Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard OQttmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſehedingungen. 1. Offensein der Biblioth ek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —ã————— O.OC,Q·Qn¶A y— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zuruckſenduy der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorg⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene 2d defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) mußer Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, er⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt unſwird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterveieihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welſe die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 — ———— Der Geldverleiher von ʒMrs. Gore, Verfaſſerin von:„Mutter und Toͤchter,“„der Mann des Glücks,“ u. ſ. w. Deutſch bearbeitet von Ludwig Hauff. Erſtes bis viertes Baͤndchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Vorwort. Die folgende Geſchichte ſollte mehr ein Ro⸗ man, als eine Novelle betitelt werden. Ein Ro⸗ man muß nicht nothwendiger Weiſe unnatürliche Wirkungen haben, wie„der Roman im Forſte“ und der„Bravo von Venedig“, zwei der populär⸗ ſten Romane in unſerer Sprache, genügend darthun. Ein Roman iſt eigentlich eine Dichtung, welche unwahrſcheinliche, aber nicht unmögliche Begeben⸗ heiten, gegründet auf Thatſachen, ſchildert und mehr die Einbildungskraft, als den Verſtand in An⸗ ſpruch nimmt. Bei der vorherrſchenden Tendenz, die Dichtung mit einem Scheine von Wirklichkeit zu umgeben und ein Intereſſe an den ſchmutzigſten Ereigniſſen des täglichen Lebens zu erregen, mag es ein ge⸗ wagtes Unternehmen ſein, die Begebenheiten in dem Leben eines„Geldverleihers“ romantiſch zu geſtalten. Das allgemeine Lob, welches der Ge⸗ ſchichte:„Abednego“, die bereits in einem po⸗ pulären Magazine erſchienen iſt, von den Kritiken des Tags zu Theil wurde, berechtigt mich zu der Hoffnung, daß das gegenwärtige Unternehmen nicht ganz unglücklich ſein werde. . G. — 1 Erſtes Kapitel. Anionio und Shylock, beide traten hervor. Shakspeare. Jede ſociale Epoche hat ihre vorherrſchenden Laſter, ſo wie Epidemien in verſchiedenen Jahreszeiten und in einzelnen Gegenden vorherrſchen. So gewiß die Kanäle Bataviens, die Steppen der Sierra⸗Leone, oder Roms Campagna ſchädliche Dünſte und Krankheiten erzeugen, eben ſo iſt die Kindheit einer Nation,„ehe menſchliche Anordnungen das allgemeine Wohl feſtſtellen,“ von den Er⸗ ſchütterungen des Blutvergießens und Raubens durchtobt, während in der Verdorbenheit der Nationen, welche der Ueber⸗ reife der Civiliſation folgt, die kaltblütigeren Verbrechen, Ver⸗ rath und Betrug, erzeugt werden. Gleich einem, bei dem Herolden⸗Amte nicht eingetragenen Stammbaume, ſind der Verſchwender und der Wollüſtling Vettern des Betrü⸗ gers, des Fälſchers, des Wucherers. Obſchon das Meſſer der Guillotine und die Arme der Galgen von Eiſen ſind, ſo iſt doch das, was ſie zur Anwendung bringt, auf ein Wüharfus Metall gerichtet. Die Wurzel alles Uebels iſt: old! Die erſten fünfzehn Jahre des gegenwärtigen Jahr⸗ hunderts bildeten einen aufgeregten Zeitraum. Der An⸗ 10 drang der Wogen des Haſſes hatte ſich ſeit dem jüngſten revolutionären Sturme noch nicht gelegt, und die ſtatt⸗ lichen Schiffe der verſchiedenen Staaten Europas waren immer noch in Gefahr, zu ſtranden. Von allen Seiten her ertönte das: Ha, ha! der Trompeten und das Wie⸗ hern der Schlachtroſſe. In jeder Hand war ein Schwert, Sorge laſtete auf jeder Bruſt. In ſolchen Perioden wächst der Muth des Mannes ungeſtüm und ſorglos. Die Begierde nach dem Gute an⸗ derer Menſchen verhärtet den Straßenräuber; die Begierde nach dem Leben. anderer Menſchen greift lieber mittels offener Gewalt an, als durch Gift oder in diebiſcher Heim⸗ lichkeit. Das ſociale Leben iſt in einem Zuſtande ſchrecklicher Aufregung. Seine wirklichen Tugenden ſind wild; was kann von ſeinen Laſtern erwartet werden? Die unnatürliche Ruhe, welche dieſem Enthuſiasmus von Wildheit folgte, eine ruhmloſe Faulheit der Seele und des Körpers der Nationen, welche von dem verlän⸗ gerten Frieden und dem vermehrten Wohlſtande herrührt, hat eben ſo verderbliche Reſultate. Wie die Hitze des Sommers ſchädliche Inſecten, oder nachtheilige Reptilien hervorbringt, ſo wird durch den Sonnenſchein eines herz⸗ loſen Glücks eine Brut verächtlicher Laſter und kriechen⸗ der Verbrechen ins Leben gerufen, wie bei dem Beruhigen des Oceans, welches Coleridge ſo kraftvoll durch die Worte ſchildert: der ſchlimmen See entſteigen ſchlimme Dinge, auf den Beinen kriechend. „Kriechende Dinge“ verlangen Kraft, wenn ſie„un⸗ zählbar“ ſind, und ſeit der Zeit, ſeit welcher die Schwer⸗ ter der Legionen zuchtloſer Söldlinge in die Werkzeuge des Einbruchs und der Taſchendieberei verwandelt worden ſind, und das Gold⸗Verſchwenden des Lurus einen ver⸗ härtenderen Einfluß auf das menſchliche Herz ausgeübt hat, als das Blutvergießen einer ſtürmiſcheren Periode, ſeitdem beginnen wir die Zeit zu verwünſchen, in welcher 11 ſtatt eines ewigen Schreckens des Leibes, ein ewiger. Schrecken, eine dringendere Gefahr die Seele bedroht. Während das Auftreten Napoleons in Europa Be⸗ wunderung erregte und die von Robespierre geſchaffene Schreckensregierung in Frankreich vernichtete, traten groß⸗ artige Leidenſchaften ins Spiel, um den Wahnſinn der nationalen Verderbtheit und des Parteihaſſes zu belehren. Viele Völker haben eine genaue und theure Kenntniß der Gefahren des Kriegs erlangt, und gerade die frivolen Klaſ⸗ ſen errotheten, ſich ſelbſt der reinen Eitelkeit des Lebens hinzugeben, wenn der nächſte Courier Nachrichten über das Aufopfern Tauſender von menſchlichen Weſen, oder auch nur eines Individuums bringen konnte, welches theu⸗ rer war, als alle andern. Das Silberſervice, die glanzvolle Equipage, die Dia⸗ manten⸗Diademe verloren einen Theil ihres Werthes. Ein Todtenkopf war bei jedem Bankette, ein memento mori 8 jedem Balle, der Schall der Todtenglocke in jedem re. Doch auch dieſe Angſt ging vorüber und „der grimmig blickende Krieg glättete ſeine ge⸗ „furchte Stirn; zehnfache Entſchädigung nahmen ſich die Weltkinder für die vorausgegangene Selbſtverleugnung. Welch' ein Ue⸗ bermaß von Jubel, welch' ein Ueberfluß von Vergnügun⸗ gen, welch' ein Koſtenaufwand, welch' ein Glanz, welch' ein Schwelgen und Schwärmen feierte die Ratification des Friedens! England dachte nicht mehr an ſeine ge⸗ ſchlachteten Legionen, nicht mehr an ſeine geopferten Mil⸗ lionen, und nicht zufrieden, die eroberten Fahnen im Tri⸗ umphe aufzuhängen, oder Te Deum's mit möglichſter Feierlichkeit zu ſingen, ertrug es, daß ſeine Chorgeſänge durch das Gebrülle der Bacchanalien und das ſinnloſe Ge⸗ lächter der fashionablen Leichtfertigkeit übertoͤnt wurden. „Bezaubert durch den Glanz eines Congreſſes von Königen in ſeiner Hauptſtadt, eilte der Engländer nach 12 dem Continente, um ſich das Fieber ſeiner Aufregung zu vertreiben, und von dieſem Augenblicke an bekamen die Sitten einen viel freieren Ton, einen mehr epicureiſchen Luxus. London kroch beſchämt aus ſeiner Häßlichkeit heraus und begann die Miene der Tugend und die An⸗ muth des savoir vivre zu afefectiren. Neue Trachten wurden eingeführt, und eine glänzende Weichlichkeit herrſchte vor. Aus dieſer Epoche mag ſich der Ruin ſo manchen fürſtlichen Vermögens herdatiren. Es wurden nicht nur Millionen in fremden Hauptſtädten durch unſere reiſende Ariſtokratie zurückgelaſſen, oder an den Spieltiſchen in Paris, Spaa oder Baden verloren, es erforderten vielmehr auch bei ihrer Zurückkunft nach Eng⸗ land ihre Reſidenzen, mochten ſie in London oder in der Provinz liegen, ein der neuen Umordnung der Dinge ent⸗ ſprechendes, anmuthvolles Ausſehen. Auslaͤndiſche Die⸗ ner waren in jedem Haushalte im Ueberfluß vorhanden, fremde Handelsleute in jeder Straße zu finden. Jede Tracht, jedes Eſſen, jedes Wort, jedes Thun war à la dieſem, oder à la jenem; das Geld ſtieg verhältnißmäßig im Werthe, das Papier fiel. Unahnlich den alten Die⸗ nern, oder den ererbten Lakaien einer ernſteren Zeit, kamen dieſe Fremden gleich Heuſchrecken in das Land, um zu plündern, auszuſaugen und dann wieder fort zu fliegen; ſeitdem vermehrten ſich die Ankündigungen von Familien⸗ gütern, die verkauft, von Familienhäuſern, die vermiethet werden ſollten, und Anlehns⸗Anerbietungen, an den hohen Adel und die Gentlemen in den unintereſſirteſten Aus⸗ drücken gemacht, beurkundeten die Fortſchritte, welche wir in der nationalen Verſteinerung machten. Unter den letztern waren beſonders die Veröffentlichun⸗ gen eines gewiſſen A. O., und dieſe fanden vorzüglich bei den jungen Leichtfüßen der Univerſitäten und der Garden Eingang. Man hatte ſich ſchriftlich an ihn unter der Adreſſe zu wenden: Hungerford's Kaffeehaus. In dieſen Ankündigungen herrſchte ein ſehr ehrenhafter Ton, ſie ſchie⸗ 13 nen von irgend einem Gentleman mit einem großen, flot⸗ ten Capitale auszugehen und waren, ohne Verbürgung der Regierung, bemuht, gute Zinſen und Proviſion für das Geld zu erhalten, vielleicht zum Beſten eines verdienten Weibes und einer zahlreichen Familie. Die Menſchen, welche in der erſten Zeit ſich ſchämten, Geld zu borgen, ſagten zu ſich ſelbſt:„A. O. iſt mein Mann!“ Es lag keine Erniedrigung darin, wenn man einen Brief an Hun⸗ gerford's Kaffeehaus adreſſirte, oder wenn man geſehen wurde, während man zu den Thüren der bekannten Geld⸗ mäkler in Cork Street oder Pall Mall hineinging. Es wurde aber die Bemerkung gemacht, daß nie⸗ mand, nachdem er einmal davon Gebrauch gemacht hatte ſeine Freunde zu derſelben Quelle der Hülfe führte. Kei⸗ ner ſprach von A. O., keiner gab zu, daß er innige Be⸗ fanntſchaft mit dieſer geheimnißvollen Perſon habe, und wenn bei einer Orgie gedankenloſer Knaben, welche ſich zu dem Spieltiſche begeben wollten, oder ſich das Unglück der vergangenen Nacht und deſſen Folgen erzählten, irgend ein Neuling auf den wohlbekannten Namen A. O. hindeutete, ſo ſchien jeder Anweſende ängſtlich bemüht, der Unterhal⸗ tung eine andere Wendung zu geben. Jeder hatte auf der Stelle irgend einen Lieblings⸗Wucherer zu empfehlen. Aber nicht eine Seele hörte man ſagen: Hüten Sie ſich vor A. O!“ Ein Zauber ſchien dieſen Namen zu umgeben, ſo abgeneigt waren gerade die Durſtigſten nach Geld, ſeine theuern Anfangsbuchſtaben auszuſprechen, und ſo bereit ſie waren, die ÜUrheber aller anderen An⸗ kündigungen zu ſchmähen und legitime Abkömmlinge des Barnabas zu ſchelten, ſo flüſterte doch nicht einer auch nur eine Sylbe gegen A. O. Scharfſichtige Perſonen mögen vielleicht erkennen, daß die meiſten dieſer vorſichtigen Freunde in ſeiner Gewalt waren. Bei einem Diner in dem Klubb der Garde in St. James Street im Herbſte 1822 wurde, als das Geſpräch auf die jüngſten Spielyerluſte in Graham's erneuertem 14 Glückstempel kam, in welchem in dieſem Augenblicke Ver⸗ luſte und Gewinne mit reißender Schnelligkeit ſich folgten, bemerkt, daß die Geſichtszüge eines jungen Officiers, der bisher dieſem Geſpräche mit vollſtändiger Theilnahmsloſig⸗ keit zugehört hatte, ungewöhnlich aufgeregt wurden. Die⸗ ſes war um ſo auffallender, weil Baſil Annesley nie die Schwelle Graham's betrat und in keinem Verhältniſſe mit irgend einer der Perſonen ſtand, deren Angelegenheiten ſo frei erörtert wurden. „Biertauſend Donnerſtags Nachts, und dreitauſend letzte Woche! bemerkte Oberſt Loftus.„Armer Grinſel. Ich fürchte, es iſt aus mit ihm! Er ſagte mir ſelbſt, daß er letzten Monat zwölftauſend aufgenommen habe, und daß ihm keine einzige Hülfsquelle übrig geblieben ſei, daß bis auf die letzten Guinee alles fort, der letzte Ste⸗ cken ſeines iriſchen Gutes durchgebracht ſeit Armer Herr Grinſel!“. „Er hat zuletzt zu A. O. ſeine Zuflucht genommen,“ bemerkte Capitän Blencowe in einem ernſten, dumpfen Tone.„So einer kann dergleichen Verlegenheiten, in welche er verſetzt worden ſein muß, beſeitigen.“ „A. O.! Gewiß iſt der die Perſon, welcher, wie man ſagt, mein Onkel, der Herzog von Rocheſter, dreißig⸗ tauſend Pfund ſchuldig geworden iſt?“ rief einer von den jüngſten, der erſt eingetreten und erfreut war, von ſeinem Onkel Herzog ſprechen zu können, eine Schwäche, mit der er geplagt wurde, ehe er noch ſechs Monate im Regimente war. „Und aus deſſen Klauen die Hälfte der Burſche ſich jeden Tag gerne herauswickeln möchte!“ verſetzte Capi⸗ tän Blencowe.„A. O. iſt die letzte Zuflucht des ruinir⸗ ten Mannes, der Henker, der den Gnadenſtoß gibt.“ „Was zum Teufel meinen Sie mit dem Gnaden⸗ ſtoße?“ fragte der Knabe, der ſo ſtolz darauf war, der Neffe eines Herzogs zu ſein. „Der Gnadenſtoß iſt der Streich, der einem Schlacht⸗ 21 15* opfer auf dem Rade verſetzt wird, um es von ſeiner Qual zu befreien;“ erwiederte ein alter, grauer Oberſt, welcher ſich als Amme der Subalternen betrachtete: „Ich meinte, daß A. O. der ſchmutzige Kerl ſei, der den erſten Streich führt, um einen Mann zu ruiniren; ſo eine Art von Burſchen wie die, die Steine an einen zu ertränkenden Hund, binden, daß er kaum den Kopf ober dem Waſſer halten kann.“ 4 „Er war es, wie ich glaube, der Egenſtone zu Arreſt bringen ließ,“ bemerkte Oberſt Loftus. 3 „Und es war eine Klage, die A. O. erhob für Friederich Lumley in Brüſſel!“ fügte Capitän Blencowe bei.„Ein Mann, der zu ihm ſeine Zuflucht nimmt, muß alle andern Hülfsquellen verſiegt ſehen. Indeſſen nnuß bemerkt werden, daß er unfehlbar ein Knicker iſt. Das Thier iſt immer lüſtern nach Geld, und wenn eines wählt, in die Kinnladen eines Haifiſches mit einem geoffneten Auge zu fallen, ſo iſt dieſes mehr zu tadeln als das Thier, welches ſeinem Inſtinkte folgt, indem es ſie über ihm ſchließt. Ich habe einmal Geld bei A. O. entlehnt, nachdem ich jeden andern Ausweg verſucht hatte. Ein Minderjähriger, ohne alle perſöͤnliche Garantie, ſchien ein verzweifelter Fall. In⸗ deſſen wurde der Vielfraß mit dreißig Prozent geſättigt, ſo wie durch das Zeugniß, welches mein ehrliches Geſicht und mein verheißungsvolles Papier ablegte. Selbſt an meinem Sterbtage werde ich die Freude nicht vergeſſen, mit welcher ich mich erfüllt ſah, als ich mich aus der Sklaveret dieſer Schuld innerhalb eines Jahres durch die Großmuth einer alten Tante befreit ſah, welche gütig ge⸗ nug war, zu dieſem Zweike zu ſterben.“ „Innerhalb eines Jahres! Was hatten Sie von ihm zu fürchten?“ „Nichts zu fürchten, aber viel zu erdulden. Ich hatte mich verpflichtet, die Zinſen aus dieſen verfluchten fünf⸗ hundert Pfunds monatlich zu bezahlen und zwar von dem Jahresgehalt, welchen mir mein Geizhals von einem ſchot⸗ tiſchen Vormunde in derfelben Weiſe ausgeſetzt hatte. An jedem Dritten des Monats wurde ich von einem häßlichen Alp, in der Geſtalt des A. O., heimgeſucht. Es kommt mir vor, als ſehe ich die Thüre meines Zimmers ſich öffnen, um ihn herein zu laſſen.“ „Aber warum ließen ſie ihn nicht durch Ihren Ban⸗ quier oder Agenten bezahlen?“ „Er hatte zur Bedingung gemacht, daß von Hand zu Hand an ihn bezahlt werden ſolle. Ich vermuthe, daß er ein Auge auf die Moral und die Geſundheit ſeines Schuldners hatte; denn eines Tags, als er wie gewoͤhn⸗ lich erſchien und die Spuren einer in der vorhergehenden Nacht bei Limer gehabten Punſchpartie allzu ſichtlich auf meinem Geſichte waren, bemerkte ich, daß er ſeine durch⸗ dringenden Augen auf mich, gleich den Krallen eines RNaubvogels, richtete und mich fragte, welcher Beſchaffen⸗ heit die Unordnung ſei, die mich ſo bleich wie ein Geſpenſt mache, wie einen, der von einem Wolfe verfolgt werde, um ſeine Mahlzeit aus ihm zu machen.“ „Gut von ihm! Gut! Bei meiner Seele, Blen⸗ cowe, Sie ſehen zu ſchlecht aus!“ ſchrieen verſchiedene Stimmen. „Ihr macht mich beſtimmt noch krank mit Euerm Geſpenſt und mit Euerm A. O.!“ bemerkte der Neffe des Herzogs von Rocheſter.. „Er machte es mich!“ fuhr der Capitän fort; vim Ernſte, und die bloße Erinnerung hieran macht mich ſchon ſeufzen. Loftus, den Claret! Etwas zu viel auf dieſes 1 und der Wein machte die Runde, die Geſellſchaft nahm bald wieder den Ton ihrer früheren Heiterkeit an. Während dieſer ganzen Zeit hatte Baſil Annesley ſeine Wallnüſſe ſo emſig geſchält, als wären ſie für irgend eine ſchöne Nachbarin der Geſellſchaft, ſtatt für ſein mißmu⸗ thiges Selbſt beſtimmt. In der That wußte er auch nicht, daß er ſo viele Wallnüſſe auf ſeinem Teller habe. Während der Erörterung war er ganz Ohr geweſen, und er ſuchte 17 eine Beſchäftigung, welche ihm geſtattete, mit gebeugtem Haupte zu lauſchen und ſein tiefes Intereſſe an dieſer Sache zu verbergen. Seine wahre Abſicht war hiebei, die Aufregung zu verheimlichen, welche ihm die Erwähnung dieſer Sache verurſacht hatte. Baſil Annesley war einer jener offen⸗ herzigen Burſche, welche den Bemerkungen der Geſellſchaft mit einem freien und furchtloſen Geſichte gegenüber treten, und daß ſeine gewöhnlich ſo hochgetragene Stirn ſo fort⸗ während geſenkt war, daß ſeine Stimme gewöhnlich im Geſpräche ſo frei, ſo beharrlich ſchweigend war, erregte in dem Geiſte Loftus's, der ihm gegenüber ſaß, wie in dem des weißhauptigen Oberſten, Argwohn. „Was iſt ſeine Meinung über dieſes Alles? Hat der arme Annesley geſpielt?“— Das waren die geheimen Ge⸗ danken Beider.„Ein weiteres Opfer des écanté oder des Hazardſpiels! Ein weiteres Opfer der erbarmungsloſen Klauen des A. O.!""4 Annesley hatte ſich nie etwas davon merken laſſen, daß er ein Spielhaus beſuche. Das Spiel des faſhionablen Londons war damals noch nicht in einem ſo beſtimmten Brennpunkt concentrirt, wie es ſeitdem geſchehen iſt. Aber in einer ſo kleinen Corporation wie die, an welche Baſil gebunden war, iſt der Mann, der ſich irgend einem großen Laſter hingibt, bald entdeckt, und er hatte bisher für einen Damen⸗Mann, eine Almacks Liebling gegolten, ſtatt für einen Burſchen, der unter den Vergeudungen eines Roué ſein Leben hinbringe. Baſil Annesley war erſt ſeit einem Jahre bei der Garde. Nachdem er Harrow verlaſſen, hatte er ſeine Aus⸗ bildung auf einer ausländiſchen Univerſität vollendet, bald darauf aber als der Sohn des verſtorbenen Sir Bernhard Annesley, eines der tapferſten Opfer des Kriegs auf der Halbinſel, durch die großmüthige Protection des königlichen Oberbefehlshabers eine Anſtellung erhalten. Ueber den Stand ſeiner Vermögensverhältniſſe war wenig auf eine Der Geldverleiher. I. 2 18 authentiſche Weiſe bekannt. Seit dem Tode des Generals hatte ſeine Mutter in der Zurückgezogenheit gelebt, und niemand wußte, ob ſie reich oder arm ſei. Baſil erwähnte ihren Namen nie. Man vermuthete, daß er die Zeit ſeines Urlaubs und ſeiner Abweſenheit vom Regimente der Lady Annesley widme; aber bei ſeiner Rückkehr ſagte er von einem ſolchen Beſuche nichts. Seine Lebensweiſe führte zu der Vermuthung, daß ſein Jahresgehalt weniger als frei⸗ gebig ſei; aber obgleich froͤhlich und offenherzig hinſichtlich indifferenter Gegenſtände, war Baſil hinſichtlich ſeiner Fa⸗ milien⸗Angelegenheiten zu zurückhaltend und zu ſelbſtſtändig in ſeiner Art zu leben, als daß ihn ſeine Kameraden durch zudringliche Neugierde zu beläſtigen gewagt hätten. Der grauhauptige Oberſt, in dem Regimente unter dem Namen des alten Carrington und als ein Neugieriger bekannt, dachte daran, den gegenwärtigen Augendlick zu benützen, um einige Nachforſchungen hinſichtlich der Ver⸗ legenheit des jungen Fähndrichs anzuſtellen, aber gerade als er auf ihn zuſchritt um als Einleitung zu dieſem Zwecke mit ihm über A. O. zu ſprechen, warf Baſil An⸗ nesley ſeine Serviette über die Lehne ſeines Stuhls, ſprang auf und eilte aus dem Zimmer. Nun war aber der alte Carrington Podagriſt, und die lebhaften Bewegungen eines Knaben von zwanzig Jahren hatten dieſen bald von einem Manne entfernt, der zu jenen zwanzigen noch fünf und zwanzig mehr zählte, und unter dieſen ſo manche Jahre des aktiven Dienſtes. So kam es alſo, daß, ehe der Waterloo⸗Oberſt ſeinen Finger an den Knopf des Fähndrichs legen konnte, Baſil ſeine Augen auf die Ankündigungen der Morning Poſt gerichtet hatte und den Entſchluß faßte, einen Brief an den Geldver⸗ leiher zu richten, welchem, wie man ſagte, der Herzog von Rocheſter dreißigtauſend Pfund ſchuldete. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er nicht blos ſeine Wohnung erreicht, ſondern auch den Brief been⸗ digt und geſiegelt. Statt ihn aber auf das Kamingeſimſe — *‿ 49 zu legen, um die Aufmerkſamkeit ſeines Bedienten zu er⸗ regen, wie dieſes bei den für die Zweipenny⸗Poſt beſtimm⸗ ten der Fall war, legte Baſil Annesley denſelben nicht blos auf den Tiſch, ſondern bedeckte ihn auch mit dem Buche Löſchpapier, auf dem er geſchrieben hatte, wie mit einem Grabſteine, als wenn er„nicht wieder hervorblicken und hervorgehen dürfe.“ 3 Ein Brief, der eine Zuſammenkunft mit einem Geld⸗ verleiher bezweckte! Ein wegwerfender Brief von ihm, dem ſtolzgeiſtigen Sohne einer ſtolzherzigen Mutter! Was würde dieſe Mutter von ihm denken, wenn ſie gewußt hätte, daß er ungeachtet ihrer hohen Stellung, ihrer liebevollen Be⸗ ſchwörungen, in ſo kurzer Zeit nach ſeinem Eintritte in die Armee, ſich dergeſtalt in Schulden geſtürzt habe, um die Hülfe eines Wucherers in Anſpruch nehmen zu müſſen. Der arme Baſil warf ſich der Länge nach auf das Sopha ſeines Zimmers, legte die Hände über dem Kopfe zuſammen, richtete ſeine Augen auf einen Kupferſtich„des Hetmanns Tochter,“ welcher in einem prachtvollen Rahmen die entgegengeſetzte Wand ſchmückte, wie Portraite von Cerito oder Duvernay die Junggeſellen⸗Wohnungen des heutigen Tags verſchönern. Mit verzweifelten Selbſtan⸗ klagen ging er mit ſich ſelbſt Alles wiederholt durch, was zwiſchen ihm und Lady Annesley über das Capitel der Finanzen bei ihrem letzten Wiederſehen verhandelt wor⸗ den war. 3 Es war unmsoglich, einen größeren Unterſchied als den zu ſehen, der zwiſchen dem lärmenden und oͤffentlichen Leben, welches er in der Stadt führte, und zwiſchen der monotonen Abgeſchiedenheit in Barlingham Grange ſtatt⸗ fand. Eine Meile von New Forreſt liegend, glich das alte, von der Wittwe des Sir Bernhard Annesley bewohnte Schloß mehr einer mit einem Waſſergraben umgebenen Pächterswohnung, als dem ehrbaren Sitze, auf welchen ſich Wittwen von beſcheidenem Einkommen zurückziehen, um die Erträgniſſe eines kleinen Vermögens zuſammen zu 20 halten. Verborgen in dem Dunkel einer waldigen Gegend, einzig erreichbar mittels eines abſcheulichen Kreuzwegs, oder vielmehr Kreuzſteigs, welcher den Forſt von Lyndhurſt durchſchnitt, war Barlingham Grange, oder, wie es abge⸗ kürzt von der Nachbarſchaft genannt wurde, Grange, von aller Verbindung mit der thätigen Welt abgeſchnitten. Lady Annesley war ſo kalt in ihrem Benehmen und ſo verliebt in die Einſamkeit, in welche ſie ſich entſchloſſen ſelbſt verbannt hatte, daß, ungeachtet der heißen Liebe Ba⸗ ſil's, es ihm mehr wie eine Buße vorgekommen ſein mußte, als wie ein Feiertag eines Schulknaben, wenn er zweimal im Jahre von Harrow nach Hampfhire reiſen und in der Periode, welche zwiſchen ſeinem Abgange von Heidelberg und ſeinem Eintritte in die Armee lag, für einige Monate dahin zurückkehren mußte. 3 Baſil war daran gewoͤhnt, die melancholiſche Zurück⸗ haltung der ihm von ſeinen Eltern allein gebliebenen Mutter der Betrübniß über den Verluſt ſeines Vaters zu⸗ zuſchreiben, und er achtete dieſe unfreundliche Melancholie; obwohl es in ſeinen Knabenjahren Momente gab, in welchen er Steine in den alten Graben warf, um die jungen Enteu aus dem Schilfe zu treiben, in welchen er das baufällige, ſpitzige Dach des alten Hauſes von rothen Ziegelſteinen betrachtete, und in welchen er wünſchte, daß ſeine Augen Barlingham nie mehr ſehen möchten, ſo kehrte er doch wieder mit momentaner Wärme an das Herz ſeiner ernſten Mutter zurück, unterwarf ſich den Kreuz⸗ und Querfragen ihrer ehrwürdigen Magd Dorcas und dem Murren des alten Gärtners, des einzigen männlichen Dieners dieſes abgeſonderten Gutes; er konnte das Gefühl nicht unter⸗ drücken, daß zu Hauſe ſein Etwas, eine Mutter, eine Mutter ſei, obwohl das erſtere den moͤglichſten Stillſtand irdiſcher Trägheit zeigte, und die letztere ein Zurückhalten an den Tag legte, welche mehr entfernten Verwandten gegenüber an ihrem Platze geweſen wäre.. Lady Annesley war aber nicht mehr jung; obgleich 21 ſie immer noch Spuren von Schönheit zeigte, ſo hatte ſie doch längſt ſchon das fünfzigſte Jahr überſchritten, und jene heftige Bezeigung mütterlicher Liebe, welche den Herzen jüngerer Mütter entflammt, war von einer verwittweten Matrone nicht zu erwarten, in welcher ein Leben der ſtrengſten Einſamkeit die Abſicht beſtärkte, aus welcher ſie zu ihrer Wahl geleitet worden war. Baſil war auch nicht ihr einziges Kind; denn ſie hatte eine Tochter, welche zwoͤlf Jahre älter war, als jener. Dieſe Tochter hatte ſich jung verheirathet und im Norden angeſiedelt; ſie war jetzt ſelbſt die Mutter einer zahlreichen Familie, und da ſich ſeit dieſer Heirath Lady Annesley und Mrs. Vernon nie mehr begegnet hatten, ſo mag dieſes auch dazu beige⸗ tragen haben, daß die mütterlichen Gefühle der Wittwe des Sir Bernhard nicht ſehr lebhafter Natur waren. Sie hatte ſich augenſcheinlich nie wieder von dem Schlage er⸗ holt, welchen ihr jener frühzeitige Tod verſetzt hatte. Baſil dachte ungeachtet des Anſcheins anders. So wenige Mittheilungen ſie machte, hatte es doch Augen⸗ blicke gegeben, in welchen er entdeckte, daß die mit Thraͤnen gefüllten Augen ſeiner Mutter auf ſein Geſicht, gleichſam heimlicher Weiſe, gerichtet waren. Bei einer Gelegenheit, als ſie ihm die Erlaubniß zu ſeiner Abreiſe nach Harrow mit ihrem gewoͤhnlichen Ernſte gegeben hatte, und er eine Viertelſtunde ſpäter zurückzukehren gezwungen war, um einen Brief an Dr. Butter zu ſuchen, welchen er zurück⸗ gelaſſen hatte, fand er ſie, als er in ihr freudloſes Geſell⸗ ſchaftszimmer eintrat, ihr glühendes Geſicht in den Kiſſen des Sophas verbergend und ſchluchzend, wie wenn ihr Herz brechen wolle. Als ſie ſeine Anweſenheit bemerkte, ſchalt ſie, wie wenn ſie darüber erzürnt wäre, daß er Kenntniß von ihrem Schmerze erlangt, ihn bloß wegen. ſeiner Sorgloſigkeit, erneuerte aber ihre Zärtlichkeit beim Abſchiede nicht. Seiner Schweſter konnte er ſich kaum mehr erinnern. Sie war in ſeines Vaters Familie erzogen worden, und .— 22 zur Zeit ihrer Heirath war Bafil erſt ſieben Jahre alt. Wenn er in fruͤheren Tagen einmal den Wunſch ausge⸗ ſprochen hatte, Helene wieder zu ſehen, hatte Lady An⸗ nesley geantwortet, dieſes ſei nicht ſehr angenehm, indem Herr Vernon ein alter Mann ſei, und zweideutige Redens⸗ arten, mehr oder weniger dunkel, begleiteten die ihm er⸗ theilte Erlaubniß. Baſil hatte es für eingeräumt ange⸗ nommen, daß ſein Schwager ein wilder Menſch ſei, der wegen Mangels an Reichthum von Seite ſeiner Schweſter dieſe tyranniſire und von ihrer Familie fern halte. Als er aber Mrs. Vernon zwei oder dreimal geſehen, und ſie ihm auch nicht ein einziges Zeichen ſchweſterlicher Zärt⸗ lichkeit gegeben hatte, fuͤhlte er einigen Unwillen gegen ſie, und hörte in der That bald auf, an dieſe ſeltſame Ver⸗ wandte ferner zu denken. 1 „Es iſt wirklich ſchmählich, daß Helene eine ſolch unnatürliche Gleichgültigkeit zeigte!“ bemerkte er einmal ſeiner Mutter. 6 „Das iſt die Folge, wenn man ein Kind unter das Dach eines andern bringt! Barlingham war nie ihr Haus, und ſie hat vergeſſen, daß es das ihrer Mutter und ihres Bruders iſt.“ Eine hektiſche Roͤthe überflog bei dieſer Bemerkung die blaſſen Wangen der Lady Annesley, und Baſil bereute ſogleich ſeine Worte; denn er begann nun zu glauben, daß die ſtrenge Abgeſchiedenheit, in der ſie lebte, und die Adoption ſeiner Schweſter durch ſeinen Onkel ihren ge⸗ meinſchaftlichen Urſprung in den beſchränkten Mitteln ſeiner Mutter haben. Es war indeſſen ſeltſam, daß Admiral Annesley als Gegenſtand ſeiner Gunſt nicht den Sohn ſtatt der Tochter ſeines verſtorbenen Bruders gewählt hatte. Es läßt ſich aber leicht erklären. Zur Zeit des Todes des Sir Bernhard war Baſil in einem Alter, welches die liebevolle Sorge einer Mutter erheiſchte, während Helene faſt ſechszehn Jahre zählte und ihre Erziehung vollendet war. Ueberdies ſchmeichelte er ſich ſelbſt, daß die Vor⸗ & * 23 liebe der Lady Annesley für ihren Knaben nicht ohne Ein⸗ fluß auf dieſe Wahl geweſen ſei. 4 Ein Theil der Zweifel Baſil's hinſichtlich der Ver⸗ hältniſſe ſeiner Mutter hatte indeſſen ſein Ende erreicht. Während ſeines Aufenthalts zu Heidelberg erkannte er vermöge ſeiner Einſicht aus ihren ernſten und bedeutungs⸗ vollen Briefen eine mächtige mütterliche Liebe, die durch einen Mühe koſtenden Entſchluß unterdrückt wurde, und als er nach ſeiner Rückkehr aus Deutſchland ſie wiederſah, gab ihm ſein geſetzterer Charakter und ſeine größere Selbſt⸗ beherrſchung den Muth, ſolchen Beweiſen dankbarer kind⸗ licher Zärtlichkeit ſich hinzugeben, welche einigermaßen dazu dienten, die eiſige Zurückhaltung der Wittwe zu ſchmelzen. Wenn ſie ihn auch während ſeines zweimonat⸗ lichen Aufenthalts in Barlingham nicht zärtlich behandelte, ſo benahm ſie ſich doch mit mehr Offenheit gegen ihn. Sie geſtand ihm, daß ſie in keinen freundlichen Verhält⸗ niſſen mit der Familie ſeines Vaters und mit der Familie ihrer Tochter lebe. „Es liegt nichts daran, wer gefehlt hat,“ ſagte ſie auf die begierigen Fragen Baſils antwortend.„Es ge⸗ nügt, daß die Familie Annesley auf den mir ſo theuern Sohn das gegen mich gehegte Mißfallen überträgt und daher ſehr wenig geneigt iſt, gegen Dich freundlich zu ſein: Du wirſt mich daher verpflichten, mein lieber Baſil, wenn Du Dich jeder weiteren Berührung dieſes Gegen⸗ ſtandes enthältſt.“ In einem andern Punkte war ſie eben ſo offenherzig geweſen. Sie ſetzte ihn davon in Kenntniß, daß ſie arm, wahrhaft arm ſei; daß ihr Einkommen von achthundert Pfund jährlich größtentheils von ihrer Penſion als Wittwe eines Generals herrühre und ihr nicht geſtatte, ihm mehr als dreihundert jährlich auszuſetzen, daß das wenige, was ſie zurücklegen knne, zu einem Fonds für ſeine künftige Beförderung beſtimmt ſei, und daß ſowohl die Nothwen⸗ 24 digkeit, als freie Wahl ſie beſtimmt habe, eine Einſiedelei aus ihrem Aufenthaltsorte zu machen. „All mein Sehnen, all mein Ehrgeiz, theurer Baſil,“ ſagte ſie, iſt auf Dein Fortkommen im Leben gerichtet. Mein Schickſal war ein trauriges. Ich wurde gegen meine Neigung verheirathet. Deines Vaters Familie cabalirte gegen mich ſo lange er lebte und verließ mich nach ſeinem Tode; indeſſen verboten mir die Umſtände, ihr Anerbieten abzulehnen, Helene zu adoptiren. Mein Glück beruhte auf Dir, Baſil, mein Troſt warſt Du, für Dich lebte ich, für Dich hoffe ich, und ich bin glücklich. Wenn Du auch manchmal geglaubt haben magſt, daß es mir an Zärtlichkeit fehle, ſo warſt Du mir doch ſtets ſo theuer, daß ich Deinen Verluſt nicht überlebt hätte, un⸗ möglich hätte überleben können. An Deinem Wohle hängt meine ganze Eriſtenz. Werde, was ich von Dir erwarte, ein Mann, ein Mann von Ehre, ein kluger Mann, den die Welt achtet, und meine alten Tage mögen ſich dann vielleicht noch des Friedens und der Ehre erfreuen, welche meiner Jugend verſagt wurden. Aber ſtrauchelſt Du auf dem Pfade, durch Deine eigene Schuld, dann werde ich in der That eine verlaſſene Wittwe werden.“ Eine herzliche Umarmung beſiegelte den zwiſchen bei⸗ den geſchloſſenen Vertrag, Baſil verſprach ſich noch lange, ihn heilig zu halten und vor ſeinem Abgange nach London machte ihn die arme Lady Annesley wiederholt darauf aufmerkſam, daß ſie, bloß ein lebenslängliches Einkommen beſitzend, nicht im Stande ſein würde, ihm Unterſtützung zu gewähren, wenn er ſich in Schulden ſtürzen ſollte. „Denke,“ ſagte ſie zu ihm bei ſeiner Abreiſe,„denke, theurer Baſil, wie groß die Traurigkeit, die Verzweiflung dieſes kleinen, ſtillen Haushalts, über welchen die Jahre ruhig und unbemerkt hingingen, ſein würde, wenn Dich ein Unglück betreffen ſollte. Leite Dein Betragen, mein theurer Sohn, gemäß der Ueberzeugung, daß Deine Schande Deiner Mutter den Tod geben würde.“ 25 Und trotz dem, obgleich der Eindruck der edeln Würde dieſer milden Frau und der mächtigen, unter ihrem feierli⸗ chen Benehmen ſo geheimnißvoll verborgenen Mutterliebe in ſeinem Gedächtniſſe geblieben war, hatte er übel gethan, ſich in Schulden geſtürzt, er hatte bereits den Entſchluß gefaßt, Hülfe bei dem Geldverleiher zu ſuchen. Zweites Kapitel. Wer iſt der Kaufmann hier, und wer der Jude? Shakſpeare. Langſam und träge ſchienen Baſil Annesley die Stun⸗ den, welche er am Morgen darauf verwendete, ſeinen Brief nach dem Hungerford'ſchen Kaffeehauſe zu ſchicken und auf eine Antwort von dem Manne zu warten, den ſein Klubb ſo unbarmherzig verdammt hatte. Im Laufe des Tags kehrte er dreimal in ſeine Woh⸗ nung zurück, indem er hoffte, die Poſt könne eine Ant⸗ wort gebracht haben, die ihn wenigſtens für die nächſte Zeit aus der ſchwierigen Lage befreien könnte, in welche er ſich unbedachtſamer Weiſe verſetzt hatte. Stets fand er ſich getäuſcht. Auf ſeinem Tiſche lagen verſchiedene Noten und Blätter, einige mit Einladungen, einige mit einer beſtimmten Ankündigung, die zu qualvoll für das Bewußtſein des Schuldners waren, indem ſie nachdrücklich darauf hinwieſen, daß das jüngſte Uebereinkommen eine Feſtſetzung durch irgend einen harrenden Gläubiger herbei⸗ führen müſſe; aber keine Silbe von A. O. 26 Für den Abend hatte er ſich verpflichtet. Einer von ſeinen Kameraden hatte von ihm das Verſprechen erlangt, daß er ihn, als Escorte ſeiner Mutter und ſeiner Schwe⸗ ſtern, in eine Privatloge im Covent Garden begleiten wolle. Und gerade, als er vollſtändig angekleidet, aber mit ſich ſelbſt in der groöͤßten Uneinigkeit war und ſeine Wohnung verließ, um in der Loge der Lady Maitland zu erſcheinen, da tönte der Doppelſchlag der letzten Abendpoſt an die Thüre ſeiner kleinen Wohnung und während er einige Staffeln der Treppe zurückſprang, wechſelte ſein Diener die ſchimpflichen zwei Pence gegen einen ſchäbig ausſehenden Brief ein, der Nachrichten über Leben oder Tod dem Delinquenten bringen mußte. Der Inhalt entſprach dem Aeußeren.„Am folgen⸗ den Tage, zu Mittag,“— der Ort war obseur und ſelt⸗ ſam genug, eine Straße in St. Agnes le Clare, Old Street⸗Road. Baſil war indeſſen ſo entzückt, als wenn das Nendezvous durch irgend ein zarthändiges Billet be⸗ ſtimmt worden wäre, und er ging mit hochfliegendem Geiſte zu ſeiner Verabredung mit Maitlands. Als er der Arlington⸗Street zuwanderte, wo er ſich mit der Geſellſchaft vereinigen ſollte, da ſtieg vor ſeinem geiſtigen Auge eine Biſion auf, welche er einige Tage früher emſig verbannt hatte, eine Viſion aus dem düſtern Beſuchzimmer im Grange mit ſeinen trüb angelaufenen Eliſabethen⸗Fenſtern und ſeinem weit vorſpringenden Ka⸗ mine, mit ſeinen antiken Möbeln und ſeinem ernſten Anblicke, mit der Geſtalt ſeiner traurigen Mutter, in ihrem gewöhnlichen, feierlichen, ſchwarzen Gewande, ſitzend in ihrem Ebenholz⸗Stuhle mit hoher Lehne, die Hände gefaltet, die auf ihren Knieen ruhten; getäuſcht hinſichtlich eines Briefs von ihrem Sohne, denn Dorcas war eingetreten und hatte ſie benachrichtigt, daß der kleine Bote, der zum zwanzigſtenmal nach Lyndhurſt geſchickt worden war, um nachzufragen, nichts zurückgebracht habe. „Wenn ich morgen die Sachen mit dem Burſchen 27 in Ordnung bringen kann,“ dachte Baſil, indem er leicht⸗ ſinnig weiter eilte,„dann will ich morgen meiner armen Mutter ſchreiben. Die letzten drei Wochen habe ich meine Feder zum Zwecke meiner gewöhnlichen Korreſpondenz nicht erhoben; das letzte von Allem ſoll ſein, ihr die verzweifelte Lage zu enthüllen, in der ich mich befinde. Meine arme Mutter! Eben jetzt darf ich nicht daran denken! Welch ein Verrath! Welch eine Bethörung! So groß war ihre Selbſtverleugnung, ſo wachſam war ihre mütterliche Sorgfalt— und dennoch wurde ſie ſo belohnt. Aber wenn ich nur über dieſen verdammten A. O. die Oberhand gewinnen, ihn beſtimmen kann, die Zinſen und die perſönliche Sicherheit anzunehmen, mit der er ſich bei Blencowe begnügte, ſo kann ich im Laufe der nächſten achtzehn Monate beide Schulden nebſt Zinſen bezahlen, und ihr dann freier unter das Angeſicht treten.“ Als ſie Nachts aus dem Schauſpiele zurückkehrten, bemerkte Lucie Maitland gegen ihre Schweſter und ihren Bruder, daß ſie Herrn Annesley noch nie in einem ſo auf⸗ geregten Zuſtande geſehen habe. „Du haſt mir oft genug geſagt, Dein Freund könne artig genug ſein, wenn er wolle,“ ſagte ſie, an John Maitland ſich richtend,„dieſe Nacht war er in der That ſehr angenehm.“ „Du räumſt alſo ein, daß ſeine Munterkeit ganz an ihrem Platze war,“ verſetzte ihre ältere Schweſter,„weil Miß O'Neill das ganze Haus zu Thränen und zum Schweigen gebracht hat, ließ uns Herr Annesley einige Minuten bei ſeinen ergötzlichen Anecdoten ausruhen.“ „Annesley hat zu große Achtung vor dem Weltton, meiner Schweſtern, als daß er glauben ſollte, ſie gehen in das Theater zu dem Zwecke, um dort etwas zu ſehen,“ entgegnete John Maitland gelaſſen.„Er war der Mei⸗ nung, der ich war, daß Eure Abſicht war, unſere Geſell⸗ ſchaft zu erheitern und zwar in einem engern und unbe⸗ quemeren Platze als Euer eigenes Geſellſchaftszimmer iſt, 28 und er entſchädigte Euch für die harten Sitze und die drückende Atmosphäre dadurch, daß er allen Unſinn ſchwatzte, der in ſeiner Macht ſtand.“ Inzwiſchen hatte die Unterhaltung am Abende⸗ ſo wenig Eindruck auf Baſil gemacht, daß das erſte, was er bei ſeiner Nachhauſekunft that, war, aus ſeiner Taſche den unſcheinbaren Brief des A. O. hervorzuziehen, um ſich mit größerer Genauigkeit den Namen der Straße einzuprägen, nach welcher er morgen wandern wollte. Er ſuchte zuerſt in einer Weſtentaſche, dann in der andern, dann in den Taſchen ſeiner Uniform, in denen ſeines Ueber⸗ rocks, aber überall vergebens. In ſeiner Ungeduld warf er ſein Taſchentuch, ſeine Handſchuhe, ſeinen Operngucker, ſein kleines, goldenes Bleiſtift⸗Futteral, welches er in ſei⸗ ner Weſtentaſche trug, auf den Tiſch; allein ſeine Haſt geſtattete ihm nicht, den verlornen Schatz zu finden. Da war nicht eine Spur von dem Briefe. Obwohl er gewiß war, ihn in der Hausflur erhalten und in die Taſche geſteckt zu haben, ehe er das Haus ver⸗ ließ, ſo begann er doch nun in ſeiner Verwirrung ſein Schreibpult, ſeinen Toilettſpiegel in der Hoffnung zu öffnen, den Brief hier zu finden. Und dennoch erinnerte er ſich, daß er nach der Ankunft der Poſt in ſein Zimmer nicht urückgekehrt war. Das Reſultat blieb immer daſſelbe, und er war gezwungen auf den Gedanken zurückzukommen, den er zuerſt gehegt hatte, daß ſeine Taſche geplündert worden ſei, als er aus dem Theater ging, und daß dieſes Doeument, für jeden andern, als für ihn, werthlos, für einen höheren Fang gegolten habe. Wie verwünſcht! Dieſes traurige Ereigniß konnte die verſprochene Zuſammenkunft um vier und zwanzig Stunden verzögern! Und A. O. konnte bei einer zweiten Bitte ſich für gefoppt halten, oder er konnte auch bereuen, ſeine Zeit verloren zu haben, indem er zu Hauſe auf einen Mann wartete, der ſich nichts daraus machte, ihn zu täu⸗ ſchen, er konnte eine zweite Zuſammenkunft verweigern. dd 9 Es war ihm ja, nur zu oft ſchon, geſagt worden, daß A. O. der Mann nicht ſei, der mit ſich ſpielen laſſe. Er begann daher, ſein Gehirn anzuſtrengen, ob er ſich der in dem Briefe enthattenen Adreſſe nicht erinnern könne. St. Agnes le Clare, Old Street Road fiel ihm wohl vollkommen bei; aber in dem erſten Namen lag ein ungewöhnlicher Klang, ſo etwas von Miß Owenſon, oder Mrs. Opie, was ganz eigenthümlich mit dem zweiten nicht zuſammenſtimmte. Wie er ſein Gedächt⸗ niß auch anſtrengte, es fiel ihm nicht bei. Aber was war der Name der Straße? Er war der irgend einer angeſehenen Familie. Es war nicht Howard, oder Perey, oder Paget. Es war ſo etwas, was mit Wiltſhire zu⸗ ſammenhing; ſein Gedächtniß brachte ihm Wiltſhire in den Sinn. Er wollte ſich in dem Court Quide Raths erholen und ſehen, ob irgend eine Straße in der Nachbar⸗ ſchaft von Old⸗Street Rood mit Wiltſhire Aehnlichkeit habe. 3 Aber ach, der Court Quide würdigte St. Agnes le Clare einer Erwähnung nicht! Der Court Quide über⸗ ging A. O. und ſein ganzes Kirchſpiel, und der arme Baſil war mehr als je auf der See ſeiner Zweifel ver⸗ ſchlagen. Eines war gewiß. Die Zuſammenkunft war auf Mittag des folgenden Tags feſtgeſetzt, und ſein letzter Entſchluß, ehe er ſein Haupt auf ein Kiſſen niederlegte, von dem der Schlaf floh, war, ſich am nächſten Morgen zu einer frühen Stunde nach Old Street Rood zu bege⸗ ben, und den Verſuch zu machen, ob er nicht durch Unter⸗ ſuchung der Nachbarſchaft zufälliger Weiſe den verlorenen Faden ſeines Gedächtniſſes wieder auffinden könne. Es iſt indeſſen für einen Bewohner von Weſt End keine angenehme Sache, aus einem warmen Bette, um neun Uhr, an einem neblichten Novembermorgen außzuſte⸗ hen, und nachdem man den gegenüber liegenden Laden durch einen gähnenden Ladenjungen oder durch Dirnen mit Papier⸗ wickeln in den Locken öffnen ſah und ein ſchlechtes Früh⸗ ſtück in aller Eile zu ſich genommen, wozu der Bäcker die Walzen nicht gebraucht hatte, in einer Miethkutſche nach dem fernen Oſten zu fahren und in einer Weiſe abgeſetzt zu werden, welche der von Robinſon Cruſoe auf dem Pflaſter von Finsbury gleicht. Es war das erſtemal, daß Baſil Annesley dieſe terra incognita beſuchte. Er hatte zwar in dem Tower gelegen, aber er kannte nichts von den Wilden in Moor⸗ gate. Da er ohne allen Prunk gekleidet war, vielmehr die größte Einfachheit bei dieſer Gelegenheit beobachtete, ſo konnte er nicht begreifen, daß es möglich ſei, daß der ſtarre Blick der Eingebornen auf ihm wegen des Unter⸗ ſchieds zwiſchen dem Schnitte ſeines Ueberrocks und dem der Schneider von Barbican hafte. Er dachte vielmehr, daß die Neugierde, die er erregte, von derſelben myſteridͤ⸗ ſen Natur ſein müſſe, mit welcher er ſeinen Scharfblick auf jede Ecke jeder Straße richtete, hoffend, auf den glück⸗ lichen Wohnplatz des A. O. zu ſtoßen. Es war nun erſt zehn Uhr, aber in dieſem handel⸗ treibenden Stadttheile war die Welt in voller Thätigkeit. Die Leute gingen ihre Wege und beſorgten ihre Geſchäfte, als wenn es eine unmögliche Sache wäre, daß die Sonne nicht die Abſicht habe, auf ihre⸗Wege herabzublicken. Die Ladenfenſter waren von Rauch geſchwärzt. Die Vorüber⸗ gehenden eilten fort, indem ſie ihre froſtigen Hände in ihre Taſchen ſteckten, ihre Augen auf das traurige Pflaſter hefteten, ihre Naſen vor Kälte roth waren, und ihre Ge⸗ ſichter verſchiedene Grimaſſen ſchnitten, ein Zeichen der Unfreundlichkeit der Witterung. Die Straßen waren mit einer vielfarbigen Miſchung zähen Koths bedeckt, und die Atmoſphäre ſchien aus dem Zuſammenfluſſe alles mög⸗ lichen übelriechenden Materials gebildet. Der Geiſt des armen Baſil war durch die Temperatur des Tags, und dieſer Zuſammenhäufung der Gegenſtände rund um ihn her, niedergedrückt.* 4 31 „Ich glaube, ich werde am beſten thun, wenn ich es aufgebe,“ murmelte er, die Achſel zuckend, nachdem er eine Menge von Straßen betrachtet hatte, deren Namen ſeinem Gedächtniſſe fremd waren.„Wie konnte ich ein ſolcher Eſel ſein, mit einem Dokumente von ſo großer Bedeutung ſo leichtſinnig umzugehen. Wäre es einer der Briefe Eſther's geweſen, ſo würde ich in mein Zimmer zurückgeeilt ſein, und ihn in meinem Pulte verwahrt ha⸗ ben, ehe ich wegging. In dieſem Augenblicke ſchlug er ſeine Augen zum Himmel auf, um ſich über ſeine eigene Unaufmerkſamkeit zu wundern, und da leuchtete ihm von der nächſten Kreuz⸗ ſtraße ein Name entgegen, welcher ſeine Wangen mit einer Röthe überfluthete:„Paulet Street!“ Wiltſhire bei Seite! Er hatte es gefunden! Doch nein; das Ding war unmöglich. Die Straße, in welche er nun eilenden Schrittes ging, konnte der Auf⸗ enthaltsort eines Mannes, wie des berüchtigten und ge⸗ fürchteten A. O. nicht ſein. Es war eine jener elenden Ausgänge, die in den Vorſtädten Londons im Ueberfluſſe vorhanden ſind, und nicht verdienen, einen Theil der Hauptſtadt auszumachen; es war eine Straße, in wel⸗ cher die beiden erſten Häuſer zu drei Stockwerken auf⸗ ſtrebten, die folgenden zu zwei, die übrigen aber von dieſer Regel ſo abwichen, daß von mehreren die Dächer bis zu den Köpfen der Vorübergehenden herabreichten. Dieſe lang geſuchte Paulet Street beſtand aus Häu⸗ ſern, deren Front in der Regel nur ein Fenſter hatte, und die erbärmlich ausſahen; die Hausthüre war faſt ſo breit als das Haus, und das Sprachfenſter, welches dicht an jener war und theilweiſe durch einen zerſchlitzten, mißfar⸗ bigen Vorhang bedeckt wurde, enthielt viereckige Papier⸗ ſtücke, auf welchen entweder, Quartiere für einzelne Männer,“ auf andern:„hier wird gewaſchen,“ oder:„man ſucht ein Kind für eine„Amme,“ oder:„gereinigte Lighorn⸗Mützen ſind hier zu erfragen,“ geſchrieben ſtand. 3²2 An mehr als einem Fenſter befand ſich ein kümmer⸗ liches Geranium, deſſen irdener Topf in einem zerbrochenen Unterſetzteller ſtand, den der mit ſchwerer Arbeit beſchäf⸗ tigte Bewohner nicht bemerkte oder zu entfernen überſah; an einigen war ein Vogelkäfich, nicht unachtſam ausge⸗ ſtellt, aber ohne Vogel. Der Canarienvogel, deſſen früherer Bewohner, war längſt geſtorben, und der Kafich war auf das Fenſtergeſimſe geſtellt worden, um aus dem Wege zu ſein. In ſolch' einer Nachbarſchaft ſchien eine Frau mehr als ein gewöhnlicher fruchtbarer Traubenſtock zu ſein; Kinder irrten in der Straße umher, vielleicht, weil ſie, gleich dem Vogelkäfich, zur Thüre hinaus geſchickt worden waren, um Platz zu machen; auf mancher Thürtreppe ſtand die von Schmutz ſtarrende, zwölfjährige Schweſter und ver⸗ richtete die Dienſte einer Wärterin bei einem von Schmutz ſtarrenden Kinde von zwölf Monaten, welches ſie mehr in der Hoffnung ſchaukelte, ſich ſelbſt warm zu machen, als dem ſchreienden Kinde zu Liebe. Baſil Annesley wandte ſich unwillig ab; aber wenn er nicht immer noch überzeugt geweſen wäre, daß Paulet Street der Ort ſei, ſo würde er nicht einen Augenblick Plänger in dieſen uneinladenden Räumen geblieben ſein. In einer ſolchen Straße iſt das Vorüberfahren einer Equipage etwas Unbekanntes, und ſogar Karren ſcheinen ihr loͤcheriges Pflaſter zu ſchonen. Der Schubkarren des Katzenfängers oder des Meſſerſchleifers war das einzige Gerumpel von Rädern, welches in dieſen elenden Wänden bekannt war. Ein Fleiſcherjunge mit einer Mulde, oder eine Milchfrau mit ihren Eimern war an dieſem Platze ein angenehmer Zwiſchenfall und bewies, daß die Bewohner ihre Abwechs⸗ lung an Speiſe und Behaglichkeit hatten. Aber ach, als wenn ihre Zeit nicht mehr werth wäre, als die Zeit der Reichen und Eiteln, waren ſie gezwungen, nach dieſen ge⸗ wöhnlichen Lebensmitteln auszugehen, welche pünktlich an die Thüren der Wohlhabenden gebracht werden. Die mehr 33 anſehnlichen Straßen, die ſich an Paulet Street anſchloſſen, zwar nicht weiter, aber dunkler und ſchmutziger als die andern, in Folge der Höhe der Häuſer, waren Muſter jenes bezeichnenden Handels der Auswürflinge der Civili⸗ ſation; da war der alte Kleiderladen Nathan des Juden; der Laden des Händlers mit Marinegegenſtänden, mit ſeinem roſtigen Eiſen und ſeinem zerbrochenen Flintglaſe, ſeinen Wachs⸗Enden, und ſeinen andern ungenannten Ge⸗ genſtänden, mitgenommen oder geſtohlen; der Trödlerladen mit ſeinen Fetzen und Lumpen; der Drechslerladen mit ſeinen ſchwarzen Puppen, die an einem Stricke vor der Thüre aufgehangen ſind und vom Winde getrieben, ſonder⸗ bare Figuren machen; die Lichterzieher mit ihren Weiden⸗ körben voll alter Eier, ihrem Schnupf⸗ nnd Rauch⸗Tabak, braunem Zucker und ihren Binſenlichtern, alles in buntem, unſauberem Durcheinander; oder die Hoͤcker mit ihren an⸗ gefrornen Rübentöpfen und Kartoffelſäcken, dieſem Manna der modernen Hungerleiderei, welche den Armen unſerer Zeit die Wahrheit des Spruches zeigt;„Der Menſch lebt nicht von Brod allein.“ „Ich hätte mir wohl dieſen tollen Irrgang erſparen können,“ murmelte Baſil bei ſich ſelbſt, als er nach ſeinem Eintritte in die Paulet Street an einigen Thüren vorüber⸗ gegangen war und nun an der zerfallenen Thürtreppe eines Hauſes vorüber kam, welches ſchmutziger und troſtloſer, obgleich groͤßer als die benachbarten Häuſer war. Da die zerfetzten Mouſſelinvorhänge, die Nachrichten über Waſchen und Reinigen, die zerbrochenen Blumentöpfe, oder die leeren Vogelkäfige fehlten, ſo hatte es das Aus⸗ ſehen, als ſei es unbewohnt; die angelaufenen trüben Fenſter beſeitigten die Nothwendigkeit von Vorhängen, wenn je darauf gerechnet war, daß ſie die Augen eines Neugierigen auf ſich ziehen könnten. Gerade als Baſil einen eiligen Blick auf die verſchieden⸗ farbige erbſengrüne Thüre von Nro. 11. Paulet Street warf, bewegten ſich langſam deren Angeln, und ſiehe da, Der Geldverleiher. 1. 3 34 ein alter Mann, mager und gebückt, trat heraus, der von abgelebtem Ausſehen und mittlerer Größe war. Sein Hut war abgetragen, ſein brauner Ueberrock fadenſcheinig und die Handſchuhe, von ſchlechteſter Beſchaffenheit, hingen an ſeinen knoͤchernen Händen ſo ärmlich und nachläßig, daß, nachdem er einige Zeit mit ſeinem Schlüſſel herum⸗ getappt hatte, um das Schloß ſeiner Hausthüre zu ſchließen, einer derſelben auf die Treppe hinabfiel, während er ihn in ſeine Taſche ſtecken wollte. Seine Finger waren ohne Zweifel ſtarr vor Kälte. Der Schluͤſſel fiel endlich zu den Füßen Baſil's, und da dieſer erkannte, daß der arme alte Mann vergeblich ſich anſtrenge, ihn wieder aufzuheben, ſo hob er ihn gutmüthig auf und gab ihn in ſeine Hände. Der alte Burſche war ohne Zweifel an die Akte der Höflichkeit nicht gewöhnt; denn er ſtrengte ſich zunächſt an, dankbar in das Geſicht Bafil's zu blicken, nachdem er zuvor raſch ſeine Hand nach ſeinem Schluſſel ausgeſtreckt hatte, und als die Blicke auf den jungen Annesley und den ſchmutzigen Fremden fielen, ſchien der beiderſeitige Eindruck, der der Beſtürzung. Einen Augenblick blieben beide ſtehen, die Augen wechſelsweiſe auf einander gerichtet, bis ſie endlich„ein beſonderes Ge⸗ ſchick, zwiſchen ſie getreten, erkannten, deſſen Dunkel ſie nicht durchdringen wollten. Einige Worte des Dankes, von der einen Seite ge⸗ murmelt, einige Worte der Höflichkeit von der andern Seite geſprochen, waren zwiſchen ihnen gewechſelt worden, und dann ging jeder ſeinen Weg; aber als ſich Baſil um⸗ wandte, um noch einen letzten Blick auf den ſeltſamen Eigenthümer dieſer traurigen Höhle zu werſen, gewahrte er, daß auch dieſer ſtehen geblieben war und ſehnſuchtsvoll nach ihm zurückblickte. Es gewährte eine Erleichterung, zu dem Aufenthalte einer froheren Welt zurückzukehren. Nie zuvor hatte Road Street Annesley ſo glänzend geſchienen, als da, wo er jetzt, nachdem er in der Orford Street ſeinen Miethwagen 3⁵ verlaſſen, zu Fuß nach Hauſe eilte. Die glückliche, wohl⸗ habende, gutgekleidete Bevölkerung von Weſt End, ſchien ſeinen Augen ſo wohlthuend. In Baſtl's Alter iſt es na⸗ türlich, mit Freude ſich von dem Anblicke des Lazarus mit ſeinen Geſchwüren ab⸗ und jenem des Mannes zuzuwen⸗ den, der in Purpur und in feine Linnen gekleidet iſt. „Es iſt nicht nöthig, meine Unachtſamkeit zu beken⸗ nen; ich will ſchreiben, wie das erſtemal, oder als ob ſein Brief nicht an mich gelangt ſei,“ ſagte er, als er ſich an⸗ ſchickte, eine neue Unterhandlung mit A. O. zu beginnen, und ängſtlicher, als die früheren, waren die Momente des Wartens, bis eine zweite Antwort ſeine Bitte gewährte. Es ſchien, als ob die Falſchheit des Geldverleihers gleichen Schritt mit ſeiner eigenen halte; es wurde wieder eine Zuſammenkunft beſtimmt, aber von St. Agnes le Clare wurde nichts erwähnt, nicht eine Silbe von Old Street Nood! A. O. willigte ein, B. A. morgen zu ſe⸗ hen; aber in Nro.—, Greck Street, Soho. Baſil bekam jetzt eine Furcht vor der Schwäche ſeines Gedächtniſſes und verſchloß den Brief ſorgfältig in ſein Pult. Das Queckſilber ſeiner elaſtiſchen Natur ſtieg unter dem Einfluſſe dieſer ſchlechten Ermuthigung um ſo mehr in der Roͤhre. Es iſt zum Erſtaunen, in welch' gehalt⸗ loſen Anzeichen der Sanguiniſche Grund für ſeine Hoffnun⸗ gen findet. Wie die Kraft des Mikroskops den grünen Schimmel auf irgend einem verdorbenen Gegenſtande in grünende Wälder und Hallen der Glückſeligkeit verwandelt, ſo erkennt das Auge der Jugend Verheißungen in dem Zuge einer Wolke, und ihre klopfenden Herzen hüpfen vor Freude bei den abgeriſſenen Tönen einer fernen und uner⸗ reichbaren Muſik. Bei dem Düſter eines Londoner Novembers zufrieden zu ſein, erfordert von Seite eines reinen Liebhabers der Vergnügungen die äußerſten Anſtrengungen eines ſanguiniſchen Temperaments. Die Welt von Weſtern ſcheint unter einem Interdicte zu liegen, das ſociale Leben ſcheint verſchwunden. Da gibt es keine glänzenden Equipagen, keine lachenden Geſichter, keine froͤhlichen Bälle, keine geputzte Menge, keine ſchimmernden, wegen einer Feſtlichkeit erleuchteten Fenſter, welche die Nacht die Straße entlang erhellen. May Fair blickt düſter darein, wie am Vorabende des Weltuntergangs. Die großen Häuſer der Plätze ſind ſo ſorgfältig verſchloſſen, als wenn Legionen von Todten da⸗ rin in ihren Särgen lägen, und der winterliche Anblick unſerer Hauptſtadt, bietet eine ſolche Entvölkerung dar, wie man dieſe in den Sommermonaten in irgend einer andern Stadt Europas findet. Wir lieben unſere Wälder, wenn ſie entlaubt, unſere Gärten, wenn ſie ihrer Früchte und Blumen beraubt ſind, und wir kehren von dem Lande in die Stadt zurück, gerade wenn ſich erſteres in ſein Staats⸗Gewand kleidet und die letztere unerträglich vor Hitze und Staub wird.— „Wie abſcheulich das Alles iſt!“ ſagte Capitän Blencowe, die Achſel zuckend, zu Baſil, welchen er einge⸗ laden hatte, mit ihm in ſeinem Cab eine Tour durch den Hyde Park zu machen, wo ſie bloß einige Wittwenkutſchen fanden, die ihre gewöhnliche, tägliche Erholung in friſcher Luft ſich machten und ſo traurig darein ſahen, wie ſo manche, gelb angeſtrichene Leichenwagen. „Die Luft iſt dieſen Nachmittag mild!“ entgegnete Annesley, deſſen Herzensgottheit leichtſinnig auf dem Throne ſaß, als ob er ſich an der abwechſelnden Scene ergötze. 89 Seeſt2 wiederholte Blencowe verächtlich;„dem Himmel ſei Dank; ich erhalte nächſte Woche meinen langen Urlaub, und werde bald in Milton ſein. Was iſt ein Mann, der allein iſt, zu dieſer Jahreszeit in der Stadt?“ 9 61,3 finde meine Tage ſelten langweilig,“ entgegnete Baſil. „Ei, ei,— Sie ſind Neuling, das iſt Alles; Sie werden anders pfeifen, wenn Sie es ſo lange mitgemacht haben werden, als ich es mitgemacht habe. Ich ſchwoͤre 37 Ihnen bei Gott, daß ich in dieſem Augenblicke nicht eine Seele in London kenne.“ „Da ſind die Maitlands, die..“ „Die Maitlands; zwei heirathsluſtige Mädchen und eine doppelt heirathsluſtige Mutter! Bei dieſen finden Sie Beſchäftigung für Ihre Zeit, Baſil. Aber Sie bewahren Ihr Geheimniß. Daher halte ich es für zwecklos, Sie zu fragen, was Sie ſo oft in die Nachbarſchaft der South Andley⸗Street führt. Nun, ich will nicht mehr hierüber ſagen! Ich vergaß, daß in Ihrem Alter eine ſolche Frage eine Pein iſt, obwohl Ihre Geſichtsſarbe eine prompte Antwort darauf hätte. Ha, ich wünſche South Andley, oder irgend einer andern Straße, irgend etwas, irgend eine Dame, welche im Stande iſt, den verwünſchten Win⸗ ter Londons zu verſchoͤnern. Die Ankündigungen der Ti⸗ mes verſichern uns, daß jedes andere Uebel heilbar ſei, daß Heilmittel gegen das Zahnweh und gegen rauchende Kamine erxiſtiren, und Patent⸗Mäuſefallen und Wanzen⸗ vertilger Seiner Majeſtät werden täglich angekündigt. Wenn ſie uns nur auch ſagen würden, in welchem Theile der Hauptſtadt Mittel gegen die Langweile zu finden ſind.“ Sie thun es!“ bemerkte Baſil, indem er lachend auf die ungeheuern Theaterzettel deutete, die mit rothen und ſchwarzen Lettern gedruckt an der Thüre des Ladens eines Oelhändlers angeheftet waren, an dem ſie jetzt in Picca⸗ dely auf ihrem Rückwege nach der St. James⸗Street vor⸗ überkamen. Doch in demſelben Augenblicke wurde die Auf⸗ merkſamkeit ſeines Gefährten durch einen andern Gegen⸗ ſtand gefeſſelt, durch einen offenen, düſtern Wagen, deſſen Räder mit den ihrigen bei dem Gedränge der Kohlenkarren und Landkutſchen beinahe zuſammengeſtoßen wären. „Glücklich entkommen!“ rief Blencowe, als ſein edles Pferd, in Folge dieſes Ereigniſſes auffahrend, gegen St. James⸗Street hineilte.„Es wäre mir kein Spaß gewe⸗ ſen, wenn ich ſeinen Kaſten zerbrochen hätte.“ 38 „Weſſen Kaſten?“ „Sahen Sie den nicht, der in dieſem Wagen war?“ „Ein ernſter, alter Burſche, der gleich einem Arzte ausſah. Wer war der?“ „Niemand mehr und niemand weniger, als der be⸗ richtigte A. O., von welchem wir in dem Klubb ſprachen.“ Baſil Aennesley fuhr auf. Er dachte ſchon, dies möchte eine andere von Blencowe's Fragen ſein, die er an ſeine Geſichtsfarbe richtete: „Wenn ich dieſen Mann ſehe,“ ſagte Blencowe mit einem zu ernſten Ausdrucke des Widerwillens, als daß es noch eines weitern Beweiſes deſſelben bedurft hätte,„wenn ich dieſen Mann ſehe, ſo kommt es mir vor, als weun ich eine Klapperſchlange aus ihrem Käfich hervorblicken ſehe. Ich denke immer, wer das nächſte Opfer ſein mag. Man weiß, daß das verhängnißvolle Gift dieſes kriechenden Un⸗ gethüms ſeine Beute beſonders im Schlafe überraſcht, und wie viele menſchliche Weſen mögen als Opfer ihrer näch⸗ ſten Schickung fallen.“ Glücklicher Weiſe entging Baſil dieſe ſchreckliche Vorherſage. Er war in Gedanken über die Abſurdität verſunken, den Eigenthümer dieſer offenen, aber ſchoͤnen Equipage in der ſchmutzigen Zurückgezogenheit in Paulet⸗ Street, St. Agnes le Clare geſucht zu haben. Der folgende Tag brachte ihm einen Brief von ſeiner Mutter. Lady Annesley ſchien außerordentlich niederge⸗ drückt. Eine Krankheit hatte ſich in ihrem Haushalte ereignet. Der alte Gärtner lag auf ſeinem Sterbebette. „Du magſt ſeiner Zeit Barlingham troſtlos genug gefunden haben,“ ſchrieb die Klausnerin,„aber in dieſem Augenblicke iſt es ſo durch und durch traurig, daß ich Dich, mein theurer Sohn, von Deinem verſprochenen Chriſt⸗Be⸗ ſuche entbinden will. Ich wünſche nicht, Dein junges Herz dem Anblicke unſeres Kummers auszuſetzen, oder Dich der Anſteckung unſerer Krankheit bloßzuſtellen.“ 39 Nachdem er dieſen Brief durchleſen hatte, dankte er Gott, daß er nicht ſeinem erſten Gedanken gefolgt war, ſeiner Mutter ſeine Verlegenheit zu geſtehen; er beſchloß nun, mit verdoppelter Emſigkeit den Geldverleiher zu ver⸗ olgen. ſa Während ſeines Aufenthalts in London hatte er ohne Zweifel Greck⸗Street, Soho, fünfzigmal durchſchritten, ohne etwas mehr wahrzunehmen, als daß es die gewöhn⸗ lichen zwei Reihen langweiliger unbedeutender Backſtein⸗ Häuſer enthalte, welche den Straßen in England eigen ſind, die bloß durch die Verſchiedenheit der Aſſecuranzta⸗ feln— des Phönixr oder der Sonne— ſich unterſchie⸗ den, oder durch das intereſſante F. P., welches auf ihren Feuerpflöcken prangt. Aber jetzt ſchien ihm jedes Haus mit Verſtand be⸗ gabt. Ihre Glas⸗ oder Specereihändler⸗Läden waren nicht wie die Läden anderer Glas⸗ und Specereihändler, und als er nur noch einige Thüren von der durch A. O. bezeichneten Nummer entfernt war, begann er die Häuſer zu zählen⸗ um ſich ſo früher mit der äußern Umgebung des Geldver leihers vertraut zu machen. 3 Es war eines jener viereckigen, geräumigen Häuſer, welche immer anzeigen, daß Soho ein faſhionables Quartier der Stadt in jener Zeit war, wo die höhern Klaſſen von einem plötzlichen Schrecken vor der Ungeſundheit der Ufer des Fluſſes, welche zur Zeit der Regierung des zwei⸗ ten Jakob ihr Lieblingsaufenthalt war, erfaßt, ſich ſo viel als möglich vor dem Einfluſſe dieſes Miasma flüchteten. Aber ſo geräumig das beſagte Haus war, ſo ſah es doch beinahe eben ſo unfreundlich aus, wie die Höhle in Pauls⸗ Street. Die Fenſter ſeiner Front waren durch Läden ge⸗ ſchloſſen, und der Anſtrich derſelben war aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach ſo alt als das Gebäude, wenn anders ihre Beſchaffenheit durch die viereckigen Scheiben erkannt wer⸗ den konnte, die mit einem vieljährigen Schmutze ſo bedeckt waren, daß irgend ein fliegander Saamen in dem Schmutze 40 Wurzel geſchlagen haben mochte, ſo daß die ſchönen Par⸗ terre's des anſtoßenden rußigen Edens von Soho⸗ſquare eine Art von Vegetation erzeugten, die mit den Diſteln verwandt war. Die Thuͤren, welche zu dieſem eingeſchrumpften, ver⸗ fallenen Hauſe übel paßten, waren von mulattenartigem Ausfehen, beſonders auf der Seite gegen die Cheltenham⸗ Promenade, und die zertrümmerten und zerbrochenen Fen⸗ ſter des Sprachzimmers waren ſo dicht mit inneren Fenſterläden geſchloſſen, daß man jeden Gedanken aufgeben mußte, daß das Haus bewohnt ſei. Es widerhallte ſo dumpf, wie aus dem Grabe, als Baſil, trotz dem äußern Anſehen, ein beſcheidenes Klopfen und ein anſtändiges Läu⸗ ten wagte. So ſchnell jedoch, wie in einer mit Dienerſchaft wohl⸗ verſehenen Wohnung eines Lords, wurde der Anruf beant⸗ wortet. Ein altes Weib, mit gekrümmter Figur und von einem Ausſehen, welches um viele Grade mürriſcher als ihre ſchwarzbraune Stirne und die ſchmutzige fliegende Haube über derſelben war, öffnete die Thüre, machte ſie weit auf, nicht als ob ſie ſeine Fragen, ſondern ihn ſelbſt erwarte, und als ob er nur einzutreten habe. Ein Blick Hauf ſeine Füße, der die Hoffnung ausſprach, daß er den Thürkratzer nicht überſehen habe, war Alles, wozu ſie ſich herabließ. „In das hintere Sprechzimmer!