Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in viczen, f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückäube der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von( J jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Eutgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchen e Summe ſ terlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zarlckerſtattet wird. 5 66 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1beträgt: 4 ſ für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2———x——— df 1 Meonatf P Wer.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2. tige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurlckſendung 5. A. „der Buͤchee auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(uamentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der 1) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſetht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Reeeeee ————— — ᷣ————— Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. ſ 1 Achler Band. Die Emigranten. 8 Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Die Emigranten. Bistoriärge Kauelle von St. Graf Grabowski. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) ——— ꝛĩ— Inhalt. Erſtes Capitel. Bweites Capitel Drittes Capitel. Viertes Capitel. Fünftes Capitel Sechſtes Capitel Siebentes Capitel. Achtes Capitel. Neuntes Capitel Die Emigranten. — Erſtes Capitel. Mathieu Bonnet, der Wirth des Hotels zur Trico⸗ lore zu Rennes, hatte die Fenſterladen in der unteren Etage ſeines Hauſes geſchloſſen, ſtatt der während des Tages wehenden mächtigen Fahne die Laterne mit roth⸗ weiß⸗blauen Gläſern über der Thür aufgeſteckt, und ſchlen⸗ derte nun, ein paar unverſtändliche Verwünſchungen zwiſchen den Zähnen murmelnd, der zu ebener Erde gelegenen großen Gaſtſtube zu. 1 Mathieu Bonnet mit ſeiner wohlbeleibten, breiten und unterſetzten Figur, ſeinem glattraſirten runden und rothen Geſichte, aus dem über einer kleinen Stumpfnaſe ein paar blinzelnde graue Augen meiſtens ziemlich freund⸗ lich hervorſchauten, entſprach ſo genau der Vorſtellung, die man ſich gewöhnlich von dem Inhaber einer Wein⸗ ſchenke mittlerer Klaſſe zu machen pflegt, daß es gar nicht der Abzeichen ſeiner haushälteriſchen Würde, der wohlge⸗ 1859. VIII. Die Emigranten. 1 waſchenen weißen Schürze und ſpitzen Nachtmütze bedurft hätte, in ihm den Wirth zur Tricolore zu erkennen. Uebri⸗ gens war er in ganz Rennes, ſicherlich wenigſtens in der unteren Stadt als ſolcher bekannt, denn vor einigen Jahren noch, ehe die große Revolution ausgebrochen war und ihre Folgen auch bis in die loyale Bretagne erſtreckte, hatte ſein Haus, das damals ein Schild mit drei Lilien führte, mit mehr Recht auf den Namen eines Hotels Anſpruch machen dürfen, als zur Zeit, wo es nothgedrungen die Lilien mit der dreifarbigen Fahne vertauſcht hatte. Damals erfreute es ſich, allen den großen Weinhäuſern in der eleganteren oberen Stadt zum Trotz, eines cht allein zahlreichen, ſon⸗ dern auch wirklich vornehmen Beſuchs, denn die Mehrzahl der Edelleute der Umgegend behauptete, in Rennes gäbe es nirgends beſſeren Wein, einen dienſtbefliſſeneren Wirth und eine ſtandesgemäßere Aufnahme; damals hielten oft zehn bis zwölf Landequipagen, deren Lenker kaum die un⸗ geduldig ſcharrenden edlen Roſſe zu beſchwichtigen ver⸗ mochten, vor der Thür, und drinnen in der Gaſtſtube blitzten goldene und ſilberne Gallons auf den Kleidern der Gäſte, die mit noch verlockenderem Golde bezahlten, und mehr als einmal vergaßen, ſich den Ueberſchuß herausgeben zu laſſen. Jetzt aber, im Juni 1795, waren die glänzen⸗ den Tage der drei Lilien vorbei, die Landedelleute hatten drüben in England Schutz geſucht, dienten in der Emi⸗ 11 granten⸗Armee am Rhein unter Condé, oder hielten ſich auf ihren alten Schlöſſern verborgen; die Tricolore hatte an Ruf und Beſuch verloren, ſelten nur verkehrten in ihr ein paar nähere Bekannte Mathieu Bonnet's, mäßige und ſparſame Bürger der Stadt, und republikaniſche Offiziere und Soldaten der Armee des Generals Hoche, der die ganze Bretagne und Vendèée, vorzüglich die Nordküſte be⸗ ſetzt hielt, um die immer gefährlicher auftretende Gouanne⸗ rie im Zaume zu halten und eine Landung der Emigranten unter dem Grafen Artois, die man von England aus zu vermuthen Grund hatte, zu verhindern. War Mathieu Bonnet nun auch nicht der Mann, der das Unglück ſeines von Parteien zerriſſenen und durch blutige Kämpfe be⸗ fleckten Vaterlandes ſich allzu tief zu Herzen nahm, und hatte er auch mit feſter Hand und lächelndem Geſichte das⸗ Schild mit den Lilien von ſeinem alten Platze genommen und das republikaniſche Abzeichen dafür aufgeſteckt, weil dies einmal die Zeitverhältniſſe erforderten, ſo fühlte er doch deſto ſchmerzlicher den augenſcheinlichen Verfall ſeines Geſchäftes, und ſchon manche leiſe Verwünſchung der augenblicklich herrſchenden Partei war über ſeine Lippen gegangen, wenn er die verlaſſene Gaſtſtube, wie an dieſem Abende, betrat. Da waren die ſchweren ſeidenen Vorhänge von den Fenſtern fortgenommen und durch einfache weiße Gar⸗ .1- 12 dinen erſetzt worden, denn die republikaniſchen Soldaten hatten einſt geäußert, ſie ſähen gar zu ariſtokratiſch aus; ſtatt der alten Oelgemälde, die Scenen aus der Geſchichte der Könige Frankreichs, aus der Jagd des hohen Adels, zuweilen auch etwas frivole Bilder vorgeführt hatten, hingen jetzt Kupferſtiche in ſchwarzpolirten Rahmen, Er⸗ eigniſſe aus der Zeit der neuen Republik darſtellend, an den Wänden, deren Tapeten täglich einer Reſtauration be⸗ durft hätten; nur die lange Tafel, die ſich durch den ganzen ziemlich großen Raum faſt hindurcherſtreckte, ſtand noch da und um ſie herum die Bänke mit zerriſſenen und be⸗ fleckten Polſtern, aber ſie waren leer, und von den an der Decke des Zimmers hängenden drei großen Ampeln brannte nur eine einzige und war der Erſparniß halber tief hinab⸗ geſchraubt, ſo daß ſich nur ein trübes Dämmerlicht von ihr ausbreitete. Der Anblick war wohl geeignet, eine gewiſſe Bitter⸗ keit in dem Herzen Mathieu Bonnet's hervorzurufen, und vielleicht wird man es ihm nicht verdenken, daß er, nach⸗ dem er ſich die draußen auf ſeine Kleider niedergefallenen Regentropfen abgeſchüttelt hatte, die Fahne, die er in der Hand trug, etwas ungeſtüm in eine Ecke des Gemaches ſchleuderte.. Bei dem Geräuſch, das hierdurch verurſacht wurde, fuhr eine andere in dem Zimmer befindliche Perſon, die 13 der Eintretende bei der ſchwachen Beleuchtung kaum wahr⸗ genommen haben würde, erſchreckt zuſammen und richtete die Augen ängſtlich fragend auf Mathieu, der ſich mit übellauniger Heftigkeit auf eine der gepolſterten Bänke ge⸗ worfen hatte. Eine weiche, wohlklingende Stimme fragte in beſorgtem Tone: „Giebt es etwas Schlimmes, Onkel Mathieu, da Sie ſo verſtimmt ſcheinen?“ Die Fragerin— denn es war ein weibliches Weſen, von dem dieſe Worte ausgingen,— ſaß an dem andern Ende der langen Tafel, wo ſie ſich mit Eintragung von Zahlen in ein großes Rechnungsbuch beſchäftigt hatte. Sie ſchien achtzehn bis zwanzig Jahre alt zu ſein und war weniger von auffallender Schönheit als von einer be⸗ ſcheidenen Anmuth, die ſich ſowohl in der ganzen Haltung eines ſehr zierlichen Körperbaues, als in dem ſanften, überaus anziehenden Geſichtsausdrucke ausſprach. Der Schnitt dieſer Geſichtsform war nicht regelmäßig, aber man vergaß dies über die zarte Bildung ihrer einzelnen Theile und deren zufällige Vereinigung; die leichtgebogene feine Naſe, die dunkelbraunen Augenſterne, von langen Wimpern faſt bedeckt und von ſchmalen, ſcharfgezeichneten Brauen überwölbt, hatten etwas Stolzes, Imponirendes an ſich, die untere Partie des Geſichts aber, vorzüglich der liebliche Mund, milderten dieſen Ausdruck, und die ſprechende Güte der Augen ſchuf ihn zu einem weichen, durchaus weiblich ſanften um. Der reiche, ſorgſam in Zöpfe geflochtene Haarſchmuck von tiefbrauner Farbe wurde durch ein leichtes, weißes Häubchen faſt verdeckt, den Ober⸗ körper umſchloß ein eng an die ſchönen Formen ſich an⸗ paſſendes Jäckchen von ſchwarzem Sammet, deſſen Schöße auf den roth und ſchwarz geſtreiften wollenen Rock hinab⸗ fielen; ſo einfach dieſer Anzug war, ließ ſich doch eine ſorgfältige Anordnung und unſchuldige Coquetterie in der Toilette des lieblichen Mädchens bemerken. Mathieu Bonnet ſchien für ſo vielen Liebreiz kein Verſtändniß zu haben, oder ſein Auge mußte durch die Gewohnheit dagegen gleichgültig geworden ſein, denn ohne ſeine nachläſſige Lage zu verändern, oder dem Mädchen einen Blick zu ſchenken, fragte er mürriſch: „Was machſt Du hier, Madeleine?— ich hatte Dich gar nicht bemerkt.“ „Sie hatten mir befohlen, mein Onkel, unſer großes Conto abzuſchließen,“ erwiderte das Mädchen ſanft;— „ich habe die Rechnungen der letzten acht Tage eingetragen und die Bilance gezogen. Wenn Sie es wünſchen, ſo will ich Ihnen das Ergebniß mittheilen.“ 4 „Nein, nein,“ unterbrach ſie der Alte unmuthig,— „es hat Zeit damit, Madeleine;— wenn ich dieſe leere Gaſtſtube vor mir ſehe, ſo brauche ich nicht erſt das Conto⸗ 15 buch aufzuſchlagen. Du wirſt Dir bei dieſem Lichte die Augen verderben, Mädchen, und das kann ich nicht ver⸗ antworten; ſchließe das Buch und bringe mir eine kleine Kanne Burgunder, ſiebenundachtziger,— verſtehſt Du?“ Der Weinwirth erhob ſich und brachte ſeine dicke Figur in ſitzende Stellung, worauf er beide Ellenbogen auf den Tiſch ſtemmte und blinzelnd in das Licht der trüben Lampe ſchaute. Seinem Befehle gehorſam, war auch Madeleine aufgeſtanden und dem Büffet zugegangen, das ſich in einer tiefen Niſche des Gemaches befand und neben einer reichlichen Anzahl von zinnernen Kannen und Gläſern auch eine ſolche von Flaſchen und einige kleine Fäſſer enthielt. Ehe ſie hier aber den ihr gewordenen Auftrag ausführte, wandte ſie ſich der Ecke zu, in die Mathieu die dreifarbige Fahne geworfen hatte, hob letztere von der Erde auf und ſtellte ſie ſorgfältig in ein zu dieſem Behufe angebrachtes Geſtell. „Es könnten Gäſte kommen, Onkel Mathieu,“ meinte ſie, ihr Verfahren erklärend,—„und es Ihnen übel auf⸗ nehmen, daß Sie die Tricolore mit ſo wenig Ehrfurcht behandeln.“ „Kein Menſch kommt, zumal das Wetter ſich mit dieſen Republikanern zu meinem Ruin verſchworen hat,“ brummte der Wirth.„Aber Du haſt Recht, Madeleine, wir müſſen uns nach der Decke ſtrecken und rufen: Es lebe — 16 der Convent!— Nimm die Fahne nur auf und vergiß nicht den Burgunder.“ „Sie ſind böſer Laune,“ ſagte das Mädchen, als ſie die gefüllte Kanne vor ihren Onkel hinſtellte, und ein ängſtlicher Blick auf denſelben verrieth, daß ſie fürchtete, es ſei etwas beſonders Unangenehmes paſſirt. „Sollte ich es nicht?“ fuhr der Alte heftig auf;— „geht es nicht täglich mit meiner Wirthſchaft zurück, und werden wir nicht nächſtens am Bettelſtabe ſein, da ſich kaum noch ein Gaſt bei uns ſehen läßt?“ 1 „Iſt das Ihr ganzer Verdruß, lieber Onkel?“ fragte Madaleine, deren Züge ſich wieder aufheiterten.„Wir ſind ja nicht ſo arm, daß wir die böſe Zeit nicht noch ein paar Jahr hindurch aushalten könnten, und die eiſerne Truhe in Ihrem Schlafzimmer—“ „Still, Mädchen!“ unterbrach ſie Mathieu heftig, aber mehr ängſtlich als erzürnt, und ſeine kleinen Augen ſpähten blitzſchnell in dem Zimmer umher, als wolle er ſich nochmals vergewiſſern, daß kein Zeuge dieſer Unter⸗ haltung zugegen ſei.„Hüte Deine Zunge und denke daran, daß ich es Dir ein für alle Mal verboten habe, über Dinge zu plaudern, die in dieſer ſchweren Zeit uns gefährlich werden können.“) Ueber Madeleine's Züge ging ein kaum merkliches Lächeln, das wohl der übertriebenen Aengſtlichkeit ihres 17 „Onkels galt; aber ebenſo ſchnell machte es einem trüben, faſt kummervollen Blicke Platz, als ſie ſehr ernſt meinte: „Ich fürchtete vorher ſchon, als ich Sie ſo ungeſtüm eintreten ſah, es habe ſich in der oberen Stadt wieder Schreckliches zugetragen; haben ſie dort doch geſtern erſt drei von den unglücklichen Royaliſten erſchoſſen.“ „Was kümmern Dich die Royaliſten und Chouans? — Laſſe Dein Bedauern nicht einen andern Menſchen als mich hören, denn verziehe man's Dir auch, ſo könnte man doch leicht auf den Verdacht gerathen, ich hielte es mit Jenen,— und davor bewahre mich Gott; die ſtehen außer dem Geſetz.“ 3 „Wie Sie ſo hart ſein können, Onkel,“ meinte das Mädchen traurig.„Es iſt doch noch gar nicht ſo lange her, daß die edlen Herren täglich bei uns aus⸗ und ein⸗ gingen, und damals war es doch eine beſſere Zeit für unſer Haus.“ „Stecken Dir die blanken Herren noch im Kopfe, die Dir immer ſchöne, ſchmeichelnde Worte zu ſagen wußten, obgleich Du noch ein Kind wareſt, als ſie hier verkehrten?“ fragte der Wirth höhniſch.„Ich rathe Dir, ſchlage ſie Dir aus dem Sinne, denn die ſind weit über das Meer fort und wohl Keiner von ihnen ſetzt wieder den Fuß auf Frankreichs Erde.“ 1 „Die Herren waren ſtets artig gegen mich, wie ächte 1 18 Franzoſen und Edelleute,“ entgegnete Madeleine, durch den ſpöttiſchen Ton ihres Verwandten etwas verletzt,— „und freilich hatten ſie andere Manieren, wie dieſe rohen Republikaner, die nur von Mord und Blutyergießen zu reden wiſſen. Wenn die Unglücklichen das ſchöne Frank⸗ reich auch nicht wiederſehen ſollen, was ja noch in Gottes Willen ſteht, ſo brauchen Sie doch ihrer nicht zu ſpotten und darüber zu triumphiren, Onkel Mathieu, der Sie ihnen Ihren Wohlſtand verdanken.“ „Das verſtehſt Du nicht, Madeleine; laſſe mich mit den Royaliſten zufrieden,“ erwiederte der Alte unmuthig und ſetzte, ſich halb von dem Mädchen abwendend, den Weinkrug an die Lippen.. Ein heftiges Klopfen an der Hausthür machte der weiteren Unterhaltung ein Ende und bewog Mathieu Bon⸗ net, die Kanne wieder auf den Tiſch zu ſetzen und hoch aufzuhorchen. „Wir bekommen doch noch Gäſte,“ meinte Madeleine lebhaft. „Wer wird's anders ſein als Jaques Dupin oder Claude Simon?— höchſtens ein Soldat, der einen kleinen Schoppen Landwein verzehrt,“ meinte Mathieu gleichmü⸗ thig, aber er erhob ſich und ging hinaus, die Thür zu öffnen, an der ſich ein neues und verſtärktes Klopfen ver⸗ nehmen ließ. 19 Madeleine ſchien nicht ganz von dem weiblichen Erb⸗ fehler, der Neugierde, frei zu ſein, denn ſie lauſchte auf⸗ merkſam, die Stimme des Ankömmlings zu vernehmen, wobei ſie ſich in die Nähe einer Thür zurückzog, die in eines der Privatzimmer des Hauſes führte, um durch die⸗ ſelbe entſchlüpfen zu können, falls des neuen Beſuchers Geſellſchaft ihr nicht zuſagen ſollte. „Teufel, Herr!— Ihr laßt mich lange in dem furcht⸗ baren Regenguſſe ſtehen, ehe Ihr Euch entſchließt, Euer Wirthshaus zu öffnen!“ raiſonnirte draußen eine Stimme, die jugendlich und wohlklingend lautete, obgleich ſie durch den Unmuth einen rauheren Ton angenommen hatte.„Man hatte mir geſagt, es gäbe keinen aufmerkſamern Wirth in Rennes als Euch.“ Man konnte hören, wie Mathieu im halbem Flüſter⸗ tone ſich ehrerbietigſt entſchuldigte. Madeleine war un⸗ entſchloſſen, ob ſie in der Gaſtſtube bleiben ſolle oder nicht, denn der barſche Ton des Ankömmlings war ſo wenig ver⸗ trauenerweckend, daß ſie ihre Neugierde faſt vor Scheu überwunden fühlte.— Jetzt öffnete ſich ſchnell die Thür der Gaſtſtube, und mit der weißen Mütze in der Hand nöthigte Mathieu unter vielen höflichen Redensarten den Fremden, einzutreten; dieſer folgte der Aufforderung auch ohne weiteres Zögern. Er war ein ziemlich hoher Mann von eleganter Figur und feſter, dabei gewandter Haltung; ſein ganzes Auftreten hätte in ihm beinahe einen höhern Stand vorausſetzen laſ⸗ ſen, als man ſeiner Kleidung nach ſchließen konnte. Dieſe beſtand in einem ſchon etwas abgetragenen bürgerlichen Anzuge, hohen, ſchweren Waſſerſtiefeln und einem niedrigen dreieckigen Filzhute, den eine überaus große dreifarbige Kokarde zierte; in der Hand trug er einen kleinen ledernen Reiſeſack.— Sein Geſicht war nicht allein anſprechend, ſondern ſogar ſehr ſchön zu nennen; von ganz ariſtokratiſchem Schritte, wie ſich ſpäter Mathieu Bonnet gegen ſeine Nichte ausdrückte, zeigte es viel Männlichkeit, die durch die bräunliche Färbung noch hervorgehoben wurde, Geiſt und Freimüthigkeit; beſonders ſchön waren die brennenden, dunkeln Augen zu nennen, die ſchnell und ſo flüchtig in dem Gaſtzimmer umherſtreiften, daß ihnen die etwas in den Schatten zurückgetretene Madeleine vollſtändig ent⸗ ging. Der Fremde warf Reiſeſack und Hut ungenirt auf eine der Bänke, zog den Oberrock ab, der ein ähnliches Unterkleid enthüllte, und ſtrich ſich mit der weißen, wohl⸗ geformten Hand durch die naſſen braunen Locken, die in reichlicher Fülle ſein Haupt bedeckten; dann forderte er kurz und ziemlich gebieteriſch eine Kanne guten Wein. . Der jetzt ganz veränderte Wirth, deſſen Geſicht von freundlicher Zuvorkommenheit ſtrahlte und der ſeinen ſchwer⸗ fälligen Körper äußerſt gewandt zu bewegen wußte, war 7 21 indeſſen ſchon an die brennende Lampe geeilt und hatte ſie ſo hoch hinaufgeſchraubt, daß die düſtere Räumlichkeit ſich ſchnell erhellte; ſeine verſteckten Blicke muſterten jetzt noch einmal den Fremden, der ſeiner gar nicht achtete. Er hatte in dieſem Augenblicke erſt Madeleine bemerkt, und eine an⸗ genehme Ueberraſchung äußerte ſich deutlich auf ſeinem Geſichte; ſich ſchnell von dem Sitze, den er bereits einge⸗ nommen hatte, erhebend, verbeugte er ſich gegen das junge Mädchen in ſo verbindlicher und anmuthvoller Weiſe, daß dieſes leicht eröthete. Madeleine war durch dieſe ehrerbie⸗ tige Begrüßung, in der doch eine gewiſſe Vertraulichkeit lag, und durch den Blick des jungen Mannes in Verlegen⸗ heit gekommen und dachte allen Ernſtes an ihren Rückzug, den ſie mit einer kurzen und artigen Erwiederung ſeines Grußes ſchnell zu bewerkſtelligen wußte. Der Fremde blickte noch einen Augenblick nach der geſchloſſenen Thür, durch die ſie verſchwunden war, und wange ſich dann etwas unmuthig zu dem Wirth, der ihm eben die verlangte Er⸗ friſchung brachte. „War dies Ihre Nichte, Herr Bonnet?“ fragte er lebhaft. „Zu dienen, mein Herr; aber es iſt merkwürdig, daß Sie dies bereits vermutheten, da ich noch nie das Glück gehabt habe, Sie in meinem Hauſe zu ſehen.“ „Ah, ich ſagte Ihnen ſchon, daß gute Freunde mich 22 an Sie gewieſen hätten; man ſprach zufällig auch von Ihrer liebenswürdigen Nichte.“) „Gute Freunde?— ohne Zweifel Offiziere von der 3 Armee des Generals Hoche, denn dieſe Herren ſind faſt die Einzigen, die mich jetzt beſuchen,“ meinte der dicke Wirth. Der Fremde ſah ihn mit einem Blicke an, aus dem man deutlich die Frage leſen konnte, was Mathieu ſich um ſeine Bekanntſchaften zu bekümmern habe; dann erwiederte er ſehr trocken: „Ja.“ „Ich meine aber, es muß ſich hier Manches verändert haben,“ fuhr er ſchnell fort, ſich in dem Zimmer um⸗ ſehend,— denn meine Freunde beſchrieben es mir ganz anders.“ „Vor drei, vier Jahren freilich,“ meinte Mathieu Bonnet mit einem ſchwer unterdrückten Seufzer;—„da⸗ mals zechten die Feinde des Vaterlandes hier täglich, und die Einrichtung war dem Stande der Herren angemeſſen.“ 4„Sie meinen die royaliſtiſchen Edelleute vermuthlich?“ fragte der Fremde kalt. Mathieu bejahte es, aber die Aeußerungen des Gaſtes und ſein Ton brachten ihn auf einen Gedanken, der ihn mit großer Unruhe erfüllte; waren es vielleicht gar jene eben von ihm geſchmähten Edelleute, welche der Fremde ſeine Freunde nannte, und hatte er hier 23 einen Royaliſten vor ſich, worauf ungeachtet der großen dreifarbigen Kokarde das Ausſehen des Mannes deutete?— es wäre nicht das erſte Mal geweſen, daß die geächteten Emigranten ſich politiſcher oder Privatzwecke halber unter einer Verkleidung in dieſer Gegend blicken ließen, in der die der Krone getreuen Chouans oft mit Erfolg ihr Weſen trieben. Mathieus Geſicht zog ſich in bedenkliche Falten, denn er kannte die Verantwortlichkeit, die ihn traf, wenn in ſeinem Hauſe ein verkappter Royaliſt entdeckt wurde, und ſeine ihm angeborne Aengſtlichkeit ließ ihm die Gefahr groß erſcheinen. In einem Tone, der zwiſchen Ehrerbietung und bedrohlichem Ernſte ſchwankte, fragte er daher: „Vermuthlich kennen Sie die Polizeigeſetze dieſer Gegend mein Herr, und geſtatten mir, in den Paß einzu⸗ ſehen, den Sie ohne Zweifel bei ſich führen?“ Der Fremde runzelte ein wenig die Stirn, aber er erwiederte Nichts, ſondern öffnete ſeinen Reiſeſack und⸗ holte nach einigem Suchen aus demſelben ein zuſammen⸗ gefaltetes Papier, das er mit einem faſt höhniſchen Blicke dem Wirthe überreichte. Dieſer zog ſich ein wenig zurück und las. Der Paß war unbedingt richtig; er war von Vadies ſelbſt, einem Mitgliede des Wohlfahrtsausſchuſſes unterzeichnet, was auf die Wichtigkeit der Perſon des In⸗ habers zu deuten ſchien, und lautete auf den Namen Eu⸗ gen Delavigne als Civil⸗Commiſſär des Convents, den 24 bei ſeiner amtlichen Reiſe durch die Bretagne und Vendée zu ſchützen alle Militär⸗ und Civilbehörden angewieſen wurden. Mathieu Bonnet fühlte eine gewiſſe Beſchämung über ſein Mißtrauen, zumal dieſes ſich gegen eine ſo ein⸗ flußreiche Perſon geäußert hatte; von Neuem ſeine Mütze abnehmend, faltete er ſorgſam das Papier zuſammen und überreichte es mit vielen Verbeugungen und Bitten um Entſchuldigung dem Gaſte, der es lächelnd wieder einſteckte. „Sind Sie jetzt beruhigt, Bürger Bonnet?“ fragte Eugen Delavigne. „Vollkommen, mein Herr, ich habe auch gar nicht an der Richtigkeit Ihrer Papiere gezweifelt. Da Sie ſelbſt eine ſo hohe amtliche Stellung bekleiden, werden Sie an⸗ zuerkennen wiſſen, daß ich als guter Bürger der Republik nur meine Pflicht gethan habe.“ Delavigne nickte gleichmüthig mit dem Kopfe. Er beantwortete ziemlich kurz, aber nicht unfreundlich, die vielen Fragen des Wirthes, durch die dieſer das eben Vor⸗ gefallene in Vergeſſenheit zu bringen ſuchte. Aus ſeinen Aeu⸗ ßerungen ging hervor, daß er ſich nur wenige Tage in Rennes aufzuhalten gedenke und zwar im Hauſe Bonnets, daß er aus amtlichen geheimen Gründen nicht wünſche, ſeine An⸗ weſenheit möge allzuweit bekannt werden, und daß ſein nächſtes Reiſeziel die kleine Stadt Auray ſei; wie er angab, kam er direkt von Paris und zwar zuſammen mit einem 25 Freunde, der weitergereiſt ſei und ihm dieſes Hotel empfoh⸗ len habe, wodurch es ſich auch erkläre, daß er an Bonnet's Hauſe zu Fuß eingetroffen ſei. Beide Männer waren noch in dieſer Unterhaltung begriffen, als ſich die Ankunft eines neuen Gaſtes durch lautes Klopfen an der Hausthür verkündigte. „Ich wollte Sie erinnern, meinen Namen und Stand nicht unnöthiger Weiſe zu nennen,“ bedeutete Delavigne den Wirth, als dieſer ſich herausbegab die Thür zu öffnen. Der neue Gaſt trat ein, er war ein ſchlanker, hübſcher Mann, der etwa daſſelbe Alter wie Eugen Delavigne haben mochte; an Schönheit der Körper⸗ und Geſichtsbil⸗ dung, vor Allem aber in ſeinem Auftreten ſtand er dieſem weit nach; man errieth auf den erſten Blick, daß er, aus niederm Stande entſproſſen, ſich zu der Stellung, die er ſeiner Tracht nach jetzt bekleidete, aufgeſchwungen haben müſſe, und daß ihm eine durchgängig ſorgfältige Bildung fehle. Er trug die Kapitänsuniform eines republikaniſchen Infanterieregiments, das zur Zeit in Rennes und ſeiner Seine blaßblauen Augen durchliefen bei ſeinem Ein⸗ tritte ſchnell die Stube, als ſuchten ſie begierig eine darin erwartete Perſon, die Täuſchung aber, dieſe nicht gefunden zu haben, ſondern ſtatt ihrer nur einen ihm ganz Unbekann⸗ ten, drückte ſich ſo deutlich auf dem Geſichte des Offiziers 2 1859. VIII. Die Emigranten. aus, daß ſeine Miene beinahe unhöflich erſchien. Sich flüchtig gegen Delavigne verbeugend, ließ er ſich in einiger Entfernung von dieſem an der langen Tafel nieder, ohne den Hut abzunehmen, beſtellte ſich Wein und muſterte dann ſehr rückſichtslos die Perſon des Convents⸗Commiſſärs. Mathieu Bonnet erinnerte ſich gerade zu rechter Zeit nach der ihm eben erſt gegebenen Weiſung des letzteren, ſonſt würde er ſicherlich eine Bekanntſchaft zwiſchen den beiden jungen Männern, deren gegenſeitige Blicke ihn zu beun⸗ ruhigen anfingen, einzuleiten verſucht haben; er wandte ſich jetzt ausſchließlich an den zuletzt Gekommenen und ſprach ſein Bedauern darüber aus, daß er den Kapitän Guénard, der ihn ſonſt am fleißigſten von allen ſeinen Gäſten beſucht, ſeit einigen Tagen in ſeinem Hauſe vermißt habe. „Wir hatten in den letzten Tagen viel zu thun, Meiſter Bonnet,“ erwiederte der Kapitän mit einer gewiſſen Wich⸗ tigkeit;—„Sie wiſſen, es gab eine Menge Kriegsgerichte über dieſe nichtswürdigen Chouans abzuhalten, und geſtern ſind drei von ihnen erſchoſſen worden. Ich habe dem Dienſte nur eine Stunde abgeſtohlen, denn heute Nacht noch haben wir ein paar Sprüche zu thun, die übermorgen in aller Frühe vollſtreckt werden ſollen.“ Der dicke Wirth konnte ſich eines leiſen Schauers nicht wehren, und eine Bemerkung, die wahrſcheinlich ganz gegen ſein eigentliches Gefühl eine Billigung des eben ge⸗ „. 27 nannten Verfahrens enthalten ſollte, wollte nicht über ſeine Lippen. Der Kapitän ſchien dies nicht zu bemerken; die gefüllte Weinkanne ein wenig gegen Delavigne aufhebend, ſagte er zu dieſem mit einem auffordernden Blicke: „Es lebe die Republik und Tod allen ihren Feinden!“ Des Convents⸗Commiſſärs Stirn zog ſich in düſtere Falten; ohne ſeinen Wein zu berühren, wozu ihn Jener aufgefordert hatte, erwiederte er mit einer kalten, kurzen Verbeugung: „Ich weiß nicht, mit wem ich die Ehre haben ſoll, zu trinken?“ Auf dem Geſichte des Andern äußerte ſich Ueberra⸗ ſchung und Zorn, man hätte aus ſeinem bisherigen Be⸗ nehmen ſchließen können, daß ihm Delavignes Anweſenheit läſtig ſei und er ſich an ihm zu reiben beabſichtige, aber jedenfalls hatte er noch nicht eine ſo entſchieden feindſelige Antwort erwartet. „Genügt Euch die Uniform nicht, die ich trage?“ fragte er heftig und den kalten, entſchloſſenen Blick ſeines Gegners bemerkend, ſetzte er hinzu:„Ich bin der Kapitän Antoine Guénard.“ „Mein Name iſt Eugen Delavigne,“ erwiederte dieſer lächelnd und führte nun, dem Kapitän Beſcheid thuend, den Becher an den Mund. Der Offizier fand entweder keinen Grund zu einer 2* 28 weiteren feindſeligen Bemerkung oder das Benehmen des Commiſſärs hatte ihm imponirt; er leerte ſeine Weinkanne, verlangte eine andere und ſetzte dann ſein Geſpräch mit Mathieu Bonnet allein fort. „Wo iſt heute Ihre Madeleine, Meiſter Bonnet?“ fragte er angelegentlich. „Ich weiß nicht, wo das Mädchen ſteckt; ich vermiſſe ſie ſchon ſeit einer ganzen Weile—,“ und der dicke Wirth beugte ſich zu dem Ohre des Kapitäns nieder und flüſterte ängſtlich:„Nehmen Sie ſich vor Dem in Acht, es iſt ein Mann von bedeutender Stellung.“ Gusnard blickte ihn ſpöttiſch fragend an. „ Ich kann es Sie auf das Beſtimmteſte verſichern,— ich habe ſeinen Paß geleſen, weil ich ſelbſt ihm einen Au⸗ genblick mißtraute, und dieſer iſt von Vadier eigenhändig unterzeichnet.“ Der Offizier äußerte ſeine Ueberraſchung in einem unverſtändlichen Laute und dadurch, daß er Mathieu ſehr geſpannt anblickte. „Ein geheimer Commiſſär des Convents,— aber verrathen Sie mich um Gotteswillen nicht,“ flüſterte Bon⸗ net mit einem furchtſamen Seitenblicke auf den andern Gaſt. Der Kapitän rückte unruhig auf ſeinem Sitze hin und her; er konnte in des Wirthes ſo beſtimmte Ausſage keinen Zweifel ſetzen und bereute ſein vorheriges Verhalten. 29 Ein Conventsdeputirter war eine äußerſt gewichtige Perſon, und daß er ſich heimlich hier aufhielt, deutete darauf, daß ſeine Sendung vielleicht mit der Armee Hoche's in Verbin⸗ dung ſtand, deren Hauptquartier ſich in Rennes befand. „Sind Sie Ihrer Behauptung ganz ſicher, Meiſter Bonnet?“ „Mein Gott, ich ſagte Ihnen, daß ich mit eigenen Augen ſeinen Paß geleſen habe,“ flüſterte der Wirth. Der Kapitän ſchüttelte bedenklich den Kopf und hielt es für das Beſte, ſeinen Fehler baldmöglichſt wieder gut zu machen. Nach einer Pauſe wiederholte er laut ſeine Frage nach Madeleine und ſprach den Wunſch aus, ſich perſönlich nach dem Befinden der ſchönen Nichte erkundigen zu können. Mathieu verſprach, ſie in das Gaſtzimmer zu ſchicken, in dem ſie ihn perſönlich bei Bedienung der Gäſte zu unterſtützen pflegte, und verließ das Zimmer. Der geheime Commiſſär mußte wohl bemerkt haben, was zwiſchen Bonnet und dem Kapitän und beſonders in letzteren vorgegangen war, denn einmal war während ihres Flüſterns ein verſtecktes Lächeln über ſeine ernſten Züge geflogen; jetzt rückte er dem Offizier etwas näher und be⸗ gann in höflichem Tone:— „Wie ich höre ſind Sie mit den Verhältniſſen dieſes Hauſes näher bekannt mein Kapitän, darf ich Sie fragen, 30 ob der Wirth ein durchaus zuverläſſiger Mann und von guter Geſinnung für die Republik iſt?“ Der Kapitän war wie umgewandelt; er war von Herzen froh, daß ihn Delavigne der Verlegenheit überhob, nach einem neuen Anknüpfungspunkte des Geſpräches ſuchen zu müſſen, durch das er ihn günſtig für ſich zu ſtimmen gedachte. Bereitwillig gab er daher zur Antwort, Mathieu Bonnet ſei als ein eifriger Republikaner bekannt, und wenn man hierfür bei ihm, der von den vertriebenen Edel⸗ leuten früher großen Vortheil gezogen und ihnen eigent⸗ *. lich zum Dank verpflichtet ſei, den Grund auch nur in ſeiner Furcht vor der herrſchenden Gewalt ſuchen müſſe, ſo könne man derentwegen doch ganz ſicher auf ſeine Zu⸗ verläſſigkeit, wo es das Intereſſe der Republik gälte, rechnen. Auch auf Madeleine, deren der Kapitän vorher in ziemlich vertraulicher Weiſe erwähnt hatte, lenkte Dela⸗ vigne— und wie es ſchien, nicht ohne beſonderes Inter⸗ eſſe,— das Geſpräch. Hier wußte der Offizier aber weniger genügende Auskunft zu geben, er ſelbſt kannte das Mädchen nur ſeit den wenigen Wochen, die er in Rennes und dieſem Hauſe zugebracht hatte und aus ſeinen verle⸗ genen Redensarten ging hervor, daß dieſe Bekanntſchaft ſich nicht weiter erſtreckte, als daß er einige Worte mit ihr gewechſelt, ihr vielleicht auch Schmeicheleien geſagt hatte, die aber wohl nicht die gewünſchte Erwiederung fanden. 31 Inzwiſchen hatte Mathieu Bonnet ſeine Nichte auf⸗ geſucht, die ſich in einem der Wohnzimmer mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigte. Madeleine war in eigenthümlicher Stimmung, ſeitdem ſie den zuerſt gekommenen Gaſt geſehen und, durch die Art ſeines Grußes leicht verwirrt, die Gaſt⸗ ſtube verlaſſen hatte, in die ſie nicht zurückzukehren wagte. Der Fremde war ihr nicht bekannt, ſie ſah ihn zum erſten Male, und doch fühlte ſie ein unerklärliches Intereſſe für ihn, das ſeine vortheilhafte äußere Erſcheinung allein ſo ſchnell nicht hervorzubringen vermocht hätte; es war Ma⸗ deleinen, als ſei mit ſeinem Anblick ein altes ſüßes Gefühl in ihr Herz eingekehrt, aber dieſes war zu formlos, zu un⸗ beſtimmt, als daß es eine deutliche Erinnerung erweckt hätte. Sie fühlte das Bedürfniß, allein zu ſein, obgleich ſie andererſeits faſt wünſchte, dem Gaſte noch einmal ge⸗ genüberzutreten, und hatte ſich einer ſinnenden Träumerei hingegeben, in welcher der Entſchluß, in die Gaſtſtube zu⸗ rückzukehren noch nicht gereift war; darüber hatte ſie auch die Ankunft eines zweiten Beſuches überhört. So traf ſie ihr Onkel und fragte ſie einigermaßen unwillig, weshalb ſie ſich zurückgezogen habe, er fügte hinzu, de Kapitän Guénard ſei angekommen und wünſche, ſie zu ehen. Inl keiner andern Gemüthsſtimmung wie gerade der jetzigen wäre Madeleinen dieſe Mittheilung wohl ſo unan⸗ 32 genehm geweſen; ſie wußte, daß der republikaniſche Offizier ſie mit oft zudringlichen Artigkeiten verfolge, vor denen ſie bei ihrem Onkel auf keinen Schutz zu rechnen hatte, ſchien dieſer doch ſogar dem Beſtreben Guénardsnicht abgeneigt zu ſein; ſie beſaß zwar genug Takt und weibliche Würde, den verabſcheuten Anbeter in Schranken zu halten, und hatte ſich dieſer ſchon ſo gut zu bedienen gewußt, daß Guénard es für beſſer befunden hatte, ein paar Tage lang das Haus ihres Onkels zu meiden, aber heute obenein in Gegenwart des andern ſie ſo ſehr intereſſirenden Gaſtes fühlte ſie we⸗ der den Muth noch die Luſt, dieſen letzteren zum Zeugen ihrer Unterhaltung mit dem Republikaner zu machen. Ent⸗ ſſcchieden weigerte ſie ſich daher, dem Wunſche des Kapitäns und ihres Onkels nachzugeben, indem ſie die nöthigſten Wirthſchaftsgeſchäfte vorſchützte, und wirklich gelang es Mathieu Bonnet ungeachtet einiger harten Worte nicht, ihren Eigenſinn, wie er es nannte, zu beſiegen. Verdrieß⸗ lich gab er ſeine Bemühungen, die nicht das erſte Mal an dem hübſchen Trotzköpfchen ſcheiterten auf, und befahl Madeleinen, ein Zimmer für den Fremden herzurichten, da dieſer die Abſicht ausgeſprochen habe, einige Tage in ihrem Hotel zu logiren. Seitdem die glanzvolle Zeit der Lilien entſchwunden war, hatte Meiſter Bonnet ſich auch genöthigt geſehen, den größten Theil der Dienſtboten zu entlaſſen, die früher ſein Haus füllten, und Madeleinen 33 lag jetzt manches Geſchäft ob, das früher dienende Hände verrichtet hatten; bereitwillig hatte ſie ſich dem Gebote der Nothwendigkeit unterzogen, und Mathieu Bonnet würde ihr ein ſchweres Unrecht gethan haben, hätte er ihren Fleiß, ihre Umſicht und ihre Geſchicklichkeit in der Wirthſchafts⸗ führung nicht anerkennen wollen. Aber ſelten hatte Madeleine einen Auftrag des On⸗ kels ſo freudig übernommen als den jetzigen, obgleich ſie ſich wohl hütete, ihn dies merken zu laſſen; innerlich froh⸗ lockte ſie von Herzen darüber, daß der Fremde im Hauſe blieb, und unter leichtem Erröthen geſtand ſie ſich die Hoff⸗ nung, mit ihm näher bekannt werden und das Räthſel ihrer eigenthümlichen Empfindungen löſen zu können. Der Kapitän Gusnard mußte ſich bei Bonnet's Er⸗ klärung, ſeine Nichte ſei augenblicklich zu dringend be⸗ ſchäftigt, um ſeinem Wunſche Gehör geben zu können, beruhigen, und er that dies um ſo eher, als Delavigne ſein Intereſſe jetzt ganz in Anſpruch nahm und er ſeinen Unmuth vor ihm nicht gut äußern konnte. Während der Wirth bald ſeinen Geſchäften nachging, bald einen ſchwei⸗ genden Zuhörer abgab, ſetzten die beiden Herren ihre Unterhaltung fort. „Sagten Sie vorher nicht, Kapitän, geſtern ſeien in der oberen Stadt drei Royaliſten erſchoſſen worden?“ fragte Delavigne bald. „Ganz richtig; Ihnen war das nicht bekannt?“ „Ich bin erſt ſeit einer Stunde in Rennes. Alſo der General Hoche hat dieſe Leute hinrichten laſſen?“ „Ich glaube kaum, daß Hoche ſich dazu entſchloſſen hätte, aber es ſind vor einigen Tagen hier wieder ver⸗ ſchärfte Inſtructionen des Convents eingegangen. Der Convent thut ſehr wohl daran, durch eine unbengſame Gerechtigkeit dieſe kleffende Meute zu ſchrecken, und wenn es wirklich in der Armee Männer giebt, die ſich gegen die Niedermetzelung aller Gefangenen ausſprechen, ſo kann ich Sie doch verſichern, daß ein großer Theil, zu dem ich mich, offen geſagt, auch zähle, vollſtändig den getroffenen Maßregeln beiſtimmt.“ „Kennen Sie vielleicht die Namen der geſtern Exeku⸗ tirten?“ fragte Delavigne mit einer nicht ganz zu ver⸗ heimlichenden Bewegung. „Nein, wahrhaftig nicht, Bürger,“ meinte der Offizier gleichmüthig;—„es waren Bauern, ganz gewöhnliche Chouans von den Banden Scépaux's, die wir im Walde von Pertre in unſere Hand bekamen.“ „So?— alſo keiner von den adligen Emigranten? Ich hörte, auch ſolche ſollten ſich hier in Haft beſinden.“ „O, da Sie von Paris kommen, wiſſen Sie ohne Zweifel ſchon, daß Georges Cadoudal uns vor vier Tagen wieder aus dem Gefängniſſe entſprungen iſt,“ erwiederte 35 der Kapitän;„bei den getroffenen Vorſichtsmaßregeln bleibt das unbegreiflich. So viel ich weiß, befindet ſich hier in Rennes nur noch einer der Ariſtokraten in Ver⸗ wahrſam, über den wir in dieſer Nacht noch das Kriegs⸗ recht abhalten werden; ohne Zweifel wird er vierund⸗ zwanzig Stunden darauf erſchoſſen. Es iſt ein gewiſſer Vicomte Saint⸗Réal, wenn ich nicht irre, der Adjutant des hier verhafteten ſogenannten Generalmajors Déſotenx Cormatin war.“ „Ha,“ brummte der Commiſſär;—„alſo Sie mei⸗ nen, daß die Exekution nicht ſpäter als übermorgen früh ſtattfinden wird?“ „Nicht früher und nicht ſpäter,— ich weiß es ſicher, denn die Befehle dazu ſind ſchon ausgegeben.“ „Noch bevor der Spruch gefällt iſt?“ fragte Dela⸗ vigne erſtaunt. „Er kann nur auf Tod durch die Kugel ausfallen,“ erwiederte der Kapitän achſelzuckend. „Mögen alle Feinde des Vaterlandes, Alle, die den Boden unſeres ſchönen Frankreichs ungerechterweiſe mit Blut beflecken, ſo ſterben!“ ſagte Delavigne mit blitzenden Augen, den Becher erhebend. Der Kapitän blickte einen Augenblick, über ſeine plötzliche Lebhaftigkeit betroffen, auf ihn, dann ergriff auch er die Weinkanne und leerte ſie auf inen Zug. „Entſchuldigen Sie mich, Bürger, ich muß in das Kriegsrecht,“ ſagte er dann, aufſtehend.„Ich hoffe, wir ſehen uns hier morgen wieder.“ „Ich gedenke, einige Tage hier zu verweilen, vielleicht vier bis fünf,“ erwiederte Delavigne.„Ich freue mich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben, mein Kapitän.“ Der Offizier empfahl ſich mit höflicher Ehrerbietnng, und Delavigne gab dem dicken Wirth ſeinen Wunſch zu erkennen, das Abendeſſen allein auf ſeinem Zimmer ein⸗ nehmen zu wollen. Dienſtfertig ergriff Mathieu Bonnet ein Licht und wies, daſſelbe in der Hand tragend, ſeinem Gaſte den Weg zu dem für ihn beſtimmten Zimmer, das Madeleine vorher in Ordnung zu bringen verſprochen hatte. Noch jetzt war ſie darin beſchäftigt, als die Beiden ſich näherten; ſowohl Delavigne als Mathien bemerkten ſie durch die geöffnete Thüre. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Erſterer, dem Wirthe das Licht aus der Hand nehmend.„Gute Nacht.“ Mathieu war ein wenig verdutzt über die Lebhaftig⸗ keit und Kürze ſeines Gaſtes, aber er verbeugte ſich tief und trat die Treppe hinunter ſeinen Rückzug an. . 37 Zweites Capitel. Mag es uns erlaubt ſein, jetzt einen kurzen Blick auf die zur Zeit, im Frühſommer des Jahres 1795, in Frank⸗ reich und vorzüglich der Bretagne herrſchenden Verhältniſſe und die Perſonen zu werfen, die in letzterer Provinz, dem Schauplatze unſerer Erzählung, eine mehr oder minder bedeutende Rolle ſpielten. Seit dem 21. September 1792 hatte der National⸗ Convent zu Paris die Geſetzgebung und Regierung des Landes in die Hand genommen„in dem die demokratiſch⸗ republikaniſche Verfaſſung ſich über den Trümmern des gewaltſam umgeſtürzten Thrones der Bourbonen ſiegreich erhoben hatte; war die Revolution auch in allen übrigen Provinzen anerkannt und legitimirt worden, ſo hatte ſie doch von Anfang an in der Bretagne und Vendèe, beſon⸗ ders bei dem der Krone treu ergebenen Landvolke, ernſt⸗ lichen Widerſtand gefunden, der durch den blutigen Einfluß der Jakobiner auf den ſchwachen Convent nur geſteigert worden war. Lag dies einerſeits wohl in dem Charakter des Volkes dieſer Landestheile, der, ernſt und feſt, es an den alten Sitten hängen und ſeine natürliche Abgeſchloſſen⸗ heit bewahren läßt, ſo war andererſeits wohl auch keine Provinz geeigneter für den Parteigängerkrieg, den hier ein wildzerriſſenes Bergland begünſtigt, und insbeſondere für die Operationen der nach England ausgewanderten Royaliſten, die von deſſen Küſten den Kampf am leichteſten auf die ihnen zunächſt gelegene Bretagne und Vendée übertragen konnten. Ihren Emiſſären war es bald ge⸗ lungen, die alte Anhänglichkeit des Landvolkes an den Thron für deſſen rechtmäßige, in die Fremde vertriebenen Erben neu zu entflammen, und nun bildeten ſich einzelne Haufen, die zu einer beträchtlichen Stärke anwuchſen und, von tüchtigen und kühnen Führern geleitet, den Re⸗ publikanern weſentlichen Schaden thaten und ihnen oft ſogar furchtbar wurden. So waren es Francois Athanaſe Charette de la Contrie und Stofflet in der Vendée, De⸗ ſoteux Cormatin, Georges Cadoudal, Scépaux Frotté und viele Andere in der Bretagne, die ſich einen gefürchteten Namen zu machen gewußt hatten und mit ihren enthuſias⸗ mirten Schaaren wahre Heldenthaten ausübten, aber dieſe Kräfte zerſplitterten ſich aus perſönlicher Eiferſucht und da es an einer einflußreichen Oberleitung fehlte, nachdem der königliche Generalmajor Graf Puiſaye, dem dieſelbe übertragen worden, auf ſeinen heimlichen Reiſen beinahe aufgehoben und mit Zurücklaſſung des ganzen Orga⸗ niſationsplanes zur Flucht nach England genöthigt war. Dennoch ließen ſich hierdurch die Chouans, die von einem kühnen Führer Jean Cottereau mit dem Beinamen Chouan 39 ſo genannten eingebornen Bauern, nicht entmuthigen, und während ſie den kleinen Krieg fortſetzten und bald in dieſer, bald in jener Gegend auftauchten, hielten ſie feſt an der Hoffnung, der Graf Artois ſelbſt werde von England aus eine großartige Landung der Emigranten bewerkſtelligen und der Widerſtand dann einen ernſtlicheren Charakter an⸗ nehmen; man wußte, daß Großbritannien einen ſolchen Plan begünſtige und unterſtützen werde und daß man auf eine bedeutende Anzahl der emigrirten Edelleute und die am Rhein unter Condé kämpfenden regulären Royaliſten⸗ regimenter zählen könne. Nachdem verſchiedene republi⸗ kaniſche Generale die Inſurrektion nicht zu dämpfen ver⸗ mocht und nur mit abwechſelndem Glücke gegen die Chouans gekämpft hatten, erhielt Ende 1794 der noch jugendliche General Hoche den Oberbefehl über die bedeutend verſtärkte Armee und beſetzte mit dieſer die ganze nördliche Küſte; nachdem er eine Weile glücklicher geweſen als ſein Vor⸗ gänger, ſchloß er im April 1795 einen Vergleich mit den einzelnen Führern der Inſurgenten, der indeſſen, wie ſich bald erwies, von beiden Seiten nicht gehalten wurde; unter der Aſche glimmte die Empörung fort und ſchlug an einzelnen Stellen oft in hellen Flammen hervor, und un⸗ zählige Opfer an Menſchenleben ſchon hatte die beiderſeitige Erbitterung gefordert. In dieſer Zeit befinden wir uns jetzt und zwar in dem Hauptquartiere Hoche's, deſſen ſtarkes Armeecorps, in kleinere Abtheilungen zerſtreut, die ganze Bretagne und Vendée deckte.