— — A 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.—.. Eduard Ofttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 8 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 ME— Pf. bonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und mit Kupfern ꝛc.) muß der ne, Veſ hmärgte„ver⸗ Verkes, ſo iſt Der Geldverleiher von Mrs. Gore, Mutter und Töchter,“„der Mann des Verfaſſerin von:„Mutt Glücks,“ u. ſ. w. 4 1 Deutſch bearbeitet von Ludwig Hauff. Fünftes bis ſiebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. * Erſtes Kapitel. „Die waren alle Fremde! Du aber warſt ja unferes Hauſes Kind. Coleridge'’s„Wallenſtein.« Als Baſil bei ſeiner Zurückkunft von dem Tower von ſeinem alten Ouartiere wieder Beſitz nahm, war das erſte, was ihm ſein Hauswirth, früher Hausmeiſter bei einer edlen Familie, mittheilte, daß eine ſehr ſchmutzig ausſehende Perſon wiederholt und dringend nachgefragt habe, ob und wann er gekommen ſei.— „Ein Gentleman?“ fragte Baſil, der, da er ohne Schulden war, weniger Urſache hatte, daß ſchmutzig aus⸗ ſehende Perſonen nach ihm fragten, als dies bei Maitland oder Wilberton der Fall geweſen ſein möchte. „Ich würde ja ſagen, Sir,“ antwortete der Hauswirth, „wenn etwas beſonderes an ſeinem Rocke geweſen wäre; er ſprach wie eine Perſon von Bildung. Baſil lächelte beifällig bei dieſer Auszeichnung, die jedoch mit ſeiner Vermuthung nicht übereinſtimmte. End⸗ lich fiel es ihm ein, und er erröthete dabei, daß der geheimnißvolle Fremde wahrſcheinlich der Proteus Abed⸗ nego geweſen ſei, und dieſe Muthmaßung beſtärkte ſich durch die genauern Erkundigungen, die er jetzt anſtellte. „Und er ſagte, daß er wieder kommen wolle?“ fragte der junge Annesley. — 12 „Dieſen Abend, Sir; er ſagte, er wolle dieſen Abend beſtimmt da ſein.“ Der frohliche Ton der Stimme, mit welchem der junge Gardiſt ſich beeilte, den Auftrag zu ertheilen, daß der Fremde ſogleich bei ſeiner Ankunft in ſein Beſuch⸗ zimmer geführt werden ſolle, benahm ſeinem Hauswirthe den Verdacht, daß eine kleine Rechnung, eine Benennung, die gewöhnlich auch einer ſehr großen gegeben wird, die Urſache ſeines Erröthens geweſen ſei. „Ich werde unmittelbar nach dem Mittageſſen nach Hauſe kommen, um dieſen Gentleman zu empfangen,“ be⸗ merkte der junge Gardeofſicier,„doch wenn er zufällig zuerſt kommen ſollte, ſo werden Sie mich verbinden, Herr Smith, wenn Sie ihn zurückhalten, bis ich kommen werde.“ Nachdem Herr Smith dieſes verſprochen hatte, än⸗ derte er eiligſt ſeine Meinung dahin ab, daß der ſchmutzig⸗ vornehme Mann ein Onkel von excentriſchen Gewohnheiten ſein müſſe, und dem gemäß empfing er den Fremden, als dieſer ſich wirklich einfand, mit all' den Umſtändlichkeiten und Ceremonien, welche man einem Geſandten der Groß⸗ mächte ſchuldig iſt. Derſelbe ſaß aber erſt zehn Minuten in dem Lieblings⸗ Armſtuhle Baſil's neben ſeiner bedeckten Arbeitslampe, als der junge Mann, der von ſeinem Mittageſſen im Klubb nach Hauſe geeilt war, in das Zimmer trat. „Verelſt!“ rief er, indem er bei dem Anblicke des unerwarteten Gaſtes zurückfuhr.„Das iſt in der That⸗ eine ſehr angenehme Ueberraſchung! Ich hatte ſchon ge⸗ fürchtet, Sie hätten mich ganz aus Ihrem Gedächtniſſe verbannt.“ „Es iſt nicht ſo leicht, Sie ganz aus dem Gedächt⸗ niſſe zu verbannen, Herr Annesley,“ entgegnete der alte Künſtler ernſt,„Sie, gegen den wir Verbindlichkeiten haben.“ „Wenn das der einzige Grund iſt, daß Sie ſich 13 meiner erinnern,“ rief Baſil mit Feuer,„ſo habe ich, Gott weiß es, wenig Verlangen, einen Platz in Ihrem Gedächt⸗ niſſe einzunehmen. Wenn Sie ſich meiner nicht als eines Menſchen erinnern, dem Sie in einem fremden Lande während ſeiner Krankheit und Verlaſſenheit Verwandten⸗ ſtelle vertraten, dem Sie geſtatteten, an Ihrem Herde zu ſitzen, dem Sie faſt die Vorrechte eines Sohnes einräumten, der nie aufhörte, Sie als Vater zu betrachten, dann wollte ich lieber vergeſſen ſein!“ Baſil warf ſich während dieſes zärtlichen Ausrufes ungeſtüm in einen Stuhl, und Verelſt wandte ſich ſtatt der Erwiederung nach der Seite, wie wenn er einige Pa⸗ piere ſuche, die er neben ſich auf den Tiſch gelegt hatte. Aber als der alte Mann ſich wieder an ihn wendete, da kam es Baſil vor, als ob ſeine Augen naß, und daß ſeine Worte nicht ganz unbeachtet geblieben ſeien. Aber immer noch gab der Maler keine direkte Ant⸗ wort auf ſeinen Ausruf. 4„Ich bin gekommen, Sir,“ ſagte er endlich, indem er die Frage über ſolche Erinnerungen umging,„um mich mit einem dankvollen und freudigen Herzen der Verpflich⸗ tungen zu entlaſten, die Sie ſo edel auf mich geladen haben. Es würde leichter geweſen ſein, dies durch einen Brief oder durch eine dritte Perſon zu thun; aber ich wollte nicht, daß Sie, mein theurer Annesley, nur einen Augenblick glauben ſollten, daß ich, nun im Stande, das Geld Ihnen zurückzuzahlen, welches Sie ſo großmüthig mir vorgeſchoſſen haben, Ihre Güte vergeſſen, mit der Sie mir und den Meini⸗ gen zu Hülfe kamen. Briefe ſindzu kalt und zu trocken, um ſolche Gefühle auszuſprechen, wie ſie in meinem Buſen lodern. Nur fand ich es nicht leicht, Ihnen meine Gefühle auszuſpre⸗ chen, Ihnen zu ſagen, mit welcher Innigkeit ich und die Meini⸗ gen unſere Verpflichtung anerkennen, ohne auf die grauſa⸗ me Weiſe hinzublicken, mit welcher Sie es gewagt haben, in unſere qualvollen Familiengeheimniſſe einzudringen, die.. ℳ „So wahr ich lebe und athme, mein theurer Verelſt,“ rief Baſil heftig,„ſo habe ich nicht die geringſte Vermu⸗ thung, worauf Sie anſpielen. Ich habe weder bei Ihnen noch bei ſonſt Jemand verſucht, mich in die Geheimniſſe Anderer einzudrängen.“ Der Kuünſtler ſchüttelte ernſt ſein Haupt, und zog aus ſeinem Taſchenbuche drei Noten, jede zu hundert Pfund und legte ſie in die Hand Bafil's, der ſich inzwi⸗ ſchen an den Tiſch, gegenüber dem Maler, geſetzt hatte. „Ich bin erfreut, daß Sie mir dieſes bringen,“ rief Bafil, indem er ſie nachläſſig hinwarf;„denn es iſt ein Beweis, daß Sie jetzt glucklicher als damals ſind, wo ich das Glück hatte, mich Ihrer Geſellſchaft zu erfreuen. Aber was iſt dieſes Geld gegen Ihre Freundſchaft. Ich freute mich, Sie unter meinem Dache zu ſehen, denn ich hoffte, Sie ſeien gekommen, um mir zu ſagen, daß eine mir unbekannte Beleidigung vergeben ſei, daß Sie Ihre Ungerechtigkeit gegen mich bereut haben, daß Sie wieder bereit ſeien, Ihre Arme und Ihr Herz einem Menſchen zu öffnen, der auf der Erde kein ſehnlicheres Verlangen hat, als von jenen wieder wie in früherer Zeit umfangen zu werden. Ich ſchwoͤre Ihnen, theurer Sir, daß ich von dem erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an keinen Gedanken, kein Gefühl gehegt habe, welches nicht die Güte ſelbſt gegen Sie war.“ „In dieſem Falle,“ entgegnete der Künſtler, der ſicht⸗ bar mehr gerührt war und auf den jungen Mann mit Augen blickte, welche die Zärtlichkeit einer faſt väterlichen Liebe mit Thränen füllte,„in dieſem Falle ſagen Sie mir, warum Sie meine Gattin gekränkt haben, indem Sie ihr zeigten, daß Sie ihre Verwandtſchaft mit einem Manne entdeckt haben, der... doch, was hat dies zu ſagen!“ „Bei meiner Ehre,“ rief Annesley,„ich habe keine Entdeckungen gemacht; ich habe wiſſentlich nicht gekränkt. Was die Verwandtſchaft der Mrs. Verelſt betrifft, ſo mag ſie die Tochter eines Pairs, oder die eines Bauern ſein, das iſt mir gleichgültig. Ich hoͤrte ihren Namen - 1⁵ nie, ich fragte nie nach ihm. Für mich war es genug, daß ich wußte, ſie ſei liebenswürdig, edel, geduldig, die beſte der Mütter, das liebevollſte Weib. In welcher Weiſe das Buch, welches die Urſache meiner Beleidigung zu ſein ſcheint, ihre Gefühle verletzt haben könne, iſt mir durchaus unerklärlich. Vermöge eines ſeltſamen Verhäng⸗ niſſes ſchien derſelbe Band von gleicher Bedeutung in den Augen eines Mannes zu ſein, der ſich durch eine ſeltſame Verkettung der Umſtände hochlich für mich intereſſirt, eines Herrn Oſaley, eines Mannes, der viel mehr, aber auch viel unbefriedigender unter dem Namen A. O. be⸗ kannt iſt.“. „Sie haben es ausgeſprochen!“ rief Verelſt aus, faſt ſchaudernd. „Was habe ich geſagt?“ fragte der erſtaunte Baſil. „Sie haben den Mann genannt, deſſen rachgierige Weefölgungen das Herz meines armen Weibes gebrochen haben!“ „Verfolgungen!“ rief Annesley.„Gewiß ſind Sie da im Irrthum. Der Zufall hat mich etwas genau be⸗ kannt mit dieſem eigenthümlichen Menſchen gemacht, aber ſo weit meine Beobachtungen und meine Erfahrungen reichen, habe ich ihn bloß als Feind ſeiner eigenen Be⸗ quemlichkeit kennen gelernt; großmüthig gegen andere, gegen ſich allein karg, und ebenſo eigenſinnig und mürriſch in Rache wie in Verſöhnung.“. „Was ſollten Sie von ihm im Vergleiche mit meiner armen Rachael kennen?“ murmelte der Künſtler, der bei der Berührung dieſes für ihn ſo peinlichen Gegenſtandes immer aufgeregter wurde.„Wie ſollte der Zufall Ihnen von ſeinem Charakter mehr gezeigt haben, als ihr be⸗ kannt iſt?„ „Verzeihen Sie mir!“ entgegnete Baſil.„Umſtände, welche ich Ihnen ſpäͤter auseinanderſetzen werde, machen es mir klar, daß es Herr Oſaley iſt, der mittels eines freigebigen Aufwandes an Zeit, Geld und Sorgſamkeit 16 das Mittel war, den Betrug an das Licht zu bringen, der ſo nachtheilig für Ihre Ausſichten als Künſtler war, und kürzlich in den Zeitungen dargelegt wurde. Es war meine Abſicht, Sie, hätten Sie mich nicht dieſen Abend beſucht, bei der nächſten Gelegenheit von dieſem Ereigniſſe in Kenntyiß zu ſetzen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Verelſt,„der Marquis von.... durch deſſen freigebige Goͤnnerſchaft ich in den Stand geſetzt wurde, mich meiner Verbindlichkeiten gegen Sie zu entledigen, hat mich in Kenntniß geſetzt, daß er Herrn Oſaley für meine Adreſſe verpflichtet ſei. Aber da er damit bekannt iſt, da er ſelbſt in dieſem Lande wohnt und weiß, daß meine unglückliche Familie hieher getrieben wurde, um eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen, was anders, als die grauſamſte und rachgierigſte Hartherzigkeit konnte ihn beſtimmen, die Brodſamen ſeines Tiſches zur Stillung des Hungers ſeiner nächſten Verwandten darzubieten?“ Baſil Annesley fuhr von ſeinem Sitze auf, um zu lauſchen. „Wenn er auch darauf beharren wollte, gehäſſig gegen mich zu ſein,“ fuhr Verelſt fort,„welchen Vorwand hatte er, ſeiner armen Schweſter die Hülfe vorzuenthalten, welche die Qualen der Krankheit hätten mildern, die Sorge hätten lindern können, die das Mutterherz wegen des Schickſals ihrer Mädchen erfüllte!“ Bleich wie der Tod, kaum im Stande zu ſprechen, vermochte Baſil bloß die Worte zu ſtammeln:„Schweſter! Mrs. Verelſt die Schweſter des berüchtigten— des infa⸗ men A. O.!“ Nun ſchien Verelſt überraſcht. „Vor wenigen Augenblicken„“ entgegnete der Künſt⸗ ler,„haben Sie ſeine Sache vertheidigt. Sie verſicherten mir, daß der Zufall Sie in genaue Bekanntſchaft mit Umſtänden verſetzt habe, die Ihnen hohe Achtung vor ſei⸗ nem Charakter eingeflößt haben.“ „Ich wiederhole es.. 17 „Und doch verbinden Sie mit ſeinem Namen ſo herabwürdigende Titel, wie berüchtigt und infam;“ unter⸗ brach ihn der Künſtler. „Sagen Sie vielmehr, mit ſeinem Berufe!“ verſetzte Baſil Annesley. „In dem commerciellen England haben Sie gewiß wenig Recht, dieſen zu verachten!“ bemerkte Verelſt mit einiger Verlegenheit. „Das commercielle England hat ſeine ehrlichen und geſetzmäßigen Wege für die Verfügungen über das Capi⸗ tal,“ entgegnete Baſil etwas bitter. „Ich habe immer gedacht, daß Papierſpeculanten, ſo lange ſie glücklich ſind, einen bedeutenden Platz in der Geldwelt einnehmen;“ verſetzte Verelſt.„Wie würden die Finanzen des Königreichs ohne ſie ſtehen? Der Vater und der Großvater meiner Gattin waren die reichſten Kaufleute in Cadix; Oſaley, durch die Vortheile einer⸗ engliſchen Erziehung aufgeregt, nährte einen höhern Ehr⸗ geiz. Bei dem Tode ſeines Vaters raffte er ſein ungeheu⸗ res Capital zuſammen, verzichtete auf die Zufälle des Handels und ſchlug eine Laufbahn ein, die ohne die Un⸗ fälle ſeiner perſoͤnlichen Täuſchung für ſein Glück genügt haben moͤchte. Von dieſer Periode ſeines Lebens will ich nicht ſprechen; aber als er im Stande war, ſpäter ſeine Stellung im Leben wieder einzunehmen, war es ſicher unrecht, ſeinen tadelloſen Namen mit den Titeln: berüch⸗ tigt und infam zu belegen, wenn er einer der bekannteſten und geachtetſten unter jenen, die den Papterhandel der verſchiedenen Hauptſtädte Europas erſchüttern, wurde.“ „Einige der erſten Financiers und der geachtetſten Männer dieſes Landes waren Stockmäkler,“ rief Baſil; haber ein Geldverleiher, einer, der ſich als Geldverleiher ankündigt!“ „Wie meinen Sie?“ rief Verelſt, der nun ſeiner Seits erblaßte. „Das Geld, das nun ſo unwillkommen vor mir liegt,“ Der Geldverleiher. II. 2 bemerkte Bafil,„ſetzt mich in den Stand, Sie ohne wei⸗ tern Scrupel zu benachrichtigen, daß ich einigen perſön⸗ lichen Unannehmlichkeiten bei Bezahlung der zu Ihren Gunſten acceptirten Wechſel ausgeſetzt geweſen ware, wenn ich nicht die Summe durch Hülfe eines gemeinen Wuche⸗ rers, den ich für einen Juden hielt und bloß nach ſeinem üblen Rufe in der Welt, unter dem ſchimpflichen Namen des A. O. kannte, erhalten hätte.“ „Und dieſen Unannehmlichkeiten, dieſem Wagniſſe ſetz⸗ ten Sie ſich ſo großmüthig aus!“ rief der Künſtler, ſeine Hand ergreifend und alles Intereſſe an der ſeine Familie unmittelbar betreffenden Enthüllung bei der Entdeckung bei Seite ſetzend, welcher Art ſeine Verpflichtung gegen Baſil ſei.„Thor, der ich war! Wie wenig, wie ſo gar wenig erkannte ich die Wahrheit. Ich dachte mir, daß Sie mich vermöge des Ueberfluſſes eines bedeutenden Vermögens unterſtützen, und ich war dankbar. Aber, daß Sie wegen uns die Schande eines Bruderliederlichs, die Sorgen eines Verſchwenders auf ſich genommen; daß Sie gezwungen waren, in Berührung mit dem Nichtswürdigen, mit dem Erniedrigten zu treten.... ach, Baſil, o, Herr Annes⸗ ley, das ergreift mich unausſprechlich!“ Und da er in dem Geſichte ſeines Freundes den Aus⸗ druck der Rührung, die der ſeinigen gleich kam, erkannte, warf ſich Verelſt, der ſeinen Gefühlen keinen Zwang mehr anthun konnte, auf Annesley's Schuller und weinte wie ein Kind. „Und wir glaubten, Sie falſch zu finden!“ ſtammelte der Künſtler, indem er ſein Haupt nach einigen Momen⸗ ten verzehrender Aufregung erhob.„Wir durften es wagen, Sie zu verdammen, Sie hochmüthig zu nennen, wir konn⸗ ten Sie im Verdachte haben, uns beleidigen und kränken zu wollen!“ „Nein, Sie konnten gewiß nicht ſo ungerecht ſein!“ rief Baſil, indem er ſich aus der Umarmung losmachte. „Ihre Frau. Ihre Töchter...“ 19 „Meine Frau konnte Ihrer Handlungsweiſe, das Buch ihr ſo ploͤtzlich unter die Augen zu legen, welches früher das Eigenthum ihres Vaters und ihres Bruders war, und die Namen beider enthielt, keine andere Deutung geben. Von dem Erſteren war ſie wegen ihrer unvorſichtigen Ver⸗ bindung verſtoßen, von dem Letzteren war ſie mit noch viel ſchmerzlicherer, beharrlicher Rache verfolgt worden.“ „Ich habe bloß zu wiederholen, daß ich nicht die mindeſte Vermuthung über die Beſchaffenheit der Inſchrift, oder über die Bedeutung der Anfangsbuchſtaben hatte,“ erwiederte Annesley.„Ich entlehnte das Buch aus der Bibliothek meiner Mutter aus keinem andern Grunde, als um Ihnen Unterhaltung zu verſchaffen. Wie es dorthin kam, muß Geheimniß ſein, und, wie ich fürchte, würden fernere Fragen kränken. Nicht im Mindeſten ahnte ich Ihre Verwandtſchaft mit einem Manne, der in den Augen der Welt ſo tief ſteht, wie das Individuum, deſſen An⸗ fangsbuchſtaben darin ſtehen.“ „Und nun,“ ſagte Verelſt,„verſichern Sie mir, daß Sie von der Verwendung des Oſaley für meine künſt⸗ leriſche Laufbahn Gewißheit haben?“ „So lange ich Sie gegenſeitig fremd für einander hielt, dachte ich, daß er ſich für Sie intereſſire, wie er es für jeden andern Mann von Genie thun würde, der mit den Widerwärtigkeiten des Geſchicks zu kämpfen hat. Aber ſo vortheilhaft ich über Abednego im Vergleiche mit denen denke, die ihn bloß für einen Inden, für einen Elenden, für einen Erpreſſer halten, ſo liegen doch empörende Ge⸗ heimniſſe, ſowohl in ſeiner Charakter, als in den Umſtän⸗ den, und ich bin nicht im Stande, ſie zu loͤſen. Je mehr ich überlege, was ich von ihm kenne, deſto verwirrter werde ich über das, was ich nicht verſtehe. In einem Augenblicke glaube ich, er ſei das größte menſchliche We⸗ ſen; in einem andern Augenblicke halte ich ihn für das ſchlechteſte. Alle Extreme ſcheinen in ihm vereinigt; Reich⸗ thum und Sparſamkeit, Großmuth und Gemeinheit; Auf⸗ 20 klärung und Unwiiſſenheit; Kberalität und Vorurtheil; Zärtlichkeit und Brutalität! Wie kann ich dieſes Alles vereinigen?“ „Hat denn während des vertrauten Umgangs, den Sie mit ihm gehabt zu haben ſcheinen,“ fragte der Künſt⸗ ler,„hat denn Oſaley das Intereſſe nicht bemerkt, welches Sie an dem Fortgange meiner Beſchäftigung nehmen, hat er nichts von den Banden des Bluts merken laſſen, welche ihn mit meinem Weibe verknüpfen?“ „Nie, auch nicht im geringſten Grade!“ rief Baſil Annesley.„Doch, ietzt fällt es mir bei; ich erinnere mich, daß ich ihn von Ihrer Lage als armer Künſtler ſprechen hörte; ein Beweis, daß die unglückliche Lage ſeiner Schwe⸗ ſter ihm vollſtändig bekannt ſein mußte.“ „Erſt ſeit einigen Wochen,“ bemerkte Verelſt;„wir kannten ſeine ſociale Stellung in dieſem Lande nicht, und da ſie ſeine Abneigung kannte und ſich fürchtete, ihn zu weitern Verfolgungen zu veranlaſſen, hatte meine Gattin nicht den Muth, ſich an ihn mit Vorſtellungen hinſichtlich unſerer hülfloſen Lage zu wenden. Es war derſelbe Ge⸗ mäldehändler, deſſen Schurkerei die Beranlaſſung meiner Bekanntſchaft mit dem Marquis von.... wurde, von dem ich bereits Aufträge erhalten habe, die meine Staffelei für mehrere Jahre vollkommen in Anſpruch nehmen und mir eine Bezahlung zuſichern, die meine enthuſiaſtiſchen Erwar⸗ tungen uͤberſteigt, es war alſo derſelbe Gemäldehändler, der mir Veranlaſſung zu der Annahme gab, daß eines meiner Gemälde, eine Zeichnung nach Victor Hugo's „Notre Dame,“ in die Hände des reichen Bruders meiner Frau gefallen ſei. Eben damals kannte ich ſeinen Aufent⸗ halt nicht, und wußte auch nichts von ſeinem Reichthume und deſſen Folgen. Ja, ich glaubte ihn von ſeinem hohen Standpunkte herabgeſtürzt, bis ich geſtern bei meinem edlen Patrone von ſeinem Glücke hörte. Seine Herrlich⸗ ett ſtellte ſich, als ſie dieſen Morgen bei der Frühſtück⸗ tafel gegen mich den erleuchteten Patron der Künſte, dem . 21 3 er für die Bekanntſchaft mit meinen Werken verpflich⸗ tet, rühmte, nicht vor, daß ſie von einem Bruder zu mir ſpreche!“ 4 „Immer unerklärlichere Widerſprüche!“ rief Baſil aus, niedergedrückt durch die Entdeckung einer Verbindung, die, wie er wußte, bei ſeiner Mutter ſeiner Liebe viel nach⸗ theiliger ſein würde, als der Umſtand, daß ſeine geliebte Eſther eine Lehrerin, die Tochter eines Künſtlers ſei. Hatte ja doch ſchon die entfernte Anſpielung auf jüdiſche Eigen⸗ thümlichkeiten Lady Annesley zu wahnſinniger Erbitterung getrieben! „Das Gemälde der Esmeralda,“ fuhr der Künſtler fort,„liefert einen fernern Beweis von der Widerwärtig⸗ keit und Excentricität des Charakters des armen Oſaley; ja, ohne meine Ueberzeugung von der Schwäche ſeines Geiſtes würde ich ganz außer Stand ſein, ſolcher Wider⸗ ſprüche ihn für faͤhig zu halten. Während er ſeine Schwe⸗ ſter und deren Familie verläßt oder beſchimpft, war er, wie es ſcheint, verleitet, Hunderte von Pfunden für ein Stück voſt unbedeutendem Werthe bloß darum zu geben, weil die Hauptfigur Aehnlichkeit mit ſeiner einſt geliebten Rachael hat.“ „Meih mehr mit ihrer Tochter!“ fügte Baſil in leiſem Tone bei. „Sie kannten mein theures Weib in den Tagen der Jugend und der Schoͤnheit nicht,“ entgegnete der Künſtler. „Die geduldige Kranke, die lächelnde Dulderin, das demü⸗ thige Weib des Künſtlers iſt nuk noch ein Schatten der hohen, liebenswürdigen, triumphirenden Senora Oſaley, die aus dem Wagen ihres Vaters nicht ſteigen, die Trep⸗ pen der Kirche oder des Theaters nicht hinaufgehen konnte, ohne daß die Pflaſtertreter von Cadir ihre Augen auf die mehr als orientaliſche Schönheit richteten, die, mit aller Bildung, mit aller Vollendung Europas ausgeſtattet, jetzt in dem zauberiſchen Schimmer des ſonnigen Südens ſtrahlte.“ 22 „Ich habe dieſes Alles in Ihren Töchtern geſehen,“ bemerkte Baſil. „Eſther und Salome ſind liebenswürdige Mädchen, die gehorſamſten Töchter,“ bemerkte Verelſt mit tiefem Gefuͤhle,„aber weder die eine, noch die andere verdient einen Vergleich mit ihrer Mutter zu jener Periode, als ſie das prachtvolle Haus ihres Vaters verließ, um die Braut eines deutſchen Künſtlers zu werden, der ihrer Schoͤnheit alle Gedanken einer glühenden Seele weihte, ihr aber nichts zu bieten hatte.... Der Marquis ſetzte mich davon in Kenntniß,“ fügte Verelſt nach einer langen Pauſe bei, während welcher er den Aufruhr ſeiner Gefühle zu bekämpfen ſchien,„daß, ſo groß der Preis war, den Oſa⸗ ley für meine Esmeralda bezahlte, er ihm das Doppelte, jedoch vergeblich, hiefür geboten habe. Ich kann nicht anders denken, als daß Abednego, trotz ſeiner ſcheinbaren Gleichgültigkeit gegen ſeine Schweſter, nicht haben will, daß ihr Portrait in die Hände eines Fremden übergehe.“ „Dies kann ſchwerlich der Fall geweſen ſein,“ erwie⸗ derte Baſil, im Gegentheile muß es der innere Werth des Gemäldes, den er in der Ausführung deſſelben erkannte, geweſen ſein, der ihn ſo beharrlich machte; denn aus ſeiner eigenen Hand und als ein freiwilliges Geſchenk erhielt ich dieſe Copie. Während er dieſes ſagte, zog Baſil aus ſeinem Bu⸗ ſen, wo ſie Tag und Nacht ruhte, ſeine Email⸗Copie Esmeralda's hervor. „Was ſoll das heißen?“ rief der erſtaunte Verelſt, indem er bei dem erſten Anblicke des Miniaturgemäldes dieſes als nichts anderes, als ein Porträt ſeiner Frau betrachtete.„Sagen Sie, was ſoll das heißen? Dieſes Bild meiner armen Rachael in Ihren Händen!“ Die Erklärungen, welche die Aufregung Verelſt's nothwendig machte, erweckte in Baſil Annesley das Be⸗ wußtſein ſeiner Unklugheit. Es war unmöglich, ſeine 23 Vorliebe für dieſes liebenswürdige Geſicht zu beſchönigen, ohne Ausflüchte gegen den Maler zu machen. „Und Sie haben es alſo hier aufbewahrt, hier, nächſt Ihrem Herzen; Sie haben es aufbewahrt, wie wir das Geſchenk der Liebe, das Pfand der Treue nur bewahren!“ rief Verelſt; und wir beſchuldigten Sie inzwiſchen, daß Sie uns zu kränken ſuchen; wir beſchuldigten Sie der Kälte, der. „Erſparen Sie mir dieſe quälende Wahrheit!“ rief Baſil heftig. „Ihnen dient es,“ fuhr Verelſt fort, nachdem er eilig die ſchöne Ausführung dieſer Miniatur geprüft und bemerkt hatte, wie ſie ſo ſehr die Züge der ihm Theuer⸗ ſten wiedergab, indem ſie die glänzendſten Schöpfungen der Magie des Romans realiſirte,„Ihnen dient es ohne Zweifel dazu, Junge und Alte der dankbaren Familie des Künſtlers, dem Sie ſo großmüthig Verpflichtungen auf⸗ erlegt, wieder an ſich zu ziehen.“ 1 Baſil kämpfte einen Augenblick mit ſeinen Gefühlen. Er fürchtete indeſſen, den Stolz und die Empfindlichkeit Verelſt's aufzuregen und er wollte ſich einer ſolchen Miß⸗ deutung ſeiner Geſinnungen nicht unterwerfen. Er be⸗ gnügte ſich daher, mit leiſer Stimme zu ſagen:„Es dient wenigſtens dazu, in mein Gedächtniß das Antiitz zurückzurufen, welches nach meiner Ueberzeugung das Schönſte, Heiligſte und Theuekſte der menſchlichen Natur in ſich vereinigt.“ Der einfache Künſtler lauſchte mit Entzücken, aber ganz ohne Erkenntniß. Es ſchien ihm ganz natürlich, daß ſein alter Zögling, ſein großmüthiger Freund Eſther und Salome liebe, ſie theuer und heilig nenne, ſie, die er als Kinder kennen gelernt und bei der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten lieb gewonnen hatte. Aber daß er eine derſelben beſonders und vorzüglich liebe, eine mehr dls die andere, das fiel dem armen Verelſt nimmermehr ei. 24 „Sie haben alſo von dem Marquis einen Auftrag erhalten?“ fragte Annesley, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. „Einen Auftrag, der mich entzückt!“ rief der Maler enthuſiaſtiſch,„denn er ſetzt mich in den Stand, meine höchſten Wünſche zu verwirklichen. Ich habe ſeine neue Gallerie in ſeinem Schloſſe im Norden mit Fresken zu ſchmücken; eine Reihe Zeichnungen aus der engliſchen Geſchichte. Darum muß ich ſowohl leſen als malen.“ „Aber bei einer ſolchen Verpflichtung werden Sie gezwungen ſein, Ihre ganze Familie aus der Stadt zu entfernen,“ rief Baſil in einem beſtürzten Tone, indem er ſeine ganz neu gebauten Luftſchlöſſer in einem Momente zuſammenſtürzen ſah.„Unter ſolchen Umſtänden wird Ihnen Geld nothwendig ſein, ehe Sie die Ihnen gebüh⸗ rende Bezahlung erhalten, und ich bitte Sie daher drin⸗ gend, als ein Freund, dem Sie Verpflichtungen auferlegt haben, und der folglich einen Anſpruch darauf hat, Ihnen zuerſt Gegendienſte zu leiſten, die Noten zurückzunehmen, die Sie mir aufgedrungen haben. In Zukunft, wenn Sie reich geworden ſein werden, wie es Ihnen nicht fehlen kann, ſollen Sie mir dieſes Geld zurückbezahlen. Ich verſichere Ihnen, daß es ein Werk der Liebe ſein wird, es aufzubewahren; denn es wird faſt ein Jahr ver⸗ gehen, bis ich es dem A. O., von dem ich es ohne Zin⸗ ſen entlehnte, zurückzubezahlen habe, und in der Zwiſchen⸗ zeit würde es müßig in meiner Hand liegen, mich viel⸗ leicht in tauſend Gefahren bringen. Es könnte mich ver⸗ leiten, ein Verſchwender, ein Spieler, ein Geck, der Himmel weiß was zu werden! Geld iſt, wie Sie wiſſen, mein theurer Verelſt, das Verderben des menſchlichen Herzens.“ „Dies iſt ein Sprüchwort, von deſſen Wahrheit mich meine eigene Erfahrung nur wenig überzeugt hati“ ſagte der arme Künſtler mit einem bittern Lächeln.„Ihre Ar⸗ gumente, mein theurer Annesley, ſind eben ſo freundlich, 25 als ſcheinbar. Allein mein edler Patron hat Ihre Hülfe überfluſſig gemacht. Da er die Schwierigkeiten erkannte, welchen ein armer Maler hiſtoriſcher Stücke in Tagen, wie die gegenwärtigen ſind, ausgeſetzt iſt, hat er mich großmüthig mit hundert Pfund beſchenkt. Ich bin reich, mein theurer, junger Freund, reich, ja, reich, ich hätte faſt geſagt, reich wie ein Jude, aber dieſes Wort iſt in meiner Familie äußerſt unangenehm. Glauben Sie mir, ich bin im Stande, Alle in Bequemlichkeit und leicht mit mir nach dem Norden zu nehmen.“ „Aber gewiß,“ rief Baſil, von Schrecken erfaßt durch ſolche Ausſichten,„aber gewiß wird eine ſo weite Reiſe, mit ſo unbeſtimmten Ausſichten auf deren Beendigung, für die arme Mrs. Verelſt nachtheilig ſein, deren ſchwan⸗ kender Geſundheitszuſtand die äußerſte Sorge und Berück⸗ ſichtigung in Anſpruch nimmt.“ „Rachael würde zwanzigmal mehr leiden, wenn ſie ſich von ihrem Manne zu trennen hätte. Was unſere Bequemlichkeit betrifft, ſo hat der Marquis eine Reihe von Zimmern uns zu unſerem Gebrauche in dem Schloſſe eingeräumt. Hier entſprang eine neue Quelle der Sorge für Ba⸗ ſilk. Eſther, ſeine Eſther der zudringlichen Bewunderung ausgeſetzt, die ihre Schönheit nothwendiger Weiſe in einem ſolchen Hauſe hervorrufen mußte. „Nichtsdeſtoweniger,“ bemerkte er, indem er eine andere Linie von Argumenten verſuchte,„wird eine ſol che Unterbrechung der Berpflichtung der Fräulein Verelſt ſt. „Verpflichtungen!“ rief der ſtolze Bater,„Sie wer⸗ den doch gewiß nicht glauben, daß ich, nun 5 ich im Stande bin, ihnen Brod zu geben, ihnen erlauben werde, ihre koſtbaren Talente zu verſchleudern, indem ſie einfäl⸗ tigen Kindern oder ſchwachen Fräuleins Unterricht erthei⸗ len. Nein, nein, nein! Keine Verpflichtungen mehr für meine Mädchen. Es iſt eine Hauptquelle meiner Freude und meines Triumphes, daß von nun an dieſe theuren 26 Kinder leben mogen für die Freuden des Lebens, für die Verſchoͤnerung des Lebens, zum Entzücken Anderer ſo⸗ wohl, als ihrer erfreuten und beglückten Eltern. Nein, nein, keine Verpflichtungen mehr für Salome und Eſther Verelſt!“ Baſil wurde durch das außerordentliche Vergeſſen ſeiner ſelbſt, welches ſich aus allen Berechnungen des alten Mannes kundgab, unausſprechlich gerührt. „Aber gewiß wird,“ ſagte er, indem er ungerne alle Hoffnung auf ihre künftige Geſellſchaft aufgab,„aber gewiß wird eine ſo außerordentliche Abgeſchiedenheit, wie ſie die jungen Damen in dem Schloſſe erwartet...“ „Nicht beide werden uns Geſellſchaft leiſten,“ ent⸗ gegnete Verelſt ruhig und wenig bedenkend, welche Pein er hiedurch auferlege,„Salome wird mit ihrer Mutter gehen, für jetzt aber wird Eſther auf Beſuch bei Madame Branzini bleiben. Dieſes Alles wurde heute morgens feſt⸗ geſetzt. Der Herzog von San Catalda wollte nichts da⸗ von hören, daß ſie gerade jetzt London verlaſſen; nach ei⸗ nigem Widerſtreben bewilligte ich ihre vereinigten Bitten.“ Baſil hatte die Kraft oder den Muth nicht, die Frage zu ſtellen, die auf ſeinen Lippen ſchwebte:„Sie ſind alſo verſprochen, beſtimmt verſprochen?“ Er vermochte bloß nach einem Stuhle zu wanken und ſeine Hand auf ſein Herz mit dem Bewußtſein zu drücken, daß ſeine heißen Gefühle, ſeine Hoffnungen, ſeine Liebe für immer vernichtet ſeien. Durch die plötzliche Veränderung ſeiner Züge aufge⸗ ſchreckt, beſtürmte ihn Verelſt mit Fragen über die Be⸗ ſchaffenheit ſeines Zuſtandes, und in demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und unangemeldet erſchien auf der Schwelle die auffallende Figur des A. O. 27 Zweites Kapitel. O, dieſe garſt'ge Plage Verſetzt dem Herzen ſchmerzhaft faule Wunden. Vane. Nun war es an Verelſt, die Züge zu verändern, und eine Reihe heftiger Aufregungen wurde plötzlich auf der Phyſiognomie des Malers ſichtbar, der unfähig war, ſich zu verſtellen. Urberraſchung, Aerger, Triumph, Ver⸗ legenheit erhielten abwechſelnd die Oberhand. Thränen traten in ſeine großen, grauen Augen, eine Entſchloſſen⸗ heit lag in den Linien, die den Mund umzogen, der aus⸗ drucksvoller ſich geſtaltete. Sein Schwager zeigte dagegen nicht die geringſte Aufregung des Gefühls. Herr uüber ſich ſelbſt, abgehär⸗ tet in der Gewohnheit ſich zu verſtellen, blieb Abednegv's Geſicht von den Gefühlen unberührt, die immer ſein Herz ſchwellen mochten. Obgleich er in Kenntniß geſetzt wor⸗ den war, daß Baſil mit Verelſt Geſchäfte habe, hatte er doch auf dem Beſuche beſtanden, und bald wurde es klar, daß dieſer durch die Erwartung herbeigeführt wor⸗ den war, ſeinen Schwager bei ſeinem jungen Freunde zu finden. Als ſich Verelſt von dem Schrecken erholt hatte, den dieſes ploͤtzliche Eintreten erzeugte, ergriff er, während Oſaley ſeine Hand dem jungen Annesley reichte, der, niedergedrückt und verzweifelnd, kaum für dieſe Art der Begrüßung empfänglich war, ſeinen Hut und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen; der unwillkommene Gaſt vertrat ihm aber den Weg, ehe er die Thüre erreichen konnte. „Hoͤren Sie mich, ehe Sie gehen!“ ſagte Oſaley mit feſter Stimme.„Ich fam ausdrücklich zu dem Zwecke 28 8 hieher, Sie zu ſprechen. Die Gegenwart unſeres beider⸗ ſeitigen Freundes war geeigneter für unſere Zuſammen⸗ kunft, als die Anweſenheit eines kalten Fremden, gleich dem Marquis. Es war nicht Abneigung, was mich die⸗ ſen Morgen von dem Hauſe deſſelben ferne hielt.“ 4 Jetzt war an Verelſt die Reihe, Faſſung zu zeigen. „Hätte ich Ihre Abſicht gekannt,“ ſagte Verelſt kalt, „ſo würde ich gewiß meinen Beſuch bei Herrn Annesley auf einen andern Augenblick verſchoben haben.“ „Sie konnten nicht!“ entgegnete Oſaley kaltblütig. „Es wäre für Sie unmoͤglich geweſen, dieſe Nacht zu ſchlafen und eine Summe in Haͤnden zu haben, von der Sie wußten, daß ſie das Eigenthum des Jungen dort ſei. Ich kenne Euch beide! Derſelbe hitzköpfige Enthuſias⸗ mus hat ihn getrieben, ſeinen Namen zu verpfänden, den Frieden ſeiner Seele, ſein geringes Einkommen, einem Geldverleiher zu verpfänden, um die Mittel zu erlangen, Sie zu verpflichten, der es Ihnen unmöglich macht, Ihre Augen zu ſchließen, ſo lange Sie unnsthiger Weiſe ſein Schuldner blieben.“— „Ich finde, daß ich Ihnen für die Mittel zur Zu⸗ rückzahlung zu danken habe,“ bemerkte Verelſt, etwas beſänftigt.„Empfangen Sie meinen Dank für dieſe Gunſt. Aber ich darf, ich kann aus meinem Gedächtniſſe nicht die lange Vernachläſſigung und die Unfreundlichkeit gegen das verdienſtvollſte der Weiber verwiſchen. Leben Sie wohl! Wir hegen keinen Groll gegen Sie; aber Liebe und Freundſchaft kann nimmermehr zwiſchen Dir und mir beſtehen!ℳ „Dir und mir!“entgegnete Abednego, der durch dieſe bitteren Vorwürfe weder beſtürzt noch verlegen wurde. „Widerſtehen Sie, ſo weit Sie mögen, den Geboten der Natur; der Ocean kann eben ſo wenig einen anſtößigen Tropfen aus ſeinen Wogen ausſtoßen, als Ihr Weib und Ihre Kinder das Blut aus ihren Adern vertreiben können, das mit dem meinigen verwandt iſt.“ * 5 „Wir waren auch nicht die erſten,“ fiel Verelſt ein, „die von der Natur ſo verknüpft, das Blut der Ver⸗ wandtſchaft in Troyfen der Galle verwandelten. Ich wiederhole daher, empfangen Sie meinen Dank und mein Lebewohl. Zwiſchen ſo nahe verwandten Perſonen muß Friede oder Krieg herrſchen. Andern gegenüber mag ein Mittelweg von lauem Wohlwollen beſtehen, zwiſchen uns aber muß entweder Liebe oder Haß walten.“ „Es bedarf keines Mittelwegs,“ ſprach Oſaley, der immer noch dem Weggehen Verelſt's im Wege ſtand und zwar mit einer ſolchen Beharrlichkeit, daß Baſil Annes⸗ ley, der bei dieſer Erörterung auf's Tieſſte intereſſirt war, durch die ſtarre Standhaftigkeit Verelſt's faſt zur Ver⸗ zweiflung getrieben wurde.„Liebe muß zwiſchen uns herrſchen; es muß Friede ſein! Es iſt nicht zu ſpät zum Frieden! Ihr Freund hier wird Ihnen ſagen,“ fuhr Oſa⸗ ley fort, indem er auf Baſil blickte,„daß ich unlängſt mit dem Tode, Angeſicht gegen Angeſicht gerungen habe. In ſolchen Momenten ſpricht die Wahrheit, der wir bei Geſundheit und in Mitte der Reibungen und Kämpfe des Lebens unſere Augen und Ohren verſchließen, mit Po⸗ ſaunentönen zu der Seele und enthüllt ihre ſchrecklichen Beſchlüſſe in Charakteren, die ſo lesbar ſind, wie die dem Belſaſſer zur Warnung geſchickten. Berelſt, ich habe gegen Sie geſündigt; ich habe Rachegefühlen und dem Haſſe wegen einer einfachen Kränkung Raum gege⸗ ben, um in meinem Buſen das geheiligte Band zu ver⸗ nichten, welches der Allmächtige zum Troſte und zur Hei⸗ ligung des menſchlichen Lebens geſchaffen hat. Ich habe Ihre geſchäftige Einmiſchung in meine Angelegenheiten geduldet, um mein Herz gegen die Leiden einer einſt ge⸗ liebten Schweſter und der Kinder, die ſie Ihnen geboren hat, zu verhärten. Hierin habe ich Sie ſchwer beleidigt und ich ſuche daher in aller Demuth eines Chriſten mei⸗ nen Fehler zu bekennen und Sie um Verzeihung zu bitten.“ 30 Durch dieſe ſo ganz eigene Selbſterniedrigung ganz außer Faſſung gebracht, wurde Verelſt ſo weit beſänftigt, daß er zögerte.. Aber eine momentane Betrachtung zeigte ihm auf's Neue die Jahre des Duldens und des Entbehrens ſeines trefflichen Weibes und ſeiner lieben Kinder, und aber⸗ mals verhärtete ſich ſein Herz und er ſchob, ohne zu ant⸗ worten, die ihm dargereichte Hand des Oſaley zurück. „Sie haben meine volle Verzeihung,“ ſagte er end⸗ lich.„Freundſchaft iſt kein Ding, das ſo freiwillig im Leben in die Höhe ſchießt, wenn ſie von einem bekehrten Feinde gefordert wird. Das Unrecht meiner Familie ver⸗ bietet mir, mehr zu ſagen; das Gefühl, welches ſie Ihrer ſpäten Reue ſchuldig iſt, kann von keiner Bedeutung ſein.“ Noch einmal machte der aufgeregte Künſtler eine Bewegung, um ſich zu entfernen; aber jetzt trat ihm Bafil in den Weg. „Mein theurer Verelſt!“ rief er,„Sie ſind es jetzt, der ein rachſüchtiges Gemüth zeigt. Wie vermögen Sie, eine ſo wohlthätige, ſo herzliche Natur, wie die Ihrige iſt, zu martern, um ein Gefühl der Gehäſſigkeit anzu⸗ nehmen, welches, wenn es in der That beſtehen ſollte, durch die feine und innige Weiſe, mit welcher Ihnen der Oelzweig dargeboten wird, entwaffnet werden ſollte!“ „Wenn Sie nur wüßten, mein theurer, junger Freund,“ rief der Maler,„welch' eine Reihe... „Ich kenne den Gegenſtand Ihrer Beſchwerden nicht, und will ihn nicht kennen lernen,“ unterbrach ihn Baſil eiligſt,„aber das weiß ich, daß die Hälfte der Beſchwer⸗ den, die Hälfte des Grolls dieſer Welt aus Mißverſtänd⸗ niſſen entſteht, die einige verſtändige Worte aufzuklären vermögen.“ 3 „In dem vorliegenden Falle iſt Alles vollkommen verſtanden,“ entgegnete der Künſtler kalt;„auch ſind wir keine Kinder, um den Impulſen momentaner Leidenſchaft „ 31 zu gehorchen. Beide haben wir über unſer Unrecht ge⸗ brütet, bis gegenſeitiger Haß erzengt wurde.“ „Wenn er erzeugt wurde, ſo wurde er auf der einen Seite bitter erwiedert; auf der andern bitter bereut,“ ent⸗ gegnete Oſaley, Thränen in den Augen. „Mein theurer Verelſt!“ rief Baſil Annesley, tief erſchüttert durch das Wahrnehmen einer ſo innigen Rüh⸗ rung eines in den Jahren ſo weit vorgerückten Mannes, „vor einer halben Stunde haben Sie ſich gefreut, Gefühle des Dankes und der Achtung gegen mich auszuſprechen. Wenn ich Ihnen je einen Dienſt geleiſtet habe, wenn Sie wünſchen, Ihren Sinn für Verbindlichkeiten zu bewähren, ſo bitte ich Sie nur, das eine zu thun, jede Erinnerung zu vertilgen, die Hand zu ergreifen, die ich zitternd vor Vegiirde⸗ die Ihrige zu ergreifen, Ihnen entgegengehalten eehe.“ Auf dieſe Aufforderung richtete Verelſt zum erſten⸗ mal ſeine Augen ganz auf ſeinen Schwager; aber weder die Spuren der Zeit und der Sorge, die auf ſeinem ver⸗ welkten Geſichte, an ſeinem gebeugten Körper ſichtbar waren, noch der Ausdruck der Rührung, welche Abednego nicht verbergen konnte, waren im Stande, die Hartnäckig⸗ keit des erzuürnten Gatten zu beſänftigen. Als er jedoch Oſaley's Hand einen Augenblick ſpäter durch Baſil in die ſeinige gelegt ſah, beſtand er nicht mehr auf Zurückwei⸗ ſung derſelben. In einem Augenblicke folgten beide den Einflüſterungen der Natur, welchen ſie ſo lange wider⸗ ſtanden hatten, und die„eiſernen Thränen auf Pluto's Wange“ glichen denen, die jetzt reichlich unter den bor⸗ ſtigen Augenbrauen des A. O. herabfielen. Baſil wollte ſich in das anſtoßende Zimmer zurück⸗ ziehen, um die beiden Schwäger einer ungeſtörteren gegen⸗ ſeitigen Ergießung zu überlaſſen; Oſaley kam ihm je⸗ doch zuvor.„Nein,“ ſagte er,„Sie ſind wie von unſerm Fleiſche; bleiben Sie und hören Sie Alles! Ich habe keine Geheimniſſe, ich wünſche keine vor Ihnen zu haben.“ 32 Bei aller Aufregung ſeiner Gefühle konnte ſich Baſil kaum eines Lächelns enthalten, als er A. O. ſagen hörte, er habe kein Geheimniß vor ihm, er, deſſen ganzes Leben ein Geheimniß war, deſſen rechte Hand nicht wußte, was die linke that, er, der in ſeiner Perſon ein halbes Dutzend verſchiedene Leben vereinigte. 3 „Ich wollte fröhlich ſein, hätte ich ſchon mehrere Monate früher Schritte zu dieſer Verſöhnung gethan, hätte ich ſie von dem Augenblicke meiner Bekanntſchaft mit dieſem unvorſichtigen Jungen, unſerm Freunde Annesley, an gethan;“ begann Oſaley wieder, nachdem er lange vertraulich an Verelſt's Seite auf dem Sopha geſeſſen war, und ſeine Herrſchaft über ſich ſelbſt lange zuvor er⸗ rungen hatte, ehe der einfache Künſtler aufgehoͤrt, wie ein Kind zu ſchluchzen;„aber wenn ich dem Manne nicht als Wohlthäter nahte, ſo geſchah es, weil ich ihn wie einen Bruder zu verſöhnen wünſchte. Ich wünſchte Sie unab⸗ hängig in Ihren Verhaͤltniſſen, reich durch Ihre eigenen Talente und Geiſtesgaben, ehe ich mich Ihnen mit Ver⸗ ſicherungen des Wohlwollens nahte, von welchen es im entgegengeſetzten Falle hätte ſcheinen konnen, daß die Noth Ihrer Familie Sie zu deren Annahme getrieben haben. Wir ſtehen nun auf gleichem Boden, und Sie haben mir Ihre Verzeihung wie ein Chriſt und ein Verwandter ge⸗ währt, ohne ſich Ihre Selbſtachtung zu vergeben. Alles, wie es ſein ſollte! Ich habe alle moͤgliche Vorſorge ge⸗ troffen, um Ihrem Stolze nicht zu nahe zu treten und meine Anſprüche auf Ihre Liebe zu befördern. Und nun ſagen Sie, wann wollen Sie mir einen Beſuch bei meiner Schweſter vorſchlagen? Bei ihrem ſchwächlichen Zuſtande müſſen wir uns hüten, eine Aufregung herbeizuführen, beſonders am Vorabende einer langen Reiſe, wenn Sie in der That nach unſerer gegenſeitigen Erklärung auf Erfüllung Ihrer Verpflichtungen gegen den Marquis be⸗ ſtehen.“ „Ich will mit Rachael noch dieſe Nacht ſprechen,“ 33. entgegnete Verelſt, ruhig und vorſichtig.„Es wird Zeit erfordern, um ſie auf eine ſo aufregende Zuſammenkunft vor⸗ zubereiten. Jahre des Ungemachs, der Verluſt mehrerer Kinder, den ſie immer derſelben Urſache zuſchreibt, und gewiſſe Schmerzen, die aus dieſen vereinigten Urſachen hervorgehen, haben mein armes Weib ſo geſchwächt, daß die höchſte Vorſicht unumgänglich nöthig iſt. Sie hat ſich ſo verändert, daß Sie ſie nicht mehr kennen werden.“ „Ich bin während der letzten Monate manchmal in ihrer Nähe geweſen,“ ſagte Oſaley lächelnd. „Sie irren ſich; Sie irren ſich ſehr!“ entgegnete der Künſtler eifrig.„Sie verläßt das Haus nie. Fra⸗ gen Sie Herrn Annesley! Sie verläßt ſogar ihr Zim⸗ mer nie.“ „Dort fand unſere Zuſammenkunft ſtatt,“ erwiederte Abednego kalt. „Irrig, irrig!“ rief Verelſt lächelnd, freundlich den Kopf ſchüttelnd.„Ich wette darauf, daß Sie Rachael nicht kennen, wenn Sie ſie ſehen werden.“ „Sie iſt indeſſen viel weniger verändert, als ich,“ ent⸗ gegnete Oſaley,„denn als wir uns ſahen, erkannte ich ſie vollkommen wieder, während ſie mich als einen Fremden anredete. Erinnern Sie ſich der Perſon, welche aus Ihrem Zimmer die zwei Schlachtſtücke wegtrug, die der Schurke Strubbs an den Herzog von Rocheſter verkaufte?20 Verelſt ſchwieg einen Augenblick, um nachzuſinnen; endlich ſagte er: „Vollſtändig; es war ein alter Jude.“ „Ich ſelbſt war es.“ Der Künſtler antwortete durch ein ungläubiges Lächeln. „Erinnern Sie ſich, daß Sie, als Sie die drei Fünfpfund⸗ noten, womit er Ihre Gemälde bezahlte, oder vielmehr mittels welcher der bübiſche Händler ſie ihnen raubte, in Empfang nahmen, ihn baten, Herrn Stubbs zu benach⸗ richtigen, daß die Originalzeichnung der Schlacht mit dem Der Geldverleiher. II. 3 Fahnenträger noch in Ihren Händen ſei, indem Sie ſie aus Ihrer Reihe militäriſcher Skizzen genommen und einem theuren Freunde übergeben haben 24 „Und dieſer theure Freund war, wie ich hoffe, ich ſelbſt,“ unterbrach Baſil froͤhlich. „Aber Sie waren, nein Sie konnten dieſer ſchmutzige alte Jude nicht ſein!“ rief der Künſtler, außer ſich vor Staunen. „Sie haben mich mehr als einmal in gleicher, un⸗ ſcheinbarer Verkleidung geſehen,“ entgegnete Oſaley ohne Verlegenheit. Vor mehreren Jahren habe ich einen großen Abgrund zwiſchen mir und dem, was Welt genannt wird, eröffnet, und wenn wir es einmal wagen wollen, einen kühnen Schritt zu thun und das Band der Gleichheit um unſere Brüder zu ſchlingen, bedürfen wir der Erregung großen Intereſſes und wahrhaft ſtarker Aufregung, um den leeren Raum auszufüllen. Ich habe lange im Kriege mit der ganzen Welt gelebt, ſo lange als die Menſchen vorausſichtlich meine Feinde waren. Von meinem ſechsten Jahre bis in mein dreißigſtes ertrug ich ihre Ungerechtig⸗ keiten, und während der letzten dreißig Jahre habe ich mich gerächt. Wer aber nur mit einer Hand gegen die Ge⸗ ſellſchaft ficht, muß die Kleider wechſeln, unter welchen er ſeine Waffen führt, und er darf vor keinen Mitteln, vor keinen Maßregeln zurückſchrecken, durch welche er ſeine Sache fördern kann. Doch für ſolche Erörterungen werden wir ſpäter Zeit finden. Genug, daß Sie mir verſprechen, meine theure Schweſter auf meinen Empfang vorzube⸗ reiten. Baſil Annesley wird mich von Ihren Erfolgen in Kenntniß ſetzen, oder, noch beſſer, er wird Sie in meine Wohnung begleiten. Den Weg zu der Ihrigen erfuhr ich von ihm, und ich glaube, daß wenige Menſchen mit dem⸗ ſelben beſſer bekannt ſein werden.“ Der junge Soldat erröthete bei dieſer gewagten An⸗ ſpielung.„Ich wußte nicht, daß ich der Adreſſe des Herrn Verelſt gegen Sie erwähnt habe,“ ſprach Baſil. 8 3⁵ „Durch Ihre Gemälde, die ich in den Händen des Stubbs und Anderer fand,“ bemerkte Abednego, indem er ſich an Verelſt wendete, ſtatt ſeinem Wirthe zu antworten, „erfuhr ich, daß Sie ein Bewohner dieſes Landes ſeien. Aber Sie können ſich vorſtellen, mit welcher Sorgfalt und Liſt dieſe Buben die Spur bewachten, ſo lange Sie als ein Betrogener in den geizigen Händen derſelben blieben.“ „Und es war alſo mein guter Freund, Herr An⸗ nesley, der mir dieſen weitern Dienſt erzeigte;“ rief der Maler feurig aus. „Indirekt. Ich war begierig, den Gegenſtand eines gewiſſen Geldanlehens kennen zu lernen, welches er durch meine Mittel bewerkſtelligte, und da ich ſowohl als Oſaley der Cröſus, als in meiner Eigenſchaft als A. O. der Geldverleiher, der Oſaley, welcher den Croͤſus erzeugte, die Mittel beſitze, alle Geheimniſſe der beiden Geldmärkte, des großen und des kleinen, zu verfolgen und zu entdecken, ſo hatte es keine Schwierigkeiten zu erfahren, daß die von ihm zu bezahlenden Acceptanzen zu Gunſten eines Ge⸗ rard Verelſt, eines Malers, geſchehen, der nahe bei South Andley⸗Street wohnte. Das Uebrige war bald feſtgeſtellt; die Miniatur, die ich ihm übergab, liefert hinreichenden Beweis, wie bald und wie vollſtändig ich mich zum Herrn der Geheimniſſe der Familie machte.“ Baſil Annesley haſchte nach Athem. Es war kein Mittel da, welches die indiscreten Enthüllungen Abednego's unterdrückt hätte. „Und nun,“ ſagte dieſer, ohne die Verlegenheit zu berückſichtigen, die er hervorgerufen,„muß ich Ihnen gute Nacht wünſchen. Obwohl ich Zeit gefunden habe, manches zu ſagen, was dem einen oder dem andern überflüſſig ge⸗ ſchienen haben mag, bin ich doch in der größten Eile und in einiger Beſorgniß. Ich habe vor Mitternacht noch ein Geſchäft abzuſchließen, welches das Glück einer Familie ernſtlich berührt, deren Ruin in kurzer Zeit, was ich auch thun mag, das unglückliche Ereigniß abzuwenden, eben ſo viel Senſation in dem Bethlehem, beau monde ge⸗ nannt, erregen wird, als jenes des Herzogs von Rocheſter. Ich ſollte in der That dieſe Maitlands den Folgen ihrer Thorheit anheim geben, aber das eine der Mädchen hat mein altes Herz durch die lebhafte Theilnahme gerührt, welche es an dem Glücke eines Kameraden ihres Bruders, Baſil Annesley genannt, nimmt.