“ kreiſchte ihre übel⸗ tönende Stimme, ehe er Faſſung genug gewonnen hatte, um eine Frage zu ſtellen; er erkannte, daß er ſeinen eigenen Weg in dieſem traurigen Tempel des Echo's zu gehen abe. j Indem ſein Herz unregelmäßiger ſchlug, als bei den Fragen ſeines Freundes Blencowe, ging alſo Baſil in dem weiten, aber kahlen und ſchmutzigen Gange weiter und klopfte an die zweite Thüre, welche etwas offen ſtand. Niemand antwortete; er oͤffnete ſie daher und trat ein. — ,— 41 Drittes Kapitel. Laßt ihn, der den Werth des Geldes nicht kennt, verſuchen, etwas zu borgen. Vorksſprüchwort. Das Zimmer, in welches ſich Baſil ſo ohne alle Um⸗ ſtände ſelbſt eingeführt hatte, trug, obgleich es leer ſtand, den Anſchein, als ob es erſt jüngſt bewohnt worden. Maſ⸗ ſen eines ſchwefelartigen gelben Rauchs ſtiegen von einer Menge ſchwarzen Kohlen in dem verroſteten Becken auf und bezeugten, daß es unlängſt erſt einige Anſtrengung geko⸗ ſtet hatte, ſie in Gluth zu verſetzen. Ein altmodiſcher Schreibtiſch ſtand offen an der Wand, enthielt Papierhefte, und einige offene Briefe nebſt einem gedrängten Phalanr kleiner Rollen, augenſcheinlich in Sterlingswerthe. Dieſen Gegenſtänden widmete indeſſen Baſil, nach einem flüchtigen Blicke im Zimmer umher, nicht die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit. Er ſetzte ſich in einen geräumigen Armſtuhl nieder, deſſen ſtarkabgetragener ſchwarzlederner Ueberzug hie und da die Roßhaare durchkriechen ließ und deſſen canellirte Mahagoniearme alles darboten, bis auf eine angenehme Behaglichkeit. Von hier aus betrachtete er mit ſtummen Blicken das altmodiſche Zimmer mit ſeinen leeren Tiſchen, an welchen die Aeſte des Holzes gegen die weichern, durch den Gebrauch mehr abgenützten Flächen hervorragten, gerade wie die eingewurzelten Mängel eines menſchlichen Charakters bemerklicher werden, wenn die weicheren Eigenſchaften unter der Laſt der Jahre ſich ver⸗ wiſchten. Die Wände waren getäfelt, mit erhabenen Fe⸗ ſtons von Blumen und Früchten geſchmückt, in Felder ein⸗ getheilt, die duech eichene Leiſten bezeichnet wurden. Aber da das Holz mit einem ſchmählichen Ueberzuge verſehen war, der aus einem faſt hundertjährigen Londoner Rauche, 4² wozu der naheliegende Feuerherd eine ſo genügende Art lieferte, zu beſtehen ſchien, ſo war der urſprüngliche Reich⸗ thum an Effect verloren. Das einzige, was zu einer Art von Verzierung des ſchwarzen Getäfels diente, war ein papierner Kalender, der mit kleinen Nägeln in der Ecke neben dem Schreibtiſche befeſtigt war. Das einzige, was den Fußboden ſchmückte, war ein Viereck von abgeſchoßenem Droguet, welches eine Art von Fußteppich bildete, der ſich vom Kamine bis zum Schreibtiſche ausbreitete. Von ſolcher Beſchaffenheit war das Geſchäftszimmer des furchtbaren A. O. Einige Augenblicke lang ſaß der junge Annesley regungslos, die Augen auf die freudloſen Gegenſtände um ihn her geheftet, und mit ſich ſelbſt kämpfend, um ſeine Faſſung wieder zu erlangen. Zuletzt wurde er ungeduldig und ſtand auf. Aber ſtatt dem Schreibtiſche ſich zu nahen, welcher die einzigen Gegenſtände von Intereſſe im Zimmer enthielt, nahm er maſchinenmäßig ſeinen Stand auf dem Fußteppiche vor dem Kamine, als ob derſelbe Wärme, oder die frühere Behaglichkeit verbreite. Einem Aufbewah⸗ rungsorte beſchriebener, einen Andern betreffenden Papiere ſich zu nahen, hätte einem ſo ehrenwerthen Geiſte ein Ver⸗ breechen geſchienen. Es war beſſer, die Ungeduld oder die Widerwärtigkeit der Langweile zu ertragen, als dieſe durch einen Mißbrauch des Vertrauens zu verkürzen. Zuletzt zeigte er die gewwöhnlichen Symptome jugendlichen Muth⸗ willens, ſtieß einige Stoßgebete über den rauchenden Ka⸗ min aus, ſtampfte zuerſt mit dem einen, dann mit dem andern Fuße, auf den dröhnenden Fußboden, der mit dem dünnen und ärmlichen Droguet bedeckt war, und war nahe daran, über die dünne grüne Schnur herzufallen, welche als Glockenzug diente, um dem alten Weibe in der ſchmu⸗ tzigen, fliegenden Haube zu läuten und ſich Gewißheit zu verſchaffen, ob mit ihm ein Spiel getrieben werde. Als er gerade ſeine Hand an die Schnur gelegt hatte, veran⸗ laßte ihn ein leiſer Ton, der aus der vordern Ecke kam, „ 4³ ſich plotzlich umzuwenden, und da ſtand dann, wie wenn er aus dem Getäfel herausgetreten wäre, der unbekannte Eigenthümer dieſer traurigen Wohnung vor ihm. Ohne Zweifel enthielt eines der Fächer des Getäfels eine Thüre, durch welche er unbemerkt eingetreten war. Unwillkührlich ging Baſil auf den Neuangekommenen zu, als wenn es ſein Geſchäft ſei, die Honeurs an die⸗ ſem Platze zu machen. Aber als er nur noch wenige Schritte von ſeinem Wirthe war, der ihm auch nicht einen Schritt entgegenging, blieb er ſtehen und verlor bei einem einzigen Blicke auf die ſich ihm darſtellende Figur ſeine ganze Faſſung. Dennoch war nichts Merkwürdiges an der Perſon des A. O. Obwohl mehr als mittlerer Größe, beraubte ihn etwas Unedles in Haltung und Manieren der Vortheile, welche gewoͤhnlich von einer gebieteriſchen Geſtalt unzer⸗ trennlich ſind. Seine Kleidung, wenn auch weder grob noch ſchmutzig, war von einem gemeinen Schnitte, und obwohl ſeine dunklen Augen für verſtändig in dem Kopfe eines andern Mannes hätten gelten können, ſo beſtand doch zwiſchen ihrer Schwärze, welche durch die außerordentlich ſchwarzen Augenlider und Augenbrauen, die ſie umſchat⸗ teten, erhöht wurde, und den dünnen, grauen, bereits dem Weißen ſich nähernden Locken ein Widerſpruch, und es zeigte ſich auf jeder Seite ein Kopf, deſſen Scheitel kahl und glänzend war. Kurz, es war ein Geſicht und eine Figur, welche in einer ſchmutzigen Kleidung, mit ei⸗ nem Barte und einem abgetragenen Hute, für ein Muſter jener herumziehenden Trödler mit alten Kleidern gegolten hätte, welche die Bewohner von Weſt End mit ihrem Geſchrei zu einer Stunde ſtören, in der nur Juden, Fiſch⸗ weiber und Hühnerjungen, Gaſſenkehrer⸗Karren und Zwei⸗ pennypoſtboten in die ſchlummernden Straßen der tiviliſir⸗ teren Quartiere der Stadt ſich wagen. Es war indeſſen nicht der iſraelitiſche Typus, der in dem vor ihm ſtehenden Individuum hervortrat, was die 44— Artigkeit Baſil Annesley's hinderte. Von Anfang an hatte er A. O. unter die Juden klaſſificiren hören, und er erwartete nichis beſſeres, als daß er das Aeußere des Geldverleihers mit ſeinem Innern übereinſtimmend finden werde. Seine Befangenheit entſtand bloß durch die Ent⸗ deckung, daß der ſchicklich gekleidete und robuſte Mann vor ihm kein anderer, als das abgemattete und hinfällige Individuum ſei, deſſen Schlüſſel er in Paulet⸗Street auf⸗ gehoben hatte, dennoch ſo verſchieden an Geſtalt und Aus⸗ ſehen von jenem gut gekleideten Gentleman in dem braunen Wagen, den ihm Capitän Blencowe in Piceudilly als den großen und einflußreichen A. O. gezeigt hatte. Ueberraſcht und erſchüttert ob einer ſolchen, faſt magiſchen Veränderung wurde der junge Annesley ver⸗ legen und unzuſammenhängend im Eingange ſeiner Rede, in welcher er nun Aufklaͤrung zu geben verſuchte. Er wußte nicht, was beſſer ſei, ſeine Entdeckung ihm mitzu⸗ theilen, oder ſie zu übergehen. Es war ein weſentliches Erforderniß, den Geldverleiher zu verſöhnen. Konnte dieſer wünſchenswerthe Zweck durch die Entdeckung und Entwicklung eines dieſer ſeltſamen Geheimniſſe, in welche er, wie es ſchien zu ſeinem Vergnügen, ſeine Schritte hüllte, erreicht werden?. Während Baſil noch mit ſich ſelbſt kämpfte, dieſen wichtigen Punkt überlegte, richtete dieſer ſonderbare Herr dieſes ſonderbaren Hauſes ſeine Augen mit demſelben prü⸗ fenden Intereſſe auf den Beſuchenden, welches ihr erſtes Zuſammentreffen bezeichnet hatte, und beſeitigte den An⸗ fall von Katalepſie, in welchen ſein plötzliches Erſcheinen ihn verſetzt hatte, dadurch, daß er auf den Schreibtiſch zu⸗ ging, ploͤtzlich den vor dieſem ſtehenden Strohſeſſel um⸗ wandte und, während er denſelben zu ſeinem eigenen Ge⸗ brauche zurecht ſtellte, Baſil ein Zeichen gab, den großen Armſeſſel wieder einzunehmen, in welchen er ſich anfangs geworſen gehabt hatte. Seine erſten Worte entſchieden — 4* ———*—— 45 die Frage, welche immer noch den Geiſt des jungen An⸗ nesley beſchäftigte. „Wenn ich nicht irre, junger Mann,“ ſagte er kalt, „ſo haben wir uns ſchon fruͤher geſehen 2⸗ „Und ſo kürzlich,“ entgegnete Annesley offen,„daß ich für meine Perſon kaum daran zweifeln kann. Aber es iſt ſo wenig Aehnlichkeit zwiſchen...„ „Schöne Federn machen ſchöne Voͤgel, ſchlechte Fe⸗ dern ſchlechte,“ unterbrach A. O. in demſelben harten und abgemeſſenen Tone, indem er, während er ſprach, auf die Aermel eines Rockes ſah, der bloß in einem rauchigen Geſellſchaftszimmer in Soho Anſpruch auf die Benennung ſchön machen konnte. „Ich hatte übrigens nicht gedacht,“ fuhr er fort, „daß der fröhliche junge Mann, welcher mit dem alten, gebrechlichen Manne an dem vergangenen Morgen Mitleid hatte, derſelbe A. B. ſei, mit welchem ich eine Zuſammen⸗ kunft bei ſo unfreundlichem Wetter in einem ſo abgelege⸗ nen Quartiere der Stadt verabredet hatte.“ „Die Entlegenheit war für mich ebenſo läſtig, als für Sie ſelbſt,“ entgegnete Annesley, der ſeine Faſſung wieder gewann, indem er die Entdeckung zu machen glaubte, daß der Mann vor ihm entweder ein Wucherer, oder ein Marktſchreier ſei.„Sie waren es, Sir, der mir ſchrieb, und mir ein anderes Haus, als das Ihrige, zu unſerer Zuſammenkunft beſtimmte.“ „Ich beſitze Häuſer in verſchiedenen Quartieren der Stadt,“ entgegnete der Geldverleiher, durch dieſe Erwie⸗ derung nicht auſſer Faſſung gebracht:„in St. James, um mit verſchwenderiſchen Lords meine Geſchäfte abzu⸗ machen und meine Hülfe zur Ausbeſſerung zerriſſener Ge⸗ wänder von Thoren jeder Art zu ſpenden; in Finsbury für Solche, die mich mit einem Anſpruche auf meine Kaſſe beehren, aber ohne Mittheilung ihres Namens. Es i*ſt mein Grundſatz, bloß auf die Vertrauen zu ſetzen, die mir Vertrauen zeigen.“ 46 „Indem ich mich an Jemand wendete, den ich allein nach ſeinen Anfangsbuchſtaben A. O. kannte, glaubte ich nicht verpflichtet zu ſein, mehr als meine eigenen Anfangs⸗ buchſtaben A. B. beizuſetzen,“ entgegnete der junge Sol⸗ dat ernſt.— „Die meinigen ſind bereits ſo allgemein bekannt,“ verſetzte der Geldverleiher,„daß ſie meinen wirklichen Na⸗ men bezeichnen. Ich heiße Abednego Oſaley. Und nun erlauben Sie mir, Sie um die Gruͤnde zu befragen, aus welchen Sie ſich in ein ſo obſcures und abgelegenes Quar⸗ tier der Stadt begeben, um ein in ihrem Briefe als drin⸗ gend bezeichnetes Geſchäft abzumachen, und daſſelbe doch wieder verließen, ohne es abgemacht zu haben?“ —„Ich moͤchte Sie dagegen zuerſt befragen,“ erwiederte Baſil, durch ſeine Kaltbltigkeit mehr ermuthigt, als er⸗ ſchreckt,„ich mochte Sie zuerſt befragen, warum Sie, nachdem Sie mich bei jener Gelegenheit an das äußerſte Ende der Stadt geſchickt hatten, ſich veranlaßt ſehen, auf meine zweite, ganz in den nämlichen Ausdrücken abgefaßte Bitte mich hier zu empfangen?“ „Vielleicht,“ verſetzte der Geldverleiher, der augen⸗ ſcheinlich einen guten Begriff von ſeinem Clienten gefaßt, der ihn unwiſſend unter ſeinem Gewande der Armuth ver⸗ pflichtet hatte, vielleicht, weil Ihre Sorgloſigkeit bei jener Gelegenheit mir Ihr Bedürfniß weniger dringend vorſtellte, als ich es nach den Ausdrücken Ihres originellen Brieſs vermuthet hatte. Der Mann, der das Warten ertragen kann, hat Anſprüche auf höhere Beruckſichtigung. Und nun bin ich wohl berechtigt, eine offene Antwort zu er⸗ warten. Das zweifache Geheimniß lag nun enthüllt vor ihm. Aus Baſils Geſtändniß des Taſchendiebſtahls folgerte der Geldverleiher wahrſcheinlich, daß er ſorglos ſei, indem es ungewöhnlich iſt, werthvolle Gegenſtände ſo aufzubewahren; denn ſeine augenblickliche gute Laune ſchien ſich zu ver⸗ düſtern. Vielleicht war er aber auch bloß darüber unwillig, 47 daß er ſich in einem Gewande zeigte, welches für einen neuen Kunden ſo unſcheinbar war. „Es iſt dies das erſte Mal, wie ich glaube, daß wir Geſchäfte mit einander haben?“ ſagte er, aus ſeinem Nachſinnen auffahrend und ſich ſchnell an den jungen An⸗ nesley wendend. Dieſer bejahte durch eine Verbeugung. „Und bringen Sie mir keine Empfehlungsſchreiben von einem andern meiner Clienten?“ „Nein,“ erwiederte Baſtl, indem er ſich unwillkühr⸗ lich der Ausdrücke erinnerte, in welchen ſeine wahren Clien⸗ ten ihn geſchildert hatten. „Es ſind alſo bloß meine Ankündigungen in den Zeitungen, welche Ihre Aufmerkſamkeit erregt haben 2 „Nicht ganz,“ verſetzte Annesley. Mehr als einer von meinen Kameraden iſt durch pecuniäre Verlegenheiten getrieben worden, Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Von ihnen erhielt ich Kunde über die Art Ihrer Geſchäfte und... „Fügen Sie nichts weiteres bei,“ unterbrach ihn der Geldverleiher;„die Ermahnungen derſelben ſind nicht die Veranlaſſung, daß Sie ſich an mich gewendet haben, au⸗ ßer wenn Ihre Lage verzweifelt war. Sagten ſie Ihnen nicht, wenn Ihnen irgend eine andere irdiſche Hülfsquelle zugänglich ſei, ſo ſollten Sie ſich vor A. O. hüten? Haben ſie mich nicht einen Betrüger, einen Vielfraß, ei⸗ nen Geier, einen Wucherer, einen Juden genannt? Sie wiſſen, daß ſie es thaten. Es gibt nicht ein einziges Re⸗ giment im Dienſte, in welchem ich nicht ſo geſchimpft worden wäre.“ Baſil, der es bereits bereute, daß ihm das Wort Kameraden entſchlüpft war, indem daſſelbe ſeine Stellung in der Geſe ſchaft klar bezeichnete, wollte es nicht wagen, durch eine bejahende Antwort ſeine Freunde der Rache eines ſolchen Feindes, wie A. O., auszuſetzen. „Sie ſind vorſichtig, junger Gentleman!“ bemerkte der Geldverleiher deſſen große, dunkle Augen die ver⸗ —y— 48 borgenſten Gedanken ſeines Geſellſchafters zu durchblicken ſchienen.„Indeſſen iſt Vorſicht nicht der Vater des Ver⸗ trauens. Sie kommen in der Hoffnung zu mir, meine Kaſſe ſich öffnen zu ſehen, und Sie wollen dieſes Ge⸗ ſchäft mit geſchloſſenen Lippen und mit noch verſchloſſene⸗ rem Herzen abmachen. Ein Beruf, wie der meinige iſt, zwingt zu einem gewiſſen Grade von Geheimniß; aber wenn einmal ein Geſchäft bvona fide angefangen wird, dann muß Alles klar, Alles Wahrheit, Tageslicht ſein. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich mich Abednego Oſaley nenne. Ich bitte Sie nun um die Gefälligkeit, mir Ih⸗ ren Namen zu ſagen. Baſil zoͤgerte noch. Er konnte die Schande nicht er⸗ tragen, ſeinen angeborenen ehrenwerthen Namen in die Regiſter eines Juden eingetragen zu ſehen. „Sie werden die Güte haben, ſich zu erinnern,“ fuhr der Geldverleiher fort,„daß zwiſchen uns kein gül⸗ tiger Akt zu Stande kommen kann, wenn nicht das Ge⸗ ſchäft unter unſern wirklichen Namen geſchloſſen wird. Wenn Sie alſo Anſtand nehmen, mir den Ihrigen an⸗ zuvertrauen, ſo hat die Unterredung bereits zu lange ge⸗ dauert.“ Da der aufgeregte Bewerber aus dieſen beſtimmten Worten erkannte, daß der hartnäckige Jude bereit ſei, ab⸗ zubrechen und ihn fortzuſchicken, murmelte er mit dumpfer Stimme: „Mein Name, Sir, iſt Annesley.“ Annesley?“ wiederholte der Geldverleiher, als ob es ihm nöthig ſcheine, daß der Name mehr betont werde. „Baſil Annesley!“ Der Jude ſprang eilig von ſeinem Sitze auf und be⸗ ſchäftigte ſich einige Augenblicke lang damit, daß er ſich über die Papiere auf ſeinem offenen Schreibtiſche hin⸗ beugte, als ob er Schreibmaterialien ſuche, die ihn in den Stand ſetzten, Noten zu dem Geſchafte mit ſeinem neuen Clienten zu machen. — 49 „Sie ſind, wie ich glaube, erſt kürzlich in die Gre⸗ nadiergarde eingetreten?“ ſagte er zu Annesley, ohne ſich umzuwenden. „Ich diene erſt ſeit einem Jahre im Heere.“ „Und während dieſes kurzen Zeitraums haben Sie ſich dieſe Verlegenheit ſelbſt zugezogen?“ „Vieles trägt dazu bei, die Sache zwanzigmal ſchlimmer darzuſtellen, als ſie wirklich iſt!“ entgegnete Baſil, als ſei er nicht entſchloſſen, durch den Blick eines Fremden ſich niederſchlagen zu laſſen. „Doch nicht für den wohlerzogenen Sohn einer Mut⸗ ter in beſchränkten Verhältniſſen, entgegnete der inſolente Jude, der mit einem vollſtändigen Durchblicken der Lage ſeines neuen Clienten begabt ſchien. „Ich habe mich an Sie, Sir, als an einen Geld⸗ verleiher, nicht als einen Rathgeber gewendet,“ ſagte „Baſil in hohem Tone und nun ſeiner Seits ſich erhebend. Mein Bedürfniß kann kurz auseinander geſetzt werden. Ich bin, wie Sie zu wiſſen ſcheinen, der einzige Sohn des verſtorbenen Sir Bernhard Annesley. Ich habe die Summe von dreihunde t fünfzig Pfund unumgänglich noth⸗ wendig. Mein Jahrgehalt von dreihundert...“ „Sie ſetzt Ihnen alſo dreihundert jährlich aus? Das iſt zu viell Zu viel für ſie zum Geben, zu viel für Sie zum Empfangen!“ murmelte der Jude in einem unbe⸗ ſtimmten Tone, der jedoch dem Ohr des jungen Annesley auch nicht um eine Silbe entging. „Ich bemerkte Ihnen, daß mein Jahresgehalt von dreihundert und meine Gage, fuhr Baſil, auf dieſe Un⸗ terbrechung nicht merkend, fort,„mich in den Stand ſetzen, Sie in monatlichen Raten zu bezahlen und Kapital ſowohl als Zinſen in den nächſten zwei und einem halben Jahre abzutragen.“ „Und wenn Sie, junger Mann, in der Zviſchenzeit ſterben ſollten, welche Sicherheit würde ich für mein Der Geldverleiher. I. 4 50 Geld haben?“ fragte der Wucherer mit verächtlicher Miiene. 4 „Ich kann doch wohl eine Verſicherung meines Le⸗ bens bewirken und Ihnen die Police überweiſen?“ fragte Bafil mit weniger zuverſichtlicher Stimme: „Sie ſind in der That ſehr frühe mit den Hülfs⸗ mitteln eines in Verlegenheit befindlichen Mannes bekannt geworden!“ murmelte der Jude, der ſich immer noch nicht umwandte und augenſcheinlich in das Ordnen der Papiere auf ſeinem Arbeitstiſche vertieft war. „Ich wurde von einem Kameraden davon in Kennt⸗ niß geſetzt, daß dieſes die Art war, auf welche Sie ein ähnliches Geſchäft mit ihm ſelbſt abmachten;“ entgegnete Baſil mit ſteigender Verlegenheit. „Capitän Blencowe, nicht wahr?— Ja, ich er⸗ innere mich. Es iſt indeſſen ſchon ſechs Jahre. Ihr Freund hat ein gutes Gedächtniß und ich auch; und ich räume ein, daß er ſeine Schuld wie ein Gentleman in⸗ nerhalb des feſtgeſetzten Termins bezahlte.“ Es ſollte mich freuen, Ihnen zu beweiſen, daß Sie in mir einen eben ſo ehrenwerthen Clienten erhalten wür⸗ den,“ bemerkte Baſil mit einiger Zuverſicht. „Der Wille wird nicht fehlen, aber ich zweifle an den Mitteln. Der junge Blencowe gehört einer reichen Familie an. Ich weiß, mit wem ich es zu thun habe. Wenn Sie mich täuſchen würden, ſo könnte ich die ganze Familie Annesley in Daumenſchrauben ſtecken, ohne für Sie eine Zehnpfundnote herauszupreſſen. Leute von mei⸗ nem Geſchäfte, Sir, ſind gezwungen, einen ganz genauen Tarif über das Vermögen und das Gewiſſen derer zu führen, welche mit ihnen in Geſchäftsberührungen kom⸗ men. Ich hatte einen Ihrer Verwandten, einen von den Yorkſhire Annesley's, zwei Jahre auf meine Koſten in der Kings Bench.“*) ) Schuldgefängniß. Anm. d. Ueb. 51 „Aber ich bin überzeugt, daß er Sie zuletzt bezahlte?“ fragte Baſil, der mit den Verhältniſſen der Familie ſeines Vaters zu wenig bekannt war, um irgend eine ſolche Anſchuldigung widerlegen zu können. „Mit ſeinem Leben! Er ſtarb im Gefängniſſe, indem er mich, den Gläubiger, auf ſeine vermögensloſen Erben anwies.“ Es iſt ſchwer zu ſagen, ob in der Weiſe, auf die Gefährdung ſeines Intereſſes anzuſpielen, mehr ein Tri⸗ umph oder ein Aerger lag. 4 „Aber ich, der ich jung und zahlungsfähig bin,“ fuhr Baſil fort,„ich habe nicht im Sinne, Sie zu be⸗ trügen, weder lebend noch im Tode. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Gentleman, daß...“ „Das Ehrenwort eines Gentleman hat keinen Werth und ſollte bei einer Unterhandlung über einen Darlehens⸗ vertrag gar nicht erwähnt werden,“ unterbrach ihn der Jude.„Das Geſchäft zwiſchen uns iſt eine einfache Spe⸗ culation. Sie brauchen Geld, und ich habe es Ihnen unter den für mich möglichſt vortheilhaften Bedingungen zu geben. Ich muß daher entweder genügende Sicherheit und ſchöne Zinſen bekommen, oder, wenn keine Sicher⸗ heit, ſolche Zinſen, die mich verleiten kͤnnen, der Gefahr mich auszuſetzen.“ „Ich habe Ihnen bereits die letzte Alternative ange⸗ boten,“ ſagte Baſil kurz. „Es ſind mir zweihundert Pfund Intereſſen von Männern, die ſich in Noth befanden, angeboten worden,“ entgegnete der Geldverleiher, die Lippen zuſammenziehend, „und noch dazu ohne den Köder ausgeworfen zu haben. Das bloße Verſprechen eines Fremden iſt gerade ſein Gold⸗ gewicht nicht werth. Zuerſt, Herr Annesley, haben Sie eben ſo an die Bezahlung der Intereſſen Ihrer Schuld gedacht, als an die Koſten der Lebensverſicherungs⸗Police?“ fragte der practiſche Jude. 52 „Ich bin im Bezuge von vierhundert und dreißig Pfund jährlich,“ erwiederte Baſil lebhaft. „Und zu welchem Zwecke ſind Ihnen dieſe angewieſen?“ entgegnete der Geldverleiher.„Ihnen eine geziemende Stellung in der Welt zu geben. Welches Recht haben Sie daher, dieſen Bezug zu veräußern und ſich ſo ſelbſt deſſen zu berauben, was zu Ihrer geſellſchaftlichen Sphäre erforderlich iſt, ſich ſo der Schande kleiner Verlegenheiten auszuſetzen?“ 3 „Keines!“ verſetzte Baſil, erſtaunt über die unerklär⸗ lichen Freiheiten, die ſich ſeine neue Bekanntſchaft nahm, welche nur keine Neigung zu güuſtigen Entſchlüſſen für ihn zu haben ſchien.„Die Schande, der ich mich durch Beſchränkung meines Einkommens ſelbſt ausſetze, iſt indeſſen zuverläſſig in gar keinem Vergleiche mit jener, die mich nach Verlauf eines Monats treffen würde, wenn meine Accepte fällig wären, ich aber außer Stand mich befinden würde, ſie zu honoriren.“ „Aber Sie ſind noch minderjährig?“ remonſtrirte der Jude. „Die, welche ſich mit meinem Indoſſement begnügten, erhoben hierüber keine Frage und ſtellten ſich mit der Ver⸗ pflichtung eines Gentleman, des Sohns eines Mannes von Ehre, zufrieden,“ erwiederte Baſil mit Feſtigkeit. In dieſem Augenblicke ließ der Geldverleiher zufällig ein Papier fallen, welches er in der Hand hielt, und die gewohnte Höflichkeit, mit der ſich Baſil bückte, um ihm bei dem Aufheben deſſelben behülflich zu ſein, veranlaßte A. O. ohne Zweifel zu der Erinnerung an die Gefällig⸗ keit, welche der junge Gardiſt dem alten Armen von Paulet Street gezeigt hatte; denn als er ſich umkehrte, um es aus ſeiner Hand zu empfangen, hatte das Geſicht des Juden einen mehr chriſtlichen Ausdruck angenommen. „Zuletzt,“ ſagte er, nachdem er das Papier in Empfang genommen und ſeine dunklen Augen auf das treuherzige Geſicht des jungen Annesley forſchend gerichtet hatte, 53³ „zuletzt wurde da der Werth dieſes Wechſels in Empfang genommen? Sie paſſen nicht für mich zu dem Zwecke, um einen andern wucherlichen Vertrag zu bemänteln. Betrügen Sie mich nicht, junger Herr, denn vermöge meiner Bekanntſchaft mit der Geldwelt habe ich die Mit⸗ tel, die Wahrheit bis auf eine Guinee zu erforſchen.“ „Ich habe keine Luſt, Sie zu betrugen, Herr Abed⸗ nego Oſaley,“ verſetzte der junge Annesley mit einer ge⸗ wiſſen Würde.„Aber ich kam auch nicht hieher, um einen Rathgeber zu ſuchen, und noch viel weniger bin ich erfreut, einen Beichtvater in einem Geſchäftsmanne zu finden. Der Zweck, zu welchem ich dieſe Summe fordere, geht Sie ſo wenig an als es mich angeht, auf welche Weiſe Sie das erlangt haben, was Sie in den Stand ſetzt, Andere zu unterſtützen. Ich fordere daher, daß Sie ebenſo diseret gegen mich ſeien.“ Es iſt auch durchaus nicht an Ihnen, zu fragen,“ erwiederte der ſonderbare Mann, indem er fortfuhr, ſeine Papiere zu unterſuchen und ſie ſorgfältig zu ordnen, wäh⸗ rend er dieſes ſprach.„Das wird Ihnen ohne eine Frage beantwortet. Die Welt hat ſtereotypiſirte Erklärungen für Sie. Jedermann weiß, daß der Geldverleiher ein Jude, der Jude ein Wucherer, der Wucherer ein Verbre⸗ cher in den Augen des Geſetzes iſt. Chriſtus trieb die Geldwechsler aus ſeinem Tempel, der Menſch treibt ſie aus ſeinen Tribunalen. Der geldverleihende Jude iſt einer von denen, die ihr Vermoͤgen durch Betrug und Erpreſſung erworben haben müſſen, die ihr Leben als ein Seeräuber, ein Taſchendieb, ein Leichendieb,*) ein Mörder, was weiß ich noch weiter zugebracht haben müſſen, auf deſſen Haupt Alles gewälzt wird. Er kann nicht anders als mit Mühe den Händen des Henkers entwiſcht ſein! Er kann nicht *) Resurrection man, welcher die Leichen aus den Gräbern ſtiehlt, um ſie den Anatomen zu verkaufen. Anm. d. Ueberſ. 54 arg genug gebrandmarkt werden, er hat den Ruin von Tauſenden herbeigeführt,„und wenn ein Menſch nur Gift nöthig hat, hier lebt der elende Schuft, der es ihm ver⸗ kauft.“ Geſtehen Sie, daß ich mich ſelbſt ſo portraitire, wie Sie mich ſchildern hörten? Warum ſollten Sie alſo fernere Nachforſchungen über mein Benehmen oder über meine Motive anſtellen?“ Baſil verlor bei dieſer ſeltſamen Rede alle Selbſt⸗ beherrſchung. Seit den erſten Worten, die er von ſeiner neuen Bekanntſchaft gehoͤrt hatte, hatte ihm die Ueberlegen⸗ heit des Tons und der Rede, ſo wie ſeine Kleidung und ſeine Lebensweiſe imponirt, die niedrige Beſchäftigung hatte jedoch wieder andere Geſinnungen erzeugt. Aber nun charakteriſirte die unerwartete Beredſamkeit ſeiner Worte, die plötzliche Energie ſeiner Bewegungen den Gelehrten und den Gentleman mehr, als den gemeinen Juden, den ſchnatternden Geldmäkler. Der arme Baſil verging faſt unter den durchdringenden Blicken des aufgeregten Mannes, welche dieſem Ausrufe Nachdruck gaben. „Ich geſtehe, daß ich ungünſtig über Sie urtheilen hoͤrte,“ entgegnete er mit einem Grade von Freimüthig⸗ keit, welche mit der ſeines Gegners rivaliſirte.„Was mir aber geſagt wurde, übte in der That keinen bedeuten⸗ den Einfluß auf meine Meinung aus, wie meine Anweſen⸗ heit hier beweiſen wird.“ „Sie ſind bloß hier, weil Ihre Lage eine verzweifelte iſt,“ erwiederte A. O. kalt.„Sie ſind hier, weil Sie wo anders keine Hoffnung haben. Sie mögen vielleicht von Capitän Blencowe, oder von andern Opfern, die ohne ernſt⸗ liches Unrecht meinen Klauen entwiſcht ſind, gehoͤrt haben, daß das Crokodil an den Ufern des Pactolus manchesmal eine Laune von Mitleid habe, und Sie wollten verſuchen, ob nicht Ihre Jugend und Unerfahrenheit eine milde Ge⸗ ſinnung erzeuge.“ „Zuletzt ermuthigt Sie meine Jugend und meine Un⸗ erfahrenheit, mit mir einen Scherz zu treiben!“ rief Baſil 5⁵ mit aufſteigender Röthe und mehr durch das ironiſche Lächeln, welches das Geſicht des A. O. umzog, als durch ſeine Worte aufgeregt. Er nahm ſeinen Hut haſtig von dem Fenſtergeſimſe weg und ſchickte ſich an, ohne alle Umſtände das Zimmer zu verlaſſen. „Bei allen Geldangelegenheiten, Herr Annesley,“ ſagte ſein Geſellſchafter, unbekümmert wegen ſeines ſchwei⸗ genden Verſuchs, die Zuſammenkunft abzubrechen,„werden Sie finden, daß Ste vermöge Ihres Temperaments über fünf Prozente zu Ihrem Vortheile befehlen. Sie können ſich nicht uͤber mich beſchweren; in dieſem Augenblicke bin ich das nothwendige Uebel, welches Sie von dem noch viel größeren, der unmittelbaren Entehrung erlöſen muß. Erzeigen Sie mir die Güte, Sir, dieſes Papier zu unter⸗ zeichnen,“ fuhr er fort, indem er in die Hände Baſils eines legte, welches er während dieſer Unterredung ruhig beſchrieben hatte.„Es iſt, wie Sie ſogar Ihre geringe Kenntniß der Geſchäfte gelehrt haben muß, von keiner geſetzlichen Gültigkeit. Es iſt die Verpflichtung eines Gentleman und muß ſeine Bedeutung allein durch die Unterſchrift eines Gentleman erhalten. Es wird mich nicht in den Stand ſetzen, meinen Schuldner einkerkern zu laſſen, oder ihn ſonſt zu beläſtigen; aber es wird den Sohn des Sir Bernhard Annesley daran erinnern, daß er innerhalb dreier Jahre, nachdem er ſeine Großjährigkeit erreicht haben wird, verpflichtet iſt, mir eine Summe von vierhun⸗ dert Pfund zurückzubezahlen, während die Zinſen mit fünf vom Hundert vierteljährig bezahlt werden ſollen.“ Baſil hielt die verheißungsvolle Note in ſeinen Hän⸗ den und ſah, daß ſie wörtlich das enthielt, was ihm A. O. angekündigt hatte. Er erkannte, daß er den kleinen Ge⸗ winn von fünfzig Pfund als Lohn für den Vertrag ſich angeeignet hatte. Aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er an den Schreibtiſch tretend, um das Papier zu unter⸗ zeichnen, eine gedruckte Anweiſung an eines der erſten Banquierhäuſer von Weſt End vor ſich liegen ſah, welche 56 die Unterſchrift: Abednego Oſaley enthielt und die fragliche Firma beauftragte, dem Herrn Annesley oder dem Ueber⸗ bringer die Summe von vierhundert Pfund auszubezahlen. Er wollte kaum ſeinen Augen trauen, ſeine Wangen rötheten ſich bei der Aufregung des Augenblicks, ſein Herz klopfte heftig bei dem Bewußtſein, daß er von der erſten großen Verlegenheit ſeines Lebens befreit ſei, und er war, ehe er noch das eine Document vollzog, oder das andere in Empfang nahm, eifrig bemüht, ſein Erſtaunen und ſeine Dankbarkeit einem Manne auszuſprechen, der ihm in keinem anderen Lichte, als in dem eines Wohlthäters erſcheinen konnte. Als er ſich aber umwendete, fand er, daß A. O. ſtatt hinter ſeinem Stuhle zu bleiben und ſein Benehmen zu beobachten, an der Thüre in einem ernſten Geſpräche mit der alten Frau begriffen war, welche jetz als ſeine Thürhüterin Dienſte leiſtete. „Sage ihm, ich ſei beſchäftigt, ſage ihm, es ſei un⸗ möglich, daß ich ihn dieſen Morgen ſehe!“ ſagte der Geld⸗ verleiher in dem befehlenden Tone, den er in dem erſten Theile ſeiner Unterredung mit Baſil angenommen gehabt hatte.. „Ich habe ihm das ſchon geſagt, Sir;“ kreiſchte das alte Weib,„aber er will ſich nicht abweiſen laſſen. Er iſt aus ſeinem Cabriolet geſtiegen und wartet nun auf der Haustreppe.“ „Laß ihn warten!“ ſagte der Geldverleiher.„Wenn er darauf beſteht, herein zu kommen, ſo führe ihn in das andere Sprechzimmer und öffne einen von den Fenſterladen bis ich im Stande ſein werde, ihn zu empfangen. Sie ſehen, Herr Annesley, daß ich erwartet werde. Verſchonen Sie mich daher mit den Ergüſſen Ihrer Dankbarkeit, die ich auf Ihren Lippen ſchweben ſehe;“ fuhr A. O. fort, indem er ſich zu Baſil wandte, der wie verzaubert neben dem Schreibtiſche ſtand und die Anweiſung in der einen, die Schuldurkunde in der andern Hand hielt. „Haben Sie unterzeichnet?“ fuhr er fort, auf das 57 letztere Document zeigend.„Seien Sie ruhig, voraus⸗ geſetzt, daß Sie den Inhalt ſorgfältig durchleſen haben. Setzen Sie, ſo lange Sie leben, Ihren Namen nie auf ein Papier, deſſen Inhalt Sie nicht, Silbe für Silbe, geprüft haben. Nun erſparen Sie mir die Verſicherungen Ihres Vertrauens; Sie mögen weniger Grund für Dank⸗ barkeit haben, als Sie wohl glauben. Erinnern Sie ſich der Fabel von dem kleinen Fiſche, der von einem vorſich⸗ Itigen Fiſcher wieder in den Fluß geworfen wurde, damit er größer werde. Seien Sie nicht allzu ſicher, daͤß der Geldverleiher Ihr erſtes Verſtricken in ſein Netz Ihnen nicht erteichterte, um ſich Ihre Rückkehr zu ſichern.“ Aber Annesley, der nun die Schuldurkunde geleſen und unterzeichnet, und die gedruckte Anweiſung in ſeine Brieftaſche geſteckt hatte, lächelte bei dieſer düſtern Vorherſage. „Ich wünſche nicht, daß Sie durch einen andern, als durch mich zu Grunde gerichtet werden,“ bemerkte der Geldverleiher lächelnd.„Um Ihnen das zu beweiſen, laſſen Sie mich Ihnen die Anweiſung ertheilen, wie Sie Ihre Brieftaſche an einen ſicherern Platz bringen müſſen, als an den, von welchem Ihnen mein Beſtellungs⸗Brief ent⸗ wendet wurde. Und dann legen Sie dieſen Morgen noch die Summe, welche Sie jetzt bei Ihrem eigenen Banquier erheben werden, ſo an, daß ſie zu den Erforderniſſen be⸗ reit iſt, welche... Doch genug, genug! Ich will Sie mit meiner Vorleſung verſchonen;“ ſagte er, ſich ſelbſt unterbrechend, als er ſah, daß die Wangen Baſil's ſich rötheten.„Ich begreife, daß Sie guten Nath weniger dankbar annehmen, als gute Münze.“ „Der Gentleman iſt in dem Sprechzimmer, Sir!“ ſagte das alte Weib, welches mit Ihrem ſchmutzigen Ge⸗ ſichte und mit ihrer noch viel ſchmutzigeren Haube ſich wieder nahte. „Um ſo beſſer,“ verſetzte der Geldverleiher mit einem Hohnlächeln.„Es mag dazu dienen, einen ſo ſchönen 58 Gentleman wieder zu Sinnen zu bringen, wenn er mit den Mäuſen und Spinnen meiner traurigen Wohnung Bekanntſchaft macht.“— Im nächſten Augenblicke hatte Baſil Annesley, immer noch in Zweifel, ob er wache oder träume, einen Hände⸗ druck mit dem neuen Bekannten gewechſelt, der gegen ihn wie ein alter Freund gehandelt hatte. Mit einemmale war er auf der Straße.— Wenige Schritte vor ihm fuhr langſam ein offenes, aber ſchönes Cabriolet; der Junge, welcher die Zügel hielt, war in einer ganz gewöhnlichen Kleidung. Aber das Pferd, welches der kleine Burſche lenkte, war nicht zu verkennen. Es war eines von den in Hyde Park berühm⸗ ten; ein berühmtes Cabriolet, welches ankündigte, daß der ſchöne Gentleman, der gerade ſeine Füße in dem leeren Zimmer des A. O. abkühlte, keine geringere Perſon als ſeine Gnaden der Herzog von Rocheſter war. Viertes Kapitel. Mein Geiſt hüpft hoch auf, aleich den fun⸗ kelnden Waſſern, die der Fontäne entſtrömen, — ſprudelnd, frei, die Luft erfrifchend. Macloͤwe. Dieſer Tag war ein Tag überſtrömender Freude für Baſil Annesley. Wäre das Pflaſter zwiſchen Soho Square und St. James Street mit Edelſteinen getäfelt geweſen, nach Art der Sanctuarien in der Alhambra oder in Aladins Palaſte, ſtatt aus halbgefrorenen, halbzerbroͤckel⸗ 59 ten Steinen zu beſtehen, wie dies in den am wenigſten einladenden Quartieren von Weſt End der Fall iſt, ſo hätte er ſich nicht ſtolzer fühlen, oder er hätte ſeinen Weg zu Herries und Torquhar's nicht munterer machen können. Hier bezahlte er, nachdem er ſeine vierhundert Pfund in Empfang genommen hatte, die erſten halbjährigen Ziuſen davon im Voraus, auf Rechnung von Abednego Oſaley, Esq., damit er für die folgenden zwölf Monate gewiſſens⸗ rein in dieſer Beziehung ſein möge. Nachdem er unter dem Drucke pecuniärer Verlegen⸗ heiten geſeufzt und ſich aus dieſer Selaverei ploͤtzlich und unerwartet befreit geſehen hatte, konnte kein weltlicher Triumph dieſe ſeelenerloͤſende Emancipation übertreffen. „Der König mag Einen zum Ritter ſchlagen, Zum Marquis, Herzog und dergleichen machen..“ aber, was eine Ernennung zum Pair übertrifft, iſt das Gefühl eines freien Mannes, der zuvor ein elender war, indem er im Voraus ven ſchmerzlichen Griff des Schergen auf ſeiner Schulter fühlte. Annesley war nun frei von Schulden, denn er hatte jetzt bloß eine Schuld, deren Tilgung in ſeinen Kräften lag. Vier und zwanzig Stunden fruher hatte er auf den drohenden 28. December furchtſam Ringeblickt, bis zu welchem er im Beſitze von dreihundert Pfund ſein, oder gewärtigen mußte, in Schande und Schmach gleich einem Verbrecher am Tage der Hinrichtung geſtürzt zu werden. Er wäre nicht halb ſo erfreut geweſen, wenn er als Erbe des Herzogs von Rocheſter erklärt worden wäre, als er jetzt erfreut war, da er wußte, daß an dieſem Tage vier⸗ hundert Pfund für ihn bei Coutts liegen. Wie wenig muthmaßen dieſe wirklichen Gewalthaber der neuern Zeit, welche die Schickſale der Nationen und der Individuen mit einer Angelruthe von Gold lenken und ihre Beſchlüſſe in Banknoten und Wechſelbriefen auf die Schatzkammer ausgeben, wie wenig, wie ganz wenig muth⸗ maßen dieſe Banquiers des geldſüchtigen Europas die 60 fürchterliche Natur der in Pandoras Büchſe eingeſchloſſenen Leidenſchaften, die Welt von magiſchem Zauber, die das einfache Pergament umſchließt, welches über die Bücher ihrer Clienten gezogen iſt; das Urtheil über Leben und Tod, welches gelegenheitlich auf einen der geſtochenen Wechſel geſchrieben wird, die ihre Schreiber mechaniſch einwechſeln und, indem ſie die Nummern auf den Noten einregiſtriren, dieſe zum Auswechſeln mit einer ſo kalten Gleichgültigkeit hingeben, obſchon das Herz des harrenden Ueberbringers pocht, aber nicht vor Entzücken, wie wenn ſie Boten fröhlicher Nachrichten für die Noth des Haus⸗ haltes zu Geſicht bekommen. Der ganze Roman der Civiliſation iſt in der That in den magiſchen Anfangs⸗ buchſtaben L. S. D. begriffen. Geld iſt in der That eine Macht; der offenbare Seſam des ſcheinbar unzugänglichen Felſen der menſchlichen Beſtimmung. Bei all' den Mas⸗ kenkleidern, in welchen eine falſche Philoſophie ſich zur Schau zu ſtellen liebt, iſt Verachtung des Geldes, der Leiter, mittels welcher jeder irdiſche Vortheil zu erringen iſt, zuverläſſig die abſurdeſte.. Der arme Baſil hatte übrigens oft mit ſeiner Ver⸗ achtung der Reichen geprahlt, indem er damit umging, ſeine Mutter bei ihren beſchränkten Mitteln durch die Ver⸗ ſicherung ſeiner Gleichgültigkeit gegen den Troß dieſer Welt zu troſten, und er hatte ſich ſelbſt getäuſcht, wenn er ſo haufig ſeine Gleichgultigkeit gegen den ſchimmernden Flitter des Reichthums behauptete. Er glaubte ſich ſelbſt zufrieden— nein, ſtolz und glücklich, arm zu ſein, und jetzt brachte ihn der Beſitz von armſeligen vierhundert Pfund vor Freude faſt um ſeinen Verſtand. 3. Dennoch war die Urſache ſeiner Verlegenheit von einer ſolchen Beſchaffenheit, daß ſie weder ſeinen Verſtand noch ſein Herz entehrte, die er vor ſeiner ſtrengen Mutter nicht zu verbergen gehabt hätte. Dennoch würde er vorgezogen haben, in ihren Augen für einen am Spieltiſche Betroge⸗ nen, oder für einen leichtſinnigen Verſchwender, der durch 61 thörichte Vergeudung zu Grunde gerichtet worden, zu gelten, ſtatt ihr die Wahrheit zu ſagen. Von dem Gelde war nicht eine Guinee zu ſeinem ei⸗ genem Nutzen verwendet worden. Die Noth eines Andern hatte ihn veranlaßt, ſeinen ehrenwerthen Namen über die Möglichkeit der Bezahlung hinaus zu verpfänden, und nun konnte er ſich nicht einmal des Glücks erfreuen, von dieſem Andern Theilnahme in ſeiner Verlegenheit zu erhalten. Er war im dem Augenblicke, in welchem er den Wechſel unterſchrieb, gezwungen geweſen, ſich für reich auszugeben, und in dieſer Hinſicht von jeher gleichgültig, ſollte die Verpflichtung, die er einging, das zartſinnige und ſtolze Indiwiduum nicht beläſtigen, welches durch ſeine Vermitt⸗ lung in den Stand geſetzt worden war, ſich vor dem größ⸗ ten Unglücke zu ſichern. 3 In ſeinem triumphirenden Glücke hinderte ihn nur ein Umſtand; es war die Krankheit ſeiner Mutter. In⸗ deſſen fuhlte er dieſelbe weniger ſtark, als er ſie empfun⸗ den haben würde, wenn der Gedanke auf ihm gelaſtet hätte, daß ſeine Verlegenheit zur Vergrößerung des Uebels bei⸗ getragen habe. Und nun erhielt er trotz ihres Verbots und indem er ſeinem beabſichtigten Chriſttagsbeſuche vor⸗ griff, auf einige Tage Urlaub, und eilte mit tauſend klei⸗ nen Zeichen von Wohlwollen für die Kranken nach Barling⸗ ham. Statt der Lady Annesley Zeit zu geben, um ihr Verbot zu erneuern, zog er vor, ſie zu überraſchen. Es gibt wenige Ereigniſſe in der Welt, welche das Ueberraſchen der Menſchen rechtfertigen. Ehemänner und Weiber haben oft die eifrige Liebe zu bereuen gehabt, welche ſie voreilig eines in des andern Gegenwart trieb, und der beſte Haushalt, die beſte Schule, die einigſte Familie, der intimſte Zirkel von Freunden kann nicht beſſer als in dem Augenblicke beobachtet werden, in welchem einer der Ab⸗ weſenden unvermuthet in die Arme der Anderen eilt. Der arme Baſil erreichte Grange, und ſein Herz überſtromte nicht allein von der Milch, ſondern auch von dem Rahm menſchlicher Freundlichkeit. Spät am Abend kam er nach Lyndhurſt mit der Landkutſche, und indem er vorzog, den Blutumlauf in ſeinen gefrornen Gliedern durch einen Spaziergang von ein und einer halben Meile quer über die Felder wiederherzuſtellen, ſtatt durch ein drei⸗ meiliges Herumſtoßen in einer Poſtchaiſe auf einem der ſchlechteſten Wege, die je der Wagen eines verzweifelnden Pächters befuhr, nahm er das Anerbieten eines Landmannes, ihn nebſt ſeinem Felleiſen zu begleiten, an und ſchritt freu⸗ dig Barlingham auf einem Wege zu, der ihm von ſeinen Knabenjahren her bekannt war. Um die Langweiligkeit ſeines einſamen Spazierganges zu beſeitigen, begann er, ohne es ſelbſt eigentlich zu wiſſen, das Gedicht eines alten Dichters laut zu ſingen: Weg mit Grillen, weg mit Sorgen! Stell' doch deine Thränen ein! Scheiden kann nicht Liebe theilen, Scheiden kann nicht Trennung ſein! Mög' ſich Berg und See erheben, Spotten unſrer Lieb', es ſei! Ein Herz nur, ein einz'ges Leben Bleiben wir uns ewig treu! Hal ich bin, wo ich auch weile, Einſam nicht im fernen Land; Stets ruft Deine theure Stimme, Reichſt Du mir die treue Hand, Immer wirſt Du mich umſchweben, Immer, immer um mich ſein; Ein Herz nur, ein einz'ges Leben, Treu wir werdon ewig ſein! Tritt der Tod uns einſt entgegen, Wird der Lauf vollendet ſein, Wie der Zeiger folgt der Sonne, I Werd ich immer bei Dir ſein; 63 Denn es gibt ein beſſ'res Leben, Wo man keine Thräne weint; Ein Herz nur, ein einz'ges Leben, Sind wir einſt auch dort vereint. Als aber ſeine Stimme verhallt war, da ſchien die Einſamkeit noch weit trauriger als zuvor. Das Wetter war kalt; nicht ein Lüftchen regte ſich; der Mond war aufgegangen, und bei ſeinem Scheine und bei der Unan⸗ nehmlichkeit der Witterung bot die Landſchaft einen trau⸗ rigen und öden Anblick dar. Auf den Feldern war nichts Lebendes zu ſehen; nicht einmal ein Pflug lag umgekehrt in den Furchen, um die Arbeit am Morgen früher wieder beginnen zu können, als zu einer günſtigern Jahreszeit; nicht einmal ein Iltis, oder ein Igel ſtahl ſich, um mitternächtliche Beute zu ſuchen, von Hecke zu Hecke. Als endlich Baſil Grange erblickte, welches ſchwarz und traurig im Mondlichte, im Mittelpunkte ſeines offenen Vierecks von abgeſtorbenen, entlaubten Bäumen da lag, da kam es ihm vor, als ob er ſich der unbewohnten Burg 8* irgend eines Zaubermärchens nahe. Nicht ein Hund gab Laut, als ihre Schritte ſich näherten, als ſie über die kleine Brücke gingen, welche über den Graben zu dem Haupteingange führte, und damit Lady Annesley durch das ungewohnte Läuten der Thürglocke zu einer ſo ſpäten Stunde nicht erſchreckt werde, machte ihr Sohn einen Umweg, ging zu dem Thürchen der Dienerſchaft und trat in die Küche mit einem Grade von Demuth ein, der ſehr auffallend für ſeinen derzeitigen Knappen war, der geglaubt hatte, daß er, indem er den Erben der Familie nach Grange begleite, einen triumphirenden Einzug unter dem Raſſeln der Pauken und unter dem Flattern der Fahnen halten werde. Bafil's eiliger Befehl an die beiden erſtaunten Magde, welche laut aufſchrieen, als ſie ihn gewahrten, für ſein Felleiſen und ſeinen Führer Sorge zu tragen, 64 3 während er ſelbſt in das Schloß gehe, konnte den armen Bauern wenig für den Unwillen entſchädigen, ſich gleich einem Diebe im Dunkeln in das Haus ſtehlen zu müſſen. Indem er den Hampſhire⸗Bauern mit der Vertröſtung auf ein loderndes Feuer und ein tüchtiges Abendeſſen ver⸗ abſchiedete, ergriff der junge Annesley das Licht, welches ihm die erröthende, zuvorkommende Nebenmagd der alten Dorcas darreichte, von welch' letzterer er ſchon erfahren hatte, daß ſeine Mutter und eine Wärterin mit der Pflege des alten Nicholas beſchäftig ſeien, welcher in eine Schlaf⸗ kammer in dem erſten Stocke gebracht worden, weil er, wie zu fürchten ſei, nicht viele Tage mehr zu leben habe. „Mylady hat befohlen, in einer halben Stunde Thee in ihr Geſellſchaftszimmer zu bringen,“ fügte die Magd bei.„Soll ich ſie davon in Kenntniß ſetzen, daß Sie hier ſind, Sir? Oder wünſchen Sie lieber, daß ich in Ihr eigenes Zimmer, Herr Baſil, Feuer mache?“ 4 Der junge Annesley nahm das Letztere an. Indem er den ſterbenden Mann durch ein ſo plätzliches Erſchei⸗ nen nicht aufregen wollte, zog er vor, das Erſcheinen ſeiner Mutter in ihrem eigenen Zimmer zu erwarten. Das Geſellſchaftszimmer, welches Lady Annesley während der Wintermonate gewöhnlich gebrauchte, war ein ſchmales Gemach im erſten Stocke und ſtieß an ihr Schlafzimmer. Die Decken in allen Zimmern von Grange waren nicht bloß niedrig, ſondern auch durch ſchwerfällige Balken durchſchnitten und verunſtaltet, und der Fußboden war entweder von Stuck oder von Compoſition. Ein ſolches Zimmer iſt, wenn ſeine angelaufenen Fenſter dicht verhängt ſind und ſein Fußboden mit einem Teppich be⸗ deckt iſt, viel leichter warm und behaglich für die langen Winterabende zu machen, als eines von großeren Ver⸗ hältniſſen, und die reichen Salons manches lordlichen Schloſſes möchten während dieſes ſchlechten Wetters Ur⸗ ſache zum Neide gegen dieſes kleine, nette Ding gehabt haben, welches, als Baſil ſeinen Weg in dieſes Allerhei⸗ — 65 ligſte machte, ein praſſelndes Feuer in dem freundlichen Kamin hatte, der dem Auge des nächtlichen Wanderers ſo willkommen iſt. Dieſes Zimmer war unter allen des Hauſes Baſil am wenigſten bekannt. Es waren vier Jahre verfloſſen, ſeit er einen Winter in Grange zugebracht hatte. Seine Heimkehr aus Deutſchland fand im Sommer ſtatt und die letzten Weihnachtstage hatte er, da er erſt kürzlich in das Regiment eingetreten war, in der Stadt zubringen müſſen. Während ſeiner Feiertage bewohnte Lady Annes⸗ ley gewohnlich das Geſellſchaftszimmer im Erdgeſchoſſe, welches ihre muſikaliſchen Inſtrumente und die Bücher⸗ geſtelle enthielt, die ihrem Sohne Unterhaltung oder Be⸗ lehrung verſchaffen ſollten; und es geſchah blos bei ſehr kurzen Beſuchen zwiſchen ihnen, wenn ſie ihn in ihrem Ankleidezimmer empfing, obwohl ihre ſehr einfache Toilette in dem anſtoßenden Schlafzimmer gemacht wurde. Es beſaß daher in den Augen des jungen Annesley alle Reize des Verbotenen. Es war das blaue Zimmer von Grange, das einzige, in welches man nicht unaufgefordert eintre⸗ ten durfte. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit fühlte er ſich be⸗ vorrechtet. Sein Beſuch war gleich der Rückkehr des ver⸗ lorenen Sohns, und er ſuchte die einem ſolchen Augen⸗ blicke vorbehaltenen Gunſtbezeugungen zu anticipiren. Ue⸗ berdies hatte Hanna ihn in Kenntniß geſetzt, daß das ein⸗ zige Feuer, welches brenne, das in Mylady's Zimmer ſei, und die Temperatur dieſer Dezembernacht ließ ſo wenig Spaß mit ſich treiben, daß er keinen Scrupel hegte, dieſes verbotene Gebiet zu betreten. „Es wundert mich nicht, daß meine Mutter ſo ver⸗ „liebt darein iſt!“ war Baſil's Ausruf, als er auf dem perſiſchen Teppiche vor dem Feuer ſtand und ſeine Augen in dem netten Zimmer herumflogen, in welchem Lady An⸗ nesley abſichtlich alle übrig gebliebenen alten Möbel, welche ſie in Grange auffand, geſammelt hatte. Die alten Der Geldverleiher. 1. 5 66 geſchnitzten Stühle und Tiſche, einige Paar mit gekreuzten Füßen verſehene Schreibſchränke verliehen dem Orte den Eliſabeth'ſchen Charakter, den er jüngſt in London als das Hoͤchſte der Mode beobachtet hatte. Von dem geſchnitz⸗ ten, ebenholzenen Schreibpulte, auf welchem das Ta⸗ ſchentuch der Lady Annesley noch lag, bis zu dem Bet⸗ pulte in einer dem Kamine näher liegenden Ecke, welche wie ein Oratorium ausgeſtattet war, fand ſich Alles ge⸗ nau ſo eingerichtet, wie das Schlafzimmer einer ſchoͤnen Dame des ſechszehnten Jahrhunderts, daß es als Studir⸗ zimmer für Cattermole, oder als Boudoir für die ſüße Anna Page hätte dienen koͤnnen.— „Und welch' außerordentliche Einſamkeit, welche Abge⸗ ſchiedenheit von ihrem Stande und von ihrem Geſchlechte!“ war ſeine zweite Betrachtung, als er ſich erinnerte, daß dieſes kleine Zimmer, ſo entzuckend als ein Zufluchtsort gegen die Strenge des Winters, der Aufenthaltsort der Lady Annesley von einem Ende des Jahrs bis zum andern, Jahreszeit für Jahreszeit ſei.„Ein Weib muß entweder ein ſehr gutes, oder ein ſehr ſchlechtes Gewiſſen haben, wenn es ſein Glück in einer ſolch' vollſtändigen Abſonderung von der Welt ſinden kann.“ Daß die erſte Alternative die Urſache der Zurückge⸗ zogenheit ſeiner geliebten Mutter ſei, war ſeine ſo gewiſſe Ueberzeugung, daß ſie die zweite Folgerung entſchuldigte, obwohl ſie aus ihm ſelbſt entſtanden war. Indem er die⸗ ſes elegant antike Zimmer mehr als das Betzimmer einer Aebtiſſin, als das Boudoir einer Frau von Welt betrach⸗ tete, huldigte er aufs Neue dem vortrefflichen Unterneh⸗ men, welches dieſe traurigen Mauren eines alten Landhau⸗ ſes in einen ſo beneidenswerthen Aufenthalt verwandelt 6 hatte. Es war hier nicht ſo, wie in der Hoͤhle des Geld⸗ wechslers. Er hielt es für keinen Verrath, die Gegen⸗ 2 ſtände um ihn mit mehr Muße zu unterſuchen, als ihm die Anweſenheit ſeiner Mutter geſtattet hätte. Es waren 67 Theile und Theilchen ſeiner Mutter, wie er ſelbſt, ihr ein⸗ ziger Sohn, ein Theil von ihr ſelbſt war, und die Zeit mußte kommen, obgleich er ſie nie herbei gewünſcht hatte, wo dieſe ſein Eigenthum werden würden. Verdrießlich über das Warten auf Lady Annesley's Erſcheinen, wandte er ſeine Augen von dem großen, den Boden bedeckenden, perſiſchen Teppiche auf die Bronz⸗ lampe, die jede Ecke des antiken Zimmers erleuchtete. Auf dem Kamingeſimſe aus behauenen Portland⸗Steinen, an welches er ſich lehnte, ſtanden zwei alte Becher von Agat von großer Schönheit; und zwiſchen ihnen auf einer Platte von grünem Jaſpis eine bronzene Antike von beträchtlichem Werthe. Obgleich dieſe nur ein unſcheinbares Gewürm vorſtellte, ſo war ſie doch aus dem unvergleichlichen ko⸗ rinthiſchen Erze geformt, deſſen glühende Färbung alle modernen Nachahmungen nicht erreichen, und der von der Beimiſchung mehrerer köſtlicher Metalle jener überreichen alten Stadt herrührt, von deren glühenden Ruinen das auf unbekannte Weiſe geſchaffene Metall in die räuberi⸗ ſchen Hände der Menſchen überging. An der dem Kamine gegenüber befindlichen Mauer hing ein ſchoͤnes Portrait, den Künſtlern als eines der Meiſterſtücke des Sir Joſhua wohlbekannt, ein Bild des Lord C., des Vaters der Lady Annesley, mit allen den zahlreichen ausländiſchen Orden, welche an ſeine Auszeich⸗ nung während ſeiner diplomatiſchen Laufbahn erinnerten. Eine kleine Marmorſtatue eines Kindes mit einem getrenn⸗ ten Fußgeſtelle von antikem Giallo ſtand in einer Ecke des Zimmers, während die andern Ecken mit hängenden Brettern von Ebenholz, mit Büchern angefüllt, verſehen waren; ein Mädchen von ausgezeichneter Schönheit und Anmuth, augenſcheinlich das Werk einer Meiſterhand, hing dort, und Baſil glaubte, er habe in ſeinen Knabenjahren von der alten Dorcas ſagen hören, es ſei ein frühes Bild ſeiner Schweſter, der Mrs. Vernon. All' dieſe Gegenſtände hatte er früher bemerkt. Aber 68 auf dem Pulte der Lady Annesley lag ein viereckiges Buch, in dunkeln Sammet gebunden und mit goldenem Beſchläge von großer Schöͤnheit und großem Werthe, gleich einem Meßbuche der Katholiken, und dieſes brachte ihn dahin, einen Verdacht zu erneuern, den er ſchon hin und wieder gehegt hatte, daß nämlich ſeine Mutter heim⸗ lich einem Glauben anhänge, den weder ihr Gatte, noch ihre Vorältern gehabt hatten. Neugierig, zu ermitteln, was es ſei, gewiß ein Ge⸗ betbuch, öffnete er das Beſchläge und fand zu ſeinem größ⸗ ten Erſtaunen, daß das ſcheinbare Buch das Gehäuſe ei⸗ nes Gemäldes war und auf der einen Seite das Portrait eines Mannes, auf der andern Seite, gleichfalls unter loe⸗ eine Locke glänzenden, rabenſchwarzen Haares ent⸗ hielt. Baſil ſtand ganz verwirrt da. Sein verſtorbener Vater war, wie er durch Gemälde und Erzählungen wußte, von germaniſcher Schoönheit. Sein Großvater, Lord C. ſchien ihm nun in das Geſicht zu blicken, um zu bezeu⸗ gen, daß er keine Aehnlichkeit mit der Perſon habe, die in dieſem geheimnißvollen Miniaturgemälde abgebildet war. Lady Annesley war eine von drei Töchtern, ihren Miterbinnen; aber ſoviel ſich Baſil erinnern konnte, hatte ſie einen einzigen männlichen Verwandten, der nahe genug war, daß man annehmen konnte, ſein Portrait ſei in ihren — Beſitz gekommen. Was war von dem Allem zu denken? Er heſtete ſein Auge ſorſchend auf das Portrait, als wenn er es nach Recht und Titel, vermoͤge deſſen er es in dem Beſitze ſeiner Mutter fand, fragen wolle. Das Geſicht war mehr von intereſſanter, als von re⸗ gelmäßiger Schönheit; dunkel, mit hochgewölbten Augen⸗ brauen, mit einer Fülle von ſchwarzen Haaren und mit Augen, aus welchen ein tiefes Denken ſprach. Der Mund war von ſeltener Schönheit, aber unangenehmem Aus⸗ drucke, indem er etwas ſpöttiſches zeigte, was mit dem düſtern Charakter der Augen wenig übereinſtimmte. Im 69 Ganzen war es eines jener Geſichter, welche die Aufmerk⸗ ſamkeit feſſeln, weil ſie den Betrachtenden mit einer un⸗ günſtigen Meinung über das Original erfüllen. Das Al⸗ ter der abgebildeten Perſon konnte nicht mehr als fünf⸗ undzwanzig Jahre betragen, und die Kleidung war die eines engliſchen Gentleman im Anfange der Regierung Georgs III. Je mehr Aufmerkſamkeit Baſil auf das Gemälde verwendete, deſto eigenthümlicher war der Eindruck deſſel⸗ ben auf ihn, und es mußte irgend ein myſterioͤſes Intereſſe mit einem Gegenſtande verknüpft ſein, den er nie, wäh⸗ rend er jetzt doch zwanzig Jahre zählte, in dem Beſitze ſeiner Mutter geſehen hatte. In den Tagen ſeiner Kind⸗ heit, in jenen heiligen Tagen der Liebe, wenn die Schätze einer Mutter zum Vorſcheine gebracht werden, um ein krankes Kind zu erheitern, oder ein betrübtes zu tröſten, war ihm oft erlaubt worden, den Inhalt des Schreib⸗ ſchrankes ſeiner Mutter zu bewundern; er hatte da ſelt⸗ ſame Seemuſcheln, ſeltene Mineralien, antike Ninge, die altmodiſche Repetiruhr mit ihrer maſſiven Kette und ihren emaillirten Verzierungen geſehen. Da war auch ein koſt⸗ bares Miniaturgemälde der Mutter der Lady Annesley, der Lady C. mit ihrem mit ſchwarzen Spitzen beſetzten Hute und ihrem ſpitzigen Halstuche, in Diamanten gefaßt, mit einem C. und mit einer Blumenkrone von Perlen über dem Haargeflechte, welches die Rückſeite bildete; mit die⸗ ſem hatte man ihm zu ſpielen erlaubt, als er von einer gefährlichen Krankheit wieder genas. Aber von dem Ge⸗ mälde mit der ſammetnen Decke hatte er nie auch nur das mindeſte geſehen. Er hatte gerade das Gemälde wieder auf das Pult gelegt und ſich auf den Teppich vor dem Kamine geſtellt, d4. die Thüre ſich langſam öffnete und Lady Annesley eintrat. 5 Baſil hoffte, ſie erfreut über ſeinen Beſuch zu finden, den er mit ſeiner eigenthümlichen Schnelligkeit ausgeführt 70 hatte; ihre ſtrenge Kälte, mit der ſie ihn empfing, erzeugte daher eine eigene Stimmung, eine Art von Furcht in ihm. Nachdem er ſeinen Ungehorſam, hier zu ſein, ent⸗ ſchuldigt hatte, benachrichtigte ſie ihn kalt, daß bei der gefährlichen Krankheit in ihrem Hauſe ſeine Anweſenheit unpaſſend ſei. „In dieſem Falle will ich morgen wieder aufbrechen,“ entgegnete Baſil, indem er verſuchte, ſie zu verſöͤhnen, oder ihren Aerger zu beſänftigen.„Aber jedenfalls vergeben Sie mir, theuerſte Mutter, und erlauben Sie, daß ich dieſe einzige Nacht bei Ihnen bleibe. Ich konnte die Angſt nicht ertragen, Sie mir krank zu denken, ohne mich mit eigenen Augen über den Zuſtand Ihrer Geſundheit zu über⸗ zeugen.“. „Ein anderesmal beehre mich mit Deinem Vertrauen und glaube, daß ich Dir die Wahrheit genau ſage,“ er⸗ wiederte Lady Annesley ſtrenge.„Ich war krank; ich bin wieder wohl, wenn nicht der Verdruß über dieſe Ueber⸗ raſchung einen Rückfall in mein Unwohlſein herbeiführt.“ Während er ſeine Hoffnung ausſprach, daß er ein ſo großes Uebel nicht auf ſeinem Gewiſſen haben merde, ſah er die Augen ſeiner Mutter von ſeinem Geſichte weg und auf das Pult ſich richten, und von dem Pulte wieder auf ſein ſich verändertes Geſicht, als ob ſie zu entziffern ſuche, ob er keine Zeit gefunden habe, den offen da liegenden In⸗ halt ihres Zimmers zu unterſuchen, oder das Portrait zu offnen. Die Verlegenheit, die ſich auf Baſil's Geſicht ab⸗ malte, war indeſſen ebenſowohl von dem ungünſtigen Em⸗ pfange, als von dem Bewußtſein abzuleiten, ſich der Be⸗ friedigung einer Neugierde hingegeben zu haben, und ſie blieb im Zweifel. Hanna's Eintreten mit dem reichen altmodiſchen Thee⸗ ſervice, und ihr Wegeilen, nachdem ſie es auf den Tiſch geſetzt hatte, ermuthigte nun den jungen Annesley zu der Bitte, den armen, alten Kranken an ſeinem Bette beſuchen zu dürfen, ehe die Nacht zu weit vorgerückt ſei. 71 „Dorcas iſt Tag und Nacht bei ihm. Er hat alle Pflege, die ſein Zuſtand erfordert,“ entgegnete Lady An⸗ nesley kalt. „Aber es dient zu meiner Beruhigung, vielleicht auch zu der ſeinigen, wenn ich ſo ſagen darf. Der arme Ni⸗ cholas war ſtets ſo freundlich gegen mich!“ bemerkte Baſil. „Er iſt darüber hinaus, Vergnügen an der Gegen⸗ wart derer zu finden, die ihm ſonſt die theuerſten waren,“⸗ erwiederte Lady Annesley.„Ich bitte Dich vielmehr, Dich zu überzeugen, ob Deine Effekten richtig in Dein Zimmer durch die Perſon gebracht wurden, welche Dich begleitet hat. Das arme Mädchen da iſt ſchwerlich im Stande, den Platz deſſen auszufüllen, den wir zu verlieren im Be⸗ griffe ſtehen.“. Baſil befolgte den Wink. Nichts vermag leichter die Reinheit eines gefühlvollen Herzens zu trüben, als der un⸗ erlaubte Beſitz eines Geheimniſſes. Zum erſtenmale in ſeinem Leben gebrauchte er eine Kriegsliſt gegen ſeine Mutter; er war überzeugt, daß ſie ihn blos deßwegen weg haben wolle, damit ſie das myſterioͤſe Portrait auf ihrem Pulte in ſeinen gewöhnlichen Verſteck bringen könne. Er wurde auch in ſeinem Argwohne beſtärkt; denn nachdem er an den Theetiſch zurückgekehrt war und ſich auf die Anſtrengung der Reiſe, vom Londoner Ruß und dem Schmutze der Straße gereinigt, erfriſcht hatte, über⸗ zeugte ihn ein einziger Blick auf das Pult von Ebenholz, daß das Gemälde verſchwunden war. Es kam ihm aber vor, als habe ſeine Mutter dieſes momentane Unterſuchen entdeckt; denn ihr Benehmen war, wo möglich, noch un⸗ gnädiger als früher.— In jedem andern Augenblicke würde er verſucht haben, ihre üble Laune durch Erzählung der Neuigkeiten des Tags und des Geklatſches des Londoner Lebens zu zerſtreuen; aber, obwohl ausgeſchloſſen von der Kammer des Todes, konnte er doch nicht vergeſſen, daß nur wenige Zimmer entfernt ein alter Mann lag, der beiden durch lange 72 Dienſte theuer und nun bereit war, vor ſeinen Schöpfe zu erſcheinen. Dies war aber auch in der That eine hinreichende Entſchuldigung für die eigenthümliche Laune der Lady An⸗ nesley. Bei manchen Menſchen nimmt der Schmerz die Form des Aergers an. Ein ſtolzer Geiſt, der ſich nicht gerne ſelbſt mit Staub und Aſche beſtreut darſtellt, erhebt ſein Haupt mit ungeziemendem Stolze, um ſeine zeitliche Demüthigung zu verhehlen. 3 Welches Thema auch Baſil auserſehen mochte, um die Befangenheit aus dieſem peinlichen tète-à-tète zu verſcheuchen, immer ſchien es ſie übelgeſtimmter gegen ihn zu machen. Lady Annesley lenkte, wie wenn ſie begierig wäre, eine flüchtige Converſation in Gang zu bringen, das Ge⸗ ſpräch auf den jungen Neffen des Herzogs von Rocheſter, der unlängſt in ſein Regiment getreten war. 4 „Ich war früher mit ſeinem Vater und mit ſeinem Onkel bekannt,“ ſagte ſie nachläßig. „Sein Vater iſt todt,“ bemerkte Baſil, und ſein Onkel würde vielleicht beſſer im Grabe liegen. Er ſteht am Rande des Verderbens; Seele, Koörper und Vermögen iſt ruinirt; ein Opfer des Spiels, ſchmilzt ſein Vermögen in den Klauen der Juden.“„ 4 In dieſem Augenblicke, brachte eine, hochſinnigen Herzen eigene Regung von Reue das wohlthatige Benehmen des A. O. in ſein Gedächtniß und das Bewußtſein ſeiner eigenen Verpfl chtungen, und ohne daß er an den eigen⸗ thümlichen Eſſekt dachte, den ein ſolcher Ausbruch auf Lady Annesley machen mußte, die nicht den mindeſten Leitfaden zu dem Urſprunge ſeiner Meinungen hatte, wandte er plötzlich um und begann ſeine Verachtung über die Vor⸗ urtheile auszuſprechen, welche gegen dieſe verachtete Klaſſe der Geſellſchaft beſtanden. Er führte jede vortheilhafte Meinung, oder jedes Beiſpiel zum Vortheile des auser⸗ wahlten Volkes Gottes an, von Cumberland und Miß — — Diatribe verleitet. Und noch dazu im Hauſe des Todes! * Edgeworth bis zu den auserleſenſten Autoritäten der jü⸗ diſchen Welt herab. 4 Eine plötzliche Röthe überſtroͤmte das gewöhnlich blaſſe Geſicht der Lady Annesley. Ihr Geiſt ſchien einen inner⸗ lichen Kampf zu kämpfen, endlich ſprach ihre Zunge. „Ich kann wohl begreifen,“ ſagte ſie mit unverhüllter Bitterkeit, daß die Thorheiten und Laſter Londons und die Ka⸗ meradſchaft, zu der Du gezwungen geweſen ſein magſt, dazu beigetragen haben, die Grundſätze zu erſchüttern, in welchen Du auferzogen worden biſt, aber ich hätte nicht erwartet, daß Du ſie ſobald erſtickt haben würdeſt! Ich habe nicht geglaubt, daß wenige Tauſende, von dieſen elenden Un⸗ gläͤubigen bewilligt, von dieſen Erben des Fluchs, über⸗ goldet gleich dem gegoſſnen Kalbe, vor dem auch chriſt⸗ liche Könige anbetend niederſinken, ſobald in Deinem red⸗ lichen Herzen das Vorurtheil vertilgen würden, welches allen Zeitaltern, allen Nationen eigen und darum, wenn auch als Vorurtheil, zu ehren iſt. Ich für meinen Theil verabſcheue die Juden. Abgeſehen von dem Verbrechen, welches ſie mit der ewigen Verdammniß belegt hat, ver⸗ abſcheue ich ihre Grundſätze, ihre Kunſtgriffe. Wo immer die Juden ſind, da iſt Beſchränktheit des Geiſtes, Schmutz des Körpers, Gemeinheit des Herzens. Sie ſind ein ſchmu⸗ tziges Volk. So wie ſie in früheren Tagen um dreißig Silberlinge das Blut ihres Erlöſers verkauft baben, ſo werden ſie immer noch um das Herzblut der Unſchuld ſchachern. Ich ſage Dir, Baſil, ich verabſcheue ſie, und die, welche Dich verleiteten, eine entgegengeſetzte Meinung anzunehmen, betrügen Dich, ſo wie ſie mich beſchimpfen.“ Die Augen des jungen Mannes waren nun auf ſeine Mutter mit unbeſchreiblichem Staunen gerichtet. Sie, die gewoͤhnlich ſo mild, ſo gut, ſo zartſtimmig, ſo gleichgültig gegen die Dinge dieſer Welt war, ſie wurde nun durch einen ſo geringfügigen Gegenſtand zu einer ſo heftigen 74 Während ihr bejahrter Diener ſeine Seele aushauchte, ſtieß ſie lärmende Verwünſchungen aus. Baſil war vor Ehrfurcht zurückgehalten. Er konnte ſich für einen Augenblick des Gedankens nicht erwehren, daß der Verſtand ſeiner geliebten Mutter durch ihr Wachen an dem Todbette ihres treuen, alten Dieners angegriffen worden und daß dieſes die Wirkung eines neuen Unwohl⸗ ſeins ſei. „Glauben Sie mir, theuerſte Mutter,“ ſagte er,„ich hörte Sie nie einer Parteilichkeit gegen dieſes bösartige Volk anklagen. Meine für ſie günſtige Meinung iſt eine Schwäche, welche von eigenthümlichen Verhältniſſen her⸗ rührt, die ganz perſönlicher Natur ſind.