. erlin 8 eiß- und JCeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret Abennement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ir wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4—— 8 . offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe auf 1 Monat: 1 Mk. Tf. 1 Nr. 50 Sf. 2 Nr. Pf. * ——— — ₰ — — — 6 8 ₰ 1 2 — 2 2 1 — 7 Schichlat und Haͤndd. von Stanislaus Graf Grabowski. Zweiter Band. Berlin. Wedekind& Schwieger. 1874. Erſtes Kapitel. Prinz Georg wohnte im herzoglichen Reſidenzſchloſſe in der Stadt, das ihm umſo beſſer gefiel wie das Landſchlößchen, als er ſich daſelbſt nun ganz ungenirt be⸗ wegen konnte, und er ließ dieſe gute Gelegenheit auch nicht vorübergehen, um ganz ſeinen Neigungen zu leben; Ge⸗ ſellſchaft dazu fand er genug, beſonders unter den Offi⸗ zieren der Garniſon, aus denen er ſich ſeinen eigenen kleinen Kreis gewählt hatte; zuweilen nahmen auch einige ebenſo ſchöne als leichtfertige Damen daran Theil, und es wurden dann kleine Orgien gefeiert, von denen das Gerücht ſchon in das größere Publikum gedrungen war. Nach einer in ſolch angenehmer Weiſe durchſchwärm⸗ ten Nacht— es war dieſelbe, mit deren Beginne die Erb⸗ herzogin und der Lieutenant Graf Horneck von der Köhler⸗ hütte im Walde nach dem Luſtſchlößchen zurückkehrten,— befanden ſich Seine Hoheit, die ſich erſt gegen Mittag er⸗ hoben hatten, in ziemlich unangenehmer Laune, welche ſich Grabowski, Schicffal u. Schuld. II. 1 ſchon gegen die dienſtthuenden Kammerdiener und alle ihr ſonſt in den Weg Kommenden Luft gemacht hatte. Der Erbherzog fühlte die körperlichen Folgen des allzureichlich genoſſenen Vergnügens und wurde übrigens durch den Gedanken verſtimmt, daß er nun doch wohl genöthigt ſei, auf einige Tage wieder zu ſeinen Eltern und ſeiner Ge⸗ mahlin zurückzukehren. Er befand ſich noch im Schlafrocke und ruhte halb liegend auf einem bequemen Schaukelſeſſel; während er ſich dar⸗ auf langſam hinundher wiegte, zündete er eine der vor⸗ trefflichſten, ihm gerade zur Hand geſtellten Cigarren nach der andern an, um ſie mit einem Fluche darüber, daß ſie nichts taugten, wieder fortzuwerfen. Die Erſchöpfung des Genuſſes ließ ihm ſeine ganze Umgebung langweilig und verächtlich erſcheinen, und umſonſt ſuchte er nach einer in⸗ tereſſanten Abwechſelung. Große Herren können in ſolcher Laune gefährlich werden. .. Mit heimlichem Zittern und Zagen trat der Kammer⸗ diener ein und meldete, der Rittmeiſter von Plöhn ſei von dem Landſchloſſe eingetroffen und bitte um die Ehre, Seiner Hoheit jetzt oder ſpäter die Aufwartung machen zu dürfen. Da dem Erbherzog dabei Nichts einfiel, als daß ——— — der Rittmeiſter wohl von ſeinem Vater oder ſeiner Mutter abgeſandt ſein möge, um ihn zur baldigen Rückkehr aus der Reſidenz zu veranlaſſen, murmelte er abermals eine Verwünſchung, die Herrn von Plöhn ſchwerlich ſchmeichel⸗ haft geklungen haben würde, befahl aber doch, denſelben ſogleich vorzulaſſen. Der Rittmeiſter war kein Hofmann; er trat in ganz militäriſcher Haltung ein und meldete, er ſei Privatver⸗ hältniſſe halber auf einige Stunden nach der Reſidenz gekommen, halte es aber für Schuldigkeit, ſich dem Prinzen vorzuſtellen und etwaige Befehle in Empfang zu nehmen. Dem Erbherzoge löſte ſich damit ein Stein vom Herzen und fiel gänzlich herunter, als er auf ſeine Frage, ob man ihn nicht ſchon draußen vermißt habe, die unbefangene Antwort erhielt, davon ſei Herrn von Plöhn gerade Nichts bewußt; er mußte ſogar über deſſen naive Ausdrucksweiſe lächeln, und damit ging die Sonne ſeiner guten Laune wieder auf. In ſehr kordialer Weiſe forderte er ſeinen Adjutan⸗ ten auf, Platz zu nehmen, bot ihm ſelbſt eine Cigarre und wünſchte zu wiſſen, wie es in den letzten Tagen eigent⸗ lich auf dem Landſchlößchen ausgeſehen habe. Es mußte ihm übrigens auffallen, daß Herr von Plöhn noch ernſter 1* wie ſonſt ausſah, und daraus, daß derſelbe ſeinen langen — Schnurrbart fortwährend zwiſchen den Fingern drehte, ſchloß er, da er die Gewohnheiten des Mannes ſchon ziem⸗ lich gut kannte, derſelbe müſſe heute etwas Beſonderes auf dem Herzen haben. Der Rittmeiſter hatte indeſſen anfänglich nur un⸗ intereſſante Geſchichten zu berichten, und Prinz Georg äußerte dazu, ohne ſein Gähnen zurückhalten zu können, daß er garnicht recht begriffe, wie die übrigen hohen Herrſchaften ſich ſo lange auf dem Lande amüſiren oder vielmehr ennuyiren könnten. „und wie befindet ſich Ihre Hoheit die Erbherzogin?“ fragte er dann raſch, aber ſpät für einen zärtlichen Ehe⸗ mann und dabei in einem Tone, der ſeine vollſtändige Gleichgiltigkeit für die Antwort andeutete. „Ihre Hoheit wiſſen ſich die Zeit wohl durch kleine Abenteuer zu verkürzen,“ erwiderte der Rittmeiſter trocken. Prinz Georg machte große Augen und richtete ſich in ſeinem Seſſel höher auf. Das Wort„Abenteuer“ klang ihm gerade nicht angenehm in den Ohren, und er würde es ſogar an dieſer Stelle höchſt unpaſſend gefunden haben, ware es nicht gerade aus dem Munde Heerrn von Plöhns gekommen. —,.— 4 „Nun?“ fragte er geſpannt. Der Rittmeiſter erzählte ruhig die Begebenheit des vergangenen Abends, aber er hob dabei mehr die all⸗ gemeine Unruhe und Verwunderung hervor als die ganz befriedigende Auflöſung; beſonders betonte er ganz eigen⸗ thümlich ein paarmal den Namen des Grafen Horneck. Der Mann war kein ſchlauer Intriguant im eigentlichen Sinne des Wortes, er ſtellte ſich vielleicht gar nicht richtig die Folgen ſeiner jetzigen Handlungsweiſe vor, die haupt⸗ ſächlich nur bezweckte, Victor aus dem Sattel zu heben, deſſen, ſeiner Meinung nach, ganz ungerechtfertigte Bevor⸗ zugung ihn verdroß; aber gerade ſeine derbe Offenheit ließ ihn als einen vorurtheilsloſen Beobachter und Beurtheiler erſcheinen. Hatte der Erbherzog ſchon ſeit jenem Abende, als er durch ſeine Taktloſigkeit den Pagen verletzte und zu einem nicht ganz ehrerbietigen Benehmen veranlaßte, eine ent⸗ ſchiedene Abneigung gegen denſelben gefaßt und dieſe bei ſeinem keineswegs edlen Charakter bewahrt, ſo war die⸗ ſelbe noch dadurch genährt worden, daß Victor ſich ſeitdem nie um ſeine Gunſt zu bewerben ſchien und dennoch bei ſeinen Eltern und bei ſeiner Gemahlin Bevorzugung fand. Wenn nun gar noch der leiſeſte Verdacht in ihm angeregt wurde, daß der Lieutenant ſich ihm gegenüber zuviel her⸗ ausgenommen haben möge, ſo mußte dieſe Abneigung ſchnell in entſchiedenen Widerwillen und Haß übergehen; konnte er auch nicht eiferſüchtig auf ſeine Frau werden, ſo ärgerte es ihn doch ſchon längſt, daß ihre Anſichten nicht mit den ſeinigen übereinſtimmten, auch in Bezug auf den Grafen Horneck, und es war ihm nun eigentlich willkommen, daß er einen Grund fand, ſie zur Rede zu ſtellen und ſeine Neigungen gewaltſam vor den ihrigen geltend zu machen. Ohne weitere Ueberlegung war er entſchloſſen, jede weitere Verbindung zwiſchen ihr und dem Lieutenant, wie unſchuldig dieſelbe auch ſein mochte, abzuſchneiden, und da es ihm auf die Wahl der Mittel nicht ankam, gedachte er wenig⸗ ſtens den Eiferſüchtigen zu ſpielen,— jedenfalls eine ganz neue Situation ihr gegenüber, die auch Abwechſelung in die Langeweile bringen mußte, der er ſich gerade aus⸗ geſetzt fühlte. Indeſſen wollte er auch nicht einmal dem Rittmeiſter von Plöhn gegenüber ſeinen Mißmuth und dieſen Ent⸗ ſchluß, den er vor ſich ſelbſt nicht rechtfertigen konnte, ver⸗ rathen, lachte deshalb gezwungen zu dem ſogenannten Abenteuer und lenkte das Geſpräch in eine andere Bahn; bevor er aber ſeinen Adjutanten verabſchiedete, ſagte er *. 3 demſelben, er ſolle ihn Nachmittags abholen, er ſelbſt werde 1 dann nach dem Landſchloſſe hinüberreiten. Der Rittmeiſter fühlte ſich mit dieſem Ausgange ei⸗ gentlich garnicht zufrieden; er hatte erwartet, der Erbherzog werde aufbrauſen und ſich auf der Stelle dahin erklären, daß der Lieutenant Graf Horneck von ſeinem Poſten ab⸗ gelöſt werden müſſe,— dem dringenden Wunſche ſeines Sohnes gab der Herzog am Ende doch nach. Nun ſchien Erſterer die Sache aber ganz kaltblütig aufzunehmen, und es konnte Alles beim Alten bleiben; Herr von Plöhn war darüber ſehr ärgerlich und ging ſchon mit dem Gedanken um, freiwillig ſeine Adjutantenſtellung aufzugeben, die doch ſo wenig Einfluß hatte; es war bei ihm beinahe zur fixen Idee geworden, daß er oder ſein jüngerer Kamerad den Platz räumen müßte. In noch erboßterer Stimmung wie vorher holte er den Erbherzog ab, der nun ſogar ihn ſeinen Unmuth füh⸗ len ließ; für Beide war es kein angenehmer Ritt nach dem Luſtſchloſſe.— Schon am vergangenen Abende hatte Prinzeß Anna ſich von dem Leibarzte über den Krankenzuſtand des Köh⸗ lers berichten laſſen, und der Doktor hatte ſich dahin aus⸗ geſprochen, daß der Mann allerdings von einem ſchlimmen Fieber befallen ſei, ſeine baldige Wiederherſtellung aber in Ausſicht ſtehe, wenn die ärztliche Kunſt und eine beſſere Pflege zu Hülfe kämen. Wie die Prinzeſſin befohlen, waren noch am ſpäten Abende Betten und andere Bedürfniſſe nach der Köhlerhütte gebracht worden, indeſſen hielt Doktor Braune die Lage derſelben für ſo ungeſund und den man⸗ gelhaften Bau ſo ſchädlich für einen Kranken, daß er nur rathen konnte, denſelben in einem der nächſten Dörfer einzuquartieren. Die Prinzeſſin übernahm es ſofort, dieſe Veranſtaltun⸗ gen zu treffen, und verfolgte dieſen Entſchluß mit großem Eifer. Auf ihre freundliche Bitte war Victor ſchon am Morgen fortgeritten, um ein paſſendes Quartier zu be⸗ ſorgen, das er, gegen reichliche Vergütung, auch ſehr bald fand; er nahm ſich der Sache mit dem größten Intereſſe an, und ſchon am Nachmittage konnte der Kranke mit aller erdenklichen Sorgfalt nach der neuen, bequemen Wohnung transportirt werden; in jeder Beziehung war für ihn und ſeine Tochter geſorgt worden, und die Armen ſprachen wiederholt aus, daß ſie ſich nun wie im Himmel fühlten, und ſegneten den Engel, den ihnen dieſer geſandt hatte. Victor fühlte dabei eine Zufriedenheit in ſich, wie er ſie lange nicht gekannt hatte. Die Erbherzogin hielt es für Pflicht, ihre Schützlinge noch am Abende zu beſuchen, aber ſie nahm dieſes Mal den Grafen Horneck nicht mit ſich, und er verſtand ſie recht wohl, weshalb; ihr ſanfter vertrauungsvoller Blick ent⸗ ſchädigte ihn für dieſe ſcheinbare Zurückſetzung, um die er ihr auch nicht einen Augenblick lang zürnte. Während ihrer Abweſenheit kam der Erbherzog auf dem Schlößchen an und unglücklicherweiſe Victor ihm faſt zuerſt in den Weg. Selbſtverſtändlich begrüßte er ihn mit aller Achtung, aber der hohe Herr wollte einmal un⸗ gnädig ſein. „Iſt meine Gemahlin anweſend?“ fragte er barſch. Victor erwiderte, die Erbherzogin ſei in Begleitung eines Dieners ausgeritten. „Und Sie nicht ihr Kavalier, wie gewöhnlich?“ Es lag etwas Drohendes, augenſcheinlich Feindliches in Ton und Miene des Prinzen, und Victor, der ſich da⸗ durch verletzt fühlte, antwortete kurz: „Ich bin heute nicht dieſer hohen Ehre gewürdigt worden.“* „Aber Sie wiſſen, wohin ſich meine Gemahlin be⸗ geben hat?“ Der Lieutenant wollte, obgleich ziemlich mißmuthig, 10 eine wahrheitsgetreue Aufklärung geben, aber der Erb⸗ herzog unterbrach ihn ſchon bei den erſten Worten: „Ich kenne dieſes hochromantiſche Abenteuer ſchon, aber ich kann Sie verſichern, daß es garnicht nach meinem Ge⸗ ſchmacke iſt; was Sie anbetrifft, Graf Horneck, ſo würde ich Sie, einen noch ſo jungen Offizier, lieber bei dem praktiſchen Dienſte bei Ihrem Regimente ſehen, wie als Krankenwärter in einer ſchmutzigen Köhlerhütte; Sie ver⸗ geuden damit Ihre Zeit und thun Ihrer Carrière, in meinen Augen, Schaden.“ Victor war wie vom Donner gerührt über dieſe alles Maß und alle Befugniſſe des Erbprinzen überſteigende Aeußerungen, die zweifellos die Abſicht einer ſchweren Be⸗ leidigung in ſich ſchloſſen; wie ſein Blut auch im Zorn aufwallte, faßte er ſich doch ſchnell und antwortete: „Hoheit, der Herr Herzog hat allein zu entſcheiden, wie ich die mir von ihm gnädigſt verliehene Stellung aus⸗ fülle; jede andere Beurtheilung meines Thuns und Laſſens muß ich auf das Entſchiedenſte zurückweiſen.“ „Sie wagen es, in dieſem Tone Ihrem zukünftigen Herrn zu antworten?“ fuhr der Prinz auf, der vor ſeinem Ritte nicht verſäumt hatte, ſich in eine ſehr aufgeregte Stimmung zu verſetzen, und ſeine Augen ſprühten Funken, 11 während die Hand an den Griff des Säbels faßte, den er, in Uniform, an der Seite trug. Mit der Selbſtbeherrſchung des Lieutenants war es vorbei. „Hoheit!“ rief er, halb außer ſich,—„Sie vergeſſen, daß Sie einem Grafen Horneck gegenüberſtehen! Durch⸗ bohren Sie meine Bruſt, die ſich offen, widerſtandslos darbietet, das würde Ihrem jetzigen Verhalten die Krone auſſetzen; aber ſein Sie überzeugt, daß ich meine Ehre beſſer zu wahren wiſſen würde, wenn ich in dieſem Augen⸗ blicke die Waffe an der Seite führte!“ In den Zügen des hohen Herrn, der ſich ſo ſehr übereilt hatte, war doch ein Erſchrecken zu bemerken; eben⸗ ſo wenig wie der Rittmeiſter von Plöhn, der zitternd neben ihm ſtand, hatte er ſich wohl gedacht, daß es ſoweit kom⸗ men könne. 1 „Sie werden für Ihre Unehrerbietigkeit eine ſchwere Rechenſchaft abzulegen haben, Graf Horneck,“ ſagte er nur und ging fort. Victor bekümmerte ſich weniger um dieſe Drohung, da er ſich in ſeinem vollen Rechte fühlte, als ihn die widerfahrene Beleidigung kränkte; äußerſt erregt begab er ſich auf ſein Zimmer, um zu überlegen, was ihm nun zu 12 thun obliege. Eine perſönliche Genugthuung war von dem Erbherzoge ſchwerlich zu erlangen, ſelbſt wenn er ſich mit einer direkten Klage an den Herzog gewandt hätte, und es widerſtrebte ihm eigentlich, dieſen Weg einzuſchlagen. Sollte er geradezu ſeinen Abſchied aus dem Militärdienſte fordern?— welche ſchönen Hoffnungen auf die ihm ſo liebgewordene Carrière wären damit nicht verloren ge⸗ gangen, und vor Allem mußte ihn ein ſolcher Schritt ja unwiderruflich von der Erbherzogin trennen! Aber freilich, ihr Kavalier wie bisher durfte er ſchwerlich bleiben, war er doch überzeugt, aus dem Benehmen des Erbherzogs habe hauptſächlich die Eiferſucht oder wenigſtens eine ent⸗ ſchiedene Mißbilligung des bisherigen Verhältniſſes ge⸗ ſprochen. Daß der Rittmeiſter von Plöhn in unverantwortlicher Weiſe hierbei die Hand im Spiele habe, unterlag bei ihm keinem Zweifel, konnte Dieſer doch nur, da er in der Stadt ge⸗ weſen war und den Prinzen von dort abgeholt hatte, Letzterem einen gefälſchten Bericht von den geſtrigen Vor⸗ kommniſſen abgeſtattet haben. Er fühlte ſich deshalb recht erbittert auf Herrn von Plöhn und überlegte, ob er nicht einen Grund finden könne, ihn perſönlich zur Verantwor⸗ tung zu ziehen. Vorläufig aber ſtürmte es noch zu wild 13 in ſeinem Kopfe und Herzen, als daß er nicht einen über⸗ eilten Entſchluß gefürchtet hätte.. Der Erbherzog und ſein Adjutant waren nach der heftigen Scene auf dem Hofe, der ſogar einige Diener bei⸗ gewohnt hatten, in das Hauptgebäude des Landſchloſſes, welches die fürſtlichen Herrſchaften bewohnten, getreten. Erſterer ſah feuerroth im Geſichte aus und war wüthend über den ungewohnten Widerſtand, den er bei einem ein⸗ fachen Lieutenant gefunden hatte; er hielt ſich für unver⸗ ſöhnlich beleidigt, da er aber doch fühlte, er ſelbſt habe in unbedachter Weiſe die Veranlaſſung dazu gegeben, und ſich einer Unterſtützung von Seiten des Herzogs garnicht ſicher halten konnte, ſuchte er nach einem anderen Auswege, den Grafen Horneck ſeine Rache empfinden zu laſſen; ſeine wenig ehrenwerthen Geſinnungen gaben ihm die Idee dazu ein. 3 Im Korridor ſtehen bleibend, fragte er kurz und barſch ſeinen Begleiter: „Nun, was ſagen Sie zu dem unangemeſſenen Be⸗ nehmen dieſes Grafen Horneck?“ Der Rittmeiſter, der ſich bei der ganzen Angelegen⸗ heit durchaus nicht wohl befand, zuckte ſtumm die Achſeln. „Eigentlich haben Sie die Suppe eingebrockt und könn⸗ 14 ten ſie auch auseſſen!“ fuhr der Erbprinz in dem vorigen rüden Tone fort. Herr von Plöhn trat unwillkürlich einen Schritt zu⸗ rück, und aus ſeinen Mienen ließ ſich ſchließen, daß es nun zu einer ähnlichen unerquicklichen Scene für den Prinzen kommen könne, wie die ſoeben ſtattgefundene. Aber der Erbprinz beſann ſich dieſes Mal ſchnell eines Beſſeren; ein freundlicheres und vertrauliches Weſen annehmend, ſchnitt er die Antwort ſchnell ab. „Plöhn, der junge Menſch hat mich beleidigt; Sie be⸗ greifen, daß ich mich nicht mit ihm ſchlagen kann, aber Sie würden mir einen großen Dienſt erweiſen, wenn Sie dieſe Bagatelle für mich übernehmen wollten.“ Konnte der Rittmeiſter dieſe ſonderbare Zumuthung wohl ablehnen?— Damit würde er ſeine ganze fernere Carrière verſcherzt haben, und gerade jetzt bot ſich ihm die ſchon lang erſehnte Gelegenheit, ſich einen beſonderen Anſpruch auf die Dankbarkeit und Gunſt des Erbprinzen und dereinſt regierenden Herrn zu erwerben; eine ablehnende Antwort würde ihm ſogar den Verdacht der Feigheit zu⸗ gezogen haben, und vor einem Duelle fürchtete er ſich ge⸗ rade nicht. 15 „Eure Hoheit haben ganz über mich zu befehlen,“ ſagte er nur. Der Prinz war recht zufrieden damit und drückte ihm die Hand. „Es läßt ſich einmal nicht anders machen, lieber Plöhn,“ ſagte er freundlich,—„ſo unangenehm es mir auch iſt, Sie in dieſe Lage verſetzen zu müſſen; ich werde Ihnen niemals vergeſſen, was Sie für mich gethan haben. Wir müſſen den übermüthigen Burſchen bald loswerden, und er hat eine ſtrenge Züchtigung verdient. Treffen Sie nur Ihre Maßregeln je eher deſto lieber; ich will mich einſtweilen zu meinem Herrn Vater begeben, ihm aber den fatalen Vorfall lieber verſchweigen.“ Der Erbherzog nickte ſehr gnädig und ſtieg die Treppe hinan; der Adjutant blieb noch eine Weile zögernd ſtehen, dann ſchlug er, unwillkürlich den Kopf ſchüttelnd, den Weg nach der Wohnung des Grafen Horneck ein, und es koſtete ihn gerade keine Mühe, ein ſehr ernſtes und ſtrenges Geſicht dabei zu machen. „Verfluchte Geſchichte!“ brummte er vor ſich hin. „Wer ſich einen ſolchen Ausgang gedacht hätte!“ Der Erbherzog ſtattete ſeinem Vater den ſchuldigen Beſuch ab; er fand auch ſeine Mutter dort, und das kleine 16 Abenteuer ſeiner Gemahlin blieb dabei nicht verſchwiegen; mit Verdruß überzeugte er ſich, daß ſeine Eltern ganz anders darüber urtheilten wie der Rittmeiſter von Plöhn, deſſen Anſicht er einmal zu der ſeinigen gemacht hatte; aber er war ſchlau genug, dies zu verſchweigen, und lachte nur über die eigenthümlichen Neigungen ſeiner Frau. „Plöhn hat mich zu einer Thorheit veranlaßt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,—„aber es iſt nun ganz in der Ord⸗ nung, daß er ſelbſt die Folgen davon tragen muß.“ Victor war noch nicht lange allein geweſen, als ihm der Beſuch des Rittmeiſters gemeldet wurde; unter den vorliegenden Verhältniſſen glaubte er die Abſicht deſſelben auch ſogleich zu begreifen, und es war ihm ganz will⸗ kommen, daß die peinliche Sache auf die vermuthete Weiſe ihren Austrag finden ſollte. Deshalb zeigte er ſich auch nicht im Mindeſten über⸗ raſcht und empfing Herrn von Plöhn in ſehr gemeſſener Weiſe. Er hatte ſich nicht getäuſcht, der Rittmeiſter be⸗ gann damit, ihm Vorwürfe wegen ſeines Verhaltens gegen den Erbherzog zu machen, ein Wort gab das andere, und ſchließlich erklärte Herr von Plöhn, er fühle ſich berufen, für den hohen Herrn einzutreten und Genugthuung für die demſelben zugefügte Beleidigung zu fordern. Victor 17 antwortete ihm, daß er bereit ſei, dieſelbe in jeder Weiſe zu geben, das heißt: mit der Waffe in der Hand, und der Rittmeiſter empfahl ſich wieder mit der Erklärung, er werde ſchleunigſt Veranſtaltungen treffen, um die Angele⸗ genheit in der allein noch möglichen Weiſe zu erledigen. Er blieb an dieſem Abende auf ſeinem Zimmer, denn er konnte es nicht für paſſend halten, dem Erbherzoge noch einmal perſönlich gegenüberzutreten, bevor die Intrigue, deren Opfer er werden zu ſollen ſchien, auf eine ſo blutige Weiſe unterdrückt ſein würde. Die Erbherzogin erſchien nicht in dem Abendeirkel, was großes, wenn auch nicht laut ausgeſprochenes Auf⸗ ſehen machte. Als ſie von ihren armen Schützlingen, die ſie auch wohl verſorgt fand, zurückkehrte, trat ihr Gemahl ihr entgegen, und unter vier Augen fand eine ſehr un⸗ angenehme und heftige Beſprechung ſtatt; Prinz Georg beſchuldigte ſeine Frau geradezu, daß ſie ſich von dem Grafen Horneck habe den Hof machen laſſen, und benahm ſich ihrer würdigen Vertheidigung gegenüber ſehr roh; ſie wurde dadurch in eine Aufregung verſetzt, die ſie vor an⸗ deren Augen verheimlichen zu können ſich nicht getraute. Wenn ſie gewußt hätte, was inzwiſchen mit dem Grafen Horneck vorgegangen war, wodurch derſelbe ſich ebenfalls Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 2 18 veranlaßt fühlte, die Geſellſchaft zu meiden, ſo würde ſie ſich ohne Zweifel den größten Zwang angethan haben, um nicht im Einverſtändniſſe mit ihm handelnd zu er⸗ ſcheinen; jetzt wollte ſie gerade ein Zuſammentreffen mit ihm vermeiden. Die ganze Sache wurde dadurch noch ſchlimmer; ſelbſt der Herzog und die Herzogin fanden es auffällig, daß nach dem Eintreffen des Erbherzogs ihre Schwiegertochter und gleichzeitig Graf Horneck ſich in ſolcher Weiſe zurückhielten; den bedenklichſten Vermuthungen wurden dadurch Thür und Thor geöffnet. Am anderen Tage vermißte man ſowohl den Ritt⸗ meiſter von Plöhn, wie den Lieutenant Grafen Horneck auf dem Landſchloſſe, nachdem Letzterer wegen dringender perſönlicher Angelegenheiten ſchriftlich einen kurzen Urlaub nach der Reſidenz vom Herzoge erbeten hatte; er war fortgeritten, ohne die Antwort abzuwarten, was der Herzog nicht gerade gnädig aufnahm. Es lag ein Gewitter in der Luft, das fühlte Jeder, und man war auf den Ein⸗ ſchlag des Blitzes vorbereitet; wie unbefangen ſich auch der Erbherzog gab, waren doch alle Augen erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Die Präliminarien zu dem Duelle wurden ſehr ſchnell 19 vollzogen; ſchon am Nachmittage ſtanden ſich der Ritt⸗ meiſter von Plöhn und der Lieutenant Graf Horneck, von Kameraden ihres Regiments ſekundirt, an einem abgelege⸗ nen Platze nahe bei der Reſidenz gegenüber. Es war verabredet worden, daß ſie ſich auf Piſtolen ſchießen ſoll⸗ ten, und von einer gütlichen Vereinigung konnte nicht mehr die Rede ſein, da ſelbſt die Sekundanten nicht genau wußten, welcher Art der zwiſchen ihnen entbrannte Streit eigentlich ſei. Die Einleitungen zu dem Duelle auf dem Kampf⸗ platze fanden in der beſten Form ſtatt; der Rittmeiſter ſchoß zuerſt und fehlte ſeinen Gegner; als der Letztere Feuer gegeben hatte, ſtürzte Herr von Plöhn auf der Stelle zuſammen. Victor hatte ſich bis dahin ganz kaltblütig benommen; der Anblick des gefallenen Gegners, der, wie ſich ſehr ſchnell erwies, tödlich getroffen worden war und nach wenigen Minuten ſchon ſeinen letzten Seufzer aushauchte, ergriff ihn aber gewaltig; ohne ſich von ſeinen Kameraden halten zu laſſen, ſtürzte er in wilder Verzweiflung fort und war vorläufig auch nicht mehr zu erreichen. Wie man auch dieſen unerwartet unglücklichen Aus⸗ gang, den Tod des Rittmeiſters, beklagte, war die volle 2* —õ— 20 Theilnahme aller Anweſenden doch bei dem Grafen Horneck, zumal man den wahren Sachverhalt wenigſtens ahnte und nicht daran zweifelte, daß er nur einer unabweislichen Ehrenpflicht genügt hätte. Mochte auch manches neidvolle Gefühl Victor von Seiten der Kameradſchaft zugetragen worden ſein, ſo verſchwand daſſelbe jetzt faſt vollſtändig im Hinblicke auf die ſich ihm eröffnenden traurigen Aus⸗ ſichten, die er, nach allgemeinem Urtheile, nicht verdient hatte. Da das Duell, obgleich eine Kavalierspflicht, über⸗ haupt mit geſetzlicher Strafe bedroht war, ließ ſich für ihn nur eine längere oder kürzere Feſtungshaft erwarten, und dieſelbe mußte immer ſtörend in ſeine bisher ſo glückliche und glänzende Carridre eingreifen; hier kam auch, nach allgemeiner Ueberzeugung, hinzu, daß der Herzog die ſehr in Frage geſtellte Ehre ſeines Sohnes wohl wahrnehmen und beſonders ſtreng verfahren mußte. Wer die Ver⸗ zweiflung Victors nach dem ſchrecklichen Vorfalle aber ge⸗ ſehen hatte, der mußte nun um ſo unbedingter ſeine Partei b ergreifen, und vielleicht hatte er unter ſeinen Kameraden nie ſo viel aufrichtige Freunde gehabt, wie in dieſem Augenblicke. Sie Alle kamen darin überein, daß er nichts Anderes 21 und Beſſeres thun könnte, als ſich möglichſt ſchnell über die Grenze zu flüchten, um der geſetzlichen Strafe und dem erſten zornigen Aufwallen des Herzogs zu entgehen; die ganze Angelegenheit mußte erſt näher beleuchtet werden, um ihm zu ſeinem Rechte zu verhelfen. Zwei wohlgeſinnte Kameraden, die es übernahmen, ihm dieſe Vorſtellung zu machen, fanden ihn am Abende in ſeiner Wohnung in der Stadt wieder. Er ſchien ge⸗ brochen an Körper und Geiſt. „Iſt der Rittmeiſter wirklich todt?“ war ſein erſtes und einziges Wort. Dies ließ ſich leider nicht leugnen, und mit welcher Schonung ſie ihm auch antworteten und ihn verſicherten, daß kein vernünftiger Menſch ihm einen Vorwurf machen könne, blieb er doch in ſeiner kalten, unheimlichen Ver⸗ zweiflung. Er wollte durchaus Nichts davon wiſſen, auf ſeine eigene Perſon Rückſicht zu nehmen, und wies jeden Vorſchlag zu ſeiner Flucht entſchieden zurück. „Nie werde ich das brechende Auge des Sterbenden, in das ich geblickt habe, vergeſſen,“ ſagte er dumpf,— „und nachdem ich nun Alles verloren habe, iſt auch an mir Nichts mehr gelegen. Könnte ich jenen Anblick mit tauſend Jahr Feſtungshaft abkaufen, ſo würde es nicht 22 zu viel für mich ſein, aber jetzt habe ich keinen höheren Wunſch, als daß der Herzog mit meinem Blute ſühnen ließe, was ich an dem eines Anderen verbrochen habe.“ Die kameradſchaftlichen und freundſchaftlichen Bitten halfen nicht, ihm eine andere Idee beizubringen; er ſprach auch Nichts mehr von ſeinem guten Rechte, wie vorher; der Arme war krank bis zum Tode und theil⸗ nahmslos für jeden guten Rath; man hatte alle Urſache, zu befürchten, daß ſich ſein ſonſt ſo geſunder Verſtand verwirre. Die verhängnißvolle Kataſtrophe konnte nicht lange verſchwiegen bleiben, der gewaltſame Tod des Rittmeiſters von Plöhn im Duelle gab dem geſammten Publikum Stoff zum Geſpräche; wenn man daſelbſt auch den wahren Sach⸗ verhalt nicht kannte, ſo nahm die öffentliche Meinung im Ganzen doch für den Lieutenant Graf Horneck Partei; es fehlte auch nicht daran, daß die Erbherzogin bedauernd in die umlaufenden Gerüchte hineingezogen wurde. Bei Hofe war die Senſation natürlich noch viel größer; Alle waren anfänglich förmlich erſtarrt über das Vor⸗ gekommene, nur der Erbherzog zeigte ſich gleichgiltig da⸗ gegen und gab, ſelbſt auf das dringende Verlangen ſeines Vaters, nur eine unvollkommene Auskunft; indeſſen zwei⸗ 23 felte Niemand daran, daß er gerade ſeine Hand hierbei im Spiele gehabt habe. Dem Herzoge gegenüber gab er übrigens zu, er ſei von dem Grafen Horneck empfindlich beleidigt worden, wobei er dieſes Rencontre wenig wahr⸗ heitsgetreu darſtellte, und daß der Rittmeiſter von Plöhn daraus Veranlaſſung genommen haben möge, ſeinen jün⸗ geren Kameraden zur Rechenſchaft zu ziehen. Ein ſchmerz⸗ liches Bedauern für Plöhns Schickſal legte er nicht an den Tag, und im Grunde war es ihm auch gar nicht ſo unlieb, daß die Sache ſo gekommen, denn er würde ſich in Ver⸗ legenheit befunden haben, Jenem ſeinen Dank abzutragen. Das Geſetz ſchrieb nun ſchon vor, daß der Herzog ſtrenge auftrat; die falſche Darſtellung der Angelegenheit hatte ihn auch wirklich gegen Victor eingenommen. Den⸗ noch wäre es ihm vielleicht lieber geweſen, wenn Letzterer von der ihm gebotenen Gelegenheit zur Flucht Gebrauch gemacht hätte, aber da derſelbe dies einmal nicht wollte, mußte er ihn in Haft nehmen laſſen und eine kriegsgericht⸗ liche Unterſuchung verfügen. Die Herzogin war zuerſt ganz aufgebracht gegen ihren Sohn, aber einmal wußte ſich dieſer ganz unſchuldig zu ſtellen und dann begann ſie doch einzuſehen, daß die Sache nun einmal nicht im Sande verlaufen könne; G 24 Einer mußte das Opfer werden, und dazu erſchien, wenn ſie es auch bedauerte, Victor noch am eheſten geeignet zu ſein. Das Zerwürfniß zwiſchen der Erbherzogin und deren Gemahl war nun vollſtändig geworden; da der Letztere ſich gegen ſie aufrichtig genug ausſprach, hatte ſie ein klares Bild des Geſchehenen gewonnen, die Abneigung gegen ihren Mann wurde zur Verachtung, und Victor mußte ihr in dem ſtrahlenden Glanze eines Märtyrers erſcheinen— für die innige Verehrung und Liebe, die er ihr zugetragen hatte; jetzt erſt fühlte ſie den ganzen Werth derſelben, und damit wurde auch die Neigung ihres eigenen Herzens leidenſchaftlicher. Aber welche unüberſteigliche Schranken ſtanden nicht überall der freien Aeußerung ihres Gefühles entgegen! Es wurde ihr auch klar, daß ſie dem Bedrohten nur mehr ſchaden als nützen würde; zu einer quälenden Unthätigkeit verurtheilt, befand ſie ſich in der verzweiflungsvollſten Ge⸗ müthsſtimmung. Die Affaire des Grafen Horneck gab übrigens Ver⸗ anlaſſung dazu, daß die herzogliche Familie früher, wie ſonſt geſchehen wäre, nach der Reſidenz zurückkehrte; der . —— 25 freundliche Zauber des gemüthlichen Landlebens war da⸗ durch geſtört worden. Graf Horneck hatte in ſeiner Wohnung Arreſt auf Ehrenwort. Das Kriegsgericht trat ſofort zuſammen, ver⸗ nahm ihn nur einmal, wobei er ſich in ſeiner Verzweiflung ſehr zurückhaltend zeigte, und verurtheilte ihn dann— den vorliegenden Rückſichten nach auf die hohen Perſön⸗ lichkeiten gewiß eine äußerſt milde Strafe,— zu einem Jahr Feſtungshaft, überdies noch ihn der Gnade des Herzogs anempfehlend; ſeine Stellung und weitere mili⸗ täriſche Carrière ſollten dadurch nicht im Mindeſten ge⸗ ſchädigt werden. Das war, wenn man auch die geſetzlichen Formen einhalten mußte, eine glänzende Rechtfertigung für ſein Verhalten; am liebſten würde man ihn vollſtändig frei⸗ geſprochen haben. Der Herzog ermäßigte die Haft. auch ſofort um die Hälfte, und es war daraus mit Beſtimmt⸗ heit vorauszuſehen, daß dieſelbe in Wirklichkeit nicht länger als höchſtens drei Monate ausgeführt werden ſollte. Na⸗ türlich aber wurde Victor ſeines Poſtens als herzoglicher Ordonnanzoffizier enthoben. Ihn ſelbſt ſchien das Urtheil und die damit verknüpfte Begnadigung ganz kalt zu laſſen; wie ſollte in einem ſo tief verletzten Herzen auch das Gefühl des Dankes auf⸗ kommen?