— Madeleine war leiſe zuſammengeſchreckt und ihre Wangen überzog eine tiefe Röthe, als ſie ihren Onkel und den Fremden die Treppe heraufkommen und erſteren ſich dann ſogleich wieder entfernen hörte; obgleich ſie kurz zuvor noch den lebhaften Wunſch gehegt hatte, mit dem Fremden zuſammen zu kommen und ihn genauer beobachten zu khnnen, fühlte ſie jetzt den Muth ſinken. Eugen Delavigne trat mit dem Lichte in der Hand in das Zimmer, that etwas überraſcht, als er das junge Maädchen allein in demſelben fand und verbeugte ſich artig gegen ſie, aber wieder mit jenem durchdringenden und eigenthümlichen Blicke, der Madeleine ſchon einmal ver⸗ wirrt hatte. „Ich würde es nicht gewagt haben, Sie in Ihrer Beſchäftigung zu ſtören, Demoiſelle Madeleine, hätte ich Ihre Anweſenheit in dieſem Zimmer vermuthen können,“ ſagte der Commiſſär in beſcheidenem Tone.. Bei dem Klange ſeiner Stimme, die Madeleinen jetzt natürlicher als vorher, wo er bei ſeinem Eintritte den Wirth ſo barſch angeredet hatte, erſchien, äußerte ſich eine verſtärkte Bewegung auf dem Geſichte des jungen Mäd⸗ chens und ſie ſchlug die zu Boden geſenkten Augen ſchnell zu dem Gaſte empor; ihr unbeſtimmtes Gefühl, ſchon ein 41 Mal vor längerer Zeit mit ihm zuſammengetroffen zu ſein, regte ſich mächtiger als zuvor. Auch ihm konnte dies nicht entgehen, und mit einem zufriedenen Lächeln fuhr er fort: „Darf ich hoffen, daß Mademoiſelle ſich noch der ſchon längſt verfloſſenen Tage erinnert, die ſie auf Schloß Ponteclauſe zubrachte, und Deſſen, der ſich damals zu ihren Jugendfreunden zählen durfte?“ Wie ein Blitzſtrahl zuckte die angeregte Erinnerung 4 durch Madeleine; im Augenblicke war es ihr klar geworden, was ſie bisher ſo räthſelhaft bewegt hatte und wen ſie vor ſich habe, aber die Ueberraſchung, dieſen hier zu ſehen, war 1 mächtig, daß ſie nur ſtammelnd die Worte hervorbringen onnte: „Eugen?— Herr Vicomte?“ „Vicomte Salvandy,“ ergänzte der junge Mann heiter, aber in gedämpften Tone und, auf Madeleine zu⸗ gehend und vertraulich ihre Hand faſſend, die ſie ihm nicht entzog, ſetzte er hinzu:—„oder beſſer Eugen, wie Sie mich früher nannten;— aber ich darf Sie wohl bitten, den erſteren Namen nicht laut zu nennen?“ Madeleine war tief erſchüttert und nicht im Stande, ihren Gefühlen Worte zu geben; dieſe ſchienen zwiſchen Freude und ängſtlicher Beſtürzung zu ſchwanken, und als ſie ihre großen, dunkeln Augen feſter auf den Jüngling heftete, konnte man in dieſen eine gewiſſe Befremdung 3 1859. VIII. Die Emigranten. 42 leſen, als halte ſie ſich noch nicht ganz davon überzeugt, den Genannten vor ſich zu haben. „Sie werden begreifen, Madeleine, daß es einiger Vorſicht von meiner Seite bedurfte, als ich dieſen mir ge⸗ fährlichen Ort wieder betrat,“ meinte der junge Mann,— „und daß ich deshalb zu einigen kleinen Kunſtgriffen der Toilette meine Zuflucht nehmen mußte, um mich möglichſt unkenntlich zu machen, aber das Herz iſt daſſelbe geblieben, und ich begrüße Sie mit unveränderter Anhänglichkeit als meine kleine Freundin von Ponteclauſe.“ Dabei ſchob er mit der linken Hand die braunen, ſtarken Haare ein wenig zurück und enthüllte unter ihnen 8 ein paar Locken von hellblonder Farbe. „Mein Gott, wie konnten Sie es aber wagen, Herr Vicomte—“ 8 „Eugen, wenn ich bitten darf, meine Bürgerin,“ ſagte der Vicomte lachend. „Sie haben ſich in die entſetzlichſte Gefahr geſtürzt, — wenn man Sie entdeckte?“ ſagte das Mädchen mit zitternder Stimme.. „Das hoffe ich nicht, Madeleine, und verlaſſe mich auf das Glück, das dem Kühnen immer hold iſt,“ erwie⸗ derte der Vicomte und fügte ernſt hinzu:„Meinen Sie nicht, daß mich jugendlicher Leichtſinn, die unbeſonnene Luſt zu Abenteuern oder eine untergeordnete Leidenſchaft 43 hierherführt; es iſt eine ernſte Pflicht, von den Geſetzen der Ehre und Tugend geboten, die mich den Boden wieder betreten läßt, von dem man uns ausgeſtoßen. Aber wie ſchön Sie geworden ſind, Madeleine, wie dieſe vier Jahre die Knospe entfaltet haben, die damals ſchon die Bewun⸗ derung in unſeren jugendlichen Herzen erweckte!“ „O glauben Sie, Eugen, daß auch ich nie die glück⸗ lichen Tage meiner Kindheit vergeſſen habe, daß ich ſtets in dieſer traurigen Zeit, die wir damals in unſeren un⸗ ſchuldvollen Gemüthern nicht ahnten, Ihnen und allen den edelmüthigen Mitgliedern der Familie Saint⸗Réal die wärmſte Anhänglichkeit und ein nur mit dem Tode zu verlöſchendes Dankgefühl bewahrte,“ erwiederte Madeleine innig, während ſich Thränen in ihre Augen drängten. „Sie werden daran nicht zweifeln, denn Sie wiſſen, daß ich dem hochherzigen alten Vicomte, deſſen ehrwürdiges Haupt die pariſer Schreckensmänner unter dem Beile der Guillotine fallen ließen, und ſeiner edlen Gattin mehr als den Eltern zu danken habe, die mir das Leben gaben, daß ſie mich, das früh verwaiſte Kind ihrer langjährigen Die⸗ ner, mit den eigenen hochgeborenen Kindern erziehen und mich aller der Vortheile theilhaftig werden ließen, die zärtliche Sorgfalt und Reichthum zu geben vermögen. Wie oft ſind nicht meine bitteren Thränen im Geheimen ge⸗ floſſen, wenn ich ſpäter die Schmähungen hören mußte, . 3* mit denen Rohheit und Uebermuth auch das Andenken der Edlen zu beflecken ſuchten, die das Unglück ſo ſchwer heim⸗ geſucht hat. O ſagen Sie mir, Eugen, der Sie ohne Zweifel die Familie Saint⸗Réal nicht wieder verlaſſen haben, ſeitdem Sie mit ihr den fremden Boden betraten, wo ſie jetzt ſind und ob der barmherzige Gott meine täglich zum Himmel für ſie aufſteigenden Bitten erhört hat.“ „Madame und Fränulein Francaiſe leben noch in London, wohin wir uns gleich damals begaben,“ entgegnete der Vicomte, den die Erinnerung tiefſchmerzlich zu be⸗ rühren ſchien,—„freilich in kaum ſtandesgemäßen Ver⸗ hältniſſen. Der Schmerz um den Tod des unglücklichen verehrten Vaters hat ſie tief niedergedrückt und jedes frohe Lächeln auf immer von ihren Geſichtern geſcheucht.“ Madeleine brach in Thränen aus und bedeckte das Geſicht mit den Händen..8 „Sie werden zurückkehren, und der Himmel wird ſich endlich der unſchuldig Duldenden erbarmen und in ſeiner Gerechtigkeit ihnen in der wieder gewonnenen Hei⸗ math Erſatz geben für die Verluſte, die ſie erlitten haben,“ ſchluchzte ſie. „Das iſt ihre und unſer Aller letzte Hoffnung,“ ſagte der Vicomte düſter;—„es iſt der einzige Troſt, der ſie aufrecht erhält, neben dem Stolz ihres unbefleckten Namens.“ 45 Horace iſt bei der Mutter und Schweſter?“ fragte Madeleine.. „Horace?— Sie wiſſen es nicht, daß er in Rennes iſt?“ „Hier in Rennes,— mit Ihnen?— o, ich konnte es denken, daß er Sie nicht allein ſich in ſolche Gefahr begeben ließe.“. „Arme Madeleine, Sie wiſſen nicht, daß Horace ſich im Gefängniſſe der Republikaner befindet, wovon die ganze obere Stadt ſpricht?“ meinte der Vicomte verwundert,— „daß man in dieſer Nacht noch das Kriegsrecht über ihn, der mit den Waffen in der Hand ergriffen worden iſt, abhält?“ Madeleine ſtarrte den Vicomte einen Augenblick un⸗ gläubig an, dann ſtieß ſie entſetzt einen leiſen Schrei aus. „Beruhigen Sie ſich, Madeleine,“ bat der Vicomte theilnehmend,—„es war unvorſichtig von mir, Ihnen das ohne alle Vorbereitung mitzutheilen. Eben ſeinet⸗ wegen bin ich hier und, ſo Gott will, wird er in kurzer Zeit frei und in Sicherheit ſein; alle Maßregeln ſind dazu getroffen.“ Das junge Mädchen ſchien dieſem Troſte kein Gehör zu ſchenken; ſie ſchluchzte laut und ihre Thränen ſtrömten noch reichlicher als zuvor.— „Hören Sie mich an, Madeleine,“ bat der Vicomte 46 dringend,—„und regen Sie Ihr Gefühl nicht zu tief auf. Sein Sie überzeugt, daß, ſo lange ein Funken von Leben in mir iſt, meine ganze Thätigkeit dem Freunde gewidmet ſein wird, mit dem ich zu ſterben gelobt habe, wenn ich ihn nicht retten kann. Haben Sie jemals gehört, daß Eugen Salvandy ein Verſprechen oder ein heiliges Gelübde gebrochen hat?— Ueberdies, Madeleine, drängt die Zeit, und ich habe noch viel mit Ihnen zu beſprechen, ehe Ihr Onkel auf Ihre lange Abweſenheit aufmerkſam wird und Sie rufen könnte. Ich kam nicht ohne Abſicht in dieſes Haus,— ich rechnete auch auf Ihre Liebe zu der Familie Saint⸗Réal und Ihren Muth.“ Bei den letzten Worten des Jünglings erſt hob Ma⸗ deleine das Haupt wieder in die Höhe und blickte ihn durch Thränen geſpannt an. „Was kann ich thun, Herr Vicomte, Horace und Sie zu retten?— Verfügen Sie ohne Bedenken über meine ſchwachen Kräfte, denn den Saint⸗Réal's zu dienen, wird kein Opfer für mich ſein.“ „Ich wußte es, Madeleine, ſo wie ich auf die Ent⸗ ſchloſſenheit rechnete, die Sie ſchon als Kind charakteriſirte und Ihnen unter uns den Namen Jeanne d'Arc erworben hatte,“ verſetzte Eugen, ſie mit dem Ausdrucke des lebhaf⸗ teſten Intereſſes anblickend.„Sagen Sie mir vor Allem: dürfen wir auf Ihren Onkel Mathieu zählen, der der 47 Familie meines Freundes auch manche Verpflichtung ſchul⸗ det?— In der gewiſſen Zuverſicht darauf kam ich hierher, und mein Plan gründet ſich auf dieſe Annahme, die mir leider jetzt nicht mehr ganz gerechtfertigt erſcheint.“ „Er hat Sie doch nicht erkannt, Eugen?“ fragte das Mädchen mit lebhaftem Schrecken. „Seien Sie ohne Sorge deshalb; der erſte Blick auf die in dieſem Hauſe vorgegangenen Veränderungen hatte mich vorſichtig gemacht. Dank meinem vortrefflichen Paſſe, den mir unſere Agentſchaft in Paris beſorgte, hält er mich für ganz das Gegentheil von dem, was ich eigentlich bin und obenein für einen angeſ ehenen Beamten der Republik.“ „Dann laſſen Sie ihn um Gotteswillen bei dieſem Glauben,“ bat das Mädchen angſtvoll;—„Mathieu Bonnet iſt ſeiner Geſinnung nach ebenſo wenig Republi⸗ kaner als Anhänger des alten legitimen Syſtems, in ſeinem geheimſten Innern neigt er ſich ſogar dem letzteren zu, aber die Furcht hat ihn undankbar und hartherzig gegen Die gemacht, denen er Alles verdankt, was er jetzt ſein nennt. Mathieu würde Sie unbedenklich den Schergen Hoche's ausliefern, wenn er einen Ariſtokraten in Ihnen ahnte.“. Der Vicomte blickte nachdenklich vor ſich hin, dann ſagte er unmuthig: „Das erſchwert die Ausführung meines Planes 48 ungemein, ich hatte Mathieu Bonnet ſolcher niedrigen Ge⸗ ſinnungen nicht für fähig gehalten, und unſere Freunde in England, denen er von früherer Zeit her bekannt war, hatten mir gerathen, mich ihm unbedenklich anzuvertrauen. Indeſſen muß gehandelt und ſchnell gehandelt werden. Hören Sie, Madeleine, welches kühne Spiel ich beabſich⸗ tige, aber erinnern Sie ſich, daß jedes unbedachte Wort darüber Horace und mich ſelbſt unrettbar dem Tode über⸗ liefert.“ „Bedarf es dieſer Warnung bei mir, Eugen?“ fragte Madeleine unwillig. „Verzeihen Sie mir, Madeleine, ich zweifelte nicht an Ihrer Ergebenheit für unſere Sache, und mein offenes Vertrauen hat Ihnen dies ſchon bewieſen; ich betrachte ſie als Schweſter, die über das Leben zweier geliebten Brüder wacht. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß Horace in der äußerſten Gefahr ſchwebt, nachdem er als Adjutant Déſoteurs vor etwa ſechs Wochen hier in Rennes durch den General Hoche verhaftet wurde. Ein hier lebender geheimer An⸗ hänger unſerer gerechten Sache ſetzte ſeine Familie und Freunde in London ſogleich davon in Kenntniß, und in einem ſchnell abgehaltenen Rathe bot ich mich als Werk⸗ zeug ſeiner Rettung an und wurde dazu erwählt; die An⸗ ſchaffung meiner Päſſe aus Paris hielt mich ſo lange auf, daß ich erſt heute Abend hier eintreffen konnte; Gott ſei — 49 Dank, ich bin noch nicht zu ſpät gekommen. Mit Hülfe einiger hieſigen Treugeſinnten wird Horace in der nächſten Nacht das Gefängniß verlaſſen, in dem er ſich jetzt befin⸗ det; er ahnt noch nichts davon, ſeine Lage muß ſchrecklich ſein. Damit iſt aber noch nicht Alles gethan, Madeleine. Es unterliegt keinem Zweifel, daß man des Gefangenen Flucht bald bemerken wird, denn ſeit Cadoudal's Ent⸗ weichen iſt man vorſichtiger geworden und läßt die Ge⸗ fängnißzellen ſtündlich genau revidiren; man wird ihn verfolgen, und da die ganze nächſte Umgebung der Stadt von Truppen eng belegt iſt, würde man uns ſicherlich ein⸗ holen, ehe wir die Küſte und die See erreicht haben; über⸗ dies ließen ſich dort auch keine weiteren Vorbereitungen zu unſerer Aufnahme treffen, da die Zeit dazu mangelte. Horace und ich müſſen alſo in Rennes bleiben.“ Madeleine ſchrak zuſammen und rief unruhig: „Sie wollen hier bleiben? in der Höhle des Tigers, der Sie wieder ausſpähen und zerfleiſchen wird?“ „Es läßt ſich nichts Anderes thun,“ erwiederte der Vicomte achſelzuckend.„Man wird auf dieſe unwahr⸗ ſcheinliche Annahme am allerwenigſten kommen, und un⸗ ſere Veranſtaltungen ſind ſo getroffen, daß unſere Feinde die Verfolgung nach der Küſte lenken werden. Unſer Plan iſt, hier zu bleiben, bis der Vorfall einigermaßen in Ver⸗ 50 geſſenheit gerathen iſt, und obenein in Ihrem Hauſe, Ma⸗ deleine.“ Eugen ſah das Mädchen ſcharf an, um zu beobach⸗ ten, welchen Eindruck dieſe bedenkliche Mittheilung, die auch ihre Perſon einer bedrohlichen Gefahr ausſetzte, auf ſie machen würde. Hatte er aber erwartet, Madeleine werde vor ſeinem Plane bang zurückſchrecken, ſo hatte er ſich entſchieden geirrt. Das Mädchen ſchien einen Augen⸗ blick ernſtlich nachzudenken, dann trat der Ausdruck der Freude und Entſchloſſenheit deutlich auf ihrem Geſichte hervor, und, ſich die Thränen trocknend, ſagte ſie mit feſter Stimme: „Sie werden Alles wohl überlegt haben, Eugen, und ich fühle mich hochbeglückt, wenigſtens Etwas zu der Rettung Horaces beitragen und die Gefahr mit Euch thei⸗ len zu können. Sie werden hier ſicherer ſein, als anderswo. Laſſen Sie uns überlegen, wie wir den unglücklichen Freund am beſten ſchützen können.“ Entzückt durch die Bereitwilligkeit und Hingebung des Mädchens, ergriff Eugen mit einem feurigen, danken⸗ den Blicke ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen. 3 „Tauſend Dank, Madeleine, ich habe mich nicht in Ihrem edlen Herzen getäuſcht.“ Madeleine wollte erröthend die Hand zurückziehen und Etwas erwiedern, aber in demſelben Augenblicke er⸗ 51 tönte Mathieu's ſchrillende Stimme, die zu wiederholten Malen ihren Namen rief. „Mein Gott, der Onkel!— ich hatte vergeſſen—“ „Eilen Sie, Madeleine, und ſuchen Sie ihn über Ihre lange Abweſenheit zu täuſchen,“ bat der Vicomte etwas unruhig.„Wann ſehe ich Sie wieder?“ „Morgen früh. Leben Sie wohl, Eugen.“ Madeleine drückte dem Vieomte die Hand und eilte flüchtig aus dem Zimmer. Ruhigen Geſichts trat ſie gleich darauf ihrem Onkel gegenüber und wußte ſeine Frage, wo ſie ſo lange geweſen ſei, mit der unbefangenen Ant⸗ wort zu erwiedern, ſie habe mit dem Fremden ein wenig geplaudert, der viel Intereſſantes von Paris zu erzählen gewußt habe. Mathieu Bonnet ſchüttelte zwar etwas ver⸗ wundert den Kopf, aber er überlegte, die nähere Bekannt⸗ ſchaft ſeiner Nichte mit dem einflußreichen Commiſſär des Convents könne ihm gerade nicht von Nachtheil ſein; des⸗ halb ſchwieg er. Onkel und Nichte hatten noch eine Weile geplaudert, wobei der intereſſante Gaſt nicht vergeſſen wurde, dann begaben ſie ſich zur Ruhe. Während Mathieu dieſe bald fand, beſchäftigte Madeleine noch eine Menge von Ge⸗ danken, die ihr faſt die ganze Nacht hindurch den Schlaf raubten. Madeleine dachte an die Zeit ihrer Kindheit, die 52 ihr durch des Vicomtes unvermuthetes Erſcheinen wieder lebhaft vor die Seele geführt worden war. Ihr Vater, der ehrenfeſte Pierre Bonnet, deſſen Vorfahren ſchon Jahr⸗ hunderte hindurch auf den Gütern der Familie Saint⸗ Réal geboren und in deren Dienſten geſtanden hatten, war als Soldat lange in der Fremde geweſen, und dann, mit Wunden bedeckt, in die Heimath zurückgekehrt, in der ihm die Güte ſeiner Herrſchaft ein ſorgenfreies Aſyl be⸗ reitete; nachdem er als Kammerdiener in den Dienſt des alten Vicomtes getreten, verheirathete er ſich einige Jahre ſpäter mit Nicolette, der Kammerzofe der Vicomteſſe, die von ihrer Herrin großmüthig ausgeſtattet wurde, und Madeleine war das einzige Kind dieſer Ehe geweſen. Hat⸗ ten beide Eltern das ſtammelnde Kind ſchon in zarteſter Jugend die Namen der geliebten Herrſchaft mit tiefer Ehr⸗ furcht und Zuneigung ausſprechen gelehrt, ſo konnten dieſe Gefühle nur verſtärkt anwachſen, als das ſiebenjährige Mädchen beinahe ganz in die Gemeinſchaft der Kinder des adligen Hauſes aufgenommen wurde und dieſelbe ſorg⸗ fältige Erziehung wie Letztere ſelbſt erhielt. Vorzüglich war es die Vicomteſſe, die Madeleine eng in ihr Herz ge⸗ ſchloſſen hatte und der dieſe mit hingebender kindlicher Liebe anhing; in der Bruſt des kleinen Mädchens regte ſich ſchon der freudige Stolz, wenn die hohe Frau, entzückt von dem ſanften und empfänglichen Sinne Madeleinens, 53 ſie der flüchtigeren und wilderen eigenen Tochter Frangaiſe als Beiſpiel aufſtellte und ſie wie die eigene Mutter innig an ihr Herz drückte. Beide Kinder des Vicomtes, Horace und Frangaiſe, hatten von dem Vater einen heftigen, ſtürmi⸗ ſchen Charakter geerbt, deſſen Ausbrüche oft nur durch Strenge niedergehalten werden konnten; deshalb hatte man auch, nicht ganz ohne Erfolg, durch das Beiſpiel auf ſie einzuwirken geſucht und ſie ihre Erziehung und die Ver⸗ gnügungen der Jugend mit Madeleine und dem weich⸗ herzigen, ſanftmüthigeren Sohne eines befreundeten reichen Nachbars, des Vicomte Salvandy, unſerem Eugen, theilen laſſen. Dieſes ſtete Zuſammenleben der vier Kinder hatte ein inniges, und, wie die Vicomteſſe hoffte, dauerndes Freundſchaftsband um ſie geſchlungen; nur ungern ſchied Eugen jedesmal, wenn er auf kurze Zeit in das väterliche Haus zurückkehren mußte, von ſeinen Spiel⸗ und Unter⸗ richtsgenoſſen, und mit bitteren Thränen der Wehmuth in den Augen blickten dieſe noch lange dem von Ponteclauſe fortrollenden Wagen nach, der ihn ſeiner Heimath zutrug. Daß Eugen ſich vorzüglich aber ſeiner kleinen Freun⸗ din Madeleine anſchloß, war bei der ſo vollſtändigen Ueber⸗ einſtimmung ihrer Charaktere natürlich; es leuchtete dies bei jedem kindiſchen Spiele, unter allen einigermaßen ernſteren Verhältniſſen klar hervor, und Madeleine fühlte es und war ſtolz darauf; ſo feſt ihr kleines Herz an Schloß Ponte⸗ elauſe hing, würde ſie es unbedenklich verlaſſen haben, hätte ſie Eugen Salvandy folgen können, ſobald er von dort fortging. Dieſe Zuneigung wuchs mit den Jahren und erregte ſogar die Aufmerkſamkeit des ſonſt gerade nicht ſehr ſcharfblickenden Vicomte; bei Madeleinen's nie⸗ driger Herkunft wollte er darin eine Gefahr für den Sohn der vornehmen Familie Salvandy ſuchen, aber der Vi⸗ comteſſe, die in den heranreifenden Kindern eben nur Kin⸗ der ſah, gelang es, ſeine Beſorgniſſe, die ſie belächelte, zu ſcheuchen. Madeleinen's Mutter war geſtorben, und dies trug nur dazu bei, daß das Kind ſich immer mehr von dem elterlichen Hauſe entwöhnte und immer inniger an das der Saint⸗Réals anſchloß; die Vicomteſſe, die ihr in groß⸗ herziger Regung die Mutter ganz zu erſetzen gedachte, be⸗ ſtärkte ſie darin; auch Eugen war Madeleinen nach dem Verluſte der Mutter noch theurer geworden, da ſie ſich nach einem Herzen ſehnte, dem ſie ihr eigenes Gefühl ganz offen darlegen konnte, und dazu war die Vicomteſſe zu alt und ſtand ihr immer noch zu hoch; Eugen rechtfertigte ihr Vertrauen und fühlte daſſelbe Bedürfniß, es zu erwiedern. Die Jahre vergingen, und die Kinder traten in das Alter, in dem ihre unbeſtimmten Empfindungen eine feſtere Form anzunehmen anfingen. Was Francaiſe früher we⸗ niger herauszufühlen vermocht hatte, wurde ihr jetzt klarer 55 und mit einer gewiſſen Beſchämung und leiſem Unmuthe unterzog ſie es einer näheren Erwägung, daß Eugen näm⸗ lich Madeleine ihr ſelbſt vorziehe; die junge Vicomteſſe war ein wenig eitel, wie die meiſten Mädchen in ihren Jahren, und regten ſich auch gerade nicht tiefe Gefühle für den Geſpielen ihrer Jugend in ihrer Bruſt, ſo trug die ſtill empfundene Kränkung, die ſie obenein in ſich zu verſchließen gezwungen war, doch dazu bei, daß ſie ſich dies einbildete, und daß eine Leidenſchaft in ihr aufkeimte, die der Eiferſucht nahe verwandt war. Daher kam es, daß die beiden jungen Mädchen vorſichtiger, endlich argwöh⸗ niſch gegen einander wurden, blieben ſie auch ſcheinbar Freundinnen, und war Madeleine auch weit davon entfernt, Francaiſe nicht mehr zu lieben, der ſie ſo vielen Dank ſchuldig zu ſein meinte. Aber ſie begriff die junge Vi⸗ comteſſe, ſie fragte ſich zum erſten Male, ob ſie ein Recht habe, mit ihr um Eugen's Neigung zu kämpfen, und bei der in damaliger Zeit ſtreng vorwaltenden Scheidung zwiſchen Adel und Volk kam ſie zu einem Schluſſe, der ſie das Haupt ſenken ließ und ihr Thränen in die ſchönen Augen trieb. So ſtand es, als die Revolution ausbrach; Horace und Eugen waren damals ſiebzehn, Françaiſe und Made⸗ leine noch nicht vierzehn Jahre alt. Ein großer Theil der Edelleute des Landes wanderte, theils unzufrieden mit den 56 neuen Ereigniſſen, theils auf das Härteſte dadurch be⸗ droht, nach England, Deutſchland und der Schweiz aus; die von ihren Unterthanen verehrten und geliebten Herren von Saint⸗Réal und Salvandy blieben vertrauungsvoll auf ihren Schlöſſern. Nur zu bald aber wurde auch ihre Sicherheit bedroht, da den Feinden nach ihrem Vermögen gelüſtete. Unglücklicherweiſe fand ſich bei dem Vicomte Salvandy bald ein Grund, ſeine Verhaftung vornehmen zu können; es war ihm nachzuweiſen, daß er mit den nach England Emigrirten unterhandelt hatte; gewaltſam hob man ihn auf ſeinem Schloſſe auf und ſchleppte ihn nach Paris in die Gefängniſſe. Sein Sohn war zu jener Zeit gerade auf Ponteclauſe geweſen und man hatte ſeiner nicht geachtet. Der Vicomte Saint⸗Räéal hatte vielleicht auch Grund, durch dieſes Beiſpiel erſchreckt zu werden; im Ge⸗ heimen bereitete er ſich mit ſeiner ganzen Familie zur Ab⸗ reiſe nach England vor; um deshalb aber wichtige Geſchäfte zu ordnen, reiſte er zuvor mit Pierre Bonnet, dem Vater Madeleinen's, nach Paris. Unterwegs ſchon überfiel man ihn, und Tags darauf traf auf Ponteclauſe die nieder⸗ ſchmetternde Nachricht ein, er ſei gefangen und nach der Hauptſtadt abgeführt, ſein treuer Pierre Bonnet aber ſei bei ſeiner Verhaftung und dem dabei geleiſteten Wider⸗ ſtande erſchoſſen worden, überdies beabſichtige man, ſich der ganzen Familie Saint⸗Réal zu bemächtigen. In der 57 entſetzlichſten Verwirrung und von der eingetroffenen Nach⸗ richt bis zum Tode krank, entſchloß ſich die Vicomteſſe, ihre Kinder wenigſtens zu retten und mit dieſen zu fliehen. Anfangs lag es in ihrer Abſicht, dem Flehen der in Thrä⸗ nen aufgelöſten Madeleine nachzugeben und ſie mit ſich zu nehmen, aber deren Onkel, der Bruder Pierres, rekla⸗ mirte ihre Perſon, und man wagte nicht, einen Einſpruch dagegen zu thun. Madeleine riß ſich verzweifelnd aus den Armen Derer, die ihr ſo unendlich theuer geworden, und mußte Mathieu Bonnet nach Rennes folgen, wo die Lilien eben mit der Tricolore an ſeinem Hauſe ſich um den Vor⸗ rang ſtritten. Die Vicomteſſe mit ihren Kindern und Eugen Salvandy erreichte glücklich London; ihre, ſo wie die Salvandyſchen Güter wurden confiscirt und Staats⸗ eigenthum. Einige Monate ſpäter legten die beiden alten Edelleute ihre greiſen Häupter zu Paris unter das Beil der Gulllotine. Madeleine hatte einen ſchweren Kampf gekämpft, ſeitdem ſie das Haus ihres Onkels betreten, der ſich zwar nicht grauſam gegen ſie benahm, aber ihrer ganzen Lebens⸗ weiſe doch eine ſo vollſtändig von der früheren abweichende Richtung gab, daß ſie ſich auch ohne das Intereſſe an dem Schickſale ihrer Freunde unglücklich gefühlt haben müßte; es blieb ihr nicht einmal der Troſt, ſpäter mit denſelben in Verbindung zu bleiben, denn dem war Mathieu ent⸗ .1859. VIII. Die Emigranten. 4 58 ſchieden entgegen, und die Vicomteſſe felbſt überlegte, daß ſie durch ihre Briefe das junge Mädchen einer bedenklichen Gefahr ausſetzte. Erſt die Zeit und die mächtige Gewohn⸗ heit vermochten Madeleinens Schmerz zu lindern; tobte derſelbe auch nicht mehr in der erſten Heftigkeit, ſo wiſſen wir doch, daß ſie ihren alten Freunden eine unauslöſch⸗ liche Anhänglichkeit und ihrer Vergangenheit eine weh⸗ müthige, ſehnſuchtsvolle Erinnerung bewahrt hatte. Jetzt war das junge Mädchen auf einmal wieder mit aller Lebendigkeit in jene Zeit zurückverſetzt worden,— noch mehr, ſie hatte Den wiedergeſehen, an dem ihr Herz damals am meiſten gehangen und dem ſie die kaum be⸗ wußte erſte Neigung dieſes Herzens zugetragen hatte. Sie war damals noch zu jung geweſen, um mit allem Feuer der Leidenſchaft zu lieben, und die Trennung von Eugen hatte dieſe Empfindung nie zur vollen Reife kommen laſ⸗ ſen; jetzt fühlte ſie anders, bewußter, und Eugen ſtand wieder vor ihr, aber die entſcheidende Frage war noch nicht beantwortet, ob er noch derſelbe ſei, gerade für ſie wenigſtens derſelbe. War es zu verwundern, daß Made⸗ leine unter ſolchen Betrachtungen, zu denen noch die Sorge um Eugens und Horaces Sicherheit kam, den Schlaf nicht finden konnte?— Der Morgen erſt brachte ihr dieſen, und nach einem kurzen, halbwachen Träumen erhob ſie ſich ſchnell von ihrem 7 59 Lager, von der Befürchtung gepeinigt, die günſtigſte Zeit, Eugen nochmals zu ſprechen, könne vorübergehen, wenn Mathieu, der gewöhnlich ziemlich lange der Ruhe pflegte, erſt aufgeſtanden wäre und dann Gelegenheit fände, ihr Thun und Treiben ſchärfer zu beobachten. Eine große Veränderung war mit Madeleinen in dieſer Nacht vorgegangen; ſie war nicht mehr die ſchüch⸗ terne Jungfrau, die geſtern noch gezagt hatte, dem Gaſte unter die Augen zu treten, obgleich geheime Wünſche ſie zu ihm zogen, ſondern ſie hatte den ganzen Ernſt ihrer und ſeiner Lage aufgefaßt und ſich entſchloſſen, alle klein⸗ lichen Rückſichten bei Seite zu ſetzen, wo es die Erreichung eines großen Zieles, die Rettung Horaces, und die Ab⸗ tragung einer alten Schuld an die Familie Saint⸗Réal galt. Bis dahin wollte Madeleine auch dem ſüßen Her⸗ zensgeheimniſſe, das ſich ihr in dieſer Nacht zu erſchließen begonnen hatte, keine Stimme einräumen und erſt die Ueberzeugung zu gewinnen ſuchen, ob Eugen der Hinge⸗ bung werth geblieben ſei, die ſie ihm bewahrt, und ob ſie es wagen dürfe, Hoffnungen Raum zu geben, deren Er⸗ füllung ſie ebenſo beſeligen, als ihre Täuſchung ſie elend machen und vernichten konnte. Mit ſolchen Vorſätzen näherte das junge Mädchen ſich leiſe der Thür des Zimmers, in dem der Vicomte wohnte, um zu lauſchen, ob er ſich bereits erhoben habe. 4* 60 Sie hörte ihn mit ſtarken Schritten in dem Gemache auf⸗ und abgehen, woraus ſich ſchließen ließ, daß er bereits angekleidet ſei und ſie erwarte. Einen Augenblick noch ſtand Madeleine herzklopfend da, dann klopfte ſie leiſe an die Thür und öffnete ſie auf des jungen Mannes Auf⸗ forderung. Der Vicomte ſtand an einem Tiſche den mehrere Papiere bedeckten, und es ſchien, als verberge er Etwas unter denſelben und ſei durch Madeleinens ſchnellen Ein⸗ tritt in eine leichte Verlegenheit verſetzt. Sich aber bald faſſend, ging er ihr entgegen, faßte ihre beiden Hände und wünſchte ihr mit einem Blicke Guten Morgen, der auf eine ungewöhnliche innere Erregung ſchließen ließ; auch Madeleine ſenkte betroffen die Augen auf den Boden. „Ich bin ſchon lange in Gedanken mit Ihnen be⸗ ſchäftigt, Madeleine,“ ſagte der Vicomte mit innigem Ausdrucke, der das Mädchen wohlthuend berührte;— „ſelbſt der Traum hat mir fortwährend Ihr liebes Bild vorgeführt, bald als unſere entſchloſſene Jeanne d'Arc, bald als die ſanfte Madeleine der früheren Zeit und end⸗ lich als die herrlich aufgeblühte Jungfrau, die in edler Selbſtverleugnung das eigene Leben an das der Freunde ſetzt. Ich habe mir auch Vorwürfe gemacht, Madeleine, Sie in dieſe gefährliche Angelegenheit verwickelt zu haben.“ Erfüllen Sie meine Bitte, Eugen, das nicht zu wie⸗ 61 derholen,“ erwiederte das Mädchen beſtimmt;—„ich habe Ihnen ſchon geſtern geſagt, daß ich vollſtändiges Vertrauen beanſpruchen zu können glaube. Uebrigens laſſen Sie uns dieſe Worte, die dem Ziele nicht näher führen, ſparen und theilen Sie mir ſchleunigſt mit, in welcher Weiſe ich Ihnen und Horace von Nutzen ſein kann; die Zeit drängt, und wenn Mathieu erwacht, wird er unbedingt nach mir fragen.“ „Er hat geſtern Abend keinen Verdacht geſchöpft und Sie nicht ſeinen Unwillen fühlen laſſen? „Durchaus nicht; ich ſagte ihm die Wahrheit, daß ich ein wenig mit Ihnen geplaudert hätte, und er ſchien ganz zufrieden damit zu ſein. Sie müſſen bei ihm in ho⸗ hem Anſehen ſtehen, und das wird unſer Einverſtändniß ungemein begünſtigen. Aber zur Sache Eugen.“ Der junge Mann lud Madeleine ein, ſich niederzu⸗ ſetzen, was ſie ohne Zögern that, und theilte ihr dann mit, was er beabſichtige; je länger er ſprach, deſto mehr riß ihn der Gegenſtand hin, an dem er mit ganzer Seele zu hängen ſchien. Nach ſeiner Idee wollte er, ſobald Horace befreit und mit ihm wieder vereinigt wäre, denſelben ungeſehen in das Haus zu ſchaffen, zu welchem Zwecke Madeleine eine Strickleiter, die er bei ſich führte, an ſein nach dem Hofe hinausgehendes Stubenfenſter befeſtigen ſollte, ſobald die beſtimmte Stunde der Nacht gekommen ſei; in ſeinem Zimmer ſollte Horace beherbergt werden, bis ſich die wei⸗ 62 tere Flucht mit Ausſicht auf Erfolg bewerkſtelligen ließe; ſollten die Republikaner aber endlich doch auf den Gedanken kommen, in der Stadt nach dem Flüchtlinge zu ſuchen, dann möchte Madeleine einen ſichereren Verſteck im Hauſe ihres Onkels ausfindig machen und Eugen ſelbſt wollte ſie dann dadurch unterſtützen, daß er die Verfolger kraft der ihm in ſeinem falſchen Paſſe verliehenen Würde, die ſie reſpectiren würden, irre leiten wollte. Wie er meinte, fürchtete er aber gar nicht, daß dies nöthig werden könnte, indem ihre geheimen Freunde aus Rennes dafür ſorgen wollten, daß die Republikaner auf eine falſche Spur nach der Küſte geführt würden. Um ihr auch dies deutlich aus⸗ einanderzuſetzen, ergriff Eugen die Karte der Provinz, die auf dem vorher erwähnten mit Papieren bedeckten Tiſchen lag; als er ſie in ſeinem Eifer ſchnell aufhob, lag darunter ein Miniaturporträt, auf das ſeine Blicke zugleich mit de⸗ nen Madeleinens fielen; es ſtellte eine junge hübſche Dame mit gepuderten Haaren und in dem modiſchen Coſtüm der höhern Stände vor. Madeleines Beſtürzung bei dem Er⸗ blicken dieſes Bildes war ſo groß und ihre Wangen wurden ſo bleich, daß dem Vicomte dieſer Eindruck nicht entgehen konnte; war es dies allein oder hatte er noch einen andern Grund dafür, auch er ſchien äußerſt betroffen und verlegen. „Francaiſe de Saint⸗Réal,“ ſagte er, ſich zum Gleich⸗ muth zwingend, indem er auf das enthüllte Porträt deutete. 63 „Ich hatte vergeſſen, Ihnen das Bild, das Sie jedenfalls intereſſiren muß, früher zu zeigen.“ Madeleine war keines Wortes mächtig; eigene ſtür⸗ miſche Gedanken bewegten ſie, und der Blick, der ſich einen Augenblick forſchend auf Engen gerichtet hatte, ſenkte ſich ſchnell wieder auf das Porträt nieder, das ſie faſt willenlos aus der Hand des Vicomtes, der es ihr reichte, genommen hatte. „Ja, das iſt Francaiſe, ich erkenne jeden ihrer Züge deutlich wieder,“ flüſterte Madeleine, nach Faſſung rin⸗ gend, halblaut.„Ah, dieſes Bild iſt ohne Zweifel für ihren Bruder?“ „Ueberraſcht Sie nicht die mit Frangaiſe vorgegan⸗ gene Veränderung?“ fragte der Vicomte. Dieſes Porträt iſt erſt vor Kurzem von einem vortrefflichen Meiſter in London gemalt worden, und ich kann Sie verſichern, daß es ſprechend ähnlich geworden iſt. Auch Frangaiſe hat ſich in den vier Jahren der Trennung von Ihnen ſehr ausge⸗ bildet.“ „Sie iſt ſehr ſchön geworden,“ meinte Madeleine etwas befangen. „Meinen Sie?“ fragte der Vicomte in einem Tone, dem man es anhörte, daß er keine weitere Antwort erwar⸗ tete.„Sehen Sie hier die Karte der Bretagne, Madeleine, 64 auf der ich Ihnen den Weg bezeichnen wollte, den unſere Verfolger ſicherlich nehmen werden.“ Der Vicomte ſprach weiter, aber Madeleinens Auf⸗ merkſamkeit war fortan getheilt und eine Unruhe hatte ſich ihrer bemeiſtert, die ſie kaum zu beſchwichtigen vermochte; ſie hatte vorher recht gut bemerkt, daß bei ihrem Eintritte Eugen Etwas vor ihr unter jenen Papieren zu verſtecken ſchien, und dies im Vereine damit, daß er Francaiſes Bild bei ſich führte, brachte ſie auf eine Ahnung, der ſie kaum nachzuſinnen wagte. Beide erwähnten nicht mehr das Porträt, und Eugen hätte auch keine Gelegenheit dazu finden können, denn ſo⸗ bald er ſeine Erklärung beendigt hatte, ſchickte das junge Mädchen ſich an, ihn zu verlaſſen, indem ſie vorgab, es ſei die höchſte Zeit dazu, wollten ſie nicht die Aufmerkſamkeit Mathieus auf ihre Zuſammenkünfte lenken; ſie verſprach, vor Anbruch des Abends noch einmal eine Gelegenheit zum ungeſtörten Zuſammenſein herbeiführen zu wollen. Als Madeleine mit einem verſteckten Seitenblicke auf das auf dem Tiſche unbeachtet liegengebliebene Gemälde das Gemach verlaſſen hatte, ſah ihr der Vicomte eine lange Weile träumeriſch nach; dann ſtieß er einen leiſen Seufzer aus, fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und trat finſteren Blickes an den Tiſch. „Françaiſe— Madeleine,“ flüſterte er kaum hörbar. 65 Mit einer gewiſſen unruhigen Haſt legte er das Por⸗ trät in ein zierliches Etui, verſchloß dieſes und legte es bei Seite. Eine Stunde ſpäter verließ er das Gaſthaus zur Tri⸗ colore in dem Coſtüm, daß er Abends zuvor getragen hatte, und lenkte ſeine Schritte der obern Stadt zu.— Brittes Capitel. Eugen Salvandy ging über die Vitamiebrücke und betrat die obere Stadt ohne die Kennzeichen der Befürch⸗ tung an den Tag zu legen, man möge ihn in den ziemlich belebten Straßen erkennen, wirklich ſchien auch Niemand ſeiner zu achten, und nur zuweilen begrüßte ihn Einer oder der Andere, dem die mächtige dreifarbige Kokarde an ſeinem Hute imponiren machte, mit einem„Guten Morgen, Bür⸗ ger.“ Unweit der St. Peterskirche ſuchten ſeine Blicke ſcharf an den Häuſerreihen umher und mit befriedigter Miene ſchritt er auf ein unanſehnliches zweiſtöckiges Ge⸗ bäude zu, über deſſen Thür ſich ein Schild mit der Inſchrift: „François Fargy horloger“ befand. Ohne Weiteres ſetzte er den an der Thür angebrachten eiſernen Klopfer in Be⸗ wegung, und gleich darauf wurde dieſe von einem Manne 66 in mittleren Jahren geöffnet, der die Kleider des Bürger⸗ ſtandes trug. Halb mißtrauiſch, halb ſein Geſicht in erzwungener Höflichkeit verziehend, fragte er nach des An⸗ kömmlings Begehr. 2 „Guten Tag, Francois Fargy; kennt ihr den Freund vom Royal⸗Emigrant nicht mehr?“ fragte der Vicomte lächelnd.„Ich ſollte meinen, Ihr hättet mich ſchon mit einiger Unruhe erwartet?“ „Herr Vic—, Sie ſind's, Bürger Delavigne?“ meinte der Andere, Eugen erſtaunt mit den Augen meſ⸗ ſend. „Sicherlich, Bürger Fargy,“ erwiederte der Vicomte lachend.„Laßt mich nur eintreten, damit die Leute nicht auf uns aufmerkſam werden; Euer Erſtaunen giebt mir zu meiner großen Befriedigung den Beweis, daß ich mich un⸗ kenntlich genug zu machen verſtanden habe.“ Mit freundlichen und zugleich ehrerbietigen Compli⸗ menten öffnete Meiſter Fargy die in ſeine zu ebener Erde liegende Wohnzimmer führende Thür: Beide traten in ein möglichſt bequem und gut eingerichtetes Gemach, indem ein am Fenſter aufgeſtellter Tiſch und ein mit Uhren ge⸗ fülltes Wandſchränkchen darauf hinwieſen, daß der Meiſter ſeinem Geſchäfte nach immer fleißig obliege. Sobald die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, lüftete der Vicomte ſeinen Hut und nahm die ihn entſtellende Perrücke ab, wo⸗ 67 durch ſein Geſicht einen ganz anderen, freundlicheren und jugendlicheren Ausdruck erhielt. „Erkennt Ihr mich jetzt wieder, Frangois Fargy, unſer getreuer und zuverläſſiger Vermittler mit dem Hei⸗ mathlande?“ fragte er. Der Angeredete ſtieß einen Ruf freudiger Ueber⸗ raſchung aus und beugte ſich auf die Hand des Vicomtes nieder, um ſie zu küſſen, was dieſer indeſſen zu verhindern wußte. 3„Schon gut, Francois, ich bin es, der Euch Dank ſchuldet; laßt alle Umſtände, und ſetzen wir uns nieder, um zur Sache zu kommen,“ meinte Eugen Salvandy. „Sie mir Dank ſchulden, Herr Vicomte?— Sie wiſſen doch, daß ich Ihrem Herrn Vater, dem Gott eine ſelige Ruhe geben möge, obgleich er ihn nicht vor den mord⸗ gierigen Händen der nichtswürdigen Empörer geſchützt hat, mehr verdanke, als ich je an ſeinem Sohne und deſſen Freunde abtragen kann. Und nicht für Sie allein handle ich ja, ſondern für meine Ueberzeugung, für das gute Recht und die göttlichen Gebote. Ja, der alte Francois Fargy iſt ſeinem erlauchten Herrſcherhauſe von Gottes Gnaden nicht untreu geworden und noch jeden Augenblick bereit, ſeinen letzten Blutstropfen für den legitimen König Frank⸗ reichs zu verſpritzen. Aber ſagen Sie mir, Herr Vicomte, wie geht es drüben in England?— die Ungeduld drückt 68 mir das Herz ab;— wird man endlich einen großen Schlag ausführen und dem unnützen Schlachten in unſerer Pro⸗ vinz, das uns viele koſtbare Kräfte raubt, ein Ende machen?“ „Gemach, Freund Francois, Ihr fragt mich zu viel.“ Aber der Vicomte mußte dem erregten Manne erſt Rede ſtehen und ihm mancherlei Auskunft über dieſe oder jene ihm bekannten Familien geben, die nothgedrungen ihr Vaterland verlaſſen hatten, um in England eine Zuflucht zu ſuchen; dabei unterbrach ihn der Legitimiſt oft mit den derbſten Berrunſühungen der Republikaner und ihrer An⸗ hänger. tet?“ konnte der Vicomte endlich fragen. „,„So iſt es mein Vicomte; ich war in ernſter Beſorgniß Ihrenthalben.“ Eugen erklärte ihm, daß ſeine Reiſe durch die ſchwie⸗ rige Anſchaffung der Päſſe bisher verzögert worden ſei, und daß er ſich in der Tricolore erſt habe verſichern müſſen, Horace dort unterbringen zu können, ſobald ſeine Befreiung aus dem Gefängniſſe gelungen ſei. Fargy jubelte, als er vernahm, daß dem kein Hinderniß mehr entgegenſtehe; er war bereits ganz und gar in dem Plan, den Eugen Ma⸗ deleinen mitgetheilt hatte, eingeweiht und ſollte einen thä⸗ tigen Helfer bei ſeiner Ausführung abgeben. „Es iſt Alles vorbereitet, und der liebe Gott müßte „Ihr habt mich ſchon vor einigen Tagen hier erwar⸗ 69 kein Einſehen und die gerechte Sache verlaſſen haben, wenn es nicht gelingen ſollte,“ meinte er zuverſichtlich und ließ ſich weitläufig über die getroffenen Maßregeln aus. „Wiſſen Sie, Herr Vicomte,“ unterbrach er ſich dann wieder in ſeiner Lebendigkeit,—„daß Sie zu einer ge⸗ legenen Zeit hier angekommen ſind?— Sie finden hier heute gute Freunde, wenn Sie mit allen auch noch nicht perſönlich bekannt ſein mögen; aber ich brauche mich nicht erſt für ſie zu verbürgen, denn ihre Namen ſprechen für ſich ſelber. 75 Eugen blickte ihn geſpannt an. Kennen Sie Charette Frotté und Sadoudal?⸗ fuhr Fargy vergnügt ſchmeichelnd fort. „Sie ſind hier?“ rief der Vicomte, auf das Höchſte erſtaunt;—„Georges Cadoudal, der kaum erſt der Exce⸗ kution aus dieſer Stadt entronnen, iſt in Rennes?“ Still, Herr Vicomte, frrecen⸗ ſie dieſen gefährlichen Namen nicht ſo laut aus; heut' zu Tage iſt man a wahrüch nicht ſicher, daß die Wände Ohren haben., ſie ſind hier, oder wenigſtens werden ſie in Zeit ve längſtens einer Stunde in dieſem Hauſe ſein.“ „Was Sie mir da ſagen, Francçois! ich bin außer⸗ ordentlich erfreut, dieſe Helden unſeres Vaterlandes ſprechen zu hören, und vor allem Charette, der mir ſchon genau bekannt iſt. Aber wie können ſie es wagen, Rennes, das 70 Hauptquartier Hoches zu betreten, und zu welchem Zwecke verſammeln ſie ſich hier?“ Welches Wageſtück wäre für Charette und Georges Cadoudal wohl zu groß?“ meinte Fargy triumphirend;— vielleicht haben ſie gerade Rennes zu ihrer Zuſammenkunft gewählt, weil es augenblicklich der für ſie gefährlichſte Ort in der ganzen Bretagne und Vendée iſt. Ihre Abſicht aber iſt, ſich gegenfeitig von der Thätigkeit in letzter Zeit Be⸗ richt abzuſtatten und eine gemeinſame Operation anzubah⸗ nen; auch iſt es möglich, daß ſie Nachrichten aus England erhalten haben, die einen großen Schlag ankündigen. Man wird ſie mit der lebhafteſten Freude begrüßen, denn Sie kommen von dorther und werden den Herren vielleicht über Manches Auskunft geben können.