Leihbibliot utſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur .— von... Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ gnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ pfan angenommen. 3— 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 4 vonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— r 2 1 WPet.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 wer.— Pf. Monat: 8* 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Siebentes Capitel Erſtes Capitel. „Glaube mir, Mutter, es iſt richtig mit dem Mädel, ſage ich und bleibe dabei; der Wilm ſteckt ihr im Kopfe, und wenn wir die Augen nicht weiter aufmachen, als bis⸗ her, erleben wir noch ein Unglück.“ So meinte der alte Revierförſter Theißen zu ſeiner Frau und ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Das muß ich beſſer wiſſen, Vater,“ ſuchte ihn die ehrwürdige, ſanftblickende Matrone an ſeiner Seite zu be⸗ ſchwichtigen,—„denn ich habe die Marie faſt den ganzen Tag unter den Augen, wenn Du draußen im Revier biſt; mir erſchließt ſie ihr ganzes Herz, und ich ſage Dir, nicht ſo viel macht ſie ſich aus dem Wilml“— und dabei ſchnippte Mutter Martha verächtlich mit den Fingern „Willſt Du mir einreden, daß ich blind bin, fuhr der Alte polternd heraus.„Warum ſieht d Midchen wie blaſſer Mondenſchein aus und fl 58. XVIII. In Wald und Schloß. 1. 2 einer liebeskranken Nachtigall, während ſie vor nicht länger als einem Jahr wie eine Roſe blühte und ein luſtiges Jä⸗ gerlied in den Wald hineinſang, kräftiger und friſcher, als ich meiner Zeit?— Warum ſind ihr oft die Augen ſo roth verweint? Und habe ich ſelbſt ſie nicht ſchon ſelbſt über⸗ raſcht, als ſie ſich mit der Schürze die Augen trocknete?— Du ſiehſt aber nichts, Mutter, Du willſt nichts ſehen, weil Ihr Weiber alle eines Schlages ſeid und unter einer Decke ſteckt!— Du begünſtigſt wohl gar der Marie Thorheit, ſich dem Jungen an den Hals zu hängen, der auf der lie⸗ ben Gotteswelt gar nichts ſein nennen kann und eigentlich aunur des Herrn Grafen Gnadenbrot hier ißt; Du—“ „Na, laß's nur gut ſein,“ unterbrach ihn Mutter Martha, die den Aerger über ihres Mannes Beſchuldigun⸗ gen ſchwer ertragen konnte;—„die Marie liebt den Wilm nun einmal doch nicht, das weiß ich ſicher;— und was den Jungen anbetrifft, ſo ißt er des Herrn Brot nicht um⸗ ſonſt und thut ſeine Pflicht und Schuldigkeit als ehrlicher Zägerburſche; das haſt Du oft genug ſelbſt geſagt und biſt ſtets mit ihm zufrieden geweſen. Aber Du ſiehſt Geſpen⸗. ſter am hellen Tage und biſt ungerecht in Deiner Furch⸗ een die Marie rothe Augen vom Weinen hat, ſo biſt D daran Schuld, denn Du quälſt das arme Mädche deinem grundloſen Verdacht und polterſt den gan⸗ ag mit ihr herum. Das bringt den Unfrieden in's Ha 3 Die verletzte alte Frau erhob ſich, nachdem ſie ihrem Verdruß in dieſen Worten Luft gemacht hatte, von der † Bank, auf der ſie neben ihrem Manne geſeſſen hatte und ging ſchmollend in das Haus, während der Förſter etwas von„Evastöchtern“ und„den Alten hinter's Licht führen wollen“ in den Bart brummte, dabei gab er verdrießlich dem braungefleckten Hühnerhunde, der ihm zunächſt lag, einen Fußſtoß, daß dieſer mit einem leiſen Schmerzensge⸗ winſel und eingezogenem Schwanze die Flucht nach der Hausthür zu nahm. Die eben geführte Unterredung fand an einem heitern Juniabend des Jahres 1845 vor dem Jägerhauſe der Forſt ſtatt, die den bedeutenden Gütern der gräflich Eldor'ſchen Familie in Nord⸗Deutſchland zugehörte. Inmitten des prächtigen grünen Laubwaldes, der zur Zeit im herrlichſten Blätterſchmucke ſtand, lag, von den letzten Strahlen der Abendſonne beleuchtet, die ſich einen Weg durch die dichten Baumkronen zu bahnen wußten und in rothem Feuer auf den kleinen blitzenden Fenſterſcheiben erglühten, das freundliche einſtöckige Jägerhäuschen mit den weißen Kalkwänden, auf denen die ſorgfältig ſchwarz ge⸗ malten Balken ſich ſcharf abzeichneten, und dem u othen Ziegeldach. Wilder Wein und Epheu rank naleriſch um die grünen Stäbe der kleinen Laube, Hausthür ein einladendes Ruheplätzchen beſ und einzelne dünne Zweige ſchwankten im leichten Luftzuge vor den geöffneten Fenſtern, hinter deren ſchneeweißen Gar⸗ dinen man in das Innere des netten, einfach ausgeſtatte⸗ ten Zimmers blicken konnte. Das Hirſchgeweih über der Hausthür, ein Paar an der Giebelſeite des Hauſes hoch an der Wand feſtgenagelte Raubvögel mit geſpreizten Flügeln waren die charakteriſtiſchen Merkzeichen der Förſterwohnung. Hinter dem Hauſe ſtieß an den kleinen Hof mit einem Wirthſchaftsgebäude und den leichten Bretterbuden für die Hunde ein nicht ſehr umfangreicher Obſt-⸗ und Gemüſegar⸗ ten, der das für den Hausbedarf Nöthigſte lieferte, und eine kleine Ecke deſſelben hatte der Schönheitsſinn dem Nutzen ab⸗ gedrungen, denn hier blühten liebliche, farbige und duftende Blumen. Wenn man durch die Hausthür auf den mit feinem weißem Sand beſtreuten und mit dunkelgrünen kleinen Fich⸗ tenzweigen in kunſtreichen Figuren ausgelegten Flur trat, hatte man den Eingang zu der ſaubern Küche mit den blankgeſcheuerten kupfernen Keſſeln, den weißen Tellern und Taſſen und anderem nöthigen Hausgeräth gerade vor ſich, während zur rechten und linken Seite zwei Thüren in die Wohn⸗ und Schlafzimmer führten, beſchränkte Räume, äußerſt ſorgſame Haltung, ungeachtet der beſcheide⸗ ck waren ein Paar alte in Oel gemalte Bilder, Jagd⸗ 1 infachheit, wohlthuend in die Augen fiel; der einzige e vorſtellend, die ihres ſchon unſcheinbaren Anſehens 8 44½ 3 dreiſt ihnen auf die Naſe ſetzte. dieſer zum fachkundigen Forſtmanne und geſchickten J fen und hatte ſein Handwerk mit der leidenſch 5 wegen einmal aus dem gräflichen Schloſſe hierher gewandert waren, eine Anzahl von Büchſen, Flinten und anderes Jagd⸗ geräth und endlich die freundlichen Blumen, die in ſorgfältig mit weißem Papier umklebten Töpfen die Fenſterbretter zierten und lebendige Jalouſien bildeten. Das war das Wohnhaus Moritz Theißen's, des Re⸗ vierförſter, der jetzt verdrießlich in der Laube vor der Thür ſaß und ſich nachdenklich die kurze hölzerne Jagdpfeife aus dem geſtickten Tabacksbeutel ſtopfte, einem werthgehaltenen Geſchenke ſeiner braven alten Martha. Zu ſeinen Füßen lagen fünf oder ſechs Hunde verſchiedener Race, vom zot⸗ tigen gelben Wolfshunde an, bis zum glatten kurzbeinigen Dachs herab; im Vollgenuß der ihnen gegönnten Ruhe, träumten ſie ſchlafend oder wachend und unterbrachen ſich in dieſer füßen Beſchäftigung nur hin und wieder durch ein ärgerliches Kopfſchütteln oder Schnappen nach den umher⸗ ſchwärmenden Fliegen, wenn ſich eine derſelben gar zu Moritz Theißen war ein ſtrengredlicher, aber auch ein jähzorniger und harter Mann. Sein Vater hatte ſchon daſſelbe Revier der gräflichen Forſten verwaltet, de der Sohn jetzt inne hatte, und unter ſeiner Leitun der ſeines Gleichen in der Umgegend ſuchte, heran 7 machen, die ihm nie das Fehlſchlagen ſeiner liebſten Hoff⸗ nungen erſetzen konnte. Seine Frau, ein ſanftes Weſen mit ächt weiblichem, zartem Gemüth, kannte den Grund der Verſtimmung ihres Mannes, denn in böſen Stunden des Unmuths und Zorns hatte er ihr oft vorgeworfen, was ihm das Leben verbit⸗ tere; wußte ſie auch, daß er ſie doch von Herzen liebe und daß er dieſe unbedachten Ausbrüche ſeiner Heftigkeit bald bereue, ſo litt ſie doch darunter und hauptſächlich der Tochter wegen, der das Vaterherz entfremdet war. Was dieſer der Vater ſchon von früheſter Jugend an entzog, er⸗ ſetzte ihr die Mutter in reichem Maße; Marie fühlte dies mit dem ſcharfen Inſtinkt, der Kindern eigen iſt, bald heraus, und das ſchelmiſche, liebliche Kind, das in ausgelaſ⸗ ſener Fröhlichkeit um die Mutter ſpielte und lachte, ver⸗ barg ängſtlich zitternd das blonde Lockenköpfchen in deren Schooß, wenn der finſterblickende Vater von der Jagd heim kehrte. Als Marie größer und verſtändiger wurde, verlor ſich dieſe unnatürliche Scheu, die das Herz des Vaters noch kälter für ſie ſchlagen ließ, mehr und mehr, denn ſie lernte ſeinen biedern, geraden Charakter ſchätzen und vermochte nun die mancherlei kleinen Sorgen zu verſtehen, die auf ſeinen Gemüthszuſtand Einfluß haben mußten, aber alle dem blieben ſich die beiden Herzen fremd, und die ter fürchtete den Vater mehr, als ſie ihn liebte. 8 ¹ 1 Vervollſtändigt wurde jetzt die kleine Familie durch Wilhelm Nordmann, kurzweg im Hauſe Wilm genannt, den zwanzigjährigen Sohn des erſten Kammerdieners des alten Grafen, den letzterer beim Tode des Vaters, ſeiner Neigung zur Erlernung der Jägerei gemäß, dem alten Theißen in die Lehre gegeben hatte und deſſen Eifer und Thätigkeit dieſer auch in ſeinen vorurtheilsfreien Augen⸗ blicken wohl anzuerkennen und zu loben wußte. Wilm war ein hübſcher, wohlgewachſener Jüngling von aufgewecktem 4 Verſtande, heiterem Gemüth und bravem Herzen; er beſaß natürliche Anlagen zu einer eleganteren Tournüre, als man ſie wohl in ſeinem Stande erwarten konnte, und die 1 von ſeinem Vater erhaltene Erziehung, der im gräflichen Schloſſe lange Zeit gelebt hatte, hatte dieſe ausgebildet. Vater Moritz konnte darum wohl den Gedanken faſſen, daß Marien’'s Augen ſo viele liebenswürdige Vorzüge nicht ganz unbeachtet entgehen würden und daß das freundſchaft⸗ liche Verhältniß, welches das von der Außenwelt abgeſchloſ⸗ ſeene Leben der beiden jungen Leute in ihrem täglichen nahen jung g Zuſammenſein hatte herbeiführen müſſen, leicht einem tie⸗ feren, innigeren Gefühle Platz machen könnte. Das wünſchte aber der Alte um keinen Preis, denn er hatte 4 3 andere Abſichten mit Marie im Sinn, und, wie er es hon vorher gegen ſeine Frau erwähnt hatte, war in ſeinen gen Wilm's Vermögensloſigkeit ein unüberſteigbares erwarte er eine beifällige Aeußerung Theißen’s übe; 9 Hinderniß, um die Hand der Tochter zu werben; er war auch feſt entſchloſſen, in keinem Falle ſeine Einwilligung zu einem ſolchen Vorhaben zu geben, und wie er nie einen Widerſpruch von ihm Untergebenen litt, war er der An⸗ ſicht, daß die Herzenswünſche des jungen Mädchens ſeinen berechnenden Verſtandesgründen nachſtehen müßten. In ſeine Gedanken verſunken, bemerkte der alte Thei⸗ ßen nicht den jungen blondgelockten Jägersmann, der, ein fröhliches Lied vor ſich hin ſummend, auf dem ſchmalen zum Forſthauſe führenden W Laldwege langſam heranſchritt; er hatte die Büchsflinte über die Schulter geworfen, und die gefüllte Jagdtaſche, ſo wie das fröhliche Geſicht, ſchie⸗ nen zu bekunden, daß er von dem Erfolge ſeines heutigen Streifzuges zufriedengeſtellt ſei. Erſt als die Hunde an⸗ ſchlagend aufſprangen und freundlich wedelnd dem jungen Manne entgegeneilten, ihn mit begrüßenden Liebkoſungen umgebend, blickte der Alte auf, aber ſeine Miene verfin⸗ ſterte ſich noch ein wenig mehr, und er erwiderte den herz⸗ lichen„Guten Abend, Vater Theißen!“ den Jener ihm bot, nur mit einem gleichgültigen Kopfnicken. Der unfreundliche Empfang ſchien Wilm Nordmann nicht beſonders zu kümmern; er war ihn wohl ſchon ge⸗ wöhnt und kannte die Launen ſeines Meiſters. Dii einem ſorgloſen Blicke klopfte er auf die gefüllte Jagdtaſche, 10 Reſultat der heutigen Jagd, wie dieſe aber auch ausblieb, trug er die Taſche in das Haus und legte dort ſeine Beute, ſo wie ſein Jagdzeug ab. Als er nach einer Weile wieder zurückkehrte, ſetzte er ſich ohne Umſtände neben dem Alten auf die Bank nieder und ſchlug ſich Feuer an, um ſeine Pfeife anzuzünden. Eine Zeit lang hatten die beiden Männer, ohne ein Wort zu wechſeln, neben einander geſeſſen, als der jüngere endlich in unbefangenem Tone begann: „Ein ſchöner Abend heute, Vater Theißen.“ Der Alte beharrte in ſeinem Schweigen und dampfte große Rauchwolken vor ſich hin. „Wenn Ihr nichts dagegen habt, möchte ich mit der Marie wohl nach Breitenſee hinübergehen; ſie will der alten Weber'n, der Käthnerwittwe, die, wie Ihr wißt, ſchon ſeit ein Paar Monaten bettlägerig iſt, ein wenig Wäſche hinüberbringen, und für mich giebt es ja wohl hier nichts mehr zu thun,“ fuhr der junge Mann fort. „Laß das Mädchen ihre Geſchäfte allein beſorgen; was kümmert's Dich?“ brummte der Alte in verbiſſenem Grimme.„Uebrigens ſoll mir die Marie auch nicht wie eine liederliche Dirne Nachts im Walde umherlaufen, und am wenigſten ſchickt ſich das mit jungen Burſchen.) Wilm ſah ihn verwundert von der Seite an, aber 4 11 kein Zug in dem offenen Geſichte verrieth eine Beſtürzung, die den Verdacht des Alten beſtätigt hätte. „Wie Ihr meint, Vater Theißen,“ erwiederte er ruhig;—„ich dächte aber, die Abſicht der Marie, die alte hülfloſe Frau in ihrer Noth zu unterſtützen, wäre recht edel und lobenswerth, und—“ „Biſt Du der Anwalt der Tochter gegen den Vater?“ fragte Theißen heftig, ihn ſcharf anblickend. Wilm begriff die ſchlechte Laune des Förſters nicht, aber er ſchwieg, denn er wußte, wie böſe den Alten oft ſein körperliches Leiden ſtimmte und wie ſeine Heftigkeit in ſolchen Augenblicken keine Gränzen kannte. Nach einer Pauſe begann er von Neuem: 6 „Ich glaube, der Franz wird Euch heute Abend be⸗ ſuchen; ich begegnete ihm am Nachmittage bei der Birken⸗ ſchonung, und er ſagte mir, er wolle ſehen, ob ihm ſeine Zeit erlaube, herüberzukommen.“ „Will die Marie darum nach Breitenſee?“ brummte der Alte mißtrauiſch. „Ich glaub's kaum,“ meinte Wilm gleichgültig,— „denn ich habe ſie noch nicht geſprochen, und woher ſollte ſie's ſonſt wiſſen und warum dem Franz aus dem Wege gehen wollen?“ „Nun, ich weiß's beſſer; laßt Euch aber nicht ein fallen, dem Alten in ſein Gehege zu kommen, wenn J 12 ihn nicht von einer böſen Seite kennen lernen wollt!“ rai⸗ ſonnirte der Förſter mit drohendem Blick, und ehe Wilm Zeit gefunden hatte, ihn um Aufklärung des ihm unver⸗ ſtändlichen Benehmens zu bitten, war jener aufgeſtanden und ging in das Haus. Wilm ſchüttelte den Kopf und eine Ahnung der Wahr⸗ heit ſchien ihm zu kommen, daß der alte Mann nämlich ein Liebesverhältniß zwiſchen ihm und Marie vorausſetze und mißbillige; er wurde aber in dem Verfolgen ſeiner Vermuthungen durch das junge Mädchen ſelbſt geſtört, das in dieſem Augenblicke nichts ahnend aus der Haus⸗ flur trat. 8. wirklich eine Erſcheinung, die hinreißen und entzücken konnte. Die einfache ländliche Tracht, ein geſtreifter wol⸗ lener Rock, das ſchwarze enganſchließende Sammetmieder, hob die runden, vollen Formen der zierlichen mittelgroßen Marie Theißen, wie ſie, von den letzten Strahlen der Abendſonne vortheilhaft beleuchtet, ſo daſtand, war Geſtalt vollkommen hervor, und die zarte weiße Haut der Arme wetteiferte mit der Farbe der blendend reinen wei⸗ ten Aermel, die erſtere bis zum Ellenbogen verhüllten. Die dunkelblonden Haare, deren reiche Fülle in zwei lan⸗ gen Zöpfen auf den Rücken niederfiel, entbehrten jedes anderen Schmuckes als eines einfachen ſchwarzen Sammet⸗ bandes, das jene hielt; man war aber auch gar nicht ver⸗ 13 ſucht, nach irgend einem künſtlichen Schmucke zu verlan⸗ en, wenn man in das liebliche Geſicht blickte, das mit ſeinen dunkelblauen Augen eine ſ eelenvolle Güte und Sanft⸗ muth ausſprach, während der leiſe Anflug von Melancho⸗ lie, der darüber gebreitet lag, den anziehenden Reiz noch erhöhte, umſo ungewöhnlicher er bei der blühenden Jugend⸗ friſche der Jungfrau erſcheinen mußte. Auch Wilm, deſſen Empfindungen durch das Ge⸗ ſpräch mit dem alten Theißen in Bezug auf das Mädchen höher angeregt waren, mußte heute dieſe Bemerkung machen, denn er vergaß, ſie zu begrüßen, und hielt ſeine Augen, ganz in Bewunderung verſunken, feſt auf ſie gerichtet, bis ſie mit lieblicher Stimme ſagte: „‚Haſt Du denn gar keinen Guten Abend für mich, Wilm ſitzeſt Du doch da ſo ſtumm und gedankenvoll, als hätteſt Du Alles um Dich her vergeſſen.“ 3 Der Jüngling war aufgeſprungen, und nachdem er ſchnell einen ängſtlichen Blick auf die offenſtehenden Fen⸗ ſter geworfen hatte, ob ihn der Alte auch nicht hören könne, ſagte er in herzlichem Tone: 13 floſſen Dich die Abendſtrahlen eben ſ meinte, ein Engel des Himmels träte zu mir her „Beſter Wilm, ſpotte meiner nicht,“ erwier unnd verſuchte, ein wenig böſe auszuſe .„Du ſollteſt Dich lieber zu dem Gange nach Breitenſee bereit machen, anſtatt ier zu ſchwärmen, denn wir haben noch ein gutes Stück 8 „Daraus wird heute nichts,“ enttgegnete Wilm ziem⸗ lich unmuthig,—„und auch daran dachte ich Wt inmal in ſeiner unerträglichen will Dir nicht die Erlaubniß geben über zu gehen; er meint, es ſei ſchon zu ſpät dazu.“ „Aber, mein Gott, ich gehe ja o ◻ 8 — S = 49 „ Ueberdies bekommen wir heute noch vermuthlich Beſuch, der Franz ließ ſich durch mich ankündigen.“ 3 „Der Franz Wernecke!“ . ſtammelte Marie, und ihre Wangen wurden noch bleicher. ¹ 5 „Verſuche freundlich mit ihm zu ſein, Du brauchſt 4* ihm deshalb ja doch keine Hoffnung zu geben, wenn u 15 ihn einmal nicht leiden magſt,“ rieth Wilm mit flüſtern⸗ der Stimme und trat unter die Hausthür.„Ich will Dir erzählen, Marie, was der Vater ſoeben mit mir ge⸗ ſprochen hat, und Du wirſt mir Recht geben, daß bei ſei⸗ ner gereizten Stimmung ein bischen ſcheinbares Nachgeben gut iſt.“ Und der junge Mann erzählte dem ängſtlich horchen⸗ den Mädchen leiſe, welche Worte der alte Theißen geäußert hatte, ohne ſich eine Erklärung durch ſeine eigenen Ver⸗ muthungen zu erlauben. Marien's Auge wurde immer trüber, und als er geendet hatte, ſagte ſie mit einem unter⸗ drückten Seufzer: „Dann werde ich hier bleiben müſſen, denn ſage ich ein Wort, ſo würde ſich die Mutter meiner annehmen und es zu harten Worten zwiſchen ihr und dem Vater kommen. Aber Wilm, Du könnteſt mir wohl einen gro⸗ ßen Dienſt erweiſen,“— und ſie blickte ihn dabei ſo innig bittend mit ihren ſchönen Augen an, daß der Jüngling ihren Wunſch unmöglich hätte abſchlagen können,—„und Du erwirbſt Dir auch einen Gotteslohn damit, wenn Du nach Breitenſee zu der alten Frau allein gingeſt und ihr hin⸗ brächteſt, was ich ihr verſprach.“ „Gern, Marie,“ erwiederte Wilm bereitwillig;— „ich wollte, ich könnte noch zehn Mal ſo weit für Dich gehen, wenn Du mich ſo freundlich anblickſt. Außerdem, 16 weißt Du auch, liebe ich den Franz nicht beſonders, ob⸗ gleich wir Schulkameraden ſind und uns äußerlich ganz gut ſtehen, ſchon deßhalb nicht, weil er Dir nachläuft, da Du ihn doch nicht leiden magſt, wie er ſchon lange geſehen haben muß; ich bedaure daher gar nicht, heute Abend nicht zu Hauſe zu ſein.“ Nachdem Wilm noch einen freundlich dankenden Blick von dem Mädchen und die Erlaubniß zum Ausgehen von dem alten Förſter erhalten hatte, wanderte er, ein Bündel Wäſche für die kranke Frau in der Hand, wohlgemuth nach Breitenſee, und die friſchen Töne des luſtigen Jägerliedes, die aus ſeiner Bruſt kamen und weit im Walde wider⸗ hallten, klangen gar nicht danach, als ob dieſe von ſchwerer Liebespein bedrückt würde. Marie ſah ihm von der Hausthür aus noch eine Weile nach, bis er im Walde verſchwand, nachdem er ihr noch einmal grüßend zugewinkt hatte, und deutlich lag der Aus⸗ druck tiefer Schwermuth wieder auf ihrem Geſichtchen, als ſie ſich in das Innere des Hauſes zurückwandte. Hier ſaß jetzt der alte Theißen auf ſeinem Sorgen⸗ ſtuhle und las verdrießlichen Geſichts in einem alten Ka⸗ lender, während er ſeine Pfeife dampfte, und Mutter Martha, die es bei ſeiner Laune auch für beſſer halten mmochte, zu ſchweigen, war emſig mit Wirthſchaftsanord⸗ nungen beſchäftigt, konnte ſich aber doch nicht entha 4. 4 1 ₰ — 17 dem in Folge des früheren Geſprächs mit ihrem Manne ſie überkommenen Aerger zuweilen dadurch Luft zu machen, daß ſie einen Topf härter auf den Tiſch ſetzte, als es eigentlich nöthig war, oder der Hauskatze, die eben zu naſchen gedachte, einen Beſen nachwarf. Als ſie ihre Arbeit geendigt hatte, nahm ſie ihr Strickzeug und begab ſich mit den Worten:„Komm, Mädchen, wir wollen uns vor die Thür ſetzen!“ hinaus, wohin ihr die Tochter bald mit ihrer Handarbeit folgte. „Marie,“ begann ſie nach einer Weile, mit einem ernſten forſchenden Blicke auf das Mädchen,—„ich habe vorher einen Streit mit dem Vater gehabt und zwar Deinetwegen; er behauptet, Dein ganzes Weſen wäre ſeit. einiger Zeit verändert und Du liebteſt.“ Marie erblaßte und erröthete im ſchnellen Wechſel; ihre Stimme zitterte, als ſie ängſtlich ſagte: „Mutter!— wie kann der Vater ſo etwas be⸗ haupten?“ „Er meint, Du liebſt den Wilm?“ fuhr die Alte fragend fort, und auch ihr Geſicht erheiterte ſich ſchnell wieder, als die Tochter ſie einen Augenblick ungläubig anſah und dann ein leichtes Lächeln ihren Mund umſpielte. „Der Vater täuſcht ſich wirklich,“ ſagte Marie mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel an der Wahrheit ihrer 8 Wcorte ließ. 1888. XVIII. In Wald und Schloß. I. S— „Nun, das habe ich ihm auch geſagt, aber es iſt ſo ſchwer, ihm ſeinen Eigenſinn aus dem Kopfe zu reden,“ ſagte die Alte triumphirend.„Ich wußte es ja, Marie, daß Du Deiner alten Mutter, die Dich ſo unausſprechlich liebt, vertraut haben würdeſt, was Dein Herz drückt; wäre es nicht eine Sünde, wenn dem nicht ſo wäre?“ Die Tochter unterdrückte einen ſchweren Seufzer, und über ihr Geſicht flog ſchnell wieder eine dunkle Wolke, als ſie ſich, wie von tiefem Gefühle bewegt, auf die Hand der Mutter niederbeugte, um dieſe zu küſſen. „Ich weiß am beſten, was Dir Kummer macht, mein armes Mädchen,“ fuhr die Alte gerührt fort und ſtreichelte den blonden Scheitel ihres geliebten Kindes,—„aber ich darf es unſerem Alten nur nicht ſagen, denn er würde gleich wieder darüber toben, und der liebe Gott, auf den ich ſtets in meiner Noth vertraut habe, wird wohl auch ein Mittel finden, den harten Sinn des Vaters zu lenken und uns von dem Franz zu befreien, den ich eben ſo wenig zum Schwiegerſohne haben mag, als Du zum Gatten. Sei nur ruhig, mein Töchterchen, Du biſt viel zu gut und zart für den wilden Burſchen und er ſoll ſich nie rühmen, mein Täubchen aus dem Neſte geführt zu haben, ſo lange ich noch lebe. Brauchſt nicht zu weinen, Kind, ſonſt ſchilt der Vater wieder über Deine rothen Augen.“ 4— „Der Franz kommt heute noch zu uns herüber,“ L 1 19 flüſterte das Mädchen bange;—„der Wilm hat's mir geſagt.“. „Laß ihn kommen und ſei freundlich gegen ihn, wie gegen jeden Andern,“ tröſtete die Mutter;—„nur wenn er ſich unterſtehen ſollte, ſich Freiheiten herauszunehmen, ſo weiſe ihn ordentlich ab, wenn auch der Vater dabei iſt. Ich ſage Dir, er bekömmt Dich doch nicht, und wenn ich mich auch mit meinem Alten ernſtlich überwerfen ſollte, was bisher in unſerer dreißigjährigen Ehe noch nie ge⸗ ſchehen iſt.“. „Du biſt ſo gut, Mutter,“ ſagte Marie innig und es ſchien, als wolle ſie, ganz von ihrem Gefühle hin⸗ geriſſen, der Alten noch eine peinliche Eröffnung machen; ehe ſie dafür aber Worte finden konnte, ſchreckte ſie heftig zuſammen, denn um die Ecke des Waldweges bog in dieſem Augenblicke der gefürchtete Beſucher, der Leibjäger des jungen Grafen. Franz war ein hübſcher, junger Mann von wohl⸗ gebildeter, kräftiger Geſtalt, welcher die reiche Kleidung, die ſeine dienſtliche Stellung vorſchrieb, gut ſtand; ſeine gewandten, ſicheren Bewegungen verriethen, daß er ſich das Benehmen der im Schloſſe verkehrenden, höher ge⸗ ſtellten Perſonen möglichſt zu eigen gemacht hatte. Sein friſches, gebräuntes Geſicht mit blitzenden, dunkeln Augen und dem kühn geſchnittenen Munde, den ein ſtarker brauner 2* 4 20 Schnurrbart überſchattete, ſprach Kraft und Entſchloſſen heit aus, aber auch, was Marien und ihrer Mutter vor⸗ züglich mißfiel, eine unbeugſame Härte und Verſchloſſenheit des Gemüths. Man konnte nichts Anderes als letzteres an dem jungen Jäger ausſetzen, denn er war brav, treu und ein Liebling des jungen Grafen, der ihn auf ſeinen Reiſen mit ſich genommen und ſeine Dienſte ſchätzen ge⸗ lernt hatte. Letzterer Umſtand beſonders bewog den alten Förſter Theißen, ſich Franz als Schwiegerſohn auszu⸗ erſehen, ſobald er deſſen Neigung für ſeine Tochter ge⸗ wahrte; er berückſichtigte dabei durchaus nicht das Herz des jungen Mädchens und ſtellte den Einwendungen der Mutter nur die Antwort entgegen, er halte Franz nicht, wie ſie, für verſtockt und keines weichen, edlen Gefühls fähig, ſondern für ſtark und feſt, wie es der Mann ſein müſſe, übrigens aber ſei es eine Thorheit, einen Bewerber auszuſchlagen, dem ſich durch die Gunſt des Herrn Grafen ſo viele Ausſichten auf eine nicht allein ſorgenfreie, ſon⸗ dern auch glänzende Exiſtenz eröffneten. Zu Marien ſelbſt hatte der Alte bisher noch nicht von ſeiner Abſicht, ſie an Frranz zu verheirathen, offen geſprochen, aber ſein wohl⸗ gefälliges Lächeln, wenn er die beiden jungen Leute zuſam⸗ menſah und der Jüngling ſich in zärtlichen Aufmerkſam⸗ keiten für das Mädchen erſchöpfte, ſeine gerunzelte Stirr, wenn Marie anfangs deutlich ausſprach, Franz gefalle ihr 2 21 gar nicht und ſie könne kein Vertrauen zu ihm faſſen, ſagten ihr deſto deutlicher, daß der Tag kommen werde, an dem er entſchieden ſeine Abſicht und ſeinen Willen kund geben möchte; ſie fürchtete jeden Tag dieſen Ausbruch. Als der Jäger den Frauen nahe gekommen war, zog er mit halb ehrerbietigem, halb vertraulichem Gruße ſeinen Hut, und ſein Auge ruhte entzückt auf dem ſchönen Mädchen. „Zürnt mir nicht, Frau Martha, und Ihr, reizende Marie, wenn ich Euch mit meinem Beſuche läſtig fallen ſollte,“ begann er.„Nachdem Ihr vor drei Tagen ſo kalt und verſtimmt gegen mich waret, Marie, habe ich ſeltener kommen zu wollen gedacht, aber die Sehnſucht nach dem lieben Hauſe hier ließ mir keine Ruhe, und als ich heute dem Wilm begegnete, faßte ich mir ein Herz und bat ihn,⸗ meinen Beſuch anzukündigen.“ „Seid uns willkommen,“ ſagte die Alte kalt, ohne ſich von ihrem Sitze zu erheben, während die Tochter einige unverſtändliche Worte der Begrüßung ſtammelte, ohne zu dem vor ihr Stehenden aufzublicken;—„der Wilm iſt ausgegangen und meinen Mann findet Ihr drinnen in der Stube.“. 1.„Wollt Ihr mir erlauben, mich einſtweilen zu Euch 1 herzuſetzen?“ fragte der Jäger kühn und war im Begriff, ſich neben Marie niederzulaſſen, aber die Alte unterbrach ihn ſchnell mit den Worten: — * —ꝛʒ— 22 „Begrüßt nur erſt meinen Alten, der Euch ſchon ungeduldig erwartet; Ihr ſtört ihn drinnen nicht.“ Der Jäger biß ſich ärgerlich auf die Lippen, aber er wollte es mit der Mutter ſeiner Angebeteten nicht ver⸗ derben und folgte ſchweigend ihrem Gebote. „Gott grüße Dich, Franz!“ rief ihm der Förſter bei ſeinem Eintritte freudig entgegen und ſtreckte ihm beide Hände mit herzlicher Freude hin;—„es iſt recht von Dir, daß Du heute zu uns kommſt, mein Junge, denn ich habe Dich lange nicht geſehen.“ „Ihr wißt, Vater Theißen, ich komme ſtets gern in Euer Haus,“ erwiederte Franz mit finſterem Geſichte,— „aber nachdem Eure Marie neulich ſo auffallend unfreund⸗ lich war, genirte es mich,“—„. „War ſie das, das Wettermädel?“ rief der Alte heftig;—„das habe ich ja gar nicht bemerkt, denn im Alter und bei meinen Schmerzen hat man nicht immer Augen für Euch junges Volk. Alſo die Marie hat Dich beleidigt?— Ei, da ſoll das Mädchen doch—“ „Laßt es gut ſein, Vater, mir zu Gefallen,“ bat der Jäger.„Seht, Ihr reizt durch Eure harten Worte das Maädchen noch mehr gegen mich und wenn ſie mich einmal nicht lieben mag, ſo gehe ich lieber und mag ihr nicht zur Laſt fallen, ſo ſehr ich ſie auch liebe.“ „Nein, das ſollſt Du nicht, Junge,“ rief der Förſter 23 böſe.„Ich bin der Vater und Herr im Hauſe, und ich will dem Mädchen den Wilm aus dem Kopfe treiben, oder es ſoll nicht gut gehen.“ „Beruhigt Euch, Vater Theißen,“ bat der Jäger dringender;—„Ihr ſeht ja, daß ich dieſes Mal wieder⸗ gekommen bin und daß meine Liebe ſtärker als der Stolz war; ich bitte Euch nochmals, laßt es mich mit der Marie allein ausmachen, ich bin Mann genug dazu. Was ſagt Ihr aber da von dem Wilm, wovon Ihr noch nie zu mir geſprochen habt?“ „Daß der Burſche dem Mädchen den Kopf verdreht hat,“ rief der Alte, der die Vorſicht über ſeinem Zorn vergeſſen hatte,—„dieſer bettelarme Burſche, den mein Weib auch begünſtigt, ohne daran zu denken, wovon er⸗ dereinſt eine Frau ernähren ſoll.“ „Der Wilm?“ fragte Franz erſtaunt und rieb ſich die Stirn.„Ich kann's kaum glauben, Vater.“ „Und doch wird's ſo ſein,“ rief der Alte ärgerlich,— „ich bin davon überzeugt; aber mache Dir keine Sorge deshalb, Franz, Du bekommſt das Mädel und kein Anderer, ſo wahr ich Moritz Theißen heiße und mit Ehren grar 1 24 Heftigkeit des Alten benntzend, ſich dieſes Verſprechen zu ſichern. „Da haſt Du ſie, Franz,“ ſagte der Förſter ent⸗ ſchieden und ſchlug in die dargebotene Rechte des Jägers ein.„Und damit ich nicht wider meinen Willen zum wort⸗ brüchigen Lügner werde, ſage ich Dir, daß Ihr nächſten Sonntag die Verlobung feiern ſollt, wenn's Dir recht iſt.“ „Mir recht?“ rief Franz erfreut.„ Ihr wolltet wirklich die Marie bewegen, ſich öffentlich mit mir zu verloben?“ 3 „Die Marie bewegen?“ fragte der Förſter verächtlich. „Jſt ſie nicht meine Tochter und hat das vierte Gebot des Herrn gelernt? Wir werden den Sonntag hier Gäſte haben, denn ich gedenke, öffentlich und mit ſo viel Aufſehen als möglich zu handeln, wo ich Niemanden zu ſcheuen habe. Vorläufig aber, Franz,“ ſetzte er mit einem Blicke nach dem Fenſter leiſer hinzu,—„wirſt Du gegen jeden Men⸗ ſchen, gegen die Marie und vorzüglich meine Frau auch ſchweigen, denn ich mag nicht den ganzen Tag Klagen hören und verweinte Augen ſehen, und ich will ſie Beide am Sonntag überraſchen, verſtehſt Du?“ Der Jäger nickte bejahend; er ließ ſich neben dem Alten auf einen Stuhl nieder, und Beide unterhandelten nun flüſternd über den Plan, deſſen Ausführung nur noch wenige Tage aufgeſchoben bleiben ſollte. Die Abſicht des N 25 Förſters war, unter irgend einem Vorwande eine Geſell⸗ ſchaft ſeiner Genoſſen und der bekannten Beſitzer aus Breitenſee mit ihren Familien zu ſich einzuladen und dann beim fröhlichen Mahle ohne weitere Unterhandlungen mit ſeiner Frau und Tochter, der letzteren Verlobung mit Franz bekannt zu machen; er rechnete ſicher darauf, daß dies das beſte Mittel ſei, der fatalen Ungewißheit ein Ende zu machen. Franz war vollkommen mit ihm einverſtanden und verſprach, das Geheimniß zu bewahren. Inzwiſchen hatten auch Martha und ihre Tochter die laute zornige Stimme des Vaters in der Stube vernom⸗ men und ſich gegenſeitig darauf aufmerkſam gemacht; man konnte in der Laube kein Wort deutlich verſtehen, da die Fenſter des Zimmers, in dem ſich der Alte und Franz befanden, nach der Giebelſeite des Hauſes hinauslagen. „Gehe doch einmal hin und horche, was der Alte da wieder zu poltern hat,“ ſagte Frau Martha neugierig zu ihrer Tochter;—„ſicherlich geht's wieder über Dich her.“ „Mutter, iſt es auch wohl recht, zu horchen?“ fragte as Mädchen ängſtlich, denn ihr richtiges Gefühl ſträubte ſich gegen die Verlockung der Neugier. 3 „Das iſt wahr, Marie,“ meinte die Alte mit eini Beſchämung;—„der Horcher an der Wand hört 3 eig'ne Schand'. Laß ſie ſprechen, wovon ſie wollen, der Franz führt Dich doch nie heim.“ 26 Die beiden Frauen, die eine Gewaltthat, wie man ſie vorhatte, nicht ahnten, ſetzten ihr Geſpräch ruhig fort, bis der Förſter, auf Franzen's Arm geſtützt, zu ihnen vor das Haus trat. Sein Geſicht war heiterer, als gewöhnlich, denn er freute ſich des ſchönen Planes, den er entworfen hatte und deſſen Ausführung ihm Genugthuung an Martha geben ſollte, die er beargwöhnte, ihn in Betreff Marie's und Wilm's zu täuſchen. Die heitere Laune des Vaters Theißen beruhigte auch die Frauen und ſie freuten ſich ihrer, daher wurde die gemeinſame Unterhaltung, nachdem die einfache Abendmahlzeit aufgetragen worden, ungeſtört fortgeſetzt und die alte Martha vergaß beinahe ihren Un⸗ muth gegen Franz, der ſich dieſen Abend auch aufgeräum⸗ ter und geſprächiger als ſonſt zeigte und viel von den gro⸗ ßen Reiſen erzählte, die er mit dem jungen Grafen gemacht hatte. Selbſt Marie war eine aufmerkſame Zuhörerin ſeiner Wonte und ihre Blicke leuchteten in ſo lebhaftem In⸗ tereſſe daran, daß Franz, der es bemerkte, ſich geſchmeichelt fühlte, denn er zweifelte nicht, ſie feſſele die Art ſeines Dortrags. Vergeblich ſuchte Franz heute wieder eine Gelegenheit, nit dem jungen Mädchen allein zu ſein, um zu ihr von ſeiner Liebe ſprechen zu können, denn die Mutter wußte dies ſtets zu verhindern; wenn er nun auch ſicher die Aus⸗ ſicht vor ſich hatte, die Hand Marien's zu erlangen, ſo 27 wäre es ihm doch lieber geweſen, zu dieſem Ziele auf eine mildere Art zu gelangen, denn er ſah voraus, der vom Vater beabſichtigte Zwang würde ihm das Herz des Mäd⸗ chens noch mehr entfremden. Endlich fand ſich eine Gele⸗ genheit, wie er ſie wünſchte, denn Mutter Martha entfernte ſich, um das bei der Mahlzeit gebrauchte Geſchirr abzu⸗ räumen, während Marie auf das Gebot des Vaters blei⸗ ben mußte; dieſer, der aber wahrſcheinlich denſelben Zweck wie ſein zukünftiger Schwiegerſohn erſtrebte, erhob ſich bald darauf, um für dieſen und ſich ſelbſt Pfeifen zu holen. Niedergeſchlagenen Auges und innerlich bebend ſaß ſie vor ihrem Anbeter in Erwartung der Worte, die er an ſie richten würde, während er ſelbſt in Bewunderung ver⸗ ſunken, ſeine Abſicht, mit ihr zu ſprechen, faſt vergaß. Franz liebte Marie wirklich, wie ſein Herz der Liebe fähig war; hätte das Mädchen aber in ſein Herz blicken können, ſo würde ſie ſich von dem überzeugt haben, was ſie ahnte, daß dieſe Liebe kein edles, heiliges Gefühl war, ſondern nur die leidenſchaftliche Begierde, ſie zu beſitzen. „ Ich danke Ench, Marie, von Herzen, daß Ihr heute freundlicher und nicht wieder ſo hart, wie neulich, gege mich geweſen ſeid,“ begann der Jüngling nach einer langen Pauſe in weichem Ton, der ſeinem übrigen Weſen ga⸗ nicht entſprach.„Ihr wißt nicht, wie wohl und wehe Ihr mir gerade thun könnt, ſonſt würdet Ihr ſicherlich nie 4 28 mals hart gegen mich ſein. Wollt Ihr mir nicht eine Ant⸗ wort geben, ſchöne Marie?“ „Ich weiß nicht, warum Ihr ſo hohen Werth auf„ meine Worte zu legen behauptet,“ erwiederte ſie befangen; —„wenn dem aber ſo iſt, ſo mag es Euch zum Troſte gereichen, daß ich nicht die Abſicht hatte oder je habe, Euch zu kränken, da Ihr ein Freund meines Vaters ſeid.“ „Nur deshalb?“ fragte der Jäger mit mühſam ver⸗ hehltem Unmuth;—„wird es denn nie möglich werden, daß Ihr ſelbſt in mir auch einen Freund ſeht?“ „Ich haſſe Euch nicht, Franz,“ ſagte Marie und 8 ſchlug die Augen zu ihm in die Höhe. „Aber Ihr liebt mich auch nicht,“ erwiederte Franz heftig, denn der Blick des Mädchens hatte alle ſeine Leiden⸗ ſchaftlichkeit wieder geweckt;—„ich bin Euch gleichgültig,f und das iſt für eine ſtarke Seele ein empfindlicheres Wort, als der Haß.“ „Ich kann meinem Herzen nicht gebieten, was Ihr verlangt und was es nie fühlen wird,“ verſetzte Marie feſt, denn nun, da ſie die Scheu vor dieſem Geſpräche glück⸗ lich überwunden hatte, hoffte ſie, ein offenes Wort werde den jungen Mann ganz von ſeiner nutzloſen Werbung abſchrecken. „Ich weiß es, warum Ihr ſo ſprecht,“ rief der belei⸗ ſedigte Franz heftig;—„Ihr liebt einen Andern.“ 6 „ 29 *ℳ Das Mädchen erbleichte plötzlich, und einen Augen⸗ blick fühlte ſie ſich dem Umſinken nahe, aber ihre kräftige Natur widerſtand dieſer Schwäche; es ſchien, als ſei ſie auf das Höchſte beſtürzt, das tief im Herzen verſchloſſene Geheimniß verrathen zu ſehen, und Franz, der ſelbſt der Eröffnung ihres Vaters keinen rechten Glauben geſchenkt hatte, da er Wilm zu gut zu kennen meinte, fühlte ſich von ihrer augenſcheinlichen Beſtürzung zu dem Glauben bewo⸗ gen, der alte Theißen habe doch ſchärfere Augen als er „ ſelbſt gehabt; ſein Zorn war daher auf das Höchſte geſtie⸗ gen, als er mit zitternder Stimme ſagte: „Ich kenne Euren ſaubern Liebhaber, Marie, ein Zu⸗ fall hat mich dieſe Entdeckung machen laſſen, aber mögt Ihr und er ſich vor mir hüten, denn mein Rachefühl kennt keine Grenzen.“ Es war ein Glück für das Mädchen, das in dieſem Augenblicke ihr Vater aus dem Hanſe zurück kehrte und daß er ihre und Franzen's Aufregung nicht bemerkte. Letz⸗ terer hatte ſich zuerſt geſaßt und ſein Geſicht war wieder kalt und ruhig, Marie aber er erhob ſich ſchnell und eilte zur Mutter, ſie in ihrer wirthſchaftlichen Pflicht zu unte ſtützen. Warum klagte ſie der alten Frau, die ganz a ihrer Seite gegen Franz und den Vater war, nicht des erſteren unverſchämte Worte und Drohung?