— Sofort reichte er ſein Abſchiedsgeſuch ein und zwar in ſo beſtimmten, wenn auch nicht unehrerbietigen Ausdrücken, daß der Herzog demſelben Folge geben mußte; er verſchob die Entſcheidung indeſſen bis nach verbüßter Feſtungshaft, unzweifelhaft in der wohlmeinenden Abſicht, Victor werde bis dahin noch einen anderen Entſchluß faſſen. Die Erbherzogin hatte ſich, alle Rückſichten bei Seite werfend, perſönlich an ihren Schwiegervater mit dem Ge⸗ ſuche gewandt, daß er den Grafen Horneck gänzlich ſtraf⸗ frei ausgehen laſſe. Dieſes Mal ſprach bei ihr nur das Herz, nicht der Verſtand, und ſie eröffnete damit das erſtere eigentlich zu weit, klagte auch gewiſſermaßen ihren Gemahl an. Dem Herzoge, wie ſeiner Gemahlin, gingen damit auch die Augen auf, und wenn ſie auch nicht im Stande waren, ihrer Schwiegertochter einen gerechten Vor⸗ wurf zu machen, ſo erkannten ſie doch die Gefahr, welche für ſie und den Erbprinzen in ihrem weiteren äußeren Umgange mit Victor liegen mußte. Sie ſuchten ſie zu tröſten und zu beruhigen, aber bei dem letzten Urtheile für den Grafen Horneck verblieb es. Es iſt nun wohl leicht zu ſagen, daß der Letztere ſich —— 27 in ſein gewiß nicht allzu trauriges Schickſal hätte fügen ſollen, zumal er allen Anzeichen nach wohl eine vollkom⸗ mene Entſchädigung dafür durch die herzogliche Gnade erwerben konnte, jedoch es giebt Naturen,— und ſie ſind unzweifelhaft die edelſten,— die ſich nicht unter die auch nur ſcheinbare Ungerechtigkeit unſerer geſellſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe zu beugen wiſſen. Wenn Victor auch nicht einen großen Werth auf die in ſo milder Form zugeſprochene kurze Feſtungshaft legte, ſo empörte es ihn doch, daß er leiden ſollte, wo er ſich auch nicht der geringſten Schuld bewußt war. Die ſo⸗ genannte Strafe hatte durchaus nichts Entehrendes für ihn, aber er wußte, daß er ſie einmal nicht verdiente, auch der einfachſte und ſanfteſte Verweis würde ihn er⸗ bittert haben. Dem Erbherzoge gebührte die Feſtung, nicht ihm,— aber der Erbherzog ſtand freilich über dem Ge⸗ ſetze; er hätte auch viel Schlimmeres thun können, und ein Richter fand ſich gewiß nicht für ihn, wenn auch noch ſo viele Ankläger wären. Der Entſchluß, gänzlich aus den bisherigen Verhält⸗ niſſen zu ſcheiden, ſobald er wieder freier Herr ſeines Willens ſein würde, blieb deshalb in ihm feſtſtehen; er träumte von einer ganz ſtillen, verborgenen Einſamkeit, in 28 die er ſich begeben wollte, um vorerſt ſein krankes Herz zu heilen; er war gegen alle Menſchen bitter geſtimmt, ja, ſelbſt die Erbherzogin hatte in ſeinen Augen verloren, denn er begriff noch nicht, daß ſie nicht Mittel gefunden haben ſollte, ihn beſſer zu verſtändigen und zu ſchützen, daß ſie ihm wenigſtens nicht einmal ein Zeichen ihrer be⸗ dauernden Theilnahme zukommen ließ. Er beurtheilte ſie wahrlich ſehr falſch, denn ſie litt nicht weniger, vielleicht noch mehr wie er, theils um ſeinetwillen, theils weil ihr Gemahl ſich jetzt das Recht erworben zu haben glaubte, ſie noch rückſichtsloſer und roher zu behandeln wie bisher. In dieſe Zeit gerade fiel die Verheirathung der jungen Gräfin Horneck mit Graf Bielinski; die an Victor abge⸗ ſandten Briefe trafen ein, aber er war jetzt nicht im Stande, großen Antheil an dem Schickſale ſeiner Schweſter zu nehmen, das dieſe ſich ſelbſt bereitet hatte, und leere Worte niederzuſchreiben; durch eine Mittheilung ſeines Unglücks, das, wie er glaubte, doch eine ganz falſche Beurtheilung finden würde, wollte er nicht Juliens vermeintliches Glück ſtören; deshalb antwortete er garnicht. Selbſt die Heim⸗ kehr ſchien ihm mit dieſer Heirath verſchloſſen zu ſein; ſollte er Wialinse ſeinem nunmehrigen Schwager, den — — 29 Triumph gönnen, ihm Vorwürfe machen, ihn bemitleiden zu dürfen?— Victor wurde auf die einzige Landesfeſtung abgeführt, wo er eine anſtändige Wohnung erhielt und ganz ſeinem Stande gemäß behandelt wurde; manche Anzeichen der lebhafteſten Theilnahme von ſeinen Kameraden und ſelbſt der großen Allgemeinheit begleiteten ihn dahin; der Kom⸗ mandant der Feſtung kam ihm äußerſt zuvorkommend ent⸗ gegen und ſuchte ihm ſeine Haft in jeder Hinſicht zu er⸗ leichtern, wohl nicht ohne beſondere Inſtruktion des re⸗ gierenden Herzogs. Niemandem ſiel es ein, in ihm einen Verbrecher oder auch nur wirklich Strafwürdigen zu ſehen; jetzt wußten Alle ſchon, daß er ein Opfer der Intriguen und der Rohheit des Erbherzoges geworden war, und ſeine durch die Phantaſie vielfach ausgeſchmückten Beziehungen zu der Prinzeſſin Anna, die man ebenſo wenig verurthei⸗ len wollte wie ihn, trugen nicht wenig dazu bei, ihn höchſt intereſſant zu machen. Er lebte nun anfänglich ganz zurückgezogen, jede Ein⸗ ladung des Kommandanten, eines alten Oberſten der Armee, und ſeiner auf der Feſtung garniſonirenden Kameraden von der Infanterie und Artillerie ausſchlagend; vorzüglich trug er einen zweifachen ihm ſelbſt unheilbar ſcheinenden — — V V V 30 Kummer im Herzen, nämlich den über die Trennung von der Erbherzogin und ſeiner erſten heiligen Liebe überhaupt, weil er ſich Anna's andauerndes Schweigen nicht zu er⸗ klären vermochte, aber noch drückender blieb ihm die Er⸗ innerung an den brechenden Blick des ſterbenden Ritt⸗ meiſters von Plöhn, deſſen noch in voller Kraft ſtehendes Leben ſeine Kugel abgeſchnitten hatte,— wahrlich hatte dies nicht in ſeiner Anſicht gelegen. Was half es ihm aber, daß er ſich immer wieder⸗ holte, der Rittmeiſter ſelbſt oder der über ihnen Beiden ſtehende hohe Herr habe ihm die Piſtole in die Hand ge⸗ drückt, er ſei ganz außer Stande geweſen, dieſelbe zurück⸗ zuweiſen, und er habe Nichts weniger gewünſcht, als Herrn von Plöhn zu tödten!— die von ihm erhaltene Kugel hatte einmal ein nicht wieder gut zu machendes Unheil ange⸗ richtet, und das Blut des Gefallenen klebte an ſeiner Hand, auf die er nur ſchaudernd niederblicken konnte. Dieſer Eindruck ſchwächte ſich nun allmälig wohl ab; die Vernunft ſiegt immer über das Gefühl, das Bewußt⸗ ſein ſeiner Schuldloſigkeit machte ſich immer weiter geltend; wenn er ſich aber auch vor ſich ſelbſt vertheidigte, ſo glaubte er doch nie wieder froh und glücklich werden zu —— 31 können, und das Leben, das vor ihm lag, hätte doch, gerade in ſeinen Verhältniſſen, ſo viel herrliche Genüſſe darzubieten vermocht. Gedanken von Selbſtmord waren ihm durch den Kopf gegangen, aber theils fehlte es an der Gelegenheit zu ihrer augenblicklichen Ausführung, theils wurden ſie durch das wahrhaft ſittliche Gefühl, das in ihm lebte, wieder verworfen. Man weiß, wie wunderbar ſchnell auch die tiefſten Munden eines jugendlichen Herzens heilen. Victor wurde wieder ruhiger; am meiſten trug wohl ein Mittel bei, das, gewöhnlichem Erachten nach, eine ganz entgegengeſetzte Wirkung haben müßte. Endlich hatte er ſich natürlich doch entſchloſſen, an ſeine Mutter und Schweſter zu ſchreiben und ihnen einfach und wahrheitsgetreu ſein Schickſal mitzutheilen; ſie würden daſſelbe ja doch bald durch andere Leute erfahren haben. Die Antwort der Fürſtin fiel ziemlich herzlos aus; ſie war auf das Aeußerſte erſchrocken geweſen, beurtheilte die ganze Sache etwa wie der Erbherzog und hatte nicht Troſtſpendungen für ihren unglücklichen Sohn, ſondern nur Vorwürfe; in ihren Augen war er ein Verbrecher, nicht etwa wegen des Duells mit tödlichem Ausgange, ſondern weil er ſich gegen ſeinen fürſtlichen Herrn in unverant⸗ 32 wortlicher Weiſe vergangen hatte. Noch mehr aufgebracht war ſie über den von ihm ausgeſprochenen Entſchluß, ſeinen Abſchied aus den herzoglichen Militärdienſten zu nehmen, womit er eine ſo ausſichtsvolle Carrière aufgeben wollte; darum Drehle ſich hauptſächlich auch ihre Straf⸗ und Ermahnungsepiſtel Victor lächelte(kalt zu dieſem Briefe und legte ihn bei Seite, um den ſehr kurzen ſeiner Schweſter aufzuneh⸗ men; Graf Bielinski hatte garnicht geſchrieben. Julie urtheilte nicht ſo hart und lieblos, ſie beklagte das Loos ihres Bruders und ſtimmte nur ſchüchtern in die Anſichten und Rathſchläge der Mutter ein, aber Victor wurde dadurch verletzt, daß ſie alle Schuld auf die Erb⸗ herzogin zu ſchieben ſuchte. Anna war ſeinem Herzen doch immer noch ſehr werth und theuer; jede ihr angethane Beleidigung traf ihn ſelbſt noch tiefer. Alſo auch dieſer zweite Brief ließ ihn vollſtändig un⸗ befriedigt, verbitterte ihn vielmehr nur. Sie hatten ja nie auf ſeinen Rath gehört, und ſein Stolz empörte ſich jetzt dagegen, von ihnen Rathſchläge anzunehmen, die entweder nicht wohlüberlegt oder nicht zum Beſten gemeint waren; ſie forderten ihn auch gar nicht einmal auf, nach verbüßter Feſtungshaft zu ihnen zu kommen und an dem Mutter⸗ 33 und Schweſterherzen Troſt zu ſuchen; die Brücke des inni⸗ gen Verſtändniſſes war zwiſchen ihnen abgebrochen. „Und wenn mich alle Welt verurtheilt,“ ſagte er mit wiedererwachender Energie zu ſich ſelbſt—„ſo will ich ihr feſt und ſtolz die Stirne bieten; Gott iſt mein Zeuge, daß ich der Schuld frei bin, die man mir unverſtändig oder böswillig zur Laſt legen will!“„— X Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 3 Zweites Capitel. Seitdem Victor, durch die Briefe ſeiner Mutter und Schweſter angeregt, einmal vor ſich ſelbſt der inneren Ueberzeugung Ausdruck gegeben hatte, daß er unſchuldig leiden müſſe, und wieder die Kraft in ſich fühlte, ſich da⸗ gegen zu vertheidigen, ging auch in ſeinem ganzen äußeren Weſen eine in die Augen fallende Veränderung vor. Wenn er auch bei ſeiner Zurückgezogenheit von der ihm ange⸗ botenen geſellſchaftlichen Unterhaltung fernblieb, ſo gab er doch die bisherige beängſtigende Apathie gegen ſeine nächſte Umgebung auf und bewies durch ſein beſcheidenes, aber ſicheres Auftreten, daß ſeine geiſtigen Kräfte durchaus nicht geſtört worden waren, wie man bereits gefürchtet hatte; die ernſte Erinnerung an den ſchweren Unglücksfall blieb ihm wohl und ſpiegelte ſich in den ſchönen jugendlichen Zügen wider, aber in ſeinem ruhigen Gewiſſen ſchien er ſich nun klar geworden zu ſein und machte höchſtens den 35 Eindruck eines durch ſchwere Schickſalsſchläge frühzeitig ge⸗ reiften Mannes. Während ſeiner Haft beſchäftigte er ſich viel wiſſen⸗ ſchaftlich und nahm daraus den Vorwand, faſt immer allein zu bleiben; wo er aber genöthigt war, Anderen gegenüberzutreten, zeigte er ſich gemeſſen und würdevoll. Dieſe Feſtungshaft ſollte auch nicht lange dauern; nach Ablauf von drei Monaten wurde ihm die herzogliche Begnadigung verkündigt; er nahm ſie kalt auf, höchſtens konnte man bemerken, daß er bei dem Worte„Gnade“ ein wenig bitter lächelte. Ohne Erwähnung des von ihm eingereichten Ab⸗ ſchiedsgeſuches erhielt er die Ordre, ſich ſofort zu ſeinem Regimente zurückzubegeben, woraus ſich erſehen ließ, daß der Herzog durchaus nicht beabſichtigte, ihm ſeine Gnade zu entziehen, daß ihm ſogar wohl eine Entſchädigung für das ausgeſtandene Ungemach zugedacht war. Unmöglich konnte ihm dieſe gute und gerechte Abſicht entgehen, aber, vielleicht zu ſeinem größten Unglücke, wollte er darauf keine Rückſicht nehmen Es war auch nicht thörichter Eigenſinn, der ihm dieſes Gebot auferlegte, ſon⸗ dern, neben einem unabweislichen Gefühle der empfind⸗ lichſten Verletzung, die ſich mit keiner Gnadenbezeigung . 3⸗ 1 —.——O/Oñʒñẽ—— wieder verſöhnen ließ, die Einſicht, daß er, wenn er in das frühere Verhältniß wieder eintreten wollte, in neue Konflikte gerathen müßte. Und dann ſchwebt über uns Allen ein Verhängniß, das wir, ſo unbegreiflich es für uns iſt, mit allen Kräften unſeres ſchwachſichtigen Auges nicht abzuwenden vermögen, das von der höchſten Hand in das Buch unſeres Schickſals eingeſchrieben iſt,— warum? wer wüßte es zu erklären? Victor reiſte von der Feſtung nach der Reſidenz ab, aber nicht, um ſich zum Dienſte bei ſeinem Regimente zu melden, ſondern um ſofort ſein Abſchiedsgeſuch zu wie⸗ derholen. Damit brach er nicht allein mit ſeinen Kameraden, die ihm meiſtens wohlmeinend entgegenkamen, ſondern auch mit dem regierenden Herrn, der ihm ſeine Gunſt wieder zuwenden wollte; allerſeits legte man ihm dieſen Entſchluß nur für einen unverſtändigen, gewiſſermaßen unehrerbietigen Trotz aus. Der Herzog konnte nichts Anderes thun, als dieſer wiederholten Forderung zu entſprechen; der Lieute⸗ nant Graf Horneck bekam ſeinen Abſchied. Ein einziges, wirklich zu ſeinem Herzen ſprechendes Wort würde vielleicht Alles wieder ausgeglichen haben, aber Niemand fand ſich, der dieſes Wort ausſprechen wollte 37 oder konnte, weil man ſich eine kleine Blöße dadurch zu geben befürchtete, und man überließ ihn dem von ihm ſelbſt herausgeforderten Schickſale. Das letztere konnte nun auch gerade nicht traurig für ihn erſcheinen, da ſein väterliches Vermögen ihm ja eine ganz ſelbſtſtändige Exiſtenz ſicherte; er brauchte dabei garnicht einmal die Güte ſeiner Mutter in Anſpruch zu nehmen, denn mit ſeinem Vormunde war er auf dem beſten Fuße geblieben und dieſer ſtellte ihm gern beträchtliche Summen zur Dispoſition, ſo lange ſich deren vernijnftige Verwendung verantworten ließ. Bei Hofe und in der Reſidenz war der junge Graf Horneck, deſſen Perſönlichkeit und Schickſal eine Zeitlang ſo großes Intereſſe erweckt hatten, bald vergeſſen,— nur von Einer nicht, die ſich aber gerade am wenigſten darüber äußern durfte und die er ſelbſt deshalb ungerecht zu be⸗ urtheilen ſehr geneigt war. Es that ihm unendlich wehe, daß die Erbherzogin ihm kein Zeichen von Theilnahme gab; er bildete ſich ein, ſich in ihrer Zuneigung getäuſcht zu haben, und dies ver⸗ letzte ſeinen Stolz; in einer ruhigeren Gemüthsverfaſſung würde er ſich gewiß darüber klargemacht haben, daß ſie zur Zeit nicht anders handeln konnte, aber jetzt waren 38 ihm ſo viele Enttäuſchungen zutheil geworden, daß er es ſich garnicht anders vorzuſtellen vermochte, als daß er auch in dieſem ſein Herz ſo nahe berührenden Falle einer ſolchen unterlegen ſei. Gewaltſam ſuchte er das ſchönſte Gefühl ſeines Her⸗ zens, ſeine erſte Liebe, aus demſelben zu reißen, und bald bildete er ſich wenigſtens ein, daß ihm dies gelungen wäre. Victor hatte das Vertrauen zu ſeiner Mutter und Schweſter jetzt auch vollſtändig verloren, und da er obenein begriff, daß eine Zuſammenkunft mit dem ihm aufgedrunge⸗ nen Schwager bei ſeiner jetzigen reizbaren Stimmung un⸗ möglich zu Gutem führen könnte, daß es überhaupt beſſer ſein würde, wenn die Fürſtin ſich erſt durch die Zeit mit dem von ihr ſo entſchieden gemißbilligten, von ihm aber ausgeführten Entſchluſſe, die herzoglichen Dienſte zu quit⸗ tiren, verſöhnte, dachte er auch nicht daran, vorläufig zu ſeiner Familie zurückzukehren Auf eine anderweitige Anſtellung in ſeinem Vaterlande durfte er nicht rechnen, fühlte auch durchaus keine Neigung für einen anderen Beruf als den, welchen er von Jugend auf geliebt und für den er durch ſeine ganze Erziehung fähig gemacht worden war; es ging ihm daher im Kopfe umher, anderwärts Militärdienſte zu nehmen, aber dies —— 39 hatte, da er nicht auf die herzogliche Empfehlung rechnen durfte, ſeine großen Schwierigkeiten; überdies würde er eine wahre Befriedigung auch nur auf der ernſten Seite ſeines Berufes gefunden haben. Seit den großen kriegeriſchen Erſchütterungen im erſten Theile des Jahrhunderts ſchien das geſammte Europa in⸗ deſſen, bis auf einige konvulſiviſche Zuckungen von nicht allgemeiner Bedeutung, im tiefſten Frieden zu ſchlummern; die Anzeichen für einen nahe bevorſtehenden Sturm wurden gerade in den Kreiſen, in welchen Victor ſich bisher be⸗ wegt hatte, am meiſten verkannt, und auch er hatte kein Auge dafür, da ihn ſeine perſönlichen Angelegenheiten mehr als zuviel in Anſpruch nahmen. Deshalb glaubte er auf eine Fortſetzung ſeiner Car⸗ riére verzichten zu müſſen, und da ihm der Aufenthalt in ſeinem kleinen Vaterlande nach dem Vorgefallenen geradezu unerträglich war, entſchied er ſich dafür, zunächſt kürzere Reiſen zu unternehmen; durch die Abwechſelung, welche ihm die Fremde, wo er nicht der Geſellſchaft, ſondern der freien friſchen Natur zu leben gedachte, bieten würde, hoffte er auch, die noch zurückgebliebenen Leiden ſeiner Seele zu heilen. Sein Vormund ſtimmte mit dieſer Anſicht überein, 40 und er verließ, mit allen Mitteln ausgerüſtet, die ihm eine unabhängige Bewegung geſtatteten, ſo bald wie mög⸗ lich die herzogliche Reſidenz, ohne noch einmal ein Mitglied der herzoglichen Familie geſehen zu haben. Er hielt es für dringende Nothwendigkeit, ſich von Allem loszureißen, mit dem ihn die Vergangenheit in Be⸗ rührung gebracht hatte, und welch unendlich wehmüthige Empfindungen ihn dieſe Trennung auch koſtete, ſo ſeufzte er doch aus erleichterter Bruſt hochauf, als er die Grenze des kleinen Herzogthums hinter ſich gelaſſen hatte. Ein ganz neues Leben ſollte für ihn beginnen, und er wollte ihm mit feſtem Auge und dem Bewußtſein unbeirrter männlicher Kraft entgegentreten. Vor ſeiner Abreiſe hatte er wieder an Mutter und Schweſter geſchrieben und ihnen mitgetheilt, daß er minde⸗ ſtens ein bis zwei Jahre abweſend zu bleiben gedenke, doch wußte er ihnen noch keinen beſtimmten Reiſeplan an⸗ zugeben und forderte ſie auf, ihm ihre Briefe durch den Vormund zu übermitteln; bis dahin war er auch ohne Antwort geblieben. Da der Winter vor der Thür ſtand, wandte er ſich zuerſt gegen Süden, um die dort noch wärmere Jahres⸗ zeit für Ausflüge im Freien und ländlichen Aufenthalt aus⸗ 41 zubeuten, denn das geräuſchvolle Leben großer Städte widerſtrebte ihm jetzt eigentlich; er ging durch die Schweiz nach Italien, ſuchte ſich durch den Anblick alles Schönen und Großartigen, was Natur und Kunſt gerade in dieſen Ländern ſo reichlich darbieten, zu zerſtreuen, aber wie er ſich davon auch angezogen fühlte, ſo trieb ihn die noch nicht beſänftigte innere Unruhe doch immer wieder raſch weiter; er mochte ſich dabei auch um ſo weniger befriedigt fühlen, als er nicht Gelegenheit fand, die erhabenen Ein⸗ drücke mitzutheilen, denn dem erſten beſten Freunde wollte er ſich nicht anſchließen, und wo er von Luſt ſtrahlende Geſichter ſah, ging er ihnen mit düſteren Empfindungen aus dem Wege, wie beneidenswerth ihr Glück ihm auch erſcheinen mochte. Der Anfang zu der Kur eines tiefen Seelenſchmerzes iſt ohne Zweifel die Offenbarung deſſelben an einer treuen Freundesbruſt, und wo hätte er eine ſolche ſuchen ſollen, da ſelbſt ſeine nächſten Angehörigen ſeine Erwartungen in ſolcher Beziehung ſchon längſt ge⸗ täuſcht hatten?— Er entbehrte ſehr eines Freundes, aber er wußte ihn nicht zu finden, weil er ihn nicht einmal zu ſuchen wagte. Unter ſeinen früheren Kameraden und in ſeinem weiteren geſellſchaftlichen Umgange hatte er manchen guten Bekannten gehabt, aber nur wenige zu finden ver⸗ 3 1 à 42 mocht, die vollſtändig mit ihm ſympathiſirten. Die, welche ihm noch am nächſten geſtanden, waren durch ihre Lebens⸗ ſtellung gefeſſelt, und es ließ ſich nicht daran denken, daß nur Einer ihm dieſelbe zum Opfer gebracht haben würde. Nachdem er Italien ziemlich raſch durchſtreift hatte, ſchiffte er ſich nach Algier ein; wieviel Neues und In⸗ tereſſantes das orientaliſche Leben ihm auch bot, fühlte er ſich noch mehr vereinſamt; es zog ihn faſt unwiderſtehlich nach ſeinem Vaterlande zurück, und er mußte alle Kraft aufbieten, um dieſer Art von Heimweh zu widerſtehen. Indeſſen mochte er doch nicht in noch weitere Ferne hin⸗ ausſchweifen und ging gegen Ende des Jahres nach Süd⸗ Frankreich, von da bald nach Paris, ein ſtets ruheloſer, unbefriedigter Wanderer. In der franzöſiſchen Hauptſtadt gährte damals der revolutionäre Geiſt ſchon gewaltig und leicht erkennbar:; ſeiner Erziehung und Lebensverhältniſſen zufolge konnte er daran keinen Geſchmack finden, und noch vor Ausbruch der Februar⸗Revolution kehrte er nach Deutſchland zurück; die Vorwehen des großen Sturmes, der bald ganz Europa erſchüttern ſollte, hatte er wohl gefühlt, ihnen aber doch noch nicht ihre volle Bedeutung beigelegt; er ſah das Ge⸗ witter, wie die Meiſten, wohl erſt am fernſten Horizonte 43 heraufziehen und gab ſich der Hoffnung hin, daß deſſen drohende Gewalt ſich noch brechen laſſen werde. Die vielen frivolen Genüſſe, die Paris damals mehr darbot wie jede andere große Stadt des Kontinents, waren zwar nicht im Stande geweſen, ihn zu verführen, aber er hatte doch den Verſuch gemacht, ſie zu koſten; theils trug die Langweile dazu bei, theils glaubte er ein ſolches Kur⸗ mittel einmal anwenden zu müſſen; es half ihm auch Nichts, daher gab er es bald wieder auf. Sein Geſchmack war zu fein, ſein Sinn zu ernſt und edel, um in rohen Vergnügungen Befriedigung zu finden, Anlagen zu einem Wüſtlinge beſaß er wahrlich nicht. Der Vormund, ehemals ein treuer Freund ſeines Vaters, der dieſe Freundſchaft auch über das Grab hinaus bewahrte und auf den Sohn übertrug, war garnicht damit einverſtanden, daß Victor auf ſeinen Reiſen ſo wenig Geld verbrauchte und nun ſchon ſo bald wieder nach Deutſchland, wenn auch nicht nach den herzoglichen Landen, zurückkehrte, denn er konnte daraus nur ſchließen, daß die Krankheit, die er wohl verſtand, noch keineswegs geheilt ſei; indeſſen konnte er hier keinen Machtſpruch thun, kaum gute Rath⸗ ſchläge ertheilen, denn ihm lag ja Nichts weiter ob als die Verwaltung des Vermögens; er ſtand auch auf dem 44 Punkte, dieſelbe bald abgeben zu ſollen, denn das Te⸗ ſtament des alten Grafen Horneck hatte die Mündigkeits⸗ erklärung ſeines Sohnes, in Uebereinſtimmung mit den Landesgeſetzen, auf deſſen einundzwanzigſtes vollendetes Le⸗ bensjahr feſtgeſtellt. Wenn Victor den ehrenwerthen Mann, der ſo getreulich ſeine Angelegenheiten verwaltete, auch hoch⸗ ſchätzte, ſo war ihnen doch keine Gelegenheit zu einem recht innigen Verſtändniſſe geworden, und nach den gemachten Erfahrungen hielt Erſterer ſich ſchon zu einer gewiſſen Selbſtſtändigkeit berechtigt. Mit der Fürſtin ſtand jener Herr noch weniger freund⸗ ſchaftlich, da er früher genöthigt geweſen war, ihr einige unbillige und ungeſetzliche Forderungen in Vermögensange⸗ legenheiten abzuſchlagen, was ſie ihm ſehr übel aufge⸗ nommen hatte; er war alſo außer Stande, ihren mütter⸗ lichen Einfluß auf Victor anzuſprechen, und hatte ſich auch gerade nicht das günſtigſte Urtheil von ihr gebildet. Victor begab ſich nach einer großen deutſchen Haupt⸗ ſtadt; ſein Reiſeplan hatte nun wirklich das Ende erreicht, und er war in der That unentſchloſſen, was er weiter beginnen ſolle, denn wenn ſeine Schweſter auch noch ſo dringend bat, daß er auf das fürſtliche Gut kommen möge, — die alte ſchweſterliche Zärtlichkeit leuchtete jetzt wieder 45 aufrichtiger hervor,— ſo lag in der Einladung der Fürſtin doch immer eine gewiſſe Kälte, die ihn abſchreckte; wenn ſie es auch keineswegs ausſprach, ſo ergab ſich doch aus dem ganzen Tone ihrer übrigens nur ſparſamen Briefe, daß ſie in ihm noch immer nicht viel mehr als einen un⸗ gerathenen Sohn ſah. Es dürfte aber nun nöthig ſein, wieder einmal auf die Geſtaltung der Verhältniſſe der fürſtlichen Wittwe und des jungen Ehepaares zu blicken. Die ſogenannten Flitterwochen des letzteren ließen ſich ganz gut an; Graf Bielinski war der aufmerkſamſte Gemahl und Julie leidenſchaftlich und zärtlich in ihn ver⸗ liebt; Nichts fehlte ihrem Glücke, und ſie beurtheilte ihren Bruder zuweilen recht hart, daß er es ihr nicht habe gönnen wollen. Daß Graf Bielinski kein dgends Vermögen beſitze, erwies ſich ſehr bald, aber Julie kümmerte ſich nicht darum, und ihre Mutter nahm ſelbſt die recht anſehnlichen Schul⸗ den des Schwiegerſohnes freundlichſt mit in den Kauf; ſie bezahlte dieſelben und ließ ſich nicht einfallen, daß er bei deren Angabe noch lange nicht aufrichtig geweſen war; davon war auch nicht weiter die Rede. Auch ſie konnte ſich keinen ergebeneren Schwiegerſohn 46 wünſchen; Graf Bielinski nahm ſich mit einem wahren Feuereifer der Pflichten, die ſie ihm zugewieſen hatte, ſie bei der Verwaltung ihrer Güter zu unterſtützen, an, aber leider verſtand er nicht das Mindeſte davon und verwirrte dieſe Angelegenheiten, da er mit großer eigenwilliger Be⸗ ſtimmtheit auftrat, ganz gewaltig; mehrere gute Pächter kündigten in Folge deſſen ihren Kontrakt, die ſchlechten er⸗ hielten großmüthige Erleichterungen, und ſchon nach ſehr kurzer Zeit ſtellte es ſich heraus, daß die Revenüen der Fürſtin ſinken mußten, wenn dieſe Wirthſchaft fortdauerte. Fürſtin Mathilde hatte ſich einmal als tüchtige, ein⸗ ſichtsvolle Wirthin zu zeigen gewußt, aber unbegreiflicher Weiſe ſchien dieſes Talent nun wieder bei ihr verſchwun⸗ den zu ſein; ſie verließ ſich gänzlich auf ihren Schwieger⸗ ſohn, der allerdings die wohlklingendſten Redensarten im Munde führte; er verſicherte geradezu, ſeine wohlüberlegten Maßnahmen würden in kürzeſter Zeit beſagte Einkünfte verdoppeln, aber den Beweis dafür blieb er einſtweilen noch ſchuldig, und die Fürſtin glaubte ihm dennoch. Alle Welt ſah ein, daß er einen faſt unbegreiflichen Einfluß auf ſie ausübte, aber man konnte füglich nicht weitergehen, als den Grund dafür in ſeiner beſtechenden perſönlichen Liebenswürdigkeit zu ſuchen. Graf Bielinski 47 zeigte die letztere indeſſen nur da, wo er gerade wollte, ſei es aus wohlberechnetem Eigennutze oder aus Laune; er verſtand auch ſehr herriſch und barſch aufzutreten, wie er es die vorerwähnten Pächter fühlen gelaſſen, und die Dienerſchaft, ſowie alle anderen Untergebenen, die es ſich nicht beſonders angelegen ſein ließen, ſich ſeine Gunſt zu erwerben, hatten bei ihm einen harten Stand; dies ging ſogar ſoweit, daß auch mehrere angeſehene Familien ſich aus dem Geſellſchaftskreiſe des fürſtlichen Hauſes zurück⸗ zogen, in dem der Schwiegerſohn nun faſt den unum⸗ ſchränkten Herrn ſpielte; dieſe Leute hielten ſich dann ſehr bitter darüber auf, wie unſelbſtſtändig Fürſtin Mathilde ſich machen gelaſſen habe, und ſelbſtverſtändlich fehlte es nicht an Klätſchereien darüber. Der Eifer Graf Stephans für die Landwirthſchaft und die während ſeiner Flitterwochen gehegte Vorliebe für die Häuslichkeit mußten indeſſen bald erkaltet ſein, denn mit Beginn des Winters machte er zuerſt den Vorſchlag, dieſe auf dem Lande ſo langweilige Jahreszeit lieber in der geräuſchvollen Kaiſerſtadt zuzubringen. Er nahm dabei wenig Rückſicht auf die Neigungen ſeiner Gemahlin, welcher das häusliche Glück vollſtändig genügte und die in einer gewiſſen Eiferſucht ihren Mann ganz für ſich behalten 48 wollte; andererſeits war Julie durch das unglückliche Schickſal ihres Bruders aber auch zu tief ergriffen worden, um ſich jetzt nach glänzenden Vergnügungen zu ſehnen. Dieſe Einwürfe, die ſie ganz offen und vertrauens⸗ voll ausſprach, wies Graf Stephan achſelzuckend und mit faſt ſpöttiſchen Worten zurück und verletzte ſie dadurch zum erſten Male; ihre Liebe entſchuldigte aber, wie und wo ſie nur konnte, und übrigens hatte ſie auch einen ſo hohen Begriff von ſeiner beſſeren Einſicht gewonnen, daß ſie ihr Gefühl derſelben unterwerfen zu müſſen meinte. Obenein hatte ſie ihre Mutter auch entſchieden gegen ſich, die ſich mit dem Schwiegerſohne ganz einverſtanden erklärte. Die eitle Frau wollte noch Triumphe feiern, wozu ſie, die jetzt erſt in ihrem vierundvierzigſten Jahre ſtand, ihre gut conſervirte Schönheit und ihre vornehme Lebens⸗ ſtellung auch zu berechtigen ſchienen; ſie mochte fühlen, daß die Grenze ſolcher Anſprüche ihr nun ſchnell näher⸗ rückte und daß ſie ſich beeilen müſſe, die Genüſſe des Lebens, wie ſie dieſelben nun einmal auffaßte, zu erſchöpfen. Die Reiſe nach der Kaiſerſtadt wurde alſo angetreten und die Verwaltung der großen Güter vorläufig einem ſogenannten Director übertragen, dem Graf Stephan ziem⸗ lich unbeſchränkte Vollmachten auszuwirken wußte. Er 49 hatte dieſen Mann durch Zeitungs⸗Aufforderungen ausfindig gemacht und ſich dann nur auf gute ſchriftliche Zeugniſſe geſtützt; die perſönliche Bekanntſchaft hatte nicht viel mehr ergeben, als daß der neue Director ein äußerlich fein⸗ gebildeter Mann war, der dem Grafen und auch der Fürſtin ſehr geſchickt zu ſchmeicheln verſtand; er billigte vollkommen Alles, was Erſterer bisher gethan hatte, und ging gegen die Pächter, ſowie in der ganzen Verwaltung ganz ebenſo vor wie Jener. Die vornehme Geſellſchaft in der Kaiſerſtadt nahm die Fürſtin und deren Familie bereitwillig und mit höch⸗ ſter Zuvorkommenheit auf; ſie wurden auch bei Hofe em⸗ pfangen und mit großer Aufmerkſamkeit behandelt. Unter ſolchen Umſtänden mußte man auch mit all dem Glanze auftreten, auf den das große Vermögen hin⸗ wies, und Fürſtin Mathilde war ſehr eiferſüchtig darauf, ſich in dieſer Beziehung nicht von anderen Gleichgeſtellten übertreffen zu laſſen. Sie kaufte, durch ihres Schwieger⸗ ſohnes Bermittelung, eines der ſchönſten und theuerſten Häuſer, ließ es wahrhaft fürſtlich einrichten, um darin Geſellſchaften zu empfangen, beinahe ebenſo brillant wie die des Hofes, neue Equipagen wurden angeſchafft Grabowski, Schickſal u. Schuld. II. 4 50 und überhaupt in jeder Beziehung ein faſt unerhörter Luxus entfaltet. Die enormen Summen, welche dies koſtete, mußte der Direktor gut oder übel beſchaffen und ließ es daran nicht fehlen, um ſeine hohe Herrſchaft zu befriedigen; Graf Stephan führte die Rechnungen, und wenn es ihm auch nicht einfiel, ſich perſönlich dabei zu bereichern, da er ja gewiß war, dereinſt, höchſtens mit Victor zuſammen, der Erbe des ungeheuren Vermögens zu werden, ſo ging er doch mit übertriebener Generoſität und allem erdenklichen Leichtſinne zu Werke und verbrauchte für ſich ſelbſt dabei ganz anſehnliche Poſten, von denen er ſeiner Schwieger⸗ mutter und Gemahlin Rechenſchaft abzulegen für unnöthig befand. Wie die Fürſtin ſich ihrer Triumphe beſonders darum erfreute, daß ſie eine ſo hochgeachtete Stellung einnahm, welche ſie mit den erſten Perſönlichkeiten in Berührung brachte, ſo auch er der ſeinigen; ihm ſchmeichelte es be⸗ ſonders, ſeinen alten Bekannten gegenüber, vor denen er ſich ehemals doch ſo manche Blöße hatte geben müſſen und die dann wohl auch durchſcheinen ließen, daß ſie ihn für einen hoffnungsloſen Abenteurer hielten, jetzt die Rolle eines unermeßlich reichen Mannes ſpielen zu dürfen, und ————nn 51 verleitete ihn häuſig zum Uebermuthe, der überhaupt ſchon in ſeinem Charakter lag. Man erzählte ſich arge Geſchichten von der tollen Verſchwendung Graf Bielinskis; wenn aber auch manche Weiterſehenden behaupten wollten, auch der tiefſte See laſſe ſich mit der Zeit ausſchöpfen, ſo lag der Blick auf deſſen Grund hier doch noch ſo fern, daß die Anderen in dieſem Falle Nichts davon wiſſen wollten, und Graf Stephan hatte viele Freunde und Vertheidiger, weil ſie Vortheile von ihm zogen. Er wußte alle ſeine ſchon früher zu Tage getretenen Kavaliersneigungen zu befriedigen, ohne gerade einen öffent⸗ lichen Anſtoß damit zu geben und ſich Vorwürfe von Seiten ſeiner Schwiegermutter und Gemahlin zuzuziehen, b da er dieſelben in Unkenntniß von ſeinen Ausſchweifungen erhielt, beſonders fröhnte er der ſo gefährlichen Leidenſchaft des hohen Hazardſpieles, wobei er gewöhnlich verlor. Zu⸗ weilen deckte er dieſe große Summen, ohne daß die Fürſtin davon Etwas erfuhr, natürlich aus ihrem Vermögen, zu⸗ weilen wandte er ſich geradezu an ſie und legte ihr ver⸗ trauungsvoll ein offenes Geſtändniß von ſeinem Leicht⸗ ſinne und ſeinen momentanen Verlegenheiten ab; dann gab es wohl gelinde Vorwürfe und Ermahnungen, aber im 52² Ganzen fand die Fürſtin den Leichtſinn des Graf Bie⸗ linski doch liebenswürdig und den Anſprüchen, die er machen durfte, angemeſſen und bezahlte. Wenn Victor, ihr leiblicher Sohn, nur ein einziges Mal mit einer ſolchen Forderung an ſie hinangetreten wäre, wie ganz anders würde ſie dieſelbe wohl aufge⸗ nommen haben!— Aber er hatte noch nie einen Groſchen von dem fürſtlichen Vermögen beanſprucht oder erbeten, er ging mit ſeinem eigenen ſo ſparſam um, daß ſie ſich faſt ärgerte,— er konnte in ihren Augen deshalb kein wahrer Kavalier ſein, nur ein Philiſter, der ſeiner hohen Ver⸗ wandtſchaft eigentlich Schande machte. „Noblesse oblige!