Leihbibliothek e deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe de hinterlegen, welche bei deſſen Zuri⸗ ird. eſſelben entſprechende Summe ickgabe von mir zurückerſtattet w 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— 3. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. 50 Pf. 2 WMr.— Pf. 53. Auswärti der Bücher auf en.— Iſt das zerriſſe ch ein Thei des G. age feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ ehen haben. V —— Album. Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Dreizehnter Jahrgang. Neunzehnter Band. 1 † 3 In Wald und Schloß. II. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. 4— In Wald und Schlaß. Novelle von St. Graf Grabowski. Zweiter Band. Prag und Leipzig, Verlag vön J. L. Kober. 1858. Erſtes Capitel Bweites Capitel. Drittes Capitel Viertes Capitel Fünftes Capitel. Sechſtes Capitel Siebentes Capitel Inhalt. — In Mald und Schloß. Zweiter Band. 4 8 8 2 2 Erſtes Capitel. es oft wiſch ſuch gräfliche Schloß bereits vor länger als einem Monat ver⸗ laſſen, da ſie ſich überzeugen mußte, ihre Gegenwart ſei Cgmont läſtig. Sobald Ida dieſer Wahrnehmung gewiß 6 8 tenſee zurück zu kehren und Egmont zu vergeſſen, aber nu zu bald fühlee fe 1 Doctor Mittermann verſicherten. Ida fühlte ſich dur ihre unglückliche Leidenſchaft tief gebeugt, aber ſie ver mochte ſie nicht aus dem Herzen zu reißen, und an d t einſt von ihr abgeſtoß 1 Hinderniß,, ſchien und die im ſteten Kampfe mit der jungfräuli Scheu ſtand; Ida war zu dem Punkte gelangt, wo ſieh ſagen mußte, ſie wolle Egmont um jeden Preis beſitz 3 Darum wurde es Gräfin Eleonore, die ſie errieth, und ihrer Matter nicht ſchwer, ſie zu bewegen, Breitenſee von Neuem zu beſuchen, was ſeitdem ſchon zu mehreren Malen ſtatt⸗ gefunden hatte. „Du biſt ſehr unaufmerkſam, Couſin,“ ſagte Ida, plötzlich im Leſen inne haltend,—„und das iſt durchaus nicht galant von Dir. Ich wollte wetten, daß Du gar nicht weißt, wovon eben die Rede geweſen iſt.“ 61„Dn haſt Recht, beſte Couſine, verzeihe,“ ſagte Eg⸗ 4 mont gleichgültig,—„ich dachte wirklich an etwas An⸗ deres.“ „Du biſt merkwürdig, Egmont, fortwährend zerſtreut und verſtimmt,“ ſagte Ida verletzt;—„ich habe Dich wirklich in einem ſchweren Verdacht, obgleich dafür auch wieder Gegenbeweiſe vorliegen.“ „So?— und in welchem?“ fragte der junge Graf theilnahmlos.. „„Daß Du noch zuweilen an die Förſterstochter denkſt,“ meinte Ida, denn ihr Unmuth riß ſie hin, Marien das erſte? gegenüber zu erwähnen. 5* „Da haſt Du Dich dieſes Mal wirklich nicht getäuſcht, Jda,“ ſagte Egmont ſehr ruhig, obgleich ihn Ida's Herung noch mehr verſtimmte, da er ſah, daß ſie ihn orſchen wollte. deine Mutter glaubte Dich von dieſer unbedach 1 NNieeijung vollkommen geheilt,“ fuhr Ida fort,—„und ich kkheilte ihre Anſicht, da das Mädchen es vorgezogen hat, das Weite zu ſuchen und Du nicht einmal eine Kenntnisßs von ihrem Aufenthaltsorte haben kannſt.“ 3„Wenn ich dieſe aber doch hätte und Marie nur auf meine Veranlaſſung dieſen Ort verlaſſen hätte?“ ſagte Eg⸗. mont lächelnd, denn er wartete ſeit einigen Tagen ſchon. auf eine Gelegenheit ſich offen zu erklären. „Du erſchreckſt mich, Couſin,“ ſagte Ida erbleichend, —„Du wirſt doch nicht ernſtlich im Sinne haben, eine. Bekanntſchaft fortzuſetzen, die Dir ſo wenig zur Ehre gereicht.“ K „Ich glaube, beſte Ida, Du täuſcheſt Dich über die Natur dieſes Verhältniſſes,“ entgegnete Egmont kalt;— „da aber Deine Theilnahme Vertrauen verdient, ſo will ich Dir geſtehen, daß es ein ſehr ernſtes und bedeutungs⸗ volles für mich iſt.“ „Pfui, Egmont, wie kannſt Du ſo ſcheinlich nur, um einer übeln Laune meinte Ida, die jetzt überzeugt war, er wo verletzen. „Dieſes Mal erlaube mir, Dich mer den, beſte Couſine,“ fuhr Egmont lächele verſichere Dich, daß ich die guten Leute meiner Verheirathung überraſchen werde prechen, wahr⸗ zu geben?“ ie ſelbſt nur 8 4 twürdig zu fin⸗ 4 Feſſeln 5 daß ich alt und verſtändig genug bin, daran zu denken und mir nach eigener Herzenswahl eine Gattin zu ſuchen?“ „Ich bin überzeugt, Du ſcherzeſt,“ ſagte Ida, denn gerade Egmont's ungewöhnliche Offenheit täuſchte ſie,— naber Du ſollteſt bedenken, daß Du Deiner Würde ſchon zu nahe trittſt, wenn Du auch nur im Scherz Deinen Namen mit dem jenes Mädch in ſolche Verbindung bringſt.“ „Wenn das Dein Ernſt iſt, ſo werden wir vermuth⸗ lich ſchlechte Nachbarſchaft halten,“ ſagte Egmont wieder mit ſeinem kalten Lächeln,—„und das ſollte mir leid thun, da unſere Familien ſtets in ſo befreundeten Verhältniſſen gelebt haben. Zweifelſt Du übrigens, wie es noch immer ſcheint, an dem Ernſte meiner Worte, ſo wird Dich der Doctor Mittermann davon überzeugen und meine Mutter, mit der ich eben jetzt zu ſprechen gedenke.“ „Egmont?“ rief Ida entſetzt,—„Du wärſt wirklich im Stande— 2 „Der Stimme meines Herzens zu folgen?“ ergänzte der Graf;—„ſicherlich, liebe Ida, Du wirſt es ſehen.“ Ida'’s zitternden Händen entſank die Zeitung, aus der ſie eben vorgeleſen hatte; ſie zweifelte nicht mehr, aber ihr Gefühl war ſo heftig erregt, daß ſie ihm nicht länger auferlegen konnte, ſo ſchnell ſich die Liebe in ihrem rauch in Haß und Verachtung gekehrt hatte; ſich un⸗ erhebend, verließ ſie das Zimmer und r. 5 Gräfin. Egmont blickte ihr ruhig lächelnd nach, denn er glaubte noch immer nicht an eine tiefe Leidenſchaft des Mädchens für ihn, dann aber wurde er ernſt und ſein Ge⸗ ſicht nahm einen harten, feſten Ausdruck an, denn er er⸗ wartete den Sturm, der auf ihn losbrechen würde, wenn Jda, wie er nicht zweifelte, ſeine Mutter von der eben ſtattgefundenen Unterredung in Kenntniß ſetzte. Er hatte ſich nicht geirrt; wenige Minuten ſpäter trat die Gräfin, die ihn abſichtlich mit Ida allein gelaſſen hatte, heftig aufgeregt in das Zimmer. 4 „Was iſt hier vorgefallen, Egmont?“ fragte ſie haſtig,—„Ida iſt außer ſich, ſchwimmt in Thränen und will ſofort das Schloß verlaſſen.“ „Ich weiß wirklich nicht, welchen Grund ſie dazu haben könnte, liebe Mutter,“ erwiederte Egmont mit leiſem Spotte,—„ich habe ſie einige Minuten früher als Dich in mein Herz blicken laſſen, aber ich begreife nicht, daß ihr dies Thränen entlocken kann, wenigſtens hätte ich höchſtens auf Unmuth gerechnet.“ „ Du haſt Dir einen grauſamen Scherz mit ihr er⸗ laubt, Egmont,“ ſagte die Gräfin verdrießlich,—„und ich muß dies um ſo mehr mißbilligen, als Du wiſſen könnteſt, weelches Intereſſe ſie an Dir nimmt.“) „Weil ich dieſes vorausſetzte, war ich eben offen ge⸗ gen ſie, Mutter,“ meinte der Graf;—„übrigens war von 1 ——— 1 — 5 8 werde mich 7 keinem Scherze die Rede, ſondern von einer Abſicht, die 1 ich ſchon lange hege, wie Du auch vielleicht geahnt haſt. 2 Ich gedenke mich zu verheirathen, liebe Mutter.“ „Egmont!“ bat die Gräfin mit einem flehenden Blick, denn ſie wußte bereits durch Ida, was ſie jetzt hören ſollte. „Es iſt Dein eigener Wunſch, Mutter,“ ſagte Eg⸗ mont ſehr ernſt,—„und Marie Theißen, auf die meine Wahl gefallen iſt, weil ich überzeugt bin, ſie wird den Zweck erfüllen, den Du bei dieſem Wunſche vorzüglich im Auge hatteſt, entſpricht allen Deinen Anforderungen bis auf eine einzige, ihren Stand; unſere Zeit iſt freier von Vor⸗ urtheilen, als daß ich einen Anſtoß daran nehmen könnte und nicht hoffen ſollte, auch Du würdeſt über den alther⸗ kömmlichen Gebrauch in unſerer Familie fortſehen.“ „Egmont, Du bedenkſt nicht, daß Marie, ihrer erhal⸗ tenen Bildung gemäß, den Anforderungen nicht entſprechen kann, welche man mit Recht an ſie ſtellen wird,“ ſagte die Gräfin mit zitternder Stimme, denn wohl wiſſend, daß Egmont's Feſtigkeit durch Thränen und Vorwürfe nicht zu brechen ſein würde, hatte ſie alle ihre Faſſung zu Hülfe gerufen. 4 „Ich theilte Deine Anſicht, liebe Mutter, und habe dafür geſorgt, daß Marie in dem, was ihr noch fehlt, un⸗ terrichtet werde,“ entgegnete der Graf ruhig;— beſtreben, die letzten Lücken auszufü 4 llen, und „ich ſelbſt ich kann Dich verſichern, daß in wenigen Jahren Niemand bemerken wird, welchem Stande Marie entſproſſen iſt.“ „Aber Du haſt vergeſſen, in welchem Grade ihr Ruf jetzt gefährdet iſt, daß man in der ganzen Gegend über ſie ſpricht,“ fuhr die Gräfin fort. „Marie iſt unſchuldig, wie ich am beſten wiſſen muß,“ entgegnete Egmont;—„übrigens ſind dieſe Klätſche⸗ reeien ein Grund mehr für mich, Marien in das richtige Licht zu ſtellen, denn ich bin es, der ſie veranlaßt hat.“ „Und Du kannſt den Wunſch Deines ſterbenden Va⸗ 3 ters vergeſſen, Deiner Mutter, die mit der zärtlichſten Liebe über Dich von Deiner Kindheit an gewacht hat und noch wacht, Dich mit Ida von Gilgenbruck zu vermäh⸗ len?“ fragte die Gräfin mit hervorbrechenden Thränen. „Der Vater würde vielleicht ſeine Anſicht geändert haben, wenn ich jetzt zu ihm ſprechen könnte,“ erwiederte Egmont;—„Du aber, Mutter, kannſt unmöglich wünſchen, daß ich mein ganzes Lebensglück an ein Weſen kette, das mich durch ſeine Kälte, ſeinen Mangel an wahrer Empfin⸗ dung abſtößt, das ich— mit einem Worte— nicht liebe und nie lieben werde. Es gilt nur, das eine Vorurtheil der Standesverſchiedenheit zu überwinden, und Du ſelbſt würdeſt mir Marie dann freudigen Herzens zuführen. Un⸗ terbrich mich jetzt nicht, Mutter, laß mich Dir erzählen, wie dieſe Liebe zu Marie über mich gekommen iſt und wie ſegen nie den des Himmels findet.“ 9 ich ſie bis zu dieſem Augenblicke treu und heilig im Herzen getragen habe und dann erſt urtheile.“ Egmont erzählte die ganze Geſchichte ſeiner Liebe in einfachen, aber warmen Worten, nur zuweilen von dem leiſen Schluchzen der Gräfin unterbrochen; er entwarf ihr eine ſo beredte Schilderung von Marien's edlen Eigen⸗ ſchaften, von ſeiner und ihrer Liebe, daß ſie ſich wirklich gerührt fühlte, als er, ihre Hand an ſeine Lippen ziehend, im innigſten Tone bat: „Sei nicht hart, Mutter; ich weiß, daß Du mich liebſt und mein Glück willſt, ſuche es aber in meinem eigenen Herzen und nicht in kalter Berechnung, die ſo oft ſchon getrügt hat.“ Aber Gräfin Eleonore dachte wieder an Ida, an die Verſprechungen, die ſie ihr und ihren Eltern gemacht hatte und die ſie jetzt nicht mehr zurück nehmen zu können meinte, ſie dachte an das Urtheil ihrer Standesgenoſſen, das die Mutter eben ſo hart als den Sohn treffen würde, und jede weiche Regung ihres Herzens mußte vor dieſen Be⸗ denken wieder ſchweigen. „Ich kann Dich nicht hindern, Egmont, zu thun, was Du willſt,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe unter heißen Thränen,—„aber bedenke, daß Du das Herz Deiner Mutter dadurch zerreißeſt und daß eine Ehe ohne Eltern⸗ „Gott iſt barmherziger als die Menſchen,“ erwiederte Egmont in feſtem Tone;—„er hat mir das Gebot der Liebe in das Herz gelegt, und ich werde ihm darum folgen.“ „Wenn Dich nichts umzuſtimmen vermag,“ bat die Gräfin,—„ſo befolge wenigſtens einen Rath von mir; laß noch ein Jahr vorüber gehen, Dich zu prüfen und dem Schickſal Zeit zu laſſen, vielleicht eine andere Beſtimmung zu treffen, ehe Du Dich unauflöslich bindeſt.“ „Nein, Mutter,“ entgegnete der Graf beſtimmt;— „das kann ich Marien's wegen nicht; die Wiederherſtellung ihres Rufes und ihres Glückes iſt mir eine heilige Pflicht und ich kann ſie nie früh genug erfüllen. Daß mein Herz aber in einem Jahre noch eben ſo ſpricht, wie jetzt, daß es ſo ſprechen wird, ſo lange es ſchlägt, das ſollſt Du ſehen, Mutter.“ Alle weiteren Bitten der Gräfin blieben erfolglos und weinend wankte ſie auf ihr Zimmer, wo ſie Ida nicht mehr vorfand, denn dieſe hatte bereits, als ſie ſich zu ihrem Sohne begab, das Schloß verlaſſen und war nach Roſen⸗ thal zurückgekehrt. Hier theilte ſie indeſſen den Eltern das Vorgefallene nicht mit, denn ſo bald die erſte Verzweiflung vorüber war, begann ſie auch ſchon wieder zu hoffen, es werde dem Einfluſſe der Gräfin Eleonore gelingen, Eg⸗ mont's Entſchluß umzuſtimmen oder wenigſtens noch um einige Zeit zu verzögern. 11 Egmont ſelbſt war tief ergriffen von der Weigerung ſeiner Mutter, ſeinen Bund mit Marie zu ſegnen, obgleich er dies ziemlich ſicher vorausgeſehen hatte; er fühlte jetzt erſt deutlich, daß ſein Glück ohne ihre Einwilligung nie ein reines, ungeſtörtes ſein könne, und wenn er deshalb auch nicht in ſeinem Entſchluſſe wankend wurde, ſo beſchloß er doch, noch einen zweiten Verſuch zu wagen, das Herz ſeiner Mutter zu erweichen; er hoffte, ein längeres Nach⸗ denken werde ſie günſtiger für ihn ſtimmen. Daher benutzte er ſchon den folgenden Tag zu einer zweiten Unterredung mit ihr. Von Neuem beſchwor ihn die Gräfin mit den flehentlichſten Bitten, ſein Vorhaben der Heirath aufzugeben oder zu verſchieben, Egmont blieb feſt bei ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe, aber auch er bat die Mutter ſo innig, ſeinem Glücke nicht hindernd in den Weg zu treten, er ſagte ihr, daß die Verweigerung ihrer Erlaubniß doch nichts Anderes bewirken werde, als den Frieden ſeiner Ehe zu ſtören, und endlich konnte das Mutterherz ſeinem Flehen nicht länger widerſtehen. „Magſt Du denn Deinem Herzen folgen, Egmont,“ ſagte ſie unter Thränen;—„ich ſehe, daß ich Dich nicht daran hindern kann und werde zu Gott beten, daß er Dein 4 8 Vorhaben ſegne, ich will auch Marie als meine Tochter aufnehmen, wenn Du ſie in dieſes Haus führſt, aber er innere Dich meiner Warnung und mache mir keine Vor⸗ würfe, wenn Du das Glück nicht findeſt, was Du er⸗ warteſt.“ Egmont war ſelig vor Freude; er überhäufte die Mutter mit den zärtlichſten Liebkoſungen und ſuchte ihre Beſorgniſſe durch immer wiederholte Verſicherungen von dem Werthe Marien's und ſeiner Liebe zu derſelben zu beſchwichtigen. Dann ſprach er ſeinen Entſchluß dahin aus, in wenigen Tagen nach der Hauptſtadt abreiſen zu wollen, da er ſeine Kräfte nun vollſtändig wieder erlangt hatte, dort die nöthigen Einkäufe zu Marien's Ausſtat⸗ tung zu machen und ſie dann nach Breitenſee zu führen, wo am Tage ihrer Ankunft die Trauung in der Dorfkirche ſtattfinden ſollte. Niemand, außer der Gräfin und dem alten Theißen, ſo wie ſeiner Frau, ſollte etwas von Eg⸗ mont's Verheirathung früher erfahren, als bis er zurück⸗ gekehrt ſei, damit alle darauf bezüglichen Klätſchereien vermieden würden; nur der Doctor Mittermann ſollte ihn begleiten, um ſeine Geſundheit zu überwachen und Marie nach Breitenſee zurück zu geleiten.. Ein Paar Tage ſpäter reiſten Beide wirklich ab; es hieß allgemein, der Graf mache nach ſeiner langen Krank⸗ heit eine Erholungsreiſe, und Niemand vermuthete ſeine eigentliche Abſicht, denn auch der alte Theißen und ſeine Frau, deren Herz in ſeliger Freude und Stolz ſchlug, wußten das Geheimniß gut zu bewahren. Auf Roſenthal 4 13 war man eben ſo wie überall in Unwiſſenheit; Ida war des feſten Glaubens, es habe ein Streit zwiſchen der Gräfin und ihrem Sohn ſtattgefunden und dieſer deshalb auf einige Zeit Breitenſee verlaſſen, und die Eltern, denen ſie Andeutungen darüber machte, waren derſelben Anſicht. Gräfin Eleonore ſcheute ſich, die Gilgenbruck'ſche Familie jetzt aufzuſuchen oder einzuladen, weil es dann zu pein⸗ lichen Erörterungen kommen mußte, ſie überdies auch Egmont verſprochen hatte, Niemanden von ſeiner Abſicht in Kenntniß zu ſetzen. Indeſſen trafen der junge Graf und der Doctor wohlbehalten in der Hauptſtadt ein und begaben ſich ſo⸗ gleich zu des letzteren Schweſter. Die Freude der Lieben⸗ den fand faſt kein Maß, denn ſie hatten ſich jetzt länger als zwei Monate nicht geſehen und dies unter den ſchwan⸗ kendſten Verhältniſſen; der Doctor und ſeine Schweſter waren tief gerührt von der innigen Liebe, die ſich in Beider † Weſen kundgab. 1 Marie hatte unter der ſorgſamen Aufſicht der Frau, der ſie bald mit herzlichem Vertrauen zugethan war, wirk⸗ lich bedeutende Fortſchritte gemacht, die Egmont und dem Doctor nicht entgehen konnten; ſie war eine ſtets willige und gelehrige Schülerin geweſen, und wirklich bedurfte s bei ihren natürlichen Anlagen nur einer leichten Mühe, ihr den Umgangston zu lehren, wie ihn Egmont wünſchte;. „ —— er war vollſtändig zufrieden mit ihr. Als ſeine Einkäufe beendet waren, was die Zeit von beinahe noch einem Monat in Anſpruch nahm, kehrte er nach Breitenſee zurück; in drei Tagen ſollten Mittermann und die Braut folgen. Gräfin Eleonore hatte indeſſen keinen innigeren Wunſch gehabt, als das Schickſal möge auf irgend eine Weiſe zwiſchen Egmont's Abſicht treten und ihre Aus⸗ führung hindern; als ſie ihn aber eben ſo feſt, wie er gegangen war, zurückkehren ſah und er nun ſogleich alle Vorbereitungen zu der Hochzeit mit dem freudeſtrahlendſten Geſichte traf, fügte ſie ſich geduldig in das Unabänderliche und bemühte ſich, ſeine Freude nicht durch ein finſteres Geſicht zu trüben. 5 Jetzt konnte es nicht länger verborgen bleiben, daß der junge Graf in den nächſten Tagen zu heirathen beab⸗ ſichtige, obgleich die Vermählung in aller Stille und ohne jede Zuziehung von Gäſten ſtattfinden ſollte. Wie ein Lauffeuer drang dieſe Nachricht aus dem Schloß in das Dorf und auf die umliegenden Güter; Alle ſtaunten und vergeblich rieth man hin und her, wer die Braut ſein möge. Zuerſt traf die allgemeine Vermuthung Ida von Gilgenbruck, aber bald erfuhr man, auf Roſenthal ſei Alles eben ſo beſtürzt wie an anderen Orten, ja die Nach⸗ eicht hatte dort ſogar noch mehr Folgen gehabt, denn das Fräulein lag in Krämpfen und man hatte ihretwegen den 5 15 Arzt holen laſſen müſſen; der alte Baron fluchte und jagte raſtlos zu Pferde über ſeine Felder, die Frau Baronin ſeufzte viel und warf die Blicke gen Himmel, als wolle ſie ſein Strafgericht auf die Eldor'ſche Familie herabflehen. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß jede Verbindung zwiſchen Roſenthal und Breitenſee unterbrochen war und daß es den deutlichen Anſchein hatte, als könne eine ſolche nicht wieder aufgenommen werden. Nur Ida ſelbſt errieth, wer die Braut ſein müſſe, aber ſie wagte es nicht auszu⸗ ſprechen, denn es drückte ſie zu tief nieder, daß der junge Graf Marie ihr vorgezogen habe. Wie aus ihrer Kälte ſchnell eine glühende Leidenſchaft geworden war, eben ſo ſchnell hatte dieſe ſich jetzt wieder verändert; die Leiden⸗ ſchaft ſelbſt blieb, aber aus der getäuſchten, verſchmähten Liebe war der Haß entſproſſen, ein unverſöhnlicher Haß gegen Egmont und ſelbſt die unſchuldige Marie; Ida war bald äußerlich wieder kalt, denn ſie ſtrebte ängſtlich dahin, daß Niemand ihr Leid ahnen ſolle, aber in ihrem Innern brannte die Gluth deſto ſtärker. Im Schloſſe zu Breitenſee ging es indeſſen lebendig zu, man bereitete es zum Empfange der neuen Herrin vor; Zimmer für ſie wurden mit den prächtigen Tapeten und Meubles, die Egmont aus der Hauptſtadt hatte kommen laſſen, ausgeſtattet, die Treibhäuſer mußten ihre ſchönſten Erzeugniſſe zu Kränzen und Guirlanden liefern, mit denen man die Corridors und inneren Räume ausſchmückte, und für die Dorfſchaft und die Dienerſchaft des Schloſſes wurde ein Feſtmahl zugerichtet, denn Graf Egmont wollte, Alle ſollten ſich mit ihm freuen. Zwiſchen allen dieſen Vorbereitungen hörte man immer wieder Fragen und Vermuthungen, wer die neue Gräfin ſeiz; faſt alle einiger⸗ maßen ſchöne Töchter der umwohnenden vornehmen Guts⸗ beſitzer wurden als ſolche bezeichnet, Andere wieder behaup⸗ teten, es ſei eine Dame aus der Fremde, die der Graf auf ſeinen Reiſen kennen gelernt haben müſſe. Niemanden aber fiel es ein, an die arme Förſterstochter Marie zu denken, die man ſchon lange wieder vergeſſen hatte. So kam der Tag heran, auf den die Trauung feſtgeſetzt war und an welchem das Eintreffen der Braut erwartet wurde; man beeilte ſich, einen Platz in der kleinen Dorfkirche zu erhalten, und wem dies nicht mehr gelang, der ſchloß ſich der draußen neugierig harrenden Menge an. Jetzt fuhren die gräflichen Equipagen vom Schloſſe herab der Kirche zu; die Wagenfenſter waren geſchloſſen, und die vor der Kirche Harrenden fanden ihre Neugierde vollſtändig unbefriedigt, denn aus der erſten ſtiegen von tauſendſtimmigen Jubel begrüßt, Graf Egmont und ſeine Mutter, aus der zweiten, die an dem entgegengeſetzten Eingange des Gotteshauſes hielt, der allgemein bekannte Doctor Mittermann und eine ſchöne Frauengeſtalt von 4 17 ſtolzer Haltung in prächtiger Kleidung, aber ein Schleier 8 bedeckte das Geſicht und verbarg ſeine Züge vollkommen. Erſt in der kleinen Vorhalle der Kirche ſchlug die dame. dieſen Schleier zurück, zu ſpät, um von den Neugierigen erkannt zu werden... Einen anderen Eindruck machte ihre Erſcheinung in der Kirche ſelbſt, als ſie, von dem Doctor geführt, dort eintrat. Einen Augenblick herrſchte eine Todtenſtille, und ein merkwürdiger Ausdruck des Unglaubens, der Beſtürzung oder der Mißbilligung lag auf allen Geſichtern, dann aber machten ſich alle dieſe Empfindungen in leiſem Geflüſter der Verſammelten kund. „Marie Theißen!“ tönte es faſt von allen Lippen zugleich, und nur die Heiligkeit des Ortes hielt einen lauteren Ausbruch des höchſten Erſtaunens zurück; man war verſucht, an eine täuſchende Aehnlichkeit zu glauben, nur Wenige fanden die einfachſte und richtigſte Erklärung des Wunders.— Marie mochte ahnen, was in allen dieſen Gemüthern— vorging, daß wohl nur wenige ihr von Herzen Glück wünſchten, in den meiſten aber nur Neid wohnte, denn ſie hatte die Augen feſt zu Boden geſenkt, als ſie dem Altare zuſchritt, an dem Egmont ſchon ihrer wartete, aber als ſie ſich an ſeiner Seite befand, ſchwand jeder Ausdruck der bangen Scheu aus ihrem lieblichen Geſichte und ſie heftete 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 2 18 ihre ſprechenden blauen Augen mit ſo inniger Liebe und Vertrauen auf ihn, daß ſie nicht allein in ſein, ſondern faſt in Aller Herzen tief drangen. Als Trauzeugen traten die Gräfin, der Doctor und die beiden alten Theißen's an den Altar, erſtere etwas bleich, aber ſich doch ſo weit beherrſchend, daß Niemand wiſſen konnte, ob ſie durch die Freude oder den Schmerz über die Handlung ihres Sohnes bewegt ſei. Der Doctor war ſichtlich entzückt über das ſchöne Paar und daß es ſein Ziel erreicht hatte, Vater Theißen und ſeine Frau aber, erſterer in der Uniform der gräflichen Oberförſter, ſtrahlten vor Freude und Stolz. Die heilige Handlung ging ohne Störung vor ſich, die beiden jungen Gatten ſprachen ihr Jawort, und als die Ceremonie vorüber war, zog Egmont ſeine Gattin mit einem ſeligen Blicke an ſeine Bruſt und küßte die in ihren Augen ſchimmernden Freudenthränen fort; dann ſank dieſe in die Arme ihrer Eltern, und ſelbſt Gräfin Eleonore um⸗ armte ſie mit einem wehmüthigen Blicke auf ihren Sohn. Man beſtieg wieder die Equipagen und fuhr nach dem Schloſſe, die Zuſchauer leerten ſchweigend die Kirche, um außerhalb derſelben ſogleich ihren Zungen freien Lauf zu laſſen. Die Meinungen waren getheilt, indeſſen doch bei weitem vorwiegend günſtig für Egmont und Marie, nur Wenige ſchüttelten die Köpfe und waren mit dem vor⸗ 19 urtheilsfreien jungen Grafen nicht zufrieden; die Uebrigen prieſen ihn hoch, eine Gattin aus ihrer Mitte gewählt zu haben, und ſie wußten jetzt nur Gutes und Liebes von der ſchönen Marie Theißen zu erzählen, die man faſt ohne Ausnahme vor Kurzem noch geſchmäht hatte; jetzt lag die Sache aber anders, Marie war ihres Verhältniſſes zu dem jungen Grafen wegen gerechtfertigt, und vor Allem war ſie jetzt die gnädige Gräſin, von deren früher all⸗ gemein bekannten mildem Sinne man jetzt viele Vortheile erwartete. Das für Alle bereitete Feſtmahl verſöhnte auch Die⸗ jenigen, die ſich zuerſt eines Tadels nicht enthalten konnten, und bis ſpät in die Nacht hinein ſchallten die Lebehochs auf die jungen Gatten. 4 Im Geſellſchaftszimmer auf dem Schloſſe ſaß in⸗ deſſen die kleine Hochzeitsgeſellſchaft zuſammen bei der Abendmahlzeit. Gräfin Eleonore hatte heute Alles gethan, was ſie leiſten konnte, denn es hatte ſie keine geringe Ueberwindung gekoſtet, ſich mit dem alten Theißen und ſeiner Frau auf eine Stufe geſtellt zu ſehen; dennoch hatte ſie ſich in die Nothwendigkeit gefügt und eine Herablaſſung und Freund⸗ lichkeit an den Tag gelegt, die ihrem ſtolzen Weſen eigent⸗ lich fremd war; Egmont erkannte dies mit dem dankbarſten 2* 20 Herzen an. Als Marie mit dem Doctor vor ihrer Trauung auf dem Schloſſe eingetroffen war, hatte ſie Egmont nach einer zärtlichen Begrüßung ſeiner Mutter zugeführt, die ſie im Geſellſchaftsſalon erwartete. Die hinreißend ſchöne Erſcheinung Marien's, die an dieſem Tage durch ihren reichen Brautſchmuck noch gewann, verfehlte auch auf die Gräfin nicht ganz ihre Wirkung, und als ſie das Mädchen mit ſicherem Anſtande, wenn auch in banger Beſcheidenheit, auf ſich zukommen ſah, erſchien ſie ihr nicht mehr als die niedrige Förſterstochter, ſondern allein als die Braut des Sohnes; Gräfin Eleonore hatte einen Augenblick ihre Abneigung gegen die von Egmont Erwählte vergeſſen und ſchloß ſie mit inniger Zärtlichkeit in die Arme; die erſten Worte, die ſie mit Marie wechſelte, belehrten ſie auch, daß dieſe den Platz, auf den ſie gehoben werden ſollte, genügend würde ausfüllen können. Nun aber trafen der alte Theißen und ſeine Frau ein, und der ſchöne Traum der Gräfin, dem ſie ſich eine Weile hingegeben hatte, war zerfloſſen; ſo ſehr ihr Gerechtigkeitsſinn auch die Biederkeit der beiden alten Leute ſchätzen mußte, erſchienen ſie ihr doch in ihrer zurückhaltenden Beſcheidenheit und Befangenheit als ein höchſt unangenehmer Zuwachs zu ihrer Familie; aber die Gräfin war zu ſehr Frau von Welt, um ihre Empfin⸗ dungen nicht beherrſchen zu können, und Theißen und Frau Martha zu wenig ſcharfe Beobachter, um etwas 21 Anderes in der Gräfin Benehmen zu ſehen, als Güte und anerkennenswerthe Herablaſſung. Egmont war offen und herzlich gegen ſeine Schwieger⸗ eltern, er dachte an dieſem Tage des Glückes am aller⸗ wenigſten daran, daß ſie vor Kurzem noch weit unter ihm geſtanden hatten; die alten Leute konnten ſelbſt nicht be⸗ greifen, wie ſie ihm plötzlich ſo nahe gerückt waren, daß ſie gar keine ehrfurchtsvolle Scheu mehr vor ihm fühlten, der beſte Beweis, daß Egmont den richtigen Ton gegen ſie gefunden hatte. Auch nach der Trauung war Gräfin Eleonore ſo liebevoll und zuvorkommend gegen Marie geweſen, daß dieſe ihr in der Herzensfreude über dieſes ſie überraſchende Benehmen ſchon lange die grauſame Behandlung im För⸗ ſterhauſe verziehen hatte; ſie fühlte den Muth, Jener mit kindlicher Liebe zu nahen, und als Beide ſich nach der Rückkehr aus der Kirche in Marien's Zimmer allein zu⸗ ſammenfanden, war ſie vor dem Seſſel, auf dem ſich die Gräfin niedergelaſſen hatte, auf die Knie geſunken, hatte ihre Hand an die Lippen gezogen, ſie mit ihren bezaubern⸗ den Augen bittend angeblickt und geſagt: „Darf ich Sie denn jetzt auch„Mutter“ nennen, ohne daß es Sie verletzt?“— Ddie Gräfin beugte ſich gerührt zu ihr nieder, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und erwiederte: 22 „Das ſollſt Du, Marie, und ich verſpreche es Dir hier, daß auch ich in Dir eine Tochter ſehen will, ſo lange Du meinen Egmont glücklich machſt.“ „Und Sie haben es mir aus ganzem Herzen ver⸗ ziehen, daß ich mich ſchuldlos eine Weile zwiſchen Sie und Egmont drängte?“ fragte Marie weiter;—„Sie billigen jetzt ſeine Wahl?“ „Gebe der Himmel Euch ſeinen Segen und laſſe Euch ſtets in einander das Glück finden, dann werde auch ich zufrieden ſein,“ ſagte die Gräfin ausweichend.„Du weißt, daß ich andere Pläne mit Egmont hatte, und Du wirſt es begreifen, meine gute Marie, daß ich mich nur ſchwer von ihnen trennen konnte; das Schickſal hat ſie durchkreuzt, und ich ſegne ſeine Wegenſg lange ſie zu ſeinem Glücke führen.“* Marie war zufrieden geſtellt und ebenſo Egmont, als er bald darauf von ihr hörte, in welcher Weiſe ſeine Mutter zu ihr geſprochen hatte.. Der Hochzeitstag war glücklicher vorübergegangen, als Alle erwartet hatten.— Natürlich konnte es nicht fehlen, daß Egmont's Ver⸗ mählung ein ungeheures Aufſehen in der ganzen Um⸗ gegend machte. Seine Standesgenoſſen beurtheilten ihn ſehr hart, oder, was faſt noch ſchlimmer war, zuckten lächelnd die Achſeln; man prophezeite dieſer Ehe keinen 23 glücklichen Fortgang. Was aber Alle noch mehr gegen den Grafen Eldor aufbrachte, war, daß er jede nähere Verbindung mit ſeinen Nachbarn zu vermeiden ſchien, denn das junge Ehepaar machte nicht Viſiten, wie man es ſicher erwartete und worauf man ſich ſchon gefreut hatte, denn man gedachte, dabei Mängel an der jungen Frau zu finden, die einen weiten Stoff zur Beſprechung gäben. Egmont hatte dies vorausgeſehen und fühlte durchaus keine Luſt, ſeine Marie in eine Geſellſchaft zu bringen, die ſie ſelbſt wenig anſprechen konnte und mit Freuden eine Ge⸗ legenheit ergreifen würde, ſie ihre niedrige Herkunft fühlen zu laſſen; Marien's Geſellſchaft allein genügte ihm voll⸗ kommen, mit dem Doctor hatte er eine innige Freundſchaft geſchloſſen, und Beſchäftigung und Zerſtreuung fand er genügend in der Sorge um ſeine Güter und ſeine Unter⸗ thanen, ſo daß er gar nicht das Bedürfniß nach einem weiteren Umgange fühlte; er meinte, daß, wenn ſich ein ſolches doch einmal bei ihm oder Marien herausſtelle, ihm durch eine Reiſe in ein beſuchtes Bad leicht abgeholfen werden könne. Gräfin Eleonore war lange in Zweifel geweſen, wie ſie ſich Gilgenbrucks gegenüber zu benehmen habe; man hatte ihnen, wie den übrigen Nachbarn, eine kurze ſchrift⸗ liche Anzeige von Egmont's Vermählung geſchickt, und ſie hatten ihren förmlichen Glückwunſch zu derſelben gleichfalls 24 ſchriftlich abgeſtattet; man hatte der Form alſo genügt, aber die Gräfin fühlte doch, daß ſie bei Jenen etwas gut zu machen habe und wünſchte nicht, daß die ſchon ſo lange beſtehende innige Verbindung der Familien ein ſo plötz⸗ liches Ende nähme. Vergeblich hatte ſie ihren Sohn zu bewegen geſucht, bei Gilgenbruck's allein eine Ausnahme zu machen und ſie mit ſeiner jungen Frau zu beſuchen; Egmont ſtimmte ihr bei, daß dies wohl eigentlich erforder⸗ lich ſei, aber er verſchob es von einem Tage zum andern, denn ſein Gefühl ſträubte ſich gegen das Wiederſehen mit Ida, und außerdem wünſchte er dieſe auch gar nicht mehr auf Breitenſee zu ſehen, denn er urtheilte richtig, daß ſie die gefährlichſte Feindin ſeiner Frau ſein müſſe. Gräfin Eleonore entſchloß ſich alſo nach langen Kämpfen, allein nach Roſenthal zu fahren. Sie ſah dem Empfange unruhig entgegen, aber dieſer übertraf ihre Er⸗ wartungen, denn die Familie des Barons war ſchon auf ihren Beſuch vorbereitet, und Jeder hatte die Rolle, die er ſpielen wollte, einſtudirt. Dem alten Baron gelang ihre Durchführung am ſchlechteſten, da er der Offenſte und Biederſte war; die artigen Worte und Verſicherungen der Freude über den Beſuch der Gräfin gingen ihm nur lang⸗ ſam von den Lippen, und bald fand er einen dringenden Vorwand, der ihn aus der Geſellſchaft abrief. Frau von Gilgenbruck war tief gerührt über das Unglück der Gräfin, und ſeine junge Frau die ihrige auch nicht länger auf⸗ 25 und wenn dieſe auch keine Veranlaſſung gab, dies auszu⸗ ſprechen, ſo zeigten doch Blicke und Seufzer der Dame deutlich, wie ſehr ſie die Gräfin bedaure, ſie erreichte da⸗ durch vollkommen ihre Abſicht, letztere in Verlegenheit zu ſetzen und zu kränken, und brachte ſie beinahe ſo weit, in ihrer Empfindlichkeit zu geſtehen, daß ſie ſelbſt Egmont die Erlaubniß zu ſeiner Vermählung gegeben habe. Ida endlich, welche die größte Veranlaſſung fühlte, ſich zu ver⸗ ſtellen, da ſie durch Egmont's Verheirathung und der Gräfin Workbrüchigkeit am tiefſten gekränkt und vor fremden Augen compromittirt war, führte ihre Rolle am beſten durch; ſie war kalt, ſchnippiſch und gegen ihre ſonſtige Gewohnheit ungemein heiter, worin ſich die Ironie, mit der ſie Egmont's Entſchluß auffaßte, deutlich kundgab; zum erſten Male fand Gräfin Eleonore keinen Gefallen an ihr und gab ihrem Sohne faſt ſchon Recht, daß Ida wah⸗ ren Gefühles nicht fähig ſei. Man beſchränkte ſich bei dieſem Beſuche nur auf höf⸗ liche Redensarten, in denen ſich die der Gilgenbruck'ſchen Familie überkommene Bitterkeit nicht ganz verleugnen konnte, und Gräfin Eleonore war froh, als ſie Roſenthal wieder verlaſſen hatte. Eine unumgänglich nöthige Folge ihrer Viſite war, wenn man nicht alle Erforderniſſe des guten Tones unberückſichtigt laſſen wollte, daß Egmont 26 ſchoben; ſo unlieb es Beiden war, mußten ſie ſich dazu entſchließen und thaten dies um ſo eher, als die Gräfin viel von der friedlichen Haltung der Gilgenbruck' erzählt hatte. Egmont's Herz klopfte lauter wie das Marien's, als ſie auf Roſenthal eintrafen, denn er fürchtete Unannehm⸗ lichkeiten für ſie, aber ihr Benehmen war ſo ſicher, ſo voll⸗ ſtändig den hochgeſtellteſten Anforderungen entſprechend,— denn Marie wußte, es handele ſich bei dieſem erſten Auf⸗ treten in der Geſellſchaft vorzüglich darum, einen günſtigen Eindruck zu machen,— daß die Gilgenbruck', die ſich im Geheimen ſchon vorgenommen hatten, die junge Frau unter den ausgeſucht höflichſten Formen zu verletzen, in der kurzen Zeit des Aufenthaltes des jungen Paares ſich von ihrem Erſtaunen gar nicht ſo weit erholen konnten, ihre Pläne zur Ausführung zu bringen. Es blieb bei artigen Worten allein, und wenn Egmont und Marie auch Grund hatten, an deren Aufrichtigkeit zu zweifeln, ſo ſchien es doch, als ob eine Verſöhnung mit der Gilgen⸗ bruck'ſchen Familie nicht außer dem Bereiche der Wahr⸗ ſcheinlichkeit läge. Die Baronin war Mitgefühl und Rührung ſelbſt, Ida die theilnehmende Couſine des jungen Grafen, und letztere ſpielte ſo gut, daß Egmont ſich ver⸗ wundert fragte, ob er ihr Herz früher nicht ſelbſt falſch verſtanden habe.— Das Eis war gebrochen; Gilgenbrucks kamen nach 27 Breitenſee, die Zuſammenkünfte wiederholten ſich, wenn auch in längeren Pauſen, und Marie und Ida ſtanden ſcheinbar im beſten Einvernehmen; erſtere ſuchte die Zu⸗ rückhaltung zu überwinden, die ihr das Gerücht, das Fräulein habe einſt ihrem Egmont näher zu ſtehen geſucht, eingeflößt hatte, denn ſie erklärte ſich ſeinen Urſprung jetzt durch ihre Jugendfreundſchaft, Ida ſtrebte, jede Ver⸗ muthung, ſie ſei die zurückgeſetzte Nebenbuhlerin Marie's geweſen, durch ihr oſſenes, unbefangenes Weſen zu wider⸗ legen; ſo ſchwer ihr dies bei ihrem ariſtokratiſchen Stolze werden mußte, ſchien ſie in der jungen Frau nicht mehr die Förſterstochter, ſondern nur noch die Gräfin Eldor zu ſehen. 1 Der alte Theißen hatte mit Egmont's Rückkehr aus der Hauptſtadt eine Anſtellung als gräflicher Oberförſter erhalten und ein mehrere Meilen von Breitenſee entferntes großes Forſtrevier übernommen, auf dem er vollſtändig unbeſchränkt herrſchte; er war zufrieden, Frau Martha trug den Kopf noch einmal ſo hoch als früher und ſprach nicht mehr von ihrem„ſchönen Töchterchen,“ ſondern „ihrer Tochter, der Gräfin,“ und Gräfin Eleonore ſah ſich zu ihrer großen Befriedigung nicht oft in die Lage gebracht, mit den Eltern ihrer Schwiegertochter zuſammen⸗ kommen zu müſſen, denn dieſe ließen es ſich genügen, Egmont und Marie öfter bei ſich zu ſehen, und kamen *. . 