Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vex⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſumn Erſatz des Ganzen verpflichtetrt. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird * beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 Schickſal und Schuld. Erſter Band. — : 8 ——————— † ———— —* Elat und Schad. Roman von Stanislaus Graf Grabowski. Erſter Band. Berlin. Wedekind& Schwieger. 1874. Erſtes Kapitel. In dem Hauſe der erſt ſeit zwei Monaten verwittweten Gräfin Horneck gab es heute einen bewegten, für die ihr bisher am nächſten Geſtandenen im Allgemeinen trau⸗ rigen Tag. Der verſtorbene Graf, einer der älteſten und begütertſten Familien des Landes angehörig, war von Jugend auf, ſowohl einem traditionellen Herkommen in derſelben, wie ſeiner perſönlichen Neigung folgend, Militär geweſen und hatte die höchſte Stufe, die ihm dieſer Beruf in der Armee eines ſogenannten Mittelſtaates eröffnete, den Rang eines Generallieutenants mit dem Amte des Kriegsminiſters, er⸗ ſtiegen. Ein recht anſehnliches Vermögen ne eben hohem Ge⸗ halte geſtattete ihm und legte ihm andererſeits auch die Verpflichtung auf, eines der erſten Häuſer in der Reſidenz zu machen; er erfreute ſich der vollen Gunſt ſeines regierenden Herrn und allgemeiner Achtung und Anſehens, lebte in glücklichen Familienverh Hältniſſen, er war ein ſchöner, kräftiger Grabowski, Schictſal und Schuld. I. 1 und ſtattlicher Mann in ſeinen Fünfzigern, kurz, alle ſeine Lebensverhältniſſe erſchienen auf das Höchſte be⸗ neidenswerth,— da rief ihn der unerbittliche Tod ganz plötzlich ab. Er hinterließ eine um mehr als zehn Jahre jüngere Gemahlin, einen Sohn und eine Tochter im Alter von vierzehn und zwölf Jahren. Der Schlag war für dieſe Familie ohne Zweifel ſehr hart, denn ein Band recht inniger Zuſammengehörigkeit hatte ſie umſchlungen; wenn bei einem ſo ſchweren Verluſte aber von einem Troſte die Rede ſein darf, ſo war derſelbe wohl darin zu ſuchen und zu finden, daß ihre äußeren Verhältniſſe geradezu glänzend genannt werden durften. Wenn ſich die Augen eines fleißigen Familienvaters für immer ſchließen, ſeiner treuen Fürſorge ein Ziel geſetzt worden iſt, dann müſſen ſich die Blicke der Hinterbliebenen nach zwei Seiten wenden: in das geöffnete Grab und in das friſchſtrömende Leben, deſſen Wogen ſie ja noch immer auf ſich tragen wollen; aber ſie bieten ihnen dann einen ſchweren Kampf dar und ebnen ſich meiſtens nicht bald und leicht. Der Vorzug des Reichthums geht doch noch über das Grab hinaus; ſein Bewußtſ ſein ſteht dem Sterbenden, der die Seinigen liebt, tröſten 1 5 Seite und kann auf die Lin⸗ derung des Kummers der Letzteren nicht ohne Einfluß bleiben. — Die Gräfin Horneck und ihre Kinder hatten viel ver⸗ loren, aber nicht Alles; ſie betrauerten den Gatten und Vater gewiß in aufrichtigſtem Schmerze, aber die bitterſte Verzweiflung konnte nicht an ihre Herzen dringen. Die Wittwe ſtammte ebenfalls aus einer adeligen Fa⸗ milie, indeſſen waren faſt alle Beziehungen zu derſelben während ihrer langjährigen Ehe um ſo mehr verloren ge⸗ gangen, als jene ſich in Folge ihrer Vermögensloſigkeit zer⸗ ſpaltet hatte; die Gräfin bekümmerte ſich auch ſchon längſt nicht mehr um dieſe Verwandten, und letztere zeigten auch keinen Antheil an ihrem Verluſte. Das Teſtament des Verſtorbenen ſetzte die Kinder zu gleichen Theilen als Erben ein, ſelbſtverſtändlich hatte ſie aber bis zu deren Volljährigkeit den Nießbrauch des geſammten Vermögens unter gewiſſen Bedingungen und ihren geſetzlichen Wittwen⸗ antheil. Gräfin Mathilde, eine noch ſchöne und lebensluſtige Frau, fühlte ſich zunächſt, trotz ihrer ſo günſtigen Situation, wohl verletzt dadurch, daß ſie in ihrer geſellſchaftlichen Stel⸗ lung einige Schritte rückwärts thun mußte. Selbſtverſtändlich wurde ſofort ein neuer Kriegsminiſter ernännt, deſſen Gattin nahm den ihr bisher gebührenden Platz ein; der regierende Herr ließ es zwar nicht an Gnadenbeweiſen für die Wittwe 1* ſeines treuen Dieners fehlen, aber ſchließlich bekam das Gemälde, in dem ſie eine Hauptfigur abgegeben hatte, doch eine ganz andere Färbung, die ihr nicht gefallen konnte, und die Pflichten, die ihr die Wittwentrauer auferlegte, kamen dabei auch in das Spiel. So kam es, daß ſich Gräſin Mathilde entſchloß, ihr ſchönes und großes Hötel in der Reſidenzſtadt zu verkaufen und einſtweilen in der Fremde Zerſtreuung von ihrem ſchweren 8 g eren Kummer zu ſuchen; die Landgüter ließ ſie veräußern, da ſie, laut teſtamentariſcher Beſtimmung, den Kindern gehörten. Keine Frage, daß die Gräfin in mütterlicher Liebe ſehr an ihren Kindern hing; wie hätte ſie ſich freiwillig von ihnen trennen ſollen?— Aber der Herzog ſprach den be⸗ ſtimmten Wunſch aus, daß der Sohn in die Fußtapfen ſeines Vaters trete und ihm ein ebenſo treuer und tüchtiger Offizier werde, dem es nicht an ſeiner Gnade fehlen ſollte, und ſo mußte der junge Graf Victor der militäriſchen Er⸗ ziehungsanſtalt in der Reſidenz überwieſen werden; über die Tochter behielt die Mutter natürlich ganz freie Dispoſition und wollte ſie bei ſich behalten. Sie trennte ſich auch nur ſehr ſchwer von dem Sohne; hätte Letzterer Neigung für einen andern Lebensberuf gezeigt, ſo wäre es auch gewiß möglich geweſen, dem Wunſche des Herzogs 8 —— B₰ℳ entgegenzutreten, aber der Knabe wollte einmal die Carrière des Vaters machen, dem er eine beinahe ſchwärmeriſche kind⸗ liche Pietät zutrug, und auf großen Widerſtand ſtieß er dabei auch nichts ſeitens der Mutter. Es war ſehr ſchmerzlich, daß Beide auf dieſe Weiſe— wenigſtens vorläufig ge⸗ trennt werden ſollten, indeſſen änderte darüber keiner der beiden Theile ſein Ziel. Bisher hatte der junge Graf Victor eine ſehr ſorg⸗ fältige wiſſenſchaftliche Bildung erhalten, theils auf dem beſten Gymnaſium, noch mehr durch Hauslehrer; der vor⸗ theilhafte Einfluß, den dabei ein geordnetes Familienleben gewährt, war ihm nicht abgegangen. Er war ein durch⸗ wegs braver, fleißiger und ſtrebſamer, auch gemüthvoller Junge, der gewiß zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigte; aus dieſen Vorzügen konnte ſich nur ein edler, achtungs⸗ werther, vielleicht großer Charakter entwickeln. Durfte man es ihm als Fehler anrechnen, daß er ſich fühlte in ſeinem Stande und Namen, in ſeinen Familientraditionen, daß er vor Allem ein Cavalier und Offizier werden wollte, wie ſein Vater, voll der nobelſten Geſinnungen, ritterlich und großherzig, entſchiedener Feind alles Falſchen und alles Schachers, der egoiſtiſchen Zwecken dient?— Uebrigens war damals auch noch nicht die Zeit, in welcher der letztere ſo kraß hervortrat, daß man ſich mit ſeiner Klugheit und Le⸗ bensgewandtheit ſchmeicheln durfte, wenn man es verſtand, auf Koſten Anderer Geld zu machen, und Graf Victor beſaß ja auch genug äußere Güter, um ſein zukünftiges Leben nicht an ein ſolches Ziel ſetzen zu müſſen. Welches aber auch der jugendlichen Phantaſie vorſchweben mochte, ſo war doch jetzt die Stunde gekommen, in welcher das Kind ſich von dem Mutterherzen loßreißen mußte, und das iſt, wie faſt Jeder wiſſen wird, eine bittere, unvergeßlich ſchwere Stunde. Morgen früh wollte Gräfin Mathilde mit ihrer Tochter Julie abreiſen— vorläufig in die Schweiz; Victor blieb in dem Cadettenhaus zurück, deſſen Uniform er heute zum erſten Male angelegt hatte. Welcher Stolz für einen jungen Mann, der ſich mit Luſt und Liebe dem militäriſchen Berufe widmet, das Kleid deſſelben anzulegen! Hatte eine gewiſſe ver⸗ zeihliche Eitelkeit wohl auch den meiſten Theil daran, ſo verknüpfte ſie ſich doch auch mit einer Reihe ſchöner Er⸗ wartungen, guter und edler Vorſätze. Bei dem jungen Grafen Victor war dies wenigſtens der Fall; wie hell und freudig würden ſeine Augen geleuchtet haben, wären ſie nicht durch den Schmerz des bevorſtehenden Abſchiedes, der auch manche heimliche Thräne herausdrängte, getrübt worden. . ———————— ——— Er war ein ſchlanker, äußerſt wohlgewachſener Knabe, der das äußere Ebenbild ſeines Vaters zu werden verhieß, des ſchönſten und ſtattlichſten Mannes in der Reſidenz, wie vielfach behauptet worden; dieſe Aehnlichkeit verleugnete ſich ebenſo wenig in den reinen, ſtolzen Geſichtszügen, wie in der ganzen Körperhaltung, der Feſtigkeit und Gewandtheit angeboren und anerzogen waren; keine Spur von Schüchtern⸗ heit und linkiſchen Weſens, als der neu eingeſtellte Cadet ſich an dieſem Morgen bei dem Herzoge gemeldet, der ſich über das ſichere und doch vollkommen beſcheidene Auftreten des jungen Mannes ſehr wohlwollend geäußert hatte. Das gräfliche Hôtel mit ſeinem geſammten, ſehr luxuriöſen Meublement war durch Verkauf bereits in den Beſitz eines reichen Großhändlers übergegangen; die Ueber⸗ gabe erfolgte an dieſem Tage durch den Rechtsanwalt und den bisherigen Haushofmeiſter, welch' Letzterer, wie faſt die ganze Dienerſchaft, entlaſſen worden war; Gräfin Ma⸗ thilde brauchte ſich nicht weiter darum zu bekümmern und hielt ſich bis zu ihrer Abreiſe nur noch ein paar Zimmer reſervirt. Daher das viele Hin⸗ und Herlaufen im Hauſe, meiſtens fremde Geſichter, die alten ernſt und trübſelig; ein großes, Jahre altes, durchweg geordnetes Hausweſen löſte ſich auf, über den Trümmern der alten erhob ſich eine neue kleine Welt. Gräfin Mathilde hatte ſich mit ihren Kindern von dieſem Trouble, der nur einen peinlichen Eindruck auf ſie machen konnte, möglichſt abgeſchloſſen, ſie nahm auch keine Abſchieds⸗ beſuche der ſogenannten Freunde mehr an, nachdem ſie ſich ſchon in den letzten Tagen vom Hofe und der Geſellſchaft, in der ſie bisher eine ſo große Rolle geſpielt, auf unbe⸗ ſtimmte Zeit verabſchiedet hatte. Jetzt ſaß ſie in einem dem Garten zugekehrten Zimmer am Fenſter, offenbar in der wehmüthigſten Stimmung, denn es ſtand ihr ja bevor, mit ſo vielen lieben Erinnerungen, alten Gewohnheiten gewiſſermaßen zu brechen; ſie fühlte mehr, was im Hauſe vorging, als daß ſie es ſah und hörte; vor Allem aber war ſie jetzt Mutter. Wir erwähnten ſchon, daß die Gräfin mehr als zehn Jahre jünger wie ihr Gemahl geweſen; ſie zählte jetzt erſt etwas über achtundreißig Jahre und hatte ihre mehr als gewöhnliche Schönheit auf das Beſte zu konſerviren gewußt; ſie konnte für eine durchwegs glänzende Erſcheinung gelten. Eine hohe und üppige Figur, deren Formen keines⸗ wegs über das Maß des Anmuthigen hinausgingen, ſtolz und graziös getragen, ein feiner, noch friſch angehauchter Teint, bei dunklem reichen Haare— die Zeit der falſchen Chignons und Perrücken war noch nicht gekommen— und braune, — feurige und geiſtvolle Augen, das lebhafte Weſen, durch den Ton der beſten Geſellſchaft geſchult, machten ſie zu einer eleganten und intereſſanten Dame, der man noch die höchſten Anſprüche an das Leben einräumen durfte, und die ſchwarze Wittwentrauer beeinträchtigte jene Reize nicht, ſondern hob dieſelben nur noch mehr hervor, denn eine wahrhaft ſchöne Frau kann durch künſtlichen Schmuck nur verlieren; dann lagen auch noch in dem einfachen Wittwenkoſtüme ein Ge⸗ ſchmack und ein Sorgfalt, die überraſchen mußten, ohne gerade unangenehm zu berühren; eine ſolche Dame darf und muß ſich gut tragen, ohne eitel zu erſcheinen; man meint, daß der gute Geſchmack natürlich bei ihr iſt und daß ſie ohnedem ſich ſelbſt und Andere beleidigen würde. Wie der Sohn den Vater copirte, ſo die zwölfjährige Tochter Julie die Mutter, und doch war zwiſchen den letz⸗ teren Beiden eigentlich keine in die Augen fallende Aehn⸗ lichkeit vorhanden, was hauptſächlich daran lag, daß das junge Mädchen, wie der Bruder, das blonde Haar und die blauen Augen des Vaters beſaß; dennoch lag in den feinen Zügen, in dieſen blauen Augen, allen Bewegungen Juliens derſelbe Ausdruck, wie bei der Mutter, und man würde ſie ſchwerlich als ihr Kind verkannt haben; aber es war eben noch ein Kind, das erſt werden ſollte wie Gräſin 10 Mathilde, beſonders wenn es unter deren nächſtem Einfluſſ bleiben konnte. Julie ſpielte auch nicht mehr mit der Puppe; das be⸗ wegte geſellſchaftliche Leben im elterlichen Hauſe, die ihr zu Theil werdende Erziehung hatten ihren Neigungen ſchon eine andere Richtung gegeben; deswegen durfte man ſie eben nicht ein überreifes Kind nennen, eine durch unverſtändigen Stolz und Eitelkeit der Eltern zu ſchnell getriebene Glas⸗ hauspflanze. Das kindliche Herz lag ihr noch in den Augen und auf den friſchen Lippen, und wenn ſie heute nicht lachte, ſo ließ ſich daraus nur der Schluß ziehen, daß das junge Mädchen tiefer Gefühle fähig war und dieſelben mit Ernſt aufzufaſſen wußte. Ein ſchönes, wenn auch trauriges Familienbild: wie die Mutter mit dem einen Arme den neben ihr ſtehenden Sohn umſchlungen hatte, während die Tochter auf einer Fußbank vor ihr ſaß und mit dem in Thränen ſchwim⸗ menden Auge zu dem Bruder außblickte, deſſen Hand ſie feſt mit ihren beiden zarten Händchen umklammert hielt! Es war eine böſe Trennungsſtunde für Alle. Wer mochte ent⸗ ſcheiden, welcher von den Dreien ſie am tiefſten fühlte? Die Gräfin verſuchte ihren Sohn zu tröſten, oder vielleicht noch mehr ſich ſelbſt; äußerlich wußte Jener näm⸗ 11 lich noch beſſer ſeine Faſſung zu bewahren, richtete ſich ſein geiſtiger Blick von der traurigen Gegenwart doch immer wieder in eine verheißungsvolle Zukunft, auch hatte er ſich ſchon einen Theil der männlichen Feſtigkeit und Würde zu eigen gemacht, die ſich vor Anderer Augen einem lauten Schmerzensausbruche zu überlaſſen ſcheut. Immer wieder wurde davon geſprochen, daß es ſich ja nicht um eine allzulange Trennung handeln werde. Man befand ſich jetzt im Monat März,— es war das Jahr 1842,— mit Einbruch des Winters wollte die Gräfin mit ihrer Tochter wiederkehren; aber ein recht feſter Plan ſchien ihr dafür doch nicht vorzuliegen; es wäre auch nicht recht abzuſehen geweſen, weshalb ſie dann das Hötel ver⸗ äußert hatte, was ihre Vermögensverhältniſſe ja durchaus nicht nothwendig machten, welche Rolle ſie fernerhin in der Reſidenz zu ſpielen gedachte, nachdem die in den letzten drei Monaten ihr ſo wenig zugeſagt hatte. Dieſe Be⸗ denken drängten ſich wohl auch ihr ſelbſt auf; in den Ver⸗ heißungen, die ſie ihren Kindern machte, ließen ſich eine gewiſſe Unſicherheit und kleine Widerſprüche bemerken, und dies veranlaßte auch die kleine Julie, unter von Neuem reichlich ſtrömenden Thränen auszurufen:„O Mama, wir werden unſere liebe Heimath nie wiederſehen!“ —— 12 Bei dieſem ungeſtümen Ausbruche ahnungsvollen kind⸗ lichen Schmerzes zuckte die Gräſin Mathilde zuſammen und ſah zuerſt ihre Tochter beinahe unwillig an; ſich aber ſchnell faſſend, entgegnete ſie: „Aber Julie, was bringt Dich auf einen ſolchen Ge⸗ danken? Haben wir hier nicht alle unſere Freunde, alle unſere Verbindungen, die uns dieſe Stadt unvergeßlich werth machen müſſen?“ „Seitdem Papa todt iſt“, antwortete das Kind ohne Zögern und mit dem Ausdrucke tiefſter Ueberzeugung— „kümmert mich das Alles nicht viel mehr, wenn wir nur Victor mit uns nehmen könnten; da er hier bleiben muß, ginge auch ich am liebſten nicht fort.“ Eine tiefere Röthe ſtieg in die Wangen der Gräfin, regte ſich in ihrer Bruſt doch vielleicht ein Vorwurf darüber, daß ſie ſich eigentlich freiwillig von dem Sohne trennte? Der Letztere kam ihrer Antwort übrigens zuvor, indem er, ſich zu ſeiner Schweſter niederbeugend und ſie auf die Stirn küſſend, ſagte: „Möchteſt Du Mama verlaſſen, Julie, die doch einmal abreiſen will und muß?— Wie ich Euch auch vermiſſen werde, ſo ſehe ich doch ein, daß es nicht anders ſein kann, ich muß nun doch in das Leben hinaus, um ein rechter Mann 13 zu werden, wie es der Vater geweſen iſt; deshalb werde ich doch meiner guten Mutter und Dir, liebes Schweſter⸗ chen, nicht weniger angehören wie bisher, und verſpreche Euch, daß Ihr für dieſe ſchmerzliche Abſchiedsſtunde dereinſt reichlichen Erſatz in einem frohen Wiederſehen haben ſollt, das Euch mit gerechtem Stolze auf mich erfüllt. In drei Jahren werde ich Offizier ſein, und Du wirſt dann wieder lachen und glücklich ſein, Julie, wenn ich Dich am Arme durch die Straßen oder zum Schloſſe hinauf führe,— aber nein, das würde ich doch zuerſt der Mama ſchuldig ſein!— Du, meine gute Schweſter, ſollſt aber dabei doch nicht zu kurz kommen; ich verſchaffe Dir dann einen anderen ſchönen Cavalier aus der Kameradſchaft, dem ich mich in recht inniger Freund⸗ ſchaft angeſchloſſen habe und der deren natürlich auf die Dauer würdig ſein wird; meinſt Du nicht, Julie, daß Du ſtolz ſein würdeſt, in der Begleitung Deiner Mutter und Deines Bruders ſo aufzutreten?“ Das junge Mädchen lächelte durch Thränen zu dem Bruder auf und drückte noch feſter ſeine Hand. Gräfin Mathilde aber ſagte tiefbewegt und wehmüthig: „Ja, Victor, Du wirſt nun die einzige Stütze Deiner Mutter werden, die ohne ihre Kinder ganz allein und ver⸗ laſſen in der Welt daſtehen würde!“ 14 „Gewiß, theure Mama!“ erwiderte der junge Cadet mit leuchtenden Augen,„mein Herz und meine Gedanken werden 1 immer nur bei meinem Berufe, bei Dir und Julien ſein; um Euch ganz anzugehören, werde ich nie andere Ver⸗ pflichtungen eingehen; wen auf der Welt ſollte ich ſonſt wohl auch noch ſo recht von Herzen lieben wie Euch?“ Die Gräfin zog ihren Sohn noch feſter an ſich und küßte ihn auf die Stirn; ſie ſeufzte, und ihre feuchten Augen ſchweiften wieder hinaus durch das Fenſter; die beiden jungen Leute fuhren indeſſen fort, das ſoeben ange⸗ ſchlagene Thema noch weiter auszuſpinnen, wobei die innigſte geſchwiſterliche und kindliche Liebe aus Allem hervorleuchtete; auf eine dahin bezügliche Aeußerung ſeiner Schweſter ver⸗ maß ſich Victor ſogar zu dem Gelübde, nie heirathen zu wollen. Das konnte in dem Munde eines ſo jungen Menſchen komiſch klingen, und man würde auch keinen weiteren Werth darauf legen dürfen; wir führen es nur an, weil ſich darin der feſte Vorſatz ausſprach, mit aller Selbſtverleugnung ſich den Seinigen zu erhalten, und Julie wenigſtens war damit ſehr zufrieden; Gräfin Mathilde hatte die weitere Unterhaltung vielleicht gänzlich überhört. Zur gewiſſen Stunde mußte der Cadet in ſeiner neuen Dienſtwohnung ſein, und es würde ihm übel angeſtanden —y— 2 15 haben, hätte er ſchon am erſten Tage gegen die ſtrengmili⸗ täriſchen Regeln verſtoßen. Er erinnerte ſich und die Seinigen auch zur rechten Zeit daran und rü ſtete ſich, ohne Zweifel ſehr ſchweren Herzens, zum Aufbruche. Reichlicher floſſen nun wieder die Thränen der kleinen Julie, alle Tröſtungen ſchienen von ihr vergeſſen worden zu ſein, und nur mit Mühe konnte ſich Victor aus ihren feſten Um⸗ armungen, als ob ſie ihn mit Gewalt zurückhalten wollte, losmachen. Auch Gräfin Mathilde hielt ihren Sohn noch eine Weile umſchloſſen, die innigſten Segenswünſche mit von Schluchzen halberſtickter Stimme über ihn ausſprechend, dann beeilte er ſelbſt ſich, da er befürchten mußte, zu weich zu werden und ſeine Faſſung nicht behaupten zu können, wie er es für nothwendig hielt, Mutter und Schweſter zu verlaſſen. Während die Gräfin bemüht war, den leidenſchaft⸗ lichen Schmerzensausbruch ihrer Tochter zu beruhigen, ging der Cadet raſch durch das Haus, wobei er den trüben Blick feſt auf dieſem oder jenem ihm lieben Gegenſtand haften ließ, aber ſein Schritt wurde dadurch nicht aufgehalten. Niemand begegnete ihm, denn die meiſten Diener hatten ſchon das Haus verlaſſen und die noch zurückgebliebenen, ſowie die fremden waren zur Zeit gerade anderweitig be⸗ —— /, 16 ſchäftigt. Als er über die Schwelle auf die vor der Straße heraufführende Rampe trat, ging ein leiſer Seufzer über ſeine Lippen, aber ſogleich preßten ſich die letzteren wieder feſt aufeinander und ſein Geſicht nahm einen ſtolzen, faſt unwilligen Ausdruck an; er tadelte wohl ſeine eigene Schwäche bei ſich. Wie er nun ſo feſt und ſicher über die Straße weiter⸗ ſchritt, würde ſchwerlich Jemand ihm anzuſehen vermocht haben, was in ſeinem Innern vorging; wenn die Leute ihm zuweilen nachblickten, ſo geſchah dies jedenfalls nur, weil ſie fanden, daß er ein ausnehmend hübſcher Burſche ſei; vielleicht ſiel auch der Ernſt in dem jugendfriſchen Geſichte auf. Das Cadettenhaus lag an dem äußerſten Ende der Stadt, umgeben von hübſchen Baum⸗ und Garten⸗Anlagen, die theils zur öffentlichen Promenade dienten, theils⸗ für die Zöglinge der Anſtalt reſervirt blieben, und dieſer letztere Theil war durch ein hohes eiſernes Gitter umſchloſſen, und gerade der Hausthür des ſehr ſtattlichen, im eleganten Style aufgeführten Gebäudes gegenüber befand ſich der Eingang, deſſen gemauerte Seitenpfeiler neben anderen ſymboliſch en Orna⸗ menten die lebensgroßen Bronceſtatuen des Mars und der Minerva trugen. Zwei Schilderhäuſer in den National⸗ farben daneben, konnten ein wenig ſtörend auf den monu⸗ ———õ— 17 mentalen Eindruck dieſes Einganges, von dem aus man einen freien Blick auf die ſchöne Facade des etwa zwei⸗ hundert Schritte zurückgelegenen Hauptgebäudes gewann, wirken und die mit dem Gewehr im Arme auf⸗ und nieder⸗ ſchreitende Schildwache den bürgerlichen Laien an ein, wenn auch äußerlich prächtiges Gefängniß erinnern, aber Graf Victor dachte daran jetzt gewiß am allerwenigſten, wußte er ſich doch überhaupt in den militäriſchen Verhältniſſen ſchon ſo gut zurecht zu finden. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich ſchöner, milder Frühlingsabend, und während es in den ſoeben er⸗ wähnten öffentlichen Promenaden noch von Spaziergängern wogte, lagen der Park und die freien Plätze, welche das Cadettenhaus umgaben, ſich ſchon mit dem erſten zarten Grün ſchmückend, in tiefſter Ruhe und Frieden da; die Freiſtunden der Zöglinge, die ſie hier zuzubringen pflegten, waren ſchon vorüber, und Letztere fertigten jetzt in den Zimmern unter Aufſicht ihre Arbeiten für den folgenden Tag an, bis die Stunde ſchlagen würde, die ſie in die Schlafſäle rief. Sinnend ſchritt Victor die breite Allee hinauf, und jetzt hätte man doch bemerken müſſen, daß ſeine Schritte immer kürzer und langſamer wurden; wer hätte ihn hier Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 2 18 aber beobachtet?— Wie gern und vertrauungsvoll er auch ſeinem neuen Stande entgegenging, konnte er doch wohl nicht umhin, einen Vergleich zwiſchen dem freien und gemüthvollen Leben, das er bisher im elterlichen Hauſe geführt hatte, und dem ihm nun bevorſtehenden Zwange in dieſer militäriſchen Bildungsanſtalt, der ihm wenigſtens vom Hörenſagen ſchon wohlbekannt war, anzuſtellen; nicht, daß er ſich gerade davor geſcheut hätte, aber eine ſo bedeu⸗ tende Veränderung der ganzen Lebensweiſe mußte doch immer ein etwas unbehagliches Gefühl erwecken; ſelbſt das reife Alter vermag ſich ja nur ſchwer von dem Voruriheile der Gewohnheit zu trennen, oft noch ſchwerer wie die Jugend, deren friſche Phantaſie allem Neuen eine möglichſt roſige Färbung zu geben pflegt. Ein ſolches Erziehungshaus mit ſeinen durch die Nothwendigkeit bedingten ſtrengen Regeln, oft peinlicher Ordnung wird dem neuen Zöglinge aber ſelten roſige Lichtſeiten entgegentragen, es ſei denn höchſtens die Aus⸗ ſicht, gute Kameradſchaft zu finden,— dazu dachte Victor jetzt aber noch zu lebhaft an Die, von denen er ſich ſoeben getrennt hatte, wie ſollte er jetzt ſchon einen Erſatz für ſie ſuchen?— und, was indeſſen nur ein ernſter Charakter, wie es ſich in jenem Alter ſelten beanſpruchen läßt, in 19 das Auge faſſen wird, das Ziel, das nach einem mehr⸗ jährigen angeſtrengten Studium unter mancherlei Entſa⸗ gungen lohnend winkt. Die zur Zeit in dem Gebäude herrſchende Stille, hier und da ſchon Lichtſchein an den geſchloſſenen Fenſtern, der auf das ernſte Studium im Innern deutete und im Con⸗ traſte zu dem draußen noch ſo friſch wogenden vergnügungs⸗ vollen Leben ſtand, mußten dieſes Gefühl bei dem jungen Manne wohl recht lebhaft machen; ohne Zweifel wäre ihm leichter um das Herz geworden, hätten ſeine zukünftigen Kameraden ihn freundlich bewillkommnet und ſogleich in ihre muntere Mitte aufgenommen, obgleich er ſich bei dem noch ſo friſchen Schmerze, den er fühlte, auch eigentlich davor ſcheute. Gleichviel, der erſte Schritt war geſchehen, und Victor wollte auch nicht vor dem nächſten zagen. In früherer Zeit hatte er an der Seite ſeines Vaters dieſes Haus ſchon öfter betreten, die Einrichtungen kennen gelernt und ſogar einem Theil des Unterrichts beigewohnt; Graf Hor⸗ neck wußte ſeinen Sohn damit bekannt zu machen, weil derſelbe eben die militäriſche Carrière einſchlagen ſollte und wollte. Wäre der Graf am Leben und im Amte geblieben, ſo würde er Victor jedenfalls möglichſt lange die umfaſ⸗ 2*½ ——ÿ———— 20 ſendſte Bildung genießen und ihn gar nicht oder wenigſtens nur in die oberſte Klaſſe dieſer Erziehungsanſtalt, welche direkt auf das Ofſiziers⸗Examen vorbereitete, aufnehmen gelaſſen haben; die angenblicklichen Verhältniſſe machten es aber anders nothwendig oder wünſchenswerth, und das geſtellte Ziel war ja auf die eine, wie andere Weiſe zu erreichen. Die Effecten des neuen Cadetten waren bereits nach der Anſtalt geſchafft worden; er hatte ſich jetzt nur bei dem Ofſizier, deſſen Inſpection er zugetheilt worden, zu melden und dieſer ihm ſeine Wohnung anzuweiſen. Dieſer Vorgeſetzte empfing ihn ſehr artig und freund⸗ lich; der ehemalige Kriegsminiſter war noch in gutem An⸗ denken bei der ganzen Armee, und die Achtung und Liebe, die er ſich erworben, ſollte jetzt noch ſeinem Sohne zu Gute kommen, umſomehr, als man allgemein wußte, der Herzog intereſſire ſich beſonders für den jungen Mann. In Folge deſſen war auch ſeine Stubengenoſſenſchaft beſonders gewählt oder vielmehr er in die ausgewählteſte verſetzt worden. Je acht bis zehn Zöglinge bildeten näm⸗ lich immer eine ſolche oder Kameradſchaft, und hier waren es die Söhne der vornehmſten Familien des kleinen Lan⸗ des, ſogar des nächſtgelegenen Auslandes, denn dieſe mili⸗ , 8* 21 täriſche Bildungsanſtalt erfreute ſich eines beſonderen Rufes. Es mag einſtweilen dahingeſtellt bleiben, ob man wohlgethan hatte, dieſe enge Kameradſchaft nur nach den Namen zu bilden, ohne Berückſichtigung des Alters und der verſchiedenen Charaktereigenſchaften und Anlagen der Einzelnen. Zu den Unterrichtsſtunden waren die Zöglinge natürlich nach Klaſſen, ihrer wiſſenſchaftlichen Befähigung zufolge, geordnet, ihre Mahlzeiten nahmen ſie gemeinſam in einem großen Saale ein, und mehrere ſolcher enthielten auch die Betten, der Verkehr jener Stubengenoſſenſchaften blieb daher immer nur ein beſchränkter, bot aber doch die Pnächſten Anknüpfungspunkte dar. Victor fand an dieſem Abende keinen ſeiner Kamera⸗ den vor, weil dieſelben noch, wie ſchon geſagt, ihre Arbeits⸗ ſtunden hatten. In dem großen Gemache von etwas kaſernenmäßiger Ausſtattung, das jetzt faſt ſchon in gänz⸗ lichem Dunkel lag, fühlte er ſich, am Fenſter ſitzend, recht verlaſſen und die traurigen Gedanken hatten freien Spiel⸗ raum bei ihm. Es iſt doch unendlich ſchwer, aus der engen Heimath in das weite Leben zu treten! Stunden vergingen, bis die übrigen jungen Leute kamen. Um neun Uhr wurden ihre Arbeitsſtunden ge⸗ ſchloſſen, um zehn Uhr gab ein militäriſches Signal die 22 Ordre, ſich in die Schlafſäle zu verfügen; die Zwiſchenzeit gehörte ihnen frei an. Der neue Cadet war den anderen Kameraden nicht mehr ganz unbekannt; Einigen war er ſchon perſönlich be⸗ gegnet, die Anderen wußten wenigſtens, daß er an dieſem Abende eintreffen werde, kannten ſeinen Namen und ſeine Familienverhältniſſe. An einem gewiſſen äußeren Schliffe fehlte es Keinem von ihnen, und einer neu in ihren Kreis tretenden Per⸗ ſönlichkeit gegenüber, wußten ſie denſelben ſehr gut heraus⸗ zukehren. Er wurde mit einer anſtändigen Förmlichkeit begrüßt, die indeſſen doch hindurchſcheinen ließ, daß man ſehr neugierig war, zu erforſchen, wie weit und wie lange man ſie aufrecht erhalten müſſe; die Aelteren ließen auch ſehr bald hindurchblicken, daß ſie auf ein gewiſſes Ueber⸗ gewicht Anſpruch machten. Indeſſen konnte Victor ſich in dieſem kleinen Kreiſe, der ſich einer ungebundenen jugendlichen Fröhlichkeit hin⸗ gab und dabei jene Formen innehielt, im Ganſen doch nur wohl befinden; man bezeugte ihm Thei nahme in jeder Beziehung, ſetzte ihn auf das Bereitwilligſte in Kennt⸗ niß von den Verhältniſſen, denen er entgegenging, und bot ihm in der höflichſten Weiſe gute Dienſte an. Dieſes Ent⸗ 2u. gegenkommen war beſtechend für einen in der Häuslichkeit ſo fein gebildeten und an den guten Ton gewöhnten Kna⸗ ben, und er überhörte dabei manche etwas zu freie Aeuße⸗ rung, die ſich doch wohl wider Willen einſchlich. Jeder genirte ſich, dieſe letztere Seite zuerſt herauszukehren, als ob ihm beſonders daran gelegen wäre, ſich die Achtung und Freundſchaft des neuen Kameraden zu erwerben. Etwas ungenirter und geräuſchvoller ging es nachher ſchon in dem allgemeinen Schlafſaale zu, doch hielt hier die Autorität eines Offiziers die Formen aufrecht. Dennoch dankte der junge Graf ſeinem Gott, als er ſich in ſeinem Bette endlich ſich ſelbſt wieder überlaſſen fand. Alles kam ihm ſo fremd, ſo wenig heimiſch an, daß er ſich eigentlich recht ſchwer davon bedrückt fühlte und ein Gedanke an ihn herantrat, wie der der Reue darüber, daß er ſich in dieſe ihm ſo ungewöhnte Lage begeben hatte; dem armen Jun⸗ gen war freilich auch nichts Anderes übriggeblieben. Aber die Jugend hat einen geſunden Schlaf, und ein geſunder Schlaf verſöhnt in ſeinen beſänftigenden Nachwir⸗ kungen wieder mit manchen Unzuträglichkeiten, die das wirkliche Leben im Wachen bietet; man hat daraus gewiſſer⸗ maßen neuen Muth und friſche Kraft geſchöpft, jenen Trotz zu bieten. 24 Zu langen Erwägungen wurde Victor überhaupt nicht Zeit gelaſſen. Ein langer Trommelwirbel gab das Signal zum Aufſtehen und Ankleiden; die daran gewöhnten jungen Leute ſprangen fröhlich aus den Betten und begrüßten ſich mit luſtigen Neckereien; der Tag konnte am Ende doch nicht ſo ſchlimm werden, wenn ſie ihm ſo heiter entgegen⸗ gingen. Man fügt ſich in Nichts leichter, als in eine ein⸗ mal von altersher feſtgeſtellte Ordnung, der ſich ſchon ſo viele Andere unterworfen haben und noch unterwerfen; Victor war auch viel zu ſtolz, ein Gefühl von Unſicherheit kundzugeben; er mußte ſchon eine gute Miene zu Allem, was ihm auch noch ſo neu war, machen. Dem Ankleiden folgte ein einfaches Frühſtück, dann eine kurze religiöſe Ceremonie in dem großen kirchlich aus⸗ geſtatteten Saale; unmittelbar daran ſchloß ſich der Beginn der Lehrſtunden, die bis gegen Mittag dauerten; nachher ein gemeinſamer Tiſch, bei dem mehr als nothwendig und gerecht über die Güte des Aufgetragenen raiſonnirt wurde, Nachmittags wieder Unterricht, der ſich auch auf die ſoge⸗ nannten ritterlichen Tugenden erſtreckte, wie Turnen, Rei⸗ ten, Fechten, dazwiſchen kurze Pauſen zur Erholung in der bereits erwähnten freien Umgebung des Hauſes, Abends die Arbeitsſtunden. Vielleicht wurden auf dieſe Weiſe die — — — * 25 geiſtigen Kräfte der Zöglinge zu ſehr angeſtrengt, denen nur an den Sonntagen eine ebenfalls noch beſchränkte Muße und Willensfreiheit blieb; aber ihr äußerliches Wohlbe⸗ finden litt darunter gerade nicht, und wer ſich nur in die ſtrenge Disciplin fügte, dem ſchien ſie auch ganz gut zu bekommen. Ueber die Anlage dieſer Bildungsanſtalt gedenken wir uns auch nicht weiter zu verbreiten; ſie erfüllte vollkommen ihren Zweck, den Kopf mit dem nöthigen Wiſſen zu er⸗ füllen, wenn er nicht eben gänzlich vernagelt war oder eine beſonders böswillige Renitenz zeigte; was aber dafür ge⸗ than wurde, eine wahre Bildung des Verſtandes, viel weniger noch des Herzens, zu erzielen, das ſteht wieder auf einem andern Blatte, welches meiſtentheils leider leer blieb. Welch' unendlich ſchwere Aufgabe auch für den Er⸗ zieher, daſſelbe, beſonders bei einer ſo großen Menge ver⸗ ſchiedener Zöglinge, zu füllen!— und die Erzieher waren hier ja zum größten Theile kommandirte Offiziere, die ſelbſt keine andere Bildung erhalten hatten und ihren perſönlichen Verhältniſſen Rechnung tragen, indem ſie ſich einem ſo mühſeligen, im Ganzen ſchlecht belohnten Amte unterzogen. Sollte ein ſcharfes, wenn auch nur kindliches Auge das nicht herausfinden?— Anders und beſſer iſt es am 26 Ende auch nicht auf den bürgerlichen Gymnaſien, und es kann kaum anders ſein; aber hier ſteht die Erziehung in der Familie der rein wiſſenſchaftlichen wenigſtens zur Seite, und das Bewußtſein, daß man ſelbſtſtändig, frei fortſtreben kann, erhebt und reizt, während dort die ſtrenge militäriſche Disciplin einen Zwang auferlegt, der nach gewiſſen Rich⸗ tungen hin ohne Zweifel ſein Gutes hat, aber doch jede freie geiſtige Richtung beeinträchtigen muß; man lernt leichter, wenn man lernen will, als wenn man lernen muß. Nun, die herzogliche Militärbildungsanſtalt leiſtete ihr Köglichſtes und lieferte dem Staate zuweilen ganz tüchtige Männer und Oſfſiziere; es galt eben für die Schuld jedes Einzelnen, wenn er nicht in dieſe ehrenvolle Bahn hinein⸗ kam, auf die er ſo ſorglich geſchoben wurde. Der junge Graf Horneck berechtigte ſeine Lehrer auch zu den beſten Hoffnungen; er galt bald für einen der fleißigſten, befähigſten und geſittetſten Schüler; man ſtellte ihn häufig ſeinen älteren und jüngeren Kameraden als Beiſpiel auf. Mochte dies letztere auch Neid und Ver⸗ druß Einzelner erregen, die ſich boshaft zuflüſterten, auf den Sohn des ehemaligen Kriegsminiſters würden auch beſondere Rückſichten genommen, ſo erfreute ſich Victor ver⸗ dientermaßen doch derſelben Achtung und Freundſchaft bei —— — ——— 27 ſeinen Kameraden im Allgemeinen, und die Mißgünſtigen durften nicht wagen, ihre Meinung laut auszuſprechen. Wie er in ſeiner körperlichen und wiſſenſchaftlichen Ausbildung raſch vorwärts ſchritt, ſo fand er auch Gelegen⸗ heit, die äußeren Formen zu vervollkommnen, welche ſpäter in der großen Geſellſchaft ſo empfehlend ſind, und dies lag wohl, neben den ihm angeborenen Anlagen und eeiner erſten Jugenderziehung, hauptſächlich darin, daß er in noch andere Kreiſe als die, welche die Anſtalt zog, eingeführt wurde. In dem Verkehre der Cadetten untereinander, wenn ſie ſich gerade nicht unter direkter Aufſicht befanden, alſo beſonders in der erwähnten Stubengenoſſenſchaft, trat zu⸗ weilen oft ein ziemlich roher Ton zu Tage; Einige der jungen Leute, beſonders die Aelteren, glaubten damit renommiren zu müſſen, und die Anderen waren meiſtens zu ſchwach, entſchieden dagegen aufzutreten, ſie ſtimmten ſogar nothgedrungen ein,— eine Erſcheinung, die ſich in vielen dergleichen öffentlichen Erziehungsanſtalten, ſogar wohl in den meiſten findet. Die jugendliche Kraft ſchäumt leicht über und führt dann auf ſolche Irrwege, umſomehr, wenn ſie ſich gegen eigentlich unnatürliche Feſſeln ſträubt, wie ſie hier die ſtrenge Disciplin anzulegen bemüht war. Victor konnte an ſolchem Treiben keinen Geſchmack finden und widerſetzte ſich ihm mit aller Energie, die in ſeinem Weſen lag. Die Uebermüthigen wollten ihn des⸗ halb verſpotten, bedrohten ihn ſogar wörtlich und thätlich, ſcheiterten aber ſchließlich doch an ſeiner Feſtigkeit, fühlten ſich auch zum Theil durch ſein wahrhaft anſtändiges Be⸗ nehmen beſchämt, und ſo trat er allmälig an die Spitze einer Partei, die, wenn auch ein wenig exkluſiv, einen beſſeren Ton aufrechtzuerhalten ſich nicht ohne Erfolg be⸗ mühte und ſich Achtung zu verſchaffen wußte. Den Lehrern blieb dies nicht gänzlich verborgen, und ſie rechneten es ihrem Zöglinge umſo höher an, als er ihnen ſelbſt damit zu Hülſe kam; wurde ihm dieſe Aner⸗ kennung auch nicht geradezu ausgeſprochen, ſo ergab ſie ſich doch in mannigfachen Begünſtigungen, die gewiß als ver⸗ dient gelten durften. Victor wurde gerne Urlaub ertheilt, wenn ihn Familien, die ehemals mit der ſeinigen in ge⸗ ſellſchaftlicher Verbindung geſtanden hatten, einluden, er gelangte dadurch in andere Cirkel, aus denen er manche Vortheile für ſeine Bildung, wenigſtens für die äußere Tournure, ſchöpfen konnte; ſogar einen Anklang des frühe⸗ ren gemüthvollen Lebens im elterlichen Hauſe gewann er dabei wieder. — 3 — [—yꝑ—— 29 Der Herzog intereſſirte ſich ſehr für die Anſtalt, als die einzige dieſer Art in ſeinem kleinen Reiche, insbeſondere für einzelne Zöglinge; Victor wurde bald des Vorzuges theilhaftig, bei beſonderen Hoffeſtlichkeiten Pagendienſte thun zu dürfen; er kam dadurch mit bedeutenden Perſönlichkeiten in Berührung, die ihm, wenn auch mehr ſcherzend, ihre Günſt erwieſen. Mochte man ihm ſpäterhin davon auch große Vortheile verſprechen, einſtweilen hatte er jedenfalls den Nutzen, daß er ſelbſt in den glänzendſten Geſellſchafts⸗ kreiſen gewandt und ſicher aufzutreten lernte. Auch manche Annehmlichteiten, Zerſtreuungen von dem ernſten Studium und der ſtrengen militäriſchen Ordnung des Cadettenhauſes erwuchſen ihm daraus, und da er durchaus nicht zu einer melancholiſchen Kopfhängerei neigte, nahm er dieſelben gern an, ohne im Mindeſten ſeine Pflich⸗ ten zu verletzen. 1 Der erſte und ſchwerſte Trennungsſchmerz von Mutter und Schweſter war nun längſt überwunden, ſeine Anhäng⸗ lichkeit und Liebe für Beide aber nicht geringer geworden; und fühlte ſich eigentlich nie glücklicher, als wenn er ihnen ſein Wohlbefinden mittheilen konnte und darauf Antworten erhielt, welche die innigſte Theilnahme daran ausſprachen. —᷑—᷑—ꝭ—⸗:———:;:öõ— 30 Die Hoffnung, ſeine Lieben ſchon nach Verlauf eines halben Jahres wiederzuſehen, war allerdings getäuſcht worden. Als dieſer Termin, den er damals ſehnlichſt er⸗ wartete, herangerückt war, hatte ihm Gräfin Mathilde geſchrieben, ſie könne ſich aus Gründen, die er begriff und gutheißen mußte, noch nicht entſchließen, jetzt ſchon nach der herzoglichen Reſidenz zurückzukehren ſondern wolle den Winter in einer großen ſüddeutſchen Stadt zubringen, wo ſich auch die beſte Gelegenheit für Juliens weitere Aus⸗ bildung finden laſſen würde. Die Letztere äußerte ſich ſehr ſchmerzerfüllt über den Entſchluß der Mama, der das erwartete Wiederſehen des Bruders verzögere, erkannte in⸗ deſſen doch an, daß erſterer wohl gerechtfertigt ſei, und tröſtete ſich und ihn mit neuen Hoffnungen. Gräfin Mathilde und ihre Tochter kamen aber auch zum nächſten Frühjahre nicht zurück; ſie zogen es vor,— wenigſtens Erſtere— einſtweilen noch in der großen Stadt zu bleiben, in der ſie ſich nun einmal eingerichtet hatten. Ein ganz vergnügungsvolles L mußten ſie dort wohl führen, denn ſelbſt die kleine Julie verrieth keine allzugroße Sehnſucht mehr nach der Heimath, erzählte dem Bruder von den angenehmen Bekanntſchaften, die man dort gemacht habe, wie fleißig ſie Sprachen, Muſik, ——— — 31 Malerei u. ſ. w. ſtudire und daß es doch ſchade ſein würde, wollte ſie dieſen Unterricht jetzt unterbrechen. Victor lächelte über die muntere kindliche Plauderei — das Glück der Seinigen gehörte auch zu ſeinem eige⸗ nen— und ſeufzte leiſe über das Reſultat, daß er vor⸗ läufig noch keine Ausſicht habe, Mutter und Schweſter wiederzuſehen. Man muß ſich indeſſen in das Unvermeid⸗ liche ſchicken, und eine militäriſche Erziehung giebt die beſte Anleitung dazu; übrigens ſchwebte dem jungen Manne tröſtend auch noch die Idee vor, daß er Mutter und Schweſter am liebſten gleich in der Offiziersuniform wieder gegenüber getreten wäre,— freilich bedurfte es bis dahin noch mindeſtens zweier voller Jahre. Im herzoglichen Schloſſe war wieder einmal große Feſtlichkeit aus irgend einer Veranlaſſung; bei einer ſolchen kam Victor faſt jedesmal an die Reihe des Pagendienſtes. Man bevorzugte ihn auch hierin, war er doch ein ſo hübſcher ansfehe junger Menſch und wußte ſich auch ſo gut zu benèh nen; gewöhnlich erhielt er den Dienſt bei der Herzögin, zuweilen auch bei fremden Fürſtinnen, die zeitweiſe an dieſem Hofe verweilten. Im Cadettenhauſe gab es immer kein geringes Auf⸗ ſehen, wenn eine Anzahl der Zöglinge dieſen Ehrendienſt ——— —-——— 32 zu verrichten hatte, um den ſie meiſtens von ihren Kaͤme⸗ raden recht beneidet wurden; zwei oder drei herzogliche Equipagen fuhren dann vor, um die Glücklichen abzuholen, die ſich in ihren galonirten und geſtickten Röcken von ſcharlachrothem feinen Tuche, den weißſeidenen Sscarpins, den kleinen dreieckigen Hüten und den Galanteriedegen an der Seite äußerſt ſtattlich ausnahmen; es fehlte dann auf beiden Seiten nicht an Scherzen, aber auf der einen, näm⸗ lich der der Zurückbleibenden, gewöhnlich auch nicht an verdrießlichen Mienen, ſollten Jene doch eines Glanzes und Lurus theilhaftig werden, von dem Viele ſich kaum eine Vorſtellung zu machen vermochten, der aber von der jugend⸗ lichen Phantaſie doch mit dem ſtrahlendſten Lichte umkleidet wurde und das Ziel manches Sehnſuchtstraumes inmitten der langweiligen Einförmigkeit blieb, wie ſie die Erziehungs⸗ anſtalt bot. Obgleich Victor die letztere durchaus nicht verabſcheute, weil er ſie als nothwendiges Mittel für von ihm ein⸗ mal in das Auge gefaßten Zweck betrachtete, fühlte er ſich doch immer freudig erregt, wenn er dieſen Mauern, die für ihn doch auch eine ernſte und düſtere Färbung ange⸗ nommen hatten, auf eine kurze Zeit den Rücken kehren durfte, beſonders aber bei einer ſolchen, ihn noch beſonders 00 00 ehrenden Veranlaſſung. Er gefiel ſich auch wirklich in der glanzvollen Umgebung, der er dann entgegenging, und fühlte ſich immer auf das Lebhafteſte dadurch angeregt; es kam ihm vor, als ſei da erſt der ihm gebührende Platz, wo er ſich auch mit der größten Sicherheit zu bewegen wußte; der Anblick all“ dieſer irdiſchen Herrlichkeiten, lebender und lebloſer, hatte für ihn nur Anziehendes, ohne ihn zu blenden. 