“ „Du haſt es gehört!“ rief Lady Annesley ohne Ruͤck⸗ ſicht auf ſeine Entſchuldigung.„Füge nicht Betrug zu der Kühnheit des Wagniſſes hinzu, das Heiligthum meiner Gedanken und Gefühle angreifen zu wollen. Du haſt es gehört!“ Erſchreckt und betrübt war der junge Annesley im Begriffe, zu ſeiner eigenen Entſchuldigung überzugehen. Aber als er ſeiner Mutter näher trat, erkannte er, daß ſie, überwältigt durch die Heftigkeit ihrer Gefühle, ſich in ihren Stuhl zurückgeworfen hatte, daß ſie ihr Geſicht mit ihren Haͤnden bedeckte, um einen Strom von Thränen zu verbergen. Baſil Annesley ſtand wie feſtgewurzelt. Es war das erſtemal in ſeinem Leben, daß er ſeine Mutter Thränen vergießen ſah! 75⁵ Siebentes Kapitel. O, Mutter— jetzt nicht Muttex avage. „Ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen, theuerſte Mutter! flüſterte Baſil, als endlich die Aufregung der Lady Annesley ſich gemindert hatte und es gerechtfertigt ſchien, ſie anzureden. Aber zu ſeinem großen Erſtaunen zeigten ſich, als ſie die Hand von ihrem Geſichte zurückzog, um ihm antworten zu koͤnnen, ihre Züge ſo vollſtändig in ihrer gewöhnlichen Kälte, daß jede Vertheidigung über⸗ flüſſig ſchien. Er wagte es nun, ſeine Hände in eine jener Hände zu legen, welche dieſe ſtrengen Züge bedeckt hatten; allein dieſe lag unbeweglich an ihre Seite gepreßt. „Glauben Sie mir, ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu kränken!“ wiederholte der junge Mann mit noch drin⸗ genderer Liebe. 4 „Deine Entſchuldigungen ſind eine tiefere Kränkung, als Deine Indiscretion;“ entgegnete Lady Annesley in einem ſtrengen Tone.„Dein Hieherkommen und Alles hat mich geſtört und iſt mir hinderlich. Dein Benehmen, ſeit Du hier biſt, ſcheint wenig dazu geeignet, mich mit Dei⸗ nem Ungehorſam auszuſöhnen.“ „Theuerſte Mutter!“ rief Baſil, durch ihre Strenge verletzt, mit ſeiner gewohnten Ehrerbietung aus;„Sie wiſſen, daß mir Ihre Wünſche Geſetz ſind, daß ich für Sie mein Glück hier und dort opfern will....“ „Du biſt ein großer Schwätzer, Baſil,“ unterbrach ihn Lady Annesley.„Es iſt leicht, zu verſichern, es iſt leicht, Dienſte oder Opfer zu verſprechen, die nie gefordert wer⸗ den können. Ich forderte von Dir, Dich für jetzt eines Beſuchs von Grange zu enthalten.... jetzt biſt Du hier!“ „Ich habe Ihnen bereits meine Gründe auseinander⸗ 76 geſetzt!“ rief Baſil ärgerlich.„Ich habe mich bereits zur unmittelbaren Abreiſe erboten. Wenn Sie es wünſchen, Mutter, ſo will ich nicht bis niorgen warten. Ich will noch dieſe Nacht aufbrechen. Ich kann nach Lyndhurſt zurück⸗ kehren... ich kann im Gaſthofe ſchlafen. Der Burſche, welcher mir meine Bagage hieher brachte, wird nicht leicht beredet werden können, dieſe Nacht dahin mit zurück⸗ zukehren; aber morgen in der Frühe ſoll er hier ſein, und zwar ſo bald, daß ich im Stande ſein werde, mit der erſten Landkutſche abzureiſen.“ Lady Annesley blickte für einen Moment in das junge und ſchöne Geſicht, aus welchem in dieſem Augenblicke die ernſteſte Aufrichtigkeit ſtrahlte. „Bleibe dieſe Nacht hier, mein Sohn,“ ſagte ſie ruhig am Ende ihres Nachſinnens.„Ein andermal ſei folgſamer.“ 3 „Aber ich verſichere Sie, theuerſte Mutter, ich werde in Lyndhurſt ganz wohl aufgehoben ſein, und ich kann dort ſehr gut auf die Landkutſche warten. Ich...“ „Du kannſt hier bleiben, wenn es Dir beliebt,“ unter⸗ brach ihn Lady Annesley in einem kalten und beſtimmten Tone.„Es iſt, wie Du bemerkſt, ſpät, und zu dieſer Stunde iſt das Gehen über Feld unheimlich. Der Wald beher⸗ bergt läſtige Nachbarn und gefährliche Geſellſchaften. Die Krankheit meines armen Nicholas rührt zunächſt davon her, daß er eines Abends, als es finſter war, von einem ungeſtümen Wetter überfallen wurde, wähnend er davon zurückkehrte, meine Briefe auf die Poſt zu beſorgen. Ich bitte Dich daher, hier zu bleiben....“ „Ganz gewiß, wenn es Ihr Wunſch iſt.“ „Aber auch Deine Abreiſe morgen früh zu beeilen. Ich will gerade von Dir fur dieſe Nacht mich beabſchie⸗ den, Baſil, denn ich muß während dieſer kurzen Stunden wachen, damit die arme Dorras doch etwas ſchlafen kann, und ich werde mich wahrſcheinlich zur Ruhe begeben, wenn Du aufſtehen wirſt.“ 77 „Wie es Ihnen beliebt, theure Mutter,“ entgegnete der niedergeſchlagene junge Mann, indem er aus ihrem Tone und ihren Bewegungen erkannte, daß dieſe Worte ſeine Entlaſſung für dieſe Nacht ausſprachen.„Wenn Sie in der That bei dem armen, alten Manne wachen müſſen, ſo kann ich mir denken, daß meine Anweſenheit hier ſehr ungelegen ſein muß. Aber wenn Sie mirr für dieſe einzige Nacht erlauben würden, Ihre Stelle zu vertreten....“ „Ich habe in dieſer Hinſicht bereits meinen Wunſch ausgeſprochen.“ „Zuletzt halten Sie mich zu unruhig, oder zu ſordlos für einen Wärter, während Sie mich doch zu loben be⸗ liebten, als ich Sie ſelbſt bei Ihrem Fieberanfalle im letz⸗ ten Jahre pflegte; und da iſt denn Hanna da, um Sie zu unterſtützen. Hanna iſt ein ſtarkes, thätiges, ehrliches Mädchen, der es nicht ſchaden wird, wenn Sie einmal des nächtlichen Schlafs entbehrt.“ „Man kann ſich auf ſie nicht verlaſſen! Die jungen Leute ſind ungeeignete Wächter. Bei ihnen iſt der Geiſt wohl willig, aber das Fleiſch ſchwach. Sie haben keine beunruhigten Gedanken, die ihre Sinne zur Wachſamkeit führen, alſo auch keine Sorge, dieſe wach zu erhalten. Sie legen ihr Haupt auf das Kiſſen und ſind bis zum Morgen im Himmel. Wenn ſie es wagen, den Stuhl des Wächters einzunehmen, glauben ſie ihren Kopf auf dem Kiſſen!“ „Wenn Sie aus dieſem Grunde meine Dienſte ableh⸗ nen,“ bemerkte Baſil,„ſo verſpreche ich Ihnen, Mutter, daß ich ſorgſam genug in meiner Pflege bin, ſowohl für mich, als für andere Leute, und daß ich ſo wachſam ſein werde, als Sie es nur wünſchen können.“ Lady Annesley betrachtete von Neuem ihren Sohn aufmerkſam. „Du haſt nicht recht, wenn Du ſagſt, daß Du Sorge für Dich ſelbſt habeſt,“ entgegnete ſie,„und ich rathe Dir, vorſichtig zu ſein, ehe Du Sorgenträger für Andere wirſt. „Die Reihe wird auch an Dich kommen. Du haſt Deinen Antheil, Baſil, an der urbildlichen Erbſchaft der Soͤhne Adams, an den Adamsäpfeln, zu deren Fortpflanzung die Erde verdammt wurde, um die Sünden unſerer gemein⸗ ſchaftlichen Vorältern zu ſühnen. Das iſt der Befehl eines eiferſüchtigen Gottes.“ 2 „Ich bin mehr wegen der Strafbarkeit in Furcht, die auf mein Haupt durch den Fall des Mannes gewälzt iſt,“ bemerkte Baſil mit tiefer Stimme,„als davon, daß ich für irgend eine Sünde meiner eigenen Eltern gutzuſtehen habe. Aber, wie ich vorhin ſagte, wenn es darum ge⸗ ſchieht, weil ſie mich für eine Schlafmütze halten, daß Sie mir das Vergnügen verſagen, Ihre Wache für dieſe ein⸗ zige Nacht Ihnen zu erleichtern....“ „Ein für allemal, es geſchieht nicht deswegen,“ unter⸗ brach Lady Annesley mit ärgerlicher Stimme:„Du biſt nicht gewohnt, ſo beharrlich, oder ſo wißbegierig zu ſein. Mache den Fehler wieder gut, bevor wir uns wiederſehen, und zeige mir, daß er bereits bereut ſei, dadurch, daß Du meine Forderungen unmittelbar erfüllſt. Geh' jetzt zur Ruhe, damit Du um ſo fruher aufſtehen kannſt. Dort iſt Dein Nachtlicht. Gute Nacht!“ Baſil Annesley empfand in dieſem Augenblicke jenes erſtickende Gefühl in ſeiner Kehle, wie er es oft in ſeinen Knabenjahren empfunden hatte, wenn er ungerechter Weiſe geſcholten worden war. Es reizte ihn zunächſt zu einem Wider⸗ ſtande gegen eine allzu barſch ausgeübte Autorität; dann ſtand er einen Augenblick zweifelnd, ob er ſich zu Lady Annes⸗ leys Füßen werfen und ſie um eine mehr mütterliche Be⸗ handlung anflehen, oder ob er gegen den Tadel und ihre Ungerechtigkeit mit aller Energie ſeines jugendlichen Ge⸗ müthes auftreten und eine noch ſtrengere Klage erheben olle. ſ Aber die momentane Pauſe erinnerte ſeinen Hochſinn daran, daß ſeine Mutter durch ihre Anſtrengungen ange⸗ griffen und bei der Gefahr ihres treuen Dieners von Sor⸗ 79 gen belaſtet ſei, und er entſchloß ſich, wie ihn ſeine kind⸗ liche Pietät früher ſo oft beſtinimt hatte, ſich zu fügen und geduldig zu ſein. Nachdem er einen Kuß auf die kleine Hand gedrückt hatte, die ſie ihm nicht mehr hartnäckig vorenthielt, nahm er das Licht von dem Marmortiſche, zündete es eiligſt an, und entfernte ſich ſchweigend, indem er ſich ſehnte, in ſei⸗ nem eigenen Zimmer den Aufregungen Luft zu machen, die ſein Herz preßten. Als er aber dorthin gelangte, war er üͤber die Ord⸗ nung überraſcht, mit welcher Alles für ihn zurecht gelegt, und über die mehr als gewöhnliche Sorgfalt, mit der auf ſeine Bequemlichkeit Ruͤckſicht genommen worden war. Indem er hoffte eine Unterredung mit der alten Dorcas haben und durch ſie Einfluß auf die Lady erlangen zu können, daß ihm der gebührende Antheil an den Wachen der Familie eingeräumt werde, ſann er auf eine genügende Ausrede, um ihr klingeln zu koͤnnen. Es war vergeblich! Alles war an ſeinem Platze, Alles war vorhanden. Der Keſſel war über dem Feuer, der Stiefelknecht und die Pantoffeln ſtanden neben dem Stuhle. „Ich kann jedenfalls der Hanna läuten, und den Vorwand nehmen, daß ich wünſche, vor Tagesanbruch ge⸗ weckt zu werden,“ ſprach er nachdenkend. Nachdem er dieſes gethan hatte, erwartete er geſpannt das Klopfen an der Thüre, welches die gewoͤhnliche Dienſt⸗ befliſſenheit dieſes thätigen Mädchens beurkunden ſollte. Aber kein Klopfen ließ ſich hören, keine Hanna erſchien! Nachdem er des Wartens überdrüſſig, zweimal das Feuer angeſchürt hatte, um ſeine Ungeduld zu beſchäftigen, wagte er es noch einmal zu läuten. Aber daſſelbe Schweigen herrſchte, nichts war zu hören, als das Pfeifen des Windes in dem alten Corridor und hie und da ein Quicken und ein Ge⸗ räuſch der Mäuſe, die beim Mondlichte in Brigaden in dem veroͤdeten Zimmer herumliefen.. Baſil machte einen dritten Verſuch und dieſer ſollte, 8⁰ wie er hoffte, die alte Dorcas für einen Augenblick von dem Zimmer des Kranken wegrufen, welches am Ende des anſtoßenden Ganges lag. Aber ach! ſtatt des erwar⸗ teten Klopfens öffnete ſich die Thüre langſam, und nicht die Erwartete, ſondern ſeine Mutter ſtand vor ihm. „Mangelt Dir etwas, weil Du die Ruhe des Hauſes ſüörſt? ſagte ſie ernſt.„Ich habe geglaubt, daß ich ſorgſam geweſen ſei, alles Das herbeizuſchaffen, was Dir dieſe Nacht nothwendig ſein koͤnnte.“ „Ich klingelte bloß der Hanna, um ihr zu ſagen, daß.... „Hanna iſt zu Bett gegangen, und Dorcas hat ſich ſchlafen gelegt,“ entgegnete Lady Annesley.„Als Du mich ſo eben verlaſſen hatteſt, ging ich auf meinen Poſten an dem Bette des Kranken, und ich erwartete, da ich mit eigener Hand und ſorgſam Dein Zimmer hergerichtet hatte, ehe ich Dich beim Thee ſah, nicht, daß Dir noch etwas mangeln werde. Was iſt es, das ich Dir verſchaffen, oder Dir thun kann?“ „Wenn ich nur den geringſten Gedanken gehegt hätte, daß Sie, theuerſte Mutter, ſich ſelbſt all' die Mühe für 71— mich gegeben hätten.... „Ich frage Dich wiederholt, ob ich Dir irgend etwas thun kann? Sei ſchnell! Meine Gegenwart iſt an einem andern Orte nothwendig!“ „Ganz und gar nichts.“ „Du haſt alſo geläutet, um das Mädchen zu einer unnöthigen Bedienung herbeizurufen?“ „Ich läutete, um zu bitten, daß ich in der früheſten Stunde des Morgens geweckt werde, um gewiß zu ſein, Ihren Befehlen Folge leiſten zu konnen,“ entgegnete Ba⸗ il ſtolz. 1 ſo claubſ Du, daß ich die Stunde Deiner Abreiſe verſchieben würde? Sei ruhig. Du ſollſt früh geweckt werden. Und nun will ich Dich bitten, Dich fernerer Störungen zu enthalten. Du biſt im Hauſe der Krankheit, 81 welches vielleicht vor morgen das Haus des Todes wer⸗ den kann.“ Baſil wurde bei der unverdienten Härte ſeiner Mutter verwirrt, und noch mehrere Minuten lang, nachdem Lady Annesley das Zimmer verlaſſen hatte, konnte er ſich nicht faſſen. Sein Herz war nun wunder als zuvor. Er war mehr als jemals durch die Strenge ſeiner Mutter verletzt, und er fand ſie ſeltſam mit der Sorgſamkeit der Mutter⸗ liebe gepaart, die bei der Einrichtung ſeines Zimmers ge⸗ waltet hatte. Er fühlte, daß er eine ſchmerzliche Belei⸗ digung ihr zugefügt haben müſſe, weil die Liebe ihres Her⸗ zens der Herrſchaft ihres ſtrengen Mißfallens ſo ſehr un⸗ terworfen war. Er warf ſich nun verzweifelnd auf einen Stuhl vor dem Feuer, ſtellte ſeine Füße auf die altmodiſche Feuer⸗ ſtülpe, und heftete ſeine Augen auf die gewichtigen Feuer⸗ böcke des Herds, welche das praſſelnde Holz trugen, und verſuchte, ſich heimiſch zu fühlen. Es iſt ſeltſam, wie oft unſere häuslichen Gewohnheiten von Jugend auf uns we⸗ niger familiär und weniger heimiſch als das Weilen in der Fremde ſcheinen. Baſil konnte ſich mit Leib und Seele nicht heimiſch fühlen. Er füͤrchtete das Zurückkehren ſeiner Mutter, um ferner zu tadeln, er fürchtete aber eben ſo ſehr die Thüre zu verriegeln, weil ſie ſich durch dieſes ſcheinbare Mißtrauen beleidigt fühlen könnte. Unter dem Einfluſſe ſolcher Eindrücke glaubten ſich ſeine Gedanken von einem ſolchen Eindrängen nicht geſichert. Es gab Gegen⸗ ſtände, an welche er zu denken ſich fürchtete. Es gab Leute, die er nicht wiederſehen, mit welchen er nicht von zärtlichen Erinnerungen ſprechen durfte, wollte er nicht plötzlich das ſtrenge Auge der Lady Annesley auf ſein Geſicht gerichtet ſehen, bereit, die Natur ſeiner Gefühle zu prüfen und zu erforſchen. Viele Menſchen ſind geneigt, eine Entlaſtung von edanken und Gefühlen von dem Uebertritte aus der Stadt auf das Land zu folgern. In der Ruhe der erſten, außer⸗ Der Geldverleiher. I. 6 8² halb der Stadt zugebrachten Nacht knüpfen ſich entſchwun⸗ dene Bilder wieder an; Ideen und Folgerungen nehmen einen regelmäßigen Zug der Gedanken an, und Baſil em⸗ pfand das Verlangen nach einer Erfriſchung von dem langweiligen Lärmen und dem Tumulte Londons, um bei dem Verlaufe neuer Ereigniſſe zu verweilen und mit mehr Umſicht zu betrachten, welcher Theil ſeiner Liebe und ſei⸗ ner Freundſchaft fruchtlos verſchwendet worden ſei. Aber es war nicht Zeit für ſolche Träume. Die Furcht vor dem Wiedererſcheinen ſeiner Mutter beherrſchte ſeinen Geiſt, wie die vor einer mitternächtlichen Erſchei⸗ nung das Kind beherrſcht. Seine Gedanken waren ge⸗ lähmt. Er konnte in dieſem Augenblicke nicht frei fühlen. Wunderliche Vermuthungen durchirrten eilig ſein Gehirn bei der Erinnerung an das myſterioͤſe Portrait, welches er dieſen Abend geſehen hatte, und an die noch viel geheimnißvollere Aufregung ſeiner Mutter. Schmerzlich ſüße Viſionen ſchwirrten vor ſeinen Augen in der glänzenden Geſtalt ſeiner Eſther, ſeiner geliebten Eſther hin und her. Aber gerade, als ihre Augen in die ſeinigen zu blicken ſchienen, da ſchien das Knarren des Getäfels von ferne das Nahen der Lady Annesley anzukündigen und der Wiederſchein des Feuers verbreitete eine Helle, wie die war, welche die von der Hand ſeiner Mutter gehaltene Wachskerze früher verbreitet hatte. Die Nacht begann ſtürmiſch zu werden. Als der Mond unterging, erhob ſich der Wind, der drohend an die Mauern des alten Grange anprallte, als wolle er daſſelbe fragen, wie es ſo lange der Zeit und den Stür⸗ men widerſtanden habe, und in dem weiten Kamine hauste, als wolle er den ungewohnten Bewohner dieſes Zimmers darum befragen. Nach und nach nahm der Sturm an Heftigkeit zu. Das Heulen des Windes wurde ſchrecklich und ein hefti⸗ ges Schneegeſtöber praſſelte an die Fenſter. Unter ſolchen Umſtänden wurde Baſils Geiſt mehr 84 vereiteln. Abermals nahte ihm ſeine ſtrenge Mutter barſch, und ſeltſame Stimmen ſchienen ſich mit ihren Vorwürfen zu vermiſchen. Er erwachte, er fuhr fieberhaft von ſeinem Kiſſen auf! Die ſeltſamen Stimmen waren leicht durch das furchtbare Brauſen des Sturms zu erklären, der nun in das Heulen der Verzweiflung überzugehen ſchien, bald in das Schreien eines Hohngelächters ausartete. Aber es war kein Geſicht um ihn her, welches die Viſionen wäh⸗ rend ſeines Schlummers erklärte. Er war allein nur mit einem ſpärlichen Schimmer von Licht, welches von den abſterbenden Kohlen des Kamins ausging. Im nächſten Augenblicke würde er wieder auf ſein Kiſſen zurückgeſunken, noch einmal in Schlaf verfallen ſein, allein ſeine aufgeregte Einbildungskraft erzeugte die Idee, daß das Wehklagen, welches zuerſt als das des Sturmes erſchien, doch allen Umſtänden nach der Aus⸗ druck eines menſchlichen Schmerzes ſein könne, der ſchmerz⸗ hafte Schrei des ſterbenden Mannes! Seine Mutter konnte der ſchrecklichen Nothwendigkeit ausgeſetzt ſein, al⸗ lein bei einem im Todeskampfe liegenden Menſchen zu wachen! Er ſprang auf und warf ſeinen Mantel um. Aber Lady Annesley, übelgeſtimmt wie ſie war, konnte daraus einen Ungehorſam gegen ihre Befehle folgern. Er konnte es nicht vermeiden! Er wollte darauf beſtehen, ihre Wachen zu theilen. Er öffnete langſam die Thüre, er ging ohne Licht den Corridor entlang, in der Hoffnung, die Thüre des Zimmers zu erreichen, welches, wie er wußte, gfür den armen alten Manm eingerichtet worden war. Je weiter er aber kam, deſto mehr überzeugte er ſich, daß dieſe Toͤne wirklich von dem Sturme herrührten. Als er ſich nun dem Zimmer des Kranken näherte, trug es ſich zu, daß eine ſolche Stille eintrat, daß er das Klop⸗ fen ſeines eigenen Herzens hörte; da erkannte er in der Todtenſtille der Nacht die ernſte Stimme der Lady Annes⸗ 8⁵ ley, welche, ſehr angegriffen, laut Gebete an der Seite des ſterbenden Mannes ſprach. Als wenn er unwürdig wäre, eine ſo feierliche Hand⸗ lung zu theilen, eilte Baſtl in ſein Zimmer zurück und war bald wieder in ſeinem Bette. Die momentane Kälte und Bewegung während ſeines Ganges ſchien den Schlaf in ihm wieder erweckt zu haben; denn er ſchlief nun feſt und lang. Wie lange, das wußte er nicht; aber ein ſchwa⸗ ches, graues Licht ſtahl ſich in das Zimmer, als er wie⸗ der die Augen öffnete. Jetzt konnte er ſich nicht täuſchen; ein Geſicht beugte ſich über ihn und blickte in das ſeinige. Es war aber nicht Eſther's Ideal von einem Geſichte. Es war kein Zweifel, daß es eines von den Geſichtern war, welches ihm in ſeinen Träumen erſchienen war; es war auch nicht das roſige Geſicht des Mädchens, welches, wie ihn Lady Annesley unterrichtet hatte, beauftragt war, ihn bei Ta⸗ gesanbruch zu wecken. Es war ein altes Geſicht, durch Zeit und Sorgen verwelkt; es war das der alten Kam⸗ merfrau ſeiner Mutter. „Herr Baſil, ich wollte ſagen, theurer Herr Baſil,“ keuchte die Eingetretene, nich habe Ihnen ſchon ſeit fünf Minuten gerufen.“ „Danke, Dorcas, danke vielmals. Ich fürchte, ich habe feſt geſchlafen. Schicken Sie mir mein Raſierwaſſer, und ich werde dann ſogleich aufſtehen. Es iſt wohl ſpät— oder bin ich früh daran?“— „Stille, Sir, ſprechen Sie leiſe, ich bitte Sie da⸗ rum. Meine Gebieterin war nicht eine Stunde im Bette. Da ich ſie genöthigt habe, einen beruhigenden Trank zu nehmen, nachdem ſie dieſe ſchreckliche Nacht wachend zu⸗ gebracht hat, ſo glaube ich ihr einige wenige Stunden Ruhe geſichert zu haben, um ſie für ihre ferneren Wachen zu ſtärken, und ich fürchte daher, Sie könnten ſie auf⸗ wecken. Nichts iſt nachtheiliger, Herr Baſil, als geſtoͤrt zu werden, während Opiate ihre Wirkung thun folhens 86 und meine arme Lady iſt nicht im Stande, ferner ſolche äußerſte Anſtrengungen zu ertragen. Sie hat nun die letztvergangenen fünf Nächte nicht geſchlafen, und ſie hat ſich auch ſeit dem Beginne der Krankheit des armen, al⸗ ten Gärtners eines ungeſtöoͤrten Schlafes nicht erfreut.“ „Ich bin ſehr in Sorgen, Dorcas; es wurde zwiſchen uns ſchon verabredet, daß ſie durch meine Abreiſe nicht geſtört werden ſolle. Ich will mich ſogleich ankleiden und werde das Haus verlaſſen haben, ohne daß ſie es merkte.“ „Das iſt es nicht, Sir. Ich wünſche nicht, daß Sie gehen, Herr Baſil. Ich bedarf Ihrer Hülfe, Sir; ich bin in großer Unruhe, in heftiger Uaruhe und Betrübniß!“ murmelte die alte Frau, indem ſie die Hand auf ihre Augen legte.„Ich danke Gott dafür, daß Sie hier ſind, Sir; aber ich fürchte, meine Gebieterin wird mir nie ver⸗ zeihen, daß ich dieſes Umſtandes gegen Sie erwähnt habe. Aber wahrhaftig, Sir, ſolche Scenen ſind zu viel für ſie. Es ginge gegen mein Gewiſſen, ja, ich glaube, es iſt zu viel für ſie, bisher zu wachen. Aber ich kann ihn nicht allein pflegen.“ „Bedürft Ihr alſo meiner Hülfe für Nicholas, Dor⸗ cas?“ rief der junge Annesley.„Ich will in einem Augen⸗ blicke mit Ihnen gehen...“ 3 „Aber Sie ſind nicht vorſichtig, Sir; ich muß Ihnen zuvor ſagen, daß Ihr theilnehmendes, gutes Herz, Herr Baſil, zu ſehr ergriffen werden würde...“ 8,Meine liebe Dorcas, es iſt nicht das erſtemal, daß ich einen ſterbenden Menſchen ſehe. Die Pflichten meines Berufs führen michazeitweiſe in einen Spital.“ „Ei, ei, Sir; aber nicht zu einem Sterbebette, wie dieſes iſt. Es iſt ein hartes Ding für mich, die ich genug ausgeſtanden habe in dieſer Welt, den armen, alten Bur⸗ ſchen in einem ſolchen Zuſtande zu ſehen, aber für Ihre jungen Augen, Herr Baſil.. ℳ „Gönnen Sie mir nur einen Augenblick, um meine Kleider anzulegen..“ 1 „Ich bin nicht ohne Hoffnung, Sir, daß Nicholas, aufgeregt durch Ihr Kommen, da er Sie Monate lang nicht geſehen hat, ſeines Verſtandes ſo weit Herr werden wird, um Sie zu erkennen; und dann mag er vielleicht ſich zuſammen nehmen und ruhig ſein, ohne zu heftigen Aeußerungen zurückzukommen....“ „Zu heftigen Aeußerungen?“ unterbrach Baſil.„Iſt denn der arme Burſche ſeines Verſtandes beraubt?“ „Er hat wiederholte Anfälle von Delirier, während ſeiner ganzen Krankheit. Geſtern Morgens fand es der Arzt, welcher von Southampton kommt, um ihn zu beſu⸗ chen, für nothwendig, ihn in die Zwangsjacke zu ſtecken. Gegen Abend wurde er ruhiger, und meine Gebieterin be⸗ ſtand darauf, ihn von der Zwangsjacke zu befreien.„So kraftlos, ſo ſchwach, wie er iſt,“ ſagte ſie,„beſteht ſeine Heftigkeit bloß in Worten, und er kann weder ſich ſelbſt oder Anderen ein ernſtliches Leid zufügen.“ „Großer Gott! Meine Mutter war alſo die Nacht Fenddrch⸗ alleine, der Gewalt eines Verrückten ausge⸗ etzt 2“ „Nicholas war nie, auch in ſeinen ſchlimmſten Pa⸗ rorismen nicht, im Stande, ſeine Hand, oder auch nur ſeine Stimme gegen meine Gebieterin zu erheben. Ihre Gegenwart ſchien eine beſanftigende Gewalt über ihn aus⸗ zuüben, mehr als das Anſehen und die Zwangsmittel des Arztes.“ 3 Aber warum haben Sie mir dieſes Alles nicht in der vergangenen Nacht geſagt?“ „Ich wurde durch Mylady in das Bett geſchickt, Sir, weil ich durch das Kämpfen mit ihm ermüdet und erſchöpft war. Sie erwähnte kaum Ihrer Ankunft, und ich bin überzeugt, daß ſie, weil ſie ſo ängſtlich beſorgt war, Sie von Grange wegzubringen, ohne daß Sie dieſe traurige Scene geſehen haͤtten, hoffte, Sie würden nach London zurückkehren, ohne irgend eine Ahnung in dieſer Beziehung zu bekommen.“ „Wie ſeltſam!“ murmelte der junge Annesley. „Meine Gebieterin liebt Sie zu ſehr, Herr Bafil, als daß ſie nicht wünſchen ſollte, Ihnen jede unnöthige Un⸗ ruhe zu erſparen.“ „Aber ſich ſelbſt, Dorcas?“ „Meine Gebieterin iſt daran gewöhnt, ſich zu küm⸗ mern....— „Meine theure, gute Mutter!“ „Zeigen Sie Ihre Liebe dadurch, daß Sie mir Ihren Beiſtand leihen, und ihr einige Stunden Schlaf gönnen. Sie wird dann geſtärkt und erfriſcht erwachen. Aber, ob⸗ gleich ich es von Ihnen erlangen könnte, daß Sie hier bleiben, ſo habe ich doch den Muth nicht, es allein zu unternehmen, bis der Doctor gekommen ſein wird.“ Nachdem er die alte Kammerfrau überredet hatte, daß ſie die Ausführung ihres eigenen Wunſches erleichtere, wenn ſie ihm erlaube, ſich anzukleiden und ihr zu fol⸗ gen, machte Baſil in groöͤßter Eile ſeine Toilette. Bald ſtand er an der Thüre, von welcher er ſich in der Todten⸗ ſtille der Nacht ſo furchtſam zurückgezogen hatte. Als er in das Zimmer eintrat, bemerkte er Dorcas an der einen Seite des Bettes ſtehend, und auf der an⸗ dern, hinter den Vorhängen verſteckt, weinend und zitternd, die rüſtige Magd, die mit der Beſorgung des Raſenden, während der Abweſenheit ihrer Gefährtin, beauftragt ge⸗ weſen war. Das graue Dämmerlicht fiel auf die Scene, vorzüglich auf das weiße Haupt des ehrwürdigen Dulders, der mit Kiſſen unterſtützt war, und um ſich her mit der traurigen Starrheit blickte, welche die Geiſtesverwirrung charakteriſirt. „Scheuen Sie ſich nicht, ihm zu nahen, Sir, er iſt ganz harmlos!“ ſagte Dorcas mit der Plumpheit eines rohen Geiſtes, als ſie ſah, daß ihr junger Gebieker zaudernd an der Thüre ſtehen blieb, aufgeregt durch den patriarchaliſchen Anblick des alten Mannes, deſſen weiß⸗ grauer Bart ſo manche Woche nicht geſchoren worden —Q—˖—᷑—;OLOB·ñB—ᷓ— war.„Wie ich vorhin ſagte, die Ueberraſchung wird eine gute Wirkung auf ihn äußern.“ „Mein guter Nicholas!“ murmelte der junge Annes⸗ ley, der in der Zwiſchenzeit an das Bett getreten war. „Wer ruft mir?“ fragte der Kranke mit ſchallender Stimme. „Es hat mir ſehr leid gethan, hören zu muſſen, daß Sie ſo krank ſind, Nicholas,“ bemerkte Baſil, indem er eine directe Entgegnung in der Abſicht umging, ſeine Er⸗ innerungskraft zu prüfen. Statt zu antworten heftete der alte Mann ſein ſtar⸗ res Auge auf die Perſon, die ſich ihm ſo unerwartet vor⸗ ſtellte, und einige Augenblicke wich die Starrheit nicht von ſeinem Auge. Endlich und nach und nach ſchien ein Strahl von Verſtändniß dieſes ſeelenloſe Starren zu durchdringen. „Jetzt kenne ich Sie!“ ſagte er mit dumpfer Stimme. „Ich kenne Sie und ich heiße Sie fortgehen! Was thun Sie hier? Muß noch mehr Blut über Ihre Hand kom⸗ men. Hat nicht mein Lord uns ausdrücklich geboten, Sie mit den Füßen zu ſeinem Thore hinauszuſtoßen? Aber es war nicht nöthig, das zu gebieten; ich würde es ungehei⸗ ßen gethan haben! Aber ich wollte die Schande meiner jungen Gebieterin nicht bekannt machen!“— „Mein armer Nicholas, kommen Sie zu ſich!“ ſagte Baſil mit ſchmeichelndem Tone, indem er ſich freundſchaftlich über ihn beugte. 3 „Ihr armer Nicholas!“ ſchrie der Wahnſinnige, ſo daß der Ton ſeiner gebrochenen Stimme den jungen An⸗ nesley veranlaßte, zurückzuſchrecken.„Wie dürfen Sie mich Ihren armen Nicholas nennen? Wie dürfen Sie es wagen, mir zu ſchmeicheln? Fort mit Ihnen!— Fort! — Jude!— Ich kenne Sie, ich ſage es Ihnen. Als mich zuerſt Ihr Gold überredete, ohne Argwohn Ihre Bitte zu vollziehen, da glaubte ich, Sie ſeien ein Gentleman — ich hielt Sie für einen Mann! Und nun ſpucke ich Sie an, als einen falſchen und ungläubigen Juden. Fort! 90 Fort! Oder, ich ſage Ihnen, es iſt noch Kraft genug in den Knochen des alten Mannes, um Sie, Glied für Glied, zu zerreißen.“ „Um Gottes willen, Herr Annesley, Sir, gehen Sie weg von ihm!“ ſchrie das Mädchen, welche über der Ge⸗ fahr eines Andern ihre eigene vergaß.„Es wird Ihr Tod ſein, Sir!“ „Er ſoll nicht gehen! Ich halte ihn feſt!“ ſchrie der Wahnſinnige, indem er die Arme des keinen Widerſtand leiſtenden jungen Mannes erfaßte. „Wahrhaftig, Herr Baſil, es wird beſſer ſein, wenn Sie das Zimmer verlaſſen!“ ſchrie Dorcas, von Schrecken erfaßt. 3 e.Zaſi Was Baſil? Ei, ei, ein Anderer von ihren Kniffen. Sie hat es gewagt, ihn meinem Lord als ſeinen Enkel aufzubinden— aber mich kann ſie nicht betrügen! Ich bin noch nicht ſo alt, oder ſo blind, um ihn nicht trotz aller Verkleidungen zu erkennen, und von dem Augen⸗ blicke an, in welchem er es wagte, als Sohn meines Herrn zu leben, ſchwor ich ihm, daß ſein eigenes Leben nicht ſicher ſein ſolle, wenn er wieder hieher kommen würde. Und nun habe ich Sie gefangen! Wie gewöhnlich, wie ge⸗ wöhnlich, wie immer, in das Haus ſich ſtehlend, wie ein Dieb in der Nacht, wenn die Andern ſchlafen— die An⸗ dern leiden und weinen, blutige Thränen weinen, wegen der Sorgen, die Sie verurſacht haben!— Meine arme junge Lady!“. Baſil war nun wirklich ergriffen, nicht durch den Ge⸗ danken an ſeine eigene Gefahr, aber weil er fürchtete, eine erſchlichene Einſicht in die Geheimniſſe ſeiner Mutter zu erhalten. Das Wort;„Jude;“ die Anſpielung auf Blut, auf Familien⸗Leiden, auf Familien⸗Schande verwundete ihn tief. 3„Seien Sie ruhig, mein armer, alter Freund!“ rief er mit aufgeregter Stimme, ohne zu verſuchen, ſeinen Arm von dem Umklammern des Wahnſinnigen loszumachen. 91 „Sehen Sie mich an, Nicholas! Erinnern Sie ſich mei⸗ ner! Erinnern Sie ſich des kleinen Baſil, des Baſil Annesley!“ Eine Art von Geheul ſtieß der wüthende Kranke ploͤtz⸗ lich aus; ein Geheul, welches ſich mit einam wahnwitzigen Lachen endigte. „Annesley, für wahr!“ ſchrie er.„Armer Thor, armer Thor! Armer Deckmantel der Schande! Armer Blinder, Betrogener! Annesley? Das Opfer eines ver⸗ wegenen, armſeligen Juden. Wenn Ihr Name Annesley iſt, ſo ſage ich wiederholt: weg mit ihm! Geh, verſtecke Dich ſelbſt in dem Grabe, wie Dein Bater vor Dir that! Er ſchwor, es thun zu wollen! Er ſagte nichts; nur der Tod konnte eine ſolche Schmach auslöſchen; ein gewalt⸗ ſamer Tod, ein blutiger Tod! Aber die Tropfen, die er, ihn erleidend, vergoß, junger Mann, wogen nicht zur Hälfte die Angſt des Herzens auf, ſie konnten durch die Thränen der reuevollen Wittwe, die ſie über ihre eigene Schuld weinte, nicht geſühnt werden! Fort mit Ihnen, ſage ich wieder, und verbergen Sie ſich ſelbſt, Sohn des ſchmutzigſten Vaters und der ſchuldhafteſten Mutter, die je Gottes Gericht auf das Haupt ihres Kindes herabriefen.“ Baſil Annesley ſchauderte, als er ſo lauſchte, die zitternden Finger des wahnſinnigen Kranken umklammer⸗ ten noch ſeinen Arm. Aber es war nicht ihr fieberiſches Zittern, was ſein Herz zagen machte.— Eine ſchwere Hand lag auf ſeiner Schulter; ſeine Mutter ſtand an ſeiner Seite. Durch den ſchauderhaften Schrei aus ihrem Schlafe aufgeſchreckt, hatte ſich Lady Annesley in Eile erhoben unn, war in ihrem Nachtgewande nach dieſem Zimmer geeilt. Sie kam gerade recht, um die ſchrecklichen Enthül⸗ lungen zu hören, welche jeden Schatten von Farbe von den Wangen ihres Sohnes verſcheucht hatten. —— Sechstes Kapitel. Jugend am Vordertheil des Schiffes und Ver⸗ gnugen am Steuerruder mißachten die fort⸗ ſchleudernde Gewalt des Wirbelwindes, der in grimmiger Ruhe auf ſeine Abendbeute lauert. Gray. Es gab wenige ſonnigere und angenehmere Wohnun⸗ gen in der Hauptſtadt, als die in der Artington Street, welche die Familie Maitland bewohnte; von wo aus man den Green Park und einen kleinen ſchönen Garten über⸗ ſehen konnte, der mit ſpaniſchen Fliederbüſchen und Im⸗ mergrün bepflanzt war, und ſie bot zugleich einen glän⸗ zenderen Anblick dar, als die belebteſte Durchfahrt in London gewährte. Man kann ſich keinen ſtärkern Contraſt als den den⸗ ken, der zwiſchen dem einſamen Aufenthaltsorte der Wittwe des Sir Annesley und der brillanten Wohnung von Lord Maitland's Gattin herrſchte;— der erſtere unfreundlich und dunkel, wie ihr mit Sorgen belaſtetes Schickſal— die letztere ſtrahlend von Gold und Firniß, Porzellain und Bronze, muſtkaliſchen Inſtrumenten und modernen Gemälden, kurz mit Allem angefüllt, was der neue Lu⸗ rus dazu beitragen kann, das Auge der Zeit mit ſeinem finnloſen Flitter zu blenden. Die Maitlands waren in den meiſten Beziehungen prahleriſche, herzloſe und weltlich geſinnte Leute; wie man ungefähr von einer Familie erwarten koͤnnte, deren Vater bereits unter der Erde liegt und in welcher die einzigen Pflichten des von einer Vormundſchaft nicht be⸗ freiten Mutterlebens die einer Tonangeberin bei Almack ſind. Die Töchter der Lady Maitland waren die Früchte 93 einer Gouvernante; Lord Maitlands Sohn das Werk von Eton und Sandhurſt; und wenn man die oberflächliche Bildung erwägt, die aus ſolchen Quellen fließt, waren die jungen Leute liebenswürdig genug. Sie thaten keinen Schaden in der Welt. Es war nicht ihre Schuld, daß man ſie nie gelehrt hatte, Gutes zu thun. Ihr Aufent⸗ haltsort in der Stadt machte eines jener angenehmen Häuſer aus, welche eine reizende Zufluchtsſtätte für Lon⸗ doner Müßiggänger ſind; denn Klatſchereien, Verleum⸗ dung und Muſik warteten jeden Augenblick bei Maitlands aufgerufen zu werden. Ehe ihre Toͤchter erwachſen waren, hatte Ihre Herr⸗ lichkeit geruht, Morgenbeſucher zu ermuthigen, ihr in Vertreibung ihrer Langweile beizuſtehen; und ſpäter ſchien ſich dann kein ſchicklicher Vorwand zeigen zu wollen, dem Strome von geſchäftigen Müßiggängern einen Damm zu ſetzen, den ſie an ſich gezogen hatte. Es war unmöglich, offen zu ſagen—„Ich wünſche nicht länger, daß junge Herrn mein Haus beſuchen, weil meine Töchter nun Jung⸗ frauen geworden ſind, und daß wenn ſie Laura und Lucie zu familiär ſehen werden, ſie ſich nicht verſucht fühlen, ſie zu ihren Frauen zu machen.“ Man duldete deshalb, daß dieſe Sache ihren alten Lauf nahm. Nebſtdem war das Lieblingskind der Familie, John Maitland, der älteſte Sohn, zu fern von jedem vernünf⸗ tigen Streben, um ſich von beſtändiger Geſellſchaft zu diſpenſiren. John wollte nicht mit ſeinen Eltern allein ſein. John war in der Garde— ein Firſtern in Lon⸗ don; und würde zu einer großen Laſt für die Familie ge⸗ worden ſein, mit der er nicht allein zu ſein wünſchte, wenn man mit ſeinem Vergnügen nicht gänzlich vertraut geweſen wäre. Seine Kameraden hatten dem zu Folge Zutritt in dem ſonnigen Geſellſchaftszimmer in Artington Street. ie der Wittwen⸗Oberſt, der alte Carrington, oft be⸗ merkte;„Ohne die Maitlands hätte man den Winter in 94 der Stadt nicht verleben können!“— ein vielumfaſſendes Kompliment, das den jungen Damen bei ihrer Verſor⸗ gung hinderlich ſein könnte. Es iſt ſelten, daß Heirathen in Häuſern ſtatt finden, wo die Töchter nur als die So und So's bekannt ſind. „Was zum Henker iſt aus Annesley geworden?“ fragte John Maitland den Hauptmann Blencowe, welcher bei ihm in Arlington Street, an dem Tage nach Bafil's Abreiſe nach Barlingham Grange ſaß. „Aus der Stadt!“ lautete die oberflächliche Erwie⸗ derung. 2 „Ich glaubte, daß die meiſten der Feiertagsgeſell⸗ ſchaften aufgebrochen ſeien? bemerkte Laura Maitland, deren Begriff von der Annehmlichkeit des Landes ſich auf ein ſchönes Wohnhaus beſchränkte, wo ſich täglich 30 Per⸗ ſonen zum Diner niederſetzen, und das in einem Jagdre⸗ vier mit Wild in den Gehölzen oder mit Billards und Privattheatern, wo das Jagen gleichgültig iſt, liegt. „Annesley iſt nicht gegangen, um eine Geſellſchaft um ſich zu ſammeln. Annesley geht auf das Land, um ſich mit dem Schürzbande ſeiner Mutter durchpeitſchen zu laſſen!, entgegnete Hauptmann Blencowe ſcherzend. „Um daran geknüpft zu werden, wollten Sie ver⸗ muthlich ſagen!“ ſprach John Maitland, welcher an einem Schreibtiſche Billete ſiegelte, die ihm ſeine Mutter für Einladungen dictirt hatte. „Ich glaube nicht, daß ſie ihn ſo ſehr liebt, um ſich ſeine Geſellſchaft durch Zwangsmittel zu ſichern,“ entgegnete Blencowe.„Ich ſah in meinem Leben kein ſo kaltes und ernſtes Weib, wie Lady Annesley.“ „Aber wo ſieht man ſie, Hauptmann Blencowe?“" fragte Lucie Maitland, und ſah von ihrem Stickrahmen auf, an dem ſie lauſchend ſaß. „Lady Maitland kann ſie vielleicht vor 25 Jahren geſehen haben. In unſerer Zeit lebt ſie das Leben einer Einſiedlerin.“ 95 „Wie war es dann Ihnen möglich, ſie zu ſehen?“ „Ich ging nicht zu ihr; ſie kam im Gegentheil zu mir. Als Baſil im vergangenen Jahre das Fieber hatte und dem Tode ſo nahe war, ſchrieb ich an Lady Annes⸗ ley, welche hierauf in die Stadt eilte. Ich war ſein Krankenwärter und der Himmel weiß, daß der Anblick ihrer ſtrengen Miene und ihres Trauerkleides von Morgen bis in die Nacht mich beinahe ſo krank wie ihn ſelbſt machte. Nachdem ich eine ganze Nacht hindurch mit ihr gewacht hatte, glaubte ich in der Geſellſchaft einer der Vertrauten der Inquiſition geweſen zu ſein.“ „Bei Gott, Blencowe, wie ſchwärmen Sie!“ rief John Maitland.„Ein altes häßliches Weib in einem ſchwarzen Bombaſine⸗Gewande, als eine Vertraute der Inquiſttion anzuklagen!“ „Wie konnte ich vorherſagen, als was ſie mich an⸗ klagen würde? Sie hatte ganz das Ausſehen einer Aus⸗ überin der ſchwarzen Kunſt! Wenn jedoch, trotz all' ihrer ſcheinbaren Kälte, Lady Annesley eine halb ſo gute Mut⸗ ter, wie ſie eine Pflegerin iſt, ſo hat Baſil keine Urſache ſich über ſie zu beklagen.“ Aber beklagt er ſich über ſie?“ fragte Lucie mit Intereſſe. „Baſil findet ſelten an einem Gegenſtande oder an einer Perſon etwas zu tadeln, denn er iſt der gutmüthigſte Menſch von der Welt. Und ich glaube, daß er eher den Oberbefehlshaber, oder den Ober⸗Oberbefehlshaber ankla⸗ gen, als auch nur den geringſten Tadel über ſeine Mutter ausſprechen würde. Annesley iſt beinahe ängſtlich in ſeiner kindlichen Unterwürfigkeit.“ John Maitland ſah von dem Schreibtiſche aus mit einer bedeutungsvollen Geberde nach Blencowe, als wolle er ihm über einen ſo zarten Punkt in Gegenwart ſeiner eigenen Mutter Stillſchweigen auflegen; während Lucie ktwas uͤber ihre Stickerei murmelte, was viele Aehnlich⸗ keit mit einem Lobe hatte. 96 „Ich fürchte leider, daß der junge Annesley ſich wahrſcheinlich zum Narren machen wirdz“ ſprach Oberſt Carrington, der die Gewohnheit hatte, ſeine halbe Stunde⸗ täglich ſo beſtimmt in dem Salon der Lady Maitland zuzubringen, wie er ſeine Morgen⸗Doſis von Gregorg's Gicht⸗Mixtur, oder am Abend ſeine Verdauungspillen zu verſchlucken pflegte, indem er glaubte, daß, weil die Kna⸗ ben des Regimentes ſich an dieſem Platze beluſtigten, er ein Gleiches thun müſſe; denn es war fur jeden Fähnrich bei ſeinem Eintritte in das Regiment eine ausgemachte Sache, ſich in eine oder die andere von John Maitlands Schweſtern zu verlieben; und, wenn mit hinreichendem Vermögen und Bekanntſchaften ausgeſtattet, als Müſſig⸗ gänger in der Arlington⸗Street geduldet zu werden, da die Töchter ſie als angenehme Geſellſchafter, oder die Mut⸗ ter als annehmbare Ehemänner begünſtigten. Wenn der Wittwer⸗Oberſt dieſelben Vorrechte wie ſeine jüngern und annehmbarern Kameraden geltend machte, ſo wurde er doch aus ganz verſchiedenen Abſichten geduldet. Der alte Carrington das Stichblatt der Subal⸗ ternen bei der Tafel, diente auch zum Stichblatte in Maitland's Geſellſchaftszimmer; denn ſie ſchienen nicht zu wiſſen, wie viele Leute es für ein ſicheres Kennzeichen des Mangels an Bildung und einer ſchlechten Einrichtung einer Geſellſchaft halten, ein ausgemachtes Stichblatt zur Ziel⸗ ſcheibe ihrer Witze zu haben. Einer der vielen Wege, auf welchen ſich der alte Geck zur Erfüllung ihrer Abſichten herlieh, war ſeine Eiferſucht auf jeden hüͤbſchen Kameraden, der in das Re⸗ giment kam. Ehe Wilberton kam, war Annesley der Gegenſtand ſeiner Antipathie geweſen, und Oberſt Carrington ver⸗ ſäumte ſelten eine Gelegenheit, Baſil anzugreifen. Als er bei der gegenwärtigen Gelegenheit wahrnahm, daß die erſte Entladung ſeiner Batterie nicht beachtet wurde, wagte er eine zweite. 4 97 „Ich fürchte,“ ſagte er mit mehr Nachdruck,„daß, der junge Annesley ſich zu Grunde richten wird, was mir wirklich ſehr leid thut. Mag Lady Annesley immer ſo unangenehm als möglich ſein, Baſil iſt doch der einzige Sohn, und der Sohn eines flotten Soldaten. Es würde mir in der That ſehr arg ſein, ſeiner Mutter hohes Alter durch ſeinen Ruin verkümmert zu ſehen.“ „In welchem Stücke vergeht ſich Baſil mehr, als wir Uebrigen?“ fragte John Maitland, da Capitain Blen⸗ cowe zu ſehr mit Lucie's Arbeitskorb beſchäftigt war, um die Vertheidigung ſeines fernen Freundes uͤbernehmen zu können.„Wir ſind Alle in dem einen otzer in dem andern Stücke Eſel. Ich für meinen Theil betrachte Baſil als den Solon unſeres Bataillons.“ „Dann erlauben Sie mir zu ſagen, daß Sie ſehr wenig auf den übrigen Theil von uns halten;“ ſagte der Oberſt mürriſch, indem er ſeinen langen Hals auf einen altmodiſchen Stock ſtützte. „Faſt gerade ſo viel, als ſie verdienen,“ bemerkte der junge Maitland ſcherzend;„denn er ruinirt ſich zum Bei⸗ ſpiele nicht mit Parfumes und Cosmeties, wie Loftus, zur Pflegung von Knebelbärten, die nicht wachſen wollen, oder zur Vertreibung von Finnen, welche zu ſtark wachſen wollen; oder wie Wilberton mit Erbauung von Cabrioletts und Wägen, um das Vergnügen zu haben, ſeine ewigen Helmbüſche und Namenszüge in irgend einer neuen Geſtalt zu erblicken. Er bringt Graham's nicht jeden Abend durch ſein ſchlechtes Spiel in Aufruhr, wie Blencowe dort drüben, welcher ſo leiſe mit Lucien flüſtert, daß ich glaube, ſie hören Beide nicht, was wir jetzt ſprechen.“ „Haben Sie mit mir geſprochen?“ fragte Blencowe plötzlich auffahrend. „Noch beluſtigt er, gleich Ihnen, mein theuerer Oberſt,“ fuhr der junge Maitland fort,„die Schauſpieler bei ihren Proben, durch die ſteife Gelenkigkeit, mit welcher er ihnen beſtändig aus dem Wege geht.“ Der Geldverleiher. I. 7 98 Oberſt Carrington wurde jedoch gerade von einem ſo heftigen Huſten befallen, daß er nicht eine Silbe von dieſem derben Angriffe hören konnte. „Sie ſcheinen Ihren Winterhuſten wieder bekommen zu haben, Oberſt Carrington?“ ſprach Laura Maitland mit heuchleriſcher Theilnahme;—„Sie ſollten einmal ara⸗ biſche Bruſtkuchen verſuchen.“ „Unſinn— Bruſtkuchen!“ unterbrach ſie ihr Bruder, „Carringtons Huſten kommt von Engbrüſtigkeit her. Es iſt keine Kleinigkeit, mit chroniſcher Engbrüſtigkeit behaftet zu ſein!“ 1„Ich habe Ihnen ſchon hundertmal geſagt, Mait⸗ land, daß es nichts der Art iſt!“ entgegnete der Oberſt ärgerlich.„Kann ſich nicht ein Menſch erkälten, ohne an Engbrüſtigkeit zu leiden? Sie ſind in der That die Ur⸗ ſache meines Katarrh's, indem Sie das Fenſter in dem Clubb aufriſſen, daß ein kalter Weſtwind in unſere Ge⸗ ſichter wehte, um Horman in ſeinem Cabriolette den Aus⸗ gang der einfältigen Wette zuzurufen. Es würde ihm nichts geſchadet haben auszuſteigen, oder Ihnen zu ihm hinauszugehen, ſtatt Gefahr zu laufen, zwanzig Ihrer Freunde einer Erkältung auszuſetzen.“ „Und das beſtändige Bruſtleiden des ein und zwan⸗ zigſten zu verſchlimmern!— Nun, nun, mein theurer Oberſt, es iſt mir leid, es erwähnt zu haben. Ich weiß, es iſt ein zarter Punkt; und die Soldaten wiſſen auch, daß es ein zarter Punkt iſt, beſonders an den Muſterungs⸗ tagen und bei einem ſtarken Winde. Manche arme Ka⸗ meraden ſind jedoch oft ſchon in der Blüthe ihres Lebens dem Podagra und Bruſtleiden unterworfen.— Viele außer Ihnen leiden ſchon an Podagra und Huſten, bevor ſie noch⸗ ihr fünfzigſtes Jahr erreicht haben.— Iſt's nicht ſo? Mutter 27— „Biſt Du mit dem Siegeln der Billete zu Ende?“ fragte Lady Maitland mit mütterlicher Einmiſchung. „Mit allen, welche von Wichtigkeit ſind! Alle äl⸗ 99 tern Söhne und jungen Baronets mit anſtändigen Gü⸗ tern ſind abgefertigt. Ich ſparte die jüngern Brüder und irländiſchen Wittwen bis auf das Ende, damit ich im Falle, daß das Siegel zu warm und ich zu lau würde, der Anklage der Unſauberkeit entrinne! Wir würden ſehr gut thun, noch zu ſchreiben:„Lady Maitland bittet ſich die Ehre von Lord George Bawdons Geſellſchaft auf den nächſten Freitag zu einer kleinen Abendgeſellſchaft aus;“ denn wenn Bawdon nicht ein Lord George wäre, ſo glaube ich dürften wir ihm eine Oblate geben.“ „Was ſagten Sie von Podagra und Bruſtbeſchwer⸗ den, Oberſt Carrington?“ fragte Lady Maitland, indem ſie es für gut hielt, die Unterhaltung zu ändern. „Ich ſagte,“ entgegnete der Oberſt, indem er um ſeis ner ſelbſt willen wünſchte, ſie falſch zu verſtehen;„daß es ſehr traurig wäre, wenn der junge Annesley ſich zu Grunde richten würde.“ „Dies iſt bereits das drittemal, daß Sie ſich wieder⸗ holen, mein ſchöner Kamerad!“ ſprach der junge Mait⸗ land und ſiegelte das letzte Billet;„und ich ſehe Sie wünſchen, daß wir Fragen ſtellen möchten. Sie ſollen nun auch nicht länger geſchont werden. Auf welche Art wird der junge Annesley ſich ruiniren— wann— wo? — Eilen Sie!— Sagen Sie Ihr Schlimmſtes und erlöſen Sie uns von unſerer Qual.“ „ Sch verſtehe Sie nicht, Maitland,“ ſprach der Oberſt, indem er ſeinen Kopf unbehaglich wieder auf den Stock ſtützte.„Ich weiß nicht mehr als Sie von ſeinem Trei⸗ ben. Ich wohne den Proben bei, Sie gleichfalls; und während ich Graham's einmal beſuche, ſind Sie zwan⸗ zigmal dort geweſen!“ „Aber begeht Annesley ein größeres Verbrechen, als die übrige Welt, indem er einen dieſer Plätze beſucht?“ fragte Lucie Maitland, und richtete ihre Frage direkt an Capitän Blencowe als wollte ſie ſagen:„Wenn Sie mich lieben, ſo nehmen Sie die Parthie Ihres Freundes!“ 100 was er, wenn er ſie geliebt hätte, am wenigſten gethan haben würde. „Ich glaube nicht, da ich hierin ein eben ſo großer Verbrecher wie er bin, erwiederte Blencowe. Aber die, welche Annesley herunterſetzen wollen, dürfen nur auf Wilberton und Carrington merken, der Eine von Ihnen i*ſt eiferſüchtig auf ihn, und der Andere neidig.“ „Welcher iſt neidig?“ fragte Lucie Maitland und ſah von ihrer Arbeit ſchalkhaft auf. „Der Mann mit dem wenigſten Verſtande von Bei⸗ den; da Neid gemeiner iſt als Eiferſucht.“ Miß Maitland zuckte die Achſeln, als wollte ſie da⸗ durch den geringen geiſtigen Unterſchied zwiſchen dem jun⸗ gen Fähnrich und dem alten Oberſt bezeichnen. „Wilberton iſt auf Baſil neidig,“ ſprach Capitain Blencowe,„weil er beim Ballſpiel glücklicher iſt, als er. Carrington iſt eiferſüchtig auf ihn;— weil.... Aber Sie wenden ſich weg, Miß Maitland! Sind Sie nicht neugierig zu vernehmen, warum Carrington eiferſüchtig auf ihn iſt?“— 23, „Nicht im geringſten!“. „Selbſt nicht über das Gewißheit zu erhalten, was Carrington für ſein Leben gerne ſagen moͤchte,“ fügte Capitän Blencowe bei,„nämlich in Betreff der Arten und Methoden, auf welche Annesley den Narren ſpielt?“ „Noch viel weniger!— Ich ſetze großen Glauben in das Urtheil eines Mannes, der gleich Oberſt Carrington ſo viel aͤlter als ich iſt,“ erwiederte Lucie, indem ſie ſich bemühte, übereinſtimmende oder zürnende Bewegungen hervorzurufen.„Aber es würde weit größere Mühe koſten mich zu überzeugen, daß eine Perſon, ſo allgemein beliebt⸗ in der Welt und in dem Regimente, welche wir täglich ſo geſetzt und mit ſo gentlemaniſchen Sitten und Grund⸗ ſätzen unter uns ſehen,— ſich ſelbſt ſchände.“ „Meine theuere Lucie, Du biſt ſehr ſtrenge! Du ver⸗ gißt, mit wem Du ſprichſt,“ ſpottendem Ernſte. „Ich ſpreche zu drei oder vier von Herrn Annesley's Freunden;“ antwortete die junge Lady, tief erröthend. „Wir ſchmeicheln uns, daß wir, obgleich Dir jener Titel groß erſcheinen mag, höhere Fähigkeiten haben;“ entgegnete John Maitland.„Wir ſchmeicheln uns(es berechtigt uns die Pairswürde wenigſtens dazu) daß wir „Alle ehrenwerthe Männer“ ſind. Wir ſchmeicheln uns, daß wir„Alle den Narren ſpielen,“ wie Carrington es nennt, wenn auch nicht zur Zufriedenheit unſeres Her⸗ zens, doch zur Freude unſerer Feinde— nämlich zur Zufriedenheit unſerer vertrauten Freunde. Du biſt des⸗ halb perſönlich— abſcheulich perſönlich, Miß Lucie Maitland, wenn Du von Annesley's Selbſtbeſchimpfung ſprichſt, weil ſein Freund dort drüben ſagt, er ſpiele den Narren. Merke Dir für die Zukunft, meine liebe kleine 3 Schweſter, daß heut zu Tage ſich niemand ſchändet, deſ⸗ ſen Name nicht in der Samſtags⸗Zeitung oder in den Sonntagsblättern erſcheint.“ „Dann glaube ich, daß Bafil ſicher iſt,“ ſprach der alte Oberſt trotzig, und gab ſeinem Kopfe einen ſo ge⸗ waltigen Schlag mit ſeinem Stocke, als wolle er die Stärke ſeines Wirbelbeines prüfen;„denn ſowohl ſein Vermögen, als auch ſeine Familie ſind zu unbedeutend, um ihm eines dieſer Uebel zuzuziehen.“ „Wußte ich doch, daß Sie irgend eine Ausnahme aus dieſem oder jenem freundſchaftlichen Grunde für ihn finden würden, Carrington!“ rief John Maitland laut lachend.„Aber faſſen Sie Muth. Obgleich wir Alle un⸗ bedeutend ſind, ſo weiß doch niemand, zu welchen Ehren wir noch gelangen können. Die niedrigſten wie die höch⸗ ſten Leute machen heute zu Tage auf die Auszeichnung des Bankrottes Anſpruch. Der Knabe, der an der Thür⸗ ſchwelle des Klubbs Cigarren verkauft, drohte den an⸗ dern Tag ſeine Zuflucht zu Baſinghallſtreet zu nehmen, bemerkte ihr Bruder mit 10² wenn wir ihn nicht bezahlen würden; und ich bin keinen Samſtag des Jahres gewiß, den Namen Thomas John Maitland, Lord Maitland, Pferdehändler, nicht in der Liſte der Privatverbrecher glänzen zu ſehen, was, wie Sie wiſſen, ein Loch in eine Opernacht ſein würde!“ „Lord Maitland würde nicht der erſte Pair des Rei⸗ ches ſein, der in der Zeitung erſchien,“ bemerkte Blen⸗ cowe, der ſeines Freundes Worte nur für einen Scherz nahm, indem er ſah, daß es in einem ſo prächtig möb⸗ lirten Hauſe, wo drei Bedienten in Livree in der Halle, und ein Portier an der Treppe wartete, unmöglich ſei, ſie für Ernſt zu nehmen. Er hoͤrte zwar das Gerücht, daß zwei dieſer Bedienten in Familienlivreen geſteckte Aufſeher ſeien, die zu Gunſten von John Doe und Richard Roe Aufſicht über das Silber⸗ zeug der Familie hielten. Man ſagte jedoch daſſelbe von zwei oder drei nobeln Häuſern ſeiner Bekanntſchaft, von welchen er wußte, daß das Gerücht grundlos ſei; und da endlich Wahrheiten ſeltener als Erdichtungen in der großen Welt ſind, ſo erſchien dem Anfänger nichts mehr glaub⸗ würdig, als die Leichtigkeit, mit einer Rente von 20,000 per Jahr eine glänzende Außenſeite zu behaupten. Selbſt Blencowe und dem alten Oberſt, von viel⸗ jähriger Erfahrung in London, ſchien es unmöglich, daß in einem Hauſe, wo die Diners ſo vortrefflich und die Einrichtungen ſo glänzend waren, Geldmangel vorhanden ſein könne. Lady Maitland hatte ihre Diamanten und ihre Loge, die Mädchen hatten ihre Reitpferde und fran⸗ zoͤſiſche Kammermädchen. Die Zimmer in Arlington Street waren mit ausländiſchen Gewächſen geſchmückt— die Abend⸗ geſellſchaften häufig— die Morgenimbiſſe luxuriös. Keine beſſeren Trauben und Ananas wurden gegeſſen, und kein älterer Lereswein in London getrunken, als der, welcher jeden Tag um drei Uhr John Maitland und ſeinen Ka⸗ meraden zu Dienſten ſtand. Was das Nrueſte und Schoͤnſte war, wurde zuerſt 10³ von Lady Maitland und ihren Töchtern getragen. Was nur immer an Büchern, Muſtkalien, Stickereien oder mo⸗ dernen Zeichnungen anziehend ſchien, war auf ihrem Tiſche zu finden. Sie arrangirten Alles ohne Rückſicht auf Koſten, wie es gewöhnlich bei Perſonen der Fall iſt, die es auf Credit thun. Sie verſagten ſich. nichts. Solch“ gutmüthige Leute wie Maitland haben ſelten Muth, mit ihren Vergnügungen karg zu ſein. Kein Wunder deshalb, daß ſie ganze Truppen von Freunden und Schaaren von Bekannten hatten; 5 „denn Menſchen zeigen, gleich Butter⸗ „fliegen, ihre beſtaubten Flügel nur dem Sommer;“ und in einem Hauſe, wo Alles ſo entſchieden ſommerig war, zeigten ſich die Butterfliegen, Menſchen genannt, na⸗ türlich im Ueberfluſſe. Bei dem Eintritte in die Thüren in Arlington Street, wenn ſie für Beſuche geöffnet waren, wurden ſie mit dem Schalle von Muſik, mit Lichterglanz und mit der Freund⸗ lichkeit der Jugend und Schönheit begrüßt. Die Pracht war da in allen ihrem Glanze und in all ihrer Prahlerei nnfalcst, eine wahrhaftige Circe mit ihren verhängnißvollen eizen! Hätte der alte einfältige Oberſt, oder der geputzte junge Capitän ein wenig mehr Beobachtungsgabe beſeſſen, ſo müßten ſie bemerkt haben, wie ſich die Augenbrauen der Lady Maitland bei den unvorſichtigen Scherzen ihres Sohnes unwillkürlich zuſammenzogen, und ſie wären viel⸗ leicht veranlaßt worden, ſich an das Sprüchwort zu erin⸗ nern, daß„manches wahre Wort im Scherze geſprochen wird.“ Sie ſahen jedoch nichts, als die gewöhnliche Fröh⸗ lichkeit und Munterkeit des Zimmers und ſeiner Gäſte; denn da ſie den vergangenen Tag erſt mit Maitlands di⸗ nirt und die Pracht des Familienſilbers bewundert hatten, machten ſie Lord Maitland zu aufrichtige Komplimente über ſeinen Rheinwein und Claret, um den Gedanken von ſeinem 104 Erſcheinen in der Zeitung für etwas anderes, als für einen guten Spaß zu nehmen. „Welch' eine ganz dumme Erfindung, Mutter iſt dieſer neue Lichtauslöſcher,“ ſprach John Maitland, nach⸗ dem er ſeine Finger verbrannt hatte, indem er verſuchte, das Licht mit einem Löſcher von Silber auszuputzen.„Sie ſollten wirklich ein Prämium von Padlock, Togg und Ema⸗ nuel erhalten, weil Sie ſich die Mühe geben, deren dumme Novitäten in die Mode zu bringen.“ „Da Du es warſt, John, der den alten Loͤſcher von altem Seévres zerbrach, an deſſen Stelle erſt der in Deiner Hand hier kam,“ ſprach Lady Maitland,—„ein Kleinod, wirklich ein Kleinod, das 14 Guineen koſtete, während dieſes hier nur um 5 gekauft wurde— iſt es um ſo beſſer, je weniger Du davon ſprichſt!“ „Zürnen Sie nicht, meine theure, gute Mutter!“ ent⸗ gegnete der ſchalkhafte Soldat.„Erwägen Sie für einen Augenblick Ihre Verpflichtung gegen mich, weil ich Ihnen einen Vorwand zum Einkaufe einer neuen Tändelei biete, wie ich glaube, die zweiundfünfzigſte im Laufe des Jahrs! Sie ſind die Göttin der Rococo⸗Läden!.— Sie wiſſen recht wohl, daß Emanuel hieherſchicken und ſich nach Ihrem Befin⸗ den erkundigen laſſen würde, wenn zwei Tage vergingen, in denen Ihr Wagen nicht an ſeiner Thüre gehalten hätte!“ „Ich wünſchte, daß Du keinen ſolchen Unſinn ſprächeſt,“ entgegnete Lady Maitland, wirklich zürnend.„Durch ſolche Verſicherungen überredeſt Du auch Deinen Vater, an meine Verſchwendung zu glauben, während ich aufrichtig geſagt, nichts weiter, als ein Service von altem Sovres und ein Dutzend Lichtlöſcher von Silber für die Summe gerauft habe, weliche..“ „Gut, gut!— wir ſind Alle, wie es ſcheint, auf unſere Weiſe eben ſo närriſch wie Baſil,“ unterbrach ſie der junge Maitland, der bei der Berührung ſeiner eigenen Schwächen mehr Zartgefühl beſaß, als wenn er von denen Anderer ſprach.„Ich behaupte nicht, nicht verſchwenderiſch 105 zu ſein. Gleich Othello's Sacktuch—„„Ich hatte es von meiner Mutter.““ „Du aber verdienſt eine kräftige Strafpredigt. von Deiner Mutter, John,“ ſprach ſeine ältere Schweſter, und ſtand von dem Tiſche, an welchem ſie mit Kobalt, Gold. und Cochenille Wappen für eine heraldiſche Erläuterung der baroniſirten Häuſer in England malte, in der Meinung auf, daß es ihres Bruders Anſpielungen geweſen ſeien, die Lady Maitland in jenem Augenblicke aus dem Zimmer trieben. Kaum waren jedoch einige Minuten vergangen, ſo erſchien ſie wieder mit Stücken eines zerbrochenen Schreib⸗ zeuges in der Hand, um dem Oberſt Carrington die ſeltene Schönheit der Gruppirungen von bergères galantes zu zeigen, und Laura ſah ihren Irrthum ein. Aber auch Lady Maitland täuſchte ſich. Anſtatt bei dem alten Stutzer Uebereinſtimmung zu finden, traf ſie ihn bis an das Kinn in Läſterungen über Baſil Annesley vertieft. „Ich gebe zu, daß Verelſt ein geſchickter Künſtler iſt,“ ſprach er, als ſie eintrat.„Aber die Leidenſchaft für Kunſt iſt noch nicht heftig genug in Annesley's Alter, um dafür zu entſchuldigen, daß er Stunde für Stunde in der Familie eines obscuren Juden zubringt.“ „Ich glaube nicht, daß Verelſt ein Jude iſt,“ ant⸗ wortete Blencowe kaltblütig.. „Seine Frau wenigſtens iſt eine Jüdin,“ fuhr Car⸗ rington fort,„und dies wird ohne Zweifel auch mit ſei⸗ nen Toͤchtern der Fall ſein. Das Mädchen, um deren willen Annesley Zutritt in den Chor der Oper erhielt, heißt Eſther, und ihre Schweſter heißt Salome.“ „Des großen Nemton's Name war Iſack,— aber ich hörte nie, daß er ein Jude war. Was hat der Name zu ſagen? Eine Roſe, ob Eſther oder mit irgend einem andern Namen genannt, würde eben ſo gut riechen,“— rief John Maitland.„Pfui! gebt mir eine Unze Zibeth! Weelmuide glauben, daß wir von filzigen Juden ſpre⸗ hen!— ℳ 106 Lady Maitland beſtand jetzt darauf, daß ihre Ueber⸗ reſte von Sévres bewundert werden, ſie fanden jedoch bei dem alten Oberſt wenig Intereſſe, da er eben wieder auf eine neue Anklage ſann. „Annesley's Schützling hat, wie ich glaube, viel Beifall geerntet?“— ſagte er, ſich an den jungen Mait⸗ land wendend. „Als wenn Sie nicht recht gut wüßten, mein lieber Freund, daß ſie ſelbſt nahe daran war, ſtecken zu blei⸗ ben!— Das arme Mädchen wurde durch die Zudring⸗ lichkeit eines Trupps alter Kameraden, die ſich Dilettan⸗ ten nannten, zu denen, wie ich glaube, auch Sie gehoͤr⸗ ten, bei den Proben ſo ganz außer Faſſung gebracht, daß ſie im Augenblicke ihres Auftretens in Othello von einem Fieber aus bloßer Furcht ergriffen wurde und näher daran war, den Geiſt aufzugeben, als bei der Erweichung des harten Herzens von Signor Brabantio behülflich zu ſein. „Ich erinnere mich jetzt; es war ein paniſcher Schrecken, wie es die Schauſpieler nennen,“ ſprach der alte Oberſt, indem er ſich einen andern Schlag mit ſei⸗ nem Stocke auf den Nacken gab. „Nichts der Art!— Eſther Verelſt hatte nicht den geringſten Anflug von einem paniſchen Schrecken!“ rief Blencowe.„Sie trug ſelbſt niemals ein Schauſpieler⸗ Gewand. Ja, weit entfernt davon, daß Annesley, wie Sie vermuthen, ſie den Schauſpielern empfohlen habe, ſah ich niemals einen Mann mehr bewegt, als er es war, indem er ſie in ihrem abgeſchabten braunen Pelze unter den Chorſängern erblickte. Das arme Mädchen,(welches letztes Jahr in den Concerten geſungen hatte und die Nothwendigkeit für ihre Familie kannte, ihren Jahrgehalt zu verdoppeln) erhielt unbekannt für jeden ein Engage⸗ ment, da ſie den Unterſchied zwiſchen einer Concertſänge⸗ rin und einem Chormädchen in dem Königstheater mit einer halben Guinee die Woche wenig beachtete.“ „Arme Eſther!— Sie war zu gut für ein Chor⸗ 107 mädchen!“ rief John Maitland mit gutmüthiger Theil⸗ nahme; v„eine zu gute Sängerin und ein zu gutes Mäd⸗ chen... „Sie ſah jedoch bald ihren Irrthum ein und damals war es, wo ſie Annesley beſchützte und ſich bemühte, ihr Engagement aufzuheben. Eſther war aber eine zu gute Schauſpielerin, um ſo leicht diſpenſirt zu werden; und ich glaube, daß nichts als ihre gänzliche Unbrauchbarkeit, welche eine gefährliche Krankheit bei ihr erzeugte, das ſteinerne Herz des Directors zu erweichen vermocht hatte.“ „Und was iſt aus dieſem armen Mädchen gewor⸗ den?“ fragte die ältere Miß Maitland, da Lucie zu ſehr bei der Sache betheiligt war, um eine Frage zu wagen. „Dieſe Frage würden Sie beſſer an Annesley bei ſeiner Rückkehr in die Stadt richten;“ antwortete der alte Oberſt,„denn er verläßt ſelten ihres Vaters Haus.“ „Und wer iſt ihr Vater?“ ſprach Laura Maitland. „Ein ausländiſcher Künſtler, den Annesley als Knabe auf irgend einer fremden Univerſität— Jena oder Göt⸗ tingen, kennen lernte.“ „Verelſt war Annesley's Zeichenlehrer, als er auf der Univerſität Heidelberg war,“ ſprach Blencowe ernſt; „und iſt gleich der Hälfte der Künſtler in Europa ein Mann von beſcheidenen Mitteln. Er verwickelte ſich in einen politiſchen Streit in Heidelberg und floh hieher; ſo ſagt er wenigſtens. Aber alle Flüchtlinge in England ſprechen von politiſchen Streiten, um ſich beim Volke deſto beliebter zu machen. In England kannte er bloß Annes⸗ ley und einen oder zwei andere Kameraden, denen er in Heidelberg Unterricht gegeben hatte. Baſil ſcheint jedoch der einzige zu ſein, der von ſeinem Unterrichte profitirte, oder geneigt iſt, ſich ſeines alten Lehrers zu erinnern, und das erſte, was wir von Verelſt ſahen, war eine Lotterie die für eines ſeiner Gemälde in dem Klubb veranſtaltet wurde; Carrington gewann es und es iſt wirklich äußerſt ſchoͤn.“. 108 „Ja! Man hat mir dreimal den doppelten Preis für jenes Gemälde von Seite verſchiedener Kupferſtecher geboten,“ ſprach der Oberſt lächelnd,„aber ich war bis jetzt noch nicht geneigt, es mit einem Andern zu theilen.“ „Da Verelſt und ſeine Familie am Hungertuche nagen, ſo hätten Sie vielleicht doch wenigſtens eine Er⸗ laubniß zu einer Copie für ihn ertheilen koͤnnen,“ be⸗ merkte John Maitland. „Daß man das meinige vielleicht nachher nicht mehr für ein Original angeſehen hätte!“ ſprach der Oberſt ernſthaft. „Und was wäre es dann geweſen?— Sie würden dem armen Kameraden hundert Guineen in die Taſche gegeben haben, ohne dabei eine einzige von den Ihrigen zu nehmen, von denen Sie ſich ſo ſchwer wie von ihrem Lebensblute trennen würden, Carrington!“ „Im Gegentheil,“ entgegnete der Oberſt.„Ich kaufte letzten Sommer eine Partie Jagdſtücke von Verelſt, die zuerſt Ihnen angeboten und dann zurückgewieſen wur⸗ den.“ „Ah! weil Sie ſie um den halben Preis bekamen, während ich den Anſtand beobachtete, ſie zurückzuweiſen, da ich nicht Geld genug beſaß, ſie zu bezahlen, und dachte, ich würde deshalb ein ſchlechter Kunde für einen ſo armen Kameraden gleich Verelſt ſein.“ „Ganz recht!“ unterbrach ihn Lucie.. „Aber warum erwähnteſt Du dieſes Künſtlers oder ſeiner Werke nie gegen uns, John?⸗ fragte ſeine Schweſter.. „Weil ich bedachte, daß junge Damen nicht genug Taſchengeld haben, um Gemälde zu kaufen,“ entgegnete John Maitland,„und zu der kleinern Hülfsquelle der Mildthätigkeit nimmt ein Mann gleich Verelſt nicht ſeine Zuflucht. Er hat die Seele eines Genius und den Muth eines Löwen!“— „Was jedoch nicht von ſeiner Familie getheilt zu 109 werden ſcheint,“ ſprach Laura,„da Du ja ſelbſt ſagſt, daß ſeine Tochter zu ſchüchtern geweſen ſei, in der Oper zu ſingen?“— Eſther iſt auf ihre Weiſe ein Stückchen von einer Löwin, das gebe ich zu,“ erwiederte Capitän Blencowe lächelnd, und dann fügte er in einer leiſern Stimme und mit einem Seitenblick auf den alten Oberſt bei:„Aber welche Kraft hat ſelbſt eine Löwin einem Trupp Tiger gegenüber?“ Miß Maitland war jedoch nicht geneigt zu hören, oder wenigſtens nicht geneigt zu lächeln, wie er er⸗ wartete. „Es ſcheint mir, mein theuerer John,“ fuhr ſie zu ihrem Bruder gewendet fort,„daß der Mann, welcher nicht zu ſtolz war, Herrn Baſil Annesley Unterricht zu geben, auch nicht nöthig hätte, zu ſtolz zu ſein, um Laura Mait⸗ land ſolchen zu ertheilen. Ich brauche einen Zeichenlehrer. Mama hat mir einen Zeichenlehrer verſprochen...“ „Aber woher weißt Du, meine Theure, daß dieſer Verelſt ein guter Lehrer iſt?