“ 3 Wirklich war es für Eugen Salvandy eine angenehme Ueberraſchung, mit den einzelnen berühmten Parteigängern des Landes in nähere Verbindung treten zu können; er ſprach beſtimmt ſeinen Entſchluß aus, ſie in Fargys Hauſe erwarten zu wollen. Indeſſen drang der letztere in ihn, ihm ſeine eigenen Schickſale, ſeitdem er die Heimath ver⸗ laſſen hatte, zu erzählen; hatte der treue Anhänger des Könighauſes und der Familie Salvandy darüber auch ſchon Mittheilung erhalten, ſo war dieſe doch immer nur ungenügend geweſen. Eugen erzählte bereitwillig. Nachdem er 1791 mit 71 der Vicomteſſe von Saint⸗Réal und ihren Kindern ſo ſchleunig Frankreich verlaſſen hatte, war er beinahe zwei Jahre mit ihnen zuſammengeblieben und hatte als treuer Freund die bitterſte Noth mit ihnen getheilt und dieſer ab⸗ zuhelfen geſucht. Mit dem Grafen Puiſaye war Horace, der eine Anſtellung als Adjutant bei dieſem General er⸗ halten hatte, um dieſe Zeit nach der Bretagne gegangen, und da Eugen das bittere Gefühl nicht überwinden konnte, hinter ſeinem Freunde unthäthig zurückzubleiben, hatte auch er ſich eifrigſt bemüht, ſeinem Vaterlande mit den Waffen dienen zu können, und endlich war es ihm gelungen, eine Unterlieutenantsſtelle in dem am Rhein zum Condeéſchen Corps gehörigen Regiment Lachatre, ſeiner Treue an das Königshaus wegen Loyal⸗Emigrant genannt, zu erhalten. Durch Auszeichnung war er bald zum Oberlieutenant auf⸗ geſtiegen, hatte ſich bis noch vor Kurzem bei ſeinem Corps befunden und alle Züge deſſelben mitgemacht und war eben auf Urlaub in London, die Familie Saint⸗Réal zu beſuchen, als dieſe die ſchreckliche Nachricht erhielt, Horace, der bei der Rückkehr Puiſayes in ſeiner Eigenſchaft als Adjutant bei deſſen Nachfolger Déſoteux zurückblieb, ſei gefangen worden und harre in Rennes des Todesurtheils. Wir wiſſen ſchon, daß Eugen hierauf ſo ſchnell als möglich her⸗ beigeeilt war, den Freund zu retten. Die beiden Männer plauderten noch angelegentlich, 72 als an Fargys Hausthür in eigenthümlichen Zwiſchenräu⸗ men geklopft wurde; das letztere wäre dem Vicomte nicht aufgefallen, hätte der Uhrmacher ihm nicht einen pfiffigen, vielbedeutenden Blick zugeworfen. „Sie kommen!“ flüſterte er eilig und verließ das Zimmer. Einen Moment ſpäter traten zwei Männer ein, die man ihrem ganzen Ausſehen nach für ungeſchickte und ſtu⸗ pide Bauern der Umgegend von Rennes halten mußte; ſie trugen blaue Blouſen, der Eine einen breitkrämpigen Filz⸗ hut, der Andere eine geſtrickte Mütze, deren langer Zipfel ihm bis auf die Schultern hinabfiel, und Beide die Kalk⸗ pfeifen im Munde; ihre Geſichter trugen den deutlichſten Stempel der Gemeinheit und Bornirtheit. Als der Vicomte dieſe Beiden eintreten ſah, erhob er ſich gar nicht von ſeinem Sitze und ſchenkte ihnen nur einen flüchtigen Blick, denn er war überzeugt, Fargy habe ſich geirrt, als er in den An⸗ kömmlingen die royaliſtiſchen Chefs vermuthete, und dieſe hier ſeien wirklich Landleute, die ihn nur Geſchäfte halber beſuchten. „Guten Tag, Bürger Salvandy,“ ſagte der eine der Landleute in rauhem Tone. Engen fuhr erſchrocken zuſammen, als er ſeinen wah⸗ ren Namen nennen hörte, aber ſchon war der ihn ſo Be⸗ grüßende ſchnell auf ihn zugegangen, hatte ſeine beiden 73 Hände ergriffen und brach, dieſe herzlich drückend, in ein ſchallendes Gelächter aus, in das ſeine Begleiter und Fargy einſtimmten. „Kennen Sie mich nicht unter dieſer verteufelt guten Verkleidung, Salvandy? rief er ſo laut, daß Fargy ihn erſchrocken beim Arme angriff und eine Mahnung, einzu⸗ halten, für gut befand;— haben Sie Athanaſe Charette de la Centrie vergeſſen, mit dem Sie vor anderthalb Jahren ein paar recht luſtige Tage verlebten?“ Der ganze Geſichtsausdruck des Redners hatte ſich auffallend verändert; wie Eugen, der ſich in freudigem Erſtaunen jetzt die alten bekannten Züge zurückrief, bemerken konnte, dieſelben waren noch immer durch eine ſehr kunſt⸗ volle und dem Uneingeweihten gar nicht kenntliche Malerei entſtellt, aber die Augen des ihm Gegenüberſtehenden ſprüh⸗ ten ein lebhaftes Feuer und ganz im Gegenſatz zu dem kurz zuvor darauf ausgeprägten Ausdrucke und ſprach ſein Geſicht jetzt von Geiſt und Anmuth. Eine ähnliche Ver⸗ änderung war auch mit dem Begleiter Charettes vorgegangen, der dem jungen Vicomte jetzt als Jean Scépaux vorgeſtellt wurde. Fragen und Antworten kreuzten ſich nun in ſchneller Reihenfolge; man ſprach und erzählte, bald lachten die Herren munter, bald wurden ihre Geſichter wieder ernſt und trübe und ihre Augen ſchoſſen Blitze des Rachegefühls 5 1859. VIII. Die Emigranten. 74 und des Haſſes, wenn Eugen ſo manchen edlen Namen anführte, deſſen Träger im tiefſten Elende darbte. Eine Stunde war vergangen, ehe neue Gäſte kamen, dieſes Mal in der einfachen Kleidung bürgerlicher Geſchäftsleute; ſie wurden freudig willkommen geheißen und mit dem Vicomte bekannt gemacht. Sieben der royaliſtiſchen Chouans⸗Chefs waren ein⸗ getroffen und nicht ohne Unruhe erwartete man nur noch Georges Cadoudal, der Sohn des Müllers zu Brech, der, nachdem erzu Vannes ſtudirt, in unbezähmbarer Abendtheuer⸗ luſt die Feder fortgeworfen und das Banner mit den Lilien ergriffen hatte, um das ſich ein Haufen ſchaarte, der täglich anwuchs, je weiter ſich die Nachricht von den kühnen Hand⸗ ſtreichen des gefürchteten Chefs im Lande verbreitete: ſchon hatte er ſeinen Namen den Republikanern furchtbar zu machen verſtanden und ſchon zählte man ihn zu den ge⸗ ſchickteſten und glücklichſten Häuptern der Chouannerie. Endlich kam auch er und wurde mit lebhaftem Enthu⸗ ſiasmus begrüßt; ſo weit man unter ſeiner allgemein be⸗ lachten Verkleidung als umherſtreifender Hauſirer zu unterſcheiden vermochte, war er ein ſchöner, etwa ſechsund⸗ zwanzig Jahre alter Mann von edlem Anſtande und ſtolzem, kräftigen Auftreten. Die Männer, in deren Verſammlung Eugen ohne Bedenken Zutritt fand, zogen ſich in ein nach dem Hofe hinausgehendes Zimmer des obern Stockwerks 75 zurück; Fargy hatte es übernommen, über ihre Sicherheit zu wachen, obgleich ſich eine Entdeckung der heimlichen Zuſammenkunft gar nicht befürchten ließ. Man hatte um einen runden Tiſch Platz genommen, auf den Charrette die Specialkarte der Bretagne und Vendée ausbreitete; unter ſeinem Vorſitze begann jetzt der förmliche Kriegsrath. Zuerſt legte jeder der Anweſenden bis auf Eugen einen kurzen Bericht ſeiner bisherigen Thätigkeit in ſeinem Bezirke ab und gab eine Ueberſicht der Kräfte, über die er disponiren konnte. Eugen ſtaunte im Geheimen, als er vernahm, wie bedeutend die Zahl Derer war, die unter Führung dieſer Männer— und ſie waren zwar wohl die bedeutendſten, doch bei Weitem noch nicht alle Chefs der Inſurrektion,— für die Sache des Königthums das Schwert führten oder es zu zücken bereit waren, aber er konnte ſich auch eines unangenehmen und ſchmerzlichen Gefühles nicht erwehren, wenn er be⸗ dachte, wie die gegenſeitige Eiferſucht dieſe bedeutende Macht bisher zerſplittert habe und deshalb Ströme von Blut umſonſt vergoſſen worden waren. Dieſe Einſicht hatte die jetzt hier Vereinigten auch dieſes Mal zuſammen⸗ geführt, und der Zweck der Berathung war eigentlich nichts Geringeres, als eine Uebereinſtimmung in die verſchie⸗ denen Operationen zu bringen und einen geregelten Kampf zu organiſiren. Sobald man aber auf dieſen Punkt gelangt 5* 76 war und einzelne Vorſchläge deshalb gemacht hatte, wurde es dem unbefangen zuhörenden Vicomte klar, daß das er⸗ ſtrebte Ziel noch fern liege, und daß dieſe Herren vermuthlich noch uneiniger ſcheiden würden, als ſie es bisher ſchon ge⸗ weſen. Die Meinungen wichen zu entſchieden von einander ab, und mit jedem Wort ſtieg die Heftigkeit der Parteien, ſo daß Eugen ſich mehrere Male genöthigt fand, daran zu erinnern, daß man ſich an einem unſichern, von Feinden umgebenen Orte befinde. Charette hatte vorgetragen, was Eugen bereits wußte, wie ihm von London aus, amtlich mitgetheilt worden ſei, die geſammte Macht der Emigranten werde, durch Groß⸗ britannien mit Geld und Truppen unterſtützt, in allernächſter Zeit einen entſchiedenen Schlag führen und an einem noch nicht beſtimmt bezeichneten Punkte der Nordküſte Frankreichs landen. Dieſe Mittheilung war in Jubel begrüßt worden, denn die Nothwendigkeit eines ſolchen Schrittes mußte allge⸗ mein anerkannt werden. Aber bei den Meiſten— und zu ihnen gehörte vorzüglich der Redner Charette,— rief es zuerſt eine tiefe Beſtürzung und dann lauten Unmuth her⸗ vor, als ſie vernahmen, vermuthlich werde nicht der Graf Artois ſelbſt dieſe Expedition leiten, ſondern der von vielen Seiten gehaßte oder beargwöhnte Generalmajor Graf Puiſaye. „Ich ziehe meine Hand von dieſem Spiele zurück,“ 77 rief zuerſt der leidenſchaftliche Charette,—„und ich werde den Herren kurz die Gründe nennen, die mich zu dieſer beſtimmten Erklärung veranlaſſen. Uns Allen iſt Graf Puiſaye bekannt, er beſitzt weder genug Energie und Ge⸗ wandheit, ein ſo großes Unternehmen zu leiten, noch genug Liebe und Vertrauen unter uns und dem Volke dieſer Pro⸗ vinzen, das er in ihm verhaßte ſoldatiſche Formen zwängen will, mit denen unſere verwegenen Chouans einmal Nichts ausrichten werden. Graf Puiſaye hat ſchon einmal be⸗ wieſen, daß er unfähig iſt, den Charakter dieſes Volkes zu verſtehen und zu benutzen, und ich wenigſtens fühle nicht die mindeſte Luſt, mich auf den mehr als zweifelhaften Er⸗ folg hin unter ſein willkührliches Kommando zu ſtellen. Abgeſehen davon aber ſehe ich nicht ein, wozu wir der Hülfe Großbritanniens bedürfen ſollten, weshalb wir dieſelbe wenigſtens weiter in Anſpruch nehmen ſollen, als daß man die Unſrigen an die Küſten Frankreichs ſchafft. Bei dem vorliegenden Plane aber iſt der Einfluß, den England auch noch ferner auf dieſe Expedition auszuüben ſucht, indem es ſeine Truppen auf dieſe Küſten werfen und uns unter den ganz von ihm abhängigen Puiſaye ſtellen will, gar nicht zu verkennen, und ich gebe es Ihnen zu bedenken, meine Herren, in wie weit dieſer Einfluß unſeres Erbfeindes auf unſere eigenen vaterländiſchen Angelegenheiten bedenklich werden dürfte. Ich für meine Perſon wiederhole, daß ich 78 nie einem Engländer die Hand bieten werde, damit er ſeinen Fuß ſicher auf Frankreichs Boden ſetze.“ Ein ſtürmiſcher Ausbruch des Beifalls folgte dieſer Rede, und faſt Alle verſuchten, ihre Anſicht in ähnlicher Weiſe wie Charette zu erkennen zu geben. „Sie denken, unſer ſchönes Frankreich für ihren Herzog von York erobern zu wollen,“ rief Scépaux mit drohenden Mienen. „Ich werde meine Schaaren in ihre Heimath ſchicken, ſobald Puiſaye wirklich die Expedition kommandiren ſollte,“ rief der leidenſchaftliche Frotté dazwiſchen. 1 Eugen Salvandy hatte ſchon lange mit ſich ſelbſt ge⸗ kämpft, ob er ungeachtet ſeiner Jugend und bei der mehr untergeordneten Stellung, die er an dieſem Orte einnahm, es wagen ſolle, auch ſeine Anſicht kundzugeben, die vielleicht deswegen auf Gehör Anſpruch machen konnte, weil er von allen hier Verſammelten die in England herrſchenden Ver⸗ hältniſſe am beſten kannte, er war entſchieden entgegenge⸗ ſetzter Anſicht, als die Chouanschefs, obgleich er ſich geſte⸗ hen mußte, unter Führung des Grafen Artois ſelbſt verſpreche die Landung in Frankreich einem bei Weitem günſtigeren Erfolg. Um aber den unabſehbar ſchädlichen Folgen dieſer ſtür⸗ miſchen Berathung möglichſt zuvorzukommen, was er für 79 ⸗eine heilige Pflicht gegen das Vaterland hielt, erhob er ſich und bat um das Wort. In dieſem Augenblick wurde die Thüre des Gemaches heftig aufgeriſſen und leichenblaß ſtürzte Frangois Fargy in das Gemach. „Rettet Euch, Ihr Herren, wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ rief er den Ueberraſchten zu;—„wir ſind ver⸗ rathen, und Polizeibeamte umzingeln mein Haus!“ Der Eindruck, den dieſe Schreckensworte auf die Anweſenden hervorbrachte, war ein ganz verſchiedener; während Einige, bei denen ſich der erſtarrende Schreck in allen Mienen ausprägte, rath⸗ und thatlos vor ſich hin⸗ blickten, riſſen ein paar Andere die Waffen hervor, die ſie unter ihren Kleidern führten, und Charette, der ſich zuerſt gefaßt zu haben ſchien, machte haſtig den Vorſchlag, man wolle das Haus verrammeln und ſich auf das Aeußerſte in demſelben vertheidigen, bis vielleicht ein Theil der gut⸗ geſinnten Einwohner der Stadt und das Landvolk zum Entſatz herbeieile.“ „Wo denkt Ihr hin, edler Herr?“ rief Fargy ent⸗ ſetzt;—„es bleibt Euch weder Zeit, ſolche Anſtalten zu treffen, noch dürft Ihr in dieſer ganz von Truppen beſetzten Stadt darauf rechnen, daß Eure wenigen Anhänger ſich tollkühn für Euch erheben.“ Das mußte auch dem verwegenen Charette bei einiger 80 Ueberlegung einleuchten; er ſchwieg und blickte ſeine Ge⸗ fährten der Reihe nach an, als erwarte er von ihnen einen beſſeren Rath zu hören.. 1„Wenn wir ſie nur einige Minuten aufhalten könnten, ſo wüßte ich einen Ausweg durch die Nebenhäuſer,“ jam⸗ merte François Fargy. „Giebt es einen ſolchen, ſo laßt ihn uns ohne lange Ueberlegung antreten und uns tapfer durchſchlagen,“ rief Georges Cadondal, einen Dolch zückend und auf die Thüre zueilend. „Keine Unbeſonnenheit,“ mahnte Eugen, ihm in den Weg tretend;—„wenn einer von Ihnen geſehen wird, ſo ſind Sie verloren; hier kann nur die Liſt retten.“ Auf ſeinem Geſichte hatte ſich ſchon eine Weile ein lebhaftes Mienenſpiel kund gegeben, das jetzt einer kalten, entſchloſſenen Ruhe Platz gemacht hatte. „Retten Sie die Herren, Frangois,— ich über⸗ nehme es, Ihnen einige Minuten Zeit zu verſchaffen; dann kehren Sie ſelbſt ſchnell und möglichſt ruhig zu mir zurück.“ Schon hörte man im unteren Hausflur ſtarke Tritte und verworrenes Stimmengeräuſch. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete Engen die Thür und ging feſten Schrittes die Treppe hinab. Francois, der durch ſeinen ruhigen Ton auch ſeine alte Entſchloſſenheit wieder ☛— 81 gewonnen hatte, bedeutete die Chouanschefs, ihm ſchleunigſt. und vorſichtig zu folgen. Eine ſchmale hölzerne Stiege hinauf führte er ſie auf die Bodenräume ſeines Hauſes und von hier durch eine möglichſt gut verſteckte Thüre, die vielleicht gerade für ähnliche Zwecke angelegt worden war, auf den Boden des Nebenhauſes. Hier ſtieg man, ohne die Aufmerkſamkeit der Einwohner zu erregen, die auf die Straße gelaufen waren, um Näheres über das unerwartete Eindringen der Polizeibeamten in Frangois Haus zu vernehmen, ein Stockwerk tiefer wieder hinab und durch ein nach dem Hofe zu führendes Fenſter auf das platte Dach eines an⸗ gebauten Stalles. Dieſe Operation war gefährlich, da es heller Tag war und ſie leicht Zeugen finden konnte, aber das Glück begünſtigte die Royaliſten und ungeſehen konnten ſie ihren Weg fortſetzen. Nachdem ihnen Francois in wenigen Worten den weiteren Weg bezeichnet hatte, ſpran⸗ gen ſie von der nicht unbeträchtlichen Höhe des Stalldaches auf den Hof hinab und erreichten durch dieſen und ein paar Gärten eine andere abgelegene Straße der Stadt, auf der ſie ſich mit kurzem Händedrucke ſchnell zerſtreuten. Francçois warf einen dankbaren Blick zum Himmel und kehrte dann mit ruhiger Miene in ſein Haus zurück. Inzwiſchen war Eugen, ſobald er die unterſten Stufen der Treppe erreicht hatte, von fünf bis ſechs Polizei⸗ 82 beamten umringt worden, deren triumphirende Geſichter ihm ſagten, daß ſie ihren Zweck erreicht zu haben meinten. „Wer ſind Sie, Bürger?“ herrſchte ihn der Führer der Polizeimannſchaft kurz an. „Ein Freund der Republik und des Geſetzes,„ ent⸗ gegnete der Vicomte kalthöflich. „Ihr Name?“ „Eugen Delavigne.“ „Sie ſind fremd an dieſem Orte? Welche Geſchäfte führen Sie nach Rennes und was hatten Sie in dieſem Hauſe zu thun?“ „Es ſcheint, als habe die Polizei es für nöthig be⸗ funden, meine Schritte zu verfolgen, und als gälte ihr Beſuch in dieſem Hauſe gerade meiner Perſon?“ Eugen that dieſe Frage in der Abſicht, zu erfahren, ob man von der Anweſenheit der Ghouans wirklich ſchon Kenntniß gehabt habe, für welchen Fall er ſich ſelbſt noch keinen beſtimmten Plan, zu handeln, gebildet hatte. „Allerdings,“ erwiederte der Polizeibeamte mit ſehr wichtiger Miene.„Sie ſind uns als verdächtig bezeichnet worden, und ich kann Sie verſichern, daß Sie einer ſehr gültigen Bürgſchaft bedürfen werden, um Ihrer vorläufi⸗ gen Verhaftung zu entgehen.“ Eugen begann zu hoffen, daß man es wirklich nur auf ſeine Perſon abgeſehen habe, und wenn er ſich darüber 83 auch einer leiſen Beſorgniß nicht erwehren konnte, ſo ſtand dieſe Gefahr doch in keinem Verhältniß zu der vorher vermutheten, daß die Zuſammenkunft der Chouans in dieſem Hauſe verrathen worden ſei. „Ich kam geſtern Abend von Paris und bin im Gaſthaus zur Tricolore in der unteren Stadt abgeſtiegen,“ ſagte er, ſich zu einem ruhigen Lächeln zwingend;—„ich hatte in der That Geſchäfte, die ich vorläufig noch nicht näher zu erörtern gedenke, mit dem Wirth dieſes Hauſes, dem Uhrmacher François Fargy. Ich begreife nicht, wo⸗ durch ich mich verdächtig gemacht haben könnte.“ „Sie werden es erfahren, Bürger; indeſſen haben Sie ohne Zweifel eine Legitimation bei ſich?“ „Genügt die Bürgſchaft Frangois Fargy's, eines Bürgers dieſer Stadt, nicht?“ fragte der Vicomte zuver⸗ ſichtlich. „Nein,“ entgegnete der Polizeibeamte barſch. „Dann, mein Bürger, geſtatten Sie mir wohl, Ihnen meinen Paß unter vier Augen zu zeigen,“ meinte der Vi⸗ comte;—„Sie werden ſpäter begreifen, daß ich Gründe habe, dieſen Wunſch zu äußern.“ Der Polizeibeamte machte ein zweifelhaftes Geſicht. „Es wird genügen, wenn wir nur einige Schritte bei Seite treten,“ ſagte Eugen mit einem ſtolzen Blicke;— „Ihre Beamten können uns im Auge behalten.“ * 84 Der Führer der Sicherheitsmannſchaft trat einige Schritte weiter zurück und empfing den Paß des Vicomte, der ihn mit untergeſchlagenen Armen ruhig beobachtete, während er las. „Ah, mein Herr, Sie ſind—?“— „Der Inhaber dieſes Paſſes,“ ergänzte der Vicomte etwas ſpöttiſch.„Sie verſtehen jetzt ſicherlich, weshalb ich Anſtand nahm, mich offen vor Ihren Begleitern zu er⸗ klären. Sie ſehen, daß Sie ſich getäuſcht haben, Bürger.“ Der Beamte gab das Papier mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück und ſtotterte einige halb unverſtändliche Entſchuldigungen. Auch Francois Fargy war jetzt wieder erſchienen, und wenn ihn die Poliziſten auch bedeutet hatten, ſich den Beiden nicht zu nähern, ſo vermochte er zu ſeinem Erſtaunen doch deren anſcheinend gutes Einver⸗ ſtändniß wahrzunehmen. „Darf ich Sie jetzt fragen, Bürger, wodurch ich dieſes auffällige Einſchreiten der Polizei von Rennes gegen dieſes Haus und meine Perſon veranlaßt habe?“ fragte der Vi⸗ comte mit leicht gerunzelter Stirne. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein Bürger; Sie mögen in unſerem Verfahren nur den Eifer und die Wachſamkeit der Polizei dieſer Stadt erkennen. Offen geſtanden, ſteht dieſes Haus bei uns in keinem beſonderen Rufe, und Francois Fargy iſt als verdächtig notirt. 85⁵ Man hatte Sie in dieſes Haus gehen ſehen,— Ihre ariſtokratiſche Haltung,— der Umſtand, daß Sie hier zum erſten Male geſehen wurden und daß Sie ſich länger in dieſem Hauſe aufhielten, als es gewöhnliche Geſchäfte erfordern,— kurz, wir hatten uns getäuſcht.“ Der Vicomte fühlte ſein Herz von einer ſchweren Laſt erleichtert und mußte lächeln. „Ich begreife nicht, daß dieſer François Fargy in derartigem Rufe bei der Polizei ſteht, aber gleichviel,— ich hoffe, dieſer Umſtand wird ihm einigermaßen zur Em⸗ pfehlung gereichen.“ Der Polizeibeamte verbeugte ſich artig und empfahl ſich mit ſeinen Begleitern. Fargy ſeufzte ſchwer auf, als ſich die Hausthür hinter ihnen geſchloſſen hatte, und als er des Vicomtes lächelnde Mienen ſah, brach er in ein leiſes Gelächter aus. 3 „Ich begreife von dem Allem noch Nichts, Herr Vicomte, aber Sie müſſen ein Hexenmeiſter ſein.“ „Das nicht, beſter Frangois, aber dieſes Papier hat uns gerettet.“ Der Vicomte legte dem Uhrmacher den Paß vor. „Aber wie haben Sie dieſen unſchätzbaren Talisman erhalten, mit dem Sie die ganze Republik umkehren könn⸗ ten?“ fragte Fargy, ſtarr vor Staunen. „Ich ſagte Ihnen ſchon, unſere Agentſchaft in Paris 86 habe ihn mir beſorgt; ich ſelbſt begreife nicht, wie es ihr gelungen iſt, Vadier um ſeine Unterſchrift zu betrügen. Dieſer Talisman wird übrigens nicht lange ſeine Kraft bewähren und höheren Ortes hätte er vielleicht ſchon Miß⸗ trauen erweckt, da es mir an allen übrigen Legitimationen als Civil⸗Commiſſär des Convents fehlt.“ Beide Männer begaben ſich in das untere Wohn⸗ zimmer, und dey Vicomte erzählte ausführlich, daß der Beſuch der Polizei gar nicht der Verſammlung der Chouans⸗ chefs gegolten habe; er gab Fargy aber auch ſeine Anſicht zu erkennen, daß er die ſo plötzliche Auseinanderſprengung der Berathenden als ein Glück betrachte, indem eine Ueber⸗ einkunft in ihren heftigen Beſchlüſſen die gute Sache des Königthums nur hätte gefährden können. Biertes Capitel. In der Vorſtadt Saint⸗Martin, die längs dem Ufer der Ille erbaut iſt, lag faſt am äußerſten Ende, etwas von den Häuſern der Bürger entfernt, ein alterthümliches, viereckiges Gebäude in der Höhe von nur zwei Stock⸗ werken; es hatte früher zu anderen Zwecken gedient, jetzt wurde es von der republikaniſchen Beſatzung der Stadt 87 Rennes als Wache und zur Verwahrung der eingebrachten Gefangenen benutzt. Oft verließen es die letzteren nur wieder, um jenſeits der Ille auf einem Raſenplatze, den ſie aus den vergitterten Fenſtern des obern Stockwerks gut überſehen gelernt hatten, durch die Kugeln des Exekutions⸗ Kommandos niedergeſtreckt und dann in der aufgeworfenen Grube verſcharrt zu werden, vor der ſie geknieet hatten. In der unteren Etage dieſes düſtern Gebäudes; das ſchon hin und wieder Spuren des Verfalles zeigte, waren an vielen Stellen die Fenſterſcheiben zerſchlagen, oder fehlten ſammt den ſie haltenden Rahmen ganz, nur an der der Straße zugewandten Seite hatte man ſie neuerdings wieder in Ordnung gebracht. Hier befand ſich, ſobald man in den Tag und Nacht durch eine trübe Laterne be⸗ leuchteten Hausflur trat, zur rechten Hand das geräumige Wachtlokal der Mannſchaften, links ein kleineres Gemach, in dem ſich ſtets zwei Offiziere, ein Kapitän und ein Unter⸗ lieutenant, aufhielten. Vor dem nach der Straßenſeite hinausführenden Haupteingange wanderte, das Gewehr mit aufgeſtecktem Bajonett im Arm, ein Poſten in blauer, rothkragiger Uniform, den niedrigen, dreieckigen Filzhut mit der dreifarbigen Kokarde und einem Federſtutze darauf auf dem Kopfe, bedächtig auf und ab und hinderte das Eintreten jedes Unbefugten in das Gebäude; auf dem ſchmalen Damme zwiſchen letzterem und der Ille pro⸗ 88 menirte ebenfalls eine ſolche Schildwache und richtete die Augen oft forſchend nach den Gitterfenſtern der zweiten Etage, an den beiden ſchmalen Seiten des Hauſes war ein Raum von ungefähr zehn Schritt Breite durch manneshohe Bretterzäune abgeſchlagen worden und konnte von beiden Soldaten eingeſehen werden. In einer der oben befindlichen Gefängnißzellen, deren einziges Fenſter in der ſchmalen, der Stadt zugewendeten Seite des Gebäudes angebracht war und mehr als mannes⸗ hoch vom Fußboden lag, ſo daß die Strahlen des Tages⸗ lichtes nur ſchräg hineinfallen konnten, lag ein Mann auf dem ärmlichen Lager, deſſen Strohſäcke ein eiſernes Bett⸗ geſtell trug. Anſcheinend gedankenlos muſterten ſeine Blicke die kahlen, grauen Steinwände des nur wenige Schritte im Gevierte haltenden Raumes, die vielen auf ihr ein⸗ gekritzelten Namen und in Verzweiflung oder Langeweile erſonnenen Sinnſprüche und Verſe und die ſchwere eiſen⸗ beſchlagene Thür, die von außen durch mächtige Riegel verwahrt wurde. Der Gefangene, deſſen wohlgeformte, kräftige Figur ſich bei ſeiner nachläſſigen Lage und dem trüben Dämmerlichte nicht ſo vortheilhaft hervorhob, wie dies wohl unter anderen Verhältniſſen geſchehen wäre, ſchien noch nicht das reifere Mannesalter erreicht zu haben, aber Erfahrungen und Anſtrengungen hatten ſeinem Ge⸗ ſichte ſchon den Charakter vollſtändiger Männlichkeit auf⸗ 89 geprägt, wodurch ſeine ſchönen und ſtolzen Züge nur ge⸗ wannen. Langgelocktes, dunkles Haar umgab eine hohe, edelgebildete Stirne; die glänzenden, ſchwarzen Augen waren zwar augenblicklich durch den Ausdruck düſterer Hoffnungsloſigkeit und geheimen Seelenkampfes getrübt, aber man ſah ihnen an, daß ſie ſonſt ſehr ſchön und leben⸗ dig geleuchtet haben mußten; die Wangen waren bleich und eingefallen, und der langgewachſene, ungepflegte Schnurr⸗ und Knebelbart deutete darauf, daß der Ge⸗ fangene ſich ſchon eine geraume Zeit in dieſer unbehaglichen Lage hinter Kerkermauern befinden mußte. Dieſer Jüng⸗ ling war Horace de Saint⸗Roal, der gefangene Adjutant des royaliſtiſchen Chefs Déſoteux Cormatin. Nachdem man ihn in der letzten Nacht vor das Kriegs⸗ gericht geſtellt und mit unzähligen Fragen gepeinigt hatte, denen er außer der Erklärung, er erkenne die Geſetzlichkeit ſeiner Verhaftung und des über ihn niedergeſetzten Gerichtes nicht an, nur ein ſtolzes Stillſchweigen entgegengeſetzt hatte, war ihm um die Mittagszeit das Urtheil, das auf den Tod durch die Kugel lautete, bekannt gemacht und ihm angekündigt worden, die Exekution werde in der Frühe des nächſten Morgens auf der Wieſe jenſeits der Ille ſtattfinden, über die ſeine ſehnenden Blicke während der ſechswöchentlichen Einkerkerung ſchon oft geſtreift waren. Mit Faſſung und einem bittern, ſtolzen Lächeln auf den 1859. VIII. Die Emigranten. 6 90 Lippen hatte er der Verleſung des Spruches zugehört und noch einmal gegen die Ungerechtigkeit des gegen ihn beob⸗ achteten Verfahrens proteſtirt, aber erſt als er ſich wieder allein befand, brach einen Augenblick der männliche Muth in ſeiner Bruſt zuſammen, und er war ſchwach geworden, als er an den Abſchied vom Leben, das er auf freiem Felde, dem Gegner Bruſt an Bruſt, ſchon oft in die Schanze geſchlagen hatte, an ſeine ſtolzen Hoffnungen, vor Allem endlich an Mutter und Schweſter dachte, die er hülflos in der Fremde zurücklaſſen ſollte. Dieſer Sturm hatte ſich erſchöpft und war jetzt vorüber; Horace hatte mit den Erinnerungen der Vergangenheit abzuſchließen verſucht und den feſten Vorſatz gefaßt, nicht allein ſeinen Feinden, ſondern auch dem harten Geſchick trotzig die Stirne zu bieten; er bereitete ſich auf die letzten Stunden vor, um in ihnen nicht noch einmal zu wanken und wie ein Mann zu ſterben. Seine träumeriſchen Betrachtungen wurden dadurch unterbrochen, daß man von außen die Riegel an der Thür fortſchob und ein Schlüſſel in das Schloß geſteckt wurde. Horace rührte ſich nicht, denn er vermuthete, ſein Wächter oder der Offizier der Ronde, der ihn alle Stunden be⸗ ſuchen mußte, werde kommen. Wirklich erſchien gleich darauf die Geſtalt des erſteren, eines ungelenkigen, ſtark⸗ 91 knochigen Mannes, mit einem wenig Vertrauen erwecken⸗ den Geſichte, in der geöffneten Thüre. „Ich bringe Ihnen Ihre Abendkoſt, Bürger,“ ſagte er mit heiſerer Stimme, eine Suppe und ein kleines Brod auf den Tiſch ſtellend, der in einer Ecke der Zelle ſeinen Platz gefunden hatte.„Haben Sie irgend welche Wünſche, die Ihnen billigerweiſe gewährt werden können, ſo ſprechen Sie ſich darüber aus;— es liegt in meinem Amt, jedem Verurtheilten an ſeinem letzten Abende dieſe Frage vorzu⸗ legen.“ „Ich danke Ihnen, Meiſter Collard. Aber halt, würde es mir geſtattet ſein, einige Zeilen an meine fernen Verwandten zu ſchreiben?“ fragte der Gefangene in bit⸗ tendem Tone. „Es thut mir leid, Bürger, aber unter keinen Um⸗ ſtänden darf ich Ihnen Schreibmaterialien verabreichen,— das iſt ganz gegen unſere Beſtimmungen. Wollen Sie mir morgen eine mündliche Beſtellung anvertrauen, ſo findet ſich vielleicht einmal Gelegenheit, ſie zu beſorgen.“ „Nein, Meiſter Collard,“ erwiederte der Gefangene trübe und ſetzte halblaut hinzu:„Es iſt vielleicht auch beſſer ſo; meine Henker könnten des letzten Abſchiedes von den Meinigen ſpotten und die Rührung mir als Schwäche auslegen.“ Der Gefangenwärter erwiederte Nichts, und als er . 6* 3 92 auf einen fragenden Blick keine Antwort erhielt, Zog er ſich zurück. Horace blieb noch eine Weile auf ſeinem Lager und achtete nicht der für ihn hingeſtellten Speiſen, bis ſein Auge wieder zufällig auf dieſelben fiel. Er dachte daran, daß ſein Körper der Stärkung bedürfe, wenn nicht auch der Geiſt ermatten ſollte, und es lag ihm viel daran, die Kräfte des letzteren aufrecht zu erhalten. Er ſtand auf und ſetzte ſich an den Tiſch, um die einfache Mahlzeit zu genießen. Als er das kleine Brot brach, ſchrak er heftig zu⸗ ſammen; eine Purpurröthe überzog ſein Geſicht, und die Augen leuchteten ſo hell auf, als ſtröme neuer Lebensmuth in ſeine Adern. Einen ängſtlichen Blick nach der Thüre werfend, ſprang er auf und eilte an das Fenſter, durch das die Abenddämmerung nur noch ſchwach hereinbrach; dort entfaltete er das zuſammengelegte Papierchen, das jeden⸗ falls nicht abſichtslos in ſein Brot gebacken worden ſein konnte. Mit einiger Mühe entzifferte er die Worte: „An Horace de Saint⸗Réal von ſeinen Freunden. Bediene Dich geſchickt und vorſichtig des hierbei befind⸗ lichen Inſtruments. Du biſt nicht verlaſſen; halte Dich bereit, aber handle nicht unbeſonnen ohne uns.“ Horace rieb ſich die Stirne, als beabſichtige er ſich zu überzeugen, daß er nicht träume; er überlas die Worte, 93 die er ſich noch nicht ganz zu deuten vermochte, nochmals und, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, eilte er an den Tiſch zurück und unterſuchte genau das Brötchen, das dieſe Troſtesworte in ſich geſchloſſen hatte. Er täuſchte ſich nicht; es enthielt eine kleine, ungemein ſcharfe Haarſäge. Faſt hätte der von Hoffnung und neuer Lebensluſt beſeelte Gefangene einen lauten Ruf der Freude aus⸗ geſtoßen, aber zum Glück erſtickte dieſer auf ſeinen Lippen, als von Neuem an der Thüre ſeiner Zelle geriegelt und geſchloſſen wurde. Blitzſchnell hatte er das feine Inſtru⸗ ment und das Papier in ſeine Kleider verſteckt. Dieſes Mal war es der Offizier der Ronde, der mürriſch und ohne einen Gruß in der geöffneten Thüre ſtehen blieb und von dort aus nur die Perſon des Gefan⸗ genen und deſſen Gefängniß muſterte. Mochte ihm aber die lebhafte Röthe auf den Wangen Horace's auffällig und verdächtig erſchienen ſein, er betrachtete dieſen länger als gewöhnlich, ging dann auf das Fenſter zu und rüttelte an den Eiſenſtäben, um ſich zu überzeugen, daß ſie noch feſt und unverletzt ſeien; befriedigt verließ er dann wieder das Gemach. Kaum war dies geſchehen, ſo machte Horace ſich klopfenden Herzens an das Befreiungswerk. Ein Uebel⸗ ſtand warzes, daß das Fenſter mit ſeinen Gitterſtäben ſo weit vom Boden entfernt lag, daß er es nur mit Mühe 94 mit den Händen erreichen konnte; da er aber noch eine Stunde Zeit hatte, ehe er einen weiteren Beſuch in ſeiner Zelle erwarten durfte, trug er vorſichtig den Tiſch unter die Fenſterbrüſtung und ſtieg hinauf. Anfangs verſprach die mühſelige Arbeit, eine der eiſernen Stangen zwei Mal durchzuſägen, wenig Erfolg, da ſich der Gefangene des Inſtrumentes nicht gewandt genug zu bedienen wußte, aber bald machten ihn mehrere Verſuche und die Einſicht, daß von der glücklichen Vollbringung dieſes Geſchäfts ſein Leben abhänge, geſchickter. Horace wußte noch nicht, wer zu ſeiner Rettung herbeieilen und wie man dieſelbe bewerk⸗ ſtelligen werde, er hatte ſich bald überzeugt, daß er vor Mitternacht auch nicht die Durchſägung zweier Gitter⸗ ſtangen vollendet haben könne, daß ein Rettungsverſuch vor dieſer Zeit alſo auch erfolglos ſein würde, aber alle dieſe Bedenken hielten ihn nicht in ſeiner mühſeligen Arbeit auf, und mit der neu erwachten Hoffnung war auch ſeine Zuverſicht auf den höchſten Grad geſtiegen. In der Offizierwachtſtube, deren wir ſchon vorher erwähnten, finden wir in dieſer Nacht einen alten Be⸗ kannten, den Kapitän Antoine Guénard, der mit einem jungen Unterlieutenant die Wache bezogen hatte. Man hielt ihn für einen zuverläſſigen Offizier und hatte ihm deshalb die Bewachung des royaliſtiſchen Adjuzanten in deſſen letzter Nacht anvertraut; Guénard rechtfertigte dies 95 Vertrauen aber auch vollſtändig, denn ſeine Poſten waren gut inſtruirt und er ſelbſt hatte ſtündlich die vorgeſchriebene Reviſion bei dem Gefangenen vorgenommen. Es war ſchon lange nach Mitternacht, und die beiden Offiziere lagen, in ihre Mäntel gewickelt, in den beiden großen mit Leder überzogenen Lehnſtühlen, die ſie dicht an das Kamin, in dem ein helles Feuer brannte, geſchoben hatten.— „He, Paliſſot, ich glaube gar, Sie ſind ganz ſanft eingeſchlafen,“ meinte der Kapitän, ſeinen Genoſſen leicht bei der Schulter ſchüttelnd. Der junge Offizier fuhr verſtört aus ſeinen Träumen auf und blickte ſeinen Vorgeſetzten etwas beſchämt an. „Man ſieht's, daß Ihnen die Wachen noch unge⸗ wöhnt ſind, junger Mann,“ ſcherzte der Kapitän gut⸗ gelaunt;—„dienen Sie nur erſt ein paar Jahre länger, und der Schlaf wird Ihnen bei ſolchen Gelegenheiten nicht mehr in die Augen kommen. Wie ſpät iſt es, Paliſſot?“ Der Lieutenant zog ſeine Uhr und berichtete,„es ſei eine Stunde nach Mitternacht.“ „Halten Sie ſich eine Weile wenigſtens munter, bis ich von unſerem Gefangenen zurückgekehrt bin,— es iſt Zeit zur Ronde,“ meinte der Kapitän aufſtehend und laut gähnend.„Der Burſche ſah mir geſtern Abend noch ſo lebensmuthig und friſch aus, daß ich zu erhöhter Vorſicht gemahnt wurde; aber das verſichere ich Sie, mir geht's 96 nicht wie dem armen Kapitän Sacy, der Georges Cadou⸗ dal entwiſchen ließ.“ Der Kapitän lachte munter, gürtete ſich den Säbel feſter und ſchickte ſich zu ſeinem Gange an. In demſelben Augenblicke ſtutzte er und auch ſein jugendlicher Genoſſe fuhr hoch in dem Seſſel auf, denn draußen rief die an der Hinterſeite des Gebäudes ſtehende Schildwache ihr langgezogenes„Qui vive?ν „Was paſſirt denn da?— hörten Sie nicht den Anruf des Poſtens, Paliſſot?“ 5„Qui vive?“ ertönte es draußen noch einmal lauter und heftiger, dann ſchnell noch ein drittes Mal, und durch die ſtille Nacht weithin donnernd entlud ſich der Schuß des Poſtens. „Zum Teufel, Paliſſot! was giebt's da?— Laſſen Sie die Wache in das Gewehr treten und ſchicken Sie mir eine ſtarke Patrouille nach!“ Der Kapitän Guénard ſtürzte haſtig aus dem Wacht⸗ zimmer und lief dem Poſten zu, der eben Feuer gegeben haben mußte. In dem Wachtlokal der Mannſchaften war es auch ſchon lebendig geworden, und auf den Ruf der Schildwache vor dem Gewehr eilten ſie vor das Haus und rangirten ſich dort ſchnell unter Paliſſot's Kommando. „Das Boot dort, mein Kapitän,— ſehen Sie es unter dem dunkeln Schatten des Weidengebüſches am 5 97 Ufer?“ fragte in aufgeregtem Tone der Soldat, während er wieder ſein abgeſchoſſenes Gewehr lud.„Die konnten nichts Gutes im Sinne haben, denn um dieſe Zeit ſind die Fiſcher wohl nicht mehr auf dem Waſſer, und obenein ſuchten ſie augenſcheinlich ungeſehen an meinem Poſten vorbeizukommen. Ich habe Feuer gegeben, weil ich keine Antwort auf mein Anrufen erhielt.“ „Ganz recht, mein Sohn,— aber hol' mich—, ich ſehe Nichts.“ f Der Kapitän rieb ſich die Augen, die, von der Be⸗ leuchtung in der Wachtſtube geblendet, die Finſterniß noch nicht ſcharf zu durchdringen vermochten. Die von Paliſſot. abgeſandte Patrouille eilte im Laufſchritt herbei. „Sehen Sie, mein Kapitän?— jetzt bewegt es ſich wieder,— dort dicht am Ufer,— keine funfzig Schritte von hier,“ rief der Soldat, auf einen dunkelſchwarzen Punkt deutend, der ſich wirklich in der Geſtalt eines kleinen Bootes von dem Schatten abzeichnete. „Wahrhaftig, da iſt es!— Steht, oder ich laſſe eine Salve auf Euch geben!“ rief der Kapitän mit Donner⸗ ſtimme. Auf dem ſchwarzen Fleck auf der Ille blitzte es hell auf, ein Flintenſchuß fiel, und die Kugel pfiff zwiſchen Guénard und der Schildwache hindurch. Kortigt* „Fertig!“ rief der Kapitän entſchloſſen der Patrouille 98 4. zu.„Dorthin, Kinder!— Den Teufel auch, das iſt eine Finte. Laufe zum Lieutenant Paliſſot und beſtelle ihm, er ſolle ſich mit vier Mann augenblicklich in die Zelle des gefangenen Royaliſten begeben; ich mache ihn verant⸗ wortlich für deſſen Sicherheit. Aufgepaßt, Kinder!— An!— Feuer!“ Die Salve entlud ſich, und man konnte deutlich ver⸗ nehmen, wie ein Theil der Kugeln in das Holz des Bootes ſchlug. Einen Moment ſpäter ließ ſich ein höhnendes Ge⸗ lächter von dem Boot her hören, und wieder fielen von dort her drei Flintenſchüſſe. Einer der Patrouillenmann⸗ ſchaften war an der Hand verletzt worden und ſtieß einen leiſen Schmerzensruf aus. „Vorwärts, Soldaten! mir nach!“ rief der Kapitän wuthſchäumend und zog den Säbel. Im ſcharfen Trabe eilten Alle der Stelle an dem Ufer zu, wo das Boot geſehen worden war; man hatte ſie in wenigen Sekunden erreicht. Hier lagen ein Prahm und zwei oder drei kleine Fahrzeuge angeſchloſſen, deren ſich die Republikaner zum Ueberſetzen über die Ille bedienten; man hatte in dem Eifer und der Aufregung bisher nicht daran gedacht. Sämmtliche Fahrzeuge waren leer, aber wie ſich bei ſpäterer genauerer Beſichtigung erwies, von den Kugeln der Patrouille vorher getroffen worden. Nir⸗ gends ließ ſich etwas Verdächtiges bemerken. 99 „Sucht das Gebüſch hier ſorgfältig ab!— Ich muß nach dem Hauſe zurück,“ rief der Kapitän unmuthig. „Daß doch Paliſſot nicht hier iſt!— Korporal, über⸗ nehmen Sie das Kommando und achten Sie genau auf das Waſſer; im Nothfall laſſen Sie eines dieſer Boote los⸗ ſchließen und folgen den Kerls auf der Ille.“ Der Kapitän ſtürzte dem Wachthauſe wieder zu; er hatte kein rechtes Vertrauen auf die Fähigkeiten und die Umſicht ſeines Lieutenants und hielt es für das Beſte, ſeinen, wie er vermuthete, gefährdeten Gefangenen ſelbſt unter Augen zu behalten. Erſt kurz vor Mitternacht war Horace de Saint⸗ Réal mit ſeiner angeſtrengten Arbeit fertig geworden; zwei der Gitterſtangen waren doppelt durchſägt und die abgeſchnittenen Theile konnten durch ein heftiges Rütteln ſchnell entfernt werden; der dadurch gebildete freie Raum war groß genug, einen menſchlichen Körper hindurchpaſſiren zu laſſen. Jede Stunde hatte Kapitän Guénard, wie ſchon geſagt, die Zelle des Gefangenen revidirt, und dieſer hatte deshalb oft lange Pauſen in ſeiner Arbeit machen und alle Spuren derſelben immer wieder vorſichtig be⸗ ſeitigen müſſen, aber glücklicherweiſe kam der Kapitän nicht wieder auf die Idee, die Gitterſtangen anzufaſſen, von deren guter Beſchaffenheit er ſich ſchon am Abend genügend überzeugt zu haben meinte; mit namenloſer Angſt hatte 100 Horace dies gefürchtet. Als er ſein Werk vollendet hatte, ſtreckte er ſich auf ſein Lager nieder, drückte die Hand auf das ſtürmiſch klopfende Herz und betete bald inbrünſtig, bald ſuchte er ſich alle die möglichen Fälle vorzuführen, wie man ſeine Rettung beabſichtigen könne, und ſein eigenes Verhalten danach zu überdenken. In der Stadt ſchlug es ein Uhr, und noch ließ ſich Nichts von den Befreiern hören; eine entſetzliche Angſt ſchnürte die Bruſt des Gefangenen zuiſammen, und er dachte daran, daß man bei der jetzt bevorſtehenden Reviſion ſein Vorhaben noch entdecken und Alles vereitelt werden könne. Einen Augenblick trug er die tollkühne Idee in ſich, ſogleich aus dem Fenſter zu ſpringen und ſich ganz ſeinem eigenen Glücke anzuvertrauen, aber zeitig genug noch erinnerte er ſich der Warnung ſeiner unbekannten Freunde. 3 Jetzt vernahm auch er den erſten Anruf der Schild⸗ wache und was gleich darauf folgte; athemlos lauſchend ſprang er auf, und um beſſer hören zu können, ſchob er den Tiſch wieder unter das Fenſter, ſtieg auf ihn und öffnete das letztere. Ein leichter Gegenſtand flog von außen her gegen ſeine Bruſt, und unwillkürlich danach greifend, fühlte er ein Knäuel von dünnem Bindfaden in ſeiner Hand. Einen Moment lang war es ihm unklar, welchen Zweck dieſe unzweifelhaft von ſeinen Rettern aus⸗ gegangene Sendung haben könne, aber ſogleich bemerkte er, . 101 daß das losgewickelte Ende der Schnur noch zum Fenſter hinaushing; er verſuchte, es an ſich zu ziehen, und fühlte bald einen ſtärkeren Widerſtand. An das untere Ende des ſchwachen Bindfadens war ein ſtarkes Seil befeſtigt, und mit einiger Mühe gelang es ihm, dieſes in die Hand zu bekommen. Jetzt verſtand er die Abſicht der draußen Be⸗ findlichen. So ſchnell, als es ſeine zitternden Hände er⸗ laubten, zog er das Ende des Seiles an ſich, knüpfte es feſt um eine der unverletzten Gitterſtangen und brach dann mit einem kräftigen Rucke die losgeſägten Theile der andern aus; der Raum war frei, und Horace ſchwang ſich auf die Fenſterbrüſtung und ließ ſich an dem Seile hinab. Ohne ein klares Verſtändniß deſſen, was um ihn vorging, gewinnen zu können, hörte er verworrenes Stimmen⸗ geräuſch an der andern Seite des Gebäudes, die Salve der Patrouillenmannſchaft und wie drinnen die Thüre ſeines Gefängniſſes geöffnet wurde und mehrere Perſonen in den eben von ihm verlaſſenen Raum traten. Er hatte die Erde erreicht und ließ das Seil los, aber noch wußte er nicht, wohin er ſich wenden ſolle. „Horace, hierher!— ſchwinge Dich über den Zaun!