28 ſelten nach Breitenſee, da der Alte durch ſeinen Dienſt ge⸗ feſſelt wurde. Zweites Capitel. Ein Jahr und darüber war ſeit der Vermählung Graf Egmont's vergangen, und Gräfin Eleonore hatte ſich getäuſcht, wenn ſie meinte, dieſe Zeit werde hinreichen, ihn ſeinen Entſchluß bereuen zu laſſen. Die jungen Gatten liebten ſich noch immer zärtlich, wie man es bei einer Ver⸗ bindung, die aus reiner Herzensneigung entſproſſen war, auch vorausſetzen konnte. Marien's ganzes Weſen war unter den ſie umgebenden Verhältniſſen erhabener und würdevoller geworden, ohne daß ſie jenen gewinnenden Liebreiz und das tiefe Gefühl dabei verloren hätte, das ihr früher alle Herzen zuführte; die immer jung gebliebene Liebe zu Egmont hatte dies verhindert. Dennoch lagen auf ſeiner Stirn zuweilen wieder trübe Wolken, und es gab Augenblicke, in denen er ſich ſelbſt gegen Marie ver⸗ ſtimmt zeigte; dieſe waren indeſſen nur von kurzer Dauer, und ſtets leuchtete ſchnell wieder die reine Liebe hindurch, der auch er nicht untreu hatte werden können; Egmont be⸗ reute dann, wenn er ſah, wie Marien's Auge trüber wurde, 29 oder ſich zuweilen gar eine Thräne hineinſtahl, und er ver⸗ doppelte wieder ſeine Zärtlichkeit für ſie. Doctor Mittermann allein beurtheilte ihn richtig, denn die Gräfin blickte mit ſchmerzlichein Bangen auf den Sohn, deſſen Ehe ſie doch nicht für ſo ganz glücklich hielt, wie er vorgab, und Marie ſelbſt gerieth zuweilen auf den Verdacht, das Urtheil ſeiner Standesgenoſſen über die Mißheirath und die Einſamkeit, der er ſich deswegen hin⸗ gab, bekümmere ihn und er wolle ihr dies aus zarter Scho⸗ nung nicht geſtehen. Mittermann wußte, daß dies nicht der Fall war, ſondern daß allein Gräfin Eleonore die Schuld an Egmont' zeitweiliger Verſtimmung trug, in⸗ dem ſich zwiſchen ihr und Marie noch immer nicht ein Ver⸗ hältniß herausſtellen konnte, wie er es wünſchte und for⸗ dern zu können meinte. In ihrer übergroßen Zärtlichkeit für den Sohn, die mit allen Prüfungen nur noch höher ſtieg, bewachte ſie ſein Glück mit den eiferſüchtigſten Augen und ſah daſſelbe gefährdet, wo es dies in der That nicht war. Auch die Gräfin meinte, Egmont genüge nicht mehr die freiwillige Abgeſchloſſenheit von der Geſellſchaft, die er ſtreng bewahrte, um nur noch für Marie und ſeine Un⸗ terthanen zu leben, ſie konnte es nicht faſſen, daß ein ſo feuriges Herz, wie das ſeinige, eine Befriedigung in einem ſo beſchränkten Lebenskreiſe fände, und ſie betrachtete: Zurückgezogenheit als ein Opfer, das er ſei Ga 30 brächte; darum liebte ſie letztere eigentlich nicht und machte ihr im Geheimen Vorwürfe, die ſie nicht ihrem ſanften, hin⸗ gebenden Weſen gegenüber auszuſprechen wagte; deſto deutlicher traten ſie dagegen in Andeutungen und Blicken hervor und drückten weniger die vertrauungsvolle, nichts⸗ ahnende Marie, als Egmont ſelbſt nieder, der ſeine Mut⸗ ter verſtand. Sprach er mit ihr offen und ſuchte ihre Zweifel zu beruhigen, ſo fand ſie darin eine neue Beſtäti⸗ gung derſelben, widerſprach ihm nicht, aber behielt das ſich ſelbſt einmal gebildete Urtheil deſto feſter. Als endlich Marie auch die Stimmung der Gräfin zu ahnen anſing, als dieſe ſie vergeblich durch eine angenommene Freundlich⸗ keit, die eher als Herablaſſung erſchien, zu verdecken ſuchte, fühlte auch die junge Frau ſich verletzt und litt, je weniger ſie ſich darüber zur Gräfin oder zu Egmont ausſprechen mmochte, um nicht einen vollſtändigen Bruch herbeizuführen, dem ſie mit Angſt entgegen ſah. Egmont ſah dies Alles mit dem wachſamen Blicke, den die Liebe giebt und der auf der andern Seite durch das Mißtrauen geſchärft wurde; wie es ſo oft geſchieht, waren hier drei Perſonen zuſam⸗ men, die ſich nicht offen ausſprechen wollten, weil ſie ſich einander zu verletzen fürchteten, und dien gerade dadurch das Uebel noch ſchlimmer machten. Auch die Gilgenbruck'ſche Familie trug dazu bei, die⸗ eißverſtändniß zu nähren. So ſehr man ſich beſtrebte, 31 der Baronin nicht merken zu laſſen, was auf Breitenſee die Gemüther bewegte, errieth ſie es doch, da ſie es vorausſetzte und ſuchte, und nun begann ſie, den Dreien einzeln gegenüber, Worte fallen zu laſſen, die aus theilnehmendem Herzen zu kommen ſchienen, auch zu zufällig geäußert wurden, als daß man ſie hätte übel deuten und zurück weiſen können, die aber doch ſo ſchlau berechnet waren, das Jeder meinte, die geheime Spaltung unter einander müſſe doch ſchon ſo groß ſein, daß Fremde ſie bemerkten. Ida war, wie wir wiſſen, nicht ſo ruhig, wie ſie ſich zu zeigen beſtrebte; in ihrem Herzen brannte ein glühender Haß gegen Egmont und noch mehr gegen Marie; ihr Stolz war zu bitter gekränkt, als daß ſie je hätte verzeihen können, und mit Ungeduld wartete ſie auf eine Gelegenheit zur Rache, die ſie nur in der Uneinigkeit der beiden jungen Gatten, vielleicht gar in ihrer vollſtändigen Trennung finden zu können glaubte; vorläufig ließ ſie jetzt die Mutter daran arbeiten und ſuchte ſich in Egmont's und Marien's Gunſt zu befeſtigen, wob⸗ ſie ſich auf ihre Jugendfreundſchaft mit erſterem ſtützte un ſich bemühte, ihn zu überzeugen, ſie habe nie daran gedach ſeine Hand zu erſtreben. Auch ſie glaubte Doctor Mitter⸗ mann zu durchſchauen, aber ſeine Vermuthungen entbehr⸗ ten zu ſehr einer ſichtlichen Begründung, als daß er ſie ausgeſprochen hätte; inzwiſchen ſann er nach einem Mi die drohende Gefahr abzuwenden, und glaubte es 32 Reiſe gefunden zu haben, welche die jungen Gatten eine Zeit lang von Breitenſee und den dort drückenden Verhält⸗ niſſen fern hielte. Er machte Egmont dieſen Vorſchlag, und dieſer ergriff ihn mit Freuden; Marie, die keine an⸗ dern Wünſche, als die ſeinigen kannte, ſtimmte ſogleich zu, obgleich ſie von Breitenſee, wo ſich ihr mildes, wohlthäti⸗ ges Herz einen kleinen Wirkungskreis gebildet hatte, nicht gern Abſchied nahm, um eine Geſellſchaft aufzuſuchen, die ihr zu fremd war, als daß ſie ſich Befriedigung von ihr hätte verſprechen können; es wurde beſchloſſen, eines der norddeutſchen Seebäder zu beſuchen, und alle Veranſtal⸗ tungen zu der baldigen Abreiſe getroffen, auch Gräfin Eleonore war mit dieſer einverſtanden, denn ſie hoffte die günſtigſten Folgen in der Zerſtreuung für ihren Sohn. Marien wurde der Abſchied von Breitenſee unendlich ſchwer, was ſie Egmont indeſſen zu verbergen ſuchte; es war, als ſage ihr eine Ahnung, daß ihr außerhalb der Grenzen ihrer Häuslichkeit Unglück bevorſtehe, daß ſie ſich vermeſſen in ein Leben hinaus wage, deſſen Gefahren ſie noch nicht kannte, die ſie aber ſchon beängſtigten. Endlich hatte ſie ſich von der Heimath losgeriſſen, für alle Dieje⸗ nigen, die bis dahin von ihrer Unterſtützung und Pflege lebt hatten, im Voraus geſorgt, ſich aus den Armen der Eltern gewunden und dem treuen Wilm die Hand gedrückt, der nach ihrer Vermählung und des alten Theißen's Ver⸗ 3 33 ſetzung denſelben begleitet hatte; auch ihm, der niemals ein Glück in Marien's unvorhergeſehener Erhebung hatte ſehen können, der ſie aber noch jetzt wie ſeine Schweſter liebte, wurde der Abſchied ſchwer. Marie ſaß jetzt neben ihrem Manne im Wagen und nach einem letzten Blicke auf das ihr lieb gewordene Breitenſee, führte ſie dieſer fort und der Hauptſtadt zu, denn hier hatte man beſchloſſen, einen Theil des Frühjahrs zuzubringen, da die Badeſaiſon in dem Orte, an dem man länger zu bleiben gedachte, noch nicht eröffnet war. Als die Heimath nun aber ganz ihrem Auge entſchwunden war, wandte ſie ſich mit einer Thräne in demſelben an Egmont, der ſie mit innerer Freude ſtill⸗ ſchweigend beobachtet hatte, und ſagte weich: „Du glaubſt nicht, Egmont, wie ſchwer mir dieſe Trennung geworden iſt und wie ich mich nach dem Augen⸗ blicke ſehne, der uns wieder heimführen wird.“ „Ich habe es bemerkt,“ erwiederte er und zog ſie mit. einem innigen Blicke an ſeine Bruſt,—„und ich bin glück⸗ lich, Marie, daß Breitenſee jetzt auch wirklich Deine Hei⸗ math geworden iſt; auch ich theile Dein Gefühl, denn Du haſt es mir zu einem Paradieſe geſchaffen, das ich ungern verlaſſe.“ „Und warum reiſen wir denn?“ fragte Marie zum erſten Mal. Es iſt beſſer, Marie, beſſer für mich, denn, wie u 3 3 88 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 4 — 34 weißt, hat es mir Mittermann ſelbſt angerathen,“ antwor⸗ tete Egmont,—„wir werden eine Weile draußen Zer⸗ ſtreuung ſuchen und die Heimath um ſo ſchöner finden, wenn wir ſie wieder ſehen.“ „Vor einem Jahre hätteſt Du dieſer Anregung nicht bedurft, um zufrieden zu ſein,“ meinte Marie traurig. „Du haſt Recht, Marie,“ erwiederte Egmont ernſt, —„aber wir Beide tragen nicht die Schuld, das wir auch Stunden des Unmuths erlebt haben, und ich hoffe, ſie ſollen von dieſem Augenblicke an nie wiederkehren.“ Es ſchien ſo, denn ſobald die augenblickliche Anwand⸗ lung des durch die Abreiſe verurſachten Trübſinnes vorüber war, fanden ſich beide junge Gatten glücklich, wieder auf ſich allein angewieſen zu ſein und Egmont's von Zufrieden⸗ heit und Glück ſtrahlender Blick, ſeine zärtlichen Aufmerk⸗ ſamkeiten auf ihre kleinſten Bedürfniſſe und Wünſche be⸗ ruhigten Marie ſo vollkommen, daß ſie alles Neue, was ſich ihren Blicken darbot, mit ungetheilter Freude begrüßte und jede böſe Ahnung vergeſſen hatte. Sie waren ſchon einige Zeit in der Hauptſtadt, wo Marie ihre alte Freundin und Lehrerin, die Schweſter des Doctors, wiedergefunden und mit ihr viel zuſammen ge⸗ lebt hatte, als ſie ſich an einem unfreundlichen, kalten April⸗ abende von derſelben nach Hauſe begeben wollte. Ihre Equipage hielt vor dem Hauſe und die junge Frau hatte 4 3 3⁵5 dieſes eben verlaſſen, um einzuſteigen, als ein Weib, an⸗ ſcheinend in den fünfziger Jahren, mit einem bleichen, von. Kummer und Elend zerſtörten Geſichte und in einer der Jahreszeit gar nicht angepaßten, leichten und zerriſſenen Kleidung, ſie um ein Almoſen anſprach; ſo abſtoßend das Aeußere der Bettlerin auch war, klang ihre Stimme doch ſo weich und flehend, ſie hielt ihr Auge mit einem ſolchen Ausdrucke des tiefſten Leidens auf die in reicher Toilette ſtrahlende junge Frau geheftet, daß dieſe dem Gefühl des innigſten Mitleidens nicht widerſtehen konnte und ihr ein anſehnliches Stück Geld reichte. „Gott ſegne ſie, Frau Gräfin,“ ſagte die Bettlerin dankend und küßte das Kleid Marien's, während ihre Hand heftig zitterte. Marie ſtutzte; woher wußte dieſe Frau, welchem Stande ſie angehöre?— und warum machte ihr ganzes. Benehmen, die Erregung, die zu ſtark war, um aus bloßem Dankgefühl entſprungen zu ſein, einen ſo tiefen Eindruck auf ſie ſelbſt?— Marie konnte der Neugierde nicht wider⸗ ſtehen, zu fragen: „Kennen Sie meinen Namen, gute Frau?“ „Das Wappen da,“ erwiederte dieſe faſt tonlos, auf den Wagenſchlag deutend;—„o, ich werde es nie ver⸗ geſſen, denn Einer, der es vor langen Jahren trug, hat 36 mich ſehr unglücklich gemacht; Gott vergebe es ihm in ſeiner Gnade.“ „Sie täuſchen ſich vielleicht?“ ſagte die Gräfin in tiefer Betroffenheit. „Nein, nein,“ antwortete die Frau, ſich wie im Fie⸗ berfroſt ſchüttelnd;—„es iſt das Wappen der Eldor's,— aber es iſt ſchon lange her, daß ich es nicht wiedergeſehen habe. Ich glaubte nicht, daß mir von dorther noch einmal etwas Gutes kommen würde,“ fuhr ſie, auf das erhaltene Geldſtück deutend, fort und wollte ſich entfernen. „Was haben Ihnen die Eldor's gethan, Frau, und wie ſind Sie jemals mit ihnen in Berührung gekommen?“ fragte Marie, nachdem ſie ihr gewinkt hatte, zu bleiben, denn ein unerklärliches Gefühl, es handle ſich hier um eine für ſie wichtige Sache, trieb ſie, dieſer nachzuforſchen. „Vielleicht iſt es des Schickſals Wille, daß ich gut machen ſoll, was ein Anderer aus unſerer Familie verbrochen hat.“ „Es iſt nichts mehr gut zu machen,“ ſagte die alte Frau mit einem irren Blicke und mit einem ſchweren Seuf⸗ zer und fügte, die Hand auf ihre Bruſt legend, hinzu:„Es wird hier bald aus ſein, und ich wundere mich, daß ich dieſes Elend und die Schmach ſo lange erxtragen habe, dachte ich doch einſt, mein Herz wäre zerbrechlicher.“ „Und Wa könnte ich Euch vielleicht helfen, Mutter, 8 37 wenn Ihr mir ſagen wollt, wer Ihr ſeid und was ich für Euch thun kann,“ meinte Marie in banger Befangenheit zitternd. „Mutter?“ kreiſchte die Alte faſt und ſtierte Marie mit einem Blicke des Entſetzens an.„Mutter ſagen Sie, Gräfin? Ja, ja, ich war Mutter, wie Sie es vielleicht auch ſind, aber ich habe kein Kind; ſie haben es mir genom⸗ men, obgleich ich blutige Thränen geweint habe, und ich weiß nicht, ob es noch lebt oder nicht. Nein, Gräfin, Sie können mir nicht helfen; gehen Sie und zerreißen Sie mein Herz nicht durch Ihre Fragen.“ Noch ſtand Marie unſchlüſſig; das war kein erheuchel⸗ ter, ſondern ein wahrer, unlöſchbarer Schmerz, der aus der tiefſten Bruſt quoll, und genoß ſie auch nicht des Glückes, wie die alte Frau meinte, ſo fühlte ſie doch das Leiden eines gequälten Mutterherzens, dem man das Liebſte entriſſen hatte, mit; Thränen traten in ihre Augen, die in denen der Alten ſchon längſt verſiegt ſchienen. „Und doch könnten Sie vielleicht helfen, gnädige Frau,“ begann die Bettlerin nach einer Pauſe, in der ſie gedankenvoll vor ſich hin geblickt hatte, wieder,—„nicht mir, denn ich brauche nichts mehr, aber einem Andern, der auch eine Schuld mit den Eldor's abzurechnen hatte; viel⸗ leicht legen Sie ein gutes Wort für ihn ein, denn er be darf eines ſolchen.“ „Wollen Sie mir Ihren Namen und Ihre Wohnung ſagen, Frau?“ fragte die Gräfin;—„ich werde dann morgen ſehen, was ſich für Euch thun läßt.“ „Ach ja, ſo ſagen die Großen und Gliücklichen oft und denken nicht, daß ſie am Morgen vergeſſen, was ſie am Abend verſprachen,“ ſagte die Bettlerin bitter.„Und meinen Namen wollen Sie wiſſen, edle Frau?— ich habe ihn ſchon lange nicht mehr genannt, denn die Schmach liegt auf ihm, aber fragen Sie in der— gaſſe, in dem ver⸗ fallenen Hauſe an der Ecke der— ſtraße, nur nach der alten Marie,— ſie kennen mich dort ſchon unter dem Namen.“ Die junge Frau überlief ein heimlicher Schauder; alſo dieſes von Schmerz und Elend ſo tief niedergedrückte Weſen führte denſelben Namen wie ſie; auch ſie war ein⸗ mal jung, vielleicht auch ſchön geweſen, ſie ſtand in einer räthſelhaften Verbindung mit der Familie Eldor,— genug für Marie, den Entſchluß, zu helfen, beſtärkt zu fühlen. „Ich werde kommen, verlaſſen Sie ſich ſicher darauf,“ ſagte ſie ſchnell und ſtieg dann in die Equipage. Aber ſo ſehr ſie ſich anſtrengte, ſich von dem unheimlichen Eindruck frei zu machen, den die eben erlebte Scene hervorgerufen hatte, wollte ihr dies doch nicht gelingen, und ſie ſah die Unglückliche immer deutlich vor Augen. Marie überlegte nooch, ob ſie zu Egmont von dieſer Begegnung und ihrem Verbhaͤltniſſe Wilm Nordmann zu ihm ſelbſt ſtehe. 39 Verſprechen, die Frau aufzuſuchen, ſprechen ſolle, als der Wagen vor ihrem Hotel hielt; ſie war ſchnell dazu ent⸗ ſchloſſen, denn ſie kannte ſein weiches Herz und wußte, daß er gern helfen werde, wenn ihm dies möglich ſei. „Ich habe eben eine unheimliche Begegnung gehabt, lieber Egmont,“ ſagte ſie daher, nachdem ſie ſich mit dieſem herzlich begrüßt und an ſeiner Seite niedergelaſſen hatte, —„ und ich kann Dir nicht beſchreiben, welchen tiefen Eindruck ſie auf mich gemacht hat.“ In kurzen Worten erzählte ſie, was ihr zugeſtoßen ſei. Egmont war während ihrer Worte auffallend blaß geworden; er konnte ſeine Bewegung nicht länger bemei⸗ ſtern, ſtand ſchnell auf und ging haſtig im Zimmer auf und ab; er zweifelte keinen Augenblick länger, dieſe Frau ſei die unglückliche Marie Franke, die durch ſeines Vaters und freilich auch ihr eigenes Verſchulden in dieſe Lage ge⸗ rathen ſei, er war auch ſogleich entſchloſſen, ihr zu helfen, aber Marie durfte nicht in fernere Verbindung mit ihr treten, denn abgeſehen davon, daß die Frau ſchon zu tief geſunken ſein mußte, wie der Doctor am Schluſſe ſeiner Erzählung von ihrem Schickſale angedeutet hatte, ſollte ſeine Gattin nicht in dieſe düſtere Vergangenheit blicken, über die er ſchon lange den Schleier der Vergeſſenheit ge⸗ deckt glaubte, auch durfte ſie nicht erfahren, in welchem „Egmont, Dein Benehmen erſchreckt mich,“ ſagte Marie, betroffen von ſeiner plötzlichen Bewegung;— „kennſt Du dieſe Frau und verſtehſt Du ihre räthſelhaften Andeutungen?“ „ Gch glaube es, liebe Marie,“ erwiederte der Graf ſo ruhig als möglich;—„ich vermuthe, daß es ein Weib iſt, deſſen Mann ſich zu Zeiten meines Vaters etwas zu Schulden kommen ließ und der deshalb ſeines Dienſtes entlaſſen wurde. Beruhige Dich nur, ich will mich morgen an Deiner Stelle zu ihr begeben und, wenn ich mich nicht in der Perſon täuſche, etwas für ſie thun.“ „Welche Bewandtniß aber hat es mit ihrem Kinde?“ fragte Marie lebhaft. „Das weiß ich in der That nicht,“ ſagte der Graf verlegen;—„ich werde es ja morgen hören.“ „Und ich darf Dich begleiten, beſter Egmont?“ bat Marie. „Nein, liebes Kind, das wird nicht nöthig ſein; be⸗ denke, daß es für Dich keine Annehmlichkeit iſt, in dieſe Höhlen des Elends zu dringen, und übrigens kannſt Du mir vertrauen, daß ich Alles thun werde, das Elend dieſer Frau ſo viel als möglich zu lindern.“ „Vergiß nicht, Egmont, daß ich der Frau das ſichere Verſprechen gegeben habe, zu kommen, und daß ich ſchoen 41 3 oft in die Hütten der Armuth getreten bin, was Du bis⸗ her auch zu billigen ſchienſt,“ wandte Marie bittend ein. „Es iſt nicht nöthig, Marie,“ meinte Egmont,— „und Du thuſt mir einen Gefallen, wenn Du mich nicht länger mit Bitten beſtürmſt, die ich Dir abſchlagen muß. Ich werde morgen oder übermorgen zu der Frau gehen und Dir dann berichten, was ich für ſie gethan habe.“ Egmont brach dieſes Geſpräch kurz ab und begann ein anderes; ſeine Frau aber war mit ſeiner Anordnung gar nicht zufrieden, denn ſie gewann immer mehr die Ueberzeugung, es liege hier ein Fall vor, der von hohem Intereſſe für ſie ſei, ſo wie gleichfalls für Egmont, der von ihrer Mittheilung tiefer ergriffen ſchien, als er es äußern wollte. Das Geheimniß hatte für ſie einen hohen Reiz, und es wurde ihr ſchwer, es nicht aufklären zu ſollen; darum kämpfte ſie lange, ob ſie nicht gegen ihres Mannes Willen doch die Bettlerin wieder aufſuchen ſolle. Marie hatte noch nie etwas gethan, was Egmonts Mißbilligung verdient hätte, weil es ſeinem Willen zuwider lief, darum wurde es ihr unendlich ſchwer, es jetzt zu wagen und mit ſich ſelbſt zu verantworten, aber die Verſuchung war gar zu groß und ſie ſagte ſich zur Beſchwichtigung ihrer Zweifel, ſie wolle ja ein gutes Werk thun und die Sorge darum nur nicht einem Andern überlaſſen; dennoch faßte ſie erſt einen feſten Entſchluß, als Egmont am Abend zu einem 42 Bekannten allein eingeladen wurde, was er unmöglich zurückweiſen konnte. „Du wirſt heute nicht die alte Frau, von der wir geſtern ſprachen, beſuchen können, lieber Egmont,“ ſagte ſie ſchmeichelnd;—„willſt Du es mir jetzt nicht erlauben, zu ihr zu gehen?“ „Nein, Marie, ich werde es morgen thun, verlaſſe Dich ſicher darauf,“ erwiederte der Graf beſtimmt.„Ich mag Dich wirklich nicht der Unannehmlichkeit und auch der Gefahr dieſes Ganges ausſetzen, denn eine ſolche iſt in den entlegenen Winkeln dieſer großen Stadt für eine ein⸗ zelne Dame leicht vorhanden.“ Egmont ging zu ſeinem Freunde, Marie zögerte noch einen Augenblick unentſchloſſen, dann befahl ſie einem Diener, ihr zu folgen, und verließ ebenfalls das Hotel, um durch das Gewirre von belebten Straßen und ſpäter immer einſamer werdenden Gäßchen das ihr angegebene Haus zu ſuchen. Es war ſchon ganz finſter, der kalte Frühjahrswind wirbelte einige verſpätete Schneeflocken herum, und Marie begegnete bald nur noch einzelnen Fußgängern von ärmlichem Ausſehen, die ihrer gar nicht achteten oder ihr neugierig und verwundert nachblickten, denn ſelbſt die einfache Toilette, die ſie gewählt hatte, erregte in dieſem Stadtviertel Aufſehen. Laut klopfenden Herzens, denn die ganze unheimliche Umgebung ließ ſie faſt ſchon ihren Gang bereuen, aber die Neugierde trieb ſie vorwärts, langte Marie an dem alten Hauſe an, das, halb verfallen, faſt gar nicht mehr das Anſehen einer menſchlichen Wohnung hatte; die Thüren fehlten gänzlich, die ſcheibenloſen Fenſterrahmen hingen loſe in den Angeln und der Wind trieb ſie knarrend um dieſelben herum; keine Spur von Licht war in dem ganzen anſcheinend unbe⸗ wohnten Gebände zu erblicken. „Fragen Sie hier im Nebenhauſe nach der alten Marie,“ befahl Marie dem Diener, und dieſer brachte gleich darauf die Nachricht zurück, die Alte wohne in dem Keller an der Hinterfront des Hauſes und der Eingang ſei vom Hofe aus. 4 Marien's Fuß zögerte unwillkürlich, als ſie über den dunklen Hausflur ſchritt, denn ihr fielen alle Ge⸗ ſchichten von Raubanfällen inmitten großer Städte ein, und es war gar nicht unmöglich, daß man, ihre ſtets der Wohlthätigkeit geöffnete Hand kennend, ſich einer Liſt be⸗ dient haben konnte, ſie zur Ausführung eines verbrecheri⸗ ſchen Anſchlages in dieſes Haus zu locken. Sie blieb einen Augenblick überlegend ſtehen und flüſterte dann dem ihr folgenden Diener zu, er ſolle ſich dicht bei ihr halten und, wenn ſie das Zimmer der Alten beträte, die Thür deſſelben nicht aus den Augen laſſen. Indeſſen hatte ſie den niedrigen Eingang zu dem 8 44 Keller erreicht; aus einem dicht über der Erde befindlichen kleinen vergitterten Fenſter leuchtete ein mattes Licht. Die Gräfin klopfte laut an die zugeriegelte Thür. „Wer iſt da?“ fragte gleich darauf die Stimme der Bettlerin. „Ich, gute Frau, die Dame, die Euch geſtern zu beſuchen verſprach,“ erwiederte Marie, die ſich anſtrengen mußte, den feſten Ausdruck der Stimme zu erzwingen. Der Riegel wurde ſchnell zurückgeſchoben, und Marie trat mit einem Winke für den Diener, ihr zu folgen, auf die Stufen der innen hinabführenden Treppe. „Gott ſegne Sie, Frau Gräfin, für ihre barmherzige Milde,“ ſagte die Bettlerin, welche Marie, bei dem trüben Schein der Lampe, die ſie in der Hand trug, ſogleich er⸗ kannte;—„ich hatte Sie nicht erwartet, denn ich glaube an keinen Menſchen mehr, haben ſie mich Alle doch ſchon betrogen.“ „Erlaubt, daß mein Diener mich hier auf dem Gange erwartet, während ich in Eure Stube trete,“ ſagte die Gräfin ſanft, und folgte dann der Alten, die eine morſche Thür öffnete und in ein ſogenanntes Zimmer eintrat. Es war ein überwölbter Raum von wenigen Fußen im Gevierte, kaum ſo groß, daß das einzige Meublement, eine ſehr ſchadhafte Bettſtelle und ein eben ſolcher klein, Tiſch Platz finden konnten, von den Wänden war der Kalk 45⁵ ſchon zum größten Theile abgefallen und zeigte die rohen Mauerſteine, an der Decke faſt befand ſich das einzige Fenſter, durch deſſen Gitter und trübe grüne Scheiben Marie auf dem Hofe Licht hatte ſchimmern ſehen. Eine zugemachte Thür ſchien nach einem Nebenzimmer zu führen. Wenige dürftige Kleidungsſtücke, zerbrochenes Geſchirr und ein Korb nebſt einem Haken, wie ſich die Lumpenſammler ihrer zu bedienen pflegen, befanden ſich außer Bett und Tiſch noch in dieſem engen Raume, den das mattbrennende Licht noch ungaſtlicher und abſchreckender darſtellte; nir⸗ gends fand das Auge einen Ruhepunkt, der einen einiger⸗ maßen beruhigenden Eindruck hätte zurücklaſſen können, denn Alles ſtarrte von Schmutz und befand ſich im unor⸗ dentlichſten Zuſtande. Die Alte lud die Gräfin durch eine Handbewegung ein, ſich auf das Bett zu ſetzen, auf dem ſie ſelbſt eben Platz genommen hatte, Marie wagte aber dieſer Aufforde⸗ rung nicht zu folgen und blieb vor der ihr ſeidenes Kleid mit ſichtlichem Wohlgefallen Befühlenden ſtehen. „Sehen Sie, gnädige Frau Gräfin, ſolche ſchöne, koſtbare Kleider habe ich auch einſt getragen,“ ſchwatzte die Alte, an deren klarem Verſtande Marie ſchon zu zwei⸗ feln anfing,—„aber es iſt ſchon lange her und war auch ſchon in der böſen Zeit meines Lebens, denn als ich noch rein und unſchuldig daheim war, kleidete ich mich einfach 46 nach meinem Stande,— da war ich glücklich, Frau⸗ Gräfin. Wenn ſich doch Niemand über ſeinen Stand erheben wollte! das bringt keinen Segen.“ Siie blickte Marien wie zufällig ſo durchbohrend da⸗ bei an, daß dieſe erbebte, aber eben ſo ſchnell kam ihr auch der Gedanke, man treibe hier abſichtlich ein Spiel mit ihr, deſſen Grund ſie ſich noch nicht erklären konnte. So ſehr Marie aber auch bedauerte, ihres Gatten Willen unge⸗ horſam geweſen zu ſein, konnte ſie doch jetzt nicht mehr umkehren; ſie ſagte deshalb in feſtem, aber ſanftem Tone: „Ich kam hierher, um Euch zu helfen, obgleich Ihr geſtern meine Unterſtützung zurückgewieſen habt; ſagt mir jetzt, womit ich Euch oder einem Andern dienen kann.“ „Mir?“ fragte die Bettlerin;—„geben Sie mir mein Kind wieder, oder ſagen Sie mir wenigſtens, wo ich es ſuchen ſoll.“ „Wie kann ich von Eurem Kinde etwas wiſſen, da ich nicht einmal Euren Namen und Eure Geſchichte kenne?“ fragte Marie, zwiſchen Mitleid und Furcht ſchwankend. „Sie ſollen meine Geſchichte wiſſen, ſchöne Frau, Sie allein, denn Sie ſind ſanft und gut gegen mich alte Frau, ich habe ſie noch Niemanden erzählt, als theilweiſe Dem hier.“ Sie zeigte dabei auf die Nebenthür, und Marie fragte erſchrocken: * 47 „Es iſt ein Mann in dieſer Stube?“ „Fürchten Sie ſich nicht, Frau Gräfin, er iſt eben ſo ſo unglücklich als ich ſelbſt,“ meinte die Alte,—„überdies ſchläft er jetzt und hört uns nicht. Vielleicht erleichtert das Sprechen mein Herz ein wenig; ich wollte, es gäbe mir Thränen. Wiſſen Sie, Frau Gräfin, daß es eine Qual iſt, nicht weinen zu können?“ „Sprechen Sie,“ ſagte Marie dringender, denn bei allem Mitleiden für die unzweifelhaft wirklich Unglückliche, hatte ſie Furcht, der Schläfer im anſtoßenden Zimmer möge erwachen und ſie hier finden. Die Alte begann jetzt eine Geſchichte, die wir ſchon kennen, und zwar aus dem Munde des Doctor Mitter⸗ mann; es war die Geſchichte Marie Franke's, der ſpäteren Frau des Kammerdieners Nordmann, und die Erzählerin die Hauptperſon in derſelben. Während ſie ſprach, ſtierte ſie wie geiſtesabweſend vor ſich hin, faſt jede Minute wech⸗ ſelte ihr Ton, bald war er lebhaft und von dem unge⸗ ſtümen Feuer der noch einmal durchlebten Exinnerungen beſeelt, bald leiſe und ausdruckslos; dennoch mußten ihre Worte einen tiefen Eindruck auf jeden Zuhörer machen, um ſo mehr alſo auf Marie, die alle die angeregten Ver⸗ hältniſſe kannte, ihr eigenes Schickſal mit denen der Er⸗ zählerin verglich und endlich hörte, daß ohne Zweifel Wilhelm Nordmann der Bettlerin und des verſtorbenen 48 Grafen Eldor Sohn ſei. Sie war leichenblaß geworden und zitterte ſo heftig, daß ſie ihre Füße nicht mehr tragen wollten und ſie ſich an den Tiſch, an dem ſie ſtand, an⸗ klammern mußte. Die Alte zog ſie, was ſie jetzt willenlos geſchehen ließ, denn ſie fühlte in dieſem Augenblicke keine Kraft zum Widerſtande, neben ſich auf die Bettſtelle nieder, ohne ſich in ihrer Erzählung zu unterbrechen. Gegen das Ende ihrer Erzählung, als ſie zu dem Abſchiede von Nord⸗ mann kam, wurde ſie immer weicher und ihre Schilderung immer beredter, und als ſie von der Trennung von dem Sohne ſprach, den ſie nie wieder geſehen hatte, brachen wirklich die lange Zeit ausgetrockneten Thränen aus ihren Augen und ſie ſchluchzte laut. Wir müſſen der Geſchichte des Doctor Mittermann noch hinzufügen, was er ſelbſt damals nicht wußte, ſondern nur vermuthete, daß ſie nämlich von dem Grafen Eldor reichlich mit Geld ausgeſtattet worden war, dieſes ihr aber durch ſchlaue Betrüger, die ſich der Rathloſen annehmen wollten, abgeſchwindelt und ſie dann auf einen Weg ge⸗ trieben wurde, zu dem ſie zwar die bitterſte Noth führte, der aber nichtsdeſtoweniger verdammenswerth blieb. Sie führte jetzt kurze Zeit ein ziemlich glanzvolles Leben, aber an ihrem Herzen nagte der Wurm der Verzweiflung, des tiefſten geiſtigen Elends; ſie war noch nicht ſo tief geſunken, um nicht zu fühlen, was ſie geworden ſei, und dieſes 49 Bewußtſein raubte ihr die körperliche Kraft und den Reſt ihrer Schönheit. Von Neuem jetzt dem Elende ausgeſetzt, trieb ſie ſchon ſeit beinahe zehn Jahren ein erbärmliches Leben als Bettlerin, den ſchädlichſten Ausſchweifungen ergeben; ſie war geiſtig todt, nur ein Gedanke, der an ihr Kind, weckte ſie zuweilen wieder auf, und dann grenzte, wie Marie auch ſchon zu bemerken geglaubt hatte, ihr Schmerz an Wahnſinn. Sie hatte nie gewagt, an den alten Grafen Eldor oder deſſen Nachfolger zu ſchreiben und um Hülfe zu bitten, weniger, weil ſie das Ehrgefühl davon abhielt, ſondern weil ſie ſich fürchtete, ihren Namen zu nennen, und weil ſie keine Hoffnung hegte, eine Unter⸗ ſtützung zu erhalten; ſie hatte auch ſchon mehrere Male die Abſicht gehabt, ſelbſt nach Breitenſee zu wandern, das übrigens ſehr weit entfernt war, um dort, ohne ſich zu erkennen zu geben, ihren Sohn aufzuſuchen und zu um⸗ armen, aber, wie ſie Marien ſelbſt geſtand, hatte es ihr ſtets an Muth gefehlt, ihm wieder unter die Augen zu treten. Ihr Schmerz war jetzt ſo tief, trotz ihres übrigen abſtoßenden Weſens ſo rührend, daß Marie mit ihr weinte. Sie dachte daran, aus welchem Fehler dieſes unendliche Leiden der Frau entſprungen ſei aus Empfindungen, denen ſie ſelbſt einmal nicht hatte widerſtehen können, und mit Schrecken und dem Riefſten Entſetzen fragte ſie ſich, was aus ihr ſelbſt vielleicht geworden wäre, wenn Egmnent wie 1858, XIX. In Wald und Schloß II.. 50 ſein Vater gehandelt hätte, und dennoch mußte ſich Marie ſagen, wäre ſie nicht ſo tief wie dieſe hier geſunken; aber hätte das Marie Franke nicht auch behauptet, als ſie Graf Eldor liebte?— Marie wollte der Unglücklichen nicht ſagen, daß Wilm lebe und wo er ſei; ihn ſelbſt mußte es zu tief niederdrücken, die Mutter in ſolchem Zuſtande wiederzu⸗ ſinden, dieſe war ſeiner nicht mehr werth; aber die junge Gräfin wollte mit ihrem Manne ſprechen, ihn um Rath fragen, und ſollte ſie ſich auch ſeinen Unwillen darüber zuziehen, daß ſie ſeinem Willen ungehorſam geweſen war. Inzwiſchen hielt ſie es für Pflicht, der Alten einen Troſt zu geben und ſagte: „Seid ruhig, Marie Franke, Gott iſt barmherzig und gütiger, als Ihr glauben mögt; ich kenne Euren Sohn nicht, aber ich will mit meinem Manne ſprechen, und viel⸗ leicht können wir ihn Euch wieder zuführen, denn es ſollen ſogleich Ermittelungen nach ihm angeſtellt werden.“ . Die Alte blickte ſie ungläubig an, dann ſagte ſie, wie geiſtesabweſend: „Thun Sie das, gnädige Frau, Gott wird es Ihnen ſegnen.“ „Ich werde Euch indeſſen dieſe Börſe hier laſſen,“ fuhr Marie fort, die ſich wieder gefaßt hatte und die es aus dieſer ſchauerlichen Umgebung fortdrängte;—„ich — 8 51 hoffe, Ihr ſollt ſpäter mehr von mir hören, und dann will ich weiter für Euch ſorgen.“ 1 Die Alte nahm die Börſe, nickte gleichgültig mit dem Kopfe und ſteckte ſie mit demſelben Ausdrucke der Theil⸗ nahmloſigkeit ein. Marie hatte ſich ſchon erhoben, aber Jene faßte ſie an das Kleid und hielt ſie zurück. „Sie können noch ein gutes Werk thun, gnädige Frau,“ ſagte ſie, auf die Thür des Nebenzimmers deutend. „Ich traf dieſen Mann zufällig in einer elenden Schenke und eben ſo zufällig erfuhr ich, daß er aus meiner Heimath ſei; er hat auch bei den Eldor's Unglück gehabt, und viel⸗ leicht iſt Euer Gatte mit den Breitenſeeer Eldor's ver⸗ wandt und kann bei dem jetzigen Herrn dort ein gutes Wort für ihn einlegen.“ „Aus Breitenſee?“ ſtammelte Marie erſchrocken, denn ſie ahnte eine zweite ſchreckliche Entdeckung. Die Alte nickte mit dem Kopfe, dann fuhr ſie ge⸗ heimnißvoll fort: „Wollen Sie mich und ihn nicht verrathen, Frau Gräfin?— ich habe Vertrauen zu Ihnen, denn Sie ſind ein Engel der Milde und Barmherzigkeit. Wenn Sie nicht helfen können, müſſen Sie ſchweigen, denn er ſelbſt darf nicht wiſſen, daß ich zu Ihnen von ihm geſprochen habe, ehe er ganz in Sicherheit iſt.“ „Ich werde ſchweigen,“ ſagte Marie leiſe. 4* 52 „Ich traue Ihnen,“ ſagte die Bettlerin, und näher an die junge Gräfin heranrückend, flüſterte ſie ihr zu: „Die Eldor's ſind alle eines Blutes; wie der Vater, ſo der Sohn. Sehen Sie, der Sohn, der junge Graf Egmont, hat's dem Alten nachmachen wollen und ſich auch ein Liebchen aus dem Volke angeſchafft; ſchade, daß es Deſſen Braut da drinnen war, er kam dazu, und die Hand war ſchneller als der Verſtand,— er ſchoß den jungen Grafen nieder.“ Marie ſtieß einen leiſen Ruf des Entſetzens aus und ſank wieder auf das ärmliche Lager nieder. „Erſchrecken Sie nicht, gnädige Gräfin,“ flüſterte die Alte weiter;—„der Graf war nicht todt, er iſt wieder geheilt worden. Aber Der da hat auch Alles verloren, und er kann nur zur Nachtzeit ausgehen, denn die Polizei i*ſt ihm noch immer auf der Spur, obgleich die Geſchichte ſchon anderthalb Jahr alt iſt und darüber. Sehen Sie, Frau Gräft, gleiche Brüder, gleiche Kappen,— ich nahm mich ſeiner an, weil unſer Schickſal ſo ähnlich war und der arme Menſch nicht eine Stelle hatte, ſein Haupt darauf nieder zu legen; hier ſucht ihn Niemand; wenn Ihre Ver⸗ wendung ihm bei dem jungen Grafen, der doch auch eine große Schuld an dem Mädchen und ihm hat, vielleicht Verzeihung auswirkt, ſo wird er wieder von hier fortgehen können.“ b 53 „Sein Name?“ fragte Marie mit erſtickter Stimme, obgleich ſie nicht mehr zweifelte, Franz Wernecke ſei in der Nebenſtube verborgen. „Ich weiß ihn nicht, denn er thut ſehr geheimnißvoll, und ich habe nur mit vieler Mühe herausbekommen, was ich jetzt weiß,“ meinte die Alte;—„mit Vornamen heißt er Franz.“ „Es iſt gut,“ ſagte Marie mit mühſam erzwungener Faſſung;—„ich werde Alles thun, was Ihr verlangt. Lebt wohl, Frau.“ Sie entriß ſich faſt gewaltſam den Dankſagungen der Bettlerin und eilte hinaus, denn die furchtbare Angſt, Franz könne erwachen, ſie ſehen und, nicht wiſſend, wie ſie eben hörte, daß ſie mit Graf Egmont verheirathet ſei, ſeine alten Rechte an ſie geltend machen und Hand an ſie legen, preßte ihr das Herz zuſammen und trieb ſie zur eiligen Entfernung. Sie bereute bitter, daß ſie Egmont's Rathe nicht gefolgt habe, denn ſie fühlte, daß ihre Nuhe jetzt auf lange Zeit geſtört ſei; ſo ſchn ell, als ſie ihre Füße zu tragen vermochten, eilte ſie aus d finſteren Hauſe und über die Straßen fort. Bis zum Tode erſchöpft, kam ſie in ihrem Hotel an, wohin Egmont noch nicht zurück⸗ gekehrt war. 4 Ihr Entſchluß ſtand feſt, offen mit ihm zu ſprechen; ſo weit ſie ihn kannte, war ſie überzeugt, daß er Franzen’s 54 Ergreifung durch die Polizei, um ihn ſeine Strafe ver⸗ büßen zu laſſen, nicht veranlaſſen, daß er aber Anſtalten treffen würde, ſie vor dieſem zu ſichern. Sie hätte am liebſten noch an demſelben Abende die Hauptſtadt verlaſſen. Erſt am andern Morgen fand ſie Gelegenheit, aus⸗ führlich mit ihrem Gatten zu ſprechen. Egmont war ſehr mißgeſtimmt, daß ſie ſeinem ausdrücklichen Verbote zuwider Marie Franke aufgeſucht habe, aber die Nachricht, daß Franz hier ſei, von dem man ſich wohl eines kühnen Rache⸗ verſuches verſehen konnte, beunruhigte auch ihn dergeſtalt, daß er ſeinem Unmuthe gegen Marie nicht weitere Worte gab. Lange war er unentſchloſſen, was jetzt zu thun ſei, endlich aber entſchloß er ſich, die Bettlerin und den Jäger in eigener Perſon noch an demſelben Abende aufzuſuchen, und theilte dies Marien mit. Egmont war beherzt, er wollte ſich zur Vorſicht bewaffnen, um mit Franz zuſam⸗ men zu treffen, denn er konnte keine Begleiter mit ſich nehmen, da durch dieſe leicht eine Klätſcherei ſtattfinden konnte, die viele Ui annehmlichkeiten nach ſich ziehen mußte; er blieb daher gegen Marien's Angſt und Bitten, ſich nicht einer ſolchen Gefahr auszuſetzen, taub. Seine Abſicht bei dieſer Unterredung war, Franz mit Geld zu verſehen und ihn zur ſchleunigen Flucht nach Amerika oder in die weite Ferne zu bewegen, um ſeiner für immer ledig zu werden; er mochte ihn nicht, wodurch er denſelben Zweck erreicht 1 5⁵ hätte, der Polizei verrathen, denn ſein edler Sinn ſträubte ſich gegen eine ſolche Handlungsweiſe, und hier lagen obenein Umſtände vor, die Franzen's böſe That zwar nicht rechtfertigten, aber vielleicht entſchuldigten. Mit einer Taſchenpiſtole bewaffnet, begab ſich der junge Graf, ſobald es dunkel geworden war, in das ver⸗ fallene Haus, deſſen Lage ihm Marie beſchrieben hatte; er fand ohne Aufenthalt den Keller und klopfte an. „Wer iſt da?“ fragte wieder die heiſere Stimme der Bettlerin. „Ein Freund, ein Abgeſandter der Gräfin Eldor,“ flüſterte Egmont. Die Thür öffnete ſich, und Egmont erſtarrte faſt, als er in dem ſchmutzigen, verwelkten Weibe, das vor ihm ſtand, die einſtige Geliebte ſeines Vaters, die als ſo ſchhn geprieſene Marie Franke, fand; er begriff nicht, welche Verheerung ein Zeitraum von etwa ein und zwanzig Jahren hatte anrichten können. „Ihr ſeid Marie Franke?