— Sie mußte wohl einen beſondern Grund dazu haben, denn ſie ſchwieg, aber ſie mußte auch bitter darunter gelitten haben und noch leiden, wie das leiſe, kaum merkbare Beben ihres ganzen Körpers verrieth. Franz hielt es auch nicht für nöthig, ſeinen eben ſtatt⸗ gefundenen Wortwechſel mit Marien ihrem Vater mitzu⸗ theilen, denn er hatte ſich vorgenommen, mit Wilm ſelbſt zu ſprechen, ſobald ſeine Verlobung erfolgt ſei und er ſich dadurch ein Recht auf das Mädchen erworben habe. Der übrige Theil des Abends verging ohne jeden beſondern Vorfall, nur war die Stimmung allgemein ge⸗ drückter, wozu Marien's und Franzen's Weſen Veranlaſ⸗ ſung gab, obgleich man den Grund deſſelben nicht errieth. Als es ſchon ſtark dunkelte, ſchied Franz, von ſeiner beſtimm⸗ ten Braut und deren Mutter kalt begrüßt, während der alte Theißen ihm mit verſtohlenen Lächeln zuflüſterte, guten Muthes zu ſein. Franz ſchritt, finſter vor ſich hinblickend, durch den dunkeln Wald dem Gute Breitenſee zu, wo er auf dem gräflichen Schloſſe wohnte. Geſpenſtiſch ſäuſelten die hohen Baumkronen im Nachtwinde, hin und wieder tönte der gellende Schrei einer Nachteule weithin durch den Wald, und am Himmel zogen ſchwere dunle Wolken; der Wald war unheimlich zu dieſer ſpäten Stunde, aber noch unheim⸗ licher war es in dem Herzen des Jägers, denn die durch Ma⸗ rien's Abweiſung verletzte Eitelkeit, der Neid gegen Wilm, den 31 er für begünſtigter von ihr hielt, hatten böſe Gedanken der Rache in ihm erregt und vergeblich ſuchte das beſſere Ge⸗ fühl in ihm dagegen anzukämpfen. Er war noch nicht weit auf dem ſchmalen Waldwege fortgegangen, als er die Schritte eines ihm Entgegenkommenden vernahm. Unwill⸗ kürlich faßte er nach der kurzen Büchſe, die er über die Schulter gehängt hatte, denn ſein erſter Gedanke war an einen hier nicht ſeltenen Wilddieb, aber ſchnell erinnerte er ſich, daß er gehört habe, Wilm ſei nach Breitenſee gegan⸗ gen und werde um dieſe Zeit ungefähr zurück erwartet; in demſelben Augenblicke hörte er auch des jungen ihm be⸗ freundeten Mannes Stimme, die halblaut ein Jägerlied begann.. Franz blieb ſtehen, die Hand an die Büchſe gelegt; wer ſein Geſicht in der Dunkelheit genau hätte beobachten können, würde bemerkt haben, daß es noch finſterer wurde und daß der Mund krampfhaft zuckte. gin Gedanke drängte ſich ihm mit ſo gewaltiger Verführungskraft auf, daß er ſeine Folgen zu überlegen gar nicht im Stande war, die Hand preßte den Kolbenhals der Büchſe noch feſter. Wenn er dem verhaßten Nebenbuhler hier aus dem Dickicht zur Seite des Weges die ſichere Kugel nachſandte, ſich für im⸗ mer von ihm zu befreien und gleichzeitig ſein bitteres Rache⸗ gefühl gegen Marie zu kühlen, die er auf dieſe Weiſe am em 1 ndlichſten zu treffen meinte?— Aber es giebt ei Stimme in der Menſchenbruſt, die durch den betäubendſten Lärm der wilden Leidenſchaft hindurch dringt und deren Mahnung auch an des verhärtetſten Böſewichts Herz klopft und ſie redete in dieſem entſcheidenden Augenblicke auch zu Franz; das Wort„Mörder“, auch von dem eigenen ſtrafen⸗ den Gewiſſen im Geheimen geſprochen, durchzuckte alle Nerven mit bangem Entſetzen, und ſelbſt der ſtarke Jäger bebte davor zurück. Er warf die Büchſe wieder vollends über die Schulter und ſchritt mit einem leiſen Fluche weiter. „Guten Abend, Franz!“ rief Wilm munter, als er dem Jäger nahe genug gekommen war, um ihn zu erken⸗ nen, und reichte ihm freundlich die Hand; er konnte in der Finſterniß nicht den Kampf der böſen Leidenſchaften auf des Andern Geſicht erkennen.„Du kommſt wohl eben erſt von unſerem Hauſe? Nun, ſprich doch, alter Freund!“ „Ich bin wias mehr Dein Freund und Du biſt der meinige nie geweſen,“ erwiederte Franz barſch. 1 „Biſt Du nicht recht klug, Franz, oder wie ſoll ich 3 mir Deine Worte erklären?“ fragte Wilm halb erſtaunt, halb beleidigt. 5 „Frage Dein Gewiſſen, ob es recht i*ſt, einem Mäd⸗ chen nachzulaufen, das bald die Gattin eines Andern ſein wird, zumal wenn Du letzteren Deinen Freund nennſt?““ entgegnete Franz mit immer ſteigender Heftigkeit. „Ich glaube, der alte Theißen iſt mondſüchtig ger 33 den, denn unzweifelhaft haſt Du Deine Nachrichten von ihm,“ rief Wilm lachend, denn er erinnerte ſich ſogleich des heutigen Geſprächs mit dem Förſter und brachte Fran⸗ zen's verändertes Benehmen gegen ſich ſelbſt damit in Ver⸗ bindung.„Ich ſage Dir, daß ich nicht in die Marie ver⸗ liebt bin, Franz,“ fuhr er ernſt fort,—„obgleich ich keinen Grund habe, Dir Rechenſchaft von meinen Gedanken und Thaten zu geben; will Dich das Mädchen nicht, ſo mache das mit ihr ſelbſt ab, nicht aber mit Jemandem, der nach Deiner unbegründeten Beſchuldigung nicht mehr auf den Namen Deines Freundes Anſpruch machen wird. Gute Nacht, Franz.“ „Du lügſt!“ rief dieſer heftig und hielt den jungen Mann am Arme feſt.„Der alte Theißen hat mir nichts geſagt, wohl aber habe ich es an der Bewegung der Marie ſelbſt geſehen, als ich Deiner erwähnte.“ „Denke und ſieh, was Du willſt!“ rief Wilm erzürnt und riß ſich kräftig von Franzen's Hand los.„Ich kann Dir ſagen, daß Du die Marie niemals zum Weibe bekom⸗ men wirſt, denn ſie mag Dich nicht leiden, und es iſt Un⸗ recht von Dir, daß Du ſie mit Deinen Anträgen verfolgſt und das Herz des Vaters noch mehr gegen ſie erbitterſt. Wenn ich die Marie liebte, wie Du meinſt, ſo wäre ich viel zu ſtolz, es nicht vor Dir zu bekennen, gerade vor Dir, 1858. XVITII. In Wald und Schloß. I. den der Vater unterſtützt und der ſich ſeiner nutzloſen Wer⸗ bung nicht ſchämt.“ „Reize mich nicht durch Deine Worte!“ rief Franz außer ſich, wieder nach der Büchſe greifend,—„es giebt ſonſt hier nichts Gutes zwiſchen uns. Wir wollen doch ſehen, wer von uns in wenigen Tagen triumphirt hat; dann aber hüte Dich, Wilm, wenn ich die Marie vor aller Welt erſt mein nennen darf.“ . In höchſter Aufregung verließ er Wilm, mit ſchnellen Schritten ſeinen Weg fortzuſetzen, denn er ſelbſt fürchtete, ſeine Wuth werde ihn übermannen und zu einer übereilten Handlung hinreißen; Wilm aber blieb noch eine ganze Weile auf derſelben Stelle ſtehen und wiederholte ſich im⸗ mer wieder des Andern Worte, in denen er mit ihm uner⸗ klärlicher Sicherheit die Hoffnung ausſprach, Marie bald die Seinige zu nennen. Es wurde ihm klar, daß Franz dieſe ihm durch ſeine Aufregung entriſſenen Worte bald bereuen würde, daß ihnen aber irgend ein beſtimmter, vorausſichtlich Marien Gefahr drohender Plan, zu Grunde liegen müſſe; er beſchloß, ſie ſchon am andern Morgen von ſeiner Begegnung mit dem Jäger in Kenntniß zu ſetzen und zu warnen. 4 Auch Marie fühlte ſich nach Franzen's Entfernung voon einer kaum zu mäßigenden Unruhe bewegt; ſie ſprach ſich nicht einmal zu der Mutter darüber aus, deſto ſchwerere 35 aber war ihr Herz belaſtet. Als ſie von den Eltern für die Nacht Abſchied genommen und ſich in das Giebelſtüb⸗ chen begeben hatte, das ihr zum Schlafzimmer diente, ſank ſie ermattet auf einen Stuhl nieder und verhüllte das bleiche Geſicht mit den Händen; ſchwere Thränentropfen fielen aus ihren Augen niever und die Bruſt hob ſich in krampfhaften Wallungen. Dann blickte das arme Mäd⸗ chen wieder ſtarr vor ſich hin und ihre ganze Geſtalt zit⸗ terte heftig; ſie war in einer Gemüthsbewegung, die nicht allein durch Franzen's Beſuch hervorgerufen ſein konnte. Sie entkleidete ſich nicht, obgleich die Eltern ſchon lange zur Ruhe gegangen und auch Wilm wieder heimge⸗ kehrt war, wie ſie vernehmen konnte, aber ſie löſchte das Licht aus und trat dann an das Fenſter, an dem ſie lange unbeweglich ſtehen blieb, in den dunkeln Wald hinaus⸗ blickend. Wohl Mitternacht mochte eben vorüber ſein, als der Schrei eines Waldvogels in der Nähe des Hauſes ertönte. Marie zuckte leiſe zuſammen, dann warf ſie ſchnell ein großes Tuch über den Kopf und öffnete mit äußerſter Vor⸗ ſicht die Thüre ihres Zimmers; auf den Zehenſpitzen die Treppe hinabſchleichend, um das Knarren der Stufen zu dermeiden, hatte ſie bald die Hausthür erreicht, leiſe geöff⸗ 3 naet und befand ſich vor dem Hauſe, wo der zottige gelbe* Bolſshund, der in der Laube als treuer Wächter des Hauſes geſchlummert hatte, zwar zuerſt ein dumpfes Knurren hören ließ, aber, durch Marien's leiſen Zuruf beſänftigt, ſich erhob und dem ſchnell über den Platz vor dem Hauſe eilenden Mädchen in kurzem Trabe folgte. Ohne Zagen betrat letztere den finſtern Wald und hatte in wenigen Augenblicken eine kleine Lichtung deſſelben erreicht, in deren Mitte eine ein⸗ zelne Eiche, mit weit ausgebreitetem Laubdache ſtand. In ihrem Schatten wartete ein Mann, der dem kommenden Mädchen ſchnell einige Schritte entgegen ging und an deſſen Bruſt ſie ſich ohne Bedenken, von ſeinen ſie zärtlich um⸗ fangenden Armen gehalten, warf.— Faſt eine gute Stunde ſpäter kehrte Marie, wie ſie gegangen war, in Begleitung des gelben Wolfshundes zu⸗ rück und ſchloß die Thüre des Hauſes ebenſo vorſichtig, als vorher, hinter ſich. Ihr Geſicht war noch blaß, die Augen noch verweint, aber ihre innere Unruhe ſchien nach⸗ gelaſſen zu haben, denn, in ihrem Zimmer angekommen, entkleidete ſie ſich ohne Verzug und begab ſich zur Ruhe, die ſie bald im ſüßen Schlummer fand. Niemand im Hauſe hatte eine Ahnung von ihrer Entfernung gehabt.— Zweites Capitel. Am Morgen des folgenden Tages, eines Freitags, ging Graf Egmont Eldor, der zur Zeit regierende Herr, in ſeinem Schlafzimmer unruhig auf und nieder. Der etwa vierundzwanzigjährige Züngling, Erbe der bedeutenden Ländereien und Reichthümer ſeiner Familie, hatte den Beſitz derſelben vor drei Jahren, nach dem Tode ſeines Vaters, angetreten und dieſe Zeit bis vor einem halben Jahre, wo die Erklärung ſeiner Großjährigkeit erfolgt war, auf Rei⸗ ſen zugebracht. Von hoher, wohlgebauter Figur, die jetzt ein eleganter Morgenanzug umgab, von ſchöner, edler Ge⸗ ſichtsbildung, vereinigte er nach dem allgemeinen Urtheil ein weiches Gemüth und ein für das Rechte begeiſtertes Herz mit einer geiſtigen Kraft, die durch den ſorgfältigſten Jugendunterricht und die im eigenen Hauſe und in der Fremde errungene Weltkenntniß gebildet war; geliebt und geſchätzt von ſeinen Unterthanen, im beſten Einvernehmen mit ſeinen Nachbarn, mit allen Glücksgütern der Welt geſegnet, war Graf Egmont beneidenswerth und hatte ſich bis zu ſeiner Rückkehr auf ſeine Beſitzungen, die indeſſen eine ihn zärtlich liebende Mutter verwaltete, ſelbſt dafür gehalten; zum allgemeinen Erſtaunen und zur Be ß dieſer Mutter, war er bald nach ſeiner Heimkunft aber un⸗ gewöhnlich ernſt und oft ſogar ſchwermüthig geworden, wofür ſich gar kein Grund auffinden ließ und worüber er ſich ſelbſt nicht ausſprach; man war deshalb verſucht, ihn für innerlich keent zu halten, und er ſellſt widerſprach dieſer Vermuthung, als ſie ihm einſt zu Ohren kam, nicht. Deſ⸗ ſenungeachtet wies der junge Graf aber alle wohlgemeinten Ermahnungen, irgend eine Kur zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit zu gebrauchen, entſchieden zurück, er war ſelbſt nicht zu einer neuen Reiſe, die ihm der Hausarzt kopf⸗ ſchüttelnd angerathen hatte, zu bewegen und erwiederte die⸗ ſem, daß ihn die Pflichten gegen ſeine Unterthanen jetzt an ſeine Güter feſſelten. Unaufhörlich thätig, war er zu jeder Tagesſtunde bereit, ſich auf ein Pferd zu werfen und ſelbſt anzuordnen und zu helfen, wo er ſeine Gegenwart für nö⸗ thig fand, und gönnte ſich nicht die Ruhe, die man für ihn erforderlich hielt; dabei ein leidenſchaftlicher Jagdliebhaber, wie es ſein Vater geweſen war, widmete er dieſem oft an⸗ ſtrengenden Vergnügen ſeine freie Zeit. Wenn man einen genaueren Blick auf das Geſicht des jungen Grafen warf, ſo konnte man eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit der Züge zwiſchen ihm und dem armen Jägerbur⸗ ſchen Wilm Nordmann, den wir ſchon kennen gelernt haben, eimen, Wilm ſei der natürliche Sohn des verſtorbenen 1 ſ 9— nicht leugnen, und die böſen Zungen behaupteten im Ge⸗ 39 Herrn, denn man hatte vor Zeiten viel von dem plötzlichen Verſchwinden der ſchönen Frau des Kammerdieners Nord⸗ mann geſprochen, die eines Tages mit Einwilligung ihres Gatten verreiſt war, um nie wieder zurück zu kehren, und ihm den damals erſt ein Jahr alten Sohn Wilm hinter⸗ laſſen hatte; wo dieſe Frau geblieben war, konnte man von dem alten Kammerdiener nie genau erfahren, und man mußte es ſich genügen laſſen, daß er ſeinem Herrn allein wahrſcheinlich befriedigende Aufklärungen darüber gegeben hatte. Mochten nun dergleichen Gerüchte aber auch vielleicht der verwittweten Gräfin oder ihrem einzigen Sohne zu Ohren gekommen ſein, ſo ſchienen doch Beide nicht weiter darauf zu achten und ehrten vor aller Welt das Andenken des Va⸗ ters, ohne ſich beſonders um den Jägerburſchen Wilm zu kümmern. Graf Egmont's Gedanken ſchienen heute von einer unangenehmen Angelegenheit in Anſpruch genommen zu werden, denn ſein ſonſt ſanftes, ruhiges Auge ſtreifte trübe und ſchnell im Zimmer umher, ohne auf einem Gegenſtand der koſtbaren, mit Geſchmack gewählten Ausſtattung deſſel⸗ ben zu ruhen, und über ſeine hohe Stirn hatten ſich tiefe Falten gezogen. Endlich ſchien er einen ihm ſchwer ge⸗ woordenen Entſchluß gefaßt zu haben, denn er ſchellte heftig mit der kleinen goldenen Klingel, die auf ſeinem Nachttiſche ſtand, und befahl dem eintretenden Diener, ſogleich d Leibjäger Wernecke zu rufen. Dann ſetzte ſich der Graf auf einen gepolſterten Seſſel von ſchwerem Stoffe nieder und ſtützte den Kopf ſorgenvoll in die Hand; um ſeinen Mund ſpielte der Ausdruck des Unmuths und des Schmerzes. Nach wenigen Minuten ſchon trat der Beſtellte ein und grüßte mit einer Ehrerbietung, unter der die Vertrau⸗ lichkeit eines bevorzugten Dieners nicht ganz zu verkennen war. Einen Moment blitzte das Auge des Herrn mit Stolz und Unwillen auf ihn, ehe jener dies aber noch be⸗ merken konnte, war ſeine Miene ſchon wieder freundlich und herablaſſend. „Du weißt, Franz, daß ich mit Deinen Dienſten, die ſich mir beſonders auf meinen Reiſen erwieſen haben, ſtets, zufrieden geweſen bin,“ begann Graf Egmont,—„und ich habe mir geſtern überlegt, daß ich eigentlich unrecht ge⸗ than habe, Dich nicht früher dafür nach Verdienſt zu be⸗ lohnen. Du biſt hier immer noch in einer ſehr abhängigen Stellung, die Deinen eigenen Wünſchen nicht vollſtändig entſprechen kann, und ich habe gedacht, es würde Dir lieb ſein, die Livree mit dem Rocke des freien Mannes zu ver⸗ tauſchen; daher werde ich Dir vorläufig die Revierförſterei Blankenfelde geben.“ Der Angeredete ſtand einen Augenblick ſchweigend da, denn die Worte ſeines Herrn überraſchten ihn auf das — — ¹ 41 Höchſte, erlangte im gräflichen Dienſt doch ſelten Jemand eine Stellung, wie die ihm verliehene, bevor er ein bedeu⸗ tend höheres Alter erreicht hatte; ſchnell gefaßt, leuchtete aber die Freude deutlich auf ſeinem Geſicht und er trat ſchnell auf den Grafen zu, dankbar deſſen Hand zu küſſen, aber dieſer wehrte es ihm mit freundlichem Blicke. „Laß das gut ſein, Franz, es bedarf keines Dankes,“ ſagte er gütig;—„Du haſt vollkommen verdient, was ich Dir anbiete, und ich werde Dich auch ſpäter nicht ver⸗ geſſen.“ „Aber, Herr Graf, dieſe Förſterei mit dem beſten Ein⸗ kommen, dem herrlichen Jagdrevier?“ ſtammelte der Jäger noch halb ungläubig.„Was werden die alten Förſter ſa⸗ gen, denen ich vorgezogen werde?“ „Ich bin gegen Niemanden ungerecht,“ ſagte Graf Egmont,—„denn der alte Frieſe, der jetzt auf Blanken⸗ felde ſitzt, wird die hieſige Oberförſterei erhalten, die noch immer erledigt iſt, und die Anderen vertauſchen um eines geringen Vortheiles willen nicht gern ihr liebgewordenes Jagdrevier. Es freut mich aufrichtig, daß ich Dir ohne Benachtheiligung eines Andern helfen kann. Wir müſſen ber ſchnell ſcheiden, lieber Franz, ich habe meine Gründe dazu, und Du wirſt noch heute Abend nach Blankenfelde ab⸗ reiſen, denn um dieſe Zeit geht die Poſt hier vorbei und — Du mußt morgen Abend ſchon an Deinem neuen Beſtim⸗ mungsorte ſein; ich werde Dir im Laufe des Tages noch weitere Inſtruktionen geben.“ Ueber das Geſicht des glücklichen jungen Jägers flog eine trübe Wolke, denn er dachte an ſeine auf nächſten Sonntag feſtgeſetzte Verlobung mit Marie Theißen, aber er erinnerte ſich auch des Verſprechens, darüber gegen Je⸗ dermann zu ſchweigen und hielt es ſelbſt nicht für gerathen, ſich dem Grafen zu vertrauen, da er deſſen Fragen nach der Zuſtimmung des Mädchens fürchtete und der geſpon⸗ nene Plan unmöglich ſeine Billigung finden konnte. „Wollen der Herr Graf nicht gnädigſt geſtatten, daß ich meine Abreiſe bis zum kommenden Montag verzögere,“ bat er dringend;—„ich habe hier noch ſo Manches abzu⸗ * ſchließen, und ſo bereit ich ſonſt ſtets zu Ihren Dienſten bin, verſetzt mich gerade dieſes Mal die Eile in die größte Verlegenheit.“ „Es thut mir leid, Franz, aber es iſt nöthig, daß Du morgen in Blankenfelde biſt,“ verſetzte Graf Egmont unmuthig und erhob ſich ſchnell mit einem Zeichen, daß der Jäger entlaſſen ſei. Noch immer ſtand dieſer mit bittendem Geſichte an der Thür, und der Graf, dem bei einem Blicke auf ihn ſein Gebot doch hart erſcheinen mochte, gab dem Zuge ſeines guten Herzens nach und ſagte ſchnell:* — — 43 „Nun gut, ſo bleibe bis zum Montag hier, aber keinen Tag länger. Ich ſpreche Dich in dieſer Zeit noch.“ Triumphirend entfernte ſich Franz; ſein Herz war von Freude geſchwellt; am Sonntage ſollte ja ſeine Ver⸗ lobung mit Marie ſtnttſinden, id da er nun eine ſo ein⸗ trägliche Stelle bekommen hatte, zweifelte er nicht mehr, die erſehnte Hochzeit werde ſchon Ntuzer Zeit nachfolgen können. Aber auch f Egmont's Bruſt ſchien nach dieſer Untervedung von einer ſchweren Laft erleichtert, denn er ſummte ein munteres Lied vor ſich hin, während er ſich ankleidete, ſein Gferd zu beſteigen und einen Rundritt über die nahe ge⸗ i Ländereien zu machen.— 4 Im F iſe war es, wie an jedem Morgen, ſchon früh Tag geworden, denn ſobald die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen ſchräg in die kleinen Fenſter hineinfielen, erhoben ſich Alle von ihrem Lager und Jeder ging an ſein Tages⸗ geſchäft. Der alte Theißen und Wilm waren, noch immer mit einander grollend, ſchon früh in den Wald hinaus⸗ gezogen, Mutter Martha in der Küche und Marie mit dem Aufräumen der Stuben beſchäftigt. Letztere ſchien heute ziemlich guten Muthes zu ſein und neue Hoffnung geſchöpft zu haben, denn ihr Auge war klar und hell und ſie blickte lächelnd in die friſche grüne Waldesnatur hinaus und freute ſich des Morgengeſanges der Lerchen. Auch Mutter Martha war guter Laune, denn ſie war zufrieden mit der Stimmung der Tochter, deren Herzensregungen ihrem prüfenden Auge nicht ſo leicht entgingen. „Biſt ja heute ganz aufgeräumt, mein Gold⸗ mädchen!“ hatte ſie ſchon ſchmunzelnd zu ihr geſagt. „Nun, ſiehſt Du, nach Regen kommt Sonnenſchein und der liebe Gott ſchickt uns nach einer ſchweren Stunde auch wieder die Hoffnung auf beſſere; ſei froh, mein Kind, ſo lange Du jung biſt und noch ein Herz haſt, an dem Du das Deine ausſchütten kannſt.“ „Liebe, gute Mutter!“ hatte Marie woortet, als ſie die Alte küßte, und der T ſagte, daß ſie aus einem tief fühlen Herzen kamen. Gegen die Mittagszeit wurden beide Frauen durch den ſich nähernden Hufſchlag eines Pferdes aufmerkſam gemacht und hielten unwillkürlich zugleich in ihrer Arbeit inne, um an die Hausthür zu eilen. Den Waldweg, der gerade auf das Häuschen zuführte, entlang, trabte auf ſtattlichem Roſſe ein ſchöner, gewandter Reiter, in vor⸗ nehmer, leichter Jägertracht. „Der Herr Graf!“ flüſterte die Alte der erſchreckten Tochter zu;—„es ſcheint, als ob er den Vater ſuchen wollte. Sieh doch, Mädchen, ob er nicht ein ſchöner, edler. Mann iſt; wie ihm das grüne Kollet ſitzt und der aufe allein geant⸗ dieſer Worte liebewarmen 8—. 45 geſchlagene, kleine Jägerhut!'s iſt'ne wahre Freude, den jungen Herrn ſo zu ſehen.“ Marie erwiederte nichts, aber es ſchien, als ob ihr Blick auch mit geheimem Wohlgefallen auf dem Kommen⸗ den ruhe, der jetzt das Haus erreicht hatte und gewandt vom Pferde ſprang. „Marie!“ rief die Alte geſchwind, nachdem ſie den Grafen mit unzählichen ſteifen Knickſen begrüßt hatte, der freundlich dankend den Hut lüftete;—„binde ſchnell das Pferd an den Gartenzaun, wenn der Herr in unſer ein⸗ faches Haus treten will.“ Aber Marie ſtand wie angezaubert und rührte ſie nicht von der Stelle; ihre Hülfeleiſtung war auch ni mehr nöthig, denn ſchon hatte Graf Egmont ſeines Pferdes Zügel ſelbſt an dem Zaune befeſtigt und trat nun mit einer weiteren herablaſſenden Begrüßung an die Frauen hinan. „Der Herr Förſter Theißen iſt wohl draußen im Revier?“ fragte er mit ſanfter Stimme;—„ich wünſchte hihn wegen der Buchenſchonung dort oben zu ſprechen.“ „Euer Gnaden aufzuwarten, iſt mein Mann noch draußen, kehrt aber vernuthlich um dieſe Zeit heim,“ be⸗ ichtete Frau Martha unter wiederholten Knickſen;— eeun es Euer Gnaden aber nicht verſchmähen, ſo wollen 4 4 Sie in das Haus eintreten, oder hier in der Laube Platz nehmen,— der Alte muß gleich hier ſein.“ Der Graf entſchied ſich für den letzteren Vorſchlag; ehe er ſich aber in der Laube niederließ, ſagte er:„Beſte Frau Theißen, wenn Sie es mir nicht übel nehmen, möchte ich Sie um ein Glas Milch bitten, denn ich habe ſchon einen ziemlich weiten Ritt gemacht und ſehne mich nach dem Frühſtück.“ Wie der Blitz war Frau Martha in die Küche geeilt, wo ſie ſchon Marie antraf. „Jſt er nicht ein ſchöner Herr?“ fragte ſie die Tochter, während ſie eifrig beſchäftigt war, die verlangte Milch in das beſte, mit einem Goldrande gezierte Glas des Hauſes zu füllen.„Und wie er dem Wilm ähnlich ſieht! nur viel hübſcher, feiner, edler. Hier, Mariechen, trage das Glas hinaus und ſei nicht ſo befangen; mache einen hübſchen Knicks und antworte gerade heraus, wenn Dich der Herr Graf etwas frägt,— Du verſtehſt das ja ſonſt und brauchſt Dich nicht zu ſchämen.“ Und die Alte eilte wieder an das Fenſter in der Vorderſtube, aus dem man die Laube überſehen konnte und verſteckte ſich hinter die Gardine, denn ſie wollte beob⸗ achten, welchen Eindruck ihr hübſches Töchterchen auf den jungen Mann machen würde, der doch unmöglich für ſo viel Schönheit blind ſein konnte. Aber es ſchien ſo, denn — 8 —— der junge Graf neigte, als Marie zu ihm trat und das Glas Milch vor ihn auf den Tiſch ſetzte, mit ſchweigendem Danke den Kopf, blickte aber gar nicht zu dem Mädchen auf, das ſich ſogleich wieder entfernte. „Warum ſie ſo eilt?“ brummte Frau Martha ver⸗ drießlich vor ſich hin,—„und der Menſch ſcheint gar keine Augen zu haben;— aber freilich; bei denen muß's Sammet und Seide ſein, die ein bischen rauſchen. Aber halt! er ſieht ihr doch nach, und was er für große Augen dabei macht!“— und Mutter Martha flog wieder in die Küche, und ihr Blick ſtreifte ſchnell in ſorgſamer Prüfung über Marien's Anzug. 4 „Wie ſauber und nett Du ausſiehſt, Marie!“ meinte ſie befriedigt;—„laſſe Dich's nicht grämen, wenn er Dich nicht angeſehen hat, er ſah Dir doch nach, als Du fort⸗ gingſt.“ Das Mädchen lächelte halb wehmüthig, halb zu⸗ frieden. Die Mutter verlangte nun, ſie ſolle ein wenig in die Thür treten, vielleicht werde ſie der Herr Graf doch noch anſprechen, aber Mariechen war nicht dazu zu be⸗ wegen und der kleine Streit, der ſich darüber zu entſpinnen drohte, wurde glücklicherweiſe durch die Heimkehr des alten Theißen und Wilm's unterbrochen. Erſterer hatte ſich ſo⸗ gleich mit ehrerbietigem Gruße in die Laube begeben, und die Uebrigen verſtanden nur theilweiſe, was er n 1 48 Herrn unterhandelte, der ungemein gütig und freundlich gegen ihn war. Sie ſprachen von der Buchenſchonung, in Betreff derer der Graf dem Förſter ſeine Befehle zu geben hatte, und als dieſes Geſchäft beendigt war, erkundigte erſterer ſich nach dem Befinden Theißen’'s und ob er in Bezug auf ſeine Wohnung oder Anderes, Wünſche habe. „Ich kann Euch auch gleich mittheilen, daß Ihr einen neuen Oberförſter hier bekommt,“ ſagte der Graf unter anderem;—„ich habe den Frieſe hierher verſetzt und mein Leibjäger, der Franz Wernecke, wird das Blanken⸗ felder Revier erhalten.“ 1 Frau Martha, die dieſe Worte deutlich verſtand, hiüätte vor Freuden bald laut aufgeſchrieen und drückte heftig Marien's Arm; Blankenfelde lag ja über zwölf Meilen von Breitenſee entfernt. Auf Marie ſelbſt ſchien dieſe Neuigkeit nicht einen ſo überraſchenden Eindruck zu machen, obgleich ſie auch froh lächelte. Wilm endlich fühlte ſein Herz von einer großen Laſt erleichtert, denn er glaubte nun nicht mehr Franzen's böſe Anſchläge auf Marie, die er aus ſeinen geſtrigen Worten vermuthete, fürchten und ſie ihr mittheilen zu müſſen. Der Graf entfernte ſich bald wieder, nachdem er die indeſſen zum Vorſchein gekommene Frau Martha eben ſo freundlich wie bei ſeinem Kommen begrüßt hatte und in der kleinen Familie war jetzt nur noch von Franzen's Ver⸗ ☛— erregte, denn dieſe waren alle viel zu edel, um Jenen zu beneiden, oder ihm Böſes zu wünſchen, in dem vierten aber eine getheilte Empfindung hervorrief; der alte Theißen freute ſich auch des ſeinem beſtimmten Schwiegerſohne widerfahrenen Glückes, aber er dachte auch mit einiger Beſtürzung an die jetzt durchaus nöthige Beeilung ſeiner Maßnahmen zu deſſen Verbindung mit der Tochter. Die Uebrigen erriethen nicht, weshalb er in ihre Freude nicht ſetzung die Rede, die in drei Herzen ungetrübte Freude offen einſtimmte und ſie glaubten, es ſei ihm Franzen's Entfernung unangenehm, weil ſie dem Verhältniß zu Marie ein ſchnelles Ende machte. „Der Franz iſt mir ein lieber Freund,“ begann der Alte nach dem Mittageſſen, während er ſich ſeine Pfeife 88 ſtopfte,—„und es thut mir wehe, daß er von uns gehen ſoll, obgleich ich ihm ſein Glück herzlich gönne. Ich habe die Abſicht, Mutter, ihm Sonntag noch einen kleinen Ab⸗ ſchiedsſchmaus bei uns zu geben, und Du magſt gleich beginnen, die Vorbereitungen dazu zu treffen.“ Der Alte ſetzte ſeiner ſtaunenden Frau nun aus⸗ einander, wieviel und welche Gäſte er bei ſich ſehen wolle und welche nicht unbedeutende Summe er ihr zu den Ko⸗ ſten der Feſtlichkeit anweiſe; mochte Frau Martha brum⸗ men, ſo viel ſie wollte und von unnützer Verſchwendung ſprechen, der Alte beharrte bei ſeinem Entſchluſſe und ließ 4 1858. XVIII In Wald und Schloß. I. —— 50 ſich kein Titelchen davon abhandeln. Die ganze kleine Familie war in Aufregung, aber die Frauen und Wilm tröſteten ſich damit, daß Franzen's Beſuch dieſes Mal für lange Zeit der letzte ſein werde, und man gab endlich dem Alten nach und that ſeinen Willen, um ſeinen Zorn nicht zu reizen. Selten in dem kleinen Förſterhauſe geſehene Vor⸗ bereitungen zu dem Feſte fanden ſtatt, und Theißen ordnete mit rüſtiger Hand Alles nach ſeinem Sinne an, ohne die Ausgaben zu genau in Anſchlag zu bringen. Die Ein⸗ ladungen an die Gäſte, deren er etwa dreißig geladen hatte, ergingen und wurden mit freundlicher Zuſage beant⸗ wortet, die überflüſſigen, Platz fortnehmenden Meubles wurden in das obere Stockwerk geſchafft und ſchon am Sonnabende und im Laufe des Sonntags drehten ſich die Braten in der Küche am Spieß, und der Alte fertigte mit eigener Hand eine Weinbowle an. Marie ging der Mutter fleißig zur Hand und beſchwichtigte in heiterer Stimmung ſelbſt deren Murren gegen die überhäufte Arbeit und die Geldkoſten, indem ſie ihr immer wieder den Troſt gab, ſie würden ja Franz nun wohl das letzte Mal in ihrem Hauſe ſehen. 91 Der Sonntag Nachmittag kam heran, und alle Vor bereitungen zum Empfange der Gäſte waren beendet. Au den Wunſch des Vaters und felbſt der Mutter, hatte Marie 51 ihren ſchönſten Staat anlegen müſſen und nichts konnte dem hübſchen Mädchen beſſer kleiden, als das geſtickte weiße Kleid mit Bandſchleifen von gleichfarbigem Atlas, worüber ein werthgehaltenes Pathengeſchenk 5 Kranz von den ſchönſten Waldblumen, d unbefangen ſcherzte; ſie hörte von dieſen ſ ſich wohl, ſeine Hoffnung gegen irgend Jemand laut oder insgeheim auszuſprechen oder in ſeinen Mienen einen vor⸗ zeitigen Triumph zu zeigen. Die verſammelte Geſellſchaft verbrachte den Tag in der ungeſtörteſten Heiterkeit und der vorwaltende frohe Sinn ſteckte ſelbſt Marie an, ſo daß ſie Franzen’s Anwe⸗ ſenheit ganz vergaß und mit den Mädchen ihres Alters ſelbſt einige Necke⸗ reien in Bezug auf Franz, denn ſie meinten, der alte Theißen werde wohl deſſen Erhebung nicht umſonſt auf ſo glänzende Weiſe feiern, aber Marie erwiederte den Scherz ihrer Freundinnen mit munterem Lachen, denn gerade jetzt hielt ſie ja die Bewerbungen des unwillkom⸗ menen Freiers für geſchloſſen. Franz ſelbſt hatte ſie bisher nicht aufgeſucht und nur mit einigen höflichen Worten begrüßt, wie es die Sitte erforderte; es war ihm nicht entgangen, daß Marie dabei befangen die Augen niederſchlug und daß ſie ſcheu zuſam⸗ menzuckte, während er ſprach, und er ſchloß daraus richtig, daß ſie fürchte, er könne das Geheimniß verrathen, das er neulich ihr in der Heftigkeit mit Bezug auf Wilm's Nei⸗ gung angedeutet hatte. Für letzteren ſelbſt hatte er weder einen Blick noch ein Wort und augenſcheinlich vermied ihn Wilm eben ſo abſichtlich. Frau Martha war in Allem und gegen Alle die liebenswürdige Wirthin und Niemand 53 ſah ihr an, welchen Kummer und welche Mühen ihr die Vorbereitungen zu dem Feſte gemacht hatten; ſie dachte wie Marie und war heiter, geſprächig und gegen Jeden aufmerkſam. Den alten Theißen dagegen ſchien jetzt erſt die gegen Franz übernommene Verbindlichkeit ſchwer zu drücken, je näher der Zeitpunkt der Entſcheidung rückte; er fühlte recht gut, daß er unrecht thue, gegen den Willen ſeiner Frau, die bisher mit ihm alle Sorgen und Freuden des Lebens in dreißig langen Jahren getheilt hatte und gegen den der Tochter ſelbſt zwangsweiſe eine für die letztere ſo wichtige Beſtimmung zu treffen, aber er hatte einmal ſein Wort gegeben, das er noch nie gebrochen und er überredete ſich ſelbſt, ſeine Bedenken ſeien eine unver⸗ antwortliche Schwäche. Die jüngeren Leute hatten einen gemeinſamen Spa⸗ ziergang in den Wald unternommen und da jede der jungen Mädchen bald einen Begleiter fand, der ſich ihr ausſchließlicher widmete, ſo ſah ſich Marie von ihnen allein gelaſſen, nur wenige der jungen Männer waren noch in ihrer Nähe, darunter Franz und Wilm. Fürchtend, daß der erſtere ihr ſeinen Arm anbiete, wie es leicht zu ambanten war, warf ſie einen bittenden, bezeichnenden Blick uf Wilm, und dieſer wollte ſich eben zu ihr begeben, al Franz, der es bemerkt haben mußte, ihm zuvorkam itterte, aber ſie konnte, ohne Franz auf eine unhöflie „* , ſeine Aufmerkſamkeit nicht ab⸗ ihr gebotenen Arm Weiſe zu tief zu verletzen ſchlagen und mußte wider Willen den i annehmen. ädchens Unruhe ſtieg, denn abſichtlich ge Jäger ſeinen Schritt dergeſtalt, daß ſich Beide, ungeachtet ihrer Mahnung, ſchneller zu gehen, bald weit hinter den Uebrigen allein befanden; unzweiſel⸗ haft lag dies gerade in einer Weile lebhaft von Vortheilen zu ſprechen und erwähnte dabei, daß er nun auch allen Ernſtes daran denken müſſe, ſich eine Gattin zu nehmen, die ihm die Wirthſchaft führe. hartnäckig. „Seht, Marie,“ fuhr der Jäger kühner fort,—„ich wäre jetzt ganz glücklich, wenn ich ein liebendes Weib in mein neues Haus einführen und zu h. Dies Alles iſt Dein; Wille verſagt mir die „Warum, Franz, Unerreichbare?“ fragte Marie leiſe;— heute, wie ſchon öfter ſagen, daß ich unmöglich das für Euch ſein kann, was nicht fehlen, ein anderes Herz zu finden, das für Euch fühlt und Ihr werdet manches ſchöne Mädche verkürzte der jun 5⁵ wenn Ihr es nur ſuchen wollt, das Euch eine gute und liebe Hausfrau wird.“ „Wie bitter Ihr ſprechen könnt, Marie,“ erwiederte der neue Förſter mit finſter gerunzelter Stirn;—„Ihr ſtoßt mich kalt und erbarmungslos in das Elend und ruft mir höhnend zu, ein Anderer möge mich herausziehen.“ „Ihr werdet durch meine Weigerung weder elend werden, noch trage ich die Schuld Eurer Unzufriedenheit,“ entgegnete Marie verletzt.„Ich bin mir keiner Schuld gegen Euch bewußt, wohl aber habt Ihr—“ Sie ſtockte, aber Franz, der errieth, daß ſie ihm ſelbſt ſeiner Werbung wegen einen Vorwurf zu machen gedachte, fuhr heftig auf: „ Wollt Ihr meine Liebe zu Euch eine Schuld nennen?“ „Laßt uns von etwas Anderem ſprechen, wenn Ihr mich liebt, wie Ihr ſagt,“ bat das Mädchen ängſtlich;— „jetzt, wo Ihr ſcheidet, mag ich Euch keine Vorwürfe machen, verbittert Ihr mir aber auch nicht das Andenken an Euch.“ „Marie,“ fragte Franz, plötzlich ſtehen bleibend,— „gebt Ihr mir gar keine Hoffnung für die Zukunft?“ „Ich mag Euch nicht täuſchen, Franz; nein, ich werde Euch nie lieben können,“ erwiederte ſie feſt. „Dann zürnt mir nicht zu heftig, wenn ich mich der 4 Vortheile bediene, die mir das Glück bietet,“ ſagte der junge Förſter unvorſichtig;—„ich habe lange in Geduld und Sanftmuth um Euch geworben, aber mein männlicher Sinn widerſtrebt dem jetzt; meine Leidenſchaft will Ge⸗ währung, und ſie wird ſie finden.“ „Um Gotteswillen, was ſprecht Ihr da?“ fragte Marie entſetzt;—„ich fürchte mich vor Euch, Franz.“ „Nicht nöthig,“ erwiederte der Jäger ſpöttiſch;— „Ihr lernt mich doch vielleicht noch einmal lieben.“ Haſtig ſchritt er, das Mädchen am Arm, das kein Wort mehr zu ſprechen wagte, ſo ſehr erſchreckte ſie ihres Freiers plötzlich verändertes Benehmen, der übrigen Ge⸗ ſellſchaft nach und hatte ſie bald eingeholt. Marie athmete. leichter, denn ſie glaubte die gefürchtete Gefahr vorüber⸗ gegangen, aber ſie war bleicher als vorher und Franzen's räthſelhafte Worte hatten ihre Heiterkeit ganz geſcheucht. Dieſer ſelbſt dagegen ſchien alle ſeine Herzensſorgen, über die er ſich eben noch ausgeſprochen hatte, vergeſſen zu haben, ſeine Stirn war unumwölkt und ſeine Unterhal⸗ tung, in ſcherzhaftem Tone geführt, ging auf die gleich⸗ gültigſten Gegenſtände über. Marie vermochte ihn nicht zu begreifen. Der Abend war hereingebrochen und die Geſellſchaft zog ſich in die Wohnzimmer des Förſterhauſes zurück, wo die gedeckte Tafel bereits ihrer wartete. Man ſtaunte von Mutter Martha und Wilm blickten, erſtere/derdrießlich, Neuem über den entfalteten Luxus, denn ſelbſt der Wein fehlte nicht an dem Tiſche, und wiederholt wurde der alte Theißen von ſeinen guten Freunden befragt, ob wirklich kein anderer Grund, als Franz Wernecke's Abreiſe, dieſer Feſtlichkeit zu Grunde liege; er leugnete es, aber er lächelte dabei verſtohlen. Wie er es einmal in früheren Zeiten bei den Gaſtlichkeiten im gräflichen Schloſſe bemerkt, hatte der alte Förſter den Gäſten ihre Plätze durch geſchriebene Zet⸗ telchen mit ihren Namen angewieſen und Marie, die ſelbſt durch dieſe neue Einrichtung überraſcht wurde, fand den ihrigen zwiſchen dem des Vaters und Franzen's; ſie fühlte ſich von der Nachbarſchaft des letzteren unangenehm be⸗ rührt, aber es ließ ſich jetzt keine heimliche Vertauſchung der Plätze mehr bewerkſtelligen, denn der Vater ſtand ſchon dicht neben ihr und ſie mußte einen Ausbruch ſeines Zornes fürchten. Sie ſetzte ſich alſo mit möglichſter Ruhe auf den ihr beſtimmten Platz. Die Abendmahlzeit, von immer neuen Lobpreiſungen der Gäſte begleitet, war im beſten Gange; der Wein ſtieg den guten, einfachen Leuten, die daran nicht gewöhnt waren, ein wenig zu Kopfe und die Unterhaltung wurde immer ungebundener und heiterer. Franz ſprach wenig, denn eine lebhafte Ungeduld beſeelte ihn, und Marien's vorherige Worte trugen dazu bei, ihn zu verſtimmen; 58 letzterer traurig auf den Platz, den Marie hatte einnehmen müſſen und der alte Theißen ſtürzte ein Glas Wein nach dem andern ſchnell hinunter, denn er gedachte, ſich dadurch Muth zu ſeinem bedenklichen Vorhaben zu geben; ſein Geſicht wurde immer röther, ſeine Augen funkelten un⸗ heimlicher und ſowohl Marie als Franz ſahen beſorgt auf ihn, freilich Beide aus verſchiedenen Gründen. Plötzlich, als ſich Marie bald von ihrer Pein erlöſt glaubte, denn es war ſchon ſpät geworden, faßte der Vater feſt ihre Hand und blickte ſie ſo ernſt und drohend an, daß ſie heftig erſchrak und an allen Gliedern zitterte; dann ſagte er barſch:— 3 „Paſſe wohl auf, was jetzt kommt, Mädchen, und unterſtehe Dich nicht, ein unglückliches Geſicht zu machen.