“ rief ihm eine halblaute Stimme zu. Der Flüchtling folgte ohne Bedenken dem ihm ge⸗ wordenen Winke; bei ſeiner Körpergewandtheit, die durch die Todesangſt noch erhöht wurde, war es ihm ein Leichtes, 102² über die manneshohe Bretterwand zu gelangen. Auf der andern Seite empfingen ihn ein paar Arme, und er fühlte ſich heftig an die Bruſt eines Mannes gedrückt, den er in der Dunkelheit noch nicht zu erkennen vermochte. „Ich bin's, Eugen, Dein Freund,“ füüſterte eine bekannte Stimme mit dem Ausdrucke des freudigſten Ent⸗ zückens.„Noch einige Minuten Kraft und Muth, und Du biſt gerettet!“ 1— Engen zog den Freund an der Hand mit ſich fort; Beide ſprangen in einen wenige Fuß tiefen Graben, der ſich jenſeits des Bretterzaunes eine Strecke weit über das freie Feld fortzog und ſie allen ſpähenden Augen beſſer entziehen konnte, und in dieſem liefen ſie ſo ſchnell als möglich weiter. Sie hörten noch einen Augenblick das Schreien und Fluchen in dem Gebäude, in dem eine wilde Verwirrung zu herrſchen ſchien, dann hatten ſie es ſchon weit hinter ſich gelaſſen. Ohne ein Wort zu wechſeln, woran ſie die Aufregung, in der ſie ſich befanden, und ihr eiliger Lauf hinderte, erreichten ſie die erſten Häuſer der Vorſtadt Saint⸗Martin und bogen in eine der finſterſten, winkligſten Gaſſen derſelben ein. „Wir ſind in Sicherheit,“ flüſterte Eugen wieder, aber noch geſtattete er ſich und ſeinem Freunde keine Er⸗ holung, ſondern riß dieſen am Arme unaufhaltſam mit ſich fort. 103 Vom Wachtgebäude her wirbelte die Lärmtrommel, aber ihre dumpfen Töne klangen immer undeutlicher in das Ohr der Flüchtigen. Erſt als ſie die untere Stadt erreicht hatten, mäßigte Eugen ſeine Schritte und fand Worte für ſeinen Freund, den der plötzliche Uebergang aus der verzweifeltſten Lage ſo angegriffen hatte, daß er ſich kaum noch auf den Füßen erhalten konnte. „Mein theurer Bruder Horace,“ ſagte er, ſeinen Arm um dieſen ſchlingend,—„noch iſt die Gefahr für uns nicht vorüber, aber Du wirſt Zeit gewinnen, Dich zu erholen, und ſo Gott will, wirſt Du in wenigen Tagen Dich in offenem Felde an dieſen nichtswürdigen Republi⸗ kanern rächen können, deren Mordgier Du bald unterlegen wäreſt.“ „Wohin gehen wir, Eugen?— Laſſe mich Dir ſpäter danken, mein treuer Bruder und Retter, wenn ich erſt wieder klarer zu denken vermag.“ „Wir müſſen in Rennes bleiben, Horace. Erſchrecke nicht,— es iſt Alles vorbereitet, und wir werden möglichſt ſicher ſein.“ Horace wollte noch eine weitere Frage an ſeinen Freund richten, aber dieſer legte ihm die Hand auf den Mund und bedeutete ihm kurz, ſie ſeien am Ziele ihrer 104 Wanderung und es bleibe noch ein, wenn auch weniger gefährliches Wageſtück zu beſtehen. Sie waren bei der Tricolore angekommen und ge⸗ langten durch eine Hinterthür, für deren Offenhaltung Madeleine zu ſorgen gewußt hatte; auf den Hof des Gaſt⸗ hauſes, der ganz ausgeſtorben ſchien; nur an Eugens Fenſter brannte ein hinter den Gardinen halbverſtecktes Licht. Wie es mit Madeleine verabredet worden war, gelangten beide Freunde ohne Hinderniß und ohne bemerkt zu werden, auf der Strickleiter in des Vicomte's Zimmer, wo ſie das ſchon lange angſtvoll wartende Mädchen trafen. Von ihren Gefühlen übermannt, ſanken ſich die beiden Freunde in die Arme; Madeleine, die ſie einen Augenblick vergeſſen hatten, ging mit Thränen in den Augen, das Fenſter zu ſchließen, aber ſie verwandte dabei die Blicke nicht von Horace, dem ihr immer werth gebliebenen Ge⸗ ſpielen ihrer Kindheit. „Du vergiſſeſt unſere brave Madeleine, der wir auch ſo vielen Dank ſchulden,“ erinnerte Eugen nach einer Weile; —„ah, ich hatte noch nicht Zeit gefunden, Dir mitzu⸗ theilen, daß Du unſere theure kleine Freundin hier wie⸗ derfinden würdeſt. Sieh ſie doch an, Horace, ob Du ſie wiedererkennen wirſt.“ Ueberraſcht wandte Saint⸗Raal ſich zu dem Mäd⸗ chen, und mit einem Ausruf der Freude ſchloß er ſie in 105 ſeine Arme, denen Madeleine ſich nicht zu entziehen ſuchte; kaum vermochte ſie ſeinen ſchnellen und dringenden Fragen, wie ſie hierhergekommen und wie es ihr bisher ergangen ſei, zu folgen und ſie zu beantworten. Als die gegenſeiti⸗ gen Begrüßungen aber vorüber waren, ſetzte man ſich nieder und beſprach beruhigter noch einmal die Erlebniſſe dieſer verhängnißvollen Nacht. „Francois Fargy, der treue Freund unſeres Hauſes und oft geprüfte Anhänger unſerer heiligen Sache,“ er⸗ zählte Eugen,—„wußte bereits vor fünf bis ſechs Tagen um meine Abſicht, nach Rennes zu kommen und Alles zu Deiner Rettung zu verſuchen; er bereitete hier die Mittel zu Deinem Entkommen und trat mit einigen zuverläſſigen Freunden deshalb in Verbindung. Er war es, der jene kurze ſchriftliche Nachricht, die Dich tröſten und vorbereiten ſollte, in ein Brod backen und dieſes in Deines Kerker⸗ meiſters Collard Hände ſchmuggeln ließ. Unſer Plan war, die Wache zu irritiren, während deſſen ſollte ich allein den Befreiungsverſuch in der Art wagen, die uns— dem Himmel ſei gedankt— glücklich zum Ziel geführt hat; auch dabei gab es noch mancherlei Schwierigkeiten, deren Ueberwindung ganz vom Zufall abhing, wie die, daß es mir gelänge, das Bindfadenknäuel geſchickt und geräuſchlos in Dein offenes Fenſter zu werfen, daß die Aufmerkſam⸗ keit der Poſten, die dieſe Seite des Gefängniſſes in den 7 1859. VIII. Die Emigranten. 106 Augen zu behalten hatten, abgelenkt würde und daß Du ſelbſt endlich ſchnell auf unſere Abſichten eingingeſt. Nun wohl, das iſt Alles gelungen, und wir wollen nur hoffen, daß Fargy mit ſeinen drei Begleitern unverletzt entkom⸗ men iſt. Er hatte es übernommen, die republikaniſchen Tröpfe zu allarmiren; in einem ſchnellen kleinen Boot wollte er die Aufmerkſamkeit und den Verdacht der Poſten am Ufer der Blle erregen und ſich dann ſchnell hinter die Fahrzeuge zurückziehen, die dicht bei dem Gebäude an das Ufer angeſchloſſen ſind; ſie mußten ihn verbergen und gleichzeitig decken, wenn man auf ihn feuern würde, was geſchehen iſt, wie wir gehört haben. Längs des Ufers wollte er dann, durch den Schatten gedeckt, zu entrinnen und erſt eine Strecke weiter über die Ille zu ſetzen ſuchen; vort ſtanden Pferde bereit, und mit möglichſtem Geräuſch wollten er und ſeine Begleiter auf ihnen eine Strecke lang den Weg verfolgen, der zur Küſte führt, um unſere Feinde auf den Glauben zu bringen, Du ſeieſt in dieſem Boote entkommen und habeſt den Weg nach der Küſte eingeſchla⸗ gen. Wenn dies Alles gut gelingt, worüber ich noch ſehr beunruhigt bin, ſo wird Fargy vor Tagesanbruch wieder in ſeinem Hauſe ſein.“ Während die Freunde noch über den eben vollführten Streich ſprechen und berathen, wie man ſich jetzt zu verhal⸗ ten habe, wollen wir uns wieder zu dem Kapitän Guénard 107 und ſeiner in die höchſte Verwirrung gebrachten Wache wenden. Als der Kapitän athemlos bei dem Wachtgebäude anlangte, ſtürzte ihm ſchon der Kerkermeiſter Collard mit dem verzweifelten Rufe entgegen, der Gefangene ſei ent⸗ kommen. Gucnard überlief ein eiſiger Schauder, wenn er an die Verantwortlichkeit dachte, die er bei dieſem Vor⸗ falle hatte, und faſt mehr noch fürchtete er ſich vor den Spöttereien ſeiner Kameraden, denen gegenüber er den unglücklichen Sacy, den Georges Cadoudal entwiſcht war, nicht hart genug hatte tadeln können; aber jetzt war nicht Zeit zum Ueberlegen, und es handelte ſich nur darum, ob man des Flüchtigen noch wieder habhaft werden konnte. Mit einer Fluth von Vorwürfen gegen Paliſſet auf den Lippen, eilte er in die Zelle des Gefangenen, in der er den Lieutenant und ſeine Soldaten noch immer rath⸗ und that⸗ los fand; ſie waren von dem ganz unvermutheten Ge⸗ ſchehenen ſo vollſtändig überraſcht, daß ſie noch gar nicht an Horaces Verfolgung gedacht hatten. Dies war auch eigentlich der einzige gerechte Vorwurf, der den jungen Offizier traf, denn er war ſo wie ſo ſchon zu ſpät in die Zelle des Royaliſten gelangt; deſto ſchwerer ließ ihn Gus⸗ nard aber dies auch fühlen. Glücklicherweiſe hatte der Kapitän keine Zeit, ſeinem Unmuthe ganz freien Lauf zu laſſen; er beorderte Paliſſet, mit einem kleinen Theile der 7* 108 . Wache in dem Gebäude, das noch mehr weniger wichtige Gefangene in ſich ſchloß, zurückzubleiben, und ſchickte die Hälfte des Reſtes ſeiner Mannſchaft in die Vorſtadt Saint⸗ Martin, dort nachzuſpüren, während er ſelbſt mit den übrigen Soldaten nach dem Platze zurückeilte, auf dem er die Patrouille zurückgelaſſen hatte; es ſchien ihm am wahr⸗ ſcheinlichſten, daß Horace ſich bereits in dem bemerkten Boote befunden habe, als die Schildwache dies zum erſten Male anrief. Schon hatte der zurückgelaſſene Corporal in beträchtlicher Entfernung von ſeinem Standpunkte wie⸗ der das verfolgte Fahrzeug aufgeſpürt, wie es gerade mit ſtarken Ruderſchlägen über den Fluß ſetzte; man hatte ihm einige Kugeln nachgeſandt, aber der Abſtand war zu groß, als daß man es zu erreichen hätte hoffen dürfen. Wie Eugen es ſchon ſeinem Freunde mitgetheilt hatte, geſchah es; die Republikaner vernahmen, daß die Flüchtigen am jenſeitigen Ufer Pferde beſtiegen, und waren jetzt ſicher überzeugt, Horace befinde ſich unter ihnen und ſchlage den Weg nach der Nordküſte ein. Dem verzweifelten Kapitän Guénard war es nicht möglich, auf eigene Hand jetzt die Verfolgung fortzuſetzen; es blieb ihm Nichts übrig, als Allarm ſchlagen zu laſſen und ſogleich ſelbſt mit dem Berichte des Vorgegangenen zum General Hoche zu eilen. Eine halbe Stunde ſpäter wurde es unter den republikaniſchen Truppen im Haupt⸗ 1 109 quartier lebendig; Ordonnanzen flogen zu Pferde auf die nächſten Dörfer, die daſelbſt einquartierte Kavallerie zu wecken und dem Flüchtlinge nachzuſenden, ſtarke Infan⸗ teriepatrouillen ſtreiften durch die Straßen der Stadt und deren nächſte Umgebung, und in längeren Pauſen dröhnte dreimal der Schall der Lärmkanone dumpfzitternd durch die ſtille Nacht zum Zeichen, daß ein wichtiger und gefähr⸗ licher Gefangener entflohen ſei. Die drei in der Tricolore noch wachen Vertrauten hörten dieſes Signal, deſſen Bedeutung ſie kannten, und die Männer lächelten zufrieden und ſuchten die zitternde Madeleine zu beruhigen. Fünftes Capitel. Zwei Tage waren ſeit der Flucht Horace de Saint⸗ Réals vergangen, und er und ſein Freund befanden ſich immer noch in der Tricolore. Der Vorfall hatte in der ganzen Stadt großes Aufſehen gemacht und bildete noch immer das Tagesgeſpräch, auch erhielt Eugen durch Fargy, der glücklich in ſeine Wohnung zurückgekehrt war, geheime Nachricht, daß ſtarke Kavalleriepatrouillen noch immer die Umgegend durchſtreiften; unter ſolchen Umſtänden konnten 110 die beiden Royaliſten noch nicht daran denken, ihren Ver⸗ ſteck zu verlaſſen. Von Horaces Anweſenheit in den Zimmern des vorgeblichen Convents⸗Commiſſärs hatte in der Tricolore Niemand eine Ahnung als Madeleine; Mathieu Bonnet war von ſeinem Gaſte und deſſen hoher Stellung viel zu ſehr eingenommen, als daß nur die Idee eines Verdachtes in ihm aufgeſtiegen wäre. Er kam ſelten auf das Zimmer Eugens, und dann befand ſich Horace jedesmal in deſſen Schlafzimmer und verhielt ſich dort ganz ruhig; ſeinen Lebensunterhalt aber ſchaffte Madeleine hinauf, ohne daß Jemand im Hauſe deſſen gewahr wurde. Meiſtentheils ſaßen die beiden Freunde zuſammen und unterhielten ſich von Horaces Angehörigen in England oder von ihrer eigenen nächſten Zukunft. Mit feurigem Intereſſe be⸗ grüßte der Vicomte von Saint⸗Réal die Mittheilung Eugens, die royaliſtiſche Partei mache ſich zu einem ent⸗ ſcheidenden Kampfe bereit und werde in Kurzem ſchon mit anſehnlichen Kräften den Fuß wieder auf Frankreichs Küſten ſetzen; er erzählte, wie Graf Puiſaye, die Seele des Ganzen, lange und erfolgreiche Unterhandlungen mit dem engliſchen Premierminiſter Pitt gepflogen und wie dieſer nicht allein Geld und Schiffe, ſondern ſogar Truppen der Expedition zugeſagt habe; war Horace zwar auch ein Gegner Puiſayes, ſo war ſein Haß gegen denſelben doch nicht ſo 111 entſchieden als bei den Chouanschefs, die Eugen vor Kur⸗ zem gehört hatte, und er vergaß über das großartige Unter⸗ nehmen, dem er mit ganzer Seele zugethan war, den Leiter deſſelben. Eugen wußte, daß die royaliſtiſchen Regimenter Condés an die Mündung der Elbe dirigirt werden ſollten, um von dort zu Schiffe abgeholt zu werden, daß man in England drei neue Regimenter aus Emigranten und kriegs⸗ gefangenen Republikanern, die zur andern Partei über⸗ getreten waren, bildete und endlich auf Jerſey ein Depot von kriegserfahrenen Offizieren angelegt hatte, die als Führer der aus den Chouans zu formirenden regulären Corps auftreten ſollten. Die Landung ſollte von einer ſtarken engliſchen Eskorde gedeckt werden, aber noch war es unbekannt, an welcher Stelle der Küſte ſie ausgeführt werden möchte, und vermuthlich blieb dies ein Geheimniß der oberſten Führer. In jugendlicher, kriegeriſcher Be⸗ geiſterung leuchteten Horaces Augen auf, wenn er von dieſen Vorbereitungen hörte, und die Hoffnung, ſeinen Feinden bald wieder mit den Waffen in der Hand gegen⸗ überſtehen zu können, hatte ſchnell die alte, durch die lange Gefangenſchaft niedergedrückte Energie und den überſpru⸗ delnden Muth in ſeiner Bruſt auf die frühere Höhe ge⸗ bracht; darüber vergaß er faſt die immer noch bedenkliche Lage, in der er ſich befand, und konnte meiſtentheils der heiterſten Laune ſein, die aller Gefahren zu ſpotten verſteht. * 8 11² Anders erſchien dagegen der Vicomte Salvandy. Ein auffälliger, trüber Ernſt war in den letzten Tagen über ihn gekommen, und nicht immer wußte er dieſe Stimmung ſeinem Freunde zu verheimlichen, obgleich dies offenbar ſein ängſtliches Beſtreben war; auf Horace's theils be⸗ ſorgte, theils ſcherzende Fragen hatte er erwiedert, der er⸗ zwungene gefährliche Aufenthalt in Rennes verſtimme ihn. Hätte Eugen aber ganz aufrichtig ſein wollen, ſo würde er gerade das Gegentheil haben ausſprechen müſſen, und hätte Horace ſchärfer zu beobachten verſtanden, ſo wäre es ihm wohl nicht entgangen, daß Eugens Stirn ſich ge⸗ rade dann am tiefſten runzelte, wenn zwiſchen ihnen von der bald bevorſtehenden Fortſetzung der Flucht die Rede war. Noch leichter war es zu bemerken, daß der junge Vicomte, je länger er ſich in der Tricolore aufhielt, ein deſto lebhafteres und innigeres Intereſſe für Madeleine an den Tag legte, aber Horace ahnte auch davon nichts, weil ſein Freund in ſeiner Gegenwart ſorgfältiger über ſich wachte. War er allein mit dem jungen Mädchen und lenkte ſich ihr Geſpräch dann faſt immer auf die ver⸗ gangenen Tage ihres Zuſammenlebens in der Familie Saint⸗Real, dann erſchloß ſich Eugen's wahres Gefühl rückſichtsloſer und deutlicher, und aus ſeinen ſchwermüthig ſinnenden Blicken, die mit einem eigenen tiefen Ausdrucke oft Minuten lang auf ihr haften konnten, hatte Madeleine 113 mit ſtillem Entzücken ſchon lange zu leſen gewußt; die alten Erinnerungen übten einen mächtigen Einfluß auf den Vi⸗ comte und ihr beiderſeitiges Verhältniß wurde ſchnell wie⸗ der dem früheren ähnlich. Weshalb Eugen aber aus ſolchen ſüßen Träumereien oft plötzlich zu erwachen oder vielmehr ſich ſelbſt gewaltſam herauszureißen ſchien, warum er dann einen kalten, oft beinahe abſtoßenden Ton gegen ſie an⸗ nahm, vermochte Madeleine ſich nicht zu enträthſeln und das blieb ſein Geheimniß. Dieſe Wahrnehmung konnte das Mädchen in eine ſo tiefſchmerzliche, hoffnungsloſe Traurigkeit verſenken, daß ſie oft nahe daran war, in heiße Thränen auszubrechen und ſich dadurch dem Vicomte zu verrathen, denn auch in ihr waren die ſanften Wünſche, die ſie anfangs kaum zu denken gewagt hatte, zu den lei⸗ deenſchaftlichſten Forderungen angewachſen, ſeitdem ſie aus ſeinem Benehmen den jedenfalls nicht trügeriſchen Schluß gezogen hatte, die alte Neigung zu ihr ſei wieder in ſeinem Herzen erwacht und kämpfe nur noch mit anderen Rück⸗ ſichten, vielleicht mit den Standesvorurtheilen, dielleicht auch mit noch heiligeren Pflichten,— und Madeleine ſchauderte leiſe, wenn ſie an das Porträt Francaiſes dachte, das ſie einige Tage zuvor in des Vicomtes Zim⸗ mer geſehen hatte. Wenn Eugen ſie aber wieder freund⸗ lich anlächelte, dann ſchwanden ſchnell dieſe Beſorgniſſe, um den ſeligſten Gefühlen Platz zu machen; ſie ſagte ſich 114 dann, er habe in früherer Zeit eher eine Abneigung gegen die junge Vicomteſſe von Saint⸗Réal an den Tag gelegt, als daß er ſich auch nur im Mindeſten um ihre Gunſt be⸗ worben hätte, die ihm klar genug angetragen worden war, und bei ſeinem offenen, edlen Charakter ſei es nicht denk⸗ bar, daß er es ihr verheimlichen könne, wenn er zu jener in einem geheimen innigeren Verhältniſſe ſtände. Hatte Madeleine hin und wieder Francaiſens, auch in Gegen⸗ wart deren Bruders, der ihr noch Mancherlei von der früheren Freundin erzählte, erwähnt, ſo war es ihr vorge⸗ kommen, als lenke jedesmal Eugen das Geſpräch bald auf ein anderes Thema; dies trug dazu bei, ihren Verdacht zu erhöhen, aber ſie fühlte nicht den Muth, ſich durch eine direkte Frage an Horace eine Gewißheit zu verſchaffen, die ſie, wie ſie meinte, nicht hätte ertragen können. Dieſe Zweifel, in Verbindung mit der Sorge um die Sicherheit ihrer beiden Freunde regten Madeleine ſo auf, daß ihre Reizbarkeit und Leidenſchaftlichkeit einen hohen Grad er⸗ reicht hatte, in der die ruhige Beſonnenheit immer mehr ſchwand. Inzwiſchen war Kapitän Guénard, nachdem er dem Obergeneral ſeine Meldung abgeſtattet hatte, vorläufig in Arreſt geſetzt worden, um ſich einem Kriegsgerichte gegen⸗ über von dem Vorwurfe zu rechtfertigen, daß ſeiner Nach⸗ läſſigkeit die Entweichung des Gefangenen zur Laſt falle. 11⁵ Der Kapitän war außer ſich über den Schimpf, den er erleiden mußte, und den er um ſo weniger verdiente, als ſein Benehmen wirklich durchaus das richtige und nur der Zufall ihm ungünſtig geweſen war; in der ſichern Ueber⸗ zeugung, ſich verantworten zu können, fürchtete er ſich we⸗ niger vor dem Spruche ſeiner Richter als vor dem Spotte, der ihn ſpäter von Seiten ſeiner Kameraden treffen mußte. Tag und Nacht ſann er darüber nach, wie er dem Letzteren entgehen könne. Er wußte, den weit und breit umherſtreifenden Pa⸗ trouillen hätte der Flüchtige ſchwerlich entgehen können, und übrigens hatte die Spur der fliehenden Reiter ſo plötz⸗ lich ein Ende genommen, daß gar Nichts dafür ſprach, ſie hätten wirklich die Küſte erreicht; der ziemlich ſcharfſinnige Kapitän mochte ſich deshalb nicht von dem Gedanken tren⸗ nen, der Flüchtling könne noch in Rennes oder deſſen Um⸗ gegend verſteckt ſein; in dieſem Falle aber mußte er ſehr kühne und obenein mächtige Helfer haben. Wo waren dieſe aber zu ſuchen?— Guénard dachte auch an andere Dinge, unter Anderen an die ſchöne Madeleine Bonnet, deren Haus zu beſuchen er jetzt verhindert war; von ihr kam er auf ſeinen letzten Beſuch in der Tricolore und— Der Kapitän ſtand mit blitzenden Augen haſtig auf und durchmaß ſein Zimmer mit ſtarken Schritten; von Zeit rieb er ſich die Stirn, als wolle er einen wichtigen 116 Gedanken gewaltſam herauspreſſen. Er dachte an den Convents⸗Deputirten, an deſſen mehr ariſtokratiſches als bürgerliches Ausſehen, das ihm ſchon bei ſeinem Eintritt in die Gaſtſtube aufgefallen und ein unbehagliches Gefühl in ihm erweckt hatte, und das ſtolze Auftreten des Man⸗ nes, als er ihm ſeinen Unmuth zu erkennen gegeben hatte, — kurz, der Commiſſär erſchien ihm jetzt, wo er angſtvoll nach einem Auswege aus ſeiner eigenen Verlegenheit ſuchte, verdächtig; nicht er ſelbſt, ſondern Mathieu Bonnet hatte ja den Paß des Fremden geleſen, und dem etwas tölpiſchen Gaſtwirthe war es wohl zuzutrauen, daß er einen gefälſch⸗ ten Paß für ächt anerkennen möge; überdies erinnerte ſich der Kapitän, gehört zu haben, in den drei Lilien hätten in früherer Zeit die royaliſtiſchen Edelleute ausſchließlich verkehrt,— wie leicht war es alſo möglich, daß Bonnet dieſen und ihrer Sache noch im Geheimen anhinge und ihn ſelbſt getäuſcht habe. Das Alles erſchien Guénard in ſeiner verzweifelten Stimmung immer klarer und wahr⸗ ſcheinlicher, und in Kurzem hatte er ſich ſelbſt überredet, der Fremde müſſe ein verkappter Royaliſt und bei der Flucht Horaces de Saint⸗Réal betheiligt geweſen ſein. So⸗ gleich ließ er ſich erkundigen, ob Delavigne noch in der Tricolore wohne, und als er dies erfuhr, triumphirte er, denn der Umſtand, daß der Commiſſär, ein Mann von ſo hoher Bedeutung, ſich noch immer unthätig in jenem ob⸗ 117 ſeuren Hotel aufhalte, machte ſeinen Verdacht faſt zur Ge⸗ wißheit. Ohne weiteres Bedenken ſchrieb er an den General Hoche und bat dringend um eine Unterredung mit dem⸗ ſelben, da er die Spur des Flüchtigen gefunden zu haben meine. Seine Bitte wurde gewährt, und ohne Delavigne zu nennen und geradezu anzuklagen, wodurch er im Fall einer Selbſttäuſchung ſeine Lage noch hätte verſchlimmern kön⸗ nen, wußte Guénard dem General ſeinen Verdacht gegen die Tricolore doch ſo einleuchtend zu machen, daß dieſer ihm die Vollmacht gab, das Gaſthaus in Begleitung eines Polizeibeamten von Rennes und der nöthigen Mannſchaft durchſuchen zu können. Die Royaliſten ahnten von der ihnen drohenden Ge⸗ fahr nicht das Mindeſte; ſie waren in ruhiger Unterhal⸗ tung begriffen, als Madeleine in äußerſter Haſt und Verzweiflung eintrat und die Nachricht brachte, Polizei⸗ beamte und Soldaten drängen in das Haus ihres Onkels. „Man iſt uns auf die Spur gekommen und ſucht mich,“ ſetzte Horace, der etwas bleich geworden war, denn bei aller natürlichen Unerſchrockenheit drängte ſich ihm doch die Erinnerung an die kaum überſtandene Gefangenſchaft und Todesgefahr zu mächtig auf. „Das wäre entſetzlich, aber wie ſollten ſie auf dieſen Gedanken gekommen ſein?“ meinte Eugen mit unſicherer 118 Stimme. Gleichviel, es gilt jetzt, ſchnell und beſonnen zu handeln. Seien Sie ruhig, Madeleine,— mein Gott, Sie werden Alles verderben, wenn Sie ſo bleich und aufge⸗ regt ausſehen. Denken Sie an unſere Verabredung für dieſen Fall; wir werden ſie noch einmal täuſchen.“ Das junge Mädchen zitterte ſo heftig, daß es ſich an einen Stuhl halten mußte; alle Röthe war von den Wan⸗ gen geſchwunden. „Faſſen Sie ſich, Madeleine,“ flehte Eugen;— „Sie wiſſen, daß unſer Leben von Ihrer Geiſtesgegenwart abhängt. Fürchten Sie nichts, ich werde Sie nicht ver⸗ laſſen und zur Zeit zwiſchen Sie und jene Menſchen treten. Führen Sie Horace ſchleunigſt in Ihr Zimmer.“ Madeleine gehorchte; die Mahnung, in ihrer Hand liege das Leben zweier ihr ſo theuren Männer, die drin⸗ gende Noth des Augenblicks hatten ihr einigermaßen die Faſſung wiedergegeben. „Wenn man Sie entdeckte, Eugen?“ ſagte ſie leiſe, ehe ſie das Zimmer verließ. In dieſen Worten lag eine ſo namenloſe Angſt, ein ſo inniges Gefühl, daß Horace und Eugen betroffen auf Madeleine blickten; es handelte ſich ja jetzt noch nicht ein⸗ mal um Gefahr für den Letzteren und doch ſchien ihr haupt⸗ ſächlich gerade dieſe vor Augen zu ſchweben. Eugen verſtand ſie zum erſten Male vollkommen und erröthete leicht. 119 „Sorgen Sie nicht um mich, Madeleine,“ ſagte er ſchnell und beinahe heftig;—„Sie wiſſen, daß ich durch meinen Paß geſchützt bin;— es handelt ſich jetzt um Ho⸗ race.“ Beſchämt ſchlug Madeleine die Augen zu Boden, und forderte Horace auf, ihr zu folgen. Das Zimmer des jungen Mädchens lag in dem höchſten Stockwerk des Hauſes und war mit einer Sorg⸗ falt und beſcheidenen Nettigkeit eingerichtet, die ganz ihrem Charakter entſprach und ein redendes Zeugniß für ihren zarten Geſchmack ablegte; Niemandem hätte ſie dieſes kleine Heiligthum ſo leicht geöffnet als dem bedrohten Jugend⸗ freunde, deſſen Beziehungen zu ihr, wie ſie meinte, Jedem ſo unverdächtig erſcheinen mußten, als ihr ſelbſt,— bei Eugen hätte ſie ſicherlich mehr Anſtand genommen. Den⸗ noch erröthete Madeleine ein wenig, als ſie Horace dieſen Verſteck anwies, den uaan aus Rückſicht auf ihr Geſchlecht und ihre Bitten vielleicht undurchſucht laſſen würde; hierauf rechneten die Bedrohten, da ſie wußten, auch dem roheſten Franzoſen wohne eine mehr oder minder rückſichtsvolle Galanterie gegen das weibliche Geſchlecht inne, im ſchlimm⸗ ſten Falle aber wollte nach der Verabredung Engen noch einmal von ſeiner vorgeblichen Würde Gebrauch machen. Madeleine reichte mit einem innigen Blicke Horace noch⸗ mals die Hand, und dann eilte ſie flüchtigen Fußes die 1 120 Treppe hinab, nachdem ſie die Zimmerthür von außen ver⸗ ſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt hatte. Unten ſtand bereits ihr Onkel, bleich und am ganzen Leibe zitternd, den unwillkommenen Beſuchern gegenüber und verſchwor ſich hoch und theuer, er ſei der eifrigſte Re⸗ publikaner von der Welt, nur Gäſte von anerkannt guter Geſinnung verkehrten in ſeinem Hauſe und jetzt logire keine andere Perſon in demſelben als ein kürzlich von Paris angekommener Herr Delavigne, von deſſen Unver⸗ dächtigkeit er ſich ſeiner Pflicht gemäß ſchon am erſten Abende ſeines Hierſeins überzeugt habe. „Wir glauben Ihnen das Alles, Bürger Bonnet,“ erwiederte ihm Kapitän Guénard trocken,—„aber ſehen Sie hier die Ordre des Generals Hoche, die uns beauf⸗ tragt, Ihr Hotel genau zu durchſuchen; je ſicherer Sie Ihrer Sache ſind, deſto weniger Grund haben Sie, uns aufzuhalten. Ihr Diener, Mademoiſelle Madeleine; ich bin untröſtlich, Ihnen dieſe kleine Störung bereiten zu müſſen, aber der Dienſt befiehlt es ſo, und Sie fügen ſich wohl leichter in die Nothwendigkeit als Ihr Onkel.“ Der Kapitän und der Polizeibeamte hatten ſich höflich gegen Madeleine verbeugt und ſchienen bei ihrem Erſchei⸗ nen um Vieles ſanfter geworden zu ſein. 3 „Ich vermag noch nicht zu errathen, Bürger, welchen Zweck Ihr Beſuch eigentlich hat,“ erwiederte Madeleine 121 9 mit ſo unbefangener Miene, daß, wer ihre vorherige rath⸗ loſe Beſtürzung geſehen, ſie kaum wiedererkannt haben würde. „Einen Verbrecher zu ſuchen, ſchöne Madeleine, der ſich, zweifellos ohne Ihr Wiſſen, in dieſem Hauſe verſteckt haben ſoll,“ antwortete der Kapitän, der wirklich keinen Verdacht gegen das Mädchen hegte. „Ach, nicht möglich, Kapitän?— Sie erſchrecken mich auf das Aeußerſte,“ rief Madeleine mit gutgeſpielter Ueberraſchung und Beſorgniß.„Wir haben nur einen Gaſt im Hauſe, einen Pariſer, und dieſer ſoll ein Ver⸗ brecher, vielleicht gar ein Mörder ſein?“ „Nein, nein, es liegt fern von mir, ſolche Beſchul⸗ digungen auf den Bürger Delavigne wälzen zu wollen,“ wandte Guénard ſchnell ein;—„er iſt es nicht, den wir im Namen des Geſetzes ſuchen.“ „Aber mein Herr, ein Anderer i*ſt wirklich nicht in dieſem Hauſe,“ meinte Madeleine zuverſichtlich. „Vielleicht doch, Mademoiſelle; es verſteht ſich, daß Sie es nicht ahnen,“ warf der Polizeibeamte, dem die Zögerung ſchon zu lange dauerte, dazwiſchen.„Wir müſ⸗ ſen an das Werk gehen, mein Kapitän.“ „Ich bin unſchuldig, ich ſchwöre es beim höchſten Gotte,“ jammerte Mathieu Bonnet. „Warum ſind Sie ſo aufgeregt, Onkel? Man hat 8 1859. VIII. Die Emigranten. 122 doch nicht gewagt, Ihnen einen Vorwurf zu machen?“ fragte Madeleine entrüſtet. „Davon war keine Rede; wollen Sie uns die Räum⸗ lichkeiten Ihres Hauſes öffnen, Bürger Bonnet?“ fragte der Polizeibeamte, den wir ſchon einmal im Hauſe Fran⸗ cois Fargys geſehen haben, ungeduldig. „Nimm die Schlüſſel, Madeleine, und führe die Herren umher,“ ſeufzte der Wirth zur Tricolore.„Zeige den Herren den kleinſten Winkel des Hauſes,— verſtehſt Du?— Denn es handelt ſich um meinen guten Ruf, um unſere Sicherheit.“ Mathieu warf ſich erſchöpft in einen Lehnſtuhl und trocknete ſich den Schweiß von der Stirn. Der Polizei⸗ beamte, dem ſein ängſtliches Benehmen verdächtig erſchei⸗ nen mochte, gab dem Kapitän einen bedeutungsvollen Wink und befahl insgeheim einem ſeiner Untergebenen, den Wirth nicht aus dem Auge zu laſſen. Dann folgte man Madeleinen, die ſehr gefaßt erſchien und auf deren Lippen ſogar ein leicht ſpöttiſches, ſchmollendes Lächeln ſchwebte. „Das Mädchen weiß ſicherlich von Nichts,“ flüſterte der Poliziſt dem Kapitän zu, und dieſer nickte bejahend; ihm war es lieb, daß die ſchöne Bürgerin ganz gerechtfer⸗ tigt bei dieſer Unterſuchung daſtand. 1 Ein paar Mal verſuchte er es auch, ſich ihr zu nä⸗ hern und Ihr ſein Bedauern darüber auszuſprechen, daß 123 man ihr dieſe Mühe verurſachen müſſe, ſo wie ihr einige leiſe Schmeicheleien zuzuflüſtern, aber Madeleine warf den Kopf ſtolz zurück und ſagte in ſehr lautem, abweiſenden Tone: „Sprechen Sie laut, Kapitän Guénard,— die Bür⸗ ger könnten meinen, daß wir Beide in einem geheimen Complott wegen des geſuchten Verbrechers ſtecken.“ Wirklich benahm ſich das Mädchen ganz zur Zufrie⸗ denheit der Polizeibeamten, die ſie in jeden noch ſo ver⸗ borgenen Raum blicken ließ; mit feſter Hand öffnete ſie die Thüren und machte ſelbſt hin und wieder einen leichten Scherz. Als man an Delavignes Zimmer kam und an⸗ klopfte, erſchien dieſer ſogleich und zeigte ſich zwar kalt und ruhig, aber ſehr überraſcht. Gleichgültig nahm er die Mittheilung von dem Zwecke der Hausreviſion auf und öffnete bereitwillig ſeine Zimmer, die der Polizeibeamte, der ſich ſehr ehrerbietig gegen ihn benahm, flüchtiger als Guénard muſterte. Letzterer war ſchon durch die Ruhe des Kommiſſärs und dadurch, daß ſich in deſſen Wohnung nicht die geringſte verdächtige Spur entdecken ließ, ſehr beunruhigt und in Zweifel über die Wahrſcheinlichkeit ſeiner früheren Schlüſſe geſetzt worden; ſein Benehmen wurde immer unzuverſichtlicher, aber die Furcht, ſich von Neuem dem Spotte ausgeſetzt zu haben, machte ihn auch ſcharfblickender und vorſichtiger bei der Unterſuchung. 8* 124 Man hatte den Commiſſär um Entſchuldigung wegen der ihm verurſachten Störung gebeten und die Wanderung durch das Haus fortgeſetzt; es ſchien, als nehme erſterer davon weiter gar keinen Antheil, denn er war in ſeinen Zimmern zurückgeblieben. Als man im obern Stockwerk an die Thür kam, die zu Madeleinens Stube führte, deutete dieſe, leicht erröthend, auf dieſelbe und wollte mit den Worten vorübergehen: „Dies iſt mein Schlafzimmer, Bürger.“ War es eine kleine Rache, die Guénard wegen des vorherigen Benehmens des Mädchens an demſelben nehmen wollte, oder ſchöpfte er wirklich einen Verdacht, er blieb ſtehen und meinte: „Mademoiſelle wird unter ſo dringenden Umſtänden Nichts dagegen haben, daß wir auch dieſe Thür öffnen.“ Der Polizeibeamte blickte ihn, ſelbſt beinahe durch ſein Verlangen überraſcht, fragend an, aber er hatte die ausdrückliche Weiſung erhalten, dem Verlangen des Kapi⸗ täns in jeder Beziehung zu willfahren, und deshalb hemmte auch er ſeinen Schritt. „Wenn Sie es für nöthig halten, mein Kapitän, ſo wird Mademoiſelle unſere Bitte gewiß gern erfüllen,“ meinte er. „Sie ſind ungalant, Kapitän,“ erwiederte Madeleine hocherröthend.„Ich ſagte Ihnen, daß diefes mein Schlaf⸗ 125 zimmer iſt, und hier trage ich den Schlüſſel bei mir, ſo daß es Niemand betreten haben kann. Bei der Bereitwil⸗ ligkeit, mit der ich Ihnen alle Räumlichkeiten des Hauſes gezeigt habe, könnte ich wohl auf einige zarte Schonung Anſpruch machen.“ Mit einer ſehr entſchiedenen Miene zuckte Guénard die Achſeln und ſagte: Mademoiſelle wird bedenken, daß hier nicht das Feld der Galanterien iſt, auf dem wir Sie ſonſt als Siegerin anerkennen würden; wir ſtehen hier im Namen des Geſetzes und haben unſere Pflicht zu thun. Ich bitte nochmals um Oeffnung dieſer Thür.“ Bis dahin hatte Madeleine ihre Faſſung und eine angenommene Gleichgültigkeit meiſterhaft zu bewahren ge⸗ wußt, jetzt aber drängte ihr die lange niedergehaltene Angſt alles Blut aus den Wangen, ein leiſes Zittern überlief ſie, und in höchſter Verwirrung erwiederte ſie: „Sch werde dennoch dieſes Zimmer nicht aufſchließen.“ „Wenn Sie ſelbſt uns nicht länger als Führerin dienen wollen, ſo wird es Mathieu thun müſſen,“ erwie⸗ derte der Kapitän kalt. „Auch Mathieu hat nicht das Recht—“ meinte adeleine aufgeregt. „Ich ſollte meinen, das Recht wäre auf unſerer Seite, Mademoiſelle,“ unterbrach ſie der Kapitän, auf den Befehl ——õyyõõᷓ— 126 Hoches deutend, den er in der Hand trug.„Man rufe den Wirth des Hauſes.“ Guénard hatte wirklich Verdacht geſchöpft, als er das Mädchen ſo lebhaft bewegt ſah, und über ſeine Hoff⸗ nung, doch noch des Flüchtigen habhaft werden zu können, vergaß er ganz, ſich Madeleinens Ungunſt durch ſeine Rück⸗ ſichtsloſigkeit zuziehen zu können. „Mein Bürger, ich appellire an Ihren Edelmuth,“ ſtammelte Madeleine, ſich mit Thränen in den Augen an den Polizeibeamten wendend. „Ich bedaure aufrichtig, Mademoiſelle,— Ihre Weigerung,— das Gebot des Kapitän Guénard,“ meinte der Poliziſt verlegen. Madeleine ſah, daß ſie keine Hoffnung mehr habe, ihre Weigerung durchſetzen zu können, die Beſonnenheit ganz verlierend, brach ſie in Thränen aus und auf ihrem Geſichte malte ſich deutlich die namenloſe Angſt, die ſie ausſtand. Dies konnte nur dazu beitragen, Guénards Verdacht zu erhöhen und einen ſolchen auch in ſeinen Be⸗ gleiter zu erwecken. Inzwiſchen war Mathieu Bonnet heraufgeholt worden; als er vernahm, um was es ſich handle, brach er in heftige Vorwürfe gegen ſeine Nichte aus und verlangte von ihr gobieteriſch den Schlüſſel zu ihrer Stube. Madeleine weigerte ſich, ihn herauszugeben; angſtvoll blickte ſie um 4 14 127 ſich, ob Eugen noch nicht zu ihrer Rettung nahe, bereits mußte er den lauten Wortwechſel vernommen haben. Wirklich erſchien er in dieſem Augenblicke und erkun⸗ digte ſich nach dem Vorgange, deſſen Geräuſch bis in ſein Zimmer gedrungen ſei. „Ich fühle mich wirklich verpflichtet, die Partei Ma⸗ demoiſelles zu nehmen,“ ſagte er mit vornehmer Würde, als er gehört hatte, was hier vorgehe;—„die weltbe⸗ kannte Ritterlichkeit unſerer Nation ſollte nicht einem Miß⸗ trauen nachſtehen, das in dieſem Falle gerade ganz unge⸗ rechtfertigt erſcheinen muß. Wie kann man auf die Idee kommen, Mademoiſelle werde einen Royaliſten, der ihr ganz unbekannt iſt, in ihr Zimmier verſtecken?“ Der Polizeibeamte, dem er ſchon einmal imponirt hatte, ſchien ihm beizuſtimmen, aber Guénard wurde ge⸗ rade durch dieſe Wahrnehmung auf das Aeußerſte erbittert. „Ich mache Sie darauf aufmerkſau, Bürger,“ ſagte er heftig,—„daß die Ordre des Generals uns die Revi⸗ ſion dieſes Hauſes übertragen hat, und daß wir eine fremde Einmiſchung in unſer Amt nicht dulden können. Ich be⸗ ſtehe auf Oeffnung des Zimmers, und ich werde die Thür gewaltſam einſchlagen laſſen, wenn man ſie nicht ſogleich öffnet.“ Er winkte einigen ſeiner Soldaten, die ſogleich näher traten. —————y 128 „Ich würde mir eine ſolche Einmiſchung nicht erlau⸗ ben, Kapitän, wenn ich nicht in gewiſſer Weiſe dazu berech⸗ tigt wäre,“ ſagte Eugen entſchloſſen und ſtellte ſich vor die Thür. Kraft des Amtes das ich bekleide, und das Sie aus dieſem Papiere erſehen werden, habe ich die Berechtigung, die bedrohte Unſchuld zu ſchützen, wenn ſie rechtswidrig angegriffen wird.“ Der Kapitän nahm den Paß des Commiſſärs, den ihm dieſer überreichte, und prüft ihn aufmerkſam; er über⸗ zeugte ſich, daß er wirklich ächt war. „Ich ehre Ihre Stellung in Ihnen, Bürger,“ ſagte er, ſich vor Unmuth auf die Lippen beißend.„Sie wollen alſo dafür bürgen, daß der ſogenannte Vicomte von Saint⸗ Réal nicht in dieſem Zimmer verborgen iſt?„Unbedingt,“ erwiederte Eugen mit Feſtigkeit. In dieſem Augenblicke aber wandte ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit auf Mathieu, der einen unartikulirten Laut aausgeſtoßen hatte und eine Ueberraſchung auf ſeinem Ge⸗ ſichte äußerte, die Bedenken erregen mußte. „Der Vicomte von Saint⸗Réal?“ rief er, durch die vielen ſich fragend auf ihn richtenden Blicke noch mehr irri⸗ tirt,— derſelbe, mit dem meine Madeleine auf Ponteclauſe erzogen worden iſt?“ Madeleine ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, — 129 Eugen wurde ſehr bleich und eine augenblickliche Pauſe trat ein, in der ſich Aller Augen geſpannt auf Beide richteten. „Sie werden aus der Ausſage dieſes Mannes ent⸗ nehmen, daß unſer Verdacht vielleicht doch nicht ein ganz ungerechtfertigter war,“ ſagte der Kapitän zuerſt höhniſch. „Sehen Sie, Bürger Commiſſär, jetzt die Nothwendigkeit ein, dieſe Thür öffnen zu laſſen?“ Eugen bedurfte eines Augenblicks, ſich zu ſammeln und den möglichſt beſten Ausweg aus der faſt unvermeidlichen Gefahr zu ſuchen, aber die Zeit drängte, und durch Unent⸗ ſchloſſenheit war ſicher Alles verdorben. „Sie haben Recht Kapitän,“ ſagte er.„Vielleicht ſchenkt Mademoiſelle mir ein größeres Vertrauen als Ihnen und geſtattet, daß ich einen Blick in ihr Zimmer thue.“ Madeleine war ſo ohne Ueberlegung, daß ſie ihm ſo⸗ gleich ohne Umſtände den Schlüſſel reichte; der Verdacht gegen ſie ſtieg immer höher, und es lag nahe, ihn auch auf den Commiſſär auszudehnen. Dieſer, der ſein Spiel ſelbſt faſt verloren gab, griff zu einer verzweifelten Idee; er begriff, daß es Niemanden einfallen könne, ſich damit zu begnügen, daß er allein des Mädchens Zimmer unterſuche und dann berichte, es ſei leer, deshalb wollte er den Polizeibeamten mit ſich nehmen und ihn auf eine Weiſe zu täuſchen ſuchen, die er jetzt noch nicht ſich anzugeben wußte, die vielmehr ganz von Zufall und Glück abhängen ſollte; er rechnete 130 dabei vorzüglich auf das Uebergericht, daß er bereits über dieſen Mann erlangt hatte. „Wollen Sie mich begleiten, Bürger?“ fragte er dieſen kurz;—„der Herr Kapitän wird unſer Beider Aus⸗ ſage doch ſicherlich Glauben ſchenken.“ Haſtig ſchloß er die Thür auf und trat mit dem Po⸗ liziſten in das kleine Gemach, während Madeleine ihr Ge⸗ ſicht ſchluchzend mit den Händen bedeckte. In halber Verzweiflung hatte Eugen dieſen Schritt gethan, deſſen Folgen mehr als zweifelhaft waren; er hatte nicht mehr anders handeln können. Kaum wagte er bei ſeinem Eintritte in das Zimmer die Augen aufzuſchlagen, die auf Horaces verzweifelndes Geſicht fallen mußten, aber plötzlich durchzuckte es ihn wie ein elektriſcher Schlag und mit ſchnell wiedergewonnener Geiſtesgegenwart richtete er ſich hoch auf. Das Zimmer Madeleinens war leer. „Iſt's Ihnen gefällig, Kapitän Guénard, ſich zu überzeugen, daß Demoiſelle Madeleine unſchuldig, und Ihr Mißtrauen ungerecht war?“ fragte Eugen, die noch nicht geſchloſſene Thür weiter öffnend. Der Kapitän ſtürzte begierig in das Gemach und blickte ſich darin um; nirgend konnte der Royaliſt verſteckt ſein. Aber das Fenſter war geöffnet und die davor hän⸗ genden Gardinen auffällig verwirrt; Eugen und Guénard fragten ſich insgeheim gleichzeitig, ob Horace dort ent⸗ 1 —y— 131 ſprungen ſei. Dies war kaum denkbar, denn dieſes Fenſter lag im dritten Stockwerke des Hauſes über einem mit Steinen gepflaſterten Hofe, auf dem ſich ein paar der Sol⸗ daten Guénards befanden; mehrere Fuß ſeitwärts und in ſo bedeutender Tiefe, daß der gewandteſte Wagehals vor dem Sprunge zurückgeſchaudert wäre, ſtieß an das Haupt⸗ gebäude, in dem man ſich befand, ein Seitenflügel, der wieder mit den Nebenhäuſern in Verbindung ſtand. Eugen wußte, daß Horace dieſen Weg genommen hatte, denn er war der einzige aus Madeleinens Zimmer führende, und er fühlte ſein Blut erſtarren, wenn er an das Wage⸗ ſtück und das fernere Schickſal des Freundes dachte; der Kapitän Guénard dachte daſſelbe, aber, da es ihm an Beweiſen für ſeine Annahme fehlte, ſchwieg er und be⸗ gnügte ſich, einen heimlichen erbitterten Blick auf den Commiſſär zu werfen, dem er jetzt mehr noch als zuvor mißtraute. Verlaſſen wir jetzt das Zimmer und bitten Demoiſelle Bonnet um Verzeihung,“ ſagte dieſer kaltblütig, und als man ſeiner Aufforderung gefolgt war, händigte er mit einer höflichen Verbeugung der vor Staunen ſtarren, wie geiſtesabweſend vor ſich hinblickenden Madeleine ihren Schlüſſel ein und bat ſie, ſich zu beruhigen und den Herren, die in ihrem Dienſteifer zu weit gegangen ſeien, zu verzei⸗ hen. Auch Guénard und der Polizeibeamte näherte ſich 13² ihr, einige höfliche Worte zu ſprechen, aber das Mädchen hörte ſie kaum an, floh dann die Treppe hinab und warf ſich im Wohnzimmer auf ein Sopha, in deſſen Kiſſen ſie ihre von bitteren Thränen überſtrömenden Augen verbarg. Die Reviſion in der Tricolore war beendet, und Gudnard hatte ſich mit den Polizeibeamten und Soldaten ſtill grollend wieder entfernt. Eugen hatte noch nicht Ge⸗ legenheit gefunden, Madeleine zu ſprechen; in der lebhaf⸗ teſten Unruhe ging er in ſeinem Zimmer auf und ab. Wo war Horace geblieben?— Hatte er bei dem gefährlichen Sprunge keine Verletzung davon getragen und war er nicht an einem andern Orte in der Stadt vielleicht doch noch er⸗ griffen worden?— auf welche Weiſe beabſichtigte er im andern Falle aber, zu entkommen?— Eugon erinnerte ſich, dem Freunde François Fargy's Wohnung genannt zu haben, leicht war es alſo möglich, daß er verſucht habe, dieſelbe zu erreichen. Der Vicomte kleidete ſich zum Aus⸗ gehen an,— er wollte ſich zu Fargy begeben. Es war vielleicht eine Stunde ſeit Gusnards Entfernung aus der Tricolore vergangen, als dieſer ſich ſchon wieder bei ihm anmelden ließ. „Mein Bürger Commiſſär,“ begann der Kapitän mit einem nicht ganz verſteckten höhniſchen Blicke,— ver⸗ zeihen Sie, daß ich ſchon wieder genöthigt bin, Sie zu ſtören. Ich komme im Auftrage des Generals Hoche zu 8¼ —— 133 Ihnen, der Sie bitten läßt, ihm ſogleich die Ehre Ihres Beſuchs zu ſchenken.