3 Der junge Mann— es war jetzt Winter 1843, und er zählte daher nun beinahe ſechszehn Jahre,— ſuhr mit ſeinen Genoſſen auch dieſes Mal in der freudigſten Stim⸗ mung nach dem Schloſſe. Dort ſollte ein Gala⸗Diner ſtattfinden, denn es waren viele hohe Gäſte anweſend, und ſich Abends daran eine kleine Cour ſchließen, zu welcher nur die vornehmſten Perſönlichkeiten und Spitzen der Be⸗ hörden mit ihren Familien geladen worden waren. In dem Hofe naheſtehenden Kreiſen wollte man wiſſen, es liege an allerhöchſter Stelle ein Plan vor, die unge Prin⸗ zeß Anna, einzige Tochter des benachbarten regierenden Fürſten, mit dem zur Zeit zwanzigjährigen Erbherzoge zu verloben, und man wolle jetzt beſonders dieſe beiden jungen Leute zuſammenführen. Durch eine ſolche Heirath wäre dann das übrigens nur kleine, aber ſehr reiche Fürſtenthum, Grabowski, Schichſal und Schuld. I. 3 34 das im Mannesſtamme keinen Thronfolger hatte, den Staats⸗ und Hausgeſetzen zufolge an das herzogliche Haus gekommen, während es anderenfalls einem nahen Groß⸗ ſtaate anheimfallen mußte. Unſere munteren Pagen bekümmerten ſich wenig um ſolche politiſche Combinationen, die ihnen auch noch gar nicht einmal zu Ohren gekommen waren; die hohen Per⸗ ſonen an und für ſich erregten ihnen nicht einmal ein ſo großes Intereſſe wie das ganze Enſemble eines Hofſtaa⸗ tes, bei dem ſie ſelbſt eine Rolle zu ſpielen hatten. Im Schloſſe angekommen, wurden ſie zuerſt dem Hof⸗ marſchalle vorgeſtellt, der ihnen ihren Dienſt im Speciellen zuwies, die üblichen Inſtructionen wiederholte und ſie dann mit Erfriſchungen bewirthete. Victor ſollte wieder den Dienſt bei der Frau Herzogin verſehen und fühlte ſich damit auch ganz zufrieden. Die Herzogin, eine ſchöne und impoſante Frau von einigen vierzig Jahren, aus einer großen Regentenfamilie ſtammend, war im Allgemeinen nicht gerade beliebt, denn man wollte ihr Stolz und Härte zum Vorwurfe machen; gegen den jungen Grafen Horneck hatte ſie ſich aber immer feehr gütig benommen, und er trug ihr dafür auch eine große Verehrung zu. Auch an dieſem Tage, als er ſeinen Dienſt antrat, hatte ſie einige freundliche Worte für ihn, ſpäter konnte ſie ihm aber natürlich, obgleich er faſt immer in ihrer unmittelbaren Nähe blieb, keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenken und hatte ihn in dem Drange der ihr ob⸗ liegenden Pflichten wohl auch gänzlich vergeſſen. Unter den ſich zur Tafel verſammelnden hohen Herr⸗ ſchaften leuchtete die anſpruchsloſe, aber ungemein liebliche Prinzeß Anna ganz beſonders hervor; man konnte auch bald bemerken, daß ſie eigentlich der Mittelpunkt war, um den ſich Alles drehte, was, da ſie bei Weitem nicht den höchſten Rang einnahm, entweder jenes Hofgerücht zu beſtä⸗ tigen ſchien oder dem wahrhaften Zauber ihrer perſönlichen Erſcheinung zugeſchrieben werden mußte. Victor war ganz geneigt, das Letztere anzunehmen, denn, wie ſchon geſagt, kannte er Erſteres gar nicht; ein ſo anziehendes junges Mädchen meinte er aber noch nicht geſehen zu haben, über⸗ traf ſie doch ſelbſt noch ſeine Schweſter Julie, die er ſich allerdings immer nur noch als Kind vorzuſtellen ver⸗ mochte. Prinzeß Anna ſtand nun gerade auf der Grenze zwiſchen Kind und Jungfran; ſie zählte ſchon beinahe ſieb⸗ zehn Jahre und die weibliche Reife hatte ſich körperlich faſt ſchon vollſtändig entwickelt, indeſſen war ſie an dem 3* —————— 1 36 kleinen Hofe einfach erzogen worden und hatte ſich eine anmuthige Natürlichkeit bewahrt, die ſie, bei der zarten Geſtalt und den reinen ſchönen Geſichtszügen, aus denen ein noch kindliches Herz ſprach, jünger erſcheinen ließ. In der geſchmackvollen, aber auch prächtigen Toilette — die Etiquette ſchrieb ja einen gewiſſen Aufwand vor— ſchwebte die junge Prinzeſſin wie eine kleine Fee einher: ihre hellen blauen Augen, das reiche aſchblonde Haar, der durchſichtige, ſo eigenthümlich roſig angehauchte Teint, wie ihn nur die friſche Jugend beſitzt, das gegen Jeden beſchei⸗ dene und freundliche Weſen, dem doch nicht eine ge⸗ wiſſe Standeswürde fehlte, charakteriſirten ſie auch als eine ohne Zweifel ſchöne, gute und ſanfte Fee. Es waren wohl nur Wenige unter den Anweſenden, deren Blicke nicht mit Wohlgefallen, ſogar mit wärmerem Intereſſe auf dem lieblichen Mädchen ruhten, ob aber dabei noch ein Anderer ein ſolches nicht zu unterdrückendes Herz⸗ klopfen fühlte, wie der hübſche Page der Frau Herzogin, mag dahingeſtellt bleiben. Victor hatte nur Auge für die Prinzeß und kam darüber ſogar ein paarmal in Verle⸗ ell, genheit, die Formen ſeines Dienſtes, die er doch ſonſt ſo pünktlich einzuhalten wußte, zu vernachläſſigen; er machte ſich ſelbſt darüber Vorwürfe, aber die unwiderſtehliche Ver⸗ 37 ſuchung trat immer wieder an ihn heran, und wenn er ſich ſelbſt die Frage vorlegte, welche Gefühle denn eigent⸗ lich ſeine Bruſt durchſtrömten, ſo war er nicht im Stande, ſich darauf eine Antwort zu geben. Als die Herrſchaften zur Tafel gingen, erhielt die junge Prinzeſſin ihren Platz gerade dem der Frau Her⸗ zogin gegenüber, ihr zur Linken der Erbherzog. Der Page, der hinter dem Seſſel der Herzogin ſtand, hatte nur Augen für dieſe drei Perſonen,— das übrige glänzende Gewirre war ihm entſchwunden— und zwar betrachtete er Jeden der Drei mit ſehr verſchiedenen Empfindungen. Der Herzogin galt allein die Pflicht des Dienſtes, die ihn übrigens nicht ſehr in Anſpruch nahm, denn eigentlich machten die Pagen ja nur Parade, der Prinzeß ſeine volle Bewunderung, deren Ausdruck er kaum zurückzuhalten ver⸗ mochte, obgleich er recht gut fühlte, wie unpaſſend er ſein würde; den Erbprinzen beneidete er um die holde Nach⸗ barin und war ihm eigentlich recht gram. Prinz Georg war freilich auch keine angenehme Per⸗ ſönlichkeit. Zu lang und ſchlank aufgeſchoſſen, hatte ſeine Figur eine ſchlechte und linkiſche Haltung, und die ſonſt ſo kleidſame militäriſche Uniform vermochte Nichts daran zu ändern; ſeine Züge waren regelmäßig, wurden aber ———————ℳ⸗ꝛxx: 38 durch keinen geiſtigen Ausdruck belebt; oft ſtarrte er minu⸗ tenlang, wie geiſtesabweſend, in das Blaue hinaus, dann ſprach er wieder viel ungewaſchenes Zeug und erfreute ſich an den gerade nicht feinſten Scherzen. Man wußte, daß er nicht viel angeborenen Verſtand beſaß, und für die Ausbildung deſſelben hatte er auch nie Luſt gezeigt; ſeine Neigungen waren faſt ausnahmslos rein ſinnlicher Natur und ſchmeckten ziemlich ſtark nach Rohheit. Die Leutſelig⸗ keit des Vaters war ihm nicht zum Erbtheil geworden, * wohl aber der kalte, hochmüthige Stolz der Mutter, nur noch in weit unliebſamerer Form. Kurz, der Erbherzog hatte wenig liebenswürdige Seiten, wie Jedermann wußte, und man konnte ſich kaum einen ſchärferen Contraſt zu der ihm beſtimmten Braut vorſtellen. Mochte die Prinzeſſin nun ſchon wiſſen, welches Schickſal ihr zugedacht war, und ſich ihr innerſtes Gefühl, aller politiſchen Combination zum Trotze, dagegen empö⸗ ren, oder ennuyirte ſie auf die Dauer doch die fade Unter⸗ haltung ihres Nachbars, ſie ſchien an derſelben nur ganz förmlichen Antheil zu nehmen, und mehr als einmal rich⸗ teten ſich ihre Blicke, zuerſt wohl in der Zerſtreuung, auf den ihr gerade gegenüber hinter der Herzogin ſtehenden Pagen. Sie begegneten den ſeinigen, und die ſichtliche Verwirrung, in der er die Augen niederſchlug, die Röthe, die ihm dabei in die Wangen ſtieg, die ganze angenehme Erſcheinung überhaupt— der junge Graf Horneck ſah vielleicht um ebenſo viel älter, wie die Prinzeſſin jünger aus,— mochten der Letzteren wohl etwas Beſonderes zu fühlen und zu denken geben, denn auch ſie erröthete flüch⸗ tig und vermied es während einer ganzen Weile nachher in nicht zu verkennender Abſicht, wieder nach derſelben Rich⸗ tung zu ſehen. Endlich geſchah dies aber dennoch, und abermals fand daſſelbe Wechſelſpiel der Blicke mit dem⸗ ſelben Erfolge ſtatt. Wie ungeſtüm Victor's Herz dabei pochte! Eine ganze, bisher unbekannte Welt ſchien ſich in ſeiner Bruſt zuſam⸗ menzudrängen und dieſelbe zerſprengen zu wollen; begriff er auch ſelbſt nicht, wie dies geſchah und wohinaus es wollte, ſo fühlte er doch, daß die Perſönlichkeit der lieb⸗ lichen Prinzeſſin ihn ganz beherrſchte, daß er auf einen Wink von ihr Alles zu thun im Stande geweſen wäre, und daß es kein höheres Glück für ihn geben könnte, als wenn ſie nur ein paar freundliche Worte zu ihm ſprechen 1 wollte; er verſtand aber auch ſchon die faſt unüberſteigliche 3 Kluft zu ſehen, die zwiſchen ihnen Beiden lag, und dies erfüllte ihn mit den ſchmerzlichſten Empfindungen. —,— 40 Wiewohl die älteren Zöglinge des Cadettenhauſes in Gegenwart der jüngeren nicht ſelten Reden führten, welche einer jugendlichen Phantaſie Gelegenheit geben, ſich Vor⸗ ſtellungen zu machen, die eigentlich über den Kreis ihres Verſtändniſſes hinausreichten und gerade nicht von vor⸗ theilhafteſtem Einfluſſe auf ihr Gemüthsleben ſein konnten, ſo war das letztere bei Victor doch noch ein vollkommen unſchuldvolles geblieben und wurde durch keine unreine Empfindungen getrübt, am allerwenigſten jetzt, wo er ſich einem ſo zarten und holdſeligen Weſen gegenüber befand; er konnte daſſelbe nur mit der tiefſten Hochachtung, mit einer ſchwärmeriſchen Bewunderung betrachten; er ver⸗ langte für ſich auch Nichts als das Glück, der Prinzeſſin einen Dienſt leiſten zu können, bereit, ihr jedes Opfer zu bringen, je ſchwerer, deſto lieber. Dazu ſchien aber auch nicht die mindeſte Gelegenheit vorhanden zu ſein; wie konnte der Page auch nur in die entfernteſte Berührung mit der Fürſtentochter treten?— Aber ſie hatte ihn doch wenigſtens ſchon bemerkt, vielleicht ſeine Gefühle und Gedanken, zum Theil wenigſtens, er⸗ rathen, und dann konnte ſie nicht darüber zürnen, denn wenn ſie wieder auf ihn blickte, lag immer eine ſo wohl⸗ wollende Theilnahme darin, und die zaghafte Vorſicht, die — 41 ſich dabei kundgab, bewies, daß ſie nicht mit verachtendem Stolze auf ihn hinabblickte Ein weiteres Ergebniß hatte dieſes gegenſeitige In⸗ tereſſe vorläufig nicht, davon konnte wohl auch nicht die Rede ſein. Nach Verlauf mehrerer Stunden erhoben ſich die Herrſchaften erſt von der Tafel, der Kaffee wurde bei ungenirter Plauderei eingenommen, und die Pagen traten für eine längere Weile ganz in den Hintergrund. Nachher kam die Cour mit ihren langweiligen Förmlichkeiten, einige angeſehene Tonkünſtler koncertirten ein wenig, denn die Frau Herzogin gab ſich das Anſehen, die Muſik beſonders zu protegiren, Erfriſchungen wurden herumgereicht, und man konverſirte gruppenweiſe. Victor mußte ſtets für jeden Wink ſeiner hohen Ge⸗ bieterin bereit ſein, ſich aber doch zurückgezogen halten; hinundwieder fanden ſich Bekannte ſeiner Eltern, die ihn anredeten, dann blieb er wieder ganz unbeachtet und hatte Muße, den in ſeiner Nähe geführten Geſprächen zu lauſchen, die ihm indeſſen kein Intereſſe abzunöthigen vermochten. Plötzlich wurde er aber doch aufmerkſam, als er den Na⸗ men der Prinzeſſin Anna in etwas geheimnißvoller Weiſe nennen hörte. Er lehnte in einer tiefen Fenſterniſche, halb bedeckt 42 durch die ſchwerſeidenen Gardinen; gewiß lag es nicht in ſeiner Abſicht, Andere zu behorchen, zumal ja auch ge⸗ wöhnlich nur eine förmliche und gleichgiltige Unterhaltung geführt wurde; da zwei Herren aber gerade dicht vor ihm ſtehen blieben, jedenfalls ohne ihn zu bemerken, konnte er ſich nicht gut mehr zurückziehen, und der Gegenſtand ihres Geſpräches machte ihn auch neugierig und nahm ihn ſchnell vollſtändig in Anſpruch. Beide waren hohe Hofbeamt und geſetzte Männer; es ließ ſich alſo nicht annehmen, daß ſie unpaſſend ſcherzten oder ohne Kenntniß der Verhältniſſe in den Wind hinein redeten. Sie beſprachen ziemlich ausführlich das Thema von der beabſichtigten Vermählung der jungen Prinzeſſin mit dem Erbherzog, theils die politiſche Seite dieſes Pro⸗ jektes beleuchtend, theils ihre Anſichten darüber austauſchend, ob die Verſchiedenheit der beiden Perſönlichkeiten wohl zu einer glücklichen Ehe führen könne, worüber ſie in vertrau⸗ licher Weiſe doch keine geringen Zweifel äußerten. Victor fühlte ſich bei dieſer ungeahnten Entdeckung vollſtändig erſtarrt; er wollte es für unmöglich halten, daß eine ſolche Verbindung ſtattfinden könnte, und dennoch hörte er jetzt faſt mit vollſter Gewißheit davon ſprechen; es wurde ihm nun erſt klar, warum der Erbherzog bei Tiſche neben — —; ——— —— 43 der Prinzeſſin geſeſſen und daß er dieſelbe doch in etwas aufmerkſamerer Weiſe zu unterhalten geſucht hatte, wie es ſonſt eigentlich ſeine Art Damen gegenüber war. Und dieſem Prinzen, der ſo wenig gewinnende Eigenſ Gaſten be⸗ ſaß, über deſſen linkiſches und rohes Weſen ſelbſt die Pagen untereinander ſich ſchon mißbilligend uhe ſpöttiſch geäußert hatten, ſollte das ſchönſte und beſte aller Mädchen zutheil werden?— Alle ſeine Gefühle ſträubten ſich gegen eine ſolche Möglichkeit, es ſchien ihm, als führe man die liebliche Prinzeſſin zum Opferaltare, und einen Moment lang kam ihm der Gedanke, er ſei berufen und berechtigt, dies zu verhindern, ſie zu beſchützen. Welche Thorheit freilich, wie er ſich nur zu bald ſagen mußte!— Damit kamen unendlich bittere und ſchmer⸗ zende Empfindungen über ihn, vor Allem ein förmlicher Haß auf den Erbherzog, den er zwar nie hochgeſchätzt und geliebt, aber bis dahin als ſeinen Herrn doch immer mit einer Art Achtung betrachtet hatte. Die beiden Hofcavaliere waren, ohne den unabſicht⸗ lichen Lauſcher zu entdecken, ſchon längſt wieder weiterge⸗ gangen, aber Victor ſtand noch immer ganz ſtarr da und ſah und hörte Nichts mehr von ſeiner Umgebung, die Er⸗ innerung an ſeine dienſtlichen Pflichten war ihm vollſtändig 44 entfallen,— ein Glück, daß die Herzogin ſeiner Dienſte gerade nicht bedurfte. Er befand ſich förmlich in fieberi⸗ ſcher Aufregung, und in ſeinem Inneren ſah es ungemein troſtlos aus; augenblicklich dachte er weder an ſeine Aus⸗ ſichten, die ihn ſonſt immer ſo freudig erregten, noch an Mutter und Schweſter, die bisher doch den erſten Platz in ſeinem Herzen behauptet hatten,— die ganze Welt ſchien ihm in Nacht zu verſinken, wie die von tauſend Lich⸗ tern ſtrahlenden Säle des herzoglichen Schloſſes. Da wurde auf einmal in unmittelbarer Nähe ſein Name genannt, und erſchrocken fuhr er auf aus dem wüſten, heilloſen Traum; obgleich ſo wieder zur Wirklichkeit er⸗ wacht, mußte es ihm doch als ein böſer Zauber erſcheinen, daß der Erbherzog ſelbſt vor ihm ſtand. Seine Mienen drückten ohne Zweifel eine große Beſtürzung, vielleicht auch noch andere Gefühle, die ſich aber nicht ſo leicht enträthſeln ließen, aus, denn der Prinz lachte munter auf und meinte, wohl mit einer kleinen Beimiſchung von Spott:„Nun, mein lieber Graf Horneck, Sie thun am geſcheidteſten, dieſes langweilige Ceremoniel zu verſchlafen, und ich würde mich gleich an Ihre Stelle wünſchen, wenn Sie nicht von einem verdrießlichen Traume geplagt worden zu ſein ſchienen.“ Der Page wurde über und über roth, theils vor Ver⸗ 45 legenheit, theils vor Verdruß. Die Worte des Prinzen, die wohl nicht gerade böſe gemeint ſein konnten, hatten einen abſcheulichen, ſogar verletzenden Klang in ſeinen Ohren, aber er erinnerte ſich noch ſchnell genug, daß er dieſen Eindruck nicht verrathen dürfe. Etwas ſtotternd erwiderte er, daß er keineswegs geſchlafen, in der That aber wider ſeinen Willen nicht den angenehmſten Gedanken nachgehangen habe. „Das klingt beinahe komiſch im Munde eines luſtigen Pagen“, fuhr der Erbherzog, der heute einen ſehr cordia⸗ len Ton anzunehmen für gut befand, fort;—„man ſollte doch meinen, es könne vor ſeinen Augen immer nur Sonnenſchein und Lichterglanz ſein. Aber ich will nicht hoffen, beſter Horneck, daß Ihnen etwas Unangenehmes zugeſtoßen iſt.“ „Hoheit ſind ſehr gnädig,— ich war wirklich nur ein Träumer—“ „Apropos, haben Sie gute Nachrichten von Ihrer Frau Mama erhalten?“ unterbrach ihn der Prinz, der es in der Gewohnheit hatte, nie lange bei einem Thema zu verweilen, weil ihm ein längeres Nachdenken läſtig war und er auch ſelten ein tiefergehendes Intereſſe nahm. „Ihrem letzten Briefe zufolge befand ſie ſich ganz —— 46. V wohl; indeſſen habe ich, gegen ihre ſonſtige Gewohnheit, keinen weiteren ſeit mehr als ſechs Wochen erhalten, und dies war es in der That, Hoheit, was mich beunruhigte und ſoeben ganz in Anſpruch nahm.“ Victor war froh, dieſe Entſchuldigung gefunden zu haben; das lange Ausbleiben eines Briefes von Mutter und Schweſter hatte ihn allerdings ſchon ein wenig beſorgt gemacht, auf ſeine vorherige Stimmung, wie man weiß, aber auch nicht den mindeſten Einfluß geübt; es war in letzterer Zeit öfter vorgekommen, daß Jene längere Pauſen wie ſonſt in ihrer Correſpondenz machten, aber er ent⸗ ſchu'digte dies gern damit, daß ſie ſich inmitten eines geräuſchvollen, vergnügungsreichen Lebens befanden. „Sein Sie außer aller Sorge“, ſagte der Erbherzog leichthin;—„wenn eine Dame nächſtens vor den Trau⸗ altar zu treten beabſichtigt, muß man ihr die Nachläſſig⸗ keit in allen anderen Angelegenheiten ſchon zu Gute halten.“ Victor blickte den Prinzen voll Verwunderung an; er begriff noch nicht recht, welchen jedenfalls unpaſſenden Scherz derſelbe mit ihm zu machen beabſichtigte, aber er fühlte das Verletzende deſſelben und war kaum im Stande, ſeinen Unwillen zu beherrſchen. Oh“, meinte der Erbherzog mit einer Miene, die N/ 7 7 7 — rreee⸗— 47 nichtsweniger als Scherz, ſogar eine kleine Verlegenheit ausdrückte—„ſollten Sie wirklich noch nicht erfahren haben, daß die Frau Gräfin Horneck, Ihre werthe Frau Mamo, ſich in allernächſter Zeit mit dem kaiſerlichen Feld⸗ marſchall⸗Lieutenant Fürſten von Turn vermählen wird?“ Auf des jungen Pagen Geſicht wechſelten raſch Röthe und Bläſſe; ſeine lebendigen Augen flammten auf, und indem ſie nicht mißzuverſtehende Blicke auf den Prinzen warfen, ſtammelte er mit gepreßter Stimme: „Hoheit!—“ Auch das Geſicht des Prinzen verfinſterte ſich oder nahm vielmehr jenen ſtrengen Ausdruck an, durch den ein an ſtets ergebenes Entgegenkommen Gewöhnter einen Widerſpruch entſchieden zurückzuweiſen ſucht und daran zu erinnern weiß, daß man ihm gegenüber ſeine Empfindun⸗ gen in Schranken zu halten habe. „Mein lieber Graf Horneck“, ſagte er kalt,—„ich bedauere, wider Willen eine Indiscretion begangen zu haben, denn ich glaubte Sie am allererſten von dieſer Sache unterrichtet, deren Wahrheit keinem Zweifel unter⸗ liegt. Ihre Mutter hat bereits vorgeſtern meinem Herrn Vater ihren Entſchluß kundgegeben, gewiſſermaßen den landesüblichen Conſens zu dieſer zweiten Ehe nachſuchend; —— 48 gewiß werden Sie bald die Beſtätigung durch ihre eigene Hand erhalten. Uebrigens kann ich Sie verſichern, daß der Fürſt von Turn eine allerſeits und beſonders an un⸗ ſerem Hofe hochgeſchätzte Perſönlichkeit iſt, nicht allein ſei⸗ nes hohen Ranges, ſondern auch ſeines perſönlichen Cha⸗ rakters wegen; ich glaubte deshalb, Ihnen meinen Glück⸗ wunſch abſtatten zu ſollen.“ Der Prinz fühlte ſich ſichtlich unangenehm berührt durch das Benehmen, das er an dem Pagen beobachtet hatte, mochte daſſelbe aber doch der Ueberraſchung durch ſeine Mittheilung einigermaßen zu Gute halten; mit dieſer Art Entſchuldigung glaubte er nun jedenfalls aber auch genug gethan zu haben, wandte ſich mit einem kurzen Kopfnicken um und ging weiter. So weit konnte er ſeinen Scherz nicht treiben, hätte er ſeine Würde doch dadurch herabgeſetzt, das begriff Victor, aber jedes Wort tönte noch an ſein Ohr und drang ver⸗ nichtend bis zum Herzen. Was ihn kurz zuvor noch ſo lebhaft in Anſpruch genommen, die Prinzeſſin Anna, hatte er jetzt vollſtändig vergeſſen; der Gedanke, daß ſeine Mutter wirklich zum zweiten Male heirathen könne, ohnehin ſchon ſo kurze Zeit nach dem Tode ſeines hochverehrten Vaters, dem ſie, ſeiner Meinung nach, ihre Liebe und Treue bis 49 über das Grab zu erhalten ſchuldig war, daß er gezwun⸗ gen ſein ſollte, einem Anderen dieſen theuren und heiligen Namen zu geben, daß Jene und ſeine Schweſter Julie ihn ſelbſt bisher förmlich betrogen hätten, indem ſie ihm einen ſo wichtigen Schritt verheimlichten, ſtürmte ſo mächtig auf ihn, daß er, vorher ſchon ſehr aufgeregt, darüber faſt jede 4 Faſſung verlor. Welche Rückſichten konnten ſeine Mutter zu dieſem fremden Manne hingezogen haben?— der hohe Name deſſel⸗ ben blendete ihn keineswegs, und die Empfehlung des Erb⸗ herzogs, dem er gar kein richtiges Urtheil zutraute, konnte ihm auch nicht hoch gelten,— und wäre der Fürſt auch der beſte und edelſte Mann der Welt geweſen, er konnte in ihm immer nur den aufgedrungenen Stiefvater erblicken, der in die heiligen, unverletzlichen Rechte ſeines wirklichen Vaters eintrat. Seine Mutter konnte vor ihm keine Ent⸗ ſchuldigung für einen ſolchen Schritt finden; das reine klare Bild, das er von ihr im Herzen trug, verdüſterte ſich auf einmal. Der arme junge Menſch befand ſich in einer wahr⸗ haft verzweiflungsvollen Gemüthsſtimmung; er wollte ſich gegen die Annahme ſträuben, daß der Erbherzog die Wahr⸗ heit geſprochen habe, aber dies war doch in ſo pofſitiver Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 4 ——O— 50 Weiſe geſchehen, daß eine Auflehnung dagegen kaum mög⸗ lich erſchien. Stürzten an dieſem unſeligen Abende nicht alle die Altäre zuſammen, die ſich ſein Herz in unſchuld⸗ voller reiner Pietät aufgebaut hatte?— Der junge Graf Horneck ſah ſo blaß und verſtört aus, daß dies Jedem auffallen mußte, der ihn nur einiger⸗ maßen beachtete; es entging auch der Herzogin nicht, und vielleicht hatte ſie auch ſchon durch ihren Sohn erfahren, was zwiſchen dieſem und dem Pagen vorgefallen war. In recht gütiger Weiſe fragte ſie den Letzteren bald, ob er ſich nicht wohl befinde, und da Victor außer Stande war, die Frage zu verneinen, beurlaubte ſie ihn ſofort und ſprach den Wunſch aus, daß er ſich nach Hauſe begebe. Er ge⸗ horchte wie im Traume; es war ihm auch ſo unendlich wehe um das Herz, daß er einſah, er könne jetzt die ihm zugetheilte Rolle nicht weiterſpielen. Auf einen beſonderen Befehl der Herzogin brachte ihn eine Hofequipage nach dem Cadettenhauſe zurück, und dort ſuchte er, die Krankheit wieder vorſchützend, ſogleich ſein Bett auf, um allen läſtigen Fragen zu entgehen und ſich ſeinen Gedanken überlaſſen zu können. Welche Nacht für ihn! ſie erſchien ihm noch ſchreck⸗ licher als die erſte nach dem Tode ſeines Vaters. Zweites Kapitel. In der großen Kaiſerſtadt hatte die Gräfin Mathilde Horneck, nachdem ſie mit ihrer Tochter aus der Schweiz zurückgekommen war, ein hübſches, ſehr elegantes Haus im Villenſtyle gemiethet, das allerdings vom Mittelpunkte der Stadt etwas entfernt lag, im Sommer aber auch um ſo angenehmer, als es von einem ſchönen parkähnlichen Garten umgeben war. Die Gräfin erklärte dies damit, daß ſie ſich von dem Geräuſche der großen Welt noch zurück⸗ gezogen halten wollte, ohne indeſſen den Comfort und die Vorzüge einer großen Stadt entbehren zu müſſen, welche letztere aufzuſuchen die Erziehung ihrer Tochter nothwendig mache. Julie erhielt auch die beſten Lehrer, die meiſtens in das Haus kamen, um ihr Unterricht zu ertheilen, und machte nach deren Urtheile recht anerkennungswerthe Fort⸗ ſchritte. Zu der Erziehung eines jungen Mädchens von höherem Stande gehört indeſſen auch die geſellſchaftliche Bildung, 4* 52 d. h. die äußere Tournüre, die ſich nur praktiſch üben läßt, und dieſe Rückſicht auf ihre Tochter nöthigte die Gräfin, wie ſie ſagte, wenigſtens einigen Verkehr mit Ihres⸗ gleichen aufrechtzuerhalten; ihr Trauerjahr war ja jetzt auch ſchon abgelaufen, und daß ſie für ſich ſelbſt nicht Vergnü⸗ gungen ſuchte, wollte ſie ohne Zweifel durch das ſchwarze Wittwenkoſtüm beweiſen, das ſie deſſenungeachtet immer noch trug. Julie hatte die ſchwarzen Kleider ſchon ablegen müſſen und dies gerade auch nicht ungern gethan, was man einem ſo friſch aufblühenden jungen Mädchen am Ende nicht verdenken konnte. Die Gräfin ſah alſo einige Familien der hohen Ari⸗ ſtokratie, beſonders Damen, zuweilen bei ſich, und beſuchte mit ihrer Tochter deren Geſellſchaften, wenn ſie nicht zu groß und geräuſchvoll waren; noch öfter ließ ſie Julie an den letzteren unter Aufſicht einer intimen Freundin, die ſie hier gefunden hatte, allein theilnehmen. Das junge Mäd⸗ chen verſtand ſchon im vierzehnten Jahre in ſolchen Kreiſen ſicher und gewandt aufzutreten, und man behauptete, daß es in Kurzem zu einer ebenſo ſchönen wie im guten Tone vollkommenen Dame herangewachſen ſein werde; Julien's körperliche Reife entwickelte ſich auch ungewöhnlich frühzeitig. An irgend einem Orte in der Schweiz hatte die Gräſin 53 Mathilde den bereits verabſchiedeten Feldmarſchall⸗Lieutenant Fürſten von Turn kennen gelernt und ſich ein gegenſeitig freundſchaftliches und vertrauungsvolles Verhältniß zwiſchen ihnen gebildet, das bei Bewahrung aller konventionellen Formen umſoweniger Anſtoß erregen konnte, als doch eine ſehr bedeutende Altersverſchiedenheit zwiſchen ihnen beſtand. Die Gräfin zählte neununddreißig Jahre, Fürſt von Turn hatte ſchon die Sechszig überſchritten; übrigens gaben Beide gelegentlich zu erkennen, daß ſie ſich nie wieder ver⸗ heirathen wollten, und der Fürſt war dieſem Vorſatze auch ſchon ſeit Auflöſung ſeiner kinderloſen Ehe vor fünfzehn Jahren treu geblieben. Obgleich ſich Haar und Bart bei ihm ſchon weiß zu färben begannen, war er doch noch ein impoſanter, an⸗ ſcheinend in voller Kraft und Geſundheit ſtehender Herr von ganz militäriſcher, äußerſt würdiger Haltung, man durfte ihn ſogar mit vollem Rechte einen noch ſchönen Mann nennen. Sein hoher Rang,— ſeine Familie ge⸗ hörte übrigens nicht zu den regierenden,— ſein bekannter⸗ weiſe ſehr großer Reichthum, ein ſich in vielen Zügen wie⸗ derſpiegelnder, nie bezweifelter, edler Charakter und das liebenswürdige Benehmen, bei den Manieren eines durch⸗ gebildeten feinen Hofmannes, würden ihn zum Lieblinge 54 und meiſtentheils zum Mittelpunkte der beſten Geſellſchaft gemacht haben, wie er daheim auch in den höchſten Kreiſen angeſehen war, wenn er ſie mehr ſuchen gewollt hätte; aber er that dies eben nur inſoweit, als es durchaus er⸗ forderlich war. Einen Theil des Jahres brachte er, ſeitdem er ſchon vor neun bis zehn Jahren ſeinen Abſchied aus dem aktiven Armeedienſte genommen hatte, auf Reiſen zu, ungenirt im Civilrocke hin und her ſtreifend, den größeren auf ſeinen ausgedehnten Gütern im Oeſterreichiſchen, deren Bewirthſchaftung er zwar nicht ſelbſt leitete, aber doch ſorg⸗ ſam kontrolirte und wo er ſich beſonders angelegen ſein ließ, die Lebensverhältniſſe der dort wohnenden ärmeren Leute zu erleichtern und zu verbeſſern; ſelten ſah man ihn im Winter bei Hofe, in der Hauptſtadt überhaupt. Auch als wiſſenſchaftlich gebildeter Mann galt er und erfreute ſich einer Menge kleiner Talente, die ihm ſelbſt und Anderen Unterhaltung und Annehmlichkeiten ſchaffen konn⸗ ten, kurz, er war ein Kavalier im vollſten Sinne des Wortes. Warum ſollte Gräfin Mathilde, nachdem ſie ſeine Be⸗ kanntſchaft durch einen Zufall gemacht hatte, ſich dem wei⸗ teren Umgange mit einem ſo ausgezeichneten und intereſſan⸗ ten Manne,, den er ſelbſt ſuchte, entziehen?— Die Freund⸗ 55⁵ ſchaft, die er ihr anbot und nachher bewahrte, war eine faſt väterliche, ſein Rath kam ihr häufig ſehr gut zu ſtatten, ſeine Aufmerkſamkeiten blieben ſtets die zarteſten, und er war weit entfernt, ihr ſeine Geſellſchaft aufzudrän⸗ gen; es konnte nur als ein ſtillſchweigendes Uebereinkom⸗ men erſcheinen, daß ſie ſich immer wieder an anderen Orten während der Reiſe trafen, und die Fortſetzung der alten Bekanntſchaft verſtand ſich dann von ſelbſt. Auch Julie war dem würdigen Herrn ſehr zugethan und jedesmal hocherfreut, wenn ſie ihn wiederſah. Seiner wurde wohl auch zuweilen in den Briefen an Victor er⸗ wähnt, aber doch nur in einer Weiſe, die in Letzterem nicht die leiſeſte Vermuthung aufkommen laſſen konnte, daß dieſes Verhältniß mehr als ein vorübergehend freundſchaftliches ſei oder werden möge. Fürſt Turn hatte ſich wieder einmal von der Gräfin und deren Tochter auf unbeſtimmte Zeit verabſchiedet, als dieſe ihren Wohnſitz aus der Schweiz nach der Kaiſerſtadt verlegten; er wußte Letzteres nicht allein, ſondern hatte be⸗ ſonders um Julien's willen ſeinen Rath dazu ertheilt, der Gräfin auch dort durch ſeine Empfehlung ſehr ange⸗ nehme Verbindungen eröffnet. Schon drei Monate ſpäter war er dann ſelbſt dort erſchienen, und ſeine alten Be⸗ 56 kannten wunderten ſich nicht wenig darüber, daß er nicht, wie ſonſt, bald wieder Anſtalten machte, abermals zu ver⸗ reiſen oder ſich auf ſeine Güter zu begeben; ſie wollten überhaupt einige Veränderungen an ihm bemerken, die ihm aber keineswegs zum Nachtheile gereichten. Es dauerte auch noch eine ganze Weile, bis ſich unter ihnen— im Ganzen hielt ſich der Fürſt wieder zurückge⸗ zogen— das Gerücht zu verbreiten begann, das man an⸗ fänglich gar nicht glaubhaft finden wollte: er trage der Gräfin Horneck doch wohl ein noch wärmeres, wie blos freundſchaftliches Intereſſe zu, das dem Anſcheine nach auch erwiedert wurde. Daran ließ ſich nun Nichts ausſetzen, es wäre eigentlich nicht einmal auffällig geweſen, wenn die beiden Betheiligten, deren Perſönlichkeiten und äußeren Ver⸗ hältniſſe übrigens ſo gut zu einander paßten, nicht ſo ver⸗ ſchiedenen Lebensalters geweſen wären; man hob dies wenigſtens hervor, um doch ein Recht zu haben, ſich zu wundern. Dies änderte indeſſen nicht das Mindeſte an der Sache ſelbſt, die ſehr bald aus dem Bereiche des Geheimnißvollen heraustrat; was konnte den Fürſten und die Gräfin auch abhalten, dieſen Schleier zu lüften, der ihr Verhältniß nur in unſicheren Formen und zweifelhaftem Lichte erſcheinen — — 57 ließ?— ſie waren ja Beide ganz frei in ihren Ent⸗ ſchlüſſen, und eine gerechtfertigte Mißbilligung ihrer Wahl konnte durchaus keinen Boden finden. Fürſt Albert Turn war in allen ſeinen Verhältniſſen ſelbſtſtändig und gewiß alt und einſichtsvoll genug, um keinen Menſchen um Rath fragen und ſich von Anderer Meinung abhängig machen zu müſſen; die Gräfin hatte höchſtens eine Form der Höflichkeit zu erfüllen, wenn ſie ihren Landesherrn um den Konſens zu ihrer Heirath an⸗ ging, der nicht verweigert werden konnte; übrigens lag es ihr nur ob, ſich mit ihren Kindern darüber auseinander⸗ zuſetzen, ſowohl in Bezug von deren Gefühlen, wie wegen der Vermögensangelegenheiten. Das Teſtament des Grafen Horneck hatte einen ſolchen Fall nicht berückſichtigt; der Verſtorbene, der mit ſeiner Ge⸗ mahlin in einer ſo ſehr glücklichen Ehe lebte und ſich noch lange derſelben zu erfreuen hoffen durfte, hatte wohl nicht einmal daran gedacht, daß im Falle ſeines Todes Gräfin Mathilde eine andere Verbindung für angemeſſen halten könnte; er ließ ſie in Vermögensumſtänden zurück, die eine ſolche mindeſtens nicht nothwendig machten. Nach den Landesgeſetzen war es nun aber fraglich, ob ſie bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder den Nießbrauch dieſes Ver⸗ mögens behalten dürfe, ſobald ſie ſich wieder verheirathete; beſagte Geſetze erklärten ſich eigentlich ſogar dagegen. Schließlich konnte ihr dies aber gleichgiltig bleiben, denn mit Annahme der Hand des Fürſten trat ſie in einen neuen, noch viel glänzenderen Beſitz, und zwar unter Um⸗ ſtänden, die ihr vorkommenden Falles deſſen Univerſalerb⸗ ſchaft ſicherten. Was die zweite Rückſicht, die ſie zu nehmen hatte, anbetraf, nämlich die auf die Gefühle ihrer Kinder, ſo hatte ſie ſich der Uebereinſtimmung der Tochter bereits zu ver⸗ ſichern gewußt und war am Ende auch überzeugt, der Sohn werde keine beſonderen Einwendungen machen, hatte ſie auf ihn doch ſtets einen ſo großen mütterlichen Einfluß geübt; daß ſie dieſen Entſchluß faßte und ausführte, ohne ihn zu befragen, gewiſſermaßen hinter ſeinem Rücken, um erſt mit der vollzogenen Thatſache vor ihn an das Licht zu treten, ließ allerdings ſchließen, ſie ſei nach dieſer Richtung hin des Einverſtändniſſes nicht ſo ganz ſicher und ſetze ſich über daſſelbe ſchlimmſten Falles auch hinfort; man durfte nebenbei aber auch berückſichtigen, daß es den Gefühlen einer Frau und Mutter ſchwer ankommen mußte, mit einem halberwachſenen Sohne über ſolche Angelegenheit zu unter⸗ handeln. 59 Wie ließ ſich nun aber überhaupt der Entſchluß Gräfin Mathilden's motiviren?— Sie bedurfte in der That keines männlichen Schutzes, es war blos, wenn wir ſo ſagen ſollen, eine Paſſion von ihr, ſich noch einmal zu verhei⸗ rathen. Konnte ſie wirklich eine unbezwingliche Liebe für den ſo bedeutend älteren, wenn auch ſehr liebenswürdigen Mann fühlen?— Möglich! wer blickt in die Tiefe eines Frauenherzens hinein? man wird ſpäter wohl noch über den Charakter und die Empfindungen Gräfin Mathilden's klarer werden. Sie hatte eine große Rolle in der Geſellſchaft geſpielt, wie ſchon geſagt, und es nicht leicht empfunden, aus der⸗ ſelben ſcheiden zu müſſen; ihre Eitelkeit kam alſo jedenfalls in das Spiel. Als Fürſtin Turn konnte dieſelbe ihr hin⸗ reichend befriedigt werden! ſie trat mit neuem noch viel ſtrahlenderen Glanze wieder in die Welt ein; wenn ſie dieſer Eitelkeit wirklich Opfer bringen mußte, ſo erſchienen die letzteren wohl nicht zu groß. Ihren erſten Mann hatte ſie aufrichtig warm geliebt; ſie gab dieſes Gefühl jetzt hin, wenigſtens wenn ſie entſchloſſen und überzeugt war, dem Zweiten eine wahrhaft treue und liebevolle Gattin werden zu wollen und zu können; Geſetz und öffentliche Meinung geſtatten dies, billigen es in den meiſten Fällen ſogar; wie 60 es ſich mit dem wahrhaft moraliſchen und zarten Gefühle, dem ſchönſten, was der Schöpfer dem Weibe in die Bruſt gelegt hat, und dem religiöſen Glauben, der bei der Frau unbedingt vom Verſtande ſein ſollte, verträgt, mag dahin⸗ geſtellt bleiben; es pflegt ja eben Alles nur vorübergehen⸗ des Puppenſpiel in dieſer Welt zu ſein, und eine Handvoll Erde deckt ſo häufig das Edelſte und Beſte zu, nicht des im Grabe Ruhenden, ſondern Derer, die trauernd und weh⸗ klagend daran geſtanden haben; die Thränen verſiegen, auf Regen folgt heiterer Sonnenſchein, und der Menſch freut und tröſtet ſich am heiteren Sonnenlichte,— es wäre ja auch ſo langweilig, wenn es immer regnete!— Die lachende Welt ſtellt ihre Forderungen an jedes lebende Weſen, und es folgt ihnen nur garzu gerne— das liegt in unſerer ſinnlichen Natur, wo aber das göttliche Weſen dabei bleibt, das reine und treue Herz?— o, das iſt ja ein ſchon halbtoller Schwärmer, der auf ſeine Stimme hören, es dem klugen menſchlichen Verſtande nicht unter⸗ werfen wollte!— Der Vogel im Käfige hungert und ſtirbt wohl, wenn man ihm ſein Männchen oder Weibchen nimmt, der Menſch, Mann und Frau, iſt viel zu geſcheidt dazu. Gräfin Mathilde mußte ſich wohl auch mit ihrem Ge⸗ wiſſen und allen äußeren Rückſichten glücklich abgefunden ——— 61 haben, denn ſie entſchloß ſich zu dieſer zweiten Ehe und gab dem Fürſten, als er ſeinen von ihr bereits vermuthe⸗ ten Antrag ſtellte, ohne langes Zögern eine bejahende Antwort. In den zarteſten Formen wurden die beiderſeiti⸗ gen Bedingungen feſtgeſtellt und angenommen, und der öffentlichen Bekanntmachung und Vollziehung dieſes Ver⸗ hältniſſes lag nun Nichts mehr im Wege.. Julie war, wie bereits geſagt, ſchon ein recht ver⸗ ſtändiges, junges Mädchen geworden. Als ſie den Ent⸗ ſchluß der Mutter erfuhr, auf den ſie allerdings ſchon vor⸗ bereitet worden war, ohne ihn doch eigentlich zu erwarten, — ſie wurde ſogar durch die offene Erklärung überraſcht, — kamen ihr allerdings Thränen in die Augen, denn ſie dachte an ihren verſtorbenen Vater; aber ſie wußte ſich ſchnell zu faſſen und in das Unvermeidliche zu fügen, dem ſie alsbald auch für ſich eine angenehme Seite abgewann; dem Fürſten war ſie ja auch ſchon ſehr gewogen, und indem er ihr Vater wurde, ging auch ſie einer glänzenden Zukunft entgegen. Freilich dachte ſie auch dabei an ihren Bruder Victor, und die ſchüchterne Frage, die ſie an ihre Mutter richtete, kam ihr ſo ängſtlich aus dem Herzen: „Aber was wird Victor dazu ſagen?“ 62 Gräfin Mathilde entfärbte ſich darüber doch ein wenig und antwortete nur in einer gewiſſen Verlegenheit: „Victor kann nur ſtolz auf ſeinen Vater ſein,“— ſie wagte das Wort Stiefvater doch nicht recht auszuſprechen, —„und aus dieſer Freundſchaft werden ſeiner ferneren Carridre nur Vortheile erwachſen.“ „Aber wir Beide werden immer zuſ ammenbleiben, theure Mama?“ Das junge Mädchen fragte dies mit ahnungsvoll ban⸗ gem Herzen, die Gräfin ſchloß ſie feſter an ihre Bruſt; und darin lag eine vorläufig genügende Antwort. Gewiß hatte Gräfin Mathilde die Liebe zu ihren Kin⸗ dern nicht aufgegeben; dieſes Gefühl war zweifellos noch ſtärker wie die Empfindungen, die ſie dem Fürſten zutrug; ſie mochte ſich auch in der That für überzeugt halten, daß Victor und Julie aus dieſer neuen Verbindung nur mate⸗ rielle Vortheile gewinnen konnten, wäre es auch nur aus dem bedeutenden Vermögen geweſen, das ihr nun zunächſt zufallen ſollte. Wenn ſich nur ein Einziger gefunden hätte, der andeuten wollte, ſie bringe ihren Kindern mit dieſer zweiten Heirath ein Opfer, ſo würde ſie einen ſolchen Ge⸗ danken mit Eifer aufgefaßt und weiterhin zu vertreten ge⸗ ſucht, ſich wohl gar ſelbſt damit getäuſcht haben; aber die — ⏑⏑—⏑— 63 Verhältniſſe lagen einmal ſo, daß ihr Niemand dieſen Ge⸗ fallen thun konnte, ohne gerade albern oder gar zu ſchmeich⸗ leriſch zu erſcheinen. Der Fürſt betrieb ſeine Herzensangelegenheit mit einem Eifer, der bei ſeinen reifen Jahren beinahe komiſch er⸗ ſcheinengkonnte; bei ihm war ſie aber wirklich die reine Herzensſache,— er liebte mit aller Glut, die in einem ſo vorgerückten Alter, ein letztes Aufflackern der jugend⸗ lichen Gefühle, nicht ſelten iſt und noch über die letzteren aufzuleuchten ſcheint. Er begriff auch recht wohl, daß die Leute dies etwas lächerlich finden könnten, und ſuchte des⸗ halb über den Bräutigamsſtand, der ihm eigentlich nicht mehr recht paßte, möglichſt ſchnell hinfortzukommen. Gräfin Mathilde, die wohl ähnlich fühlte, legte ihm dabei keine Schwierigkeiten in den Weg, ſie beſtand nur auf die Er⸗ füllung gewiſſer Förmlichkeiten, die auch er anerkennen mußte. Selbſt in der großen Stadt erregte die Sache Auf⸗ ſehen; bevor man ſich aber noch von der Ueberraſchung erholt und eine Grundlage für gehäſſige Klätſchereien auf⸗ zufinden vermocht hatte, ſtand man vor einer vollzogenen Thatſache, gegen die ſich nun einmal Nichts mehr einwen⸗ den ließ; da blieb ſchließlich nichts Beſſeres übrig, als dieſe vortreffliche Wahl beider Theile zu preiſen und zu verſuchen, ſich in deren Gunſt zu ſetzen, denn man erwartete, der Fürſt werde nun wiederum ein großes Haus machen. Darin irrte man ſich aber ſehr. Das Paar ließ ſich in aller Stille trauen und reiſte unmittelbar darauf, in Juliens Begleitung, deren Erziehung nun wohl ſchon für vollendet gelten konnte oder wenigſtens nur noch einer ge⸗ ringen Nachhülfe bedurfte, nach dem Hauptgute des Fürſten ab; ſogar die üblichen Viſiten wurden verſäumt, woraus ſich ſchließen ließ, daß die Neuvermählten überhaupt auf die große Geſellſchaft und das Leben in der Hauptſtadt zu verzichten gedachten. Man hatte Anderes erwartet und rächte ſich für die Enttäuſchung, ſo gut man konnte, durch boshafte Sticheleien, bald gerieth aber die ganze Sache in Vergeſſenheit, denn einer ſo großen Geſellſchaft liegt ja zu viel intereſſanter Stoff vor. Noch am Hochzeitstage ſchrieb die Gräfin oder vielmehr nunmehrige Fürſtin Turn einen langen Brief an ihren Sohn, in dem ſie unter Ausdrücken der größten mütter⸗ lichen Zärtlichkeit ihren Entſchluß zu rechtfertigen ſuchte. Es war die erſte Mittheilung ſeit ſieben oder acht Wochen von ihr; auch Julie fügte einige Zeilen bei, in denen ſie ihren neuen Vater nicht genug loben und empfehlen konnte. 