“ ſprach Lady Maitland. „Haben Sie nicht gehört, Mama, daß man dem Oberſt Carrington den dreifachen Werth für ſein Gemälde geboten hat?“ fragte Laura, weniger ehrerbietig, als ge⸗ fühlvoll. „Ein Mann mag ſehr gut ſelbſt malen können und einen großen Ruf ſeiner Kunſt genießen,“ entgegnete Oberſt Carrington,„kann aber dabei doch unfähig ſein, Andern Unterricht zu errtheilen.“ „Sehr gut geſagt!“ bemerkte Lady Maitland, welche keine große Neigung für den dürſtigen Zeichenlehrer zu hegen ſchien. 7. „Auf alle Fälle muß etwas für die Tochter gethan werden,“ ſprach Lucie.„Wenn ſie letztes Jahr im Con⸗ certe ſang, ſo muß ſie ihr Geſchäft verſtehen. Wir haben ſchon lange davon geſprochen, mit Oberſt Loftus und Sir Woklin einige Quartette aufzuführen. Miß Verelſt möchte 110 von weſentlichem Nutzen für uns ſein. Geſetzt, ich ſchriebe, ſie zu engagiren?“ „Du nimmſt ſehr viel Antheil an Baſil Annesley's Schützling, meine liebe Lucie,“ ſagte ihr Bruder, die Achſeln zuckend;„Du biſt nicht halb ſo gütig gegen mich! — Ich habe Dir zwei oder drei Chorſängerinnen zu empfehlen.“¹. I„Aber nicht die Toͤchter verdienſtvoller Künſtler im Unglücke!“ antwortete ſeine Schweſter unwillig. „Das„verdienſtvoll“ und das„Unglück,“ haſt Du einzig aus Blencowe's Schilderung entnommen, der nur einmal in der Woche die Wahrheit ſpricht, und heute iſt nicht ſein Tag. Wenn Du jedoch glaubſt, Dir Annesley zu verbinden, der, wie ich weiß, ein großer Günſtling von Dir iſt, ſo wirſt Du dies ſchwerlich erreichen, wenn Du Eſther Verelſt mit Oberſt Loftus, oder irgend einem an⸗ dern ſchönen Gentleman von Carrington's Schule in einige Berührung bringſt. Glaube mir, er würde lieber die ganze Familie im Geheimen Hunger leiden laſſen.“ „Es iſt allerdings recht leicht für ſchöne Herrn, von des geſchwätzigen Maitland's Schule vom Hungerleiden zu ſprechen,“ erwiederte ſeine Schweſter.„Aber ich verſichere Dir, John... In dieſem Augenblicke trat der Portier ein und flü⸗ ſterte der Lady Maitland eine Meldung leiſer zu, als es gewöhnlich bei Portiers in Geſellſchaftszimmern der Fall iſt. „Sagen Sie ihm, Lord Maitland ſei ausgegangen,“ erwiederte ihre Herrlichkeit laut. „Ich habe es ihm ſchon wiederholt geſagt, Mylady,“ antwortete der Portier.„Er wünſcht ganz genau zu wiſ⸗ ſen, ob Seine Herrlichkeit zu Hauſe ſpeiſe.“ „Ohne Zweifel wird er es thun— doch warte.— Ich kann es wirklich nicht beſtimmt ſagen. Aber wenn Lord Maitland nicht zu Hauſe ſpeiſt, ſo dinirt er bei White's.“ 111 Der Portier verließ das Zimmer ſchweigend, wie jeder gutgezogene Geiſt und jeder gutgezogene Portier ſich entfernt; und Laura Maitland erneute ihre Fragen über Baſil's Eſther.„War ſie ſchön oder häßlich, groß oder klein, ihre Stimme soprano oder mezzo soprano?“ „Ich kann Ihnen ſagen, ſie iſt ein großes, ſchoͤnes Mädchen, mit einer ſtarken, reinen Stimme; denn ſonſt würde ſich Annesley nicht abmühen, ihres Vaters Schul⸗ den zu zahlen!“ rief John beinahe ungeduldig über die Be⸗ harrlichkeit ſeiner Schweſter. „Ich habe in meinem Leben nichts Unverſchämteres ge⸗ ſehen,“ entfloh jetzt den Lippen der Lady Maitland, welche wieder mit dem geheimnißvollen Portier flüſterte:„Sagen Sie ihm, ich ſpreche nie Leute in Geſchäftsangelegenheiten! — Wenn er morgen beim Frühſtücke wiederkommen will, Wilſon,(ſagen Sie, Lord Maitland frühſtücke um elf Uhr) ſo wird er ihn wahrſcheinlich ſehen können.“ „Ich glaube dies nicht, Mylady; denn mein Lord wünſcht ganz beſonders, daß dieſe Perſon nie zu ihm ge⸗ laſſen werde,“ antwortete Herr Wilſon mit einem boshaf⸗ ten Lächeln, um gewiſſe erduldete Unrechte an Ihrer Herr⸗ lichkeit und ihren Töchtern zu rächen. „Sagen Sie ihm, was man Ihnen aufgetragen hat!“ befahl Lady Maitland in einem ſtolzen Tone. „Ich habe mein Moglichſtes gethan, ihn wegzubrin⸗ gen,“ entgegnete Wilſon.„Aber er hat ſich in das Bib⸗ liothekzimmer geflüchtet und will das Haus nicht verlaſſen. Er behauptet, es ſei unumgänglich nothwendig, daß er, wenn mein Gebieter wirklich nicht zu Hauſe ſei, eine Audienz bei Ihrer Herrlichkeit erhalte.“ „Ich werde mich gewiß nicht einer Zuſammenkunft mit einem Fremden ausſetzen, mit einem Manne, von dem ich nichts weiß!“ ſprach Lady Maitland mit ſteigendem Unwillen. „Was ſoll dies Alles bedeuten, Mutter?⸗ fragte John, 112 ber nur einzelne Worte von der Unterredung aufgefangen hatte. „Bloß, daß eine Perſon unten i*ſt, welche darauf be⸗ ſteht, mit Deinem Vater zu ſprechen.“ „Vielleicht ein zudringlicher Handelsmann, der eine lange Rechnung zu machen hat,(ſie haben immer lange Rechnungen zu machen).— Gut!— wir beſtehen auch darauf, Wilſon!— Wir beſtehen darauf, daß er ſich ent⸗ ferne! Lord Maitland iſt nicht zu Hauſe, und Lady Mait⸗ land wünſcht nicht zu Hauſe zu ſein.“ „Es iſt kein Handelsmann,“ antwortete der Portier laut, zur Zufriedenheit der Geſellſchaft. „Wenn es ein Handelsmann wäre, würde ich nicht gewagt haben, Ihre Herrlichkeit zu bemühen; der Gentle⸗ man kam in ſeinem eigenen Wagen, welcher noch an der Thure ſteht.“ „Mein Schneider beſucht mich immer in ſeinem Cab⸗ riolett,“ ſprach Bleneowe—„aber bloß, wenn er ſeine Rechnung bringt, kommt er in ſeinem Cabriolett.“ „Wenn Ihr Schneider ein Paar ſo verteufelt ſchoͤne Pferde führt, wie dieſer Kamerad da unten,“ bemerkte John, welcher von dem Fenſter aus einen Blick auf die Equipage des geheimnißvollen Gaſtes geworfen hatte, die an dem Thore wartete,„iſt er weniger ein Schneider, als Sie glauben!“ „Gehe hinab und ſprich mit ihm, John,“ ſagte Lady Maitland, die ſich während dieſer Zeit eines andern be⸗ ſonnen hatte.„Es iſt vielleicht jemand aus Yorkſhire wegen Wahlgeſchäften.“ Und plötzlich übte John Maitland, vielleicht von einer geheimen Neugierde getrieben, den Eigenthümer ſolch ſchö⸗ ner Roſſe kennen zu lernen, den kindlichen Gehorſam in ſeiner ganzen Größe. Als er das Zimmer verlaſſen hatte, begann der alte Carrington, der die Neugierde ſelbſt war, ſo unruhig mit ſeinem Stocke zu fechten, daß ſeinem ſtraußenähnlichen 113 Halſe beinahe eine Verrenkung drohte. In einem Augen⸗ blicke war er ſchon im Begriffe geweſen, Lady Maitland anzubieten, ihren Sohn zu begleiten. Um ſeine Neugierde wegen des geheimnißvollen Beſuchers zu beſchwichtigen, wußte er keinen andern Ausweg, als wieder auf die Ve⸗ relſts zu kommen, in der Hoffnung, eine dritte Quelle der Läſterung aus dem Ueberbleibſel des Schmauſes auf⸗ zufinden.. Als er jedoch gerade anfing:„Loftus hat mir ver⸗ ſichert, daß Verelſts zweite Tochter— die ſchöne Sa⸗ lome...“ wurde er wieder unterbrochen. Mit einem todtenbleichen Geſichte eilte John Mait⸗ land jetzt in das Zimmer. „Warum ſagten Sie mir nicht gleich, Mutter,“ rief er, in einen Stuhl ſinkend,„daß es jener verdammte A. O. ſei!“ Siebentes Kapitel. Sieh' in meine Augen mit den Deinigen, treues Weib! um mein Herz ſchlinge Deine Arme, Du mein anderes theueres Leben. Sieh' in die Tiefen meiner Seele mit der Deinigen! Unbetaſtet von dem Schaden der Jahre ſollen dieſe freundlichen Augen für immer glän⸗ zen! Sie haben ja zu viele Thränen ver⸗ goſſen, dieſe theuern Augen! Von dem er⸗ ſten Augenblicke an liebte ich ſie glühend.— Tennyſon. Ddie demüthigſte Hütte eines Dorfes erhält eine vor⸗ übergehende Auszeichnung durch die periodiſchen Blüthen Der Geldverleiher. I. 8 114 des ſchönen alten Geisblattes, das deren zerfallene Mauern ziert und dem verödeten Platze Schönheit und Ueppigkeit verleiht; und ſelbſt die elende Wohnung einer dunkeln City erhält durch die zufällige Einführung von Sommer⸗ blumen momentanen Glanz, deren köſtliche Düfte Winke einer ſchoͤnern, glücklichern Welt bringen.“ Dies war auch mit der ſchlechten Wohnung Verelſts, des Malers, der Fall. Nichts konnte, dunkler, trübſeliger und entmuthigender ſein, als dieſer Ort. Das Haus, in welchem er den erſten und zweiten Stock bewohnte, war alt und baufällig, und obgleich ein altes ſteinernes Haus maleriſch wird, wenn es in Rutnen zerfällt, ſo arten doch die niedern, ſchlechtgebauten und von Backſteinen aufge⸗ führten Häuſer in London nach Verlauf eines Jahrhunderts in eine Sammlung von Brettern, ohne eine ſenkrechte Linie, oder einen rechten Winkel in dem ganzen Gebäude, aus. 3 Zerfallene Hausthüren, zerbrochene Fenſter, geſtatten in jeder Richtung den Durchzug der Luft, während die blaſſe Farbe, dunkelbraune Boͤden, rauchige Decken, ver⸗ krüppelte Stiegen eine elende Combination bilden. In Verelſt's Wohnung, wo das hellſte Zimmer mit der Ausſicht auf einen kleinen Kirchhof, der an die ſüd⸗ liche Andley⸗Street gränzte, für den Künſtler auserleſen, war Alles ſo rein, wie Sorgfalt und Arbeit es nur vermag. 4 Aber die Sorgfalt, welche auf das Poliren abgeführ⸗ ter Möbel verwendet wird, macht deren Schadhaftigkeit nur um ſo ſichtbarer, und niemand, der an Lurus und Freude gewohnt iſt, würde Verelſt's Zimmer an dem Tage, an dem die Wohnung von ihm gemiethet wurde, haben betreten können, ohne jenes drückende Gefühl zu empfinden, welches aus dem Anblicke gänzlicher Trübſelig⸗ keit entſteht.— Er hatte jedoch kaum drei Tage daſelbſt gewohnt, gls jene freudenloſen Zimmer ſchon die Wichtigkeit erlang⸗ ten, welche ſelbſt dem gewöhnlichſten Schrein zu Theil wird, der einen koſtbaren Schatz verſchließt. Zwei Weſen von anmuthigerer Geſtalt und lieblicheren Formen, als die Einbildungskraft des talentvollen Malers erſinnen konnte, verbreiteten einen unwiderſtehlichen Reiz über dieſen Platz; und als Zuſatz zu der bezaubernden Gegenwart von Eſther und Salome, waren die Zimmer noch mit einer Abwechſe⸗ lung von jenen geringen, aber auffallenden Gegenſtänden geſchmückt, welche die Anweſenheit eines Künſtlers bezeich⸗ nen, zwar ſo gänzlich werthlos, daß ſie ſich mit der Ar⸗ muth vereinigen laſſen, aber doch Merkmale einer höhern Bildung und Verfeinerung ſind. 9 An hoͤlzernen Leiſten an der Wand hingen zwei der ſchönſten Gemälde von Verelſt, welche nicht nur die zer⸗ riſſenen Tapeten verbargen, ſondern auch eine Atmoſphäre von Anmuth und Poeſie dort verbreiteten, wo vorher trockener Ernſt herrſchte. Neben dem Kamine, in einem Winkel, der durch den vorſtehenden Kamin gebildet wurde, wie dies gewöoͤhnlich in alterthümlichen Häuſern der Fall iſt, ſtand ein ſeltſam geſchnitztes Schreibpult, wie ſie in den alten Städten von Deutſchland und Holland zwar ſehr allgemein ſind, aber in der gewöhnlichen Gemeinheit eines Londoner Miethhauſes ein würdevolles Ausſehen behaupten. Auf dieſem lag ein dickes Buch von ſeltſamem Ausſehen, das alterthümlich und merkwürdig wie das Pult ſelbſt ausſah; denn ſeine ſilbernen Beſchläge waren von der Zeit geſchwärzt, und der Einband war ſchwarz und von ſo feierlichem Charakter, wie er den Kloſterbüchern eigen iſt. Dieſes koſtbare Buch war ein Gegenſtand förmlicher Abgötterei für den Maler. Bei ſeinem Zuge aus ſeiner Wohnung in Bermonolſey, wo er ſich bei ſeiner Ankunft hier eingemiethet hatte, in dieſes elende Haus, trug Verelſt ſelbſt es vorſichtig unter ſeinem Arme, waͤhrend er die Sorge für ſeine Güter und Mobilien, ſelbſt die für ſeine ſchwache Frau ſeinen Töchtern überließ. Die groͤßte Armuth hatte 116 ihn nicht zwingen können, ſich von demſelben zu trennen — erſtens weil es ein Geſchenk war, und zweitens ein Zeichen der Dankbarkeit von einem ſeiner Schüler, dem jungen Grafen von Ehrenſtein, welcher es ſich bei ſeinem Abgange von der Univerſität von ſeinem alten Schloſſe in dem Odenwalde bringen ließ und ſeinem Lehrer gab; und dann drittens weil es ſelbſt nichts Geringeres, als Albrecht Dürer's Skizzenbuch war. Sehr groß mußte in Verelſt's Augen der Werth einer Perſon ſein, wenn er ihr erlaubte, einen Blick in jenes heilige Buch zu werfen; und während der drei Jahre ſeines Aufenthaltes in England hatte Baſil Annesley allein jene alten Beſchläge ſich ihm zu Ehren öffnen ſehen. Die Wahrheit geſagt, ſo war dieſe Gunſt einiger Maßen bei ihm weggeworfen. Jene höheren Berührungen der Kunſt, die nur das Auge des Künſtlers entdeckt,— jene ſeltſamen Blicke in die Geheimniſſe der Natur, welche Fuweignng von Seite des Betrachters erfordern, für den ſie entfaltet find, gingen ſo ſehr an dem jungen Soldaten verloren, wie die Schönheiten eines Torſo in dem Auge eines Kindes, welches da nur den kopfloſen Rumpf, verun⸗ ſtaltet und abgenutzt, ſieht, wo der Kenner das Meiſter⸗ werk des größten Bdhauets bewundert. Baſil Annesley, obgleich zu offen für Verſtellung in heiwhnlichen Sachen, bemühte ſich, den Stolz des zart⸗ fühlenden Künſtlers nicht durch Gleichgültigkeit zu ver⸗ wunden. Er hatte Verelſt zu viele Freundſchaft erwie⸗ ſen, um ihn durch Geringſchätzung ſeines einzigen Schatzes zu kränken. Selbſt die Schwäche von Eſther's Vater war in ſeinen Augen erhaben. Es würde dem enthuſiaſtiſchen Maler keine Freude gewährt haben, zu vernehmen, daß ein menſchliches Weſen⸗ ſo blind ſein könne, dasjenige, was er die mangelhaften Erzeugniſſe ſeiner Kunſt nannte, weit über jene ſeltſamen Flecken und Linien zu ſchätzen, mittels welcher der talent⸗ volle alte Künſtler verſuchte, Vorräthe für zukünftige Ausführungen in ſeinem geheimnißvollen Repoſitorium zu ſammeln; maleriſche Skizen von auffallender Richtigkeit und anmuthigen Combinationen, welche in vieler Hinſicht dem ungeübten Auge nur wunderliche Flecken und nichts⸗ ſagende Figuren zeigten; denn nichts konnte der Verach⸗ tung gleichkommen, mit welcher Verelſt die Werke betrach⸗ tete, zu denen ihn ſeine dürftige Stellung herabzuſteigen zwang.. Die Bedürfniſſe ſeiner Familie nöthigten ihn, für den Geſchmack der wunderlichſten Nation in Europa zu malen; und die zwei herrlichen Werke vor ſeinen Augen, für die man ihm noch nicht einmal etwas geboten hatte, welche jedoch während ihrer Entwerfung und der zwei Jahre, die ihrer Ausführung gewidmet wurden, Keime des NRuhmes und Glückes zu enthalten ſchienen, ja in denen er in manchen Augenblicken ſeiner Begeiſterung den Schimmer der unſterblichkeit erblickte, boten eine beſtändige Erinnerung dar, daß Gegenſtände aus dem Nibelungen⸗Liede, ſelbſt mit der Kraft eines Caravaggio und der Anmuth eines Correggio vorgetragen, in den Augen der Engländer nicht die Hälfte des Werthes beſitzen, wie eine Jagdſcene in den Hochlanden, oder ein komiſches Stück aus dem ge⸗ wöhnlichen Leben! Die bittere Lehre war jetzt gelernt. Aber es bedurfte der verächtlichen Zurückweiſung von zwölf Bilderhändlern, um Verelſt zu überzeugen, daß das hoͤhere Streben des modernen Geiſtes werthlos ſei, wenn ihm nicht der Stempel der Verkäuflichkeit durch Vorſetzung eines berühm⸗ ten Mannes, beglaubigt durch die bezaubernden Buchſtaben R. A. aufgedrückt wurde, während er von den launigen Skizzen und von Jagdſtücken, wie ſie Carrington ſo billig erhalten hatte, einen beſtändigen Vorrath haben mußte. Mit dem Verkaufe dieſer Gemälde ernährte er ſeine Familie; und er hätte dieſelbe vielleicht im Wohlſtande er⸗ halten, wenn er ſich gänzlich in ſeine Stellung hätte fin⸗ den koͤnnen. Ihm koſtete es ſo große Mühe, zu dieſen Kleinlichkeiten herabzuſteigen, wie Andern, ſich zu den höheren Begeiſterungen der Kunſt zu erheben, und oft wenn er ſich verpflichtet hatte, einige gewoͤhnliche Jagd⸗ ſtücke oder militäriſche Gruppen zu vollenden, wollte er in einem Anfalle von Verzweiflung Pinſel und Pallet mit Abſcheu wegwerfen, um ein früheres Gemälde zu vollen⸗ den, und der Entſtehung eines neuen Entwurfes— dem ſchwachen Schatten eines poetiſchen Gedankens— Raum zu geben, der leider nie ganz entfaltet werden ſollte. In London gab es keine römiſchen Fürſten, keine ver⸗ ſchwenderiſchen Kardinäle, die dem dürftigen Künſtler Nahrung gaben, während er ſich den edlern Eingebungen ſeines Geiſtes überlaſſen kann. Wann ſeine Frau ihm deshalb ſanfte Vorwürfe machte, antwortete er ihr mit dem Sieg, den er bereits über ſich gewonnen habe, indem es ihm jetzt möglich ſei, ſeinem Geſchmacke zuwider Werke für Geld zu erzeugen. Aber es war eben ſo leicht, einen Speer von polir⸗ tem Stahl zu einem gewöͤhnlichen Inſtrument der Haus⸗ wirthſchaft zu machen, als Verelſts Seele von den höhern Regionen ſeiner Kunſt abzuziehen. Es iſt zwar wahr, daß er in ſeinen beiden Töchtern unbewußte Schmeichler beſaß, die ihn beſtändig aufforder⸗ ten, ſeine edleren Eingebungen zu pflegen. Wenn der arme Künſtler in manchen Augenblicken der Begeiſterung ſeine Phantaſie herrſchen ließ, um einen wilden, aber vortreff⸗ lichen Entwurf zu machen, der mit der Poeſie ſeines Lan⸗ des übereinſtimmte, unterſtützten ihn Salome und Eſther nicht nur mit ihrem zärtlichen Enthuſiasmus in ſeinem Streben, ſondern belohnten daſſelbe auch beinahe. Nichts⸗ deſtoweniger reichte ihr lauter Beifall, ihre glänzenden Augen und glühenden Wangen, die zwar ſeinem Herzen ein dankbarer Tribut waren, nicht nur als Zeichen der Liebe, ſondern auch als Verſicherung, einen Geiſt in ihnen zu erblicken, der mit dem ſeinigen ſympathifirte, nicht hin, 119 ſeine dringenden Gläubiger zu befriedigen, oder ſelbſt nur ſeine geringe Hausmiethe zu bezahlen. Die arme leidende Mutter, deren Krankheit die eigent⸗ liche Urſache ihrer Armuth war, bat oft die zwei Mäd⸗ chen, mit ihrer Bewunderung ſparſamer zu ſein. Mit der Weisheit der Erfahrung erkannte Verelſt's ſchwache Gattin die Nothwendigkeit, gegen das Schickſal zu käm⸗ pfen. Sie wußte, daß um die Lorbeeren des Ruhmes zu erringen, mehr als der bloße Beſitz eines Genius noth⸗ wendig ſei; daß eine günſtige Uebereinſtimmung der Zeit und des Ortes, und überdies noch Kenntniß des National⸗ geſchmackes und Glück dazu gehöre, den Triumph der Kunſt und die Anerkennung des Künſtlers hervorzurufen. Mrs. Verelſt war keine Frau von gemeiner Herkunft. Von vermöglichen Eltern geboren, war ſie als junges Mädchen mit dem ſchwärmeriſchen Künſtler aus ihres Vaters Haus gezogen, und durch Gewohnheit und Er⸗ ziehung nicht auf das dürftige Leben vorbereitet, welches ihrer wartete, fiel ihre Geſundheit als Opfer, und vergro⸗ ßerte das Uebel.. Von der Geburt ihrer zweiten Toch⸗ ter an war ſie in Folge zu früher Entbindung gebrechlich geworden. Sie war blos um der Sorgfalt willen, die ſie auf die Erziehung der Mädchen verwenden konnte, keine Bürde für die Familie. Obgleich durch Krankheit geſchwächt, war ſie doch unermüdet, ihre Töchter Alles zu lehren, was in ihren Kräften ſtand; und ſelbſt jetzt, wo ſie für immer an einen Lehnſeſſel gebannt war, beſchäftigten ſich ihre kunſtfertigen Hände ſtets zum Nutzen der Familie. Eine ſchwere Prüfung war es für dieſe ſanfte Dul⸗ derin, ſich von ihrer freundlichen, aber ärmlichen Woh⸗ nung in Heidelberg zu trennen, an die ſie ſo lange ge⸗ wöhnt war, und die Ausſicht von ihren Fenſtern auf die ſprudelnden Gewäſſer des Neckars und auf die grünen Wälder jenſeits mit dem Anblicke einer trüben, rauchigen und kleinen Straße in London zu vertauſchen. Wenn ſie auch von Brittiſcher Abkunft war, ſo hatte ſie doch nie in England gelebt, und kam ſo ſchnell wie jeder fremde Rei⸗ ſende zu der Erkenntniß der drückenden Koſten, mit wel⸗ chen der gewoͤhnlichſte Genuß in einer Stadt verbunden iſt, die keine unentgeldlichen Vergnügungen bietet. Wenn jedoch auch Mutter und Töchter ſich nach der reinern Atmoſphäre und freieren Geſellſchaftlichkeit Hei⸗ delbergs ſehnten, ſo verheimlichten ſie ihren Schmerz ſo viel wie moͤglich, um den unvorſichtigen Mann nicht zu betrüben, deſſen Mangel an Vorſicht ſie in die Verbannung geführt hatte. Der Künſtler genoß in ſeiner Familie eine Art Frei⸗ heit, die der Verehrung glich, welche man einem Prophe⸗ ten zollt, und dann die Nachſicht, die einem kränklichen Kinde zu Theil wird. Seine Grillen wurden ſtudirt und ſeine Schwächen geachtet. Was immer für ein Leid ſie traf, ſo war ſtets nur die allgemeine Sorge, daß es leich⸗ ter auf den Vater fallen moͤchte. Unter ihnen ſelbſt er⸗ zeugte die Uneigennützigkeit des Charakters und der Edel⸗ muth des Geiſtes, welche ſie ruinirt hatten, einen Grad von Achtung, der ihnen Ehre machte; und die beiden Mädchen ſchienen zu fühlen, daß ſie ihre Liebe für ihre leidende Mutter nicht beſſer, als durch Zärtlichkeit für den unvorſichtigen Vater an den Tag legen könnten, wel⸗ cher ſie ſo zärtlich liebte. „Wie einſam haben wir die vier letzten Tage zuge⸗ bracht!“ bemerkte Verelſt, und arbeitete an einem Ge⸗ mälde auf der Staffelei, deſſen Vollendung er ſchon tau⸗ ſendmal verſchworen hatte.„Nicht einen einzigen Beſuch in der ganzen Woche!“ 3 Die zwei Mädchen, welche an ihren Stickrahmen ſa⸗ ßen und warteten, bis ihre Mutter, die in ihrem Seſſel zurückgelehnt war, ſich wieder geneigt fühlte, das Buch zu nehmen, aus dem ſie ihnen den groͤßten Theil des Mor⸗ gens vorgeleſen hatte, ſahen einander an und lächelten, oder bemühten ſich vielmehr, ein Lächeln zu unterdrücken; 3 —— 121 denn die einzigen Gäſte welche ihre Schwelle betreten hat⸗ ten, waren Baſil Annesley und drei oder vier Buchdrucker over Bilderhändler, mit denen Berelſt gelegenheitlich be⸗ kannt wurde. „Ich bedarf Ermuthigung zur Vollendung meiner mi⸗ litäriſchen Gruppen,“ fuhr der Künſtler fort. „Ich bin genöthigt worden, den Bleiſtift ſtatt des Pinſels für heute zu nehmen, weil mir jemand mangelt, der mir über dieſen Angriff der polniſchen Lanciers Auf⸗ ſchluß geben könnte.“ „Er iſt aus der Stadt, Vater. Er iſt nach Hamp⸗ ſhire gegangen,“ ſagte Eſther, unbeſtimmt genug, wenn a eine Erwiederung auf ihres Vaters Bemerkung ſein ollte. „Außerdem,“ ſprach die ſchwache Stimme der Mrs. Verelſt, welche, obgleich ſie mit geſchloſſenen Augen in ihrem Lehnſeſſel ſaß, nicht ſchlummerte, wie ſie vermuthe⸗ ten,„ſelbſt wenn er hier wäre, hat doch Herr Annesley zu viel Verſtand, um nicht zu wiſſen, daß es nicht vorthei⸗ haft für ihn iſt, ein täglicher Gaſt in einem Hauſe, gleich dem unſerigen, zu ſein— daß es ſowohl auf ihn, als auf uns ein ſchlimmes Licht werfen würde.“ „Warum dies?“ fragte der Maler, ohne ſeine Augen von ſeiner Arbeit zu erheben.„Er pflegte uns ja jeden Tag in Heidelberg zu beſuchen?“ „Er war Dein Schüler und voll Eifer, die deutſche Sprache zu erlernen, und Geſellſchaft war Bedürfniß für ihn.“ „Kein größeres Bedürfuiß für ihn dort, als die ſeinige hier für mich.“ „Ueberdies war Herr Annesley damals erſt fünfzehn Jahre alt, und Eſther und Salome Kinder von elf und zwölf Jahren.“ „Und iſt jetzt nicht mehr dieſelbe Berſchiedenheit der Jahre zwiſchen ihnen?“ 7 „Gewiß! Aber es iſt ein ſehr großer Unterſchied in 122 der Deutung, welche Andere ihrer Vertraulichkeit geben können! „Ihrer Vertraulichkeit!— Meine liebe Frau, Du träumſt!“ rief der Maler, über ihre Einfalt lächelnd, in⸗ dem er die ſeinige nicht im geringſten ahnte.„Ihre Ver⸗ traulichkeit!— Gewiß glaubſt Du nicht, daß dieſer vor⸗ treffliche junge Mann, der, obgleich ich nie im, Stande war, ihm viel Künſtler⸗Gefühl einzuflͤßen, doch gute Fortſchritte unter meiner Hand machte,(wie Dir ſeine Zeichnung des alten Schloſſes von Heidelberg, dort in Eſther's Album, beweiſen kann), daß dieſer vielverſprechende Schüler von mir, welcher uns, während unſeres Aufenthal⸗ tes in dieſem ungaſtlichen Lande, von ſo großem Nutzen war, ſeinen alten Lehrer nicht beſuchen dürfe, ihm bei ſeinen Entwürfen nicht rathen könne, um ſie dem gemei⸗ nen Geſchmacke ſeiner Kunden anpaſſend zu machen, ohne Aufſehen zu erregen? Auf alle Fälle, was haben meine Töchter damit zu thun?— Spitzt er nicht Salome's Bleiſtift? Gibt er nicht Eſther Thema zu ihren Zeich⸗ nungen?“ „Herr Annesley iſt gegangen, ſeine kranke Mutter zu beſuchen, Vater,“ unterbrach ihn Eſther, fürchtend, daß ihr Vater ihre gerötheten Wangen bemerken, oder ſeine Gattin es für nöthig halten möchte, ihm eine weltlichere Anſicht ihrer gegenſeitigen Stellung einzuflößen. „Hat er eine Mutter?“ fragte der Künſtler, der ſich wenig um die gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens kümmerte. „Ich ſchloß aus ſeiner Unabhängigkeit immer, daß er ein Waiſe und ſein eigener Herr ſei.“ „Erinnerſt Du Dich nicht mehr, daß unſer erſtes In⸗ tereſſe, welches wir in Heidelberg an ihm nahmen, von Briefen herrührte, die er uns von Lady Annesley zeigte?⁷ „Wahr— ich erinnere mich!— Ernſte, abgemeſſene und herzzerreißende Briefe. Aber er hat ihrer hier nie 123 erwähnt, und deßhalb glaubte ich, ſie ſei in der Zwiſchen⸗ zeit geſtorben. Und ſo iſt ſie alſo eine Kranke; dies iſt vielleicht die Urſache, Rachael, warum er an Deinem Lei⸗ den ſo warmen Antheil nimmt, und Dir beſtändig Troſt oder Linderung zu geben verſucht. Er iſt ein äußerſt gut⸗ müthiges Geſchöpf. Ich vermiſſe ihn nach einer Abweſen⸗ heit von einigen Tagen ſo ſehr, als es der Fall ſein würde, wenn eines von Euch mich verließe.“ „Herr Annesley iſt ſehr gütig, ſehr freundlich und äußerſt herablaſſend,“ entgegnete Mrs. Verelſt, um ihren Begriffen von Freundſchaft eine andere, entmuthigende An⸗ ſicht zu geben. „Aber wir leiſten ihm gewiß auch ſo viel Dienſte, Mutter, wie er dem Vater bei dem Entwurfe und Ver⸗ kaufe ſeiner Zeichnungen?“— bemerkte Salome;„Herr Annesley hat zwar eine angenehme Stimme; aber nur Eſther's Unterricht hat zu deren Ausbildung beigetragen.“ „So lange er als Schüler kommt,“ fuhr Mrs. Verelſt fort,„überſchreitet ſein Kommen die Gränzen des Anſtan⸗ des nicht. Aber da er von hoher Geburt iſt und, wie ich glaube, ein großes Erbe zu erwarten hat, kann keine Gleichheit und dem zu Folge auch keine wirkliche Freund⸗ ſchaft zwiſchen ihm und uns beſtehen. Wir ſind Leute, die ſich ihren Unterhalt mit der Arbeit ihrer Hände ver⸗ dienen. Er iſt ein Gentleman— ein ſchoͤner Gentle⸗ man. „Er iſt ein Menſch!“— rief Verelſt plötzlich und warf ſeinen Pinſel weg, indem er einen energiſchen Ton annahm, der bei ihm ſehr ſelten war.—„Er iſt noch dazu mein Wohlthäter, aber ich müßte mich ſelbſt haſſen und ihn verachten, wenn ich dächte, daß mir ein Hinder⸗ niß in dem Weg ſtehen ſollte, ſein Freund zu ſein.“ Seene Gattin ſchwieg, indem ſie es für unrecht hielt, in das argloſeſte der menſchlichen Herzen Argwohn zu pflanzen: der gewoͤhnliche Takt der Frauen warnte ſie, daß wenn er einmal die Gefahr und Zartheit ihrer Stellung 124 zu Annesley fühlen würde, es auf eine ſo tiefe Weiſe der Fall ſein koͤnnte, die allen fernern Verkehr zwiſchen ihnen unmöglich machen würde. Ehe noch Verelſt ſeinen Pinſel wieder genommen und die Mädchen ſich von ihren Befürchtungen erholt hatten, daß einige unangenehme Erklärungen folgen könnten, hörte man an der Hausthüre klopfen und bald darauf Tritte auf der Stiege; aber keines von Beiden war geeignet, die Toͤchter und den Vater mit einer Hoffnung von Annesley's Ankunft zu erfreuen. „So, mein Herr,“ rief ein rauhausſehender Mann, deſſen Geſichtsbildung mit einer jener gemalten chineſiſchen Va⸗ ſen wetteiferte, die einen Theil ſeines Handels ausmachfen. „Ich habe die ganze Woche gewartet, etwas von Ihnen zu hoͤren.— Wie ſteht's, ich bitte, mit den beiden Schlacht⸗ ſtücken, die ich im November beſtellte, und die bis Weih⸗ nachten fertig werden ſollten?“ 1 „Ich ſagte Ihnen ſchon, als ich ſie übernahm, daß die Zeit ihrer Vollendung nicht beſtimmt ſein dürfe,“ entgegnete Verelſt und ging wieder an ſeine Arbeit, als er in ſeinem Gaſte den Beſitzer eines Rococo⸗Ladens er⸗ kannte, für den er gelegenheitlich Gemälde nach vorge⸗ ſchriebenem Thema und für Preiſe gefertigt hatte, die dieſe Bekanntſchaft nichts weniger, als vortheilhaft für ihn machten.„Ich ſagte Ihnen, wie Sie ſich erinnern werden, daß ich mit einigen militäriſchen Gruppen beſchaͤf⸗ tigt ſei, die nun als ein periodiſches Werk lithographirt werden, und die ich beendigen muß, ehe ich ein neues Werk beginne.“ 88 „Ja! Sie ſagten, Sie hätten eine kleine Arbeit für eeinen Lithographen angefangen. Aber dies Ding hier ge⸗ hört nach meiner Vermuthung nicht zu Ihren militäriſchen Gruppen?“ ſprach der Fremde und deutete auf eine Zeich⸗ nung des Koͤnigs von Thule, die auf Verelſt's Leinwand Fortſchritte zu machen begann. „Nein— dies iſt ein Phantaſieſtück, zu meinem — 125 eigenen Vergnügen ausgeführt,“ entgegnete der Künſtler⸗ ruhig.. ii3. S ſollte ich glauben, daß es äußerſt wenig be⸗ rechnet iſt, andern Leuten Vergnügen zu machen!“ rief Herr Stubbs und warf ſich gemächlich auf den Stuhl, welcher ihm bei ſeinem Eintritte von Salome höflich an⸗ geboten worden war. „Es iſt nur ſehr Schade, Herr Maler, daß Sie auf dieſe Weiſe ihre Zeit verſchwenden und ihre Kunden täuſchen, während Sie ſich eine Maſſe Geld verdienen könnten, wenn Sie für's Geſchäft arbeiten würden. Ich heiße für's Geſchäft arbeiten, ſolche Bilder malen, welche die Leute verſtehen und demzufolge auch kaufen können. Was ſollte ich mit einem ſolchen ausländiſchen Stücke anfangen, wie Sie da vor ſich haben, ich möchte es gerne wiſſen? Fragen Sie einen Mann, der Erfahrung in ſolchen Dingen beſitzt, welche moderne Bilder den be⸗ ſten Markt gefunden haben. Er wird Ihnen ſagen: die⸗ jenigen mit einſachen und leichtbegreiflichen Gegenſtänden, wie Gamshorongh's kleine Mädchen, oder Holmes's ab⸗ geſchnittener Finger und dergleichen mehr.— Die Eng⸗ länder ſind ſinnliche Leute, Herr Maler, und wünſchen nicht aufgefodert zu werden, ſich in die Wolken zu er⸗ heben, ſo lange ſie noch auf ihrer feſten Inſel ſtehen können.“ „Ich habe gehört, Sir,“ entgegnete Verelſt in einem etwas beſſeren Engliſch, als das des Händlers war, denn ſeit der 25 Jahre ſeines Eheſtandes hatte er ſich mit der Sprache ſeiner Frau vertraut gemacht,„daß es kein Land gebe, wo die höheren Zweige der Kunſt ſo geſchätzt würden, wie in England, oder wo die Meiſterwerke der alten Meiſter groͤßern Werth hätten.“ „Das gebe ich zu, Sir— ich gebe es zu. Als ein Handelsgegenſtand— als ein ſicherer Artikel. John Bull iſt Kaufmann und bereit, Originale aufzukaufen, wie er in Holland Tulpen aufzukaufen pflegte, als vieſelben noch 126 eine Sache der Spekulation waren. Aber wenn Sie glauben, daß er einen großen Werth auf ſolches Zeug legt, wie das iſt, mit dem Sie Ihre Zeit hier ver⸗ ſchwenden, anſtatt Gemälde zu beendigen, die Sie ver⸗ ſprochen haben, weil er zwei tauſend Guineen für einen Claude gibt, wenn er ihn für 3000 an den Kaiſer von Rußland verkaufen kann, ſo kann ich Sie verſichern, daß Sie ſich gewaltig getäuſcht ſehen werden!⸗ Die Mädchen ſahen ängſtlich von ihrer Arbeit em⸗ vor und fürchteten, daß ihres Vaters Antwort auf jene unhöfliche Einſchaltung ſehr erzürnt ausfallen moͤchte. Es gewährte Ihnen einigen Troſt, ihn mit der ſtillen Ver⸗ achtung der Ueberlegenheit für ſich lächeln zu ſehen. Herr Stubbhs war augenſcheinlich getäuſcht; gewöhnt mit ſeinen Arbeitern zu ſtreiten, hatte er gehofft, auch hier daſſelbe thun zu konnen. 1 „Nun iſt noch ein Punkt vorhanden, über den ich gern mit Ihnen in's Reine kommen möchte, mein guter Freund,“ ſprach er mit einem beleidigenden Kopfſchütteln, „und dieß iſt nämlich, daß keine von ihren Zeichnungen für den Lithographen auch in meinen Gemälden erſchiene. Ich ſagte, wie Sie ſich gefälligſt erinnern werden, daß die beiden Schlachtſtücke durchaus Original und das Copie⸗ recht mein eigen ſein müßte, und es würde daher nicht meinem Zwecke entſprechen, Figuren darunter zu haben, die man in jedem Kupferſtichladen in Maſſe ſehen kann.“ „Ich verſtand Sie ſo, daß Ihre Gemälde Schar⸗ mützel in dem Coſtüme des Mittelalters ſein ſollten— etwa in dem Style von Salpvator's Schlachtſtücken. Die Sfizzen, welche ich entwerfe, ſind dazu beſtimmt, das militäriſche Coſtüm der neuern Nationen Europa's dar⸗ zuſtellen.“ „Ja, richtig, etwas in Salvator's Styl!“ entgegnete der Händler, nach dieſem Ausdrucke haſchend, und über⸗ ſah die Zeichnung des Malers.„Jetzt will ich Ihnen etwas ſagen, Herr... Wie heißen Sie? Wenn Sie * 127 geneigt ſind, Ihr Möglichſtes bei der Ausführung der beiden Gemälde zu thun, ſo werde auch ich mich Ihnen nicht ſchlecht zeigen. Ich ſprach von acht Pfund, glaube ich, für die beiden— 4 „Sie boten mir zehn Guineen,“ ſagte Verelſt ent⸗ ſchloſſen ohne Augen oder Hand von der Leinwand zu entfernen. „Nun, vielleicht habe ich von Guineen geſprochen— ich kann es ohne mein Notizenbuch, das ich nicht mit mir herumtrage, nicht genau ſagen. Aber wie bereits bemerkt, wenn Sie geneigt ſind, dieſe Gemälde, wie ſie ſein ſollen, zu machen, ſo gebe ich Ihnen vielleicht fünf⸗ zehn Pfund für die zwei Stücke,— vorausgeſetzt, ich ſichere mir das Copirrecht, und die Gemälde ſeien wohl⸗ behalten und trocken am erſten April in meinem Hauſe.“ „Sie haben mir einen ſeltſamen Zeitpunkt zur Voll⸗ endung eines ſolchen Unternehmens geſetzt!“ entgegnete Verelſt mit einem ruhigen Lächeln.„Aber ich kann keine ſolche Bedingung annehmen. Wann ich Ihnen meine Bilder bringe, dann können Sie ſie kaufen oder nicht, ganz nach Ihrem Belieben, und unter ſolchen Beding⸗ niſſen, wie wir ſie dann feſtſetzen werden.“ Der unfreundliche Herr Stubbs, der den Künſtler nicht oft ſo ruhig bei einem Handel fand, fing nun an zu vermuthen, daß Verelſt in die Hände eines andern Kaufmanns gefallen ſei und mit ſeinem eigenen Werthe beſſer bekannt zu werden beginne. Um ſich in dieſem Punkte Gewißheit zu verſchaffen, fuhr er in ſeinem rauhen Tone fort: „Dies bin ich nicht zu thun gewöhnt, Sir!“« rief er und ſtieß ſeinen Stock mit ſolchem Ungeſtüm auf die Erde, daß die arme Kranke, deren Nerven in der Familie ſo ſorgfältig beachtet wurden, in ihren Stuhl zurückſank. „Ich pflege meine Kunden zu befriedigen, und wenn ich einem Gentleman verſprochen habe, etwas zu einer be⸗ ſtimmten Zeit zu liefern, ſo bin ich pünktlich.“ „So ſind alſo meine Gemälde bei Ihnen beſtellt worden?“ ſprach der Künſtler gelaſſen, indem er auf ſei⸗ ner Palette die Farbe zu dem grauen Barte des Königs von Thule miſchte. „Ich habe mit meinem Wiſſen nichts dergleichen ge⸗ ſagt!“ rief der Händler;„Herren, welche ihre Gallerien oder Häuſer einrichten, kommen zu mir und ſagen: „Stubbs, wir brauchen einige Gemäalde für ein Speiſe⸗ zimmer, entweder ein Thier⸗ oder ein Schlachtſtuck, 2— 3 Fuß oder 14— 24 Zoll hoch, wie es gerade der Fall ſein wird,— etwas, das ſich in einer eichenen oder Louis XIV. Rahme gut ausnehmen wird!— Nun, mein Herr, bin ich verpflichtet zu antworten: „Ich habe in dieſem Augenblicke nichts der Art, mein Lord, aber wenn Sie im nächſten Monat anfragen wol⸗ len, werde ich im Stande ſein, Sie zu befriedigen?— „Wenn Seine Herrlichkeit nun wiederkommt und findet nichts, ſo hat er ein Recht, ſich anderswo umzuſehen und mit dem Handel unzufrieden zu ſein.“ Der Künſtler lächelte. Er begann den Geſchäfts⸗ gang zu durchſchauen, welchen Herr Stubbs beobachtete. „Was ich noch hierüber zu ſagen habe,“ fuhr der Händler fort und nahm einen mildern Ton an, iſt, daß wenn Sie auf den Handel eingehen wollen, ich Ihnen eine 5 Pfund Note hier laſſe. Verelſt war jedoch gerade ſo emſig beſchäftigt, den Mund des Königs von Thule auszubeſſern, daß er ihm keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Im nächſten Augenblicke ſchlich ſich Eſther zu ihrem Vater und flüſterte ihm das Anerbieten des Fremden und vielleicht auch die Beweggründe zu deſſen Annahme in das Ohr. Herr Stubbs hätte dies wenigſtens vermuthet, wenn nicht ſeine ganze Aufmerkſamkeit in jenem Moment von dem ſchoͤnen Geſichte in Anſpruch genommen geweſen wäre, das ſich zu ſeinem Erſtaunen ſo plötzlich zeigte. „Ahl bei meinem Leben, das iſt gewiß das Original des Mädchens mit der Ziege, die Sie vergangenes Früh⸗ jahr an mich verkauften!“ ſprach er und betrachtete ohne Umſtände die anmuthige Geſtalt und das ſchöne Geſicht des Mädchens, welches, unfähig zu glauben, daß er ſo von ihres Vaters herrlichem Gemälde der Esmeralda nach Victor Hugos„Notre Dame,“ ſpräche, verwundert an⸗ ſtarrte. „Jenes Gemälde brachte eine ſchöne Laſt auf meine Schultern!“ bemerkte der Händler und zuckte dieſelben, als fühlte er noch deren Gewicht. 3 „Ich war der Meinung, daß Sie mir ſagten, es ver⸗ kauft zu haben?“ fragte Verelſt kaltblütig. „Ja, ich ſagte Ihnen aber nicht, wem ich es ange⸗ hängt habe;— und ich weiß, daß ich zu einer andern Zeit eben ſo leicht einen Handel mit dem Teufel ſchließen könnte! Wenn er jedoch wieder kommen ſollte, wie es ſchon ein oder zweimal bei ihren Bildern der Fall war Herr Maler, bin ich doch wenigſtens froh zu wiſſen, wie ich ſeiner mittelſt einer Eröffnung los werden kann, wo das Geſicht ſich befindet, um deſſen willen der Teufel das ſeinige in meinen Laden ſteckte. Verelſt's Neugierde erwachte mittlerweile ſo ſehr, daß ſie ihn beſtimmte, die Fragen an ſeinen Beſuch zu richten, die derſelbe erwartete. „Nun, Sie ſollen alſo wiſſen,“ fuhr Herr Stubbs fort, und als er ſprach, legten Mutter und Töchter ihre Nadeln weg um aufzumerken. „Sie ſollen alſo wiſſen, daß ich, indem ich fand, nie⸗ mand, ſelbſt der hohe Adel nicht, kümmere ſich darum, oder verſtehe die Geſchichte, mit welcher das Bild ver⸗ knüpft zu ſein ſchien, es eines Tages neben Vaſen, Taſſen und andern Dingen vor mein Fenſter hing, wie ich es ge⸗ wöhnlich mit Gemälden mache, die ich innerhalb meines Ladens nicht verkaufen kann.— Gut, mein Herr, kaum war es zur Schau ausgeſtellt, als ſich ſchon eine unge⸗ Der Geldverleiher. 1. 9 heure Menge von Leuten um die Fenſter ſammelte. Einige lachten über die Darſtellung einer Ziege mit ſolchen Hör⸗ nern und Füßen, wie ſie ihnen das Gemälde zeigte, aber die meiſten von ihnen waren erfreut, etwas mit friſchen, glänzenden Farben, in einem Laden zu ſehen, der ſelten et⸗ was anders als die koſtbaren Gemälde der alten Meiſter in ſich ſchließt.— Gut mein Herr— unter dieſen war ein alter Gentleman, mit zerriſſenen Kleidern, der das Bild eine ganze Stunde lang anſtarrte.„Ein Kunde,“ denke ich bei mir; obgleich in ſeinem Anzuge nichts lag, was mich auf eine Börſe in ſeiner Taſche ſchließen ließ, ſo habe ich doch manchen Inden ſchon Tauſende für ein Gemälde bie⸗ ten ſehen, der Löcher an ſeinen Ellbogen hatte. Der alte Kamerad ging jedoch endlich weg, ohne auch nur einmal eine Frage in den Laden zu thun! Ich weiß nicht, aus welchem Grunde ich ahnte, ihn nicht zum letztenmal ge⸗ ſehen zu haben, und nachdem ich am andern Morgen das Bild wieder ausgeſtellt und mich in das Sprachzimmer zurückgezogen hatte, um mein Frühſtück einzunehmen, rief der Knabe, welcher an der Ladenthüre wachte, bald aus vollem Halſe:„Herr, Herr, hier iſt der alte Gentleman wieder, und betrachtet das Fenſter ſo unverwandt, als wenn F er das Brillantenkäͤſtchen herausſehen wolle!“ Schnell ſprang ich auf, Sir, und ging, da ich ſeine Augen noch unverwandt auf das Bild geheftet ſah, auf die Straße, als hätte ich etwas zu ordnen. „in ſchoͤnes Ding,“ ſagte ich, als wollte ich ihn damit um Verzeihung bitten, daß ich ihn verdrängte,— und werden Sie mir glauben, der alte Kamerad hatte Thränen in den Augen, als er mir antwortete! Ich fing„ nun laut zu lachen an, bei dem Gedanken, daß es einen Menſchen auf der Welt gebe, der in einer ſolchen Sude⸗ lei, einem Mädchen mit einer Ziege, etwas Rührendes fin⸗ den könne.— Anſtatt meine Hoͤflichkeit zu erwiedern, eilte der Grillenfänger fort. Gottlob, daß ich ſeiner los bin, dachte ich; denn ich gehöre nicht zu denjenigen, welche 1 1 131 glauben, daß die müßige Menge einen Vortheil bringe. Kunden werden ſelten in ſolcher Verſammlung gefunden.“ „Aber ich glaubte Sie ſagten uns, daß dieſe Perſon die Esmeralda gekauft habe?“ ſagte Verelſt. „Sie wären ein Zauberer geweſen, ſo viel zu ver⸗ muthen, wenn Sie die Perſon geſehen hätten, der ich es anhing,“ entgegnete der Händler. Ich dachte nicht mehr an den alten Gentleman, obgleich mein Knabe mir ſagte, daß kein Abend vergehe, an dem er nicht, ſobald die Lam⸗ pen angezündet wären, einigemal vorüberginge und beſtän⸗ dig nach dem Bilde blicke, ohne jedoch wie früher ſtehen zu bleiben. Gut, mein Herr, der Herbſt war gekommen und keine Geſchäfte, ſo nahm ich denn meine Zuflucht zu meinem jährlichen Beſuche in Margate. Als ich zurück⸗ kam, war das Gemälde verkauft und noch dazu um 10 Schillinge über den Preis; und Mrs. Stubbs, welche zur Beſorgung des Ladens zurückgeblieben war, benachrichtigte mich, daß eines Tages ein Jude, mit dem wir oft Ge⸗ ſchäfte in Steinen machten, nachdem er einige Steine ge⸗ kauft hatte, ſich nebenbei nach dem Preiſe des Bildes er⸗ kundigte. Zuerſt fragte er nach dem Preiſe und dann ſchien er neugierig, zu erfahren, wie es in unſere Hände gekommen ſei. Nun iſt es aber eine Regel in unſerem Geſchäfte, keine Erklärungen dieſer Art jemanden, beſonders aber Händlern, zu geben. So ſagte alſo meine Mrs., daß ich verreiſt ſei und daß ſie von allen Gemalden nichts weiter, als den Preis wiſſe, der ihnen angemerkt ſei. Um Sie nicht länger mit Umſtändlichkeiten zu ermüden, ſage ich, daß ſie endlich den Kauf ſchloſſen; und ehe er ging, ſagte der alte Judem„Ich hätte etwas mehr dafür gegeben, wenn ich den Künſtler wüßte, der dieſes Bild gefertigt hat!“ Meine Frau deutete ihm an, daß der Maler wahr⸗ ſcheinlich ſchon todt und das Gemälde ein altes ſei. „Wie iſt dies möglich,“ antwortete der Jude, da der — 3 13² Roman noch ganz neu iſt?„Meine Frau wußte nichts von Romanen... ſie iſt nicht...“ „Aber ich habe Ihnen ja geſagt, Sir, daß mein Ge⸗ mälde eine Scene aus der Novelle von Notre⸗Dame vorſtelle.“ „Wenn Sie dies auch gethan haben, ſo habe ich doch andere Sachen zu denken, ſtatt meinen Kopf mit Roma⸗ nen anzufüllen! Gut, mein Herr, nachdem der Iude ſeinen Handel geſchloſſen hatte, ſagt meine Frau, daß er noch lange da ſtand und das Bild mit Thränen in den Augen betrachteke, ganz wie der Gentleman, den ich damals auf der Straße beobachtet hatte, und ſie glaubte ihn zwiſchen den Zähnen murmeln zu hören. Ich dachte nicht, je wie⸗ der den Anblick dieſes geliebten Geſichtes zu erhalten. Mrs. Stubbs iſt jedoch ein nervenſchwaches, ſchwärmeri⸗ ſches Weſen, und ſetzt ſich leicht Grillen in den Kopf. „Wohin ſoll ich das Gemälde ſchicken?“ ſagte ſie zu ihm, um ſeinen Betrachtungen ein Ende zu machen.„Schicken 2 rief er.„Ich will es ſelbſt mit mir nehmen.“„Der Knabe hat nichts zu thun, Sir,“ ſprach Mrs. Stubbs, „und es iſt mir immer lieb, wenn ich meine Kunden mir verpflichten kann.“„Ich will es ſelbſt mitnehmen?“ fuhr der alte Kamerad fort, ohne ſich zu bedanken. Und ohne fernere Verabſchiedung nahm er das Bild unter den Arm und eilte davon. Meine Mrs., welche durch ſein ſeltſa⸗ mes Betragen neugierig gemacht worden war, ſah, als er kaum den Laden verlaſſen hatte, das Packet mit den Stei⸗ nen auf dem Tiſche liegen, für welches der Jude ſoeben 40 Pfund baar bezahlt hatte; und da ſie gerne gewußt hätte, wohin das Bild gekommen ſei, befahl ſie dem Kna⸗ ben, ihm nachzueilen und das Packet nicht eher, als an ſeiner Wohnung zu übergeben. Dem Beſehl ſeiner Herrin gemäß.... aber ermüde ich die Damen nicht?“ fragte Herr Stubbs, indem er die athemloſe Aufmerkſamkeit be⸗ merkte, welche er in der kleinen Familie erregte. 4 „Im Gegentheil, Sir, wir intereſſiren uns ſehr da⸗ 133 für,“ erwiederte Mrs. Verelſt mit ihrer gewoͤhnlichen Freundlichkeit. „Gut denn, Ma'am; dem Berichte des Knaben zu Folge ging der alte Gentleman mit vieler Vorſicht durch mehrere Straßen, indem er beſtändig allen Vorübergehen⸗ den auswich, als ob er ein lebendes Mädchen und eine lebende Ziege, die er zärtlich liebte, anſtatt eines Gemäl⸗ des von unbedeutendem Werthe bewache, und ſich ſo ängſt⸗ lich dabei umſah, als fürchte er beobachtet zu werden. Vielleicht hatte er den Jungen in dem Laden bemerkt, denn, nachdem er noch eine Strecke gegangen und ſich wiederholt umgedreht hatte und den Knaben auf der Ferſe nachfolgen ſah, fragte er ihn kurz, was er hier zu thun habe.— Der Knabe wollte weiter nichts, als das Packet übergeben, und wartete vielleicht im Geheimen auf ein kleines Trinkgeld, da jenes einen ſo großen Werth in ſich ſchloß. Der alte Burſche aber gab nichts, als einen Brummer, und lief, nachdem er das Packet in ſeine Taſche geſteckt, weiter!“ „Und verfolgte er ihn noch weiter, Sir?“ fragte Eſther, als Herr Stubbs ausſetzte, um Athem zu ſchö⸗ pfen, oder vielleicht, gleich andern Erzählern, die Neugierde ſeiner Zuhörer zu ſteigern. „Er hatte die Befehle ſeiner Herrin, und dies war genug!“ ſprach der Händler, indem er glaubte, jedermann kenne den unumſchränkten Scepter ſeiner Ehehälfte.„Vor⸗ ſichtiger als zuerſt folgte er ihm in der Ferne, bis er den alten Gentleman endlich in ein Haus in Greek Street, Soho, gehen ſah. Aber, großer Gott! was war das Ende davon? Als Mrs. Stubbs bei des Knaben Rückkehr von ſeiner glücklichen Fuchsjagd in dem B'yle's Guide und D'rectory eine Nummer nach der andern durchſah, fehlten die von dem Knaben bezeichneten Nummern in beiden.— Das Haus war alſo allem Anſcheine nach, ein unbewohn⸗ tes. Als ich jedoch dieſe Geſchichte hörte, kam mir der Gedanke, daß der Jude, welcher durch den Anblick des 134 Gemäldes ſo ſehr ergriffen ſchien, vielleicht ein zweites bedürfen möchte; daher eilte ich denn am erſten freien Tage zu dem bezeichneten Hauſe. Die Läden waren alle geſchloſſen, und die Thürſchwelle ſo ſchmutzig, als wäre ſie ſeit Jahren von keinem Kehrbeſen oder keiner Bürſte berührt worden!— Ich klopfte und rief, ich rief und klopfte, und Alles tönte hohl. Aber dieſes Klopfen und Rufen war vergebens, und nachdem ich eine halbe Stunde gewartet hatte, ſah ich ein, daß es ebenſo gut ſein würde, das Geſchäft für heute aufzugeben?“ „Sie wurden alſo nicht eingelaſſen?“ fragte der Künſt⸗ ler, neugierig die Handlungsweiſe des Gemäldehändlers in ſolchen Fällen zu vernehmen. „Ich wurde es an einem andern Tag, Sir, aber nur mit einer Geſchäftsſache, einem verdammt ſchlimmen Ge⸗ ſchäfte! Ungefähr nach ſechs Wochen, als ich in der Greek Street etwas zu thun hatte, ſah ich ein ſchönes Cabriolett an der Thüre des alten vereinſamten Hauſes ſtehen, obgleich deſſen Läden noch ebenſo feſt geſchloſſen waren und ſo düſter, wie vorher ausſahen. Ich ging jedoch darauf zu, und da ich die Spinnen nicht fürchtete, wenn ich mich auch irren ſollte, den Eigenthümer des Cabrio⸗ letts darin zu finden, läutete ich ſehr artig an. Ein ſchmutziges altes Weib— ganz paſſend für dieſen Platz— öffnete in einem stanter, wie es die Franzoſen nennen.“ „Ich habe Geſchäfte mit Ihrem Herrn, Ma'am,“ ſagte ich, und trat ſo ſchnell und ruhig ein, daß ſie es nicht hindern konnte. Die alte Katze machte keine Bewe⸗ gung, mich zurückzuhalten, und ſo öffnete ich kühn die erſte Zimmerthüre. Alles war hier dunkel und roch ſo dumpf wie eine Familiengruft! Nachdem ich die Thüre leiſe geſchloſſen hatte, dachte ich, mein guter Stern führe mich, eine andere zu öffnen! Als ich mich jedoch bemühte, die⸗ ſelbe aufzumachen, erreichte das Geräuſch, welches ich dabei verurſachte, die Ohren der darin befindlichen Per⸗ ſonen, in demſelben Augenblicke, als ihre Stimmen an 13⁵ das meinige drangen, und gleich darauf wurde an die Schnalle gedrückt und die Thüre geöffnet. —„Ich überlaſſe Ihnen jetzt zu vermuthen, Herr Maler, wer darin war!“ „Ich glaube, es würde dies ſowohl Ihre als meine Zeit verſchwenden heißen,“ erwiederte Mrs. Verelſt, an die dieſe Frage gerichtet war. „Niemand anders, als der alte Gentleman in voller Lebensgröße, den ich ſo oft an meinem Fenſter beobachtet hatte, und der da Mädchen und Ziege anſtarrte!“— „Aber Sie ſagten ja auch von andern Stimmen...“ „Ach ja— und die andere Stimme— ich hätte ſie ſogleich kennen ſollen, da ſie ſo oft in meinem Laden tönte, die andere Stimme war die meines beſten Kunden— des Herzogs von Rocheſter; an den ich ſchon Bilder und Sta⸗ tuen für viele tauſend Pfund verkauft habe.“ „Sie wurden alſo zu ihnen gelaſſen?“— „Nicht ich,— ich hatte nicht einmal den Wunſch, als ich ſah, ich ſei ein Eindringling, wie mir wenigſtens von dem alten Weibe geſagt wurde, welches die Thüre öffnete.“ „Ich konnte nicht einmal vermuthen, über welche Art von Verrätherei ſie ertappt wurden, und nachdem ich von dem alten Gentleman unhoͤflich zur Thüre hinausgeführt worden war, der nicht einmal auf meine Erklärungen hörte, wagte ich keine Frage mehr zu ſtellen. Ungefähr eine Woche nachher hatte ich, ein widerwärtiges Geldge⸗ ſchäft mit einer ſchönen Dame, einer Kundin von mir, die mir einen Wechſel ihres Gemahls als Bezahlung anwies und mich ſo zwang, die Abnehmer aufzuſuchen; während ich dies that, wurde ich von einem zum andern geſchickt, bis man mir endlich einen gewiſſen A. O. in der Greek Street bezeichnete. Der Teufel war los, Sir! Der alte Jude, welcher mir das Gemälde abkaufte, war niemand anders, als einer der Agenten des verrufenen Geldverleihers. Es iſt mir leid, daß mein Bild die Urſache geweſen, Sie 136 ſolch' unangenehmen Abenteuern auszuſetzen,“ bemerkte Verelſt.„Es ſcheint jedoch, daß es in vieler Hinſicht eines von der Art geweſen iſt, nach denen Sie ver⸗ langen.“ „Was verſtehen Sie unter meinem Verlangen?“ rief Herr Stubbs und ſtieß ſeinen Stock wieder heftig auf den Boden.„Denn ſo wenig Sie verſtehen, Geſchäfte in England zu führen, ſo wenig wiſſen Sie auch....“ Die laute und zürnende Stimme des Gemäldehändlers wurde in dieſem Augenblicke durch das plötzliche Eintreten einer Perſon unterbrochen, deren Heraufſteigen über die ächzenden Treppen das Geſchrei unvernehmbar gemacht hatte. Die Stimme des Herrn Stubbs verſtummte jedoch jetzt nur allein, während alle Andern im Zimmer in freudigen Ausrufungen über die Ankunft des— Baſil Annesley aus⸗ brachen. Achtes Kapitel. Liebe erfaßte das Glas der Zeit und legte es in ihre glühenden Hände. Jeden Augenblick erglänzte es, leicht gerüt⸗ telt, in dem goldenen Sande. Liebe ergriff die Leyer des Lebens und be⸗ rührte alle ihre Saiten mit Macht, be⸗ zauberte ſie, daß ſie ſich von ſelbſt bewegten und zitternd ihre Klänge verhallten.* Tennyfon. Kaum hatte der Bilderhändler die höfliche Vertrau⸗ lichkeit geſehen, mit welcher der junge Gardeoffizier den Künſtler begrüßte, und den beinahe unterwürfigen Ton ver⸗ nommen, in dem er ſich nach der Geſundheit der Mrs. 137 Verelſt erkundigte, als er ſich ſchon inſtinktmäßig von ſeinem Sitze erhob. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Gaſt zu derjenigen Klaſſe gehörte, welche er als ſeine Kunden betrachtete, oder, daß die Familie des Malers auf einem Fuße mit ihm ſtehe, der die Gränzen der Freundſchaft überſchreite. Gemein wie er war, hielt er ſich in jenem Momente für den Untergebenen der Geſellſchaft. „Ich werde Sie zu einer andern Zeit wegen dieſer kleinen Geſchäfte beſuchen,“ ſagte er zu Verelſt, indem er d ſich anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen, und nur als er ſich langſam der Thüre näherte, vielleicht aus Neugierde zu erfahren, was dieſen vornehm ausſehenden Mann zu dem Herde eines armen Malers gebracht haben koͤnnte, war es ihm möglich, die ſeltene Lieblichkeit von Salome und ihrer Schweſter zu betrachten! Ein bedeutungsvolles Lächeln überflog unbewußt ſeine Züge bei einer Entdeckung, die ſich mit Boswilligkeit ſo leicht machen ließ. Es war auch vielleicht derſelbe Ge⸗ danke, was ihn, nachdem er die Thüre geſchloſſen und ſich bereits auf der Stiege befunden hatte, veranlaßte, wieder in das Zimmer zurückzukehren, und ſich über die gegen⸗ ſeitige Stellung der Geſellſchaft Aufklärung zu verſchaffen, während er mit der geflüſterten Bitte zu dem armen Verelſt . ſra, das Geheimniß von Greek Street für ſich zu be⸗ halten.— „Sie werden mich verbinden, Sir,“ ſprach er halb⸗ laut und in einem Tone, der von, dem ſeiner frühen Unter⸗ haltung ſehr verſchieden war,„wenn Sie ſich aller Er⸗ wähnung der Geſchichte von dem Bilde und des A. O. enthalten.“. Hätte Herr Stubbs die ganze Welt nach einem Worte ausgeforſcht, das berechnet geweſen wäre, die Ge⸗ fühle des jungen Fremden in Harniſch zu bringen, ſo hätte er nicht glücklicher ſein können! Das Geſicht des jungen Annesley färbte ſich plötzlich carmoiſinroth. In dem Be⸗ wußtſein, daß der gemeine Menſch, welcher Eſther's Vater 138 ſo unhöflich anredete, keinen andern Beweggrund zu der Erwähnung dieſes Namens haben konnte, als die Ent⸗ hüllung der Schwierigkeiten, aus welchen er ſich mit Hülfe des Abednego gezogen hatte, um ſeinen demüthigen Freund zu erlöſen, zitterte Baſil beinahe, daß die ganze Sache durch die Geſchwätzigkeit eines Fremden vor ihm entfaltet würde. Erſt als Herr Stubbs nach einer ceremoniöſen Verbeugung das Zimmer wieder verlaſſen hatte, fing An⸗ nesley wieder frei zu athmen an. „Dies war einer meiner aufgeklärten Patrone, mein lieber Herr Annesley,“ ſprach Verelſt und nahm ſeinen Pinſel, durch Annesleys Gegenwart ermuthigt, wieder zur Hand.„Einer von denen, die mich gleich einer Erd⸗ ſcholle behandeln, und doch die Erzeugniſſe des Genies von mir erwarten!“ Baſil antwortete mit einer Abſcheu ausdrückenden Geberde. „Aber mein guter Herr Annesley, mein theurer Freund,“ fuhr der Maler fort,„die Mädchen ſagen mir, Sie ſeien auf dem Lande geweſen, um eine leidende Verwandte zu⸗ pflegen. Sind Sie gewiß, nichts von der Krankheit geerbt zu haben? Ich ſah Sie ſeit der Zeit Ihrer Geneſung von dem Fieber in Heidelberg, als Sie wegen Luftverän⸗ derung in unſerm Hauſe waren, nicht ſo übel ausſehend!“ „Sie erinnern mich an eine der glücklichſten Epochen meines Lebens!“ rief Baſil, plötzlich ſeine ganze Blüthe wieder erlangend, deren Mangel Verelſt mit Recht be⸗ merkt hatte. „Ah— jetzt ſehen Sie ſich wieder mehr gleich!“ rief der Maler.„Jetzt ſind Sie ein tauglicherer Gegen⸗ ſtand für das Studium eines Malers!— Sie können ſich nicht denken, mein theuerer Sir, wie ſehr ich Sie ver⸗ mißte. Die Skizzen konnen nicht ohne Sie ausgezeichnet werden. Wenn Sie lange auf dem Lande geblieben wären, ſo würde ich ruinirt worden ſein!— Es foſtete mich 139 große Mühe, während Ihrer Abweſenheit an das Geſchäft zu gehen; aber da Sie wieder hier ſind, will ich den König von Thule zuſammenpacken und in ſeine Ecke legen. — Salome bringe den Zeichentiſch!“— Und während der jzunge Mann ſich über den Seſſel der Kranken beugte und ſich theilnehmend nach den Er⸗ eigniſſen während der drei oder vier letzten Tage erkun⸗ digte, ohne auf die Geſprächigkeit ſeines alten Meiſters zu merken, wurde der Wechſel ausgeführt. Nachdem Baſil mit ſeinen ſaſt kindlichen Aufmerkſamkeiten gegen die gebeugte, aber immer noch ſchöne Kranke zu Ende war, ſtand Alles bereit, nur nach ſeinem Rathe in Hin⸗ ſicht der Helme der preußiſchen Lanzenträger und der Stiefeln der ungariſchen Huſaren in Bewegung geſetzt zu werden. Indem Baſil den Stuhl einnahm, den ihm Salome dicht an des Künſtlers Seite geſtellt hatte, begann er ſcherzend den Kritiker an den ſchönen militäriſchen Grup⸗ pen zu ſpielen, bei denen es wirklich ſchwer war, außer in Nebenſachen an den Coſtümen einen Fehler zu finden. So feurig waren die Pferde, ſo wundervoll die Neiter⸗ Gruppen, daß Annesley, ſtatt auf den wenigen Mängeln in den Rüſtungen zu verweilen, wie gewöhnlich in Lob⸗ reden über den Geiſt und die Originalität des Ganzen ausbrach. Wahrſcheinlich bedurfte Verelſt der Worte dieſer Be⸗ geiſterung; denn in einem Momente waren ſeine Pinſel in voller Thätigkeit, und Baſil hatte Muße zu bemerken, daß er von dem Sitze aus, welchen ihm Salome ange⸗ wieſen hatte, die Stickrahmen im Auge behalten koͤnne, über welche die anmuthigen Köpfe der beiden Mädchen gebeugt waren. Es war ganz natürlich, daß er ſeine Aufmerkſamkeit nun zwiſchen den verwelkten Händen, unter denen eine ungekünſtelte Brücke über einen reißenden Berg⸗ ſtrom ins Daſein kam, die von einer Schaar Tyroler Landleute in jener maleriſchen, unregelmäßigen Kriegsart gegen eine Abtheilung franzöſiſcher Infanterie, in ihrer ganzen militäriſchen Ordnung, vertheidigt wurden, und den ſchönen Fingern der Schweſtern theilte, wie ſie ſo über ihre Arbeit hinhüpften. 3 Obgleich die Hände der zwei Mädchen engverſchlungen waren, als ſie ſo beiſammen ſaßen, ſo daß die zarte Form der einen beinahe in die noch ſchlankere der andern zerfloß, ſo koſtete es doch Baſil's Augen keine große Anſtrengung, die ihm ſo theuere Hand zu entdecken, die Hand, welche bei ſeinem plötzlichen Eintritte gezittert hatte, und welche nun in der Freude über ſeine Anweſenheit in dieſem Zim⸗ mer dreimal ſo viel zu Stande brachte, als die minder bewegte Salome. Dieſe aber beſaß Ruhe genug, um hie und da in einem freien Augenblicke die ehrwürdige Geſtalt ihres Vaters mit der des jungen, ſchönen Gaſtes zu ver⸗ gleichen, der ſich über ihn neigte, während er die Erzeug⸗ niſſe ſeines Pinſels beobachtete.. 4 Wie Salome ſaß, mußte ſie ohne Zweifel ſehen köͤnnen, daß ſeine Augen ſich beſtändig auf Eſther richte⸗ ten, während er vor der Begegnung ihres geſenkten Blickes ſicher war. „Wiſſen Sie vielleicht etwas, Herr Annesley, von einer Familie Maitland?“ fragte Mrs. Verelſt plötzlich, da ſie im Stillen wohl dieſelbe Bemerkung wie Salome gemacht hatte. 5 Annesley erſtaunte und ſah verlegen aus. „Sie wohnen in der Arlington Street,“ fügte Eſther mit ſchüchterner Stimme bei und ergriff die Gelegenheit, ihre Augen auf ſein Geſicht zu heften; ſie war überraſcht, es mit einer dunkeln Röthe bedeckt zu ſehen. „Der Sohn iſt einer meiner Kameraden,“ antwortete er, und erholte ſich nach und nach von ſeiner Verwirrung. „Sind Sie es alſo, wie wir vermutheten, dem Eſther für ihre Empfehlung an dieſe Familie zu danken hat!“ bemerkte Mrs. Verelſt. „Empfehlung?“ wiederholte Baſil. 141 „Ich erhielt vor einer halben Stunde ein Billet, von Lucie Maitland unterſchrieben, worin ſie mich bat, meine Bedingniſſe für einen Unterricht anzugeben und morgen um drei Uhr in Arlington Street zu ſein,“ ſagte Eſther. Die frühere Verwirrung von Baſil Annesley vermehrte ſich jetzt noch tauſendmal. Der Gedanke, Eſther Verelſt— ſeine Eſther als eine Geſanglehrerin für jene leichtſinnigen Mädchen in jenem herzloſen Hauſe dem Anblicke eines Zuges von Windbeuteln die es beſuchen, und der einfältigen Unverſchämtheit der Lady Maitland ausgeſetzt und allen den Kränkungen preis⸗ gegeben zu ſehen, die ein Lehrer bei Leuten mit leeren Köpfen und erbitterten Herzen erfahren, machte ihn faſt erſtarren. „Und hat ſich Miß Verelſt ſchon engagirt?“ fragte er, an die Mutter ſich wendend. „Sie ſchrieb bloß, das Anerbieten für morgen anzu⸗ nehmen, da wahrſcheinlich wenig Schwierigkeiten vorhanden ſein werden, wegen der Zeit und den Bedingniſſen ins Reine zu kommen,“ antwortete die Kranke. „Sie erzeigen mir zu viel Ehre, wenn Sie glauben, die Empfehlung gehe von mir aus,“ ſprach Annesley nach einer kurzen Pauſe, in der er wahrſcheinlich die üblen Folgen welche für die ſchöne Eſther aus einer ſolchen Bekannt⸗ ſchaft hervorgehen könnten, mit dem Vortheile einer Guinee die Woche verglich, welche die dürftige Familie, durch Annahme dieſes Vorſchlages erhalten wuͤrde.„Ich⸗ hätte nicht gewagt, einer ſo ſchüchternen Perſon, wie Eſth..., wie Miß Verelſt, einen Platz vorzuſchlagen, wo ſie der beſtändigen Beobachtung und Zudringlichkeit der Perſonen ausgeſetzt iſt, deren Unverſchämtheit ſie aus den Proben der Oper trieb. Der kleine Vortheil, welcher daraus hervorginge, würde theuer erkauft wer⸗ den, indem ſie den Sitten eines Hauſes, des einzigen aller meiner bekannten Häuſer, wohin ich am wenigſten geneigt wäre meine eigene Schweſter zu empfehlen, aus⸗ geſetzt ſein würde.“ Eſther war beruhigt. Das Bangen, welches ſich bei Baſil's Verlegenheit, bei der erſten Erwähnung von Maitlands Namen in ihrer Bruſt erhoben hatte, verlor ſich allmälig. „Sicherlich,“ bemerkte Salome, ohne zu vermuthen, welche neue Verlegenheit ſie hervorrufen würde,„war Maitland der Name der beiden Damen, mit denen wir Ihnen in jener Nächt in der Oper begegneten, als Madame Branzini ſo gütig war, uns ihre Loge zu leihen?“— „Ich erinnere mich kaum,“ ſtammelte Baſil, etwas verwirrt. „Ol ja— wir trafen Sie auf der Treppe mit einem ſchönen Mädchen an Ihrem Arme, welches Sie in den Wagen begleiteten, und dann wieder zurückkehrten, um uns zu unkerſtützen. Ich hörte den Wagen als den von Lady Maitland rufen.“ 8 „Wie kannſt Du Dich doch noch ſolcher Kleinigkeiten erinnern, mein Kind?“ ſprach Verelſt. 8 „Annesley! was denken Sie davon, den tapfern Ka⸗ meraden mit der Senſe, der die franzöſiſche Fahne ero⸗ bert, auf die zertrümmerte Bruſtwehr oder Brücke zu ſtellen?“—. „Wundervoll!“ rief Baſil, froh ſeine Augen wirklich auf die Zeichnung richten zu müſſen, da er es bisher nur dem Anſcheine nach gethan hatte.„Es wird eine neue Ausgabe der berühmten Schlacht von der Standarte ge⸗ ben. Aber welch' ein Schade, Sir, dieſe vortreffliche Zeichnung an einen Lithographen wegzuwerfen, von dem Sie ſo ſchlecht bezahlt werden. Warum nicht das Ganze in einen Bergpaß verſetzen, und dann in Oel aus⸗ führen?“ „Ha, warum nicht?“ rief der Künſtler, indem er ſich in dieſem Augenblicke an die beiden Schlachtſtücke erinnerte und dabei erwog, daß Herr Stubbs weder Kunſt⸗ — —— — ſinn, noch Gelehrſamkeit genug beſitze, um den Anachro⸗ nismus zu entdecken, wenn ein ſolches Gemälde ein Sei⸗ tenſtück zu dem Gefechte der Condottieri von Sir John Hawkwood, und dem Kardinal de Bourbon werden ſollte. Er vermuthete dabei wenig, welche Pein dieſe Unter⸗ brechung ihrer Unterhaltung ſeiner Lieblingstochter ver⸗ urſachte. „Eſther hat den ſchönen Text, den Sie ihr das letzte Mal brachten, ſeit Ihrer Abweſenheit in Muſik geſetzt,“ bemerkte Mrs. Verelſt, nachdem ihr Gatte und ſein Gaſt hinlänglich über die neue Schlacht der Standarte verhan⸗ delt hatten, welche mit jener von Leonardo rivaliſiren ſollte.— „Ich dachte, er würde ihr gefallen!“ rief Baſil, ſeine Augen wieder erhebend, indem er denen von Eſther mit einer Offenheit begegnete, die ſie beinahe überzeugten, er werde nicht von der Furcht bewegt, ſeine Liebe für ſie durch Einwendungen gegen ihren Eintritt in die Familie Maitland an den Tag zu legen. „Und einen ſchoͤnen melancholiſchen Geſang hat ſie daraus gemacht,“ fügte ihr Vater bei. „Er war auch bloß für Molltöne geeignet,“ ſprach Eſther in einem vertheidigenden Tone. „Wollen Sie nicht die Ballade ſingen und mir ſo das Urtheil ſelbſt überlaſſen?