und denoch fühlte er ſich tief⸗ ſchmerzlich dadurch verletzt, daß ſie ſo ſtill und anſcheinend kalt aneinander vorübergehen gemußt hatten,— und dann der Anblick der ſchwerleidenden Frau überhaupt zwiſchen ihren blühenden Kindern;— er ahnte nur zu gewiß, daß es das letzte Wiederſehen geweſen ſei! 1 —— 67 In ſeinem Hotel angekommen, fand er Briefe vor — er hatte angeordnet, daß ihm dieſelben von dem fürſt⸗ lichen Schloſſe nachgeſchickt wurden,— von ſeiner Mutter, ſeiner Frau und einen ſehr umfangreichen des von ihm in Braſilien zurückgelaſſenen Verwalters. Ohne beſonderes Intereſſe nahm er alle dieſe Schrei⸗ ben in die Hand und erbrach ſie. Seine Mutter ſchrieb ihm nur von Geſchäftsangelegenheiten, ganz in ihrem eigenen Intereſſe, Eva kühl und zurückhaltend, als ob ſie nur eine ihr unangenehme Pflicht zu erfüllen habe,— gerade in ſeiner jetzigen trüben Gemüthsſtimmung faßte er es wenigſtens ſo auf. Die Nachrichten aus Braſilien waren ganz geeignet, ihn noch mehr niederzudrücken: Alles, was er dort beſeſſen, war ihm verloren gegangen, gericht⸗ lich mit Beſchlag belegt und den Gläubigern überantwor⸗ tet, die Koloniſten in Uneinigkeit auseinander gelaufen— es war Nichts mehr zu retten! Welche harten Schläge auf ſein Herz— an einem Tage, faſt in einer Stunde!— Noch nie hatte er ſeinen Muth ſo vollſtändig gebrochen gefühlt; jetzt trat auch die materielle Noth an ihn heran, die er bis dahin noch nicht kenmen gelernt hatte, und was man auch ſagen mag, ſie drückt in Wirklichkeit am ſchwerſten; nicht die Entbehrungen, 5*½ 68 die ſie auferlegt, ſind es, die man fürchtet, aber das Be⸗ wußtſein, ein Bettler zu ſein, in des Wortes ſchlimmſter Bedeutung, von Anderen abzuhängen, das iſt faſt unerträg⸗ lich für ein Herz, das ſich immer einen gerechten Stolz zu bewahren wußte. In dieſer verzweiflungsvollen Zerriſſenheit des Gemüths traten Gedanken an den Selbſtmord bei Graf Horneck auf. Wozu ein ſolch' nutzloſes, qualvolles Leben weiterführen, auf das immer neue Schichſalsſchläge niederfallen, dem einmal jeder höhere Schutz und Segen zu fehlen ſcheint, vor dem ſich ein unermeßlicher Abgrund des Elends öffnet? Kann die Verſuchung der Sünde ein beſſeres Feld ſinden, an das ſchwache Menſchenherz hinanzutreten, wie in ſolcher Stunde?— Aber in Victor lag noch ein zu tiefes Bewußtſein, als daß er ihr unterlegen wäre; er er⸗ innerte ſich, daß er jetzt umſomehr berufen ſei, für Frau und Kind zu ſorgen, und ſo bitter ihm auch der Gedanke ſein mochte, ſich auf die Hülfe ſeiner Mutter zu ſtützen, ſo konnte ihm und den Seinigen dieſelbe ja nicht ausbleiben, und dann beſaß ja Eva noch das nicht ganz unbeträcht⸗ liche Kapital, das er ihr verſchrieben hatte und das voll⸗ ſtändig geſichert war. Viel Troſt ſchöpfte er aus dieſen Betrachtungen —— ——— ——— 69 jedenfalls nicht; er war auch noch zu aufgeregt, um klar zu überlegen, nur ſoviel nahm er ſich vor, daß er am anderen Morgen aus der herzoglichen Reſidenz wieder ab⸗ reiſen wolle, am liebſten ohne Abſchied von ſeinen hie⸗ ſigen Bekannten, nach deren Geſellſchaft er ſich an dieſem Abende durchaus nicht ſehnte. Da mußte ihn gerade der Baron von Sterner in ſeiner Wohnung überraſchen, um ihn in jenen Cirkel ab⸗ zuholen; Victor entſchuldigte ſich mit Unwohlſein und ſprach geradezu aus, er müſſe ſich umſomehr ſchonen, als er ſchon anderen Tages abreiſen werde, nachdem er ſeine hieſigen Geſchäfte erledigt habe. Es entging ihm, wie hoch Herr von Sterner bei dieſer letzteren Aeußerung aufhorchte. Es war ihm wohl irgendwie bekannt geworden, daß Graf Horneck eine be⸗ deutende Geldſumme zu empfangen habe. Mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zudringlichkeit beſtürmte er denſelben nun, mit ihm zu kommen, machte ihm ſogar Vorwürfe, daß er ſeine Freunde ohne Abſchied verlaſſen gewollt hätte, und ver⸗ ſicherte auf das Heiligſte, man werde nur ein Abſchieds⸗ glas gemeinſchaftlich leeren und von dem Spiele ſolle durchaus keine Rede ſein. Wie ſchon geſagt, ließ ſich dem Weſen des Barons 70 bei ſolchen Gelegenheiten nicht gut widerſtehen, ohne einen ärgerlichen Zwiſt mit ihm zu veranlaſſen; er ſetzte dann immer eine Art Ehrentrumpf darauf, daß man ihm nach⸗ gab. Andererſeits fühlte Victor ſelbſt auch, daß ihm Zer⸗ ſtreuung gut thun könnte; er fürchtete ſich vor ſeinen eigenen Gedanken. Er begleitete daher, ohne ſich weiter umzukleiden, Herrn von Sterner; erſt unterwegs bemerkte er, daß er das Taſchenbuch mit dem empfangenen Gelde in Papier noch bei ſich trug, aber es war jetzt zu ſpät, deshalb noch einmal umzukehren, und das Buch befand ſich ja an einem ſicheren Platze. Der größte Theil der luſtigen Geſellſchaft war ſchon verſammelt, als die Beiden anlangten, und begrüßte ſie mit Jubel; derſelbe wurde allerdings eine Weile herab⸗ geſtimmt, als der Baron Mittheilung von der bevorſtehen⸗ den Abreiſe des Grafen machte, indeſſen beruhigte man ſich bei dem mit allgemeinem Anklange gemachten Vor⸗ ſchlage, Victor noch ein letztes Abſchiedsglas zu weihen. Herr von Sterner traf die Vorbereitungen dazu, und als die Gläſer hell aneinander klangen, ſaß er an Victors Seite und wich nicht von derſelben, wiewohl Beide nichts⸗ weniger als vertraute Freunde waren. A4 71 Gern wäre Victor ſo bald wie möglich wieder auf⸗ gebrochen, denn ſeine Stimmung verbeſſerte ſich bei der allgemeinen Heiterkeit durchaus nicht, im Gegentheil trieb ihm der genoſſene Wein das Blut noch wilder durch die Adern und die Gedanken wirrer durch den Kopf, aber es war nicht möglich, ſich dieſer Geſellſchaft zu entziehen, die ja ausgeſprochener Weiſe ihm zu Ehren hier tagte; be⸗ ſonders klammerte ſich Herr von Sterner an ihn feſt und zwang ihn förmlich, mehr zu trinken, als er ſonſt liebte und zu thun pflegte. 1 Endlich blieb auch nicht aus, was dieſen Herren bei ihren Zuſammenkünften ſchon ordentlich zur zweiten Natur geworden war. Einer brauchte nur ein Wort hinzu⸗ werfen, und das Hazardſpiel war ſofort arrangirt. Um⸗ ſonſt verſuchte Graf Horneck dagegen Einſpruch zu er⸗ heben, wenigſtens für ſeine Perſon; man ließ ihn nicht fort, und die allgemeine Stimmung war jetzt ſchon eine ſo ausgelaſſene geworden, daß ſich mit Vernunſtgründen dagegen garnicht aufkommen ließ. Herr von Sterner übernahm die Bank— man ſpielte Pharao— und nöthigte Victor, an ſeiner Seite Platz zu nehmen, damit derſelbe ſich nicht doch noch heim⸗ lich aus dem Staube mache, wie er ſagte. Unter Lachen 72 und Scherzen wurden die Einſätze gemacht und die Karten abgezogen, bis ſich nach größeren Gewinnen und Verluſten der ganze allen Spielern eigene Egoismus, der die harm⸗ loſe Fröhlichkeit ausſchließen muß, einſtellte. Graf Horneck ſpielte an dieſem Abende nicht ſo vor⸗ ſichtig und zurückhaltend wie ſonſt; dieſes ganze Treiben war ihm mehr als je zuwider, und er wollte ihm lieber ſchnell einige Opfer bringen, um ſich dann mit guter Manier zurückziehen zu können; der Wein, mit dem ihm Sterner und die Anderen hart zuſetzten, nahm ihm auch immer mehr die klare Beſinnung und regte dabei den bitteren Trotz wieder an, den er vorher ſchon empfunden hatte. Nachdem ihm in dieſem Spiele das Glück eine Weile gelächelt hatte, wandte es ſich auf einmal ganz entſchieden von ihm ab; er verlor raſch hintereinander. Aus gewöhnlichem Eigennutze hatte er nie geſpielt; es konnte ihm auf die kleine Summe, die er heute zu Sterners Bank ſteuerte, nicht viel ankommen, aber das entſchiedene Unglück an und für ſich verdroß ihn; ſollte er denn wirklich dazu auserſehen ſein, immer, in allen Verhältniſſen darunter zu leiden? er war ja heute mehr wie jemals mit ſeinem Schickſale verfeindet. 73 Er hatte jetzt nur noch die anſehnliche Summe bei ſich, die nicht ihm, ſondern ſeiner Mutter gehörte. In ruhiger Stimmung, bei klarem Verſtande würde er den Gedanken, ſie zu einem anderen als dem beſtimmten Zwecke anzurühren, mit Verachtung von ſich gewieſen haben; jetzt, als ſein letzter Satz verloren gegangen war, faßte er unwillkürlich nach der Brieftaſche, aber er zog die Hand ſchnell wieder zurück, und ſein guter Engel flüſterte ihm eine Warnung zu. Er erhob ſich und erklärte ernſtlich, daß er gehen müſſe, er habe auch zum Spielen kein Geld mehr bei ſich. Von allen Seiten beſtürmte man ihn, zu bleiben; Baron von Sterner ſchob ihm aus ſeiner Bank einen anſehnlichen Haufen Geldes zu und erſuchte ihn, ſich deſſelben zu be⸗ dienen. 8 Dies gerade ärgerte Victor, beſonders von dieſem Sterner, unter den er ſich in keiner Weiſe ſtellen mochte; heute, wo er fühlte, daß er unter dieſen Leuten, die ihn für reich hielten, wirklich arm ſei, erhob ſich ſein Stolz dagegen, ihnen eine Schwäche zu zeigen, und vor allen Dingen vergeſſe man nicht, in welcher Aufregung, die er gewaltſam verſchließen mußte, er ſich ſchon längſt befand. Er dankte Herrn von Sterner kurz, öffnete die Brief⸗ 74 taſche und machte einen neuen, nicht unanſehnlichen Ein⸗ ſatz; der Chor jubelte dazu, der Baron ſah ihn ver⸗ wundert an. Ein Kaſſenſchein nach dem anderen verſchwand in der unerſättlichen Bank; Victor glaubte den Verluſt decken zu müſſen und doublirte ſeine Einſätze; dabei ſtürzte er raſch, faſt ſinnlos, ein Glas Wein nach dem anderen hinunter. Er verlor fortwährend, ſein Spiel war ſo hoch geworden, daß die Uebrigen in unheimlichem Erſtaunen zuſahen, Baron von Sterner ſelbſt warnte, nicht zu über⸗ treiben— ob es ihm wohl Ernſt damit und er ſeines Sieges nicht gewiß war?— Das hieß bei dem Grafen Oel in das Feuer gießen— er handelte im halben Wahn⸗ ſinn der Verzweiflung, im überhandnehmenden Weinrauſche, und als die letzte Summe von den zwanzigtauſend Thalern verſpielt war, kehrte er ſich, blaß wie eine Leiche, kurz um, ſtieß unſanft zurück, die ſich ihm mit Beileidsbezeu⸗ gungen nähern wollten, und verließ das Lokal. Niemand folgte ihm; ſie ſpotteten nicht über ihn, aber ſie fürchteten ſich vor ihm. Herr von Sterner ſteckte ſein Geld ein, zuckte die Achſeln und ſagte nur: „Das iſt Spielglück!— Graf Horneck iſt reich ge⸗ nug, um den Verluſt verſchmerzen zu können. Uebrigens 75 will ich mich morgen früh zu ihm begeben und ihm das Verlorene als Anleihe wieder zur Dispoſition ſtellen, falls er es gerade nothwendig bedürfen ſollte.“ Das klang ſehr edel von dem Baron, und man machte ihm darüber noch Schmeicheleien. Drittes Capitel. Die Gefühle, mit denen Victor die Spielgeſellſchaft verließ, dürften unbeſchreiblich ſein; man mag dies ſchon daraus ermeſſen, daß er nicht einmal die Kraft über ſich gewann, die äußeren Formen zu bewahren, die doch ſonſt mit ſeinem ganzen inneren Weſen ſo eng verwebt er⸗ ſchienen; er war ohne Abſchied von ſeinen Genoſſen ge⸗ gangen und nicht im Stande geweſen, ihnen ſeine mächtige Erregung zu verbergen.— In dieſem Zuſtande durchwanderte er, mitten in der finſteren Nacht, ohne Ziel und Zweck die Straßen der Stadt und gelangte jetzt vor das Thor hinaus. Eine ganze Hölle wüthete in ihm; er ſagte ſich, daß er jetzt nicht mehr allein unglücklich, ſondern auch ſchuldig ſei, und er hatte die Achtung vor ſich ſelbſt verloren, was ihm noch unter keinen anderen Verhältniſſen ſeines Lebens geſchehen war. 77 Kein Wunder, daß die düſteren Todesgedanken, die Sehnſucht, dieſe für ihn jetzt ſo gänzlich verödete Welt zu verlaſſen, wieder dringender auftauchten wie vorher; er ſtand an dem Ufer des unter ihm vorüberrauſchenden Fluſſes lange ſtill und konnte kaum der Verführung wider⸗ ſtehen, ſich in die finſtere Tiefe hinabzuſtürzen, um mit ſeinem Schmerze— mit ſeiner Schande für immer zu ver⸗ ſchwinden. Von Ueberlegung konnte nicht die Rede ſein, aber doch trieb ihn wieder eine andere Gewalt— es war nicht die gewöhnliche Furcht— von jener Stelle fort und weiter raſtlos umher.. Erſt als der Morgen dämmerte, kehrte er nach ſeiner Wohnung im Hotel zurück; es war hauptſächlich die Scham, den nun bald erwachenden Menſchen unter die Augen zu treten, was ihn zu dieſem Entſchluſſe beſtimmte, auch fühlte er ſich jetzt körperlich krank; ſeine Kleider waren vom feinen Morgenregen durchnäßt, ſeine Glieder zitterten vor Kälte, nur ſein Kopf brannte wie im glühen⸗ den Feuer. Ohne ſich anzukleiden, warf er ſich zu Hauſe auf das Sopha. Der anbrechende Tag erinnerte ihn, daß er an dieſem Morgen abreiſen gewollt hatte; es war nothwendig, 78 darüber einen Entſchluß zu faſſen; deshalb zwang er ſich mit aller Gewalt, ruhiger zu denken. Es lagen eigentlich nur zwei Wege vor ihm, zwiſchen denen er wählen konnte: entweder ohne das unwieder⸗ bringlich verlorengegangene Geld zu ſeiner Mutter zu⸗ rückzukehren und ihr ein offenes Geſtändniß zu machen— konnte ſie ihn denn herzlos verdammen, die ihrem Schwie⸗ gerſohne ohne viel Umſtände ſchon viel, viel größere Summen gegeben hatte und noch jetzt gab, um deſſen ge⸗ wohnheitsmäßige Spielſchulden und andere leichtſinnigen Ausgaben zu decken?— oder er mußte die zwanzigtau⸗ ſend Thaler, wenn auch mit den größten Opfern,— und ſelbſt dabei wäre es ihm wohl nicht ſo leicht geworden, — von einem gewöhnüichen Wucherer beſchaffen und ſpäter aus dem Vermögen erſetzen, das er ſeiner Frau verſchrieben hatte. Wie wehe es ihm auch thun mochte, die Zukunft der Seinigen in dieſer Weiſe zu gefährden, ſchien dies doch in ihrem eigenen Intereſſe noch rathſamer zu ſein, als daß er es darauf ankommen ließ, ſich mit ſeiner Mutter zu erzürnen; wenn ſie ihre Verſprechungen hielt, ſo blieb ja noch einmal ein bedeutender Erbſchafts⸗Antheil zu erwarten. Dieſer Troſt vermochte Victor aber keineswegs auf⸗ 79 zuheitern; er verurtheilte ſich ſelbſt ſchwer und ſchämte ſich im Voraus, Eva von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen und ein Opfer von ihr zu verlangen; überdies mußte er ſich jetzt auch vorausſichtlich noch einige Tage in der herzoglichen Reſidenz aufhalten, um das neue Geldgeſchäft zu machen, und er konnte dabei keinen geringen Schwierig⸗ keiten und Unannehmlichkeiten entgegenſehen. So ſchnell, wie die Fürſtin jener Summe bedurfte, konnte Eva's Ka⸗ pital nicht flüſſig gemacht werden. Er dachte auch vorübergehend daran, ob er ſich noch einmal an ſeinen Vormund wenden ſollte;— aber nein! — in welchem Lichte hätte er dieſem Manne mit dem ehrenfeſten Grundſätzen erſcheinen müſſen! Es war vielleicht gut, daß die materiellen Sorgen jetzt ſo drängend an Victor hinantraten, denn ſie entriſſen ihn wenigſtens momentan jener dumpfen Verzweiflung, die ihn ſchon zu den äußerſten Schritten zu führen gedroht hatte. Jetzt fand er auch einen kurzen, aber von den unruhigſten Träumen unterbrochenen Halbſchlaf; der er⸗ ſchöpfte Körper machte auf ſeine Rechte Anſpruch. Es war etwa neun Uhr— alſo für den geſelligen Verkehr in einer großen Stadt, beſonders unter ſogenann⸗ ten vornehmen Leuten, noch eine ſehr frühe Stunde, als ein Kellner des Hotels, nachdem er ein paarmal vergeblich an die Thür geklopft hatte, dieſelbe öffnete und in das Wohnzimmer des Grafen trat; er ſchien nicht wenig er⸗ ſtaunt über den Zuſtand, in welchem er Letzteren traf. Victor war raſch aufgefahren, und ſein ganzes ver⸗ ſtörtes Ausſehen, der derangirte Anzug verriethen nur zu deutlich, daß er die Nacht arg durchſchwärmt haben und ſich wohl ſehr angegriffen fühlen müſſe. Mit rauher Stimme und in unwilligem Tone fragte er, weshalb man ſich erlaube, ihn zu ſtören, und der Kellner antwortete demüthig, der Herr Baron von Sterner habe ihn dazu gezwungen, wolle ſich auch durchaus nicht abhalten laſſen, dem Herrn Grafen ſeinen Beſuch zu machen. Wie abſcheulich klang dieſer Name jetzt an Victors Ohr!— ſeit dieſer Nacht betrachtete er Sterner als ſeinen größten Feind, ſeinen böſen Geiſt. Und was wollte dieſer Menſch, deſſen abſichtliche Verführung er nicht bezweifelte, den er ſogar beargwöhnte, ihn durch falſches Spiel be⸗ trogen zu haben, jetzt ſchon wieder von ihm?— Glaubte er, eine noch größere Beute machen zu können, oder wollte er ſich blos an der Verzweiflung ſeines Opfers weiden? Victor war nahe daran, ſich dieſen aufgedrungenen Beſuch geradezu zu verbitten, aber er erinnerte ſich, wie 81 er in der Nacht, als er ſich vom Spieltiſche erhob, eigent⸗ lich ſchon aus der Rolle gefallen war; am Ende wollte ihn Sterner gerade deshalb zur Rechenſchaft ziehen;— deſto beſſer dann!— im Augenblicke erſchien es ihm wie eine Art Genugthuung für ihn, wenn er ſeine Schuld wenigſtens mit Blut bezahlen gekonnt hätte. Baron von Sterner wartete auch ſeinen Beſcheid gar⸗ nicht ab, ſondern folgte raſch dem anmeldenden Kellner, als ob es ſich von ſelbſt verſtünde, daß ſein Beſuch will⸗ kommen ſein müſſe. Er hatte ſchon wieder ſorgfältige Toilette gemacht, und ſein Geſicht zeigte freundliche Ruhe, wenn auch ein wenig mehr Ernſt wie ſonſt. Nachdem der Kellner abgetreten war, ging er raſch auf Victor zu, deſſen Verſtörung er garnicht zu bemerken ſchien, und reichte ihm die Hand mit den gegen ſein ſon⸗ ſtiges Weſen eigenthümlich abſtechenden, aufrichtig herzlich klingenden Worten: „Verzeihen Sie, lieber Graf, daß ich Sie ſo früh ſchon ſtöre, aber eine gewiſſe Unruhe treibt mich zu Ihnen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und ich fürchtete, daß Sie die Stadt verlaſſen würden, ohne daß wir noch einmal miteinander Rückf ſprache nehmen könnten.“ Victor fühlte, daß er ſich zuſammennehmen müſſe; Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 6 82 wozu ſich auch eine Blöße vor dieſem Manne und ſeinen anderen hieſigen Bekannten geben?— Er that zwar, als bemerke er nicht die ihm angebotene Hand, lud den Baron aber doch zum Niederſitzen ein und ſtammelte einige Worte des Inhalts, daß die durchſchwärmte Nacht ihn ſehr an⸗ gegriffen habe und er der Erholung bedürfe; deshalb wolle er heute auch noch nicht abreiſen. „Um ſo beſſer! ſo werden wir Zeit haben, unſere Geſchäfte zu verhandeln!“ meinte Baron von Sterner ganz heiter. „Unſere Geſchäfte?“ wiederholte Victor befremdet. „Kommen wir ſchnell zur Sache, Graf, denn es liegt mir daran, Ihnen vielleicht eine beſſere Meiuung von mir zu erwecken, als Sie augenblicklich haben mögen. Ich be⸗ daure aufrichtig Ihren Unfall in dieſer Nacht; Sie haben ſich übereilt, aber alle Anweſenden werden mir zu Zeugen dienen, daß ich Nichts daran zu ändern vermochte.“ „Laſſen wir dieſe Sache auf ſich beruhen,“ unterbrach ihn Victor kühl;—„ich will zwar nicht ableugnen, daß mich ein ſo anſehnlicher Verluſt augenblicklich gerade nicht gleichgiltig gelaſſen hat, aber er wird mich bald nicht weiter geniren— ich habe bereits meine Dispoſitionen getroffen.“ 83 „Ich kam hierher, um Ihnen dieſelben zu erleichtern. Nichts für ungut!— Ich bin kein Halsabſchneider, wie Sie wohl wiſſen, aber— aufrichtig geſagt— ein armer Teufel, der ſo ziemlich von der Hand in den Mund lebt. Ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, dieſer unerwartet hohe Spielgewinn wäre mir nicht ſehr gelegen gekommen, denn er wird meine alten Tage ſichern; ich habe mir vor⸗ genommen, von heute ab keine Karte mehr anzurühren, und hoffe, dieſen vernünftigen Entſchluß durchführen zu können. Aber hören Sie, lieber Graf, ich weiß auch oder vermuthe wenigſtens ſehr ſtark, daß Sie dieſer Verluſt zur Zeit mehr genirt, als Sie jetzt zugeben wollen. Laſſen Sie uns als Ehrenmänner und Kavaliere gegeneinander handeln!— Nehmen Sie heute das ganze Geld von mir zurück,— als Darlehn ohne Zinſen, verſteht ſich— in den nächſten Monaten bedarf ich deſſelben noch nicht, und dann finden Sie wohl Zeit und Gelegenheit, dieſe Ange⸗ legenheit zu arrangiren. Wir wollen nicht viel Worte darüber machen; da liegt die ganze Summe!“ Baron von Sterner zog eine Brieftaſche hervor, öffnete ſie und warf ſie dann mit ihrem ſichtbar gewordenen Inhalte auf den Tiſch, als würde er wirklich recht froh ſein, wenn Victor ſein Anerbieten annähme. 6* 84 Der Letztere war ganz betroffen; er traute kaum ſeinen Ohren und Augen. Wie kam Sterner zu dieſem großmüthigen Vorſchlage, der ihn, vorläufig wenigſtens, der größten Noth überheben konnte?— Steckte in dem Manne doch ein edlerer Kern, wie er bisher geglaubt hatte?— Er war Spieler von Profeſſion— wer wußte, durch welche Verhältniſſe geworden?— man konnte es ihm daher am Ende nicht verdenken, daß er einen ſo großen Gewinn gern mitnahm; daß er denſelben aber wieder möglichem, wenn auch nicht wahrſcheinlichen Ver⸗ luſte ausſetzte, blos um einem Anderen, deſſen drückende Lage er begreifen mochte, aus der Verlegenheit zu helfen, das erſchien immer als ein guter, edler Zug des Herzens, dem man Anerkennung ſchuldete. Er ſprach auch ſo offen und treuherzig, beinahe mit tiefem Gefühle, daß er auf Victor plötzlich einen ganz anderen Eindruck machte wie bisher. Dennoch zögerte der Graf, dieſes Anerbieten, das ihm eigentlich nur willkommen ſein konnte, anzunehmen; es war, als riethe ihm eine innere Stimme davon ab. Herr von Sterner bemerkte ſeine Unſchlüſſigkeit und machte eine etwas empſindliche Miene, aber als ob er ſich plötzlich eines Anderen beſänne, reichte er Victor noch 85⁵ einmal die Hand, die derſelbe jetzt auch annahm, und meinte: „Suchen Sie keinen Hintergedanken bei mir, keine andere Abſicht, als Ihnen gefällig ſein zu können; höchſtens will ich dadurch den Vorwurf beſchwichtigen, dem ich mich nicht ganz verſchließen kann, daß ich geſtern zu der Spiel⸗ partie Veranlaſſung gab und nicht energiſcher Ihrer Hitze dabei entgegentrat; aber konnte ich das Letztere wohl vor ſo vielen Zeugen thun? und wie würden Sie ſelbſt es aufgenommen haben?— Nun aber kurz, lieber Graf! erſparen wir uns peinliche Verhandlungen! Wollen Sie das Geld auf drei oder ſechs Monate haben?— beſtim⸗ men Sie gefälligſt ſelbſt den Zahlungstermin— ich richte mich ſchon danach ein.“ Es war für Victor zu verlockend, daß ſich vorderhand Alles ſo leicht und unter den günſtigſten Bedingungen er⸗ ledigen ſollte; er konnte dann ſofort nach Hauſe zurück⸗ kehren, wo er jedenfalls ſchon mit Ungeduld erwartet wurde, Niemand erfuhr daſelbſt Etwas von dem Ge⸗ ſchehenen, und nachdem er Zeit zur vollſtändigen Faſſung und Ueberlegung gewonnen, konnte er mit Eva ruhig Rück⸗ ſprache nehmen, um ſeine Schuld zu decken. Daß hier ein gewöhnlicher Spielerkniff Sterners vorliege, endlich die 86 Abſicht, ihm das geliehene Geld noch einmal im Spiele abzunehmen und ſich dann ſichere Wechſel ausſtellen zu laſſen, war nicht denkbar; er mochte eine ſolche Schänd⸗ lichkeit garnicht annehmen und fühlte ſich übrigens ſicher genug, nach der gemachten bitteren Erfahrung nicht zum zweiten Male in eine Falle zu gehen. 3 Deshalb ſagte er Jenem, der bedeutende Verluſt genire ihn allerdings und er ſei bereit, von dem Anerbieten mit größtem Danke Gebrauch zu machen, ſelbſtverſtändlich unter der Gegenleiſtung genügender Sicherheit. Der Ba⸗ ron ſchien auf eine ſolche kaum großes Gewicht zu legen, 4 auch blieb er dabei, jede Stipulation von Zinſen entſchieden, faſt entrüſtet zurückzuweiſen. Victor wollte ihm Wechſel auf ſeine Perſon geben; auch dies erklärte er für über⸗ flüſſig. „Ein einfacher Schuldſchein genügt unter Ehren⸗ männern, lieber Graf; nur um des Lebens und Sterbens willen dürfte es bei einer ſo bedeutenden Summe doch wohl gerathen ſein, dabei die geſetzlichen Formen nicht ganz außer Acht zu laſſen. Gehen wir zu meinem Advokaten! — er wird ſich allerdings wundern, woher ich auf einmal ſo reich geworden bin, aber ich bin ihm darüber keine Aufklärung ſchuldig.