65 Der arme Cadet lag um dieſe Zeit in einem bedenk⸗ lichen Fieber darnieder, das er ſich bei ſeinem letzten Pagen⸗ dienſte geholt hatte; die Briefe kamen ihm erſt mehrere Tage ſpäter zu Händen, und zwar im Lazarethe der An⸗ ſtalt, das die jugendfriſchen Zöglinge natürlich ſehr fürchte⸗ ten, obgleich es unter ſolchen Umſtänden auf das Beſte für ſie ſorgte. Victor befand ſich ſchon in der Beſſerung; er blickte auf das ihm bei jenem Hoffeſte Zugeſtoßene wie auf einen böſen Traum zurück und mochte kaum noch an die Wirk⸗ lichkeit glauben. Wer hätte ihm einen Brief von ſeiner Mutter vorenthalten gewollt?— Er las ihn und fiel von Neuem in das Fieber zurück. Aber eine kräftige jugendliche Natur weiß ſich ſchon zu helfen; acht Tage ſpäter war er wieder geſund und trat in den Kreis ſeiner Studiengenoſſen zurück. Daß der Re⸗ konvaleszent ſehr blaß ausſah, konnte Niemand verwun⸗ dern, auch nicht, daß er noch mehr Ernſt und Zurückhal⸗ tung zeigte wie früher; das waren aber Nachwehen der Krankheit. Es wäre ſchwer geweſen, in ſein Herz zu blicken, und Niemand gab ſich auch viel Mühe darum. So bald wie möglich beantwortete er die Briefe ſeiner Mutter und Schweſter. Es herrſchte darin ein ganz anderer Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 5 66 Ton vor, wie bisher, obgleich er ſich alle Mühe gab, dies zu vermeiden. An das mütterliche Herz konnte er nicht mehr appel⸗ liren, es war ſchon zu ſpät; Vorwürfe zu machen, hielt er ſich auch nicht für berechtigt; aber heiteren und leichten Sinnes zu der in ſeiner Famile vorgegangenen Verände⸗ rung zu gratuliren, war er auch nicht im Stande, war es ihm doch, als ſei er unwiderruflich von Denen getrennt, mit denen er ſich auf das Innigſte für ſein ganzes Leben verbunden gehalten hatte Für gewiſſe Naturen iſt ein ſolcher Riß noch viel ſchmerzlicher als der, welchen der Tod macht; ihnen zer⸗ reißt er nicht die innigſten Bande der Verehrung und Hin⸗ gebung, aber die Wunde vermögen ſie nicht zu verſchmerzen, die ihnen eine Enttäuſchung dieſer heiligen Gefühle aus weltlichen, freiwilligen Rückſichten ſchlägt. Die Gräfin konnte aus dieſen Briefen die Abneigung ihres Sohnes gegen ihre zweite Ehe nicht überſehen, ſie fühlte ſich auch vielleicht verletzt dadurch, indeſſen antwortete ſie in begütigender Weiſe; das alte innige Verhältniß zwiſchen Beiden war aber doch wohl ſchon gelockert wor⸗ den, ſie ſprachen ſich nicht mehr aufrichtig zueinander aus; ſelbſt in der Korreſpondenz zwiſchen Bruder und Schweſter 67 begann ſich ſchon eine Art Zwang zu verrathen, wiewohl Victor Julien keine direkte Schuld beizumeſſen vermochte und ihr ein noch immer zärtlich ergebener Bruder blieb, welches Gefühl ſie auch ihm bewahrte. Trug der Cadet einen tiefen Schmerz in ſeinem Her⸗ zen— unheilbar jedenfalls nicht, denn die Jugend beſitzt immer die beſten Hülfsmittel dagegen,— ſo wollte er ſich dies doch nicht anmerken laſſen; er beſaß ſogar die Kraft, alle ihm zukommenden gut oder übel gemeinten Bemer⸗ kungen über die Wiederverheirathung ſeiner Mutter mit äußerlicher Ruhe aufzunehmen und ſich zu ſtellen, als habe er dagegen durchaus Nichts einzuwenden gehabt. Für ſich ſelbſt ſuchte er Zerſtreuung von den unerquicklichen Ge⸗ danken in verdoppeltem Eifer bei ſeinem Studium; umſo ſchneller ging er dem Zeitpunkte entgegen, der ihn als ſelbſtſtändigen Mann, als Offizier, in die Welt einführen ſollte, und danach ſehnte er ſich jetzt mehr wie jemals. Wir ſagten vorher, Victor habe über dieſe ihn gänz⸗ lich in Anſpruch nehmende Angelegenheit die reizende Prin⸗ zeß Anna wieder vergeſſen gehabt; die Wirklichkeit war auch zu dringend an ihn herangetreten, als daß er ſich mit müßigen Träumereien abgeben konnte. Indeſſen war das liebliche Bild, ſelbſt in ſeinen Fieberphantaſien, doch 5* —ycſſy —— ſ 68 auch häufig vor ihm aufgetaucht, und auch ſpäter noch er⸗ weckte es eine wehmüthige Erinnerung in ihm. Die Prinzeſſin war mit ihren Eltern nach einem nicht langen Aufenthalte wieder abgereiſt, ohne daß eine öffent⸗ liche Verlobung mit dem Erbprinzen ſtattgefunden hätte. Da dieſes Projekt überhaupt nicht in die Oeffentlichkeit ge⸗ kommen war, wurde auch jetzt nicht davon geſprochen, nur in einigermaßen vertrauten Kreiſen meinte man, es möge wohl auf Schwierigkeiten geſtoßen ſein, die jedenfalls nur darin liegen konnten, daß die zunächſt Betheiligten nicht ein rechtes perſönliches Wohlgefallen aneinander gefunden hätten, es ſei aber noch nicht gänzlich aufgegeben. Victor bekam aber Nichts davon zu hören, und dies beruhigte ihn, denn wenn er auch nicht ſo thöricht und vermeſſen war, dem Erbherzoge eine beſtimmte Eiferſucht zuzutragen, indem er wohl begriff, daß er ſich nimmermehr der Fürſten⸗ tochter gleichſtellen dürfe, ſo bewahrte er derſelben doch ein warmes Intereſſe und die beſten Wünſche für ihre Zukunft. Hätte er die Prinzeſſin fernerhin vor Augen, hätte er nur eine Ahnung von der Lage gehabt, in der ſie ſich zur Zeit befand, ſo würde er zweifellos leidenſchaftlicheren Em⸗ pfindungen preisgegeben geweſen ſein. Die arme Prinzeſſin hatte in der That jetzt ſchwere 69 Tage. Als ſie den Beſuch am herzoglichen Hofe machte, kannte ſie noch nicht die über ſie getroffene Beſtimmung, die aus politiſchen Rückſichten bereits unwiderruflich gewor⸗ den war. Sowohl die herzoglichen, wie die fürſtlichen Eltern hatten auf das Lebhafteſte gewünſcht, daß die Her⸗ zen der beiden jungen Leute ſich finden möchten und ihnen kein Zwang angelegt zu werden brauche; als man ſich nun überzeugte, daß der Erbherzog dieſer Partie nicht ab⸗ geneigt ſei, wiewohl er es nicht zu einer nur einigermaßen leidenſchaftlicher Hingebung bringen konnte, die Prinzeſſin, der ſchließlich doch die Augen über den Plan aufgingen, ſich aber ganz entſchieden gegen ſeine Verwirklichung ſträubte, bedauerte man das Letztere, blieb aber doch dabei, die Heirath, die ſo große politiſche Vortheile bot, zu vollziehen, nur wollte man ſie, um unliebſame Vorkommniſſe zu ver⸗ meiden, nicht übereilen. Die Fürſtin⸗Mutter ließ es ſich nun, nachdem ſie mit ihrem Gemahle und der Tochter wieder in die Heimath zurückgekehrt war, zunächſt angelegen ſein, dem jungen Mädchen die Vortheile und die Nothwendigkeit dieſer Ver⸗ bindung auseinanderzuſetzen; als ſie damit Nichts erreichte, drohte ſie zwar noch nicht mit direktem Zwange, ſtützte ſich aber auf die einer Fürſtentochter obliegenden Pflichten, die 70 von einer freien Herzenswahl Nichts wiſſen wollen. Anna vermochte auch dieſe Pflichten nicht zu begreifen oder fühlte ſich wenigſtens nicht ſtark genug, ihnen ein ſo großes Opfer, wie man ihr zumuthete, zu bringen; ſie remonſtrirte dage⸗ gen mit Bitten und Thränen, indem ſie unverhohlen ihre Abneigung gegen die Perſönlichkeit des Erbherzogs aus⸗ ſprach. Mochten ihre Eltern durh nicht ganz theilnahmslos dafür ſein, ſo ſtellten ſie die Vortheile ihres Hauſes doch noch höher; ihre eigene Verbindung war ja auch aus ſolchen Rückſichten entſprungen und die Ehe keine unglück⸗ liche geworden; ſie fühlten ſich überzeugt, daß es hier ge⸗ rade ebenſo gehen werde. Es gab nun einen harten Kampf im Innern der Familie, den alle Theile nach außen hin natürlich auf das Sorgfältigſte zu verheimlichen ſuchten; die junge Prinzeſtin litt unendlich ſchwer darunter. Der Erbherzog, der von dieſer entſchiedenen Abneigung entweder wirklich Nichts wußte oder ſich darüber hinweg⸗ ſetzte, kam häufig nach der fürſtlichen Reſidenz, meiſtens inkognito. Er wurde ſtets mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit und Freundlichkeit empfangen, auch die Prin⸗ zeſſin mußte ihm ſolche bezeigen, ein Zwang, der ihr —.— C„ das Heirathsprojekt in immer mehr düſterem Lichte er⸗ ſcheinen ließ. Noch ein großes Glück, womit ſich auch die Eltern tröſteten, daß Anna's Herz noch nicht für einen anderen Mamn, ſelbſtverſtändlich aus fürſtlichem Geblüte, geſprochen hatte!— ⸗Die ſcharfen Augen der Mutter hatten dies recht gut zu kontroliren gewußt, und in der That liebte die Prinzeſſin noch nicht. Es war doch ein bloßes leichtes Phantaſieſpiel in ihrem geheimſten Innern, wenn ſie ſich des hübſchen Pagen erinnerte, der ihr bei jenem Hoffeſte hinter dem Stuhle der Herzogin gegenübergeſtanden hatte und vor deſſen Blicken ſie erröthete, wie er vor den ihrigen. Sie kannte nicht einmal ſeinen Namen und Stand und konnte ſich damals nicht dazu entſchließen, irgend Jemand danach zu fragen. Nachher hatte ſie ihn wohl vermißt und zufällig gehört, er ſei krank geworden und habe deshalb ſeinen Dienſt bei der Herzogin aufgeben müſſen, und dies intereſſirte ſie noch mehr für den jungen Menſchen, indem es ihr Mitleid er⸗ regte, aber unmöglich konnte ſie weitere Erkundigungen nach ihm einziehen, wodurch ſich jenes Intereſſe verrathen hätte, das unter den Formen der Hofetiquette ſo unpaſſend erſchienen wäre, und bei allen noch folgenden Feſten ſah 72 ſie ihn nicht wieder, obgleich ſie ihn jedesmal mit einer gewiſſen Unruhe ſuchte. War er wirklich ernſtlich erkrankt? Lebte er vielleicht gar nicht mehr?— Für ſie war er ja nur eine flüchtige Erſcheinung geweſen, ein Stückchen Staffage in dem großen bunten Bilde, das täglich wechſelte; warum konnte ſie ihn denn gar nicht wieder vergeſſen? 1 Es fehlte ihr nicht an derſelben Einſicht, die auch Victor Horneck gehabt hatte, daß von einer innigeren Annäherung zwiſchen ihnen Beiden gar nicht die Rede ſein könne, und das jungfräuliche Gefühl kam hier noch dazu, um vorſichtige Zurückhaltung zu gebieten; Prinzeß Anna ließ ſich nicht einmal zu einer kleinen Schwärmerei ver⸗ leiten, wie dort der junge Page; viel weniger kam dabei eine Leidenſchaft, wäre ſie auch noch ſo rein und gemäßigt geweſen, in das Spiel; aber ein großes Intereſſe an dem jungen Manne konnte ſie ſich nicht verleugnen und er⸗ klärte ſich daſſelbe, zu ihrer eigenen Beruhigung, endlich dadurch, daß der Zufall ihn neben dem Erbherzoge an jener Tafel, wo ſie zum erſten Male den Heirathsplan zu ahnen begann, vor ſie hingeſtellt und dadurch zu Vergleichen zwiſchen Beiden veranlaßt habe, und dieſe Vergleiche ſah ſie ſich nun immer wieder verſucht und genöthigt, fortzu⸗ ſetzen, denn ſo groß war das fürſtliche Vorurtheil bei ihr doch nicht, daß ſie gemeint, Geburt und Rang allein bil⸗ deten eine unvergleichliche Glorie, beſonders in den Augen und vor dem Herzen eines jungen Mädchens. Wäre der Page Erbherzog geweſen und der Erbherzog Page, wie leicht hätte ſie ſich dann mit dem ihr beſtimmten Loſe aus⸗ geſöhnt, wäre ihm ganz gerne entgegengegangen. Ueber dieſen Punkt kam ſie bei ihrer Erinnerung an den Pagen der Herzogin nicht hinaus, und ſie erſchrak zuweilen und machte ſich ſelbſt Vorwürfe darüber, daß ſie damit ſchon zu weit gegangen ſei. Inzwiſchen überließ ſich, wie ſchon geſagt, der junge Graf ſeinen Studien mit dem größten Eifer und erreichte dadurch auch die beſten Reſultate; ſelten hatte es in dem Cadettencorps einen fleißigeren und befähigteren Schüler gegeben, und an Anerkennungen fehlte es demſelben nicht; es war ſchon mit Sicherheit vorauszuſehen, daß er noch vor Vollendung des ſiebzehnten Jahres das vorgeſchriebene Examen glänzend beſtehen und als Offizier in die Armee eintreten werde.. Ein für ihn nicht unwichtiges Intermezzo ſollte aber doch noch kommen. Wie in allen ſolchen Erziehungsanſtalten, hatten auch 74 die Zöglinge dieſer ihre Ferien; Gräfin Mathilde ſprach bei ſolcher Gelegenheit wiederholentlich den dringenden Wunſch, der von ihrem Gemahle und Julien unterſtützt wurde, aus, ihr Sohn möge die freie Zeit zu einem Be⸗ ſuche auf der Hauptbeſitzung des Erſteren, die ſie bewohn⸗ ten, benutzen; aber Victor wußte ſtets Vorwände zu finden, dieſe Einladung auszuſchlagen. Wenn ſeine Kameraden in ihre eigenen oder bekannte Familien zurückkehrten, froh, des läſtigen militäriſchen und Schulzwanges für eine kurze Zeit ledig zu ſein, unterwarf er ſich dieſem freiwillig, ob⸗ gleich derſelbe ohne dieſe muntere kameradſchaftliche Um⸗ gebung noch drückender erſcheinen konnte. Er hatte ſich auch von allen den geſelligen Kreiſen, die ihm offenſtanden, allmälig zurückzuziehen gewußt und ſelbſt dem Pagendienſte bei Hofe, den er früher als ſo ehrend betrachtete, entſagt, auf die Gefahr hin, daß ihm dies übelgedeutet würde. Mit ſeinem Stiefvater korreſpon⸗ dirte er nicht, obgleich Fürſt Albert einen ſehr hübſchen und herzlichen Brief an ihn geſchrieben hatte, den er nur dieſes einzige Mal ziemlich kalt, aber ganz formvoll be⸗ antwortete. Da wurde er plötzlich durch die Ankündigung über⸗ raſcht, ſeine Mutter, der Fürſt und Julie ſeien in der Re⸗ — 7 4 5 ſidenz angekommen und erwarteten ihn in dem vornehmſten Hôötel; ſelbſtverſtändlich durfte er keinen Augenblick zögern, ſie zu begrüßen. Alle ſtrengen Vorſätze, die er gefaßt hatte, wie den Seinigen perſönlich wiederbegegnen zu wollen, waren auf einmal über den Haufen geworfen wor⸗ den, nur das Herz konnte noch ſprechen und es hing ja ſo ſehr an der Mutter und Schweſter! Dieſes reine, herz⸗ liche Gefühl wurde aber doch ſehr durch die Vorſtellung getrübt, daß er nun den Mann kennen lernen ſollte, der an die Stelle ſeines Vaters— ſeiner Meinung nach, immer noch unberechtigt— getreten war; noch vermochte er das Vorurtheil, das er einmal gefaßt hatte, nicht abzuſtreifen. Julie flog ihm zuerſt in die Arme, und er konnte nicht das Mindeſte an der früheren Zärtlichkeit vermiſſen; ſie, die jetzt ſchon eine ganz anſehnliche, wirklich recht hübſche junge Dame geworden war, küßte ihn unter abwechſelndem Lachen und Weinen und ſtellte tauſend Fragen an ihn, die er ſo ſchnell unmöglich beantworten konnte; er hatte Mühe, ſich wieder von ihr loszumachen, um nun ſeine Mutter zu begrüßen, die ihm ebenfalls entgegenkam. Die Schönheit der Gräfin hatte in der letzten Zeit Nichts eingebüßt; man bemerkte Nichts davon, daß ſie älter geworden; im Gegentheil, wer ſie zuletzt als trauernde ———— 76 Wittwe geſehen, konnte ſie jetzt nur anmuthiger und glänzender finden. Auch Victor hatte ſie ſich während der ganzen Trennungszeit eigentlich nicht anders vorzuſtellen vermocht wie in der Abſchiedsſtunde, die einen ſo unaus⸗ löſchlichen Eindruck auf ihn gemacht; hatte er ſich auch ſagen müſſen, daß ſie in ihrem neuen Verhältniſſe die äußere Trauer wohl abgelegt haben werde, und durfte dies einer verſtandesgemäßen Ueberlegung auch ganz ge⸗ rechtfertigt erſcheinen, ſo wurde ſein innerſtes Gefühl doch peinlich dadurch berührt, daß er ſie jetzt in der bunten modiſchen Toilette wiederfand, die überdies Manchem noch ein wenig geſucht und kokett erſcheinen konnte. Natürlich ſtritten ſich, während er ſie begrüßte, zwei Empfindungen in ihm: die der Freude darüber, daß ſie ſo wohl und zu⸗ frieden ausſah, ein Bild des vollen, friſchen Lebens, und jenes ſoeben erwähnte peinliche; ſie mußte die Trauer um den verſtorbenen Gatten wohl ſchon innerlich wie äußerlich abgelegt haben. Glücklicherweiſe wurde dieſer Eindruck dadurch gemil⸗ dert, daß augenblicklich wirklich das mütterliche Gefühl in den Vordergrund getreten war; man konnte ſich nicht darüber täuſchen, daß ſie dem Sohne mit der herzlichſten Liebe entge⸗ genkam und darüber wohl ſelbſt die kleinen Differenzen ver⸗ 77 gaß, die in letzter Zeit zwiſchen ihnen vorgekommen waren. Gerade ſo erging es dem jungen Manne; momentan ver⸗ gab und vergaß er Alles.— Fürſt Albert war nicht zu Hauſe, wurde aber ſehr bald zurückerwartet; ohne Zweifel lag es in ſeiner Abſicht, die nur Zartgefühl verrieth, dieſe erſte Begrüßung nicht durch ſeine Anweſenheit zu ſtören und die Bekanntſchaft mit ſeinem Stiefſohne erſt durch perſönliche Mittheilungen vorbereiten zu laſſen. Die letzteren konnten denn auch nicht ausbleiben; nachdem Victor über ſeine letzte Vergangenheit berichtet hatte— und dies nahm bei der Einförmigkeit ſeiner Lebens⸗ weiſe keine lange Zeit in Anſpruch— ſahen die Gräfin und Julie ſich doch genöthigt, auch von der ihrigen zu ſprechen, was nicht immer ohne eine Art Verlegenheit ab⸗ ging. Gegen die vollzogenen Thatſachen ließ ſich Nichts mehr einwenden; Victor hatte auch nicht den Muth, ſeiner Mutter einen Vorwurf zu machen, und ſo kam man aller⸗ ſeits ziemlich glücklich über das peinliche Thema hinfort. Die Gräfin und ihre Tochter hatten nur Gutes von dem Fürſten zu berichten; ſuchte Erſtere ihn mehr als ihren aufrichtigen, treuen Freund hinzuſtellen, deſſen erprobtem Rathe und Schutze ſie ihre volle Zufriedenheit verdankte, ſo verriethen ſich bei Julien— ſie hatte immer noch ein offenes, kindliches Herz,— eine ſo wahrhafte Achtung und innige Anhänglichkeit für den Stiefvater, daß ihr Bruder ſich wenigſtens dem erſteren Gefühle auch nicht ganz ver⸗ ſchließen konnte, bevor er den Mann, gegen den er eigent⸗ lich ein ſo großes Vorurtheil mitbrachte, noch geſehen hatte. Der Fürſt kam und bot ihm in herzlich väterlicher Weiſe die Hand; man konnte deutlich in ſeinen Augen leſen, daß Victors Perſönlichkeit den günſtigſten Eindruck auf ihn machte und daß er fern von aller Empfindlichkeit darüber war, daß der Jüngling ihm bisher Abneigung ge⸗ zeigt hatte; es ſchien, als liege ihm viel daran, ihn für ſich zu gewinnen. Und in der That war Fürſt Albert ganz der Mann dazu. In ſeiner äußeren Erſcheinung lag ſo viel Würde, in ſeinem Weſen ſo viel Liebenswürdigkeit und Biederkeit, daß Victor ſich davon im höchſten Grade überraſcht fühlte; bei jedem Worte, das ſein Stiefvater, ihr Verhältniß mit dem richtigſten Takte auffaſſend, an ihn richtete, mit jedem prüfenden Blicke, den er auf ihn warf, ſchwand jenes Vor⸗ urtheil mehr und mehr, und ſein Herz begann ſich mit dem nunmehr Unvermeidlichen auszuſöhnen. Victor war entſchloſſen geweſen, den Verkehr mit ſeiner — Familie während deren nur etwa vierzehntägigen Aufent⸗ haltes in der herzoglichen Reſidenz möglichſt dadurch zu beſchränken, daß er die Nothwendigkeit ſeines angeſtrengten Studiums vorſchützte, aber jetzt fühlte er ſich ſchon nicht mehr im Stande, dem Vorſchlage des Fürſten zu wider⸗ ſprechen, daß derſelbe ihm während der angegebenen Zeit freie Nachmittagsſtunden auswirkte. Letzteres ließ ſich auch ohne Schwierigkeiten durchführen, denn das Direktorium des Cadettencorps ertheilte gern einem ſo fleißigen und faſt gänzlich ausgebildeten Zöglinge Urlaub, der hier durch die vor⸗ liegenden Umſtände nur ganz gerechtfertigt erſcheinen konnte. Victor beſuchte nun ſeine Fauilie täglich und fand ſich in ihr bald wieder ganz zu Hauſe; oft genug dachte er dabei mit wehmüthigen Empfindungen an ſeinen ver⸗ ſtorbenen Vater, deſſen höchſtens Julie unter vier Augen mit ihm erwähnte, wobei die ihrigen gewöhnlich naß wur⸗ den, aber dem Fürſten vermochte er keinen Vorwurf mehr darüber zu machen, daß es ſo gekommen war. Von Tag zu Tag fühlte er ſich mehr zu ihm hinge⸗ zogen und ſah in ihm einen aufrichtigen, väterlichen Freund, deſſen verſtändigen Rath er nicht allein gern hörte, ſondern auch bald aufſuchte; er lernte dieſen edlen Charakter voll⸗ ſtändig verſtehen. 80 Auch Juliens Benehmen befriedigte ihn vollſtändig. Sie war die zärtliche Schweſter, das liebe, vertrauensvolle Kind geblieben; er durfte ſie mit freudigem Stolze be⸗ trachten. Seitdem er nicht mehr verhehlen konnte, daß er dem Stiefvater Achtung und Anhänglichkeit zutrug, die der⸗ ſelbe ſo reichlich verdiente, fühlte auch ſie ſich ganz glück⸗ lich und aller Zwang hatte ſich wieder von ihrem ge⸗ ſchwiſterlichen Vertrauen gelöſt. Dennoch konnte Victor nicht ganz zufrieden ſein, daß die Mutter ihres erſten Gemahls, ſeines Vaters, gar nicht mehr erwähnte, daß ſie dies überängſtlich vermied, that ihm wehe, und wie ſcharf er ſie auch beobachten mochte, entdeckte er bei ihr doch nie die Spur der ſie ſelbſt kum⸗ mervoll belaſtenden Erinnerung. Die nunmehrige Fürſtin Mathilde ſchien mit dieſer Vergangenheit, die ihr noch immer hätte theuer ſein ſollen, gänzlich gebrochen zu haben; ſie hatte ſich überhaupt in ihrem ganzen Weſen ſehr ver⸗ ändert. Den äußeren Glanz, um darin eine Rolle zu ſpielen, hatte ſie immer geliebt, man konnte ihr daraus auch keinen beſonderen Vorwurf machen, denn ihre Erziehung und ihre Lebensverhältniſſe wieſen ſie darauf an. Jetzt ſchien ſie aber noch ganz beſonderen Werth auf ihren fürſtlichen Na⸗ . men zu legen und trug ſich viel ſtolzer wie ſonſt, was gegen die edle Einfachheit ihres Gemahls nicht gerade auf das Vortheilhafteſte abſtach; vielleicht wollte ſie aber damit auch nur in dieſer herzoglichen Reſidenz ſich ihren früheren Bekannten gegenüber dafür revanchiren, daß ſie unmittel⸗ bar nach dem Tode ihres erſten Mannes, übrigens ganz ſachgemäß, von ihrer hohen geſellſchaftlichen Stellung ein wenig zurücktreten gemußt hatte. Andererſeits wollte Fürſtin Mathilde ſichtlich auch mehr wie früher ihrer Schönheit Geltung verſchaffen, was man bei der Grenze ihrer Blüthe⸗ zeit nahe gekommenen Frauen freilich nicht ſelten findet; ſie wandte ſchon, was ſie kaum brauchte, kleine Toiletten⸗ kunſtſtücke an und kleidete ſich beſonders ſehr auffällig und verſchwenderiſch; in dieſer Beziehung mußte Fürſt Albert, der ſeine um ſoviel Jahre jüngere Frau überhaupt ſehr nachſichtig beurtheilte, weil er ſie zärtlich liebte und ihr durch Nachgiebigkeit das Opfer, das ſie ihm, ſeiner Mei⸗ nung nach, gebracht hatte, vergelten wollte, wohl ſchwach ſein; ſein Vermögen geſtattete einen großen Luxus, aber die Fürſtin ging mit ihrer Tolilette noch beinahe darüber hinaus. Julie war noch zu jung, um mit dem übertriebenen Schmucke belaſtet werden zu dürfen; ihre natürlichen Reize Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 6 82 † würden dadurch beeinträchtigt worden ſein; ihrem Bruder fiel es aber doch aus einzelnen Aeußerungen im vertrauten Geſpräche mit ihr auf, daß ſie Neigung für den jetzigen Geſchmack der Mutter zeigte und überhaupt ſchon viel höhere Anforderungen wie früher an den äußeren Glanz der ganzen Lebensweiſe ſtellte; es war leicht erſichtlich, daß das Bei⸗ ſpiel Erſterer dahin gewirkt habe, und man konnte es für bedenklich halten, wenn ſolche Neigungen mit den vorge⸗ rückten Jahren wachſen ſollten; Victor wußte indeſſen nicht, wie er die Schweſter warnen ſollte, ohne der Mutter zu nahe zu treten, und ſchwieg deshalb über dieſen Punkt. Was er durch Julien über die Lebensweiſe der Frauen auf dem großen fürſtlichen Hauptgute oder zur Winterzeit in der Kaiſerſtadt hörte, wollte ihm auch umſo weniger gefallen, als das junge Mädchen bei ihren Mittheilungen doch noch immer eine gewiſſe Zurückhaltung bewahrte, als ob ſie begriffe, Victor möge dadurch nicht beſonders erbaut werden können. Fürſt Albert hätte ohne Zweifel vorge⸗ zogen, in ſtiller Häuslichkeit ſeiner neuen Familie und in ernſter Thätigkeit ſich ſelbſt und dem Wohle ſeiner Unter⸗ thanen ausſchließlich zu leben, aber ſeine Gemahlin hatte gewünſcht und ohne Mühe durchzuſetzen gewußt, daß ein großes Haus hier wie dort gemacht wurde. Auf dem Gute 83 verkehrten die angeſehenſten Familien der Nachbarſchaft ſehr häufig, beſonders vornehme und reiche junge Kavaliere. Aber man wird den dort herrſchenden Ton ſpäter kennen lernen; wie geſagt, erhielt Victor von ſeiner Schweſter nur Andeutungen darüber, die ihn gerade nicht befriedigten. Deſſenungeachtet war er entſchloſſen, das Verſprechen zu halten, das er dem Fürſten, ſeiner Mutter und Julien bei ihrer Abreiſe geben mußte, die nächſten längeren Schul⸗ ferien zu einem Beſuche auf jenem Gute zu benutzen; der liebevollſten Aufnahme konnte er ſich jetzt verſichert halten. Im Fluge waren Allen die wenigen Tage dieſes Zu⸗ ſammenſeins vergangen; in den reinen Umgangston hatte ſich kein bemerkbarer Mißklang gemiſcht; man ſchied aller⸗ ſeits von einander befriedigt, und Victor fühlte ſich, als er allein war, recht wehmüthig und ſchmerzvoll geſtimmt; er ſuchte ſeine Tröſtung wirklich in jenem angeſagten Beſuche. 1 Schon bald nach dieſer Trennung wurde dem Cadetten eine überaus freudige Ueberraſchung. Der Fürſt und die Fürſtin Turn hatten ſich am herzoglichen Hofe vorgeſtellt und dadurch dem regierenden Herrn wohl auch wieder den jungen Grafen Horneck in noch nähere Erinnerung ge⸗ bracht, den er allerdings als einen ſo fleißigen Schüler . 6* 84 ſeiner Cadettenanſtalt nie gänzlich aus dem Auge verloren; man mochte bei Hofe aber wirklich ein bischen verſtimmt darüber geweſen ſein, daß Victor ſich der Ehre, dort Pa⸗ gendienſte zu thun, unter irgendwelchen Vorwänden zu entziehen gewußt hatte. Mochte es nun vom Herzog direkt oder von den Lehrern, die des jungen Mannes Vortrefflichkeit anerkann⸗ ten, ausgehen, man ſtellte ihm, obgleich er noch nicht ſein ſiebzehntes Jahr völlig zurückgelegt hatte,— er befand ſich ſeit Oſtern in der erſten Klaſſe der Anſtalt,— als eine beſonders vertrauensvolle Auszeichnung frei, das Offiziers⸗ Examen ſchon zu Michaeli des Jahres abzulegen. Selbſt⸗ verſtändlich nahm Victor dieſes Anerbieten mit Freuden auf; dem Examen fühlte er ſich ſchon ganz gewachſen, und wo er noch Lücken in ſeinem Wiſſen zu entdecken glaubte, ſuchte er dieſelben mit friſchem Eifer und eiſernem Fleiße auszufüllen. Dem Fürſten, ſeiner Mutter und Schweſter wollte er noch Nichts von dem ihm bevorſtehenden Glücke ſchreiben. Die Ernennung zum Offizier pflegte raſch auf das beſtan⸗ dene Eramen zu folgen, und er dachte Jene dann perſön⸗ lich in der Uniform ſeines neuen Ranges zu überraſchen; ein längerer Urlaub wurde ihm, bevor er noch den Dienſt 85 als Offizier antrat, gewiß nicht verſagt, zumal er wohl der Erholung von den angeſtrengten Studien bedurfte und dann noch nicht einmal das eigentlich für den Eintritt in die Armee gefetzlich vorgeſchriebene Lebensalter erreicht haben würde. Mit ſeinem Stiefvater korreſpondirte er jetzt auch ſehr fleißig, und dieſer Briefwechſel vervollkommnete nicht wenig das gegenſeitige Vertrauen, das ſie für einander gefaßt hatten. Immer mehr lernte er den Fürſten ſchätzen und lieben und ſehnte ſich nach dem Wiederſehen mit ihm kaum weniger, wie nach Mutter und Schweſter. Die Fürſtin und Julie ſchrieben überhaupt ſeltener und flüchtiger wie der alte Herr. Die Zeit des Examens kam ſchnell heran; Victor ging demſelben mit voller Zuverſicht entgegen. Es waren nicht viel Zöglinge, die alljährlich zu dieſem Examen gelaſſen wurden, denn die kleine Armee hatte ja keinen großen Be⸗ darf an Offizieren; ein Theil der ausgebildeten Cadetten, die ſich nicht hinreichender wiſſenſchaftlicher Kenntniſſe oder eines ganz tadelloſen Betragens rühmen durften, wurden dann als Fähnriche und Unteroffiziere an die Regimenter abgegeben. Die ſchriftlichen Examenarbeiten nahmen mehrere Tage 86 in Anſpruch, an den zwei letzten Tagen fanden die münd⸗ lichen Prüfungen ſtatt, denen der Herzog ſelbſt zum Theile beiwohnte. Dieſe letzteren Tage waren deshalb von be⸗ ſonderer Wichtigkeit für die Examinanten, denn der Herzog faßte doch für Dieſen oder Jenen, der ſich unter ſeinen Augen auszeichnete, ein perſönliches Wohlgefallen und das⸗ ſelbe pflegte ſchwer in die Wagſchale bei der Vertheilung der jungen Offiziere an die Regimenter zu fallen, wobei deren Wünſche nicht immer berückſichtigt werden konnten. Eine Wahl in dieſer Beziehung hatten die jungen Leute natürlich ſchon ſämmtlich, je nach ihren Neigungen und Verhältniſſen, getroffen, und wo es die Vermögens⸗ umſtände nur geſtatteten, richteten ſich die Wünſche faſt immer auf die Kavallerie, deren ganzer Charakter die jugendliche Phantaſie am meiſten anzuſprechen pflegt. Auch Victor wünſchte ſehnlichſt, die militäriſche Car⸗ rière in demſelben Corps, dem Garde⸗Kavallerieregimente, zu machen, in dem ſein Vater gedient hatte; es lag nur an dem Willen des Herzogs, ihm dies zu erfüllen. Der Letztere zeigte ſich dieſes Mal überaus wohl⸗ wollend und gnädig gegen faſt alle Examinanten. Beſon⸗ ders leuchtete unter dieſen durch ſein Wiſſen, ſeine Geiſtes⸗ gegenwart und Sicherheit, wohl auch ſeine anmuthige per⸗ 87 ſönliche Erſcheinung, der junge Graf Horneck hervor, und die Blicke des Herzogs blieben, wie leicht erſichtlich, mit andauerndem Wohlgefallen auf ihn gerichtet; wiederholend ſagte er ihm lobende und ermunternde Worte. Es unterlag keiner Frage mehr, daß Victor ſein Examen glänzend beſtanden hatte; der Herzog ſelbſt ſprach ihm dies aus und verlangte ſeinen Wunſch in Betreff des Regiments kennen zu lernen; er beſtätigte ihn ſofort und fügte ganz von ſelbſt hinzu, daß der junge Offizier nach ſeiner Ernennung einen dreimonatlichen Urlaub erhalten könne, um ſeine Eltern zu beſuchen. Victor ſchwamm in einem Meere von Glück und Wonne; er konnte auch wahrlich beneidenswerth erſcheinen, aber Niemand trug ihm Aeußerungen dieſes häßlichen Ge⸗ fühles offen zu, ein Beweis dafür, welche Liebe und Ach⸗ tung er ſich bei ſeinen Kameraden erworben hatte. Das wiſſenſchaftliche Studium, ſoweit es in ſeinem neuen Stande 4 beanſprucht wurde, war nun für ihn abgeſchloſſen, er konnte die höchſte Stelle in der Armee erreichen, ohne noch ein weiteres Examen beſtehen zu müſſen; er war ganz ſeiner eigenen Einſicht überlaſſen, wie weit er etwa noch ſein Wiſſen vervollkommnen wollte, und er nahm ſich feſt vor, nicht zu vernachläſſigen und zu vergeſſen, was er gelernt —— ——— 88 hatte, ſondern, wenn auch nicht mehr mit ſoviel Anſtrengung, auf dieſer Bahn fortzuſchreiten, die ihn einer höheren Car⸗ rière nun um ſo würdiger machen und einem ſtrebſamen Geiſte Genugthuung verſchaffen konnte; vorläufig durfte er aber wohl die verdiente Erholung mit vollen Zügen ge⸗ nießen. Sein von den Examinatoren ausgeſtelltes Zeugniß fiel glänzend aus; die herzogliche Entſcheidung ließ auch nicht lange auf ſich warten, und er wurde als Unterlieute⸗ nant dem Garde⸗Kavallerieregimente überwieſen, erhielt auch gleichzeitig ſeinen Urlaub. Obgleich er noch nicht in der Front geſtanden hatte, war ihm der praktiſche Kavalleriedienſt doch keineswegs unbekannt; die Zöglinge der erſten Klaſſe waren beſonders darauf vorbereitet worden, und als ein ganz guter Reiter konnte der junge Graf Horneck überhaupt ſchon längſt gel⸗ ten; die militäriſche Haltung, der ſogenannte Chic, waren bei ihm anerzogen, er füllte deshalb die Uniform vollkom⸗ men aus, und man hätte ihm ſchwerlich angeſehen, daß er ſoeben erſt aus dem Cadettencorps kam, wären ſeine Wan⸗ gen nicht ſo glatt und jugendfriſch und ſeine Lippen ſo bartlos geweſen. Victor lebte nur einige Tage im Kreiſe ſeiner neuen Kameraden, die ihn ſehr gern und zuvorkommend in ihrer Mitte aufnahmen, denn ſein Name und Vermögen dienten ihnen als eine noch beſſere Empfehlung wie ſein brillantes Examen, dann trat er ſeine Urlaubsreiſe an. Er ging zum erſten Male ſelbſtſtändig in die große Welt hinaus, aber dies beängſtigte ihn keineswegs; im Gegentheile fühlte er ſich ſeiner Freiheit recht glücklich, und die ſehr kleidſame Offiziersuniform, die er trug, erfüllte ihn mit vollſter Zu⸗ verſicht, ſogar mit Stolz und ein wenig Eitelkeit, die unter ſolchen Umſtänden wohl verzeihlich ſein dürfte; beſonders trug er aber die freudige Ueberraſchung der Seinigen im Sinne und hatte vor Allem damit zu thun, ſich davon recht glänzende Bilder auszumalen. Damals begann man in Deutſchland erſt Eiſenbahnen zu bauen; dieſelben waren erſt auf Hauptſtrecken zwiſchen größeren Städten zu benützen, und die alte poetiſche Schnecken⸗ poſt hatte noch reichliche Lücken auszufüllen. Victor brauchte beinahe acht Tage, bis er an ſein Ziel gelangte, und an kleinen intereſſanten Abenteuern fehlte es dabei auch nicht, die dem ſprudelnden Jugendmuthe gerade zurecht kamen. In wonneſeliger Stimmung, vollkommen verſöhnt mit den kleinen Unzuträglichkeiten, die er noch beim letzten Wieder⸗ ſehen ſeiner Familie gefunden hatte, traf er auf der Station 90 ein, von der das fürſtliche Hauptgut nur auf eine kurze Entfernung ſeitwärts gelegen war. Er hatte geſchrieben, daß er in dieſer Zeit kommen werde, Tag und Stunde aber nicht genau zu beſtimmen vermocht; umſo angenehmer war er überraſcht, einen Wa⸗ gen zu finden, den ihm ſein Stiefvater entgegengeſchickt hatte. Sie erwarteten auf dem Gute den Cadetten, nicht aber den Offizier des herzoglichen Garde⸗Kavallerieregi⸗ mentes, denn er hatte ihnen keine Mittheilung von ſeinem Examen gemacht und nun klopfte ihm das Herz in Freude und Stolz, wenn er ſich die Verwunderung und dann den Jubel über ſein Auftreten vorſtellte. Daß Fürſt Albert nicht allein ein reicher Mann, ſondern auch ein erfahrener Wirthſchafter und vorſorglicher Herr ſeiner Unterthanen war, ließ ſich leicht erkennen, wenn man einen Theil ſeiner Beſitzungen in Augenſchein nahm, wie ihn jetzt der junge Graf Horneck durchfuhr. Alles zeugte von der größten Ordnung und Wohlhabenheit, welche letz⸗ tere gerade in dieſen Gegenden bei dem Landvolke nicht zu Hauſe zu ſein pflegte. Dieſer Weg entbehrte übrigens auch nicht aller Romantik, und das Herrenſchloß war ganz pracht⸗ voll gelegen, was wohl auch zu ſeiner Erbauung an dieſer Stelle Anlaß gegeben hatte. 91 Victor war in ſeiner jetzigen Stimmung ganz entzückt von Allem, was er um ſich her ſah; der großartige, elegante Bau überraſchte ihn vollſtändig, und er konnte ſich ſelbſt einer Anwandlung des Stolzes nicht entwehren, den er bei ſeiner Mutter doch etwas mißfällig aufgenommen hatte; Juliens Schilderungen reichten bei Weitem nicht an die Wirklichkeit hinan. Wir übergehen kurz den Empfang, der ihm utheil wurde und ihn in jeder Beziehung nur befriedigen konnte. Dieſes Mal traf er zuerſt auf den Fürſten, der ihn mit wahrhaft väterlicher Herzlichkeit umarmte und wirklich auf das Freudigſte überraſcht durch ſein Avancement war. Die Thränen traten dem würdigen Manne und alten Sol⸗ daten in die Augen, indem er ihn mit Lobſprüchen und Glückwünſchen überhäufte; ohne Zweifel dachte er ſowohl daran, daß dem rechten Vater eines ſo vielverſprechenden Jünglings die Freude nicht vergönnt worden, dieſen Triumph mitzufeiern, wie, daß er ſelbſt unter ſolchen Umſtänden den leiblichen Sohn nicht umarmen konnte; indeſſen gingen dieſe wehmüthigen Empfindungen doch ſchnell in der reinſten Freude und innigſten Theilnahme unter. Die ganze Art und Weiſe, in der ſich der Stiefvater benahm, befriedigte Victor noch viel mehr wie die ſeiner Mutter, die allerdings auch ſehr erfreut war, ihn als Offi⸗ zier begrüßen zu können; ſie ſchien indeſſen auf dieſen ſeinen Erfolg doch nicht ſo ſtolz zu ſein, wie er ſelbſt und der Fürſt, da ſie nur die materielle Seite dieſer neuen Lebens⸗ ſtellung in das Auge faßte,— ihr Sohn war ja vornehm und reich genug, um durch die Welt zu kommen, hätte er auch nicht das Offizierspatent mit Fleiß und Eifer erwor⸗ ben; dieſe Anſchauung, die ſie gelegentlich auch äußerte, machte auf den jungen Mann gerade nicht den ange⸗ nehmſten Eindruck. Ueberhaupt ließ ſich nicht verkennen, daß die Fürſtin ein faſt übermäßiges Gewicht auf ihren neuen Stand und ihr großes Vermögen legte; ſie hatte einen viel höheren Ton wie je angenommen und ſchien in jedem Worte, in jeder Bewegung zeigen zu wollen, daß ſie eben„Fürſtin“ war, konnte man doch faſt glauben, ſie ſchäme ſich ihrer früheren Lebensſtellung, wenn ſie jede Erinnerung daran ſo ſorgfältig vermied. Victor konnte ſich nicht über Mangel an ihrer mütter⸗ lichen Zärtlichkeit beklagen, aber dieſe Bemerkung ließ ſie ihm doch ein wenig fremder erſcheinen; ſie war nicht mehr die Frau, die als trauernde Wittwe von ihrem Sohne Ab⸗ ſchied genommen hatte. Seine Schweſter Julie hatte dies jedenfalls nicht zu 98 empfinden; ſie ſtand auf dem beſten, vertraulichſten Fuße mit der Mutter, und da ſie nie von derſelben getrennt geweſen, hatte ſie die Veränderung wohl auch garnicht bemerkt, ja, dieſelbe war allmälig, wenn auch nicht ſo augenſcheinlich, auch über ſie gekommen. In dieſem Lebensalter verändert ſich ein Mädchen nun allerdings ſehr raſch; wenige Jahre, oft Monate ſelbſt bringen eine faſt vollſtändige Umgeſtaltung hervor. Dem Bruder aber trug ſie wenigſtens das alte ſchweſterliche Herz zu, und damit konnte Victor einſtweilen ganz zu⸗ frieden ſein. Sie war überglücklich, ihn wiederzuſehen, und ihre Freude über ſeine Uniform, der Stolz auf ſein eigenes Verdienſt ganz rein und noch durchaus kindlich. Victor konnte ſich ſo ganz wohl wieder ſo, wie im väterlichen Hauſe, das er lange entbehrt hat, befinden; auch Seitens der Dienerſchaft ſchien es Niemandem einzu⸗ fallen, ihn mit anderen Augen zu betrachten,— dafür hatte der Fürſt ſchon zu ſorgen gewußt,— dieſe Leute erblickten in ihm ſchon ihren zukünftigen Herrn und be⸗ gegneten ihm faſt zu demüthig. Vielleicht beurtheilten ſie ihn nach ſeiner Mutter, die eine unbeſchränkte, ſtrenge Herrſchaft im Hauſe führte und in jeder Beziehung die höchſten Anſprüche machte; die Leute lächelten in wahrhaft glücklicher Ergebenheit, wenn ſie dem Fürſten gegenüber⸗ ſtanden, vor ſeiner Gemahlin mochten ſie einen ängſtlichen Reſpekt empfinden. Es war, wie ſchon geſagt, im Spätherbſt, als Victor auf dem Gute eintraf; erſt um Neujahr wollte ſeine Fa⸗ milie ſich nach der Kaiſerſtadt begeben, die eine beſonders glänzende Karnevalszeit zu feiern pflegte; bis dahin etwa war auch ſein Urlaub abgelaufen. Der Fürſt beſaß aus⸗ gedehnte Waldungen und eine vortreffliche Jagd; er war gaſtfrei genug, ſeine Bekannten aus Nahe und Ferne, die dieſer nobeln Paſſion huldigten, daran theilnehmen zu laſſen, und Victor erfuhr bald, daß er genöthigt ſein werde, in einem größeren Geſellſchaftskreiſe zu leben, als ihm eigentlich lieb war und er ſich vorgeſtellt hatte; lieber hätte er ſich ausſchließlich den Seinigen gewidmet, war ihm doch die Zeit für den vertraulichen Umgang mit ihnen verhältnißmäßig kurz zugemeſſen; die Fürſtin und Julie freuten ſich indeſſen auf die nächſte Zeit, welche ſie„die gemüthlichſte“ des Jahres nannten, und ſo mußte auch er ſich damit tröſten, daß er angenehme Bekanntſchaften machen werde. Drittes Kapitel. Die geladenen oder ſich auch ohnedem im Vertrauen auf freundlichen und zuvorkommenden Empfang einfinden⸗ den Gäſte ließen nicht lange auf ſich warten. Mit beſon⸗ derem Eifer betrieb die Fürſtin alle Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme; das große Schloß bot eine Menge Räum⸗ lichkeiten dafür, aber es mußte doch noch Viel geſchehen, um dieſelben in einen nicht allein wohnlichen, ſondern auch ſo comfortablen Stand zu ſetzen, wie ſie es einmal für paſſend und nothwendig hielt. Die geſammte Dienerſchaft war über und über beſchäftigt, ganz bedeutende Ausgaben wurden gemacht, und Victor fand doch Veranlaſſung, heim⸗ lich dazu den Kopf zu ſchütteln und ſich von vornherein nichtsweniger als„gemüthlich“ zu fühlen, denn es kam ihm etwa ſo vor, als befinde er ſich in einem großen Gaſthauſe. Sein Stiefvater ſah Dem mit anſcheinend gleichgiltigem Blicke zu, wenn man ihn aber ſchärfer beobachtete, konnte 96 man doch entdecken, daß auch er ſich ein wenig genirt fühlte und garnicht recht bei der Sache war. Er zog ſich lieber auf ſeine Studirſtube zurück oder beritt die Felder und zum Gute gehörigen Ortſchaften, und es war ihm ſehr lieb, wenn Victor ihm dabei Geſellſchaft leiſtete; der Lieu⸗ tenant ſchöpfte dann mehr Befriedigung aus der ernſten, zum Theil belehrenden Unterhaltung des würdigen Herrn, wie er im Verkehre mit Mutter und Schweſter zu empfin⸗ den vermochte, die ihm, bei ihren vielen anderen Beſchäfti⸗ gungen, doch immer nur halb angehörten. Es war für ihn nicht ſchwer, zu der Ueberzeugung zu kommen, daß Fürſt Albert nur dem Wunſche der Frauen, beſonders ſeiner Gemahlin, nachgab, wenn er eine ſo große Geſell⸗ ſchaft bei ſich empfing; indeſſen war derſelbe zu zartfühlend, darauf hinzudeuten. Die Gäſte ſtellten ſich pünktlich zur erſten großen Jagd ein. Wagen auf Wagen rollte in den Schloßhof; die nächſten Nachbarn gedachten nur über ein oder zwei Nächte zu bleiben, die ferner wohnenden Bekannten hatten ſich gleich auf Wochen eingerichtet und brachten ihre eigene Dienerſchaft mit ſich; die Schloßbewohnerſchaft vermehrte ſich dadurch um vierzig bis fünfzig Perſonen. Nur wenige der Erſteren wurden von ihren Damen 97 begleitet, älteren Frauen und noch jungen Mädchen, von denen aber keine Einzige durch beſonders hervorragende Schön⸗ heit oder Geiſt das Intereſſe des herzoglichen Kavallerie⸗ lieutenants zu erwecken vermochte, wiewohl ſie es nicht an Aeußerungen des Wohlgefallens für ihn fehlen ließen. Er war allerdings noch ſehr jung, kaum daran zu denken, daß er die Neigung haben möge, ſich jetzt ſchon für das ganze Leben zu binden; aber eine beneidenswerthe Partie konnte er doch immer abgeben, ließ ſich doch als beinahe ſelbſt⸗ verſtändlich annehmen, daß er einmal der Haupterbe ſeines überaus reichen Stiefvaters ſein werde. 