“ „Iſt alſo mit Lord Maitland Alles aus? fragte Baſil in einem mitleidigen Tone, ohne von dieſer Anſpielung Notiz zu nehmen. „Seine Wechſel wurden im vergangenen Jahre in der Stadt Hauſiren getragen,“ entgegnete A. O. mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln.„Ihre Herrlichkeit iſt bei Almack, während ihre Unterſchrift in den Händen der Juden iſt.“ Nachdem er noch einige bittere Bemerkungen über die Sorgloſigkeit der Familie gemacht hatte, ging er fort, und Baſil hatte auch zu bedauern, daß Verelſt in dem— Eifer, ſeiner Familie die ſo eigenthümliche Verſohnung, welche ſtattgehabt hatte, mitzutheilen, ihm auf der Stelle folgte. Als der Künſtler weggegangen war, hob ſein junger Freund vom Boden die Dreihundertpfundnoten auf, die während der vorhergegangenen lebhaften Unterhaltung unbemerkt hinabgefallen waren. „Hätte ſich jemand vorgeſtellt,“ ſagte er mit einem düſtern Lächeln, als er ſie in ſein Pult legte,„wie kurz es iſt, ſeit der Beſitz dieſer Noten eine Frage über Leben und Tod zu ſein ſchien. Sollte man nicht glauben, daß ich, ſtatt des armen Burſchen, der ich bin, den Reichthum Indiens oder den des Abednego Oſaley zu meinen Befeh⸗ len habe. Aber was ſorge ich mich jetzt um Geld? Ve⸗ relſt iſt nun glücklich— Eſther für mich auf immer ver⸗ loren. Was meine arme Mutter betrifft, ſo iſt, obwohl ſie an Mitteln beſchränkt iſt, ihr Stolz größer, als ihre Armuth, und ich bin überzeugt, daß ſie lieber die An⸗ nehmlichkeiten des Lebens entbehrt, als daß ſie hiefür irgend einem ſterblichen Weſen, ſollte es ſogar ihr Sohn ſein, verpflichtet wäre. Nach und nach, als er ſich von dem grauſamen Schlage, der aus der Entdeckung entſprang, daß der Ge⸗ genſtand ſeiner Liebe eine nahe Verwandte des berüchtig⸗ ten A. O., und an einen Andern verlobt ſei, erholt hatte, war er gezwungen, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß der erſte Umſtand von einer Beſchaffenheit ſei, um ihn mit dem letztern zu verſoͤhnen. Nie würde ſeine Mutter darein gewilligt haben, daß er ſeine Treue der Nichte des Geldverleihers verpfände. War auch Abednego kein Jude, ſo konnte er nicht meh⸗ rere Generationen von dem Judenthume entfernt ſein, und Baſil hatte nur zu ſehr ihren eingewurzelten Haß gegen Alles, was mit der jüdiſchen Nation zuſammenhing, wahrge⸗ nommen.— Als dieſe Abneigung nun mit verdoppelter Kraft ſei⸗ nem Geiſte ſich darſtellte, erinnerte er ſich mit Ueberra⸗ ſchung an den halbvergeſſenen Umſtand, daß ſie im Be⸗ ſitze eines Buchs von ſo eigenthümlicher Beſchaffenheit ſei, daß Verelſt behauptete, es ſei das Eigenthum des Vaters und Bruders ſeiner Frau geweſen.. Welcher möglichen Verkettung der Umſtände war dies beizumeſſen? Um ſo mehr fühlte er ſich zu der Frage getrieben, wie und durch welche unglückliche Kette von Ereigniſſen die Tochter des Lords C—, die Wittwe des Sir Bernard Annesley in eine Verbindung mit der Familie des A. O. gebracht worden ſein konnte? Der Sommer war nahe, und er entſchloß ſich, das einladende Wetter zu einem Vorwande für einen kurzen Beſuch in Barlingham zu nehmen. Die Erörterung, welche bereits zwiſchen ihm und Lady Annesley begonnen hatte, konnte Veranlaſſung zu ſolchen Fragen geben, die nicht ermangeln würden, Licht über dieſes Geheimniß zu verbreiten. Es war an der Zeit, daß alle Beziehungen zu „ Abednego Oſaley aufgeklärt wurden. Er wollte nicht länger, einem Kinde gleich, ſchweigen. Er war entſchloſ⸗ ſen, den äußerſten Unwillen und Barſchheit von Seite der kalten Abgeſchloſſenen hinzunehmen, ſtatt ein Märty⸗ rer des Geheimniſſes zu bleiben, bei welchem er, wie er jetzt fühlte, mitbetheiligt war. Jemehr er ſich bemüht hatte, dieſes Dunkel zu erhellen, deſto mehr ſchien er in neue Verlegenheiten verwickelt zu werden. Es war indeſſen für Baſil ein unausſprechlicher Troſt, daß ſein Vertrauen auf ſeinen alten Freund ſich wieder zu befeſtigen begann. Daß er ſeine Verkleidungen offen zugeſtanden, ſich ſeiner Excentricität gerühmt hatte, war zu beruhigend, als daß man ihn für den Verbündeten von Buben und Wucherern hätte halten können, und gerade die Gewißheit ſeiner hartnäckigen Entfremdung gegen eine ſo würdige Schweſter, wie Mrs. Verelſt, war nichts im Vergleiche mit der Qual, ihn in Verbindung mit dem Gemäldehändler Stubbs und in der doppelten Belaſtung zu glauben, in der gegen den Herzog von Rocheſter und in der gegen den unglücklichen Verelſt. Die erſte Perſon, welche am folgenden Tage Baſil, als er in den Klubb gehen wollte, begegnete, war John Maitland, der ſtatt des gewöhnlichen Zunickens, welches, zwiſchen ihnen gebräuchlich war, ihn dadurch überraſchte, daß er plötzlich und innig ſeine Hand ergriff. „Kommen Sie eine kleine Strecke mit mir in die St. James⸗Street,“ ſagte dieſer, indem er ſeinen Arm in den Baſil's ſchlang, und gemächlich mit ihm gegen Broo⸗ kes ging.„Sie ſind ein guter Junge,“ fuhr er fort, ſo⸗ bald ſie ſo weit waren, daß ſie von Wilberton und noch einigen, die ſich vor der Thüre verſammelt hatten, nicht mehr gehört werden konnten.„Glauben Sie mir, ich fühle die ganze Macht Ihrer Verpflichtung.“ „Welcher Verpflichtung?“ fragte der erſtaunte Baſil. „O, Sie haben nicht nothwendig, Unwiſſenheit vor⸗ zuſchützen. Es iſt keine Veranlaſſung gegeben, daß Sie 1 ſich jetzt vor meinem Spotte hinſichtlich des A. O. fürch⸗„. Nn 39 ten. Ich bin ſo vollkommen, als Sie nur immer wün⸗ ſchen können, überzeugt, daß ſolch ein Freund in der Noth in der That ein Freund iſt. Geſtern Nachmittags, mein theurer Junge, wurden meine Vorherſagungen erfüllt. Es war eine Execution in unſerm Hauſe. Ein angenehmes Ding, nicht wahr, für Ihre Herrlichkeit und die Mäd⸗ chen, Gerichtsdiener in dem Hausplatze ſitzen zu ſehen. Indeſſen iſt es,“ fuhr er mit gepreßtem Athem fort, „theilweiſe ihre eigene Schuld, wenn dies ein Troſt ſein kann. Es lag nicht alle Schuld auf meinem Vater, ob⸗ wohl ſie ihm dieſe allein beimeſſen wollten.“ 3 fids thut mir herzlich leid, aufrichtig leid,“ begann Baſil. „Kommen Sie, kommen Sie! Sprechen Sie nicht wie der alte Oberſt!“ rief John Maitland.„Gehen Sie mit Ihrem: herzlich leid, aufrichtig leid! Aber ſei es; Sie waren mehr als traurig.“ „Was war ich denn alſo 2 u fragte Baſil, indem er ob des Leichtſinns ſeines Freundes die Achſeln zuckte.„Bei meiner Seele, ich habe nicht die geringſte Idee!“ „Natürlich nicht, weil Sie fürwahr nicht die ge⸗ ringſte Bekanntſchaft mit A. O. haben. Sie waren es nicht, der vermittelnd für meine Familie auftrat. Es war nicht Ihre Neigung für Lucie, welche, im Vorbei⸗ gehen geſagt, halb außer ſich vor Dankbarkeit iſt, die Sie veranlaßte, den Mann, den Sie als Freund oder Bekann⸗ ten nicht anerkennen wollen, über den Sie aber all' den. Einfluß üben, den ein Herr über ſeinen Sclaven hat, oder ein Czaar der Moskowitten über einen Huſaren⸗Oberſt, zu beſtimmen, daß er noch einmal meinem Vater zu Hülfe komme, die Erecution beſeitige und unter der Bedingung, das Haus in Arlington⸗Street zu verlaſſen und ſich nach Maitland Park zurückzuziehen, die Angelegenheiten der Familie wieder in Ordnung brachte. O, nein, Sie wa⸗ ren es nicht, der uns dieſen vortrefflichen Dienſt leiſtete!“ „So wahr ich lebe und athme, nein!“ rief Baſil 40 Annesley mit ſolchem Ernſte, daß ſein Gefährte für einen Augenblick verſtummte.„Hätte ich dieſe Macht, ich würde in der That noch mehr, zweimal ſo viel für einen Freund gethan haben. Aber ich beſitze in der Welt nicht eine Guinee.“ „Mein theurer Junge, es iſt zu ſpät, um mit dieſen Complimenten wieder zu beginnen!“ rief Maitland, faſt argerlich über dieſes ſcheinbare Mißtrauen.„Dieſer Mann, oder, ich bitte ihn um Verzeihung, dieſer Gentleman, denn als Gentleman hat er ſich uns, Gott weiß es, gezeigt, deutete mir in ſo manchen Worten an, daß er auf Ihren Antrieb handle, oder, um mich beſſer auszudrücken, mit der Ausſicht, Ihnen eine Freude zu machen.⸗ „Er hat mir in der That eine aufrichtige Freude durch ſeine Freigebigkeit gemacht,“ entgegnete Baſil.„Er muß aber meine Wünſche durch übernatuͤrliche Mittel er⸗ rathen haben; denn ich ſchwoͤre Ihnen, daß ich ſie ihm nie ausſprach, und ich habe auch, auf mein Ehrenwort als Gentleman, keinen Anſpruch an ihn, der meinen Ver⸗ ſuch rechtfertigen könnte, auch in der geringſten Sache einen Einfluß üben zu wollen.“ John Maitland antwortete durch ein ferneres ungläu⸗ biges Lächeln. Sie waren nun zu der Thüre des Klubbs zurückgekehrt. „Nicht ein Wort von dem Allem vor den Anderen!“ war die Abſchiedsbemerkung John Maitlands, eine War⸗ nung, die durchaus überflüſſig war; denn nichts in der Welt hätte Baſil verleiten können, in Gegenwart ſeiner Kameraden einen Gegenſtand zu berühren, der eine Er⸗ wähnung eines ſo verdächtigen Namens, wie der des A. O. war, hätte herbeiführen können. Ehe es Nacht war, hatte Bafil einen wöchentlichen Urlaub erwirkt, der ihm geſtattete, Barlingham zu be⸗. ſuchen, und er hatte auch einen Brief an ſeine Mutter abgefertigt, in welchem er ſie um die Erlaubniß zu die⸗ ſer Reiſe bat. Der Verzug, der durch das Abwarten ihrer 41 Antwort eintrat, mußte ihn nothwendiger Weiſe zwei Tage in der Stadt zurückhalten, und er hätte dieſen Um⸗ ſtand gerne umgangen, weil er fürchtete, daß die Er⸗ neuerung ſeines intimen Verhältniſſes mit der Familie des Künſtlers, und die Verſöhnung derſelben mit Abednego, ihn wieder in deren Geſellſchaft ziehen, ihn zwingen könne, Zeuge der gegenſeitigen Liebe und Seligkeit des Herzogs von San Catalda und der Eſther Verelſt zu ſein. Morgen war er indeſſen auf der Wache, und dieſes ſicherte ihn wenigſtens vier und zwanzig Stunden lang vor einer Berührung mit irgend einem Gliede der Familie. Das Wetter war jetzt ſo ſchön, wie nur immer das Londoner Wetter ſein kann; denn die Mitte des Sommers iſt in der Hauptſtadt kaum ſo angenehm, als dieſe köſtli⸗ chen Tage im Anfange des Mai, ehe das junge Laub noch gefunden hat, in welch einer Welt von Schmutz und Rauch es zum Vorſcheine gekommen, indem es vielmehr ſein Grün in Friſche und Reinheit ausbreitet, gleich dem heiteren und unbefleckten Geſichte eines unſchuldigen Kin⸗ des. Der Himmel war blau, das Laub grün, die Sper⸗ linge zwitſcherten fröhlich in den Parks und auf den Platzen, wie ſie es größtentheils machen, ehe London mit Aſche und Staub bedeckt wird, ehe die Blätter verwelken und abſterben, ehe die Atmoſphäre ſich verdunkelt. In einer ſolchen Jahreszeit iſt es ſchwer, für das wallende Herz eines Zweiundzwanzigjährigen unter der Laſt der Sorgen zu erliegen. Seine eigenen Gefühle treiben es an, zu hoffen, wo keine Hoffnung iſt, zu lieben, wo es keine Ausſicht auf Glück gibt. Die Springfluth des Lebens wogt wild und unwiderſtehlich im Buſen, und Verzweiflung iſt in der That ſchwer für die Jugend. Baſil war gewöhnlich ungerne auf der Wache, weil er in Zeit und Raumbeſchränkt war; er brach früher als gewoͤhnlich auf und war für den Tag auf den Zeitvertreib beſchränkt, die 42 britiſche Gallerie zu betrachten. Unaffectirt und anſpruchs⸗ los, hatte er kein Verlangen darnach, ſich und ſeine Uni⸗ form in St. James⸗ Street paradiren zu laſſen, ein Gelüſten, welches ſich ſelten über vierzehn Tage hinaus ausdehnt, während welcher ein junger Gardiſt das Privi⸗ legium hat, die Kammerjungfern in Grange durch den Glanz ſeines Scharlachs und Golds in Erſtaunen zu ſetzen. 1 Aber an dem fraglichen Tage wurde er, obgleich er ſich am Abende zuvor gratulirt hatte, daß er gewiß ſei, den Beſuchen Oſaley's, oder Verelſt's zu entgehen, ſo wie er die St. James⸗Street betrat, durch ſeine unerträgliche Sclaverei erzürnt. Er entdeckte, daß es unerläßlich ſei, einen Anſtandsbeſuch bei Branzini's zu machen, ehe Eſther ihr Haus bezogen haben würde. Er fand, daß es unverant⸗ wortlich ſein würde, wenn er bei dem Familien⸗Mißgeſchicke der Maitlands ermangeln würde, eine Karte an ihrer Thüre abzugeben. In dieſem Punkte wünſchte er allein, frei zu ſein, und in ſeinem wachſenden Unmuthe mühte er ſich ab, Herr ſeiner Handlungen zu ſein. Wäre er nicht auf die Wache beſtimmt geweſen, würde er wahrſcheinlich einen Ritt in die Umgegend gemacht haben, er hätte Ge⸗ ſchäfte in Richmond vorgeſchützt, oder wäre zu ſeiner ein⸗ ſamen Lieblingsſpeiſe in Krone und Scepter gegangen, und wenn er da geweſen wäre, würde ihn ploͤtzlich dieſelbe Unruhe befallen und nach London zurückgetrieben haben. Er brannte in der That vor Begierde, Alles zu er⸗ fahren, was unter dem Dache des Künſtlers vor ſich ging. Zum erſtenmale fanden ihn ſeine Kameraden zerſtreut und ungefällig. Oberſt Loftus hatte in John Maitlands Ab⸗ weſenheit verſucht, ihn wegen ſeines Kokettirens mit Lucie Maitland zu verſpotten und auf die Qual anzuſpielen, welche ihre offenbare Vorliebe ihrem Freunde Blencowe verurſache. Aber das Zänkiſche, was in Baſils Antworten lag, überzeugte ſie bald, daß keine Laune vorhanden ſei, mit ſich ſcherzen zu laſſen. Sie ſahen, daß er ganz außer 43 ſich war; noch nie hatten ſie ihn zwei oder drei Cigarren die ſie immer nach Tiſch rauchten, nach einander weg⸗ werfen ſehen, und ſie maßen ſeine launenhafte Zankſucht der rechten Urſache, der Aufregung eines Mannes bei, den die Liebe quält, und den daher Alles und Jedes quält. Das erſte, was ihm am folgenden Morgen, als er die Wache verlaſſen hatte und ſein Quartier betrat, hinter⸗ bracht wurde, war, daß Herr Oſaley einigemale im Ver⸗ laufe des geſtrigen Tages dageweſen ſei und ein großes Verlangen gezeigt habe, ihn zu ſehen.— „Und warum ſagten Sie ihm nicht, daß ich auf der Wache ſei?“ fragte der junge Annesley, dem es eben ſo leicht ſchien, ihm einen Beſuch in St. James, wie in ſeiner Privatwohnung zu machen. „Ich that es, Sir, aber der Gentleman ſchien nicht darauf zu merken, murmelte etwas wie von„Gelbſchnäbeln“ und„Thorheiten“, was es mir unwahrſcheinlich machte, daß er dahin fahren werde,“ entgegnete der gezierte Herr Smith. „Er war alſo zu Wagen?“ fragte Baſil. „Er war es, Sir.“ „Und allein?⸗ „Nein, Sir; es war noch ein anderer alter Gentle⸗ man bei ihm, den ich nicht recht ſehen konnte. Aber beide ſchienen ſehr ärgerlich darüber, Sie nicht anzutreffen.“ Nachdem Baſil dieſe Nachricht erhalten hatte, ent⸗ ſchloß er ſich während des Frühſtückens und Ankleidens, unmittelbar nach dem Hauſe des Oſaley zu gehen. Viel⸗ leicht mochte das Intereſſe Verelſt's ſeinen Beiſtand er⸗ fordern. Aber zu welcher der vielfachen Wohnungen ſeines Freundes Proteus ſollte er ſich wenden? „Da er in ſeinem Wagen war,“ ſprach der iunge Gardiſt für ſich,“ ſo vermuthe ich, daß er in ſeinem Cha⸗ rakter als Oſaley der Financier kam, und daher will ich nach Bernard⸗Street eilen.“ 44 Er beſtieg ſein Pferd und eilte dahin; aber an der Thüre erhielt er von dem nun zuvorkommenden Hausmei⸗ ſter, der ſich beeilte, alle die zu ehren, die ſein Herr bei ſeinem Mittagstiſche empfing, die Nachricht,„Herr Oſaley hat ſich vor zwei Stunden nach der City begeben.“ „Und wo kann ich ihn in der City finden?“ fragte der junge Annesley. Dieſe Frage ſchien dem runden Diener gerade ſolches Staunen zu erregen, wie wenn er gefragt hätte, in welchem Quartiere der Stadt er die Weſtminſter⸗Abtei zu ſuchen habe. „Herr Oſaley wird auf der Börſe ſein, Sir,“ ent⸗ gegnete er, indem er erkannte, daß der hübſche, junge Gentleman, der ſo ſehr von den gewöhnlichen Beſuchen des Hauſes ſich unterſchied, geiſtesſchwach ſein müſſe. „Wenn er nicht auf der Börſe iſt, ſo werden Sie ihn in ſeinem Geſchäftshauſe finden.“ 8 Und wo iſt dieſes?“ fragte, Baſil ſor glos. Der Mann ſchien zu ſehr auf die Würde ſeines Berufs zu halten, um ſich nicht des Lachens zu enthalten. „In dem alten Iudenbezirke, Sir. Aber Sie brau⸗ chen bloß den Namen des Herrn Oſaley in der City zu nennen, Sir, und jedermann wird Ihnen den Weg zeigen. Der nächſte beſte Cabrioletführer oder Orangen⸗Junge wird Sie zurecht weiſen.“ Baſil eilte nun in die City, und ſein Parkpferd war wahrſcheinlich eben ſo ſehr erſtaunt, als ſein Herr, als ſich beide zwiſchen Wagen voll von Tonnen mit Zucker, oder voll Ballen friſcher Waare, deren gigantiſche Größe eben ſo ſehr von der Kraft der herrlichen Zugpferde, als von der Ausdehnung des Handels zeigte, der für eine Welt von koloſſaleren Dimenſionen berechnet ſchien. Der betäubende Lärmen, das ewige Drängen ſo vieler Gegenſtände das utile, und ſo weniger das dulce des Lebens dienten dazu, ſeine Verwunderung zu erregen, wie der weniger practiſche Theil der Geſchäfte, der Theil, der die Hälfte der Anord⸗ 45⁵ nungen und Berechnungen bedurfte, in Mitte eines ſolchen Lärms verſetzt werden konnte. Als er in das enge Gäßchen einbog, welches ihm auf ſeine erſte Frage als das gezeigt wurde, worin ſich das Geſchäftshaus von Oſaley und Comp. befinde, bemerkte er, daß auch die City ihre ruhigen Stellen, ihre:„Fahr nicht durch,“ gleich den ariſtokratiſchen Park⸗ und St. James⸗Plätzen habe, die ſich den Parks in Weſt End anreihen. Das enge, ſchmutzige, dumpfe Gäßchen beſtand offen⸗ bar aus den Lagerhäuſern der ganzen Handeswelt, und gerade wie jedes Haus in St. James ſeine eiſernen Löſch⸗ horne neben der Thüre, zum Auslöſchen der Fackeln der Bedienten, in früherer Zeit als Merkmal hatte, ſo hat hier jeder Thorweg ſeinen tüchtigen eiſernen Kranich, während die untern Fenſter der Häuſer feſt mit Läden verſchloſſen ſind. An jedem Thürpfoſten war ein oder mehrere Namen angeſchrieben, aber ſo unariſtokratiſche wie: Jakob Grimm und Neffe, oder: Gebrüder Fiskin, Dando und Comp. ohne nähere Bezeichnung ihres Geſchäfts, indem die Namen die nicht prahlende Sitte des commerciellen Lebens ſind, vad ſo gering auch der Handel zu dieſer Stunde in der Straße ſchien, ſo iſt es doch keinem Zwei⸗ fel unterworfen, daß eine größere Maſſe an Capital durch jeden dieſer ſchmutzigen Thorwege im Verlaufe einer Woche ging, als durch irgend ein Haus in St. James⸗Square im Verlaufe eines Jahrs. In der Mitte der Gaſſe befand ſich ein Eingang in einen kleinen Hof, der nach Baſil's Berechnung die ihm bezeichnete Nummer zu haben ſchien. Nachdem er abge⸗ ſtiegen war, und ſein Pferd einem verläſſig ausſehenden alten Manne, der ſich ſelbſt hiezu angeboten, zum Halten übergeben hatte, ging er durch den kleinen Hof in einen zweiten, größeren, der von hohen Gebäuden umgeben war. Die eine Seite deſſelben ſchien von einem hübſchen, alt⸗ modiſchen Wohnhauſe, die andere durch eine Reihe von Gebäuden gebildet zu ſein, deren Erdgeſchoſſe zu Comtoirs eingerichtet waren. An dieſem Theile der Häuſer ſchienen die großen Flügelthüren in fortwährender Bewegung zu ſein, um einen ununterbrochenen Zug menſchlicher Weſen ein⸗ und auszulaſſen.„Es war eine Art blaßwangiger Leute, die mit feſtzugeknöpften Röcken und wohlverwahrten Taſchen einhergehen, und deren weiße Geſichter einen Geiſt ankündigen, der viele Meilen weit reist, die man auf den erſten Blick als Kinder des Stammes des Mammons erkennt. Unbemerkt von dieſen Menſchen, die gerade auf ihren Beſtimmungsort zugehen, die keinen überfluſſigen Gedan⸗ ken und keinen Blick für fremde Geſichter haben, nahm Baſil ſeinen Weg durch eine der Flügelthüren, und nach⸗ dem er eine zweite paſſirt hatte, fand er ſich in einem großen, von oben erhellten Zimmer, welches ſtatt des Meublements eine alte, an der Wand befeſtigte Uhr, drei lange Reihen hölzerner Arbeitstiſche, vierzig hölzerne Stühle und vierzig hölzerne Commis enthielt, die auf jenen ſaßen und rechneten, jeder ein in Pergament gebundenes Haupt⸗ buch vor ſich, jeder die Multiplicationstabelle in ſeiner Hand, mittels Charakteren eingetragen, welche die Züge der Geſetzestafeln übertreffen. Im Mittelpunkte dieſer Halle befand ſich ein einzel⸗ nes Mahagonipult und ein Stuhl, etwas beſſer als die übrigen, beide offenbar zum Gebrauche des Hohenprieſters dieſes Tempels des Mammons beſtimmt, jedoch in dieſem Augenblicke nicht beſetzt. Schreiber eilten hin und her, Taſchen⸗ oder Vormerkungsbücher in ihren Händen und augenſcheinlich mit ſo mechaniſchen Operationen, wie die Verfugung über Millionen iſt, beſchäftigt, während die Uhr an der Wand das, was noch viel edler war, be⸗ zeichnete. Ein ſummendes Murmeln, welches in einen geſchäfts⸗ widrigen Tumult nie ausartete, ſchien einen Beſtandtheil der heißen und dumpfen Atmoſphäre zu bilden; das Geld rollte auf den großen Zahltiſchen hin und her, und ſchien 8 47 in den Augen der Individuen, die damit beſchäftigt waren, es in Circulation zu ſetzen, keine größere Bedeutung zu haben, als der Gerſtenzucker in den Augen des Lehrlings eines Zuckerbäckers hat, für welchen das Verbot aufhörte, verdrießlich zu ſein. Baſil Annesley fand ſich, wie gewöhnlich, wenn er in der Jagd nach ſeinem außerordentlichen Freunde be⸗ griffen war, unter einer Menſchenrace, mit welcher er weder ein übereinſtimmendes Gefühl, noch einen uüberein⸗ ſtimmenden Gedanken hatte. Nachdem er einige Minuten nicht beachtet oder von Leuten bei Seite geſetzt worden, welche Geſchäfte zu beſorgen hatten, fragte er nach Herrn Oſaley.. Der Commis, an welchen er ſich wendete, deutete auf den leeren Stuhl, als wolle er ſagen:„Können Sie nicht Ihre Augen aufmachen und ſehen, daß er abweſend iſt?“ Baſil erkannte, daß dieſer Menſch jung und bart⸗ los, ein Gelbſchnabel, wie er ſelbſt ſei, und machte einige Schritte gegen die Flügelthüre, wo er ſich wieder an ei⸗ nen ernſt ausſehenden Mann, von mittlerm Alter, mit einem kahlen Kopfe, einem dürftigen Rocke und mit einem Trauerringe an ſeinem kleinen Finger wendete. Der Mann vertrieb ſich die Zeit damit, daß er ſeine Federn ſchnitt, und hatte unter ſeinen Collegen das Anſehen, welches eine ſchwerfällige Kutſche unter den Eilwagen hat. Als er ſich durch einen gut gekleideten Mann höflich angeredet ſah, ſtand der ältliche Mann von dem Schreib⸗ tiſche auf und bat Baſil, ihm zu folgen. Er ſchlug den Weg gegen das Ende des Saales ein, gegen ein Zimmer, welches von jenem bloß durch ein mit grünen Vorhängen verſehenes Gemach getrennt war, und ein anderes Pult mit einem alten ſilbernen Tintenzeuge und Schreibmateria⸗ lien, dann ein halbes Dutzend mit Roßhaaren gepolſterter Stühle enthielt. „ Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,“ ſagte der alte Commis.„Ich dachte Herr Oſaley müſſe hier ſein. 48 Er muß ſich gerade entfernt haben. Er wird um zwei Uhr wieder zurückkehren, er iſt immer Punkt zwei Uhr hier. Vielleicht wollen Sie wiederkommen? Oder Sie haben wenigſtens die Güte, Ihren Namen für ihn aufzu⸗ zeichnen?“ Baſil lehnte Beides ab. Er fühlte, daß er, indem er Oſaley folgte, einen Mißgriff begangen habe. Er fand ſich in dieſen ungeheuren Räumen ſo wenig heimiſch, als in einer Goldmine. Der Platz war ſo wenig zu ver⸗ traulichen Mittheilungen geeignet, die er erwartete, als das kleine, geräuſchvolle Zimmer mit den Uhrwerken in St. Paul. Aergerlich über ſich ſelbſt und den Commis, mur⸗ melte er ſo etwas von wiederkommen, und nahm ſeinen Weg durch den Saal zurück, wo ſein Durchgang ſo we⸗ nig bemerkt wurde, als der eines im Strahle der Sonne fliegenden Stäubchens. Nachdem er die ſchmale, nach der Straße führende Hofthüre erreicht hatte, war Baſil im Begriffe, ſein Pferd wieder zu beſteigen, deſſen Zügel ihm von dem alten Manne mit der einen Hand dargereicht wurde, während die andere ſich öffnete, um das erwartete Trinkgeld zu empfangen. Während er nach einem halben Schillinge ſuchte, ſtatt nach einem Schillinge, den er dem Manne ohne Zweifel gegeben haben würde, wenn ſein Beſuch we⸗ niger fruchtlos geweſen wäre, flüſterte der Mann im Tone geheimnißvoller Vertraulichkeit:„Warum ſuchen Sie ihn hier, mein Theurer?“ Und ſiehe, nach einem augenblick⸗ lichen überraſchten Anſtarren erkannte Annesley in dem beſcheiden ausſehenden Individuum, welches ihn angeredet hatte, den Burſchen, der in Delahay Street und in Ro⸗ cheſter Houſe bereits ſeine ehrfurchtsvolle Rückſicht für den Günſtling des A. O. gezeigt hatte. „Und wo ſonſt, als in dieſem Geſchäftshauſe ſollte ich Herrn Oſaley ſuchen?⸗ fragte Baſil. 4 49 „Er hat mehr Geſchäftshäuſer als eines, zwei oder drei,“ antwortete der Vertraute. „Sagen Sie mir, in welchem ich ihn wahrſcheinlich finden werde, und Ihre Mühe ſoll ſich lohnen,“ erwiederte Baſil Annesley. Der alte Mann, der mit verächtlicher Betrachtung der ihm von Annesley gegebenen kleinen Münze dageſtan⸗ den war, ſah ihm nun mit einem ſo unternehmenden Blicke in das Geſicht, daß das Verſchwinden ſeines ſchmutzigen Bartes nicht verhehlen konnte, daß er der alte Jude ſei. Er nickte nun bloß vertraulich mit dem Kopfe, um ſein Verſtehen und ſeine Einwilligung zu bezeichnen, wandte den Kopf von Baſils Pferd und ſchritt ihm durch eine Menge enger Gäßchen voran, in welchen eine ſo übel riechende Luft, wie in dem Gefängniſſe eines Miſſethäters herrſchte. 3 Nach Verlauf von zehn Minuten bog er in eine kleine, ſchmutzige Straße ein, welche vermöge der unglei⸗ chen Form der Gebäude das Ende oder der Ausgang ei⸗ ner andexn von bedeutenderer Größe zu ſein ſchien. Dann zog er einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche, oͤffnete eine ſchlecht ausſehende, grüne Thüre, an welcher ſich weder ein Klopfer noch eine Glocke befand, kehrte heimlich zu Baſil zurück und nahm die Zuügel ſeines Pferdes wieder. „Glauben Sie, daß ich meinen Kopf an einem ſo uneinladend ausſehenden Orte, wie dieſer iſt, anrennen werde?“ rief Annesley heftig.„Wie kann ich wiſſen, in welche Art von Diebshöhlen ſie mich verlocken?“ „Diebe ſuchen Sie!“ ſagte der Jude, jedoch in keinem beleidigenden Tone,„die Thüre vor Ihnen, mein Theurer, führt gerade dahin, wo Sie A. O. finden werden. Das iſt Alles!“ Dadurch ſicher gemacht, daß er die Bekanntſchaft des alten Burſchen mit Adednego wußte, entſchloß ſich Baſil, das Abenteuer zu beſtehen. Er wußte, daß ihm allein ſtehend, die meiſten Männer ein Spiel ſeien; und Der Geldverleiher. I. 4 50 ſein ſeltſamer Führer würde es kaum wagen, einen Offi⸗ zier der Garde in irgend einen gefahrdrohenden Hinterhalt zu locken, weil im Falle des Verſchwindens deſſelben ſo⸗ gleich thätige Nachforſchungen veranſtaltet werden würden, die vermoͤge des Geſchäftshauſes des Oſaley leicht zu dem verdächtigen Raume führen konnten. Nichts deſto weniger war der Eintritt in den ſchmalen Gang abſcheu⸗ lich und abſchreckend genug, um einen kühnen Abenteurer muthlos zu machen. So wie er über die Schwelle getreten war, wurde er mehr als ſonſt wo durch den geheimnißvollen Anblick des Raumes aufgeregt. Kaum hatte er jedoch einige Schritte in dem dunkeln ſteinernen Corridor zurückgelegt, als die Thüre hinter ihm geſchloſſen wurde und er ſich allein in dieſem ſteinernen Durchgange fand, der ſein Licht bloß durch kleine Gitter erhielt, die an den Thüren an jedem Ende angebracht waren, wie um der Luft den Durchzug zu geſtatten. Da es eben ſo leicht war, weiter zu gehen, als zurückzu⸗ kehren, ſchritt Baſil vorwärts. Als er ſich der Thüre am andern Ende nahte, bemerkte er, daß ſich der Durchgang immer mehr erweitere, ſo daß er einen Schlupfwinkel bildete, der eine hölzerne Bank enthielt. Durch das Gitter, wel⸗ ches in gerader Linie mit ſeinem Geſichte lag, vernahm er Stimmen, die in einem heftigen Wortwechſel begriffen waren. Die eine derſelben war ihm bekannt; ſie war die Stimme des A. O., die andere war die eines Weibes. Als er mit ſeinen Händen nach einer Klinke, oder nach einer Oeffnung ſuchte, fand er zu ſeinem Erſtaunen, daß das, was er für eine Thüre gehalten hatte, bloß ein Theil des Durchgangs war, daß die hölzernen Bänke rings herumliefen. Nachdem er ſich einen Augenblick bedacht hatte, überzeugte ihn die Beſchaffenheit des Gemaches und die Unterredung, die er hören mußte, daß er in irgend einen Lauſchwinkel, oder in ein Obſervatorium gerathen ſei, in eine Art von einem„Ohr des Dionyſius,“ in wel⸗ 51 chem der Geldverleiher ſeine Inquiſitionen über ſeine Schlachtopfer anſtellte, ehe er mit ihnen näher zuſam⸗ mentraf. Eine ſolche Unterredung zu unterbrechen, wie ſie in dem Zimmer innen vor ſich ging, mußte den einen Theil nie⸗ derſchmettern, für den andern verdrießlich ſein, und Baſil glaubte ſich demnach berechtigt, das Reſultat der Zuſam⸗ menkunft abzuwarten. Die Fragmente des Geſprächs, welches er jetzt ver⸗ nahm, gewährte ihm, obgleich es ihn aneckelte, einen neuen Blick in den Charakter oder das Benehmen der Dame, gegen die er den Lauſcher zu ſpielen gezwungen war, und dieſe Dame war keine andere, als die junge Gräfin von Winterfield. Alles was er früher ſchon Nachtheiliges über ſie von Abednego gehört hatte, erwachte natürlicher Weiſe in ſeinem Gedächtniſſe, und er war daher weniger erſtaunt über den barſchen Ton und die verächtliche Miene, welchs der Geld⸗ verleiher unverhohlen gegen ſie annahm. Es war nicht mehr der Oſaley von feinen Manieren, von gediegenem Anſtande, der vor ihm ſtand. Hier erin⸗ nerte nichts an den ausgezeichneten Financier, an den er⸗ leuchteten Beſchützer der Künſte. Es war der harte, vor⸗ ſichtig berechnende alte Wucherer aus Soho, der einen einfachen Armſtuhl einnahm, einem Sopha gegenüber, auf welchem, mit aller Eleganz der Mode geſchmückt, abwechſelnd läͤchelnd und weinend, ihre Koketterie und ihre Schönheit ſpielen laſſend und ihren Pathos als eine Bit⸗ tende das unglückliche Weib ſaß, welches zuverläßig darauf rechnete, durch den Effect ihrer Reize und ihrer Beredſamkeit das verhärtete Herz des A. O. zu er⸗ weichen. Drittes Kapitel. So leichtſinnig iſt Eitelkeit! Shakſpeare. „Aber wenn ich Ihnen ſage,“ rief, als Baſil näher trat, die unbedachtſame Lady Winterfield, wenig argwöh⸗ nend, daß eine dritte Perſon nahe genug ſei, die Kunſt⸗ griffe zu bemerken, durch welche ſie ſich dem harten Her⸗ zen des Geldverleihers zu empfehlen ſuchte,„wenn ich Ihnen ſage, daß dies das letztemal iſt, daß ich Sie mit einer Bitte beläſtigen will....“ „Sie haben mir ſchon ein halb Duzendmal daſſelbe: „zum letztenmale“ geſagt, Madame,“ verſetzte im kälteſten und vorſichtigſten Tone der unerſchütterliche Abednego. Ich hatte die Ehre, Ihnen wegen des eiligen Beſuches, den Sie vor Weihnachten von Brighton aus der Stadt mach⸗ ten, zu verſichern, daß es über mein Vermögen gehe, Ihnen ferner auszuhelfen. Meine Vorſchüſſe überſchreiten ſchon den Werth der hinterlegten Juwelen.“ „Unſinn!— Weiß ich nicht, welche Summe ſie Lord Winterfield bei unſerer Verheirathung, vor kaum fünf Jahren koſteten? Ich habe noch die Rechnungen des Ju⸗ weliers in Händen, die ich Ihnen zeigen kann!“ „Koͤnnen Sie mir auch des Juweliers Gewiſſenhaf⸗ tigkeit zeigen?“ erwiederte Abednego.„Dergleichen Ar⸗ tikel werden unveränderlich mit zwei Dritteln über ihren eigentlichen Werth bezahlt. Um Sie davon zu überzeugen, Madame, wünſchte ich, weit entfernt, Ihnen ein ferneres Darlehen zu machen, die Diamanten Ihrer eigenen Ver⸗ wahrung zurückzugeben, ſobald ich dagegen den auf dieſes Pfand vorgeſchoſſenen Betrag nebſt Intereſſen erhalte.“ „Sie ſagen das,“ rief Lady Winterfield verdrießlich, 53 „weil Sie nur zu wohl wiſſen, daß es gänzlich außer meiner Macht liegt, dieſen Betrag zurückzuſtellen. Sie wiſſen genau, daß nur die äußerſte Noth mich zwingen konnte, die Juwelen in Ihre Hand zu geben, und nun verhohnen Sie mich, indem Sie wünſchen, ein Darlehen zurückzuerhalten, das ich, wie Sie wiſſen, nicht zurückzah⸗ len kann. Wie, um Vergebung, glauben Sie, daß ich eine ſolche Summe zu erhalten im Stande ſein ſollte 24 „Das iſt Euer Herrlichkeit Sache.— Als Sie durch Ihre Thränen und Bitten mir dieſe Summe abdrangen, verſicherten Sie mir, daß Sie nur in augenblicklicher Ver⸗ legenheit ſeien und ſehr bald im Stande ſein würden, ſich wieder frei zu machen.“ „Ja!— Das verſteht ſich!— Ich ſagte Alles, was man gewoͤhnlich zu Geldverleihern ſagt....“ „Wohl mögen faſhionable Gräfinnen in Verlegenheit alles das zu Geldverleihern ſagen. Aber ich kann Euer Herrlichkeit verſichern, ſo ſeltſam es Ihnen auch ſcheinen mag, daß es Leute in der Welt gibt, welche die Einlöſung ihres Ehrenworts für heilig halten, gerade wenn ſie es einem Geldverleiher verpfändet haben. Mit Rückſicht auf die äußerſte Noth, welche Euer Herrlichkeit, wie Sie vor⸗ ſchützten, zwang, Ihre Familienjuwelen in meine Hände zu geben, muß ich mir zu ſagen erlauben, daß ich Mylady's Einrichtung geſehen, da ich die Ehre hatte, in Euer Herr⸗ lichkeit Geſellſchaftszimmer einzutreten,— ſehr verſchieden, ich geſtehe es, von meinen eigenen,“ fuhr A. O. fort, indem ſeine Blicke über das kalte, getäfelte und unmöblirte Zimmer hinflogen, deſſen Dielen mit einem viereckigen, verblichenen ſchottiſchen Teppiche bedeckt waren,—„doch gleich entfernt, mir Mitleid für den Mangel der Eigen⸗ thümerin einzuflößen.“ „Wir ſind verpflichtet, in dieſer Welt den Anſtand in unſerer Lebensweiſe zu behaupten, welchen wir unſerer Stellung in der Geſellſchaft ſchuldig ſind,“ unterbrach ihn die Gräfin in ſtolzem Tone. 54 „Ich ſtimme durchaus mit Euer Herrlichkeit überein,“ war die unerſchrockene Antwort Abednegos,„und gerade deswegen liegt es mir am Herzen, Hie Koſtbarkeiten der Gräfin von Winterfield aus dem Gewahrſam eines Geld verleihenden Juden befreit zu ſehen.“ Sein liebenswürdiger Beſuch erröthete bis an die Schläfe bei dieſem unerwarteten Einwurfe, doch mehr aus Zorn, als aus Sorge. „Ein Schritt tiefer auf der Leiter der Erniedrigung,“ fuhr Abednego ruhig fort,„und ſie würden unter den un⸗ ausgelösten Pfändern an dem Fenſter eines Pfandverlei⸗ hers erſcheinen. Denken Sie ſich die glänzende Gräftn von Winterſteld, vor dem Gerichtshofe mit einem Päckchen Pfandſcheine erſcheinend!“ „Sie verlaſſen ſich auf meine Noth, um mich ſo zu be⸗ ſchimpfen!“ rief die Gräfin, aufgeregt durch dieſen entſetz⸗ lichen Ausſpruch. „Dieſe Noth, Madame, erlauben Sie mir zu bemer⸗ ken, iſt gänzlich die Ihrer eigenen Schöpfung! Ich bin nicht ſelten gezwungen, Zeuge des Elendes meiner Mit⸗ menſchen zu ſein; ja gerade jenes Ihres eigenen Geſchlech⸗ tes. Doch wie verſchieden iſt die Natur deſſelben von jenem, über welches Sie ſich beklagen! Glauben Sie mir, es gibt härtere Qualen in der Welt, als die, welche aus dem Welken eines Roſenblattes entſtehen!— Ich habe Familienmütter geſehen, um Brod fur ihre Kinder beſorgt; ich habe ergebene Frauen geſehen, durch die Unvorſichtigkeit ihrer Männer an den Bettelſtab gebracht, dennoch fleißig, demüthig und ſchweigend ſich abmühend, ſie dem Unter⸗ gange zu entreißen. Solches Unglück, Madame, und ſolche Dürftigkeit ehre ich! Ja, ich kannte hochgeborne Frauen, die ſich ſelbſt dem Elende und Entbehrungen unterzogen, um ihrer Liebhaber willen,— und ich habe auch ſie ge⸗ ehrt!— Aber ich habe weder Ehrfurcht, noch Mitleiden für jene muthwillige Verſchwendung, deren ganzer Sinn im Jagen nach frivolen Anbetern beſteht. Dieſe Schau⸗ 5⁵ ſtellung in der Abſicht, irgend einen unglücklichen Narren zu täuſchen, damit er Ihnen ſeine Hand anbiete, erregt nur meine Verachtung. Wenn Sie nothwendiger Weiſe eine Loge in der Oper haben müſſen, um den jungen Marquis den ganzen Abend, wie den ganzen Morgen hindurch an Ihrer Seite zu haben,— wenn Sie nothwendiger Weiſe eine Reihe glänzender Anzüge beſitzen müſſen, um Ihre Schönheit zu erhöhen und ſich dieſer Frauenknechte zu ver⸗ ſichern,— wenn Sie nothwendiger Weiſe glänzende Equi⸗ pagen haben müſſen, um durch die Stadt zu fliegen, von Wettrennen zu Frühſtücken zu eilen, von Greenwich Par⸗ tieen zu Pic⸗nic's in Ken⸗Wood,(Euer Herrlichkeit bemer⸗ ken, daß ich ziemlich genau mit Ihren Schritten bekannt bin)— ſo mögen Sie dieſelben auf andere Koſten als die meinigen haben. Ich habe kein Geld für die Unterhaltung Ihrer Thorheiten wegzuwerfen.“ 4 Lady Winterfield fuhr auf.— Unerträglich gequält durch die über ſie verhängten Erniedrigungen, war ſie ent⸗ ſchloſſen, der harten Weiſung Abednegos zu gehorchen und anderswo Hülfe zu ſuchen. Aber ach! eine augenblickliche Ueberlegung genügte, ihr in's Gedächtniß zu rufen, daß ſie ſchon geſucht habe, und vergebens, daß ſie keine Hülfs⸗ guelle, keine Hoffnung habe, außer der auf den ungezogenen Rüger ihrer Fehler. Sie unterwarf ſich daher, gelehrig gemacht durch den eiſernen Druck der Noth. In einem Augenblicke bezwang ſie ihr Gemüth und demüthigte ſie ihren Stolz, gleich den Thieren des Feldes durch Entbeh⸗ rungen zahm gemacht. „Sie ſind ſehr ſtreng gegen mich,“ ſagte ſie in dem artigen und einſchmeichelnden Tone, den niemand beſſer anzunehmen wußte, als ſie, wenn es für ihren Zweck noͤthig war,„doch vielleicht nicht mehr, als ich es verdiene. Aber wenn ich Ihnen verſichere, daß ich völlig zu Grunde ge⸗ richtet bin, wenn Sie darauf beharren, mir dieſe fünf⸗ hundert Pfund zu verweigern, zu Grunde gerichtet, ſowohl an Vermögen als an Ruf.... 56 „Meine Weigerung wird Euer Herrlichkeit um keinen Schilling ärmer machen, als Sie jetzt ſind. In welcher Art können Sie mir daher Ihren Ruin aufbürden?“ „Sie werden ihn wenigſtens der Welt dargelegt haben.“ Abednego zuckte die Achſeln.„Sie ſtellen ſich ſelbſt blos, Madame,“ ſagte er,„indem Sie ſich ſolcher Schlüſſe bedienen. Ein für allemal wiederhole ich, daß Sie das Vermögen Anderer und das Ihrer Kinder verſchwenden, nur um ſich einen falſchen Schein in der Welt zu er⸗ halten. So lange als Sie dieſen Luxusartikeln nicht ent⸗ ſagen, welche Sie nicht bezahlen und nicht bezahlen koͤnnen, glanzen Sie auf Koſten Ihrer Wagenfabrikanten, Juwe⸗ liere, Modehändlerinnen, Geldverleiher,— die gemeine Schuldnerin niedriger Krämer. In dieſem Augenblicke ſtehen Sie, eine Frau und Grafin, vor mir als eine Nie⸗ drige. Wiewohl Sie eine Grafin des Reichs ſind und ich der verachtete A. O. bin, ſtehe ich über Ihnen als Capi⸗ taliſt, ſtehe ich über Ihnen als Moraliſt, in deſſen Hände Sie Angriffewaffen gelegt haben.“ Es war nun die Reihe, die Achſeln zu zucken, an Lady Winterfield; doch weit mehr aus Ungeduld, als aus Verachtung. „Letzte Woche,“ fuhr Abednego, unbeſorgt über den Wechſel in ihren Zügen, fort,—„letzte Woche kam hie⸗ her zu mir eine junge Frau, liebenswürdig wie Sie, welche, gleich Ihnen, ihre Mittel überſchritten und ihre Verpflich⸗ tungen gebrochen hatte. Sie kam hieher zu mir, nicht, gleich Euer Herrlichkeit, hoffend, mich durch den Anblick ihrer Reize und durch affektirte Verzweiflung zum Mitleiden zu bewegen, ſie hatte andere Waffen fuͤr den Kampf, und dieſe Waffen, Madame, gewannen die Oberhand. Ihr wies ich den dreifachen Betrag ihrer urſprünglichen Schuld an, und aus eignem Antriebe.“ „Und welcher Art waren dieſe Waffen?“ fragte Lady Winterfield, tief erröthend und durch das Niederſchlagen — —————— 57 ihrer Augen zeigend, daß ſie auf Aeußerungen von Ga⸗ lanterie und Bewunderung von Seiten des Mannes vor⸗ bereitet ſei, der ſie gleich einer Harpye aneckelte. „Das zu erläutern iſt von geringem Nutzen,“ ver⸗ ſetzte Abednego mit einem ſchlecht unterdrückten Lächeln des Frohlockens, indem er ſich von ſeinem Stuhle erhob und ihr näherte. Das Blut Baſil Annesley's kochte in ſeinen Adern, und er preßte ſeine Kniee feſter auf die höͤlzerne Bank, während er ſeine Augen nahe an die ver⸗ gitterte Oeffnung brachte.„Denn dieſe Waffen waren der Art, daß es vielleicht unpaſſend für eine große Dame wie Lady Winterfield wäre, davon Gebrauch zu machen.“ „Ich bin Willens, jede Waffe zu gebrauchen,— machen Sie irgend eine Conceſſion,“ ſtammelte die ſchoͤne Schuld⸗ nerin; eine toͤdtliche Blaſſe folgte auf die voruͤbergehende Röthe, als ſie die wachſende Kühnheit des Geldverleihers bemerkte. 33 Abednego faltete ſeine dürren Hände vor ſich hin, und den Kopf zurückwerfend, ſtand er vor ihr, ſie von Kopf bis zu Fuß mit einem Lächeln von unbeſchreiblichem Aus⸗ drucke meſſend. Es war unmöglich, eine reizendere Frau zu ſehen, und der Geldverleiher ſtarrte ſie an, als wollte er eine Schatzung ihrer Reize anſtellen. „Die Waffen, auf welche ich anſpielte, ſtehen nicht zu Euer Herrlichkeit Verfügung,“ war endlich ſeine ſar⸗ kaſtiſche Antwort;„denn es waren Thränen wahrer Reue über einen unfreiwilligen Wortbruch;— es waren die irren und wilden Blicke, welche Arbeit und Mangel dem ſchönſten Geſichte aufdrücken. Sie war eine Frau aus dem Volke, Madame; gleich Ihnen jung verlaſſen, eine Wittwe;— gleich Ihnen mit hülfloſen Kindern, von ihrer Klugheit abhängend. Sie erzählte mir, und ihre Miene zeugte fuͤr ihre Wahrhaftigkeit, daß ſie Tag und Nacht für dieſelben gearbeitet, für dieſelben ſich Nahrung und Schlaf verſagt habe. Doch die Auslage für das, was ſie auf ihr Geſchäft verwendet hatte,(von einem der Agen⸗ 58 ten A. O's. zu wucheriſchen Zinſen geborgt) war noch unerſetzt. Sie war noch arm, noch zahlungsunfähig, noch der Nachſicht bedürfend, und kam hieher, gleich der faſhionablen Gräfin von Winterfield, um Barmherzigkeit zu betteln!“ Mächtig erleichtert, wenn auch zu gleicher Zeit unter 3 der harten Lektion Abednegos ſich windend, haſchte die faſhionable Verſchwenderin nach Luft. „Ich gewährte ſie,“ fuhr der harte Mahner fort,„und ich ſchenkte ihr auch meine Achtung,— beinahe meine Zuneigung. Der alte Geldverleiher beruhigte ſie, wie nur ein Vater hätte thun können, und ſchickte ſie in Frieden und mit Troſt heim zu ihren Kindern.— Die Ihrigen, Madame, werden Ihnen weniger zu danken haben.— Ich will Sie nicht bloßſtellen,— ich will Sie nicht mit der Strenge der Geſetze verfolgen. Aber ich ziehe vor, zum Pfande für mein Eigenthum, welches Sie verſchwendet 1 haben, die Diamanten zu behalten, welche Sie mir zu jenem Zwecke verpfändeten, und ohne Ihnen eine weitere Guinee über das Darlehen zu geben,— weil weder das, nooch Millionen Ihren Ruin und Ihre Schande aufhalten können.“ „Dann bin ich verloren!“ rief Lady Winterfield, alle Faſſung verlierend und außer Stand, Ihre Thränen zurück⸗ zuhalten.„Dieſe koſtbaren Diamanten....“ „Dieſe Diamanten, Madame, Sie thun wohl, ſie zu ſchätzen,“ verſetzte Abednego.„Sie waren das Hochzeit⸗ geſchenk eines Mannes, der Ihnen ſein Herz ſchenkte, auf ein ſchoͤnes Aeußeres bauend,— der Ihnen ſeine Ehre anvertraute, an die Aufrichtigkeit Ihrer Neigung glaubend, — der auf ſeinem Sterbebett ſeine Kinder Ihrer Sorge in dem Glauben empfahl, daß alle ſeine Liebe und ſein Zutrauen nicht umſonſt hingegeben ſein können. Sie thun wohl deßhalb, die Andenken dieſer Liebe zu ſchätzen. Aber giauben Sie mir, ſie ſind ſicherer in meiner Verwahrung, als in Ihrer eigenen.“. . „Aber wenn ich,“ beharrte die gedemüthigte Frau, indem ſie bittend ihre Hände faltete, während heiße Thränen unaufhaltſam über ihre Wange ſtrömten,„wenn ich von einer anderen Perſon darauf eine hinlängliche Summe er⸗ halten kann, das, was ich entlehnt habe, Ihnen zurückzu⸗ zahlen, nebſt der Summe, deren ich bedarf, um meine zer⸗ rütteten Umſtände wieder herzuſtellen!“ „Das koͤnnen Sie nicht!“ fiel Abednego ein.„Ich habe ſie bis auf den letzten Carat abgewogen, und der freigebigſts Diamantenhändler könnte Ihnen im Kaufe nicht fünfzig Pfund über die Summe geben, welche Sie von mir ſelbſt als Darlehen empfangen haben. Es gibt wenig beſſere Iuweliere in dieſer Stadt, als mich ſelbſt!“ 4„Aber wenn Sie mir erlauben wollten, es zu ver⸗ ſuchenke drang die Lady halb vorſtellend, halb ſchmeichelnd n ihn.“ * „Nein, Madame!“ verſetzte der Geldverleiher mit einem bezeichnenden Lächeln.„Man kann Ihnen ein ſo werthvolles Eigenthum nicht anvertrauen. Ich koͤnnte jene Diamanten in die Hände der armen Handwerksfrau, von der ich ſprach, mit einer. weit feſteren Hoffnung geben, ſie zurückzuerhalten, als in jene der ſehr ehrenwerthen Gräfin von Winterfield!“ In dieſem Augenblicke ſiel Baſil Annesley die Er⸗ ſcheinung dieſer glänzenden Weltdame bei einer Verſtei⸗ gerung in Rocheſter⸗Houſe bei, lachend und plaudernd mit⸗ ten in einer Gruppe der ausgezeichnetſten Edelleute des Tages, welche ihr Lächeln in Entzücken verſetzte und denen ihr geringſtes Wort ein Geſetz war. „Dann bleibt mir nichts, als der Tod!“ rief die Lady außer ſich, aus ihrem Geſichte die ſeidenen Haarflechten zurückwerſend, vermiſcht mit der kantigen Verzierung von Brüßler Spitzen, mit denen ihre kleine franzöſiſche Haube beſetzt war.„Mögen Sie es nie erleben, das Unrecht zu bereuen, Sir, welches Sie an dieſem Tage über mich und die Meinigen gehäuft haben!“ 3 60 „Man ſtirbt, trotz der Drohungen von Selbſtmord, ſelten um einen Tag eher,“ entgegnete der unbeugſame Abednego.„Euer Herrlichkeit wird, glaube ich, lange leben, lange genug für Einſchränkungen, lange genug für die Reue.“ Harter Mann!“ rief Lady Winterfield, unter heißen, aufrichtigen Thränen, unfähig, ihre gewohnte Leidenſchaft⸗ lichkeit zu verleugnen.„Kann nichts Ihr verhärtetes Herz rühren? Muß ich Sie auf meinen Knieen anflehen?— Muß ich.... „Erſparen Sie ſich dieſe Uebertreibungen, Madame,“ ſagte Abednego kalt.„Ich bin zu ſehr gewoͤhnt, das Ueberſtrömen menſchlicher Leidenſchaften anzuhören, um nicht im Augenblicke zu unterſcheiden, welche Gefühle wahr ſind und welche bloß angenommen, um mein Mitleiden zu erregen. Noth, Madame, beſitzt einen eiſernen Schlüſſel zu den innerſten Tiefen des menſchlichen Herzens, zu jenen Tiefen, wo Beredſamkeit liegt, glühend gleich der Lava in einem Vulkane;— und dieſer Schluſſel iſt oft in meiner Gegenwart gebraucht worden. Der Kaufmann, der für ſeinen Credit, der Soldat, der für ſeine Ehre, der Ehe⸗ mann, der für den Frieden ſeines Herdes zittert, Mütter, welche die Fehltritte ihrer Kinder verbergen wollten, Kin⸗ der, gequält durch die Noth ihrer Eltern,— alle dieſe, Madame, ſprachen abwechſelnd vor mir, und ſprachen oft vergebens. Urtheilen Sie daher, wenn ich der Noth eines redlichen Mannes an der Granze des Bankerotts wider⸗ ſtehen kann, der eines Weibes bei der Ausſicht auf die Einkerkerung und Schande eines ehrenwerthen Gatten, ob ich leicht durch die wenig reizenden Attidüten gerührt wer⸗ den kann, die durch die dringende Rechnung einer Mode⸗ händlerin, oder die Forderungen des Verfertigers faſhio⸗ nabler Schönheitsmittel entſtehen.