“ 87 Dieſes Verlangen des Barons konnte Victor nicht ungerechtfertigt erſcheinen. Er ſtimmte unbedenklich zu, kleidete ſich um, und Beide gingen zu dem Advokaten. Derſelbe machte allerdings ein verdutztes Geſicht, als er erfuhr, um was es ſich handelte, zögerte aber nicht, den Schuldſchein mit allen nöthigen Formen aufnuſetzen. Es fehlte nur noch Victors Unterſchrift. Da erhob der Advokat, im Intereſſe ſeines Klienten, Bedenken dagegen, daß dieſelbe bei einer ſo hohen Summe genügen dürfte, und verlangte noch eine weitere Bürgſchaft. Baron von Sterner brauſte beinahe zornig dagegen auf, Victor gerieth in große Verlegenheit; er wußte ja nur zu gut, daß er eigentlich über kein ſelbſtſtändiges Vermögen mehr zu ver⸗ fügen hatte. Der Advokat, der die Sache nur von der rein geſchäftlichen Seite nahm, blieb indeſſen feſt; er meinte, es handle ſich nur um eine Förmlichkeit, aber die Er⸗ füllung derſelben ſei unerläßlich. Unglücklicherweiſe ſiel es Victor ein, daß er die Ge⸗ neralvollmacht ſeiner Mutter bei ſich führte und daß er durch Benutzung derſelben der peinlichen Scene wohl am beſten ein Ende machen könne; er mußte ja ſo wie ſo aus Eva's Vermögen, eigentlich doch ſeinem eigenen, die Schuld decken, die Fürſtin brauche alſo Garnichts von dem Gebrauche der Vollmacht zu erfahren, und in keinem Falle konnte ihr daraus ein Nachtheil erwachſen. Der Advokat war damit ganz zufriedengeſtellt; auf Grund dieſer Vollmacht unterzeichnete Graf Hornal im Namen ſeiner Mutter. Damit war das Geſchäft erledigt; Victor entſchloß ſich, noch an demſelben Tage abzureiſen, und nahm einen auf beiden Seiten recht herzlichen Abſchied von dem Baron von Sterner. Es war eine traurige Rückreiſe, die er machte; körper⸗ lich halb krank, ſah er auch im Geiſte alles Geweſene und noch Bevorſtehende im dunkelſten Lichte; er hatte wohl eine kurze Friſt gewonnen, um den begangenen Fehler wieder gutzumachen, aber die Opfer, welche dies erforderte, blieben, und ſie trafen vielleicht ſchwer Eva und ſein armes unſchuldiges Kind; noch immer ſchwankte er hin und her, ob er nicht beſſer thun würde, ſich aufrichtig mit ſeiner Mutter auszuſprechen, der es doch nicht ſo ſchwer werden konnte, ſich auch ihm einmal hülfreich zu erweiſen, wie ſo oft Graf Stephan,— es lag ihr ſogar eine Verpflichtung dafür ob, ſchon deshalb, weil er ietzt Jahre hindurch, mit Verleugnung ſeiner eigenen Intereſſen, für die ihrigen gearbeitet hatte. Leider war das Vertrauen zu ihrer 89 mütterlichen Liebe nur zu tief in ihm erſchüttert wor⸗ den, als daß er ſich mit einiger Sicherheit darauf zu ſtützen vermochte. Er ſollte übrigens nicht ſo ſchnell, wie er glaubte, die Reiſe zurücklegen. Zweifellos hatte er ſich in jener Nacht ſtark erkältet, die tiefe Gemüthsaufregung kam dazu, und im Eiſenbahnwagen fühlte er ein paarmal ſo ſtarke Anwandlungen von Ohnmacht und den Ausbruch eines bedenklichen Fiebers, daß er ſich am Abende entſchließen mußte, die Fahrt zu unterbrechen und ein Nachtquartier in der nächſten Stadt zu nehmen. Die Ahnung, daß ihm eine längere Krankheit bevorſtehe, der er ſeine Willenskraft nicht mehr entgegenzuſetzen vermöchte, bemächtigte ſich ſeiner und trieb ihn an, noch an demielben Abende die große Summe, die er bei ſich führte, mit einigen erklärenden Zeilen an ſeine Mutter zur Poſt zu geben. Er hatte ſich auch nicht getäuſcht; in der Nacht phan⸗ taſirte er ſchon im Fieber, und am anderen Morgen war man genöthigt, einen Arzt zu Hülfe zu ziehen. Sein Name und Stand ſicherten ihm eine aufmerkſame Pflege; der Hotelwirth und der Doctor, die dem geneſenen Patienten ſpäter eine hübſche Rechnung zu machen gedachten, ließen es ihm an Nichts fehlen.. 90 Sieben Tage lang kämpfte Victor gegen ein ſchweres hitziges Fieber, und dann trug ſeine jugendkräftige Natur doch den Sieg über daſſelbe davon; in dieſer Zeit war er faſt fortwährend ohne Beſinnung geweſen, und wenn lichtere Augenblicke eintraten, verlangte er lebhaft nach ſeiner Frau, Mutter oder Schwager; dieſes Bedürfniß machte ſich auch noch geltend, als er die Kriſis überſtanden hatte, ſich an die Weiterreiſe in den nächſten Tagen aber noch nicht denken ließ, und er fühlte es ſchmerzlich, daß alle Jene ihn ſo arg vernachläſſigten. Der ihn behandelnde Arzt hatte in der That an Graf Bielinski geſchrieben— das fürſtliche Gut war etwa ſechzig Meilen entfernt, eine Strecke, die ſich bequem in wenig mehr als vierundzwanzig Stunden zurücklegen ließ,— aber natürlich erfolgte garkeine Antwort, und dann ſchrieb Graf Stephan im Namen ſeiner Schwiegermutter nur, man ſolle die äußerſte Sorge auf die Wiederherſtellung des Kranken verwenden, aber es kam Niemand perſönlich; es ſchien, als nehme der Graf die Krankheit nicht ſehr ernſt. In der That wäre Graf Stephan wohl Nichts will⸗ kommener geweſen, als ſeines Schwagers auf ſo bequeme Weiſe ein für alle Male entledigt zu werden; der Fürſtin — 91 ſuchte er den Zufall als unbedeutend darzuſtellen, und Eva erfuhr Garnichts davon, angeblich, um ſie nicht zu beun⸗ ruhigen. Nachher übernahm er ſelbſt die Correſpondenz mit Victor und ſchrieb demſelben nur ziemlich inhaltsloſe Briefe, die Letzterer zu beantworten nicht der Mühe werth befand. Nach beinahe dreiwöchentlichem Aufenthalte in jener Stadt war Graf Horneck ſoweit wiederhergeſtellt, daß er reiſen konnte, und zögerte nicht damit. Er nahm jetzt nur noch bitterere Empfindungen mit ſich. Er langte unerwartet auf dem Gute ſeiner Mutter an, ziemlich ſpät Abends, und die Dienſtboten, die ihm zufällig entgegenkamen, konnten ihr Erſchrecken über ſein Ausſehen kaum verbergen; er ging noch ein wenig gebeugt, ſich auf einen Stock ſtützend, und ſein blaſſes abgemager⸗ tes Geſicht hatte einen trüben, leidenden Ausdruck an⸗ genommen. Es war wobl natürlich, daß er ſich zuerſt nach ſeiner Wohnung begab, ehe er der Fürſtin ſeinen Beſuch machte; theils bedurfte er überhaupt der Erholung nach der dieſes⸗ mal mit Anſtrengungen für ihn verknüpften Reiſe, theils trieb ihn lebhafte Sehnſucht zu ſeinem Kinde— man darf kaum ſagen: zu ſeiner Frau, die, wie er glauben 92 mußte, ſo wenig Intereſſe an ſeiner Krankheit genommen hatte; er war geſpannt, zu erfahren, wie ſich Eva deshalb rechtfertigen würde, wünſchte aber auch Nichts lebhafter, als daß ihr dies gelingen möchte. 1 Ohne weitere Anmeldung betrat er das Zimmer, in dem ſie ſich gewöhnlich aufzuhalten pflegten, auch wohl die Beſuche näherer Bekannten empfingen. Auf dem Tiſche brannte eine große, helle Lampe, und auf dem Sopha hinter demſelben ſaßen Eva und Graf Stephan. Darin, daß der Schwager die Schwägerin beſuchte, wenn auch zu ſpäter Abendſtunde, lag am Ende nichts Unpaſſendes, und Beider gegenſeitige Haltung verrieth auch durchaus keine auffällige, zu mißbilligende Vertraulichkeit. Dennoch wurde Graf Horneck durch das ſich ihm über⸗ raſchend darbietende Bild, als er die Thür öffnete, in keineswegs angenehmer Weiſe berührt, und unwillkürlich durchzuckte ihn ein Mißtrauen, deſſen Beſtätigung freilich viel zur Aufklärung des ſchon ſeit längerer Zeit ihn befremdenden Benehmens Eva's beitragen gekonnt hätte. Um dieſen Eindruck, der noch nicht einmal eine be⸗ ſtimmte Form gewann, zu verſtärken, wandten ſich Eva und Graf Stephan dem Eintretenden, den ſie im erſten Momente wenigſtens nicht erkennen konnten, mit den deutlichſten 93 Anzeichem der Betroffenheit zu, und Graf Stephan faltete ſchnell, faſt ſcheu ein kleines Papier, anſcheinend einen Brief, den er wahrſcheinlich im Begriffe geweſen, der jungen Frau vorzuleſen, wieder zuſammen und ſteckte es raſch in die Taſche. Unmittelbar darauf wurde Victor von Beiden erkannt; Eva ſtieß einen lauten Schrei aus und ſtarrte ihren Mann wie ein Geſpenſt an— ſein ſo verändertes Ausſehen konnte ſie auch wirklich erſchrecken, zumal ſie an dieſem Abende die erſte Andeutung von ſeiner Krankheit erhalten hatte; — ſie erhob ſich erſt, als Graf Stephan ihr mit dieſem Beiſpiele voranging, und warf ſich dann, in krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, das jedes Wort erſtickte, an die Bruſt ihres Gatten, während Graf Stephan ſich demſelben in ſichtlicher Verlegenheit näherte und ihm die Hand mit einigen geſuchten Begrüßungsworten bot. Augenblicklich äußerte ſich in Eva's Weſen mehr Zärt⸗ lichkeit, als Victor eigentlich zu finden erwartet hatte, aber dieſelbe ließ ſich auch wieder ſo wenig mit ihrer früheren Kälte zuſammenreimen, daß das Mißtrauen gerade da⸗ durch beinahe noch mehr Boden gewinnen mußte. Graf Stephan kam ihren Worten zuvor; es klang ganz wie eine Entſchuldigung, als er erzählte, er habe ſich nur —— 94 deshalb heute Abend zu ſeiner Schwägerin begeben, um ihr endlich Mittheilung von Victors Krankheit zu machen, die ihr bisher, auch auf den Wunſch der Fürſtin, ver⸗ heimlicht worden ſei; von dem Briefe, den er ſoeben in der Hand gehabt hatte, ſprach er kein Wort. Dieſesmal log Graf Stephan nicht; die Fürſtin hatte ihn wirklich beauftragt, zu ihrer Schwiegertochter be⸗ hufs des angegebenen Zweckes zu gehen, da das lange Ausbleiben Victors ſie endlich doch ängſtlich machte; er vergaß nur, hinzuzuſetzen, oder wollte dies vielmehr ver⸗ geſſen, daß er nur durch ihres Gatten unerwarteten Ein⸗ tritt darin geſtört worden war, ihr Näheres über einen großen Spielverluſt mitzutheilen, den Jener erlitten habe. Woher er ſelbſt dieſe auch ſchon der Fürſtin zugetragene Nachricht hatte, wird man bald erfahren. Eva erholte ſich auch bald wieder von ihrer Ueber⸗ raſchung, und als ihr Mann das Kind geſehen und ge⸗ rührt begrüßt hatte, als Graf Stephan ſich verabſchiedete und Victor nun den Platz an ihrer Seite auf dem Sopha einnahm, erzählte ſie ihm, halb unter Thränen, wie ſehr ſie ſich über ſein langes Ausbleiben geängſtigt, der Schwager und die Fürſtin ſie aber ſtets damit getröſtet hätten, daß ſeine Geſchäfte ihn an die herzogliche Reſidenz feſſelten; ——— õ — 95 ſie blickte dazwiſchen hin und wieder ihren Mann beinahe ſcheu an, als ob ſie von ihm noch weitere Eröffnungen erwartete,— jedenfalls lag ihr der von Graf Stephan erwähnte Spielverluſt im Sinne— aber Victor, ſich mit ſeiner Ermattung entſchuldigend, blieb einſylbig und ſprach höchſtens von der überſtandenen Krankheit. Vielleicht würde er dieſe Zurückhaltung eher aufge⸗ geben haben, denn Eva's zärtliche Theilnahme ließ kaum Etwas zu wünſchen übrig, wäre er nicht durch einen be⸗ ſonderen Zufall zu neuem Nachdenken über ſein Mißtrauen angeregt und dadurch gänzlich in Anſpruch genommen worden. Als er ſich nämlich auf das Sopha niederſetzte, hatte ſeine Hand ein dort liegen gebliebenes Papier in Brief⸗ form berührt, und er zweifelte nicht, daß Graf Stephan daſſelbe verloren habe, vermuthlich, als er es ſo haſtig verbergen wollte. Sollte ihm nicht das Recht zuſtehen, von dieſem Zufalle, der ihm möglicherweiſe volle Aufklä⸗ rung verſprach, Gebrauch zu machen?— er nahm dies unter den vorliegenden Umſtänden unbedingt an und ver⸗ barg ſeiner Frau ſorgfältig dieſen Fund; bevor er ſich offen gegen ſie ausſprechen konnte, mußte er das volle Vertrauen zu ihr wiedergewonnen haben. 96 Graf Stephan hatte es übernommen, der Fürſtin von ſeiner Ankunft Kenntniß zu geben; bald darauf ließ er ſagen, daß ihm dies nicht möglich geweſen, da ſie ſich ſchon zur Ruhe niedergelegt habe; dadurch wurde auch Victor der Verpflichtung überhoben, ſie noch aufzuſuchen oder ihren Beſuch anzunehmen. Er ſehnte ſich nach Ruhe und noch mehr danach, jenes Papier ungeſtört in näheren Augenſchein nehmen zu können. Die beiden Gatten hatten ſeit der letzten Entbindung Eva's ihre eigenen Schlafzimmer, übrigens dicht neben⸗ einander gelegen. Als Victor allein war, zog er unruhig bewegten Herzens das verſteckte Papier hervor und be⸗ gann es zu überleſen. 3 Es war in der That ein Brief, und er erbebte inner⸗ lich, als er die Hand und Unterſchrift des Barons von Sterner erkannte. Das Schreiben war an Graf Bielinski gerichtet und wenige Tage nach ſeiner Abreiſe von der herzoglichen Reſidenz datirt. Der Baron ſchrieb in der kordialſten Weiſe an ſeinen alten Freund und bezog ſich gleich anfänglich auf einen ſeit längerer Zeit zwiſchen ihnen unterhaltenen Briefwechſel. Er kam dann alsbald auf Victors Anweſenheit und ſeinen vertrauten Umgang mit demſelben, ganz in der Weiſe, als — 97 ſetzte er nur einen bereits angefangenen Bericht dar⸗ über fort. „Ich gratulire Dir, lieber Freund,“ ſchrieb er weiter, „der Gimpel iſt in die Falle gegangen; ich habe ihm das Netz geſchickt und ſicher geſtellt, und er hat alle Federn darin zurückgelaſſen, d. h. die ganze der Fürſtin gehörige Summe von zwanzigtauſend Thalern.“ Es folgte nun eine umſtändliche Schilderung jenes Spielabends, bei welcher der roheſte Spott und gemeinſte Triumph über den Grafen Horneck nicht geſpart waren, wie er, Sterner, Victor dann das ſcheinbar ſo edle An⸗ erbieten des Darlehns gemacht, der in das Vertrauen ge⸗ zogene Advokat eine ſichere Bürgſchaft verlangt und Victor ſich verleiten gelaſſen, von der Unterſchrift ſeiner Mutter Gebrauch zu machen, was unter dieſen Umſtänden eine vor dem Geſetze ſchwer ſtraffällige Fälſchung bleiben mußte. „Du haſt ihn jetzt in der Hand, Herzensbruder,“ ſchloß der ſaubere Baron,—„und ich denke, Du bleibſt feſt dabei, Dir die gute Gelegenheit nicht entgehen zu laſſen, Deinen Nebenbuhler zu ſtürzen und ein für alle Male unſchädlich zu machen; ich begrüße Dich im Voraus freudig als alleinigen Erben des fürſtlichen Vermögens. „Was mich anbetrifft, ſo habe ich, nach Deiner An⸗ Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 7 98 weiſung, meine Schuldigkeit gethan und zweifle nicht daran, daß Du mir Deine Verſprechungen getreulich halten wirſt; ſorge nur dafür, daß ich ſo bald wie möglich wieder zu den zwanzigtauſend Thalern komme, die ich vorderhand recht gut brauchen kann“— u. ſ. w. Möge man ſich vorſtellen, was Victor fühlte, als er den ihm geſpielten nichtswürdigen Streich in dieſer ſo voll⸗ kommenen Weiſe aufgedeckt fand!— es dürfte nicht ſchwer ſein, zu begreifen, daß ihm aller Reſt ruhiger Beſinnung darüber ſchwand. Er hätte mit dem Briefe in der Hand zur Fürſtin gehen ſollen, denn dieſe Abſcheulichkeit Graf Stephans mußte ihr die Augen über denſelben öffnen und ihn ihr für immer entfremden; und wenn er daran noch zweifelte, ſo mußte er ſich ſofort an ſeine Frau wenden, die ihm doch unmöglich jetzt das Geld verſagen werde, das er ihr geſchenkt und das zur Rettung ſeiner Ehre, ſeiner Exiſtenz nothwendig geworden war. Warum nahm er an, daß Eva den ganzen Inhalt dieſes Briefes kenne, während es doch viel wahrſcheinlicher blieb, daß Graf Stephan ihr nur einzelne Stellen deſſelben mitzutheilen gewagt hatte?— Aber Victor war ſchon überreizt,— er dachte nur noch daran, mit ſeinem Schwager die ernſteſte Abrechnung für 99 alle ſchon ſeit langen Jahren durch ihn erlittenen Unbilden, beſonders dieſe letzte, zu halten. Welche bedenkliche Folgen daraus entſtehen könnten, war er jetzt nicht im Stande zu überlegen, und er würde davor auch nicht zurück⸗ geſchreckt ſein. In aller Stille, um ſeine in der Nebenſtube befind⸗ liche Frau davon Nichts merken zu laſſen, kleidete er ſich wieder vollſtändig an, ſteckte den Brief zu ſich und verließ das Zimmer, den Weg nach der Wohnung Graf Stephans einſchlagend. Es war jetzt ſchon nahe an Mitternacht, in den Korridoren des Schloſſes brannten nur noch einige Lampen, die Dienerſchaft hatte ſich ſchon zur Ruhe begeben, und es herrſchte eine Stille, bei der Victor ſelbſt ſeine Schritte unheimlich klangen, ſo vorſichtig er auch auftrat. Im Vorzimmer von Graf Stephans Gemächern wachte noch ein Diener, der über Victors Eintritt ordentlich er⸗ ſchrak. Auf die rauhe und kurze Frage, wo ſein Herr ſei, antwortete er, derſelbe ſei noch nicht nach Hauſe zurück⸗ gekehrt und die Zeit dafür ſei unbeſtimmt. „Gut! ich habe noch Wichtiges mit ihm zu ſprechen und werde ihn erwarten!“ Damit ging Victor ohne Weiteres in das nächſte 7* 100 Zimmer, in dem eine Lampe brannte, ließ ſich auf das Sopha nieder und befahl dem Diener, auf ſeine Verant⸗ wortung ſich zurückzuziehen und niederzulegen,— Graf Bielinski würde ſeiner heute nicht mehr bedürfen und ſie wollten ungeſtört ſein. Der Menſch gehorchte, ganz ein⸗ geſchüchtert von dem düſteren, ungewöhnlich barſchen Weſen Graf Hornecks. Es verging wohl eine gute Stunde, bis Graf Stephan nach Hauſe kam,— gleichviel, wo und wie er die Zeit bis dahin zugebracht haben mochte. Er ſchien ſich in ganz guter Laune zu befinden, denn als er durch das Vor⸗ zimmer ſchritt, trällerte er ein leichfertiges Liedchen. Die Friſt, die Victor zum Nachdenken vergönnt ge⸗ weſen, hatte auch nicht die mindeſte Veränderung in ſeinen Empfindungen und Gedanken zu bewirken vermocht; die⸗ ſelben beruhten ja auch auf keiner leicht aufbrauſenden Hitze, ſondern auf einer bis in den Grund ſeiner Seele gehenden Empörung und der Ueberzeugung, daß ſein Schwager nicht die geringſte Schonung verdiene, daß der langjährige Kampf zwiſchen ihnen Beiden endlich einmal entſcheidend ausgefochten werden müſſe. Je mehr er daran dachte, deſtomehr erbitterte er ſich. Er zweifelte jetzt auch nicht mehr daran, daß dieſer Elende durch die abſcheulich⸗ 101 ſten Intriguen ſeine Schweſter Julie in das Verderben geſtürzt habe, um ſich einſt des fürſtlichen Vermögens ungetheilt bemächtigen zu können; er argwöhnte ſogar, Eva habe ſich nur durch die Liſt Graf Stephans ver⸗ leiten laſſen, mit demſelben— wer konnte wiſſen, auf welchen Grundlagen?— ein Bündniß gegen ihren eigenen Gatten zu ſchließen, und wie er auch vor dem Gedanken zurückſchaudern mochte, daß ſeine eigene Ehre auch auf dieſe Weiſe befleckt worden ſei, ſo konnte er ſich von demſelben doch nicht losmachen. Da trat nun ſein tödlich gehaßter Feind ein, mit dem luſtigſten Liedchen auf den Lippen, das ihm wie der bitterſte Hohn klingen mußte; er erhob ſich ſofort, aber die nervöſe Aufregung ließ ihn derartig an allen Gliedern zittern, daß er ſich auf ſeinen Stock ſtützen mußte, den er jetzt bei weiteren Gängen gebrauchte. Im erſten Momente mochte Graf Bielinski glauben, den ſchon im Vorzimmer vermißten Diener vor ſich zu haben, im nächſten aber ſchon erkannte er Victor und fuhr auf das Aeußerſte überraſcht, ſogar beſtürzt zurück; ſchon darin ſchien ſich ein Beweis ſeiner Schuld, die Stimme 4 des böſen Gewiſſens auszudrücken. Indeſſen wußte er ſich, — yqN ———— ——— 102 wie räthſelhaft ihm dieſer ſpäte Beſuch auch vorkommen mochte, noch ſchnell genug zu faſſen. „Victor!“ rief er aus.„Was verſchafft mir ſo ſpät das Vergnügen, Dich hier zu finden?“ „Die Pflicht, Graf Bielinski,“ erwiderte Victor mit hörbar gepreßter, bebender Stimme,—„Ihnen ein Billet⸗ chen zurückzugeben, das Sie vermuthlich aus Verſehen in meiner Wohnung liegen ließen.“ Er hielt dabei den verhängnißvollen Brief in der Hand, händigte denſelben aber nicht ſofort ſeinem Schwager ein. Der Letztere entfärbte ſich und faßte mit der Hand ſchnell in ſeine Bruſttaſche; zweifellos hatte er den gefährlichen Verluſt noch nicht bemerkt, ahnte ihn aber ſofort und mußte jetzt die ſicherſte Ueberzeugung davon gewinnen. Der Schreck lähmte ſeine Zunge, nur halb verſtändlich konnte er ſtammeln: „Ich wüßte nicht, daß ich Etwas verloren hätte.“ „Elender Lügner!“ rief Victor, der im entſcheidenden Augenblicke ſeine ganze Kraft wiedergewann.„Wagen Sie es, dieſem Zeugniſſe gegenüber noch, Ihre ehrloſe Intrigue mit Ihrem Spießgeſellen, dem Baron von Ster⸗ ner, abzuleugnen?“ Graf Stephan zuckte bei dieſen unverholenen, be⸗ 3.4 3.4 103 leidigenden Worten heftig zuſammen, aber ſein Muth mußte wohl gebrochen ſein, denn er griff, wie einer Stütze be⸗ dürftig, nach einer Stuhllehne und wußte nichts Beſſeres zu antworten, als: „Victor, Du mußt krank ſein! Ich verſtehe nicht, was Du da ſprichſt.“ „So leſe ſelbſt noch einmal, was Du Dich vergeſſen zu haben ſtellſt!“ ſchrie Graf Horneck zornig und ſchleuderte ihm das Papier förmlich ins Geſicht. Bei dieſer zweiten argen Beleidigung fuhr Graf Stephan wieder auf, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze der Wuth; aber ſelbſt in dieſem Zuſtande verkannte er nicht, daß ſein Gegner ſich eine Blöße gegeben hatte, indem er ihm das unumſtößliche Zeugniß ſeiner Schuld überlieferte; er hob den Brief nicht vom Boden auf, ſetzte aber den Fuß feſt darauf. „Sie werden mir unverzüglich Rechenſchaft von Ihrem unerhörten Benehmen geben, Graf Horneck,“ ſagte er. „Sie vergeſſen nicht allein die Rückſicht, die uns unſere Familienverbindung auferlegen ſollte, ſondern auch die, welche jeder Kavalier und Mann von Ehre zu neh⸗ men hat!“ „Dir gegenüber, der Du der größte Schurke der Welt 104 biſt?“ rief Victor, jetzt gar keiner Mäßigung mehr fähig. „Du berufſt Dich noch auf eine Familienverbindung, die Du ſelbſt durch die niederträchtigſten Intriguen gelöſt, auf die Ehre, der Du in Deinen eigennützigen Abſichten ſtets Hohn geſprochen haſt?— Deckt dieſer Brief nicht Dein ganzes hinterliſtiges und niedriges Spiel auf?— Freilich nicht das ganze, aber die Beweggründe, die meine unglück⸗ liche Schweſter opfern ließen, gehen ja auch klar genug daraus hervor!— Wie ihrer, ſo willſt Du Dich jetzt auch ihres Bruders entledigen, ihm die letzte Stelle im Mutter⸗ herzen nehmen, um Deine frevelhafte Erbſchleicherei dann lachend zum Ziele zu führen!— Dem Gatten haſt Du das Herz der Gattin entfremdet, indem Du ihr verräthe⸗ riſche Zutragungen über ihn machteſt, Du, der Du mit Deinem ehrloſen Cumpan ſo frech darüber triumphirſt, daß es Euch gelungen iſt, mich in einer ſchwache Stunde zu betrügen!“ „Das iſt Alles baarer Unſinn!“ unterbrach ihn Graf Stephan barſch.„Ich bin weder für Deinen Leichtſinn verantwortlich, uoch für das Gewäſch, das mir Sterner da geſchrieben hat.“ 1 Dabei bückte er ſich, hob den Brief auf und ſchleu⸗ derte ihn raſch in das noch brennende Kaminfeuer. Erſt — 4 * 105 jetzt mußte Victor begreifen, wie wichtig ihm ſelbſt dieſes ſchriftlice Zeugniß werden konnte und wie Unrecht er gethan hatte, daſſelbe aus der Hand zu geben, denn er machte einen Verſuch, daſſelbe den Flammen zu ent⸗ reißen, aber dazu war es ſchon zu ſpät, das Papier war bereits vernichtet. „Das iſt gleichviel!“ ſagte er, ſich wieder zu Graf Stephan wendend.„Ich bin nicht hierhergekommen, um Dich auf Grund dieſes Briefes zu verklagen, ſondern Dein Blut als Sühne Deiner Verbrechen zu verlangen.“ „Willſt Du den Verſuch machen, mich zu ermorden?“ fragte Graf Stephan mit verächtlichem Lächeln. „Nein, ich verlange die Genugthuung von Dir, die man ſich in unſerem Stande für perſönliche Beleidigungen zu geben ſchuldig iſt; ich will Dich noch als Meines⸗ gleichen behandeln, wiewohl Du Dir das Anrecht darauf verſcherzt haſt.“ „Ah, alſo mit dem Degen oder der Piſtole?“ „Ich überlaſſe Dir die Wahl, aber wir werden mit dieſer Entſcheidung nicht zögern.“ Man hatte Graf Bielinski bisher noch nie nachſagen können, daß er perſönlich feige ſei, aber jetzt erſchien er offenbar ſo. Erinnerte ihn vielleicht ſein ſchuldbeladenes 106 Gewiſſen daran, daß dem Duelle die Idee eines Gottes⸗ urtheils unterliege?— Er hatte einen Gegner vor ſich, der ihn an Geſchicklichkeit und Uebung iin Führung der Waffen mindeſtens nicht übertraf und überdies durch die Folgen einer ſchweren Krankheit körperlich geſchwächt war, — was konnte er alſo viel von ihm befürchten?— und wer, der Graf Stephan kennen gelernt hat, möchte wohl daran zweifeln, daß ihn nicht irgendwelche edle Beweg⸗ gründe zurückhielten, ſeinen gehaßten und gefährlichen Feind zu vernichten?— Dennoch erbleichte er noch mehr und verrieth deutlich genug ſein Widerſtreben, die Heraus⸗ forderung anzunehmen; er ſchien nur nach einem Vorwande zur Ablehnung zu ſuchen. „Fürchteſt Du Dich, Elender?“ fragte Victor ſpöttiſch und drohend.„Biſt Du überzeugt, daß Dich die Hand Gottes, den Du durch Deine Verbrechen ſo ſchwer erzürnt haſt, mit der meinigen treffen werde?“ „Nein, Graf Horneck,“ erwiderte der Pole—„ich haſſe Sie zu ſehr, um Sie zu fürchten, aber ich werde mich dennoch nicht mit Ihnen ſchlagen.“ „Und warum nicht?— Was bleibt Dir noch An⸗ deres übrig?“ „Weil Sie,“ entgegnete Graf Stephan frech,—, Ihre 107 Kavaliersehre mit einem Verbrechen befleckt haben, das mich aller Verpflichtungen gegen dieſelbe enthebt,— einer gefälſchten oder wenigſtens unberechtigten Namensunterſchrift für den Schuldſchein, den Sie dem Baron von Sterner ausſtellten.“ Victor faßte ſich zuerſt mit der Hand an die Stirn, als ob er das ſtürmiſch heraufdringende Blut damit ge⸗ waltſam zurückdrängen wollte, dann ſtieß er einen un⸗ artikulirten Schrei der Wuth und des Zornes aus, ſtürzte mit erhobenem Stocke auf Graf Stephan und ſchlug ihn über das Geſicht; der Letztere war zurückgewichen und hatte mit dem Arme einigermaßen den Hieb parirt, aber gänzlich abzuwenden vermochte er ihn nicht;— der Schlag brannte auf ſeinem Geſichte, das Blut floß ihm aus der Naſe. Einen Moment lang ſchien Victor ſelbſt erſtarrt über das, was er gethan, wozu ihn die bis auf den höchſten Grad getriebene Leidenſchaft fortgeriſſen hatte; ſein er⸗ hobener Arm war unbeweglich geworden, und doch ſiel es ihm nicht ein, den verhängnißvollen Schlag zu wiederholen; es war, als ſei er ſelbſt dadurch ebenſo ſchwer getroffen worden wie ſein Gegner. Graf Stephan röchelte förmlich vor Zorn und Wuth, die ihm die Bruſt zerſprengen zu wollen ſchienen; er konnte 108 kein verſtändliches Wort hervorbringen und ſchien auch ganz rathlos, was er nun beginnen ſolle; endlich ſtürzte er nach einer Stelle der Wand hin, wo mehrere Waffen trophäen⸗ artig aufgehängt waren, und langte wie krampfhaft nach einer Piſtole; aber er mochte ſich erinnern, daß dieſes Feuer⸗ gewehr nicht geladen war, und griff nun nach einem Degen, deſſen Klinge er ſo raſch entblößte, daß die Scheide zu Boden ſiel. Unmittelbar darauf ſchleuderte er auch dieſe Waffe mit dem Ausdrucke der Verzweiflung wieder weit von ſich, warf ſich auf das Sopha und begann, beide Hände über das Geſicht deckend, in ein krampfhaftes Schluchzen und Weinen auszubrechen. Er mußte einen mitleiderweckenden Anblick für Jeden gewähren, der ſeinen Charakter und ſeine Thaten nicht kannte; dieſes Gefühl wollte ſelbſt an Victor hinantreten, der alle Mühe hatte, ſich davon loszumachen. „Graf Bielinski,“ ſagte er nach einer Pauſe düſter und feſt,„ich zweifle nicht daran, daß Sie ſich mit mir auf Tod und Leben ſchlagen werden; Sie begreifen, daß wir Beide unmöglich nebeneinander fortleben können. Es iſt jetzt ein Uhr; in drei Stunden wird es draußen hell genug ſein, damit Einer das Herz des Anderen finden kann; ich werde Sie dann im Parke erwarten, bei dem 109 kleinen chineſiſchen Pavillon. Bringen Sie die Waffen mit, ich überlaſſe Ihnen vollkommen die Wahl derſelben, und Zeugen brauchen wir nicht. Nur Einer von uns Beiden wird in dieſes Haus zurückkehren.