“ fragte er, noch immer ungläubig. Die Alte nickte ſtumm und betrachtete den Ankönm⸗ ling, zwiſchen Freundlichkeit und Mißtrauen ſchwankend. „Hat Ench die gnädige Gräfin kein Zeichen mit⸗ gegeben, daß ich in Euch ihren fragte ſie. Abgeſandten erkenne?“ 56 „Nichts als das vollſtändige Vertrauen über Eure Angelegenheiten, in das ſie mich gezogen hat,“ erwiederte der Graf ruhig;—„ich komme in ihrem und des Grafen Eldor Auftrage und bringe dem Förſter Franz Wernecke unnter gewiſſen Bedingungen, die er leicht erfüllen kann, voollſtändige Verzeihung.“ „Und welche Bedingungen ſind dies?“ fragte die Bettlerin, noch immer zweifelnd. „Ich werde ſie ihm ſelbſt nennen, meinetwegen aber mögt Ihr dabei bleiben,“ ſagte der Graf;—„ich wünſche dies ſogar, denn Ihr habt, gleich ihm, den Grafen Egmont Elvor anders beurtheilt, als er es verdiente.“ „Ihr ſeid doch nicht der Graf?“ fragte Marie Franke erſchrocken.„O mein Gott, ja, Ihr ſeid es, ich erkenne Seine Züge wieder, Seine, die ich einſt ſo unausſprechlich liebte.“ „Still,“ ſagte der Graf, zwiſchen Mitleiden und Abſcheu getheilt;—„führt mich in Eure Stube und laßt mich den Franz Wernecke ſprechen; nachher werde ich mit Euch ſelbſt zu thun haben.“ Die Alte leuchtete dem Grafen, durch ſeinen be⸗ ſtimmten Ton eingeſchüchtert, voran; er betrachtete ſie noch einmal genauer, und das Mitleiden gewann die Oberhand in ihm, denn dieſe Frau, die jetzt etwas über vierzig Jahr 57 alt ſein mußte, hatte ohne Zweifel entſetzlich gelitten, denn ſie glich einer Greiſin von ſechzig Jahren. „Bleiben Sie hier einen Augenblick ſitzen, edler Herr,“ bat ſie in der kleinen Stube,—„ich will Ihnen den Franz rufen, der hier nebenan iſt.“ „Sagt ihm nicht meinen Namen,“ gebot der Graf; „theilt ihm nur mit, es ſei ein Abgeſandter Graf Eldor's hier und bringe ihm Verzeihung, vorausgeſetzt, daß er auf einige leichte Forderungen eingeht.“ Die Alte entfernte ſich; man hörte im Nebenzimmer einige Worte wechſeln. Nach einer Weile trat Franz Wernecke, von ihr gefolgt, ein. Er war ungemein blaß und abgezehrt, ſein Geſicht von Leidenſchaft und Trunk entſtellt, ſeine Kleidung ſehr abgenutzt und unſauber. Unter dem dunkeln Haar, das ihm verworren über die Stirn hing, blitzten ſeine Augen gleich glühenden Kohlen auf den Grafen, den er nicht ſogleich erkannte, da der Schatten bei der ſchlechten Beleuchtung gerade auf deſſen Geſicht fiel. Egmont ſtand, eine Hand auf den Tiſch ge⸗ ſtützt, ihm in ernſter, feſter Haltung gegenüber, dennoch war ſein Geſicht ſanft und ruhig. „Ich bedaure, Franz, Dich auf dieſe Art wiederſehen zu müſſen,“ begann er, während der Förſter wie vor einem Geſpenſte zurücktaumelte und mit der Hand nach der Stirn fuhr;—„fürchte Dich nicht vor mir, denn ich bin gekommen, Dir noch ſo viel Ruhe, als Du nach einer böſen That vor Deinem eigenen Gewiſſen finden kannſt, wieder zu geben. Dein Ausſehen ſagt mir, daß Du ein trauriges Leben geführt haſt, und ich halte Dich dadurch für geſtraft genug; wenn aber noch ein Funken von Ehr⸗ gefühl in Dir iſt, wie ich es früher in Dir ſchätzte, ſo ſollſt Du Gelegenheit haben, wieder ein Menſch zu werden, der nicht mehr Anderer Blicke und das Licht des Tages zu ſcheuen braucht.“ Franz hatte bisher kein Wort erwiedert; er ſchien noch immer ganz vernichtet von der unerwarteten Erſchei⸗ nung des Grafen und mochte ſich vor der Strafe fürchten, die ihm in Ausſicht ſtand; erſt als er die Verſicherung der Strafloſigkeit deutlich begriffen hatte, erholte er ſich etwas. „Du haſt Dich getäuſcht, Franz, wenn Du meinteſt, ich halte Marie Theißen nur eines unwürdigen Spieles meiner Laune werth, wenn Du mit unmännlicher Liſt und Gewalt ein Mädchen erringen wollteſt, das ihr Herz bereits einem Andern gegeben hatte; Du hatteſt kein Recht auf Marie Theißen und eben ſo wenig, auf einen Menſchen zu ſchießen, der Dir mit größerem Rechte auf ſeiner Seite Deeine Beute ſtreitig machte. Gleichviel aber, ich hoffe, Du wirſt dies ſelbſt eingeſehen und bereut haben, und in dieſer Vorausſetzung komme ich zu Dir; ich will vergeſſen, was geſchehen iſt, aber ich verlange dagegen, daß Du, von 59 mir reichlich mit Gelde verſehen, ſofort nach Amerika oder nach einem andern fernen Welttheile gehſt, Dir dort eine ſorgenfreie und ehrenfeſte Exiſtenz zu gründen.“ Gegen des Grafen Erwarten war Franzen's Blick immer finſterer und drohender geworden; er hielt die Fäuſte ſo krampfhaft geballt, als wolle er einen Angriff auf den Grafen machen. „Wo iſt Marie Theißen?“ fragte er mit vor Wuth gepreßter Stimme.. „Ich ſagte Dir, daß meine Abſichten auf ſie immer ehrenwerth waren,— ſie iſt jetzt meine Gattin,“ erwiederte Egmont, der ſeine beſonnene Ruhe bewahrt hatte. „Gräfin von Eldor?“ lachte Franz höhniſch auf, nachdem er den Grafen eine Weile zweifelnd angeſtarrt hatte. 8 3 „Sie haben die arme Verführte geheirathet?“ rief die Bettlerin mit wilder Freude;—„Sie haben ſie nicht betrogen, wie Ihr Vater mich Unglückliche?“ „Marie hat ſich meiner Achtung nie unwerth gemacht, ehe ſie meine Gattin wurde,“ erwiederte Egmont kalt der Frau;—„ich habe ſie nicht verführt, ſondern um ſie ge⸗ worben, als meine ehrenfeſte Braut.“ Die Alte ſtieß einen gellenden Schrei aus und warf ſich mit gerungenen Händen auf ihr Bett nieder.„Sie 60 war klüger wie ich,“ ſtöhnte ſie zu öfteren Malen und zerraufte ſich das Haar. „Willſt Du mein Anerbieten annehmen, Franz?“ fragte der Graf. Der Jäger machte in dieſem Augenblicke eine ſchnelle Bewegung gegen ihn, als wolle er ſich auf ihn ſtürzen; ſein Haar war geſträubt, die Zähne feſt auf einander ge⸗ biſſen und ſein Auge ſprach von der leidenſchaftlichſten Wuth. Aber der Graf war auf dieſen Ausbruch ſchon gefaßt geweſen; ehe Franz ihn erreicht hatte, blitzte der Lauf eines Piſtols vor ſeinem Geſichte, und die kräftige Hand Egmont's ſtieß ihn weit zurück, während er mit donnernder Stimme rief:„Zurück, Schurke!“ Wie Flammen zuckten die Augen des Jägers durch das Zimmer, als ſuchten ſie eine Waffe, die der des Grafen gewachſen wäre; dann hatte er mit einem Satze die Thür zum Hofe erreicht, und ſie öffnend, ſagte er mit furchtbarer Entſtellung aller Geſichtszüge: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!— Wir ſehen uns wieder, Graf Eldor; behalte Dein Geld, ich verkaufe meine Ehre nicht dafür.“ 2 Er ſchlug die Thür heftig hinter ſich in das Schloß, und Egmont hörte, wie er ſchnellen Srte über den Hof forteilte; Franz war ihm entkommen, aber er war jetzt ſeiner eigenen und Marien's Sicherheit ſchuldig, dieſen 61 gefährlichen Menſchen der Polizei anzuzeigen, und beſchloß, ſo bald als möglich die Hauptſtadt zu verlaſſen. Vorher aber hatte er noch für Marie Franke zu ſorgen; ſo ſehr er ſich aber auch bemühte, zu ihr zu ſprechen, mußte er ſich doch überzeugen, daß ſie ihn jetzt in ihrer Verzweiflung nicht verſtehe; deshalb ſagte er ihr, er werde anderen Abends zurückkehren, und entfernte ſich dann, mit großer Vorſicht die Straßen durchſchreitend, da er jeden Augen⸗ blick einen Angriff von Franzen's Seite erwarten konnte. Der Graf führte ſein Vorhaben aus; zuvörderſt ſetzte er die Behörden von der Anweſenheit Franzen's, den man ſchon lange ſteckbrieflich im ganzen Lande verfolgte, in der Hauptſtadt und von ſeiner Unterredung mit ihm in Kennt⸗ niß; dann bereitete er Alles zur Abreiſe nach dem Badeorte vor, nachdem er Marien nur ſo viel von ſeinem Zuſam⸗ mentreffen mik Franz erzählt hatte, daß ſie keine offenen Gewaltthätigkeiten von demſelben zu befürchten hätten. Viel Sorge machte es ihm, einen paſſenden Entſchluß in Betreff der Bettlerin zu faſſen; er wollte ſie in ihrem jetzigen verwahrloſten Zuſtande nicht dem Sohne zuführen, der ein durchaus ehrenwerther Jüngling war; ihr den⸗ ſelben aber ganz zu entziehen, ſchien ihm grauſam und naturwidrig. Nach einer längeren Verabredung mit Marie, die ſich beſonders für das unglückliche Schickſal der Frau intereſſirte, brachte er ſie endlich bei rechtlichen Leuten, die 62 ihm empfohlen wurden, in der Hauptſtadt gegen ein Koſt⸗ geld unter; die Alte wollte auf ſeinen Vorſchlag nicht ein⸗ gehen, aber Marie ſelbſt ſprach mit ihr und ſtellte ihr mit ſo überzeugender Beredtſamkeit vor, daß es nie zu ſpät ſei, auf der böſen Bahn umzukehren, und als ſie die alte Frau nun verſicherte, ihr Sohn lebe und ſei dem Grafen per⸗ ſönlich bekannt und ſie ſolle ihn wiederſehen, ſobald ſie ein ruhiges, reuevolles Leben eine Zeit lang geführt habe, brach die Alte wieder in Thränen aus und erklärte ſich zu Allem bereit. Am andern Tage verließen Graf Egmont und ſeine Gattin die Hauptſtadt.— Drittes Capitel. In dem Seebade, das Egmont zu ſeinem und ſeiner Gattin Aufenthalt für den Sommer gewählt hatte, ſah es ſchon einige Zeit vor ihrer Ankunft recht lebendig und bewegt aus, denn eine vornehme, begüterte Geſellſchaft war hier verſammelt, die jede Gelegenheit zu Vergnügun⸗ gen aufſuchte und benutzte, waren die Meiſten doch auch nur dieſer wegen, und nicht um die ſchwankende Geſundheit wieder herzuſtellen, hier verſammelt. Wie in den größeren S 8 6 —“ 63 Städten, erhob man ſich erſt gegen die Mittagszeit, ob⸗ gleich der Badearzt das frühe Baden anempfohlen hatte, machte eine leichte Morgentoilette, die an reizender Nach⸗ läſſigkeit entfaltete, was die ſpätere Tagestoilette an Koſt⸗ barkeit; badete, weil man im Bade war, beſuchte darauf die Promenaden und Concerte, und das Alles, um den Tag bis zum Abende hinzubringen, dem alle Herzen ſeh⸗ nend entgegen ſchlugen, denn im Kurhauſe war Ball und in einem beſonders abgeſchloſſenen Zimmer daneben die Pharo⸗ und Roulettebank. Unter der Damenwelt zeichnete ſich in dieſem Jahre durch Schönheit, Coquetterie und Eleganz die Baroneſſe von Gilgenbruck aus, eine brillante Partie, wie die Herren meinten, die ſie in großer Anzahl umſchwärmten, ſobald ſie auf der Promenade erſchien. Daß Ida ſchön war, wiſſen wir ſchon, daß ſie elegaut erſchien, war bei dem Vermögen des Vaters und der langjährigen Praxis der Mutter kein Wunder, aber ſie war auch coquett, denn mit dem Verluſte Egmont's war in jeder Beziehung eine An⸗ dere aus ihr geworden, und ſie hatte jetzt aus doppeltem Grunde gerade dieſes Weſen angenommen, einmal, weil ſie Egmont fühlen laſſen wollte, er habe unklug gethan, nicht ſie, die gefeierte Schönheit der ganzen Badeſaiſon, früher zu heirathen, dann aber, weil ſie es für nöthig hielt, eine Partie zu machen, die ſie ſelbſt auch brillant zu 64 nennen Grund hatte. Egmont ahnte nicht im Geringſten, daß Ida mit ihrer Mutter in dieſem Badeorte ſei, ſonſt würde er ihn gewiß nicht für ſich erwählt haben, ſie aber hatte ſich gerade deshalb für ihn entſchieden, weil ſie wußte, Egmont würde ihn beſuchen, und ſie der Meinung war, hier am beſten ihre Pläne verfolgen zu können, die alle nur ein Ziel hatten, nämlich in Egmont's und Marien's Verhältniß einen Mißklang zu bringen. Vorläufig gedachte Ida, ſchon jetzt im Verein mit ihrer Mutter, Vorurtheile gegen die junge Gräfin Eldor in der Badegeſellſchaft zu erwecken, und ſie war überzeugt, dies werde ihr nicht ſchwer fallen, da viele Gutsbeſitzer der Umgegend von Breitenſee hier waren und alle ſich leicht zu einer Vereinigung gegen die Förſterstochter bereit finden würden, die es gewagt hatte, ihres Gleichen zu werden. Im Kurſaale fiel heute gerade der Ball aus, ſtatt deſſen fand eine Soiree ſtatt, in der man ſich durch die Converſation für den Ausfall des Tanzes zu entſchädigen ſuchte; am willkommenſten war der Geſellſchaft, die hier vor Kurzem erſt zuſammengekommen war, und deshalb noch nicht viel gemeinſame Anknüpfungspunkte hatte, die ſpottweiſe Beurtheilung Anderer, die theils ſchon am Orte, aber augenblicklich nicht anweſend waren, theils Solcher, die man im Kurzen erwartete. Zu letzteren gehörte der wegen ſeines Reichthums weit bekannte Graf Eldor. 3 Ida hatte eben ſeinen Namen erwähnt, da er ja ihr Nachbar war, und Herren und Damen, die um ſie herum ſaßen, bedurften nur dieſes Anſtoßes, um ſie mit Fragen nach dem Grafen und ſeiner jungen Gattin zu überſchütten, deren Beantwortung ſie ſich mit geheimem Triumphe bereit⸗ willig unterzog. „Beſchreiben Sie uns doch die junge Frau, theure Baroneſſe,“ baten die Damen von allen Seiten durch einander.„Hat ſie einige Erziehung erhalten? iſt ſie dem geſellſchaftlichen Leben zugethan, und werden wir mit ihr harmoniren können.“ „Ich kann freilich nicht für die Richtigkeit meines Urtheils bürgen, meine Damen,“ ſagte Ida,—„denn ich bin nicht in nähere Berührung mit ihr gekommen, obgleich unſere Familie früher in ſehr nahen Beziehungen zu Eldor's ſtand.“ gebrochen?“ fragte eine alte Neugierige ſchien die beſondere Betonung des Wortes„fri hinzudeuten. 1 „Das wollte ich gerade nicht geſagt haben,“ meinte Ida, anſcheinend etwas verlegen;— undeſin müſſn Sie geſtehen, daß es Gemüther giebt, die einmal nicht ſympathiſiren, und ſo ergeht es, aufrichtig geſagt, mir und der neuen Gräfin. So ſchätzenswerth ſie ſein mag, ſtanden 1858. XIX. In Wald und Schloß. 11. 3 5 ſpruchslos 66 wir uns doch noch vor Kurzem ſo unendlich fern, daß von einer näheren Verbindung gar keine Rede ſein konnte, und ich vermochte mich an die plötzliche Veränderung nicht ſo ſchnell zu gewöhnen.“ „Iſt ſie ſchön?— ohne Zweifel, ſonſt würde Graf Eldor nicht dieſen außerordentlichen Schritt gethan haben.“ „Geſchmacksſache, meine Herrſchiſten, Sie werden es bald ſelbſt beurtheilen können,“ meinte Ida. „Nun, und ihr Charakter, ihre geiſtigen Eigenſchaften, ihr Ffäxe Weſen?“ fragte man weiter. Denken Sie ſich eine wilde Waldblume, aus dem heimalhlichen Boden genommen und in einen goldgerän⸗ derten, gemalten Porzellantopf verpflanzt, und Sie haben das beſte Bild von ihr,“ ſagte Ida, gleichgültig mit ihrem ſpielend;„ich möchte hinzufügen, daß ihr die och immer nicht recht zu bekommen ſcheint. Marie Theißen, ich wollte ſagen: die Gräfin 3 ach ihren früheren Verhältniſſen gut erzogen, d eine tüchtige Wirthſchafterin, gutmüthig, an⸗ „Aber wie präſentirt ſie ſich in der Geſellſchaft?“ Lnit urfen d Ihre Anforderungen freilich nicht zu hoch ſtellen, denn die junge Frau liebt die Zurückgezogen⸗ heit und hat auch ſeit ihrer Verheirathung wenig Ge⸗ legenheit gefunden, ſich in der beſſeren Geſellſchaft zu 67 bewegen; Sie werden ſie etwas ſcheu und einfach finden, denn ſie fühlt, daß ſie eigentlich nicht an ihrem Platze iſt; aber die Tournüre liegt im Blute und in der Jugend⸗ erziehung ſchon.“ „Und Graf Egmont liebt ſie wirklich?“ „Man ſagt ſo,“ erwiederte Ida, leicht die Achſeln zuckend. „So erklären Sie uns nur, beſte Baroneſſe, was an ihr eigentlich Graf Egmont angezogen und ihn zu dem vermuthlich etwas übereilten Schritte, ſich mit ihr 5n ver⸗ mählen, getrieben hat,“ baten die Damen. „Ich muß offen geſtehen, daß ich es nicht genau weiß, meine Damen,“ erwiederte Ida;—„indeſſen wird Ihnen jedenfalls die unglückliche Geſchichte mit dem Leibjäger und ſpäteren Förſter des Grafen bekannt ſein, de Zeit viel Aufſehen und Theilnahme erregt hat. 4 Ein Theil der Geſellſchaft erinnerte ſich jen falls, der übrige drang mit Bitten in Ida, ihn zu erzählen. „Die Geſchichte iſt ſehr delikat, und ich wünſchte nicht, einem der Betheiligten zu nahe zu treten,“ meinte die Baroneſſe,—„indeſſen will ich Ihren Wunſch er⸗ füllen und erzählen, was das allgemeine Gerücht ſagte. Der Vater der jetzigen Gräſin, damals Förſter in dem Waldrevier, das dem Breitenſeeer Schloſſe zunächſt lieg— ſoll ihre Neigung zu einem Leibjäger des Genſen Eldor 68 gebilligt und begünſtigt haben, da er deſſen Ehrenhaftigkeit hoch ſchätzte; die Beiden liebten ſich einmal, der alte Theißen gab ſeine Erlaubniß zu ihrer öffentlichen Ver⸗ lobung, und man dachte bereits an die Hochzeit. Man ſagt, ein Zufall habe den jungen Grafen damals nach dem Förſterhauſe geführt, er Marie erblickt und ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht;— wie weit dieſelbe ging, vermag ich nicht anzugeben, indeſſen währte ſie gegen zwei Monate, bis der Bräutigam, der in der Abſicht, die Braut freudig zu über⸗ raſchen, zur Nachtzeit aus einer entfernteren Gegend, wo er indeſſen, auf Veranlaſſung Graf Egmont's, Förſter ge⸗ worden, in die Gegend des Förſterhauſes kam, hier an einer einſamen Stelle des Waldes ſeinen Herrn bei einem zärtlichen Rendezvous mit ſeiner geliebten Marie über⸗ chte.“ ur Nachtzeit im Walde?“ riefen einige Damen in ſichtlicher Empörung. „So war es in der That. Der arme Menſch ließ ſich von ſeiner Heftigkeit und ſeinem beleidigten Ehrgefühl fortreißen und ſchlug ſeine Büchſe auf die ungetreue Braut an; er verfehlte ſein Ziel und verwundete Graf Egmont. Er iſt nachher landesflüchtig geworden, der Graf heirathete ſehr ſchnell Marie,— das iſt die kurze Geſchichte.“ „Der arme Menſch!“ ſeufzten ein Paar Damen und lichſt Erwarteten ſeien im Badeorte eingetroffen, und wer 69 man wußte nicht, ob dieſes Bedauern Egmont oder ſeinem Förſter galt. Einige ſchüttelten bedenklich die Köpfe und ſtanden auf, der größere Theil erkundigte ſich darnach, ob Graf Egmont und ſeine Gattin denn jetzt gar kein großes Haus machten, aber auch ſie erhielten keine befriedigende Ant⸗ wort. Man flüſterte unter einander, daß das Rendezvous im Walde zur Nachtzeit doch ſehr bedenkliche Folgerungen für den Charakter der Gräfin ziehen ließe und daß man dieſen erſt genau erforſchen müſſe, ehe man ſich durch eine zu innige Bekanntſchaft mit ihr vielleicht ſpäter compro⸗ mittiren könne. So dachten die Damen; die Herren bedauerten, daß Graf Egmont nicht ſpielen ſolle und verſicherten ſich gegen⸗ ſeitig, ſeine junge Frau, die das Abenteuer im Walde erlebt habe, ſolle ſehr ſchön ſein, als eines Tages ein Kammerdiener des Grafen Eldor eintraf, ein ſehr ſchönes Quartier für denſelben miethete und mit Eleganz aus⸗ ſtatten ließ. Man war ſehr geſpannt auf die Herrſchaft, die bereits in wenigen Tagen erwartet wurde, und Man⸗ cher ging auf den Weg hinaus, welcher der Hauptſtadt zuführte, um zuerſt eine Nachricht bringen zu können, wie die junge Gräfin und der Graf eigentlich ausſähen. Bald verbreitete ſich dann auch das Gerücht, die ſehn⸗ 1 70 ſie geſehen, verſicherte, die Gräfin ſei ſchön, was aber noch mehr ſagen wolle, über alle Begriffe liebreizend, ſo daß man ſich auf den erſten Blick zu ihr hingezogen fühle. Der nächſte Morgen, an dem man das Paar zum erſten Male zum Baden gehen ſah, beſtätigte dieſe Behauptung, und man konnte ſich nicht genug über den ſtolzen Anſtand der jungen Frau wundern, der es gar nicht glaublich erſcheinen ließ, daß ſie ſo niederem Stande entſproſſen ſei; einige Damen, mit denen Marie auf dem Badeplatze auch wenige Worte beim zufälligen Zuſammentreffen gerdeßſel hatten, verſicherten, ihr ganzes Weſen ſei von gewinnender Milde und ganz ihrem Aeußeren entſprechend, auch wollte man keinen auffallenden Mangel an Bildung und Umgangston entdeckt haben. Kurz, in einiger Zeit war ſchon ein Theil der Badegeſellſchaft überzeugt, die durch Ida von Gilgen⸗ bruck über Gräfin Eldor verbreiteten Gerüchte ſeien aus falſcher Beurtheilung oder böſem Willen entſprungen und letztere ſei eine nicht allein umgängliche, ſondern auch an⸗ ziehende Frau; Ida's Neiderinnen und deren Anhang flüſterten ſich auch ſchon zu, dieſe ſolle ſelbſt Abſichten auf die Hand Graf Egmont's Eldor gehabt haben, von dieſem Marie vorgezogen und hierdurch eine unverſöhnliche Feind⸗ ſchaft der Baroneſſe gegen ihn und ſeine Gattin veranlaßt ſein. Deſto eifriger hingen aber Ida's Bewunderer und ihre Angehörigen, welche zuſammen immer noch die 71 Majorität der Geſellſchaft bildeten, an ihr und fuhren in ihrer feindſeligen Beurtheilung Marien's fort. Man wird begreifen, wie lebhaft der Letzteren und ihres Gatten Erſtaunen und wie groß Beider Mißbehagen war, als ſie gleich bei ihrer Ankunft aus der Badeliſte er⸗ ſahen, Ida ſei hier am Orte; dieſe ſäumte denn auch nicht, ſofort in Begleitung ihrer Mutter eine Viſite abzu⸗ ſtatten, bei der ſie ſich über den glücklichen Zufall, mit ihren lieben Nachbarn hier zuſammen zu treffen, äußerſt erfreut zeigte und die Hoffnung ausſprach, viel mit ihnen zuſammen zu leben. Dennoch war dieſe Begegnung bei dem innigen Verhältniſſe der Familien Eldor und Gilgenbruck ziemlich kalt und förmlich, denn Egmont konnte kaum ſei⸗ nen Unmuth bemeiſtern; gerade dieſen Leuten hatte er durch ſeine Reiſe aus dem Wege gehen wollen, und daß er ſie hier traf, bewies ihm deutlich, daß ſie Willens waren, ſei⸗ nem Glücke ſtörend in den Weg zu treten. Seine Zurückhaltung erbitterte Ida und ihre Mutter heimlich noch mehr gegen ihn, obgleich ſie thaten, als be⸗ merkten ſie dieſelbe nicht. Marie war vorſichtiger als er, obgleich ſie eine eben ſolche Abneigung gegen die Gilgen⸗ bruck's fühlte, denn auch ſie ahnte von ihrer Anweſenheit nur Gefahr für ſich, und dieſe erſchien ihr um ſo bedenk⸗ licher, als ſie ſeit Kurzem an Egmont eine Veränderung wahrgenommen hatte, die ſie beunruhigte. Sie wußte, 72 daß er ihren Ungehorſam, in Betreff des wiederholten Be⸗ ſuches bei Marie Franke, ſehr übel aufgenommen hatte, obgleich er ſich darüber weiter nicht ausgeſprochen, denn die Begegnung mit Franz und das Reſultat ſeiner Unterhandlung mit demſelben nahmen ſein Intereſſe faſt ausſchließlich in Anſpruch und verſtimmten ihn ſehr; Eg⸗ mont war ſtiller, karger in ſeiner Zärtlichkeit und das reine Vertrauen auf die Erfolge dieſer Reiſe ſchien von ihm ge⸗ wichen zu ſein. Dazu kam, daß Marie ſelbſt im Gefühle ihrer Schuld und in der Angſt vor der geringſten Verun⸗ einigung mit ihrem Manne ſich unbewußt auch zurückhalten⸗ der gegen ihn zeigte. Dieſe leichte Spannung würde indeſſen durch die Zeit vorausſichtlich leicht gehoben worden ſein, wenn nicht andere äußere Anläſſe hinzutraten, ſie zu vergrößern. Egmont konnte nicht die Abſicht haben, ſich ganz und gar von der Badegeſellſchaft abzuſchließen; dies erlaubten ſein Stand und ſein Vermögen nicht, und er mußte fürch⸗ ten, daß man es ihm als eine Scheu, ſeine Gattin der Ge⸗ ſellſchaft vorzuführen, auslegen konnte. Er und Marie betheiligten ſich alſo bald an den öffentlichen Vergnügungen und Zuſammenkünften, obgleich dieſe eigentlich Beiden läſtig waren; ſie wußten, daß durch Ida die Geſchichte ihrer Liebe ſchon allgemein bekannt ſein und daß ſich in Folge der Darſtellungsweiſe darüber Urtheile gebildet haben würden, die verletzender Art ſein konnten; Beide waren — 73 daher von vorn herein mißtrauiſch und um ſo weniger konnte es ihnen entgehen, daß man ihnen nicht von allen Seiten mit offener Herzlichkeit entgegen kam. Dies traf beſonders Marien, die ein Theil der Geſellſchaft ohne Wei⸗ teres vollkommen verdammte, der übrige wenigſtens erſt beobachten wollte, ehe er ſich ihr näher anſchlöſſe. Bei ihrem Stande konnte keine Rede davon ſein, daß man ſie auffallend vernachläſſigte und die äußeren Formen gegen ſie nur im Geringſten verletzte, aber man ſuchte ſie auch nicht und betrachtete ſie mit Blicken, deren Forſchen einem ſo zartfühlenden Gemüthe, wie dem ihrigen, kränkend ſein mußte. Marie fand daher keinen Gefallen an der Geſell⸗ ſchaft, in der ſie ſich an Niemanden innig anſchließen konnte. Egmont machte die gleiche Bemerkung wie ſie, und dieſe erfüllten ihn mit dem lebhafteſten Aerger, indeſſen fand ſich durchaus keine Gelegenheit, Jemanden offen ent⸗ gegen zu treten und ſich eine Erklärung dieſes ſonderbaren Benehmens zu erbitten; Egmont ahnte, daß Ida die Schuld davon trug, aber es fehlte ihm an Beweiſen für dieſe Ver⸗ muthung. Dies Alles ſteigerte aber ſeine Mißſtimmung, und da er ſich darüber zu Niemandem ausſprechen konnte, ſelbſt zu Marien nicht, um ſie zu ſchonen, da er immer ver⸗ geblich auf Mittel ſann, der heimlich fortſchleichenden Ver⸗ läumdung zu begegnen und ſie zu vernichten, wurde er 74 ernſter und finſterer als je, was ſeiner Gattin nicht ent⸗ gehen konnte und ſie niederdrückte. Es ſchwebte ein böſer Geiſt über dem Eldor'ſchen Hauſe, und es bedurfte nur eines geringfügigen Anlaſſes für ihn, ſich darauf nieder zu laſſen. 3 Marie hatte noch einen andern undzwar tiefern Kummer, als den über das eigenthümliche Benehmen der Geſellſchaft; er war, daß Egmont ſelbſt dadurch auf den Gedanken gerathen möge, er habe den Kampf mit Vorurtheilen übernommen, die er nie würde beſiegen können, und er habe ſich dadurch einen Fehler zu Schulden kommen laſſen, den er jetzt be⸗ reuen müßte. Sie glaubte dieſe Befürchtungen ſchon jetzt oeft durch ſeine finſtere Miene beſtätigt zu ſehen, ſie erin⸗ nerte ſich der mehrfach ihr zugekommenen Mahnung, daß es nicht gut ſei, ſich über ſeinen Stand zu erheben, und ſie war entſetzt, wenn ſie daran dachte, ſie könne Egmont je zur Laſt fallen. Jetzt erſt fühlte die arme Frau ſich ſelbſt niedriger, als die durch das Schickſal begünſtigten, edelge⸗ bornen Damen, mit denen ſie ſich übrigens nicht nur in jeder Beziehung meſſen konnte, ſondern ſie an Weiblichkeit, viele ſelbſt an Geiſt übertraf; ſie fühlte das Bedürfniß, von ihnen anerkannt zu werden, und wollte dies ſelbſt um den Preis einer Demüthigung erringen; darum kam ſie, ohne daß Egmont es bemerkte, der es es keinesfalls gebil⸗ ligt und ſie auf ihren Irrthum aufmerkſam gemacht haben 75 würde, Denen, die ihr aus dem Wege gingen, ſelbſt ent⸗ gegen und fühlte ſich innerlich beglückt, wenn ihr Jemand Aufmerkſamkeiten erzeigte; ſelbſt mit Ida, welche ſie doch für die Urheberin des Böſen, das man ihr that, hielt, war ſie geneigt, wieder in freundſchaftlichere Verbindung zu treten, um an ihr eine Stütze zu gewinnen. Ida bemerkte dies kaum und begriff die Urſache von Marien's verändertem Benehmen, als ſie ihr bereitwillig entgegen kam und eine Freundſchaft heuchelte, die ſie nur als Deckmantel ihrer rachſüchtigen Abſichten benutzte; mit dem einſchmeichelndſten Vertrauen ſuchte ſie ſich einen Platz in Marien's Herzen zu ſichern, um ſie ganz beherrſchen und zu Dem leiten zu können, was den Bruch zwiſchen ihr und Egmont herbeiführen ſollte. Sie ſelbſt erwähnte zu⸗ — erſt der allgemeinen Zurückhaltung vor der jungen Gräfin, verwahrte ſich aber mit den heiligſten Eiden dagegen, zu derſelben etwas beigetragen zu haben, ſchob dieſe vielmehr geradezu und unter dem Vorgeben, Marien unterſtützen und belehren zu wollen, auf deren eigenes von dem Geſell⸗ ſchaftston abweichendes Auftreten, eine, wie ſchon geſagt, ganz unbegründete Beſchuldigung. Egmont ahnte nichts von dieſen Beſtrebungen da's, nicht einmal ihre häufigeren Zuſammenkünfte mit ſeiner Frau, da Ida, ſeine Dazwi⸗ ſchenkunft fürchtend, dieſe ſo einzurichten wußte, daß ſie in die Zeit ſeiner Abweſenheit fielen, und letztere fand jetzt 76 öfter ſtatt, wie früher, denn Graf Egmont, der eine Zer⸗ ſtreuung ſeines Unmuthes ſuchte, ſpielte an der öffentlichen Bank im Kurhauſe, zwar nicht ſo hoch und leidenſchaftlich, daß bei ſeinem bedeutenden Vermögen ein Unheil für ihn daraus entſprießen könnte, aber doch ſo oft, daß er Marie darüber vernachläſſigte. Dieſe ſah es mit Schmerz, aber ſie wagte nicht, Einwendungen dagegen zu machen, ſo ſehr ſich ihr Kummer auch dadurch ſteigerte; welche Macht der⸗ ſelbe ſchon über ſie gewonnen hatte und wie die Angſt ihren natürlichen Verſtand befing, ließ ſich daraus am beſten erfahren, daß ſie Ida's böſe Anſchläge auf ihr Glück nicht ahnte und ihr immer mehr Vertrauen ſchenkte. „Was ſoll ich denn aber thun, um dieſen Leuten zu genügen?“ fragte Marie mit Thränen in ihren unſchuldi⸗ gen blauen Augen, die ſie flehend zu Ida aufſchlug. „Du biſt zu befangen, beſte Marie,“ erwiederte dieſe mit einem theilnehmenden Blicke;—„die ſanfte Milde, mit der Du einem Jeden entgegenkommſt, ſcheint ihnen Gleichgültigkeit, eine Maske, unter der Du ſtolze Zurück⸗ haltung verbirgſt, ſie ſehen darin eine Ueberſchätzung Dei⸗ naes eigenen Werthes über den ihrigen; man darf nicht Engel ſein wollen in dieſer Welt voll Schwächen und Sün⸗ den, deren ſich Jene bewußt ſind und die ſie nicht mehr der Mühe werth halten, zu verbergen. Ich weiß mir Deine Empfindungen richtiger zu deuten, als die Leute, die Dich 77 hier das erſte Mal geſehen haben, und ich bedaure von Herzen, daß Du von ihnen verkannt wirſt. Faſſe einmal den Entſchluß, Dich, gleich ihnen, frei und ungezwungen zu zeigen, lache und ſpotte mit ihnen über die Schwächen Anderer, laß Dir die Huldigungen der Männerwelt zu Füßen legen, was bei Deiner Schönheit nicht ausbleiben und Deiner Tugend keinen Eintrag thun wird;— Eg⸗ mont iſt Mann von Welt und viel zu vernünftig, um in einem Scherze eine Untreue von Deiner Seite zu ſehen. Uebrigens erreichſt Du gerade dadurch auch noch einen an⸗ dern Zweck, der Dir von Wichtigkeit ſein muß, nämlich, Egmont noch inniger an Dich zu feſſeln.“ „Aber Ida, Egmont liebt mich ja,“ wandte die junge Frau unwillig ein. „Sei mir nicht böſe, liebe Marie, wenn ich mich offen ausſpreche,“ meinte die Baroneſſe.„Wenn Du einen Mann aus niedrigem Stande heiratheſt, ſo genügſt Du ihm vollkommen, wenn Du ein treues Weib, eine gute Haus⸗ wirthin und dereinſt eine gute Kinderfrau biſt. Ein Mann von Bildung verlangt mehr, er will auch eine ihm an geiſtigen Kräften gewachſene Geſellſchafterin haben; ein Mann von Welt endlich, ein Egmont, iſt auch damit noch nicht zufrieden, er will ſeine Frau nicht allein bewundern, ſondern auch von Andern bewundert ſehen, und Du wirſt Dich bald überzeugen, daß Egmont kälter gegen Dich wird, 78 wenn er ſieht, daß Niemand ihn um Dich zu beneiden ſcheint, daß man zarte Aufmerkſamkeiten an die Frauen anderer Männer fortwirft, welche die Königinnen der Ge⸗ ſellſchaft ſpielen, während ſeine Gattin leer ausgeht. Mache ihn immerhin ein wenig eiferſüchtig, es iſt beſſer, als wenn er gleichgültig wird.“ Marie ſeufzte; ſie dachte an Egmont's Verſtimmung, an das Spiel, in dem er einen größern Reiz zu finden ſchien, als in ihrer Geſellſchaft; ſie fragte ſich ernſtlich: ſprach Ida die Wahrheit? „Egmont würde mich verachten, wenn ich leichtfertig mit ſeinem Herzen ſpielte,“ ſagte ſie. Ida lachte laut auf, dann meinte ſie mit dem heiter⸗ ſten Geſicht: „Wer ſpricht denn vom Herzen, liebſte Marie?— Glaubſt Du, daß das ſeinige unter Deinem Benehmen lei⸗ den könnte, ſo fage ihm doch offen, welche Abſichten Du dabei haſt, das wird ihn beruhigen; gieb es dann auf, ihn eiferſüchtig machen zu wollen, und ſtrebe nur darnach, Dich auf einen Deinem Range und Deiner Schönheit gebühren⸗ den Platz in der Geſellſchaft zu heben. Für Dein eigenes Herz brauchſt Du bei dem Spiele auch nichts zuͤ fürchten; eine kluge Frau zieht ſich zurück, ſobald ſie es ſtärker pochen fühlt, und das Deinige, das ſo innig an Egmont hängt, wird am allerwenigſten einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt werden. Thue, was Du willſt, Marie, aber ich würde Dir rathen, es wenigſtens eine kurze Zeit lang mit meinen Rathſchlägen zu verſuchen.“ Ida erhob ſich, küßte Marie zärtlich und gab vor, es ſei die höchſte Zeit für ſie, nach Hauſe zurück zu kehren. Marien's Gefühl ſträubte ſich gegen ihre Vorſchläge, aber doch tönten dieſe immer wieder verführeriſch in ihr Ohr; Egmont wollte ja ſelbſt, daß ſie eine glänzende Rolle in der Geſellſchaft ſpiele, er zog ſich ſelbſt von ihr zurück, weil ihr bisheriges ſtilles Weſen ihm nicht mehr genügte. Marie dachte viel über Ida's Worte nach, aber noch war ſie zu keinem feſten Entſchluſſe gekommen, als am folgenden Abend die Badegeſellſchaft ſich zu einer großen Soiree ver⸗ ſammelte, die ſie auf Egmont's Wunſch beſuchen mußte; indeſſen legte ſie doch, eigentlich gegen ihren eigenen Ge⸗ ſchmack, eine bei Weitem reichere Toilette als ſonſt an, und. ſie war entzückt, als ihres Gatten freundlicher Blick ihr dafür lohnte. Indeſſen hatte Ida eine andere Operation eröffnet. Unter den Bekannten ihrer Famillie, die ſich hier am Orte befanden, war ein weitläufiger Vetter, ein Baron von Ohlſen, ein Mann, von dem man behauptete, er habe ſchon viel Glück bei Damen gehabt, und der ziemliche Ge⸗ wandtheit im Hofmachen mit einer unerſchütterlichen Dreiſtigkeit vereinigte; er war ſelbſt ſtolz auf ſeinen Ruf * 80 und hätte eine Niederlage nicht für möglich gehalten. Ida wandte ſich zunächſt an ihn. „Beſter Vetter, haben Sie noch gar nicht die ſchöne Gräfin Eldor bemerkt?— Was halten Sie von ihr?“ „Schön, bildſchön, aber zu tugendhaft,“ meinte der Baron, ſeine Couſine ruhig durch die Lorgnette anblinzelnd. „ Das ſagen Sie, beſter Vetter, den man mit Recht den Unwiderſtehlichen nennen ſoll?“ erwiederte Ida mit angenommenen Erſtaunen,—„und Sie haben noch nicht einmal die Belagerung dieſer Feſtung begonnen?— Vet⸗ ter, ich glaube in der That, daß Ihr Ruf größer iſt, als Sie ſelbſt.“ Dceer Baron biß ſich verdrießlich auf die Lippen, aber Ida ſetzte ihre Spöttereien fort, bis er endlich verdrieß⸗ lich ſagte: „Es gälte eine Wette, liebe Couſine, daß ich dennoch auch hier zu meinem Ziele gelange, wenn ich den Verſuch wage, das ſpröde Herz der ſchönen Gräſin zu beſtürmen.“ „Ich halte Sie beim Wort, Vetter,“ rief Ida lachend und hielt dem Baron ihre Hand hin, in die er zögernd ein⸗ ſchlug;—„wie hoch gilt unſere Wette?“ 5 „Es bedarf keines anderen Preiſes, als daß Sie zu meiner Genugthuung Ihre beißenden Spöttereien feierlich widerrufen.“. „Das ſoll geſchehen; wenn Sie aber verlieren, bitte ich mir zum Andenken das Körbchen aus, das Sie von der Gräfin erhalten haben. Uebrigens behalte ich mir vor, ſie zu warnen, denn ſie iſt meine Freundin.“ „Sie werden mir dadurch das Spiel erleichtern, Cou⸗ ſine,“ entgegnete der Baron lächelnd. „Hüten Sie ſich nur vor dem eiferſüchtigen Grafen Eldor,“ ſagte Ida,—„denn es ſollte mir wirklich leid thun, wenn Sie ſich einer Gefahr ausſetzten, beſter Vetter.“ Ihr Ton war dabei augenſcheinlich ſpöttiſch, und dies beſtärkte den eitlen Baron noch mehr, das einmal unbedacht gegebene Verſprechen zu halten. Er war ein ſchöner, jun⸗ ger Mann, leichtſinnig, dabei muthig und dreiſt und hatte wirklich ſchon viele Erfolge bei Frauen und Mädchen er⸗ rungen; er zweifelte auch gar keinen Augenblick daran, ſeine Bemühungen würden bei einiger Ausdauer auch dieſes Mal mit Erfolg gekrönt werden, zumal er ja bei der ein⸗ fach erzogenen Förſterstochter nicht auf einen allzu gewand⸗ ten Widerſtand ſtoßen würde. Schon an demſelben Tage, an dem Abends die Soiree ſtattfand, zu der ſich auch Marie mit ihrem Manne begab, ließ er ſich ihr vorſtellen und benahm ſich ſo beſcheiden lie⸗ benswürdig und aufmerkſam, daß Marie keinen Grund fand, ihm zu zürnen; auch Egmont konnte gegen dieſe Art von Auszeichnung, die ſeiner Frau widerfuhr, nichts eina⸗ wenden. War es die Toilette der Gräfin, die ſie an dieſem 1858. XIX. In Wald und Schloß. II.. 6 82² Abend bezaubernder als je machte, oder wirkte das Bei⸗ ſpiel des Barons auch auf Andere, ſie fühlte heute ſchon deutlich einen Unterſchied in dem Benehmen gegen ſie und war, gleich Egmont, befriedigter als ſonſt. Auch Ida triumphirte; erſt gegen das Ende der Soiree wandte ſie ſich lächelnd an Marie mit der Frage: „Gefällt Dir mein Vetter, der Baron von Ohlſen?“ Die junge Frau, die ſich Ida's Rathſchläge erinnerte, erröthete und erwiederte, daß ſie die Aufmerkſamkeiten des Barons dankbar anerkenne. „Nun, dann will ich Dir ein Geheimniß anvertrauen, beſte Marie,— auch der Baron iſt entzückt von Dir, wie er mir vorher anvertraut hat,“ ſcherzte Ida leichtfertig. „Er iſt hier Löwe des Tages, und wenn Du nur ein bis⸗ chen freundlich und ermunternd gegen ihn biſt, ſo wirſt Du bald Egmont zufrieden geſtellt ſehen.