“ Lady Winterſteld fuhr mit dem Unwillen verwun⸗ nnen Stolzes auf, der weit mehr natürlich war, als ihr Pathos. „Ich war eine Thöͤrin,“ rief ſie,„von einem Geld⸗ 61* verleiher die Gefühle eines Menſchen zu erwarten! Bilden Sie ſich indeſſen nicht ein, mich ungeſtraft mit Füßen treten zu dürfen. Sie ſollen gezwingen werden, jene Ju⸗ welen einer höhern Gewalt auszuhändigen, als der meini⸗ gen. Mein Nechtsanwalt verſichert mir, Sie ſeien der Anklage wegen wucheriſcher Kniffe gegen mich ausgeſetzt, — mein Rechtsanwalt verſichert mir, Sie ſeien weit mehr in meiner Gewalt, als ich in der Ihrigen. Ziehen Sie nun vor, mir den Krieg zu erklären, gut, ſo nehmen Sie die Folgen hin! Ich verſpreche Ihnen, daß, trotz Ihrer gewoͤhnlichen Unverſchämtheit, Sie das Schlimmſte davon haben ſollen.“ Abednego lächelte ſarkaſtiſch bei dieſem plötzlichen Uebergange der feinen Lady zur Männlichkeit. „Ich bin nahe daran, Unruhe zu fühlen, Madame,“ ſagte er.„Geſtatten Sie mir, Ihren Wagen vorfahren zu laſſen. Das wird ſowohl eine Erleichterung für meinen Schrecken, als für Ihre Aufregung ſein.“ Er erhob ſich bei dieſen Worten von ſeinem Seſſel, und für einen Augenblick beſorgte Baſil Annesley, daß vermöge eines dieſer gaukleriſchen Effecte, auf welche er nun anfing, bei allem Verkehr mit A. O. ſich ſtets gefaßt zu machen, der Wirth und ſein Beſuch genoͤthigt ſein moͤchten, durch ſein Verſteck wegzugehen. Aber das war nicht der Fall. Kaum hatte Abednego die auf ſeinem Schreibtiſche liegende Glocke berührt, als eine entgegengeſetzte Thüre durch einen unverſchämten Com⸗ mis mit der Feder hinter dem Ohre, der ſo bewunderungs⸗ würdig zu der ganzen Localität paßte, daß ſie mit einan⸗ der auf die Welt gekommen zu ſein ſchienen, aufgeriſſen wurde. Er heftete ſein ſtieres, hellgraues, bäueriſches Auge feſt und prüfend auf die Lady, als wenn ſeine⸗ Eigenſchaft als Stellvertreter des Geldverleihers ihn mit der Macht begabt hätte, in den Geſichtszügen ſeiner Slihnte den Erfolg oder das Fehlſchlagen ihrer Abſichten zu leſen.. 62 „Begleiten Sie dieſe Dame zu ihrem Wagen, Raff⸗ les,“ ſagte Abednegv, ſeinen gewöhnlichen Platz an ſeinem Schreibtiſche einnehmend, mit einer ſo entſchiedenen Miene von Aufmerkſamkeit auf ſeine Beſchäftigung, daß ſie voll⸗ kommen als Zeichen der Entlaſſung gelten konnte.„Ihre Herrlichkeit hat Eile.“ Zu ſtolz, einem niedrigen Untergebenen, der wahr⸗ ſcheinlich ebenſo unbiegſam, wie ſein Herr war, den an ihrem Herzen nagenden Kummer zu zeigen; zog Lady Winterfield die Brüßler Spitzen dichter um ihr Geſicht, und aus einem zur Gewohnheit gewordenen Anflug von Ziererei den Saum ihres Pelzrockes erhebend, wie wenn ſie beſorgt vor einer Berührung mit dem gemeinen Boden wäre, verließ ſie das Zimmer, geleitet von ihrem ſonder⸗ baren Esquire, welcher, die Flügelthüren weit aufreißend, vermuthlich aus Hohn, als wenn er irgend einer erhabenen Perſon den Durchgang aͤffne, ihr durch dieſelben einen Blick in ein ſchönes, reich mit Gemälden geſchmücktes Gemach gewährte. 5 8 Es wurde daher Baſil offenbar, daß er in dem unver⸗ dächtigen Ausgang einer ſelbſtſtändigen Wohnung verſteckt ſei. Wohl eingedenk der plötzlichen Erſcheinung des Geld⸗ verleihers, als dieſer, bei ſeinem erſten Beſuche als Client, wie aus einer Maueröffnung hervorkam, zweifelte er nicht, daß irgend ein ähnlicher Winkel Abednego in den Stand geſetzt hatte, ſeine Handlungen zu belauſchen und zu über⸗ wachen. Unwillig über dieſe Betrügerei, war er nicht be⸗ kümmert, Wiedervergeltung gegen Oſaley geübt zu haben, indem er dadurch eine nicht geahnte Kenntniß ſeiner Ge⸗ heimniſſe bekam, ehe er ihn mit ſeiner unfreiwilligen Gegen⸗ wart in dem Verſtecke bekannt machte. Kaum hatte ſich die Thüre hinter der Gräfin geſchloſſen, als Abednego die Feder, durch welche er ein ſo beſtimmtes Zeichen der Entlaſſung gegeben hatte, wegwarf und ſeinen Platz in dem Armſeſſel wieder einnahm, in den er ſich mit einem Ausdruck von Selbſtzufriedenheit zurücklehnte, als - 63 ſchwelge er in dem Gedanken an die Qual, welche er ver⸗ hängt hatte. Er rieb ſeine abgezehrten Hände mit froh⸗ lockender Miene, ein grelles Lachen erſchütterte ſeine leder⸗ nen Wangen, deſſen Schärfe ſeinen warmherzigen Zuhörer bis auf das Mark durchſchauerte. „Furchtbarer!“ war die ſchaudernde Antwort Bafil's auf das triumphirende Lachen Abednego's. Doch ehe er Zeit hatte, dieſe Warnung vor der Gegenwart eines un⸗ befugten Lauſchers auszuſprechen, wurde die entgegenge⸗ ſetzte Thüre wieder geöffnet, und Annesley fühlte ſich im Innerſten durch die Sorge empoͤrt, daß das unglückliche Opfer der Thorheit und Frivolität zurückkehren moͤchte, um einen neuen fruchtloſen Verſuch mit Bitten zu wagen. Es war ihm eine Erleichterung, als der unverſchämte Commis allein eintrat. „Und mit welcher Summe ſuchte die kleine Närrin Sie auf dem Wege zu beſtechen, Raffles, und Sie zu vermögen, auf mich zu Ihren Gunſten einzuwirken?“ fragte Abednego, noch immer lachend. „Sie ſcheinen eine inſtinctmäßige Kenntniß in dieſen Sachen zu haben, Sir,“ ſagte der Commis mit drolligem Grinſen.„Ihre Herrlichkeit bot mir zehn Prozent, wenn ich Sie oder einen andern Geldverleiher veranlaſſen koͤnnte, ihr eine weitere Summe vorzuſtrecken. Es war unnütz, eine ſo feine Dame zu belehren, daß es Ihretwegen der Mühe werth iſt, mir kein ſo freigebiges Honorar zu be⸗ zahlen, damit ich ehrlich bleibe, und daß Ehrlichkeit meine beſte Police war. Arme Seele! Ich war beinahe beſorgt um ſie, als ich ihr in ihren Glaswagen half, der ſie, der Comptoirthüre gegenüber, erwartete.“ „Sparen Sie Ihr Mitleiden, mein guter Freund, für würdigere Gegenſtände,“ rief der Geldverleiher, wäh⸗ rend er beſchäftigt war, mehrere auf dem Tiſche neben ihm liegende Papiere zu ordnen.„Ich habe dem thö⸗ richten Weibe eine Lection gegeben, die ſie nicht leicht vergeſſen wird. Zu keinem Zwecke jedoch,— eine bloße 64 Verſchwendung von Beredſamkeit! Der Nachtſchmetterling wird ſeine einfältigen Flugel noch einmal verbrennen,— ja, in der Flamme umkommen,— bei der erſten Gele⸗ genheit!“ 3 „Kaum fünfundzwanzig, nach ihrem Aeußern zu ur⸗ theilen,“ rief der vertraute Commis,„und ſchon zu Grunde gerichtet durch Geſchäfte mit den Juden. Das iſt betrübend, das iſt wirklich betrübend!“ „Ihrer Herrlichkeit glänzende Augen ſcheinen an dem Diener den Reiz ausgeübt zu haben, welchen ſie an dem Herrn vergebens auszuüben verſuchten,“ rief Abednego mit Hohn.„Sie nehmen ja an Weichheit zu, wie ein Baumwollenballen, Raffles! Nehmen Sie ſich in Acht, mein Freund, oder Sie werden untauglich für Ihre Stelle werden. Aber weil dieſes verſchlagene Weibsbild Ihr Mitleid erregt zu haben ſcheint, ſollen Sie ihr die Geldanweiſung bringen, mittels der ich beabſichtige, ſie zurückzuhalten,— nicht von einem Sturze in die Ser⸗ pentine, oder daß ſie um zwei Penny's Rattengift kaufe, wozu ſie eben ſo wenig Luſt hat, als wir beide,— ſon⸗ dern davon, Ihren ſchon befleckten Namen ſo ſchwarz zu machen, wie ein ſolches Uebermaß von Leichtſinn von Seiten einer Familienmutter ihn wohl machen würde. Ich habe ihrem Bruder, einem artigen Manne, dem ihre Ehre theuer iſt, den unbeſonnenen Wandel angedeutet, welchem ſie ſich überläßt, und bis er in die Stadt kommt, bin ich verbunden, Vorſorge für ihr Geſchick zu treffen.“ „Sie beabſichtigen alſo, Sir, ihrer Bitte um dieſes weitere Darlehen zu entſprechen?“ ſagte der Commis, ſichtlich erſtaunt.„Erinnern Sie ſich indeſſen gefälligſt, daß ich Sie gehörig unterrichtet habe, daß die Sicherheit bereits überſchritten iſt.“ 4 „Ich weiß es!— Ich weiß es! Verdammte Sicher⸗ heit! Habe ich nicht mehr als zweifache Sicherheit in ihrer Furcht vor öffentlicher Bloßſtellung?“ 6⁵ „Aber wenn ſie nicht die Mittel hat, zu zahlen, ſind Sie doch vielem ausgeſetzt?“ „Ihre Familie hat. Die Verpfändung eines Na⸗ mens, wie der ihrige, iſt ſo gut als Diamanten oder Goldſtaub. Aber warum weinen Sie, Sir?“ „Ueber den Gedanken an alle die Schmähungen, welche die Gräſin ſo unnützerweiſe zwiſchen dieſem Zim⸗ mer und ihrem Wagen verſchwendete.“ „Ach ja!— ich kann mir wohl denken, welchen Strom von Beſchimpfungen ſie gegen den armen A. O. ausſtieß; fort mit dem allen! Wenn man nicht einwilligt, ſich gleich ihren übrigen Gläubigern rupfen zu laſſen, ſo heißt man Hund,— Filz,— Räuber,— Jude! Die armen Anfangsbuchſtaben A. O. ſind, wie ich fürchte, ſchon der Gegenſtand von mehr Verwünſchungen gewor⸗ den, als irgend eine andere Combination der Buchſtaben des Alphabets.“ „Aber gewiß, Sir, wenn Sie die Abſicht hätten, ſie zu verpflichten, würden Sie ihr die ſchrecklichen Au⸗ genblicke der Ungewißheit erſpart haben, welche Sie ſie ausſtehen ließen?“ 4 „ und die Predigt, welche vorherging, he?— Nein, nein, Raffles! Eben weil ich beabſichtigte, ſie von dem Abgrunde des Verderbens zu retten, hatte ich den Muth, ſie zu tadeln. Ich bin zu grauſam, nicht wahr, gegen dieſe jungen und zarten Suͤnderinnen? Ich ſage, das wäre eben ſo vernünftig, als den Wundarzt der Grau⸗ ſamkeit zu beſchuldigen, der ein mit dem Krebſe behaf⸗ tetes Glied amputirt, um das Leben des Patienten zu retten! Doch genug davon! Laſſen Sie ihr das Geld vor fünf Uhr zukommen. Auf dem Wege, wenn Sie dem Strande entlang gehen, wechſeln Sie den Betrag der Anweiſung, die ich geſchrieben habe, ein. Dadurch wird der Dame die Erniedrigung erſpart, die Anweiſung einem Geldverleiher zu präſentiren. Sie wird meine Nachgie⸗ bigkeit Ihrer Beredſamkeit zuſchreiben, welche mir die⸗ Der Geldverleiher. II. 5 66 ſelbe abdrang, um die Ihnen zugeſagten zehn Prozent zu erhalten. Das verſteht ſich! Ha, ha, ha! Deſto beſſer! Es würde mein Ruin ſein, wenn ich in den Ruf käme, verzagt zu ſein. Apropos, ich hoffe, Sie haben Cogno⸗ vit angewieſen, gegen den alten Viscount gerichtlich ein⸗ zuſchreiten?⸗ „Ich habe es, Sir.“ 8 „Und eine Klage anzuſtellen gegen...“ Baſil Annesley rief nun laut, um die Gleichmüthig⸗ keit beider, des Geldverleihers und ſeines Commis zu ſtören; denn er hegte keinen Wunſch, noch tiefer in die Verhandlungen einzudringen, welche, wie er vorausſah, auf dem Punkte ſtanden, geſchloſſen zu werden. „Wer zum Teufel iſt in dem Durchgange 2 1 fragte Abednego. „Das iſt gewiß nicht Zebedeus Stimme!“ verſetzte Raffles; und ehe Baſil ſein Signal wiederholen konnte, ſchien eine Seite der Wand neben ihm zurückzuweichen, indem das bewegliche Viereck, welches das Verſteck von dem Berathungszimmer des Geldverleihers trennte, weg⸗ geſchoben wurde. Der vertraute Commis packte den fremden Lauſcher augenblicklich am Kragen. „Ihre Piſtolen, Sir, Ihre Piſtolen!“ ſchrie Naffles ſeinem Herrn zu;„das iſt ein Einbrecher, ein Dieb. Ich habe ihn feſt!“ „Laſſen Sie ihn los,— und danken Sie Ihren Sternen, daß Ihr lärmender Eifer mich nicht gereizt hat, den durch den Kopf zu ſchießen, ohne deſſen Hülfe Sie ſich nun herrenlos in der Welt herumtreiben würden!“ ſchrie Abednego, der, nachdem er eine Piſtole von ſeinem Schreibtiſche geriſſen hatte und vor die offene Wand ge⸗ treten war, durch das zweifelhafte Licht erkannte, daß es kein anderer war, als der junge Gardiſt, der ſich gegen die Griffe ſeines Stellvertreters wehrte. „Ich habe Sie an vielen ſeltſamen Plätzen geſucht, 67 Herr Oſaley,“ bemerkte Baſil, ruhig in das Zimmer tre⸗ tend, nachdem er ſich befreit ſah,„und Sie manchmal an gleich ſeltſamen gefunden, wo Ihre Gegenwart ganz uner⸗ wartet war. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte ich nicht die Abſicht, ein Spion Ihrer Handlungen zu werden. Obwohl ich Sie ſuchte, und zwar auf Ihr eigenes Ver⸗ langen, ſchwöre ich Ihnen doch, daß ich, als ich in jene ſchandliche Zelle eindrang, nicht wußte, in welche Art Verſteck ich kam.“ „Es bedarf keines Eides, Ihre Angabe zu bekräftigen!“ verſetzte A. O., nicht im mindeſten verlegen,„da es ohne den Hauptſchlüſſel eines meiner Agenten, Ihnen unmöglich geworden ſein würde, ſich in meine verborgenſten Schlupf⸗ winkel einzuſchleichen. Nichtsdeſtoweniger mag es, da Sie auf dem Punkte ſtehen, bei dem Beſuche der Höhle eines Geldverleihers Gewiſſensbiſſe zu erkünſteln, nicht ungeeig⸗ net ſein, Ihnen in's Gedächtniß zurückzurufen, daß einmal vor Zeiten ein gewiſſer Herr Baſil Annesley...“ „In einem ähnlichen Anliegen einen gewiſſen A. O. beſuchte!“ fiel der unfreiwillige Spion ein.„Aber ich kam damals nicht als Freund,— ich kam nicht, wie heute, um.. „Sie kamen damals, genau zu demſelben Zwecke, wie heute!“ verſetzte Abednego feſt.„Sie kamen und kommen, in der Hoffnung, Verelſt nützlich zu werden. „Nun, warum es läugnen? Können Sie ein beſſeres An⸗ recht auf meine Achtung aufweiſen, als Beſorgniß für die Wohlfahrt der Familie meiner Schweſter?“ Der erſtaunte Commis verlor für einen Augenblick ſein berufsmäßiges Ausſehen verhärteter Unverſchämtheit, und war ganz beſtürzt, erſtlich darüber, zu hören, wie der alte Geldverleiher einen jungen gutgekleideten Mann von Baſil's Manieren und Ausſehen im Tone liebevoller Theil⸗ nahme anſprach, und zweitens über das Geſtändniß einer Verwandtſchaft mit einem ſterblichen Menſchen von Seite X. O., den er bisher als ein vereinzeltes Weſen betrach⸗ tet hatte— als eine Art geheimnißvollen Automats, zu⸗ ſammengeſetzt aus Gold und Berechnung, das eben ſo gut aus der großen Pyramide als aus der St. Giles⸗Armen⸗ ſchule hervorgekommen ſein konnte,— ſo gänzlich getrennt ſchien er von allen gewöhnlichen Lebensverbindungen. Es war höchſt kränkend für den beſtürzten und neu⸗ gierigen Raffles, als einen Augenblick ſpäter Abednego den Wunſch ausſprach, mit ſeinem hübſchen jungen Be⸗ ſuche allein zu ſein; und augenſcheinlich auf der Hut gegen die Gewohnheiten von Verſtellung, die er ſeinen Unterge⸗ benen eingeprägt hatte, ihm ernſt durch den Speiſeſaal, als er zurücktrat, folgte, und nach ſeinem Abgange ſorg⸗ fältig die Thür hinter ihm ſchloß; ein unverkennbares Zeichen in dieſem geheimnißvollen Hauſe, daß kein mög⸗ liches Ereigniß, höchſtens Feuer im Hauſe, die Leute des Geldverleihers berechtigte, in ſeine Einſamkeit einzudringen. „Und nun,“ ſagte Abednego als er in das Zimmer zurückkehrte, und ſich ſelbſt wieder in ſein Allerheiligſtes ſetzte,„nun ſetzen Sie ſich, ich bitte, und laſſen Sie uns einige Minuten ungeſtoͤrt mit einander ſprechen.“ „Entſchuldigen Sie,“ entgegnete Baſil, durch das noch offene Viereck längs des dunkelen Corridors hinſehend, —„ich habe mein Pferd außen in der Straße gelaſſen, unter der Aufſicht eines völlig fremden...“ „Unter der Aufſicht eines meiner vertrauten Agenten, ſonſt würden Sie nicht hier ſein!“ verſetzte Abednego. „Fürchten Sie nichts! Zebedeus hat einigen Geſchmack für Pferdefleiſch. Er war es, den ich gebrauchte, dem Herzog von Rocheſter ſeinen Marſtall in Newmarket weg⸗ zunehmen. Der Burſche wird gute Sorge für Ihren Klepper tragen.“ Mit dieſen Worten ſchloß er die Oeffnung durch eine Feder und ſetzte ſich Baſil gegenüber in den Armſtuhl, in welchem er nach dem Weggehen der Gräfin von Winter⸗ ſield ſich ſo frohlockend dem Nachdenken überlaſſen hatte. Doch mit ſeiner gewöhnlichen Unterſcheidungsgabe 69 erkannte er augenblicklich, welch' ungünſtigen Eindruck auf den jungen Mann der Auftritt gemacht hatte, deſſen Zeuge er unlängſt geweſen war. Der junge Annesley war kalt, zurückhaltend und unfreundlich,— weder aufgelegt, die beißenden Scherze ſeines Geſellſchafters beifällig aufzuneh⸗ . men, noch ſeine Homilien mit Achtung anzuhoͤren. Der offenherzige Soldat ſchien entſchloſſen, ſein Bewußtſein, in der Geſellſchaft eines Geldverleihers von Profeſſion zu ſein, an den Tag zu legen. Einige Minuten lang verſuchte Abednego dieſes plötz⸗ liche Mißtrauen zu bekämpfen; aber da alle ſeine Verſuche ſeinem Gaſte ein Lächeln zu entlocken, oder ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit zu feſſeln, mißlangen, ſchlug er plöͤtzlich einen natürlicheren Weg ein. „Ich ſehe, wie es iſt!“ rief er.„Ich habe Ihre Achtung, ich habe Ihre Freundſchaft verloren. Die warme Theilnahme eines jungen Herzens, wie das Ihrige, fiel gleich dem Thau auf meine alten Tage und belebte Ge⸗ fühle wieder, die ich längſt erſtorben in meinem verwelkten⸗ Herzen hielt! Und ſchon iſt die Quelle verſtegt,— die Wüſte wieder öde! Herr von Millionen, ſchätze ich jenen erſten freiwilligen Impuls von Mitgefuͤhl für mich, höher als ſie alle. Und nun haſſen Sie mich! Ich ſehe es an Ihrem Geſichte,— ich hoͤre es an Ihrer Stimme, oder beſſer, an Ihrem Schweigen! Leugnen Sie nicht, Baſil Annesley, Sie ſind auf dem Punkte, den unglücklichen A. O. zu verabſcheuen und zu verachten!“ „Unglücklich!“ wiederholte Baſil mit einem Lächeln. a, ſehr unglücklich!“ wiederholte Abednego.„Ein Opfer ſeiner Geburt, ja vor ſeiner Geburt,— ein vor⸗ herbeſtimmter Auswurf, ein prädiſtinirter Paria,— ein... „Halten Sie einen Augenblick inne, Herr Oſaley,“ fiel Baſil ein.„Fern ſei es von mir, die Geheimniſſe Ihres Gefängniſſes durch Neberraſchung zu erſchleichen! Ueberlegen Sie, ich bitte, ehe Sie ſich unbeſonnen einer Ver⸗ traulichkeit überlaſſen, welche Sie ſpäter bereuen möchten!“ „Nein!“ rief der Geldverleiher, und ſein Geſicht zeigte Merkmale unbeſchreiblicher Aufregung;„die Zeit iſt gekommen! Ich fühle, daß ich das vernichtende Gewicht Ihrer Verachtung nicht ertragen kann. Ich muß reden, oder ſterben. Ich muß mich ſelbſt rechtfertigen. Laſſen Sie wenigſtens ein menſchliches Weſen auf der Welt ſein, das die wirkliche Lage und die Selbſtanklage des armen Abednego Oſaley vernimmt und leidenſchaftslos beurtheilt.“ „In dieſem Namen, Baſil, liegt das Geheimniß mei⸗ nes Schickſals!“ ſuhr der Geldverleiher nach einer Pauſe fort:— denn es iſt der eines— Inden!— unbeſtreitbar der eines Juden. Mag ich mich nach allen chriſtlichen Geſetzen betragen, mag ich Gott fürchten und meinen Nächſten lieben, wie mich ſelbſt, ja, wie St. Paul, mei⸗ nen Leib hingeben, um verbrannt zu werden, was nützt es mich? Ich führe einen jüdiſchen Namen! Mein Ge⸗ ſchlechtsname wittert nach der Synagoge. Ich bin ein Jude,— ich muß ein Jude ſein; die Welt behauptet es, und wer iſt im Stande, der Welt zu widerſprechen? Die Meinung,— die öffentliche Meinung hat mich unter die Kinder Israels geſtellt. Baſil Annesley, ſo groß iſt dieſe Einwirkung, daß ſie die Triebe der Natur überwäl⸗ tigt hat, ſo groß dieſe geſellſchaftliche Tyrannei, daß ſie mich zu dem gemacht hat, was ich bin! „Hören Sie meine Erzählung! „Ich wurde geboren— wie Verelſt Ihnen wahr⸗ ſcheinlich ſchon erzählt hat— als der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns in Cadir, der mit der ganzen Han⸗ delswelt, aber vorzügkich mit England im Verkehr ſtand; meine Mutter, wie meine Großmutter von väterlicher Seite, waren ebenfalls Eingeborne jenes Landes. Es geſchah in der That bei der Verheirathung meines Groß⸗ vaters mit einer jungen Proteſtantin von ehrenwerther Abkunft, einer Landsmännin von Ihnen, daß er dem Glau⸗ 71 ben ſeiner Vorältern entſagte und dadurch ſich ein Recht auf alle Liebe und Schonung des chriſtlichen Glaubens erwarb.: „Sein Aebertritt war ein Act reiner Ueberzengung; denn mein Großvater, reich wie ein Doria, oder ein Me⸗ dicis, war ein Mann von Geiſt und Einſicht, und ſelbſt die Leidenſchaft, welche er für die Tochter eines engliſchen Admirals empfand, würde ihn zu keiner Capitulation mit ſeinem Gewiſſen verführt haben. „Durch dieſen Uebertritt kehrte er, wie ſich verſteht, die Hände und Herzen ſeines eigenen Volkes gegen ſich. Er machte ſich Freunde und Verwandte zu Feinden. Alle jene, in deren Adern ſein Blut floß, bewieſen bald ihm und der Welt, daß jene verwandten Tropfen ſich in die Bitterkeit von Galle verwandelt hatten. Hatte er dagegen nicht ein Recht, zu erwarten, daß die Kirche, in deren Schooß er ſich geworfen hatte, ſich beſtreben würde, die Wunden zu heilen, welche die Bosheit jener ihm geſchla⸗ gen? Hatte er nicht Urſache, zu glauben, daß der neube⸗ kehrte Chriſt von Chriſten chriſtlich würde behandelt werden?“ „Es war nicht ſo. In Cadix, wo er wohnte, war das Volk in jener Zeit unwiſſend, bigot, und bis an das Erde ſeiner Tage wurde das prächtige Haus meines Groß⸗ vaters von dem Volke als das„Oſaley des Juden“ be⸗ zeichnet. Hätte er den katholiſchen Glauben angenommen, möchten die Verhältniſſe ſich ganz anders geſtaltet haben. aber die Brandopfer ſeines Eifers dampften nicht an den Altären ihrer Kathedralen, und ſie beharrten folglich dabei, ihn„Oſaley den Juden“ zu ſchelten!“ „Jener Zeit erinnere ich mich nimmer! Mein Groß⸗ vater ſtarb ſchon gleich nach meiner Geburt; aber ich erinnere mich, das mährchenhafte Geflüſter am Kamine zwiſchen ſeiner ehrwürdigen Wittwe und meinem Vater gehöͤrt zu haben, wenn bei einem Volksauflaufe es nothig wurde, durch reiche Wohlthaten die Menge zu gewinnen, Natur, daß der Reſt ſeines Lebens in dem Beſtreben dahin⸗ 72 damit ſie nicht im Hafen oder auf den Quais, die Schiffe oder das Waarenlager des„Juden von Cadix“ angreifen und berauben.“ „War dies vernünftig? Hat nicht der Gott der Chriſten ausdrücklich ausgeſprochen, daß mehr Freude im Himmel iſt über einen Sünder, der Buße gethan, als über neunundneunzig Gerechte, welche keiner Buße bedürfen? Und wer, ich bitte Sie, hat mehr für die chriſtliche Kirche gethan,— der Mann, welcher die Liebe ſeiner Verwandten und die Vorliebe und den Glauben ſeiner Vorfahren opferte, um dem Kreuze anzuhängen, oder der, welcher von ſeinen Vätern einen lauen Glauben ererbte, der ihn ungeprüft annimmt, doch glücklich unter den grünen Olivenhainen geiſtlichen Schutzes, während der judiſche Neophyte gezwungen iſt, als eine Bürde die nieder⸗ drückende Laſt jenes Kreuzes zu ſchleppen, welches er frei⸗ willig und eifrig angenommen hat. „Ich frage nochmals, Baſil Annesley, iſt das ver⸗ nünftig? Doch wann war die Bevölkerung eines den Pfaf⸗ fen ergebenen Landes jemals vernünftig? Mein Vater, der, auf den Wunſch ſeiner Mutter, in ihrer Heimath erzogen worden, war doppelt bekümmert durch das Mißtrauen und die ſchlechte Begegnung. In England verweilte er deßhalb, gleich nachdem ſeine Erziehung vollendet war; in England liebte er, verheirathete ſich und wurde Vater; aber gleich nach meiner Geburt zwang ihn der plötzliche Tod ſeines Vaters, nach Cadirx zurückzukehren. „Gern würde er ſich von jenem Augenblicke an aus dem commerciellen Leben zurückgezogen, ſein Eigenthum zu Gelde gemacht und ſich für immer in dem Lande religiöſer Frei⸗ heit und wiſſenſchaftlicher Aufklärung niedergelaſſen haben; aber es war unmöglich! Seine Capitalien waren ſo weit ausgebreitet, ſeine ausländiſchen Verbindungen, beſonders mit den engliſchen Colonieen im Oſten, ſo ausgedehnter 73 ſchwand, die Wurzel dieſer Verzweigungen in der Abſicht zu zerſtoͤren, die Handelsgeſchäfte abzuſchwören. „Nichts zehrt mehr am Herzen, als die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtſein vereitelter Vorſätze entſteht. Oſaley—„der Sohn des Juden“— obſchon der reichſte Bürger in Cadir, deſſen Schiffe in jedem Hafen Europas flaggten, und deſſen Stimme für hunderttauſende das Da⸗ ſein von Ueberfluß oder Hungersnoth entſchied,— war ein elender Mann! das Getreide, der Wein, das Oel in ſeinen reichen Waarenhäuſern gab keine Nahrung für ſeine Seele. In Spanien,— im katholiſchen Spanien— ſchien er außer aller Gemeinſchaft zu ſtehen, wie ſein Va⸗ ter außer ihr geſtanden war. Er wurde Wittwer; und nicht der ärmſte ſeiner Handelsbrüder würde zufrieden ge⸗ weſen ſein, ſeine Tochter dem Sohne„Qſaley dem Juden“ zur Frau zu geben. „Wiederum frage ich Sie, Baſil Annesley, war dies vernünftig? Mein armer Vater, wähnend, daß in England, dem freiſinnigen England— ſolche Vorurtheile uner⸗ hört ſeien, ſtrebte ſtets eifrig dahin. Die Zeit würde kom⸗ men, wähnte er, wo er einen Nachfolger finden würde, reich genug, ſeine Speculationen zu übernehmen und Mil⸗ lionen an ſeine ungeheuren Unternehmungen zu wenden. „Und dann, mein Knabe,“ war immer und immer ſein Ausruf,„dann will ich meinen Stab in das glücklichſte und freiſte Land der Welt ſetzen. England iſt das Land des Handels. Dort wird der Urſprung unſeres Reich⸗ thums geehrt werden; und die Güter, in deren Erwerbung ich den groͤßten Theik meiner Capitalien anzulegen beab⸗ ſichtige, werden Dir eine Stellung in dem Lande geben, welche Dich berechtigt, eine Stimme in ſeiner Geſetzgebung zu führen. Du ſollſt einen Sitz im Parlamente haben, Abednego! Mit Deinen Talenten und der Erziehung, welche ſie vervollkommnen ſoll, kannſt Du die öoͤffentliche Achtung gewinnen und der Gründer einer ehrenwerthen Familie werden. 74 „Ich möchte beinahe wünſchen, daß ich Dir einen, nach dem zurückſtoßenden Urſprung unſeres alten Hauſes weniger ſchmeckenden Taufnamen gegeben hätte. Doch als Du getauft wurdeſt, war der alte Mann, mein Vater, noch am Leben, und ich zitterte davor, ſeinem warmen Herzen die Qual zu bereiten und beſchämt über einen Namen zu erſcheinen, den er mir ſelbſt auferlegt hat, der ſein eigner und der des Vaters ſeines Vaters war. Dem unglücklichen Namen„Abednego“ verdanke ich die Hälfte der Gehäſſigkeit, welche ſich in Cadir an„den Sohn Oſaley des Juden“ knüpfte. Wenn immer jedoch dieſer Name der Schmach mein Ohr erreicht, denke ich an meines Vaters graue Haare und bin zufrieden; ſo mag es auch mit Dir ſein! Sollteſt Du je unter ſeiner ſchimpf⸗ lichen Anwendung zu leiden haben, ſo rufe Dir die Be⸗ weggründe Deiner Aeltern in's Gedächtniß zurück und ſei geduldig!“ „Das, Baſil, waren die Anſichten dieſes vortreffli⸗ chen Mannes, als er mich, was für das erſte einer eng⸗ liſchen Erziehung gilt, auf die öffentliche Schule und die Univerfität brachte. Er konnte es ertragen, ſich von mir zu trennen; denn er war wieder verheirathet und Vater eines kleinen Mädchens, das er fromm Rachael, nach dem Gebrauche in ſeiner Familie, benannt hatte. „Ich war ein munterer und verwegener Knabe. Von meiner Kindheit an hatte ich im Hauſe meines Vaters das Beſte des Unterrichts erhalten, die Geſellſchaft der Weiſen und Freiſinnigen. Der reiche Oſaley hatte offene Tafel für Alles, was aufgeklärt oder ausgezeichnet in feiner Vaterſtadt war;— die großen Hidalgv's, welche zu verpflichten ſo oft in ſeiner Macht ſtand,— den Erzbi⸗ ſchof,— den Gouverneur,— den Commandanten,— die Edelſten und Beſten der Stadt. Die Anordnungen und Unterhaltungen in unſerem Hauſe waren koſtbar, wie jene der Handelsfürſten Italiens; und zu welcher Gleich⸗ heit wird nicht die Mittelmäßigkeit leeren Hochmuths her⸗ 75 abſteigen, für die Nachſicht mit ihren ſinnlichen Freuden. Ich verließ Spanien, um nach England zu gehen, mit dem Glauben, daß wir eine große und mächtige Familie ſeien, und daß ich auch anderswo die Achtung und Will⸗ fährigkeit finden würde, die mir von den Gäſten und Un⸗ tergebenen meines Vaters erwieſen worden war. „Der hochmüthige Knabe war für eine herbe Lehre beſtimmt! Kann ich je die erſte Woche in Eton vergeſſen! Kann ich je die Erinnerung an das ergrimmte Herz ver⸗ lieren, mit dem ich bei Nacht mich auf mein Lager warf, nachdem ich wiederholt rings um mich den ſchimpflichen Namen Abednego der Jude hörte! Im Laufe des erſten Tages hatte nicht bloß ein Schüler nach meinen Brüdern Shadrach und Meshech gefragt! Das Bett, welches ich mit meinen Thränen befeuchtete, wurde der feurige Ofen genannt; und nicht bloß ein Biſſen meiner Nahrung wurde durch Anerhietungen eines Stückes Schweinfleiſch oder anderex lieblicher Gerichte verbittert, welche der Ge⸗ genſtand jüdiſchen Abſcheus ſind! „Endlich kehrte ich mich gegen meine Verfolger⸗ Gleich andern gequälten Schulknaben, verſuchte ich zuerſt die Stärke meines ſchwächlichen Armes und focht, und wurde zuerſt in den Kreis gezogen und dann für mein Fechten gezüchtigt. Ich ertrug Alles tapfer, weil meine Triumphe als Schüler mir eine Ausſicht darboten, meine Gegner durch die Gewalt mächtigerer Waffen zu demü⸗ thigen. Ich fühlte ſtolzes Streben in mir. Meine Seele war entſchloſſen, über der Gleichheit mit jenen erbärm⸗ lichen Lordlings zu ſtehen, welche mich verachteten. „Sie ſollen noch von mir hören,— ſie ſollen mich noch fühlen!“ war die innere Eingebung, welche mein träges Schülerleben anſpornte, bis ich ein Gegenſtand allgemeiner Bewunderung wurde; meine engliſchen Verſe, wie meine Fortſchritte im Griechiſchen waren gleichmaßig Gegenſtände des Lobes. Die Lehrer fingen an, mich un⸗ ter einander als einen vielverſprechenden jungen Menſchen 5 . anzuführen, der ſich leicht im öffentlichen Leben auszeich⸗ nen würde! „Dann kam die gewöͤhnliche Anmerkung:„Armer Knabe! Mit ſolchen Fähigkeiten iſt es tauſendmal Schade, daß er ein Jude ſein ſoll.“ „Aber er iſt kein Jude, weder er noch ſeine Eltern,“ war die unwillige Antwort des Oberlehrers. „Unmöglich!— der Name!— Abednego Oſaley! — Ueberdies ſehen Sie ihm in's Geſicht,— nur in ſein Geſicht!— Augen, Geſichtsbildung, Haare,— da iſt der leibhaftige Jude in jeder Linie!“ „In der erſten Zeit erreichten einzelne Bemerkungen aus dieſer Unterredung mein Ohr. Ich rief mir mit bitterem Gemüthe den Ausdruck des Kummers in's Ge⸗ dächtniß, der meines Vaters Geſicht überdeckte, wenn ſein Blick auf dem meinigen haftete. Oft hörte ich, wenn ſeine Paraſiten Lobeserhebungen über meine perſönliche Schönheit an ihn richteten, wenn ſie das prientaliſche Feuer meiner Augen oder die glänzen Haare bewunderten, ihn ſagen:„Ich wollte, er hätte die noͤrdliche Schönheit ſeiner armen Mutter geerbt! Mein Geſicht mag ein trauriges Erbtheil für den armen Kna⸗ ben werden!“ 1 „Prophetiſche Worte, Baſil, wie der Spott meiner Mitſchüler und die verfeinerte Ironie meiner Colleg⸗Ge⸗ fährten mir bald auf meine Koſten lehrten. „Wenn auch verwundet und leidend, war ich noch nicht verzweifelt,— ich haßte meinen Namen,— ich verabſcheute meine Abſtammung als die Quelle ungerech⸗ ter Verleumdungen;— aber ich haßte die Welt noch nicht. Gerade wie mein Vater und Großvater zur Mil⸗ derung des Spottes und Mißtrauens von Cadir geſagt hatten:„Dies Vokk iſt unwiſſend und den Prieſtern er⸗ geben; ſein Uebermuth verdient bloß unſer Mitleiden!“ ſagte ich meinerſeits:„Warum Acht geben auf die Sar⸗ casmen von Knaben und Gelbſchnäbeln? Das Urtheil, ne Schwärze meiner 77 welches meine Stellung im Leben beſtimmen kann, muß aus dem Munde von Männern und Frauen kommen!“ „Aber ungeachtet des Zaubers, der in dieſen letzten Worten lag, Baſil, wußte ich damals ihre Macht wenig zu ſchätzen! In Orford wurde Politik mein Lieblings⸗ ſtudium. Der glühende Ehrgeiz meiner Seele war, mich im Parlamente auszuzeichnen. Ich zweifle, ob der glüh⸗ endſte Patriot je mit innigerem Verlangen nach der Ge⸗ legenheit ſtrebte, ſeinem Lande zu dienen, als ich nach den Ehren ſenatoriſchen Ruhms. Ich war überzeugt, daß an den Wänden des Hauſes der Gemeinen der Schild meiner künftigen Erhebung hing; dort war es, wo ich die Lorbeeren gewinnen würde, die beſtimmt waren, den Mangel einer erblichen Krone zu erſetzen.— „Dort, entweder mußte ich leben oder kein Leben haben!“ „Niemals mißtraute ich für einen Augenblick der Stärke meiner eigenen Macht. Gleich der Wahrſagerin war ich mir der Göttlichkeit in mir bewußt. Ich fühlte mich Herr über mein Geſchick, und durch daſſelbe Perr über die Meinung der Welt. Es war mein Ehrgeiz allein, mich auf eine gleiche Stufe mit meinen Mitmenſchen zu ſtellen; mich ſelbſt von unverdienter Schande zu er⸗ löſen. Der Wuuſch, meinen Fuß auf den Nacken der Menſchheit zu ſetzen, erwachte erſt im ſpäteren Leben. Bis jetzt träumte ich nur von dem, was ſo leicht auszuführen ſchien, und ſo lange die Illuſion währte, war ich in Frieden mit mir ſelbſt und mit der Welt! 2 „Die verſteckten Beleidigungen, die mich manchmal trafen, fielen unbeachtet in mein Ohr. Der Name, den ich vorhatte, mir ſelbſt zu ſchaffen, wurde, wie ich wähnte, bald jenen:„Abednego Oſaley“ vertilgen. „Ach, wie würde ich geſchaudert haben, wie vor Entſetzen zurückgebebt ſein, hätte irgend Jemand in jener Zeit ſich vermeſſen, mir die erniedrigende Laufbahn der Zukunft A. O's vorherzuſagen!“ Viertes Kapitel. In ihrem Haſſe bellten ſie mich an Mit eines Hundes ſinnlos wilder Wuth, Der gegen einen Schatten bellt! Ford. Erſt nach einer kurzen Pauſe von einigen Minuten, während welcher die Erbitterung des Geldverleihers einiger⸗ maßen durch die Sympathie und Theilnahme beſänftigt ſchien, die ſein junger Gefährte bei der Erzählung an den Tag legte, fuhr dieſer in einem weniger aufgeregten Tone fort: „Die Menſchheit iſt mehr, was ſie durch Menſchen, als was ſie durch ihren Schöpfer geworden iſt! Der Wolf iſt wild, wenn man ihn durch Hunde hetzt. Die Schlange richtet ſich gegen Sie, wenn Sie ſie beunruhigen und verfolgen. Das Kind murrt gewiß, wenn man es ungerecht züchtigt. Aber über Alles wird der Menſch un⸗ gerecht und grauſam, wenn ſein menſchlicher Bruder ihn mit Grauſamkeit und Ungerechtigkeit verfolgt. Ich war geboren, behaftet mit der urſprünglichen Sünde der menſch⸗ lichen Natur, aber ich bin überzeugt, daß es edle Triebe in meiner Seele gab, welche der Hohn meiner Mit⸗ menſchen in Gottloſigkeit verwandelte. Die Keime des Guten waren da, aber mit Gift befruchtet, brachten ſie nur tödtliche Früchte hervor! „Voll Munterkeit, voll Vertrauen in mich ſelbſt und Andere trat ich in's Leben. Mein Vater gab mir ein reiches Jahrgeld, doppelt ſo reich, als jenes des reichſten Edelmannes auf der Univerſität; und wiewohl in einem Sinne auch dieſes gegen mich ſprach, durch die beſtändige Erwähnung:„Der reiche Oſaley, reich wie ein Jude!“ 79 ſetzte es mich doch in den Stand’, mir Geſellſchafter aus der faſhionablen Welt zu verpflichten. „Für ſie war ich nur„Oſaley“— Oſaley, der ſo famoſe Hunde, ſolch' capitale Weine und eine ſo bekannte Equipage ſtets für ſeine Freunde bereit hatte, und mein Freund zu ſein, war folglich der Anſpruch meiner halben Bekanntſchaft. Jene, welche ſich vergnügten, mit mir oder beſſer für mich zu diniren und zu jagen, führten mich bei ihren Familien ein; und nach und nach wurde ich aus Duldung, obgleich ich es wenig argwöhnte, ein begünſtigter Gaſt in der großen Welt. „Ich war glücklich, jung, hübſch, ſo hübſch, als es die jüdiſche Phyſignomie, welche meines Großvaters Be⸗ kehrung nicht aus unſerer angeerbten Natur vertilgen konnte, erlaubte. Ich war bewundert,— geſchmeichelt,— geſucht,— ja ich ſtand im Wahne, geliebt zu ſein!“ „Und warum nicht?“ ſagte Baſil Annesley freund⸗ lich, indem er glaubte, ſein aufgeregter Gefährte halte inne, um durch ein freundliches Wort ermuthigt zu werden. „Warum nicht? Weil mein Name Abednego war,— und weil ich einem Juden gleich ſah! „Hören Sie, Baſil! Ich hatte die höchſten Ehren auf der Univerſität erlangt; und ehe ich die parlamen⸗ tariſche Laufbahn betrat, zu welcher in jener Zeit Geld den Eintritt ſicherte, hielt ich es für meine Pflicht, meinen Vater zu beſuchen. Ich wollte, ich könnte das Entzücken ſchildern, mit dem er mich bewillkommte, und ſeinen Stolz auf meine Fortſchritte! O hätten Sie die leiden⸗ ſchaftliche Bewunderung meiner armen kleinen Schweſter ſehen können, und die beſondere Güte meiner Stiefmutter! In jenem Hauſe, das glänzender war, als vielleicht irgend eines von jenen, welche ich in London verlaſſen hatte, war ich ein Halbgott!“ „Ich wurde gerne über jenen Zeitpunkt meines Le⸗ bens weggehen!“ ſagte Abednego mit düſterer Stimme. Die Erinnerungen, welche er erwecken muß, mögen mich vielleicht in Ihren Augen als einen Schwächling hinſtellen. 80 Um Sie übrigens zum Richter in meiner Sache zu be⸗ fähigen, muß Alles, Alles enthüllt werden. „Es war Winter, Baſil. Ich ließ meine Hunde meinen ſogenannten Freunden zur Verfügung und eilte nach Cadix zu einer Jahreszeit, wo das Clima dort be⸗ ſonders angenehm iſt. Nach langer Einſchließung in den nebligen, aber theuren Reichen Großbrittaniens, ſchwelgte ich in der ſüdlichen Atmoſphäre und in dem Wohlgeruch der lange vergeſſenen Orangenblüthen. Bis dahin hatte ich mir nicht eingebildet, welch' hohen Genuß ſo rein phyſiſche Freuden gewähren können.“ „Aber ſie waren nicht rein phyſiſch; ich fand ſo hohen Genuß in ihnen, weil ich ſie mit einem andern Weſen theilte, mit einem Weſen, jung, ſchoͤn, edel, groß⸗ müthig, mir ſchon theuer und bald theurer, als mein Leben.“ „Die Familie eines engliſchen Edelmanns brachte den Winter in Cadir zu, um die Geſundheit eines einzigen Sohnes wiederherzuſtellen, der, wie man fürchtete, eine verzehrende Krankheit erben würde.— Eine ſeiner Lord⸗ ſchaft Toͤchter, eine ſeiner drei Tochter Wieder hielt Abednego inne; und Baſil Annesley hatte trotz ſeiner lebhaften und wachſenden Theilnahme an der Erzählung, doch die Enthaltſamkeit, ihn zu bitten, von ſeiner peinvollen Aufgabe abzuſtehen. Aber bei dieſer Bitte gewann Abednego ſeine Feſtigkeit wieder. „Bis zu meiner Ankunft,“ ſagte er, als würde er ge⸗ waltſam Herr über ſeine Aufregung,„waren dieſe Leute, dieſe edlen Verbannten, von der Langeweile faſt erdrückt worden. Ausgenommen ſie, auf welche ich anſpielte, war keines von der Familie mit einer Regung begabt, Freude an dieſen Naturſchönheiten allein, oder an den Reizen eines fremden Landes zu finden. Vater und Schweſtern ſeufzten nach den Freuden der faſhionablen Welt, hunger⸗ ten und dürſteten nach Neuigkeiten aus der Geſellſchaft, 81 nach den Klatſchereien der Klubbs und den Frivolitäten des ariſtokratiſchen Lebens. „Sie bewillkommten mich daher mit Entzücken. Die glänzenden Unterhaltungen bei meinem Vater, bei dem Seine Lordſchaft, als dem erſten Kaufmanne der Stadt durch Briefe eingeführt worden war, und in einem von deſſen Häuſern er wohnte, gewannen neuen Retz in ihren Augen. Sie waren beſtändig in der Geſellſchaft meiner Stiefmutter, die eine angenehme und gebildete Frau war, und ich— ich, der zu einer Welt zu gehören ſchien, die in Bezug auf Cadix ausſchließlich ihre eigene geweſen war, wurde in ihrem Cirkel als ein geehrter Hausfreund aufgenommen. „Wie ich ſie liebte, Baſil Annesley, jene jüngſte und ſchoͤnſte Tochter des Hauſes,“ fuhr Abednego nach einer kurzen Pauſe fort,„das zu erzählen iſt überflüſſig! Wie ſie mich liebte, meine hoͤchſten Verſicherungen würden Sie kaum vermögen, es zu glauben! Wir waren ein Sinn,— ein Herz! So kurz war unſere Bekanntſchaft, ehe ſie zur Liebe und bald zur heftigſten Leidenſchaft reifte, daß es fruchtlos wäre, ihre Fortſchritte zu zergliedern. Wir wa⸗ ren beſtändig zuſammen. In der Oper, bei den Morgen⸗ promenaden, bei Ausflügen auf dem Meere ſetzten der Reichthum und der Einfluß meines Vaters mich in den Stand, ihre Genüſſe zu erhohen und zu ſichern; während die Gegenwart des Mädchens meines Herzens zu meinen eigenen allein genügte. „Welch' ein Traum war das!— welches Glück!— welche Tollheit! Eingeſchränkt jedoch durch die Gegen⸗ wart ihrer Schweſtern und ſelbſt in ihrem zarten Alter ſchon bewußt, daß ich ihrem ſtolzen Vater ein mißfälliger Freier ſein würde, war ſie es, welche zuerſt heimliche Zuſammenkünfte vorſchlug. Die Gärten unſerer beiden Wohnungen gränzten aneinander, und begünſtigt durch das Clima, trafen wir, wie das im Süden bei Liebenden Gebrauch iſt, oft heimlich und beim ſtillen Mondſcheine zu⸗ Der Geldverleiher. II. 6 —* 82 ſammen und ſchieden unentdeckt. Sie war ſchon mein an⸗ gelobtes Weib. Es bedurfte nur ihres Vaters Einwilli⸗ gung, um ſie für immer zu der Meinen zu machen. „Nach ihrem eigenen Wunſche jedoch wurde die feier⸗ liche Bewerbung um ihre Hand noch aufgeſchoben. „Ihr großer Reichthum,“ ſagte ſie,„mag vielleicht die Schwierigkeiten, welche von Seiten meiner Familie leicht entſtehen könnten, etwas ebnen; doch wird, wie ich vorausſehe, Ihr jüdiſcher Name und Urſprung ein ſtets unüberſteigliches Hinderniß bilden.“ Machen Sie jenen Namen berühmt, theuerſter Oſaley, und mindern Sie dadurch die zu überwindenden Hinderniſſe. Zeichnen Sie ſich im Parlamente aus. Gleich wie die Berührung mit dem Göttlichen das Kreuz in das Sinnbild der Erlöſung verwandelte, wird der Ausfluß des Genius den ſchimpflich⸗ ſten Urſprung in Ruhm verkehren. Kommen Sie, um meine Hand zu verlangen, zu meinem Vater als ein Mann, der den Beifall des Senats erlangte, und er wird nicht wagen, Sie mit der Verachtung, welche ich beſorge, zu behandeln.“ 1 „Verletzt durch eben dieſen Wink ſchmählicher Be⸗ handlung, wurde mein wunder Stolz zu neuen Anſtren⸗ gungen gereizt, ja er gab mir den Muth, ihr Lebewohl zu ſagen, mit der Ausſicht auf ein baldiges und glück⸗ licheres Wiederſehen. Die Familie hatte vor, im Som⸗ mer frühzeitig in England zu ſein. Zu jener Zeit zwei⸗ felte ich nicht, daß das Glück Alles, was ich beabſichtigte, begünſtigen werde. Der parlamentariſche Agent, der durch meines aters Londoner Anwalt gewonnen worden, hatte Anordnung en zu meinem Eintritte in einen Flecken der Regierung, bei der Erwählung einer Anzahl von Pairs getroffen, deren Patente ſchon in der Ausfertigung begrif⸗ fen waren. „Ich eilte daher nach London, fortgetrieben durch die Angſt, ein Weſen zu verlieren, das jedes Gefühl meines Herzens und meiner Seele zu dem glühenden Wunſche 83 ſteigerte, mich ſelbſt würdig zu machen, oder beſſer, mich würdig zu beweiſen, ſeine Hand zu erhalten. „Nicht einen Augenblick zweifelte ich an meiner ei⸗ genen Macht. Die Univerſität hatte ihr imprimatur auf mein Studentenleben gedrückt, und ſchon waren manche Augen auf mich gerichtet. Um eine Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft zu erwerben, bedurfte ich alles Deſſen, was der⸗ Hauptſchluſſel parlamentariſcher Auszeichnung, beſonders in jener Zeit einer nationalen Kriſis, welche damals bevor⸗ ſtand, ſelten zu erwerben verfehlt. „Doch ach!— der Flecken, der mir zur Bewerbung angeboten war, entſchlüpfte durch die Trägheit oder Un⸗ fähigkeit meines Agenten unſeren Händen; und bitter war meine Erfahrung, daß eine Woche Aufenthalt in Cadir, welche ich den Bitten des geliebten Weſens in jenen Au⸗ genblicken zugeſtanden, als ich ihr Lebewohl ſagte, unſeren Ausſichten ſo ungünſtig geworden war. Fern davon, die Verſprechungen zu realiſiren, die ich ihr gemacht hatte, ſollte ſie mich bei ihrer Rückkunft nach England als daſſelbe dunkle Individuum finden, welches ſie verlaſſen hatte, und mich vielleicht von ihrem hochmüthigen Vater als„den Enkel Oſaley des Juden“ verwerfen hören. „Außer mir durch dieſe Vorſtellung und noch mehr durch den Gedanken, es möchte ſich, wenn ich unterlaſſen würde, den Verſuch zu machen, eine günſtigere Parthie finden, zu deren Annahme ſie zu zwingen die Eiferſucht ihrer Schweſtern(deren Liebling ſie nicht war, weil ſie der Liebling der ganzen Welt um ſich) Seine Herrlichkeit ver⸗ anlaſſen würde, beſchloß ich, keine Anſtrengung unverſucht zu laſſen, ſondern raſch meinen Vorſatz auszuführen. In dieſem Augenblicke bot mir der plötzliche Tod eines Mit⸗ gliedes für eine alte Stadt günſtige Ausſichten. Wohl wiſſend, daß mein Vater keine noch ſo außerordentliche Ausgabe ſcheuen würde, welche zu unſeren Zwecken führte, entſchloß ich mich, die Bewerbung zu wagen. Mit Geld, Beredſamkeit, einem unbeſcholtenen Charakter, ſchienen die 84 Ausſichten ſehr zu meinen Gunſten. So verſicherten mir wenigſtens meine Anwälte, deren einziges Ziel bei meiner Erwählung die Vermehrung ihrer Rechnungen war. Sie riethen mir, nach L... zu eilen, mit der Verſicherung, mir den Weg zum Wahlgerüſte gebahnt zu haben. „Niemals werde ich die Aufregung meines Geiſtes während jener Reiſe vergeſſen. Ich war erfreut, die Be⸗ gleitung der Geſchäftsleute, welche vorgeſchlagen hatten, mir Geſellſchaft zu leiſten, abgelehnt zu haben; denn Hoff⸗ nung war mein Gefährte auf dem Wege, alles verſpre⸗ chend, was das Herz eines Jünglings erfreuen kann, ein glückliches Haus, ein geſegnetes, ſchoͤnes, liebendes Weib, und, von meinem Herde ausgehend, die Achtung und Ehre meiner Mitmenſchen. „Das waren meine Gefühle und mein Streben, als ich an einem hellen und ſonnigen Nachmittage in L. ein⸗ fuhr. Als ich mich der Stadt näherte, ſchien der An⸗ blick der Bevölkerung ein beſonderes Intereſſe in meinen Augen zu beſitzen, als des Volkes nämlich, dem ich den erſten Ausfluß meines Geiſtes und meiner Menſchenliebe zu weihen im Begriff ſtand. Es war auf dem Punkte, meiner Sorge anvertraut zu werden, wie eine Herde dem Hirten; ich war berufen, ſeine Wohlfahrt zu überwachen. Kennen Sie die Welt genug, junger Herr, um die Ab⸗ geſchmacktheit,— die Plattheit ſolcher hochherzigen Re⸗ gungen zu würdigen?“. Der heftige Erzähler hatte nun ſich ſelbſt auf's neue zu ſeiner vorigen Aufregung geſteigert, und der leiſe und traurige Ton, in welchem er ſeinen glücklichen Traum von Jugendliebe beſchrieben hatte, wich ſeiner herben und ploͤtzlichen Heftigkeit. „Nun, Sir, ich betrat die Stadt,“ fuhr er fort. „Sie haben wahrſcheinlich den triumphirenden Einzug der Candidaten bei ſolchen ſchmeichelhaften Gelegenheiten ge⸗ ſehen? Lorbeerkränze, Bänder, Geſchenke an das Volk, Feſte, Schmauſereien, Muſik, Geſchrei,— kurz Alles, 8⁵ was Geld von der käuflichen Natur des Volkes erlangen und erzwingen kann. Jene Thoren, welche wir albern „das Volk“ nennen, gaben mir mit Intereſſen die Hur⸗ rahs, welche ich erkauft hatte, zurück. Doch als ich auf den Marktplatz gelangte, Baſil, und der Gegenparthei ent⸗ gegentrat, war der erſte Gegenſtand, der mir in die Au⸗ gen ſiel, mein eignes Bildniß mitten in einem feurigen Ofen, umgeben von Placaten, wie:„Welcher ächte Chriſt will ſtimmen für Abednego den Juden?ℳ—„Keine Be⸗ ſchneidung!“„Barnabas war ein Räuber!