“ „Ich komme, ich komme!“ ſtammelte Graf Stephan nur, ohne die Hände vom Geſichte zu nehmen. Victor ging langſam hinaus, die alte körperliche Schwäche ſchien wieder über ihn gekommen zu ſein, ſo gebeugt ſchlich er einher, ſich auf ſeinen Stock ſtützend. Er kehrte nicht in ſeine Wohnung zurück, ſondern begab ſich aus dem Hauſe, in dem Todesſtille herrſchte, die er durch ſein vorſichtiges Auftreten nicht ſtörte, ge⸗ radenwegs in den Park und nach dem ſoeben von ihm bezeichneten Pavillon, einem kleinen Phantaſiebaue, deſſen beſchränkter innerer Raum zuweilen von der Fürſtin be⸗ nutzt wurde, um in der Familie oder mit einer kleinen Geſellſchaft den Thee einzunehmen. Deshalb war dieſes kleine Zimmer, das rings von bunten Fenſtern zwiſchen ſchmalen ſäulenartigen Holzwänden umgeben wurde, auch mit einigen Sophas und Seſſeln, in der Mitte mit einem runden Tiſche verſehen. Der Pavillon lag in einem kleinen Rondel, das durch hohe, dichtbelaubte Bäume und niedriges Gebüſch be⸗ 110 — grenzt wurde, und erſchien ſelbſt am hellen Tage ganz abgeſchloſſen; jetzt, in der Nacht, ſah das ſonderbare Ge⸗ bäude mit ſeinen mehrfach übereinander gethürmten Zink⸗ dächern, auf die einige matte Mondesſtrahlen ſielen, recht geſpenſtiſch und unheimlich aus, und der kühle Nachtwind, der das Laub mit monotonem Rauſchen bewegte, trug nur dazu bei, dieſen Eindruck fühlbar zu machen. Victor ſchien indeſſen darauf nicht zu achten, und freilich ſah es in ſeinem Inneren wohl noch unheimlicher aus wie draußen. Er wußte, daß der Pavillon im Sommer nicht verſchloſſen zu werden pflegte, öffnete die Thür und trat ein. Das ſchwache Mondlicht warf durch die bunten Fenſterſcheiben magiſche Reflexe auf Wände und Meublement. Er ſetzte ſich auf eines der kleinen Sophas, legte beide Hände auf den Knopf ſeines Stockes, das Kinn darauf und ſtarrte nun regungslos vor ſich hin. Schwer⸗ lich achtete er auf die fahlen, bunten Lichter, die allmälig ſich veränderten und dann gärnzlich erblichen, aber trotz ſeiner tiefen Träumerei wandelte ihn der Schlaf gewiß nicht an. So vergingen Stunden; zuweilen bebte ſein Körper leiſe, aber er fühlte wohl weder die äußere Nachtkälte in dieſem 111 nur wenig ſchützenden Raum, noch die ſieberiſche innere. Wie in einer Zauberlaterne zogen die Bilder aus ſeinem bisherigen Leben, an welchen die Erinnerung beſonders haften geblieben war, vor ihm vorüber, zuerſt ſo helle und heitere, dann ſo düſtere, ſchmerzerfüllende bis zu den furchbarſten, die ihn an der Welt und ſich ſelbſt ver⸗ zweifeln ließen,— und wo war der Anknüpfungspunkt einer eigenen großen Verſchuldung zu finden? Es iſt gewiß wahr, daß die eigene Schuld in ſolchen Augenblicken als eine ſchwere, unverſöhnliche Richterin auftritt, aber das menſchliche Gewiſſen iſt leider weit und findet häufig noch eine Hinterthür, durch die es ſie wenig⸗ ſtens vorübergehend, ſich ſelbſt zum Troſte und zur Recht⸗ fertigung, entſchlüpfen läßt. Dagegen erſcheint oft nur zu wenig ſtichhaltig die Lehre, daß uns kein großes Seelen⸗ leiden antaſten kann, wenn wir die feſte Ueberzeugung in uns tragen, keine große Schuld begangen zu haben,— der Fehler iſt menſchlich, die Sünde geht über das Maß des Natürlichen hinaus,— und wenn jener fromme Glauben auch verſuchen darf, den Kampf mit dem unerbittlichen Schickſale aufzunehmen, ſo wird er ſicherlich nicht immer triumphiren, wenigſtens nicht im Herzen und Verſtande des Mannes, der auch dieſem großen Räthſel ſtets eine 112 logiſche Folgerichtigkeit unterſchieben muß, wenn er nicht in ein ſchlaffes Sichſelbſtaufgeben verſinken will. Das Gemüth des Weibes neigt ſich zum Dulden, und es wird dadurch eine bewunderungswürdige Märtyrerin,— das des Mannes ſträubt ſich dagegen mit aller ihm von der Schöpfung verliehenen Kraft;— liegt dieſer Unterſchied blos in unſerer weltlichen Erziehung der beiden Geſchlechter oder begründet er ſich eben in dem großen Weſen der Schöpfung ſelbſt?—— Das Mondlicht war ausgegangen und die erſte matte Tagesdämmerung heraufgezogen. Victor fuhr auf, als ſich raſche Tritte auf einem der mit Kies bedeckten Wege hören ließen, welche dem Pavillon zuführten. Er erkannte Graf Stephan, der einen großen Mantel um ſich geſchlagen hatte, und erhob ſich, ihm entgegenzugehen. Am Fuße der kleinen Treppe, welche aus dem Pavillon niederführte, ſtanden ſie ſich gegenüber. „Es iſt vier Uhr!“ ſagte Graf Stephan lakoniſch, warf, ſie unter dem Mantel hervorziehend, zwei Degen vor ſich hin und ſtellte einen Piſtolenkaſten auf die unterſte Stufe. Er ſah ungemein bleich, aber übrigens wieder ruhig aus; obgleich er die Augen nicht frei zu Victor aufſchlug, 113 konnte derſelbe doch das düſtere, feindliche Glühen der⸗ ſelben bemerken. „Haben Sie über die Waffen beſtimmt?“ fragte Victor nur ebenſo kurz. „Sie ſehen, daß ich Alles mitgebracht habe; ſollten wir uns mit den Degenſpitzen verfehlen, ſo ſtehen uns ja die Piſtolen zu Gebote.“ Das klang beinahe höhniſch, frivol, und doch machte es auf Victor noch einen häßlicheren Eindruck, als Graf Stephan hinzuſetzte: „Einer von uns Beiden wird auf dem Platze bleiben, wie Sie ſagten, und ich kann damit auch nur einverſtan⸗ den ſein; aber wir haben keine Zeugen, der Ueberlebende darf nicht zu ſchwer kompromittirt werden, deshalb, habe ich hier unſer Beider Willensmeinung ſchriftlich aufgeſetzt,“ — er zog dabei ein Papier aus der Taſche,—„und wir Beide wollen es unterzeichnen.“ Gegen eine ſolche Vorſicht ließ ſich am Ende nichts Vernünftiges einwenden, aber gerade in Graf Stephans Lage erſchien ſie doch beinahe zu vorſichtig. Victor zuckte unwillkürlich auch die Achſeln, machte aber doch keine Ein⸗ wendung, ſondern nahm das Papier und überlas es bei dem ſchwachen Morgenlichte. Erabowski, Schickſal und Schuld. III. 4 114 Die Erklärung war in aller Form abgefaßt; die beiden Unterzeichner ſagten darin, daß ſie dringend ge⸗ nöthigt ſeien, in Folge eines ſchweren Streites perſönlicher Natur, der aber nicht näher bezeichnet wurde, ihrer Ehre auf die übliche Kavalierweiſe zu genügen; ſie ſeien über⸗ eingekommen, dieſen Streit auf der Stelle und ohne Zeugen auszufechten, und wenn in Folge deſſelben der Eine das Leben verlieren ſollte, ſo thue er hiermit Jedermann feier⸗ lichſt zu wiſſen, daß der Kampf auf beiden Seiten ein gleicher und ehrenhafter geweſen, und ſpreche den dringen⸗ den Wunſch aus, daß ſein Gegner nicht zur Verantwor⸗ tung gezogen werde. Graf Stephan hatte auch nicht verſäumt, für Dinte und Feder zu ſorgen, um dieſes Dokument zu unterzeich⸗ nen. Letzteres geſchah von beiden Seiten ſchweigend auf dem Tiſche im Pavillon, und das Papier ließ man da⸗ ſelbſt offen liegen. „Welche Waffe wählen Sie?“ fragte der Pole, als Beide wieder hinaus in die matte Morgendämmerung ge⸗ treten waren. „Ich habe dies Ihnen ja überlaſſen.“ „Gut; ſo nehmen wir die Degen; wenn ſie nicht —— 115 ihre Schuldigkeit thun ſollten, ſtehen uns die Piſtolen ja noch zu Gebote.“ Auch dieſe Wahl Graf Stephans konnte nicht be⸗ ſonders ehrenhaft erſcheinen; er war bekanntlich ein guter Fechter, und überdies ließ ſich annehmen, daß Victors Arm durch die Krankheit geſchwächt ſei. Victor nahm indeſſen ohne ein weiteres Wort den einen Degen auf, entblößte die Klinge und prüfte ſie ruhig. Die beiden Gegner hatten einander keinen Mangel an mindeſtens ſcheinbarer Kaltblütigkeit vorzuwerfen. Ohne Zögern ſtellten ſie ſich am Fuße der kleinen Treppe auf, nahmen die Menſur, und im nächſten Augenblicke ſchon kreuzten ſich die Klingen ohne Kommando und fuhren dann raſch aneinander auf und nieder, nur einen leiſen, faſt ziſchen⸗ den Metallklang von ſich gebend. Beider Augen waren feſt und aufmerkſam aufeinander gerichtet; ein Beobachter würde vor dem Ausdrucke un⸗ verſöhnlichen Haſſes, der darin lag, erſchrocken, wenigſtens tief unheimlich berührt worden ſein; es war gewiß, daß es ſich hier nicht um eine, wenn auch noch ſo ernſte Form handelte, welche die konventionellen Geſetze der ſogenann⸗ ten Kavaliersehre vorſchreiben, ſondern daß einer der 8* 7 116 Duellanten es entſchieden und erbarmungslos auf das Herz des anderen abgeſehen hatte. Victor beſaß in der That nicht die körperliche Kraft und Gewandtheit, die ihm bei vollſtändiger Geſundheit eigen geweſen war; es ſchien, als ob nur fieberiſche Auf⸗ regung ſeine Hand führe, ſie ſtieß und parirte unſicher. Dagegen nahm Graf Stephan offenbar ſeine ganze Ge⸗ ſchicklichkeit zuſammen, um die Sache ſchnell und entſchei⸗ dend zu Ende zu bringen; die ſichtbare Schwäche ſeines Gegners berückſichtigte er nicht im Mindeſten. Aber es giebt doch noch ein höheres Walten als das der menſchlichen Kraft und Klugheit!— Ein Zeuge dieſes düſteren Kampfes würde vielleicht garnicht im Stande geweſen ſein, Rechenſchaft darüber zu geben, wie es gekommen, daß derſelbe einen ſo unerwarteten Aus⸗ gang nahm. Plötzlich ſenkte ſich die Degenſpitze Victors tief in die linke Bruſt ſeines Todfeindes, gerade über dem Herzen; als er ſie raſch zurückzog, ſpritzte im weiten Bogen ein heller Blutſtrahl nach. Graf Stephan gab keinen Laut von ſich, taumelte einen Schritt vorwärts und ſtürzte auf das Geſicht nieder.. Victor war, wie entſetzt, zurückgewichen; in der nächſten Sekunde ſchleuderte er den Degen von ſich, — — 117 beugte ſich zu dem Gefallenen nieder, hob ihn mit einer Kraft, die bei ſeinem jetzigen Zuſtande ganz unnatürlich erſcheinen mußte, auf und trug ihn, beinahe auf ſeinen Armen, in den Pavillon, wo er ihn auf ein Sopha niederlegte. Das aus der Wunde ſtrömende Blut rieſelte an ſeinen Kleidern nieder; er riß dem Polen Weſte und Hemd auf, preßte ihm das Taſchentuch auf die Bruſt und wußte es daſelbſt mit einer Geſchicklichkeit, die einem Chirurgen alle Ehre gemacht haben würde, zu befeſtigen, ſo daß die Blutung faſt augenblicklich, wenn auch nicht gänzlich aufhörte, ſo doch viel milder wurde. Graf Stephan rührte ſich nicht; ſeine Augen waren weit geöffnet, aber ſie hatten den ſtarren Glanz eines Todten; Jeder würde angenommen haben, daß er be⸗ reits verſchieden ſei. Wie bleich und ſchmerzverzerrt ſein Geſicht auch ſein mochte, das Victors gewährte einen er⸗ ſchreckenderen Anblick. Als er das ſoeben Angegebene gethan hatte, ſchien er, beinahe wie in einer Ohnmacht, zuſammenzubrechen, aber ſchnell raffte er ſich wieder auf und ſtürzte fort aus dem Pavillon, geradenwegs dem Schloſſe zu. 118 Wollte er Hülfe holen?— wahrſcheinlich war dies ſeine erſte Abſicht geweſen, aber unterwegs mochten ihm wohl auch noch andere Gedanken kommen. Zunächſt eilte er nach den Bedientenwohnungen, die am Schloßhofe lagen, weckte den Kutſcher, den er zu ſeiner eigenen Dispoſition hatte, und befahl ihm in einer Weiſe, die den ſchlaftrunkenen Menſchen an allen Gliedern erzittern ließ, ſofort einen leichten Wagen an⸗ zuſpannen und vorzufahren; dann holte er den Diener Graf Stephans aus dem Bette und ſagte ihm:„Gehe nach dem chineſiſchen Pavillon und nimm Dir ein paar andere Leute mit— Dein Herr iſt dort unwohl ge⸗ worden.“ Hierauf kehrte er, immer fliegenden Schrittes, der ihm eine halbe Stunde zuvor noch garnicht möglich ge⸗ weſen wäre, in ſeine eigene Wohnung und Schlafſtube zurück; dabei verfuhr er doch behutſam und geräuſchlos, wohl in einer beſtimmten Willensrichtung, aber nicht mit der Ueberlegung, welche eine ſolche auf Schritt und Tritt kennzeichnet, im Gegentheil hätte man ihm leicht anſehen können, daß er faſt nur inſtinktmäßig handelte. 119 Er ſteckte einige Papiere und Geld zu ſich, auch ein Paar geladener Piſtolen, warf einen Paletot über die Schultern, und nun ſtand er eine kleine Weile ſtill an der Thuͤr, welche zu dem Zimmer führte, in dem ſeine Frau und ſein Kind vermuthlich ruhig ſchliefen; ſichtlich war er unentſchloſſen, ob er von ihnen Abſchied nehmen ſolle. „Nein, nein!“ flüſterte er dann durch die krampf⸗ haft bebenden Lippen.„Warum ſie wiederſehen? und könnte ich einen Engel küſſen, ich, der ich nun ein Mörder bin? o Gott, ſchon zum zweiten Male!“ Er deckte beide Hände über die Augen, und es ſchien, als ſei es mit all dieſer unnatürlich erzwungenen Kraft vorüber; aber nein! es erfolgte nur ein kurzes, unendlich bitteres und erſchütterndes leiſes Auflachen, wie das eines Wahnſinnigen, und er ging, ſich hoch auf⸗ richtend, zu der anderen Thür hinaus. Der beſtellte Wagen ſtand bereits beſpannt auf dem Hofe. Er nannte kurz die nächſte Eiſenbahnſtation, ſtieg ein, und der Kutſcher, der ein Grauen vor dem ſonſt ſo geliebten und verehrten Herrn empfand, peitſchte gingen. 120 die Pferde an, daß ſie im ſchnellſten Laufe davon⸗ Graf Horneck ſank auf dem Wagenſitze förmlich in ſich zuſammen; er erſchien wieder krank bis zum Tode. Viertes Capitel. In böſer Ahnung und banger Furcht begab ſich der Diener Graf Stephans, der ihm von Victor gewordenen Aufforderung zufolge, nach dem chineſiſchen Pavillon, nach⸗ dem er nicht unterlaſſen hatte, noch zwei anderen Männern den Befehl des Grafen Horneck mitzutheilen. Als die Drei dort ankamen, fielen ihnen zuerſt die noch vor dem Gebäude liegenden Degen und Piſtolen, ſowie eine Blut⸗ lache, die ſich die Stufen hinauf fortſetzte, in die Augen, und ſie konnten nun kaum noch an Dem, was wirklich vorgegangen war, zweifeln. In den nächſten Augenblicken ſchon wurden ihre Be⸗ fürchtungen auch nur zu ſehr beſtätigt, als ſie Graf Stephan leblos, in ſeinem Blute ſchwimmend, auf dem Sopha fanden. „Das hat kein Anderer als Graf Horneck gethan!“ rief der Diener Graf Stephans aus, indem er, laut jam⸗ 122 mernd, zu ſeinem Herrn eilte, denſelben in ſeine Arme nahm und ſich bemühte, theils das Blut zu ſtillen, theils ihn durch Worte in das Leben zurückzurufen. Die beiden Anderen waren zu beſtürzt, um auf den erſten Ausruf Etwas zu entgegnen, gewiß aber begriffen ſie nicht im Mindeſten, wie der von ihnen verehrte, immer gütige Herr, Graf Horneck, zum Mörder geworden ſein könnte, und nahmen jedenfalls mehr für ihn Partei, wie für den ihnen verhaßten polniſchen Herrn. Zu Ueberlegungen ſchien indeſſen keine Zeit zu ſein; es war klar, daß ſchnell Hülfe herbeigeſchafft werden mußte, wenn von einer ſolchen überhaupt noch die Rede ſein konnte; man mußte ſofort Waſſer herbeiſchaffen, noch mehr Leute holen und Anſtalten treffen, Graf Stephan nach dem Schloſſe zu transportiren,— wer ſollte es aber über⸗ nehmen, die Fürſtin von dem ſchrecklichen Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen?— Niemand fühlte Luſt und Muth dazu. Endlich mußte Einer der Männer gehen, und mit der Schreckensnachricht wurde alsbald im ganzen Schloſſe Lärm; von Neugierde oder Theilnahme getriebeu, eilte faſt die geſammte Bewohnerſchaft hinaus in den Park; die Männer machten düſtere Mienen, die Weiber heulten laut. — —— 123 Im Ganzen beklagte man weniger Graf Stephan, den man ſchon für todt oder wenigſtens unrettbar tödlich verwundet hielt, wiewohl ſein entſetzlicher Anblick das natürliche Mitleid nicht ausſchließen konnte, als man die Folgen dieſer blutigen That für Graf Horneck fürchtete; Erſterer hatte ſich beſonders in letzterer Zeit durch ungemeſſenen Stolz verhaßt gemacht, und der geſunde Verſtand und richtiges Gefühl ſagten den Leuten, daß er ſeinem Schwager gegenüber bisher wohl eine unpaſſende und unberechtigte Stelle eingenommen habe und daß Graf Victor ſicherlich zu dieſem Duelle gezwungen worden ſei; daß ein ſolches ſtattgefunden, beſagte ja deutlich die offen auf dem Tiſch liegende Schrift, welche der allgemeinen Neugierde natür⸗ lich nicht entgangen war. Noch hatte Niemand gewagt, die Fürſtin, ſowie auch die junge Gräfin Horneck zu wecken und von dem Ge⸗ ſchehenen in Kenntniß zu ſetzen, als der ziemlich lange, traurige Zug von Menſchen, in deſſen Mitte Graf Stephan, bedeckt auf einer Bahre liegend, getragen wurde, im Schloß⸗ hofe eintraf; ſein Diener führte jetzt die Stimme und ordnete an, ihn nach ſeinen Zimmern zu bringen, ſandte auch zugleich ein Fuhrwerk ab, um den in der nächſten 124 Stadt wohnenden Arzt, welcher auf den fürſtlichen Gütern funktionirte, eiligſt herbeiholen zu laſſen. Indeſſen hatte der ungewöhnliche Tumult die beiden vorgenannten Damen doch ſchon erweckt; die Eine wie die Andere hatte ſich, als auf Klingeln und Rufen die ſie bedienenden Mädchen nicht erſchienen, erhoben und waren je ans Fenſter getreten, von wo aus man den Schloßhof überſehen konnte. Als Eva die vom Parke heranziehenden vielen Leute bemerkte, ohne indeſſen ſogleich die Bahre und ihre Abſicht überhaupt zu erkennen, begab ſie ſich eiligſt nach dem Zimmer ihres Mannes, um ihn zu wecken. Zu ihrem Schrecken fand ſie daſſelbe leer und ſein Bett unberührt; der angſtvolle Gedanke mußte ſich in ihr aufdrängen, daß er mit dem Vorfalle draußen in irgendeiner Ver⸗ bindung ſtehe. Sie ſtürzte zurück an das Fenſter und wollte es öffnen, um hinabzurufen, was es unten gäbe; da erblickte ſie die Bahre, auf der augenſcheinlich ein menſchlicher Körper ruhte, bedeckt mit einem blutgetränkten Tuche; keine andere Vermuthung kam ihr in den Sinn, als daß man Victors Leiche bringe,— ſie wurde ihr zur unum⸗ 125 ſtößlichen Gewißheit,— mit einem lauten Aufſchrei ſank ſie ohnmächtig zu Boden. Inzwiſchen beobachtete auch die Fürſtin vom Fenſter aus. Es mußte ein großes Unglück geſchehen ſein, ſonſt würden ihre Dienſtboten, was ſie ſogar in dieſem Falle noch unverzeihlich fand, ſie ſelbſt nicht ſo vollſtändig ver⸗ nachläſſigt haben; auch ihr Herz zitterte, als ſie die blutige Bahre erkannte, aber es war ſchon längſt zu kalt ge⸗ — worden, als daß es ſich durch bloße Vermuthungen wirk⸗ lich tief erſchüttern gelaſſen hätte. Sie dachte weder an ihren Sohn, noch an Graf Stephan, ſondern meinte, es werde wohl ein Diener oder Bauer verunglückt ſein; ganz gleichgiltig ließ ſie ein ſolcher Unfall allerdings auch nicht. Der Anblick war ihr übrigens peinlich, und ſie trat vom Fenſter zurück, um von Neuem nach ihrer Kammer⸗ * zofe zu ſchellen; aber es dauerte noch eine geraume Weile, bis dies Erfolg hatte. Als das Mädchen endlich eintrat, war es leichenblaß unnd ſo verwirrt, daß es auf die harten Vorwürfe der * Fürſtin anfänglich nicht einmal eine entſchuldigende Er⸗ widerung zu geben vermochte. „Kannſt Du nicht einnal den Mund aufmachen, Liesbeth?“ fuhr die Dame ſie zornig an.„Ich habe be⸗ —ʃÿ⏑ά———-----⸗—C—C—C—C—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗—⸗⸗—⸗—⸗—⸗⸗⸗xxxxxxxxjõ———— 126 reits geſagt, daß draußen etwas Beſonderes vorgefallen iſt; da Du Dich aber ſo angelegentlich darum bekümmert zu haben ſcheinſt, will ich nun auch von Dir Auskunft darüber haben!“ „O, durchlauchtigſte Gnaden, es iſt ſo ſchrecklich, daß ich mich fürchte, es auszuſprechen!“ ſtöhnte das Mädchen, vor Angſt beinahe in die Knie ſinkend. „Laſſe die Albernheiten bei Seite!— Ich vermuthe ſchon, daß Jemand auf unnatürliche Weiſe ums Leben gekommen, aber wer iſt es?“ „Der Herr Graf“— ſtammelte Liesbeth, die ſich von der herriſchen Gebieterin auf das Aeußerſte gedrängt fand. Jetzt wurde die Fürſtin auch leichenblaß und mußte nach einer Stütze greifen; ſie gewann dennoch genug Ge⸗ walt über ſich, um im vorigen Tone weiterzufragen: „Mein Sohn, Graf Horneck?“ „Nein, der Herr Graf Bielinski!“ Fürſtin Mathilde ſtürzte ſich beinahe wie eine Tie⸗ gerin auf das Mädchen, faßte deſſen flehend erhobene Hände mit den beiden ihrigen wie in einer eiſernen Schraube und rief athemlos: 127 „Graf Stephan?— Unſelige, was wagſt Du da zu ſagen!— Wäre Graf Stephan verunglückt?“ „Ja, ja, Gnaden!— ich kann nicht dafür!— ich habe ſchon ſo viel geweint— Todt, todt!“ Die Fürſtin ſank, wie vom Blitze getroffen, zurück, und das Mädchen hatte Mühe, ſie bis zu einem nahen Seſſel zu geleiten; ſie warf ſich ihr dann zu Füßen und beſchwor ſie auf das Inbrünſtigſte, ſich zu faſſen,— der Tod des Herrn Grafen ſei ja auch noch nicht feſtgeſtellt, aber die böſe Wunde ſitze ihm freilich wohl im Herzen, er habe ſchon ſo viel Blut verloren, u. ſ. w. Was die halb beſinnungsloſe Frau von dieſem Jammer⸗ geſchwätze verſtand und ob ſie wirklich neue Hoffnung dar⸗ aus ſchöpfte, mag dahingeſtellt bleiben; ſie wußte aber ihren jedenfalls tiefen Schmerz zu beſiegen und ihre Würde der Dienerin gegenüber wieder zu behaupten. „Liesbeth“, ſagte ſie, nach einer Pauſe ſchwer auf⸗ athmend,—„ich will die volle Wahrheit wiſſen und werde es Dir nie verzeihen, wenn Du mir ein Wort von Dem, was Du weißt, verſchweigen ſollteſt. Was iſt Graf Stephan geſchehen?“ Das eingeſchüchterte Mädchen erzählte, wenn auch in ziemlicher Verwirrung, doch wirklich Alles, was es wußte. 128 Sie war ſelbſt mit den Anderen nach dem chineſiſchen Pa⸗ villon hinausgelaufen, hatten die Waffen geſehen, den leb⸗ loſen Grafen und gehört, daß er im Duelle mit Graf Horneck gefallen ſei, was die vorgefundene Schrift beſtätigte. Die Fürſtin hörte ihr zu, ohne ſie zu unterbrechen, aber es zuckte gewaltig, gewitterſchwer auf ihrem Geſichte, und ſie legte oft die Hand auf das Herz oder an die Stirn. „Ich will ſofort Graf Stephan ſehen!“ ſagte ſie dann kurz, indem ſie ſich mit wiedergewonnener Energie erhob; —„hilf mir ſchnell, mich anzukleiden!— Aber wo iſt Croup? — man ſoll nach dem Direktor ſchicken und er ſofort zu mir kommen!— Iſt bereits nach dem Arzte geſchickt?— Auch das Gericht in der Stadt muß benachrichtigt werden! Mein Gott, wie ſäumig Ihr Alle ſeid!“— Die Kammerjungfer lief hinunter, um Alles zu be⸗ ſorgen, was ihre Herrin verlangte, und bald darauf be⸗ gab ſich die Fürſtin nach der Wohnung Graf Stephans; ſie war äußerlich ſchon wieder ganz gefaßt und ſah un⸗ gemein ſtreng, kalt und würdevoll aus. Schon unterwegs trat ihr der Direktor Croup ent⸗ gegen, ſchien ſehr beſtürzt, brachte ſeine ehrfurchtsvollen Beileidsbezeugungen an und überreichte ihr zwei Papiere; das eine war das unmittelbar vor dem Duelle von den 129 beiden Gegnern unterzeichnete Dokument, das andere ein verſiegelter Brief, den man, an die Fürſtin adreſſirt, in der Stube Graf Stephans ſoeben gefunden hatte. Sie durchlas nur ſchnell das erſte Papier, ſteckte den Brief zu ſich und ſetzte dann ihren Weg zu Graf Stephan fort. Derſelbe, den man entkleidet und auf ein Ruhebett gelegt hatte, befand ſich noch in demſelben Zuſtande, wie man ihn vorher aufgefunden hatte; die Meinung, ob noch ein Funken Leben in ihm ſei, ſchwankte bei ſeiner Um⸗ gebung hin und her, jedenfalls ſchien ſehr wenig Hoffnung vorhanden zu ſein. Sein Diener, der eine wirkliche An⸗ hänglichkeit für ihn beſaß, beſchäftigte ſich noch immer auf das Angelegentlichſte, wobei ihm die hellen Thränen in den Augen ſtanden, damit, das aus der Wunde jetzt ſchon ſchwächer fließende Blut zu ſtillen; ein Anderer kühlte ihm die Stirn mit Waſſer; die Uebrigen ſtanden, ſoweit ſie nicht kleine Handdienſte leiſten konnten, düſteren Blickes oder weinend umher. Gleich bei ihrem Eintritte befahl die Fürſtin, daß Alle das Zimmer verlaſſen ſollten, die hier nicht dringend nothwendig beſchäftigt wären, und erſt als dies geſchehen, näherte ſie ſich dem Lager und warf einen Blick auf den Grabow ski, Schickſal und Schuld. III. 9 130 Verwundeten. Sie ſchauderte zurück und mußte ſich auf den Arm des Güterdirectors lehnen; bald faßte ſie ſich aber wieder gewaltſam und legte ſelbſt die Hand auf das Herz Graf Stephans, das indeſſen ſtille zu ſtehen ſchien; nun wandte ſie ſich ſtumm ab und brach in Thränen aus. Herr Croup, der eine äußerſt theilnahmsvolle und ſchmerzbewegte Miene machte, führte ſie zu einem etwas abſeits am Fenſter ſtehenden Seſſel, in den ſie ſich nieder⸗ ließ und ſich während längerer Zeit dem Ausbruche wirk⸗ lich tief empfundenen Schmerzes hingab. Endlich war ſie im Stande, den von ihrem Schwiegerſohne für ſie hinter⸗ laſſenen Brief zu erbrechen und zu leſen. Croup beobachtete ſie dabei aufmerkſam; jedenfalls war er ſehr geſpannt, zu erfahren, welche Vorkommniſſe den ſchlimmen Unfall veranlaßt haben möchten, fürchtete er doch, dieſelben könnten auch in Beziehung zu ſeinen eigenen Verhältniſſen ſtehen oder ſeine Zukunft dadurch gefährdet werden; an Graf Bielinski verlor er die ſicherſte Stütze für ſich ſelbſt. Die Fürſtin erſchien abwechſelnd tief bewegt, dann nahm ihr Antlitz einen immer ſtrengeren und erzürnteren Ausdruck an, und in ihren Augen flammte es wie Rach⸗ begierde auf. 131 „Was weiß man von Graf Horneck?