“ fragte Baſil. „Ich fürchte, Ihrer Erwartung nicht entſprechen zu koͤnnen?2“ ſprach Eſther, ſtand jedoch gleich von ihrer Arbeit auf.„Ich glaube, daß es ein Lieblingstert von Ihnen iſt, denn ſonſt würden Sie ſich nicht die Mühe ge⸗ geben haben, ihn abzuſchreiben.“ „Nenne mir den Menſchen, der ſeine Lieblingsworte weniger lieben würde, wenn er ſie von einer Stimme gleich der Deinigen ſingen hört, Eſther!“ bemerkte ihr Vater zärtlich. Und vielleicht war es die Furcht vor weitern Schmei⸗ cheleien, welche das erröthende Mädchen in ihren Vorkeh⸗ 144 rungen, Herrn Annesley's Bitte zu entſprechen, beflügelte, indem ſie die Thüre des Zimmers ihrer Mutter öffnete, in welchem aus Rückſicht für des Künſtlers Studium das Piano ſtand.— Melodiſch und ausdrucksvoll, wie gewöhnlich, tönte Eſther Verelſt's Stimme in den folgenden Verſen:; Ballade. Wohl mogen liebend andre Augen glühen, Erſpähen ſie nur Deines Auges Blick; Wie dunkle Bäche glänzend dahin ziehen, Wenn ſie beſtrahlt der Sonne goldner Blick, Wohl würd' mein Auge ſtrahlender Dir winken, Liebt' ich nicht mit ſo heißer Liebe Dich! Dies Lächeln nur laſſ' Dir, zufrieden, blinken! Mit Thraͤnen, Freund, verlaſſe Du dann mich! Und andre Töne mögen Liebe ſprühen, Dein Ohr erfüllen wohl mit ſüßer Luſt, Wie koſend Weſte leicht die Barke ziehen Hin an des Weltmeers tückiſch falſche Bruſt, Auch meine Worte würden heißer glühen, Liebt' ich nicht mit ſo heißer Liebe Dich! Treu'lieb ich Dich! Wirſt Du von hinnen ziehen, Ein treuer Freund verlaſſe Du dann mich! Wenn andre Arme, Theurer, Dich erheben Hoch auf des Glückes wandelbare Bahn, Wird meine Liebe ſchirmend Dich umſchweben, Wenn Dir des Unglücks Tage ſollten nah'n, Auch meine Hülfe würd' ich früher bieten, Liebt ich nicht mit ſo treuer Liebe Dich! Ich liebe Dich! Geliebter, ſei zufrieden, Und denke treu und liebend ſtets an mich! 8u der armen Eſther größtem Leide kam auch nicht ein einziges Wort des Beifalls bei dem Schluſſe ihres 145 Geſanges über Annesley's Lippen. Ihr Vater rief: „Bravo, mein Mädchen! Reizend! Entzückend!“ Aber Annesley blieb ſtumm. Man konnte von dem Piano aus nicht in das Zimmer ſehen, in welchem ſich die Zuhörer befanden, und ſie hatte daher keine Veranlaſſung zu ahnen, daß ihr ungalanter Freund nur deßhalb keine gewöhnlichen Komplimente hören ließ, weil er zu tief bewegt war, um ſeinen Gefühlen Worte zu geben. Salome, die ſeine thränenvollen Augen während des Geſangs ihrer Schwe⸗ ſter beobachtet hatte, war befriedigt. 3 „Uebrigens iſt dies ein unpaſſender Geſang, um einen Freund bei ſeiner Rückkehr zu begrüßen,“ bemerkte der Künſtler, der gleichfalls Baſil's Schweigen wahrnahm und beim erſten Blicke die Urſache entdeckte, welche er ganz richtig einer Empfindung zuſchrieb, die durch einen früheren Eindruck auf ſeinen Geiſt erzeugt worden.„Du vergißt, meine Eſther, daß Herr Annesley aus dem Krankenzimmer einer theuern Perſon zu uns gekommen iſt, und der Auf⸗ heiterung bedarf.“ „Ich bin immer heiter, wenn ich mich in dieſem Kreiſe ſo freundlich bewillkommt ſehe,“ entgegnete Baſil und ſuchte ſich zu faſſen;„erſtens wegen Ihrer Herzlichkeit und zweitens wegen des Anblicks Ihrer verſtändigen Be⸗ ſchäftigungen, die nichtsthuende und unnütze Welt, in wel⸗ cher ich lebe, gewährt wenige ſo angenehme Anblicke.“ „Ich glaubte,“ ſprach Salome,„daß die Damen in England ſehr aufgeklärt und gebildet ſeien?“ „Nur zu ſehr gebildet. Sie lernen ſo viel Muſik und Zeichnen, und ſo viele Sprachen, als für Geld gelehrt werden; aber nichts wird gethan, jenes höhere Gefühl zu bilden, welches ſolche Kenntniſſe werthvoll macht.“ „Und dieſe Miß Maitland's, Eſther's Schülerin⸗ nen?“ fragte Salome, wieder auf die Einladung zurück⸗ kommend.. „Ihr Schweſter hat ſich alſo ſchon entſchieden, ihre Unterweiſung anzunehmen?“ fuhr Baſil in einem gezwun⸗ Der Geldverleiher. J. 10 8 146 genen Tone fort, als Eſther, nachdem ſie das Inſtrument geſchloſſen, wieder in das Arbeitszimmer trat. —„Ich wüßte nicht, welche Ausrede zu einer abſchlä⸗ gigen Antwort wir hätten finden können,“ bemerkte Eſther, und nahm ihren vorigen Platz wieder ein. „Würden Sie mir vielleicht erlauben, einen Blick in Miß Maitlands Brief zu thun?“ fragte Annesley. In den Brief?— Recht gerne!“ entgegnete Mrs. Verelſt, indem ſie ihn aus einem Papierkorbe auf einem Tiſche neben ihrem Seſſel nahm. „Dies iſt die Handſchrift des Bruders, der in mei⸗ nem Regimente iſt,“ rief Baſil, nachdem er den Brief betrachtet hatte. Es war ihm gleich im Anfange der Gedanke an die Möglichkeit einer Erdichtung von Seite ſeines Kameraden gekommen. „Wenn Sie mir erlauben, ſo will ich mich bei Lady Maitland in Betreff ihrer Abſichten erkundigen und Ihnen dann genauen Bericht davon erſtatten, ehe Sie ſich der Mühe und Beſchwerlichkeit eines langen Spaziergangs bei dieſer Kälte ausſetzen, um vielleicht nur eine unver⸗ antwortliche Neugierde zu befriedigen.“ „Aber welche Neugierde kann meine arme Eſther unter Perſonen erregt haben, die ſie blos dem Namen nach kennen?“ bemerkte Mrs. Verelſt mißtrauiſch. „Verzeihen Sie,— ſie iſt Lady Maitland's Sohn perſoͤnlich bekannt, der ihrer vielleicht gegen ſeine Schwe⸗ ſter erwähnt hat. Sicherlich,“ fuhr er, ſich gegen Eſther zur Beſtätigung wendend fort,„erinnern Sie ſich noch des großen, ſchönen jungen Mannes, der ſo häufig mit Carrington geht, und uns an der Thüre des Opern⸗ hauſes an jenem Tage begegnete, wo Sie ſich ſo ſchnell⸗ von der Probe entfernten?“ „Vollkommen!“ rief Eſther, jetzt über den Grund ſeiner Einwendungen gänzlich aufgeklärt,„und ich weiß jetzt auch, daß es nicht ſehr angenehm für mich ſein würde, Laby Maitlands Töoͤchtern Unterricht zu geben.“ 147 „Noch ehe Sie eine entſchieden abſchlägige Antwort geben, die ohne Zweifel ungnädig aufgenommen werden wird, will ich einige Fragen über die Abſicht der Geſell⸗ ſchaft ſtellen,“ ſprach Baſil.„Ich ſehe dieſe Leute täg⸗ lich. Ich will ſelbſt heute Abend noch hingehen. Nichts iſt ſo leicht für mich, als zu entdecken, ob die jungen Damen wirklich geneigt ſind, ſich unter Ihren Händen zu vervollkommnen und Sie um Ihre Leitung anzuſprechen. Die Mädchen ſind gutmüthig, obgleich einfältig und un⸗ nütz, und würden ſich, nach meiner Meinung, nicht zu einem Werkzeuge der Kränkung hergeben.“ „Müſſen Sie durchaus dieſen Abend hingehen?“ fragte Eſther erröthend. „Iſt ein Hinderniß vorhanden?“ entgegnete Bafil, über ihre Einwendung erſtaunt. „Blos, daß heute die Dreikoͤnigsnacht iſt,“ bemerkte Eſther, plötzlich eben ſo ſehr, wie ihre Schweſter ver⸗ legen.„Madame Branzini, welche im Sinne hat, das faire tirer les rois in ihrem Hauſe zu veranſtalten, verſprach uns, Pren kleinen Familienkreis um ſich zu ſammeln und bat uns, auch Ihnen, im Falle Sie von dem Lande zurückkehren ſollten, zu ſagen, wie ſehr ſie ſich durch Ihre Geſellſchaft geehrt fühlen würde.“ „Ich nehme es mit Vergnügen an!“ rief Baſil, „aber Ihre Freundin, Madame Branzini, iſt ſo weiſe, in England ihre vernünftigen Sitten des Feſtlandes beizu⸗ behalten, erwartet daher ihre Gäſte vor neun Uhr und entläßt ſie um 11 Uhr, bis zu welcher Stunde Lady Maitland ſehr überraſcht ſein würde, einen Abendbeſuch in ihrem Hauſe zu ſehen. Ich werde deshalb im Stande ſein, beiden Geſellſchaften beizuwohnen.— Ich werde in meinem Klubb diniren und bei Ihrer Freundin um— v welche Zeit ſagten Sie mir, daß Sie hingehen wür⸗ en?“— 4 „Wir werden bald nach acht Uhr abgehen,“ antwortete Salome.„Weil wir immer, wie Sie wiſſen, um zehn 148 n nach Haus zurückkehren, um unſerer Mutter beizu⸗ ſehen.“ S „Ich will nicht hören, daß ich heute Abend ein Hin⸗ derniß Eueres Vergnügens ſei!“— ſprach Mrs. Verelſt heiter.„Ihr genießt ſo ſelten eine angenehme Geſellſchaft! Der Dreikönigstag kommt nur einmal im Jahre.— Er⸗ innern Sie ſich noch, Herr Annesley, wie froh wir jenen Tag in dem Winter verlebten, den Sie in Heidelberg zu⸗ brachten?“ Baſil erinnerte ſich nur noch zu gut der fröhlichen Herzlichkeit der Familiengeſellſchaften ſeines alten Profeſ⸗ ſors. „Ei, waren Sie nicht der Bohnen⸗König 2.... ach ja, und Eſther dort drüben war Ihre Königin,“ rief der Maler, bei dieſer Erinnerung herzlich lachend.„Sie war damals ein bloßes Kind, und Sie waren nicht viel mehr als ein Knabe. Aber ich entſinne mich noch, welch' eine ſchoͤne, kleine Majeſtät wir mit ihrer Mutter ſeidenem Kleide, mit ihrem Schmuck und Puder aus ihr machten, gleich einer Königin in einer von Mademoiſelle de Sen⸗ deni's Novellen. Was Du für ein kleines loſes Ding warſt, Eſther; mußte Dein alter Vater Dir nicht Deine Kleidung angeben und Deinen Thron errichten!“ „Ich wünſche, daß wir uns heute Abend bei Ma⸗ dame Branzini nur halb ſo gut unterhalten möchten!“ murmelte Eſther mit einem Seufzer.„Ich war damals ein Kind und fürchtete nichts— jetzt ſcheine ich Alles und Jedermann zu fürchten!“ „Du warſt damals in Deiner Heimath und in Deinem Lande, Eſther,“ entgegnete der Kuͤnſtler mit einem noch ſchwereren Seufzer,„ein Troſt, mein armes Kind, den Dir Deines Vaters Unvorſichtigkeit für immer geraubt hat!“ „Nicht für immer, hit ich!“ antwortete Mrs. Ve⸗ relſt leiſe. „Da wir uns nun heute Abend wiederſehen werden, will ich meinen Beſuch für jetzt abkürzen,“ ſagte Baſtl und erhob ſich von ſeinem Sitze, um dieſes traurige Ge⸗ ſpräch abzubrechen.—„Aber ich darf nicht fortgehen, ohne den eigentlichen Zweck meines Kommens zu erfüllen. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Sir, um Ihre Wiß⸗ begierde zu befriedigen,“ fuhr Annesley fort und zog ein kleines Buch aus ſeiner Taſche.„Etwas für Sie— ein kleines Bändchen, das ich von meiner Mutter entlehnt habe.“ Es war eine ſeltene Kopie von Hollars Kupferſtichen, nach Holbeins Todtentanz, welche Verelſt jetzt mit Be⸗ geiſterung und Aufmerkſamkeit betrachtete. „Ich kenne dieſe Zeichnungen,“ ſagte er,„viel beſſe als meine eigenen!— Ich brachte einzig deßhalb einen Monat in Baſel zu, um jenen alten Meiſter zu ſtudiren. — Dies iſt eine ſeltſame Copie und ſcheint mit Origi⸗ nalien vermiſcht zu ſein,“ fuhr Verelſt fort, das Buch mit dem Auge eines Kenners kritiſirend.„Aber was ſehe eich hier? Da iſt eine arabiſche Inſchrift auf dem kleinen Titelblatte— oder Sanskrit— oder— doch warte!— Du Rachel kannſt uns hier helfen.— Sind dies nicht hebräiſche Schriftzeichen?“ 3 Baſil Annesley nahm das offene Buch aus Verelſt's Händen, um es ſeiner Frau zu reichen. Hierbei ſah er nun natürlicher Weiſe auf die In⸗ ſchrift, welche entſchieden hebräiſch und mit einer vor Al⸗ ter beinahe unſichtbaren Tinte geſchrieben war. Am Fuße deſſelben ſtanden jedoch mit einer modernen Handſchrift, zu ſeinem großen Erſtaunen die ſchrecklichen Anfangsbuch⸗ ſtaben A. O.! Ehe er ſich noch von ſeiner Ueberraſchung, durch dieſe ſeltſame, obgleich ohne Zweifel nur zufällige Ueber⸗ einſtimmung herbeigeführt, erholen konnte, wurde Baſil's ganze Aufmerkſamkeit durch die Wirkung in Anſpruch ge⸗ nommen, welche der Anblick des Buches bei Mrs. Verelſt hervorrief! Bleich wie der Tod, mit bebenden Lippen und erloſchenem Athem ſank ſie in jenem Momente, in welchem ihr die Inſchrift gezeigt wurde, in ihren Stuhl zurück!— Eſther und Salome, deren Aufmerkſamkeit be⸗ ſtändig auf die Kranke gerichtet geweſen war, ſtanden augenblicklich an ihrer Seite. „Stellt den Schirm vor das Feuer— ich fürchte, das Zimmer iſt zu warm für ſie!“ ſtammelte Eſther und nahm einen grünen Fächer, der ſtets auf dem Tiſche ihrer Mutter lag. „Die Tropfen, Vater! Sie können ſie auf dem Ankleidetiſch im andern Zimmer finden!“ rief Salome, und keine von Beiden hatte Zeit zu bemerken, daß von Baſil gleich einem liebevollen Sohne der Auftrag ausge⸗ führt wurde. Die Augen von Mrs. Verelſt blieben je⸗ doch nach der Anwendung der Tropfen geſchloſſen, und ihre Hände kalt wie Marmor. Das Buch, welches der junge Annesley für die Urſache ihrer plötzlichen Ohnmacht hielt, war jetzt auf die Erde gefallen. Das ſchreckliche Ausſehen des Titel⸗ kupfers, welches das gräßliche Gerippe des Todes vor⸗ ſtellte, wie er einen alten Mann mit der Muſtk eines Hackbrettes in das Grab lockte, hatte wahrſcheinlich einen uͤbeln Eindruck auf das reizbare Gemüth der ſchwachen Kranken gemacht. Einige Minuten vergingen, ehe Mrs. Verelſt das geringſte Lebenszeichen geben konnte; und dies war länger, als Baſil, der ſie ſchon oft von Schwäche überwältigt geſehen, ſie ſo gänzlich theilnahmslos für Alles um ſie herum je bemerkt hatte. Endlich öffneten ſich langſam ihre Augen, und ein leiſes Stöhnen kam über ihre Lippen. Eſther neigte ihren Kopf augenblicklich zu ihr nieder, um zu horchen; aber Annesley höoͤrte ſie ohne dieſes Bemühen deutlich ausrufen—„Mein Vater— wer ſprach zu mir von meinem Vater?“ „Es iſt beſſer, wenn wir ſie in ihr eigenes Zimmer bringen,“ unterbrach der Künſtler, welcher während der 151. Ohnmacht ſeiner Frau ſtumm und unbeweglich geſtanden war:„Es iſt nichts als die Hitze des Feuers— und jener abſcheuliche Kohlendampf!— Laßt uns jetzt Alle ruhig ſein, und auch ſie wird es in wenigen Momenten werden.“ 1 Nachdem er den beiden Mädchen beigeſtanden hatte, die Kranke in das nächſte Zimmer zu bringen, kehrte Verelſt zurück, und empfing dann mit einer Art Betäu⸗ bung Annesley's Verabſchiedung, welcher in dem Be⸗ wußtſein, daß ſeine Gegenwart in einem ſolchen Augen⸗ blicke nur läͤſtig ſei, ſich ſo ſchnell wie möglich ent⸗ fernte. Es war bereits dunkel, als Baſil Annesley das Haus verließ und ein kalter Winterregen pflaſchte in Strömen auf die überfließenden Goſſen nieder, b inahe die Lampen auslöſchend. Als der junge Officier das Ende der ſchmalen Straße erreichte, in welcher Verelſt's Haus lag, und ſich in ſeinem Mantel gegen den herabfallenden Regen zu ſchützen verſuchte, begegnete ihm etwas, das Wärn erſten Augenblicke für einen Lampenbeſorger hielt.— Nach näherer Unterſuchung fand er, daß er nebſt dem Lampenbeſorger auch noch auf eine Perſon geſtoßen ſei, die mit einem Regenſchirme gegen den Wind kämpfte. Ein unwiderſtehliches Etwas in der Erſcheinung ſeines Leidensgefährten zog ihn zu den Kämpfenden, und ſiehe da, bei dem Lichte der Lampe erkannte er die markirten, ihm wohl erinnerlichen Züge des Geldverleihers. Die Begegnung war unzeitig; aber Annesley wollte nicht vermeiden, den Mann zu erkennen, dem er ſo ſehr ver⸗ pflichtet war. „Wir haben boöſes Wetter zu unſerm Marſch,“ ſagte Annesley und half den widerſpenſtigen, baumwollenen Regenſchirm bändigen. „Unfreundlich genug; und Sie, die Sie nur zum Vergnügen ausgehen, könnten es nach meiner Meinung 152 auf einen günſtigeren Augenblick verſchieben,“ entgegnete Abednego's barſche Stimme.—„Bei mir iſt es ein an⸗ derer Fall.“—— „Ein anderer, in der That!— Da Sie die Mittel haben, über jede Art von Equipagen zu befehlen, während mir bloß diejenige zu Dienſten ſteht, die ſchon Bater Adam benützte,“ ſprach Baſil lachend. „Und wie lange würde ich dieſe Mittel genießen, wenn ich ſie an theuere Equipagen verſchwenden würde?“ fragte der Geldverleiher.„Nicht ein Jahr!— nicht einen Monat würde ich mich zu ſolch' lächerlicher Ver⸗ ſchwe dung verführen laſſen.— Ich könnte mich bald in dieſelbe elende Lage verſetzt ſehen, welche ſo viele ſchöne Herrn demüthig, ja beinahe bettelnd an meine Thüre bringt! Denn worin liegt der große Unterſchied, ob die Leute um ein Anlehen oder um eine Gabe bitten? Sie ſind voch Alle Bettler. Müſſen Sie nach St. Jame's gehen, junger Herr? Wenn dies der Fall iſt, ſo können wir uns eine gemeinſchaftliche Wohlthat erweiſen. Ihr Arm iſt ſtark genug, den Regenſchirm zu halten, und indem Sie den meinigen nehmen, können wir ihn zwiſchen uns theilen. Fürchten Sie nichts!— Bei ſolchem Wet⸗ ter iſt keiner Ihrer hohen Kameraden auf der Straße.— Niemand wird den galanten Herrn Annesley ſo nahe bei A. O. erkennen.“ „Es iſt nichts der Art.... ℳ begann Bafil. .„Fort mit Ihnen jetzt, und machen Sie dem Ge⸗ plauder ein Ende,“— unterbrach ihn Abednego, indem er ſeinen Rath praktiſch bekräftigte;„begnügen Sie Ihre Scrupel mit der Gewißheit, daß Sie zum zweitenmale einen Dienſt einem Manne erweiſen, der mehr als bereit iſt, ihnen zu dienen.“ Halb fortgezogen von ſeinem Gefährten und halb aus Neugierde, einige fernere Blicke in ſeinen Charakter zu thun, ließ Baſil geduldig über ſich verfügen. Im —— 153 nächſten Augenblicke ſah er ſich mit dem geheimnißvollen Abednego ganz allein auf dem naſſen Pflaſter. „Aber in Ihrem Alter, Sir,“ ſprach er, und nahm die Unterhaltung wieder auf,„iſt der Genuß perſönlicher Ruhe ſicherlich mehr werth, als die Aufhäufung bloßer Reichthümer?“ „Wer iſt im Stande, eines Menſchen Begriffe von perſoͤnlicher Ruhe zu kennen?“ rief der Geldverleiher. „Und was verſtehen Sie unter bloßem Reichthume. Mein Begriff von perſönlicher Ruhe iſt: Unabhängigkeit von Miethlingen, ob Menſch oder Thier; und was den Reich⸗ thum anbelangt, geht etwas in dieſer Welt darüber? Was ſonſt gebietet über die Gränzen der Reiche, über die Fortſchritte der Civiliſation, über die Entfaltung der Wiſſenſchaften, über die Cultivirung der Kunſt? Was anders als Geld macht die Schmelztiegel glühend, ſchleu⸗ dert die Wurfſpieße, hebt den Luftballon zu den Wolken, oder ſenkt die Taucherglocke in die Tiefen des Oceans? Von welchem Metalle iſt der Schlüſſel zu des Dichters Phantaſie, zu des Redners Beredſamkeit, des Arztes Geſchicklichkeit und des Theologen Eifer und Begeiſterung? — Von Gold, Sir, von reinem Gold. Wer es beſitzt, herrſcht über Könige auf ihren Thronen, und über Phi⸗ loſophen in ihren Studierzimmern. Sagen Sie mir nichts von der Verſteinerung der Kunſt. Wenn ich ſie genießen will, kaufe ich beides, Kunſt und Künſtler, ein Orcheſter mit Muſikern, eine Legion von Bildhauern und Malern. Ihr Kapitaliſt, Knabe, Ihr Kapitaliſt iſt der einzige Beherrſcher der neuen Zeiten!— Leere Reich⸗ thümer? Ich wußte, daß Sie ein Knabe waren, Annes⸗ ley, aber ich hielt Sie für kein Kind!“ Der junge Mann konnte ſich bei der Heftigkeit ſeines Gefährten kaum eines Lächelns enthalten. „Ich ſtimme hier vollkommen mit Ihnen überein, Sir,“ entgegnete er endlich.„Und es war die völlige Würdigung des Geldes als Mittel, über jede Art von Genuß zu 154 gebieten, was mich veranlaßte, meine Ueberraſchung auszu⸗ drücken, daß Sie einen naſſen Gang einem bequemen Wagen vorzogen.“ „Findet der Jäger in dem Geſchmacke ſeines Wildes, oder in deſſen Verfolgung auf der Jagd größeres Ver⸗ gnügen?“ fragte Abednego mit feſter Stimme:„Beſitzen Sie nicht geiſtige Stärke genug, ſich die Größe des Ge⸗ nuſſes vorzuſtellen, welchen ein Mann, der den Werth des Geldes kennt, in Complotten findet, mit denen er Tauſende zu Tauſenden, und Metallſtücke zu Metallſtücke fügt! Wie der Künſtler, deſſen Familie Sie ſo eben verlaſſen haben, (es war Baſil unmöglich, eine Einwendung zu machen,) unbegränztes Vergnügen bei dem Gedeihen eines Gemäldes findet, mit deſſen Vollendung er Geld und Ruhm zu er⸗ halten hofft; ſtrahlt der Geldverleiher in der Maſchinerie, dutch welche ſein Reichthum vermehrt wird!— Selbſt Sparſamkeit— ſelbſt Entbehrung haben Reize, wenn ſie ihm bei der Ausführung der großen Aufgabe ſeines Lebens behülflich ſind. Ha! obgleich er Ihnen niedrig und verab⸗ ſcheuungswürdig erſcheinen mag, ſo iſt doch der Beruf des Geldverleihers ein rühmlicher! Jeder Augenblick meines Lebens vergrößert die Maſſe meiner Beſitzthümer.— An⸗ derer Leute Reichthümer verkleinern ſich bei dem Ende ihres Lebens, die meinigen wachſen gleich dem Abendſchatten, wenn die Sonne untergeht. Ich bin ein Elender, he?— Ein abgenutzter, ſchmutziger Schurke, mit dem ſich ein ſchmucker Officier gleich Ihnen ſchämt, Arm in Arm ge⸗ ſehen zu werden. Obgleich ich abgeſchabt ausſehe, ſo ſage ich Ihnen doch, daß ich diejenigen in meiner Gewalt habe, auf deren Bekanntſchaft Sie ſtolz ſein würden, und nach deren bloßer Bekanntſchaft Sie ſtreben! Ihre ſchoͤnen Damen kommen zu mir und bitten mich— ſchmeicheln mir, liebkoſen und ſchmeicheln A. O. in ſeinen mit Spin⸗ nengeweben tapezirten Prunkgemächern.—„Leerer Reich⸗ thum!“ Was anders, als der Reichthum, den ich mit Kämpfen gegen den Regen errungen habe, während An⸗ 2. —, 15⁵ dere in ihren Wägen liegen, bringt den Herzog von Ro⸗ cheſter kriechend und um Geld zur Aufrechthaltung ſeines zerrütteten Vermögens bittend, zu meinen Füßen?— Sein Verlangen nach A. O's leerem Reichthume hat jenen Mann(von der Natur für Ehre und Genuß geſchaffen) in einen zweideutigen Zungendreſcher verwandelt!— Ha, Sir, Sie ſind beleidigt, Sie halten meine Zunge für ge⸗ mein und zügellos! Sie würden die Vorrechte der Pairs⸗ würde des Onkels Ihres leichtſinnigen Bekannten, des jungen Wilberton, gegen den Geldverleiher anführen.“— (Wieder prallte Baſil zurück.)„Aber wenn Sie länger ge⸗ lebt haben werden, werden Sie zu denſelben Schlüſſen kommen. Und jetzt guten Abend, Herr Baſil Annesley! Denn wir ſind jetzt dem Glouceſter Kaffeehaus gegenüber, worin Ihre bis an den Ellenbogen unklugen Freunde, die Maitlands, ſchwelgen!— Guten Abend! Es würde mir ſo leid wie Ihnen ſelbſt ſein, Sie der Schande ausſetzen zu müſſen, unter demſelben unwürdigen Regenſchirme mit ſolch' einem Barrabas wie A. O. erblickt zu werden!“— Neuntes Kapitel. Es iſt ſchwer für denjenigen, welcher noch ganz unſchuldig und frei von aller Ziererei — iſt, der Gemeinheit zugeſellt zu ſein. Steele. Baſil Annesley war gerade im Begriffe, nach dem Diner in das Rauchzimmer ſeines Klubbs zu treten, als der Bote, welchen er mit einigen Zeilen an Verelſt 156 geſchickt hatte, zurückkehrte und ein Billet von Salome brachte, worin ſie ihn benachrichtigte, daß ihre Mutter nicht nur wieder ganz wohl ſei, ſondern daß ſie auch auf der An⸗ nahme ihrer Einladung zu Madame Branzini beſtehe. Indem er augenblicklich ſich einen Genuß verſagte, zu dem er nur dann ſeine Zuflucht nahm, wenn er wußte, daß er nicht bald darauf in einer weiblichen Geſellſchaft zu erſcheinen habe, eilte Baſil ſo ſchnell wie möglich in ſeine Wohnung, um ſich anzukleiden. In wenigen Momenten war ſein Herz, welches durch die Zuſammenkunft mit dem rauhen Abednego ſchwer gemacht worden war, wieder ſo leicht wie ein Vogel. Einen ganzen Abend in Eſther's Geſellſchaft, einerlei wo, zubringen zu können, war bis jetzt noch die herrlichſte Ausſicht, die ihm die Welt bieten konnte. Außer dieſer gewaltigen Anziehungskraft hatte das Haus, in welchem er erſcheinen ſollte, wenig Reize für ihn. Der Gemahl von Madame Branzini war der neapolitaniſche Conſul, und ſeine Geſellſchaft beſtand größtentheils aus Fremden; denn obgleich die höchſte diplomatiſche Klaſſe in den erſten engliſchen Geſellſchaften herzlich willkommen iſt, ſo iſt doch nichts ſo ſchwer für Fremde, als in einem Lande zu leben, das ſich brüſtet, alle Sprachen zu ver⸗ ſtehen, das aber blos die ſeinige ſpricht. Es liegt nun natürlicher Weiſe ein Hang in den Perſonen, welche ſich ausſchließlich in den hohen Zirkeln bewegen, denjenigen, deren Geſichter ihnen nicht bekannt find, verächtlich zu begegnen. Die große Welt iſt von ſo kleinem Umfange, daß jedes ihrer Mitglieder dem andern entweder perſönlich, oder durch Empfehlung bekannt iſt; und in dem Augenblicke, in welchem ein fremdes Geſicht unter der privilegirten Menge erſcheint, wird es mit Argwohn betrachtet. In dem Hauſe des neapolitaniſchen Conſuls waren alle Geſichter für Baſil Annesley fremd. Ein oder zwei⸗ mal hatte er Madame Branzini's Zirkel ſchon beſucht, ohne 157 daſelbſt eine einzige Perſon zu finden, die er je vorher ge⸗ ſehen hatte, und unter dieſen befanden ſich nicht über drei oder vier, welche ſeiner Sprache mächtig waren. Es war indeſſen auch Vieles vorhanden, was ihn mit dieſer Fremdheit ausſöhnte, und ein mit der Abgeſchmackt⸗ heit der ſchönen Welt bekannter Mann möchte die groͤßte Erleichterung darin gefunden haben, anſtatt der bleichen und verwelkten Geſichter der modernen Schönen, die reine, glühende Schönheit der ſüdlichen Damen zu ſehen; deren freie und anmuthige Sitten bis jetzt noch den con⸗ ventionellen Geſetzen des formellſten Landes der Welt unterworfen waren. Italiener und Spanier beſuchten Branzini's Haus, welcher viele Jahre in Cadiz als Conſul der beiden Sicilien functionirt hatte; ein Umſtand, welcher das dun⸗ kele und ſonnengebräunte Ausſehen der meiſten Männer erklärte, die Baſil in dem Geſellſchaftszimmer verſammelt fand, und welche für ſein Londoner Auge ſehr viel Aehn⸗ lichkeit mit Opernſängern oder franzöſiſchen Friſeuren hatten. Obgleich ſeine Erziehung in Deutſchland ſeine Anſichten in dieſer Beziehung etwas milderte, ſo hatte doch die öffentliche Schule und die Garde ihm nicht in gerin⸗ gem Maße das Vorurtheil des Mannes aus der Stadt eingeflößt, daß jedes Weſen mit Kleidern und Sitten, die von dem ſeinigen abweichen,„Ein Tiger,“ ſein müſſe. Alle Gäſte der Madame Branzini waren dem zu Folge Tiger für Annesley, wenn auch unter denſelben kaum ein einziger war, der nicht durch irgend ein Talent oder einen Vorzug ausgezeichnet wurde, der ihm einen Namen von groͤßerer Wichtigkeit als dem des Königs oder Kaiſers verlieh. Die meiſten von ihnen waren Gelehrte oder ausgezeichnete Künſtler, welche dem Conſul Empfeh⸗ lungsbriefe aus Ländern gebracht hatten, wo ihre Talente ihnen jene Auszeichnungen verſchafften, die England Män⸗ ner von Genie nur ſelten zu Theil werden läßt. Die Form ihrer Bärte, der Schnitt ihrer Kleider N 158 und die Art ihrer Begruͤßungen ließen ſie dennoch Bafil unendlich lächerlich und abgeſchmackt erſcheinen, und er war höchſt ärgerlich, bei ſeinem Eintritte in das Zimmer einige jener fremden Kameraden Verelſt's ſchönen Töch⸗ tern den Hof machen zu ſehen. Dann kam noch die kränkende Betrachtung, daß dies die natürliche Sphäre für Eſther ſei, und daß ſie, ſelbſt wenn dieſe olivengetränkten Weſen Opernſänger wären, zu denen er ſie ſo ſchnell machte, doch zu derſelben Ge⸗ ſelſchaftorlaßß gehören würden, wie das Mädchen, welches er liebte. Wer konnte jedoch den wohlgeformten Kopf, jene griechiſchen Züge und jene herrliche Geſtalt, an der jede Bewegung nur Anmuth war, anſtaunen, und ſie für eine andere als die vornehmſte Klaſſe der Geſellſchaft geſchaffen glauben?— Nein! ſolche Mädchen wie die Maitlands waren nimmer würdig, Eſther die Schuhriemen auf⸗ zulöſen.. Sie war in der That ein Weſen höherer Art. Seltene geiſtige Schönheit diente dazu, ihre ſeltenen perſönlichen Reize zu heben und zu beherrſchen. Trotz ihrer großen Gaben war des Mädchens Seele ſo demüthig und ſchüch⸗ tern, als wenn ſie nicht einen einzigen perſönlichen Vorzug beſitze. Aus Furcht zu fehlen, war ſie zufrieden, beſtändig im Schatten bleiben zu dürfen. Nach ihrer Meinung war ſie weniger als nichts, und ihr Hauptbeſtreben im Leben war, die Aufmerkſamkeit anderer ſo wenig zu beſchäftigen, wie ſie die ihrige be⸗ ſchäftigte. Niemals lebte ein weniger ſelbſtſüchtigeres Weſen auf Erden! 3 8 Wenn nicht die leidenſchaftliche Zärtlichkeit ihrer Schweſter geweſen wäre, die in ihren Talenten und Rei⸗ zen ſchwärmte, möchte es Eſther öfters gelungen ſein, da überſehen zu werden, wo eingebildete Mittelmäßigkeit mit Lorbeeren bekränzt wurde. Salome dachte jedoch für ſie, fühlte für ſie, handelte für ſie, war eitel füͤr ſie und be⸗ 1 ſtand darauf, daß ſie gehört und geſehen wurde, wenn ſich Eſther lieber in eine dunkele Ecke zurückgezogen hätte. Salome gab ſich die Mühe, ſie, ſo weit es ihre be chränk⸗ ten Mittel erlaubten, dem Charakter ihrer Schöͤnheit ent⸗ ſprechend zu kleiden, und da ihrer Schweſter guter Ge⸗ ſchmack dieſe äußerſten Bemühungen auf ein gut gemachtes Mouſſelinkleid beſchränkte, und ihre ſchönen ſchwarzen Haare nach irgend einer antiken Büſte ordnete, leiſtete die ſanfte Schweſter keinen Widerſtand. Sie hielt es ſelten der Mühe werth, ſich, nachdem das Werk ihres zärtlichen Kammermädchens zu Ende war, in dem Spiegel zu be⸗ ſehen. In ihrer Familie geliebt und der Freundſchaft deſſen gewiß, den ſie über aͤußere Reize erhaben glaubte, war es ihr gleichgültig, ob ihr Kleid ihr minder oder mehr als gewöhnlich anpaſſe. Dieſe gänzliche Anſpruchsloſigkeit von Eſther war es, welche ihren Reiz ausmachte. Diejenigen, die man nicht mit ſich beſchäftigt ſieht, ſind die erſten, welche die Aufmerkſamkeit anderer erregen; denn Eitelkeit iſt eine ſo allgemeine Schwäche, daß wir lieber die Geſellſchaft derer ſuchen, deren Aufmerkſamkeit uns zu Dienſten zu ſtehen ſcheint. Sie war eine geduldige Zuhörerin, eine nachſichtige Geſellſchafterin, und Alle, welche, in der Ferne von ihrer auffallenden Schönheit und ihrem lieblichen Geſange hin⸗ geriſſen geweſen waren, wurden bei einer nähern Bekannt⸗ ſchaft noch weit mehr entzückt, da ſie fanden, daß das ſo reich begabte Weſen ſo wenig aus ſich ſelbſt, und ſo viel an die Gefühle anderer Leute dachte. So ſehr Baſil dieſe gänzliche Selbſtverläugnung an ſeiner lieblichen Eſther ſtets bewundert hatte, glaubte er doch, ſie gehe zu weit, als er ſie einem ſeltſam ausſehen⸗ den Manne bei Madame Branzini aufmerkſam zuhören ſah, der mit lebhafter Bewegung italieniſch zu ihr ſprach. „Als er ihnen gegenüber ſtand und voll Ungeduld die Artigkeiten ſeines Wirthes anhoͤrte, ärgerte er ſich im Stillen über ihre große Geduld. Er war der Ueberzeugung, daß der braune, bärtige Fremde nach Cigarren und Knoblauch rieche, und als er gegen Eſther lächelte, und ſie ſein Lächeln erwiederte, hätte Baſil den Kameraden auf der Stelle niederſtoßen mögen! Verelſt ſaß mittlerweile an einem Piket⸗Tiſch mit einem großen Naturforſcher, ſeinem Landsmann; und Annesley hatte deshalb keine Mittel, ſich nach dem Namen jenes verhaßten Fremden zu erkundigen. Er hatte oft Verelſts zurückgezogenes Leben, als für die Mädchen nach⸗ theilig und entmuthigend, getadelt. Er ſah jetzt ein, daß ſie nicht zu viel zu Hauſe ſein könnten. In einer ſolchen Geſellſchaft zu ſein, wie ſie bei Madame Branzini fanden, war ſchlimmer als gar keine.* „Solche Geſellſchaft!“— Warum ſolche?— Was wußte er denn von dieſen Fremden?— Kannte er ihre Stellung, ihre Sitten und ihre Sprache. Nein! aber er hatte des Engländers Vorrecht angenommen, Alles zu verachten, was nicht genau mit ſeinem Nationalmodell übereinſtimmte.. Während Annesley in den Tiefen ſeines Herzens ſei⸗ nem unbeſiegbaren Abſcheu Gehoͤr gab, war Eſther im Begriffe, Madame Branzini’'s und ihres olivenfarbigen Freundes Bitte zu erfüllen und etwas zu ſpielen. Als ſie nahe an ihm vorüberging, um ihren Platz am Piano an⸗ zunehmen, war Zeit für eine momentane Begrüßung. „Ich bitte, ſingen Sie doch den Geſang von heute Morgen nicht!“ ſprach Baſil in der Ueberzeugung, von ſeiner Umgebung nicht verſtanden zu werden. Es ant⸗ wortete ihm blos ein vorwurfsvoller Blick, der die Un⸗ möglichkeit einer ſolchen Entweihung ausdrückte. Mit all dem Vorurtheile gegen die Perſonen, aus welcher Madame Branzini's Geſellſchaft zuſammengeſetzt war, die er, weil ſie nicht ebenſo wie die gute Geſell⸗ ſchaft ausſahen, mit der er bekannt war, als ſchlecht ver⸗ urtheilte, ſiel Baſil doch der Anſtand auf, mit welchem ſie 161 ſich ruhig verhielten, um der Künſtlerin, die nun im Be⸗ griffe war ſich zu ihrer Unterhaltung vernehmen zu laſſen, Auerkennung zu verſchaffen. In der Welt, in welcher er ſich bewegte, hatte er oft die unwillkürliche Miene der Verachtung bemerkt, mit der die unartigen Zuhörer dasjenige herabſetzen, was ſie hören. ſollten, und er hatte das Beſtreben wahrgenommen, durch ihre Bewegung und ihr Geflüſter den Vortrag zu unter⸗ brechen. Kaum ertöoͤnte jedoch Miß Eſther Verelſt's reine, melodiſche und kräftige Stimme, in den erſten Worten jenes ſchönen deutſchen Liedes„Thekla“, als eine ſo große Stille eintrat, daß man eine Stecknadel in der Verſamm⸗ lung hätte fallen hören können. Ihre Aufmerkſamkeit war nicht erheuchelt, ſondern aufrichtig. Sie horchten, um befriedigt zu werden und zu loben, nicht um Fehler zu entdecken, und nachher: „Einen Fehler zu rügen, Mißfallen zu zeigen,“ und als die zarte Sängerin den Schluß ihres Geſanges „Ich habe gelebt und geliebet!“ erreichte, ſchwoll jedes Herz in frohem Einklange mit dem herrlichen Vortrage der Sängerin. Seltſamer Weiſe fühlte ſich Baſil Annesley in jenem Augenblicke mehr geneigt, den Zuhoͤrern, als der Sän⸗ gerin zu applaudiren, als wenn ſie ihm ſelbſt eine Artig⸗ keit erwieſen hätten. Er fühlte ſich ihnen beinahe für ihre Aufmerkſamkeit gegen Eſther verpflichtet. Von jenem Momente an ſah Baſil die Geſeliſchaft in einem andern Lichte.— 4 Er hörte artiger auf die Worte des alten Branzini, und hatte ſelbſt die Güte, nach den Namen von zwei oder drei anweſenden ſchönen Damen zu fragen. Er erkundigte ſich ſogar auf Franzöſiſch(der Sprache dieſes und der meiſten fremden Häuſer) nach dem Namen des Gentle⸗ man, welcher Eſther an das Inſtrument geführt hatte. „Der Herzog von San Catalda,“ lautete die Anwort. „Ein Chevalier d'industrie, ohne Zweifel!“ ſprach Der Geldverleiher. J. 11 162 er bei ſich ſelbſt; als er aber um ſich herblickte und die Geſandtſchafts⸗Sekretäre und Attachés der Neapolitaniſchen Diplomatie bemerkte, hielt er es für unmöglich, daß eine Perſon, beſonders ein Landsmann von ihm, in das Haus des ehrwürdigen Conſuls eingeführt werden würde, der nicht ganz achtungswürdig ſei. Er fing nun an für den Beffall, welcher Eſther von der Geſellſchaft gezollt wurde, minder dankbar zu ſein. In einigen Hinſichten hatte Baſil die Wunderlichkeit eines verzogenen Bräutigams. Das abgeſchiedene Leben der Verelſt's bewahrte ihn vor den gewoͤhnlichen Qualen und der Eiferſucht der Liebe. Er durfte kommen, wann er wollte, oder ſich nach Belieben entfernen, ſo war er gewiß, das liebliche Mädchen auf ihrem gewoͤhnlichen Platze, bei ihren Beſchäftigungen zu finden; und er wußte beſtimmt, daß ſich ihre Gedanken, Blicke oder Worte ſeit ihrem letzten Zuſammenſein keinem Weſen zugekehrt hatten, das geeig⸗ net geweſen wäre, ihn zu beunruhigen. Es erregte ein Bangen in ſeinem Herzen, das er ſeit der Scene im Thea⸗ ter nicht mehr gefühlt hatte, andere Augen auf ihre Schönheit gerichtet zu ſehen und Andern Artigkeiten in ihr Ohr flüſtern zu hören; irrgeleitet und unglücklich überzog fah eines der ſchönſten menſchlichen Geſichter mit Un⸗ muth. 4 „Unſere Freunde ſind jetzt alle verſammelt,“ bemerkte Madame Branzini, nachdem ſie freundlich auf die ver⸗ ſchiedenen, in lebhafte Unterhaltung verwickelten Gruppen ihrer Geſellſchaftszimmer geblickt hatte,„und wir wollen nun den König ziehen!“ An die Formen gewöhnt, welche in allen Weihnachts⸗ geſellſchaften dieſen unſterblichen Gebrauch begleiteten, war Baſil überraſcht, nichts von den mit Bonbons und De⸗ viſen bedeckten Kuchen zu ſehen, welche die Kinderſtube in allen wohlhabenden engliſchen Familien gewoͤhnlich für das Ende des Januars krank machen. Sein Erſtaunen ſtei⸗ gerte ſich jedoch noch mehr, als er, da die ſchönen Kinder von Madame Branzini, allgemein aufgefordert, die Cere⸗ monie anzufangen, behaupteten, daß der gäteau des rois zu ſchwer ſei, um ihn ohne die Hülfe ihrer theuern Eſther und Salome herumtragen zu können, die Verelſts munter helfen ſah, einen großen uneßbaren Fladen den Gäſten der Reihe nach herumzureichen, von dem jeder anweſende Gent⸗ leman ein Stück abſchneiden mußte. Als dem Fremden der Geſellſchaft wurde Annesley zuerſt die Ehre; und die kleine Thereſia und Ceſarino Branzini erhoben einen lauten Jubel, da nach Unterſuch⸗ ung dieſes Stücks Fladen ſich keine Bohne zeigte; indem das Königſein durch das glückliche Loos entſchieden wurde, eine Bohne zu erhalten, welche bei Fertigung des Kuchens in den Teig kam. Jung und Alt mußte ſich nach und nach dieſer Mühe unterziehen; und jedes neue Fehlſchlagen war von lautem Gelächter begleitet. Für Baſil ſchien es jedoch unmög⸗ lich, dieſe Froͤhlichkeit zu theilen. Er war ganz außer ſich zu bemerken, daß während die Aufmerkſamkeit des Prä⸗ tendenten auf das Stuͤck Kuchen gerichtet war, welches er eben abſchnitt, die der Zuſchauer ſich den beiden anmuthi⸗ gen Geſtalten der Trägerinnen zukehrte, die beide würdige Modelle für einen Bildhauer geweſen wären. Es überraſchte ihn nicht, ſo übel war ſeine Laune, als man erklärte, der Antheil des Herzogs von San Ca⸗ talda enthalte die Bohne! Er hatte es ſo erwartet! Er war der Ueberzeugung, daß es eine Sache der Bevorzugung und Partheilichkeit ſeiz und dies um ſo mehr, da der Herzog ſein ſchönes Geſicht vor Freude ſtrahlend Eſther endhe und ſie erſuchte, ſeine Koͤnigin für dieſen Abend zu ſein! Alllgemeine Acclamation folgte. Baſil Annesley ſah ſich genöthigt, mit den Uebrigen ſeine Huldigungen den beiden Majeſtäten darzubringen, welche der Sitte gemäß ihren Hofſtaat und die Großwürdenträger der Krone er⸗ nannten. Er war mehr ärgerlich als erfreut, als Eſther, 164 nachdem ſie die kleine Thereſia und ihre Schweſter zu ih⸗ ren Hofdamen, Ceſarino zu ihrem Pagen, und einen al⸗ ten, luſtigen Gentleman, Namens Clary, Geheimſchreiber der franzöſiſchen Geſandtſchaft, zu ihrem Almoſenier er⸗ nannt hatte, ihn zu ihrem Chevalier d'honneur er⸗ wählte. Wenige waren in der Geſellſchaft, die nicht ſtolz geweſen wären, Eſthers Kämpfer ſein zu dürfen. Doch Baſil, deſſen Herz von der kürzlich erlittenen Qual, das Weib, welches er liebte, in vertrautem Verkehr mit An⸗ dern zu erblicken, bewegt war, würde dieſe Auszeichnung gerne zurückgewieſen haben. Er war nicht länger der Annesley ſeiner kindlichen Tage in der Neckarſtraße von Heidelberg! Er war zu ſehr Weltmann geworden, um ſich bei einer Poſſe zu vergnügen. Die Meiſten der Ge⸗ ſellſchaft zählten doppelt, ja dreifach ſeine Jahre; er war jedoch die einzige Perſon, die zu alt war, um mit Scher⸗ zen Nachſicht zu haben. 3 Vielleicht weil er der einzige anweſende Engländer war, der die Elaſticität des Geiſtes, welche Fremde in jeder Periode ihres Lebens zwiſchen der Wiege und dem Grabe, für das Vergnügen empfänglich macht, in un⸗ ſern eigenſinnigen Naturen nur mangelhaft, oder unglück⸗ licher Weiſe ganz verwiſcht iſt. Das disipere in loco iſt ein Vergnügen, wofür Zeit und Raum im britiſchen Reiche gewöoͤhnlich fehlen. Dies war jedoch nicht bei den Verelſt's der Fall. Vollkommen bekannt in einem Hauſe, wo ſie ſeit zwei Jahren ihre wenigen Erholungsſtunden zugebracht hatten (während welchen Salome den Kindern Unterricht in der deutſchen Sprache gab) überließen ſie ſich mit ihren klei⸗ nen Schülerinnen dem Frohſinn des Augenblickes. Voll Freude über die Anweſenheit des Gegenſtandes ihrer Liebe, von dem ſie einige Tage getrennt geweſen war, glühten Eſther's Wangen in ungewöhnlicher Röthe, als ſie mit dem Herzog ihren Plaz in den beiden Arm⸗ „Das kann vielleicht ſein, aber nicht gerade jene Copie.“ „Ganz gewiß nicht. Denn ſie iſt ſchon ſeit hundert Jahren in unſerer Familien⸗Bibliothek.“ „Sie gebrauchen den Ausdruck: hundert Jahre im bildlichen Sinne,“ bemerkte Verelſt. „Da mein eigenes Alter ſich nicht auf ein Viertel dieſes Zeitabſchnittes beläuft, kann ich unmöglich perſön⸗ liche Beſtätigung geben,“ entgegnete Baſil lächelnd.„Aber die Bücher meiner Mutter, welche zu meines Vaters Sammlung nicht gehörten, ſind wahrſcheinlich aus der ihres Vaters, des verſtorbenen Lord's C....“ „Lord C....!“ rief der Maler und ergriff Annes⸗ ley's Aermel wieder.„Sie werden damit nicht ſagen wollen, daß Sie der Enkelſohn jenes Mannes ſind?“ „Kannten Sie ihn vielleicht?“ fragte Baſil auswei⸗ chend.„Er war, ſo viel ich weiß, mehr als einmal als Geſandter an verſchiedenen deutſchen Höfen!“ Verelſt ſchwieg, in Nachdenken verſunken. „Waren Sie mit meinem Großvater bekannt?“ ſprach Annesley wiederholt, in der Hoffnung, eine Ant⸗ wort zu erhalten. 3 „Ich ſah ihn niemals. Lord C.... war beim Ausbruche der franzöſiſchen Revolution als Geſandter in Wien.— Ich war zu jener Zeit noch ein Kind.— 4 „Darf ich fragen,“ entgegnete Baſil,„welches be⸗ ſondere Intereſſe Sie mit der Copie von Hollar ver⸗ knüpfen 2—ℳ „Fünf Minuten früher würde ich Ihnen ohne Zu⸗ rückhaltung geantwortet haben,“ fuhr Verelſt mit einer vor Bewegung zitternden Stimme fort.„Jetzt muß ich überlegen. Unerforſchlich ſind die Wege der Vorſehung!“ ſtammelte der Künſtler nach einer Pauſe von wenigen Minuten.„Daß ich dasjenige, was mir theurer als mein Leben iſt, die Wohlfahrt meiner Familie, dem Enkelſohne des Lord C. verdanken ſollte! Aber dies hat hier 4 167 nichts zu thun!“ ſprach er und unterdrückte ſeine Worte. Und auch Baſil wurde durch die tiefe Erſchütterung des grauhaarigen Künſtlers zu ſehr bewegt, um mit ſeinen Fragen fortfahren zu können. Glücklicher Weiſe wurde er in dieſem Augenblick auf⸗ gefordert, ſeine Pflichten als Ehrencavalier der Bohnen⸗ königin zu erfüllen, als welcher er den ganzen Abend hindurch zu dienen gezwungen wurde. Trotz dem Vielen, was Baſil Annesley in ſeiner eiferſüchtigen Laune an der heitern und harmloſen Einfachheit von Madame Branzini's Geſellſchaft auszuſetzen gefunden hatte, würde er doch gerne den Abend wieder von vorne angefangen haben, als er, nachdem er von Verelſt's an der Thüre ihres eigenen Hauſes Abſchied genommen, an die er ſie ſorgfältig be⸗ gleitet hatte, der glänzenderen Wohnung der Lady Mait⸗ land zueilte. Die Geſellſchaft, welche er in Arlington Street ver⸗ ſammelt fand, war an Zahl und Vertraulichkeit wie die bei dem Conſul; auch waren Maitlands und ihre Freunde nicht minder geſprächig und heiter; aber ſie waren es auf ihre eigene Weiſe. Die Unterhaltung dieſes brillanten Zirkels beſtand im Klatſchen, und ihre Luſt im Spotte. Die Hauptquelle ihrer Froͤhlichkeit war, den alten Carrington, oder irgend ein anderes Stichblatt beſtändig zu necken, und da der Oberſt zufällig nicht anweſend war, als Annesley eintrat, waren ſie nur zu glücklich, ihn mit Scherzen zu be⸗ grußen, welche ihnen angenehmer, als ihm ſelbſt waren. „Wie kläͤglich er dieſen Abend ausſieht!“ rief John Maitland, und ſtreckte dem neuen Ankömmlinge einen Fin⸗ ger entgegen, ohne ſich jedoch von dem Sopha zu erheben, auf welchem er neben einer kühnäugigen Dame von einem gewiſſen Alter ſchmachtete.„Ich fürchte, Naney,(ein Spottname, den ihm ſeine Kameraden wegen ſeines bart⸗ loſen Ausſehens bei dem Eintritte in das Regiment gege⸗ ben hatten.)„Ich fürchte leider, Sie haben ſich erkältet!“ 168 „Im Gegentheil, es iſt in Barlingham beinahe um einen ganzen Grad wärmer, als in London,“ entgegnete Baſil, indem er dieſen einfältigen Witz auf ſeinen Landaufenthalt bezog. 30,Sin ſchallendes Gelächter war die einzige Antwort auf ſeine Erklärung. 5 „Nichts von Ihren Ausflüchten, mein ſchöner Freund!“ ſchrie John Maitland.„Hierher! Blencowe— Blencowe! — Ich ſage, Annesley, daß ich fürchte, er habe ſich die⸗ ſen Morgen bei dem Regen erkältet, und er möchte mir mit dem Thermometer ſeiner Mutter ausweichen!“ Capitän Blencowe auf dieſe Art aufgefordert, nahm die Ecke des Sopha's in einer etwas artigeren Stellung ein, als die ſeines Freundes war. „Ich hielt mein Thun und Treiben kaum von ſo hin⸗ reichender Wichtigkeit,“ ſprach Baſil etwas erbittert,„daß Sie wüßten, daß ich eine halbe Stunde nach meiner An⸗ kunft in der Stadt einen naſſen Spaziergang machte.“ „Und in ſolcher Geſellſchaft!“ fuhr Maitland fort, „Arm in Arm mit einem alten Bettler unter einem baum⸗ wollenen Regenſchirmel.. ℳ „Reste à savoir,“ rief die Dame mit den kühnen, glühenden Augen,„welcher von beiden gewährte dem an⸗ dern Gaſtfreundſchaft!“ „Wenn es Sie intereſſirt,“ ſagte Baſil in der Ueberzeugung, daß es das beſte Mittel ſei, einen Spaß⸗ vogel zu entwaffnen, ihm halbwegs zu begegnen;„wenn es Sie intereſſirt, der baumwollene Regenſchirm war das Eigenthum meines Gefährten, und ich hielt ihn wirklich für ein beneidenswerthes Eigenthum bei ſolch' abſcheulichem Wetter!“ 5 „Er ſpricht ſo ehrerbietig von ihm, als wenn der alte Gentleman ſein Großvater wäre!“ rief John Maitland. „Ich wußte nicht, daß Naney einen Großvater habe — nämlich noch am Leben, meine ich.(SIch wollte nicht — 169 die Eulenſpiegel von Bonnwell parodiren.) Ohne Zweifel weiß ich, daß es einmal einen Lord C— gab, und ver⸗ muthe, daß ein Sir Bernhard Annesley nicht von einem Schmelztiegel erzeugt wurde,“ entgegnete Capitän Blen⸗ cowe, indem er in der Ferne die Ungeduld beobachtete, 1 mit welcher Lucie Maitland Annesley's Erloͤſung aus den Händen ihres Bruders erwartete. „Der alte Bettler, welcher Ihre Neugierde zu erre⸗ gen ſcheint,“ ſprach Baſil mit einigem Nachdrucke,„war kein Verwandter von mir, ſondern einfach eine Perſon, die mich verpflichtete, weil ſie mir Schutz gegen den Regen bot... 7 „Von South Andley nach St. James's Street!“ unterbrach ihn Blencowe. „Bon South Andley nach St. James's Street!“ wiederholte Baſil kaltblütiger, und dies um ſo mehr, als er ſich bewußt war, leidenſchaftlich zu werden. „Wenn es kein Verwandter von Ihnen iſt, iſt er dann vielleicht ein Verwandter der ſchönen Jüdinnen?“ fuhr Maitland fort, auch etwas ärgerlich, da er fand, daß ſeine Scherze ihren Zweck verfehlten.“ „Was für ſchöne Jüdinnen?“ fragte Baſil.„Ich ſollte denken, Ihre Bekanntſchaft mit den Juden ſei ſo ausgedehnt wie die meinige.“ „Ich würde mich äußerſt glücklich ſchätzen, die meinige mit der lieblichen Eſther mehr befeſtigen zu können,“ ent⸗ gegnete Maitland,„aber Sie und Carrington, oder viel⸗ mehr Carrington und Sie kommen mir zuvor.“ „Wenn Sie auf Miß Verelſt anſpielen,“ ſprach Baſil ernſthaft,„ſo habe ich Ihnen ſchon ein⸗ oder zweimal ge⸗ ſagt, daß ſie ſo viel eine Jüdin ſei, wie Sie ein Chriſt; das iſt bloß dem Namen nach. Ich bin jedoch erſtaunt, Maitland, daß Sie ſo von einer Dame ſprechen, die Sie ſich als Lehrerin Ihrer Schweſtern in das Haus Ihrer Mutter einzuführen bemühen.“ „Hoͤrt, hört, hört, hört, hört!“ rief Maitland mit — 170 einer Stimme, welche die Aufmerkſamkeit der ganzen Ge⸗ ſellſchaft erregte.„Hier geſteht Naney mit unvergleichlicher Keckheit, daß er, obgleich erſt einige Stunden in der Stadt, bereits den Secretär geſpielt und die Engagements der ſchönen Eſther, des Opernmädchens, geprüft hat.“ „ Gibt es ein Opernmädchen mit dem Namen Eſther?“ fragte Wilberton, welcher, da er ſoeben von der Omnibus⸗ Loge gewahlt worden war, ſich verpflichtet fühlte, zum Herrn der Künſte und Wiſſenſchaften derſelben ſich zu machen. „Ich glaube nicht!“ entgegnete Bafil, indem er kämpfte, ſich zu beherrſchen;„gewiß nicht in der Perſon der jungen Lady, von welcher Maitland ſpricht.— Da er doch geneigt ſcheint, ſich mit jedermanns Angelegenheiten, nur mit ſeinen eigenen nicht, zu beſchäftigen, wundere ich mich, daß er keine beſſere Aufklärung erhielt.“ „Mein lieber Nan!— Ich bin überzeugt, daß der alte ſchäbige Kamerade mit dem Regenſchirm, den Sie Blencowe in Piccadilly führen ſah, ein naher Verwandter iſt, ſonſt würden Sie ſich nicht ſo ärgern, bei ihm geſehen worden zu ſein!“ rief der junge Maitland, indem er vom Sopha aufſprang und Annesley ſcherzend auf die Schul⸗ ter klopfte.. „Wenn Blencowe mich mit beſagtem Individuum ſah,“ ſchrie Baſil ganz außer Faſſung,„ſo ſtaune ich, daß er keinen genauern Bericht erſtattete, da er den Fremden doch ſchon lange vor mir kannte!“.— —„Ein Bekannter von Blencowe?“ ſprach John Mait⸗ land, während Loftus, Wilberton und verſchiedene andere ſich um die beiden Sprecher ſammelten, da ſie aus dem Tone der Parteien ſchloßen, daß ein ernſtlicher Streit auszubrechen drohe. 4. —„Ein Bekannter von Blencowe!“ wiederholte Baſil Annesley,„und ein Bekannter von den meiſten hier anwe⸗ ſenden Herren, indem er kein Anderer als der furchtbare „ A. O. war!“ 171 Das Schweigen der Beſtürzung bemächtigte ſich plötz⸗ lich des leichtſinnigen Zirkels. Unbekannt mit der peinlichen Scene in Arlington Street, welcher während ſeines Landaufenthaltes Lady Maitland's Freunde beigewohnt hatten, war Baſil gänzlich außer Stande, die Verwirrung zu deuten, welche von einer Erklärung herzurühren ſchien, die ihm durch die Verfol⸗ gung der Spötter abgedrungen wurde, welche er nicht im Geringſten beabſichtigte wieder zu kränken. Zum erſtenmal ſah er eine ſolche allgemeine Beſtür⸗ zung aus der bloßen Erwähnung des kabaliſtiſchen Namens A. O. entſtehen. Zehntes Kapitel. —— nicht darum Ward gemeiner Thon genommen von gemei⸗ ner Erde 4 Und von Gott, umit Engelsthränen einſt be⸗ t netzt, Geformt zur herrlichen Geſtalt des Menſchen. Tennyſon. Am folgenden Morgen begab ſich Baſil vielleicht durch die Neugierde getruben, Saf als moglich zu 3 fahren, was von Eſther und Salome hinſichtlich des Her⸗ zogs von San Catalda geſagt werde, bis an das Kinn in einen Pelz gehüllt, auf den Weg nach South Andley Street, denn er hatte ſich gegen den beißenden Wind des Jänners zu ſchützen, weil dem Regen des vergangenen 172 Abends ein ſtrenger Froſt gefolgt war. Er fühlte ſich be⸗ rechtigt, ſich nach dem Befinden der Mrs. Verelſt zu er⸗ kundigen. Als er aber das Haus erreichte, wurde ihm dieſes Recht ſtreitig gemacht; denn, wie wenn ſein Beſuch voraus⸗ geſehen worden wäre, legte die Magd, welche die Thüre öffnete, ein Packet in ſeine Hände und benachrichtigte ihn, daß die jungen Damen ausgegangen, Herr und Mrs. Ve⸗ relſt aber beſchäftigt ſeien. Dieſe Nachricht trieb Baſil das Blut in die Wangen. Es war das erſtemal, daß er Urſache fand, ſeine Beſuche, hier oder wo anders, für zu häuftg zu halten. Er hatte ſich noch nicht weit von der Thüre entfernt, als es ihm beifiel, daß das Packet in der Taſche ſeines Oberrocks, welches augenſcheinlich aus dem Bande beſtand, den er in der vergangenen Nacht bei Verelſt zurückgelaſſen hatte, eine erläuternde Note enthalten könne. Er ging daher in die Nebenſtraße, auf die der Kapelle entgegenge⸗ ſetzte Seite, wo er vor Beobachtung ſicher war, und öffnete das Packet. 5 Es enthielt blos einige wenige, und noch dazu kalte und trockene Zeilen von Verelſt.„Ich gebe Ihnen das Buch zurück und bedaure von Herzen, daß Sie verleitet wurden, es zu bringen.“ Sie waren mithin ein neuer Grund des Aergers und der Verlegenheit. Er hatte offen⸗ bar die beleidigt, denen er ſein ganzes Leben geweiht hatte, um ihnen zu dienen und gefällig zu ſein; und dennoch konnte er ſich die Urſache ihrer Empfindlichkeit nicht ent⸗ ziffern. Ehe er das Packet wieder in ſeine Taſche ſteckte, ſah er ſich veranlaßt, durch einen unwiderſtehlichen Drang ge⸗ trieben, die Inſchrift noch einmal zu prüfen, welche die Aufmerkſamkeit der Familie des Künſtlers ſo eigenthümlich auf ſich gezogen hatte. Seine Neugierde richtete ſich daher hauptſächlich auf den Umſtand, daß, wie er ſah, die Buch⸗ ſtaben: A. O. genau mit derſelben Handſchrift geſchrieben ——ÿ— ¹ 173 waren, welche ſeine Communicationen mit Abednego Oſaley enthielten.— Was mochten ſie hievon halten? Er erinnerte ſich, daß das Buch in dem Beſitze ſeiner Mutter war, ſo lange er ſich denken konnte. In welcher frühern Epoche konnte es Eigenthum des Geldverleihers geweſen ſein? Daß es, nachdem es dieſes geweſen, in die Hände eines Andern uͤbergegangen ſein ſollte, war nicht ſehr zu wundern, weil ein Menſch mit den habgierigen Neigungen Abednego's ſehr leicht über alles und jedes ihm gehorende verfügte, wenn es eine Rückſicht erforderte. Daß er aber in früheren Jahren ein Käufer oder Verkäufer geweſen und daß ſo ein ihm gehöriges Buch in den Beſitz des verſtorbenen Lord C=—, der, wenn er noch lebte, achtzig Jahre alt ſein würde, übergegangen ſei, ſchien unwahrſcheinlich. Als Baſtl das Buch wieder in ſeine Taſche geſteckt hatte, durchkreuzten ſeltſame Vermuthungen ſein Gehirn, und er ſchämte ſich, ihnen eine beſtimmtere Form zu geben. Er hatte immer eine Art geheimnißvollen Schreckens vor Leuten von dem Volke und von dem Rufe Abednego's in ſich bewahrt, und obwohl er die Verſicherung eines andern, daß er ſeinen Greek⸗Street Freund für den ewigen Juden halte, mit Zorn zurückgewieſen haben würde, ſo kam ihm doch unwillkürlich der Ausſpruch in den Sinn: „Du ſollſt nun auf Erden wandern, bis ich wiederkehre!“ „Wenn ich die freundſchaftliche Anleitung bedenke, welche mir der alte Burſche geſtern ertheilte, als wir Abends durch den Regen mit einander fortſchlenderten,“ ſprach Baſil zu ſich ſelbſt, indem er die nämliche Straße ging, die er ſo kürzlich Arm in Arm mit A. O. gegangen war,„wenn ich dieſe bedenke, ſo bin ich vollkommen be⸗ rechtigt, ihn als Freund zu betrachten und zu behandeln. Ich will alſo meinen Weg nach Greek⸗Street fortſetzen und ihn in beſtimmten Ausdrücken fragen, ob dieſes Buch jemals in ſeinem Beſitze geweſen ſei. Wenn er aber meine Zudringlichkeit zurückweiſen ſollte, was dann? Ich ſtehe nicht in ſeiner Gewalt; ich habe bereits meine Intereſſen in das Buch eingetragen. Er kann mir wohl eine rauhe Antwort geben, aber von einem ſo ſeltſamen Menſchen wie er, iſt eine rauhe Antwort leicht zu ertragen.“ Er ging daher nach der Greek⸗Street fort und bald fand er den Weg zu der wohlbekannten Thüre. Aber ein ungeheures Papier, welches an dem mittlern Fenſter des Speiſezimmers befeſtigt war, kündigte in großen gedruckten Buchſtaben: 5 Dieſes ausnehmend geräumige Haus iſt mit der Verbindlichkeit der Ausbeſſer⸗ ung zu vermiethen. Das Nähere iſt zu erfragen in 49 Delahay Street, Weſtminſter; jeden Tag von 12 bis 2. 3 „Wie reizend!“ war Baſil's unwillkürlicher Ausruf, als er da ſtand und den ſeltſamen Contraſt betrachtete, der zwiſchen der Weiße des Papiers— denn um es ſichtbar zu machen, waren die Scheiben gereinigt worden — und den übrigen inkruſtirten Fenſtern beſtand. Da das Haus eben ſo unbewohnt ſchien, wie zur Zeit ſeines erſten Beſuchs, ſo wollte er einen Verſuch machen, einzu⸗ treten; als er aber geraume Zeit ohne den mindeſten Er⸗ folg geklopft und geläutet hatte, glaubte er ſich überzeugt, daß der ſeltſame Eigenthümer es verlaſſen habe. Indem er in dieſer Hinſicht die Hoffnung aufgab, ſetzte er ſeinen Weg fort und entſchloß ſich, Delahay⸗Street am folgenden Tage zu der in der Bekanntmachung beſtimmten Stunde zu beſuchen. Er war noch nicht weit gegangen, als ein ſchnarrender Ton und eine Art von unruhiger Neugierde ihn beſtimmten, 175 ſeinen Kopf zurückzuwenden; er bemerkte, daß die Thüre des verodeten Hauſes ſich langſam öffnete und daß das Geſicht des ſchmutzigen alten Weibes herausblickte. In einem Augenblicke kehrte er wieder zurück, und da er das Auge auf die mürriſche Thürhüterin gerichtet hatte, ſo war es unmöglich, daß ſie ihm die Thuͤre vor ſeinem Angeſichte verſchloß. „Iſt Ihr Herr zu Hauſe?“ ſagte er. „Es wohnt niemand hier, außer mir,“ brummte das alte Weib.„Es war nicht mein Fehler, wenn ich nicht an der Thüre erſchien. Der Eigenthümer des Hauſes will keine Tare mehr für daſſelbe bezahlen, bis es vermiethet iſt, und er läßt mich hier blos unter der Bedingung leben, daß ich auf kein Klopfen und auf kein Läuten höre, und mich vor den Nachbarn nicht ſehen laſſe.“ „Herr Oſaley iſt alſo wirklich nicht zu Hauſe?“ fragte ſil. Die alte Frau zog ihre Augenbrauen zuſammen, wie wenn ſie ſich anſtrenge, ihn zu verſtehen; dann ſchob ſie den ſchmutzigen Flügel ihrer Haube zurück und drückte ihr liebes Auge zu, wie eine Perſon, welche ſchwer hört. „Ich habe gefragt, ob Herr Oſaley zu Hauſe ſei?“ „A. O. iſt in Nr. 49. Delahay⸗Street, Weſtminſter zu ſprechen,“ wiederholte ſie, wie wenn ſie den Eigen⸗ thümer des unbewohnten Hauſes unter einem andern Na⸗ men nicht kenne, oder nicht kennen wolle.„Ich würde einem Fremden nicht ſo viel ſagen; aber ich weiß, daß Sie fruͤher mit ihm zu thun gehabt haben, und ſo nehme ich keinen Anſtand.“ Baſil Annesley deutete auf die Anzeige am Fenſter, als erſpare ſie die Nothwendigkeit einer ferneren Mittheilung, und wünſchte ihr guten Morgen. 5 Als er ſeinen Weg nach der St. James⸗Street in einer ganz andern Laune als, die war, in welcher er drei Wochen früher denſelben Weg gemacht hatte, fortſetzte, konnte er nicht anders, er mußte mit unbeſchreiblicher Auf⸗ 176 regung an ſeine Zurückweiſung von der Thüre Verelſt's denken. Noch nie war er ſo begierig, ſo ſehnſuchtsvoll nach einer Zuſammenkunft mit Eſther geweſen. Er ver⸗ ſuchte den Sinn des Briefes des Künſtlers zu ergründen. Er ſuchte die Natur und den Stand ihres innigen Ver⸗ hältniſſes mit dem ſicilianiſchen Herzoge zu erforſchen. Er wollte ihr gerne ſagen, daß er ihren Blick nie ſo liebens⸗ würdig, ihren Geſang nie ſo ſchmelzend gefunden habe, als in der vergangenen Nacht, und er ſehnte ſich um ſo mehr darnach, als er nach den Gefühlen ſeines Herzens überzeugt war, daß ſo bedeutungslos eine ſolche Verſicherung andern Ohren erſcheinen möchte, dieſer Beifall für das Glück ſeiner theuern, ſchüchternen Eſther weſentlich ſei. Gleich den meiſten Männern ſeines Alters, wenn ſie leidenſchaftlich in Liebe erglühen, ſand Baſil Annesley wenig Erheiterung in irgend einem Vergnügen oder in irgend einem Geſchäfte, welches mit ſeiner Liebe nicht in einem entfernteren Zuſammenhange ſtand. Daher fand er ſich trotz ſeiner Abſicht, von Greek⸗Street gerade nach ſeinem Klubb zu gehen, in weniger als einer Stunde am Storey's⸗ gate und betrachtete den ſchmalen Eingang der Delahay⸗ Straße, in ſeinem Geiſte mehr erfreut, als es gewoͤhnlich bei einem Gange bei kaltem Wetter der Fall iſt. Er war bereits mit den exeentriſchen Gewohnheiten des Geldverleihers genugſam bekannt, daß er ohne uͤber⸗ raſcht zu werden gewahrte, daß das Haus, nach welchem er gewieſen worden, von einem eben ſo verfallenen Aus⸗ ſehen wie das war, welches er ſo eben verlaſſen hatte. Es war außer Zweiſel, daß die zahlreichen temporären Reſi⸗ denzen des Geldverleihers aus alten Häuſern beſtanden, die er auf Spekulation kaufte und ſo lange bewohnte, bis ſich eine günſtige Gelegenheit zeigte, dieſelben wieder aus ſeiner Hand zu geben. Das Haus in Delahay⸗Street viel geräumiger, als eines der Hauptgebäude, welche der Geld⸗ verleiher in Soho aufgegeben hatte, war allem Anſcheine nach viel melancholiſcher und viel baufälliger, als jene. 177 Es war von rothen Backſteinen, hatte fünf Fenſter in der Front, mit einer Art von Pilaſtern dazwiſchen. Dieſe Pi⸗ laſter waren gleichfalls von Ziegeln und hatten Capitäler von geſchnitztem Holzwerke, welche ein gewichtiges Karnieß trugen. Von dieſem war es zweifelhaft, wozu es beſtimmt ſei, obwohl es den Zweck hatte, die Laſt der Front des attiſchen Stockwerks zu unterſtützen, und vor Allem das ſpitzige, übelbefeſtigte Dach. „Wahrhaftig, eine ganz geeignete Höhle für den wun⸗ derlichen, alten Kautz!“ murmelte Bafil, als er ſich der Thüre näherte, zu welcher man, wie es bei den Häuſern Londons nicht gewöhnlich iſt, von der Straße aus eine Treppe hinabſteigen mußte, welche wahrſcheinlich nach der Vollendung des Hauſes gebaut worden war. Das Haus ſelbſt behielt eine Art ehrwürdigen, durch das Alter herbeigeführten Anſehens zwiſchen ſeinen moderniſirten Nach⸗ barn. Er ſchämte ſich faſt, ſich als ein Beſuch bei hellem Tageslichte an einer Thüre zu zeigen, welche, wie er nicht zweifelte, bei der Nachbarſchaft als der Eingang zu der Höhle eines geldverleihenden Juden bekannt war. 4 Um ſo wenig als möglich Aufſehen zu erregen, be⸗ gnügte er ſich mit einem⸗ beſcheidenen Zuge an der Glocke, und ſo gemächlich war der Klang, der auf dieſe Bewegung antwortete, daß er Zeit hatte, eine Art Dampf, gleich einer Ausſtromung aus einem Keller, aus dem Vorplatze des Hauſes kommend, zu bemerken, der die Kälte der Atmoſphäre gerade nicht verſcheuchen konnte. So ſtagnant war die auf den Flieſenſteinen, ſeit Monaten mit grüͤnem Mooſe bedeckt, ſich lagernde Luft, daß es ſchien, jeder Menſch, welcher in dieſe verödete Höhle hinunterſteige, ſei der Gefahr des Erſtickens, wie in einem mephitiſchen Brunnen ausgeſetzt.. Endlich ächzte die dre⸗ oder ſie knarrte vielmehr in ihren Angeln, und ein ausgehungerter Knabe erſchien, deſſen Ueberfluß an Wachsthum der ſtruppigen Haare ohne Der Geldverteiher. 1. 12 178 Zweifel beſtimmt war, eine allgemeine Mangelhaftigkeit der Kleidung zu erſetzen. Seine Kleidung war zerriſſen genug, um zu zeigen, daß nicht eine Art von Hemd zwiſchen ihr und ſeinem bleichen Felle liege. „Ich wünſche Herrn Oſaley zu ſprechen,“ ſagte Baſil. Der Igel ſtarrte ihn an, erwiederte aber nichts. „Ich bin zu dieſem Hauſe gewieſen worden, von Greek⸗Street in Soho,“ fuhr Baſil fort, der ſich mehr und mehr ſowohl über ſich ſelbſt, als über ſeine Botſchaft ſchämte. „Sie kommen nach den Stunden,“ ſagte der Knabe, welcher ſich anſchickte, ihm die Thüre vor der Naſe zuzu⸗ machen. 5 3 „Ich weiß es,“ erwiederte Baſil, indem er entſchloſſen ſeinen Fuß auf die Schwelle ſtemmte, um den Verſuch unmöglich zu machen, und indem er in dem nämlichen Augenblicke dem Knaben eine Münze in die Hand drückte, welche, obwohl ſo ungenügend, daß ſie von jedem Thür⸗ hüter irgend eines andern Hauſes der Straße verächtlich auf das Pflaſter geworfen worden wäre, hier von ſolcher Bedeutung ſchien, als ob noch nie eine ſolche in die Hand des Pagen des Geldverleihers gedrückt worden, und daß dieſer, in dummer Verwunderung ſtarrend, da ſtand, und weder auf dem Schließen der Thüre beharrte, noch ſeinen Dank gegen den Eindringling ausſprach. „Sind Sie der Diener des Herrn Oſaley?