“ „Pfui, Ida, Du meinſt wirklich— „Nichts, liebes Kind, gar nicheg, 7 us Ida und verließ ſchnell wieder die Gräfin. Marie war auf das Höchſte betroffen durch Ida's Worrte, die ſie verletzt hatten, denn es kam ihr gar nicht in den Sinn, zu einem Verhältniß, wie es Ida andeutete, die Hand zu bieten, auch würde ſie jeder Verſuch, ein ſol⸗ ches mit ihr anzulniſen, eher belaidigt, als Air geſchmei⸗ 22 85 chelt haben. Sie war unzufrieden mit ſich ſelbſt, bis Eg⸗ mont wieder zu ihr trat, um ſie nach Hauſe zu führen. Aber er war heiterer und liebevoller als ſonſt, und aus ſeinen Reden konnte ihr kein Zweifel mehr daran bleiben, daß er ihr Benehmen vollkommen billigte und mit Freuden die ihr zu Theil gewordene Auszeichnung bemerkt hatte. Die arme Frau war in einer peinlichen Lage; ihr ſtrenges Pflichtgefühl kämpfte mit dem Beſtreben, ſich ihres Gatten Zufriedenheit zu erhalten, und doch ſchien ihr beides gerade im Widerſpruch zu ſtehen; ſie ſcheute ſich, mit Egmont offen darüber zu ſprechen. So verging eine geraume Zeit, während deren Eg⸗ mont die Geſellſchaften aufſuchte, Marie ſeinem Willen folgte und der Baron von Ohlſen ſeine Bewerbungen um ſie in einer ſo geſchickten Weiſe fortſetzte, daß weder Eg⸗ mont noch ſie ſelbſt eine Veranlaſſung finden konnten, ihnen ein Ende zu machen; ganz unmerklich trat er Ma⸗ rien immer näher, ſo daß man unter der Badegeſellſchaft bereits anfing, auf ſeine Bekanntſchaft mit der Gräfin ein aufmerkſames Auge zu richten, und es ſelbſt an böswil⸗ einn natürlicher Inſtinkt gegeben, der alle Vernunftgründe erwiegt, und dieſer ſagte Marie, daß ihr in der Perſon s Barons Gefahr drohe, obgleich ſie keine Veranlaſſung end, ihre heimliche Abneigung gegen ihn gerechtfertigt zu 4. 64 ligen Vermuthungen nicht fehlte. Aber es iſt em Menſchen 84 ſehen, denn er blieb ſtets in ſeiner ſtrengen Zurückhaltung und Beſcheidenheit ihr gegenüber. Ida währten indeſſen ſeine Beſtrebungen, Marien's Vertrauen und Gunſt zu erlangen und darauf ſeine weite⸗ ren Pläne zu bauen, zu lange, und in ihrer Ungeduld, end⸗ lich den lange erſehnten Zweck zu erreichen, beſchloß ſie, ſelbſt thätig einzuſchreiten, nachdem ſie nicht unterlaſſen hatte, die Geſellſchaft durch leicht hingeworfene Aeußerun⸗ gen, die auf den aen Blick ganz unverdächtig erſchienen, darnuf aufmerkſam zu machen, daß Ohlſen der Gräfin El⸗ dor den Hof mache. Eine gemeinſame Landpartie, welche die Geſellſchaft nach einem nahe der See gelegenen, ſehr ro⸗ mantiſchen Orte unternahm, ſollte ihr Gelegenheit zur Ausführung ihres böſen Planes bieten. Egmont war an dieſem Tage beſſerer Laune, als ſeit langer Zeit, und dieſe übertrug ſich auch auf Marien's Stimmung; zum erſten Male ſah ſie de beabſichtigten Vergnügung mit Heiterkeit entgegen. Die Geſellſchaft fuhr in Seeböten längs des Stran⸗ des ihrem Ziele zu; die Fahrzeuge waren umkränzt, bunte Flaggen wehten auf ihnen, und die in einem beſonderen Boote befindliche Muſik bemühte ſich, den allgemeinn Frohſinn anzuregen und zu erhalten, was bei dieſen leben luſtigen und meiſtentheils ſorgenloſen Leuten leicht gelant M Narie ſaß an Ida's Seite, mit der ſich Egmont unterhis 3 85⁵ ihr Nachbar war der Baron von Ohlſen, der, wie immer, äußerſt liebenswürdig war, und ſie bemerkte ebenſo wenig wie er ſelbſt und Egmont, daß ſich ſchon viele Blicke auf ſie gerichtet und mit einem leichten ſpöttiſchen Lächeln wie⸗ der abgekehrt hatten; nur Ida gewahrte es und war ent⸗ zückt darüber. Man traf an dem Beſtimmungsorte ein, einer ſich von der See aus terraſſenförmig erhebenden Anhöhe, mit dem friſcheſten jungen Laubwerke bekleidet, von deren Spitze ſich eine herrliche Ausſicht in die Ferne eröffnete; alle Herzen wurden durch den entzückenden Anblick weiter, die Fröhlich⸗ keit immer ungebundener, und der empfindſame Theil der Geſellſchaft zu einer ſüßen Schwärmerei geſtimmt, die erſt durch die Wünſche der materieller Geſinnten unterbrochen wurde. Dieſe erinnerten nämlich an den Beginn des ver⸗ abredeten Picknicks, das bald alle Anweſenden in einem großen Kreiſe verſammelte, in dem die Weinflaſchen unter munteren Scherzen kreiſten. Immer ungebundener wurde die Fröhlichkeit, und blieb auch, als die Geſellſchaft ſich in kleinere Partien auflöſte, welche je nach ihrer Neigung die in der nächſten Umgebung liegenden ſchönen Punkte auf⸗ ſuchten. Zu einer ſolchen, etwa aus einigen dreißig Per⸗ ſonen beſtehenden Partie gehörten auch Graf Egmont mit ſeiner Gattin, ſowie Ida mit ihrer Mutter und ihr Couſi Ohlſen. Man ſtieg den Berg hinab, an deſſen dichtbe⸗ . . 1 86 waldeten Fuße ſich mehrere Grotten von beſonderer Ro⸗ mantik befanden. Egmont war mit den Herren, unter denen ſich auch Ohlſen befand, in ein lebhaftes Geſpräch vertieft. Marie und Ida folgten zuletzt Arm in Arm. „Laß uns hier durch den Wald links abgehen, Marie, ohne daß Jemand es bemerkt,“ bat Ida in munterer Laune; —„wir treffen dann dort eher ein, als unſere Geſellſchaft, und ſie wird überraſcht ſein, uns ſchon am Ziele zu finden. Ich kenne den Weg hier ganz genau, denn ich habe dieſe Partie ſchon vor Eurer Anweſenheit öfter gemacht.“ Marie fand keinen Grund, den Wunſch ihrer Freun⸗ din nicht zu erfüllen und ließ ſich von ihr ſeitwärts in das Dickicht ziehen; Beide eilten lachend und ſcherzend leicht durch das Geſtrüpp fort, das nach Ida's feſter Ver⸗ ſicherung bald durch einen ſchmalen Fußweg durchkreuzt werden mußte, der nach dem Orte führen ſollte, welchen die Geſellſchaft auf einem Umwege aufſuchte. Aber der Wald wurde immer dichter, und bald geſtand das Fräulein mit einiger Beſchämung und Angſt, daß ſie ſich verirrt haben müßten; ſo unangenehm Marien dieſe Entdeckung war, blieb ihr doch nichts übrig, als an Ida's Seite fortzu⸗ ſchreiten.* „Was haben wir denn hier vor uns, beſte Marie?“ rief dieſe nach einer Weile;—„wahrhaftig, eine aller⸗ liebſte kleine Grotte, die ich noch niemals geſehen habe.“ 87 Vor ihnen befand ſich, in ziemlicher Tiefe in den ſchräg aufſteigenden Berg eingegraben, eine kleine Höhle, die man auf geſchmackvolle Weiſe mit Steinen, großen See⸗ muſcheln und Moos bekleidet hatte; man nannte, wie Ida wohl von ihren früheren Beſuchen des Platzes her wußte, dieſen abgelegenen, ganz im Walde verſteckten Ort die Ere⸗ mitage. „Du biſt müde, liebe Marie, und ich habe mir den Vorwurf zu machen, daß ich daran ſchuld bin,“ meinte Ida mit zärtlicher Beſorgniß;—„es iſt allerliebſt hier, und Du kannſt Dich ein wenig auf dieſer Moosbank aus⸗ ruhen, während ich mich nach dem richtigen Wege umſehe, der gar nicht weit ſein kann.“ „Nein, Ida, ich fürchte mich, hier allein zu bleiben, ich will Dich lieber begleiten,“ erwiederte Marie ängſtlich. „Aber Marie, wie kannſt Du Dich in dieſem reizen⸗ den Wäldchen, das obenein heute ſo belebt iſt, doch fürch⸗ teen?“ lachte Ida munter;—„ſetze Dich nur nieder, ich werde in wenigen Minuten wieder bei Dir ſein.“ Ehe Marie es hindern konnte, war Ida munter fort⸗ geſprungen und in dem dichten Geſträuch verſchwunden, ohne daß ſie die von ihr eingeſchlagene Richtung hätte wahrnehmen können; das Alleinſein beunruhigte ſie auf das Höchſte und ſie war ernſtlich böſe auf das Fräulein, das ſie hier zurück gelaſſen hatte, aber ſie wagte den ſchma⸗ 88 len Waldweg nicht zu betreten, der von der Gootte fort⸗ führte, denn ſie konnte ſich auf ihm noch weiter verirren. Unmuthig beſchloß ſie, Ida's Rückkehr zu erwarten und ihr Vorwürfe zu machen, und ließ ſich auf der bezeichneten Moosbank nieder. Ida ſchien indeſſen den Weg, der zu der Geſellſchaft zurückführte, genauer zu kennen, als ſie vorgab, denn flüchtigen Fußes forteilend, hatte ſie letztere bald wieder erreicht. Sie war etwa eine Viertelſtunde abweſend ge⸗ weſen, und Niemand hatte ihre und der Gräfin Entfernung bemerkt. „Beſter Vetter,“ flüſterte ſie Ohlſen zu, der jetzt neben ihrer Mutter ging und nahm ſeinen Arm,—„ich habe wirklich mit Ihrem Herzensleiden Mitleid, denn es ſcheint, als ſolle ich unſere Wette gewinnen.“ „Wir haben noch einige Zeit bis zum Schluſſe der Badeſaiſon vor uns, theure Couſine,“ erwiederte der Baron mit etwas gerunzelter Stirn, denn er ſelbſt war ſeiner Sache nicht mehr ſo gewiß, als bei dem Abſchluß der Wette;— Sie werden mir zugeben, daß ich der Zeit bedarf, denn Gräfin Marie giebt wenig Gelegenheit, mit ihr zuſammen zu kommen. Aber ich vermiſſe ſie in der Geſellſchaft, wo iſt ſie?“— „Vermuthlich in der Eremitage,“ meinte Ida leicht⸗ hin; wii haßt Lußt einen Abſtecher dorthin zu mach en.“ * 89 Wenige Augenblicke ſpäter war Baron Ohlſen auf dem Wege nach dem bezeichneten Orte; er wußte nicht, ob er Ida's Worten Glauben ſchenken konnte, da dieſe ihm die ſo lange erſehnte günſtige Gelegenheit anzeigte, mit Marien allein und ungeſtört ſprechen zu können, aber er wollte lieber von ihr myſtificirt worden ſein, als ſich dieſes Zuſammentreffen entgehen laſſen, auf das er kühne Hoff⸗ nungen baute. Ida lächelte ſtill vor ſich hin; ihr lange vorbereiteter Plan ſchien gelungen zu ſein. Der Baron hatte ſich kaum einige Minuten entfernt, als ſie plötzlich mit dem Vor⸗ ſchlage hervortrat, die Geſellſchaft möge doch der ſo reizend gelegenen Eremitage nicht vorbeigehen, die nur einige hundert Schritte vom Wege entfernt ſei. Ida's Wunſch genügte ihren zahlreichen Verehrern, ſie dem Vorſchlage ſogleich geneigt zu machen, und Alle traten den Weg nach der Eremitage an. Egmont hatte ſich jetzt zum erſten Male nach ſeiner Gattin umgeblickt, er wunderte ſich, ſie nicht zu ſehen, aber keine ſchlimme Vermuthung kam ihm dabei in den Sinn. 8 Indeſſen klopfte Marien's Herz immer unruhiger, denn eine Todtenſtille lag auf dem Walde, und einen ſo angenehmen Eindruck dieſe ſonſt zu machen vermochte, war ſie ihr doch unter dieſen Umſtänden ſehr peinlich. Endlich hörte ſie ſich nähernde Tritte und war überzeugt, Ida 90 kehre zu ihr zurück; ſie erhob ſich deshalb nicht von ihrem Sitze. Ihr Herz ſtand aber faſt ſtill vor Entſetzen, als ſchnellen Schrittes Baron Ohlſen in die Grotte eintrat. „Welches hohe Glück, meine Gnädigſte, Sie hier zu finden!“ rief er mit ſichtlicher Freude.„Ich ging, ganz in trübe Gedanken verſunken, dieſen Weg allein entlang, während unſere Geſellſchaft, bei der ich Sie glaubte, den Hauptweg fortſetzte, und meine Ueberraſchung iſt um ſo größer, als Sie in meiner vermeintlichen Einſamkeit mir lebhaft vor der Seele ſtanden.“ Marie war ſo verwirrt und befangen, daß ſie, hoch⸗ erröthend, nicht wußte, was ſie erwiedern ſollte, und ſeine Worte faſt ganz überhörte; endlich ſagte ſie mit ſichtlicher Verlegenheit: Sie werden hier ſogleich noch Ida von Gilgenbruck treffen, Herr Baron; wir haben uns hier im Walde ver⸗ irrt, nachdem wir ſo unvorſichtig waren, vom Wege abzugehen.“ „ Jda, meine Couſine?“ fragte der Baron erſtaunt— „aber ſie iſt ja—“ Er ſtockte, denn er konnte nicht mehr zweifeln, die Wette, dieſes Zuſammentreffen, Alles ſei ein von dem Fräulein geſponnener Plan, deſſen Urſache er noch nicht begriff; indeſſen war er einmal hier und zufrieden damit, 91 und es war kein Grund, zu verrathen, daß Ida ſchon längſt wieder bei der Geſſellſchaft ſei. „Sie ſucht den Rückweg zu unſerer Geſellſchaft und verſprach, ſogleich wieder zu kehren,“ ſtammelte die Gräfin in zunehmender Verlegenheit. Ein Gedanke überkam blitzſchnell den Baron; liebte ihn Marie wirklich, und hatte ſie dies vielleicht ſeiner Couſine, mit der ſie im beſten Einvernehmen zu ſtehen ſchien, anvertraut? verbarg ſie hinter ihrer anſcheinenden Aengſtlichkeit und Sittſamkeit vielleicht gerade eine heiße Leidenſchaft, und war dieſe Wette vielleicht nur ein Mittel, zu ihrer Befriedigung zu gelangen?— Baron Ohlſen war über alle Maßen eitel und neigte: ſich dieſen Ver⸗ muthungen ſchnell zu. Mit einem zärtlichen Blicke auf die junge Frau ſetzte er ſich ohne Weiteres neben ſie nieder und fuhr fort, das Glück zu preiſen, das ihn mit ihr zu⸗ ſammengeführt hatte. Aber Marie unterbrach ſchnell ſeine Worte, indem ſie ſich von ihrem Sitze erhob. „Kennen Sie den Weg, Herr Baron, der mich zu unſerer Partie zurückführt?“ fragte ſie ernſt. „Allerdings, gnädige Frau, und es wird mir zur höchſten Ehre gereichen, Ihr Führer zu ſein, aber geſtatten Sie mir nur noch ein Paar Minuten Ruhe; indeſſen wird auch Ida zurückkehren.“ „Nein, nein, ich werde nicht länger auf ſie w 111 92 ſagte Marie haſtig;—„ich will Ihre Ruhe auch durch⸗ aus nicht ſtören, ſeien Sie nur ſo gütig, mir den Weg zu beſchreiben.“ „Wie grauſam Sie ſind, Frau Gräfin,“ bat der Baron dringender;—„Sie ſehen, wie mich dieſes uner⸗ wartete Zuſammentreffen beglückt und Sie wollen mich Ihrer Gegenwart ſchon wieder berauben.“ „Der Weg, Herr Baron?“ fragte Marie kurz und beſtimmt.. „Wenn Sie unerbittlich hart ſind, muß ich Ihrem Befehle weichen,“ meinte der Baron etwas unmuthig und bot ihr, ſich erhebend, ſeinen Arm. „Geſtehen Sie, daß es auffällig ſein würde, wenn man uns vermißt hätte und zuſammen zurückkehren ſähe,“ ſagte Marie entſchloſſen, und fuhr dringender fort:„Be⸗ zeichnen Sie mir den Weg.“ In dieſem Augenblicke hörte man ſchon in großer Nähe die lauten Stimmen und das muntere Lachen der Geſellſchaft, die ſich, von Ida geführt, der Eremitage näherte. Marie erbleichte, aber ſchnell gefaßt, nahm ſie den Arm des ebenſo betroffenen Barons, denn ſie fühlte, daß unter dieſen ſie verdächtigenden Umſtänden die größte Unbefangenheit das beſte Mittel ſei, gehäſſige Klätſchereien zu vermeiden; durch Ida's Eintreffen, hoffte ſie, werde ſich Alles aufklären. Beide ſchritten ſchnell aus der Grotte ———-— Marie?“ rief Ida dieſer entgegen;—„ich fand unſere 93 den einzigen Weg entlang, der ſie der Geſellſchaft gerader entgegenführte, ohne ein Wort zu wechſeln. „Da iſt ja Ida,“ ſagte Marie halb erſchrocken, halb erfreut, als ſie dieſe an der Spitze der Kommenden bemerkte. „Sie hat mich hierher geſchickt,“ flüſterte der Baron ihr zu, der noch immer in Zweifel war, wie er Ida's Be⸗ nehmen beurtheilen ſolle, da ſie ſelbſt die Geſellſchaft hier⸗ her zu führen ſchien. In Marien ging die Ahnung auf, daß Ida ihr eine Schmach zu bereiten beabſichtigt hatte; ſie fühlte die ganze Gefahr, in der ſie ſich nicht allein den fremden Leuten, ſondern auch Egmont gegenüber befand, aber ſie beſchloß, ihr mit dem reinen Bewußtſein der Unſchuld zu trotzen. „Ach, da begegnen wir ja meiner guten Marie, die wir vermißten, Egmont,“ rief Ida laut,—„und Baron von Ohlſen hat ſie in ſeinen Schutz genommen.“ Das frohe Lachen der Geſellſchaft verſtummte un⸗ willkürlich bei der Begegnung, die Allen höchſt auffällig erſcheinen mußte, und man blickte ſich ſpöttiſch lächelnd oder erſtaunt heimlich an. Egmont's Geſicht wurde einen Augenblick finſter, aber die Nothwendigkeit fühlend, ſich jetzt zu faſſen, wurde er eben ſo ſchnell wieder ſcheinbar heiter und ſorglos. 3 „Du haſt Dich doch hoffentlich nicht geängſtigt, 8 —— 94 Geſellſchaft wieder und führte ſie Dir zu. Denken Sie ſich, meine Herrſchaften, daß wir Beide uns im Walde verirrten; ich ließ meine Freundin, die ſehr ermüdet war, in der Eremitage zurück, um Sie aufzuſuchen;— nun haſt Du ja aber, Gott ſei Dank, ſchon einen rettenden Engel gefunden, Marie.“ Ida lachte nach dieſer Erklärung ſehr vergnügt, Marie beſtrebte ſich auch, unbefangen zu erſcheinen und nahm den Arm ihres Gatten, dem ſie, ohne eine Antwort darauf zu erhalten, erzählte, wie ſie mit Ohlſen zuſammen getroffen ſei, und der Baron zog ſich aus den heimlichen Neckereien ſeiner Bekannten bald durch ein ſehr ernſtes Geſicht, dem jeder Scherz unlieb zu ſein ſchien. Der grö⸗ ßere Theil der Geſellſchaft war der Meinung, Ida habe nur einen Vorwand erſonnen, den Ruf der Gräfin zu retten, dieſe aber ſei in der That ſchuldig. Wie der Blitz lief bei der Wiedervereinigung der Badegäſte die Erzäh⸗ lung von dem merkwürdigen Zuſammentreffen im Gehei⸗ men von Mund zu Mund, und welchen Eindruck ſie auf Alle gemacht hatte, ſagte das wieder auffällig hervor⸗ tretende zurückhaltende Benehmen gegen die junge Gräfin, der es nicht entgehen konnte. Marie fühlte ſich tief verletzt und ſehr unglücklich durch dieſe Wahrnehmung, noch mehr aber durch Egmont's Weſen, der mit keinem Worte jenes Vorfalles erwähnte, der Eremitage zurückgelaſſen; hätten wir ſie eben ſo wieder 9⁵ aber ungemein kalt gegen ſie war; ſie begriſf, daß auch er ſie in einem unwürdigen Verdachte habe, und dies ſchmerzte ſie mehr, als die Mißbilligung der ganzen Geſellſchaft. Sie war entſchloſſen, bei ihrer Zurückkunft nach Hauſe, offen mit ihm zu ſprechen und Ida, von deren Feindſchaft und Hinterliſt ſie jetzt überzeugt war, geradezu zu be⸗ ſchuldigen. „Sie wußten, Couſine, daß ich bei der Gräfin in der Eremitage war, und doch führten Sie die ganze Ge⸗ ſellſchaft dorthin?“ fragte der Baron ſehr verſtimmt, als er ſich mit Ida allein ſah. „Ich bitte Sie, Vetter, woher ſollte ich denn wiſſen, daß Sie nach der Exemitage gegangen waren?“ fragte Ida mit erheucheltem Erſtaunen. Aber Sie ſelbſt haben mir ja geſagt, daß die Gräfin dort ſei,“ meinte der Baron unwillig. „Heißt das, daß auch Sie dorthin gehen ſollten? können Sie mir zutrauen, daß ich Ihnen ſo viel Vertrauen geſchenkt hätte, wenn ich ahnte, daß Sie es wagen würden, den Ruf der Gräfin in ſo arge Gefahr zu bringen?“ fragte Ida, ſich erzürnt ſtellend. „ Aber warum die Leute gerade dorthin führen?“ ſagte Ohlſen. „Das war ſehr natürlich; ich hatte Marien allein in 96 3 4 gefunden, ſo würde Niemand etwas Auffälliges darin erblickt haben.“ In derſelben Weiſe entſchuldigte Ida ſich bei Marien ſelbſt, obgleich letztere dennoch nicht länger in Zweifel blieb, jene habe ſie abſichtlich der Verleumdung ausſetzen wollen. Den übrigen Badegäſten gegenüber aber ſchüttelte das Fräulein den Kopf, nannte den Vorfall höchſt unan⸗ genehm und gab Andeutungen, daß ſie ſchon lange einen ſolchen Ausgang vorhergeſehen habe. Die allgemeine Fröhlichkeit war vorüber, denn ſie wurde durch die Klatſchſucht verdrängt. In unſäglicher Seelenpein erwartete Marie die Heimkehr, und ſobald ſie ſich, zu Hauſe angekommen, mit Egmont allein ſah, ging ſie entſchloſſen auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und ihn mit der ganzen Ueberzeugungskraft der Unſchuld anblickend, begann ſie in weichem Tone: „Warum biſt Du mir böſe, Egmont?“. Egmont erwiederte ihr mit einer andern Frage, indem er finſter auf ſie ſah: „Wie kamſt Du mit dem Baron Ohlſen allein in die Eremitage?“ Ruhig erzählte Marie was ſich zugetragen habe und wie ſie gar keinen Augenblick mehr darüber im Zweifel ſei, Ida habe Egmont zu einer Scene führen wollen, die ein ſie noch mehr verdächtigendes Ausſehen hätte haben — 8 97 ſollen; aber ihres Mannes Geſicht erheiterte ſich nicht, als er erwiederte: „ Du mußt geſtehen, daß Deine Unvorſichtigkeit Dich in eine ſehr zweideutige Lage vor der ganzen Geſellſchaft gebracht hat, und ich ſelbſt würde geneigt ſein, an eine Untreue und ein Verbrechen von Deiner Seite zu glauben, wenn ich Dich nicht ſchon beſſer kennen möchte und Dich ſolcher nicht für fähig hielte. Indeſſen bleibt hier noch Zweierlei zu bedenken und erfüllt mich mit Entſetzen und Schmerz; einmal iſt Dein Ruf vor der ganzen Badegeſell⸗ ſchaft ſo hart gefährdet, daß, trotz Deiner Unſchuld, auch meine Ehre darunter leidet, dann aber trägſt Du wirklich einen Theil der Schuld, denn der Baron würde es nie gewagt haben, ſich Dir in ſo zweideutiger Weiſe zu nähern, wenn Du durch Dein eigenes Benehmen ihn nicht, gleich⸗ viel ob abſichtlich oder unbewußt, eine Aufmunterung dazu gegeben hätteſt; jede Frau trägt den Schild gegen ſolche Angriffe in ſich ſelbſt. Du haſt mich in eine üble Lage verſetzt, Marie, denn man wird höhnend mit Fingern auf mich zeigen, während mir nicht einmgl die Moglichkeit bleibt, das Mädchen und den Mann, die uns dieſen Schimpf bereiteten, zur Rechenſchaft zu ziehen, was den bisherigen Vermuthungen das Siegel der unumſtößlichen Wahrheit aufdrücken würde.“ Egmont wandte ſich erzürnt von ſeiner Frau ab; 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 3 98 dieſe war in einen Seſſel geſunken und weinte biteruch; ſie konnte ihm heute kein Wort mehr erwiedern. Die arme Marie hatte eine ſchreckliche Nacht; ſie warf ſich vor, daß ſie in einen Stand getreten war, der ihr durch die Vorurtheile der Welt und ihre Beſtimmung durch die Geburt verſchloſſen war, und daß ſie Pflichten übernom⸗ men hatte, denen ſie ſich jetzt nicht gewachſen ſah; dieſe Ueberhebung und Ueberſchätzung hatten ihr jetzt ſchon manche bittere Thräne entpreßt und raubten ihr nun end⸗ lich das Herz Deſſen, den ſie liebte. Dann bedauerte Marie von Herzen, daß ſie ſich nicht ganz unbedingt auf die beſſere Einſicht ihres Mannes voäſin hatte, der in Ida ſtets nur eine Feindin ſah und ihre Freundſchaft zu derſelben nie gebilligt haben würde, daß ſie zu ihrem eigenen Verderben dennoch eine ſolche mit Jener hinter ſeinem Rücken geſchloſſen und den verführeriſchen Rath⸗ ſchlägen, die nur ihr Unglück bezweckten, auch nur einen Augenblick Gehör geſchenkt habe. Dies Alles und die Angſt, was noch daraus werden könne und müſſe, drückten Marie tief nieder. Egmont hatte die Ueberlegung am andern Tage weicher und gerechter gegen ſie geſtimmt; er ſah Marien's verwante Augen, die Bläſſe ihrer Wangen, und er bereue ſeine harten Worte am vergangenen Abende. Zwar ſchätzte er die Gefahr, in der ſowohl Marie als er ſelbſt ſchwebten, 99 noch eben ſo hoch wie geſtern, aber er fühlte doch, daß er inen Unmuth darüber der Unſchuldigen nicht dürfe ent⸗ gelten laſſen. Ida hatte ſich verrechnet, wenn ſie durch ihre verrätheriſchen Veranſtaltungen Egmont's Eiferſucht und Verachtung ſeiner Frau zu erregen meinte. Der Graf war alſo freundlicher als Tags zuvor gegen Marie; dieſe gewann wieder neuen Muth und ſprach ſich nun noch offener über das Verhältniß, in das ſie zu Ida getreten war und deren böſe Rathſchläge aus; Egmont verzieh ſeiner irregeleiteten Frau, er geſtand ſich und ihr, daß er ſelbſt durch ſeine von ihr unverdiente Kälte Anlaß zu dem Uebel gegeben habe, aber er verlangte auch auf das Entſchiedenſte, Marie ſolle fortan nichts ohne ſeinen Rath thun und die Verbindung mit Ida zwar nicht plötzlich, weil dieſes noch mehr Aufſehen erregt hätte, aber allmälich ganz abbrechen; bei ſeiner Rückkehr nach Breitenſee wollte er Ida und ihre Familie gar nicht dort wiederſehen. Marie verſprach Alles, was er verlangte, und das gute Ein⸗ vernehmen zwiſchen den Gatten ſchien wieder ganz her⸗ geſtellt, und Egmont bemühte ſich, dies offen allen Leuten zu zeigen. 8 100 Viertes Capitel. Franz Wernecke war nach der Unterredung 1 Graf Ehrromt ohne Beſinnung fortgeſtürzt; nur ein Gedanke, der der Rache, lebte noch in ihm und übertäubte jetzt ſelbſt den Schmerz um den Verluft Marien's. Er hatte wirklich zuerſt die Abſicht, dem Grafen aufzulauern und ihn in den engen finſtern Gaſſen zu überfallen, wenn er von der alten Marie Franke heimkehrte, indeſſen ſagte ihm doch bald der geringe Reſt ſeiner Ueberlegung, daß er ſich dem gut Bewaffneten mitten in der Hauptſtadt nicht mit Erfolg würde widerſetzen können. Er ſchob alſo ſeinen Racheplan auf eine günſtigere Gelegenheit auf und ſuchte vorläufig ein neues verſtecktes Unterkommen, das er, der noch mit einigem Gelde verſehen war, bald bei einem Diebshehler fand. Von hier aus zog er mit dem größten Eifer durch Andere Erkundigungen über den Aufenthalt Graf Egmont's ein, hörte, daß Marie wirklich ſeine Gattin ſei und ſich bei ihm befinde und wohin der Graf in den nächſten Tagen zu reiſen beabſichtige; er war entſchloſſen, ihm zu folgen. Franz liebte Marie noch immer, das heißt, er trug noch daſſelbe glühende Begehren nach ihrem Beſitze im Herzen, denn er freute ſich nicht über das anſcheinend hohe Glück, das ihr zugefallen war, ſondern beneidete nur Eg⸗ mont darum, der ihm, wie er meinte, ſein Recht an ſie 101 n hatte; der Glaube an dieſes ſtand unumſtößlich ſſt in ihm und er hielt den alten Theißen für wortbrüchig, daß er ihm, ungeachtet des Vorfalles im Walde, nicht doch die Tochter aufbewahrt hatte, und dieſe für treulos und ſtrafwürdig. Bisher hatte er ſtets noch die Hoffnung im Herzen getragen, Marien einſt wieder zu ſinden und trotz der Kenntniß von ihrer Untreue ſie zu heirathen; jetzt aber war ſie ihm vollſtändig entriſſen, und er gab ſich ſchranken⸗ los den Ausbrüchen der Wuth und Verzweiflung hin, bis dieſe in das tiefe, ſtille Rachegefühl übergingen. 1 Franz beſaß noch Stolz genug, von dem Manne, der er für den Urheber ſeines Unglücks hielt, nicht eine Unter⸗ ſtützung anzunehmen, die ihm zwar perſönliche Sicherheit und eine ausſichtsvolle Zukunft gewährte, aber auch die Verpflichtung zur Dankbarkeit und Aufgabe Piner Rache⸗ gedanken auferlegte; letztere hätte er um keinen Preis ———õ—, — verkauft. Am Tage, nachdem Graf Egmont mit ſeiner Gattin die Hauptſtadt verlaſſen hatte, begab ſich auch Franz, der dies, ſowie das Ziel ihrer Reiſe, durch ſeine Späher er⸗ fahren hatte, wohlbewaffnet auf den Weg nach dem Bade⸗. orte; er war zu Fuß und konnte ſeine Reiſe nur in der Nacht machen, da er am Tage eine Entdeckung von der ohne Zweifel in Folge von Graf Egmont'’s Anzeige auf⸗ merkſamer ſuchenden Polizei fürchten mußte; ſo erreichte 8 102 er unter vielen Beſchwerlichkeiten das Ziel ſeiner rung erſt lange nach der Zeit, in der Egmont und dort eingetroffen waren. Sein feſter Entſchluß war, Eg mont zu ermorden, Marien dann wiſſen zu laſſen, daß er dies gethan habe, und dann die Flucht zu verſuchen; es 3 war ihm, wenn er ſein Rachegefühl geſtillt hatte, gleich⸗ gültig, ob ſie gelang, oder er dem rächenden Arme des Geſetzes anheimfiel, er wollte vor Allem nur Marien un⸗ glücklich machen. Da er eine zu frühzeitige Entdeckung ſeiner Perſon fürchtete, hielt er ſich außerhalb des Bade⸗ ortes in einem nahegelegenen Wäldchen auf, von wo aus er die Ausflüge der Badegeſellſchaft zu beobachten und Egmont dabei aufzufinden ſuchte; nur, wenn ihn ſeine Leibesbedürfniſſe dazu trieben, ſchlich er in den ſpäten Abendſtunden nach einem nahe gelegenen Dorfe, dieſelben zu befriedigen. Kamen in dem häufig von Badegäſten beſuchten Gehölze ſolche in ſeine Nähe, ſo wußte er ſich jedesmal geſchickt ihren Blicken zu entziehen, und ſeine Perſon erregte dann um ſo weniger Verdacht, als man einen ſo gefährlichen Verbrecher hier am allerwenigſten vermuthete; noch niemals aber hatte Franzen's Auge ent⸗ decken können, wonach es ſo ſehnlich ſpähte, Egmont oder Marie. Inzwiſchen war Ida durch den nur theilweiſen Er⸗ folg ihrer Intrigue, die ſie für unfehlbar gehalten hatte, Sr nicht allein niedergeſchlagen, ſondern auch ihr Haß und 5 ihr Beſtreben, Egmont und Marie zu trennen, hatte an Leidenſchaftlichkeit gewonnen. Sie hatte zwar erreicht, daß der Ruf der jungen Frau auf das Aeußerſte bei der Bade⸗ geſellſchaft gelitten hatte, aber ſie wußte auch, daß ſie da⸗ durch dem größten Theile derſelben nur noch näher geſtellt ſei und man ihr die Aufmerkſamkeiten, die man jetzt einzu⸗ ſtellen für gut befand, in kurzer Zeit um ſo mehr zuwenden würde, denn ſie wußte, mit welcher Leichtigkeit die Geſell⸗ ſchaft dergleichen Schwächen beurtheilte, an denen ſie mehr oder weniger ſelbſt litt. Ihr eigentlicher Zweck aber, Eg⸗ mont's Eiferſucht zu erregen, ſchien verfehlt, denn dieſer war zärtlicher und aufmerkſamer als je gegen ſeine Frau und zeigte Ida ſelbſt eine ſo entſchiedene Abneigung, daß ſie nicht zweifeln konnte, er habe ſie ganz durchſchaut und Marie ihm offen geſtanden, welchen Antheil Ida an ihr genommen habe. Das Fräulein zitterte vor geheimer Wuth, wenn ſie an ihren verfehlten Plan dachte und wünſchte nichts ſehnlicher, als eine günſtige Gelegenheit, Egmont von Neuem die Täuſchung vor die Augen zu führen, daß doch ein verbrecheriſches Verhältniß zwiſchen Marie und Ohlſen beſtehe. In dieſer Zeit ging Ida mit ihrer Mutter und einigen Bekannten in dem Wäldchen ſpazieren, in dem Franz ſeinen Aufenthalt gewählt hatte; in Nachdenken 4 verſunken, war ſie von den Uebxigen zurückgeblieben und hatte einen Weg eingeſchlagen, der ſie in einen eniger beſuchten Theil des Gehölzes führte, ohne daß ſie es be⸗ merkte. Plötzlich ſchrak ſie heftig zuſammen, denn ſie ſah wenige Schritte von ſich entfernt einen Mann in abgetra⸗ gener Kleidung, mit dem Rücken an einen Baumſtamm gelehnt, ſitzen, der ihren leiſen Tritt nicht gehört haben mußte, denn er unterſuchte mit großer Ruhe ein Piſtol, das er in den Händen hielt. Obgleich man in dieſer Ge⸗ gend nie von einem Raubanfalle oder dergleichen gehört hatte, war der Mann und ſeine Beſchäftigung dem Fräu⸗ lein doch zu verdächtig, als daß ſie nicht auf ihren ſchleu⸗ nigen unbemerkten Rückzug gedacht haben ſollte; ehe ſie dieſen aber bewerkſtelligen konnte, blickte ſich der Gefürchtete um, und mit einer haſtigen Bewegung die Waffe unter den Rock verſteckend, ſah er das Fräulein ſcharf an und erbleichte eben ſo wie dieſes ſelbſt. Franz Wernecke hatte Ida von Gilgenbruck, die er oft auf dem gräflichen Schloſſe geſehen hatte, erkannt und mußte eine Entdeckung und Verrath durch ſie befürchten, da er auch ihr bekannt war. In der That erinnerte ſich Ida auch ſogleich ſeiner, trotz des verwilderten, durch das Leiden entſtellten Geſichtes; in ſchneller Gedankenfolge ahnte ſie, weshalb dieſer Menſch hier ſei, und ſeine Be⸗ waffnung ließ ihr keinen Zweifel daran, daß er Böſes Jeden Egmont oder Matie im Sinne habe; eben ſo ſchnell durchflog ſie der Gedanke, Franz als Mittel zu ihren eigenen Zwecken, denen er ſelbſt nicht fremd ſein konnte, zu überwinden, und da ſie überdies aus ſeinen drohenden Blicken ſah, daß der Verſuch der Flucht ihr gefährlich werden könne, trat ſie entſchloſſen auf ihn zu und redete ihn mit einem mitleidsvollen, gütigen Lächeln an: „Wenn ich nicht irre, habe ich Franz, den früheren Leibjäger des Grafen Eldor auf Breitenſee vor mir, deſſen unglückliches Schickſal in unſerer ganzen Gegend ſo lebhaft bedauert wurde.“ „Wurde es das wirklich?“ fragte Franz, zwiſchen Freude über dieſe unerwartete freundliche Anrede und Mißtrauen getheilt, während ſein Geſicht allmälich den drohenden Ausdruck verlor. „Sicherlich, Franz,“ erwiederte Ida,—„Niemand konnte das Benehmen Graf Egmonts billigen, obgleich er ſeinen Fehler wenigſtens an Marie Theißen wieder gut zu machen geſucht hat.“ „Indem er ſie mir ganz nahm?“ fragte Franz, ver⸗ ſtört aufblickend. „Sie haben noch Anſprüche an ſie geltend zu ma⸗ chen?“ fragte Ida erſtaunt;—„Sie lieben noch Die, welche Sie treulos hinterging?“ „Ich liebte ſie bis zu dem Augenblicke, in dem ich erfuhr, daß ſie jenes Mannes Gattin geworden ſei,“ er⸗ wiederte der Jäger wehmüthig,—„jetzt, jetzt haſſe ich ſie und fühle nur noch einen Wunſch im Herzen.“ „Und dieſer wäre?“ fragte Ida triumphirend, denn ſie errieth ihn bereits, wenn ſie dieſe Worte mit der vorher bemerkten Waffe in Verbindung brachte. „Sie recht unermeßlich elend zu ſehen und ihn zu tödten,“ antwortete der Jäger aufgeregt, dann aber ſchnell in einen andern Ton fallend, ſagte er mit einem forſchen⸗ den, drohenden Blicke: „Sie werden mein unvorſichtiges Vertrauen aber vielleicht verrathen wollen, Fräulein?— Ihr Vornehmen der Welt ſeid alle eines Schlages, voll Lug und Trug; aber bedenken Sie, daß ich ein verzweifelnder Menſch bin, daß ich jeder That fähig bin.“ „Wie können Sie mir eine ſolche Abſcheulichkeit zu⸗ trauen, Franz?“ ſagte das Fräulein, das zuerſt einen Schritt ängſtlich zurück gewichen war, ſchnell gefaßt.„Ihr Vorwurf trifft mich um ſo ungerechter, als ich ſelbſt In⸗ tereſſen habe, die den Ihrigen entſprechen?“ „Sie haſſen Marie?“ fragte Franz, und heftete ſein Auge durchbohrend auf Ida's Geſicht, als wolle er darin ihre Gedanken leſen;—„und weshalb?“ „Das gehört nicht hierher, Franz, und Sie können nicht verlangen, daß ich mein Vertrauen gegen Sie, der —— —,—— — 107 mir noch fremd iſt, weiter ausdehne,“ antwortete Jda;— „genug, ich habe Gründe, ſie zu haſſen und theile Ihre Wünſche. Wollen Sie Ihre Beſtrebungen zu deren Er⸗ reichung mit den meinigen vereinigen?“ Ida ließ ſich zu dieſem, ihrem ſonſtigen Stolze ganz widerſprechenden Benehmen fortreißen, da ſie eine ſo gün⸗ ſtige Gelegenheit, ihr ſo lange genährtes Rachegefühl end⸗ lich befriedigen zu können, nicht vorüber gehen laſſen wollte, endlich weil die Furcht vor dem ihr drohend gegenüber ſtehenden Manne ſie zu einem innigeren Vertrauen nöthigte. Franz mochte die Gründe, die ſie zum Haſſe gegen Marie geleitet hatten, begreifen oder wenigſtens vermuthen, denn er ſelbſt hatte während ſeines Aufenthaltes in Breitenſee oft davon ſprechen hören, daß das Fräulein von Gilgen⸗ bruck ſeines jungen Herrn beſtimmte Braut ſei; in Ida's Geſicht malte ſich auch zu deutlich die böſe Leidenſchaft, als daß er länger an der Wahrheit ihrer Worte hätte zwei⸗ feln können. Er reichte ihr ſtumm die Hand, die ſie mit ihren zarten Fingern leicht berührte. „Sie werden aber die Waffe, die ich Sie vorhin führen ſah, nicht bei dem, was ich beabſichtige, gebrauchen,“ ſagte ſie ruhig,—„und dennoch denke ich mit Ihrer Hülfe Egmont und Marie tiefer und empfindlicher zu verletzen, als jene es thun könnte; ich mag mich auf ein blutiges Geſchäft nicht * 108 einlaſſen und mache es Ihnen zur Pflicht, ſo lange Sie mit mir vereint handeln, daran nicht zu denken.“ Franz ſah nachdenklich vor ſich hin, dann ſagte er kalt: „Es iſt gut, ich verſpreche es Ihnen, Fräulein;— ich werde aber nachher dieſes Verſprechens überhoben und ganz frei ſein, wenn Sie Ihren Zweck erreicht haben. Thei⸗ len Sie mir jetzt Ihren Plan mit.“ „Das iſt hier unmöglich, denn da ich ihn bei Ihrem Anblicke erſt gefaßt habe, bedarf er noch reiferer Ueberle⸗ gung,“ entgegnete Ida,„auch bin ich hier mit einer Ge⸗ ſellſchaft, und meine Zeit iſt kurz gemeſſen. Aber Sie können morgen in unſer Haus kommen, wo wir Alles näher beſprechen wollen.“ „Nein,“ ſagte der Jäger beſtimmt, und von Neuem flammte das Mißtrauen auf ſeinem Geſichte auf;—„man könnte mir eine Falle legen und ich um meine Rache betro⸗ gen werden.“ „Meinen Sie, daß Sie von mir etwas zu befürchten haben?“ fragte Ida ängſtlich. „Wielleicht, denn ich erinnere mich, daß Ihre Familie mit der Eldor'ſchen ſtets im beſten Einvernehmen lebte.“ „Aber das iſt jetzt nicht mehr der Fall, ich verſichere es Sie,“ ſagte Ida haſtig;—„wir Alle haben Grund, die Eldor's, die auch uns betrugen haben, zu haſſen. Mein — 109 Vater iſt hier nicht anweſend, ich wohne mit meiner Mut⸗ ter allein, und dieſe theilt ganz meine Wünſche und Ab⸗ ſichten; Sie können ſich uns unbedenklich anvertrauen, wie wir Ihnen.“ „Nein, ich werde nicht kommen,“ ſagte Franz feſt;— „Sie werden Wege genug finden können, mich zu ſprechen, ohne daß ich mich allzugroßer Gefahr ausſetze.“ „Nun wohl, ich kann Sie nicht überzeugen, wie ich ſehe,“ erwiederte Ida in leichtem Unmuth;—„dann be⸗ ſtimmen Sie mir Platz und Zeit, wo ich Sie morgen fin⸗ den kann.“ „Dieſer Platz hier?“ „Das Gehölz iſt am Tage zu belebt, und zu einer ſpäteren Stunde würde es Aufſehen erregen, wenn zwei einzelne Frauen es beſuchten,“ warf Ida kopfſchüttelnd ein. „Sie haben Recht, Fräulein,“ erwiederte Franz nach⸗ ſinnend;—„gehen Sie lieber morgen Abend, wenn die Sonne eben untergegangen iſt, die nach der Hauptſtadt führende Landſtraße entlang; nur in geringer Entfernung vom Städtchen führt rechts ein Landweg ab, der wenig be⸗ ſucht iſt und der ſie nach einigen Hundert Schritten auf ein kleines verfallenes Häuschen leiten wird, das man ſeiner Baufälligkeit wegen nicht mehr bewohnt; Sie werden mich dort treffen. Aber hüten Sie ſich,“ fügte er wieder drohend hinzu,—„mich zu verrathen und dort ergreifen laſſen zu 4 zu wollen; ich werde auf meiner Hut ſein und dennoch entkommen, und Sie würden Ihre Falſchheit bald mit dem Leben büßen müſſen.“ Ida ſchauderte leiſe zuſammen, aber ſie ſagte ſo kalt⸗ blütig als möglich: „Ich meinerſeits vertraue Ihnen vollkommen und wiederhole, daß Sie nichts von mir zu fürchten haben. Bedürfen Sie jetzt des Geldes, wie es den Anſchein hat?