“— umgeben mit Schweinscarbonnaden auf Stangen und anderen Sinn⸗ bildern, welche, wie man annimmt, dem mir angedichteten Glauben ein Gränuel ſind. „Ich war erbittert, aber nichts weiter. Der Unge⸗ reimtheit dieſer Streiche und Schmähungen gemeinen Hohnes, der gewöhnlichen Zubehör der Wahlgerüſte, mir bewußt, dachte ich, es werde nichts leichter ſein, als die Bevölkerung von L.. zu enttäuſchen. In beinahe jeder großen Verſammlung gewinnt das Recht das Ueberge⸗ wicht; und da ich in meiner Rede am erſten Wahltage die feierlichſte Verleugnung des mir vorgeworfenen Judenthums ausgeſprochen und an den Beiſtand der kirchlichen Intereſ⸗ ſen der Stadt appellirt hatte, welche ja gleichzeitig meine eignen waren, wähnte ich das Unheil beſeitigt. „Meine Beredtſamkeit machte öffentliche Senſation. Ich wurde von dem Volke ermuntert und von den Gebil⸗ deten ermuthigt. Aber während der Nacht erweckten meine Gegner einen weitern Sturm von Beſchimpfungen. Placate, Shylock darſtellend mit dem Meſſer und der Wage in der Hand, bereit, das Pfund Fleiſch herauszu⸗ ſchneiden, begrüßten mich, als ich meinen Gaſthof verließ, vermiſcht mit Darſtellungen des Märtyrerthums des klei⸗ nen St. Hugo, deſſen Grab unglücklicherweiſe die nahe⸗ liegende Kathedrale zierte, und die Legende von barbari⸗ ſcher Ermordung deſſelben durch„des Juden Tochter“ wurde rings um das Wahlgerüſte von einem Chore von 86 ungefähr zwanzig Stentorsſtimmen abgebrüllt. So oft ich meine Lippen öffnete, um die Menge anzureden, wurde ich unterbrochen durch: Es war gerade Feiertag, Und noch dazu ein Regentag, D'rum zogen Lincoln's Burſche all' Hin zu dem Spiele mit dem Ball'; In eines alten Juden Haus. Den erſten Ball gleich Hugo warf; Des Juden Tochter kam heraus, Begann Hugo zu ſchimpfen ſcharf... bis der Name:„St. Hugo von Lincolm“ wirklich meinen Ohren ein verfluchter wurde. „Kurz die Bigotterie von Cadir war bleich und matt im Vergleich mit der jener alten Stadt. Es genüge Ihnen, daß ich, nachdem ich mehrere tauſend Pfund weggeworſen, die Wahl verlor, und weit mehr als die Wahl,— mein Vertrauen auf die Gerechtigkeit der Menſchheit, ja auf die Gerechtigkeit der Vorſehung ſelbſt! 4 „Ich frage Sie wieder, Baſil Annesley, war es vernünftig, daß ich, ungeprüft und ungehört, geſchmäht und verworfen und ein einfältiger Squire mir vorgezogen wurde, einfach deswegen, weil irgend ein Schalk kurz vor meiner Ernennung an die Mauern geſchrieben hatte:„Wie iſt Ihr Name?“—„Abednegol!“—„Wer gab Ihnen dieſen Namen?“—„Der hohe Prieſter der Synagoge, bei meiner Taufe!“ „Tauſend quälende Gedanken drängten ſich in meiner Seele, als ich am folgenden Tage wieder in London ein⸗ raf. Ich war überwunden und die Bitterkeit eines über⸗ wundenen Candidaten iſt ſprüchwörtlich. Aber niemals brachte eine Niederlage, gleich der meinigen, die Vernich⸗ tung jeder Ausſicht auf Auszeichnung, jeder Hoffnung auf irdiſches Glück mit ſich. Das Parlament war der Funke des Prometheus, der auf dem Punkte ſtand, mich neu zu beleben; und dieſer belebende Funke war nun erloſchen! 87 „Es war damals, Baſil,— damals, daß ich, zum erſtenmale, den Werth des Geldes ſchätzen lernte! Statt der Vorſehung, der ich anſing zu mißtrauen, wurde das goldne Kalb mein Gott! Ich ſagte nicht zu mir, gleich Lucifer:„Böſes, ſei du mein Gott!“— aber: „Gold, ſei du mein ſchützender Engel!“ Denn die An⸗ wälte, durch deren Untüchtigkeit ich ſo ſchlecht unterſtützt worden war, flüſterten nun in mein Ohr, daß ſie viel⸗ leicht noch im Stande wären, einen Sitz zu erkaufen, und diesmal löſten ſie in ſo fern ihr Wort, als vierzehn Tage, nachdem ihr verſilbertes Geflüſter mein Ohr er⸗ reicht, ein verſchwenderiſcher Lord die Hunderte empfangen hatte, die Creditſeite im Buche meines Banquiers durch ein Item von fünftauſend Pfund verringert worden war, und Abednego Oſaley ſeinen Sitz im Hauſe der Gemei⸗ nen eingenommen hatte. „Und nun, Baſil, nun ſchien mein Weg klar vor mir. Ich war ein Glied der aufgeklärteſten geſetzgebenden Verſammlung in der Welt, und mein Ruf wurde durch die freie Preſſe des Landes der Freiheit gehoben. Wälder von Lorbeerbäumen ſchienen vor mir aufzuſchießen. Ich anticipirte Ruhm, ich anticipirte Volksgunſt, ich anticipirte, ich.. Großer Gott!“ rief der aufgeregte Mann, ſich ſelbſt unterbrechend,—„die Glut der Freude und des Triumphes, welche meine Adern in jenem Augenblicke ſchwellte, ſchien wieder auf's neue in mein Herz zu ſtrö⸗ men, warm, mit all' der glühenden Kraft der Jugend. Alle die Reichthümer meiner berſtenden Koffer wären un⸗ zureichend, den Genuß eines ſonnigen Tages in der reinen Klarheit jenes kindiſchen Vertrauens zu vergelten!“ „Aber im Parlamente verfolgte Sie ſicherlich nicht jenes ungerechte und grundloſe Vorurtheil, welches Sie beſchrieben haben?“ fragte Annesley mit erhöhter Theil⸗ nahme, ja heinahe Unruhe über die Heftigkeit ſeines Ge⸗ fährten. „Eben im Parlamente, Sir,“ entgegnete Abednego 88 in gedämpfterem Tone,„gerade im Parlamente des frei⸗ ſinnigen Englands, des aufgeklärten Englands, war ich noch„Oſaley der Jude!“ Sie gingen weiter, dieſe auf⸗ richtigen Geſetzgeber, als die bigoten Einwohner von Cadir. Bei Ihnen war ich nicht„der Sohn des Juden,“ ſondern „der Jude“ ſelbſt. Wiewohl ſie zuließen, daß ich der Abeunft nach ein Spanier,— der Geburt nach ein Eng⸗ länder,— dem Glauben nach Proteſtant ſei, blieb ich doch:„Oſaley der Jude!“ Mein Name und mein Geſicht rechtfertigten es, und ſind nicht Name und Geſicht authen⸗ tiſche Zeugen an jedem Orte der Erde, außer bei einem Gerichtshofe.. „Sprach ich gut in dem Hauſe, ſo war es„gut genug für einen Juden;“ ſprach ich ſchlecht:„was konnte man von einem Juden erwarten? die Maßregeln, welche ich unterſtützte, wurden von der Preſſe gebrandmarkt, als vor⸗ gebracht unter der Protection der Juden; und das ganze Repertorium muthwilliger und gemeiner Späſſe wurde, ſo oft ich die Lippen öffnete, gegen mich losgelaſſen! „Ich war beinahe wüthend! Wäre ich in einer reife⸗ ren Lebensperiode in meine öffentliche Laufbahn getreten, ſo hätte ich ſolchen Schmähungen zu ſteuern, oder ſie auf meine Verfolger zurückzuſchleudern gewußt. Aber ich war ein Knabe. Die großmüthigen Triebe der Jugend waren warm in mir. Verletzt durch das Gefühl der Ungerechtig⸗ keit verlor ich meine Gemüthsruhe. Ich ſprach manchmal ſchlecht, und dann verdoppelte ſich in der That der Ruf: „Der zweite Daniel iſt durchgefallen! Aber was kann man denn von einem Manne mit einem Namen wie Abednego erwarten!“ „Ein ſarkaſtiſches Glied der Oppoſition, deſſen Witze mit Natterſtichen bewaffnet waren, griff mich eines Tages in Beantwortung einer kräftigen Rede über die Kornge⸗ ſetze, durch welche ich die Aufmerkſamkeit des Hauſes auf mich gezogen hatte, mit dem Spotte an:„er ſei unter⸗ richtet, daß der Namensvetter und Vorfahr des ehrenwer⸗ 89 then Gliedes in einer hiſtoriſchen Schrift bei der Verfol⸗ gung eines Koͤnigs erwähnt ſei, der Gras fraß; aber daraus ſolge nicht, daß der Abednego der modernen Zeit berühmt werden müſſe durch eine Verbindung mit Koyn.“ 3 „Das Haus zitterte vor dem Gelächter über dieſen ſchlechten Spaß, und das Gelächter des Parlaments brannte wie das Brandmal, aufgedrückt durch glühendes Eiſen. Die Morgenblätter verbreiteten ſich weitläufig über den Scherz, der in allen Blättern niederen Ranges widerhallte, und ehe ich drei Monate im Hauſe der Gemeinen geweſen, wurde ich, anſtatt die meinen Fähigkeiten und meiner Treue gebührende Aufmerkſamkeit zu erlangen, zum Gelächter als„Korngeſetz⸗Abednego!“ „Noch gab es eine heitere Ausſicht. Das Weib, welches ich liebte, war zu treu, zu gut, zu zärtlich, als daß die Stimme gemeinen Hohnes Einfluß auf ſie haben könnte. Sie wußte, daß ich weder ein Jude, noch der Sohn eines Juden war. Sie wußte, daß meine Erziehung freiſinnig, meine Lebensgewohnheiten luxurioͤs geweſen, und die ſchmähenden Anſpielungen konnten auf ſie wenigſtens nur geringen Einfluß üben. „Selbſt wenn ihr Vater mir ihre Hand verſagte, konnte Sie, meine zärtliche, treue, vertrauende Geliebte, das Geſchenk ihres Herzens nicht zurücknehmen. „Die Familie kehrte nach England zurück, Baſil; die Familie, welche mondenlang die Gaſtfreundſchaft meines Vaters angenommen hatte. Ihre Thüre wurde mir vor der Naſe zugemacht. „ n der Zwiſchenzeit war meine Verbindung mit ihr, für welche ich mein Leben geopfert hätte, entdeckt, und alle fernere Gemeinſchaft zwiſchen uns verboten worden! „Der Bruder war noch ſo kränklich, um einen ſchönen Vorwand zu bieten, ſich augenblicklich auf das Land zurück⸗ zuziehen; und durch die ariſtokratiſche Ausſchließung von ſeinem Park wähnte der alte Lord im Stande zu ſein, 90 die vermeſſenen Bewerbungen des Enkels des Juden von Cadix in Schranken zu halten!“ „Und Sie ſetzten ſie fort, verſteht ſich!“ rief Baſil Annesley, zu deſſen Neugierde ſich eine neue Art von Theil⸗ nahme miſchte. Sie nahmen ihre Entlaſſung von keinen anderen Lippen an, als von denen Ihrer Geliebten?“ „Ich ſetzte ſie fort!“ verſetzte ſein Gefährte, ſeine Augen halb ſchließend, wie um ſich in die Bilder der Vergangenheit zurückzuverſetzen.„Ich ſetzte ſie fort. Ich ſah ſie wieder. Wir trafen uns wie früher, Baſil,— heimlich. Die Sommernächte begünſtigten unſere häufi⸗ gen Zuſammenkünfte. Wiederum gelobte ſie mir Treue, wieder ſchwor ſie mir, im Glück oder Unglück treu zu ſein. Aber wir wurden entdeckt, und— erlaſſen Sie mir die Erzählung! Durch Veranlaſſung ihrer Schweſtern gab es einen grauſamen Auftritt der Entdeckung. Ein Kampf erfolgte, ein unſeliger Kampf— der ſchwächliche Bruder ſtürzte leblos zu Boden. So wahr ich lebe und athme, nicht ich war es, der die unſelige That beging. Aber er ſtarb! Die Unterſuchung ſprach mich frei. Das ärztliche Gutachten ergab, daß zufällig eine Blutader ge⸗ ſprungen war und den Tod verurſacht hatte.. „Meinen Verkehr mit der Familie zu erneuen, war nach dieſem furchtbaren Ereigniſſe und der entſetzlichen Publicität, welche der Grund unſeres Streites erhielt, un⸗ möglich. Der Verſuch ſelbſt wäre eine Beleidigung ge⸗ weſen. Meine Geliebte ſchrieb mir und bat, ſie zu mei⸗ den. Eröffnungen von meiner Seite, ſagte ſie, würden vielleicht ihren zerknirſchten Vater in das Grab ſtürzen. Aber noch ſchwor ſie mir wiederholt mit dem glühenden Ernſte, den nur ein Weib ſich anzueignen weiß, daß we⸗ der Zeit noch Entfernung uns trennen würde, daß ſie für dieſe und jene Welt mein eigen ſei,„mein Weib im An⸗ geſichte Gottes!“— Im Argeſichte Gottes! Ach! ſelbſt ſie vielleicht fühlte, daß der mächtigſte der Namen ver⸗ 9¹ geblich von einem ſo gänzlich Verſtoßenen, wie Oſaley der Jude, angerufen werde!“ „Faſſen Sie ſich, Sir!“ murmelte Baſil mit freund⸗ lichem Tone, als er ſah, daß große Thränen über die eingefallenen Wangen ſeines Gefährten herabrollten.„Ver⸗ leben Sie ſich ſelbſt nicht mehr, indem Sie weiter er⸗ zählen!“ „Jetzt oder nimmer!“ rief der alte Mann, in mäch⸗ tigem Kampfe mit ſeinen Gefühlen.„Ich fügte mich ihren Befehlen. Die Sitzung war zu Ende! Ich kehrte nach Cadir in der Abſicht zurück, wenigſtens ſechs Mo⸗ nate von England und ihr mich zu trennen! Aber wel⸗ chen Ort hatte ich gewählt, meinen Kummer zu nähren! Die Haine, die Gärten, in denen wir Hand in Hand ge⸗ wandelt waren, dieſelben weißen Mauern, in demſelben Mondlichte, waren immer um mich, und ſie, deren treue Seele ſich hier mit der meinigen in wahnſinnigem Ent⸗ zücken vereint hatte, ſie war fern, weinend, einſam, troſt⸗ los, auf mich harrend, um mich trauernd! In dieſem Gedanken fand ich jedoch Troſt. Meine Thränen ſloſſen am heftigſten, aber lindernd, bei dem Gedanken, daß alle. meine Sorgen von dem mir theuerſten menſchlichen Weſen getheilt wurden. „Nach drei Monaten, Baſil, von dem Tage meiner Ankunft in Cadix, bekam ich die Zeitung in die Hand, welche ihre Verheirathung mit einem Anderen anzeigte.“ „Welch' ein Verrath!“ drang unfreiwillig über die Lippen des jungen Mannes, obgleich ein ſolch' ſchrecklicher Argwohn ſeinem Geiſte bereits vorgeſchwebt hatte, indem er die nun vor ihm entfaltete Erzählung mit den Ent⸗ deckungen des alten Gärtners in Verbindung brachte. „Der ungeheuerſte und undankbarſte Verrath!“ er⸗ widerte mit flammenden Augen der aufgeregte Abednego. „und ſiehe! an jenem Tage ſchwor ich einen Eid vor Gott, einen Eid, mich furchtbar zu rächen, zu rächen an beiden,— an allen, dem Manne, der Frau, an der ſtol⸗ zen, verhärteten Familie! Und ich that es! Mein Schrei zu dem Allmächtigen um Rache wurde erhört!“ „Che Sie weiter fortfahren, Sir, überlegen Sie ei⸗ nen Augenblick!“ unterbrach ihn Baſil beſtürzt und be⸗ ſorgt.„Laſſen Sie ſich nicht durch die Aufregung des Augenblicks zu Geſtändniſſen hinreißen, welche Sie ſpäter/ bitter bereuen möchten!“ „Ich habe überlegt und ſehne mich, Ihnen alles wiſ⸗ ſen zu laſſen!“ verſetzte der alte Mann in milderem Tone. „Und zuerſt, um mich mild und ſchonend zu beurthei⸗ len, betrachten Sie nun das Elend meiner Lage. Be⸗ denken Sie, daß ich mein„Alles an irdiſcher Glückſelig⸗ keit jener gebrechlichen Barke anvertraut hatte und daß ich vollkommenen Schiffbruch litt!“ Meine Hoffnung war verwelkt. Nichts war mir geblieben in dieſer Welt, nichts als Geldl In der erſten Aufregung meines Schmerzes verzichtete ich auf meinen Sitz im Parlamente und ver⸗ ſchwor das Land, in dem ich ſo boshaft behandelt und verfolgt worden war. Ich verließ England. Aber ich brachte weder Frieden noch Ehre mit in die Heimath. Mein Vater, deſſen höchſter Ehrgeiz durch meine Ver⸗ zweiflung vereitelt worden war, wurde ſelbſt mürriſch und verzweifelnd, und das häusliche Glück ſchwand nach und nach aus unſerem Hauſe!— „Es war wahrſcheinlich der hiedurch entſtandene Trüb⸗ ſinn, welcher meine junge Schweſter veranlaßte, außerhalb Freude zu ſuchen. Bald nach meiner Zurückkunft ſtarb ihre Mutter, und das arme Mädchen, mit ihrem mürri⸗ ſchen Vater und ihrem düſteren Bruder allein zurückge⸗ blieben, ſchenkte ihre Neigung dem einzigen Manne, der im Hauſe Zutritt hatte, Verelſt, den ihr Vater als Lehrer der Malerei für ſie angenommen hatte, wiewohl er, als ein Mann von fortſchreitendem Genie für die Vervoll⸗ kommnung ſeiner Kunſt erhaben war über die gemeine Stellung eines gewöhnlichen Lehrers. „Von ihrer Neigung unterrichtet, war mein Groll 93 gegen den jungen Deutſchen, welcher der an unſerem Herde gezogenen Blume keine Heimath gewähren konnte und den ich ungerechter Weiſe intereſſirter Abſichten in ſeiner Neigung beſchuldigte, hinreichend, um zu beweiſen, daß ich Verfolgungen ausgeſtanden und keine Barmherzig⸗ keit empfangen hatte. Ich rieth meinem Vater, den ar⸗ men Abenteurer aus unſerem Hauſe zu jagen, und die Folge davon war die Flucht und die unglückliche Heirath meiner Schweſter, welche meinen armen gebeugten Vater in das Grab ſtürzte. „Ich war nun der Herr von Millionen! Die langen Anſtrengungen meines Vaters, ſein ganzes Vermoögen zu Geld zu machen, in der Abſicht, Spanien zu verlaſſen, hatten bis jetzt gedauert, um dieſe Centraliſation unſeres Capitals zu verwirklichen. Es war jedoch zur gänzlichen Erledigung dieſes Gegenſtandes, da dieſelbe durch den Tod des alten Mannes verzögert worden war, unumgänglich nothwendig, daß ich mich nach dem Orient begab, in deſ⸗ ſen verſchiedenen Theilen meine Vorfahren Handels⸗Etab⸗ liſſements unterhalten hatten. „Die Reiſe gefiel mir. Ich wünſchte Menſchen in einem natürlichen Zuſtande kennen zu lernen. Ich ſehnte mich, das Land zu ſehen, welches die urſprüngliche Hei⸗ math meines unglücklichen Stammvolkes war. Meine An⸗ ſichten von geſellſchaftlicher Moralität waren ſchon genug⸗ ſam zerrüttet; im Oriente entſagte ich gänzlich den Vor⸗ urtheilen der Civiliſation. Die Prüfung anderer eben ſo feſt begründeter und eben ſo wohlthätige, ja den Anfor⸗ derungen des Climas und des Landes mehr angemeſſene Erfolge hervorbriugender Glaubensbekenntniſſe, als das Chriſtenthum, überzeugte mich, daß der allſehende Gott, dem Altäre, gleich Thronen, nur Fußſchemel ſeiner Macht ſind, der nach ſeinen weiſen Abſichten jenem Himmels⸗ ſtriche die Lehre des Propheten, ſeinem andern den Glau⸗ ben des Brama angewieſen hat, der Jahrhunderte ehe Chriſtus geboren wurde, durch die Lippen ſeiner Prophe⸗ ten das große Opfer der Verſöhnung und die Grauſam⸗ keit der Hebräer geoffenbart ihatte, durch welche allein daſſelbe vollzogen werden konnte,— daß dieſer Gott mit Barmherzigkeit, und weit entfernt von der ihm durch das unverſöhnliche Gemüth der Menſchen zugeſchriebenen Rache, auf die erbliche Verantwortlichkeit der Kinder Israels für das ihren Voreltern vorherbeſtimmte Verbrechen herab⸗ ſehen müſſe. „Von der Zeit an erſchienen die Juden, mit denen man mich in eine Klaſſe ſetzte, in meinen Augen wie ein anderes Volk, ausgenommen, daß ſie ungerecht verfolgt wurden und deshalb mehr Mitleiden verdienten. „Mitten in den einander folgenden Wechſeln von Re⸗ ligion und Geſetzgebung, deren Zeuge zu ſein ich gezwun⸗ gen war,— Abwechslungen, welche Moralität zu einer Sache der Breite und Länge, und die Tugenden einer Hemisphäre zu Laſtern der andern machen— fing ich an, mich nach einer wirklichen und wirkſamen Standarte für das Verdienſt umzuſehen. „Was,“ rief ich,„macht Recht oder Unrecht aus? Wo iſt Poſitives? Wo die Wahrheit?“ Die Antwort war:„Gold!“ „Wer will leugnen, daß anf alle Nationen und Zungen,— unter der Tyrannei eines einzigen oder der Tyrannei vieler, unter der Majeſtät der Krone vder der Majeſtät der Tiara,— der Mammon den überwiegenden Einfluß hat?— Gold, Gold, Gold iſt das T0 Kaxov, die einzige Gottheit, der Jehovah der ganzen Erde! Davon überzeugt, beugte ich meine Kniee und be⸗ tete an! Nach langem und ſtrengem Forſchen nach einem feſten Grunde, auf den ich meinen Troſt ſetzen koͤnne, ſchrie ich laut auf vor Freude, als ich ihn gefunden hatte. Meine wandernde Arche war auf einem Gipfel des Ara⸗ rat ſtehen geblieben, und ich ſuchte kein beſſeres Land zu einem Ruheplatz für die Sohle meines Fußes. 95 Fünftes Kapitel. O Orient, du Land des Ruhms, der Pracht! Des Menſchen und der Gottheit ſchön're Heimath! Du höchſte Stufe auf der Schöpfung Heiter, ane. „Meine Pläne auf irdiſches Glück waren ſo verän⸗ derlich geweſen und ſo grauſam vernichtet worden, daß ich, als ich endlich ein Syſtem poſitiven Genuſſes ange⸗ nommen hatte, einen glühenden Materialismus, deſſen Mittel in den Antrieben meiner kräftigen Geſundheit und dem ungeheuren Reichthum meiner berſtenden Koffer vor⸗ handen waren, ein neues Leben zu beginnen ſchien; ich warf alle peinlichen Rückblicke hinter mich, ebenſo jede unzulängliche Anticipation für die Zukunft. „Oder beſſer, ich fühlte kein Bedürfniß nach Antici⸗ pationen! Ich lebte in dem Augenblicke, für den Augen⸗ blick. Das köſtliche Clima, das ich athmete, die Freu⸗ den, welche ich in meine Arme preßte, genügten mir! „Glauben Sie nicht jenen, welche Indien zu dem Zwecke beſuchen, ein Vermögen dort aufzuhäufen, das ich ſchon beſaß, und welche ſein Clima als drückend, ſeine Früchte als geſchmacklos verſchreien. Der, welcher mit der Macht und den Mitteln eines Satrapen dahin geht, der, welcher von Königreich zu Känigreich zieht, belaſtet mit jenen Mitteln, welche alle Schwierigkeiten der Reiſe aus dem Wege räumen, der wird bezeugen (wenn anders ein Mann, außer mir, jemals die rauhen Wunder der Ghauts erforſchte, oder in dem mehr als griechiſchen Hirtenleben Caſhemirs ſchwelgte), daß die Ver⸗ gnügungen Europa's ſchwach und farblos neben jenen ſind, Peliße die ſcheinbar matten Regionen des Orients be⸗ eben. 96 „Jene Höfe, welche wir, die wirklichen Barbaren, barbariſch nennen, ſind raffinirter in ihren ſorgloſen Hülfs⸗ quellen, als unſer pompoͤſes weſtliches Gepränge der Sou⸗ veränität mit ſeiner Zopf⸗Etiquette und der Umſtändlich⸗ keit ſeiner Oſtentation. Nach meinem Dafürhalten wird Pracht bloß dann ein koͤniglicher Schmuck, wenn ſie keine Anſprüche auf jene moraliſche Erleuchtung macht, welche das Vertrauen auf die Schauſtellungen des Pomps und der Eitelkeit aufzugeben zwingt. „Im Oſten indeſſen iſt königlicher Glanz weniger oberflächlich. Der Edelſtein iſt rein, wie er aus dem Schachte der Erde, die koſtbaren Metalle ſind rein, wie ſte aus den Bergwerken hervorkommen. Keine falſchen Juwelen, keine Vergoldung, kein Flittergold! Keine Kunſt erſetzt dort die koſtbaren Schätze, welche eine üppige Na⸗ tur auf freiem Boden erzeugt. Alles iſt glühend, wie der Sonnenſchein, Alles gewaltig, wie die mächtige Aus⸗ dehnung der Landſchaft ringsumher. Selbſt das Lächeln der Frauen, wenn verkäuflich, macht keinen Anſpruch auf Uneigennützigkeit, welche die verächtlichſte der Masken europäiſcher Verkäuflichkeit iſt. Im Orient lliebte ich die Realität, ich fand in Allem um mich her Realität, Ueberfluß, Raum, unendliche Verachtung einflößend gegen jene Geringfügigkeiten der Civiliſation, welche höchſtens bei der Darſtellung ſcheinbaren Hervismus oder in den komiſchen Masken einer Winter⸗Pantomime einige Groͤße an den Tag legt. Fünf Jahre lebte ich im Orient mit der Pracht und Ueppigkeit eines wahren Satrapen. „Mitten in dieſen üppigen Vergnügungen wurden meine Intereſſen nicht vernachläſſigt; und da ich in das Land ebenſowohl ein ungeheures Capital, als beträchtliche practiſche Kenntniſſe in den Handels⸗Verhältniſſen Europaus mitbrachte, ſo war ich im Stande, während meines Auf⸗ enthaltes in Indien das mir von meinem Vater hinter⸗ laſſene glänzende Vermögen zu verdoppeln. 5„Hatte ich daher nicht Recht, Baſil, Vertrauen in 97 mein neues Idol zu ſetzen? Gold hatte ebenſo mein Gold, als meine Vergnügungen verdoppelt. Aber mit der Raſtloſigkeit, welche dem eigen iſt, deſſen Gottheit keine Unſterblichkeit verſpricht, keine geiſtige Zukunft, welche unſer Wiederverſinken in Staub und Aſche veredelt, fragte ich mich nach Verlauf weniger Jahre, als meine Pulſe weniger heftig ſchlugen und meine Sinne durch die Ge⸗ nüſſe eines entnervenden Climas matt wurden, ob intellec⸗ tuelle Glückſeligkeit nicht reichlich dieſes Paradies der Sinne erſetzen würde? Ich war nun ſo gänzlich von der europäiſchen Maſſe geſchieden, daß ich nichts von ihren Beläſtigungen zu fürchten hatte, und konnte daher unbe⸗ merkt mir die ungeheuren Fortſchritte zu Nutzen machen, welche die Civiliſation, während meiner Abweſenheit ge⸗ macht hatte. „Große Revolutionen hatten Europa erſchüttert. Throne waren geſtürzt, Dynaſtieen erloſchen. Die Folgen der franzöſiſchen Revolution hatten ſich ſelbſt in dem Lande füͤhlbar gemacht, welches durch den Popanz von Scepter und Krummſtab ſo ſehr in Unterwürfigkeit erhal⸗ ten wird, und England zitterte noch in ſeinem Mittel⸗ punkte. „Jedoch war es nicht in England, wo ich zu bleiben gedachte. Ich haßte ſeine heuchleriſchen Inſtitutionen; ich verachtete ſeinen vermeintlichen Eifer, die Formen der Welt zu chriſtianiſiren, während es durch ſeine Handlungs⸗ weiſe den Geiſt des Chriſtenthums ſtets verleugnete, wäh⸗ rend es, unter dem Vorwande der Ahndung, die unglück⸗ lichen Reſte der Kinder Israels verfolgt, jedoch voll Unglauben gegen die heiligen Lehrſätze des Kreuzes iſt, ſobald ſie die Laſter durchkreuzen, oder die Härte des Herzens rügen! .„Frankreich war, wenn auch noch ſündhafter, doch wenigſtens aufrichtig und offen in ſeinen Sünden; und, als naturaliſirter Spanier, gleichgültig gegen den in jenem Augenblicke zwiſchen dem Directorium und Groß⸗Britanien Der Geldverleiher. II. 7 98 entſtehenden Krieg, eilte ich nach Paris, um dort die reichſte Ernte des Genuſſes aus meiner goldenen Saat zu ſammeln. „In jener Epoche bebte die Geſellſchaft, durch die noch neue Revolution desorganiſirt, in jenen unregelmäßigen Schwankungen, welche der Wiederherſtellung der Ordnung vorausgehen. Es war der günſtigſte Angenblick für einen Mann, der, gleich mir, beabſichtigte, außer der ſchranken⸗ loſen Verfolgung der Genüſſe, um geringe Koſten die ver⸗ ſchiedenſten von der Nation eingezogenen Güter zu erwer⸗ ben, welche die neuen politiſchen Erſchütterungen herrenlos gemacht hatten. 9 „Ein fuͤrſtliches Hotel in der Hauptſtadt, ein adelicher, vormals königlicher Landſitz an den waldigen Ufern der Seine ſetzten mich in den Stand, mich auf einem prachtvollen Fuße einzurichten, der mit jenem der unter dem Schutze monarchiſcher Verderbtheit blühenden Gene⸗ ralpächter mehr als rivalſirte. Die ganze Ariſtokratie, welche in Paris lebte, drängte ſich zu meinen Feſten, um in der Erneuerung ſinnlicher Freuden zu ſchwelgen, deren Genuß ihr ſo lange verſagt geweſen. Der halbe „Almanach des Gourmands: wurde nach den in meiner Küche gemachten Verſuchen verfaßt, und die erfolgreichſten Compoſitionen Garet's wurden in meinem Concertſaale vorgetragen. „Es iſt unnöthig, Ihre unbefleckte Phantaſie durch die Beſchreibung meiner weichlichen Genüſſe zu verderben! Sie waren der Art, daß Sardanapal ſie beneidet haben würde; ſie waren der Art, daß der Geiſt des Marſchalls von Richelieu ſich hätte erheben ſollen, um ſie zu theilen; ſte waren der Art, daß ich, durch die Erfahrung über ihre endliche und vorübergehende Natur und der Langeweile belehrt, welche ihrer rein phyſiſchen Beſchaffenheit wie ein geſpenſtiger Schatten folgt, ſeitdem einen Reiz in der Ent⸗ behrung und Enthaltung, als dem Gegenſatze des erdrü⸗ ckenden Uebermaßes früherer Tage, gefunden habe. — 99 „Doch während ſie dauerte, war jene Verwirrung lärmender Freuden reizend. Die erſten Künſtler, Virtuo⸗ ſen und Gelehrten des Tages drängten ſich in meinen vergoldeten Salons, gerade wie ſie vorher und ſeitdem die Vorzimmer des Koͤnigsthums beſetzt hielten. Unter Andern war Talleyrand, der cyniſche Erbiſchof und fein gebildete künftige Fürſt, mein häufiger Gefährte. In welchen Epigrammen verſpotteten wir nicht in unſerer üppigen Abgeſchloſſenheit die Servilität der menſchlichen Race! Welche Blasphemieen ſchleuderten wir nicht gegen alle Glaubensbekenntniſſe,— ausgenommen jenes des golde⸗ nen Kalbes! „Mitten in dieſem Chaos politiſcher und moraliſcher Desorganiſation erhob ſich das Conſulat und Napoleon. Ich gab wenig Acht auf Politik. Ein erklärter Epicuräer bekümmerte ich mich um Frieden oder Krieg nur ſo weit, als ſie hindernd oder erleichternd auf meine Vergnügungen einwirkten; und während Krieg für das unfruchtbare England eine bittere Strafe wird, das gezwungen iſt, alle Zugaben zu ſeinen ſinnlichen Genüſſen vom Continente zu beziehen, ſah das ſelbſtgenügſame, fruchtbare und froͤhliche Frankreich auf die Schließung ſeiner Häfen ohne Augſt hin. „Dennnch war ich erfreut, als eine Conſular⸗Nego⸗ tiation eine Einſtellung der Feindſeligkeiten zwiſchen den beiden rivaliſirenden Ländern zu Stande brachte; denn das flößte mir glänzende Hoffnungen ein, bald Zeuge der Ankunft jener Menge von engliſchen Reiſenden zu ſein, welche nie verfehlen, nach Paris zu eilen, wenn die Ge⸗ legenheit ſich bietet, den Mantel ihres nationalen Trüb⸗ ſinns von ſich zu werfen. „Welch' ein Triumph, ihnen den Zutritt in meinem Hauſe zu verweigern!— Welches Entzücken, ſie durch Ausſchließung von der glänzenden Gaſtfreundſchaft des reichen Spaniers zu quälen: denn ich war nun erlöſt von einer Gattung von Vorwürfen; in Paris hatte Reli⸗ gion aufgehört, von Leuten von Welt erwähnt zu werden; 100 Oſaley, der Jude, würde ihnen weder mehr noch weniger geweſen ſein, als Oſaley, der Heide; und ob ich den Gott der Chriſten verehrte, oder den Gott Fo, war eine höchſt gleichgültige Sache für jene, welche meinen Sillery zech⸗ ten und meine Salmis verzehrten. Aber ſelbſt der Name Oſaley war mir durch ſeinen Zuſammenhang mit meinem Mißgeſchicke ſo verhaßt geworden, daß ich, vom erſten Augenblicke meiner Niederlaſſung in Paris an, den Namen Clerval angenommen hatte, abgeleitet von dem Landgute, welches ich zu meiner Naturaliſirung gekauft. „Kaum waren die zur Verherrlichung des Friedens von Amiens gegebenen Feſte zu Ende, unter welchen bei weitem das glänzendſte das im Hotel de Clerval war, als ich, wie ich prophezeiht hatte, mit Bitten von engliſchen Ariſtokraten beſtürmt wurde, welche nach der Ehre meiner Bekanntſchaft und nach dem Zutritte zu meinen Sälen und zu meiner Tafel ſtrebten. Nach Paris gekommen, um ſich zu amüſiren, ſchienen ſie ſich wenig darum zu bekümmern, auf weſſen Koſten ſie ſich amüſirten. „Mit Ausnahme einiger forſchenden Touriſten und noch einiger zum Zwecke oͤkonomiſcher Ausbildung im Aus⸗ lande lebender Familien, ſind die Engländer, welche ſich auf dem Continente aufhalten, ſelten Leute von wirklichem Verdienſt oder von Auszeichnung. Verſchwenderiſche Lords, welche ſich vor ihren Gläubigern flüchteten, oder Roué Lords, ſich ergötzend an der ſchrankenloſen Nachſicht, welche England für entehrend erklärte, bilden meiſtens das Haupt der ausländiſchen Geſellſchaft. Für die flüchtige Nachſicht mit ihren Vergnügungen in einem fremden Lande, kümmern ſich Leute, wie dieſe, nicht darum, mit wem ſie um⸗ gehen, oder zu welchen Mitteln ſie Zuflucht nehmen müſſen, um günſtige Gelegenheit zur Zerſtreuung zu er⸗ alten. j„Während der getäuſchte Gläubiger zu Hauſe in frucht⸗ loſer Wuth über den Verluſt ſeines Opfers tobt, athmet der triumphirende Wüſtling die verdorbenen Dünſte eines 101 Maskenballs oder einer mitternächtigen Orgie ein, hält die wachſende Erſchlaffung ſeiner Sinne für ein Symptom des Genuſſes, oder lauſcht in einem dichtgedrängten Schau⸗ ſpielhauſe einer Sprache, die er nicht verſteht, oder ſetzt ſeine unangenehme Figur und ſein ungewöhnliches Coſtüm der Satyre einer Nation aus, welche zu glücklich iſt, die Niederlagen früherer Jahre durch ihre triumphicende Ironie zu vergelten. „Unter dieſen hatte ich keine Furcht, wiedererkannt zu werden. Die glühende Sonne des Orients und die Gewohnheiten eines üppigen Satrapen hatten aus meinem Geſichte ſo vollkommen alle Züge des knabenhaften Par⸗ lamentsgliedes verwiſcht, welches ihr Leichtſinn ehedem aus⸗ gepfiffen hatte, daß zwiſchen dem angeblichen Juden von Cadix und Clerval auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit zu finden war. Ich galt in Paris für den feinſten unter allen feinen Gentlemen. Durch eine im Orient geſchloſſene vertrauliche Bekanntſchaft mit der ſchoͤnen Mrs. Grant, nun dem reizenden und herablaſſenden Weibe Talleyrand's, kam„Monſieur de Clerval“ in den Ruf, in den faſhionablen Zirkeln von Neuilly, Rainey und Rambouillet die Stelle einzunehmen, welche der zügelloſe Herzog von Lauzun vor der Revolution inne gehabt hatte. „Auf der anderen Seite bildete mein ungeheurer Reich⸗ thum eine Klippe, auf der unzählige flache Fahrzeuge, welche von dem dummdreiſten London auf dieſen trügeriſchen See des Vergnügens geſchleudert wurden, eines nach dem andern ſcheiterten. Wo ſie auch mit dem reichen Clerval concurriren mochten, ob bei einer Finanz⸗Spekulation, oder in der noch größeren Tollheit des Spieltiſches, folgte der Ruin. Ich hielt meine ungeheuern Capitalien ſtets bereitz nur hatte ich bei der Menge verpfändeter Güter und Jahr⸗ gelder den Anmaßungen der entnervten Lordlings zu be⸗ gegnen, welche ſich erlaubten, mir in den Weg zu treten, ſtatt in demüthiger Entfernung meinen Fußtapfen zu folgen. Welche Chancen, ich bitte Sie, blieben daher den eitlen 10² Narren und Dummköpfen, deren Capitalien in einem ge⸗ ſtickten Notizbuche in ihren Weſtentaſchen enthalten waren, gegen einen Mann, der in den Tagen, wo Rothſchilds noch nicht waren, im Stande war, durch ſeine finanziellen Ope⸗ rationen auf die Haͤlfte der europäiſchen Geldmärkte ein⸗ zuwirken? „Unter den erſten, welche meiner Verwegenheit und meiner Börſe am Spieltiſche zur Beute wurden, war der Gatte der älteſten von jenen übermüthigen Schweſtern des Gegenſtandes meiner Liebe, durch deren Bosheit meine frühen Hoffnungen ſo grauſam vernichtet wurden. Lord Willesden(erlauben Sie mir, unter dieſer Bezeichnung den Titel meines Opfers zu verbergen) war einer jener ſelbſt⸗ genügſamen Böſewichter, welche auf dem Pflaſter der St. James's⸗Street die Autorität eines Potentaten erlangen. In Paris mit Charles For angekommen, aufgeblaſen durch ſeine vorhergehenden Triumphe bei White, und übermüthig durch die Gunſt von Carlton Houſe, affektirte der Londoner Windbeutel im erſten Augenblicke, wenn er bei Legacq oder im Pavillon de Hanovre dinirte, daſſelbe Air von Verachtung, welchem ſeine anerkannte Stellung in ſeinem eigenen Lande wenigſtens einigen Anſtrich gab. Eine Zeit lang ſuchte er dem Manne Trotz zu bieten, den er nicht übertreffen konnte; doch war das nur ſo lange, bis er fünftauſend Livres an mich verſpielt hatte, mir auf ſein Ehrenwort ſchuldete und dadurch gezwungen war, meine Ueberlegenheit anzuerkennen. „Seine wüſte Lebensweiſe hatte Lady Willesden das Herz gebrochen und ſie ſo ſehr niedergebeugt, daß ſie nur ſelten ihr Hotel verließ. Wir hatten uns daher niemals getroffen, während dagegen ihr Gemall, der, ſich ganzlich ſeiner Verſchwendung uberlaſſend, den Pariſern Hoffnung gab, einen neuen Phönix aus der Aſche ihrer fruheren Ausſchweifung erſtehen zu ſehen, mein beſtändiger Ge⸗ noſſe war. „Sechs Wochen nach ſeiner Ankunft in Paris war 103 Lord Willesden ein ruinirter Mann, ruinirt ohne Hoffnung, — ohne Erloͤſung! Seine Guter, ſeine Häuſer, ſein Sil⸗ bergeſchirr, ſeine Juwelen waren an Leute verpfändet, denen ich die Capitalien lieferte, beſtimmt, als ein zurückfließen⸗ der Pactolus, in meine goldnen Koffer zurückzukehren. Hazard und Roulett hatten den hochmüthigen Ariſtokraten zu meinem Sklaven gemacht. Mein Fuß war auf ſeinem Nacken und auf dem Nacken ſeiner Kindeskinder! In jener Periode, Baſil, war mein Herz ſo grauſam, wie irgend ein verheerendes Ungeheuer des Alterthums. Grauſamkeit war meine Schwelgerei;— Rache mein Stolz! Aber jene Grauſamkeit war die Folge ſchlechter Behandlung; und durch die fortwährenden Plagen und Qualen allein war meine Natur ſo hart geworden! „Ich beſaß nun tauſend Vortheile über die Leute, von welchen ich aus Gottloſigkeit verfolgt worden war; und nicht einer von ihnen wurde vernachläßigt. Jede Nacht, wenn ich zu meinem üppigen Lager zurückkehrte und in der Erinnerung an die entzuckenden Genüſſe des Tages mit den Zähnen knirſchte, war mir wirklich eine Steigerung dieſer Genüſſe der Gedanke, daß ich kein Unrecht beging, indem ich die Seele jener Landsleute mit Angſt erfüllte, welche mich ſo ungerecht geſchmäht hatten. „Jene, welche„auf meinen jüdiſchen Mantel geſpien hatten, mußten ſchwere Genugthuung für ihren Fehler geben. Es war nun die Reihe an mir, ſie mit Füßen zu treten. Sprechen Sie von Roſenbetten, Baſil Annes⸗ ley, empfehlen Sie mir das Lager, deſſen Kiſſen ſich von den ſchwellenden Seufzern zu Boden liegender Feinde blä⸗ hen, den ſüßen Schlummer bei dem Murmeln von...“ Er hielt inne!— Ein uafreiwilliger Schauder, der das Mißfallen ſeines Gefährten verrieth, hatte ihn erſchreckt und zum Schweigen veranlaßt. Aber es war zu ſpät.— Das angeborne Vorurtheil, das ſo lange in Baſils Seele geſchlafen,“ führte unwillkührlich dieſe Werke der Bosheit auf den jüdiſchen Urſprung Oſaley's zurück. Zum erſten⸗ 2 104 male ſah der junge Mann in ſeinem Gefährten einen le⸗ gitimen Sproſſen jenes Stammes, der Nägel durch die Hande und Füße des ſanften Jeſus von Nazareth geſchla⸗ gen und ſeine Seite durchbohrt hatte. So mächtig war dieſes Gefühl der Entfremdung, welches ſich in den Zügen des jungen Mannes malte, daß Abednego in der Fortſetzung ſeiner Erzählung keine weiteren Aeußerungen des Grolles wagte, welcher ſeine Rache ge⸗ ſchärft hatte. „Es genüge,“ fuhr er in milderem Tone fort,„daß ich, während ich in dem kalten Weſten die heißen Phan⸗ taſien eines üppigen Orientalen in's Werk ſetzte, jene noch tieferen Leidenſchaften und heftigeren Vorurtheile, welche die kaltblütigen Verfolgungen engliſchen Stolzes erzeugt hatten, nicht aus dem Auge verlor. „Lord Willesden war meine Puppe geworden, der hochmüthige Londoner Narr bewegte ſich nur nach meinem Wink und Willen. Doch während er mein täglicher Gaſt war, entweder in meinem glänzenden Hotel, oder auf mei⸗ nem fürſtlichen Landſitze, enthielt ich mich vorſichtig, je⸗ mals ſein Haus zu betreten. Mein Vorwand für die Ablehnung ſeiner Einladungen war die leidende Geſund⸗ heit Lady Willesden und meine Abneigung, ſtörend in die geregelten Verhältniſſe eines derangirten Herdes einzugrei⸗ fen; und durch dieſe Mittel gelang es mir, zu meinen Gunſten Intereſſe in dem Gemüthe des gebeugten Weibes zu erregen. Sowohl meine Nachſicht als Gläubiger und meine Freigebigkeit als Genoſſe, wie meine Sorgfalt, alle Gerüchte von ihres Gatten neuen Thorheiten und Ver⸗ ſchwendungen von Ihrem Ohre fern zu halten, und der Umſtand, daß ſie von„Monſieur de Clerval“ nur als ei⸗ nem gaſtfreundlichen Wirthe hörte, einem Muſter von Feinheit, und geſucht von der beſten Geſellſchaft, erregten in ihr ein Gefühl von Dankbarkeit für die Schonung, mit welcher ich mich von ihrer äarmlichen Abgeſchloſſenheit fern hielt. 10⁵ „Obſchon eitel und liederlich, liebte Willesden dennoch ſein Weib, das heißt, er liebte ſie nach der ſelbſtſüchtigen Weiſe aller Egoiſten. Es möchte ihm, hätte er ſie in England zurückgelaſſen, eine Erleichterung geweſen ſein, die plötzliche Nachricht ihres Todes zu empfangen. Aber er konnte es nicht ertragen, ſie leiden zu ſehen. Sich des Unrechts bewußt, das er über ſie und ihre Kinder gebracht hatte, ſchauderte er zurück vor dem Anblick ihrer verän⸗ derten Züge. Je ſchlimmer und ſchwächer ſie wurde, de⸗ ſto tiefer ſtürzte er ſich in die Ausſchweifungen, welche alle Erinnerung an ſein ihm verbittertes Haus gänzlich verbannten. „Eines Morgens trat er früher als gewöhnlich in mein Frühſtückzimmer und begann, nachdem er ſich in eine Cauſeuſe geworfen, in ſeiner gewöhnlichen Weiſe ſein Unglück in der vorigen Nacht zu verwünſchen. „Das iſt Alles Marias Schuld!“ rief er.„Das närriſche Weib bildet ſich ein, es beunruhige Sie, in der Stille der Nacht die Porte cochère öffnen zu hoͤren, und behauptet, wachend das Zeichen meines Nachhauſekommens zu erwarten. Auf dieſe Weiſe hat ſie mir ein Verſpre⸗ chen abgefordert, nicht über drei Uhr auszubleiben; die Folge davon iſt, daß ich letzte Nacht, gerade, als das Gluͤck ſich zu meinen Gunſten zu wenden anfing, gezwun⸗ gen war, die Tafel zu verlaſſen.“ „Sie hatten ganz recht,“ ſagte ich, treu meinem Syſteme der Schonung gegen die Forderungen ſeines Weibes.„Es iſt noch kein Grund, ein Vieh zu werden, weil Sie ein Roué ſind! Was ſind einige tauſend Livres mehr oder weniger, im Vergleiche mit dem Gram, wel⸗ chen man dadurch einem leidenden Weibe zufügt, das ſchon mehr als genügend verletzt wurde?“ „Willesden liebte ſein Weib nie weniger, als wenn ich ſcheinbar ihre Sache vertheidigte. „Hole der Henker das ganze Geſchlecht und alle ſeine Nachtheile!“ war ſeine brutale Antwort.„Es ſteht Ihnen 106 fürwahr, an, die Sache dieſer reizenden Märtyrerinnen zu vertreten. Frei von den eiſernen Feſſeln einer geſetz⸗ lichen Ehe, ſehen Sie in ihnen nur eine Schaar von En⸗ geln. Mein theurer Freund, der bloße Müſſiggänger in einem Garten ſieht nur die Roſen in ihrer Blüthe und verehrt ihre Schönheit und Anmuth; aber der Eigen⸗ thümer, der beſtimmt iſt, die Blätter, eines nach dem andern, abfallen zu ſehen, nur unnütze, dornige Hecken zu⸗ rücklaſſend, iſt geneigt, ſeinen Enthuſiasmus verraucht zu finden. N'importe! Meine ehelichen Ausſichten klären ſich auf! Nächſte Woche werde ich die Freiheit haben, die Sonne aufgehen zu ſehen, wie und wo es mir gefällt. Meines Weibes Schweſter wird von England herüber⸗ kommen, ſie zu pflegen. Maria hat, wie ich argwöhne, ſo traurige Nachrichten über meine Vernachläſſigung an ihre Familie geſchrieben, daß dieſe es für nöthig hält, beſſere Sorge für ſie zu tragen.“ „Urtheilen Sie ſelbſt, Baſil, wie das Blut, welches für einen Augenblick gegen mein Herz drang und meine Wangen entfärbte, mir auf's neue in's Geſicht ſtürzte, als Lord Willesden auf meine beinahe athemloſen Fragen mir den Namen des erwarteten Beſuches mittheilte. „Ja, ſie war es, es war der Gegenſtand meiner er⸗ ſten und einzigen Liebe! Ihr Gatte, ich dankte dem Himmel, war nicht im Stande, ſie zu begleiten, weil ſeine militäriſchen Pflichten ihm es unmöglich machten, Enaland zu verlaſſen. Sie kam allein, um ihre ſterbende Schwe⸗ ſter liebevoll zu pflegen. „Niemals werde ich die ſtürmiſche Natur meiner Ge⸗ fühle während des Tages vergeſſen, an welchem ich dieſe Nachricht erhielt. Der Boden ſchien unter meinen Füßen zu wanken, die Luft zu gering, um meinem Athem zu genügen. Ich wußte kaum die ſeltſame Gelegenheit zu ergreifen, welche ſich mir zur Befriedigung meines Rache⸗ durſtes darbot, den ich, gleich dem Raubthiere, in den finſteren Tiefen meiner Seele genährt hatte. 5* —4ꝑ— 107 „Nach einigen Tagen kam ſie an. Mit angenom⸗ mener Sorgloſigkeit ging ich mit meinen Fragen wegen ſeiner Schwägerin gegen Lord Willesden heraus und hoͤrte mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit, daß ſie gegen ihren Wil⸗ len verheirathet worden und eine bekümmerte Frau und freudloſe Mutter ſei. „Dem Himmel ſei Dank!“ war Willesden's Schluß⸗ wort,„ſte wird zufrieden ſein, ſich dem Krankenzimmer zu widmen. Während die arme Seele im Frühlinge des Lebens ſteht, hat die Welt ſchon ihre Reize für ſie ver⸗ loren. So lange als ſie hier zu bleiben bewogen werden kann, habe ich daher Freiheit, mich nach Herzensluſt zu erfreuen. .„Von jenem Augenblicke an übte ich meinen Einfluß über Willesden mit ganz verſchiedenen Abſichten. Tiefes Mitleid für die Lage erkünſtelnd, in welche er ſeine Kin⸗ der gebracht hatte, predigte ich beſtändig Beſſerung. Ich kannte die Schwäche ſeiner Natur gut genug, um zu wiſſen, daß, ſo oft ſeine ſchöne Schwägerin die Sache ſeiner beeinträchtigten Familie vertrat, oder ihn beſchwor, ſeinem unſeligen Hange zur Ausſchweifung zu entſagen, er ausrufen würde:„Sie ſind beinahe ein eben ſo großer Quälgeiſt, als Clerval! Gerade dieſelben Gründe ge⸗ braucht mein Freund beſtändig! Clerval behauptet, daß ein Gatte und Vater keinen Vorwand habe, einem ſo ge⸗ meinen Libertinism nachzuhängen!“ „Dennoch trug ich Sorge, während ich in dem neuen Charakter eines Mentors figurirte, meinen Ruf als ga⸗ lanter Mann nicht zu vernachläßigen. Das Krankenzim⸗ mer der Lady Willesden wurde von der Herzogin von Gordon und einem halben Dutzend anderer engliſcher Da⸗ men von Rang beſucht, welche in der fröhlichen Pariſer Welt während der kurzen Einſtellung der Feindſeligkeiten zwiſchen den zwei Ländern glänzten, und ich ſparte keine Mühe, meinen Namen zum Thema der beſtändigen Unter⸗ haltung in jenem ſtolzen Cirkel zu machen. 108 „Niemals hatten Feſte jene ungeheure Senſation er⸗ regt, als die, welche ich erdachte, um die Augen meiner argwohnloſen Landsmänninnen zu blenden, niemals war eine Ausſchließung ſo inſolent, als jene, welche ich in Bezug auf ihre Zulaſſung in meinem Hauſe affectirte. Manch⸗ mal war dieſes Haus hunderten von Gäſten zur Unter⸗ haltung geöffnet, welche mit der Verſchwendung und den ausſchweifenden Einfällen eines arabiſchen Mährchens fetirt wurden. Manchmal war die Zahl der Begünſtigten auf eine einzelne beglückte Gruppe beſchränkt, und nicht eine Sylbe ließ die Natur der Unterhaltung errathen, deren Koſtenbetrag allein von den Mißgünſtigen angeführt wurde, bis ich, gleich Ludwig XIV., von den frivolen Schöͤnhei⸗ ten des Tages mit dem Namen des„Zauberers“ beehrt wurde. 82* „Mein Zweck war bald erreicht. Ich erfuhr von Willesden, daß meine Eigenheiten in ſeinem Familienzir⸗ kel bedeutende Neugierde erregten. „Lady Willesden ſcheint durch die Ankunft ihrer Schwe⸗ ſter wie durch ein Wunder wiederbelebt!“ ſagte er, als wir eines Tages von dem Schloſſe von Clerval im vollen Ja⸗ gen meiner engliſchen Prachtpferde nach Paris zurückkehr⸗ ten, um bei Zeiten in der Oper zu ſein;„und das erſte Symptom ihrer wiederkehrenden Geſundheit iſt ihre Neu⸗ gierde hinſichtlich Ihrer. Dieſe Damen ſehnen ſich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Clerval. Wenn wollen Sie kommen und bei mir diniren? „Mit plötzlicher Zurückhaltung ſchützte ich ältere Ein⸗ ladungen vor, um nicht vor Verlauf von vierzehn Tagen kommen zu können, und Willesden, der genau wußte, daß viele davon meine eigne Schöpfung waren, ſchrieb mit der Empfindlichkeit eines verletzten Mannes meine Weigerung, ſeinen kleinen Zirkel zu beſuchen, der in ſeinem Hauſe herrſchenden Traurigkeit und den Mängeln eines unvollen⸗ deten Koches zu. „Ich weiß wohl, erwiederte er,„daß ich nichts habe, 7 — 109 was einen Amphytrion gleich Ihnen anziehen koönnte. Auch würde ich mich nicht vermeſſen haben, Herrn von Cler⸗ val, den Gaſtronomen, einzuladen, an meinem geringen Tiſche zu faſten, hegte nicht meine Schwägerin mit ſol⸗ chem Ungeſtüm den Wunſch, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ihre Freigebigkeit als Beſchützer der Künſte, in denen ſie ſich in ihrem abenteuerlichen Sinne vorgenord⸗ men hat, eine Geweihte zu werden, um, wie ich denke, ſich ſelbſt über die Vereitlung ihrer vernichteten Liebe zu troͤſten, hat auf ſeltſame Weiſe ihr Intereſſe zu Ihren Gunſten erregt.“ „Ich verbeugte mich und lächelte, ohne jedoch durch eine Bewegung meine Gewährung dieſer Wünſche auszu⸗ ſprechen. Je deutlicher ſeine Winke wurden, je entſchloſ⸗ ſener hielt ich mich zurück. Endlich ließ Lord Willesden aus Sorge, durch fortgeſetzte Hartnäckigkeit mich ſelbſt zu entfremden, von ſeinen ungeſtümen Bitten, ihn in ſeinem Hauſe zu beſuchen, ab, und meine Feſtigkeit diente allein dazu, die raſtloſe Neugierde derjenigen zu erhöhen, gegen deren Frieden meine Manoeuvres gerichtet waren. „Inzwiſchen hatte ich ſie wiedergeſehen. Aus meiner Loge in der Oper und auf den öffentlichen Promenaden hatte ich das Weſen geſehen, das meinem Herzen noch immer das theuerſte war; und ihr Anblick ſteigerte nur noch meine Rachepläne. Sie hatte nun die volle Reife weiblicher Reize erreicht. Das liebenswürdige achtzehn⸗ jährige Mädchen war nun ein ſchoͤnes und gebietendes Weib von dreißig geworden. Wie ſchoͤn ſie ſei, bezeugte die Bewunderung, welche ſie auf ſich zog, ſo oft ſie ſich den Blicken der Pariſer Geſellſchaft zeigte, zur Genüge; wie ſchön ſie ſei, davon liefert die Unruhe meines eigenen zerrütteten Herzens, wenn ihre Gegenwart mich von ſol⸗ chen Gelegenheiten vertrieb, einen qualvolleren Beweis. Uneingeſchränkt in allen andern Beſtrebungen und Neigun⸗ gen, diente die Vorſicht und Selbſtbeherrſchung, welche ich dabei zu beobachten gezwungen war, nur dazu, meine Lei⸗ 110 denſchaft zu erhöhen. Ich wurde raſend und verzweifelnd vor Liebe, weit mehr verzweifelnd, als damals, wo ich mit der reineren Inbrunſt des Knabenalters ſie anflehte, meine Braut zu werden. „Ich ſchätzte die edle Natur jenes geliebten Weſens zu hoch, Baſil, um es für möglich zu halten, das bloße Blendwerk der Eitelkeit werde hinreichen, ſie zu feſſeln. Ich wußte, daß ſie den Mann achten, den Beſchützer be⸗ wundern müſſe, ehe der glänzende Clerval einen ernſten Eindruck auf ihre Gefühle hervorbringen könne. Um das zu bewirken, veranſtaltete ich, daß bei allen kleinen Acten ihrer Menſchenliebe mein Name als ihr vorangehend in den Pflichten der Wohlthätigkeit ſie erreiche. Sie konnte ihre Hand nicht der Waiſe oder Wittwe reichen, ohne der meinigen, ſchon in Barmherzigkeit ausgeſtreckt, zu be⸗ egnen. e„Manche ſolche Hülfe war ein bloßer Theatereffect, um ihre Aufmerkſamkeit anzuziehen. Mit Hülfe von Geld kann Alles zum Ziele geführt werden, ſelbſt—„Zuſtände des äußerſten Elendes;“ und jenes menſchliche Weib mochte wenig argwöhnen, daß die Bedürfniſſe, denen ſie abzuhel⸗ fen wähnte, ebenſoſehr Anſtrengungen der Kunſt waren, als die Scenerie der großen Oper!