“ Der Vicomte ſtutzte, und ein unbehagliches Gefühl bemächtigte ſich ſeiner. „Sie haben die Ordre mich zu arretiren, Kapitän?“ fragte er unvorſichtig. „Bewahre,— ich wüßte nicht welchen Grund der General zu einer ſolchen Maßregel haben könnte; ich habe nur die Ordre, Sie zu ihm zu begleiten.“ Eugen vermochte noch nicht klar zu durchſchauen, was man mit ihm beabſichtige, aber er ſah die Nothwendigkeit ein, dem erhaltenen Befehle zu folgen. Sich ſo unbeſorgt, als es ihm möglich war, ſtellend, ließ er ſich von Guénard, der noch Mancherlei über die vorher ſtattgehabte Reviſion in der Tricolore ſchwatzte, nach der obern Stadt zum Quartiere des kommandirenden Generals führen. Lazare Hoche, in niedrigem Stande geboren, war als Knabe im Marſtalle des Königs zu Verſailles beſchäftigt worden undſehr früh ſchon in die Garde eingetreten; während der Revolution hatte er bald Gelegenheit gefunden, ſein mili⸗ täriſches Talent an den Tag zu legen, und ſich bis zum Offi⸗ zier aufgeſchwungen, als welcher er eifrig den kriegswiſſen⸗ ſchaftlichen Studien oblag. Der Theilnahme an Dumonrig's Verrathe beſchuldigt, wurde er in Paris gefangen geſetzt, wußte aber bald durch die Herausgabe eines vortrefflichen 3 134 ſtrategiſchen Planes zur Vertheidigung Frankreichs ſeine Freiheit und das Vertrauen des Convents wieder zu erlan⸗ gen; nachdem er mit beſonderer Bravour und Genie Dun⸗ kirchen gegen den Herzog von York vertheidigt hatte, war er bis zu dem Range eines Diviſionsgeneral aufgeſtiegen und hatte jetzt im Alter von ſechsundzwanzig Jahren, nachdem ſein Auftreten immer neue Erfolge begleitet, die vereinigten Armeekorps von Breſt und Cherbourg unter ſeinen Befehlen. Mäßig in der Ausführung der oft harten Inſtruktionen des Convents, ſtreng auf Ordnung in den inſurgirten Pro⸗ vinzen haltend, in denen ſeine Stellung eine ſehr ſchwierige war, hatte er ſich die Achtung ſelbſt ſeiner Feinde erworben und ſeinen Namen einen gefürchteten Klang verſchafft; wurde unter ſeinem Kommando mit der ſchonungsloſeſten, oft grauſamen Härte gegen die gefangenen Royaliſten verfah⸗ ren, ſo traf ihn nicht die Schuld davon, ſondern oft nur wiederſtrebend führte er die gemeſſenen Ordres des Con⸗ vents aus. Dieſer General, ein blühend ſchöner junger Man von würdevollem Ernſte und beinahe zu abgemeſſener Hal⸗ tung, empfing den Vicomte und deſſen Begleiter in ſeinem Arbeitskabinette, nachdem ſie mehrere mit Adjutanten und Ordonnanzen gefüllte Vorzimmer paſſirt hatten. Inmitten dieſer erbitterten Feinde der Sache, der er angehörte, fühlte Eugen ſein Herz doch unruhiger ſchlagen, und Mühe 135⁵ koſtete es ihn, ſich in das Gedächtniß zurückzurufen, er be⸗ finde ſich nur unter den gering geſchätzten Parvenus, über die er ſich in ſeinem ariſtokratiſchen Stolze ſo weit erhaben fühlte; dennoch vermochte dieſe Betrachtung ſeinem Be⸗ ſtreben, kalt und ruhig, ſelbſt ſtolz zu erſcheinen, feſteren Halt zu geben. Bei ſeinem Eintritte in das Zimmer des Generals, in dem dieſer ſich allein, anſcheinend mit den auf Tiſchen ausgebreiteten Plänen beſchäftigt, befand, verbeugte ſich Hoche achtungsvoll und mit der, der ganzen franzöſiſchen Nation eigenen einnehmenden Höflichkeit gegen ihn, aber doch ließ ſich der ſcharfe mißtrauiſche Blick, mit dem er ihn ſchnell muſterte, nicht verkennen. Dann gab er Gusnard, der Eugen unter dem Namen Delavigne vorgeſtellt hatte, ein Zeichen, ſich zu entfernen. „Vergeben Sie, Bürger Commiſſär meiner Neugierde, Ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen, und dem leb⸗ haften Wunſche, einem Manne von Ihrer Stellung meine Achtung zu bezeigen, die Störung, die meine ergebene Ein⸗ ladung Ihnen vielleicht bereitet hat,“ begann der General im höflichſten Tone, als er ſich mit Eugen allein befand, und erſuchte dieſen, Platz zu nehmen.„Sie kamen, wie ich höre, direkt von Paris,— Grund genug für mich, einigen Mittheilungen, die mir Ihre Gefälligkeit nicht ver⸗ weigern wird, mit Spannung entgegenzuſehen.“ 136 Wenn das zuvorkommende Benehmen Hoches den Vi⸗ comte auch überzeugte, daß derſelbe noch weit entfernt ſei, dem ohne Zweifel durch Guénard in ihm erweckten Mißtrauen volles Gehör zu geben, ſo ſetzte ihn doch andererſeits die Aufforderung, Auskunft über die Pariſer Verhältniſſe zu geben, in keine geringe Verlegenheit. Zwar war er auch in der Ferne den dortigen Ereigniſſen, die mit ſeinem eige⸗ nen Lebensgeſchicke in ſo innigem Verbande ſtanden, mit Intereſſe und Aufmerkſamkeit gefolgt, überdies hatte Fran⸗ cois Fargy ihm erſt vor einigen Tagen noch ausführlichere Mittheilungen darüber gemacht, aber da er ſie nicht aus eigener Anſchauung kannte, wie Hoches es vorausſetzen mußte, ſo befand er ſich in den beunruhigendſten Zweifeln, ob er die Prüfung, der er jedenfalls abſichtlich unterzogen wurde, nur einigermaßen würde beſtehen können. Auf jeden Fall mußte dies aber gewagt werden. Nachdem ſich die Herren in gegenſeitigen Artigkeiten erſchöpft und der Vicomte kurz angegeben hatte, er befinde ſich hier auf einer geheimen Sendung, über die er den General nicht weiter aufklären dürfe, ſtellte dieſer eine Menge von Fragen, bezüglich auf die Pariſer Verhältniſſe, an ihn, die nur zu deutlich den Charakter peinlicher Ausfor⸗ ſchungen trugen. Dennoch gelang es Eugen, dieſe ſich ihm aufdrängende Wahrnehmung zu verheimlichen und mög⸗ lichſt unbefangen zu erſcheinen; war er nicht im Stande, —— — 1317— über dieſe oder jene Angelegenheit eine genügende Auskunft zu geben, ſo bediente er ſich bei ſeinen Antworten doch ge⸗ ſchickt eigener Erfindungen, deren Unwahrheit ſich freilich bald ergeben mußte; bis dahin aber— ſo hoffte er— würde er Rennes bereits verlaſſen haben, denn er war zu der klaren Ueberzeugung gekommen, ſeine Entdeckung ſtehe jetzt nahe bevor. Der General ſtellte ſich, als ſchöpfe er keinen Verdacht und ſetze nicht den geringſten Zweifel in die Richtigkeit der Angaben des vorgeblichen Commiſſärs; nur zuweilen ſchien es dieſem, als zucke ein nicht ganz zu verheimlichendes ſpöttiſches Lächeln ſchnell über ſein Geſicht und als prüften ſeine Blicke ihn noch ſchärfer als zuvor. Plötzlich aber änderte ſich Hoches Benehmen; vielleicht mochte er den Vicomte auf einer zu unvorſichtigen Noth⸗ lüge ertappt haben. „Mein Bürger,“ begann er in einem mehr ſtrengen als artigen Tone,—„wenn ich auch nicht an Ihrer Be⸗ rechtigung, den Namen, den Sie mir angeben, und den Paß, den Kapitän Guénard eingeſehen hat, zu tragen, zweifle, ſo erheiſcht es doch meine Pflicht als Kommandant dieſer im höchſten Grade durch royaliſtiſche Umtriebe ge⸗ fährdeten Provinzen, eine bis zum äußerſten Grade geſchärfte Wachſamkeit auf alle die Erſcheinungen zu richten, die eine Spur des Geheimnißvollen, Zweifelhaften, wenn ich ſo ſagen darf, an ſich tragen. Verzeihen Sie mir, Bürger, 1859. VIII. Die Emigranten. 9 138 wenn ich dieſe Bemerkung auch auf Sie beziehen und dar⸗ auf beſtehen muß, gültigere Legitimationen Ihrer Perſon und Ihrer Sendung zu fordern, als den erwähnten Paß; ohne Zweifel wird der Convent, oder die, welche Sie abge⸗ ſendet, auch für einen ſolchen Fall Sorge getragen, und Sie in den Stand geſetzt haben, ſich vollkommener recht⸗ fertigen zu können.“ Der General blickte den Commiſſär ſo ſcharf an, daß ihm das leiſeſte Mienenſpiel deſſelben nicht hätte entgehen können. Zum Glück hatte ſich Eugen ſchon lange auf dieſe Wendung vorbereitet, nicht Befürchtung, nur Unmuth drückte ſich auf ſeinem Geſichte aus. „Ich vermag noch nicht zu errathen, General, ob Sie beabſichtigen, meiner Sendung Hinderniſſe in den Weg zu legen,“ erwiederte er kalt,—„aber ich erlaube mir, Sie auf die Folgen eines ſolchen Verfahrens aufmerkſam zu machen. Der Wohlfahrtsausſchuß des Convents konnte weder annehmen, daß man mich einer Prüfung unterwerfen würde, wie Sie ſie anzuſtellen für gut befinden, noch fühle ich mich dadurch veranlaßt, von den mir ertheilten In⸗ ſtruktionen, die daß Geheimniß für meine Aufträge vor⸗ ſchreiben, im Geringſten abzuweichen. Die Papiere, die ich bei mir führe, ſind nicht für Rennes beſtimmt, in dem ich mich nur Privatverhältniſſe halber aufgehalten habe, 139 ſondern für einen andern Ort, und nur an dieſem werde ich ſie vorlegen.“ 1 „Dann bedaure ich, Sie hier noch länger aufhalten zu müſſen, Bürger Commiſſär, entgegnete der General, auf den das entſchloſſene Benehmen des Vicomtes einen gün⸗ ſtigen Eindruck gemacht zu haben ſchien,— und zwar ſo lange, bis ich von Paris Inſtruktionen über mein ferneres Verhalten gegen Sie empfangen haben werde.“ „Ich muß mich der Gewalt unterwerfen, wenn ich auch Ihre Berechtigung zu einem ſolchen Verfahren nicht anerkennen kann,“ erwiederte Eugen ſtolz. Erwägen Sie die Verantwortlichkeit, die Sie dadurch übernehmen, Ge⸗ neral, wenn durch die Verzögerung meiner Reiſe dem Beſten der Republik Nachtheil entſtehen ſollte, wie ſich er⸗ warten läßt.“ „Ich kenne dieſe Verantwortlichkeit,“ ſagte der General nachdenklich;—„indeſſen werden auch Sie ſich zu recht⸗ fertigen haben, da Sie jeden Vermittelungsverſuch entſchie⸗ den zurückweiſen.“ Der Entſchluß des Generals ſchien ſchwankend ge⸗ worden zu ſein, die Ruhe des Commiſſärs war, wie er ſich überzeugte, nicht zu erſchüttern und ſprach für die Wahr⸗ heit ſeiner Angaben, dennoch konnte er ſich von dem durch Guénard angeregten Verdachte nicht ganz losſagen. Er fühlte die Bedenklichkeit gewaltſamer Maßnahmen gegen 9* 140 einen Mann von ſo bedeutungsvoller Stellung, zumal nur ein ſehr unbeſtimmter Verdacht gegen dieſen vorlag, aber um keinen Preis hätte er ſich anderer Seits durch royali⸗ ſtiſche Liſt täuſchen laſſen mögen. Nach einer Pauſe, in der er mit ſich ſelbſt unentſchieden zu Rathe zu gehn ſchien, erklärte er dem Commiſſär, er müſſe bei ſeinem früheren Entſchluſſe verharren, wolle aber bis zur erfolgten Aufklä⸗ rung der perſönlichen Freiheit des Bürgers Delavigne die möglichſt geringe Beſchränkung auferlegen und demſelben geſtatten, in der Tricolore wohnen zu bleiben, nur dürfe er unter keinen Umſtänden Rennes verlaſſen. Bei dieſem Aus⸗ ſpruche blieb es, obgleich der Vicomte nochmals dagegen proteſtirte. Eugen war gefangen in Rennes, obgleich ihm dies äußerlich nicht fühlbar gemacht wurde; als er das Haus Hoches verließ, war er überzeugt, man beobachte genau jeden ſeiner Schritte und werde den Verſuch einer heimli⸗ chen Entfernung aus der Stadt eutſchieden zu verhindern wiſſen. Ueber das Verhalten, das er unter ſo bedrohlichen Umſtänden zu beobachten habe, nachſinnend, begab er ſich nach der Tricolore zurück.— (‧Oͥ˙———————————xx;ᷓ —— 141 Sechstes Capitel. Madeleine hatte harte Worte von ihrem Onkel hören müſſen, ſobald deſſen Angſt, nach Entfernung der Polizei⸗ beamten und Soldaten wieder geſchwunden war. Zwar kam Mathieu Bonnet nicht auf den Gedanken, der Vicomte von Saint⸗Réal ſei wirklich in dem Zimmer ſeiner Nichte ver⸗ ſteckt geweſen und dieſe ſtehe in irgend einem geheimen Ein⸗ verſtändniſſe mit dem Convents⸗Commiſſär, aber er meinte, die Weigerung, ihr Zimmer zu öffnen, ſei eine ganz unzeitige, alberne Verſchämtheit geweſen, die ſie ſelbſt und ihn einer großen Gefahr ausgeſetzt habe; den ganzen Unmuth, den er über den ihn beleidigenden Verdacht, er verſtecke einen Roya⸗ liſten in ſeinem Hauſe, empfand, ergoß er jetzt über das von Angſt und Aufregung ohnehin ſchon tief erſchütterte Mäd⸗ chen und behandelte ſie, wie er hin und wieder zu thun pflegte, ſo rauh, daß die Arme ſich in ihrem zarten Gemüthe tief verwundet fühlte. Die Beſorgniß um des entflohenen Horaces Schickſal, der Umſtand, daß Eugen durch den ge⸗ fürchteten Kapitän Guénard abgeholt worden war, ohne daß ſie ſich zu erklären vermochte, wohin man ihn führe, kamen dazu, ihre Angſt bis zur Höhe der Verzweiflung zu ſteigern; von den qualvollſten Vermuthungen gepeinigt, vermochte ſie unter den wirren Gedanken, die ſich in ihrem Kopfe kreuzten, noch nicht einen Plan zu entwerfen, was ——;ʒ:⸗;õ— 142 ſich für die Rettung der ihr ſo Naheſtehenden thun laſſe; nur darin ſtand ihr Entſchluß unumſtößlich feſt, daß ſie nicht eine unthätige Zuſchauerin des Looſes ſein könne, das Eugen und Horace treffen würde, und daß ſie unter allen Umſtänden das eigene Geſchick an das ihrige knüpfen wolle. Madeleine hatte ſchon viel in dem Hauſe ihres Onkels, in das ſie vor Jahren gewaltſam geführt worden war, gelitten, aber bisher hatte ſie ſich in geduldiger Entſagung, die ihr ganzer Charakter bedingte, in eine Lage zu finden gewußt, die ſo ganz verſchieden von den Ausſichten war, die ihre Jugend ihr eröffnete und zu denen eine ſorgfältige Erzie⸗ hung ſie berechtigte; die durch der beiden jungen Männer Wiederſehen mächtig erregte Erinnerung und dadurch er⸗ weckte Sehnſucht, vor Allem die Liebe zu Eugen hatten ihr jetzt die Augen über das ganze Elend geöffnet, in dem ſie Jahre lang träumeriſch ihr Leben zugebracht hatte, und die verborgen gehaltenen Wünſche waren zu einer Kraft ange⸗ wachſen, der ſich nicht länger wiederſtehen ließ. Madeleine glaubte Nichts mehr verlieren zu können, wenn ſie ſich in kühnem Entſchluſſe von den ſie umgebenden Verhältniſſen losriſſe, denn dieſe waren ihr unerträglich geworden. Sie hatte in namenloſer Angſt die Stunden und Minuten bis zu Eugens Wiederkehr gezählt; erſt gegen Abend kam er in die Tricolore zurück, und ihrem von Liebe geſchärften Auge konnte es nicht entgehen, daß eine ſchwere 143 Sorge auf ſeinem Herzen laſten müſſe. Sobald ſie ſich von ihrem Onkel unbeachtet ſah, eilte ſie daher herzklopfend zu des Vicomtes Zimmer. „Gelobt ſei Gott, Eugen, daß Sie wieder wohlbe⸗ halten hier ſind!“ waren ihre erſten Worte.„Sie glauben nicht, welche entſetzliche Unruhe ich während ihrer Abweſen⸗ heit ausgeſtanden habe.“ „Haben Sie das, meine gute Madeleine?“ fragte der Vicomte, ihre Hände faſſend, und ihr bleiches, verwein⸗ tes Geſicht mit einem innigem Blicke betrachtend.„Ich fürchtete es, aber ich weiß Ihnen aus vollem Herzen Dank für Ihre Theilnahme.“ „Sie wiſſen noch Nichts von Horace?“ fragte das Mädchen, durch den tief in ihre Seele dringenden Blick des Vicomtes verwirrt. „Nicht das Mindeſte, aber wir dürfen uns wohl der Hoffnung hingeben, daß er glücklich entkommen iſt, denn ſonſt würde der General Hoche, von dem ich eben komme, ſeiner Gefangennahme ſicherlich erwähnt haben.“ „Sie kommen von dem General? fragte Madeleine mehr erſtaunt als erſchreckt.„Sprechen Sie ſchnell Eugen, welche Veranlaſſung Sie zu ihm geführt und welches Re⸗ ſultat ihre Unterhandlung gehabt; nach Ihrem trüben Geſichte zu ſchließen, muß wieder etwas Schlimmes vorge⸗ fallen ſein.“ 144 „Es lag in meiner Abſicht, mit Ihnen, Madeleine, darüber zu berathſchlagen, was ich nach den Eröffnungen, die mir General Hoche eben gemacht hat, am beſten thun „könnte. Die Gefahr wird noch nicht ſo groß ſein, wie es den Anſchein hat, deshalb laſſen Sie ſich durch meine Mittheilungen nicht zu lebhaft erregen.“ Der Vicomte zwang ſich zu einem ſorgloſen Lächeln, um das Mädchen zu beruhigen, und bat ſie neben ihm Platz zu nehmen und ihm zuzuhören. Ruhig erzählte er ihr, weshalb der General ihn habe kommen laſſen und welche Maßregeln zur Verſicherung ſeiner Perſon ohne Zweifel bereits getroffen ſeien, jedenfalls würde er in dieſem Augenblicke ſchon durch heimliche Agenten der Polizei ſcharf bewacht. Madeleine wurde noch bleicher als zuvor; einen Au⸗ genblick bebte ihr ganzer Körper convulſiviſch, dann wandte ſie ihre großen ſchönen Augen mit einem angſtvollen und zärtlichen Ausdrucke auf Eugen, und die fieberhafte Röthe aufgeregter Entſchloſſenheit überzog ihre Wangen. „Sie müſſen fliehen, Eugen,— Sie dürfen keinen Augenblick länger in Rennes bleiben,“ ging kaum hörbar über ihre Lippen. 1 „Sie haben Recht, Madeleine, daß mir kein anderer Ausweg bleibt, dem Geſchicke, das Horace noch vor Kurzem bedrohte, zu entgehen,“ erwiederte der Vicomte,—„und ſo 145 ſchwer es mir wird, von Rennes zu ſcheiden, weil Sie hier zurückbleiben, ſo würde mir die Pflicht gegen mein eignes Leben und die Sache, der ich diene, doch die ſchleunigſte Flucht gebieten, wenn ich nur die Möglichkeit einſähe, den Feinden zu entkommen, die um ſo gefährlicher ſind, als ſie mich verſteckt umlauern. Laſſen Sie uns nachdenken, ob wir ein Mittel finden, das vorausſichtlich ihre Wachſam⸗ keit täuſchen könnte.“ Madelenie ſtützte das Haupt in ihre weiße Hand und ſchien angeſtrengt nachzuſinnen, während Thränen in ihren Augen perlten. Ohne daß ſie es bemerkte, betrachtete der Vicomte ſie mit dem Ausdrucke leidenſchaftlichen Gefühls; er hatte über dieſen Anblick eine Weile die eigene Gefahr vergeſſen. „In wenigen Tagen wird die Antwort aus Paris zurück ſein, die Sie der blutigen Rache Ihrer Feinde wider⸗ ſtandlos und unrettbar in die Hände giebt,“ ſagte das Mädchen halb für ſich. Was geſchehen ſoll, muß ſchnell ge⸗ ſchehen, an dieſem Abende noch, denn wie leicht könnte der General ſeinen Sinn ändern und Sie in die furchtbaren Gefängniſſe abführen laſſen, deren Riegel ſich nur noch zu dem letzten Gange öffnen.“— „Wollen Sie ſich mir ganz anvertrauen, Eugen?“ fragte ſie plötzlich lebhaft, als ſei ein rettungbringender Gedanke in ihr aufgeſtiegen.„Wollen Sie alle kleinlichen 146 Erwägungen bei Seite ſetzen und zu einem Mittel Zuflucht nehmen, das Sie vielleicht auf den erſten Blick mit Wider⸗ willen erfüllt, aber Sie am leichteſten retten kann?“ „Wie können Sie glauben, Madeleine, daß ich in dieſer verzweifelten Lage unentſchloſſen ſein werde?“ rief der Vicomte, begierig auf die Worte des Mädchens lau⸗ ſchend, aber ſchnell ſetzte er hinzu:„Nur wenn Ihre Sicher⸗ heit noch einmal dadurch gefährdet werden ſollte, würde ich keinenfalls auf Ihren Vorſchlag eingehen, denn ſchon habe ich es bitter bereut, Sie in mein unglückliches Spiel verwickelt zu haben, auch wäre dies nie geſchehen, hätte es ſich um mich und nicht um Horace gehandelt.“ „Was liegt an mir?“ fragte Madeleine heftig.„Wenn Sie mich beſſer verſtänden, Eugen, würden Sie mich nicht durch eine Einwendung kränken, die ich nicht verdient habe. Uebrigens werden wir die Gefahr nur theilen und Sie werden mir denſelben Dienſt erzeigen, den ich Ihnen leiſte, auch ich will aus dieſem Hauſe fliehen.“ „Madeleine!“ rief der Vicomte erſtaunt. „Ich habe noch nicht gefragt, ob es überhaupt Ihr Wunſch ſein kann, ſich meiner anzunehmen, bis ich in den Armen der großmüthigen Beſchützerin meiner Jugend, der Vicomteſſe von Saint⸗Real, die ſich mir, wie ich hoffe, ebenſo liebevoll wie früher öffnen werden, Schutz finde,“ 147 ſagte Madeleine mit gepreßter Stimme und zu Boden ge⸗ ſenkten Augen. „Ich verſtehe Sie noch nicht, Madeleine. Sie denken daran, das Haus Ihres Onkels zu verlaſſen, um ſich einer ungewiſſen Zukunft, vielleicht dem gewiſſen Elende entgegen zu ſtürzen?“ Madeleine heftete einen beinahe vorwurfsvollen Blick auf den Vicomte; ſie hatte ſich mit der Hoffnung geſchmei⸗ chelt, er werde ihren Entſchluß mit Entzücken begrüßen, da ſie ſich auch von ihm geliebt glaubte; ſeine Frage erſchien ihr kalt und herzlos, denn ſie täuſchte ihre Erwartungen bitter. „Hören Sie die Gründe, Eugen, die mich zu einem Vorhaben beſtimmten, das Ihnen unüberlegt erſcheinen mag,“ ſagte ſie leiſe.„Von Ihrer Entſcheidung will ich es abhängig machen, ob mein Herz in qualvollem Dulden langſam erſtarren ſoll, wenn ich in dieſem Hauſe bleibe, oder ob ich mit einem muthvollen Schritte, vor dem ich nicht zurückſchrecke, die Hof nung wiedergewinnen darf, daß es nach jahrelangem Schlummer wieder Blüthen der Freude und des Glückes treibe. Bedenken Sie, daß Ihr Wille, dem ich mich gehorſam unterwerfe, über meine ganze Zu⸗ kunft entſcheiden wird.“ Mit ſteigendem Affekte ſchilderte Madeleine, nachdem ſie noch einmal kurz die gemeinſam verlebte Jugendzeit be⸗ 148 rührt hatte, die im Hauſe ihres Onkels erduldeten Leiden, die ſie um ſo empfindlicher niedergedrückt hatten, als der Uebergang zu der traurigen Veränderung ihres Lebensge⸗ ſchickes ein ſo ganz plötzlicher und nie geahnter geweſen war; mit den glühendſten Farben malte ſie ihre Sehnſucht nach Freiheit und ihrer ganzen Denkungsweiſe mehr ent⸗ ſprechenden Verhältniſſen aus, aber freilich verſchwieg ſie, obgleich es der Vicomte aus ihren leidenſchaftlichen Blicken und Gefühlsäußerungen errathen konnte, daß noch ein an⸗ derer Grund, die tiefe Neigung zu ihm ſelbſt, ſie zu einem für ihr Geſchlecht und ihren Charakter ſo ungewöhnlichen Schritte treibe. „Nehmen Sie mich mit ſich fort von hier, Eugen,“ bat ſie flehentlich, als ſie geendet hatte;—„ſtoßen Sie mich nicht mit herzloſer Kälte in das Elend zurück, unter dem mein Herz bald brechen muß. Führen Sie mich zu der Vicomteſſe, die uns Beiden einſt die Mutter erſetzte, zurück und laſſen Sie mich ihr Dienerin ſein, wenn ſie mich nicht als Tochter wieder an das Herz ſchließen will. Haben Sie Erbarmen mit mir, Eugen!“ Auf dem Geſichte des letzteren hatte ſich eine deutliche Unentſchiedenheit kund gegeben, während Madeleine ſprach; er verſtand das in ihrem Herzen vorherrſchende Gefühl, und die in ihrem ganzen Benehmen ausgeprägte Leiden⸗ ſchaft, die er zwar ſchon geahnt, aber nicht in ſolcher Tiefe, ⸗ 149. 8 wie ſie ſich ihm jetzt erſchloß, gekannt hatte, rührte und be⸗ ſeligte ihn, ſo daß er nahe daran war, zu ihren Füßen niederzuſtürzen und ihr zu bekennen, daß er ihre Liebe er⸗ wiedere und glücklch ſei, ihr beiderſeitiges Geſchick fortan verknüpfen zu können,— aber jenes geheimnißvolle Etwas, das öfter in ſolchen Augenblicken ſchon ſeine Stirne um⸗ wölkt und einen harten Kampf in ihm hervorgerufen hatte, regte ſich auch heute wieder in ſeiner Bruſt und trat der Of⸗ fenbarung ſeines Gefühls hindernt in den Weg. Hatte ein freudiges Entzücken einen Augenblick ſeine Züge verklärt, ſo legte ſich doch ſchnell wieder ein trüber, faſt bitterer Ernſt darüber; um ſeinen Mund zuckte es krampfhaft, und in ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich ein mächtiger innerer Kampf aus. 8 „Haben Sie bedacht, Madeleine,“ ſagte er mit zit⸗ ternder Stimme, als ſie in Erwartung ſeiner Antwort, die Hand auf das hochklopfende Herz drückend, die thränenge⸗ trübten Augen nicht zu ihm zu erheben wagte,—„daß noch ſchwer zu überwindende Hinderniſſe ſich auf dem Wege aufthürmen, der ſie zu der Vicomteſſe von Saint⸗Réal führen ſoll, daß Sie in Vieler Augen Ihren koſtbaren Ruf auf ein gewagtes Spiel ſetzen, wenn ſie unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen mit mir Rennes verlaſſen?“ Das Mädchen blickte zu ihm auf und erwiederte feſt: „Fürchten Sie die Gefahren, Eugen, vor denen ich 150 ſchwaches Mädchen nicht zurückbebe?— Und könnte ich in Ihren Augen verächtlich erſcheinen, wenn ich meine Ehre dem Jugendfreunde anvertraue, deſſen edles Herz ſich mir ſchon in der Kindheit erſchloſſen hat?“ „Ihr Vertrauen ſoll Sie nicht getäuſcht haben,“ rief der Vicomte, hingeriſſen von der Schönheit und Anmuth des Mädchens;— wir werden Rennes zuſammen verlaſſen, und Sie ſollen unbedingt über mich verfügen können, bis ich Sie in die Arme der Vicomteſſe geführt habe.“ Engen beugte ſich auf die Hand Madeleinens nieder und drückte ein paar heiße Küſſe darauf; das Zittern dieſer Hand theilte ſich unwillkürlich auch der ſeinigen mit, und der dankbare, tiefinnige Blick, der aus Madeleinens Augen auf ihn fiel, entzündete die ſchon lange glimmende Gluth in ſeinem Herzen ſo heftig und ſchnell, daß die Flamme unaufhaltſam hervorbrach. Alle ſeine früheren Bedenken waren mit einem Male von dem übermächtigen Gefühle in den Hintergrund gedrängt worden, als er mit feſt auf ſie gehefteten flammenden Blicke fragte: „Wollen Sie mir dieſes Vertrauen, daß mich in meinem tiefſten Innern beſeligt, nicht allein auf dem kurzen Wege, den wir jetzt zuſammen zu wandeln beabſichtigen, zu Theil werden laſſen, Madeleine? Sind Sie von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ich es unter allen Ver⸗ — 3 — — 151 hältniſſen unſeres gewiß oft noch ernſtbewegten Lebens verdienen werde?“ „Warum zweifeln Sie daran, Eugen, zumal in einem Augenblicke, in dem ich Ihnen den ſprechendſten Beweis dafür gegeben habe, wie hoch ich Sie ſchätze?“ erwiederte das Mädchen verwirrt. „Dann hören Sie mich an, Madeleine; Sie ſollen erfahren, weshalb ich vorher Anſtand nahm, Ihren Ab⸗ ſichten ſogleich bereitwillig zu entſprechen, obgleich meine Bruſt auch von keinem ſehnlicheren Wunſche bewegt wurde, als dem, mich nicht von Ihnen trennen zu dürfen. Große Unternehmungen ſind im Werke, vielleicht in wenigen Tagen ſchon wird die weiße Fahne mit den Lilien ſich wieder an den Küſten Frankreichs, in einigen Wochen vielleicht auf den Tuillerien zu Paris entfalten, die ſicheren Mittheilungen, die ich darüber habe, reichen aber nicht ſo weit, mich die Stunde beſtimmen zu laſſen, in der unſer angeſtammter Herrſcher auch meines Armes bedürfen wird; Sie begreifen, daß ich in dem entſcheidenden Momente der Sache, der ich mein Leben mit ſtolzer Freude geweiht, nicht fehlen darf und daß ich ein Ehrloſer ſein würde, wollte ich andern mir noch ſo theuren Rückſichten geſtatten, mich von dem Kampfplatze abzuziehen, auf dem mein Fürſt und meine Freunde meiner warten. Ich habe Grund, zu vermuthen, daß dieſes wichtige Ereigniß in jedem Augen⸗ 15² blicke eintreten kann, vielleicht haben in dieſer Minute ſchon die königlichen Regimenter den Fuß auf den Boden des Vaterlandes geſetzt, und dann befände ich mich in der entſetzlichen Lage, wählen zu müſſen, ob ich meinem Eide und der heiligſten Pflicht ungetreu werden, oder der Be⸗ wahrung des koſtbaren Kleinodes entſagen ſolle, daß ich in den mütterlichen Schutz der Vicomteſſe von Saint⸗Réal zu ſtellen verſprochen habe. Das war es, Madeleine, was meinen Entſchluß zweifelhaft machte und mich noch jetzt beängſtigt; in Ihre Hand lege ich es, ob Sie mir jetzt noch folgen wollen und ob Sie bereit ſind, ſich mir unter allen Verhältniſſen ſo lange anzuvertrauen, bis ich Sie auf Frankreichs Boden, den die Vicomteſſe bald wieder betreten wird, ihr zuführen kann.“ Madeleine fühlte ſich durch dieſe Mittheilung, die ihre Pläne kreuzten, auf das Aeußerſte beunruhigt; ſchwe⸗ ren Herzens dachte ſie an die zweifelhafte Lage, in die ſie ſich begeben ſollte, aber die Sehnſucht, Rennes zu ver⸗ laſſen, der Wunſch, ſich von Eugen nicht zu trennen, der durch die dieſem ſo naheliegende neue Gefahr nur erhöht werden konnte, ſprachen zu laut, als daß ſie ihren Be⸗ denken lange hätte Gehör geben können. Dieſe Bedenken wurden geringer, wenn ſie an die durch des Vicomtes ganzes Benehmen immer noch beſtärkten Hoffnungen und daran dachte, daß ſie ihm vielleicht in Kurzem ganz an⸗ * 3 153 gehören werde; ſie hatte ſich in dieſen ſchönen Traum ſchon ſo feſt gewiegt, daß ſie nicht mehr an ſeiner Verwirklichung zweifelte. Nur die blitzſchnell in ihr aufſteigende Erinne⸗ rung an Francaiſe und den leiſen Verdacht, den ſie ihret⸗ wegen auf Eugen geworfen hatte, machte ſie wieder ſchwankend, als ſie eben ihre Einwilligung in des letzteren Vorſchlag ausſprechen wollte. Schüchtern fragte ſie daher: „Meinen Sie, Eugen, daß die Vicomteſſe und Fran⸗ caiſe meinen Entſchluß billigen werden?“ Hätte Madeleine in dieſem Moment den Vicomte anzuſehen gewagt, ſo würde ihr die ſchnell auf ſeinem Geſichte vorgehende Veränderung erſchreckend und höchſt verdächtigend erſchienen ſein; er zuckte leiſe zuſammen, ſeine Stirne faltete ſich und ſeine Lippen bebten, als er mit einiger Anſtrengung erwiederte: „Es wird Sie kein Tadel treffen, Madeleine, denn ich werde offen zu der Vicomteſſe und ihrer Tochter ſprechen.“ „Ich weiß es, daß Sie mich mit allen Ihren Kräften vertheidigen werden,“ meinte Madeleine ſinnend, ohne zu ihm aufzublicken;—„Sie werden ihnen ſagen, daß nur die zärtlichſte Sehnſucht nach den Freunden und Schützern meiner Jugend mich zu einem Schritte getrieben hat, der unter anderen Umſtänden unweiblich erſcheinen könnte. Ich 1859. VIII. Die Emigranten. 10 154 will mit Ihnen gehen, Eugen, wohin Sie mich führen, Sie werden mich nicht verlaſſen.“ „Nie, Madeleine, ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Ehre und den alten theuren Erinnerungen, die uns ſo eng verknüpfen!“ rief der Vicomte leidenſchaftlich, und der Ausdruck ſeines Geſichts wurde wieder klarer und zuver⸗ ſichtlicher. Ein beglückter Blick Madeleinens auf ihn, verrieth ihr ganzes Herzensgeheimmiß.— „ Dann laſſen Sie uns ſchnell handeln,“ ſagte ſie lebhaft und beinahe heiter.„Wir müſſen dieſes Haus und die Stadt noch an dieſem Abende verlaſſen, denn wir ver⸗ mögen nicht zu ermeſſen, was der nächſte Tag ſchon bringen wird. Sie müſſen eine Verkleidung anlegen, Eugen, die jeden Verdacht der Späher, die zweifellos dieſes Haus umſchleichen, täuſchen wird; die Rolle, die Sie ſpielen ſollen, wird Ihre männliche Würde nicht beeinträchtigen, denn ſie iſt von der Nothwendigkeit geboten.“ „Befehlen Sie ganz nach Ihrem Gutdünken über mich,“ meinte der Vicomte;—„ich ſchrecke vor Nichts zurück, denn es gilt jetzt nicht allein meiner, ſondern auch⸗ Ihrer Rettung aus der Gefahr.“ „Dann werden Sie ſich bequemen, mir eine Weile als Magd zu dienen,“ ſagte Madeleine, in der die muntere Laune mit der ängſtlichen Sorge zu kämpfen ſchien.„Stutzen 3 155 Sie nicht, Eugen, und überlegen, wie Sie das ungewohnte Koſtüm kleiden wird; Sie wiſſen, der Scherz muß in ſo dringender Gefahr dem Ernſte weichen. Jede andere Ver⸗ kleidung würde der Aufmerkſamkeit Ihrer Wächter unbe⸗ dingt nicht entgehen, aber ich wette, daß Niemand auf den Gedanken gerathen wird, Sie hätten ſich herabgelaſſen, das Weiberkoſtüm zu wählen, und man wird ſie um ſo weniger anhalten und ausforſchen, wenn Sie in meiner Begleitung aus dem Hauſe treten. Ich werde, ſollte man uns irgendwie in den Weg treten, mich mit mehr Faſſung benehmen, als es heute Morgen der Fall war, und an⸗ geben, ich hätte mit Ihnen noch Einkäufe für unſere Wirth⸗ ſchaft zu machen.“ Der Vicomte fühlte um ſo eher Veranlaſſung, ſich gegen Madeleinens Vorſchlag zu ſträuben, als ihm das heimliche Lächeln nicht entgehen konnte, das, während ſie ſprach, ihren allerliebſten Mund umſpielte; er wandte ein, daß er ſich im Falle der Entdeckung durch die lächerliche Verkleidung, zu der er ſeine Zuflucht genommen, noch tiefer als ohnehin niedergedrückt fühlen würde. „Sie ſind eitel, Eugen,“ rief das Mädchen, ernſt werdend;—„wie Ihr Männer doch gerade an kleinlichen Rückſichten hängt, wo es die Erreichung eines großen Zweckes gilt!— Würden Sie es vorziehen, wenn man unſere Flucht gewahr würde, ſobald Sie weniger vorſichtig 108 156 ſind, und wenn man uns Beide in die Gefängniſſe der Republikaner ſperrte, Sie dem ſichern Tode, mich immer⸗ währender Schande preisgegeben?— Bedenken Sie, Eugen, daß wir unſere Flucht nur mit der feſten Ueber⸗ zeugung antreten können, ſie müſſe gelingen, daß das Fehlſchlagen unſeres Vorhabens Folgen haben muß, an die wir gar nicht vorher denken dürfen.“ Einer geraumen Zeit bedurfte Madeleine, über die eine kräftige Entſchloſſenheit gekommen zu ſein ſchien, ehe ſie den Vicomte von der Vortrefflichkeit ihres Planes über⸗ zeugen und ſeinen Widerwillen gegen die eigenthümliche Maskerade beſiegen konnte, aber endlich gelang dies ihren dringenden Vorſtellungen und der Mahnung, daß die Zeit zur Ausführung des Fluchtverſuches dränge. Eugen wil⸗ ligte widerſtrebend in ihren Vorſchlag, und ſchnell nahm er jetzt, nachdem Madeleine ihm die nöthigen Kleidungs⸗ ſtücke auf ſein Zimmer beſorgt hatte, die Metamorphoſe mit ſich vor, die ihn bald darauf zu einem breitſchultrigen, hochgewachſenen Landmädchen machte, deren wahres Ge⸗ ſchlecht, Dank einiger von Madeleine angewandten Toilet⸗ tenkunſtſtückchen, ſo leicht Niemand errathen haben würde; zum Ueberfluß bedeckte den oberen Theil ſeines Geſichts noch der ſchleierartige Ueberfall des großen Hutes von ge⸗ ſtärkten weißen Linnen. Madeleine, deren trübe Stimmung ſich bei ſeinem Anblick ganz in Heiterkeit aufgelöſt hatte, 157 klopfte vergnügt in die Hände und gab unter Gelächter ihre vollſtändige Befriedigung mit ſeinem Ausſehen zu erkennen; auch er ſelbſt mußte lächeln, als er im Spiegel ſeine vollſtändig veränderte Perſon betrachtete. Der Abend war inzwiſchen ſchon weit vorgerückt, und wenn es in dieſer Jahreszeit auch nicht finſter um dieſe Stunde war, ſo herrſchte doch ſchon eine Dämmerung, die den Plan Madeleinens nur begünſtigen konnte. Glück⸗ licherweiſe hatte ſie in der Stadt wirklich einige Beſorgun⸗ gen für die Wirthſchaft zu machen, ihr ſpäter Ausgang konnte daher bei Mathien Bonnet keinen Argwohn erregen. Madeleine hatte Eugen erklärt, ihr Gefühl erfordere es, daß ſie von ihrem Onkel, den ſie vielleicht nie wieder⸗ ſehen würde, einen kurzen Abſchied nähme und ihm wenig⸗ ſtens noch einmal die Hand reiche; ſo wenig ihr Herz ihm in kindlicher Neigung anhängen konnte, erweckte die Ab⸗ ſicht der heimlichen Entfernung von ihm doch ein ſchmerz⸗ liches Gefühl in ihr. Mit dem Verſprechen, ſich dabei äußerſt vorſichtig zu benehmen, war ſie von Eugen ge⸗ ſchieden, um ſich noch einmal in die Gaſtſtube zu begeben; einige Minuten ſpäter wollte ſie ihn rufen und mit ihm das Haus verlaſſen. 2 Als das Mädchen, zum Ausgehen vollſtändig ange⸗ kleidet, eilfertig in das Gaſtzimmer trat, in dem ſie Mathieu vermuthete, ſchreckte ſie leiſe zuſammen, denn ihr Onkel 158 war nicht allein, ſondern ihm gegenüber am Tiſche ſaß der Kapitän Guénard. Vor beiden ſtanden gefüllte Wein⸗ kannen, und ſie waren im eifrigen und, wie es ſchien, ganz freundſchaftlichen Geſpräche begriffen.— Guénard ver⸗ ſuchte eben, ſein Eindringen in die Tricolore an dieſem Morgen möglichſt zu entſchuldigen und mit dem Wirth wieder in das alte gute Einvernehmen zu treten; wie er ſchon erzählt hatte, war er durch den General Hoche ſeines Arreſtes entlaſſen worden, da ſich vermuthen ließ, die über ihn eingeleitete Unterſuchung werde doch nur ſeine Frei⸗ ſprechung ergeben. Der Kapitän brach bei dem Eintritte Madeleinens kurz in ſeinem Geſpräche ab und betrachtete ſie, nachdem er artig gegrüßt hatte, mit einem ſüßlich freundlichen Lächeln, unter dem der verhaltene Unmuth über ihr Benehmen bei der Hausreviſion ſich nicht ganz verſtecken ließ. Madeleine theilte dem Onkel, der ſich weder von ſeinem Sitze erhob, noch ſich zu ihr umwendete, mit, daß ſie beabſichtige, mit der Magd Nicolette in die Stadt zu gehen, um die für den folgenden Tag nöthigen Einkäufe zu machen; Mathieu antwortete ihr nur mit einem nach⸗ läſſigen Kopfnicken und einem unverſtändlichen Brummen, das ſeine Einwilligung bezeichnen ſollte; er grollte ihr noch immer und befand es für gut, dies gerade in Guénards Gegenwart an den Tag zu legen. Vielleicht war es ein 159 Glück für das Mädchen, daß der Kapitän Zeuge ihrer Trennung von Mathieu wurde, denn in ſeiner Anweſen⸗ heit vermochte ſie das weiche Gefühl, das ſie unwillkürlich beſchlich, beſſer zu unterdrücken. „Sie zürnen mir noch, Onkel,“ ſagte ſie flüſternd, ſich zu Mathieus Ohr hinabneigend;—„verzeihen Sie mir, ich wußte mich nicht anders zu benehmen, als ich gethan habe, und ich dachte weder daran Sie zu kränken, noch Sie in Gefahr zu bringen. Geben Sie mir Ihre Hand, Onkel. Adieu.“ Mathieu hatte ihr verdrießlich die Hand gereicht; der Druck, den dieſe empfing, mochte ſo warm ſein, daß er ſich verwundert nach ſeiner Nichte umblickte. „Es iſt gut, Madeleine,“ ſagte er milder als ſonſt. „Nimm die Nicolette mit Dir und laſſe ſie nicht von Deiner Seite;— es iſt jetzt eine unruhige Zeit und der Abend ſchon tief hereingekommen.“. Madeleine hatte ihre Faſſung bewahrt; ſie verbeugte ſich leicht gegen Kapitän Guénard und ſchlüpfte zur Thür hinaus, um den Vicomte aus ſeinem Zimmer abzuholen. Er folgte ihr ſogleich, um den günſtigen Augenblick, wäh⸗ rend der gefürchtete Kapitän ſich in der Gaſtſtube befand, nicht vorübergehen zu laſſen. „Bleiben Sie zwei bis drei Schritte hinter mir,“ flüſterte ſeine Führerin, als ſie die Treppe hinabſtiegen,— 160 „und hüten Sie ſich, ein Wort an mich zu richten, das uns verrathen könnte, denn wir wiſſen nicht, von wem wir belauſcht werden können.“ 4 Sie hatten den Hausflur erreicht und wollten eben an der zum Gaſtzimmer führenden Thüre ſchnell vorbei⸗ ſchreiten, als dieſelbe ſich öffnete und der Kapitän heraus⸗ trat. Seine Abſicht war es geweſen, Madeleine zu treffen, wenn ſie ausginge, und ein vergnügtes Lächeln ging über ſein Geſicht, als er ſich ihr gegenüberſah. Das Mädchen wollte, ohne ſeiner zu achten, ſchnell weitergehen, aber der Kapitän war ſchon an ihre Seite getreten. „Welch ein glücklicher Zufall, Sie nochmals hier zu treffen,“ begann er in einem Tone, als ſtehe er in den beſten Verhältniſſen zu ihr.„Da Mademoiſelle, wie ich eben hörte, in die Stadt zu gehen beabſichtigt, ſo darf ich vielleicht das Glück haben, Sie einige Schritte zu begleiten, denn auch mein Weg führt mich dorthin.“ „Ohne Zweifel in die obere Stadt,“ meinte Made⸗ leine kurz, während ihr Herz heftig zu klopfen begann. „Ich will Sie nicht aufhalten, Bürger, denn meine Ge⸗ ſchäfte führen mich nach der entgegengeſetzten Seite, in die Rue des Jardins.“ 6 „Dann darf ich Ihnen wohl unbedenklich meinen Arm anbieten, Mademoiſelle? denn auch ich beabſichtige 161 eben, meinen dort wohnenden Freund zu beſuchen,“ er⸗ wiederte der Kapitän, ſich freudig überraſcht ſtellend. Madeleine warf einen angſtvollen Blick auf die falſche Nicolette zurück; die Befürchtung, der Vicomte möge ſich unvorſichtigerweiſe eine Einmiſchung gegen das zudringliche Benehmen des Republikaners erlauben, beäng⸗ ſtigte ſie auf das Höchſte. Zitternd nahm ſie den ihr gebotenen Arm, den ſie unter anderen Verhältniſſen ſicher⸗ lich abgelehnt haben würde; jetzt lag es ihr nur daran, den Kapitän zu beſchäftigen und ſeine Aufmerkſamkeit von ihrer Begleiterin abzulenken. Der verkleidete Vicomte hatte jedenfalls Mühe, ſich zu beherrſchen, als er die Ver⸗ legenheit Madeleinens bemerkte, aber glücklicherweiſe ver⸗ ließ ihn die Geiſtesgegenwart und Vorſicht nicht, nur näherte er ſich dem ror ihm gehenden Paare ſo weit, daß er beinahe jedes ſeiner Worte verſtehen konnte. Der Kapitän hatte augenſcheinlich keine andere Ab⸗ ſicht, als ſich die Gunſt des jungen Mädchens, die er heute Morgen durch ſein rückſichtsloſes Benehmen ganz verſcherzt zu haben meinte, wieder zu gewinnen; er bat ſie wieder⸗ holentlich höflichſt um Vergebung und entſchuldigte ſeinen Dienſteifer, durch den er ihr zu nahe getreten war. Ma⸗ deleine, die ſich ſowohl durch Eugens Benehmen als da⸗ durch, daß Guénard bisher keine andere Abſicht zu verfolgen ſchien, wie ſie anfangs angſtvoll gefürchtet hatte, beruhigter 0 162 fühlte, vermochte bald, ihm unbefangen zu antworten und nach einigen ſchmollenden Vorwürfen ihn der erbetenen Verzeihung zu verſichern. „Hier trennen ſich unſere Wege, Kapitän,“ ſagte 8 entſchloſſen ſtilltehend, als man die Rue des Jardins erreicht hatte, aber in ihrem Tone lag eine Freundlich keit, die den Republikaner entzückte.„Sie müſſen in die Rue des Jardins gehen, ich aber thue beſſer, zuvor noch einige Einkäufe in dieſer Seitenſtraße zu machen. Wir finden morgen wohl Gelegenheit, unſere Unterhaltung fortzu⸗ ſetzen.“ „Wenn ich hoffen dürfte, Mademoiſelle Madeleine, daß mein Beſuch im Hauſe Ihres Onkels Ihnen nur von einigem Intereſſe wäre, ſo würde ich außer demſelben keinen Augenblick Ruhe finden,“ ſagte der Kapitän und griff nach Madeleinens Hand, um ſie an ſeine Lippen zu führen. „Laſſen Sie das, Kapitän,— wenn man uns be⸗ lauſchte!“ meinte Madeleine.„Sehen Sie, unſere Nico⸗ lette wird ſchon ungeduldig. Leben Sie wohl, auf Wieder⸗ ſehen.“ Madeleine und ihre Begleiterin bogen ſchnell in die Seitenſtraße ein und ließen den Kapitän ſtehen, der ihnen mit einem befriedigten Lächeln noch eine Weile unatblickte 163 dann trat er den Rückweg nach der obern Stadt an, in der er wohnte. „Dem Himmel ſei Dank; daß er keinen Verdacht ge⸗ ſchöpff hat!“ ſeufzte das junge Mädchen aus erleichterter Bruſt, als ſie ſich mit ihrer Begleiterin wieder allein ſah. „Durch dieſe Straße erreichen wir das freie Feld, Eugen; es handelt ſich jetzt nur noch darum, daß man Ihre Ent⸗ fernung aus der Tricolore ſo bald nicht bemerkt und vor morgen keine Anſtalten zu unſerer Verfolgung trifft. Dies iſt der Weg nach Auray, den wir einſchlagen wollten; ſetzen Sie jetzt Ihren Korb in das Gebüſch und laſſen Sie uns ſchneller fortſchreiten.