“ Ehe ſich Marie erholen konnte, erhob er ſich und bot nur einen Augenblick Stillſchweigen. „Herrſchaften!“ begann er mit feſtem, entſchiedenem Tone, während Alle neugierig nach ihm hinblickten,— „wißt Ihr, warum ich dieſes Feſt gegeben habe, nach deſſen Veranlaſſung mich ſchon Viele von Euch heute ge⸗ fragt haben?— Ich will's Euch jetzt ſagen, weil der Franz Wernecke, den ich von Herzen liebe und ſchätze, Förſter in Blankenfelde geworden iſt und morgen abgeht, vorzüglich aber, weil ich ihm mit Hand und Mund als Ehrenmann meine einzige Tochter, Marie, hier zu ſeiner I 8 59 baldigen Gattin verlobt habe; die Hochzeit ſoll nicht lange auf ſich warten laſſen. Und nun ſtoßt mit ihnen und mir an, Freunde und Bekannte, während die Beiden ihre Ringe aufſtecken.“ Dabei goß der Alte noch ein Glas Wein ſchnell hin⸗ unter und beugte ſich dann zu Marie nieder, ihr einen der Ringe anzuſtecken, die er heimlich vorher durch Franz hatte beſorgen laſſen. Das arme Mädchen, das kaum ſeinen Ohren zu trauen wagte, als ſie dieſe verhängnißvollen Worte hörte und ihren Sinn ſogleich in allen ſeinen nothwendigen Folgen faßte, war nicht mehr einer Bewegung, noch viel weniger eines Wortes fähig; ſie ſchauderte heftig zuſam⸗ men, und einen Augenblick war es ihr, als ſtocke das Blut in ihren Adern und drohe das Herz zu zerſprengen; todten⸗ bleich, glanzloſen Auges, ſtarrte ſie vor ſich hin und ließ es bene geſchehen, daß der Vater den bindenden Ring — an ihren Zinger ſteckte und Franz, der ſich noch keine weitere Freiheit erlauben wollte, um ihren Widerſtand nicht zu reizen, ihre Hand an ſeine glühenden Lippen preßte. Auch er war ungewöhnlich bleich geworden und blickte ängſtlich um ſich, ob die Anweſenden auch nicht erriethen, was in ſeinem und ſeiner Braut Innern vorginge, aber dieſe, obgleich ſie ihre Blicke zuerſt auf die Verlobten ge⸗ richtet hatten und ihre tiefe Erregung, die nich viel Theil 8 60 an der Freude zu haben ſchien, bemerkten, konnten ſich doch zu wenig einen Begriff von den früheren Vorgängen machen, als daß ſie an einen Zwang von Seiten des Va⸗ ters der Braut gedacht hätten, und ſchnell brach ein Sturm des Beifalls und der Beglückwünſchungen los, wie er bei ſolchen Gelegenheiten nicht fehlen darf, und darin ging das ungewöhnliche Benehmen der am meiſten betheiligten Perſonen der aufmerkſamen Beobachtung verloren. Mutter Martha hörte nichts mehr von den Glück⸗ wünſchen, die man an ſie richtete; ſie hatte ſich, nachdem die erſte Beſtürzung überwunden und ihr die abſcheuliche Ueberliſtung klar geworden war, ſchnellen Schrittes zu der Tochter begeben, die ſich auf das Gebot des Vaters von ihrem Sitze erhoben hatte und jetzt von einer Menge der Gäſte mit Gratulationen umſtürmt wurde. Mutter Martha hatte eine ihrer kraftlos herabhängenden Hände ergriffen und blickte bald mit unendlicher Liebe und Be⸗ ſorgniß in das glanzloſe Auge der Tochter, die von ihrer Nähe gar nichts zu wiſſen ſchien, bald drohen auf ihren Gatten, dem ſie in der zahlreichen Geſellſchaft um ſo we⸗ niger offen zu widerſprechen wagte, als der allzuſtarke Ge⸗ nuß des Weines und die Aufregung ſich gar zu deutlich auf ſeinem Geſichte malte, das einen nicht zu beſiegenden Trotz und Eigenſinn ausſprach. Wilm ſaß noch immer auf ſeinem Platze und wiſchte ſich eine Thräne aus dem brennenden Auge, das er unverwandt auf Marie gerichtet hielt. „Der arme Burſche, der Wilm,“ ſagte ein junges Mädchen zu ihrer Freundin, auf ihn verſtohlen deutend; —„ich glaubte immer, daß er die Marie liebte, und nun hat ſie ihn ſitzen laſſen.“ „Du mußt auch nicht vergeſſen, daß der Wernecke Förſter geworden iſt und das Blankenfelder Revier mehr abwirft als die Jägerburſchenſtellung,“ erwiederte Jene ſchnippiſch. Ein krampfhafter Schrei unterbrach in dieſem Augen⸗ blicke die allgemeine freudige Bewegung, um eine neue, Idieſes Mal aber traurige, hervorzurufen; er war von der e ausgegangen, der endlich die Kräfte ſchwanden und Kddii, noch zeitig genug von des Bräutigams Armen umfan⸗ gen, ohnmächtig rücklings über ſank. Einen Augenblick bherrſchte eine Todtenſtille, dann hörte man nur noch das Jammern der Mutter, die mit Hülfe einiger anderer Frauen die Lebloſe in das Nebenzimmer brachte. Ein Sturm von Fragen nach dem Grunde der uner⸗ klärlichen Störung drang nun auf Franz und den alten (Theißen ein; Beider Geſichter waren von Angſt und ſchreck entſtellt, aber das mußte man unter ſolchen Ver⸗ ältniſſen natürlich finden. 6 4 Die Aufregung!“ ſtammelte der Alte auf die vie Fragen und bemühte ſich vergeblich, len an ihn gerichteten ruhig und gefaßt zu erſcheinen. holten die Gäſte beruhigg „Die Aufregung!“ wieder aber einige von ihnen blickten ſich doch noch verwun⸗ dert an und machten ſich verſtohlen Zeichen, daß ſie der gegebenen Erklärung keinen rechten Glauben beimaßen. Im Nebenzimmer, in das man Marie getragen, auf⸗ hatte, ging es ebenſo geſchnürt und auf ein Sopha gelegt verwirrt zu, wie in der Geſellſchaftsſtube, denn jede der dort befindlichen Frauen gab nach beſtem Wiſſen ein an⸗ deres Mittel an, die Ohnmacht zu löſen, worüber es nur zu ſehr mangelhaften Verſuchen kam. Mutter Martha 5 war die Thätigſte und Verſtändigſte; während ihrer Be⸗ mühungen liefen ihr aber die Thränen über die gefurchten Wangen herab, und ſie murmelte fortwährend halblaut: „Der Unmenſch!— Der Rabenvater!— und das arme, arme Kind!“’ Man konnte ſie nicht deutlich verſtehen, aber erriet ſie zum Theil, und die mitleidigen Frauen ſchüttelte ſchweigend die Köpfe. Da alle Belebungsverſuche hier von keinem Erfolg in ihr kleines Zimmer im obere Stockwerk getragen und zu Bette gebracht. Dort er erlangte ſie nach einer peinlich langen halben Stunde da Bewußtſein wieder, aber ihre Kräfte ſchienen vollſtändi. ter, waren, wurde Marie 63 * erſchöpft, dann, ohne eine klare Erinnerung des Geſchehe⸗ nen gefunden zu haben, ſank ſie in einen oft von krampf⸗ haftem Schluchzen und Weinen unterbrochenen Schlaf. Es war eine böſe Nacht für Mutter Martha, Wilm und ſelbſt dem alten Theißen, nachdem ſich die Gäſte mit der Verſicherung ihres aufrichtigen Bedauerns trübe ent⸗ fernt hatten. Auch Franz war gegangen, denn ein länge⸗ res Bleiben in dieſem Hauſe des Jammers, den er ſelbſt deranlaßt hatte, war ihm unerträglich. Ehe er ſchied, hatte er von dem alten Theißen Abſchied genommen, ddeenn er gedachte am andern Morgen ſchon ſeine Reiſe aach Blankenfelde anzutreten, und der Alte hatte verſpro⸗ ceen, ihm ſogleich Bericht über Marien's Befinden zu er⸗ ſaatten, ſobald ſich deren Zuſtand änderte. „Sei nur ruhig, Franz,“ hatte er mit erzwungener Faſſung Jenen und ſich ſelbſt zu tröſten geſucht, obgleich ſſein Herz ganz anders ſprach,—„das Mädchen hat ſſchwache Nerven und wird ſich ſchon wieder erholen. Es ſiſt beſſer, daß ſie Dich in nächſter Zeit nicht wieder ſieht; die Gewohnheit thut viel beim Menſchen, und wenn Du urückkehreſt, wird ſie ſich in das Unabänderliche gefügt haben und Dir hoffentlich ohne Thränen entgegenkommen. Nun, Du wirſt nie vergeſſen, was heute Abend geſchehen t, und Alles bei ihr wieder gut machen, wenn ſie erſt * 1 Dein Weib iſt, hoffe ich. So Gott will, ſeid Ihr in einem halben Jahre längſtens ein Paar.“ Von Wilm hatte Franz nicht Abſchied genommen, denn in dem Beſtreben, ſein eigenes Verfahren vor ſeinem Gewiſſen zu verantworten, ſchob er alle Schuld auf ihn und meinte, das Mädchen wäre nie unglücklich geworden, wenn jener ihr nicht den Kopf mit ſeiner Liebe verdreht hätte; er haßte Wilm recht bitter deshalb und war feſt entſchloſſen, nie wieder in ein freundſchaftliches Verhältniß mit ihm zu treten. Weitere Beſorgniſſe, daß Wilm ſeine vermeintliche Liebſchaft mit Marie in ſeiner Abweſenheit fortſetzen werde, hegte er gerade nicht, denn einmal ver⸗ traute er auf das ſcharfe Auge des alten Theißen und Marien's eigenes Pflichtgefühl, denn nach ſeiner Anſicht war für ſie die Verlobung ein vollſtändig gültiges Binde⸗ mittel an ihn, dann aber kannte er Wilm's edles Herz auch zu gut, um zu glauben, er werde Schritte thun, welche die verlobte Braut eines Andern noch unglücklicher machen könnten, als ſie es ohnehin ſchon war. Wirklich reiſte Franz nach dem Befehle ſeines Herrn in der Frühe des nächſten Morgens nach Blankenfelde ab und trat dort ſeinen Dienſt an, dem er vollſtändig gewacht 3 ſen war. Marie war an demſelben Morgen auf ihrem Lage erwacht, an dem die zärtliche Mutter, ängſtlich jedett Athemzuge des theuren Kindes lauſchend, die ganze Nacht zugebracht hatte. Als ſie die Augen aufſchlug, blickte ſte verwundert um ſich, und ſchien nicht zu begreifen, wie ſie hierher gekommen ſei, aber ſchnell ſagte ein leiſer Ruf des Entſetzens, daß ſie die Erinnerung wiedergefunden habe, und ſie ſank verzweifelnd in die Kiſſen zurück. „Mutter! Mutter!“ ſtöhnte ſie angſtvoll;—„habe ich ſo böſe geträumt oder iſt es wahr, daß ich Franzen's Braut bin?“ „Sei ruhig, mein liebes, gutes Kind,“ tröſtete die alte Martha thränenden Auges, denn eine kurze, heftige Unterredung mit ihrem Manne hatte ſie überzeugt, daß von ihm nichts zu hoffen ſei und daß er trotz des Unglücksfalles noch immer auf ſeinem Willen, Marie an Franz zu verheirathen, beharre.„Noch iſt nichts ver⸗ loren, und wenn Du den Ring da auch vor den Augen des Alten tragen mußt, ſo bindet er Dich doch nicht vor Gott dort oben, der in Dein Herz geſehen hat, und ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß der Franz nicht Dein Mann wird, ſo lange ich lebe.“ Entſetzt hatte Marie den erwähnten Ring an ihrem ganzen Körper und ſie flüſterte: „ Das iſt eine böſe Sünde, Mutter, meinſt icht, tss. XVIII. In Wald und Schloß. I. „Finger betrachtet; ein heftiger Schauder überlief ihren 1 66 den Ring des Einen auf der Hand zu tragen, während der Andere im Herzen wohnt?“ Die alte Frau erſchrak heftig über dieſes Geſtänd⸗ niß, das heute zum erſten Mal den Lippen der Tochter entfloh, aber ſie war geneigt, ihre Reden für irre zu hal⸗ ten, und verbarg ihre Betroffenheit. „Welchen Andern meinſt Du denn, Mariechen? Du haſt wohl böſe geträumt?“ fragte ſie ängſtlich. „Nein, nein, Mutter,“ erwiederte das Mädchen auf⸗ „geregt;—„es iſt Wirklichkeit, und er iſt ſo lieb und gut. O Du kennſt ihn auch, Mutter.“ Eine bange Ahnung durchzuckte die alte Martha. Hatte der Alte doch Recht gehabt, wenn er meinte, Marie liebe den armen Wilm?— Das wünſchte ſie ja eben ſo wenig als der Vater ſelbſt; aber ſie wollte ſich Gewißheit darüber verſchaffen. „Meinſt Du den Wilm, Kind?“ fragte ſie mit zit⸗ ternder Stimme. Aber Marie antwortete nicht mehr; ein Fieber mußte ſie befangen halten, denn ſie blickte ſtarr vor ſich hin, ſchauderte oft zuſammen und bemühte ſich mit unnatür⸗ licher Haſt, den Ring mit ihrer kraftloſen Hand von dem Finger zu ſtreifen. 3 8 „Er darf hier nicht bleiben, Mütterchen,“ ſagte ſie mit irrem Lächeln,—„denn wenn Er ihn ſieht, wird Er 1 ainſtehen, ſo lange vor meinen Augen ein Sch 67 mir böſe ſein; Er liebt mich ja und mag mich dem Franz nicht abtreten.“ In ihrer Angſt that die Mutter der Tochter den Wil⸗ len und zog ihr den verhängnißvollen Ring vom Finger. Marie ſchien danach ruhiger zu werden, aber ſie klagte über ſtarke Schmerzen auf der Bruſt, ſeufzte, weinte und lachte durcheinander, und es blieb bei dieſem bedenklichen Zuſtande endlich nichts Anderes übrig, als nach dem gräf⸗ lichen Hausarzte auf das Schloß zu ſchicken. Der Mann kam ſogleich bereitwillig, und er beeilte 3 ſich beſonders, als er hörte, die ſchöne Marie ſei krank, denn allgemein war das Mädchen wegen ihrer Lieblichkeit und Sanftmuth in der ganzen Umgegend bekannt und beliebt. Als er Marie, die wieder in einen kurzen, unruhigen Schlummer geſunken war, ſah, ſchüttelte er mit bedenklicher Miene den Kopf und zog dann die alte Frau bei Seite. „Dieſe Krankheit iſt aus einer übermäßigen Gefühls⸗ aufregung entſtanden,“ ſagte er beſtimmt,—„und ſie iſt nicht ohne Gefahr; wenn Ihr Eure Tochter aufrichtig liebt, Frau Theißen, ſo ſagt mir vor allen Dingen offen die Veranlaſſung ihrer Ohnmacht, denn die richtige Be⸗ handlung iſt hier die Hauptſache und ich kann nicht für ſie bon 68 den Vorfällen liegt, die Mariechen in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzt haben.“ Unter Thränen erzählte die Frau Alles, was ſie wußte, und der Arzt ſchüttelte unwillig den Kopf über die Härte und Thorheit des alten Theißen. Er blieb bis zu des Mädchens Erwachen im Förſterhauſe und hörte dann aufmerkſam ihren irren Reden zu. „Ihr habt mir doch noch nicht Alles geſagt, Frau Theißen,“ ſagte er nach einer Weile unmuthig zu dieſer; —„Eure Tochter liebt, und Ihr als Mutter müßt das doch ohne Zweifel wiſſen. Ich bitte Euch ernſtlich, ſprecht Ench offen aus.“ 8 Von Neuem geſtand Frau Martha, was ſie vorher hatte verheimlichen wollen, daß Marie unzweifelhaft eine unglückliche Leidenſchaft für den Jägerburſchen ihres Man⸗ nes im Herzen trage. Der Arzt war befriedigt, bat aber Frau Martha, ihn mit ihrer Tochter allein zu laſſen, da er mit ihr ſprechen und verſuchen wolle, ſie zu beruhigen und zu tröſten.- Eine peinliche Stunde verging der in Thränen zer⸗ floſſenen alten Frau, während ſie in einem der unteren Zimmer auf die Rückkehr und den Bericht des Arztes war⸗ tete; ſie hatte volles Vertrauen zu ihm, denn er war ein alter, verſtändiger und geſchickter Mann. Endlich kam er, und die Mutter ſtürzte ihm angſtvoll entgegen, aber ſie 1 er in das Schloß zurückkehrte.— 69 wagte keine Frage an ihn zu richten, denn er war unge⸗ wöhnlich blaß und ſchien ſehr aufgeregt, was er vergebens zu verbergen ſtrebte. „Seid nur ruhig, Frau Martha,“ ſagte er trübe;— „ich ſtehe für die Wiederherſtellung Eurer Tochter, denn ſie ſpricht ſchon viel gefaßter und vernünftiger, aber— Und mit dem Wilm da irrt Ihr Euch, das kann ich Euch verſichern; laßt aber Niemanden in das Krankenzimmer, wenn Eure Tochter phantaſirt, denn es iſt nicht gut, daß die Leute allerlei Herzensgeheimniſſe hören, und ſie ſtören die Kranke, die der äußerſten Schonung bedarf, unnöthiger⸗ weiſe.“ Der Doctor gab noch einige Verordnungen, wie Ma⸗ rie zu behandeln ſei, und entfernte ſich dann mit dem Ver⸗ ſprechen baldiger Rückkehr. Unterwegs murmelte er meh⸗ rere Male leiſe vor ſich hin:„Sie liebt ihn,— er liebt ſie, ohne Zweifel!— ſchlimm, ſehr ſchlimm, aber wer hätte das gedacht?— und er giebt ſich heimliche Rendezvous mit ihr?— armes Mädchen!“ Der Doctor war fehr verſtimmt und nachdenklich, als 70 Drittes Capitel. Auf dem gräflichen Schloſſe erwartete man zwei Tage ſpäter den Beſuch einer benachbarten Familie, der freiherrlichen von Gilgenbruck, deren Haupt die bedeuten⸗ den anſtoßenden Güter beſaß. Gräfin Eleonora Eldor ſchien die Gäſte mit großer Ungeduld zu erwarten, denn ſie ſaß an einem der hohen Bogenfenſter des Geſellſchaftsſalons und blickte unver⸗ wandt auf die Straße hinaus, auf welcher jene kommen mußten. Sie war eine hohe, einſt ſchöne Dame von un⸗ gefähr funfzig Jahren mit einem würdevollen, etwas zu ſehr den ariſtokratiſchen Stolz ausſprechendem Geſichte; ihre Toilette war einfach, aber von gewählter Eleganz. Der ſtets auf ihrem Antlitze liegende tiefe Ernſt, den wohl manche Unglücksfälle in ihrem früheren Familienleben her⸗ vorgerufen haben mochten, denn man ſagte, ſie habe nicht ganz glücklich mit ihrem Gatten gelebt, der ſich ungeſtört ſeinem Hange zu galanten Abenteuern hingegeben hatte, was ihr nicht immer verſchwiegen bleiben konnte, trat heute um ſo deutlicher hervor, als ſich aus ihrem gedankenvollen Sinnen und den Falten auf der hohen Stirn ſchließen ließ, es drücke ein neuer Kummer ihr Herz. ich hatte einen weiten Weg zu machen.“ 71 Es war drei Uhr Nachmittags, die Stunde, zu wel⸗ ſcher die Gäſte ihr Eine effen angeſagt hatten. Die Grä⸗ fin ſchellte und fragte haſtig den eintretenden Lakeien: „Iſt Graf Egmont noch nicht von ſeinem Spazier⸗ ritte zurückgekehrt?“ Der Gefragte verneinte es und erhielt den Auftrag, dem jungen Grafen bei ſeiner Heimkehr ſogleich zu melden, daß ſeine Mutter ihn baldmöglichſt bei ſich zu ſehen wünſche. Dann verſank die Gräfin wieder in ihre dem Anſchein nach trüben Gedanken, bis ſie der Hufſchlag eines Pferdes auf dem gepflaſterten Hofe daraus erweckte und wenige Augenblicke ſpäter Egmont Eldor eintrat. Er war ernſt, wie immer in letzter Zeit, aber ein ſchnell auf ihn fallen⸗ der prüfender Blick der beſorgten Mutter belehrte dieſe, daß ſein Weſen, wie ſie erwartet zu haben ſchien, keine ungewöhnliche Unruhe verrieth. „Ich habe Dich mit Unruhe erwartet, denn Du weißt, daß Gilgenbruck's um dieſe Zeit herüberzukommen geden⸗ ken,“ redete ſie ihn mit leiſem Vorwurfe an, in dem ihre mütterliche Zärtlichkeit aber doch nicht zu verkennen war. „Sch bitte um Verzeih hung, liebe Mutter,“ erwiederte der junge Graf, mit einem innigen Blicke ihre Hand küſ⸗ ſend;—„ich habe mich ſo viel als möglich beeilt, aber „Wo warſt Du, Egmont?“ fragte dis Grä n. 72 „Ich habe das Breitenſeeſche Revier beritten, wo noch mancherlei Anordnungen zu treffen waren,“ ant⸗ wortete der Graf.„SIch hielt mich bei dem alten Förſter Theißen eine Weile länger auf, als ich beabſichtigte, denn er erzählte mir von dem traurigen Unglücksfalle ſeiner Tochter, der Dir auch vielleicht ſchon zu Ohren gekom⸗ men iſt.“ „Die Gräfin nickte beſtätigend mit dem Kopfe; dann fragte ſie: „Wie befindet ſich das arme Kind?“ „Man hat Hoffnung für ſie, denn ſie iſt ruhiger ge⸗ worden,“ erwiederte Egmont unbefangen,—„aber i fürchte, daß der zunüberwindliche Eigenſinn des alten Man⸗ nes, der unzweifelhaft die Urſache ihrer Krankheit iſt, einen Rückfall derſelben veranlaſſen kann.“ „Man ſagt, ſie liebe einen Andern als den ihr ver⸗ lobten Bräutigam?“ fragte die Gräfin.„Hat man keine Vermuthung, wer derſelbe ſein kann?“— „Nein,“ erwiederte Egmont kurz.„Aber unſere Gäſte laſſen lange auf ſich warten.“ „hretwegen wollte ich eben mit Dir ſprechen, Eg⸗ mont, und da ich wünſchte, daß dies vor ihrer Ankunft geſchehe, erwartete ich Dich ſo ungeduldig,“ ſagte Gräfin Eleonore, und winkte dem Sohne, auf dem Seſſel neben ihr Platz zu nehmen. 1 Etwas verwundert blickte der Graf ſie an, als er ihrem Gebote folgte. „Ich will ohne weitere Umſchweife auf den Punkt kommen, den ich zu berühren wünſche,“ fuhr die Gräfin ernſt fort,—„denn Du würdeſt mich doch bald errathen. Willſt Du heute Ida nicht einige Aufmerkſamkeit zuwen⸗ den, Egmont ich bin überzeugt, daß es Dich nicht ge⸗ reuen würde.“ „Schon wieder Ida, liebe Mutter,“ ſagte Egmont etwas unmuthig;—„ich kann Dich verſichern, daß ich ſie ſo hoch ſchätze, wie ſie es verdient, daß ich mir aber. auch kein tieferes Intereſſe für ſie abzunöthigen vermag, wie Du es ſo lebhaft zu wünſchen ſcheinſt.“ „Und doch ſchien es, als ob ein ſolches in Deinem Herzen Wurzeln ſchlagen wollte, als Du ſie bei Deiner Rückkehr von der Reiſe zu einer herrlichen Jungfrau auf⸗ geblüht fandeſt,“ meinte die Gräfin leicht verletzt;„Dein ganzes Weſen ſagte deutlich, daß Du in ihr nicht mehr die Spielgenoſſin Deiner Jugend allein begrüßteſt, und 15 glaubte bereits, das Ziel meiner Wünſche erreicht zu aben.“ „Ida war während meiner Abweſenheit älter gewor⸗ den und freilich auch hübſcher,“ erwiederte der Graf mit erzwungenem Lächeln,—„daher mein verändertes Benehmen gegen ſie, durch das ich ſicherlich nicht Hoff⸗ 74 nungen erregt haben kann, deren Erfüllung mir ganz un⸗ möglich wird.“ „Ich ſehe nicht ein, was Du gegen ſie einwenden könnteſt, Egmont; ſie iſt in einem Alter, das dem Deinigen entſpricht, anerkannterweiſe ſchön, gebildet, wie es Dein und ihr Stand verlangt, und die einzige Tochter Gilgen⸗ brucks, deſſen Güter dereinſt einen bedeutenden Zuwachs zu den Deinigen geben werden, Alles Vortheile, welche dieſe Partie nur wünſchenswerth erſcheinen laſſen können.“ „Aber ich liebe ſie nicht, Mutter,“ entgegnete Graf Egmont entſchieden. „Weil Du Dir nicht die Mühe nehmen willſt, ſie näher kennen zu lernen,“ warf die Gräfin ein.„Ich be⸗ greife in der That nicht Deinen Eigenſinn, die Verbindung mit der Familie Gilgenbruck nicht feſter ſchließen zu wol⸗ len, ſie ſogar zu meiden; Du biſt in ihrer Gegenwart ſo ungewöhnlich einſylbig und zurückhaltend, wie es früher nicht Deine Gewohnheit war, und was bei dem innigen Verhältniſſe, in dem unſere Familie ſeit Jahren ſchon zu jener ſteht, um ſo auffälliger erſcheinen muß. Du haſt den Rath Deiner Mutter noch vor Kurzem höher geſchätzt, Egmont.“ „Das werde ich ſtets, theure Mutter, denn ich kenne Deine Einſicht und vor Allem liebe ich Dich noch ebenſo warm, als damals, wo ich mit Thränen in den Augen von mein Vorſchlag nicht unaednud für Dich ſein⸗ und ich 7⁵ Dir ſchied, um meine Reiſen anzutreten,“ antwortete Eg⸗ mont zärtlich, und legte den Arm um den Nacken der Grä⸗ fin.„Aber unſer Herz iſt ein eigenſinniges Ding und läßt ſich keine Vorſchriften machen, kämen ſie auch aus dem weiſeſten Verſtande und dem innigſt geliebteſten Mutter⸗ herzen.“ „Du haſt Recht, Egmont, aber wir pflegen oft die Leidenſchaft mit der Stimme des Herzens zu verwechſeln oder unſerer uns wohl bewußten Schwäche einen anderen Namen zu geben, um ſie vor uns ſelbſt zu rechtfertigen,“ ſagte die Gräfin ernſt;—„wohl dem, an deſſen Ohr dann eine zärtlich warnende Stimme tönt, die ihm einen Abweg von der Irrbahn bezeichnet.“ Ihr Sohn zuckte einen Moment ſchmerzlich zuſam⸗ men, dann fragte er, bleicher geworden: „Wie meinſt Du das, Mutter?“ Die Gräfin ſchien ſeine Frage zu überhören, denn ſie fuhr in ihrem früheren Tone fort: wun biſt in dem Alter und den Verhältniſſen, Dir eine Gattin wählen zu müſſen, und deswegen ſchlug ich Dir Ida von Gilgenbruck vor, weil ich ſie lange beobachtet und gefunden zu haben glaube, daß ſie den Anſprüchen, die Du an ein Mädchen ſtellen kannſt, entſpricht; indeſſen ſoll 76 zenswahl zuführſt, freudig willkommen heißen, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie an Bildung und Stand Deiner würdig iſt, und ich bin von dem Ehrgefühl meines Sohnes überzeugt, daß er keine andere Wahl treffen kann.“ Graf Egmont ſchwieg; er ſchien ſprechen zu wollen, aber er unterdrückte gewaltſam die Worte, die ihm ſchon auf der Zunge ſchwebten. „Ich bin alt, Egmont,“ ſprach die Gräfin weiter,— „weniger an Jahren, als durch die mancherlei trüben Er⸗ fahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, ein un⸗ vorhergeſehener Tod kann mich ſchnell von Dir fortrufen, und Du wirſt es dem Muttergefühl verzeihen, wenn es, trotz des vollkommenen Vertrauens zu Dir, Deine Zukunft beſtimmt ſehen möchte, ſo lange dieſes Herz, das nur für Dich lebt, noch ſchlägt. Ich brauche Dich nicht daran zu erinnern, welche traurige Ereigniſſe meines Lebens Be⸗ fürchtungen in mir erweckt haben, vor deren Verwirklichung ich in banger Beſorgniß um Dein Schickfal zittere; ich werde nur dann erſt ruhig ſein können, wenn ich eine lie⸗ bende und geliebte Gattin an Deiner Seite ſehe, deren Auge an meiner Stelle über Dich wachen wird; darum wünſche ich, daß Du ſie bald gefunden haben mögeſt. Folge meinem Rathe und beachte Ida mehr, Du wirſt Dich dann überzeugen, daß ſie alle Deine Wünſche erfüllen kann; denkſt Du dann anders über ſie, ſo werde ich von jeder 77 weitern Bitte abſtehen, Dein Schickſal mit dem ihrigen zu vereinigen, denn ich will nur das Glück Deines Herzens und die äußerlichen Vortheile der Heirath, deren Du ent⸗ 1 behren kannſt, gelten bei mir nicht hoch.“ Ehe Egmont ſeiner Mutter ein Wort auf ihre Bitte erwidern konnte, fuhren die Erwarteten in den Schloßhof ein und Mutter und Sohn mußten ſich, zu ihrem Em⸗ pfange, ihnen entgegen begeben; es blieb der Gräfin nur noch ſo viel Zeit, einen bittenden Blick auf den Sohn zu werfen, vor dem dieſer die Augen nieder ſchlug, als treffe ihn ein wohlverdienter Vorwurf. Die Familie von Gilgenbruck beſtand aus drei Per⸗ ſonen, Vater, Mutter und Tochter. Erſterer, früher lange Offizier geweſen, war ein derber, biederer Mann ohne beſonderen Geiſt und Bildung, und, wie ſein Aeuße⸗ res ſchon beſagte, ein wenig roh, aber gutmüthig. Seine Gattin, eine verwöhnte, ſchwächliche Dame, die man einſt eine Schönheit genannt hatte, zeigte in ihrem Geſichte, wie in ihrer ganzen Haltung und allen Bewegungen einen ungemeſſenen Stolz, deſſen Abglanz ſich, wenn auch nicht in ſo hohem Maße, ebenfalls in der Tochter zeigte. Ida war ein zwanzigjähriges Mädchen von blendender Schön⸗ heit, der aber jener ſeelenvolle Reiz fehlte, wie ihn Marien's Züge nicht auf das Auge, ſondern auf das Herz ausübten; brennende dunkle Augen, von gleichfarbigen, regelmäßigen, 78 feinen Brauen überwölkt, glänzendes dunkelbraunes Sei⸗ denhaar von ungewöhnlicher Fülle, der edelſte Schnitt des Profils, dabei ein unvergleichlich weißer Teint und das vollkommenſte Ebenmaß des ganzen Körpers, deſſen Formen eine mit Geſchmack gewählte reiche Toilette noch hervorhob, waren geeignet, Bewunderung zu erregen, aber das Herz des ſtaunenden Beſchauers blieb kalt und erſtarrte an dem vornehmen Stolze und Gleichmuth, der ſich in Ida aus⸗ drückte und jede Annäherung zurück wies; ſo herzlich ſie die Gräfin und ihren Sohn, gleich den Eltern, begrüßen zu wollen ſchien, verleugnete ſich auch hierbei ihr natür⸗ liches Weſen nicht ganz. Obgleich Graf Egmont das Fräulein, das einſt als Kind ſeine Spielgenoſſin geweſen war und mit dem er in den äußeren Formen noch jetzt auf ſehr vertrautem Fuße ſtand, weil es die beiderſeitigen Eltern, in der Hoffnung auf eine einſtige innigere Verbindung ſo wollten, ſchon tau⸗ ſend Male geſehen hatte, folgte er heute wieder dem Rathe und Wunſche der Mutter und warf einen prüfenden, längeren Blick auf Ida, aber er ſchien wenig befriedigt und umge⸗ ſtimmt dadurch, und unwillkürlich wurde ſeine Begrü⸗ ßung noch kälter, ſeine Haltung noch gezwungener als ſonſt, als er ihr den Arm bot, ſie die Schloßtreppe hinauf zu führen.“ „Jch habe Dich lange nicht geſehen, Couſin,“— 79 nannte Ida, nach dem Wunſch der Eltern, den Grafen, obgleich in Wirklichkeit gar keine Verwandtſchaft zwiſchen ihnen exiſtirte,—„und ich finde, daß Dein Geſundheits⸗ zuſtand ſich, Deinem Ausſehen nach, nicht um Vieles ge⸗ beſſert hat.“ Ida ſagte dies ſo gleichgültig und war dabei ſo eifrig beſchäftigt, die Falten ihres Kleides zu ordnen, die ſich im Wagen zerdrückt hatten, daß Egmont wenig Luſt verſpürte, darauf zu antworten; indeſſen erforderte dies doch der gute Ton und er meinte mit erzwungenem Lächeln: „Und Du blühſt dagegen immer ſchöner auf, Couſin⸗ chen, vielleicht iſt das Klima auf Eurem Gute beſſer.“ „Dann hätteſt Du es öfter aufſuchen ſollen,“ erwie⸗ derte Ida;—„Du weißt ja, daß Vater und Mutter Dich gern dort ſehen.“. „Du nicht auch?“ „Sicherlich,“ antwortete ſie leichthin, und ordnete ihre breiten braunen Flechten vor dem Spiegel. „Aber es ſcheint, daß Du keine allzugroße Sehnſucht nach meinem Beſuche verſpürt haſt?“ „Das würde ſich auch nicht paſſen, Couſin,“ ſagte das Mädchen unbefangen, ohne einen Blick aus dem Spie⸗ gel zu verwenden. Egmont biß ſich auf die Lippen und hätte faſt laut lachen müſſen, wenn er daran dachte, wie Ida als Gattin zu ſeinem eigenen feurigen Temperament paſſen würde. Schweigend führte er ſie, als ihre Toilette beendigt war, in das Geſellſchaftssimmer, wo man vermuthlich eben von den beiden jungen Leuten geſprochen hatte, denn die Unter⸗ haltung verſtummte einen Augenblick bei ihrem Eintritt. Gräfin Eleonore hatte keinen Grund, mit ihrem Sohne beſonders zufrieden zu ſein, denn er war zerſtreut und theilnahmlos, wie gewöhnlich in Ida's Geſellſchaft, und ſo oft er ſich bei einem ihrer mahnenden Blicke auch ſichtlich von ſeinem Nachdenken und ſeiner Schweigſamkeit loszureißen bemühte, verfiel er doch immer wieder bald in dieſelbe. Auf den Willen ihrer Eltern und die Bitten der Gräfin mußte Ida, der ebenfalls auch durchaus nichts da⸗ ran gelegen zu ſein ſchien, den jungen Grafen an ſich zu feſſeln, auch noch ein anderes Verführungsmittel zu Hülfe rufen, nämlich ihre ſchöne Stimme, die auch Entzücken er⸗ regt haben würde, denn das Fräulein hatte vortreffliche Anlagen zum Geſange und eine ſorgfältige Bildung darin erhalten, wenn ihrer Ausdrucksweiſe nicht wieder das Ge⸗ fühl gefehlt hätte. Egmont begnügte ſich, ihr einige Schmeicheleien über ihre ſchöne Stimme zu ſagen, der er übrigens nur wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte. Er fühlte ſich durchaus unheimlich in dieſer Geſella ſchaft und zwar um ſo mehr, als er die Abſichten ſeiner Mutter verabſcheute und ſtets befürchtete, das Geſpräch 81 könne irgend eine verfängliche Wendung nehmen, die darauf hinführte; am liebſten hätte er den Salon verlaſſen und ſich auf ſein Pferd geworfen, aber das geſtattete natürlich ſeine Pflicht als Wirth nicht; auch ein plötzlich eingetrete⸗ nes Unwohlſein behufs ſeiner Entfernung vorſchützen, hielt er für einen ſo verbrauchten Vorwand, daß er ihn nicht ergreifen mochte und bis zum Aufbruch der Beſucher auszuharren beſchloß. Die ihm überaus langweilige Ge⸗ ſellſchaft wurde endlich noch durch den Hausarzt vermehrt, dem ſich nun Egmont faſt ausſchließlich widmete und dabei der Unterhaltung auch mehr Intereſſe abgewann, denn ſo⸗ wohl Herr als Frau von Gilgenbruck ſprachen ihn eben ſo wenig an, als ihre Tochter. Egmont haßte die Derbheit des Erſteren in ſeiner Ausdrucksweiſe, mochte ſie dieſem nun natürlich geworden ſein oder er eine Befriedigung da⸗ rin finden, ſie zu erkünſteln; ſelbſt die oft hervorleuchtende Gutmüthigkeit des alten Herrn, deren er ſich ſelbſt wahr⸗ ſcheinlich im falſchen Gefühle ſchämte, konnte Egmont nicht mit ſeinem übrigen Weſen ganz verſöhnen. Frau von Gilgenbruck dagegen war wieder eine coquette Empfindlerin, ohne wahre Empfindung, und ihre Sucht um ſo unerträg⸗ licher, als ſie ihr ſtolzes hartes Herz nicht immer darunter derbergen konnte. Die Unterhaltung, hauptſächlich von der Gräfin ge⸗ leitet, ſprang von einem Thema auf das andere über, aber es. XVIII. In Wald und Schloß. I. 6 keines erregte Egmont's Intereſſe, bis er plötzlich den Na⸗ men Theißen nennen hörte und ſich ſogleich überzeugte, daß von der Tochter des Förſters die Rede ſei, deren unglück⸗ liche Verlobung man ſchon in der ganzen Gegend bei Arm und Reich beſprach; der ungewöhnliche Vorfall erregte bei den romantiſch fühlenden Seelen Intereſſe, und dazu kam, daß Marie den Meiſten wegen ihrer Schönheit perſönlich bekannt war, hatte ſie doch manches ſchöne Fräulein ſchon aus tiefſter Seele beneidet, wenn ſie ihr in der Kirche ge⸗ genüber ſaß. „Der alte Theißen iſt ein herzloſer, nichtswürdiger Barbar, den ich an Stelle Ihres Sohnes, Frau Gräfin, zur Strafe aus dem Förſterhauſe und von dem Gute fort⸗ peitſchen laſſen würde,“ donnerte der Baron mit ſeiner groben Stimme und ſtrich ſich den grauen Schnurrbart. „Das arme Mädchen! wie herzlich ich ſie bedaure!“ flötete die Frau Baronin und führte ihr mit Spitzen be⸗ ſetztes Taſchentuch an die Augen.„Ich begreife nur nicht, wie ſie eine ſo vortheilhafte Partie ausſchlagen konnte und obenein einer vollſtändig ausſichtsloſen Jugendliebe wegen, wie man ſagt. Letztere muß doch von beſonders tiefer In⸗ nigkeit geweſen ſein, und vielleicht— Die nächſten Worte flüſterte die Baronin der Grifin heimlich zu. „Haſt Du auch ſchon von dieſer traurigen Geſchichte 1 83 gehört, Couſinchen?“ fragte Egmont halblaut, ſich plötzlich an Ida wendend, die in einem Taſchenbuche mit Stahl⸗ ſtichen blätterte. „Ich glaube wohl,“ erwiederte ſie gleichgültig. „Und was meinſt Du dazu?“ fragte Egmont weiter. „Das habe ich mich ſelbſt noch nie gefragt,“ erwie⸗ derte das Fräulein,—„denn in der That kümmere ich mich zu wenig um Sachen, die mich nichts angehen; aber ich kann nicht an tiefe Herzensempfindungen bei ſolchem Volke glauben, denn bei der fortwährenden Berührung dieſer Leute mit dem Materiellen des Lebens müſſen jene ſich abſtumpfen.“ „Ich dächte aber doch, wir hätten es hier mit einem ſehr zarten, leicht verletzbaren Gemüthe zu thun, wie die jetzige ſchwere Krankheit der Förſterstochter beweiſt,“ ſagte Egmont mit gerunzelter Stirn. „Es giebt Ausnahmen, und vielleicht hat dieſe Krank⸗ heeit auch noch einen andern Grund, den wir nicht kennen,“ erwiederte Ida, aufmerkſam einen Stahlſtich betrachtend; —„iich will aber mit Dir wetten, daß das Mädchen wie⸗ der geſund wird und ihren Förſter heirathet.“ „Meinſt Du?“ „Sicherlich.“ Egmont wandte ſich unwillig ab und ſetzte ſeine 1 Unterhaltung mit dem Doctor fort, den er nun ange⸗ 6* legentlich nach dem Befinden Marie Theißen's fragte. Das Geſicht des Arztes wurde länger und ernſter, als er dem jungen Grafen berichtete, die Lebensgefahr für das Mädchen ſei zwar augenblicklich vorüber, aber es ſei ſehr wahrſcheinlich, daß mit der immer klarer wiederkehrenden Erinnerung auch ein Rückfall ſie von Neuem in einen be⸗ denklichen Zuſtand verſetzen könne.“ „Ich möchte nicht der alte Theißen ſein,“ fügte der Doctor weich hinzu,—„aber auch nicht der Mann, der vielleicht nur einer flüchtigen Laune halber das Lebensglück dieſes unſchuldigen Kindes auf das Spiel ſetzte, das ohne ſein Dazwiſchentreten vielleicht mit Freuden die glückliche Gattin des Förſters Wernecke geworden wäre.“ „Sie meinen den Mann, den ſie lieben ſoll?d— Haben Sie eine Vermuthung, wer er ſein könnte?“ fragte Graf Egmont. „Nein, Herr Graf;— die Mutter behauptet, es könne nur der Jägerburſche ſein, der im Hauſe des alten Theißen wohnt,“ antwortete der Doctor verlegen. „So?“ ſagte Egmont gedehnt und ſtarrte gedanken⸗ voll vor ſich hin.— Der Abend neigte ſich ſeinem Ende zu, und die frei⸗ herrliche Familie rüſtete ſich zum Aufbruche, nachdem ſie die Gräfin und ihren Sohn beſtürmt hatte, bald einen Gegenbeſuch auf ihrem Gute zu machen. Erſtere ſagte 85⁵ dieſen bereitwillig zu, Egmont ſprach von den vielen Ge⸗ ſchäften, die er gerade jetzt habe, geſtand aber doch zu, daß er wohl nächſtens einen freien Nachmittag finden werde, Gilgenbrucks zu beſuchen. Unter vielen Verſicherungen ewiger Freundſchaft ſchied man, und Egmont ſeufzte leicht auf, als die alterthümliche Karroſſe mit ihren Inſaſſen aus dem Hofthor rollte. Seine Mutter war verſtimmt und ſchenkte ihm keinen Blick, als Beide ſich wieder in dem Salon befanden. „Gute Nacht, liebe Mutter,“ ſagte Egmont, der es bemerkt hatte und jede weitere Unterhandlung, die, wie er wußte, doch zu keinem Reſultate führte und das Herz der Gräfin nur kälter gegen ihn machte, abſchneiden wollte. „Du haſt heute wieder nicht meiner Bitte gefolgt, Egmont,“ ſagte die Gräfin vorwurfsvoll. „Ich habe es verſucht, Mutter, aber in der That läßt ſich eher ein Stein erweichen, als Ida's Gleich⸗ gültigkeit.“ „Du willſt Gleichgültigkeit ſehen, wo ich einen ernſten, ſanften Sinn bewundere,“ antwortete die Gräfin. „Sanft?“ fragte Egmont unwillkürlich mit ſpötti⸗ ſſcchem Tone.„Aber gute Nacht, Mutter.“ Warum eilſt Du ſo, mein Sohn?“ ſagte die Gräfin eempfindlich. „Ich bin müde,— dieſe Geſellſchaft hat mich er⸗ müdet,“ erwiederte Egmont unmuthig. „Es iſt Deine eigene Schuld,“ verſetzte die Gräfin. „Ida muß kalt und gleichgültig gegen Dich ſein, wenn Du Dein Benehmen gegen ſie nicht änderſt; wie kannſt Du verlangen, daß Du ihr gefällſt, wenn Du ſie ſo offenbar vernachläſſigſt?