“ „Ich ſehe kaum ein, Sir,“ unterbrach ihn plöͤtzlich Baſil Annesley, welcher Vortheil einem von uns aus die⸗ ſen Eröffnungen erwachſen könnte. Sind Sie ein Ausfluß von Reue, ſo ſteht es nicht mir zu, Ihnen Abſolution zu⸗ gewähren, ſind ſie eine Sache der Prahlerei, ſo bitte ich Sie, da ich gerne Achtung für meinen Wohlthäter behal⸗ ten möchte, Geſtändniſſe zurückzuhalten, welche nachgerade mein Mißfallen erregen.“ „Hoͤren Sie mich zu Ende,“ rief Abednego.„Ich ſpreche zu Ihnen weder in einem Tone von Prahlerei, noch im Tone winſelnder Reue; aber als ein Mann, der Schritt für Schritt mit den trüben Verſuchungen und Prüfungen des Lehens gerungen hat und Willens iſt, einem —.,— —— —— 111 Manne, den er zärtlich liebt, die unheilvollen und Mitleid gebietenden Früchte ſeiner Erfahrung mitzutheilen. „Alles, was ich zu Gunſten der Bedenklichkeiten Ihres zarten Herzens zu thun vermag, iſt, daß ich kurz über die Schlingen weggehe, welche ich auf den Weg meines be⸗ ſtimmten Opfers legte, manchmal hoffend, doch öfter am Erfolge verzweifelnd. Aber wenn ich unfähig war, zum zweitenmal ihre Liebe zu erringen, ſo beſchloß ich wenig⸗ ſtens, ihren Stolz zu demüthigen. „Es war im Beginne des Frühlings, daß ich eine jener glänzenden Unterhaltungen ankündigte, welche einmal in jedem Monat die faſhionable Welt von Paris in Be⸗ wegung ſetzten. Es ſollte ein Feſt bei Tage werden, das ich auf meinem Schloſſe an der Seine veranſtaltete, und eine Flotille venetianiſcher Barken, lange ſchon in Bereit⸗ ſchaft, wurde vom Stapel gelaſſen, um meine Gäſte an den Landungsplatz zu führen. Es war ausdrücklich den Eingeladenen bekannt gemacht, daß nicht eine einzige eng⸗ liſche Perſon unter den Gäſten des„Monsieur de Cler- val“ begriffen ſein werde, und da Willesden, mein beſtän⸗ diger Gefährde, ſich ſchmeichelte, daß natürlicher Weiſe eine Ausnahme zu ſeinen Gunſten gemacht würde, ergriff ich die erſte Gelegenheit, ihm mitzutheilen, daß ich, da ich einen beſonderen Gegenſtand für meine Fête des Lilacs habe, gezwungen ſei, ihn gleich den übrigen engliſchen Prätendenten auszuſchließen. „Wiewohl ſichtlich erbittert über meine Mittheilung, war Willesden doch zu ſehr mein Schuldner, um eine Silbe der Erwiederung zu wagen. Da er das Wort „Gegenſtand“ irgend einer in meinen Gedanken herrſchen⸗ den Dame zuſchrieb, wagte er, mich die myſteriöſe Liaiſon, welche ſolch' ungeheure Conceſſionen verlange, zu verſpot⸗ ten, und ich antwortete ihm in Ausdrücken romantiſcher Galanterie, die er, wie ich vermuthete, an ſeinem Herde wiederholte und die nur dazu dienen würden, ein neues Intereſſe zu meinen Gunſten zu erregen. 112 „Ohne es zu beabſichtigen, verrieth mir Willesden beſtändig die Wirkungen meiner Entwürfe. Ich fand, daß ich ſtändiger Gegenſtand der Unterhaltung in ſeinem Hauſe war. Indem er mir erzählte, wie oft er gezwungen ſei, bei ſeiner Frau und Schwägerin mein Verfechter zu wer⸗ den, legte ſeine dumme Eitelkeit weit mehr dar, als er beabſichtigte. Er verbarg mir den Aerger ſeines liebens⸗ würdigen Gaſtes nicht, von dem einzigen Hauſe in Paris ausgeſchloſſen zu ſein, welches zu betreten ſie die ſichtlichſte Neugierde hatte. „Ich ſah ihn ernſt an, und als Lord Willesden dieſen Gegenſtand wieder aufgriff, enthielt ich mich gänzlich ſeiner Geſellſchaft, und gab Befehl, daß er in meinem Hauſe nicht zugelaſſen werde; ja, wenn wir durch Zufall in dem Gehölze von Boulogne zuſammentrafen, nahm ich ein ſo kaltes und mürriſches Geſicht an, daß der arme Mann über den Zorn erſchreckt war, den er hervorgerufen. „Der Betrag der in meinem ſicheren Gewahrſame befindlichen Verſchreibungen, die ſeine Unterſchrift trugen, machten es gefährlich für ihn, einen ſo mächtigen Mann zu beleidigen. Hatte ich nicht Grund, mir Glück zu wün⸗ ſchen? Abednego der Jude hatte den übermüthigen engli⸗ ſchen Pair zu der niedrigſten Unterwürfigkeit gebracht! „Stufenweiſe wurde er gezwungen, eine noch niedri⸗ gere Stellung anzunehmen. Die Verwirrung ſeiner Ange⸗ legenheiten machte eine fernere Geldanleihe unerläßlich, und nicht ein Banquier fand ſich, um ihm beizuſtehen. In ſolcher Lage in einem fremden Lande wurde die Klemme, in die er gerathen war, beunruhigend; aber ich hatte ihn ſo oft ſchon verpflichtet und hatte ſeit Kurzem ein ſo ab⸗ ſchreckendes Anſehen angenommen, daß er nicht wagte, ſich an mich zu wenden. „Wenig argwähnend, daß die ganze Affaire von mir angelegt ſei, begegnete er mir vor der Welt, als ob nichts vorgefallen ſei; nur die Erniedrigung, ſein Weib und ſeinen Gaſt nahe daran zu finden, obdachslos zu werden, trieb 113 ihn zu dem Schritte, ſich noch einmal in dem unterwür⸗ figen Tone eines Bittenden an mich zu wenden. „Ehe noch die Bitte ſeinen Lippen halb entſchlüpft war, wurde ſie gewährt; der Betrag des Anlehens, welches er wünſchte, wurde verdreifacht und ihm nufgebrungen und im Uebermaße ſeiner Dankbarkeit würde Lord Willes⸗ den ſich, ich glaube wahrhaftig, zu jeder Bedingung ver⸗ ſtanden haben, welche ſein Gläubiger dienlich fand, ihm vorzuſchlagen. „„Beunruhigeu Sie ſich nicht über eine ſolche Kleinig⸗ keit!“ ſagte ich; ich bin nur zu glücklich, Ihnen beiſtehen zu können. Wenn Sie wünſchen, mein theurer Willesden, mich Ihrerſeits zu verpflichten, ſo iſt Alles, was ich zu erbitten habe, daß Sie mich als Freund in Ihren Fami⸗ liencirkel aufnehmen, trotz allen Gegenvorſtellungen, welche Lady Willesden und ihre Schweſter an Sie richten mögen.“ .„„Gegenvorſtellungen?“ wiederholte der erſtaunte Wil⸗ lesden. Ei, ich habe doch die ganze letzte Woche hindurch Sie mit dem enen Wunſche der Letzteren beläſtigt, Ihre Bekanntſchaft zu machen. „ Die freundlichen Anſichten der Lady möchten ab⸗ nehmen, nachdem ſie mich geſehen hat. Ueberdies werde ich mich mit der Erlaubniß bloßer Bekanntſchaft nicht be⸗ gnügen. Der Gegenſtand meines Ehrgeizes iſt, in ihrer beſonderen Gunſt zu ſtehen.“ „„In dieſem Fall, mein theurer Clerval, kann ich Ihnen nicht mit der Ausſicht auf Erfolg ſchmeicheln,“ entgegnete Willesden mit einiger Verlegenheit. So un⸗ glüctlich ſie in ihrer Ehe iſt, iſt ſie doch unfähig, ihre Pflichten als Weib und Mutter aus dem Geſichte zu verlieren.“ „„Verſteht ſich!— Alle eure engliſchen Damen ſind ſo ſtreng in ihren Grundſätzen,— ſo züchtig in ihrem Benehmen, daß man ſich nur wundern kann, wie ſolche Libelle wie Scheidebriefe ungeſtraft hingehen können.“ Deerr Geldverleiher. II. 8 habe Grund zu glauben, daß mein Beſuch nun ſtündlich. „„Ich rühme die Tugend meiner Schwägerin nicht,“ entgegnete Lerd Willesden, und das Blut, das ſeine blei⸗ chen Wangen färbte, überzeugte mich, daß nur ſeine Ver⸗ pflichtungen gegen mich ihn abhielten, mich zu Boden zu ſchlagen.„Sie hat kein Herz zu vergeben. In ihrer Jugend ſchloß ſie eine erniedrigende Bekanntſchaft, deren Folgen, wie mein armes Weib mir verſichert, ſie nimmer zu verſchmerzen vermag.“ 3 „Es war nun an mir die Reihe, vor Zorn zu erroöͤ⸗ then; und der Uebermuth des inſolventen Adeligen beſtärkte mich in meinen ſchlimmen Plänen. „Niemand iſt im Stande, die Launen und Seltſam⸗ keiten einer weiblichen Natur zu berechnen,“ ſagte ich. „Alles, warum ich Sie bitte, iſt, daß Sie, welche Ab⸗ ſcheulichkeiten auch von Lady Willesden. und ihrer Schwe⸗ ſter gegen mich bezeugt werden mögen, mir dennoch nicht den Zutritt in Ihrem Hauſe verweigern.“ „Ihnen den Zutritt verweigern? rief Seine Herr⸗ lichkeit. Ihnen, meinem beſten Freunde, meinem Wohl⸗ thäter! Ihnen, dem ich während des ganzen Winters anlag, mein Gaſt zu ſein. Abgeſchmackt! „„Abgeſchmackt vielleicht! Aber nachdem ich bis jetzt Ihren dringenden Einladungen widerſtanden, will ich ſie ſelbſt jetzt nicht ohne eine ſchriftliche Bürgſchaft annehmen, die meine Aufnahme ſichert.— „Nach zahlloſen Betheuerungen hatte er zu meinen Gunſten dieſe ſcheinbar kleine Conceſſion bewilligt, und herzlich lachend uͤber meine Bedenklichkeiten, ging Lord Willesden munter auf das ein, was ein Scherz zu ſein ſchien und ſetzte eine Schrift auf, welche mir den Zutritt in ſeinem Hauſe zu allen Stunden und unter allen moͤg⸗ lichen Umſtänden ſicherte. „Ich ſchließe, daß er, mit gewiſſen Modificationen, meine plötzliche Laune ſeiner Frau ankündigte; denn ich 115 erwartet und Vorbereitungen darauf getroffen wurden. Ich zog jedoch vor, vergebens erwartet zu werden. „Beinahe ein Monat verfloß, und Willesden mußte die wunderlichen Bedingungen, welche ich ihm dictirte, irgend einer augenblicklichen Laune zuſchreiben; denn weit ent⸗ fernt die Erlaubniß zu benützen, welche ich erbeten hatte, zog ich mich ſogar aus ſeinem Umgange zurück. Neugierde und Intereſſe waren demgemäß in ſeinem Familiencirkel auf das Heftigſte in Beziehung auf den Mann erregt, deſſen Bewegungen unſtät waren, wie die eines Meteors, und bei meiner Ankündigung einer zweiten Sommerunter⸗ haltung auf meinem Schloſſe, la fète des Roses, mit der gleichen Ausſchließung der Engländer, ausgenommen allein Lord Willesden's Familie, vermuthete ich mit Recht, daß meine Einladung mit Dankbarkeit würde angenommen werden. „Geld bildet den Zauber unſerer Zeit. Aber Paris, mehr als alle andern Orte, gewährt ein günſtiges Feld, die Zauberruthe der Verſchwendung anzuwenden. Ent⸗ ſchloſſen, daß das letzte Feſt des geheimnißvollen Clerval alle vorhergehenden Beſtrebungen übertreffen ſolle, wurde ich geſchickt unterſtützt durch den Genius jener neuen re- naissance des arts, welcher unter den Auſpicien des Conſulates ſich entfaltete. „Aber die enormen Ausgaben(die Gerüchte über den Betrag derſelben boten den Bewunderern der großen Welt ungeheuren Stoff zum Geſprache) wurden weniger durch den Glanz der Unterhaltung ſelbſt, als durch meinen Ein⸗ fall hervorgebracht, an den Ufern der Seine ein genaues Abbild jener wohlbekannten Gärten von Cadir zu ſchaf⸗ fen, den Zeugen der glücklichſten Augenblicke meines Le⸗ bens. Die Illuſion war vollkommen. Baum für Baum, Laube für Laube, die Stelle, welche Zeugin meiner mit⸗ ternächtigen Zuſammenkünfte mit ihr geweſen, wurden zu dieſer Veranlaſſung neu geſchaffen. „Es war dort, Baſil, wo ich ſie empfing! Es war dort, wo ich dem bereuenden Weibe entgegenirat, ſie zu bewillkommnen, wo ſie in der ganzen Fülle reifer Schöͤn⸗ heit und auf den Arm ihres Schwagers gelehnt, den be⸗ leidigten Geliebten ihrer Jugend vor ſich ſah. Sechstes Kapitel. Ein armes, ſchwaches Weib! Ei, geht mir mit den Phraſen, die Taufende von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert ſich nachplappern! Des Weibes Schwäche zu vem ſſen, hat der ſchwache Mann wohl Verſtand und Kraft ge⸗ nug! Aber wie ſoll er durch die Mächte, die jüngſt die Energie ſeiner Stele anfachten, die Kraft erlangen, ihre Kraft, ihre Wahr⸗ haftigkeit, die Größe ihrer Tunenden zu wür⸗ digen? Wenn ſtark, und treu und groß, dann iſt kein lebend Weſen ſo groß, ſo treu, ſo ſtark wie ſie. Akenſide. „In der Bosheit meines Herzens, Baſil Annesley, genoß ich im Voraus mit Vertrauen den Erfolg meiner Pläne. Die Erniedrigungen der vorigen Tage wurden durch eine Reihe von Triumphen verloͤſcht. Alles war mir geglückt; und lange gewöhnt an die Anbetung der Eitlen und Eigennützigen, zweifelte ich nicht, daß das Weib, welches mir als„ein bereuendes Weib“ geſchildert worden war, zufrieden ſein würde, mir alles zu vergel⸗ ten, was ich um ihretwillen gelitten hatte.— „Aber während wir in der Stärke unſerer eigenen Laſter triumphiren, ſind wir geneigt, die Schwäche An⸗ derer für zu groß zu halten. Weder den willkürlichen 8 117 Wollüſtling des Orients, noch den verdorbenen Epikuräer von Paris hatte die Erfahrung vorbereitet auf jene Un⸗ verdorbenheit des Herzens, auf die Selbſtachtung, die weibliche Reinheit und den Stolz, welchen ſie meinen Anſprüchen entgegenſetzte. Nicht nur war ſie unwillig über die Manoeuvres, durch welche ſie getäuſcht worden war, mir gegenüber zu treten, ſondern ſie verwarf auch, als eine Beleidigung, meine Betheuerungen unveränderter Liebe! „Hätte ich mich ihr auf eine weniger verwegene Weiſe genähert, wäre ich vor ihr erſchienen, arm, erniedrigt, freundlos, mochten die Erinnerungen ihres Herzens ſie zu meiner Freundin gemacht haben; aber ſie verachtete den Stolz und die Prahlerei des Mannes, der als Eroberer vor ihr ſtand. Ihr klarer Verſtand, ihre aufrichtigen Vorſätze konnten durch meine ſeichten Intriguen nicht ver⸗ nichtet werden, und das Netz, in welches meine Feinheit ihren ſchwachen Schwager verwickelt hatte, war zu ſchwach, ſie in ſeine Maſchen zu verwickeln. „Ich habe nicht den Muth, die ſchimpflichen Aus⸗ drücke zu wiederholen, in welchen ſie das Durchblicken meiner Plane und meines Charakters an den Tag legte! „„Mein Vater und meine Familie urtheilten weiſe!“ ſagte ſie,„und ich gebe nun zu, daß ich in meiner Vor⸗ liebe blind für Ihren wirklichen Charakter war! Die Strafe, welche die gottesläſternden Juden auf ſich und ihre Kindeskinder herabriefen, hat Sie, gerade Sie, Oſa⸗ ley, in einen elenden Anbeter des Mammons verwandelt. Sie haben verſucht, durch Ihre glänzenden Ausſchwei⸗ fungen das Herz zu blenden, welches bewegt worden ſein moͤchte, hätte es ſie in Armuth oder Kummer gefunden. Mein Vater hatte recht. Es iſt keine wirkliche Sympathie zwiſchen uns!“ „Denken Sie ſich meine Erbitterung, denken Sie ſich meine Verzweiflung, als ich von ihren eigenen Lippen die⸗ ſes bittere Verdammungsurtheil hörte. Abwechſelnd ge⸗ 118 neigt, mich ihr zu Füßen zu werfen und die Gerechtigkeit ihres Urtheils anzuerkennen, oder die Rache, welche gegen ihre Familie gerichtet war, auf ſie ſelbſt auszudehnen, fühlte ich, als ſie ſich mit der ganzen Würde verwun⸗ deten Stolzes von mir zurückzog, daß das ganze Ziel meines Lebens verfehlt ſei. „Die zwei folgenden Tage ſchloß ich mich in düſterer Verzweiflung gänzlich ab. Am dritten tauchte ich aus meiner Einſamkeit wieder mit dem feſten Vorſatze auf, Vergebung zu erflehen und Genugthuung anzubieten. Sie war abgereiſt! Sie hatte Paris verlaſſen! Dem Schutze ihres Schwagers mißtrauend, war ſie auf dem Wege nach England, in die ſchirmende Obhut eines ehren⸗ werthen Gatten flüchtend!— „„Meine unglückliche Schweſter iſt die Gefährtin „meiner unheilvollen Reiſe,“ ſagte der Brief, den ſie von Dover aus an mich richtete.⸗„Sollte die Anſtrengung zu „groß für ihre geſchwächte Geſundheit ſein, ſo ſind Sie „es, welcher ſie zum Tode verurtheilt hat. Durch Lord „Willesden von ſeiner Inſolvenz unterrichtet, ſowie von „dem Ruin ihrer unſchuldigen Kinder, hatte ſie nicht den „Muth, in einem fremden Lande die vermuthliche Strafe „zu erwarten, durch eine grauſame Natur, wie die Ihrige, „ins Gedränge gebracht zu werden. Ihr Gatte bleibt „zurück, Ihnen mit ſeiner Perſon zu haften. Thun Sie „das Schlimmſte!. Wenn Sie es wagen, machen Sie „Lord Willesden zu Ihrem Gefangenen, wie er ſchon Ihr „Narr iſt!“ „Aber Sie magten es nicht!“ unterbrach ihn Baſil Annesley, deſſen Ge nuth plötzlich von einer ſchrecklichen Vorſtellung befreit ſchien.„Sie hatten nicht den Muth, dieſes edelgeſinnte Weib noch tiefer zu verletzen?“ „Sie ſagen die Wahrheit! Ich hatte ihn nicht! Aber Andere waren unbarmherziger. Einige Monate nach ihrer Ruͤckkehr nach England verkündigten verleumderiſche Zun⸗ gen ihrem Gatten, daß mein boshafter Plan gelungen 119 ſei. So wahr ich lebe und athme, Baſil, ich hatte keinen Theil an dieſem ſcandalöſen Mährchen. Es war die teufliſche Erfindung irgend eines Feindes. Doch ſo grund⸗ los es war, ſtürzte es dennoch den unglücklichen Mann in das Grab! „Er fiel, Baſil Annesley, an der Spitze ſeines Regi⸗ ments, auf dem Felde der Ehre; doch mit der grauſamen Ueberzeugung, daß ſein Weib eine Ehebrecherin und ſein ungebornes Kind ein Kind der Schande ſei! Unglückliches Weib! Verwünſcht zu werden durch einen Gatten, und einen Geliebten, beide gleich unfähig, die Tugend ihrer Seele zu ſchätzen! „Die arme Vergeltung, welche anzubieten in meiner Macht ſtand, wurde nicht vorenthalten. Aber weit beleidi⸗ gender, als ihr hochmüthiger Vater mich abgewieſen hatte, lehnte ſte das Anerbieten meiner Hand ab. Sie ſah mich als den Mörder ihres Bruders, ihres Gatten an; ſie wies mich aus ihrer Nähe. Sie ſprach von ihrer Pflicht gegen ihre Kinder! Ihre Kinder!— Das Mädchen war, nach dem Willen ſeines Vaters, ſchon ihrer Obhut entzo⸗ gen worden, da er ſie für unwürdig hielt, daſſelbe zu er⸗ ziehen. Der Knabe, der unſchuldige Knabe, noch unter ihrem Herzen ruhend, war von ihm als ein Kind des Berbrechens verſtoßen worden. Baſil, Baſil! Warum erhoben ſich nicht Ihre kleinen Hände, um für mich zu bitten? So haben meine Ahnungen mich nicht getäuſcht!“ rief der junge Mann, von ſeinem Stuhle auffahrend. Es iſt wirklich meine theure und unglückliche Mutter, welche lebenslang Ihr Opfer geworden!“ „Mein Opfer! Es gab kein irdiſches Opfer, wel⸗ ches ich nicht gebracht haben würde, um die Erlaubniß zu erhalten, der niedrigſte der Diener ihres Hauſes zu werden! Mein Opfer! Nein, nein! Ich war das ihrige! Wüthend gemacht durch ihre Gleichgültigkeit, ihren Abſcheu, ſtürzte ich mich in die unſinnigſten Aus⸗ 120 ſchweifungen. Ich flüchtete mich an den Spieltiſch. Der kalte, berechnende Clerval ſpielte auf einmal gleich einem Kinde. „Mein Glücksſtern erblich. Mein ſo lange Zeit prah⸗ leriſcher Reichthum ſchmolz allmälig. Selbſt die Sicher⸗ heiten, welche ich von Willesden als Pfand beſaß, wurden endlich daran gewagt, und gingen verloren, verloren an jene, welche nicht zöͤgerten, ihn Repreſſalien preis zu ge⸗ ben, die von ſeinem unglücklichen Weibe und ſeinen Kin⸗ dern mir zugeſchrieben wurden. „Am Abgrunde des Ruins ſah ich mich nach irgend einem verzweifelten Zufall um, durch den ich mein Ver⸗ mögen wieder erlangen, oder einen ehrenvollen Tod gewin⸗ nen konnte. In Deutſchland wüthete der Krieg, und ich trat zur Sambre und Maas⸗Armee als Freiwilliger. Allmälig neigte ſich mein Herz zu der Fahne, zu welcher ich geſchworen hatte. Alle anderen Mühen und Freuden verſchwanden, die Aufregung einer militairiſchen Laufbahn unter einem geſchickten und unerſchrockenen Befehlshaber beſaß eine verführeriſche Neuheit, und als ein Mittel, Demüthigung einem Lande zu bereiten, das mit meinen natürlichen Feinden alliirt war, ſchloß ich mich mit der ganzen Energie meiner Natur der Sache des franzöſiſchen Adlers an. „Wie dies unter Napoleons Obergewalt bei allen Leuten der Fall war, die ſich mit Eifer ihrem Berufe hin⸗ gaben, folgte Avancement. Ich wurde durch eine Offtzier⸗ ſtelle belohnt und mir weiteres Avancement verſprochen. Aber meine militäriſche Laufbahn ſollte eine grauſame und unerwartete Unterbrechung erleiden. „Als wir im Laufe dieſes Feldzugs durch Heidelberg rückten, erinnerte ich mich, daß dies der Geburtsort und Aufenthalt Verelſt's ſei, und ich ergriff die Gelegenheit, bezüglich der Lage meiner Schweſter Nachrichten anzu⸗ ſtellen, welche bewieſen, daß ihre an meinen Vater gerich⸗ teten Briefe, die in meine Hände gefallen waren und ihre 121 jammervolle Verlaſſenheit andeuteten, keine übertriebene Schilderung von dem vernichteten Glücke der armen Rachael enthielten. 2 „Vom Glücke überſättigt, war doch unbeugſame Grauſamkeit noch überwiegend in mir; denn das gegen mich ausgeübte Boöſe hatte in meiner Seele Wurzel ge⸗ ſchlagen und brachte bittere Früchte hervor. Ich hatte geſchworen, ſie nimmer zu ſehen und machte es zu einer Tugend, meinen Eid zu halten. Obwohl ich entſchloſſen war, ihr Elend zu erleichtern, warf ich ihr doch die ge⸗ ringe Gabe als Almoſen eines Fremden zu, ſtatt ſie ihr als ein Geſchenk brüderlicher Liebe zu reichen. „Das Gefühl der Eiferſucht erwachte in Verelſt's Seele. Er verfolgte den Capitän de Clerval, der ſich erkühnt hatte, ſeinem liebenswürdigen Weibe ein Geld⸗ geſchenk zu ſenden. Aber das Geſuch des Künſtlers um Gehör wurde durch eine Beleidigung beantwortet, und der erbitterte Mann lauerte mir beim Ausgange auf und ver⸗ galt meinen Uebermuth mit einem Schlage. „In der Heftigkeit des Augenblicks zog ich den Degen, ſtürzte mich auf ihn und würde mich mit ihm geſchlagen und ihn getödtet haben. Aber nur eine einzige kleine Wunde bezeichnete meinen Wahnſinn. Ich wurde verhaf⸗ tet und in Arreſt gebracht. Die kaiſerliche Disciplin war ſtreng in dieſen Punkten, und ich, vor kurzem der Herr von Millionen, würde wahrſcheinlich, nach einem kurzen Kriegsgerichte, wie ein Hund erſchoſſen worden ſein, wäre nicht Verelſt dreiſt mit Zeugniſſen gekommen, mit Zeug⸗ niſſen von.... Rathen Sie, auf welche Angaben der Narr verfiel, um mein Leben zu erhalten!.... Rathen Sie!“ 1 Baſil Annesley zuckte die Achſeln, um ſeine Unwiſ⸗ ſenheit anzudeuten. „Wahnſinn!“— Und da ſein Weib meine nächſte Verwandte war, ſo nahm man ſeine Zeugniſſe mit Be⸗ reitwilligkeit auf. Während ich, unter Bedeckung, dabei 12² ſtand und zuhörte, wagte der Burſche, Angeſichts mir, zu ſchwören, daß die letzten Jahre hindurch meine Handlungsweiſe die Verwirrung meines Verſtandes be⸗ zeugt habe. „Es iſt wahr, ſeine abgeſchmackten Ausſagen retteten mein Leben. Aber um welchen Preis! Um als ein Ver⸗ rückter unter Escorte nach Paris zurückgebracht und in Charenton verwahrt zu werden, bis die Aerzte über meinen Zuſtand entſchieden! In der Erbitterung über alles das, was ich auszuſtehen hatte, klagte ich Verelſt und meine Schweſter boshafter und intereſſirter Abſichten und des Wunſches an, mich auf Lebenszeit einzuſperren, um die Verwaltung meines zurückbleibenden Eigenthums zu er⸗ halten.“ „Verelſt iſt ebenſo unfähig, eine ſolche Handlung der Gemeinheit zu begehen, als der erſte Adelige im Lande!“ rief Baſil mit warmer Erbitterung. „Ich ſtimme mit Ihnen überein, jetzt, wo ich den Fall leidenſchaftslos beurtheile. Aber warten Sie, junger Herr, bis Sie eingeſperrt und gefeſſelt worden ſind, bis Ihnen der Kopf geſchoren und Sie Hunger leiden und Tropfbaͤder nach der Laune eines Verſuche anſtellenden Arztes nehmen mußten, warten Sie ſo lange, um unpar⸗ teiiſch die Motive deſſen zu beurtheilen, der Ihre Einker⸗ kerung veranlaßte,“ ſagte Oſaley ſchaudernd. Hätte mein armer Schwager meine Zelle in Chaxrenton betreten, ich bin überzeugt, er hätte ſich auf der Stelle erdroſſelt.“. Dort aber, Baſil, dort, wie überall, wurde Gold mein Schwert und mein Schild. Einer von den beſuchen⸗ den Wundärzten war ein ſchlauer, eigennütziger Mann, der bald die Natur meiner Krankheit und meiner Lage durch⸗ ſchaute. Glauben Sie mir, daß ich, als er mir ein Bünd⸗ niß vorſchlug, einen harten Kampf über die Beſtimmung der Summe mit ihm zu beſtehen hatte, für welche er ver⸗ ſprach, mich als theilweiſen Reconvalescenten in eine Mai- 123 son de Santé bringen zu laſſen, mich mit der Zeit für geheilt zu erklären und meine Befreiung zu erwirken. „Es war während der traurigen Zwiſchenzeit meiner Einkerkerung, daß meine Natur gärzlich zerrüttet wurde. Ich lernte durch die harte Nothwendigkeit, wie viele ſo genannte Bedürfniſſe des Lebens die menſchliche Natur zu entbehren im Stande iſt; ich hielt mich ſelbſt für glück⸗ licher, indem ich knechtiſcher Aufmerkſamkeit entbehrte. Unter ſolchen Umſtänden war es meine größte Wolluſt, allein zu ſein.“ „Innerhalb der vier nackten Wände meiner Zelle er⸗ ſetzte der Schwung meiner eignen glühenden Seele allen Glanz des Orients. Ich trug mein Paradies in mir. Meine Träume waren nun ebenſo durchglüht von den Gärten von Galiſtan, oder den weißen Mauern von Cadirx, als meine wachen Eindrücke es ehemals geweſen, und ſiehe, ich ſagte zu mir ſelbſt:„Was bedarf es koſtbarer Ta⸗ peten, was bedärf es der Gefäſſe von Gold oder Silber, was bedarf es des Tandes der Kunſt, des Marmors des Bildhauers, der Leinwand des Malers, ſeit ich hier in beſchaulicher Einſamkeit ebenſoſehr im Genuſſe dieſer Dinge bin, als damals, wo langer Gebrauch und Gewohnheit ſie mir unter dem Dache meines prächtigen ſpaniſchen Pa⸗ laſtes oder meiner Pariſer Villa unbemerkt und genußlos machten? Gezwungene Entbehrung, gezwungene Nacht⸗ wachen, gezwungen Selbſtbedienung machten bald meine Buße zur Gewohnheit und ſtumpften die Schärfe des herbſten Ungemaches ab. Von jener Zeit an wurde ich Herr meiner ſelbſt und folglich doppelt Herr über andere. „Um Sie nicht mit Details zu ermüden, genüge es, daß ich wirklich die Freiheit wieder erhalten hatte. Aber anſtatt meine Freiheit dazu anzuwenden, mich wieder den entnervenden Lebensgewohnheiten hinzugeben, welche dieſe vier Jahre der Sklaverei mir widerwärtig gemacht hatten, ergab ich mich von dieſer Zeit an einzig und ausſchließlich 124 dem Mammon. Einſames Nachdenken hatte mich über⸗ zeugt, daß Geld das allmächtige Werkzeug ſei, durch welches ich meine Rachepläne ausführen könne. Ich be⸗ ſchloß, meinen übermüthigen Schwager durch alle Qualen der Armuth zu ſtrafen, während Millionen in meinen Koffern ſich häuften, und dieſe eventuell irgend einer öffent⸗ lichen Wohlthätigkeits⸗Anſtalt, oder einem National⸗Inſti⸗ tute zu vermachen, während meine Verwandten ihr Brod bettelten und das Weib, welches mich zweimal von ſich gewieſen hatte, aller Bitterkeit des Mangels preisgegeben war! Es lag alſo Entzücken für mich in jenen Rache⸗ plänen! Ja— Entzücken! Wenn Gott ſelbſt ſich die Voll⸗ ziehung der Rache vorbehielt, iſt es nicht darum, weil ſie ein Genuß iſt, werth der Unſterblichen?“ „Sie täuſchten ſich ſelbſt, Herr Oſaley!“ verſetzte Baſil,„oder Sie möchten mich täuſchen. Gehen Sie offen mit uns beiden zu Wege, und Sie werden anerkennen, daß Sie in der letzten Nacht bei der Verſöhnung mit Ihren nächſten Blutsverwandten eine höhere Wonne empfanden, als ſich im Verfolge Ihrer Wiedervergeltungspläne Ihnen jemals darbot.“ Abednego ſchien durch ſein Schweigen dieſe Bemerkung zuzugeben. Dann aber begnügte er ſich, ausweichend zu antworten:„Wenn ich zu den Freuden der Rache meine Zuflucht genommen, um den trägen Lauf meines Blutes zu beſchleunigen, was anders hatten Sie mir denn ge⸗ laſſen? England hatte mir die Bahn ſchönen und edlen Ehrgeizes verſchloſſen und durch ſie die Hoffnung auf die Genüſſe des häuslichen Lebens. Die Geſellſchaft hatte mich gleich einem Hunde von ihren Schwellen gejagt. Welches Wunder alſo, wenn das unglückliche, mit Füßen getretene Thier wüthend und knurrig wurde, und ſich gegen ſeine Verfolger wendete? „Nichts mehr davon! Ich bin nicht hier, um meine eigene Tugenden anzupreiſen, um heilig geſprochen zu werden. Genug, daß ich bald große und zunehmende 1 125 Freude daran fand, Reichthümer zu erwerben; ſie erſetzten mir alle menſchlichen Triebe. Gold war mein Weib, mein ⸗Kind, meine Freunde und Verwandte. Keine An⸗ ſtrengung war zu groß, keine Erniedrigung zu verworfen, es zu erwerben. Der ſchmutzigſte Schlamm ſchien meine Finger nicht zu beflecken, wenn ich darin ein einziges glän⸗ zendes Theilchen entdeckte! Vielleicht werden Sie dieſe Triebe als Zeichen meiner jüdiſchen Abſtammung anklagen! Nein, Baſil! Sie waren nicht in mir, als ich mit ihr unter den Orangenhainen von Cadir wandelte; ſie waren nicht in mir, als ich über die Narren und Bigoten des Hauſes der Gemeinen heulte. Es waren Begierden, krank⸗ hafte Begierden, entſtanden durch den verzehrenden Durſt der Seele, zu welchem ich durch die Verachtung meiner Mitmenſchen verdammt wurde. „Das Streben nach Reichthum wurde mir eher eine Erholung, als eine Muhe. Ich war entzückt über die ge⸗ ſchickte Verſtellung, mit der ich die Motive meiner Clienten zu durchſchauen und ihr Schickſal zu beherrſchen trachtete. Die meiſten Menſchen ſpielen gern Comödie, wenn ſie es nur zugeſtehen würden; die einen auf ihren Liebhaber⸗ theatern, die anderen auf den ſammetweichen Fußteppichen eines Hofes, die dritten auf der Kanzel, wieder andere auf der Rednerbühne; die einen auf dem Wollſacke, die anderen auf der Bank der Biſchöfe;— ich in Paulet⸗ Street, St. Agnes le Clare. „Ich war eben ſo ſtolz auf mein dramatiſches Genie, das mich in den Stand ſetzte, gleich dem Winde dahin oder dorthin, wohin ich Luſt hatte, zu gehen, wie ein Richter, nachdem er einen pathetiſchen Vortrag gehalten, oder wie der Rector oder Kanzler einer Univerſität, wenn er zur Bewunderung der Dummköpfe den Perrückenſtock ſpielt! Ich hatte meine Rattenhöhlen, in denen ich mit meiner jüdiſchen Brüderſchaft ſchacherte. Ich hatte meine Comptoire und Wechslertiſche für jene, welche eine gün⸗ ſtigere Stelle im Tempel des Mammon einnahmen, und —— 126 endlich beſaß ich ein anſtändiges Haus, ſowohl um darin mit den größten Capitaliſten des Tags zu unterhandeln, als auch, um ſie zu dem Glauben zu verleiten, daß ich nicht frei von den Gelüſten und Begierden der menſchlichen Natur ſei. Ich ſah, daß ich, wenn ich mich in zu gro⸗ ßer Ferne von allen ſinnlichen Lüſten des Fleiſches und dem Gepränge und der Eitelkeit des Lebens hielt, entweder für einen Heiligen gelten mußte, oder für einen— Teufel! „Dieſe bunten Abwechslungen dienten dazu, die menſch⸗ liche Natur vor Monotonie zu bewahren. Ich war wech⸗ ſelsweiſe König und Bettler,— Richard in der Tragödie, Abel Drugger in der Farce. Gott! wie habe ich über die Dummheit der Welt in's Fäuſtchen gelacht. Welche Puppen waren in meinen Händen die Großen, welche Werkzeuge die Mächtigen? Köſtlich in der That war der Triumph, die Manoeuvres derjenigen zu beobachten, welche mich als ein Werkzeug behandelten, während ſie nichts waren, als eine bloße Zubehör bei meinen eigenen Ma⸗ chinationen! „Wie oft hatte ich mich in Paris unter den Weiſen und Philoſophen jener unruhigen Zeit, welche in ihrem Scepticism mit menſchlicher Tugend prahlte, Betrach⸗ tungen über die Myſterien des menſchlichen Herzens hin⸗ gegeben, welche ich der Probe zu unterwerfen nun Mittel und Gelegenheit beſaß. Ich zweifle, ob ein lebender Menſch je eine ſolche Gelegenheit wie ich hatte, die dunk⸗ len Tiefen unſerer Natur zu erforſchen. Ich habe die Ver⸗ derbtheit beobachtet, welche aus Glück entſtand, ich habe die Verderbtheit beobachtet, welche aus Unglück entſtand. Jede leidet an einem beſondern Krebs; jede hat ihre beſondere und unterſcheidende Eckelhaftigkeit; und es iſt zweifelhaft, ob die Gebrechen des Lazarus oder die des reichen Mannes im Angeſichte des allmächtigen Richters menſch⸗ licher Schwächen für ſchlechter gelten. „Sie, mein theurer, junger Freund, haben ſeit Ih⸗ rer Bekanntſchaft mit mir, mehr als andere junge Leute . Ihres Standes, den Einfluß geſehen, welchen Ausſchwei⸗ fungen auf den menſchlichen Charakter üben. Aber das,— wovon Sie Zeuge waren, iſt ein Stäubchen im Ver⸗ gleiche mit den Gemeinheiten, welche meiner Beobachtung unterlagen. An meinen Collegen von Millionären, an meinen hungernden Clienten habe ich den Einfluß des Geldes auf die Seele geprüft, bis ich bei den Reſultaten meiner Forſchungen ſchauderte! Gleich der indianiſchen Nuß, welche einen ſo ſcharfen Dunſt erzeugt, daß der⸗ ſelbe, wenn man ſie einer Fracht beipackt, die innerſten „Theile aller Kiſten und Päcke durchdringt, verdirbt der Einfluß des Goldes Alles, was rein, und vermindert Alles, was zuverlaͤßig in dem menſchlichen Gemüthe iſt. Es iſt der Probirſtein, den ich zittere, an einen Charak⸗ ter anzulegen, bei deſſen Standhaftigkeit meine Neigungen betheiligt ſind. Um eines elenden Gewinnes willen ſah ich den Bruder den Bruder verlaſſen, ſah ich den Freund den Freund aufgeben, ſah ich Eltern in der Stunde der Noth, die Intereſſen ihrer Kinder verrathen, ſah ich Kin⸗ der, um die Hulfe, deren ſie bedurften, zu erhalten, alle Scheu vor den ihren Eltern ſchuldigen Gefühlen ver⸗ lieren. Eine Frau, Baſil, eine Frau, welche ſichtlich von dem Schöpfer der engliſchen Weſen einer glücklicheren Sphäre näher zu ſtehen beſtimmt war, wird ſchlechter als irdiſch, ſchlechter als teufliſch, in dem Augenblicke, in dem das dämoniſche Gelüſte nach Gold die Oberhand über ihre moraliſchen Eigenſchaften gewinnt. Ich ſchwöre Ihnen, theurer Baſil, daß, wären meine Neigungen der größten Schoͤnheit dieſes Geſchlechtes verpfändet, es meine Gefühle eben ſo empören würde, ſie mit der gierigen Miene des Geizes über eine Summe Geldes ſprechen zu hören, als ihr Geſicht von irgend einer unheilbaren Krankheit verzerrt und entſtellt zu ſehen. „So, Baſil Annesley, waren meine Gefühle und Beſchäftigungen noch bis zu dem Zeitpunkte unſeres erſten Zuſammentreffens. Aber augenblicklich goß eine ſo junge 128 und unbefleckte Hand, wie die Ihrige, Oel in meine Wunden und entzündete neues Leben in mir. Ich ſchien edle und ungeträumte Zwecke im Gelde zu erſpähen; ich fing an, zu ahnen, daß es eben ſo gut zu Mitteln menſchlicher Glückſeligkeit verwendet werden moͤchte, als zu vergänglichen Freuden. Ihre Theilnahme für Verelſt brachte das Elend meiner Schweſter zu meiner Kenntniß. Barmherzigkeit erwachte in meiner Seele, Friede verbrei⸗ tete ſich in meinem Herzen bei Ihren taubengleichen Wor⸗ ten. „Ich beſuchte verkleidet die Familie. Ich lernte ihre Tugenden lieben, ihre Liebenswürdigkeit bewundern; ich empfinde wenig Gewiſſensbiſſe, dieſe liebenswürdigen Mäd⸗ chen der rauhen Schule des Unglücks ausgeſetzt zu haben, denn es hat ihnen all' das Gute, Wahre, Edle, Zärt⸗ liche gelaſſen, was ſich unter der Vergoldung des Luxrus bei den Glücklichen verbirgt, wo nicht gar gänzlich zer⸗ ſtöͤrt wird. Für Welten möchte ich nicht haben, daß ihre ehrlichen Naturen der tändelnden Nichtsthuerei Ihrer Freundinnen, der Maitlands, glichen, noch daß ſie die Herzloſigkeit und den Hochmuth gleich... gleich... ihr hätten; denn alle Glückſeligkeit, welche ich für meine al⸗ ten Tage hoffe, hängt von dem freundlichen Umgange mit ihnen ab. 1— „Und nun, Baſil Annesley,(damit ich Sie nicht wieder mit der Hand nach Ihrer Weſtentaſche greifen ſehe, um zu unterſuchen, wie viele müßige Augenblirke Sie dieſem überflüſſigen Gerede geopfert haben) gebe ich Sie frei. Ich fordere keine Meinung, kein Urtheil über das, was ich erzählte. Ich ſehe an Ihren veränderten Blicken auf mich, daß in Ihrem Gemüthe eine Revolu⸗ tion entſtanden iſt. Seien Sie nicht übereilt. Ueberlegen Sie dieſe Dinge in Ihrem Herzen und prüfen Sie ſie reiflich, ehe wir uns wieder treffen.“ Durch dieſe Andeutung erleichtert, erhob ſich der junge Soldat ruhig und kalt von ſeinem Stuhle und 4 4 1 1 4 129 wandte ſich gegen die viereckige Wandöffnung, durch welche er ſeinen Eintritt bewerkſtelligt hatte. „Sie brauchen nicht hier durchzukriechen!“ rief der alte Mann in milderem Tone.„Ich werde ſtolz darauf ſein, Sie in einen andern Theil meines Hauſes einzu⸗ führen.“ Dann ſtieß er die Thür eines Speiſeſaales auf, deſſen Wände mit den Werken alter Meiſter geſchmückt waren, und führte Baſil durch eine hübſche Bibliothek in ein nettes Ankleidezimmer, wo ſein wohlgebürſteter Rock und Hut, ſeine Halsbinde und Handſchuhe auf einem be⸗ quemen Toilettetiſche bereit zu ſeinem Ausgange lagen. Unwillkürlich zuckte der junge Annesley die Achſeln. „Sie denken an Delahay Street, nicht wahr?“ be⸗ merkte Oſaley mit einem Lächeln.„Mir gelten beide Plätze gleich viel. Mein Herz und meine Seele ſind nicht leer genug, um Raum für geringe Bedürfniſſe oder für Neid zu haben. „Wenn der Sinn frei, iſt der Leib empfindlich.“ „Sollten Sie jemals in Berührung mit Gegenſtän⸗ den im Leben kommen, von der wichtigen Natur derjeni⸗ gen, welche die Aufmerkſamkeit eines großen Capitaliſten in Anſpruch nehmen, ſo werden Sie aufhören, an die Weichheit Ihres Lagers, oder an den Wohlgeſchmack Ih⸗ res Tiſches zu denken. Aber warum laſſen Sie mir in Ihren Augen nicht größeres Recht widerfahren, indem Sie geſtehen, daß die Hälfte der Entbehrungen, denen, 5 Sie ſähen⸗ ich mich ausſetzte, Acte freiwilliger Buße eien? „Ach, Baſil, wenn ich auch kein Jude bin, ſo ver⸗ diene ich doch, ich geſtehe es, St. Pauls Vorwurf,„in allen Dingen zu abergläubiſch“ zu ſein. Ich neige mich ſehr zu Verſöhnungsopfern. Daß Sie mich fanden, Ba⸗ fil, und mich mit dem Unglücke befreundeten, das ſo ſichtlich hervortrat, das ſcheint eine Fügung des Allmäch⸗ tigen zu ſein, um alle mir ſelbſt auferlegte Qualen zu vergelten.“ Der Geldverleiher. II. 3. 9 8 Während Oſaley ſeinen Rock zuknöpfte, deutete er ſeinem Beſuche den Wunſch an, ihn in ſeinem Wagen an „Noch um Ihr Pferd beſorgt?“ rief er, als ſein junger Beſucher ſich abermals entſchuldigte.„Fürchten Sie nichts! Auf meinen Befehl brachte Zebedeus das Thier vor einer halben Stunde nach Ihrem Stalle zurück.“ „Wie, Sie wiſſen ja ſelbſt meine Ställe nicht!“ rief Baſil, beinahe unwillig. „Vergebung! Ich weiß alles und jedes Ding, was das Weſt⸗Ende der Stadt führen zu dürfen. 1 Sie betrifft. Und nun, wollen Sie mit mir kommen und mit mir ruhig in Bernard Street diniren?“ Schon hatte Baſil ſich entſchuldigt, während Oſaley im Begriffe ſtand, in den Wagen zu ſteigen, der ihn vor der Thüre des hübſchen Hauſes erwartete, aus deſſen ge⸗ räumigen Hallen ſie traten, als die Mittheilung, daß Verelſt's ſchon Hausgenoſſen ihres reichen Verwandten ſeien, ihn veranlaßte, einzuhalten. Sein kaum hoͤrbares Gemurmel von Umkleiden wurde augenblicklich von Abed⸗ nego verſpottet. „Seit wann ſind Sie ein ſolcher Zierling geworden?“ rief er.„So oft Sie in der letzten Zeit mit mir dinir⸗ ten, wechſelten Sie niemals Ihre Kleider. Warum denn ſo viel Reſpect für Verelſt's? Waren Sie nicht wie das Kind in ihrem Hauſe,— der Freund an ihrem Herde! Auf alle Fälle kommen Sie mit mir, und ich werde Si abſetzen, wenn wir Temple Bar erreichen.“* „ Sie haben alſo Verelſt überredet, ſeine Beziehungen zu dem Marquis aufzugeben?“ fragte Baſil, während ſie raſch durch die Stadt fuhren. Im Gegentheil, ich habe es ſogar aienna verſucht. Ich ſchätze die geiſtige Unabhängigkeit eines Künſtlers zu hoch. Mag er ſich auszeichnen, ſich unſterblich machen, wenn er kann. Um ſo beſſer und glücklicher für ſie alle. Die Maͤdchen und ihre Mutter werden während ſeiner Abweſenheit im Norden bei mir wohnen.“ 5 1 131 In Bernard Street angekommen,(denn einmal im Wagen fand Baſil es unmöglich, den Bitten des alten Mannes zu widerſtehen) wurde der junge Annesley von Mrs. Verelſt und ihren Töchtern eben ſo freundlich will⸗ kommen geheißen, als er an ihrem niedrigen Herde in Heidelberg oder London jemals geweſen war. Aunndankbares Mädchen!“ ſagte der junge Soldat zu ſich ſelbſt, als er in das heitere, ſtrahlende Geſicht ſeiner geliebten Eſther ſah.„Nicht eine Sorge, nicht ein Ge⸗ fühl der Theilnahme hat ſie dem Ungluͤck geſchenkt, wel⸗ ches, wie ſie wiſſen muß, ihre gegenwärtigen Ausſichten erzeugen.“ Und, die Wahrheit zu ſagen, Eſther und Salome ſprachen ſo liebenswürdig und unbefangen mit ihrem jun⸗ gen Freunde, als gebe es keinen Herzog von San Ca⸗ talda in der Welt. „Sie haben ſchon die Dienſte meines Dieners ver⸗ richtet; laſſen Sie mich nun der Ihrige ſein!“ rief Oſa⸗ ley, indem er ſich an Baſil wandte und. ſeinem prunk⸗ vollen Diener bedentete, ihm in den Speiſeſaal voranzu⸗ gehen.„Diniren Sie mit uns, Baſil; Sie müſſen und werden cs! Ich habe einen Neckarwein, der, wie Verelſt ſchwoͤrt, den Hochheimer übertrifft,— Lord Maitland hat Sie, ohne Zweifel, zum Schiedsrichter über den Hochhei⸗ mer gemacht,— und der Ihr und ſein Herz öffnen und Euch beide zu den herzlichen Tagen der Vergangenheit urückführen wird!“ 5 Siebentes Kapitel. Es iſt wahr, ich ſah ernſt und ruhig in mei⸗ nem April manches Traumbild, voll ſüßer Bilder, entſchwinden! Doch wie! haltet Ihr mich für thöricht genug, von einer Ewigkeit der Roſen zu träumen?* Bictor Hugo. Das Leben der Mrs. Verelſt war durch einen Zu⸗ ſammenfluß von Gutem und Schlimmem erſchöpft worden, was eine unbeſchränkte Erklärung für den Schnee darbot, der frühzeitig auf ihrem noch ſchönen Haupte lag, und für den ſorgenvollen Ausdruck eines ſonſt reizenden Ge⸗ ſichtes. Erzogen iin einem Hauſe, das mit den Paläſten der alten Handelsfürſten Italiens rivaliſirte, waren ihre früh⸗ ſten Gewohnheiten üppig und weichlich geweſen. In ihren glücklichen Mädchenjahren das Idol ihres Vaters und Bruders, war fie erſt, als der ernſte Charakter des einen durch die Unfälle, welche die Laufbahn ſeines Sohnes hemmten, erbittert und das ſtolze Temperament des an⸗ dern durch Kränkungen und Niederlagen verdüſtert wurde, ſich der Schwierigkeiten bewußt geworden, welche jede mutterloſe Tochter in dem Hauſe des Vaters bedrängen, der der Nachſicht oder vielleicht der Schwäche mütterlicher Liebe für die von jeder weiblichen Natur unzertrennlichen Fehler ermangelt. Die Rückkehr ihres Bruders von England, nachdem alle ſeine Ausſichten und Pläne vernichtet worden, hatte der ſchon wankenden Geſundheit des alten Oſaley einen ſolchen Stoß verſetzt, daß ſie einen gültigen Grund bot, jene fürſtlichen Thore zu ſchließen, deren Gaſtfreundſchaft von Lord C. und ſeiner Familie ſo unedel vergolten wor⸗ 133 den war. Aber die arme Rachael, welche im Umgange mit dem gebildeten Gegenſtande, der die Neigung ihres Bruders beſaß, ſich jenen Geſchmack für weibliche Geſell⸗ ſchaft angeeignet hatte, der ihren reifenden Jahren ſo an⸗ gemeſſen war, konnte ſich nicht ſo leicht mit dem plötzli⸗ chen Verluſte aller ihrer geſellſchaftlichen Freuden ver⸗ ſöhnen. Zu jung, um in das Vertrauen ihrer Familie einge⸗ weiht zu werden, kannte ſie die Natur des Unrechts nicht, welches den Namen des Lord C. in ihres Vaters Hauſe zu einem geächteten machte. Sie wußte nicht, in welch' zehrendem Kummer die Krankheit ihres Vaters und die Niedergeſchlagenheit ihres Bruders ihren gemeinſamen Ur⸗ ſprung hatten; denn ſonſt würde ſie über die Heftigkeit ihrer Theilnahme alle Gedanken an ihre eigene geiſtige Ungeduld vergeſſen haben. Doch mit der gewöhnlichen irrigen Schätzung ihres Geſchlechtes mißtrauten Vater und Bruder der Reife des Charakters des jungen Mädchens, und betrachteten und behandelten daſſelbe fortwährend als Kind, nachdem es ſchon lange als Weib denken und fühlen gelernt hatte. Der alte Oſaley, an das Krankenzimmer gebannt, glaubte ſich ſeiner väterlichen Pflicht für dieſes junge, glühende Mädchen, deſſen Neigungen durch den freien Zu⸗ tritt zu dem einſt ausgebreiteten Zirkel ſeines gaſtfreund⸗ lichen Herdes ſich zum Uebermaße geſteigert hatten, gänz⸗ lich überhoben, indem er ihr die Mittel bot, ihre Erziehung unter der Leitung einer wachſamen Duenna zu vervoll⸗ kommnen, und die arme Nachael, herzkrank über ihre ge⸗ genwärtige Vereinzelung und voll Sehnſucht nach dem freudigen Klange menſchlicher Stimmen und dem frohen Anblicke menſchlicher Geſichter, um die öde Einförmigkeit des verödeten Hauſes und des verlaſſenen Gartens zu bele⸗ ben, war zu glücklich, ſich Studien hingeben zu können, welche wenigſtens dazu dienten, ſie mit aufgeklärten und aufmunternden Lehrern in Verbindung zu bringen. . 134 Unglücklicherweiſe waren nicht alle die, welche von den in ihren eigenen Kummer vertieften Verwandten zu dieſem Zwecke auserkoren wurden, ebenſo gut gewählt, als der grauhärige Sprachlehrer, der ſie in der Kenntniß ihrer eigenen und anderer Sprachen ausbilden ſollte, oder als der widrige und murriſche Muſiklehrer, der ſie im Singen und im Contrapunkte unterrichtete. Die lange Dauer des Krieges auf der Halbinſel hatte die Fortſchritte und die Ausbildung der Künſte gehemmt. Naturmaler waren in jener Periode ſelten, Leute vom Fache noch ſelt⸗ ner, und doch moͤchte es für die Anzahl von fremden Künſtlern, welche zu allen Zeiten, ob Friede oder Krieg, nach Spanien gezogen wurden, um die Meiſterwerke eines Murillo, Velasquez und Ribera zu ſtudiren, oder die Na⸗ turſchönheiten des Landes und ſeine mauriſchen Alterthümer zu beſchauen, ſchwer geworden ſein, die natürliche Anlage auszubilden, welche bei Nachael Oſaley frühe hervortrat. Es war eine Ueberraſchung, eine verhängnißvolle Ueberraſchung für die enthuſiaſtiſche Einſtedlerin, in dem neuen Lehrer, den ihr die verſchwenderiſche Freigebigkeit ihres Vaters erworben, einen Mann zu finden, der ſo ganz verſchieden von den mürriſchen und ſtrengen Lehrmeiſtern war, die ſie bisher gehabt hatte. Einfach wie ein Kind, doch leidenſchaftlich wie ein Dichter, und im Stande, mit ſeiner liebenswürdigen Schülerin in einer ihrer Duenna unbekannten Sprache zu reden, hatte Gerald Verelſt nicht die entfernteſte Idee, daß er, indem er das Ohr der Kaufmannstochter mit den wilden und maleriſchen Beſchrei⸗ bungen ſeiner einſamen Streifzüge in Granada erfreue, etwas anderes thue, als ihr ſeine energiſche Bewunderung für die manriſchen Reliquien mittheilen, welche die herr⸗ lichen Landſchaften ihres Heimatlandes zierten, und Wo⸗ chen und Monate lang fuhr er ſort, damit die täglichen Lectionen zu beleben, die mittelſt der Schätze ſeines auf⸗ merkſamen und gebildeten Geiſtes aus aus Senora Oſaley eine Künſtlerin erſten Ranges machten. — Der junge Maler war die erſte Perſon, welche Ra⸗ chael anders als ein Kind behandelt hatte; der junge Ma⸗ ler war der erſte, welcher den Geiſt erkannte, der aus ihren Augen leuchtete, und die Freundlichkeit des Charak⸗ ters, welche jenen Geiſt zu weiblicher Zurückhaltung mil⸗ derte, und es war nur natürlich, daß das ſchüchterne, ſo vernachläßigte und geiſtig ſo unterdrückte Mädchen ſich begierig an das verwandte Weſen anſchloß, für das ſie gleichſam der einzige Stern in dem fremden Lande war, deſſen köſtliches Clima und entzückende Schönheiten ihn für eine Zeit der Heimat hatten vergeſſen laſſen. Glücklich, ſehr glucklich waren beiden die Stunden unbewußt dahingefloſſen, als der veränderte Ausdruck in dem Geſichte der armen Rachael, die friſche Blüthe und die entzückenden Blicke, welche an die Stelle der vorigen, bleichen Traurigkeit ge⸗ treten waren, die Aufmerkſamkeit ihres Bruders auf ſich zogen.