“ ſagte die Fürſtin Mathilde häufig, wenn ſie das Verhalten der beiden Söhne bei ſich in Ver⸗ gleich ſtellte, aber ſie gab damit dem ſehr richtigen Worte jedenfalls eine ganz falſche Auslegung. Julie fühlte ſich in der Rolle, die ſie nun ſpielen mußte, nicht gerade unglücklich. Die ihr zu Theil wer⸗ denden hohen Auszeichnungen ſchmeichelten ihr auch, und ſie war an das glänzende Geſellſchaftsleben ſchon längſt ſo gewöhnt worden, daß ſie dadurch nicht beläſtigt wurde und ſich ganz an ihrem Platze zu beſinden meinte; aber das Glück ihrer Ehe wollte ſie ihm doch nicht opfern, und —õ—— 53 leider gewann es immer mehr den Anſchein, als ob ihr Gemahl ſie eigentlich zurückſetzte. Selbſtverſtändlich würde es einen ſchlechten Eindruck machen, widerſpricht dem guten Tone, wenn ein Ehepaar in einem ſolchen Cirkel nur füreinander leben wollte, während doch jeder berufen und verpflichtet iſt, ſein Schärf⸗ lein zum Amüſement der Allgemeinheit beizutragen; in⸗ deſſen wird ſich das Herz einer zärtlich liebenden Gattin ſchwerlich dadurch befriedigt fühlen können, wenn der Herr Gemahl anderen Damen und Herren gegenüber dieſe Ver⸗ pflichtung zuweit ausdehnt und ſie den Huldigungen der Letzteren ganz unbeſorgt überläßt. So machte es aber Graf Stephan in ſehr auffälliger Weiſe, und wenn ſie unter vier Augen jemals eine be⸗ ſcheidene Einwendung dagegen ſich erlaubte, ſo umarmte er ſie lachend und meinte, ſeine geſellſchaftliche Stellung lege ihm dieſe Verpflichtung auf, ſein Herz könne immer nur bei ihr bleiben. Das mochte wohl ſein,— ſie glaubte auch noch daran,— aber ſeine Perſon mußte ſie aller⸗ dings häufig entbehren, denn manchmal ſah ſie ihn den ganzen Tag über nicht, und es war ſchon zur Regel ge⸗ worden, daß er von ſeinen nächtlichen Gelagen erſt am Morgen zurückkehrte. 54 Indeſſen ſagte ihr auch ihre Mutter, ein richtiger Cavalier und großer Herr, als den ſie ihren Mann doch ſo gern geehrt ſehen wollte, könne einmal nicht anders leben, und da fügte ſie ſich in das Unvermeidliche, wie wehe ihr auch das Herz dabei thun mochte. Auch ſie ſollte, nach dem Willen der Mutter, eine große Dame ſein, und im Herzen gefiel ihr dies auch gar⸗ nicht ſchlecht; ſo gern ſie aber die ihr zugetragenen Hul⸗ digungen ſah, war ſie doch ſehr ängſtlich, ſich Etwaszu ſchulden kommen zu laſſen, das auch nur den Schein von Beeinträchtigung ihrer Gattinpflichten auf ſie hätte werfen können; eigentlich beſaß Julie ganz die Natur ihres Bru⸗ ders,— und darum ſympathiſirte ſie auch noch immer lebhaft mit ihm,— aber die ſehr verſchiedene Erziehung hatte ſie, ohne ihre Schuld, doch ſchon anders gemacht, und ſie war mehr oder weniger auch ſchon der Anſicht ihrer Mutter geworden, daß Victor der Familie gerade nicht be⸗ ſondere Ehre mache; ſie beklagte ihn lebhaft, aber mehr, als ſie ihn verurtheilte. Einer der auswärtigen Geſandten gab wieder einmal einen großen Ball, zu dem ſich die vornehmſte Geſellſchaft verſammelt hatte; ſelbſt Perſonen des kaiſerlichen Hauſes — 55 waren anweſend; daß die fürſtliche Familie dabei nicht fehlen durfte, verſtand ſich von ſelbſt. Julie ſtrahlte an dieſem Abende nicht allein in der brillanteſten Toilette, ſondern auch in der heiterſten und glücklichſten Stimmung, denn ihr Gemahl hatte ihr das allerdings ſchon oft gebrochene Verſprechen gegeben, fortan ſich ihr ausſchließlicher zu widmen, und ſie vertraute auch wieder ſeinen überaus zärtlichen Verſicherungen.. Graf Stephan hatte einmal mit ihr getanzt, dann überließ er ſie dem Kreiſe ſeiner ſie umſchwärmenden Freunde und ihrer Verehrer; ſie glaubte auch damit zu⸗ frieden ſein zu müſſen. Ihre Mutter tanzte nur ſelten, jedesmal nur mit be⸗ ſonders hervorragenden Perſönlichkeiten oder mit dem Schwiegerſohne; außerdem bewegte ſie ſich ganz frei und hatte gewöhnlich einen kleinen, glänzenden Cirkel um ſich verſammelt. Bei den weiten Räumlichkeiten war ſie an dieſem Abende Julien ganz aus den Augen gekommen, und als die Letztere irgendwie Veranlaſſung fand, ſie aufzu⸗ ſuchen, koſtete es große Mühe, ſie zu finden. Die junge Frau durchſchritt zu dieſem Behufe mehrere Zimmer und gelangte dabei an einen bisher noch garnicht bemerkten Wintergarten, eine Erfindung der Neuzeit oder wenigſtens neu aufgefriſchte Mode. Der mit Glasfenſtern bedeckte weite Raum war wirklich ſehr geſchmackvoll und anſprechend ausgeſchmückt worden; man konnte ſich in einen tropiſchen Garten verſetzt glauben, den paſſende, milde Beleuchtung durchſtrahlte. Seltene Blumen blühten in den ſchönſten Farben und dufteten berauſchend, eine weiße Gypsſtatue der Flora trat am Ende eines langen Lauben⸗ ganges wie eine zauberhafte Fee hervor, und zu beiden Seiten befanden ſich, in düſterem Grün und prächtig bunten Blumen halbverſteckt, recht heimliche Ruheplätzchen. Die Kunſtgärtner hatten ihre Schuldigkeit gethan und ein Meiſterwerk hergeſtellt, aber es bedurfte tieffühlender Seelen und eines feinen Geſchmackes, daſſelbe in ſeiner ganzen Schönheit zu verſtehen, und da ſolche in dieſer Ge⸗ ſellſchaft, die nach ganz anderen Zielen ſtrebte, als hier der Natur und Kunſt zu huldigen, eben nicht häufig zu finden waren, wenigſtens hintenangeſetzt wurden, ſo war der Wintergarten gerade nicht ſehr beſucht; man ging nur flüchtig hindurch, wenn nicht etwa ein paar alte Diplo⸗ maten, die hier ſcheinbare Freundſchaft geſchloſſen hatten, ſich im vertraulichen Geſpräche, abſeits des geräuſchvoll wogenden Lebens, gegenſeitig zu betrügen verſuchten oder ein zärtliches Liebespärchen die Gelegenheit wahrnahm, hin⸗ 57 ter den ſchützenden Bosquets ſich ſüße Worte zuzuflüſtern, was allerdings immer ein gewagtes Unternehmen blieb, da die Phraſe:„die Wände haben Ohren“ nirgends paſſender angebracht ſein konnte wie zwiſchen dieſen grünen, le⸗ bendigen. Auf den mit feinem Kies beſtreuten Wegen ließ ſich der Tritt eines Herankommenden kaum vernehmen, und man mußte Augen und Ohren ſcharf offen behalten, wenn man in einem ſolchen Falle nicht ſehr peinlich überraſcht werden wollte. Julie machte ſich aber keineswegs ſolche Vorſtellungen, als ſie den Wintergarten betrat; ſie glaubte nicht einmal ihre Mutter daſelbſt ſuchen zu dürfen, indeſſen reizte ſie der feenhafte Anblick, und es that ihr ſo wohl, hier friedliche Stille und reinen Blumenduft zu finden, daß ſie der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen konnte, in dieſem Tempel der Flora eine kurze Erholung von dem die Nerven angreifen⸗ den geſellſchaftlichen Treiben zu ſuchen. Sie fand die Idee dieſes Wintergartens ganz reizend und dachte eigentlich an Nichts weiter, als daran, ob ſich ein ſolcher nicht auch auf dem heimathlichen Schloſſe könne herſtellen laſſen und welche Ehre ſie ſelbſt ſich mit einer 58 ſolchen Schöpfung wohl einlegen würde; dazu mußte ſie die ganze Anlage auch ein wenig ſtudiren. Mit ihrem Fächer ſpielend, ſchritt ſie langſam durch die Gänge, ohne daß ihr leicht beſchuhter Fuß auf den weichen Wegen ein Geräuſch verurſachte. Als ſie eines der verſteckten Plätzchen entdeckte, das zwei alte Herren in vertraulich flüſterndem Geſpräche beſetzt hielten, erſchrak ſie ſelbſt, aber jene waren in die Unterhaltung ſo vertieft, daß ſie von ihnen garnicht einmal bemerkt ward und ſich auch raſch wieder zurückziehen konnte. Einen eigenthümlichen Reiz hatten nun aber gerade dieſe lauſchigen Orte für ſie gewonnen, deren ſie bald noch mehrere fand; es mußte ſich da köſtlich träumen laſſen, allein zwiſchen den grünen Wänden mit den bunten Blumen in voller Farbenpracht und ſüßem Dufte, die durch matt⸗ geſchliffene Glaskugeln, in denen Gasflammen brannten, ein ſo zauberiſches Licht erhielten; bald hatte ſie ein ſolches, ihr ſehr behagendes Plätzchen gefunden und ließ ſich dort auf die zierliche gußeiſerne Bank nieder. Vielleicht war es eine abſichtliche kleine Bosheit oder Scherz des Feſtgebers oder des Arrangeurs dieſer Garten⸗ kunſt geweſen, daß ſich gewöhnlich zwei dieſer Bosquets mit ihrer Rückſeite dicht aneinander lehnten, ſo daß das 59 Auge ſchwerlich die Nachbarſchaft entdecken, das Ohr aber ganz gut vernehmen konnte, was nebenan, auch mit Vor⸗ ſicht, geſprochen wurde. Julie hatte auch kaum ein paar Sekunden ihren Platz eingenommen, als ſie durch ein Flüſtern in unmittelbarer Nähe überraſcht und ſchnell neugierig gemacht wurde. Eine Frau wird einer ſolchen Verſuchung ſelten lange wider⸗ ſtehen können, wenn ihr eine ſo vortreffliche Gelegenheit geboten iſt, ſelbſt unbemerkt zu bleiben und nicht in den Verdacht der Indiskretion zu kommen. Mit den ſchwärmeriſchen Träumen der jungen Gräfin Bielinska war es ſofort vorbei, und mit äußerſt er Vorſicht näherte ſie ihr Geſicht und ihre Hände dem Laubwerke, um für Auge und Ohr eine Lücke in demſelben zu finden; es machte ihr großes Vergnügen, ein Geheimniß zu be⸗ lauſchen, das ohne Zweifel nicht für ſie beſtimmt war. Die grüne Wand dämpfte und veränderte doch ein wenig den Klang der Stimme; ſie unterſchied wohl eine männliche und eine weibliche, ſie verſtand auch ganz gut viele Worte, aber ſie war ſich noch nicht darüber klar ge⸗ worden, ob ſie Bekannte in ihrer Nähe habe, denn die Beiden ſprachen nur flüſternd. „Wir könnten jetzt in einem anderen, uns Beide mehr 60 beglückenden und innigeren Verhältniſſe zu einander ſtehen,“ ſagte er, wie es klang, ſanft und zärtlich vorwurfsvoll,— „wenn Du mir deutlichere Winke gegeben hätteſt, daß ich Deinem Herzen wirklich theuer ſei; warum mußteſt Du mich dies doch erſt ſo ſpät fühlen laſſen?“ Julie verſtand die Antwort nicht, vernahm aber doch, daß dieſelbe von einem tiefen Seufzer begleitet wurde. Un⸗ willkürlich mußte ſie lächeln, doch machte ſie ſich ſogleich Vorwürfe darüber, denn ohne Zweifel handelte es ſich da um eine unglückliche Liebſchaft, die vielleicht aufrichtige Theilnahme verdiente. Sie ſelbſt war ja glücklich; warum ſollte ſie dies Anderen nicht auch gönnen?— Es war wahrlich nicht hübſch, über das Unglück zu ſpötteln, und obgleich ſie jene Verhältniſſe garnicht kannte, ging ſchon ein Gefühl leb⸗ hafter Theilnahme dafür in ihr auf; damit ſuchte ſie ſich we⸗ nigſtens vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen, daß ſie iür Lau⸗ ſchen fortſetzte. „Es läßt ſich Nichts mehr an dem Geſchehenen ändern,“ verſtand ſie nach einer kleinen Weile die Dame;—„viel⸗ leicht bereue ich auch, aber nein!— es iſt beſſer ſo, wie es gekommen, und ich bin dadurch einer ſchweren Ver⸗ ſuchung überhoben worden; was würde die Welt dazu 61 geſagt haben, wäre ich als Nebenbuhlerin meiner eigenen Tochter aufgetreten?“ Dieſe letztere Wendung berührte Julien ſehr unange⸗ nehm; danach ſchien es ſich um ein Verhältniß zu handeln, das unpaſſend, wenn nicht gar verbrecheriſch erſcheinen mußte, und die Theilnahme dafür ging ihr ſchnell ver⸗ loren, indeſſen wurde ihre Neugierde nur noch mehr ge⸗ reizt, zu entdecken, welche ältere Dame der Geſellſchaft ſich auf eine anſcheinend ſo abenteuerliche Liebſchaft eingelaſſen haben mochte. „Biſt Du denn wirklich nicht glücklich?“— fuhr die Dame nach einer kleinen Pauſe in zärtlich beſorgtem Tone fort;—„kann Deine Frau nicht Dein ſtürmiſch ver⸗ langendes Herz befriedigen?— Sie liebt Dich, wie ich genau weiß, mit voller Hingebung; warum ſuchſt Du noch nach einem anderen, eingebildeten Glücke?“ Der Anbeter war alſo ein Ehemana!— das gefiel Julien noch viel weniger als alles bisher Gehörte, und ſie fühlte dabei ſogar eine ängſtliche Beklommenheit ihres Herzens. „Ich erkenne ihre Liebe und alle ihre vortrefflichen Eigenſchaften vollkommen an,“ lautete die Antwort,— „aber ich ſchwöre Dir, daß meine Wahl dennoch anders 62 ausgefallen ſein würde, wenn ich hätte wagen dürfen, mich Dir mehr zu nähern. Kann ich Dir eine Rechenſchaft von den Gefühlen meines Herzens ablegen, die ſich damals in einem furchtbaren Kampfe ſtritten?— Das Verhängniß hat mich geleitet, Deine eigene Zurückhaltung hat es ge⸗ macht und heute—“ „Still, Stephan!“ unterbrach die Dame die lauter und feuriger werdenden Auslaſſungen ihres Verehrers, ohne indeſſen im Mindeſten erzürnt zu erſcheinen,—„wir dürfen uns nicht ſo gefährlichen Träumen überlaſſen, die übrigens Nichts mehr an der Wirklichkeit ändern können; wir ſind es der armen Julie ſchuldig, uns in das Ge⸗ ſchick zu fügen, das uns Allen auferlegt worden iſt, und wie ich mich auch Deiner treuen Hingebung freue—“ Die junge Frau hörte Nichts weiter, denn es brauſte ihr wild vor den Ohren, wie es ihr auch vor den Augen finſter zu werden begann. Hatten die letzten Worte der Beiden ſchon eine böſe Ahnung in ihr erweckt, da der Klang der Stimmen immer deutlicher erkennbar für ſie geworden, ſo war es ihr auch inzwiſchen gelungen, eine kleine Lücke in dem dichten Gebüſche zu finden, durch die ſie einen Blick werfen konnte, und ſo wurde ihr auf zwei Arten die Ueberzeugung, daß es die Fürſtin, ihre Mutter 63 war, die in dieſer mehr als vertraulichen Weiſe mit ihrem Gatten, Graf Stephan konverſirte. Beide ſah ſie dicht nebeneinander, ihr den Rücken zu⸗ wendend, ſitzen, aber ſie erkannte ſie genan und bemerkte, wie Graf Stephan die Hand ſeiner Schwiegermutter in der ſeinigen hielt und ſich ſehr nahe zu ihr gebeugt hatte; deren beiderſeitiges Verhältniß konnte kaum eine zweifel⸗ hafte Auffaſſung finden. Julie, deren Herz von einem noch nie gekannten Schmerze zerriſſen wurde, glaubte ohnmächtig werden zu ſollen, aber inſtinktiv fühlte ſie, daß Alles, was ſie ſo tief entſetzte, nur noch ſchlimmer werden müſſe, wenn ſie jetzt ihre Anweſenheit an dieſem Orte und die Kenntniß von Dem, was ſie geſehen und gehört hatte, verrathen würde. Sie ſelbſt wußte nicht, wie ſie es möglich machte, ſich ganz leiſe zurückzuziehen,— mehr wollte ſie in keinem Falle hören,— und ſchwankend auf den Füßen, wirr im Kopfe, ſuchte ſie die Laube zu verlaſſen; ſie ge⸗ langte auch glücklich bis zu einer weiter entfernten, gerade zur rechten Zeit, denn ihre Kräfte verließen ſie nun wirklich. Halb bewußtlos ſank ſie dort auf die Gartenbank nieder, ihre Hände falteten ſich im Schoße, das Haupt 64 neigte ſich auf die Bruſt nieder, und die Ohnmacht, der ſie ſo lange Widerſtand geleiſtet hatte, kam nun wirklich über ſie. Eine ganze Weile mochte ſie auf dieſe Weiſe hülflos zugebracht haben, bis ſie das Bewußtſein wiedererlangte; es war ihr, als fühlte ſie eine fremde Berührung, und mit einem tiefen Seufzer ſchlug ſie langſam die Augen auf; die Erinnerung an das vorher Erlebte war ihr noch garnicht zurückgekehrt. Was ſie zunächſt vor ſich ſah, über⸗ raſchte ſie ſo ſehr, daß ſie nahe daran war, einen lauten Hülferuf auszuſtoßen. Ein ihr ganz unbekannter junger Mann in elegantem ſchwarzen Civilanzuge ſtand, ihren Fächer, der ihr jeden⸗ falls während der Ohnmacht entfallen war, in der Hand haltend, in ſichtlicher Beſtürzung vor ihr und rief mit ge⸗ dämpfter Stimme wiederholentlich, indem er ſich zu ihr niederbeugte: „Mein Fräulein— gnädigſtes Fräulein— kommen Sie doch zu ſich und ſagen mir, ob ich Ihnen irgend einen Dienſt leiſten darf!“ Julie hatte dieſen Herrn noch nie geſehen; da ſie ſelbſt noch nicht recht begriff, was mit ihr eigentlich vor⸗ gegangen war, konnte ſie ſein Benehmen nur für ſehr zu⸗ 65 dringlich halten, und er erſchreckte ſie, wiewohl ſeine Per⸗ ſönlichkeit und ſein ganzes Weſen unter anderen Umſtänden dazu gewiß nicht Veranlaſſung gegeben haben würden. Er war ein ſchlanker, wohlgebauter Mann von höch⸗ ſtens ſechsundzwanzig Jahren, offenbar befähigt, in der beſten Geſellſchaft aufzutreten, wenn er in derſelben auch gerade keinen hohen Rang einnehmen mochte, denn auf dem einfachen ſchwarzen Fracke ſah man kein Ordensbänd⸗ chen oder gar einen glänzenden Stern, die doch hier ſo vielfach zur Schau getragen wurden. Sein blaſſes ſchma⸗ les Geſicht hatte ſehr edle Züge, eine hohe Stirn, die von langem, leichtgelockten, ſehr dunklen Haare umrahmt wurde, und in den ebenſo dunklen Augen lag ein ſanftes, ſchwär⸗ meriſches Feuer; dies Geſicht war äußerſt geiſtvoll und intereſſant, und es entbehrte auch nicht eines männlichen Ausdruckes, wiewohl Wangen, Kinn und Oberlippe, ſorg⸗ fältig raſirt, keine Spur von Bart trugen. Der junge Mann ſah wie ein Gelehrter oder Künſtler aus, das Genie war ihm gewiſſermaßen auf die Stirne geſchrieben. In ſeinem ganzen Weſen lag eher etwas Beſcheidenes wie Anmaßendes, und Julie that ihm in der That Unrecht, wenn ſie ihn augenblicklich des Letzteren beſchuldigte, na⸗ türlich ohne weitere Ueberlegung. Auch er hatte eine Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 5 66 Promenade in dem Wintergarten gemacht, weil ihn das geräuſchvolle Treiben in den Ballſälen wahrſcheinlich nicht anſprach, der Zufall ihn an dieſen Platz, der ja Jedem geöffnet ſtand, geführt, und als er daſelbſt eine ohnmäch⸗ tige, augenſcheinlich der Hülfe bedürftige Dame fand, die er durchaus nicht kannte, war er ſehr peinlich überraſcht worden und ganz unentſchloſſen, wie er ſich beneh⸗ men ſolle. Lärm zu ſchlagen und die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf Julie zu lenken, die, wie er hoffte, ſich bald wieder erholen würde, ſchien ihm nicht angemeſſen, weil er ſie damit in große Verlegenheit zu ſetzen fürchtete; ſich ohne Weiteres zurückzuziehen, wäre herzlos geweſen; er wußte eben nichts Beſſeres zu thun, als ihren Fächer vom Boden aufzuheben, ihre Hände damit leicht zu be⸗ rühren und in der ehrerbietigſten und ängſtlichſten Weiſe zu ihr zu ſprechen. Daß Juliens Schönheit einen beſon⸗ deren Eindruck auf ihn machte, ließ ſich allerdings nicht leugnen, aber er hatte ſich deshalb noch keineswegs zu dieſem kleinen Abenteuer, das für ihn vollſtändig aus den Wolken fiel, gratulirt. Im Sturme kehrten Julien die Gedanken und Er⸗ innerungen wieder; ſie wurde dadurch in eine Verzweiflung 67 geſetzt, die ſie momentan unfähig machte, auf die geſell⸗ ſchaftlichen Formen Rückſicht zu nehmen, und ihr alle ruhige Ueberlegung raubte; es kam ihr vor, als müſſe der Unbekannte Zeuge ihres Unglücks, das ſie ſich der Welt zu geſtehen ſchämte, geworden ſein, als habe er ſich ſelbſt unberechtigt dazu gedrängt, und ſie war ihm bitterböſe darüber; unbewußt kam dazu wohl auch die Gewohnheit, eine Stellung in der Geſellſchaft einzunehmen, der ſich Niemand nähern durfte, ohne ihr in aller Form vorgeſtellt und empfohlen worden zu ſein. Das Blut trat raſch in ihre Wangen zurück; aus ihrem Auge blitzte es wie Unwille, ohne ein Wort nahm ſie ihren Fächer faſt gewaltſam wieder an ſich und ver⸗ ließ ſchnell die Laube, den jungen Mann nicht einmal der kürzeſten Erklärung würdigend. Der Letztere blieb wie verſteinert ſtehen; das Be⸗ tragen der Dame konnte ſo unhöflich erſcheinen, daß er ſich dadurch auf das Tiefſte beleidigt gefühlt haben würde, hätte er nicht eben einen tieferen Eindruck ihrer Schön⸗ heit empfunden und deshalb verſucht, ſie zu entſchuldigen; vielleicht war ſie wirklich ſehr unglücklich,— aber weiſt das Unglück ſo trotzig jede Hülfe, jeden Troſt zurück, 5*½ 68 öffnet es nicht gerade das Herz und beugt deſſen Stolz nieder? Langſam, den Kopf ſchüttelnd, mit ſehr ernſter Miene verließ er erſt nach einer längeren Pauſe das Bosquet; es trieb ihn doch, zu beobachten und in Erfahrung zu bringen, wer die ſchöne, ſo ungnädige Dame geweſen ſei. Julie wußte keinen anderen Ausweg, als wieder in die Ballſäle zurückzukehren; im Wintergarten fürchtete ſie ſowohl ihrer Mutter als ihrem Gemahle, wie dem jungen, blaſſen Manne zu begegnen. Freilich koſtete es ſie, bei ihrer großen Seelenaufregung und der körperlichen Schwäche, die ſie noch immer fühlte, unendliche Mühe, ihre Mienen und ihr ganzes Weſen zu beherrſchen, aber die Nothwen⸗ digkeit dafür trat zu dringend an ſie heran. Sollte ſie ſich jetzt krank ſtellen und verlangen, nach Hauſe zurück⸗ zukehren?— Dies würde nicht ohne Aufſehen abgelaufen ſein, und der Wagen, der die fürſtliche Familie abholen ſollte, war auch auf eine ſpätere Stunde beſtellt. Sie mußte erſt Zeit gewinnen, zu überlegen, wie ſie ſich fortan ihrer Mutter und Graf Stephan gegenüber zu be⸗ nehmen hätte, und bis ſie einen feſten Entſchluß gefaßt haben würde, ihnen zu entgehen ſuchen. Dies war nur 69 möglich, wenn ſie ſich wieder zum Tanze engagirte— welch' grauſame Aufgabe für ſie! Der Zufall wollte, daß einer ihrer gewöhnlichen Ka⸗ valiere ſie jetzt darum anſprach; er behauptete, ſie ſchon geſucht zu haben. Sie ſagte ſelbſt willenlos zu, und legte ihre Hand in die ſeinige. Mochte er ſie verwundert dar⸗ über anblicken, daß ſie auf ſeine intereſſante Konverſation kaum eine Silbe zu erwidern hatte und ſich ganz un⸗ gewöhnlich zerſtreut zeigte, ſie bemerkte dies garnicht einmal.. Warum ſollen wir noch zu ſchildern verſuchen, was in der Bruſt der armen jungen Frau vorging? Verrathen und getäuſcht von Denen, die ihr am nächſten ſtanden und welche ihre ſchönſten, vertrauungsvollſten Gefühle geſtört hatten, begriff ſie kaum noch, wie ſie ein Leben fortführen könne, das ihr garkeine Hoffnungen mehr darzubieten ſchien. Die ſtrahlenden Lichter um ſie her waren vor ihrem Auge ausgelöſcht, die rauſchende, luſtige Tanzmuſik klang ihr wie ein dumpfer Todtengeſang in das Ohr, und ſie meinte, alle Menſchen, die ſie umgaben, müßten ihre Feinde ſein, hatte ſie früher doch ſchon an deren aufrich⸗ tiger Freundſchaft gezweifelt. Julie dachte jetzt auch an ihren Bruder, denn ſie 70 fühlte keinen ſehnſüchtigeren Wunſch, als ſich ihm an die Bruſt zu werfen und ſeinen Rath und Troſt in Anſpruch zu nehmen; ſie beurtheilte ihn auf einmal ganz anders; er hatte ja recht gehabt, als er ſich gegen Graf Stephan erklärte,— der Beweis dafür lag nur zu deutlich vor ihr— er war viel, viel klüger und weitſehender geweſen wie ſie, was ſie bis dahin ſehr bezweifelte. Hatte ſie ihm den Vorwurf machen zu müſſen geglaubt, daß er der Mutter gegenüber trotzig aufgetreten war,— auch ſie hatte ihn ja verkannt— ſo wurden ihr jetzt die Beweggründe klar, die ihn dazu nöthigten. O, ſie wollte, ſie mußte nun ebenſo handeln wie Victor! Das Band der kindlichen Liebe und Ehrfurcht war zerriſſen; die eigene Mutter liebäugelte mit ihrem Gatten, wer weiß bis zu welchen Grenzen?— darüber hatte ſie noch keine Gewißheit, aber wer könnte es der beleidigten Frau übelnehmen, wenn ſie ſich darüber die ſchlimmſten Vorſtellungen machte, nachdem ihr die Achtung vor der weiblichen Würde der Mutter einmal vollſtändig verloren gegangen war? Aber Victor, der Tiefgekränkte, hatte ſich doch zu mäßigen gewußt; wäre er jetzt bei ihr geweſen, würde er ihr unzweifelhaft daſſelbe gerathen haben. Wohin konnte 71 es führen, wenn ſie ſich jetzt auf ihr Recht berief und der Fürſtin eine Anklage in das Geſicht ſchleuderte, welche dieſelbe nicht anders beantworten konnte, als daß ſie ſich von ihrer Tochter trennte?— Und welches Leben hätte ihr dann an der Seite ihres Gemahls bevorgeſtanden? Julie war noch vernünftig genug, dies zu überlegen; hatte ſie die Achtung für ihre Mutter, die Liebe für ihren Gemahl verloren, ſo wollte ſie ſich ſelbſt doch nicht gänz⸗ lich aufgeben. Die ſchönen und heiligen Gefühle waren ertödtet, der Egoismus machte nun ſeine Anſprüche. Allmälig gelang es ihr, ſich wenigſtens äußerlich zu beruhigen; ſie nahm ſich feſt vor, Nichts von der trauri⸗ gen Entdeckung, die ſie der Zufall machen gelaſſen hatte, zu verrathen, um einſtweilen noch deſto beſſer beobachten zu können, wie groß die ihrer Mutter und ihrem Gatten zufallende Schuld ſei; inzwiſchen wollte ſie an Vietor ſchreiben und ihn dringend bitten, zu ihr zu kommen, ohne indeſſen ihn vorläufig von ihrem Kummer in Kenntniß zu ſetzen; niederzuſchreiben vermochte ſie eine ſo ſchwere, faſt unglaubliche Anklage nicht und behielt es ſich vor, ihm mündlich Eröffnungen zu machen und ſeinen brüderlichen Rath in Anſpruch zu nehmen. Nachdem ſie dieſe Vorſätze gefaßt hatte, kehrte ſie ſich 72 wieder mehr ihrer jetzigen Umgebung zu, denn ſie begriff, daß ſie die Rückſichten auf dieſelbe vernachläſſigt habe und daß ſie dadurch Anderen Stoff zu Urtheilen geben würde, die ihr nicht lieb ſein könnten. Sie wurde zu⸗ nächſt wieder freundlicher und aufmerkſamer für ihren Tänzer, der ſich dadurch bald wieder verſöhnt fühlte, und erinnerte ſich nun auch mit einer Empfindung von Scham ihres ungerechtfertigten Benehmens gegen den jungen blaſſen Mann, der es ohne Zweifel garnicht böſe mit ihr gemeint hatte und auch nicht im Mindeſten über die Grenzen der Beſcheidenheit hinausgetreten war. Was mußte er wohl von ihr denken?— 3 Ihre Augen ſuchten in der großen Geſellſchaft, und es dauerte auch garnicht lange, bis ſie ihn fanden; Julie erröthete dabei, aber nicht aus einem tieferen Intereſſe für Jenen, ſondern weil ſie ſich ihres vorherigen Be⸗ tragens ſchämte. Er tanzte nicht, ſondern ſtand ihr gerade gegenüber, hinter anderen glänzenden Perſönlichkeiten zurückgezogen, in der offenen Thür eines Nebenzimmers; ſie überraſchte ihn dabei, wie er die dunkeln Augen forſchend auf ſie ge⸗ richtet hielt, aber als er ihrem Blicke begegnete, wandte er ſich ſchnell zur Seite. 73 Zufällig kam in dieſem Momente ein ihr bekannter höherer Staatsbeamter, der ſeinen Umgang immer ſehr ſorgfältig und penibel zu wählen wußte und ſich gerade nicht durch Leutſeligkeit gegen Niedrigerſtehende auszeichnete, zu ihm heran und begrüßte ihn in ſehr artiger, halbver⸗ traulicher Weiſe; augenſcheinlich ordnete der junge Mann ſich ihm beſcheiden unter, aber dabei war Nichts von krie⸗ chender Schmeichelei zu bemerken, im Gegentheil wußte er eine gewiſſe Würde zu beobachten; er mußte dieſelbe doch wohl auf irgend Etwas ſtützen dürfen. „Wer iſt der ſo einfach ausſehende junge Mann, mit dem ſich dort drüben ſoeben der Miniſter Graf H... unterhält?“ konnte Julie nicht umhin, ihren Tänzer zu fragen. „Ah, Sie kennen unſer erſtes muſikaliſches Genie, den König der Tonkunſt, wie ihn die heutige Mode wenigſtens nennt, noch nicht, meine gnädige Gräfin?“ lautete die Antwort, die allerdings ein wenig ſpöttiſche Färbung hatte. „Freilich iſt es erſt ein neuaufgegangener Stern an un⸗ ſerem Horizonte, aber er brillirte ſchon in den kaiſerlichen Gemächern und hat deshalb unzweifelhaft eine große Zu⸗ kunft; die höchſten Herrſchaften haben ſich ihm ſehr gnädig erwieſen, und der Kaiſer ſoll beabſichtigen, ihm eine Pro⸗ 74 feſſur der Muſik zu ertheilen; ich glaube, er iſt auch ſchon Lehrer der jungen Erzherzogin geworden. Ja, dieſe ſo⸗ genannten Genies tauchen wie die Kometen auf und ziehen einen langen Schweif enthuſiasmirter Bewunderer hinter ſich her, während Unſereiner, der doch von Familie iſt—“ Julie unterbrach die beabſichtigten, wohl etwas nei⸗ diſchen Herzensergießungen ihres vornehmen Kavaliers in der reichen Uniform durch die Frage: „Und wie wird dieſer glänzende Stern im gewöhn⸗ lichen Leben genannt? welche Stellung nimmt er darin überhaupt ein?“ „Doktor Fröhlich iſt, ſoviel ich weiß, ein armer Teu⸗ fel, in irgend einer obſkuren Ecke geboren; den Doktortitel hat er ſich durch ſein Studium auf der Univerſität er⸗ worben, das ich nicht näher zu bezeichnen weiß, jedenfalls iſt er darin aber ein Pfuſcher geblieben und hat vor⸗ gezogen, durch die edle Muſika, für die er außerordentliche Anlagen beſitzen ſoll, zu Brod zu kommen. Ich habe ihn noch nicht gehört, aber man iſt allerſeits entzückt von ſeinem Talente; es ſoll uns ſogar eine großartige Schöpfung von ihm bevorſtehen, eine Oper, welche unſere Muſikenthuſiaſten im Voraus in die lebhafteſte Bewegung verſetzt, und wenn ſie nicht, wider Erwarten, ausgepfiffen — — 75 wird, ſo macht er ſeine Carriére— darauf können Sie ſich verlaſſen, Frau Gräfin.“ Julie fragte Nichts weiter, ſowohl weil ſie das nun erſt in ihr aufkeimende Intereſſe für Doktor Fröhlich nicht zu ſehr verrathen wollte, als weil ihr der Ton garnicht gefiel, in welchem der geiſtloſe, urtheilsunfähige Kavalier ſich über den Träger eines Genies ausdrückte, das ihr Achtung abnöthigte. Sie lenkte die Unterhaltung auf ein anderes Feld und ſchien den blaſſen jungen Mann wieder gänzlich vergeſſen zu haben; ihre eigenen Angelegenheiten traten auch bald wieder ganz in den Vordergrund. Sie erblickte ihre Mutter, die Fürſtin, die ohne jedes Anzeichen innerer Erregung wieder ihren Platz im Ball⸗ ſaale eingenommen hatte und lachend und ſcherzend mit den ihr huldigenden Herren und Damen konverſirte. Dem⸗ nach konnte es ausſehen, als laſſe ſich wirklich nicht zuviel Bedeutung auf die vorherige ernſte Unterredung mit Graf Stephan legen, aber die junge Frau vermißte ihren Gatten noch,— möglich, daß er ſich zurückgezogen hielt, weil jene Unterredung ihn trübe geſtimmt hatte. Sie irrte ſich ſehr in ihm; Graf Stephan nahm das unnatürliche Verhältniß zu ſeiner Schwiegermutter ebenſo leicht wie ſein ähnliches zu ihr; bei dem erſteren ver⸗ 76 folgte er ſogar noch ganz beſonders eigennützige Zwecke, und jetzt befand er ſich ſchon wieder ganz wohl und heiter unter ſeinen guten Freunden am Spieltiſche; den Winter⸗ garten hatte er ſchon längſt vergeſſen. Als der Tanz vorüber war, fand ſich Julie genöthigt, ſich wieder ihrer Mutter zu nähern; die widerſtrebenden Empfindungen, mit denen dies geſchah, machten ihr erſt recht klar, wie ſehr ihr gegenſeitiges Verhältniß ſich nun verändern mußte, und doch durfte ſie dies nicht laut werden laſſen, ſie mußte in die Schule der Verſtellung gehen. Fürſtin Mathilde empfing ſie ganz unbefangen, viel⸗ leicht noch mit mehr Zärtlichkeit wie ſonſt; ſchwerlich konnte ſie dadurch gerührt werden. Sie ſprachen von gleich⸗ giltigen Dingen, und Julie tanzte bald wieder, nur um aus dieſer für ſie ſo peinlichen Situation zu kommen. Heute bedauerte ſie garnicht, daß ſie ihren Gemahl an dieſem Abende nicht wiederſah; es würde ihr auch viel ſchwerer geworden ſein, ihm, wie der Mutter gegenüber ihre Faſſung zu behaupten. Heimlich ſeufzte ſie aus er⸗ leichterter Bruſt auf, als ſich die Geſellſchaft endlich trennte und ſie dann, zu Hauſe angekommen, von der Fürſtin Abſchied nehmen konnte, um ſich in ihre eigenen Zimmer zurückzuziehen. 