“ fragte ſie plötzlich, ſich an Croup wendend. „Der Herr Graf,“ erwiderte der Direktor mit eigen⸗ thümlichem Achſelzucken,—„hat vor einer halben Stunde etwa, aus dem Parke wahrſcheinlich zurückkehrend, an⸗ ſpannen laſſen und iſt fortgefahren,— Niemand weiß wohin.“ „Und ſeine Frau?“ „Die Frau Gräfin befindet ſich zu Hauſe; ich höre, ſie ſei unwohl geworden.“ „Sie wird das Schloß nicht verlaſſen,— ich trage Ihnen auf, dafür zu ſorgen!— Dann faſſen Sie ſofort einen kurzen ſchriftlichen Bericht an das Gericht in X. ab und ſenden denſelben durch einen reitenden Boten dorthin.“ „Euer Gnaden,“ wagte Herr Croup einzuwenden, indem er ſich zu ihr niederbeugte und ſehr leiſe ſprach,—„wollten Sie dieſen bedenklichen Schritt rich erſt in nähere Er⸗ wägung ziehen?“ „Wozu?— Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben! — ich kann nichts Anderes antworten!“ „Man ſollte bem Herrn Grafen Horneck vielleicht erſt die Zeit geben—“ 9*½ 13² „Nein, nein!— Den Schuldigen mag die Strafe treffen, ohne Anſehen der Perſon!“ Der Director mochte damit doch nicht ganz einver⸗ ſtanden ſein, vielleicht nur, weil er jede gerichtliche Ein⸗ miſchung auch für ſich ſelbſt fürchtete, denn er fragte nach einer kleinen Pauſe weiter: „Und in welcher Art ſoll ich ſchreiben, Euer Gnaden?“ „Legen Sie dieſes Papier bei,— es wird Aufklärung geben.“ Dabei gab ſie ihm die von den beiden Duellanten unterzeichnete Erklärung. Selbſtverſtändlich konnte dieſelbe in den Augen der Richter die That Victors nicht recht⸗ fertigen, wohl auch nur ſehr wenig mildern. Herr Croup ging, um ſeine Aufträge auszuführen; er zögerte abſichtlich mit dem Briefe, und als er ihr den⸗ ſelben erſt gegen Mittag vorlegte, gelang es ihm beſſer, ſein Bedenken dagegen geltend zu machen, daß die Sache vor Gericht und in die Oeffentlichkeit gelange. Sie hatte ſich ſchon mehr beruhigt und befahl ihm nun, den Brief noch zurückzuhalten, der nachher auch überhaupt nicht abgeſchickt wurde, aber unwillkürlich flüſterte ſie dabei zwiſchen den Zähnen: „Ich werde ihn dennoch rächen!“ 133 Inzwiſchen war auch der Arzt eingetroffen und hatte, nach eingehender Unterſuchung, erklärt, Graf Stephan ſei noch nicht todt, aber freilich nur die ſchwächſte Hoffnung vorhanden, ſein Leben zu erhalten; eine ſichere Entſcheidung darüber laſſe ſich vor Ablauf von Wochen, vielleicht Mo⸗ naten nicht geben. Daß nun von allen Seiten die größte Sorgfalt angewandt wurde, dieſes koſtbare Leben wieder anzufachen und zu erhalten, läßt ſich denken, und Fürſtin Mathilde entfaltete dabei perſönlich eine beſondere Sorge und Zärttlichkeit. Graf Stephan hatte endlich ſchwache Lebenszeichen gegeben, aber nun ruhte er wieder in anſcheinend völliger Gefühlloſigkeit, und ſo blieb es mehrere Tage lang. Der Arzt mußte ſeine Wohnung vorläufig dauernd im Schloſſe nehmen, und die Fürſtin wachte ſelbſt Nächte hindurch an dem Bette ihres Schwiegerſohnes und vergoß noch oft heiße Thränen.— Wir verließen Eva, als ſie, entſetzt über den ſich ihr bietenden Anblick, in Ohnmacht ſank; ſo fand ſie noch ihre Dienerin, und als es derſelben gelungen war, ſie mit vieler Mühe in das Bewußtſein zurückzurufen, fragte ſie zuerſt nach ihrem Gatten. 134 „Der Herr Graf iſt plötzlich abgereiſt,“ erwiderte das Mädchen zögernd. „O, Du ſagſt mir nicht die Wahrheit!“ rief die junge Frau verzweiflungsvoll.„Ich habe ihn ja ge⸗ ſehen, wie ſie ihn todt und blutig in das Schloß herein⸗ trugen!“ Das Mädchen konnte ſich dieſen heftigen Schmerzens⸗ ausbruch anfänglich garnicht erklären, da ſie ihn nach dieſer letzten Aeußerung auf Graf Stephan bezog, der, ihres Wiſſens, doch nie in beſonders freundſchaftlichen Beziehungen zu Eva geſtanden hatte, aber ſie verſicherte doch auf das Glaubwürdigſte, Graf Victor ſei wirklich unverletzt abgereiſt und es ſei Graf Bielinski geweſen, den man todt oder ſchwerverwundet in des Schloß gebracht habe; ſie verrieth dann auf Eva's haſtige Fragen auch noch mehr, woraus allerdings hervorging, es habe ein Duell zwiſchen den beiden Schwägern heute Morgen im Parke ſtattgefunden,— wie traurig und erſchreckend dieſe Nachricht aber ſein mochte, konnte die Gräfin doch nicht umhin, als ſie ihr Glauben geſchenkt hatte, auf die Knie niederzuſinken und dem Himmel inbrünſtig dafür zu danken, daß er ſie nicht des Gatten, ihr Kind nicht des Vaters beraubt habe. 135 Sehr bald ſtellte ſich aber neuer Kummer bei ihr ein; war es ohnehin ſchrecklich genug, daß Victor einen Menſchen, obenein einen ſo nahen Verwandten, getödtet haben ſollte, mußten die Folgen davon für ihn und ſie gewiß ſchwer in das Gewicht fallen, ſo fiel ihr jetzt auf einmal wieder ſein ſonderbar zurückhaltendes Benehmen am vergangenen Abende ein und ſie konnte kaum noch zweifeln, daß er ſie ſelbſt in Betreff Graf Stephans in einem Verdachte haben möge, der ſie erzittern ließ; dabei fühlte ſie ſich nicht einmal gänzlich frei von Schuld, wenn die⸗ ſelbe auch bei Weitem nicht ſo groß war, wie ihr Gatte denken mochte, hatte ſie den Verleumdungen des Letzteren durch ihren Schwager doch ſchon Gehör geſchenkt und ſich ſelbſt in ihrer verletzten weiblichen Würde kalt gegen Victor benommen. Dies fiel ihr jetzt unendlich ſchwer auf das Herz, und gerade ein reines Herz pflegt ja ſeine geringſte Schuld bis in das Unendliche zu vergrößern und ſich darüber mit Selbſtvorwürfen zu quälen. Eva war übrigens überzeugt, daß ihr Mann nach ſeiner beſten, wenn auch irrigen, Anſicht gehandelt haben mußte, ſogar, daß er durch Graf Stephan zu dem unſeligen Duelle gewungen worden ſei; ſie ſuchte ihn daher, un⸗ geachtet ihres natürlichen Grauens vor dem Ausgange dieſes Kampfes, auf alle Weiſe zu entſchuldigen. Am vergangenen Abende hatte ihr Schwager ihr, durch den unerwarteten Eintritt Victors unterbrochen, Nichts weiter mitgetheilt, als daß derſelbe eine bedeutende Spielſchuld gemacht habe; ſie glaubte jetzt auch daran zweifeln zu müſſen, und Victors angebliche Beziehungen zu Frau Croup erſchienen ihr nun ſogar in einem milderen Lichte. Er mußte jetzt ſo unendlich unglücklich ſein, er verkannte ſie wohl ganz und gar, und ſie hätte nun ihr Leben dafür hingeben mögen, um ſich offen mit ihm ausſprechen und ihn wieder verſöhnen zu können. Aber konnte ſie ihm folgen?— er hatte ja kein Wort für ſie hinterlaſſen, und ſie wußte nicht, wo ſie ihn ſuchen ſollte. O, wenn er, ſelbſt beleidigt, verzweifelt über ſein Geſchick, worüber er ſich ſchon früher zuweilen bitter geäußert, nie zu ihr zurückkehren würde! In ſolcher verzweiflungsvollen Gemüthsſtimmung traf ſie gegen Mittag die Einladung oder vielmehr der Befehl ihrer Schwiegermutter, zu derſelben zu kommen. Heimlich vor Angſt bebend, gehorchte ſie; daß ſie, wiewohl es ihr nicht an Mitleid für Graf Stephan fehlte, nicht an deſſen Sterbelager oder Todtenbett getreten war, bedarf wohl keiner weiteren Aufklärung; für ſie gab es dort keinen Platz. Fürſtin Mathilde empfing ſie unter vier Angen ſtreng und ſtolz; ohne Zweifel glaubte ſie, Eva wiſſe über den Streit der beiden Schwäger nähere Auskunft zu geben, aber ſie mußte ſich bald aus den Worten der ganz ge⸗ brochenen Frau überzeugen, daß dies nicht der Fall war, bei ihr kaum eine ſchwache Vermuthung vorlag, die übrigens garnicht mit Dem übereinſtimmte, was Graf Stephan in ſeinem Briefe mitgetheilt hatte. Dieſer Brief war ein wahres Meiſterſtück von Bos⸗ heit und Heuchelei. Zunächſt appellirte er an das Herz der Fürſtin, die ſich wohl hütete, von dieſem langen Paſſus ihrer Schwiegertochter Kenntniß zu geben, während ſie derſelben das Folgende ſchonungslos vorlas; er berief ſich auf ſeine ihr bewieſene Treue, Anhänglichkeit und Liebe, auf die vielen Dienſte, die er ihr mit eigener Auf⸗ opferung geleiſtet habe, er nahm Angeſichts des Todes, wie er ſagte, einen wahrhaft rührenden Abſchied von ihr und verſicherte dabei, er ſei nicht im Stande, ihren Sohn zu tödten, und bringe ſich dieſem nothwendigen Duelle frei⸗ willig als Opfer dar; der Erfolg deſſelben ſchien dies allerdings zu beſtätigen. 138 Dann kam erſt die eigentliche Auseinanderſetzung der Sache. 3 Danach hatte Graf Stephan durch ſeinen Freund, den edlen, uneigennützigen Baron von Sterner, der leider nur die eine unglückliche Leidenſchaft für das Hazardſpiel beſaß, erfahren, wie leichtſinnig Victor in der herzoglichen Reſidenz gehandelt, wie er das ſeiner Mutter gehörige Geld verſpielt, der edle Sterner ihm dann geholfen und Jener ſich durch Mißbrauch der mütterlichen Vollmacht ein ſchweres kriminaliſtiſches Verbrechen habe zu Schulden kommen laſſen. In Angſt und Sorge darüber hätte er, Graf Stephan, aus einem Briefe Sterners Eva Mit⸗ theilung davon machen und ſie bewegen wollen, die Schuld ihres Gatten aus ihrem eigenen Vermögen zu decken, da ſei Victor unerwarteter Weiſe dazwiſchengetreten; in der Beſtürzung müſſe er wohl Sterners Brief liegen gelaſſen haben, Victor ſei in der Nacht zu ihm gekommen, habe ihn auf das Gröblichſte inſultirt— in dieſer Beziehung ſprach er ziemlich die Wahrheit— und gezwungen, das unnatürliche Duell anzunehmen. Der Schluß war dann wieder ebenſo pathetiſch wie die Einleitung des Briefes. 3st Und nun lag das unglückliche Opfer ſeines Edel⸗ 139 muthes blutend und ſterbend da, und Victor hatte feige die Flucht ergriffen; fehlte es da noch an Beweiſen für die Wahrheitstreue des Erſteren und die ſchwere Schuld des Letzteren? Selbſt Eva wurde durch dieſelben augenblicklich über⸗ wältigt, beſonders dem ſtrengen und kalten Blicke der Fürſtin gegenüber, die für Victor garkeine Entſchuldigung gelten laſſen wollte und jetzt noch obenein die alte Ge⸗ ſchichte von intimen Beziehungen zwiſchen ihrem Sohne und Frau Croup vorbrachte. Konnte die eigene Mutter mit ſolcher Zuverſicht und Härte den Sohn anklagen und verurtheilen, wenn nur ein einziger Milderungsgrund für ſein Benehmen vorhanden geweſen wäre? Während die arme junge Frau, eine Beute der furcht⸗ barſten Zweifel, förmlich zuſammengeknickt war, ſtellte ihr die Fürſtin kurz und entſchieden die Alternative, ſofort mit ihrem Kinde das Schloß auf Nimmerwiederſehn zu ver⸗ laſſen und den unwürdigen Gatten in der weiten Welt zu ſuchen oder ſich gänzlich und einwendungslos den noth⸗ wendigen mütterlichen Verfügungen zu unterwerfen; ſie erklärte dabei auch peremtoriſch, daß ſie im erſteren Falle Eva's Tochter garnicht mehr als ihre Enkelin betrachten, 140 im letzteren Falle derſelben jedoch dereinſt ihr ganzes Ver⸗ mögen zufallen werde. Was durfte und konnte Eva Anderes thun, als dieſen letzteren Weg wählen?— Sie begriff wohl, daß ſie da⸗ mit eine noch weitere Kluft zwiſchen ſich und ihrem Gatten eröffnete, aber ſie hoffte dabei auch darauf, daß ſich nach Verlauf einiger Zeit das Mutterherz ihm wieder zuwenden werde, beſonders wenn der feindliche Einfluß Graf Stephans fortfiele,— ſie ſelbſt war ja vielleicht zur verſöhnenden Vermittlerin auserſehen. Auf der anderen Seite mußte in ihr das Muttergefühl lebhaft ſprechen und die Rechte und Vortheile ihres Kindes zu wahren ſuchen; wer konnte wiſſen, ob die kleine Anna— das Kind hatte dieſen Namen auf Victors Wunſch wohl in einer ihm immer noch ſehr theueren Erinnerung erhalten— jemals den Vater wiederfinden, wie lange es der Mutter noch vergönnt ſein würde, über ſie zu wachen?— Eva fühlte ſich ja heute ſo elend, daß ſie das Leben kaum noch ertragen zu können meinte,— und auf wen war die Kleine dann anders angewieſen als auf die Großmutter?— Sie beſaß aller⸗ dings noch das ihr durch Victor zugeſchriebene Vermögen, aber dieſe Summe entſprach am Ende doch nicht dem Stande, den die Tochter eines Grafen Horneck einſt in der 141 Welt einnehmen ſollte, und ſicherte umſo weniger ihre Zukunft, als Eva vorausſah, ſie könne leicht in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt werden, damit die Schuld ihres Mannes zu decken. Unter heißen Thränen gab ſie daher der Fürſtin das ihr abverlangte Verſprechen, im Schloſſe zu bleiben und ohne deren Rath und Erlaubniß mit Victor in durchaus keinen Verkehr zu treten; etwa eingehende Briefe von ihm ließen ſich ihr freilich nicht vorenthalten, aber ſie ſollte dieſelben nicht beantworten, ohne ihrer Schwiegermutter davon Mittheilung zu machen. Eva durchſchaute ſelbſt noch nicht ganz klar, welch' unnatürliche Feſſel ſie ſich da⸗ durch anlegen ließ. Die nächſte Zeit verlebte Epa nun ganz ſtill und zurückgezogen, ſich gänzlich ihrem Kinde widmend, und welche Tage voll der peinlichen Angſt und Sorge, der bitterſten Zweifel nach allen Seiten hin waren dies!— Victor war an jenem verhängnißvollen Morgen bis zur nächſten Eiſenbahnſtation ohne jeden Aufenthalt ge⸗ fahren; von dort ſchickte er das Fuhrwerk und den Kut⸗ ſcher ohne alle weiteren Inſtructionen zurück; man erfuhr daher im Schloſſe nicht, wohin er ſich gewandt habe. Er ſelbſt war anfänglich auch vollkommen unentſchieden darüber; er wollte nur fort vom Schloſſe, nicht, weil er ſich fürchtete, gerichtlich zur Verantwortung gezogen zu werden, Dem ſchien ſich ſo wie ſo nicht entgehen zu laſſen, wenn die Duellgeſchichte ruchbar wurde, und er hatte ja Nichts gethan, um ſie zu verheimlichen,— ſondern weil ihn ein natürliches Gefühl von dem Boden verdrängte, auf dem er das Blut eines Anderen vergoſſen hatte, und weil er weder ſeiner Mutter noch Eva, an deren Liebe und Theilnahme er nicht mehr glaubte, Rechenſchaft ablegen mochte. In ſeiner düſteren Verzweiflung durchzuckte ihn auch einmal der Gedanke, er müſſe nach der herzoglichen Reſidenz zurückkehren, um nun auch noch den verrätheriſchen Baron von Sterner zur Rede zu ſtellen; aber er verwarf ihn wieder mit Schaudern, es war genug des Blutes, leider nur zu viel! Nun, wo er ſchnell eine Wahl treffen mußte, entſchloß er ſich, direkt nach der Kaiſerſtadt zu gehen; er hatte dabei keinen beſonderen Zweck, wußte eben nur kein beſſeres Ziel. In dem Troubel einer ſolchen großen Stadt konnte er ſich am eheſten zurückgezogen halten, nicht aber wollte er ſich daſelbſt verſtecken; die ländliche Stille würde ihm mehr zugeſagt haben, aber er fürchtete gerade, daß man 143 ihm eine ſolche Wahl im letzteren Sinne auslegen könnte. Es war ihm gleichgiltig, ob man ihn von Gerichts⸗ wegen verhaften würde; er ſah Dem ſogar mit ziemlicher Sicherheit entgegen. Das Duell war kein entehrendes Verbrechen; unter ſeinen Verhältniſſen konnte es nicht ein⸗ mal eine harte Strafe nach ſich ziehen; was lag daran, ob er einige Jahre auf einer Feſtung verleben mußte? er hätte ja am liebſten überhaupt Nichts mehr von der Welt ſehen mögen. Das Bewußtſein des Verbrechens, wenn die Noth⸗ wehr unter ähnlichen Verhältniſſen überhaupt ſo genannt werden darf,— die Strafe dafür lag in ſeinem eigenen Gewiſſen; das Urtheil der in ihren Anſichten und Ge⸗ ſetzen ſich immer wieder ſo wunderbar widerſprechenden Welt konnt ihn nicht weiter bekümmern. Als Graf Horneck in der Kaiſerſtadt angekommen und ſich daſelbſt eine ſehr beſcheidene Wohnung genommen hatte, die er faſt nie verließ,— ein düſteres Räthſel für Alle, mit denen er nur irgendwie in Berührung treten mußte,— als weder, wie er ſelbſt gehofft hatte, ein Rück⸗ fall ſeiner Krankheit nach dieſen furchtbaren Gemüths⸗ erregungen eintrat, noch die geſetzliche Verfolgung ihn auf⸗ ſuchte, als allmälig in ſeine Seele nicht der Friede, wohl 144 aber größere Ruhe einkehrte, die ihn wieder klarer denken und blicken ließ, traten bei ihm zwei Ideen entſchieden in den Vordergrund: er mußte in Erfahrung bringen, ob Graf Bielinski wirklich von ihm getödtet worden war,— natürlich wünſchte er Nichts ſehnlicher, als daß dies nicht der Fall ſei, ſelbſt auf die Gefahr hin, dem alten Feinde noch öfter zu begegnen und ſeiner Bosheit ſchließlich unter⸗ liegen zu müſſen,— und erinnerte ſich, daß durch jene Spielſchuld ein Makel auf ſeiner Ehre ſitze, den er nur dadurch zu tilgen vermochte, daß er die Baron Sterner ſchuldige Summe alsbald bezahle und ſeine Schuldver⸗ ſchreibung zurückerhalte. Es wäre ihm vielleicht möglich geworden, von gewerbs⸗ mäßigen Wucherern die ſo dringend nothwendigen zwanzig⸗ tauſend Thaler zu erhalten, ſelbſtverſtändlich aber nur auf kurze Friſt und gegen ſo hohe Zinſen, daß ſie auch das letzte Vermögen ſeiner Frau verſchlingen würden; außerdem hätte er ſich dabei wahrſcheinlich perſönlichen Demüthigungen ausſetzen müſſen. Dies erſchien ihm unverantwortlich in jeder Beziehung, und er ſah bald gänzlich davon ab. Er dachte auch daran, ſich noch einmal mit einer offenen Erklärung an ſeinen ehemaligen Vormund zu wenden, deſſen Charakter zu edel war, um ihn, ſelbſt bei 145 der Ausſicht auf eigenen materiellen Verluſt, dem Unglücke und der Schande erbarmungslos preiszugeben. Nach ſchwerem Kampfe ſchrieb er wirklich an dieſen Mann und— erhielt zwei Tage ſpäter ſeinen Brief uneröffnet nebſt der Mittheilung zurück, der alte Herr ſei vor acht Tagen unter einem plötzlichen Schlaganfalle geſtorben. Unter ſeinen ehemaligen Kameraden und Freunden gab es viele wohlhabende, ſogar ſehr reiche Leute; ſollte er ſich an Einen von ihnen wenden?— Nimmermehr!— Es iſt ein ſehr vulgäres Sprichwort:„In Geldſachen hört die Freundſchaft auf!“— aber kaum mag es wohl noch ein anderes ſo wahres geben. Es muß eine Freundſchaft von ganz beſonderem und edlem Kitte ſein, welcher eine ſolche Feuerprobe aushält; ſie mag in unſerer heutigen Ge⸗ ſellſchaft noch hier und da vorkommen, aber gewiß iſt ſie eine bewunderungswürdige Rarität in dieſem großen Kunſt⸗ kabinete, das auf den Säulen des reinſten Materialismus ruht. So bitter dieſe Behauptung klingen mag, frage ſich doch Jeder ſelbſt, ob ſeine Erfahrungen ſie ihm noch nicht beſtätigt haben, ob er ſo recht aus vollem Herzen an eine ganz uneigennützige, aufopfernde Freundſchaft glaubt. Es mag nicht immer ſo geweſen ſein; die Freundſchaft war kein leerer Wahn, aber heutzutage iſt ſie es geworden; Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 10 146 unſer Verſtand hat das Gefühl zuweit überwogen; in auch nicht zu häufigen Beiſpielen iſt nur das Weib noch groß und edel in letzterem, das Weib, das ja, dem klugen Ur⸗ theile der jetzigen Männerwelt nach, auch zu wenig denkt. Das Reingöttliche kann nur im enggezogen Kreiſe unver⸗ ſehrt bleiben; die Berührung mit der ſchmutzig dunſtigen Atmoſphäre außerhalb deſſelben befleckt und ertödtet es ge⸗ wiß mehr oder weniger ſchnell und leicht. Befindeſt Du Dich inmitten des Glückes und Glanzes, ſeien ſie auch nur ſcheinbar oder doch Andere täuſchend, ſo wirſt Du dies nicht begreifen; haben Dich aber einmal Unglück und Elend angepackt, dann ſei ſicher, daß Du es verſtehſt!— Verſchließe Dein Herz deshalb aber nicht den edlen Gefühlen der Freundſchaft und Liebe!— In Deinem eigenen Bewußtſein wirſt Du damit größer und zufriedener daſtehen wie die Schlechten oder Schwachen, die ſich höh⸗ niſch lächelnd oder verlegen vor Deiner Noth zurückziehen und ſich dabei doch ſo erbärmlich vorkommen müſſen, ge⸗ ſchehe dies auch erſt in ihrer letzten Stunde, wo ſie Alles, was ſie jemals an materiellen Gütern beſeſſen, häuſig gern ür ein einziges Wort der Freundſchaft oder Liebe hin⸗ geben möchten. Victor wandte ſich nicht an die bewußten Freunde, 147 deren mehrere unter früheren Verhältniſſen weniger ge⸗ wiſſenhaft geweſen waren, ſeinen Geldbeutel in gefälligen Anſpruch zu nehmen; der Gedanke an das Vermögen ſeiner Frau kehrte ihm immer wieder, wie ſehr es ihm auch widerſtrebte, daſſelbe angreifen zu ſollen, da es die einzige ſichere Garantie für die Zukunft ſeiner Tochter bot. Wenn er ſich dagegen vorſtellte, daß er, immer noch jung und kräftig genug, um zu arbeiten, den Seinigen nach einer friedlichen Wiedervereinigung die beſte und na⸗ türlichſte Stütze werden könnte, ſo mußte ihm eine ſolche Anforderung gerechtfertigter erſcheinen; er hatte nicht allein ſich ſelbſt, ſondern auch ſie zu erhalten. Konnte er es übrigens für möglich halten, daß ſeine Mutter, mochte ſie auch noch ſo erzürnt und erbittert auf ihn ſein, die beiden Unſchuldigen vollſtändig verſtoßen ſollte?— Lag ihr nicht eine offenbare, wenn auch nicht geſetzliche, ſo doch mora⸗ liſche Pflicht ob, der Enkeltochter dereinſt den größten Theil ihrer Hinterlaſſenſchaft zukommen zu laſſen?— Dies ſchien faſt außer Frage zu ſtehen, zumal die Fürſtin ſich der kleinen Anna auch perſönlich gewogen gezeigt hatte. Victor wußte üherhaupt noch nicht, wie ſeine Mutter dieſen unſeligen Streit mit Graf Stephan beurtheilt habe; aus dem Umſtande, daß er deshalb auch keine Verfolgung 10* 148 erlitten, ließ ſich beinahe zu ſeinen Gunſten ſchließen. Warum ſollte ihr der ſchreckliche Vorfall nicht auch die Augen geöffnet haben?— es war ja ſo natürlich, daß ſie ſich die Frage vorlegte, wie ſie es aufgenommen haben würde, wenn das Schickſal Jenes ihren leiblichen Sohn erreicht hätte,— und Victor wußte wohl am beſten, daß dafür die meiſte Wahrſcheinlichkeit geweſen war; er wun⸗ derte ſich ſelbſt über den Ausgang dieſes Duells mit ſo ungleichen Kräften. Als er mit ſich ſelbſt ſo weit gekommen war, entſchloß er ſich, an die Fürſtin zu ſchreiben, um ſich vor ihr zu rechtfertigen; es ſiel ihm nicht ein, dabei auch nur die leiſeſte Unwahrheit zu Hülfe zu nehmen, im Gegentheil klagte er ſeine Vergehen ſchwerer an, als ſie es eigentlich verdienten. Noch ſchwerer wurde es ihm, ſich brieflich an ſeine Frau zu wenden. Seit dem unheilvollen Morgen waren acht Tage vergangen. Wie ſeine ganze Erregung ſich in dieſer Zeit gemildert hatte, ſo auch ſeine Anſichten über Eva's Benehmen. Er liebte ſie ja noch immer, er hing mit vollſter Seele an ihrer Beider Kinde,— er mußte da⸗ her, auch gegen die vorgefaßte Meinung, zu entſchul⸗ digen verſuchen und entſchuldigen. Es war unmöglich, daß Eva, die er, ihr ſein ganzes ——— 149 Herz hingebend, beinahe aus dem Nichts zu ſich emporge⸗ hoben hatte, die ihm Jahre hindurch eine liebe und treue Gattin geweſen, ſich durch die Intriguen Graf Stephans wirklich zu einer Sünde fortreißen gelaſſen; ſie konnte nur vorübergehend getäuſcht, durch lügenhafte Vorſpiegelungen gegen ihn eingenommen worden ſein; dieſe ernſte Kata⸗ ſtrophe mußte ſie wieder zu ſich ſelbſt, zu der Liebe und Achtung, die ſie ihm ſchuldete, zurückgeführt haben. Eine ſolche Vorſtellung that ihm gerade jetzt unendlich wohl, und er lebte ſich deshalb immer mehr hinein, bis er ſich ſelbſt vorwarf, ungerecht gegen Eva geweſen zu ſein. Nun ſchrieb er an ſeine Mutter und an ſie. Den Inhalt des erſteren Briefes wird man nach dem oben Ge⸗ ſagten beurtheilen können, in dem zweiten ließ er ſeinen tiefen Empfindungen noch freieren Lauf; er erzählte alles Geſchehene ſeiner Frau mit der vollſten Aufrichtigkeit, ver⸗ ſchwieg auch nicht das Mißtrauen, das er gegen ſie gehegt hatte und das er jetzt bereue, er klagte ihr ſeinen ganzen Seelenzuſtand und ſeine augenblickliche Noth und ſtellte unumwunden das Verlangen an ſie, ihr Vermögen zu ſeiner Rettung zu opfern; im Uebrigen ließ er ihr freie Hand, ob ſie, je nach dem Benehmen der Fürſtin, auf deren Gütern bleiben wolle und vielleicht ſeine Verſöhnung mit 150 Letzterer anbahnen könne oder ob ſie mit dem Kinde zu ihm käme, bereit, ein beſcheidenes, wohl auch ärmliches Leben an feiner Seite zu führen, an deſſen Verbeſſerung er dann mit allen Kräften arbeiten werde. In dieſem Briefe ſprach ſich weder Stolz noch Schwäche aus; das Herz hatte ihn diktirt, und man mußte meinen, er würde auch bis in das tiefſte Herz einer liebenden Frau hinein gehen. Die beiden Schreiben kamen richtig auf dem fürſtlichen Schloſſe an, wo es mit Graf Stephan und allen Verhält⸗ niſſen überhaupt noch immer beim Alten war. Die Für⸗ ſtin empfing das ihrige, durchlas es flüchtig und verbrannte es ſofort mit verächtlicher, dabei drohender Miene. Sie hatte auch erfahren, daß ein Brief Victors an Eva ange⸗ kommen war, und wartete nun geſpannt auf deren Aus⸗ laſſungen. Eva's Herz klopfte ſtürmiſcher, als ſie den Brief in der Hand hielt und dann aufmerkſam durchlas; ihre Thränen floſſen reichlich darauf nieder. Sie hatte Victor ſchon längſt verziehen, und ſeine Worte gaben ihr jetzt den vollen Glauben an ihn wieder. Sie hätte ihr Kind in die Arme nehmen und zu ihm fliehen mögen, aber— ihr eeͤͤͤſd 151 der Fürſtin gegebenes Verſprechen!— die Zukunft ihrer Tochter!