“ fragte Annesley, kaum im Stande, ein Lächeln zu unterdrücken. „Ich bin Bill, der die Quergaſſen der George⸗Street kehrt,“ entgegnete der Knabe, indem er die längſte ſeiner koboldartigen Locken, die über ſeine Stirn herabhing, zum Zeichen der Dankbarkeit gegen ſeinen Wohlthäter zurück⸗ zerrte. Ich laufe als Bote für den alten Gentleman und oͤffne die Thüre von Mittag 2 zwei Uhr. Blos heute wartete ich länger, um ein Feuer anzuſchüren und einen Keſſel für den alten, armen Gentleman beizuſetzen. „Ex iſt alſo zu Hauſe? Haben Sie die Güte, ihm dieſe Karte hinaufzutragen und zu ſagen, daß ich warte, um ihn zu ſprechen,“ bemerkte Annesley. Hiedurch von den Anſprüchen und den guten Abſichten des Beſuchenden überzeugt, lud der Knabe ihn ein, in den Vorplatz einzutreten, während er ſeinen Auftrag beſorgen wolle. Waͤhrend der kleine Gaſſenkehrer ſeine ſchweren Schuhe am Fuße der alten knarrenden Treppe zurückließ und dieſe hinaufſtieg, betrachtete Baſil den düſtern, aber geräumigen Vorplatz, der mit ſchwarzem und weißem Marmor belegt, ſich in Folge des Schmutzes und der Abnutzung in Grau und Gelb zu verwandeln begann. Nebſtdem waren einige der rautenartigen Vierecke zerſprun⸗ gen und andere in den Boden verſunken. In dem Winkel, welchen die alte Treppe bildete, ſtand ein alter Tragſeſſel, der dem Zerfallen nahe und mit Schimmel bedeckt war, aber in ſeinen vergoldeten Zierrathen immer noch die Zeichen ariſtokratiſcher Wappen trug.. Vor Kälte ſchauernd und niedergedrückt durch das Düſtere des Raums, in welchen das Tageslicht ſpärlich durch die mit halben Läden verſehenen Fenſtern von der Straße aus hereinfiel, wartete Baſil ungeduldig, bis der barfüßige Knabe wieder zurückkam. „Der Herr will Sie ſprechen; Sie köͤnnen hinauf⸗ gehen,“ ſagte Bill, indem er mit ſeinem Daumen hinauf⸗ wies und ſeine Schuhe wieder anzog. Nachdem er dieſes gethan hatte, verſchwand er in dem Hintergrunde des Vor⸗ platzes und überließ es Baſil, ohne Begleitung ſeinen Weg zu Abednego Oſaley zu finden.— Baſil, in der Meinung, daß er bloß dem Gebrauche bei Morgenbeſuchen zu folgen habe, ſtieg gemächlich hin⸗ auf und öffnete die Thüre, die ſich ihm am obern Ende der Treppe zuerſt zeigte; aber mit aller ſeiner Kenntniß der Eigenthümlichkeiten ſeines Wirthes war er doch auf die Scene nicht vorbereitet, die ſich ihm darbot. Das Geſellſchaftszimmer, deſſen Thüre er geöffnet hatte, obgleich niedrig, und augenſcheinlich niedriger als in 4 180— vielen altmodiſchen Häuſern, mit einem von Verzierungen überladenen Getäfel und durch Balken von geſchnitzter Holzarbeit in Abtheilungen geſchieden, war ungewöhnlich⸗ geräumig. Aber ſo geräumig es war, ſo konnte doch Baſil nicht ein einziges Gäßchen entdecken, welches ihm erlaubt hätte, in das Innere des Zimmers einzudringen, ohne ſich mit Staub und Spinnengeweben zu bedecken, die an den heterogenſten, in dieſem Raume aufgehäuften Ge⸗ genſtänden ſich befanden. Da waren Gegenſtände von einer antiken Hauseinrichtung, Naturſeltenheiten, eine Mannigfaltigkeit unerklärlicher und unbeſchreiblicher Dinge, die ausſahen, als wenn ſie bei einer Feuersbrunſt oder bei der Plünderung einer Stadt zuſammengehäuft worden wären, ſchon dreißig Jahre hier, und ſeitdem den ſtaubi⸗ gen und rauchigen Einwirkungen der Zeit bloßgeſtellt ge⸗ weſen ſeien. In einer Ecke des Zimmers lagen auf dem Fußboden aufgehäuſt, gleich Kartoffeln in einer Scheune, oder gleich Früchten auf einem Kornſpeicher, die Beſtandtheile einer Bibliothek, deren alter, reicher, augenſcheinlich werthvoller Einband den Ziegelſteinen irgend eines ruinirten Forts glichen. Wenn man durch die Thüre eintrat, ſtand links eine ſchöne Marmor⸗Nachbildung der mediceiſchen Venus, welche die Scheinheiligkeit der Spinnen mit Draperien von ſchwarzen Geweben bedeckt hatte, die bis zu dem Fuß⸗ geſtelle herabhingen. 3 Ferner befand ſich der Fechter in Bronze da, deſſen Ge⸗ wand von Staub an den Beinen eine lichtere Farbe an⸗ nahm, und nebſt dem Allem lagen nach allen Richtungen Platten von pietra dura, angelehnt an reiche Conſols von geſchnitztem Ebenholz, Basreliefs in rosso antico und andern koſtbaren Marmorarten vermiſcht mit großen, geſchmackloſen franzöſiſchen Uhren, Dresdner Taſſen und chineſiſchen Vaſen; Gruppen von ausgeſtopften Vögeln, deren glänzendes Gefieder, nachdem ihre Glasgehäuſe zer⸗ brochen waren und die Luft auf ſie eingewirkt hatte, den Motten geopfert war, ſo daß bloß die zuſammengeſchrumpfte Haut mit Stroh ausgeſtopft, und die ſtarren gläſernen Augen übrig blieben, ein trauriger Spott über die Bemü⸗ hungen des Naturforſchers. Girandolen von Kriſtall ſtanden auf den Conſolen, hatten aber ſolche Staubkruſten, daß ſie ohne alle Durch⸗ ſichtigkeit waren, während eine prachtvolle Copie von Cor⸗ reggio's Natte, welche rahmenlos über eine japaneſiſche Sammlung geworfen war, in einer Ecke die Ratten ange⸗ freſſen hatten. Dort war eine Art von Altar mit zuſam⸗ mengelegten Flügeln, wie ſie zum Gebrauche reiſender, frommer, gekrönter, oder mit der Mitra verſehener Häup⸗ ter dienen, mit einer Einfaſſung von Cellini, oder einem ſeiner Zöglinge geſchmückt, welche, obwohl von Silber, ſo dunkel wie Bronze war. Noch nie hatte Baſil Annesley eine ſolch' eigenthüm⸗ liche Verwüſtung des Schönen geſehen. Da aber dieſe koſtbaren Gegenſtände mit Mulden voll alten Eiſens, mit Blei⸗Rollen, mit Trümmern von Packkiſten vermengt wa⸗ ren, ſo hätte er dieſes eigenthümliche Muſeum mit den bric-à-brac Buden, die er auf dem Quai Voltaire zu Paris, oder in der Judengaſſe zu Frankfurt beſucht hatte, vergleichen mögen, obwohl er wußte, daß in dieſen, wenn ſchon das Chaos werthvoller Kunſtwerke ſo groß als mög⸗ lich war, die ſtrengſte Sorgſamkeit beobachtet wurde, um die verſchiedenartigſten Gegenſtände vor Beſchädigung oder Mißachtung zu ſchützen. 3 Nachdem er das Zimmer bedächtlich überblickt hatte, überzeugte ihn ein Blick auf die Bekleidung von Schmutz, durch welche die Farben eines, jetzt in London ſo ſeltenen Parkettbodens kaum durchſchimmerten, daß ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit kein Fuß als der ſeinige die Schwelle überſchrit⸗ ten hatte, und daß er ſein Suchen nach dem Eigenthümer irſß ſonderbaren Schätze an einem andern Orte fortſetzen müſſe.— Er ſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ſich, ſtieg eine 182 andere Treppe hinauf, und öffnete wieder die erſte Thüre am Ende derſelben. Aber das Reſultat war faſt daſſelbe, wie in dem erſten Zimmer, nur mit der Ausnahme, daß der Aufbewahrungsort der Merkwürdigkeiten im zweiten Stocke faſt ausſchließend für Gemälde beſtimmt war. „Mein Freund, der Jude, hat offenbar die Grille, ſo nahe als möglich am Himmel zu wohnen,“ dachte Bafil, indem er zu dem attiſchen Stockwerke emporſtieg, und als er die Vermehrung des Lichts und die Verminderung der dichten, feuchten Atmoſphäre während des Hinanſtei⸗ gens bemerkte, kam er auf den Schluß, daß er, wenn er ein Bewohner des alten Hauſes in Delahay Street wäre, dem Beiſpiele des Eigenthümers folgen würde. Die Thüre, welche ihm jetzt entgegenblickte, als er hinaufkam, ſtand nachläſſig halb auf, als wenn ſie abſicht⸗ lich von dem ausgehungerten Pagen ſo gelaſſen worden wäre, um ihm den Weg zu zeigen. Baſil klopfte leiſe an, um den Bewohner von ſeiner Anweſenheit in Kenntniß zu ſetzen, und eine heiſere Stimme rief auf der Stelle: „Herein lu Vor einem rauchenden Feuer, hervorgebracht durch Holzkohlen von dünnen Reiſern und Spänen, die der zer⸗ brechliche Roſt enthielt, der jene erſtickende Ausſtrömung erzeugte, die dem roſtigen Eiſen eigen iſt, ſaß in einer altmodiſchen, mit den zerfetzten Ueberbleibſeln reichen Bro⸗ eats, welches zur Zeit der Köͤnigin Anna und der Tragſeſſel, ohne Zweifel die zierlichen Glieder ſo mancher Schönheit des Hofes getragen hatte, bedeckten Bergere, der Geldverleiher, gekleidet in einen abgenutzten, aber prachtvollen Umwurf von Sammet und Zobel. Seine ſtark markirten Züge und ſein maleriſches Coſtüm gaben ihm das Anſehen, als ſei er gerade für ein Gemälde Rem⸗ brandt's geſeſſen. „Ich fürchte, Ihr naſſer Gang habe einen ſchlim⸗ mern Einfluß auf Sie, als auf mich ſelbſt gehabt, Sir?“ ſagte Bafil, erſchreckt durch die Heiſerkeit der Stimme, 183. mit welcher der alte Mann verſuchte, ihn nach ſeinem Ge⸗ ſchäfte zu fragen. „Eine geringe Katarrh, weiter nichts!“ ziſchte Abed⸗ nego,„leicht mit einer Unze arabiſchen Gummis und einem Nöſſel heißen Waſſers vertrieben; die Hälfte von dem Preiſe einer Miethkutſchen⸗Fahrt. Was wollen Sie von mir?“. „So wenig,“ entgegnete Baſil Annesley, indem er ſich auf einen krüppelhaften Strohſeſſel dem Kranken gegen⸗ über ſetzte,„daß ich Sie nicht geſtoͤrt haben würde, wenn ich gewußt hatte, daß Sie unwohl ſeien.“. „Warum kamen Sie denn?“ fragte der Geldverleiher mürriſch und kurz. 4 „Ich kam, um eine unnütze Frage an Sie zu ſtellen. Sie waren geſtern, als wir von einander ſchieden, bei ſo vortrefflicher Geſundheit und Laune, daß ich nicht erwar⸗ tete, Ihnen als ein ſo läſtiger Eindringling heute zu er⸗ ſcheinen. Ich war in Greek⸗Street, um Sie außzu⸗ ſuchen.“ G 3 3 „Brauchen Sie das alte Haus zu miethen?“ fragte Abednego mit höhniſcher Miene.„Sie glauben vielleicht, daß einige von den Geldſäcken des A. O. in den alten Speiſeſchränken und in den alten Winkeln vergeſſen wor⸗ den ſeien?“ „Ich habe kein Gelüſten nach Ihren Geldſäcken, Herr Oſaley, die ausgenommen, die ich Ihnen offen genug er⸗ klärt habe,“ erwiederte Annesley in einem Grade von Feſtigkeit, die ihm keine übeln Dienſte einem Manne gegen⸗ über leiſtete, der gewohnt war, in Ausdrücken kriechender Unterwürfigkeit angeredet zu werden. 3 „Ich kann daraus folgern, daß Ihre Frage bloß den Zuſtand meiner Geſundheit betraf?“ antwortete der Geld⸗ verleiher, indem die Runzeln, welche ſich um die Winkel ſeiner durchdringenden Augen mit einem ſarkaſtiſchen Aus⸗ drucke zuſammen gezogen hatten, nach und nach ſchwanden. „Nichts weniger. Ich ſah nie eine robuſtere Perſon, 184 3 als meinen Gefährten in der letzten Nacht. Ich wünſchte bloß, Sie zu fragen, ob Sie mir nicht eine Auskunft uͤber ein, in meinem Beſitze befindliches Buch geben können, welches auf dem Titelblatte Ihre Anfangsbuchſtaben hat, die von Ihrer eigenen Hand geſchrieben ſind.“ „Ich glaube, ich ſollte in einiger Verlegenheit ſein,“ verſetzte Abednego mit einem heiſern Kichern,„wenn ich Ihnen beſtimmte Aufklärung über alle die verſchiedenarti⸗ gen Gegenſtände von Eigenthum geben ſollte, welches auf die eine oder die andere Weiſe durch meine Hände ging. Ich kaufe, was ich immer wohlfeil kaufen kann, und ver⸗ kaufe, was ich immer theuer verkaufen kann. Die Thoren, von welchen ich kaufe, oder die von mir kaufen, ſind in meinen Augen von keiner größern Bedeutung, als eines der Atome, die Ihr Rock auf ſich gezogen hat, als Sie ſoeben meine Gerümpelkammern beſuchten. Indem Baſil der Richtung des magern Fingers des alten Mannes, der auf ihn deutete, folgte, bemerkte er, daß ſein aufs ſorgfältigſte gebürſtetes Kleid Spuren der Draperie der der mediceiſchen Venus an ſich trage. „Mit ſolchen Gefuhlen,“ fuhr Abednego fort, als er wahrnahm, daß ſein junger Beſuch keine Zeichen des Eckels und der Mißſtimmung uͤber die ihm widerfahrene Unan⸗ nehmlichkeit zeigte, mit ſolchen Gefühlen ſetze ich nicht oft mein Zeichen auf ſo vorübergehendes Eigenthum. Ein Buch, in welches ich jemals meine Anfangsbuchſtaben ſchrieb, muß eines von denen geweſen ſein, auf die ich einen Werth legte.“ 4„Der Werth eines ſo intereſſanten Werkes, wie dieſes iſt, kann Ihnen ſchwerlich entgangen ſein!“ entgeanete Ba⸗ fil, indem er aus ſeiner Taſche den Band hervorzog, den er von Barlingham mitgebracht hatte, um die Verelſi's zu erfreuen, und indem er es ſo vor Abednego legte, daß die Inſchrift vor ſeinen Augen ſtand. Zu ſeiner größten Ueberraſchung war die Wirkung, welche der Anblick auf Abednego hervorbrachte, kaum weniger merkwürdig als der, den er bei Eſther's Mutter erzeugt hatte. Der alte Mann ſank in ſeinen Stuhl zu⸗ rück, und ſchien einen Augenblick lang nach Athem zu haſchen, während ihm Baſil mit Beſtürzung gegenüber ſaß. „Der Knabe braucht ſo lange, bis er mir mein heißes Waſſer fertig bringt, wie ein Apotheker um eine Medicin zu bereiten!“ waren die erſten Worte, die von den Lippen Abednego's kamen, und als eine Entſchädigung ſeiner Auf⸗ regung dienen zu ſollen ſchienen.„Ich ſagte ihm doch, daß ich mit meinem entzündeten Halſe erſticken werde.“ „Wollen Sie mir erlauben, daß ich klingle, Sir 24 ſagte Baſil, welcher bemerkte, daß ſein ſeltſamer Wirth ſeiner Beobachtung zu entgehen wünſche. „Ich gebe Ihnen die Erlaubniß, wenn Sie im Stande ſind, eine Klingel zu finden,“ erwiederte der alte Mann, wie wenn er auf die dürftige Beſchaffenheit ſeiner Woh⸗ nung ſtolz ſei.„Nein, nein, hier ſind weder Klingeln, mein ſchöner Capitän, noch Diener, um Ihnen zu ent⸗ ſprechen. Es gibt auch keine Burſche in prächtigen Livreen, gleich denen, welche Ihnen Ihren Ueberrock von hinten darreichen, wie in der letzten Nacht bei der Lady Mait⸗ land, die keinen Lohn empfangen, ihre kleinen Diebſtähle ausgenommen, und ihre Accidentien während der letztver⸗ gangenen zwei Jahre. Wenn daher auch in dieſem alten Hauſe ſo ein Ding, wie ein unzerriſſener Glockenzug wäre, würde es bloß dazu dienen, die alten Ratten zu erſchre⸗ cken, die mehr Herr ſind, als ich ſelbſt. Ich habe keinen andern Diener, als den Bettelbuben, der Sie herein⸗ ſchob.“ „Und Sie halten einen ſo ſchutzloſen Zuſtand in einem Hauſe für genügend, welches eine ſolche Menge von Eigenthum enthält? fragte Baſil, der ihm Zeit zu laſſen wünſchte, damit er ſich von ſeiner erſten Ueberraſchung erhole, ehe er ſeine Fragen erneuerte. „Der halbverhungerte Dachshund, den ich bei Nacht loslaſſe, iſt eine beſſere Wache, als eine Compagnie von 186 Wächtern,“ entgegnete Abednego, der das Buch zugemacht und neben an auf den Tiſch gelegt hatte, als wenn er nicht wünſche, einen zweiten Blick darauf zu werfen. „Aber wenn auch der Hund Lärm macht.... In Ihrem kränklichen Zuſtande....“ „Dies iſt der erſte Tag von Unwohlſein, den ich dieſe zwanzig Jahre hindurch gehabt habe, und Sie werden ein⸗ ſehen, daß ich darauf vorbereitet bin, mich ſelbſt zu ſchü⸗ tzen,“ unterbrach der alte Mann ſeinen Beſuch, oͤffnete plötzlich die Schieblade des Tiſches neben ihm und nahm aus derſelben ein Paar Piſtolen mit halbgeſpannten Hah⸗ nen. Er legte ſie dann wieder an ihre Stelle, indem er ſie augenſcheinlich hervorgezogen hatte, um ihn zu über⸗ zeugen, nicht um ſeinen Gaſt einzuſchüchtern. „Nebſtdem hat die Polizei ein Auge auf mein Haus. Ich habe ſie im Solde, weil ich die Verſicherungs⸗Ge⸗ ſchäfte habe.... „Aber der ſchmähliche Igel, der Ihrer wartet....“ „Betrachten Sie mich als etwas weniges beſſer, als ein Bettler! Wo ein halbverhungertes Kind eine leere Speiſekammer ſieht, erblickt es nur Elend und Entbehrung. Das Meiſterſtück, welches Sie gerade in meinem Geſell⸗ ſchaftszimmer ſahen, hat in ſeinen Augen einen viel gerin⸗ geren Werth, als das Lendenſtück eines fetten Ochſens an dem Fenſter eines Speiſehauſes. Bill, der Kehrer, be⸗ dauert mich, Sir,... bedauert mich, den armen, alten Mann, der faſt ſo arm iſt, wie er ſelbſt.“ „Er kann vielleicht eines Tages in Berührung mit Leuten kommen, die im Stande ſind, ihm zu helfen,“ be⸗ merkte Baſil ernſt.„Aber ich frage Sie, Sir, ob Sie⸗ ſich durchaus des Buchs an Ihrer Seite nicht erinnern?“ „Sie erhielten es von Ihrer Mutter!“ ſagte Abed⸗ nego, als ob er einen Ausweg ſuche, um nicht darauf zurückzukommen. „Sie verkauften es ihr alſo?“ fragte Baſil, ängſtlich beſorgt, Kunde hierüber zu erhalten. Aber bei dieſen Wor⸗ 187 ten ſprang Abednego von ſeinem Stuhle auf, wie wenn er von einem heftigen und peinlichen Schmerz befallen worden wäre. Nach einem Augenblicke ſammelte er ſich jedoch.. „Nein, ich ſchloß nur ſo. Ein Verlangen nach den Werken Holbein's und Hollar's ſchien mehr einer vollen⸗ deten Frau, als einem jungen Gardiſten zu entſprechen. Vielleicht wünſchen Sie über dieſes Buch zu verfügen?“ „Ich bin, Gott ſei Dank, nicht ſo ſehr in Verlegen⸗ heit, wie bei jener Unklugheit, die mich zu Ihrem Schuld⸗ ner machte,“ ſprach Baſil ſtolz;„ich bin daher auch nicht gedrängt, das Eigenthum meiner Mutter, oder wenigſtens ein ihr beigemeſſenes Eigenthum zu verkaufen. Ich wünſchte bloß Aufklärung darüber, warum Ihre Anfangs⸗ buchſtaben auf dem Titelblatte ſtehen. „Die Anfangsbuchſtaben A. O. haben, ich geſtehe es „zu, einen auſſerordentlichen Ruf durch mein Vermögen erhalten,“ ſagte Abednego;„indeſſen können Sie doch nicht glauben, daß ich der einzige Menſch ſei, der ſie führt, oder je geführt hat?“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der junge Annesley; „aber dieſe Buchſtaben ſind unverkennbar von Ihrer Hand.“ „Sind Sie in Handſchriften ſo erfahren, daß Sie darauf ſchwören koͤnnen?“ fragte Abednego, enthielt ſich jedoch eines Blicks auf das Buch, welches Baſil wieder vor ihn hingelegt hatte.„Mein theurer, junger Freund, folgen Sie meinem Rathe und zerbrechen Sie ſich das Gehirn nicht mit Vermuthungen über Gegenſtände, die Sie wenig angehen, auf die Sie nur durch bedeutungs⸗ loſe Zwiſchenfälle gerathen, welche die Unerfahrenheit des Jünglingsalters für folgenreich hält. Sie ſind darüber erſtaunt, daß ich ſo ziemlich bekannt mit Ihren Bewegun⸗ gen und mit jenen ſolcher Leute bin, die ſo weit außerhalb der Sphäre meines Lebens ſind, wie die der Frau des Lords Maitland. Ein Nachdenken von einem Augenblicke 188 muß Sie überzeugen, daß ein Theil der Geſchäfte eines Geldverleihers darin beſteht, die genaueſten Nachrichten hinſichtlich der Verſchwender des Tags, die bereits ſeine Schuldner ſind, oder bald werden ſollen, zu ſammeln. Ich ſehe auf alle dieſe, wie auf meine Rindvieh⸗ und Schafherden, und betrachte ſie ſo gut als mein Eigenthum, wie der Arzt als ſolches den gichtiſchen Lord betrachtet, der in ſeinem Wagen an ihm vorüber fährt, oder der Leichenbeſorger den hektiſchen Teufel, den er von der Stra⸗ ßenecke her huſten hört.“ „Es mag in Ihrem Geſchäfte liegen, ſolche Nach⸗ richten zu ſuchen; aber das Wunder liegt darin, wie Sie ſie erhalten;“ bemerkte Bafil. 2 „Für Geld iſt jede Nachricht zu haben;“ entgegnete Abednego, indem er ſeine mageren Hände mit einer Miene des Triumphes rieb.„Alles iſt für Geld zu haben, wenn es mit derſelben Umſicht angewendet wird, mit der es ge⸗ ſammelt wurde. Sehen Sie mich an, Herr Annesley. Sahen Sie jemals eine eckelhaftere Vogelſcheuche?“ Als er ſo ſprach, riß der Jude ſeine griechiſche Mütze, die mit Goldtreſſen beſetzt war und ſeinen theils kahlen Kopf bedeckte, von ſeinem Haupte, als wolle er hiedurch ſeine Häßlichkeit erhohen. 8„Nun, lachen Sie, Sir! Sie ſind zu artig, um das ungünſtige Urtheil über einen Mann zu beſtätigen, der ſich ſelbſt ſo ſieht, wie er alle Dinge dieſer Welt be⸗ trachtet; in dem klaren und hellen Lichte der Wahrheit. Aber ich ſage Ihnen, ſo übelausſehend ich bin, ſo über⸗ häufen mich doch die Weiber, auch junge und ſchöne, mit ihren Schmeicheleien, ich möchte ſagen, Liebkoſungen; aber Sie müſſen ein Augenzeuge ſein, um an ein ſo ungeheu⸗ res Mißverhältniß zu glauben. Sehen Sie her! Dieſes flitternde Ding,“ er deutete auf ſeine Mütze, die er nun wiederaufſetzte,„wurde für mich durch die zarten Hände einer Gräfin gefertigt, und wenn ich es wünſche, ſo iſt ſie bereit, ein Dutzend ſolcher zu ſticken; ja ſogar mit ihren ariſtofratiſchen Fingern auf das graue Haupt des alten Geldverleihers zu ſetzen.“ „Wegen einer ſolchen Unterwürfigkeit unter Ihren Willen werden Sie ſie verachten!“ ſagte Baſil mit Ent⸗ rüſtung. 3 „Ich verachte ſie, weil die Noth, welche ſie zu dieſer Demüthigung zu meinen Füßen führt, von der Zügelloſig⸗ keit der Thorheit herrührt, nein, von der Zügelloſigkeit des Verbrechens; denn eine Gattin und Mutter wird durch Thorheit zur Verbrecherin und zur Laſterhaften. Dieſes Weib muß leuchten, ſchimmern und glänzen durch die Pracht ihrer Geſellſchaften, durch die Faſhion ihrer Kleider. Warum? Weil ſie hochmüthig, weil ſie eiferſüchtig darauf iſt, wegen ihren ausgezeichneten Manieren, wegen ihrer Geſtalt gerühmt zu werden! Und was iſt das Reſultat dieſes Stolzes und dieſer Auszeichnung? Daß ſie in all' der Noth der Verſchwendung zu den Knieen des A. O., des Geldverleihers gekrochen iſt und ihn angebettelt hat, Thränen in den Augen und Bitten auf den Lippen, nein, mehr als Bitten, wenn ich thieriſch genug geweſen wäre, ihre Unterwürfigkeit zu benützen, Erbarmen mit ihrer Noth zu haben. Sie bezweifeln es!... Nun gut! Für einen Liebhaber mag es Verrath ſein, die Briefe eines verliebten und vertrauenden Weibes zu zeigen; aber für den Geldverleiher iſt es keiner, wenn er die Korreſpondenz eines verſchwenderiſchen Kunden vorzeigt. Indem er eine Feder von dem alten zinnernen Schreib⸗ zeuge haſtig wegnahm und mit derſelben über die Auf⸗ ſchrift eines Briefes wegfuhr, den er, während er ſprach, aus einem auf dem Tiſche liegenden Umſchlage genommen hatte, reichte er dieſen Bafil hin.. „Bemerken Sie die Grafenkrone auf dem Siegel,“ ſagte er,„und bewundern Sie die zarte Handſchrift, das elegante Papier, um dadurch meine Verſicherung zu bekräftigen, ehe Sie die wegwerfenden Bitten dieſer faſ⸗ hionablen Schuldenmacherin leſen.“ 190 Baſil Annesley ſchauderte, als er las; denn jede Zeile, jede Silbe brachte eine ſchreckliche Beſtätigung der Behauptungen Abednego's. „Sie kennen die Vortheile meines Berufs nicht zur Hälfte!“ rief der alte Mann, triumphirend lachend über die Miene der Beſtürzung, welche ſich auf dem Geſichte Baſils zeigte, indem er unter dem Einfluſſe einer jener peinlichen Entdeckungen ſtand, die unſer Vertrauen auf die menſchliche Natur zu erſchüttern drohen.„Betrachten Sie nun den alten Bettler von Paulet Street als den verrückten Eigenthümer eines Lagers wurmſtichiger Curio⸗ ſitäten, die durch ſeine Schuldner bei ihm hinterlegt wur⸗ den, und der vielleicht einige ſchwankende Tauſende gegen ſchändliche Zinſen auslehnt! Hal ha! ha!... Sie würden Welten darum geben, Knabe, Welten für den tauſendſten Theil meines Einfluſſes nnd meines Anſehens! Vorzug und Beförderung liegt in dem Bureau des Geld⸗ verleihers. Ich herrſche über die, die das Geſchick des Königreichs beherrſchen. Ich habe Prinzen, Miniſter, Biſchöfe unter meinen Schuldnern; Euere hochfliegenden Redner, Euere zuſammenſtoppelnden Schriftſteller, Burſche, die bei den Wahlen, oder im Unterhauſe, oder in Exeter Hall auftreten und über Tugend, Ehre und Ehrbarkeit ſprechen, deren hohles Gewiſſen aber nicht die am wenig⸗ ſten zurechnungsfähigen bei gewiſſen Pergamentſchnitzeln, Handſchriften genannt, ſind, die ich in meiner Gewahr⸗ ſame habe. Es gibt wenige Dinge, die ſie mir abſchla⸗ gen duͤrfen, und wie Könige, welche unter der Leitung Rothſchild's ſchwanken, ſo ſtehen unter der meinigen, unter der Controlle des A. O., in ihrem Innern bebend, mehr als einer, zwei, oder drei von Denen, vor welchen Sie Ihr Haupt ehrerbietig entbloͤßen, wenn Sie an Ihnen vorübergehen. Sie ſahen mich den Herzog von Rocheſter empfangen, der als mein gehorſamer Diener an meiner Thüre harrte? Eben ſo viel und noch mehr habe ich 191 gegen Männer gethan, in deren Abern das konigliche Blut Englands fließt.“ Baſils Geiſt wurde durch die Heftigkeit der Auf⸗ regung überwältigt, die nach und nach und je mehr die Erörterung fortſchritt, über die ganze Figur des alten Mannes ſich verbreitete. Er fürchtete beinahe, daß Abed⸗ nego unter dem Einfluſſe des Fiebers ſtehe, weil er ſo ſeltſame Mittheilungen empfange. „Oeffnen Sie jenen Schreibtiſch!“ ſagte der Geld⸗ verleiher, indem ſeine mageren Finger nach einem mit Eiſen beſchlagenen ausſtreckte, der neben der gebrechlichen Pritſche ſtand, die ſein unbehagliches Bett bildete. Baſil gehorchte faſt mechaniſch, erblickte darin in verſchiedenen Fächern aufgehäufte Rollen, wie er ſie ſchon in dem Secretäre in Greek Street geſehen hatte, nebſt⸗ dem aber noch eine Mannigfaltigkeit von Saffiankapſeln. „Bringen Sie mir eine Handvoll jener Schreier... oder, halt! Sie kennen die Art dieſes Platzes nicht;“ fuhr er fort, indem er von ſeinem Sitze auftaumelte, an Baſils Seite trat, an den Schreibtiſch ſich lehnte und in dieſem ein geheimes Fach öffnete.„Sehen Sie her! Da ſind die Diamanten einer Herzogin. Ich behielt dieſe als Pfand, während ſie an der rechten Seite des Throns in falſchem Schmucke von Glas erſcheint. Dieſe Saphire ſind das Eigenthum der Frau eines Banquiers, welche feierlich verſichert, ſie habe den Gebrauch von Juwelen abgeſchworen, während, betrügeriſche Metze, ihre eigenen in der Verwahrung des A. O. ſind!..Aber dies, dies iſt die Krone meines Ruhms!⸗ kicherte der Geldverleiher, indem er ein kleines, rundes Käſtchen hervorzog, welches ein Bracelett von Brillanten enthielt.„Sehen Sie dieſe Miniatüre? Es ſind erſt ſechs Jahre verfloſſen, ſeit der hochmüthige und glückliche junge Lord, welcher hier abge⸗ bildet iſt, es an den Arm ſeiner liebenswürdigen Braut legte. Drei Jahre lag er in ſeinem Grabe, und die Mi⸗ niatüre iſt mein. Der Flitter der. Mode, mittels welchen 34 192 die Wittwe verſucht, ein anderes einfältiges Opfer zur Ehe zu verleiten, iſt durch meine Hülfe angeſchafft wor⸗ den. Sie brach das Herz ihres erſten Mannes durch ihre Ausſchweiſungen, und es wird ſich nicht ſo leicht ein Anderer bereit finden, ſich das Herz brechen zu laſſen.“ 3 „Zuverläſſig hätten Sie beſſer gethan, Sir, wenn Sie in Ihrem Stuhle geblieben wären; ſprach Annesley, dem daran gelegen war, dieſe abſcheulichen Enthüllungen abzubrechen.„Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen ge⸗ ſtehe, daß ich kein Verlangen hege, den über die Gebre⸗ chen und Mängel meiner Mitmenſchen gedeckten Schleier noch mehr gelüftet zu ſehen.“ „Ich nehme einen zu innigen Antheil an Ihrem Wohle, um Ihnen nicht die Mittel zu verſchaffen, damit Sie die wolletragenden Schafe von den Wölfen in Schafs⸗ kleidern unterſcheiden können;“ ſagte der Geldverleiher, ſeinen Schreibtiſch zweimal verſchließend und zu ſeinem Sitze zurückkehrend.„Erlauben Sie,“ ſetzte der Geld⸗ verleiher hinzu,„daß ich, wenn ich vorziehe, mir die Lecke⸗ reien eines faſhionablen Apothekers zu verſagen, und die Zeit nicht mit dem Geplauder eines Hausmeiſters zu ver⸗ geuden, dieſes nicht aus Mangel an Mitteln thue, ſolches Gewürm durch meinen Sold anzulocken.“ „Es macht mir Ihre Beharrlichkeit gegen jede Ge⸗ mächlichkeit um ſo mehr Sorge, Sir,“ verſetzte Baſil, welcher anfing die unrühmliche Armſeligkeit des Millionäͤrs, die der Grille eines Verrückten glich, zu überblicken.„Sie ſind krank, mehr krank, als Sie es ſich vorſtellen, und wenn Sie hier jede Nacht allein bleiben, denn ſogar der Knabe verläßt Sie, wie ich vermuthe, bei Nacht, wenn Sie allein hier bleiben, bloß das Nagen der Ratten Ihre Geſellſchaft iſt, wenn Sie ſo allein gegen das Fieber und gegen die Gefahr des Erſtickens kämpfen, ſo werden Sie noch Urſache haben, Ihr Zurückweiſen aller Pflege und —— . 193 aller Bequemlichkeit, die Ihnen durch Ihren bedeutenden Reichthum geſichert ſind, zu bereuen.“ Ich wurde mit noch viel ſchlimmeren Dingen, als das Nagen der Ratten iſ, allein gelaſſen, mit meinen eigenen bittern und nagenden Gedanken, und aufgeregt durch die Verſuchung,“ entgegnete Abednego,„Sie dauern mich, junger Mann. Nicht durch die Bräune erſtickt zu werden, ſoll ich mir irgend ein altes ſchmutziges Weib miethen, das bei mir daſitzt und deren Griff nach meiner Kehle um Mitternacht eine viel größere Gefahr wäre, als meine Unpäßlichkeit iſt. Baſil, haben Sie jemals das Zuſammenſchnüren des Herzens empfunden, welches bei einem Gefühle der Verachtung derer, die Sie lieben, alle Pulſe des Lebens ſtocken macht; haben Sie das Fie⸗ ber gefühlt, das durch die glühenden Adern wüthet, wenn Sie von dem Idole Ihrer Liebe verſchmäht ſind, von dem Weibe, für welches Sie jede Hoffnung Ihrer Seele in dieſer Welt und in der zukünftigen preisgegeben; haben Sie die Thoren, die Wichte geſehen, die Sie mit der vollen Kraft Ihres thätigen Geiſtes verachten? Haben Sie die heiße Inbrunſt Ihres großmüthigen Herzens, welches über Ihre Niederlage triumphirt, gekannt und gefragt, wie Sie Anſprüche auf das Lächeln der Schön⸗ heit machen können; Sie, die nichts empfiehlt, als der Beſitz der Jugend, Gluth, Verſtand, Bildung, Ehre Wahrhaftigkeit, wie Sie das irdiſche Glück in ein himm⸗ liſches verwandeln können, in welches Sie ſie wie in einen Tempel der Liebe zu verſetzen und dort ihr als Selave zu dienen wünſchen? Haben Sie dies Alles ge⸗ kannt, Baſtl, haben Sie dieſe verächtlichen Blicke gefühlt, die gleich Höllenſtein in Ihr Fleiſch ſich einätzen; haben Sie dieſe ſchimpflichen Worte vernommen, die gleich ver⸗ gifteten Pfeilen in das Mark Ihrer Knochen eindringen; dann würden Sie zufrieden ſein, ſo leben zu können, wie ich lebe, abgeſondert von der betitelten Horde, abgeſchie⸗ den von der räuberiſchen Rotte, die Miethlinge für Brod. Der Geldverleiher. 1. 13 194 eben ſo verachtend, wie die Miethlinge der Citelkeit; allein, unabhängig, brütend über dem Gefühle eines ſchrecklihen Unrechts und den Triumph einer ſchrecklichen Rache im Voraus genießend!“ „Dieſes Alles kann ich ſehr wohl begreifen,“ ent⸗ gegnete der junge Annesley, indem er ſich ſelbſt gegen den Schrecken ſtahlte, mit welchem er anfing auf das zu lauſchen, was ihm das Gerede eines Wahnſinnigen ſchien; „dieſes Alles kann ich wohl begreifen, Ihre Entbehrung deuket auf die Nichterfüllung eines Etwas, was über Ihre perſönliche Inconvenienz hinausliegt. Aber welcher Ihrer Feinde wird ſchlimmer daran ſein als Sie, eine ſolche ſchreckliche Nacht hindurch ohne Pflege, ohne Arzneimittel hinzubringen haben 20 „Es wird das ſchlimmſte für die Reſultate eines Syſtems ſein, von welchem dieſes Unrecht einen Theil bildet!“ entgegnete Abednego in einem mürriſchen Tone, als ſei er durch dieſen neuen Erguß erſchöpft.„An dem zunehmenden Ernſte Ihres Blickes erkenne ich die Ver⸗ achtung Ihrer Seele gegen meine Kurzſichtigkeit. Sie erinnern ſich der Worte des Pſalmiſten:„„Er häufte Reichthümer auf und wußte nicht, wo er ſie bergen ſolle.“ Ich weiß es, Baſil, ich weiß es, und ich rühme mich, es zu wiſſen. Der, welcher ſie ſammelt, will glühende Kohlen auf die Häupter derer ſtreuen, die.. aber nichts mehr davon! Was kümmern Sie die bren⸗ nenden Schmerzen, die glühende Rache des alten Geld⸗ verleihers?“ „Es wird mich ſehr kümmern, Sir, Sie hier liegen ——— zu wiſſen, allen Bedürfniſſen des Lebens beraubt, wäh⸗-⸗ rend mein Kiſſen durch Ihre Güte geglättet wurde,“ ent⸗ gegnete Baſil mitleidig.„Aber ich kann Ihnen meine Huͤlfe nicht anbieten. Ich kann Sie jetzt nicht bitten, die Dienſte meines treuen Dieners anzunehmen, weil Sie mir bei den Bitten Anderer gezeigt haben, daß Sie ſolche Aete der Gefälligkeit als intereſſirt betrachten.“ ——— „Nicht von einem ſo jungen und ſchuldloſen Manne, wie Sie ſind!“ murmelten die bleichen Lippen Abednego's. „Seien Sie zufrieden! Es würde mir viel unbehaglicher ſein, mein armes, altes Haus von der Neugierde Frem⸗ der heimgeſucht zu ſehen, ſtatt hier mit dem Bewußtſein zu liegen, daß der Wurfſpieß des Todes in meiner Bruſt ſteckt, und daß Keiner da iſt, der mir die Augen zudrückt, wenn der Tod ſie erſtarrt. Ich ermangle nicht der ſcharf⸗ ſichtigen Jacks, die Nacktheit des Landes auszuſpähen, oder ſeinen Ueberfluß, über meinen gefüllten Keller zu triumphiren, oder nach meinen vollgepfropften Koffern lüſtern zu ſein. Es iſt weniger Gefahr, Baſil Annesley, in der Bräune, welche, wie Sie bemerken, nach und nach meine Stimme erſtickt, meine Augen verdunkelt,- als in der Bosheit der Gurgelabſchneider, mit welchem ſich Ihr Schurke in Lioree bei der Verſuchung verbinden möchte, in die er durch den Reichthum geführt werden könnte, der in dieſer alten, ſcheinbaren Rattenhöhle ver⸗ borgen liegt, an Inhalt reicher, als Aladins Palaſt. Aber Sie hegen das Verlangen, mir einen Dienſt zu er⸗ weiſen,“ ſagte halb fragend der Geldverleiher. Annesley antwortete nicht eine Sylbe, und der Geldverleiher war gezwungen, ſeine Frage zu wieder⸗ holen. „Ich verlange nichts,“ erwiederte Baſil kalt.„Ich bemitleide Ihre Bethoͤrung; ich bemitleide Ihr Verlaſſen⸗ ſein, und ich wollte Sie verleiten, daß Sie mit ſich ſelbſt Mitleid haben ſollen.“ „Ich wiederhole, daß Sie mir ſo eben das Aner⸗ bieten machten, mir einen Dienſt leiſten zu wollen. Wenn dies aufrichtig, und wenn Ihr guter Wille nicht ein leerer Vorwand ſein ſoll, ſo erweiſen Sie mir einen Gefallen dadurch, daß Sie mir dieſes Buch geben!“ ſagte Abednego, indem er ſeine knöcherne Hand nach der Copie von Hollar, die auf dem Tiſche lag, ausſtreckte.. „Dieſes kann ich nicht!“ entgegnete Baſil in ent⸗ 196 ſchiedenem Tone.„Ich kann es nicht, denn es gehört nicht mir, es iſt das Eigenthum meiner Mutter.“ Abednego's durchdringender Blick blitzte unter ſeinen buſchigen Augenbrauen hervor, und heftete ſich forſchend auf Bafil's Geſicht. „Wie kam es denn in Ihren Beſitz?“ ſagte er. „Ich kehrte geſtern Morgens von Barlingham Grange zurück, wo ſie wohnt,“ erwiederte Baſil feſt,„und brachte es mit mir.“ 3 „Ohne ihr Wiſſen?“ „Ohne ihr Wiſſen,“ entgegnete der junge Mann mit einem weniger zuverſichtlichen Tone. Dieſes Zugeſtändniß ſchien aber weniger die Mißbilligung, als die Billigung ſeines ſonderbaren Geſellſchafters hervorzurufen. Ein Strahl von Freude blinkte in ſeinen tiefliegenden Augen. „Und was veranlaßte Sie, es mit ſich zu nehmen?“ fragte Abednego mit ſteigender Neugierde. „Ich wuͤnſchte es einem Freunde zu zeigen, und dachte, daß es als ein merkwürdiges Kunſtwerk dieſem durch ſeinen Anblick Vortheil gewähren könne,“ entgegnete der herabgeſtimmte Gaſt. „Das heißt, Sie wollten den alten, blinden Vater von Eſther Verelſt verſöhnen,“ bemerkte der Geldverleiher, während Baſil erröthete. „Meinen Sie, mich auf den Glauben zu bringen, daß Sie mit Satan im Bunde, weil Sie der Beaufſichtiger des Geſchicks von halb London ſind?“ rief Baſil, indem er alle Selbſtbeherrſchung verlor. 4 Abednego lachte bei dieſem Ausrufe laut, und es war nun peinlich, die Heiſerkeit ſeiner Stimme zu hören. 1 „Sie gehen weit von Ihrem Wege ab, junger Sir,“ ſagte er;„wenn Sie meine Theilnahme an den Familien⸗ Geheimniſſen eines nothleidenden Künſtlers rechnen. Es iſt in der That ſehr merkwürdig, daß ich, A. O., der Geldverleiher, erfahren haben ſollte, daß die Summe — 197 Geldes, welche Sie unvorſichtig aus meinen Händen nah⸗ men, zur Berichtigung eines Accepts beſtimmt war, der ſeinen Ürſprung in der Verlegenheit dieſes dummen Eſels, Verelſt's, des Malers hatte?“ Baſil Annesley fuhr nun von ſeinem Sitze auf. „Es iſt eine etwas ſtarke Vergeltung,“ fuhr Abednego ſpottiſch fort,„für einige Gläſer Lindenwaſſer, welche Ihnen, während Ihrer Krankheit in Heidelberg gereicht wurden, und für einige Unterrichtsſtunden im Zeichnen!“ „Herr Oſaley!....“ begann Baſil, aber Abed⸗ nego fuhr mit lauterer Stimme fort: „Sie glauben, daß es zu dem unbeugſamen Herzen der Lady Annesley dringen werde, wenn ſie erfährt, daß eines ihrer Bücher in die Hände eines obscuren, geldver⸗ leihenden, eellenden, verdammten und ausgeſtoßenen Juden gefallen ſei! Aber ich ſage Ihnen, junger Gentleman, daß ſtolz wie ſie iſt, ihr Blut in Fieberhitze verſetzt wer⸗ den würde, wenn ſie wüßte, daß ihr einziger Sohn, der Sohn ihres Stolzes, wenn nicht der Sohn ihrer Liebe, ſein Herz verpfändet hat, und ſeine Hand verpfänden will an... die Tochter eines denkenden Künſtlers und die Enkelin des.... Apber nichts weiter hievon! Ihre Verachtung und ihre Erniedrigung ſind nicht meine Sache! Aber da kommt mein Gebräu von einem Gerſtentranke!“ rief er, als der ſchmutzige Igel, einen großen irdenen Krug mit heißem Waſſer tragend, in das Zimmer trat. Um ſo mehr willkommen, da meine Kehle durch das Sprechen trocken geworden iſt. So, nun nichts mehr für heute, Herr Annesley. So nuneinladend mein Bett für Sie ausſehen mag, ſo bin ich doch matt genug, um zu fühlen, daß meine alten Knochen am beſten darin aufge⸗ hoben ſein werden. Leben Sie wohl! Wenn Sie Be⸗ harrlichkeit genug haben, um zwei Tage ſpäter an den Schmerz zu denken, der in dieſem Augenblicke eine ſolche Theilnahme aus Ihren Augen ſprechen läßt, ſo bitte ich Sie, wieder zu kommen und zu ſehen, ob A. O. todt ſei, oder eine glücklichere Schlacht geſchlagen habe. In⸗ zwiſchen werden Sie gewiß meinen Händen ein Buch an⸗ vertrauen, welches ſo voll von Belehrung iſt, wie dieſes?4 fügte er hinzu, indem er ſeine Hand wieder auf das Buch legte. Annesley fand keinen Vorwand, ihm das Leihen deſſelben zu verweigern. Faſt ehe er noch wußte, was dieſer wolle, war er von dem Geldverleiher entlaſſen und befand ſich auf dem Pflaſter von Delahay⸗Street. Er lauſchte auf das Ver⸗ ſperren und Zuſchieben der verroſteten innern Riegel, wel⸗ ches Bill, der Kehrer, vornahm. Baſil hatte dem Befehle Abednego's, daß der Knabe ihm folgen ſolle, um die Thüre zu oͤffnen, nicht wider⸗ ſprochen; denn dieſes ſicherte ihm die Gelegenheit, durch eine zweite Beſtechung den ſeltſamen Pagen zu beſtimmen, unter keiner Bedingung den Kranken dieſe Nacht zu ver⸗ laſſen, und bereit zu ſein, die Arzneien und Anweiſungen in Empfang zu nehmen, welche er aus dem Laden eines benachbarten Apothekers zu ſchicken ſich beeilte. Eilftes Kapitel. Du zitterſt, alter Mann! Traf Dich der Schlag? Nein, nein! Nicht Alter iſt's, und auch nicht Krankheit; Es iſt die Kälte nicht, die Dich erſchüttert! Es iſt der Schmerz des arg gequälten Herzens; Ihn lindert keine Zeit und keine Kunſt! 4 Maßinger. Noch nie hatte ſich Baſil Annesley in einer ſo ver⸗ zweifelten Laune vor das Feuer ſeines Zimmers geſtellt, · —.— —ÿj j— 199 als nach ſeiner Zuſammenkunft mit Abednegv. Nicht ein einziger Punkt, nicht eine Perſon war vorhanden, auf die er ſeine Gedanken mit Wohlgefallen hätte richten können! Nach einem Beſuche bei ſeiner Mutter, wobei er gefühlt hatte, daß er ein unwillkommener Gaſt ſei; nachdem er Zeuge der wahnſinnigen Ausbrüche des alten Gärtners geweſen, für welche er Welten hingegeben hätte, um ſie aus ſeinem Gedächtniſſe zu verwiſchen, war er an der Thüre verächtlich behandelt worden, der er als ein Wohl⸗ thäter zu nahen berechtigt war, und an welcher mit all' der ſich aufopfernden Demuth der Liebe zu knieen er den⸗ noch zu ſtolz geweſen wäre. 3 Er wußte, daß ſeine Mutter den anſtrengendſten und peinvollſten Pflichten hingegeben war. Die Familie Ve⸗ relſt ſchien durch eine eigenthümliche Mißgunſt des Ge⸗ ſchicks von Sinnen gebracht, und er konnte die Urſache hievon nicht entdecken. Und nun war ſein Wohlthäter, der Mann, gegen den er unwillkürlich zu gleicher Zeit das höchſte Intereſſe und die groͤßte Verachtung hegte, von einer gefährlichen Krankheit befallen. In keinem dieſer drei Fälle konnte er einen wohlthätigen Einfluß üben, und dennoch würde er willig alle ihm zu Gebot ſtehenden Mit⸗ tel dargebracht haben, wenn er die Qualen eines der drei hätte mildern können. Aber er war ſo machtlos wie ein Kind. Alles was er thun konnte, war, ſchweigend und in der Ferne Theilnahme zu hegen. Es würde eine Unwahrheit ſein, wenn man nicht ſagen wollte, daß ſchwankende Viſtonen über den Herzog von San Catalda ſich unter ſeine vielfachen Beängſtigun⸗ gen miſchten. Es war ohne Zweifel keine geringe Ver⸗ mehrung des Elends ſeiner Lage, daß er einen Andern mit dem Zutritte begünſtigt glaubte, während er ſich ſelbſt von dem Hauſe Verelſt's ausgeſchloſſen ſah, daß dieſer Andere reich, vornehm, mächtig, im Stande war, fünfzig⸗ fach groͤßere Gunſtbezeugungen, als ſeine geringen Dienſte gewähren konnten, zu ertheilen, und daß ſich derſelbe 7 200 durch die Anmuth des Benehmens angenehm machen könne, worin er, wie er fühlte, äußerſt mangelhaft war. In ſeinen endloſen Träumereien ſchien der arme Baſil wie in einem Traume alles das an ſich vorübergehen zu ſehen, was ſich in Barlingham ereignet, was ſich in dem Be⸗ ſuchzimmer von Verelſt's verändert, was in dem erbärm⸗ lichen Gemache des A. O. eine unheilvolle Herrſchaft gel⸗ tend gemacht hatte.. Sein Geiſt war durch dieſe Ereigniſſe ſo aufgeregt, daß er es für unangemeſſen hielt, in ſeiner gewöhnlichen Geſellſchaft zu Mittag zu ſpeiſen, und er entſchloß ſich, bei Clarendon ein früheres Mittageſſen einzunehmen und dann in das Theater zu gehen, was das Auskunftsmittel der unverheiratheten Männer in London gegen die Oeffent⸗ lichkeit ihres Klubbs, oder gegen die Einſamkeit ihrer Wohnungen iſt. Im Monat Jänner iſt das Theater gewoͤhnlich der Ort der Zuſammenkunft faſhionabler Müßiggänger, wäh⸗ rend es im Beginne der Saiſon ſicher vor ihrer Gegen⸗ wart iſt. Kaum hatte Baſil den hintern Sitz einer Loge eingenommen und kaum ſaß er da mit üubereinanderge⸗ ſchlagenen Armen, um ſich ſeinen Betrachtungen unge⸗ ſtört hingeben zu können, als eine außerordentliche Bewe⸗ gung und Unterhaltung in einer der Privatlogen ſeine Aufmerkſamkeit hrente und er gewahr wurde, daß ſie von einem Theile ſeiner Kameraden gemiethet worden war, von Loftus, Blencowe und Maitland, dem alten Knaben Carrington, dem ſungen Knaben Wilberton, gerade von denen, welche Andere al 8 ſeine Freunde bezeichnet haben würden. 8 Dies war ärgerlich; denn Loftus hatte ihn einge⸗ laden, mit ihnen zu diniren und eine Parthie bei Adelphi zu ſpielen, und dieſe mußten nun denken, daß die Ein⸗ ladung, die er vorgeſchützt hatte, eine bloße Ausflucht geweſen ſei, um ihnen auszuweichen; denn er hatte ganz richtig geſchloſſen, daß der ungewöhnliche Tumult in 201 ihrer Loge davon herrühre, daß ſie bei ihrem Eintritte ihn entdeckt und Aeußerungen des Unwillens über ſeinen Abfall ausgeſtoßen hatten. Er war alſo im Theater eben ſo wenig in Ruhe, als er es zu Hauſe geweſen wäre. Seinen aufgeregten Ge⸗ danken nach ſchienen die Augen der ſroöhlichen Geſellſchaft beſtändig auf ihn gerichtet. Er glaubte immer, daß ſie das Syſtem von Verlegenheiten, welches ihn in der ver⸗ gangenen Nacht bei der unglücklichen Enthüllung aufge⸗ regt hatte, das ganze Gewicht der Verlegenhei en verfolg⸗ ten, welches daraus entſtand, wie ihm der geſchäftige Car⸗ rington auf ſeinem Wege von Arlington Street nach dem Klubb demonſtrirt hatte. Ohne Zweifel fühlte er ſich durch die Art von In⸗ quiſition, der er ſich ausgeſetzt glaubte, geärgert, denn die Lacher waren gegen ihn im Vortheile, ſowohl hinſichtlich der Stellung, als hinſichtlich der Zahl; und daher kam es wohl, daß er in dem Momente das Theater verließ, in welchem der Vorhang aufgezogen wurde und eine Tragö⸗ die begann, die von glänzendem Calico, Goldpapier, Glas⸗ korallen, Baumwollenſammet, zwölf Trompeten und einer Stimme zuſammengeſetzt war, welche:„ein Koͤnigreich für ein Pferd viel lärmender ankündigte, als jene zwölf zu⸗ ſammen; der Souffleur war noch lauter und noch thäti⸗ ger als die Trompeten und der Schauſpieler. Baſil ſah voraus, daß das bezeichnende Lächeln und Flüſtern, wel⸗ ches jene während der Liebeserklärung der Königin und dem zahmen Heldenthum Richmond's gegen ihn gerichtet hatten, doppelt freien Spielraum während des Tumults der Pantomime haben würde. Es war eine kalte Nacht; das Mondlicht lag. wie Schnee auf dem gefrorenen Pflaſter, und die glänzende Helle, welche im Sommer mehr Vergnügen und Luſt ge⸗ währt, als die Helle des Tags— die Schwärmer dieſer Welt und die ausgenommen, welche, ungeſehen und nicht beargwohnt, ſich unbetaſtbar um uns her ergöͤtzen— ſchien 202 ſich in einer Atmoſphäre verloren zu haben, welche Men⸗ ſchen und Thiere antrieb, ſich unter ein Obdach zu flüch⸗ ten. Da war nichts von Feen und Nymphen wahrzuneh⸗ men, nichts von Sylphen des Mondlichts, von Undinen der Wogen. Einige zitternde Sterbliche ſchlichen verzweifelnd die Straßen entlang, oder verſuchten es, durch ein eilige⸗ res Gehen das Uebel zu vermindern. Es war unmöglich, mit dieſem erſtarrenden Mondlichte den Gedanken zu ver⸗ binden, daß irgend jemand etwas anderes als leidend und unzufrieden ſei. Auch das junge Blut Baſil's war in ihm erſtarrt, obwohl er während ſeines Nachdenkens in der Tragödie den Gedanken gefaßt hatte, nach Weſtminſter zu gehen und ſich zu überzeugen, ob der Mann, deſſen Eigenthüm⸗ lichkeiten ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr auf ſich gezogen hatte, in ſolch' einer Nacht nicht ganz ohne Hülfe ſei. Da er aus der Hitze des Theaters in die froſtige Atmoſ⸗ phäre außen übergetreten war, ſo entſank ihm beinahe der Muth. Als er zu dem Thore von Bow⸗Street hinausging, kam ihm ein Menſch in Livree, mit einer Kokarde auf ſeinem Hute, entgegen, ſtieß an ihn an und eilte, ſeinen Platz in einem Cabriolett wieder einzunehmen, welches er der Obhut eines Kameraden übergeben hatte, um mit dem Bedienten unter dem Eingange eines nahe liegenden Hau⸗ ſes zu plaudern. Baſil's Aufmerkſamkeit wurde durch dieſe ungewöhnliche Erſcheinung rege gemacht und er er⸗ kannte, daß die zwei wartenden Cabrioletts jene des John Maitland und Blencowe's waren, welch' beide ſtets zu ſeinen Dienſten ſtanden. Da er vorausſah, daß keines von beiden vor zwei Stunden gebraucht werden würde, ſprang er in das letztere, und nachdem er ſo ſchnell als möglich an den Eingang von Delahay⸗Street geeilt war, befahl er dem Jungen, nach dem Theater zurück zu fahren und dort ſeines Herrn zu harren, dem er das Ereigniß auseinander⸗ ſetzen würde. Dieſes ſicherte ihn vor einem kalten Spa⸗ 203 ziergange; er ging auf der dem Hauſe Abednego's gegen⸗ über liegenden Seite der Straße weiter und richtete ſeine Augen ängſtlich auf das attiſche Stockwerk. Nicht ein Schimmer von Licht war in den Fenſtern; nicht ein einziges Zeichen des Bewohntſeins war vorhan⸗ den. Der alte Mann konnte allein gelaſſen worden ſein, um mit ſeiner Krankheit zu ringen; ja er konnte ihr bei dem ungeſtümen Wetter unterlegen ſein. Wohl war es auch moͤglich, daß das von dem Geldverleiher bewohnte Zimmer nicht gegen die Straße herauslag; denn Annes⸗ ley hatte am Morgen auf die Ausſicht deſſelben nicht ge⸗ achtet; aber wenn es nicht der Fall, ſo war der Gedanke an einen alten Mann in einem heftigen Fieber, halberſtickt durch die Bräune, eine Krankheit, die vor allen andern die Wachſamkeit eines Wärters fordert, der Kälte dieſer öden Rattenhöhle ausgeſetzt, in der That ein troſtloſes Gemälde. Trotz der Kälte ſtand er einige Minuten, in ſeinen Mantel gewickelt, da und betrachtete das alte, ſpitzige Haus. Dann kam ihm der Gedanke an die Abgeſchmackt⸗ heit, ſich in die häuslichen Angelegenheiſen eines Mannes einzumiſchen, der ihm nicht im Geringſten verwandt war und wahrſcheinlich ſeine Dienſtfertigkeit für erkünſtelt oder ungelegen erklären würde, und er ging nun bis an die Ecke der Straße, um ſich nach Hauſe zu begebeh. Aber⸗ mals wurden indeſſen ſeine Schritte durch den Gedanken an die ſo iſolirte Armſeligkeit des A. O. gehemmt. „Wenn dieſe alte Creatur in dieſer Nacht wegen Mangels an Hülfe ſterben ſollte!“ ſprach er für ſich, und in Folge dieſer Vorausſetzung eilte er nach dem Hauſe zu⸗ rück, ſtieg zu der Thüre hinab und zog ſanft an der Klingel. Baſil war darauf vorbereitet, daß ihm der kleine Straßenkehrer die moͤglichſt längſte Zeit zum Nachdenken goͤnnen werde. Er hatte ihm, als er ihm die Arzneien aus der Apotheke ſchickte, ſagen laſſen, daß er morgen eine Belohnung erhalten werde, wenn er ſein Verſprechen er⸗ 204 fülle, das Haus nicht zu verlaſſen. Er warlete daher ruhig an der Thüre, bis er fand, daß der arme Igel Zeit genug gehabt habe, von dem Haufen von Spähnen in der vorderen Küche, in welcher er verſprochen hatte, die Nacht zubringen, und von Zeit zu Zeit die Zimmerthüre des Kranken beſuchen zu wollen, los⸗ und die Treppe herabzu⸗ kommen. Als fünf Minuten verfloſſen waren, klingelte Baſil wieder; nach Verlauf von zehn Minuten zum drit⸗ tenmal. Immer noch keine Antwort. Während er ſo in der Kälte daſtand, begann er ſeine Privatbeobachtungen anzuſtellen und ſorgſam zu unterſu⸗ chen, ob man nicht durch die Ritzen der Läden Licht er⸗ blicken könne. Die Küche, in welcher Bill ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß ſich aufhalten ſollte, zeigte durch ihre Be⸗ nennung:„vordern“ augenſcheinlich, daß man aus ihr auf die Straße ſehen könne. Aber das geübteſte Auge konnte auch nicht einen Schimmer erkennen. „Vielleicht iſt der arme Knabe vor Kälte eingeſchla⸗ fen,“ murmelte Baſil, indem er ſeinen Mantel feſter über die Ohren hinauf zog.„Wie wäre es, wenn ich ihn zu wecken verſuchte. Ein gegen das Fenſter geworfener Stein könnte ihn vielleicht aufwecken.“ Aber wo war ein Stein auf dem gefrorenen Pflaſter der Delahay⸗Street zu finden? Wenn der St. James⸗ Park mit all' ſeinem Kies in der Entfernung eines Stein⸗ wurfs gelegen wäre, würde Baſil wohl verſucht haben, einen ganzen und vollſtändigen Chryſolith an den Laden, gleich einem einfachen Kieſel zu werfen. Nach einer Ue⸗ berlegung von einigen Augenblicken pfiff er laut, und hoffte, daß dieſes Signal das Ohr des Knaben erreichen werde, wenn er ſchlummere. In einem Augenblicke antwortete ein gellender Pfiff von der entgegengeſetzten Seite der Straße und eine derbe Hand wurde an ſeinen Hals gelegt. Bafil kehrte ſich ſchnell zurück, um mit ſeinem Gegner zu kämpfen, blieb aber ſtehen, als er die Kleidung eines Polizeidieners er⸗ b 205 kannte. Ehe er Zeit zu einer Erklärung hatte, eilten zwei andere zur Unterſtützung des erſten herbei. „Halt feſt, Bill!“ ſchrie einer der Herbeigekommenen heftig ſchnaufend. „Ich habe ihn dieſe Viertelſtunde lang beobachtet,“ rief der erſte Fänger;„ich ſah, daß er ein Auge auf die „Fenſter des Sprachzimmers des alten Juden hat. Er hat Dietriche und was ſonſt noch an der Thüre verſucht. Ich glaube, wir machen Lärm innen! Nach ſeinem Hinauf⸗ pfeifen mag der Burſche Genoſſen drinnen haben.“ „Ei, ei; ein Raubverſuch!...“ „Jiſt, der Burſche iſt ein Nachtdieb aus Weſtend!“ ſchrie der dritte Polizeimann, und alle drei packten ihn ſo feſt am Halſe, daß er kaum ſo viel Athem holen konnte, um eine Erklärung zu geben, die, wenn auch gegeben, durchaus unbeachtet blieb. „Eine ſchöne Geſchichte!“ rief der Conſtabel von Great George Street aus, der nun in Folge des Rufens ſeiner Untergebenen herbei kam.„Ein Gentleman, der kommt um ſich nach der Geſundheit eines andern zu er⸗ kundigen, pfeift nicht dem Bedienten!“ 2 „Und verſucht auch nicht Dietriche an der Hausthüre,“ fügte der dritte Polizeimenſch hinzu. „Ueberdies hat der alte Burſche in dieſem Hauſe hier nicht einen Freund, wie man die ganze Welt ſagen hört,“ bemerkte der erſte Häſcher.„Und aus der Sorgſamkeit, mit der er das Haus bewacht hat, folgere ich, daß er drinnen Gefährten hat.“ „In dieſem Falle klopfen Sie an die Thüre und ma⸗ chen Sie Lärm, damit das Haus durchſucht wird,“ ſagte der Conſtabel.„B. 947 wird helfen, dieſen Burſchen nach der Wachſtube zu bringen.“ „Es bedarf keines Beiſtandes; ich bin bereit gutwillig wegzugehen,“ ſagte Annesley, vollkommen gefaßt. „Aber ehe ich gehe, wird es mich freuen, eiwas von dem „ 206 alten Gentleman zu erfahren, der hier wohnt und gefähr⸗ lich krank iſt.“ Die Männer, welche ihn ſo feſt hielten, wie wenn Jerry Abershaw oder Dick Turpin in ihren Klauen wäre, fragten ihn nur mit ausdrucksvollen Geberden, ob er nicht etwas grünes in ihren Augen ſehe, und Baſil beantwortete dieſe Frage durch eine ärgerliche Wiederholung des Wun⸗ ſches, den er an den Conſtabel gerichtet hatte. B. 947, der augenſcheinlich weniger erfahren in ſeinem Berufe war, als die übrigen, meinte:„Es bedarf keines feſten Arms, um ihn feſtzuhalten, während die Thüre geöffnet wird.“ —„Slauben Sie, Sir, daß ich mich in meinen Pflich⸗ ten durch Ihresgleichen irre machen laſſe?“ ſchrie der aufgebrachte Conſtabel.„Ich bin meinen Vorgeſetzten ver⸗ antwortlich, und das iſt genug.„Führt ihn weg!“ ſagte er, indem er ſich an ſeine Untergebenen mit der Würde eines Dogberry wendete.„Ich werde in einem Augenblicke bei euch ſein.“*. Annesley wurde demgemäß angetrieben, zwiſchen zwei Polizeidienern fortzugehen, ohne das Reſultat des Lärms an der Thüre des A. O. abzuwarten. Er leiſtete keinen Widerſtand, indem er vermuthete, daß ſeine Erläuterungen in dem Wachhauſe ſeine Frei⸗ laſſung unmittelbar herbeiführen würden, und er war blos ärgerlich als er aus der Menge der im Zimmer Anwe⸗ ſenden entnahm, daß er nach der Zahl der ſchon früher Verhafteten und auf Priorität Anſpruch machenden, einige Zeit gefangen gehalten werden würde. Es war kein ſehr angenehmer Anblick, die Anzahl Unglücklicher zu betrach⸗ ten, welche ſinnlos von den Thürtreppen der Branntwein⸗ kneipen weggenommen worden waren; oder die Geſellſchaft elender Weſen, die elender, weil ſie weniger ſinnlos waren, und als herumziehende Heimathloſe in den Straßen bei ſolch' einer ungünſtigen Witterung aufgegriffen wurden. Baſil Annesley bedurfte der Ermahnung Shakſpeare’s: Entbloͤße Dich ſelbſt und fühle, was der Unglückliche ◻ 207. fühlt, um ſeine Theilnahme dem Elende ſeiner Mitmen⸗ ſchen zuzuwenden, obgleich er bis zu dieſer Nacht faſt noch nie die Größe und die Beſchaffenheit des Unglücks gekannt hatte, welches in den Straßen dieſes großen Babylons heimiſch iſt. Endlich kam die Reihe an ihn, und er begann eine einfache Erzählung deſſen, was ihm begegnet war; da wurde ihm aber befohlen zu ſchweigen und die Ausſage der Polizeimannſchaft nahm den gebührenden Vorrang ein. Die, welche erſtaunt ſind, nachdem ſie in dem einen oder dem andern Hauſe einer ſchläfrigen Debatte, aus un⸗ zuſammenhängenden Kleinigkeiten beſtehend, von einem ehren⸗ werthen Mitgliede herausgeräuſpert und hergeſtottert, von einem zweiten gemurmelt, von einem dritten gemurrt, und von dem vierten in ſtummer Betrachtung ſeiner Hände und Lippen, unhörbar für die Gallerie, durchgeführt, beige⸗ wohnt haben, am folgenden Morgen mit eigenen Augen in den fließenden Perioden der Times einen Zuſammenfluß parlamentariſcher Weisheit, unter die verſchiedenen Häu⸗ ſer vertheilt, unter einen Herzog von..., unter einen Marquis von....., unter das ehrenwerthe Mitglied von Finsbury, oder das ehrenwerthe Mitglied von.., was weiß ich, als eine ſchöne und wahrhafte Darſtellung des nackt vor ihnen liegenden Geſchwätzes der vergangenen Nacht zu leſen, dieſe können ſich einen Begriff von dem Staunen Baſil's machen, als er eine ganz zuſammenhän⸗ gende und wahrſcheinlich klingende Erzählüng von ſeinem Unternehmen als ein Dieb hörte. Sein Geſicht wurde von mehreren anweſenden Perſonen als in Marlborough Street bekannt, recognoscirt, und Einer, der eine ausge⸗ dehntere Kenntniß als die Andern hatte, erinnerte ihn drollig an ſeine zwei Monate auf der Mühle*). Es war mehr zu ſeinem Vortheile, als ärgerlich, *) Tretmühle, eine Strafe in England. 8 Anm. d. Ueberſ. 208 . wenn eine Unterſuchung ſeiner Perſon angeordnet wurde, ehe man ihn für dieſe Nacht in Gewahrſam brachte; denn er wußte, daß ſtatt der Dietriche und anderer Diebswerk⸗ zeuge, deren man ihn beſchuldigte, das Eigenthum in den Taſchen ſeines Ueberrocks die von ihm behauptete Identi⸗ tät herſtellen würde. Die Anfangsbuchſtaben auf ſeinem Sacktuche und der Name, der in ſeinem Taſchenbuche, welches ſeine Briefe und Bemerkungen enthielt, waren indeſſen nicht, wie er ſich eingebildet hatte, genügend, um den Beweis zu lie⸗ fern, daß der Delinquent von der Brirton Mühle ein Of⸗ ftcier der Garde und von ehrenhaftem Rufe ſei; denn als er ſeine Vertheidigung vor dem Inſpektor begann, fand dieſer neue Verdachtsgründe in derſelben. Der Menſch, welcher geſagt hatte, daß er ſein Geſicht mehr als zwan⸗ zigmal in der Mabbro Street geſehen habe, bemerkte, daß der Rock dem rechtmäßigen Eigenthümer geſtohlen worden ſein könne, und von dem Diebe mit allem, was dazu ge⸗ höre, getragen werde, um ein Alibi darzuthun. „Wenn Sie eine Botſchaft in den Klubb der Garde ſenden und Capitain Blencowe, deſſen Cabriolett dort war⸗ tet, bitten laſſen wollen, hieher zu fahren und meine Iden⸗ tität feſt zu ſtellen, oder einen andern meiner Kameraden zu dieſem Zwecke hierher zu ſenden, oder auch ſeinen Diener, der mich vor einer Stunde nach Delahay Street fuhr, ſo werden Sie finden, daß dieſe Männer falſch ausgeſagt ha⸗ ben, oder wenigſtens ſich täuſchten!“ ſagte Baſil in einem Tone, der die beſchränkten Geiſtesgaben des Inſpektors in Verlegenheit ſetzte. Nach einigen Eroͤrterungen der Zeu⸗ gen wurde er abgeführt, um auf das Reſultat der Bot⸗ ſchaft zu warten. Drei Viertelſtunden wartete der arme Annesley auf die Zurückkunft des nach der St. James⸗Street abgeord⸗ neten Polizeimanns; er wartete in einem von Tabak⸗ und Branntwein⸗Dunſten angefüllten Zimmer, welche aus drei zerlumpten menſchlichen Weſen ſtrömten, die dort lagen, ——;—;—;— 209 zwei auf einer Matratze, der dritte auf dem Fußboden. Letzterer athmete ſo ſchwer und unregelmäßig, als leide er mehr durch apoplectiſche Zufälle, als durch bloße Trunken⸗ heit. Fruchtlos remonſtrirte Baſil dagegen, mit ſolchen Auswürflingen in Berührung gebracht worden zu ſein. Die Beſchuldigung eines falſchen Zeugniſſes, welche er der Polizei⸗Gewalt gemacht hatte, ſetzte ihn der äußerſten Strenge deſſen aus, was man Geſetz zu nennen beliebte. Endlich, als ob der ſchmählichen Einkerkerung und der empörenden Geſellſchaft der Wahnſinn faſt in ihm zu gähren anfing, verkündete der knarrende Riegel, daß ſeine Prüfung zu Ende ſei; er wurde in das Polizeizimmer zu⸗ rückgeführt, jetzt hitziger als je, und von neuen Begleitern beläſtigt.“ 3 . Der erſte Gegenſtand, der ihm in die Augen fiel, waren Maitland und Wilberton, deren Cheſterfield⸗Män⸗ tel und lachende Geſichter einen ſeltſamen Contraſt gegen die Uniformen der Polizeimänner und die ſchmutzigen Lum⸗ pen der Gefangenen bildeten. Sie ſtanden Arm in Arm da, ſie hatten bei der kalten Luft die Abendtafel auf An⸗ nesley's Anruf verlaſſen, als ſie gerade recht gemüthlich bei ihrer Cigarre und beim Punſche ſaßen. Obſchon durch Baſil's Botſchaft über die Natur ſeines Unfalles benach⸗ richtigt, hatten ſie, als ſie das Stationshaus erreichten, dennoch vorgeſchützt, in dem Glauben zu ſein, daß ſie auf die ſchamloſe Anklage eines Betrügers vorgerufen worden ſeien. Die Folge davon war, daß der Gefangene von dem Augenblicke ſeines Austritts aus dem Gefängniſſe an ſich artiger behandelt fand, als zuvor. „Nie in meinem Leben ſah ich dieſen Burſchen!“ ſtammelte Wilberton, welcher, aufgeregter als ſein Ge⸗ fährte, entzückt durch die Ausſicht auf die Strafe war, welche John Maitland wegen der angeblichen Einladung Baſil's in Vorſchlag gebracht hatte.„Irgend ein betrun⸗ kener Hund von.... von einem Taſchendiebe, der ein Spiel mit unſern Namen treibt.“ Der Geldverleiher. I. 210 „Es iſt verteufelt hart, daß ein Gentleman in ſeinem Abendeſſen durch ſolch' einen abſurden Vorwand geſtört wird!“ fügte Maitland bei, indem er die Miene betrun⸗ kenen Unwillens annahm. Annesley war nun nahe daran, für den Reſt der Nacht in ein Gefängniß gebracht zu werden; indeſſen hatte doch die eigenthümliche Miene und der triumphirende Ton der beiden Zeugen die Aufmerkſamkeit des Inſpectors ſo angeregt, daß, als Baſil in dem gentlemäniſchen Tone, der ſelten ſeine Wirkung verfehlt, in ihn drang, die Die⸗ ner, welche mit den beiden Gentlemen gekommen waren, herbeizurufen, er ſeinen Wunſch erfüllte. Ehe jedoch der Burſche Maitlands, deſſen Zeugniß dem Geheimniſſe ein Ende machen mußte, Zeit hatte herbei zu kommen, hatte ſein Herr angefangen, ſich an Annesley mit dem Aus⸗ drucke:„alter Burſche“ zu wenden, und die ganze Sache als Scherz zu behandeln. Die Folge hievon war die augenblickliche Entlaſſung des vermeintlichen Nachtdiebs. Nichts war mit den Aus⸗ ſagen des B 947 übereinſtimmend gefunden worden, und dieſer hatte ſich bereits davon geſchlichen, indem er ver⸗ muthete, daß nun die Anklage gegen ihn werde gerichtet werden. Um den Exrgefangenen zu beruhigen, der, ehe er ſeinen ſcherzenden Freunden aus dem Stationshauſe folgte, die Abſicht ausſprach, morgen eine Klage gegen die Polizei⸗ beamten zu erheben, machte ihn der Inſpector damit be⸗ kannt, daß die Poltzeidiener, da es ihnen unmöglich war, einen Eintritt in das Haus zu erlangen, und da ſie ernſt⸗ lich für die Sicherheit ſeines Bewohners beſorgt geweſen, die Thüre zu ſprengen ſuchten, und daß dieſer Laͤrm den alten Mann aus ſeinem oberen Stockwerke herabgeführt habe, um ſich, ein Paar Piſtolen in der Hand, über ſeine eigene Sicherheit Gewißheit zu verſchaffen. Uebrigens,“ fügte der Inſpector hinzu,„hat der Conſtabel, der ihn überredete aufzuriegeln und mit ihm ſprach, verſichert, daß der alte Gentleman in einem ſolchen — 20 211, Zuſtande der Schwaͤche ſei, daß ſeine Stimme kaum hör⸗ bar geweſen. Dieſe Nachricht veranlaßte mich, dem Grunde den Sie für einen Beſuch zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde anführten, mehr Glauben beizumeſſen, als ich es anfangs that.“ Nach ſeiner Entlaſſung aus den tyranniſchen Klauen der Polizei entſchloß ſich Baſil, auf der Stelle nach De⸗ lahay Street zurückzukehren, indem er nun überzeugt war, daß der kleine Kehrer ſein Verſprechen nicht gehalten und den elenden Mann allein gelaſſen habe. Als er gerade die Thüre des Stationshauſes verließ und die dienſtfertigen Anerbietungen der an der Thüre harrenden Müßiggänger, nach einem Cabriolett für ihn zu laufen, ablehnte, erſchien eine ſeltſame Figur an der Ecke der Straße, die, wenn ſie nicht ſo nahe bei dem Hauptquartiere des Geſetzes geweſen wäre, leicht für einen Menſchen jenes Berufs hätte gehalten werden können, deſſen Baſil ſo eben angeklagt worden war. Allein der Mond ſchien zu helle durch die klare Atmoſphäre, um die Augen Annesley's zu täuſchen und auf der Stelle erkannte er in der unſcheinbaren Figur die Perſon, zu deren Hülfe er herbeigeeilt war, indem er ſie auf dem Sterbebette ver⸗ muthete. „Was, um des Himmels willen, Sir, hat ſie veran⸗ laßt, in einer ſolchen Nacht in Ihrem gegenwärtigen Zuſtande herauszugehen?“ rief Bafil, ihm eilig ſich nähernd. Die Antwort war jedoch ganz unverſtändlich. Abednego lehnte ſich an das Thorgeländer eines benachbarten Hauſes als ſei er von ſeinen Gefühlen oder von ſeiner Schwäche überwältigt und ſeufzte laut. „Schaffe einen Wagen herbei!