“ „Nein,“ erwiederte der Jäger kurz;—„ich habe nie gebettelt.“ „Ich wollte Sie nicht beleidigen, Franz, ich fürchtete nur, daß Sie ſich in Noth befänden. Adieu!“ und Ida eilte aus der unheimlichen Nähe des Mannes fort, der ihr Schrecken einflößte, obgleich ſie ihm ein ſo gefährliches Vertrauen geſchenkt hatte und ihn als Bundesgenoſſen zu gebrauchen gedachte. Sie hatte bald wieder die Geſellſchaft erreicht, die ſie durch ein ſchnell erſonnenes Mährchen über ihr langes Verſchwinden beruhigte. Zu Hauſe angekommen, theilte ſie der Mutter die merkwürdige Begegnung und ihre Unterredung mit Franz mit. Die Baronin war erſchrocken über das, was ihre Tochter gethan hatte, aber dieſe war ſchon zu weit gegan⸗ gen, ihr eigener Haß gegen Egmont und ſeine Frau war zu groß, als daß ſie Einwendungen hätte machen können 111 und wollen. Man beſchloß mit großer Vorſicht zu Werke zu gehen und Franz nicht zu einem Schritte zu veranlaſſen, der ihnen ſelbſt Vorwürfe zuziehen und ſie in Unannehm⸗ lichkeiten verwickeln konnte. Das Mittel, deſſen man ſich bedienen wollte, einen entſcheidenden Schlag auf Egmont's Liebe und Vertrauen zu Marie zu führen, war bald ver⸗ abredet, und am andern Tage fanden ſich die beiden Frauen in dem verfallenen Häuschen ein, das Franz dem Fräulein bezeichnet hatte. Als ſie nach länger als einer Stunde da⸗ raus zurück kehrten, ſchienen ſie vollkommen befriedigt zu ſein, denn ſie ſprachen viel und lebhaft zu einander. Im Städtchen angekommen, warf Ida einen Brief in den dazu beſtimmten Poſtkaſten, und Beide begaben ſich dann ſchnell, triumphirend lächelnd, nach Hauſe. Am folgenden Morgen befand ſich Marie, die eben aus dem Bade zurückkegehrt war und Egmont noch nicht zu Hauſe getroffen hatte, allein in ihrem Zimmer. Sie ſah zufriedener und ruhiger als in der letzten Zeit aus, denn, wie Ida es vermuthet hatte, ſchien es wirklich, als habe man die fatale Begegnung bei der Eremitage ſchon wieder mehr vergeſſen, und was die junge Frau mehr als dies beruhigte und er⸗ freute, war Egmont's liebevolles Benehmen, dem er ſowohl in als außer dem Hauſe treu blieb; überdies ging die für den Beſuch des Bades beſtimmte Zeit auch jetzt ihrem Ende entgegen, und Marie ſah der Abreiſe nach Breitenſee mit 112 Freude entgegen, denn ſie war überzeugt, die hier erhal⸗ tenen Lehren würden Egmont nicht wieder bewegen, die große Welt aufzuſuchen, und ſie ſich ungeſtört ihres häus⸗ lichen Glückes freuen können. Der Kammerdiener brachte ihr auf einem kleinen ſil⸗ bernen Teller einen an ſie durch die Poſt eingegangenen Brief. Marie warf einen forſchenden Blick auf die Adreſſe; die Schriftzüge waren ihr bekannt und weckten eine unan⸗ genehme Erinnerung, von der ſie ſich ſelbſt noch nicht Re⸗ chenſchaft zu geben wußte, das Siegel war mit einem ſo gewöhnlichen Petſchaft aufgeſetzt, daß ſie auch darans den Abſender nicht errathen konnte. Schnell das Schreiben er⸗ brechend, warf ſie einen Blick auf die Unterſchrift, aber eben ſo ſchnell erbleichte ſie und zitterte ſo heftig, daß ſie augen⸗ blicklich nicht zu leſen vermochte. Der Brief war von Franz Wernecke und zwar aus dem Badeorte ſelbſt vom vergan⸗ genen Tage datirt. Als Marie ſich etwas gefaßt hatte, las ſie Folgendes: 3„Treuloſe Braut! 8 „Ich nenne Dich ſo, obgleich Du jetzt in ein verbreche⸗ riſches Verhältniß zu einem Andern getreten biſt, weil ich mein Recht an Dich noch nie freiwilligaufgegeben habe und den Ring noch trage, den ich an unſerem Verlobungs⸗ . tage von Deinem Vater erhielt. Ich will nicht mit Dir 113 darüber rechten, ob ich wohl that, eine Kugel in die Bruf Deines Geliebten zu ſenden, als ich Euch in der Verletzung der göttlichen und menſchlichen Geſetze überraſchte, Du weißt, daß dies bisher nur mich allein unglücklich gemacht hat, denn Du haſt die Befriedigung Deiner Leidenſchaft gefunden; Du weißt, daß ich jetzt in der Lage bin, zwiſchen einer langen ſchmachvollen Gefangenſchaft oder dem Tode durch eigene Hand wählen zu müſſen. „Dein Geliebter hat mir Vorſchläge gemacht, die ich nicht annehmen konnte und wollte, weil ich noch zu viel Ehrgefühl beſitze, mir die Abtretung meines Rechtes be⸗ zahlen zu laſſen; ich habe ſie mit der verdienten Verachtung zurückgewieſen. Ich bin hierher gekommen, um den Bund, den ich nicht geſetzlich trennen konnte, weil ich arm, Ihr aber reich und vornehm ſeid, auf gewaltthätige Weiſe zu zerreißen; ich wollte zum zweiten Mal ſein Herz ſuchen, um Dich dadurch elend zu machen, denn ich war überzeugt, Du liebteſt ihn. Indeſſen habe ich aus ſicheren Quellen ver⸗ nommen, daß ich mich täuſchte, daß Du ſelbſt vorausſicht⸗ lich nicht erzürnt ſein würdeſt, von einer Laſt befreit zu werden, wie ich ſie Dir einſt war, denn von Neuem haſt Du Dich einer doppelt ſtrafwürdigen Leidenſchaft hinge⸗ geben und täuſcheſt auch den Mann, dem Du vor dem Al⸗ tare Treue gelobt haſt, wie mir unter den Augen Deiner 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. Eltern. Genug, ich habe einſehen gelernt, daß Du nicht 3 8. der Gefahr werth biſt, der ich meine eigene Perſon aus⸗ ſetzen würde, darum habe ich meine Entſchlüſſe geändert. „Was ich von Egmont nicht annehmen wollte, ver⸗ lange ich jetzt von Dir, denn Du trägſt dadurch nur einen geringen Theil der Schuld ab, die Du an mich haſt. Ich fordere daher ohne Verzug die Mittel, Egmont's damali⸗ gen Vorſchlag auszuführen, aber nur von Dir ſelbſt, und Du mögeſt Dich hüten, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, denn ich würde dies erfahren und Dir ſofort das Geld zu⸗ rück ſenden. Sende mir das Verlangte ſogleich und zwar unter der Adreſſe B. v. O. poste restante; es wird auf dieſe Weiſe ſicher in meine Hände gelangen. „Sollteſt Du Dich deſſen weigern und iſt Dein Schreiben nicht morgen auf der Poſt, ſo werde ich han⸗ deln, wie ich früher beſchloſſen hatte; im anderen Falle wirſt Du nichts mehr von mir hören und magſt das An⸗ denken an mich mit Deinem Gewiſſen in Einklang bringen, ſo gut Du kannſt. 24 „Ich mache Dich noch darauf aufmerkſam, daß Du meinen Namen, Alles, was auf meine Verhältniſſe Be⸗ ziehung haben kann, die Ueberſendung des Geldes ſelbſt in Deinem Schreiben, das ich erwarte, nicht erwähnſt, weil dies mich in Gefahr bringen könnte, wenn der Brief zu⸗ fällig in andere Hände gerathen ſollte. „Sei überzeugt, daß ich in jedem Falle mein Wort — — 115 halten werde, denn ich habe mit dem Leben abgeſchloſſen und fürchte nichts mehr zu verlieren. 3 Franz Wernecke.“ Der Brief entfiel beinahe Marien's zitternden Händen; neben einer unſäglichen Angſt um Egmont, deſſen Leben in Gefahr ſchwebte, wie ſie jetzt erfuhr, beſeelte ſie eine tiefe Empörung über den frechen, ſie entwürdigenden Ton, in dem Franzen's Schreiben gehalten war. Sie wußte nicht, was ſie nun thun ſollte; zwar unterlag es keinem Zweifel, daß es beſſer ſei, dem gefährlichen Menſchen, von deſſen ihr bekannter Härte und Feſtigkeit ſie überzeugt war, daß er halten werde, was er drohend verſprach, das geforderte Geld zu geben, um ſeiner ein für alle Mal ledig zu wer⸗ den, aber ihr Gefühl ſträubte ſich dagegen, dies ohne Wiſſen Egmont's zu thun, denn ſie erinnerte ſich des ihm gegebenen Verſprechens, nichts ohne ſeine Zuſtimmung zu unter⸗ nehmen. Dennoch fürchtete ſie ſich, über den erhaltenen Brief mit Egmont zu ſprechen, denn Franz verbot es ihr ausdrücklich und würde, wenn er es erfahren hätte, ſeine Drohung ausgeführt haben, ſie ſollte alſo ſelbſt ihres Gatten Leben in Gefahr ſetzen; dann aber würde Egmont vielleicht durch den beleidigenden Ton des Briefes ſo auf⸗ gebracht ſein, daß er jede gütliche Abfindung mit dem Jäger verſchmähen und Schritte, ihn ergreifen zu laſſen, thun würde; die Rache des erbitterten Franz, der in ſe 3 8* 116 . zweiflung keine Gefahr ſcheuen würde, wäre dann ohne Zweifel furchtbar geweſen. Marie konnte über mehr als ſo viel Geld, wie Franz verlangte, verfügen, ohne daß ihr Mann eine Kenntniß davon erhalten konnte; er ſelbſt hatte ihr bedeutende Summen zu Ankäufen für ihre Toilette gegeben. Nach langer Ueberlegung entſchloß ſie ſich daher, Egmont noch einmal ungehorſam zu ſein, denn der Gehor⸗ ſam ſetzte ja hier ſein Leben in Gefahr, ihm nichts von Franzen's Schreiben zu ſagen und deſſen Forderungen in allen Stücken zu erfüllen. Sie las noch einmal mit glühen⸗ den Wangen den erhaltenen Brief und verbrannte ihn dann in tiefſter Empörung. Hierauf nahm ſie die ihr angemeſſen ſcheinende Summe, die Franz mehr als hinreichend zur Ausführung ſeines Vorhabens ſein mußte und fügte ihr folgendes Begleitſchreiben bei: „Ich erfülle Ihre Forderung und ſende Ihnen, was Sie verlangen; ich rechne auf Ihr Wort und vertraue Ihrem Ehrgefühl. Ihr Verdacht und Ihre Beſchuldigun⸗ gen ſind ungerecht, indeſſen halte ich es unter meiner Würde, etwas darauf zu erwiedern. Mein Gemahl hat nichts erfahren. M.—“ Marie ſandte dieſen Brief ſogleich unter der angegebe⸗ nen Adreſſe, deren Bedeutung ſie ſich nicht erklären kongite und die Chiffre für beliebig angenommen hielt, zur Poſt, und ihre Bruſt hob ſich erleichtert, als er aus ihren Hän⸗ 117 den war. Sie vertraute Franz wirklich, daß er nun ſein böſes Vorhaben aufgeben und ſich ſofort entfernen werde, wie er es verſprochen hatte, und ſie wollte Egmont erſt ſpäter mittheilen, was ſie gethan hatte; deshalb hütete ſie ſich, ihm gegenüber jetzt irgend eine Unruhe zu zeigen, und dieſes Beſtreben gelang ihr. „Sie könnten mir einen Gefallen thun, beſter Vetter,“ bat Ida den Baron von Ohlſen an demſelben Tage. „Mit Vergnügen, gebieten Sie ganz über mich, ſchöne Couſine,“ erwiederte der galante Vetter. „Ich erwarte einen mir ſehr wichtigen Brief durch die Poſt; da man nicht ahnen ſoll, daß er an mich iſt, habe ich eine andere Chiffre zur Adreſſe gewählt, B. v. O. Es ſind die Anfangsbuchſtaben Ihres Namens, und Sie wür⸗ den mich ſehr verbinden, wenn Sie mir den Brief beſorgen.“ Der Baron war ſofort bereit dazu, machte noch einige neckende Bemerkungen gegen Ida über ihren geheim⸗ nißvollen Briefwechſel und begab ſich dann zur Poſt, wo er ohne alle Umſtände Marien's Brief an Franz erhielt. Eine halbe Stunde ſpäter lag er in Ida's Händen. Noch am Abend deſſelben Tages begaben ſich die Baronin und ihre Tochter wieder nach dem Häuschen, in dem ſie ſchon eine Zuſammenkunft mit Franz gehabt hatten; er wartete dort bereits auf ſie, unruhig in dem engen Raume auf und ab gehend und jeden Augenblick einen ſpähen⸗ 118 den Blick durch die Fenſter werfend, denn er traute Ida und ihrer Mutter immer noch nicht recht, obgleich er ihren Plänen, die auch ihm eine willkommene Sättigung ſeines Rachegefühls verhießen, hülfreiche Hand geboten hatte. Als die Erwarteten eintraten, begrüßte er ſie kurz, zwiſchen Stolz und Ehrerbietung ſchwankend. Ida eilte ihm mit freudeſtrahlendem Geſichte entgegen und hielt ihm den Brief Marien's hin. „Erbrechen Sie ihn ſchnell, Franz, wir ſind äußerſt begierig, zu erfahren, ob er unſeren Wünſchen entſpricht und uns von Nutzen ſein kann,“ bat ſie. Der Jäger zuckte leiſe zuſammen, als er den Brief berührte und ſein Auge auf die von Marien's Hand geführ⸗ ten Schriftzüge fiel, dann erbrach er ruhig das Siegel und durchflog die wenigen Worte mit einem aufmerkſamen Blicke, nachdem er das in dem Papier enthaltene Geld gleichgültig bei Seite geworfen hatte. „Ich glaube, er genügt,“ ſagte er dann, während ein häßlicher Blick ſein Geſicht entſtellte, und reichte Ida das Schreiben. Dieſe las es gemeinſam mit ihrer Mutter. „Vortrefflich!“ ſagte ſie dann lebhaft;—„gerade dieſes Geheimnißvolle ſpricht für ihre Schuld und die des⸗ halb nöthige Vorſicht; er wird nicht länger in Zweifel ſein können;— wir brauchen auch nicht die geringſte Ver⸗ — — — — 119 änderung an dem Schreiben zu treffen, was ſeinen Ver⸗ dacht erregt haben könnte.“ 8 Auch ihre Mutter ſtimmte ihr bei, und die Drei, welche einen neuen Anſchlag gegen Marie ſchmiedeten, ſchienen befriedigt zu ſein. „Ich werde den Brief mit mir nehmen, und Sie ſollen ſchon in wenigen Tagen erfahren, daß Sie und wir gerächt ſind, Franz,“ meinte Ida mit triumphirendem Lächeln. Der Jäger nickte, dann zeigte er auf das auf den Tiſch geworfene Geld und ſagte kalt: „Nehmen Sie das auch mit ſich, Fräulein; ich bedarf ſeiner nicht und mag es ihr auch nicht aufbewahren.“ Ida und ihre Mutter wieſen indeſſen die Annahme der Geldſcheine zurück, worauf ſie Franz mit einem Blicke der Verachtung kaltblütig zerriß, ehe die Damen ihn daran hindern konnten; dann bat er ſie mit dem rnhigſten Tone, als ob gar nichts geſchehen ſei, ſich in einigen Tagen wie⸗ der hier einzufinden, um ihm zu erzählen, welches Reſul⸗ tat ihr Plan gehabt habe. Die Damen verſprachen es auf das Beſtimmteſte und kehrten nach der Stadt, Franz nach dem Wäldchen zurück, in dem er Tag und Nacht zubrachte.— Am nächſten Abende war wieder Ball im Kurhauſe, und Eldor's ſo wie Gilgenbruck's dabei anweſend. Das Verhältniß zwiſchen Beiden war ſchon ſo kalt geworden, 120 daß ſie nur wenig mit einander ſprachen und ſich offenbar zu vermeiden ſuchten, nur die nöthigſten Formen der Höf⸗ lichkeit wurden von ihnen aufrecht gehalten. Egmont ſaß meiſtentheils neben ſeiner jungen Frau, die wenig tanzte; nur einige Male hatten ſie Baron Ohlſen und einige ſeiner Bekannten aufgefordert. Der Baron war wieder in ſeine frühere Beſcheidenheit der Gräfin gegen⸗ über zurückgefallen, nachdem er ſich bei reiflicher Ueber⸗ legung überzeugt hatte, ſie habe in der Eremitage ſeine Beſtrebungen allen Ernſtes zurückgewieſen und ſei in der That ſo ſtreng tugendhaft, wie es ihre Zurückhaltung an⸗ deutete; dies hatte ihm eine unwillkürliche Achtung vor ihr abgenöthigt, denn meiſtentheils hatte er es mit Frauen oder Mädchen zu thun gehabt, die ihm mehr oder weniger ent⸗ gegenkamen; er zweifelte jetzt gar nicht mehr daran, daß Ida Gründe habe, den Ruf der jungen Gräfin zu unter⸗ graben, und war entſchloſſen, ihr dabei nicht behülflich zu ſein und lieber die mit ihr eingegangene Wette zu verlieren. Seine fortgeſetzten Aufmerkſamkeiten für Marie entſpran⸗ gen daher nur aus wirklicher Achtung und dem Wunſche, ſeinen Fehler wieder gut zu machen. Der Baron mußte auch mit ſeiner Couſine tanzen, was dieſelbe als ein ihr zuſtehendes Recht beanſpruchte. Plötzlich hielt dieſe mitten im Tanze inne, als ſie ſich gerade an einer Stelle befanden, wo Graf Egmont allein ſaß, 121 und vorgebend, daß ſie ein leichtes Unwohlſein anwandle, ließ ſie ſich auf einen der neben letzterem leeren Plätze nieder, Baron Ohlſen neben ihr. Man wechſelte kein Wort mit dem Grafen, der Beider nicht zu achten ſchien, und nach einer Weile erhoben ſich die Tänzer wieder, da Ida ſich für ganz wohl erklärte. Ida hatte dieſe wenigen Minuten benutzt, mit einer geſchickten, von Niemand beachteten Bewegung, den Brief Marien's an Franz ſo hinzuwerfen, daß er Graf Egmont nach ihrer Entfernung in die Augen fallen mußte und es den Anſchein gewann, als habe ihn der Baron aus der Taſche verloren. Wirklich bemerkte der Graf, nachdem Jene ſich wieder erhoben hatten, das liegengebliebene Papier und nahm es nichtsahnend in die Hand, um es nach Beendigung des Tanzes dem Baron wieder zuzuſtellen. So wenig es ihm in den Sinn kam, in die Geheimniſſe eines Andern ein⸗ dringen zu wollen und den gefundenen Brief zu leſen, blickte er doch unwillkürlich auf deſſen Adreſſe, auf der er die Buchſtaben B. v. O. bemerkte,— kein Zweifel mehr, daß der Brief alſo wirklich dem Baron von Ohlſen zugehörte,— aber auch die flüchtige Aufſchrift mit Bleiſtift:„Von Marie Eldor.“ Der Graf zuckte, wie vom Schlage getroffen, zu⸗ ſämmen, ſeine Lippen wurden blau, und er ſtierte mit ſo 5 glanzloſen Augen auf das Papier, als ſei er der Wirklich⸗ 122 keit ganz entrückt. War es möglich, daß Marie wirklich an den Baron geſchrieben hatte, und was theilte ſie dieſem mit, ohne ihn ſelbſt davon in Kenntniß geſetzt zu haben? Der fatale Zufall in der Eremitage drängte ſich Egmont von Neuem auf, und er war in Zweifel, ob er hier eine neue Liſt Ida's oder vermuthen ſollte, daß ſie ſich eine ſolche nie habe zu Schulden kommen laſſen und daß Marie, was er noch nicht faſſen konnte, ihn damals und noch jetzt wirklich betrog. Die Handſchrift des Briefes mußte dies aufklären und Egmont kämpfte einen Augenblick, ob er den durch Zufall in ſeine Hände gekommenen Brief eines An⸗ dern leſen ſollte oder nicht; aber wäre es nicht eine über⸗ triebene Rückſicht geweſen, bei ſo dringenden Verdachts⸗ gründen ſich die Gelegenheit, klar zu ſehen, vorübergehen zu laſſen, und hätte der begünſtigte Liebhaber ſeiner Frau es nicht äußerſt lächerlich finden müſſen, daß ihm der Ehe⸗ mann ſelbſt einen Brief derſelben zurückgab, auf dem aus⸗ drücklich ihr Name bemerkt war? Egmont erhob ſich nach kurzem Nachſinnen ſchnell und begab ſich in ein wenig beſuchtes Nebenzimmer, wo er ſich allein in eine Ecke niederſetzte und das verhängnißvolle Billet wieder hervorzog. Er erinnerte ſich, das Petſchaft, welches man zum Siegeln gebraucht hatte, ſchon einmal bei ſeiner Frau geſehen zu haben, und zitternd vor Er⸗ regung eutfaltete er das Papier, aus dem ihm eine ſorgſam 123 gebundene Haarlocke in die Hand fiel; ſie war der Farbe nach unzweifelhaft von dem Haare ſeiner Frau. Immer bleicher werdend, las der Graf mehrere Male die verhäng⸗ nißvollen Worte: „Ich erfülle Ihre Forderung und ſende Ihnen, was Sie verlangen; ich rechne auf Ihr Wort und vertraue Ihrem Ehrgefühl. Ihr Verdacht und Ihre Beſchuldigun⸗ gen ſind ungerecht, indeſſen halte ich es unter meiner Würde, etwas darauf zu erwiedern. Mein Gemahl hat nichts erfahren. M.—“ Egmont erkannte deutlich die Handſchrift ſeiner Frau, er konnte nicht länger zweifeln, daß er das Opfer ihrer Liſt und Falſchheit geworden ſei, und wenn er ſich aller der Unannehmlichkeiten erinnerte, die er ihretwegen ſchon hier erlitten hatte, aller der Liebe, die er an ſie verſchwendet. und mit der er ſie aus niedrigem Stande, dem Wunſche der Mutter und den Vorurtheilen der Welt zum Trotz, an ſeine Seite erhoben hatte, ſo füllte ſein Herz jetzt ein unbegrenz⸗ ter Haß und die tiefſte Verachtung Marien's. Lange ſaß er und ſann, wie er ſich zu verhalten habe; jede Neigung zu Marien war erloſchen, und er konnte ruhig überlegen. Plötzlich erhob er ſich; ſein Geſicht war ernſt und kalt, deutete aber nicht auf die tiefe Aufregung, in der er ſich befand, als er wieder den Ballſaal betrat. Er ging gerade auf ſeine Frau zu, und ſich zu ihr niederbeugend, flüſterte er: 124 „Wir wollen jetzt die Geſellſchaft verlaſſen; mir iſt nicht ganz wohl und ich will mich nach Hauſe begeben.“ Marie blickte ängſtlich in ſein bleiches Geſicht und fragte, was ihm fehle, während ſie ſich gehorſam von ihrem Sitze erhob, ſeinen Arm nahm und ihm folgte. Egmont ſchützte ein leichtes Unwohlſein vor, bat ſie dann aber, nicht mehr zu ihm zu ſprechen, da er der vollkommenſten Ruhe bedürfe. Marie verſtand ihn nicht, aber ſie bebte in banger Ahnung, daß wieder etwas Beſonderes vorgefal⸗ len ſein müſſe, daß ihn in dieſe Stimmung verſetzt hatte. Als ſie zu Hauſe eingetroffen waren, ohne ein Wort zu wechſeln, wollte ſich Egmont ſogleich in ſein Zimmer begeben. „ Soll ich nicht erfahren, was Dich erregt hat, Egmont?“ bat Marie mit der zärtlichſten Liebe;—„ich kann nicht glauben, daß Dein körperliches Unwohlſein allein Dich ſo trübe und ſchweigſam macht.“ „Es iſt nichts von Bedeutung, Du ſollſt morgen Allles erfahren,“ erwiederte der Graf kurz, und ſeiner Frau nachläſſig mit dem Kopfe zunickend, verließ er ſchnell das Zimmer. Marie ſtand erſtarrt da; ſo kalt war Egmont noch nie von ihr geſchieden, und ſie fühlte, daß etwas ſehr Wich⸗ tiges ſein Benehmen veranlaßt haben müſſe, daß er ihr zürne und zwar, wie es ſchien, dieſes Mal ſehr heftig. 125 Hatte er wirklich gehört, wie ſie Franz abgefunden habe, und mußte ihm dann nicht einiges Nachdenken ſagen, daß ſie nur aus Angſt für ſein Leben ſo gehandelt habe?— das konnte es unmöglich ſein, was ihn ſo tief verletzt hatte. Die unglückliche Frau, die ihre Thränen nicht länger zu⸗ rückhalten konnte, ſank auf das Sopha nieder und zer⸗ marterte ſtundenlang vergeblich ihren Verſtand, eine Erklärung von Egmont's Weſen zu finden; endlich als die Nacht ſchon tief hereingebrochen war, faßte ſie den Ent⸗ ſohluß, ſich zur Ruhe zu begeben. Als ſie ihrem Schlafzimmer zuſchritt, überkamen ſie die beängſtigenden Gedanken mit ſolcher Macht, daß ſie dem Zuge, an Egmont's Zimmer zu lauſchen, ob er noch wache und was er thue, nicht widerſtehen konnte; auf den Zehenſpitzen ſchlich ſie bis an die Thür und verſuchte, durch das Schlüſſelloch, aus dem ſie Licht kommen ſah, zu ſehen. Egmont war noch wach; er ſaß an ſeinem Arbeitstiſche und ſchrieb bald, bald ſtützte er das ſorgenſchwere Haupt in die Hand; ſein Geſicht war ſehr bleich und ſein glanzloſes Auge flog of oft unſtät im Zimmer umher; er ahnte nicht Marien's Nähe. Dieſe fühlte ihr Herz von unſäglicher Angſt zuſam⸗ mengepreßt; ſie hatte ſchon die Hand auf die Thürklinke gelegt, um einzutreten und Egmont um Aufklärung des quälenden Räthſels anzuflehen, aber ſie zog ſie wieder zu⸗ 126 rück, denn in demſelben Augenblicke bemerkte ſie, wie ſein Auge ſo wild aufflammte, daß ſie erſchrocken zurückfuhr; ſie wagte jetzt nicht, ihm durch ihren Beſuch von Neuem ungehorſam zu ſein und ihn noch mehr aufzuregen, und kehrte, in Thränen gebadet, in ihr Schlafzimmer eben ſo leiſe, wie ſie gekommen war, zurück. Marie begab ſich zu Bette, aber ſie vermochte kein Auge zu ſchließen. Es war ſchon gegen Morgen, als es ihr vorkam, als ob eine entferntere Thüre im Hauſe geöff⸗ net und geſchloſſen würde; dieſe Bemerkung verſetzte ſie in unſägliche Unruhe, und nachdem ſie eine Weile gekämpft hatte, ob ſie noch einmal zu ihres Mannes Zimmer zurück⸗ kehren ſolle, erhob ſie ſich zitternd, warf ein leichtes Nacht⸗ gewand über und ſchlich vorſichtig dorthin. Das Licht in ſeinem Zimmer war ſchon ausgelöſcht, und da Alles in demſelben vollſtändig ſtill war, zweifelte ſie nicht, er ſchlafe bereits, und kehrte etwas beruhigter zurück, um ihr Lager von Neuem aufzuſuchen. Marie hatte ſich ziemlich früh kaum erhoben und ihre Morgentoilette gemacht, als ihr Mädchen den Kammer⸗ diener anmeldete, der einen Auftrag ſeines Herrn aus⸗ zurichten habe. Betroffen befahl Marie, ihn eintreten zu laſſen.. Der Mann, deſſen Geſicht ſelbſt von einer nicht zu verheimlichenden Beſtürzung zu ſprechen ſchien, näherte ſich 127 ihr mit ehrfurchtsvollem Gruße und überreichte ihr einen Brief mit den Worten: „Der Herr Graf hat mich beauftragt, dieſes Billet ſobald als möglich der gnädigen Frau zuzuſtellen.“ „Wo iſt mein Mann?“ fragte dieſe entſetzt; ihr erſter Gedanke war, Egmont habe einen Streit gehabt und mache an dieſem Morgen eine blutige Ehrenſache mit ſeinem Gegner aus. „Der Herr Graf weckte mich bereits um drei Uhr Morgens ſelbſt, und befahl mir, einen Reiſekoffer auf die Poſt zu tragen; er iſt um vier Uhr mit der Poſt, die nach der Hauptſtadt geht, abgefahren,“ erwiederte der Diener ängſtlich. das räthſelhafte Benehmen Egmontss, der ihr ſonſt jede Sache von einiger Wichtigkeit vertraute; aber ſich ſchnell faſſend, um ihre Gefühle vor den Augen des Dieners zu verbergen, winkte ſie demſelben, ſich zu entfernen; dann ſank ſie kraftlos in einen Seſſel und erbrach haſtig das erhaltene Billet ihres Mannes. Egmont ſchrieb: „Marie. „Was ich nie geahnt, nie nur zu denken wagte, weil ich Deiner Liebe zu mir heilig vertraute, was ich mit Ver⸗ achtung von mir wies, obgleich die allgemeine Stimme es ausſprach, ich einen augenſcheinlichen Beweis dafür hatte, Marie war dem Umſinken nahe, denn ſie begriff nicht 128 für das habe ich jetzt einen unumſtößlichen Beweis in Hän⸗ den, und weder Dein Leugnen, noch Deine erheuchelte Liebe und Thränen, durch die Du mich früher irre leiten konn⸗ teſt, werden ihn entkräften. Durch Zufall,— ich weiß nicht, ob ich ihn glücklich oder unglücklich für mich nennen ſoll,— iſt ein Brief von Dir an den Baron Ohlſen in meine Hand gerathen, der mir die Aufklärung gegeben hat, daß Du in einer verbrecheriſchen Verbindung mit ihm ſtehſt, vielleicht ſchon lange geſtanden haſt. Dieſer Brief iſt nicht verfälſcht; verſuche nicht, mich davon zu überzeugen. „Ich enthalte mich jedes Vorwurfs, jeder weiteren Be⸗ merkung über Dein Benehmen, ich ſpreche auch nicht von dem grauſamen Schmerze, den es mir verurſacht hat, aber 3 *— wirſt begreifen, daß wir unter ſolchen Umſtänden nicht länger zuſammenleben können. Mein Entſchluß iſt unum⸗ ſtößlich gefaßt. Ich reiſe in wenigen Stunden nach Breiten⸗ ſee zurück; ich will nicht den Vorwurf verdienen, übereilt gehandelt zu haben, darum werde ich mit Deinem und mei⸗ nem Freunde, dem Doctor Mittermann, der ein unpar⸗ teiiſcher Richter zwiſchen uns ſein wird, ſprechen und ſeinem Rathe zufolge die weiteren für meine Ehre erforder⸗ lichen Schritte thun. Ich habe Dir genügende Mittel zurückgelaſſen— Du wirſt ſie in meinem Schreibtiſche in Anweiſungen und Wechſeln finden,— Deinem jetzigen Stande gemäß in der Hauptſtadt leben zu können, bis eine 129 weitere Entſcheidung für Dich erfolgt iſt. Wage nicht, mir nach Breitenſee nachzureiſen; ich würde Dich dort gar nicht ſprechen und Du Dich unnützen Demüthigungen ausſetzen; ich verbiete Dir dies entſchieden. „Ich hoffe, daß Du vorläufig bedenken wirſt, daß Du noch dem Namen nach meine Gattin biſt, daß Du nicht noch mehr Schande auf den fleckenloſen Namen der Eldor's häufen wirſt; wenn Du ihn in einiger Zeit nicht mehr trägſt, ſo biſt Du frei, und ich bin dann nicht mehr Rich⸗ ter Deiner Handlungen. Egmont.“ Marie wußte nicht, ob ſie wache oder träume, als ſie eine ſolche ganz grundloſe Beſchuldigung mit einer Sicher⸗ heit ausgeſprochen ſah, die ſich unzweifelhaft auf ſchlagende Beweiſe ſtützen mußte; ſo vollſtändig rein und unſchuldig, wie ſie ſich fühlte, war ſie einen Augenblick geneigt, demn ganzen Mißverſtändniſſe nicht eine ſo hohe Bedeutung bei⸗ zumeſſen, aber der nächſte Augenbüick führte ihr ſchon wie⸗ der in das Gedächtniß zurück, daß Egmont allein abgereiſt, daß damit ihr Bruch in den Augen der Geſellſchaft voll⸗ endet ſei, und daß er ihr nicht einmal geſtattete, einen Ver⸗ ſuch zur Rechtfertigung zu machen. So überraſchend wie ſie dieſe Beſchuldigungen trafen, war ihre ganze Kraft zur Ueberlegung g erſtarrt; ſie fühlte nur, daß Ida von Gilgen⸗ bruck hier einen abſcheulichen Betrug geſpielt haben müſſe, und haſtig aufſpringend, wollte ſie ſich in File antſeiden 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. ſich zu ihr begeben, um Aufklärung und Rechenſchaft von ihr zu verlangen. Ein unermeßlicher Schmerz, der ſie der Verzweiflung nahe brachte, wüthete in der Bruſt der armen Frau; er überſtieg bald ihre körperlichen Kräfte, die ſchon unter der Aufregung der Nacht gelitten hatten, und mit einem leiſen Schrei ſank ſie ohnmächtig zuſammen. So fand ſie erſt nach geraumer Zeit ihr zufällig ein⸗ tretendes Kammermädchen, der es nur mit vieler Mühe gelang, ihre Herrin wieder in das Bewußtſein zurückzurufen. Unter anderen Umſtänden würde Marie den übermäßigen Geiſtesqualen für längere Zeit unterlegen und körperlich erkrankt ſein, jetzt aber war der erſte Gedanke, den ſie bei ihrem Erwachen fand, daß ſie handeln müſſe, ehe Egmont chritte thue, die ihr Elend noch größer machten. Mit eeinner Entſchloſſenheit, die ihr erſt dieſes große Unglück ge⸗ geben hatte, gab ſie ſofort den Befehl, Alles zu ihrer Ab⸗ reiſe nach der Hauptſtadt ſogleich vorzubereiten; ſie wollte den Badeort ſchon an demſelben Nachmittage verlaſſen. Staunend gehorchte die Dienerſchaft, die alle dieſe ungewöhnlichen Borgänge gar nicht begriff, und während man in dem Hauſe die Koffer packte, außerhalb die Rech⸗ nungen berichtigte und die Poſtpferde beſtellte, ſaß Marie mit anſcheinend kalter Ruhe an dem Schreibtiſch ihres Mannes und ſchrieb nicht an dieſen, ſondern an den Doctor Mittermann, den ihr Gatte ſelbſt als Schiedsrichter zwi⸗ ſchöpfte ſich in den verſchiedenartigſten Vermuthungen über 131 ſchen ihnen vorgeſchlagen hatte. Sie ſchrieb nicht als ein um Gnade flehendes, ſchwaches Weib, ſondern ſie verlangte mit beſcheidener Feſtigkeit ihr Recht von Egmont, ſie er⸗ klärte auf das Entſchiedenſte, daß ſie unſchuldig ſei, daß ſie aber zuerſt wiſſen wolle, weſſen man ſie anklage, damit ſie ſich dagegen rechtfertigen könne. „In Ihre Hände, Doctor,“ ſchrieb ſie zum Schluß, —„lege ich das Glück und die Ruhe meines ſchwergeprüf⸗ ten Herzens, deſſen Unſchuld Gott über uns geſchaut hat, mögen auch die ſcheinbar überzeugendſten Beweiſe für die mir aufgebürdete Schuld vorliegen; die Wahrheit wird der⸗ einſt an das Licht kommen, ehe ſie aber klar vor Ihnen liegt, faſſen Sie keinen übereilten Entſchluß und wirken Sie auf Egmont ein, daß er mir, die ihn über Alles liebt, nicht das Herz breche oder mich zum Aeußerſten treibe.“ Mit feſter Hand faltete Marie den Brief zuſammen und ſiegelte ihn; dann übergab ſie ihn dem noch zurückblei⸗ benden Kammerdiener ihres Gatten, einem durchaus zuver⸗ läſſigen und ihr ſehr ergebenen Manne, und ſtieg in den Reiſewagen, der ihrer bereits wartete, um ſie nach der Hauptſtadt zu führen. Eine Stunde ſpäter ſchon durchlief das Gerücht den Badeort, Graf Egmont und ſeine Gattin ſeien plötzlich abgereiſt, auffälliger Weiſe aber Beide getrennt; man er⸗ 9* 13² das überraſchende, ſonderbare Ereigniß, die einander an Böswilligkeit übertrafen. Ida von Gilgenbruck und ihre Mutter triumphirten und belachten unter ſich den glücklichen Ausgang ihrer In⸗ trigue, aber jede von ihnen wurde ernſter, wenn ſie ſich allein befand, denn bereits fing das Gewiſſen an, leiſe zu ſprechen. In der Geſellſchaft gaben ſie ſich das Anſehen, als wüßten oder vermutheten ſie wenigſtens richtig, was im Eldor'ſchen Hauſe vorgefallen ſei, indeſſen behaupteten ſie auf die an ſie geſtellten Fragen, es ſei Pflicht, das Ge⸗ heimniß darüber zu bewahren, wodurch man dann noch mehr auf den Gedanken gerieth, Marie müſſe ſich ſchwer an ihrem unglücklichen Gatten verſündigt haben. Die Da⸗ men hielten übrigens ihr Verſprechen, Franz den Ausgang ihres gemeinſamen Planes mitzutheilen; der Jäger war theils erfreut darüber, theils außer ſich, daß ihm ſeine Beute wieder hier entgangen ſei, denn er gedachte keines⸗ wegs, wie er Marie verſichert hatte, ſeinen eigenen blutigen Racheplan aufzugeben. Schon am folgenden Tage zog er gegen Breitenſee fort, wie er hierher gekommen war, nachdem er vergeblich zu erfahren geſucht hatte, wohin Marie gereiſt ſei; ſie hatte es ſelbſt in ihrem Hauſe nicht hinterlaſſen. Wer von der ganzen Badegeſellſchaft durch Graf Eg⸗ mont's Benehmen am meiſten in Erſtaunen geſetzt wurde, 133 war der Baron von Ohlſen. Wie ſchon geſagt, hatte er ſich ſeit jenem Zuſammentreffen mit Marie in der Eremi⸗ tage nicht das Geringſte zu Schulden kommen laſſen, was ſie oder ihren Ruf nur im Entfernteſten verletzen konnte. An dem Tage nach Egmont's Abreiſe erhielt er aber einen Brief von dieſem, folgenden überraſchenden Inhalts: „Mein Herr Baron. „Geſonnen, von hier ſofort abzureiſen, kann ich es mir nicht verſagen, die nachfolgenden Zeilen an Sie zu richten. „In meinen Händen liegt der Beweis Ihres unver⸗ antwortlichen Benehmens, das ich nicht näher zu bezeichnen brauche, um von Ihnen verſtanden zu werden. Es iſt daſ⸗ ſelbe meiner Ehre ſo nahe getreten, daß eine Ausgleichung auf anderem als friedlichen Wege zwiſchen uns nöthig wird. Ich verſchiebe dieſelbe nur, um nicht Anlaß zu grö⸗ ßerem Skandal in dem kleinen Orte zu geben, in dem wir uns befinden, werde aber die Ehre haben, Sie in Kurzem zu benachrichtigen, wann und wo ich die Genugthuung, die Sie mir nicht abſchlagen werden, zu fordern gedenke. „Graf Egmont Eldor.“ Der Baron rieb ſich die Stirn und ſtrengte ſeinen Berſtand vergebens an, zu errathen, wie er den Grafen be⸗ leidigt haben könne; er ahnte, daß deſſen Gattin mit der Beſchuldigung im Zuſammenhange ſtehen müſſe, und konnt 134 endlich nur des Glaubens bleiben, Ida habe geplaudert und dem Grafen ſei die Wette mit ihr zu Ohren gekom⸗ men. Er eilte deshalb zu ihr und fragte ſie ernſtlich da⸗ nach, Ida aber ſchwor mit den heiligſten Eiden, daß außer ihrer Mutter Niemand um jene Wette, die ſie überhaupt nur als einen müßigen Scherz betrachtet habe, wiſſe, und daß die Baronin eben ſo ſchweigſam als ſie ſelbſt geblieben ſei; auch ließ es ſich wirklich nicht denken, daß eine vertraute Unterredung zwiſchen zwei Verwandten Anlaß zu einer blutigen Forderung geben könne. Ida deutete indeſſen da⸗ rauf hin, daß ſie den Grund von Egmont’s und Marien's plötzlicher Abreiſe vermuthe, ſich darüber aber nicht aus⸗ ſprechen könne, indeſſen ſei ihr gänzlich unbekannt, was den Zorn des Grafen gegen den Baron erregt habe. Letzterem blieb nichts übrig, als ſich an den Grafen ſelbſt mit der ſchriftlichen Bitte um Aufklärung zu wenden; er ſagte ihm, daß er ſtets bereit ſei, die Forderung eines Mannes von Ehre anzunehmen, wenn er letztere verletzt habe, aber er ſei ſich in dieſem Falle deſſen durchaus nicht bewußt und müſſe auf eine deutlichere Erklärung der ihn ſelbſt verletzenden Beſchuldigung dringen. Der Brief ging nach Breitenſee ab und Ohlſen brachte die nächſten Tage in ſehr unruhiger Stimmung zu. Die Badeſaiſon ging gerade in dieſer Zeit ihrem Ende eutgegen, und bereis reiſten die erſten Gäſte ab. 13⁵ Unter ihnen befanden ſich auch Frau von Gilgenbruck und ihre Tochter, die begierig waren, den weiteren Ver⸗ folg ihrer Intrigue gegen das Eldor'ſche Ehepaar kennen zu lernen. Sie hörten gleich bei ihrer Ankunft auf Roſen⸗ thal, wie man ſich allgemein darüber wundere, daß Graf Egmont ganz unerwartet ohne ſeine Gattin heimgekehrt und ſich über deren Verbleiben nur zu ſeiner Mutter, ihren Eltern und dem Doctor Mittermann ausgeſprochen habez der Graf wäre ungemein finſter und mißgeſtimmt, die Gräfin Eleonore und die Theißen's ſchwämmen in Thränen, be⸗ wahrten aber das räthſelhafte Geheimniß äußerſt ſtreng. Und ſo war es in der That auf Breitenſee. Fünftes Capitel. Als Egmont in Breitenſee eingetroffen war, begab er ſich ſogleich zu dem Doctor, noch ehe er ſeine Mutter auf⸗ ſuchte, die von ſeiner Ankunft noch gar keine Kenntniß er⸗ halten hatte. Es war ſpät Abends, als er ohne vorherge⸗ gangene Anmeldung haſtig in Mittermann'’s Zimmer trat, der gerade über mediciniſchen Schriften beim Scheine der Lampe ſtudirte. 136 Der Doctor blickte verwundert auf und ſtarrte den jungen Grafen, deſſen Ankunft er erſt in einigen Wochen erwartete, ſprachlos vor Staunen an, ſchnell ging aber die⸗ ſes in Beſorgniß und Schreck über, als er Egmont's blaſſes und von Gram entſtelltes Geſicht ſah; die Worte der frohen Begrüßung erſtarben ihm auf den Lippen, und die Hand Eg⸗ mont's herzlich drückend, lud er ihn durch eine ſtumme Bewe⸗ gung ein, neben ihm Platz zu nehmen, denn ſchon lange war zwiſchen beiden Männern ein inniges Verhältniß an Stelle des früher gezwungneren getreten. „Sie haben mich vermuthlich nicht ſo früh zurück er⸗ wartet, Doctor,“ begann der Graf nach einer Pauſe,— „aber Sie werden noch mehr betroffen ſein, wenn Sie den Grund meiner ſchleunigen Rückkehr vernommen haben.“ „Ich fürchte, letztere bedeutet nichts Gutes, Herr Graf,“ meinte der Doctor mit Beſorgniß,—„denn Ihre finſtere Miene hat mich in Angſt verſetzt; vor Allem hoffe ich, daß ſich Gräfin Marie wohl befindet.“ „Gerade ſie iſt die Veranlaſſung meiner Heimkunft,“ verſetzte Egmont bitter,—„obgleich ſie körperlich ganz wohl iſt. Aber es haben ſich Dinge zugetragen, Doctor, die Sie eben ſo unglaubwürdig halten werden, wie ich ſelbſt bisher, wenn mir nicht die überzeugendſten Beweiſe gewor⸗ den wären. Marie begleitete mich nicht hierher.