— Verhärtet durch die Kränkungen, denen er. unterwor⸗ fen worden war, wurde nun das Opfer des Deſpotismus ſeinerſeits ein Deſpot, und da fernere Beobachtung ihn in ſeinem Argwohn beſtärkte, wurde der deutſche Künſtler ebenſo ſchimpflich aus dem Hauſe des reichen Kaufmanns von Cadir gejagt, wie es Abednego Oſaley aus dem des ſtrengen Lord C. geworden war. Kein Beweis, kaum eine Bemerkung wurde angewen⸗ det, um die beſtürzte Rachael, der dieſe unbedachte Aus⸗ legung ihrer Gefühle die erſte Erkenntniß über das Vor⸗ handenſein ihrer erſten Liebe gewährte, zu überzeugen, daß ſie die Glückſeligkeit ihres künftigen Lebens aufs Spiel ſetzte, indem ſie aus der ihr beſtimmten Sphäre herabſteige. Alles, was ihr Vater und Bruder thaten, war das, den Gegenſtand ihrer Liebe zu ſchmähen und ihr zu erklären, daß ſie wieder in dieſelbe freud⸗ und freundloſe Einſamkeit verſinken werde, welche ihr Umgang mit Gerald ſo will⸗ kommen unterbrochen hatte. Sie zogen vor, ein Band, welches mit ſanfter und verſtändiger Hand wirklich gelöst 136 worden wäre, mit unüberlegter Heftigkeit zu zerreißen; und da Rachaels Natur dieſelben hitzigen Elemente in ſich trug, welche ſchon in jener ihres Bruders hervorgetreten waren,— wahrſcheinlich Merkmale des orientaliſchen Urſprungs beider— ſo entfloh ſie, anſtatt ſich dem väterlichen Willen mit dem weltlichen Anſtande der Tochter des Lord C. zu unterwerfen, um deren Stellung die Formen des con⸗ ventionellen Lebens eine Dornenhecke gezogen hatten, die der Kühnheit des jungen Oſaley unzugänglich war,— ſo entfloh die Tochter des Kaufmanns mit dem unklugen Künſtler und wurde durch den Segen der Kirche, welchen der Kapellan einer engliſchen Fregatte, dem das Mißver⸗ gnügen des reichen Oſaley eine höchſt gleichgültige Sache war, über ihren Bund ſprach, ein höchſt glückliches und treues Weib. Wie der Geldverleiher gegen Baſil Annesley offen bemerkt hatte, beſaß er in jener Zeit wenig menſchliches Gefühl. Der Ausſatz des Geizes, welcher ſeiner Natur beſchieden war, hatte ſeinen giftigen Einfluß ſchon weiter auf ihn ausgedehnt, und er ſchien ein ſtolzes und rachſüch⸗ tiges Vergnügen daran zu finden, dieſe unſchuldige Liebe zu vernichten und Zeuge von dem Ruin deſſen zu ſein, der Zeuge ſeines eigenen geweſen war. Er, der geliebt hatte, ja der noch den treuloſen Gegenſtand ſeiner betrogenen Zuneigung mit unveränderter Zärtlichkeit liebte, dachte ſo. Anſtatt daher ſeinen Einfluß dazu anzuwenden, eine Ver⸗ ſöhnung zwiſchen dem jungen Paare und dem erbitterten Vater zu Stande zu bringen, war es ihm eine Erleich⸗ terung, als endlich Verelſt plötzlich Cadir verließ; der Künſtler aus Beſorgniß, wenn er ſich nicht beeile, nach ſeiner beſcheidenen deutſchen Heimat zurückzukehren, ſeine Mittel erſchöpft zu ſehen und ſich ſelbſt und ſein Weib mittellos in einem Lande zu finden, das nicht länger ihre Heimat war. Und ſo reiſte die arme, durch eine üppige Erziehung weichlich gewordene Rachael nach dem Lande ihres Gatten 1 137 ab, beinahe in Ungewißheit hinſichtlich der Mittel, es zu erreichen. Dennoch gelangten ſie glücklich nach Deutſch⸗ land. Nach einer höfchſt beſcheidenen Neiſe gelang es ih⸗ nen, unter den Schutz der Familie des Künſtlers zu kom⸗ men, wo ſie bei den armen Eltern Verelſt's eine weit edlere Aufnahme fanden, als bei den durch Gold verhär⸗ teten Abkömmlingen Oſaley des Juden. Wie glücklich erſchien der jungen Frau jene einfache, herzliche Haushaltung, wo ſie als Kind bewillkommt und als Königin verehrt wurde. Wie veredelnd ſchienen ihr die niedrigen Arbeiten, welche ſie damals in der Fülle der Geſundheit und Kraft beinahe als einen Zeitvertreib unter⸗ nahm! Es ſchien ihr nach ihrer Erziehung unmöglich, daß ihre Armuth zu längerer Dauer beſtimmt ſein koͤnne. Die, welche ſie ſo zärtlich geliebt hatten, mußten bald zu ihren Gunſten ſich verſöhnen, jetzt wo ihre Abweſenheit die Erinnerung ihres Ungehorſams mildern und die Pulſe väterlicher Liebe neu beleben würde; und wie entzückend würde es ſein, nachdem die dürftigen Gewohnheiten, zu denen ſie eine Zeit lang verdammt war, überſtanden, Reich⸗ thum und Bequemlichkeit denen zu verſchaffen, welche jetzt ſo freundlich ihren ſelbſt beſchränkten Unterhalt mit ihr theilten! Aber ach, dieſe April⸗Hoffnungen blühten und ver⸗ welkten, ohne Früchte zu bringen. Der reiche Mann war unbarmherzig. Bis auf den Tod verwundet durch dieſe erniedrigende Verbindung, welche beſonders erdacht ſchien, um ihre Demüthigungen in den Augen ihrer Mitbürger noch zu vervollſtaͤndigen, verſchied der alte Oſaley ohne ein Wort der Vergebung für ſeine Tochter; und der rache⸗ ſüchtige Bruder reiſte nach dem Orient ab, ohne das Ge⸗ ringſte zu ihren Gunſten zu vepfügen. 1 Und nun begann Verelſi's Weib zum erſtenmale ihre unkluge Heirath zu beklagen; nicht um ihrer ſelbſt willen, denn ihre Zärtlichkeit für den aufrichtigen Gegenſtand ih⸗ rer Wahl war hundertfältig durch das Erkennen der Er⸗ 138 gebenheit ſeiner Liebe erhöht worden, ſondern weil ſie ſah, daß durch ihre unbeſonnene Verbindung ihr Vermögen auf immer verloren war, und daß ſeine Eltern, ſtatt durch ihre Anſtrengungen ein ruhiges Alter zu genießen, gezwun⸗ gen waren, ihrerſeits zu dem Unterhalte ſeiner dürftigen Familie beizutragen. Aufrecht erhalten durch die Anbetung Verelſt's, durch die liebevolle und zärtliche Sorge der alten Leute und be⸗ ſonders durch die Liebkoſungen des kleinen Weſens erhei⸗ tert, das ſchon gekommen war und ihre geringen Mittel noch beſchränkter gemacht hatte, war es ihr noch unmög⸗ lich, zu verzweifeln, beſonders da die ruhigen, beſcheidenen Gewohnheiten der Mitbürger ihres Gatten der Art waren, daß ſie die drückende Laſt der Armuth verminderten. Die Geſundheit der armen Rachael war noch unge⸗ ſchwächt, und die jugendliche Elaſtizität ihrer Glieder, welche ſie in den Stand ſetzte, ihren Gatten auf ſeinen Ausflügen zu begleiten, die er zur Ausbildung ſeiner Kunſt in die benachbarten Wälder machte, wo allein durch die ſorgfältige Beobachtung der ſtets veränderlichen Natur⸗ erſcheinungen dieſelbe ausgebildet werden kann, öffnete ihr tauſend neue Quellen des Genuſſes. Wenn ſie mitein⸗ ander die ſchroffen Höhen der Bergſtraße erſtiegen, oder in die geheimnißvollen Tiefen der Fichtenwälder eindran⸗ gen, die ſo ganz verſchieden von dem glänzenden und fri⸗ ſchen Grün ihres ſüdlichen Vaterlandes, dann war ſie im Stande, die üppige Pracht in dem Hauſe ihres Vaters zu vergeſſen und munter zu geſtehen, daß die Gemeinſchaft mit dem ſanften Weſen, deſſen Seite ſie niemals verließ, alle die goldenen und ſilbernen Gefäße, den Glanz der Dienerſchaft und den Prunk des Marmors reichlich auf⸗ wog, die ſie hingegeben hatte, um ſein Weib zu werden. Aber ach! als zu den Uebeln der Armuth noch jene phyſiſcher Schwäche hinzukamen, nahmen die Entbehrun⸗ gen einen neuen, weit bitterern Charakter an! Als ſie nach der Geburt der kleinen Salome ihre niedrigen häus⸗ lichen Arbeiten zu bald wieder aufgenommen hatte, wurde die glückliche Mutter in eine hinfällige Kranke verwandelt. Sie war nicht einen Tag mehr geſund. Sie war nimmer im Stande, ihrer armen Schwiegermutter die Geſchäfte des Hausweſens zu erleichtern, und Verelſt bekam zu ſeinen unzähligen Sorgen noch die, der Pfleger und Wärter ſeines hülfloſen Weibes und ſeiner gleichfalls hülfloſen Kinder zu werden. Im Verlaufe der Jahre nahm das Mißgeſchick nur noch zu. Andere Kinder wurden geboren, geboren wie ächte Kinder der Trübſal, ſchwächlich und zart und folg⸗ lich mehr als ihre älteren des Beiſtandes mütterlicher Pflege bedürftig, welche unerreichbarer als je war. Jede fernere Anſtrengung der armen Rachael diente nur dazu, ihre Hülfloſigkeit zu erhoͤhen, und Alles, was ſie für ihre Kinder thun konnte, war, daß ſie dieſelben mit jener uner⸗ ſchöpflichen Zärtlichkeit der Mutterliebe liebkoſte, welche weder Krankheit gänzlich vertilgen, noch Entbehrungen ſchwächen können. Sie, welche in ihrem leidenden Zu⸗ ſtande mehr als andere Frauen der Labung bedurfte, be⸗ raubte ſich ſelbſt der Nothwendigkeiten des Lebens, um die Lage der kleinen zarten Geſchöpfe zu verſüßen, welche ihr hoffnungsloſes Daſein auf ihren Knieen hinſchleppten, welche bloß lebten, um ihre Mittel des Lebens zu er⸗ ſchopfen, an deren Sterbebett ſie aber denſelben vernich⸗ tenden Schmerz empfand, welcher den Augen einer ſtolzen Mutter an der goldnen Wiege Thränen erpreßt, an der ſie ihre Pflichten bisher Miethlingen überließ. Es war an den Gräbern dieſer kleinen Opfer, wo zuerſt in dem Herzen der Gattin des Künſtlers die Ge⸗ fühle des Unwillens gegen ihren Bruder entſtanden. Sie waren aufgeſproſſen und verwelkt gleich den Blumen des Winters, von keinem einzigen Sonnenſtrahle erfreut. Für die anderen gab es noch Hoffnung; für ſie mochte die Zeit jene Wunder und jene günſtigen Veränderungen des Glückes bewirken, welche die ſanguiniſchen Hoffnungen eines 140 Mutterherzens nie ermüden, für die Zukunft zu hegen. Aber füͤr die Todten gab es keinen Erſatz! Ihre kleinen unvergoltenen Leiden, ihre kleinen unerſetzten Entbehrungen, ihr Uebergang von der Wiege zu der einfachen Todten⸗ bahre, ihre Entblößung von allen gewöhnlichen Lebens⸗ bequemlichkeiten, welche ſogar von den Dienern in ihres Vaters Hauſe als Nothwendigkeiten des Lebens betrachtet wurden, hatten in dem Mutterherzen einen Eindruck zu⸗ rückgelaſſen, der mehr an Bitterkeit gränzte, als eine ſo liebevolle Natur wie die ihrige, zu empfinden auserſehen ſein mochte. Verelſt und ſein Weib, gewohnt, die langen freud⸗ loſen Winterabende an ihrem ärmlichen Herde zu ſitzen, wagten nicht, mit Schmerz auf ven jüngſten Todesfall zu⸗ rückzukommen, um nicht ihre gegenſeitigen Leiden zu er⸗ höhen; aber ebenſo wenig wagten ſie mit Freude ihren Blick auf die noch Lebenden zu richten, damit ſie nicht gleichfalls, wie jede andere Quelle irdiſchen Genuſſes, ih⸗ ren Armen entriſſen würden. In der Einfachheit und Aufrichtigkeit ihrer wechſelſeitigen Zuneigung beweinten Beide den Tag ihrer Geburt, jedes von ihnen in der Ueberzeugung, daß ohne ihre raſche Verbindung, jedes glücklich geworden ſein würde. Das Bewußtſein dieſer ſprachloſen Zuneigung aber war der Anker, der ſie in dem Andrange der Gewaſſer ſchützte. So unmöglich iſt es, ſich gänzlich der Verzweif⸗ lung zu überlaſſen, ſo lange wir überzeugt ſind, der Ge⸗ genſtand einer dauernden heiligen und heiligenden Liebe zu ſein. Dieſem Einfluſſe iſt vermuthlich die Ausdauer zuzu⸗ ſchreiben, mit welchem der arme Maler mitten in allen ſeinen häuslichen Prüfungen fortfuhr, die edleren Zweige ſeiner Kunſt auszubilden. In den Zwiſchenräumen von Sorge und Mühe war es ſtets ſein höchſtes Entzücken, ungeſchwächt jene Eindrücke des Genies feſtzuhalten, welche die Grundlage der Größe ſind; und wenn er auch einſt 141 lange ehe er ſeine Eltern in ihr niedriges Grab gelegt, ſich der glühenden Hoffnung hingegeben hatte, in den An⸗ nalen ſeines Landes einen ruhmvollen Namen zu hinter⸗ laſſen, hatte er doch ſeinen Theil zur Unterhaltung ſeiner Familie beigetragen, indem er die Stelle eines einfachen Zeichenmeiſters bei den Studirenden der Univerſität an⸗ nahm, ohne jedoch die Gelegenheit zu vernachläſſigen, ſeine edleren Kräfte zu üben. Er fuhr im Gegentheile fort, fleißig zu ſtudiren, was nothwendig war, wenn er dahin gelangen wollte, ſeinerſeits die Studien Anderer zu leiten. Seine beiden, am Leben gebliebenen liebenswürdigen Kinder waren mittlerweile die gelehrigen Schülerinnen ihrer Mutter, und zu der Zeit, als Annesley die Zahl von Verelſt's Schülern vermehrte, legten die armen Mädchen ſchon jene Anmuth und ſeltene Liebenswürdigkeit an den Tag, welche die ſpaniſche Eigenthümlichkeit ihrer Mutter mit den geiſtigeren Eigenſchaften ihres begabteren Vaters vereinigte. Unglücklicherweiſe zog die höhere intellectuelle Bega⸗ bung Verelſt's zu ſeinem Unterrichte manche jener unruhi⸗ geren Köpfe unter den Studirenden. Die romantiſche Begebenheit ſeines Zuſammentreffens mit ſeinem Schwager im Augenblicke des Durchmarſches der Napoleon'ſchen Armee durch Heidelberg, und die Energie, mit welcher er die wahnſinnigen Anſchuldigungen Clervals zurückgewieſen hatte, ſetzten den Namen des Künſtlers in Verbindung mit tauſend heroiſchen Traditionen, welche der auf deutſchen Univerſitäten ſtets vorherrſchende Geiſt der Ueberſpannung ausſchmückte, und er wurde folglich eine Art von Idol für die politiſchen Enthuſiaſten, welche laut gegen die franzöſi⸗ ſche Gewaltherrſchaft ſchrieen und ſich zur Herſtellung eines neuen Deutſchen Reiches verbanden. Unfreiwillig, ja bei⸗ nahe unbewußt hatte er angefangen, die Grundſätze derer anzunehmen, mit denen er nur durch das ernſte Pflicht⸗ gefühl des Lehrers gegen den Schüler ſich hätte verbinden 142 ſollen, und, der Treue des aufrichtigſten und einfachſten Menſchen ſicher, hielten die ſorgloſen Carbonari Heidel⸗ berg's ihre Zuſammenkünfte unbeargwohnt in dem Hauſe des ehrlichen Lehrers. Es war vergebens, daß der junge Engländer bei mehr als einer Gelegenheit ihm die gefährliche Natur der Lehren darſtellte, welche Enthuſiaſten, wie der junge Graf von Ehrenſtein und ſeine Genoſſen, unter ſeinem Dache aus⸗ hegten, während Verelſt mit der Compoſition eines neuen Bildes beſchäftigt war, oder einem einfältigen Schüler Unterricht ertheilte; denn Baſil, welcher in Folge ſeines Alleinſtehens in dem Lande, in das innere Heiligthum der Künſtlerfamilie zugelaſſen worden war, hoͤrte mit Kummer die Deutung, welche durch das Geſchwätz der Univerſität dem unklugen Benehmen Verelſts gegeben wurde. Es war jedoch keine leichte Aufgabe, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf dieſes Unheil zu richten. Seine kindliche Na⸗ tur ſah nichts Schlimmes in den träumeriſchen Projecten der jungen Phantaſten, in deren Enthuſiasmus ſich ſein eigener verjüngte, und Alles, was Baſil Annesley erhielt, war eine Bitte, er möge ſich nicht bemühen, Ohrenzeuge 4 von den Schwärmereien der Chrenſtein'ſchen Parthei zu ſein, ſondern ſich auf die Geſellſchaft der Frau und der Kinder ſeines Lehrers beſchränken. Ihn dazu zu bringen, bedurfte es keiner großen Ueberredung. Halb Kind, halb Weib, ſchüchtern doch zutraulich, ſcheu doch freundlich, nahmen Eſther und Salome den jungen Fremdling mit Freuden als einen Bruder auf, nach dem ſie ſich ſo lange geſehnt hatten, und als Baſil nach England zurückkehrte, um unter die Garde zu treten, ließ er ſeinen Lehrer in der gefährlichſten Verwicklung in die ausſchweifenden politiſchen Projekte derer zurück, welche ihn ſelbſt für zu einfältig hielten, un ihn in ihre Berathungen zu ziehen, und die arme Salome in der kaum geringeren Gefahr, für den jungen Ehrenſtein 4 2 dieſelbe liebevolle Zuneigung zu empfinden, welche ihm ſelbſt Eſther argwohnlos ſchon geweiht hatte. Auf den erſten dieſer beiden Punkte wenigſtens hatte er es für ſeine Pflicht gehalten, die arme Dulderin auf⸗ merkſam zu machen, welche er beinahe wie ſeine Mutter liebte. Aber Mrs. Verelſt, wiewohl ſie den ganzen Um⸗ fang der Geſahr erkannte, der ihr Gatte ſich ausſetzte, verſicherte Baſil die Unmoͤglichkeit, ihrem Gatten Miß⸗ trauen einzuflößen, oder ſeine perſoͤnliche Gefahr in ſeinen Augen zu einer Sache von Gewicht zu machen, und ſie nahm von ihrem jungen engliſchen Freunde in der trauri⸗ gen Ahnung der Wahrheit ſeiner Prophezeihung Abſchied, daß früher oder ſpäter die ſtrenge Hand des Geſetzes Verelſt aus ſeiner ſorgloſen Bloßſtellung auſſchrecken würde. Doch erſt als Baſil gegangen war, um nie zurück⸗ zukehren, erkannte ſowohl die Mutter, als die Madchen, wie vollkommen ſie den Fremden als Kind des Hauſes angenommen hatten. Oft und bitterlich weinten ſie mit einander über den Verluſt ihres ergebenen Freundes, ihres unterhaltenden Geſellſchafters. Eſther und Salome waren noch zu jung für ihre Mutter, um ihr eine Beſorgniß wegen des Uebermaßes ihres Kummers einzufloͤßen. Aber beide machten kein Geheimniß aus ihrer unſchuldigen Ueber⸗ zeugung, daß ihr Haus nicht mehr daſſelbe Haus, Heidel⸗ berg nicht mehr dieſelbe Stadt ſei, ſeit ihr Bruder von ihnen geſchieden. 4 Das lange Jahr, welches folgte, war ein Jahr der Prüfung für ſie alle. Der Verluſt des luſtigen Schülers, an dem er ſolches Vergnügen empfunden hatte, brachte auf den Geiſt des Künſtlers und ſeiner Mädchen eine bei⸗ nahe unglückliche Wirkung hervor; und die gänzliche Ver⸗ droſſenheit, in welche er verfiel, machte ihn mehr als je gleichgüͤltig gegen die Freiheit der politiſchen Discuſſion, welche zu oſt die Oberhand uͤber die jungen Leute gewann, die ſich in ſeinem Hauſe unter dem Namen der„Claſſe“ 144 1 verſammelten. Als daher in der Folge die geſetzlichen Autoritäten der Univerſität die Wegweiſung aller derer verfügten, welche der Theilnahme an der geheimen Ver⸗ bindung überführt waren, deren Haupt der Graf von Ehrenſtein war, war es eine natürliche Sache, daß der unkluge Mann, unter deſſen Dache ihre Zuſammenkünfte gehalten worden, von dem Großherzoge verbannt wurde. Und wohin ſollte die arme Familie ihre Zuflucht nehmen? Ach! wohin alle politiſchen Flüchtlinge die ihrige nehmen, zu dem ſich ſo nennenden Lande der Freiheit! Im gegenwärtigen Falle jedoch gab es viele Gründe für die Wahl Englands zum Zufluchtsort, theils in der müt⸗ terlichen Abſtammung der ſchwächlichen Mutter, theils in der ſchlecht verhehlten Vorliebe der armen Mädchen, und da die gezwungene Verbannung die Veräußerung aller Familiengüter nothwendig machte, ſo nahm Verelſt die Mittel für den Unterhalt eines einzigen Jahres mit ſich, nach deſſen Verfluß er mit Sicherheit auf die Ausübung ſeiner Kunſt zu ſeinem künftigen Unterhalte in einem Lande rechnen konnte, das ſich ſo vieler reicher ariſtokratiſcher Beſchützer der Künſte rühmt.. Das waren die Umſtände, unter denen der arme Verelſt ſich in London niedergelaſſen hatte. Aber die voll⸗ kommene Unbekanntſchaft der ganzen Familie mit den Ge⸗ wohnheiten und Ausgaben dieſer Stadt verzehrten bald ihr kleines Vermögen. Sie begriffen ſchwer, daß Dinge, welche in Heidelberg als Bedürfniſſe des Lebens galten, in London Lurusartikel werden würden, oder daß die vegetabiliſche Koſt, beinahe weſentlich für die Geſundheit der Fremden, in einem Lande zum Ruin führen könne, wo die Früchte des Bodens im Ueberfluſſe vorhanden zu ſein ſcheinen. Als ob nicht Alles, was koſtbar iſt, im Ueberfluſſe in einem Lande vorhanden wäre, das einen Ueberfluß an Capitalien hat; oder als ob die armen Verelſt geträumt hätten, ſich mit Silbergeſchirr zu verſehen, weil die Fenſter der 145 Londoner Goldarbeiter eine ſo verſchwenderiſche Menge deſ⸗ ſelben zeigen. Es kam daher ſoweit, daß gegen das Ende des zwei⸗ ten Jahres Verelſt, der, weit entfernt davon, ſich ariſto⸗ kratiſche Beſchützer erworben zu haben, vielmehr in die wucheriſchen Hände jüdiſcher Gemäldehändler gefallen war, ſich in einem ſolchen Grade verwickelt hatte, daß ihm, ohne die ſorgliche Intervention Baſil Annesleys, das Ge⸗ fängniß bevorſtand. Nicht daß der arme Künſtler für eine ⸗Welt den großmüthigen Beiſtand ſeines früheren Schülers ange⸗ ſprochen hatte; aber Baſil war ihr beſtändiger Gaſt, Baſil ſah einmal ums anderemal die Vernichtung ihrer Hoffnungen auf den Gewinn, welchen ſie aus den verdienſt⸗ lichen Beſtrebungen des Künſtlers zu ziehen hofften und als ihn endlich das unbeſonnene Unternehmen Eſthers, eine öffentliche Sängerin zu werden, in die höchſte Beſtürzung verſetzte, beſtand er darauf, in das Vertrauen der Familie eingeweiht zu werden, und zwar, wie er bald entdeckte, gerade zur rechten Zeit, um den nicht wieder gutzumachenden Ruin von ihnen abzuwenden. Das war ihre Lage in dem Augenblicke ſeiner erſten Einführung bei A. O., deſſen Hülfe er blos ſuchte, um durch ſie in den Stand geſetzt zu werden, die Friſt jener Wechſel einzuhalten, für welche er ſich ſelbſt zu Verelſt's Gunſten verbindlich gemacht hatte; und wie wenig wußte. er, welche innige Anſprüche die unglückliche Familie durch Blutsverwandtſchaft auf Sympathien des großen Capi⸗ taliſten hatte. Wie ſchwer war es auch, ein Band der Verwandtſchaft zwiſchen dem ſchwachen, von Armuth ge⸗ beugten, an Geiſt niedergedrückten Weibe des deutſchen Künſtlers und der Tochter des Handelsfürſten von Cadir zu erkennen; gerade ſo ſchwer, wie zwiſchen dem Bettler von St. Agnes le Clare und dem reichen Stockmäckier, deſſen würdevolles Benehmen und koloſſale Spekulationen Der Geldverleiher. II. 10 ſo gänzlich unvereinbar mit der niedrigen Courtage und den verächtlichen Kunſtgriffen des Geldverleihers A. O. er⸗ ſchienen. Achtes Kapitel.* Oft verleb' ich in den wachen Träumen Noch einmal die Stunden, jenen Tag, Wo ich in des Towers düſtern Näumen In des Monats Mitte einſtens lag, Als des mondes matter, bleicher Schimmer In des Abends Nebel ſich verhüllt, Als ſie dort war, ſie, mein Hoffen immer, Genovefa, die mein Herz erfuüͤllt. — Coleridge. Die Londoner Saiſon war nun im Wiederaufleben. Gleich einem jungen Krokodill, das aus ſeinem Ei hervor⸗ bricht, begann ſie, ſich in der brennenden und nutzloſen Sandwüſte zu ſonnen, in der ihr alle ihre Freuden und Leiden abgemeſſen ſind. Das Pflaſter der St. James⸗ Street hatte die übermüthige Bevölkerung wieder in ſein lärmendes Gedränge gezogen, und Miethkutſchen fingen an, unbemerkt durch die wachſende Menge der Privatequi⸗ pagen zu rollen, welche durch die Straße des Weſt⸗End dahinflogen. Selbſt der alte Carrington, im Beginne ſeiner zwan⸗ zigſten Saiſon in der Stadt, fing an, gleich den alten, dunklen Bäumen in St. Paul's Kirchhof, einige wenige Blätter hervorzutreiben und eine Miene von Verjüngung anzunehmen. Neue Schwärme, das Produkt der alten, verſammelten ſich an den Klubbfenſtern, und das Geſchrei nach Neuigkeiten, das gewöhnliche Quacken der in dem Mo⸗ raſte faſhionabler Stumpfheit verſunkenen Fröſche, war groß im Lande, 1 147. Sie hatten mit dem Falle des Hauſes Rocheſter zu thun. Nicht der verſchwenderiſchſte der Herzoge darf zu hoffen wagen, daß ſein Ruin länger als ungefähr neun Tage Verwunderung erregen werde. Die Rocheſters waren weggegangen, und niemand kümmerte ſich darum, was aus ihnen geworden ſei. Mancher hatte ſich erkundigt, in weſſen Dienſte Sr. Gnaden franzöſiſcher Koch getreten war, und jedermann vergewiſſerte ſich, wer der glückliche Käufer ſeiner Weinkeller geworden. Was konnte die faſhionable Welt mehr über die Sache zu hören verlangen? Sehr willkommen war deshalb den gähnenden Müſſig⸗ gängern von Crocky das allgemeine Gerücht, welches der berüchtigten Notorietät in den Zeitungen vorausging, daß der erſte Fall bald von einem zweiten gefolgt werden würde, und daß Lord Maitland bald, gleich dem Herzoge von Ro⸗ cheſter, um vierzigtauſend Pfund Silberzeug und Hausge⸗ räthe verkaufen werde, um eine Summe von einigen hun⸗ derttauſend Pfund Schulden zu bezahlen. Es iſt wahr, es gab einige zwanzig intime Freunde, welche bei dem Sturze des Hauſes in Arlington⸗Street gewiß waren, ihr Mittagsmahl zwei oder dreimal in der Woche anderswo ſuchen zu müſſen, wobei ſie noch einen großen Theil ihrer leeren Morgen für ſich hatten. Doch iſt dieſe Gattung von Weltkindern ſelten berechnender Na⸗ tur. In der jetzigen Zeit des Gepränges ſind das Manna und die Wachteln faſhionabler Verſchwendung ſo reichlich ausgeſtreut, daß es beinahe ſchwieriger iſt, Gäſte für die Diners zu finden, als Diners für Gäſte, und es gibt immer einige Dummköpfe oder Glückspinſel, die kürzlich eine Erbſchaft gemacht und gerade recht mündig geworden ſind, um von den Vielfräßen der Ariſtokratie, dürftigen Edelleuten und verſchwenderiſchen Lords ausgeſaugt zu werden. Im Ganzen waren ſie daher ebenſo vergnügt, über Lord Maitlands Ruin plaudern zu können, als ſeinen Claret zu trinken, oder ſeinen Toͤchtern den Hof zu machen. „Es geſchieht ihm wirklich recht!“ war die menſchen⸗ freundliche Bemerkung eines Menſchen, der ſein Mitgenoſſe im Jockey⸗Klubb und im Hauſe der Lords geweſen, ſeit er aus den Töolpeljahren herausgetreten.„Maitland nannte ſich ſelbſt einen unglücklichen Rennburſchen. Nun„unglück⸗ lich“ iſt ein plauſibles Wort für„ungeſchickt?“ Wenn ein Mann unglücklich iſt von einem Jahre zum andern, ohne eine Ausſicht ſich wieder zu helfen, muß oder ſollte er wiſſen, daß die Kraft ſeines Genies für ſolche Wege nicht paſſen. Die Rennbahn erfordert einen Mann von ſehr überlegenem Geiſte. Mancher Kanzler der Schatzkammer würde in Verlegenheit ſein, ein Buch aufzuſchlagen. Und gewiß war es die Pflicht des armen Maitland als Fa⸗ milienvater, wenn er ſich von einem Stalljungen oder Renner) der ihm in den Weg kam, betrogen ſah, irgend einen anderen Weg einzuſchlagen. Statt deſſen ſah er auf ſeine Verluſte zu Aſcot letztes Jahr, zu Epſome dieſes und zu Newmarket jedes Jahr ſeines Lebens.“ „Mit Maitland wurde gewiß ſo regelmäßig verfahren, als ein Mann ſich es nur immer wünſchen kann,“ ver⸗ ſetzte ein anderer, deſſen Name mit einigen tauſend Pfund im Schuldverzeichniſſe A. O's ſtand. Doch was kann ein Mann erwarten, der in die Hände der Juden fällt? Wie ich gewiß weiß, hat Maitland ſeit Jahren Geld nur gegen zehn, zwanzig oder dreißig Procent aufgetrieben. Welches Einkommen kann ſo etwas aushalten. Im Au⸗ genblicke, wo ſo ein verfluchter Intendant findet, daß Geld ein Objekt iſt, wirft er einem ſolche Hinderniſſe in den Weg, daß es den doppelten Betrag der Zinſen über⸗ ſteigt, die von dieſen verwünſchten Geldverleihern auferlegt werden. Wenn ſo fortgemacht wird, wird Maitland Caſtle bald in Verlegenheit ſein, nur einen Beſenſtiel zu liefern!“. 3 Doch unter allen Spöttern, welche ſich über den Sturz ihres gaſtfreundlichen Wirthes luſtig machten, war Carrington der ſchlimmſte,— zumal der Leichtſinn eines 149 Graukopfes der ſchlimmſte Leichtſinn iſt. Wenn ſeine Kameraden ihm ſeine Aufmerkſamkeiten für Lucie Mait⸗ land vorwarfen, und daß es nun ſeine Pflicht ſei, einen ernſten Schritt zu thun, ſo ſtützte ſich der alte Stutzer auf das Poſſenſpiel jugendlicher Dandysm, indem er be⸗ theuerte, daß er„nichts gemeint“ habe, und daß es nicht ſein Fehler ſei, wenn die Londoner Mädchen ſich vergeb⸗ liche Hoffnungen auf einen Mann machten, und ſich dann einbildeten, die Annäherung ſei von ſeiner Seite ausge⸗ gangen. 3 „Ich war nicht öfter bei den Maitlands, als zwan⸗ zig andere!“ ſagte er, indem er ſein langes Kinn auf ſeinen Stock ſtützte. „Aber in Ihrem Alter,“ rief Wilberton,„brauchen Sie nicht zu thun, was zwanzig andere thun; Sie ſoll⸗ ten uns ein Beiſpiel geben und unſere Sitten verbeſſern. Wenn ich zum Beiſpiel nach Arlington⸗Street ging, oder Lady Maitland mich einlud, ſo war daran nichts, weil jedermann wußte, daß ich nur als Lückenbüßer er⸗ ſchien. Ein jüngerer Bruder, ein Schmetterling wie ich, paſſirte im Hauſe wie ein leerer Wind, den niemand be⸗ achtet! Während Sie, mein theurer Carr, Sie mit Ihrem artigen, kleinen Landgute in Hampſhire— Wilt⸗ ſhire,—(wo Teufel liegt es?— doch daran liegt nichts), während Sie mit Ihrem artigen kleinen Landgut und Familienſitze keinem Mädchen den Hof machen können, ohne beide oder ſie wenigſtens ernſtlich bloszuſtellen. Wäre ich John Maitland, beim Himmel! ich würde Sie her⸗ ausfordern. Das arme Mädchen wird in tiefen Gram verfallen durch die Flatterhaftigkeit des Wittwer⸗Oberſten.“ Theils in Folge dieſes Spottes, theils um ſeine eigne maßloſe Neugierde zu befriedigen, willigte Carring⸗ ton ein, Wilberton nach Arlington⸗Street zu begleiten. „Es wird nur ſchicklich ſein,“ ſagten beide,„wenn wir eine Karte bei dieſen Leuten abgeben, ehe ſie die Stadt verlaſſen.“ 150 Aber Lady Maitland gehörte unter die Leute, welche den Grundſatz, zum böſen Spiele gute Miene zu machen, nicht bloß predigen, ſondern auch ausüben. Um nicht von ihrer Seite durch Zurückhaltung den Schein anzu⸗ nehmen, als beſtätige ſie die unerfreulichen Gerüchte, welche über die Familie umherliefen, empfing ſie an dem⸗ ſelben Tage Morgenbeſuche, an dem der Familienſitz den neuen Eigenthümern übergeben wurde, und während die zwei Mädchen, ſchwach und muthlos im Bewußtſein des Verluſtes aller ihrer Lebensausſichten wenigſtens, da⸗ ſaßen, fuhr ſie fort, die wahrſcheinlichſten und lügen⸗ hafteſten Vorwände für ihre Entfernung von der Stadt in dem eigentlichen Beginne der Saiſon zu erzählen. „Es iſt ziemlich hart für Lucie und ihre Schweſter, gerade jetzt, wo die Vergnügungen beginnen, abzureiſen,“ ſagte ſie;„aber dieſe Aerzte ſind ſo dringend. Sie ver⸗ ſichern uns, daß Kiſſingen in keiner Weiſe von Nutzen für Lord Maitlands Gicht ſein wird, wenn er nicht den Brunnen gleich im Anfange der Saiſon benützt.“ „Ich dachte, gehört zu haben,“ verſetzte der Wittwer⸗ Oberſt, welcher immer gerade das„gehoͤrt“ hatte, was die Leute vor ihm im Dunklen laſſen wollten,„daß Lord Maitland, bis die Sitzung geſchloſſen, bei Mivart zu bleiben beabſichtige, um dann Ener Herrlichkeit nach Wiesbaden oder Kiſſingen, oder wohin es ſonſt ſein mag, zu folgen?“ „Gewiß,“ entgegnete Lady Maitland in einiger Ver⸗ legenheit,„gewiß.... gewiß. Doch iſt es nöthig, daß wir zeitig zur Stelle ſind, um ein anſtändiges Unter⸗ kommen für die Familie zu finden. An dieſer Art von Plätzen bekommt man, wenn man zu ſpät anlangt, die ſchlechteſten Wohnungen in den ſchlechteſten Hotels zu den theuerſten Preiſen. Die Ruſſen treiben mit allem Monopol!“ Und um der ungläubigen Verwunderung zu ent⸗ gehen, welche in den zweifelnden Geſichtszügen des alten 151 Carrington geſchrieben ſtand, begann Ihre Herrlichkeit nun von den Rococo⸗Wohnungen zu erzählen, welche ſie, wie man ihn verſichert hatte, in Rotterdam finden würde, und von einem reizenden Fächer, den eine nach Curioſitä⸗ ten jagende Gräfin ihrer Bekanntſchaft von den holländi⸗ ſchen Juden aufgegabelt hatte, welche an den OQuais jener amphibiſchen Stadt wohnen. Was ſie nur immer durch Heuchelei zu thun ver⸗ mochte, um ihrer gezwungenen Verbannung den Anſchein einer Vergnügensreiſe zu geben, geſchah, und Lucie Mait⸗ land, welche voll Entzücken ſich zu der Ankunft zweier Freunde ihres Bruders in der Hoffnung Glück gewünſcht hatte, ſie würden Nachrichten von Baſil Annesley mit⸗ theilen, fühlte ſich äußerſt beſchämt über die gewandte Verſtellung, mit der ſie ihre Mutter ihren Rückzug be⸗ mänteln hörte. Der junge Wilberton, der, wenn auch ſchwach, doch von Natur gut war, gab ſich beſondere Mühe, überzeugt zu ſcheinen, ſie brächten der Geſundheit des Familien⸗ hauptes ein liebreiches, perſönliches Opfer, und als er bei einer Anſpielung auf die Veränderung in der Verthei⸗ lung der Mobel im Morgenbeſuchzimmer, welche durch die Wegſchaffung gewiſſer Familiengemälde und der muſi⸗ kaliſchen Inſtrumente der Mädchen entſtanden war, die nach Maitland⸗Caſtle zurückgeſendet worden, Thränen in die Augen Luciens und ihrer Schweſter treten ſah, nahm er zu aufrichtig an ihrem Kummer Theil, um nicht ſeinen Beſuch ſchnell zu beendigen. „Sollten Sie Herrn Annesley ſehen,“ ſtammelte Lucie Maitland, indem ſie ihm die Hand zum Abſchied bot,„ſo ſagen Sie ihm, ich bitte Sie darum, wie ſehr wir bedauerten, ihn vor unſerer Abreiſe von England nicht mehr geſehen und ihm Lebewohl geſagt zu haben. Ich hoffe, wir werden durch meinen Bruder öͤfter von ſeinem Glücke und Wohlergehen hoͤren.“ Durch ein ſolches Anflammern an eine eitle Illuſion 1⁵² tröſtete ſich das arme Mädchen bei ihrer Abreiſe von England über ihre qualvolle Verbannung, und der Art ſind die beſtändigen Reſultate des unvernünftigen Syſtems der Vertraulichkeit, welche in England unter jungen Leu⸗ ten gerade in der Lebensperiode beſteht, wo ein Blick, ein Wort einen unſeligen Eindruck auf das Gemüth er⸗ zeugen kann. Denn was kann man von der Scharfſichtig⸗ keit eines Alters von ſiebenzehn Jahren in Bezug auf die Unterſcheidung hoffen, ob die Aufmerkſamkeiten eines be⸗ liebten Geſellſchafters Reſultate des Zufalls guter Laune, oder wirklicher Bewunderung und ernſtlichen Vorzuges ſind. „Während der letzten zwei Jahre hatten die jungen Maitlands von den jungen Leuten, die ihres Vaters Haus beſuchten, Beweiſe von Bewunderung und Auszeichnung empfangen, wie ſie in anderen Ländern als England nur nahe an der Hochzeit dargebracht werden. Doch nicht bloß einer von dieſen gebildeten Männern des Witzes und des Vergnügens würde das Anſinnen, daß die zu Grunde gerichtete Familie beſondere Anſprüche auf ſeine Ergeben⸗ heit habe, als Beleidigung angeſehen haben. Selbſt die Popularität der Maitlands war mit den ausgeſuchten Küchenzetieln ihres Vaters verſchwunden, und hätten ſie nun einen befreundeten Arm geſucht, um ſie durch das Gedränge im Vorplatze des Opernhauſes zu geleiten, oder ihren Wagen vorzurufen, ſo hätte ſich höchſtens ein ſehr junger Fähnrich bereit gezeigt, dieſe Pflicht zu über⸗ nehmen. Doch dieſes Benehmen, das bei Leuten wie Blencowe und Loftus aus gänzlicher Herzloſigkeit hervorging, war bei Baſil Annesley die Folge vorher angenommener Ge⸗ fühle und beſcheidner Selbſtſchätzung. Es hatte ihm im⸗ mer unmöglich geſchienen, daß eine Huldigung, welche er einer Frau bringen könne, ihre Neigung zu erringen im Stande ſei, am wenigſten von allen bei den eitlen, glän⸗ zenden Maitlands, weiche ſcheinbar ſo ſehr von den Ober⸗ 153 flaͤchlichkeiten des Lebens eingenommen waren. Ueberdies war ſeine Liebe für Eſther Verelſt vom erſten Augenblicke an ſo ausſchließender Natur, daß ſie ihn unempfänglich für andere Frauen ließ. Er hatte das Haus der Mait⸗ lands gleich den übrigen von John Maitlands Freunden beſucht und die Damen, welche er dort traf, mit der äußerſten Ehrerbietung behandelt, doch mehr, weil ſie dem Geſchlechte ſeiner geliebten Mutter und ſeiner angebeteten Eſther angehörten, als weil er an ihrer affektirten Artigkeit und ihrem leichtfertigen Geſchwätze einen Reiz fand. In demſelben Augenblicke, in welchem ſo zärtliche Abſchiedsgrüße von der verkannten Lucie an ihn abgeſchickt wurden, ſaß er zwiſchen Mrs. Verelſt und ihrer Tochter unter dem gaſtfreundlichen Dache, von dem er nicht erwar⸗ tet hatte, daß jemals Gäſte ihre Zuflucht dahin nehmen würden, die ſeinem Geſchmacke ſo vöͤllig zuſagten. Anſtatt des Jargons der Stockmäckler oder des Nothwälſches der Wechsler wurde nun die Tafel Oſaley's durch tauſend liebevolle Erinnerungen an vergangene Freuden und frühere Genüſſe erheitert. Bruder und Schweſter ſchienen mit gegenſeitiger Rückſicht über die peinvollen und prüfungs⸗ reichen letzten zwanzig Jahre ihres Lebens wegzuſehen, um auf die hellere Zeit ihrer Jugend zuruckzukommen,— auf die glücklichen Mädchenjahre Rachaels, ehe ihr Bruder geliebt und gelitten hatte, auf die Knabenzeit Oſaley's, ehe er es für möglich gehalten, zu leben, um der Verfolger der ſchönen und ſanften Schweſter zu werden, deren Geburt als das zweite Aufblühen des Familienſtammes beglück⸗ wünſcht wurde. Aber wenn jene zwei glücklich waren, glücklich in der Erneuerung ihrer natürlichen Liebe, wie war es der warm⸗ herzige Kunſtler, als er ſich ſo Hand in Hand mit ſeinem früheren Schüler, ſeinem edlen Wohlthäter fand! Wie waren es die beiden Mädchen durch die unerwartete Wie⸗ derherſtellung des freundſchaftlichen Umganges ihrer beſten Jahre! Welche freudige Erinnerungen riefen dieſe vier ein⸗ 8 ander zuruck! Welch' glückliche Reminiscenzen an ihre Vergnügungspartien an den ufern des Neckars, bei denen Baſil ihr Gaſt geweſen, oder an die häuslichen Abende während ſeiner langſamen Geneſung in Heidelberg. Wie eifrig kam beſonders Baſil, in der Hoffnung, ein ſchamhaftes Erröthen auf den Wangen der ſchuldigen Eſther zu verbreiten, auf einen Sommerabend kurz vor ſeiner Abreiſe aus Deutſchland zurück, an dem ſie auf die Einladung des Grafen von Ehrenſtein unter den Ruinen des alten churfürſtlichen Schloſſes und erheitert durch eine Bande ſteyriſcher Muſiker, welche ſich in der Stadt auf⸗ hielten, ein einfaches Mahl von Wein und Früchten zuſam⸗ men eingenommen hatten. Allein obgleich Eſther Verelſt ſich vollkommen erin⸗ nerte, daß es bei dieſer Gelegenheit geweſen, wo ſie durch ihr Sträuben, au einem Zeitoertreibe theil zu nehmen, der ſie in zu vertrauliche gegenſeitige Annäherung gebracht hätte, ſich der weiblichen Natur ihrer Liebe für Baſil zu⸗ erſt bewußt geworden, ſo war es doch Salome, welche erröthete, Salome, welche den verpoͤnten Namen„Ehren⸗ ſtein“ ſo ſelten ausſprechen hoͤrte und noch nicht gelernt hatte, ihn mit Gleichgültigkeit zu hören. Doch weder die momentane Traurigkeit einer der Schweſtern, noch die tiefe Verzweiflung, welche Baſil bei dem Wahne ergriff, daß die Gedanken ſeiner Geliebten ſtets mit dem abweſenden Herzog von San Catalda be⸗ ſchäftigt ſeien, konnten einen ungetrübten Genuß dieſes Abends, die erſte Frucht einer Familien⸗Verbindung, die das Werk Baſils war, ſtören. „Ich muß mir hierin nicht nachgeben!“ ſagte Baſil zu ſich ſelbſt, und zuckte die Achſeln, ſterbenskrank vor Liebe, als er das Haus verließ, das ſo viele umſchloß, welche ihm theuer waren.„Ueber ſie und in der Freude über ihr Glück darf ich die theuerſte und unglücklichſte der Mütter nicht aus dem Geſichte verlieren. Um zu entſchei⸗ den, in welchen Beziehungen ich künftig zu dem Manne 15⁵ ſtehen ſoll, deſſen Geſchick ſo wunderbar und grauſam mit dem unſrigen verwebt war, muß ich nach Barlingham eilen, ihr mein Herz ganz öffnen und erwarten, welchen Einfluß dieſe Offenheit äußern mag, um ihr Vertrauen dagegen zu erhalten. Sollte ſie über das, was ſeine Auf⸗ klärungen enthielten, erzürnt ſein, ſo will ich, ſo theuer ſie mir alle ſind, niemals mehr eines von ihnen wiederſehen. Sie ſind nun glücklich, ſie ſind nun im Wohlſtande, ſie bedürfen meiner nicht! Dem Himmel ſei Dank, ich werde mir nichts vorzuwerfen haben, wenn ich mich von ihrem Umgange zurückziehe! Ich bin es, der nun zu bemitleiden iſt; aller Kummer, aller Gram, alles Elend des Lebens ſind von nun an für mich und Barlingham! Ich kann künftig keine Angſt mehr haben um das Geſchick der künftigen Herzogin von Catalda, oder der willkommenen Verwandten und Gäſte des A. O.“ Neuntes Kapitel. Die ſtattlichen Schiffe, ſie eilen dahin Zum Hafen dort hinter dem Hügel; Berührt von einer unſichtbaren Hand, Von klangloſer Stimme getrieben, Zerſchmetterſt du ſie, du grimmiges Meer, An dem grauſigen, alten Geſteine! Doch der zarte Neiz eines Tags, der dahin, Will nimmer zurück zu mir kehren! 5 Tenyſon. In der gegenwärtigen Jahreszeit hatte es für Baſil wenig Schwierigkeiten, Urlaub zu erhalten, um ſeine Mut⸗ ter zu beſuchen. Seine Kameraden waren nun ebenſo begierig, in London zu ſein, als ſie drei Monate vorher geweſen waren, von demſelben weg nach Melton zu kommen, und nach Verfluß weniger Tage reiste er nach Barlingham ab. Es war um die Dämmerung eines herrlichen Abends im Mai, wo er jetzt die Felder durchſtrich, eines herrlichen Abendes, erfüllt mit dem Dufte des Thymians und Hage⸗ dorns; das elaſtiſche Gras wogte unter ſeinen Füßen, und die Waldungen zitterten unter dem zarten Laube eines frühzeitigen Frühlings, deſſen Schonheit die Dauer einer Stunde hat. Als er die ſchmale Fläche erreichte, auf der das fin⸗ ſtere alte Gebäude vereinzelt ſtand, ſchlug ſein Herz hefti⸗ ger. Die JFurcht vor der düſteren Stimme und dem Grnni⸗ ſeiner Mutter gewann die Oberhand über ſeinen Geiſt. 3 Die Verwirrung, die kalte unveränderliche Erſtarrung ſeiner Gefuhle an dem einzigen Platze auf Erden, wo er ein Recht hatte, frei zu fühlen, übten ihren gewöhnlichen beengenden Zauber auf ſein Herz. Bei ſeinem Eintritt in's Geſellſchaftszimmer fand er Lady Annesley in ihrem hohen Lehnſtuhle von Ebenholz, am Schreibtiſche neben dem offenen Fenſter ſitzen, wo ſie in einſamem Nachdenken die balſamiſche Süßigkeit dieſer köſtlichen Nacht genoß. Der Thau hatte ſich niederge⸗ ſenkt, die Vögel derſtummten. Ueberall war Stille, Ruhe und Frieden. Aber obſchon ſie ihn über die kleine Brücke über den Waſſergraben hatte kommen ſehen müſſen, um das alte Portal zu erreichen, hatte ſie doch keinen Schritt gethan, ihren einzigen Sohn zu begrüßen. Nichts deſto⸗ weniger ſchmeichelte ſich Baſil, in ihrem Geſichte Zeichen mehr als gewoͤhnlicher Umgänglichkeit und innigen Wohl⸗ wollens zu erkennen. „Sei mir willkommen, mein theurer Sohn!“ war ebenſoviel von den Lippen der finſteren Einſiedlerin„ als —,— —— 157 d leidenſchaftlichſten Liebkoſungen von geſprächigeren Eltern.— Es war immer ſchwierig, mit einer Frau ſich in ein Unterhaltung einzulaſſen, welche ſo geringen Antheil an weltlichen Ereigniſſen und an den Frivolitäten nahm, wor⸗ an ſich andere Frauen in der Regel beluſtigen. Tages⸗ anekdoten, Nachrichten über eine neue Oper oder ein Bal⸗ let, eine glänzende Debatte, oder die letzte neue Novelle brachten bei ihr die freudloſeſte Einſilbigkeit, ja manch⸗ mal den ſtrafendſten Ernſt in ihren Zügen hervor. Bei der jetzigen Gelegenheit war ſie zu ſeinem höchſten Er⸗ ſtaunen die erſte, welche nach den Zerſtreuungen Londons fragte. 3 1„Mit wem biſt Du in der letzten Zeit umgegangen 20 ſagte ſie in einem ungewoͤhnlich heiteren Tone.„Der Fall des Hauſes Rocheſter muß ein Verluſt für Dich geweſen ſein, da Du es häufig beſuchteſt.„Die Maitlands ſind, wie ich höre, ebenfalls im Begriff, London zu verlaſſen. Du pflegteſt von ihrem Umgange als einer Erholung zu ſprechen. Wie wirſt Du im Stande ſein, Deine Verbin⸗ dung mit der ſchoͤnhaarigen Lucie aufzugeben, welche, wie man ſagt, Dich mit Vorliebe betrachtet?“ Die Maitlands ſind Mädchen der Art, daß ſie je⸗ den freien jungen Mann mit Vorliebe betrachten, der be⸗ reit iſt, ſeine Zeit in ihrem Hauſe zu vertändeln,“ entgeg⸗ nete Baſil, ſeiner Seits ernſt werdend, als er erwog, mit welchem Grauſen wahrſcheinlich Lady Annesley ein Ge⸗ ſtändniß der Motive ſeiner Undankbarkeit für Luciens Vor⸗ liebe hoͤren würde! „Da Du dies wußteſt, ſo hätteſt Du auf der Hut ſein ſollen, die Zuneigung des jungen Mädchens nicht zu mißleiten,“ verſetzte ſeine Mutter.„In ſolchen Dingen iſt übrigens der Seelenfriede eines Weibes das letzte, worauf man achtet, obgleich, der Himmel weiß es, dem Manne von der Hand des Schopfers kein heiligeres Pfand anver⸗ 158 traut iſt, als die Glückſeligkeit und das Wohlſein der Frau, mit welcher er für das Leben verbunden iſt.“ „Ich ſtimme von ganzem Herzen mit Ihnen überein,“ rief ihr Sohn,„und würde mich ſelbſt haſſen, wäre ich fähig, leichtſinnig oder grauſam mit einer Frau umzugehen, welche nach meiner Ueberzeugung wahrhafte Liebe für mich empfindet. Lucie Maitland dagegen hat mit mir geſpielt, indem ſie, während ich das, was man in London Koketterie heißt, überſah, bereit war, den erſten älteren Sohn mit guten Ausſichten, der ihr in den Weg kam, anzunehmen.“ „Kurz, Du biſt frei von Liebe und Sympathie für ſie! Und doch,“ fuhr Lady Annesley fort,„wurde mir in einem Briefe, den ich dieſer Tage von London empfing, verſichert, daß Deine Liebe unwiderruflich vergeben ſei. Du haſt recht, mich erſtaunt anzuſehen, Baſil! Ich habe in der That wenige Correſpondenten in London, und keinen von ihnen wirſt Du wahrſcheinlich beſchuldigen, meine Aufmerkſamkeit mit ſo leerem Geſchwätze zu beſchäftigen. Ich will Dich jedoch nicht in peinlichem Argwohn laſſen; es war Vardge, mein Anwalt, welcher bei Beantwortung gewiſſer Inſtructionen, welche ich ihm hinſichtlich eines neuen Codicills zu meinem Teſtamente ſandte, das durch das Ableben des armen Nicholas nothwendig geworden war, mich unterrichtete, er habe gute Gründe, zu glauben, mein Sohn ſei nahe daran, eine ſehr vortheilhafte eheliche Ver⸗ bindung mit einer jungen Dame zu ſchließen, für welche er ſchon lange Zeit Liebe hege. Irgend jemand, wie Du ſiehſt, hat alſo die Leichtgläubigkeit des armen Vardge mißbraucht; denn er iſt unfähig, ein Gerücht irgend einer Art in Beziehung auf Dich zu erfinden; unter allen würde er am wenigſten mich durch den Glauben zu kränken ſuchen, daß mein einziger Sohn Verbindungen ſo ernſter Natur eingegangen habe, ohne ſeiner Mutter, deren Leben ſeinen Intereſſen geweiht war, zu Rathe zu ziehen.“ „Glauben Sie mir, theuerſte Mutter,“ rief Baſil, „hätte ich nur im entfernteſten Grade die Plane gehegt, 159 welche Herrn Vardge's Dienſtfertigkeit mir zuſchreibt, ſo wären Sie die erſte geweſen, welche davon unterrichtet worden wäre. Ich verbarg meinen vertrauten Umgang mit Maitlands niemals vor Ihnen.“ „Aber Du verſicherſt mir, daß Dein Verhältniß zu ihnen nicht beſonders anziehend war?“ „Gewiß nicht. Ihr Vater iſt ein ruinirter Mann. Eine Parthie mit Luey Maitland während ebenſo unklug in pecuniärer Beziehung, als unräthlich in anderer.“. „So betrifft die Anſpielung denn entſchieden eine an⸗ dere Dame, deren Name mir unbekannt iſt,“ verſetzte Lady Annesley beinahe mit Hoheit.„Fern ſei es von mir, Baſil, mich in Deine Geheimniſſe zu drängen. Doch werde ich der Geheimniſſe überdrüſſig! Wenn wir uns dem Grabe nähern, Baſil, erlangen die Anſprüche auf unſer gänzliches Vertrauen von Seite derer, welche wir lieben, eine ſtärkere Gewalt. Einige wenige Jahre und Alles, was eines von uns weiß, müſſen beide wiſſen. Wo⸗ zu dienen alſo die kleinen Verſtellungen und Heucheleien, mit welchen wir durch's Leben hindurch es vor einander verbergen?“ Baſil Annesley war über ein ſolches Urtheil, wie er es nun von den Lippen ſeiner Mutter entſchlüpfen hörte, beſtürzter als über ihre vorige Heiterkeit. Es ſchien, als wolle ſie, von dem Zwecke ſeines Beſuches in Barlingham unterrichtet, ihn, ſoviel in ihrer Macht ſtand, ermuthigen, ſein Herz zu oͤffnen. 1„Ich bin in gewiſſer Beziehung unterrichtet,“ ſagte er mit der plötzlichen Kraft der Entſchloſſenheit,„daß Um⸗ ſtände der jüngſten Zeit, Umſtände, in welche ich unfrei⸗ willig verwickelt wurde, den allgemeinen Glauben an meine Liebe veranlaßt haben; doch wie er die Ohren Herrn Vardge's erreicht haben kann, bin ich außer Stande zu be⸗ greifen. Sie zur Vertrauten meiner Gefühle bei dieſer Gelegenheit zu machen, wäre überflüſſig geweſen; denn der Gegenſtand meiner Liebe, die junge Dame, welche Ihr Sachwalter als Erbin und als die künftige Frau Ihres Sohnes beſchreibt, iſt in der That gebunden, oder im Be⸗ griffe, ſich an einen andern zu binden, an einen anderen, weit reicheren und angeſeheneren, als ein armer Lieutenant in der Garde.