“ rief Baſil einem der Burſche zu, die ihn zuvor beläſtigt hatten; denn er er⸗ kannte, daß, ſo kurz auch die Entfernung von Delahay Street war, ſehr zu bezweifeln ſei, ob der Zuſtand des kranken Mannes geſtatte, ihn zurückzuführen. Indem er 4 auf das unterdrückte Athemholen lauſchte, welches halb aus dem krauken Zuſtande und halb aus dem Aerger her⸗ vorging, in welchem Abednego verſucht war, ſeinen Zorn über die Geſchäftigkeit ſeines jungen Freundes und ſeinen Unwillen über die Verlegenheit, in welche er ihn verſetzt hatte, auszuſprechen, kam ein Wagen herbeigeraſſelt. Die Art, mit welcher der Kranke, nachdem er in den Wagen hineingehoben worden, in eine Ecke deſſelben athemlos zurückſank, überzeugte Baſil, daß ſeine frühere Beſorgniß nicht übertrieben war. „Es iſt zu viel für ſein Leben, der Nachtluft in ſolch einer Nacht ausge geweſen zu ſein!“ drang unwill⸗ kürlich über Baſil's Lippen, als er das warme Intereſſe, welches der excentriſche alte Jude für ihn hegte, mit dem Ausreißen ſeiner luſtigen Kameraden verglich. Ein hei⸗ ſerer Ausruf:„mein Leben!“ welcher den Lippen ſeines Gefährten entſchlüpfte, war der einzige verſtändliche Laut, der das Ohr Baſils erreichte, ehe ſie an der Thüre in Delahay Street anlangten. „Sie müſſen mir erlauben, Ihnen beim Hinaufſteigen der Treppe behülflich zu ſein,“ ſagte Baſil, als der Kut⸗ ſcher vor der Thüre des Hauſes hielt und Abednego, einen Schlüſſel aus der Weſtentaſche ziehend, ſich anſchickte, die Thure zu öffnen. „Nein, nein!“ murmelte der alte Mann.„Ich ſage Ihnen, nein! Wer wäre da, den Riegel hinter Ihnen zuzuſchieben, wenn Sie das Haus verlaſſen?“. Die Anſtrengung, welche ihm dieſe Erklärung geko⸗ ſtet hatte, zeugte jedoch zu ſehr gegen ihn, und als er ſeine Thure erreichte, taumelte er und würde gefallen ſein, während er den Schlüſſel in das Schlüſſelloch ſtecken wollte, wäre ihm nicht Annesley zu Hülfe geeilt, ihn in ſeinen Armen auffangend. Ein leiſes Wehklagen entwiſchte ſeinen Lippen und Annesley, der den Schlüſſel aus ſeiner eiskalten Hand genommen und mit dem Fuße die ſchwer ſich öffnende Thuͤre zurückgeſtoßen hatte, führte ihn in den 213 3 Vorplatz und ſetzte ihn auf eine Bank. Als er den Kut⸗ ſcher bezahlt und zuruckgeſchickt hatte, ſchloß er ſorgſam die Hausthüre, ſchob, der Gewohnheit Abednegv's gemäß, den eiſernen Riegel vor, ergriff dann mit der einen Hand die ſchmutzige eiſerne Lampe, welche der Jude bei ſeinem Abgange nach dem Stationshauſe brennend auf dem Pfla⸗ ſter des Vorplatzes zurückgelaſfen hatte, und bot den andern Arm dem, nach und nach wieder zu ſich kommenden A. O. „Laſſen Sie mich ſehen, Sir, wie Sie die Treppe hinaufkommen,“ ſagte Baſil.„Es iſt vergebens, meinen Beiſtand zurückzuweiſen. Die Nacht iſt halb vorüber, und da ich jetzt weiß, daß Sie allein in dem Hauſe ſind, ſo ſchwore ich Ihnen, daß ich es vor morgen früh nicht verlaſſen werde.“ Der leidende Mann ſchien ſeine durch die zunehmende Krankheit herbeigeführte Ohnmacht, über dieſen Punkt mit dem jungen Manne zu ſtreiten, vollkommen zu fühlen denn ſtatt ferneren Widerſtand zu leiſten, nahm er den ihm dargebotenen Arm Annesley's an und verſuchte die Treppe hinanzuſteigen. Der Verſuch war indeſſen nicht leicht. Sein Athem⸗ holen wurde bei der zunehmenden Anſchwellung und Ent⸗ zündung der Kehle immer mehr verhindext, und als ſie den zweiten Abſatz der Treppe erreichten, erfaßte er mit beiden Händen Baſils Arm und haſchte nach Luft. Erſt nach Verlauf mehrerer Minuten konnten beide das attiſche Stockwerk und die Thüre erreichen, welche mehr aus Gewohnheit als der Sicherheit wegen verſchloſſen war; denn es war ja kein anderes menſchliches Weſen im Hauſe. 4 Sie traten in das Zimmer ein; Baſil gewahrte mit Theilnahme, daß nicht ein Funken Feuer da, und daß ſein leidender Gefährte von ſeinem Bette aufgeſtanden war, um auf den Lärm der Polizei zu antworten. Annesley zündete an der Lampe, die er trug, ſchnell ein auf dem Tiſche ſtehendes Licht an, welches, in ſeltſamem Wider⸗ 214 hunh mit den Gewohnheiten Abednego's, von Wachs zu ſein ſchien. 4 „Geben Sie mir die Lampe, flüſterte der arme Mann, indem er aus der Bergore, in welche er ſich erſchöpft ge⸗ worfen hatte, aufſprang.„Ich habe Holz und Spähne in dem andern Zimmer. Da Sie vorziehen, bei mir zu bleiben, ſo glaube ich ein Feuer anſchüren zu müſſen. „Wegen mir nicht, Sir,“ antwortete Baſil eilig; aber als er bedachte, daß die gaſtfreundſchaftliche Geſin⸗ nung des alten Mannes das einzige Mittel ſei, um ihn zu vermögen, auf ſich ſelbſt die gehoͤrige Aufmerkſamkeit zu verwenden, ſtand er von ſeinem Ablehnen ab, und Abed⸗ nego ſtolperte brummend in das anſtoßende Zimmer. Baſil, der nun allein war und ſeine Augen auf das elende Zimmer richtete, welches ebenſowohl ein Platz der Buße, als die Polizei⸗Zelle war, die er verlaſſen hatte, bemerkte, daß auf einem Tiſche neben dem elenden Bette das Buch lag, welches er dieſen Morgen ſeinem Wirthe geliehen hatte. Neben demſelben ſtand ein großes Cruzifir von Berliner Gußeiſen; neben dieſem lag ein zuſammen⸗ gebogenes Papier. Ein Cruzifir! So hatte ihn alſo die Welt und ſein eigener Verdacht ſchmählich betrogen! Abednego, der Geldverleiher, war bloß dem Namen und ſeiner Handlungsweiſe nach ein Jude! Während er über dieſe unerwartete Entdeckung nach⸗ dachte, zog ein heftiger Fall in dem anſtoßenden Cloſet ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, und obwohl er glaubte, dies komme bloß von einem Stück des Holzes her, deſſen ſein ſeltſamer Wirth erwähnt hatte, eilte er doch ihm zu Hülfe. Entweder hatte A. O. ſeine Füße in den langen Mantel verwickelt, in welchen er ſich, um ſich gegen die Nachtluft zu ſchützen, eingehüllt hatte, oder er war vor Schwäche gefallen; denn er lag da, ausgeſtreckt über den Haufen von Holzkohlen, Steinkohlen und Fragmenten alten Holzes, der eine Ecke des Zimmers ausfullte. Der alte Mann hatte ſich überdies beim Fallen be⸗ —— ———— 215 ſchädigt; denn als Baſil ihn aufhob, bemerkte er bei dem Scheine der Lampe, die, obgleich umgeſtürzt auf dem Boden liegend, nicht erloſchen war, daß Blut von ſeinen Lippen floß. Er raffte ihn nun eilig auf und trug ihn in ſeinen Armen gleich einem Kinde in das anſtoßende Zimmer, in welchem er ihn auf das Bett legte. In Zwiſchenräumen ſeufzte Abednego heftig, entweder in Folge ſeiner Krankheit, oder dieſes Unfalles.. Da er ſeinen Wirth ſo offenbar entkräftet ſah, fühlte ſich Baſil verpflichtet, ihm nach ſeinen eigenen Eingebun⸗ gen Hülfe zu leiſten. Er war hier allein, in der Mitte der Nacht, ohne Hülfe, ohne Beiſtand, allein mit der Sorge für einen kranken oder ſterbenden Mann. Es war keine Zeit für Zweifel, oder Empfindlichkeit. Indem er ſeinen Ueberrock von ſich warf, eilte er von dem Haufen in dem anſtoßenden Zimmer die Materialien zu einem Feuer herbeizuholen; bald brachte er eine Flamme auf dem alten, roſtigen Roſte zu Stande, und dieſe erzeugte wenigſtens einige Heiterkeit und verhieß, Wärme in dem traurigen Gemache zu verbreiten. Ein alter Keſſel ſtand neben dem Ofenſchirme, und Baſil ging nach dem ſteinernen Waſſerkruge, der in einer Ecke des Zimmers ſtand, um den Keſſel zu füllen. Aber ach, das Waſſer im Kruge war gefroren. Um das Eis niederzuſchlagen, welches ſeiner Hand widerſtand, hob Baſil ein Stück Holz, das auf dem Boden lag, auf, und das durch das Einſchlagen des Eiſes entſtandene Krachen, ſchien die Beſinnung Abednego's wieder herbeizuführen, der auf der Stelle wie aus einer Erſtarrung auffuhr. „Welches Unheil ſtellen Sie da an?“ ſtöhnte er, augenſcheinlich nur theilweiſe bei Sinnen.„Was haben Sie zerbrochen? Ich habe nicht ein einziges ganzes Stück von Töpfergeſchirr mehr, ſeit Sie angefangen haben, mich zu bedienen. Und wie können Sie ein ſo ungeheures Feuer machen? Thor! Was habe ich außer Ihren eigenen zer⸗ 216 brechlichen Gliedern hier zu brates, daß Sie einen ſo un⸗ geheuern Brand unterhalten.“ Aus dem wenigen, was Baſil Annesley von dieſem Ausrufe, der in ein heiſeres Stöhnen überging, verſtehen konnte, entnahm er, daß Abednego's Gedanken durch das Fieber verwirrt waren, und daß er ihn für den kleinen Straßenkehrer hielt. Ohne einen Verſuch, ihn aus ſeinem Irrthum zu reißen, fuhr er in der Arbeit fort, die er ſich ſelbſt auf⸗ erlegt hatte. Er füllte den Keſſel, ſetzte ihn über das Feuer, und da er das Packet mit getrockneten Linden⸗ blüthen, welches er ihm aus der Apotheke zu einem Thee geſchickt hatte, noch unberührt fand, bereitete er einen Trank für den kranken Mann, wie er ſich ſelbſt einen zu Heidelberg durch Eſther's Mutter einſt hatte bereiten laſſen. Eine Schwierigkeit waltete aber ob, eine Taſſe zu finden, in welcher er ihn Abednego darreichen konnte. Als einziges Auskunftsmittel nahm Baſil von einem Brette hinter ihm etwas, was eine Zierrath von Bronze zu ſein ſchien und ſpäter ſich als ein antiker ſilberner Becher, ein Meiſterſtück eines der alten lombardiſchen Ziſelire, darſtellte. Der Kranke trank und ſchien beruhigt. Sein Wim⸗ mern wurde weniger heftig. Nach einiger Zeit öffnete er ſeine Augen und athmete, wie wenn die Beklemmung ſei⸗ ner Bruſt einigermaßen gemildert ſei. Mittlerweile und ehe er ſein Bewußtſein vollſtändig wieder erlangte, ent⸗ fernte Baſil ſeine Oberkleider, legte ſie unter ſein Kiſſen, um ſein Haupt mehr zu unterſtützen, und deckte ſie ſorg⸗ fältig mit der Matratze der gebrechlichen Pritſche zu. In eine zweite Taſſe des Tranks miſchte er etwas Antimonium, wie ihm der um Rath befragte Apotheker vorgeſchrieben hatte; und nachdem der Kranke wieder und faſt mechaniſch das heiße Getränk zu ſich genommen, wartete Baſil die Wirkung deſſelben ab und warf ſich, 2 — 217 durch dieſe ungewöhnliche Arbeit ermüdet, in die alte Bergère vor dem Kamine, um zu ruhen und nach⸗ zudenken. Das Seltſame ſeiner eigenen Lage war natürlich der erſte Gegenſtand ſeines Nachdenkens. Hier ſaß er, der unwillig und als eine Beleidigung das angeblich intime Verhältniß mit A. O., welches ihm bei Lady Maitland durch Blencowe und ſeine Genoſſen vorgehalten worden, zurückgewieſen hatte, hier ſaß er als wirklicher Kranken⸗ wärter an ſeinem Bette, in einer ſchmutzigen Dachſtube, Dienſte verrichtend, mit welchen er gegen ſolche Perſonen gezoͤgert haben würde, die Anſprüche auf ſeine Gefällig⸗ keit hatten. 3 Erſt vor wenigen Nächten hatte ſeine Mutter ſich ge⸗ weigert, viel weniger erniedrigende Dienſte zu Gunſten eines alten und treuen Dieners von ihm zuzulaſſen, und nun war er Wärter, alleiniger Diener an dein Sterbebette eines Fremden, deſſen Eriſtenz ihm vor wenigen Monaten noch ganz unbekannt war.. Aber die ſeltſamſte dieſer Ungereimtheiten war, daß er um Alles in der Welt ſich ſelbſt nicht dahin bringen konnte, Abednego Oſaley als einen Fremden zu betrach⸗ ten. Irgend ein myſteribſes Band ſchien ſie zu vereinigen. Obwohl das gemeine, aber heiligſte Band des Menſchen⸗ geſchlechts, welches auch den Geldverleiher unter der bibli⸗ ſchen Bezeichnung:„Nächſter“ miteinſchloß, hingereicht haben würde, einen Grund für die Dienſtleiſtungen des jungen Samaritaners abzugeben, ſo daß keine weitere Be⸗ ſchönigung nöthig war, ſo konnte ſich doch Baſil Annesley, als er den rauchenden Kamin betrachtete, nicht verhehlen, daß er ſich vorkomme, als ſitze er an dem Herde eines Menſchen, mit welchem er ſchon lange gewohnt war, das Brod zu brechen, ſich Raths zu erholen. Und überdies war der Mann, der ſchwer athmend und bewußtlos auf dieſer elenden Matratze lag, von einem ufe und von Gewohnheiten, welche dem edeln Sinne des 218 jungen Soldaten verhaßt waren. Obgleich Abednego's gewandte Sprache und deſſen Geiſteskraft dem Berufe des Geldverleihers in den Augen Baſils einen neuen Charakter verliehen, obgleich ſein Scharfſinn und die Größe ſeiner Speculationen eine Art Schleier über die Niedrigkeit ſeines täglichen Treibens und die abſcheuliche Beſchaffenheit ſeines Zinswuchers geworfen hatte, ſo konnte doch der junge Annesley ſich nicht überwinden, ſich ſelbſt zu verbergen, daß der Mann, welcher mit einer ſo fernſichtigen Philo⸗ ſophie den Werth und den ſocialen Einfluß des Gelds betrachtete, im Practiſchen ein erbärmlicher Zungendre⸗ ſcher ſei. Mit all' dem Unzuſammenhängenden und Verhaßten ſeines Strebens war ſich doch Baſil immer noch einer unwillkürlichen Achtung gegen den Eigenthümer dieſer ſchmutzigen Dachſtube bewußt. Die Macht der Gedanken, der Zauber des Geiſtes, die Energie der Seele eines Menſchen, der ſeiner eigenen Lage gegenüber ſo unermeßlich überlegen war, der eine ſo unbeſchränkte Herrſchaft über das Geſchick Anderer übte, zog eine Art Hof, eines Hofs wie wir ihn um die Sonne oder den Mond erblicken, um das Dunkel dieſes Ortes. Es war ein ſo vorſätzliches, ein ſo mürriſches, ein ſo ſich ſelbſtverleugnendes Elend. Es lag eine ſolche Kraft des Willens, eine ſolche Concentrirung einer ſelbſtauferlegten Strafe in den Entbehrungen des nothleidenden Millionärs, daß es ihm vorkam, als betrachte er de Rancé in der Zelle von La Trappe, oder Karl V. in jener von St. Quintin, ſtatt des gemeinen elenden, der als ein zweiter Prometheus eigenſinnig untergehen wollte. Wenn er dieſe nackten Wände betrachtete, ſo war es möglich Abſcheu zu hegen, aber es war nicht leicht, den Bewohner dieſes eiſernen Kaſtens voll unermeßlicher Schätze zu verachten. Die Hauptquelle von Unruhe lag nun, da er die Beruhigung hatte, die in ſeiner Macht ſtehende Hülfe mittels phyſiſcher Mittel dem kranken Manne gewährt zu — — 219 haben, für Baſil in der Gewißheit, daß er ſich dem Spotte ſeiner Kameraden ausgeſetzt habe. Der Unterhaltung der Saiſon entbehrend, würden ſie gewiß nicht ermangeln, unter ſich ſelbſt ſeinen einſamen Beſuch des Theaters unter dem Vorwande einer Einladung zu beſprechen; ſeine Fahrt in Blencowe's Cabriolet, die ſonſt für irgend ein verliebtes Stelldichein hingegangen wäre, war nun als ein mitter⸗ nächtlicher Beſuch bei A. O. enthüllt, ein Beſuch, der überdies ſo unberufen war, daß er Urſache wurde, für einen Nachtdieb gehalten zu werden, und die Ausſicht zu erlangen, eine Nacht in dem Stationshauſe zuzubringen. Es war nicht zu erwarten, daß Menſchen wie Wilber⸗ ton und Maitland mit ihren Entdeckungen lange zurück⸗ halten würden, und der alte Carrington war nur zu ſchwach, um nicht die gehörige Wichtigkeit einem Abenteuer bei⸗ zumeſſen, welches dem jungen Annesley für lange Zeit dem Spotte derer ausſetzte, die ſeinen Zorn ſo ſehr da⸗ durch ſchon erregt, daß ſie ihn als einen Geſellſchafter des Geldverleihers bezeichnet hatten, der Arm in Arm mit ihm gehe. 4 Um den Widerwärtigkeiten ſeiner Vorausſetzungen zu entgehen, ging Baſil, um von dem Tiſche das einzige Buch wegzunehmen, welches das leere Zimmer zu ſeiner Unter⸗ haltung darbot, den Band Hollars, welchen Abednego ſo ſeltſamer Weiſe als Troſt fuͤr die Stunden ſeiner Krank⸗ heit ausgeſucht hatte.. Als er es behutſam vom Tiſche wegnahm, um den Kranken nicht aus ſeinem unruhigen Schlummer zu wecken, ſtreifte er unverſehens das Papier, welches neben dem Buche lag, hinab, und ſuchte es nun, um es wieder auf den Tiſch zu legen. Als er auf dem Boden ſuchte, zeigte es ſich, daß es eine Haarlocke enthielt, eine lange, lange Locke, Ringel an Ringel, die man nur für eine weibliche erkennen konnte, und es war ſchwer, anders zu vermuthen, als daß das Weib jung und ſchön ſei, denn ſo ſeidenartig waren die Haare, ſo glanzend war ihre Farbe. 220 Ohne die geringſte Abſicht, in die Geheimniſſe ſeines Wirthes einzudringen, war es doch Baſil nicht möglich, dieſe Locke wieder in das Papier hineinzubringen, ohne dieſes ſehen zu müſſen. Er bemerkte die eigenthumliche Farbe des Haares; es hatte eine ſeltene Färbung, ſeinen Augen ſchon ſo lange bekannt, wie die der Flechte, die er in ſeinem Taſchenbuche mit ſich trug, und die vor ganz kurzer Zeit, während der inſolenten Durchſuchung auf der Polizei, vor ihm entfaltet worden war. Es waren die Haare ſeiner Mutter, nicht ſilbern, wie ſie durch die Hand der Zeit und durch die Laſt der Sorgen jetzt waren, ſondern glänzend und ſchimmernd, wie in der Blüthe der Jugend. Baſil betrachtete dieſe Locke, die er als ein Geſchenk von Dorcas erhalten hatte, ohne daß ſeine Mut⸗ ter darum wußte, und die der köſtlichſte ſeiner Schätze war. 6 Unwiderſtehlich trieb es ihn, dieſe Flechte mit der Locke zu vergleichen, die er im Beſitze des Geldverleihers entdeckt hatte; er nahm ſie aus ſeinem Taſchenbuche, zog ſie aus ſeinem Papiere hervor und legte ſie neben die Locke. Es war durchaus kein Unterſchied in der Länge, keiner in der Farbe. Es waren die nämlichen Haare. Der gleichgültigſte Beobachter würde bemerkt haben, daß ſie, was auch Baſil für einen Augenblick anzunehmen bereit war, von demſelben geliebten Haupte ſeien. Aber war dies möglich? Welches Verhältniß oder welche Bekanntſchaft konnte beſtehen oder jemals beſtanden haben? Der Geldverleiher in Greek Street, und die Wittwe des Sir Bernard Annesley! Die ſtolze Tochter des ſtolzeſten der Geſandten, des Lord C— und der reiche, liſtige Wucherer. Der entehrte, der berüchtigte, der in⸗ fame A. O.! 221 Zwölftes Kapitel. Sprich mir von der erſten Liebe; Leeres Hoffen, thöricht Glück, Bis das Grab ſich wird einſt öffnen, Bis der Tod beginnt den Tanz. Tennyſon. Schwerlich war die Scene, in der der junge Annes⸗ ley ſich jetzt befand, trauriger als die, in welcher in dem⸗ ſelben Augenblicke ſeine Mutter begriffen war, indem ſie einen gleichen Akt der Menſchenfreundlichkeit in ihrer traurigen Abgeſchiedenheit zu Barlingham Grange voll⸗ brachte.. 6 Der alte Gärtner war nicht mehr. Der Ausbruch der Gefühle, deren Zeuge Baſil geweſen, ſchien die letzte Anſtrengung der verlöſchenden Natur zu ſein, und die Lady, der er von ihrer Kindheit an ergeben war, hatte die glaſigen Augen des alten Mannes zugedrückt und die Nachtlichter neben den Todten geſtellt. Lady Annesley war vielleicht unter den Bewohnern von Grange die am meiſten für eine ſolch' feierliche Pflicht geeignete. Ihr Geiſt, durch immerwährende Sorge ernſt geworden, hatte eine Feſtigkeit erlangt, vermöͤge der ſie irgend einer der ernſteſten Pflichten des Lebens ohne Zit⸗ tern genügen konnte, vor welchen die zarten Herzen und Hände ihres Ge chlechts mit Entſetzen zuruͤckgeſchaudert hätten, bis die eine oder die andere dem Einfluſſe des Kummers oder der Reue erlegen wäre. Sie hatte dem alten Nicolaus in ſeine Ohren die Gebete leiſe geflüſtert, welche die Kirche an einem Sterbe⸗ bette vorgeſchrieben hat; und wenn dieſe Bemüuhung viel⸗ leicht durch die Furcht geſteigert worden war, die Ent⸗ hüllungen ſeines geſchwächten Geiſtes dem Ohre eines 4 222 Fremden preisgegeben zu ſehen, ſo lag doch nicht dieſelbe Veranlaſſung jetzt vor, der verſtändigen Dorcas zu helfen, ſeine Glieder für das Grab herzurichten. Als er in den Sarg gelegt worden, verließ ſie das Zimmer mit einem tiefen Seufzer, mit einem inbrünſtigen Gebete. Früherer Kummer war bei ihrer raſtloſen Pflege des alten Mannes bitter erneuert worden, denn er hatte unbewußt ſie durch ſeine unzuſammenhängenden, wahnwitzigen Reden verletzt, und wie ſehr hatte er ſie der Gefahr ausgeſetzt, das Kind ihres Herzens zu täuſchen! Aber er war nun zur Ruhe eingegangen. Beide hatten ihren Beruf erfüllt. Der Mann mit den grauen Haaren war von ſeinen irdi⸗ ſchen Drangſalen erloͤst; ſie allein war zurückgeblieben, um zu dulden und zu verſöhnen. Jeder, deſſen Gefühle durch die Erfüllung einer ſchweren und drückenden Pflicht aufgeregt wurden, muß eine eigenthümliche Leere der Gefühle empfunden haben, wenn dieſe qualvolle Aufgabe vollbracht iſt, gleich dem Dulder, deſſen verunſtaltetes oder zerſchmettertes Glied durch den Wundarzt abgeſchnitten wurde, und dem es nun vorkommt, als ob eine unbeſchreibliche Aufregung und Unbehaglichkeit die Stelle deſſelben eingenommen habe. So abgemattet Lady Annesley während der langen Daner der Krankheit des Gärtners geweſen, ſo ſehr ſie einer ewigen Angſt durch ihn ausgeſetzt war, ſo konnte ſie doch an jenem Nachmittage, an welchem er in das Grab gelegt worden, als das Haus zu ſeiner gewöhnlichen düſtern Stille zurückgekehrt war, und die beiden Frauen in ihren Trauerkleidern durch daſſelbe ſchweigend und traurig gingen, zu ihrer gewohnten Beſchäftigung nicht zurückkehren. Unwillkührlich trat ſie wieder in das Zimmer ein, welches zum Gebrauche des Verſtorbenen hergerichtet wor⸗ den, und deſſen Schwelle ſie nie anders, als unter Furcht und Angſt betreten hatte. Alles war wieder wie früher hergerichtet worden. Die Winterſonne ſchien durch die 1 —ÿ—᷑—ᷣ—:——Q,:O:O:—⸗——— V 1 I 223 geöffneten Fenſterflügel herein, und da ſie durch die er⸗ ſtickende Atmoſphäre, die darin herrſchte, daraus wieder vertrieben wurde, hatte ſie keine andere Zufluchtsſtätte, als ihr eigenes warmes Wohnzimmer, keinen andern Troſt, als ihre Bücher und ihr Pult. Es iſt nichts gewohnlicher, als daß man Leute von Welt, wenn ſie vernehmen, daß irgend ein gewaltſam Eingeſchloſſener wegen der freudeleeren Einſamkeit jam⸗ mert, ausrufen hört:„Aber warum leſen Sie nicht, um ſich ſelbſt zu unterhalten?“ und ſie tummeln ſich ſo auf dem Gemeinplatze der Lobrede auf„die, durch Studium herbeigeführte Erleuchtung des Geiſtes“ herum, welche unſer Vorſchriftenbuch zum Gebrauche für Schulen ſo lebhaft anpreist. Aber der Begriff des Leſens zur Unter⸗ haltung, den ſolche Leute haben, beſchränkt ſich auf eine Subſcription erſten Ranges bei einer faſhionablen Biblio⸗ thek, die ihnen die früheſte Benützung populärer Werke, neue Novellen, glänzende periodiſche Schriften ſichert, welche dem Auge, gleich einem Spiegel, eine Darſtellung der Fortſchritte der Civiliſation und ein Gemälde der Ge⸗ bräuche und der Annehmlichkeiten des Tags liefern. Das Büchergeſtell der Lady Annesley enthielt dage⸗ gen bloß alte Ausgaben von Werken vergangener Jahr⸗ hunderte, deren Inhalt entweder eine Philoſophie war, die durch neue Forſchungen veraltet, oder eine Theologie, die ſich bemühte, die Halme doctrineller Caſuiſtik ſo fein zu ſpalten, daß ſie endlich zu Spreu wurden. Die wenigen werthvollen Bücher, die ſie beſaß, die Troͤſter des Her⸗ zens, zu welchen wir in den Tagen der Krankheit und des Kummers uns wenden, waren ihre alleinigen Gefähr⸗ ten während zwanzig einſamer Jahre geweſen, und mit aller Parteilichkeit für einen Lieblingsſchriftſteller iſt es nach einem hundertmaligen Durchleſen eben ſo wenig moͤg⸗ lich, den Reiz wieder darin zu finden, den man das erſte⸗ mal darin fand, als es den verwelkten Blättern einer Roſe möglich iſt, den Glanz und die Friſche der lebenden 3 * 224 Blume zu bewahren. Es mag vielleicht der Fall ſein, wenn man willkürlich in die Reihen einer umfangreichen Bibliothek greifen kann; aber bloß der ungebildete, der Einbildungskraft beraubte Geiſt eines Bauers kann eine Unterhaltung darin finden, Sonntag für Sonntag, ſein ganzes, langes Leben hindurch in ſeinem einzigen Buche: „des Pilgers Wanderung“ zu leſen. 3 Lady Annesley war ſchon mehr als einmal gezwun⸗ gen, ſich einzugeſtehen, daß ihre kleine Bibliothek den Reiz verloren habe; und wenn ſie in ihrer Abgeſchieden⸗ heit nach etwas Verlangen hegte, ſo war es die Sehn⸗ ſucht nach neuen Büchern, um eine neue Reihe von Ideen oder eine glücklichere Verbindung mit den alten herbeizu⸗ führen. An dieſem traurigen Nachmittage kam es ihr aber vor, als wenn dieſe alten Gefährten ihres Kummers vielleicht ihren Reiz erneuern könnten, und in Ueberein⸗ ſtimmung mit den Gedanken, welche die feierliche Scene dieſes Morgens in der kleinen Dorfkirche, wo ſie ſah, wie Aſche wieder zu Aſche, Staub wieder zu Staub werde, in ihr erzeugt hatten, ging ſie zu ihrem Büchergeſtelle, um ihren Liebling Holbein mit ſeinen wohlbekannten phi⸗ loſophiſchen Einſtreuungen herauszunehmen. Aber er war fort! Dieſes Buch ſtand in einer Reihe, die ſechs Bände ihrer Lieblingswerke bildeten, die Eſſais von Montaigne und George Hesbert's Handbuch, alle in demſelben an⸗ tiken Einbande. Von dieſen blieben allein fünf; der Ab⸗ druck von Hollar war nicht mehr da. Lady Annesley war überraſcht und ärgerlich. So ganz geregelt war ihre Lebensweiſe, daß kein Menſch, ſie ſelbſt und ihre beiden Dienerinnen ausgenommen, die Schwelle dieſes Zimmers jemals überſchritt; und Hannah konnte weder leſen noch ſchreiben, Dorcas aber war eines jener glücklichen Weſen, welche eine beſſere Unterhaltung in der Naht, die ſie nähen, als in dem ausgeſuchteſten Meiſterwerke des Geiſtes finden. Dennoch mußte die eine oder die andere in Ver⸗ 225 ſuchung gerathen ſein, in Folge der rührenden Zeichnungen des Buchs daſſelbe von dem Zimmer wegzunehmen, um es mit mehr Muße einſehen zu können. Sie klingelte und ſtellte eine Unterſuchung an. Keine von beiden hatte we⸗ der von der Exiſtenz, noch von dem Verſchwinden dieſes Buches Kenntniß. Sie fragte nun weiter, ob während der Pflege des Gärtners ein Fremder Zutritt in dem Zimmer erhalten habe? „Kein Menſch war darin!“ war die Antwort. Das iſt ſehr ſeltſam und ſehr ärgerlich!“ entgegnete ſie, in der Betrübniß ihres Herzens hinzufügend:„So wenige der Reliquien dieſer Tage ſind, ſo wenige und ſo koſtbare, um ſo weniger könnte ich es ertragen, mich auch von dieſer zu trennen!”“. „Vielleicht hat Herr Baſil dieſes Buch entlehnt?“ bemerkte Dorcas, hingeriſſen von dieſem glänzenden Ein⸗ falle.„An dem Morgen, den er hier zu bleiben ge⸗ zwungen war, befand er ſich, nachdem Ihre Herrlichkeit ſich zur Ruhe begeben hatten, ſtundenlang tiefſinnig und allein hier. Vielleicht fing er an, darin zu leſen, und nahm es dann mit ſich, um es auf dem Wege zu voll⸗ enden.“ Lady Annesley ſprach eine entgegengeſetzte Anſicht aus und entließ ihre Dienerinnen. Aber dieſe Voraus⸗ ſetzung war ſo wahrſcheinlich, daß ſie im nächſten Augen⸗ blicke die Feder anſetzte und über dieſen Gegenſtand eine Frage an ihren Sohn richtete. Sie hatte im Sinne ge⸗ habt, die Benachrichtigung von dem Tode des armen al⸗ ten Nikolaus bis auf den andern Tag zu verſchieben; aber in dem Drange, über das Schickſal ihres Buches Gewißtheit zu erlangen, verlor ſie nicht einen Augen⸗ ick. Nichts konnte für ſie peinlicher ſein, als an Baſil über den Tod ihres alten Dieners zu ſchreiben; denn ſie hatte es nicht gewagt, ſich mit ihrem Sohne auf eine fernere Erörterung nach der ſchrecklichen Scene einzu⸗ Der Geldverleiher. I. 15 226 laſſen, an welcher derſelbe einen Antheil gehabt hatte, und ſie war darum in Ungewißheit, ob Baſil einen Ver⸗ dacht geſchöpft, oder ob er die ſchrecklichen Enthüllungen des Gärtners bloß der Verwirrung ſeines Verſtandes bei⸗ gemeſſen habe. Von dem Augenblicke an, als ihr Geiſt durch die Beſorgniß um ihr Buch gequält wurde, verlor ſie jedoch dieſe Rückſicht aus dem Auge, und nachdem ſie ihm in einfacher Kürze den Tod und die Beerdigung eines Man⸗ nes geſchildert hatte, der ihr, nachdem ſie ihre eigene Verwandtſchaft und ihr eigenes Kind verlaſſen hatten, Freund, ein guter, treuer und demüthiger Diener, in den Tagen des Unglücks, wie in den Tagen des Glücks, ge⸗ blieben war, ging ſie zu der Frage üͤber, ob er ihr nicht eine Kunde von dem vermißten Buche geben könne. „Du biſt mein einziger Sohn, Baſil,“ ſchrieb Lady Annesley,„ja, die Entfremdung und das Glück Deiner Schweſter machen Dich zu meinem einzigen Erben. Noch wenige Jahre und das Wenige, was ich beſitze, iſt Dein Eigenthum. Gerade jetzt bin ich nicht unachtſam, für Deine Wohlfahrt zu ſorgen, oder mich einer Nachſicht gegen mich ſelbſt hinzugeben. Ich kann mir daher nicht denken, daß Du unabſichtlicher Weiſe— an Abſicht will ich gar nicht ggauben— aus meinem Hauſe einen Gegen⸗ ſtand mitgenommen habeſt, der mir, wie Du weiißt, theuer iſt. Wie ſehr ich ihn verehre, kannſt Du Dir nicht denken. Ich werde zu Grabe gehen, und weder Du, noch ſonſt Jemand ſoll erfahren, wie theuer, ja, wie grauſam die Erinnerungen ſind, die ſich an dieſe Reliquie knüpfen. In meiner Einſamkeit hier lebe ich bloß der Vergangenheit. Das, was dahin iſt, die, welche dahin ſind, umgeben mich mit einer heiligeren und köſtlicheren Atmoſphäre, als ſie ſelbſt waren. Die Hoffnung, die auf Dir beruht, die Erinnerung, die in jenen ruht, bie⸗ ten eine Wonne dar, die nicht dieſer Welt angehört.— Ich weiß nicht, was ich ſchreibe; der Verluſt dieſes Bu⸗ 227 ches hat mich in Unordnung gebracht. Es kommt mir vor, als wenn einer der unerſetzlichen Schätze meiner ver⸗ gangenen Liebe mir für immer entriſſen wäre.“ „Keinen Verzug, Baſil, ich bitte Dich! Schreibe mir, ob Du mir irgend eine den fraglichen Gegenſtand betreffende Mittheilung zu machen haſt. Fürchte keine Vorwürfe von meiner Seite, wenn es ſich wirklich erge⸗ ben ſollte, daß Du es von meinem Hauſe mit fortge⸗ nommen haſt. Ich werde zu glücklich ſein, es wieder zu“ bekommen, als daß ich nur ein einziges Wort der Be⸗ ſchuldigung verlieren könnte.“ So war der Brief beſchaffen, der von Barlingham Grange abgeſchickt wurde. Dies war der Brief, den Baſil Annesley aus ſeiner Taſche an dem beſcheidenen Feldbette, in der Dachkammer des A. O. aufgeſchlagen, am fünften Morgen nach jener kritiſchen Nacht hervorzog. So drohend hatte die Gefahr des Geldverleihers am Morgen nach ſeiner Wache geſchienen, daß der junge Annesley, doppelt aufgeregt durch die Verantwortlichkeit, die er auf ſich ſelbſt gewälzt haben würde, wenn der Tod eines ſo reichen Mannes unter ſeiner alleinigen Pflege und unter ſo verdächtigen Umſtänden erfolgen ſollte, den Straßenkehrer abgeſchickt hatte, um ſeinen Regimentsarzt zu rufen. Mit Hülfe deſſelben hatte er einen geeigneten Wärter und etwas weniges, was zum Leben nothwendig war, herbeigeſchafft. Abednego war durch ſeine Krankheit zu ſehr ange⸗ griffen, als daß er auf die Anweſenheit Fremder oder der Betten in ſeinem Zimmer geachtet hätte, und Alles, was Baſil thun konnte, um die Einführung in die Schatz⸗ kammer aller Schatzkammern zu entſchuldigen, wenn der alte Mann am Leben bleiben und Rechenſchaft fordern ſollte, war, die Thüren der verſchiedenen Zimmer zu ver⸗ ſiegeln und das unſchätzbare Bureau, und einen Theil ſei⸗ ner Zeit täglich auf die Ueberwachung der Wohnung zu verwenden. . Abednego erkannte indeſſen, mehr als Baſil glaubte, das was um ihn vorging. Er würdigte ſeine Gefahr und die Nothwendigkeit der getroffenen Vorkehrungen, und da die Wärterin ein ſittſames ſtilles Weib war, zufrieden ruhig dazuſitzen, wenn gerade keine Dienſte erforderlich waren, ſo war es ihm lieber, daß ſie ſich da befand, ſtatt daß er der Discretion Bill's, des Straßenkehrers, „überlaſſen war. Noch hatte Baſil keine Idee davon, wie oft während ſeiner Abweſenheit der Kranke ſein Haupt von dem Kiſſen erhob, um die Wärterin nach der Stunde des Tags und darnach zu fragen, wie lange es ſei, ſeit der junge Mann fortgegangen, wann er wieder zu kehren verſprochen habe? Er dachte nicht daran, wie ſehr er dieſer eingefallenen⸗ Geſtalt Licht und Leben verleihe. Er konnte ſich daher bloß vorſtellen, daß ſeine uneigennützigen Dienſte von dem kranken Geldverleiher annehmbar gefunden worden ſeien. Er wußte, daß Abednego erkennen mußte, daß die Ein⸗ ſamkeit ihn der gröͤßten Verlegenheit ausgeſetzt haben würde, die ihm je begegnen konnte. Der Zuſtand von Schwäche war aber ſo groß, daß ſie bis jetzt noch keine Unterredung über dieſen Gegenſtand gepflogen hatten, und der junge Annesley war daher überzeugt, daß der Kranke dankbar und freundlich geſinnt ſei. Für ihn war es ge⸗ nug, daß ein ſo eigenſinniges Weſen ſeine Dazwiſchen⸗ kunft nicht übel aufzunehmen ſchien, und er blickte auf die Geneſung des Kranken fröhlich hin, mehr in der Hoffnung, von einer peinlichen und verantwortungsvollen Pflege be⸗ freit zu werden, als von dem Wunſche beſeelt, ſeinen Dank oder ſeinen Beifall zu ernten. Der Empfang des Briefs der Lady Annesley erzeugte andere Gefühle in ihm. Es war dringend nothwendig, daß er wieder in den Beſitz des Buchs gelange und keine Zeit verliere, es ſeiner Mutter zurückzugeben. Aber wie war dies zu machen? Es war in dem Tiſche eben ſo verſchwunden, wie das Erucifir und das Papier mit der —— 229 Haarlocke, und die Wärterin, welche ſelten oder nie das Zimmer verließ, erklärte, daß ſie davon nichts wiſſe. Daß der Kranke, der immer noch kaum im Stande war, ſein Haupt von dem Kiſſen zu erheben, es entfernt haben ſolle, ſchien nicht wahrſcheinlich, und Abednego war ſo ſchwach und jedenfalls ſo mürriſch in Folge der Krank⸗ heit, daß Baſil kaum den Muth hatte, ihn mit einer Frage zu beläſtigen. 3 „Wenn er nur wüßte,“ dachte der junge Annesley, als er da ſaß und den verzweifelten Fall betrachtete, „welch geheimnißvolle Aehnlichkeit zwiſchen dem Haare derer beſteht, für welche ich das Buch zurückfordere und zwiſchen der Locke, die er mit einer ſo milden Hingebung zu verehren ſcheint, dann würde er mein Drängen ver⸗ zeihen.“ Als er an dem Morgen, an welchem er den Brief erhielt, in das Zimmer eintrat, begrüßte Baſil den Kran⸗ ken mit den gewöhnlichen Fragen, wie es ihm dieſe Nacht gegangen ſei, ob der Arzt ihn beſucht habe. „Ihr Doctor iſt nicht mehr gekommen,“ ſagte Abed⸗ nego matt.„Ich bezahlte und beabſchiedete ihn letzte Nacht. Es geſchah bloß, um Sie zufrieden zu ſtellen, daß ich ihn ertrug, wie ich nun das alte Weib ertrage, welches dort in meinem bequemen Stuhle ſchlummert. Da ſie hier iſt, weiß ich, daß ſie nicht wieder um Mit⸗ ternacht kommen werden, um mich zu quälen, mein Holz zu verbrennen und mein Licht zu putzen.“ „Trotz dem, Sir, glaube ich, daß Sie ſich viel beſſer befinden. Bloß der geſunde Mann zankt mit dem Arzte. Was aber die Wärterin betrifft, ſo werden Sie zugeſtehen, daß ſie ein zuverläſſigerer Wächter für Sie iſt, als ein Bettler von der Straße,“ fügte Baſil mit leiſer Stimme bei. „Das iſt erſt zu beweiſen,“ antwortete Abednego mür⸗ riſch.„Defoe benach tigt uns, daß zu den Zeiten der Peſt ſolche Wärterinn en Gebrauch hatten, ihren Pa⸗ tienten die Luftroͤhren zuzuſchnüren. Ich bin, Gott ſei den geworden ſei?“ rief Abednego ſchmerzhaft, indem er Ihrem Gewahrſame iſt. Aber unglücklicher Weiſe habe 230 Dank, ſtark genug, für mich ſelbſt zu ſorgen. Indeſſen, bis ich mein Feuer ſelbſt anſchüren und meinen Keſſel bei⸗ ſetzen kann, ſoll ſie bleiben. Sie ſorgt für ſich ſelbſt, wie es dieſe Leute nennen, und macht mir weniger Unruhe, als ich ihr mache. Nur iſt nicht viel hier,“ fuhr er fort, die leeren Wände rings umher betrachtend,„was mauſende Finger anziehen könnte.“ „Es waren Dinge hier,“ begann Baſil, der erkannte, daß die Wärterin wirklich unter dem Einfluſſe eines knat⸗ ternden Feuers und eines kalten Tages eingeſchlafen ſei; „es waren Gegenſtände im Anfange Ihrer Krankheit hier, die ich nicht mehr ſehe, und deren Verſchwinden mir etwas bange macht.“. „Wie meinen Sie?“ rief Abednego, indem er ſich auf ſeinen Ellbogen ſtützte und die Vorhänge zurkckſtieß, um unverwandten Blicks auf den Schreibtiſch zu ſtarren, welcher einen Werth von vielen Tauſenden enthielt. „Sie haben nicht noͤthig, ſo ſcharf oder ſo ängſtlich zu blicken,“ bemerkte Baſil.„Die Dinge, von welchen ich ſpreche, ſind von keinem ſo außerordentlichen Werthe, ausgenommen vielleicht für Sie und mich;— ein eiſernes Crucifix; ein abgenutztes Buch....“. „Und was glauben Sie, was aus dieſen Gegenſtän⸗ den Vorhang fallen ließ und auf ſein Kiſſen zurückſank. „Ich hoffte, daß Sie, Sir, im Stande ſein würden, mich hievon zu benachrichtigen.“ 4 „Und wenn ich es wäre, ſind Sie ſo filzig mit Ihrem Eigenthume, daß Sie mir nicht ein altes Buch anver⸗ trauen koͤnnen?⸗ „Ich würde es, gleich allem meinem Eigenthume, Ihnen anvertrauen; denn die Sorgſamkeit, welche Sie auf das Ihrige verwenden, gibt mir die Gewißheit, daß mein Eigenthum keine Gefahr laufen würde, ſo lange es in ich wenig zu geben oder zu leihen.“ 231 „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ſo werthlos das Buch für Sie ſein mag, ich es doch ſo werth halte..“ „Ich wurde mich dennoch in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt ſehen, es....“ „Wenn ich Ihnen ſage,“ wiederholte Abednego, ſeine Unterbrechung nicht beachtend;„wenn ich Ihnen ſage, daß es mein Troſt bei Tag und bei Nacht iſt, daß es während der Qual meiner Krankheit auf meinem Buſen ruht und deſſen Pochen beſänftigt, daß es in der Nacht meiner Ver⸗ zweiflung Licht und Frieden um mich her verbreitet, gleich den Schwingen eines Engels...“ Baſil fing an, die Meinung zu hegen, daß die Ge⸗ danken des Kranken wieder verwirrt würden. „Wenn ich Ihnen ſchwöre, daß, während es als Schatz hier, hier unter meinem Kiſſen begraben liegt, hier, an der Seite des Sinnbildes der ewigen Erlöſung, mir ſo theuer als Ihnen, obwohl mich die lügenhafte Welt mit dem Namen eines Juden beſchimpft, mir daſſelbe mehr Troſt gewährte, als das Kreuz des Glaubens mit allen Verheißungen des Himmels; verlangen Sie es dann auch noch von mir zurück? Nein, nein, Baſil, laſſen Sie es; Sie müßten dann wünſchen, daß ich wieder in den ſchreck⸗ lichen Zuſtand verfalle, in welchem ich war, als Sie mich vom Grabe zurückgeriſſen haben!“ Baſil Annesley ſchwieg. Es ſchien ihm ein Akt der Grauſamkeit zu ſein, in einem ſo kritiſchen Momente mit ihm über einen Gegenſtand zu ſtreiten, der von ſo hoher Bedeutung für ihn war. Aber die ängſtlichen Erwartun⸗ gen der Lady Annesley zu täuſchen, war eine noch unver⸗ zeihlichere Handlung. 1 „Ich ſagte Ihnen, Sir,? erwiederte er in einem zö⸗ gernden Tone nach einer langen Pauſe,„daß das Buch nicht mein Eigenthum iſt, und daß ich es von Hauſe mit mir fortnahm, ohne daß meine Mutter darum wußte.“ „Wirklich?“ fragte Abednego, indem er die Vorhänge 23²2 wieder zurückzog und ſeine durchdringenden Augen auf die ſeines Beſuchs heftete. 3 „Sie hat es von mir zurückgefordert. Sie iſt ſehr ungehalten darüber, daß ich es von Barlingham mitfort⸗ genommen habe.“ 5 „Schicken Sie ihr dafür die letzte neue Novelle Hook⸗ ham's!“ murmelte A. O. mit bitterem Spotte;„die Lady wird dies zuverläſſig als einen vortheilhaften Tauſch be⸗ trachten.“ „Sie ſind ſo vermeſſen, Sir, über den Geſchmack und die Gefühle einer Ihnen vollkommen fremden Perſon zu urtheilen,“ entgegnete Baſil ſtolz.„Sie kennen die Frau ſo wenig, und wollen doch über ſie urtheilen! Nie in meinem Leben ſah ich eine Novelle in den Händen meiner Mutter! Ihre Studien waren eben ſo ernſt, als ihr Leben muſterhaft iſt!“ „Eine Heilige, nicht wahr? Dann ſenden Sie ihr einen Ballen von den Predigten Hatſchard's! Was liegt daran, unter welcher Form die ſchwache Natur des Weibes ihre unterjochenden Eindrücke erhält? Novellen, Gedichte, Tractätchen...“ 4 „Mit einem Worte,“ ſagte Baſil, indem er den Brief der Lady Annesley aus ſeiner Taſche zog,„leſen Sie und dann urtheilen Sie ſelbſt, ob eine Frau von ſo eraltirtem Geiſte und Herzen, wie die Schreiberin deſſelben, wahr⸗ ſcheinlich einen Tauſch hinſichtlich des Buchs annehmen wird, welches ſie ſo werth hält.“. Als Baſil die Handſchrift ſeiner Mutter in den ver⸗ welkten Händen des Abednego ſah, bereute er die gemachte Conceſſion. Es hieß ihren Brief herabwürdigen, indem er ihn den Augen des Geldverleihers preisgab. Es war indeſſen geſchehen.— Um A. O. bei ſeiner Schwäche Zeit zu gönnen, den Brief zu durchleſen, ging Baſil leiſe an das Fenſter, um die Wärterin nicht aus ihrem Schlafe zu wecken. In der Ausſicht lag durchaus nichts Intereſſantes. Eine Maſſe 233 von Eiszapfen hing an den blechenen Dachrinnen dem attiſchen Stockwerke gegenüber; dies war der intereſſanteſte Gegenſtand, den er zu betrachten fand. ⸗ Nach Verlauf weniger Minuten kehrte er zu dem Bette zurück, indem er die Abſicht hegte, ſeine Unterredung mit Abednego fortzuſetzen. Aber Alles war ſtumm wie das Grab. Nicht eine Bewegung, nicht ein Laut! der alte Mann ſprach kein Wort und machte auch keine Be⸗ wegung, den Brief zurückzugeben. Endlich redete ihn Baſil leiſe an, aber es war vergebens. Der junge Annesley zog den Bettvorhang zurück und fand, daß auch nicht das Geringſte von dem Inhaber deſ⸗ ſelben zu ſehen war. Abednego hatte die Betttücher über ſeinen Kopf hinaufgezogen. Gleich einem Trauernden aus den Zeiten der Bibel hatte er ſein Geſicht mit ſeinen Lin⸗ nen bedeckt und weinte bitterlich. Durch dieſe unerklärliche Rührung aufgeregt, fing Baſil Annesley an, durch das ſeltſame Geheimniß, welches an dieſem verhängnißvollen Buche zu kleben ſeien auf wirrt zu werden, beſonders da die Entfernung deſſelben von Barlingham die Urſache einer ſo allgemeinen Aufre⸗ gung war. „Um des Himmels willen, Sir!“ rief er,„erklären Sie dieſes Alles! Erklären Sie das Intereſſe, welches Sie und Alle an dieſem Buche zu nehmen ſcheinen, das für Alle, zu welchen ich mit ihm kam, eine Veranlaſſung zur Traurigkeit war!“ 8 4 Abednego antwortete nicht eine Silbe. Nur an den Bewegungen der Tücher, in welche er ſich gehüllt hatte, konnte Baſil ſeinen innerlichen Kampf wahrnehmen. „Ich beſchwöre Sie, Sir,“ rief der junge Mann nach einer Pauſe von einer Minute, wenn Sie nur die geringſte Güte für mich hegen, wenn Sie für mich nur den tau⸗ ſendſten Theil des guten Willens haben, den ich für Sie mit eigener Aufopferung an den Tag gelegt habe, ſo ſagen Sie mir die Veranlaſſung Ihrer Thränen. Sie können aus einer Seele, gleich der Ihrigen, nur bei einem höchſt mächtigen Intereſſe kommen. Sie haben kein Weiberherz, um aus Uebermuth zu weinen, oder aus Schwäche und Erſchöpfung. Sagen Sie mir...“ „Ich kann Ihnen nichts ſagen,“ murmelte Abednego, indem er die Decke von ſeinem Geſichte wegnahm und den Brief der Lady Annesley ihm mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke in die Hand ſchob;„ich kann Ihnen nichts ſagen, als daß dieſer Brief Gefühle in mir erregt hat, die ſeit Jahren ſchlummerten. Ich hätte nicht gedacht, ja ich hätte nicht geträumt, daß dieſes Weib ſich von der Welt zurückgezogen habe, um ſich ſolchen Gefühlen hin⸗ zugeben!“ Mit zitternder Hand griff er wieder nach dem Briefe.„Ich glaubte ſie kalt und unempfindlich, wie ſie einſt weltlich geſinnt war! Ich glaubte... aber was liegt daran. Dieſe wenigen Worte haben einen Thau nieder⸗ geſenkt in die ſteinigen Tiefen meines Herzens, deſſen Quellen ich ſchon längſt verſiegt glaubte. Ich danke Ihnen, Baſil, es iſt nicht die erſte Wohlthat, die Sie mir erzeigt haben! Ich danke Ihnen! Da, nehmen Sie Ihr Buch!“ fuhr er fort, indem er das Buch unter dem Kopfkiſſen hervorzog.„Aber wenn Sie ihr Herz nicht in einen To⸗ deskampf verſetzen wollen, wie Sie mit dem meinigen, ohne es zu wollen, gethan haben, erzählen Sie ihr um Alles in der Welt nicht, in welch' ſeltſamen Händen es ſich für einen Augenblick befunden hat. Wenn Sie nicht wünſchen, für immer aus dem Hauſe Ihrer Mutter geſtoßen zu wer⸗ den, wenn Sie nicht ihren Fluch auf ſich laden wollen, ſo ſprechen Sie nie, nie in Ihrem Leben vor dem un⸗ Llünklichen Weibe den verfluchten Namen Abednego Oſaley aus!“. Ehe der Kranke noch ganz geendet, hatte ſich ſeine Stimme in gebrochenen Seufzern erſtickt, und ſo ſchrecklich, ſo ergreifend war ſeine Aufregung, daß Baſil den Muth nicht hatte, ſeine ängſtlichen Fragen ſich ſelbſt im Geiſte 23⁵ zu beantworten. Er war durch den Anblick eines ſo tief⸗ gefuüͤhlten Schmerzes überwältigt. Um die Empfindungen des alten Mannes nicht zu beobachten, ging er wieder an das Fenſter, und verſuchte, das Buch und den durch Abednego's Hände zuſammenge⸗ knitterten Brief in ſeine Taſche zu ſtecken. Als er dieſes ausgeführt hatte und zu dem Bette zurückkehrte, hatte der alte Mann ſeine Faſſung vollſtändig wieder erlangt und lag mit unbedecktem Geſichte mit all' der gewöhnlichen Härte ſeiner Züge da. „Sie ſind nun der Aufſeher meines Hauſes,“ ſagte er, indem er ſich an Baſil mit einem kleinen Anfluge eines Lächelns wendete;„daher ſagen Sie mir, ob der arme Knabe immer noch als mein Lakai Dienſte leiſtet?“ „Bill iſt auf der Treppe poſtirt, Sir, um auf die Fragen Ihrer zahlreichen Beſuche zu antworten,“ entgeg⸗ nete Baſil, über dieſe Aenderung des Tons etwas er⸗ ſtaunt. „Ci, ei, es wundert mich, daß Sie, während Sie außen waren, die Straße nicht mit Stroh belegen, den Klopfer der Thüre nicht umwickeln ließen, wie wenn ir⸗ gend ein gezierter, einfältiger Menſch da innen liege;“ murmelte Abednego, indem er ſich zum Lachen zwang. „Ich würde es vielleicht gethan haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Sie zu beleidigen,“ entgegnete Bafil, gleichfalls lächelnd.„Ich glaube, ich habe mir Freiheiten genug in Ihrem Hauſe herausgenommen.“ „Meine Krankheit muß keine geringe Unruhe unter meinen Kunden erzeugt haben,“ begann Abednego wieder, offenbar in der Abſicht, Baſil's Erinnerungen von ſeiner kürzlichen Aufregung der Gefühle abzulenken.„Bei dem Leben und Tode des A. O. ſind mehr Menſchen intereſſirt, als bei dem der ſchönſten Kindbett⸗Puppen in feinen Lin⸗ nen. Die armen, entmuthigten, verſchwenderiſchen Seelen ſehen darauf, in weſſen Hände ihre Ketten, und ihre Sicherheit bei meinem Tode fallen werden. Für ſie iſt es ein Gegenſtand des Rufes und des Namens, daß der Erbe des alten Juden ein eben ſo vertrauenswerther Mann ſei, als er ſelbſt.“ „Die haben allerdings viele Aengſtlichkeit gezeigt, Sir, ich muß es zugeſtehen, wenn es Ihnen einigen Troſt gewähren kann. Jeden Tag iſt die Thüre von zwölf bis zwei Uhr mit Bewerbern, nicht bloß um Ihr Haus in Greek⸗Street, ſondern um Duzende Ihrer Häuſer bela⸗ gert. Da ich aber nicht befugt bin, als Ihr Schreiber, oder Bevollmächtigter zu handeln, ſo müſſen Sie Bill deshalb darüber befragen. Ich habe wenig Vorliebe für Geſchäfte und überließ daher dieſe Gegenſtände alle ſeinen Händen.“ „Aber meine Briefe?“ fragte A. O. beſorgt, oder wenigſtens beſorgt ſich ſtellend. „So wie Sie beſſer ſein werden, ſoll ſie der Knabe alle zuſammen heraufbringen.“ „Ich bin beſſer, ich bin beſſer, ich bin jetzt wohl ge⸗ nug!“ rief der Kranke, indem er ſich im Bette auſſetzte. „Ich bin jetzt für Geſchäfte geſund genug!“ Nachdem Baſil die Wärterin durch ein Rütteln an der Schulter aufgeweckt hatte, ſchickte er ſie die Treppe hinab, um die dort für A. O. zurückgelaſſenen Briefe und Papiere zu holen, und ſie brachte bei ihrer Zurückkehr eine ganze Schürze voll.. „Ich finde,“ bemerkte Baſil, während die Frau weggegangen war,„daß Sie gewiſſe ſchöne Fragende ha⸗ ben, die Ihre frühere Aeußerung gegen mich über die Vortheile eines Geldverleihers und ſeines Berufs vollkom⸗ men beſtätigen. Es ſind welche da, die dringen und ver⸗ langen, bei Ihnen vorgelaſſen zu werden, während Andere eifrige Bewerber darum ſind, gerade bei dieſen vorgelaſſen zu werden. Da war der Herzog von Rocheſter des Tags zweimal hier, und er glaubte beſtimmt, Ihre Krankheit ſei eine Ausflucht, und in dem andern Zimmer befindet ſich ein ganzer Ballen von Gegenſtänden, Zucker, Pfeilwurz, 237 Wachslichter, die Ihnen nicht von dem Weibe eines Krä⸗ mers, wie die Beſchaffenheit des Geſchenkes anzuzeigen ſcheint, ſondern von keiner geringern Perſon als der liebens⸗ würdigen Gräfin von Winterfield geſchickt wurden.“ Abednego antwortete durch ein heiſeres Kichern. „Ich ſollte ohne dieſes Weib Noth leiden, und ihre Familie wegen mir!“ rief er, indem er ſich triumphirend auf ſeinem Kiſſen umwendete.„Sie iſt es, die meine Speiſekammer verſieht, ſie iſt die Verſorgerin meiner Küche. Nun gut, ich bin ihr wenigſtens ſehr dankbar für ihren Sago, beſonders den weißen, und für ihren walliſer Flanell, von welchem Sie ganze Stücken hätten finden können, wenn Sie ſich in dem Gerümpelzimmer umgeſehen hätten, als Sie in der vergangenen Nacht mit der Wärterin faſt erſtickten. Ja, ich bin ihr ebenſo ſehr verpflichtet, als ſie dem Andenken ihres Mannes, der ſie zu dem gemacht hat, was ſie iſt, und deſſen Portrait ich als Pfand in meinem Schreibtiſche habe!“ Die Wärterin war mit ihrer Bürde in das Zimmer zurückgekehrt, und als ſie die Papiere auf einen Stuhl neben dem Bette gelegt hatte, ſchickte ſie Baſil wieder fort, damit Abednego jene durch ſie ungeſtoͤrt durchſehen könne. „Zeigen Sie mir den Miniſter, der eine umfangrei⸗ chere Korreſpondenz in ſeinen Händen hat, als dieſe!“ rief der alte Mann, indem er triumphirend auf die Maſſe von Papieren deutete.„Und ich bitte Sie, wer zahlte das Porto für alle dieſe Briefe?“ „Ich that es, Sir, das heißt, ich gab das Geld hiezu Ihrem Diener.“ „So, ſo, Sie machen ſich ſelbſt zu meinem Banquier, ſowie zu meinem Haushofmeiſter und zu meinem Kam⸗ merdiener? Von Herzen gern! Ich bin ſtets bereit, Dienſte anzunehmen und Gemächlichkeiten, für die ich nichts zu geben habe, ausgenommen den ⸗Thee und den Zucker der Lady Winterſield. Sehen Sie her!“ fuhr er fort, indem 238 er unter den eröffneten Briefen auf einige hinwies, die mit ariſtokratiſchen Wappen verſehen waren.„Sehen Sie, Herzoge, Marquiſinnen, Grafen; ich habe ſie alle, alle in meinem Gefolge. Ich ſchreite gleich einem Koͤnige bei ſeiner Krönung mit Howards, Pereys, Plantagenets einher, die alle die Wache des verachteten und mit Füßen getre⸗ tenen A. O. bilden. Verſchwenderiſche Thoren, ſchmei⸗ chelnd, liebkoſend, mitunter drohend, als wenn ein einzelnes Wort, welches ſie ſchreiben oder ſprechen, mehr Einfluß auf mich habe, als der Wind des Winters, der durch die Spalten meiner Fenſterflügel pfeift, obgleich in der That der geöffnete Seſam Intereſſe genannt wird. Zwanzig Prozente, fünfzig Prozente, hundert Prozente. Ich will ihre Verpflichtungen, ihre Verſprechungen, ihre Verzweif⸗ lung hoͤren. Aber was kümmere ich mich um die Execu⸗ tion in ihren Häuſern, um die Beſchlagnahme ihres Familien⸗Silberzeugs, oder der Juwelen ihres Weibes? Hier iſt ein Burſche, der an mich ſchreibt,“ fuhr Abednego fort, indem er den geöffneten Brief hinaushielt,“ der mich bittet, die Ehre ſeines Familienſitzes zu retten, und ſchwört, dieſe Schmach nicht überleben zu wollen. Was brachte dieſe Schmach über ihn? War ich es, der ihn bei Crock⸗ ford betrog? War ich es, der ihn verleitete, Nacht für Nacht Tauſende zu wagen, wenn er nicht einmal Hunderte zu ſeiner Verfügung hatte? Er kann dieſe Schmach nicht überleben! Nicht die Schmach, ſeines Gutes entſetzt zu werden, ſondern die Schmach ſeiner Inſolvenz, die er durch Verſchwendung und Laſter herbeigeführt hat. Als er ſich das erſtemal an mich um Unterſtützung wendete, ſetzte er mich, als Entgegnung auf meine Remonſtrationen — ganz in den Ausdrücken eines gewiſſen Herrn Baſil Annesley— in Kenntniß, daß er um Geld, nicht um Rath komme, daß er eines Juden, nicht eines Familien⸗ Kapellans bedürfe.“. Baſil war ärgerlich, daß er bei dieſer Anſpielung ſich erröthen fühlte, 8 239 „Und hier,“ fuhr Abednego fort, indem er ein par⸗ fümirtes Billet hervorzog, welches unter den mit Oblaten geſchloſſenen Mittheilungen der Anwälte und Stockmäkler lag, ſchlechten Epiſteln von Birchin, Lane, Bartletts, Buil⸗ ding und Hartſtreet Bloomsbury;„hier iſt ein zartes Ge⸗ ſchöpf, welches mich zu verpflichten glaubt, indem es mich bittet, ihr ihre eigene Smaragde zu leihen, um im Schloß Windſor erſcheinen zu koͤnnen. Fürwahr, ein königlicher Gaſt! Und jetzt ſchreibt ſie in wegwerfenderen Ausdrücken, als ich ſie je von Bill, dem Straßenkehrer, gegen den alten Geldverleiher gebrauchen hörte! Noch mehr zarte Handſchriften. Lucie Maitland? Et, ei, die alte chineſiſche Schwärmerin! Und hier, Bafil, iſt die erſte Bewerbung eines Ihrer Kameraden! Meine Augen waren auf dieſen Jungen ſeit zwei Monaten gerichtet. Ich wußte, daß ich ihn bald in meinen Büchern haben würde, das heißt, daß er verſuchen würde, in meine Bücher zu kommen; denn ich habe genug Familienangelegenheiten in meinen Händen, wie die ſeines koͤſtlichen Onkels.“ „Wilberton? Iſt der in Verlegenheit?“ rief Annesley in mitleidigem Tone aus. „Warum nicht? Er befindet ſich in der ſchönſten Ge⸗ ſellſchaft, und hat eine Begierde nach Operntänzerinnen, ein eben ſo theures Item für meinen Jungen in der Garde, als Sevres und Dresden für ſeine Mutter. Sie brauchen nicht abermals zu erröthen; ich habe nicht geſagt: Opern⸗ ſängerinnen, Herr Annesley. Trauen Sie mir ſo viel Zartgefühl zu, daß ich in Ihrer Gegenwart keine Anſpielung auf eine ſo zerbrechliche Waare mache!“ „Ich vertraue zu Ihrem Zartgefühle, daß Sie nie leichtfertiger Weiſe auf eine Perſon anſpielen werden, auf welche Sie, obwohl unter einer ſo falſchen Bezeichnung, Abſichten haben!“ rief Baſil mit Unwillen. „Nun, nun— keine Beleidigung! Eſther Verelſt iſt, ich darf es ſagen, nicht mehr zerbrechlich, als ihre Nach⸗ barinnen; doch das hat nicht viel auf ſich.— Herr H 240 R—. So, mein Perikles des Tags; die fuͤnf Tauſend, für welche ſie ihre Ehre verpfändeten, und ihre Güter, die ſie ſeitdem von ihrer Familie herausgeſchmeichelt, haben ihnen nicht genügt? Sie müſſen eine Figur als Geber von Banketten machen, ſo gut wie einer von der Schatzkammer. Was iſt Angenehmes an einer Stelle, deren Gehalt blos hinreicht, um die Räder des Dienſtes zu ſchmieren? Er ſchreibt:„die Koſten ſeiner oſtenſiblen Stellung müßten herbeigeſchafft werden!“ Eſel! Weil er Rheinweine und franzöſiſche Entrés bei ſeinen Diners haben will, und weil er ein Phantaſt und ein Haſenfuß gleich dem erſten Redner des Tags zu ſein wünſcht, braucht er den Juden keine falſchen Vorſpieglungen über die Koſten ſeiner oſtenſiblen Stellung zu machen. Vortrefflicher H. R., obgleich ſie von Dawning Street datiren, ſo werden ſie doch in die Augen des A. O. keinen Sand ſtreuen. Wären ſie nur halb der hübſche Burſche, für den ſie die Welt hält, würde ihr Brief drei Zeilen enthalten:„Ich brauche zweitauſend Pfund, kann genügende Sicherheit leiſten, und gebe nicht mehr als zwölf Prozent.“ Das hieße zu dem Ziele gelangen. Einen kennen, recht kennen, iſt die beſte Weisheit des Staatsmannes. Ich hätte ge⸗ glaubt, daß ihm ſeine Erſahrungen im Dienſte die Werth⸗ loſigkeit ſchöner Phraſen gezeigt hätten. Bloßer Zeitverluſt für den Schreiber, wie für den Leſer. Nicht dadurch, daß man auf Silberkiſten ſieht, Herr Baſil Annesley, kann man es zu Familienſilber machen.“ „Ich fürchte, Sie wollen ſich ſelbſt ermüden, Sir,“ ſagte Baſil.„Ich wünſchte, Sie vor meinem Weggehen einige Nahrung zu ſich nehmen zu ſehen. Erlauben Sie mir, daß ich die Wärterin rufe und die übrigen Papiere bis auf Nachmittag bei Seite lege; denn ich habe nur noch wenige Minuten mehr übrig, die ich hier zubringen kann.“ „Nein, nein, Sie müſſen noch ein wenig warten!“ 241 rief Abednego.„Ich habe Ihnen etwas zu ſagen. Ich habe Ihnen ein Geſchenk zu machen.“ Ich bedarf keiner Geſchenke!“ entgegnete Baſil, auf der Stelle aufſtehend und zum Weggehen ſich anſchickend. „Ich habe nie ein Geſchenk angenommen, ausgenommen von einem Verwandten oder Freunde.“ „Von den erſteren, mein armer Baſil, fürchte ich, daß Ihre Geſchenke gering genug ausgefallen ſind!“ rief Abednego mit einem ſo familiären Tone, daß derſelbe den Unwillen ſeines Gefährten zu ſteigern ſchien. Was aber die letztere betrifft, ſo ſchmeichle ich mir, daß ich einen eben ſo gerechten Titel auf dieſen Namen habe, wie ſolche lockere Dinge, wie Wilberton oder Maitland.“ „Dieſe ſind meine Kameraden, nicht meine Freunde!“ ſiel der junge Annesley ein. „Wie kommt es denn aber, daß Sie von dem letz⸗ tern das Siegel nehmen, mit welchem Sie täglich Ihre Briefe ſiegeln? fragte Abednego, indem er den jungen Annesley im Auge behielteund ſich an ſeinem unbeſchreib⸗ lichen Staunen über dieſe bis ins Kleinſte gehende Kennt⸗ niſſe ſeiner Privatangelegenheiten ergötzte. „Aber nichts mehr davon! Ich will Ihnen meine Wohlthaten nicht aafdringen. Ich theile keine Jaspis⸗ Siegel mit, und ich glaube, daß mir jeden Tag der Herzog von San Catalda hundert Dukaten für das Miniaturge⸗ mälde geben wird, welches ich an Sie verſchenken wollte. Guten Morgen! Bei der bloßen Erwähnung des Namens des Herzogs von San Catalda wurde die Aufmerkſamkeit Bafil's ge⸗ feſſelt. Er war um eine Ausrede verlegen, ſich wieder zu ſetzen und erwartete eine Gelegenheit, um die Unterhaltung wieder anzuknüpfen. „Ich vergaß Ihnen zu ſagen, Sir,“ ſprach er, daß unter den Bewerbern um die Miethe des Hauſes in Greek⸗ Street ein Gemäldehändler iſt, der in der Nachbarſchaft wohnt.“ 1 3 Der Geldverleiher. 1. 1 16 2⁴4² „Apropos der Miniaturen?“ fragte Abednego, indem er ſeine verſchmitzten Augen mit einem liſtigen Lächeln auf das Angeſicht des jungen Mannes heftete. „Apropos Ihrer eigenen Angelegenheiten!“ war die unwillige Antwort Baſil's. „Hinſichtlich meiner eigenen Angelegenheiten alſo haben Sie die Güte, wenn Sie gehen, meinen zerlumpten Be⸗ dienten zu unterrichten, daß wenn Herr Stubbs wieder kommen ſollte....“. r „Sie kennen ihn alſo?“ 5 „Sie nannten mir in dieſem Augenblicke ſeinen Namen.“. „Ich ſagte, ein Gemäldehändler in Soho. Dergleichen ſind dort viele Duzende.“ „Hat nichts zu ſagen! Ich kenne die vorwitzigen und zudringlichen Manieren eines gewiſſen Herrn Stubbs ge⸗ nug, um überzeugt zu ſein, daß er der Mann iſt, der in der Abſicht, mit mir über irgend einen Gegenſtand in per⸗ ſoͤnliche Verbindung zu treten, das Begehren vorſchützt, mein Miethsmann zu werden. Einen ſolchen wünſche ich nicht. Er iſt ein Lügner und ein Betrüger. Ich will nichts von ihm wiſſen, wiederhole ich. Wollen Sie Bill ſagen, daß er dem ſchmutzigen Kerl bemerklich mache, daß ich nichts von ihm wiſſen will.“ „Sie haben nicht nothig, ſich ſo bezeichnend an mich zu wenden, mein theurer Sir,“ ſagte Baſil, der nicht im Stande war, das Lachen zu unterdrücken. Ich bin nicht der Advokat des Herrn Stubbs. Sie koͤnnten ihn aus Ihrem Fenſter hinausſtürzen, ohne daß ich eine Hand zu ſeinem Nutzen wagen würde. Ich erwähnte ſeiner nur, weil ſich der Knabe darüber beſchwert, daß er jeden Tag zwiſchen zwoͤlf und zwei Uhr kommt, darauf beſteht, Sie wegen Ihres Hauſes zu ſprechen, und weil er glaubt, Sie moͤchten zornig darüber ſein, einen guten Miethsmann zu verlieren.“ „Einen guten Miethsmann an Herrn Jeremias Stubbs! Aber es hat nichts zu ſagen. Er hat nicht mehr wahre Abſicht, ein ſolches Geſchäft abzuſchließen, als Sie die Abſicht haben, Northumberland Houſe zu verkaufen. Ueber⸗ dies bin ich in keinem ſolchen Gedränge mit dem Ver⸗ miethen meines Hauſes in Soho. Ich habe noch ein halbes Duzend anderer leer ſtehen, eines in Parklane, eines in St. Jame's⸗square, und, wie ich muthmaße, werde ich auch in Arlingtonſtreet bald eines haben; denn wenn ich nicht ſehr irrig vorausſehe, ſo muß ich einen Streich bei Lord Maitland vollführen. Ich habe ihm eine Friſt von drei Jahren gegeben, um ſeine Verbindlichkeiten zu er⸗ füllen, während ich von Anfang an wußte, daß es außer ſeiner Macht liege, Tauſende und abermals Tauſende zu erſtatten.“. „Lord Maitland!“ rief Baſil beſtürzt. „Nun, Lord Maitland! Warum nicht der eben ſo gut wie ein Anderer? „Aber ſein unglückliches Weib und ſeine unglücklichen Töchter... „Sein Weib iſt gewiſſermaßen mehr ſchlimm als un⸗ glücklich. Doch das iſt ihre Sache und die ihres Mannes? Was ihre hoffnungsvolle Nachkommenſchaft betrifft, ſo ſteht es geſchrieben, daß die Sünden der Eltern an ihren Kin⸗ dern heimgeſucht werden ſollen, und ſelten verdienten Kin⸗ der die Wiedervergeltung für ihre Eltern mehr. Wie der Vater, ſo der Sohn; wie die Mutter, ſo die Töchter; alle zuſammen leerköpfige Narren! Aber obgleich Seine Herrlichkeit verſucht hat, mich um meine gerechte Forderung zu betrügen, ſo ließ ich mich beſtimmen, weniger barſch mit ihm zu verfahren. Wenn ich indeſſen finde, daß ein Burſche die Privilegien ſeiner Pairſchaft....“ „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie bitte, mir keine ungebührliche Einſicht in die Privatangelegenheiten meiner reunde zu geben,“ unterbrach Baſil, indem er wieder von ſeinem Stuhle aufſprang, weil er fand, daß ſie ſich immer weiter und weiter von dem Miniaturgemälde ent⸗ fernten. 4 t„Ei, ei, Sie fürchten Ihre goldenen Ketten blos von Tomback zu finden. Sie ſuchen eine Entſchuldigung für Ihr Gewiſſen, daß Sie fortfahren, mit den leichtſinnigen Toͤchtern des Lord Maitland zu kokettiren, ſeine Ananas zu eſſen, ſeinen Claret zu trinken, während Sie die Ueber⸗ zeugung haben, daß dieſe der Bezahlung nach nicht mehr ſein Eigenthum ſind, als das Ihrige!“ rief Abednego mit einer hoͤhniſchen Miene. Welch' ſonderbare Bemerkungen könnte man nicht nach irgend einem königlichen oder adeligen Bankette über die Zahl und die Namen derer machen, auf deren wirkliche Koſten die edeln Gäſte bewirthet wurden! Da ſind die Herren Grove, der Fiſchhändler; Giblett, der Fleiſcher; Fiſcher, der Federviehhändler; Gunter, der Con⸗ ditor; Fortnam, der Specereihändler; Moret, der Oelhänd⸗ ler; Durand, der Weinhändler; Garcia, der Obſthändler!“ „Sie machen zuletzt noch einen wahrhaft in Verſu⸗ chung führenden Küchenzettel!“ fiel Baſil in die Rede, begierig loszukommen.„Ich kann ein Barmecida's Feſt an dieſer bloßen Muſterrolle von Namen erkennen.“ „Sie ſind alſo ein ſo garſtiges Ding, ein Gourmand, eben ſo gut, als der Sclave eines ſchoͤnen Geſichts?“ fragte der alte Mann kalt.„Nun gut! Gott ſtärke Sie! Zu meiner Zeit waren junge Männer mit den Laſtern junger Männer zufrieden. Heut zu Tage nehmen ſie die Schwache der Kindheit und des Alters als Monopol in Anſpruch, vereinigen alle Ertreme, die Thorheiten des bartloſen Kinns und des graubärtigen.“ „Ich muß Ihnen wiederholt guten Morgen ſagen, Sir; da Sie ſo aufgelegt ſcheinen, mich ſo ſehr in die Kur zu nehmen,“ ſagte Baſil kurz. „Ehe Sie gehen, habe ich Sie jedoch um einen Dienſt zu bitten;“ bemerkte Abednego, indem er plöͤtzlich ſeine Stimme dämpfte.„Fürchten Sie ſich nicht. Ich habe nicht im Sinne, Sie noch einmal um das Buch zu bitten. 24⁵ Sie haben es weislich in Ihre Taſche geſteckt, und ich ehre Ihre Vorſicht. Alles, was ich Sie zu bitten habe, iſt, daß Sie mit eigener Hand die Siegel abnehmen, die Sie ſo vorſichtig an meinen Schreibtiſch gelegt haben. Hier iſt der Schlüſſel!