“ Beide hatten Rennes im Rücken und gingen jetzt neben einander auf einem Landwege fort, auf dem ſie wenigen Perſonen begegneten. Madeleine hatte eine ſo eine ſo einfache Toilette gemacht, daß ſie eher einem Mäd⸗ chen von einem der umliegenden Dörfer als einer Städterin glich, daher erregten die beiden Frauen auch nicht die min⸗ deſte Aufmerkſamkeit. Während ſie ihre Unterhaltung, die ſich vorzüglich um die Mittel drehte, die Stadt Auray ſchnell und ungehindert zu erreichen, noch immer vorſichtig im Flüſtertone führten, drückte Eugen oft innig und mit einem Gefühle, das wohl wärmer als Dankbarkeit war, die kleine Hand, die ihm Madeleine willig überlaſſen hatte. Erſt in einem der entfernter liegenden Dörfer mie⸗ 164 theten ſie ein Fuhrwerk, das ſie einen Theil des Weges fortführen ſollte; von da ab gedachten ſie, um ihre Ver⸗ folger zu täuſchen, wieder eine Strecke zu Fuß zurückzulegen und, in dieſer Weiſe ſtets abwechſelnd, ſich über Auray nach der Nordküſte zu begeben, wo die Bevölkerung ent⸗ ſchieden royaliſtiſch geſinnt war und ſich eher Mittel finden ließen, die Ueberfahrt nach England zu machen, oder, wie Eugen es erwartete, ſich der Expedition der Königlichen, von der ſie in den nächſten Tagen Nachricht erhalten würden, anſchließen zu können. Fiebentes Capitel. Am ſiebenundzwanzigſten Juni 1795 verſetzte ein merkwürdiges Schauſpiel die Bewohner des in der nörd⸗ lichen Bretagne gelegenen Küſtendorfes Carnac in die lebhafteſte Ueberraſchung und Bewegung. Dieſes arm⸗ ſelige Fiſcherdorf, auf der ſchmalen, ſich weit in die See hinein erſtreckenden Halbinſel Quiberon gelegen, das ſeines unſichern, durch Klippen verſperrten Hafens wegen nur ſelten Fahrzeuge von geringer Bedeutung in nähere Sicht bekam, war ſchon am Vormittage durch die Nachricht, es nähere ſich ihm ein Geſchwader von Kriegsſchiffen, aus 165 ſeiner todtenähnlichen Erſtarrung erweckt worden, und als einige Stunden ſpäter die angeſtaunte und gefürchtete Flotte wirklich nahe am Strande vor Anker ging, hatte ſich die größte Beſtürzung der einfachen Leute bemächtigt, die nicht wußten, ob ſie mit ihren wenigen Habſeligkeiten tiefer in das Land hinein fliehen oder erſt abwarten ſollten, welches Geſchick von jenen ſchwimmenden Feſtungen, deren Feuerſchlünde ein düſteres Schweigen beobachteten, über ſie verhängt werden möchte. Noch größer wurde aber die allgemeine Unruhe, als ſich auf allen dieſen eben zu Anker gegangenen Schiffen nebeneinander die großbritanniſche und die lange nicht wiedergeſehene weiße Flagge mit den goldenen Lilien entfalteten und als man deutlich bemerken konnte, wie Anſtalten getroffen wurden, eine Landung zu bewerkſtelligen. Die Verdecke der Kriegsſchiffe wimmelten von Menſchen, augenſcheinlich Truppen, denn die Sonnen⸗ ſtrahlen glitzerten tauſendfältig auf blanken Waffen, der dumpfe Ton von verworrenem Stimmengeräuſch ſchallte bis zur Küſte herüber, faſt gleichzeitig ſenkten ſich von allen Fahrzeugen die Böte in die See, und in dunkeln Linien ſtiegen die Ankömmlinge in ſie hinab. Es galt eine Landung, aber keine freudigen Geſchützſalute feierten ſie, und die Küſtenbewohner, die ſich nur durch den Anblick der meiſt mit Freude begrüßten Lilien von eiliger Flucht ab⸗ halten ließen, fingen an zu begreifen, daß die Expedition, 166 die ſich vor ihren Augen entwickelte, einen ſehr ernſten Zweck haben müſſe. Von einigen Scharfſinnigen angeregt, gingen in der Maſſe die Worte von Mund zu Mund: „Der Graf von Artois, unſer rechtmäßiger König, und die Edelleute kommen wieder.“ Und ſo war es in der That, nur fehlte Der, auf den ſich die Augen des ganzen royaliſtiſchen Frankreichs hoff⸗ nungsvoll richteten und Dem wohl der Platz an der Spitze dieſes kühnen Unternehmens gebührt hätte, der Graf von Artois. Wie wir ſchon aus den Mittheilungen des Vi⸗ comte Salvandy an ſeinen Freund Horace wiſſen, war es die vom General Graf Puiſaye geleitete und unter engli⸗ ſchem Schutz bewerkſtelligte Expedition, die den heimiſchen Boden ſich wieder erobern wollte; ſie brachte die kühnſten Hoffnungen mit ſich, denn ſie beſtand außer einer bedeu⸗ tenden Anzahl von Edelleuten, welche die erſten Namen der altfranzöſiſchen Ritterſchaft trugen, und außer vielen hochgeſtellten Würdenträgern der Kirche aus vier regulären Infanterie⸗Regimentern, unter denen ſich das erprobte Loyal⸗Emigrant befand, und vierhundert wohleingeſchulten Artilleriſten mit ihren Feldgeſchützen, im Ganzen aus gegen viertauſend Menſchen, die zuverſichtlich auf ſchnell herzulaufende bedeutende Verſtärkungen durch das Landvolk und die zum Theil ſchon kampfgewohnten Chouans, endlich auf eine thätige Unterſtützung Englands rechnen konnten. A —-— —— —— ——— 167 Dieſe kampfluſtige Menge hatte die Escadre des Commo⸗ dore Warren über den Canal getragen, während die Ad⸗ mirale Cornwallis und Sidney⸗Smith ſie mit ſtarken Flotten decken. Der Anfang des Unternehmens war glück⸗ lich geweſen, denn, nachdem man auf die franzöſiſche Flotte getroffen, war dieſe auf der Höhe von Lorient durch die genannten beiden Admirale mit großem Verluſte geſchlagen worden; der Landung, welche die Republikaner nicht erwar⸗ teten, ſtand Nichts mehr entgegen, und die Occupations⸗ armee der Bretagne und Vendée, die unter Hoches Be⸗ fehlen ſtand, war längs der ganzen Nordküſte ſo weit zerſtreut, daß der Erfolg kaum ein zweifelhafter ſein konnte, wenn man ſie mit Entſchloſſenheit angriff und durch Schhynelligkeit ihre Vereinigung zu hindern verſtand. Während die Truppen, denen kein einziger Bewaff⸗ neter die Landung ſtreitig machte, ausgeſchifft wurden, bot ſich auf dem Hinterdecke der ſchönen Fregatte, die den Commodoreswimpel führte, ein gewiß ſeltſamer Anblick dar, denn hier waren die vorzüglichſten Perſonen der franzöſiſchen Ariſtokratie, die dieſen Zug begleitet hatten, verſammelt. Mit der ihrer ganzen Nation eigenen Leben⸗ digkeit, mit einem Entzücken, das oft rührend genannt werden konnte, begrüßten ſie den heimathlichen Strand, von dem ſie ſchon Jahre lang verbannt geweſen waren, verhandelten mit einer Zuverſichtlichkeit die manchem Re⸗ 2 168 publikaner ein Lächeln abgelockt haben würde, über den ſicheren Erfolg des Unternehmens und beobachteten mit geſpannter Aufmerkſamkeit die Ausſchiffung und Landung der Truppen. Die verſchiedenartigſten Geſtalten bewegten ſich hier lebendig durcheinander, greiſe Prälaten mit weißen Häuptern und ehrfurchtgebietenden Geſichtern, meiſtens mit den reichgeſtickten Meßgewändern bekleidet, junge, feurig blickende Leute in halber Uniform, deren zarte Haut⸗ färbung und ſorgſam gekräuſelte Locken und Bärte ihre militäriſche Befähigung und Erfahrungen ſehr in Zweifel ſtellten, dann wieder ein Schwarm von ſeltſam aufgeputzten Hofcavalieren, denen Anmaßung und Lächerlichkeit auf die Geſichter geſchrieben ſchien und von denen jeder erfahrene Soldat behauptet haben würde, ſie bildeten einen voll⸗ ſtändig unnützen und ſogar ſchädlichen Anhang an eine auf Eroberungen ausziehende Kriegerſchaar, endlich ſogar ein paar Damen verſchiedenen Alters, meiſtens in Trauer⸗ kleidern, denn wohl jede Familie des hohen Adels hatte ein oder mehrere Opfer unter das Beil der republikaniſchen Gulllotine liefern müſſen. Betrachten wir eine Gruppe, die ſich in der Nähe des Steuerrades, das jetzt ſchon zu einſtweiliger Ruhe befeſtigt war, niedergelaſſen hatte. Sie beſtand aus einem der voorerwähnten Geiſtlichen, der auf ſeinem Ornate die In⸗ ſignien der Biſchofswürde trug, einem ſanft und würdevoll 169 blickenden Greiſe, zwei mit einfacher Eleganz ſchwarz⸗ gekleideten Damen, einer älteren und einer jüngeren, und zwei Männern, von denen der eine bereits die kräftigſten Mannesjahre erreicht hatte, während der andere noch dem erſten Jünglingsalter angehörte. In tiefſchmerzlicher Bewegung hatte die ältere Dame die Hände wie zum ſtummen Gebete gefaltet, und ihre Augen, in denen große Thränen ſtanden, ſtreiften mit einem Ausdrucke über die naheliegende Küſte hin, aus dem ſich ſchwer errathen ließ, ob in ihrem Herzen eine ſanfte Freude, das geliebte Vaterland wieder geſehen zu haben, oder wehmüthige Erinnerungen, die ſich daran knüpften, vorwiegend ſeien. Ihr Geſicht, das die Spuren lang⸗ jährigen tiefen Kummers trug, die würdevolle Haltung ihres ganzen Körpers bezeichneten ſie entſchieden als den höheren Ständen angehörig, aber der verletzende Stolz, durch den dieſe ſich zum Theil ſo verhaßt gemacht und da⸗ durch die ſchwere Strafe des Schickſales auf ſich herab⸗ gezogen hatten, war ihr entweder nie eigen geweſen oder die empfangenen bitteren Lehren hatten ihn ganz zu ver⸗ drängen gewußt. Dieſe Frau, die ſich etwa in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre befinden mochte, war die ver⸗ wittwete Vicomteſſe von Saint⸗Réal, deren vortreffliche Herzenseigenſchaften wir ſchon durch Madeleine kennen gelernt haben. 1859. VIII. Die Emigranten. 11 170 Die junge Dame an ihrer Seite, ihre Tochter Fran⸗ gaiſe, war eine jener regelmäßigen, ſtolzen Schönheiten, die mehr Bewunderung zu erregen als wohlthuend zu ent⸗ zücken geeignet ſind. Sie war jetzt neunzehn Jahre alt, dennoch bewegte ſie ſich mit einer Sicherheit, die auf eine genaue Kenntniß aller Lebensverhältniſſe, vielleicht auf einige Anmaßung ſchließen ließ, und wer Frangaiſe näher kannte, würde nicht darüber in Zweifel geweſen ſein, daß der Stolz auf ihre ariſtokratiſche Abkunft wohl eben ſo großen Einfluß auf ihr Weſen geäußert hatte als die Ueberzeugung, ſie ſei ſehr ſchön und vermöge durch die ihr von der Natur verliehenen Reize über alle ſich ihr Nähern⸗ den unbeſchränkt zu herrſchen. Ihre Figur, ein wenig über die Mittelgröße hinausragend, war ſchlank und von den vollkommenſten Formen, welche Vorzüge ſie durch eine etwas kokette Toilette und eine elegante Haltung in das beſte Licht zu ſtellen wußte; die feinen edlen Geſichtszüge erhielten durch ein reges Mienenſpiel und ein paar flam⸗ mende ſchwarze Augen, die unvergleichlich ſchön genannt zu werden verdienten, einen lebendigen leidenſchaftlichen Ausdruck. Gerade jetzt hatte dieſer auch etwas Wehmü⸗ thiges, Nachdenkliches an ſich, aber man mußte unwill⸗ kürlich fühlen, daß eine ſolche tiefere Empfindung zu dieſem Geſichte nicht paſſe und nur eine ſchnell vorübergehende ſein könne. 171 „Wie ſchön unſer Frankreich iſt!“ ſagte das junge Mädchen, ſich zu dem über die Lehne ihres Stuhles leh⸗ nenden jüngeren Manne wendend, halblaut, als fürchte ſie durch einen lauten Ausruf ihre ganz in ſich verſunkene Mutter zu ſtören.„Meinen Sie nicht, Chevalier, daß das Vaterland ſeine Rechte auf unſer Herz immer wieder in der alten Macht geltend machen kann, wenn es uns auch die blutigſten Wunden geſchlage 5 Der Angeredete, ein hochgewachſener Ugling von auffallend ſchöner Geſichtsbildung, die jnicht den Charakter ausgeprägter Männlichkeit auf ſich trug, war, gleich vielen der jungen Adligen, die ſich der Expedition angeſchloſſen hatten, um als Freiwillige ohne beſonderen Nang zu dienen und ſich die erſten Ritterſporen zu er⸗ werben, halb militäriſch, aber mit einer Leichtigkeit, die jeden ungewöhnten Zwang verabſcheute, und einer gewiſſen modiſchen Eleganz gekleidet. Mit ſchwärmeriſchem Ent⸗ zücken, das beſſer zu verheimlichen, er wohl vergeſſen hatte, betrachtete er ſchon eine Weile das ſchöne vor ihm ſitzende Mädchen, und eine leichte Röthe der Verwirrung flog über ſein Geſicht, als ſie ihn anredete. „Ich trage keinen Groll gegen unſer Vaterland in meinem Herzen und habe es nie gethan,“ erwiederte er eben ſo leiſe wie ſie;—„nicht Frankreich trifft die Schuld an dem Unglücke, das über uns verhängt worden iſt, ſon⸗ 4 11* 172 dern nur einen Theil ſeiner entarteten Söhne, und dieſe haſſe ich jetzt um ſo glühender, als mir der Anblick dieſer Küſten noch deutlicher vor die Seele führt, welches Elend ſie über das ſchöne Land gebracht haben. Sie werden ſich bald überzeugen, Mademoiſelle Francaiſe,“ fuhr er fort, während ſeine Augen heller aufleuchteten,—„wie das treue Landvolk ſich um die Fahnen ſeines Königs ſchaaren wird, und dann werden wir leicht dieſe entmenſchten Würger edertreten, die ſich jetzt den Namen der franzö⸗ ſiſchen Ratian anmaßen 4 Ueber das männlich abgehärtete Geſicht des älteren Edelmannes, der die vollſtändige Uniform eines der auf der Escadre befindlichen neugebildeten Regimenter des Königs und die Abzeichen des Oberſtenranges trug, zuckte ein ſpöttiſches Lächeln, als der Jüngling, deſſen Worte und kriegeriſche Begeiſterung ihm nicht entgangen waren, geſprochen hatte. Mit einem beinahe geringſchätzigen Blicke auf ihn ſtrich er ſich den ſtarken dunkeln Bart und meinte: „Der Chevalier de Monnier ſpricht mit einer Zu⸗ verſicht, als ob er ſelbſt uns in acht Tagen in Paris ein⸗ führen wollte; ich aber meine, es dürfte noch mancher heiße Strauß, in'dem jugendlicher Muth und Tollkühnheit ſicherlich nicht den Ausſchlag geben werden, zu beſtehen ſein, ehe wir feſten Fuß auf der Küſte gefaßt haben, die 173 wir jetzt zu betreten im Begriff ſtehen. Mademoiſelle wird ihr Herz mit Gleichmuth und Geduld panzern müſſen, da ſie einmal darauf beſtand, an dieſem gefährlichen Unter⸗ nehmen Theil nehmen zu wollen.“ „O, ich fürchte mich nicht, da ich mich unter dem Schutze der Blüthe der franzöſiſchen Ritterſchaft befinde, zumal dieſe ſo erprobte Vorkämpfer wie Graf Hervilly hat,“ ſagte Frangaiſe ſchnell mit einem koketten Blicke auf den letzten Sprecher. „Der Graf Hervilly, vor dem ich gern bekenne, daß mir der Mangel an Kriegserfahrung nur einen unbedeu⸗ tenden Platz bei meinem erſten Feldzuge anweiſt,“ ſagte der Jüngling halb beſchämt, halb unmuthig,—„wird hoffentlich an meinem guten Willen, mich der Sache nütz⸗ lich zu machen, der ich mein Leben freudig geweiht, und ſie mit allen mir zu Gebote ſtehenden Kräften zu unterſtützen, nicht zweifeln.“ Der Graf ſchien ſeine Worte nicht zu beachten; er verbeugte ſich, ſtumm für das ihm von Francaiſe gemachte Compliment dankend, gegen dieſe und fuhr fort: „Ich bitte Mademoiſelle um Verzeihung, wenn ich einen Augenblick in ihre Entſchloſſenheit Zweifel ſetzen könnte, iſt der Name Saint⸗Réal doch immer nur von Tapferen geführt worden und zählt ſich in letzter Zeit noch zu den Edelſten unſerer Partei.“ 174 „Der Himmel weiß, ob Sie ihn in dieſem Augen⸗ blicke noch dazu zählen dürfen, Oberſt,“ meinte das Fräu⸗ lein mit einem ſchweren Seufzer, nachdem ſie ſich durch einen Seitenblick auf ihre Mutter überzeugt hatte, daß dieſe nicht auf ihr Geſpräch achte und in einer Unterhaltung mit dem Prälaten begriffen ſei.„In den nächſten Tagen werden wir erſt erfahren können, ob mein Bruder Horace der Wuth unſerer Feinde glücklich entgangen iſt. Sie wiſſen, Graf, daß die quälende Unruhe um ſein Schickſal meine Mutter und mich allein veranlaßt hat, jetzt ſchon wieder auf ſo gefahrvollem Wege in die Heimath zurück zu kehren.“ „Fräulein Francaiſe ſollte an dem glücklichen Erfolge eines Unternehmens nicht zweifeln, das brüderliche Freund⸗ ſchaft und wohl ein noch mächtigeres Gefühl unterſtützen,“ meinte der Graf mit einem heimlich forſchenden Blicke auf das Geſicht der Dame. „Wie verſtehen Sie das, mein Oberſt?“ fragte dieſe, leicht erröthend.„Daß ſich ein unlösliches Freundſchafts⸗ band, das ſchon in früheſter Jugend geknüpft wurde, um Horace und den Vicomte Salvandy ſchlingt, iſt allgemein bekannt; auf welches andere Gefühl, das Eugen zu dem Wageſtücke, meines Bruders Befreiung zu verſuchen, ge⸗ trieben haben könnte, Sie aber deuten, iſt mir ein Räthſel.“ 175 „Sollte die Vermuthung ſo fern liegen, daß der Vicomte Salvandy nicht ein unempfindliches Herz für ſo viel Schönheit und Liebenswürdigkeit, die ſich von ſeiner Jugend an vor ſeinen Augen entfalteten, haben könnte?“ meinte der Graf mit einem erzwungenen Lächeln. Das Fräulein erröthete wieder, blickte ſich ſchnell nach ihrer Mutter um, die ihrer Unterhaltung immer noch keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, und brach dann in ein leiſes Gelächter aus. „Sie irren ſich entſchieden, Graf Hervilly,“ flüſterte ſie dieſem zu;—„Eugen iſt für mich nie mehr als der hochgeſchätzte Jugendfreund geweſen.“ Ein zufriedenes Lächeln umſpielte den Mund des Oberſten, obgleich er ſcherzend mit dem Finger drohte, als wolle er ſich noch nicht ganz von dem Ungrunde der eben ausgeſprochenen Vermuthung überzeugt halten. Indeſſen führte die Vicomteſſe mit dem Prälaten das Geſpräch in eben ſo leiſem Tone wie die Uebrigen, was wohl weniger in der Befürchtung, behorcht zu werden, als in ihrer ſchmerzlich erregten Stimmung ſeinen Grund hatte. „Faſſen Sie ſich, Madame, und ſuchen Sie mit gläubiger Ergebung in den Willen des höchſten Gottes die quälenden Erinnerungen zu ſcheuchen, die ſich mit dem Anblicke dieſes Landes Ihnen aufgedrängt haben,“ ermahnte 176 der Biſchof.„Sie ſollten in frommem Dankgefühle die göttliche Gnade preiſen, die Ihnen in dieſer Stunde die lange ſchmerzlich entbehrte Heimat wieder giebt und Ihnen ein reines Glück im Kreiſe der Ihrigen, die Wieder⸗ erlangung der irdiſchen Güter, deren Sie menſchliche Bosheit und Gewaltthätigkeit beraubte, verſpricht.“ „O, ehrwürdiger Herr, mein Herz iſt von dankbaren Empfindungen für den Segen, der mir jetzt zu Theil wird, durchdrungen,“ erwiederte die Vicomteſſe ſchluchzend,— „aber es iſt zu ſchwach, die Bürde der Erinnerung an den Mord meines unglücklichen Gatten und die Sorge, die um das Leben des einzigen Sohnes noch auf ihm laſtet, mit zuverſichtlicher Ergebung zu tragen. Verzeihen Sie dem ſchwachen Weibe, das von dem göttlichen Geiſte nicht ſo tief durchdrungen iſt als Sie, der Geweihte des Herrn.“ „Glaubet und hoffet, und der Herr wird Euch in ſeiner ewigen Gnade nicht verlaſſen,“ ſagte der Prälat mit feierlicher Würde. Die Vicomteſſe beugte ſich auf die Hand des Prieſters nieder und hauchte einen leiſen Kuß darauf; dann trocknete ſie ihre Thränen und fuhr mit mehr Faſſung fort: „Sie wiſſen, mein Vater, daß das Schickſal meines theuren Horace ſich jetzt ſchon entſchieden haben muß, daß wir in wenigen Tagen die Kunde davon erhalten müſſen. Die Prüfung, die der Himmel meinem angſtvoll 177 ſchlagenden Mutterherzen auferlegt, iſt eine ſchwere, und ſchon oft bin ich in dieſen Tagen nahe daran geweſen, in verzweifelndem Kleinmuthe kraftlos zuſammenzubrechen. Der Verluſt, der mir droht, i*ſt ein doppelter, mein Vater, und wenn der Höchſte mir den Sohn wiedergiebt und zieht ſeine Hand von Eugen Salvandy ab, ſo ſtirbt auch mit dieſem mein Glück, das mit dem meiner Francaiſe eng verknüpft iſt.“ „Der Segen des Himmels wird einem edlen und kühnen Unternehmen nicht fehlen, für deſſen Gelingen aus ſo vielen gläubigen Herzen die heißeſten Gebete aufſteigen,“ ſagte der Biſchof von Dol tröſtend.„Wenn der höhere Rathſchluß aber anders ausgefallen iſt, dann ſind Sie, meine Tochter, und Mademoiſelle Francaiſe zu feſt im Glauben, als daß Sie Beide nicht ſich entſagend der höch⸗ ſten Weisheit unterwerfen und aus heißen Thränen ſich einſt ein neues Glück erſtehen ſehen ſollten.“ „Ich fürchte, ehrwürdiger Herr, mein Kind iſt mit unlöslichen Banden der Neigung an Eugen gefeſſelt,“ er⸗ wiederte die Vicomteſſe trübe;—„bei der Tiefe ihres Gefühls und der leidenſchaftlichen Heftigkeit, die ein Erb⸗ theil ihres Vaters iſt, würde ſie einen ſo grauſamen Schick⸗ ſalsſchlag nicht zu ertragen vermögen, und wenn meine Augen dieſe herrliche Blüthe langſam hinwelken, dieſe ein⸗ zige Bande, die mich noch an das Leben ſchließt, zerreißen 178 ſehen, dann fühlte ich auch die letzte Kraft ſchwinden, fer⸗ nerhin den Troſt zu ſuchen, den Sie mir bieten. O, ſchon in dieſen Worten liegt ein ungläubiger Frevel; beten Sie für mich, mein Vater, daß Gott ihn mir verzeihe.“ Die Vicomteſſe ſenkte das Haupt noch tiefer und brach von Neuem in Thränen aus; ohne weitere Erwiede⸗ rung hörte ſie auf die Troſtesworte, die der Prälat mit tief bekümmerter Miene ihr ſpendete. Dieſer hatte in⸗ deſſen einen Blick auf Francaiſens heiteres Geſicht gewor⸗ fen, während ſie noch immer mit dem Grafen Hervilly in leichtfertiger Weiſe ſcherzte, und dieſe Wahrnehmung ſchien ihn ſowohl unangenehm zu berühren, als in Erſtaunen zu ſetzen, es ſchien, als habe die durch Zärtlichkeit verblendete Mutter einen ganz falſchen Begriff von der Denk⸗ und Empfindungsweiſe des jungen Fräuleins. „Mademoiſelle Francaiſe ſcheint zuverſichtlichere Hoff⸗ nungen auf die Rettung ihres Bruders und des Vicomte Salvandy zu ſetzen, als Sie, Frau Vicomteſſe,“ konnte ſich der Biſchof nicht enthalten, leiſe zu bemerken. Die Vicomteſſe fühlte den Vorwurf für ihre Tochter, der in dieſen Worten lag, heraus und blickte ſich nach ihr um; dann entgegnete ſie ſchnell: „Laſſen Sie ihr die reine Freude, die langentbehrte Heimath wiederzuſehen, die vielleicht wenige Momente die Erinnerung an ſo viele qualvoll verlebte Stunden und 179 3 Tage zu ſcheuchen vermag, mein Vater. Das iſt eben der Grundzug von Francaiſens Charakter, daß ſie Alles, was ihre Empfindungen anregt, mit einer Tiefe und Lebendig⸗ keit auffaßt, die mich für ſie fürchten laſſen; man würde ihr Unrecht thun, wenn man ſie der Flüchtigkeit beſchul⸗ digte, deren Schein ihr Weſen wohl zuweilen in Augen, die ſie minder ſcharf zu beobachten Gelegenheit finden, tra⸗ gen mag. Halten Sie meine Ueberzeugung nicht dadurch für beſtätigt, daß ſie dieſe ſchwärmeriſche Zuneigung zu Eugen Salvandy ſeit den Kinderjahren durch das wechſel⸗ vollſte, bewegteſte Leben herübergetragen hat, und ihr, wie ſie mir geſtanden, niemals auch nur zeitweiſe untreu zu werden vermochte? Dennoch wußte ſie ihre Empfindungen für den Frennd ihrer Jugend ſo gut in ihr geheimſtes Innere zu verſchließen, bis er ſich vor Kurzem gegen ſie ausſprach, daß mich ſelbſt ihr Geſtändniß, das allen mei⸗ nen langgehegten Hoffnungen entſprach, überraſchte. Sie wiſſen, wie gern ich meine Zuſtimmung zu der Verlobung meines geliebten Kindes mit einem Manne von ſo aner⸗ kannt ehrenwerther Geſinnung und ſo vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften des Herzens, wie ſie den Vicomte Salvandy auszeichnen, gab, und wenn ich darauf beſtand, daß ſie ſich vor der Welt nicht eher öffentlich angehören ſollten, bis Eugen das hochherzige Werk der Rettung meines Soh⸗ nes glücklich vollführt hätte, ſo geſchah dies nur in der 180 bangen Vorausſicht, Francaiſe werde ſonſt noch mehr ver⸗ lieren. Jetzt bin ich freilich zu der Ueberzeugung gekom⸗ men, daß dieſe Vorſicht eine nutzloſe war, und daß dieſe beiden jugendlichen Herzen ſchon zu feſt verkettet waren, als daß der Tod des einen nicht den Tod des andern nach ſich ziehen ſollte.“ Der Biſchof ſchwieg; er kannte Francaiſe und Eugen zu wenig, um dem Urtheile der Vicomteſſe widerſprechen zu können, noch hätte er dies gewollt, aber dennoch hatte ſich auf der Ueberfahrt von England, auf der er das Fräu⸗ lein ſchon öfter beobachtet hatte, eine ſehr zweifelhafte An⸗ ſicht von der Stärke ihrer Liebe zu Bruder und Verlobtem in ihm gebildet. Es ließ ſich nicht leugnen, daß Francaiſe oft in eine wahre und tiefe Traurigkeit verſenkt ſchien, daß ihr das Schickſal der ihr ſo Naheſtehenden alſo ſicherlich nicht gleichgültig war, dennoch aber machten dieſe ſchmerz⸗ lichen Empfindungen der ganz entgegengeſetzten muthwil⸗ ligen Heiterkeit, wenn ſolche durch die Unterhaltung mit den jungen Cavalieren und vorzüglich mit dem ſchönen und angeſehenen Grafen Hervilly angeregt wurden, auf eine ſo überraſchend ſchnelle Weiſe Platz, daß jeder unbe⸗ fangene Beobachter dem Mädchen ein wahrhaft tiefes Ge⸗ fühl hätte abſprechen müſſen,— und das fehlte Francaiſe in der That. Wir wiſſen ſchon, daß die junge Vicomteſſe von 181 Saint⸗Réal bereits auf Schloß Ponteclauſe Anrechte auf die Neigung Eugens geltend zu machen verſucht, daß ſie damals ihren Zweck aber durchaus nicht erreicht und daß ihr Unmuth darüber nicht aus der Quelle reiner Liebe zu dem Jünglinge, ſondern aus der verletzten Eitelkeit gefloſ⸗ ſen war. Ihr war es eigentlich lieb geweſen, daß ihre jugendliche Nebenbuhlerin bei der Flucht aus Frankreich zurückbleiben mußte, und mit neuen Hoffnungen hatte ſie ihr Spiel der Koketterie gegen Eugen fortgeſetzt. Hielt dieſen die Erinnerung an Madeleine auch anfangs fern davon, den Beſtrebungen Françaiſens nur im Mindeſten entgegenzukommen, ſo trat das Bild ſeiner Jugendliebe mit der Zeit und in den ſtürmiſchen Verhältniſſen ſeines Lebens doch immer weiter und weiter in den Hintergrund, und die gemeinſame Noth, das ſtete Zuſammenleben, das in ſo drückenden Verhältniſſen nur das innigſte ſein konnte, ſtimmten ihn theilnahmvoller und herzlicher für Francaiſe, deren Familie er überdies noch ſo vielen Dank ſchuldete. Bei alle dem war Eugen weit entfernt, ein zärtliches Ge⸗ fühl für das Fräulein in ſeinem Herzen aufkeimen zu laſ⸗ ſen, denn dazu bildeten ſich ihre Charaktere immer mehr in entgegengeſetzter Richtung aus; höchſtens konnte er ſich zuweilen durch die augenſcheinlichen Aufmerkſamkeiten eines jungen und hübſchen Mädchens flüchtig geſchmeichelt füh⸗ len. Als er in das Regiment Lachätre am Rhein einge⸗ 182 treten war, wechſelte er auch mit Francaiſe, wie mit ihrer Familie, Briefe, und dieſe, in denen das Mädchen ſich nur von ihren vortheilhaften Seiten zeigte, mochten wohl dazu beitragen, ihn mehr für ſie einzunehmen; er kam ſo⸗ gar auf den Gedanken, den einzelne halbverſteckte Aeuße⸗ rungen der älteren Vicomteſſe angeregt hatten, er könne dereinſt mit Francaiſe in das innigſte Verhältniß treten und die Dankbarkeit weiſe ihm einen ſolchen Platz an. Vor einigen Monaten nun war der junge Lieutenant mit Urlaub nach London gegangen, die befreundete Familie zu beſuchen; Francaiſe war ſehr ſchön geworden, ſchöner als er es ſich vorgeſtellt hatte, ſie entwickelte Vorzüge des Geiſtes, die ihn in Erſtaunen ſetzten, und eine Liebens⸗ würdigkeit, die ihn um ſo mehr anzog, als ſich das Be⸗ ſtreben nicht verkennen ließ, ſie gerade ihm ganz zuzu⸗ wenden. Eugen überzeugte ſich bald, daß er von ſeiner Jugendgeſpielin leidenſchaftlich geliebt werde, daß deren Mutter keinen ſehnlicheren Wunſch habe, als Beide für das ganze Leben vereinigt zu ſehen, und ernſtlicher als je beregte er den ſchon früher gefaßten Gedanken in ſich; in⸗ deſſen wagte er es noch nicht, ſich ſelbſt zu überreden, er könne Francaiſens Neigung erwiedern und ſein Geſchick für immer an das ihrige knüpfen, denn zuweilen— frei⸗ lich geſchah es nur ſelten, da das Fräulein ſich ſelbſt die äußerſte Vorſicht vor Eugens Augen gelobt hatte,— ſchien 183 es ihm doch, als habe ſie die Fehler ihrer Jugend noch nicht ganz abzulegen vermocht. Da traf die Nachricht von Deéſoteuxs, bald darauf von Horaces Verhaftung in Ren⸗ nes ein und ſetzte die Emigranten in Beſtürzung, die Fa⸗ milie Saint⸗Réal in die jammervollſte Verzweiflung. Es wurde beſchloſſen, einen Verſuch zur Befreiung Horaces zu machen, und wem lag es näher, ſich zu einem ſolchen Wageſtücke anzubieten, als dem nächſten Freunde des Ge⸗ fährdeten und dem deſſen Familie ſo tief Verpflichteten? — Die Theilnahme an dem Schmerze Fracaiſens, die Erregung, in der er ſich ſelbſt befand und in der er es ſich heilig gelobt hatte, alle ſeine Kräfte an das Wohl der Fa⸗ milie Saint⸗Réal zu ſetzen, verleiteten jetzt Eugen zu einem unbedachten Schritte; vielleicht täuſchte er ſich, wie es ſchon Vielen ergangen iſt, damit, das Gefühl des innigſten Mit⸗ leids für das der Liebe zu halten;— genug, er bekannte die letztere Françaiſe und bat ſie, ihm ihre Hand aufzube⸗ wahren, bis er Horace befreit und das Vaterland wieder zu erobern geholfen habe. Auf dieſe Weiſe war der junge Vicomte in ein Verhältniß getreten, deſſen Abſchluß er, wie wir gehört haben, ſo bald ſchon wieder bereute, nach⸗ dem er Madeleine geſehen hatte; von der Ahnung durch⸗ drungen, er ſelbſt werde das Verlöbniß bald löſen müſſen, hatte er in den wenigen Stunden, die er mit ſeinem Freunde Horace zubrachte, noch nicht einmal gewagt, dieſen von 184 dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen, und als Made⸗ leine ihm das gefährliche Anerbieten machte, ihn zu be⸗ gleiten, hatte er einen ſchweren Kampf zwiſchen ſeiner wahren Neigung und der Pflicht gekämpft, war in dem letzteren aber unterlegen, als ihn die Leidenſchaft, die ſich ſeiner ganz bemächtigt hatte, fortriß. Eugen fühlte, daß er ſowohl gegen die Familie Saint⸗Réal, als auch gegen Madeleine nicht handelte, wie er es ſollte, aber er fühlte ſich auch machtlos gegen die gebieteriſche Stimme ſeines Herzens; jetzt war ſein Entſchluß, Madeleinens Liebe nicht wieder dadurch zu verſcherzen, daß er ihr eher ein offenes Geſtändniß ablegte, als er mit der Vicomteſſe und ihrer Tochter geſprochen und das ihn jetzt ſo ſchwer drückende Verlöbniß zur Löſung gebracht hätte; er ſuchte ſein Ge⸗ wiſſen damit zu beſchwichtigen, daß er Madeleine ja nicht zu täuſchen beabſichtige, aber Vorwürfe und die Ausſicht auf die nahe bevorſtehende Unterhandlung mit der Fa⸗ milie Saint⸗Réal, deren weibliche Mitglieder er übrigens nicht im Mindeſten in ſo großer Nähe vermuthete, beun⸗ ruhigten ihn auf das Höchſte, als er Rennes mit Made⸗ leine verließ. Andererſeits wurde aber auch Francaiſe von eigen⸗ thümlichen Empfindungen beſeelt. Nachdem ſie den lange und heiß gehegten Wunſch, Eugen möge ihr angehören, erfüllt geſehen, hatte ſich erſt die klare Ueberzeugung in ihr 185⁵ herausgebildet, der Beſitz ſeines Herzens beglücke ſie gar nicht in ſolchem Maße, wie ſie es früher gemeint hatte. Sie hatte ſich vor ſich ſelber geſcheut, über dieſe Bemer⸗ kung, die ſich ihr erſchreckend aufdrängte, weiter nachzu⸗ denken, bis die Ueberfahrt auf dem mit ſo vielen ſchönen und edlen Männern gefüllten Schiffe, die ſich faſt ohne Ausnahme beſtrebten, den Damen ihre Huldigung und Ehrerbietung zu Füßen zu legen, ihr den Gedanken näher trug, mit ihrer Schönheit könne ſie ganz andere Anſprüche als auf das Herz eines, wenn er ſeinen Grundbeſitz in Frankreich wieder anträte, nur mittelmäßig begüterten Viedute Salvandy machen; auch Francaiſe bereute daher das Die eem gegebene Verſprechen, wagte aber nicht, dies ihrer Mutter mitzutheilen, und hoffte, die Zeit werde die Löſung dieſer peinlichen Frage herbeiführen. Vorzüglich war es der Oberſt Graf Hervilly, ein Mann, dem in vielen Beziehungen die herrlichſten Vorzüge zu Theil ge⸗ worden waren, der der jungen Dame Intereſſe erregte und ſie in ihrer heimlichen Abneigung gegen den Bräutigam beſtärkte; der Graf hatte ſich während der Reiſe auffal⸗ lend viel und angelegentlich mit ihr beſchäftigt, nur blieb 8 zweifelhaft, ob er eine ernſte Neigung für ſie fühle, oder 2 ſc durch Galanterien, die eine willkommene Aufnahme fanden, nur die Zeit zu verkürzen gedachte; hätte Fran⸗ caiſe aber auch Grund gehabt, nur das Letztere zu ver⸗ 1859. VIII. Die Emigranten.. 12 186 muthen, ſo würde dies zweifellos ihrem Wunſche, in ein näheres Verhältniß zu dem Grafen zu treten, keinen Ein⸗ trag gethan haben, denn gerade ſie fühlte den meiſten Reiz in dem Streben nach einem Gute, deſſen ſicherer Beſitz ihr bald überdrüſſig zu werden im Stande war. Was den Chevalier de Mounier anbetraf, der ſeine ſchwärme⸗ riſche Verehrung und Anbetung Francaiſens in ſeiner jugendlichen Unerfahrenheit nur gar zu offen zur Schau ſtellte, ſo erregte er ſicherlich nicht der jungen Dame tie⸗ feres Intereſſe, ſondern ſie ſpielte nur mit ihm, und dies um ſo lieber, als ſie ſchon ein paar Mal bemerkt hatte, der Graf Hervilly ſcheine ungeachtet ſeiner bedeutenden Ueberlegenheit eiferſüchtig auf den faſt noch knabenhaften Jüngling zu ſein. Was Niemandem entgehen konnte, die oft leichtfertige Vertraulichkeit zwiſchen dem Oberſten und der jungen Vicomteſſe, ahnte nur deren Mutter nicht, weil ſie die Tochter, der ſie nach dem Tode ihres Gatten mit zärtlicher Schwäche jeden Fehler nachſah, einer Untreue gegen ihren verlobten Bräutigam und der Luſt an einem gefährlichen Galanterieſpiele gar nicht für fähig hielt und weil ſie durch den eigenen tiefen Schmerz von einer aufmerk⸗ ſameren Beobachtung Alles deſſen, was um ſie vorging, abgezogen wurde. Bis zum Abend des ſiebenundzwanzigſten Juni wurde die Landung der Expeditionstruppen und der ſie beglei⸗ 187 tenden Edelleute und übrigen Royaliſten vollſtändig und glücklich bewerkſtelligt; die erbittertſten Feinde der Republi⸗ kaner waren iu das Land gedrungen und fanden Zeit, ſich in demſelben feſtzuſetzen, ehe die Nachricht ihrer An⸗ kunft in Hoches Hauptquartier nur erwartet wurde. Die Landzunge Quiberon war beſetzt und bildete vermöge ihrer Geſtaltung und des ſchmalen Zuganges zu ihr, der durch das Feuer der naheliegenden engliſchen Schiffe gedeckt werden konnte, eine natürliche Feſtung, die als Baſis für die Operationen der Royaliſten diente; ein tauſendfältiges Echo weckend, lief die Nachricht von dem Unternehmen durch das Land, und es ließ ſich ſicher darauf rechnen, daß die Chouans haufenweiſe herbeiſtrömen würden, ſich unter Puiſayes Befehle zu ſtellen; dieſer hatte die Chefs der größeren Inſurgentenſchaaren auffordern laſſen, zu ihm zu ſtoßen, in wenigen Tagen ſchon erwartete er die roya⸗ liſtiſchen Regimenter, die von der Elbmündung abgeholt wurden, und vorausſichtlich mußten bald fünfzehntauſend Mann um die Lilienſtandarte geſchaart ſein, eine Armee, die ſich von Tag zu Tag durch neuen Zuzug vergrößern würde;— das war in der That eine Gefahr für die Re⸗ publik, zumal der General Hoche noch längere Zeit bedurfte, ſeine weitzerſtreuten Truppen zuſammenzuziehen und dem Gegner den weiteren Weg verlegen zu können. Dieſe Ausſichten hatten die Royaliſten aber auch mit 12* 25 188 einer frohen Zuverſicht erfüllt, die ſich bei der Landung auf allen Geſichtern und in den ſtürmiſchen Freuden⸗ bezeugungen, mit denen man den vaterländiſchen Boden begrüßte, äußerte. Die Dörfer auf Quiberon, das die friedliche Stille plötzlich mit dem Lärmen eines Kriegs⸗ lagers und ausgelaſſener Vergnügungen vertauſcht hatte, waren mit Einquartierung belegt, man arbeitete an leichten Verſchanzungen, dieſe Plätze noch mehr zu ſichern, und in den wohnlichſten Häuſern zechten die Edelleute, die zum Theil nur unthätige Zuſchauer bei dem bevorſtehenden Kampfe zu bleiben gedachten, und renommirten lauter in Drohungen gegen die Republikaner als die erfahrenſten Soldaten. Auch die Vicomteſſe von Saint⸗Réal mit ihrer Tochter, die ſich vorzüglich in den Schutz des Biſchofs von Dol gegeben, hatten eine beſcheidene Wohnung in dem Marktflecken Quiberon gefunden; in demſelben Orte befand ſich auch das Hauptquartier Puiſayes, bei ihm Graf Hervilly und der Chevalier de Mounier. In dem Quartiere des Oberfeldherrn aber ſah es ſchon am Tage nach der Landung traurig aus, und hätte General Hoche ein unbemerkter Zeuge der daſelbſt ge⸗ führten ſtürmiſchen Berathung ſein können, ſo würde er ſicherlich ſein Herz von der Hälfte der Sorge erleichtert gefühlt haben, welche die bald in Rennes eingetroffene Nachricht von dem Geſchehenen in ihm erregt hätte. Hier wurde unter Graf Puiſayes Vorſitz ein Kriegsrath über die zu ergreifenden Maßregeln gehalten, an dem ſich alle höheren Offiziere, an ihrer Spitze die Grafen Hervilly, Dresnay, Hector und Oberſtlieutenant Rothalier von der Artillerie, und viele kriegserfahrene Edelleute betheiligten; nur die letzteren ſtanden auf der Seite Puiſayes, die Mehrzahl ihm, der wegen ſeiner perſönlichen Eigenſchaften gehaßt wurde, entſchieden entgegen. Der Oberfeldherr wollte, was vielleicht auch den meiſten Erfolg verſprach, ohne Verzug in die ohnehin ſchon inſurgirten Provinzen Bretagne und Vendoèe vorrücken, Hoches vereinzelte Deta⸗ chements angreifen und ſchlagen, ohne ſie zur Beſinnung und gegenſeitiger Vereinigung kommen zu laſſen, die jetzt ſchon in Menge herbeilaufenden Chouans aus den mit⸗ gebrachten reichlichen Vorräthen bewäffnen und bald⸗ möglichſt auf Paris vordringen. Die königlichen Offiziere waren anderer Anſicht; ſie vertrauten nicht auf die undis⸗ ciplinirten und ungeübten Chouans, ſie weigerten ſich zum Theil ſogar, ſie anzuführen; nach ihrer Meinung ſollte man warten, bis die Regimenter von der Rheinarmee angelangt ſein, bis die Expeditionsarmee zu einer bedeu⸗ tenden Stärke angewachſen wäre und bis ſich im Innern des Landes, vorzüglich in Paris, viele Stimmen für das ganze Unternehmen erhöben. Man ſtritt und gerieth in 190 die äußerſte Heftigkeit; vergebens ſuchte Graf Puiſaye ſeine Autorität geltend zu machen,— Graf Hervilly trat mit einer von dem engliſchen Premierminiſter Pitt aus⸗ geſtellten Vollmacht auf, die ihn berechtigte, in die Ent⸗ ſchlüſſe des Oberfeldherrn hindernd einzugreifen, es lag am Tage, daß perſönlicher Haß den Grafen und ſeine Genoſſen gegen Puiſaye intriguiren ließ. Tiefgekränkt gab dieſer ſcheinbar ſeinen Plan auf; als der Kriegsrath aber ge⸗ ſchloſſen war, berieth er insgeheim mit ſeinen Anhängern, und das Ergebniß deſſen war, daß man aus den Chouans allein Corps bilden wolle und daß dieſe unter Befehl des Grafen Vauban vorrücken ſollten, ohne von den regulären Regimentern unterſtützt zu werden; dies ſollte ausgeführt werden, ſobald man dieſen Corps eine nur einigermaßen angemeſſene Stärke gegeben haben würde. Achtes Capitel. Es war am dritten Tage nach der Ausſchiffung der Royaliſten bei Carnac. Die Vicomteſſe hatte ſich in Be⸗ gleitung des Biſchofs von Dol in die Meſſe, die in der Kirche des Fleckens Quiberon geleſen wurde, begeben, und Francaiſe war unter dem Vorgeben, ſie fühle ſich körperlich 191 nicht ganz wohl, zu Hauſe geblieben. Kaum aber hatte die Mutter das Haus verlaſſen, ſo ſchwanden die ernſten Falten, die vorher auf der Stirn des Mädchens gelegen hatten, und machten einem Ausdrucke auf dem ſchönen Geſichte Platz, wie er die Erwartung eines angenehmen oder freudigen Ereigniſſes zu begleiten pflegt; Francaiſe war bald in unruhiger Haſt vor dem Spiegel beſchäftigt, ihrer Toilette die ſorgſamſte Nachhülfe zu geben, bald wieder eilte ſie an das Fenſter und blickte geſpannt auf die Straße hinaus, wobei ſie Sorge trug, ihre Perſon den von außen auf die Fenſter gerichteten Blicken zu entziehen. Sie erwartete den Oberſt Graf Hervilly, der Tags zuvor gegen ſie allein ſeine Abſicht ausgeſprochen hatte, den Damen ſeine Viſite um dieſe Zeit abſtatten zu wollen; was er dabei vielleicht beabſichtigte, hatte er erreicht, denn Francaiſe hatte ihrer Mutter Nichts von dem erwarteten Beſuche mitgetheilt und ſie in ihrem Vorſatze, in die Meſſe zu gehen, beſtärkt; ſie ſehnte ſich ſchon lange nach einer Gelegenheit, mit dem Grafen allein ſprechen zu können, denn ſie hoffte, dieſer werde ſich dann wohl klarer gegen ſie äußern. Die Damen bewohnten ein beinahe ärmlich aus⸗ geſtattetes Quartier; da ein beſſeres ſich aber auch mit reichlicheren Geldmitteln, als ſie beſaßen, an dieſem Orte nicht leicht hätte beſchaffen laſſen, da man überdies nur 192 auf einen kurzen Aufenthalt in Quiberon rechnen konnte, lag hierin Nichts, was ſie bei Annahme eines Beſuches hätte in Verlegenheit ſetzen können; dennoch war Francaiſe mit einem ihr ſonſt ganz fremden Eifer beſtrebt, der kleinen Wohnung den möglichſt freundlichen und vortheilhaften Anſtrich zu geben. Es war gegen ſechs Uhr Abends, und Franucaiſe hatte zu ihrer unausſprechlichen Freude den Grafen, auf ihr Haus zuſchreitend, bemerkt. Gleich darauf wurde er durch die einzige Magd, die beide Damen begleitete, angemeldet und von der jungen Vicomteſſe angenommen. Man konnte es dem Beſucher deutlich anſehen, wie befriedigt er darüber war, das junge Mädchen allein zu treffen, dennoch wurden anfangs Worte gewechſelt, die in der höflichſten Form zum Schein die Abweſenheit der Vicomteſſe bedauerten; hätte Graf Hervilly wirklich, was keineswegs der Fall war, zu den ſchüchternen Anbetern gehört, ſo würde ihm Francaiſens ganzes Weſen, ihre Zuvorkommenheit und verſchämte Verwirrung doch ſicher⸗ lich bald haben ſagen müſſen, er dürfe ſich hier eines glänzenden Triumphes für verſichert halten, wenn er die Veranlaſſung zu einem ſolchen nur herbeiführen wollte, und wirklich lag dies in ſeiner Abſicht, obgleich ſich Fran⸗ gaiſe bitter täuſchte, wenn ſie mehr als Galanterien von ihrem Verehrer verlangte. 193 Man hatte eine Weile über die nächſtliegenden An⸗ gelegenheiten, den Aufenthalt an dieſem Orte und die Hoffnung, ihn bald zu verlaſſen, geſprochen, endlich von der bedenklichen und gefahrvollen Lage, in der ſich die Damen befinden würden, ſobald der Zuſammenſtoß mit den republikaniſchen Truppen erfolge. „Ich hege die zuderſichtliche Hoffnung, daß unter ſo vielen tapfern und galanten Cavalieren ſich ſicherlich Einer finden wird, der uns im Fall der Noth mit ſeinem Leben vertheidigt,“ meinte das Fräulein ſcherzend,—„und ich habe mir ſchon den Ritter erwählt, der ſicherlich gern bereit iſt, in dieſem Minnedienſt eine Lanze zu brechen.“ Der Graf erkundigte ſich in demſelben heitern Tone, nauf wen die Wahl des Fräuleins gefallen ſei.“ „Auf den Chevalier de Mounier,“ erwiederte Fran⸗ caiſe lachend.„Ihm wird in den bevorſtehenden Ereig⸗ niſſen keine wichtige Rolle zufallen, und mithin darf ich es wohl wagen, ſeine Kräfte der großen allgemeinen Sache zu entziehen und für mich allein in Anſpruch zu nehmen. Ich habe mir vorgenommen, ihn bei erſter Gelegenheit mit ſeinem neuen Amte bekannt zu machen und ihn nach alt⸗ geheiligter Sitte mit den Farben ſeiner Dame zu ſchmücken. Meinen Sie nicht, Graf, daß dies eine vortreffliche Idee von mir iſt?