“ „Ich habe ſie ja die Treppe herauf⸗ und hinunter⸗ geführt,“ lachte Egmont,—„und ich verlange wahrhaftig nicht, ihr zu gefallen. Ich bitte Dich, liebe Mutter, laſſe einmal Ida aus dem Spiele; Du haſt mir ja heute noch ſelbſt geſagt, daß Dir gar nichts daran liegt, ob ſie oder eine Andere meine Gattin wird, wenn ich nur überhaupt heirathe. Ich will's mir überlegen, aber laſſe mir Zeit und verſchone mich indeſſen mit den Gilgenbrucks,“— und Egmont hatte ſchnell die Hand ſeiner Mutter geküßt und verließ eili das Zimmer, ohne ihre Antwort abzuwarten. Gräfin Eleonore blickte ihm, zwiſchen Unwillen und beſorgtem Schuner, getheilt, nach. Der junge Graf begab ſich noch nicht zur Ruhe, wie er ſeiner Mutter gegenüber vorgeſchützt hatte, ſondern er promenirte im Garten umher, und mochte die laue, träu⸗ meriſche Sommernacht nun dieſen Eindruck auf ihn machen oder hatte er wirklich einen geheimen Kummer, den er vor Anderer Augen ſorgfältig zu verbergen wußte, er ſchien 87 von einer tiefen Melancholie ergriffen. Die Worte ſeiner Mutter an dieſem Nachmittage, ehe die Gäſte kamen, waren es beſonders, die, mit einem andern geheimen Ge⸗ genſtande in Verbindung gebracht, jetzt noch einmal ernſt an ſein Ohr klangen und ihn zum Nachdenken aufforderten. Er hatte aus halbverſteckten Redensarten ſchon oft den Schluß gezogen, daß ſein verſtorbener Vater ein in vieler Beziehung ſehr leichtſinniges Leben geführt haben müſſe, durch das er beſonders der ehelichen Treue zu nahe getreten war; die Mutter hatte nie eine offene Klage gegen ihn ausgeſprochen, aber ihre Andeutungen wieſen oft, wie auch heute, wieder darauf hin und ſagten ihm, daß ſie ſchwer darunter gelitten haben müſſe; er verſtand auch richtig, daß ſie fürchte, er könne dem Vater, mit dem er im Uebri⸗ gen viel Aehnlichkeit haben ſollte, auch hierin nachahmen und daß ſie deshalb ſeine baldige Verheirathung wünſchte; er ahnte freilich nicht, daß ſie hierauf von Neuem durch die Entdeckung eines Geheimniſſes geleitet worden war, bei dem er keine Mitwiſſer zu haben glaubte. Egmont erinnerte ſich in ſeinen Träumereien, die nun auf das Leben des verſtorbenen Vaters übergingen, auch der Aehnlichkeit des Jägerburſchen Wilm, deſſen Namen er heute wieder hatte erwähnen hören, mit ſich ſelbſt und daß er einmal vpoor mehreren Jahren ſchon die Aeußerung eines ſich un⸗ beachtet glaubenden alten Dieners des Hauſes zufällig vernommen hatte, Wilm müſſe der natürliche Sohn des alten Grafen ſein. Während er ſo in dem Garten herum⸗ gegangen war, ſtand er plötzlich vor einem Seitenflügel des Schloſſes, deſſen niedrige Parterrefenſter noch erleuchtet waren; es war die Wohnung des alten Arztes, und den jungen Grafen durchflog ſchnell der Gedanke, dieſer, der ſchon ſeit langen Jahren auch ſeinen Vater behandelt hatte und ſogar mit demſelben ſehr vertraut geweſen war, werde ihm die ſicherſte Auskunft über das geben können, was er zu wiſſen wünſchte. Er konnte der Verſuchung, zu ihm zu gehen, nicht länger widerſtehen, und alle ſeine Faſſung zuſammennehmend, klopfte er an eines der niedrigen Fenſter und rief mit heiterer Stimme dem Doctor zu, ob er ſchon ſchlafe, oder ob ihm noch ein Beſuch angenehm ſei. Dieſer beeilte ſich, höflich das letztere zu verſichern und Egmont trat in ſein Zimmer, ihm mittheilend, daß er bei ſeiner Gartenpromenade zufällig noch Licht bei ihm geſehen habe und das Bedürfniß nach einer Unterhaltung ihn hierher geführt habe. Der alte Arzt fühlte ſich geehrt und erfreut durch den Beſuch des jungen Grafen, und bald ſaßen Beide in traulicher Unterredung neben einander. Egmont kam jetzt mit vielen Umſchweifen auch auf ſeine eigentliche Abſicht, die er mit ſo dringenden und gewich⸗ tigen Bitten zu unterſtützen wußte, daß der Doctor nach längerem Bedenken einwilligte, ſeinen Wunſch zu ge 89 4 währen; aber auch noch ein anderer Grund ſchien ihn dazu zu beſtimmen. „Ich will thun, was Sie von mir verlangen, Herr. Graf,“ ſagte er im ernſten, feierlichen Tone,—„obgleich ich von dieſen Dingen noch nie mit einem andern Men⸗ ſchen, als Ihrem ſeligen Herrn Vater geſprochen habe; er wird mir verzeihen, daß ich jetzt zum Verräther an ihm werde, denn ich gedenke nicht einen müſſigen Hang zur Geſchwätzigkeit zu befriedigen, ſondern gebe Ihrem Willen nach, weil Ihnen das traurige Beiſpiel vielleicht einmal zur Lehre gereichen kann. Nehmen Sie einem alten Manne, wie mir, der Ihrer Familie ſchon Jahre lang treu an⸗ hängt, dieſe Worte nicht übel, Herr Graf.“ Nach einer langen Pauſe, in der er ſeine Erinne⸗ rungen zu ſammeln ſchien, begann der Doctor: 8 „Zur Zeit, als Sie, Herr Graf, noch ein Kind von zwei Jahren waren, alſo etyoa vor zweiundzwanzig Jahren, war Ihr Herr Vater ſa attich„ſchöner Mann in der Blüthe ſeiner Jahre,— wenn ich nicht irve, zählte er ihrer vier⸗ oder fünfunddreit ig, er hatte viel Aehnlichkeit mit Ihnen, auch noch in ſpäderer Zeit; bis zu welcher Ihre Jugenderinnerungen wohl noch zrrückreichen, aber er war ungeſtümer, wilder und barſcher und hatte kein weiches Herz, denn ſeine natürliche Güte, die ſpäter erſt wieder deutlicher hervortrat, war in dem Kriegsleben erſtarrt, dem 9 8 8 . e. 1 er ſich in den Jahren zuvor als braver Offizier ganz hin⸗ gegeben hatte; man fürchtete ihn mehr, als man ihn liebte. Schlimmer aber noch war ſein ungezähmter Hang für das weibliche Geſchlecht, den er wohl auch aus jenem ſitten⸗ loſen Leben mitgebracht hatte, und die Abenteuer, die er nicht immer mit der gehörigen Vorſicht betrieb, koſteten Ihrer ſanften Mutter, die erſt drei Jahre mit ihm ver⸗ heirathet war und ihn von ganzer Seele liebte, manche bittre Thräne, denn ſie kamen nur zu oft zu ihren Ohren. Zu derſelben Zeit lebte in Weißenberg, dem Dorfe zwei Meilen von hier, ein wohlhabender Müller Franke, ein allgemein geachteter Mann, an dem man nur ſeinen über⸗ mäßigen Jähzorn, der indeſſ en ſchwer zu erregen war, tadeln konnte; der Mann war fleißig, bieder, gottes⸗ fürchtig, aber er kannte ſich ſelbſt nicht uehi, Rann er ge⸗ reizt worden war. Dieſer hatte eine einzige Tochter,— ſeine Gattin war ſchon lange todt;— das Mädchen war ein Engel an Schönheit, Sittſamkeit und weiblicher Milde, die Freude und der Stolz des Vaters, der ſie über die Er⸗ forderniſſe ihres Standes erziehen ließ, was ſelten gut thun ſoll, aber auch die ganze Umgegend liebte und ver⸗ ehrte ſie, denn ſie tröſtete und half, wo es einen Armen oder Bedrängten gab; der Vater hinderte ſie nicht daran und war glücklich, wenn die Leute von der„heiligen Marie aus Weißenberg“ ſprachen.“ 91 4 „Marie?“ fragte Graf Egmont haſtig und fuhr aus ſeiner aufmerkſam lauſchenden Träumerei auf.. „Marie Franke,“ erwiederte der Doctor ruhig, ohne ihn anzublicken, und fuhr fort: „Ich weiß nicht, wie und wo Ihr Vater das Mäd⸗ chen kennen gelernt haben mag und auf welche Weiſe er es verſtand, ſich ihre reine Neigung zu gewinnen;— genug, Marie liebte ihn mit aller Gluth ihres warmen Herzens, aber Niemand ahnte es und wäre auf einen ſolchen Gedanken gekommen, nur machte man allgemein 3 die Bemerkung, daß Marie blaſſer und träumeriſcher wurde, und die Leute brachten dies damit in Verbindung, daß ein junger, hübſcher Burſche, der Sohn eines Pächters aus Weißenberg, ihr zuerſt überall heimlich folgte, dann Eintritt in das Haus ihres Vaters erlangte und endlich deſſen Freundſchaft vollſtändig erwarb; man ſprach allge⸗ mein davon, daß der junge Mann ſich um die Hand Ma⸗ rien's bewerbe und daß es wohl keinem Zweifel unterliege, er werde ſie auch erhalten, denn er war wohlhabend und entſprach allen Anforderungen des alten Franke. Aber Marie ſtimmte ihrem Vater nicht bei, ſie konnte nichts Beſtimmtes gegen den Freier einwenden, aber ſie geſtand dem Vater, daß ſie ihn nicht liebe, und alle ſeine Bitten und Vorſtellungen fruchteten nichts, ihren Entſchluß zu ändern. Der Jüngling mußte ſeine Bewerbungen ein⸗ ſtellen, und zum erſten Male ſtanden Vater und Tochter in einem leichten Mißverhältniſſe zu einander, denn der alte Franke begriff die Weigerung des Mädchens nicht und ſah Jenen ungern ſcheiden; indeſſen dachte er auch nicht daran, ſeine Tochter zu einer Heirath wider ihre Neigung zwingen zu wollen. Marie hätte indeſſen den braven jungen Mann, der ſie aufrichtig liebte, wohl be⸗ günſtigt und wäre wahrſcheinlich eine glückliche Hausfrau an ſeiner Seite geworden, hätte ihr Herz nicht nur für Ihren Vater geſchlagen, mit dem ſie oft heimlich im Walde zuſammentraf; wie er mir ſpäter ſagte, hatte er bereits einen vollſtändigen Sieg über ſie errungen, ehe ſie wußte, wer er ſei und daß er bereits eine Gattin habe, denn er hatte ſich ihr unter einem falſchen Namen vorgeſtellt, und als nun ſpäter ein Zufall ihr die Augen öffnete, war das Mädchen zu ſchwach, der Leidenſchaft Einhalt zu thun, ſo bitter ſie ihr Unglück auch im Stillen beweinte. „Der Müller Franke hatte eine Reiſe angetreten, und die Liebenden benutzten ſeine Entfernung, ſich unvor⸗ ſichtigerweiſe in ſeinem Hauſe Rendezvous zu geben. So war Ihr Vater auch eines Abends ſpät dort, als der nichts⸗ ahnende Franke plötzlich früher, als die Tochter ihn zurück⸗ erwartet hatte, heimkehrte und Ihrem Vater keine Zeit blieb, ſich zu entfernen oder zu verbergen⸗ Was da nun vorgefallen iſt, weiß Niemand als die Betheiligten ſelbſt, folgt ſei, nachdem er das Mädchen auf das Grauſa 93. und der Graf wollte ſpäter niemals ausführlich zu mir darüber ſprechen, obgleich er mir ſchon damals ſein Ver⸗ trauen geſchenkt hatte. Genug, er kehrte todtenblaß und auf das Heftigſte aufgeregt, in der Nacht in dieſes Schloß heim, ließ mich rufen und ſich den Arm verbinden, der durch ein Inſtrument, wie etwa meiner Schätzung nach ein Beil oder dergleichen, nicht unbedeutend verletzt war. Am andern Morgen erfuhr die ganze Umgegend, daß der Müller Franke plötzlich mit dem baaren Gelde, das er beſaß, und ſeinen Papieren verſchwunden ſei, die Tochter aber im heftigſten Fieber zurückgelaſſen habe; man muth⸗ maßte alles Mögliche, ohne ſicher die Wahrheit zu errathen. „Ich mußte das arme Mädchen, deſſen Zuſtand höchſt gefährlich war, behandeln, denn der Graf ſchickte mich ſchon am andern Morgen nach der Mühle; ſie lag in den heftig⸗ ſten Phantaſien, und da ich bald errieth, was hier dor⸗ gefallen ſei, entfernte ich alle Perſonen aus dem Zimmer und widmete ihrer Pflege faſt meine ganze Zeit, denn ſie hatte keinen Verwandten, dem ich unter ſolchen Umſtänden die Sorge für ſie anvertrauen konnte. Aus ihren irren Reden aber entnahm ich ſo viel, daß es zu einem heftigen Streite, ſogar zu Thätlichkeiten zwiſchen dem Grafen und Franke, der ihn wohl erkannte, gekommen war, daß erſterer außer ſich das Haus verlaſſen habe, Franke ihm aber ge⸗ 94 mißhandelt und ihr geflucht hatte. Er kehrte nie wieder, mochte er nun die Strafe für die Verwundung des Grafen fürchten, denn damals waren die Geſetze in Betreff der Widerſetzlichkeiten gegen den Grundherrn noch härter, oder wollte er den Platz, an dem er ſo Schlimmes erlebt hatte, und die Tochter nicht wiederſehen; vom Auslande aus verkaufte er die Mühle mit ihrem ganzen Inventarium und ſoll dann nach Amerika gegangen ſein. Der Tochter blieb gar nichts und ſie war in das äußerſte Elend ver⸗ ſetzt, Jedermann aber ſcheute ſich, ſie nach dem Vorgegan⸗ genen zu ſich zu nehmen, ſo hoch man ſie früher verehrt hatte. „Der Graf hatte ſie indeſſen öfter beſucht, ehe ſie die Mühle verließ, und fühlte wohl die Verpflichtung, für ſie zu ſorgen; ich weiß nicht, auf welche Weiſe er ſeinen Kammerdiener Nordmann, einen wackern jungen Mann, von vielem Ehrgefühl, überredete, die Marie zu heirathen, jedenfalls hatte er vor ihm wohl jede frühere Verbindung mit ihr geleugnet,— kurz, dieſe Beiden traten in den Bund der heiligen Ehe und zogen hierher nach Breitenſee auf das Schloß, wo Nordmann in ſeinem Dienſte blieb. Ich weiß es, daß Ihre Mutter damals ihren Gatten auf das Flehentlichſte beſchwor, dem Nordmann irgend eine Stelle außerhalb zu geben, denn das Gerücht von dem Geſchehenen mochte wohl auch ihr Ohr erreicht haben, 8 95 aber Ihr Vater blieb hartnäckig bei ſeinem Willen, denn er mochte neben der Angabe, dadurch die falſchen Gerüchte von ſeiner früheren Verbindung mit Marie am beſten zu widerlegen, wohl auch noch andere Gründe dazu haben, wie es ſich bald erwies. Der Kammerdiener Nordmann liebte ſeine junge Frau unausſprechlich, und ſie ſchien ſeine Neigung vollkommen zu erwidern; ihre gegenſeitige Zäxt⸗ lichkeit ſtieg, als nach einem Jahre der Knabe geboren wurde, den Sie, Herr Graf, wohl unter dem Namen Wilm in der Förſterei des alten Theißen auch kennen gelernt haben. Die Klätſchereien über Marie nahmen bald ein Ende, denn es mußte wirklich Jedem ſchwer werden, der lieblichen, engelguten Frau, die ſchon bis dahin eines ſo vorzüglichen Rufes genoſſen hatte, etwas Böſes nachzu⸗ ſagen und ihr dadurch wehe zu thun; man glaubte, wie Nordmann, einem von dem Grafen und ihr erſonnenen Mährchen; außer ihnen Beiden wußte wohl ich nur allein mehr von der Wahrheit. „Marie hätte wieder glücklich werden können, wenig⸗ ſtens äußerlich, denn auf ihrem Herzen mochte der Vater⸗ fluch wohl ſchwer ruhen. Aber das Unglück hatte ſie nicht ggewarnt oder vermochte die Gluth ihrer Leidenſchaft nicht au kühlen; ſie ſetzte das ſträfliche Verhältniß mit dem Grafen fort, der ſich eben ſo wentg beherrſchen konnte, bis 4 wei Jahre nach ihrer anſcheinend glücklichen Ehe Nord⸗ mann durch einen Zufall die Augen geöffnet wurden. Er ſah zu klar, um einen Augenblick länger in Zweifel ſein zu können, und eine unbeſchreibliche Verachtung der bis dahin geliehten Frau, ein entſetzlicher Schmerz waren die Folge; er wollte ſich ſelbſt das Leben nehmen, aber man hinderte ihn daran, und er verſiel in ein hitziges Nerven⸗ fieber. Der ſelige Graf verkehrte in dieſer Zeit viel bei ihm, und als Nordmann genas, gab er ſeine Stelle als Kammerdiener auf, zog aber, von dem Grafen reichlich unterſtützt, nach einem anderen Orte, ſein Kind mit ſich nehmend. Seine Frau reiſte ſchon von hier aus ab,— Niemand wußte wohin, aber es hieß, ſie wolle entfernte Verwandte beſuchen; ihr Mann begleitete ſie bis zur Hauptſtadt, wohin auch bald darauf der Graf reiſte, und, wie ich ſpäter erfuhr, hat dort ihre Scheidung ſtattgefun⸗ den. Herzzerreißend ſoll der Abſchied des unglücklichen Weibes von Breitenſee geweſen ſein, wo ſie ihr Kind zu⸗ rücklaſſen mußte; ſelbſt krank und elend, ſo daß man ihre frühere Schönheit kaum noch wiedererkannte, traf ſie in der Hauptſtadt ein, und man weiß nicht, was ſpäter ihr Schickſal geweſen ſein mag, obgleich ſie der Graf ſicherlich reichlich mit Geld verſehen hat. Nur mehrere Jahre ſpäter erzählte mir ein alter glaubwürdiger Mann dieſes Dorfes, der außerhalb geweſen war, im Vertrauen, er ſei überzeugt, Marie in der Hauptſtadt wiedergeſehen zu haben, 97 aber er habe ſich geſcheut, ſie anzureden, da ſie ihm gar zu elend und verworfen erſchienen ſei.— Das iſt die traurige Geſchichte, die Sie wiſſen wollten, Herr Graf, und ich möchte hinzufügen, daß die unglückſelige Leidenſchaft Ihres ſeligen Herrn Vaters nicht nur dieſe drei Perſonen, unge⸗ rechnet den ſchuldloſen Wilm, vermuthlich ein Kind der Sünde, in das Elend ſtürzte und ihren Herzensfrieden untergrub, ſondern auch Ihre Frau Mutter, der ſie nicht verborgen bleiben konnte, auf das Krankenlager warf, von dem ſie ſich erſt Monate ſpäter mit Zurücklaſſung ihrer Scchönheit, ihrer feſten Geſundheit und wohl auch ihrer reinen Liebe für den Gatten erhob. Es iſt eine böſe Sache um die Leidenſchaft unſeres Herzens, Herr Graf, und wir ſollen nicht mit ihr unvorſichtig ſpielen, denn wendet ſie ſich oft auch nicht gegen das eigene Herz, ſo kann ſie leicht manches andere brechen, das empfindlicher iſt, und die finden wir in den unteren Volksklaſſen eben ſo leicht als unter den höheren Schichten der Geſellſchaft.“ Der Doctor ſchwieg und ſein Blick ruhte mit ſo tiefem Ernſte auf dem jungen Grafen, daß dieſer ihn nicht zu ertragen vermochte; die Erzählung hatte ihn ohnehin ſchon ſo aufgeregt, daß kalte Schweißtropfen auf ſeiner Stien ſtanden. Sich ſchnell erhebend, drückte er mit inni⸗ gem Blicke die Hand des Doctors und ſagte haſtig: „Ich danke Ihnen, Doctor, ich danke Ihnen he „. 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. Dann eilte er mit einem kurzen Gruße aus dem Zimmer in den Garten zurück, in deſſen Gängen er heftig mit gekreuzten Armen auf⸗ und abſchritt; ein kalter Fieber⸗ froſt ſchüttelte ihn, aber er achtete nicht darauf, und es war ſchon beinahe Mitternacht, als er ſich in ſein Zimmer begab. Aber auch dort mochte er noch nicht die Ruhe ſuchen, ſondern ſaß träumend auf ſeinem Lager. „Der Doctor hat Recht,“ murmelte er leiſe vor ſich hin;—„aber ich kann ja nicht anders.“— Auch Gräfin Eleonore war noch nicht zur Ruhe ge⸗ gangen, denn die Beſorgniß um den Sohn gönnte ihr dieſe nicht; ſie hatte ihm zürnen wollen, weil er ihre Rath⸗ ſchläge nicht beachtete, aber ſie vermochte es nicht lange und dachte jetzt nur noch daran, die Mittel zu finden, die geeignet wären, ſeinen Widerſtand zu brechen. Vor allen Dingen hatte ſie beſchloſſen, ſchon am folgenden Tage zu der Familie Gilgenbruck hinüberzufahren, und zwar dieſes Mal ohne Egmont, der, wie ſie wußte, gern zurückbleiben würde, wenn ſie ſeine Begleitung nicht ausdrücklich ver⸗ langte; dort wollte ſie offen mit den Eltern über ihren Wunſch ſprechen, ohne dabei Egmont zu nahe zu treten, dann aber auch mit Ida ſelbſt im Geheimen reden und ſie auffordern, dem Sohne ſelbſt mehr entgegenzukommen, als es bisher geſchehen war. Sollte aber auch dieſer Plan fehl⸗ ſchlagen, ſagte ſich die Gräfin, dann mußte Egmont reiſen 4 und ſie wollte es ſich um jeden Preis angelegen ſein laſſen, ſeine Einſtimmung hierzu zu erhalten, nöthigenfalls fogar eine Krankheit vorſchützen, ſich ein entferntes Bad verord⸗ nen laſſen und ſeine Begleitung dahin verlangen. Dieſe Vorſätze ſollten vor Allem ſchnell in das Werk geſetzt werden, und die Ungeduld der Gräfin war ſo groß, daß ſie faſt die ganze Nacht kein Auge ſchließen konnte.— Viertes Capitel. Im Förſterhauſe verging die nächſte Zeit ſehr traurig, ſo lange Marien's Zuſtand noch immer wechſelweiſe Hoff⸗ nung und Befürchtung erregte. Der alte Theißen machte ſich im Stillen Vorwürfe über ſeine Härte, aber dennoch war er entſchloſſen, nicht nachz zugeben, denn wie ſollte er dann ſein Verhalten vor Franz und auch vor der ganzen Umgegend verantworten? Immer mehr überredete er ſich deshalb ſelbſt, er habe nur der Tochter Glüc gewollt, und 3 ſprach ſich in dieſer Weiſe auch gegen Frau Martha aus, die hn anfangs beuäui das Geßechels zu Keneiſa nun der Alles anders wendete, als 1 Aler Der 14 hatte. Sie war überzeugt, die beabſichtigte Heirath werde Marie ſehr unglücklich machen und das Mädchen ſich nie in ihr Geſchick finden können, deshalb wollte ſie es unter allen Umſtänden auch nicht ſo weit kommen laſſen, aber ſie zagte doch bange, wenn ſie an den Widerſtand dachte, den ſie noch zu überwinden haben würde. Faſt noch mehr wurde aber Frau Martha dadurch beunruhigt, daßt wie es auch die Andeutungen des Arztes ausgeſprochefl hattgi⸗ ihre Tochter ein gefährliches Geheimniß in ihrer Bruſt bergen mußte, in das ſie nicht einmal die Mutter ein weihen wollte, der ſie ſonſt jede Falte ihres Herzens offen dargelegt hatte; Frau Martha fühlte ſich verletzt dadurch, aber ſie wagte jetzt nicht, der Tochter Vorwürfe zu machen, oder mit Bitten in ſie zu dringen, um ſie nicht noch mehr aufzuregen. Trotz der Verſicherung des Doctors, hatte die Alte Wilm in Verdacht, denn er ſah ungewöhnlich trühe aus und ſprach faſt kein Wort, wozu er freilich auch nicht, aufgefordert wußde, denn der alte Theißen grollte noch immer auf ihn nd Muͤtter Martha war viel zu ſehr mit der Sorge um Marie beſchäftigt. Ein Paar Wochen vergingen indeſſen auf dieſe Weiſe, Marie erhielt die ſorgſamſte Pflege von dem Arzte, den zärtlichſten Troſt von der Mutter, und gewann ſichtlich ihre Kräfte wieder. Der wilde Schmerz in ihrer Bruſt hatte alle ſeine Stürme erſchöpft, und an ſeine Stelle wa 101 eine tiefe Schwermuth getreten; die Hoffnung erhob in ihrer Bruſt wieder leiſe das Haupt, obgleich ein ernſter Blick ihres Vaters, deſſen Hartnäckigkeit und Erbarmungs⸗ loſigkeit ihr immer klarer wurde, genügte, ſie für lange wieder zu erſticken. Mit lebhafter Ungeduld ſah ſie dem. Tage entgegen, an dem es ihr erlaubt würde, wieder aus⸗ zugehen, und beſtürmte den Doctor und die Mutter mit Bitten deswegen, aber erſterer verbot es noch ſtreng. In⸗ deſſen durfte ſie ſich ſchon von ihrem Lager erheben und die Mutter wieder in den leichteren Arbeiten der Wirth⸗ 2 ſchaft unterſtützen. Als Marie zum erſten Mal in die Wohnzimmer hinunter gehen ſollte, fiel ihr der Verlobungsring in die Augen, den ſie während ihrer Fieberphantaſien durchaus nicht auf der Hand hatte leiden wollen und den die Mut⸗ ter ihr abgezogen und jetzt ſo offen hingelegt hatte, daß er des Mädchens Aufmerkſamkeit erregen mußte; dies war unzweifelhaft abſichtlich geſchehen, weil ſie fürchtete, der Vater werde böſe werden, wenn Marie ohne dieſen Ring erſchiene. Marie verſtand ſie, und ihre Wangen wurden noch bläſſer, als ſie es jetzt ſchon ohnehin waren; ſie ergriff deen Ring, aber er entfiel ihrer zitternden Hand, und die⸗ fen Vorfall für ein Zeichen des Himmels haltend, daß ſie ihn nicht tragen ſolle, entſchloß ſie ſich, dem Zorne des alten Theißen zu trotzen. 4 8 3 Der Alte war wirklich gerührt, als er Marie wieder in das Wohnzimmer treten ſah, denn das erlittene Leiden war deutlich auf ihrem blaſſen, abgemagerten Geſichte zu leſen und ſie war noch ſo ſchwach, daß ſie ſich bald hinſetzen mußte, aber er ſchämte ſich, dieſes weiche Gefühl zu äußern, und erſchien in dem Zwange, den er ſich auferlegte, noch härter als früher. Marie zitterte heftig, denn ihre Nerven waren ſtark angegriffen, aber es gelang ihr, ihre Faſſung wieder zu gewinnen und in die geführte Unterhaltung ein⸗ zuſtimmen. Man ſaß bei Tiſche, als dem Alten erſt auffiel, daß Marie Franzen's Ring nicht trage; er ſah ſie drohend an, aber er ſagte jetzt nichts. Als indeſſen die Mahlzeit vor⸗ über und er zufällig eine Weile mit ihr allein im Zimmer war, fragte er ernſt: „Warum trägſt Du Deinen Verlobungsring nicht, Marie?“ „Ich habe ihn vergeſſen,“ ſtammelte das Mädchen kaum hörbar, denn der drohende Blick, der aus dem Auge des gefürchteten Vaters auf ſie fiel, brach alle ihre Kraft zum Widerſtande, den ſie ſich vorgenommen hatte. „Es iſt gut, daß Franz das nicht gehört hat,“ erwie⸗ derte der Alte,—„aber auch mich ſchmerzt es; ich hoffe, ieder ſo nachläſſig ſein.“ tterhaltung über dieſen Gegenſtaud 103 zu Ende, aber ſie hatte genügt, Marien zu veranlaſſen, dem Willen des Vaters zu gehorchen; jeden Abend aber, wenn ſie ſich in ihre Kammer begab, zog ſie den verhaßten Ring ab und legte ihn mit etwas erleichtertem Herzen bei Seite. Der Alte behielt ſein ernſtes, oft barſches Weſen ge⸗ gen ſeine Tochter bei, dagegen beſtrebte ſih die Mutter und Wilm mit der zartfühlendſten Aufmerkſamkeit, ihre trüben Gedanken zu zerſtreuen und ihre leiſeſten Wünſche zu erfüllen. Wilm brachte das Wenige, was er bieten konnte, regelmäßig, friſche ſchöne Blumen des Waldes oder der Gärten aus dem Dorfe, die Marie ſehr liebte; wenn iie ſie ihr gab, ſprach ſein Auge von einer ſo innigen Theil⸗ nahme, daß Marie bis in ihr tiefſtes Innere gerührt wurde; ſie ſchätzte den Jüngling jetzt mehr als je. Sie hatte ihre erſten Ausgänge mit Erlaubniß des Arztes wieder angetreten und die friſche Natur, die um dieſe Jahreszeit in voller Blüthe ſtand, mußte eine heil⸗ ſame Wirkung auf Körper und Seele ausüben, denn Marie wurde ruhiger und gemäßigter in ihrem ganzen Weſen, das bis dahin noch immer fieberhaft aufgeregt geweſen war, und eine zarte Röthe ſtieg wieder in die Wangenz; die Mutter und Wilm bemerkten es mit reiner Freude, und aauch der alte Förſter lächelte, denn er war nun deſto mehr nerzeug, Marie werde ſich mit Ergebung in ihr Schicfäl fügen; er ſchrieb dies an Franz und forderte ihn auf, nun bald, wenn es ſeine Zeit erlaube, zu ihm zu kommen und die Braut zu beſuchen. 4 Es war wieder einmal eine herrlich warme Sommer, nacht und Todtenſtille, nur ſelten von dem Rufe eines Vo⸗ gels unterbrochen, lag auf dem Walde; auch im Förſter⸗ hauſe waren Alle ſchon längſt zur Ruhe gegangen. Nur Marie war noch wach und angekleidet; ſie ſaß an dem Fenſter ihres Giebelſtübchens, die Stirn in die weiße Hand geſtützt und blickte träumeriſch in das Dunkel hinaus; aus den halbgeſchloſſenen Augen ſprach eine tiefe ſchwär⸗ meriſche Wehmuth und ein unendliches Sehnen; zwiſchen den langen Wimpern zitterte eine Thräne. „Er kommt nicht mehr,— er hat mich vergeſſen,“ flüſterte ſie vor ſich hin;—„arme Marie.“ Es war ſchon Mitternacht vorüber, als der wohlbe⸗ kannte Schrei des Waldvogels, der das Mädchen ſchon früher gerufen hatte, plötzlich an ihr lauſchendes Ohr tönte. Sie horchte hoch auf,— der Ruf wiederholte ſich, und in einem Moment war das wehmüthige Geſicht in ein freude⸗ ſtrahlendes verwandelt, Marie glich ſich ſelbſt vor ihrer Krankheit wieder. Ohne Zögern hatte ſie ſich in ein Tuch gehüllt und machte mit äußerſter Vorſicht den Weg, den wir ſie früher ſchon ein Mal zurücklegen ſahen; wie⸗ der folgte der gelbe Wolfshund, und wieder trat ein Mann 2* 10⁵ aus dem Schatten der alten Eiche hervor und eilte ihr ſchnellen Schrittes entgegen. „Marie!“ flüſterte eine weiche, wohllautende Stimme, und der Ausdruck dieſes einen Wortes ſprach von tief em⸗ pfundener Wehmuth, die in ein ſeliges Entzücken überging. „Wie unendlich lange habe ich Dich nicht ſehen dürfen und welche Herzensqualen habe ich Deinetwegen gelitten.“ „Und ich glaubte, Du würdeſt gar nicht mehr kom⸗ men, habe ich Dich doch ſchon mehrere Nächte vergebens er⸗ wartet, ſeitdem ich wieder hergeſtellt bin,“ erwiederte das überglückliche Mädchen, ſich feſt an ſeine Bruſt ſchmiegend, während er ihren Mund mit heißen Küſſen bedeckte. „Ich wagte nicht, Dich neuer Gefahr auszuſetzen,“ erwiederte der Geliebte;—„ich wollte Dir Zeit laſſen, erſt einen Theil Deiner Kräfte wieder zu gewinnen, bis ſie der Aufregung des Wiederſehens gewachſen wären. Wie habe ich mich danach geſehnt, meine gute, theure Marie.“ „Du weißt, daß ich jetzt hierher komme, als die ver⸗ lobte Braut eines Andern?“ fragte das Mädchen trübe. „Ich weiß Alles, aber ſei ruhig, Gott wird helfen und ich werde handeln, wenn es Zeit iſt.“ Die beiden Liebenden verſchwanden in dem Schatten der Eiche und ihre weitere Unterhaltung, oft von zärtlichen Liebkoſungen unterbrochen, wurde ſo leiſe geführt, daß ein weenige Schritte entfernter Lauſcher ſie nicht verſtanden 3 106 haben würde. Erſt nach länger als einer Stunde trenn⸗ ten ſie ſich.: „Werde ich Dich morgen hier wieder finden?“ fragte Marie bittend. „Morgen nicht, gute Marie; ſo ſehr ich mich nach Dir ſehne, kann ich es nicht verantworten, Dich jede Nacht der Dir nöthigen Ruhe zu berauben. In drei Tagen werde ich wieder hier ſein.“ „Drei lange Tage?“ flüſterte Marie mit geſenktem Haupt,—„und ich bedarf jetzt Deines Troſtes ſo nöthig. Bitte, laß mich nicht ſo lange allein.“ „Nun wohl, ich werde übermorgen kommen, wenn es irgend möglich iſt. Sei bis dahin ruhig und gefaßt, Marie, und vertraue mir; ich trete bei Zeiten zwiſchen Dich und Franz.“ das Mädchen in das Haus ihrer Eltern zurück, während ihr Geliebter tiefer in den Wald hinein ging. Am andern Morgen war Marie bei Weitem ruhiger und heiterer, was ihrer ganzen Umgebung nicht entgehen konnte; auf die heimliche Frage der Mutter erwiederte ſie: „Ich bin getröſteter, Mutter, denn ich habe dieſe Nacht geträumt, daß Gott mir helfen wird.“ Auffallend war es, daß Wilm durch Marien's Froh⸗ Noch ein langer Kuß und flüchtigen Schrittes eilte inn eher verſtimmt, als erfreut zu werden ſchien; er blickte ) 5 hien; 1 6 8 107 ihr oft mit dem Ausdrucke beſorgter Verwunderung nach, wenn er ſich nicht von ihr beobachtet glaubte und ein paar Malüberraſchte ſie ihn auf ſolchen Blicken, vor denen ſie ſchnell die Augen niederſchlagen mußte, denn ſie beunruhigten ſie eben deshalb, weil ſie ihren Grund nicht errieth. Als Beide am Nachmittage zuſammen in der Laube vor der Thüre ſaßen, — der alte Förſter ſchlief, denn es war heute nicht Jagdtag und Mutter Martha war noch in der Küche beſchäftigt,— gewahrte Marie wieder einen ſolchen unerklärlichen Blick Wilm's auf ſie und konnte ſich nicht länger enthalten, ihn zu fragen, warum er heute ſo eigenthümlich verſtimmt ſei. „Du ſagteſt vorher der Mutter, Du habeſt einen ſchönen Traum in dieſer Nacht gehabt, darum biſt Du hei⸗ teerer als ſonſt; ich habe einen böſen Traum gehabt.“ „Und Du biſt abergläubiſch, Wilm?“ fragte Marie lichelnd. „Weil er Dich betraf,“ ſagte Wilm ſehr ernſt. „Du biſt merkwürdig, Wilm; willſt Du mir Deinen Traum nicht erzählen?“ „Wenn Du mir nicht böſe ſein willſt, Marie, möchte ich es wohl, aber vergiß nicht, daß ich es nur thue, weil ich Dich von Herzen liebe, und daß dieſes Geheimniß zwi⸗ ſſchen uns Beiden allein bleibt.“ 8 Marie ſah ihn erſtaunt an und ſein Ernſt erweckte auch in ihr ähnliche Gefühle. —᷑—ÿ—ꝛ—’ꝛ—ᷣ———B— 108 „Mir träumte, es wäre ſchwül und drückend in dem Zimmer, in dem ich lag und ſchlief, die Wände rückten an einander und die Decke ſenkte ſich herab und drohte mich zu erdrücken; beängſtigende Gedanken an meine Vergangen⸗ heit, an Dich, an Franz drängten ſich in meinen Kopf und auf der Bruſt lag es mir ſchwer wie Blei. Da konnte ich es nicht länger ertragen und erhob mich leiſe von meinem Lager, öffnete das Fenſter und ſog begierig die friſche Nacht⸗ luft ein, die mein brennendes Geſicht kühlte. Da kam es mir plötzlich vor, als öffne Jemand leiſe die Hausthür, ſo leiſe, daß es kaum zu vernehmen war und als knurre unſer gelber Wolfshund in der Laube dumpf vor ſich hin. Es mochte etwa ein Uhr Nachts ſein.“ Wilm warf einen forſchenden Blick auf das an ſeiner Seite ſitzende Mädchen; Marie hatte das Geſicht abge⸗ wandt und den Kopf weit gebeugt, damit er den tiefen Eindruck, den ſeine Worte unzweifelhaft auf ſie machten, nicht genau gewahren könnte. Er fuhr fort: „Das Alles war nur ein Traum, Marie, aber ein böſer. Theils war ich neugierig, theils beſorgt, was die Bemerkungen, die ich gemacht zu haben glaubte, veranlaßt hätte; deshalb kleidete ich mich ſchnell an und ſchlich vor⸗ ſichtig, um Niemanden zu ſtören, die Treppe hinunter und vor die Thür. Unſer Nero, nach dem ich mich umſah, war nicht da; gleich darauf aber kam er aus dem gegenüber 109 V liegenden Waldesdickicht, da, wo der ſchmale Fußpfad nach der alten Eiche führt, die allein auf der kleinen Lichtung ſteht, und als er mich erblickte, ſprang er freudig auf mich zu und leckte mir die Hände; dann ſprang er wieder dem Walde zu, ſo daß es mir vorkam, als müſſe er dort etwas auf der Spur haben. Ich folgte ihm ohne weiteres Be⸗ denken und er führte mich gerade auf die alte Eiche zu; wie ich aber eben auf die Lichtung treten wollte, hielt mein Fuß inne, denn,— ich täuſchte mich nicht,— im Schat⸗ ten des Baumes ſaßen zwei Perſonen neben einander, die ich nicht erkennen konnte. Aber meine Neugier war ein⸗ mal gereizt und ich blieb. Nach einer ganzen Weile er⸗ hoben ſie ſich, ich hörte ſie flüſtern, ohne ſie verſtehen zu können, ſah ſie ſich umarmen und nach verſchiedenen Sei⸗ ten auseinander gehen. Eine weibliche Geſtalt kam gerade auf mich zu,— die andere ſich entfernende war, wie ich deeutlich ſah, eine männliche,— und ich mußte mich hinter einen Baumſtamm verbergen, um nicht von ihr bemerkt zu werden. Meine aufgeregte Phantaſie ließ mich ſo ſchon wie an etwas Uebernatürliches glauben, aber dies hätte mich nicht in ſolchen betäubenden Schreck verſetzen können, als die ganz natürliche Wirklichkeit; willſt Du es mir glauben? ich erkannte in der kaum zwei Schritte bei mr Vorübergehenden Dich, Marie, und Dir folgend, ſah ich, wie Du wieder in das Haus gingſt.““ Gott Dein Herz zum wahren Verſtändniß deſſen lenke, Marie war einer Ohnmacht nahe; ſie konnte nicht mehr zweifeln, daß ſie durch Wilm belauſcht worden ſei, und Scham und Angſt ſchnürte ihre Bruſt zuſammen und preßte ihr Thränen in die Augen. „Es war ein Glück, daß dies Alles nur ein böſer Traum war,“ ſagte Wilm, ihre Erregung wohl bemerkend, und ſelbſt ſeine Stimme bebte,—„denn wäre es Wirk⸗ lichkeit geweſen, ſo würde ich Dich heute auf den Knien anflehen, Marie, ein ſo entſetzliches Wagniß nicht zu wiederholen, denn wenn der Vater dahinter käme, wärſt Du verloren; dann aber würde ich für Dich beten, daß was Dein eigenes Heil iſt, daß Du Ehre und alles Glück des Lebens auch nicht für eine Leidenſchaft auf das Spiel ſetzen mögeſt, die verbrecheriſch ſein muß, weil ſie das Dunkel der Nacht ſucht.“ 8 Marie hatte das Geſicht in ihre Hände verborgen und ſchluchzte leiſe. „Beruhige Dich, Marie,“ bat Wilm ängſtlich;— „ich will den böſen Traum jetzt vergeſſen, und ich ſchwöre Dir zu Gott, daß nicht ein zweites Mal ein Wort darüber meine Lippen berühren ſoll und daß dieſes Herz auch d ſchwerſte Geheimniß allein zu tragen vermag.“ „Und Du haſt ihn erkannt?“ flüſterte Marie fa tonlos. 111 „ich möchte ſeinen Namen auch nicht wiſſen.“ Des Mädchens größte Beſorgniß mußte durch ſeine Antwort gehoben ſein, denn nach einer Weile trocknete ſie ihre Augen, reichte ihm mit einem unendlich ſchmerzlichen Blicke die Hand und ſagte: „Wilm, ich bin gewiß nicht ſchlecht, aber ſehr un⸗ glücklich.“ Dann erhob ſie ſich ſchnell und ging in das Haus. Wilm blickte ihr wehmüthig nach, dann ſtrich er ſich mit der Hand über die Augen und ſeufßzte ſchwer. Wilm war alſo zufällig ein Zeuge von Marien's nächtlichem Abenteuer geworden, wie er erzählt hatte; er hatte es nicht unterlaſſen können, ſie zu warnen, ſo ſehr er ihr auch dadurch wehe zu thun fürchtete, nebenbei hegte er auch die Hoffnung, die Einſicht der Gefahr, der ſie ſich ausgeſetzt hätte, und die Scham würden einem Verhältniſſe ein Ende machen, das ſich der junge Mann um ſo weniger erklären konnte, als er Marie auch nicht im entfernteſten Verdacht der Neigung zu einem Andern gehabt hatte. Er ſelbſt war durch die gemachte Entdeckung ganz vernichtet, denn er liebte Marie, zwar nicht wie der alte Theißen es meinte, aber wie ſeine Schweſter, er ſah das über ihrem Haupte ſchwebende Unglück, aber trotz allen Sinnens fand er kein Mittel, es abzuwenden, woran er gern ſein eigenes „Nein, ich danke Gott dafür,“ erwiederte Wilm;— Leben geſetzt hätte, wenn Marie ſelbſt nicht die unzweifel⸗ haft in ihrem Herzen gebietende Neigung bekämpfen wollte und konnte. Er hatte ſich vorgenommen, ſie zwar zu warnen, ſich aber auch aller Rathſchläge und Vorwürfe zu enthalten, wenn ſie ihn nicht ſelbſt aufforderte, ihr erſtere zu geben, denn er vermochte ihr Handeln nicht zu beur⸗ theilen und deshalb auch nicht zu verdammen. Marie hatte ihn jetzt nicht in ihr Vertrauen gezogen, er blieb alſo im Dunkeln und es mußte ihm genügen, für ſie zu beten. Marie war die erſte Zeit darauf, ſobald ſie ſich ihm gegenüber befand, ſtiller und ernſter, ſie blickte ſogar oft ängſtlich auf ihn, aber die Ueberzeugung, daß er das Ge⸗ heimniß bewahren würde, und die Wahrnehmung, daß er jede Hindeutung darauf gegen ſie ſelbſt ſorgfältig vermied, gaben ihr wieder Muth, und ſie konnte ihm nicht zürnen, von deſſen Fürſorge und Liebe ſie überzeugt war. Aber ſie konnte ſich ihm auch nicht anvertrauen, ihr jungfräu⸗ liches Gefühl ſträubte ſich dagegen; eben ſo wenig ver⸗ mochte ſie ſeiner wohlgemeinten und gegründeten Warnung Gehör zu geben, denn die Sehnſucht nach dem Geliebten war zu mächtig und nnüberwindlich in ihr. Sie ſetzte deshalb ihre heimlichen Gänge, aus denen ſie wirklich jedes Mal einen Troſt zu ſchöpfen ſchien, fort. Einige Tage ſpäter traf ganz unerwartet für Alle, 6 113 außer dem alten Theißen, der Förſter Franz Wernecke aus Blankenfelde zum Beſuch ein. Der Mutter Martha, die gerade in der Küche beſchäftigt war, entfiel bei ſeinem Ein⸗ tritt in das Haus vor Schrecken die Schöpfkelle, Wilm hielt, ſtarr vor Ueberraſchung, in dem Putzen einer Büchſe ein, als Franz, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen, mit einem kalten Kopfnicken an ihm vorüberſchritt, und der alte Theißen war aus ſeinem Sorgenſtuhle aufge⸗ ſprungen und ſchüttelte voll Freude die Hände ſeines Schwiegerſohnes, der immer wieder ungeduldig nach Marie, ſeiner Braut, fragte. Dieſe befand ſich gerade oben in ihrem Zimmer und dachte an Niemand weniger als an Franz, als die Mutter, bleich vor Beſtürzung, die Thür aufriß und hineinſtürzte. „Franz iſt da, Mädchen!“ „Franz Wernecke?