— Was die Geldangelegenheit anbetraf, ſo konnte ſie keinen Augenblick lang darüber zweifelhaft ſein, daß ſie dem Verlangen ihres Mannes nachzukommen habe,— dieſes Geld ſtammte aus ſeinem eigenen väterlichen Ver⸗ mögen her, und obgleich er es ihr geſchenkt hatte, räumte ſie ihm ein größeres Recht darauf ein wie ſich ſelbſt. Indeſſen mußte ſie ein ſolches Opfer, um des Kindes willen, noch enger an die Fürſtin binden. Unaufgefordert begab ſie ſich mit dem Briefe zu der Letzteren. Fürſtin Mathilde zeigte jetzt gewöhnlich noch eine viel ſtrengere und erhabenere Würde wie ſonſt; nie ſah man ein Lächeln auf ihrem Geſichte, nie eine Thräne in ihrem Auge, ihr Herz ſchien völlig erſtarrt zu ſein. Sie ſprach zu Eva auch kein Wort davon, daß ſie einen Brief von ihrem Sohne erhalten habe, und die Gräfin wagte auch nicht, danach zu fragen, obgleich ſie es aus dem Schreiben ihres Mannes wußte. Zitternd über⸗ gab ſie ihrer Schwiegermutter ſeinen Brief und wartete geduldig deren Meinungsäußerung ab. Scheinbar mit vollkommener Ruhe durchlas Fürſtin Mathilde dieſen Brief; die ängſtlich beobachtende Eva 152 konnte auf ihrem Antlitze keinen Zug bemerken, der von tiefem Gefühle und Rührung zeugte. „Nun, wozu biſt Du entſchloſſen?“ fragte Jene dann kurz. „Ich wollte Ihren Rath darüber hören“, erwiderte Eva zaghaft und ſchon ziemlich hoffnungslos. In dem Antlitze der Fürſtin leuchtete ein triumphi⸗ rendes Lächeln auf, dann wurde es wieder ganz kalt. „Victor ſucht Dich zu täuſchen,“ ſagte ſie ruhig und beſtimmt;„ſeine Handlungsweiſe iſt durch andere Motive beſtimmt worden, als er hier angiebt; ich habe die Be⸗ weiſe dafür. Ich bin auch längſt überzeugt, daß er Dich nicht mehr liebt, aber er meint vielleicht, Deiner noch zu bedürfen. Wozu indeſſen noch davon ſprechen, was Dich nur demüthigen und verletzen kann? Du haſt ja auch Deinen freien Willen, Dich ihm oder mir anzuvertrauen, aber ich hoffe von Deinem Verſtande und Deiner mütter⸗ lichen Liebe, daß Du das letztere vorziehen wirſt.“ Umſonſt verſuchte Eva, deren Gefühl ſich gegen dieſes harte Urtheil empörte, was ſie aber nicht offen kundzu⸗ geben wagte, ihren Mann zu vertheidigen, ſelbſt für ihn zu bitten; die Fürſtin blieb unerſchütterlich, und in ihrer 153 kalten Anſchauung lag ein ungemeines Uebergewicht vor der ihrer Schwiegertochter. Beſiegt die kalte Vernunft in ſolchen Fällen nicht faſt immer das wahre Gefühl? Nachdem Eva endlich ſoweit nachgegeben hatte, daß ſie mit ihrem Kinde Victor nicht folgen wolle, blieb nur noch übrig, zu entſcheiden, was ſie in der bewußten Geld⸗ angelegenheit thun ſolle. Die Fürſtin ſchien durch ihre Frage deshalb förmlich in Erſtaunen verſetzt zu werden. „Biſt Du toll?“ meinte ſie rückhaltslos.„Kannſt Du es verantworten, für den Leichtſinn Deines Mannes zu opfern, was vielleicht einmal der einzige Lebensunterhalt Deines Kindes ſein wird?“ Eva war nicht allein über die Heftigkeit dieſes Aus⸗ falles erſchrocken, ſondern auch über die, wie es ſchien, ſo plötzlich veränderte Abſicht ihrer Schwiegermutter, die doch als Preis für ihre eigene Entſagung die Sicherſtellung der Zukunft der kleinen Anna feſtgeſetzt hatte. Ihre Befrem⸗ dung konnte der Fürſtin auch nicht entgehen, und ſie lenkte ſchnell dahin ein, daß ſie zwar gewillt ſei, ihre Enkelin dereinſt zur Erbin zu machen, daß aber doch in ihren eigenen Verhältniſſen Aenderungen eintreten könnten, denen gegenüber man das Geviſſe feſthalten müßte. Kurz, es gelang ihr, Eva, die in dergleichen Angelegen⸗ heiten ſehr wenig erfahren war, wieder zu beſchwichtigen, aber entſchieden ſprach ſie das Verlangen aus, daß Victors Bitte oder Forderung nicht gewährt werden dürfe. „Er hat es in dieſer Sache übrigens nur mit mir zu thun,“ ſetzte ſie hinzu;„ich werde den falſchen Wechſel, den er gegeben hat, ankaufen, denn im Zuchthauſe möchte ich meinen Sohn doch nicht ſehen.“ Wie tief jedes dieſer herzloſen Worte in Eva's Seele einſchnitt!— Sie erkannte nun wohl, zu ihrem Entſetzen, daß eine unausfüllbar tiefe Kluft zwiſchen dieſer unnatür⸗ lichen Mutter und ihrem Sohne lag, und dennoch hoffte ſie auf eine endliche Ausgleichung und ließ ſich in ihrer Schwäche von dem ſtarren Willen dieſer Frau beherrſchen. Die Fürſtin ging noch weiter, ſie diktirte ihr das Ant⸗ wortſchreiben an Victor, das nun allerdings ſehr kalt aus⸗ fiel und ihm das letzte Vertrauen auf die Liebe ſeiner Gattin nehmen mußte. Aber Eva wußte und fühlte nicht mehr, was ſie mechaniſch niederſchrieb; ſie wollte dieſen Kampf nur ſo ſchnell als möglich überwinden. Als ſie ihren Namen unterzeichnet hatte, ſank ſie ohnmächtig um, und die Fürſtin mußte ſie in dieſem Zuſtande in ihre Wohnung zurücktragen laſſen. — 4 155 Bald nachher ſandte ſie den Brief an Victor ab, ohne von ihrer Hand nur einige Zeilen beizufügen, und begab ſich an das Krankenlager Graf Stephans. Für Eva war es nicht mit der Ohnmacht allein ab⸗ gethan; derſelben folgte ein ſchweres Nervenfieber, und wochenlang ſchwebte ſie, meiſtens ohne Beſinnung, in Le⸗ bensgefahr. An äußerer Pflege fehlte es ihr dabei nicht, aber Niemand verſuchte, das todkranke Gemüth durch liebe⸗ vollen Troſt zu heilen. Victor konnte nicht ahnen, unter welchen Umſtänden ſie den Brief, den er erhielt, geſchrieben hatte. Derſelbe brachte ihn beinahe außer ſich. So ſchnitt ihm dieſe Frau, zu der er die Liebe ſtets treu im Herzen getragen, die er nie verletzt hatte, kalt und ſchonungslos den letzten Rettungsweg ſeiner Exiſtenz und ſeiner Ehre ab; erbarmungslos ſagte ſie ſich von ihm los und mit ihr das Kind, das er in väterlicher Zärtlichkeit vergötterte, deſſen Daſein ihn faſt allein in allen ſeinen ſchweren Leiden aufrecht erhalten hatte. Alle, welche ihm die Natur nahegeſtellt hatte, verleugneten ihn!— war er denn wirklich ſo tief geſunken, verachtungswerth und aller Liebe unwürdig geworden? Er mußte es ſelbſt glauben, 156 und mit dieſer vernichtenden Ueberzeugung brach auch der Reſt ſeiner nie großen Charakterſtärke zuſammen. „So mag mein Schickſal ſeinen Lauf nehmen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, nachdem er einen neuen Verzweiflungs⸗ kampf überwunden hatte, und bald darauf ſprach man in der Kaiſerſtadt in allen Kreiſen, viel von dem„tollen Grafen Horneck,“ der einen ungeheuren Aufwand machte und ſich den wildeſten Vergnügungen hingab. Aber ſeine Mutter war ja unendlich reich, und in der Kaiſerſtadt wußten die Leute zu leben und leben zu laſſen. Fünftes Capitel. Da ſo Viele auf dem fürſtlichen Schloſſe wußten, daß und mit welch' folgenſchwerem Ausgange ein Duell zwiſchen den beiden Schwägern ſtattgefunden hatte, konnte es, wie⸗ wohl Director Croup im Namen der Fürſtin auf das Strengſte der Dienerſchaft Verſchwiegenheit geboten, nicht fehlen, daß ſich dieſe Nachricht auch in weiteren Kreiſen verbreitete und den Behörden zur Kenntniß kam, welche verpflichtet waren, die Ausführung der Geſetze zu überwachen. Es ging hier indeſſen, wie es ſo oft geſchieht: das Vergehen des kleinen Mannes findet die ſtrenge Ahndung; zu dem größeren des Vornehmen drückt man ein oder beide Augen zu, wenn dies nur irgend thunlich iſt. Da die Fürſtin ſelbſt keine Anzeige machte, kümmerte man ſich nicht weiter um dieſe Angelegenheit, wartete wenigſtens ab, ob der Tod Graf Bielinski's wirklich erfolgen werde. So kam es, daß Graf Horneck dieſerhalb nicht im Mindeſten beläſtigt wurde, wiewohl das Gerücht von jenem Duelle und dem Zerwürfniſſe mit ſeiner Mutter und Frau allmälig auch bis in die Kaiſerſtadt drang. Dem letzteren Umſtande war es auch wohl zuzu⸗ ſchreiben, daß er nicht einen ſo unbeſchränkten Credit fand, wie er ſuchte, um ſich zunächſt ſeiner Verpflichtung gegen den Baron Sterner zu entledigen, dagegen ſtanden ihm vielfach kleinere Summen und alle ſonſtige Bedürfniſſe zur Dispoſition, ſelbſtverſtändlich nur unter Opfern von ſeiner Seite, die augenſcheinlich ſchnell einen vollſtändigen Ruin herbeiführen mußten. War es bei ihm nun Gleichgiltigkeit gegen einen ſolchen, ſeine Perſon überhaupt, ſogar ſeine Ehre— denn es iſt gewiß nicht ehrenvoll, ohne Noth Schulden zu machen, die zu bezahlen eigentlich keine Ausſicht vorhanden iſt,— oder bedurfte ſeine innere Zerriſſenheit dieſer wilden Zerſtreuungen ſo nothwendig, daß er ſie rückſichtslos auf⸗ ſuchen mußte, oder verfolgte er den ſpeculativen Zweck, durch dieſe Entfaltung von Lurus zu blenden und ſich weitere Hülfsquellen zu eröffnen, was allerdings ein an Betrug ſtreifender Verzweiflungsweg geweſen wäre,— genug, er lebte ſo wüſt in den Tag hinein, wie es ſein 159 Charakter und ſeine Neigungen vorher nicht zugelaſſen haben würden. Er hatte ſich nun eine große und elegante Wohnung gemiethet, hielt ſich Equipagen und Diener, gab ſogenann⸗ ten Freunden Geſellſchaften, bei denen der Champagner reichlich floß und das Hazardſpiel fleißig kultivirt wurde; er ſelbſt trat in vornehmen Cirkeln auf, beſuchte die Theater, und man ſprach davon, daß er den erſten Actricen Geſchenke mache,— kurz, der Name Graf Hornecks war in Aller Munde, und man debattirte ſehr lebhaft darüber, ob er wirklich ein großes Vermögen beſitze oder wenigſtens die Ausſicht habe, der Erbe des coloſſalen Ver⸗ mögens ſeiner Mutter zu werden, oder ob all' dieſer Glanz ſehr bald ein Ende mit Schrecken nehmen würde.— Das eigenthümliche Weſen des Grafen trug noch dazu bei, dieſen Streit intereſſanter und hitziger zu machen, indem jede Partei darin Beweiſe für ihre Behauptung finden wollte. Es ſah aus, als ob Victor ſich in dieſem Treiben nur mit Widerwillen und Zwang bewege; nur ſelten ging er zu einer faſt kindiſchen Ausgelaſſenheit über, dann blickte er wieder ſo ernſt und tief vor ſich hin, und höch⸗ ſtens ſpielte ein höhniſches Lächeln um ſeine Lippen; in 160 der Konverſation wurde er oft bitter und rückſichtslos und ſprach zuweilen Anſichten aus, die zu allem in dieſen ariſtokratiſchen Kreiſen Konventionellen in einem ſo direkten Widerſpruche ſtanden, daß ſeine Zuhörer und Zuhörerin⸗ nen dabei eine Gänſehaut überlief; Einige fanden ihn deſſenungeachtet geiſtreich, Andere flüſterten ſich zu, er müſſe halb verrückt ſein; die Meiſten verſtanden ihn garnicht,— Allen blieb er ein Räthſel und deshalb intereſſant. Er ſelbſt rührte auch nie eine Karte an, wenn bei ihm oder Anderen geſpielt wurde; man wußte auch von keiner galanten Liaiſon, die er pflegte, wie wohl er ſich häufig um ſehr zweifelhafte Damen bewegte; er tanzte nicht einmal auf den Bällen, die er doch beſuchte,— nur einer Leidenſchaft gab er ſich ohne Rückhalt hin, der für den Wein, aber wie unvorſichtig und raſch er auch das feurige Getränk genießen mochte, ließ ſich doch niemals an ihm eine Spur des Rauſches entdecken. Wer von ſeiner jetzigen Umgebung den Grafen Hor⸗ neck früher gekannt hatte, konnte ſich nicht genug über die ſeit Kurzem mit ihm vorgegangene Veränderung wundern; dieſelbe erſtreckte ſich auch auf ſein Aeußeres. Erſt ſieben⸗ undzwanzig Jahre alt, ſchien die Zeit bei ihm doch ſchon 161 um mindeſtens zehn bis fünfzehn Jahre vorgerückt zu ſein; auf ſeiner Stirn hatten ſich tiefe Falten gelegt, ſolche ſpielten auch um die meiſtens eng aufeinander geſchloſſenen Lippen, die Friſche der Wangen war erblichen, die guten blauen Augen ſchienen viel dunkler und glanzloſer geworden zu ſein, und ſelbſt der ſo wohlgebaute Körper hatte in Haltung und Bewegung etwas Schleppendes und Steiſes angenommen. Was würden die Leute aber erſt geſagt haben, wenn ſie Victor geſehen hätten, wie er ſich benahm, wenn er ſich ſicher vor aller Beobachtung wußte?— Dann ſank er noch mehr in ſich zuſammen, wie tödlich gelangweilt und ganz apathiſch, bald fuhr er wieder in ſieberiſcher Erregung auf und lief ruhelos in ſeinem Zimmer umher, mit irrem Blicke leiſe Worte vor ſich hinmurmelnd, die Hände wie zum Gebete faltend und gleich darauf wieder zu drohend erhobenen Fäuſten ballend. So brachte er gewöhnlich den größten Theil der Nächte zu, wenn er aus dem geräuſchvollen Treiben nach Hauſe zurückkehrte, und ſelten ruhte er mehr wie einige Stunden in ſeinem Bette, wenn er der körperlichen Erſchöpfung nicht länger wider⸗ ſtehen konnte. Kam dann wieder eine weichere Stimmung über ihn, Grabomski, Schickſal und Schuld. III. 11 163 bezweifeln ſein,— ſo war dieſer Fall auch nicht eingetreten. Kein einziger Brief der Fürſtin oder ſeiner Frau war ihm zugegangen, nur unter der Hand hatte er erfahren, daß Graf Stephan ſehr langſam und unter ſchweren Leiden ſeiner Wiederherſtellung entgegengehe. Mochte er darin auch einigermaßen Beruhigung für ſein Gewiſſen finden, ſo konnte er ſich doch nicht ſagen, daß damit alle Aus⸗ ſichten ſchwanden, den Seinigen wieder näherzutreten, denn er kannte ſeinen Schwager zu gut, um nicht überzeugt zu ſein, daß derſelbe Alles aufbieten würde, um ihn zu ver⸗ derben und gänzlich aus dem Wege zu ſchaffen. Das Vermögen Eva's würde jetzt bei Weitem nicht hingereicht haben, alle ſeine Schulden zu decken, ſelbſt wenn ſie ihren Entſchluß geändert haben ſollte, aber davon ſchien ja auch garnicht die Rede zu ſein. So ſtand ihm denn nichts Anderes mehr bevor, als ein ſchmählicher gerichtlicher Prozeß, der geradenwegs in das Zuchthaus führen mußte;— hätte das Geſetz, ſeinem Buchſtaben gemäß, eine andere Ahndung für Den, der ſich einer falſchen, wenigſtens unberechtigten Namensunterſchrift bedient, der in der leichtſinnigſten Weiſe, ohne jede ſich dafür bietende Garantie, ſo große Schulden gemacht und die Leute förmlich um ihr Geld betrogen hatte, die aller⸗ 11* 162 dann ſetzte er ſich nieder, um Briefe zu ſchreiben,— wohl an ſeine Frau oder an ſeine Mutter?— Aber bald zerriß und verbrannte er dieſe Papiere wieder, lachte höhniſch auf, nahm Rechnungen vor, um ſie bald wieder verächtlich fortzuwerfen, und nicht ſelten kam es vor, daß er mit ſichtlicher Befriedigung ſeine Piſtolen unterſuchte, friſch lud und die ſonderbarſten Geſten damit machte. Wahrlich, Die mußten am meiſten Recht haben, die Graf Horneck für halb verrückt halten wollten!— Das Alles konnte nicht lange ſo fortgehen,— es war zu unnatürlich. Dies mußte ſich zuerſt in materieller Beziehung herausſtellen. Victor hatte dieſes Leben nun ſchon beinahe drei Monate hindurch fortgeſetzt; die Zeit war nahe, in der er ſeine Verpflichtungen gegen Baron Sterner einlöſen mußte, aber auch noch andere Wechſel, die er neuerdings in der Kaiſerſtadt gemacht hatte, um ſein koſtſpieliges Leben zu beſtreiten. Bisher war er gegen dieſe bevorſtehende Kataſtrophe gleichgiltig geblieben; nun drängte ſie aber ſo nahe heran, daß ein entſcheidender Entſchluß gefaßt werden mußte. Hatte er vielleicht darauf gerechnet, daß ſich während dieſer Zeit das Verhältniß zu ſeiner Mutter ändern würde,— aber eine ſolche Erwartung ſeinerſeits möchte doch ſehr zu 163 dings ein verachtungswürdiges Gewerbe daraus machten, Schwäche und Noth zu benutzen, um dieſes Geld in der unverſchämteſten Weiſe durch Wucherzinſen zu verdoppeln und zu verdreifachen?— Was kümmert ſich das Geſetz um die Moral?— es iſt ja gemeinhin nur für Die und von Denen gemacht worden, die ſich ziemlich verſichert hal⸗ ten konnten, daß ſie ſelbſt niemals mit ſeinen eiſernen Conſequenzen zu ſchaffen haben würden.—— Blicken wir indeſſen in das fürſtliche Schloß zurück! Graf Bielinski hatte den ſchweren Kampf gegen den Tod endlich überſtanden; er erholte ſich nun ſichtlich, und der geſchickte Arzt konnte mit gutem Gewiſſen der Fürſtin erklären, er werde leben bleiben, aber nicht, ohne einen ſiechen Körper zu behalten, der auf das Sorgfältigſte gepflegt und vor dem leiſeſten Schaden bewahrt werden müſſe. Damit ſchien ſich die Zärtlichkeit der Fürſtin für ihn nur zu verdoppeln; ſie brachte faſt den ganzen Tag in ſeiner Geſellſchaft zu und behandelte ihn wie ein krankes ſchwaches Kind, dem man auch die eigenwilligſten Launen nachſieht und ihnen ſchmeichelt. 1 Als Graf Stephan wieder klar mit ihr ſprechen konnte, beſtätigte er Alles, was er in ſeinem Briefe an 165 ſie geſchrieben hatte, und erläuterte es noch weiter in dem⸗ ſelben Sinne; ſie glaubte ihm auf das Wort und verſprach ihm heilig, ſich nie wieder mit ihrem Sohne verſöhnen und dem Geſetze, gegen das derſelbe gefehlt hatte, ſeinen freien Lauf laſſen zu wollen. In Betreff der Duellangelegenheit wünſchte Graf Stephan keine weitere Verfolgung Victors, da er ſelbſt darin wohl ſehr wenig rein daſtand; umſomehr drang er aber darauf, daß die Fürſtin wegen deſſen anderer Ver⸗ gehen dem Geſetze freien Lauf laſſe. Mochte ſich das Gewiſſen endlich in dieſer Frau rühren oder fürchtete ſie nur, ihren Familiennamen öffent⸗ lich belaſtet zu ſehen,— ſie ſelbſt gab es Graf Stephans Erwägung anheim, ob die Schuld an den Baron von Sterner nicht bezahlt werden müßte, aber Dem widerſprach er ſo entſchieden, daß ſie ſich ſeiner Anſicht fügte. Es war ihm außerdem ſehr fatal,— und als Lei⸗ dender konnte er der Fürſtin gegenüber jetzt ja ohne Rück⸗ ſicht ausſprechen, was er wollte,— daß Eva und deren Kind ſich noch auf dem Schloſſe befanden; er rieth ſogar ganz offen dazu, ſie zu Victor ziehen zu laſſen; aber die Fürſtin befürchtete damit einen offenen Skandal, der ſie ſelbſt empfindlich treffen müſſe, und erinnerte ſich ihrer 166 Eva gegebenen Verſprechungen, die ſie ihm freilich nicht im ganzen Umfange mittheilte. Der Graf lächelte dazu, und— die Fürſtin that dies auch. Sie waren bald darüber einig, daß ihr Ver⸗ mögen dereinſt nur ihm zufallen könnte,— freilich dachte ſie jetzt noch nicht an ihren baldigen Tod. Es war un⸗ begreiflich, daß ſie nicht ſeinen ſo deutlich ausgeſprochenen Eigennutz durchſchaute und ſich mit Widerwillen davon abwendete; jede Blöße, die er ſich gab, entſchuldigte ſie mit ſeinem krankhaften Zuſtande und überließ ſich mehr wie jemals ſeiner Gewalt. Seine Worte und ſein Willen waren ihr zum Evangelium geworden, und er wußte dieſe Schwäche nur zu gut zu benutzen. Daß Eva dabei die traurigſte Rolle ſpielte, läßt ſich leicht denken. Sie und ihr Kind, gegen das ſich die Für⸗ ſtin jetzt ſehr kalt bezeigte, waren im Schloſſe gewiſſer⸗ maßen nur geduldet; ihre Schwiegermutter zog ſie nie zu Rathe, behandelte ſie förmlich als eine Gefangene und ließ ſie häufig fühlen, daß ſie, ihrer Abkunft zufolge, der Familie eigentlich ganz fern ſtehe. Eva hatte ſchwer in ihrer Krankheit gelitten, und als ſie ſich körperlich wieder zu erholen begann, traten die geiſtigen Leiden nur umſo ſchwerer an ſie hinan. Die 167 bitterſten Vorwürfe ſtiegen jetzt in ihr auf, daß ſie ihren Gatten verlaſſen habe, und das Benehmen der Fürſtin gab auch nicht einmal mehr die mindeſte Rechtfertigung dafür; ſie ahnte ſchon, daß ſie betrogen würde. Nun trafen aber auch Nachrichten von dem wüſten Treiben Victors in der Kaiſerſtadt auf dem Schloſſe ein. Dies war ſelbſt der Fürſtin und Graf Stephan unbegreif⸗ lich, auf Eva mußte es aber auf das Niederdrückendſte wirken, denn die Fürſtin erſparte ihr nicht, dergleichen Dinge zu hören, indem ſie immer wieder triumphierend auf den Unwerth Victors hinwies und ihm das verhängniß⸗ vollſte Ende prophezeihte. Dieſe noch vielfach übertriebenen Nachrichten ſchmerzten die unglückliche junge Frau auf das Aeußerſte,— konnte ſie da noch glauben, daß ihr Mann noch einen Funken von Liebe für ſie und ſein Kind bewahrt habe?— aber ſie trugen ihr auch die dringende Mahnung zu, Victor vor dem Abgrunde, an dem er ſtand, zu retten, und welche liebende Frau würde, auch mit dem vollſten Rechte, ſich nicht für überzeugt halten, daß allein die Liebe der ſchützende Engel ſein könnte?— Eva wollte zu ihrem Gatten zurückkehren, ſei es auch, um mit ihm zuſammen in das tiefſte Verderben zu gehen; 168 ſie machte ſich die bitterſten Vorwürfe über ihr bisheriges Benehmen,— aber die Fürſtin hielt ſie jetzt ſchon in Feſſeln, die nur mit Gewalt geſprengt werden konnten, und dazu fehlte es der ſchwachen Frau an Kraft und Muth. Sie verzögerte ihren Entſchluß, den ſie garnicht auszuſprechen wagte, von Tag zu Tag. Nicht einmal an Victor ſchreiben durfte ſie, denn die Fürſtin hatte ſie förmlich mit Spionen umgeben und jeder von ihr abge⸗ ſandte Brief wäre unzweifelelhaft in deren Hände gekommen. Nun traf auch, wovon Eva indeſſen nicht das Mindeſte wußte, ein Schreiben Baron von Sterners an Graf Stephan ein, worin Erſterer ausſprach, es ſei nach den von ihm eingezogenen Erkundigungen garnicht daran zu denken, daß Victor am Verfallstage ſeine Schuld werde einlöſen können, er bedürfe aber nothwendig ſeines Geldes und frage er hiermit nur an, ob die Fürſtin geneigt wäre, für ihren Sohn einzutreten, da er andernfalls den Weg der gerichtlichen Klage einſchlagen müßte, die für Victor doch ſehr üble Folgen haben würde. Dieſen Brief legte Graf Stephan ungeſäumt ſeiner Schwiegermutter vor, aber nicht, was ſich die beiden Freunde ſtets noch vertraulich ge⸗ ſchrieben hatten und wodurch ſich Sterner für alle Fälle geſichert halten konnte. 169 Der„edle Baron“ hatte übrigens keine geringe Angſt ausgeſtanden, als er erfuhr, daß Graf Stephan lebensge⸗ fährlich verwundet worden ſei, denn deſſen Tod konnte ihn doch leicht um ſeine zwanzigtauſend ſchwerverdienten Thaler bringen; zum Glück für ihn erhielt er dieſe Nachricht erſt ſo ſpät, daß er aus des Anderen fortſchreitender Geneſung ſchon wieder Hoffnung ſchöpfen durfte. „Baron von Sterner muß ſein Geld bei Heller und Pfennig wieder erhalten,“ entſchied die Fürſtin nach dem Vortrage ihres Schwiegerſohnes,—„denn ſonſt würde eine unauslöſchliche Blame auf meinen Namen fallen; einſtweilen müſſen wir ihn aber klagen laſſen.“ In dieſem Sinne wurde der Baron auch beſchieden und nahm danach ſeine Maßregeln; er konnte dies mit Ruhe thun, denn Graf Bielinski hatte ſich im Namen der Fürſtin abermals für ſeine Sicherſtellung verbürgt, er würde ihm gern die ganze Summe ſofort zugeſchickt haben, aber theils fürchtete er, der Eifer ſeines„edlen Freundes“, ihm zu dienen, könnte dadurch erkalten, theils ſtand ihm jene nicht ſofort zur Dispoſition. Seit Victors Abreiſe war wieder eine heilloſe Ver⸗ wirrung in der Verwaltung der fürſtlichen Güter einge⸗ treten. Director Croup herrſchte jetzt ganz unbeſchränkt 170 darüber und füllte ſich ſelbſt in größter Eile und mit einer Unverſchämtheit ſonder Gleichen alle Taſchen, denn die ganze Geſchichte wurde ihm ſchon unheimlich und er begriff, daß mit Graf Stephans etwaigem Tode der Bo⸗ den unter ſeinen Füßen plötzlich zuſammenſtürzen müßte. Deshalb hatte er ſich ganz auf den Fuß geſetzt, nöthigen⸗ falls mit der errungenen Beute die Flucht ergreifen zu können; ſeine Gattin hatte er unter irgendeinem Vorwande nach England geſchickt, und insgeheim ſandte er ihr bedeutende Summen nach. Es war nun die Zeit gekommen, in der ſich Victor von allen Seiten auf das Aeußerſte bedrängt ſah. Auch ein Brief des Baron von Sterner traf ein oder vielmehr von deſſen Advokaten, worin er ganz förmlich aufgefordert wurde, ſeiner Verpflichtung bis zu dem beſtimmten Tage nachzukommen,— der Baron ſelbſt ſei in dringenden Ge⸗ ſchäften verreiſt und habe ihm, dem Advokaten, die Bei⸗ treibung dieſer Schuld zugewieſen; es lag faſt ein drohen⸗ der Ton in dieſem Schreiben, vielleicht war er auch rein geſchäftlich, jedenfalls ließ ſich daraus aber ſchließen, daß Viotor bei ſeinem Gläubiger nicht auf die mindeſte Nach⸗ ſicht zu rechnen hatte, und wie hätte er dieſelbe auch noch 171 erwarten und beantſpruchen können, nachdem er den Brief Sterners an ſeinem Schwager geleſen?— 1 Da war er denn augenſcheinlich am Ende ſeiner Laufbahn angekommen; es mußte die Schande ſein oder der— Tod, den er ſelbſt mochte. Konnte ihm dieſe Wahl ſo ſchwer werden, da er meinte, Nichts mehr im Leben gewinnen oder verlieren zu können?—— Graf Horneck lag, in den finſterſten Träumereien verſunken, auf dem Sopha in ſeiner luxuriös ausgeſtatteten Wohnung hingeſtreckt. Seit einigen Tagen hatte er ſich gänzlich von ſeinen ſogenannten Freunden und dem ge⸗ räuſchvollen Leben überhaupt zurückgezogen; er hatte den Erſteren auch kein beſonderes Hehl daraus gemacht, daß es mit ihm zu Ende gehe, und ſie beeilten ſich, wie dis Ratten, das ſinkende Schiff zu verlaſſen. Es lag nicht einmal irgend ein Syſtem, eine Con⸗ ſequenz in ſeinem ganzen Behnehmen; ſie hielten ihn jetzt Alle für mehr oder wenigey geiſtig krank, und ſo ganz unrecht hatten ſie gewiß ni Weshalb noch einmal dieſes Aufbrauſen ſcheifltbarer Lebensluſt vor dem gewiſſen Untergange?— und warum ſuchte er dieſe Rolle nun nicht wenigſtens mit Energie durchzuſpielen, die doch 172 ſchon ſo manchem Abenteurer geglückt iſt, ihn wenigſtens längere Zeit über dem Strudel erhalten konnte?