“ „Und wo iſt ſie?“ fragte Mittermann erſchrocken, der 137 ſchon ein Mißverhältniß zwiſchen den beiden Gatten be⸗ fürchtete, obgleich er deſſen ganze Ausdehnung nicht ahnen konnte. Scheidung bleiben wird,“ erwiederte Egmont mit erzwun⸗ gener Faſſung, während ſeine Hand in der innern Erre⸗ gung die feine Buſenkrauſe zerriß. „Scheidung?“ rief der Doctor entſetzt und ſprang von ſeinem Sitze auf.„Iſt das Ihr Ernſt, Herr Graf, oder der Ausbruch des augenblicklichen Mißmuthes?“ „Meine Ehre, die Ehre meiner Familie gebietet es ſo,“ ſagte der Graf feſt.„Hören Sie mich ruhig an, Doctor. Ich ſchätze Sie als meinen beſten Freund, und auch Marie erblickt den ihrigen in Ihnen; Sie werden alſo parteilos urtheilen und ſelbſt entſcheiden müſſen, daß mir kein anderer Weg bleibt, als mich von meiner Frau tren⸗ nen zu laſſen. Es iſt ſchwer, Doctor, entſetzlich ſchwer für ein liebendes und vertrauendes Herz, ſich zu überzeugen, daß es einer unwürdigen Täuſchung ausgeſetzt geweſen iſt, und die Scheidung zweier Gatten durch das Geſetz hat eine furchtbare Bedeutung, und wehe dem, der ſie kennen lernen muß. Dennoch kann ſie zur Nothwendigkeit werden, und in dieſem Falle Jrerade befinde ich mich.“ Graf Egmont erzählte nun mit einer Stimme, die zuletzt beinahe von krampfhaftem Schl uchien unterbrochen „In der Hauptſtadt, wo ſie bis zu unſerer erſolgten 138 wurde, ſeine ganze Reiſe und den Aufenthalt im Bade, ſo weit dieſelben ſein Verhältniß zu Marien betrafen; er litt ceeine Unterbrechung des Doctors, bis er geendet und ihm die letzte ſchmerzliche Entdeckung mitgetheilt hatte. „Hier iſt der Beweis für ihre Untreue,“ ſagte er dann und reichte den Brief Jenem, der ihn ſchnell durch⸗ flog. Mittermann war auf das Tiefſte bewegt; eine un⸗ überwindliche innere Ueberzeugung ſagte ihm, es liege hier ein Mißverſtändniß, oder eine abſichtliche Täuſchung durch fremde Menſchen vor,— er hatte die Familie Gilgenbruck in keinem geringen Verdacht,— und Marie könne nicht ſchuldig ſein. Er hatte ſie zu genau kennen und ſchätzen gelernt, er kannte den Scharfblick ſeiner verſtändigen Schweſter, die längere Zeit mit Marie in der nächſten Verbindung geſtanden und das allergünſtigſte Urtheil über ſie gefällt hatte, zu gut, um ihr eine Falſchheit, ſogar ein ſo ſchweres Verbrechen, wie das des ehelichen Treubruchs, zumuthen zu können; dennoch ſprachen alle äußeren Anzei⸗ chen gegen ſie, und der Brief, der faſt keinen Zweifel mehr übrig ließ, lag vor ſeinen Augen; ſo oft der Doctor da⸗ rauf blickte, fühlte er ſein Herz faſt ſtill ſtehen. „Ich habe hier eine Heſhuft der Gräfin Marie, einen Brief an mich,“ ſagte er nach einigem Nachdenken, während deſſen Egmont angſtvoll auf ſein Geſicht geblickt hatte, als knüpfe er an deſſen Ausdruck noch eine letzte 139 Hoffnung, der Doctor möge ihm die Täuſchung, der er ausgeſetzt geweſen, aufklären;—„wir wollen ſie ſorglich vergleichen, denn ich verſtehe mich einigermaßen darauf, und es wäre nicht das erſte Mal, daß man die Hand eines Andern täuſchend ähnlich nachgeahmt hätte.“ Der Graf ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf, aber er ließ es ſchweigend geſchehen, daß der Doctor Marien's Brief aufmerkſam mit dem früher von ihr erhaltenen verglich. nont hätte ſein ganzes Vermögen darum gegeben, wenn der Doctor eine deutliche Verſchiedenheit und einen Betrug herausgefunden hätte. Aber leider ſtellte ſich dergleichen nicht heraus, und Mittermann ſchüttelte ebenfalls ſchmerz⸗ lich das greiſe Haupt. 1 ihre Handſchrift ſein,“ ſagte er trübe vor dann fuhr er, zu Egmont gewendet, fort: Und dennoch, Herr Graf, iſt es durchaus nöthig, daß Sie zuerſt die Beſchuldigte hören, ehe Sie einen weite⸗ ren entſcheidenden Schritt thun. Sie wiſſen ja noch nicht einmal, ob ſie leugnet, dieſen Brief geſchrieben zu haben, oder nicht.“ „Was thut das?“ rief Egmont heftig.„Spricht die⸗ ſer Brief nicht deutlicher, als ihre Worte, mit denen ſie mich jedenfalls zu täuſchen verſuchen wird? Glauben Sie mir, Doctor, die Angſt wird ihr eine Beredtſamkeit geben, die mich beſtechen würde, und ich werde wieder der Be⸗ 140 trogene ſein, wenn ich ihr nur geſtattete, ſich zu recht⸗ fertigen.“ „Es iſt aber ungerecht, ohne dieſes zu verdammen,“ beharrte der Doctor;—„es giebt Vieles, was uns uner⸗ klärlich erſcheint und ſich bei offenem Ausſprechen doch ge⸗ gen alles Erwarten friedlich und leicht löſt. Ueberdies, Herr Graf, bedenken Sie, welches fatale Aufſehen Ihr Scheidungsprozeß machen würde und wie es bei demſelben der Gräfin doch geſtattet ſein wird, ſich zu vertheidigen. Es iſt beſſer und ſogar nöthig, daß Sie zuerſt eine Aus⸗ gleichung verſuchen, und ich bin, trotz aller Beweiſe, die Sie mir vorlegen, überzengt, daß Marie unſchuldig iſt. Urtheilen Sie bei der Frau, die Sie liebten, voreilig nicht ſo hart wie die Welt, die eine Luſt daran findet, ihres⸗ gleichen herabzuſetzen und zu verdammen. Wenn Sie es erlauben, will ich ſelbſt nach der Hauptſt t hinüber reiſen und mit Ihrer Frau Gemahlin ſprechen, und Sie können überzeugt ſein, Herr Graf, daß ich Ihre Ehre dabei nicht aus den Augen laſſen werde. Iſt ſie ſchuldig, wie Sie es vermuthen, dann gebietet die Ehre die Scheidung, und ich werde Ihnen ſelbſt dazu rathen. Vertrauen Sie mir, und vielleicht gelingt es mir, Ihnen noch einmal die Gattin wieder zuzuführen, wie einſt die Braut.⸗“.. Egmont hatte dem Doctor ſinnend zugehört, dann erhob er ſich ſchnell, und Mittermann bemerkte, wie eine 141 Thräne in ſeinem Auge ſtand, als er mit weicher Stimme ſagte: „Reiſen Sie, Doctor. Gebe Gott, daß Sie ſich nicht täuſchen, aber ich muß Beweiſe haben, klare Beweiſe.“ 3 Die beiden Männer ſchieden gerührt von einander, nachdem ſie verabredet hatten, Mittermann ſolle am zweiten Tage, von dem heutigen an gerechnet, ſeine Reiſe antreten und den Grafen ſogleich ſchriftlich von dem Leben benach⸗ richtigen, das Marie in der Hauptſtadt führte.. Dem jungen Grafen blieb nun noch ein ſchwerer Gang übrig; es war der zu ſeiner Mutter, die ihm einen unglücklichen Ausgang ſeiner Ehe prophezeit hatte und nun, wie er meinte, ohne Zweifel Gelegenheit nehmen würde, ihn daran zu erinnern. Er fand die Gräfin in der höchſten Aufregung, denn eben hatte ſie vernommen, daß ihr Sohn eingetroffen ſei, und zwar finſter, ſchweigſam, ohne ſeine Gattin; auch ſie ahnte Etwas, das der Wahr⸗ heit ähnlich war; noch mehr wurde ſie dadurch beunruhigt, da man Egmont, nach dem ſie ſogleich geſchickt hatte, nir⸗ gends auffinden konnte, denn man hatte ihn nicht zu dem Doctor gehen ſehn. Die erſte Begrüßung zwiſchen Mutter und Sohn war rührend und ſchmerzlich, denn Beide beſeelte das bange Vorgefühl der traurigen Mittheilung, die nun folgen ſollte. Die Gräfin Eleonore fragte zuerſt dringend: 142 „Wo iſt Deine Frau, Egmont?— ich höre, daß Du ſie zurückgelaſſen haſt.“ Graf Egmont mußte nothgedrungen erzählen, was er doch nicht lange verſchweigen konnte; ſo ſehr er Marien zu ſchonen ſuchte, blieben die Thatſachen ihrer Schuld doch immer, und die in Thränen ſchwimmende Gräfin konnte wirklich nicht milde über die ehebrecheriſche Gattin ihres Sohnes urtheilen. „Armer, armer Egmont!“ jammerte ſie verzweifelnd; —„o, hätteſt Du meinem Rathe gefolgt, ich wußte es ja, daß ein Mädchen, das ſo weit unter Dir ſtand, nicht den Platz würdigen könnte, zu dem Du ſie erhobſt, daß die Eitelkeit und der ungewöhnte Glanz ſie verblenden und Dich in das Unglück ſtürzen würde.“ Die Gräfin fuhr in ihren Klagen, in denen ſie alle Schuld an der von ihrem Sohne gemachten traurigen Er⸗ fahrung auf Marien's Geburt und Erziehung ſchob, fort; ihr Sohn hörte ſchweigend zu, denn er fühlte jetzt nicht die Luſt, um die Standesunterſchiede zu ſtreiten, obgleich er überzeugt war, daſſelbe Unglück hätte ihn bei einer anderen, dem Wunſche der Mutter mehr entſprechenden Wahl einer Gattin eben ſo leicht, vielleicht noch leichter treffen können.. Am folgenden Tage trafen zwei Briefe auf Breitenſee ein, der eine an Egmont, der andere an den Doctor Mit⸗ 143 termann; wie wir ſchon wiſſen, kam der erſte von dem Baron von Ohlſen, der zweite von Marien. Egmont war erſtaunt über die Unverſchämtheit des Barons, ſich ganz unwiſſend zu ſtellen; er war ſchnell ent⸗ ſchloſſen, ihm jetzt gar nicht zu antworten, ſondern ſeine Forderung zu wiederholen, ſobald jener den Badeort ver⸗ laſſen habe. Es kam ihm nicht in den Sinn, in dieſem Benehmen des Barons eine Möglichkeit zu ſehen, daß er ihn und Marie in einem falſchen Verdacht gehabt habe; im Gegentheil erbitterte es ihn noch mehr, denn er ſah voraus, ſowohl Marie als Ohlſen würden jede ſtatt, ehal bte Verbindung entſchieden zu leugnen ſuchen. Der Doctor unterbrach ihn in ſeinem Nachdeit en, indem er ſchnell, mit Marien's Brief in der Hand, eintrat und denſelben hoch haltend, triumphirend rief „Sie iſt unſchuldig, Herr Graf, ich verbürge mich für ſie, und Sie ſollen i in wenigen Tagen, ſo Gott will, die Beweiſe dafür in Händen haben. Leſen Sie dieſen Brief und geſtehen Sie offen, ob ich nicht Grund habe, ſo zuverſichtlich zu reden. So ſpricht die Schuld, das Ver⸗ brechen nicht, ſo klar, ſo überzeugend, ſo von edlem Stolze der Unſchuld beſeelt; überzeugen Sie ſich ſelbſt, daß ich Recht habe.“ Egmont nahm heftig den Brief an ſich und las ihn 3 144 mehrere Male immer wieder von Neuem durch; der Doctor betrachtete ihn aufmerkſam mit Blicken, in denen Furcht und Hoffnung wechſelten. Der Graf ſchien tief bewegt von Marien's Worten, und er wandte das Geſicht ab, wahrſcheinlich um ſeine Rührung zu verbergen; als er ge⸗ leſen hatte, legte er den Brief bei Seite und ſaß lange in ſinnender Stellung, während der Doctor ſeinen Gedanken⸗ gang, den er für günſtig hielt, nicht zu unterbrechen wagte. „Doctor,“ ſagte Egmont endlich mit weicher Stimme, —„ich will ihr ſo gern glauben, und ich meine, Sie haben Recht, daß ſie es verdient, aber dieſe Angelegenheit iſt ſch weit gediehen, hat ſchon zu viel Aufſehen gemacht, als daß die Ehre unſerer Familie nicht verlangte, daß Marie vor aller Menſchen Augen vollkommen gerechtfertigt daſtehe. Reiſen Sie morgen, wie wir es verabredet hatten, 3u ihr und ſagen Sie ihr das; Sie wird es begreifen und mir ſogar beiſtimmen müſſen.“ „Und Sie wollen mich nicht begleiten, Herr bat der Doctor.„Geben Sie der unglücklichen Frau, die Sie liebt und durch Ihre Abweſenheit entſetzlich leiden muß, was ſie ja auch offen ausſpricht, einigen Troſt, die Kraft, ſich zu vertheidigen, an der es ihr, nicht durch Ihre Liebe geſtützt, fehlen könnte.“ „Nein, Doctor, dringen Sie nicht weiter in mich,“ 145 ſagte Egmont beſtimmt.„Wenn ich dennoch hintergangen 3 wäre?“— Alle weiteren Bitten und Vorſtellungen Mitter⸗ mann's, der das innigſte Mitleiden mit der armen Marie fühlte, blieben erfolglos, und er mußte ſich entſchließen, am andern Tage allein nach der Hauptſtadt zu reiſen, woſelbſt er durch ſeine Schweſter Nachrichten über Marien's Aufenthalt einziehen zu können hoffte; der wackere Mann hatte ſich vorgenommen, alles Mögliche zu thun, um den Grafen zufrieden zu ſtellen, ohne dabei zu der Lüge ſeine Zuflucht zu nehmen, denn er ſelbſt war der Anſicht, ein Fehler, wie Marie ſich ihn hatte zu Schulden kommen laſſen ſollen, ſei nicht wieder gut zu machen und in dieſem Falle ſei die Trennung der Gatten das Beſte. Er hatte ſich nicht geirrt; Marie war bereits bei ſeiner Schweſter geweſen, ſobald ſie in der Stadt einge⸗ troffen war, und hatte ſich offen zu ihr ausgeſprochen und erzählt, daß ſie gar nicht einmal ahne, welcher Umſtand Egmont auf den grauſamen Verdacht gegen ſie geleitet hätte; die alte Frau hatte das Pnnigſte Intereſſe an ihr genommen, denn wenn ſie in die unſchuldigen Augen Ma⸗ rien's ſchaute, begriff ſie nicht, wie man dieſe eines ſo ſchweren Verbrechens für ſchuldig halten könne und wie„ man noch zweifle, ſie ſei das Opfer einer abſcheulichen Intrigue geworden. Marie hatte ihr verſprechen müſſen, 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 10 146 in ihre Wohnung zu ziehen, und dies ſollte gerade an dem Tage ausgeführt werden, an dem Doctor Mittermann bei ſeiner Schweſter eintraf.. Trotz des bitteren Unrechts, das ihr geſchehen war, liebte Marie ihren Mann noch eben ſo heiß und innig, als ſie es ſtets gethan hatte, ſie fühlte ſogar jetzt, wo er ſie im Zorne verlaſſen hatte, noch lebhafter das Bedürfniß nach ihm. Ihre innere Erregung erhielt ſie aufrecht, ſo ermattet der Körper auch war; ſie hatte eine unbeſchreibliche Sehn⸗ ſucht nach Ruhe und ſie trug ſich ſogar mit Gedanken an den Tod, denn nur durch ihn glaubte ſie jene finden zu können, aber erſt wollte ſie ihre Unſchuld anerkannt, ſich wieder von Egmont, den ihr Herz nicht miſſen konnte, ge⸗ liebt ſehen. Als der Doctor zum erſten Male mit ihr zuſammen⸗ traf, eilte ſie ihm freudig entgegen; neben dieſem Gefühle ſprach ſich aber eine ſo tiefe Wehmuth, ein ſo ſchweres Leiden in ihrem ganzen Weſen aus, daß der alte Mann hätte in Thränen ausbrechen mögen. Seine ſichtliche Rüh⸗ rung, ſein zartes Entgegenkommen, that Marien unendlich wohl, denn mit Angſt hatte ſie ſeine Antwort auf ihren Brief erwartet und gefürchtet, auch er möge ſich durch den trügeriſchen Schein leiten laſſen. Sie ſprach ganz offen zu ihm, ſie erzählte ihm, worin ſie einen Fehler gegen Egmont begangen zu haben glaubte, und ſie wurde be⸗ 147 ruhigter, als er dieſe Selbſtvorwürfe freundlich belächelte und ihnen keine große Bedeutung beimaß, ſie ſprach auch von Franzen's Briefe und ihrer Antwort darauf, und jetzt erſt ergab es ſich zu Beider Erſtaunen, daß dies das Billet ſei, auf das Egmont ſeine Anklage ſtützte. „Wo haben Sie den Brief von Franz?“ rief der Doctor, hocherfreut über dieſe Entdeckung;—„er wird Ihre Unſchuld beweiſen helfen und Alles ſich wieder zum Guten fügen laſſen.“ 4„Ich habe ihn gleich, nachdem ich ihn erhielt, ver⸗ brannt,“ klagte Marie,—„damit er nicht zufällig in meines Mannes Hände gerathen ſollte.“ Deer Doctor ſchlug ſich unmuthig vor die Stirn und blickte dann trübe vor ſich hin. 8„Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm,“ ſagte er dann nach⸗ denklich,—„das erſchwert unſere Sache wieder, denn wie kann der Graf Egmont an Franzen's Forderung glauben, da dieſer ihm ſelbſt gegenüber jede Unterſtützung zurück⸗ ggeewieſen hat? außerdem ſtimmt die Adreſſe auch gar nicht; — und wie ſoll man es ſich endlich erklären, daß Ihr Billet in Ohlſen's Hände gekommen iſt, der es doch un⸗ zweifelhaft verloren hat?“ Marie wußte dies Alles eben ſo wenig zu erklären, 8 aber r ſowoßl in ihr, wie in dem Doctor, wurde jetzt der 10* 3 Verdacht rege, Ohlſen ſei in die gegen Marie geſponnene Intrigue hauptſächlich verwickelt. „Ich will zu ihm!“ rief der Doctor nach einer Weile längerer Ueberlegung entſchloſſen;—„ich will nach jenem Badeorte, wo er ſich ohne Zweifel noch befindet, und ihm vorſtellen, was ein vermuthlich nur im Leichtſinn gethaner Schritt von ihm für entſetzliche Folgen haben kann; wenn der Menſch ein Herz hat, wird er gerührt werden und uns die Beweiſe für Ihre Unſchuld liefern.“ Marie ſtimmte ihm angſtvoll bei, und ſchon an dem⸗ ſelben Abende ſaß der Doctor, der Schwäche ſeines alten Körpers nicht achtend, wieder auf der Poſt und fuhr dem Badeorte zu, den er erſt nach zwei Tagen erreichte. Er begab ſich ſogleich zu dem Baron Ohlſen, der, als er ſeinen Namen und den Ort, woher er komme, hörte, verwundert war, welchen greiſen Cartellträger ſich Graf Egmont ge⸗ wählt habe. Aber er hatte ſich in dieſer Vermuthung ge⸗ täuſcht, denn der Doctor theilte ihm offen mit, weshalb er komme und appellirte mit ſo rührenden Worten an das Herz des Barons, daß dieſes ſehr verſtockt ſein mußte, wenn es dadurch nicht tief bewegt wurde. Ohlſen war erſtaunt über das, was er hörte; tief ergriffen drückte er warm die Hand Mittermann's und ſchwor ihm mit den heiligſten Eiden und bei ſeiner Ehre, daß er weder in einem Verhältniſſe zu Marie geſtanden 8 149 habe, noch, daß er je einen Brief, wie den bezeichneten, geſehen habe und daß es ganz unmöglich ſei, er habe den⸗ ſelben verloren. Seine Verwunderung und ſeine Ver⸗ ſicherungen waren ſo aufrichtig, daß der Doctor nicht mehr an ihrer Wahrheit zweifelte; er wollte ſich ſchon von dem Baron, deſſen Angelegenheit mit Graf Egmont er zu ordnen verſprochen hatte, wogegen Ohlſen ſich verpflichtete, auf Erfordern ſeine Verſicherungen Egmont zu wieder⸗ holen und für Marien's Unſchuld zu zeugen, entfernen, als dieſer plötzlich von einer Idee ergriffen wurde, die er Mittermann ſogleich mittheilte. Er ſprach nämlich ſeinen Verdacht aus, daß ſeine Couſine Ida von Gilgenbruck um das Geheimniß mit dem verhängnißvollen Briefe wiſſen müſſe, und erzählte, welche Wette ſie ihm vorher vor⸗ geſchlagen, wie ſie ſich auch bei jenem Zuſammentreffen in der Eremitage benommen hatte; man war jetzt feſt überzeugt, Ida wiſſe die beſte Auskunft zu geben und habe wahrſcheinlich den ganzen Anſchlag auf Marien's Ruf eingeleitet, aber wie ſollte man von ihr, der Schuldigen, Auskunft erlangen können? 4 Bekümmert und doch auch wieder erfreut, ſchon ſo viel gewonnen zu haben, fuhr der Doctor ohne langen Aufenthalt wieder zu Marie zurück. Inzwiſchen ſchien der Himmel Marien's Unſchuld ſelbſt an den Tag bringen zu wollen, und zwar bediente er 150 ſich der alten Marie Franke als Werkzeug dazu. Dieſe, welche Marien gleich nach deren Ankunft in der Stadt voll des tiefſten Dankgefühls wieder aufgeſucht hatte, be⸗ ſuchte ſie zu verſchiedenen Malen, und wenn ſie auch nicht wußte, was der anſcheinend unter ſo glücklichen Verhält⸗ niſſen lebenden jungen Frau ſo tiefen Kummer verurſachte, bedateerte ſie dieſelbe doch aufrichtig. Eines Morgens, nachdem der Doctor bereits abgereiſt war, kam ſie ſehr aufgeregt zu der Gräfin und erzählte ihr, daß ſie am Abende zuvor, als ſie ſich von ihr fort in ihre Wohnung begeben, den Jäger Wernecke bemerkt habe, an deſſen Er⸗ greifung, wie ſie wußte, dem Grafen Egmont viel gelegen war; da ſie jetzt eine anſtändigere Kleidung trug, die Jenes Verdacht hätte erwecken können, hatte ſie ihn nicht anzu⸗ reden gewagt, war ihm aber vorſichtig gefolgt und hatte ihn in einen abgelegenen Keller ſchlüpfen ſehen, der ihr aus ihrem eigenen früheren herumſtreifenden Leben be⸗ kannt war. Marien's Herz jauchzte vor Freude laut auf, denn ſo fern ſie Franz ſonſt gewünſcht hätte, war er doch der Einzige, der über den verhängnißvollen Brief Auskunft geben konnte. Daß er dies nicht freiwillig thun würde, ſelbſt wenn ſie ihm die höchſten Summen dafür böte, war ihr klar, daher mußte man ſich der Liſt bedienen, ihm das Geheimniß zu entlocken; die Gefahr, in der ſie ſchwebte, 151 gab ihr den Scharfſinn, ein Mittel zur Erreichung ihres Zweckes zu finden, und die alte Franke, deren Hülfe ſie bedurfte, war hocherfreut, ſich ihr dienſtfertig erweiſen zu können. Marie mußte ſie aber ganz in ihr Vertrauen ein⸗ weihen und that dies unbedenklich. An demſelben Abende ſah man Marie Franke in dem zerfetzten Kleide der Lumpenſammlerin, das ſie ſchon vor mehreren Monaten abgelegt, ſeitdem ſie ſich einem geordneten Leben ergeben hatte, wieder über die Straßen ſchleichen; ſie nahm ihren Weg dem Keller zu, in den ſie Franz am Abend zuvor hatte ſchlüpfen ſehen. Dieſer Keller war ein renommirter Sammelplatz aller Diebe, Gauner und Landſtreicher, und ſelbſt die Polizei betrat ihn nicht gern, wenn ſie nicht eine dringende Veranlaſſung dazu nöthigte. Marie Franke's Anzug erregte dort kein Aufſehen, und ſie fand ungeſtört Muße, die ſich dort Auf⸗ haltenden und Kommenden zu muſtern, ohne daß Jemand ihrer ſelbſt achtete. Plötzlich ſchien ſie gefunden zu haben, was ſie ſuchte, denn mit einem lauten Ausrufe der Freude ſtürzte ſie durch den dichten Haufen der in der Schenkſtube Verſammelten auf einen jungen Mann zu, in dem wir ſogleich Franz Wernecke wieder erkennen. Als er ſich von der Alten bei ſeinem Vornamen rufen hörte, ſtutzte er und blickte ſich 15² ſcheu um, aber ſeine Freude ſchien der der Bettlerin gleich zu kommen, als er dieſe bemerkte. „Franz, mein Goldjunge!“ rief die Bettlerin mit glückſtrahlendem Geſichte;—„finde ich Dich hier endlich wieder, nachdem Du mir vor länger als zwei Monaten ohne Abſchied fortgelaufen biſt? Ich meinte immer, Du würdeſt wieder kommen, und habe mich darauf gefreut, aber Du Böſewicht haſt wohl die alte Marie, die es immer ſo gut mit Dir meinte, ganz vergeſſen?“ „Nein, Mutter, das habe ich in der That nicht,“ erwiederte der Jäger, die Hand der Alten herzlich drückend, denn er war erfreut, nach ſo langer Zeit wieder einen Bekannten zu finden,—„aber ich war abweſend von der Stadt, denn ich hatte draußen Geſchäfte und fürchtete hier übrigens auch die Polizei, die Euer verwünſchter Graf gewiß gegen mich aufgeſtört hat.“ „Der ſchlechte Menſch, der Graf!“ fuhr die Alte lebhaft heraus;—„ohne Zweifel hat er Dich eben ſo betrügen wollen, wie er es bei mir gethan hat. Nicht wieder bekümmert hat er ſich um mich, obgleich er es ver⸗ ſprach, und nicht einen Pfennig habe ich von ihm geſehen. Pfui über ihn!— Jetzt aber, Goldjunge, ſetze Dich mit mir an den Tiſch dort und laß uns ein wenig plaudern, wie es Dir ſo lange ergangen iſt; Du weißt ja, welchen Theil ich an Dir nehme.“ 153 Der Jäger folgte der Alten unbedenklich, und Beide ließen ſich in einer Ecke der Schenkſtube nieder, wo man ſie am wenigſten beobachten konnte; die Alte beſtellte dann ungeachtet Franzen's Einwendungen Branntwein, da ſie wußte, er trinke denſelben gewöhnlich nicht und werde leicht davon berauſcht, dann drang ſie wieder in ihn, ſeine Ge⸗ ſchichte zu erzählen. Der Jäger war anfangs zurückhaltend damit, denn er ſah wohl nicht ein, warum ſeine Abſichten eine Mit⸗ wiſſerin haben ſollten, die ihm nicht nützen, höchſtens ſchaden konnte, bald aber löſte der genoſſene Branntwein, den die Alte fleißig einſchenkte und ihm zutrank, ſeine Zunge; ſie ſelbſt war von ihrem früheren zügelloſen Leben her die ſtarken Getränke gewöhnt, und wenn ſie ihnen auch ein für alle Mal abgeſchworen hatte, hielt ſie es doch für keine Sünde, eines ſo guten Zweckes halber wortbrüchig zu werden. „Sage mir aber nur, Franz,“ drang die frühere Bettlerin in ihn,„wie Du Dich eigentlich an Deiner früheren Braut zu rächen dachteſt, wie Du eben meinteſt, i*ſt ſie doch jetzt in hohem Stande und Reichthum und Du konnteſt kaum zu ihr dringen.“ „Seht, Mutter, das war ein glücklicher Zufall, der mir die Gelegenheit dazu gab,“ erzählte der ſchon halb trunkene Jäger.„Wie ich in dem Wäldchen dort ſo ſaß 77 154 und darüber ſann, wie ich dem Grafen beikommen möchte, überraſchte mich das Fräulein, das einſt ſeine Braut war oder wenigſtens werden ſollte,— ich meine die von Roſen⸗ thal, das, wie Ihr wiſſen werdet, nicht weit von Brei⸗ tenſee liegt. 4 „Weiß wohl,“ meinte die Alte,—„das Fräulein oder vielmehr die Baroneſſe von Gilgenbruck, iſt's nicht ſo?“ „Ganz richtig, auch ſie hatte der Graf betrogen,“ fuhr Franz geſprächig fort,—„und ſie freute ſich, mich zu finden, und ſchloß förmlich ein Bündniß mit mir, Marien zu verderben.“ „Nicht möglich, Franz,— das Fräulein mit Dir?“ fragte Marie Franke erſtaunt. Der Jäger erzählte jetzt ohne Bedenken, was wir ſchon wiſſen, und oft ſprach er ſo lebendig und laut, daß ihn die Alte zur Vorſicht ermahnen mußte, damit ſie nicht belauſcht würden. „Was haſt Du ihr denn aber eigentlich geſchrieben, mein Junge?“ fragte die Alte lachend;—„es muß doch ſehr eindringlich geweſen ſein, da ſie Dir gleich das Geld ſchickte.“ „Das will ich meinen,“ erwiederte Franz ſtolz;— hich glaube, ich habe den Brief, wie ich ihn mir zuerſt auf⸗ ſetzte, noch bei mir und will ihn Euch vorleſen, Mutter; 15⁵ ich weiß ja doch, daß Ihr nicht plaudert und ſolche gefähr⸗ liche Geheimniſſe gut zu bewahren verſteht.“ Franz zog ein zerknittertes Papier aus der Bruſt⸗ taſche ſeines Rockes hervor und begann der aufmerkſam horchenden Alten das Schreiben vorzuleſen, das er auf Ida's Rath an Marie gerichtet hatte. Dann lächelte er, durch die Lobpreiſungen ſeiner Zuhörerin zufrieden geſtellt, und ſteckte das Papier wieder ein. Als Franz ſeine Geſchichte zu Ende erzählt hatte, war er bereits ſo betrunken, daß die Alte nur noch weniger Mühe bedurfte, ihn durch den Branntwein in einen tiefen Schlaf zu wiegen. Kaum bemerkte ſie, daß ihr dies ge⸗ lungen ſei, als ihre Augen blitzſchnell durch das Gemach ſpähten, ob ſie Niemand beobachte, und ſich davon über⸗ zeugt haltend, hatte ſie ſich min einem geſchickten Griffe des Papiers bemächtigt, daß ihr Jener vorgeleſen und wieder in ſeine Taſche geſteckt hatte. „Laßt den jungen Menſchen da, meinen Sohn, nur ruhig ſchlafen, bis er erwacht,“ ſagte Marie Franke zu dem Wirthe, auf Franz deutend, während ſie die Zeche bezahlte;—„wie Ihr ſeht, iſt er ſtark betrunken und kann mich heute doch nicht mehr nach Hauſe begleiten.“ Dann entfernte ſie ſich ſchnell und begab ſich noc ſpät in der Nacht zur Gräfin Marie, die ſie mit der leb⸗ hafteſten Ungeduld erwartete. Hier ſtattete ſie ihren Be⸗ . 156 richt ab, der vollſtändige Aufklärung über das ganze ab⸗ ſcheuliche Spiel Ida von Gilgenbruck' gab und die junge Frau neben der Freude, Egmont die Beweiſe ihrer Un⸗ ſchuld liefern zu können, auch mit Entſetzen über die Gefahr, der man ſie ausgeſetzt hatte, erfüllte. Mit viel⸗ fachem Danke wurde Marie Franke entlaſſen und kehrte in ihre Wohnung zurück. Als Franz am andern Morgen in der Schenke er⸗ wachte, erinnerte er ſich nur langſam des vergangenen Abends, dann aber bereute er bitter, eine Andere in ſein Vertrauen gezogen zu haben. Ein Griff in ſeine Taſche, in der er den Brief an Marie vermißte, belehrte ihn ſchnell, daß die Alte ſeine Trunkenheit gemißbraucht haben müſſe, was durch ihr plötzliches Verſchwinden an Wahrſchein⸗ lichkeit gewann; der Jäger zitterte, wenn er daran dachte, in welcher Gefahr er ſchwebe, denn er ſetzte voraus, man werde ihn auch der Polizei angezeigt haben. In höchſter Eile entfernte er ſich zähneknirſchend und die ſchlaue Alte verwünſchend, verbarg er ſich am Tage ſorgfältig und trat nooch in derſelben Nacht ſeine heimliche Weiterreiſe nach Breitenſee an, wo er ſein Blutwerk ohne Verzug aus⸗ führen wollte. Als Doctor Mittermann, noch immer nicht von dem Erfolge ſeiner Reiſe ganz befriedigt, nach der Hauptſtadt zurückgekehrt war, begab er ſich ſogleich zu ſeiner Schweſter, 157 Marien Bericht zu erſtatten. Er fürchtete, ſie leidend und in Thränen zu finden; um ſo größer war daher ſein Er⸗ ſtaunen, als ſie ihm mit freudeſtrahlendem Geſichte ent⸗ gegen eilte und ihn mit den herzlichſten Begrüßungen umarmte. „Sie ſind ſchon mit Graf Egmont verſöhnt, Frau Gräfin?“ fragte der Doctor, der ſich ihr Benehmen auf keine andere Weiſe zu deuten wußte. „Nein, beſter Doctor, aber ich hoffe, es ſoll in weni⸗ gen Tagen der Fall ſein,“ erwiederte Marie zuverſichtlich. „ Sprechen Sie ſchnell, gnädige Frau, was iſt ge⸗ ſchehen?“ bat der Doctor;—„Sie kennen ja meine Theil⸗ nahme.“ „Auch wir haben hier gewirkt, oder vielmehr“— verbeſſerte ſich Marie, ernſter werdend,—„der gütige Gott hat Erbarmen mit meinem Leid gehabt und mir Hülfe geſandt.“ Sie erzählte dem Doctor ausführlich, welche Auf⸗ ſchlüſſe ſie durch Vermittelung Marie Franke's erhalten habe und wie dieſe ihre Ausſagen vor Egmont nöthigen⸗ falls beſchwören werde. „Aber warum haben Sie Franz Wernecke nicht durch die Polizei arretiren laſſen, da Sie ſeinen Aufenthalt wuß⸗ ten und ihn für immer unſchädlich machen konntenge ugie der Doctor unmuthig. 158 „Es war nicht unbedingt nöthig, um meine Unſchuld zu rechtfertigen,“ erwiederte Marie,—„und trotz des Bö⸗ ſen, das er mir gethan, hatte ich Mitleid mit ihm; auch weiß ich nicht, ob ich dadurch Egmont's Wünſchen entſpro⸗ chen hätte, da ſeine Gefangennahme eine öffentliche Unter⸗ ſuchung zur Folge gehabt haben würde, die alle unſere Geheimniſſe an das Licht der Welt ziehen mußte.“ „Sie haben Recht, Frau Gräfin,“ meinte der Doctor, —„aber ich fürchte, der böſe Menſch wird ſeiner Rach⸗ ſucht noch nicht genügt haben und Ihr Glück von Neuem zu ſtören verſuchen.“ „Gott wird mich ſchützen und ich hoffe zu ihm, daß Egmont's Herz nie wieder einem ſo unwürdigen Verdachte wie dieſem Raum geben wird,“ erwiederte Marie ver⸗ trauungsvoll.„Ein Mal kann ich ihm erzaihen, aber ein zweites Mal vermöchte ich es nicht.“ Noch an demſelben Tage reiſte der Doctor, dem ſeine lebhafte Theilnahme für das gräfliche Ehepaar keine Ruhe ließ, nach Breitenſee zurück; er war beinahe eine Woche von dort abweſend geweſen. Marie Franke mußte ihn begleiten, denn ihre eigene Ausſage ſollte Egmont überzeu⸗ gen, der in denen des Doctors vielleicht ein zu lebhaftes und darum parteiiſches Intereſſe für ſeine Frau vermihet haben würde. 159 Egmont befand ſich in peinigender Unruhe; je länger er von Marie getrennt war, deſto lebhafter fühlte er, wie ſehr er ſie liebe, und was er in ihr verliere, wenn der grau⸗ ſame Schritt der Scheidung ſeiner Ehre halber wirklich nöthig werden ſollte. Mehr wie einmal war er nahe daran geweſen, nach der Hauptſtadt abzureiſen, um zu Marien zu eilen, nicht als ſtrafender Richter, ſondern als um Ver⸗ zeihung flehender Liebender, aber der Stolz, der auch ſeinem edlen Herzen nicht ganz fremd war, die Furcht, die ſo klaren Beweiſe ihrer Schuld möchten doch nicht getrügt haben, und die Scham vor der Mutter, vor der Welt, die ihn ſchwach nennen würde, hielten ihn zurück. So ſaß er eben ſinnend am Fenſter, als ein Poſthorn luſtig durch die Luft ſchmetterte und ein Wagen ſchnell von der Dorfſtraße her auf den zum Schloſſe führenden Weg ein⸗ bog. Egmont's Herz bebte vor Erwartung, denn er ahnte die Rückkehr des Doctors, der ihm eine ſo unendlich wichtige Ent⸗ ſcheidung bringen ſollte. Jetzt fuhr der Wagen in den Hof und er erblickte in demſelben den Doctor an der Seite giher einfach, aber ordentlich gekleideten alten Frau, die er im ſeiner Er⸗ regung nicht wieder erkannte; erſterer ſchwenkte mite einem ſeligen Geſichte den Hut zu ſeinem Fenſter empor, die Frau hatte das Geſicht jetzt verhüllt und weinte, ein merk⸗ würdiger Gegenſatz, wie es ſchien, denn Niemand konn 7 wiſſen, daß es Freudenthränen warii⸗ die Marie Franke 160 in der Erinnerung an die lange vergangene glückliche Zeit ihres Lebens vergoß. Der Graf wankte an dem Fenſter, und als er hinun⸗ ter eilen wollte, verſagten ihm die Füße den Dienſt. Ein vielſtimmiges lautes Hurrah weckte ihn aus ſeiner Erſtar⸗ rung; es ging vom Schloßgeſinde aus und galt dem Doc⸗ tor, oder vielmehr ſeinem freudigen Geſichte, denn man ahnte allgemein, daß ein Mißverſtändniß zwiſchen dem Herrn und ſeiner innig verehrten und geliebten jungen Gattin gewaltet haben müſſe, das nun glücklich gehoben ſei; die aufrichtige Freude ließ die Leute den ſchuldigen Re⸗ ſpekt gegen die Herrſchaft einen Augenblick vergeſſen. Aber Egmont zürnte ihnen deshalb nicht; auch ſein Herz ſtrömte vor ſeliger Freude über, denn des Doctors ganzes Weſen ſagte, daß er gute Nachrichten und die erſehnte Verſöhnung bringe. Egmont eilte ihm entgegen und ſank ſtumm in ſeine Arme.. 4 „Gott ſei Dank, es iſt Alles gut, Herr Graf,“ rief der Doctor freudig;—„laſſen Sie nur gleich anſpannen und folgen Sie mir nach der Stadt zurück, wo Ihnen ein treues Herz in Liebe und Sehnſucht entgegen ſchlägt, ob⸗ gleich Sie es bitter gekränkt und verletzt haben.“ „Hier,“ fuhr Mittermann fort,—„bringe ich Ihnen eine gewichtige Zeugin, Marie Franke, die Sie ja ſchon — 161 vor einigen Monaten kennen gelernt haben; erlauben Sie, daß ſie mit uns eintrete.“. Im Zimmer gab der Doctor nun mit glühender Be⸗ redtſamkeit, die ihm das Gefühl für das Recht und das Intereſſe an Marie einflößte, einen mit Gründen und Be⸗ weiſen belegten Bericht von den Veranſtaltungen, durch die man Egmont und ſeine Frau zu trennen geſucht hatte. Ida’s Schuld lag offen vor des Grafen Augen, der unge⸗ duldig und doch mit Entzücken die Erklärung alles Deſſen anhörte, was ihm unbegreiflich erſchienen war, wenn er ſeine Gattin nicht verdammen wollte. Als der Doctor und Marie Franke geſprochen hatten, zweifelte Egmont nicht mehr; ſeine Bruſt hob ſich erleichtert, und, warm des Doctors Hand drückend, meinte er: „Mein armes, armes Weib!— Doctor, wie ſoll ich Ihnen vergelten, daß Sie ſie mir wiedergegeben haben?“ „Nicht ich, Herr Graf,— Der dort oben, der ſo viele glückliche Umſtände zu ihrer Rechtfertigung in ſeiner Weis⸗ heit zuſammenfügte,“ ſagte der Doctor ernſt. Egmont's erſter Gang war nun zu ſeiner Mutter, der er voll ſeliger Freude Marien's Unſchuld verkündete. Gräfin Eleonore wußte wirklich nicht, ob ſie ſich über 4 1 dieſe Nachricht freuen ſollte oder nicht, denn die Ueb gung von Marien's Unwerth hatte ſie ſchon zu tief drungen und die Erklärung deſſelben entſprach zu ſe 1858. XIX. In Wald und Schloß. II.. 11 erzen⸗ aber er war jetzt zu aufgeregt, um überlegen zu können, 162 Steandesvorurtheilen, als daß ſie ſich von der einmal ge⸗ faßten Anſicht ſo leicht wieder losreißen konnte; endlich ſiegte aber doch die mütterliche Zärtlichkeit, als ſie Egmont ſo überaus glücklich ſah, und Ida's Abſcheulichkeit, die jetzt zu klar enthüllt war, um länger darüber in Zweifel zu ſein, erregte auch ihren tiefen Unwillen, ſo daß ſie Egmont nicht allein mit Worten, ſondern auch im Herzen Glück wünſchen konnte, ſeine Gattin wieder gefunden zu haben. Egmont drängte es zur ſofortigen Abreiſe nach der Stadt, in der er ſein Liebſtes wieder an das Herz ſchließen ſollte, aber er hielt es für eine heilige Pflicht, zuvor den alten Theißen und ſeine Frau davon zu benachrichtigen, daß jedes Mißverſtändniß zwiſchen ihm und Marie gehoben ſei und daß ſie dieſe in wenigen Tagen wiederſehen wür⸗ den, falls ſie ſelbſt Willens ſei, ſogleich nach Breitenſee zurück zu kehren. Auch an den Baron von Ohlſen ſchrieb er einen kurzen Brief, in dem er ihn ſeines Verdach⸗ tes wegen um Verzeihung bat, ihm andeutete, auf welche Weiſe er durch ſeine Couſine irre geleitet worden ſei und es ſeiner Ehrenhaftigkeit anheim ſtellte, das ſtrengſte Ge⸗ heimniß über dieſen unglücklichen Familienzwiſt zu be⸗ wahren. Was Ida von Gilgenbruck ſelbſt anbetraf, ſo kochte eine unbeſchreibliche Wuth gegen ſie in Egmont's Herzen, 8 163 wie er ſie ſtrafen ſolle; er wollte nicht eher einen übereilten Schritt thun, ehe er mit ſeiner Gattin Rückſprache ge⸗ nommen hatte. Am Abend fuhren Egmont und der Doctor von Brei⸗ tenſee ab; Marie Franke blieb einſtweilen auf dem Schloſſe, denn erſt bei ſeiner Rückkehr wollte der Graf ſie ihrem Sohne zuführen. Sechstes Capitel. Wir kehren in das Haus des alten Oberförſters Thei⸗ ßen zurück, nicht in das einfache Förſterhäuschen des Brei⸗ tenſee'ſchen Reviers, das ſeit Egmont's Vermählung ſchon ein Anderer bewohnte, ſondern in ein ſtattliches Gebäude in dem drei Meilen davon gelegenen Forſt, der ebenfalls noch zu den Eldor'ſchen Gütern gehörte. Wie wir ſchon wiſſen, hatte ſich die Lage der Familie Theißen bedeutend verbeſſert, denn der Alte hatte eine ſchöne, einträgliche Ober⸗, förſterſtelle und hätte dieſer nicht einmal bedurft, da er durch ſeine Verwandtſchaft für das Leben geſichert wan wenn ſie ihm nicht ſein Hang zur Thätigkeit, ſeine Luſt dem von Jugend auf gewöhnten Wald⸗ und Jägerlen 2 3 11* 164 immer noch wünſchenswerth gemacht hätte. Mit ernſtlichem Eifer lag er ſeinem Berufsgeſchäfte ob, und in Allem, was ſeinen Dienſt anbetraf, war er nicht der Schwiegervater des Grafen und Herrn, ſondern deſſen ergebener Diener, denn er wollte, wie er öfter meinte, nicht, daß man in ſei⸗ nen alten Tagen noch von ihm ſage, er eſſe umſonſt ande⸗ rer Leute Brod. Auch Frau Martha fühlte ſich überaus glücklich, denn die Verbeſſerung ihrer Verhältniſſe erlaubte ihr, einen größeren Hausſtand zu machen, deſſen Beſorgung ihr, trotz ihres vorgerückten Alters, nicht ſchwer fiel. Selbſt glücklich in dem Glücke ihrer Tochter, ſtolz auf deren Namen und Rang, ging ihr Leben in ungetrübter Zufriedenheit an der Seite ihres Alten dahin, der jetzt nicht mehr brummte und ſich geduldig von ſeiner Frau necken ließ, daß ihm die Tochter jetzt doch wohl lieber, oder wenigſtens eben ſo lieb ſei als ein Sohn. Wilm Nordmann befand ſich noch immer bei dem alten Theißen in der Eigenſchaft als gräflicher Jäger und mit der Ausſicht, die erſte erledigte Förſterſtelle zu erhalten, nicht weil er dazu an der Reihe geweſen wäre, ſondern weil er ſich der beſonderen Gunſt der Gröfin und durch ſie des Grafen ſelbſt zu erfreuen hatte. En ſtand jetzt in einem ſeren Verhältniſſe zu ſeinem Meiſter als früher, denn mals hatte der alte Theißen einen ſandern Grund zum 165 Grolle gegen ihn gehabt als den Verdacht, daß er Marie liebe und von ihr begünſtigt nach ihrer Hand ſtrebe; als er ſich nun deutlich genug von ſeiner Täuſchung überzeugen mußte, ſchwand auch jedes Mißverhältniß zwiſchen ihm und Wilm, und er bat letzterem im Geheimen von Herzen— 7 2 ab, daß er ihn oft ganz ungerechter Weiſe einen Tagedieb und unnützen Brodeſſer genannt hatte. Mit dem Jüng⸗ linge war aber ſeit dem Vorfalle an der alten Eiche, der eine ſo große Umwälzung in den Verhältniſſen der Förſter⸗ familie herbeiführte, eine bedeutende Veränderung vorge⸗ gangen, an die Stelle des jugendlichen Frohſinns war ein ernſtes, nachdenkliches Weſen getreten, das ſich der alte Förſter nicht weiter zu durchforſchen bemühte, obgleich er ſich darüber wunderte, Mutter Martha indeſſen für die Folge einer bis dahin ganz verborgen gehaltenen Neigung zu Marie hielt. Aber ſie täuſchte ſich hierin. Vie ſchon früher geſagt, liebte Wilm Marie gerade ſo, wie er eine Schweſter geliebt haben würde, aber ſein Herz war frei von jeder Leidenſchaft und jedem Wunſche, Marien näher zu treten. Wilm kannte nicht genau die Geſchichte ſeiner unglücklichen Mutter, aber er hatte ſchon in ſeiner Jugend Andeutungen darauf gehört, aus denen er ſo viel entnehmen konnte, daß er nicht der Sohn des Kammerdieners Nordmann ſei, ſondern dem jungen Gra⸗ fen Eldor viher ſtände, als es den Anſchein hatte; Wilm 166 wußte auch, daß ſeine Mutter von ihrem Manne geſchieden worden ſei, aber er kannte nicht die näheren Umſtände ihrer verbrecheriſchen Verbindung mit dem verſtorbenen Grafen, und als er vor Jahren den alten Theißen einſt gebeten hatte, ihm darüber Aufklärung zu geben, hatte die⸗ ſer barſch erwiedert: „Du biſt noch viel zu jung, Burſche, ſolche Dinge zu verſtehen;— ſpäter, wenn Du ein Mann gewor⸗ den biſt.