“ rief Marie erſch rocken, und ſank mit hochklopfender Bruſt auf einen Stuhl nieder. „Ja, er iſt's, er beſucht uns auf drei Tage, wie er ſagt. Liebes, einziges Mariechen, ſei nur gefaßt und mache den Alten nicht wieder wild. Bis zur Hochzeit iſt es ja noch lange Zeit und daraus wird auch nichts, aber ſpiele jieetzt ſchon ein Bischen die Braut, wenn Du natürlich auch nicht zärtlich gegen ihn ſein kannſt. Komm, liebes Kind, der Vater hat ſchon ungeduldig nach Dir gefragt.“ 5 „Laſſe mir nur eine Viertelſtunde Zeit, Pun 1858. VII. In⸗Wald und Schloß. I. 114 mich zu faſſen,“ bat Marie angſtvoll;—„ich kann jetzt wahrhaftig nicht heruntergehen, denn man muß es mir anſehen, wie mein Herz klopft.“ „Aber der Vater, liebes Kind?“ meinte die Alte, die eben ſo, wie Marie ſelbſt, den Kopf verloren hatte. „Marie!“ tönte des Alten barſche Stimme ſchon unten an der Treppe.„Dein Bräutigam iſt hier, wie lange wird's dauern, bis Du herunterkommſt?“ Auf einen innig flehenden Blick der Mutter erhob ſich das Mädchen, an allen Gliedern zitternd; ſie wußte, daß der Vater keine Schonung für ſie kannte, und ſie wollte ſich ſeinen rohen Tadel am allerwenigſten unter Franzen's Augen zuziehen. Von der Mutter gefolgt, die ihr noch Ermahnungen zuflüſterte, äußerlich freundlich gegen Franz zu ſein, ſtieg ſie die Treppe hinab und begab ſich in das Wohnzimmer. Franz kam ihr entgegen und reichte ihr die Hand, ſeine blitzenden Augen ruhten fragend und forſchend auf ihr, und als er ihre bebende Hand, die ſie ihm mit er⸗ zwungener Faſſung reichte, in der ſeinigen fühlte und be⸗ merkte, wie ihre Wangen bleich und die Augen ängſtlich zur Erde niedergeſchlagen waren, mußte er errathen, was in ihr vorging, denn er erlaubte ſich, das Recht des Bräu⸗ tigams beanſpruchend, nicht eine größere Vertraulichkeit, an deren Möglichkeit Marie zum Glück auch bisher noch 11⁵ nicht gedacht hatte; ſein Auge war eher trübe als böſe, als es auf ſeine leidende Braut fiel. Franz hatte ſich feſt vorgenommen, Marie bei ſeinem Beſuche nicht mit zudringlichen Zärtlichkeiten zu beſtür⸗ men, denn er wußte, ihre Abneigung gegen ihn müßte dadurch zum Abſcheu werden; im Gegentheil wollte er ſich ſanft und geduldig gegen ſie zeigen und auch den alten Theißen zu demſelben Verfahren zu bewegen ſuchen; er hoffte, ſich dadurch Marie's Dank und Achtung zu er⸗ werben und meinte, die Liebe werde ſich ſchon mit der Zeit finden, wenn ſie erſt ſeine Frau wäre und nicht mehr Ge⸗ legenheit hätte, Wilm zu ſehen und zu ſprechen. Wirklich erkannte Marie ſeine Zartheit an, und ein innig dankbarer Blick fiel auf ihn, als er auf des laut lachenden Alten Bemerkung, das ſei ja gar keine Begrü⸗ ßung eines zärtlichen Brautpaares und Franz ſolle der Tochter lieber ein Paar herzhafte Küſſe geben, ernſt erwiederte: „Unſer Verhältniß iſt noch ſo neu, Vater Theißen, daß ich die Marie nicht in Verlegenheit ſetzen mag; es wird ſich ſchon Alles finden, wenn wir erſt bekannter werden.“ Marie hatte ſich wirklich nitn über Franzen's Be⸗ nehmen zu beklagen, denn er blie ſa em Vorſatze getreu und war äußerſt ſchonend gegen ſie; auch ihr Bater ließ 116 bald ſeine Spöttereien darüber, denn Franz benutzte den erſten Augenblick, wo er ſich mit ihm allein befand, ihm zu ſagen, welche Gründe er für ſein Verhalten habe, und der Alte mußte dieſe billigen. Mutter Martha war glück⸗ lich, daß Alles ſo gut abzulaufen ſchien, und Wilm fühlte in ſeinem Herzen wieder eine wärmere Empfindung für Franz, der ihm heute ganz verändert erſchien. Auch Marie wurde faſt ganz ruhig und unbefangen, je länger ſie mit ihrem Bräutigam zuſammen war, aber ſie hatte ſich noch nicht klar gemacht, welche für ſie peinlichen Vorkommen⸗ heiten aus der Verlobung folgen mußten, ohne daß Franz deshalb ein Vorwurf zu machen war. Am nächſten Tage war Sonntag, und der alte Theißen ſchlug vor, gemeinſam nach der Kirche in Breitenſee zu gehen, wobei ſich das neue Brautpaar zum erſten Male den neugierigen Blicken ausſetzen ſollte. Marie war ent⸗ ſetzt über dieſen Vorſchlag, aber ſie mußte ihre Empfin⸗ dungen jetzt äußerlich beherrſchen, denn ſogleich war auch ihr Entſchluß gefaßt, anderen Morgens eine Krankheit vorzuſchützen, ſo ſehr ſie auch den Unwillen des Vaters darüber fürchtete. Mit Franz, an ſeinem Arme nach Breitenſee zu gehen, und obenein nun gerade nach Brei⸗ tenſee, das war Marien unmöglich, und lieber hätte ſie ſich von dem Vater auf eahtunfau mißhandeln laſſen, welchen Zornausbrr hes ihn wohl für fähig halten 117 konnte. Sie bezwang ſich alſo jetzt und erklärte ſich zu dem Kirchgange bereit, obgleich ſie ihre Einwilligung mit halberſtickter Stimme gab. Der Abend war ſchön, und als die Mahlzeit beendet war, forderte ſie Franz auf, ſich mit ihm in die Laube vor der Thür zu ſetzen; Marie folgte ihm ängſtlich, denn ſie ahnte, daß er eine Gelegenheit ſuche, mit ihr allein zu ſprechen. „Der Wille Deines Vaters hat uns in ein ſehr nahes Verhältniß zuſammengeführt,“ begann Franz, und Marie zitterte unwillkürlich, als ſie ſich von ihm das erſte Mal ſo traulich benannt hörte, denn er hatte dies bisher geſchickt zu vermeiden gewußt;—„und ich hoffe, in kurzer Zeit wird es das innigſte werden, das es auf der Welt giebt, erinnere Dich aber auch meiner langen, warmen Bewer⸗ bungen um Deine Neigung und ſei überzeugt, daß von einer Seite wenigſtens eine wahre, aufrichtige Liebe dieſes Bündniß ſchließen half. Du liebſt mich nicht, Marie, das weiß ich, da ich die unglückliche Leidenſchaft kenne, die Dich verblendet; dennoch bin ich auf den Vorſchlag Deines Vaters eingegangen, uns in jener Weiſe zu verloben, die Deinen freien Willen ausſchloß, weil ich überzeugt war und noch bin, Du wirſt die Verirrung Deines Herzens vergeſſen und mir eine treue Gattin werden, die mich viel⸗ leicht auch lieben lernt. Ich will Dir dazu Zeit laſſen, 118 Marie, und ich hoffe, Du wirſt dies anerkennen und mir für mein Vorhaben, von dem ich Dir heute in meinem Benehmen eine Probe gegeben habe, Dank wiſſen.“ Marie nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Ich werde mich ſtets beſtreben, Deine Wünſche zu erfüllen,“ fuhr Franz fort,—„und ich bitte Dich, deshalb auch offen zu mir zu ſprechen. Dafür ſtelle ich nur eine Anforderung an Dich, nicht an Dein Herz, ſondern an Dein Ehr⸗ und Pflichtgefühl, da Du jetzt einmal meinen Ring trägſt; es iſt dieſe, daß Du eine Verbindung mit Wilm nicht fortſetzeſt, die jetzt ſträflich geworden iſt.“ „Mit Wilm?“ fragte Marie erſtaunt, und erſt jetzt fiel es ihr ein, daß Franz, wie ſie aus ſeinen Andeutungen kurz vor ihrem Verlobungstage geſchloſſen, doch nicht ihr Geheimniß durchſchaut habe und der Anſicht ſein müſſe, ſie habe Wilm geliebt. Ihre Betroffenheit über ſeine Ver⸗ muthung war ſo deutlich aufrichtig, daß er ſelbſt ſtutzte und geneigt war, ihr Glauben zu ſchenken; indeſſen hatte er ſich in ſeinem Mißtrauen ſchon ſelbſt zu ſehr beſtärkt, als daß er es ſo leicht hätte aufgeben können. „Ich mag nicht weiter nach der Vergangenheit for⸗ ſchen, Marie,“ ſagte er;—„von jetzt an aber habe ich ein Recht, Deine Handlungen zu bewachen, und ich erkläre Dir im Voraus, daß ich eine Uebertretung Deiner Treue für mich unerbittlich rächen würde. Aber genug dar ſelbſt werde den Kirchgang morgen hindern, oh 119 ich ſchätze Dich zu hoch, um einem unwürdigen Verdachte länger Raum zu geben.“ Marie wollte ſich Wilm's wegen rechtfertigen, aber das Wort erſtarb ihr auf den Lippen, denn ſie fühlte, daß Franz natürlich das Verhältniß zu einem Andern ebenſo beurtheilen müſſe, wie zu Wilm, daß ſie ſich alſo immer einer Lüge gegen ihn ſchuldig machte, andererſeits aber hätte ſie ihm durch ihre Verantwortung ein Recht über ſich zugeſtanden, das ihr nicht allein zweifelhaft, ſondern ganz unnatürlich erſchien. „Dein Vater hat uns morgen zum Kirchgange nach Breitenſee aufgefordert,“ fuhr Franz nach einer Pauſe fort,—„aber ich glaubte zu bemerken, daß Dir dieſer Vorſchlag nicht erwünſcht war, und ich glaube richtig er⸗ rathen zu haten, daß Du Dich nach den Vorfällen bei unſerer Verlobung noch nicht gern an meiner Seite den Leuten zeigen magſt; habe ich nicht Recht, Marie?“ Das Mädchen vermochte nicht zu antworten, denn ſie hätte durch ein aufrichtiges Geſtändniß die Ausführung ihrer Abſicht, anderen Tages eine Krankheit vorzugeben, ſicherlich gefährdet. „Du magſt es nicht gern ausſprechen, aber ich v ſtehe Dich doch,“ meinte hun„Nun wohl, Mari will Dir auch d·eſen peinlichen Gang erſparen, un 120 4 Verdacht auf Dich fällt. Sage mir nun aber, ob Du mit mir zufrieden biſt.“ „Ich bin es gewiß,“ erwiederte Marie, denn Franzen’s Worte hatten eine ſchwere Laſt von ihrem Herzen genom⸗ men und ſie war ihm innig dankbar dafür; ihre Antwort galt auch nur der Rückſicht, die er ihrem Gefühle eben erwieſen hatte. Des jungen Förſters Geſicht wurde heiterer, als er Marien's ihm dargebotene Hand drückte. Das Mädchen befand ſich in einem eigenthümlichen Zwieſpalt ihrer Em⸗ pfindungen; Franzen's ſchonendes Benehmen erſchien ihr edel und dankenswerth und ſie fühlte ſich geneigt, ſich ſelbſt vorzuwerfen, daß ſie ihn täuſche; ſie glaubte, ihm Unrecht zu thun, und doch konnte ſie ſich ihm unmöglich ganz ver⸗ trauen, denn ſie war überzeugt, er werde dann doch nicht freiwillig zurücktreten. Es ſetzte ſie in eine unbeſchreibliche Verlegenheit, als er mit weicher Stimme, ſich zu ihr niederbeugend, fragte: „Meinſt Du noch nicht, Marie, daß Du mich einſt wirſt lieben können?“ Marie wußte nicht, wie ſie den Muth dazu hatte und ie es geſchah, daß ſie ſchmerzlich den Kopf ſchüttelte; ſie chrak ſelbſt darüber, aber ihr Bräutigam nahm dieſes ende Geſtändniß anders auf, als ſie erwarten konnte, meinte, Marie wo lle jetzt nur noch nicht offen 5 * 121 geſtehen, was ihr doch vielleicht ſchon ahnend klar geworden war, weil ſie vorher eine ſo deutliche Abneigung gegen die Verlobung an den Tag gelegt hatte; er hatte die ſicherſte Hoffnung aus ihrem ganzen geduldigen, ſanften Benehmen gegen ihn bereits geſchöpft, darum zog er ſie leiſe an ſich und ſagte zuverſichtlich:— „Ich hoffe dennoch, Marie.“ Mutter Martha unterbrach ein weiteres Geſpräch, indem ſie ſich zu dem Brautpaare ſetzte, denn länger litt ihre Beſorgniß um die Tochter nicht deſſen Alleinſein; es ſchien ihr, als ob Beide in ganz gutem Einvernehmen ſtänden, und ſie hätte gar zu gern gewußt, was ſie mit einander geſprochen hatten. Kaum hatte ſich daher die Familie getrennt, um ſich zur Ruhe zu begeben, ſo eilte ſie der Tochter nach und erhielt von dieſer einen getreuen Bericht ihrer Unterhaltung mit Franz. „Mutter, Franz dauert mich,“ ſchloß Marie mit aufrichtigem Gefühle;—„er giebt ſich der Hoffnung hin, daß ich ihm einſt werden kann, was er wünſcht, aber er täuſcht ſich entſchieden, wie Du weißt. Gieb mir einen Rath, wie ich mich gegen ihn benehmen ſoll, ohne ihn zu betrügen, denn ſein Vertrauen und ſein jetzt edelmüthiges Benehmen verdient Offenheit.“ „Kind, ſei nicht thöricht und laſſe Dich nicht von der Heuchelei des Menſchen täuſchen, der ſich ſo ſchlechter — — 12² Mittel bedient hat, Dein Bräutigam zu werden,“ ſagte die Alte erſchrocken.„Laſſe ihn in dem Glauben, daß er einige Hoffnung auf Deine Neigung habe, denn andern⸗ falls wuͤrdeſt Du ihn erbittern und er nicht anſtehen, mit dem Vater zu ſprechen, woraus Du dann die Folgen leicht ermeſſen kannſt.“ „Franz heuchelt jetzt nicht, was er nicht fühlt,“ er⸗ wiederte Marie nachdenklich;—„ich kann einmal das vor⸗ wurfsvolle Gefühl nicht überwinden, daß ich ihm Unrecht thue.“ .„Dein gutes Herz führt Dich zu weit,“ meinte die Mutter.„Siehſt Du, wäre ich von Anfang an weniger gutmüthig gegen unſeren Alten geweſen, ſo wäre dieſes ganze Unglück vielleicht nicht über uns gekommen. Wenn der Franz aber auch wirklich denkt, wie er jetzt ſpricht, ſo thut er doch nicht mehr als ſeine Schuldigkeit, und viel⸗ leicht hat ihn die Reue dazu getrieben. Ich bitte Dich um⸗ Alles in der Welt, ſei nicht unvorſichtig, Marie, und ver⸗ traue meiner älteren Erfahrung.“ „Ich will Dir folgen, Mutter, denn Du kannſt mir nicht zum Böſen rathen,“ ſagte Marie, noch halb unent⸗ ſchloſſen. „Haſt Du auch bemerkt, Mariechen, daß er mit dem armen Wilm gar kein Wort ſpricht?“ fragte Frau Martha, 1 ſich auf das Bett ihrer Tochter ſetzend, während dieſe ſich entkleidete. „Ja wohl, Mutter, und ich glaube auch den Grund zu wiſſen,“ antwortete Marie etwas verlegen. Frau Martha drang mit Fragen in ſie, denn ſie hatte Wilm's eigentlich nur erwähnt, um zu hören, in welcher Weiſe ſich die Tochter über ihn äußere, und daraus einen Schluß zu ziehen, wie weit ihr noch immer nicht ge⸗ ſchwundener Verdacht, Marie liebe den Jüngling doch, begründet ſei. „Ich weiß nicht, wie er auf den thörichten Einfall kommt,“ erzählte Marie ziemlich unbefangen,—„aber er iſt überzeugt, Wilm liebe mich und ich ſelbſt erwiedere dieſe Neigung.“ „Hm,“ brummte Frau Martha in ſo eigenthümlicher Weiſe vor ſich hin, daß Marie ſich veranlaßt fühlte, ſie nach dem Grunde zu fragen. „Höre, Mariechen, es will mir ſchwer von der Zunge, aber ſei mir nicht böſe, wenn ich vor noch nicht gar zu langer Zeit auch ſo etwas zu ſehen meinte;— es war nur ſo eine Idee von mir, und Du mußt mir ja nicht böſe darüber ſein.“ „Ich den Wilm lieben, Mutter?“ fragte Marie un⸗ willig, und ihr Geſicht ſagte Frau Martha ſogleich, daß ſie wirklich in einem Irrthum begriffen geweſen ſei.„Ja, ich liebe ihn wie eine Schweſter, denn das verdient er vollkommen, aber ein anderes Gefühl für ihn iſt nie in mein Herz gekommen.“ ‚Nun, ich mag mich geirrt haben, Mariechen, und ich bin froh darüber, denn ich möchte eben ſo wenig, daß Du den Wilm heiratheſt, als den Franz, aber—“ „Mutter, ich ſchwöre Dir bei dem höchſten Gott, daß ich nie in ſolcher Weiſe an Wilm gedacht habe,“ ſagte Marie lebhaft, als ſie das noch immer bedenkliche, ſorgende Geſicht der alten Frau anſah.„Sage mir nur, was Dich auf dieſe Vermuthung gebracht hat.“ Von dem Herzen Frau Martha's hatte ſich die Laſt, die darauf lag, noch nicht gelöſt, obgleich ſie ihrer Tochter Verſicherungen vollkommenen Glauben ſchenkte; ſie dachte an ihre Reden in den Fieberphantaſien, an die Aeußerung des Doctors, Wilm werde nicht von Marien geliebt, wo⸗ bei ſein Geſicht doch ſehr ernſt und nachdenklich war, und daß es nun gar ein Anderer ſein könne, ein Fremder, dem Marie ihr Herz geſchenkt hätte, war ihr theils unbegreiflich, theils beunruhigte es ſie auf das Höchſte. „Sieh, Mariechen, als Du krank warſt, führteſt Du wunderliche Reden,“ ſagte ſie ängſtlich;—„Du ſprachſt viel von Jemandem, den Du liebteſt und der Dich wieder liebte,— ich habe mich ſehr darüber geängſtigt, und da Du ja wohl Niemanden anders von jungen Leuten kennen n ſuchen. 125 kannſt, als den Franz und den Wilm, ſo dachte ich wirklich, daß Du dem letzteren ein bischen gut wäreſt.“ Marie war feuerroth geworden, denn ſie hörte heute das erſte Mal, daß ſie einen Theil ihres Geheimniſſes in ihrem bewußtloſen Zuſtande ſelbſt ausgeplaudert hatte, aber ſie löſte gerade ihre langen Flechten auf, wobei ſie der Mutter den Rücken zukehrte, ſo daß dieſer ihre Be⸗ ſtürzung entging; Marie brauchte eine ganze Weile, um Faſſung zu gewinnen, aber die Gefahr des Augenblickes gab ſie ihr, und ſie erwiederte ſo ruhig, als es ihr mög⸗ lich war: „Beſte Mutter, Du ſagſt ja ſelbſt, daß ich damals in Fieberphantaſien lag; böſe Träume mögen mich gequält haben, deren ich mich jetzt nicht mehr entſinne. Ich habe Dich ſchon auf das Heiligſte verſichert, daß ich Wilm nie geliebt habe, und außer ihm und Franz habe ich ja wirklich keine anderen Bekanntſchaften machen können.“. Auch Frau Martha ſchien letzteres unglaublich, denn ſelten einmal verließ Marie das elterliche Haus, in die nächſten Dörfer zur Kirche oder A¹ armen Leuten zu gehen, die ſie hülfreich unterſtützte. Die offene Erklärung der Tochter genügte ihr jetzt vollkommen, und um Vieles be⸗ ruhigter nahm ſie von dieſer Abſchied, um ſelbſt ihr Lager Franz Wernecke blieb noch zwei Tage in dem Förſter⸗ hauſe, denn eine längere Abweſenheit erlaubte ſein Amt in Blankenfelde nicht. Die ganze Zeit über war die Familie zu Hauſe geweſen, denn Franz hielt ſein Wort und wußte geſchickt jeden Vorſchlag des alten Theißen, die Umgegend zu beſuchen, zu verhindern. Er hatte ſich gegen dieſen ſehr befriedigend über ſeine Braut geäußert und der Alte ſchon viel von der bald bevorſtehenden Hochzeit geſprochen, denn er hielt ſich nun Marien's unbedingten Gehorſams für ge⸗ wiß. Auch gegen letztere ſelbſt hatte Franz ſein zartes Benehmen beibehalten und der Zukunft nicht weiter er⸗ wähnt, ſo daß Marie ſich nach ſeiner Entfernung neue Vorwürfe machte, nicht ganz offen gegen ihn geweſen zu ſein, wovon ihr die Mutter abgerathen hatte; nur mit Wilm wollte ſich Franz nicht verſöhnen und da dieſer zu ſtolz war, ihm entgegen zu kommen, hatten Beide in der ganzen Zeit ihres Zuſammenſeins in demſelben Hauſe kein einziges Wort gewechſelt. Franz hatte dem alten Theißen verſprochen, ihm zu ſchreiben und legte, als er dies ausführte, auch einen Brief an Marie bei, in dem er ſich mit derſelben Schonung, nur etwas wärmer in Bezug auf ſeine Liebe und Sehnſucht, als mündlich, ausſprach; am Schluſſe bat er Marie, ihm einige Zeilen darauf zu antworten, wovon er dem Vater nichts mitgetheilt habe, um ihr einen freien Entſchluß zu laſſen. Das Mädchen war in der größten Verlegenheit; 2 127 ſie entſchloß ſich endlich zu ſchreiben, aber in einer Art, die ihn noch in vollſtändiger Ungewißheit über ihre Gefühle laſſe, aber der unnatürliche Zwang wollte ſich nicht ſo leicht aus⸗ führen laſſen und Marie mußte dieſe Idee aufgeben; eine neue Unterredung mit der Mutter, die ſie um Rath fragte, die ihr aber auch keinen ſie befriedigenden Ausweg angeben konnte, indem jene der Anſicht war, die Tochter ſolle ſchrei⸗ ben und ihrem Bräutigam einige Hoffnung geben, um Zeit zu gewinnen, beſtimmte Marie endlich, Franzen's Brief gar nicht zu beantworten. Franz fühlte ſich dadurch tief verletzt, obgleich er ſei⸗ ner Braut ſelbſt einen freien Entſchluß anheimgeſtellt hatte; er ſchwankte ſchon, ob er ſein Verhalten gegen ſie nicht doch ändern und bei dem Vater auf die ſchleunige Hochzeit dringen ſolle, um ſich Marien's gewaltſam zu verſichern, aber noch beherrſchte er ſich und gab weder ihr noch dem alten Theißen ſeine Empfindlichkeit zu erkennen. Seit ſeinem letzten Beſuche bei der Braut waren un⸗ gefähr zwei Monate vergangen und, ſtets mit den Gedan⸗ ken an ſie beſchäftigt, ſtellte ſich die lebhafte Sehnſucht bei ihm ein, Marie wiederzuſehen. Dieſes Mal wollte er nochmals geduldig und ſanft mit ihr ſprechen und ſie end⸗ lich zu einer Aenderung ihres Verhaltens gegen ihn zu be⸗ ſtimmen ſuchen, in allen Fällen aber auch ihren Vater be⸗ wegen, die Hochzeit auf die nächſte Zeit feſtzuſetzen. Franz beſchloß, nach Breitenſee zu reiſen, ohne Theißen vorher etwas davon mitzutheilen, zumal es ſich gerade ſo glücklich traf, daß der Dienſt ſeine Anweſenheit in den nächſten Ta⸗ gen nicht erforderte; es war ihm auch lieber, Marie zu überraſchen, um dabei beſſer den Eindruck beobachten zu können, den ſein Erſcheinen auf ſie machte, während ihr ſonſt Zeit blieb, ſich darauf vorzubereiten. 31 Sein Entſchluß wurde ſchnell ausgeführt, und er fuhr noch an demſelben Morgen mit der Poſt ab, die Breitenſee des Abends paſſirte; dort angekommen, begab er ſich, da er ſehr ermüdet war, in den Krug des Dorfes, um ſich eine Weile zu erholen, ehe er den Weg nach der Förſterei antrat. In der Schenkſtube befanden ſich außer ihm und dem Wirth noch zwei Männer, Einwohner des Dorfes, deren einer, wie ihm bekannt war, in dem Ruf eines ſchlauen Wilddiebes ſtand, obgleich man ihn noch nie bei ſeinem Handwerk hatte ertappen können. Es fiel ihm auf, daß dieſe beiden Männer bald ganz leiſe, bald halblaut mit ein⸗ ander ſprachen, und da er glaubte, aus ihrer Unterhaltung vielleicht etwas zu vernehmen, worauf er den alten Thei⸗ ßen aufmerkſam machen könne, rückte er ihnen, während ſie ſeiner nicht achteten, etwas näher und ſtrengte ſein Ohr an, ihr Geſpräch zu belauſchen. Eine Weile intereſſirte ihn dieſes wenig, denn, ob: gleich ſie von dem Walde und der Jagd ſprachen, vernahm 129 er doch nichts, was ſeinen Verdacht beſtärkte oder ihn auf eine Spur hätte leiten können; er ließ daher in ſeiner Auf⸗ merkſamkeit nach, bis folgendes Geſpräch ſie wieder weckte. „Kennſt Du denn die alte Eiche auf der kleinen Wald⸗ lichtung dicht bei dem Förſterhauſe nicht?“ fragte der Eine ſeinen Genoſſen;—„da gerade war's, wo er die Ricke ſchoß.“ „Ja, ja, ich kenne den unheimlichen Platz ſchon,“ meinte der Andere. „ unheimlich,“ fragte der Erſte verwundert;—„was fällt Dir denn ein, Jacob?“ „Mich brächte kein Menſch in den Nachtſtunden wie⸗ der dorthin,“ ſagte Jacob, ſich leiſe ſchüttelnd;—„ich habe vor acht Tagen da eine wahre Heidenangſt ausge⸗ ſtanden, als ich von Lichtenberg in der Mitternachtsſtunde herüberkam und den Richtſteg durch den Forſt einſchlug. Glaube mir wahrhaftig, es ſpukt da.“ Sein Genoſſe lachte und ſprach von dummen Aber⸗ glauben, der andere Mann bekräftigte aber mit hundert Schwüren und Flüchen, daß er ganz nüchtern geweſen ſei und ſeine Augen ihn nicht getäuſcht hätten. „Siehſt Du, ſo wahr ich hier ſitze, ſage ich Dir, ich habe deutlich den wilden Jäger mit ſeinem großen Wolfs⸗ hunde geſehen und obenein war noch ein Geſpenſt dabei in 1858. XVIII. In Wald und Schloß. 1. 9 Weibergeſtalt. Die Haare ſind mir zu Berge geſtiegen, ich ſchlich mich auf den Zehen weiter, daß ſie mich nicht hö⸗ ren ſollten und als ich einen guten Vorſprung hatte, bin ich gelaufen, ſo ſchnell mich meine Beine tragen konnten.“ Beide Männer ſetzten in dieſer Weiſe ihr Geſpräch fort, das immer lebhafter wurde, Franz aber ſaß regungs⸗ los da und hörte nichts mehr; die Brauen finſter zuſam⸗ men gekniffen, die Zähne auf einander beißend, bewegte ihn nur ein Gedanke, ob es nicht möglich ſei, daß die von Jenem bemerkten Geſpenſter Wilm und Marie ſeien, die zu ſolcher Stunde den unmittelbar beim Förſterhauſe ge⸗ legenen Platz benutzten, ungeſtört zuſammen zu kommen; er konnte keine andere Erklärung für die Ausſage jenes Mannes finden, deſſen Worte den Stempel der Wahrheit trugen, wenn ſeine abergläubiſche Furcht ſeiner Wahrneh⸗ mung auch eine andere Deutung gab. Immer finſterer und drohender wurde Franzen's Blick; daß er zufällig jenes Geſpräch belauſcht hatte, ſchien ihm ein Wink des Schick⸗ ſals, ſich überzeugen zu ſollen, welche Bewandtniß es mit dieſen Geſpenſtern habe, und er war entſchloſſen, die heu⸗ tige Nacht dazu zu benutzen; er wollte dann erſt am andern Tage im Förſterhauſe eintreffen. Er überlegte nicht län⸗ ger und brach ſogleich auf. Mit einer Büchſe bewaſſnet, die er von dem ihm wohlbekannten Wirth des Kruges ohne Umſtände geborgt erhielt, machte er ſich auf den Weg in 131 1 4 den Wald; ſein unruhiges Herz drohte die Bruſt zu zerſprengen, und eine fieberhafte Ungeduld trieb ihn vorwärts. Fünftes Capitel. Wir kehren in die um einige Wochen frühere Zeit zu⸗ rück, in der Gräfin Eleonore Eldor den Entſchluß gefaßt hatte, anderen Tages die Familie Gilgenbruck zu beſuchen und derſelben ihre Wünſche, in Bezug der Verheirathung des Sohnes klarer darzulegen. Sie hatte dieſen Vorſatz ausgeführt und, von den Eltern der auserſehenen Schwie⸗ gertochter auf das Herzlichſte begrüßt, hatte ſie bald eine Gelegenheit gefunden, ihre Abſichten vorzutragen, indeſſen auch gleich darauf hingedeutet, daß Egmont ſelbſt von ihrem Plane noch nichts wiſſe. Sowohl dem Baron als der Baronin konnte nichts erwünſchter kommen, als dieſer Vorſchlag, der ſchon im Sinne des verſtorbenen Grafen Eldor gelegen und damals oft beſprochen worden war; ſie ſagten der Gräfin ſofort ihre Einwilligung zu, falls, wie ſich nicht annehmen ließ, Ida ſelbſt nichts dagegen einzuwen⸗ den habe, und erklärten ſich bereit, den jnngen Leuten alle * 9* mögliche Gelegenheit zum öfteren Zuſammenkommen zu geben. Hier hatte die Gräfin alſo erreicht, was ſie wünſchte und es blieb ihr nun vorläufig noch eine Einigung mit Ida ſelbſt übrig. Das Mädchen gab ihr ſelbſt bald Gelegen⸗ heit, über Egmont zu ſprechen, denn als ſich die Gräfin mit ihr allein im Garten befand, fragte Ida: „Warum iſt Couſin Egmont heute nicht mit Ihnen herübergekommen, liebe Tante?“ „Er bereitet ſchon ſeit heute Morgen unſere Ländereien und ich mochte ihn nicht durch den Vorſchlag, mich zu be⸗ gleiten, ſtören, denn ich ſehe ihn am liebſten in ſolcher Thä⸗ tigkeit, die ſeinen Trübſinn am beſten zerſtreut,“ erwiederte die Gräfin und fügte mit einem Seufzer hinzu:„Egmont iſt jetzt immer ſo verſtimmt.“ „Ich habe es auch ſchon bemerkt, Tante,“ meinte Ida gleichmüthig;—„was halten Sie aber für die Veranlaſ⸗ ſung ſeiner ſchlechten Laune?“ 8 s iſt nicht Laune, liebe Ida, ſicherlich nicht, es iſt eine tiefer in ſeine Seele greifende Schwermuth, und daß wir eben den Grund derſelben nicht auffinden können, um ein wirkſames Heilmittel dagegen anzuwenden, iſt es haupt⸗ ſächlich, was mich beunruhigt. Es iſt mir lieb, daß wir gerade auf dieſes Geſpräch kommen, denn ich wollte Dich bitten, Ida, mich zu unterſtützen, Egmont's Leiden zu er⸗ forſchen.“ 133 „Mich, Tante?“ fragte das junge Mädchen, verwun⸗ dert zu ihr aufblickend. „Du biſt die Spielgenoſſin Egmont's, die von Ju⸗ gend auf mit ihm vertraut iſt,“ fuhr die Gräfin fort,— „und ſtandeſt in einem ſehr nahen Verhältniß zu ihm, deſſen neue innige Anknüpfung ich mit Freuden ſehen würde; ich würde überaus glücklich ſein und am Ziele meiner irdiſchen Wünſche ſtehen, wenn ſie zu einer unlöslichen Verbindung für das Leben führte, wie es Deine Eltern und mein ſe⸗ liger Mann einſt beabſichtigten, als Ihr noch Kinder waret.“ Das Mädchen erröthete ein wenig, dann ſagte ſie: „Ich glaube, Tante, daß ich wenig Einfluß auf Eg⸗ mont habe und daß Sie auf meine Hülfe verzichten müſſen, denn es kann Ihnen nicht entgangen ſein, daß er der alten Jugendfreundſchaft nur noch ſehr kühl zu gedenken ſcheint.“ „Du irrſt Dich in ihm,“ erwiederte die Gräfin mit Ueberzeugung,—„und ich ſehe mit Unmuth, daß ein Miß⸗ verſtändniß zwiſchen Euch liegt, das indeſſen leicht gehoben werden könnte. Egmont iſt krank und in Folge deſſen kalt und zurückhaltend gegen die ganze Welt, ſelbſt gegen mich, der er einſt mit der zärtlichſten Liebe anhing; wenn Du Dich davon überzeugt halten und ihm mit Nachſicht Weein wenig entgegen kommen möchteſt, beſte Ida, ſo zweifle iicch nicht, daß Deine weibliche Milde die ſtarre R ſſeinem Herzen löſen würde und daß Du ba 134 trauen gewinnen könnteſt. Wage mir zu Liebe den Ver⸗ ſuch, wenn ich nicht fürchten ſoll, es ſei auch Dein Wunſch, ihm ſtets fern zu bleiben und es nicht zur Erfüllung der Hoffnungen kommen zu laſſen, die Eure Eltern auf Euch Beide ſetzen.“ Ida blickte nachdenklich vor ſich hin und erwiederte nichts. „Meinſt Du nicht, Ida, daß mein höchſter Wunſch einmal in Erfüllung gehen könnte?“ fragte die Gräfin dringender. „Ich vermag nicht in die Zukunft zu blicken, Tante.“ „Sage mir aufrichtig, wie ich Dir entgegengekommen bin, ob Du nicht eine Abneigung gegen Egmont fühleſt, ob meine Wünſche nicht auf ein Hinderniß von Deiner Seite zu ſtoßen, Gefahr laufen,“ bat die Gräfin. „Das iſt eine Gewiſſensfrage, Tante, die ich nicht eher beantworten kann, als bis Egmont ſeinen Sinn ge⸗ ändert hat,“ antwortete das Fräulein verlegen;—„ich fühle nicht Abneigung gegen ihn und was Papa und Mama wünſchen, werde ich gewiß gern erfüllen, wenn es den Ge⸗ fühlen meines Herzens nicht widerſtreitet.“ Die Gräſin zog ſie an ſich und küßte ſie innig. „Liebe Ida, willſt Du meine Bitte erfüllen und mit mir Egmont's Schwermuth zu heilen verſuchen?? 13⁵ „Ich will Mama fragen, ob ſie nichts dagegen hat,“ meinte Ida,—„und dann den Verſuch nach beſten Kräf⸗ ten wagen.“ Die Gräfin war zufrieden geſtellt, denn ſie zweifelte nicht mehr, Ida's Schönheit werde den von ihr gewünſch⸗ ten Eindruck auf Egmont nicht verfehlen können, wenn ſie durch ein für ihn an den Tag gelegtes zärtliches Intereſſe und den Einfluß der Mutter unterſtützt würde. Es wurde jetzt ein vollſtändiger Feldzug gegen Eg⸗ mont eröffnet, ohne daß er die Verſchwörung gegen ſich ahnte. Die Familie Gilgenbruck kam häufiger als je auf das Breitenſeeer Schloß herüber und ſchied jedes Mal mit ſo dringenden Einladungen an den jungen Grafen und ſeine Mutter, daß letzterer gar nichts übrig blieb, als ihnen Folge zu leiſten. Ida hatte den beſten Willen, ihr Ver⸗ ſprechen zu halten, und wirklich that ſie Alles, was in ihren Kräften ſtand, Egmont aufzumuntern und ihm freundlich entgegen zu kommen, aber die Gräfin bemerkte mit Schmerz und Unmuth, daß ihre Beſtrebunse dennoch erfolglos zu bleiben ſchienen, denn Egmont achte n auf Ida, höch⸗ ſtens ſchienen ihre Aufmerkſamkeiten ihn zu beläſtigen, denn immer fataler wurden ihm die Beſuche der Gilgen⸗ brucks und immer öfter fand er einen Vorwand, ſich ihnen zu entziehen. Aber Gräſin Eleonore weder, noch Herr un Frau 136 von Gilgenbruck bemerkten etwas Anderes, die Veränderung nämlich, die mit Ida ſelbſt vorging. Ida fehlte es nicht an einem von Natur weichen und empfindſamen Herzen, und nur die Erziehung der Mutter, die faſt jedem warmen Gefühle fremd und ganz aus Eitelkeit und Berechnung zu⸗ ſammengeſetzt war, hatte das Mädchen zu der anſcheinend herzloſen Puppe machen müſſen, deren Kälte Egmont nie ein Intereſſe abgewinnen konnte. Ida war bis dahin faſt nur mit ihrer Mutter zuſammen gekommen, und ſo hatte deren Weſen nothwendig auch auf ſie übergehen müſſen, denn der Vater, der trotz ſeiner Rohheit vielleicht doch noch einen wohlthätigeren Einfluß auf ſie hätte ausüben können, lag immer auf dem Pferde oder auf der Jagd und mit den andern tiefer geſtellten Schloßbewohnern durfte Ida, nach dem Gebote der Mutter, kaum ſprechen, denn deren Stolz betrachtete jene nicht als gleichgeſtellte Weſen. Kam das Fräulein auch hin und wieder in Geſellſchaft der benach⸗ barten Gutsbeſitzer, was übrigens nur ſelten geſchah, ſo beſtand dieſe doch meiſtens aus Leuten, denen eine wahre Bildung des He fehlte, die ſich an übermäßigem Stolze zu übertreffen ſuchten, und diej jungen Mädchen hatten eine ähnliche oder noch ſchlechtere Erziehung, als Ida ſelbſt er⸗ halten und dieſe konnte von ihnen nichts lernen. Wie Ida jetzt erſchien, war ſie erſt während Egmont's Abwe⸗ ſenheit geworden, denn als er ſie verließ, war ſie kaum 137 ſechszehn Jahre alt und noch ein munteres Kind, das ſeiner Natürlichkeit keine Feſſeln anzulegen bemüht war; damals hatte ſie dem lebendigen, feurigen Jünglinge gefallen, und er hatte auf ſeinen Reiſen oft ihrer gedacht und ſich wohl zuweilen geſehnt, ſie wiederzuſehen; als er bei ſeiner Rück⸗ kehr nun aber die mit ihr vorgegangene Veränderung ge⸗ wahrte, als ſie ihm nicht mehr als die unbefangene, ver⸗ traute Spielgenoſſin ſeiner Jugend, ſondern als ein ſtolzes Fräulein gemeſſenen Benehmens und voll Zurückhaltung entgegen trat, hatte er ſeine Erwartungen getäuſcht gefun⸗ den und fühlte ſich von ihrem Weſen abgeſtoßen; andere Gründe kamen dazu, ihm das Mädchen, das ſeine Mutter offenbar zu ſeiner Gattin zu machen wünſchte, noch unlie⸗ benswürdiger darzuſtellen und ſeinem Herzen noch ferner zu bringen. Seine Kälte mußte Ida verletzen, den letzten Funken eines warmen Gefühls für ihn, das aus der frühe⸗ ren Zeit noch zurückgeblieben war, erſticken und unzweifel⸗ haft wäre jede Ausſicht zur Verwirklichung der Pläne der Gräfin Eleonore und der Familie von Gilgenbruck bald ganz geſchwunden, hätte die aufrichtige Unterredung der erſteren mit dem jungen Mädchen nicht noch bei Zeiten ſtattgefunden und in letzterem wieder ein leichtes Intereſſe für Egmont geweckt, deſſen Benehmen ſie, durch die Gräfin dazu angeregt, mit ſeiner Krankheit zu entſchuldigen anfing. Die weibliche Neugierde, welchem Grunde ſein unerklär⸗ 138 liches Weſen entſproſſen ſei, die innere Befriedigung, zur Aufklärung dieſes Geheimniſſes mitwirken zu können, end⸗ lich das Mitleid an dem Kranken trugen dazu bei, Ida zu ihrer Einwilligung in den Wunſch der Gräfin zu bewegen; ſie dachte dabei weniger daran, daß ſie auch für ſich ſelbſt arbeiten ſolle, denn in der That war es ihr eigentlich gleich⸗ gültig, ob ſie einmal Egmont's Gattin werden ſollte oder nicht, da ſie ihn nicht liebte und ihre eigenen Vermögens⸗ verhältniſſe glänzend genug waren, um durch die ſeinigen nicht geblendet zu werden. Plötzlich aber änderte ſich Ida's Anſicht; Egmont's Widerſtand gegen die Liebenswürdigkeit, die ſie ihm gegen⸗ über zu entfalten ſuchte, reizte ſie, die Neugierde, in ſein Geheimniß zu dringen, ſtieg, und vor Allem war es die Tiefe ſeines Gemüths, welches ſich ihr jetzt erſt bei auf⸗ merkſamerer Beobachtung erſchloß, die ſie unendlich anzog und ihr Intereſſe an ihm abnöthigte; ſie konnte Egmont nicht haſſen, weil er ſie zurückwies, denn ſie ſchob dies, fern davon, an einen andern Grund zu denken, allein auf ſeine, durch ein räthſelhaftes Unglück erregte trübe Stimmung. Ida fing an, zuerſt darüber nachzudenken, daß ſie durch den Willen ſeiner und ihrer Eltern für ihn beſtimmt ſei, ſie betrachtete ſeine Neigung bald als ein Recht, das ſie be⸗ anſpruchen konnte und dem ſie nicht ſo leicht zu entſagen gedachte. Einige Wochen waren vergangen, und Ida ge⸗ 139 ſtand ſich im Geheimen mit einem ſchweren Seufzer, daß ſie Egmont liebe und ſich höchſt unglücklich darüber fühle, daß er ſie noch immer mit derſelben höflichen Gleichgültig⸗ keit behandele. Zu verſchiedenen Malen ſchon hatte Gräfin Eleonore Gelegenheit genommen, mit ihrem Sohn über Ida und ihren Lieblingswunſch wieder zu ſprechen und ihn darauf aufmerkſam zu machen, daß ſein Vorwurf, Ida ſei zu kalt und gleichgültig gegen ihn, dieſe jetzt nicht mehr treffen könne, da ſie ſich augenſcheinlich beſtrebe, ſein Vertrauen zu gewinnen und in ein näheres Verhältniß zu ihm zu tre⸗ ten; Egmont hatte dieſes entweder wirklich nicht bemerkt, weil er zu unachtſam für Ida war, oder er wollte es nicht bemerken, denn er leugnete geradezu die Richtigkeit der Behauptungen ſeiner Mutter und beharrte in ſeinem Be⸗ nehmen gegen das Fräulein. Die Gräfin wurde ernſtlich böſe auf ihn, je mehr ſie ſich von der Erfolgloſigkeit ihrer Bemühungen überzeugen mußte, und ſie begann nun das zweite Mittel zu ihres Sohnes Heilung zu bedenken, eine größere Reiſe, um ihn von dem Orte zu entfernen, wo er, wie ſie wußte, immer neue Nahrung für ſeinen Hang zur Schwermuth fand und ihm eine Gefahr drohte, über die ſie nicht offen mit ihm zu ſprechen wagte, da ſie dadurch ſeinen Eigenſinn noch mehr zu reizen fürchtete; aber ſie hatte den günſtigſten Vorwand für eine ſolche d 140 lich die Nothwendigkeit des Gebrauchs einer Badekur, be⸗ reits vorüber gehen laſſen, denn es war ſchon September und die Badeſaiſon geſchloſſen. Sie verſuchte nun einmal, Egmont den Vorſchlag einer Reiſe nach Paris für den Winter zu machen, aber ſeine entſchiedene Abneigung da⸗ gegen überzeugte ſie bald, daß ſeine Einwilligung nicht zu hoffen ſei. Gilgenbruck's hatten wieder einen Nachmittag auf dem Breitenſeeer Schloſſe zugebracht und man befand ſich im Park; wie ſie es ſtets gern zu thun pflegte, um das in⸗ nigere Verſtändniß der beiden jungen Leute zu begünſtigen, hatte Gräfin Eleonore wieder Gelegenheit gefunden, ſie allein zu laſſen. Beide ſaßen in einem kleinen Pavillon zuſammen, Ida mit einer zierlichen Handarbeit beſchäftigt, Egmont, in Gedanken verſunken, mit einem Stöckchen in den Sand zu ſeinen Füßen kritzelnd. Die Gräfin hatte mit Ida von ihrer Abſicht geſprochen, Egmont, ungeachtet ſeines Widerwillens, zu einer Reiſe nach Paris für den Winter zu bereden, und obgleich das Fräulein jetzt ſchon. lebhaft fühlte, wie ſchwer ihr die Trennung von ihm wer⸗ den müßte, hatte ſie der Gräfin auf deren Verlangen doch verſprochen, ſelbſt hierüber mit Egmont zu reden, da auch ſie von der Zerſtreuung eine Aenderung ſeines Weſens und damit ein vortheilhaftes Ergebniß für ſich hoffte.. Deine Mutter ſagte mir vorher, Egmont, daß Ihr 141 vielleicht zum Winter nach Paris reiſen würdet,“ begann Ida nach einer langen ſchweigenden Pauſe. „Ich glaube kaum,“ erwiederte er zerſtreut;—„die Mutter wünſcht es und iſt Herrin ihrer Handlungen, ich für mein Theil aber gedenke nicht, die mir obliegenden Ge⸗ ſchäfte und Pflichten über eine Vergnügungsreiſe zu ver⸗ nachläſſigen, die mir meine Neigung nicht einmal wün⸗ ſchenswerth macht.