3 Victor fand ſich ſchon inmitten dieſes bunten, zarten Kranzes ein wenig beengt, aber er ließ ſich dies gerade nicht anſehen; ſcheinbar flatterte er als glänzender Schmet⸗ terling von einer Blume zur anderen, aber es ſiel ihm nicht ein, zu tief in ſie hineinzublicken, und in ſeinem Herzen war er überzeugt, ſeine Mutter ſei die Klügſte und Gewandteſte, ſeine Schweſter Julie die Schönſte und Lie⸗ benswürdigſte in dieſem Kreiſe. Unwillkürlich wurde er dabei auch zu einem Vergleiche mit der Prinzeß Anna aufgefordert, deren liebreizendes Bild ſeiner Erinnerung noch keineswegs entſchwunden war, und dann erſchien ihm das letztere nur um ſo ſtrahlender, Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 7 98 und es regten ſich zuweilen wohl recht wehmüthige Empfin⸗ dungen in ihm. Was nun die Herrengeſellſchaft anbetraf, ſo ſetzte ſie ſich in den Augen des jungen Mannes aus recht verſchie⸗ denen Elementen zuſammen. Der Unterſchied war nicht in Stand und Namen zu ſuchen, denn das fürſtliche Haus konnte ſich ſelbſtverſtändlich nur der höchſten Ariſtokratie öffnen. Da waren aber ein paar alte würdige Herren, die ſeit vielen Jahren ſchon zu dem Fürſten in nahen freundſchaftlichen Beziehungen ſtanden und derſelben auch für durchaus werth erachtet werden mußten, dann wieder Leute ſehr verſchiedenen Charakters, auf die man geſell⸗ ſchaftliche Rückſichten zu nehmen hatte, weil ſie eben nahe Nachbarn waren, endlich meiſt junge Lebemänner, darunter mehrere Offiziere, die zu dieſem Kreiſe nur herangezogen worden ſein konnten, weil ſie ſelbſt das Vergnügen ſuchten oder weil man ſich von dem zeitweiligen Umgange mit ihnen Vergnügen verſprach; die Einladungen an Letztere ſchienen ſämmtlich von der Frau Fürſtin ausgegangen zu ſein, welche dieſe Gäſte beſonders protegirte. Unter ihnen wäre freilich eine paſſende Geſellſchaft für Victor zu ſuchen geweſen, und ſeine Mutter, ſo wie Julie empfahlen ihm dieſelbe auch ganz beſonders. Es —— 99 waren junge Männer und Kavaliere, zum Theil ſogar ſeine Standesgenoſſen, wodurch ſich um ſo leichter vertrau⸗ lichere Beziehungen anknüpfen ließen; ſie kamen ihm auch alle mit der ausgeſuchteſten Artigkeit entgegen, dennoch fühlte er ſich von keinem Einzigen beſonders hingezogen. Es herrſchte ein gewiſſer renommiſtiſcher Ton unter ihnen, an den er noch nicht gewöhnt war und der ihm geradezu widerwärtig wurde; der Eine berief ſich auf ſeinen Namen oder Reichthum, der Andere auf ſeine Lebenserfahrungen, die gewöhnlich nur in leichtfertigen Abenteuern beſtanden, von einer ernſteren Geiſtesrichtung, von wahrer Herzens⸗ bildung war keine Spur zu entdecken; der volle Genuß des Augenblicks ſchien ihnen immer die Hauptſache zu ſein und mit allen Mitteln erworben werden zu müſſen. Victor ſtaunte theils über dieſe bodenloſe Leichtfertig⸗ keit, die mit dem Mantel der äußeren ariſtokratiſchen Ehre und geſellſchaftlichen Formen Alles zudecken zu können meinte, anderſeits fühlte er ſich dadurch entſchieden abge⸗ ſtoßen; die ſtrenge militäriſche Erziehung, die er genoſſen hatte, lag ihm noch an, und dieſes Weſen war ihm ganz fremd; Jenen gegenüber mußte er zu ernſt, ſogar blöde erſcheinen. Seine Zurückhaltung, auf ihren Ton einzugehen, er⸗ 7* —— RE*— 100 klärten dieſe jungen Männer unter ſich für kindiſche Uner⸗ fahrenheit und würden darüber laut geſprochen haben, wäre er nicht der Sohn des Hauſes geweſen, deſſen Gaſtfreund⸗ ſchaft ſie augenblicklich genoſſen; aber ſie lachten hinter ſeinem Rücken, und Keinem ſiel es ein, ſich ernſtlich um ſeine Freundſchaft zu bewerben. Das mußte er mit ſeinem feinen Gefühle bald verſtehen, und wenn er es auch durch⸗ aus nicht bedauerte, ſo fühlte er ſich dadurch dieſer Ge⸗ ſellſchaft nur umſo mehr entfremdet und bewegte ſich unter ihr ſtets mit einem Zwange, der allerdings dazu beitrug, das gegen ihn gefaßte Vorurtheil zu beſtätigen. Er trug die Offiziersuniform, aber man wußte bald, daß er eigentlich noch garnicht Soldat geweſen war; obgleich ſich ihm vernünftigerweiſe daraus kein Vorwurf machen ließ, man im Gegentheil den Erfolg ſeines bis⸗ herigen Strebens hätte anerkennen ſollen, fanden dieſe unbe⸗ ſonnenen jungen Leute es lächerlich, daß er den bloßen Schein einer ſelbſtſtändigen Lebensſtellung für ſich habe; ſie meinten, er verdanke dieſelbe blos ſeinem Namen und dem Einfluſſe des Fürſten und vermöge ſie gar nicht aus⸗ zufüllen; unter ſich nannten ſie ihn immer nur den„Cadet.“ Die Jagden begannen, und Jeder wollte ein Nimrod ſein. Der junge Graf Horneck theilte gerade nicht dieſe —— 101 noble Paſſion, er war in ihrer Ausführung auch noch recht unerfahren und ließ ſich dabei manchen kleinen Ver⸗ ſtoß zu Schulden kommen,— ein neuer Stoff für Spöt⸗ telei, die größere Dimenſionen angenommen und ſich offener gezeigt haben würde, hätte man bei ſeinem ernſten, ge⸗ wiſſermaßen männlichen Auftreten nicht doch gefürchtet, daß er die Sache garzu ernſt nehmen könne; in ſeinem ganzen Weſen lag Etwas, das wider Willen Achtung abnöthigte. Auf dem fürſtlichen Schloſſe ging es nun, faſt ohne Unterbrechung, äußerſt geräuſchvoll zu; die meiſten Herren waren auch nicht der Jagd allein wegen gekommen, ſon⸗ dern wollten ein recht ſorgenloſes, vergnügungsvolles Leben führen. Die Gelegenheit dazu war ihnen in mannigfacher Beziehung geboten; für die Gourmands waren die vor⸗ treffliche Küche und der reichliche Keller des fürſtlichen Hauſes da; Abends wurde hoch geſpielt, eine Sitte, gegen welche Fürſt Albert, obgleich er ihr durchaus nicht hul⸗ digte, Nichts einzuwenden vermochte; einige Damen waren immer anweſend, welche ſich gerne den Hof machen ließen, — und die Fürſtin ſelbſt war nicht die Letzte unter ihnen, — kurz, Jeder konnte Befriedigung für ſeinen beſonderen Geſchmack finden, wenn ſich die Geſellſchaft Abends in den glänzenden Salons des Schloſſes verſammelte, die ———— 1— —— — 102 gewöhnlich bis gegen Morgen geöffnet blieben. Der Fürſt zog ſich häufig, wenn es nur irgend anging, ſchon früher zurück, aber man glaubte darauf keine Rückſicht nehmen zu dürfen, weil er dies aus Höflichkeit für ſeine Gäſte ſelbſt erbat und ſeine Gemahlin immer unermüdlich erſchien. Victor erkannte ſeine Mutter kaum wieder, aber er ſchwieg natürlich dazu und ſeufzte heimlich; es kam auch nicht zu einer vertraulichen Stunde, in der er ſich mit ihr hätte ausſprechen können; ſie vermied dies augenſchein⸗ lich, vernachläſſigte ihn überhaupt nur zu oft, ſchien ſie doch auch gar nicht damit zufrieden zu ſein, daß er ſich gegen ihre Umgebung ſo zurückhaltend zeigte. Auf dieſem Fuße ſtand er mit ſeiner Schweſter Julie glücklicherweiſe nicht. Das junge Mädchen gefiel ſich in dieſer rauſchenden Lebensweiſe ohne Zweifel ganz gut; wie konnte man es ihr am Ende auch verdenken, daß ſie in jugendlicher Eitelkeit ſich gerne von Huldigungen umgeben ſah, welche ihre Mutter ganz offenkundig billigte?— Die⸗ ſelben gebührten ihr nicht allein als Tochter des Hauſes, ſondern auch ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit halber, welche kein Menſch beſtreiten konnte. Hin und wieder ſtörte ſie in dieſem Triumphe wohl auch der ernſte, mah⸗ nende Blick des Bruders, aber ſie konnte ſich bald wieder 103 darüber hinfortſetzen, weil Victor, aus Achtung für ſeine Mutter und in dem drückenden Gefühle, er ſei in dieſem Hauſe doch eigentlich nur ein Fremdling, nicht wagte, ſeine Mißbilligung oder nur ſeine Bedenken auszuſprechen. Unter Denen, welche die aufblühende jugendliche Schönheit und vielleicht auch deren zukünftiges glänzendes Vermögen umſchwärmten, zeichnete ſich ein Graf Stephan Bielinski dadurch aus, daß er ſeine Bewerbung, trotz Juliens Jugend, ſehr ernſt zu nehmen ſchien; das junge Mädchen war ihm offenbar auch nicht ganz abgeneigt und ebenſo⸗ wenig die Fürſtin, für deren Liebling der Graf gelten durfte. Man mußte auch allgemein zugeben, daß er ein ſehr hübſcher und gewandter Kavalier war, der ſchon Anſprüche auf Herz und Hand einer jungen Dame wie Julie machen konnte; eine ſolche Partie mußte auf den erſten Blick für beide Theile gleich vortheilhaft und paſſend erſcheinen. Graf Bielinski ſtammte aus einer angeſehenen polni⸗ ſchen Familie, die in Galizien auch noch reich begütert war; er erwähnte oft dieſer vornehmen Verwandten, aber ganz klar konnte man doch über ſeine Beziehungen zu ihnen nicht recht werden. Indeſſen galt auch er für ſeine Perſon als reich, mindeſtens ſehr wohlhabend, denn er gab viel 104 Geld aus und bewegte ſich ſtets in den Kreiſen der beſten Geſellſchaft. Er hatte urſprünglich die Landwirthſchaft auf einer Akademie ſtudirt, dann, weil er daran keinen Ge⸗ ſchmack fand, wie er ſagte, ſich in der Kaiſerſtadt, wo er meiſtens ganz unabhängig lebte, eine Staatsſtellung zu er⸗ werben geſucht, aber die ihm durch ſeine Connexionen des⸗ halb gemachten Anerbietungen wollten ihm nie recht paſſen und er ſchlug ſie immer wieder aus, ſich darauf ſtützend, daß er ja wohlhabend genug ſei, um die Sache abwarten zu können und nur anzunehmen, was ihn ſelbſt vollkom⸗ men befriedigte. Bei erfahrenen, denkenden Leuten wird es nun einem jungen Manne, wie er auch in ſeinen äußeren Lebensver⸗ hältniſſen ſituirt ſein mag, nicht zur beſondern Empfehlung gereichen, wenn er in einem Alter von fünfundzwanzig Jahren— ſoviel zählte Graf Stephan Bielinski— noch keinen feſten Lebenslauf ergriffen hat und in der Wahl deſſelben hin und her ſchwankt oder vielmehr ſich gar nicht ddarum bekümmert. Fürſt Albert hielt daher auch nicht zu viel an dem Grafen und ſchien es nicht ſehr gern zu ſehen, daß derſelbe ſeiner Stieftochter in ſo auffälliger und dringender Weiſe den Hof machte; es lag nicht in der Natur des feingebildeten Mannes, Jenen, obenein ſeinen — 105 Gaſt, geringſchätzig zu behandeln, aber er ſuchte ihm aus dem Wege zu gehen, ſoweit ſich dies mit der Höfklichkeit und den geſellſchaftlichen Rückſichten vereinigen ließ. Ohne Zweifel hatte er ſich darüber auch gegen ſeine Gemahlin geäußert, aber dieſe mußte doch wohl nicht ſeiner Meinung ſein, und, wie ſchon geſagt, wußte ſie die ihrige immer aufrechtzuerhalten. 1 Die äußere Perſönlichkeit Graf Stephan's war auch ganz geeignet, ſie, wie viele Andere, zu blenden. Er war ein ſehr ſchöner junger Mann, von hoher, wohlgebauter Figur, edlen, rein ariſtokratiſchen Geſichtszügen, jeder Zoll an ihm ein Kavalier, wie man zu ſagen pflegt; Niemand wußte ſich ſo elegant und ſicher in der Geſellſchaft zu be⸗ wegen und dabei beſonders eine Art männlicher Würde zu bewahren, die auf einen gediegenen Charakter ſchließen ließ; ſelbſt in der leichteſten Unterhaltung blitzten Geiſtes⸗ funken aus, welche Achtung für ihn abnöthigten. Die Damen wenigſtens waren faſt durchgängig bezaubert von ſeinem ganzen Weſen; ſie hatten nicht Gelegenheit und verſtanden es auch nicht, demſelben auf den Grund zu gehen. Die jungen Herren, mit denen er vertraulicher um⸗ ging, urtheilten ſchon ein bischen anders über ihn, blieben 106 aber dennoch, da ſie mit ihren eigenen Schwächen viel zu entſchuldigen geneigt waren, der Anſicht, er ſei ein ſehr liebenswürdiger und achtungswerther Kamerad; geiſtig über⸗ ragte er allerdings die meiſten von ihnen. Wir deuteten vorher ſchon darauf hin, weshalb Victor in dieſem Cirkel nicht geſchätzt und geliebt wurde, und daraus wird man leicht entnehmen können, worauf ſich das Anſehen gründete, das Graf Bielinski bei ihm gewonnen hatte. Den Polen überhaupt ſind dieſe gefälligen Formen beinahe angeboren worden; ſie ſind auch meiſtens von Natur edelmüthig und großherzig, aber dieſe vorzüglichen Charaktereigenſchaften neigen ſich bei einem lebhaften, feuri⸗ gen Temperamente nur zu häufig zur Leichtfertigkeit, ja, zum Leichtſinn hin, wenn ſie nicht durch eine gewiſſe Feſtig⸗ keit in Schranken gehalten werden. So ſchien es auch bei Graf Bielinski zu ſein; die Grundſätze, die er ausſprach, waren durchaus nobel, aber in ſeiner Sorgloſigkeit ver⸗ leugnete er ſie zuweilen, vielleicht ohne dies ſelbſt zu wiſſen. Zu ſeinen Leidenſchaften gehörte beſonders das Spiel; aber es wurde in dieſer Geſellſchaft viel geſpielt, ſelbſt die Damen fanden nichts Anſtößiges daran, es handelte ſich nur darum, daß man mit Anſtand ſpielte, daß ſich die ge⸗ meine Gewinnſucht dabei nicht verrieth und daß man mit 4 107 kalter oder lächelnder Miene auch den empfindlichſten Ver⸗ luſt zu ertragen verſtand; ob derſelbe zum wirklichen Ruine führte, konnte den Anderen ganz gleichgiltig ſein,— Jeder blieb für ſich ſelbſt verantwortlich, und es wäre ohne Zweifel als eine Beleidigung betrachtet worden, hätte man ihm gute Rathſchläge, ſich zu menagiren, geben wollen. Graf Bielinski beſaß die Kunſt dieſer Selbſtbeherrſchung im vollſten Maße; er ſpielte ganz kavaliermäßig ſehr hoch, er verlor bedeutende Summen mit kavaliermäßiger Noncha⸗ lance, er gewann auch recht anſehnlich, ohne eine beſondere Freude daran zu bezeigen,— kurz, er blieb unter allen Umſtänden Kavalier und ſchien nur um des Spieles willen zu ſpielen, nicht des Geldes wegen. Das machten noch viele Andere ebenſo, aber ſeine Virtuoſität darin, die auf eine lange Uebung ſchließen ließ, erreichten ſie doch nicht vollkommen; ſeine jüngeren Spiel⸗ kumpane blickten mit einer wahren Ehrfurcht zu ihm auf. Der junge Graf Horneck nahm an dieſen Spielgeſell⸗ ſchaften nur ungern theil, aber hin und wieder war er doch dazu genöthigt, zumal ſich ſein Stiefvater entſchieden davon zurückzog und ihm mithin überlaſſen blieb, auf dieſem Felde gewiſſermaßen die Honneurs des Hauſes zu machen. Er verabſcheute das Hazardſpiel, hauptſächlich weil es ihm — 108 ſo ſehr geiſtlos und der Männer unwürdig erſchien, die ihre Zeit doch immer noch auf eine beſſere Weiſe ver⸗ werthen gekonnt hätten; auch kamen dabei manche Aeuße⸗ rungen ſehr unedler Leidenſchaft vor, die er nur verachten konnte; daß er die letztere Bemerkung beim Grafen Bie⸗ linski nie machte, gewann demſelben zwar nicht ſeine Achtung und Bewunderung, verſöhnte ihn aber doch wieder einigermaßen mit dem jungen Manne, deſſen Bewerbung um ſeine Schweſter ihm trotzdem ſehr peinlich blieb. Graf Stephan gab ſich auch nicht große Mühe, ſich ihm zu nähern; er mochte ſeine Abneigung inſtinktmäßig fühlen, obgleich von beiden Seiten die Formen des höf⸗ lichſten Verkehrs ſtreng aufrechterhalten wurden. Der Pole meinte wahrſcheinlich, er bedürfe der Unterſtützung des Bruders, obenein eines in ſeinen Augen ſo unbedeuten⸗ den Menſchen garnicht, da er ſchon ſicher genug bei Julien ſelbſt und beſonders deren Mutter ginge; dieſes gegenſeitige Ausweichen mußte das Gefühl beider junger Männer ver⸗ letzen und zu einer immer weiteren Spannung führen, wiewohl ſie ſorgfältig vermieden, derſelben Ausdruck zu geben.. In letzterer Beziehung war Victor noch mehr beſorgt wie Graf Stephan, denn er begriff wohl, daß er auf dieſem 109 Boden ſeine Meinung nicht werde zur Geltung bringen können; umſo tiefer kränkte ihn die Sicherheit, mit der Jener auftreten durfte. Die Fürſtin und Julie wünſchten offenbar, daß die Beiden ſich innig befreunden möchten; ſie ſprachen dies nicht mit Worten aus, wenigſtens nicht Victor gegenüber, da ſie wohl wiſſen mochten, er könne und wolle nicht gegen ſeine Ueberzeugung handeln, oder ſie gaben ſich nicht lange Mühe, eine Annäherung zu Stande zu bringen, bis ſie die Ueberzeugung gewinnen mußten, damit nicht zum Ziele gelangen zu können. Seitdem betrachtete Julie ihren Bru⸗ der mit einer Art Schüchternheit, ohne indeſſen mit ihm zu ſchmollen, weil ſie doch vielleicht ahnte, daß er gerade aus Liebe für ſie dem polniſchen Grafen nicht geneigt ſei, — jedenfalls hielt ſie ſich aber verſichert, er thue demſel⸗ ben Unrecht,— die Fürſtin dagegen war unzufrieden mit ihrem Sohne und machte mehr als einmal demſelben empfindliche Aeußerungen, indem ſie ihm ſeiner Jugend wegen gar keine Urtheilsfähigkeit zugeſtehen wollte. Julie war aber auch, was Victor wieder in ſeinen bangen Befürchtungen beruhigte, dem Grafen gegenüber ſchüchtern. Er war der Erſte, der ihr in ſo entſchiedener Weiſe den Hof machte; ſie fühlte ſich dadurch wohl ge⸗ 110 ſchmeichelt, aber ihr Herz flog ihm noch nicht entgegen, ſie fürchtete deshalb noch, daß er zu weit gehen könne; unan⸗ genehm war ihr ſeine Perſönlichkeit aber gewiß nicht. Graf Bielinski begriff zweifellos, daß er unter ſolchen Umſtänden ſich die Tochter durch die Mutter gewinnen müſſe; wer zum erſten Male in das Haus kam, mochte glauben, er trage der bedeutend älteren Dame leidenſchaft⸗ liche Huldigungen zu,— die Fürſtin war ja auch noch immer eine ſchöne Frau, die ſolche Anſprüche ſchon machen konnte. Fiel dies Anderen ſchon auf und gab zu heim⸗ lichen, zuweilen recht höhniſchen Bemerkungen Anlaß, ſo mußte Victor ſich davon recht peinlich berührt fühlen, ob⸗ gleich er die wahre Abſicht des Grafen recht gut zu ver⸗ ſtehen glaubte; er ſelbſt vermochte die auffällige Art und Weiſe nicht zu billigen, in der ſeine Mutter Jenem entge⸗ genkam. Darin lag auch vielleicht ein Grund für die Abnei⸗ gung des Fürſten gegen den Grafen Bielinski; aber wie hätte der feine Weltmann dieſen, wie ſeine Gemahlin anders, als durch ſeine Zurückgezogenheit darauf aufmerk⸗ ſam machen ſollen, daß er ihr Benehmen nicht billigte?— Victor mußte alſo an allen den Vergnügungen theil⸗ nehmen, welchen ſich die Gäſte des Hauſes hingaben, wie 111 wenig Geſchmack er auch daran fand; es kamen Stunden, in denen er ſich nach der ſtrengen Abgeſchloſſenheit im Cadettenhauſe ordentlich wieder zurückſehnte, denn ſeine ganze Umgebung bedrückte ihn. Er mußte, wie geſagt, an dem Hazardſpiele, das oft von einzelnen Parteien auf eine faſt unglaubliche Höhe getrieben wurde, theilnehmen, aber er beſchränkte ſich dann ſtets auf ſo niedrige Sätze, daß die jungen Leute hinter ſeinem Rücken ſpöttiſch lächelten. Seine pekuniären Verhältniſſe nöthigten ihn keinesfalls zu dieſer Vorſicht, denn neben dem allerdings nicht be⸗ trächtlichen Offiziersgehalte bezog er eine ſehr anſehnliche Zulage aus dem Vermögen ſeines Vaters, das noch von der Vormundſchaft für ihn und Julie verwaltet wurde; auch Fürſt Albert und andererſeits ſeine Mutter boten ihm wiederholentlich Summen zur freien Verfügung an, doch machte er hiervon keinen Gebrauch. Er wollte eben eine Ehre dareinſetzen, dieſer gefährlichen Leidenſchaft des Spieles zu widerſtehen, die ſo viele ſchwache Charaktere mit ſich fortriß. Sein Stiefvater gewann ihn auch nur deshalb umſo lieber und ſchenkte ihm volles Vertrauen; Beide befan⸗ den ſich in innigſtem, freundſchaftlichen Verhältniſſe, und wäre Victor nicht ſo jung geweſen, die gegenſeitigen Be⸗ 112 ziehungen auch ſo delikat, ſo würde der beinahe greiſe Mann gewiß dem Jüngling ſein Herz, das ſo oft ſchwer gedrückt ſein mochte, darüber eröffnet haben, daß er in der ſo ſpät geſchloſſenen Ehe doch nicht gefunden hatte, was er erwartete. Victor verſtand dies dennoch, ein ſchwerer Vorwurf für ſeine Mutter, deren Weſen ihm über⸗ haupt immer unklärlicher wurde.— Es vergingen Wochen in dem geräuſchvollen Leben auf dem Schloſſe; die meiſten Gäſte, unter ihnen der Graf Bielinski, ſchienen nicht wieder an die Heimkehr zu denken; die Fürſtin wußte auch ſtets neue Unterhaltungen für ſie zu ſchaffen und war immer ganz entſchieden dage⸗ gen, wenn Dieſer oder Jener aufbrechen wollte. Der Winter war ſchon in das Land gekommen, und der Wild⸗ ſtand auf den fürſtlichen Gütern mußte geſchont werden, denn wie reichlich er auch war, würde er von einer ſolchen Menge von Jägern doch bald vollſtändig vernichtet wor⸗ den ſein. Die Veranlaſſung, welche dieſe Geſellſchaft haupt⸗ ſächlich zuſammengeführt hatte, war deshalb nun eigentlich fortgefallen; dennoch löſte ſie ſich nicht auf, es kamen wie⸗ der andere Intereſſen in das Spiel. Neben der Fürſtin war Graf Bielinski immer mehr in den Vordergrund getreten, der Fürſt und der junge 113 Graf Horneck eigentlich am weiteſten in den Hintergrund. Victor wäre ſchon längſt abgereiſt, wenn er, ſeiner Mutter und Schweſter gegenüber, nur einen paſſenden Vorwand dafür zu finden vermocht und ſeinem Stiefvater damit nicht wehe zu thun gefürchtet hätte. Wieder fand, wie faſt allabendlich, eine geſellſchaftliche Zuſammenkunft ſtatt, an der ſämmtliche Gäſte des Hauſes, Herren und Damen, theilnahmen. Die Wirthin hatte eine neue Idee aufgefaßt und zur Ausführung gebracht, wie ſie ja überhaupt nur wenige Worte zu ſagen brauchte, um jede ihrer Launen erfüllt zu ſehen. Dieſes Mal handelte es ſich um theatraliſche, von den jüngeren Gäſten auszuführende Vorſtellungen, da es aber an eigentlichen Talenten, wenigſtens auf Seite der Damen, fehlte, die Letzteren wenigſtens ſich noch nicht auf dieſem Felde verſucht hatten und dies auch in wohlangebrachter Beſcheidenheit ſcheuten, ſo lange ſie ſich ihrer Befähigung nicht verſichert hielten, war die Sache noch nicht weiter gediehen, als bis zum Aufbaue einer hübſchen kleinen Bühne mit allen nöthigen Vorrichtungen, und die Fürſtin wollte den Schüchternen nun erſt dadurch Muth einflößen, daß ſie, unterſtützt von mehreren jungen Männern, an deren Spitze ſelbſtredend wieder der polniſche Graf ſtand, Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 8 — Jene zur Aufführung von Sprüchwörtern, kleinen Scenen u. ſ. w. veranlaßte. Dies war nun auch zum erſten Male glücklich in Gang gebracht worden und führte wenigſtens den Vortheil einer neuen Unterhaltung mit ſich. Während die älteren Damen und Herren, mit Aus⸗ ſchluß einer gewiſſen Anzahl, welche ganz unumwunden die Spieltiſche vorzogen, ein im Ganzen ſehr milde kritiſirendes V Publikum bildeten, hatte die Fürſtin alle jüngeren Kräfte in Anſpruch genommen und auch die ängſtlich Widerſtreben⸗ den heranzuziehen gewußt; ſie ſelbſt vertheilte die Rollen und ging, in der heiterſten Laune, mit gutem Beiſpiel voran. Ihre Kinder durften ſich natürlich nicht aus⸗ M ſchließen. Julie war anfänglich etwas befangen, aber ſie beſaß natürliche Anlagen für eine dramatiſche Dilettantin, ihre angenehme Erſcheinung ſprach auch zu ihren Gunſten, und als ſie lebhaften Beifall fand, der übrigens der Tochter 3 vom Hauſe auch unter anderen Umſtänden ſchwerlich aus⸗ geblieben wäre, fühlte ſie ſich ermuthigt und fand ſchnell b V. großes Vergnügen bei dieſer neuen Art von Triumph, den V ſie feiern konnte. Es geſchah wohl nicht ganz abſichtslos, daß ihre Mutter ſie in dieſen kleinen Spielen faſt immer mit dem Grafen Bielinski unter Verhältniſſen zuſammen⸗ 115 brachte, die auf der Bühne eben nur vorübergehendes be⸗ deutungsloſes Spiel ſind, in Wirklichkeit aber doch das Herz eines jungen Mädchens lauter klopfen gemacht haben würden,— und der Graf verſtand ſehr natürlich zu ſpielen. Auch Victor mußte ſeine Rolle übernehmen und wußte dieſelbe vollkommen auszufüllen; indeſſen ſchien ſeine Mutter dies am wenigſten anzuerkennen und hielt ſich nicht allein von jeder Belobung zurück, ſondern wies ihm auch die unbedeutendſten und undankbarſten Aufgaben zu. Obgleich ihm durchaus Nichts daran lag, auf dieſem Felde zu glänzen, er ſich gewiß am liebſten ganz fern davon gehalten hätte, mußte ihm dieſe Gleichgiltigkeit und abſichtliche Zurückſetzung, gerade durch ſeine Mutter, doch empfindlich ſein und verſetzte ihn in eine peinliche, gereizte Stimmung,— ſein Verdruß richtete ſich, da er ſich den eigentlihen Grund garnicht recht zugeſtehen mochte, be⸗ ſonders auf den Grafen Bielinski, deſſen Benehmen gegen ſeine Schweſter er viel zu vertraulich fand. Er hatte ſich hinter eine der auf Leinwand gemalten Seitencouliſſen des Theaters zurückgezogen und lehnte hier mit verſchränkten Armen an der Wand, überlegend, ob er nicht ein Unwohlſein zum Vorwand nehmen könne, um ſich 8* 116 aus der ihm ſo läſtigen Geſellſchaft zurückzuziehen: ſeine Mutter würde eine ſolche Entſchuldigung aber ſchwerlich geglaubt und ſie wahrſcheinlich ſehr übel aufgenommen haben. Wie es ihm ſchon einmal im herzoglichen Schloſſe ergangen war, als er die ihn ſo tief aufregende Kunde von der beabſichtigten Bermählung der Prinzeſſin Anna mit dem Erbherzoge wider Willen vernommen hatte, ſo ge⸗ ſchah es auch jetzt, daß Graf Bielinski mit einem ſeiner beſten Freunde, einem etwa in ſeinem Alter ſtehenden Kavalier, der auch nur um des Vergnügens und leichten Lebens willen auf der Welt zu erxiſtiren ſchien, auf die andere Seite der dünnen Wand trat, ohne daß Beide den dahinter Stehenden bemerkten. Die Beiden mußten ſich in der beſten Laune beſinden, denn ſie kicherten fortwährend zwiſchen ihrer im Flüſtertone geführten Unterhaltung, von der Victor, ohne daß er ſich Mühe zum Lauſchen zu geben brauchte, keine Sylbe entgehen konnte. Es war wieder eine ganz ebenſo peinliche Situation für ihn wie damals; machte er ſich bemerklich, ſo konnte man ihm immer noch die Abſicht unterlegen, daß er hätte horchen wollen, obgleich ſich ihm dies ehrenhalber gar nicht zutrauen ließ, und andererſeits reichten die erſten Worte Jener ſchon hin, ihn —,— 117 an den Platz zu feſſeln; es war unmöglich, daß er ſich gleichgiltig dagegen ſtellen ſollte. „Mir gegenüber brauchſt Du garnicht zu ſtreiten, lieber Stephan,“ ſagte der andere junge Edelmann;— „Du biſt bis über die Ohren verliebt in die kleine Julie, und ich finde dabei auch gar nichts Bedenkliches, da ſie ohne Zweifel bald eine ganz ſtattliche Perſon werden und wenigſtens das halbe Vermögen des alten Fürſten erben wird.“ „Pfui, Alfred! Du weißt doch, daß ich auf Geld nur einen geringen Werth zu legen gewöhnt bin,“ erwiderte Graf Bielinski in demſelben leichten und ſcherzenden Tone, —„und nach den Genüſſen, die wir Beide gemeinſam in der Kaiſerſtadt durchgekoſtet haben, kannſt Du mir unmög⸗ lich im Ernſte Geſchmack und wahre Neigung für eine den Kinderſchuhen noch nicht entwachſene kleine Puppe zu⸗ trauen.“ „Aber dann begreife ich doch wahrlich nicht, warum Du der kleinen Gräfin Horneck ſo ſtark den Hof machſt,“ entgegnete der Andere zweifelnd. „Blos zum Vergnügen, wahrhaftig!— allenfalls auch um der Mutter gefällig zu ſein.“ „Ah, das bringt mich auf eine Spur, die ich aller⸗ 118 dings ſchon einmal aufzufinden gemeint hatte!— Sollte es Dir wirklich um ein zärtliches Verhältniß mit der Fürſtin zu thun ſein, die Dir ja recht gewogen ſcheint?“ Der Graf lachte wieder, aber dieſes Lachen und jedes weitere Wort erſtarben ſchnell, als der Lieutenant Graf Horneck mit rothglühenden Wangen und blitzenden Augen vor ihn und ſeinen Genoſſen hintrat. „Sie ſind ſehr unvorſichtig, meine Herren, ſich dieſen Platz zu einer ſo vertraulichen Unterredung zu wählen,“ ſagte Victor mit vor zorniger Aufregung bebender Stimme. Man konnte ſich ſchwerlich der Hoffnung hingeben, daß er ſich nach Dem, was er gehört haben mußte, be⸗ gütigen laſſen werde; ſein ganzes Weſen enthielt auch ſchon eine drohende Herausforderung. So beſtürzt, wie die bei⸗ den Herren im erſten Moment waren, faßten ſie ſich ſchnell wieder, wenigſtens Graf Bielinski, der zu ſtolz war, ſich vor einem ſo jungen, bisher von ihm geringgeſchätzten Mann zu beugen; er mochte ſich auch einbilden, demſelben imponiren zu können. Deshalb nahm er eine ſehr zurecht⸗ weiſende Miene an und erwiderte, ſcheinbar kalt: „Mein Herr Graf, wir dachten nicht daran, daß in dieſem Hauſe die Wände Ohren haben könnten.“ „Das iſt eine neue Beleidigung, für die Sie mir be⸗ 119 ſonders Rede ſtehen werden!“ entgegnete Victor, nur müh⸗ ſam ſeine gewaltige Aufregung beherrſchend;„jetzt muß ich Sie aber zunächſt um eine Erklärung der Aeußerungen erſuchen, die Sie ſoeben über meine Mutter und Schweſter ſich erlaubten.“ „Beruhigen Sie ſich einſtweilen darüber,“ ſagte der Graf, indem er mit einem übermüthigen, beleidigenden Lächeln den Arm ſeines Freundes ergriff und ſich an⸗ ſchickte, denſelben mit ſich fortzuführen;—„ich werde mich bei den Damen ſelbſt verantworten, wenn Sie nicht unter⸗ laſſen können, bei Ihrer Frau Mama klagbar zu werden.“ Wie ein Blitz ſchoß Victor der Gedanke durch den Kopf, daß ſeine Mutter wohl ſelbſt in dieſem Falle Partei für ihren Liebling, der ſich ja auch mit großer Zuverſicht darauf zu berufen ſchien, gegen den eigenen Sohn, der ihre angegriffene Ehre zu vertheidigen bereit war, nehmen werde; aber er wurde nur einen Moment lang niederge⸗ ſchlagen, dann damit nur die Erbitterung erhöht, die er über das ungemeſſene Benehmen des Polen empfand, der ſeiner ja förmlich ſpottete. Graf Bielinski und ſein Genoſſe hatten dieſe kurze Pauſe ſchon benützt, ihren Rückzug anzutreten, denn Erſterer glaubte wohl, der junge Mann werde nicht wagen, dieſe 120 Scne vor Anderer Augen, inmitten der ganzen Geſellſchaft, weiterzuſpielen. Aber er irrte ſich; Victor folgte ihm und ließ ſich von ſeiner Heftigkeit ſogar ſo weit hinreißen, daß er die Hand auf ſeinen Arm legte. „Sie werden nicht von der Stelle gehen, bis Sie mir Rede geſtanden haben, Herr Graf!“ Der Pole blieb ſtehen und wurde leichenblaß, aber augenſcheinlich trieb nicht Furcht das Blut aus ſeinen Wangen, ſondern Wuth darüber, daß man ihn in ſo heraus⸗ fordernder Weiſe berührte; er ſchien zu überlegen, ob er dieſe Kühnheit auf der Stelle beſtrafen ſolle; aber die funkelnden feſten Blicke des jungen Offiziers ſagten ihm, daß er keinen ſchwachen, jedenfalls einen durchaus ent⸗ ſchloſſenen Gegner vor ſich hatte, außerdem mochte er ſich auch erinnern, was er der ihn umgebenden Geſellſchaft ſchuldete und daß, wenn es zu lauten Erörterungen vor derſelben käme, ihm nur alle Schuld beigemeſſen werden könnte. Er biß die Zähne aufeinander, dann ſtammelte er mit möglichſt gedämpfter Stimme: „Ich bedauere, Sie darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier nicht der Ort iſt, Erklärungen dieſer Art zu geben und anzunehmen; verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Lieutenant, daß ich denſelben ſonſt nicht aus dem Wege 121 gehen würde, und daß ich morgen früh bereit ſein werde, Ihr Verlangen zu befriedigen.“ „Nur unter einer Bedingung könnte ich darauf ein⸗ gehen,“ erwiderte Victor mit der größten Entſchiedenheit. „Genügt Ihnen mein Wort nicht?“ fragte Graf Bie⸗ linski viel nachgiebiger wie bisher, denn er mußte doch fühlen, daß er hier in eine ſehr ſchlimme Lage gerathen konnte. „Ich zweifle nicht daran und fürchte in dieſer Be⸗ ziehung Nichts, aber Sie werden begreifen, daß ich ein Recht habe, nicht zuzugeben, daß Sie ſich dieſen Damen, deren Sie ſoeben erwähnten, wieder in freundſchaftlicher und vertraulicher Weiſe nähern, bevor dieſe Angelegenheit zwiſchen uns ganz klar geworden iſt.“ Der Pole ſchien eine heftige Antwort geben zu wollen, aber er biß ſich auf die Lippen und antwortete mit ver⸗ haltenem Grolle: „Das wird Aufſehen machen, welches ſich beſſer ver⸗ meiden ließe.“ „O, bei Ihrer geſellſchaftlichen Gewandtheit, Herr Graf!“ meinte der junge Lieutenant, den die Erbitterung auch ein wenig malitiös machte, zumal er die Verlegenheit, in der ſich Jener befand, recht gut bemerkte. 122 „Einer von uns Beiden wird dieſes Haus morgen jedenfalls verlaſſen,“ ſagte Graf Bielinski, gewiſſermaßen zu ſeinem eigenen Troſte.„Alſo auf morgen!“ „Auf morgen!“ wiederholte Victor bedeutungsvoll. Es war das erſte Rencontre dieſer Art, dem er entgegen⸗ ging, aber theils fühlte er ſich zu empört über die leicht⸗ ſinnigen Worte des Polen, die überdies auf eine ſchänd⸗ liche Handlungsweiſe entweder gegen ſeine Schweſter Julie oder den Fürſten deuteten,— mit innerem Beben dachte er ſchon daran, Bielinski könne in Betreff ſeiner Mutter nicht einmal die volle Unwahrheit geſprochen haben, ob⸗ gleich er nicht im Stande war, derſelben eine bewußte Schuld beizumeſſen,— und zu ſehr von ſeinem eigenen Rechte durchdrungen, als daß er die Folgen ſeines Auf⸗ tretens im Mindeſten gefürchtet haben ſollte; theils gab es ihm auch Sicherheit, daß ſein Gegner nach dem erſten Auf⸗ wallen ſchon ſo klein beigelegt zu haben ſchien. Graf Bielinski verließ wirklich ſofort die Geſellſchaft, und ſein Freund ſuchte dies mit plötzlich eingetretenem Unwohlſein zu entſchuldigen; auch Victor begab ſich auf ſeine Zimmer, ohne Jemandem Nechenſchaft dafür abzu⸗ legen; er fühlte, daß er ſich bei einem ſolchen Verſuche in ſeiner Aufregung verrathen müſſe. —. ——— — —— 123 Die Fürſtin und Julie hatten von dem Vorfalle Nichts bemerkt, aber Erſtere ahnte wenigſtens zum Theil die Wahrheit, als ſie Bielinski und ihren Sohn vermißte und bemerkte, daß durch die ganze Geſellſchaft faſt, die männ⸗ liche wenigſtens, eine unheimliche Geheimnißthuerei ging; es gelang ihr nicht, dieſen Schleier zu lüften; umſo unruhiger fühlte ſie ſich und trug ſelbſt dazu bei, daß man ſich früher als gewöhnlich trennte. „Es iſt zwiſchen Beiden zu einem Streite gekommen,“ dachte ſie ſich und konnte ſich darüber auch gerade nicht ſehr wundern; aber den Grund und die Bedeutung dieſer Differenz ſchätzte ſie nicht richtig, es fiel ihr auch garnicht ein, daß Victor, den ſie ja nur als ein halbes Kind be⸗ trachtete, in ſolch' entſchiedener und gefährlicher Weiſe auf⸗ getreten ſein könne. Indeſſen wußten bald ſämmtliche anweſenden Herren mehr oder weniger genau, was vorgefallen war, und nah⸗ men natürlich Partei für den Grafen Bielinski, da der⸗ ſelbe durch ſeinen Freund vertheidigt wurde, Niemand aber für Victor ſprechen konnte, der hier keinen Vertrauten be⸗ ſaß. Man war ſehr aufgebracht über die Vermeſſen⸗ heit des Lieutenants, einem allgemein ſo hochgeachteten Gaſte in ſolcher Weiſe begegnet zu haben; die Einen pro⸗ 124 phezeiten ihm eine ſehr ſtrenge Strafe von Seite des Polen und freuten ſich ſchon im Voraus darüber, Andere wieder meinten achſelzuckend, Graf Bielinski werde doch wohl auf den Sohn des gaſtfreundlichen Hauſes und die jugendliche Unerfahrenheit Victor’s Rückſicht nehmen müſſen. Nur ſehr Wenige— und dieſe waren die älteren Herren und wahren Freunde Fürſt Albert's— urtheilten mit mehr Beſonnenheit und Verſtand dahin, daß deſſen Stiefſohn ja ſtets mit Beſcheidenheit und richtigem Takte aufgetreten ſei, daß es daher um die ganze Angelegenheit doch wohl noch eine andere Bewandtniß haben möge. Einer dieſer alten Herren glaubte es, obgleich in der⸗ gleichen Ehrenſachen eigentlich Schweigen geboten iſt, mit ſeinem Gewiſſen verantworten zu können, wenn er den Fürſten davon in Kenntniß ſetzte; er hielt dies ſogar für Pflicht und Eile nothwendig, um vielleicht großes Unglück zu verhüten; die Jugend iſt ja ſo raſch mit Worten und Thaten, wenn ſie leidenſchaftlich aufbrauſt. Er zog ſich deshalb in aller Stille zurück und begab ſich nach den Zimmern des Fürſten, der, dort mit wirthſchaft⸗ lichen Arbeiten beſchäftigt, ihn ohne jedes Zögern, wenn auch voll Verwunderung über den ungewöhnlich ſpäten Beſuch, empfing. —— 125 Der Streit iſt über Julien entſtanden, dachte Fürſt Albert ſofort, als er den freilich ſehr unvollkommenen Be⸗ richt vernommen hatte,— und ich bin überzeugt, daß Victor ſich dabei in ſeinem vollen Rechte befindet; aber ich muß Gewißheit haben und die Sache für alle Fälle aus⸗ zugleichen ſuchen, denn wenn der brave Junge dem leicht⸗ fertigen Polen gegenüber auch ſchon ſeinen Mann ſtellen wird, ſo kann der Zufall doch das ſchwerſte Unglück her⸗ beiführen. Der Fürſt war deshalb ſehr unruhig; er gedachte, ſeine ganze Autorität als Vater und Hausherr, als ver⸗ ſtändiger alter Mann überhaupt gegen die Beiden auf⸗ zubieten, um es nicht zu einem Eklat mit vielleicht ver⸗ hängnißvollem Ausgange kommen zu laſſen. Nachdem er ſeinem Freunde warm für die bewieſene Theilnahme ge⸗ dankt und derſelbe ſich von ihm wieder verabſchiedet hatte, begab er ſich ohne weiteren Verzug nach Victor's Zimmer. Letzterer war ſich vollſtändig der Folgen, die ſein Be⸗ nehmen haben mußte, bewußt, denn die Geſetze der ariſto⸗ kratiſchen und Offiziersehre waren ihm längſt genügend be⸗ kannt und er billigte ſie aus voller Seele; welche andere Antwort hätte auch auf die frivolen, unverſchämten und herzloſen Aeußerungen des Grafen Bielinski gepaßt, der 126 übrigens mit Gewalt verhindert werden mußte, die arme Julie fernerhin zu täuſchen und vielleicht für ihr ganzes Leben unglücklich zu machen? War das nicht eine heilige Pflicht des Bruders? Hatte der Sohn nicht auch mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Waffen die frech angegriffene Ehre ſeiner Mutter zu vertheidigen? Victor fürchtete keineswegs den Ausgang eines Duells, das er nach dem Geſchehenen für unvermeidlich hielt, wiewohl er ſich nicht auf das ſoge⸗ nannte Gottesurtheil verließ; mochte ſein Blut auch fließen, — es floß dann für eine gerechte Sache, und über ihm errichtete ſich jedenfalls eine fortan unüberſteigliche Schranke zwiſchen den bedrohten Seinigen und dem Grafen Bie⸗ linski, welcher deren Vertrauen ſo ſchändlich gemißbraucht hatte. Die Ausſicht auf einen nahen Kampf auf Leben und Tod konnte ihn aber doch nicht ganz gleichgiltig laſſen; er dachte wohl daran, wie derſelbe alle ſeine Hoffnungen für ein Leben, in das er eigentlich jetzt erſt hineingetreten war, abſchneiden, wie ein unglücklicher, wenn auch nicht töd⸗ licher Schuß die ganze Carriere, der er mit ſoviel Luſt und Liebe entgegenging, hemmen könnte, und er war nicht einmal ſicher, daß Die, welchen er dieſe Opfer bringen wollte und mußte, ihm dafür Dank wiſſen würden. Dies „ Alles verſetzte ihn in die lebhafteſte Aufregung, und die⸗ ſelbe ſtieg noch, als der ihm zur Dispoſition geſtellte Diener den überraſchenden Beſuch ſeines Stiefvaters anmeldete. Keine Frage, daß der Fürſt das Vorgefallene erfahren hatte und zu ihm kam, um ſich noch Näheres darüber be⸗ richten zu laſſen und das bevorſtehende Duell dann zu verhindern. Dadurch mußte er aber in doppelte Verlegenheit ge⸗ ſetzt werden; einmal hielt er es für unmöglich, ſeinem Stiefvater die auf deſſen Gemahlin bezügliche Aeußerung des polniſchen Grafen unumwunden mitzutheilen, dann wäre Erſterer ja ſelbſt genöthigt geweſen, Bielinski zur Rechenſchaft zu ziehen, und es konnten daraus unabſehbare Verwickelungen der ſchlimmſten Art entſtehen; andererſeits fürchtete er ein direktes Verbot, dem Grafen mit der Waffe in der Hand gegenüberzutreten, und dies ſchien nun ſchon einmal ſeine Standesehre unumgänglich nothwendig zu machen. Der Fürſt fand Victor daher in ziemlicher Verwir⸗ rung und ſtieß, wie liebevoll und vertraulich er auch auf Aufklärung des Geſchehenen drang, auf eine Zurückhaltung, die einen Anderen gewiß an dem richtigen Benehmen des jungen Mannes zweifelhaft gemacht haben würde. Fürſt 128 Albert indeſſen war zu feſt überzeugt davon, daß ſein ge⸗ ſinnungstüchtiger und verſtändiger Stiefſohn nur der äußerſten Nothwendigkeit nachgegeben habe, indem er ſich auf einen ſolch' fatalen Handel einließ, als daß er nach dem erſten ſcheinbaren Eindruck geurtheilt haben ſollte; er wußte ſich auch dieſes Mal wieder Victor's Vertrauen zu gewinnen. Der Lieutenant geſtand ihm wenigſtens, wie Bielinski ſich über ſeine Schweſter geäußert hatte, wobei er noch möglichſt die Ausdrücke zu mildern ſuchte; das frivole „Vielleicht!