“ Wilm hatte ſchweigen müſſen und wartete geduldig; er war viel zu fröhlich und lebensluſtig, um ſich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die er nicht ändern konnte, und er kümmerte ſich nicht weiter um ſeine Abſtammung, blieb es ihm auch immer empfindlich und erregte ſeinen Zorn, wenn man von ſeiner Aehnlichkeit mit dem jungen Grafen Eldor ſprach. Er war des feſten Glaubens, ſeine Mutter, die er, ungeach⸗ tet der auf ſie gehäuften Beſchuldigungen, doch naturgemäß ſtill verehrte, ſei längſt todt, wie es ſein Vater ihm oft ge⸗ ſagt hatte, und er hatte auch nie eine andere Vermuthung ausſprechen hören, denn Marie Franke's Name war in Breitenſee und ſeiner Umgegend ſchon längſt verſchollen und nur noch alte Leute erwähnten ihrer zuweilen geheim⸗ nißvoll unter einander. Als Marie aber Graf Egmont heirathen ſollte, oder vielmehr ſchon vorher, als ihre Liebe zu demſelben entdeckt — — 167 e wurde, änderte ſich Wilm's Weſen plötzlich. Unwillkürlich fiel ihm bei ihrem Schickſale das ſeiner zweifellos unglück⸗ lichen Mutter ein, und er fürchtete, es möge ſich ähnlich wenden, wie das Jener. Anfangs traute er dem Grafen nicht zu, daß er Marie wirklich liebe und ſie als ſeine Gat⸗ tin heimzuführen je gedacht habe; als ſich dies aber erwies, wurde Wilm doch nicht ruhiger, denn er war von der An⸗ ſicht durchdrungen, der Uebertritt aus ihren bisherigen Ver⸗ hältniſſen in glänzendere ſei kein Segen für ſie und ſie würde ſich in letztere nicht finden können. Mit dieſen Be⸗ trachtungen, die zuerſt nur Marien's Schickſal ſelbſt gal⸗ ten, verknüpften ſich aber auch bald ſolche über ſeine eigene Vergangenheit. Wilm fühlte jetzt die ganze drückende Lage eines Menſchen, auf deſſen Geburt ein Makel haftet, der nicht mit freudigem Stolze auf Die blicken kann, die ihm das Leben gegeben haben, obgleich ihm die Natur auf der andern Seite doch befiehlt, ſie zu lieben und zu ehren, auf dem endlich alle fremden Augen mit einem gewiſſen Be⸗ dauern haften, die roher und dummer Menſchen wohl auch mit Hohn und Verachtung. Mit des Jünglings Heiterkeit war es vorbei, wenn er ſo dachte, und abgeſondert von der Welt, von fröhlichen Genoſſen, deren Scherze ihn zerſtreut haben würden, ſeinen Gedanken in der zur Schwärmerei auffordernden ſtillen Waldesnatur hingegeben, ergriff ihn ein tiefer Schmerz und eine mächtige Sehnſucht, die Ver⸗ 168 gangenheit zu durchforſchen. So oft er ſich aber auch vor⸗ nahm, den alten Theißen, der ihm jetzt nicht mehr dieſelbe Antwort wie früher darauf geben konnte, zu bitten, er möge ihm die geheimnißvolle Geſchichte ſeiner Mutter erzählen, fehlte es ihm doch wieder an Muth, ſeinen Wunſch dem grämlichen Alten gegenüber auszuſprechen und in die Fin⸗ ſterniß der Vergangenheit zu ſchauen. Während Marie mit ihrem Manne in der Hauptſtadt und im Bade war, nahm Wilm an den von ihr eingehen⸗ den Nachrichten an die Eltern eben ſo lebhaften Antheil, als dieſe ſelbſt. Dieſe Briefe ſprachen anfangs von freudigem Entzücken, die drückenden Verhältniſſe in der Heimath hinter ſich liegen zu ſehen und, von Egmont's zärtlicher Liebe beglückt, ſo vielen ungewöhnten Glanz um ſich entfaltet zu finden; aber bald änderte ſich Marien's Sprache faſt unmerklich, und der ſcharfſichtige Wilm allein war es, der dies zuerſt bemerkte, weil er es in banger Ahnung, von der er ſich ſelbſt nie klare Rechenſchaft geben konnte, voraus geſehen hatte. Dann floſſen zuweilen ſchon leiſe Klagen über das Beneh⸗ men der Fremden ein, mit denen Marie in der Geſellſchaft in Berührung treten mußte, und ſprach ſie ſolche auch nicht über Egmont aus, ſo las Wilm doch wieder zwiſchen den Zeilen und wurde mit Angſt gewahr, es ſei nicht Alles zwiſchen den beiden Gatten, wie es ſein ſolle; das treue Herz des Zünglings, das mit aufrichtiger Freundſchaft an . Marie hing, fühlte dies ſchmerzlich und machte ſich ſelbſt ihretwegen Sorge. Plötzlich kam nun Graf Egmont allein nach Breiten⸗ ſee zurück und das Gerücht davon ereilte das Förſterhaus, ehe eine beſtimmte Nachricht von dem Schwiegerſohn an das Theißen'ſche Ehepaar eintraf. Der alte Förſter hatte viel zu viel ehrerbietige Scheu vor jenem, als daß er über ſeine Maßregeln nachzudenken gewagt hätte, zu wenig in⸗ nige Zärtlichkeit für die Tochter, um bangen Befürchtungen ihretwegen Raum zu geben, bhe ſolche ihm ganz nahe gelegt wurden. Frau Martha jammerte und wweinte, denn ſie war überzeugt, Marie müſſe krank und deswegen in der Hauptſtadt zurück geblieben ſein, Wilm aber war ganz ſtill, ging ſin⸗ nend in den Wald hinaus und ahnte die Wahrheit, konnte er ſeinen Beſorgniſſen auch keine beſtimmte Form geben. Erſt am folgenden Vormittage traf Graf Egmont zu Pferde bei dem Förſterhauſe ein. Ein Blick auf ſein Ge⸗ ſicht ſagte Allen, daß Grund zur Beſorgniß da ſei, und ſein Gruß war, obgleich er dies zu vermeiden ſuchte, ein wenig kälter als ſonſt. Der Graf ſprach lange mit dem alten Theißen und ſeiner Frau allein, dann ritt er wieder ebenſo finſter, wie er gekommen war, nach Breitenſee zu⸗ rück. Wilm hatte während ſeiner Anweſenheit eine qual⸗ volle Unruhe ausgeſtanden, und dieſe ſtieg, als er nach ſei⸗ ner Siſeund wieder in die Wohnſtube: trat, wo er den 170 Alten ungewöhnlich bleichen Geſichtes dichte Rauchwolken aus ſeiner Pfeife dampfen ſah, ein Zeichen ſeiner innern Aufregung, während Frau Martha in Thränen zerfloß. Der Alte fand keine Veranlaſſung, Wilm, obgleich er faſt zur Familie gehörte, in deren Geheimniſſe zu ziehen, Frau Martha wagte es in ihres Mannes Gegenwart nicht, und erſt als ſich Wilm mit ihr allein befand und ſeine quälende Angſt ihm endlich eine Frage nach dem Grunde ihres Kum⸗ mers abnöthigte, erzählte ſie ihm unten Schluchzen, welches Mißtrauen Egmont gegen ſeine Frau gefaßt und wie er ſich von derſelben ſcheiden zu laſſen beabſichtige. Wilm war wie vom Blitz getroffen, denn was er hörte, überſtieg noch alle ſeine böſen Ahnungen; er vermochte Frau Martha keinen andern Troſt zu geben, als daß Marie unſchuldig ſein müſſe und daß der Himmel dies vielleicht noch an das Tageslicht bringen werde; aber er ſelbſt verzweifelte im Geheimen ebenſo an letzterem, als er von dem erſteren über⸗ zeugt war. Vergeblich zermarterte der arme Wilm nun ſein Gehirn, einen Rettungsweg für Marie zu erſinnen; aber was konnte er, der arme Jäger, für die reiche Gräfin thun, die ſelbſt keinen Ausweg aus ihrer Noth zu finden wußte? Dachten beide Eltern nicht allein an den Schmerz und den befleckten Ruf ihres Kindes, ſondern vorzüglich daran, daß dieſes auch von dem hohen Platze, den es jetzt in den Augen der Welt einnahm, würde herabſteigen müſ⸗ 171 ſen, um wieder in die frühere Niedrigkeit zurück zu kehren, ſo that doch Wilm letzteres nicht, ſondern nur das Leiden, das Marien's Herz zerreißen mußte, bewegte ihn. Er kannte ihre Liebe zu Egmont, er hatte ihre Stärke daraus ermeſſen, daß ſie, die ſittſame Jungfrau von ächt weiblichem Gefühl, früher ihren Ruf auf das Spiel geſetzt hatte, um den Geliebten nur ſprechen zu können, daß ſie dem Willen des ſtrengen Vaters zu trotzen gewagt hatte; Wilm be⸗ dauerte Marie von ganzem Herzen und hätte gern ſein Leben hingegeben, ihr wieder Egmont's Liebe zu ſchaffen. Ihr Leiden erweckte auch das ſeinige zu einer noch größeren Stärke als bisher, und als es ihm zu übermächtig wurde, entſchloß er ſich, ſeinen lange gehegten Wunſch dem alten Förſter vorzutragen. „Vater Theißen,“ begann er eines Abends, als er ſich mit dieſem allein im Zimmer befand,—„ich habe eine Bitte an Euch, und die Sehnſucht nach ihrer Erfül⸗ lung drückt mir faſt das Herz ab, ſo daß ich ſie Euch nicht länger verſchweigen kann. Ihr verſpracht mir einmal vor Jahren, mir, wenn ich Mann genug geworden wäre, mei⸗ ner unglücklichen Mutter Geſchichte zu erzählen; meint Ihr nicht, daß jetzt die Zeit dazu gekommen iſt?“ Der Alte, der durch das über ſein Haus gekommene Unglück um Vieles weicher geworden war, ſah ihn eine Weile zweifelnd an, dann meinte er: 172 „Wozu willſt Du nach Dingen forſchen, Wilm, die Dir beſſer verborgen bleiben, da ſie einmal unwiderruflich feſtſtehen und Du nichts mehr daran ändern kannſt? Die Geſchichte, die Du wiſſen willſt, iſt nicht heiter, und ſie wird Dir unnützer Weiſe Kummer machen.“ „Sagt, Vater,“ warf Wilm beſcheiden ein,—„iſt es nicht grauſam, daß der Sohn nicht einmal den Namen des Vaters kennen ſoll; nicht das Schickſal der Mutter?— denn ich weiß, daß Nordmann nicht mein Vater war.“ „Wer hat Dir das geſagt, Junge?“ fuhr der Alte ſchnell heraus. „Ich habe oft einzelne Bemerkungen der Leute ver⸗ nommen; theils waren ſie böswillig und hämiſch, theils mit⸗ leidig, aber ſie ſtimmten alle darin überein, daß ich der Sohn des ſeligen Grafen ſei,“ erwiederte Wilm ruhig, und fügte bitter hinzu:„Ich habe mich mit dem Gedanken ſchon lange vertraut gemacht, Vater Theißen, daß ich ein Kind der Sünde bin; Eure Erzählung wird mich nicht über⸗ raſchen.“ Der Förſter ſchwieg betroffen; als Wilm aber fort⸗ fuhr, mit Bitten in ihn zu dringen, folgte er ſeinem Wunſche und erzählte die Geſchichte Marie Franke's mit einem ſchonenden Zartgefühl, wie man es bei ſeinem ſonſti⸗ gen geraden und barſchen Weſen nicht vermuthet haben würde. Wilm hörte ihm, eine Thräne im Auge, aufmerk⸗ 173 ſam zu, aber er blieb gefaßt; er bedauerte mehr die unglück⸗ liche Mutter, als er ſie verdammen konnte, auch war ihm das, was er hörte, in ſeinen Hauptſachen nichts Neues mehr. 3 „Aber Ihr habt mir nicht von dem Tode meiner Mutter geſprochen,“ ſagte er trübe, als der alte Theißen ſeine Geſchichte geendet hatte,—„und mein Pflegevater ſagte doch, daß ſie todt ſei.“ „Ich weiß wirklich nichts darüber, wo und wie ſie ihre Augen geſchloſſen hat,“ verſicherte der Förſter,— „Niemand hier in der Gegend weiß es, und ich vermuthe, auch Nordmann wußte es nicht und wollte durch ſeine Behauptung nur Deine weiteren Fragen abſchneiden.“ „Mein Gott, wenn ſie noch lebte, fern von ihrem Kinde, vielleicht im Elend!“ ſagte Wilm, das Geſicht in ſeine Hände verbergend. „Nein, Wilm, ſchlage Dir den Gedanken aus dem Kopfe; ſie war, als ſie Breitenſee verließ, ſchon ſo leidend, daß ſie einer Sterbenden ähnlich ſah, und die traurigen Formen der Scheidung werden ihre Geſundheit ſicherlich ganz untergraben haben,“ meinte der Förſter zuverſichtlich. Aber in Wilm's Bruſt regte ſich die kindliche Liebe zu mächtig, als daß er ſich eine Vermuthung hätte genügen laſſen ſollen; ſeine Phantaſie führte ihm fortwährend die Mutter vor, wie ſie darbend, alt und krank lebte und ver⸗ 174 zweifelnd nach ihrem Sohne rief, und er vergaß alles An⸗ dere, ſelbſt Marien's Schickſal faſt, wenn er an ſeine Mutter dachte. Ein Entſchluß kämpfte ſichtlich in ihm. „Vater Theißen,“ ſagte er am nächſten Tage, zu dem Alten herantretend,—„Ihr müßt mir bei dem Grafen einen Urlaub auswirken; mich hält es hier nicht länger, ich will in die Hauptſtadt und von da weiter, meine Mut⸗ ter zu ſuchen.“ „Junge, biſt Du toll oder krank?“ rief der Förſter, aus ſeinem Sorgenſtuhl aufſpringend und ihn ſtarr an⸗ blickend.„Wo willſt Du das Grab Marie Franke's fin⸗ den, die kein Menſch gekannt haben wird, und wie kannſt Du jetzt an einen Urlaub denken, wo Deine Beförderung vor der Thür ſteht?“ Aber Wilm blieb bei ſeinem Entſchluſſe, ſo feſt und hartnäckig, daß der Alte endlich brummend zugab, er wolle dem Grafen des jungen Jägers Wunſch vortragen, werde denſelben aber gewiß nicht unterſtützen. Wilm konnte nicht mehr erlangen und war damit zu⸗ frieden, aber ſein Plan erlitt einen Aufſchub, durch die plötzliche Abreiſe Egmont's mit Doctor Mittermann. So unangenehm ihm dies war, erregte die Veranlaſſung dieſer Reiſe doch die herzlichſte Freude in ihm, denn Egmont's Brief, in dem er ſie dem alten Theißen anzeigte, ſprach auch die ſelige Zuverſicht aus, Marie bald wieder nach 17⁵ Breitenſee zurück zu führen. Wilm fühlte eine eben ſo lebhafte Theilnahme daran, als die Eltern ſelbſt, die ſich aus der tiefſten Trauer wieder in ihr früheres Glück ver⸗ ſetzt ſahen. In dem Oberförſterhauſe war es wieder lebendig ge⸗ worden, denn man bereitete ſich, wie auf dem Schloſſe, wie⸗ der auf Marien's baldige Ankunft vor. Ein anderes überraſchendes Ereigniß ſollte ſeine Be⸗ wohner ebenfalls noch in Bewegung ſetzen. Am Tage nach Egmont’s Abreiſe meldete nämlich einer der Unter⸗ förſter, über deſſen Revier der alte Theißen die Oberauf⸗ ſicht hatte, daß er daſelbſt einen Mann gefunden, der ſich augenſcheinlich durch Fahrläſſigkeit ſelbſt getödtet habe. Theißen's Pflicht war es, ſich ſogleich an den Ort des Un⸗ glücksfalles zu begeben, um die nöthigen Anzeigen an das Schloß und das Gericht in der nächſten Stadt zu machen, und Wilm begleitete ihn. Als man an Ort und Stelle ankam, hatten ſich be⸗ reits mehrere Leute aus dem nächſten Dorfe um die Leiche verſammelt und bei des Oberförſters Erſcheinen durchlief ein dumpfes Gemurmel den Haufen. Man kam dem Al⸗ ten entgegen, und zu ihrem Entſetzen erfuhren er und Wilm, daß man in dem Verunglückten den früheren Leib⸗ jäger Graf Eldor's und Bräutigam Marien's, Franz Wernecke, der in der ganzen Umgegend wohl bekannt war, 176 entdeckt habe; Niemand wußte, wie er wieder in dieſe Ge⸗ gend gekommen ſei. Der Todte lag ausgeſtreckt auf der Erde; ſein Anzug, die verwilderten Haare und das abgemagerte Geſicht ſag⸗ ten, daß er viele Beſchwerlichkeiten und Entbehrungen aus⸗ geſtanden haben müſſe, ehe er dieſen Platz erreicht hatte, die noch im Tode drohenden Augen und ſeine verzerrten Züge, daß er nicht im Frieden mit Gott und der Welt ge⸗ ſtorben ſei. Wie es ſich erwies, führte er ein Doppelpiſtol unter ſeinem Rock verborgen, dieſes hatte ſich wahrſchein⸗ lich, indem er ſtolperte oder fiel, zufällig entladen und eine Kugel in ſeinen Unterleib getrieben. An Rettung war gar nicht mehr zu denken, und ein ſpäter herbeigerufener Arzt erklärte, daß die Wunde ſchon nach wenigen Minuten den Tod herbeigeführt haben müſſe. Der alte Theißen und Wilm ſchauderten gleich allen Umſtehenden, und man wußte nicht, ob man den Unglücks⸗ fall bedauern ſollte, da die Waffe, die Franz bei ſich führte, nicht auf gute Abſichten von ſeiner Seite zu deuten ſchien; allgemein mußte man die Ueberzeugung gewinnen, er habe aus Rache nach des geliebten jungen Grafen oder ſeiner Gattin Leben getrachtet. In aller Stille wurde die Leiche, nachdem der That⸗ beſtand gerichtlich feſtgeſtellt war, auf dem Kirchhofe des nächſten Dorſes beerdigt. 85. 177 Mutter Martha und Wilm athmeten leichter auf, ls dies geſchehen war, denn Beide hatten ſtets gefürchtet, Franz könne von Neuem ſtörend zwiſchen Egmont's und Marien's Glück treten, da ſie ſeinen harten, rachſüchtigen Charakter richtig ſchätzten und überzeugt waren, er werde vor keinem Verbrechen zurückſchrecken, um demſelben Ge⸗ nüge zu leiſten. Auch nach Roſenthal drang die Kunde von Franzen's plötzlichem Tode. Der alte Baron meinte, dem Kerl ſei ganz recht geſchehen, ſeine Gattin und Tochter aber er⸗ bleichten, denn ſie mußten in dem Zufalle eine höhere ge⸗ rechte Fügung ſehen, und unwillkürlich drängte ſich ihnen die Furcht auf, dieſelbe ſtrafende Hand der Vor⸗ ſehung werde auch ſie früher oder ſpäter treffen. Im Uebrigen hatten ſie keinen Grund, mit Franzen's Tode un⸗ zufrieden zu ſein, denn nicht ahnend, daß Marie Franke ihm ſein und ihr Geheimniß bereits entlockt habe, glaubten ſie dieſes, zu ihrer großen Beruhigung, für immer begra⸗ ben mit ihm. Ida hatte von ihrem Couſin Ohlſen einen Brief er⸗ halten, den derſelbe nach der mit Doctor Mittermann ge⸗ habten Unterredung ſogleich geſchrieben hatte. In tiefer Empörung ſprach er ſich ſehr hart über die von ihr in ver⸗ ächtlicher Abſich ponnene Intrigne gegen die Gräfin Eldor aus, und daß ſie ihn in dieſelbe verwickelt habe, ob⸗ 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. — 178 gleich er den ganzen Zuſammenhang ſich noch nicht erklären konnte; er drohte ſogar, das abſcheuliche Spiel ſeiner un⸗ würdigen Couſine öffentlich aufzudecken, da ſeine eigne Ehre dadurch compromittirt ſei. Ida war indeſſen überzeugt, der Baron, der wenigſtens anfangs nicht ganz ohne Schuld geweſen war, werde dies nicht wagen; ſie lachte daher ſpöt⸗ tiſch, nachdem ſie den erhaltenen Brief ihrer Mutter vorge⸗ leſen hatte, und warf ihn in das Feuer, ohne an ſeine Be⸗ antwortung zu denken. Indeſſen hatte Ida keine beſondere Veranlaſſung zur Heiterkeit, denn wenn ihr Gewiſſen auch noch nicht ſo laut ſprach, daß es nicht von ihrem Rachegefühl übertäubt wurde, ſo ſah ſie doch bald wieder, daß unerklärlicher Weiſe ihre Beſtrebungen zum zweiten Mal fehlzuſchlagen drohten, denn ſie hörte, daß Mittermann in der Hauptſtadt bei Marien geweſen und wieder zurückgekehrt ſei, daß Egmont ihn dann noch an demſelben Tage wieder zurück begleitet habe. Es unterlag keinem Zweifel, daß eine Verſöhnung der beiden getrennten Gatten im Werke war, wenn Ida auch deren Möglichkeit nicht begriff. In der lebhafteſten Unruhe und Angſt, denn ſie mußte die Entdeckung ihrer ſchändlichen Wege und dafür zur Verantwortung gezogen zu werden fürchten, erwartete ſ Marie nach Breitenſee zurückkehren we ttheilte ihre Befürchtungen, und die beiden Nachrichten, ob Ihre Mutter rauen machten 179 ſich nun gegenſeitig Vorwürfe, nicht vorſichtig genug ge handelt zu haben, was bald zu einem vollſtändigen Zwieſpalt zwiſchen ihnen führte; die Baronin ſchob alle Schuld auf ihre Tochter, die ſelbſt für ihr eigenes Intereſſe gehandelt hätte; Ida wiedex beſchuldigte ihre Mutter, in ihr zuerſt eine Neigung für Egmont faſt gewaltſam erweckt und ihre ſpäteren Pläne, ſich dieſelbe zu ſichern oder wieder zu er⸗ ringen, beſtärkt zu haben. Der Baron wußte von dieſem Allen nichts, und dies war ein Glück für die beiden Frauen, denn hätte er ihre unehrenwerthe Handlungsweiſe entdeckt, ſo würden ſie jedenfalls unter ſeinen heftigſten Zornaus⸗ brüchen zu leiden gehabt haben. Gräfin Eleonore ahnte nicht, daß ſich die frühere Geliebte ihres Mannes, deſſen Leidenſchaft ihr ſo viele bit⸗ tere Thränen entpreßt hatte, in ihrem Schloſſe befinde; ſie war auch viel zu ſehr mit ihren Gedanken an ihres Sohnes und ſeiner Gattin Wiedervereinigung beſchäftigt, als daß ſie der Frau, welche der Doctor als Zeugin mit⸗ gebracht, hätte achten ſollen, und Egmont hatte weder Zeit gehabt, noch erlaubte es ihm ſein Zartgefühl, der Gräfin den Namen Marie Franke zu nennen. Dieſe indeſſen fühlte eine unbeſchreibliche Angſt, der Gräfin zu begegnen und vermied ſie abſichtlich; ſie gab ſich ganz der Sehnſucht nach ihrem Sohne hin, den ſie, wie ihr Mittermann in Egmont's und Marien's Namen verſprochen hatte, nach 12* 180 deren Rückkehr wieder erhalten ſollte, um, wenn er es, wie vorauszuſehen war, wünſchte, fortan mit ihm vereinigt zu bleiben.— Inzwiſchen fuhren Graf Egmont und Mittermann mit der möglichſten Eile der Hauptſtadt zu. Die Ungeduld des Erſteren war grenzenlos und er bot die höchſten Trink⸗ gelder, um die Poſtillione anzutreiben. Fortwährend fragte er den Doctor nach Marien's Ausſehen, ob gar kein Grund zur Beſorgniß für ſie in Folge der übermäßigen geiſtigen Anſtrengungen und Erregungen vorhanden ſei, und als der Doctor ernſt meinte, bei ſeiner Abreiſe habe ſich die Gräfin zwar wohl befunden und er hoffe, ſie würden ſie eben ſo wieder antreffen, es liege aber auch gar nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit, daß die körperliche Schwäche ſich erſt nachträglich äußere, brach Egmont in die ſchwer⸗ ſten Selbſtvorwürfe aus und ſchwur Ida Rache, ſo daß ihn Mittermann nur mit Mühe beruhigen konnte; die ge⸗ ringſte durch einen Zufall herbeigeführte Verzögerung der Fahrt verſetzte ihn in heftigen Zorn. Mittermann fürchtete wirklich nicht für Marien's Geſundheit, denn vor ſeiner Abreiſe von der Hauptſtadt war ſie von Freude und Glück beſeelt geweſen, indeſſen wollte er ihre ohnehin fieberhaft erregten Nerven durch ein zu plötzliches Wiederſehen mit Egmont nicht noch mehr reizen und verlangte daher von dieſem, daß er ihn 181 vorläufig nicht zu Marien begleite und ihm Zeit laſſe, dieſe auf ſeine Ankunft vorzubereiten; Egmont gab nur ſo weit nach, daß er in dem Vorzimmer zurück bleiben wolle, bis der Doctor ihn rufe. Endlich hatte man die langerſehnte Stadt erreicht, und Beide begaben ſich ohne Aufenthalt nach dem Hauſe der Schweſter des Doctors, das auch Marie jetzt bewohnte. Die ihnen Begegnenden würden ſtehen geblieben ſein und ihnen verwundert nachgeſehen haben, wenn der Abend nicht bereits ſchon zu tief hereingebrochen geweſen wäre, um in der Dunkelheit die lebhafte Erregung zu bemerken, die ſich in allen Zügen Egmont's deutlich ſpiegelte. Plötzlich aber, als man faſt das Haus erreicht hatte, wurde er leichenblaß und ſtammelte entſetzt: „Sehen Sie, Doctor, man hat auf die Straße Stroh vor dem Hauſe ausgebreitet;— mein Gott, Marie wird doch nicht gefährlich erkrankt ſein?“ Auch der Doctor ſtutzte, und eine bange Beſorgniß überkam ihn; der Graf hatte richtig geſehen, und die ange⸗ gebene Vorſichtsmaßregel, das Rollen der Wagenräder auf dem Steinpflaſter zu dämpfen, deutete auf einen Schwer⸗ kranken dem Hauſe, das übrigens noch von andern Mie⸗ thern, als ſeiner Schweſter, bewohnt wurde. Er machte Egmont auf letzteren Umſtand tröſtend aufmerkſam, ohne dadurch ſeine eigene Unruhe beſchwichtigen zu können. 182 „Wer iſt hier krank im Hauſe?“ fragte er die durch ſeine Ankunft freudig überraſchte alte Dienerin ſeiner Schweſter, die ihnen auf der Treppe begegnete, ohne wei⸗ teren Gruß. „Ach Gott, es ſteht ſehr ſchlecht mit der fremden Gräfin, die bei Ihrer Schweſter wohnt, Herr Doctor,“ antwortete die Frau in kläglichem Tone. Egmont drückte krampfhaft den Arm des Doctors, als ſie, ohne ein Wort zu wechſeln, die Treppe weiter hinauf eilten. „Sie müſſen vorläufig hier zurückbleiben,“ ſagte Mittermann gebieteriſch im Vorzimmer und trat ſchnell bei ſeiner Schweſter ein. Siebentes Capitel. Wie Mittermann aus den erſten Worten, die er mit ſeiner Schweſter wechſelte, vernahm, ſtand es ſchlimmer um Marien's Krankheit, als er anfangs gefürchtet hatte; der am Tage zuvor geholte Arzt hatte ihr Leiden für ein aus Gemüthsbewegung entſprungenes hitziges Nervenfieber erklärt, und ehe die Kriſis deſſelben eingetreten und vor⸗ über war, ließen ſich die Folgen durchaus nicht voraus⸗ 183 ſehen. Der Doctor ließ ſich ſofort an ihr Bett führen, denn er war entſchloſſen, ihre Behandlung ſelbſt zu über⸗ nehmen; er fand die junge Frau in Fieberphantaſien liegend, ſo aufgeregt und ermattet, daß er ſich zu ſeinem Schrecken geſtehen mußte, es ſei wirklich Lebensgefahr für ſie vor⸗ handen. Augenblicklich vermochte die ärztliche Kunſt wenig zu thun, man mußte der Natur ihren Lauf laſſen und nur ſorgſam zu verhindern ſuchen, daß noch eine andere Krank⸗ heit zu dem Uebel trete. Während der Doctor ſich mit ſeiner Schweſter an Marien's Lager befand, ihren Zuſtand zu prüfen, ſchien dem im Vorzimmer in angſtvoller Ungeduld wartenden Grafen die Zeit gar nicht fortzuſchreiten; es war ihm, als ſei gar keine Hoffnung auf Glück mehr für ihn vorhanden und als habe er ſich letzteres ſelbſt muthwillig verſcherzt; er bereute bitter ſein Benehmen gegen ſeine Frau, die in ſeinen Augen über jeden Verdacht hätte erhaben ſein ſollen, da er genug Gelegenheit gehabt hatte, ihre ſtets unwandel⸗ bare Liebe und Treue kennen zu lernen; er begriff jetzt die böſe Leidenſchaft nicht, die ihn gegen dieſe Einſicht hatte verblenden können. Als der Doctor zurückkehrte, war er ſehr ernſt und wehmüthig geſtimmt, wie Egmont ſogleich bemerkte. „Ihre Gemahlin iſt ſehr krank, Herr Graf,“ ſagte er flüſternd,—„und wenn ich auch hoffe, daß der Himmel 184 ſeine Hülfe ſenden wird, ſo müſſen Sie ſich doch auf das Schlimmſte vorbereiten. Folgen Sie mir an ihr Lager, Sie ſtören ſie jetzt nicht, denn Marie wird Sie nicht er⸗ kennen, bedenken Sie aber, daß ihrer Ruhe wegen jeder Ausbruch des Schmerzes unterdrückt werden, jede laute Klage zurückgehalten werden muß; tragen Sie das von der Vorſehung Beſtimmte mit frommer, männlicher Er⸗ gebung.“ 2 Egmont erwiederte jetzt nichts; er folgte dem Doctor und ſah ſich gleich darauf nach einer Trennung von länger als vierzehn Tagen ſeiner Gattin wieder gegenüber, aber unter ganz anderen Verhältniſſen, als er bei ſeiner Abreiſe gemeint hatte. Nicht Marie ſtand ihm als Verbrecherin gegenüber, ſondern er hatte durch ſein übereiltes Handeln und die Hartnäckigkeit in ſeinem Mißtrauen ihr Herz ſo ſchwer verletzt, daß es jetzt Gefahr lief, zu brechen; ſeine Liebe war durch die Trennung und das Gefühl der eigenen Schuld noch erhöht worden, und er hätte zu ihren Füßen niederſtürzen und ſie um Verzeihung anflehen mögen, wenn ſie ihn nur hätte verſtehen können. Mit Mühe nur gelang es Egmont, ſeine Empfindungen zu beherrſchen und ſeine Faſſung äußerlich zu bewahren. Aber er wich nun auch nicht mehr von ihrem Bette und bewachte ſie Tag und Nacht mit der ängſtlichſten Sorge, wer dieſe und ſeinen ſtilldüſteren, verzweifelnden Geſichtsausdruck zu beobachten 185 Gelegenheit hatte, konnte nicht daran zweifeln, daß er Marien aufrichtig liebe und ihren ſelbſtverſchuldeten Ver⸗ luſt ſchwer würde ertragen können; kein freundlicher, liebe⸗ voller Blick, kein Wort des Dankes wurde ihm dafür von ihr, denn noch immer hielt das Fieber ihr Bewußtſein umfangen; ſie redete irre und klagte Egmont bald der bitterſten, herzloſen Grauſamkeit an, bald flehte ſie in den rührendſten Bitten zu ihm, ſich von ihrer Unſchuld zu überzeugen und den böſen Menſchen nicht zu glauben, die ſie nur um ſeine Liebe beneidet hätten. Man kann be⸗ greifen, wie tief jedes Wort in des Grafen Seele eindrang und ſich dort für immer eingrub; er konnte das ganze un⸗ endliche Leiden ſeiner Gattin durchſchauen und ſchwor ſich ſelbſt mit den heiligſten Eiden, ihr nie wieder ein Miß⸗ trauen zu zeigen, das ſie nicht verdienen konnte. Immer wiederholte er in unausſprechlicher Angſt die Frage an Mittermann und den Arzt, der in deſſen Ab⸗ weſenheit zu der Erkrankten gerufen, dieſe jetzt im Verein mit jenem behandelte, ob Marie leben werde, obgleich er ſtets dieſelbe Antwort erhielt, ſie hofften es, aber die Ge⸗ fahr gehe erſt mit der glücklich überſtandenen Kriſis vor⸗ über, und ſelbſt dann bedürfe es noch der äußerſten Schonung der jungen Frau, damit nicht ein leicht noch gefährlicherer Rückfall der Krankheit eintreten könne. Egmont las in ihren ernſten, bedenklichen Mienen, daß 186 ſie mehr fürchteten, als ſie ausſprachen, und in der That war es ſo. Die Aerzte fürchteten ſelbſt für ſeine Geſundheit, da er, ſtets um Marie beſchäftigt, ſeinem eigenen Körper nicht die geringſte Ruhe gönnte, aber vergeblich waren ihre Vorſtellungen und Gebote; Egmont dachte nicht mehr an ſich und fühlte die Kraft, jeder Anſtrengung zu trotzen, ſo lange ſeiner Gattin Schickſal nicht entſchieden war. Mittermann ſchrieb traurige Briefe nach Breitenſee an Gräfin Eleonore und an Marien's Eltern; er bereitete ſie auf den ſchlimmſten Ausgang vor, aber beſtand dennoch darauf, daß ſie nicht nach der Hauptſtadt eilten, wo ihre Anweſenheit von keinem Nutzen war und nur noch mehr Aufregung und Störung hervorgebracht haben würde. An Stelle der Freude in der Förſterwohnung und im Schloſſe trat wieder eine düſtere Stille, und man nahm unter Thrä⸗ nen oder Seufzen die Kränze wieder herunter, mit denen man die Räume zum Empfange der wieder vereinigten Gatten ſchon geſchmückt hatte. Couriere gingen fortwäh⸗ rend zwiſchen der Hauptſtadt und Breitenſee, täglich Be⸗ richt über Marien's Befinden an Gräfin Eleonore zu erſtatten. Die bang erwartete und doch erſehnte Kriſis, weil die Ungewißheit eben ſo ſchrecklich war als die ſchrecklichſte Gewißheit, war endlich eingetreten, der Fieberparoxismus — — 187 der Kranken auf das Höchſte geſtiegen, und jeden Augen⸗ blick mußte man fürchten, ſie werde ihm unterliegen und den Geiſt aufgeben. Egmont ſaß an ihrem Bette und hielt ihre Hand, ſich den Schweiß der Angſt von der kalten Stirn wiſchend; alle Hoffnung war ihm geſchwunden, denn er hatte wohl bemerkt, wie Mittermann und ſein Kollege heimlich die Köpfe ſchüttelten und lebhaft flüſterten, erſterer ſich dann auch eine Thräne aus dem Auge wiſchte; des Grafen Schmerz war aber ſo tief, daß er kein Wort der Klage mehr finden konnte. Plötzlich richtete ſich Marie im Bette hoch auf; ihre wild glühenden Augen ſtarr auf einen Punkt vor ſich ge⸗ heftet, die Hände krampfhaft auf die Bruſt gepreßt, ſtieß ſie einen entſetzlichen Schmerzensſchrei aus und ſank dann kraftlos in ihre Kiſſen zurück. „Sie ſtirbt, Doctor,— um Gotteswillen, retten Sie!“ rief Egmont entſetzt, und ſich über die Kranke wer⸗ fend, ſuchte er ſie mit ſeinen Küſſen wieder zu erwecken, aber Mittermann zog ihn heftig zurück und flüſterte: „Laſſen Sie ſie ruhen, Graf, wenn Ihnen ihr Leben lieb iſt;— das iſt die Entſcheidung.“ Der Graf gehorchte. Eine Viertelſtunde der peini⸗ gendſten Angſt folgte, denn Marie röchelte gleich einer Sterbenden; dann aber wurde ſie ruhiger, die weit offenen Nigien ihioſen ſich, und einen Augenblick ſpäter folgte ein 188 erleichternder, tiefer Athemzug, dieſem bald mehrere, und ſie ſchlief. Des Doctors Geſicht verklärte ſich in reiner Freude, und den Grafen von dem Lager fortziehend, ſagte er leiſe: „Sie iſt gerettet, ich ſtehe dafür, ſo weit es menſchliche Kunſt und Berechnung zu beurtheilen vermag, aber folgen Sie mir jetzt und gönnen Sie Ihrem erſchöpften Körper ſelbſt Ruhe, es iſt die höchſte Zeit dazu.“ „Nein, Doctor,“ erwiederte Egmont ſich ſträubend, —„laſſen Sie mich bei ihr, ich muß ihren Schlummer bewachen und bin noch ſtark genug dazu.“ „Ich verlange es aber als Arzt, der für das Leben der Kranken verantwortlich iſt, daß ſie ganz ungeſtört bleibe,“ beharrte Doctor Mittermann feſt und zog den Grafen mit ſich fort.„Bedenken Sie übrigens auch, daß, wenn Ihr Körper dennoch nicht ſo willig iſt als Ihr Geiſt und Sie der Schwäche unterliegen, Sie dann bei Marien's Erwachen an ihrem Lager fehlen werden, und das darf nicht ſein. Ihr erſter Blick muß auf Sie fallen, wenn ſie das Bewußtſein wieder erlangt, und ihr die Ueberzeugung geben, daß jedes Mißverhältniß zwiſchen Ihnen und ihr ganz gehoben iſt.“ Die letzte Rückſicht beſtimmte Egmont zum Gehorſe gegen des Doctors Verlangen, ſo ſchwer ihm die weilige Trennung von Marie auch wurde — 189 das für ihn bereitete Zimmer zurück, und wirklich fand er dort bald die ihm ſo äußerſt nöthige Ruhe in einem er⸗ quickenden Schlummer. Erſt ſpät am Abende weckte ihn Mittermann wieder daraus. 3 „Iſt ſie ſchon erwacht?“ war Egmonts erſte angſt⸗ volle Frage. „Noch nicht, aber ich erwarte es jeden Augenblick,“ erwiederte der Doctor.„Sie ſchläft ganz ſanft und ruhig, und ſo Gott will, wird dieſe Krankheit ohne alle böſen Folgen vorübergehen. Aber laſſen Sie ſich's eine War⸗ nung ſein, Graf Egmont, nicht wieder in ungerechtem Verdachte mit einem Herzen zu ſpielen, das zerbrechlicher iſt, als Sie vielleicht meinen; es fehlte wenig daran, daß Sie keine Gelegenheit gefunden hätten, Ihren Fehler wieder gut zu machen, und Gottes Hand hat hier, wo unſere menſchliche Kunſt ſcheiterte, wieder einmal ein Wunder gethan. Sein Sie nicht böſe, daß ich ſo aufrichtig ſpreche, aber Sie wiſſen, wie nahe mir Ihr und der Frau Gräfin Glück am Herzen liegt.“ Der Graf drückte warm ſeine Hand, und ſein Blick ſagte, daß er aus innerſter Ueberzeugung ſpreche, als er erwiederte: 8 „Fürchten Sie nichts mehr, Doctor, ich bin zu hart geſtraft worden, um nicht für das Leben von einem Miß⸗ 190 trauen geheilt zu ſein, das Marien's ſo unwürdig war;— ich bereue aufrichtig.“ Egmont begab ſich wieder an die Seite ſeiner Gattin; er blieb allein mit ihr im Zimmer, denn die Aerzte hatten ſich in das Nebenzimmer zurückgezoͤgen, um in der Er⸗ wachenden nicht ein Mißbehagen über ihre Anweſenheit zu erwecken, die ſie in ihren Herzensergießungen gegen den Gatten ſtören mußte; Egmont hatte die Weiſung erhalten, letzteren nicht eher Einhalt zu thun, als bis er wahrnehme, daß ſie Marien zu heftig aufregten, ſich ſonſt aber voll⸗ ſtändig mit ihr auszuſprechen, damit ſie beruhigt würde. Es war ſchon gegen Mitternacht, und Egmont hatte ängſtlich jedem ihrer ruhigen und regelmäßigen Athemzüge gelauſcht, als Marie wieder zum Leben erwachte. Sie öffnete zuerſt die Augen, dann erhob ſie den Kopf ein wenig, und ihr Geſichtsausdruck ſagte, daß ſie verwundert ſei, ſich in dieſer Lage zu befinden, und daß die Erinnerung noch nicht vollſtändig wiedergekehrt ſei; als ſie Egmont neben ſich erblickte, deſſen Herz vor ſeliger Freude laut klopfte und der ſie mit innig liebendem Blicke anſah, über⸗ zog auch ihr Geſicht ein ſtrahlender Glanz des Glückes, und ihm die Hand reichend, ſagte ſie mit matter Stimme: „ Ich muß einen häßlichen Traum gehabt haben, Egmont, denn ich fühle meine Bruſt noch immer ein wenig bedrückt davon. Ja, ich entſinne mich jetzt, ich träumte, N 191 Du habeſt Dich im Zorne von mir gewendet, ungerechte ſchmähliche Beſchuldigungen auf mich gehäuft, und— Aber mein Gott, es war ja kein Traum, es war ja ent⸗ ſetzliche Wirklichkeit,“ unterbrach ſie ſich plötzlich, angſtvoll fragend in Egmont's Geſicht blickend. „Es lag viel Böſes zwiſchen uns, meine einzig ge⸗ liebte Marie, aber alle die dunkeln Wolken ſind ver⸗ ſchwunden,“ entgegnete Egmont mit freudigem Blicke;— „Du liegſt jetzt wieder an meinem Herzen, das in bitterer Täuſchung befangen war und, gleich Dir, ſchmerzlich dar⸗ unter gelitten hat; laß uns die Vergangenheit vergeſſen und nur an das Glück der Gegenwart denken. Laß es Dir genügen, daß jetzt Alles wieder gut iſt und daß ich aus dem reuevollſten Herzen um Vergebung bitte, Dich, reinen Engel, jemals verkannt zu haben.