“ Der Oberſt hatte bei Erwähnung des Chevaliers 194 einen Moment lang verdrießlich ausgeſehen, aber er ſagte ſich auch ſchnell, daß, wenn Francaiſe dieſen wirklich nur einigermaßen begünſtigte, ſie dann gewiß nicht dies ſo offen an den Tag legen würde. Lächelnd erwiederte er daher: „Mademoiſelle haben dem Jünglinge eine Huld zu⸗ gedacht, um die ich ihn allen Ernſtes beneide und die ich ihm mit allen Kräften ſtreitig zu machen gedenke, wenn ich dies wagen dürfte.“ „Graf Hervilly, der berufen iſt, das Geſchick unſeres Vaterlandes zu lenken, kann unmöglich ſein Auge von dem erhabenen Zwecke auf eine ſo ruhmloſe und unbedeutende Sache richten als die Beſchützung zweier Damen, ſind die⸗ ſelben auch vollkommen von ſeiner ritterlichen 8e ſinnung überzeugt,“ meinte das Fräulein, zwiſchen Scherz und Ernſt ſchwankend. „Er würde beide Pflichten, von deren Heiligkeit er durchdrungen iſt, glücklich zu erfüllen wiſſen,“ ſagte der Graf,—„und er würde es als eine entſchiedene Ungunſt der Dame, die eines Ritterdienſtes bedarf, betrachten, wenn ſie ihm die Erlaubniß zur Uebernahme dieſes Ehren⸗ dienſtes verſagte.“ „Wenn Sie nicht ſcherzen, Graf, ſo ſoll Ihr Wunſch gewährt ſein,“ erwiederte Francaiſe mit einem Erröthen, das den Beweis lieferte, ſie betrachte dieſe Unterhandlung nicht ganz als einen müſſigen Scherz. 195 „Dann darf der Beglückte Sie auch um die Farben bitten, mit denen Sie Ihren Ritter zu ſchmücken ver⸗ ſprachen,“ ſagte der Graf freudig, und ehe Francaiſe, die auf dieſe beinahe ernſte Scene nicht vorbereitet war, ob⸗ gleich ſie darüber innerlich triumphirte, es hindern konnte, erhob er ſich ſchnell von ſeinem Sitze und knieete mit einem Blicke, der ihr das Blut in die Wangen trieb, vor ſie nieder. Einige verwirrte Worte ſtammelnd, löſte das Fräu⸗ lein mit geheimen Entzücken eine der hellblauen Band⸗ ſchleifen, die ihr Corſet garnirten, und befeſtigte ſie an den Hut, den der Graf in der Hand trug. Mit einem feurigen, dankenden Blicke hatte dieſer ihre Hand ergriffen und küßte ſie leidenſchaftlich. „Dieſe Farben werden mich zum Siege führen,“ ſagte er, anſcheinend ſehr ernſt bewegt;—„daß ein Her⸗ villy ſich unter allen Umſtänden ihrer werth erweiſen wird, daran kann Niemand zweifeln. Wenn ich ſie aber ſiegreich nach Paris getragen und die Dame, die ſich meinem Schutze anbefohlen hat, in die alte Königsſtadt eingeführt haben werde, dann darf ich noch einmal vor ſie treten und kühn den Ritterdank erbitten, wie es die alte ehrwürdige Sitte erheiſcht.“ Die Unterhaltung war aus dem Scherz in den Ernſt hinübergeſpielt, wie die beiden Betheiligten es wohl ge⸗ 196 wünſcht hatten; der Graf war plötzlich in ein nahes, ver⸗ trautes Verhältniß zu Francaiſe verſetzt, und ging er nur noch, was jetzt leicht war, um ein Weniges weiter, ſo konnte er bald am Ziele ſeiner Wünſche ſtehn. Francaiſe war beſchämt, verwirrt, beſeligt; ſie konnte noch keinen klaren Gedanken faſſen, wie ſie ſich jetzt zu benehmen habe, ohne ihrer weiblichen Würde und ihren Pflichten— ſie erſtarrte, wenn ſie an letztere dachte,— zu viel zu ver⸗ geben. Mit zitternder Stimme bat ſie den Grafen, ſich zu erheben, indem man ſie leicht in dieſer eigenthümlichen Situation überraſchen könne. Es war ein Glück, daß er dieſem Gebote ſogleich folgte, denn einen Moment ſpäter öffnete die vorerwähnte Magd das Zimmer und kündigte den Vicomte Eugen de Salvandy an. Dieſer Name traf Francaiſe mit niederſchmetternder Gewalt, während er in dem Oberſten nicht mehr als ein ſehr unbehagliches Gefühl über die Störung des ſo viel⸗ verſprechenden Téte-à-Téte weckte, denn hatte er früher auch ſchon die Vermuthung gehegt, das Fräulein möge dem Jugendfreunde ein innigeres Intereſſe, als es eine langjährige Freundſchaft erforderte, zuwenden, ſo hielt er ſich doch nach dem eben Vorgefallenen für überzeugt, er allein ſei der durch ihre Neigung Beglückte und auf ihr Herz Berechtigte. Darum vermochte er ſich auch Fran⸗ 197 caiſens augenſcheinlich tiefe Beſtürzung, den ſchnellen Wechſel von Röthe und Bläſſe auf ihren Wangen und die angſtvollen Blicke, die aus ihren Augen auf ihn fielen, nicht zu erklären; zu einer Frage war aber keine Zeit mehr, denn ſchon hatte die Dame mit mühſam errungener Faſ⸗ ſung den Befehl gegeben, Eugen ſogleich vorzulaſſen, und ſich erhoben, um dieſem entgegen zu gehen, woran ſie in⸗ deſſen ihre Aufregung verhinderte. Die Thüre öffnete ſich, und der Vicomte Salvandy trat in das Zimmer. Einen nach langer und gefahrvoller Trennung zu der Braut zurückkehrenden Liebenden, dem die Sehnſucht und Freude des Wiederſehens jeden Moment längeren Verzuges unerträglich machte, hätte Graf Her⸗ villy zu ſeiner vollſtändigen Beruhigung aber ſicher nicht mit dem ſchärfſten Auge in dem Vicomte erkennen können; da war keine Spur von einer ſolchen freudigen Haſt, kein Wiederſchein des Glückes auf den ernſten und kalten Zügen Eugens, und ſchwebte auf ſeinem Geſichte auch einen Augenblick ein erzwungenes freundliches Lächeln, ſo wich dieſes doch ſogleich, als er bemerkte, daß das Fräulein nicht allein ſei. Sich flüchtig gegen Hervilly, der ihm aus früherer Zeit her nur wenig bekannt war, verbeugend, näherte er ſich mit einer gewiſſen Befangenheit, die ihn anfangs auch verhinderte, Francaiſens Verlegenheit wahr⸗ 199 „Wie glücklich die Mutter ſein wird, wenn ſie nach Hauſe zurückkehrt,“ meinte das Fräulein, und ſetzte, ſchnell abbrechend, lebhaft hinzu: „Aber mein Gott, Horace iſt nicht bei Ihnen?— Ich beſchwöre Sie, Eugen, ſprechen Sie ſchnell, welche Nachrichten Sie uns von ihm bringen.“ Die Befangenheit Francaiſens war mit dieſer Er⸗ innerung verſchwunden; ihre Angſt um das Schickſal des Bruders war wirklich eine ungeheuchelte und überwog alle anderen peinlichen Erwägungen. „Horace iſt noch nicht hier?“ fragte der Vicomte, von Neuem überraſcht und beunruhigt;—„ich war der feſten Ueberzeugung, ihn hier zu treffen.“ Ein ſchneller Wechſel von Fragen und Erklärungen ergab, was wir bereits wiſſen, daß der Vicomte von Saint⸗ Räal zwar aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeinen Verfolgern glücklich entkommen, aber noch nicht in Quiberon, wohin er dem Vermuthen nach ſeinen Weg genommen haben mußte, ſobald er von der Landung der Royaliſten hörte, eingetroffen ſei. Es lag hierin eine Beruhigung für Francaiſe und ihre Mutter, aber auch immer noch Grund genug, ſich bangen Befürchtungen hinzugeben. Eugen mußte nun ausführlicher erzählen, wie es ihm gelungen ſei, den Freund aus dem Gefängniſſe zu Rennes zu retten; er beobachtete dabei die Vorſicht, Madeleinens 198 zunehmen, dieſer und küßte ihre Hand mit mehr Förm⸗ lichkeit als freundſchaftlicher Vertraulichkeit. „Die Freude über Ihre glückliche Wiederkehr findet keine Worte, Eugen,“ begann die junge Vicomteſſe zuerſt mit ſo leiſer und bebender Stimme, daß man ſie kaum verſtehen konnte.„Sie haben mich zu plötzlich überraſcht; — glauben Sie nicht, daß meine Gefühle für Sie erkaltet ſeien, wenn Sie die ſtürmiſchen Ausbrüche meiner innern Glückſeligkeit vermiſſen.“ Ddieei in dieſen Worten liegende Entſchuldigung, der Ton, mit dem ſie geſprochen wurde, und das fieberhafte Zittern von Françaiſens Hand erregten erſt des Vicomtes Aufmerkſamkeit; fragend blickte er zu dem Mädchen auf und, betroffen von ihrer unnatürlichen Aufregung, warf er ſeinen Blick ſchnell auf den Grafen, der in einiger Ver⸗ legenheit darüber zu ſein ſchien, daß er ein unwillkommener Zeuge dieſes Wiederſehens geworden war. Schnell ſuchte Eugen ſich das Benehmen ſeiner Braut dadurch zu erklären, daß ſie Beide in einem Augenblick, in dem das Gefühl ſo ſehr angeregt ſein mußte, beobachtet wurden. „Ich bin weit davon entfernt, Sie zu verkennen, Francaiſe,“ ſagte er daher;—„ich begreife Ihre Ueber⸗ raſchung, da vor Kurzem erſt auch mir eine noch größere zu Theil geworden iſt, als ich vernahm, Sie ſeien mit Ihrer Mutter an dieſem Orte.“ 200 nicht zu erwähnen, um in Gegenwart dieſes unberufenen Zeugen allen Fragen Francaiſens nach ihr zu entgehen. Es war natürlich, daß der Oberſt, obgleich er ſich gern ſo bald als möglich verabſchiedet hätte, dieſe auch ihn inter⸗ eſſirende Erzählung noch anhören mußte, auch nahm er mit zartfühlender Zurückhaltung an dem Geſpräche, ſo weit es Horace betraf, Theil; dann aber erhob er ſich mit der Aeußerung, er wolle ſich beeilen, die glückliche Rettung der beiden jungen Edelleute ihren zahlreichen Freunden ſogleich bekannt zu machen. Eugen hatte keinen Verdacht gegen Francaiſe und ihn geſchöpft, denn bei der eigenen inneren Unruhe hatte er die vorher bei dem Fräulein bemerkte ſchon wieder vergeſſen, nachdem er ſie erklärlich gefunden, Francaiſe hatte ihre Faſſung in dem Geſpräche, das die Rückerinnerung an die kurz zuvor ſtattgefundene Scene ganz verdrängte, wieder gewonnen, und der Oberſt dachte an Nichts weniger, als daß er ein Brautpaar vor ſich habe. Erſt als er ſich Abſchied nehmend auf Francaiſens Hand niederbeugte, um dieſe zu küſſen, fiel Eugens Auge auf die blaue Bandſchleife an ſeinem Hute, deren die junge Vicomteſſe in ihrer Verwirrung nicht mehr geachtet hatte; ein zweiter Blick belehrte ihn, welchen Platz dieſes Band noch kurz zuvor eingenommen hatte, und ſeiner dadurch geſchärften Aufmerkſamkeit konnte es nicht entgehen, mit 201 welchem Ausdrucke geheimen vertraulichen Einverſtändniſſes ſich das Auge des Grafen auf das Mädchen richtete und wie dieſes erröthete. In Verbindung mit Frangaiſens Weſen bei ſeinem Eintritte gebracht, konnte dieſe Wahr⸗ nehmung nur die Ahnung der Wahrheit in ihm wecken und ſchnell zur ſicheren Ueberzeugung umgeſtalten; das Auge des Vicomte flammte in Zorn auf, denn er fühlte ſich bitter an ſeiner Ehre gekränkt, aber das Bewußtſein der eigenen Schuld hielt den Ausbruch zurück; in der voll⸗ ſtändigen Unentſchiedenheit, welchen Weg er jetzt zu gehen habe, bedurfte er der Zeit zur Ueberlegung. Der Oberſt hatte ſich entfernt, und Eugen ſtarrte noch immer, den peinigendſten Zweifeln preisgegeben, vor ſich hin; er vergaß Françaiſens Gegenwart, obgleich ſeine ſtürmiſchen Gedanken ſich gerade mit ihr beſchäftigten, und ſie wagte nicht, ihn zuerſt anzureden. Der Vicomte war mit einem Male von dem Standpunkte des Unrechts, deſſen er ſich gegen ſeine verlobte Braut ſchuldig fühlte, auf den des ſtrengen Richters über ihre eigene ſchwere Schuld verſetzt worden, und wenn er mit geheimer Be⸗ friedigung ſich ſelbſt jetzt auch für gerechtfertigter hielt und ſich dem Ziele ſeiner Wünſche nahe gerückt ſah, ſo war die Kränkung, die ſie ſeiner Ehre, wie es von der Welt be⸗ trachtet werden mußte, und ſeiner Eitelkeit zugefügt, doch zu groß, als daß er ihr hätte vergeben können. Ehe er 1859. VIII. Die Emigranten. 13 202 den Entſchluß, eine beiderſeitige offene Erklärung herbei⸗ zuführen, aber noch zur Ausführung bringen konnte, erſchien die ſchon lange aus der Kirche zurückerwartete Vicomteſſe. Von ihr wurde Eugen anders empfangen als von ſeiner Braut; mit ſtrömenden Thränen der Rührung und des Entzückens begrüßt, mit der ängſtlichſten Zärtlichkeit über die kleinſten Umſtände ſeiner Abenteuer ausgefragt, fühlte er die Bitterkeit, die ſich um ſein Herz gelegt hatte, immer mehr ſchwinden und das alte Dankgefühl gegen die Familie Saint⸗Réal in voller Kraft wieder hervortreten; der Vicomteſſe gegenüber hielt er ſich nicht mehr für ſo unſchuldig als vorher, und ihr zu Liebe wollte er Fran⸗ caiſe verzeihen, vorausgeſetzt, daß dieſe ihn bereitwillig aller der Verpflichtungen enthöbe, die ſie ſelbſt ſo ernſtlich verletzt hatte. Auch der Vicomteſſe berichtete er nochmals ausführlich über ſeinen Aufenthalt in Rennes und beſtrebte ſich ängſtlich, ſie über Horaces Schickſal zu beruhigen, der, wie er beſtimmt verſicherte, in wenigen Tagen hier wohl⸗ behalten eintreffen müſſe. Jetzt erſt erwähnte er Made⸗ leinens und ihrer Betheiligung an der Rettung Horaces, wobei er ihr Verdienſt in das beſte Licht zu ſetzen bemüht war; abſichtlich verheimlichte er nicht ganz das Intereſſe, das er ſelbſt an der wiedergefundenen Jugendfreundin und aufopfernden Helferin ſeines Unternehmens genommen hatte, denn es galt, die Vicomteſſe und ihre Tochter auf 203 die nahe bevorſtehende offene Erklärung vorzubereiten. Die Art, wie die beiden Frauen die Nachricht von dem Wiederfinden Madeleinens aufnahmen, war eine ganz ver⸗ ſchiedene, und ihre Empfindungen äußerten ſich noch rück⸗ haltsloſer, als Eugen ihnen die überraſchende Mittheilung machte, Madeleine habe ihn begleitet, um ſich der hoch⸗ verehrten Familie wieder anzuſchließen, und ſei mit ihm glücklich nach Quiberon gelangt, wo ſie zur Zeit mit ſehn⸗ ſuchtsvoller Ungeduld des Rufes zu der Vicomteſſe harre. Während die letztere, durch den kühnen Entſchluß Made⸗ leinens, den der Vicomte nach Kräften zu rechtfertigen ſuchte, freilich in Erſtaunen geſetzt, doch nicht auf den Ge⸗ danken kam, das Verhältniß Eugens zu dem Mädchen könne das zu ihrer Tochter beeinträchtigen, und während ſie daher mit unverſtellter Freude und beinahe mütterlicher Zärtlichkeit die Nachricht von ihrem Hierſein begrüßte und ſie ſogleich zu ſehen verlangte, äußerte Frangaiſe nur in kühlen Worten ebenfalls den letzteren Wunſch und war ſichtlich verſtimmt und mißtrauiſch gegen ihren Verlobten. Eugen hatte ſich geſtellt, als bemerke er dies gar nicht, und war auf die Aufforderung der Vicomteſſe gegangen, ſeine Schutzbefohlene in deren Wohnung zu führen; ſobald er ſich aber entfernt hatte, ſtürzte Frangaiſe, in Thränen ausbrechend, die wohl mehr aus ihrer ſo lange nieder⸗ gehaltenen früheren Erregung als aus dem Schmerze um 13* 204 Eungens vermeintliche Untreue floſſen, an die Bruſt ihrer Mutter und ſprach gegen dieſe den bitterſten Argwohn gegen ihren Bräutigam aus. Die Vicomteſſe, von dem leidenſchaftlichen Schmerze ihrer Tochter tief ergriffen und überraſcht, war in ihren Anſichten getheilt; auch in ihr regte ſich das Mißtrauen gegen Eugen, zumal es von Francaiſe erweckt wurde, der ſie nie Unrecht zu geben vermochte, auf der andern Seite war ihre Zärtlichkeit ſowohl für den Vicomte als für Madeleine zu groß, als daß ſie Beide auf einen bloßen Schein hin hätte verdammen mögen. Selbſt rathlos, ver⸗ ſuchte ſie ihre Tochter zu beruhigen und damit zu tröſten, daß man ſich doch erſt überzeugen müſſe, ob eine Schuld Eugen anheimfiele, und daß es gar nicht denkbar ſei, er könne eine ernſte Neigung zu dem weit unter ſeinem Stande ſtehenden Mädchen und obenein in ſo kurzer Zeit gefaßt haben; Francaiſens Schmerzensausbrüche kannten keine Grenze, und endlich vermochte nur die Mahnung ihrer Mutter, Eugen werde bald mit Madeleinen zurückkehren und ſie dürfe dann ihrem Stolze nichts vergeben, ihren Thränen und Klagen Einhalt zu thun und ſie zur Annahme einer erzwungenen kalten Ruhe zu bewegen. Daß ihr dies nach der eben an den Tag gelegten Heftigkeit ſo gut gelang, würde ein weniger vorurtheilsvolles Auge als das der Vicomteſſe überzeugt haben, die getäuſchte Liebe zu Eugen 205 ſei es nicht allein, die eine ſo mächtige Aufregung in dem Fräulein hervorgerufen habe. Françaiſe war nie einer tiefen, ganz hingebenden Neigung zu dem Vicomte fähig geweſen, ſie war ſich deſſen ſogar klar bewußt geworden, ſobald der Graf Hervilly ſeine Abſicht, ſich um ihre Gunſt zu bewerben, ſo deutlich wie vor Kurzem ausgeſprochen hatte, und ſicherlich hätte ſie keinen Anſtand genommen, ſich unter anderen Verhältniſſen ſelbſt von ihrem Bräutigam zu ſcheiden, aber jetzt erging es ihr wie vorher dem letzteren, nur daß die Einſicht der eigenen Schuld ſie weniger ver⸗ ſöhnlich ſtimmte als dieſen,— ihr Stolz war tief dadurch gekränkt, daß Eugen ihr eine Andere vorzog und daß die Löſung ihres bräutlichen Verhältniſſes von ihm ausgehen ſollte. Indeſſen täuſchte der Vicomte ſich nicht über die Be⸗ denklichkeiten, die Madeleinens einſtweilige Wiederauf⸗ nahme in die Familie Saint⸗Réal nach ſich führen mußte, zumal er jetzt feſter als je entſchloſſen war, den Bruch mit Francaiſe ſchnell herbeizuführen, was er ſeiner eigenen Ehre ſchuldig war, er war erſchrocken, als er bei ſeiner Ankunft in Quiberon vernahm, die Vicomteſſe von Saint⸗ Räal und ihre Tochter befänden ſich an dieſem Orte, er glaubte auch bei Madeleinen den Ausdruck einer nicht ganz freudigen Ueberraſchung darüber bemerkt zu haben, aber unter den obwaltenden Umſtänden blieb nichts Anderes 206 übrig, als ſie der Vicomteſſe wieder zuzuführen. Noch hatte er Madeleinen nicht ſein Herz, das immer entſchie⸗ dener für ſie ſprach, je länger er mit ihr zuſammen war, offen erſchloſſen, denn er ſcheute ſich, dies eher zu thun, eehe er aller Verpflichtungen gegen Francaiſe entledigt wäre, auch hatte er noch nicht reiflich zu überlegen gewagt, wie er den unzweifelhaft harten Kampf mit den Vorur⸗ theilen der Geſellſchaft beſtehen und ſich für immer mit dem Mädchen ſeiner Liebe vereinigen ſollte, aber er war entſchloſſen, dieſem Ziele zuzuſtreben und wollte ſeine weiteren Schritte der Fügung des Schickſals überlaſſen. Als Eugen ſich von der Vicomteſſe fortbegeben hatte, um ihr Madeleine zuzuführen, blieb ihm noch eine ſchwere Aufgabe zu erfüllen übrig. Es ließ ſich ſicher vorausſetzen, daß bei dem vertrauten Verhältniſſe, in dem Madeleine früher zu den beiden Damen geſtanden hatte, es erſterer in deren Hauſe nicht lange ein Geheimniß bleiben könne, welche nahen Bande ihn an Francaiſe feſſelten; noch wußte ſie nichts davon, denn ſo oft ihm die offene Erklärung ſeines Benehmens, das ihr auf den erſten Blick ehrlos erſcheinen mußte, ſchon auf den Lippen geſchwebt hatte, ſo war er doch immer wieder vor der Befürchtung zurück⸗ geſchreckt, Madeleine werde ſich für getäuſcht halten und ihm ihre Liebe, die ſich ihm immer klarer offenbart hatte, ganz entziehen; jetzt machte die unerwartete Anweſenheit 207 der Vicomteſſe in Quiberon dieſe Erklärung unumgänglich nöthig, und Eugen zagte, wenn er an ihre Aufnahme dachte. Er fand Madeleine in dem ärmlichen Gaſthauſe, in dem er ſie zurückgelaſſen hatte, in der unruhigſten Er⸗ wartung der Nachrichten, die er von der Vicomteſſe bringen würde. Hatte ſie ſich auch keinen Vorwurf darüber zu machen, daß ſie ſtörend in das Glück der ſo innig verehrten Familie eingegriffen habe, indem ſie deren Tochter das Herz des Verlobten raubte, denn ſie kannte ja noch nicht dieſes Verlöbniß, ſo beunruhigte es ſie doch auf das Höchſte, wie Jene ihren gewagten Schritt, mit dem Vicomte das Haus ihres Onkels zu verlaſſen, beurtheilen und ſie wieder aufnehmen würden, auch fürchtete ſie, man möge die eigent⸗ lichen Beweggründe ihrer Handlungsweiſe errathen und ihr einen bitteren Vorwurf daraus machen. Der Vicomte hatte ſich deshalb nicht geirrt, wenn er wahrzunehmen glaubte, auch Madeleine ſei über das Hierſein der Vi⸗ comteſſe eigentlich nicht erfreut; die Gewohnhzit hatte ſie in den letzten Tagen, in denen ſie ſich mit ihm auf der Flucht befand, mit dem eigenthümlichen Verhältniſſe, in das ſie ſich begeben, ſchon vertrauter gemacht, und überdies hatte ihre Liebe zu ihm ſchon eine zu unwiderſtehliche Leidenſchaftlichkeit gewonnen, als daß ſie Rückſichten, die ihr Eintrag thaten, hätte Gehör geben können. 208 4 Auf ihre dringende Frage erzählte Eugen kurz, daß er Francaiſe zuerſt allein und dann die Vicomteſſe getroffen habe und daß Beide freudig ihre Bereitwilligkeit, ſie auf⸗ zunehmen, ausgeſprochen hätten. „So laſſen Sie uns zu ihnen eilen,“ bat Madeleine in lebhafter Ungeduld;—„ich kann Ihnen nicht beſchreiben, in welcher ſehnſüchtigen Erwartung mein Herz den lange ſchmerzlich Vermißten entgegenſchlägt.“ „Madeleine,“ ſagte der Vicomte ſehr ernſt und un⸗ ruhig, während ſein Auge in flehentlicher Bitte auf ihr ruhte,—„geſtatten Sie mir noch einige Worte, die auf unſer Beider Geſchick den wichtigſten Einfluß üben werden. Ich habe Ihnen eine Erklärung zu machen, die ich Ihnen ſchon längſt ſchuldete, aber das Unrecht, das ich vielleicht an Ihnen begangen, wird auf Verzeihung rechnen können, wenn Sie mich ganz anhören und vernehmen wollen, aus welchem heiligen und gebieteriſchen Gefühle meines Her⸗ zens mein Handeln entſprungen iſt.“ Tiefe Beſtürzung und die Ahnung deſſen, was ſie jetzt wirklich hören ſollte, malten ſich auf dem Geſichte des Mädchens; ſie war nicht im Stande, eine Antwort zu geben und in ihrer bangen Verwirrung die Augen zu dem Vicomte zu erheben. „Sie müſſen mich ſchon lange verſtanden haben Ma⸗ deleine,“ fuhr dieſer erregter fort;„ich durfte es hoffen, 209 ⁄ als Sie Ihr Leben an die Rettung des meinigen ſetzten, als Sie noch mehr thaten und mir ein Vertrauen ſchenkten, das ich ſogleich durch das offenſte Geſtändniß meiner Ge⸗ fühle und des ganzen peinlichen Verhältniſſes, in dem ich mich befand, hätte rechtfertigen ſollen. Als ich Sie in Rennes aufſuchte, dachte ich nur an die Jugendfreundſchaft, die mir ein Recht gab, auf Ihre Unterſtützung in dem wichtigen Unternehmen, das mich dorthin führte, zu zählen, aber ihr Anblick brachte ſchnell nicht geahnte Empfindungen und Wünſche mit einer Macht hervor, der ſich nicht wider⸗ ſtehen ließ. War es ein Wunder, daß die in der langen und weiten Trennung nur eingeſchlummerte, nie geſtorbene erſte Jugenliebe, die unſere damals unerfahrenen Kinder⸗ herzen mit dem Namen Freundſchaft belegten, bei dem Wiederſehen in aller Stärke aufflammte, daß dieſe Flamme, genährt durch die eigenthümlichen Verhältniſſe, die uns umgaben, mich ſchnell mit einer verzehrenden Gluth ergriff, in der jede kalte Ueberlegung, jeder Widerſtand untergehen mußte? Sie mögen es oft bemerkt haben, wie ich zu kämpfen verſuchte und wie jeder ſolcher Verſuch mich nur immer feſter mit der Ueberzeugung durchdrang, nur Ihnen dürfe mein Herz fortan gehören und in der Annahme dieſes Bekenntniſſes und der Erwiederung ſeiner glühenden Lei⸗ denſchaft von Ihrer Seite liege ſein Glück. Eine höhere Hand hatte uns wieder zuſammengeführt und auf die ewige 210 Verknüpfung unſeres Geſchickes gewieſen.„Haben Sie nicht auch dieſen Wink verſtanden und ſind ihm unbedenk⸗ lich gefolgt, Madeleine?“ Seligkeit und Bangigkeit kämpften in Madeleine, während der Vicomte ſprach; ſie hatte erreicht, was ſie lange ſchon als das höchſte Ziel ihres Lebens anerkannte, aber nun drängten ſich ihr auch Gedanken an die Schwie⸗ rigkeiten auf, mit denen ſie und Engen noch zu kämpfen haben würden, den gemeinſamen höchſten Wunſch des Herzens zur Ausführung zu bringen; noch hatte er ſich ja auch nicht ausgeſprochen, wie er hierüber dachte, dennoch zweifelte ſie keinen Augenblick an ſeinen ehrenwerthen Abſichten und reichte ihm mit einem innigen Blicke, der Thränen der reinen Freude verklärten, die Hand. „Hören ſie mich noch weiter, Madeleine,“ fuhr er fort, als ſie ſprechen wollte;— noch darf ich mich dem ſeligſten Entzücken unſerer Liebe nicht hingeben, ehe Sie geurtheilt haben, ob ich Ihre Neigung verdiene; es liegt noch ein böſes Geheimniß zwiſchen uns, deſſen Aufklärung vor Allem erfolgen muß; richten Sie milde über mich.“ In tiefer Bewegung ſetzte er dem ängſtlich aufhorchen⸗ den, erbleichenden Mädchen ſein ganzes Verhältniß zu Francaiſe auseinander, ſeine Abſicht, ſein Verlöbniß zu zu löſen, deren Nothwendigkeit er nicht erſt heute begriffen, als er ihr verbrecheriſches Verhältniß zu dem Grafen Her⸗ 211 villy erfahren habe; er wagte kaum ſie anzuſehen, aber er beſchwor ſie mit dem dringendſten Flehen, ihm zu vergeben und ihm ihre Liebe zu erhalten. Dann ſprach er von ſeinen Plänen; Madeleine ſollte ſo lange das Geheimniß ihrer Liebe bewahren, und bei der Vicomteſſe bleiben, der, ſo wie Frangaiſen, er an demſelben Abende noch ſeinen Ent⸗ ſchluß, mit letzterer zu brechen, verkündigen wollte, bis der jetzt bevorſtehende Kampf glücklich zu Ende geführt und er in Ruhe den Beſitz ſeiner Güter antreten könnte, dann aber wollten ſie ihre Liebe öffentlich bekennen und allen feindlichen Verhältniſſen zum Trotz ſie durch prieſterlichen Segen heiligen laſſen. Madeleine zweifelte nicht an den Verſicherungen Eugens und war nur zu geneigt, ſeinen ſtürmiſchen Bitten Gehör zu ſchenken; nachdem ſie einmal das Geſtändniß ſeiner Liebe empfangen hatte, wäre ſie nicht im Stande geweſen, der letzteren freiwillig wieder zu entſagen. Den⸗ noch fühlte ſie klar die Peinlichkeit der Lage, in der ſie ſich bei der Vicomteſſe von Saint⸗Réal unter ſolchen bisher nicht vermutheten Umſtänden befinden würde, und zweifelte, ob ſie es nach ihrem Gewiſſen würde verantworten können, dieſe edle Frau durch die Geheimhaltung ihrer Liebe zu Eugen und ſeiner Pläne zu täuſchen. Aber die Zeit drängte, und der wichtige Entſchluß mußte ſchnell gefaßt und dann mit Vorſicht ausgeführt werden; Madeleine kämpfte ſchwer, 212 wie ihr Schluchzen und die ſtürmiſche Bewegung ihres Buſens verriethen, aber der Erfolg konnte nicht lange zweifelhaft bleiben; als Eugen nochmals in tief rührendem Tone bat: „Entſcheiden Sie über Ihr und mein Lebensglück, theuere Madeleine,— bringen Sie ihm mit einer Ent⸗ ſchloſſenheit, zu dem nur die wahre Liebe den Muth geben kann, noch dieſes eine Opfer!“— Da warf ſie ſich, ganz von ihren leidenſchaftlichen Empfindungen hingeriſſen, in ſeine Arme und erklärte ſich unter heißen Thränen zu Allem, was er von ihr verlangen würde, bereit. 3. „Ich will die Ihrige ſein, Engen,“ meinte ſie dann gefaßter,—„und wenn ich mich an der Vicomteſſe ver⸗ fündige, ſo wird der Himmel die Schuld verzeihen, die mich die Liebe auf mich laden ließ.“ Bald darauf verließ Madeleine am Arm des Vicomtes das Gaſthaus, und Beide ſchritten der Wohnung der Vi⸗ comteſſe zu. Madeleine war innerlich ſehr unruhig, aber Eugens Bitten hatten doch bewirkt, daß ſie dies möglichſt zu verſtecken wußte, ſo daß ihr Weſen keinen Verdacht er⸗ wecken konnte. Dieſe Faſſung wußte ſie auch zu bewahren, als ſie der Vicomteſſe und Francaiſe gegenübertrat. Hatte die erſtere ſich auch ganz gegen ihr eigentliches Gefühl vor⸗ genommen, die Ausbrüche ihrer Zärtlichkeit für Madeleine 213 zu beſchränken, ſo lange ihr nicht die ſichere Ueberzeugung geworden ſei, ihrer Tochter Vermuthungen ſeien ganz un⸗ gegründet, ſo fiel ſie doch ſchon in dem Augenblicke, als Madeleine mit geöffneten Armen und Thränen in den Augen in ihre Arme ſtürzte, aus der künſtlichen Rolle und ſchloß ſie mit einer freudigen Innigkeit an die Bruſt, die dem jungen Mädchen den Beweis lieferte, die Vicomteſſe⸗ habe ihr vollkommen die früheren mütterlichen Gefühle be⸗ wahrt. Auch Francaiſe wußte ihren geheimen, tiefen Groll auf eine überraſchende Weiſe zu verbergen; Niemand hätte ahnen können, daß ſie eine halbe Stunde zuvor noch ſo ver⸗ zweifelt erſchienen war, als nage ein unheilbarer Kummer an ihren Herzen, und mit lächelnder Miene und ſelbſtver⸗ ſtellter Zärtlichkeit begrüßte ſie ihre Nebenbuhlerin, die einen viel kühleren Empfang erwartet hatte. Die allerſeitigen Erlebniſſe ſeit der Trennung beſchäftigten bald die ganze kleine Geſellſchaft, in der reine Zuneigung und Vertrauen zu herrſchen ſchien, ſo ausſchließlich, daß die Vicomteſſe und ihre Tochter wirklich keine Gelegenheit fanden, irgend eine verdächtige Bemerkung an dem gegenſeitigen Benehmen des Vicomtes und Madeleinens zu machen. Eugen war verſtimmt und ſchweigſam, was Nieman⸗ dem entgehen konnte; einmal beſchäftigte ihn der Gedanke an die Eröffnung, die er Francçaiſen noch heute machen wollte, dann fürchtete er auch, es möge vorher noch gegen G 214 Madeleinen ſeines Verlöbniſſes erwähnt werden, was ſo⸗ wohl dieſe wie ihn ſelbſt auf das Peinlichſte hätte berühren müſſen. Indeſſen geſchah dies nicht, und bald führte die Vicomteſſe in wohlmeinender Abſicht für ihre Tochter die langerſehnte Gelegenheit herbei, daß dieſe mit Eugen allein ſprechen konnte, indem ſie Madeleine aufforderte, mit ihr das Zimmer zu verlaſſen. Braut und Bräutigam befanden ſich allein, und eine Weile herrſchte ein beängſtigendes Schweigen zwiſchen ihnen— Françaiſe fühlte, daß der Moment gekommen ſei, der eine peinliche Erklärung herbeiführen würde, und ſie fürchtete dieſe ſelbſt mehr als ihre wahrſcheinliche Folge, die Löſung der Verlobung. „Ich hatte mich geſehnt, mit Ihnen allein ſprechen zu können, Francaiſe,“ begann der Vicomte nach einer Pauſe mit gerunzelter Stirn, und ſein Blick heftete ſich ſo durchbohrend auf das Fräulein, daß dieſes erbleichend die Augen vor ihm niederſchlagen mußte.„Bei dem nahen Verhältniſſe, in dem wir noch immer zu einander ſtehen, werden Sie mir geſtatten, von dem Rechte, ganz offen zu Ihnen zu ſprechen, Gebrauch machen zu dürfen.“ Der Ton dieſer Anrede verletzte das Fräulein zu tief, als daß ſie ihn nicht durch eine herbe Antwort hätte rügen müſſen; in ihrem Stolze gedachte ſie nicht, dem nothwendi⸗ gen Verlaufe dieſer Unterredung durch übergroße Vorſicht 215 Einhalt zu thun. Deshalb erwiederte ſie ſchnell und mit ruhiger Kälte: „Es würde zuerſt die Frage zu beantworten ſein, ob Sie, Eugen, mit gutem Gewiſſen die Rechte dieſes Verhält⸗ niſſes in Anſpruch nehmen können; dazu wäre ſesn erfor⸗ derlich, daß Sie ſich bewußt ſind, keine der Pflichten, die es auferlegt, verletzt zu haben.“ „Glauben Sie, mir einen ſolchen Vorwurf machen zu können?“ fragte der Vicomte mit etwas unſicherer Stimme.“ Ich bitte Sie aufrichtig, Françaiſe, Ihre Meinung ausſprechen zu wollen; dies wird mir die Erklä⸗ rung, zu der ich gezwungen bin, erleichtern.“ Das Fräulein war ſchon im Begriff, mit kühner Stirn zu behaupten, wofür ſie noch gar keine Beweiſe hatte, Eugen habe ſich einer Untreue an ihr ſchuldig gemacht, aber ſie überlegte noch zeitig genug, es ſei beſſer, ihn erſt anzuhören, der ihr ebenſo wenig vorwerfen konnte, ihr Be⸗ nehmen gegen den Grafen Hervilly ſei in irgend einer Weiſe unpaſſend und pflichtwidrig geweſen; daß er dies vermuthete, ſagte ihr ſein Weſen, einen Beweis aber, hoffte ſie zuverſichtlich, könne er nicht aufſtellen. Als ſie ihr Schweigen nicht brach, aber eine nur um ſo trotzigere Mine annahm, fuhr der Vicomte fort: „Sie ſcheinen ſich des Ihnen zuſtehenden Rechtes be⸗ geben zu haben, Mademoiſelle Francçaiſe; erlauben Sie dann, daß ich das meinige geltend mache. Seit wann iſt dem Oberſten Graf Hervilly die Ehre zu Theil geworden, ſich mit Ihren Farben— ich meine die blaue Bandſchleife, die ich vorher an Ihrem Corſet vermißte,— ſchmücken zu dürfen, wodurch die bisher mir gewährten Begünſtigungen auf ihn übertragen worden zu ſein ſcheinen?“ Francaiſe verlor bei dieſer ſo ganz unerwarteten Frage ſo vollſtändig die kaltblütige Faſſung, die ſie bis dahin zu behaupten gewußt hatte, daß das Bekenntniß ihrer Schuld deutlich auf ihrem Geſichte geſchrieben ſtand. „Eugen!“ ſtammelte ſie mit einem halb bitténden, halb vorwurfsvollen Blicke auf den Vicomte. „Wenn Sie mir ſagen wollen, daß Graf Hervilly“ ſich dieſes vielbedeutenden Kleinodes gegen Ihren ausdrück⸗ lichen Willen zu bemächtigen gewußt hat, ſo wird es meine Pflicht ſein, ihn dafür zur Rechenſchaft zu ziehn,“ meinte der Vicomte beinahe ſpöttiſch. 8 „Nein, Eugen, das iſt nicht nöthig;— ich gab dem Grafen ſelbſt dieſe Schleife, und ich bin zu ſtolz, es Ihnen zu leugnen,“ erwiederte Francaiſe mit dem mühſamen Be⸗ ſtreben, ruhig zu erſcheinen.„Wozu ſollen übrigens dieſe Vorwürfe dienen, die ich in gleicher Weiſe erwiedern könnte, wäre ich nicht der Ueberzeugung, es handle ſich jetzt nur darum, ein unbedacht geſchloſſenes Verhältniß zu löſen, —— —— 217 wmas wir einfach dadurch erreichen, wenn wir unſern beider⸗ ſeitigen Wunſch kundgeben.“ „Sie kommen meiner Abſicht mehr als auf halbem Wege entgegen,“ ſagte Eugen bitter;—„Sie haben aber ſicherlich noch nicht erwogen, in wie weit meine Ehre durch den fatalen Vorfall mit jener blauen Schleife berührt worden iſt.“ „Sie beleidigen mich, Eugen,“ rief das Fräulein, heftig aufſtehend. „Der Oberſt Graf Hervilly wird gern bereit ſein, den Handſchuh für Sie aufzuheben, Mademoiſelle,“ ent⸗ gegnete der Vicomte kalt. Mit einem Blicke flammenden Zornes auf ihn wollte Frangçaiſe das Zimmer verlaſſen, aber ſchnell von dem Gedanken durchzuckt, in dieſem Falle werde der unvermeid⸗ liche Bruch mit dem Vicomte öffentlich das ärgerlichſte Aufſehen und in ihrer Mutter den unheilbarſten Schmerz erregen, zumal wenn ihr der Tochter heimliches Einver⸗ ſtändniß mit dem Grafen Hervilly bekannt würde, beſann ſie ſich eines beſſern und wandte ſich noch einmal zu Eugen, der auch ſchon ſeine Heftigkeit bereute. Es wahr deutlich wahrzunehmen, welchen bittern Kampf ſie die Ueberwindung ihres Stolzes koſtete, als ſie ſo ſanft, als ſie es vermochte, von Neuem begann: „Die Leidenſchaft hat uns zu weit fortgeriſſen, Herr 1859. VIII. Die Emigranten. 14 218 Vicomte; wenn die Nothwendigkeit auch klar vorliegt, un⸗ ſere bisherige Verbindung zu löſen, ſo iſt auch die, dies mit möglichſter Schonung unſerer ſelbſt und vorzüglich meiner ohnehin ſchon ſo tief erregten guten Mutter zu be⸗ werkſtelligen, nicht minder groß. Jetzt bin ich die Schwer⸗ beleidigte, dennoch biete ich Ihnen zuerſt die Hand zu einer friedlichen Ausgleichung, die unſer Beider Wünſchen ent⸗ ſpricht.“ Dem Vicomte konnte eine ſolche Wendung dieſer peinlichen Scene nur erwünſcht ſein; er durchſchaute voll⸗ kommen die Beweggründe Francaiſes zu einer ihrem Na⸗ turell ſo widerſprechenden ſanften Nachgiebigkeit, aber er mußte auch einſehen, er ſelbſt ſei zu weit gegangen und thue beſſer, bei Zeiten in ein ruhigeres Gleis einzulenken; darum erklärte er ſogleich ſeine Bereitwilligkeit, auf Fran⸗ gaiſens Wunſch einzugehen. Eine halbe Stunde ſpäter war die Unterredung zu Ende, und Niemand hätte ſo leicht bemerken können, welchen wichtigen Einfluß ſie auf das kurz zuvor noch eng verknüpfte Lebensgeſchick der Beiden ausgeübt hatte, wenn er deren ruhige und befriedigte Miene ſah. Das Verlöbniß Eugens und Francaiſens war aufgehoben, aber ſie hatten verab⸗ redet, ſich die alte Jugendfreundſchaft zu bewahren, wenn ſie ſich auch Beide nicht mit der Idee täuſchten, dies ſei nach dem Vorgefallenen möglich; die Welt ſollte nicht er⸗ 219 fahren, wie nahe ſie ſich einmal geſtanden hätten, und Francaiſe wollte, ſobald ſie an dieſem Abende mit ihrer Mutter allein wäre, dieſe von dem Geſchehenen in Kennt⸗ niß ſetzen und ſie darüber zu beruhigen ſuchen; in ihren äußeren Verhältniſſen ſollte Alles beim Alten bleiben. Madeleinens war in dieſer ganzen Unterredung gar nicht erwähnt worden, denn Francaiſe fürchtete, dadurch noch einmal an ihre eigene Schuld erinnert zu werden. Mit einem erzwungenen Lächeln reichte ſie Eugen die Hand, ehe ſie ſich trennten; dieſes Lächeln ſollte einen Sturm verber⸗ gen, der vernichtend in des Fräuleins Bruſt tobte; ſo be⸗ friedigt ſie einerſeits dadurch war, daß ihrer Neigung zu dem Grafen Hervilly, den ſie Eugen unbedingt vorzog, nun ein Hinderniß weniger im Wege ſtand, ſo wurde dieſes Gefühl doch jetzt noch bei Weitem durch das der tief verletzten Eitelkeit, gekränkten Stolzes und unverſöhnlichen Haſſes gegen die, der ſie das Herz Eugens hatte abtreten müſſen, überwogen, das ſollte aber Niemand erfahren, ſelbſt die Mutter nicht, die ſie mit dem Vorgeben täuſchen wollte, die Auflöſung der Verlobung ſei aus ihrem freien Willen hervorgegangen.— 14* 220 Neuntes Capitel. Wie die Royaliſten es erwartet hatten, lief ihnen in den nächſten Tagen eine ſo große Menge von Chouans zu, daß ſie mit vieler Ausſicht auf einen glücklichen Erfolg ein kühnes Vordringen hätten wagen können; Graf Puiſaye, der, wie wir wiſſen, ein ſolches beabſichtigte, wurde aber in allen ſeinen Entſchlüſſen behindert und führte nur den Namen' des Oberbefehlshabers, deſſen Autorität ihm voll⸗ ſtändig fehlte. Charette, Stofflet und die übrigen Inſur⸗ gentenchefs, an die er die Aufforderung, ſich ihm ſchleunigſt anzuſchließen, hatte ergehen laſſen, waren zu aufgebracht gegen ſeine Perſönlichkeit, als daß ſie dem Intereſſe der königlichen Sache treu genug geblieben wären und ihre Privatanſichten ihm zum Opfer gebracht hätten; ſie er⸗ ſchienen nicht allein nicht auf Quiberon, ſondern entließen ſogar ihre Schaaren, um jede Unterſtützung Puiſayes un⸗ möglich zu machen,— ein neuer Triumph für ſeine ihm feindlich geſinnten Begleiter, an deren Spitze Graf Her⸗ villy ſtand. Immer lauter durchlief das Gerücht, man beabſichtige, nicht für den Grafen Artois, ſondern für den Herzog von York Frankreich zu erobern, die Bretagne und Vendée und hinderte die Theilnahme des Landvolkes an der royaliſtiſchen Expedition. Unter ſolchen mißlichen Um⸗ 221 ſtänden blieb Puiſaye und ſeinen Freunden Nichts übrig, als auf eigene Hand zu handeln; wie man es verabredet hatte, erhielt der Graf Vauban das Kommando über die geſammelten gutwilligen Chouans, die ungeachtet ihrer mangelhaften Bewaffnung doch vermöge ihrer Stärke von über zehntauſend Mann ein beträchtliches Corps bildeten, und führte ſie einige Meilen vorwärts gegen Auray und Laudevant; weiter wagte man ſich nicht in das Land hinein, da die regulären Regimenter in ihrer Unthätigkeit ver⸗ harrten. Hierdurch hatte General Hoche Zeit gewonnen, ſeine Armee möglichſt zuſammenzuziehen; mit etwa zehntauſend Mann gut eingeſchulter Truppen rückte er ſelbſt den Roya⸗ liſten entgegen, die in den erſten Tagen des Monats Juli das gut befeſtigte und vertheidigte Fort Tenthièvre erobert hatten. Am ſiebenten Juli kam es hinter Auray zum erſten bedeutenden Gefecht, das mit der vollſtändigen Beſiegung und regelloſen Flucht der Chouans auf die Halbinſel Quiberon endete;— Quiſaye war mit der ganzen, ſchon halb entmuthigten Expeditionsarmee auf Quiberon eingeſchloſſen. Noch einmal ſchien ſich das Glück dem royaliſtiſchen General zuwenden zu wollen; er wurde mit neuen unbe⸗ ſchränkten Vollmachten, die ſeinem Streite mit Hervilly ein Ende machten, von England aus als Generallieutenant 222 beſtätigt, und am funfzehnten Juli langten die regulären Regimenter unter dem Grafen Sombreuil, die zu Schiffe von der Elbmündung aus hierherbefördert worden waren, an; ſie zählten zwar nur gegen zwölfhundert Mann, waren aber kriegserfahrene, friſche Truppen. Ein neuer entſchei⸗ dender Schlag wurde berathen und vorbereitet. In einem wahrhaft bedauerungswürdigen Zuſtande hatten die unglücklichen Frauen, die ſich dieſer Expedition angeſchloſſen, dieſe Zeit in Quiberon zugebracht; die ſich immer mehr verſchlimmernden Ausſichten auf den Erfolg des Kampfes, der ihnen von Neuem die kaum wieder⸗ gefundene theure Heimath rauben konnte, waren es nicht allein, die ſie beängſtigten, ſondern die Unruhe herrſchte auch in dem engen häuslichen Kreiſe. Von Horace war noch keine Nachricht da, und man konnte nur noch anneh⸗ men, er ſei auf der Flucht abermals in die Hände ſeiner Feinde gefallen.— Eugen Salvandy hatte ſich ſeiner Pflicht gemäß an ſein Regiment wieder angeſchloſſen, dem anfangs, als dem einzigen regulären, der ſchwerſte und gefährlichſte Theil des Unternehmens anheimfiel,— die Frauen befanden ſich alſo allein und vermochten nicht einmal bei einander Troſt zu ſuchen, denn der böſe Dämon des Mißtrauens hatte ſich in ihre Herzen einzuſchleichen gewußt. Mit grenzenloſem Schmerze hatte die Vicomteſſe von Françaiſe vernommen, daß ihre liebſten Hoffnungen 223 für immer vernichtet ſeien; ſie hätte gern den Verſuch un⸗ ternommen, das getrennte Brautpaar wieder zu vereinigen, da ihre Tochter ihr die eigentlichen Beweggründe der Schei⸗ dung verheimlicht hatte, aber dieſer Abſicht widerſetzte ſich Francaiſe entſchieden; die Vicomteſſe begriff weder ihre Tochter noch Eugen, aber ſie wagte nicht, mehr zu fragen, als die erſtere ihr geſtattete, und überdies verhinderte auch des Vicomtes Entfernung von Quiberon jedes Vermitte⸗ lungsbeſtreben. Madeleine bewahrte ängſtlich ihr und Eu⸗ gens Geheimniß, und ſelbſt Francaiſe, die ſie ſcharf beobachtete, ahnte nicht, in welchem nahen Verhältniſſe ſie bereits zu Jenem ſtände,— die Vicomteſſe war noch viel ferner von der Wahrheit. Dennoch war es den halbver⸗ ſteckten Andeutungen des Fräuleins gelungen, ihre guther⸗ zige Mutter gegen Madeleine einzunehmen, und dieſe, die ein zu ſcharfes, richtiges Gefühl hatte, um das gegen ſie beobachtete Benehmen nicht klar zu unterſcheiden, war zu der tiefſchmerzlichen Ueberzeugung gelangt, ihre Anweſen⸗ heit beläſtige die Vicomteſſe und ſie habe die Anſprüche auf deren mütterliche Zuneigung verloren, Francaiſe aber trage ihr einen glühenden Haß zu, der nur einer Gelegen⸗ heit zum Ausbruche warte; Madeleine brachte daher den größten Theil des Tages, an dem ſie ſich allein befand, und die Nächte in Thränen, oft in bitterer Verzweiflung zu, wenn Nachrichten eingetroffen waren, die von der Ge⸗ 224 fahr ſprachen, in der ſich Eugens Regiment oder gar er ſelbſt befunden habe. Graf Hervilly hatte das Kommando eines geſonderten Corps übernommen, dennoch fand er hin und wieder Ge⸗ legenheit, nach Quiberon zu kommen und die Vicomteſſe zu beſuchen, bald war es ſelbſt dieſer außer Zweifel geſtellt, daß ſeine Aufmerkſamkeit nur Francaiſen allein galt. So ſehr ſich ihre mütterliche Eitelkeit auch dadurch geſchmei⸗ chelt fühlte, konnte ſie ſich doch andererſeits der bangen Befürchtung nicht erwehren, der als etwas leichtfertig be⸗ kannte Graf möge nur ein gefährliches Spiel mit dem Herzen ihrer Tochter treiben, das ſich ihm in ſo kurzer Zeit entſchieden zugewandt zu haben ſchien. Die Vicomteſſe achtete nicht einmal, daß Hervilly und Francaiſe oft die Gelegenheit, ſich ohne Zeugen zu ſehen, herbeizuführen wußten, und daß hinter ihrem Rücken ſich ein Verhältniß mmer feſter knüpfte, daß ſie bei aller nachgiebigen Zärt⸗ lichkeit für Francaiſe nicht hätte billigen können. Das Fräulein ſchien ſeit ihrer Trennung von Eugen jede Zu⸗ rückhaltung für unnütz zu halten und ſich ganz den Forde⸗ rungen ihrer Leidenſchaft hingeben zu wollen.