77 Man wird nicht bezweifeln dürfen, daß ſie eine ſehr traurige Nacht verbrachte, indeſſen erſchien ſie am nächſten Morgen ſo ruhig wie immer, und nahm die Entſchuldi⸗ gungen des langen Ausbleibens ihres Gemahls ſcheinbar freundlich auf; weder er noch die Färſtin ahnte, daß etwas Außergewöhnliches in ihrem Innern vorging. Noch an demſelben Tage ſchrieb Julie an ihren Bruder, wie ſie es ſich vorgenommen hatte, aber ſie drückte ſich ſehr befangen und ängſtlich aus und er konnte ſie nicht verſtehen; wenn er auch daraus ahnen mochte, daß es ſchon zu Zwiſtigkeiten zwiſchen ihr und Graf Stephan ge⸗ kommen ſein möge, ſo hielt er dieſelben doch nicht für ſo bedeutend, daß ſeine Einmiſchung erforderlich ſei, und traute ſich auch keinen beſonderen Einfluß auf ſolche An⸗ gelegenheiten mehr zu. Inzwiſchen hatte Julie ihren Beobachtungspoſten ein⸗ genommen; freilich ſah ſie nicht mit klarem, vorurtheils⸗ loſen Auge, aber ſehr häufig hatte ſie Recht, wenn ſie eine unpaſſende Vertraulichkeit zwiſchen ihrem Gemahle und der Fürſtin zu entdecken glaubte; ihr Herz füllte ſich da⸗ durch immer mehr mit Bitterkeit an, aber ſie wußte zu ſchweigen. Dieſe ſchwere, unnatürliche Selbſtbeherrſchung konnte ſelbſtverſtändlich nicht vortheilhaft auf ihr ganzes 78 Gemüthsleben, ihren Charakter einwirken; ſchließlich glaubte ſie ſich auch von ihrem Bruder verlaſſen, auf den ſie ihr letztes Vertrauen geſetzt hatte, und nun meinte ſie das Recht gewonnen zu haben, ſich rächen zu können. Aber es dauerte doch noch eine geraume Zeit, bis ſie den Muth dazu fand. 1— Die Winterſaiſon ging zu Ende. Julie hatte den Doktor Fröhlich, der wirklich mit einer Oper in die Oeffent⸗ lichkeit getreten war, welche allgemein großen Beifall fand und ſie ſelbſt entzückte, faſt in allen größeren Geſellſchaften wiedergeſehen, aber er hielt ſich ferne von ihr, wenn ſie auch häufig zu bemerken glaubte, daß er eine ſehr in⸗ tereſſirte Aufmerkſamkeit auf ſie verwandte. Sie wünſchte dringend, daß er ſich ihr vorſtellen laſſe, blos um ihm eine Entſchuldigung für ihr damaliges Benehmen zu geben, das ſie jetzt wirklich bedauerte; aber er kam ihr nicht ent⸗ gegen; offenbar war er beleidigt. Uebrigens trat er garnicht ſo ſchüchtern auf, nach⸗ dem ſein Talent in dieſer vornehmen Geſellſchaft An⸗ erkennung gefunden und ihm durch die kaiſerliche Gnade wirklich ein berechtigter Platz in derſelben angewieſen war; dem jungen Profeſſor der Muſik wurden mancherlei Hul⸗ digungen zugetragen, weil es die Mode ſo mit ſich brachte, 79 und ſie hatte faſt jedesmal Gelegenheit, ſich zu überzeugen, mit welch beſcheidener Würde er dieſelben aufnahm; ſelbſt die vornehmen jungen Damen machten ihm den Hof, und wenn auch keine von ihnen daran dachte, dem bürgerlichen Genie ihr Herz anzutragen, ſo würde es ihrer Eitelkeit doch ſehr geſchmeichelt haben, hätte er ſich beſtechen laſſen, ihr Muſiklehrer zu werden. Aber Doktor Fröhlich wies auch die glänzendſten Honoraranerbietungen dafür zurück, indem er vorgab, ſeiner Muſe ganz ungenirt huldigen zu müſſen; nur Lehrer der jungen Erzherzoginnen, die noch Kinder waren, blieb er und ſah ſich dadurch in äußerlich ſehr günſtige Verhält⸗ niſſe verſetzt. Was Julie jetzt zufällig von dieſem Manne hörte, intereſſirte ſie; um jeden Preis wollte ſie ihn näher kennen lernen und ihren Fehler wieder gutmachen. Sie entſchloß ſich endlich, die ſteife Etikette zu brechen und ihrerſeits den erſten Schritt zu thun. Dieſes Verlangen war bei ihr mehr als Caprice, faſt eine fixe Idee geworden. In dem Hauſe ihrer Mutter ſollte eine große Ge⸗ ſellſchaft ſtattfinden. Doktor Fröhlich hatte nicht ſeine Aufwartung gemacht, mußte alſo ſelbſtverſtändlich von einer Einladung ausgeſchloſſen bleiben. Zur höchſten Ver⸗ — ——— ſſſſſſ ⅛ 80 wunderung der Fürſtin ſprach Julie nun auf einmal den Wunſch aus, eine ſolche möge dennoch an ihn ergehen, und ſuchte dies damit zu motiviren, daß ein Meiſter der Kunſt, der ſie wirklich leidenſchaftlich ergeben war, nicht in dem glanzvollen Kreiſe ihres Hauſes fehlen dürfe und daß man einem ſo großen Genie wohl den Mangel an Form, der Etikette nachſehen könnte; ſie fügte hinzu, daß ihr beſonders daran liege, ihre muſikaliſchen Studien unter der Leitung Doktor Fröhlichs fortzuſetzen, und erwiderte auf die Entgegnung ihrer Mutter, daß der Profeſſor in dieſer Beziehung ſelbſt die vortheilhafteſten Anerbietungen ausgeſchlagen habe, mit zuverſichtlichem Lächeln, ſie wolle ihn durch liebenswürdige Aufmerkſamkeit ſchon zu ihrem Lehrer gewinnen. Kurz, ſie ſetzte es durch, daß Doktor Fröhlich eine ſehr höfliche Einladung erhielt, und ihr Herz klopfte in Erwartung, wie er dieſelbe aufnehmen werde; er mußte ja verſtehen, daß dieſelbe von ihr ausgegangen war und daß ſie ihn mit ihrem damaligen unfreundlichen Beneh⸗ men wieder zu verſöhnen gedachte. Aber Doktor Fröhlich beſaß auch ſeinen Stolz; er lehnte die Einladung ſehr höflich, aber eigentlich ohne ge⸗ nügende Angabe eines Grundes ab. Das hatte Julie 81 nicht erwartet und war anfänglich erbittert auf den jungen Mann, zumal ſie nun noch Vorwürfe von ihrer Mutter hören mußte; ihr Gemahl bekümmerte ſich um die Sache nicht im Mindeſten. Bei reiflicherem Nachdenken fand ſie indeſſen doch, daß Doktor Fröhlich eigentlich garnicht an⸗ ders handeln gekonnt hatte, ohne ſich zuviel zu vergeben; jetzt fühlte ſie ſich umſo mehr aufgefordert, ihren Zweck dennoch zu erreichen. Die geſellſchaftlichen Feſte drängten ſich in der Win⸗ terſaiſon; die Fürſtin und ihre Familie waren faſt an keinem Abende zu Hauſe. Schon einige Tage ſpäter traf Gräfin Julie in einem größeren Cirkel, wo ſich die jüngere Welt beſonders dem Tanze widmete, wieder mit dem Pro⸗ feſſor zuſammen. Er tanzte nicht und ſchien ſie am aller⸗ wenigſten zu beachten, und doch wäre es ſo leicht und eigentlich angemeſſen geweſen, daß er ſich vorſtellen ließ, um perſönlich ſeine Abſagung zu rechtfertigen oder zu ent⸗ ſchuldigen! Die Fürſtin dachte wohl kaum noch an den jungen Mann, der ſie eigentlich beleidigt hatte, Julie aber ließ ihn wenig aus den Augen. Jedenfalls war es eine ziemlich kühne Idee von Ju⸗ lien, einen Herrn zum Tanze aufzufordern, der ihr nicht Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 6 82 allein noch garnicht förmlich vorgeſtellt worden, ſondern obenein noch ſeine Abneigung gegen den Tanz überhaupt deutlich genug kundgab; aber was durfte ſich die ſchöne und angeſehene Gräfin Bielinska nicht erlauben?— Ihr Kavalier, der noch von keinen Beziehungen irgend welcher Art zwiſchen ihr und Profeſſor Fröhlich, den er garnicht näher kannte, wußte, machte zwar eine verwunderte Miene, als ſie bei einer bekannten Wahltour die Aufforderung an ihn ergehen ließ, ſie Jenem zuzuführen, erlaubte ſich aber doch nicht derſelben Worte zu geben. Fröhlich veränderte keine Miene in ſeinem ernſten, kalten Geſichte, als die Dame gerade auf ihn zukam; er hielt ſich wohl überzeugt, daß ſie ihn nicht ſuchen könne; als das Unglaubliche aber dennoch geſchah, zuckte er ſicht⸗ lich zuſammen und das Blut ſtieg ihm raſch in die blaſſen Wangen. Zweifelnd, faſt mißtrauiſch, als fürchtete er, ſie wolle ſich einen Scherz mit ihm machen, blickte er auf Julie, und es ſchien beinahe, als ſtände er auf dem Punkte, eine Entſchuldigung hervorzubringen, die für die Dame unendlich demüthigend und beleidigend geweſen wäre, aber Julie, die jetzt erſt recht klar begreifen mochte, wieviel ſie gewagt hatte, wurde auf einmal ſo blaß und ſenkte die Augen ſo betroffen zu Boden, daß er ſich verpflichtet fühlte, ſeinem Zögern ein Ende zu machen. Raſch legte er ſeinen Hut bei Seite und reichte ihr die Hand, und eine halbe Minute ſpäter ſchwebte er als der gewandteſte Tänzer mit der jungen Frau über das glatte Parquet dahin. Bis dahin war es noch nicht zu einem Worte zwiſchen den Beiden gekommen; als erſt eine kleine Pauſe eintrat, wandte ſich Julie, die doch ſehr lebhaft fühlte, daß ſie ihrem gezwungenen Tänzer eine Er⸗ klärung ſchuldig ſei, an denſelben und ſagte ihm ge⸗ radezu:„Sie habe dieſe Gelegenheit herbei geführt, um ſich wegen ihres damaligen Benehmens bei ihm zu entſchuldigen.“ Die junge und ſchöne Frau konnte unwiderſtehlich liebenswürdig ſein und zwar ohne die gewöhnliche Koketterie, die ſo bald abzuſtoßen vermag; man mußte ihr anhören, daß ihr jedes Wort aus dem Herzen kam und daß ihr wirklich nur daran gelegen war, eine alte Schuld abzubüßen. Die ernſten Züge des Profeſſors heiterten ſich augen⸗ ſcheinlich auf; ſein etwas ſteifes Weſen wich, und er entſchuldigte ſich nun ſeinerſeits, aber zu einer vollſtän⸗ 6* * 84 digen Ausſprache konnte es nicht kommen, denn der eigentliche Kavalier Juliens näherte ſich nun wieder und beanſpruchte ſein gutes Recht. Wunder über Wun⸗ der!— Doktor Fröhlich, der noch nie in dieſen Kreiſen getanzt hatte, bat die Gräfin ſehr beſcheiden, ihm den nächſten Tanz zu vergönnnen,— und Julie ſagte ſehr bereitwillig zu. Sie hatte, ihrer Meinung nach, einen glänzenden Triumph gefeiert und war ſtolz darauf; eine innigere Empfindung für den Doktor lag ihr ſehr fern, aber ſie freute ſich doch, ſeinen— wohl gerechten— Stolz beſiegt zu haben. Doktor Fröhlich tanzte an dieſem Abende wirklich noch einmal mit ihr, was, bei ſeiner ſonſtigen Zu⸗ rückhaltung, ſchon auf ufallen begann; am anderen Tage machte er die förmliche Viſite der Fürſtin und ihrer Tochter, und Erſtere war auch wieder ganz verſöhnt mit ihm, als er ſich, nur auf einen leiſe angedeu⸗ teten Wunſch Juliens hin, faſt freiwillig anbot, die⸗ ſelbe bei ihren weiteren muſikaliſchen Studien zu unter⸗ ſtützen. 87 Jugend an eingeimpften Anſichten, welche in den Kreiſen, in denen er ſich ſpäter bewegte, nur Nahrung fanden, richtig erwägt, wird man ſich nicht darüber wundern können, daß er die Revolution an und für ſich verabſcheute, manche ihr zu Grunde liegende höhere Beweggründe nicht zu ver⸗ ſtehen und nur das übermüthige Gebahren eines wüſten Pöbels darin zu erblicken vermochte, das allerdings augen⸗ blicklich auch ſehr in den Vordergrund trat. Die Namen angeſehener, geachteter Männer ſtanden vorläufig nicht an der Spitze dieſer Bewegung; es waren meiſtens nur na⸗ menloſe Abenteurer oder junge, unreif erſcheinende Enthu⸗ ſiaſten, welche dem ſogenannten Volke von ſeinen Rech⸗ ten ſprachen und daſſelbe aufforderten, dieſelben nöthigen⸗ falls mit Gewalt zu erringen, und mannichfache Unord⸗ nungen wurden dadurch herbeigeführt; die angeregten Lei⸗ denſchaften wollten am liebſten alles, gleichviel ob zu Recht oder Unrecht Beſtehende umſtoßen, wie es ſchien. In dieſem Zwieſpalte konnte ſich Victor nur auf die Seite der Regierungen ſtellen, welche, vielleicht mit zu ſcharfem Drucke, die Bewegung niederzuhalten verſuchten; er würde, als Berufsſoldat, denſelben ſogar für den Noth⸗ fall gerne ſeinen Degen zur Verfügung geſtellt haben, aber in die vaterländiſche Armee mochte er doch nach dem Vor⸗ 88 gefallenen nicht wieder eintreten, was wohl auch ſeine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, und anderswo er⸗ öffnete ſich ihm dazu noch weniger Ausſicht. Da, wo er ſich befand, brach der Kampf nun wirk⸗ lich aus: offener Aufſtand des ſogenannten Volkes mit bewaffneter Hand und blutiges Gemetzel in den Straßen mit den regierungsfreundlichen Truppen, ſchwere Opfer auf beiden Seiten, Mord und Brand. Es waren ein paar entſetzliche Tage, welche mit dem Zurückziehen des Militärs und ſcheinbarem Triumphe der Revolution abſchloſſen. Alle Sympathien des jungen Grafen Horneck waren auf Seite ſeiner Kameraden in der Uniform geweſen; aber wie heiß auch ſein Blut aufwallen mochte und wie es ihn gedrängt hatte, die letztere Partei thätig zu ergreifen, fehlte es ihm doch an der Gelegenheit dazu und Klugheit gebot, ſich, wo die eigene Perſon garnicht in das Gewicht fallen konnte, möglichſt vorſichtig zurückzuhalten. Nach dieſem Erfolge der Aufſtändiſchen ließ ſich mit Beſtimmtheit vorausſehen, daß ähnliche Ausbrüche in den näher gelegenen kleineren Reſidenzen nicht ausbleiben würden, und nach den ſchreckensvollen Bildern, die ſich ſeinen Augen dargeſtellt hatten, wurde Victor von der bangſten Be⸗ ſorgniß für ſeine Vaterſtadt erfüllt. Er ſelbſt hatte ge⸗ 89 meint, jedes Band, das ihn noch an dieſelbe feſſeln könnte, ſei zerriſſen; er hatte ſie nie wiederzuſehen ge⸗ wünſcht, aber nun ſchlugen dieſe Empfindungen auf einmal gewaltſam um. Es könnte kaum ie Erwähnung bedürfen, was den größten Einfluß auf dieſe Veränderung ausübte. Victor fürchtete weder für ſein Vermögen, das zum größten Theile ſich dort befand, noch für ſeine alten Kameraden, deren Beruf und Pflicht es ja war, den Thron zu beſchützen; er war auch noch zu erbittert auf die herzogliche Familie, die ihn, ſeiner Meinung nach, ſo ſchmählich fallen gelaſſen hatte,— aber er ſah in banger Ahnung die junge Erb⸗ herzogin Anna den Inſulten des Pöbels ausgeſetzt, und das brachte ſein Blut in Kopf und Herzen zum Sieden. Bis dahin hatte er ſich wohl zu überreden geſucht, die Erbherzogin trage auch eine Schuld an ſeinem Unglücke, ſie hätte ihn wenigſtens beſſer vertheidigen ſollen,— aber dieſer Vorwurf verſchwand nun auf einmal;— es war, als ob ihm auf einmal Schuppen von den Augen fielen, und er ſagte ſich, die hohe Frau hätte unmöglich anders handeln können, ohne ſich auf das Schlimmſte zu kom⸗ promittiren. Mit einem Worte: die alte Neigung, die ſo tief in ſeinem Herzen lag, gewann wieder volle Macht über ihn, als er die Perſon, der ſie geweiht war, in ſchwerer Gefahr glaubte. 8 8 Er machte ſich keine thörichte Hoffnung mehr, daß er jemals wieder in ein intimeres Verhältniß zu der Erb⸗ herzogin treten könne, aber ſie zu beſ ſchützen, für ſie zu ſterben und damit den Beweis iefern, wie innig und treu er an ihr gehangen, der erſten und einzigen Liebe ſeines Herzens, das führte ihn aufs Neue in Ver⸗ ſuchung und beſtimmte ſeinen Entſchluß, ſofort nach der herzoglichen Reſidenz abzureiſen. Was er dort thun und laſſen wollte, wußte er eigentlich ſelbſt nicht; er fühlte nur, daß er in der Stunde der Gefahr nicht weit von Anna ſein dürfe. Es ſchien, daß er gerade zur höchſten Zeit gekommen ſei. Schon eine halbe Meile vor der Stadt waren vom Volke— wir bedienen uns nun einmal der Kürze wegen dieſes wohl nicht ganz gerechtfertigten Ausdruckes, wie er ja damals im Munde aller Parteien war,— die Schienen der Eiſenbahn aufgeriſſen worden, um den Zuzug aus⸗ wärtig garniſonirender Truppen zu erſchweren, und die Paſ⸗ ſagiere mußten, wenn ſie nicht vorzogen, umzukehren, den Reſt des Weges zu Fuß machen. Der Eintritt in die 91 Stadt ſelbſt wurde noch in keiner Weiſe gehindert, denn dort herrſchte eine arge Verwirrung. An demſelben Vormittage, als die Aufregung des Volkes, dem es auch hier nicht an Agitatoren fehlte, bei⸗ nahe ſchon auf das Aeußerſte geſtiegen war, beſonders in Folge der von außen gekommenen Nachrichten, hatte ſich eine Deputation des Magiſtrats und der angeſehenſten Bürger in das herzogliche Schloß begeben und dem Herzog die dringendſten Wünſche und Forderungen ihrer Mit⸗ bürger vorgetragen. Der Herzog— wie ſchon früher er⸗ wähnt, ein leutſeliger und zuweilen etwas ſchwacher Herr — bewilligte Alles. Aber dies war dem Uebermuthe der radikalen Um⸗ ſturzpartei, welche jetzt das Volk lenkte, ſchon nicht mehr genug. Die wahren Patrioten waren zufrieden, jubelten und ſteckten Freudenfahnen aus; der Pöbel zwang ſie, dieſelben wieder abzunehmen, lärmte in den Straßen, ſchrie, der Herzog müſſe abdanken, wiewohl garkein er⸗ ſichtlicher Grund dafür vorlag als der, welcher ſich in dem nur vereinzelten Ausrufe kundgab: Es lebe die Republik! Die beſſeren Bürger wußten nun auch Nichts Ge⸗ ſcheidteres zu thun, als zu ſchweigen und ſich in ihren Häuſern zurückgezogen zu halten; der Pöbel beging ver⸗ 2 92 ſchiedene Exceſſe und umlagerte förmlich das Schloß. Dadurch wurde der Herzog erbittert, zumal ſeine ſtolze Gemahlin und der Erbprinz ihn reizten, energiſcher auf⸗ zutreten. Schon waren Befehle an die Truppen in den nächſten Garniſonen ergangen, ſich bei der Hauptſtadt zu con⸗ centriren, theilweiſe in dieſelbe einzurücken; dies ſtieß in⸗ deſſen auf Schwierigkeiten wegen der zerſtörten Eiſenbahnen und Telegraphen. Das herzogliche Schloß war bereits ſtark von Soldaten beſetzt; die vorgeſchobenen Poſten der⸗ ſelben wurden von dem Pöbel geſchmäht, und die geringſte Uebereilung konnte einen Zuſammenſtoß von unermeßlichen Folgen herbeiführen. Im Hofkreiſe zeigten eigentlich nur die Herzogin und der Erbherzog eine wirkliche Energie. Allerdings wußten ſie auch recht gut, daß ſie Beide die Einzigen waren, welche einer Verſöhnung mit dem Volke direkt entgegenſtanden, dieſelbe faſt unmöglich machten. Wenn man ſchon die Abdankung des Herzogs verlangte, der bis dahin perſön⸗ lich ſo beliebt geweſen war, ſo ließ ſich mit Sicherheit annehmen, daß Prinz Georg den Wünſchen des Volkes noch viel weniger genügen würde; der Kampf galt eben der ganzen herzoglichen Familie ohne Anſehen der Per⸗ 93 ſon,— man mußte ihm mit Gewalt gegen Gewalt ent⸗ gegentreten. Das begriff wohl auch der Herzog; er wußte, daß er es nicht mit den Bürgern ſeiner Reſidenzſtadt zu thun hatte, ſondern mit einem zügelloſen Pöbel und deſſen Auf⸗ hetzern. Selbſt viel mehr Soldat wie ſein Sohn Georg, ſtützte er ſich umſo lieber auf die Truppen, auf deren Ergebenheit und Treue er zählen durfte. Von allen Seiten beſtürmt, dem Skandale ein Ende zu machen, ertheilte er ſchließlich den Befehl, Kavallerie⸗Abtheilungen ſollten die Straßen ſäubern. Die Nacht war ſchon eingebrochen, unglücklicherweiſe eine ſchöne, milde Frühlingsnacht, welche die Tumultuan⸗ ten förmlich einlud, auf ihren Poſten zu bleiben. Die Reiter rückten vor und benahmen ſich der auf⸗ geregten Volksmaſſe gegenüber vielleicht auch nicht ganz richtig, obgleich ihnen die größtmöglichſte Schonung an⸗ befohlen worden war; mit Steinen beworfen, trugen ſie ſelbſt Erbitterung im Herzen und machten einige Chargen, die zwar augenblicklich mit Erfolg gekrönt wurden, aber die Wuth und den Widerſtand des Volkes noch mehr auf⸗ ſtachelten. Von der Seite des letzteren fielen zuerſt ein paar 94 Schüſſe; Barrikaden wuchſen in den engen Straßen bei⸗ nahe aus der Erde; ſolchen improviſirten Feſtungsmauern gegenüber mußte ſich die Kavallerie zurückziehen, die In⸗ fanterie kam an die Reihe, bald die Artillerie. Von allen Thürmen läutete die Sturmglocke, Ge⸗ wehrſchüſſe knallten hin und wieder, das dumpfe Dröhnen von Kanonenſchüſſen miſchte ſich hinein, das Centrum der Stadt war ein großes Schlachtfeld geworden, und aus den Vorſtädten ſtrömten eine Menge von Arbeitern der Fa⸗ briken und arbeitsloſem, nichtsnutzigen Geſindel herbei; die üblichen Mittel, um dieſe Leute zu erbittern, wurden in Scene geſetzt: zum Aufruhr auffordernde Reden, über⸗ triebene, oft geradezu lächerliche Gerüchte von den ſchlimm⸗ ſten Abſichten der herzoglichen Familie und der Truppen⸗ befehlshaber, endlich Umzüge mit den Leichen einiger Un⸗ glücklicher, welche der nothwendigen Gegenwehr der Sol⸗ daten zum Opfer gefallen waren. Die Nacht begünſtigte nun auch noch die Exceſſe der Aufſtändiſchen, deren Zahl von Minute zu Minute wuchs; man erbrach die Waffen⸗ läden, und da deren Vorrath bei Weitem nicht zureichte, wandte ſich die empörte Menge gegen das militäriſche Zeughaus, das durch eine Infanterie⸗Kompagnie beſetzt gehalten wurde. Gleichviel, wie es im Einzelnen dabei 95 zuging, aber die Soldaten räumten nach kurzem Wider⸗ ſtande den Platz, und faſt alle jene rohen Kräfte trugen nun Waffen in der Hand. Die Gefahr war auf das Aeußerſte geſtiegen. Graf Horneck hatte ſich, als er zu Fuß in der Stadt anlangte, im Civilanzuge und mit einer kleinen Reiſetaſche in der Hand, nach einem der erſten Hotels begeben, in dem er von früher her ſehr wohl bekannt war; der Wirth begrüßte ihn deshalb auch ſehr entgegenkommend, wies ihm eines der beſten Zimmer an und ſetzte ihn umſtänd⸗ lich von allen Vorgängen in der Stadt in Kenntniß. Der Mann befand ſich ſelbſt in größter Angſt, übertrieb daher wohl auch noch die Gefahr, die ſich übrigens dem eigenen Auge ſchlimm genug darſtellen mußte. „Es iſt kein Verlaß auf die Truppen,“ ſagte er unter Anderem,—„ſie werden bald zum Volke übergehen, wie überall anderswo;“— das war nicht wahr, aber man hatte abſichtlich ſolche Gerüchte verbreitet,—„und ſie ſind ohnehin zu ſchwach gegen die große Uebermacht des Volkes in Waffen. Es herrſcht eine furchtbare Erbitterung gegen den Herzog, weil er ſeine Soldaten gegen das Volk geführt hat, und die ganze herzogliche Familie iſt unrett⸗ 96 bar verloren, wenn es ihr nicht gelingt, fich aus der Stadt zu flüchten; aber wie dürfte dies jetzt noch möglich ſein?“ In ſeiner großen Aufregung, die ja nicht allein durch die ihn umgebenden Verhältniſſe erweckt worden war, nahm Victor dieſe Aeußerungen für baare Münze und rüſtete ſich ſchnell zum Ausgehen. „Sie wollen ſich doch nicht in das Getümmel wagen?“ fragte der Hotelwirth ängſtlich.„Es kennen Sie noch viele Leute in der Stadt, Herr Graf, und Ihr Name allein genügt, Sie in die ſchwerſten Gefahren zu verwickeln.“ Victor lächelte bitter und ging dennoch; er war ein⸗ fach bürgerlich gekleidet und führte keine Waffen bei ſich. Er richtete ſeine Schritte geradezu nach dem herzog⸗ lichen Schloſſe, in deſſen nächſter Umgebung der Sturm am ärgſten hauſte; das blieb ihm aber ganz gleichgiltig, er wollte nur in die Nähe der Erbherzogin gelangen. Ohne Zögern und Furcht drängte er ſich durch die Volks⸗ maſſen und ſtieg über die im Bau begriffenen Barrikaden. „Wohin wollen Sie, Bürger?“ rief man ihm ein paarmal zu. „Nach dem Schloſſe,“ erwiderte er lokoniſch und ging weiter. Die Leute ſtaunten ihn an und gewannen dieſem 97 ſicheren Benehmen gegenüber nicht ſchnell genug den Ent⸗ ſchluß, ihn zurückzuhalten. „Hier dürfen Sie nicht paſſiren!“ hieß es an der letzten Barrikade, welche ſich der Aufſtellung der Truppen ſehr nahe gegenüber befand.„Wollen Sie es etwa mit Denen da drüben halten?— Warum ſind Sie un⸗ bewaffnet?“ „Meine Freunde,“ entgegnete der Graf mit bewun⸗ derungswürdiger Ruhe und Sicherheit, ohne vor den drohend gegen ihn erhobenen Waffen und derben Fäuſten mit einer Miene zu zucken—„ich gehöre zum Wohlfahrts⸗ Ausſchuſſe und habe den Auftrag erhalten, mit den Euch gegenüberſtehenden Soldaten wegen ihres Abzuges zu unterhandeln.“ Die Leute wußten Nichts von einem Wohlfahrtsaus⸗ ſchuſſe, aber das ganze Weſen des jungen Mannes im⸗ ponirte ihnen, und bereitwillig erleichterten ſie ihm den Weg über die hohe Barrikade. „Bringen Sie uns den Frieden zurück!“ riefen ihm Einige zu.„Wenn der Herzog nur nachgiebt, wollen wir ja nichts Böſes, nur unſer Recht!“—„Nein, der Herzog ſoll abbanken!— Es lebe die Republik!“ Victor ließ ſich auf keine Erörterungen dieſer Fragen Grabowski, Schickſal u. Schuld. II. 7 und Wünſche ein, ſtolz und feſt ging er den Gewehrmün⸗ dungen entgegen, welche die Soldaten in abwartender Stellung gegen die Barrikade gerichtet hatten, und wehte ihnen mit ſeinem weißen Taſchentuche zu. „Es iſt ein Parlamentär des Wohlfahrtsausſchuſſes,“ ſagten die Barrikadenvertheidiger zu einander,—„wehe den Soldaten, wenn ſie auf ihn Feuer geben ſollten 1 Und die Soldaten waren nahe daran, denn ſie moch⸗ ten Nichts von Parlamentären wiſſen, aber glücklicherweiſe erkannte der gerade an dieſer Stelle befehligende Offizier zu ſeiner höchſten Verwunderung den alten Kameraden Graf Horneck, und daß derſelbe ſich auf die Seite des Volkes geſtellt haben ſollte, erſchien ihm doch gar zu un⸗ wahrſcheinlich. Kein Schuß fiel auf Victor; er würde darauf auch ſchwerlich geachtet haben. „Horneck!“ rief der Offizier ihm ſchon auf mehrere Schritte entgegen.„Wo kommen Sie her? wohin wollen Sie?“ „Nach dem Schloſſe, Kamerad!— Gott ſei Dank, daß ich auf Ihrer Seite bin!“ „Aber hat man Ihnen nicht gewaltſam den Weg verlegt? Und was wollen Sie im Schloſſe?“ 99 „Sie fragen mich zu viel!— Ich will zum Herzoge, um mit ihm über den Pöbel zu ſiegen oder zu ſterben.“ Dabei reichte er dem Offizier die Hand und wollte kurz vorübergehen. Der junge Lieutenant ſah in ſein Ge⸗ ſicht und mochte ihn wenigſtens halb verſtehen. „Graf,“ meinte er,—„ich werde Ihnen wenigſtens ein paar Mann zur Bedeckung mitgeben; wir ſind in unſerem Rücken noch nicht ganz ſicher, und der Civilanzug, den Sie tragen, kann in unſerem Rayon heute gefährlich werden“ Victor dankte ſtumm für das Anerbieten, und ein paar Musketiere ſchloſſen ſich ihm zum Schutze an. Nach dem Befehle ihres Ofſiziers legitimirten ſie ihn bei den nächſten Truppenſtellungen, und ungehindert ge⸗ langte er in das Innere des Schloſſes. Aber wohin nun? Er wußte es ſelbſt nicht, ſtieg in⸗ deſſen die breiten Steintreppen, die er früher ſo oft be⸗ „treten hatte, ohne Zögern hinauf, nachdem er ſeine Be⸗ gleitung verabſchiedet hatte. Im Schloſſe ging es augenſcheinlich ſebr verwirrt zu; überall in den Korridoren waren Poſten aufgeſtellt, aber ſie hielten Niemand an und fragten nach keiner Legitima⸗ tion; Hofchargen mit und ohne Uniform, Damen, Ordon⸗ 7* 100 nanzoffiziere, Diener beiderlei Geſchlechtes liefen bunt durch⸗ einander, Jeder mit dem Ausdrucke der Unruhe oder Angſt auf dem Geſichte. Es waren nun auch noch Viele da, welche Graf Horneck ſofort wiedererkannten und begrüßten; ſelbſtver⸗ ſtändlich zeigten ſie ſich ſehr verwundert über ſein plötz⸗ liches Erſcheinen, aber in dieſer Noth war Jeder willkom⸗ men, auf deſſen Freundſchaft ſich rechnen ließ. Victor mußte viele Fragen beantworten, und wenn man es ge⸗ rade nicht offen ausſprach, fand man es doch ſehr hübſch von ihm, daß er, trotz der ihm widerfahrenen Kränkung, mit eigener Gefahr ins Schloß gekommen war, um ſeine Anhänglichkeit der herzoglichen Familie nach beſtem Ver⸗ mögen zu bethätigen. Weiter wie in die Vorzimmer gelangte er natürlich nicht. Was zum Herzoge kam und von ihm ging, paſſirte dieſelben, und die Letzteren brachten gewöhnlich Nachrichten mit, die zuerſt im Vertrauen ausgeſprochen wurden, ſich aber doch ſchnell weiterverbreiteten. Die ganze Familie war um den Herzog verſammelt, außerdem das Staatsminiſterium und der hohe General⸗ ſtab; zu erſterer zählten, außer einigen entfernteren Ver⸗ wandten, die Herzogin, der Erbherzog und deſſen Gemahlin. 101 Victor wagte nicht, direkt nach der Prinzeß Anna zu fragen, aber zufällig hörte er doch, daß man ſie in Thrä⸗ nen geſehen habe. Es mochte ungeſähr elf Uhr Nachts ſein, als ſich eine neue, mehr geheimnißvolle Bewegung unter einem Theile der Anweſenden kundgab; draußen ſchien es jetzt, nach den ſich häufiger und in größerer Nähe des Schloſſes wiederholenden Gewehrſalven und Kanonenſchüſſen zu ur⸗ theilen, wirklich zum erbitterten Kampfe gekommen zu ſein. „Das Volk dringt vor und wird das Schloß ſtürmen!“ ſagten die Aengſtlichen. Andere, beſonders Militärs, behaupteten das Gegen⸗ theil, die Truppen blieben zuverläſſig und treu, ſie drängen, wenn auch unter ſchweren Opfern, überall vor und ſtürm⸗ ten die Barrikaden. Von den Fenſtern des Schloſſes aus ließ ſich die Wahrheit der einen oder der anderen Angabe ſchwer be⸗ urtheilen. W „Der Herzog will die Stadt verlaſſen!“ hieß es plötz⸗ lich, und damit verbreitete ſich ein faſt allgemeiner Schrecken. War die Lage wirklich ſchon ſo bedenklich, daß der Herzog ſeine Perſon in Sicherheit bringen mußte, oder wollte er nur gehen, um die Verantwortung für das ver⸗ 102 goſſene und noch zu vergießende Blut Anderen zu über⸗ laſſen? Ueberdies wohin wollte und konnte er ſich wenden? Es mußte faſt unmöglich erſcheinen, die Stadt zu verlaſſen, denn bis auf das Centrum derſelben beim Schloſſe war ſie überall in vollem Aufruhr, alle Ausgänge durch Bar⸗ rikaden geſperrt. Dieſe Abſicht des Herzogs, mit welcher ſeine Familie auch einverſtanden war, ſchien ſich aber doch zu beſtätigen, und damit leerten ſich merkwürdig ſchnell die Vorzimmer; ganz ſtill ſchlich Einer hinter dem Anderen davon, um ſeine eigene Haut möglichſt in Sicherheit zu bringen. „Wenn die Ratten das Schiff verlaſſen, geht es bald unter“ iſt ein altes Sprichwort, und der Eindruck deſſelben mußte ſich auch bei den Zurückbleibenden fühlbar machen. Victor blickte mit unverholener Verachtung auf die Feiglinge, die ihren Herrn in der Stunde der Gefahr verließen, aber es gereichte ihm ſelbſt auch zur großen Genugthuung, daß die Schaar der Treuen immer kleiner wurde, denn um ſo lebhafter durfte die Hoffnung werden, der herzoglichen Familie ſeine Dienſte anbieten zu können. Es war wirklich ſo, wie man ſich zugeflüſtert hatte: 103 der Herzog war entſchloſſen, ſich mit den Seinigen nach demſelben kleinen Luſtſchloſſe zu begeben, in welchem Graf Horneck ſo glückliche Stunden an der Seite der jungen Erbherzogin verlebt hatte und wo es für ihn zu einer ſo ſchweren Kataſtrophe gekommen war, und zwar mußte dies noch in derſelben Nacht ausgeführt werden, da es den Aufſtändiſchen durch Liſt und Heimlichkeit zu entkom⸗ men galt. Es hieß nun weiter, der regierende Herr habe ſeinem Sohne die einſtweilige Wiederherſtellung der Ordnung in der Stadt anvertrauen gewollt, der Prinz geradezu die Bedingung förmlicher Abdankung zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſtellt und darüber ſei es ſogar zu ſehr heftigen Scenen gekommen. Dies ſchien ſich auch zu beſtätigen, denn Prinz Georg kam ſehr eilig und ſichtlich aufgeregt, mit der fin⸗ ſterſten Miene, aus den herzoglichen Gemächern und wür⸗ digte in den Vorzimmern Niemand eines Grußes, kaum eines Blickes; auch den Grafen Horneck bemerkte er garnicht. Die Einen behaupteten, er ſtelle ſich nun, dem Befehle ſeines Vaters gemäß, an die Spitze der Truppen, die Anderen, er wolle ſich in ſeinem Aerger garnicht mehr um dieſe bekümmern. Unſichere Gerüchte jagten ſich nun überhaupt. 104 Victor ſtand bei Alledem wahre Höllenqualen aus; es drängte ihn zum Handeln, und er ſah doch keine Aus⸗ ſicht, dazu zu gelangen; dabei konnte er nicht einmal ſicher erfahren, was eigentlich im Werke ſei. Schon wieder⸗ holentlich hatte er einem alten Hofmarſchall, der bei dem Herzoge in großer Gunſt ſtand, ſeine Dienſte in jeder Be⸗ ziehung angeboten, der Mann dankte ihm auch verbindlichſt dafür,— ſie kannten ſich ſchon längſt,— war aber ſo kopflos geworden und hatte in der That ſo viel zu thun, daß er den jungen Grafen wohl immer bald wieder vergaß. In den Vorzimmern befanden ſich faſt nur noch Of⸗ fiziere; Victor war der Einzige, der Civilkleidung trug, obenein nur ſeinen Reiſeanzug. Die ſteife Hofetiquette mußte unter ſolchen Umſtänden wohl aufhören. Es mochte ein Uhr ſein, als ſich die Thüren der her⸗ zoglichen Zimmer wieder öffneten; der Herzog erſchien, am Arme ſeine Gemahlin führend; ihnen folgte ein anderes Paar, die Erbherzogin Anna und ein junger apanagirter Prinz des Hauſes in ſehr glänzender Kavallerieuniform. Alle waren ſehr blaß und ſichtlich erregt; die Prin⸗ zeſſin mußte viel geweint haben; am ſtolzeſten zeigte ſich noch die Herzogin. Ueber ihr Antlitz flog ein verächtliches, über das ihres 0 5 Gemahls ein faſt ſchmerzliches Lächeln, als ſie das Vor⸗ zimmer ſo auffallend leer fanden; ſie erinnerten ſich wohl auch des Sprichwortes von den Ratten.„Meine Herren,“ ſagte der Herzog, indem er ſtehen blieb,—„die Umſtände machen es mir rathſam, dieſe wild erregte Stadt auf einige Tage zu verlaſſen, bis die geſetzliche Ordnung darin wieder hergeſtellt ſein wird. Ich habe damit meinen Staatsminiſter... und militäriſcherſeits den General von... beauftragt. Ich danke Ihnen für Ihre treue Pflichterfüllung, deren Fortſetzung ich mit vollem Zutrauen erwarte, und nehme mit den Meinigen nicht für lange Zeit von Ihnen Abſchied.“ Die Offiziere drängten ſich um die hohen Perſonen und verſicherten dieſelben ihrer vollſten Ergebenheit; Victor hielt ſich befangen zurück, obgleich er gewiß nicht weniger lebhaft fühlte. Es war ihm unendlich ſchmerzlich, ſowohl den Herzog, wie die beiden Damen und noch zwei oder drei andere Herren des Hofes in ganz unſcheinbarer Klei⸗ dung zu ſehen, welche offenbar„die Flucht“ ermöglichen ſollte, aber vorzüglich blickte ſein Auge auf die Erbherzogin Anna, die vielleicht auch deshalb umſomehr geknickt erſchien, als ſie nicht einmal den Schutz ihres Gatten in dieſer ſchweren Stunde hatte. 106 Die Prinzeſſin bemerkte ihn noch nicht, aber das ſcharfe Auge der Herzogin hatte ihn gefunden, und große Ueberraſchung malte ſich in ihren Zügen. Er war ja einmal ihr Liebling geweſen, und was nachher auch ge⸗ ſchehen, in dieſem Momente hoher Erregung trat das alte Wohlwollen wieder in ſeine Rechte; vielleicht fühlte ſie auch das Bedürfniß, einen ganz ergebenen Mann bei der zu beſtehenden großen Gefahr zur Seite zu haben. „Graf Horneck,“ ſagte ſie ohne Beſinnen, indem ſie ihm winkte, heranzutreten,—„Sie wieder von Ihren Reiſen zurückgekehrt?— und was wollen Sie hier?“ „Mit Ihnen, Hoheit, für Sie ſterben!