“. Marie lächelte halb wehmüthig, halb freudig; ſie ſchien noch ihre Erinnerungen zu ſammeln, doch legte ſie ihren weißen Arm um Egmont's Nacken und zog ihn näher an ſich heran. „Du bedarfſt noch der äußerſten Ruhe, liebe Marie, — der Doctor will es ausdrücklich ſo haben,— denn Du biſt ſehr krank geweſen, jetzt aber iſt die Gefahr vorüber, wenn Du Mittermann's Anordnungen nur gehorſame Folge leiſteſt,“ meinte Graf Egmont in zärtlichem Tone. „Ich bitte Dich von Herzen, gieb Dich nicht den quälenden 192² Erinnerungen an die Vergangenheit hin, die Dich von Neuem ſchädlich aufregen könnten.“ „Sorge nicht darum, Egmont,“ erwiederte ſeine junge Frau ernſt und ſanft;—„ich kann nicht ohne Schaudern an Das denken, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, denn es hat mich gar zu elend gemacht, aber jetzt iſt es ja vorüber, und wenn ich es auch nicht vergeſſen kann, ſo bin ich doch glücklich, Dich wieder mein nennen zu dürfen, und dies iſt der vorzüglichſte Gedanke, der mich bewegt. Aber ſage, Egmont,“ fuhr ſie etwas ängſtlicher fort,— „Du haſt auch wirklich die Ueberzeugung gewonnen, daß Du mich in einem ungerechten Verdachte hatteſt, und nicht das Mitleid oder irgend ein anderer Grund iſt es, der Dich mir wieder zuführt?“ „Ich ſchwöre es Dir bei dem höchſten Gott, daß keine Spur von Mißtrauen mehr meine Liebe zu Dir be⸗ fleckt und daß es nicht einmal mehr der überzeugenden Beweiſe, die man mir vor die Augen gelegt hat, bedurft hätte, Deine Unſchuld anzuerkennen,“ ſagte Egmont zuver⸗ ſichtlich.„Ich begreife mich ſelbſt nicht, Marie, daß ich mich ſo weit von der Leidenſchaft fortreißen laſſen konnte, Dich eine Weile zu verdammen.“ Marie war beruhigt; ſie fragte nach ihren Eltern und verlangte, daß ſogleich ein Bote nach dieſen abginge, 193 ihnen die Nachricht von ihrem glücklichen Erwachen unge⸗ ſäumt zu überbringen, aber ſie war doch noch ſo ſchwach, daß das Sprechen ſie angeſtrengt hatte und ſie ſich nach der Ruhe, die ſie jetzt auch innerlich wieder gefunden hatte, zurück ſehnte. Sanft entſchlummerte ſie bald wieder, während Egmont ihren Auftrag, ihren Eltern und ſeiner Mutter Nachricht zu geben, ausführte. Marien's Geſundheit beſſerte ſich nun ſchnell; mit dem größten Entzücken bemerkte Egmont, wie ſich täglich ihre blaſſen Wangen mehr rötheten, denn wenn er unmit⸗ telbar nach der Krankheit das abgezehrte und von Gram entſtellte Geſicht ſeiner Frau angeſehen hatte, kehrten die peinigenden Vorwürfe in aller Macht in ihm wieder und er fühlte ſich tief niedergedrückt durch ſeine Schuld, die leicht noch ſchlimmere Folgen hätte haben können. Marie mußte, obgleich ſie die lebhafteſte Luſt bezeigte, nach Brei⸗ tenſee zurück zu kehren, noch längere Zeit auf ihrem Kran⸗ kenlager zubringen, und als ſie ſich erheben durfte, mußte dies mit einer Vorſicht geſchehen, die der Doctor Mitter⸗ mann ängſtlich überwachte. Mehr als ſeine Sorgfalt wirkte aber die zärtliche Liebe und Aufmerkſamkeit, die ihr Egmont erwies, auf die junge Frau, denn ſie brauchte nur den leiſeſten Wunſch auszuſprechen, um ihn ſogleich durch ihn mit einem Eifer, der ſie rühren mußte, ausführen zu ſehen, ſie konnte ſeine mit inniger Wehmuth und Ver⸗ 1858. XIX. In Wald und Schloß. 11. 13 194 ehrung auf ihr ruhenden Blicke mit Entzücken gewahren und ſich deuten, und eine frohe Hoffnung, wieder glücklich, beneidenswerth in ſeinem Beſitze zu werden, kehrte in ihr Herz ein, das ſchon einmal daran gezweifelt hatte; Marie dachte nicht mehr, wie vor ihrer Krankheit, an den Tod, ſie wollte leben und die höchſten Freuden des Lebens genießen. Aber ſie gedachte dieſe nicht im Geräuſche der Welt zu ſuchen, die ſich ihr durch das Beſtreben, Egmont von ihr zu trennen, verhaßt gemacht hatte; die ſchwer errunge⸗ nen Erfahrungen waren zu trübe, als daß Marie ſich von Neuem einer Gefahr ausſetzen mochte. Alle ihre Wünſche waren nur auf Breitenſee, überhaupt die Güter ihres Mannes, gerichtet; dort wollte ſie in beſcheidener Häus⸗ lichkeit, liebend und wieder geliebt, leben, und wie es ihr milder Sinn verlangte, zum Wohle der Menſchen, die ihr bisher nur wehe gethan hatten, wirken. Sie ſprach ſich hierüber gegen Egmont aus, und ſie war beglückt, ihre Anſichten und Gefühle von ihm getheilt und mitempfunden zu ſehen. „Wir werden nie wieder reiſen, Egmont, nie die Ge⸗ ſellſchaft aufſuchen, die unter künſtlich angenommenem Glanze ein tiefes Elend in ſich birgt und eine Freude daran hat, die wirklich Glücklichen auch in daſſelbe zu ziehen?“ bat ſie ihren Gatten. 195 „Nein, Marie, ich verſpreche es Dir, wenn wir Breitenſee einmal verlaſſen, um draußen neue Geiſtes⸗ nahrung zu ſchöpfen, ſo wollen wir uns um die Menſchen nicht kümmern und ſie an uns vorübergehen laſſen, nur Gottes ſchöne Natur genießen, die uns reichlich genügen wird,“ meinte Egmont. 3 Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich dieſe Vorſätze des jungen Paares nur auf die ſogenannte große Geſellſchaft, die eine abgeſchloſſene Kaſte für ſich bildet, beziehen konnten, daß die Theilnahme an der Menſchheit insgemein in ſo warmen, edlen Herzen nicht vollſtändig hatte erkalten können. Die nächſten von Breitenſee eingehenden Briefe brachten Egmont neben den herzlichſten Glückwünſchen für ſich und Marie, auch die Nachricht, daß Franz Wernecke, augenſcheinlich in dem Verſuche, ſeinem Rachegefühle zu genügen, durch eigene Unvorſichtigkeit den Tod gefunden hatte. Die beiden Gatten fühlten ihre Bruſt wieder von einer Sorge erleichtert, denn ſie hatten geahnt, daß Franz ſeine Abſichten, ihnen auch ferner zu ſchaden, vielleicht gar durch ein blutiges Verbrechen, nicht aufgeben würde, ſo lange er lebte; dennoch bedauerten ſie den Menſchen, der eine ſo wichtige Rolle in ihrer Beider Schickſal geſpielt und den falſches Ehrgefühl und ungezähmte Leidenſchaft ſo weit auf der Bahn des Böſen getrieben hatten; weder 13* 196 Egmont noch Marie fühlten ſich ihm gegenüber ſchuldig in irgend einer Weiſe. Auch auf Ida von Gilgenbruck kam jetzt wieder die Rede zwiſchen ihnen, und Mittermann, der alte vertraute Freund, nahm an ihrer Berathung Theil. Egmont's Zorn gegen das Fräulein war grenzenlos; wäre er durch ſeine Erziehung von Jugend auf nicht gewöhnt geweſen, ſich öfter Zwang auferlegen zu müſſen, ſo würde er ihm ſicher⸗ lich freien und für Ida ſehr gefährlichen Lauf gelaſſen haben, aber auch jetzt noch konnte er den Gedanken nicht aufgeben, ſich auf eine empfindliche Art an ihr rächen zu wollen, und er ſann fortwährend über ein Mittel nach, dieſen Zweck zu erreichen. Marie war nicht derſelben Anſicht; ihr milder Sinn konnte Ida das Leid, das ſie ihr angethan hatte, zwar nicht vollſtändig vergeben und ſie ſich nicht mit ihr aus⸗ ſöhnen, da ſie jene zu tief verachten mußte, aber Rache⸗ gedanken lagen ihr fern, und ſie wollte ſich bemühen, dieſe auch ihrem Manne auszureden. Doctor Mittermann ſtimmte ihr bei, obgleich auch er der Meinung war, daß Ida eine Strafe verdient habe. „Ihr Gewiſſen wird ſie richten,“ meinte Marie ſanft.„Ich kann mir nicht denken, daß ich jemals Ruhe und Frieden im Leben wiederfinden könnte, wenn ich ich 197 an denen Anderer ſo ſchwer verſündigt hätte, wie es Ida gethan.“ „Jda iſt nicht ſo zartfühlend, nicht ſo weichherzig, wie Du,“ warf Egmont ein,—„ſie hat ſogar bewieſen, daß ſie böſe iſt; ſie iſt auch viel zu leichtſinnig, um die Stimme des Gewiſſens ruhig anzuhören und reuig in ſich zu gehen; vielmehr wird ſie erſtere durch Vergnügungen übertäuben und, wenn ſie ſtraflos bleibt, ihre Verſuche, unſer Glück zu ſtören, bald wiederholen. Wenn ſie Reue über ihr Handeln empfunden hätte, als ſie deſſen traurige Folgen deutlich ſehen mußte, ſo wäre ſie unter dem Vor⸗ wande inniger Theilnahme, die ſie Dir früher zu erheucheln verſtand, an Dein Krankenlager geeilt, oder ſie würde mich auf irgend eine Weiſe aufgeklärt haben, was geſchehen konnte, ohne daß ſie ſich ſelbſt compromittirte, wenn ſie es vorſichtig that. Aber Ida hat unſere vollſtändige Trennung bezweckt,— vielleicht nicht allein aus Rachegefühl, ſondern auch in der thörichten Abſicht, ſpäter Deinen Platz einzu⸗ nehmen, nach dem ſie einſt geſtrebt hat,— ſie hat ſich nicht dadurch rühren laſſen, daß Du dem Tode nahe ge⸗ bracht worden warſt, und ſie würde denſelben mit Freude vernommen haben. Sie verdient im vollſten Maße Strafe.“ 4* Nur mit Mühe gelang es Marie und Mittermann, Egmont von ſeinem Vorhaben abwendig zu machen, und 198 vorzüglich war es wohl des letzteren Vorſtellung, man könne auf geſetzlichem Wege nichts oder nur wenig errei⸗ chen, auf öffentlichem aber decke man ſelbſt Familien⸗ verhältniſſe der ganzen hämiſchen Welt auf, die jetzt nur Einzelne zu durchſchauen vermöchten, was Egmont bewog, von ſeinen Plänen abzuſtehen. „Dennoch aber ſoll ſie wenigſtens erfahren, daß und wie wir ſie durchſchaut haben,“ meinte der Doctor ſchließ⸗ lich,—„und wenn Sie, Frau Gräfin, nichts dagegen haben, was ich nicht hoffe, ſo beabſichtige ich, nach unſerer Rückkehr auf Breitenſee der Familie von Gilgenbruck einen Beſuch abzuſtatten und dem Fräulein— nöthigenfalls auch in Gegenwart ihrer Eltern, wenn ich ſie nicht allein ſprechen kann, tüchtig die Leviten zu leſen. Vertrauen Sie mir nur, Herr Graf, daß ich ſie nicht ſchonen werde, und glauben Sie mir, die offene Verachtung eines einzigen Menſchen, wenn man denſelben für einen Ehrenmann halten muß, wie das Fräulein von mir wohl keinen anderen Grund zu urtheilen hat, kränkt tief oder iſt vielmehr ſchon eine harte Strafe, ſollte man dies auch vor ſich ſelbſt ver⸗ leugnen wollen.“ Der Graf und ſeine Gattin gaben dem Doctor ihre Zuſtimmung zu ſeinem Vorhaben. Man konnte jetzt an die baldige Rückkehr nach Breitenſee denken und ſchickte die Benachrichtigung davon 199 dorthin. Sie wurde von uvermeßlichem Jubel begrüßt, denn neben der Sorge um die geliebte Gräfin, vermißte man auch allgemein ihre ſchützende und helfende Hand, und ihr Geſchick erregte in der kleinſten und ärmſten Hütte dieſelbe lebhafte Theilnahme wie im Schloſſe ſelbſt. Ueberall beſtrebte man ſich, den verehrten Herr⸗ ſchaften, die man zurück erwartete, an den Tag zu legen, wie ſehr man ihnen zugethan ſei und welche herzliche Freude ihre Verſöhnung auch in den Herzen ihrer Unter⸗ thanen errege. An dem Tage, auf den ihre Ankunft in Breitenſee feſtgeſetzt war, ſtrömten die Dorfbewohner ſchon vom Morgen an ſchaarenweiſe die Straße entlang, auf welcher der gräfliche Reiſewagen kommen mußte; der Weg durch das Dorf und zum Schloſſe hin war mit Blumen⸗ guirlanden und Ehrenpforten geſchmückt, deren Inſchriften den Einziehenden mehr als ein herzliches Willkommen zuriefen. Einen eben ſo überraſchend feſtlichen Anblick bot das geſchmückte Schloß dar, und der alte Theißen ſelbſt hatte die ſchon lange nicht mehr gebrauchten kleinen eiſer⸗ nen Böller auf einen paſſenden Platz fahren laſſen, von wo aus ſie die Ankommenden mit Salutſchüſſen begrüßen ſollten. Der Alte, von Wilm unterſtützt, ordnete ſelbſt Alles nach eigenem Geſchmacke mit dem größtmöglichſten Prunke an, denn Gräfin Eleonore konnte ſich darum nicht bekümmern, da ſie zu lebhaft aufgeregt war, um das Glück 200 ihres Sohnes durch Förmlichkeiten zu feiern. Sie hatte ſich in letzter Zeit, durch Marien's Leiden gerührt und von deren inniger Liebe zu Egmont überzeugt, vollſtändig mit ihr ausgeſöhnt und konnte ihr dieſes Mal wirklich mit Herzlichkeit entgegen kommen. Frau Martha war den ganzen Tag fortwährend zwi⸗ ſchen Lachen und Weinen getheilt, während ſie die wirth⸗ ſchaftlichen Angelegenheiten im Schloſſe ordnete, welche ihr die Gräfin Eleonore auf ihre Bitte überlaſſen hatte; tau⸗ ſend Mal unterbrach ſie ſich in ihnen, indem ſie an das Fenſter eilte, ungeduldig auf den Weg zu blicken, ob die Erwarteten noch nicht kämen. Wilm endlich hatte ſein eigenes Leid auch faſt vor Freude vergeſſen, obgleich ſein Entſchluß noch immer feſt ſtand, in die Welt hinaus zu ziehen, um ſeine Mutter oder deren Grab zu ſuchen. Endlich verkündete vom Dorfe her lauter Jubel den Einzug der jungen Herrſchaft, und bald darauf erblickte man ſie in ihrem Reiſewagen auch vom Schloſſe aus; bei ihnen ſaß Doctor Mittermann, und den Wagen umſchwärmten laute Glückwünſche rufende Kinder und Erwachſene aus den umliegenden Dorfſchaften, denen ſowohl Egmont als Marie mit heiteren und freudeſtrahlenden Blicken dank⸗ ten. Auf Beide machte dieſe herzliche Theilnahme einen überaus wohlthätigen Eindruck, und ſie wiederholten ſich, daß ſie fortan ihr Glück nirgends anders ſuchen 201 wollten, als in der Heimath, die ſo viele bei Weitem an⸗ ziehendere Reize hatte, als die äußerlich glänzendere Außenwelt. Vom Schloſſe her donnerten die Böller zum Ehren⸗ gruße, unter vielſtimmigen freudigem Hurrah der Diener⸗ ſchaft fuhr der Wagen in den Hof ein und hielt an der großen Treppe, von der herab Gräfin Eleonore, Mutter Martha und hinterher der alte Theißen ihren Kindern, Freudenthränen in den Augen, entgegen eilten. Es war⸗ eine recht herzinnige, tief empfundene Begrüßung, und die gegenſeitig geſtellten Fragen und darauf ertheilten Ant⸗ worten wechſelten ſo ſchnell und lebhaft, daß Doctor Mit⸗ termann ihnen Einhalt thun mußte, indem er darauf auf⸗ merkſam machte, daß Marien's Nerven immer noch zu er⸗ regt ſeien, um dem auf ſie eindringenden Sturme unbe⸗ ſchadet Trotz bieten zu können. Wieder ſaß man, wie bei der Hochzeit vor faſt zwei Jahren, in dem Geſellſchafts⸗ ſalon freudig zuſammen, aber die Liebe der jungen Gatten hatte jetzt ſchon eine harte Probe glücklich beſtanden und deren Ernſt hatte ſich auf Aller Gemüther übertragen; dennoch aber waren Alle zufrieden und der feſten Zuver⸗ ſicht, die Prüfung werde zum Heile der Gatten geweſen ſein und jedes fernere Mißverſtändniß, deſſen Gefahren ſie einſehen gelernt hatten, fern von ihnen halten. Der treue Wilm fehlte in dieſem Eirkel, denn ſo ⸗ 202 vorurtheilsfrei Graf Egmont gewiß war, hätte es ſich doch nicht mit der Gräfin Eleonore und ſelbſt ſeinen eigenen Anſichten vereinen laſſen, den armen Jäger in das Geſell⸗ ſchaftszimmer zu ziehen, und er konnte dies wegen der über Wilm's Abſtammung umherlaufenden Gerüchte am aller⸗ wenigſten; auch Marie theilte darin ſeine Anſicht. Wilm beanſpruchte auch gewiß nicht eine Ehre, deren er wohl würdig geweſen wäre, die ihm aber durch ein allgemein anerkanntes Herkommen unzugänglich war, aber er fühlte es dennoch ſchmerzlich, daß er, der es vielleicht von Allen am aufrichtigſten mit Marie gemeint hatte, nicht einmal ein freundliches Wort von ihr bei ihrer lange erſehnten Rückkehr erhalten konnte. Trübe ſchlich er um die kleinen Geſchütze herum, die im Park aufgeſtellt waren und deren Bedienung er während Vater Theißen's Abweſenheit zu leiten übernommen hatte, als er zu ſeiner unermeßlichen Freude Marie ſelbſt am Arme ihrer Mutter aus dem Schloſſe kommen und offenbar in der Abſicht, ihn zu ſpre⸗ chen, gerade auf ſich zuſchreiten ſah. Dieſe Rückſicht, die ihre unveränderliche Theilnahme an ihm bewies und ganz ihrem Zartgefühle und gutem Herzen entſprach, beglückte ihn hoch und er erwiederte mit derſelben Herzlichkeit, mit der Marie ihn angeredet hatte, ihre Begrüßung und ſprach ſeine Anhänglichkeit an ſie aus. Marie hatte nicht allein die Abſicht, Wilm zu bemi 3 203 kommnen, als ſie Egmont ihren Wunſch, ihn aufzuſuchen, mittheilte, ſondern ſie gedachte ihn auch auf die Ueberra⸗ ſchung, die ihm das Wiederfinden ſeiner Mutter bereiten mußte, vorzubereiten. Sie begann daher bald: „Auch Dir, mein guter Wilm, iſt eine freudige Ueberraſchung zugedacht, denn des Himmels Fügung hat uns eine Entdeckung machen laſſen, die von Dir mit Ent⸗ zücken begrüßt werden wird. Der Vater hat mir ſchon erzählt, welche Abſichten Du haſt und daß Du uns auf⸗ längere Zeit zu verlaſſen gedachteſt; dies wird nun wohl nicht mehr nöthig ſein, beſter Wilm „Meine Mutter?“ ſtammelte Wilm in höchſter Auf⸗ regung, Marie ungläubig anblickend. „Sie lebt, Wilm, und Du wirſt ſie in Kurzem ſehen, vielleicht ſchon in den nächſten Tagen, Umſtände verhin⸗ dern, daß dies früher geſchehen kann,“ erwiederte Marie. „Indeſſen beunruhige Dich nicht, Wilm, ſie iſt wohl und ſieht dem Wiederſehen mit eben ſo innigem Sehnen als Du vermuthlich entgegen.“ Wilm war außer ſich; er beſtürmte die junge Gräfin, vor der er gegen ihren Willen ſonſt immer eine gewiſſe Zurückhaltung äußerlich anzunehmen für gut befunden hatte, jetzt mit Fragen und den dringendſten Bitten, ihm nähere Aufſchlüſſe zu geben, aber Marie hatte ſchon genug 204 geſagt und mußte dieſe verweigern, denn einmal mochte ſie ſich nicht ganz wahr über Marie Franke's Vergangenheit zu ihrem Sohne ausſprechen, dann aber konnte ſie deren Anweſenheit im Schloſſe überhaupt nicht erwähnen, weil das Wiederſehen, nach ihrer Verabredung mit Egmont, nicht hier, ſondern in Theißen's Förſterhauſe ſtatt finden ſollte, um Gräfin Eleonore's Gefühle, der es nicht gut hätte verborgen bleiben können, zu ſchonen. Marie begab ſich wieder in das Geſellſchaftszimmer zurück, und der zwiſchen Seligkeit und unruhiger Angſt ge⸗ theilte Wilm lief aufgeregt hin und her, denn er konnte ſeine Ungeduld kaum noch länger bezähmen. Erſt ſpät trennte ſich die wiedervereinigte Familie auf dem gräflichen Schloſſe und noch ſpäter die zechende Diener⸗ und Dorfbewohnerſchaft. Am folgende Tage hatten Egmont und Marie das Theißen'ſche Ehepaar zu beſuchen verſprochen und vereinig⸗ ten hiermit auch die Abſicht, Wilm Nordmann ſeine Mut⸗ ter wieder zu geben. Marie Franke wurde am Morgen ſchon darauf vorbereitet und ihr von Marien ſelbſt mitge⸗ theilt, daß ihr Sohn hier in der Nähe lebe und ſie ihn noch an demſelben Tage umarmen könne. Die Freude der alten Frau war übermäßig groß und ſie brach in einen überfließenden Strom von Lobpreiſungen der Vorſehung 205 und Marien's aus, bald aber wurde ſie wieder ſtiller und konnte eine heimliche Scheu nicht verbergen, die ihre Freude herunter drückte. Die junge Gräfin verſtand ſie mit tiefem Bedauern; Marie Franke fürchtete, ihr Sohn möge etwas von dem regelloſen Leben hören, das ſie früher geführt hatte, und die ihr zugetragene Liebe ſich bald in Mißach⸗ tung verkehren. Marie beruhigte ſie auf zarte Weiſe ſo gut, wie ſie es vermochte, darüber; ſie ſelbſt wollte Wilm die Geſchichte ſeiner Mutter erzählen und dabei ſchweigend über die Fehler fortgehen, die dieſe ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, nachdem ſie von dem Kammer⸗ diener Nordmann geſchieden war; Wilm ſollte nur erfah⸗ ren, daß ſie ſeitdem im Elend in der Hauptſtadt gelebt habe. Die alte Frau war etwas beruhigter und verſicherte Marie unter heißen Thränen auf das Heiligſte, daß ſie fortan gewiß keinen Grund geben werde, ſie nachtheilig zu beurtheilen, was ſie in dem Hauſe, in dem ſie ſich zuletzt auf Egmont's und ſeiner Frau Veranlaſſung befunden, auch bereits bewieſen hatte. Marie war zwiſchen wider⸗ ſtreitenden Gefühlen getheilt und die Freude darüber, daß Wilm ſeine Mutter wiedergefunden habe, war nicht ganz rein bei ihr, aber es ließ ſich kein beſſerer Ausweg ſinden, das Störende dieſes Wiederfindens fortzuſchaffen, als dem Sohne die frühere Schmach der Mutter zu verheim⸗ lichen. — 206 Am Nachmittag fuhren Egmont und Marie, von der alten Franke begleitet, die bisher noch Niemand im Schloſſe erkannt hatte, nach der Oberförſterei Theißen's. Als ſie ſich dem Hauſe näherten, ſtand Wilm vor demſelben und blickte düſteren Blickes vor ſich hin; ſein Auge heiterte ſich 1 erſt auf, als er die Kommenden erkannte, aber er ſtutzte auch ſichtlich, als er die alte Frau im Wagen bemerkte, und das ſchnell in ſeinem Geſichte wechſelnde Mienenſpiel ſagte, daß er in derſelben ſeine Mutter vermuthe. „Das iſt Euer Sohn, Marie Franke,“ ſagte Marie mit innig gerührter Stimme, auf den ſchlanken Jüngling deutend, als ſie ſich dem Hauſe ſchon ſehr nahe befanden. Die Alte wurde bald bleich bald roth, als ſie, ſich ungeſtüm umwendend, auf Wilm blickte, dann ſtürzten die Thränen aus ihren Augen, während ihre Bruſt ſich krampf⸗ haft hob, und nur mit Mühe konnte Egmont ſie abhalten, ſich aus dem Wagen zu ſtürzen, ehe derſelbe noch vor dem Förſterhauſe hielt. Wilm's Ahnung war durch die augenſcheinliche leb⸗ hafte Bewegung der alten Frau zur Ueberzeugung gewor⸗ den, er eilte an den Wagenſchlag, und kaum konnte Marie, die er einen Moment fragend anblickte, ſagen:„Wilm, hier iſt Deine Mutter,“— ſo lagen ſich Mutter und Sohn bereits in den Armen und hatten die ganze Welt um ſich vergeſſen. 207 Wilm hatte ſeine Mutter aus dem Wagen gehoben und küßte ihr mit kindlicher und ehrerbietiger Zärtlichkeit Mund und Händo, ſie nannte ihn mit den ſüßeſten Schmei⸗ chelnamen und betrachtete ihn immer wieder mit glückſtrah lendem Antlitz von Neuem, in ihrer übermäßigen Freude und Erregung offen ſeine Aehnlichkeit mit ſeinem Vater bewundernd. führten die glücklich wieder Vereinigten in eine am Hauſe befindliche Laube, in der ſie von Andern nicht ſo leicht be⸗ obachtet werden konnten, und zogen ſich dann in das Haus zurück, jene ihrer Zärtlichkeit und ihren gegenſeitigen Mit⸗ theilungen ungeſtört überlaſſend. 8 5 Egmont und Marie waren tief gerührt; ſie Der alte Theißen und Frau Martha waren auf das Höchſte erſtaunt, als ſie den Zuſammenhang der ihnen un⸗ erklärlichen Scene des Wiederfindens, die ſie theilweiſe vom Fenſter aus beobachtet hatten, erfuhren; Beide nah⸗ men herzlichen Antheil an Wilm's Glück. Als dieſer erſt nach mehreren Stunden auf wieder⸗ holte Aufforderungen mit ſeiner Mutter in das Haus ein⸗ trat und von den alten Theißen's herzlich beglückwünſcht wurde, ſtrahlte er von Seligkeit, ein Zeichen für Egmont und Marie, daß die gegenſeitigen Erklärungen zwiſchen Mutter und Sohn befriedigend ausgefallen ſein mußten und daß ſich für Beide eine glückliche Zukunft hoffen ließ. 208 „Haſt Du auch ſchon daran gedacht, Wilm, wie Du Deine Mutter nun ernähren willſt?“ fragte der Graf ſccherzend den Jüngling, indem er ihn tdurch einen leichten Scchlag auf die Schulter aus ſeinen Träumereien weckte; —„ der Bägergehalt wird dazu nicht recht zureichen wollen.“ Wilm ſchwieg verlegen; er zweifelte nicht, der Graf werde auch dafür geſorgt haben. „Ich will Dich nicht länger in Sorge darüber laſſen,“ ſagte Egmont, ihn vertraulich bei Seite ziehend;„die Brei⸗ tenſeeer Förſterſtelle iſt erledigt, und ich habe ſie Dir zu⸗ gedacht; Du kannſt das Haus beziehen, wann Du willſt, für die nöthige Einrichtung wird meine Frau ſorgen, denn ſie hat ſich dies vorbehalten.“ Wilm's Freude war unbegrenzt, und ſein Dankgeſühl fand keine entſprechenden Worte; die alte Frau lachte durch Thränen, der alte Theißen und Frau Martha gratulirten, Graf Egmont und Marie aber beſtiegen befriedigt, zwei Menſchen ſo überaus glücklich gemacht zu haben, bald wieder ihren Wagen und fuhren, von Segenswünſchen be⸗ gleitet, nach Breitenſee zurück. Doctor Mittermann hatte nach vorheriger Verabre⸗ dung mit Egmont und ſeiner Frau die Zeit ihrer Ab⸗ weſenheit zur Ausführung der beſchloſſenen Fahrt nach 209 Noſenthal, um daſelbſt mit Ida zu ſprechen, benutzt. Glück⸗ licherweiſe für dieſe traf er ſie allein zu Hauſe, denn der Baron und die Baronin machten eine Viſite in der Nach⸗ barſchaft; hätte der Vater durch den Doctor die abſcheu⸗ liche Handlungsweiſe ſeiner Tochter, von der er keine Ahnung hatte, erfahren, ſo wäre ſein Zorn unzweifelhaft ſchrankenlos auf ſie losgebrochen. 1 Ida hatte ſchon gehört, daß Graf Egmont ſeine Frau wieder auf Breitenſee eingeführt habe und wie ſie daſelbſt mit allgemeiner Freude empfangen worden ſei; ſie war wüthend deshalb und zwar um ſo mehr, als ſie ſich mit Niemanden darüber hatte ausſprechen können, denn die Kälte zwiſchen Mutter und Tochter war im Zunehmen be⸗ griffen und jetzt ſchon ſo weit gediehen, daß ſie faſt kein Wort mit einander wechſelten. Als Mittermann eintraf, ahnte Ida, daß ſein Beſuch hauptſächlich ihr gelte und nicht viel Gutes bringen werde; ſie hätte ſich auch verleug⸗ nen laſſen und ihn gar nicht angenommen, wäre ſie nicht zu neugierig geweſen, etwas von der Eldor'ſchen Familie zu hören, und darauf vorbereitet, jede etwaige Beſchuldi⸗ gung des Doctors entſchieden abzuſtreiten, denn ſie ahnte nicht, wie gut er unterrichtet ſei. Sie empfing ihn daher mit der freundlichſten Miene und ſchien durchaus nicht betroffen über ſein Kommen, aber 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 14 210 ein Blick auf Mittermann's Geſicht flößte ihr doch unwill⸗ kürlich Furcht ein, denn es war ernſter und ſtrenger, als es ſich eigentlich mit der ſchuldigen Höflichkeit des Beſuchers vereinigen ließ. „Sie ſehen ſo entſetzlich böſe aus, lieber Doctor,“ rief ſie lachend nach den erſten Begrüßungen,—„daß man meinen ſollte, Sie hätten eine Trauerbotſchaft auf dem Herzen, und doch habe ich gehört, daß in Breitenſee nur Jubel und Freude herrſchen.“ „Dem iſt wirklich ſo, und zwar, weil die Anſchläge der Böſen und Nichtswürdigen auf eine fromme, heilige Liebe zweier Gatten, die ein Höherer vereinigte, geſcheitert ſind,“ erwiederte der Doctor, ſeine Augen durchbohrend auf Ida heftend, die nahe daran war, alle Faſſung zu ver⸗ lieren und auffallend bleich wurde.„Meinen Sie nicht, gnädiges Fräulein, daß dies eine Veranlaſſung zum Jubel* anderer guter Menſchen iſt, welche die Weisheit der Vor⸗ ſehung zu ehren verſtehen?“ „Gewiß, Doctor,“ ſagte das Fräulein in ſichtlicher Verwirrung.„Ich weiß aber nicht, von welchen Anſchlä⸗ gen Sie da ſprechen, da es ſich in dieſem Falle doch wohl nur um ein unglückliches Mißverſtändniß zwiſchen zwei ngen Gatten handelte, das ſich eben ſo leicht, wie es ent⸗ ſaanden, auch wieder gehoben hat.“ 211 „Sollten Sie dieſen Fall wirklich ſo beurtheilt haben, Fräulein?“ fragte der Doctor ſpöttiſch, fuhr aber dann wieder ganz ernſt fort:„Wenn Sie es mir erlauben, will ich Ihnen den ganzen Verlauf dieſes ſogenannten Mißver⸗ ſtändniſſes und ſeiner Hebung ausführlich erzählen, denn das iſt eigentlich der Grund meines Beſuches.“ Ida zitterte und wagte nichts zu erwiedern; ſie be⸗ griff den Doctor noch nicht ganz. Dieſer erzählte indeſſen ruhig die ganze Geſchichte, wie man Egmont und Marie zu trennen geſucht hatte, wobei er nur von einer ungenann⸗ ten Dame als Urheberin der Intrigue ſprach; er ſchilderte lebendig und beredt, malte in den dunkelſten Farben und nannte endlich offen, als ſpreche er von etwas ganz Ge⸗ wöhnlichem, das Jedermann bereits wiſſe, den Namen Ida von Gilgenbruck in nicht ſehr ehrender Weiſe. Ida zuckte tief betroffen zuſammen, dann zweifelte ſie auch bereits nicht mehr, daß der Doctor eine ihr ganz un⸗ begreiflich genaue Kenntniß ihres eigenen Thuns habe, ſo war die beleidigende Art, wie er zu ihr ſelbſt ſprach, doch ſo ungewöhnlich, ſo aller Höflichkeit widerſprechend, daß ſie dieſelbe nicht ferner dulden zu dürfen meinte. „Herr Doctor,“ ſagte ſie, ſich in angenommenem Stolze erhebend, obgleich die Beſchämung ſie tief nieder drückte,—„Ihre Sprache iſt ſo beleidigend, daß ich dieſe nicht länger anhören kann.“ 3 14* 212 „Und doch werden Sie mich bis zu Ende anhören,“ erwiederte der Doctor gebieteriſch, aber mit einer Ruhe, die Ida in die größte Verwirrung brachte;—„danken Sie dem Himmel, daß Ihr Verbrechen, für das mir die klarſten Beweiſe vorliegen, keine andere Strafe finden wird, als dieſe Demüthigung und die, welche Ihr eigenes Gewiſſen Sie früher oder ſpäter fühlen laſſen wird. Wenn Graf Egmont und ſeine Gattin, die Sie ſo empfind⸗ lich verletzt haben, Ihnen die wohlverdiente Gerechtigkeit angedeihen ließen, ſo würde ſich Jedermann mit Abſcheu von Derjenigen abwenden, die Trug und Verläumdung mit Hintanſetzung alles weiblichen Gefühls nicht ſcheute, zu ihren ſchändlichen Zwecken zu gelangen. Jetzt aber, mein Fräulein, ſollen Sie nur die Meinung eines Ehrenmannes hören, der durch Ihr Benehmen tief empört worden iſt, und Sie werden ihn anhören, wollen Sie dieſe Geſchichte nicht der Oeffentlichkeit preis gegeben ſehen.“ Ida wagte kein Wort mehr zu erwiedern, denn der Ernſt und die Geradheit des alten Doctors flößten ihr Furcht ein; ſie ſtand wie eine überführte Sünderin zitternd, mit niedergeſchlagenen Augen vor ihm, aber ſeine Worte erweckten nicht Reue in ihr, nur Verzweiflung und Wuth über ihre Ohnmacht dem Manne gegenüber, der ſie unge⸗ ſtraft beleidigen durfte, wie ſie meinte, da er Waffen 213 gegen ſie in Händen hatte, die ſie vollſtändig erichte 5 konnten.. Doctor Mittermann ſprach noch lange in derſelben Weiſe zu ihr; er ſchilderte ihr Egmont's und Marien's Leiden urit Worten, die jedes nur einigermaßen fühlende Herz hätten rühren müſſen, er machte ſie darauf aufmerk⸗ 2 ſam, wie tief ſie ſich unbedacht herabgewürdigt habe, ſogar bis zu der Verbindung mit einem Landſtreicher und Ver⸗ brecher, und er ſchloß, nachdem er ſie verſichert hatte, Eg⸗ mont und Marie ſeien zu edel, um ſich an ihr rächen zu wollen, mit den Worten: „Sie haben ſich jetzt überzeugt, mein Fräulein, da die ſcharfſinnigſten Berechnungen Ihres Haſſes an einem höheren Willen geſcheitert ſind, daß Sie nicht trennen konnten, was der dort oben zuſammengefügt holte⸗ und ſo wird es immer und ewig bleiben, ohne Seinen Willen wird den Seinigen kein Haar gekrümmt werden. Darum 6 warne ich Sie, wagen Sie nicht einen neuen Verſuch, das G Glück Egmonb's und Marien's zu ſtören; er wird Ihnen 1 eben ſo wenig gelingen und man wird dann rückſichtslos die Waffen gegen Sie kehren, die Sie uns jetzt ſchon in die Hand gegeben haben. Ich bin jetzt zu Ende, Mei Fräulein, und ich rüngfehle mich dün 4 8 3 214 Doctor Mittermann das Zimmer und Roſenthal, Ida aber ſank in einen Seſſel, bedeckte das glühende Geſicht mit ihrem Taſchentuche und weinte bittere Thränen, nicht der Reue, ſondern nur der Beſchämung, ſich, dem edelgebornen Fräulein, ſolche harte Dinge von dem ſchlichten bürger⸗ lichen Doctor ſagen laſſen zu müſſen. Seit dieſen Begebenheiten, die wir eben erzählten, ſind jetzt ſchon mehrere Jahre vergangen, und noch führt man, wenn von einer recht glücklichen, friedlichen Ehe die Rede iſt, in jener Gegend die des höchſtgeſtellteſten und reichſten Man⸗ nes als Beiſpiel an, des Grafen Egmont Eldor, eine Sel⸗ tenheit, denn, wie man ſagt, wohnt das Glück meiſtentheils nicht in Paläſten; wer dieſes Urtheil über den Grafen und 6 ſeine noch immer liebenswürdige und hochverehrte Gattin aber hören will, der frage nicht in der höhern Geſellſchaft nach, denn dort nennt man ſeinen Namen entweder gar nicht oder nur flüſternd, ſondern in den Häuſern und Hüt⸗ ten der Dörfer, die zu ſeinen Beſitzungen gehören oder letzteren benachbart ſind. Das Geſicht des biederen Land⸗ mannes wird dann lebendiger und freundlicher, er drückt die Aſche in der kurzen Pfeife feſter auf, thut ein paar . * hrrjage Züge und erzählt dann mit ungewohnter Ge⸗ ſprächigkeit die Geſchichte von der ſchönen Förſterstochter Marie Theißen und ihrem gräflichen Liebhaber, während die rothwangige Hausfrau in ihrer wirthſchaftlichen Ge⸗ ſchäftigkeit inne hält, ein paar Schritte näher tritt und lächelnd aufmerkſam lauſcht. Weit und breit herum nennt man Graf Egmont Eldor einen glücklichen Mann und thut recht daran, denn Liebe, gegenſeitige Achtung und Ver⸗ trauen wohnen in ſeinem Hauſe, und ſeine Unterthanen, deren Vater er im vollſten Sinne des Wortes iſt, blicken mit unbegrenzter Anhänglichkeit zu ihm, ſeiner ſchönen, ſanften Gattin und dem blühenden Knaben empor, der einſt hoffentlich ein würdiger Nachfolger ſeines Vaters werden ſoll. Der Graf iſt ſo glücklich in ſeinem Hauſe, daß er es faſt gar nicht verläßt, und wenn man ſeine ſtets heitere Stirn ſieht, ſcheint es, als ob er die Geſell⸗ ſchaft nicht beſonders ſchmerzlich vermiſſe. Gräfin Eleonore iſt vor einigen Jahren geſtorben, nachdem ſie ihren höchſten Wunſch hat in Erfüllung gehen ſehen, daß nämlich ein ſchützender guter Engel Egmont auch nach ihrem Tode umſchwebe, der ihn fern von den Verſuchungen der Leidenſchaft halte; mit vollem Vertrauen hat ſie ſein Glück in Händen gelaſſen, die es ſorgſam tra⸗ gen werden. Der alte Theißen jagt und brummt noch immer u 216. genießt als Schwiegervater des Grafen in der ganzen Um⸗ gegend eines bedeutenden Anſehens; ſeine Frau Martha erträgt ſeine Launen mit Geduld, lacht über den Alten, beſucht oft ihr Töchterchen und iſt entzückt, mit dem. Enkel ſpielen zu können, der ganz das Ebenbild ſeines Va⸗ ters iſt. Wilm Nordmann, der Förſter des Breitenſeeſchen Reviers, hat bereits vor drei Jahren geheirathet und fühlt ſich höchſt glücklich in der Geſellſchaft ſeiner Mutter und ſeiner jungen Frau, der Tochter eines wohlhabenden Be⸗ ſitzers aus Breitenſee. In ihm ſchlägt noch daſſelbe warme Herz für ſeine einſtige Hausgenoſſin Marie Theißen, und wenn er, was oft geſchieht, auf das Schloß in Dienſtge⸗ ſchäften kommt, wird er dort mit Herzlichkeit aufgenommen und hat jedes Mäl eine lange Unterhaltung mit der Gräfin. Seine Mutter iſt von Tage zu Tage, durch die kindliche Liebe ihres Sohnes getragen, heiterer und zufriedener ge⸗ worden; merkwürdiger Weiſe ſcheint das frühere Elend, in dem ſie lebte, nicht nachtheilige Folgen für das Alter hin⸗ 46 terlaſſen zu häben, denn ſie iſt noch rüſtig und hilft der jungen Frau Wilnms fleißig in der Wirthſchafts⸗ führung. 1 Doctor Mittermann, der alte treue Freund des El⸗ dor ſſchen Hauſes, iſt ſeit zwei Jahren todt; er ſtarb in — 2 3“ 8 — 217 Folge einer Erkältung, die er ſich bei dem Nachtbeſuche eines fernen Patienten zugezogen hatte, ſanft in den Ar⸗ men ſeines beſten Freundes Egmont und deſſen Gattin, die Beide heiße Thränen der Wehmuth über dem Grabe des Geſchiedenen geweint haben, der ſie zwei Mal aus der Trennung wieder zuſammen geführt hat. Es bleibt uns jetzt noch übrig, Ida von Gilgenbruck's Schickſal zu verfolgen. Sie wiederholte ihren Verſuch, ſtörend zwiſchen Egmont und ſeine Gattin zu treten, nicht wieder, mochten die Worte des Doctors oder andere Gründe ſie nun von der Nutloſigkeit jedes ſolchen Beſtre⸗ bens überzeugt haben. Sie verließ Roſenthal bald nach jener Unterredung mit Mittermann und begab ſich den Winter über nach der Hauptſtadt, wo ſie alle geräuſchvollen Vergnügungen mitmachte und viele Verehrer fand. Mit einem derſelben zu Ende des Winters verlobt, einem ſchö⸗ nen, gebildeten und reichen Mann aus altadeliger Fa⸗ milie, wollte das Unglück, daß dieſer mit dem Couſin des Fräuleins, Baron von Ohlſen, zufällig in einem Bade⸗ orte zuſammen traf und dieſen dort näher kennen lernte; man ſagt, dies ſei die Veranlaſſung zu der bald darauf von ſeiner Seite erfolgten Auflöſung ſeiner Verlobung mit Ida von Gilgenbruck geweſen. Indeſſen fehlte es dieſer nicht an anderen Verehrern, und ein Jar 1858. XIX. In Wald und Schloß. II. 2* 218 1 ter heirathete ſie wirklich einen andern Edelmann und Gutsbeſitzer, mit dem ſie indeſſen höchſt unglücklich le⸗ 0 ben ſoll. 6 Mit der Eldor'ſchen Familie hat die ihrige ſeit jener Ausgleichung Egmont's mit ſeiner Gattin nie wieder in Verbindung geſtanden. 5 Ende des zweiten und letzten Theiles. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.