“ „Du biſt alſo unglücklich, mein armer Sohn! rief Lady Annesley, und ihre Züge wurden milder vor Theil⸗ nahme,„Du biſt ebenfalls unglucklich. Baſil, mein Kind, mein theures Kind, warum haſt Du Deinen Kummer nicht Deiner Mutter entdeckt!“ „Meine Mutter hat, fürchte ich, zu viel eigenen er⸗ fahren, um mir eine Entſchuldigung zu laſſen, würde ich die Laſt ihrer Sorge erſchweren!“ entgegnete der junge Annesley, doppelt gerührt durch dieſe unerwartete Herz⸗ lichkeit.„Eines Tages, wenn die Wunde weniger friſch iſt, will ich Ihnen, meine Mutter, die Geſchichte meiner Keshen chen Hoffnungen und bitteren Täuſchungen er⸗ zählen.“. „Sollte irgend ein lebendes Weib Nang und Ver⸗ mögen der Liebe eines Herzens wie das ſeinige vorge⸗ zogen haben!“ drang unfreiwillig über Lady Annesley's Lippen, als ſie die ſchöne Geſtalt und das kluge Geſicht ihres Sohnes betrachtete. 1 „Meine theuerſte Mutter,“ ſlüſterte Baſil und ergriff zärtlich ihre Hand,„Sie würden ihr vergeben und auf⸗ hören, mich zu bemitleiden, wenn Sie alles wüßten. Hätte meine Neigung den Lohn der Erwiederung gefunden, was ſie, wie ich manchmal fühle, wohl verdiente, hätte ich in der That das Verſprechen ihrer Hand erhalten, würden doch Sie niemals, niemals ihre Einwilligung zu unſerer Verbindung gewährt haben!“ „Ach, mein theurer Baſil,“ verſetzte Lady Annesley, „Deine Vermuthung enthält eine Welt von Anklagen ge⸗ gen Deine Mutter. Groß in der That muß Dein Miß⸗ trauen gegen meine Zärtlichkeit ſein, da Du mich fähig glauben kannſt, mich irgend einer Verbindung zu 7 161 widerſetzen, welche das Glück meines einzigen Sohnes be⸗ gründet. Aber Du verkennſt mich! Wohl mag ich in manchen Augenblicken ſtreng und hart geſchienen haben; aber, glaube mir, keine Bedenklichkeit weltlichen Stolzes würde mich beſtimmt haben, meine Einwilligung zu einer Verbindung zu verweigern, bei der Deine Liebe verpfändet war und die Mittel zu ſtandesmäßiger Lebensweiſe zu Deiner Verfügung ſtanden. Vardge ſchilderte mir den Gegenſtand Deiner Liebe als gebildet, liebenswürdig, reich: alles, was ich nur an meiner Schwiegertochter wünſchen konnte.“ „Alles, was Sie nur an einer Schwiegertochter mit ſo hohen Verbindungen, wie Miß Maitland wünſchen konnten,“ fuhr ihr Sohn fort.„Indeſſen gibt es Vor⸗ urtheile, welche zu überwinden Sie weder pecuntäre noch perſönliche Vorzüge in den Stand ſetzen möchten.“ 1 „Was weltliche Vorzüge betrifft,“ entgegnete Lady Annesley mit bitterem Lächeln,„ſo habe ich längſt auf⸗ gehört, meinen Troſt in weltliche Kronen zu ſetzen.“ „Es gibt viele geſellſchaftliche Stufen unter dem Adel,“ verſetzte Baſil ſtockend,„welche ihre Mäßigung in dieſem Punkte auf die Probe ſtellen möchten. Wäre der Gegenſtand meiner Neigung zum Beiſpiel jüdiſcher Abſtammung?“ „Gerade dann,“ unterbrach ihn Lady Annesley, „würde ich, wäre Deine Geliebte Chriſtin dem Glauben und dem Bekenntniſſe nach, nicht wagen, einen Einwand vorzubringen. Höre mich, mein Sohn,“ fuhr ſie in ei⸗ nem Tone fort, deſſen Milde Balſam für Baſils Ohren war;„gerade daſſelbe Vorurtheil, welches Du berührſt, war der Grund, Deine unglückliche Mutter von dem Ge⸗ genſtande ihrer erſten Liebe, dem edelſten und beſten Men⸗ ſchen zu trennen. Ein langes Leben des Kummers hat nicht hingereicht, die Schwachheit gut zu machen, mit der ich mich ſeiner Liebe entreißen und einem ehrenwerthen Manne geben ließ, dem ich meine Hand zu reichen wagte, Der Geldverleiher. II.. 11 während mein Herz unwiderruſlich einem andern verpfän⸗ det blieb. Denn ach, Baſil, zu welchen Fehltritten, zu welchen Verbrechen hat nicht dieſe Schwachheit den Grund gelegt!“ Die Athemzüge des jungen Annesley gingen kürzer und kürzer vor Aufregung. Aber er hatte dieſe ſchreckliche Eroͤrterung mit zu großem Vorbedacht hervorgerufen, um vor der Kriſis zurückzuſchrecken. „In meiner eigenen Familie,“ fuhr Lady Annesley mit leiſer, aber feſter Stimme ſort,„brachte dieſes grau⸗ ſame Vorurtheil gleich grauſame Reſultate hervor. Der Erbe des Hauſes meines Vaters, mein ſchwächlicher, aber geliebter Bruder, fiel als Opfer eines Kampfes, der durch das Eindringen meines verlobten Geliebten in das Haus ſeines Vaters ſich entſpann. Doch noch edlere Opfer ſollten nun gebracht werden. Ich habe Dir geſagt, Baſil, und ich vertraue zu Deiner kindlichen Liebe, daß Du mei⸗ nen Worten glaubſt, der Gegenſtand meiner erſten Liebe war ein Mann von Ehre und Tugend. Die Unfälle, die Erniedrigungen, die Verleumdungen, welche er durch den Stolz meiner Familie zu erleiden hatte, verwandelten dieſe vortrefflichen Eigenſchaften in Verbrechen, verkehrten ſeine wahre Natur und erniedrigten den aufrichtigen und ein⸗ ſichtsvollen Jüngling, der vor Eifer glühte, ſeine Talente dem Dienſte ſeines Landes zu weihen, in einen rachſüch⸗ tigen und boshaften Wüſtling. Von England durch die Nachricht von meiner gezwungenen Verheirathung ver⸗ trieben, bereiste er den Orient, hoffnungslos, ungebunden und ſorglos, und nach ſeiner Rückkehr nach Europa be⸗ laden mit der unſeligen Beute ſeines ungeheuren Reich⸗ thumes, gebrauchte er dieſelbe zum Schlechten und zur Rache. Die Familie meiner unglücklichen Schweſter, de⸗ ren Vermittlung und Einfluß meine Verbindung mit Dei⸗ nem Vater veranlaßt hatte, wurde durch ihn in's Ver⸗ derben geſtürzt; denn ein ausſchweifender Wüſtling trat nun an die Stelle des vormaligen Gelehrten, des edlen Freundes, des angeblichen Philantropen.. Und doch, Baſil, wagte dieſer verdorbene und ſelbſtſüchtige Egoiſt nicht nur Hoffnungen zu hegen, die durch das heiligſte eheliche und mütterliche Band längſt in meinem Herzen erloſchene Liebe aufs neue zu entzünden; ſondern auch die⸗ jenigen, welche mich beſſer hätten kennen ſollen, der Gatte, dem ich ein treues und unterwürfiges Weib, die Familie, welche Zeuge meiner unabläſſigen, weiblichen Ergebenheit geweſen, wagten zu glauben, daß mein Herz ſich reuevoll zu dem Gegenſtande ſeiner erſten Neigung zurückgewandt abe!“ Der Unwille, der in den ſchönen Augen Lady An⸗ nesleys blitzte, konnte kaum verfehlen, den entſprechenden Strahl in denen ihres aufgeregten Sohnes hervorzu⸗ rufen. „Du wirſt zugeben, daß ich ſehr unglücklich war,“ rief ſte, durch dieſe Theilnahme ermuthigt, mehr direct an ſeine Gefühle zu apelliren.„Getäuſcht in allen meinen⸗ Hoffnungen auf Glück, erbittert in Herz und Seele an der Schwelle des Lebens, doch aus dem Gefühle meiner, Pflicht Muth ſchöpfend, das mir beſtimmte Geſchick zu ertragen, hatte ich gelernt, den mir gegebenen Gatten zu verehren und zu achten und das Kind anzubeten, deſſen Vater er war. Um ſo tiefer war ich im Grunde meines Herzens verwundet, als ich mich als einen Gegenſtand des Argwohns, als einen Gegenſtand der Verleumdung fand! Baſil, ich war wieder nahe daran, Mutter zu werden, Deine Mutter, mein theurer Sohn, als irgend ein grauſamer Feind das Herz Deines Vaters mit den grundloſeſten Beſchuldigungen gegen mich vergiftete. Ueber⸗ redet, der Beſuch, den ich um meiner unglücklichen Schwe⸗ ſter willen in Paris gemacht, ſei mehr ein Vorwand ge⸗ weſen, den einſt Geliebten, welcher in jener Zeit unter einem angenommenen Namen durch ſeine Laſter allem ge⸗ ſellſchaftlichen Anſtande Hohn ſprach, wieder zu finden, klagte mich Dein unglücklicher Vater bei ſeiner Familie 134 an, belud mich mit Schmach und Grauſamkeit; denn, um die Gerechtigkeit ſeiner Beſchuldigung nur um ſo ſchrecklicher zu bezeugen, bewarb er ſich um ein gefährli⸗ ches Commando auf der Halbinſel und ſiel an der Spitze ſeines Regiments, während er ſeine Wittwe entehrt und ſeinen verwaisten Sohn ſchweigend verleugnet zurückließ. So, Baſil, ſo wurdeſt Du mir geboren, in Thränen und Elend, ein Verſtoßener, ein Kind der Schande und des Mitleids; doch, ſo wahr der Allmächtige mich hört und richtet, das Kind einer vorwurfsfreien und unbefleckten Mutter!“ Schon lag Baſil zu den Füßen ſeiner Mutter und umſchloß ihre Hände mit den ſeinen, während er ſie wech⸗ ſelsweiſe an ſeine bebenden Lippen und an ſeine thränen⸗ vollen Augen drüͤckte. Alles, was er einige Minuten lang vermochte, waren Liebesbezeugungen für ſeine ge⸗ kränkte Mutter und Verwünſchungen gegen diejenigen, de⸗ ren Verleumdungen einen ſo ſchrecklichen Sieg errungen hatten. „Es lag mir fern, ein einziges Gefühl des Vorwurfs gegen den zu nähren, der ſein Mißtrauen ſo grauſam ge⸗ büßt hatte,“ fuhr Lady Annesley als Antwort auf die unwilligen Ausrufungen ihres Sohnes ſtockend fort.„Die Qualen, welche Dein unglücklicher Vater im Glauben an meinen Treubruch gelitten haben muß, verſöhnten die mei⸗ nigen vollkommen! Auch war ich nicht unſträflich, Ba⸗ ſil, wenn auch unſchuldig an dieſem großen Verbrechen; denn ich hatte ihn geheirathet aus Beweggründen welt⸗ licher Klugheit, ich hatte ihn geheirathet, um aus einem unglücklichen Hauſe zu entkommen, ich hatte ihn gehei⸗ rathet ohne Neigung, ich hatte ihn geheirathet mit einem Herzen, das noch um einen Andern trauerte. Und als Sir Bernard Annesley zuerſt in jene wüthenden und ra⸗ ſenden Beſchuldigungen ausbrach, hatte dieſes Bewußiſein meine Seele ſo niedergedrückt, daß ich nicht vermochte, ſeine Schmähungen mit dem oſſenen und furchtloſen Selbſt⸗ gefühle der Unſchuld entgegenzutreten. Ich wußte mich ſelbſt eines Fehlers ſchuldig, wenn auch nicht jenes gräß⸗ lichen Fehltrittes, deſſen mich der Vater meiner Kinder beſchuldigte.“ „Es war alſo aus dieſem Grunde, theuerſte Mutter,“ ſagte Baſil ängſtlich,„daß die Annesleys die Kühnheit hatten, meine Schweſter Ihrem Schutze zu entziehen!“ „Sie thaten nur ihre Pflicht. Es waren die letzten Befehle Deines Vaters!“ „Doch ſicherlich uͤberzeugte der Kummer, in welchen, wie ſie ſahen, ſein Tod Sie verſetzte, dieſelben von Ihrer Unſchuld?“ „Wie ſollten ſie die Thränen verwundeter Liebe von Thränen der Rene unterſcheiden? Wenn die Augen eines Gatten in der Schätzung meiner Gefühle getäuſcht wor⸗ den, was hatte ich von ihnen zu erwarten? Sie hatten mich niemals geliebt. Da ſie vom erſten Augenblicke an argwöhnten, mit welchem Sträuben ich Sir Bernard meine Hand gegeben hatte, ſo hatten ſie nicht genug See⸗ lengröße, um die tiefe und beſorgte Ergebenheit zu wür⸗ digen, durch welche jener Fehler wieder gut gemacht wor⸗ den war. Nach zehn Jahren treuer und heiterer Unter⸗ werfung ſahen ſie in mir noch die finſtere Tochter Lord C's, die ſich unter dem Schutze eines ehrenwerthen Gat⸗ ten gegen die Angriffe Anderer waffnete. Ihre Pflicht gegen den Gefallenen wurde daher mit Härte und Strenge vollzogen. In der erſten Agonie meiner Wittwenſchaft nahm man mir mein kleines Mädchen. Ich machte Vor⸗ ſtellungen dagegen und wurde mit hoͤhniſchen Vorwürfen beladen. Ach, Bafil, Baſil, wenig kannſt Du Dir den⸗ ken, welch' bittere Thränen auf Dein kindliches Geſicht herabfielen: Deine erſte traurige Taufe für die Sorgen des menſchlichen Lebens!“ „Ich kann,— ich kann mir Alles denken, was Sie gelitten haben müſſen, meine herrliche Mutter!“ rief Ba⸗ ſil, während er ſie in ſeine Arme ſchloß.„Doch laſſen 16⁶ Sie mich hoffen, daß in dieſen Tagen frühen Kummers Ihr Sohn Ihr Troſt wurde? Es war um meinetwillen, daß Sie trotz Ihres Grames lebten? Ja, es muß um meinetwillen geweſen ſein, daß Sie lebten; für was ſonſt auf Erden hatten Sie zu ſorgen? Was blieb Ihnen außer dem hülfloſen Kinde, das ſich an Ihren Buſen ſchmiegte?“ 1 „Ja, ich liebte Dich zürtlich,“ entgegnete Lady Annes⸗ ley, während Thränen der Rührung zum erſtenmale unaufhalt⸗ ſam ſich über ihre blaſſen Wangen ſtahlen.„Ich liebte Dich als ein Opfer, ich liebte Dich als einen Troſt, ich liebte Dich als einen Gefährten im Unglücke. Sie hatten mein erſtgebornes Kind aus meinen Armen geriſſen. Ich wußte, daß meine arme Helene unter denen auferzogen werden ſollte, welche es für eine Pflicht halten würden, ihr Kälte und Verachtung gegen ihres Vaters Wittwe einzufloͤßen. Aber mein Säugling, mein Liebling, mein hoffnungsvoller Knabe blieb mir noch, und zuletzt lernte ich beinahe dank⸗ bar für das ſchmähliche Brandmal ſein, das ſein ſterben⸗ der Vater ihm aufgedrückt hatte, und das ihn den Um⸗ armungen ſeiner Mutter für das Leben ſicherte. Bei Tage, bei Nacht, niemals verließeſt Du meinen Arm. Ich hing mich an Dich, als das Einzige, was mir auf Erden geblieben war! Reicht Deine Erinnerung noch ſo weit zurück, mein Sohn, bis zu jenen Tagen, wo wir keine Stunde getrennt waren?“ „Ich erinnere mich,“ ſtammelte Baſil und wagte kaum, ſeine Augen zu dem Geſichte ſeiner Mutter aufzu⸗ ſchlagen;„ich erinnere mich einer ploͤtzlichen Veränderung, einer unerklärbaren Veränderung, nach der ich beinahe ein Gegenſtand des Abſcheues in Ihren Augen geworden zu ſein ſchien!“ „Ach, mein Sohn,“ entgegnete Lady Annesley, meine leidenſchaftliche Liebe hatte die Annesleys in ihrem ungerechten Verdachte beſtärkt! Die Unterwürfigkeit, mit der ich, im Bewußtſein meiner Hülfloſigkeit gegen ihre Gewalt, mich ihrer angemaßten Autorität uͤber mein 7 167 Mädchen fügte, ſtand mit der beinahe wahnſinnigen Zärt⸗ lichkeit für das arme Kind, dem einzigen Gegenſtand, der meiner Liebe geblieben war, in ſolchem Widerſpruche, daß ſie dieſen Vorzug nur meiner in der Perſon des Kindes wieder auflebenden Liebe für den Vater zuſchreiben zu müſſen glaubten. Als ich bei der erſten Zuſammenkunft mit dem Bruder Sir Bernard's, dem Vollſſtrecker ſeines letzten Willens, eine ernſte Berufung an ſeine Gefühle zu Gunſten des hülfloſen, ſo ſchimpflich verleugneten Neffen wagte, in deſſen kindlichen Zügen die ſeines Bruders ſich ſchon entwickelten, hieß er mich zornig, mich davor zu hüten, das Andenken des Todten zu beſchimpfen.„Wohl zwingen uns die Geſetze, dieſem elenden Kinde den Na⸗ men meines Bruders zu geſtatten,“ ſagte er;„aber wagen Sie nicht, Madame, durch fernere Heuchelei einen Schein von Wahrheit hervorrufen zu wollen. Laſſen Sie es dem Kinde Ihrer Schande genügen, daß ſeine Mutter auf ſein junges Haupt die Zärtlichkeit verſchwendet, welche ſie für ihre legitime Tochter nicht einmal zu empfinden vorgibt. Die erbitterte Familie des edlen Mannes, den Ihre Buh⸗ lerei in ein vorzeitiges Grab ſtürzte, ſoll weder getäuſcht noch beſchimpft werden. Ja, noch mehr; wiewohl, ſo lange Sie ſich jeder öͤffentlichen Einmiſchung in unſere Plane für die Erziehung und das Glück Ihrer Tochter enthalten, die Intereſſen Helenens mit der zärtlichſten Sorge gewahrt werden ſollen, ſo wird doch in dem Au⸗ genblicke, in dem Sie die ſchickliche Zurückgezogenheit auf⸗ geben, in welcher Ihre Vorwürfe eine Zuflucht ſuchten, und vor der Welt als die tugendhafte Wittwe Sir Ber⸗ nard Annesleys erſcheinen würden, Alles enthüllt werden, und ſein Vermögen iſt nach den Beſtimmungen des letzten Wilens meines Bruders einer Wohlthätigkeitsanſtalt ver⸗ allen.“ „Welche unverſchämte Tyrannei, welch' ſchmähliche Ungerechtigkeit!“ rief Baſil, indem er aufſprang und durch 168 das Zimmer ſchritt.„Es iſt ein Glück für meinen Oheim, daß er im Grabe liegt!“ „Ich glaubte und glaube noch, daß er bloß durch ein Gefühl von Gerechtigkeit gegen das Andenken ſeines be⸗ ſchimpften Bruders geleitet wurde,“ war Lady Annesley's milde Antwort,„und um Helenens willen unterwarf ich mich. Das Vermögen, das Sir Bernard mir zu nehmen außer Stande war, und das er als Mitgift bei unſerer Verbindung von meinem Bater empfangen hatte, wurde mir, da ich mich berechtigt glaubte, es anzunehmen, von den Teſtamentsvollſtreckern richtig ausbezahlt und reichte bei ſorgfältiger Sparſamkeit zu Deiner Erziehung und Deinem Lebensunterhalte hin. Die einzige Bewilligung, die ich von ihrer Seite in Anſpruch nahm, war eine ge⸗ legentliche Zuſammenkunft mit Helene. Aber zu welchem Zwecke? Bei jeder neuen Begegnung fand ich, daß ihr kleines Herz an Kälte gegen mich zunahm. Nach und nach wurden ihre Umarmungen förmlicher, endlich wider⸗ willig. Ich ſah, daß die Liebe meines Kindes mir für immer entfremdet war, und von dieſem Augenblicke an war es mir ſo bitter, ihren kalten und beinahe verächt⸗ lichen Blicken zu begegnen, daß ich von dem Zeitpunkte ihrer Verheirathung an aufhörte, auf die außerlichen Cermonien kindlicher Pflicht Anſpruch zu machen. Baſil, ihr wurden Kinder geboren, die ich niemals auf meinen Armen hielt, Kinder, in deren Adern mein Blut, das Deinige und das Deines irrenden Vaters fließt, die uns aber niemals mehr ſein werden, als die Kinder fremder Leute!“ „Aber das darf nicht ſein!“ rief Baſil.„Nun, wo unſere lange verzögerte Erklärung endlich ſtattfand, jetzt, wo ich die volle Ausdehnung der Ungerechtigkeit und Ver⸗ folgung beurtheilen kann, der meine geliebte Mutter unter⸗ worfen wurde, will ich die auf uns beide gehäufte Schmach nicht länger ertragen. Ueberlaſſen Sie es mir, Ihre Un⸗ ſchuld dieſen ſchändlichen Anklägern gegenüber zu verthei⸗ digen! Ueberlaſſen Sie es mir, die unbefleckte Ehre meiner Mutter zu bezeugen!“ „Ach, mein theuerſter Baſil,“ rief Lady Annesley mit einer düſteren Geberde der Muthl oſigkeit,„wer wird Dix glauben? Bei dem Zeugniſſe betheiligt, wie Du es biſt, und ohne Beweismittel, würde der Verſuch nur dazu dienen, die Verachtung und die Verfolgung derjenigen auf Dich zu ziehen, die ſich bisber in den Gränzen der Mäßi⸗ gung gehalten haben. Annesleys haben mir ungeſtört die glückliche Aufgabe berlaſfen, Dein Glück zu gr nden; ich habe nie geklagt, ich bin zufrieden. Sei nun auch D Deinerſeits unterwürfig und zufrieden!a— „Auſtiedene ſo lange ich weiß, daß ein menſchliches Weſen lebt, das gewagt hat, meine Mutter zu verachten und zu be ſchimpfen! rief Baſil in edlem Unwillen;„nein, nein! Sie ſollen alle ihre Anſchuldigungen widerrufen! Sie ſollen Ihnen die gebührende Stellung mnrntgeden Sie ſollen mich anerkennen! Sie ſollen in Reue und Selbſt⸗ demüthigung Vergebung ſuchen...“ „Mein armer Knabe!“ unterbrach ihn Lady Annesley mit melancholiſchem Lächeln; nich hoffte, die rauhe Schule der Welt habe Dich etwas weniger enthuſiaſtiſch gemacht! Wie willſt Du alles das ins Werk ſetz ten? Durch welchen Einfluß, dic welche Gewalt?“ „Durch den Einfluß der Wahrheit!— Die Sache des Rechts...“ „Die Sache des Rechts!“ unterbrach ihn ſeine Mut⸗ ter wieder;„die Sache des Rechts war für mich in den letzten fünfundzwanzig Jahren eine verlorene Sache! Wenn der Todeskampf meiner Seele, als ich der großen Gefahr der Niederkunft in Wittwenkleidern ausgeſetzt, auf meinen Knien ſchwor, daß ich falſch angeklagt ſei, wenn dieſer Todeskampf die verhärteten Naturen nicht zu überzeugen vermochte, welche Ausſicht iſt denn dafür vorhanden, daß Deine partheiiſche und ununterſtützte Vertheidigung einen günſtigeren Erfolg herbeiführe?“ „Eine ernſte Rechenſchaft ſoll der Mann mir geben, — und wäre es ſelbſt der Gatte meiner Schweſter, der auf ſeiner Leichtgläubigkeit beharrt!“ war die heftige Ant⸗ wort des jungen Annesley. „Gott verhüte, daß ich meine Losſprechung Drohungen oder Thaten der Gewalt verdanke!“ entgegnete Lady Annesley mit gleicher Entſchloſſenheit.„Schon war dieſe unglück⸗ liche Sache die Veranlaſſung, daß Menſchenblut vergoſſen wurde. Laß ſie in das Grab ſinken und vergeſſen ſein, wie ich es bald ſein werde. Mein Vater, mein Bruder, meine Schweſtern, ſelbſt der arme Nicholas ſind todt. Möge ein folgendes Geſchlecht glücklicher und weiſer ſein, und geſegneter durch die verſöhnende Gnade des Himmels!“ „So lange Sie leben, Mutter, ſo lange Sie und Ihre Kinder leben, iſt der Act der Rechtfertigung eine Pflicht! antwortete Baſil, zum erſtenmale wagend, der Autorität ſeiner Mutter ſich zu widerſetzen. „Entlaſtet in Deinen Augen, bin ich befriedigt,“ ent⸗ gegnete Lady Annesley.„Ich bin manchmal verſucht, die Laſt der Schmach, unter der ich mich durch meine letzten Tage hinſchleppte, als einen Act der Sühne gegen den edlen Krieger zu betrachten, deſſen Dienſte ſeinem Lande. zu rauben ich die unſchuldige Veranlaſſung war. In ſein Grab ſei alle Erinnerung an meine Leiden verſenkt! Es wäre vielleicht unverantwortlich von mir, auch Dich, meinen einzigen Sohn, ihnen auszuſetzen.“ „Meine theuerſte Mutter! Ihr Kummer hat ſchon den Tribut meiner Thränen empfangen,“ rief Baſil, ihre Hände wieder in die ſeinigen ſchließend.„Schon hatte ich die Erzählung jener unglücklichen Liebe gehört, ſchon wandelte ich mit Ihnen in den wohlriechenden Gärten von Cadir, ſchon theilte ich, Ihren edlen Unwillen über die Beleidigung im Schloſſe Clervals!“ „So weißt Du denn alles!“ rief Lady Annesley, von ihrem Stuhle aufſpringend.„Dank ſei dem Himmel, daß dieſes geheimnißvolle Vorgreifen in den Enthüllungen nicht durch die Zunge eines Feindes geſchah; denn hätteſt Du mich ſchuldig geglaubt, Baſil, ſo hätte Deine Hand nicht ſo zärtlich die Deiner Mutter umſchloſſen.“ „Ich glaube und weiß, daß Alles, was gut und edel an der menſchlichen Natur, Ihnen eigen iſt,“ rief ihr Sohn,„und ich will Zeugniß dafür im Angeſichte der ver⸗ ſammelten Welt ablegen. Es war von ihm, Mutter, daß ich die Geſchichte Ihres erlittenen Unrechts und Mißge⸗ ſchicks hoͤrte. Es war von ſeinen Lippen, daß....“ „Mein Sohn!“ unterbrach ihn Lady Annesley, wäh⸗ rend ihre Lippen ſich verfärbten und vor Bewegung beb⸗ ten;„Du täuſcheſt Dich ſelbſt, oder willſt mich täuſchen. Du warſt noch ein Kind, als jener unglückliche Mann ſeine Vergehungen und Thorheiten durch einen ehrenvollen Tod ſühnte. Gleich Deinem Vater, Baſil, wenn auch in einer weniger heiligen Sache, fiel er auf dem Felde der Chre. Als Freiwilliger im kaiſerlichen Heere blieb er auf dem Schlachtfelde von Auſterlitz. Dies, dies iſt alles, was auf Erden von ihm zurückbleibt!“ fuhr ſie fort, aus ihrem Schreibtiſche das Miniaturbild nehmend, welches bei einer früheren Gelegenheit einen ſo erſchütternden Argwohn auf das Gemüth ihres Sohnes geübt hatte.„Blicke auf das Geſicht, Baſil! Prüfe dieſe edlen Züge, und Du wirſt ge⸗ ſtehen, daß die frühe Bethoͤrung Deiner Mutter zu ent⸗ ſchuldigen iſt!“ Als einen Vorwand, ſeine Aügen von ihrem Geſichte abzuwenden, ſtarrte Baſil für einige Augenblicke ſchweigend auf das Gemälde, während er überlegte, in welchen Aus⸗ drücken er die beſtürzende Entdeckung vorbringen müſſe, die mehr als je unvermeidlich war. „Nach der warmen Theilnahme, die Sie für das Ori⸗ ginal dieſes Portraits bekannt haben,“ ſagte er endlich mit ſtockender Stimme, und ohne zu wagen, die Augen zu dem Geſichte ſeiner Mutter zu erheben,„weiß ich kaum, in welchen Worten ich meine Verſicherung wiederholen ſoll, daß er lebt, daß erſt geſtern meine Hand in der ſeinigen, 47 2 in der ſchlagende Pulſe des Lebens und der Geſund⸗ heit waren, lag. Er iſt mein Freund, mein Führer, mein Wohlthäter geweſen, er iſt es noch. Die Bekenntniſſe Oſaley's waren es, durch welche ich zuerſt die Größe, den Edelmuth meiner Mutter ſchätzen lernte! Nächſt Ihnen iſt er die Perſon, welche den meiſten Einfluß auf das Gemüh und das Glück Ihres Sohnes ausgeübt hat!⸗ Lady Annesley faltete in athemloſer Aufregung ihre Hände.⸗ „Täuſche mich nicht, Baſil! 1“ rief ſte.„Dieſer Zweifel iſt vielleicht eine ſchwerere Prüfung, als ich er⸗ tragen kann! Sprich, ſprich! Laß mich jene Worte noch einmal hören! Er lebt, ſagſt Du; er iſt Dein Freund ge⸗ worden?“ „Er lebt! Er iſt reich, edel, mächtig! Seine Ver⸗ brechen ſind bitter bereut, Arauſam gebüßt worden! Sraunea, wie Ihre Abſchließung, 2 Mutter, edel wie Ihre Selbſtver⸗ leugnung, waren die Büßungen Oſaley's jene eines frei⸗ willigen Märtyrers. Ehe er mit Ihrem Sohne bekannt wurde und aus Zuneigung für ihn ſein Herz auſ's Neue den Freuden des Lebens erſchloß, war er der unglücklichſte aller Menſchen. Erſt jetzt...“ Die Worte blieben auf Baſil Annesleys Lippen; denn er ſah, daß ſie vergebens ausgeſprochen wurden. Der plötz⸗. liche Andrang ihrer Gefühle hatte Lady Annesley in einen. Zuſtand Lnnicher Unempfindlichkeit ereeg Noch ein Au⸗ genblick und er beugte ſich in angſtvollem Enttzen über den athemloſen Körper ſeiner Mutter. „ 173 Zehntes Kapitel. Ich zähle nicht der Jugend ſonn'ge Tage, Es blendet mich ihr. Glanz! Viel leichter iſt's Zu zählen jene freudeleeren Jahre, Auf die der Strom der Sorgen niederſchoß Von einem ewig wolkenvollen Himmel. Maßinger. Langſam und qualvoll war der Kampf des zurück⸗ kehrenden Lebens für das leidende Weib, das die ſchwere Hand des Grames mit weit mehr Stärke getragen hatte, als ſie jetzt, unter der wiederbelebenden Berührung des Troſtes und der Liebe bewies. Es war vergebens, daß ſie, als ſie ſich allmählig von der Genauigkeit der ſeltſamen Entdeckungen Baſils überzeugte, den Verſuch machte, die Gewalt ihrer vorigen Geſtändniſſe zu ſchwächen; und mit Recht war ihr Sohn dankbar, daß die Geheimniſſe ihres Herzens enthüllt worden waren, ehe die überraſchende Thatſache, daß Oſaley noch am Leben ſei, ihren Lippen Schweigen auferlegte. Baſil wußte nun alles. Er kannte nun das Schlimmſte, und dieſes Schlimmſte gebot keine unüberwindliche Feindſchaft zwiſchen Lady Annesley und dem Geliebten ihrer Jugend. „Dank ſei dem Himmel,“ rief er in der Wärme ſeines Herzens,„ich bin nun im Stande, meine Pflicht gegen meine unglückliche Mutter mit der zärtlichen Liebe für die Familie zu vereinigen, welche ich freiwillig als meine ei⸗ gene angenommen habe. Um Gerechtigkeit von den Stell⸗ vertretern meines Vaters zu erhalten, kann ich den Einfluß und die Kraft desjenigen aufbieten, deſſen mächtiger Be⸗ redtſamkeit, deſſen Zeugniß niemand widerſtehen wird. Oſaley iſt edel. Er wird nicht ſeine Hülfe verweigern, um die Unſchuld der Frau herauszuſtellen, auf deren Gluck er für das ganze Leben einen ſo nachtheiligen Einfluß geübt hat.“ Unter dem Vorwande von Dienſtpflicht, in der That aber nur in der Abſicht, in dem Herzen ſeiner Schweſter das Gefühl der Pflicht gegen die gekränkte Mutter um ſo ſchneller wieder zu entzunden, eilte Baſil, nachdem noch ein Tag unter dem Austauſche vertraulicher Eroͤffnungen verſtrichen war, welche die gegenſeitige Liebe nur erhöhten, nach der Stadt zurück. Er war begierig nach einer Un⸗ terredung mit Oſaley, nach neuen Mittheilungen gegen Mrs. Verelſt, von der er entzückt ſeine Mutter mit Theil⸗ nahme und Liebe als der kleinen Rachael hatte erzählen horen, der Freude ihres väterlichen Hauſes in jener glück⸗ lichen Zeit, als die Familie Lord C....'s Gaſt des alten Oſaley geweſen war. Aber als er London erreichte, fand er, daß der Ver⸗ lauf weniger Tage nur dazu gedient hatte, neue Störungen herbeizuführen. Beinahe mit einer, dem früheren Ver⸗ ſchwinden A. O's ähnlichen geheimnißvollen Geſchwin⸗ digkeit, war die kleine Familie auf einmal zerſtreut. Auf die ernſtliche Einladung des Marquis von L. hatten Mrs. Verelſt und Salome, wie es ſchien, eingewilligt, den Künſtler bei ſeiner Reiſe nach dem Norden zu begleiten, und während ihrer Abweſenheit ſollte Eſther bei den Branzini's wohnen. 4 „Die junge Dame konnte nicht wohl hier allein zu⸗ rückbleiben,“ bemerkte der vertraute Hausmeiſter in Ber⸗ nard⸗Street, als er das beſtürzte Geſicht Annesleys ſah, in welchem er einen Freund der Familie erkannte, und mein Herr hat, wie Sie wahrſcheinlich unterrichtet ſind, bereits England verlaſſen.“— „England verlaſſen! Herr Oſaley hat England ver⸗ laſſen!“ rief Baſtl, üͤber alle Maßen durch einen Schritt erbittert, den er als die Folge einer der geheimnißvollen Launen A. O's anzuſehen geneigt war.„Und wohin iſt er gegangen? Nach Spanien? Nach Rom 2 175 „Sie werden das in ſeinem Geſchäftshauſe in der City erfahren, Sir, an das er alle Briefe an ihn zur Beförderung nach dem Continente abzugeben befahl. Aber ich möchte nach dem, was ich von einem der entlaſſenen Bedienten Lord Maitlands hörte, glauben, daß Herr Oſaley nach Deutſchland gegangen iſt.“ „Nach Deutſchland! Lord Maitland!“ wiederholte Baſil in gänzlicher Beſtürzung; und indem er in ſeinem Innern die jüngſten Eröffnungen ſeiner Mutter hinſichtlich ſeiner Liebe für Lucie mit den früheren Spöttereien Abednegos über denſelben Gegenſtand in Verbindung brachte, wandte er ſich gereizt von der Thüre ab, fürchtend, Oſaley möge in übelangebrachter Güte zu einer unberufe⸗ nen Vermittlung zu ſeinen Gunſten bei Lord Maitlands Familie getrieben werden. „Als er entdeckte, daß die Liebe ſeiner Nichte einem andern gehöre,“ ſprach Baſil für ſich ſelbſt,„begann er ohne Zweifel die Ermuthigung zu bedauern, die er meiner Leidenſchaft gegeben, und in ſeiner Herzensgüte will er vielleicht es unternehmen, mir Erſatz für mein Unglück zu geben, indem er mir eine Frau verſchafft, die er mit dem Vermögen zu verſehen beabſichtigt, das meiner Mutter durch ihren Anwalt ſo geprieſen wurde. Mehr als einmal hat er auf Luciens Gefühle für mich angeſpielt; ja, wenn ich nicht irre, waren ſie der Vorwand für die Nachſicht, die er gegen ihre Eltern bewies, und für welche John Maitland mir offen und ohne Rückhalt dankte. Was auf Erden ſoll aus mir werden, wenn meine Vermuthung ſich beſtätigt. Wie ſoll ich ohne Härte und Unhoͤflichkeit einer Verbindung entgehen, bei der Oſaley wahrſcheinlich alle Hinderniſſe vorausgeſehen und beſeitigt hat. Vardge ſchrieb meiner Mutter, als ſeien die Einleitungen bereits getroffen? Ich zittere, wenn ich an die Folgen denke, welche die Dienſt⸗ fertigkeit eines zu geſchäftigen Freundes herbeiführen kann. Es war kein großes Opfer für den jungen Annesley, nach dem Geſchäftshauſe des Herrn Oſaley zu gehen, mit 176 deſſen Lage er nun vertraut war, um ſich über den Weg Gewißheit zu verſchaffen, den der Reiſende genommen. Aber die Kunde, die er davon erhielt, war nichts weniger als beſtimmt. Oſaley hatte London auf einem Antwerpner Dampfboote verlaſſen. Seine Briefe ſollten nach Frank⸗ furt am Main gerichtet werden. Die Dauer ſeiner Ab⸗ weſenheit war unbeſtimmt, und man glaubte, daß ſein letztes Ziel Wien ſein möchte. Hätte Baſil genau erfahren können, wo der Mann ſei, von deſſen geheimnißvollem Ueberall er ſchon eine ſo irreleitende Erfahrung erhalten hatte, ſo würde er ſich wahrſcheinlich aufgemacht haben, um die Pläne zu hinter⸗ treiben, die vielleicht nach allem nur eine Ausgeburt ſeiner erregten Einbildung waren. Aber da eine ſolche Reiſe à la Don Quixot für jetzt außer Frage ſtand, begnügte er ſich, die Adreſſe des Frankfurter Banquiers zu erhalten, an den alle Briefe für Oſaley gerichtet werden ſollten und hegte die Abſicht, ſich ſelbſt durch ſchnellere und gewiſſere Mittel Auskunft zu verſchaffen. Als er jedoch zu dieſem Zwecke die Feder ergriff, ſchienen ihm ſeine, für die Conjecturen, durch welche er ſich hatte beunruhigen laſſen, angeführten Gründe ſo albern, daß er den Muth nicht hatte, dieſen Gegenſtand zu berüh⸗ ren. Ein Weib und Vermögen abzulehnen, das ihm an⸗ zubieten niemand die leiſeſte Idee haben mochte, würde ſeinem ſarkaſtiſchen Freunde eine endloſe Quelle zum Spotte gegeben haben, und indem er an Oſaley ſchrieb, wich ſeine kindiſche und ſelbſtiſche Angſt ſchnell jenen wichtige⸗ ren Intereſſen, welche mit dem unſeligen Namen A. O's. in Verbindung ſtanden. 1* Es war ſeine erſte Pflicht, die jüngſte Unterredung mit ſeiner Mutter zu beſchreiben, mit der äußerſten Ge⸗ nauigkeit die peinlichen Entdeckungen zu bekennen, welche zwiſchen ihnen vorgefallen waren, und mit Ernſt den Beiſtand Oſaleys dazu zu erbitten, ihren befleckten Ruf in den Augen der Annesley'ſchen Familie und, vor Allem, 177 in jenen ſeiner entfremdeten Schweſter, zu reinigen, und nachdem er in beredten Worten ſich über die Leiden und den Gram der beſchimpften Einſiedlerin von Barlingham Grange ausgeſprochen und den Brief eilig nach der Anwei⸗ ſung, die er erhalten, abgeſendet hatte, wurde Baſil Annesley's Seele einigermaßen ruhig. Hätte er, anſtatt chimäriſchen Vermuthungen hinſichtlich der Reiſe ſeines Freundes nachzuhängen, ſich, wie Abednego erwartet hatte, nach dem Hauſe der Branzinis begeben, ſobald er die Zerſtreuung der Familie erfahren hatte, ſo würde ſich Alles erklärt haben. Oſaley hatte keinen Brief für ihn zurück⸗ gelaſſen, weil er überzeugt war, daß ſein erſter Gegenſtand ſein werde, Eſther zu beſuchen, von der er den Entſchluß ihres Onkels gehört haben würde, ſeinen Einfluß auf die Aufhebung des gegen den unklugen Verelſt verhängten Verbannungsurtheils zu werwenden. Sceeiner Lieblingsnichte hatte Oſaley alle ſeine Plane anvertraut. Aus Furcht, die geſchwächten Nerven ſeiner Schweſter zu erſchrecken, oder die zu ſanguiniſchen Hoff⸗ nungen ſeines Schwagers zu erregen, hatte er ihnen nichts entdeckt. Doch Eſther, welche in ſeinen Augen eine bei⸗ nahe ſchon matronenhafte Würde annahm, wurde von ſeinem ernſten Wunſche unterrichtet, das Glück der kleinen Familie durch die Wiedervereinigung Salomes mit dem jungen Grafen von Ehrenſtein zu vervollſtändigen, und durch die Mitgabe einer Ausſteuer alle Ungleichheiten der Geburt zu verwiſchen. Der Eroöͤffnung dieſer Unterhand⸗ lung mußten jedoch die Entfernung der dem Vater ent⸗ gegenſtehenden geſetzlichen Hinderniſſe vorausgehen, und der Zweck ſeines Beſuches in Frankfurt war, ſich zu Gunſten Verelſts die Verwendung verſchiedener fremder Geſandten bei der freien Stadt zu ſichern, welche das Anſehen ſeiner finanziellen Stellung in ſein Intereſſe gezogen hatte. Gewohnt an die Erbärmlichkeiten der menſchlichen, dder beſſer conventionellen Natur, wurde Abednego nicht Der Geldverleiher. U. 12 wenig beluſtigt, jene Bevollmächtigten ihr Bedauern aus⸗ drücken zu hören, daß er ihre Ergebenheit auf eine ſo ge⸗ ringe Probe ſtelle, wie die Bitte um ihre Verwendung zu Gunſten eines ſo obſcuren Individuums ſei, eines unbe⸗ deutenden Künſtlers von keinem größeren Belange auf der Schöpfungsleiter, oder in den Augen des badenſchen Gou⸗ vernements, als die Lakeien in ihren Dienſten. So wenig waren ſie im Stande, in einem halbverhungerten Zeichen⸗ meiſter der Univerſität Heidelberg den Schwager des mächtigen und einflußreichen Oſaley zu vermuthen, deſſen Name die Stütze ihrer Anlehen und deſſen Wort gleich dem eines ſouverainen Fürſten war. Ihre Unkenntniß war jedoch neunzigfach zu ſeinen Gunſten; denn hätten ſie die Natur ſeiner Theilnahme zu Gunſten des politiſchen Verbrechers gekannt, ſo würde die Bedeutung ihres Dien⸗ ſtes in demſelben Verhältniſſe geſtiegen ſein. So wenig er indeſſen auf die Aufhebung des gegen den armen Künſt⸗ ler verhängten Verbannungsurtheils drang, war dieſelbe doch innerhalb einer Woche in ſeinen Händen, und zwar gegen eine Caution, welche Oſaley für den Verbrecher mit der geringen Summe von zehntauſend Thalern leiſtete, die wahrſcheinlich durch die baden'ſche Regierung verfünf⸗ facht worden wäre, hätte Seine Großherzogliche Hoheit die verwandtſchaftliche Stellung der Betheiligten gekannt. Das erſte, was Oſaley thun wollte, war, ſeiner ge⸗ liebten Nichte Nachrichten über die Wiedereinſetzung ihres Vaters in ſeine Rechte zu ſenden; aber es fiel ihm bei, daß ſeine Sendung erſt halb vollführt ſei, und daß die guten Nachrichten ein noch weit groͤßeres Glück verbrei⸗ ten würden, wenn ſie mit denen ſeines Beſuches bei Eh⸗ renſtein verbunden ſeien. 4 Für den jungen Grafen war das Urtheil, das die Ausſichten des armen Lehrers ſo gänzlich vernichtet hatte, unſchädlich geweſen. Er war kein geborener Unterthan des Großherzogs, und die Verweiſung von der Univerſität Heidelberg aus einem ſolchen Grunde brachte einem jungen 179 Edelmann, unabhängig durch Vermögen, wie durch Grund⸗ ſätze, keinen Nachtheil. Ohne das Mißfallen, welches ſein politiſches Ver⸗ brechen ſeiner verwittweten Mutter verurſachte, die eine etwas ſtrenge Aufſeherin ſeiner Unmündigkeit war, würde er in dem Ereigniſſe nichts Bedauerliches geſehen haben, außer die Störung ſeines freundſchaftlichen Verhältniſſes mit ſeinem guten alten Lehrer und des mehr als freund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſes mit ſeiner liebenswürdigen Mit⸗ ſchülerin, deren Namen er in Gegenwart ſeiner erbitterten Mutter nicht einmal mehr zu nennen wagte. In der Hoffnung, daß Unterwürfigkeit eendlich die Erbitterung der erzürnten Wittwe verſöͤhnen möchte, hatte ſich der junge Graf indeſſen ihren Launen geduldig unter⸗ worfen und war ihr Geſellſchafter bei ihren Sommer⸗ ausflügen und an ihrem winterlichen Herde geworden. Bei der Ankunft Oſaley's auf dem Schloſſe von Ehren⸗ ſtein, das wenige Meilen nördlich von Frankfurt lag und ein feudaler Erbſitz von einiger Bedeutung in mehr krie⸗ geriſchen Jahrhunderten geweſen war, fand er, daß die Gräfin mit ihrem Sohne für den Sommer in die Tau⸗ nusbäder gegangen ſei, und begab ſich ſogleich dahin; nicht wenig beluſtigt, ſo von ungefähr unter die Haufen reiſender Mutterſöhnchen geworfen zu werden, welche ſchon unter anderen Sommerinſekten in den Rheingegenden her⸗ umſchwärmten. 4 Jahre waren verſchwunden, ſeit Abednego zuletzt dieſe ſchönen Provinzen beſuchte. Es war während der Züge der noch ſiegreichen Armee Napoleons, daß er zuletzt den „frohlockenden und üppigen Strom“ überſchritten hatte, der damals, noch unentweiht durch Dampfboote, ſeine ganze Majeſtät als Gränze behauptete. Unter dem Ein⸗ fluſſe der Schifffahrts⸗Geſellſchaften und Hotel⸗Specula⸗ tionen ſchien Alles kleinlich und gewöhnlich geworden zu ſein. Dieſelben Felſen ſchienen weniger majeſtätiſch, der Fluß weniger edel, ſeit ſie als die lions der Vergnü⸗ 8 180 gungspartien und gemeinſchaftlicher Ausflüge betrachtet wurden.. Aber von welchen moraliſchen Uebergängen war er nicht in der Zwiſchenzeit, welche dieſe oberflächlichen Ver⸗ änderungen hervorgebracht hatten, Zeuge geweſen! Von der Vertilgung von Reichen, von der Zerſtücklung von Königreichen, der Vernichtung von Dynaſtien, dem Sturze⸗ von Regierungen. Alle Nationen und Sprachen ſchienen in der Erinnerung Oſaley's vermiſcht, als er ſich in's Gedächtniß zurückrief, daß das Preußen von heute das Frankreich von geſtern geweſen ſei, daß nun Souveräne auf dem Throne ſaßen, welche in jener Zeit in der Ver⸗ bannung umherzogen, und daß Souveräne nun in der Verbannung lebten, welche damals Throne einnahmen. Im Vergleiche mit ſolchen Wechſelfällen wurden die ſeines eigenen wechſelvollen Lebens von geringem Belange. Wenn er bedachte, daß die mächtige Armee, welche er gleich einem Strome die Ufer des Rheins hatte überflu⸗ then ſehen, in nichts verfallen war, daß von den großen Fen herren ‚deren Namen in jener Zeit Provinzen erober⸗ ten, viele in ein ſchon vergeſſenes Grab geſunken waren, viele nur lebten, um ihre Unſterblichkeit zu überleben, in⸗ dem ſie nur dadurch, daß ſie in ihren alten Tagen einer Sache dienten, welche zu kreuzigen und zu vertilgen der Zweck ihrer Jugend geweſen, einen geringen Einfluß auf die öffentliche Meinung zurückbehielten, dann höͤrte er auf, ſich über die Unbeſtändigkeit ſeiner eigenen Laufbahn zu wundern, und begann mit weniger herbem Kummer die Unbedeutendheit des Zieles zu betrachten, auf das ſeine ſo großen Entbehrungen, ſeine mächtigſten Anſtrengungen mühſam gerichtet geweſen waren. Seit ſelbſt Potentaten ſo vernichtet worden, ſeit ſelbſt Staaten und Reiche als ſo geringe Spielzeuge und Geräthe in der mächtigen Hand der Vorſehung erſchienen, ſeit der Feldherr jener trium⸗ phirenden Armee vom Geſchicke dazu beſtimmt war, als ein unglücklicher Gefangener auf einem nackten Felſen um⸗ 181 zukommen, und ſein muthmaßlicher Nachfolger auf dem Throne Frankreichs als öffentlicher Penſionär in einem geringen deutſchen Städtchen, welches Recht hatte Abed⸗ nego Oſaley, darüber zu murren, daß der Stellvertreter der Handelsfürſten von Cadix unter dem Vorwurfe leiden mußte, ſeine beſchmutzten Reichthümer von den letzten üb⸗ rigen Ablegern ſeiner unglücklichen Race empfangen zu haben. „Doch welcher von dieſen koͤniglichen Prahlern,“ murmelte er bei ſich ſelbſt, während ſein Reiſewagen einen der ſchön bewaldeten Hügel Naſſaus hinanfuhr,„hat je⸗ mals, gleich mir, ſich an der Betrachtung der Natur, oder dem Studium der menſchlichen Natur erfreut? Welche Vergnügungen oder welchen Zeitvertreib ſicherte ihnen koͤniglicher Glanz, worin ich nicht auf eine weit ausgeſuchtere Art geſchwelgt hätte? Ich habe über alle Freuden geboten, ſicher vor allen Sorgen und Strafen des Koͤnigthums, und dem Ueberdruſſe eines Thrones, wie der Schmach der Entthronung entgehend. Es gab eine Zeit, wo ich voll Ehrgeiz nach etwas, was über dieſen endlichen Sinnengenüſſen ſtand, ſtrebte. Es gab eine Zeit, wo ich in mir den Keim einer ruhmvolleren Größe fühlte, der Groͤße, welche durch geiſtige Ueberle⸗ genheit herrſcht. Aber in wie vielen außer mir ging der Keim des Genie's unenthüllt unter, aus Mangel an gün⸗ ſtigen Zufällen. Hohe Fähigkeit reicht allein nicht für den Ruhm hin; denn welche Anſprüche auf unſere Bewun⸗ derung hätten ſonſt Baion und Mirabeau hinterlaſſen. Gleich ihnen wähnte ich geboren zu ſein, um über die ſchwächeren Geiſter meiner Zeitgenoſſen zu herrſchen. Gleich ihnen, begreife ich nun in hoheren Jahren, daß ich der moraliſchen Kraft entbehrte, um jene helleren Auffaſſungs⸗ gaben und reicheren Schätze des Unterrichts, deren ich mich eitel rühme, zu kräftigen. Die Welt beurtheilte mich richtig! Ich war nicht geboren, ein großer Mann zu werden. Es war nicht mein jüdiſcher Name, welcher 182² mich verrieth, es war meine jüdiſche Natur; es war ein Geheimniß, das hinter den dreißig Silberlingen lauerte; es war eine überkaufmänniſche Schätzung der Menſchen und Dinge. So lange lich mich erinnern kann, maß ich jeden Gegenſtand um mich nach ſeinem Goldgewichte. Ich hielt mich ſelbſt für eine Partie für Lord C.'s Tochter, weil ich reich war; ich glaubte ein Recht zu haben, in das Haus der Gemeinen zu treten, weil ich reich warv; ich hielt mich für berechtigt, auf den Nacken des niedriggeborenen, aber hochſinnigen Gatten meiner Schwe⸗ ſter zu treten, weil ich reich war. Ich bildete mir ein, daß ich die Neigung der Frau Sir Bernard Annes⸗ ley's wieder gewinnen könne, weil ich reich war. Ohne dieſe angeborene Gemeinheit der Natur möchte ich ein großer Mann geworden ſein. Als ich getreten wurde, hätte ich mich mit der edlen Wuth des Löwen gegen meine Unterdrücker wenden ſollen, nicht mit dem ſchleichenden Gifte der Schlange; denn obwohl das Aufſchießen der Boa conſtrictor der Stärke des Köͤnigs der Wälder gleich ſein mag, ſo iſt ihr Triumph doch nur immer der eines ungeheuren Wurmes.“ Der Mann, welcher ſo ſorgfältig und beinahe ſarka⸗ ſtiſch ſeinen eignen Zuſtand und ſeine eignen Motive zu prüfen im Stande war, konnte nicht nachſichtiger gegen die andrer Leute ſein. Als er erfuhr, daß Maitlands ſich in Wiesbaden aufhielten, trug er Sorge, ſich in den Bade⸗ liſten unter ſeinem Reiſenamen Clerval einzuſchreiben, unter dem er in Frankreich eingebürgert war, um ein unge⸗ ahnter Beobachter, der durch die Nachſicht und Ermah⸗ nungen A. O's. bewirkten Verbeſſerungen in den Gewohn⸗ heiten der Familie zu werden. Es war, wie er wußte, eben ſo vernünftig, zu erwar⸗ ten, daß der Leopard ſeine Flecken und der Mohr ſeine Haut wechſeln würde, als zu glanben, daß die Chineſin von Arlington⸗Street auf den Glanz und die Eitelkeiten des Lebens aus Unterwerfung unter die Erforderniſſe ihrer 183 Lage verzichten wurde; und es verſetzte ihn daher wenig in Erſtaunen, als er die herzloſe Tändlerin, die er geſchont hatte, unter den eifrigſten Hoͤflingen jenes kleinen Haufens des Königthums entdeckte, woran in jedem ausländiſchen Badeorte Ueberfluß iſt und dem wenig Ehrerbietung zu Theil wird, außer unter den, den Löwen und das Einhorn anbetenden Liebhabern Großbritaniens. Wo immer eine königliche oder durchlauchtige Hoheit wohnte, wo immer ein Land⸗ oder Markgraf ſein Bad nahm, wo immer eine Fürſtin oder Großherzogin ihrer Verdauung oder ſonſtigen Leibesbeſchaffenheit durch Schwe⸗ fel zu Hülfe kam, vork hatten ſicher der große Jäger und die glänzende Equipage der Lady Maitland die Wache, und nicht ein Sprößling königlicher oder kaiſerlichen Würde konnte vierundzwanzig Stunden im Herzogthum ſich auf⸗ halten, ohne daß ſie mit der Wachſamkeit der Polizei ſeine Ankunft witterte und ihren dienſtfertigen Eifer auf denſelben ausdehnte. An einem Orte, deſſen nüchterne Gewohnheiten von den läſtigen Pflichten der Gaſtfreund⸗ ſchaft entbinden, fuhr ſie fort, Diners zu geben. Kurz ſo viele von den koſtſpieligen Thorheiten von May Fair ſich nur immer nach den Wildniſſen Naſſaus verpflanzen ließen, ſetzte die eitelſte Tochter der Eitelkeit fort, zum Nachtheil für ihre Familie und zum Spotte ihrer auslän⸗ diſchen Bekanntſchaften. Er bedurfte nur der wenigen Worte, durch welche Oſaley bei dem jungen Grafen von Ehrenſtein von Eſther Verelſt eingeführt wurde, um zwiſchen ihrem Onkel und jenem ein inniges Verhältniß zu erzeugen; und der junge Graf war zu glücklich, durch dieſe Gelegenheit Nachrichten von der ihm ſo theuren Familie zu erhalten, um in Ver⸗ legenheit zu gerathen, als er fand, daß das Mädchen, welches er in beſcheidener Dunkelheit geliebt hatte, ſich in eine reiche Erbin verwandelt habe. Es war aber nicht das, was er zu hören verlangte. Sein einziger Wunſch war, zu erfahren, oh die, welche er nie vergeſſen hatte, ſeiner 184 freundlich gedachten, ob ſeine ſcheinbare Vernachläſſigung keinen Unwillen errege, ob Salome noch frei ſei, um ihn zu lieben und ſeine Verſicherungen unverminderter Liebe anzunehmen. Zwiſchen einer ſo offenen Natur, wie die ſeine, und einem ſo entſchiedenen Charakter, wie der Oſa⸗ ley's, war ſchnell ein gutes Einverſtändniß hergeſtellt. „Ja, ich hatte ſchon von Ihnen gehört,“ verſetzte der junge Graf auf die abgebrochenen Fragen ſeines neuen Freundes.