“ ſtammelte Victor, ohne die Worte wählen zu können, und küßte ehr⸗ erbietig und inbrünſtig die ihm gebotene Hand. Der Herzog war ſichtlich betroffen über das plötzliche Wiedererſcheinen des jungen Mannes; er ſagte kein Wort, ſondern begrüßte denſelben nur mit einer Kopfneigung. Die Erbherzogin entfärbte ſich ohne Zweifel fühlte ihr Kavalier das Zittern ihres Armes auf dem ſeinigen. „Sie kommen zur rechten Stunde, Graf,“ meinte die Herzogin ernſt,—„und ich weiß, daß Sie Ihr Wort halten werden. Auf dem beſchwerlichen Wege, den wir jetzt gehen, kann unſer lieber Vetter meine Tochter nicht — — 107 länger begleiten, da er die Uniform trägt und ſeine Pflicht ihn hier feſſelt. Geben Sie der Erbherzogin Ihren Arm.“ Victor gehorchte, und wie hoch ſchlug ihm das Herz dabei!— Noch wagte er die Prinzeſſin nicht anzublicken, denn er fürchtete ſie vor ſo vielen Zeugen noch mehr zu verwirren, war ſie doch wirklich ſo aus der Faſſung ge⸗ kommen, daß ſie ihm nicht ein einziges Wort zu ſagen vermochte. Herrſchte bei ihr die Ueberraſchung vor, daß er überhaupt wieder da war, ſo legte ſie ſich doch auch unzweifelhaft die Frage vor, was die Herzogin veranlaßt haben möge, ſie, trotz des früher Vorgegangenen, jetzt ſo nahe zuſammenzuführen. Wollte ſie ſich nur Victors beſter Dienſte verſichern, die ihr zur Stunde nothwendig er⸗ ſchienen? oder gedachte ſie ihm nur einen hohen Beweis ihrer Huld zu geben, da ſie das Geſchehene bedauerte? oder endlich, wollte ſie etwa gerade vor dieſen Zeugen beweiſen, daß ſie nie an die geringſte Schuld ihrer Schwieger⸗ tochter und des Grafen gedacht hatte, und allen Klätſche⸗ reien recht oſtenſibel die Spitze abbrechen?— Die Ab⸗ ſicht, welche die hohe Frau geleitet hatte, war ſchwer zu erkennen, und es ließ ſich ebenſo gut annehmen, daß nur eine unbedachte Eingebung des Augenblickes ſie beſtimmt habe. 108 Jedenfalls war dieſe Situation für die beiden Be⸗ theiligten nicht ohne Gefahr; dies drückte ſich in ihrem beiderſeitigen Verſtummen ſchon aus; und wenn nun gar noch der Erbherzog hinzukommen ſollte und den Grafen Horneck erkannte? Hier blieb aber nichts Anderes übrig, als daß Anna den Arm des Letzteren annahm, wenn ſie ihn nicht auf das Schwerſte beleidigen wollte, und ihren voranſchreiten⸗ den Schwiegereltern folgte. Als man die Vorzimmer ver⸗ laſſen hatte und ſich in der Begleitung nur noch weniger Perſonen befand, faßte ſie ſich zuerſt wieder und fragte Victor, welche Reiſen er unternommen habe und wie er hierher zurückgekehrt ſei, ein Unterhaltungsſtoff, der ſich in aller Förmlichkeit weit genug ausdehnen ließ. Indeſſen traten nun doch Verhältniſſe ein, welche bald davon abzubrechen nöthigten; man mußte alle Sinne für die Gegenwart bereit halten. Es war unmöglich, daß die herzogliche Familie in einer ihrer Equipagen das Schloß verließ, ſelbſt ein ge⸗ wöhnlicher Miethwagen würde Aufmerkſamkeit erregt haben und konnte ohnehin nicht mehr die verbarrikadirten Straßen paſſiren. Deshalb waren Boten vorausgeſchickt worden, welche 109 außerhalb der Stadt ein paar Wagen beſorgen und an einer beſtimmten Stelle bereithalten ſollten; es ließ ſich noch nicht einmal mit Gewißheit annehmen, ob dies aus⸗ 3 führbar geworden war. Durch die Straßen konnte man nur zu Fuß gehen und mußte es auf das Aeußerſte an⸗ kommen laſſen. Victor athmete ordentlich leichter auf, als er ſich über⸗ zeugt hatte, daß der Erbherzog ſich nicht anzuſchließen ge⸗ dachte; wo er geblieben war, mochte und konnte er die 1 Erbherzogin nicht fragen, ſie ſelbſt wußte es auch vielleicht nicht, und daß ihr Gemahl ſie gerade jetzt dem Schutze Anderer überließ, war ohne Zweifel ſehr niederdrückend für ſie. Man ſchlug einen bereits vorher ausgekundſchafteten, die meiſte Sicherheit verſprechenden Weg durch Neben⸗ 4 ſtraßen ein. Große Straßen ſind gewiſſermaßen die Puls⸗ 3 adern der Stadt, die bei allen Kataſtrophen am lebhafte⸗ ſten ſchlagen, und auch in dieſer Nacht hatte ſich der größte Theil der Bevölkerung dahin gewandt; indeſſen ging es auch noch in den kleinen Gaſſen ſehr erregt zu. Faſt alle Fenſter waren erleuchtet, und einzelne Leute liefen ab und zu oder ſtanden vor den Thüren. Die herzogliche, aus ſieben Perſonen beſtehende Ge⸗ 110 ſellſchaft ſchritt raſch vorwärts; man konnte ſie, bei ihrer einfachen Kleidung, für eine bürgerliche Familie halten, die, früher irgendwie aufgehalten, ſich beeilte, ihre Wohnung zu erreichen; es fehlte auch nicht an Fragen, die man an ſie richtete, ſei es nun nach dem Ziel ihrer Wan⸗ derung oder nach den Ereigniſſen der Stadtgegend, aus der ſie zu kommen ſchienen; Einer übernahm dann immer die Antwort, welcher die Leute täuſchen ſollte und täuſchte. Anfänglich ging Alles ganz gut ab, ſpäter wurde es aber unvermeidlich, belebtere Straßen zu paſſiren, in denen ſich mancherlei bewaffnetes Geſindel und viele Neugierige umhertrieben; Alles nahm die Richtung nach dem Schloſſe zu, und es mußte auffallen, daß eine größere Geſellſchaft gerade die entgegengeſetzte einſchlug. „Wohin wollen Sie, Bürger 2“ hieß es ein paarmal ziemlich drohend. „ Nach Hauſe!— Wir waren zum Beſuche bei Be⸗ kannten, die Truppen ſperrten uns bisher den Ausgang.“ „Warum habt Ihr Männer nicht zu den Waffen gegriffen?“ „Wir werden es thun, aber wir müſſen doch zuerſt unſere Frauen nach Hauſe bringen.“ Unter ähnlichen Redensarten kam man nur langſam 111 vorwärts. In der nicht allzugroßen Reſidenz waren die fürſtlichen Perſonen bekannt, und wäre es nicht ſo ganz unglaublich erſchienen, daß ſie ſich mitten unter der er⸗ regten Volksmenge befänden, ſo würde man ſie wahrſchein⸗ lich, ungeachtet aller von ihnen gebrauchten Vorſichtsmaß⸗ regeln, ſchon erkannt haben; die Gefahr lag ſehr nahe, daß ein Zufall dies herbeiführe. Es blieb nichts Anderes übrig, als ſich zu trennen, um ſich auf dem beſtimmten Rendezvousplatze bei den Wagen zu vereinigen; der Herzog ſelbſt machte dieſen Vorſchlag. Paarweiſe erregte man weniger Aufſehen. Die Erbherzogin ſollte bei ihren Schwiegereltern bleiben, und die Frau Herzogin war eben im Begriffe, den Grafen Horneck dankbarſt zu verabſchieden, als ein in gedrängter Maſſe anziehender Volkshaufen, Arbeiter, unter Vortragung einer rothen Fahne, ſingend und lärmend, die kleine Geſellſchaft ſo ſchnell trennte, daß ſich die einzelnen Perſonen vollſtändig aus den Augen verloren. Die Her⸗ zogin war mit ihrem Gemahle von Victors Seite ver⸗ ſchwunden, ebenſo die Uebrigen, aber die Hand Prinzeſſin Anna's hatte er feſter gefaßt, wie es eigentlich die Etiquette erlaubte, doch entſchuldigten die Umſtände dies jeden⸗ falls. 112 In Zeit von wenigen Sekunden fanden ſie ſich ganz vereinzelt unter der wilden Menge, die ſie beinahe mit ſich fortriß und theils mit ſehr unzarten Scherzen, theils mit Drohungen begrüßte; aber glücklicherweiſe hatten die Leute keine Zeit, ſich aufzuhalten, und zogen bald vorüber. Als die Straße wieder einigermaßen frei war, vermißten die Prinzeſſin und der Graf das herzogliche Paar und deſſen Begleiter. Neben der Beſorgniß, was aus denſelben geworden ſein möge, konnte Victor ſich doch nicht verhehlen, daß ihn der Zufall eigentlich ſehr glücklich machte, und die Erbherzogin zeigte ſich auch nicht ängſtlicher wie vorher, ſie hing ſich nur feſter an ſeinen Arm, der jetzt ganz allein zu ihrem Schutze berufen zu ſein ſchien. Für eine kurze Zeit wenigſtens gehörte ſie ihm an, — wie hoch mußte dieſes Bewußtſein ſeine Bruſt ſchwel⸗ len, und mußte die Wirklichkeit auch ſicherlich ſehr bald wieder zu einem bloßen Traume der Erinnerung werden, ſo ſteigerte ſie ſeine leidenſchaftlichen Gefühle doch auf das Höchſte; er war verſucht, Nichts lebhafter zu wünſchen, als daß man ihn und die Erbherzogin erkennen und ihnen Beiden einen gemeinſamen Tod bereiten möge; aber dieſe romantiſche Idee konnte bei der wahren Achtung und Liebe, 113 die er der Fürſtin zutrug, natürlich nicht lange beſtehen; es galt vor Allem, die hhohe Frau in Sicherheit zu bringen, — und dann war ſein Glück für immer aus,— er wußte es wohl! Auf ihrer weiteren Wanderung ſtellten ſich ihnen noch manche Schwierigkeiten in den Weg, aber die Be⸗ ſonnenheit Victors wußte dieſelben zu überwinden; mehrere Male mußte er die Erbherzogin für ſeine Gattin ausgeben, und dabei durchſchauerte ihn ein eigenthümliches Gefühl; hätte er dies doch in Wahrheit ſagen dürfen!— aber welche Thorheit!— Er bat ſie dann um Verzeihung für die Nothlüge, und ſoviel die Prinzeſſin auch ihre Würde zu behaupten ſuchte, konnte ſie ihm doch nur antworten, daß ſie ihm nicht zürne; es entging ihm ſegar nicht, daß ſie dabei leiſe ſeufzte. 4 Endlich hatten ſie die größte Gefahr hinter ſich ge⸗ laſſen und befanden ſich am Ausgange der Vorſtadt, wo Niemand ihnen den Weg mehr ſperrte. Der Rendezvous⸗ platz lag nicht mehr fern, und es ließ ſich kaum erwarten, daß ſie noch auf große Hinderniſſe ſtoßen würden. Den⸗ noch gingen ſie unwillkürlich langſamer wie vorher. Gott mochte wiſſen, wie es kam,— in ihnen Beiden Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 8 114 lag nicht eine beſtimmte Abſicht dafür,— daß ſie in ihrer Unterhaltung auf die Vergangenheit zurückkamen. Victor äußerte ſich bitter über das ihm angethane Unrecht, das ihn ſeine ſchönſten Lebensausſichten gekoſtet habe, die Erb⸗ herzogin verſicherte ihn in nicht zu verkennender Bewegung, daß ſie gethan hätte, was in ihren Kräften geſtanden, um ſein Loos zu mildern. Er glaubte ihr vollkommen und ſprach ihr ſeinen wärmſten Dank aus. Sie forderte ihn mit einer Vertraulichkeit, die bei⸗ nahe über ihre beiderſeitigen Verhältniſſe ging, auch auf, von der zweifelloſen Gewogenheit ihrer Schwiegereltern für ihn, beſonders nach dieſem gefährlichen Dienſte, neuen Gebrauch zu machen und wieder in die Armee einzutreten, aber er antwortete ihr darauf, daß er dies für unmög⸗ lich halte, weil der Erbherzog damit nicht einverſtanden ſein würde. Sie mußten ſich Beide wohl verſtehen; es lag nur noch ein einziges offenes Wort zwiſchen ihnen, aber wer hätte es ausſprechen dürfen?— wohin hätte es wohl geführt?— Aus dem ganzen Weſen der Prinzeſſin ging hervor, daß ſie dem Grafen kaum weniger innige Gefühle zutrage, wie er ihr, gleichzeitig aber auch, daß ſie entſchloſſen war, 115 dieſelben als Fürſtin und Gattin, als ehrenhafte Frau zu unterdrücken, und konnte es Victor vor ſeinem eigenen Ge⸗ wiſſen, vor der reinen Liebe, die er ihr zutrug, ver⸗ antworten, wenn er dieſe edlen Grundſätze zu erſchüttern verſucht hätte? Sie kamen an den Platz, wo die beſtellten Wagen wirklich hielten; der Herzog und die Herzogin waren ſchon dort und warteten mit Angſt und Sehnſucht auf ihre Tochter. Man begrüßte ſich, als ob man ſich ſeit Jahren nicht geſehen hätte, und Graf Horneck trat darüber eine Weile in den Hintergrund. Indeſſen erinnerte ſich die Herzogin ſeiner doch wieder, dankte ihm, allerdings in etwas förmlicherer Weiſe wie vorher, und lud ihn ein, ſie nach dem Luſtſchloſſe zu be⸗ gleiten. Auch der Herzog gab ihm die Hand, ſagte aber kein Wort dabei.. Die hohe Familie ſtieg in den einen Wagen, ihre Begleiter in den zweiten, und die Fuhrwerke rollten raſch davon; ſpäter fand ſich ein kleines Kavallerie⸗Detachement hinzu, das aus der Umgegend herbeigerufen worden war. Graf Horneck hatte unterwegs ſeinen Genoſſen, die ihn ſehr lebhaft darüber befragten, wie er die Erbherzogin gerettet, nur ſehr einſylbig geantwortet; er befand ſich in 8*† einer faſt verzweiflungsvollen Stimmung, denn er ſah voraus, daß man ihm ſeine Dienſte wahrſcheinlich ſchlecht belohnen, d. h. ihn ſo bald wie möglich wieder aus der Nähe der Erbherzogin fortſchicken würde. Welche Rolle ſollte er auch weiter an dieſem Hofe ſpielen?— Wenn hohe Perſonen ſich einmal im Angeſichte niedrigerer de⸗ müthigen müſſen, ſo werden ſie dies den Letzteren nie vergeſſen; man fühlt, daß man ihnen Dank ſchuldet, aber derſelbe iſt läſtig, und man ſucht ſich ſeiner auf die ſchnellſte Weiſe zu entledigen. Der Herzog und die Herzogin wollten nicht ganz un⸗ dankbar erſcheinen. Beide bewilligten dem Grafen Horneck am anderen Vormittage in dem Luſtſchloſſe, wo derſelbe das erſte beſte Unterkommen gefunden hatte, eine aller⸗ gnädigſte Audienz, oder vielmehr ließen ſie ihn dazu ein⸗ laden, denn er ſelbſt war ſchon im Begriffe geweſen, ebenſo ſtill, wie er gekommen, wieder zu verſchwinden, zumal der Erbherzog Georg ſich noch am Morgen dort eingefunden hatte. Der Herzog war auch ſehr gütig und fragte den Gra⸗ fen, ob er ihm für ſeine treue Aufopferung irgendwelche Belohnung geben könne; man ſah dem hohen Herrn dabei die Verlegenheit an, und Victor erwiderte unterthänigſt, 117 er habe nur ſeine Pflicht erfüllt und wolle ſich ſofort wieder auf weitere Reiſen begeben. Der Herzog wünſchte ihm das beſte Glück dazu, verlieh ihm einen ziemlich hohen Orden— und der Graf ging, die Zähne aufeinander beißend. Etwa in derſelben Weiſe fiel ſeine Audienz bei der Frau Herzogin aus; ſie konnte eine gewiſſe Befangenheit nicht verheimlichen, machte viele ſchöne Worte und empfahl ihm freundlichſt, ſeine Reiſe bald anzutreten. Es bedurfte dieſer zarten Mahnung nicht mehr; mit der tiefſten Erbitterung im Herzen verließ Victor das kleine Landſchloß, wo ſich die herzogliche Familie nun in voller Freiheit befand, und wenn er die Erbherzogin nicht mehr ſehen durfte, ſo wußte er wohl, daß ſie dies kaum weniger ſchmerzlich empfinden werde, wie er ſelbſt; gegen ſie nahm er keinen Groll mit ſich, wohl aber eine tiefe, verzweiflungsvolle Leidenſchaft. Nach der Stadt kehrte er nicht mehr zurück; es war ihm gleichgiltig, was dort noch geſchehen möge, und über⸗ dies fürchtete er alle Fragen ſeiner alten Bekannten nach dem Ausfalle des nächtlichen Abenteuers; er begab ſich ſofort auf die nächſte Eiſenbahnſtation und reiſte von da nach der großen Stadt, in welcher er ſeine Effekten zu⸗ 118 rückgelaſſen hatte; wohin dann weiter, wußte er ſelbſt noch nicht. Wir wollen an dieſer Stelle gleich berichten, welchen Ausgang der Aufſtand nahm. Erbherzog Georg war allerdings in der Stadt zurückgeblieben, aber nur ganz incognito; er bekümmerte ſich nicht um die Truppen und die Maßregeln der von ſeinem Vater Delegirten und reiſte am zweiten Tage, als der Weg wieder ganz frei war, nach dem Luſtſchloſſe; jedenfalls erfuhr er daſelbſt, daß Graf Horneck ſeine Gemahlin begleitet hatte, gab ſeinem Ver⸗ druſſe aber keine Worte, denn dadurch würde er ſeine Mutter vielleicht unverſöhnlich beleidigt haben. Der Energie und Klugheit jener Männer gelang es, den Aufſtand zu dämpfen; die beſſere Einwohnerſchaft der Stadt hatte ſich überhaupt davon zurückgehalten und trat, ſich zu einer bewaffneten Bürgerwehr formirend, im Ver⸗ eine mit den Truppen dem Pöbel und den fremden Aben⸗ teuerern entgegen, welche den Muth verloren, als ſie die Ueberzeugung gewannen, daß die Bevölkerung vom Lande und den nächſten Städten ſich nicht ebenfalls erheben wollte, und als die erhitzten Köpfe in der Reſidenz ſich zu ent⸗ nüchtern begannen. Vielen Wünſchen und Forderungen des Volkes wurde, vorläufig wenigſtens zum Scheine, nach⸗ auch ſchon ſehr bedenkli 119 —— gegeben, und der Friede ſtellte Blutvergießen wieder her. Nach einigen Wochen kehrte auch die herzogliche Fa⸗ milie in die Reſidenz zurück und wurde mit lautem Jubel empfangen; Nichts wechſelt ja ſo ſchnell wie die Volks⸗ ſtimmung. Der Herzog verzieh gerne den Reuigen, ſeine Gemahlin und der Erbherzog niemals, aber ſie nahmen einſtweilen dieſe Miene an. Beſonders ernſt und traurig erſchien die junge Erbherzogin, und bei ihr, die allgemein beliebt war, ſchob man dies auf die ſchmerzliche Erinnerung an die ſtattgehabten Ereigniſſe und das gefloſſene Blut, andererſeits wohl auch auf ihre bekannterweiſe unglück⸗ liche Ehe. Als Victor wieder da eintraf, von wo er nach ſeiner Vaterſtadt ſo ſchnell aufgebrochen war, fand er Briefe von ſeiner Mutter und Schweſter vor, welche die Mittheilung enthielten, daß ſie aus der Kaiſerſtadt ſchnell nach ihren Gütern abgereiſt ſeien, weil in erſterer die Volksunruhen ſich ohne weiteres großes ich geworden waren; bekanntlich führten dieſelben ebenfalls zu den blutigen Revolutionen im März und Oktober. Dieſesmal ſprach auch die Fürſtin einige Beſorgniſſe über das Befinden ihres Sohnes in ſo ſchwerer Zeit aus und meinte, es dürfte wohl am an⸗ 120 gemeſſenſten ſein, wenn er ſich gerade jetzt nicht von ſeiner Familie fern hielte; dagegen richtete Julie keine direkte Bitte an ihn, daß er kommen möge, und ſchrieb überhaupt in eigenthümlich befangenem Tone. Gerade dies letztere beſtimmte Victor, die Reiſe zu den Seinigen dennoch anzutreten; er liebte ſeine Schweſter noch immer zärtlich und ſah in ihr die Einzige, der er, unter Umſtänden, das ihn ſo ſchwer bedrückende, traurige Geheimniß ſeines Herzens anvertrauen könne, ahnte er doch förmlich, daß ihr eigenes nicht glücklich ſein möge; er machte ſich jetzt überhaupt ſchon Vorwürfe, daß er ihrer früheren Einladung nicht gefolgt war, und begriff, ſie möge ihm dies übelgedeutet haben. So peinlich es ihm auch war, ſeinem Schwager Bie⸗ linski wiederzubegegnen, da er ſich überzeugt fühlte, eine aufrichtige Freundſchaft könne ſich zwiſchen ihnen Beiden nie herſtellen, trat die brüderliche Liebe doch in den Vorder⸗ grund, und ohne langen Verzug reiſte er ab. In den letzten Tagen des Monats März traf er auf dem Hauptgute und Schloſſe der Fürſtin ein; er konnte dort noch nicht mit Beſtimmtheit erwartet werden und kam ganz überraſchend an, ſelbſt ſehr getheilten Empfindun⸗ gen preisgegeben. — Wider ſein Erwarten empfing ihn die Mutter außer⸗ ordentlich freundlich und liebevoll, auch Graf Bielinski, der alles Vorhergegangene vollſtändig vergeſſen zu haben ſhien, umarmte ihn als Schwager und bemühte ſich augen⸗ ſcheinlich, ſich mit ihm auf den beſten Fuß zu ſtellen. Päre Victor noch ſo unbefangen geweſen wie früher, ſo nürde er dies von beiden Seiten für baare Münze ge⸗ rommen haben, aber ſeine Erfahrungen hatten ihn ſchon nißtrauiſcher und vorſichtiger gemacht, wie ſehr ſich auch ſin eigentliches Naturell dagegen ſträubte. Es mußte ihm auffallen, daß man von ſeiner eigenen Vergangenheit faſt garnicht ſprach, mithin auch keine warme Theilnahme für ſein Unglück, wie er ſelbſt es betrachtete, äußerte, dagegen ſein zuerſt verdammtes Benehmen nun in allen Stücken zu billigen ſchien. Was ſeine Schweſter Julie anbetraf, ſo hatte ſie wohl die Abſicht, ihm ein wenig kühl entgegenzukommen, aber die ſchweſterliche Zuneigung durchbrach dieſe erzwungene Zurückhaltung bald ſiegreich, und als ſie mit ihm allein war, warf ſie ſich an ſeinen Hals und weinte in leiden⸗ ſchaftlichem Ausbruche heiße Thränen. War ſie nicht glücklich in ihrer Ehe?— er ver⸗ muthete dies ſchon; aber ſie wollte es, ſelbſt auf ſeine 122 direkten, beſorgten Fragen, nicht zugeben, verſicherte ſogar das Gegentheil— aber doch in ſo ſonderbar aufgeregter Weiſe, daß er jenen erſten Glauben behielt. Es war ſehr peinlich, ihr ein Vertrauen aufzudrängen, mit dem ſie ihn nicht freiwillig entgegenkam; ſie konnte ein ſolches Be⸗ mühen auf ſeine frühere perſönliche Abneigung gegen ihren Mann ſchieben. Julie blieb in dieſer leidenſchaftlichen Erregung, die er ſich nicht zu deuten vermochte, überhäufte ihn aber faſ mit ſchweſterlicher Zärtlichkeit; er verſtand ſie nicht. Sehr lieb war es ihm, daß ſich jetzt in dem Hauſe ſeiner Mutter keine fremden Gäſte befanden; dies lag wohl hauptſächlich an den drohenden Zeitverhältniſſen, die ein geräuſch⸗ und vergnügungsvolles Leben eigentlich aus⸗ ſchließen mußten; wer konnte wiſſen, was ſchon die nächſte Stunde brachte?— Alles gährte wie in einem Vulkane; das Gewitter mit ſeinen Blitzen und Donnern lag noch immer in der Luft. Unter dieſen Umſtänden konnte Victor umſo genauer beobachten, was in dem Hauſe ſeiner Mutter vorging, wiewohl er es wahrlich nicht darauf abgeſehen hatte, zu ſpioniren. Daß Graf Bielinski nicht allein für ſeine Perſon ein 2 — 1 ziemlich leichtfertiges Leben führte, in das er ihn, indeſſen vergeblich, ſogar hineinzulocken verſuchte, ſondern ebenſo leichtfertig auch mit dem Vermögen der Fürſtin umging, wurde Victor ſehr bald klar; welchen Einſpruch durfte er aber dagegen erheben?— er begriff auch noch nicht einmal die ganze damit verknüpfte Gefahr. Noch tiefer berührte ihn die Ueberzeugung, daß Bie⸗ linski keineswegs eine ganz hingebende Liebe für ſeine Frau beſaß, dieſelbe ſogar oft durch kleine Galanterien verletzte, die ihrer Ungewähltheit wegen nicht einmal die geringſte Entſchuldigung finden konnten; durfte er aber von noch ſo delikaten Vorſtellungen dagegen einen anderen Erfolg erwarten, als von dem jungen Lebemanne herzlich ausgelacht zu werden?— Es fiel ihm ſogar auf, daß ſein Schwager die Fürſtin zuweilen faſt zu vertraulich be⸗ handelte und dabei auch Entgegenkommen fand; wie hätte es dem Sohne aber einfallen dürfen, auf die eigene „Mutter den Verdacht eines Verbrechens zu werfen, das zu den abſcheulichſten gehört? Beſoönders empfindlich mußte es für Victor ſein, daß, obgleich man ſtets davon ſprach, er ſolle nun mit mit der Familie vereinigt bleiben,— und er ſelbſt ſehnte ſich auch nicht gerade von ihr fort,— ſeine Mutter ihn doch nie⸗ mals in Geſchäftsſachen und Vermögensangelegenheiten zu Rathe zog, dieſelben aber offenbar ganz in die Hände des Schwiegerſohnes legte; wäre das vollkommenſte Vertrauen zu dem leiblichen Sohne nicht natürlicher geweſen? So ging es bis zu Ende des Monats Mai fort, als ein neuer Vorfall eintrat, der Victor bald Mancherlei zu denken geben ſollte. Damals waren neue Unruhen in der Kaiſerſtadt aus⸗ gebrochen, und die kaiſerliche Familie verließ dieſelbe heimlich, um ſich nach Innsbruck zu begeben. Zuweilen hatte Julie, die im Allgemeinen trübe und gereizt geſtimmt war, ſchon zu ihrem Bruder davon ge⸗ ſprochen, daß ſie in einem Meiſter der Muſik, Profeſſor Fröhlich, nicht allein einen Lehrer, ſondern auch einen Freund gefunden habe, den ſie jetzt ſchmerzlich vermiſſe; bei ihrer Schwärmerei für die Muſik ſchien der Lehrer aber doch im Vorgrunde zu ſtehen. Nun traf auf einmal ein Brief dieſes Doktor Fröhlich an die Fürſtin ein, in welchem er anzeigte, daß er der kaiſerlichen Familie nicht nach Innsbruck gefolgt ſei, ſich aber ſehr glücklich ſchätzen würde, wenn man ihm erlaubte, einer früheren Einladung nachzukommen und einen längeren Beſuch auf dem fürſtlichen Gute zu machen, wo er ſehr 125 gerne bereit wäre, der Frau Gräfin wieder bei ihren Studien zur Seite zu ſtehen. Die Fürſtin und Julie nahmen dieſes Anerbieten mit größter Freude auf, Graf Bielinski lächelte dazu etwas gezwungen, Victor hatte nicht einmal Grund, ſich darüber zu wundern. Die Antwort ging natürlich bejahend ab, und ſchon wenige Tage ſpäter langte der junge Profeſſor der Muſik an. Die beiden Damen waren entſchieden davon befriedigt und begrüßten den Gaſt mit der wärmſten Herzlichkeit. Doktor Fröhlich nahm, ohne irgendwie unbeſcheiden auf⸗ zutreten, auch ſofort eine Stellung in der Familie ein, als ob er zu derſelben gehörte, und er ſuchte nicht nach dieſer Vertraulichkeit, ſondern ſie wurde ihm entgegenge⸗ tragen. Victor lernte ſehr bald in ihm einen ſtillen und ern⸗ ſten jungen Mann kennen, deſſen vortrefflichen Gemüths⸗ eigenſchaften er ſeine Anerkennung nicht verſagen konnte; Fröhlich beſaß einen gewiſſen Künſtlerſtolz, aber man konnte auch nicht leugnen, daß er dazu berechtigt war, und übrigens blieb er fern von aller Anmaßung. Seine Anweſenheit brachte ſogar einen friedlichen Ton in die Familie und wurde vielleicht nur Graf Bielinski 126 nicht ganz angenehm, der ſich dafür aber zu entſchädigen wußte, indem er mehrere Male tagelang verreiſte, angeb⸗ lich, um Geſchäfte ſeiner Schwiegermutter zu beſorgen, in Wahrheit aber unzweifelhaft, um ſich freier für ſein Ver⸗ gnügen bewegen zu können. Die Vormittage brachte Doktor Fröhlich gewöhnlich in Geſellſchaft der jungen Gräfin zu, und ſie waren dann deren Studium gewidmet; Nachmittags und Abends amüſirte man ſich im kleinen Kreiſe ſo gut wie möglich, und der Künſtler kehrte dann auch den liebenswürdigen, meiſtens ernſten Geſellſchafter heraus. Sein ganzes Weſen ſagte Victor ſehr zu; zwiſchen ihnen fanden ſich viele Anknüpfungspunkte eines innige⸗ ren, freundſchaftlichen Verſtändniſſes, dem Graf Bie⸗ linski vollſtändig fern blieb; daſſelbe wurde vielleicht gerade durch ſeine Anweſenheit noch befördert, denn die Erkenntniß ſeines im Grunde rohen Gemüths ſchloß die beiden Anderen unwillkürlich aneinander. Es ſchien, daß Doktor Fröhlich auch ſchon ſehr ernſte Lebenserfahrungen gemacht habe, aber er ſprach ſich, ſelbſt zu Victor, nie darüber aus; dennoch grün⸗ dete ſich eine Sympathie zwiſchen ihnen auf einer ge⸗ wiſſen Aehnlichkeit ihrer Schickſale,— Doktor Fröhlich n mußte auch eine unglückliche, hoffnungsloſe Liebe im Herzen tragen. 3 Von ſeinen äußeren Lebensverhältniſſen machte er kein Hehl. Einer armen, aber ſehr anſtändigen Fa⸗ milie entſproſſen, früh verwaiſt, hatte er eine freuden⸗ loſe Kindheit durchlebt, bis der Zufall einen wohl⸗ habenden und edlen Gönner der Kunſt auf ſein eminen⸗ tes Talent für die Muſik aufmerkſam machte und der⸗ ſelbe nun große Koſten an ſeine Ausbildung wandte; Fröhlich gab ſich aber nicht allein dieſer Kunſt hin, ſondern ſuchte auch noch eine gewiſſe Selbſtſtändigkeit für die Zukunft dadurch zu erringen, daß er auch den Wiſſenſchaften treu blieb; es lag in ihm eine ſel⸗ tene Vereinigung von Geiſteskräften und Talenten. Er machte einen mehrjährigen Univerſitäts⸗Curſus durch, ſtudirte Philoſophie, wofür er auch die Doktorwürde erlangte, wandte ſich aber ſchließlich doch wieder ganz der Kunſt zu, da ihm dieſelbe als ſein eigentlicher Be⸗ ruf erſchien und ihm obenein eine ſorgenloſere und an⸗ genehmere Exiſtenz zu ſichern verſprach. Sein Gönner war um dieſe Zeit geſtorben und hatte verſäumt, ein Teſtament zu hinterlaſſen, in dem er ihn unzweifelhaft 128 bedacht haben würde; die habſüchtigen Erben ſagten ſich ganz von ihm los. Fröhlich kam dadurch nicht in materielle Verlegen⸗ heiten; er ſtand ſchon ganz auf eigenen Füßen. Als anerkanntem Meiſter wurden ihm vielfache Anerbietungen gemacht, er entzückte überall und feierte Triumphe. Zu der angegebenen Zeit ging er dann nach der Kaiſer⸗ ſtadt, wo er auf dem Gipfel ſeines Ruhmes ſtand; wes⸗ halb er die kaiſerliche Familie von dort aus nicht be⸗ gleitet hatte, war aus ſeinen Mittheilungen nicht recht erſichtlich. Profeſſor Fröhlich wußte ſtets, ſelbſt wenn er heiter war, einen würdigen Stolz zu bewahren; daher kam es, daß Graf Bielinski, der ihm nicht ſehr gewogen war, woraus er auch Victor und den Seinigen kein Hehl machte, doch ihm gegenüber eine achtungsvolle Haltung behaupten mußte; man konnte ſich leicht ſagen, Jener verſtehe einem ungemeſſenen Benehmen feſt ent⸗ gegenzutreten und werde gewiß keine Stunde länger im Schloſſe verweilen, wenn er dort auch nur im Min⸗ deſten verletzt werden ſollte. Ueber ſeine weiteren Lebenspläne ſprach er ſich nicht —— 129 aus; nur zu Victor äußerte er hin und wieder, er ſehne ſich in die weite Welt hinaus, am liebſten über den Ocean fort. Nichts ſchien ihn an der Ausführung eines ſolchen Planes zu verhindern, denn wenn er wohl nicht eigentliches Vermögen beſaß, war er doch zur Zeit reichlich mit Geld verſehen, die neu anbrechende ſchöne Jahreszeit lockte in das Weite hinaus,— und dennoch blieb er auf dem Schloſſe, das jetzt doch ſehr einſam und ſtil war; vielleicht befriedigte ihn gerade dieſe Ruhe,— wie er ſagte, arbeitete er auch wieder an einer großen Kom⸗ poſition, bei der aber nur die junge Gräfin ſeine Ver⸗ traute ſein durfte. Fühlten dieſe Beiden und Victor ſich anſcheinend glücklich in der ländlichen Zurückgezogenheit, ſo konnte letztere auf die Dauer der Fürſtin und Graf Bielinski doch nicht genügen. Allmälig führte derſelbe, jedenfalls mit Zuſtimmung ſeiner Schwiegermutter, wieder neue und alte Freunde ein, und beſonders Victor ſah mit großer Unruhe und Unbehaglichkeit einem geräuſchvollen geſellſchaftlichen Leben entgegen, das ſo ſehr wenig zu ſeiner Stimmung paßte. Der Gedanke, eine neue grö⸗ ßere Reiſe zu unternehmen, war ſchon wieder in ihm le⸗ bendig geworden, aber einestheils wußte er kein rechtes Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 9 130 Ziel für dieſelbe, und dann hielt ihn ein noch unerklär⸗ liches, faſt banges Gefühl ab, ſeine Schweſter zu ver⸗ laſſen, die, wenn er nur ein Wort darüber äußerte, bei⸗ nahe in Thränen ausbrach und ihn mehr mit Blicken, wie mit Worten bat, zu bleiben. Was ging in der jungen Frau vor? Für ihn blieb dies noch immer ein Räthſel. Viertes Capitel. Es kamen nun alſo wieder Gäſte in das fürſtliche Schloß und zwar, ebenſo wie früher, nicht für einzelne Tage, ſondern auf Wochen, Monate, nach und nach eine ganz ähnliche, zum Theil ſogar dieſelbe Geſellſchaft wie ehemals; die Fürſtin ließ ſich von ihnen den Hof machen, Graf Bielinski jagte, trank und ſpielte mit ihnen; be⸗ ſonders die letztere Unterhaltung kam ihn theuer zu ſtehen. Victor, Julie und Doktor Fröhlich fanden an dieſem Treiben erſichtlich keinen Geſchmack und zogen ſich mög⸗ lichſt davon zurück, ſoweit dies nur die Pflichten der Gaſt⸗ freundſchaft geſtatten wollten. Dieſe Drei ſchloſſen ſich um ſo enger aneinander, ſie verhehlten ſich nicht, daß dieſe Umgebung ihnen wenig behage. 1 Es kam auch einmal eine beſonders vertrauliche Stunde, in der Victor der Schweſter ſein Herz vollſtändig eröffnete; er nannte ihr ſelbſt die Erbherzogin Anna, und 9* 132 wenn ſie durch ſeine Geſtändniſſe auch ſehr überraſcht wurde, bewies ſie ihm doch eine ſo warme Theilnahme, daß er eigentlich überraſcht wurde. Sie weinte heiße Thränen für ihn und, wie es ſchien, noch mehr für die unglückliche hohe Frau, die ihr perſönlich nicht einmal näher bekannt war. Ob ſie ihren eigenen Herzens⸗ und Seelen⸗ zuſtand wohl mit dem Jener verglich und nur deshalb ein ſo lebhaftes Intereſſe daran nahm?— Jedenfalls meinte ſie es aber mit ihrem Bruder auf⸗ richtig und beſchwor ihn flehentlich, dieſe unſelige hoff⸗ nungsloſe Leidenſchaft aus ſeinem Herzen zu reißen. Sie gab auch zu, daß ſie in ihrem Gatten nicht ge⸗ funden, was ſie erwartet hatte, aber ging damit nicht weiter, als daß ſie ſich über ſein leichtfertiges Leben be⸗ ſchwerte, über den Mangel an wahrer Liebe, den er ihr bezeigte, und endlich ihre Befürchtungen wegen des Ein⸗ fluſſes ausſprach, den er, nur in den Vermögensangelegen⸗ heiten, über ihre Mutter gewonnen hatte. Dagegen konnten die beiden Geſchwiſter freilich Nichts thun, denn die Fürſtin war ja die ganz unabhängige Erbin ihres zweiten Gemahls geworden; es wäre daher ganz vergeblich und jedenfalls höchſt undelikat geweſen, ihr Vorwürfe über ihre Verſchwendung zu machen, welche —— 133 hauptſächlich auf der unſinnigen Verwaltung des Grafen Bielinski beruhte; gleichgiltig konnten die beiden Kinder dabei aber doch nicht bleiben. Julie vertraute ihrem Bruder, welche horrende Summe ihr Mann für ſich verbrauchte,— ſie wußte noch lange nicht Alles,— und Victor ſah mit eigenen Augen, welche verkehrte Maßregeln derſelbe im Intereſſe der Fürſtin traf; alle Welt ſprach ſchon darüber, daß der ſogenannte Güter⸗Direktor, dem der Graf ein ſo unbedingtes Ver⸗ trauen ſchenkte, ganz offenkundig in ſeine eigene Taſchen hinein wirthſchafte, nur die Fürſtin und Bielinski ſchienen dafür keine Augen zu haben. Wo hinaus ſollte das?— welches noch ſo große Vermögen könnte in böswilligen oder ungeſchickten Händen nicht endlich einmal erſchöpft werden?