“ „Aber Deine Mutter hängt ſehr an dieſer Idee, Couſin, und Du ſollteſt nicht ſo hart ſein, ihr einen Wunſch abzuſchlagen oder vielmehr deſſen Ausführung unmöglich zu machen, denn ſie kann doch nicht allein reiſen,“ meinte Ida. „Ich habe ſchon daran gedacht, ob Du Dich nicht ent⸗ ſchließen könnteſt, ſie zu begleiten, Ida,“ fragte Egmont, und ſein Blick ſagte deutlich, wie lebhaft er dies wünſche. „Welcher Einfall! meine Eltern würden es gar nicht ſo leicht zugeben,“ rief das Fräulein,—„außerdem aber liegt es, offen geſagt, Deiner Mutter anfenum daran, Dich durch die Zerſtreuung der Reiſe aufzuheitern.“ 3„Mich aufheitern?“ fragte Egmont bitter,—„und man denkt das durch eine Reiſe nach Paris zu erreichen?“ „Vielleicht, Couſin,“ antwortete Ida;—„die ſor⸗ gende Zärtlichkeit Deiner Mutter will kein Mittel unver⸗ ſucht laſſen, das Dich heilen könnte; kannſt Du es ihr 142² denken und ſo grauſam ſein, ihrem Alter den liebſten Troſt zu verſagen, den Sohn wieder ganz glücklich zu ſehen?“ Egmont ſchwieg eine Weile; er war unmuthig darüber, daß Ida die Partie der Mutter gegen ihn nahm, Ida, die er nicht einmal einer wahrhaften Theilnahme an ſeiner Perſon für fähig hielt, und er war überzeugt, die Gräfin habe es ihr aufgegeben, in dieſer Weiſe mit ihm zu ſprechen. „Beſte Couſine, ich bin nicht krank, wie Ihr meint,“ ſagte er nach einer Pauſe;—„was mir meine innere Zu⸗ friedenheit wieder geben kaun, finde ich nur hier und nicht in dem glänzendſten Leben in der Ferne.“ „Du ſelbſt kennſt das Mittel, das Dich heilen kann, Egmont?“ „Sicherlich,“ antwortete der Graf trübe. „Und dennoch willſt Du es nicht anwenden, läßt Alle, die Dich lieben, in der ſchmerzlichſten Ungewißheit und Be⸗ ſorgniß?“ fragte Ida vorwurfsvoll.„Du thuſt Dir und Deiner Mutter Unrecht durch Deine Verſchloſſenheit; ver⸗ traue ihr doch offen und ſei überzeugt, daß ſie Dir jedes Opfer zu bringen bereit iſt, wenn Deine Zufriedenheit ein ſolches erfordert. Sieh, Egmont, ſie leidet bitter Deinet⸗ wegen, und Du kannſt den Schmerz, den Du ihr bereiteſt, nicht verantworten.“ „Man ſollte glauben, Couſine, Du intereſſirteſt Dich 143 ungemein warm für mich,“ ſagte Egmont halb ſpöttiſch, denn er zweifelte nicht mehr, Ida handele mit der Gräfin im vollkommenen Einverſtändniß. „Glaubſt Du das nicht?“ fragte das Mädchen leb⸗ haft und blickte ihn feſt an. „Ich wundere mich darüber, weil ſich dieſes Intereſſe erſt in letzter Zeit eingefunden zu haben ſcheint,“ erwiederte Egmont unmuthig. Ida ſeufzte leiſe, dann ſagte ſie, erröthend und mit zur Erde geſenkten Augen: „Du magſt Recht haben, Couſin, denn ich habe Dich eigentlich erſt kennen gelernt, ſeitdem ich, der Bitte Deiner Mutter folgend, die Kälte überwunden habe, die Dein abſtoßendes Benehmen in mir erweckt hatte.“ Egmont blickte bei dieſer offenen Erklärung verwun⸗ dert zu Ida auf; es war vielleicht das erſte Mal ſeit langer Zeit, daß er ſie eines ſo langen, prüfenden Blickes für werth hielt, und er fühlte ſich davon befriedigter, als er erwartet hatte, denn er ſah den Ausdruck eines Gefühls in ihrem Geſichte, und das freute ihn, obgleich es ihm die Löſung eines neuen Räthſels aufgab. Fühlte Ida wirklich eine Neigung für ihn, und war dieſe nur eine Rück inne⸗ rung aus der Jugendzeit oder eine mächtigere, inniger Empfindung?— ſollte ſie endlich gar nur e 144 und das Mädchen bereits wiſſen, welche Pläne ſeine Mutter in Bezug auf ſie und ihn entworfen hatte?— „Oda,“ fragte er, entſchloſſen, ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen,—„wenn meine Wünſche, das einzige Mittel, was mich heilen kann, wie ich Dir eben andeutete, nun aber den liebſten, lang gehegten Plänen der Mutter gerade zuwider liefen?“ „Ich weiß nicht, welche Pläne Deiner Mutter Du meinſt,“ antwortete Ida befangen,—„aber ich bin feſt überzeugt, daß ein Mutterherz in ſeiner unendlichen Liebe nicht zaudern kann, den eigenen Wünſchen zu entſagen, wenn es das Glück ihres Kindes gilt.“ „Wenn ſie aber deſſen Anſichten und feſte Ueber⸗ zeugung nicht theilt und ſie mit dem Namen einer unbe⸗ dachten Leidenſchaft belegt, die ihr eigenes Gefühl ver⸗ dammt?“ „Ich mag nicht in Dein Geheimniß dringen, Couſin, ſo lange Du mich Deines Vertrauens nicht für würdig hältſt,“ ſagte Ida, und ihr Herz klopfte laut, denn ſie ahnte, daß das, was Egmont andeutete, ein Todesurtheil für ihre eigenen Hoffnungen ſein würde,—„ich vermag aber Deine Frage auch nicht eher zu beantworten, als bis ich ſie mir ganz erklären kann.“ „Nehmen wir ein Beiſpiel an,“ fuhr Egmont ruhig fort,—„wobei ich Dich übrigens im Voraus verſichere, 145 daß dieſer Fall, den ich anführe, hier nicht vorliegt, ſoviel ich weiß. Wenn mir die Mutter aus irgend welchen Rück⸗ ſichten, die jedenfalls mein Glück bezweckten, eine Gattin auserwählt hätte, die ich nicht liebe, während mein Herz allein für eine Andere ſchlägt—“ „Du liebſt, Egmont?“ fragte Ida erbleichend. „Ich ſagte Dir ja, Couſine, daß hier nur von einem angenommenen Falle, der in Wirllichkeit nicht exiſtirt, die Rede iſt,“ ſagte Egmont lächelnd.„Ich wollte ſagen, wenn meine Wahl auf ein Mädchen gefallen wäre, die den Anforderungen der Mutter nicht entſprechen kann, vielleicht weil ſie in niederem Stande geboren wäre? Meinſt Du, daß ſie ihre Standesvorurtheile überwinden könnte, ihren Plänen entſagen würde, um mit freudigem Herzen eine Schwiegertochter in die Arme zu ſchließen, die ſie früher kaum eines herablaſſenden Wortes für würdig gehalten haben würde?“ „Warum ſtellſt Du gerade ein ſolches Beiſpiel auf?“ fragte Ida zagend, denn ſie ſchwankte noch immer, ob Egmont ihr nicht bereits das wahre Geheimniß ſeines Herzens enthüllt habe.„Ich bin ſo entſchieden gegen alle Mißheirathen, daß ich mich gar nicht in das Gefühl einer Mutter hineindenken mag, die auf eine ſo ſchwere Ver⸗ echung geſtellt wird. Nenne mir ein a deres B piel Couſin.“ 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. 146 „Es genügt dies eine,“ erwiederte Egmont bitter,— „mich zu überzeugen, daß mein Vertrauen leicht auf eine Entgegnung ſtoßen könnte, die Du nicht voraus⸗ ſetzen wollteſt. Laſſe uns von etwas Anderem ſprechen, Couſine.“ Egmont war verſtimmt; mochte Ida nun eine wahr⸗ hafte, tiefere Neigung für ihn hegen, wie er aus ihrer ungewöhnlichen Bewegung bei ſeinen Worten zu ſchließen geneigt war, oder mochte ſie, auf den Plan ſeiner Mutter eingehend, nur nach ſeiner Hand ſtreben, weil ihr mit der⸗ ſelben viele äußere Vortheile zufloſſen, in jedem Falle gab ſie ſich Hoffnungen hin, die er nie zu erfüllen gedachte, und er hätte ſie entweder beklagen oder verachten müſſen. Auch Ida ſchwieg, denn ſie fürchtete, bei einer Fortſetzung des angeregten Themas ihre Liebe zu verrathen, wogegen ſich ihr jungfräuliches Gefühl und ihr Stolz ſträubten; ſie war tief ergriffen, denn ſie mußte ſich ſelbſt ſagen, Egmont's Herz ſtehe dem ihrigen noch ſehr fern und ſie habe wenig Hoffnung, ihre Wünſche einſt erfüllt zu ſehen. Sie bebte leiſe, als ſie bemerkte, daß Egmont, der in der Zerſtreut⸗ heit wieder ſeine vorherige Beſchäftigung aufgenommen hatte, gedankenvoll ein M in den Sand malte, ein Zeichen, das ſie ſich nicht zu deuten vermochte, wollte ſie es nicht mit d bringe ber ſie nahm ſich auch vor, von derſelben und 9 ℳ 5 8 OOooddſ ihr eben aufgeſtiegenen Ahnung in Verbindung 147 von des jungen Grafen Worten nichts zu ſeiner Mutter zu ſprechen. Egmont blieb in ſeiner trüben Laune, bis die Familie Gilgenbruck in ſpäter Abendſtunde das Schloß verließ; auch er zog ſich auf ſein Zimmer zurück, nachdem er der Mutter eine„Gute Nacht“ gewünſcht hatte. Hier wech⸗ ſelte der Graf ſchnell ſeine Kleider; er legte einen linfachen Jagdanzug, der ihn bei der Dunkelheit nicht leicht ver⸗ rathen konnte, an, warf die kurze Büchſe über die Schulter, und den Hut tief in das Geſicht drückend, ging er in den Garten hinaus, den er eiligen Schrittes durchſchritt. Da, wo der Park mit dem Walde zuſammenſtieß, trennte beide eine niedrige Mauer, über die ſich Egmont gewandt ſchwang und dann den dunkeln Forſt betrat, durch den er ohne Aufenthalt ſchnell fortging. Es war gegen Mitternacht, und der volle Mond warf ſeine blaſſen Lichter verrätheriſch auf den einſamen Wanderer, der das Dunkel zu ſuchen ſchien.— Zu derſelben Zeit ſchlich auf anderem Wege ein anderer Mann durch das Dickicht des Waldes, deſſen Stege ihm genau bekannt zu ſein ſchienen; es war der Förſter Franz Wernecke, der jene Geſpenſter an der alten Eiche, von denen im Kruge die Rede geweſen ſchein nehmen wollte.. Als er den geſuchten Platz erreicht hatte, ſich vorſichtig um. Der Mond ſchien ſo hell, d 2 148 Waldeslichtung bis auf den kleinen Platz unter dem in der Mitte ſtehenden Baume, deſſen Krone einige Schritte weit Schatten um den dicken Stamm warf, vollkommen erleuchtete; Franz lächelte zufrieden darüber, aber in dieſes Lächeln miſchte ſich eine ſcharfe Bitterkeit und der Aus⸗ druck eines tiefen, ungeduldigen Rachegefühls. Vorſichtig näherte er ſich dem Baume; am Fuße deſſelben war noch die kleine Raſenbank, die, wie er wußte, der alte Theißen einſt hatte aufwerfen laſſen, weil er und die Seinigen oft nach dieſem, ihrem Hauſe ſo nahen Platze gegangen waren; hier hatte Franz auch zum erſten Male Marie geſehen, als er von ſeiner Reiſe mit dem jungen Grafen zurückgekehrt war und eines Tages den Wald durchſtreifte. Der Förſter ſchlich wieder in das den Platz um⸗ gebende Dickicht zurück, ſorgſam die Büchſe unterſuchend, ſetzte er die Kugel noch einmal feſt auf, drückte das Zünd⸗ hütchen feſt und wählte ſich dann einen Baumſtamm aus, deſſen Schatten ihn vollkommen verbarg und von wo aus er jeden Zugang zu der Eiche genau beobachten konnte. Von Breitenſee herüber ſchlugen die zwölf Schläge der Mitternachtsſtunde an ſein Ohr, und ſeine Aufmerkſamkeit wurde immer geſpannter. Ein ganzes Heer von wilden Leidenſchaften kämpfte auf ſeinem Geſichte, und unheimlich rollten die blitzenden Augen umher, die Annäherung der 149 Geſuchten zu erſpähen. Je näher der Augenblick der Ent⸗ ſcheidung, die Franz erwartete, rückte, deſto mehr über⸗ zeugte er ſich ſelbſt, daß ſein Verdacht ihn nicht täuſchen könne; Marien's ganzes Benehmen trat noch einmal vor ſeine Seele, die Worte ihres Vaters, die ſein Mißtrauen auf Wilm erregt hatten, und er konnte ſich ihre geduldige Sanftmuth nach ſeiner Verlobung nur dadurch erklären, daß ſie deſto ungeſtörter das verbrecheriſche Verhältniß mit Wilm fortſetzen wollte; es kam ihm nicht in den Sinn, daß Marie ihm nur zwangsweiſe ihre Hand gereicht hatte, daß man ihre Einwendungen nicht beachtet hatte und daß die Abneigung gegen ihn ſo ſtark war, daß ſie ſich in dem Ausbruche einer gefährlichen Krankheit gezeigt hatte; er beſchuldigte ſie ohne Bedenken, eine heilige Pflicht gegen ihn zu verletzen, und er war entſchloſſen, ihren Treubruch zu rächen. An die Folgen dieſer Abſicht, an ſein eigenes Schickſal, wenn ihn die Wuth zu weit fortreißen ſollte, dachte er in dieſem Augenblicke nicht, hatte er ſich doch auch nicht ein klares Bild davon gemacht, in welcher Weiſe er zwiſchen ſie und Wilm ſtrafend treten wollte. Es war ſchon mehr als eine halbe Stunde nach Mitternacht vergangen, und Franz fing bereits an, an der Wahrheit der Worte jenes Mannes im Kruge zu zweifeln, als ein leiſes Rauſchen des Geſtrüpps, auf der andern Seite der Lichtung, ſeine Aufmerkſamk * 150 erregte und alle Nerven ſieberhaft anſpannte. Ein Mann, aus dem Dickicht heraustretend, ging an deſſen Rande vorſichtig dem ſchmalen Wege zu, der nach dem Förſter⸗ hauſe führte; der Schatten der Bäume fiel ſo auf ihn herab, daß der Förſter ſein Geſicht, über das der leichte Jagdhut tief heruntergedrückt war, nicht erkennen konnte, aber er trug Jägerkleidung, die Büchſe hing über ſeiner Schulter, und Geſtalt und Bewegungen konnten die Wilm's ſein; Franz begriff nur nicht, woher dieſer komme. Gleich darauf ertönte von dem Wege her, den der Bemerkte ge⸗ gangen war, der Ruf eines Waldvogels, ſo naturgetreu nachgeahmt, daß er ſelbſt das geübte Ohr des Förſters täuſchte, und ehe dieſer einen Entſchluß faſſen konnte, ob er nicht beſſer daran thue, Jenem leiſe nachzugehen, ehe er ſeine Spur verlor, kehrte der Unbekannte wieder zurück und ſchritt über den freien Platz der Eiche zu. Der Förſter ſtierte mit übernatürlicher Anſtrengung auf ihn hin, um die Züge ſeines Geſichtes zu erforſchen, die einen Augen⸗ blick von dem Mondſchein hell erleuchtet wurden; war es Wahrheit oder täuſchte ihn das blaſſe Licht und ſeine eigene Einbildungskraft, er hatte Wilm wirklich erkannt. Das ſtürmiſch klopfende Herz drohte bald die Bruſt zu zer⸗ ſprengen, als er wenige Minuten ſpäter wieder leiſe Tritte vernahm und eine weibliche Geſtalt ſchnell über die er⸗ leuchtete Lichtung in den Schatten der Eiche eilte; ihre 151 Bewegungen waren zu ſchnell, als daß Franz Marie genau erkannt hätte. Dieſer Zweifel war im höchſten Grade peinigend für ihn; er konnte jetzt, wo ſich die beiden bemerkten Perſonen im tiefen Schatten befanden, nichts mehr als undeuntlich die Umriſſe ihrer Geſtalten erkennen; es ſchien ihm, als ob ſie ſich umarmten, ſich auf die Raſenbank neben einander niederſetzten, und er vernahm ihr leiſes Ge⸗ flüſter, ohne es verſtehen zu können. Aber Franz wußte nicht, ob er Wilm und Marie vor ſich habe, obgleich die Wahrſcheinlichkeit dafür ſprach; einen Augenblick war er entſchloſſen, gerade auf ſie zuzuſchreiten, aber er überlegte ſich, daß es beſſer ſei, um nicht unnützen Lärm bei einem Mißverſtändniſſe zu verurſachen, zu warten, bis ſie ſich wieder entfernten und noch einmal in das Mondlicht träten; der gelbe Wolfshund aus dem Förſterhauſe, der Franz auf eine ſicherere Vermuthung hätte führen können, obgleich er vielleicht auch zu ſeiner vorzeitigen Entdeckung beigetragen hätte, war nicht bei den beiden Perſonen. Franz ſtand länger als eine Stunde Höllenqualen aus, und dieſe trugen dazu bei, ihm die Ueberlegung noch mehr zu rauben und ſeine Rachſucht auf das Höchſte an⸗ zuſtacheln; er war kaum noch fähig, ſich auf den Füßen zu erhalten. 3 Endlich ſchienen die Beiden ihre lange Un 152 beendet zu haben, denn Franz bemerkte, daß ſie ſich erhoben und, Arm in Arm, langſam aus dem Schatten des Bau⸗ mes hervortraten. Noch einen Blick warf er auf die Ge⸗ ſtalten der Liebenden, welche der helle Mondſchein traf,— einen Moment ſpäter knackte der Hahn ſeiner Büchſe, und mit tauſendfältigem Echo krachte der Schuß aus ihr durch die Stille der Nacht. Ein Weheſchrei Marie's folgte ihm unmittelbar. Wie ein Raſender ſtarrte Franz durch den Pulver⸗ dampf nach der Stelle hin, auf die er ſeine Kugel abgeſandt hatte; noch in dieſem Augenblicke bewegte ihn nur Rache⸗ gefühl und der glühende Wunſch, er möge ſein Ziel, Wilm's Herz, nicht verfehlt haben; mit einem langen Satze ſprang er dann in das Freie hinaus und ſtürzte auf ſeine Opfer zu. Die eine der beiden Perſonen war zu⸗ ſammengeſunken und die andere beugte ſich, um zu helfen, zu ihr hinunter; er vermochte beide noch nicht deutlich zu unterſcheiden. Nur noch wenige Schritte, und der böſe Dämon in ihm triumphirte; er hatte ſein Ziel nicht ver⸗ fehlt, Marie war es, die ſich über den Verwundeten oder Getödteten jammernd niederwarf. Mit ſtarker Hand und einem teufliſchen Gelächter der Raſerei, riß ſie Franz in die Höhe, und ihren Arm feſthaltend, blickte er in das Geſicht des Gefallenen, der leblos am Boden lag, die Hand krampfhaft auf die Bruſt gepreßt. 153 Einen Augenblick ſtarrte Franz, dem die unbezähmte Wuth die Zunge band, wie wahnſinnig in das Geſicht des am Boden Liegenden; es ſchien, als mache er eine ganz unerwartete, furchtbare Entdeckung, die er nicht ſo ſchnell faſſen konnte. Alle Züge ſeines Geſichts zuckten in der gräßlichſten Entſtellung, dann ſtieß er einen furchtbaren Fluch aus und wankte, Marie loslaſſend, ganz vernichtet zurück;— zu ſeinen Füßen lag Graf Egmont, den ſeine Kugel nur zu gut getroffen hatte. Er begriff nicht, wie dieſes unglückliche Mißver⸗ ſtändniß hatte ſtattfinden können, er fragte ſich auch jetzt nicht danach, denn nur die Reue über die entſetzliche That und die Furcht vor den Folgen derſelben durchſchauderten ihn; ſchnell, wie der Blitz, kam dann der Gedanke an die eigene Gefahr und Rettung aus derſelben, und einen furchtbaren Fluch gegen ſich ſelbſt ausſtoßend, eilte er in den Wald zurück und verſchwand in der Finſterniß, von Angſt und Verzweiflung gejagt. Auch im Förſterhauſe hatte man den Schuß, den das Echo weit forttrug, deutlich gehört, und Alle fuhren, da⸗ durch erſchreckt, aus dem Schlaf auf. „Haſt Du's gehört, Vater?“ fragte Frau Martha zitternd ihren Alten. „Ein Wilddieb, ſo wahr ich lebe, ein Wilddieb muß es ſein, den ſeine Frechheit bis an mein Haus getrieben 154 hat,“ rief der Förſter heftig und war mit einem Satze, alle ſeine Gichtſchmerzen vergeſſend, aus dem Bette ge⸗ ſprungen. „Wohin willſt Du denn aber, Alter?“ rief Frau Martha ängſtlich, während ihr Gatte in Eile die nöthigſten Kleidungsſtücke überwarf.„Laſſe doch den Wilm heraus⸗ gehen; er iſt ſchon munter, denn ich höre ſeinen Tritt.“ „Weiß ich nicht, was mein Dienſt iſt?“ meinte der alte Theißen erzürnt,—„und ſoll ich den Jungen allein hinausgehen laſſen, damit ihm die Kerle womöglich noch das Garaus machen?— Wilm, hel biſt Du wach, mein Junge?— laſſe die Hunde los,— geſchwind!“ Beide Männer waren ſchon fertig, hatten die Büchſen übergeworfen und eilten zu den Hundeſtällen, wo die ein⸗ geſchloſſenen Thiere, ebenfalls durch den Schuß aufge⸗ ſchreckt, einen wilden Lärm machten. Sobald ſie ſich be⸗ freit ſahen, ſchnöberten ſie einen Augenblick in die Luft unnd jagten dann klaffend der alten Eiche zu, die nur höch⸗ ſtens hundert Schritte vom Förſterhauſe ſtand. Mutter Martha konnte ſich des unheimlichen Ge⸗ fühles nicht erwehren, das über ſie gekommen war; ſie fürchtete für ihren Mann, denn die Wilddiebe trieben es cooft bis zur gewaltſamen Widerſetzlichkeit, wenn ſie über⸗ raſcht wurden; es war auch, als ſage ihr eine Ahnung, 15⁵ daß dieſer ungewöhnliche Vorfall eine tiefere Bedeutung haben müſſe. „Meine arme Mariel ſie wird ſich auch recht er⸗ ſchrocken haben, denn ihre Nerven ſind noch immer ſchwach,“ ſagte Frau Martha zu ſich ſelbſt, und ſich eilig ein Tuch überwerfend, ſtieg ſie ſchnellen Schrittes die Treppe zu Marien's Zimmer hinauf. „Mariechen, biſt Du wach?“ fragte ſie, an die Thür klopfend. Es erfolgte keine Antwort. Verwundert, daß ihre Tochter den laut donnernden Schuß, der ſie Alle erweckt hatte, und den darauf folgenden Lärm im Hauſe nicht ge⸗ hört haben ſollte, drückte Frau Martha leiſe an der Klinke; die Thür war offen und ſie trat ein. Der Mondſchein fiel gerade hell durch das kleine Fenſter auf Marien's Bett, und die Mutter näherte ſich dieſem leiſe, aber ſie ſtand ſprachlos vor Entſetzen da, als ſie es noch unberührt und die Tochter nicht im Zimmer fand. Im Augenblicke wurde es ihr zur Gewißheit, jener Schuß ſtehe mit Marien ſelbſt in Verbindung, und wußte ſie auch nicht, wie dies der Fall ſein könne, ſo preßte die unbeſchreibliche Angſt doch ihr Herz ſo zuſammen, daß es beinahe ſtill ſtand. „Marie!“ tönte ihr jammernder Ruf laut durch das ganze Haus; dann ſtürzte ſie die Treppe hinunter vor das 156 Haus, aber ſie mußte ſich an die Hausthür anlehnen, denn ihre zitternden Füße verſagten ihr den weiteren Dienſt. Theißen und Wilm liefen indeſſen ohne Zögern den Hunden nach; bald ſahen ſie einen dunkeln Fleck vor ſich, den die Hunde umſchwärmten, aber nicht wie wüthende Angreifer, ſondern winſelnd und furchtſam. „Siehſt Du dort, Wilm?“ rief der Alte erfreut;— „da ſcheint ein Kerl gerade dabei zu ſein, das Wild auszu⸗ weiden. Gieb Feuer darauf, mein Sohn, geſchwind!— denn Deine Augen ſind beſſer als die meinigen.“ „Wartet doch, Vater Theißen, um Gotteswillen!“ rief Wilm ängſtlich, die Büchſe des Alten, die dieſer ſchnell angelegt hatte, als er Wilm ſeinem Gebote nicht folgen ſah, bei Seite ſchlagend.„Richtet kein Unglück an, das ſind keine Wilddiebe; ſeht doch nur die Hunde an.“ I Wilm war eine furchtbare Ahnung aufgeſtiegen; er dachte an Marie und wie er ſie vor einiger Zeit an derſelben Stelle belauſcht hatte. Mit einem Sprunge war er neben den wahrgenommenen Perſonen, und ein Blick ließ ihn erkennen, daß er Marie vor ſich habe, die in an⸗ ſcheinender Verzweiflung neben einem am Boden liegenden Manne kniete. Seine Büchſe flog bei Seite, und er ver⸗ ſuchte, das Mädchen von der Erde aufzuheben. „O Gott, Wilm, biſt Du es?— Dich ſendet der 157 Himmel!“ rief Marie unter krampfhaften Schlua en. 3 „Er iſt erſchoſſen,— o rette, rette!“ Auch der alte Theißen hatte jetzt die Gruppe erreicht; ſtieren Blickes, keines Gedankens fähig, ſtand er da, als er Marien's Stimme hörte und ſie erkannte. Wilm hatte allein den Kopf nicht ganz verloren, ob⸗ gleich auch er kein Wort über, ſeine Lippen bringen konnte; er kniete ſchnell neben dem am Boden Liegenden nieder, um ſich zu überzeugen, welcher Art ſeine Wunde ſei, aber auch ſeine Hände ſanken ſchaff am Leibe herunter, als er in das bleiche Geſicht Graf Egmont’s blickte, unter deſſen auf der Bruſt geballten Hand ein dünner Buutſtr rom her⸗ vorrieſelte. „Der gnädige Herr Graf, Vater Theißen,“ ſtam⸗ melte er außer ſich. Erſt dieſe Worte weckten den Alten wieder aus dem Starrkrampf, in den er verſunken ſchien. Ebenſo wie Wilm, hatte er jetzt nicht genug klare Ueberlegung, um der Verwunderung, wie dies Alles gekommen ſei, warum Marie hier ſei, Raum geben zu können; er ſah nur und fühlte voll Entſetzen, daß hier etwas Schreckliches geſchehen ſei und daß ſeine thätige Hülfe erfordert werde. „Marie, Mädchen, laufe um Gotteswillen ſchnell in das Haus und bereite die Mutter vor, daß wir den Herrn 158 Grafen bringen werden,“ ſagte er ſchnell.„Komm, Wilm, und laſſe uns keine Zeit verlieren.“ Die beiden Männer hoben den Körper des Grafen auf und trugen ihn vorſichtig dem Förſterhauſe zu, ohne ein Wort zu wech hſeln, während Marie dahin vorauseilte. Sie fand ihre Mutter an die Thür gelehnt ſtehen, an allen Gliedern zitternd; bei dem Anblicke der Tochter ſchrie ſie laut auf und ſtürzte ihr weinend um den Hals. „O Gott, welche Angſt, Kind!— wo warſt Du denn?“ jammerte ſie, zwiſchen Angſt und Freude⸗ die Ver⸗ mißte wieder zu ſehen, getheilt. „Ach Mutter, frage jetzt nicht,“ ſtüͤhnte Marie.„Sie bringen ihn; ich weiß nicht, ob er noch lebt. O, daß die Kugel mich getroffen hätte!“ „Wen bringen ſie, Kind? ich beſchwöre Dich, ſprich deutlich," bat die Mutter bebend. „Egmont,— den Grafen!— Mutter, mein Herz iſt gebrochen!“— und Marie ſtürzte ſinnlos in die Stube, wo ſie, in Thränen gebadet, mit fliegender Haſt ein Lager auf dem Sopha bereitete. Mutter Martha verſtand von ihren Worten nur ſo viel, daß nicht ein ihrem Manne zugeſtoßener Unfall des Midchens Verzweiflung erregt habe; ſie war dadurch ein wenig beruhigter geworden und eilte nun den beiden 8 verbeigeſchafft haben wollte, war ſie vor dem Sopha, auf 159 Männern entgegen, die eben mit ihrer Laſt über den freien Platz vor dem Hauſe ſchritten.— „Was iſt geſchehen, Alter?— Wilm?“ rief ſie ihnen zu;—„ich kann das Mädchen, die Marie nicht verſtehen, ſo aufgeregt iſt ſie.“ „Still, Mutter,“ ſagte der alte Theißen gebieteriſch; —„bereite ſchnell ein Lager, ein weiches, für den Herrn Grafen.“ „Für unſern Herrn Grafen?“ fragte Frau Martha angſtvoll. „Keine unnützen Reden, Weib!“ herrſchte der Alte, während ſte das Zimmer betraten und den Grafen auf das indeſſen von Marie dazu hergerichtete Sopha legten. „Wilm, lieber Junge, Du weißt, was es gilt; ſpringe nach Breitenſee zum Arzt hinüber, aber beeile Dich!— Und, hörſt Du, daß die Gräfin nichts erfährt, ſie würde ſich zu Tode erſchrecken.“ Schon war Wilm aus dem Zimmer und lief ohne Aufenthalt nach Breitenſee zu. Als Marie in das todtenbleiche Geſicht Egmont's und auf das aus ſeiner Wunde rieſelnde Blut blickte, war es mit dem letzten Reſt ihrer Faſſung vorbei; ohne auf die Befehle des Vaters zu achten, der ſchnell Verbindezeng dem Egmont lag, auf die Knie geſunken und hatte eine K 5 9 160 ſeiner Hände ergriffen, die 12 unter herzzerreißenden Schluchzen mit heißen Küſſen bedeckte. Der alte Theißen und Frau Martha blickten ſprachlos vor Staunen auf ſie, aber noch fragte keines von Beiden, denn ſie hatten ſelbſt noch zu handeln. Frau Martha hatte Leinenzeug, wie es der Alte ver⸗ langte, herbeigebracht, und dieſer war nun beſchäftigt, mit erfahrener Hand die Wunde zu waſchen und dann einen vorläuſigen Verband darauf zu legen. Vergeblich verſuchte die Mutter, Marie zu bewegen, daß ſie ſich in ihre Stube begebe, denn ſie befürchtete, der Anblick des Göafen rege ihre Nerven noch mehr auf. „Laß ſie, Mutter,“ ſagte der Alte barſch, obgleich ſein Auge von ſeiner Beſchäftigung oft beſorgt und theil⸗ nehmend auf Marie fiel;—„ich habe noch mit ihr zu ſprechen.“ 3 Der alte Theißen hatte ſeinen Verband jetzt beendigt, und es blieb nun nichts mehr übrig, als die Ankunft des Arztes abzuwarten, den man früheſtens eine Stunde nach Wilm's Entfernung erwarten konnte. „Ich meine, die Wunde kann nicht tödtlich ſein,“ ſagte der Förſter auf einen angſtvoll fragenden Blick ſeiner Frau,—„aber ich verſtehe mich freilich nicht darauf ſicher genug.“ Dann wendete er ſich haſtig zu Marie, und ihre Hand 161 ergreifend fragte er ernſt, cher milder, als es gewöhnlich,* ſeine Art war: 4 „Weißt Du, wer das gethan hat, Marie?’?“ „Der Franz Wernecke,“ ſchluchzte das Mädchen. Der Alte taumelte einen Schritt zurück, als habe ihn der Blitz getroffen. Mutter Martha ſchlug mit einem Blick gen Himmel die Hände zuſammen. „Mädchen, biſt Du toll?“ fuhr Theißen wieder her⸗ aus, denn er glaubte, nachdem der erſte Schreck vorüber war, allen Ernſtes, Marie rede im Fieber.„Ich frage Dich, wer auf den Grafen geſchoſſen hat;— haſt Du es geſehen oder nicht?“ „Der Franz,“ wiederholte Marie ſchaudernd mit ſolcher Beſtimmtheit, daß auch der Ungläubigſte ihr hätte glauben müſſen. „Aber der Franz iſt ja in Blankenfelde!“ rief der Förſter, ſeine Unruhe vergeblich zu bezwingen ſuchend. „Er iſt hier, Vater,— dort an der Eiche war er,“ klagte Marie.„Er hielt mich an der Hand, als er den unglückſeligen Schuß gethan hatte, und dann floh er in den Wald zurück. So wahr Gott lebt, Vater, der Franz iſt der Mörder.“ Es war kein Zweifel, Marie war bei voller Be⸗ ſinnung, nur unbegreiflich erſchien es ihren Eltern, daß ſie ſich jetzt über den Verwundeten beugte und mit d er n 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. 162 zärtlichſten Tone zu wiederholten Malen ſeinen Namen rief. Der Förſter war auf einen Stuhl geſunken und ſuchte umſonſt ſein klopfendes Herz zu beſchwichtigen, denn Franzen's Beſchuldigung hatte ihn hart betroffen. Erſt nach einer langen Weile hatte er ſich erholt, und jetzt erſt drängte ſich ihm die natürliche Frage auf: „Wie biſt Du in den Wald gekommen, Mädchen?“ „Ich war bei ihm,“ erwiederte Marie ſo ruhig, als ſei dabei gar nichts Ungewöhnliches zu finden, und deu⸗ tete auf den Grafen Egmont. „Bei dem Herrn Grafen?“ fragte der Alte mit be⸗ bender Stimme, deren Ton fern von jedem Zorn war, denn es drang zu viel Räthſelhaftes auf einmal auf ihn ein, als daß er einem ſolchen Gefühle hätte Raum geben können. Marie nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Vater, ich glaube ſie iſt irre,“ flüſterte Frau Martha, ihrem Mann zu, während ihre Züge eine entſetzliche Angſt ausdrückten. Marie hatte ihre Worte verſtanden; war es die Milde des Vaters oder das Gefühl, daß ſie ſchon zu viel verloren habe, um noch irgend eine Gefahr zu laufen, was ihr den Muth dazu gab,— ſie erhob ſich plötzlich, trat vor den al⸗ ten Theißen und ſagte feierlich, während ihr blaſſes Geſtcht die Ruhe der Berztveiſtung ausſprach: „Höre mich an, Vater, und Du, Mutter; es darf kein Geheimniß mehr zwiſchen uns liegen, wie bisher. Du haſt mein Herz wie eine todte Waare behandelt, Vater, und es nicht ſprechen laſſen wollen; dennoch hat es gelebt und ge⸗ ſprochen; Du haſt mich mit grauſamer Erbarmungsloſigkeit an einen Mann verhandelt, den ich nicht liebte, ſondern vor dem ich Abſcheu hatte; Deine Härte hat mich auf das Krankenlager geworfen und mich an den Rand des Grabes gebracht und doch wurdeſt Du nicht gerührt; ich habe viel gelitten, entſetzlich gelitten, aber ich habe geduldig gehorcht, weil Er hier es ſo wollte, Er, den ich mehr geliebt habe, als Alles in der Welt und der dieſe Neigung erwiederte. Du ſiehſt jetzt die Folgen Deines Handelns, Vater, ſie müſſen zu Deinem Gewiſſen reden; ich aber, der man Alles genommen hat, ich kann jetzt nicht mehr die geduldige, ge⸗ horſame Tochter ſein. Mit Egmont's Tode iſt das letzte Band zerriſſen, das uns an einander knüpfte, und ich, Vater, werde hinausgehen, weit hinaus in die Welt, fort von dieſem Hauſe des Unglücks, wenn ich Ihn überleben kann.“ Marie hatte die letzten Worte in der höchſten Erre⸗ gung geſprochen; ſie ſtand in drohender Haltung vor dem alten Theißen, der nicht ein Wort zu erwiedern wagte, und ihre Augen flammten in unnatürlicher Gluth; die Bruſt wogte krampfhaft und als ſie erſchöpft geendigt hatte, ſa 164 ſie wieder am Lager Egmont's auf die Knie und legte den Kopf gegen ſeine Bruſt. Eine Todtenſtille herrſchte in dem Zimmer. Der alte Theißen war wie niedergeſchmettert; er rieb ſich zuerſt die Stirn, als wolle er einen läſtigen Traum ſcheuchen, dann ſeufzte er ſchwer und blickte ſtarren, glanzloſen Auges vor ſich hin. Mutter Martha wagte nicht, ein Wort zu ſagen; ſie blickte angſtvoll bald auf ihren Mann, bald auf die Tochter, die ſie immer weniger begriff; ſie verſtand jetzt, daß der Graf in einem Liebesverhältniß zu ihr geſtanden habe, aber wie dies möglich geweſen, konnte ſie nicht faſſen. Wohl eine Viertelſtunde war ſo vergangen, als drau⸗ ßen ein Wagen vorfuhr; Niemand im Zimmer rührte ſich. Gleich darauf trat der Doctor Mittermann, der Leibarzt der gräflichen Familie, verſtörten Ausſehens haſtig in das Zimmer; Wilm, von dem er in abgebrochenen Sätzen die traurige Nachricht erhalten hatte, folgte ihm ebenſo bleich. Der Arzt ließ ſich nicht Zeit, die Anweſenden zu be⸗ obachten, die ſein Eintreten gar nicht zu bemerken ſchienen, ſondern ſchritt ſchnell auf Egmont zu; auch Marien's Stel⸗ lung bei demſelben ſ chien ihn nicht in großes Erſtaunen zu ſetzen, denn er wußte bereits ſeit jener Zeit, als er ſie in ihrer Krankheit behandelte, aus ihren irren Reden, in wel⸗ chem Verhältniß ſie zu Graf Egmont ſtehe, aber er hatte F A ſeit jenem Abend, an dem er abſichtlich dem Grafen die — Geſchichte von ſeinem verſtorbenen Vater und Marie Franke erzählte und Egmont's Betroffenheit darüber wahrnahm, gehofft, dieſer werde vorſichtiger geworden ſein, ſich eine Lehre aus dem durch ſeinen Vater angerichteten Unglück gezogen und die Verbindung mit Marie gelöſt haben; als Wilm ihm die Schreckensnachricht brachte, errieth er aus deſſen Angaben ſchon theilweiſe den Zuſammenhang des Unglücksfalles. Jetzt näherte er ſich nach einem ſchnellen Blicke auf Egmont, Marien und ſie ſanft aufhebend, ſagte er in mil⸗ dem, freundlichem Tone: „Marie, laſſen Sie mich zu Graf Egmont heran, denn er bedarf meiner Hülfe und Sie ſtören mich in der Unterſuchung ſeiner Wunde.“. „Wird er leben, Doctor?“ fragte Marie kaum hörbar, ſich gehorſam ſeinem Gebote fügend. „Ich werde es Ihnen bald ſagen können, aber gehen Sie auf Ihre Stube und zu Bett; Sie ſelbſt ſind auf das Höchſte angegriffen und Ihre Nerven werden dieſes Schau⸗ ſpiel nicht ertragen,“ meinte der Arzt. „Nein, Doctor,“ ſagte Marie beſtimmt;—„hier an Egmont'’s Seite iſt mein Platz, und ich fühle, daß ich ſtark genug bin, jetzt Alles zu ertragen.“. Der Doctor war überzeugt, daß Marien's nicht zu beſiegen ſein würde, darum ſchritt er ohne Weite⸗ res an die Unterſuchung des lebloſen Körpers. „Gott ſei Dank,“ ſagte er nach einer längeren Pauſe aus erleichterter Bruſt;—„er iſt nicht todt, und wenn es der Himmel will und die Kugel, wie ich vermuthe, keine edlen Theile verletzt hat, wird er leben; wir werden es gleich ſehen.“ Von Theißen und Wilm unterſtützt, die den Lebloſen halten mußten, während Marie, die Niemand mehr hin⸗ derte, ſeinen Hals umſchlungen hielt und mit Entſchloſſen⸗ heit auf die ganze Operation blickte, zog der Arzt mit den mitgebrachten Inſtrumenten die Kugel aus der Wunde und unterſuchte letztere ſorgfältig. Graf Egmont zuckte mehrere Male heftig zuſammen, und ein böſer Schmerz entſtellte ſein ſchönes bleiches Geſicht. Marie hielt ihr Auge un⸗ verwandt auf ihn gerichtet, ohne einer körperlichen Schwäche zu unterliegen; wie ſehr ſie aber litt, ſagten die Thränen, die, ihr ſelbſt unbewußt, aus ihren Augen rollten. „Er wird leben,“ ſagte der Doctor, während ein Freudenſtrahl über ſein Geſicht flog;—„ich ſtehe dafür.“ Marie drückte mit einem innig dankenden Blicke ſeine Hand; der ſeinige ruhte tief ſchmerzlich auf ihr. „ Der Kranke muß vorläufig in dieſem Hauſe blei⸗ ben,“ fuhr der Arzt fort,—„denn es iſt unmöglich, ihn in dieſem Zuſtande nach Breitenſee zu ſchaffen. Vorläufig 2 bedarf er nur der Ruhe und ich bin überzeugt, Sie Alle werden dieſe auf das Sorgfältigſte überwachen. Ich werde morgen früh, wenn meine Anweſenheit hier nicht nöthig ſein ſollte, nach Breitenſee zurückfahren und die Gräfin auf den harten Schlag vorbereiten. Jetzt gehen Sie aber zu Bette, Mariechen; ich werde Sie morgen bitten, mir den ganzen unglücklichen Vorfall zu erzählen, damit wir auf die Spur des Mörders kommen.“ „Laſſen Sie mich hier, Doctor,— ich werde nicht von hier fortgehen,“ erwiederte Marie feſt;—„meinen Sie, daß ich in dieſer ſchrecklichen Nacht Ruhe finden könnte?“ 4 2 Trotz aller Bitten und Gebote des Arztes, beharrte Marie bei ihrem Vorhaben und ſebte ſich ihm gegenüber an das Lager Egmont's; ſie war ernſt, aber die von dem Arzte gegebene ſichere Hoffnung beruhigte ſie ungemein. Der alte Theißen, Frau Martha und Wilm hatten ſich indeſſen zur Ruhe begeben, da ihre Hülfe nicht mehr in Anſpruch genommen wurde, aber auch ſie ſchloſſen faſt kein Auge nach der erlebten Schreckensſcene. Es war bald Morgen geworden; der Verwundete ſchlummerte, während ſchwere Athemzüge ſeine Bruſt hoben und ſeinen Körper zuweilen ein leiſer Schauder überlief; Mittermann hatte Marie über dieſe Symptome des Lei⸗ dens, die nicht ausbleiben konnten, zu beruhigen geſucht 5, 3 ⸗ 168 und ſie darauf vorbereitet, daß nun bald das Wundfieber, mit heftiger Raſerei verbunden, eintreten werde. Neben der Sorge um den Verwundeten ſchien ihn auch die um Marie lebhaft zu bewegen und oft ſah er mit einem recht innig wehmüthigen Blicke auf ſie, denn er hatte jetzt die ganze Tiefe ihrer Liebe kennen gelernt, und die vorausſicht⸗ lich trüben Ausſichten derſelben ließen ihn bange für ſie fürchten. Auf ſeine Bitte hatte ihm das Mädchen, als er ſie für ruhig genug dazu hielt, die ganze traurige Geſchichte von Graf Egmont's Verwundung erzählt und er war auf das Höchſte betroffen geweſen, daß Penns Wernecke der Mörder ſei; auch über ihre Zuſammenkunft mit Egmont hatte Marie nichts verheimlicht, denn der Doctor hatte ihr geſagt, daß er bereits darum wiſſe, noch aber ſprach er ſeine Anſichten darüber nicht offen aus. „Liebes Mariechen,“ ſagte er zu ihr, als es vollends Tag geworden war und er ſich zu ſeiner Fahrt nach Brei⸗ tenſee gerüſtet hatte,—„die Frau Gräfin wird, ſo bald ſie durch mich die böſe Nachricht erhält, die ihr nicht ver⸗ heimlicht werden kann, jedenfalls ſofort an das Lager ihres Sohnes hierher eilen. Ich zweifle nicht, daß ſie den Zu⸗ ſammenhang der ganzen Geſchichte ahnt, und ich glaube, es würde daher ſowohl der Gräfin als Ihr eigenes Gefühl ſchonen, wenn Sie Beide hier nicht zuſammen träfen; ich 8 4 bitte Sie daher, ſich au während die gnädige Ff den Kranken ſo lange zu Der Doctor ſagte von unterrichtet ſei, daß hatte es für Pflicht gehat machte, davon in Kenntn Sechstes Gräfin Eleonore hatte ſich hoben und ihre Morgentoilette Mittermann bei ihr anmelden un noch keine Kenntniß von d begriff nicht, was den de zu ihr führen könne, zulaſſen. er ungemein ernſt, was uffiel und eine böſe Ah⸗ blaß geworden, ſprang Worten entgegen: — Egmont iſt doch nicht ſtimmteſte verſichern, Frau Gefahr vorliegt,“ begann ſenehmen Vorhabens zu ent⸗ eer befindet ſich Graf Egmont eilten, ſie zu ſehr überraſchen⸗ zuvor zu kommen, begab ich ie Gräfin in ſchmerzlicher Er⸗ icht in langer Ungewißheit; ich daß Egmont's Zuſtand bedenk⸗ iem Wort, Frau Gräfin,“ ſagte ſich wiederhole, daß ich kein fen hege, aber es iſt die eige 171 liche Veranlaſſung ſeines Leidens, das mich beunruhigt und mich zu Ihnen führte.