— Sie begriffen freilich nicht, daß ſie es mit einem durch und durch verzweifelten Manne zu thun gehabt hatten, der eine gewiſſe Wolluſt darin fand, ſein Unglück bis auf die Spitze zu treiben, der, aller Hoffnung baar, in geiſtig krankem Zuſtande einen wilden Trotz daran ſetzte, jener unbegreiflichen Macht die Spitze zu bieten, die ihn ſchon ſo tief niedergedrückt hatte und der er ſich nun end⸗ lich doch im Gefühle ſeiner Ohnmacht beugte; ſie fühlten kein Mitleid mit ihm, lachten ihn nur als einen Narren aus. Wie hätten ſie ihn auch verſtehen ſollen, denen von Jugend auf das tiefe Gemüth fehlte oder bei ihrem leicht⸗ ſinnigen Treiben doch im Laufe der Zeit abhanden ge⸗ kommen war, das ihm durch die Schläge des Schickſals ſo ſchwer verletzt worden?— 4 Der Bediente, den Graf Horneck in ſeiner Nähe zu verwenden pflegte, trat in das Zimmer und meldete den Beſuch einer Dame an, die in eleganter Equipage vorgefahren ſei, aber ihren Namen zu nennen ver⸗ weigerte. Das war ſonderbar, und Victor dachte an eine jener 173 Schauſpielerinnen, denen er, ohne eine Spur von perſön⸗ licher Neigung, ſcheinbar gehuldigt hatte. „Wer von ihnen es auch ſei,“ ſagte er mit höhniſcher Bitterkeit zu ſich ſelbſt,—„das arme Kind wird Geld gebrauchen und will mir noch die letzten bunten Federn ausrupfen. Das iſt immerhin ein genialer Gedanke von ihr, und er ſoll ſie nicht täuſchen;— ich werde ohnehin heute Abends Nichts mehr gebrauchen.“ Nachläſſig befahl er, die Beſucherin vorzulaſſen, und erhob ſich, gab ſich aber nicht einmal die Mühe, noch eine ſorgfältigere Toilette zu machen. Ein paar Minuten ſpäter trat die Dame ein. Sie war ſehr elegant, ganz in Trauer gekleidet,— wie eine Bettlerin oder eine leichtfertige Theaterſchöne ſah ſie keines⸗ wegs aus, was ſchon der erſte Blick auf ſie lehren mußte, und der zweite reichte für Victor gerade hin, um ihn einen Schritt zurückfahren und den Ruf ausſtoßen zu laſſen „Julie!“ Es war ihm, als trete das Geſpenſt einer Längſt⸗ verſtorbenen vor ihn; der ganz ſchwarze Anzug, die bleiche Farbe des immer noch ſchönen Antlitzes und beſonders der tiefernſte, ſchmerzliche Ausdruck, den daſſelbe ganz unver⸗ 174 kennbar trug, beſtärkten die phantaſtiſche Idee noch, die nur in einem kranken Kopfe entſpringen konnte. Er er⸗ kannte ſeine Schweſter wieder, der er immer einen guten Theil ſeines Herzens bewahrt hatte, und doch wich er vor ihr zurück und konnte nicht ſogleich den Muth faſſen, ſie zu umarmen. Gräfin Julie oder vielmehr Frau Profeſſor Fröhlich — wie ſehr kontraſtirte dieſer Name mit ihrer Trauer⸗ erſcheinung!— erſchien kaum weniger beſtürzt wie ihr Bruder, ſei es nun, daß ſie von ihm einen herzlicheren Empfang erwartete und glaubte, auch er möge einen ſchweren Vorwurf gegen ſie behalten und ihr nicht verziehen haben, oder erſchreckte ſie die äußerlich mit ihm vorgegan⸗ gene Veränderung ſo ſehr. Ja, die beiden Geſchwiſter waren nicht mehr, wie ſie ſich gegenſeitig noch oft in ihren Erinnerungen geſucht haben mochten: die holden Kinder, die zu den Füßen einer liebevollen Mutter ſpielten, die lebenskräftigen, jungen Leute, die noch energiſch dem Schickſale Trotz zu bieten wußten, das ſie niederzudrücken verſuchte, die ihren ſtillen Kummer möglichſt zu beherrſchen verſtanden,— ſie ſahen es einander auf den erſten Blick an, daß ihre Herzen gebrochen waren und mit ihnen die Kraft, zu handeln; Julie war vielleicht gekommen, um bei ihrem Bruder Troſt zu ſuchen, und jetzt eröffnete ſich ihr die Ueberzeugung, daß er noch troſtbedürftiger ſein müſſe wie ſie ſelbſt. Ueberwältigt und hingeriſſen von dieſem Gefühle, eilte ſie auf ihn zu, warf ſich an ſeine Bruſt und ſtammelte unter hervorbrechenden Thränen: „Mein einzig lieber, theurer Bruder Victor, warum erſchrecke ich Dich und empfängſt Du mich ſo kalt?— Gott im Himmel, was iſt Dir denn geſchehen?“ Auch Victor war wieder zu ſich gekommen; er be⸗ griff auf einmal, daß er gefunden, was er nun ſchon ſo lange ſchmerzlich entbehrt hatte: ein liebevolles Herz. Die traurige Nacht, die noch ſoeben vor ſeinen Augen gelegen hatte, löſte ſich, wenn auch nicht in hellſtrahlendes. Sonnenlicht, ſo doch in die milde Dämmerung der Hoff⸗ nung auf. Leidenſchaftlich erwiderte er Juliens Um⸗ armung,— auch er weinte, wie ſie,— und wenn ein Mann weint, der ſich nicht immer als feiger Schwächling zu benehmen gewöhnt geweſen iſt, dann muß wohl eine große Revolution in ſeinem Inneren ſtattfinden. Die beiden Geſchwiſter ſaßen, Arm in Arm, bald ruhiger nebeneinander; der Eine wollte von dem Anderen zuerſt hören, was ihm während der letzten Trennung ge⸗ 176 ſchehen, ſie beſtürmten ſich gegeffet mit Fragen, die kaum Zeit zu einer Antwort ließen. Es dürfte beſſer ſein und verſtändlicher werden, wenn wir aus dieſem Chaos das Wichtigſte herausnehmen und folgerecht zuſammenfaſſen. Man wird ſich noch erinnern, daß nach Juliens Flucht aus dem Hauſe ihrer Mutter und von der Seite ihres Gatten Gerüchte umherliefen, ſie habe ſich mit Doktor Fröhlich vereinigt, ſei mit ihm nach Nordamerika gegangen und er ſpiele dort, als gefeierter Meiſter der Muſik, eine ziemlich große Rolle, aber unter einem anderen Namen. Im Ganzen waren dieſe Nachrichten, an denen da⸗ mals noch Viele zweifeln wollten, richtig geweſen. Julie ſuchte zuerſt vor ihrem Bruder den außergewöhnlichen Schritt, den ſie gethan, zu rechtfertigen, wenigſtens zu er⸗ klären. Sie konnte dies jetzt rückhaltslos thun, denn auch ſeine Aeußerungen bekundeten ihr, daß er die Fürſtin, ihre Mutter, nun vollſtändig erkannt habe und derſelben ſein eigenes Unglück zuſchreiben mußte. Die Wahrheit war nicht mehr zu verheimlichen, aber die beiden Ge⸗ ſchwiſter ſprachen ſich doch mit einer gewiſſen Diskretion aus, die ihnen das natürliche Gefühl eingab und vor⸗ ſchrieb. 177 „ Julie hatte zu dem einzigen Freunde, der ihr damals nahe ſtand und ihr eine treue und achtungsvolle, aber auch ganz hingebende und leidenſchaftliche Neigung zu⸗ trug, zu Doktor Fröhlich, ſich endlich mit vollem Ver⸗ trauen ausgeſprochen und, auf das Tiefſte empört über ihr Schickſal, war von ihm der Vorſchlag ausgegangen, daß ſie dieſe grauſamen und unnatürlichen Feſſeln brechen möge; nach längerem Kampfe war er bei Beiden zum Entſchluſſe geworden. Sie verhehlten ſich nicht, daß ſie in den Augen der Welt ein ſchweres Verbrechen begehen würden, aber die Herzen ſprachen zu mächtig in Liebe und bitterer Empörung. Doktor Fröhlich reiſte, wie man bereits weiß, zuerſt ab, bald darauf folgte ihm Julie. Sie vereinigten ſich nach Verabredung und traten ſofort die Flucht über den Ocean an. Der Künſtler beſaß kein großes Vermögen, wenn auch vorläufig hinlängliche Geldmittel; ſein Talent ſicherte ihn indeſſen vor materieller Noth; er fand in Amerika, wo er in den bedeutendſten Städten Concerte gab, unterſtützt von Julien, die einſtweilen als ſeine Gattin galt, ungemeinen Beifall und wurde als einer der erſten Meiſter verehrt. Die anſehnlichſten Geldmittel floſſen ihm Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 12 178 nun zu, und als Julie ihr Vermögen ausgezahlt erhielt, konnten ſie ſchon als reiche Leute gelten. Ihre Eheſcheidung erfolgte, und ſie verband ſich nun geſetzlich und kirchlich mit Fröhlich. Ihre Ehe wurde eine in jeder Beziehung glückliche, nur ein Vorwurf laſtete auf ihnen und drängte ſich oft ſtörend oder wenigſtens be⸗ trübend in dieſes Glück; in einer Art Aberglauben be⸗ trachteten ſie es als eine gerechte Strafe des Himmels, daß dieſe Ehe nicht mit Kindern geſegnet wurde.* Juliens Herz hatte ſich, wohl ſehr begreiflich, von der Mutter gänzlich getrennt, aber die ſchweſterliche Liebe für Victor war ihr geblieben. Sie wagte indeſſen nicht, in direkte Verbindung mit ihm zu treten, weil ſie für die alte Welt überhaupt verſchollen ſein wollte; dagegen empfing ſie durch ihren Advokaten manche Mittheilungen über ihn, ſo die von ſeiner Verheirathung und ſeiner Widerkehr zu der Fürſtin; der letztere Umſtand ſchnitt ihr faſt jede Möglichkeit ab, an ihn zu ſchreiben. Mit wachſender Beſorgniß hatte ſie ſchon längſt be⸗ merkt, daß bei ihrem Manne ſich ein Bruſtleiden ausge⸗ bildet, zu dem er die Anlagen ſchon ſeit ſeiner früheſten Jugend in ſich getragen haben mochte; auf ihre dringen⸗ den Bitten gab er endlich ſeine anſtrengende und auf⸗ 3 179 regende Thätigkeit auf. Sie hatten auch nicht mehr nöthig, ihr Vermögen zu vergrößern; ſie zogen ſich daher in eine ländliche Gegend zurück, wo ſie ſich eine ſtille Heimath unter übrigens ſehr glänzenden Verhältniſſen gründeten. Der arme, brave Doktor Fröhlich, an dem Julie mit ſchwärmeriſcher Liebe hing, ſollte dieſes friedliche Glück aber nicht lange genießen; vor einem halben Jahre war er, nachdem ſeine Krankheit ſich mit überraſchender Schnel⸗ ligkeit ausgebildet und die letzte Lebenskraft verzehrt hatte, in den Armen ſeiner Gattin ſanft dahingegangen. Juliens Schmerz darüber war zuerſt grenzenlos; ſie ſtand ja nun wieder ganz allein in der Welt. Dieſes Gefühl führte ſie zu dem dringenden Bedürfniſſe, den Ein⸗ zigen, auf deſſen Liebe ſie noch rechnen zu dürfen meinte, ihren Bruder, wieder perſönlich aufzuſuchen, wobei ſie ſich vorbehielt, je nach den Umſtänden bei ihm zu bleiben oder in ihre neue Heimath zurückzukehren. Es war ihre Abſicht geweſen, von der Kaiſerſtadt aus an ihn zu ſchreiben und ihm daſelbſt ein Rendezvons zu geben, und nun ſie hier eingetroffen, hatte ſie nicht allein erfahren, daß er daſelbſt ſchon anweſend ſei, ſondern auch manche verworrenen Gerüchte über ihn, die ſie auf das Höchſte beängſtigten. 12* 180 So war ſie zu ihm gekommen. Was Victor ſeiner Schweſter mittheilte, brauchen wir nicht zu wiederholen; wenn wir ſagen, daß er ſich zu ihr mit der vollſten Aufrichtigkeit ausſprach, wie ſie es auch ſo dringend verlangte, und wenn er zuweilen ſtockte, ſei es in Scham oder Schmerz, dann ergänzte ſie ſelbſt mit ihrem ſcharfen Verſtande oder ahnendem Gefühle und er⸗ muthigte ihn wieder auf das Liebevollſte, ihr ſein Herz ohne jeden Rückhalt zu öffnen und ſich auch über ſeine materielle Noth klar auszulaſſen. „Dem Himmel ſei tauſend Dank,“ rief ſie aus, als er geendet hatte und nun wieder in die finſtere Ver⸗ zweiflung zurückſinken zu wollen ſchien, wie ein Schiff⸗ brüchiger, der doch in keiner Weiſe mehr gerettet werden kann,—„daß ich noch zur rechten Zeit gekommen bin! Sei wieder ein ſtarker Mann, theurer Bruder, und wirf die finſteren Sorgen von Dir! Ich werde Europa nicht eher wieder verlaſſen, als bis ich Dich ganz ruhig und Deine Zukunft geſichert weiß, oder vielleicht wird es uns nun vergönnt ſein, auf einer friedlichen Lebensbahn neben⸗ einander, Hand in Hand, einherzuſchreiten!“ Victor blickte ſie groß und ſtarr an, als ob er dieſe 181 Worte nicht im Mindeſten verſtände; dann antwortete er in ſeinem tieftraurigen Tone: „Wie magſt Du daran denken, Julie?— Haſt Du mich noch nicht richtig verſtanden?— Ich bin ein ruinirter Mann und habe mit dem Leben bereits abge⸗ ſchloſſen. Unſere Wege müſſen ſich noch heute trennen; ich bin zufrieden, Dich wiedergeſehen zu haben, aber mir, dem Alles abgeſchnitten iſt, ſelbſt die Ehre, darfſt Du nicht dauernd die Hand bieten.“ „Ich bitte Dich, Victor! hat mich die Welt anders be⸗ handelt, wie Dich?— Würde mir dieſe ſchimmernde Ge⸗ ſellſchaft, die eine ſo tiefe Fäulniß in ihrem Inneren trägt, jemals verzeihen, was mich mein Herz zu thun drängte, und mich wieder als eine Ebenbürtige in ſich aufnehmen? — O nein, ich ſtrebe nicht mehr nach dieſer Ehre, ich würde ſie um keinen Preis wieder annehmen. Was ich gethan habe, bleibt unwiderruflich; was hindert Dich aber, wenn Du es noch wünſchen ſollteſt, wieder in dieſe Kreiſe mit dem ganzen Stolze einzutreten, den Du, trotz einiger vorübergehender Fehler, doch mit gutem Rechte behaupten kannſt?— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Deine materiellen Verlegenheiten auf der Stelle gehoben werden müſſen, und dazu beſitze ich ja, Gott ſei Dank, 182 das Mittel,— und was Dein Herzensleiden anbetrifft, ſo will ich nicht eher ruhen, bis es mir gelungen iſt, Eva zu Dir zurückzuführen; ich bin feſt überzeugt, daß Du Dich in ihr täuſcheſt und daß ſie, die Mutter Deines Kindes, nicht weniger duldet wie Du; ſollte mich mein Gefühl aber wirklich in dieſer Beziehung irreführen, dann wirſt Du in wiedergewonnener männlicher Kraft nicht um einer Unwürdigen willen verzweifeln, und wir werden dann als treue Geſchwiſter berathen, was wir zu thun haben.“ Julie war eine durch Lebenserfahrung gereifte Frau geworden; ſie ſprach mit einer Sicherheit, die nicht ver⸗ fehlen konnte, Eindruck auf ihn zu machen. Er ſtutzte ſichtlich, als ſie von der Deckung ſeiner Schulden wie von einer ganz natürlichen und leicht ausführbaren Sache ſprach, und ein milder Abglanz von Hoffnung und Freude breitete ſich über ſein Antlitz, wie ſie Eva zu ver⸗ theidigen ſuchte und ſeine Wiedervereinigung mit derſelben in faſt gewiſſe Ausſicht ſtellte. Dann zogen die dunkeln Wolken aber ſchnell wieder herauf, und indem er ihre Hand feſt preßte, ſagte er kurz abgebrochen und bei⸗ nahe rauh: „Was Eva anbetrifft, ſo magſt Du Recht haben,— 183 es iſt mir ſchon oft der Gedanke gekommen, daß man ſie abſcheulich getäuſcht hat und faſt mit Gewalt von mir trennt,— ſie war mir ja früher ſtets eine liebevolle und treue Gattin!— Aber welches Recht hätte ich noch, ſie in mein Elend zu verſtricken?— Und dann, Julie, ich müßte noch gewiſſenloſer und verdammenswerther ſein, wie ſie mich jetzt ſchon betrachten, wenn ich von Dir ein Opfer annehmen wollte, wie Du es da erwähnteſt; wie könnte ich es wohl vor Dir und mir ſelbſt verantworten, Dich durch meinen Leichtſinn beraubt zu haben?“ „So kann nicht das Herz eines Bruders ſprechen, das dem der Schweſter entgegenſchlägt!“ erwiderte Julie lebhaft und ebenſo beſtimmt wie vorher;—„es würde nur zum Beweiſe dienen, daß ſich eine unnatürliche Kluft zwiſchen uns geöffnet hat. Wenn Du heute in Reichthum und Glanz ſchwelgteſt, Victor, und ich, die arme, ver⸗ brecheriſche Julie, wäre zu Dir gekommen, um mich an Deine Bruſt zu werfen, würdeſt Du im Stande geweſen ſein, Deine Schweſter kalt zurückzuſtoßen?— Und ich, Victor, ſo wahr wir Gott helfe, würde nicht gezögert haben, von Dir anzunehmen, was Du mir geboten hätteſt, das treue brüderliche Herz und die nothwendige materielle Hülfe! — Und Du kannſt noch von Opfern ſprechen, die ich Dir 184 bringen wollte?— Begreifſt Du, der ſtets ſo zartfühlend war, nicht, wie tief Du mich dadurch verletzeſt?“ Einer ſo innigen Herzlichkeit ließ ſich nicht widerſtehn; ſie ſchlang beide Arme um ſeinen Hals und küßte ihn, die alten Namen wieder anwendend, die ſie ſich in der Kinderzeit, häufig ſcherzend, gegeben hatten; ſie bat, ſchmeichelte und verlangte, und immer mehr löſte ſich die eiſige Starrheit ihm von Kopf und Herzen, bis er mit ihr zuſammen weinte, wie ſie es mohl oft als Kinder gethan hatten. Damit hatte Julie auch die volle Herrſchaft über djn gewonnen; ſeiner krankhaften Schwäche gegenüber, die erſt langſam heilen konnte, behandelte ſie ihn beinahe wie eine verſtändige Mutter; die Hoffnung, die ſie wieder erweckte, mußte in ſeiner Seele Platz gewinnen,— ſie war ſo verführeriſch für Den, der ſchon ſo dicht am Rande des Abgrundes geſtanden hatte. Welche Art von Stolz gäbe es wohl, den die Liebe nicht zu brechen vermöchte?— Julie zog ſofort in die Wohnung ihres Bruders; ſie nahm keinen Anſtand, ſich ganz offen als ſeine Schweſter und verwittwete Frau Profeſſor Fröhlich zu nennen. Es gab genug Leute in der Stadt, beſonders den höheren Ständen angehörige und unter dieſen vorzüglich die 185 Damen, die es ganz empörend und unverſchämt fanden, daß die ehemalige Gräfin Bielinska hier wieder ſo öffent⸗ lich aufzutreten wagte, aber dieſes Urtheil änderte nicht das Geringſte an der Thatſache. Zuerſt ſtellte man die Vermuthung auf, Julie werde wohl in der Fremde gänzlich perarmt und heruntergekommen ſein und bei ihrem Bruder nur Schutz und Hülfe ſuchen wollen; dieſe Klatſchzungen freuten ſich ganz ungemein über die Enttäuſchung, die ſie gefunden haben müßte. Als ſich nun endlich das Gegentheil herausſtellte, veränderte ſich auch ebenſo ſchnell die Meinung über beide Geſchwiſter; man wollte die Lebenserfahrungen und Abenteuer der jun⸗ gen Wittwe auf einmal ganz intereſſant finden, trug ihr ſelbſt auch eine gewiſſe Theilnahme zu und ſagte zueinan⸗ der, wenn Graf Horneck ſeine Schulden bezahlte, würde er ja wieder als ein vollendeter Cavalier gelten,— wem wären ſolche Verlegenheiten nicht ſchon einmal paſſirt?— Man begann nun ſogar die Fürſtin und Graf Bielinski zu verurtheilen und ſprach ziemlich ungenirt von„der Rabenmutter und dem Erbſchleicher.“ Wie klar den Leuten plötzlich die Augen geworden waren!— Victor bezahlte in der That ſeine Schulden oder viel⸗ mehr that es ſeine Schweſter für ihn. Letzteres konnte 186 nicht gänzlich verborgen bleiben, denn Julie verfügte augenblicklich nicht über eine ſo große Summe baaren Geldes, aber ſie gab den Gläubigern ihres Bruders doch unzweifelhafte Garantien, mit denen dieſelben auch ganz zufrieden waren. Sie ſelbſt ſorgte, hinter Victors Rücken, dafür, daß das Gerücht ausgeſprengt werde, ſie trage damit nur ein altes Darlehen ihres Bruders ab. Man wollte dem reichen Geſchwiſterpaare wieder den Hof machen, aber daſſelbe wies jede Annäherung ſehr kalt, wenn auch nicht gerade verletzend, zurück. Julie ließ nun auch ihren früheren Advokaten, der ihr ganz ergeben geblieben war und ihre Vermögens⸗ verhältniſſe genau kannte, ſofort mit dem des Baron Sterner in Verbindung treten; ſie verbürgte ſich für ihren Bruder und bot die ſicherſten und kürzeſten Wechſel an, bis ſie die erforderliche Baarſumme in Amerika flüſſig ge⸗ macht haben würde. Dieſe Ausgleichung ſchien auf durch⸗ aus keine Schwierigkeiten ſtoßen zu können; ihr Advokat ſelbſt war erbötig, nöthigenfalls die zwanzigtauſend Thaler vorzuſtrecken. Als ſie Victor in dieſer Weiſe vollkommen geſichert zu haben glaubte, übernahm ſie eine andere Pflicht, die 187 ihr und ihm wohl noch näher am Herzen lag, nämlich Frau und Kind zu ihm zurückzuführen. Dieſe Aufgabe war indeſſen nicht ſo leicht zu nehmen. Julie haßte nicht ihre Mutter, aber ſie konnte, zumal ſie dieſelbe noch von Graf Bielinski beherrſcht wußte, nicht an eine aufrichtige Verſöhnung denken und ſich nicht per⸗ ſönlich auf die fürſtlichen Güter begeben wollen. Victor ſelbſt hatte verſöhnlich und hoffend an ſeine Frau geſchrieben und verlangt, daß ſie zu ihm zurückkehre; es erfolgte keine Antwort darauf, und daraus ließ ſich mit ziemlicher Sicherheit ſchließen, man habe Eva dieſen Brief vorenthalten. Eine Weile dachte er daran, ſie ſelbſt abzuholen, aber er war noch immer halbkrank,— und Julie be⸗ ſtand deshalb darauf, daß er geduldig in der Kaiſerſtadt zurückbleiben möchte. Er fügte ſich, und ſie ſelbſt reiſte ab, um von der dem fürſtlichen Schloſſe zunächſtgelegenen größeren Stadt ſich mit Eva direkt in Verbindung zu ſetzen. Inzwiſchen wußte man, das heißt die Fürſtin und Graf Bielinski, dort ſchon, daß Julie zurückgekehrt war, was ſie für ihren Bruder gethan hatte und noch thun wollte; Victors Brief an Eva war in die Hände der Fürſtin gekommen, von ihr erbrochen und Eva verheim⸗ licht worden. Welche Empfindungen bei Alledem auch in der Fürſtin aufwallen mochten, ſo wußte Graf Stephan ſchon dafür zu ſorgen, daß ſie nicht zu ihm ſelbſt gefährlichen Ent⸗ ſchlüſſen wurden. Er erholte ſich ſchnell von ſeiner Be⸗ ſtürzung über dieſe unerwarteten Ereigniſſe, die leicht alle ſeine Pläne durchkreuzen konnten. Wenn er ſicher gewußt hätte, daß es ſich um Nichts mehr handle, als Eva wieder mit ihrem Gatten zu vereinigen, ſo würde er vielleicht ſeine rachſüchtigen Abſichten gegen den Letzteren fallen ge⸗ laſſen haben,— was konnte ihm auch willkommener ſein, als daß die Geſchwiſter freiwillig auf alle weiteren An⸗ ſprüche an die Fürſtin verzichteten und ihm das Feld räum⸗ ten?— Aber wie er von dem ſchmutzigſten Eigennutze gänzlich durchdrungen war, mußte er es auch für un⸗ möglich halten, daß Jene ſich ohne weiteren Kampf die große Erbſchaft entgehen laſſen würden. Für ihn handelte es ſich um den letzten entſcheiden⸗ den Schritt; Victor mußte für immer zu Boden getreten werden,— Julie ſchien durch die eigene Schuld der Mutter ſchon unwiderruflich von derſelben getrennt zu ſein. Er ſchrieb ſofort an Baron von Sterner, ſandte ihm 8 189 die zwanzigtauſend Thaler, die er geſchickt und drohend dem Direktor Croup herauszulocken wußte, machte ihm noch weitere große Verſprechungen und beſtand auf ſo⸗ fortiger Einreichung der Klage gegen Victor. Wenn Graf Horneck nun auch bereit war, ſeine Schuld zu bezahlen, ſo blieb die Fälſchung des Schuldſcheines doch eine Cri⸗ minalſache, die ſich durch Erſteres nicht aufheben ließ; er mußte als ein gemeiner Verbrecher gebrandmarkt werden, deſſen Exiſtenz in ſeinem Vaterlande wenigſtens ſpäter un⸗ möglich wurde. Graf Stephan war ſich der Folgen dieſes Schrittes für Victor vollkommen bewußt, er konnte ſie auch nicht einmal der Fürſtin verheimlichen,— und Fürſtin Ma⸗ thilde brach, ihm zu Liebe, den Stab über ihren leiblichen Sohn vollſtändig und willigte in dieſe nichtswürdige Ab⸗ ſicht ein. Dieſe entſetzliche Verleugnung alles natürlichen Ge⸗ fühles, beſonders des mütterlichen, mag faſt unglaublich, als eine vage Roman⸗SIdee erſcheinen, aber ſie ſtammt aus dem wirklichen Leben unſerer Zeit her; ſie iſt keine romantiſche Fiktion, ſondern eine in weiten Kreiſen be⸗ kannte und viel beſprochene Thatſache/ Und wäre ſie ſo ſchwer zu erklären, wenn wir nur mit offenem und freien 190 Auge um uns herblicken?— Können wir nicht den Mann täglich ſich unter entwürdigende Verhältniſſe erniedrigen ſehen, nicht achtend der Religion, der göttlichen Moral und der darauf begründeten eigenen Würde, um ſich mit bun⸗ tem Flitterſtaate ſcheinbarer Ehre und des gemeinen Mam⸗ mons zu behängen, ſeiner Eitelkeit zu ſchmeicheln und ſeine Leidenſchaften zu befriedigen?— und wir ſollten die durch eigenthümliche Nervenkonſtitution geſteigerte Schwachheit und Leidenſchaftlichkeit des Weibes unbegreiflich ſinden?— Sechstes Capitel. Julie war in der vorerwähnten Stadt, welche nur einige Meilen von dem fürſtlichen Hauptgute entfernt lag, eingetroffen. Hier hielt ſie es aber für nothwendig, einen anderen Namen anzunehmen und überhaupt ſehr zurück⸗ gezogen zu bleiben, denn Einer oder der Andere konnte ſich ihrer doch noch erinnern und es lag ihr viel daran, daß die Fürſtin und Graf Bielinski Nichts von ihrer An⸗ weſenheit in ſo großer Nähe erführen, damit ſie die Aus⸗ führung ihrer Pläne nicht zu hindern ſuchten. Sie hatte nur einen Diener und ein Mädchen bei ſich, ganz zuverläſſige Leute, ihr ergeben, verſchwiegen und unbekannt in dieſer Gegend; Erſterer war auch ein ſehr gewandter Menſch, dem ſie eine handelnde Rolle anver⸗ trauen konnte.