— Von den ernſteſten Beſorgniſſen deshalb getrieben, wollte Victor ſeine Schweſter beſtimmen, der Mutter die Augen zu öffnen,— er ſelbſt konnte dies nicht, weil er recht gut wußte, wie wenig Einfluß er auf ſie beſaß, und weil er ſich dadurch leicht den Verdacht eigennütziger Be⸗ weggründe aufladen konnte; aber Julie war in dieſem Punkte eigenſinnig, beinahe gleichgiltig; ſie ſuchte ſich da⸗ 134 mit zu rechtfertigen, daß ſie ihren eigenen Mann nicht an⸗ klagen dürfe. Victor ſpielte nun eine ihn ſelbſt niederdrückende Rolle; es waren auch Viele da, die ihn dies fühlen ließen, an ihrer Spitze ſein Schwager, wiewohl ſie ſich recht gut zu hüten wußten, eine offene und kräftige Entgegnung ſeiner⸗ ſeits herbeizuführen; äußerlich kam man ihm mit der größten Höflichkeit, ſogar ſcheinbarer Freundſchaft entgegen, aber dieſe Kavaliere, die ſich wahrlich nicht eines echten Manneswerthes und thatkräftiger Handlungen rühmen durften, ſchienen ihm ſolche auch abzuſprechen und ihn deshalb zu bemitleiden, daß er zur Zeit eben Nichts weiter wie der Sohn einer reichen und vornehmen Mutter war. Alle dieſe Verhältniſſe kamen zuſammen, um den jungen Grafen Horneck zu einer ſchnellen Entſcheidung über ſeinen weiteren Lebensplan zu beſtimmen; er hätte, da er nun mündig geworden war und frei über ſein eigenes Vermögen verfügte, ganz unabhängig leben gekonnt, aber verſchiedene Gefühle trieben ihn mächtig, ſich als Mann auch das Recht auf den ruhigen Genuß zu erwerben; es lag auch eine innere Unruhe vor, die ihn drängte, ſich durch Thaten auszuzeichnen, und der Weg dazu war ihm ja durch ſeine ganze Erziehung vorgeſchrieben. 135 Damals kämpften die Herzogthümer Schleswig und Holſtein um ihre Befreiung vom däniſchen Joche; ihre Sache war eine allgemein deutſche geworden, nicht allein bei dem Volke, ſondern auch den Regierungen. Dies er⸗ ſchien Victor als die günſtigſte Gelegenheit, wieder die Waffen zu ergreifen; er konnte ſie ja nun, Neigung und Beruf folgend, für ſein Vaterland führen, das große deutſche, das ſich eine Weile lang in alter Macht und Kraft wieder erheben zu wollen ſchien. Dieſen Entſchluß, der ihm ſogleich mit der Erhebung der Herzogthümer nahelag, würde er ſchon früher aus⸗ geführt haben, hätten dem nicht manche wohlzubedenkende Hinderniſſe im Wege gelegen; anfänglich gewann der ſchleswig⸗holſteiniſche Aufſtand in manchen Augen, zumal er mit den Volksbewegungen in Deutſchland zuſammenfiel, einen revolutionären Anſtrich, der Victor nicht vollſtändig zuſagen konnte; ſeine Anſicht darüber änderte ſich erſt, als die Regierungen dieſe Sache zu der ihrigen machten, we⸗ nigſtens zu machen ſchienen;— ſeitens der kaiſerlichen war dies aber bekanntlich nicht der Fall, und wenn er auch durchaus keine Verpflichtungen gegen die letztere hatte, ſo doch gewiſſe gegen ſeine Familie, die in dieſem Staate lebte und ſelbſt den höchſten Perſonen naheſtand. Nach⸗ 136 her intereſſirte er ſich aber immer mehr für dieſen Kampf im Norden, und ſeine perſönliche Stimmung, die Rück⸗ ſichten, die er auf ſeine eigene Perſon zu nehmen hatte, trugen gewiß nicht wenig dazu bei, daß er ſich immer ge⸗ bieteriſcher dorthin gezogen fühlte. Er ſchrieb nun, ohne Einem ſeiner Angehörigen ein Wort davon zu ſagen, an die proviſoriſche Regierung der Herzogthümer und bot ſeine Dienſte als Offizier an; man brauchte dort Offiziere; der Name und die militäriſchen 1 Zeugniſſe Victors empfahlen ihn, und er erhielt bald eine zuſtimmende Antwort; ſeinen Wünſchen gemäß wurde ihm eine Anſtellung als Lieutenant in einem der beiden Dra⸗ 4 gonerregimenter angeboten. 1 Als Victor nun im fürſtlichen Schloſſe mit ſeinem Plane hervortrat, fand derſelbe meiſtentheils Mißbilligung. Julie hatte dagegen nur einzuwenden, daß ſie ſich von ihrem Bruder trennen ſollte, und äußerte dies wieder ſo 8 b leidenſchaftlich gegen ihn, als ſehe ſie darin für ſich ſelbſt eine große Gefahr und es handle ſich um einen Abſchied auf Leben und Tod; aber auch jetzt noch konnte ſie es nicht über ſich gewinnen, ſich ganz offen auszuſprechen, und ſo ließ ſich von Victor nicht verlangen, daß er ihr 4 ein allzu großes Opfer gebracht haben ſollte. 137 Die Fürſtin, ſeine Mutter, ſprach ihre Unzufrieden⸗ heit rückhaltslos aus, reizte aber dadurch nur noch mehr ſeinen Widerſtand; ſie nannte die Armee der Herzogthümer und beſonders deren Offiziere eine zuſammengelaufene re⸗ volutionäre Abenteurergeſellſchaft, ſprach verächtlich von Preußen, das derſelben aus Eigennutz ſeinen Schutz ge⸗ währe und pries die kluge Zurückhaltung Oeſterreichs; ſie verlangte, daß ihr Sohn auf ihre perſönliche Stellung Rückſicht nehme, und als er keinen genügenden Grund dafür anerkennen wollte, war ein neuer Bruch entſchieden; übrigens lag ihr jedenfalls nicht daran, ihn in ihrer Nähe zu behalten. Graf Bielinski ſchloß ſich, wenn auch mit mehr vor⸗ ſichtiger Zurückhaltung, dieſen Anſichten ſeiner Schwieger⸗ mutter an, gratulirte aber ſeinem Schwager wieder dazu, daß derſelbe mehr Befriedigung für ſeine Neigungen finden werde; es war erſichtlich, daß er eine Doppelrolle ſpielte und Nichts ſehnlicher wünſchte, als daß Victor ſich nach den Herzogthümern begebe und womöglich niemals wieder von dort zurückkehre.. Die übrige Geſellſchaft, deren Urtheil der junge Graf nicht weiter beachtete, ſtimmte etwa in denſelben Ton ein; ſie fand es wenig ariſtokratiſch, eine Offiziersſtelle in der 138 Revolutionsarmee einzunehmen. Nur Doktor Fröhlich ſtimmte mit Victor überein, obgleich er aufrichtig verſicherte, daß er ſeine Freundſchaft ſchwer entbehren werde. Dies führte nun zu weiter Nichts, als daß Graf Horneck einen ſchleunigen Abſchied nahm und ſeine Reiſe antrat; ſchwer wurde ihm dieſer Abſchied eigentlich nur von ſeiner Schweſter, die er ſeiner wärmſten brüderlichen Liebe verſichern konnte und dringend bat, ſich vertrauungs⸗ voll an ihn zu wenden, wenn ſie jemals ſeines Rathes oder ſeiner thätigen Hülfe bedürfen ſollte; Julie ſagte ihm dies auch unter heißen Thränen zu Der Abſchied von ſeiner Mutter fiel ziemlich kalt aus, von Graf Bielinski und Genoſſen ganz förmlich. Victor trat nicht zur günſtigſten Zeit in ſeine Stel⸗ lung ein. Wir wollen uns nicht weiter über die damali⸗ gen kriegeriſchen und politiſchen Verhältniſſe verbreiten, nur ſoviel, daß Preußen durch die Einmiſchung des Aus⸗ landes gedrängt wurde, zu Ende Auguſt den böſen Waffen⸗ ſtillſtand von Malmö abzuſchließen, welcher die Herzog⸗ thümer wieder in die zweideutigſte Lage brachte. Sie rüſteten ſich dennoch zum neuen Kampfe, und Graf Hor⸗ necks Dienſte wurden auch jetzt noch gern angenommen; er blieb mit ſeinem Regimente einſtweilen im Herzogthume 139 Holſtein kantonnirt, und wenn ihn die erzwungene kriege⸗ riſche Unthätigkeit bei den Erwartungen, die er mitgebracht hatte, gerade nicht befriedigte, ſo fand er in dem ange⸗ nehmen kameradſchaftlichen Umgange doch einigen Erſatz dafür. Die Fürſtin und Graf Bielinski ſchienen beinahe nur darauf gewartet zu haben, daß Victor als läſtiger Be⸗ obachter ſie wieder verlaſſe, denn ſie begannen nun ihr altes Treiben ungenirter wie jemals von Neuem; Julie wurde dabei nicht im Mindeſten befragt und faſt vernach⸗ läſſigt, indem man ſie dem Verkehre mit Doktor Fröhlich ganz ungenirt überließ. Das Schloß füllte ſich immermehr mit Gäſten, und die Ausgaben für dieſelben, Vergnügungen, Glanz und Pracht wurden mit vollen Händen fortgeworfen. Dabei trieben der Gutsdirektor und die einzelnen Inſpektoren, was ſie wollten, denn von einer ernſtlichen Kontrole durch Graf Stephan war nicht die Rede. Die Fürſtin ſelbſt verſenkte ſich immer tiefer in dieſen Tumult, ſie nahm ſelbſt an dem hohen Hazardſpiele Theil und verlor lachend große Summen, bezahlte ihrem Schwiegerſohne aber noch größere. Wenn ſie auch noch mehr kokettirte wie ſonſt und ſich von aller Welt den Hof machen ließ, ſo ſtand 140 es nun doch ſchon außer aller Frage,— und die leicht⸗ fertige Geſellſchaft amüſirte ſich höchlichſt darüber,— daß ſie ihren Schwiegerſohn auch in dieſer Beziehung beſonders bevorzugte. Wie verſchloſſen und möglichſt zurückgezogen ſich Pro⸗ feſſor Fröhlich auch halten mochte, konnte er ſich doch un⸗ möglich ſolchen Bemerkungen entziehen; er begriff auch unzweifelhaft, daß dieſelben Gräfin Julie zu Herzen gingen, und da er unleugbar für dieſelbe großes Intereſſe hegte und ihr die achtungsvollſte Verehrung zutrug, mußten jene ihn bald derartig anekeln, daß der Wunſch in ihm rege wurde, dieſes Haus zu verlaſſen, in dem er zum Schutze ſeiner Freundin doch Nichts beizutragen vermochte; aber den wahren Grund dieſer Abſicht konnte er ihr nicht an⸗ vertrauen,— wie ſchmerzlich hätte ſie dadurch verletzt werden müſſen? Als er unter einem anderen Vorwande zu ihr ein Wort über ſeine bald nothwendig werdende Abreiſe äußerte, zeigte Gräfin Julie die lebhafteſte Beſtürzung, wagte aber keine Bitte, ihn zurückzuhalten. Ließ ſich dieſes Benehmen nicht leicht erklären, ſelbſt ohne daß man übermäßige Eitelkeit zu Hülfe nahm?— Doktor Fröhlich erſchrak lebhaft; er war ſich ſchon längſt 141 darüber klar geworden, daß er Julien eine heiße Neigung zutrage,— ſie war auch ſeine erſte Liebe, Vietor hatte dieſelbe nur nicht richtig verſtanden,— ſein erſtes Zu⸗ ſammentreffen mit ihr in jenem Wintergarten hatte ſchon das lebhafteſte Intereſſe für ſie erweckt, ihre ſcheinbare Kälte ihn beleidigt, aber nur umſomehr gereizt, ihr ſpäteres Entgegenkommen war von ihm mit heimlichem Herzens⸗ jubel aufgenommen worden, der nur durch die Einſicht gedämpft wurde, daß es Thorheit und Verbrechen zu 1 nennen ſei, eine ſo ungeſtüm aufkeimende Leidenſchaft 8 einer verheiratheten Frau zuzutragen. Fröhlich hatte Grundſätze, wie man ſagt, er war eine durchaus edle Natur,— aber wo bleiben Grundſätze, wo der klare Sinn für das Recht, wenn eine wahre Leiden⸗ ſchaft ſpricht?— La Rochefoucauld hat wohl kaum ein wahreres Wort geſprochen, als das: „Wenn wir unſeren Leidenſchaften widerſtehen, ſo. geſchieht's mehr, weil ſie ſchwach, als weil wir ſtark ſind.“ Fröhlich hatte übrigens als Mann gethan, was er nur vermochte; er beging nur die eine Schwachheit, von ¹ der Einladung nach dem Gute der Fürſtin Gebrauch zu machen; nachher beherrſchte er ſich, ſelbſt im vertrauteſten, 142 ungeſtörteſten Verkehre, ſo daß er Julie kaum Etwas von den Gefühlen, die er ihr zutrug, ahnen ließ; ſie erblickte in denſelben wenigſtens nicht mehr als eine ſehr warme Freundſchaft. Jemehr er ſich jetzt überzeugte, wie un⸗ glücklich ſie durch ihren Gatten gemacht wurde, deſto eher glaubte er ſich auch ein Recht auf ſie erwerben zu dürfen; aber noch blieben die Grundſätze,— er wollte dieſer Ver⸗ ſuchung entfliehen, bevor dieſelbe zu den ſchlimmſten Ge⸗ fahren führte. Was Julie anbetraf, ſo wird man aus ihrem ganzen Weſen und Benehmen ſchon erſehen haben, daß ihre Meinung über Doktor Fröhlich ſeit jener erſten Begegnung ſich vollſtändig verändert hatte. Ohne Zweifel würde auch ſie nicht in eine ſchwere Verſuchung, ihre Pflichten als Gattin zu verletzen, geführt worden ſein, wenn Graf Bie⸗ linski nicht allein vollſtändig ihre Liebe verloren, ſondern ſich auch ihren Haß zugezogen hätte; ſelbſt die zarteſten Empfindungen mußten nach der Erfahrung, die ſie ge⸗ macht hatte, in dieſes letztere Gefühl übergehen. Sie war nicht müde geworden, ſcharf zu beobachten, und es war ihr zur entſetzlichen Gewißheit geworden, daß ſie ſowohl von ihrem Manne, wie von ihrer eigenen Mutter ſchmählich, in der unnatürlichſten Weiſe betrogen wurde. 143 Sie ſchwieg darüber, wagte keinen Widerſtand zu er⸗ heben, den ſie doch für nutzlos hielt, aber umſo tiefer grub ſich der Wunſch nach Rache in ihr Herz ein und wurde nun, wo ſich gerade die Gelegenheit dazu bot, unter⸗ ſtützt durch eine wahre Neigung, die ſie Doktor Fröhlich zutrug. Die echte Weiblichkeit war in ihrem Herzen er⸗ loſchen, ihr Ausdruck wich wenigſtens von den durch die Welt vorgeſchriebenen Geſetzen ab; ſie war verrathen worden und hielt es nicht mehr für eine ſchwere Sünde, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und in ſolchen ſich verirrenden Gedanken war ihre Liebe zu Doktor Fröhlich gewachſen, mit dem Graf Bielinski keinen Vergleich aus⸗ zuhalten vermochte. Daß ſie Fröhlich ſelbſt ſich nicht weiter offenbart hatte, dürfte immerhin dafür ſprechen, daß ihr weibliches Gefühl noch nicht tief geſunken war. Jetzt, wo ein ſo naher Abſchied bevorſtand, nach dem ſich kaum ein Wiederſehen erwarten ließ, kamen dieſe beider⸗ ſeitigen Gefühle aber zum Ausdrucke, und ein beſonderes Ereigniß ſollte für Julie noch dazu beitragen. Um ſich deſto eher vor ihrem eigenen Gewiſſen recht⸗ fertigen zu können, hatte ſie auf ſich genommen, was eigentlich ihrem Naturell widerſtrebte und ſie früher aus⸗ zuführen unmöglich gehalten, haben würde; ſie ließ es ſich ————õÿõÿy n 144 nämlich angelegen ſein, alle Schritte ihrer Mutter und ihres Mannes förmlich auszuſpioniren. Ein ſo ernſtlich und hartnäckig durchgeführtes Beſtreben mußte, aller Vor⸗ ſicht ungeachtet, welche Jene beobachteten, früher oder ſpäter doch einmal zum Ziele führen. So gelang es ihr auch einmal in dieſer Zeit, gerade ähnlich wie damals, eine vertrauliche Unterredung der Beiden zu belauſchen, in der es ſich um ihre eigene Per⸗ ſon handelte. Die Fürſtin machte ſich ſelbſt Vorwürfe über den Betrug, den ſie ihrer Tochter ſpielte,— es mag dahingeſtellt bleiben, wieweit ſie damit blos kokettirte,— Graf Stephan nahm die Sache wieder von ſehr leichter Seite und meinte ſpöttiſch, ſeine Frau wiſſe ſich ja ſchon zu entſchädigen; Beide ſprachen in frivolſter Weiſe von einem Verhältniſſe Juliens zu Doktor Fröhlich, als ob ſie ihre eigene ſchwere Sünde vor einander zu entſchuldigen ſuchten. Die junge Frau gerieth über dieſe neue Schändlich⸗ keit faſt außer ſich und war nahe daran, offen vor die wahrhaft Schuldigen zu treten und ſich von ihnen mit der größten Energie loszuſagen. Sie hätte dies thun ſollen, — es wäre noch der einzige Weg geweſen, ihre eigene Ehre zu wahren; aber ſie fürchtete theils Gewaltthaten oder 145 einen langen ſchmählichen Eheſcheidungsprozeß, ſie hatte in ihrem Schmerze und der aufs Höchſte erregten Leidenſchaft überhaupt die Ueberlegung verloren, ſo daß ſie ſelbſt die weibliche Scham verleugnen konnte. „ Ohne Beſinnen ſtürzte ſie in die Zimmer Doktor Fröhlichs und geſtand im halben Wahnſinne dem Ueber⸗ raſchten nicht allein ihr ganzes Elend, ſondern auch ihre Liebe. Man erlaſſe uns die Schilderung dieſer Scene. Die Sonne kämpfte mit den ſchwerſten Gewitterwolken; in der einen Wagſchale lagen das ſittliche Gefühl und die kon⸗ ventionellen Geſetze, in der anderen alle böſen und guten, wenigſtens natürlichen Leidenſchaften,— die letztere ſenkte ſich Doktor Fröhlich war ebenſo empört über die Julien widerfahrene Behandlung wie ſie ſelbſt,— er liebte ſie ja und konnte dies ihrem eigenen Geſtändniſſe gegenüber nicht länger verheimlichen; es erſchien ihm als eine heilige Pflicht, ſie fortan zu beſchützen. Oder ſollte er jetzt kalt abreiſen und ſie dem unerhörteſten Unglücke überlaſſen?—— Am Tage darauf erklärte Doktor Fröhlich der Fürſtin ganz ernſt und gemeſſen, daß er ſofort abreiſen wolle; er gab dafür keine beſtimmten Gründe an, ließ es aber durch⸗ Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 10 —————õõõ——ᷣ—ᷣ:— 146 fühlen, daß ihm das Leben auf dem Schloſſe nicht mehr behage; er wolle auch gleich für immer Abſchied nehmen. Eigentlich war der Fürſtin nicht viel an ſeiner Ge⸗ ſellſchaft gelegen, ſeine ſteife Zurückhaltung in letzterer Zeit ihr ſogar ſchon läſtig geworden, aber ſie hatte doch geglaubt, durch ihn von Juliens Aufmerkſamkeit befreit zu werden, wenn es ihr auch nicht im Ernſte eingefallen war, daß ein intimes Verhältniß zwiſchen Beiden beſtehen konnte; andererſeits war es ihr unangenehm, daß der Doktor, eine immerhin angeſehene Perſönlichkeit, ihr Haus mit Mißmuth verließ und demſelben vielleicht weiteren Ausdruck gäbe. Ihre freundſchaftlichen Einwendungen richteten in⸗ ddeeſſen bei der Feſtigkeit ſeines Entſchluſſes nicht das Min⸗ ddeeſte aus, und man trennte ſich ziemlich kühl. Wider ihr Erwarten blieb Julie ſehr gefaßt, und Graf Stephan war offenbar recht froh, daß der Doktor abreiſte, angeblich wieder nach der Kaiſerſtadt; der Menſch machte, wie er ſagte, eigentlich einen unheimlichen Eindruck auf ihn, aber er war zu leichtfertig, um demſelben weiter nachzuhängen, und von wirklicher Eiferſucht auf ſeine Frau konnte keine Rede ſein. Doktor Fröhlich reiſte ab, und die luſtige Geſellſchaft 147 ſpottete dem ernſten Pedanten nach. Gräfin Julie ging ſtill und finſter umher; man lachte heimlich über ſie, denn man wollte dieſe Stimmung mit der Abreiſe ihres ver⸗ ehrten Lehrers in Verbindung bringen; nur die Fürſtin konnte ſich in böſer Ahnung einer gewiſſen Beſorgniß nicht erwehren; ihre Tochter benahm ſich jetzt wirklich auffallend kalt gegen ſie und Graf Stephan, der ſich darüber aber keine grauen Haare wachſen ließ. Ungefähr acht Tage waren ſeitdem vergangen, als die Fürſtin des Morgens bei ihrer Toilette beſchäftigt, durch eine ſehr zaghaft auftretende Kammerfrau einen Brief erhielt, auf dem ſie ſogleich die Handſchrift ihrer Tochter erkannte. Sie bebte unwillkürlich zuſammen und wurde ſehr blaß, kaum vermochte ſie die Worte hervorzubringen: „Von meiner Tochter, der Frau Gräfin?“ „Zu Befehl, Euer Durchlaucht; die gnädige Frau Gräfin iſt in dieſer Nacht abgereiſt.“ „Und der Graf?“ entfuhr der Fürſtin. „Frau Gräfin ſind allein gereiſt, ohne jede Beglei⸗ tung, mit beſtellter Extrapoſt.“ Fürſtin Mathilde ließ ſchleunigſt die Botin, wie ihre eigene Kammerfrau abtreten, denn ſie begriff, daß dieſer 10⸗ 148 Brief Mittheilungen enthalten könnte, die ſie um alle Faſ⸗ ſung bringen würden. Sie hatte ſich auch nicht getäuſcht; Julie ſchrieb in unendlich bitteren Ausdrücken, daß ſie das an ihr begangene Verbrechen kenne, ſich von ihrer Familie loszureißen dadurch genöthigt ſei und ſich nach ihrer Vater⸗ ſtadt begebe, um dort ihr väterliches Vermögen in Em⸗ pfang zu nehmen; ſie gab nicht an, was ſie für die Zu⸗ kunft beabſichtigte, ſprach aber ſehr entſchieden aus, wenn man ihrem nothgedrungenen Handeln irgendwelche Hinder⸗ niſſe in den Weg zu legen ſuchen ſollte, würde ſie mit einer ſchonungsloſen öffentlichen Anklage gegen Mutter und Gemahl heraustreten. Die Fürſtin war anfänglich ganz verſteinert über den Inhalt dieſes Briefes. Von wahrem Muttergefühle konnte in ihrem Herzen wohl nicht mehr die Rede ſein, aber jetzt begriff ſie vielleicht erſt vollkommen, wie tief ſie daſſelbe verletzt hatte, und mochten ſich bei der von den unedelſten Leeidenſchaften verblendeten Frau auch nicht die tiefſten Ge⸗ wiſſensbiſſe einſtellen, ſo doch eine furchtbare Angſt, wie verächtlich ſich dieſes Ereigniß der Welt darſtellen würde; es wurde ihr auch gewiß nicht ſo leicht, das zweite Kind ganz aus ihrem Herzen zu reißen, wie das erſte. Augenblicklich blieb der Egoismus vorwiegend. Mit 149 dem Briefe in der Hand eilte ſie zu ihrem Schwiegerſohne, reichte ihm das Papier und ſank ſprachlos, faſt ohnmächtig in einen Seſſel. 1 Auch Graf Bielinski bekam keinen geringen Schreck, aber er dachte nur an ſich ſelbſt, und ſonderbarerweiſe hielt er ſeine Ehre durch die Flucht ſeiner Gattin auf das Tiefſte verletzt und hatte nur Schmähungen und Drohungen für dieſelbe. Darin ſtimmte er bald mit der Fürſtin überein, daß Julie um jeden Preis zurückgebracht werden müſſe, ehe ein öffentlicher Skandal durch ſie verurſacht würde; die beiden Vertrauten ſprachen ſogar ſchon davon, ſie für wahnſinnig erklären zu laſſen, und warum ſollte dieſes neue Verbrechen nicht auch ſo hochſtehenden, über alle Mittel gebietenden Perſonen gelungen ſein?— war keine Verſöhnung zu erreichen, ſo mußte Julie auf eine oder die andere Weiſe zum Schweigen gebracht werden; dies war man ja ſchon der„Familienehre“ ſchuldig. Der Verdacht, daß ſie im Einverſtändniſſe mit Doktor Fröhlich gehandelt habe, lag nicht zu fern und wurde auch von der Fürſtin und Graf Stephan ſofort aufgefaßt; der Letztere fühlte ſich dadurch noch mehr erbittert. Selbſt⸗ verſtändlich mußte die im Schloſſe anweſende Geſellſchaft 150 und Dienerſchaft getäuſcht werden, und dieſe Aufgabe wurde noch ziemlich gut gelöſt, wiewohl das Geſchehene für die Dauer kein Geheimniß bleiben konnte. Graf Stephan nahm garkeinen Abſchied von ſeinen Freunden, und die Fürſtin brachte nachher eine Lüge her⸗ vor, welche die ſchleunige Abreiſe des Ehepaares nach der Kaiſerſtadt rechtfertigen ſollte. Erſterer machte ſich ſofort auf den Weg und ſuchte ſeine Frau einzuholen; welche Mittel und Geſchicklichkeit er dazu aber auch anwenden mochte, war ſie ihrerſeits klug genug geweſen, jede Spur ihres Weges zu verwiſchen. Sie hatte nur wenige Effekten mit ſich genommen, darunter aber ihre ſehr koſtbaren Diamanten und eine ihr gehörige beträchtliche Geldſumme, dadurch war ſie ganz ſelbſtſtändig geworden. Vergeblich bemühte ſich Graf Stephan in der Kaiſer⸗ ſtadt, eine Nachricht von ihr zu erhalten; er gewann bald die Ueberzeugung, daß ſie dieſelbe garnicht paſſirt haben mußte. Nun wandte er ſich nach ihrer Vaterſtadt, wo ihr perſönliches Vermögen fundirt war. Sie hatte darüber noch keine Verfügung getroffen, und er war vorſichtig und eigennützig genug, darauf Beſchlag zu legen. Auch über Doktor Fröhlich war Nichts zu erfahren, wodurch ſich ſein erſter Verdacht nur beſtätigte. Er war 151 garnicht nach der Kaiſerſtadt zurückgekehrt, und keiner ſeiner dortigen Bekannten wußte das Mindeſte von ihm. Graf Bielinski dachte auch wohl daran, daß Julie ſich zu ihrem Bruder begeben haben konnte, da derſelbe ſich jetzt ja nicht im eigentlichen Feldlager befand, aber Victor hätte er unter dieſen Umſtänden nicht gerne wieder⸗ geſehen; derſelbe nahm zweifellos die Partie ſeiner Schweſter, und Graf Stephan beſaß ein zu ſchlechtes Ge⸗ wiſſen, um ſich vor ihm vertheidigen zu wollen. Zuletzt reiſte er in größter Eile noch nach einigen größeren Hafen⸗ ſtädten, da er ſich erinnerte, daß Fröhlich davon geſprochen hatte, ſpäter einmal nach Amerika überſchiffen zu wollen; aber auch hier war ſein Name oder eine Kunde von Julie nirgends aufzutreiben. Halb gedemüthigt, andererſeits vor Wuth mit den Zähnen knirſchend, mußte er ſich entſchließen, ganz unver⸗ richteter Sache die Heimreiſe anzutreten; es ließ ſich aber Nichts thun, als abzuwarten, was Julie von ſich hören laſſen würde. Inzwiſchen hatte die Fürſtin, die in größter Angſt, d. h. für ſich ſelbſt, ſchwebte, die Gäſte aus ihrem Hauſe zu entfernen geſucht; ein Theil derſelben war auch takt⸗ voll genug geweſen, da man das Vorgefallene zu durch⸗ 152 ſchauen begann, von ſelbſt abzureiſen, die Anderen mußten wohl gehen, als die Fürſtin ſcheinbar erkrankte; ſie ſorgten dafür, daß die ſchlimmſten Gerüchte in Umlauf kamen. Nach Verlauf einiger Tage war daß Schloß wieder ganz einſam geworden, und es herrſchte daſelbſt der gedrückteſte, unheimlichſte Ton; die Diener flüſterten ſich auch in die Ohren, die junge Gräfin ſei nur dem Doktor Fröhlich nachgereiſt, vielleicht gänzlich mit ihm durchgegangen, und die Theilnahme dieſer Leute war mehr auf ihrer, wie auf der Fürſtin und Graf Stephans Seite; man wußte in dieſen Kreiſen am beſten, wie ſchlecht Letzterer ſich gegen ſeine Gemahlin benommen hatte. Ungefähr nach vierzehn Tagen kehrte Graf Bielinski zurück, finſter und ſtreng ausſehend. Er erklärte der Fürſtin geradezu, daß er nach einer ſo ſchweren Ehren⸗ verletzung ſeine Ehe ſcheiden laſſen müſſe, und ſie hatte Mühe, nur noch einige Zeit Aufſchub von ihm zu er⸗ langen; übrigens blieben Beide nach wie vor auf dem beſten Fuße miteinander. Noch wagten ſie nicht, an Victor zu ſchreiben und bei demſelben ſeine Schweſter anzuklagen, wußten ſie doch nicht, wieweit ſich dieſelbe gegen ihn ausgeſprochen haben möge. ——————— 153 Wochen vergingen in einer qualvollen Ungeduld, die keine geringe Strafe für die beiden Schuldbewußten war; man debattirte faſt immer darüber, was mit Julien an⸗ zufangen ſei, wenn ſie zurückkehrte, aber es ſchien, daß ſie ſich freiwillig dazu nicht entſchließen wolle. Endlich, im Oktober, kam eine weitere Aufklärung, welche neue Beſtürzung erregte. Julie hatte ſich von den Vereinigten Staaten Nord⸗Amerikas— der Ort war nicht angegeben, wurde wenigſtens der Fürſtin und dem Grafen nicht bekannt— an einen angeſehenen Advokaten in ihrer Vaterſtadt brieflich gewandt, und von dieſem kamen die Mittheilungen und Anfragen. Sie hatte eine förmliche Anklage gegen ihren Gemahl eingeſandt und beantragte darauf ihre Eheſcheidung; dieſelbe ſollte aber erſt vor Ge⸗ richt gebracht werden, falls Graf Stephan ſich weigerte, in letztere zu willigen; ſie beanſpruchte auch als die Ver⸗ letzte ihr volles väterliches Vermögen. Die Verhältniſſe lagen nun allerdings ſo, daß die Gerichte einem ſolchen Antrage nicht unbedingt Folge geben konnten, da es Julien an direkten Beweiſen für ihre Behauptungen fehlte; im Gegentheil würde ſie wegen bös⸗ williger Verlaſſung ihres Ehemannes und, wenn es ſich erweiſen ſollte, daß ſie mit Doktor Fröhlich abgereiſt ſei, 154 wegen Ehebruches verurtheilt worden ſein. Sie fühlte und wußte dies auch wohl ſelbſt, denn ſie ließ ihrem Gemahle vorſtellen, welcher Skandalprozeß entſtehen müßte, wenn er nicht freiwillig in die Scheidung willige, überließ ihm auch, klagbar gegen ſie aufzutreten und damit die Sache zu Ende zu führen. In der That konnte Graf Bielinski auch kaum noch etwas Anderes thun; der Skandal war einmal da und mußte wenigſtens möglichſt ſchnell wieder zum Schweigen gebracht werden. Nach der Wiedervereinigung mit ſeiner Gattin ſehnte er ſich durchaus nicht; dieſelbe erſchien ihm jetzt auch geradezu unmöglich geworden; auf ihr Ver⸗ mögen konnte er ſchon verzichten, wenn er ſich mit der Fürſtin verſtändigte und deren Freund blieb,— und wahr⸗ ſcheinlich machte er ſich ſtarke Hoffnungen, dereinſt noch eine andere Stellung zu ihr einzunehmen. Fürſtin Ma⸗ thilde ſtimmte auch dafür, daß man Juliens ſo beſtimmt ausgeſprochenem Willen nachgebe— man konnte ſie ja nicht einmal eines Anderen zu bereden verſuchen. Es blieb alſo dabei, daß Graf Bielinski auf das Vermögen ſeiner Frau, das ihr ſpäter verabfolgt wurde, verzichtete und um Trennung ſeiner Ehe einkam— wegen FE 155 gegenſeitiger unüberwindlicher Abneigung und böswilligen Verlaſſens von ihrer Seite. Selbſtverſtändlich erforderte dies längere gerichtliche Verhandlungen, die ſich bis in das nächſte Jahr hinein⸗ zogen und ſchließlich das gewünſchte Reſultat hatten. Von Doktor Fröhlich war dabei keine Rede, er blieb verſchollen und man konnte nur vermuthen, daß er ſich mit der Gräfin in Amerika befinde. Aergerliches Aufſehen gab es genug, und die Fürſtin und ihr Schwiegerſohn hielten ſich vor aller Welt zurückgezogen. Eine ſehr unangenehme, aber doch unvermeidliche Pflicht war es für ſie, Victor endlich von dem Vergan⸗ genen und noch Vorgehenden brieflich Kenntniß zu geben. Sie gingen dabei möglichſt vorſichtig zu Werke, klagten Julie nicht zu ſchwer an, ſondern beſchränkten ſich auf die Mittheilungen der Fakta, und während die Fürſtin nur von ihrem grenzenloſen Schmerze und tiefſter Verzweiflung ſprach, ſuchte ſich Graf Bielinski zu entſchuldigen und ver⸗ ſicherte, daß er nur blutenden Herzens in die ihm auf⸗ gedrungene Scheidung willige. Man höre nun, unter welchen Verhältniſſen Victor dieſe Nachricht empfing und wie er ſie aufnahm! Wie ſchon geſagt, befand er ſich äußerlich ganz wohl 156 in ſeiner neuen Stellung; ſeine dienſtlichen Verhältniſſe behagten ihm vollkommen, nur wünſchte er ſich den Wieder⸗ ausbruch des Krieges, der allerdings noch weit hinaus⸗ geſchoben erſchien, da ein ſiebenmonatlicher Waffenſtillſtand zwiſchen Preußen und Dänemark abgeſchloſſen worden war; als Offizier ſtand er ganz auf ſeinem richtigen Platze, ſeine Vorgeſetzten ſchätzten, die Kameraden und Unter⸗ gebenen liebten ihn wegen ſeines ſich ſtets gleichbleibenden wohlwollenden, freundlichen und auch ernſten Weſens. Graf Horneck konnte für das Muſter eines jungen Offiziers gelten, und dies wurde auch allgemein anerkannt. In ſeinem Regimente herrſchte nicht der leichte, zu⸗ weilen etwas an das Rohe ſtreifende Ton, wie häufig in Friedensgarniſonen; die Zeit war wohl zu ernſt dazu; dieſe Männer waren auch faſt ſämmtlich mit dem Bewußt⸗ ſein unter die Waffen getreten, daß ſie ihrem geliebten Vaterlande oder der Sache, der ſie ſich nun einmal wid⸗ meten, erſprießliche Dienſte leiſten mußten, und es gab viel zu thun, ſich auf den neuen Feldzug vorzubereiten; man hatte nicht viel Zeit zu Vergnügungen, und ein Blick in die eigene Zukunft mußte ernſte Empfindungen er⸗ wecken. Victor war mit anderen Kameraden auf dem länd⸗ 157 lichen Schloſſe eines reichen holſteiniſchen Adeligen ein⸗ quartiert, wo man es nicht an Aufmerkſamkeiten für die ſehr willkommenen Gäſte fehlen ließ; es herrſchte hier ein einfacher, gemüthlicher Geſellſchaftston, in dem jeder Ein⸗ zelne zur Geltung kam, aber man ſuchte keine übertriebene Vergnügungen; auch in dieſer Beziehung konnte Graf Horneck vollſtändig befriedigt ſein. Seit ſeiner Abreiſe von dem Gute ſeiner Mutter hatte er nur einmal an Julie geſchrieben, aber, zu ſeiner Ver⸗ wunderung, auf dieſen echt brüderlichen Brief noch keine Antwort erhalten,— ſollte ſie, die ſich dort ſo zärtlich gegen ihn bezeigt, wieder kälter geworden ſein, da er ihr fern war?— er vermochte dies nicht recht zu glauben und neigte ſich mehr der Befürchtung zu, ſie habe zu Hauſe mit großen Bekümmerniſſen zu kämpfen, die ſie ihm, um ihn nicht zu beunruhigen, verſchweigen wollte. Es war ſchon tief im Spätherbſte, als er einen aus ſeiner Vaterſtadt abgeſandten Brief erhielt; die Hand⸗ ſchrift der Adreſſe war ihm ganz fremd. Ohne jede wei⸗ tere erklärende Beilage war in das Couvert nur ein kleines, wieder ſorgfältig verſiegeltes Papier eingeſchloſſen, das die Aufſchrift trug:„An meinen Bruder Victor.“ Das war 158 Juliens Hand. Sie hatte nur wenige Zeilen geſchrieben, ſichtlich in größter Aufregung, unter Thränen: „Mein theurer Bruder! Mein Loos iſt nun entſchieden; ich ſelbſt habe es mir im feſten, wohlüberlegten Entſchluſſe bereitet und möchte meinen Schritt nicht wieder rückgängig machen. Ich zweifle nicht, daß Dir darüber bald Mittheilungen zugehen werden, wenn dieſelben nicht bereits erfolgt ſind. Du wirſt mich nicht von aller Schuld freizuſpre⸗ chen vermögen, und ich bin heute noch nicht im Stande, werde es vielleicht niemals ſein, mich mit voller Offen⸗ heit vor Dir zu rechtfertigen; es liegt ein Geheimniß zwiſchen Graf Bielinski und mir, das ich nur im höch⸗ ſten Nothfalle, in tiefſter Verzweiflung aufzudecken ver⸗ 1 möchte. Ich habe die letztere ſchon reichlich gekoſtet; der Himmel gebe, daß ich den Becher nicht bis auf die Heefe leeren muß!.. Ich beſchwöre Dich, nicht zu hart über mein ſo unweiblich, ſelbſt verbrecheriſch erſcheinendes Benehmen V zu urtheilen! Einmal,— und ſei es auch erſt dort oben,— wird doch die Stunde kommen, welche Dich in mein zerriſſenes Herz blicken läßt. Suche Dir die Ueberzeugung zu erhalten, daß ich vor meinem eigenen 159 Bewußtſein nicht ſo ſchwer geſündigt habe, wie es den Anſchein hat; mildere meine Schuld durch Deine bis dahin ſtets ſo treue brüderliche Liebe! Ob wir uns jemals wiederſehen werden? und wie?