“ B „Laſſen Sie mich ſogleich zu ihm,“ rief die Gräfin angſtvoll, die letzten Worte überhörend, und warf eine Mantille über;—„kommen Sie ſchnell mit mir, Doctor.“ „Beruhigen Sie ſich, Frau Gräfin, und hören Sie mich zuerſt ruhig an;— Graf Egmont iſt überdies nicht hier im Schloſſe,“ ſagte der Doctor zögernd. „Nicht im Schloſſe?— aber, mein Gott, wo iſt er denn ſonſt?“ „Im Hauſe des Förſters Theißen draußen in dem Forſt,“ erwiederte Mittermann. Die Gräfin erbleichte noch mehr und ſank kraftlos in einen Seſſel. 3„Sprechen Sie, Doetor,“ ſagte ſie dann ſchnell,— „ich beſchwöre Sie darum.“ 4 „Der junge Graf war aus mir nicht ganz bekannten Gründen in dieſer Nacht in der Nähe des Förſterhauſes,“ berichtete der Arzt, der ſeinem Geſichte den möglichſt ſorg⸗ loſen Ausdruck zu geben bemüht war;—„ein unglückliches Zuſammentreffen mit einem Wilddiebe oder dergleichen in dem Forſt muß ſtattgefunden haben und er hat eine leichte Wunde erhalten. Ich hielt es für beſſer, ihn nicht hierher ſchaffen zu laſſen, um jede Gefahr zu vermeiden.“ „! mein Gott, Du prüfſt mich ſchwer,“ ſtöhnte die 1 172 Gräfin.„Und ſie täuſchen mich gewiß nicht, Doctor?— ſeine Wunde iſt nicht lebensgefährlich?“ „Davon iſt keine Rede, Frau Gräfin,“ verſicherte der Arzt mit erzwungenem Lächeln;—„ich kam, Sie aufzu⸗ fordern, ſich zu Ihrem Sohne zu begeben, was Sie vollſtän⸗ dig beruhigen würde.“ „Ich bin im Augenblicke bereit, Doctor,“ ſagte die Gräfin gefaßter;—„erwarten Sie mich in dieſem Neben⸗ zimmer, bis ich mich angekleidet habe. Aber zuvor ſagen Sie mir noch: ſteht dieſer traurige Vorfall mit dem Mäd⸗ chen, der Marie, in irgend welcher Verbindung?“ „Ich vermuthe es, Frau Gräfin.“ 4 „Dieſe unglückliche Leidenſchaft!— ich wußte ja, daß ſie ſolche entſetzliche Folgen herbeiführen müßte!“ jammerte die Gräfin, während ſich der Doctor zurück zog. Wenige Minuten ſpäter ſaß die Gräfin mit ihm im Wagen, der eilig dem Förſterhauſe zurollte; im Schloſſe herrſchte allgemeine Aufregung und dumpfe Gerüchte, der junge Graf ſei todt, liefen von Mund zu Mund. Auf ihre dringenden Fragen erfuhr Gräfin Eleonore während der Fahrt den Zuſammenhang der unglücklichen Geſchichte von dem Doctor ſo ſchonend als möglich, und nur mit der äußerſten Mühe konnte dieſer den Ausbruch ihres Schmer⸗ zes beſänftigen. Die Gräfin klagte in bittern Worten 54 Marie der ganzen Schuld an, aber Mittermann ſagte ernſt und feſt: „Ich weiß, daß Sie ein weiches, menſchliches Herz haben, Frau Gräfin, und darum halte ich es für Pflicht, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß, wenn hier eine Schhuld vorliegt, ſie nicht Marie trägt, ſondern Graf Eg⸗ mont ſelbſt; Sie werden nicht ſo grauſam ſein, das Herz des unglücklichen Mädchens, an dem ſich Ihr Herr Sohn ſchwer verſündigt hat, noch mehr zu zerreißen, als es die 6 Leiden dieſer Nacht ſchon gethan haben. Ich hoffe übri⸗ ggens, die innig tiefe Liebe des Mädchens wird Sie ſelbſt rühren, wenn Sie mit ihr am Lager des Grafen zuſam⸗ fen ſollten, was ich vermieden zu ſehen wünſchte.“ e Gräfin ſchwieg; der Ernſt und die Beſtimmtheit des Doctors machte ſie faſt geneigt, ihm beizuſtimmen, ob⸗ 4 ich eines bittern Gefühls gegen Marie nicht er⸗ wehren konnte. Bede are indeſſen im Förſterhauſe eingetroffen; der Doctor fühlte ſein Herz von einer ſchweren Sorge erleichtert, denn Marie hatte, ſeinem Wunſche gehorſam, Egmont verlaſſen und ſich in ihr Zimmer begeben; das ge⸗ fürchtete Zuſammentreffen mit der Gräfin, das bei der hohen Aufregung Beider leicht hätte gefährlich werden können, war alſo glücklich vermieden. Die Gräfin war ſich, als ſie Egmont erblickte; nur mit Mühe gelan 174 es dem Doctor, ihren lauten Klagen dadurch Einhalt zu thun, daß er ſie darauf aufmerkſam machte, daß der Kranke unter keinen Umſtänden aufgeweckt und beunruhigt werden dürfe. Lange hatte Gräfin Eleonore nun ſtill an dem Lager geweint, dann erhob ſie ſich gefaßter und er⸗ klärte ihren Entſchluß, vorläufig hier bleiben zu wollen; es wurde ſogleich nach dem Schloſſe geſandt, alle für den Kranken erforderlichen Bequemlichkeiten herbei zu ſchaffen. Das Förſterhaus und ſeine Umgebung hatten auf einmal ein anderes Anſehen bekommen; Vorbereitungen für einen längeren Aufenthalt des Verwundeten wurden getroffen, ein Zimmer für die Gräfin hergerichtet, die, wenn auch nicht immer, doch oft und lange hier ſein wollte, und um das Haus herum drängten ſich Neugieri Schloß und aus den benachbarten Dörfern, wo dis der dem Grafen zugeſtoßene Unfall ſchnell verbreitet hatte; nur mit Mühe konnte man ſie zurück halten, ihre Beweiſe der Theilnahme nicht ſtörend für den Kranken werden zu laſſen. Wirklich war dieſe Theilnahme allgemein, denn der junge Herr war ſehr beliebt, und man hatte um ſo mehr Grund zur Beſorgniß für ſein Leben, da er keine Erben hinterlaſ⸗ ſen hätte und ſeine Güter deshalb an eine andere Familie gekommen wären, ſobald Gräfin Eleonore ſtarb. In Be⸗ 4 treff der Veranlaſſung dieſes Unglücks hatte man mannich⸗ fache Vermuthungen, die alle mehr oder weniger von der 175 Wahrheit abwichen, nur ſo viel war Allen gewiß, daß Graf Egmont in einem Liebesverhältniß zu der Tochter des Förſters geſtanden habe, und da man dieſes nur als eine flüchtige Laune des Herrn anſah, konnte es nicht fehlen, daß manches bittere Wort der unglücklichen Marie Ruf traf; mit Schaudern erinnerte man ſich wieder der längſt Die guten Leute icht wieder in Blankenfelde atte etwas von ihm geſehen. i eine Gerichts⸗Commiſſion Is Zeugen, eine ſchmerzliche Pein für Marie, der Doctor ann hülfreich zur Seite ſtand. Von Graf Egmont inte man noch nichts erfahren, denn er tobte im Wundfieber. B. Gräfin hatte mit dem alten Theißen geſproche ſeiner ſich auch leicht ergebenden Unſchuld an de iß ſeiner Tochter zu Graf Egmont auf das He 1 176 ligſte verſichert und ſich auf das Verlangen der Gräfin zö⸗ gernd bereit erklärt, Marie aus dem Hauſe zu entfernen und zwar vorläufig auf das Schloß zu ſchicken, da es an— einem andern paſſenden Aufenthalte für ſie fehlte. Der Gräfin lag es hauptſächlich daran, das Mädchen von dem Kranken fern zu halten, wenn derſelbe wieder zum Bewußt⸗ ſein erwache, denn ſie glaubte, jede neue Anknüpfung der alten Verbindung verhindern zu müſſen; vergeblich machte Doctor Mittermann, für Marie beſorgt, Einwendungen dagegen, Mutter Martha wurde beauftragt, ihr den Be⸗ fehl der Gräfin mitzutheilen. Marie litt am meiſten durch die Entfernung von Egmont, der ſie ſich indeſſen in der Hoffnun C ten machen, heute noch auf das Breitenſee ziehen, da ſie meint, die Aufregung wü zu groß ſein.“ Marie blickte ſie verwundert an, dann ſagte ſchieden: „ Sage der Frau Gräfin meinen beſten D er, ich werde hier bleiben.“ 2 „Es iſt ihr Wunſch, Mariechen, und e 177 Du gehorchſt ihm,“ wandte die Mutter bittend ein;— thue es mir zu Liebe, die Gräfin beſteht durchaus auf ihrer Anſicht.“ „Man will mich von Egmont trennen, Mutter,“ ſagte Marie ruhig;—„ich verſtehe ſie ſehr wohl; nicht die Sorge um mich unglückliches, niedriges Mädchen iſt es, die das Herz der ſtolzen Frau bewegt, und ſie würde befriedigt ſein, wenn Franzen's Kugel meine Bruſt ge⸗ troffen hätte und ſie meiner für immer entledigt geweſen wäre. Aber ich werde mich nicht in ihren Befehl fügen, denn ich weiß, daß Egmont nach mir zuerſt verlangen wird, wenn er erwacht, und daß ich hier nöthig bin.“ „Marie,“ bat Frau Martha unter Thränen,— „Du wirſt durch Deinen Widerſtand den Alten wieder aufbringen.“ Marie lächelte bitter verächtlich, dann ſagte ſie mit unheimlich blitzenden Augen: „Ich werde ihm nicht gehorchen, Mutter, und wagt her es, eine Hand an mich zu legen, ſo ſchwöre ich Dir bei Gott, daß ich mir ein Meſſer in die Bruſt ſtoße. Er hat kein Recht mehr an mich.“ 1 Den weiteren Bitten der alten Frau ſetzte ſie nur ein hartnäckiges Stillſchweigen entgegen. Frau Martha 4 kehrte unverrichteter Sache zurück und theilte zuerſt ihrlrem Gatten mit, welche Antwort ihr die Tochter gegeben und 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. 12 178 wie ihr Benehmen entſchieden geweſen ſei; der alte Theißen bebte zuſammen, zuckte die Achſeln und bezeigte durchaus keine Luſt, ſeine väterliche Autorität zur Geltung bringen zu wollen. Auch verweigerte er letzteres entſchieden der Gräfin, die, empört über Marien's Widerſetzlichkeit, ihn aufforderte, ſelbſt mit ihr zu ſprechen. „Ich habe eine ſchwere Sünde gegen mein einziges Kind auf dem Gewiſſen,“ ſagte der Alte, ernſt den Kopf ſchüttelnd, und zerdrückte eine Thräne im Auge;—„ver⸗ langen Sie nicht, Frau Gräfin, daß ich das Mädchen zur Verzweiflung treibe, und wenn Ihr Herr Sohn mich von dieſer Stelle fortjagt, weil ich Ihnen ungehorſam ſein mußte, ſo mag er es mit ſeinem eigenen Herzen und Dem dort oben verantworten.“ „Ich will das Mädchen ſelbſt ſprechen,“ ſagte die Gräfin heftig und ſchritt der Thür zu. Doctor Mittermann hielt ſie auf; mit innig bittendem Blicke flehte er die Gräfin an, ihr gefährliches Vorhaben aufzugeben, und verſicherte ſie, auch er ſei der Anſicht, Egmont werde bei ſeinem Erwachen zum Bewußtſein nach Marie verlangen und man müſſe ſeinem Wunſche dann Gehör geben, es ſei demnach beſſer, daß ſie hier bleibe. Aber Gräfin Eleonore war ſchon zu weit gereizt; ihr ſtotzer Sinn trug den Widerſtand des ſo tief unter ihr ſtehenden Mädchens nicht. 4 179 „Hierin bedarf ich Ihres Rathes nicht, Doctor,“ herrſchte ſie dieſem zu;—„thun Sie Ihre Pflicht bei meinem Sohne.“ Ehe der Arzt etwas Weiteres erwiedern konnte, hatte die Gräfin, der Alle angſtvoll nachblickten, ohne daß ihr Jemand zu folgen wagte, das Zimmer verlaſſen und begab ſich zu Marie. Bei ihrem Eintritte erhob ſich das Mädchen erblei⸗ ichend und ſtand in beſcheidener Haltung mit zum Boden geeſenkten Augen vor ihr; ſie hielt die Hände gefaltet, als wolle ſie die Gräfin durch dieſe ſtumme Geberde um Mit⸗ leid anflehen. „Sie wollen meinen Vorſchlag, dieſes Haus mit einer Wohnung im Schloſſe zu vertauſchen, nicht anneh⸗ men,“ fragte Gräfin Eleonore, vor Aufregung zitternd. „Ich kann es nicht, Frau Gräfin,“ erwiederte Marie lleiſe.„Sie überzeugen ſich, daß ich Ihnen nicht zur Laſt fllen will, denn ich habe ſeit Ihrer Anweſenheit dieſes Zimmer noch nicht verlaſſen, aber ich bitte Sie um Alles in der Welt, haben Sie Gnade und laſſen Sie mich hier.“ „ und was wollen Sie hier?— warum dieſer Eigen⸗ ſinn?“ rief die Gräfin heftig. „Ich mag jetzt das väterliche Haus nicht verlaſſen, 5 ich mag nicht u dem Schloß unter Fremde, die mich 180 mit ihren zudringlichen Blicken und Fragen verfolgen werden,“ bat Marie. „Das iſt es nicht allein, Sie wollen mich täuſchen,“ ſagte die Gräfin;—„Sie beabſichtigen, die Pflegerin meines Sohnes zu ſpielen, deſſen Herz Sie mir entfremdet haben, Sie wollen das verbrecheriſche Verhältniß, von Neuem anſpinnen, das die Hand des Schickſals zerriſſen hat; Ihr Leichtſinn iſt durch dieſen ſchrecklichen Vorfall noch nicht gewarnt. Sie werden dennoch dieſes Haus ſo⸗ gleich verlaſſen, ich bin dies der Ruhe meines Sohnes ſchuldig, und ich werde es durchzuſetzen wiſſen.“ ¹ „Ich bin nicht leichtſinnig, Frau Gräfin,“ ſagte Marie, ſtolz den Kopf aufhebend und die Gräfin feſt an⸗ blickend,—„ich habe in keinem verbrecheriſchen Verhält⸗ niſſe zu Ihrem Sohne geſtanden, und— ich werde dieſes Haus nicht verlaſſen.“ „Sie wagen, meinem Befehle zu trotzen?“ fuhr die Gräfin ganz außer ſich heraus.„Sie rechnen auf Egmont's Schutz, wenn er wieder hergeſtellt iſt, aber ich verſichere Sie, daß er zu viel Gefühl für ſeine Ehre hat, um die Strafe Ihrer Frechheit nicht zu billigen, und ein verücht⸗ liches Geſchöpf—“ „ Sie ſind nicht edelmüthig, Frau Gräfin, mich, die 12 Wehrloſe, zu beleidigen,“ unterbrach ſie Marie mit nef 7 — 181 verletztem Gefühle.„Ich würde an Ihrer Stelle nicht ſo haandeln können, Frau Gräfin.“ Letztere fühlte ſich durch den Vorwurf getroffen; ſie ſah ein, daß ſie ſich zu weit hatte fortreißen laſſen, und meinte, durch jedes weitere Wort ihrer eigenen Würde zu nahe zu treten. „Sie bleiben alſo bei Ihrem Entſchluſſe, freiwillig nicht von hier fortzugehen?“ fragte ſie mit vor Zorn er⸗ ſtickter Stimme. „Ja, Frau Gräfin.“ Die Gräfin eilte in das Wohnzimmer hinunter, wo man ihre Rückkehr mit Angſt erwartete. „Sie beharrt auf ihrem Eigenſinne,“ ſagte ſie zu dem Doctor,—„aber ich werde ihn brechen. Dieſes Haus gehört meinem Sohne und augenblicklich bin ich die Verwalterin ſeiner Güter; ich werde Gewalt gebrauchen.“ „Dann ſehe ich mich genöthigt, die Frau Gräfin um meine ſofortige Entlaſſung aus dem Dienſte Ihrer Familie 3u bitten, den ich ſeit dreißig Jahren beinahe pflichtgetreu, Doctor ernſt. „Was fällt Ihnen ein, Doctor?— uns verlaſſen d obendrein in ſolchem Augenblicke?“ fragte die Gräfin erraſcht. in legen keinen Werth meh⸗ wie mir mein Gewiſſen ſagt, verſehen habe,“ ſagte der af meinen 182 —„außerdem ſträubt ſich mein menſchliches Gefühl da⸗ gegen, der Zeuge einer Handlungsweiſe zu werden, die gänzlich erbarmungslos iſt.“ Die Gräfin warf einen blitzenden Blick auf ihn, denn dieſe ihr ganz ungewöhnte Offenheit verletzte ſie zu tief, aber ſie ſah auch an dem ernſten, entſchloſſenen Geſichte des Doctors, daß ſeine Worte keine leere Drohung waren, und ſie konnte ihn, in deſſen Kunſt ſie immer volles Ver⸗ trauen geſetzt hatte, nicht miſſen; gerade die Schärfe ſeines Urtheils ſagte ihr aber auch gleichzeitig, daß ſie unrecht gehandelt habe, und ſie fühlte ſich beſchämt darüber, wie weit ſie ſich von ihrer Heftigkeit hatte fortreißen laſſen. Noch einen Augenblick kämpfte auf ihrem Geſichte der Stolz mit der beſſeren Einſicht, dann ſiegte die letztere, und ſie ſagte in ruhigerem Tone: „So mag Marie hier bleiben, wenn Sie es verant⸗ worten können, Doctor.“ Der Doctor neigte den Kopf und beſchäftigte ſich ſo eifrig mit Egmont's Verband, als ſei nichts vorgefalle 3 Marie ſaß indeſſen, in bittere Thränen zerfl auf ihrem Stübchen, und es beruhigte ſie nicht, al Mutter ihr freudig die Nachricht brachte, die Gräfin ihren Entſchluß auf Vermittelung des 4 Rath, wie Sie offen beweiſen,“ erwiederte der Doctor kalt; V 183 geändert; Marie dachte jetzt nur noch an den erlittenen Schimpf und wie von nun an eine Kluft zwiſchen ihr und der Gräfin liege, die ſelbſt die Liebe zu Egmont nicht wieder ausfüllen könnte. Nochmals fragte ſich das Mäd⸗ chen, ob ſie dieſe erniedrigende Behandlung verdient habe, und ſie ließ die ganze Vergangenheit, die ſie mit Egmont durchlebt hatte, an ihrem Geiſte prüfend vorüberziehen, ſie vermochte ſich keinen Vorwurf zu machen. Es war gegen Ende des vergangenen Jahres ge⸗ weſen, bald nachdem Egmont von ſeinen Reiſen zurückgekehrt war, als er ſie und ſie ihn zuerſt in der Kirche zu Breiten⸗ ſee geſehen hatte; einen ſo wohlgefälligen Eindruck ſeine edlen Züge und ſein ſtolzer Anſtand auch damals auf ſie machten, dachte Marie doch nicht daran, ihre Wünſche bis zu einem Ziele zu erheben, das ihr ganz unerreichbar er⸗ ſcheinen mußte. Als ſie die Kirche verließ, ſtand er bereits vor derſelben, ſein Blick ruhte freundlich milde und mit einer Bewunderung, die ihr ſchmeicheln mußte, auf ihr, und als ſie an ihm vorüberſchritt, grüßte er ſie mit be⸗ ſcheidener Höflichkeit. Marie ſah den Grafen die ganze naächſte Woche über nicht, aber ſie dachte viel an ihn, und ſein Bild ſchwebte ſtets vor ihren Augen. Es trieb ſie am 4 folgenden Sonntag wieder zur Kirche; auch Graf Egmont dieſes Mal hatte Marie ſchon viel mehr Ver war da und blickte wieder eben ſo freundlich zu ihr 4 184 denn inzwiſchen hatte ſie aufmerkſam zugehört, wenn von dem jungen Herrn geſprochen wurde, worum ſie ſich ſonſt wenig gekümmert hatte, und Alle, die ſeinen Namen nannten, überhäuften ihn mit Lobeserhebungen und prieſen ſeinen ſanften, edeln Sinn. Als Marie aber aus der Kirche nach Hauſe durch den Wald ging, kam il ie zufällig, Graf Egmont entgegen und redete ſie an; er ſprach ſo ſanft, ſo theilnehmend, daß ſie ihm unmöglich böſe ſein konnte, obgleich ſie bei der Begegnung tief erröthet war und leiſe gezittert hatte, außerdem aber hinderte ſie auah ihre Schüchternheit, ihn ganz abzuweiſen, was der Vater ſelbſt wohl auch nicht gebilligt haben würde, denn Egmont war ja der Herr Graf und er that ja auch nicht gerade etwas Unrechtes, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen und über die Predigt, die ſie eben gehört hatten, zu ſprechen. Er begleitete ſie bis beinahe an das Förſterhaus und em⸗ pfahl ſich dann mit höflichem Gruße, Marie aber konnte* es nicht über das Herz bringen, zu Hauſe von der ihr ge⸗ wordenen Begleitung zu ſprechen, denn ſie erröthete ſchon und ihr Herz klopfte lauter, wenn ſie nur im Geheimen darnn dachte. So ging es mehrere Sonntage, und wenn Marie den Wald betrat, blickte ſie ſchon jedesmal erwartungsvoll 5 ihm auch, wenn ſie nach Breitenſee hinüberging oder von dorther zurückkehrte, und er ſprach immer wärmer, immer inniger zu ihr. In dieſer Zeit gerade kam auch Franz Wernecke in ihr väterliches Haus, und bald zeigte ſein Benehmen deutlich, welche Abſicht ihn dorthin führe; aber ſeine Werbung erfüllte Marie mit banger Angſt und einer vollkommen entſchiedenen Abneigung gegen ihn; nicht Franzen's Weſen war daran Schuld, denn er erſchien in dieſer Zeit ſo ſanft und milde, als man es nur verlangen konnte, aber Marie geſtand ſich jetzt das erſte Mal klar, ſie habe kein Herz mehr zu verſchenken, denn Graf Egmont beſitze dies ganz und gar. Der Graf fand immer öfter Gelegenheit, mit Marie zuſammenzukommen, und auch dieſer konnte es nicht mehr verborgen ſein, er ſuche dieſe mit der größten Aufmerkſamkeit. Aber das Mädchen kam endlich auch auf den Gedanken, wohin denn endlich die mit jedem Tage ſteigende Vertraulichkeit mit Egmont führen ſolle, daß ihr Ruf eine arge Gefahr darunter liefe, und wenn es ſie auch ein Paar Thränen koſtete, nahm ſie ſich doch vor, den lieben Mann zu meiden, und wirklich führte ſie dieſen Vorſatz eine Weile aus. Nun fühlte ſich Marie aber im elterlichen Hauſe äußerſt unglücklich, denn der Wille des Vaters, ſie an Franz zu verheirathen, wurde ihr allmälich offenbar; di Augenblicke, die ſie an Egmont's Seite Pügetracht tt 186 waren ſo ſchön geweſen, ſie fühlte den Gegenſatz ſchmerz⸗ lich und ſehnte ſich wieder nach ihm. Der Frühling kam heran mit ſeinen weichen, duftgeſchwängerten Lüftchen, das erſte Grün ſproßte empor, alle Herzen wurden weiter und ſehnender, und das Marien's blieb nicht zurück. Graf Egmont fand und ſprach ſie ungeachtet ihrer Zurück⸗ haltung, er machte ihr ſanfte Vorwürfe deshalb und klagte, ſie habe kein Vertrauen zu ihm, und als das Mädchen in Thränen ausbrach, an denen ein ſtilles Glück eben ſo viel Theil hatte als der Schmerz und ihre Rathloſigkeit, da ſprach auch Graf Egmont ganz offen, ſchwor, daß er Marien viel zu hoch achte und zu heiß liebe, um ihr Un⸗ glück je gewollt haben zu können und daß er, frei von allen Standesvorurtheilen, ſie als Gattin an ſeine Seite haben wolle, daß er, dies zur Ausführung zu bringen, aber einen günſtigen Moment abwarten müſſe, ſich mit ſeiner Mutter auszuſprechen. Genug, der junge Graf ſprach ſo warm, ſo überzeugend, daß Marie, von ihrer heißen Neigung zu ihm überwunden, ihm ohne Bedenken Treue gelobte und vertrauungsvoll ihre ganze Zukunft in ſeine Hand legte. Von da ab fanden die heimlichen Rendezvous zur Nachtzeit ſtatt, und machte ſich Marie oft Vorwürfe über ihr Han⸗ deln, unter denen ſie litt, wie ihr ganzes äußere Ausſehen ſagte, ſo wußte ſie doch Egmont immer wieder zu tröſten. Fenzali Dewerhungen nahm ſie fortwährend mit ſteigender Kälte auf, aber ſie ſcheute ſich, zu Egmont davon zu ſprechen, denn ihr richtiges Gefühl ſagte ihr, wie pein⸗ lich es ihm ſein müſſe, in ſeinem Diener einen Neben⸗ buhler zu wiſſen; erſt als die Lage, in der ſie ſich dem von dem Vater begünſtigten Franz gegenüber befand, immer bedenklicher wurde, geſtand ſie Egmont, wovor ſie zage. Dies geſchah an dem Abende, an dem wir das Mädchen zum erſten Male mit dem jungen Grafen an der alten Eiche heimlich zuſammenkommen ſahen, und die unmittelbare Folge davon war Franzen's Verſetzung nach Blankenfelde. Graf Egmont ahnte aber eben ſo wenig, als Marie ſelbſt, welchen Plan der alte Theißen in Bezug auf die Verlobung ſeiner Tochter mit Franz hegte, und als dieſe nun plötzlich erfolgte, blieb nichts übrig, als ſie vorläufig dem Namen nach beſtehen zu laſſen, denn Egmont hielt die Zeit jetzt noch nicht für gekommen, offen mit ſeiner Mutter zu ſprechen. Marie, welche die Leidenſchaft bisher unbedacht fort⸗ geführt hatte, fühlte jetzt erſt deutlich, welchen ſchweren Kampf mit alteingewurzelten Vorurtheilen der Welt ihr Geliebter zu wagen gedachte, denn ſie zweifelte nicht an ſeiner Aufrichtigkeit, und ſie mußte ſich geſtehen, daß ſie bisher noch keine Garantie für ſeine Kraft dazu erhalten hatte. Ihr Selbſtgefühl, durch Egmont gehoben, ſagte ihr, daß ſie des Platzes an ſeiner Seite nicht unwerth ſei, aber 188 die eben durch die Gräfin erlittene ſchmachvolle Behand⸗ lung belehrte ſie auch, daß nur Wenige dieſe Anſicht theilen würden und daß Graf Egmont einen überaus feſten Cha⸗ rakter haben müſſe, wollte er die durch das Vorurtheil auf⸗ gebauten Schranken niederreißen. Das Mädchen konnte ſich keine große Schuld vorwerfen, denn ihr Gewiſſen ſprach ſie von der Beſchuldigung frei, Egmont ſeines Na⸗ mens, ſeines Standes und ſeines Vermögens wegen zu lieben, aber dennoch war ſie der Verzweiflung nahe, wenn ſie an ihre Zukunft dachte.— Noch an dem Tage ihrer Ankunft im Förſterhauſe, hatte Gräfin Eleonore einige Worte an Gilgenbruck's ge⸗ ſchrieben, ſie von dem traurigen Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen; ſie erwähnte natürlich nicht Egmont's Liebesverhält⸗ niſſes und überließ alles Nähere einer mündlichen Er⸗ klärung. Dieſer Brief traf erſt am nächſten Vormittage auf Roſenthal, dem Gilgenbruck'ſchen Gute ein; die böſe Nachricht war aber ſchon früher dorthin gedrungen. Schon beim Frühſtück, das die Familie gemeinſam einnahm, war Frau von Gilgenbruck ſichtlich unruhig und ſchien etwas auf dem Herzen zu haben, das ſie ſich indeſſen doch mitzutheilen ſcheute; ſowohl ihr Gatte, als Ida, hatten dies bald bemerkt und drangen nun mit Fragen in ſie, ſich auszuſprechen. Ich wiiß wich, ob ich darüber ſprechen ſoll, ehe — 8 ruhigen ſcheint?“ bat Ida, die von dem Erbfehler weiblichen Geſchlechts, der Neugierde, auch 189 eine Beſtätigung des ſchlimmen Gerüchtes erfolgt iſt,“ meinte die Baronin zögernd,—„aber, wie mich Dora verſichert, ſpricht man überall mit großer Sicherheit von der böſen Geſchichte.“ Dora war die Kammerfrau der Baronin, bei der ſie in großem Anſehen ſtand.. „ Haſt Du Deine Nachrichten durch Dora bezogen, Alte, ſo bin ich vollſtändig beruhigt,“ ſagte der Baron lachend,—„denn die iſt eine Klatſchbaſe und Läſterzunge, die ihre wahre Freude an abenteuerlichen Geſchichten hat. Guten Morgen, Kinder, ich will auf's Feld reiten.“ Und der Baron verließ mit einem flüchtigen Gruße das Zimmer, während ſeine Gattin ihm tief verletzt nach⸗ ſah, denn ſeine Worte enthielten mehrere Gründe, ſie zu verſtimmen. Zuvörderſt nannte er ſie mit ſeiner ihr ver⸗ haßten Rückſichtsloſigkeit„Alte,“ was ſie beleidigte, dann trat er Dora zu nahe und, was eigentlich dabei nur in Anſchlag kam, der Baronin ſelbſt, die dieſer ihr Vertrauen ſchenkte. „Wie unzart Dein Vater immer iſt!“ ſeufzte die Baronin, zu Ida gewendet. „Willſt Du mir nicht mittheilen, liebe Mutter, was ſich zugetragen haben ſoll und Dich ſo lebhaft zu beun⸗ des nicht frei war. 55 7 4 3 8 4 1*— 190 „Es betrifft Dich auch mehr oder weniger, liebes Kind,“ meinte die Baronin, die übrigens noch keine Ahnung davon hatte, daß ihre Tochter Egmont wirklich liebe, ihre Wünſche in Bezug auf eine Verbindung mit ihm aber auch ſchon offen ausgeſprochen hatte,—„und deshalb beäng⸗ ſtigt mich jenes Gerücht. Man ſpricht davon, dem Grafen Egmont ſei ein betrübender Unfall zugeſtoßen. Aber, wie geſagt, die Nachricht iſt nicht ſicher verbürgt, und Du weißt, wie leicht Uebertreibung und Unwahrheit bei den Leuten Eingang finden,“ ſetzte ſie tröſtend hinzu, als ſie Ida erbleichen ſah. „Ich bitte Dich, liebe Mutter, erzähle, was man ſpricht,“ bat Ida ängſtlich.. „Man ſagt, der junge Graf ſei in vergangener Nacht im Breitenſee'ſchen Walde durch einen Schuß verwundet worden,— es ſoll übrigens nicht ganz ungefährlich mit ihm ſtehen,“ berichtete die Baronin. „Egmont verwundet?“ rief Ida mit einer Lebhaf⸗ tigkeit und einem Gefühl, wie die Mutter es ſelten bei ihr zu beobachten Gelegenheit gefunden hatte.„Und wir fahren nicht gleich nach Breitenſee hinüber, Mutter?“ „Du vergißt, Ida, daß ſich das wenig ſchicken würde, ehe wir von der Gräfin eine Anzeige ſeiner Krankheit er⸗ halten,“ meinte die Baronin bedächtig. . 95 „Mein Gott, bedarf es denn dieſer Formen bei den 1 44 191 innigen Verhältniſſe, in dem wir zu Eldor's ſtehen?“ fragte Ida mit bittendem Blicke auf die Mutter. „Sicherlich, liebes Kind, Formen ſind die Grund⸗ pfeiler des geſellſchaftlichen Lebens,“ erwiederte die Baronin mit einem Geſichte, das ſehr würdevoll ausſehen ſollte. im Schloſſe, ſondern in dem Breitenſee'ſchen Förſterhauſe, wie ich höre, und man ſpricht nicht viel Gutes von den Einwohnern dieſes Hauſes; es würde ſich für Dich, die Du vorausſichtlich bald ſeine Braut ſein wirſt, wenig ſchicken, mit ihnen in Berührung zu treten.“ d „Mutter, ich verſtehe Dich nicht,“ meinte das Fräu⸗ lein ſehr bewegt;—„es ſcheint doch, als ob Egmont's Zuſtand höchſt bedenklich ſei, da man ihn nicht nach dem Schloſſe ſchafft, und was können uns die Leute kümmern, zu denen man ihn gebracht hat. Iſt das nicht übrigens daſſelbe Haus, in dem jene unglückliche Verlobung der Tochter vorfiel, die ſo viel zu ſprechen gab?“ „Ganz richtig, mein Kind,“ erwiederte die Baronin; —„das Schlimmſte iſt, daß man jetzt den Grund der Verzweiflung jenes Mädchens kennen ſoll.“ „Und was hat das mit Egmont zu thun?“ 2 „Leider ſehr viel. Liebes Kind, Du mußt Egmont nicht gerade verdammen, denn er hat ein leicht erregbares, 2 192 eempfängliches Herz und von ſeinem ſeligen Vater wohl auch den Leichtſinn geerbt; Du wirſt auch wiſſen, daß die jungen Herren vom Stande ihre Launen haben, die keines⸗ wegs ein ſchlechtes Herz vorausſetzen laſſen, und wenn Ddu erſt Frau biſt, wirſt Du ein Auge über die Vergangenhecit zudrücken. Egmont hat ſich vermuthlich einen Scherz mit dem Mädchen machen wollen, das, wie man ſagt, ziemlich hübſch ſein ſoll; nun iſt aber das Unglück daraus ent⸗ ſtanden, daß der Bräutigam dazu kommen mußte und auf ihn geſchoſſen hat.“ Ida war todtenbleich geworden und vermochte nicht eein Wort zu erwiedern; ihr erſter Gedanke war die Er⸗ innerung an das Geſpräch, das ſie zwei Tage zuvor mit ihm gehabt und das ſchon damals die Ahnung in ihr erweckt hatte, er liebe unter ſeinem Stande, und dies ſei is Geheimniß, das ſie und ſeine Mutter ſich ſo lange vergeblich zu erforſchen bemühten. Der Baronin Worte trafen ſie jetzt mit vernichtender Kraft, ſie konnte nicht deren Anſicht theilen, daß es ſich hier nur um eine flüchtige Laune Egmont's gehandelt habe, ſondern ſie wußte, ihn habe eine tiefere Leidenſchaft ergriffen; daß dieſe aber einem Mädchen von ſo niederer Herkunft galt, daß er dieſes ihr ſelbſt vorgezogen hatte, empörte ihren Stolz ſo tief, daß ihre Liebe zu Egmont auf dem Punkte ſtand, ſich in bitteren Haß und Verachtung zu verwandeln. Die 4 Mutter deutete ſich ihre Erregung anders, ſie ſah darin nur Theilnahme für den jungen Grafen, eine leichte Be⸗ trübniß über ſeinen Leichtſinn, und ſie war damit zufrieden, denn ſie wünſchte, daß die beiden jungen Leute, die für einander beſtimmt waren, Intereſſe an einander nähmen. „Beruhige Dich, liebe Ida,“ ſagte ſie daher;— „Egmont wird bald wieder hergeſtellt ſein, und was ſeine Unbedachtſamkeit betrifft, ſo hat er Warnung und Strafe dafür zugleich erhalten; deſto mehr Ausſicht iſt vorhanden, daß er künftighin dergleichen Abenteuer meidet.“ Sie wurde unterbrochen, denn man brachte ihr den Brief der Gräfin Eleonore, der Egmont's Unglücksfall beſtätigte. Mutter und Tochter berathſchlagten nun, ob ſie der Einladung der Gräfin nach dem Förſterhauſe Folge geben ſollten oder nicht; einerſeits fürchtete man ein Zuſammentreffen mit Marie und überhaupt, ſich mit dem Mädchen in einem Hauſe zu befinden, das ſich Eg⸗ mont's Neigung rühmen konnte, andererſeits war die Ge⸗ legenheit zu gut, daß Ida ein Intereſſe für ihn an den Tag lege, das ihn nothwendig rühren und für ſie ein⸗ nehmen mußte. Letzteres dachten beide Frauen, ohne es ſich offen zu geſtehen, ebenſo, wie auch Gräfin Eleonore, und dieſer Grund blieb der vorwiegende bei ihrem Ent⸗ ſchluſſe, zumal der indeſſen zurückgekehrte Baron entſchieden der Anſicht war, man müſſe der Familie Eldor ſogleich die 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. 13 8 194 Rückſicht erweiſen, den Kranken zu beſuchen und ſeine Hülfe⸗ leiſtungen anzubieten. Am zweiten Tage nach Egmont's Verwundung, fuh⸗ ren alſo Gilgenbruck's nach dem Förſterhauſe, wo Marie noch immer in ihrem Stüben ſaß, ohne den Geliebten ſehen zu dürfen, denn Gräſin Eleonore gedachte den Sohn nicht eher zu verlaſſen und nach dem Schloſſe zurück zu kehren, ehe er das böſe Wundfieber überwunden hatte. Marie ſaß am Fenſter und ſah die fremde Equipage heranfahren und halten; ſievermuthete, daß es theilnehmende Nachbarn ſeien, aber den⸗ noch machte das Erſcheinen der ſchönen Ida einen peinlichen Eindruck auf ſie; Egmont hatte von dieſer Bekanntſchaft nie zu ihr geſprochen, denn den Liebenden war die Zeit ihrer Zuſammenkünfte gewöhnlich ſo kurz zugemeſſen, daß ſie nur dun ihrer Liete redeten. Mit Ungeduld erwartete ſie die Mutter, die ihr oft Nachrichten von Egmont's Befin⸗ den und Allem, was um ihn herum vorging, brachte, und ihr Herz ſchlug laut, als ſie dieſe nach einer langen Zeit die Treppe herauf kommen hörte. Die Gräſin war über das Kommen der Gilgenbruch's auf das Höchſte erfreut, denn ſie hatte ſchon gefürchtet, ſie möchten von Egmont's Neigung zu Marien gehört haben und ſich der Tochter wegen dadurch ſo beleidigt fühlen, daß ſie die Verbindung mit ihr und ihrem Sohne Jan abbrä⸗ chen. Der alte Baron fluchte und raiſonnirte auf den 19⁵ Mörder und ließ ſich nur mit Mühe bewegen, leiſer zu ſprechen, die Baronin weinte und ſchluchzte laut und um⸗ armte die Gräfin ein über das andere Mal, Ida aber war ſehr blaß und erregt, verſtand indeſſen ihre Gefühle gut zu be⸗ herrſchen und ihnen nicht einen vollkommenen Ausbruch zu geſtatten. Sowohl aus der Bewegung der Fremden, als aus den Aeußerungen mehrerer Diener vom gräflichen Schloſſe, die jetzt hier anweſend waren, hielt ſich Frau Martha überzeugt, die junge Dame ſei die Braut des Gra⸗ fen; dieſe Vermuthung verſenkte ſie in den tiefſten Schmerz, denn wenn ſie ſich auch noch nicht zu geſtehen wagte, daß ſich durch Egmont's Liebe für ihre Tochter eine Ausſicht eröffne, die ihre kühnſten Wünſche nie erreicht hatten, ſo hielt ſie dieſen doch für zu edel, Marie für zu weiblich und tugendhaft, um in ihrem bisherigen Verhältniß eine leicht⸗ ſinnige, vorübergehende Liebſchaft zu ſehen. Jetzt aber mußte ſie an Egmont zweifeln, denn die Leute ſagten ja, er habe ſchon eine ihm an Rang und Vermögen gleich⸗ ſtehende, ſchöne Braut, deren eigenes und ihrer Eltern Benehmen beſtätigte dieſe Behauptung, und Frau Martha fühlte ſich blutenden Herzens geneigt, zu glauben, ihre Marie ſei bitter getäuſcht worden. „Wer ſind die Fremden, Mutter?“ fragte Marie haſtig bei dem Eintritt ihrer Mutter. „Ich habe den Namen wieder vergeſſen, liebes Kind, 13* aber es iſt ein Baron mit ſeiner Frau und Tochter aus der Nachbarſchaft, die dem Grafen und ſeiner Mutter ſehr nahe ſtehen,“ berichtete Frau Martha und erzählte auf ihrer Tochter Fragen, welche Bemerkungen ſie an den Fremden gemacht habe. Auch Marie war von dem war⸗ men Gefühle, welches das Fräulein für den Verwundeten an den Tag gelegt hatte, auf das Höchſte betroffen; ſtill und in ſich gekehrt hörte ſie der Alten zu, als dieſe erzählte. „Du haſt Dich noch nie ganz offen über den jungen Herrn Grafen zu mir, Deiner Mutter, ausgeſprochen,“ ſagte Frau Martha nach einer langen Pauſe, zärtlich bit⸗ tend.„Iſt Dir denn Deine Mutter ſo fremd geworden, Mariechen, daß Du ihres Rathes gar nicht mehr bedarfſt, und biſt Du nicht überzeugt, daß ich keine Schuld an der Härte des Vaters habe und Dein Vertrauen verdiene?“ Das Mädchen fiel ihr laut ſchluchzend um den Hals. „Ich wollte ſchon ſo oft zu Dir ſprechen, Mutter,“ flüſterte ſie,—„aber die Scham hielt mich ab und die Furcht, Du mögeſt nicht billigen, was ich that, und mir rathen, mich von Ihm zu trennen.“ „Mariechen, ich würde Dir nach beſtem Wiſſen ge⸗ rathen haben,“ ſagte die Alte,—„und ich hätte ja Dein Herz dabei auch nicht vergeſſen können, war ich doch felüſt einmal jung und warm, wie Du.“ „Ich will Dir jetzt Alles erzählen, ich ſehe ein, paß 8 197 ich Unrecht gethan habe, zu ſchweigen,“ fuhr Marie fort;—„vergieb es mir, Mutter.“ Sie erzählte jetzt ihre ganze Bekanntſchaft und deren weiteren Fortgang mit Graf Egmont, wie wir ihn ſchon kennen; ſie geſtand der Mutter auch, welche Hoffnungen ſeine Worte in ihr erregt hätten und wie ſie noch feſt über⸗ zeugt ſei, Egmont werde ſein Wort halten, wenn er wieder hergeſtellt ſei. „Armes Kind!“ ſeufzte die Alte ſchwer;—,ich fürchte, er hat Dir mehr verſprochen, als er halten kann. Marie⸗ chen, ich will Dir auch Alles ſagen, was ich weiß, denn ich glaube, es iſt beſſer, daß Du Dich auf das Schlimmſte vorbereiteſt, als daß Du Dich Hoffnungen hingiebſt, die ſehr trügeriſch ſein dürften. Weißt Du, die Leute aus dem Schloſſe ſagen, die junge, ſchöne Dame, die eben hier eingetroffen iſt, ſei des jungen Grafen verſprochene Braut.“ Marie fuhr heftig auf und blickte die Mutter un⸗ gläubig an. „Sie meinen, die Verlobung ſei zwar noch nicht öf⸗ fentlich bekannt gemacht, aber ſie ſei ſchon lange zwiſchen den Eltern verabredet und Graf Egmont ſei viel mit dem Fräulein zuſammen und dutze ſich ſogar mit ihr ſchon,“ fuhr die Alte zögernd fort. 6 „Nein, Mutter, ſie täuſchen ſich, das iſt unmöglich,“ ſagte Marie nachdenklich, den Kopf ſchüttelnd.„Egmont 198 iſt gewiß nicht ſchlecht und wird nicht mit Ueberlegung mein Unglück gewollt haben; er hat ſich viel zu offen über ſeine Abſichten gegen mich ausgeſprochen, und ſeine Worte trugen den Stempel der Wahrheit.“ „Bedenke, liebes Kind, daß die vornehmen Herrſchaf⸗ ten andere Anſichten haben, als wir,“ warnte Frau Martha ſchmerzvoll,—„daß ſie eine leichte Verirrung nennen, was wir Todſünde nennen.