„Sie ſind nicht, wie Sie denken mögen, eine ideale Perſon in meinen Augen, gleich dem„Onkel von Amerika“ in einem franzöſiſchen Vaudeville. Es konnte kaum anders ſein. Eingeweiht, wie ich war, in das Ver⸗ trauen Ihrer Familie, vereint mit dem armen Verelſt durch das Band gemeinſchaftlicher Gefahr, konnte es nicht anders ſein, als daß ich eines gewiſſen hartherzigen Bru⸗ ders erwähnen hörte, dem einzigen Erben ſeiner Familie, der jedoch ſein Monopol ſo merkwürdig mißbrauchte, daß der Himmel ſeine Reichthümer nicht mit Vermehrung ſeg⸗ nete. Jener vortreffliche Menſch glaubte nicht, daß Sie Ihren Ruin überlebt hätten; wenigſtens hielt er Sie, wenn Sie noch lebten, für dürftig und in größerer Trüb⸗ ſal, als er ſelbſt war. Unter ſolchen Umſtänden ſprach er von ihnen mit Nachſicht, und mehr als einmal hörte ich Ihren Namen von den ſtammelnden Lippen ſeines Wei⸗ bes der Gnade und dem Schutze Gottes empfehlen!“ „Sie waren gütiger gegen mich, als ich verdiente,“ war die offenherzige Antwort Abednegos. „Empfangen Sie zuletzt meine Glückwünſche, daß Sie es noch erlebten, dankbar für Ihre Mäßigung zu werden,“ fuhr Ehrenſtein heiterer fort.„Erlauben Sie mir nun, auch mir zu Ihrer Wiederauferſtehung Glück zu wünſchen, indem Sie, reich, verſöhnlich und guͤtig genug, vielleicht die einzigen Hinderniſſe für mein vollkommenes Lebensglück zu beſeitigen vermögen. Ihre Offenheit gegen mich, mein theurer Sir, nimmt die meinige dagegen in Anſpruch. Erfahren Sie daher, daß der Widerſtand von 18³ Seiten meiner Mutter, welcher mich zwang, alle Schritte zu einer Verbindung mit den Verelſt's während ihrer Lebens⸗ zeit aufzugeben, wahrſcheinlich mehr aus dem Mangel an Vermögen, als an Connerionen hervorging. Meine Mut⸗ ter iſt ſelbſt die Tochter eines Frankfurter Banquiers und hat kein Recht, eine Vermehrung der Wappenſchilder des Hauſes Ehrenſtein durch mein Weib zu verlangen, welche ſie ſelbſt nicht brachte. Meines Vaters Heirath war einer von den„Acten der Verſchmelzungen“ der Politik Napo⸗ leons, in jenen Zeiten kaiſerlicher Suprematie, als er Kro⸗ nen und Ehefrauen an Herzoge und Barone eben ſo ſorg⸗ los vertheilte, als er Fürſten mediatiſirte, oder Provinzen decimirte.“ „Das hätte ich aus ihrem Stolze vermuthen können,“ murmelte Abednego halb bei Seite.„Niemals fand ich, daß eine Frau von erlauchter Abſtammung eitel auf ihre höhere ſociale Stellung war.“ „Sie haben Recht,“ entgegnete Ehrenſtein, der nur halb gehoͤrt hatte.„Es iſt eines von den Uebeln deſſen, was man Meſalliances nennt, daß ſie eine falſche Stellung erzeugen, wie moraliſche Nachtheile. Geſegnet jedoch ſei bei dieſer Gelegenheit der Deſpotismus des Kaiſers, da er mich berechtigt, von meiner Mutter die Bewilligung einer Heirath zu fordern, welche durch Ihre Freigebigkeit ebenſowohl dazu dienen wird, der Würde unſeres Hauſes einen gewiſſen Grad jenes durch die Wechſelfälle des Krie⸗ ges verminderten Glanzes zurückzugeben, als mich zu dem glücklichſten Menſchen zu machen. Doch würde der Vor⸗ ſchlag beſſer von Ihnen ausgehen. Laſſen Sie mich Ihnen empfehlen, daß Sie mit der Gräfin mehr unterhandeln, als legten Sie eine Verpflichtung auf, ſtatt eine Bewilli⸗ gung zu ſuchen. Im wahren Lichte der Sache iſt auch die Verpflichtung vöollig auf unſerer Seite.“— Mit dieſem Winke und ausgerüſtet mit den perſönlichen Empfehlungen ſeiner diplomatiſchen Gönner, welche ihm in andern Beziehungen ſchon ſo weſentliche Dienſte gelei⸗ ſtet, wagte Oſaley, der„gnädigen Gräfin“ ſeine Eröffnun⸗ gen hinſichtlich der Verbindung zu machen, und das Aner⸗ bieten einer Mitgift von viermalhunderttauſend Kronen war ihren Ohren ein ſo wunderbarer Klang, daß er ſowohl finanzieller als diplomatiſcher Garantien bedurfte, um ſie von der Authentität des Vorſchlages zu überzeugen. Sie wunderte ſich nicht länger über die eremplariſche Unterwuͤr⸗ figkeit, mit der ihr Sohn ſeine politiſchen Viſionen auf⸗ gegeben und ſich während der letzten zwei Jahre mit der Adminiſtration der Ehrenſtein'ſchen Güter begnügt hatte, als ſie fand, daß dieſe günſtige Verbindung ſtets das letzte Ziel ſeiner Hoffnungen geweſen war. Alles, was ſelbſt den ſtolzeſten Hoffnungen der Fa⸗ milie bei dieſer Gelegenheit zu wünſchen übrig blieb, wurde ſchnell durch die Entdeckung erfüllt, daß der großmüthige Oſaley ſchon die Schenkungsurkunde eines Landgutes, das er ſeit einigen Jahren im Rheingau beſeſſen, für ſeinen Schwager und die Kinder ſeiner Schweſter ausgefertigt hatte, wodurch ſie berechtigt waren, ſich unter die Land⸗ eigenthümer der Provinz zu reihen und bei ihrer Zurück⸗ kunft nach Deutſchland eine dem erblichen Vermögen der Mrs. Verelſt und den künftigen Ausſichten ihrer Nachkom⸗ menſchaft würdigere Sphäre einzunehmen. „Aber da nun Deine Verlobung entſchieden iſt, mein theurer Ernſt, was wirſt Du nun mit Deinen kleinen eng⸗ liſchen Damen anfangen?“ fragte die verehrungswürdige Grafin ſcherzend ihren Sohn, während ſie mit Herrn von Clerval, deſſen Reichthümer ihn in ihren Augen zu einer Art von Rübezahl machten, eine freundliche Priſe Tabak als Zeichen der Genehmigung ihres Allianz⸗Traktates aus⸗ wechſelte. „Ich vermache ſie Ihrer Sorge für den Reſt der Saiſon, meine gute Mutter,“ verſetzte der junge Ehrenſtein. „Ich fürchte, ihnen ferner nicht mehr nützen zu können, da Sie ſo gütig waren, meinen Plan zu genehmigen, mit unſerem vorſorgenden Freunde nach England zurückzukehren, 187 um Ihnen die beſte und hübſcheſte aller Schwiegertoͤchter zurückzubringen.“ „Um Vergebung,“ verſetzte die ſchlaue Gräfin mit einem Lächeln,„ich kann Dein Vermächtniß nicht annehmen. Ich habe ebenfalls meine Pflichten zu erfüllen. Ich muß nach Ehrenſtein zurückkehren, wie es einer haushälteriſchen Wittwe geziemt, und das alte Schloß in Ordnung ſetzen zum Empfang ſeiner neuen Burgfrau. Es iſt unmöglich, mich genug der Ehre einer ſo glücklichen Verbindung wurdig zu zeigen.“ „In dieſem Falle müſſen Sie ſich nach irgend einer hochgebornen Stiftsdame umſehen, um an Ihrer Stelle dieſen vornehmen Fremden die Honneurs des Landes zu machen,“ entgegnete ihr Sohn, kaum im Stande, ſein Entzücken über den mütterlichen Eifer, mit dem ſie auf ſeine glücklichen Ausſichten einging, zu verbergen. „Nach einer Stiftsdame?“ erwiederte die Gräfin, indem ſie verächtlich einige zurückgebliebene Körner von Oſaley's unvergleichlichem Macuba von ihren dürren wachs⸗ gleichen Fingern entfernte.„Mein theurer Sohn, Du biſt entweder der liſtigſte oder ſinnreichſte Deines Geſchlechtes, da Du Unwiſſenheit darin affektirſt, daß ſelbſt eine Mark⸗ gräfin oder Großherzogin allen Reiz in den Augen dieſer Ladies verlieren würde, wenn ſie nicht mit einem unver⸗ heiratheten Sohne begabt iſt. Bilde Dir nicht ein, daß die arme alte Gräfin von Ehrenſtein Milady Maitland und ihre Töchter veranlaßt haben würde, von Tag zu Tag drei ſteile Treppen im Hotel zu den vier Jahreszeiten hinanzuklimmen, hätten ſie nicht das Herz und die Grafen⸗ krone ihres Sohnes und Erben für frei gehalten.“ „Immer dieſe Maitlands!“ rief Oſaley, die Achſeln zuckend;„wann werden meine ſchönen Landsmänninen endlich einmal aufhören, ſich durch dieſe Ehemanns⸗Jagden und Kreuzzüge herabzuwürdigen!“ „Das iſt ganz allein der Fehler Eurer Inſtitutionen, mein guter Sir,“ entgegnete die Wittwe ſententiös;„das * In England beſchränkt Ihr Eure Töchter auf eine ſo ſchändlich mittelmäßige Erbſchaft, daß nur reiche Männer ſie heirathen können. Reiche Männer haben natürlich die meiſte Freiheit und Laune bei ihrer Wahl, und dieſe armen Mädchen müſſen folglich herabgeſetzt und niedergedrückt, gleich der Waare auf einem Sclavenmarkte, beſichtigt und beaufſichtigt durch die ewig wechſelnde Menge der Käufer, zurückbleiben, oder raſche Schritte zu ihren eigenen Gunſten wagen, welche ſie noch gewiſſer der Verachtung und dem Mißgeſchicke zuführen.“ „Wenn ſie nicht,“ rief Oſaley gut gelaunt,„einen reichen und müßigen Onkel haben, der ſich herbeiläßt, zu Waſſer und Land, auf Dampfſchiffen und Ciſenbahnen um⸗ herzureiſen, um den ſchwachen Funken der erlöſchenden Liebe eines lauen jungen Edelmannes wieder anzufachen!“ Die Antwort Ernſt von Ehrenſteins auf dieſen Angriff war ein herzliches Gelächter und ein noch herzlicheres Schütteln der Hand. „Sie müſſen mich jedoch nicht länger hier zurück⸗ halten, als Zeit nothwendig iſt, um durch eine Runde durch die Naſſauer Brunnen einige Runzeln von meinem bleichen iſt ganz allein der Fehler Eurer ſocialen Inſtitutionen. 7 Geſichte zu verwiſchen,“ fuhr Oſaley fort;„denn ich habe noch eine Aufgabe ähnlicher Natur vor mir, welche wahr⸗ ſcheinlich mehr Zeit und Mühe koſten wird, um ſie zum Ziele zu führen, als Ihre Offenheit des Herzens und der Hand bei der gegenwärtigen Gelegenheit in Anſpruch ge⸗ nommen hat.“ Demgemäß wurde eine ſchnelle Abreiſe verabredet. In der folgenden Woche ſollte der junge Graf von Ehren⸗ ſtein ſeinen neuen Verwandten über Paris nach England zurückbegleiten, und die Wittwe begab ſich, um froͤhlich die Vorkehrungen zu treffen, in die Heimath. Es verſetzte Oſaley nicht ſehr in Erſtaunen, daß in⸗ zwiſchen Lady Maitland, welche von der Graͤfin von Ehren⸗ ſtein die glücklichen Ausſichten ihres Sohnes erfuhr, und „ 189 daß der Onkel der Braut, ein Nabob, ein Millionär und reicher als ein Generalpächter, in ihrem Hotel wohne, ihm eine ſchmeichelhafte Einladung unter dem Namen des:„Monsieur le Marquis de Clerval etc. etc. etc.“ ſandte; denn ein Mann, der ſich in Reich⸗ thümern wälzte, konnte in einem Jahrhundert, wo man für Geld alle Titel haben kann, kaum weniger als ein Marquis ſein.“ Es war eine verführeriſche Gelegenheit für den De⸗ mocrit der Delahay Street, Lady Maitland der Heuchelei ihrer, eine Woche zuvor an ihn in ſein Geſchäftshaus in der City gerichteten Briefe zu überführen, worin ſie ihm, den ſie ſo unbeweglich in London glaubte, wie eine Muſchel an einem Felſen, oder die Rieſen in Guildhall, die ängſt⸗ liche Erwartung hinſichtlich ihrer abgeſchloſſenen kranken Tochter ausſprach. Demgemäß beeilte ſich:„Monsieur le Marquis“é ihr ſeine dankbare Annahme zu melden, und trug nicht blos Sorge, ſich indeſſen von Wiesbaden zu entfernen, ſondern auch den Maitlands durch die ſtolze alte Gräfin hören zu laſſen, daß er in Monrepos bei dem Herzoge von Naſſau, in Amalienburg bei dem Großherzog von Baden, und das alles übertreffend, in Frankfurt bei dem Großherzog von Gewinnsland, Rothſchild dem Großen, dinire. An dem für das bedeutſame Diner beſtimmten Tage wurden die zwei niedergedrückten Mädchen ermahnt, ſich ſo gut als möglich zu Ehren des hageſtolzen Cröſus, und des Markgrafen von Twillerſtein⸗Humberg, des Prinzen und der Prinzeſſin von Adelberg von Schwinken⸗Schwanken und des Großmarſchalls Fuͤrſten Gritten⸗Grettenhoff, welche Lady Maitland, nebſt den Ehrenſteins, zu Ehren des Frem⸗ den eingeladen hatte, zu ſchmücken. Mit der exemplariſchen Pünktlichkeit continentaler Ge⸗ wohnheiten verſammelten ſich die erlauchten fremden Gäſte im Staatszimmer Ihrer Herrlichkeit, das von Räucher⸗ pulver und eau de Lubin duftete, genau zehn Minuten 190 vor der Stunde, welche auf der Einladungskarte beſtimmt war, und wie gewoͤhnlich bei ſolchen Gelegenheiten wurden dergleichen Augenblicke von der Dame des Hauſes einer Darſtellung der Größe und des Einfluſſes des erwarteten Beſuches gewidmet.— Die Stunde des Diners ſchlug. Wieder verſchwen⸗ dete der große Jäger in Erwartung der verſpäteten Gäſte ein Uebermaß von eau à parfumer les appartements an ein Vorzimmer, dem ein ganzer Niagara von Eſſenzen den Geruch des Tabaks und der soupe aux choux nicht benommen haben würde. Aber ach, der Marquis von Clerval ließ noch auf ſich warten! Endlich, als die Erwartung auf dem hoͤchſten Punkte ſtand, und der junge Ehrenſtein, welcher jetzt einige Er⸗ fahrung in den beißenden Launen ſeines neuen Verwandten hatte, ſchon anfing, irgend eine excentriſche Repreſſalie gegen die eitle, prahleriſche Wirthin zu fürchten, wurden die Thüren geoffnet und denen, welche Oſaley erwarteten, prahleriſch„Monsieur Ie Marquis de Clerval“ ange⸗ kündigt. Mit heftiger Freude und lächelnder Grazie er⸗ hob ſich Lady Maitland augenblicklich von ihrem Stuhle, um den edlen Fremden zu bewillkommnen, als zu ihrem Entſetzen in ſeinem mittelmäßigſten Anzuge und der wenigſten einnehmenden Manieren der Gegenſtand ihres Schreckens und Abſcheus hereinſchlich, der Geldverleiher A. O. Es war zu ſpät, die Vorbereitungen zu dem üppi⸗ gen Bankett abzuſtellen, zu ſpät, die Beweiſe der Er⸗ neuerung ihrer ſchändlichen Verſchwendung zu verbergen; ſelbſt der Platz, der an ihrer Seite für den erwarteten Gaſt hergerichtet war, mußte dem Manne verbleiben, den ſie von allen auf der Welt am meiſten fürchtete. In manchen Fällen vertritt Takt die Stelle höherer Eingebungen. Bald hatte daher Lady Maitland ſöyiel Faſſung gewonnen, um ihrem Gaſte ins Geſicht zu ſehen, und wie groß auch immer ſeine Verachtung gegen 191 ihre Heuchelei ſein mochte, ſo fühlte ſie doch, daß ſie keine Bloßſtellung von ihm zu fürchten habe. Das Lächeln in ſeinen Augen war nicht boshafter Natur. Er war hier einfach in Erwiederung der von Ihrer Herrlich⸗ keit ausgegangenen unbeſonnenen Einladung, und als ihr Gaſt wollte er unter die angenehmſten gezählt werden, welche je an ihrem Tiſche figurirt hatten. Zum Erſtau⸗ nen der Mädchen, welche ihn das erſtemal ſahen und ihn nur durch die Beſchreibung als einen ſchmutzigen Wucherer kannten, machte ſich der Fremde ſchnell bei allen An⸗ weſenden als ein gebildeter Gentleman und vollendeter Weltmann beliebt. Wenige hatten auch in der That ſolcher Gelegenheiten zur Bildung und Erfahrung ſich er⸗ freut, wie er, und ſeine frühere Stellung in Paris zu jener Zeit, wo die ſich zur Größe wiederaufſchwingende mächtige Hauptſtadt ein unauflösbares Räthſel für deut⸗ ſche und engliſche Augen geweſen war, ſetzte ihn in den Stand, ſeine Unterhaltung mit authentiſchen Anekdoten von dem höchſten Intereſſe zu würzen, wie ſie Talleyrand zu einem Orakel machten, wobei er immer Pikantes mit dem charakteriſtiſchen Geplapper Montrouds verband. Kurz alle Ehren des Banketts waren für ihn, den Lady Maitland vormals kaum wie einen der in ſchoͤne Livree gekleideten Sklaven ihrer Dienerhalle behandelt hatte. Ehe man auseinanderging, ſchärfte ein einziges lei⸗ ſes Wort ihres Gaſtes ſtrenges Schweigen ein und ver⸗ ſprach Schweigen dagegen. „Wir treffen uns Madame, und ſcheiden als Fremde,“ ſagte er;„das iſt die Bedingung meiner Nachſicht!“ , Ich hatte gehofft,“ entgegnete Lady Maitland, um ihn durch geſchickte Schmeichelei zu verſoͤhnen,„die ange⸗ nehmſte Bekanntſchaft gewonnen zu haben!“ „Und haben ſtatt deſſen den letzten Schatten eines Freundes verloren,“ war die ſtrenge Antwort ihres ſchei⸗ denden Gaſtes.„Von dieſem Augenblicke an erwarten 19² Sie weder Schonung noch Beiſtand von einem Manne, der als Marquts von Clerval das Hohle Ihrer Betheu⸗ rungen, die ganze Falſchheit Ihrer Verſprechungen gegen Ihren großmuthigen Wohlthäter A. O. erkannt hat!“ Eilftes Kapitel. Als ſie unſern Staat geſehen, unſere Pa⸗ läſte, unſere Damen, die Pracht unſerer Equipagen, unſere Gärten, unſere Jagden als ſie unfre Muſik ör ten, wurden ihnen da dieſe nicht ſo theuer, als irgend welche, und haben ihre eigenen Vergnuͤgungen im Vergleiche mit den unſerigen nicht verloren? Cowper. „Sie danken mir nicht,“ ſagte Oſaley, ſeine Hände freundlich auf die Schulter des Grafen von Ehrenſtein legend, als ſie eine Woche ſpäter im Glanze eines Juli Mittages miteinander auf dem Deck eines maͤchtigen Dampfſchiffes ſtanden, das durch die funkelnden Gewäſſer der Themſe dahineilte;„Sie danken mir nicht, daß ich Ihnen eines der ſchoͤnſten Schauſpiele der Welt ver⸗ ſchaffte!“. „Nach dem Anblicke der edlen Ufer unſeres mächti⸗ gen Rheins,“ verſetzte Ehrenſtein, in der Hoffnung, ſei⸗ nen luſtigen Gefährten in eine unterhaltende Eroͤrterung zu verwickeln,„werden Sie ſicherlich nicht viel zum Preiſe dieſer Waſſerwüſte zu ſagen haben? Wagen Sie es etwa, die Reize einiger wenigen verzärtelten Seeplätze und bürgerlichen Villas mit unſeren maleriſchen Felſen und Burgen zu vergleichen?“ 193 „Mein theurer Graf, ich kümmere mich ebenſoviel um Enre einſtürzenden Burgen, als um jene grünbelade⸗ ten Nußſchalen,“ erwiederte Oſaley, während er ſeine Reiſekappe dichter über ſeine Augen zog, um beſſer einen edlen Oſtindienfahrer betrachten zu konnen, der majeſtä⸗ tiſch ſtromabwärts ſegelte; das Schauſpiel, welches ich zu rühmen geneigt bin, iſt die Lebenskraft dieſer ſchlagen⸗ den Pulsader unſeres commerciellen Koͤnigreiches. Ge⸗ ſtehen Sie, daß Sie in der letzten halben Stunde mehr Schiffe geſehen haben, als während ihres ganzen früheren Lebens! Jede Minute ſind Dampfſchiffe an Ihnen vor⸗ übergeflogen, welche zu betrachten ſich Ihre rheiniſchen Provinzen auf die Zehen ſtellen würden, und wenn Sie der Hauptſtadt näher kommen, wird ſelbſt Ihr deutſches Phlegma von Staunen über das Getümmel und Geräuſch dieſer größten Waſſerſtraße der Welt ergriffen werden! Ich, wie Sie wiſſen, betrachte ſolche Dinge mit kauf⸗ männiſchem Auge, und ich ſchwoͤre Ihnen, daß ein Kai⸗ ſer, von ſeinem glänzenden Hofe umgeben, nach meiner Anſicht nicht ein halb ſo majeſtätiſches Schauſpiel dar⸗ bietet, als das rußige und rauchende London, umgeben von ſeinen raſtloſen Docken und gewerbreichen Vor⸗ ſtädten.“ Angekommen in der Stadt, nahm er, anſtatt den jungen Grafen, dem er einen Eindruck von Englands Größe beizubringen ſo ſehnlich wünſchte, nach ſeiner öden Wohnung in Bernard⸗Street, in einem Stadtviertel zu bringen, welches im Monat Zuli ebenſo verlaſſen iſt, wie eine von der Peſt heintgeſuchte Stadt, ſeinen Aufenthalt in dem prächtigen Hotel, welches die London Brücke über⸗ ſieht, und dem Fremden durch die ewige Bewegung und die Lebhaftigkeit des unter ſeinen Fenſtern vorüberfließen⸗ den Stromes ein ſo belebtes und eindrucksvolles Panorama darbietet. 3 „Hier haben Sie in der That ein Denkmal, auf das Sie ſtolz ſein koͤnnen!“ rief Ehrenſtein, auf die edle Der Geldverleiher. II. 13 194 Brücke von Granit zeigend, welche einen ſo auffallenden Gegenſatz zu den elenden hölzernen Schiffsbrücken bildet, die den Rhein ſchänden.„Welch' geſchäftige Welt! Wel⸗ ches Leben! Welche Thätigkeit! Wir Provinzbewohner be⸗ trachten Frankfurt als eine Handelsſtadt; doch iſt es ſo ſtill wie Herculanum im Vergleiche mit dieſer ewigen Bewegung und finſter ausſehenden Bevölkerung!“ Nach dieſem, ſeinem jungen Freunde abgerungenen Tribute der eindrucksvollen Größe unſerer hauptſtädtiſchen Thätigkeit, wollte er den geſchäftigen Quais, die ſein eigenes fernſehendes Auge mit ſo heftigem Entzücken er⸗ füllten, die ariſtokratiſche Zahmheit von Hyde Park gegen⸗ überſtellen; und als ſie um acht Uhr deſſelben Abends beim Diner in Clarendon ſaßen, hatte Oſaley das Ver⸗ gnügen, den Reizen der entzückenden Sommerpromenade von dem Grafen von Ehrenſtein einen ſo warmen Tribut zollen zu hoͤren, als ſein geringer Patriotism nur wün⸗ ſchen konnte. Die Raſenplätze neben der gläſernen Ser⸗ pentine, die hübſchen alten Bäume, die ſchönen und gra⸗ ziöſen Reiter, die Schönheit, Race und das Feuer der Pferde ſchienen die Einbildungskraft des jungen Deutſchen verwirrt zu haben. Seine beſchränkte Erfahrung hatte. es nicht für möglich gehalten, daß eine ſo ungeheure Menge feinerzogener Müſſiggänger beiſammen ſein könne, ohne durch die Zudringlichkeit des Volkes beläſtigt zu werden. 1 „Es liegt beinahe etwas Ritterliches in einem ſol⸗ chen Schauſpiele,“ rief er mit Entzücken.„Wenigſtens ſcheint es ſeinen Urſprung dem moderniſirten und civili⸗ ſirten Geiſte, demſelben Geiſte zu verdanken, welcher in weniger geſitteten Jahrhunderten das Turnier hervorrief.“ Baſil Annesley, der auf die ernſtliche Einladung Oſaley's den dritten Platz an ihrer Tafel einnahm, lächelte über den Enthuſiasmus ſeines jungen Freundes, der ſeit ihren letzten Parthien an den Ufern des Neckar nichts von der Glut des Geiſtes verloren zu haben ſchien, 195 welche die Sorgen des Lebens in ſeiner eigenen düſteren Bruſt etwas gemindert hatten, und er betrachtete neidiſch die glühenden Wangen und glänzenden Augen Ernſt von Ehrenſteins, während dieſer ſich über die Verdienſte des einförmigen Londoner Ringes als eine, der elyſeiſchen Felder würdige Reiterpromenade verbreitete. Ach, der junge Gardiſt, der dieſen Eifer des Aus⸗ drucks der deutſchen Ueberſpannung zuſchrieb, vergaß, daß Ehrenſtein in jenem Augenblicke Alles, was er betrachtete, durch das täuſchende Prisma glücklicher Liebe ſah, daß ſeinem Ohre ſelbſt das disharmoniſche Geſchrei Londons Muſik war, weil er morgen die Stimme Salomes hören ſollte, und daß, wenn die Raſenplätze neben der Ser⸗ pentine nach ſeiner Schätzung die Ufer des Rheins oder die Eichenhaine des Prater übertrafen, es deswegen war, weil er mit Tagesanbruch nach L... Caſtle aufbrechen ſollte, wo auf die ausdrückliche Einladung des liebens⸗ würdigen Marquis CEhrenſtein mit der jüngeren Tochter Verelſts vereinigt werden ſollte. Daß Baſils Züge einen ſo düſteren Ausdruck tru⸗ gen, kam andrerſeits von dem Einfluſſe ähnlicher Gründe. Das Mißvergnügen ſeines ſchweren Herzens machte es ſchwierig für ihn, das Clima eines Londoner Juli zu preiſen, oder ſelbſt der centaurengleichen Vollkommenheit engliſcher Reitkunſt Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Kſüör verdrießlich auf ſich ſelbſt und auf die ganze Welt. Selbſt die launigen Erzählungen Oſaley's von ſei⸗ nem Zuſammentreffen mit Lady Maitland, und von der luſtigen Unterwürfigkeit, mit der jene ſervile Intrigantin dem betitelten Haufen huldigte, der auf dem Continente ſo zahlreich iſt, wie die Fliegen der ägyptiſchen Plagen, konnten Baſil kaum ein Lächeln entlocken. Wenn er an die abgeſchmackte Idee dachte, die er ſich kaum einige Wochen früher gemacht hatte, daß die Reiſe ſeines Freundes nach Deutſchland aus dem uneigennützigen Wunſche entſprungen ſei, in dieſer unvernünftigen Famklie eine Frau für ihn zu finden, dann hatte er nicht den Muth, in das allgemeine Gelächter auf Koſten der Lady Maitland einzuſtimmen. „Ich kann es kaum bei meinem Gewiſſen verant⸗ worten,“ ſagte Oſaley, nach einem vergeblichen Verſuche, ſeinen deutſchen Neffen zu überreden, daß der feine alte Port ein erwünſchter Stellvertreter für Asmannshäuſer ſei, „ich kann es kaum bei meinem Gewiſſen verantworten, dieſe fleißigen Damen ihrer Beute beraubt zu haben. Schmeicheln Sie ſich nicht, Baſil, der einzige kleine Fiſch zu ſein, der ihrem Netze entſchlüpfte! Erfahren Sie, daß Ehrenſtein, ſo ernſthaft er ausſieht, die Ariadne des Wittwer⸗Oberſten um die Erwartung betrogen hat, eine Gräfin des heiligen römiſchen Reiches zu werden, und ich muß bloß hoffen, daß er ſeinen Liebeleien einen ſo guten Anſtrich gegen Salome geben werde, wie Sie den ihrigen gegen ihre Schweſter gegeben haben.“ Eine lebhafte Röthe überzog Baſils Wangen bei die⸗ ſer ſorgloſen Anſpielung. Auch wurde ſeine Verlegenheit nicht vermindert, als er aus gewiſſen Worten, die ſein junger Gefährte fallen ließ, merkte, daß Ehrenſtein ihn zum Theilnehmer an ihrer Parthie nach L.... Caſtle machen wolle. Um ihn zu enttäuſchen, beeilte ſich Baſil, ihm eine Botſchaft für Verelſt aufzutragen. „Aber warum ſagen Sie ihm dies alles nicht ſelbſt?“ rief der Graf mit heiterem Scherze.„Ich denke, ich werde viele Tage nach meiner Ankunft wenig Muße zu Commiſſionen haben. Nach dreijähriger Abweſenheit von jenen, welche man am meiſten auf der Welt liebt, wer hat da Zeit, Bote für einen Freund zu werden?“ „Ich denke, der arme Verelſt wird eben ſo wenig finden, die Höflichkeiten ſeines Lieblingsſchülers anzuhören,“ fügte Oſaley hinzu.„Die Aufhebung ſeiner Verbannung, das Studium und die Ausfertigung der Documente ſeines neuen Guts, nebſt der Erfüllung ſeiner Verbindlichkeiten 197 gegen Lord L. und den Vorbereitungen ſeiner Reiſe in die Heimath, ſwerden wahrſcheinlich ſeine ganze Aufmer⸗ ſamkeit in Anſpruch nehmen.“ „Zu wahr!“ ſeufzte der arme Annesley als Antwort, „Ihr werdet alle zu glücklich ſein, um an Euere abweſenden „Freunde zu denken.“ „Aber ich verſtehe nicht,“ rief Ehrenſtein in der Wärme ſeines Herzens,„warum Sie ſo darnach ſtreben, ſich von der Familie zu trennen und ſich unter die Zu⸗ ſchauer zu ſtellen. Es war keine kleine Erhöhung der Freude uͤber meine glücklichen Ausſichten, zu wiſſen, daß unſer glücklicher Kreis einen Freund in ſich ſchloß, den ich ſo hoch ſchätze. Sie als Bruder zu begrüßen, war einer von den vielen Genüſſen, welche, wie ich wußte, mich in London erwarteten.“ „Unglücklicherweiſe bin ich weniger glücklich, als Sie denken,“ war die kalte und verlegene Antwort Baſils. „Unglücklich.... betrübt? Was Teufel ſoll dies Alles heißen?“ fragte Oſaley ſeinerſeits, erfreut, daß die zwei einfältigen Parlamentsglieder, welche allein ſich mit ihnen in den Beſitz des Zimmers theilten, ihre Unterhal⸗ tung in deutſcher Sprache eben ſo wenig verſtanden, als ihren Inhalt eine Depeſchentaſche.„Ihr Geſicht, mein theurer Baſil, wächst eben ſo ſehr in die Länge, als das eines Richters unter ſeiner Mütze. Ich hoffte, Sie, mein theurer Junge, gleich meinem Reiſegefährten, froͤhlich und munter wie eine Lerche zu finden.“ „Ich habe keine Luſtreiſe nach den Naſſauer Brunnen gemacht, um meinen Genußſinn wiederzubeleben,“ entgeg⸗ nete Annesley mit unverminderter Verlegenheit in ſeinem Benehmen.„Die einzige Excurſion, welche ich ſeit unſerer Trennung machte, war nach Barlingham, und die Düſter⸗ keit meines mütterlichen Hauſes konnte ſehr wenig dazu geeignet ſein, die Niedergeſchlagenheit zu verſcheuchen, un⸗ ter welcher ich litt, als wir ſchieden.“ „Aber, mein theurer Freund, ſeit damals ſind nun 198 drei Wochen verfloſſen, während welcher Sie Zeit hatten, ſich zu erholen und für ſich Sorge zu tragen. Als wir die arme Eſther ausdrücklich zu dem Zwecke in London zurückließen, zu Ihrer Erheiterung beizutragen, hegte ich die Hoffnung, daß ich nach meiner Rückkehr Sie vollkom⸗ men zufrieden finden würde, und daß Sie dem alten On⸗ kel nichts zu thun übrig ließen, als Ihnen ſeinen Segen zu ertheilen, und ſeine Geldkiſten zu öffnen, wenn Sie in der That Luſt haben, ſein Glück durch Ihre Acceptation zu vermehren.“ 3 „Wenn ich Luſt habe,“ glitt in kaum verſtändlichem Gemurmel über die Lippen des jungen Annesley; denn er hielt ſich noch einmal für ein Opfer der unerklärlichen Spöͤttereien A. O's.. „So iſt es alſo, wie ich fürchtete, und Ihre Mutter iſt unerbittlich! Ihre Mutter beharrt darauf, das arme Kind für die Irrthümer zu ſtrafen, welche ich ſo grauſam gebüßt habe!“ rief Oſaley in bitterm Tone.„Dies er⸗ klärt den Brief meiner Schweſter von dieſem Morgen! Nachael verſichert mir, daß meine Nichte zu ihnen zu⸗ rückgekehrt ſei, ſtatt des triumphirenden Geſchöpfes, wel⸗ ches ſie zu bewillkommen hofften, eine Kranke mit gebro⸗ chenem Herzen! Baſil, das iſt Ihr Werk!“ „Ich habe ja ſeit Sie London verließen, Miß Verelſt nicht einmal geſehen!“ rief Annesley heftig. „Miß Verelſt, in der That! Und doch erkünſteln Sie Staunen, daß ſie drei Wochen in der Stadt ohne Ihren Beſuch krank und unglücklich iſt! Die Branzinis und San Cataldas, welche auf ihrer Tour nach den Hoch⸗ landen, ſie nach L.... Caſtle begleiteten, ſprachen gegen ihre Mutter die Beſorgniß aus, daß Ihre ſeltſame Ent⸗ fremdung der Urſprung ihrer Krankheit ſei.“ „Die San Cataldas 2“ wiederholte Baſil ſeinerſeits. „Der Herzog klagt mich der Kälte gegen Eſther an?“ „Wir wollen vielmehr ſchließen, daß es ſeine Frau -—x — 199 war, denn Sie ſcheinen ziemlich geneigt, Händel mit Je⸗ dermann zu ſuchen, der Ihre Handlungsweiſe tadelt.“ „Die Frau des Herzogs von San Catalda?“ rief Annesley, ſich auf die Lehne des Stuhles ſtützend, von dem er aufgeſprungen war. „Sie haben doch vielleicht die Bekanntſchaft der Her⸗ zogin gemacht, welche kurz vorher, als ich die Stadt ver⸗ ließz, aus Ihrem Wochenbett erſtanden und während des Frühlings zu kränklich geweſen iſt, um an den Parthien ihrer Schweſter, Madame Branzini, Theil nehmen zu können.“ „Der Herzog von San Catalda iſt alſo wirklich mit Madame Branzinis Schweſter verheirathet! Dummkopf,... Thor, der ich geweſen bin!“ rief Baſil, plötzlich aufge⸗ klärt; und als er ſeinem Freunde den Irrthum erklärte, in welchen er gefallen war, fand Oſaley das Mißverſtänd⸗ niß ſo unglaublich, ſelbſt in Berückſichtigung der eifer⸗ ſüchtigen Empfänglichkeit eines Liebhabers und der finſtern Zurückhaltung des engliſchen Charakters, daß er noch eine Zeit lang fürchtete, Baſil ſuche irgend eine wahrſcheinliche Apologie für den Widerſtand ſeiner Mutter gegen ſeine Verheirathung mit einer Enkelin Oſaleys des Juden.“ Die dringenden Bitten Baſils um Erlaubniß, ſie auf ihrer Reiſe am folgenden Tage zu begleiten, änderte, ſeine Meinung weſentlich, und er ſtimmte vergnügt einem Vorſchlage bei, welcher, wie er wußte, allein noch zu dem Glücke der kleinen Familie gefehlt hatte. 4 „Aber welchen Vorwand haben wir, wenn wir mit einer ſo ungeheuren Caravane in das Haus eines Fremden einziehen?“ fragte der Graf von Ehrenſtein mit einiger Aengſtlichkeit. „Wir werden Ihnen bald eine beſſere Meinung von engliſcher Gaſtfreundſchaft beibringen!“ rief Oſaley mit einem Lächeln. Lord L... der beſte meiner Freunde und freigebigſte der Menſchen hat mir carte blanche gege⸗ ben, ſein Haus wahrend ſeiner Abweſenheit von England zu meinem eigenen oder beſſer zu dem Verelſts zu machen. Der Mann, mit dem Sie mich eines Tages, als wir in Paris umhergingen, im Garten der Tuilerien auf und ab⸗ gehen und plaudern ſahen, was Sie eine halbe Stunde lang in ſolche Ungeduld verſetzte, war der Marquis von L... Sie bewunderten ihn, wenn ich mich recht erin⸗ nere, als einen ausgezeichneten und edel ausſehenden Mann. Morgen Abend werden Sie entſcheiden können, ob der Anblick ſeines Schloſſes Ihnen eben ſo wohl als ſeine Perſon gefällt.“ Morgen Abend jedoch hatte Ehrenſtein andere Ge⸗ danken im Kopfe, als an Schlöſſer oder Marquis; auch war Baſil ebenſowenig zu einer pedantiſchen Kritik aufge⸗ legt. L.... Caſtle war das Paradies für beide. Uebrigens iſt es wahr, daß, auch abgeſehen von dem beſonderen Reize des Augenblicks, der Ort ein vorzügliches Recht auf Beachtung hatte. Das ſtattliche alte Herren⸗ haus, deſſen Alterthum zu finſter hätte erſcheinen mogen, wäre dieſe Düſterheit nicht durch die waldige Schönheit des umgebenden Parkes gemildert worden, dem jeder wiederkehrende Frühling eine ſtete Erneuerung der Jugend und Anmuth brachte, zwang den Grafen von Ehrenſtein, zu geſtehen, daß England die Reliquien der Feudalzeit mit Recht denen ſeines eigenen Landes an die Seite ſtellen könne. Selbſt die majeſtätiſchen Eichen, welche er in dem gewöhnlichen deutſchen Dünkel bisher für eine beſondere Eigenthümlichkeit Deutſchlands und nirgends für ſchöner gehalten hatte, als in ſeinen eigenen Waldungen in Ehrenſtein, ſetzten ihn durch ihre druidenartige Würde, mitten unter der edlen Scenerie von L... Chaſe in Erſtaunen. 3 „Sie beklagten ſich eines Tages, mein theurer Graf, als wir durch den Odenwald fuhren,“ rief Oſaley,„daß die Erde ſo kahl werde. Was ſagen Sie nun zu den unvergleichlichen Waldungen Englands? Ich glaube nicht, wie der Herzog von Rocheſter es machte, daß die Bäume 201 darum aus der Erde wachſen, um zur Bezahlung der Ehrenſchulden eines Gentleman zu dienen. Auf alle Fälle, wenn Sie auch jetzt noch geneigt ſein ſollten, uns die Palme in Bezug auf unſere Waldparthien ſtreitig zu machen, müſſen Sie zugeben, daß ſelbſt die Paläſte des Continents keinen ſo ausgeſuchten Blumenflor darbieten, als die Gewächshäuſer von Q... Caſtle.“ „Ich gebe gewiß zu, daß Ihr Euer Aeußerſtes thut, um durch Dampf und Treibhäuſer die Mängel eines ab⸗ ſcheulichen Climas zu erſetzen und einen lobenswerthen Eifer dafür an den Tag zu legen, reizende Stellvertreter für die Diſteln und den Klee, welche zwei von Euren drei Koͤnigreichen als eigenthümliche Merkmale Eurer natür⸗ lichen Flora adoptirt haben, aus begünſtigteren Regionen herbeizuſchaffen. Aber vergeben Sie mir, wenn ich geſtehe, daß Pflanzen, die mit ſolchem Aufwand an Kohlen auf⸗ gezogen wurden, meinen unvollkommenen Sinnen ſtets nach Rauch zu riechen ſcheinen, ſtatt den unſeren deutſchen Gär⸗ ten eigenthümlichen ausgeſuchten Wohlgeruch auszuſtroͤmen. Und nun, mein theurer Sir, damit ich das Schlimmſte ausſpreche, nun packen Sie ſich fort, gleich einem theuren, guten Onkel, und laſſen Sie uns den Schatten dieſer koͤſtlichen Luſtgebüſche genießen; oder, wenn Sie L... Caſtle ſelbſt dem Garten von Eden vergleichen wollten, möchte ich Sie vielleicht dem Geiſte des Unglücks ver⸗ uhen⸗ der die Seligkeit ſeiner grünen Zuflucht zer⸗ törte.“ 3—. Glücklicherweiſe gab es„köſtliche Luſtgebüſche“ genug in dieſen ausgedehnten Gärten, um die einſamen Spazier⸗ gänge mehr als eines glücklichen Paares zu begünſtigen. Denn es war auf dieſen grünen Anhöhen und ſtachlichten Dickichten des Gutes, daß Baſil Annesley Gelegenheit und Muth fand, ſeiner geliebten Eſther alle die Qualen der Eiferſucht zu vertrauen, die er ihretwillen erduldet hatte, vom Tage ihres raſchen Engagements bei der Oper bis zu ihrem vertrauten Umgange mit der Familie San Ca⸗ talda; wie er ſie geliebt, wie er über ſie gewacht, wie er ihr gedient hatte, als er hoffnungslos war, daß die Umſtände jemals die glückliche Kriſis herbeiführen würden, welche nun durch unauflösliche Bande ſie zu vereinigen ſchien, die nur geringer Beſtätigung bedurften, um beglau⸗ bigt zu werden; und nun, wo die ſcheinbare Laune ſeines jüngſten Betragens erklärt war, nahm Eſther keinen wei⸗ teren Anſtand, ihrerſeits zu geſtehen, daß vom erſten Mo⸗ mente ihrer kindiſchen Freundſchaft in Heidelberg, alle ihre Hoffnungen auf irdiſches Glück allein auf ſeiner Liebe ruhten. Sie waren ſehr glücklich, beinahe zu glücklich, und nimmer müde, die Geſchichte ihrer wechſelſeitigen Liebe und wechſelſeitigen Unglücks, Capitel für Capitel, zu wiederholen. Man ſagt, daß Liebende ſelten ihrer Geſell⸗ ſchaft gegenſeitig überdrüſſig werden, weil ſie allein von ſich ſprechen; und gewiß iſt es, daß Oſaley mehr als einmal verſucht war, gegen ihren Egoismus zu ſchreien, wenn er, ſo oft er ſich an eine ſeiner Nichten wandte, die ſich auf den Arm ihres theuren Baſil oder theuren Ernſt ſtützten, ſicher war, ſie in der Fortſetzung derſelben Unterhaltung zu treffen, in der er ſie verlaſſen hatte: Erinnerungen an vergangenen Kummer und Plane künfti⸗ gen Gluͤckes. Bei ſolchen Gelegenheiten jedoch hatte er eine erhei⸗ ternde Zuflucht gegen ſein Mißvergnügen an dem gemalten Fenſter der Bibliothek, welches eine der ſchönſten Ausſichten auf den Park bot, wo ſeine ruhige, edle, glückliche Schweſter ſaß, ohne eine zurückbleibende Sorge auf Erden, mit doppelter Freude die Schoͤnheiten der Natur durch die heitere Glückſeligkeit ihrer innerſten Seele betrachtend. Ihr allein hatte Abednego ſeine Unruhe anvertraut, es möchte die Antwort Lady Annesley's auf die Bitte ihres Sohnes um Einwilligung in ſeine Verheirathung weniger günſtig ſein, als er wünſchte; und an dem Tage, an welchem ihre Briefe im Schloſſe ankommen ſollten, bemerkte Mrs. Verelſt mit Sorge, daß das Zittern der A * Hand ihres Bruders, während er die Poſttaſche zu öffnen verſuchte, ihn nöthigte, ſein gewöhnliches Geſchäft der Sorge der Diener zu überlaſſen.. Es war ein ängſtlicher Augenblick für ſie alle, aber es war nur ein Augenblick. Kaum hatte der junge Annes⸗ ley ſeine Augen auf den verhängnißvollen Brief geworfen, der das Poſtzeichen„Barlingham Grange“ trug, als er von ſeinem Stuhle aufſprang, auf Mrs. Verelſt losſtürzte, und ihre kalten Hände mit ſolchem Ungeſtüm an ſeine Lippen drückte, ehe er es wagte, ſeine geliebte Eſther an ſein Herz zu drücken, daß alle Anweſenden im Augenblicke erkannten, daß hier nicht das kleinſte Hinderniß für ihr Glück vorhanden ſei. Am andern Tage kam ein Brief von Lady Annesley an Mrs. Verelſt, ſie als die geliebte Rachaek früherer Tage bezeichnend, in welchem ſie von dem Glücke„ihrer Kinder“ in ſo tröſtlichen Worten ſprach, daß die Herzen der ganzen Familie dadurch beruhigt wurden. „Sicherlich,“ bemerkte Ernſt von Ehrenſtein, als er in der Gemälde⸗Gallerie neben der Staffelei ſeines Freun⸗ des Verelſt, der ihn mit der beſonderen geheimnißvollen Beziehung zwiſchen dem Geſchicke Oſaleys und der Mut⸗ ter Baſil Annesleys ſchon bekannt gemacht hatte, eine vertrauliche Stunde verbrachte,„ſicherlich mag dieſe ernſte Lady, da ſie ſo frühe Symptome von Erweichung an den Tag legt, in Zukunft dahin gebracht werden, im Herbſte ihres Lebens die Hoffnungen zu verwirklichen, welche in ihrem Frühlinge ſo ſchmählich vernichtet wurden.“ „Wenn ich ein Beurtheiler des menſchlichen Charak⸗ ters wäre, würde ich„nein“ ſagen,“ verſetzte der Künſt⸗ ler.„Es iſt etwas, ja viel ſogar, daß Lady Annesley dahin gebracht worden iſt, in die Verbindung ihres Sohnes, einzuwilligen. Weitere Zugeſtändniſſe ſind nicht mehr zu erwarten.“ Niichts deſtoweniger hielten Ehrenſtein und die beiden Mädchen, denen, wie ſich verſteht, ein Theil dieſer trauri⸗ ——————õ— 204 gen Familiengeſchichte ſorgfältig verborgen worden war, als Baſil ſich mitten aus dem vollkommenſten Glücke los⸗ riß und L.. Caſtle am folgenden Tage verließ, eine wöchentliche Abweſenheit ankündigend, ſich überzeugt, daß der Zweck ſeiner Abweſenheit der ſei, eine vollkommene Verſoͤhnung zwiſchen den zwei ihm auf Erden theuerſten Perſonen: dem Wohlthäter, dem er das reiche Vermoͤgen verdankte, mit dem er ſein künftiges Weib ausgeſtattet, und ſeiner Mutter, welcher er für alles Andere verpflichtet war, zu verſuchen. Aber ſie täuſchten ſich. Die Miſſion Annesleys war an ſeine Schweſter. Nicht länger ein Knabe, ſuchte er Herrn und Frau Vernon mit der Autorität der Mann⸗ heit auf und mit aller Feſtigkeit, welche das Gefühl erlit⸗ tenen Unrechts erzeugt; und ſo groß war die aus dieſen Quellen abgeleitete Beredtſamkeit und der noch mahnen⸗ dere Ruf der Natur in den Herzen ſeiner Zuhoͤrer, daß es ihm gelang, in ihren Herzen ſowohl Ueberzeugung, als Reue hervorzurufen. Nun, wo der Onkel, deſſen Vorurtheile auf die ju⸗ gendlichen Gefühle der armen Helene gegen ihre verleum⸗ dete Mutter eingewirkt hatten, nicht mehr bei der Hand war, um ſeine rachſüchtigen Verdrehungen dazwiſchen zu ſtellen, waren ihre Ohren und Herzen geöffnet, und Baſil hatte nicht allein das Glück, von ſeiner Schweſter zärtlich in die Arme geſchloſſen zu werden, ſondern auch, von Herrn und Frau Vernon und ihren Kindern begleitet, nach Bar⸗ lingham abzureiſen. Das rührende Wiederſehen, welches nun folgte, iſt leicht zu errathen; und die muſterhafte und ſo lange lei⸗ dende Mutter fühlte ſich hoch belohnt für die geduldig hin⸗ gebrachten Jahre beinahe klöſterlicher Einſamkeit und Ent⸗ behrung, wenn ſie ihre Enkel auf ihren Knieen hielt und in den Ausrufungen aller Anweſenden ein freiwilliges Zeugniß für die ſeltſame Aehnlichkeit zwiſchen den hübſchen Knaben Helene Vernons und ihrem Onkel Baſil vernahm. 1 ——— 5 20⁵ In der That waren Herr und Frau Vernon durch dieſe unerwartete Ausdehnung ihrer häuslichen Sympathie ſo glücklich, daß man ſich vereinigte, ſie ſollten während der Vorbereitungen zu Baſils Heirath, welche vor der Ab⸗ reiſe der Verelſt's und Ehrenſteins nach ihrem Geburts⸗ lande in London vollzogen werden würde, die Gäſte der glücklichen Lady Annesley ſein. Schon hatte Oſaley im ſtolzen Bewußtſein der Verlegenheit, welche ſeine Gegen⸗ wart veranlaſſen möchte, ſeine Abſicht ausgeſprochen, L... Caſtle in demſelben Augenblicke mit Ehrenſtein und ſeiner Braut zu verlaſſen, um nach Spanien zu reiſen; ein Be⸗ ſchluß, der im Geheimen von der ganzen Familie gebilligt wurde, welche fühlte, daß Vorſchläge zu einer vollkomme⸗ nen Verſoͤhnung mit Lady Annesley weit anſtändiger und zweckmäßiger in einer ſpäteren Zeit ſtattfinden würden. Es war inzwiſchen nothwendig, daß er Baſil Annes⸗ ley in der Stadt treffen würde, um die Vorbereitungen für die Ausſtattung zu treffen, welche in fünf Tauſend Pfund jährlich für den Gemahl ſeiner Lieblingsnichte und in einem reizenden Landgute in Berkſhire beſtand, das ihm wahrſcheinlich zu einem Sitze im Parlamente verhelfen mußte. „Sie brauchen ſich keine Scrupel hinſichtlich des Ur⸗ ſprungs des Vermögens zu machen, mein theurer Baſil,“ ſagte Oſaley, der die Roͤthe richtig deutete, welche die Wangen des jungen Annesley überflog, als dieſer in Ge⸗ ſchäftsverhandlungen neben ſeinem alten Freunde in dem⸗ ſelben Zimmer ſaß, in welchem die gehäſſige Unterredung zwiſchen Lady Winterfield und A. O. ſtattgehabt hatte. „Das Vermögen, welches ich von meinem Vater erbte und welches ich meines Vaters Enkeln zu übergeben ein Recht habe, vervierfacht das, was ich für Eſther und Salome zu thun im Stande bin; und eine ausgebreitetere Be⸗ kanntſchaft mit der Geldwelt wird Sie überzeugen, daß der Grund zu meinem erneuerten Reichthume von Oſaley — 206 dem Aktienmäkler gelegt wurde, und nicht von dem Geld⸗ verleiher A. O.“ „Ich freue mich, das zu hören, ich freue mich auf⸗ richtig, dies zu hören,“ rief Baſil heftig. „Und da ich weiß, wie ſtolz Sie in gewiſſen Punkten ſind,“ fuhr Oſaley in gedämpfterem Tone fort,„ſo er⸗ weiſen Sie mir die Gunſt, ehe Sie dieſes Haus verlaſſen, Ihre Augen auf die Hauptbücher zu werfen, welche in dem anſtoßenden Zimmer zu Ihrer Einſicht offen liegen, und welche Zebedeus, der ſie führt, Ihnen erklären wird, da⸗ mit Sie aus dieſen Documenten ſich von der Falſchheit der Beſchuldigungen von Erpreſſungen, mit denen Leute wie Lady Winterfield, Carrington, Loftus und Comp., mich belaſten, überzeugen können. Wenn auch ein Geld⸗ verleiher, war ich doch niemals ein Wucherer. Das Ge⸗ ſchäft, welches uns bekannt machte, war nur der Typus meines gewöhnlichen Verfahrens. Indem ich nur einen mäßigen Zinſenbetrag nahm, wurde es nothwendig, doppelt vorſichtig hinſichtlich der Gültigkeit der Sicherheiten zu ſein, und dies allein verſchaffte mir den Namen eines Barnabas.“ 3 „Ich werde mich mit Ihrem Worte begnügen,“ war Annesleys ernſte Antwort. Wiederholte Blicke auf ſolche Doecumente wären peinlich für meine Gefühle.“ „Gut, gut! Sie ſollen ein Freudenfeuer aus ihnen. machen, nachdem Sie ſie der Prüfung unterzogen, welche ich verlange!“ entgegnete Oſaley;„und der geputzte Page, der Sie einführte und der ſo ſchmerzlich getäuſcht ausſah, daß Sie, mein theurer Baſil, nicht geruhten, ihren Mitarbeiter in meinem Dienſte, Bill, den Straßenkehrer von Delahay⸗Street in ihm zu erkennen, ſoll Ihnen bei der Operation beiſtehen, jedoch mit ſchuldiger Achtung für die Rechte der„Phönix⸗Feuer⸗Verſicherungs⸗Geſellſchaft und die Sicherheit der Nachbarn.“ Dieſer Vorſchlag war Baſil ſehr willkommen und an demſelben Tage wurde zur Beſtürzung des unverſchämten 5 —— —— Commis, ſein Konigthum als Geldwechsler ihm abgenom⸗ men und die Marken ſeiner Gränzen zerſtoͤrt. Ein noch glücklicherer Augenblick erwartete Baſil Annesley, als er an demſelben Tage beim Diner in Bernard⸗Street einen Zirkel von einigen der erſten Kaufleute und Männer des Tages fand und auf's neue Zeuge der Hochachtung war, welche ſein neuer Verwandter jenen einflößte. Ihnen ge⸗ genüber wurden jedoch die Excentricitäten Oſaley's bei Seite gelaſſen, und Baſil wurde von Staunen und Be⸗ wunderung ergriffen, als er die Miene würdigen Selbſtbe⸗ wußtſeins bemerkte, mit der er jene politiſchen Aphoris⸗ men ausſprach, welche mit dem Einfluſſe eines Orakels begabt ſchienen. An der perſönlichen Beachtung, welche dieſe Anbeter des goldnen Kalbes ihm ſelbſt widmeten, erkannte er, daß er ihnen als Miterbe des reichen Oſaley bezeichnet wor⸗ den; und es gab Augenblicke, wo die peinliche Kenntniß ſeiner Familiengeſchichte ihn in Verlegenheit über die bei⸗ nahe leidenſchaftliche Liebe ſetzte, welche ihm der Mann bezeugte, der, von der ereignißvollen Zeit ſeiner Krankheit in Delahay⸗Street an, ihn wirklich wie einen Sohn ge⸗ liebt hatte. Als ſie in der folgenden Woche miteinander, Seite an Seite, in der Privatkapelle des Hauſes L., als Zeu⸗ gen der Verbindung des Grafen von Ehrenſtein mit der liebenswürdigen und glücklichen Salome ſtanden, konnte Baſil nur einen gewiſſen Gram in den Zügen ſeines alten Freundes erkennen, der, wie er richtig vermuthete, von der Unmöglichkeit kam, ſeine Verwandtenpflicht auch bei der Feier ſeiner eigenen Verbindung erfüllen zu koͤnnen. Einem ſo ſanften Herzen wie das Baſils, war es unmoglich, nicht ſeine Theilnahme an dieſem Kummer und den Wunſch auszuſprechen, daß er wenigſtens ein weniger entferntes und kürzeres Ziel für ſeine projectirte Reiſe wählen möge, als einen Winter in Cadir. „Das kann nicht ſein, mein theurer Junge,“ war 8 ———— Abednego's Antwort.„Greifen Sie meinen Entſchluß nicht an; ſchon bin ich fünfzigmal glücklicher, als ich ver⸗ diene. Mit einer Ausnahme ſind alle meine irdiſchen Wünſche erfüllt; und ohne dieſe einzelne Verſagung würde ich mich noch ſchwerer verpflichtet halten. Umgeben von glücklichen Geſichtern und dankbaren Herzen, würde ich auf das Glück Anſpruch machen, das Sie für mich in Ausſicht ſtellen, würde ich nicht nur meinem Geſchicke, das ich gerne unbefleckt laſſen möchte wie das Ihrige und die edle Natur Ihrer Mutter, ein Brandmal aufdrücken, ſondern auch in dem Stolze meines Herzens und der Glückſeligkeit meiner Familie vielleicht vergeſſen, daß ich der Geſellſchaft einen beſondern Act der Genugthuung da⸗ für ſchuldig bin, daß ich durch meinen rachſüchtigen Geiſt und deſſen grauſamen Einfluß die Ehre einer unbeſchol⸗ tenen Familie befleckte. In Zukunft Baſil ſoll meine ein⸗ zige Freude in Ihrem Glücke beſtehen. Wiewohl Sie Ihrem Stande, als unverträglich mit häuslicher Glück⸗ ſeligkeit entſagten, müſſen Sie doch kein müßiger Mann werden. Die Sorgen für Ihr Landgut nehmen für jetzt Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch; aber nach einigen Jah⸗ ren hoffe ich Sie im Parlamente zu ſehen, die Hoffnun⸗ gen verwirklichend, welche mein Geſchick mich aufzugeben zwang. Wenn ich es erlebe, Sie als den Stolz des Lan⸗ des und den Segen für die beſte der Mütter zu ſehen, ſo wird dies in meinen letzten Tagen genügend aus meiner Seele die Bitterkeit verlöſchen, welche der Name Oſaley des Juden erzeugte, alle die Reue, verbunden mit der gehäſſigen Benennung: Der Geldverleiher!“ En dee.