— Mein Herz blutet bei dieſer unendlich ſchmerz⸗ lichen Frage. Sorge nicht um meine jetzige Exiſtenz; ſie iſt ſo glücklich, wie es unter ſolchen Umſtänden eben ſein kann. Möge Gott Dich bei allen Gefahren, denen Du wahrſcheinlich bald entgegengehſt, in ſeinen allmächtigen Schutz nehmen und Dein Herz ſtets offen erhalten für Deine arme Schweſter Julie.“ Wie ſollte Victor, den dieſe Zeilen mit der quälend⸗ ſten Unruhe erfüllten, ſich das darin verborgene Räthſel löſen?— Was war in der kurzen Zeit ſeiner Abweſen⸗ heit vorgegangen? es blieben unendliche Möglichkeiten dafür offen, und indem er ſich dieſelben ſo düſter wie mög⸗ lich ausmalte, kam er zu keinem Entſchluſſe, ob er eine direkte Anfrage an ſeine Mutter richten ſolle. Schon wenige Tage ſpäter langten die oben erwähn⸗ ten Schreiben der Fürſtin und Graf Bielinski's an und übertrafen durch ihre Eröffnungen noch Victors bange Be⸗ 160 fürchtungen. Es war ein harter Schlag ſowohl für ſeine brüderliche Liebe, wie ſein zartes Ehrgefühl, daß Julie Schmach auf ihren und ſeinen Namen gehäuft hatte; aber er begriff auch bald, daß nur die äußerſte Nothwendigkeit ſie dazu gezwungen haben konnte. Ihr Benehmen während ſeiner Anweſenheit klärte ſich ihm jetzt mehr auf; ſie mußte unter der Behandlung ihres Mannes viel mehr gelitten haben, als ſie geſtehen wollte; ohne Zweifel lag die Haupt⸗ ſchuld an demſelben. Warum ſprach ſich Julie aber nicht offener zu ihm aus, nicht einmal in ihrem letzten Briefe? War er nun, wenn die Mutter wirklich die Partei des Grafen Stephan genommen hatte, nicht ihr natürlicher Beſchützer geworden, an deſſen Bereitwilligkeit, ſie zu vertheidigen, ſie nicht zweifeln durfte? h Die Fürſtin hatte auch geſchickt einzuflechten gewußt, 4 ohne in dieſer Hinſicht indeſſen eine Muthmaßung zu äußern, daß Doktor Fröhlich acht Tage früher wie Julie b abgereiſt und gänzlich verſchollen ſei. Als Victor den Brief zum zweiten oder dritten Male durchlas, ſtieg ein Verdacht in ihm auf, der ſich durch Juliens zurückhaltende Worte gerade zu beſtätigen ſchien. Er erinnerte ſich ſelbſt, daß ſie zu ihrem Lehrer in 161 einem intimen Verhältniſſe geſtanden hatte, manchen Wor⸗ tes, manchen Blickes, die ihm ſelbſt damals aufgefallen waren; hatte die Unglückliche ſich durch die Kälte ihres Mannes, durch eine nicht zu beherrſchende Leidenſchaft ver⸗ leiten laſſen, die heiligſten Pflichten zu brechen, und war ſie damit doch ſchuldiger geworden, wie ſie ſelbſt zugeben wollte?— Alles, was er vor ſich ſah, deutete nur zu ſehr darauf hin, und wenn er Julie auch zu entſchuldigen ſuchte, ſo wollte ihm dies doch nicht vollſtändig gelingen; — er dachte an die Erbherzogin Anna; da hatten freilich auch noch andere Verhältniſſe vorgelegen, aber ihr Ver⸗ halten erſchien ihm um ſo reiner, bewunderungswürdiger. Von dieſer Vermuthung, die er freilich noch nicht als Gewißheit annehmen konnte, befangen, fühlte er ſich außer Stande, energiſch zum Schutze ſeiner Schweſter gegen die Fürſtin und Graf Bielinski aufzutreten,— deren beider⸗ ſeitige Beziehungen ahnte er noch immer nicht, und zwei⸗ fellos lag der Zurückhaltung Juliens nur die edle Rückſicht zu Grunde, ihm nicht einen neuen, großen Schmerz zu bereiten, die Nothwendigkeit, ſeine Mutter tief zu verachten; — es war jetzt nicht möglich, daß er Urlaub nahm und ſich perſönlich nach dem Schloſſe begab, um der eigentlichen Veranlaſſung von Juliens verhängnißvollem Schritte auf Grabowski, Schickſal u. Schuld. II. 11 162 die Spur zu kommen, und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als der Mutter ſeinen Kummer über das Geſchehene auszudrücken; an Graf Bielinski ſchrieb er garnicht, weil ihm jede Heuchelei zu ſehr widerſtrebte und er dieſen Mann nun wirklich haßte. Er fühlte ſich recht unglücklich, nun in doppelter Weiſe; indeſſen war er genöthigt, dies vor Aller Augen zu ver⸗ bergen, und wenn der für ſeine Jugend ungewöhnliche Ernſt auch zuzunehmen ſchien, errieth doch Niemand, was in ſeinem Inneren vorging, und die Entfernung war zu weit, als daß ſeine Familienverhältniſſe hier zu irgend einer Erörterung kommen konnten. Wie gerne würde er ſich an ſeine Schweſter Julie gewandt und ſie um offenes Vertrauen gebeten haben!— aber er wußte ja nicht einmal, wo ſie ſich jetzt aufhielt; alle weiteren Nachrichten blieben einſtweilen aus, ſowohl von ihr, wie von ſeiner Mutter. In ſeiner nächſten Nähe wurde es nun auch bewegter und ſein Intereſſe eng an dieſe Vorgänge gefeſſelt. Die Dänen hielten durchaus nicht die in dem Malmöer Ver⸗ trage vereinbarten Bedingungen ein, ſondern ließen ſich ſoviel Uebergriffe zu Schulden kommen, daß ſelbſt die ſo⸗ zenannte gemeinſame Regierung dafür nicht gleichgiltig 163 bleiben konnte; die Truppen wurden weiter nach Norden hinaus verlegt. Die genannte Regierungsgewalt machte übrigens Mitte März 1849 ſchon einer Statthalterſchaft Platz, die noch energiſcher die Rechte der Herzogthümer wahrte. Die verbündeten Truppen wurden unter Befehl des preußiſchen Generals von Prittwitz geſtellt, und Däne⸗ mark kündigte nun den Waffenſtillſtand, eröffnete auch gleich darauf die Feindſeligkeiten mit der Beſetzung von Hadersleben. Zwei Tage ſpäter griff ein däniſches Geſchwader zur See Eckernförde an und erlitt dabei die bekannte furchtbare Niederlage, welche den Kriegsmuth der Schleswig⸗Holſteiner wieder bis auf das Aeußerſte entflammte. Die ausländi⸗ ſche Politik, die auf Seiten Dänemarks ſtand, beſchränkte indeſſen ſehr die Erfolge der Waffen, und die Verbündeten erlangten keinen beſonderen Vortheil durch die Erſtürmung der Düppeler Schanzen. Dagegen beſtanden die ſchleswig⸗ holſteiniſchen Truppen unter Führung des preußiſchen Ge⸗ nerals von Bonin mehrere glückliche Gefechte im Norden Schleswigs, ſo bei Hadersleben und Kolding, wo ſie eine bedeutende Uebermacht gegen ſich hatten. Im Anfang des Monats Mai erhielt nun General von Bonin den Befehl, mit den Schleswig⸗Holſteinern die 11* 164 Feſtung Fridericia zu cerniren, in welche ſich ein großer Theil der däniſchen Armee zurückgezogen hatte; dazu reichte das kleine Corps kaum aus, das nur aus vierzehn Ba⸗ taillonen, zehn Schwadronen und ſechs Batterien beſtand. Der Feind ließ nun zwar auch nur einige Bataillone in der Feſtung ſelbſt und zog ſich auf die Inſel Fünen zu⸗ rück, konnte von da ais aber mit jenen in ſteter Ver⸗ bindung bleiben und beherrſchte übrigens durch ſeine Marine den kleinen Belt vollſtändig. Die Schleswig⸗Holſteiner, ſogar des ſchweren Geſchützes ermangelnd, mußten ſich be⸗ gnügen, im Halbkreiſe Verſchanzungen vor der Feſtung aufzuwerfen, hinter denen ſie in meiſtens von Stroh her⸗ geſtellten Hütten lagerten; nachher erſt konnten einige Batterien etablirt werden, um Stadt und Citadelle mit Granaten zu bewerfen. Von rechtem Erfolge waren dieſe Maßregeln nicht und konnten es auch nicht ſein, da die Belagerer zu ſchwach an Zahl und Mitteln waren; neben dem Bombardement kam es bis in den Juli hinein nur zu Vorpoſtengefechten, welche durch die Ausfälle der Dänen veranlaßt und häufig recht hitzig wurden. Die übrigen deutſchen Truppencorps ſtanden zu weit entfernt, um den Schleswig⸗Holſteinern als ſicherer Rückhalt oder zur Unter⸗ ſtützung zu dienen; von erfahrenen Offizieren und Sol⸗ 165 daten der Letzteren wurden vielfach Befürchtungen ausge⸗ ſprochen, daß dieſe kleine Armee hier eine ſehr gefährliche Stellung einnehme; im Allgemeinen war man aber guten Muthes und voll Kriegeszuverſicht. Wie vollkommen die Kavallerie in allen bisherigen Gefechten, bei Patrouillen und Vorpoſten, auch ihre Schul⸗ digkeit gethan und ſich als tüchtig erwieſen hatte, war ihr doch nicht die Gelegenheit geworden, ſich in größeren Ab⸗ theilungen durch glänzende Thaten auszuzeichnen, und bei der Belagerung einer Feſtung tritt ſie ſelbſtverſtandlich noch weiter in den Hintergrund. Umſo angenehmer war es dem Grafen Horneck, der ſich überall als entſchloſſener und gewandter Offizier gezeigt hatte, daß einer der höheren Befehlshaber ihm das An⸗ erbieten machte, in ſeinen Stab als Ordonnanzoffizier, be⸗ züglich Adjutant, einzutreten; er gewann dadurch einen kla⸗ reren Ueberblick und nahm übrigens eine ſehr angenehme perſönliche Stellung ein. In den erſten Tagen des Juli ſtellte es ſich heraus, daß die ganze däniſche Armee ſich auf der Inſel Fühnen, Fridericia gegenüber, vereinigte; die unter den Generälen Rye und de Meya ſtehenden Corps hatten ſich, den ihnen gegenüberſtehenden preußiſchen und deutſchen Truppen ent⸗ 166 ſchlüpfend, eingeſchifft und mit General von Bülow ver⸗ einigt; es konnte keinem Zweifel mehr unterliegen, daß ein Angriff mit weitüberlegenen Kräften auf die Schleswig⸗ Holſteiner bevorſtehe; dennoch geſchah, wie vielfach behauptet worden iſt und der Erfolg wohl auch erwies, nicht Alles, was die Vorſicht geboten haben ſollte. Am frühen Morgen des 6. Juli führten die Dänen den gut vorbereiteten Schlag aus, der unter dem Na⸗ men der mörderiſchen Schlacht von Fridericia bekannt geworden iſt; mit ungemeiner Schnelligkeit und Kraft machten ſie einen Ausfall gegen die Belagerer, die ſich in ſo bedeutender Minderzahl und obenein noch in ungünſti⸗ gen Aufſtellungen befanden, ſtießen zwar auf eine helden⸗ müthige und verzweifelte Gegenwehr, durchbrachen aber bald die verſchanzten Linien und nöthigten die Schleswig⸗ Holſteiner, ſich mit ſehr bedeutendem Verluſte an Todten, Verwundeten und Gefangenen, ſowie des größten Theiles ihrer Artillerie, gegen Veile zurückzuziehen; die kleine Armee wäre, wenn ſie ſich nicht ſo tapfer geſchlagen hätte, gänz⸗ lich vernichtet worden. Siebentauſend Mann hatten hier gegen achtzehntauſend Dänen gefochten und verloren an dreitauſend Offiziere und Soldaten, ſowie gegen dreißig Geſchütze. 167 Und noch unberechenbarer wurde der Erfolg dieſer Schlacht. In Wirklichkeit trug ihr Ausgang am Ende Nichts dazu bei, konnte doch aber als Vorwand dienen, daß Preußen ſchon am 10. Juli mit Dänemark einen Waffenſtillſtand abſchloß, das Herzogthum Schleswig von ſchwediſchen und preußiſchen Truppen beſetzt, eine ver⸗ haßte Landesverwaltung gebildet und die anfänglich ver⸗ theidigte Vereinigung der beiden Länder wieder aufgegeben wurde Die holſteiniſchen Truppen mußten ſich bis hinter die Eider zurückziehen. Graf Horneck, welcher der von ihm erwählten Fahne mit ganzer Seele ergeben war, hatte in der nächtlichen Schlachtverwirrung ſein Leben mehr als einmal auf das Spiel geſetzt; wiederholentlich ſprengte er, um wichtige Befehle oder Nachrichten zu überbringen, mitten durch das feindliche Feuer und kam ſelbſt in die größte Gefahr, ge⸗ fangen genommen zu werden; er entging derſelben nur mit einer Gewehrkugel im linken Arme. Anfänglich wollte er dieſe ziemlich ſchwere Verwundung garnicht beachten und hielt auch wirklich im Sattel aus, bis Blutverluſt und Schmerzen ihn einer Ohnmacht nahe⸗ brachten; es blieb dann Nichts mehr übrig, als daß er ſich zu Wagen weitertransportiren ließ. Endlich mußte 168 er, auf das drängende Anrathen des Oberſten und Bitten und Verlangen ſeiner Freunde, in einer ſchleswigſchen Stadt zurückbleiben, deren Namen wir nicht nennen wollen; vor däniſcher Gefangenſchaft war er daſelbſt in Sicher⸗ heit und durfte auch auf die freundlichſte Aufnahme und Pflege rechnen, ſah aber nur mit den bitterſten Gefühlen ſeine Kameraden ſcheiden, die ihren Rückzug fortſetzten. In der erwähnten Stadt wurde für die Schwer⸗ verwundeten ein Lazareth eingerichtet, aber auch die Bürgerſchaft beeilte ſich im wärmſten Patriotismus, ihre Hülfe anzubieten; das unverdiente Unglück der Armee, ihr Heldenmuth an dieſem Unglückstage hatte ſie dem Volke nur noch theurer gemacht. Viele ſtädtiſche Familien erboten ſich, Verwundete in ihre Privatpflege zu nehmen, und ſolche Anerbietungen wurden auch gerne angenom⸗ men,— der Name Lazareth hat beim Soldaten immer nicht den beſten Klang. Graf Horneck wurde, jetzt halb bewußtlos, in das Haus eines Kuchenbäckers getragen, der auch einen offenen kleinen Konditorladen hielt. Die Familie Schwarze ſtand im beſten Rufe, war aber bekannterweiſe nicht ſehr wohlhabend; trotz allen Fleißes wollte ihr Geſchäft nicht 169 recht von der Stelle, weil daſſelbe in der Nähe eine begünſtigtere Conkurrenz hatte; um ſo anerkennungswerther konnte es erſcheinen, daß ſich die braven Leute entſchloſſen, eine neue Sorge auf ſich zu nehmen. Dieſe Familie beſtand nur aus Mann, Frau und einer erwachſenen Tochter. Herr und Frau Schwarze waren biedere, echt ſchleswig⸗holſteiniſche Naturen; ſie ſtanden nicht auf einer hohen Bildungsſtufe, der Mann, der von Jugend auf ein Handwerk getrieben hatte, noch weniger wie die Frau, die aus einer Beamtenfamilie ſtammte,— aber ſie beſaßen das anſtändige, wenn auch ſchweigſame und gegen Fremde zurückhaltende Benehmen, welches der dortigen Bevölkerung meiſtens eigen iſt. Sie führten auch eine Muſterwirthſchaft, wie man ſagt, und das kleine Haus, ihr freilich nicht ganz unver⸗ ſchuldetes Eigenthum, ſah von außen und innen wie ein Putzkäſtchen aus; man weiß ja, wie ſorgſam das Volk des Nordens auf Ordnung und Reinlichkeit zu halten pflegt. Ihre einzige, jetzt ungefähr neunzehn Jahre alte Tochter, der Abgott ihrer Herzen, war ein bildhübſches Mädchen, wie man gemeinhin ſagt, womit man den wahrhaft klaſſiſchen Schönheitsbegriff ausſchließt, den 170 natürlichen Vorzügen aber alle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Eva beſaß eine ſchon vollſtändig entwickelte, indeſſen nicht über das Maß des Zarten hinausgehende Figur, feine, ſehr wohlgefällige Züge, einen friſchen, weichen Teint, kräftiges goldblondes Haar, das ſie ebenſo einfach, wie geſchmackvoll zu arrangiren wußte, und ſinnige Augen vom klarſten Himmelblau; der Ernſt des nordiſchen Cha⸗ rakters glänzte auf dieſem ungemein lieblichen Antlitze, wurde aber durch den Ausdruck von Sanftmuth und freundlicher Beſcheidenheit gemildert. Obgleich ſie ihre Erziehung ge⸗ wiß nicht in einer vornehmen großſtädtiſchen Penſion, ſondern nur unter den Verhältniſſen einer ziemlich kleinen Stadt und des elterlichen Hauſes erhalten hatte, wußte ſie ſich doch ſehr gut zu benehmen, und in jeder ihrer Bewegungen, in jedem Worte lag eine Anmuth, die umſomehr Werth gewann, als ſie ganz natürlich er⸗ ſcheinen mußte. In viſſeeſchaftlicher Beziehung hatte ſie nicht mehr wie die gewöhnliche Schulbildung genoſſen und nachher wohl Mancherlei, ſchwerlich immer mit rich⸗ tigſter und ſorgfältigſter Auswahl, geleſen,— ſie hing dieſer Neigung ſehr nach, und ihre Phantaſie mochte da⸗ durch auch einen leichten romantiſchen Anſtrich erhalten,— 171 jedoch füllte der feine weibliche Takt ſehr gut alle zuͤden dieſer beſchränkten geiſtigen Erziehung aus. Als Herr Schwarze den Seinigen die Nachricht, auf die ſie übrigens ſchon vorbereitet geweſen, in das Haus brachte, daß daſſelbe einen verwundeten Offizier aufnehmen dürfe, legten die Frauen mit größtem Eifer und ſicht⸗ licher Vorliebe ſofort die letzte Hand an die beiden ſehr freundlichen Zimmern, die beſten ihrer Wohnung, welche einem ſolchen Gaſte ſchon zugedacht geweſen waren, und als man den jungen Lieutenant hereintrug, der ſo erſchöpft, blaß und blutig ausſah, auch kaum ein Wort der Begrüßung an ſie zu richten vermochte, während er doch dankbar zu lächeln verſuchte, brachen ihre Thränen unaufhaltſam hervor. Bei dem Zuſtande ſchweren Leidens, in dem Victor ſich befand, kamen Herr und Frau Schwarze gewiß noch weniger wie bisher auf den Gedanken, daß eine ſpätere nähere Bekanntſchaft mit dem Gaſte ihrem Töchterchen irgendwie gefährlich werden könnte; ſie waren und durften überzeugt ſein, daß Eva zu vernünftig ſei, um eine hoffnungsloſe Leidenſchaft in ihrem peinen Herzen auf⸗ kommen, zu anſtändig und ſittenſtreng, um ſich auf leicht⸗ fertige Galanterie einzulaſſen; deshalb fiel es ihnen auch 172 ſpäter nicht ein, den Verkehr der Beiden ſtreng und mißtrauiſch zu überwachen, zumal ſie auch bald zu Victor volles Vertrauen gewinnen ſollten. Der Letztere wurde zu Bette gebracht, durch einen bald nachfolgenden Militärarzt gehörig verbunden, nach⸗ dem ihm die Kugel glücklich aus der Wunde entfernt worden, und ſank dann in den Schlaf ſchwerſter Er⸗ mattung, worauf ſich ein nicht unbedenkliches Wundfieber einſtellte. In den nächſten Tagen waren fortwährende Wache und die pünktlichſte Pflege bei ihm geboten. Sein ihm treuergebener Diener oder Burſche, ein Reiter ſeines Regiments, geborener Holſteiner, war bei ihm zurück⸗ geblieben und ſtrengte ſich auf das Aeußerſte an, dieſe Pflicht zu erfüllen, wiewohl er durch die Strapazen der letzten Tage auch nicht wenig gelitten hatte. Anfäng⸗ lich nahm er es ordentlich übel, wenn die Frauen ihn unterſtützen wollten, aber theils reichten ſeine eigenen, der Erholung bedürftigen Kräfte nicht zu, Alles auf ſich allein zu nehmen, theils gewann er auch bald die Ueberzeugung, daß weibliche Hände einen Kranken doch am beſten zu betten und zu pflegen wiſſen und daß man ſeinem Ofſiziere die wärmſte Theilnahme zutrage. — — — 173 Eva's Eltern hinderten ſie nicht allein daran, daß ſie häufig das Krankenzimmer betrat und ſich darin nützlich machte,— immer mit größerer Unbefangen⸗ heit und ſicherlich keiner anderen Empfindung für den Patienten, als des tiefſten Mitleides,— ſondern ſie wurde dazu auch veranlaßt, weil Jene vielfach durch das Geſchäft und die Wirthſchaft in Anſpruch genom⸗ men waren. Victor ahnte nicht wohl einmal Etwas von ihrer Anweſenheit, oder wenn er ſie erblickte, ge⸗ ſchah dies nur im halben Traume, der auch in den ruhigſten und ſchmerzensloſen Stunden ſeine Sinne ge⸗ feſſelt hielt. Die eigentliche Gefahr ging ſchnell vorüber, das Fieber wich, und die volle Beſinnung kam ſchnell wieder. Sie brachte zunächſt nur traurige, bittere Gefühle mit ſich; daß er ſich augenblicklich nicht bei ſeinen Kame⸗ raden unter Waffen befand, ließ ſich am Ende noch verſchmerzen, weil die letzteren ja nun überhaupt ruhten, aber der Grund dafür, der nun den Herzogthümern auf⸗ gedrungene Waffenſtillſtand, die Demüthigung des Lan⸗ des und der Armee, an deren Ehre er nun einmal auch die ſeinige geknüpft hatte, fielen ihm ſchwer auf die 174 Seele. Ungeachtet aller Verſicherungen des Arztes, daß er in kurzer Zeit ſeiner vollſtändigen Heilung entgegengehe, fürchtete er bei den immer noch ſtarken Schmerzen, man verheimliche ihm die Wahrheit und er könnte ein Krüp⸗ pel bleiben. Fünftes Capitel. Als Victor ſich für ſeine jetzige Umgebung wieder zu intereſſiren vermochte, unterließ er natürlich nicht, viele Fragen an ſeinen Burſchen zu richten, unter welchen Ver⸗ hältniſſen er ſich hier befinde und was während ſeiner Bewußtloſigkeit vorgegangen ſei. Der treue Klaus machte daraus kein Geheimniß; er wußte nur ſehr viel Lobendes über die Wirthsfamilie zu ſagen und ſtrich beſonders die Tochter heraus, deren An⸗ muth und Freundlichkeit ſelbſt ihn nicht ganz kalt gelaſſen hatten, ohne daß er ſich indeſſen nur im Entfernteſten mit ihr auf eine Stufe zu ſtellen wagte; für ihn war ſie die Mamſell, der er eine große Ehrerbietung zutrug; dies hielt ihn aber nicht ab, ſie als einen Engel an Schönheit und Güte zu ſchildern. Victor lächelte unwillkürlich dazu; er war den braven Leuten, auch der Mamſell ſehr dankbar und zufrieden, ſich 176 ſo gut aufgehoben zu finden; weiter dachte er ſich Nichts dabei. Die beiden alten Leute— ſie waren übrigens noch nicht über die Fünfziger hinaus— bekam er nun auch bald zu ſehen und wurde von ihrem geraden, theilnahms⸗ vollen Weſen ſehr eingenommen. Eva ließ ſich aber nicht mehr in ſeinen Zimmern ſehen, ſo lange er noch das Bett hüten mußte; dieſes jungfräuliche Gefühl achtend, fragte er auch nicht direkt nach ihr, war aber doch ein bischen geſpannt darauf, ihre perſönliche Bekanntſchaft machen zu dürfen. Seine geſunde, jugendfriſche Körperkonſtitution ließ eine raſche, glückliche Heilung eintreten; bald durfte er aufſtehen und ſich in den Zimmern bewegen; die Schmer⸗ zen ließen nach, die früheren Kräfte kehrten zurück, für die Wiedererlangung vollſtändiger Geſundheit fürchtete er ſelbſt nicht mehr viel; dagegen trugen die Langeweile und Ungeduld nicht wenig zu ſeiner Gemüthsverſtimmung bei. Nun kam es auch öfter vor, daß Eva die Pflichten der Gaſtfreundſchaft für ihn zu erfüllen hatte; ihre Eltern hielten zur Bedienung nur eine Magd, und ſowohl dieſe, wie Frau Schwarze waren nicht immer gleich zur Hand, um den verwundeten Offizier zu verſorgen. 177 Als Victor das junge Mädchen zum erſten Male ſah, das ihn, leicht erröthend, ſittſam und ohne übergroße Verlegenheit begrüßte, fühlte er ſich durch ihre höchſt an⸗ genehme Erſcheinung überraſcht, indeſſen kam es ihm nicht in den Sinn, daß er ein wärmeres Gefühl als das der Dankbarkeit für ſie empfinden könnte. Er ſprach ihr die letztere aus, indem er ihr die Hand reichte, und Eva zögerte nicht, dieſelbe anzunehmen, wobei ſie ihm ant⸗ wortete, daß ſie nur ihre Schuldigkeit und zwar ſehr gern gethan habe. Sehr bald ſtellte ſich eine Art freundſchaftlichen Ver⸗ trauens zwiſchen ihnen her, das ja edlen und offenen Herzen ſo nahe liegt und den beſten Beweis dafür liefert, daß von keiner Seite unſtatthafte Nebenabſichten vorliegen. Wie ſollte auch Victor daran denken, ſein ſo ſchwer be⸗ ladenes Herz an das erſte beſte, noch ſo ſchöne und liebens⸗ würdige Mädchen zu verſchenken? eine leichtſinnige In⸗ trigue anzuſpinnen, hatte er nicht die mindeſte Neigung,— und wie konnte Eva Schwarze, wenn ſie nicht von thö⸗ richter Eitelkeit verblendet war, ſich einfallen laſſen, jemals in ein intimeres Verhältniß zu dem jungen Grafen zu treten? Wieder nach kurzer Zeit erlaubte Letzterem der Arzt, Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 12 178 mit dem Arme in der Binde im Hauſe umherzugehen und kleine Ausgänge in das Freie zu machen, beſonders in den recht hübſchen Garten, welcher zu erſterem gehörte:; vorzüglich für die erſten Tage empfahl er ihm Begleitung an, da leicht eine plötzliche Schwäche eintreten könnte. Es machte ſich nun ganz von ſelbſt, daß Eva zu⸗ weilen, nachher ziemlich regelmäßig dieſe Begleitung über⸗ nehmen mußte, weil die Anderen dringender beſchäftigt waren wie ſie; Victor hatte ſie auch am liebſten zur Seite und forderte ſie gerne dazu auf, denn in ihrem ſanften Weſen lag ja etwas Anſprechendes und Verſöhnendes, das manchen finſteren Gedanken am beſten von ihm ſcheuchte. Dieſes Zuſammenſein unter vier Augen blieb aber ſtets ſo unbefangen, wie unter denen von Eva's Eltern. In einer Gartenlaube ſitzend, plauderten ſie von allerlei un⸗ verfänglichen Dingen, von der Politik, ſoweit ſich dieſelbe auf das vermuthliche Schickſal der Herzogthümer bezog, von dem Kriegsleben und dem einſeitigen Leben in der kleinen Stadt, von der großen Welt draußen, über die Victor ſo hübſch zu erzählen wußte, denn in Gegenwart des jungen Mädchens hätte er es für Sünde gehalten, allzu bittere Urtheile hineinzumiſchen,— und beſonders dieſes letztere Thema war für Eva vom größten Intereſſe; ihre ſchönen 179 Augen leuchteten dann noch heller, und ſie ſprach unver⸗ hohlen die Sehnſucht aus, auch einmal reiſen zu können— weit hinaus in die ſchöne, glänzende Welt!— worauf ſie dann plötzlich wieder munter über ihre eigene hoff⸗ nungsloſe Träumerei lachte oder ernſt verſicherte, daß ſie ihre Eltern doch um keinen Preis verlaſſen möchte. Kurz, Victor verlebte während ſeiner nun immer ſchneller fortſchreitenden Heilung ſehr angenehme und ge⸗ müthliche Stunden in dem Schwarze'ſchen Hauſe. Er ſehnte ſich garnicht hinaus, um andere Vergnügungen zu ſuchen, zumal er unter den in der Stadt zurückgebliebenen Verwundeten keinen Bekannten fand, mit dem er voll⸗ ſtändig harmoniren konnte. Er unterhielt ſich auch gern mit Herrn und Frau Schwarze, aber ſelbſtverſtändlich hatten die braven Leute nicht ſo viel Reiz für ihn wie die junge, unbefangene Mädchenſeele. Von ihren Vermögensverhältniſſen war nie die Rede; ſie vermieden dies offenbar abſichtlich. Wenn Graf Horneck davon ſprach, wie er ihnen wohl dankbar für alle Güte, die ſie ihm zuwandten, ſein könne, ſo ſchienen ſie dies ein wenig empfindlich aufzunehmen; er durfte nicht daran denken, ſie in irgendeiner Weiſe bezahlen zu wollen, ſelbſt 3 12 ½ 180 kleine freundſchaftliche Geſchenke ſchienen ihnen peinlich zu ſein. Victor brachte auf ſolche Weiſe ſechs Wochen in dieſem Hauſe zu; dann war er weit genug hergeſtellt, um zu ſeinem Regimente zurückkehren zu können und zu ſollen. In dieſer Zeit erhielt er nur einen einzigen Brief von ſeiner Mutter, die noch Garnichts von ſeiner Ver⸗ wundung wußte, aber auch keine beſonderen Beſorgniſſe um ſein Schickſal in und nach der Schlacht bei Fridericia, deren furchtbarer Ernſt doch überall genügend bekannt ge⸗ worden war, ausſprach; im Gegentheil wies ſie nur darauf hin, daß er ſich einer von vornherein verlorenen Sache gewidmet habe, und äußerte die Erwartung, daß er dieſelbe nun aufgeben werde. Hauptzweck ihres Schreibens war die Mittheilung, daß die Eheſcheidung des Grafen Stephan und Juliens gerichtlich ausgeſprochen ſei, wobei die Wünſche und For⸗ derungen der Letzteren vollſtändig berückſichtigt ſeien. Auch von ihrer Tochter ſprach die Fürſtin nur ſehr kalt— über deren jetzigen Aufenthalt und Schickſal ſchien ſie Garnichts zu wiſſen,— und ſuchte nur ſich ſelbſt und Graf Stephan zu rechtfertigen; wahrhaft mütterliches Ge⸗ fühl leuchtete aus keinem ihrer Worte hervor. Fühlte ſich 181 Victor dadurch ſchon verletzt, ſo empörte es wahrhaft ſein Herz, daß Graf Bielinski ohne Zweifel ſeiner Mutter noch ebenſo nahe geblieben war; ſelbſt für den Fall, daß alle Schuld Julie allein getroffen hätte, zeigte es doch von wenig Zartgefühl auf der einen wie der anderen Seite, daß der Graf in dem Hauſe ſeiner bisherigen Schwieger⸗ mutter bleiben durfte und ſein Einfluß auf ſie nicht im Mindeſten erſchüttert ſchien. Was mußte die Welt dazu ſagen?— Lud die eigene Mutter nicht in der oſten⸗ ſibelten Weiſe alle Vorwürfe auf das Haupt ihrer Tochter?— Wenn Victer ſich erinnerte, wie die Fürſtin an ihm jetzt gehandelt hatte, hauptſächlich wohl Graf Bielinski zu Liebe, ſo mußte er auch wieder mehr die Partei ſeiner Schweſter nehmen und begann zu ahnen, daß dieſelbe ein Opfer ſchmählicher Intriguen geworden ſein möge. Deshalb beantwortete er dieſen Brief ſeiner Mutter auch garnicht; jedes Band zwiſchen ihnen ſchien für immer geriſſen zu ſein; der Reſt von kindlicher Pietät hinderte ihn nur, dies offen gegen ſie auszuſprechen. Gegen Ende des Monats Auguſt kehrte er nun zu ſeinem Regimente zurück. Der Abſchied von der Schwarze⸗⸗ ſchen Familie wurde ihm nicht ganz leicht, und voll inni⸗ 182 ger Rührung ſprach er ihr ſeinen Dank aus; die alten Leute hegten die ſichere Hoffnung, ihn bald wiederzuſehen, wenn die vaterländiſche Armee wieder vorrücken werde. Eva verhielt ſich eigenthümlich ſtill, und ihre Augen waren umflort. Als ſie ihm zum Abſchiede die Hand reichte, ver⸗ mochte ſie kein Wort zu ſprechen, und ihre innere Er⸗ regung gab ſich ſo deutlich kund, daß Victor zum erſten Male begriff, er ſei ihr doch wohl theurer geworden, als eigentlich in ihrem beiderſeitigen Intereſſe gut ſein konnte. Indeſſen faßte er ſich und beſchleunigte den Abſchied. Als er dem Hauſe den Rücken gekehrt hatte und auf der einſamen Landſtraße im leichten Fuhrwerke dahin fuhr, fühlte auch er erſt recht eine eigenthümliche Bewegung in ſeinem Herzen. Er ging einem Ziele entgegen, das er längſt erſehnt hatte, der Wiedervereinigung mit ſeinen ihm ſo lieben Kameraden, neuer, ihn befriedigender Thätigkeit, und dennoch fühlte er ſich traurig; er konnte ſich auch nicht leugnen, daß Eva's Bild hinter dieſer Verſtimmung ſtand, aber, wie es ihm nie eingefallen war, dem Herzen des jungen Mädchens mit anderen als freundſchaftlichen Em⸗ pfindungen näherzutreten, ſagte er ſich auch jetzt, daß er nicht für ſie fühlen könne, wie ſie es vielleicht wünſchte. 183 Es war hohe Zeit geweſen, daß ſie ſich trennten, aber um ſo beſſer für ſie Beide!. Während der ganzen Reiſe verfolgten ihn ſolche Ge⸗ danken, und erſt als er in den Kantonnements ſeines Re⸗ giments eintraf, von den Kameraden auf das Herzlichſte begrüßt wurde und wieder mitten in ihrem meiſt fröhlichen Kreiſe lebte, als der Dienſt, der jetzt wieder ſehr gebiete⸗ riſche Anforderungen machte, ihn in Anſpruch nahm, legte ſich ein Schleier über jene Erinnerungen, der ſie häufig, aber doch nicht gänzlich zudeckte. Ungeachtet des durch Preußen abgeſchloſſenen Waffen⸗ ſtilltandes, das nun ſowohl ſeine meiſten Truppen aus den Herzogthümern zurückzog, wie ſeine Offiziere abberief, welche es der ſchleswig⸗holſtein'ſchen Armee zur Verfügung geſtellt hatte, blieb die Statthalterſchaft, gemeinſam mit dem Volke und der letzteren, doch entſchloſſen, die Rechte des Landes zu wahren und es auf neuen Kampf mit Dänemark ankommen zu laſſen, wozu die rückſichtsloſen Maßnahmen der in Schleswig beſtellten Landesverwaltung im däniſchen Intereſſe nicht wenig beitrugen. Das Ver⸗ trauen zu Preußen war verloren gegangen, ebenſo zu ganz Deutſchland, das bei der eingetretenen Reaktion„den Bruderſtamm“ aufgab, man konnte nur noch von der 184 eigenen Kraft Hülfe erwarten und wollte lieber mit Ehren untergehen, als ſich dem verhaßten Dänemark mit Unehre unterwerfen. Alles im Lande rüſtete ſich; eine kleine Marine wurde geſchaffen, die Armee verſtärkt, und an deren Spitze trat an Stelle des freiwillig ausſcheidenden Generals von Bonin der verabſchiedete preußiſche General von Williſen, ein wiſſenſchaftlich ſehr gebildeter Militär, der ſich aber in der Praxis nicht bewähren ſollte und keineswegs das all⸗ gemeine Vertrauen rechtfertigte. Trotz aller ihm von der Statthalterſchaft gemachten Anerbietungen und der drin⸗ genden Wünſche des ganzen Volkes zögerte er, die Armee auf den Kriegsfuß zu ſetzen und andere energiſche Maß⸗ regeln zu treffen, da er ſelbſt nicht daran glauben mochte, daß die Herzogthümer allein im Stande ſeien, Dänemark die Spitze zu bieten; ſpäter hielt er ſich ſogar für berufen, ohne jede Autoriſation eine Friedensvermittelung zu ver⸗ ſuchen. Thatenlos verging der Winter und der erſte Theil des nächſten Sommers; nicht einmal die nothwendige Zahl der Rekruten wurde einberufen und einexerziert, und erſt als Preußen für ſich und im Namen Deutſchlands am 2. Juli 1850 einen Frieden abſchloß, durch den es die 185 Herzogthümer gänzlich der Willkür Dänemarks preisgab und ſogar ſelbſt bedrohte, wurde die Armee thatſächlich, nun viel zu ſpät, auf ungefähr 30,000 Mann gebracht; kein Wunder, daß dieſe neue Organiſation eine mangel⸗ hafte blieb. 