“ des Grafen als Antwort auf die Frage deſſen Freundes in Bezug auf das Verhältniß zu der Fürſtin, das ihn ſelbſt gerade am meiſten aufgebracht hatte, ver⸗ ſchwieg er aber hartnäckig. Deſſenungeachtet mochte der Fürſt errathen oder ahnen, daß noch etwas Anderes im Hinterhalte lag, und begriff wohl auch das Zartgefühl ſeines Stiefſohnes, daſſelbe zu verſchweigen. Seine Stirn hatte ſich tief gefaltet; in ſeinen Mienen drückte ſich mehr Kummer wie Unwille aus, aber auch der letztere ließ ſich nicht ganz verbergen. Mit größter Würde und Ernſt forderte er Victor das Verſprechen ab, in der ganzen Sache nicht eher einen weiteren Schritt zu thun, bis er ſelbſt ſeine Genehmigung dazu gegeben haben würde, und fügte hinzu, er ſei kein unbedingter Gegner 129 des Duells, wenn eine andere Ausgleichung aus Rückſichten der Standesehre nicht zu ermöglichen ſei; kurz, er wußte dieſes Verſprechen zu erlangen gegen die Verſicherung, daß Graf Bielinski auf die eine oder andere Weiſe in ſeine Schranken zurückgewieſen werden müſſe. Victor fühlte ſich nach dieſer Unterredung mit ſeinem Stiefvater um vieles beruhigter; der durchaus ehrenwerthe Sinn dieſes edlen Mannes, der ſo weite Lebenserfahrun⸗ gen beſaß, bürgte ihm dafür, daß er dem Grafen gegenüber nicht den Kürzern ziehen werde; dennoch brachte er, ge⸗ ſpannt auf den Ausgang des Handels, eine ſehr unruhige Nacht zu. Fürſt Albert hatte indeſſen nicht geſäumt, ſich noch an demſelben Abende zu Graf Bielinski zu begeben, der über dieſen Beſuch noch viel mehr beſtürzt war, wie Victor vorher. Mit der ihm eigenen hohen Würde, gegen welche der Uebermuth des Polen nicht aufzukommen vermochte, erklärte er demſelben, wie er zur Kenntniß des Vorge⸗ fallenen gekommen, wobei Victor aber auch nicht der Schein einer Indiskretion treffen könne, und daß er ſelbſt ſich demnach verpflichtet fühle, mit ſeiner Perſon für die Seini⸗ gen einzutreten. Was blieb dem Grafen, der gute Gründe genug hatte, Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 9 —-O———————— —— 130 es nicht gänzlich mit der fürſtlichen Familie zu verderben, nun Anderes übrig, als ſich mit Verſicherungen der größten Ergebenheit zu entſchuldigen und auf ein Mißverſtändniß zu beziehen, das er aber auch nicht einmal dem jungen Grafen Horneck zur Laſt zu legen wagte? Er ließ ſich ſogar zu dem Verſprechen herbei, am anderen Morgen ſchon an Victor ſchreiben und ihm dieſelbe beruhigende Erklärung abgeben zu wollen, und als der Fürſt deſſen⸗ ungeachtet darauf hindeutete, daß immer noch ein weiterer, für ſein Haus ſehr peinlicher Konflikt möglich ſei, mußte der Graf auf die beſtmögliche Weiſe ſeine Abſicht aus⸗ ſprechen, ſofort abzureiſen, welcher der alte Herr auch keine Schwierigkeiten in den Weg legte. Bielinski bat nur, man möge ihm dieſes„Mißverſtändniß“ nicht zu hoch anrechnen und ihn ſpäter in Gnaden wieder aufnehmen; er mußte ſich furchtbar demüthigen, aber aufbrauſender Eigenſinn wäre dem Fürſten gegenüber übel angebracht geweſen, und er fühlte am Ende ſelbſt, daß er für ſeine Unvorſichtigkeit eine Strafe verdient habe. Als der Fürſt, nachdem er ihm in gemeſſener, aber nicht gerade unfreundlicher Weiſe ſein Bedauern über den ganzen Vorfall und deſſen Folgen ausgedrückt hatte, ging, 131 ballte er hinter ihm die Fauſt, und ſein Selbſtgeſpräch lautete etwa folgendermaßen: „Es bleibt mir nun nichts Anderes übrig, als daß ich dem bartloſen Knaben das Feld räumen muß, wenn ich es nicht für immer mit der fürſtlichen Familie verder⸗ ben will, und beſſere Ausſichten, wie mit der Hand der kleinen Julie können ſich mir gar nicht bieten; die Mutter iſt vollſtändig vernarrt in mich, die Tochter weiß überhaupt noch nicht, was Liebe iſt, ſonſt würde ſie leidenſchaftlich in mich verliebt ſein, aber ſie iſt ſchon auf dem beſten Wege dazu, und am Ende kann eine kurze Trennung nur dazu beitragen, ihre Gefühle zum vollen Bewußtſein kommen zu laſſen. Welch' Unglücksvogel ich auch bin, mich von dem albernen Burſchen behorchen zu laſſen! und meine Worte waren nicht einmal ſo ernſtlich gemeint!— Ich kann ja wahrlich Nichts mehr wünſchen, als mich hier feſt in den Sattel zu ſetzen. Nun, der beſte Reiter wird auch einmal abgeworfen und kommt bald wieder auf's Pferd! Hier iſt noch Nichts verloren, wenn man nur klugerweiſe nachgiebt.“ „Aber man wird ſagen,“ fuhr Graf Bielinski nach einer kleinen Weile nachdenklich fort,—„ich ſei einem Duelle aus dem Wege gegangen.“ 9* 132 „Bah! wer wird ſo thöricht ſein?— Er ſollte es mir übrigens auch ſchwer büßen!— Alle Welt muß begreifen, daß ich mich nicht vor einem Kinde fürchte und höheren Rückſichten weiche; übrigens werde ich es erforder⸗ lichen Falles in das rechte Licht zu ſtellen wiſſen, daß der Burſche ſich unter die Flügel ſeines Herrn Papas begeben hat. Reiſen wir daher morgen ab; die Geſellſchaft wird mehr darunter leiden, wie ich ſelbſt.“ Graf Bielinski führte dieſen Entſchluß aus, wie er auch ſeinem, dem Fürſten gegebenen Verſprechen pünktlich nachkam. Schon am nächſten Morgen erhielt Victor ein ſehr höfliches Entſchuldigungsſchreiben von ihm, das ſich allerdings nur in allgemeinen Ausdrücken bewegte, dem Lieutenant aber doch der Form nach zur vollſtändigen Ge⸗ nugthuung gereichen konnte; der Freund des Grafen recht⸗ fertigte deſſen ganz plötzliche Abreiſe mit dem Eintritte der dringendſten Familienverhältniſſe, die ihn zu ſeinen Verwandten nach Galizien riefen, und Jeder dachte ſich ſeinen Theil dabei. Beſagter Freund, der Fürſt und Victor waren die Einzigen, welche die volle Wahrheit kannten, die Anderen erſchöpften ſich in mehr oder minder richtigen Vermuthun⸗ gen; im Allgemeinen war man ganz beſtürzt über das 133 plötzliche Verſchwinden des polniſchen Grafen, der doch eigentlich die Seele der Geſellſchaft geweſen. Daß letzteres aus der Differenz mit Victor folgte, bezweifelte Niemand, nur vermochte man über den Zu⸗ ſammenhang nicht klar zu werden. Um ein Duell zu ver⸗ meiden, hätte ſich Graf Bielinski gewiß nicht aus dem Staube gemacht; Keiner würde dies auszuſprechen gewagt haben und glaubte überhaupt daran; man ahnte, daß ſich der Fürſt in das Mittel gelegt habe, aber dann konnte der würdige Herr ſich auch nur in ſeinem vollen Rechte befunden haben. Dieſe Erkenntniß war man indeſſen allerſeits nicht recht geneigt, auch dem jungen Grafen Horneck zu Gunſten ſprechen zu laſſen; man kam ihm überall noch kühler wie bisher entgegen, obgleich man ſich wohl hütete, ihn, der jetzt noch viel ernſter und ſicherer erſchien, durch eine Rück⸗ ſichtsloſigkeit herauszufordern. Der Fürſt mochte ſeiner Gemahlin nur halbe Auf⸗ klärung gegeben haben; ſie ſchien durch die Abreiſe des Grafen ſehr mißgeſtimmt, ſogar beleidigt zu ſein, und dies ließ ſie beſonders ihren Sohn fühlen; jetzt behandelte ſie denſelben geradezu geringſchätzig, ohne ſich indeſſen über die fatale Angelegenheit auszuſprechen. Wenn Victor nur 134 darauf hindeutete und ſich anſchickte, nothgedrungen eine Erklärung zu geben, wandte ſie ſich kalt von ihm ab. Wir brauchen wohl kaum zu ſagen, was das kindlich ergebene Herz dabei empfand; der Stolz des Mannes ſträubte ſich aber gegen eine Vertheidigung, die ihm ſeiner unwürdig erſchien, zumal ſie in ſo hochfahrender Weiſe zurückgewieſen wurde.. Victor hätte ſich vielleicht gegen ſeine Schweſter aus⸗ ſprechen ſollen und müſſen, aber ſeitdem er durch die Ab⸗ reiſe des Grafen die größte Gefahr von ihr abgewandt hielt, konnte er ſich nicht entſchließen, ihr eine Eröffnung zu machen, die ſie gewiſſermaßen demüthigen mußte. Julie ſchien auch nicht gerade über den Verluſt ihres Anbeters zu trauern; auf ihr lag nur das drückende Ge⸗ fühl, das damit die ganze Geſellſchaft beherrſchte; daß ſie aber nicht an das Vertrauen ihres Bruders appellirte, war immer ein Zeichen dafür, daß ſie ſelbſt ein ſolches für ihn nicht beſaß, und daran mochte wohl ihre Mutter Schuld tragen, unter deren vollſtändigem Einfluſſe ſie ja ſtand. Der Fürſt war zu ſchwach, an Alledem Etwas zu ändern; er zeigte noch deutlicher wie früher, wie hoch er ſeinen Stiefſohn ſchätzte, aber dieſes Beiſpiel drang bei der übrigen Geſellſchaft doch nicht durch; man benahm ſich nur 135 umſo höflicher gegen Victor, aber die Kälte konnte er nicht verkennen. Und durfte er ſich darüber beſchweren, wenn ſeine eigene Mutter das Signal für dieſes ihn ver⸗ letzende, aber nicht offen anzugreifende Benehmen gab?—. Das kindlich vertrauungsvolle, reine Gemüth des jun⸗ gen Mannes war ſchon längſt auf eine harte Probe ge⸗ ſtellt worden; wie ſollte er es nach allen dieſen bitteren Enttäuſchungen gegenüber ſich bewahren?— Die ganze Welt mußte ihm immer mehr in einem anderen Lichte erſcheinen, wie es ſeine reine jugendliche Phantaſie angezündet hatte; wer ſo unglücklich iſt, den Glauben an das ihm am nächſten Stehende, das Mutterherz, verlieren zu müſſen, der kann nicht in einem anderen die edlen Empfindungen zu finden hoffen, die das eigene beſeelen. Der Aufenthalt im Hauſe ſeines Stiefvaters wurde Victor mit jedem Tage unerträglicher; die Freundſchaft des Fürſten, der zu ſchwach war, ihm eine geſicherte Stellung zu verſchaffen, konnte ihn nicht für die heimlichen Kränkun⸗ gen, denen er ausgeſetzt blieb, entſchädigen. Er beſchuldigte ſich ſelbſt, hier eine unwürdige Rolle zu ſpielen, und die Sehnſucht, noch vor Ablauf ſeines Urlaubes abzureiſen, wurde immer lebhafter. Seine Mutter widerſprach dieſem Wunſche durchaus — 1 136 nicht, Julie nur ſchwach; der Fürſt machte umſonſt Ein⸗ wendungen. Schon zu Anfang des Dezembers war Victor reiſefertig, und der ſchwerſte Abſchied, den er nahm, war unſtreitig der von ſeinem Stiefvater. Der Fürſt verſtand ſeine Gefühle nur zu gut und war weit entfernt davon, dieſelben zu tadeln, theilte er ſelbſt ſie doch faſt. In ernſter, ahnungsvoller Trauer umarmte er Victor und drang in ihn, das ſchöne freundſchaftliche Verhältniß, in das ſie ſich zueinander gefunden hatten, nicht erkalten zu laſſen und ihm recht häufig in ganz vertrauensvoller Weiſe zu ſchreiben; der Lieutenant gab auch dieſes Ver⸗ ſprechen mit dem feſten Vorſatze, es zu halten; in Beider Augen ſtanden Thränen, als ſie ſich das letzte Lebewohl ſagten, war ihnen doch, als ſolle es ihnen nicht vom Schick⸗ ſal beſchieden ſein, ſich wiederzuſehen. Julie weinte viel und machte dazwiſchen ihrem Bru⸗ der Vorwürfe über deſſen nicht recht motivirten Entſchluß; erſt jetzt, in der Trennungsſtunde, ſchien ſie einzuſehen, daß ſie ihm doch wohl manchmal Unrecht gethan und eine aufmerkſamere Schweſter ſein geſollt hätte; er verzieh ihr gerne, weil er darin wieder ihre wahre Zuneigung zu er⸗ kennen glaubte; es ſchwebte ihm auf den Lippen, ſie vor Graf Bielinski zu warnen, aber da ſie deſſelben mit keiner 137 Sylbe erwähnte, konnte er ſich nicht entſchließen, ihr ſeinen guten, vielleicht übel aufgenommenen Rath aufzudrängen. Die Fürſtin zeigte ſich am ruhigſten und gemeſſenſten; man konnte ihr wohl anſehen, daß der Abſchied von ihrem Sohne unter ſolchen Umſtänden ſie nicht ganz gleichgiltig ließ, aber ſie wog wohl ihre eigene Schuld daran gegen die ſeinige— ihrer Meinung nach— ab und mochte daraus eine Rechtfertigung für ſich ſelbſt gewinnen. Auf die Beweggründe zu ſeiner frühen Abreiſe ließ ſie ſich gar⸗ nicht ein, ſondern ſprach nur ihr Bedauern über die That⸗ ſache aus, und darin lag ohne Zweifel auch Aufrichtigkeit; von jedem Vorwurf vermochte ſie ſich ſchwerlich freizuſprechen, aber ſie blieb zu ſtolz, dies jetzt zu bekennen. Der Lieu⸗ tenant küßte ihr mit Ehrerbietung die Hand,— da wallte die mütterliche Zärtlichkeit momentan in ihr auf, denn ſie zog ihn an ſich und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn, aber die Worte, die ſie hinzufügte, klangen doch wie⸗ der kalt: „Ich hoffe zu Gott, daß wir uns bald wiederſehen, mein Sohn, und— beſſer verſtehen, wie dieſes Mal.“ Victor hatte darauf nichts zu erwidern; das kindliche Vertrauen, das er ſchon im Begriffe geweſen, wieder zu faſſen, fühlte ſich auf’s Neue zurückgewieſen. 138 Er kehrte direkt nach der herzoglichen Reſidenz zurück, wo ſein Regiment in Garniſon ſtand, und wünſchte möglich bald in den praktiſchen Dienſt einzutreten, der ihn jene kummervolle Mißſtimmung vergeſſen laſſen ſollte. ——.ͤ8ͤ8ͤ8·.SS —— —— Viertes Kapitel. Die vorzeitige Rückkehr des jungen Grafen Horneck gab ſeinen Kameraden und dem Geſellſchaftskreiſe, in den er nun eintrat, umſomehr Veranlaſſung zu den häufig nicht beſtgemeinten Kominationen, als er ſelbſt ſo ungewöhnlich ernſt erſchien und ſich doch ſchon Gerüchte— wenn auch übertriebene, unzuverläßliche— darüber verbreitet hatten, daß die Ehe des Fürſten Turn nicht die glücklichſte ſei; davon ſprach man indeſſen natürlich nicht zu Victor. Ueber einen Mangel an freundſchaftlichem Empfange hatte er ſich nicht zu beklagen. Seine Vorgeſetzten hielten ſich ſchon ſicher, einen pflichtgetreuen, brauchbaren Offizier in ihm zu finden, die eigenen Kameraden zweifelten nicht, daß er gute Freundſchaft mit ihnen halten werde, und für die größere Geſellſchaft tauchte in ihm wieder ein Stern nicht der kleinſten Größe auf, denn abgeſehen von ſeiner liebenswürdigen Perſönlichkeit wußte man ja, daß ſein Vater ihm ſchon ein hübſches Vermögen hinterlaſſen 140 hatte, und glaubte annehmen zu dürfen, er werde auch über Lang oder Kurz einmal ſeinen für unermeßlich reich geltenden Stiefvater beerben; es fehlte jetzt ſchon nicht an verſchiedenen Spekulationen, die auf ihn gemacht wurden. Victor erfüllte nur einen Theil dieſer Erwartungen, den anderen täuſchte er. So hatte er ſich in kurzer Zeit den praktiſchen Dienſt beim Regimente vollkommen zu eigen gemacht und bewies dabei einen Eifer, der jedenfalls aner⸗ kannt werden mußte; er trat hier in ſo ernſter und be⸗ ſcheidener Weiſe auf, wie es ſich gerade für ihn ſchickte und hatte ſich bald allerſeits, nach oben und unten hin, beliebt zu machen gewußt. In der Geſellſchaft ſeiner Kameraden verkehrte er gern und kam Jedem mit,offener und freund⸗ ſchaftlicher Hingebung entgegen, nur an den zuweilen wüſten Vergnügungen Einzelner— es wird an Solchen in einem größeren Offizierskorps, zumal in damaliger Zeit, ſelten fehlen— gewann er keinen Geſchmack und ſchloß ſich, wo und wie er es konnte, davon aus. Wein, Weiber und Würfel, die drei manchem jungen Manne ſchon ſo ver⸗ hängnißvoll gewordenen Wehes, vermochten Victor nicht verführeriſch von der geraden Bahn abzuziehen, auf der er feſten Schrittes fortzugehen entſchloſſen war, und er kam mit ihnen nur ſoweit in Berührung, wie es eben unver⸗ ——jjjjjjyü—— — 141 vermeidlich war, wenn er nicht als in voller Jugend⸗ und Lebensfriſche verknöcherter Pedant oder heuchleriſcher Duck⸗ mäuſer beklagt und verſpottet ſein wollte; jedenfalls wußte er ſtets das richtige Maß einzuhalten und vor ſeinem Ge⸗ wiſſen die Genüſſe, die er ſich geſtattete, zu verantworten. Neben der ernſteren geiſtigen Richtung war er den Freuden des Lebens auch garnicht abgeneigt, nur ſeiner edlen, feinfühlenden Natur alles Rohe und Unſittliche zuwider; Leute, die damit umgingen, es im Ueber⸗ muthe wohl gar zur Schau trugen, konnen nicht ſeine Freunde werden, und ihnen gefiel er deshalb auch nicht, was er gewiß nicht bedauerte; übrigens konnte ſowohl in ſeinem Offizierscorps wie in allen anderen Kreiſen, mit denen daſſelbe in Berührung trat, ein ſolcher Ton ſchon deshalb nicht zur Geltung kommen, weil der Hof, der die letzteren in der nicht ſehr großen Reſidenz unter ihren Augen hatte, mit gutem Beiſpiele voranging, wobei aller⸗ dings auch die etwas bigotte Seite herausgekehrt wurde, die bekanntlich leicht zu Heuchelei führt. Die Vertreterin dieſer Richtung war vorzüglich die Fran Herzogin. Der Lieutenant Graf Horneck mußte ſich ſelbſtver⸗ ſtändlich alsbald nach ſeiner Rückkehr bei Hofe vorſtellen und wurde dann zu allen Feſtlichkeiten befohlen, welche 472 ———, 1 ——-.— 142 dort ſtattfanden, zuweilen ſelbſt in die engeren Cirkel, denn der Herzog war ihm noch immer ſehr gewogen, die Her⸗ zogin hatte ſich ihres ehemaligen Pagen auch in Gnaden erinnert, nur der Erbherzog ſah ihn nicht mit den aller⸗ freundlichſten Blicken an, mochte er es nun nicht ver⸗ geſſen können, daß der Kadet ſich einmal nicht ganz ehr⸗ erbietig gegen ihn benommen hatte, oder fühlte er über⸗ haupt, ſie ſeien zu verſchiedene Naturen, um ſich jemals befreunden zu können. Auch in andere Geſellicaftskreiſe mußte ſich der junge Offizier einführen, und man nahm ihn gerne auf; er ſpielte hier eine andere Nolle, die ihm ſelbſt viel mehr zuſagte wie die auf dem fürſtlichen Schloſſe, wo man ihn abſicht⸗ lich zurückzuſetzen geſucht hatte. Der ſchöne ſtattliche Kaval⸗ lerieoffizier, der ſich ſelbſt auch immer mehr zu fühlen be⸗ gann, wurde beſonders ein Liebling der Damen, wiewohl er — oder vielleicht gerade deshalb— keine beſonders be⸗ vorzugte und über das Maß ihm wohl anſtehender Ga⸗ lanterie nicht hinausging; von manchem jungen und alten Herzen wurden manche ſehnſüchtige Hoffnungen auf ihn ge⸗ ſetzt, ſchienen ihrer Erfüllung einſtweilen aber noch ſehr fern zu ſtehen. Der nächſte Sommer kam heran, und, urplötzlich tauchte 2. 4 —;— — — —— 143 wieder das nun viel beſtimmter ausgeſprochene und weiter verbreitete Gerücht auf, daß der Erbherzog ſich mit der Prinzeſſin Anna verloben und alsbald vermählen werde. Die Prinzeſſin und ihre Eltern waren ſeit jener Zeit nicht wieder an den herzoglichen Hof gekommen, aber die Ver⸗ bindung und die bezüglichen Berhandlungen deshalb keines⸗ wegs abgebrochen worden; ohne Zweifel war es mehr oder weniger direkter Zwang geweſen, was auch die förmliche Einwilligung der jungen Prinzeſſin in dieſe ihr verhaßte Verheirathung erwirkt haben konnte. Victor wurde von dieſer ſich ſchnell und mit ſo großer Sicherheit verbreitenden Kunde wie von einem Donnerſchlage getroffen; man konnte ſagen, dieſer plötzlich einſchlagende Blitzſtrahl ſetzte auf einmal wieder die alten Erinnerungen und Empfindungen in ein recht grelles Licht und ließ die letzteren in hellen Flammen auflodern. Die Bewunderung des Pagen für die liebreizende Prinzeſſin hatte damals immerhin ſchon etwas Leidenſchaft⸗ liches gehabt, aber dieſe nur halbverſtandenen Gefühle ſich dann wieder geſänftigt und von ihnen war unter dem Drange anderer Erlebniſſe und Gemüthsbewegungen nur eine ſanfte, innige Verehrung und Anhänglichkeit zu⸗ rückgeblieben; Victor hatte auf jenen Tag, der ihm das 144 ſchöne, ſo tief zu ſeinem Herzen ſprechende Bild gezeigt, wie auf einen angenehmen Traum zurückgeblickt, der für ihn ja niemals in die Wirklichkeit übergehen könnte. Er war wehmüthig davon ergriffen, endlich ſchon zufrieden ge⸗ weſen, daß die Prinzeſſin nun von dem ſchweren Unglücke bewahrt blieb, das ihr nach ſeiner vollſten Ueberzeugung noch durch die Verheirathuug mit dem Erbherzog drohte; dieſer Gedanke hatte ihn wieder mit der Entſagung, die er ſich ſelbſt auferlegen mußte, verſöhnt. Daß er die Prinzeſſin während ſo langer Zeit nicht geſehen, nicht einmal ihren Namen nennen gehört, hatte am Ende auch nicht wenig dazu beigetragen, daß er ruhiger an ſie denken konnte. Und jetzt ſollte dieſe unſelige Heirath doch noch zu Stande kommen, die arme Prinzeſſin, offenbar wider ihren Willen, äußeren politiſchen Rückſichten geopfert werden, und er ſollte ſie wiederholt als die Gemahlin des von ihm eigentlich verachteten Erbherzogs ſehen, faſt täglich Zeuge ihres Unglücks werden! Er wollte ſich gewaltſam gegen eine ſolche Unmöglichkeit ſträuben, da aber alle Welt die⸗ ſelbe ſchon als Gewißheit annahm und beſprach, vom Hofe ſelbſt darüber Andeutungen gegeben wurden, meinte er, ſich immer leidenſchaftlicher aufregend, er werde einer ſolch 145 ſchweren Prüfung garnicht gewachſen ſein und es bleibe ihm nur übrig, derſelben bei Zeiten aus dem Wege zu gehen. Das Letztere konnte er aber nur, wenn er ſeine jetzige Lebensſtellung völlig aufgab, was ſein Vermögen wohl erlaubt haben würde; ein Geſuch, zu einem anderen Regimente, das nicht in der herzoglichen Reſidenz garniſo⸗ nirte, verſetzt zu werden, ließ ſich gar nicht motiviren und würde vom Herzoge wohl abweislich beſchieden worden ſein; was ſollte er aber beginnen, wenn er überhaupt ſeinen Abſchied verlangte, und wie würde ihm dies auf allen Seiten ausgelegt worden ſein?— er hing auch zu ſehr an ſeinem Berufe, als daß er eine ſolche Idee zur Aus⸗ führung zu bringen vermocht hätte. Es koſtete ihn einen unendlich ſchweren Kampf, ſich auf das Unvermeidliche vorzubereiten, und Niemand konnte ihn dabei mit gutem Rathe unterſtützen, denn er würde die Prinzeſſin beleidigt und ſich ſelbſt lächerlich gemacht haben, wie er wohl begriff, wenn er Jemand in das Ge⸗ heimniß ſeines Herzens eingeweiht hätte; er wagte nicht einmal ſeinem väterlichen Freunde, dem Fürſten, mit dem er ſehr fleißig korreſpondirte und ihm ſonſt volles Ver⸗ trauen ſchenkte, eine Andeutung darüber zu machen. Es dauerte nicht lange, bis die Verlobung des Erbher⸗ Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 10 146 zogs mit Prinzeß Anna offiziell verkündet wurde, und der Lieutenant Graf Horneck hatte den Schmerz, den er aller⸗ dings mit keiner Miene verrathen durfte, inmitten des ganzen Offiziercorps dem Erſteren gratuliren zu müſſen. Glücklicherweiſe wandte ſich Prinz Georg, wohl abſichtlich, nicht perſönlich an ihn und erſparte ihm eine noch härtere Prüfung. Der Verlobung ſollte auch ſehr ſchnell die Vermählung folgen; es handelte ſich nur noch um die Vorbereitungen der großen Feſtlichkeiten, welche letztere zu begleiten hatten. In dieſe Zeit fielen die alljährlichen größeren mili⸗ täriſchen Uebungen der herzoglichen Armee, die, wie ſchon geſagt, nicht gerade bedeutend war. Die Truppen rückten zu den Paraden und Manövers aus ihren Garniſonen, um ſich an einem Punkte zu vereinigen, es wurden länd⸗ liche Quartiere bezogen, und im Ganzen herrſchte ein reges, fröhliches Leben, das im Gegenſatze zu dem einförmigen Garniſonsdienſte recht bunte Abwechslung bot und einiger⸗ maßen an die wirkliche kriegeriſche Beſtimmung des Sol⸗ daten erinnerte. Unter anderen Umſtänden würde unſer Lieutenant mit voller Seele dabei geweſen ſein, denn es war das erſte große Manöver dieſer Art, das er mitmachte, aber 147 dieſes Mal mußte er ſich den größten Zwang anlegen, um nicht ſeine Gleichgiltigkeit dafür zu verrathen und ſeinen Pflichten pünktlich nachzukommen; ſchwebten ſeinem Geiſte doch immer ganz andere, nur zu düſtere Bilder vor, als ſie die Wirklichkeit um ihn her entfaltete. Den Beſchluß dieſer Uebungen ſollte nach mehreren Wochen eine große Parade vor dem Herzoge machen, zu der auch andere Fürſtlichkeiten und hohe Offiziere der Nachbarſtaaten erwartet wurden, vor welchen die herzog⸗ lichen Truppen eine Probe ihrer militäriſchen Tüchtigkeit abzulegen hatten. Welchen Eindruck mußte es auf Victor machen, als bekannt wurde, auch die Braut des Erbherzogs werde dieſer Parade beiwohnen!⸗ An dem dazu beſtimmten Tage, einem der erſten des Herbſtes, der dieſes Mal mit voller Schönheit in das Land gekommen war, entwickelte ſich ein immerhin ſchönes und glänzendes militäriſches Schauſpiel, als ſich die Truppen auf einem weiten Wieſenplane aufgeſtellt hatten. Tauſend⸗ fältig blitzten in der hellen Vormittagsſonne die Bajonnete, die bronzenen Geſchützröhre, die blanken Säbel und die vielen metallenen Armaturſtücke; dazwiſchen leuchteten die bunten Farben der Uniformen, hoch ragten die ſeidenen Fahnen mit dem herzoglichen Wappen, und die muthigen, 10* 1 6 f — — — 148 von ihren Reitern in Reih und Glied gehaltenen Pferde ſchnoben ungeduldig und ſcharrten den Boden mit den Hufen. Die Truppen waren in mehreren langen Linien 1 hintereinander aufmarſchirt, und durch die weiten Zwiſchen⸗ räume jagten in Carrière die berittenen Kommandeure und Adjutanten hin und her, Befehle ertheilend und überbrin⸗ gend, denen dann vielſtimmige Kommandorufe folgten. Endlich verkündete eine heranſprengende Ordonnanz die Annäherung des Herzogs, ſeiner fürſtlichen Begleiter und der glänzenden Suite berittener Offiziere, und faſt vollſtändig unbeweglich ſtand auf das Kommando die ganze Truppenmaſſe da. Schnell kam die brillante Kavalcade heran, an der Spitze der Herzog und ſeine vornehmſten Gäſte, auch der Erbherzog, der gerade keine beſonders gute Figur zu Pferde machte; eine offene ſechsſpännige Hof⸗ equipage folgte, die Frau Herzogin, Prinzeß Anna und 4 deren Mutter in ſich führend, dann noch eine vierſpännige mit einigen Hofdamen. Uebrigens nahmen noch andere Fuhrwerke, von den eleganteſten des hohen Adels hinab bis zu dem einfachen Miethwagen, reichlich mit Schau⸗ luſtigen beiderlei Geſchlechtes beſetzt, eine Seite des weiten Paradeplatzes ein, und dazwiſchen drängte ſich eine zahlloſe 4 Menſchenmaſſe aus allen Volksklaſſen. — 149 Wieder erſchallten Kommandos, die Infanteriebatail⸗ lone präſentirten das Gewehr, die Fahnen ſenkten ſich dreimal zur Begrüßung des Kriegsherrn, Trommeln wir⸗ belten und Trompeten und Ianitſcharenmuſik ſchmetterten. Der Herzog, ſeine hohen Gäſte und das Gefolge nahmen die Parade, indem ſie langſam an den Truppen vorüberzogen, ab, und Erſterer ſchien ſehr erfreut über das militäriſche Ausſehen und die gute Haltung ſeiner Solda⸗ ten, worüber ihm ohne Zweifel von ſeinen nächſten Be⸗ gleitern auch viel Anerkennendes geſagt wurde. Es ver⸗ ging wohl eine Viertelſtunde, bis er an ſein Garderegiment kam, das auf dem rechten Flügel der langen Kavallerie⸗ linie ſtand. Es war in jeder Beziehung ein prächtiges Regiment, und das Antlitz des Herzogs ſtrahlte von Wohl⸗ gefallen. Der Lieutenant Graf Horneck hielt vor ſeinem Zuge, mit dem Säbel ſalutirend, ganz auf dem äußerſten rechten Flügel, und da der Herzog mit ſeinem Gefolge von der Linken herkam, war er alſo der letzte Offizier in der Linie. In feſter gerader Haltung ſaß er auf dem Pferde, gewiß einer der ſchönſten Reiter auf dem Platze, aber dieſe Bemerkung mochte Vielen entgehen, da das Auge durch 150 die vielen wechſelnden Bilder, die ſich dicht aneinander reihten, allmälig doch ermüdet und abgeſtumpft ſein mußte. „ Victors Herz klopfte ſtürmiſch, obgleich ſein Geſicht 3 keine Spur von Erregung verrieth; ſeine Augen waren nur ſcheinbar auf den Herzog gerichtet, und er bemerkte nicht einmal, daß derſelbe im Vorüberreiten ihm freundlich leicht zuwinkte, denn jene ſuchten nichts Anderes als die Prinzeſſin Anna. Der Wagen, in dem ſie mit den beiden älteren hohen Damen ſaß, kam bald heran. Das Herz des jungen Mannes wollte faſt zerſpringen; es ſtritten ſich darin die mächtigſten Empfindungen, Freude und Ent⸗ zücken über das Wiederſehen Derer, die er, wie er jetzt erſt deutlich fühlte, glühend liebte, andererſeits Schmerz und Verzweiflung, indem er bedachte, daß ſie ihm jetzt noch viel ferner ſtehe wie damals. Die Prinzeſſin ſah ein wenig blaß aus, aber einen 3 ſchweren Kummer merkte man ihr gerade nicht an; wie hätte ſie auch, deren ganze Erziehung ſchon darauf hinge⸗ wirkt hatte, ſie die äußerſte Selbſtbeherrſchung vor vielen beobachtenden Augen zu lehren, die jetzt unter dem Zwange der ſtrengen Etiquette ſtand, ſich ſo weit vergeſſen ſollen, daß ſie Thränen in ihren Augen gehabt, überhaupt nur 4 eine betrübte Miene gemacht hätte? Victor fand, daß ſie 151 noch viel ſchöner geworden ſei, und dies beruhigte ihn einigermaßen; er hatte ſich ja eigentlich vorgeſtellt, ſie als ein Bild des Kummers und Elends wiederzufinden, und er dankte nun dem Himmel dafür, daß ſeine Phantaſie in dieſer Beziehung übertrieben hatte. Es berührte ihn nicht unangenehm, daß er ſie ſo gefaßt, anſcheinend in ihr Schickſal ergeben fand; er begriff ja dieſe Nothwendigkeit, und eine glückſtrahlende Braut war wahrlich auch nicht in ihr zu erkennen. Er hoffte ſehnlichſt, daß ihr Blick auf ihn fallen und ſie ihn wiedererkennen möge,— wozu? Das wußte er ſich ſelbſt nicht zu ſagen. Prinzeſſin Anna bemerkte ihn indeſſen nicht; das militäriſche Schauſpiel ſchien ihr überhaupt kein großes Intereſſe abzugewinnen und ſie auch eigenthümlich befangen zu ſein, ſo daß ſie den Blick nicht voll aufſchlug. Der Wagen rollte vorüber und Victor war ihr vorerſt aus dem Geſichte gekommen. Auf die Paradeaufſtellung folgte ein Vorübermarſch ſämmtlicher Truppen bei den hohen Herrſchaften. Noch einmal kam der Lieutenant ganz in die Nähe der Prinzeſſin und konnte ſie deutlich ſehen, aber wieder entging er inmitten der großen Maſſe ihrer Aufmerkſamkeit. Es ————— — 152 folgten dann noch einige militäriſche Aufſtellungen, und die Parade war zu Ende; der Herzog und ſeine Begleitung begaben ſich nach der Reſidenz zurück, die Truppen wieder in ihre Kantonnements, um nach einem Ruhetage von da aus in ihre Garniſonen einzuziehen. Als Victor daſelbſt anlangte, war die Prinzeſſin mit ihren Eltern ſchon wieder abgereiſt, aber nun wurde öffent⸗ lich bekannt gemacht, daß die Vermählung ſchon nach vier⸗ zehn Tagen ſtattfinden werde. Die kirchliche Trauung ſollte in der fürſtlichen Reſidenz vollzogen werden, wohin ſich auch der Herzog und ſeine Gemahlin mit großem glänzenden Gefolge begeben wollten, dann das junge Paar einen feſtlichen Einzug in die neue Heimath der Braut halten und ſich größere Hoffeſte daran ſchließen. Wir brauchen wohl nicht mehr davon zu ſprechen, wie der Lieutenant Graf Horneck allen dieſen nun ſo nahe liegenden Dingen entgegenſah; nur äußerlich konnte er ſich beherrſchen, in ſeinem Inneren loderte die Leidenſchaft mit verzehrenden Schmerzen. Manchmal glaubte er dieſe Tage garnicht überleben zu können und verwünſchte ſeine eigene Eriſtenz, die ihm in der letzten Zeit nur ſo wenig Ge⸗ nugthuung geboten zu haben ſchien; dann rief er wieder ſeine ganze Manneskraft, alles ſittliche Gefühl und den „ „ 153 Verſtand zu Hülfe, um in dieſem ſchweren Kampfe nicht zu unterliegen. Man möge ihm verzeihen,— und wird es vielleicht auch nicht ſo unerklärlich finden,— daß er auch zu äußeren vermeintlichen Hülfsmitteln griff, die nicht gerade zu billigen ſein dürften; zum Theile entſprang dies auch aus der Be⸗ ſorgniß, daß ſeine nächſte Umgebung, bei aller von ihm angewandten Vorſicht, doch tiefer in ſein Herz blicken könnte, als geſchehen dürfte; er wollte ſich jetzt abſichtlich recht ſorglos und heiter zeigen, wodurch er ſich ſelbſt nur eine neue Pein auferlegte, und er verfiel dabei in den Fehler, zu übertreiben. Deshalb nahm er an dem Spiele, an den mancherlei nicht immer geſitteten Vergnügungen ſeiner Kameraden und Bekannten theil; blieb er ihnen deſſenungeachtet in mancher Beziehung auch noch unerklärlich, weil ſich der Ernſt immer wieder in die faſt übertriebene Heiterkeit miſchte, ſo gaben ſie ſich doch nicht Mühe, lange darüber nachzudenken; kein Einziger ahnte, was in ſeinem Inneren vorging. Victor fürchtete Nichts mehr, als daß der Herzog ihn zu der großen Begleitung auswählen könnte, die er mit ſich zu der Vermählungsfeier nach der fürſtlichen Reſidenz nehmen wollte; dieſem Rufe zu folgen wäre er gar nicht 154 im Stande geweſen und hatte ſich ſchon feſt vorgenommen, ſich dann krank zu melden. Er kam aber nicht in die Verſuchung; der Herzog hatte ihn wohl momentan vergeſſen; bei den Großen dieſer Erde hängt ja Alles von Zufälligkeiten und Launen ab. Mehrere andere Offiziere ſeines Regiments wurden kom⸗ mandirt, zu der glänzenden Staffage des Hochzeitsfeſtes einen Beitrag zu liefern; ihn traf dieſes Loos nicht. Aber er wußte doch genau Tag und Stunde, zu denen die Vermählung ſtattfinden würde, er brachte dieſe Zeit in einer fieberhaften Erregung zu, die mit der ernſtlichſten Krankheit drohte; nur die thörichte Idee konnte ihn noch aufrechterhalten, daß die Prinzeſſin in der letzten entſchei⸗ denden Stunde erklären müſſe, daß ſie ein ſo ſchweres Opfer nicht auf ſich nehmen könne. O, er litt jede Stunde, jede Minute mit ihr, und er brach in ſeiner einſamen Wohnung faſt zuſammen, als er annehmen konnte, ſie ſtehe um dieſelbe Zeit vor dem Traualtare. Wollte denn keine Depeſche eintreffen, daß ſich die ganze heilloſe Geſchichte zerſchlagen hatte?— Nein, aber aber am nächſten Morgen läuteten in der herzoglichen Re⸗ ſidenz alle Glocken, um die vollzogene Vermählung zu * 155 feiern, und die geputzten Leute amüſirten ſich ganz könig⸗ lich darüber, daß ſie eine zukünftige Landesmutter erhal⸗ ten hätten. Nun, es ließ ſich nicht mehr fortleugnen, daß die Prinzeſſin Anna die Gemahlin des Herzogs geworden war; zwei Tage ſpäter ſollte ſie alle Welt in ihrer neuen Würde bewundern und begrüßen. Die Veranſtaltungen dazu wur⸗ den auch auf die oſtenſibelſte Weiſe getroffen, und die Leute freuten ſich, daß ſie dereinſt eine ſchöne und gute Herzogin bekommen würden, wiewohl ſehr Viele kopf⸗ ſchüttelnd meinten, ſie ſei eigentlich zu gut für den Prin⸗ zen Georg. Die Verzweiflung über vollendete, unabänderliche Thatſachen giebt oft eine ſtoiſche Ruhe; dieſelbe iſt wohl die höchſte Potenz des Schmerzes. In dieſem Zuſtand be⸗ fand ſich jetzt auch der Lieutenant Graf Horneck. Der feierliche Einzug fand ſtatt, und dem Garde⸗ kavallerieregimente war dabei auch eine Rolle zugewieſen, wie nachher ſeine ſämmtlichen Offiziere zu den Feſtlichkeiten im Schloſſe herangezogen wurden. Victor fehlte indeſſen bei Alledem, denn er hatte ſich krank gemeldet; er war auch wirklich krank, wenn auch mehr in der Seele wie am Kör⸗ —— * — ¹ 8 8 156 per, aber der Arzt, der ihn beſuchte, war auch nicht in Zweifel darüber, daß er ſtarkes Fieber habe. Einige Kameraden, denen er ſich beſonders vertraulich angeſchloſſen hatte, beunruhigten ſich um ſeinetwillen und kamen zu ihm, ſobald ſie die Zeit dafür erübrigen konn⸗ ten; ſie fanden ſein Ausſehen ſehr leidend, und bedauerten aufrichtig, daß ein ſo fataler Zufall ihn gerade jetzt ge⸗ troffen habe, wo der Hof doch in ſo hohem Glanze ſtrahlte und die jungen Ofſiziere ſo viel Gelegenheit hatten, ſich famos zu amüſiren. Selbſtverſtändlich theilten ſie ihm ihre eigenen Erleb⸗ niſſe mit, glaubten ſie doch ihn dadurch einigermaßen zu entſchädigen und ihm einen großen Gefallen zu thun; er hörte ihnen auch mit offenbarem Intereſſe zu, mochten ſeine Augen dabei auch fieberhaft brennen und ſeine Lippen krampfhaft zucken. Prinzeß Anna war alſo an der Seite ihres neuen Gemahls— kein Einziger der Tauſende von Zuſchauern 4 konnte ſich dabei der Ueberzeugung verſchließen, daß es ein ſehr ungleiches Paar war,— unter Glockengeläute, Trom⸗ petengeſchmetter, Hurrahrufen u. ſ. w. in die Hauptſtadt des herzoglichen Landes und zunächſt in das Schloß ein⸗ gezogen, wo die jungen Eheleute, für den Winter wenigſtens, „— —— 157 ihre Wohnung nehmen ſollten. Es war allgemein aufge⸗ fallen, daß ſie trotz des glänzenden Schmuckes nicht ſo ſchön ausſah wie ſonſt, niedergedrückt, bleich,— man wollte ſelbſt verweinte Augen bemerkt haben; ſchon war es ein öffentliches Geheimniß, daß ſie dem Erbherzog ihre Hand nur mit Widerſtreben, dem Zwange weichend, ge⸗ reicht habe, und man fand es ſogar ganz natürlich, daß ihr Herz ihm nicht gehören konnte. Prinz Georg hatte ganz vergnügt und triumphirend ausgeſehen und dies neben der armen kleinen Frau gerade nicht ſehr für ihn eingenommen, wie er überhaupt nie beliebt geweſen; an vielen Stellen im Publikum war bei dieſer peinlichen Er⸗ ſcheinung das Hurrahrufen vollſtändig verſtummt, und die Offiziere hatten Frauen weinen geſehen, worüber ſie aller⸗ dings ihre Scherze machten. Bei den Feſtlichkeiten war es dann ziemlich ſteif her⸗ gegangen, denn alle Anweſenden konnten ſich eines gewiſſen unheimlichen Eindruckes nicht erwehren, wenn ſie das junge fürſtliche Paar beobachteten; unwillkürlich hatte Jeder faſt die junge Erbherzogin, die jetzt viel ſchüchterner erſchien wie als Mädchen, bedauert, ſich dagegen über ihren Ge⸗ mahl geärgert, der ſich einerſeits ſehr wenig um ſie be⸗ kümmerte, andererſeits ſeinen Triumph durch die heiterſte, 3 4 158 an Rohheit ſtreifende Laune feierte; freilich hatte er ſich unter ſeinen zukünftigen Landeskindern und Unterthanen ſehr ungenirt und mit ungewöhnlicher Herablaſſung be⸗ wegt, aber die Offiziere ſchrieben dies hauptſächlich dem Umſtande zu, daß er dem Weine allzureichlich zugeſprochen habe, was überhaupt zu ſeinen nicht immer liebenswürdi⸗ gen Neigungen gehörte; es waren nicht ſonderlich erquick⸗ liche kleine Szenen vorgekommen, und die alte Herzogin ſollte darüber auch ſchon recht ungehalten geworden ſein. Victor hörte dieſe Berichte, die ihm von kameradſchaft⸗ licher Seite in der natürlichſten Färbung zugetragen wur⸗ den, ſchweigend an und entfernte dann den ihm ſonſt an⸗. genehmen Beſuch gewöhnlich bald durch den Vorwand, daß er ſich zu Bette niederlegen müſſe. Ruhe fand er dann gewiß nicht, ſondern die wilden Fieberträume hatten durch jene Erzählungen nur neue Nahrung erhalten. Die kräftige, noch ganz unverdorbene Natur des jun⸗ gen Mannes unterlag indeſſen nicht dieſen fortwährenden ſchweren Angriffen; auch das geiſtige Gleichgewicht ſtellte ſich bald wieder her. Er ſagte ſich, daß er Nichts mehr an dem Geſchehenen ändern, weder der Prinzeſſin, noch ſich ſelbſt helfen könne, und daß es deshalb ſeine Pflicht ſei, 4 dieſe hoffnungsloſe Leidenſchaft zu unterdrücken. Mit dieſem 3 1 159 feſten Vorſatze konnte er ſich wieder geſund melden und ſeinen früheren Dienſt aufnehmen; er war entſchloſſen, wenigſtens vorläufig noch eine nähere Begegnung mit der jungen Erbherzogin zu vermeiden, ſo gut ſich dies eben thun ließ, falls es ſich aber nicht ausführen laſſen ſollte, alle moraliſche Kraft und ſein ganzes Ehrgefühl aufzubie⸗ ten, um ſich nicht zu verrathen; er ſuchte ſich ſogar alle möglichen Zufälle vorzuſtellen, um durch ſie nicht über⸗ raſcht und erſchüttert zu werden. Die Erbherzogin fuhr bei dem heiteren Herbſtwetter täglich aus und machte auch wohl zu Fuß Spaziergänge in den beliebten und belebten Promenaden vor den Thoren der Reſidenz; ſie befand ſich dann nie in der Begleitung ihres Gemahls, meiſtens nur einer Hofdame, oft auch der alten Frau Herzogin. Alle Welt war entzückt von ihrer Schönheit, welche durch die nicht zu verleugnende Färbung eines geheimen Leidens einen noch höheren Reiz erhielt, mehr noch durch ihr ſanftes, holdſeliges Weſen, mit dem ſie die ihr ehrfurchtsvoll geſpendeten Grüße erwiderte. man hatte auch bald in Erfahrung gebracht, da das Pri⸗ vatleben ſo hochgeſtellter Perſonen bei der vielfachen ihnen zugewandten Aufmerkſamkeit ſich nie ganz verſchleiern läßt, daß ſie von ihrer geſammten nächſten Umgebung, der 160 Dienerſchaft ungemein verehrt und geliebt wurde; Alle wußten nur Gutes von ihr zu ſprechen, aber umſomehr wurde ſie bedauert, denn es gingen bereits Gerüchte umher, der Erbherzog, ihr Gemahl, vernachläſſige ſie um anderer, nicht ſehr ehrenwerther alter Bekanntſchaften willen und behandle ſie ſogar ſchlecht. Victor hatte auch Gelegenheit oder konnte es vielmehr nicht vermeiden, ſie bei jenen Spazierfahrten zu ſehen; als Offizier mußte er ſie dann in vorgeſchriebener formeller Weiſe begrüßen, aber dies geſchah nur in reſpektvoller Entfernung und ſie erkannte in ihm ohne Zweifel nicht den Pagen wieder, vor deſſen Blicken ſie einmal erröthet war. Sonderbares Räthſel des Herzens! er fühlte ſich dadurch verletzt und dennoch hielt er es für eine Noth⸗ wendigkeit, daß ſie Beide ſich möglichſt fern blieben. Der Winter trat nun ein, der Hof rüſtete ſich dieſes Mal zu größeren und öfteren Feſtlichkeiten wie in den letzten Jahren; dies geſchah offenbar der jungen Erbher⸗ zogin zu Ehren, obgleich ſie ſelbſt dazu gewiß nicht die Veranlaſſung gegeben hatte. Victor ſah dieſer Zeit nicht ohne Unruhe entgegen, denn es war unmöglich, daß er ſich von den Hofgeſell⸗ ſchaften fernhalten konnte; zu wiſſenſchaftlichen Studien 161 fühlte er ſich jetzt garnicht mehr aufgelegt, denn ſeine Gedanken waren dafür nicht geſammelt, und immer eifriger ſuchte er jene Zerſtreuungen auf, denen er früher garkeinen Geſchmack abzugewinnen vermochte; die Gewohnheit ließ ſie ihm jetzt ſchon in viel milderem Lichte erſcheinen. Es war ein unſäglich unruhiges, unbefriedigendes Leben für ihn, aber er wußte es ſich beim beſten Willen nun einmal nicht anders zu geſtalten; er machte ſich auch ſelbſt Vor⸗ würfe darüber, daß er dieſe Richtung eingeſchlagen hatte, aber noch fühlte er ſich ſicher, ſie in jedem Augenblicke wieder verlaſſen zu können. Da kam ein neuer, harter Schlag für ihn, auf den er nicht im Mindeſten vorbereitet geweſen war. Noch einige Tage zuvor hatte er einen äußerſt liebevollen Brief ſeines Stiefvaters erhalten, aber der Ton einer trüben Ahnung, welcher denſelben durchwehte, war ihm ſchwer auf das Herz gefallen. Fürſt Albert befand ſich, wie er ver⸗ ſicherte, vollkommen geſund, aber dennoch ſprach er von der Möglichkeit eines baldigen Todes bei ſeinem vorge⸗ rückten Alter und daß es ſeine Pflicht ſei, für einen ſolchen Fall Veranſtaltungen zu treffen; er hatte die Abſicht, nach der Hauptſtadt zu reiſen, um an dem Teſtamente, das er bei ſeiner Verheirathung daſelbſt deponirt hatte, noch einig⸗ Grabowski, Schickſal und Sculd. I. 11 162 Veränderungen zu treffen, und deutete an, daß dieſelben beſonders ſeinem Stiefſohne zu gute kommen würden. Victor war höchſt überraſcht dadurch; es hatte ihm nie im Sinne gelegen, daß er einen Antheil an dem Ver⸗ mögen des Fürſten erhalten ſolle, und wie dankbar er auch die Abſicht des würdigen väterlichen Freundes nur anerkennen konnte, war ihm die Erörterung dieſer Ange⸗ legenheit doch umſo peinlicher, als er fürchtete, es könne dadurch der Grund zu einer neuen Differenz zwiſchen ſeiner Mutter und ihm gelegt werden. Sein väterliches Erbtheil ſicherte ihn vor jeder peku⸗ niären Verlegenheit; er wünſchte ſich garnicht Reichthum, zumal er eine geſicherte Lebensſtellung durch eigene Kraft erworben und nicht ſehr koſtſpielige Bedürfniſſe hatte, außerdem fühlte er ſich auch nicht zu irgendwelchen An⸗ ſprüchen auf das Vermögen ſeines Stiefvaters berechtigt. Noch überlegte er, beſonders niedergedrückt durch den Gedanken, daß die Ahnungen des Fürſten wohl haupt⸗ ſächlich aus innerer Unzufriedenheit mit deſſen zeitigen Ver⸗ hältniſſen entſprungen ſein möchten, ob und wie er dieſe Teſtamentsabänderung in Bezug auf ſeinen Vortheil zurück⸗ weiſen dürfe, ohne ſeinen Stiefvater zu verletzen, da traf 163 ein ſchwarzgeſiegelter Brief ein, deſſen Aufſchrift von der Hand ſeiner Mutter war. Victor zitterte an allen Gliedern, als er das Schrei⸗ ben in die Hand nahm; die unvermuthete Trauerbotſchaft konnte ſich nur auf ſeinen Stiefvater oder ſeine Schweſter Julie beziehen. Es koſtete ihn Mühe, das Siegel zu er⸗ brechen, und da fand er, zu ſeinem Entſetzen, die Beſtäti⸗ gung ſeiner Befürchtung. Fürſt Albert Turn war ganz plötzlich und ſanft an einem Herzſchlage in ſeinem Bette verſchieden, auf ſeinem Schloſſe, noch ehe er jene beabſich⸗ tigte Reiſe angetreten hatte. Seine Mutter meldete ihm die näheren Umſtände in Ausdrücken tiefen Schmerzes, an deſſen Aufrichtigkeit er in dieſem Momente nicht zweifelte. Die hellen Thränen ſtürzten ihm aus den Augen; er begriff, daß er unendlich viel an dem edlen Manne ver⸗ loren hatte, wirklich den zweiten Vater; er ſah auch voraus, daß mit dieſem Todesfalle wieder ein Band zwiſchen ihm und ſeiner Mutter zerriſſen ſei; wie hatten ſich in kurzer Zeit ſeine Anſichten doch geändert!