“ „Egmont thut das nicht, Mutter, er iſt wahr und edel,“ ſagte Marie mit Ueberzeugung, und ſie blieb dieſer Anſicht, obgleich Frau Martha den Kopf zweifelnd ſchüt⸗ telte, getreu. Werfen wir inzwiſchen einen Blick in das Kranken⸗ zimmer. Egmont ſchlief unruhig, von Schmerzen gequält, der kalte Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn; an ſeinem Bette ſaß Doctor Mittermann und fühlte den Puls des Kranken, während ſein Auge zuweilen beobachtend auf Ida ſtreifte, die, in einen Seſſel gelehnt, mit halbgeſchloſſenen Augen träumte; er ſtellte Vergleiche zwiſchen ihrer und Marien's Theilnahme für Egmont an. Am Fenſter ſtand der alte Baron und gähnte, denn der lange Aufenthalt im Förſter⸗ hauſe wurde ihm ſchon überdrüſſig, die Gräfin und die Baronin flüſterten lebhaft mit einander. Man konnte der letzteren aus dem, was ſie ſchon wußte, kein Geheimniß machen, und Gräfin Eleonore hatte ſich nur bemüht, ſie in 199 dem Glauben zu beſtärken: Egmont denke gar nicht an eine ernſthafte Neigung zu der Förſterstochter, ſondern habe bei der Bekanntſchaft mit ihr nur ſeiner augenblicklich erregten Leidenſchaft Folge gegeben. Sie verabredeten, was ferner geſchehen ſolle, um dieſe Gelegenheit zum Vor⸗ theile der eigenen Wünſche auszubeuten, und endlich war man dahin überein gekommen, der Verwundete ſolle, ſo bald es der Arzt geſtattete, nach dem Schloſſe gebracht werden, Ida für einige Zeit zu der Gräfin herüber ziehen und ſich an Egmont's Pflege betheiligen, was ihn günſtig für ſie ſtimmen mußte. Es galt nur noch, ſie ſelbſt für dieſen Plan zu ſtimmen, und ihre Mutter unternahm dies ſogleich; an der Einwilligung des Barons zweifelte ſie nicht, da dieſer ihr die Sorge um die Tochter ausſchließlich überließ. „Liebe Ida,“ begann die Baronin flüſternd, nachdem ſie ſich vertraulich neben ihre Tochter geſetzt hatte,—„die Gräfin bittet mich, Dir zu geſtatten, daß Du ihr einige Zeit in Breitenſee Geſellſchaft leiſteſt und ſie bei Egmont s Pflege unterſtützeſt. Was meinſt Du dazu?“ 3 „Ich weiß wirklich nicht, ob ich es thun kann,“ ant⸗ wortete dieſe überlegend, denn noch kämpfte der Stolz mit der Liebe in ihr;—„bedenke dieſes eigenthümliche Ver⸗ hältniß Egmont’s, das obenein allgemein bekannt geworden iſt;— was ſollte man denken, wenn ich—“ 200 „Ach was, Ida!— laß die Leute denken, was ſie wollen, Du wirſt doch vielleicht ſchon in wenigen Monaten Egmont's Gattin ſein, und wenn Du ſelbſt ihm zürnen wollteſt, weil er dieſem Förſtermädchen ein wenig die Cour gemacht hat, ſo wäre das eine Thorheit, denn Du kannſt unmöglich Treue von ihm verlangen, ehe Du ſeine Frau oder Braut biſt.“ „Ich will Deinem Rathe folgen, Mutter,“meinte Ida, der die Ausſichten auf Egmont's baldigen Beſitz doch zu verlockend erſchienen.. „Nun wohl, dann werde ich der Gräfin Eleonore ſa⸗ gen, daß ſie die Zimmer für Deinen Aufenthalt in Brei⸗ tenſee nur vorbereiten mag, wie ſie beabſichtigt,“ ſagte die Baronin erfreut.„Ich denke, Du wirſt in wenigen Tagen hinüber ziehen können, denn Doctor Mittermann meinte, wenn, was der Himmel verhüten wolle, kein Rückfall ein⸗ träte, wolle er Egmont dann dorthin ſchaffen laſſen; das Wundfieber wird bald vorüber ſein und er ſeine Beſinnung wieder erhalten. Du haſt eine ſchöne Pflicht zu erfüllen, mein Kind.“— „Wenn ſie Egmont nur erwünſcht ſein wird,“ wollte Ida ſagen, denn ſie dachte mit banger Beſorgniß daran, wie er ſich gegen ſie benehmen werde, wenn er ſie, ſtatt Marien's, an ſeinem Lager fände, aber ſie ſcheute ſich, ihre Befürchtung gegen die Mutter auszuſprechen, da ſie der 1 geſchehen, daß ſie dort blieb. 201 Gedanke, Andere ſollten ahnen, wie viel höher er unzwei⸗ felhaft Marie als ſie ſelbſt ſchätzte, zu tief niederdrückte. Die Gräfin war vollkommen befriedigt und im beſten Einvernehmen und voll neuer Hoffnungen trennte ſie ſich zärtlich von der Familie Gilgenbruck, welche die von dem Baron ſehnlichſt erwartete Heimreiſe jetzt wieder antrat. Am folgenden Tage verließ auch Gräfin Eleonore einſtweilen das Förſterhaus und begab ſich nach Breitenſee zurück, wo die Geſchäfte ihre Anweſenheit erforderten; Doctor Mittermann hatte ſie vollſtändig über Egmont's Zuſtand beruhigt und verſprochen, ſofort einen reitenden Boten nach Breitenſee zu ſchicken, wenn irgend eine Ver⸗ änderung in demſelben eintreten ſollte. Er ſelbſt blieb bei dem Kranken zurück und hatte von der Gräfin den Auftrag erhalten, nicht zu geſtatten, daß Marie an deſſen Lager komme, indeſſen war der Doctor hierin nicht ſehr gewiſſen⸗ haft, denn als Marie gleich nach der Gräfin Abreiſe ihre ungeduldige Sehnſucht nicht länger beſchwichtigen konnte und, von Niemandem gehindert, in das Krankenzimmer hinab eilte, ließ er es nach einigen ſchwachen Einwendungen Egmont kannte ſie jetzt nicht, ſie ſtörte ſeine Ruhe in keiner Weiſe, ſondern erwies ſich nur thätig helfend, ſo daß der Doctor keinen Nachtheil dabei ſah, ſein Verſprechen gebrochen zu haben; der innige Dank, den ihm Marie dafür, 202 weniger in Worten, als durch ihr ganzes Weſen ausdrückte, beruhigte ihn vollkommen über ſeine Pflichtverletzung. Er nahm ein warmes Intereſſe an dem unglücklichen Mädchen, denn auch er war der feſten Ueberzeug: ing, ſie ſei durch Egmont getäuſcht und dieſer werde die Hoffnungen, die er in ihr erregt hatte, nie erfüllen können.— Siebentes Capitel. Einige Tage waren wieder vergangen; die Kriſis in des jungen Grafen Krankheit war vorüber und mit ihr auch, aller menſchlichen Berechnung nach, die Gefahr; der Verwundete ſchlummerte jetzt ſanft und ruhig ſchon ſeit mehreren Stunden, und Marie wachte bei ihm, während Doctor Mittermann in einer Ecke der Stube in einem Lehnſtuhle ſchlief, denn er war ermüdet, da er ſeit mehreren Tagen ſchon gar nicht aus Egmont's Krankenzimmer ge⸗ kommen war. Es war gegen Morgen, eine tief herunter⸗ geſchraubte Lampe erhellte das kleine Gemach nur ſchwach und ihr blaſſes Licht ruhte auf dem Geſichte des Kranken und dem Mädchen, das, ängſtlich auf deſſen Athemzüge lauſchend, an ſeinem Bette ſaß; zuweilen nur bewegte ſie ſich, um die Kiſſen bequemer zu legen, wenn der Sch Haſende ſie verſch ob. 203 Marien's Geſicht ſtrahlte neben einer tiefen Weh⸗ muth auch von einer ſtillen Glückſeligkeit, denn ſie durfte jetzt ungeſtrt in ſeiner Nähe ſein und der Arzt hatte be⸗ ſtimmt ausgeſprochen, Egmont werde am Morgen wieder zum Bewußtſein erwachen und bald ganz hergeſtellt ſein, ohne daß nachtheilige Folgen für ſeine Geſundheit zurück⸗ bleiben würden. Zuweilen nur zog ſich eine Wolke über des Mädchens Stirn, wenn ſie daran dachte, daß Egmont nun in Kurzem ihr väterliches Haus verlaſſen und ihr lange fern bleiben, daß man in dieſer Zeit auch keine Mühe ſcheuen würde, ihr Bild in ſeinem Herzen erbleichen zu laſſen, vielleicht gar abſichtlich zu beflecken; Marie hatte jetzt nur den einen lebhaften Wunſch, der Graf möge er⸗ wachen, ehe die Gräfin am andern Morgen, wie ſie be⸗ ſtimmt zugeſagt hatte, einträfe, damit er ſie vorher noch ſähe und dieſe neue Erinnerung mit ſich nähme. Sie hatte wenige Stunden vorher eine lange Unter⸗ redung mit Doctor Mittermann gehabt, die ſie ſehr auf⸗ geregt und neue bange Zweifel über ihre Zukunft in ihr erweckt hatte. So gut es der Doctor mit ihr meinte, ſo hoch er ihr weibliches Weſen ſchätzen gelernt hatte, war er doch in ſo weit mit der Gräfin einverſtanden, daß eine Verheirathung Egmont's mit Marien den einmal herr⸗ ſchenden Anſichten der Welt zu ſehr widerſtreite, um wün⸗ ſchenswerth ſein zu können, auch zweifelte er entſchieden, 204 daß Egmont je eine ſolche im Ernſt beabſichtigt habe, darum hielt er es für Pflicht, der armen Marie ſo ſcho⸗ nend als möglich ihren Irrthum zu benehmen und ſie allmälig darauf vorzubereiten, daß ſie ihren Anſprüchen an Egmont werde entſagen müſſen. In der freundlichſten Weiſe hatte er ihr eine lange Abhandlung über die Standes⸗ unterſchiede gehalten und ihr auseinandergeſetzt, daß, wenn ſie ihr Herz, ihre perſönlichen Eigenſchaften auch voll⸗ ſtändig zu dem Platze berechtigten, den Egmont, wie er geſagt, ihr hatte anweiſen wollen, ihre Geburt doch ein unüberſteigliches Hinderniß ſei, ſich zu ihm zu erheben. Der Doctor hatte ſo ſanft, ſo ruhig geſprochen, daß Marie ihm nicht zürnen konnte; dennoch verletzten ſie ſeine Worte heimlich, ohne daß ſie ihren Zweck erreicht hätten; ſie ver⸗ traute dem, was ihr Egmont ſelbſt geſagt hatte, mehr. Auch jetzt dachte ſie wieder an dieſe Unterredung, und das Mädchen legte ſich, ihre Anſicht zu beſtärken, alle die Fragen vor, die der Arme dem Reichen gegenüber ſich wohl oft auf dieſer Welt ſtellt, in der die Gaben des Glückes ſo ungleich vertheilt ſind. Eine Bewegung Egmont's weckte ſie aus ihrer Träu⸗ merei; ſie blickte auf ihn, und obgleich ihr Herz vor Ent⸗ zücken bebte, wagte ſie nicht, ſich zu rühren. Egmont hatte die Augen aufgeſchlagen, dieſelben blauen Augen, die ihr ſo tief in die Seele gedrungen waren, und ſie leuchteten . ₰ 4 8 205⁵ 7 nicht mehr in der wilden Fiebergluth, ſondern wieder eben ſo ſanft und ruhig, wie in den glücklichen Zeiten ihrer Liebe; er blickte zuerſt erſtaunt um ſich, denn er mochte wohl noch nicht die Erinnerung ganz wiedergefunden haben, dann ſtützte er ſich auf den einen Arm und erhob den Kopf, um beſſer ſeine Umgebung, die das trübe Licht der Lampe nicht deutlich erhellte, betrachten zu können. Sein Auge traf bald auf Marie, und ein Ausdruck der reinen Freude überflog ſchnell ſein Geſicht. „Marie,“ flüſterte er,—„biſt Du es wirklich, oder befängt mich ein Traum?— und wie komme ich denn hierher in Euer Haus, wie es ſcheint?“ „Sei ruhig, beſter Egmont, und erhebe Dich nicht mehr,“ bat Marie mit dem innigſt zärtlichſten Tone, ſich zu ihm niederbeugend;—„entſinnſt Du Dich denn gar nicht, daß Du krank geweſen biſt?“ „Krank?“ fragte Egmont mit ſchwacher Stimme;— „o ja, ich muß wohl krank geweſen ſein, denn ich habe lange, böſe Träume gehabt; ich meinte, ſie wollten Dich von meiner Bruſt reißen;— aber Du biſt ja hier, mein theures Mädchen, und ich kann wieder ruhig ſein. Aber erzähle mir nur, was eigentlich vorgefallen iſt, ich kann mich wirklich nicht darauf beſinnen.“ „Ich weiß nicht, ob ich es darf, Egmont,“ ſagte Marie, ſeine Hand in der ihrigen haltend;—„es könnte 206 Diich noch zu ſehr aufregen, und dort drüben in der Ecke ſitzt der Doctor und ſchläft; er könnte mich hören und mir böſe darüber ſein.“ „Nein, Marie, ſprich nur leiſe,“ bat Egmont,— „daß er nicht erwache und uns ſtöre. Mir iſt ganz wohl, nur dieſe Stelle hier auf meiner Bruſt ſchmerzt ein wenig.“ „Es iſt Deine Wunde, Egmont; bewege Dich nicht ſo viel, daß ſich der Verband nicht verſchiebe.“— Und Marie erzählte dem aufmerkſam zuhörenden Geliebten, der ſich bei ihren Worten auch der geſtörten Zuſammen⸗ kunft im Walde erinnerte, was ſeitdem vorgefallen ſei, ohne indeſſen über Gräfin Eleonore zu klagen; ſie ſagte ihm, daß dieſe ihn beſucht und bis zum vergangenen Abend an ſeinem Lager geblieben ſei, daß ſie auch an dieſem Tage zurückkehren und ihn ſo bald, als es der Arzt erlaube, nach dem Schloſſe ſchaffen laſſen wolle.“ Egmont hatte ihrer langen Erzählung ſchweigend zugehört; als ſie geendet hatte, war ſeine erſte lebhafte Frage:„Du haſt wohl auch entſetzlich ausgeſtanden, meine arme, arme Marie?“ Das Mädchen nickte ſchmerzlich mit dem Kopfe, dann brachen plötzlich die Thränen hervor, die ſie nicht länger zurückhalten konnte, und als Egmont ſie in zärtlicher Be⸗ ſorgniß um den Grund dieſes Schmerzes fragte, nun die 8* 8 Sorge um ihn doch bei ihr gehoben ſein müſſe, flüſterte ſie leiſe: „Wir werden uns jetzt trennen müſſen, Egmont, und wer weiß, wann und wie ich Dich wiederſehen werde.“ „Ich dachte auch ſchon mit Unmuth daran, denn ich werde hier nicht länger bleiben können,“ ſagte Egmont nachdenklich,—„ich dachte auch an die Verhältniſſe, unter denen Du hier, der Härte Deines Vaters preisgegeben, zurückbleiben ſollſt, und ich ſann nach einem Mittel, Dich zu ſchützen. So viel iſt gewiß, daß Du in dieſem Hauſe nicht bleiben darfſt. Sage mir vor allen Dingen, Marie, biſt Du hier mit meiner Mutter zuſammengetroffen, und wie hat ſie ſich gegen Dich benommen?“ Das Mädchen erbleichte; ſie erzählte die Unterredung mit der Gräfin ſo ſchonend als müglich für Egmont, denn ſie fürchtete, ihn durch die volle Wahrheit zu ſehr aufzu⸗ regen. Seine Stirn war finſter gerunzelt, und ſein Auge leuchtete in edlem Unwillen, er drückte Marien's Hand feſter. 4 „Ach Egmont, ſie glauben Alle nicht, daß Du mich wahrhaft liebſt,“ klagte Marie wehmüthig und ihn mit der innigſten Zuverſicht anblickend;—„ſie haben es mir Alle geſagt, Deine Mutter, die meinige und ſelbſt der pule Doctor Mittermann, der mir ſo viel Theilnahmne eweiſt.“ 208 „Sei ruhig, meine gute Marie, ſie ſollen es bald erfahren,“ ſagte Graf Egmont tröſtend und zog ſie zu ſich nieder;—„es iſt Zeit, daß ich mit einer offenen Er⸗ klärung hervortrete, laſſe mir nur noch wenige Tage, mehr Kräfte zu gewinnen, denn ich fürchte, es wird einen harten Kampf mit der Mutter geben.“ 4 „Ich wußte es, Egmont, daß Du mich nicht getäuſcht haſt,“ flüſterte Marie in ſtrahlender Seligkeit,—„aber ſage mir offen, wer war die junge, ſchöne Dame, die Dich vor einigen Tagen mit ihren Eltern beſuchte? man ſagte, es wäre eine Baroneſſe, und die böſen Leute behaupteten, es ſei Deine verſprochene Braut.“ „Ich weiß nicht, beſte Marie, wer mich während meines Fiebers beſucht hat,“ antwortete Egmont ver⸗ wundert,—,aber ich vermuthe, daß Du Ida von Gilgen⸗ bruck meinſt, die meine Mutter allerdings mit mir zu verheirathen wünſcht, was ſie indeſſen ſicherlich nicht er⸗ reichen wird.“ „Und das Fräulein liebt Dich?“ fragte Marie wehmüthig. „Ich weiß es nicht, Marie,“ erwiederte Egmont un⸗ befangen,—„ich habe ſie nie danach gefragt und ich halte ſie auch eines ſolchen wahren, tiefen Gefühls nicht für fähig.“ Marie war beruhigt, ſie drückte zärtlich ſeine Hand und ſah ihn mit liebender Dankbarkeit an. ₰ ich es im Stande bin,“ ſagte der Graf nach einigem * 209 „Ich werde dem Willen meiner Mutter keinen Wider⸗ ſtand entgegenſetzen, wenn ſie mich nach dem Schloſſe bringen laſſen will,“ fuhr der Graf nach einer Weile fort, —„denn wir gewinnen nichts durch meinen Aufenthalt an dieſem Orte und man würde darüber noch mehr ſprechen, als es wohl ohnehin ſchon über dieſen Vorfall geſchieht. Du aber, Marie, wirſt Dich vorbereiten, das Haus Deines Vaters zu verlaſſen, wenn Du mir, woran ich nicht zweifle, auch ferner volles Vertrauen ſchenken willſt; ich habe jetzt noch keinen klaren Plan gefaßt, wohin Du vorläufig gehen ſollſt, denn mein Kopf iſt noch zu ſehr angegriffen, aber ich werde Dich durch den Doctor, der Dir, wie Du ſagſt, Theilnahme erweiſt, oder auf eine andere paſſende Weiſe Nachricht von meinem Wunſche zugehen laſſen und ich bitte Dich, ihm dann ohne Zögern zu folgen.“ „Aber ich glaube wirklich nicht, daß dies unbedingt nöthig ſein wird,“ wandte Marie ängſtlich ein,—„denn mein Vater ſcheint jetzt eingeſehen zu haben, daß er mir Unrecht gethan hat; er iſt ſanft und milde gegen mich. Dann fürchte ich aber, der Mutter Einwilligung zu meiner Entfernung nicht zu erhalten, und Du wirſt begreifen, Egmont, daß ich ohne ihren Segen nicht einen wichtigen Schhritt thun möchte.“ „Sch werde mit Deinem Vater ſelbſt ſprechen, ſobald 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. 14 — 4 210 Nachdenken,—„und die Mutter wird mit Allem einver⸗ ſtanden ſein, was ich beabſichtige, denn es kann nichts Anderes als Dein Glück und Deine Ruhe bezwecken; aber hier kannſt Du aus mancherlei Gründen nicht bleiben, und ich führe von ihnen nur den an, daß Du einer fortwäh⸗ renden Beobachtung von meiner Mutter und Anderen ausgeſetzt ſein würdeſt; ſie Alle dürfen nicht wiſſen, wo Du biſt.“ „Ich werde Alles thun, was Du verlangſt, Egmont, denn ich vertraue Dir,“ ſagte Marie. Beide ſprachen nun noch eine Weile von der letzten Vergangenheit, von Franzen's Schickſal, den man nicht wieder hatte auffinden können, bis der Doctor ſich ermun⸗ terte und erfreut das Wiedererwachen ſeines Patienten wahrnahm; nach einer herzlichen Begrüßung deſſelben, während er mit Befriedigung ſein Benehmen gegen Marie zu ſehen ſchien, verlangte er aber, Egmont ſolle ſich nicht mehr aufregen und von Neuem den Schlaf ſuchen; Marie mußte ſich deshalb, ungeachtet ihrer und ihres Geliebten Bitten, auf ihr Zimmer begeben.. „ch will jetzt ſchlafen, wie Sie es verlangen, Doc⸗ tor,“ ſagte Egmont,—„aber ich habe morgen viel über meine Marie mit Ihnen zu ſprechen, die ich vorläufig ſchon Ihrem beſonderen Schutze empfehle,— ſelbſt meiner Mutter gegenüber, wenn dies nöthig werden ſollte. Ich 3 211 danke Ihnen herzlich für die Theilnahme, die Sie ihr er⸗ wieſen haben.“ Egmont war noch zu erſchöpft, als daß er nicht bald wieder den Schlaf gefunden haben ſollte; er erwachte erſt, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand und die Gräfin bereits eingetroffen war. Die erſte Begrüßung mit ihr war zwiſchen Freude, Wehmuth und von ſeiner Seite einer gewiſſen Scheu getheilt, denn er fürchtete ihre Vorwürfe und fühlte, daß ihm das Mutterherz fremder geworden ſei, ſeitdem es ſich ſo kalt und abſtoßend gegen Marie gezeigt hatte. Aber Gräfin Eleonore hielt die Zeit nicht für geeignet, der Vergangenheit und ihres Kum⸗ mers zu erwähnen; ſie ſtellte an Egmont nur die Bitte, ſich anderen Tages, wogegen der Doctor nichts einzu⸗ wenden hatte, nach dem Schloſſe bringen zu laſſen und ſie begrüßte ſeine Einwilligung mit Freuden, hielt ſie dieſe doch auch für ein Zeichen, daß dieſer Unfall und ſein Leiden Egmont's unglückliche Leidenſchaft für die Förſterstochter abgekühlt habe. Um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen, begab ſie ſich, ohne daß es zu bittern Worten zwiſchen Mutter und Sohn gekommen wäre, nach Brei⸗ tenſee bald zurück, und Egmont durfte nun wieder Marie bei ſich ſehen, mit der ihn der Doctor in ſeinem Zart⸗ gefühl allein ließ. Mittermann wußte in der r Thnt nicht, was er von äu 212 dieſem Verhältniſſe halten ſolle, ſo zart und innig erſchien es ihm auf den erſten Blick auf die Liebenden; jetzt erſt begriff er Marien's unerſchütterliches Vertrauen zu Egmont und mußte ſich geſtehen, daß ſie Grund dazu habe, wenn Egmont nicht ein Meiſter in der Kunſt der Verführung ſei, wofür er ihn bei ſeinem ihm bekannten weichen, guten Herzen nicht halten konnte. Dennoch erſchien ihm das Vorhaben, Marie zu ſeiner Gattin zu erheben, unaus⸗ führbar, oder wenigſtens mit Schwierigkeiten verknüpft, zu deren Ueberwindung es noch mancher heißen Kämpfe bedürfen würde. Wäre der Doctor davon überzeugt ge⸗ weſen, daß der junge Graf genug feſten Charakters fei, alle Hinderniſſe mit der Macht ſeiner Liebe zu beſiegen, ſo würde er ſeinem Vorhaben nicht ganz abgeneigt geweſen ſein, denn er hielt Marie für vollkommen würdig, Eg⸗ mont's Lebensgefährtin zu werden, und zweifelte nicht, daß es einer ſorgſam liebenden Hand auch bald gelingen werde, ihr die Erforderniſſe des höheren Standes, die doch nur in zu erlernenden Formen beſtehen, zu geben; aber der Doctor zweifelte an des jungen Grafen Ausdauer und fürchtete ſehr für Marie, die er ſchon wie ſeinen Schützling betrachtete. 33 Wie es beſtimmt worden war, fuhr Egmont am fol⸗ genden Tage, nachdem er von Marie heimlich einen rüh⸗ renden Abſchied genommen hatte, in Begleitung ſeiner 213 Mutter und des Arztes nach Breitenſee. Die Fahrt hatte ihn angeſtrengt und er war ſehr ermattet, als er dort ein⸗ traf, auch mißgeſtimmt durch den Abſchied vom Förſter⸗ hauſe, aber letzteres Gefühl wurde noch geſteigert, als er an einem Fenſter des Schloſſes Ida bemerkte, die ſogleich bei ſeinem Eintreffen auf den Hof eilte, um ihn zu begrüßen. „Ida iſt hier, Mutter, oder habe ich mich getäuſcht?“ fragte Egmont mit gerunzelter Stirn. „Ja, ſie iſt hier,“ erwiederte die Gräfin unbefangen; —„ich hatte vergeſſen, es Dir früher mitzutheilen; auf meine Bitte hat ſie ſchon ſeit drei Tagen unſer Haus be⸗ zogen, um mich zu unterſtützen; auch wirſt Du es ihr nicht übel deuten, daß ſie ihr Herz hierher zieht, wo ſie Dich in Gefahr weiß; ſie hat ſehr gelitten, ſeitdem ſie Dich in dieſem Zuſtande weiß.“ Egmont erwiederte nichts, aber ſein Auge blieb kalt und theilnahmlos, als das Fräulein an ihn herantrat und ihm zu der Rückkehr in das Schloß Glück wünſchte. „Ich war in dem Hauſe des alten Theißen vortrefflich aufgehoben, beſte Couſine,“ meinte Egmont, augenſchein⸗ lich in der Abſicht, ſein wahres Gefühl offen an den Tag zu legen,—„und hätte ich nicht dem Wunſche der Mutter folgen wollen, ſo würde ich es gar nicht verlaſſen haben.“ Beide Frauen waren von dieſen Worten unangenehm berührt worden, und Ida bereute ſchon ihren Entſchluß, “ 214 der Gräfin nachgegeben zu haben, aber es war jetzt zu ſpät, umzukehren, und Gräfin Eleonore warf ihr einen tröſten⸗ den, beruhigenden Blick zu. „Egmont iſt durch ſein Leiden mißgeſtimmt, ſonſt würde er anerkennen, daß er dieſes Haus, in dem ihm alle Herzen mit Freude entgegen ſchlagen, höher ſchätzt,“ meinte die Gräfin. Wirklich heiterte ſich der Blick des jungen Grafen auf, als er durch die Ryihen der treuen Diener und Dorf⸗ bewohner, die ihn mit allen Zeichen der aufrichtigſten Theilnahme ehrerbietig grüßten, getragen wurde; er d ihnen freundlich, und als er ſich in ſeinem eigenen Sch zimmer befand, ſchien wohl zu fühlen, die alte, liel gewordene Umgebung wieder vor ſich zu haben; auch war jetzt Ida nicht bei ihm, deren Anblick ſein Unbehagen ver⸗ urſacht hatte. Er zweifelte nicht länger, ſie theile voll⸗ ſtändig den Plan ſeiner Mutter und erſtrebe ſeine Hand; die Mittel, die ſie dazu anwandte, erſchienen ihm zu⸗ dringlich und unweiblich, und er beſchloß, ihr ſo offen als 4 möglich zu zeigen, wie fern er davon ſei, ihren Wünſchen entſprechen zu wollen. Am Tage nach ſeiner Ankunft ver⸗ langte er, den Doctor Mittermann allein zu ſprechen. „Beſter Doctor,“ begann er ſeine Unterredung mit dieſem;—„ich habe Sie in Bezug Ihrer Anſchauungs⸗ weiſe von meinem Verhältniſſe zu Marie Theißen er⸗ 1 u rathen, und ich muß geſtehen, daß ich Ihnen keinen Vor⸗ wurf deshalb machen kann, denn ich fühle meine Schuld an ihr, ſie und ihren Ruf in Gefahr geſetzt zu haben. Sie werden mir beiſtimmen, daß es Zeit iſt, dieſen Fehler wieder gut zu machen. Als Sie mir damals in wohl⸗ meinender Abſicht die Geſchichte Marie Franke's und meines Vaters erzählten, waren Sie, wie noch jetzt, der Anſicht, ich folge nur einer leichtſinnigen Laune, die das Glück eines Herzens auf das gefährlichſte Spiel ſetzte, aber ſie thaten mir Unrecht; ich bin, wie ich es ſchon lange geweſen, feſt entſchloſſen, Marie Theißen zu heirathen und vor aller Welt als meine Gattin anzuerkennen.“ „Sie wollen dieſen Kampf mit den Vorurtheilen der Welt wirklich wagen, Herr Graf?“ rief der Doctor, halb erſtaunt, halb erfreut;—„und Sie haben die ſtrengen Anſichten Ihrer Frau Mutter in Erwägung gezogen und ſind entſchloſſen, ihnen zu trotzen?“ „Ich erwarte, daß mir Alles das, was Sie eben nennen, in den Weg treten wird, um mich zu hindern,“ erwiederte Graf Egmont feſt;—„dennoch werde ich thun, was mir mein Herz und die Ehre gebieten. Sie ſelbſt, lieber Doctor, ſind nicht ſo engherzig, den allgemeinen Vorurtheilen beizuſtimmen, und gleich Ihnen werden ſich noch manche verſtändige und edle Leute finden, die meinen Entſchluß billigen; ſollte dies aber nicht der Fall ſein, ſo 8 gedenke ich mein Thun vor Gott und meinem Gewiſſen vollkommen zu verantworten. Was meine Mutter anbe⸗ trifft, ſo iſt ihr Widerſpruch bedenklicher, denn ich bin überzeugt, daß ihr das alte und veraltete Herkommen in unſerer Familie, keine Mißheirath, wie man ſagt, einzu⸗ gehen, heiliger ſein wird, als die Neigung meines Herzens; indeſſen will ich den Verſuch wagen, ſie günſtig für meinen Plan zu ſtimmen, wenigſtens ihre Erlaubniß zu ſeiner Ausführung zu erhalten; bleibt ſie deſſenungeachtet bei⸗ ihren ſtarren Grundſätzen und können wir uns über den Begriff des Wortes„Ehre“ nicht einigen, ſo wird dies meine Entſchlüſſe nicht ändern, ſo ſchmerzlich ich es em⸗ pfinden werde, wenn meiner Ehe der Segen der Mutter fehlt.“ 2 3„Aber, Herr Graf, haben Sie auch bedacht, daß Marie Theißen, die in Betreff aller ihrer geiſtigen Eigen⸗ ſchaften von mir hochgeſchätzt wird, den Anforderungen, welche die Geſellſchaft an die Gräfin Eldor ſtellen wird, nicht gewachſen iſt, daß ſie ſich ſelbſt nicht glücklich fühlen kann, wenn ihr dieſer Mangel fühlbar wird?“ warf der Doctor ein. „Auch daran habe ich gedacht, Doctor, und es iſt ebenfalls ein Grund, aus dem ich mit Ihnen ſprechen will,“ meinte Egmont.„Ich habe die große Welt kennen gelernt und ſehne mich nicht in ſie zurück; meine Abſicht iſt viel⸗ mehr, 1ic ganz dem Wohle meiner Unterthanen zu wid⸗ men, und ich denke, meine Güter nicht oft zu verlaſſen, wird auch nicht wünſchen, ſtets als Einſiedlerin zu leben, deshalb bedarf ſie des Unterrichts in den geſellſchaftlichen Formen. Ihr Verhältniß im väterlichen Hauſe iſt der Art, daß es ſie nicht beglücken kann, daß ſie nach den letzten Vorfällen ſelbſt der Gefahr ausgeſetzt iſt, darum ſoll ſie es verlaſſen, und ich wollte Sie, beſter Doctor, um Ihren Rath bitten, wohin wir Marie ſchicken, einen liebevollen, verſtändigen Unterricht zu erhalten. Verſtehen Sie mich wohl, ich will nicht, daß eine Weltdame aus ihr gemacht werde, die für Andere zu glänzen verſteht, ich wünſche nur, daß ihren natürlichen Anlagen zu Hülfe ge⸗ kommen werde und daß ſie die Umgangsregeln der ge⸗ bildeten Welt im Allgemeinen kennen lerne.“ „Erlauben Sie mir noch ein Bedenken auszuſprechen, Herr Graf,“ ſagte der Doctor zögernd;—„Sie reißen Marie jetzt aus ihrer Familie, aus ihrer beſcheidenen Wirkſamkeit, um ſie auf eine andere vorzubereiten; wenn dennoch Umſtände eintreten, Herr Graf, die Sie Ihren Entſchluß bereuen laſſen, oder, wenn Sie dieſe Annahme mir nicht zugeſtehen wollen, wenn Sie durch das Schickſal an der Ausführung Ihrer Abſicht gewaltſam merhindert würden,—“ indeſſen können ſolche Fälle doch eintreten, und Marie F 1 „Sie ſprechen, Doctor, als ſtände mein Tod bereits poor der Thür,“ ſagte der Graf lächelnd,—„aber Sie erinnern mich, daß ich auch für dieſen Fall ſorgen muß und ich werde noch heute Veranſtaltungen treffen, Marien auch dann eine ſorgenfreie Zukunft zu ſichern. Dann aber vertrauen Sie meiner Kraft noch immer nicht recht, und dem kann ich freilich nichts als Verſicherungen entgegen⸗ ſetzen. Aber nun, Doctor, überlegen Sie, wohin wir Marie ſchicken, denn ich gedenke keinen Tag länger unthätig 4 zu ſäumen.“. Alle weiteren Bedenken, die der Doctor in beſter Abſicht noch vorbrachte, wurden durch Egmont's Gegen⸗ 4 gründe und ſeinen feſten Willen überwogen; er ſprach 6 immer wärmer, ſo daß Mittermann ſich bewogen fühlte, ihm zu vertrauen. Nach mancherlei bald wieder verwor⸗ fenen Vorſchlägen wurde endlich beſchloſſen, Marie ſolle zu einer Schweſter des Doctors ſelbſt ziehen, einer ſchon bejahrten Wittwe, die in der Hauptſtadt unter ziemlich glänzenden Verhältniſſen lebte und die von ihrem Bruder ihrer Weiblichkeit und ihres Verſtandes wegen, hochgeſchätzt wurde; Graf Egmont war auf dieſen Vorſchlag mit Freu⸗ den eingegangen. 1. Mittermann ſchrieb noch an demſelben Tage an ſeine Schweſter, da er nicht zweifelte, ſie werde Marie mit 4 mütterlicher Zärtlichkeit aufnehmen, Graf Egmont aber 8 8 ———õ— ringen. hatte ſich vorgenommen, offen mit dem alten Theißen zu ſprechen, ſo bald die Einwilligung von des Doctors Schweſter eingetroffen ſei; er fühlte ſich jetzt ganz be⸗ ruhigt, und dies trug dazu bei, ſeine Beſſerung zu be⸗ ſchleunigen. Die Gräfin beſuchte ihren Sohn zu verſchiedenen Malen am Tage und entfaltete wieder ihre ganze mütter⸗ liche Zärtlichkeit für ihn, aber dieſe konnte ihn nicht mehr ſo wohlthuend als früher berühren und trug auch nicht im Geringſten zur Aenderung ſeiner Geſinnung bei. Sie hatte Egmont auch geſagt, daß ſie künftig Ida mit ſich bringen wolle, die ſich danach lebhaft ſehne, ihn wieder⸗ zuſehen und ſich ihm hülfreich erweiſen zu können; Eg⸗ mont wies deren Beſuch anfangs zurück, dennoch gelang es der dringenden Bitte der Gräfin, ihm endlich die Er⸗ laubniß abzunöthigen. Die erſte Zuſammenkunft, gleichwie die folgenden, führte aber zu keinem Reſultate, wie es Gräfin Eleonore wünſchte und gehofft hatte; ihr Sohn blieb kalt und ver⸗ ſchloſſen gegen Ida, obgleich dieſe ſich mit der äußerſten Geduld beſtrebte, ſeine Abneigung zu mildern. Egmont hatte in ſeinem körperlichen Leit ne Entſchuldigung für ſich, wenn er abſtoßend und usſben au erſchien, und er gab vielfachen Grund dazu, ſie zur Gelund zu 4 eingetroffen und zwar nach Wunſch ausgefallen; Marie ſollte am andern Tage ſchon ihre Reiſe antreten und der Doctor ihr den Wunſch des Grafen mittheilen, gleichzeitig auch den alten Theißen zu ihm beſcheiden. Der alte Förſter hatte bis jetzt noch nicht zu fra⸗ gen gewagt, wie ſich das Verhältniß Marien's zu dem Grafen entſponnen habe und wie weit und unter welchen Ausſichten es bereits gediehen ſei; wie auf alle aufbrauſen⸗ den, jähzornigen Charaktere, hatte auch auf ihn die ruhige Entſchloſſenheit und der entſchiedene Widerſtand der Tochter einen tiefen Eindruck gemacht, und die Furcht, der junge Graf möge ſich ihrer annehmen und werde jeden Mißbrauch * Inzwiſchen war die Antwort der Schweſter des Doc⸗ tors ſeiner väterlichen Autorität rächen, trug dazu bei, ihn in in ſeiner ängſtlichen Zurückhaltung zu beſtärken; nebenbei fühlte er jetzt aber auch wirklich ſein Unrecht und war durch den traurigen Ausgang ſeiner Berechnungen niedergedrückt. Frau Martha wagte nicht, von Marie zu ihm zu ſprechen, denn ſie fürchtete einen neuen Ausbruch ſeines Zornes, und er ſelbſt fragte nicht. Ueberraſchend traf ihn die Auffor⸗ derung des Doctors, ſich zu dem Grafen zu begeben; der Alte ahnte nichts Gutes für ſich, aber er zögerte keinen Augenblick, dem erhaltenen Befehle Folge zu leiſten. Im⸗ mer langſamer wurden ſeine Schritte, als er ſich dem Schloſſe näherte, und mit bangem Herzklopfen betrat er daſſelbe. Er wurde ſogleich in das Krankenzimmer geführt, wo ihn Egmont ſchon mit Ungeduld eeneri 1 Der alte Theißen war erſtaunt, als er auf den erſten Blick die freundliche Miene des jungen Grafen wahrnahm und als dieſer ihn mit vertraulicher Herablaſſung bat, ſich auf einem Seſſel an ſeinem Lager niederzulaſſen; er beſtand darauf trotz aller Umſtände des Alten, der die ſchuldige Ehrerbietung zu verletzen fürchtete. „Vater Theißen,“ begann Egmont mit ſanfter Stimme,—„ich habe viel Unruhe und Schmerz in Euer Haus gebracht, und ich fühle mich gedrungen, Euch deshalb um Verzeihung zu bitten; ich kann Euch verſichern, daß ich es mit Eurer Marie immer ehrlich, und gut gemeint habe, und ich hoffe, Ihr werdet nicht ſo hart über mich geurtheilt haben, wie es wohl von vielen Leuten geſchehen iſt.“ men iſt.“ „Es iſt noch nicht zu ſpät, dies ieder gut zu machen,“ ſagte Graf Egmont,—„und ich hoffe ſicher, Ihr ſollt Marie bald wieder herrlich aufblühen ſehen und Euch über⸗ zeugen, daß ſie Glück und Zufriedenheit wieder gefunden hat, wenn Ihr mir nur vertrauen wollt, Theißen. Ihr wißt ohne Zweifel, daß ich ſie liebe?“ 3 Der alte Förſter befand ſich in einer ſchlimmen Lage; er vermuthete, der Graf könne ihm einen Vorſchlag in Be⸗ zug auf ſeine Tochter machen, der ſeinem Ehrgefühl zu nahe träte, und welche ehrerbietige Scheu er auch vor ſei⸗ nem jungen Herrn hatte, ſo war er doch entſchieden nicht geſonnen, ſich allzu nachgiebig zu zeigen. ßen,“ ſagte Egmont ſchnell, als er den Kampf bemerkte, der in dem Förſter vorgehen mußte;—„ich ſagte Euch, ich liebe Marie, und ich kann darunter natürlich nur ver⸗ ſtehen, daß ich ſie meiner auch in allen Beziehungen für würdig halte und beabſichtige, ſie als Gattin heim zu führen.“ Der Alte ſtarrte ihn ungläubig an, dann ſchüttelte er zweifelnd den K „Ich kann auben, daß Sie im Ernſt ſprechen, Herr Graf,“ ſto eerlegen. „Ohne Zweifel, beſter Theißen,“ erwiederte Graf „Ich glaube, Ihr verſteht mich falſch, Vater Thei⸗ Egmont lebhaft;—„haltet Ihr mich für ſo nichtswürdig, 223 Marie nach allen dieſen Vorfällen noch täuſchen zu wollen? Wir haben uns vollſtändig ausgeſprochen, und Marie iſt bereit, mir ihre Hand zu reichen, falls Ihr nicht eine Ein⸗ wendung dagegen zu machen habt. Sagt, Vater Theißen, wollt Ihr mich zu Eurem Schwiegerſohne haben?“ Theißen rieb ſich die Stirn, denn er konnte dieſe Ueberraſchung noch nicht faſſen. „Was ich Euch jetzt ſage, beabſichtigte ich ſchon ſeit der erſten nähern Bekanntſchaft mit Eurer Tochter,“ fuhr Egmont fort;—„dieſer unglückliche Zufall. hat mich zu einem ſchnellen Entſchluſſe getrieben, und ich bin dem Schickſal deshalb dankbar. Nun ſagt mir aber, ob Ihr nichts gegen mich einzuwenden habt.“ „Aber Herr Graf, Ihre Frau Mutter?“ meinte Theißen, noch immer zagend, aber auch erfreut, denn der Stolz begann ſchon, ſeinen Einzug in ſein Herz zu halten. „Dafür laßt mich ſorgen, Theißen,“ ſagte der Graf mit gerunzelter Stirn;—„Ihr wißt, ich bin mündig und Herr meiner Entſchließungen; ich gebe Euch mein Wort, daß Marie innerhalb eines Jahres meine Gattin ſein mirh⸗ wenn Ihr ſelbſt uns nicht Hinderniſſe in den Weg egt.“ 4“ 3 „Nun wohl, Herr Graf, Sie werden ſelbſt iſſen, was Sie thun können, und Marie iſt auch ſelbſtſtändig ge⸗ nug, ihrer Neigung nach zu wählen,“ ſagte der Förſter, deſſen Geſicht ſich immer mehr aufgeklärt hatte.„Ich werde ihr mit Freuden meinen Segen geben und meine Alte ebenfalls, denn ohne Zweifel kennt ſie Marien's Her⸗ zenswünſche ſchon lange.“ Egmont drückte erfreut ſeine Hand, dann fuhr er fort: „Dann darf ich alſo Marien fortan als meine ver⸗ lobte Braut betrathten, und wenn ich dies nicht freudig vor⸗ aller Welt verkünde und auch Euch bitte, vorläufig ſtreng das Geheimniß zu bewahren, ſo geſchieht es nur, damit Niemand dieſes Verhältniß zu ſtören ſuche und verun⸗ glimpfe, ehe der Tag gekommen iſt, an dem ich mit ihr vor Gottes Altar ſtehe. Ihr müßt mir nun aber auch einige Rechte über meine Braut einräumen, und dahin gehört voor Allem, daß ſie ſo ſchnell als möglich Euer Haus ver⸗ läßt und ſich nach der Hauptſtaͤdt begiebt.“ Die Stirn des Förſters runzelte ſich ein wenig, aber Egmont ſetzte ihm mit überzeugender Klarheit die Gründe ſeines Wunſches aus einander, und als der Alte ihn ver⸗ ließ, war er befriedigt und innerlich glücklich, daß das böſe Schickſal ſeiner Tochter einen ſo überaus glänzen⸗ den Ausgang genommen habe. Mit der lebhafteſten Un⸗ geduld, die Unterredung mit dem Grafen zu Hauſe mitzu⸗ theilen, legte er den Weg dahin zurück, und als er dann freudeſtrahlend bei Marie eintrat und zu ihr und ſeiner 225 Frau ſprach, ſank erſtere ihm unter Thränen um den Hals, und die Verſöhnung zwiſchen Vater und Tochter war ge⸗ ſchloſſen. Am andern Tage holte der Doctor Mittermann, der dieſes Mal keine Veranlaſſung gefunden hatte, die Gräfin von Egmont's Plänen in Kenntniß zu ſetzen, Marie aus dem väterlichen Hauſe ab und begleitete ſie ſelbſt zu ſeiner Schweſter, die ihrer bereits in der nächſten Stadt wartete. Marie war glücklich und hoffnungsvoll; die alte Frau kam ihr ſo liebevoll und zuvorkommend entgegen, daß ſie ſo⸗ gleich Vertrauen zu ihr gefaßt hatte, und der Doctor kehrte beruhigt nach Breitenſee zurück, dem jungen Grafen Be⸗ richt zu erſtatten und ihm Marien's Grüße zu bringen. Von dieſem Tage an war Egmont auffallend heite⸗ rer, und auch ſein Geſundheitszuſtand beſſerte ſich ſichtlich. Auch Gräfin Eleonore hatte, wie die ganze Umgegend, ver⸗ nommen, daß Marie Theißen plötzlich verreiſt ſei, aber ſie ahnte nicht, daß Egmont davon etwas wiſſe, denn, wie bei Allen, fand auch bei ihr die Erklärung Glauben, der alte Theißen habe ſeine Tochter zu einer entfernten Verwandten geſchickt, um ſie den wielfachen Redereien, den neugierigen Blicken und hauptſächlich der weitern Berührung mit dem jungen Grafen zu entziehen; die Gräfin war ſogar erfreut über ihre Entfernung und erwähnte derſelben bei Egmont 1858. XVIII. In Wald und Schloß. I. gar nicht, um ihn nicht zu Nachforſchungen nacjd dem Mäd⸗. chen zu veranlaſſen. Sie ſprach ihre Befriedigung auch zu dem Doctor aus, dieſer aber war einſylbig und ſtimmte ihr kurz bei, denn die zweideutige Rolle, die er ſpielen mußte, war ihm unangenehm. Durch ihn unterhielten die Liebenden einen Briefwechſel, der Egmont die deutlichſten Beweiſe gab, daß Marie ſich zufrieden fühle und daß ſie eine gelehrige Schülerin ſei; er hielt den Zeitpunkt, der Mutter ſeine Abſichten zu eröffnen, für bald gekommen.— Ende des ersten Theils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.