1 Ein Theil der um etwa zehntauſend Mann über⸗ legenen däniſchen Armee ſtand damals auf der Inſel Alſen, der andere rückte aus Jütland heran; Williſen hatte den Plan, Schleswig gänzlich aufzugeben, ſich vor der Feſtung Rendsburg zu verſchanzen und dort den Feind angreifen zu laſſen. Man war darüber allgemein aufgebracht, und die Statthalterſchaft mußte den General förmlich zwingen, dem Feinde entgegenzurücken, deſſen Vereinigung er recht gut verhindern gekonnt hätte; ſie brachte ihn in der That auch nicht weiter vorwärts, als bis eine kurze Strecke über die Stadt Schleswig hinaus, wo er bei dem Dorfe Idſtedt eine durchaus nicht geſicherte Defenſivſtellung ein⸗ nahm. Indeſſen vereinigten ſich die däniſchen Corps mit aller Muße, griffen am Morgen des 24. Juli die Schleswig⸗ Holſteiner an, die durch widerſprechende Befehle irritirt wurden, und es entſpann ſich nun wieder ein ſehr blutiger Kampf, der ſich durch die Tapferkeit der letzteren Truppen 186 ſchon günſtig für dieſelben wandte, als General Williſen, unnöthigerweiſe eine Umgehung befürchtend, den Befehl zum Rückzuge ertheilte. Die Stadt Schleswig wurde auf⸗ gegeben, und die Armee zog ſich bis auf Rendsburg zu⸗ rück. Das Vertrauen zu dem Führer war vollſtändig verloren gegangen, aber man konnte ihn jetzt nicht gut ſeiner Stellung entſetzen und drängte ihn zu neuen Thaten. Am 12. September ließ er widerwillig von Neuem auf Miſſunde vorrücken und ging mitten im Siege wieder zurück; ebenſo fehlerhaft geſtattete er den Dänen, Fried⸗ richsſtadt zu beſetzen, belagerte dann die Stadt und ließ einen tollkühnen Sturm darauf machen, der abgeſchlagen wurde und viel Blut koſtete. Die Sache der Herzogthümer konnte nun für ver⸗ loren gelten; Preußen ſchloß mit Oeſterreich die Ueber⸗ einkunft von Olmütz, ſchlimmen Angedenkens, am 29. No⸗ vember des Jahres ab, und eine öſterreichiſch⸗preußiſche Commiſſion traf ein, unterſtützt durch kaiſerliche Truppen, um die Entwaffnung und Unterwerfung der Schleswig⸗ Holſteiner zu erzwingen. Das ganze Land war voll Empörung über dieſen Ge⸗ waltakt; nachdem an Stelle General von Williſens der General von der Horſt getreten, der durch den frühen — 187 Eintritt des Winters aber verhindert wurde, mit der kampf⸗ begierigen Armee erfolgverſprechende Operationen zu unter⸗ nehmen, ſtellte die Statthalterſchaft, von der beſagten Commiſſion gedrängt, ſich vollſtändig zu unterwerfen und die Armee zu entlaſſen, an die Führer der letzteren die Frage, ob ſie einen bewaffneten Widerſtand ſowohl gegen Dänemark wie die öſterreichiſch⸗preußiſchen Exekutionstrup⸗ pen für möglich hielten, und als die Antwort verneinend ausfiel, trat ſie zurück, und dem unglücklichen Lande wurde nun bekannterweiſe wieder das däniſche Joch auferlegt, das noch eine lange Reihe von Jahren hindurch ſchwerer darauf drücken ſollte wie jemals. Die ſchleswig⸗holſteiniſche Armee wurde aufgelöſt, und ihre tapferen Offiziere und Soldaten gingen zum größten Theile von dannen in das Elend, nicht allein den tiefen Schmerz mit ſich nehmend, daß ſie ihr Blut umſonſt an eine gerechte Sache geſetzt hatten, ſondern auch der bitter⸗ ſten materiellen Noth entgegen. Das Letztere war bei Graf Horneck nun gerade nicht der Fall; umſo ſchwerer wurde er durch das erſtere Ge⸗ fühl bedrückt; auch für ſeine Zukunft ſchien kein Stern mehr zu leuchten. Nach ſeiner Wiederherſtellung war er in das alte 188 Verhältniß bei ſeinen Kameraden zurückgetreten und nach der Schlacht bei Idſtedt, wo er ſich nach Kräften aus⸗ zeichnete, zum Premierlieutenant avancirt; auch an den ſpäteren Gefechten nahm er Theil und hatte ſich den Ruf eines der bravſten und umſichtigſten Offiziere erworben. Die ſchönen Ausſichten, die ſich in ſeinem Lieblings⸗ berufe eröffneten, ſanken nun auf einmal zuſammen; faſt muthlos ging er, nachdem er von ſeinen bisherigen Kame⸗ raden rührenden Abſchied genommen und die Uniform ab⸗ gelegt hatte, weiter, einer ganz ungewiſſen, troſtloſen Zu⸗ kunft entgegen. Er war entſchloſſen, zu ſeiner Mutter nicht wieder zurückzukehren, wenigſtens vorläufig nicht; lieber würde er Julie aufgeſucht haben, die er, nach ver⸗ ſchiedenen Andeutungen in ihren Briefen, in Amerika ver⸗ muthete, aber auch dieſer Plan hatte ſeine Bedenken,— ſeiner Schweſter konnte er in ihren jetzigen Verhältniſſen vielleicht nicht einmal willkommen ſein. Zunächſt blieb er einige Zeit lang in Hamburg ohne beſtimmte Abſicht, von wo aus er ſich brieflich an den Rechtsanwalt ſeiner Schweſter wandte und von demſelben Aufklärungen über ihren Verbleib zu erlangen ſuchte; aber der Mann erklärte geradezu, daß er nicht bevollmäch⸗ tigt ſei, ſolche zu geben. Victor fand hier auch noch 189 manche ihm näher bekannten Offiziere der aufgelöſten Armee, mit denen er im Verkehre blieb und ſie mit Rath und That unterſtützte; da ſie in ihrem deutſchen Vater⸗ lande Alles verloren hatten, dachten ſie meiſtentheils an die Auswanderung, und man wird ſich erinnern, daß eine nicht unerhebliche Anzahl, ſowohl Offiziere wie Soldaten, ſich für die braſilianiſche Regierung werben ließ. Graf Horneck verſpürte dazu keine Luſt; ſeine Ver⸗ hältniſſe zwangen ihn ja auch nicht, fremde Dienſte zu ſuchen, deren Ausſichten doch noch ſehr zweifelhaft er⸗ ſcheinen konnten. Eines Tages müßig in der Stadt umhergehend, trat er in eine elegante Konditorei ein, um einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Als er ſeine Augen auf das Büffet richtete, blieb er wie feſtgebannt ſtehen, aber auch auf der anderen Seite deſſelben, wo ein paar junge Mädchen als Verkäuferinnen fungirten, erſchien eines derſelben nicht minder durch ſein überraſchendes Erſcheinen gefeſſelt und im höchſten Grade verwirrt; es koſtete große Mühe, daß Beide ſich den anweſenden Gäſten nicht in noch unzweideu⸗ tigerer Weiſe verriethen und Aufſehen erregten. Die junge, ſchöne und anmuthige Verkäuferin war Eva Schwarze. 190 Victor hatte abſichtlich jede weitere Verbindung mit der Familie Schwarze eingeſtellt, ſeitdem er deren Haus verlaſſen, wiewohl er den alten Leuten verſprochen, öfter an ſie zu ſchreiben und ſie von ſeinem Ergehen in Kennt⸗ niß zu erhalten. Daß er dieſes Verſprechen nicht hielt, war weder der Undankbarkeit, noch Nachläſſigkeit zuzu⸗ ſchreiben; er wollte damit nur nicht wieder Gefühle in Eva erwecken, die ihr nicht zum Segen gereichen konnten, und fühlte ſich ſelbſt auch nicht ganz ſicher, eine ſolche Correſpondenz unbefangen fortzuführen. Er hatte inzwiſchen viel an das junge Mädchen ge⸗ dacht und ſich zuweilen auch wohl die Frage vorgelegt, warum das Schickſal ſie ſo weit von ihm getrennt hätte; eine leidenſchaftliche Neigung war dabei nicht ins Spiel gekommen, wohl aber hatte die Erinnerung an Eva etwas Angenehmes und doch wieder Wehmüthiges für ihn ge⸗ habt und war einigermaßen ein Heiligthum ſeines Herzens geworden. Als er ſie jetzt wiedererblickte, die faſt noch ſchöner wie früher, obgleich ein wenig blaß und leidend ausſah, zuckte es heftig in ſeinem Herzen, und die Freude, die Angſt, die ſich gleichzeitig in ihrem Benehmen ausdrückten, ließen ihn ſofort die Ueberzeugung gewinnen, daß auch 191 er ihr unvergeßlich geblieben war— anſcheinend nur zu ſehr.. Sich gewaltſam faſſend, näherte er ſich ihr, begrüßte ſie und fragte mit gedämpfter Stimme, wie ſie hierher gekommen ſei; ein faſt flehender Blick forderte ihn auf, ſich der Antwort zu gedulden, damit dieſelbe, wie ihre Bekanntſchaft überhaupt, nicht von Anderen bemerkt werde. Victor verſtand ſie und zog ſich, nachdem er eine Be⸗ ſtellung gemacht, in eine der entlegenſten Lokalitäten zurück, wo ihn Niemand beobachten konnte. Wie er erwartete, brachte ihm Eva das Beſtellte und nahm nun die ihr mit vollſter Achtung gebotene Hand an; ſie war ſehr erregt, und Thränen zitterten in ihren Wimpern. „Wie kommen Sie hieher, Fräulein Eva?— Neh⸗ men Sie hier eine Sie befriedigende Stellung ein?— Wie befinden ſich Ihre guten Eltern?“— fragte Victor, nicht ohne Befangenheit.„Ich werde Ihnen Allen ſo un⸗ dankbar erſchienen ſein, daß ich in ſo langer Zeit kein Wort von mir hören ließ, wie ich es doch verſprochen hatte!— aber Sie wiſſen ja auch, wie ſchwerbewegt dieſe Zeit war;— ich habe Sie und die Ihrigen nicht ver⸗ geſſen, weiß Gott!“ 192 Eva ſchien das Letztere allerdings ein wenig zu be⸗ zweifeln, denn ſie ſah ihm einen Moment lang recht ſcharf 4 prüfend in die Augen, dann ſenkte ſie die ihrigen ſo⸗ fort wieder. „Meine theuren, lieben Eltern ſind nicht mehr!“— ſeufzte ſie unter neu hervorquellenden Thränen. „Um des Himmelswillen, was ſagen Sie da?“ „Ja, das Schickſal hat unſere kleine Familie ſchwer heimgeſucht! Als die neue Landesverwaltung kam, ver⸗ dächtigte man meinen Vater oder machte es ihm vielmehr geradezu zum ſchweren Vorwurfe, daß er immer treu und feſt an dem guten Rechte unſeres Volkes der däniſchen Krone gegenüber gehangen hatte;“— Eva geſtand ſpäter erſt aufrichtig, daß der Hauptvorwurf in der Aufnahme und Pflege des verwundeten Offiziers beſtanden hatte,— „zuweilen ſprach er ſich wohl auch jetzt noch ein bischen zu frei aus; er wurde verhaftet, und der Schreck darüber brach meiner armen Mutter das Herz. Ach, es war viel⸗ leicht ein Glück für ſie, daß ſie das Nachfolgende nicht mehr erleben mußte!“ „Ihre brave Mutter todt?“ ſtammelte Victor.„O, das iſt entſetzlich!“ 1 193 Eva nickte nur ſtumm, von tiefſtem Schmerze bewegt, mit dem Kopfe, dann fuhr ſie fort:— „Man konnte meinem Vater kein Verbrechen nach⸗ weiſen und mußte ihn endlich wieder aus der mehrmonat⸗ lichen Haft entlaſſen; krank an Körper und Geiſt kehrte er nach Hauſe, und meine ſchwachen Troſtſprüche ver⸗ mochten ihn nicht mehr aufzurichten. Unſer Geſchäft hatte inzwiſchen geſchloſſen werden müſſen und war nun voll⸗ ſtändig ruinirt; auch äußerlich häuften ſich die Sorgen auf uns, und der hoffnungsloſe Vater hatte keinen anderen Wunſch mehr, als der Vorangegangenen bald zu folgen, nur die Ungewißheit meiner Zukunft bekümmerte ihn ſehr.“ „Aber, liebe Eva,“ meinte Victor, tief erſchüttert vo allen dieſen Mittheilungen,—„warum wandte ſich Ihr Vater nicht an mich? wie gern und leicht hätte ich ihm Beruhigung, in mancher Beziehung wenigſtens, verſchaffen gekonnt!“ „Wußten wir denn, wo wir Sie ſuchen ſollten, wenn er ſich wirklich dazu entſchloſſen hätte?“ fragte das junge Mädchen, beinahe mit einem leiſen Vorwurfe. „O, ich klage mich jetzt doppelt an, daß ich Ihnen Grabowski, Schickſal und Schuld. II. 13 194 meinen Dank nicht abzutragen verſuchte!“ ſagte Victor ſchmerzlich,—„aber wenn Sie wüßten—“ „Jede Hülfe wäre auch ſchon zu ſpät gekommen,“ fuhr Eva fort;„die harte Behandlung im Gefängniſſe hatte ſeine Geſundheit und Kraft bereits vollſtändig unter⸗ graben, die Sehnſucht nach der Mutter rief ihn ihr un⸗ widerſtehlich nach, wie er oft äußerte. Er hatte nur noch Zeit, für mich inſoweit zu ſorgen, daß er an einen alten Freund, den Inhaber dieſes Geſchäfts hier, ſchrieb und bat, ſich meiner anzunehmen; dann ſchloß er in meinen Armen die Augen für immer.“ Das arme Mädchen deckte beide Hände über das Ge⸗ ſicht und ließ ihren Thränen für eine kleine Weile freien Lauf. Unwillkürlich hatte Victor ihre Hand in die ſeinige genommen, drückte ſie recht warm und ſagte in tiefer Be⸗ wegung: „Armes, armes Kind!“ „Und Sie haben ſich entſchloſſen,“ ſetzte er nach einer längeren Pauſe hinzu,—„Ihre ſo traute Heimath zu verlaſſen und hier bei treuen Freunden eine Heimath zu ſuchen?“. Eva richtete ſich wieder auf, trocknete ihre Thränen, 195 und ihr ſonſt ſo ſanfter Blick nahm einen entſchiedenen, etwas bitteren Ausdruck an. „Es blieb mir wohl nichts Anderes übrig,“ ant⸗ wortete ſie,—„wie ungern ich auch die theuren Gräber meiner Eltern verließ. Meine Eltern hatten mir Nichts hinterlaſſen,— es war nicht ihre Schuld,— unſer kleines Haus ließen die Gläubiger gerichtlich mit Beſchlag be⸗ legen und würden mich fortgetrieben haben, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. In meiner Vaterſtadt mochte ich keinen Dienſt annehmen; ich zog dieſen hier in der Fremde vor.“ Sie hatte das Wort Dienſt eigenthümlich betont und veranlaßte Victor dadurch zu der Frage: „Fühlen Sie ſich denn in Ihren Verhältniſſen nicht wohl, liebe Eva?— Sie ſagten mir ſoeben, daß der In⸗ haber dieſes Geſchäftes ein alter Freund Ihres Vaters ſei?“ „Er nannte ſich ſo, allerdings—— Aber, Herr Graf, verzeihen Sie mir, ich darf jetzt nicht länger mit Ihnen plaudern; wenn meine lange Abweſenheit auffiele, könnte ich große Unannehmlichkeiten davon haben. Wollen Sie mir nicht nur noch ſagen, wie Sie dieſen unglücklichen Krieg überſtanden haben?“ „Sie ſehen,“ erwiderte Victor,„daß ich wohlauf 13* —ʒ3 196 bin; ich will nicht davon ſprechen, wie tiefſchmerzlich ich das Loos Ihres armes Vaterlandes mitempfinde, das ſich ja auch die vollſten Rechte auf mein Herz erworben hat. Später, wenn wir mehr Muße finden, will ich Ihnen von meinen Schickſalen erzählen; vorläufig intereſſirt mich das Ihrige noch viel mehr, und Sie werden der alten, ſtets treu bewahrten Freundſchaft verzeihen, wenn ich die Frage an ſie richte, wann und wie ich ungeſtörter mit Ihnen ſprechen kann.“ Eva ſah ihn einen Augenblick zweifelnd an, dann ſagte ſie, wie von übermächtiger Empfindung getrieben, raſch: „Die Conditorei wird erſt um elf Uhr Abends ge⸗ ſchloſſen; ich gehe dann nach meiner Wohnung in Altona; an jedem Morgen um neun Uhr kehre ich hierher zurück, und wenn Sie dann etwa hier Ihren Kaffee einnehmen - 9 4 1 1 4 wollten— In dem Buffetzimmer wurde ihr Name gerufen, erſchrocken brach ſie ſchnell ab, reichte mit der alten Unbe⸗ fangenheit Victor noch einmal kurz die Hand und eilte davon. Was ſich in der nächſten Viertelſtunde in dem Kopfe des Grafen Horneck zuſammendrängte, wer könnte es be⸗ ſchreiben?— man mag nach den Reſultaten urtheilen. Er verließ die Conditorei ohne Eva Schwarze noch — —— 197 einmal geſehen und geſprochen zu haben; dann blieb er auf ſeinen Zimmern und ſuchte keinen Bekannten auf; am Abende kehrte er wieder in die Straße, in der die Con⸗ ditorei lag, zurück, konnte ſich aber in ſichtlicher Unſicher⸗ heit nicht entſchließen, das Local zu betreten; mit unend⸗ licher Geduld wartete er, bis daſſelbe geſchloſſen wurde, ſah auch Eva herauskommen und den Weg nach ihrer Wohnung in Altona einſchlagen, folgte ihr in gemeſſener Entfernung, näherte ſich ihr aber nicht und redete ſie nicht an; es ſchien, als ob er den zu dieſer Stunde vielleicht gefährdeten Weg des jungen Mädchens nur bewachen wollte, um ihr nöthigenfalls zum Schutze zu dienen. Eva verſchwand in einem ziemlich gut ausſehenden Hauſe, jedenfalls ohne ſeine Nähe zu ahnen, und ſeufzend kehrte er um. Am anderen Morgen war er ſchon früh auf demſelben Flecke; wer ihn ſcharf beobachtet hätte, mußte wohl be⸗ merken, daß er eine ziemlich ſchlafloſe Nacht zugebracht haben mochte. Er ſah trüber und ernſter wie ſonſt aus, und eine lebhafte Ungeduld ſpiegelte ſich in ſeinem ganzen Weſen wieder. Eva trat zur beſtimmten Zeit aus ihrem Hauſe; in einiger Entfernung davon trat er zu ihr heran und begrüßte ſie; das junge Mädchen war zuerſt lebhaft erſchrocken, je⸗ 198 denfalls aber nicht ganz unangenehm überraſcht. Victor ſagte ihr geradezu, daß er dieſe Gelegenheit geſucht habe, ſie ungeſtört unter vier Augen zu ſprechen; dann bat er ſie inſtändigſt, ihm mit voller Aufrichtigkeit und Vertrauen Aufſchluß über ihre jetzigen Verhältniſſe zu geben. Sie that es, und es war, wie er wohl vorausgeſetzt hatte: anſtatt die Freundſchaft zu ſinden, der ihr ſterben⸗ der Vater ſie empfohlen, war ſie von deſſen altem Bekannten und ſeiner Familie gleichgiltig und kalt empfangen worden und in reindienſtliches Verhältniß getreten, in das ſie ſich fügen mußte, um nur den nothwendigſten Lebensunterhalt zu gewinnen; außer ihren Dienſtſtunden kümmerte man ſich nicht um ſie, wie ſie ſich auch eine eigene Wohnung ſuchen mußte, und während derſelben wurde ſie oft hart und ver⸗ letzend behandelt; mit einem Worte: ſie führte eine ſehr un⸗ glückliche, ſie in keiner Weiſe befriedigende Exiſtenz. Wie tiefſchmerzlich ſie dieſelbe fühlte, ging aus ihren ungezwun⸗ genen, vertraulichen Worten hervor, und dennoch mußte Victor die feſte Ueberzeugung gewinnen, daß ſie weit ent⸗ fernt davon blieb, von ihm irgendeine Hilfe zu beanſpruchen oder nur zu erwarten, daß ſie im Gegentheil entſchloſſen war, gerade ſeine Hilfe zurückzuweiſen. Sie ſprachen ſich vollſtändig aus, ſoweit es ihre äu⸗ ———— —,— ———— ——— —ſſſ 199 ßeren Verhältniſſe anbetraf, und ſeitdem dachte Graf Horneck nicht mehr daran, Hamburg wieder ſchleunigſt zu verlaſſen; dagegen fand er ſich täglich mehrmals in der Conditorei ein und begleitete regelmäßig Abends Eva Schwarze nach Hauſe, wie er ſie Morgens von dort wieder abholte. Daß dieſes Intereſſe, welches von einem Manne er⸗ wieſen wurde, dem ſie ohnehin ſchon ſehr geneigt war, zu⸗ mal in einer Zeit, wo ſie ſich von aller Welt zurückgeſetzt und verlaſſen fand, Eva's Gefühle für ihn ſteigern mußte, dürfte ſich wohl von ſelbſt verſtehen; dieſelben blieben ihr aber immer noch vollſtändig hoffnungslos, und oft wünſchte ſie beinahe, der Graf möge ſeine Reiſe, von der er häufig ſprach, bald antreten, war es ihr auch, als müſſe damit der letzte Stern ihres Lebens erlöſchen. Was beabſichtigte nun aber Victor mit dieſen theil⸗ nahmvollen Aufmerkſamkeiten für das junge Mädchen?— mußte er jetzt nicht noch mehr wie früher fürchten, daß dieſelben unerfüllbare Hoffnungen in ihr erwecken könnten, oder gab er gar der Verführung einer unedlen Leiden⸗ ſchaft nach? Gleich in der erſten Stunde ihres Wiederſehens waren ihm Empfindungen und Gedanken gekommen, denen er ſich immer rückſichtsloſer überließ, als er erfuhr, in welch' ————ò 200 troſtloſer, vereinſamter Lage ſie ſich jetzt befand, je deut⸗ 4 licher er ihre anſpruchsloſe Neigung zu ihm erkannte und je mehr er jetzt wieder den Einfluß ihrer natürlicher Lie⸗ benswürdigkeit fühlte. Er hatte ſich die Fragen vorgelegt, ob er, der ebenſo einſam, arm an Liebe in der Welt da⸗ ſtand wie ſie, ſich nicht aller thörichter Vorurtheile ent⸗ ſchlagen und ſein Glück da ſuchen dürfe, wo es ihm ſo klar und einfach zugetragen wurde. Auf wen brauchte er noch Rückſichten zu nehmen?— von ſeiner Familie ſchien er für immer getrennt zu ſein, und ſie hatte ſich jedes Recht darauf verſcherzt, über ſeine Perſon irgendeine Beſtimmung auszuüben, die Geſellſchaft ſeiner Standesgenoſſen bot ihm keine Befriedigung, und 1 ſeine pekuniären Mittel machten ihn ganz unabhängig von dem Vorurtheile der Welt. Wozu ſollte das raſtloſe Hin⸗ 6 und Herreiſen führen?— er war deſſelben ſchon längſt überdrüſſig geworden; Ruhmſucht und Eitelkeit verblende⸗ ten ihn nicht mehr, und er fühlte keine Luſt, ſolchen Götzen zu dienen; nur nach einer friedlichen äußeren und inneren Ruhe ſehnte er ſich. Er war dafür allerdings noch ſehr jung, hielt ſich durch bittere Lebenserfahrungen aber doch ſchon für genügend gereift, und konnte er nicht 4 201 auch in beſcheidenem, ſtillen Wirken die Pflichten erfüllen, die dem Manne auferlegt ſind? 3 Mit dieſen Erwägungen war er bald in das Klare gekommen, und ſie konnten ſeinen Abſichten nicht mehr in den Weg treten; bedenklicher und wichtiger erſchien es ihm, daß er die alte Leidenſchaft für die Erbherzogin Anna immer noch nicht gänzlich zu beſeitigen vermocht hatte, wie thöricht er ſich ſelbſt auch deshalb nannte; all⸗ mälig ſchien ſie aber doch immer mehr, gerade in dem Verkehre mit Eva, zurückzutreten. Victor hatte ſich in dieſer Beziehung gewiſſermaßen eine Prüfungszeit auferlegt, und nun drängte es ihn ſelbſt, dieſe abzukürzen Seit vier Wochen ungefähr hatte er äußerlich ſein Benehmen gegen Eva beibehalten, als er ihr eines Mor⸗ gens— es war im Frühjahre 1851— mit hellerem, ſtrah⸗ lenderen Blicke wie ſonſt entgegenkam; ſie mußte dies auch ſofort bemerken. „Iſt es Ihnen nicht möglich, liebe Eva,“ fragte er ſie ſogleich mit einer gewiſſen Haſt—„ſich heute von Ihren geſchäftlichen Pflichten zu befreien? ſuchen Sie doch irgend einen Vorwand dafür; es liegt mir ſo ſehr viel daran, in aller Muße mit Ihnen zu ſprechen, und für 202 etwaige unangenehme Folgen, die Ihnen aus einer ſolchen Verſäumniß entſtehen dürften, glaube ich aufkommen zu können.“ Das junge Mädchen ſah ihn ganz verwundert an; es mochte der Gedanke in ihr auftauchen, daß er den Ent⸗ ſchluß zur ſofortigen Abreiſe gefaßt habe, denn ein tiefer, trauervoller Schatten verbreitete ſich über ihr Antlitz. Vielleicht hegte er die Abſicht, zuvor ihr eine angenehmere, ſorgenloſere Lebensſtellung anzuweiſen wie die bisherige— ſeine Worte ſchienen dies anzudeuten,— aber es verletzte ihr Gefühl, eine ſolche Wohlthat von ihm anzunehmen. Deshalb erwiderte ſie ihm auch nach kurzem Beſinnen, es ſei ihr unmöglich, ſeinem Wunſche zu entſprechen, denn ihr Prinzipal werde ihr keinen Urlaub bewilligen, zu einer Lüge, ſich z. B. mit Krankheit zu entſchuldigen, möge ſie aber nicht ihre Zuflucht nehmen. Aber Victor ließ ſich durch dieſe ſehr vernünftige Einwendung nicht abweiſen; er war ungewöhnlich auf⸗ geregt und heftig.„Sie ſollen nie wieder zu einer Stel⸗ lung zurückkehren,“ ſagte er unter Anderem, indem er ſie mit den dringendſten Bitten beſtürmte,„die Ihrer nicht würdig iſt und wo Ihre Mühen nur mit Undank belohnt 203 werden! Laſſen Sie mich dafür ſorgen, daß ſich Ihr Loos von heute an ändert!“ 1 „Nein, Herr Graf,“ erwiderte ſie ihm ſehr beſtimmt, aber man ſah und hörte doch leicht, wie ſchwer ihr dieſe Antwort wurde,„ich bin nicht im Stande, ein ſolches An⸗ erbieten anzunehmen; ich glaube ein Unrecht an meinem ſeligen Vater zu begehen, wenn ich den Weg wieder ver⸗ laſſe, auf den mich ſein letzter Wunſch und Wille ge⸗ wieſen hat.“ „Sie ſind nicht aufrichtig, liebe Eva!“ ſagte der Graf, ohne doch ſehr erzürnt darüber zu erſcheinen.„Sie können unmöglich daran zweifeln, daß der Segen der theuren Eltern jede Verbeſſerung der unbefriedigenden Lage, in der Sie ſich jetzt befinden, begleiten wird. Aber Sie wollen nur von mir ein ſolches Anerbieten nicht an⸗ nehmen— Sie ſind— verzeihen Sie mir!— zu ſtolz dazu!“ „Nein, nein, nicht zu ſtolz,“ ſtammelte Eva, ſich ent⸗ färbend und große Verlegenheit verrathend.— „Indeſſen gut, ich achte die Sie leitenden Empfindun⸗ gen,“ unterbrach er ſie,—„und will Ihnen gerne erſparen, ſich weiter darüber auszuſprechen. So müſſen Sie mir aber wenigſtens noch eine Gunſt bewilligen, mir nämlich einige 204 Minuten ungeſtörtes Gehör ſchenken; laſſen Sie uns ein wenig von der Straße abweichen, wo uns die Vorüber⸗ gehenden ſo leicht beobachten können, und auf einer jener Bänke Platz nehmen. Was ich mit Ihnen zu beſprechen habe, iſt mir wenigſtens ſehr wichtig, und ich kann es nicht länger aufſchieben, denn ich bin entſchloſſen, noch heute Abend abzureiſen, wenn Ihre Antwort nicht ſo ausfallen ſollte, wie ich lebhaft wünſche und erwarte.“ Sie befanden ſich gerade gegenüber den Parkanlagen von Sankt Pauli, die ſich ſchon mit dem ſchönſten Früh⸗ lingsgrün ſchmückten; um dieſe Morgenſtunde waren die⸗ ſelben noch nicht ſehr belebt. Die Hindeutung auf ſeine baldige Abreiſe erſchreckte Eva doch ſo ſehr, daß ſie keine Einwendung gegen ſeinen Vorſchlag zu machen wagte; ſie vergaß darüber gänzlich, daß ſie im Geſchäfte zu ſpät eintreffen könnte, und ließ ſich faſt willenlos von ihm führen; ſie nahm dann an ſeiner Seite Platz, wie er es wünſchte. Victor ſprach ernſt und eindringlich, mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit zu ihr, und ebenſo nahm ſie in noch unklarer Ahunng ſeine Worte auf. Er ſchilderte ihr mit voller Aufrichtigkeit und in tiefer Bewegung ſeine eigene Vergangenheit und jetzigen Ver⸗ 205 hältniſſe— noch nie hatte er dies ſo rückhaltslos gethan, — wie er ganz allein und hoffnungslos in der Welt da⸗ ſtände, wie ihm nun Nichts übrig bliebe, als wieder in die Fremde hinauszuziehen, wenn— ſich ihm nicht eine Zukunft eröffnete, die jetzt in ihrer eigenen Beſtimmung liege; er bot ihr nun endlich Herz und Hand an und bat ſie dringend, ſich nicht durch Vorurtheile von einer ſolchen Verbindung abſchrecken zu laſſen, die er in reiflicher Ueberlegung vollſtändig überwunden hätte,— nur das Herz dürfte hier entſcheiden. Es war von keinem Opfer die Rede, das er ihr zu bringen gedenke, im Gegentheile ſchien er eher in ihrem zuſtimmenden Entſchluſſe ein ſolches zu erwarten. Welche geheime Wünſche Eva auch gehegt haben mochte, auf einen ſolchen Antrag war ſie jedenfalls nicht vorbe⸗ reitet geweſen und hatte ihn wohl für ganz unmöglich ge⸗ halten. Lange blieb ſie ſprachlos, und große Thränen rannen über ihre blaſſen Wangen, aber ſie entzog nicht ihre Hand der Victors, der ſie feſt in die ſeinige geſchloſſen hatte. Das Paar war immerhin nicht ganz unbeobachtet und mußte deshalb dem Ausbruche ſeiner wärmſten Em⸗ pfindungen Zwang anlegen. „Welcher Ueberzeugung bedarf es noch, wenn nicht 8 ſchon Ihr Herz entſchieden haben ſollte, liebe Eva?“ fragte er ungeduldig und doch zärtlich bittend. Eva's Herz hatte allerdings ſchon längſt entſchieden, ſie konnte es nicht leugnen, ſie erwiderte den Druck ſeiner Hand, und in der nächſten Sekunde ſteckte er ihr ſchon mit ebenſo inniger wie ſcherzhaft gehaltener Gratulation für ſie Beide einen Ring an den Finger. Die Verlobung war einfach geſchloſſen worden, und Blicke, welche die wärmſten Empfindungen der übervollen glücklichen Herzen ausdrückten, ſagten dabei mehr als Worte. Es war ganz natürlich, daß Eva durch dieſen plötz⸗ lichen Umſchwung in allen ihren Lebensverhältniſſen, der doch auch von ſeinen äußeren Seiten in Betracht kommen mußte, wenn ſie auch Victor ihre ſchon lange herangewach⸗ ſene Neigung aus den uneigennützigſten Beweggründen zutrug, verwirrt werden mußte; Freude und Furcht ſtan⸗ den faſt im Widerſtreite, und es gehörte geraume Zeit dazu, bis erſtere unbeſchränkt das Feld behauptete. Victor wußte dies auch am beſten dadurch zu unter⸗ ſtützen, daß er ſie bald wieder in die Erforderniſſe des praktiſchen Lebens zurückführte. Als ſeine nunmehrige Braut konnte ſie ihre bisherige Stellung keinen Augen⸗ 207 blick länger bekleiden, beſondere Rückſichten hatte ſie auf ihren Prinzipal und deſſen Familie auch nicht zu nehmen, da ihr von denſelben nie mit beſonderer Freundlichkeit be⸗ gegnet worden war; indeſſen ſtand ſie ſo ganz allein in Hamburg, daß man die Leute, ohne zu ärgerlichen Ge⸗ rüchten Anlaß zu geben, füglich nicht ganz entbehren konnte. Graf Horneck hatte dies Alles im Voraus überlegt und war feſt entſchloſſen, mit großer Entſchiedenheit auf⸗ zutreten. Das Pärchen, das ſich übrigens noch viel zu ſagen hatte, machte an dem herrlichen Frühlingsmorgen, der ſo vortrefflich zu ſeiner eigenen Gemüthsſtimmung paßte, noch einen Spaziergang, bis die Tageszeit weiter vorgerückt war, und dann führte Victor ſelbſt in einem Wagen ſeine Braut in das Haus ihres bisherigen Prinzipals, der nicht wenig erſtaunt über dieſen Beſnch war und dem anfangs über die ihm gemachten Eröffnungen alle fünf Sinne, wie man zu ſagen pflegt, ſtehenzubleiben ſchienen; als er endlich klar begriff, machte er eine Unzahl von Compli⸗ menten und, auf eine leiſe Andeutung des Grafen hin, ſelbſt das Anerbieten, Eva möge, ganz als Mitglied ſeiner Familie ſich betrachtend, in ſeinem Hanſe einſtweilen ihre 208 Wohnung nehmen. Das war es, was ſie ſelbſt und Victor gewünſcht und für nothwendig befunden hatten, deshalb wurde die Einladung auch angenommen und der Umzug noch im Laufe des Tages bewerkſtelligt. Eva trat nun allerdings nicht allzu gern in näheren und vertraulicheren Verkehr mit dieſen Leuten, die ihr bis dahin ſo wenig freundſchaftliche Rückſichten erwieſen hatten; aber einmal ließ ſich vorausſetzen und geſchah auch ſo, daß man ihr nun die achtungsvollſte Aufmerk⸗ ſamkeit erzeigte, anderentheils ſollte dieſer Zwang nur kurze Zeit dauern, denn Victor betrieb die Vorbereitungen zu ihrer Vermählung mit allem Eifer und Eile. Das Aufgebot erfolgte ſchon am nächſten Sonntage ein für alle Male, und Niemand konnte dagegen Ein⸗ ſpruch erheben, die beiden Verlobten waren ja ganz un⸗ abhängig. Sie ſahen ſich nun täglich und konnten un⸗ geſtört über die Pläne für ihre nächſte Zukunft verhandeln, darin ſtimmten ſie auch vollkommen überein, denn Eva überließ gern Alles dem Ermeſſen und der Entſcheidung des geliebten Mannes. Man wiird ſich nicht darüber wundern können, daß Graf Horneck ſich gerade jetzt ſo weit wie möglich von ſeiner Heimath fortſehnte, er wollte mehr noch Eva wie ———— 209 ſich ſelbſt einen verdrießlichen und peinlichen Kampf er⸗ ſparen, den ſeine Mutter und wohl auch ein größerer Theil ſeiner Standesgenoſſenſchaft gegen dieſe Heirath auf⸗ nehmen würden; er wollte ſein Glück in aller Ruhe ge⸗ nießen, und dazu mußte er ſich von den alten Erinne⸗ rungen möglichſt frei machen, ſuchte er doch auch für ſeine eigene männliche Thätigkeit einen Wirkungskreis, der ſich ihm in der deutſchen Heimath nirgends zu öffnen ſchien. Deshalb nahm er den Plan auf, zunächſt dazu angeregt durch einige jener vorerwähnten Kameraden, welche ihr ſpäter bitter getäuſchtes Vertrauen auf die Anerbietungen der braſilianiſchen Regierung geſetzt hatten, ſich mit ſeiner jungen Gattin nach jenem überſeeiſchen, mit ſo großen Naturreizen ausgeſtattetem Lande zu begeben, nicht aber in Dienſten von deſſen Regierung, ſondern in aller Unab⸗ hängigkeit. Hinreichend mit Mitteln verſehen, gedachte er ſich dort in beſter Gegend eine große Farm zu kaufen und ſich gänzlich der Landwirthſchaft zu widmen; er ſah dabei nicht allein einem glücklichen Familienleben entgegen, ſondern hoffte auch noch die Genugthuung zu erhalten, einer Anzahl von Offizieren und Soldaten der aufgelöſten Armee, für deren Schickſal er ſich beſonders intereſſirte und die ſich ihm gern anſchloſſen, eine ſorgenloſe, glückliche Grabowski, Schickſal u. Schuld. II. 14 210 Zukunft zu bereiten, während ihre thatkräftige Unterſtützung ihm wieder zu Hülfe kommen ſollte. Die Hochzeit wurde einfach und würdig gefeiert; erſt nach vollzogener Vermählung zeigte Victor ſeiner Mutter dieſelbe kurz an. Inzwiſchen gab er ſich mit raſtloſem Eifer der Aus⸗ führung ſeines ihm ſehr lieb gewordenen Planes hin. Sein väterliches Vermögen konnte er ohne Umſtände flüſſig machen; die kleine Expedition wurde vollſtändig, auf das Beſte und Praktiſcheſte, ausgerüſtet, und gegen Ende Mai's erfolgte die Einſchiffung auf einem zu dieſem Behufe ge⸗ mietheten tüchtigen Segelfahrzeuge. Mochte ſich auch in die friſchen Hoffnungen anfäng⸗ lich das ſchmerzliche Gefühl der Trennung von dem alten Vaterlande miſchen, ſo behaupteten ſich erſtere im Ganzen doch allerſeits, wozu die glückliche Reiſe und der innige geſellſchaftliche Verkehr der neuen Koloniſten nicht wenig beitrug. Alle brachten den beſten Willen mit, ihren Ge⸗ noſſen und ſich ſelbſt nützlich zu werden, und das augen⸗ ſcheinliche Glück des an ihrer Spitze ſtehenden jungen Ehe⸗ paares erfriſchte jedes Gemüth. Victor fühlte ſich voll⸗ ſtändig befriedigt. Wir können die Reiſenden nicht auf Schritt und 211 Tritt begleiten und ihr Schickſal vorläufig nur in flüch⸗ tigen Umriſſen andeuten. Nach etwa zehnwöchentlicher Seefahrt ohne beſondere Beſchwerden langten ſie in Rio⸗ Janeiro an, und alsbald gelang es Graf Horneck, Län⸗ dereien in der Provinz Rio Grande, ungefähr vierzig bis fünfzig deutſche Meilen landeinwärts, zu erwerben, worauf man ſofort mit dem größten Fleiße und Umſicht an das Werk ging, dieſelben für den Bedarf herzurichten; die erſten Einrichtungen waren bereits durch frühere deutſche Anſiedler getroffen worden, und es dauerte garnicht lange, bis ſich die kleine Kolonie, etwa vierzig Köpfe beiderlei Geſchlechts zählend, in verhältnißmäßig wohnlichem Wohl⸗ behagen befand und ſich nun einer weitergehenden Thätig⸗ keit in vollſter Uebereinſtimmung hingeben konnte. os Dd S 8* 8 — η — S e 2 — — △☛ —₰ 5 S — S 2 — —₰ 8 8 S 8 22 ρ 2 — Z ff ifffffffſfffff ll auuumunuuu frnfffffffffſſ 7 8 9 10 14 15 16 17 18 19 4.* 4 1 3 1———— ö