— darin erkannte er die ganze Schwere dieſes Verluſtes. Nicht ein einziges Mal kam es ihm in den Sinn, daß er den ihm zugedachten Antheil an dem Vermögen 11* 164 des Fürſten nun wohl verloren haben würde; er beweinte nur die treue Freundſchaft und Liebe, die nun für ihn todt waren. Um ſeine Mutter und Julie hatte er nicht beſonders zu ſorgen, war er doch überzeugt, daß ſie ſich bald tröſten würden, und mit einer Art Bitterkeit erfüllte es ihn, daß Erſtere wenigſtens auch gewiß die ihr zuge⸗ fallenen Vortheile dabei in Betracht ziehen möge; ſie hatte nicht bewieſen, daß ſie den älteren Mann wirklich liebte. Victor wäre gern noch einmal an den Sarg des Fürſten getreten, aber bei dem damaligen mangelhaſten Kommunikationsweſen würde er ohne Zweifel dazu zu ſpät gekommen ſein, auch fühlte er keine dringende Sehnſucht, ſeine Mutter jetzt in ihrer zweiten Wittwentrauer wieder⸗ zuſehen; übrigens hatte ſie ihn garnicht eingeladen, zu ihr zu kommen. Er antwortete ihr ſchriftlich, was ihm ſein Herz und die äußeren Rückſichten eingaben. Die wahrhafte Trauer, die er empfand, machten es ihm in nächſter Zeit unmöglich, ſich leichtfertigen Vergnü⸗ gungen anzuſchließen; man entſchuldigte ſein Zurückziehen davon auch allgemein, obgleich es nicht Allen einleuchten wollte, daß er eines Stiefvaters Tod wirklich ſo ernſtlich beklagen könne; wer hätte ſich aber ein lautes Urtheil darüber anmaßen dürfen?— 165 Bald darauf nahmen die erwähnten Hoffeſte ihren Anfang, und Victor wurde zu ihnen geladen oder vielmehr befohlen; die Trauer, die er hatte, konnte ſein Ausbleiben nicht rechtfertigen, ihn höchſtens von der Theilnahme am Tanze entbinden, wobei allerdings beſonders auf die jün⸗ geren Offiziere gerechnet wurde. Schweren Herzens und ernſter Miene begab er ſich in das herzogliche Schloß, deſſen Prunk⸗ und Geſellſchafts⸗ gemächer allen Glanz entfaltet hatten; an ſechs bis ſieben⸗ hundert Perſonen in Militär⸗ und Civiluniformen, die Damen in den reichſten und bunteſten Toiletten, füllten die Räume, ſo daß der Einzelne, wenn ſich nicht eine beſon⸗ dere Bedeutung an ſeine Perſönlichkeit knüpfte, ſich gerade in dieſer Menge am beſten zurückgezogen halten konnte; und dies war auch die Abſicht des jungen Offiziers, er gehorchte nur einer drückenden Pflicht und dachte nicht daran, Vergnügen zu ſuchen und zu finden. Alles ſah ihm um dieſe Zeit gerade ſo recht trübe aus; er hoffte kaum, daß es je wieder beſſer werden könne, und ſein Herz war mit Bitterkeit über die raſch aufeinan⸗ derfolgenden Schickſalsſchläge, die ihn betroffen hatten, er⸗ füllt; er hatte ſich ſchon mehr als einmal gefragt, ob es wohl eigentlich noch der Mühe lohne, zu laben, oder ob 166 der Werth dieſes nicht vernünftigerweiſe in den rauſchenden, betäubenden Vergnügungen, welche den ſinnlichen Leiden⸗ ſchaften fröhnten, allein zu ſuchen ſei. Sein guter Engel war aber doch nicht im Stande geweſen, dieſe verzweif⸗ lungsvolle Frage zu bejahen, und warnte ihn vor einer ſo frivolen, gefährlichen Anſchauung. Er konnte mit Beſtimmtheit erwarten, daß er an dieſem Abende die junge Erbherzogin in der Nähe wieder⸗ ſehen werde; indeſſen hatte er ſich ſchon darauf vorbereitet, und ſeine Stimmung war eine ſo ernſte, daß er keine Art von Aufregung dabei für ſich befürchtete. Dennoch begann ſein Herz lauter zu klopfen, als die herzoglichen Herrſchaf⸗ ten erſchienen. Die Erbherzogin wurde von ihrem Gemahl geführt, und Victor konnte dieſelben Bemerkungen machen, die ihm be⸗ reits mitgetheilt worden waren; er vergaß alles Andere, was ihn ſonſt noch bewegt hatte, über der ſchmerzlichen Theilnahme an dem Geſchicke Derer, die ihm, wie er fühlte, immer noch ſo unendlich theuer war. In ſeinen Augen hatte ſie an ihrer Schönheit, an ihrem jugendlichen Lieb⸗ reize, an der reinen Jungfräulichkeit noch Nichts eingebüßt, und die Vorſtellung von ihrem Unglücke konnte ſeine leiden⸗ ſchaftliche Hingebung für ſie nur noch verdoppeln. 167 Er begriff die Gefahr, vor der er ſich ſchon ſicher ge⸗ glaubt hatte, und zog ſich ſoweit wie möglich zurück, um nicht von ihr geſehen zu werden, konnte er es doch nicht über ſich bringen, zu glauben, daß es ihr ganz gleichgiltig bleiben würde, wenn ſie ihn wiedererkennen ſollte; anderer⸗ ſeits aber konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, ſie aus der Ferne zu beobachten und ſich dabei in Träumen zu wiegen, die weit über das Maß der Wirklichkeit hinaus⸗ gingen. Nach verſchiedenen Vorſtellungen der angeſehenſten Gäſte bei der herzoglichen Familie begann der Ball. Die Erbherzogin tanzte auch; ſie mußte es wohl, aber man konnte leicht bemerken, daß ſie dabei kein Vergnügen empfand; die Wahl ihrer Kavaliere war ihr anfänglich auch durch die Etiquette vorgeſchrieben, und dieſelben konn⸗ ten ihr ſchwerlich in irgendeiner Beziehung genügen; dennoch war ſie ſo liebenswürdig, wie es ſich nur ver⸗ langen ließ, wenn man ihr auch den Zwang dabei anmer⸗ ken mochte. Prinz Georg hatte nur einmal mit ſeiner Gemahlin getanzt, dann mit einigen Hofdamen, denen er, dem Ge⸗ rüchte nach, ein beſonderes wohlaufgenommenes Intereſſe zutrug; nachher ging er mit einigen Vertrauten anderen 168 Vergnügungen nach und bekümmerte ſich weder mehr um den Tanz noch um ſeine Gemahlin. Graf Horneck wurde durch unvermeidliche Unterhal⸗ tung mit Bekannten zeitweiſe daran verhindert, die Erb⸗ herzogin im Auge zu behalten; man wunderte ſich darüber, daß er nicht tanzte und ſo trübe ausſah, begnügte ſich aber immer mit ſeiner Erwiderung, daß er den Tod ſeines Stiefvaters betrauere. Da trat einer der geſchniegelten Kammerherren zu ihm und berichtete ihm in wohlgeſetzter, förmlicher Rede, die Frau Erbherzogin wünſche den nächſten Walzer mit ihm zu tanzen. Wer die Etiquette der Höfe nur einigermaßen kennt, wird darin nichts Außergewöhnliches, die Prinzeſſin Be⸗ laſtendes finden; wenn die hohen Damen den konventio⸗ nellen Rückſichten genügt haben, wählen ſie ſich ihre Tän⸗ zer, die es nicht wagen dürften, ſich ihnen zu nahen, denn ſitzen bleiben darf eine ſolche Dame nicht, wenn ſie aus Neigung oder Zwang tanzen will oder muß. Es dürfte aber eine Erklärung nothwendig ſein, wie die Erbherzogin dazu gekommen war, ſich den Lieutenant Graf Horneck zu ihrem dadurch hochbeehrten Kavalier auszuerſehen. Prinzeß Anna hatte, wie ſchon erwähnt, den Pagen. 169 der Herzogin nicht gänzlich zu vergeſſen vermocht; daß die Erinnerung an ihn deſſenungeachtet durchaus keinen gewich⸗ tigen Einfluß auf die Abneigung gegen die ihr aufgezwun⸗ gene Che übte, braucht wohl kaum geſagt zu werden, denn ſie trug ſich noch viel weniger wie Victor mit ſchwärmeri⸗ ſchen Träumereien, welche ganz ſicher nie zur Wirklichkeit werden konnten. Nun wollte es aber der Zufall, daß ſie den Lieute⸗ nant des Gardekavallerieregiments trotz deſſen Bemühungen, ſich zurückgezogen zu halten, erblickte, und auf der Stelle erkannte ſie den ehemaligen Pagen der Herzogin in ihm wieder. Es läßt ſich nicht erörtern, was ſie dabei empfand, aber der Wunſch, ſich über ihre bisherigen Zweifel aufzu⸗ klären und ihn näher kennenzulernen, war am Ende ganz natürlich und ihr ſo leicht zu erfüllen, daß ſie dieſer Verſuchung nicht widerſtehen konnte. Die alte Herzogin, ihre Schwiegermutter, kam ihr dabei auch noch zu Hilfe, und ſo konnte ſie ihre Aufforderung an den Lieutenant für vorläufig gerechtfertigt halten. Sie hatte es nämlich über das Herz gebracht, Jene, neben der ſie gerade ſaß, auf den Letzteren aufmerkſam zu machen und zu fragen, ob ſie ſich nicht irre, wenn ſie ihn früher ſchon einmal als Pagen geſehen zu haben glaubte. 3 3— ——————— —— — — 170 Die Herzogin erinnerte ſich damit erſt wieder, daß ſie ſelbſt eine Art von Verpflichtung gegen den jungen Grafen Horneck habe, und wußte ſich derſelben im Augenblicke nicht beſſer zu entledigen, als daß ſie, in der Eile ihm viel Lob ſpendend, den Wunſch äußerte, ihre Schwieger⸗ tochter möge ihn durch einen Tanz auszeichnen. Sie be⸗ merkte nicht, wie Anna erröthete, aber dieſe konnte nun auch garnichts Anderes mehr thun, als dem mütterlichen Winke auf der Stelle nachzukommen. Ohne Zweifel pochte das Herz der jungen Erbherzogin nicht viel weniger wie das Victors, während der Kammer⸗ herr ſich ſeines Auftrages entledigte. Es war doch ganz unmöglich, daß Victor ſich in dieſem Falle auf ſeine Trauer berufen ſollte, um die ihm zugedachte Ehre zurückzuweiſen; man würde ihn dann nicht allein allerſeits für thöricht und jeder hoffähigen Bildung entbehrend, ſondern eine ſolche Weigerung auch für eine Beleidigung der Prinzeſſin gehalten haben, die ihn ſeine ganze Stellung koſten konnte,— und wen hätte er wohl weniger zu verletzen vermocht, als gerade ſie?— Was ihr auch die Herzogin von ſeinen Verhältniſſen mitgetheilt haben mochte, hatte die hohe Frau momentan gänzlich vergeſſen, daß der Stiefvater des Lieutenants ge⸗ 171 ſtorben war, und Anna beſaß nicht die leiſeſte Ahnung davon, daß ihre Aufforderung den Grafen Horneck in Ver⸗ legenheit ſetzen könnte. Ihm war nun auch keine Wahl mehr geblieben; er konnte nur dem Kammerherrn folgen, der ihn vor die bei⸗ den hohen Damen führte. In der That hatte er augen⸗ blicklich, wo ſein Herz bis zum Zerſpringen geſchwellt war, auch ſeinen Stiefvater vergeſſen. Die Herzogin ſelbſt übernahm es in der allergnädigſten Weiſe, den Grafen ihrer Schwiegertochter vorzuſtellen, und behandelte ihn dabei mit einer gewiſſen Vertraulichkeit als einen alten Bekannten, ſo daß die Kluft, welche der Stan⸗ desunterſchied gezogen hatte, momentan ziemlich ausgefüllt erſchien; jedenfalls konnte dies für die Prinzeſſin nicht ohne allen Eindruck bleiben. Deſſenungeachtet war ſie dieſem Tänzer gegenüber blöder wie gegen jeden früheren; die Farbe wechſelte raſch auf ihren Wangen, und ſie konnte garnicht die rechten Worte finden, um ihn zu ermuthigen, was doch wahrlich nothwendig erſchien, denn der ſonſt ſo gewandte Offizier wußte ſich dieſes Mal durchaus nicht mehr Bedeutung zu geben, wie er es ehemals in ſeiner Pagenrolle ver⸗ mocht hatte. 172 Glücklicherweiſe hatte ſich der dienſtfertige Kammer⸗ herr beeilt, das Zeichen zu geben, auf welches das Muſik⸗ corps die Introduktion zum Walzer anſtimmte, den ſelbſt⸗ verſtändlich die Erbherzogin mit dem Lieutenant Grafen Horneck als erſtes Paar anführen mußten. Victor führte ſeine Dame zu dem beſtimmten Platze, und die anderen Paare reihten ſich hinter ihnen auf. Vielfach wurden die Köpfe zuſammengeſteckt und ge⸗ flüſtert, ſoweit dies die gute Sitte geſtattete; man wun⸗ derte ſich über die dem Lieutenant zutheil gewordene Ehre oder beneidete ihn wenigſtens darum, und nebenbei konnte ſich Niemand der Ueberzeugung verſchließen, daß ein ſchöneres Paar ſelten geſehen worden ſei. Die kurze Pauſe vor Beginn des Tanzes mußte, was die Unterhaltung mit ihrem Kavalier anbetraf, die Erb⸗ herzogin faſt allein ausfüllen, und ſie geſtand ſich, daß ihr dies ſelten ſo ſchwer geworden war. Sie hatte ſofort be⸗ griffen, daß der junge Offtzier nicht durch kindiſche, geiſt⸗ loſe Blödigkeit gefeſſelt war, daß die Ehre, die ſie ihm er⸗ zeigte, ihn nicht allein verwirrte, ſondern ſie fühlte, daß er jene erſte Begegnung ebenſo wenig vergeſſen hatte wie ſie ſelbſt und daß ein tiefes Gefühl, das eben keine Worte finden konnte, ihm den Mund ſchloß. Und wo hatte ſie 173 denn in der letzten Zeit wahres, inniges Gefühl gefunden, wie ſchmerzlich daſſelbe nicht entbehrt!?— Sie lächelte deshalb nicht über den ſchüchternen Kavalier, ſondern ihr Vertrauen öffnete ſich immer mehr. Victor war ein vorzüglicher Tänzer; ſobald er wagen durfte, den Arm um die Hüfte ſeiner Dame zu legen, als er ſo ſicher und leicht, wie von Engelsflügeln getragen, mit ihr dahinſchwebte, faſt Herz am Herzen, da durchſtrömte ihn lichtes Feuer und er vergaß die Prinzeſſin, fühlte nur die Geliebte. Dieſer ſüße Rauſch verflog auch nicht, als die nächſte Pauſe im Tanze eintrat, und das übervolle Herz trat ihm nunmehr auf die Lippen. Der volle Him⸗ mel war ihm aufgegangen, ſchneller und anders, wie er es ſich je vorgeſtellt hatte, und in ihm erſchienen alle künſtlich aufgebauten Schranken, die ihn von ſeiner Tän⸗ zerin trennten, gefallen und er hielt ſich ihr ebenbürtig durch die Kraft der allgewaltigen Liebe, die in ſeinem Herzen flammte und von dem ihrigen wenigſtens nicht ent⸗ ſchieden zurückgeſtoßen zu werden ſchien. Victor ſprach vorzüglich von ſeinen Familienverhält⸗ niſſen, denn Anna hatte ihn dazu aufgefordert, um der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben; er beläſtigte ſie nicht mit Klagen über ſein Schickſal, aber der Ernſt 174 in ſeinem ganzen Weſen, der ſich daraus herſchrieb, die faſt wehmüthige Sehnſucht nach einem ihm bisher unbekannt gebliebenen Glücke, von dem er vollſtändige Befriedigung hoffte, konnten ihr nicht verborgen bleiben; ſie glaubte in ihm eine durchaus edle, reichbegabte und tieffühlende Natur gefunden zu haben, die mit ihrer eigenen ſympathiſirte, und wenn mitleidsvolle Theilnahme ihr Herz zu füllen be⸗ gann, während das ganze Auftreten des jungen Mannes ihr eine wohlgefällige Achtung abnöthigte, ſo erſtreckte ſich die letztere wohl auch unwillkürlich auf ſeine jugendlich ſchöne und doch ſo männlich würdevolle äußere Per⸗ ſönlichkeit. Sie wollte abſichtlich Nichts davon erwähnen, daß er ihr früher bei ſeinem Pagendienſte ſchon einmal ein vorüber⸗ gehendes Intereſſe erweckt hatte, aber ermuthigt durch ihr freundliches Entgegenkommen und die ſeine Bruſt ſchwellen⸗ den Empfindungen, welche ſich nicht vollſtändig unter den Zwang der ſteifen Etiquette beugen wollten, erinnerte er an jenen Tag. Er mußte bemerken, wie dabei eine glü⸗ hende Röthe in ihre Wangen ſtieg, und ſich den Vorwurf machen, die Form verletzt zu haben; er ſchwieg deshalb erſchrocken, aber die milde Art und Weiſe, in der die Prin⸗ zeſſin die Unterhaltung fortführte, wenn ſie dieſelbe auch 175 ſchnell wieder auf ein anderes Feld verwies, ſagte ihm doch beruhigend, daß ſie ihm nicht zürnte. Sie mochte ſich wohl erinnert haben, wie frei und glücklich ſie damals noch im Vergleiche zu heute geweſen war, und konnte den Anklang ernſter Wehmuth auch nicht mehr ganz verbergen. Vielleicht war es für dieſe erſte nähere Begegnung der beiden eigenthümlich erregten Herzen ganz gut, daß der Tanz ſo ſchnell ſein Ende erreicht hatte; die Erbher⸗ zogin ſchien dadurch nicht gerade auf das Angenehmſte überraſcht zu werden, und Victor wollte es kaum für mög⸗ lich halten, daß er dem genoſſenen Glücke ſo bald ſchon wieder, vielleicht für immer, entſagen ſollte. Schweigend führte er die Prinzeſſin nach ihrem früheren Platze zurück; auch ſie fand jetzt kein aufmunterndes Wort mehr für ihn. Erſt als ſie ihm mit zwei oder drei einfachen Worten ihren Dank ſagte, traf ihn ein Blick, der ihm, wie ſchnell er auch wieder vorüber war, die ſelige Hoffnung gab, daß er ſie nicht zum letzten Male geſprochen haben ſollte. Die Herzogin, welche dem Tanze mit großem Ver⸗ gnügen zugeſehen, richtete auch noch einige huldreiche Worte an ihn, die er mit voller Aufmerkſamkeit zu beantworten Mühe hatte; dann mußte er ſich mit der ehrfurchtsvollſten Verbeugung zurückziehen. 176 Seine Kameraden und andere gute Bekannte nahmen ihn alsbald in ihre Mitte und beſtürmten ihn mit eigent⸗ lich indiskreten Fragen über die Unterhaltung, welche er mit der Erbherzogin geführt hatte; ſie wollten bemerkt haben, daß die letztere ſehr angelegentlich geweſen ſei, und ihre Neugierde überwog alle anderen Rückſichten; übrigens ließen ſie ſich auch garnicht einfallen, daß er Etwas zu verheimlichen haben könne, und beglückwünſchten ihn nur, daß er die Gelegenheit gehabt, den höchſten Perſonen ſo nahezutreten, woraus ſie ihm ſogar ſchon die glänzendſte Carrière prophezeihen wollten. Victor ſuchte eine möglichſt unbefangene Auskunft zu geben und war froh, als er die zudringlichen Frager damit einigermaßen befriedigt hatte. Sicher, daß die Prinzeſſin nicht im Stande ſein würde, ihn an dieſem Abende noch einmal mit einem Tanze zu beehren, drängte es ihn fort von dieſem Orte, wo die heiligſten Empfindungen ſeines Herzens durch die geräuſchvolle, ihm ſo wenig Intereſſe bietende Geſellſchaft entweiht zu werden ſchienen. 3 Nachdem er die erſte ſich bietende Gelegenheit benutzt hatte, die Säle zu verlaſſen, wo er nicht mehr vermißt zu werden hoffte, eilte er aus dem Schloſſe und ſeiner Woh⸗ nung zu. Es war eine kühle ſternenklare Nacht, die hun⸗ 177 dert Andere gerade nicht zum längeren Aufenthalte im Freien geeignet gefunden haben würden; aber wie konnte er Kälte und Wind fühlen, in deſſen Herzen und Bruſt die hellen Flammen loderten?— Es waren auch nicht ſchmerzende Empfindungen, die ſie ihm verurſachten, wenig⸗ ſtens konnten ſolche erſt ſpäter zur Geltung kommen, als die vernünftige Einſicht in die wirklichen Verhältniſſe ſich wieder Bahn brach; nein, er war überglücklich, ſein Glück in der leidenſchaftlichen Aufregung ſo groß, daß es ihm alle jene Millionen über ihm ſtrahlender Welten nicht in ſich faſſen zu können ſchienen. Wie drückten ihn die finſteren oder doch nur künſtlich erleuchteten, jetzt ſchon menſchenleeren Straßen der Stadt nieder, dann die engen Zimmer ſeiner Wohnung!— Er mußte hinaus, wo es keine Raumbeſchränkung mehr gab oder zu geben ſchien, frei und ſchnell umherſchweifen in der weiten Nachteinſamkeit, war ſein eigenes Herz doch ſo unendlich groß geworden und ſeine Empfindungen fanden noch immer keinen Platz darin. Sein Diener, der ihn noch erwartete, war erſtaunt über das ungewöhnlich ſtürmiſche Weſen ſeines Herrn und deſſen in kurzen Worten gegebenen Befehl, auf der Stelle ſein Lieblingspferd zu ſatteln; der Menſch traute kaum Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 12 178 ſeinen Ohren und zögerte, trotz des anerzogenen militäri⸗ ſchen Gehorſams, denn ein ſolch nächtlicher Ritt ohne jeden einleuchtenden Grund ſchien ihm geradezu wahnſinnig zu ſein; als der Lieutenant aber ungeduldig ſeinen Befehl wiederholte, ſtürzte er fort, und der Rappe war noch nie ſo ſchnell geſattelt worden. Das aus der Nachtruhe geſtörte Thier mochte ſich auch ſeine eigenen Gedanken machen, aber es folgte willig dem bekannten Reiter und ſchüttelte nicht zweifelnd den Kopf wie der Burſche, der bei ſich dachte, es müſſe wohl etwas Beſonderes, Verhängnißvolles paſſirt ſein, und das that dem treuen Herzen wehe und ſcheuchte den ſonſt ſo geſunden Schlaf aus den müden Augen. Victor fragte nicht nach der Meinung des Einen und des Anderen, überlegte nicht einmal, wie er den ſonder⸗ baren nächtlichen Ritt rechtfertigen könne, wenn derſelbe unter der Kameradſchaft bekannt würde. Als er vor die Stadt hinausgekommen war, die ſchon in tiefem Schlafe lag, ließ er das gute und gehorſame Thier weit ausgreifen, bis er ſich fern von aller Menſchen Nähe befand und dann ritt er langſam auf der todten finſtern Landſtraße weiter, um ſich ganz ungeſtört ſeinen Gedanken hinzugeben. Wie wogte und ſtürmte es in ſeinem Inneren nach 179 dem haſtigen, faſt den Athem beraubenden Ritte, bis dann wieder das helle ſanfte Sternenlicht durchbrach und ihm in verklärendem Glanze ſein unendliches Glück zeigte. Er war überzeugt, daß die Erbherzogin ihn liebe, weil er ſelbſt es ſich ſo einreden wollte und mußte, denn ohnedem würde der Himmel, der ſich ihm eröffnet hatte, wieder in die tiefe Nacht der Verzweiflung verſunken ſein; in der Auszeichnung, die ſie ihm durch ihre Aufforderung zum Tanze hatte zu theil werden laſſen, in jedem ihrer Blicke und Worte fand er den Beweis dafür, und da er ſich durch ſeine eigenen Gefühle der leidenſchaftlichen Anbetung ein Recht auf die ihrigen erworben zu haben glaubte, fiel es ihm auch nicht einmal ein, daß ſolche von ihrer Seite eine ſchwere Pflichtverletzung, ein Verbrechen ſogar in ſich ſchließen könnten, das er ſelbſt bei ruhigerer Ueberlegung wohl entſchuldigen, aber doch nimmermehr würde rechtfer⸗ tigen können.. Die Hinderniſſe für eine Vereinigung ihrer Herzen, die er früher ſo klar geſehen hatte, waren ihm in dieſem Rauſche vollſtändig verſchwunden; der Erbherzog exiſtirte garnicht mehr für ihn. Das war die Ekſtaſe der erſten glühenden Liebe, die nur himmliſche Ideale ſuchte und für 1 12* 180 alle Rückſichten, welche die Wirklichkeit auferlegt, blind und taub blieb; wer hätte ſich nicht einmal darin befunden? Victor konnte ſich in dieſem erregten Zuſtande auch keinen Plan dafür machen, was er nunmehr thun wollte und könnte; er glaubte, das Schickſal, das ihm heute ſo günſtig geweſen, könne ihm nun auch nicht wieder unge⸗ treu werden,— alles Weitere müſſe ſich von ſelbſt finden. Wer weiß, wie weit der glückliche Schwärmer noch ſeinen beinahe abenteuerlichen Ritt und damit den überirdi⸗ ſchen Traum fortgeſetzt haben würde, hätte der Rappe ſich nicht endlich doch ein wenig widerſpänſtig gezeigt und ſehr deut⸗ lich markirt, daß ihm die ungewohnte nächtliche Promenade durchaus nicht gefalle? Der Lieutenant war ungerecht gegen das treue, er⸗ probte Thier, deſſen inſtinktmäßiges Verhalten ihn aus ſeinen ſchönſten Träumen erweckte; er ließ es zuerſt ſeinen Unmuth fühlen, dann beſann er ſich, daß er wirklich zuviel von ihm verlangt habe und doch einmal nach Hauſe zurück⸗ kehren müſſe, bevor der Tag graute, war er nun doch ſchon ziemlich weit von der Stadt entfernt. Die Kälte, welche der herankommende Morgen mit ſich zu bringen pflegt, der zunehmende Wind und ein gerade nicht ange⸗ nehmer Regen entnüchterten ihn vollſtändig, dazu kam der 181 Gedanke, daß er ſich durch dieſen nächtlichen Ritt, für den ſich ſchwer eine Erklärung finden ließ, bei ſeinen Bekann⸗ ten lächerlich machen könnte, und ſchließlich fand er ſich wieder in die Welt zurückverſetzt, die ihn mit allen ihren irdiſchen Schlacken umgab. Einſtweilen mußte das Pferd dieſes böſe Erwachen entgelten; heftig gab er ihm die Sporen und jagte in der Richtung nach der Stadt zurück, fort über Felder und Wieſen, Gräben und andere Hinderniſſe, ohne dabei irgend⸗ einer Gefahr für ſich ſelbſt und der dem armen Thiere zugemutheten Anſtrengung zu achten. Je klarer er wieder ſah, deſto mehr erbleichten Glück und Hoffnung, denen er ſich hingegeben hatte, zugleich mit den Sternen über ihm, und eigentlich recht troſtlos ſchon kam er auf dem ſchäumen⸗ den Pferde an, worauf er ſeinem Diener mürriſch befahl, den Rappen gut zu verſorgen, aber auch zu keinem Menſchen davon zu ſprechen, daß er denſelben in der Nacht gerit⸗ ten habe. Wir wollen nicht weiter von der Nacht ſprechen, die Victor wachend und auf dem Sopha zubrachte; am anderen Morgen ſah er ungewöhnlich blaß und ernſt aus. Ein ähnlicher Wechſel in ſeiner Gemüthsſtimmung wiederholte ſich noch mehrere Male, und er brauchte Mühe, 182 um denſelben vor der Oeffentlichkeit zu bekämpfen, was er indeſſen doch durchzuführen wußte; gewiß hatte Niemand eine Ahnung von Dem, was in ſeinem Inneren vorging, aber eine Veränderung bemerkte ſeine nächſte Umgebung dennoch. Mit den heiligen Empfindungen, die er im Her⸗ zen trug, erſchien es ihm nämlich ganz unvereinbar, ſich rein ſinnlichen Beſchäftigungen hinzugeben; deshalb wurde er wieder in den Kreiſen ſeiner ſogenannten Freunde ver⸗ mißt, wenn dieſelben ſich zu ihren gewöhnten Vergnügun⸗ gen bei Wein und Spiel verſammelten; es fehlte nicht an Solchen, die ihm dies geradezu übel aufnahmen, indeſſen machten ihre Vorwürfe durchaus keinen Eindruck auf ihn. Wie ſchon geſagt, wollte der herzogliche Hof die Winter⸗Saiſon beſonders glänzend feiern; die Feſte folgten ziemlich raſch aufeinander. Der Lieutenant Graf Horneck wurde immer dazu geladen, und es fiel ihm jetzt nicht mehr ein, ſich dieſer Aufforderung zu entziehen; er wartete ſogar mit Ungeduld darauf. Auf dem nächſten Hofballe tanzte die Erbherzogin wie⸗ der mit ihm, ſogar zweimal. Dies durfte nicht zu auffällig erſcheinen, nachdem er einmal eines ſolchen Vorzugs ge⸗ würdigt worden, denn es ließ ſich nicht beſtreiten, daß er ein vortrefflicher Tänzer war. Niemand ſtellte darüber 183 auch tiefergehende Betrachtungen an. Graf Horneck galt als ein beſonderer Liebling der Herzogin⸗ Mutter, und der Herzog ſelbſt zeigte ſich ihm äußerſt wohlwollend. Er war bei Hofe eine Figur geworden, die, wenigſtens bei dergleichen Feſtlichkeiten, faſt noch mehr hervorleuchtete wie die höchſten Staatsbeamten; allgemein galt er als Günſtling der herzoglichen Familie, dem Einige ſogar ſchon einen großen Einfluß zutrauen wollten. Daß die junge Erbherzogin ihn ſehr gern hatte, lag außer aller Frage; man brauchte Beide nur beim Tanzen zu betrachten; wer hätte aber zu behaupten gewagt, daß in dieſer Gunſt etwas Anſtößiges liege? Nur Prinz Georg ſchien dem Grafen nicht insbeſon⸗ dere zugethan zu ſein. Eine Art Eiferſucht ließ ſich dabei nicht vermuthen, denn einmal lag ja garkeine Veranlaſſung dafür vor, und dann glaubte man überhaupt nicht, daß der Prinz auf ſeine Gemahlin eiferſüchtig ſein könne, da er fortfuhr, ſie augenſcheinlich zu vernachläſſigen und ge⸗ ringſchätzig zu behandeln. Davon liefen ſonderbare, wahr⸗ ſcheinlich auch meiſtens übertriebene Gerüchte im Publikum umher, und man wollte wiſſen, daß der Herzog und deſſen Gemahlin gegen den eigenen Sohn ſchon entſchieden Partei 184 für die Erbherzogin genommen hätten, was übrigens auch alle Welt that. Der Erbherzog konnte gewiß nichts Unpaſſendes darin finden, daß ſeine Gemahlin hin und wieder mit einem jungen Kavaliere von ſo guter Familie, obenein Offizier, tanzte, und er hatte dies auch noch nie durch eine Aeuße⸗ rung verrathen. Indeſſen war er augenſcheinlich dem Grafen Horneck nicht ſo wohlwollend geſinnt wie die ande⸗ ren Mitglieder ſeiner Familie; er ging ihm überall aus dem Wege, ſah ihn nicht mit den freundlichſten Blicken an, und wenn er einmal das Wort an ihn richten mußte, liebte er es, jedesmal eine höhniſche Bemerkung hinzuzu⸗ ſetzen, die gerade nicht verletzend war und übelgenommen wer⸗ den konnte, aber ſeiner erzwungenen Herablaſſung doch eine halbironiſche Färbung gab. Victor ärgerte ſich anfänglich darüber, denn dem Prinzen gegenüber war er gerade be⸗ ſonders empfindlich; da er dies aber nicht zeigen durfte, hielt er es für das Beſte, ſich gänzlich darüber hinwegzu⸗ ſetzen, und im Ganzen verachtete er den hohen Herrn ja auch noch viel mehr wie früher, da feine Abneigung jetzt noch einen egoiſtiſchen Grund hatte. Glücklicher Weiſe kamen Beide nicht in militäriſch⸗ dienſtliche Berüh⸗ rung, wo der Erbherzog vielleicht gern Veranlaſſung 185 geſucht hätte, dem Lieutenant ſein Uebergewicht auf eine unangenehmere Weiſe fühlen zu laſſen. Die Unterhaltung, welche die Prinzeſſin mit ihrem Kavaliere während des Tanzes zu führen pflegte, war ohnehin durch die kurze Zeitdauer beſchränkt und hielt den⸗ ſelben oder wenigſtens einen ähnlichen Ton inne, wie das erſte Mal. Unter ſo vielen beobachtenden Augen mußten beide Theile ſchon auf der Huth ſein, ihre Empfindungen nicht zu laut ſprechen zu laſſen, und wären ſie allein geweſen, würden ſie ſchwerlich den Muth gewonnen haben, dieſelben in Worten auszudrücken; es waren ja noch viel höhere und unverletzbarere Schranken, die ſie von einander trennten, da, als die des Ranges. Durch die ſeltene Unterhaltung wurde aber dennoch ein vertraulicheres, freundſchaftliches Einverſtändniß zwiſchen ihnen erzielt, und Jeder bemerkte ſelbſt kaum, wodurch er ſo nahe dem An⸗ deren getreten war, fühlte ſich aber wohlthätig von dieſer Annäherung berührt, Victor jedenfalls ſehr beglückt. Wie die Erbherzogin dieſes Verhältniß auffaßte, war ihm noch nicht ganz klar; wenn er aber das Glück gehabt hatte, mit ihr zu ſprechen, ſo fühlte er ſein Herz jedes⸗ mal ſehr erleichtert und wieder in einen ſchönen Traum gewiegt. ——— l 186 Wir laſſen den Wirkungen der Zeit nun aber ihren Lauf und kehren nach dem fürſtlichen Schloſſe zurück, deſſen letzter Herr nun ſchon ſeit einer Weile in der Gruft ſeiner Ahnen ruhte. Fünftes Kapitel. Der plötzliche Tod des Fürſten Albert Turn, dem keine Klage über Unwohlſein von ſeiner Seite vorausge⸗ gangen war, hatte allgemeine Beſtürzung und Trauer in den nächſten und weiteren Kreiſen hervorgerufen. Seine wahren Freunde und alle ſeine Unterthanen fühlten nun erſt recht klar, was ſie an dem edlen Manne verloren hatten, der ihnen jederzeit mit Rath und That zur Seite zu ſtehen bereit geweſen; in ihrem Herzen hatte er ſich ein unver⸗ tilgbares Denkmal geſetzt. Es floſſen daher viele aufrichtige Thränen, und dem feierlichen Leichenbegängniſſe wohnte eine große Menge aus den verſchiedenſten Ständen von nah und fern bei. Das Schloß ſah wieder eine Reihe höchſt bewegter und geräuſchvoller Tage, aber freilich anders wie zu der Zeit, als Victor dort geweſen war. Vielfach ging, allerdings mit großer Vorſicht, das Gerücht umher, innerer Kummer, gerade weil er ſo ſorg⸗ 188 ſältig verſchloſſen worden, habe mindeſtens zu dieſem über⸗ raſchenden Todesfalle beigetragen; das wäre nun aller⸗ dings nicht nachzuweiſen geweſen und klang faſt unglaublich, da Fürſt Albert ſich im Ganzen doch ſtets als einen charakterſtarken Mann gezeigt hatte und über die Zeit jugendlicher Aufwallungen hinweg war, aber es deutete doch auf die Meinung, die man von ſeinem häuslichen Leben in letzter Zeit hegte, und konnte der Beurtheilung der Fürſtin Mathilde gerade nicht zum Vortheil gereichen. Die Dame war ſichtlich niedergeſchlagen, und es ließ ſich nicht einmal daran zweifeln, daß es ihr fern lag, die Heuchlerin zu ſpielen; einen leidenſchaftlichen, grenzenloſen Schmerzensausbruch konnte man am Ende unter allen vor⸗ liegenden Verhältniſſen nicht erwarten, und an ihrem jetzigen Benehmen ließ ſich durchaus Nichts ausſetzen; ſie zeigte ſich auch hier wieder als eine Dame von Welt, die nicht zuviel und nicht zu wenig that. Soviel als ihre Tochter Julie ſchien ſie freilich nicht unter dem großen Verluſte zu leiden; man bewunderte die Liebe, welche das junge Mädchen dem Stiefvater zugetragen hatte, ſagte aber voraus, daß dieſes jugendfriſche und lebensluſtige Herz bald wieder ſeinen Troſt finden werde. Vorzüglich waren die Theilnehmenden aller Klaſſen 189 eigentlich geſpannt darauf, in welcher Weiſe Fürſt Albert teſtamentirt haben möge, denn theils hing davon gewiſſer⸗ maßen das Schickſal ſeiner Untergebenen ab, theils wünſchte man auch Nichts weniger, als daß die Fürſtin Erbin ſeines ungeheuren Vermögens werde; ſie war nur in einem ge⸗ wiſſen kleinen Kreiſe beliebt; auch für die Kinder hatte man kein beſonderes Intereſſe. Die Teſtamentseröffnung ſollte dieſe Neugierde ſehr bald befriedigen, denn ſie erfolgte faſt unmittelbar nach dem prunkvollen Leichenbegängniſſe. Man wußte, daß der Fürſt nicht näherſtehende Verwandte beſaß, die gegründete große Anſprüche machen konnten; dennoch hatte ſich plötz⸗ lich eine ganze Zahl Solcher zu der Trauerfeierlichkeit ein⸗ gefunden, die wenigſtens weitere Grade der Blutsverwandt⸗ ſchaft nachwieſen. Fürſtin Mathilde ſchien jedoch nicht im Mindeſten beunruhigt zu werden; ſie empfing dieſe un⸗ gebetenen Gäſte mit aller Höflichkeit, aber ohne beſondere 4 Wärme, und wenn nur die entfernteſte Hindeutung auf 3 das Teſtament geſchah, machte ſie eine etwas ſpöttiſche Miene, fuhr auch fort, ſich als unbeſchränkte Herrin aller Angelegenheiten zu zeigen, wie ſie von ihrem verſtorbenen Gemahl hinterlaſſen worden waren; man konnte daraus leicht ſchließen, daß ſie ganz gewiß ſei, dieſe Herrſchaft 190 zu behaupten. Indeſſen gab ſie vor, keine Kenntniß von dem Inhalte des Teſtamentes zu beſitzen. 