— Nachdem ſie ſich eine beſcheidene und abgelegene Wohnung gemiethet hatte, entſandte ſie jenen Mann nach⸗ 192 dem Landgute ihrer Mutter, ſowohl um ſich von den dort im Allgemeinen jetzt herrſchenden Verhältniſſen möglichſt in Kenntniß zu ſetzen, als in einer beſonderen Miſſion; letztere war an eine ehemalige Dienerin von ihr gerichtet, die ſich, wie ſie von Victor vernommen, an einen fürſt⸗ lichen Revierförſter verheirathet hatte und zwar nicht im Schloſſe wohnte, aber doch häuſig dahin kam und mit gewiſſen Dienſtleiſtungen betraut war. Roſe war ihr früher ſehr anhänglich geweſen, und ſie würde ſie bei ihrer damaligen Flucht vielleicht mit ſich genommen haben, hätte ſie nicht ſchon von dem Verhältniſſe zu jenem Jäger, welches das Mädchen feſſeln mußte, Kenntniß gehabt; ſie glaubte, jetzt noch auf ihre Ergebenheit rechnen zu dürfen. Robert kam wie ein gewöhnlicher Geſchäftsreiſender bei der kleinen Förſterei an; es war ein ziemlich rauher Wintertag. Er gab recht glaubwürdig an, von ſeinem eigentlichen Wege abgekommen zu ſein, ſtellte ſich ſehr er⸗ müdet, ſogar unwohl und bat um kurze Aufnahme, die ihm auch gerne gewährt wurde. Gelegentlich erfuhr er dann von den argloſen Leuten, beſonders der Frau, ziem⸗ lich Alles, was er über die Verhältniſſe auf dem Schloſſe wiſſen wollte, überzeugte ſich, daß Roſe noch immer an ihrer ehemaligen Herrin hing, und eröffnete ihr endlich 193 unter vier Augen und dem Siegel ſtrengſter Verſchwiegen⸗ heit, Gräfin Julie ſei wieder da, halte ſich in der Stadt verborgen und wünſche dringend, ſie dort zu ſprechen; ein paar Zeilen von Juliens Hand an Roſe beſtätigten dies. Die junge Frau war ganz außer ſich vor Freude und hatte Mühe, dieſe Erregung ihrem Manne zu ver⸗ heimlichen, auf den man ſich doch nicht unbedingt ver⸗ laſſen konnte. Sie verſprach feſt, nach der Stadt zu kommen, ſo bald ſich nur die Gelegenheit finden werde, dazu unter einem anderen Vorwande die Erlaubniß ihres Gatten zu erhalten oder eine längere Abweſenheit deſſelben zu benutzen. Robert war zufrieden und brach wieder auf, nachdem er noch die Oertlichkeit bei dem Schloſſe gehörig in Augenſchein genommen hatte. Indeſſen vergingen doch mehrere Tage, bis Roſe ihr Verſprechen halten konnte, und ſchon zweifelte Julie, die ſich in ſpannender Unruhe befand, da ſie gern bald wieder zu Victor zurückgekehrt wäre, an der Aufrichtigkeit Jener, als die junge Frau eines Tages erſchien und ſie mit wahrhaft rührender Herzlichkeit begrüßte. Roſe mochte ſich vorgeſtellt haben, die Gräſin be⸗ abſichtigte, wieder zu ihrer Mutter zurückzukehren; ſie war deshalb ſehr enttäuſcht, als ſie erfuhr, daß davon keine Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 13 8 194 Rede ſei; als ſie dann erzählte, wie traurig und un⸗ heimlich es ihr, abgeſehen von ihrer eigenen kleinen Häus⸗ lichkeit, jett auf dem Gute vorkomme, wie auch ihr Mann mit ſeiner Stellung garnicht recht zufrieden ſein könne, und als Julie ihr nun das Anerbieten machte, Beide könnten ſie, wenn ſie wollten, ſpäter begleiten und ſie werde für ihre ſorgenloſe Zukunft einſtehen, jubelte Roſe laut auf und war des wärmſten Dankes voll. Sie erklärte ſich auch zu Allem bereit, was Julie von ihr beanſpruchte. Dies war einſtweilen nur, daß ſie einen Briefwechſel zwiſchen ihr und der jungen Gräfin Horneck vermitteln ſolle, und Roſe konnte darüber Aus⸗ kunft geben, daß die Letztere wirklich faſt wie eine Ge⸗ fangene behandelt wurde; die Vermittelung, die ſie über⸗ nahm, war alſo nicht ganz unbedenklich, indeſſen bot ſich ihr noch die beſte Gelegenheit dafür dar, weil ſie frei und verdachtlos im Schloſſe verkehren konnte. Der erſte, ſehr lange Brief Juliens an Eva war bereits fertig, und Roſe nahm ihn mit ſich. Darin ſetzte Julie in beſonnener und liebevoller Weiſe ihrer Schwägerin genau die Verhältniſſe auseinander, deren Opfer Victor geworden war, verſicherte ſie, daß er, jetzt und für die Zukunft von materiellen Sorgen befreit, Nichts ſehnlicher 195 wünſche, als ſich mit ſeiner Gattin und ſeinem Kinde wieder zu vereinigen, und appellirte an das Herz und die Pflicht Eva's. Sie hatte damit eine ſchwierige Aufgabe zu löſen gehabt, da ſie der Gefühle und Anſichten der Letzteren ſich nicht verſichert halten konnte. Sie ſetzte auch noch hinzu, daß man auf die Einwilligung und Mit⸗ wirkung der Fürſtin wohl ſchwerlich rechnen dürfte, daher Nichts anderes übrig zu bleiben ſcheine, als daß Eva ſich zu einer Art Flucht entſchlöſſe, und dafür wolle ſie ihr die Mittel an die Hand geben, wenn ſie ſich dazu bereit er⸗ klärt hätte. Dieſer erſte Auftrag wurde von Roſe getreu und glücklich ausgeführt; Eva empfing aus ihrer Hand heim⸗ lich den Brief, war zuerſt äußerſt erſtaunt, als ſie hörte und ſah, daß er von ihrer Schwägerin kam, und dann auf das Tiefſte ergriffen und gerührt. Sie zögerte auch nicht, Julien zu antworten, daß ſie den Wunſch Victors ebenſo ſehnſüchtig theile und ſchon zu ihm geeilt wäre, hätte ſie nur ſeinen Aufenthalt gekannt und man ſie nicht gewaltſam zurückgehalten; ſie ſei bereit, ſich ganz den An⸗ ordnungen ihrer Schwägerin zu fügen, und würde je eher, deſto lieber das Schloß verlaſſen. Dieſe Antwort nahm Roſe gleich mit ſich; aber da ſie ſelbſt durch ihren Gatten 13* 196 behindert war, den ſie noch nicht in das Vertrauen zu ziehen wagte, vergingen wieder mehrere Tage, bis ſie den Brief Julien zuſtellen konnte. Die Letztere war hocherfreut,— ſie hatte ſich in Eva nicht getäuſcht und durfte nun die gewiſſe Hoffnung hegen, ihrem Bruder das Glück wiederzugeben. In vor⸗ ſichtigen, verabredeten Ausdrücken machte ſie ihm die freu⸗ dige Mittheilung, und es wunderte ſie eigentlich nicht wenig, daß ſie nicht umgehend eine Antwort darauf er⸗ hielt. Indeſſen waren ihre Thätigkeit und damit ihre Gedanken jetzt auf das Aeußerſte in Anſpruch genommen und richteten ſich faſt ausſchließlich auf Eva; die noth⸗ wendige Verzögerung ihrer Correſpondenz hinderte auch ſchnelleres Handeln. Der weitere Fluchtplan konnte jetzt nur einfach ſein; Eva mußte ſich die Gelegenheit verſchaffen, mit ihrem Kinde, ſei es bei Tage oder bei Nacht, das Schloß un⸗ bemerkt zu verlaſſen; in unmittelbarer Nähe deſſelben wollte Julie ſie dann in Begleitung ihres Dieners Robert mit einem Wagen erwarten und man ſo ſchnell wie mög⸗ lich zur Eiſenbahn zu gelangen ſuchen, um ſich auf letzterer ohne Verzug nach der Kaiſerſtadt zu begeben; erſt von dort 197 aus könnten die nöthigen Erklärungen an die Fürſtin erfolgen. Ohne von den Einzelnheiten dieſes Planes Kenntniß zu haben, vermittelte Roſe noch ein paarmal die ſchrift⸗ liche Verſtändigung zwiſchen den beiden Schwägerinnen, und darüber waren ſeit Juliens Eintreffen in der Stadt gerade vierzehn Tage vergangen, bis die Stunde der Aus⸗ führung kommen konnte. Eva hatte dazu den frühen Morgen gewählt, um welchen es in dieſer winterlichen Jahreszeit noch dunkelte; zu dieſer Stunde, ließ ſich an⸗ nehmen, daß die auf ſie gerichtete Wachſamkeit nachgelaſſen haben würde, und andererſeits waren nach dem Erwachen der Dienerſchaft, während die Herrſchaft noch ruhte, die Ausgänge des Schloſſes ſchon geöffnet. Der beſtimmte Tag brachte rauhes, unfreundliches Schneewetter mit ſich, man konnte ſich aber daran nicht kehren. Robert hatte den Wagen gemiethet, die Dienerin Juliens war mit dem Gepäcke voraus nach dem Bahn⸗ hofe, und um ſechs Uhr befand ſie ſich ſelbſt mit Erſterem und dem Fuhrwerke bei einem Ausgange des Schloßparkes, an dem unmittelbar eine große Landſtraße vorbeiführte. Es war noch ganz dunkel, und kein Menſch ließ ſich erblicken; für einen ſolchen Fall war verabredet worden, 198 daß man ſich ſtellen wollte, als wäre eine kleine Repara⸗ tur an dem Wagen nothwendig geworden, welche der Be⸗ diente und der Kutſcher allein beſorgen könnten. Gleich nach ſechs Uhr hatte auch Eva mit ihrem Töchterchen an dieſer Stelle ſein wollen; es verging in⸗ deſſen Minute auf Minute, und ſie erſchien nicht; Julien klopfte das Herz nicht allein in banger Erwartung des Ausganges dieſes für Victor ſo wichtigen Unternehmens, ſondern auch in der Erinnerung an die Zeit, welche ſie ſelbſt unter ſo mannigfachen Empfindungen an dieſem Orte verlebt hatte;— welche Erinnerung voll Freude, Schmerz und Vorwurf!— Endlich, als ihre Unruhe ſtieg, konnte ſie ſich nicht enthalten, den Wagen zu verlaſſen und über die mit Schnee bedeckten, aber ihr genug bekannten Wege des Parkes raſch auf das Schloß zuzugehen. Es war ein Wagniß für ſie dabei; wie leicht konnte ſie Jemandem begegnen, der ſie wiedererkannte!— Aber ſie befand ſich jetzt in einer Stimmung, in der ſie ſich kaum geſcheut haben würde, ihrer Mutter oder Graf Bielinski gegen⸗ überzutreten und von ihnen geradezu Eva's Auslieferung zu verlangen;— den Grafen verachtete ſie ja auch voll⸗ ſtändig, und keine Fiber erzitterte in ihr mehr vor ihm. 199 Aber es ſollte glücklicherweiſe nicht ſo weit kommen; auf dem halben Wege zum Schloſſe kam ihr Eva ent⸗ gegen, tief in einen Pelz gehüllt und unter demſelben ihr Kind tragend. Ungeachtetet der eleganten und koſtbaren Toilette gewährte dieſe junge und ſchöne Frau einen traurigen Anblick, wie ſie, vergrämt und angſtvoll, mit dem Theuer⸗ ſten, was ſie beſaß, faſt in Nacht und Nebel floh. Sie erſchien auch ſehr wenig gefaßt, kaum im Stande, ein Wort zu ſprechen. Die Schwägerinnen begrüßten ſich nur mit wenigen Worten; Eva konnte dann nur kurz berichten, die kleine Anna ſei ſehr unruhig geweſen, und habe ſie dadurch auf⸗ gehalten; nachher, als ſie ihre Zimmer verlaſſen, habe ſich ihr kein Hinderniß mehr in den Weg geſtellt, Niemand ſei ihr begegnet. Sie eilten dennoch, den Wagen zu erreichen, und zu der Zeit, als ſich annehmen ließ, daß Eva von ihrer Dienerin vermißt und der Fürſtin davon Meldung ab⸗ geſtattet worden ſei, befanden ſie ſich ſchon auf der Eiſen⸗ bahn und rollten pfeilgeſchwind der Kaiſerſtadt zu. Noch an demſelben Abende erreichten ſie dieſelbe. Unterwegs hatten ſie ſich vielſeitig ausgeſprochen; Julie erhob und ſtärkte die ſchüchterne Frau, die ſich ihr ganz 200 vertrauungsvoll hingab, mit ihren klaren und richtigen Anſchauungen, und ſie waren die beſten Freundinnen geworden. Es war eine Lieblings⸗Idee von Julien, daß Victor mit den Seinigen ſie nach Nord⸗Amerika zurückbegleiten möge, und dafür ſuchte ſie auch jetzt ſchon Eva zu ge⸗ winnen; ſie ſelbſt ſehnte ſich nach dem Grabe ihres Man⸗ nes, Victor hatte in Europa am Ende auch Nichts mehr zu gewinnen, ſie Alle waren dort den wahrſcheinlichen kleinlichen Verfolgungen der Fürſtin und Graf Bielinski's entrückt, und es umwehte ſie dann die friſche Luft der Freiheit, welche die Verhältniſſe der alten Welt nur allzu ſehr beſchränken. Eva war ganz damit einverſtanden, wenn ſie auch die Reiſe über den Ocean beſonders für ihr junges Kind fürchten mochte; ſie dachte nur daran, daß Victor ſich dort wohler beſinden würde. Unter ſolchen Plänen, die ja aber noch ſeiner Einwilligung bedurften, kam man in der großen Stadt an und nahm natürlich ſofort den Weg nach ſeiner Wohnung. Wie ſchlugen die Herzen der beiden Frauen dem Wiederſehen entgegen, das ſich ja bald, wenn noch einige 201 anſcheinende Mißverſtändniſſe gelöſt waren, zu der reinſten Freudigkeit geſtalten mußte!— Es fiel Julien ſofort auf, daß es in der Wohnung ihres Bruders auffällig ſtill ausſah; ſie bemerkte davon aber Nichts gegen ihre Schwägerin. Als ſie ein paarmal die Klingel gezogen hatte, erſchien ſein Diener, ſichtlich müde und ſchläfrig; wie er ſie erkannte, fuhr er betroffen zurück. „Graf Horneck, mein Bruder, nicht zu Hauſe?“ fragt Julie kurz. „Um Verzeihung, gnädige Frau,— der Herr Graf iſt—“ Der Menſch ſtockte ſo ſonderbar und wurde augen⸗ ſcheinlich noch verwirrter. Julie war ſchon in das Vorzimmer getreten und Eva ihr zagend gefolgt; ſie hatten Beide doch einen andern Empfang erwartet. „Sprechen Sie kurz heraus, Johann!“ ſagte Julie in befehlendem Tone.„Wann erwarten Sie Graf Horneck zurück?“ „Euer Gnaden,“ erwiderte der Mann, mit einem ſcheuen Blicke auf die ihm fremde Eva ſich näher zu ihr beugend und flüſternd,—„wollen Sie mir nicht ge⸗ 20² ſtatten, Ihnen die ſchlimme Nachricht unter vier Augen mitzutheilen?“ Julie war wie erſtarrt; ſie faßte ſich indeſſen ſchnell und lud Eva ein, in das nächſte Zimmer zu treten, wohin ſie ihr ſogleich folgen würde; dann fragte ſie den Bedienten ſtockend: „Nun, Johann?“ „Der Herr Graf iſt ſchon vor acht Tagen gerichtlich verhaftet worden und befindet ſich im Inquiſitionsgefäng⸗ niſſe,“ antwortete er, die Achſeln zuckend.„Wir ſind in der größten Beſtürzung,— die ganze Dienerſchaft iſt da⸗ vongelaufen, ich bin allein noch hier.“ Etwas Spezielleres über die gegen Victor erhobene Anklage wußte er nicht anzugeben; ſelbſt Julie dachte weniger an die, ihrer Meinung nach geordnete Schuld⸗ angelegenheit mit dem Baron von Sterner, wie ſie arg⸗ wöhnte, ihr Bruder möge noch etwas Anderes begangen haben, das er ihr verheimlicht habe. Sie war von dieſem Gedanken ganz niedergeſchmettert und bedurfte der vollſten ſelbſtverleugnenden Kraft, um ihrer Schwägerin anſcheinend ruhig wieder gegenübertreten zu können. Sie ſagte Eva, Victor hätte in einer dringenden Ge⸗ ſchäftsſache auf einige Tage verreiſen müſſen, zumal er 203 ihre Ankunft wohl noch garnicht ſo bald erwartet hatte; ſie werde einſtweilen bis zu ſeiner Rückkehr hier bleiben. Eva mochte dies glauben, aber war ſehr traurig. Wenn ſie in bangen Ahnungen eine ruheloſe Nacht zubrachte, ſo noch viel mehr Julie. Bei ihrer Ankunft war es ſchon zu ſpät geweſen, als daß ſie ſich Sicherheit über Victors Schickſal verſchaffen gekonnt hätte; es drängte ſie nun aber gewaltig, dies am folgenden Tage zu thun. Unter einem paſſenden Vorwande fuhr ſie ſchon ziemlich früh aus und ließ ſich bei dem Staats⸗Prokurator anmelden, auf deſſen Verfügung, wie ſie von dem Bedienten gehört hatte, Victor verhaftet worden war. Sehr artig aufgenommen, erfuhr ſie das Folgende, das wir lieber der Thatſache nach berichten. 1. Auch Victor hatte ſich nach den von ſein Schweſter getroffenen Maßregeln ganz ſicher vor einer Klage des Barons von Sterner gefühlt. Seit Juliens Abreiſe hielt er ſich gänzlich zurückgezogen und lebte faſt nur noch in den Gedanken an das Wiederſehen der Seinigen; in dieſer Zeit reifte auch in ihm der von ſeiner Schweſter an⸗ geregte Entſchluß, nach Amerika zu gehen; von ſeiner Mutter erwartete er Nichts mehr und wollte ihre Güte keineswegs in Anſpruch nehmen; in ſeinem niedergedrück⸗ —————õ————— — —-—————— 204 ten Gemüthszuſtande fügte er ſich leichter, wie es ſonſt wohl geſchehen wäre, der Nothwendigkeit, Graf Bielinski ohne weiteren Kampf das Feld zu räumen. Den Brief ſeiner Schweſter, worin ſie ihm mittheilte, daß Eva lebhaft wünſche, zu ihm zurückzukehren, und alle Anſtalten getroffen ſeien, dies bald zu bewerkſtelligen, hatte er gerade erhalten und fühlte ſich darüber ſehr glücklich, war auch ſchon im Begriffe, ihn zu beantworten, als ſich die Gerichtsbeamten bei ihm anmelden ließen. Dies ſetzte ihn einigermaßen in Verwunderung, beunruhigte ihn aber nicht beſonders, da er meinte, es handle ſich um eine bereits geordnete Schuldfrage. Zuerſt legte man ihm in der That ſeine dem Baron von Sterner gegebene Schuldverſchreibung vor und fragte ihn, ob er ſeine Namensunterſchrift anerkenne. Als er dies ruhig bejaht hatte, wurde ihm ohne Weiteres ſeine Verhaftung im Namen der Staatsanwaltſchaft angekündet, und es verblieb dabei trotz ſeiner Berufung darauf, daß Alles angeordnet worden, die Schuld zu decken, letzteres vielleicht ſchon geſchehen ſei. Victor war juriſtiſch zu wenig bewandert, um ſofort zu begreifen, um was es ſich eigent⸗ lich handelte; er hielt ſich überzeugt, daß ſich das Miß⸗ verſtändniß bald aufklären müßte, und da alle ſeine Ein⸗ 205 wendungen kein Gehör bei den ſtarren Beamten fanden, folgte er ihnen, nachdem er ſeinem Diener geſagt hatte, er werde ohne Zweifel in einigen Stunden zurück⸗ kehren. Erſt vor dem Prokurator, der ihm eröffnete, daß er wegen mißbrauchter Namensunterſchrift, abgeſehen von der Schuld an und für ſich, unter Anklage geſtellt ſei, öffneten ſich ihm die Augen; man beſchuldigte ihn alſo eines ſchmählichen Verbrechens, deſſen er ſich wohl auch ſchul⸗ dig fühlen mußte, und der Ton des Beamten, der übrigens alle Höflichkeit zu beobachten ſuchte, verrieth ihm, daß dieſe Angelegenheit ſehr ernſt werden könne. „Warum beſteht man aber auf dieſer Sache, die mor⸗ gen ſchon erledigt ſein kann, wenn ich dieſen Schuldſchein nach Erfüllung meiner Verbindlichkeit zurückerhalte und vernichte?“ fragte er unruhig. „Das Geſetz will es ſo, Herr Graf,“ erwiderte der Prokurator ernſt, und in ſeinem Zlicke ſchien ſich doch eine gewiſſe Theilnahme nicht zu verleugnen.„Die Anklage geht von Ihrer Frau Mutter aus, nicht von dem Baron von Sterner.“ Dieſe Worte ſchmetterte Victor vollends nieder; ſeine Mutter hatte ihn dem Gerichte überliefert, ohne Noth, 206 ohne die Befürchtung, nur einen materiellen Schaden er⸗ leiden zu können, der bei ihrem großen Vermögen kaum in Betracht kommen konnte; er verſtand auf einmal Alles: ſie und Graf Bielinski wollten ihn um jeden Preis, ohne alle Rückſicht verderben. Er fühlte ſich ſo erſchüttert, daß er kein Wort mehr ſagen konnte; er brauchte längere Zeit, ſeine Gedanken zu ſammeln, um das Ungeheuerliche zu begreifen; ſein immer noch krankhafter Zuſtand trug dazu bei, ihn zu verwirren. Stumpf ließ er ſich in das Gefängniß führen. Es wurde ihm ein anſtändiges Zimmer angewieſen, das natür⸗ lich jeden Luxus entbehrte; was lag ihm auch noch daran? — er fühlte ſich auf einmal als gemeiner Verbrecher!— Und dann kam die ſo überaus demüthigende Unterſuchung ſeiner Perſon, die in dieſem Falle wahrſcheinlich ſehr gut angebracht war, ihn zu verhindern, daß er ſich ſelbſt einen Schaden thäte, um ſich dem Laufe der Gerechtigkeit zu entziehen, nichtsdeſtoweniger aber einen Mann von Stand und Bildung mit den Zähnen knirſchen laſſen mußte. Man nahm ihm ab, was er von Koſtbarkeiten und Geldes⸗ werth bei ſich trug,— zu welchem vernünftigen Zwecke? — aber die Gefängnißvorſchriften beſagen es doch einmal 207 ſo!— man unterſuchte, ob er keine Waffe bei ſich trage, Nichts, was ihm etwa zur Entweichung hätte dienen können,— und dabei waren doch ſtarke eiſerne Gitter vor dem einzigen Fenſter angebracht, die Mauern waren ſo dick und die Thür wurde ſo ſorgfältig geſchloſſen. Aber was iſt ein Kriminalgefangener dem Geſetze und ſeinen Vollſtreckern gegenüber, wenn er ſich noch in der Vorunterſuchung befindet?— Nichts weiter als ein ſeelenloſer Gegenſtand, den man zur Ueberwachung er⸗ halten hat, den man mit allen erdenklichen Vorſichtsmaß⸗ regeln feſſerln muß, um ihn der Strafe zu überantworten, die ihn nicht etwa zur richtigen Erkenntniß ſeines Fehlers oder ſeiner Schuld bringen ſoll,— Gott bewahre! dafür thut der moderne Staat herzlich wenig!— ſondern die höchſtens als abſchreckende Warnung für Andere dienen ſoll, die bekannter Weiſe, wenn ſie von ihren Leidenſchaften getrieben werden, ſich auch nicht im Mindeſten daran kehren. Das Uebel, die Sünde aber bei der Wurzel zu faſſen und ſoweit zu bekämpfen, wie die menſchliche Natur es eben zuläßt, durch hinreichende Erziehung der Jugend, durch Unterſtützung der wahrhaft Bedürftigen, ohne ſie öffentlich zu entehren, durch ſtrenge Ahndung der großen Verbrechen gegen die Moral, welche die ſogenannte vor⸗ 208 nehme Welt begeht, an der ſich die niedrigen Leute doch gern ein Beiſpiel nehmen, ſchließlich dadurch, daß man den geſunkenen und beſtraften Uebelthäter wieder zu heben und würdig der menſchlichen Geſellſchaft zurückzugeben ver⸗ ſucht,— dazu iſt noch kein Mittel gefunden worden, wie lange Zeit man auch hatte, darüber nachzudenken. Es iſt richtig, daß die böſe Welt ihre ſtrenge Zucht haben will, aber die Milde iſt menſchlicher als die Strenge, ſie wird in hundert Fällen gegen zehn beſſere Reſultate erzielen, und der Buchſtabe des Geſetzes tödtet, ſeine freie und rein menſchliche Auffaſſung, die aber den ſtudirten Leuten vom Fache allein nie möglich ſein wird, könnte nur wohl⸗ thätig wirken. Wir ringen uns jetzt allmälig frei von dem Joche der theologiſchen Orthodoxie, und der gute Menſch wird die wahre Religion dabei nicht einbüßen, und unſere Ge⸗ ſetzbücher, mehr noch aber ihre praktiſche Anwendung, ſtammen zum größten Theile noch aus der alten Zeit her, die nur ſtarre Grauſamkeit kannte! Graf Horneck hatte gefehlt, und bei der geſetzlichen Strenge, die man gegen ihn zur Anwendung brachte, war es noch das Beſte, daß man auf ſeinen Stand keine allzu hohe Rückſicht nahm; der arme, niedrige Mann, der ähn⸗ 209 lich gehandelt hätte, wäre mehr zu beklagen geweſen wie er, deſſen durch Bildung erhobener Verſtand beſſer das Rechte und Unrechte zu erkennen vermochte,— aber war Graf Horneck ein ſo großer Sünder, daß man ihm auch mehr, weit mehr nehmen durfte wie jenem armen, niedrig⸗ geborenen Manne?— Das iſt die Frage in unſerer Geſchichte, und unſere Leſer mögen ſie, nicht nach juriſtiſchen Grundſätzen, ſondern nach ihrem rein menſchlichen Gefühle entſcheiden!— Es iſt ein recht hübſcher und gewiß zu billigender Grundſatz, daß Alle vor dem Geſetze gleichſtehen ſollen, aber er iſt in der Praxis leider nicht wahr und ausführbar. Einzelne Perſonen ſchließt das Geſetz ſelbſt von dieſem Grundſatze ausdrücklich aus. Viele beſitzen eben das Mittel, ſich ihm gut oder übel zu entziehen. Was bleibt dann noch von der moraliſchen Gerechtigkeit des Geſetzes übrig, wenn es auch nur einen Einzigen nicht zu berühren wagt oder dazu ohnmächtig iſt?—— Die gerichtlichen Vernehmungen Graf Hornecks be⸗ gannen nun; welche Triebfedern auch dahin wirken mochten, ſie gingen ſchnell von ſtatten. Er leugnete da auch Nichts und führte Nichts zu ſeiner Vertheidigung an, war er doch wieder in jene dumpfe Reſignation verſunken, die Julie bei Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 14 210 3 ihrer Ankunft in ihm gefunden hatte. Damals fürchtete er die Schande erſt, jetzt war ſie über ihn hereingebrochen. Er war ein ſtiller, gehorſamer Gefangener, dennoch beob⸗ achtete man ihn ſtreng und aufmerkſam, da man befürchten mußte, er könnte verſuchen, ſich ein Leid anzuthun, oder es möge eine Geiſteszerrüttung eintreten; da er Mitleid erregte, behandelte man ihn aber auch milde und, ſo weit dies anging, ſeinem Stande gemäß. Die Wiederöffnung der Aſſiſen, vor welche dieſer Fall gehörte, ſtand in naher Ausſicht; man bereitete dieſen Prozeß dafür vor.. Um dieſe Zeit langten Julie und Eva an, und Er⸗ ſtere hatte ſich, wie man ſchon hörte, zu dem Staats⸗ prokuratur begeben; in leidenſchaftlicher Aufregung beſchwor ſie ihn, die Sache rückgängig zu machen. Das war natür⸗ lich nicht mehr möglich. Der Prokuratur ſprach ſein tiefſtes Bedauern darüber aus, fühlte es wohl auch wirk⸗ lich,— daß ſeine Pflicht ihn genöthigt habe, dieſe Anklage zu erheben, und fügte hinzu, daß die Deckung der Schuld immerhin als ein Milderungsgrund gelten und er das möglichſt niedrige Strafmaß ſtellen werde; wie konnte dies Julie tröſten, die, ebenſo wie Victor, fühlte, daß es nicht auf das Strafmaß ankomme, ſondern auf die entehrende 211 Strafe überhaupt nach einem ſkandalöſen Proceſſe?— Ihre Bitte, Victor ſehen und ſprechen zu dürfen, wurde ihr überdies noch abgeſchlagen, bis der Richterſpruch ge⸗ fällt ſein würde, dagegen ihr und Eva geſtattet, an ihn zu ſchreiben, unter der Bedingung, daß dieſe Briefe einer Controle unterworfen würden. Julie verlor dennoch nicht allen Muth und alle Hoffnung. Zunächſt ſorgte ſie dafür, daß ihr Advokat die bewußte Summe ſofort baar an den Baron von Sterner auszahlte, und reichte die Quittung der Staatsanwaltſchaft ein; dann wandte ſie ſich ſchriftlich an die allerhöchſten Stellen und flehte in rührender Weiſe um einen Gnaden⸗ akt, durch welchen der Prozeß niedergeſchlagen würde; man antwortete ihr darauf, man müſſe dem Geſetze und der Gerechtigkeit freien Lauf laſſen, gerade weil der An⸗ geklagte ein Mann von Stand und Bildung ſei, die ihn vor ſolchen Irrthümern hätte bewahren ſollen; nur Eines erreichte ſie endlich, daß bei der bevorſtehenden Gerichts⸗ verhandlung die Oeffentlichkeit ausgeſchloſſen werden ſollte, und dies auch nur durch ſchwere Opfer, daß ſie ſich ſelbſt als Zeugin gegen ihre Mutter vernehmen ließ und die delikateſten oder undelikateſten Familienverhältniſſe bloß⸗ legen mußte. —— —— ————ſſſ 212 Es war ihr nun auch nicht möglich geweſen, Eva die Wahrheit zu verſchweigen, und ſie hatte viel damit zu thun, dieſe aufrechtzuerhalten, die ſich beſonders anklagte, daß ſie der Aufforderung ihres Mannes, bei Zeiten die Schuld zu decken, nicht nachgekommen war. Dieſen Fehler, der freilich nur aus einer durch An⸗ dere mißbrauchten Schwäche entſtanden, aber nun ſo ver⸗ hängnißvoll geworden war, konnte ſelbſt Julie ihrer Schwägerin nicht recht verzeihen, aber ſie beherrſchte ſich mit aller Kraft, um dies Eva nicht wiſſen zu laſſen, ſie ſelbſt zu entſchuldigen. Ueberhaupt benahm ſie ſich mit bewunderungswürdiger Energie. Sie ſchrieb an die Fürſtin, ihre Mutter, machte ihr gemeſſene, aber doch äußerſt bittere Vorwürfe und theilte ihr mit, was ſie vor Gericht ausgeſagt hatte,— dies blos in der ſchwachen Hoffnung, daß die Fürſtin, in welcher die Muttergefühle doch nicht wiederzuerwecken waren, in der Furcht vor Aufdeckung ihrer Schande Alles aufbieten würde, den Prozeß dennoch rückgängig zu machen. Mochte Jene dies nun auch vergeblich verſucht haben oder trotzte ſie Allem,— ſie antwortete ihrer Tochter nicht einmal, und Nichts wurde geändert. Julie und Eva hatten auch an Victor geſchrieben und —— 8 213 ihn auf das Dringendſte beſchworen, ſich nicht der Ver⸗ zweiflung hinzugeben; wenn auch die ganze Welt ihn ver⸗ urtheilte, die Herzen der Gattin und Schweſter würden doch umſo treuer an ihm hängen bleiben und ſie Drei mit ſeinem Kinde zuſammen ſich jenſeits des Oceans, wo⸗ hin die Kunde von ſeinem Mißgeſchicke nicht gedrungen, eine ſchöne, friedliche Heimath gründen. Victor durchlas dieſe Briefe ſchweigend, und Niemand würde zu beurtheilen vermocht haben, was dabei in ſeinem Inneren vorging; er beantwortete ſie nicht, wohl nur aus dem Grunde, daß ſein Schreiben dann auch die anüüich Kontrole paſſiren ſollte. So kam die Eröffnung des Schwurgerichtes heran. Es war für Victor und die Frauen ein Glück zu nennen, daß die bittere Entſcheidung nicht noch länger hinaus⸗ geſchoben wurde, denn die qualvolle Unruhe, die ſie ausgeſtanden, mußte mit jedem Tage unerträglicher werden. Julie hatte den renommirteſten Advokaten der großen Stadt für ihren Bruder gewonnen; er rechnete auf eine milde Strafe, aber nicht auf völlige Freiſprechung ſeines Klienten, woraus er ihm und ihr kein Hehl machte. Von der Gegenpartei waren, neben einigen untergeordneten Per⸗ ⅛— —- —— — — 214 ſonen, die Fürſtin, Graf Bielinski, Director Croup, Ba⸗ ron von Sterner und deſſen Advokat als Zeugen geladen worden; es konnte für ihre Sache keinen günſtigen Ein⸗ druck machen, daß nur der Letztgenannte ſich perſönlich einfand, während die Uebrigen ihre Ausſagen ſchriftlich einreichten. Daß Graf Bielinski in ſeinem leidenden Zuſtande— von dem Duelle war auch jetzt noch nicht die Rede— nicht eine weitere Reiſe unternehmen und ſich einer auf⸗ regenden Gerichtsverhandlung ausſetzen konnte, war ganz erklärlich; aber auch Fürſtin Mathilde wollte erkrankt ſein und wußte genügende Atteſte dafür beizubringen. Director Croup hatte, ſobald er die gerichtliche Vorladung erhalten, ſeinen längſt vorbereiteten Plan ausgeführt und war plötz⸗ lich von den fürſtlichen Gütern verſchwunden,— Niemand wußte, wohin, aber der Grund ſtellte ſich nur zu deutlich heraus, als man ſeine lüderlich geführten Bücher und Rechnungen in näheren Augenſchein nahm; jedenfalls fürchtete er, bei den gerichtlichen Verhandlungen möchten Dinge herauskommen, die ihm an den Hals gehen könnten, und zog es vor, ſich mit ſeiner reichlichen Beute in Sicher⸗ heit zu bringen. Baron von Sterner war, nachdem er ſein Geld empfangen hatte, ſchleunigſt in das Ausland 215 gereiſt und ſein zeitiger Aufenthalt nicht zu ermitteln. Die Verhandlungen des Prozeſſes wurden indeſſen nicht auf⸗ geſchoben, denn man ſah wohl ein, daß man dieſe Zeugen nimmermehr würde zur Stelle bringen können. Obgleich für dieſe Gerichtsſitzung die Oeffentlichkeit ausgeſchloſſen worden, worüber die Kaiſerſtädtler vielfach murrten, kannte man doch allgemein mehr oder weniger genau den Fall und war äußerſt geſpannt auf das Urtheil, wie ſich aus der hohen Lebensſtellung, welche der An⸗ geklagte einnahm, und den perſönlichen Bekanntſchaften mit ihm leicht erklären läßt; es gab zwar Viele, die ein ſehr ſtrenges Urtheil wünſchten und erwarteten, aber viel⸗ leicht noch Mehrere, die für den jungen Mann Mitleid fühlten; ſein Sturz von der Höhe des Lebens in die Tiefe erſchien doch gar zu tragiſch und, bei den Gerüchten, die ſich über die wahren Verhältniſſe verbreitet hatten, grauſam. Als nach einer vorausgegangenen öffentlichen Ver⸗ handlung der Sitzungsſaal vom Publikum geräumt worden und nur noch wenig Bevorzugte als Zuſchauer geblieben waren, wurden die Zeugen und der Angeklagte eingelaſſen. Graf Horneck hatte ſich ſehr einfach in Schwarz ge⸗ kleidet und ſah ungemein blaß aus, dabei aber ſtill er⸗ 216 geben in ſein Schickſal; ſeitdem ihm bekannt geworden, daß er vor das Gericht treten ſolle, erſchien er überhaupt viel gefaßter und ruhiger, ſogar der Abglanz des früheren berechtigten männlichen Stolzes, der aber weit entfernt von Anmaßung und Frivolität blieb, lag wieder auf ſeinem Geſichte;— mochte er vielleicht dennoch an ſeine Frei⸗ ſprechung glauben oder war die Reſignation über ihn ge⸗ kommen, die unter Umſtänden das Bewußtſein verleiht, daß man mehr leiden muß, als man verdient hat?