— Am ſechszehnten Juli war der entſcheidende Schlag gefallen, auf den Puiſaye ſeine letzte Hoffnung geſtützt hatte; die Royaliſten hatten das verſchanzte republikaniſche Lager des Generals Hoche bei Saint⸗Barbe angegriffen. 225 Noch wüthete der Kampf, und die in Quiberon Zurückge⸗ bliebenen erwarteten in quälender Ungeduld ſeinen Ausgang, der von der unendlichſten Wichtigkeit für jedes Einzelnen Schickſal werden mußte. Die Chouans waren im erſten Treffen gegen das Lager vorgerückt, ihnen zur Unter⸗ ſtützung folgten die regulären Regimenter, in deren Reihen ſich auch Graf Hervilly und Eugen Salvandy befanden; ein ſtarkes Corps, von einem Edelmann Tinténiac geführt, war einige Tage vorher ſchon zu Schiffe an einen entfern⸗ teren Punkte der Küſte geſetzt worden, um von hier aus dem Feinde zu verabredeter Zeit in den Rücken zu fallen; nicht weit von der ſchmalen Landzunge, welche die Halb⸗ inſel mit dem Feſtlande verbindet, lag die Eskadre des Commodore Warren in der ſogenannten Bucht von Qui⸗ beron, um den Zugang zu letzterem nöthigenfalls durch ihr Geſchützfeuer zu vertheidigen. Vom Morgen an tönte das heftigſte Gewehr⸗ und Kanonenfeuer, das nur in kurzen Pauſen zuweilen verſtummte, nach Quiberon hinüber und erweckte dort bald die angſtvollſten Befürchtungen, bald freudige Hoffnungen, je nachdem man aus dem ſich mehr nähernden oder entfernenden Schalle im Verein mit den Nachrichten, die durch Ordonnanzen eintrafen, auf den Gang des Gefechtes ſchließen wollte. Große Staubwolken aufwirbelnd und ſchnell weit hinter ſich laſſend, flogen Reiter aus dem Gefechte, deſſen Platz ein grauer dichter 226 Pulvernebel weithin bezeichnete, nach dem Marktflecken und von dort wieder zurück; bald einzeln, bald in ganzen Zügen ſchleppten ſich die Leichtverwundeten den erſteren Weg entlang, während man auf Bahren die durch das Geſchützfeuer furchtbar Verſtümmelten in das flüchtig her⸗ gerichtete Lazareth trug; in Quiberon herrſchte eine Be⸗ wegung, wie ſie der kleine einſame Ort wohl nicht zuvor geſehen hatte. Die Vicomteſſe, ihre Tochter und Madeleine hatten, gleich den wenigen übrigen ariſtokratiſchen Damen, welche die Expedition begleiteten, ihre ſchwachen Kräfte auch be⸗ reits dem allgemeinen Wohle geweiht, indem ſie ſich in dem Lazareth eifrigſt der erſten Pflege der herbeigebrachten Verwundeten unterzogen; dieſe Beſchäftigung war aber eine ſo ermüdende und durch den grauſigen Anblick, dem man ſich oft nicht entziehen konnte, eine ſo ergreifende, daß die Damen ſich am Nachmittage äußerſt ermüdet und un⸗ fähig zur Fortſetzung des milden Werkes fühlten; ſie hatten ſich deshalb wieder nach ihrer Wohnung begeben und er⸗ warteten daſelbſt in der qualvollſten Unruhe Nachrichten von dem Schlachtfelde; Frangaiſe wünſchte, dieſe von dem Grafen Hervilly zu erhalten, Madeleine durch Eugen, die Vicomteſſe durch einen von dieſen Beiden oder Beiden zugleich. Die Angſt hatte Alle verſöhnlicher und mittheilender geſtimmt, ſelbſt Françaiſe ſchien darüber —— —— 227 ihre kalte Zurückhaltung gegen Madeleine abgelegt zu haben. Gegen Abend änderte ſich die Scene in Quiberon. Jetzt langten, athemlos und blutbedeckt, zuerſt einzelne, dann ganze Haufen von Chouans an; blitzſchnell gingen die Nachrichten, die ſie mitbrachten, von Mund zu Mund, aber man flüſterte ſie ſich nur ängſtlich und vorſichtig zu und die Geſichter wurden bleich dabei; es hieß, das Gefecht ſei ſchon entſchieden und zwar zu Gunſten der Republikaner, die den ſich auf die Halbinſel zurückzie⸗ henden Royaliſten auf dem Fuße folgten. Die ſich jeden Augenblick mehrende Zahl der Flüchtigen beſtätigte dieſe Schreckensbotſchaft; man ſprach mit ängſtlicher Haſt ſchon von der Nothwendigkeit der Wiedereinſchiffung, aber die Schiffe machten dazu noch keine Anſtalt und lagen kampf⸗ bereit an ihrer alten Stelle. Eine halbe Stunde ließ ſich ſchon das Feuern des kleinen Gewehrs vernehmen, gleich darauf öffneten die furchtbaren ehernen Schlünde der Kriegsfahrzeuge ihren Mund, und ein Krachen, in dem die heftigſten Donnerſchläge eines erzürnten Himmels hätten untergehen müſſen, erſchütterte die Luft und die Herzen der waffenloſen Emigranten, die an der Schlacht nicht hatten Theil nehmen können oder wollen, und die ihrer flüchtigen Vertheidiger. Die Republikaner ſtürmten auf die Landenge, welche die Royaliſten bereits paſſirt 228 hatten, und der Commodore Warren und ſeine brittiſchen Matroſen machten ihnen wacker den Zugang ſtreitig, und ihre Geſchoſſe riſſen die furchtbarſten Lücken in die geſchloſ⸗ ſenen Glieder der ſigreichen Angreifer. Eine namenloſe Angſt hatte ſich in dieſer furchtbaren Verwirrung der ſchutzloſen Frauen bemächtigt; rathlos lagen ſie auf den Knieen und flehten unter den heißeſten Thränen den Himmel um den Schutz an, den ſie von Menſchen nicht mehr erwarten zu können meinten. Die Vicomteſſe war jeden Augenblick einer Ohnmacht nahe und nahm die Hülfe der beiden Mädchen fortwährend in An⸗ ſpruch, obgleich dieſelben ſich ſelbſt kaum aufrecht zu erhalten vermochten; Madeleine ſchien am meiſten ergeben in das ſie bedrohende Schickſal, wenigſtens hatte ſie die ruhige Beſinnung nicht in dem Maße wie die leidenſchaftliche Francaiſe verloren, die unter beinahe wirren Reden bald die Hände zum Himmel aufrang, bald in wilder Verzweif⸗ lung an das Fenſter und vor das Haus ſtürzte, um Nach⸗ richten über das draußen Vorgehende zu erhalten. Ein paar Mal vernahm Madeleine, wie der Name Hervilly über ihre bebenden Lippen ging, ein Beweiß dafür, daß Francaiſes Anhänglichkeit an den Grafen eine innigere war, als Madeleine es für möglich gehalten hatte, obwohl auch ſie ſchon Gelegenheit gefunden hatte, das gegenſeitige Benehmen Francaiſes und des Grafen zu beobachten. —— 229 Der Abend brach herein und einzelne Truppentheile, denen man die bedeutenden erlittenen Verluſte und die Entmuthigung anſah, zogen wieder in Quiberon ein; der größte Theil des royaliſtiſchen Corps blieb an der Land⸗ zunge ſtehen, an der der Geſchützdonner ſchon verſtummt war, nachdem der General Hoche den Sturm aufgehoben und ſeine Truppen wieder in das Lager zurückgezogen hatte. Weder Graf Hervilly noch der Vicomte Salvandy erſchie⸗ nen, die verzweifelten Frauen zu tröſten. Erſt, als es ſchon ſehr ſpät geworden war, ließen ſich eilige Schritte auf der zu ihrer Wohnung führenden Treppe vernehmen; Madeleine richtete das Haupt auf, und ihr ganzes Weſen drückte deutlich aus, welche Mühe es ſie koſtete, nicht aufzuſpringen und den Kommenden entgegen⸗ zueilen, Francaiſe aber, bei der die angſtvolle Ungeduld alle Rückſichten in den Hintergrund gedrängt hatte, ſtürzte mit dem lauten Freudenrufe:„Er kommt!“ auf die Thür zu. Dieſe öffnete ſich in demſelben Augenblicke, und er⸗ bleichend trat das Fräulein, auf deſſen Geſicht ſich bittere Enttäuſchung und Betroffenheit malten, zurück; vor ihr ſtand Eugen und an ſeiner Seite ein Mann, den ſie, da er ganz mit Blut und Staub bedeckt war, nicht ſogleich erkannte, aber Graf Hervilly war es nicht. „Meine Francaiſe!— meine theure Mutter! jubelte 230 eine bekannte Stimme, und Horace drückte einen flüchtigen Kuß auf den Mund der Schweſter und flog dann in die Arme der lautaufſchreienden Vicomteſſe. Während mütterliche und ſchweſterliche Zärtlichkeit ſich nun im Anſchauen und Ausfragen des theuren Wie⸗ dergefundenen erſchöpften und keiner der drei Glücklichen Augen für Madeleine und Eugen hatten, benutzten dieſe, die ihr übermächtiges Gefühl die allzugroße Vorſicht ver⸗ geſſen ließ, den Augenblick, ihre Herzen auch frei über⸗ ſtrömen zu laſſen. Schnell aber hatte ſich Madele ine wieder den Armen des Geliebten entzogen, und flüſternd begnügten ſie ſich nun, Worte der reinſten Glückſeligkeit auszutauſchen, bis Horace ſich auch an ſeine Retterin wandte und dieſe wie eine alte theure Freundin begrüßte. Nach allen ſtürmiſchen Freudenbezeigungen von allen Seiten kam es erſt dazu, daß Horace die Geſchichte ſeiner Rettung erzählen konnte. Wirklich hatte er, als er in Madeleinens Zimmer zu Rennes verſteckt, den Kapitän Guénard auf Oeffnung deſſelben beſtehen hörte, den tollkühnen Entſchluß gefaßt, den ſchon früher beſchriebenen Weg durch das Fenſter zu nehmen. Der gewagte Sprung war gelungen und obenein mit ſo wenig Geräuſch ausgeführt worden, daß die als Wache auf dem Hofe aufgeſtellten Soldaten nicht darauf aufmerkſam wurden. Mit Mühe war es ihm dann gelungen, 231 über die Nebenhäuſer auf eine entferntere Straße zu ge⸗ langen und Rennes zu verlaſſen. Oft der Gefahr, entdeckt zu werden, ausgeſetzt, war er dieſer doch immer wieder entgangen, und hatte, ſobald ihn die Nachricht von der Landung der Emigranten auf Quiberon erreichte, wirklich den Weg dorthin eingeſchlagen. Hier waren indeſſen die republikaniſchen Behörden äußerſt wachſam, um dem Land⸗ volke den Weg zur Vereinigung mit dem Corps des Grafen Puiſaye abzuſchneiden; auch Horace wurde von einer Ca⸗ valleriepatrouille aufgegriffen und des Verdachts halber, er könne ſich den Emigranten anſchließen wollen, verhaftet; indeſſen ahnte Niemand ſeinen wirklichen Namen und Stand, und es gelang ihm, die Rolle eines einfachen Land⸗ manns gut durchzuführen. Um ſich bei näherer Unterſu⸗ chung der bedenklichen Gefahr, erkannt zu werden, nicht auszuſetzen, beſchloß er, ſich durch eine Liſt der erſteren zu entziehen, und gab ſeinen Wunſch zu erkennen, unter die republikaniſchen Truppen aufgenommen zu werden. Dieſer wurde ihm gern bewilligt, und der junge Edelmann zog die Uniform ſeiner Todfeinde an, der erſten Gelegenheit harrend, die ihm die Flucht zu den Seinigen möglich machen würde. Eine ſolche hatte ſich erſt in der Verwir⸗ rung des heutigen Gefechtes dargeboten; er war deſertirt und hatte ſich an das Corps des Grafen Hervilly, auf das er gerade traf, angeſchloſſen und tapfer mit ſeinen Brüdern 232 gekämpft. Nach Beendigung des Gefechtes erſt war er Eugen begegnet, und nachdem die beiden Freunde ſich mit Entzücken begrüßt hatten, waren ſie, ſobald es der Dienſt erlaubte, nach der Wohnung der Vicomteſſe geeilt. Ueberglücklich ſchloß dieſe noch einmal den Sohn feſt an die Bruſt, als er ſeine Erzählung geendet hatte; als Horace ſich nun aber auch noch einmal an ſeine Schweſter wandte und dieſe umarmte, fragte Francaiſe, die ſchon lange eine ängſtliche Unruhe an den Tag gelegt und oft täuſchend nach der Thür geblickt hatte, ihn ſo leiſe, daß nur er allein es verſtehen konnte: „Du haſt heute unter dem Grafen Hervilly gefochten, theurer Horace; er iſt doch nicht verwundet?“ „Der Brave hat die Treue für ſeinen König mit dem Heldentode beſiegelt,“ erwiederte Horace trübe. „Er iſt todt?“ fragte das Fräulein tonlos und mit einem Blicke, aus dem alles Leben geſchwunden zu ſein ſchien. „Er fiel vor zwei Stunden bei der heldenmüthigen Vertheidigung der Landenge, deren Feſthaltung uns Alle vor dem ſichern Tode bewahrt hat, entgegnete Horace;— „der Graf Sombreuil trat an ſeine Stelle und—“ Ein verzweifelter Schrei Francaiſens, der alle Herzen ſchneidend berührte, unterbrach ihn; das Fräulein ſank ohn⸗ mächtig zuſammen, und kaum gelang es ihrem erſchrockenen 233 und überraſchten Bruder, der natürlich Nichts von ihrem Verhältniſſe zu Hervilly ahnte, ſie in ſeinen Armen auf⸗ zufangen. In der größten Verwirrung und unter dem Jammern der Vicomteſſe wurde die lebloſe Francaiſe in ihr Schlaf⸗ zimmer gebracht und, nachdem man vergebliche Verſuche gemacht hatte, ſie wieder in das Leben zurückzurufen, nach einem Arzte geſchickt. Indeſſen erklärte Eugen in der ſchonendſten Weiſe dem ganz beſtürzten Horace, was dieſen Zuſtand ſeiner Schweſter hervorgerufen haben müſſe; er erwähntte nicht, was jener noch nicht wußte, in welchem Verhältniſſe er ſelbſt bis vor Kurzem zu Francaiſe ge⸗ ſtanden habe. Eugen war zu edelſinnig, über den Schmerz des unglücklichen Mädchens zu triumphiren oder das über ſie gekommene Elend als eine gerechte Strafe des Him⸗ mels zu betrachten; in ſeinem eigenen Glücke hatte er ihr längſt vergeben, was er ihr einſt zum Vorwurf machen durfte. Als Francaiſe erwachte, fieberte ſie heftig; die Mutter wich nicht von ihrer Seite, aber Madeleine, die auch ihre ſorgſame Pflege anzubieten gewagt hatte, ſtieß ſie heftig zurück und klagte ſie in ihren Phantaſien als die Urheberin ihres Unglücks an; das junge Mädchen durfte nicht wieder in ihrem Zimmer erſcheinen. Indeſſen ſchon nach zwei Tagen hatte ſich Francaiſe ſo weit erholt, daß ſie ſich von 15 1859. VIII. Die Emigranten. 234 ihrem Lager erheben konnte; nach dem Ausdrucke ihres Geſichts zu urtheilen, hatte ſie für immer mit den Freuden der Welt abgeſchloſſen, und die tiefſchmerzliche Kälte, die eiſige Härte, die ſich in ihren Mienen ausprägten, ließen ſie um mehrere Jahre älter erſcheinen, dabei hatte ſich eine Reizbarkeit der Nerven eingeſtellt, die ſie in dem unbe⸗ deutendſten Worte eine beabſichtſgte Verletzung ihrer Per⸗ ſon, Spott über ihr Unglück ahnen ließ und dann die heftigſten Ausbrüche von Schmerz und Unmuth hervorrief; beſonders aber äußerte ſich die Abneigung gegen die un⸗ ſchuldige Madeleine noch deutlicher als zuvor. Madeleine duldete dies mit ihrer gewöhnlichen Sanftmuth, bemitlei⸗ dete das unglückliche Mädchen, das alle Anſprüche auf ihre Liebe mit Gewalt verſcherzen zu wollen ſchien, und hoffte ſehnlichſt auf den Moment, der ſie aus der Familie Saint⸗ Réal in die Arme Eugens führen werde, ſobald dieſer Kampf, gleichviel auf welche Weiſe, beendigt ſei. Eugen war, ſo oft und lange es nur ſein Dienſt er⸗ laubte, in dem Hauſe der Vicomteſſe, wozu er durch Horaces Anweſenheit noch mehr Veranlaſſung fand. Hatte die Vicomteſſe noch nicht Zeit gefunden oder dieſen Augenblick nicht für paſſend gehalten, ihrem Sohne offen zu erklären, was zwiſchen Eugen und Francaiſe vorgefallen ſei, oder hatte Horace nach einer ſolchen Mittheilung ſeinen Freund von aller Schuld freiſprechen zu müſſen gemeint,— Beide 235 hingen noch mit derſelben unerſchütterlichen Zuneigung wie jemals an einander. So war der Abend des zwanzigſten Juli herange⸗ kommen, und während man von Neuem im royaliſtiſchen Hauptquartier über die zu ergreifenden Maßregeln berieth, befanden ſich Horace und Eugen wieder im Hauſe der Vicomteſſe; bei der lebhaften Unterhaltung, die von der nächſten Zukunft handelte, hatte man nicht darauf geachtet, daß die Mitternachtsſtunde ſchon bald herangekommen war. Da ertönte plötzlich draußen ein Signalhorn, das die wohlbekannten Töne des Generalmarſches ſchmetternd in die ſtille Nacht hinaustrug,— einen Moment ſpäter fand es ein mehrſtimmiges Echo, und dumpf wirbelten die Trom⸗ meln den Ruf zu den Waffen. Ueberraſcht blickte man ſich an; alle Herzen ſchlugen lauter, die der Frauen vor Angſt, die der beiden Jünglinge in unruhiger Kampfbegier und Erwartung. „Es iſt der Generalmarſch,“ ſagte Horace ſich erhe⸗ bend und ſetzte, als er auf das todtenbleiche Geſicht ſeiner Mutter blickte, beruhigend hinzu: „Es wird keine beſondere Bedeutung haben; ver⸗ muthlich hat eine kleine Rekognoscirung unſerer Gegner die Vorpoſten in Bewegung geſetzt.“ Auch Eugen ſuchte eine gleiche Ruhe zu erheucheln, obgleich die beiden jungen Offiziere ſich ſagen konnten, 15* 236 wenn es ſich um einen Angriff der Republikaner, wie zu vermuthen war, handele, ſo könne dieſer die bedenklichſten Folgen nach ſich ziehen, indem das Geſchwader des Com⸗ modore Warren ſich Tags zuvor von der Küſte entfernt hatte, weil das ſtürmiſche Wetter den nahen Aufenthalt an derſelben zu gefährlich machte, mithin die vortreffliche Vertheidigung der Landzunge durch ſeine Geſchütze jetzt wegfiel. Die Zeit drängte, und man nahm nur einen kurzen Abſchied; dann eilten die jungen Leute auf die Straße hinab, durch die ſchon eine Menge eben aus dem Schlummer erweckter Soldaten lief. „Was giebt's, mein Braver?“ fragte Eugen einen bärtigen Krieger ſeines Regiments, der ſchnell an ihm vorbeieilen wollte. „Man ſagt, die Schufte von Republikanern hätten das Fort Penthisvre drüben auf dem feſten Lande über⸗ rumpelt und rückten gerade auf uns los,“ erwiederte der Soldat eilfertig.„Es wird einen heißen Kampf geben, mein Lieutenant, und wenn's der Herrgott nicht anders will, ſo wird es wohl jetzt mit uns aus ſein.“ So wenig Werth dieſe Worte, die der rein perſön⸗ lichen Anſicht eines ihm Untergeordneten entſprangen, hatten, erweckten ſie doch eine peinliche Ahnung in dem Vicomte. 237 „Geh voraus zu Deinem Regiment, Horace,“ ſagte er, ſtehen bleibend,—„ich habe Madeleine noch einige Worte zu ſagen. Gott ſchütze Dich, Bruder, wenn es wirklich einen blutigen Straus giebt.“ Der Vicomte drückte warm die Hand des Freundes und eilte in das Haus zurück; Horace blickte ihm etwas verwundert nach, aber er beeilte ſich, den Sammelplatz des Corps zu erreichen, dem er ſich vor wenigen Tagen freiwillig angeſchloſſen hatte. „Madeleine,“ ſagte Eugen, als er dieſe ohne Zeugen getroffen hatte,—„die Pflicht ruft mich in einem Augen⸗ blicke von Dir fort, der vielleicht für uns Alle ſehr gefähr⸗ lich werden kann. Ich kehre noch einmal, von bangen Ahnungen getrieben, zu Dir zurück, für den ſchlimmſten Fall eine Verabredung mit Dir zu treffen. Sollte es zum Gefecht kommen und Ihr erfahren, daß dieſes einen un⸗ glücklichen Ausgang für uns nimmt, dann ſuche die Vicom⸗ teſſe und Francaiſe zu bewegen, daß ſie ſich mit Dir ohne jeden Zeitverluſt nach dem Strande hinab und nach dem Fiſcherhäuschen, das links von dem gewöhnlichen Landungs⸗ platze der Böte liegt, begeben; wenn es möglich iſt, treffe ich Euch dort und ſorge weiter, ſo viel ich es vermag. Ich muß fort, Madeleine,— lebe wohl!“ Der Vicomte zog das junge Mädchen an ſeine Bruſt und drückte einen ſo langen Kuß auf ihre Lippen, als 238 vermöge er nicht, ſich wieder von ihr loszureißen. In der That durchdrang ihn ein Gefühl, als ſolle er für immer von der Geliebten ſcheiden, und ſeine deutliche Erregung ſteigerte auch die Unruhe Madeleinens. „Mein Gott, Eugen, 4 fragte ſie zitternd,—„droht denn eine ſolche Gefahr, daß wir an die Flucht auf das Meer denken müſſen?“ „Ich weiß es nicht und hoffe es nicht. Die Träger der edelſten Namen Frankreichs kämpfen um ihr Vaterland, für ihre Ehre, und ihren König,— Du kannſt überzeugt ſein, daß ſie für ſolche Güter Alles thun werden, was menſchliche Kräfte vermögen. Adieu, theure Madeleine; vergiß nicht meinen Rath— wie Gott es auch fügen mag, unſere Liebe wird in allen Stürmen des Lebens unerſchüt⸗ terlich feſt ſtehen.“ Der Vicomte riß ſich aus den Armen des ſchluchzenden Mädchens und eilte ſeinem Regimente zu, das er ſchon unter Waffen fand. In eiligem Schritte verließ man Qui⸗ beron und rückte gegen die wirklich bedrohte Landenge vor; das Gerücht, das Fort Penthièvre ſei überrumpelt, be⸗ ſtätigte ſich. Ehe die von Quiberon ausgerückten Truppen die Landenge noch erreichten, war der Kampf dort ſchon ent⸗ brannt; ein furchtbarer Lärm durchtobte die vor Kurzem noch todtenſtille Nacht. Der General Hoche wollte um jeden Preis das royaliſtiſche Expeditionscorps mit einem Schlage vernichten und die Halbinſel nehmen; von allen Seiten rückten ſeine Sturmkolonnen, durch ein furchtbares Geſchützfeuer unterſtützt, an. Einen ſo heldenmüthigen Widerſtand die Royaliſten ihnen auch entgegenſetzten, ſo war dieſer doch um ſo unwirkſamer, als ſie bei dem vor vier Tagen ſtattgehabten Gefechte ſchon ihr ſämmtliches Geſchütz eingebüßt hatten; die Chouans wandten ſich zu⸗ erſt zur regelloſen Flucht, warfen die regulären Regimenter beinahe über den Haufen, und nun entwickelte ſich ein Ge⸗ fecht, das ein furchtbares Blutvergießen zur Folge hatte. Niemand hatte den Rückzug befohlen, aber die Royaliſten traten ihn anfangs Schritt für Schritt, dann immer ſchneller und regelloſer an,— nur Graf Sombreuil vertheidigte ſich noch mit unerſchütterlicher Hartnäckigkeit mit tauſend Mann und hinderte die Republikaner in ihrem ſchnelleren Vor⸗ rücken, das Puiſayes ganzes Corps in ihre Hände gebracht haben würde. Graf Puiſaye ſelbſt eilte zurück und gab vom Strande aus Signal auf Signal für Warrens Ge⸗ ſchwader, das von Allen verſtandene, entmuthigende Zeichen, man müſſe Quiberon für verloren halten und ſich flüchtig auf die Schiffe begeben Noch wenige Minuten, und die furchtbarſte Verwirrung war eingeriſſen, in der alle Bande der Disciplin ſich löſten und das Wort der beſonnenen Führer ungehört verhallte;— nur Graf Sombreuil und 240 die Seinigen ſtanden noch, was indeſſen den meiſten Roya⸗ liſten gar nicht bekannt war. Die Dunkelheit vermehrte noch die entſetzliche Verwirrung, in der Alle der Küſte zu⸗ ſtrömten. Vergebens hatte Madeleine, als die entſetzliche Nach⸗ richt, Alles wende ſich zur Flucht auf die Schiffe, ſich ver⸗ breitete, die Vicomteſſe und Francaiſe mit der Bitte beſtürmt, Eugens Rath zu folgen; Francaiſe erklärte zuerſt, ſie wolle ſich dem Vicomte gar nicht anvertrauen und warten, bis Horace käme, ſie und ihre Mutter in Sicherheit zu bringen, und letztere ſtimmte ihr hierin ſchon aus dem Grunde bei, weil die Tochter es ſo wollte; ſpöttiſch hatte Françaiſe Madeleinen ſogar aufgefordert, allein der Weiſung Eugens zu gehorchen, aber dieſem Anſinnen hatte das junge Mäd⸗ chen ſich nicht fügen zu dürfen geglaubt; in dieſer Noth mochte ſie die Vicomteſſe am allerwenigſten verlaſſen. Immer wilder und tobender ſtrömten die Flüchtigen durch die engen Gaſſen des Fleckens, die kaum noch zu paſſiren waren, immer näher tönten die Gewehrſalven Sombreuils und der Republikaner, und weder Eugen noch Horace erſchienen; war es auch nicht möglich, daß ſie in dem blutigen Gemetzel ſchon den Tod gefunden hatten? Madeleine ſelbſt fühlte, wenn ſie daran dachte, den Muth und die Luſt, einen Verſuch zur eigenen Rettung zu unter⸗ nehmen, ſinken. 241 Endlich kam Horace, blaß, verzweifelnd und nur noch von dem einen Wunſche beſeelt, die ihm ſo Theuren zu retten; er war verwundet und trug den linken Arm in einer eilig und ſchlecht hergeſtellten Schlinge. Es war die höchſte Zeit, Quiberon zu verlaſſen; er litt nicht, daß man ſich um ſeine Wunde bekümmere, er drängte die drei Frauen nur, ihm ſogleich zum Strande zu folgen. Wie er angab, waren auf das Signal Puiſayes die brittiſchen Schiffe näher ge⸗ kommen, um die Emigranten aufzunehmen, dies konnte aber nur vermittelſt der Böte geſchehen, da die See zu hoch ging, um die größere Annäherung an die durch Klippen unſicher gemachte Küſte zu erlauben. Mit dem Strome der Fliehenden, in dem ſie die größte Mühe hatten, bei einander zu bleiben, eilten die Frauen unter Horaces Schutz aus dem Orte und dem Landungsplatze zu. Die erſte Morgendämmerung ließ ein furchtbares Getümmel auf demſelben erkennen und noch entſetzlicher erſcheinen als vorher, wo es der Schleier der Nacht be⸗ deckte. Alle die verſchiedenartigen Geſtalten, die wir auf den Schiffen der Engländer ſchon vor der Landung bemerkt haben, jetzt noch durch die große Mehrzahl der halb zer⸗ lumpten, theilweiſe in engliſche Uniformen geſteckten Chouans verſtärkt, ganz entmuthigte Feiglinge, mit Wun⸗ den bedeckte Soldaten, Prieſter und Weiber drängten ſich den Booten zu, die allein noch Rettung vor der wilden 242 Rache der Republikaner bringen konnten, und dieſe Men⸗ ſchen, die bisher einen Zweck verfolgt und zum größten Theil in treuer Genoſſenſchaft ihr Blut dafür verſpritzt hatten, ſchienen auf einmal von der bitterſten Feindſchaft gegen einander beſeelt zu ſein, denn ſie bedienten ſich oft der Waffen gegen einander, um Platz in den wenigen rettenden Fahrzeugen zu gewinnen. Die engliſchen Ma⸗ troſen hatten die grauſame, aber von der Nothwendigkeit gebotene Inſtruktion erhalten, nur die Emigranten und regulären königlichen Truppen aufzunehmen, dagegen die Chouans zurückzuweiſen; wie hätten auch alle dieſe zwölf⸗ bis funfzehntauſend Mann auf den wenigen Schiffen Platz finden können? Die unglücklichen, zur Verzweiflung gebrachten Landleute konnten ſich der harten Maßregel nicht geduldig fügen, denn es handelte ſich um ihr Leben, da man wohl wußte, das Geſetz der Republikaner bedrohe jeden mit den Waffen in der Hand Ergriffenen mit dem Tode durch die Kugel. Ein entſetzliches Jammergeſchrei, gemiſcht mit derben Flüchen auf die Engländer und die Edelleute lief über dieſe wogende Menge hin, Schüſſe knallten, von den Kindern einer Nation und den Kämpfern für eine Sache auf einander abgefeuert. Es war ein ent⸗ ſetzliches Bild, dieſes Ringen ſo vieler Menſchen zwiſchen Leben und Tod; dazu leuchteten von dem engliſchen Ge⸗ ſchwader her die Raketen⸗Signale, die zur Eile mahnten, 243 und von der andern Seite her ſchallte das ſich immer mehr nähernde unaufhörliche Knattern des kleinen Gewehrs. Ungeachtet des furchtbaren Gedränges war es Horace gelungen, ſeine Schutzbefohlenen an den Strand und in ein Boot zu bringen, in dem ſie noch Aufnahme finden konnten 3 die Matroſen trieben zur äußerſten Eile. Horace war zuerſt in das Boot geſprungen, den Seinigen Plätze zu ſichern, die vor Aufregung und körperlicher Ermattung halbtodte Vicomteſſe war ihm gefolgt, und nur noch Frangçaiſe und Madeleine befanden ſich unmittelbar an dem kleinen hin⸗ und herſchwankenden Fahrzeuge. „Siehſt Du dort das kleine Fiſcherhaus, in dem Eugen Deiner warten wollte?“ fragte Francaiſe, den Fuß auf den Rand des Bootes ſetzend, und ein böſer Blick leuchtete aus ihrem Auge auf Madeleine.„Der Arme wird auf Dich warten und ſicherlich in die Hände der Feinde fallen, die ihn dann ohne Gnade erſchießen werden.“ Madeleine war zu bewegt, um die in dieſen Worten liegende tückiſche Abſicht ſogleich richtig durchſchauen zu können; die Gefahr Eugens, auf die ſie Francaiſe ſo ſchonungslos aufmerkſam machte, der Vorwurf, der ſie ſelbſt traf, entzündeten mit Blitzesſchnelle einen Entſchluß in Madeleinen, den ihre Feindin vielleicht gerade hatte hervorrufen wollen. 4 245 Eugen, bleich wie der Tod und vollſtändig rathlos, da; er wußte nicht, ſollte er ſich darauf verlaſſen, Horace habe die Frauen unter ſeinen Schutz genommen, oder ſollte er noch einmal nach jenem Fiſcherhauſe zurückkehren. Aus dieſem unentſchloſſenen Sinnen weckte ihn das nahe Gewehrfeuer der tapfern Schaar Sombreuils, die eben auf dem Rückzuge, bei dem ſie jeden Schritt Landes dem Feinde ſtreitig machte, in Quiberon einrückte und hier noch einmal eine Stellung nahm. Eugen hatte nicht ge⸗ wußt, daß es noch Männer gäbe, die den ruhmvollen Dienſt, den Rückzug der Ihrigen zu decken, verſähen; bei ihnen, ſo rief ihm die Stimme der Ehre laut zu, war ſein Platz, zumal er ja jetzt für Niemanden mehr zu ſorgen hatte. In bitterer Verzweiflung ſtürzte er auf die Straße hinaus, ergriff eine von einem Flüchtigen fortgeworfene Büchſe und ſchloß ſich den muthigen Vertheidigern des Ortes an.. Immer heißer und erbitterter wurde der Kampf ge⸗ führt; mehr als die Hälfte der braven Schaar Sombreuils war in ihm ſchon unterlegen. Je wilder es um ihn herum tobte, deſto weniger dachte der Vicomte noch an Madeleine; er hatte ſie in einen höheren Schutz ſtellen müſſen und dachte jetzt nur noch an die Pflicht, die er ſeinem recht⸗ mäßigen Könige geſchworen. Die royaliſtiſche Expedition war zu Ende; ihre 244 „Ich kann Eugen nicht verlaſſen!“ rief ſie heftig. „Der Himmel ſegne Eure Flucht,— ich muß zurück!“ Weder Horace noch die Vicomteſſe hatten dieſe Worte gehört und bemerkt, wie Madeleine, über die eine ver⸗ zweifelte Entſchloſſenheit gekommen war, ſich umwandte und ſich furchtlos wieder in das Gedränge miſchte, dem ſie kaum entkommen war. Mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lä⸗ cheln beſtieg Frangaiſe das Boot, das einen Moment ſpäter vom Strande abſtieß. „Wo iſt Madeleine?“ fragte Horace gleich darauf beſtürzt. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete das Fräulein kalt. Es war zu ſpät, jetzt daran zu denken, wie man das unglückliche Mädchen noch retten könne. Inzwiſchen war Eugen, ſobald auch ſein Regiment ſich in wilder Flucht auflöſte, nach dem Madeleine bezeich⸗ neten kleinen Fiſcherhauſe geeilt; er fand ſie zu ſeinem Schrecken dort nicht, obgleich, wenn ſie ſeinem Rathe ge⸗ folgt wäre, ſie ſich ſchon eine geraume Zeit hätte an dieſem Orte befinden müſſen. Unverzüglich ſtürzte der von höchſter Unruhe getriebene Vicomte den Weg, den er gekommen war, zurück, drang in Quiberon ein und ſuchte die Woh⸗ nung der Vicomteſſe auf. Sie war leer, und Madeleine hatte ihm keine Nachricht hinterlaſſen, wohin ſie ſich mit der Familie Saint⸗Réal gewandt habe. Eine Weile ſtand 246 Trümmer, die heißen Wünſche und ſtolzen Hoffnungen auf die Wiedereroberung Frankreichs für den Grafen von Artois trugen ein paar brittiſche Schiffe über die blaue See hin den fremden Küſten zu; ein paar Kanonenſchüſſe verkündeten, daß das Geſchwader Warrens die Anker ge⸗ lichtet hatte. Es führte zweitauſend gerettete Emigranten mit ſich, der Reſt von Puiſayes Schaaren fiel in die Hände des Feindes, deſſen Uebermacht der heldenmüthige Som⸗ breuil nicht länger widerſtehen konnte, nachdem er ſeinen Zweck erreicht hatte, die Einſchiffung zu decken. Er hatte capitulirt und ſich auf die vom General Hoche angenom⸗ mene und garantirte Bedingung hin ergeben, er und ſeine Begleiter ſollten als Kriegsgefangene behandelt und nicht dem Blutgeſetze des Convents unterworfen werden. Unter den Gefangenen, die man anderen Tages vorläufig nach Auray, ſpäter nach Vannes abführte, befand ſich auch Eugen Salvandy; trübe in ſich gekehrt beſchäftigte ihn das Schichal Madeleinens mehr als das eigene. Mit unſäglicher Mühe hatte Madeleine das ihr von Eugen angewieſene Fiſcherhäuschen erreicht, das vollſtändig leer ſtand; ſeine erſchreckten Bewohner hatten es verlaſſen. Als ihre angſtvoll umherſuchenden Blicke Eugen nicht fan⸗ den, übermannte ſie die lange furchtbare Aufregung; mit Mühe gelang es ihr noch, ſich bis zu einer einfachen, 247 ſchlechten Lagerſtätte zu ſchleppen, dann verließen ſie die Kräfte und eine tiefe Ohnmacht umfing ſie. Der Tag war ſchon weit hereingebrochen, als ſie er⸗ wachte; es ſchien ihr eine Weile, als ſei ſie nur von einem böſen Traume befangen geweſen, aber ihre Umgebung und ein Blick durch die trüben Fenſterſcheiben belehrten ſie, daß ſie zu einer entſetzlichen Wirklichkeit wiedererwacht ſei. Sie erblickte den Strand, den eine Menge verſtümmelter Leichen bedeckte, die weite See, auf der kein einziges britti⸗ ſches Segel mehr zu ſehen war,— und vernichtet verhüllte ſie ihr Antlitz, das ein Strom von Thränen überfluthete. Wo war Eugen?— war er todt, gefangen oder ſchwebte er, auf immer für ſie verloren, auf jenen blauen Wogen, die in langen Schwellungen einer unbegrenzten Ferne zuzufließen ſchienen?— Madeleine wußte nicht, wie lange ſie in dem furchtbarſten Seelenkampfe zugebracht hatte, als ſie die Außenthüre des Fiſcherhauſes öffnen und mehrere Männer eintreten hörte; ſie hatte nicht mehr die Kraft, ſich zu verbergen, oder an eine weitere Flucht zu denken; regungslos und mit gefalteten Händen erwartete ſie die Kommenden. Es waren republikaniſche Soldaten, die ihre Ver⸗ wunderung über das Erblicken des Mädchens in lauten Ausrufen kundgaben; die ihrer ganzen Nation eigene Ga⸗ lanterie für das weibliche Geſchlecht hinderte ſie indeſſen, 248 Madeleinen irgendwie zu nahe zu treten; man begnügte ſich, Fragen an ſie zu richten, die ſie jetzt nicht zu beant⸗ worten vermochte. Gleich darauf drängte ſich ein Offizier durch die ſie umgebenden Männer; es war der Kapitän Gusnard. Madeleine erkannte ihn, aber ſie befand ſich in einem Zu⸗ ſtande, in dem ſeine Anweſenheit ſie weder überraſchte, noch in Schrecken ſetzte. „Mademoiſelle Madeleine, Sie hier?“ rief der Kapitän im höchſten Erſtaunen.„Mein Gott, wie ſind Sie in Rennes vermißt worden!“ Sogleich befahl er den Soldaten, ſich zu entfernen; dann wandte er ſich mit ſchonungsvoller Höflichkeit an das junge Mädchen und ſuchte von ihr zu erfahren, wie ſie an dieſen Ort gekommen ſei und wohin ſie ſich nun zu begeben beabſichtige; er bot ihr ſeine Unterſtützung, ihren Onkel wieder zu erreichen an, und verſicherte ſie unter allen Umſtänden ſeiner dienſtfertigen Bereitwilligkeit. Das Benehmen des Kapitäns hielt ſich vollſtändig in den Grenzen zarter Schicklichkeit. Madeleine überlegte nicht; ihre Gedanken waren ſo verwirrt, daß ihr der angebotene Schutz faſt willkommen war. Ohne ein Wort zu erwiedern, nahm ſie den dhr uen Guénard gebotenen Arm und ließ ſich nach Quiberon zurückführen, wo der Kapitän ihr ſchnell ein wohnliches 249 4 Zimmer zu beſorgen wußte. Seine Abſicht war, ſie bald⸗ möglichſt nach Rennes zu Mathieu Bonnet zu ſchicken. Die Nacht des achtundzwanzigſten Juli war auf das bretagniſche Städtchen Vannes hinabgeſunken; in unheim⸗ lichen Tönen pfiff der Wind durch die vereinſamten Straßen und mit eintönigem Geräuſche fiel der Regen auf die Dächer und das Straßenpflaſter nieder. Keine Fuß⸗ gänger belebten mehr die dunkeln Straßen, ſelten nur ging im Taktſchritt eine Patrouille von der republikaniſchen Beſatzung umher. Am äußerſten Ende der Vorſtadt ſchim⸗ merte durch die geſchloſſenen Fenſterladen eines beſcheide⸗ nen Häuschens, das ein über der Thür aufgehängtes be⸗ maltes Schild als ein Wirthshaus niederer Klaſſe bezeichnete, nooch Licht; in faſt allen übrigen Gebäuden war dieſes ſchon lange erloſchen und die Bewohner ſchienen ſich ſchon zur Ruhe begeben zu haben. In der im vorerwähnten Häuschen gleich zu ebener Erde belegenen räucherigen Gaſtſtube befanden ſich noch drei Perſonen, dem unteren Bürgerſtande angehörig, Mänſchen mit gewöhnlichen, jetzt weingerötheten Geſichtern; den Einen von ihnen bezeichnete die vorgebundene weiße Schürze als den Wirth, auch räumten ſeine Gäſte ihm als 1859. VIII. Die Emigranten. 16 250 ſolchem das Uebergewicht, das er beanſpruchen zu wollen ſchien, bereitwillig ein. „Das war ein hartes Stück Blutarbeit,“ meinte der dicke Wirth laut gähnend, indem er auf ein auf dem Tiſche liegendes, weinbeflecktes und durch die oftmalige Berührung ſchon halbzerriſſenes Blatt Druckpapier deutete.„Sie hätten ſich die Erklärung der Henkerwirthſchaft füglich er⸗ ſparen können, die ſie obenan gedruckt haben, denn wir wiſſen ſchon genug darüber und bald zu viel; meint Ihr nicht, Claude Jaquet?“ Der Gefragte nickte gleichmüthig mit dem Kopfe; dann brummte er: „Nehmt Eure Zunge in Acht, Bürger Granville; wir ſprechen zwar hier unter uns alten Bekannten, aber man kann nicht vorſichtig genug ſein, wenn man ſolche Beiſpiele vor Augen hat.“ „Meint Ihr, das ich den Royaliſten das Wort reden will, Claude?“ fragte der Wirth, halb ängſtlich, halb vor⸗ wurfsvoll.„Was kümmerts uns, wie man mit ihnen umgeht?— Nur meine ich, müßte jedem Menſchen von Gefühl die Haut ſchaudern, wenn er hört, daß Seines⸗ gleichen in Menge wie das liebe Vieh abgeſchlachtet wird, — und hier ſtehen gegen ſechzig Namen. Das iſt zu viel an einem Tage.“ 3 „Und's iſt nur das Nachſpiel von Dem, was ſchon 251 geweſen, und das Vorſpiel von Dem, was noch kommen wird,“ fügte der Dritte mit finſterem Blicke hinzu;— „die von Quiberon ſind noch lange nicht abgefertigt.“ Eine Pauſe trat ein, in der der Wirth das Druckblatt an ſich zog und nachdenklich nochmals die Namen muſterte, die es nach einem kurzen Manifeſte der Behörden, das von Geſetz und gerechter Strafe ſprach, in einer langen Reihe aufführte. „Ob es denn eigentlich wahr ſein mag,“ begann Claude Jaquet nach einer Weile wieder,—„daß der General Hoche mit ihnen in Quiberon eine ordentliche Capitulation abgeſchloſſen hat, daß ſie ſich nur auf die Bedingung hin, wie Kriegsgefangene behandelt zu werden, ergeben haben?“ „Was hätten ſie wohl anderes thun ſollen, als ſich ergeben?“ meinte der Wirth barſch.„Die Engländer, auf die ſich ein guter Franzoſe niemals verlaſſen ſollte, hatten ſie mit ihren Schiffen im Stiche gelaſſen und das ganze Neſt war von allen Seiten umzingelt. Aber das ſteht feſt, ſie haben ordentlich capitulirt, und ich glaube, ſie hätten ſich bis auf den letzten Mann niederhauen laſſen, hätte Hoche ihnen nicht ſein Wort gegeben, der Convent ſolle ihnen kein Haar krümmen. AÄber er hat's nicht halten können, mochte ſein Wille auch noch ſo gut ſein, denn der Convent hat ein paar Deputirte hergeſchickt und die haben 16* 252 dem Kriegsrecht beigeſeſſen. Der Sergeant Letournel, mein Freund, den Ihr kennt, ſagte mir heute, der General ſei ſehr erboſt, daß man ihn ſo arg compromittirt habe, und wolle ſeinen Abſchied einreichen.“ „Das muß man den armen Teufeln laſſen, ſie ſind Alle wie wahre Helden geſtorben, ſelbſt der greiſe Biſchof von Dol,“ ſagte Jaquet wieder.„Es war ein erhebender Anblick für das Herz eines Franzoſen,— wie ſie Mann für Mann, der ſchöne junge Sombreuil an der Spitze, kalt und ruhig vor das Exekutions⸗Kommando hintraten, die Mützen ſchwenkten und begeiſtert riefen: Vive le roi! — Vive le comte d'Artois!— Vive la France!“ „Still, Claude!“ unterbrach ihn der Wirth,—„jetzt biſt Du drauf und dran, Dich um Deinen Hals zu reden.“ „Bürger, mir ſchmeckt der Wein nicht mehr,“ ſagte der Dritte, der ſchon lange am finſterſten vor ſich hin⸗ geblickt hatte, und ſchob die vor ihm ſtehende Kanne weit zurück. Ein ſchwaches Klopfen an der Außenthür ſchnitt die weitere Unterhaltung ab; der Wirth erhob ſich, verwundert darüber, daß man ſein Haus noch zu ſo ſpäter Stunde beſuche, und ging, zu öffnen. Gleich darauf kehrte er, an⸗ ſcheinend ſehr betroffen, mit einem jungen, bleichen Mädchen zurück, deſſen ſtarrer, verzweifelnder Blick das Mitleid ſo tief anregte, daß ſich die beiden in der Stube Befindlichen 253 unwillkührlich von ihren Sitzen erhoben und ſich beſcheiden gegen ſie verbeugten. Sie trug eine reinliche, höchſt ein⸗ fache Kleidung, die durch einen langen, mühevollen Weg verwirrt worden zu ſein ſchien. „Mademoiſelle wünſcht das heute ausgegebene Exe⸗ kutions⸗Manifeſt zu ſehen,“ meinte der Wirth, das Papier mit zuvorkommender Artigkeit dem Mädchen reichend; dann flüſterte er den beiden Andern zu: „Das arme Kind muß wohl einen Verwandten unter den Unglücklichen gehabt haben.“ Niemand wagte ein lautes Wort zu äußern, um das Mädchen nicht zu ſtören, das mit fliegenden Händen das Manifeſt ergriffen hatte und die glanzloſen Augen ſtarr darauf richtete. Plötzlich zuckte ſie heftig zuſammen, und aus ſchwer arbeitender Bruſt gingen kaum hörbar die Worte über ihre Lippen: „Bürger Eugen Salvandy.“ Keine Thräne drängte ſich in das Auge Madeleinens; eine ganze Weile noch ſtand ſie regungslos und ſtarrte auf das Papier, dann legte ſie es mit zitternder Hand wieder auf den Tiſch und flüſterte: „Ich danke Ihnen, Bürger.“ Mit ſchwankenden Schüten verließ ſie wieder das Zimmer; Niemand wagte ſie aufzuhalten und auszufragen, aber die Männer ſahen ihr mit Blicken nach, in denen ſich 254 ihre tiefe Erſchütterung über den wort⸗ und thränenloſen Schmerz ausſprach. Madeleine lenkte ihre Schritte an den letzten Häuſern der Vorſtadt vorüber dem Platze zu, auf dem am Vor⸗ mittage die blutige Scene der Execution ſtattgefunden hatte; ſie achtete nicht darauf, daß der Regen auf ſie nieder⸗ ſtrömte und daß der Wind ihr ſauſend entgegenſtürmte und ſich ihrem Beginnen widerſetzen zu wollen ſchien; ſie fühlte von dem Allen nichts mehr. Unfern jenes kleinen Gaſthauſes lag eine kurze, von Baumgruppen und Gebüſch begrenzte Wieſenſtrecke; auf ihrer einförmigen Ebene ließen ſich nur ein paar roh auf⸗ geworfene Erdhügel, die zahlreiche Opfer deckten, daneben eine noch offene Grube, die in den nächſten Tagen wieder gefüllt werden ſollte, unterſcheiden; es waren die Grab⸗ hügel der exekutirten Royaliſten, wie ſie wußte, und ſie ſchien das Mädchen zum Ziele ihrer Wanderung erwählt zu haben.— „Qui vive?“ ſchallte es aus dem Gebüſche, das einen Poſten verſteckte, den die ſonderbare Erſcheinung in dem weißen wehenden Kleide mit Grauſen erfüllen mochte. Madeleine hörte Nichts, oder ſie hatte über den einen Zweck, den ſie verfolgte, alles Uebrige vergeſſen; ſie gab keine Antwort. Der Anruf wiederholte ſich noch einmal und drohen⸗ 25⁵ der, ein drittes Mal, und dann blitzte ein Flammenſtrahl aus dem dunkeln Gebüſche hervor und das Krachen des Schuſſes wiederhallte weithin. Die weiße Geſtalt war lautlos zuſammengeſunken, und der Soldat eilte ſchnellen Schrittes auf ſie zu; grauſend erkannte er ein Mädchen, dem die Kugel mitten durch das Herz gedrungen war. 4 8 Ende. =F 5 2 6 1 2 25 * —— 5 25 64 E 5 2 — 6