4 Es war auch, wie man meiſtens ſchon mit einer ge⸗ wiſſen Bangigkeit erwartete; der Fürſt hatte verſchiedene, gar nicht unanſehnliche Legate ausgeſetzt für einige jener Verwandten, ſo daß dieſelben keinesfalls noch weitere An⸗ ſprüche gerichtlich machen konnten, desgleichen für mehrere milde Stiftungen; vielen ſeiner wenig begüterten Guts⸗ unterthanen erließ er die Schulden, die ſie bei ihm hatten, andere Arme waren reichlich bedacht, insbeſondere die Dienerſchaft; dieſe beträchtlichen Summen ſchmälerten aber kaum das koloſſale Vermögen, deſſen unbeſchränkte Univer⸗ ſalerbin ſeine Gemahlin wurde, mit der Empfehlung, es dereinſt zu gleichen Theilen auf ihre beiden Kinder über⸗ gehen zu laſſen; aber auch hierin war ihr ganz freie Hand gegeben. Alles das war in ſo ſicherer, rechtskräftiger Form auf⸗ geſtellt, daß ſich gar nicht daran denken ließ, dagegen andere Anſprüche zu erheben. Ein leiſer Triumph war der Fürſtin doch anzuſehen, als dieſe Entſcheidung bekannt geworden war; ſie beſtrebte ſich aber, dieſelbe als eine ganz natürliche Sache hinzuneh⸗ men, und ließ ſich dabei weder durch die ihr zugetragenen — 1 1 191 meiſt heuchleriſchen Glückwünſche, noch durch die finſteren Geſichter Einzelner irre machen; die Letzteren beeilten ſich, abzureiſen, ſei es nun mit dem ihnen zugefallenen Antheile, der ſofort baar ausbezahlt wurde, oder ganz ledig. Natürlich ſuchten die in ihren Hoffnungen Getäuſchten Fürſtin Mathilde nun als eine Erbſchleicherin hinzuſtellen; aber ſie erreichten damit nicht das Mindeſte, denn es lag auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Behauptungen vor,— man wußte ja, daß der Fürſt ſeine Gemahlin auf das Zärtlichſte geliebt, wenn er auch vielleicht manchen Grund gefunden hatte, ſich nicht recht zufrieden zu fühlen, — und übrigens ſtand die Fürſtin ſchon vermöge ihres glänzenden Reichthums ganz unangreifbar da. Im Ernſte konnte Niemand an die Einleitung eines Prozeſſes gegen die Wittwe denken. Was die Gutsangehörigen und die Dienerſchaft an⸗ betraf, hätten ſie wohl auch lieber geſehen, wären ſie nicht der Willkür der ſtolzen Dame preisgegeben geweſen, zu der ſie bisher kein rechtes Vertrauen zu faſſen vermocht hatten, indeſſen hing bei den Meiſten die ganze Exiſtenz davon ab, daß ſie ſich ihre Gunſt erwarben oder bewahrten, und ſo bekam die Fürſtin nur freundliche, ergebene Diener zu ſehen, die ſelbſt ihrer läſtigſten Laune zu ſchmeicheln bereit 192 waren. Die guten Leute ſuchten heimlich einen Troſt darin, daß der herzogliche Lieutenant, den ſie allerdings nur flüchtig kennen gelernt, der ſich aber immer ſo freundlich und gut⸗ müthig gezeigt hatte, früher oder ſpäter doch einmal ihr Herr werden müſſe, und man erinnerte ſich jetzt lieber wie je daran, daß derſelbe auch die innigſte Freundſchaft des Fürſten genoſſen habe. 1 Fürſt Albert war im Herbſt geſtorben. Der darauf folgende Winter verging nun auf dem Schloſſe, wo die Wittwe mit ihrer Tochter in tiefer Trauer ausharrte, ganz ſtill. Geſellſchaften wurden nicht gegeben, man machte auch keine Beſuche, konnte aber doch nicht umhin, ſolche, die noch nachträglich zu condoliren kamen, auf Stunden oder einige Tage zu empfangen; die altbewährte Gaſt⸗ freundſchaft konnte doch nicht gänzlich außer Acht gelaſſen werden, wenn ſie nur mit Diskretion in Anſpruch ge⸗ nommen wurde. Niemand konnte behaupten, daß die Fürſtin nicht ihre Wittwentrauer halte; es war ihr dies um ſo höher an⸗ zurechnen, als ſie doch an ein glänzendes und geräuſchvolles Leben gewöhnt war und bisher demſelben offenbare Nei⸗ gung zutrug. Auch ſonſt ging Alles in der größten Ord⸗ nung fort; die Herrin controlirte ihre Gutsverwalter ſehr — 193 ſtreng, führte überhaupt ein tüchtiges Regiment und lie⸗ ferte den Beweis dafür, daß ſie nicht blos Geſellſchafts⸗ dame, ſondern auch eine kluge, umſichtige und energiſche Frau war; man begann ſie viel höher zu achten, wie man früher gethan hatte, aber Liebe wußte ſie ſich freilich nicht zu erwerben, denn ſie blieb gegen Alle, die nicht auf gleichem Boden mit ihr ſtanden, die vom Schickſal nicht ſo glänzend bedacht worden, wie eben ſie, kalt und ſtolz. Das Frühjahr kam heran. Die Leute hatten auf den jungen Grafen Horneck vergeblich gewartet, der, ihrer Idee nach, nun erſt den herzoglichen Militärdienſt quittiren und ſeiner Mutter bei der Verwaltung der Güter zur Hand gehen mußte; davon verlautete Nichts. Auch der jungen Comteſſe war man allgemein recht gewogen und bedauerte nur, daß ſie von ihrer Mutter ſo ſehr zurückgehalten wurde. Mit dem Frühjahre kam auf einmal auch ein alter Gaſt des Schloſſes wieder, deſſen man ſich noch gut er⸗ innerte, denn die Leute hatten ihn„den luſtigen und tollen Polen“ genannt. Mit dem letzteren Ausdrucke wollten ſie gerade nichts Böſes von ihm ſagen, denn wenn er hinund⸗ wieder einem Diener, der ihm über ſein Amt hinaus ge⸗ fällig geweſen war, oder einem armen, ſtets aber nur Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 13 194 hübſchen Mädchen einen Dukaten hinwarf, ſo war dies jedenfalls ſehr anerkennungswerth; die ungewöhnlich reiche Gabe ſetzte die armen beſcheidenen Menſchen aber doch in Erſtaunen, zumal ſie ſehr häufig gerade an den Unrechten gekommen war; weil nun Jeder, der es bedurfte, hoffte, von dem polniſchen Grafen, der ſich die Dukaten nur ſo aus dem Aermel zu ſchütteln ſchien, einmal ein ſolch' blankes Goldſtück zu erhalten, war er auch garnicht unbeliebt und recht gern wieder geſehen. Graf Bielinski langte alſo ganz plötzlich mit Extrapoſt auf dem Schloſſe an, indem er vorgab, ſich auf der Reiſe nach ſeinem Heimathlande Galizien zu befinden und doch unmöglich der alten, jetzt noch obenein trauernden Freund⸗ ſchaft vorüberfahren zu können, und die Fürſtin ließ ihm ſogleich ein paar Zimmer anweiſen, die mit allen Be⸗ quemlichkeiten ausgeſtattet waren, als ob es ſich von ſelbſt verſtände, daß er einen längeren Aufenthalt auf dem Schloſſe nehmen würde. Man wird ſich denken können, daß ſich der Graf nicht zweimal bitten ließ, einige Zeit zu bleiben, war doch ſeine Reiſe nach Galizien nur ein Vor⸗ wand geweſen, um ſich wieder in das fürſtliche Haus einzuführen, nachdem deſſen alter, ihm abgeneigter Herr daſſelbe geräumt hatte. In der That bekümmerte er ſich 195 ebenſo wenig um ſeine dortigen Verwandten, wie dieſe um ihn, denn Geldunterſtützungen konnte er von ihnen nicht mehr erlangen und Graf Bielinski brauchte noch immer viel Geld. Als er nothgedrungen das fürſtliche Gut verlaſſen hatte und nach der Kaiſerſtadt zurückgekehrt war, die für ihn die höchſte Seligkeit, welche das irdiſche Leben in ſich ſchließt, darbot, brachte er noch eine erkleckliche Summe aus ſeinem Spielgewinnſte mit und ſuchte ſich auf die beſte Weiſe über die ihm einſtweilen entgangene glänzende Hoch⸗ zeitspartie zu tröſten; er warf dabei ſeine Angeln ſogar nach verſchiedenen anderen Richtungen aus, aber ohne Erfolg, denn die Goldfiſchchen wollten nicht anbeißen, da er bei den klügeren Eltern doch als ein ziemlich leichter Kumpan verſchrieen war. Zwar wußte er den äußeren Schein und Anſtand recht gut zu bewahren, aber das Waſſer war zu ſeicht, man hatte bald auf den Grund geſchaut. Graf Bielinski war eigentlich nur ein Abenteurer, obenein ein armer. Das nicht ſehr bedeutende Ver⸗ mögen, welches er ehemals beſeſſen, hatte er leichtſinnig, nicht immer ohne wahre Generoſität, verſchwendet, haupt⸗ ſächlich aber im Spiele und anderen leichten Vergnügungen, 13* 196 die ihm noch ſchlimmer ausgelegt werden konnten; er beſaß jedoch einen guten Namen, Gewandtheit und Glück, und dieſe halfen ihm über die ſchlimmſten Klippen hinweg, wenigſtens erhielt er ſein Schiff, wenn auch mit manchem bedenklichen Lecke, vorläufig noch über Waſſer. Dieſe Lecke waren ſeine Schulden, deren Geſammt⸗ ſumme jetzt ſchon mehr betrug, als er jemals beſeſſen hatte und zu bezahlen hoffen durfte, wenn ihm nicht ein außer⸗ ordentliches Glück zufiel. Aber man kann, im gewöhn⸗ lichen Sinne des Wortes, auch Kavalier ſein, wenn man Schulden hat, und eigentlich ließ ſich Graf Bielinski nicht nachſagen, daß er die Geſetze der Kavalierehre je verletzt hätte. Indeſſen ſchien nun auch die höchſte Zeit zu ſein, daß er nicht in dieſe Verſuchung verſetzt würde. Mit der Ankunft des polniſchen Grafen auf dem fürſtlichen Schloſſe erwachte daſelbſt auch wieder neues Leben, wie ſich ſehr bald bemerken ließ. Es würde doch wohl etwas allzu Auffälliges gehabt haben, wenn die beiden Damen allein mit dieſem Gaſte verkehren gewollt hätten, und da die Fürſtin ihn nicht gern wieder ziehen ließ, um ſich von Neuem in die ſchon überdrüſſig gewordene Ein⸗ ſamkeit zu begraben, er auch garkeine Anſtalten machte, 197 wieder aufzubrechen, blieb Nichts übrig, als noch ein paar andere Geſellſchafter heranzuziehen. Dieſelben fanden ſich ſchnell genug; einigen Nach⸗ barn beiderlei Geſchlechts war das fürſtliche Haus noch intereſſanter geworden, ſeitdem die Fürſtin allein darin herrſchte, und ſie ließen ſich nicht lange bitten, zu kommen. So hatte ſich dieſes Mal eine nur kleine, aber beſonders gewählte Geſellſchaft zuſammengefunden, die ſich unter⸗ einander vollkommen verſtand. Eine Zeitlang wurde die Haustrauer noch aufrecht erhalten, indem man ſich in ge⸗ ſchloſſenen Räumen möglichſt ruhig amuſirte, dann wurde aber das ſchöne Frühlingswetter garzu verlockend und man machte Ausflüge in das Freie, ohne ſich vor den Leuten zu geniren, die doch auch kein Recht hatten, darüber die Naſen zu rümpfen. Daß der polniſche Graf hier wieder die Hauptrolle ſpielte, bezweifelte Niemand; nur war man bei allen Be⸗ obachtungen, die man gelegentlich machte, im Zweifel, ob davon die Frau Fürſtin mehr Vortheil zöge oder ihre Comteſſe Tochter, das heißt, wem von Beiden eigentlich ſeine Huldigungen gelten mochten; eine natürliche Aus⸗ legung ſprach für die Letztere, ſchärfere Beobachter behaup⸗ teten indeſſen, der Pole mache der älteren Dame, die aber 198 immer noch eine gewinnende weibliche Perſönlichkeit war, ſtark den Hof, und ſie ſcheine ſich dies auch ſehr gern ge⸗ fallen zu laſſen. Selbſt Perſonen der nächſten Bekannt⸗ ſchaft, die täglichen Augenzeugen, waren darüber nicht recht im Klaren. Julie, das unſchuldige, wenn auch verwöhnte Kind, war in letzter Zeit, wo die Damen ſich ſo zurückgezogen hielten, mehr als jemals dem Einfluſſe ihrer Mutter aus⸗ geſetzt geweſen; bei den Unterhaltungen an den langen Winterabenden, die ſie miteinander zubrachten, mußten die Lebensanſchauungen der Letzteren wohl auf ſie übergegangen ſein, da ſie noch nicht reif genug war, ſich ein eigenes Urtheil zu bilden und es ihr an jedem anderen Rathgeber fehlte. Die Fürſtin hatte auch mehrmals des Grafen Bie⸗ linski, für den ſie nun einmal eine beſondere Vorliebe be⸗ ſaß, erwähnt, ſeine vortrefflichen ritterlichen Eigenſchaften herausgeſtrichen und es doch wenigſtens ſo weit gebracht, daß das junge Mädchen jedesmal erröthete, wenn der Name des Grafen genannt wurde. Nehmen wir dieſe Vorliebe der Fürſtin als ein Räthſel weiblicher Laune an!— ſie ließe ſich auch ſonſt nicht leicht erklären. Julie wußte nun, daß ſie ſehr reich war, und ſie freute ſich darüber, ungeachtet ſie ihrem verſtorbenen ,, 199 Stiefvater noch ein wahrhaft trauerndes Andenken zutrug. Die Mutter hatte einmal einen Geſchmack an dem Lebens⸗ genuſſe in ihr erweckt, den die erregte jugendliche Phan⸗ taſie nährte. Sie wollte durch dieſen Reichthum beglücken und— vor allen Dingen— ſelbſt glücklich ſein; ſie glaubte, wie faſt alle Mädchen, dieſes Ziel erſt mit ihrer Verheirathung erreichen zu können. Vor Graf Bielinski waren damals alle anderen Freier zurückgetreten; ſeine Dreiſtigkeit mußte ihn daher wohl als den Würdigſten erſcheinen laſſen, und gerade die Mutter unterſtützte dieſen Irrthum. Julie ſah auch noch garnicht die Schwächen ihrer Mutter ein, denn dieſelben hatten ſich ja zum Theil auch ſchon auf ſie ſelbſt übertragen. War es nun wohl zu verwundern, daß der Pole ihr ein beſonderes Intereſſe abgewonnen hatte, obgleich ſie noch weit entfernt davon war, ihn zu lieben?— die Ab⸗ neigung ihres Bruders gegen dieſen Mann hatte ſie wohl verſtanden, und ſie gab nicht wenig auf Victor's Urtheil; aber die Mutter, der ſie auch noch mit vollem Vertrauen anhing, ſagte ihr immer wieder, Victor ſei zwar ein ganz braver Junge, aber entbehre doch aller Weltkenntniß und ſei von alten Vorurtheilen befangen, und ſchließlich glaubte ſie dies auch. Sollte und konnte der Bruder ihr den Ge⸗ 200 liebten des Herzens ausſuchen?— das wäre doch eine Zumuthung geweſen, in die ſie ſich nicht gern gefügt hätte, und ſie erinnerte ſich, daß er einmal beim erſten Abſchiede, wenn auch noch von kindlichen Anſichten befangen, einer ſolchen Idee Worte gegeben hatte. Das unerwartete Wiedererſcheinen Graf Bielinski's, deſſen Urſache ſie auf ihre eigene Perſon zu beziehen ſehr geneigt war, regte dieſe Gedanken nun beſonders in ihr an; auch ſie hatte die Langeweile der Abgeſchloſſenheit empfunden und begrüßte den aufgehenden Morgen des Lebensgenuſſes mit heimlicher Freude. Daß der Graf ihr den Hof machte, konnte ſie nicht mißverſtehen; an die Lauterkeit ſeiner Abſichten dachte ſie dabei nicht im Mindeſten, denn ihre Mutter hatte ihn ja ſtets als einen edlen, ritterlichen Charakter hingeſtellt und bei ihrem Mangel an aller Weltkenntniß zweifelte ſie gar⸗ nicht daran, daß er auch gerade Der war, für den er ſich ſo geſchickt ausgab; danach mußte er wohl ebenſo reich ſein wie ſie, und von eigennützigen Abſichten konnte bei ihm doch gar nicht die Rede ſein. Julien entging es wohl auch nicht gänzlich, daß der Pole zu ihrer Mutter in einem ſehr vertrauten Verhält⸗ niſſe ſtand; aber wie hätte ſie in ihrer Herzensunſchuld ——yö— 201 auf einen anderen Gedanken kommen ſollen, als daß er Jene für ſich zu gewinnen ſuchte, um deren Einwilligung in ſeine Bewerbungen um ſie ſelbſt zu erhalten?— Es lag ja auch auf der Hand, daß ſich der Graf um ſie be⸗ warb, und wenn bei dieſer Erkenntniß auch noch immer nicht die leidenſchaftliche Liebe in ihr aufflammte, ſo fühlte ſie ſich doch ſehr geſchmeichelt und war ihm höchſt dankbar dafür. Warum ſollte ſie dieſem liebenswürdigen Manne nicht ihre Hand geben, die er ſo ſehnſüchtig zu erſtreben ſchien?— wie oft deutete er ihr dies nicht an? wie gut verſtand er dann zu ihrem Herzen zu ſprechen, das ſo ſchüchtern eine Antwort verweigerte! Daß ein ſolcher Entſchluß nicht die Billigung ihres Bruders finden würde, deſſen war ſie gewiß; deshalb ver⸗ mied ſie auch in letzter Zeit, mit Victor zu korreſpondiren; die Unwahrheit hätte ſie ihm doch nicht geradezu ſagen gewollt. Sie hatte ſchon einen Grund, mit ihren Briefen zurückhaltend zu ſein, denn Victor hatte ſie während des Winters auch ein wenig vernachläſſigt, was man leicht er⸗ klärlich finden wird, wenn man ſich erinnert, wie voll⸗ ſtändig er von ſeinen eigenen Angelegenheiten in Anſpruch genommen wurde.. Seiner Mutter hatte er allerdings davon Mittheilung 202 gemacht, daß er häufig bei Hofe ſei, auch der beſonderen Auszeichnung genieße, zuweilen mit der jungen Frau Erb⸗ herzogin zu tanzen, indeſſen ließ er ſich nicht in vertrau⸗ licherer Weiſe darüber aus und die Fürſtin fühlte ſich ſelbſt wohl geſchmeichelt dadurch, daß ihr Sohn jetzt eine Rolle in der Geſellſchaft zu ſpielen anfange, was ſie auch wieder mehr mit ſeinem früheren Auftreten im Schloſſe verſöhnte, aber ſie ahnte nicht im Entfernteſten, daß er eine leidenſchaftliche Neigung zu der Prinzeſſin gefaßt und damit einen ſehr gefährlichen Boden betreten habe; ſie er⸗ muthigte ihn daher jedesmal, in ſolcher Weiſe fortzufahren. Zeugten die Briefe, die ſie ſich gegenſeitig ſchrieben, auch nicht mehr von der früheren herzlichen Zärtlichkeit und un⸗ bedingter vertrauungsvoller Hingebung, wie ſie überhaupt in viel längeren Pauſen abgeſandt wurden, ſo ſchien ſich das im vorigen Winter ſo ſchwer bedrohte Verhältniß zwiſchen Mutter und Sohn allmälig doch wieder gebeſſert zu haben. Daß die Fürſtin und Julie die Trauer um den Ver⸗ ſtorbenen ſo ſtreng einhielten, ſich während dieſes Winters, ihrer Verſicherung nach, vollſtändig von der Geſellſchaft abſchloſſen, die ihm ſo wenig zugeſagt hatte, freute und beruhigte Victor über die Beſorgniſſe, die er beſonders um — ͦ— ͤͤſſſſ⁄ 203 Julien's willen gehegt hatte, und die Nachricht, daß ſeine MNutter durch das Teſtament zur Univerſalerbin eingeſetzt worden, erregte, im Rückblicke auf den letzten Brief ſeines Stiefvaters, auch nicht das leiſeſte Gefühl von Verdruß und Neid in ihm; die jetzige Anordnung war ihm viel lieber, ohne daß er dabei Gewicht auf die Vortheile legte, die ihm ſelbſt wahrſcheinlich ſpäter daraus erwachſen ſollten. Fürſtin Mathilde konnte ihren Sohn alſo für be⸗ friedigt halten, und die beſten Ausſichten zur vollſtändigen Uebereinſtimmung zwiſchen ihnen waren vorhanden, als die Ankunft des Grafen Bielinski der Sache wieder eine an⸗ dere Wendung geben ſollte. Sie nahm nicht lange Anſtand, bei dem Letzteren darauf zu dringen, daß er ihr ein aufrichtiges Geſtändniß von dem Vorfalle, der damals ſeine ſchnelle Abreiſe ver⸗ anlaßte, ablege; der Graf ſträubte ſich anfänglich dagegen, aber wohl nur zum Scheine, dann ſtellte er die Sache ganz anders dar, natürlich ſtark auf Koſten der Wahrheit; er hatte Zeit genug gehabt, ſich darauf vorzubereiten. So behauptete er jetzt geradezu, wobei er noch tauſendmal um Verzeihung hat, jene unbedachte, von Victor ſo übel auf⸗ genommene Aeußerung habe dahin gelautet, daß er die Frau Fürſtin faſt noch mehr verehre wie die Comteſſe Tochter. 204 Er hatte richtig auf die Eitelkeit der gefallſüchtigen Frau ſpekulirt; Fürſtin Mathilde erröthete tief und meinte, es ſei am beſten, von der ganzen Sache nicht mehr zu reden; ſie reichte ihm, damit er dieſes Berſprechen bekräf⸗ tige, die Hand,— er zog dieſelbe an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit ziemlich feurigen Küſſen, bis ſie ihm faſt gewaltſam wieder entzogen wurde. Daß der Dame unter ſolchen Umſtänden das voreilige Benehmen ihres Sohnes, der ſich ganz unberufen zum Vertheidiger ihrer Ehre aufgeworfen und obenein noch dazu Veranlaſſung gegeben hatte,— ſie urtheilte ganz nach den Einflüſterungen des polniſchen Grafen darüber, — daß ihr ſeliger Gemahl einen Verdacht gegen ſie faſſen mußte, doppelt unangenehm war, wird man ſich leicht vor⸗ ſtellen können; es berührte ſie auch jetzt noch ſehr peinlich, wie Victor in dieſer Beziehung wohl von ihr denken möge, zumal ſie ſich ſelbſt mindeſtens nicht ganz reinen Gewiſſens fühlte. Und wie ſollte er nun gar urtheilen, wenn er durch ſie erführe, daß Graf Bielinski, den der Fürſt eigentlich aus dem Hauſe gewieſen hatte, jetzt wieder als Gaſt freund⸗ lich in daſſelbe aufgenommen worden ſei? Konnte er nicht förmlich dagegen proteſtiren und, wenn er damit auch 205 Nichts erreichte, die größten Unannehmlichkeiten mit dem Grafen herbeiführen, die dann unfehlbar ihre eigenen Pläne durchkreuzen würden?— Nein, nach einiger Ueberlegung faßte ſie den Entſchluß, Bielinski's Anweſenheit ihrem Sohne einſtweilen zu verheimlichen und indeſſen die Aus⸗ führung ihrer Wünſche zu beſchleunigen. Im nächſten Briefe ſchrieb ſie dem Lieutenant, daß ſich wieder ein kleiner Cirkel von Freunden bei ihr ge⸗ ſammelt habe, und hielt ſich damit verſichert, daß er nun umſo weniger auf den Gedanken kommen werde, ſie zu beſuchen. Man habe den Winter ſo einſam und traurig verbracht, daß man mit der erwachenden Natur ſich auch endlich wieder mehr dem Leben hingeben müſſe; dies ſei vorzüglich Julien's wegen eine Nothwendigkeit, denn das gute Kind neige ſchon zur Melancholie; ſie müſſe ihrer Tochter Opfer bringen, auf die Gefahr hin, daß Un⸗ verſtand oder böſer Wille ihr dabei egoiſtiſche Abſichten unterlegten. Vom Grafen Bielinski erwähnte ſie kein Wort. Dieſe Mittheilungen verſtimmten Victor eigentlich ein wenig, denn er war der Anſicht, ſeine Mutter hätte die äußere Trauer noch einige Zeit länger aufrecht erhalten ſollen, zumal ſie dem Fürſten doch ſo großen Dank ſchuldete; es legte wieder kein Zeugniß für ein tief gefühlvolles Herz 206 ab, daß ſie es über ſich gewinnen konnte, Geſellſchaft um ſich zu verſammeln; die Nothwendigkeit eines Opfers wollte ihm nicht recht einleuchten, und er meinte, Julie würde beſſer daran thun, jetzt durch ernſte Studien ihre Bildung zu vollenden, denn ſie hätte noch Zeit genug vor ſich, die Freuden des Lebens zu genießen. Davon ſchrieb er natürlich kein Wort zurück, denn dies wäre zweifellos ganz wirkungslos geblieben und konnte ihn nur wieder mit ſeiner Mutter entzweien. Uebrigens entſchuldigte er ſie dieſes Mal leichter wie ſonſt, ſowohl weil ſein Intereſſe nicht mehr ſo ungetheilt bei den Seinigen weilte, als er auch ſo gerecht war, an⸗ zuerkennen, daß die Verhältniſſe unſerer Umgebung uns häufig Pflichten auferlegen, die wir, ſelbſt gegen das eigentliche Gefühl, nicht umgehen können. Er hatte ja dieſe Erfahrung an ſich ſelbſt gemacht, war er doch ſchon kurze Zeit nach dem Tode ſeines Stiefvaters, den er gewiß im aufrichtigſten Schmerze beklagte, genöthigt geweſen, ſich wieder in das geräuſch⸗ und vergnügungsvolle Leben zu begeben, und jetzt traute er ſich nicht einmal zu, ſich frei⸗ willig von demſelben zurückzuziehen, hätte er dies auch vermocht. Daß Graf Bielinski nach dem Vorgefallenen ſich her⸗ 207 ausnehmen könnte, wieder auf dem fürſtlichen Schloſſe zu erſcheinen, die Bewerbungen um die Gunſt und Hand ſeiner Schweſter fortzuſetzen, daß ſeine Mutter in einem ſolchen Falle die Schwäche und Nichtachtung ihres ſeligen Gemahls haben ſollte, den Polen freundlich zu empfangen und zu dulden, demſelben wohl gar einen bevorzugten Platz einzuräumen, erſchien ihm geradezu als unmöglich, und es fiel ihn daher garnicht ein, in dieſer Beziehung Verdacht zu ſchöpfen und ſich Beſorgniſſen hinzugeben. Inzwiſchen gewann Graf Bielinski immer mehr Ter⸗ rain für die Ausführung ſeiner Pläne, die ihm dringend am Herzen lagen und die er deshalb um jeden Preis zu beeilen ſuchte. Er ſpielte, durch den erſten Fehlſchlag ge⸗ witzigt, ſeine verſchiedenen Rollen ganz vortrefflich; die geſammte Geſellſchaft glaubte ſeine Liebenswürdigkeit gar⸗ nicht mehr entbehren zu können, und ſeine Huldigungen vertheilte er mit äußerſter Geſchicklichkeit zwiſchen der Fürſtin und Julien. Die ſo viel ältere Frau konnte dadurch ihre Eitelkeit ſehr geſchmeichelt fühlen, aber wohl nicht im Ernſte daran denken, das Herz des jungen lebensluſtigen Mannes zu erobern; ſie war am Ende doch klug genug, um zu be⸗ greifen, daß es einen ungeheuren, ſie ganz vernichtenden 208 Skandal geben müßte, wollte ſie als Nebenbuhlerin ihrer Tochter auftreten und wohl gar eine dritte Ehe ſchließen, die ſie überdies aller Vortheile ihrer jetzigen Unabhängig⸗ keit berauben würde. Wir wollen nicht einmal behaupten, daß ſie dieſem Gedanken nur vorübergehend Gehör ſchenkte. Vielleicht, ſogar wahrſcheinlich, lockte es ſie aber, einen ſo ganz ergebenen Schwiegerſohn zu haben, der nun einmal beſondere Gnade vor ihren Augen gefunden hatte, und ſie ließ es ſowohl dem Grafen, wie ihrer Tochter gegenüber nicht an Andeutungen dieſes Wunſches fehlen. Sie kam damit auch der immer lauter ſprechenden Neigung Julien's entgegen; das junge Mädchen gewöhnte ſich allmälig immer mehr daran, daß ihre Umgebung den Grafen als ihren Anbeter und eine durchaus paſſende Partie für ſie bezeichnete; ihre Zukunftsträume bekamen dadurch eine feſtere Geſtaltung,— ſie wünſchte und er⸗ ſehnte endlich auch nichts Anderes, als daß es von ſeiner Seite zu einer offenen, entſchiedenen Erklärung kommen möge, und als ſie dies auf vieles Dringen ihrer Mutter anvertraut hatte, erhielt Graf Bielinski von der Letzteren einen nicht mißzuverſtehenden Wink. In der That war der Pole, ſeitdem die Fürſtin bei der von ihr abgegebenen Erklärung ſich ſo eigenthümlich 209 huldvoll gezeigt hatte, recht ſchwankend geworden, ob er den zuletzt errungenen Vortheil nicht am beſten vollſtändig ausbeuten würde. Seiner vermeintlichen Kenntniß der Frauenherzen gemäß erſchien es ihm durchaus nicht un⸗ möglich, daß die Fürſtin ſich zu einer dritten Ehe mit ihm entſchließen könnte, und als der Gatte glaubte er ſeine Intereſſen beſſer wie als Schwiegerſohn geſichert zu haben. Er liebte in der edlen Bedeutung des Wortes keine der beiden Frauen, und war auch feſt überzeugt, daß der Ab⸗ ſchluß einer Ehe aus Liebe eine Thorheit ſei; für ihn handelte es ſich nur darum, ein möglichſt großes Vermögen zu erwerben, das ſeine mannigfachen Leidenſchaften be⸗ friedigen könnte; er wollte dann als Kavalier gegen ſeine Gemahlin handeln, ſo daß die Welt kein Aergerniß daran nehmen ſollte, aber unterthänig mußte ſie ihm werden mit Allem, was ſie ihm zubrachte, und völlige Freiheit, ſeinen Neigungen nachzugehen, ſollte ſie ihm auch laſſen, wie er ihr dieſelbe zu geſtatten beabſichtigte. So ſtellte er ſich in allem Ernſte eine vollkommen glückliche Ehe vor,— und in unſerer proſaiſchen, materiellen Neuzeit ſteht er wahr⸗ haftig nicht vereinzelt mit ſeinen Anſichten da. Ueber die wahre Meinung der Fürſtin kam er nur erſt in das Klare, als ſie ihm auf die unzweideutigſte Art Grabowski, Schickſal u. Schuld. I. 14 „ 210 zu verſtehen gab, daß ſie wünſche, er möge ihrer Tochter einen förmlichen Antrag machen; da war er auch ſofort bereit, nachdem er ſich vergewiſſert, daß ſie ihn nicht blos auf die Probe ſtellen wollte. Die Fürſtin war gewiſſermaßen zu nobel, ſich näher nach den Vermögensverhältniſſen des Grafen zu erkundigen; ſie legte darauf auch kein Gewicht, da ihre eigenen eine etwaige Lücke, die ſie ſchon vermuthete, reichlich ausfüllen konnten; in ihren Augen galten nur ſein Name und ſeine kavaliermäßige Liebenswürdigkeit; die angeſehenen Be⸗ kanntſchaften, die er hatte, bürgten ihr übrigens dafür, daß er einer ſolchen Familienverbindung würdig ſei. Den erfahrenen Weltmann koſtete es unter ihm ſo günſtigen Umſtänden keine Mühe, Julien eine Erklärung zu machen, die er mit allem romantiſchen Liebeszauber und Ausdrücken leidenſchaftlicher Gefühle zu umgeben verſtand; das unerfahrene, junge Mädchen fühlte ſich dadurch in alle“ Himmel erhoben und gab, der Bewilligung ihrer Mutter gewiß, ohne allzu langes Zögern ihr Jawort. Das Weitere beſorgte die Fürſtin ſelbſt; ſie ertheilte ihrer Tochter und deren Erwählten in rührend feierlicher Weiſe ihren mütter⸗ lichen Segen, machte die Verlobung ſofort bekannt und ſetzte feſt, daß die Hochzeit ſchon zum nächſten Herbſte 211 ſtattfinden ſolle, wenn das übliche Trauerjahr abgelaufen ſein würde. Das war nun eine kurze Friſt, vor der Julie beinahe erſchrak; aber wie würde es ihr, der liebenden Braut, angeſtanden haben, dagegen ernſtlich zu proteſtiren?— ſie verſuchte dies auch nicht einmal. Die zur Zeit auf dem Schloſſe befindlich Geſellſchaft war erſtaunt über dieſe raſche Entwickelung, die ſie eigent⸗ lich ſchon im vorigen Jahr erwartet hatte; übrigens konnte ſich auch Niemand für berechtigt halten, dagegen Einwen⸗ dungen zu erheben. Alles ging mit einer Leichtigkeit zu, welche die ſogenannte große Welt heutzutage häufig cha⸗ rakteriſirt. Was war auch daran gelegen, ob dieſe Ehe eine glückliche oder unglückliche wurde?— wenn man die hohe und heilige Bedeutung einer ſolchen Verbindung überhaupt nicht mehr zu begreifen vermag, ſo zieht man ſelbſtverſtändlich nur die äußeren Verhältniſſe in Erwägung, und da glich ja das Vermögen der Braut alle etwaigen Bedenklichkeiten aus. Julie fühlte ſich ſehr glücklich, ſie wurde nur durch die Frage verſtimmt, was ihr Bruder zu dieſer Verlobung und ſchnell bevorſtehenden Heirath ſagen würde; dagegen brauchte ſie ſich keinen Kummer über die Trennung von 14* 212 ihrer Mutter zu machen, denn die Fürſtin hatte, im vollen Einverſtändniſſe mit Graf Bielinski, erklärt, ſie werde das junge Paar nicht von ſich ziehen laſſen, ſondern daſſelbe unter ihren Augen auf dem Schloſſe wohnen; der Schwie⸗ gerſohn, der behauptete, einmal gründliche landwirthſchaft⸗ liche Studien gemacht zu haben, könne ihr dann bei der Verwaltung der Güter zur Hand gehen. Höhere Erwartungen hätte der polniſche Graf wahr⸗ lich nicht ſtellen können, und er war für das gütige An⸗ erbieten auch überaus dankbar; es konnte wohl ſelten ein ſo ſchönes Einvernehmen zwiſchen Mutter, Tochter und Schwiegerſohn geben. Nun war es aber doch unvermeidlich geweſen, auch das vierte Familienglied von den getroffenen Vereinbarun⸗ gen in Kenntniß zu ſetzen, eine nicht leichte Aufgabe, wel⸗ cher ſich nur die Fürſtin unterziehen konnte; ſie hegte ſelbſt große Beſorgniſſe dabei, indeſſen lag es in ihrem ganzen Weſen, äußerlich völlige Sicherheit zu zeigen und ſich den Schein unbeſtreitbaren Rechtes zu geben. In dieſer Weiſe ſchrieb ſie auch an ihren Sohn und meldete ihm ohne weitere Rechtfertigung die vollzogene Verlobung, dabei den Wunſch und die Hoffnung ausſprechend, daß er den un⸗ bedeutenden Streit, den er einmal mit dem Grafen Bie⸗ 213 kinski gehabt hatte, vergeſſen und ſeinem zukünftigen Schwager ein guter und treuer Freund werden möge. Auch Julie mußte einige Zeilen hinzufügen; ihr eigenes Herz drängte ſie dazu, und ſie hoffte Victor da⸗ durch verſöhnen zu können; ein vollſtändiger Bruch mit ihm würde ſie ſehr ſchmerzlich betroffen haben. Es koſtete ſie aber doch großen Zwang, die ihr paſſend erſcheinenden Worte zu finden, denn wiewohl ſie ſich Victor gegenüber ſchuldig fühlte, wollte und konnte ſie ſich aus Rückſicht für ihre Mutter und ihren Verlobten doch nicht tief vor ihm demüthigen und ihn förmlich um Verzeihung bitten, daß ſie bei einem ſo entſcheidenden Schritte ihres Lebens ſeinen brüderlichen Rath nicht in Anſpruch genommen habe. Sie berief ſich alſo beſonders auf ihre warme, un⸗ widerſtehliche Neigung für den Grafen und verſicherte, der⸗ ſelbe beſitze ſo vortreffliche Charaktereigenſchaften, daß ſich bei näherer Bekanntſchaft alle Mißverſtändniſſe zwiſchen ihm und Vietor unbedingt heben würden. An Ver⸗ ſicherungen ihrer zärtlichen ſchweſterlichen Liebe fehlte es auch nicht. Um die Komödie zu vollenden, ſchrieb auch Graf Bielinski oder Graf Stephan, wie er nun ſchon im Schloſſe genannt wurde, ſeinem zukünftigen Schwager; ganz leicht 214 mochte ihm dieſes Entgegenkommen nicht werden, aber er mußte doch wenigſtens die Miene machen, als ob er eine Verſöhnung und freundſchaftliches Einverſtändniß wünſchte, und es wäre ihm, zur Vermeidung aller Unannehmlichkei⸗ ten, auch wirklich am liebſten geweſen, wenn Victor darauf eingehen wollte; ſo lange er deſſen nicht gewiß war, blieb der heimliche Groll gegen den jungen Mann, dem er einmal weichen gemußt hatte, in ſeinem Herzen ſitzen, und er hatte ſich auch vorgenommen, in jedem Falle ſich ſpäter noch dafür zu revanchiren. Die Fürſtin und Julie waren ganz entzückt darüber, daß er ſich ſo ſchnell zu dieſem Entgegenkommen bereit er⸗ klärte; ſie fanden darin einen deutlichen Beweis ſeines edlen, noblen Herzens und urtheilten im Voraus, Victor würde ihm an einem ſolchen weit zurückſtehen, falls er etwa die ihm gebotene Bruderhand abweiſen ſollte. Welch' eine Ueberraſchung für Victor, als er dieſe Briefe erhielt!— Anfänglich traute er kaum ſeinen Augen, denn alles Andere wäre ihm eher möglich erſchienen, als daß doch in Erfüllung gegangen, was er vordem ſo ſehr gefürchtet, ſich in letzter Zeit aber vollkommen wieder dar⸗ über beruhigt hatte. „Arme Julie!“ waren ſeine erſten, aus ſchwer ge⸗ 215 preßter Bruſt kommenden Worte, denn das nun unver⸗ meidliche Unglück ſeiner Schweſter, die dem argloſen Her⸗ zen vorbehaltenen traurigen Enttäuſchungen ſtanden klar vor ſeinen in die Zukunft blickenden Augen. Wie könnte Julie jemals mit dem Manne glücklich werden, der ihrer aufkeimenden Neigung ſo herzlos geſpottet und verrathen hatte, daß er kein Gefühl für ſie im Herzen trage, der ſich alſo nur ihres Vermögens willen jetzt um ihre Hand beworben haben konnte? In den erſten Momenten erſchien es ihm als eine unabweisbare, heilige Pflicht, die Fürſtin und Zulie ſelbſt, die ſo ſchmählich betrogen worden, brieflich oder perſönlich über den wahren Charakter Graf Bielinski's aufzuklären, indem er ihnen deſſen zufällig zu ſeinen Ohren gekommene Aeußerungen wörtlich wiederholte, und Alles daran zu ſetzen, daß dieſe unſelige Verbindung gelöſt würde, ſo lange es dazu noch Zeit ſei; daß er ſich dadurch der Rache und gefährlichen Angriffen des Polen ausſetzen würde, begriff er wohl, hielt es aber nicht für der Mühe werth, dies weiter in Anbetracht zu ziehen; dagegen ſagte er ſich, Julie, die in ihrer ſchuldloſen Verblendung Jenen doch aufrichtig zu lieben ſchien, würde durch dieſe Enttäuſchung ſchwer zu leiden haben und unglückliche Scenen für 216 die Frauen durch eine ſolche Entwicklung herbeigeführt werden.— Als er die Briefe noch einmal durchlas, begann ſich auch die Ueberzeugung immer mehr auszubilden, daß Alle ein häßliches Spiel getrieben hatten, um ihn zu täuſchen und ſeine Einmiſchung unmöglich zu machen, und dies konnte ihn nur mit Bitterkeit erfüllen. Seine Mutter ſprach nur ganz allgemein aus, Graf Bielinski halte ſich ſchon ſeit einiger Zeit im Schloſſe auf; warum war ihm dies nicht mitgetheilt worden, zumal man die Beziehungen recht gut kannte, in denen er zu dieſem Manne geſtanden hatte?— Er konnte nun nicht mehr zweifeln, daß der Pole in ſchlauer Berechnung bald nach dem Tode ſeines Stiefvaters, wenigſtens ſchon vor längerer Zeit eingetroffen war und daß ſowohl die Fürſtin wie Julie die Abſicht gehabt hatten, ihm dies zu verheimlichen, damit er nicht ihre Pläne durchkreuze und ſchließlich machtlos vor einer vollzogenen Thatſache ſtehe. Sie waren entſchloſſen ge⸗ weſen, auf ſeinen Rath, ſeine Bitten, ſeine entſchiedene Einſprache keine Rückſicht zu nehmen, und dieſe mußte in der That zu ſpät kommen. Er glaubte auch noch tiefer in die geſpielte Intrigue hineinzublicken, und er mußte ſich ſolcher Gedanken mit 217 Gewalt entſchlagen, denn ihre Schlüſſe konnten nur dahin führen, daß er genöthigt wurde, ſeine eigene Mutter zu verachten.. Was blieb ihm unter ſolchen Umſtänden zu thun übrig?— was konnte es nützen, alle dieſe Blößen auf⸗ zudecken, die im beſten Falle, wenn dadurch nämlich wirk⸗ lich eine Auflöſung der Verlobung erzielt wurde, Julien nur das Vertrauen an die ganze Menſchheit, ihre Herzens⸗ unſchuld rauben, ihr unheilbare Wunden ſchlagen konnten, und, zu einem vollſtändigen Familienzerwürfniſſe führen mußten? Die Fürſtin ließ in keinem Falle von Graf Bielinski ab, dazu war ſie zu eigenwillig und ſtolz, hatte vielleicht gar noch andere Beweggründe, die er ſelbſt nicht zu kritiſiren wagte; Julie hätte, Alles aufgebend, ſich mit vollem, unbegrenzten Vertrauen an ſeine Bruſt werfen müſſen, und welche Garantie konnte er ihr dafür bieten, daß ſie für das durch ihn zerſtörte vermeintliche Glück irgendwelchen Erſatz finden werde?— Viel wahrſchein⸗ licher war es, nach dem bereits Geſchehenen zu urtheilen, aber, daß ſie Alle ſeine Einmiſchung ſich ernſtlich verbaten und daß er mit Gewalt und Spott gänzlich aus dieſem Kreiſe hinausgedrängt wurde, mit dem er doch eigentlich ſo innig hätte verbunden bleiben ſollen. 218 Auf dieſe Unentſchloſſenheit Victors wirkten gewiß auch noch ſeine eigenen derzeitigen Verhältniſſe ein; er mochte jetzt die herzogliche Reſidenz nicht verlaſſen, Nichts unternehmen, was ihn auf die eine oder andere Weiſe von ſeinem Verkehre mit dem Hofe trennen konnte; vielleicht wurde ihm damit alle Gelegenheit abgeſchnitten, ſich wieder der Erbherzogin zu nähern. Er gab es deshalb nach reiflicher, aber auch ſehr ſchmerzlicher Ueberlegung auf, ſich überhaupt in dieſe Angelegenheit zu miſchen, und ſtellte es einer höheren Fügung, zu der er doch noch nicht alles Vertrauen ver⸗ loren hatte, anheim, die Schweſter, die er immer noch zärtlich liebte, vor dem größten Unglücke zu ſchützen; an⸗ dererſeits konnte er es aber nicht über ſich gewinnen, ſich nur den Schein zu geben, als ob er aus vollem Herzen gratuliren wollte. Der Brief Graf Bielinski's ſtieß ihn mehr ab, als daß er nachſichtige und freundſchaftliche Empfindungen zu erwecken vermocht hätte; der Pole erſchien ihm darin nur als ein Feigling und ſchlauer Intriguant. Er antwortete nun Julien in brüderlicher Liebe, aber mit nicht zu verkennendem Ernſte. Er ſagte etwa, er könne gegen die Wahl ihres Herzens Nichts einwenden, ————n 7 219 zumal ſie es für überflüſſig gehalten hatte, ſeinen Rath dabei in Anſpruch zu nehmen, und er wünſchte von gan⸗ zer Seele, daß das Glück, welches ſie jetzt gefunden zu haben glaubte, ſich ihr niemals trüben möge; ſo bald werde er wohl nicht die Gelegenheit finden, ſie wiederzuſehen, denn ſeine dienſtlichen Pflichten erlaubten ihm nicht, in nächſter Zeit einen längeren Urlaub zu nehmen; die Grüße, die er für ſeine Mutter beifügte, und die Erwähnung ſeines künftigen Schwagers waren erſichtlich kalt gehalten. Dieſer Brief, der nur zuviel zwiſchen den Zeilen leſen ließ, konnte Niemand auf dem Schloſſe befriedigen; Julie ſelbſt war anfänglich recht unglücklich darüber, daß ihr Bruder die Mißbilligung ihrer Wahl nur zu deutlich durch⸗ blicken ließ; aber ſie fühlte doch hindurch, daß er es wahr⸗ haft gut mit ihr meinte, und um ihre Zukunft beſorgt war. Die Zärtlichkeit ihres Bräutigams verſtand indeſſen bald, ihre Mißſtimmung und die in ihr aufgeſtiegenen Be⸗ denken zu verſcheuchen; ſie glaubte, wie es auch die Mutter ihr einredete, Victor faſſe die Sache vorurtheilsvoll auf, und ſchließlich, dem Einfluſſe ihrer Umgebung preisgegeben, wurde ſie ihm eigentlich deshalb recht böſe;— auch das Band der geſchwiſterlichen Liebe war jetzt ſchon ſtark ge⸗ lockert worden. 220 Die Fürſtin fühlte ſich beleidigt durch das Benehmen ihres Sohnes; ſie würde ihm dies auch nicht verſchwiegen haben, hätte ſie nicht gefürchtet, ſich auf nähere Erörterun⸗ gen einzulaſſen; übrigens befand ſie ſich noch in dem Irr⸗ thume, in den ſie der Graf durch die lügenhafte Auslegung ſeines damaligen Rencontres mit Victor verſetzt hatte. Graf Stephan ärgerte ſich gewaltig darüber, daß er 3 ſich dem Letzteren gegenüber nachgiebig gezeigt hatte, was ihm doch ſo ſchlecht belohnt worden war, wie er meinte, und fand nur einen Troſt für ſeine verletzte Würde darin, daß er ſeinen Platz nicht allein behaupten konnte, ſondern ſogar noch feſter darauf geſtellt zu ſein ſchien, da die beiden Damen entſchieden ſeine Partei gegen den Sohn und Bruder nahmen. Sei es aus Trotz auf ihre Willensfreiheit oder aus geheimer Beſorgniß, Victor könne doch noch den Entſchluß ihrer Tochter wankend machen, ſo beeilte die Fürſtin die unwiderrufliche Entſcheidung noch mehr wie bisher. Auf dem Schloſſe wurden alle Veranſtaltungen getroffen, die Hochzeit bald zu feiern und die Wohnung für das junge Ehepaar einzurichten; Julie befand ſich dabei in einem Trouble, der ſie kaum zur Ueberlegung kommen ließ; ſie wagte den Anordnungen ihrer Mutter keinen Widerſpruch 221 entgegenzuſetzen, und im Grunde ſtimmten ihre eigenen Wünſche auch damit überein. Sie ſah jetzt in Graf Stephan das Ideal aller männlichen Vollkommenheit und begriff nicht mehr, daß ihr Bruder dies nicht ebenfalls gefunden habe; fortwährend ſinnlicher Aufregung ausge⸗ ſetzt, täuſchte ſie ſich ſelbſt in den Einpfindungen einer wahren Liebe. Einen aufmerkſameren und zärtlicheren Bräutigam wie Graf Stephan konnte es aber kaum geben; er würde da⸗ mit ein vielerfahrenes weibliches Herz beſtochen haben; ſelbſt der Fürſtin ſchien es einmal nicht ganz recht zu ſein, daß er ſich ſo ausſchließlich Julien widmete, und die andere Geſellſchaft zog ſich allmälig zurück, da ſie wohl fühlte, daß ſie zur Zeit ganz überflüſſig ſei. Der feſtgeſetzte Hochzeitstag kam immer näher heran. Welche große Vorbereitungen dazu auch gemacht worden waren, bedurfte es doch erſt faſt in letzter Stunde des beſtimmten Dringens Juliens, daß man ihren Bruder davon in Kenntniß ſetze und ihn einlud, dem großen Fa⸗ milienfeſte perſönlich beizuwohnen. Sie ſelbſt ſchrieb des⸗ halb an ihn und bot Alles auf, ihn zu beſtimmen, daß er dieſer Einladung folge. 1 Man erhielt keine Antwort. Das blieb ſelbſt bei der 222 bekannten Abneigung Victors gegen die ganze Sache un⸗ erklärlich, denn in ſo gewaltſamer Weiſe hatte er noch nie alle Formen verletzt. Die Fürſtin war darauf vorbereitet geweſen, daß er ſein Ausbleiben irgendwie entſchuldigen werde, aber dieſes vollſtändige Schweigen beunruhigte ſie doch ſehr; ſie ſtellte ſich vor, daß er in irgendeiner aben⸗ teuerlichen und gewaltſamen Weiſe noch im letzten Augen⸗ blicke die Hochzeit zu verhindern ſuchen könnte, und fürch⸗ tete ſehr einen öffentlichen Skandal. Graf Stephan war es recht lieb, daß ſein Schwager nicht perſönlich an der Vermählungsfeier theilnehmen zu wollen ſchien; er zeigte ſich nicht ſo ängſtlich, wie die Fürſtin und lächelte zu den Befürchtungen, die ſie ihm anvertraute. Es war aber nahe daran, daß Julie Schwierig⸗ keiten machte, in Abweſenheit ihres Bruders vor den Trau⸗ altar zu treten, wenigſtens ſchlug ſie einen Aufſchub vor, bis von Victor ſichere Nachrichten eingegangen ſein würden; aber man vertröſtete ſie darauf, daß er noch in der letzten Stunde kommen werde, und ſtellte ihr vor, es ſei durch⸗ aus nicht angänglich, den feſtgeſetzten Hochzeitstag zu ver⸗ zögern, zu dem bereits nach vielen Seiten Einladungen ergangen waren. Die Gäſte fanden ſich auch zur rechten Zeit ein; ſie 223 brachten die ſchönſten Glückwünſche und vor Allem die Luſt, ſich zu amüſiren, mit, beſonders war die Freundſchaft des Grafen Bielinski ſtark vertreten, lauter lebensluſtige, elegante Kavaliere, meiſtens in militäriſcher Uniform; es war wieder ein ungeheures, im Ganzen recht luſtiges Leben auf dem fürſtlichen Schloſſe, obgleich das Trauer⸗ jahr noch nicht ſein Ende erreicht hatte. Man ſprach aber auch garnicht mehr von dem verſtorbenen Fürſten, ſondern nur von der bevorſtehenden freudigen Feſtlichkeit. Die Fürſtin hatte Alles aufgeboten, dieſelbe recht glänzend zu machen, und zeigte ſich in der heiterſten Stimmung, wie⸗ wohl ſie ſich innerlich immer noch recht beunruhigt fühlte. Von dem jungen Grafen Horneck war eigentlich nicht die Rede. Inmitten aller dieſer Heiterkeit weinte die Braut wohl manche heimliche Thräne, aber wenn man dies auch bemerkt hätte, würde man doch nur lächelnd dazu geſagt haben:„Bräute weinen immer.“ Bis zum letzten Momente hatte Julie gehofft, daß ihr Bruder, durch gewöhnliche Hinderniſſe aufgehalten, doch noch kommen werde; es war ihr unendlich ſchmerzlich, ohne ſeine Begleitung vor den Altar treten zu ſollen, aber ſie ſah nun ſelbſt ein, daß ſie den Vorwand ſeiner Abweſen⸗ 224 heit nicht mehr gebrauchen könne, um dieſe Handlung zu verſchieben, die ſie ſo ſehr beängſtigte, wiewohl ſie Graf Stephan alles Vertrauen geſchenkt hatte. Die Fürſtin, ihre Mutter, ſagte ihr auch halb im Scherze, halb im Ernſte, ihre Blödigkeit ſei kindiſch, und als Kind wünſchte ſie durchaus nicht mehr zu erſcheinen. An dem Morgen des Hochzeitstages war Victor noch nicht da, und man mußte wohl alle Hoffnung aufgeben, daß er noch eintreffen werde; dieſe Störrigkeit von ſeiner Seite erbitterte ſelbſt Julie; ſie nahm ſich nun feſt vor, bei den Leuten davon Nichts merken zu laſſen, daß er ihr Herz verwundet hatte. Wir haben über die Hochzeit nicht mehr viel zu ſagen. Die Trauung wurde in der Schloßkapelle vollzogen, und ihr folgte eine Reihe von Feſtlichkeiten, wie ſie der Ge⸗ ſchmack der Fürſtin erfunden hatte; man war allerſeits dabei ſehr vergnügt und das Brautpaar recht glücklich. Die Gäſte reiſten dann allmälig ab, und das junge Ehepaar richtete ſich unter der Aegide der Mutter häuslich ein; es konnte ihm kaum Etwas zu wünſchen übrig bleiben. Die herrlichen Flitterwochen fielen in die letzte Zeit des Sommers, und die ganze Natur lachte den Glücklichen entgegen. 