— Als er ſeine Schweſter erblichte, die in Trauerkleidung auf der Zeugenbank ſaß und ſich ebenſo ernſt und gefaßt wie er zeigte, zog der Ausdruck wehmüthiger Freude über ſein Geſicht und Beide grüßten ſich kurz mit der Hand. Julie brach unmittelbar darauf in Thränen aus, erholte ſich aber ſchnell wieder oder bot wenigſtens alle Kraft auf, ſo zu erſcheinen. Wir wollen die allgemein bekannten Gerichtsverhand⸗ lungen, die ſich im Ganzen doch immer in ähnlicher Form entwickeln, nicht in ihren Einzelnheiten ſchildern. Die Geſchwiſter blieben während derſelben in ihrer Haltung, die etwas Würdevolles beſaß und aller Anweſenden In⸗ tereſſe feſſeln mußte; nur als der Gegenadvokat die ſchmäh⸗ lichſten Beſchuldigungen auf Graf Horneck häufte, blitzte 217 der Zorn in deſſen wie in Juliens Augen auf, doch wußten ſie ſich gut genug zu beherrſchen. Wie auf der anderen Seite Victors geſchickter Vertheidiger ſeine Rede hielt, in ergreifender Weiſe an die Herzen der Geſchworenen und Richter appellirte, wie ſo manche intimen Familienverhält⸗ niſſe zur Sprache gebracht werden mußten, blickte der An⸗ geklagte düſter und wehmüthig vor ſich hin und Julie vergoß öfter Thränen. Der Vertheidiger ſuchte die Strafloſigkeit ſeines Klien⸗ ten dadurch zu begründen, daß er ſeiner Mutter thatſäch⸗ lich die beſten Dienſte bei Verwaltung ihres Vermögens geleiſtet und daß er von ihr die Vollmacht beſeſſen habe, jede beliebige Summe aufzunehmen, daß ihr aus ſeiner Handlungsweiſe übrigens nicht der mindeſte Schaden er⸗ wachſen wäre,— aber die unſelige Spielgeſchichte war doch nicht zu leugnen, wenn auch Alle erkennen mußten, welch' nichtswürdiges Komplott gegen Victor ſie herbei⸗ geführt hatte.. Geſchworene und Richter waren ſichtlich tief bewegt und zu Gunſten des Angeklagten eingenommen, der per⸗ ſönlich kein Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorbrachte. Als die Erſteren ſich zu ihrer Berathung zurückgezo⸗ ———— C..“ ————ꝭ—QO(-₰,———— 4— —4——— 218 gen hatten, herrſchte in dem Gerichtsſaale eine peinliche Stille; alle Zurückgebliebenen blickten düſter vor ſich hin. Es war ein ungemein feierlicher Moment, als die Geſchworenen zurückkehrten und ihr Obmann ſich erhob, um den Wahrſpruch zu verkünden. Derſelbe lautete dahin, daß Graf Horneck des Miß⸗ brauches der ihm von ſeiner Mutter anerkannten Vollmacht, beziehentlich einer gefälſchten oder unberechtigten Namens⸗ unterſchrift, ſchuldig befunden worden, daß die Geſchwore⸗ nen ſich aber nach einſtimmiger Meinung bei dieſem noth⸗ wendigen Spruche perpflichtet fühlten, ihn auf das Wärmſte dem mildeſten Urtheile des Gerichtshofes zu empfehlen. Die beiden Geſchwiſter, die mit den geſetzlichen Ein⸗ richtungen nicht genügend vertraut waren, ſchienen aus dieſem Spruche eine lebhafte Hoffnung zu ſchöpfen; ſie begriffen noch nicht recht, daß auf das Wort„Schuldig“ eine Strafe erfolgen müſſe. Die Mitglieder des Gerichtshofes beriethen ſich nur kurze Zeit, dann erklärte der Präſident, Graf Horneck ſei zu einjähriger Kerkerhaft verurtheilt. Das war ein Donnerſchlag für Victor und für Julie; leichenblaß lehnte er ſich zurück und ſchloß die Augen; 219 aus den ihrigen ſtürzten unaufhaltſam die Thränen. Es war Alles dahin— Victors Ehre für immer vernichtet! — Sie hörten kaum, wie der Präſident, ſichtlich tief ge⸗ rührt, hinzuſetzte, der Gerichtshof werde ſelbſt dringend an die Gnade des Kaiſers appelliren und übrigens ſtehe dem Verurtheilten noch eine Berufung auf die zweite In⸗ ſtanz zu. Es wurde Victor und Julien nun geſtattet, in einem Nebenzimmer ſich eine gewiſſe Zeit lang zu ſprechen, dies auch für die Gattin Graf Hornecks in weitere Ausſicht geſtellt. Sie erhoben ſich Beide und gingen, er natürlich begleitet von einem Beamten; tief erregt grüßte er die Richter und Geſchworenen und verließ feſten Schrittes den Saal.—* Es wurde eine ſchmerzliche Scene, die ſich nun zwiſchen den Geſchwiſtern entwickelte. Der Beamte trat rückſichts⸗ voll an ein Fenſter und blickte hinaus, aber er wiſchte ſich doch heimlich eine Thräne aus dem Auge. Julie bot Alles auf, ihren Bruder zu beruhigen, der in ſtummer Verzweiflung verharrte; er ſagte nur einmal: „Ich ertrage eine ſchmähliche Strafe nicht— hätten ſie mich lieber lebenslang auf die Feſtung geſchickt!“—— 220 Nach einer altbewahrten Sitte giebt der Kaiſer all⸗ wöchentlich an einem beſtimmten Tage in ſeinem Reſidenz⸗ ſchloſſe Jedem, der ſich dazu meldet, eine perſönliche Audienz, um Beſchwerden oder Bittgeſuche anzunehmen. Schon das nächſte Mal nach der Gerichtsverhandlung gegen den Grafen Horneck ſah man in dem Vorzimmer eine junge, elegant gekleidete Dame in tiefſchwarzer Witwentracht; man las auf ihrem bleichen Antlitze das tiefſte innere Leiden, und doch trat ſie mit einer Würde und Be⸗ ſtimmtheit auf, welche ihren vornehmen Stand und die Gewohnheit, ſich in den höchſten Kreiſen zu bewegen, be⸗ zeichneten. Dem Adjutanten, welcher die Anmeldungen zu machen hatte, mußte ſie bekannt ſein; er behandelte ſie mit beſonderer Hochachtung und Artigkeit, ſprach ſehr angelegentlich und theilnehmend mit ihr und ließ ſie zuerſt in das Zimmer der Majeſtät treten, als die Audienzen eröffnet wurden. Der Kaiſer, ein ſtattlicher, noch junger Herr, ſtand in voller Uniform aufrecht an einem in der Mitte des Ge⸗ maches befindlichen Tiſche. Die junge Frau ſchritt, nachdem ſie ſich ehrfurchts⸗ voll verbeugt hatte, auf ihn zu, beugte ein Knie und g 3 221 überreichte ihm eine Bittſchrift mit den einfachen Worten, die hörbar aus ſchwergepreßter Bruſt kamen: „Majeſtät, ich flehe noch einmal Ihre Gnade für meinen unglücklichen Bruder, den Grafen Victor Hor⸗ neck, an!“ „Ihr Name?“ fragte der hohe Herr, der von der ganzen Erſcheinung dieſer Frau eigenthümlich bewegt zu werden ſchien. „Julie Fröhlich, verwittwete Doktor Fröhlich, ge⸗ borene Gräfin Horneck.“ Seine Stirn runzelte ſich leicht; er mußte ſchon wiſſen, um was es ſich handelte und wen er vor ſich hatte. „Sie nannten ſich einſt Gräfin Bielinska?“ bemerkte er in beinahe vorwurfsvollem Tone. „Zu meinem Unglücke, Majeſtät!“ erwiderte ſie;— „dieſe Schrift hat nicht den Zweck, mich zu rechtfertigen, ſondern meinen Bruder zu entſchuldigen, aber ſie mußte nothwendigerweiſe auch auf meine früheren Verhältniſſe Bezug nehmen.“ „Ihr Bruder hat ſich ſchwer vergangen.“ „Einmal im Leben, Majeſtat, in der Unbedachtſamkeit, 222 durch ſchändlichen Verrath und Intriguen dazu getrieben; er dürfte ſeine Fehler bereits ſchwer genug gebüßt haben.“ „Die über ihn verhängte gerichtliche Strafe iſt nicht zu hart.“ „Aber ſie wird ihm den Tod geben und vielleicht mir auch; ich werde Gott um dieſe Gnade anflehen, wenn uns die der Menſchen verläßt.“ Julie ſprach aus innerſter Ueberzeugung, und der Kaiſer ſtutzte über ihren Ton. „Sagen Sie mir ſchnell und kurz, was noch zur Er⸗ läuterung Ihres Geſuches dienen könnte,“ meinte er nach einer kleinen Pauſe;—„dieſer Fall hat großes Be⸗ dauern in mir erweckt.“ Die Audienz Juliens dauerte beinahe eine halbe Stunde; ſie mußte wohl die wahre Beredtſamkeit des Herzens entfaltet haben, denn der Kaiſer behielt das Ge⸗ ſuch zu ſeiner eigenen Beurtheilung zurück und entließ ſie mit gütigen, tröſtenden Worten. Schon am nächſten Tage erfolgte an das Gericht der allerhöchſte Beſcheid, die kaiſerliche Gnade habe die gegen den Grafen Horneck ausgeſprochene Strafe auf dreimonat⸗ liche Feſtungshaft gemildert und der Graf ſei der dortigen Militärbehörde zu übergeben. K ͤͤͤͤſͤſͤſſſſſ“ — —— 223 Als Victor dieſe Nachricht erhielt, leuchteten ſeine Augen hell auf, und er ſagte ernſt bewegt, aber doch freudig: „Gott ſegne den Kaiſer, der rein menſchlich zu be⸗ urtheilen wußte!“— Schluß. Der Sommer des nächſten Jahres breitete ſich mit ſtrahlender Pracht über die Erde aus, in der ſogenannten alten, wie in der neuen Welt, welche der weite Ocean trennt. Blicken wir zunächſt in die erſtere zurück und zwar auf das Schloß der Fürſtin Mathilde!— Dort herrſchte, wie jeder Fremde auf den erſten Blick ſehen konnte, ſtille, tiefe Trauer,— ein umheimlicher Geiſt ſchien es zu um⸗ ſchweben, deſſen Einwirkung ſich auf den Geſichtern faſt Aller kundgab, denen man begegnete, der Beamten, der galonirten Diener, des Landvolkes, das in Maſſe zum Schloſſe zog. Ueber dem letzteren wehte, ſchlaff herabhängend, eine große ſchwarze Trauerflagge. Im Inneren ging es geſchäftig her und dennoch mit derſelben drückenden Geräuſchloſigkeit, welche Alles rings — ——[————— 225 umher ſo duſter färbte. Es war eine Leiche im Hauſe, — man mußte dies ſchon fühlen, wenn man es nicht an allen den Vorbereitungen geſehen hätte, die getroffen wurden. Seit dem Prozeſſe Graf Hornecks, der nun ſchon beinahe dreiviertel Jahre alt war, konnte es im fürſtlichen Schloſſe nicht mehr zum rechten Leben kommen; die Herr⸗ ſchaft wollte keine Geſellſchaft um ſich ſehen, und die Ge⸗ ſellſchaft kam auch nicht, denn jene Geſchichte hatte doch einen böſen Fleck zurückgelaſſen, an den Niemand gern rühren mochte. Fürſtin Mathilde war außerordentlich verſtimmt, ſei es nun, daß ſie ſelbſt der Vorwürfe ihres Geyiſſens ſich nicht entſchlagen konnte, ſei es darüber, daß Victor immerhin noch ſo guten Kaufes davon gekommen war. Niemand mißbilligte die kaiſerliche Entſchließung, Alle ſchienen der Anſicht zu ſein, daß dem Grafen beinahe noch zuviel geſchehen war. Die Flucht Eva's mit ihrem Kinde trug in der näch⸗ ſten Umgebung der Fürſtin gewiß nicht wenig zu dieſem Urtheile bei. Alle hatten die ſanfte, leidende Frau lieb⸗ gewonnen und bemitleidet, und wenn fie ſich nun frei⸗ willig, ſogar unter ſo beſonderen Umſtänden, von ihrer Grabowski, Schickſal und Schuld. III. 15 226 Schwiegermutter trennen konnte, um zu ihrem Gatten zurückzukehren, ſo ſprach dies entſchieden gegen die Fürſtin. Dann waren auch noch durch des Güter⸗Directors 1 Croup langjährige Wirthſchaft und endliche Flucht die b fürſtlichen Vermögensverhältniſſe in eine Verwirrung ge⸗ bracht worden, die ſich von Tag zu Tag deutlicher heraus⸗ ſtellte. Gänzlich verarmen konnte die Fürſtin ſo leicht nicht, aber es war nun auch die höchſte Zeit geworden, daß wieder einige Ordnung in die Verwaltung komme, denn ſie hatte ungeheure Verluſte erlitten. Dieſer Aufgabe begann ſie ſelbſt ſich nun auch wieder mit der Energie zu widmen, die ſie früher ſchon einmal an den Tag gelegt hatte; Graf Stephan ſuchte ſich zwar wieder der Geſchäfte zu bemächtigen, aber theils war er noch zu krank, um ernſtlich arbeiten zu können, theils mochte die Fürſtin doch in dieſer Beziehung das Ver⸗ trauen zu ihm verloren haben und hielt ihn davon fern. Sonſt war aber ihre Neigung zu ihm geblieben und äußerte ſich in einer rückhaltsloſeren und auffälligen Weiſe; die gewöhnlichen Leute ſprachen ſchon davon, daß ſie ihren vormaligen Schwiegerſohn heirathen würde. In der That hatte Graf Stephan dieſen alten Plan wieder aufgenom⸗ men, und die Fürſtin ſchien demſelben weniger abgeneigt E—— 3 227 zu ſein wie früher; ſie fühlte wohl, daß ſie nach der un⸗ widerruflichen Trennung von ihren Kindern ganz allein in der Welt daſtehe, und der letzte Skandal hatte ſie gegen einen weiteren gewiſſermaßen abgeſtumpft; ſie ver⸗ langte von Graf Stephan nur noch zeitweiligen Aufſchub ihrer Entſchließung. Da trat das Schickſal überraſchend vor die Verwirk⸗ lichung ſolcher Pläne. Graf Stephan machte, von der ſcheinbaren Wiederkräftigung ſeiner Geſundheit und dem ſchönen Wetter verlockt, ſeinen erſten Ausritt nach der Krankheit. Mochte er wirklich noch zu ſchwach ſein, ein Pferd zu regieren, oder ſpielte der Zufall: er that einen gefährlichen Sturz und zerſchmetterte ſich auf der Stelle den Schädel an einem Baumſtamme; ſeine verſtümmelte Leiche wurde in das Schloß zurückgebracht. Fürſtin Mathilde war außer ſich; ſie vermochte ſich nicht einmal der Dienerſchaft gegenüber zu beherrſchen und ſtieß die wildeſten, gottesläſterlichſten Klagen aus; es zweifelte nun auch Niemand mehr an dem Verhältniſſe, in dem ſie zu Graf Bielinski geſtanden hatte, und den Leuten wurde vieles ihnen bisher Unbegreifliche klar. Und heute ſetzte man die Leiche des polniſchen Grafen in dem fürſtlichen Familienbegräbniſſe mit großem Pompe 15* 228 bei. Die Leute, die gewiſſermaßen zu dieſer Trauerfeier⸗ lichkeit befohlen worden und die auch die Neugierde herbei⸗ geführt, machten traurige Mienen, aber in keinem Herzen lag wohl wirkliche Trauer; höchſtens drückte der Ernſt dieſer wohl von einer höheren Hand herbeigeführten Kata⸗ ſtrophe die Gemüther nieder, man glaubte auch der ge⸗ fürchteten Herrin Theilnahme bezeugen zu müſſen, aber im Grunde war man recht froh, den läſtigen Herrſcher los⸗ geworden zu ſein. Wenn Jemand an ſeinem Sarge aufrichtige Thränen vergoß, ſo war dies Fürſtin Mathilde allein; ſie war eine wirklich verzweifelnde Frau.— Nun aber ein anderes friedlicheres Bild! Wir haben es in der neuen Welt zu ſuchen. In einer anmuthigen Gegend, deren Lage wir aus leicht begreiflichen Gründen nicht genauer bezeichnen dürfen, die mit allen friedlichen Reizen der Natur aus⸗ geſtattet und von fleißigen Menſchen auf das Beſte kultivirt iſt, über der zu allen Jahreszeiten ſich ein ſanftes, ge⸗ ſundes Klima ausbreitet, liegt, zunächſt von einem großen parkähnlichen Garten, in dem auch die treuen deutſchen Eichen vertreten ſind, weiterhin von lieblichen Landſchafts⸗ 8 — 3 ¹ 4 4 229 bildern umgeben, ein im Villenſtyle erbautes reſpektables Haus. Wohlhabenheit und die Eleganz, welche ſich weniger an den Luxus wie an wahren Comfort bindet, müſſen hier ihren Wohnſitz aufgeſchlagen haben; Alles, worauf ſich der Blick wendet, zeugt davon. Längs der ganzen Rückſeite des Hauſes, die dem Haupttheile des Parkes und einem ſorglich beſtellten Blumengarten zugewandt iſt, erſtreckt ſich eine breite Veranda; die Säulen, welche das flache Dach tragen, und zum Theil letzteres ſelbſt ſind dicht bedeckt mit großblät⸗ terigen Schlingpflanzen, und zwiſchen denſelben hängen mit großen, vollen Trauben die röthlichen Blüthen des Gly⸗ cines in reicher Fülle nieder und würzen die milde Abend⸗ luft mit ihrem Veichendufte. Auf dieſer Veranda ſieht man zur Zeit drei oder eigentlich vier Perſonen, verſchiedenartig beſchäftigt, augen⸗ ſcheinlich aber alle einem Gedanken und Gefühle hin⸗ gegeben, wie ſich überhaupt in dieſem kleinen Kreiſe wieder das Bild friedlicher Einigkeit und Ruhe, das ſich ſo weit umher ausbreitet, ſpiegelt. Da iſt zunächſt eine einfach häuslich, aber geſchmack⸗ voll gekleidete junge und ſchöne Frau mit goldblondem 230 Haar und hellen blauen Augen, aus denen das mütter⸗ liche Glück ſtrahlt, liebevoll ſorgſam damit beſchäftigt, einem allerliebſten kleinen Mädchen, das jetzt etwa andert⸗ halb Jahre alt ſein mag, aber ſchon verſpricht, dereinſt ihr Ebenbild zu werden, das Gehen zu lehren, und wie das Kind in heller Freude aufjauchzt, wenn ihm ein paar Schritte gelungen ſind und es in die ausbreitenden Arme der Mutter zurückgekehrt iſt, ſo wendet ſich dann auch die Letztere mit ſeligem, ſtolzen Lächeln zu den beiden Anderen, die ſie und das Kind mit dem freudigſten Intereſſe beobachten. Der junge Mann, der einen leichten Jagdanzug trägt, ſcheint bisher in Papieren gearbeitet zu haben, die vor ihm auf einem Tiſchchen liegen, an dem er ſitzt. Er ſieht noch ein wenig bleich aus, auf der hohen Stirn haben ſich auch leichte Falten gebildet, welche die Zeit wohl nicht wieder verwiſchen dürfte, aber die Röthe der Wangen, die friſche Geſundheit und volle jugendliche Kraft wird ſie gewiß bald wiederherſtellen, das beweiſt ſchon der ruhige, ſichere Blick, der auf Friede und Freude des Gemüths deutet. Die andere anweſende Dame, die nicht weit von ihm auf einem Gartenſtuhle Platz genommen und die feinen Hände mit einer Stickerei in den Schoß ſinken gelaſſen hat, „ ——B—B—B—B—ꝛ—ꝛꝛxx:———— 231 ſieht ihm nicht allein in den Geſichtszügen ähnlich, ſondern auch der auf denſelben liegende Ausdruck iſt ganz derſelbe; ſie trägt die ſchwarze Wittwenkleidung. Plötzlich, als die Mutter ſich wieder zu dem Kinde niedergebeugt hat, erhebt ſie ſich leiſe, tritt zu dem Manne, legt ſanft den Arm um ſeinen Hals und fragt flüſternd, indem ſie ihm voll in die Augen ſieht und leicht lächelt: „Nun, Victor, biſt Du glücklich?“ Und mit demſelben Blicke antwortete er ihr ebenſo leiſe: „Ueberaus glücklich— durch Eva, den kleinen Engel da und— Dich, meine theure, gute Julie!“ „Nun, was habt Ihr da?“ fragt freundlich die junge Frau, die das Flüſtern dennoch vernommen hat und zu ihnen aufblickt. 8 „Du willſt doch nicht gar eiferſüchtig auf mich werden, Eva?“ meint ſcherzend die Dame in Schwarz. Statt der Antwort nimmt Eva die kleine Anna auf den Arm und trägt ſie zu ihnen, und während das Kind fröhlich beide Arme um den Hals des Vaters ſchlingt, reicht ſie ihrer Schwägerin die Hand mit einem Blicke, der mehr ſagt wie unzählige Worte.—— Graf Horneck war nicht einmal drei Monate lang auf der Feſtung geblieben, wo man ihn mit Rückſicht und 232 ſogar Zuvorkommenheit behandelte und nicht das mindeſte Entwürdigende in ſeine Strafe legte; auch konnte er dort nach Belieben mit ſeiner Frau und Schweſter verkehren. Nach Ablauf der halben Strafzeit traf die vollſtändige kaiſerliche Begnadigung für ihn ein. Alle Vorbereitungen zur Abreiſe nach Amerika waren ſchon getroffen worden, und man verzögerte dieſelbe nun um keinen Tag. Ohne großen Schmerz ſchieden die drei Wiedervereinigten von ihrem Vaterlande. Mit der Fürſtin waren ſie auch nicht weiter in Verbindung getreten. Noch eine traurige Prüfung hatte das Schickſal für Victor vorbehalten. Es war nothwendig, daß ſie die herzogliche Reſidenz paſſirten, ſowohl um einen großen Umweg zu vermeiden, als weil Julie ihren Advokaten dort noch perſönlich ſprechen wollte. Man gedachte, ſich in dieſer Stadt in⸗ deſſen nur wenige Stunden aufzuhalten. Daß der Herzog im Laufe des Sommers verſchieden war und ſein Sohn die Regierung übernommen hatte, wußte man bereits; über das Ergehen der jungen Her⸗ zogin Anna, die Victor hoffnungslos wiedergeſehen hatte, fehlten indeſſen weitere Nachrichten. Als man in der Stadt eintraf, ließ ſich daſelbſt ſo⸗ 4 —————:::ñ———xxxx 233 gleich eine große unruhige Bewegung erkennen; die Rei⸗ ſenden blieben darüber nicht lange in Zweifel; vor acht Tagen war die junge Herzogin nach ſchwerem Leiden, die ſie mit Engelsgeduld ertragen haben ſollte, geſtorben, und 8 heute ſollte ihre Leiche feierlich beigeſetzt werden. Victor konnte ſeine tiefe Erſchütterung nicht verbergen; die Frauen ehrten ſeine Gefühle, die ihnen längſt kein Ge⸗ heimniß mehr waren, und ſchlugen, um ihn von größerer Aufregung zu erſparen, vor, ſofort weiter zu reiſen, aber er wollte noch wenigſtens den Sarg ſehen, der die irdiſche Hülle der ihm einſt ſo Theuren umſchloß. Die Erfüllung dieſes traurigen Wunſches war ihm leicht gemacht, denn der pomphafte Leichenzug ging dicht unter den Fenſtern des Hotels vorüber, in dem ſie ihre Wohnung genommen hatten. Der Herzog und die verwittwete Herzogin⸗Mutter folgten perſönlich; Letztere war offenbar tiefſchmerzlich nie⸗ dergedrückt, Erſterer hatte auch eine Miene angenommen, die Trauer ausdrücken ſollte, aber man konnte ohne große Mühe bemerken, daß ſolche ihm nicht im Herzen ſaß. Er verheirathete ſich nachher auch bald wieder. Was Victor anbetraf, ſo wandte er ſich vom Fenſter ab, als der Sarg vorüber war, deckte die Hände über das 334 Geſicht und ſaß ſo während einer langen Weile unbeweg⸗ lich; dann umarmte er ſeine Frau und Schweſter. Die weitere Reiſe ging glücklich von ſtatten, und Alle langten wohlbehalten in der neuen Heimath an, die Julie und ihr verſtorbener Mann ſchon ſo freundlich hergerichtet hatten. Wie ſie dort lebten, hat man ja ſchon geſehen; das reinſte Glück blühte ihnen allmählich immer mehr auf, und ſo iſt es bis auf die neueſte Zeit geblieben. Anfänglich nahm Victor nur die ziemlich große Land⸗ wirthſchaft ſeiner Schweſter wahr; ſpäter kaufte er noch Ländereien dazu, legte verſchiedene praktiſche Etabliſſements an und erwarb ſich ſelbſt ein anſehnliches Vermögen. In fleißiger Thätigkeit und innerer Zufriedenheit konnte er bald perſönlich auf die früheren Stürme ſeines Lebens zu⸗ rückblicken. Julie dachte nicht daran, ſich je wieder zu verheirathen, und befindet ſich glücklich inmitten der nun vergrößerten Familie ihres Bruders. Mit ihrer Mutter ſind ſie nie in Verbindung getreten, auch nicht, als ſie Graf Bielinski's Tod erfuhren, der Victors Gewiſſen nicht be⸗ laſten konnte; die Fürſtin hat ſich auch nie an ſie gewandt und ſich um eine Verſöhnung bemüht. Vielleicht wird ihr das Gewiſſen erſt in ihrer Todes⸗ ſtunde ſchlagen; einſtweilen iſt ſie eine außerordentlich ——— 335 fromme Dame geworden, aber ihre Umgebung und die Gutsunterthanen haben deshalb keinen Grund, ſie mehr zu lieben und zu achten wie bisher; möglich, daß ſie die immer noch anſehnlichen Reſte ihres Vermögens einmal der Kirche vermacht!— Victor und Julie haben ſich feſt vorgenommen, darauf zu verzichten. Was aus Baron von Sterner, ſowie aus Herrn und Frau Croup geworden, wiſſen wir nicht; es ſcheint, daß ſie der verdienten Strafe entgangen ſind, vielleicht trifft ſie dieſelbe auch ſpäter noch einmal. 3 Juliens treuer Diener Robert, Roſe und ihr Mann, die, den Argwohn der Fürſtin befürchtend und des Lebens auf deren Gütern ſatt, ebenfalls die Heimath verließen, ſind unter guten Verhältniſſen noch jetzt im Hauſe der verwittweten Dr. Fröhlich. So hat über ihnen Allen das oft unbegreifliche Schick⸗ ſal gewaltet, und für wen ſich die eigene Schuld, die er daran trug, hier nicht verſöhnen ließ, der wird dieſes Ziel wohl in einer anderen, uns ebenſo unbegreiflichen Welt erreichen. Ende. S 3 5 *27 5 95 B 8 S5 —₰ — 8 8 — 88 8 8 —₰ 8 S 82 2 8 S — 8