225 Was war inzwiſchen aus dem Grafen Horneck, dem herzoglichen Lieutenant, geworden, der ſich ſo völlig ſchweig⸗ ſam verhielt?—. Wenn Victor durch die Ankündigung von der Ver⸗ lobung und bevorſtehenden Heirath ſeiner Schweſter auch ſehr tief berührt worden war, ſo lag ihm doch etwas Anderes noch näher am Herzen, nämlich ſein Verhältniß zu der Erbherzogin. Die Hoffeſtlichkeiten des Winters ſollten ihren Abſchluß ſinden, und bei ſeiner dienſtlichen Stellung im Regimente war keine Ausſicht vorhanden, daß er dann ſich der Prinzeſſin werde nähern können; in trüber Verzweiflung ſah er einer langen Trennung von ihr ent⸗ gegen, und wenn er auch nicht gerade zu fürchten brauchte, während dieſer Pauſe von ihr gänzlich vergeſſen zu werden, ſo glaubte er ein freundliches Wort von ihr, das jetzt ſein ganzes Glück ausmachte, doch kaum entbehren zu können. Als er auf dem letzten Hofballe in dieſer Saiſon mit ihr tanzte, konnte er auch nicht umhin, ihr ſeine Trauer anzudeuten; er durfte dies jetzt ſchon wagen, ohne fürchten zu müſſen, daß er ſie dadurch beleidigte und ſie ihn ernſtlich zurückwies; er hatte ihr ja ſchon Alles an⸗ vertraut, was ihn bekümmerte, und ſie dies immer in ſo Grabowski, Schickſal und Schuld. I. 15 226 theilnehmender Weiſe aufgenommen und ihn wie eine wahre Freundin milde getröſtet. Die Erbherzogin zeigte ſich auch tief bewegt, aber ſie würde nicht ihrem hohen Range, ſondern ihrer weiblichen Würde zu viel vergeben haben, hätte ſie ganz auf den Ton, den er anſchlug, eingehen wollen. Sie brach des⸗ halb das Geſpräch kurz ab, aber ihr ganzes Weſen ver⸗ rieth, daß ſie Victor's Empfindungen theile, und dennoch lag in ihrem Blicke eine Aufmunterung für ihn, nicht zu verzagen, ja, derſelbe ſchien ihm ſogar die Hoffnung geben zu wollen, daß es anders kommen würde, wie er erwartete. Dieſe Hoffnung, die er feurig aufgefaßt hatte, ſollte ſich überraſchend ſchnell erfüllen. Gleichviel, wer oder was den Antrieb dazu gegeben hatte,— der regierende Herzog ließ den Lieutenant Graf Horneck als Ordonnanz⸗ offizier bei ſeiner eigenen Perſon kommandiren. Victors Vorgeſetzte und Kameraden mochten wohl nicht ganz da⸗ mit einverſtanden ſein, daß dieſer Vorzug einem ſo jungen, im praktiſchen Dienſte kaum ausgebildeten Offizier zu Theil wurde, aber jedenfalls ließ ſich gegen die herzogliche Ordre, die aus ganz freier Entſchließung entſprungen zu ſein ſchien, Nichts einwenden und man konnte nur mehr wie jemals davon überzeugt ſein, daß Victor eine beſonders 227 glänzende Carrière machen werde; die Mißgunſt wagte ſich ihm gegenüber deshalb nicht zu zeigen, im Gegentheil hielt man es für vortheilhaft, hi um ſeine Freundſchaft zu bewerben. Mit dieſer Ernennung trat er vorläufig aus der rein militäriſchen Laufbahn in die eines Hofkavaliers über, wenn er auch fortfuhr, die Uniform zu tragen. Unter anderen Umſtänden wäre er ſelbſt damit wahrſcheinlich gar nicht recht zufrieden geweſen, jetzt aber fühlte er ſich überaus beglückt, denn er dachte nur daran, daß er die Erbherzo⸗ gin täglich ſehen werde, wohl noch unter günſtigeren Verhältniſſen wie bisher, und er zweifelte auch garnicht, daß die Veranſtaltung dazu, wenn auch auf indirektem Wege, von ihr ſelbſt ausgegangen ſei. Sofort trat er ſeinen neuen Dienſt an; als er ſich bei dem Herzoge meldete, war dieſer außerordentlich gnädig gegen ihn und ſprach unverhohlen aus, daß von ſeiner Seite aus ihm keine Gelegenheit entzogen werden ſollte, in die Fußſtapfen ſeines Vaters zu treten; der Erbprinz machte ihm ein ziemlich mürriſches Geſicht, ſagte aber doch, er freue ſich über die ihm gewordene Auszeichnung und wünſche ihm dazu Glück, die Frau Herzogin lächelte, in⸗ dem ſie ihn huldvoll begrüßte, ganz eigenthümlich, und 15* 228 daraus konnte er ſicher ſchließen, daß er ſeine Ernennung gerade ihr verdanke. Welchen Werth hatte dies Alles aber für ihn gegen den ſtrahlenden, zufriedenen Blick der jungen Erbherzogin, als ſie zum erſten Male durch das Vorzimmer zu ihrem Schwiegervater ſchritt und ihn holdſelig begrüßte! In ſeinen Augen lag dabei ein Dank, der ſich nicht mißver⸗ ſtehen ließ. Victor hatte immer nur einen Tag um den anderen den leichten, aber auch ziemlich langweiligen Dienſt in den herzoglichen Gemächern; in der Zwiſchenzeit war er ganz frei, und ſeine Regimentskameraden rechneten es ihm hoch an, daß er ſie dann nicht gänzlich vernachläſſigte; er wünſchte ſich auch ihre Freundſchaft zu erhalten, denn er hatte manchen braven Mann unter ihnen kennen gelernt, und es war wahrſcheinlich, daß er ſeine militäriſche Carriere in dieſem Corps früher oder ſpäter wieder fortſetzte. Der auf der einen Seite geſchmeidige, auf der an⸗ deren durch die Etiquette bedingte ſteife Ton bei Hofe ſagte ihm nicht beſonders zu; die Leute, die er dort in ſeiner nächſten Umgebung fand, gefielen ihm darin gerade nicht, aber die äußeren Formen, in denen ſie ſich bewegten, mußte er ſelbſt auch annehmen. 229 Sein Dienſt beſtand nun eigentlich nur darin, dem dienſtthuenden Flügel⸗Adjutanten zur Hand zu gehen, Befehle aus dem herzoglichen Kabinete zu übermitteln und das letztere vor unberufenem Zutritte zu überwachen; da⸗ für wurde er zur Tafel gezogen, wenn dieſelbe nicht ganz en famille ſtattfand, und kam häufig in die nächſte Be⸗ rührung mit den höchſten Perſonen. Auch wenn die Letz⸗ teren nähere oder weitere Ausflüge nach den ländlichen Luſtſchlöſſern und Villen machten, wozu das ſchöne Wetter aufforderte, oder wenn ſie Abends in einem kleinen aus⸗ gewählten Kreiſe den Thee einnahmen, durfte der herzog⸗ liche Ordonnanzoffizier, der den Tagesdienſt hatte, ſelten fehlen. Die hohen Herrſchaften bewegten ſich bei ſolchen Ge⸗ legenheiten weit ungezwungener wie vor vielen Zeugen bei größeren Feſtlichkeiten und liebten und verlangten dann von ihrer Umgebung, daß dieſelbe ebenfalls in dieſen Ton einſtimme; der läſtige Zwang der ſteifen Hofetiquette wurde dann abgeſtreift. Der Erbherzog ſchien dieſe kleinen gemüthlichen Cirkel, in denen meiſtens muſizirt, geleſen oder ſehr lebhaft und mehr oder minder geiſtvoll konverſirt wurde, nicht beſon⸗ ders zu lieben; ſehr oft wußte er ſich ihnen unter dieſem 230 oder jenem Vorwande zu entziehen und wandte, nach ſeiner Art, die Zeit beſſer an, indem er ſeinen ſchon früher an⸗ gedeuteten Neigungen nachging; da man den wahren Grund kannte, ignorirte man gewöhnlich ſeine Abweſenheit gänz⸗ lich. Dagegen fehlte ſeine Gemahlin nie an der Seite ihrer Schwiegereltern, und wenn die Herzogin⸗Mutter auch eigentlich den Ton angab, ſo war Prinzeß Anna, un⸗ geachtet ihrer Anſpruchsloſigkeit, doch der leuchtende Stern, um den ſich Alles drehte, nicht ſeines blendenden Glanzes, ſondern des mild erwärmenden Lichtes wegen, das er ausſtrahlte. Die junge Erbherzogin ſchien ſich in ihr Schickſal, das gewiß nur von Wenigen beneidet wurde, nun ſchon gefunden zu haben; wenn ſie auch immer noch einen ge⸗ wiſſen, ihr ſehr wohlanſtehenden Ernſt bewahrte, ſo ſah man ſie doch nicht mehr traurig und in jener ſtillen, ver⸗ zweiflungsvollen Reſignation, die auf ein noch tiefer em⸗ pfundenes Unglück deutet wie laute Klagen; ſie konnte ſogar zeitweiſe wieder in den Ton kindlicher Fröhlichkeit fallen, wenn ſie ſich in der erwähnten zwangloſen Ge⸗ ſellſchaft bewegte und— das ließ ſich nicht leugnen— wenn ihr Gemahl nicht anweſend war. Nicht, daß ſie in ſeiner Gegenwart eine Mißſtimmung 231 gezeigt, ihm irgendwie die äußerliche Achtung und Auf⸗ merkſamkeit, die ſie ihm ſchuldete, verſagt hätte,— aber in dem Weſen Prinz Georgs lag Etwas, das ſie nieder⸗ drücken und ihr einen Zwang auferlegen mußte; er ließ nur zu deutlich herausfühlen, daß ſie ihm gleichgiltig war, und welches Frauenherz könnte die Seshniinttei ruhig und ſchmerzlos ertragen?— Anderentheils begann es ſcharfblickenden Augen, be⸗ ſonders ſolchen, die Stoff für eine intereſſante Klätſcherei ſuchten, ſchon aufzufallen, daß die junge Erbherzogin ſich nie befriedigter zeigte, als wenn ſie, möglichſt ungenirt, mit dem Lieutenant Grafen Horneck zuſammen war und plauderte, und recht böſe Zungen ziſchelten ſich zu, der Letztere möge ſeine Bevorzugung von Seiten des Her⸗ zogs wohl ihrem Einfluſſe zu verdanken haben. Wenn man aber weiß, wie in ſolchen Augen und von Lippe zu Lippe getragen, ein Sandkörnchen zu einem Berge anſchwel⸗ len kann, ſo wird man daraus nicht ſchließen dürfen, daß das gegenſeitige Benehmen der Prinzeſſin und Victors zu einer vorurtheilslos ungünſtigen Beurtheilung Stoff lieferte. Beide verhielten ſich durchaus in den ihnen gezogenen Schranken, und dem Herzog, der Herzogin, die doch ge⸗ wiß das Intereſſe ihres Sohnes wahrgenommen haben 232 würden, ſowie allen nicht übel Geſinnten fiel es nicht ein, ſich darüber zu wundern oder gar etwas Anſtößiges darin zu finden, daß ſich die Erbherzogin gerne mit dem Grafen Horneck unterhielt, der ein ſo liebenswürdiger und be⸗ ſcheidener junger Mann war und auch mit ſeiner geiſtigen Begabung der ihrigen entſprechen mochte. Zu den hämiſchen Beobachtern gehörte vor Allem der Adjutant des Erbherzogs, der Rittmeiſter von Plöhn, der ebenfalls in dem Gardekavallerieregimente ſtand und den es nicht wenig verdroß, daß ſein junger Kamerad in eine die ſeinige beinahe überragende Stellung gerückt war. Es ließ ſich nicht beſtreiten, daß Herr von Plöhn ein tüchtiger Offizier und gebildeter Mann war, der ſich, ohne Vermögen und Konnexionen, durch eigenen Verdienſt zu dem Platze aufgeſchwungen hatte, den er jetzt einnahm und auch vollkommen auszufüllen wußte. Der Herzog ſchätzte ihn ſehr hoch, nachdem er auf ihn aufmerkſam geworden und ſich von ſeinem Werthe überzeugt hatte; deshalb hatte er ihn auch zum Adjutan⸗ ten und für gewiſſe Fälle Rathgeber ſeines Sohnes er⸗ wählt, und Prinz Georg war damit zufrieden geweſen, denn der Rittmeiſter leiſtete ihm gute Dienſte und genirte —— ———— ————— 233 ihn weiter nicht, da er ſich nicht herauszunehmen wagte, ihn gelegentlich zu hofmeiſtern. Der Adjutant ſtand jetzt in ſeinem vierzigſten Jahre. Nach einer freudenlos verlebten Jugend und ſtrengen Er⸗ ziehung im Kadettencorps war er in die Armee getreten und hatte mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, ſowohl wegen ſeiner Vermögensloſigkeit, wie wegen der ihm lange Zeit hindurch nicht zutheil gewordenen Anerkennung; dieſelbe ſollte ihm erſt ſpäter durch Zufälligkeiten werden. Das hatte ſein Gemüth verbittert und ihn ſtreng gegen ſich ſelbſt und Andere gemacht; nachdem er die beſte Zeit ſeines Lebens in Mühe und Sorgen hingebracht, vermochte die aufgehende Sonne des Glückes ſein kalt gewordenes Herz nicht zu erwärmen. Er urtheilte lieblos und pe⸗ dantiſch über die friſche, lebensluſtige Jugend, die ſich des Lebens erfreute, weil er ſie um Das beneidete, was ihm unwiederbringlich entgangen war, und ärgerte ſich über Jeden, der, ſeiner Meinung nach, nicht die Verdienſte be⸗ ſaß, die er ſelbſt ſich zuſchrieb, und dennoch, vom Glücke begünſtigt, eine gute Carrière machte. Sein ſpäteres Glück verſöhnte ihn nicht, da er meinte, daß er ſchon früher darauf Anſpruch gehabt und dann das Leben beſſer genießen gekonnt hätte. Er war Jungge⸗ 234 ſelle geblieben, ſei es nun, weil es ihm an Wärme des Herzens fehlte, um eine wahre Neigung zu faſſen, oder weil dem heirathsluſtigen Geſchlechte ſeine wenig liebens⸗ würdige Perfönlichkeit nicht gefiel und ſeine pekuniären Verhältniſſe noch immer nicht die glänzendſten waren. Er verſicherte auch ſehr glaubwürdig, daß er gar nicht daran trachtete er doch immer jede ſich bildende Herzensverbindung. Als Hofmann war er nicht viel werth, was ihm eigentlich nur zur Empfehlung gereichen konnte; er ſchmei⸗ chelte nicht, ſondern biß lieber den rauhen und geraden Soldaten heraus, wiewohl er bei der langen Friedenszeit den Ernſt und die wahre Bedeutung ſeines Standes noch garnicht kennen gelernt hatte, allerdings nicht ſeine Schuld, — ohne Zweifel wäre er vor dem Feinde ein ganz tüch⸗ tiger Schwadronsführer geweſen. Den Erbherzog liebte er durchaus nicht, weil derſelbe ihn zuweilen nichtachtend behandelte, aber das Bewußtſein ſeiner Stellung band ihn doch an denſelben, und er wünſchte ſehr, Gelegenheit zu finden, ſich bei ihm in mehr Reſpekt zu ſetzen und ihm anerkennungswerthe Dienſte zu leiſten. Daher kam es auch, daß Rittmeiſter von Plöhn die Gemahlin ſeines Herrn ſo ſcharf beobachtete und in ſeiner 8 denke, heirathen zu wollen, aber mit ſcheelem Auge be⸗ 235 Pedanterie ſo mancherlei Tadelnswerthes an ihrem Be⸗ nehmen gegen den Grafen Horneck fand, den er überhaupt nicht leiden mochte und eigentlich beneidete, wiewohl der⸗ ſelbe es nicht an achtungsvoller Aufmerkſamkeit für ihn fehlen ließ; Victor bewarb ſich ſogar, ohne alle Neben⸗ abſicht, um ſeine Zuneigung, weil er in ihm nur den äl⸗ teren Kameraden ſah, dem er durch ihre beiderſeitige Stel⸗ lung jetzt beſonders nahe gekommen war. Die herzogliche Familie entſchloß ſich nun, einige Wochen auf einem reizend gelegenen Landſchloſſe zuzubrin⸗ gen, das nur ein paar Stunden von der Reſidenz entfernt war; unter Anderen erhielt auch Victor die Ordre, ſie dahin zu begleiten. Dem Namen nach ging der Erbherzog auch dahin mit, zog es aber vor, tagelang nach der Re⸗ ſidenz zurückzukehren; er meinte genug gethan zu haben, wenn er ſeine Gemahlin, den Adjutanten und die Diener⸗ ſchaft dort ließ; dafür konnte er ſelbſt ſich nur umſo freier bewegen. Die herzogliche Familie wollte ganz ländlich leben, ein langentbehrter Genuß für ſie. Jeder ſollte ſeine Frei⸗ heit haben. Die Uniformen wurden von den Herren ab⸗ gelegt und mit leichten, eleganten Sommeranzügen ver⸗ tauſcht, ſelbſt die Damen verbannten die glänzenden und 8 8 * 236 ◻ läſtigen Toiletten. Victor war eigentlich der Einzige, dem noch hin und wieder eine Dienſtleiſtung aufgetragen wurde, nämlich, mit auf die Regierungsgeſchäfte bezüglichen De⸗ peſchen oder Befehlen des Herzogs nach der Reſidenz zu fahren oder zu reiten; aber auch dies kam nur in drin⸗ genden Fällen vor. Er war dadurch genöthigt worden, ſeine Pferde nach dem Luſtſchloſſe kommen zu laſſen, bediente ſich wenig⸗ 1 ſtens ihrer lieber, obgleich ihm auch der hierorts nur kleine herzogliche Marſtall zu Gebote ſtand. Der letztere enthielt neben den Beſpannungen der herzoglichen Equipagen nur ein paar Reitpferde für den Herzog ſelbſt, von denen der⸗ ſelbe aber ſelten Gebrauch machte, und für die Erbherzogin, die von jeher eine paſſionirte Reiterin geweſen war. Da die übrigen Perſonen des kleinen Gefolges dieſen Geſchmack gerade nicht theilten, machte es ſich ganz von ſelbſt, daß Graf Horneck auch bei den Spazierritten der Prinzeſſin Kavalier wurde; ſelbſtverſtändlich begleiteten ſie dann jedesmal ein oder zwei Bediente. Der Herzog und die Herzogin fanden darin durchaus nichts Anſtößiges, wie auch ſonſt kein vernünftiger oder allzu argwöhniſcher Menſch; Erſtere munterten ſogar ihre Schwiegertochter auf, dieſes gewohnte Vergnügen nicht zu vernachläſſigen, und der ——————q 237„ 2 Unterhaltung wegen mußte ſie ſchon ein Kavalier begleiten. 5 Keine Frage, daß dieſe Spazierritte en deux— die Bedienten, die ſich in reſpektvoller Entfernung halten mußten, waren doch kaum zu rechnen,— den Beiden die Gelegen⸗ heit zu der vertraulichſten Unterhaltung gaben, noch nie⸗ mals war dieſelbe aber über die Grenze, die ihre ſo ſehr verſchiedenen äußeren Verhältniſſe zogen, hinausgegangen. Auch der Erbherzog kannte die Paſſion ſeiner Gemahlin und wußte nicht einmal Etwas dagegen einzuwenden, daß der Lieutenant Graf Horneck daran theilnahm; Eiferſucht war ihm wahrlich noch nicht in den Sinn gekommen, ob⸗ gleich er gegen ſeine Vertrauten ſchon zuweilen ſpöttiſch geäußert hatte, er begreife nicht, welchen Geſchmack ſeine Gemahlin an dem intimeren Verkehre mit dem jungen Fante finden möge. Es war ein ſchwüler Sommernachmittag, und die Geſammtheit der fürſtlichen Geſellſchaft zog es vor, den⸗ ſelben nach der ſplendiden Mittagstafel, die hier ſchon früh ſtattfand, zu verſchlafen, um für die gewöhnliche abendliche Zuſammenkunft wieder ganz au fait zu ſein, nur die Erb⸗ herzogin blieb ihrer Gewohnheit treu, einen Ritt in der nächſten Umgebung des Schlößchens zu machen, und hatte 238 * in heiterſter Stimmung Victor aufgefordert, ſie wieder zu begleiten, was ihm ſehr willkommen war. Der Erbherzog ging ſchon ſeit zwei Tagen ſeinen Privatvergnügungen in der Reſidenz nach und war auch vorläufig noch nicht zu⸗ rückzuerwarten. Die Partie wurde ganz öffentlich bei Tiſche verhan⸗ delt, der Herzog und die Herzogin lachten darüber, als die Prinzeſſin auch Andere zur Theilnahme aufforderte, aber ihr Niemand freiwillig zuſtimmen wollte. Nach auf⸗ gehobener Tafel ſtanden die Pferde ſchon geſattelt da, und nur ein Diener begleitete das Paar. Es war natürlich, daß man bei der drückenden Hitze die Waldeskühle aufſuchte; da gab es auch ganz prächtige Partien, die umſo mehr romantiſchen Reiz gewährten, als ſie ſelten frequentirt wurden. Die tiefe, feierliche Stille des Waldlebens mußte das Gemüth tief und ernſt anregen; die Prinzeſſin und ihr Begleiter führten deshalb keine lebhafte Unterhaltung wie ſonſt, ſondern überließen ſich unwillkür⸗ lich ſinnigen Betrachtungen, die vielleicht im Geheimen demſelben Ziele zuſtrebten. Man achtete wenig auf den Weg und vertiefte ſich immer mehr in den Wald, der ſchon einen wildromantiſchen Charakter anzunehmen begann. An dem ſchmalen, von Baumwurzeln umſponnenen 239 Wege ſaß ein kleines, höchſtens zwölfjähriges Mädchen, das, den Kopf in beide Hände ſtützend, die langſam her⸗ ankommenden Reiter nicht eher bemerkte, als bis dieſelben ſich faſt unmittelbar vor ihr befanden; ein neben ihr ſte⸗ hendes Körbchen mit friſchgepflückten Waldbeeren verrieth den Zweck, der ſie hieher geführt hatte. Das Kind, das ſehr ärmlich, aber rein gekleidet war, ſchien zu ſchlafen, als der Tritt der Pferde aber ganz in ſeiner Nähe ertönte, fuhr es erſchreckt auf und zeigte ein hübſches, liebliches Geſicht, über deſſen Wangen die hellen Thränen niederliefen, während die großen blauen Augen ſich mit dem unverkennbaren Ausdrucke von Schmerz, neben ängſtlicher Ueberraſchung, auf die Reiter richteten. Das Mädchen griff unwillkürlich nach dem Korbe und machte eine Bewegung, als wollte es den Fremden entfliehen, aber die Erbherzogin, die ſchon oft Beweiſe ihrer aufrich⸗ tigen Theilnahme an dem Unglücke, unter welcher Geſtalt ſie es auch gefunden, gegeben hatte, verhinderte dieſe Flucht, indem ſie das Mädchen anredete und fragte, wo es zu Hauſe ſei und warum es weine. Die Kleine ſtotterte, ſich vor der vornehmen Dame, die ſie ohne Zweifel nicht kannte, erhebend, heraus, ſie ſei die Tochter eines in der Nähe mitten im Walde wohnen⸗ 240 den Köhlers, der zur Zeit krank und von aller Welt ver⸗ laſſen darniederliege; es fehle ſelbſt an den nothwendigſten Bedürfniſſen, um das Leben zu friſten, und ſie ſei in den Wald 13 hinaufgegangen, um die Beeren, die ſie jetzt im Körbchen hatte, wenigſtens zu einer kleinen Erfriſchung für den Vater zu ſammeln; nun ſei ihr aber in dem Gedanken, wie ſie ihn wiederſehen werde und ob dieſes Wenige auch nur einigermaßen zureichen könnte, ſo bang und wehe geworden, daß ſie nicht umhin gekonnt, ſich ſatt zu weinen. Der Erbherzogin und Victor wollte es faſt unglaublich klingen, daß in ſo großer Nähe des herzoglichen Luſtſchloſſes, wo ſie nur den reichſten Ueberfluß zu ſehen gewöhnt waren, Jemand hungernd und gänzlich hülflos in ſchwerer Krankheit V ſich beſinden könnte: indeſſen lag in der ſchüchteren Erzäh⸗ lung des Mädchens, das es durchaus nicht auf gewöhnliche Bettelei abgeſehen zu haben ſchien, doch ſo viel Glaubwür⸗ digkeit und die ſanften blauen Augen, die voll Thränen ſtanden, flehten, wohl eines beſtimmten Zweckes unbewußt, ſo rührend um Hülfe in der ſchwerſten Noth, daß ſich die Beiden davon auf das Tieſſte ergriffen fühlten. Die Erb⸗ herzogin warf nur einen kurz fragenden Blick auf ihren Begleiter und forderte dann das Kind auf, ihnen den Weg nach der Behauſung des kranken Mannes zu zeigen. 241 Die Kleine wurde dadurch offenbar ſehr überraſcht, aber die hoffnungsvolle Freude leuchtete doch in ihrem Ant⸗ litze auf, und ihren Korb nehmend, ſchritt ſie ſo raſch voran, daß die Pferde auf dem unebenen und verwachſenen Wege, der augenſcheinlich nur ſelten betreten wurde, kaum folgen konnten. Prinzeß Anna ſchien garnicht in der Stimmung zu ſein, auch nur den leiſeſten Scherz über dieſes kleine Aben⸗ teuer zu machen; ſie ſah nachdenklich vor ſich hin und ſprach kein Wort; auch Victor fühlte, daß man einer ernſten trau⸗ rigen Scene entgegengehe, aber vor Allem bewunderte er die Erbherzogin in ihrer Bereitwilligkeit zu einem edlen Samariterwerke, das ſogar mit körperlichen Anſtrengun⸗ gen verknüpft war.— Unaufgefordert, aber keineswegs in zudringlicher Un⸗ beſcheidenheit, ſondern nur ermuthigt durch die Theilnahme, die ſeine erſten Mittheilungen gefunden hatten, erzählte das arme Mädchen noch Mancherlei von ihren häuslichen Ver⸗ hältniſſen. Der Köhler, ihr Vater, arbeitete ſchon ſeit lan⸗ gen Jahren in den herzoglichen Waldungen für einen ge⸗ ringen Lohn, den ihm der Revierförſter ausgeſetzt hatte; der Letztere ſollte ein gar ſtrenger, unfreundlicher Herr ſein, der ſich um ſeine Untergebenen nicht weiter bekümmerte, Grabowski, Schickſal u. Schuld. I.. 16 242 als es eben die zu leiſtende Arbeit und die Bezahlung da⸗ für anbetraf. Der Köhler war nun eigentlich in einem der benachbarten Dörfer zu Hauſe, hatte daſſelbe aber ſchon ſeit Jahren nicht wiedergeſehen, als er ſeine Frau auf dem Kirchhofe begraben; mit der einzigen Tochter führte er ein förmliches Einſiedlerleben im Walde. Das Kind hatte nie Unterricht bekommen; es ſah nur Menſchen, wenn die Wald⸗ arbeiter Holz brachten oder Kohlen fortführten und wenn es Sonnabends aus der Unterförſterei den Lohn des Vaters abholte und die nothwendigſten Einkäufe im nächſten Dorfe machen mußte; die Kleine führte dem Vater eigentlich die ganze Wirthſchaft, wozu allerdings nicht viel gehören mochte. Das war auch Alles ganz gut gegangen, ſelbſt im harten Winter, der noch ſchlimmere Entbehrungen jeder Art mit ſich zu führen pflegte, bis der Mann ſchwer er⸗ krankte— woran, das wußte ſie nicht anzugeben, denn ein Arzt hatte ſich bei ihnen noch nicht ſehen laſſen,— und arbeitsunfähig wurde; ſie hatte dies zwar dem Förſter gemeldet, derſelbe ihr aber weder Geld, noch guten Rath gegeben, ſondern kurz und rauh geſagt, der Vater ſolle ſich perſönlich bei ihm vorſtellen, wenn er wieder ar⸗ beiten könnte und wollte. Seit dieſer Zeit waren ſie gänzlich hülflos geblieben 243 und hatten ſeit den letzten Tagen ihre geringen Erſpar⸗ niſſe vollſtändig aufgezehrt. Ungefähr eine Viertelſtunde weit von dem Platze, wo man das Mädchen getroffen hatte, fand man die armſelige, nur aus rohen Baumſtämmen und Brettern aufgebaute Köhlerhütte und in ihrer Umgebung einige abgeräumte, ausgebrannte Weiler; ſchon von außen ſah man der er⸗ ſteren an, daß ſie eine jämmerliche Behauſung, in die Wind und Wetter ziemlich freien Eingang hatten, bilden mußte. Die Kleine eilte, jedenfalls von Sehnſucht nach dem kranken Vater getrieben und um ihn auf den ſeltenen Beſuch vor⸗ zubereiten, voraus durch die nur halb in den Angeln hän⸗ gende Thür und überließ es den Reitern, ihr zu folgen. Sie ſtiegen ab, und der Bediente, dem die ganze Sache nicht recht zu gefallen ſchien, bekam die Pferde zu halten. Victor wollte die Erbherzogin darauf aufmerkſam machen, daß es beſſer ſein würde, er ginge zuerſt in die Hütte hinein, um ſich zu überzeugen, ob der ſich dort bie⸗ tende Anblick nicht zu ergreifend für ſie ſei oder es ſich gar um eine anſteckende Krankheit handeln dürfte, aber ſie lächelte leicht zu dieſer wohlgemeinten und wohl auch nicht ganz überflüſſigen Beſorgniß und winkte ihm abwehrend mit der Hand; er mußte ihr den Vortritt laſſen. 16* 244 Man fand ein Bild der bitterſten Armuth und des ſchwerſten Elendes vor ſich; gewiß hatten ſich auch die Erbherzogin, wie der Lieutenant noch gar nicht vorzuſtellen vermocht, daß Menſchen unter ſolchen Verhältniſſen exiſtiren könnten. Nur die äußerſte Nothdurft war vorhanden; Nichts, was zur Bequemlichkeit, obenein für einen Schwer⸗ kranken, dienen konnte. Das Ganze würde geradezu ab⸗ ſchreckend geweſen ſein, wenn man nicht doch das Beſtreben bemerkt hätte, die Reinlichkeit zu erhalten, wenn die Sonne nicht durch das einzige kleine, zum Theil mit Papier ver⸗ klebte Fenſter ein paar goldene Strahlen geworfen und damit den Gegenſtänden eine freundliche Färbung gegeben, beſonders aber zufällig das hübſche Geſicht des kleinen Mädchens verklärt hätte, das neben einem auf dem Boden bereiteten erbärmlichen Lager kniete und in freudiger Auf⸗ regung zu dem darauf Ruhenden ſprach; das arme Kind 8 mochte ſich ſo glücklich fühlen, daß es den Vater in, ſeinen Anſprüchen nach, befriedigendem Zuſtande wiedergefunden hatte und ihm auch mittheilen konnte, mit dem vornehmen Beſuche würde wohl Hülfe gekommen ſein. Der kranke Köhler war noch kein alter und ſonſt auch noch gewiß ſehr rüſtiger Mann, aber ein hartnäckiges Fieber hatte in den letzten Wochen ſeine Kraft gebrochen, 245 und er lag jetzt, faſt vollſtändig gelähmt, mit eingefallenen, todesblaſſen Wangen und matten Augen da; die frohe Kunde, die ihm ſeine Tochter bringen wollte, nahm er nur mit ſichtlichem Unglauben und hoffnungsloſer Ver⸗ zweiflung auf; er hatte es auch nie erlebt, daß ihm fremde Menſchen Theilnahme erwieſen.. Seine Augen wurden indeſſen größer und ausdrucks⸗ voller, als ſie die vornehme ſchöne Dame und den elegant gekleideten Herrn eintreten ſahen, doch hüllte er ſich feſter in die zerriſſene wollene Decke, als ob er begriffe, daß der Anblick ſeines Elendes ſie nur unangenehm und empfind⸗ lich berühren könnte. Die Erbherzogin hatte er noch nie geſehen und dachte gewiß am allerwenigſten daran, daß ſie an ſein Schmerzenslager treten würde. Prinzeß Anna waren die Thränen in die Augen ge⸗ kommen; der Entſchluß, hier durchgreifend zu helfen, ſtand ſchon längſt in ihr feſt, ſelbſt wenn dies weniger erforder⸗ lich geweſen wäre; hier lag aber die äußerſte Nothwen⸗ digkeit ſo klar vor Augen, daß es ſie nur drängte, ſchnell alles Mögliche zu thun. Das Mädchen, das ſie voll des hingebendſten Ver⸗ trauens anſah, beeilte ſich, ihr einen alten hölzernen Schemel herbeizuholen und denſelben neben das Lager des Vaters 246 zu ſetzen; die Erbherzogin ſtand keinen Moment an, darauf Platz zu nehmen. In ihrer liebreichen, gewinnenden Weiſe richtete ſie einige Fragen an den Mann, der ihr mit der⸗ ſelben Schüchternheit und Beſcheidenheit, wie ſeine Tochter, antwortete und alle deren Angaben beſtätigte. „Kümmert Euch nicht mehr, guter Mann,“ ſagte ſie dann mit vor Rührung halberſtickter Stimme;—„der Himmel hat uns hierher geführt und die Pflicht auferlegt, für Euch zu ſorgen; Euch ſoll auf der Stelle geholfen werden.“ Das kleine Mädchen jubelte laut auf: „Seid Ihr ein Engel, ſchönes Fräulein?— Gewiß, Ihr ſagt es ja ſelbſt!— Wird mein Vater dann leben bleiben?— kann er wieder ganz geſund werden?“ Prinzeß Anna zog das Kind an ſich und küßte es auf die Stirn. Die Sonnenſtrahlen verklärten jetzt auch ſie, mehr aber in Victors Augen dieſe himmliſche Milde, die den Armen und Niedrigen von der Fürſtentochter zu⸗ theil wurde; er hätte ihr zu Füßen ſtürzen und laut aus⸗ rufen mögen, in demſelben frommen Glauben wie das Kind: „Ja, Sie ſind wirklich ein Engel!“ Aber ein feſtes, beſtimmtes Wort der Erbherzogin brachte ihn wieder zur vollen Beſinnung. 247 „Graf Horneck,“ wandte ſie ſich an ihn,—„ſagen Sie unſerem Diener, er ſolle ſofort nach dem Schloſſe zurück⸗ reiten und den Leibarzt des Herzogs, Doktor Braune, in meinem Namen auffordern, ſo ſchnell als möglich hierher⸗ zukommen; wir werden ihn hier erwarten. Auch ſoll man unverzüglich einige Betten und Decken hierher ſchaffen laſſen und was der Doktor ſonſt noch für einen Fieberkranken erforderlich halten wird.“ „Und ein wenig Brod, wenn Ihr nun doch einmal ſo gut ſein wollt, ſchönes Fräulein!“ beeilte ſich das Kind hinzuzufügen, dem noch immer kein Verſtändniß darüber aufging, wer der hülfreiche Engel ſein möge. Der Lieutenant ſtürzte fort; es drängte auch ihn zur Eile. Er gab dem verwunderten Diener kurz und ge⸗ meſſen ſeine Befehle, nahm die Zügel der beiden zurück⸗ bleibenden Pferde, als Jener fortſprengte, und knüpfte ſie an einen Baumaſt. Aber er war doch nicht im Stande, ſofort in die Köhlerhütte zurückzukehren; mit verſchränkten Armen lehnte er an einem Stamme und blickte in die rothe Sonnenglut hinein, welche die Wipfel der ſonſt ſo düſteren Bäume färbte. Das Herz war ihm übervoll, und un⸗ bewußt flüſterte er wiederholt vor ſich hin: „Ja, ſie iſt ein Engel Gottes!“ 248 Die Erbherzogin hatte wohl nicht daran gedacht, als ſie dem Grafen Horneck ihre Weiſung ertheilte, daß der Köhler über ihre Perſönlichkeit einigermaßen in das Klare kommen und dadurch noch mehr betroffen werden müßte. Der Mann ſah ſie auch wie im halben Traume an und ſtammelte erſt nach einer ganzen Weile: „Ein Herr Graf?— und unſer allergnädigſter Landes⸗ herr?— O mein Gott, da ſind Sie gar vom Hofe?“ Dieſe Worte machten auch das Kind ſchüchtern, das ſich langſam zurückzuziehen verſuchte. „Nun ja,“ meinte Prinzeß Anna mit mildem Lächeln,— „was thut das? Deſto beſſer werde ich für Euch ſorgen können, und Ihr könnt Euch nun auch darauf verlaſſen, daß Ihr fernerhin keine Noth mehr leiden werdet.“ „Aber ich bin ein ſo geringer, ſchlichter Mann!“— wandte der Köhler ein, ſie mit offenbarer Angſt betrachtend. „Sind wir nicht Alle vor Gott gleich?— Aber laßt daß jetzt! Ihr ſolltet, da Ihr ſo matt ſeid, zu ſchlafen verſuchen, bis wir Euch bequemer betten können, was nicht lange auf ſich warten laſſen wird.“ Und die Erbherzogin legte ſelbſt Hand an, das harte Strohkiſſen dem Manne bequemer zu legen, der ſie mit einem Ausdrucke von höchſter Verwunderung und doch —— — .——— —— 249 2 innigſter Dankbarkeit anblickte und kein Wort mehr zu finden wußte. In ſeiner Verlegenheit zog er es vor, ſich zu ſtellen, als ob er wirklich des Schlafes bedürfte, obgleich die innerliche Erregung ihn gewiß nicht dazu kommen ließ. Die Prinzeſſin ſtand auf, ſetzte ſich an das kleine Fenſter und winkte das Mädchen zu ſich heran, dem ſie bald wieder die frühere Unbefangenheit einzuflößen wußte. So fand ſie Victor wieder, als er in die Hütte zu⸗ rückkehrte. Sie winkte ihm, neben ihr Platz zu nehmen, und ſprach flüſternd mit ihm davon, was ſich zunächſt für die armen Leute thun laſſen würde, wobei ſie eine auf⸗ richtige Theilnahme fand. Bald konnte er indeſſen doch nicht unterlaſſen, ſie darauf aufmerkſam zu machen, daß die Sonne dem Untergange nahe war und daß die Rück⸗ kehr durch den Wald zu ſpäter Stunde nicht allein ihr Bedenkliches habe, ſondern die Geſellſchaft auf dem Schloſſe dadurch auch beunruhigt und in Verwunderung geſetzt werden möge. Das mußte auch ihr einleuchten, aber was ließ ſich Anderes thun, als die Hülfe aus dem Schloſſe abzuwarten? — ſie und Victor begriffen wohl, daß die armen Leute anderer Hülfe bedurften, als durch baares Geld, das ſie ihnen zurückgelaſſen hätten. 250 Die Situation wurde immer peinlicher, denn die Sonne war ſchon untergegangen und das abendliche Dunkel legte ſich über den Wald und die armſelige Köhlerhütte, in der es ſogar an einem Lichte mangelte. Der Doctor und der ab⸗ geſchickte Diener kamen nicht, und die Vermuthung, die ſich nachher auch beſtätigen ſollte, lag ſehr nahe, daß der Letztere den Weg verfehlt hatte. Unmöglich konnte man hier noch länger verweilen, und in ſpäter Nachtſtunde zu Zweien nach dem Schloſſe zurückkehren— welchen Stoff für die Mediſance würde dies gegeben haben! Uebrigens begann der Himmel ſich mit Regenwolken zu überdecken, und ein ziemlich ſcharfer, kühler Wind hatte ſich erhoben. Die Erbherzogin war ſehr unruhig geworden, Victor hielt es für Pflicht, ſie wiederholentlich an die Rück⸗ kehr zu erinnern. Endlich mußte ſie ſich wohl dazu ent⸗ ſchließen; ſie ſchrieb auf ein Stückchen Papier, das der Lieutenant aus ſeinem Taſchenbuche riß, einige Zeilen, welche das Erſuchen an den Arzt, der doch endlich einmal ein⸗ treffen mußte, enthielten, dem Kranken die ſorgfältigſte Hülfe zu leiſten, gab dem kleinen Mädchen eine kleine Geld⸗ ſumme, um anderen Tages etwaige nothwendige Bedürf⸗ niſſe anzuſchaffen, und verſprach, ſehr bald in Perſon wieder⸗ zukommen. Das Kind ſchien dadurch nicht ganz befriedigt zu ſein, es erwiederte den liebevollen Abſchied nur mit Thränen in den Augen und ziemlich kleinmüthig; der Köhler ſchlief nun wirklich oder ſtellte ſich noch immer ſchlafend. 4 Die Prinzeſſin und Victor verließen endlich die arm⸗ ſelige Hütte und beſtiegen ihre Pferde; es war im Walde ſchon ganz finſter geworden, und wieder wechſelten ſie nur wenige Worte, theils wohl, weil ſie Beide ſich eigenthüm⸗ lich erregt fühlten, theils weil der ſchlechte Weg eine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit auf die Pferde bedingte. Als ſie nicht ohne Mühe und Gefahr den Rand des Waldes und dann die große Straße erreicht hatten, ließen ſie die Thiere ſcharf austraben; deſſenungeachtet war ſchon die zehnte Abendſtunde gekommen, als ſie in dem herzoglichen Luſt⸗ ſchloſſe eintrafen. Man ſah leicht, daß hier eine ungewöhnliche Unruhe herrſchte, welche das lange Ausbleiben der Erbherzogin veranlaßte. Rittmeiſter von Plöhn war gerade im Be⸗ griffe, mit mehreren berittenen Dienern die Vermißte auf⸗ zuſuchen, wozu ihm die Herzogin den Befehl gegeben hatte. Sowohl Prinzeß Anna, wie Victor wurden unange⸗ nehm durch die Art und Weiſe berührt, wie er ihnen ſeinen 252 Bericht darüber erſtattete; es lag darin etwas Hämiſches, ſtreng Tadelndes, noch mehr in ſeinen Blicken, als Worten, daß die hohen Herrſchaften, ſowie die ganze Schloßbewoh⸗ nerſchaft ſich den ſchlimmſten Beſorgniſſen hingegeben hätten. Die Prinzeſſin wurde dadurch verſtimmt, ſie befand ſich andererſeits auch noch unter dem lebhaften Eindrucke, den das Elend der armen Leute auf ſie gemacht hatte, als daß ſie Veranlaſſung genommen haben ſollte, dem Rittmeiſter einige freundliche Worte zu ſagen, und es traten ihr nur die wenigen auf die Lippen: „Was konnte mir denn zuſtoßen, da ſich Graf Horneck an meiner Seite befand?“ Der Rittmeiſter antwortete Nichts darauf, warf aber einen ebenſo mißgünſtigen, wie ironiſchen Seitenblick, den die Dunkelheit nicht recht erkennen ließ, auf ſeinen jungen Kameraden. Es ergab ſich, daß der abgeſandte Diener auf dem Schloſſe eingetroffen war, aber er hatte ſich direkt an den Leibarzt gewandt, ohne weitere Mittheilungen zu machen, und Dr. Braune ſich dann ſofort mit ihm auf den Weg nach der Köhlerhütte begeben, die ſie anfänglich, wie ſchon geſagt, verfehlten. Niemand im Schloſſe kannte Ziel und Zweck ſeines eiligen Aufbruches, der auch garnicht beachtet 253 worden war, deshalb vermochte man ſich das Ausbleiben der Erbherzogin und ihrer Begleiter auch gar nicht zu erklären. Anna dankte kurz ihrem Kavalier mit dem Hinzu⸗ fügen, ſie hoffe ihn heute Abend in dem Geſellſchaftscirkel noch wiederzuſehen, und daß er ſie morgen wieder nach der Köhlerhütte begleite; dann begab ſie ſich zu der Her⸗ zogin, die ſich noch auf ihrem Zimmer befand und be⸗ fohlen hatte, ſie nach dem Eintreffen ihrer Schwiegertochter davon in Kenntniß zu ſetzen. Anna übernahm dies ſelbſt; ſie bedauerte, die Herzogin, die ihr ſtets wahrhaft mütter⸗ liche Zuneigung erwies, beunruhigt zu haben, war indeſſen außer aller Sorge, ſich vollſtändig rechtfertigen zu können. Die Herzogin empfing ſie ungewöhnlich ernſt und kalt; es unterlag keinem Zweifel, daß ein ſchlimmes Mißtrauen in ihr aufgetaucht war, und ſie wollte ſich auch nicht be⸗ ſondere Mühe geben, dies zu verhehlen, ihre erſte Frage lautete ſtreng und tadelnd. Die Prinzeſſin begriff dies ſogleich und fühlte ſich tief gekränkt; jedem Anderen gegen⸗ über würde ſie mit Stolz geantwortet haben, der Herzogin hing ſie aber mit zuviel kindlicher Verehrung und wahrer Achtung an, als daß ſie eine ſolche Rolle durchzuführen vermocht hätte, um ſo tiefer ſchmerzte ſie die ganz unge⸗ rechte Beurtheilung. 254 Da ſie ſich ohnedem ſchon in großer Aufregung be⸗ fand, konnte ſie ihre Thränen nicht zurückhalten; demüthig küßte ſie ihrer Schwiegermutter die Hand und erzählte ihr in einfachen Worten das Vorgegangene. Ihre Schilderung kam aus vollem, tieffühlenden Herzen und trug das Ge⸗ präge ſo reiner, unſchuldsvoller Empfindungen, daß die Herzogin dadurch gerührt und vollſtändig verſöhnt wurde; ſie war überhaupt nur in den äußeren Formen eine ſtrenge Frau. In wiedererwachter mütterlicher Liebe umarmte ſie die Schwiegertochter und verzieh ihr nicht allein, ſondern billigte vollkommen ihr Verhalten; beiläufig erwähnte ſie— aber der Prinzeſſin konnte dieſe Warnung nicht verloren gehen,— daß ſie in ihrer hohen Stellung ſehr vorſichtig ſein müſſe; glücklicher Weiſe bemerkte ſie nicht, daß Anna dabei tief erröthete, wurde derſelben doch erſt jetzt klar, wie man ihr Verhältniß zu dem Grafen Horneck auffaſſen könnte. Dagegen empörten ſich auch ihre weibliche Würde und ihr reines Gewiſſen. Sie fühlte, daß ſie allen Verleum⸗ dungen und nach einem Stoffe zu ſolchen ſuchenden Blicken mit freiem, feſten Auge entgegentreten könne, daß dies jetzt leider ſchon eine Nothwendigkeit geworden ſein dürfte, und deshalb beſtand ſie darauf, obgleich die Herzogin ihr in —y—————ʒ—— 255 zärtlicher Fürſorge rieth, ſich nach der Anſtrengung des längeren Rittes und der Gemüthsbewegung frühzeitig zur Ruhe niederzulegen, dem abendlichen Geſellſchaftscirkel beizuwohnen. Der Herzog war bald durch ſeine Gemahlin von dem wahren Sachverhalte in Kenntniß geſetzt worden und, ob⸗ gleich er anfänglich auch ein wenig erzürnt geweſen, nun ganz einverſtanden mit dem Benehmen ſeiner Schwieger⸗ tochter; es kam ihm garnicht einmal in den Sinn, dem Lieutenant Grafen Horneck einen Vorwurf zu machen und ihm ſeine Gunſt zu entziehen. Alle fanden ſich bald darauf zu der gewöhnlichen Abendunterhaltung zuſammen, und bald lieferte das kleine Abenteuer der Erbherzogin vorzüglich den Stoff zum Ge⸗ ſpräche. Sie ſelbſt fand es zwar ihren Gefühlen wider⸗ ſtrebend, ſich weitläufig darüber auszulaſſen, aber Victor, der die Situation ſehr wohl begriff, bemeiſterte glücklich ſeine Verſtimmung darüber und erſtattete einen vollkommen wahrheitsgetreuen Bericht, den ſchließlich der von der Köhler⸗ hütte zurückkehrende Leibarzt beſtätigte. Die Meinungen blieben deſſenungeachtet getheilt; die größere Partie bewunderte, wenigſtens ſcheinbar, das edel⸗ müthige Benehmen der Frau Erbherzogin gegen die armen 256 Leute, die kleinere warf untereinander bedeutſame Blicke auf ſie und den Grafen Horneck; die letzten wollten den nächtlichen Ritt der Beiden nun einmal höchſt bedenklich ſinden. Dazu gehörte vor Allen der Rittmeiſter von Plöhn, der ſich heute ſtiller und bärbeißiger wie je zeigte. Ohne ihn hätte die ganze Geſchichte am Ende alle Bedeutung verloren und wäre ſpurlos in Sande verlaufen; er gedachte aber ſchon dafür zu ſorgen, daß dies nicht geſchehe. d Uebrigens ließ es ſich die Erbherzogin beſonders an⸗ 8 gelegen ſein, Victor vor Aller Augen in dankbarer An⸗ 8 erkennung der Dienſte, die er ihr geleiſtet hatte, auszu- zeichnen; ohne Zweifel wollte ſie dadurch allen gehäſſigen Klätſchereien die Spitze abbrechen; der Herzog und die Herzogin unterſtützten ſie auch dabei; auf Victor's Theil kam damit viel mehr Ehre und Lob, als er verdient zu N haben glaubte. n. —cd— Druck von Beuckert& Radetzki, Berlin, Alte Jacobſtr. 20. “—