“ Er zog einen Schlüſſel hervor, den Baſil ſchon unter ſeinem Kiſſen bemerkt hatte, als das Bett des alten Mannes zurecht gerichtet wurde. Nachdem Annesley den Wunſch Abednego's erfüllt hatte, harrte er ſeiner weitern Aufträge. „Berühren Sie den Kopf des meſſingenen Nagels, links an dem letzten Fache,“ ſagte Abednego, auf ſeinen Ellbogen geſtützt und die Vorkehrungen ſeines Delegaten abwartend. Baſil Annesley that, wie er gebeten worden, und ſiehe da, auf dem Boden des altmodiſchen Schreibtiſches öffnete ſich ein Fach, welches die verſchiedenartigſten Ge⸗ genſtände enthielt, die augenſcheinlich von viel gerin⸗ gerem Werthe als jene, offen und unbewacht da liegenden waren. „Sie werden ein Packet von braunem Papier unter dieſem Geräthe finden;“ ſagte Abednego.„Nehmen Sie es heraus, ſchließen Sie das Fach und ſehen Sie, ob die Springfeder feſt iſt. Dann verſchließen Sie den Schreib⸗ tiſch und geben mir den Schlüſſel und das Packet. Mehr ergötzt als ärgerlich gemacht durch den befeh⸗ lenden Ton, in welchem dieſe Aufträge ertheilt wurden, ge⸗ horchte Baſil. Im nächſten Augenblicke legte er beides auf das Kiſſen, und war wieder im Begriffe wegzugehen, als Abednego ihn bat, noch einen Moment zu warten. Mit zitternder Hand ſchickte ſich der alte Mann an, das Packet zu erbrechen. „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“ ſagte Bafil, welcher glaubte, daß darum Abednego ſeinen Abgang verzö⸗ gert habe. einigen weitern Augenblicken bemerkte Annesley zu ſeinem 9 9 3 Herz begann heftig zu ſchlagen, als er ſich an die An⸗ Annesley, als er das Gehäuſe öffnete, daß es eine pracht⸗ Der alte Mann antwortete nicht eine Silbe, ob⸗ wohl ſeine Hände ſo ſehr zitterten, daß es offenbar war, es werde viele Schwierigkeiten ſetzen, bis er ſein Vorhaben ausführe. Es war ein Knoten an der dünnen Schnur, mit welcher das Packet umwickelt war. „Beſſer iſt es, ſie entzwei zu ſchnekden!“ ſagte An⸗ nesley, nachdem einige Minuten unter fruchtloſen Verſuchen hingegangen waren, und er reichte ihm ein aus ſeinem Ta⸗ ſchenbuche genommenes Federmeſſer dar. „Verwüſten ſie es nicht, es iſt nicht nöthig!“ mur⸗ melte der alte Mann mit ſchwacher Stimme, und nach größten Erſtaunen, daß Abednego's Gefühle ſo ſehr bei ſeinem Vorhaben betheiligt waren, daß Thränen auf das kleine Packet herabfielen. „Abermals aufgeregt!“ dachte Baſil,„dies muß in der That eine Schwäche der Krankheit ſein. Zweimal in einem Tage gibt dieſer eiſerne Mann Kennzeichen von Ge⸗ fühl von ſich. Wer würde mir glauben, wenn ich verſichern würde, daß ich Thränen aus dieſen ſteinernen Augen des A. O. habe fallen ſehen! Das Packet war nun geöffnet, aber Abednego's Hände hatten nicht aufgehört zu zittern, ſeine Thranen fielen noch herab. Es enthielt blos ein Miniatur⸗Gehäuſe und Baſil's ſpielung ſeines Wirthes erinnerte, die mit einem ſolchen Gegenſtande und dem Herzoge von San Catalda zuſam⸗ menhing. 3 „Nehmen Sie dieſes von mir!“ ſagte der alte Mann, indem er es in ſeine Hand legte. Und zu ſeinem unbeſchreiblichen Erſtaunen fand Baſil volle Emaile⸗Copie von Verelſt's ausgezeichnetem Ge⸗ mälde der Esmeralda enthielt. Die weibliche Figur bot eine überraſchende Aehnlichkeit mit ſeiner geliebten Eſther dar. 247 Das Geſchenk war in der That unſchätzbar! Aber durch welche ſeltſame Verkettung der Umſtände war er für ſolch einen Schatz der Freigebigkeit des Geldverleihers A. O. verpflichtet? Dreizehntes Kapitel. Die Erde hat Waſſerſtrudel, und er iſt einer. Shakſpearc. Obgleich das Geſchenk, welches Abednego dem jungen Annesley machte, zu jeder Zeit ein ſehr willkommenes ſein mußte, ſo hätte es doch in keinem günſtigeren Augen⸗ blicke gegeben werden koͤnnen, da er ſich jetzt zum erſten⸗ mal ſeit der Wiederanknüpfung ihrer Bekanntſchaft in England aus der Geſellſchaft der Eſther Verelſt verbannt ſah. Er ſelbſt war überdies am Vorabend eines Exils nach einem entgegengeſetzten OQuartiere der Stadt, ſo daß ein Begegnen in der Straße unwahrſcheinlich war. Die Compagnie der Garde, zu welcher er gehörte, hatte den Befehl, nach dem Tower ſich zu begeben, und dieſer war am Tage nach dem Empfange des Gemäldes von Abednego ergangen.. Die oͤſtlichen Quartiere ſind in der That für junge Männer von Vermögen und Familie, aus welchen die Garde zuſammengeſetzt iſt, ſehr wenig einladend, die Som⸗ mermonate ausgenommen, in welchen ſie ihre Freunde veranlaſſen können, aus dem Weſt⸗Ende zu kommen, mit ihnen auf dem Tower zu frühſtücken, indem ſie vorgeben, die Löwen ſehen und die intereſſanten Autographien beſich⸗ 248 tigen zu wollen, welche durch Peveril und andere Gefan⸗ gene von Ruf in die Mauern ihres Speiſezimmers einge⸗ graben wurden. Es war Baſil beſonders unangenehm, mit Wilberton und Maitland, deren Geheimniſſe er ſo zufaͤllig erfahren hatte, zuſammen zu ſein, over auch mit Loftus und Blen⸗ cowe, deren Kenntniß der ſeinigen und deren Mangel an Zartgefühl bei ihren Scherzen über dieſen Gegenſtand er ſchon mehr als einmal übel zu empfinden Gelegenheit ge⸗ habt hatte. Dagegen gab es indeſſen kein Mittel. Wegen eines ſo geringfügigen Gegenſtandes über die Schwere ſeiner Dienſtpflicht ſich zu beklagen, das würde, ſo war Baſil Annesley überzeugt, abſurd ſein, denn wer konnte eine Verbannung von wenigen Wochen in ein entferntes Ouartier der Stadt als ein Uebel betrachten? 3 Es ereignete ſich indeſſen, daß er einige Tage nach⸗ dem er ſein neues Quartier bezogen hatte, von einem Un⸗ wohlſein befallen wurde, welches entweder die Folge ſeiner Anſtrengungen und ſeiner Wachen bei dem Geldverleiher, oder die der feuchten Atmoſphäre des Tower's war, die ſich faſt bis zur Malaria ſteigert und in gewiſſen Jahres⸗ zeiten Fieber unter der Garniſon erzeugt. Vielleicht aus Theilnahme an ſeiner Krankheit blieben jetzt die beiden Lieblingsneckereien ſeiner ſcherzhaften Freunde, ſein intimes Verhältniß mit den Verelſt's und mit A. O., bei Seite. Aber es war nicht genug Zerſtreuung an dem Orte, um ihn von ſeiner Theilnahme am Picket oder am Whiſt zu dispenſiren, und die kleine Speiſetafel war demnach von den Wortſtreiten befreit, welche wo anders, in Folge des fortwährenden Syſtemes des Lächerlichmachens, in der Maitland Put an der Tagesordnung, zu oft zum Vor⸗ ſcheine kamen. Baſil hoͤrte auf die, des Tags ein halbes duzendmal zum Vorſcheine kommenden Anſpielungen auf ſeinen mitternächtlichen Verſuch, in das Haus des Weſt⸗ minſter⸗Juden einzubrechen, und auf einige entfernte Winke über ſeine Leidenſchaft für die Künſte nicht. 249 Indeſſen war er in den erſten Tagen im Stande, über ſein Unwohlſein ſo weit Herr zu werden, um das weſtliche Ende der Stadt trotz der Verbannung zu beſuchen, zu welcher er verurtheilt worden war, und einer ſeiner erſten Beſuche war in der Delahay⸗Street. Es war ihm daran gelegen, nach ſeinem Patienten, nach ſeinem Freunde ſich zu erkundigen; ja, nach ſeinem Freunde; denn wofür konnte er ſonſt den Mann halten, dem er für das Eben⸗ bild der geliebten Züge, das weder bei Tag, noch bei Nacht auch nur für einen Augenblick ſeinen Buſen verließ, verpflichtet war. Abednego ſchien in der That eine ſolche Anwendung des Miniaturgemäldes vorausgeſehen zu haben; denn es war in eine fausse montre von ſtarkem Golde gefaßt und hatte eine Schnur zur Befeſtigung um den Hals.. „Ich wollte ſchwören, daß ich nun ſelbſt krank bin,“ ſprach Baſil für ſich hin, als er durch die große George⸗ Street fuhr,„eben ſo krank als der arme Abednego, wie ich ihn in jener abſcheulichen Nacht nach Hauſe brachte; ein Unternehmen, das, wie ich glaube, die ganze Urſache meines Unwohlſeins iſt. Am Anfange der Delahay⸗Street ſtieg er aus und ging zu Fuß an die Thüre des Geldverleihers. Er war nun ſo ſehr an das Unfreundliche dieſes Haushalts gewohnt, daß er vor zehn Minuten nicht er⸗ wartete, daß von ſeinem Klopfen an der Thüre Notiz ge⸗ nommen werde. Zu ſeinem großen Erſtaunen waren indeſſen kaum zwei Minuten verfloſſen, als ſie ſich öffnete. Es wurde aber nicht durch den rothhauptigen Kehrer, nicht durch die runde Wärterin, ſondern durch einen Fremden, einen al⸗ ten Juden, mit allem dieſer Benennung anklebenden Schmutze, von finſterm Geſichte, unſauberer Kleidung, herabhängenden Schultern, ſchimmeligem Barte, und mit der Phyſiognomie eines Barnebas, geöffnet. Jetzt, da Baſil überzeugt war, daß Abednego mit 250 dem verhaßten Stamme verbunden war, an welchen ihn ſein Name zu knüpfen ſchien, jetzt konnte er ſeine Ueber⸗ raſchung und ſein Mißfallen nicht unterdrücken, daß Abed⸗ nego darauf verfallen war, ein ſo unſauberes Individuum in ſein Haus aufzunehmen. „Ich wünſche Herrn Oſaley zu Kprechen,“ ſagte er. „Sie wünſchen etwas?“ fragte der neue Portier mit einer ungefälligen Miene. „Ich will Ihren Herrn ſprechen...“ „Zum Teufel mit Ihrem: Herrn!“ antwortete der Jude und war im Begriffe, die Thüre ihm vor dem An⸗ geſichte zu verſchließen. „Ich habe Geſchäfte mit A. O.,“ ſchrie Baſil, um dieſe Maßregel dadurch zu hintertreiben, daß er die ge⸗ wöhnliche Redensart dieſes Platzes gebrauchte. „Hier iſt kein A. O. mehr. Das Haus iſt verkauft und mein Eigenthum,“ entgegnete der Mann„Es iſt bezahlt mit meinem guten Gelde, und was haben Sie da⸗ gegen zu ſagen?“ „Wollen Sie die Gefälligkeit haben, mir die gegen⸗ wärtige Adreſſe des Herrn Oſaley zu ſagen? Er war krank, als ich ihn vor vierzehn Tagen verließ, und es liegt mir daran, mich nach ihm zu erkundigen.“ „Er mag nun geſtorben ſein; ich kümmere mich nicht darum!“ erwiederte der Jude und vollzog nun wirklich ſeine Abſicht, indem er die Thüre dem ſtürmiſchen Ein⸗ dringlinge vor der Naſe zuſchlug. Fort, verſchwunden gleich einem Irrlichte! Sehr auffallend; ſehr ärgerlich! Baſil, welcher an dem Tage ſeines Abſchieds von Abednego ſeiner Mutter das Buch mit einigen Worten der Entſchuldigung über die Freiheit, mit der er es aus ihrem Zimmer weggenommen, zurück⸗ geſchickt hatte, war in der Zwiſchenzeit auf den Gedanken gekommen, die Theilnahme Abednego's ernſtlich in An⸗ ſpruch zu nehmen, damit er ihm fernere Aufklärung über einen Gegenſtand gebe, über den er nach ſeinem gegen⸗ 1 251 wärtigen Alter Aufklärung zu fordern berechtigt war. Das unerwartete Verſchwinden des alten Mannes war daher die ärgſte Enttäuſchung, die ihm werden konnte. In Folge einer plötzlichen Aufregung klopfte er laut, ſtatt die Thuͤre zu verlaſſen, welche ihm verſperrt war. „Was wollen Sie denn, weil Sie einen ſolchen Teu⸗ felslärm an meiner Thüre machen?“ ſchrie der ärgerliche neue Eigenthümer, indem er auf der Stelle wieder öffnete.. „Ich will Ihnen einen Souveränd'or für Nachrichten über den gegenwärtigen Aufenthalt des Herrn Oſaley an⸗ bieten,“ rief Baſil, indem er dem Ariome des A. O. folgte und ſogleich auf die Hauptſache einging. Das ſo kurz angeredete Individuum ſteckte die dar⸗ gebotene Münze kaltblütig in die Taſche ſeines ſchmutzigen Rockes und wies ihn zu Abednego's früherer Wohnung in Greek⸗Street. „Thor, der ich war, nicht ſelbſt daran zu denken!“ murmelte Baſil und eilte fort, gleich einem Wahnſinnigen, um nach Soho zu fahren. Als er aber in der Greek⸗Street ankam, waren ſeine Hoffnungen abermals vereitelt. Gerüſte waren an den Wäanden des Hauſes angebracht, Maurer und Tüncher waren an der Arbeit. Das Haus war, wie es ſchien, fur einige zwanzig Jahre vermiethet, und die Werkleute wußten nichts als den Namen des frühern Eigenthümers. „Ich hoffte, die würden mich nach Paulet⸗Street zu⸗ rückſchicken,“ ſagte Baſil in der Bitterkeit ſeines Herzens. „Nein, ohne von ihnen dahin geſchickt zu ſein, will ich mein Vorhaben damit enden, noch einmal nach St. Agnes le Clare zu gehen. Eine beſſere Wahl als in der Times oder in Hue⸗and⸗Cry nach dem gegenwärtigen Aufenthalte des A. O. mich zu erkundigen.“ In der durch ſeine Täuſchung herbeigeführten Auf⸗ regung der Gefühle entſchloß er ſich zu einer perſoͤnlichen Nachfrage an Verelſt's Thüre, welcher er, wie er ſich 25⁵² ſelbſt gelobt hatte, niemehr nahen wollte, bis er von dem Künſtler wieder eingeladen werden würde. Obgleich er den Verdruß hatte, dieſelbe Antwort, die er vierzehn Tage früher erhalten, Sylbe für Sylbe wiederholt zu hören, daß die jungen Damen ausgegangen, der Maler und ſeine Frau beſchäftigt ſeien, ſo hatte er doch wenigſtens die Be⸗ ruhigung zu erfahren, daß Mrs. Verelſt auf dem Wege der Beſſerung ſei. „Die jungen Damen ſind wohl, wie ich hoffe?“ ſagte er, indem er bei dieſer Frage ſein Geſicht abwendete. „Ganz wohl, Sir, das heißt, Miß Eſther ausgenom⸗ men, welche eine Zeit lang ſehr elend war,“ ſagte die Magd in ihrer confuſen Weiſe. „Aber Sie ſagten ja, ſie ſei ausgegangen.“ Ja, Sir, das heißt, Sir, die Familie nimmt keine Beſuche mehr an. Es wurde mir befohlen, unter keinem Vorwande irgend jemand hereinzulaſſen,“ ſagte die Dirne, die immer verlegener wurde. Baſil, ärgerlich wie er war, hatte keine weitere Frage mehr zu ſtellen und bat bloß, ſeine Theilnahme an dem Uebelbefinden der jungen Lady zu melden. Hierauf entfernte er ſich. Er kehrte an dieſem Tage nach dem Tower in einer Stimmung zurück, die es ihm äußerſt angenehm erſchei⸗ nen ließ, daß ſeine Kameraden ihn bei ſeiner Ankunft mit Gahnen, ſtatt mit Spoͤttereien empfingen. Maitland und Wilberton waren zu abgeſtumpft, um zu Witzen aufgelegt zu ſein, und da ſie fanden, daß er ihnen nichts Neues von St. James⸗Street bringe, kehrten ſie bald zu ihrem Schlafe vor dem praſſelnden Feuer zurück, aus welchem ſie ſeine Rückkehr aufgeſcheucht hatte. Eſther krank! Abednego verſchwunden! Kein Mit⸗ tel, um nach dem einen, oder dem andern ſich zu erkun⸗ digen! Bei ſeinem nächſten Beſuche in Weſt End beeilte ſich Annesley, der Madame Branzini, als einem Canale, durch welchen er wenigſtens Nachricht über die erſtere er⸗ halten konnte, ſeine verſpäteten Komplimente zu machen. 25⁵3 Aber ach, der Conſul und ſeine Frau waren nach Brigh⸗ ton gegangen, um dort den Reſt der Feiertage zuzu⸗ bringen. Nach und nach wurde der Zuſtand der Ungewißheit, in welchem ſich Annesley befand, zu unerträglich. In der traurigen Einſamkeit auf dem Tower hatte er nichts beſ⸗ ſeres zu thun, als üͤber ſeinen Gedanken zu brüten, und zuletzt wurde er von ſeinen Gefühlen ſo überwältigt, daß er zu dem verzweifelten Entſchluſſe gelangte, Wilberton und Maitland um Auskunft zu befragen. Er hatte vol⸗ len Grund zu glauben, daß dieſen wenigſtens die Entfer⸗ nung des Geldverleihers bekannt ſein müſſe, und auf die Gefahr hin, ihrem Hohne ausgeſetzt zu werden, fragte er ſie Nachts, als ſie ſich trennten, um zu Bette zu gehen, kühn, ob ſie ihm die gegenwärtige Adreſſe des A. O. nicht geben könnten? Der eine blickte den andern an; der eine mit Ueber⸗ raſchung, der andere voll Unwillen. Wilberton mit ſeiner gewoͤhnlichen aufbrauſenden Thorheit brach in ein großes Gelächter aus; aber John Maitland betrachtete die Frage faſt als eine Beleidigung. Er hatte Baſil's Anſpielung auf den Geldverleiher in Arlington Street, einige Tage nach dem boshaften Auftreten A. O.“s auf der Scene nicht vergeſſen, und fühlte ſich überzeugt, daß Annesley die ſchwierige Lage ſeiner Familie vollſtändig kenne. „Sie hätten beſſer in den Court⸗Guide geblickt,“ ſagte er, oder in das Adreßbuch, unter der Rubrik: Geld⸗ verleiher. Sollten dieſe Quellen verſiegen, ſo kann ich ihnen ſagen, daß die Polizeiwächter von Bow⸗Street Ih⸗ nen Auskunft über Ihren Freund ertheilen können.“ Maitland hatte das Zimmer verlaſſen, ehe Baſil Athem genug gefunden, ihm zu antworten. Entſchloſſen, ihre gegenſeitige Erörterung bis auf morgen auszuſetzen, wo ſich John Maitlands grundloſer Aerger gelegt haben würde, kehrte er in die Ecke zurück, in der er zuvor ge⸗ ſeſſen, und nahm, mehr zum Zeitvertreibe, als zu einem beſtimmten Zwecke, von dem Tiſche den Court⸗Guide weg, welcher neben der jährlichen Armee⸗Liſte lag(die zwei klaſſiſchen Werke der Londoner Speiſezimmer) in dem er den Buchſtaben O durchblätterte. Der Geſchlechtsname Oſaley war zu ausländiſch, als daß er die Erwartung hegte, ihn darin zu finden. Nichts deſtoweniger erſchien, nachdem er eine lange Reihe von O'Shauneſſy's durchgegangen hatte, der Name Oſaley dreimal wiederholt: „Oſaley, Bernhard, Esq. 14. Poland⸗Street. „Oſaley, R. Esq. 4. Abbey roud, Regent's Park. „Oſaley, A. Esq. 74. Bernard Street, Ruſſell Square.“ Obwohl nun das: A. Oſaley, Esq. den Namen Andreas, Auguſt, Alfred, oder fünfzig andere Namen be⸗ deuten konnte, vermochte doch Baſil für ſein Leben nicht anders, als zu hoffen und zu glauben, daß der verheißungs⸗ volle Anfangsbuchſtabe für nichts anderes, als für Abed⸗ nego daſtehe. Er konnte vergeudete Häuſer in Bernard Street ſo gut als anderswo gekauft, bezahlt oder einge⸗ tauſcht haben. Jedenfalls entſchloß er ſich, daß der mor⸗ gende Tag ſeine Zweifel aufklären ſolle und dem gemäß nahte er ſich zu derſelben Zeit, zu welcher er ſich ſelbſt eine Eroͤrterung mit Maitland verſprochen hatte, zu Fuße der Thüre eines wohlhabend ausſehenden Hauſes in Ber⸗ nard Street, Ruſſel Square. 1 „Welch ein dreifacher Eſel ich ſein muß!“ war ſeine geheime Bemerkung über ſeine eigene Schwäche. Wie ich nur denken konnte, daß ein Mann wie A. O. zugeben würde, daß ſeine Wohnung ein Gegenſtand der Bekannt⸗ machung in Boyle's Court Guide werde.“) Je mehr er ſich dem Hauſe näherte, deſto mehr wurde er von ſeiner Thorheit überzeugt. In der beque⸗ men, netten und modernen Wohnung vor ihm war nicht eine Spur des Durcheinanders zu finden, welches zu der Gewohnheit A. O“ gehoͤrte, nicht ein Merkmal von der 2⁵⁵ Ankündigung einer Vermiethung; nicht ein Ziegelſtein ſchimmelig, nicht ein Atom von abgefallenem Moͤrtel. Die Thüre war polirt, der Klopfer glänzend, die Treppe mit ſchneeweißem Sande beſtreut, und der A. Oſaley des Court Guide mußte nach Bafil's Anſicht eine alte Jung⸗ fer mit eigenem Vermögen bekommen haben, um die eh⸗ rende Bezeichnung: Esquire zu erlangen. „Jedenfalls kann ich, da ich ganz unbekannt in die⸗ ſem Stadttheile bin, klopfen und fragen,“ dachte Baſil, und als auf ſein Klopfen ein ernſt dareinſehender Haus⸗ meiſter zum Vorſcheine kam, erhielt er auf ſeine Frage die Auskunft, daß Herr Oſaley ausgegangen ſei. „War er nicht neuerlich unwohl?“ fragte Annesley. „Mein Herr iſt gerade in die Stadt zurückge⸗ kehrt, Sir.“ Da er ſich Abednego's Ausfälle gegen die ruinirende Verſchwendung einer üppig lebenden Dienerſchaft erinnerte, und die Koſten überſchlug, welche, die Nebenbezüge mit eingerechnet, ein ſo ehrbar ausſehender Gentleman, wie der war, an den er ſich zu wenden die Ehre hatte, mit 2 oder 300 jährlich, verurſache, lächelte Baſil faſt über ſeine Bethörung, auf ſeinen Fragen beſtehen zu wollen. Es war die Unmoͤglichkeit zu augenſcheinlich, daß der Geldverleiher Verwandtſchaft mit dem Eigenthümer einer ſo comfortablen Wohnung, eines Dieners, der ſo den Herrn ſpielte, habe. „Ich kam hierher, um nach einem Verwandten des Herrn Oſaley mich zu erkundigen,“ bemerkte Baſil, um gegen den Hausmeiſter das Nichtabgeben einer Karte zu ent⸗ ſchuldigen.— „Ich weiß nichts davon, daß mein Herr Verwandte hat,“ antwortete der Mann, indem er eine Miene von Anſehen und Mißtrauen annahm.„Ich bin ſchon viele Jahre in ſeinen Dienſten, und habe nie von dergleichen gehoͤrt.“ 4„In dieſem Falle,“ ſagte Baſil, bin ich Unrecht da⸗ 256 ran.„Ich ſetzte voraus, daß Herr Abednego Oſaley mit ihm verwandt ſei.“ „Meines Herrn Name iſt Abednego Oſaley, Sir,“ entgegnete der Hausmeiſter, der ſichtbar unwillig über ein ſo langes Befragen an einem ſo kalten Tage wurde, denn der kalte Wind hatte bereits einen guten Theil Puder von ſeiner großen, weißen Perrücke entführt. „Zu welcher Stunde iſt Herr Oſaley wahrſcheinlich zu Hauſe zu treffen?“ fragte der entzückte Baſil. „Das kann ich Ihnen wirklich nicht ſagen, Sir. Die Zeit ſeiner Rückkehr aus der City iſt ſehr unbeſtimmt.“ Baſil fühlte das Verlangen, eine Frage zu wagen, welches beſondere Geſchäft, oder welcher Beruf ihn ge⸗ woͤhnlich nach der City führe; aber da er keinen Vorwand für ſolch eine unbemeſſene Neugierde hatte, ſo hielt er es für das Beſte zu ſagen, daß er wiederkommen werde, und weg zu gehen. Er ließ den würdevollen Hausmeiſter in der Ueberzeugung zurück, daß er aus ſeinem nachmittägi⸗ gen Schlummer in der Speiſekammer, oder wahrſchein⸗ licher vor dem Feuer des Speiſezimmers, hinter einem Schirme und den Morning Herald in der Hand, wegen einer ſo unbedeutenden Sache und durch einen wahrhaft verdächtigen jungen Gentleman aufgeſchreckt worden ſei. Inzwiſchen hatte Baſil kaum die Ecke der Straße erreicht, als an ihm in einem eifrigen Paſſe ein einfacher, aber ſchöner Wagen vorüberfuhr, zu welchem er in Arling⸗ ton⸗Street ſchwerlich ſeine Augen erhoben haben würde, der aber in der Nachbarſchaft von Ruſſell⸗Square etwas von ariſtokratiſchem Ausſehen annahm. Als er auf denſelben blickte, ſah er wie im Fluge einen Kopf darin, von wel⸗ chem er geſchworen haben würde, daß es der des A. O. ſei, wenn nicht die Unmöglichkeit hievon zu klar geweſen wäre.—. „Das Geſicht des alten Mannes ſpukt in meinem Kopfe!“ ſagte er, über ſeine Thorheit ärgerlich.„Gleich Sir Thomas Browne, als er über die Kreuzpflanzung 88 4 257 ſchrieb, ſehe ich in allen Gegenſtänden der Natur immer nur den Einen. Kein alter Kleiderhändler geht an mir vorüber, ohne daß ich glaube, eine Aehnlichkeit mit Abed⸗ nego in ihm zu entdecken. Und nun bin ich von der Aehn⸗ lichkeit eines Mannes betroffen, der der Eigenthümer ei⸗ nes Paars Pferde iſt, die vierhundert Guineen werth ſind, während jener ſich ſelbſt nicht einmal eine Miethkutſche gönnt. In dieſem Augenblicke kam es ihm jedoch ins Ge⸗ dächtniß, dcß er mit einem ähnlichen Wagen in Colliſion gekommen, als er vor faſt einem Monate mit Blencowe nach Hatchett fuhr, und daß ihm damals ſein Gefährte verſtcherte Ies ſei niemand anderer als der berüchtigte A. O. Er hatte halb im Sinne zurückzukehren, um ſich zu überzeugen; aber während er dem Zuge ſeiner Erinnerun⸗ gen gefolgt war, während er verſucht hatte, ſich zu über⸗ zeugen, ob 4 wirklich in dem braunen Wagen das Ge⸗ ſicht des Geldverleihers geſehen habe, war er bereits bis in die Mitte von Ruſſel⸗Square gekommen, und bis er ſeine Schritte in die Bernard⸗Street zurücklenkte, war der Wagen verſchwunden. Er hatte den Muth nicht, den er⸗ habenen Hausmeiſter noch einmal zu fragen, um ſich zu überzeugen, ob in der Zwiſchenzeit der Wagen ſeinen In⸗ ſaßen an der Thüre des Herrn Oſaley abgeſetzt habe. Ueberdies hatte er einen Auftrag Wilberton's an Law⸗ rence wegen der Vollendung eines neuen Toilettkaſtens, deſſen Bau erſt das zweite Stockwerk erreicht hatte, zu beſorgen, und dies erheiſchte von ihm, zu einer gewiſſen Stunde in Bond⸗Street zu ſein, um einen Arbeiter zu treffen, der Aufträge hinſichtlich der Einrichtung der in⸗ nern Abtheilungen in Empfang nahm. Es war daher keine Zeit zu verlieren. 3 4 Indeſſen wurde das, was ſeinem Herzen am nächſten lag, in Mitte der Schwierigkeiten unter Patent⸗Angeln und den Schatten grünen Saffians oder Purpurſammets Der Geldverleiher. I. 17 258 nicht vergeſſen, und nachdem er einige Schnitte Schinken mit Butterbrod und ein Glas Teres in dem Klubb zu ſich genommen und jedermann vergebens nach Neuigkeiten, die er nach der Arche, aus der zu entwiſchen er ſich er⸗ laubt, zurückbringen wollte, gefragt hatte, ſchickte er nach Wilberton's Cabriolet, welches er nach dem Tower zurückzufahren verſprochen hatte, und bereitete ſich zur Abfahrt vor. „Gewiß macht es,“ ſprach Baſil zu ſich ſelbſt, mit ſeltſamer Mißkennung der Topographie der Hauptſtadt, „gewiß macht es einen kleinen Unterſchied, wenn ich uͤber Ruſſel⸗Square und der City Road entlang fahre. Ich fühle, daß ich keinen Schlaf finde, ſo lange ich nicht dieſes ärgerliche Geheimniß durchdrungen habe. Es iſt überraſchend, wie gleichgültig wir die Ent⸗ fernungen bemeſſen, wenn es ſich um die Beine oder um die Pferde anderer Leute handelt. Nachdem er ſich ſelbſt überredet hatte, daß er faſt den nächſten Weg, nehmen werde, fuhr er um halb fünf Uhr durch die erleuchteten. Straßen nach Bernards⸗Street, Ruſſel⸗Square, und durch einige Gläſer Keres kühn gemacht, beauftragte er den Jungen Wilberton's an der Thüre zu klopfen, vor welcher er das Pferd anhielt, und zu fragen, ob Herr Oſaley zu Hauſe ſei. Statt des Hausmeiſters erſchien nun ein Bedienter in einfacher Livree, und als dieſer bejahend geantwortet hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als herauszuſpringen und dem Bedienten zu folgen, der ihm bereits nach dem Empfangszimmer mit dem Namen, der ihm von dem Jungen geſagt worden, die mit reichen Teppichen belegten und hellerleuchteten Treppen hinauf voraneilte. Baſil's Herz zagte faſt, als er ſeinem Piloten bei dieſer unbeſtimmten Entdeckungsreiſe folgte. Wie war es möglich, daß dieſes die neue Wohnung des A. O. ſei? Alles war ſo gut eingerichtet und ſo regelmäßig, wie wenn der Eigenthümer bereits ein Großvater ſei, der vermöge des Erbfolgerechtes ſeinem Großvater ſuccedirt habe. 1 Die Thüre des Empfangszimmers wurde nun aufge⸗ riſſen und der Name:„Herr Annesley“ laut angekündigt; es war an ein Zurücktreten nicht mehr zu denken. Nach dem ungewöhnlichen Lichtglanze ſchien es Baſil, daß die Zimmer für ein Diner in Bereitſchaft geſetzt worden ſeien und daß er bei der Dienerſchaft für einen der Gäſte elte. 4 Er hatte auch recht; denn als er die Schwelle über⸗ ſchritt, ſah er ein halbes Duzend ernſter Gentlemen um den Kamin verſammelt; einige ſaßen in Armſeſſeln, einige ſtanden auf dem Teppiche vor dem Kamine, mit einander plaudernd. Er würde eine Welt darum gegeben haben, hätte er zurücktreten können. Noch nie hatte er ſich ſo ſehr als einen Zudringlichen betrachtet. Alle Geſichter waren gegen ihn gewendet; nicht eines derſelben hatte er je in ſeinem Leben geſehen. Die Bedienten hatten ſich zurückgezogen und die Thüre hinter ſich zugemacht. Baſil blickte mit unbe⸗ ſchreiblicher Bangigkeit umher und ſuchte aus der Haltung der anweſenden Perſonen den zu erkennen, welcher der Herr des Hauſes war, dem er ſeine Entſchuldigung zu machen hatte. Eine tödtliche Stille war der Ankundi⸗ gung ſeines Namens gefolgt, und alle ſchienen über ſein Anſchließen an die Geſellſchaft gleich erſtaunt. Endlich wurde dieſer Theil des Geheimniſſes aufge⸗ klärt. Ein feierlich ausſehender alter Gentleman mit einer hohen, ſchmalen Stirne, mit kurzen Nankingbeinkleidern und fleckigten weißen Strümpfen, nach ſeiner äußern Er⸗ ſcheinung um viele Stufen tiefer ſtehend als der Haus⸗ meiſter, ſchritt würdevoll auf ihn zu, um dem jungen verlegenen Manne anzukündigen, daß Herr Oſaley in ei⸗ nem Augenblicke erſcheinen würde, indem er nur noch ei⸗ nige dringende Briefe zu beantworten habe, die er bei ſeiner Zurückkunft aus der City vorgefunden. Annesley verbeugte ſich und dankte. Er dachte, daß es jedenfalls beſſer ſei, das Kommen des Hausherrn ab⸗ zuwarten und bei ihm ſich zu entſchuldigen, als unter Erklärungen, die für die Gäſte unverſtändlich und ohne Belang waren, weg zu eilen und ſich ſo das Anſehen eines entdeckten Taſchendiebs zu geben. Er hatte daher Zeit, das Zimmer zzu beſehen. Es war einfach, aber reich eingerichtet und enthielt einige treffliche Gemälde und einige edle Bronze. Die durch ſein Eintreten unterbrochene Unterhaltung wurde nun wieder angeknüpft, jedoch wenig zu ſeinem Vortheile, ldenn nicht eine Silbe von dem, was die fünf ältlichen Männer ſprachen, erreichte ſein Ohr auf eine verſtändliche Weiſe. Es war eine geheimnißvolle Sprache, zu der er den Schlüſſel nicht hatte; obgleich ſie nichts mehr und nichts weniger als der Jargon der Banquiers und der Stockmäckler war. 4 Indem er ſich nicht getraute, ſich zu ſetzen, ſtand er, den Hut in der Hand, das Oeffnen der Thüre er⸗ wartend und ſich ſelbſt fünfzig Faden tief unter den Grund des Towers oder ſonſt wo wünſchend, ſtatt in dem Em⸗ pfangszimmer in Bernard⸗Street, Ruſſel⸗Square zu ſein. Wären Frauen da geweſen, ſo würde er ſich weniger ver⸗ legen gefühlt haben; der Takt und die Artigkeit dieſes Geſchlechts wären bereit geweſen, Entſchuldigungen für die Indiscretion eines Mannes ſeines Alters und ſeines Anſtandes zu finden. Aber dieſe fünf alten, feierlichen Männer in ihren kurzen Beinkleidern und Schnallenſchuhen, mit ihren weißen Haaren oder Kahlkoͤpfen, erweckten Chr⸗ furcht. Er würde eben ſo leicht eine feierliche Ceremonie der Prieſter der Iris und des Oſiris in der großen Py⸗ ramide unterbrochen haben. Endlich nahten Tritte dem Empfangszimmer, und obgleich Baſil's Blut kalt durch die Adern rann, waren doch ſeine Wangen glühend roth, als die Thüre ſich öff⸗ nete und der Herr des Hauſes eintrat. 4 261 „Ich habe Sie tauſendmal um Entſchuldigung zu bitten, meine Herren!“ ſagte er mit einer Stimme, welche auf der Stelle eine Beſtätigung der Ueberzeugung hervor⸗ brachte, die der erſte Blick in Baſil's Geiſt erzeugt hatte. „Ich kann Ihnen tauſend Entſchuldigungen darbieten; ein Bote aus Downing⸗Street erwartete mich bei meiner Zu⸗ rückkunft. Ich fürchte, ich habe ſehr lang auf mich war⸗ ten laſſen; aber das Eſſen wird in einem Augenblicke auf⸗ getragen werden. Herr Oſaley drückte nun jedem ſeiner älteren Gäſte die Hand und richtete an jeden einige Worte der ausge⸗ zeichnetſten Artigkeit. Als die Reihe bemerkt zu werden an Baſil kam, begann der Muth des jungen Mannes zu ſinken. Er war auf einen Ausruf der Ueberraſchung, auf einen ſarkaſtiſchen Vorwurf gefaßt. Es fiel ihm nicht bei, daß ſein Name bereits privatim ſeinem Wirthe ge⸗ meldet worden ſein konnte. Keine Ueberraſchung zeigte ſich, und ſo wie er von den vermutheten Sarkasmen nichts hörte, ſo wurde auch ſeine Entſchuldigung durch die ge⸗ wandte Artigkeit des Herrn Oſaley beſeitigt. „Ich freue mich, Sie zu ſehen, mein theurer Annes⸗ ley!“ ſagte er.„Sie müſſen mir Ihre Entſchuldigung bei meinen alten Freunden hier wegen Ihres Erſcheinens in Ihrem Morgenanzuge überlaſſen. Ich weiß, daß Sie meine Einladung dieſen Abend zu ſpät traf, als daß Sie noch Zeit gehabt hätten, ſich für unſere Geſellſchaft an⸗ zukleiden. Sie haben ſich in der That viel artiger ge⸗ zeigt, als ich, indem Sie lieber Ihre eigene Bequemlich⸗ keit opferten, ſtatt Andere warten zu laſſen. Die Selbſtbeherrſchung Abednego's war ſo vollſtändig, daß Baſil ſich einen Augenblick lang wirklich einbildete, er ſei in der That eingeladen, das Einladungsſchreiben aber habe ihn verfehlt. „Glauben Sie mir, ich hatte nicht die geringſte Ab⸗ ſicht, mich in Ihre Geſellſchaft einzudrängen...“ begann 8 er, wurde aber durch Oſaley unterbrochen, welcher ent⸗ gegnete: „Ich habe Ihr Cabriolett bis acht Uhr weggeſchickt; dieſe Stunde wird, wie ich glaube, Ihre Rückkehr in den Tower zu gehöriger Zeit zulaſſen.“ Es lag etwas ſo gefaßtes und ſo beſtimmtes in dem Benehmen ſeines Wirthes, daß Baſil, da er ſah, er wolle ihn zurückhalten, für das Beſte zur Förderung ſei⸗ nes eigenen Zweckes hielt, dem Beſchluſſe ſeines unge⸗ woͤhnlichen Freundes ſich zu fügen. Er hatte auch keine Zeit zur Ueberlegung; denn nach einem Augenblicke wurde das Diner angekündigt, und als er in das warme und behagliche Speiſezimmer eintrat, bemerkte er, daß ein ſiebentes Couvert der reichgedeckten Tafel beigefügt war. Nie hatte ſich Baſil mehr in Verlegenheit gefühlt, als jetzt, da er ſeinen Platz einnahm. Nie hatte er ſich ſo vollſtändig enicht an ſeinem Platze gefühlt, als unter dieſen ſo ernſten, alten Männern und ſeinem geheimnißvollen Wirthe, der vermöge ſeiner eigenen Manier, über ihn zu verfügen, einen übernatürlichen Einfluß auf ſein Geſchick zu haben ſchien. Nach und nach aber übten Licht, Wärme, kapitale Weine und ein vortreffliches Diner ihren gewöhn⸗ lichen Einfluß auf Leib und Seele. Baſil war gewohnt, mit Großen zu ſpeiſen. Die Tafeln des Herzogs von Rocheſter und des Lords Mait⸗ land, bei welch' beiden er ein häuftger Gaſt war, galten in der Welt dafür, daß ſie Alles das vereinigen, was der Heiligegeiſtorden, ein vortrefflicher franzoͤſiſcher Koch, ein italieniſcher Conditor und ein deutſcher Hausmeiſter hin⸗ ſichtlich des savoir vivre erzeugen konnten. Aber es ſchien ihm, daß er noch nie Fiſche, Fleiſch und Geflügel in ſolch auserleſener Vollendung gefunden habe, als hier, und es unterhielt ihn auch nicht wenig, die ehrwürdigen Herren ſolche Gegenſtände abhandeln zu hören, und zwar nicht bloß mit jenem gediegenen Geſchmacke, der durch . 263 alle alten Bücher den Rathsherrn beigelegt wird,(nebſt manchem Andern ein Beweis, daß wir unſere Civiliſation aus dem Oſten bekommen haben), vielmehr auch ſo, als ob die City die Hauptquelle aller guten Dinge dieſer Welt ſei, und daß Billingsgate, Smithfield und Farringdon nach Weſt End bloß das ſchicken, was ſie, nachdem es den erſten der gewichtigen Geldbeutel der Ariſtokratie von Guildhall angeboten worden, nicht mochten. Er war nicht gewohnt, in Arlington⸗Street Schildkröten und Wild⸗ pret als unbekannte Dinge behandelt zu ſehen. Aber es war nicht bloß die Gaſtronomie des Diners, was ſein Herz erwärmte, es war noch viel erbaulicher, die ernſten Geſichter dieſer ſechs alten Herren in dieſer Atmoſphäre der Gaſtfreundſchaft ſich erheitern zu ſehen. Erwärmt durch das Feuer des Weines, wie er zuvor noch nie einen getrunken hätte,(der reine Saft der Trauben des Südens, bloß durch die Zeit gemildert, nicht durch die mit mediciniſchen Specereien verſetzten Abkochungen feurig gemacht, an welche Tafeln und Klubbs ihre Gau⸗ men gewoͤhnt haben) gingen ſie bald zur Fröhlichkeit über, und er hatte Gelegenheit zu bemerken, welcher Unterſchied zwiſchen dem Manne von Intelligenz und Kenntniß, der ſeine Schätze unter einem ſolchen Einfluſſe entfaltet, und zwiſchen ſeinen gewöhnlichen Geſellſchaftern beſtand, die bei dergleichen Gelegenheiten einen wüſten Lärm machten. Man hätte eben ſo gut den Verſuch wagen können, das Eichmaß eines Aniseinnehmers zu berauſchen, als in dem wohlgewürzten Gehirn dieſer guten Trinker mit der Er⸗ fahrung eines halben Jahrhunderts etwas mehr als einen gewiſſen Effect hervorzubringen. Bei ihnen diente der Oeffner des Herzens und des Geiſtes blos dazu, den rei⸗ chen Schatz ihrer Kenntniſſe der Welt mit einem feineren Ausdrucke zum Vorſcheine zu bringen. Und welch' eine Welt! Welch' ein unbegränzter Ge⸗ ſichtskreis dehnte ſich vor Baſil aus, als er lauſchte. Bis jetzt hätte ſeine Kenntniß der Welt, geographiſch beſchrie⸗ ben, als im Norden durch Merrylebone, im Süden durch Lambeth, im Oſten durch St. Martin's Lane und im Weſten durch den Kinſington Garten begränzt, bezeichnet werden koͤnnen. Nun aber hoͤrte er Amerika und China ſo vertraut behandelt, als läge 2s innerhalb der Umwal⸗ lung des Koͤnigreichs des Mammon. Indien ſchien von dieſen alten Gentlemen wie ein heimathliches Pachtgut betrachtet zu werden, die Gewürzinſeln waren ihr Blumen⸗ garten. Ihre Karavanen durchſchritten die Wüſten gleich der Privatpoſt irgend eines lordlichen Aufenthalts, und was Europa, den armen, zum Hauſe gehoͤrigen Gemein⸗ platz Europa betraf, ſo hatte jeder von ihnen ſeinen Cou⸗ rier, der von Petersburg, Wien, Berlin, gleich Leibgarde⸗ Eſtafetten nach Hauſe galoppirte und hin⸗ und herwärts nach Hampton Court oder Hounslow trabte. Paris war eine Spielerei, eine Tabaksdoſe, die in ihrer Weſtentaſche zu ſtecken ſchien.. Während dieſe Gegenſtände im Wege der Unterhal⸗ tung, nicht der Prahlerei nach und nach abgehandelt wur⸗ den, erwartete Baſil natürlicher Weiſe einen triumphi⸗ renden Blick aus den Augen Abednego's, der ihm heim⸗ lich bedeutete:„Behalte dieſe Dinge, von welchen ich ſpreche; die Könige von Tarſus und Epirus, von Tyrus und Sidon. Dies ſind die Meiſterhände, welche die Drähte königlicher Marionetten lenken; dies ſind die Springfedern der ariſtokratiſchen Handlungsweiſe, dieſe ſind es, ohne welche Geheimerrath und Parlament ver⸗ geblich ſchreien und Kauderwelſchen, dieſe ſind die wahr⸗ haften Monarchen, die über Krieg und Frieden verfügen, dieſe ſind die Mächte, welche die Unabhängigkeit Ame⸗ rika's ſchufen, Frankreich zu einem Bürgerkönigthume machten und für das britiſche Reich daſſelbe thun würden, hätte das ariſtokratiſche England das geringſte Gelüſten nach Befreiung. Aber nicht ein Blick, nicht ein Wort, nicht eine Silbe bezeichnete ein Einverſtändniß oder eine Andeutung 265 zwiſchen Baſil und ſeinem Wirthe. Jener galt wahr⸗ ſcheinlich bei dieſen alten gebietenden Herren als irgend ein Günſtling des Herrn Oſaley, welchen dieſer nicht mehr achtete, als daß er als Protector Notiz von ihm nahm und gelegenheitlich ihm einen Platz an ſeiner Tafel ein⸗ räumte, und jeder von ihnen trank mit ihm in der er⸗ muthigenden Weiſe, mit der man zu Hauſe einen Schul⸗ knaben an den Feſttagen beehrt. Aber es war etwas, was ſie von ihrem gewöhnlichen Geſpräche aus Mißtrauen wegen der Anweſenheit eines Fremden nicht zurückhielt. Sie ſuchten nicht, in ihm mehr als einen Zuhörer zu finden, und handelten über Könige und Miniſter in allen Theilen der Erdkugel ab, wie die Geldwechsler bei ihren verſchiedenen Wechſelgeſchäften. Es war indeſſen für den jungen Annesley intereſſant zu ſehen, daß nichts von Anmaßung oder Prahlerei in ihren Behauptungen lag. In dem Hauſe der Gemeinen, in den Klubbs, bei den Gaſtmahlen in Weſt End war er oft durch den leichtfertigen oder prahleriſchen Ton ge⸗ ärgert worden, wenn die Rückſichten auf den Stand bei Seite gelegt worden waren. Aber hier war Alles an⸗ ſtändig, wie in dem Oberhauſe, mit der Bank der Bi⸗ ſchöfe und dem Wollſacke als todter Laſt bei dem Schwim⸗ men der menſchlichen Natur. Mit dem großmüthigen Gebrauche der Macht, gleich dem ruhigen Erheben des Rüſſels eines Elephanten, um mit dem Kinde zu ſpielen, wenn es weint, würden dieſe großen Finanzoperateurs, deren electriſche Drähte von einem Ende der Welt zum andern reichen, bald mit dem Bankerotte des Koͤnigreichs, oder dem Mangel der Für⸗ ſten, mit welchen ſie unterhandeln, ſpielen, wenn das Miniſterium des Innern daran denken ſollte, etwas gegen ihre Anſicht zu wagen. Dieſe Männer wurden immer weniger ernſt oder um⸗ ſtändlich, und manche ergützliche Anekdoten von den Staatsmännern oder den Maßregeln des Tags kamen zum Vorſchein, die an einem andern Orte wohl nicht er⸗ zählt worden wären, und einen ganz eigenthümlichen Reiz durch die Aechtheit erhielten, welche der genius loci be⸗ urkundete. Annesley begann zu begreifen, mit wem er an die⸗ ſem Tiſche in Berührung kam. Die Namen, bei welchen er ſeine Geſellſchafter ſich wechſelsweiſe anreden hörte, waren ſolche, von denen er wußte, daß ſie bei Anlehen oder andern gigantiſchen Finanzoperationen betheiligt wa⸗ ren, und, wie die Blätter ankündigten, Audienzen bei dem Kanzler der Schatzkammer hatten; Männer, deren auf einen Papierſtreif geſchriebene Namen eine Eiſenbahn, um die Verbindungen der Königreiche zu erleichtern, eine argentiniſche Republik, ein Grafſchafts⸗Hoſpital, oder eine Inſurrection in Cochin⸗China in's Leben rufen. Bei dem Deſſerte, deſſen Treibhausfrüchte, deſſen Limoneneis und Chateau Laffitte die Augen des Her⸗ zogs von Nocheſter llüſtern gemacht haben würden, ſaßen der Wirth und ſeine mächtigen, ernſten und ehrwürdigen Herren Gäſte, indem ſie über die Staatsangelegenheiten der Welt plauderten, wie wenn ihre kleine Synode den Geheimenrath der ganzen Welt bildete. Sie ſprachen von der Politik Europa's, wie Männer von den Zügen eines Schachſpiels ſprechen, über welches ſie verfügen; über Souveräne, wie über die Elfenbein⸗, Eben⸗ oder Buchsholzgefäſſe, die auf dem Tiſche ſtanden. Die Iden⸗ tität ſolch privilegirter Theile der menſchlichen Natur war augenſcheinlich ohne Belang für ihre Berechnungen. Da wan kein Nikolaus, kein Franz, kein Friedrich Wilhelm für die hohen Prieſter des Mammons, aber an ihrer Stelle waren Preußen, Hardenberg und Co..., Oeſter⸗ reich, Metternich und Co.. Rußland, Neſſelrode. Ueber Geld verhandelten ſie unter der erhabenen Be⸗ nennung„Capital“ auf eine Weiſe, wie er ſie noch nie gehoͤrt hatte, wie wenn es ein Zweck, nicht ein Mittel ſei; Millionen klangen in ihrem Munde unbedeutender als Pennie's, oder gleich den Pfunden, von welchen er gewohnt war, an andern Orten zu hoͤren. In den Argumenten dieſer einzelnen Coterie lag ſo viel Stoff, um manchen National⸗Oekonomen zu dreifachem Wahnſinn zu treiben. In Mitte dieſer Eroͤrterungen konnte Annesley ſich nicht enthalten, mit einer Art Staunens, welches ſich bis zur Luſtigkeit ſteigerte, auf jenes Gefühl von Mitleid zurückzublicken, mit welchem er vor kurzer Zeit den alten Bettler von Paulet⸗Street betrachtet, und auf den Schre⸗ cken, mit welchem er wegen eines geringfügigen Darlehens von dreihundert Pfund den Kreuz⸗ und Querfragen in Greek⸗ſtreet, Soho, in Gegenwart des gefürchteten A. O. ſich unterzogen hatte. Vierzehntes Kapitel. O, meine düſtern Stunden in meiner alten Zelle! Jetzt lachen ihre Früchte bei dem ſchimmernden, offenen Geſichte des Tags, wie der Zeiger lacht, der durch knarrende Räder und ruhige Züge, unſern Augen verborgen, bewegt wird. * Blackmorech Die Neckereien, mit welchen Baſil Annesley in der letzten Zeit von ſeinen Kameraden hinſichtlich ſeiner unbe⸗ greiflichen Freundſchaft und ſeiner Vorliebe für den be⸗ rüchtigten Geldverleiher verfolgt wurde, würden ſich am Abende des fraglichen Tages erneuert haben, hätten ſie die Reihe ſeltſamer Ereigniſſe gekannt, welche ihn, gerö⸗ thet und aufgeregt, wenige Sekunden vor der für die Garniſon beſtimmten Stunde in den Tower zurückführte. Aber er hütete ſich wohl vor Mittheilungen, und da er einige politiſche Neuigkeiten von Bedeutung, die er unter den Propheten der Börſe erfahren, nebſt einer Anek⸗ dote von dem Wittwer⸗Oberſt, der hinter der Scene eines der Theater, zum groͤßten Nachtheile ſeines Huts, ſeiner Perrücke und ſeines Rüſſels, auf die Naſe gefallen war, auszukramen hatte, ließen ſie ihn ohne allzu ſtrenge Kreuzfragen und faſt ohne Vorwurf. In der Stille der Nacht begann Baſil ſich ſelbſt zu fragen, ob nicht Alles, was ihm begegnet, ein neckiſcher Traum ſei, ob ein Geldverleiher Abednego wirklich eriſtire, oder ein hochgeſtellter und lururiöſer Banquier oder Stock⸗ mäckler, oder Wechſelmäckler Namens Oſaley. Verwirrt durch ſeine Betrachtungen und in Folge des ungewöhnlichen Genuſſes etwas fieberhaft, war er nicht im Stande, ſeine Augen zu ſchließen, oder wenn er ſie für einen Augenblick ſchloß, ſo wurde er nur durch die confuſen Träume ſeiner Indigeſtion verhöhnt und geärgert, in welche ſeine Mutter und Eſther nebſt dem ſterbenden Manne in der Weſtminſter⸗Dachſtube und dem wuchern⸗ den Juden verwebt waren, der ſeinen pecuniären Verlegen⸗ heiten abgeholfen und den reichſten, köſtlichſten Schatz in ſeine Hände geliefert hatte. Auch die Morgenſonne brachte ihren gewoöhnlichen Troſt und Ihre Erleuchtung nicht. Jemehr er über dieſe Geheimniſſe nachdachte, deſto dunkler ſchienen ſie zu wer⸗ gabe, auf die Kraft ſeines Willens verloren. Dieſer ſeltſame Mann, dieſes ignis fatuus, dieſer Djinn, dieſer myſte⸗ den. Er hatte alles Vertrauen auf ſeine eigene dhee riöſe Einfluß ſchien ſein Geſchick zu umſchlingen, wie eine Boa⸗Conſtrictor, mit der Macht begabt, ihn nach Be⸗ lieben zu erdrücken. In dieſer Ueberzeugung verbrachte er Tag für Tag in einſamer Aufregung, und ſeine Geſund⸗ heit, die ſich wieder etwas geſtärkt gehabt hatte, begann wieder zu wanken. Er war bald auf ſein Zimmer ge⸗ bannt, hatte weder Kraft noch Luſt, über die Zugbrücke zu gehen, nur dieſe einzige Quelle des Sehnens war in ihm. Der Zutritt in Verelſt's Haus war ihm verweigert; er war zu ſtolz, den Mann wieder aufzuſuchen, den er jetzt als reich und mächtig kannte, und auf deſſen Dank⸗ barkeit er Anſpruch hatte, er beſaß nicht die geringſte Nei⸗ gung, ſeinen Schlupfwinkel zu verlaſſen. Es war ſtrenge Witterung, und obwohl der Frühling nahte, ſo füllte doch eine ſechswöͤchentliche Kälte die Klubbs der St. Janms⸗Street mit Jagdmännern und, vermehrte die Weisheit und die Spaltung des Parlaments durch die Anweſenheit ſeiner ländlichen Mitglieder. Baſil war jetzt vollkommen zufrieden, Tag für Tag in ſeinem Quartier zu bleiben. Um ſeine Langeweile zu bekämpfen, be⸗ gann er, wie ihn Eſther oft gebeten hatte, ſein Studium der deutſchen Sprache wieder, das er ſeit ſeiner Abreiſe von Heidelberg ganz bei Seite gelegt hatte. Er hatte bei dem Dinner in Bernard Street geſehen, welchen Vor⸗ theil dieſe alren Männer aus ihrer Bekanntſchaft mit den modernen Sprachen zu ziehen ſchienen. Franzoͤſiſch, Ita⸗ lieniſch, Deutſch war ihnen ſo geläufig, wie Engliſch, ein Umſtand, der auf ihre ausländiſche Geburt hinzuweiſen ſchien, und es gewann den Anſchein, als wollten ſie das Ariom Karls V. bewahrheiten: So viele Sprachen ein Mann ſpricht, um ſo viel mehr iſt er ein Mann. Es fruchtete nichts, daß ihn ſeine Kameraden mit dem Namen„Sap“ belegten und behanzſelen daß Naney ſich für die Stelle einer vollendeten Gouvernante angekündigt habe. Er blieb bei ſeiner Abſonderung und ließ ſich lieber für einen Sonderling halten, als daß er loren hatte. erton's und John Maitlands erfahren hatte, machte ihm doppelt unangenehm, ſie Gewohnheiten und Aus⸗ ch Vergnügen beigeſellte, zu welchen er alle Neigung Das was er zufällig von A. O. über die Verhältniſſe * pularität für einen Herzog mit fünfzigtauſend Pf 270 gaben ſich hingeben zu ſehen, die ihre Mittel nicht er⸗ laubten. Als ſie ſich weigerten, auf ſeine Ermahnungen zu achten, und als ſie ihm einſt mit Anzüglichkeiten ant⸗ worteten, die ſeine Anſichten und Grundſätze als ſolche hinſtellten, die er von ſeinen jüdiſchen Geſellſchaftern an⸗ genommen, trieb er ſie zwar durch eine ernſtliche Erklä⸗ rung zum Schweigen, aber es blieb nichts anderes mehr für ihn übrig, als ſeinen eigenen Anſichten zu folgen und für einen Knicker zu gelten. Indeſſen erhielten die Vorherſagungen ſeines geheim⸗ nißvollen Freundes eine verhängnißvolle Beſtätigung durch eine Ankündigung, welche einige Wochen ſpäter in den Morgenblättern erſchien, daß der Herzog von Rocheſter ſeinen Wohnſitz zu Rocheſter Houſe und Wilberton Caſtle aufgegeben und im Begriffe ſei, nach Italien zu reiſen, wo die Familie Sr. Gnaden beabſichtige, einige Jahre lang ſich aufzuhalten. Dieſe Neuigkeit verurſachte in den faſhionablen Cir⸗ keln eine bedeutende Aufregung. In der That nicht wegen der Auswanderung des Herzogs und der Herzogin von Rocheſter, um welche ſich die Leute nicht mehr bekümmer⸗ ten, als um irgend ein anderes gaſtfreies herzogliches Paar; aber es geſchah darum, weil der Verluſt von Ro⸗ cheſter Houſe und Wilberton Caſtle ein ſehr ſchmerzlicher für deſſen unzählige ſchmetterlingsartige Freunde war, die in dem Einkommen Seiner Gnaden von jährlichen fünfzig⸗ tauſend eine ergiebige Quelle ihrer Vergnügungen geſun⸗ den hatten. 4 Wie Abednego gegen Baſil, während ſeines Wartens in Delahay Street wohl überlegt, bemerkt hatte, war es kein Wunder, daß ein ſo wahrhaft populärer Mann ban⸗ kerot werden ſolle; denn um das zu berechnen, was J jährlich genannt wird, iſt es unumgänglich nothwe daß er hunderttauſend vergeude. In einer ſo beſchränkten Geſellſchaft, wie die, welche ſo lange als ſein Credit bloß an der Beſchuldigung 271 welcher Baſil lebte und die Einen in ſich faßte, zwiſchen welchem und dem Herzogthume Rocheſter nur ein paar Leben ſtanden, mußte eine ſolche Gelegenheit wie dieſe Ankündigung war, nothwendiger Weiſe eine häufige und höchſt unangenehme Anſpielung auf Juden und Geldverleiher herbeiführenz noch häufiger und noch unangenehmer aber war ein ploͤtzliches Abbrechen ſolcher Bezugnahmen zu Ehren ſeiner Gegenwart. Es geſchah nicht, weil Annesley den Anwalt Abednego's machte, oder unter ſeine Argumente für ſeine Rechtfertigung das aufnahm, was ihm der Geldverleiher über die Verſchwendung der Rocheſter mit⸗ getheilt hatte; denn ſeit er auf eine ſo ſeltſame Weiſe 3 Augenzeuge des Reichthums und der Verwaltungen dieſes geheimnißvollen Individuums geworden war, hatte das Mißtrauen begonnen ſeine eigene Partheilichkeit zu min⸗ dern. Dennoch fühlte er genügende Dankbarkeit und hin⸗ längliches Intereſſe für ihn, um das tiefſte Mitleid zu empfinden, wenn er ihn ſo den allgemeinen üblen Nach⸗ reden ausgeſetzt ſah. 3 Die voreilige Zeitungsnachricht über die beabſichtigte Reiſe des Herzogs von Rocheſter erzeugte die Maßregeln, die er vorhergeſagt hatte. Beſtürmt von Gläubigern, kränkelte, daß er ſich durch Ausſchweifungen zu Grunde richte, ſich geſcheut hatten, ihn zu drängen, indem ſie hofften, ihn zu vermoͤgen, einige Hunderte oder Tauſende ihren Rechnungen beizufügen, waren nun im Begriffe, ihre Rechte gegen ſeine Güter geltend zu machen, und Seine Gnaden waren jetzt gezwungen, über Hals und Kopf Abſchied von der Londoner Welt zu nehmen, die uns nur ſo lange wie der Mond leuchtet, ſo lange nämlich die Sonne unſeres Glückes ihre Strahlen auf f ihrem Geſichte reflectirt. Der urſprünglich falſchen Nach⸗ richt von der beabſichtigten Reiſe des Herzogs folgte bald die authentiſche Ankündigung des Auctionators, welcher in Perioden, die die ellenlange Schwülſtigkeit Johnſons 272 mit dem Blumenreichthum eines Haſtz vereinigten und eine ganze Spalte der Morningpoſt füllten, die Einzeln⸗ heiten eines Verkaufs der Effecten eines angeſehenen Ade⸗ ligen, der ſich neuerlich auf den Continent zurückgezogen, bekannt machte. Rocheſter Houſe, Wilberton Caſtle und deren be⸗ wegliche, unzertrennliche, und angeerbte Güter waren natürlich unantaſtbar. Aber das Meublement des erſtern, einſchlüſſig einer einzigen Sammlung von Kunſtſeltenheiten, war von den Gläubigern mit Beſchlag belegt worden, nun dem Verkaufe ausgeſetzt, zur Befriedigung der all⸗ gemeinen Neugierde in Bekanntmachungen und Catalogen beſchrieben und zwar mit einem ſolchen Wulſte von Pomp, Umſtändlichkeit und unwiſſender Verworrenheit, der zum Beweiſe diente, daß das ſogenannte Publikum einen ver⸗ ſchwenderiſchen Antheil von Muße hat, um zu leſen und zu gaffen.. Ungefähr vierzehn Tage vor der Beendigung ſeines Dienſtes auf dem Tower, an einem ſchönen Morgen am Ende des März, der für einen ſonnigen Apriltag hätte gehalten werden koͤnnen, unternahmen es Baſil Annesley und Maitland nach Weſt End ſich zu begeben, wobei das hauptſächliche Intereſſe und die Hauptabſicht des erſtern war, einen Blick auf das Haus zu werfen, in welchem Eſther wohnte, gelegentlich eine Karte an der Thüre abzugeben, nach dem Befinden der Familie ſich zu er⸗ kundigen, und ſo zu beweiſen, daß er, obgleich von ihrer Geſellſchaft ausgeſchloſſen, dennoch nicht gleichgültig gegen ihr Wohl geworden ſei. Nachdem er dieſe ritterliche Pflicht erfüllt hatte, während Maitland nach Arlingtons Street ging, um nach Briefen ſich zu erkundigen, weil die Familie des Lords Maitland ſeinen Aufenthalt auf dem Tower benützt hatte, um ſich von der Londoner Saiſon durch einen Aufenthalt von einigen Wochen in Brighton zu erfriſchen, begaben ſie ſich in den Klubb und fanden, daß ſie noch eine ganze — 273 leere Stunde zu ihrer 2 Verfügung hatten. Das Ballſpiel bot ſich ihnen als das erſte Hülfsmittel dar, als ſie aber durch den Hof des Ballhauſes gingen, erfuhren ſie, daß. es für den ganzen Morgen vergeben ſei. Um ſich die Zeit möglichſt gut zu vertreiben, ſchlug Maitland vor, nach Rocheſter Houſe zu gehen, weil dieſes wegen der be⸗ vorſtehenden Verſteigerung der Hausgeräthſchaften dem Publikum geöffnet war. Eine Menge von Wagen füllte den Hof; denn wenn, wie La Rochefoucault uns verſichert, hie und da in dem Anblicke des Unglücks unſerer Freunde etwas liegt, was für uns nicht unangenehm iſt; ſo iſt dieſe Behauptung nirgend mehr als in London durch die Haſt verwirklicht, mit welcher Müßiggänger in die Auctionsſäle für die Effecten irgend eines faſhionablen Bankerottirers eilen, auf deſen Koſten ſie lange ſich unterhalten hatten. Die Zimmer waren zum Erſticken voll; es war ein Drängen und eine Stickluft, wie in den Geſellſchaften und Bällen der populären Herzogin von Rocheſter; und Maitland wie Annesley, welche bloß kurze Zeit auf ihren Beſuch verwenden konnten, fingen zu fürchten an, daß ſie auf der Treppe ſo lange aufgehalten werden würden, bis ihre Stunde vorüber ſei. Gerade als Maitland dieſe Meinung gegen ſeinen Gefährten ausſprach, fühlte ſich Baſil Annesley beim Aermel durch einen Mann gezupft, der mit der Aufſicht auf das zu verſteigernde Meublement beauftragt war, und hinter dem marmornen Piedeſtal einer prachtvollen Bronze⸗ ſtatue des Merkurs, der eine Fackel ſtatt eines Stabs ſchwang, ſtand. „Schlüpfen Sie hier hindurch!“ ſagte der Mann,“ und ich will Ihnen da in dem Muſikzimmer einen Aus⸗ weg zeigen, daß Sie ſich durch das Gedränge durcharbei⸗ ten können. Die That folgte der Aufforderung; der Mann oͤff⸗ nete eine kleine Thüre in der Wand hinter ihm, die in Der Geldverleiher. I. 18 1 274 einen engen Durchgang führte; um die Oeffnung derſelben zu maskiren, war ohne Zweifel die Niſche und die Statue hier angebracht worden. 3 „Ein anderer Ihrer jüdiſchen Freunde, nicht wahr?“ rief Maitland, als ſie am Ende des ſchmalen und ver⸗ ödeten Ganges anlangten. Als Baſil uͤber die ihnen er⸗ wieſene Gunſt zu lachen verſuchte, die er ſich eben ſo wenig als Maitland zu erklären wußte, begann der mit der Aufſicht der Zimmer beauftragte Mann, der aus dem Vorrechte, deſſen ſie ſich erfreuten, ſchloß, daß die beiden Perſonen von hohem Range ſein müſſen, ſie mit ſolcher Dienſtbefliſſenheit zu überhäufen, daß ſie erfreut waren, in die anſtoßende Bildergallerie entwiſchen zu können. „Beim Zeus! Dort iſt die Lady Winterfield, in der ſchönſten franzöſiſchen Haube, die ich je geſehen habe, mit dem jungen Marquis kokettirend;“ rief Maitland, ge⸗ ringes Intereſſe an den Meiſterſtücken nehmend, welche die Gallerie enthielt, als er zuvor, wann er dieſe Räume als Gaſt des Herzogs betrat, an den Tag gelegt hatte. „Kommen Sie mit und laſſen Sie uns dieſe Scene unter⸗ brechen! Es wird eine famoſe Poſſe ſein!“ Baſil war dagegen bei der Betrachtung der Gemälde wie feſtgewurzelt. „Wir werden nie mehr Gelegenheit haben, dieſe Meiſterſtücke wieder zu ſehen!“ ſagte er. „Wir wiſſen ja nicht, was Teufels ſie darſtellen! Aber wir werden ſie wieder ſehen. Einer oder der Andere von den Thoren unſerer Bekanntſchaft wird gewiß die beſten unter ihnen kaufen. Dort iſt ein guter Burſche; kommen Sie!“ Aber trotz ſeines Zuredens blieb Annesley unbeweg⸗ lich. Unter den Gemälden waren drei oder vier, die ſeine ernſte und ununterbrochene Aufmerkſamkeit feſſelten, was von der einfachen Thatſache herkam, daß er ſie auf der Staffelei Verelſt's hatte entſtehen ſehen. Es waren ein paar Schlachtſtuͤcke, die erſt kürzlich — 275 durch den verſchwenderiſchen Herzog gekauft, und durch den nothleidenden Künſtler vollendet worden ſein konnten, denn eines derſelben enthielt die nämliche Zeichnung der zertrümmerten Brücke, deren Original er unter dem Pin⸗ ſel Verelſt's hatte in's Leben treten ſehen; nur waren hier die Figuren im Coſtüme des Mittelalters. Mit lebhafter Theilnahme eilte er ſogleich nach dem Cataloge; zu ſeiner Ueberraſchung und zu ſeinem Aerger fand er jedes der beiden Gemälde einem alten Meiſter beigemeſſen, und zwar keinem geringern, als Salvator Roſa. 4 „Infam!“ rief er unwillkührlich, und er war auf dem Punkte, die Urſache ſeines Unwillens ſeinem Gefähr⸗ ten als einen neuen Beweis für did oft behaupteten Täu⸗ ſchungen bei Auctionen und durch die Ausrufer mitzu⸗ theilen, als Maitland ihn antrieb, zu dem edlen Zwecke vorwärts zu ſchreiten, die Unterredung der Lady Winter⸗ field zu unterbrechen. Zu dem Gemälde zurück zu kehren, war außer Frage. Sie waren nun in das Gedränge der faſhionablen Be⸗ ſichtiger verflochten und gezwungen, ihre Beſtätigung der unbeſtreitbaren, hunderten von Lippen entſtroͤmenden Wahr⸗ heit zu geben, daß nämlich ein ſchreckliches Gedränge in der Gallerie ſei. Eine kurze Ueberlegung beſtimmte Baſil, bis auf morgen eine bedachtſamere Unterſuchung der Vorausſetzung zu verſchieben, auf welche er verfallen war; er willigte da⸗ her in Maitlands Verlangen, und als ſie das Ende der Gallerie erreicht hatten, ohne nur die geringſte Spur von Aerger von Seite der faſhionablen Wittwe erregt zu ha⸗ ben, ſchlug er vor, daß ſie dem Gedränge ſich entziehen wollten, nachdem ſie die Kunſtgegenſtände beſichtigt hatten, was der oſtenſible Zweck ihrer Anweſenheit war, und daß ſie ſo gut als möglich, wie es Zeit und Umſtände erlaub⸗ ten, zu ihrem Mittageſſen nach Hauſe gehen ſollten. „Welch' ein verteufeltes Gedränge!“ war der liebens⸗ 276 4. märdige Ausruf Maitland's, als er den Hof verließ.„Es thut mir leid fuͤr Rocheſter, weil er ein verdammt guter Burſche iſt. In der Regel machte er mich die letzten ſechs Wochen der Jagdzeit beritten, wenn ich mit Wilber⸗ ton nach dem Schloſſe kam, und noch überdies capital! Milton hätte es nicht beſſer machen koͤnnen! Und dann iſt er der beſte Picketſpieler in England, oder faſt der beſte. Es thut mir in der That verdammt leid um ihn.“ „Ich bedaure noch vielmehr die Familie,“ bemerkte Baſil.„Seine Familie wächst heran, und es iſt ein hartes Ding für ſeine Töchter!“ „Ei, die haben Ihrem Freunde A. O. zu danken, ſo glaube ich wenigſtens, ſie haben ihm für dieſe ſchmachvolle Oeffentlichkeit des Verkaufs zu danken.“ „Es iſt nicht der Verkauf, weshalb ich ihn bemitleide, aber die Veranlaſſung deſſelben,“ entgegnete Baſil. „Es ſollte mich nicht ſehr wundern, wenn an einem ſchönen Tage daſſelbe Getöͤſe in unſerm Hauſe entſtehen würde,“ bemerkte Maitland, indem er ſich halb bewußtlos em Zuge ſeiner Betrachtungen überließ.„Ich habe alle Urſache anzunehmen, daß mein Vater abſcheulich einge⸗ taucht iſt, und daß er Newmarket aufgeben will. Geſchehe was da wolle, er gibt Newmarket auf. Eine verwünſchte Ausſicht für mich; noch ſchlimmer für die jüngeren Kin⸗ der. Ich bin ſo weit gegangen, als mir mein Gewiſſen oder meine Advokaten, ich weiß nicht was ſchwärzer iſt, erlaubten, auf die Erbfolge zu ſündigen, und obwohl der Verwalter und meine Mutter mich während dieſer drei Monate gequält haben, eine andere Verpfändung zu ge⸗ nehmigen, damit ſie im Stande ſeien, den Krieg ſo lange wenigſtens ſortzuſetzen bis meine Schweſtern verheirathet ſein würden, ſo haben mich doch meine Pflichten gegen die, welche nach mir kommen, nicht erlaubt, mein Geld bis auf die letzten Aecker des Familieneigenthums zum Fenſter hinauszuwerfen.“ Baſil Annesley fühlte, daß ſein Kamerade durch die 277 Scene aufgeregt worden war, von welcher ſie ſoeben weg⸗ gegangen waren, und er verſuchte, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. Dies war bei John Maitland nicht ſchwer, deſſen Aufmerkſamkeit auch da, wo es ſich um ſo ernſte Gegenſtände, wie den Ruin einer Familie, handelte, ſehr leicht abzulenken war. Der Uebertritt aus der erhitzten Atmoſphäre von Rocheſter Houſe an die kalte Luft des Stromes verjagte bald jeden Schatten des Nach⸗ denkens von ſeinem Geſichte. Es waren einige Tage vergangen, ehe die Pflichten, welche Baſil Annesley bei ſeinem Regimente zu erfüllen hatte, ihm ein Wiederbeſuchen von Weſt End geſtatteten, und eine ganze Woche verfloß, ehe er ſo viel Herr ſeiner Zeit wurde, um nach Rocheſter Houſe zurückzukehren. Auch da hatte es noch einige Schwierigkeiten, ſein Vorhaben auszuführen, aber es war keine Zeit zu verlieren. Der Verkauf hatte ſchon ſeit mehreren Tagen begonnen, und als er an der Thüre anlangte, fand er, daß die Gemälde, die ihn ſo ſehr intereſſirten, an demſelben Tage zum Ver⸗ kaufe beſtimmt waren. Jeetzt fuͤllten keine Wagen den Hof; es waren nur wenige Handpferde und Stalljungen von der Art vorhan⸗ den, wie ſie immer gegen ſechs Uhr in der Nähe des Par⸗ lamentshauſes zu ſehen ſind, und einige altausſehende Gigs. Der größte Theil des Hofs war mit Karren, grolſwagen und Echiebtarren angefüllt, welche die am vergangenen Tage verkauften Geräthſchaften wegführten. Der Verkauf der Gemälde wurde in der Gallerie ſelbſt vorgenommen, und als Baſil noch in der Veſtibule ſich befand, konnte er ganz genau die helle und durchdrin⸗ gende Stimme Hummins, des Auctionators, und die Schläge ſeines Hammers vernehmen, welche dumpf auf das laute Rufen der verſammelten Menge folgten und den Zu⸗ ſchlag auf das hochſte Angebot bezeichneten, Baſil warf einen ängſtlichen Blick auf die Verſamm⸗ lung. Wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, ſo war es ihm ſchrecklich unangenehm, unter den verſammelten Men⸗ ſchen das ihm nun unter den verſchiedenen Vermummungen bekannte Geſicht, ſei es in dem ſchmutzigen Gewande eines Schacherjuden, oder ſtattlich und gentlemäniſch unter den anerkannten Kunſtkennern zu finden. Die meiſten der Letz⸗ tern waren gegenwärtig, hatten entweder ihr Glas in der Hand, oder ihre Brillen auf der Naſe, und beſchäftigten ſich damit, Mängel an den Kunſtwerken zu entdecken, oder Irrthümer des Catalogs aufzufinden und dabei das „Gemälde zu erhaſchen, auf welches ſie Abſichten hatten. Bleiche Herzoge, deren Gallerien bereits übervoll waren; emporgekommene Millionäre, die ihren Weg, weltliche Auszeichnung zu erlangen, erkauften; Landbaronets, die eine faſhionable Verſteigerung als einen unerläßlichen Be⸗ ſtandtheil ihrer Londoner Saiſon betrachteten; einige wenige wirkliche Liebhaber, um die Unwiſſenheit Anderer zu be⸗ nützen und, wenn ſich Gelegenheit darbot, ein Meiſterwerk um den Preis einer Copie zu kaufen; und eine noch viel mehr beſchränkte Zahl ſolcher, die im Wege der Mitſſtei⸗ gerung einen Gegenſtand um einen zu hohen Preis kauf⸗ ten, um ein Capital ſicher anzulegen. Solche Perſo⸗ nen waren alſo anweſend und in dem Verhältniſſe von zehn zu eins der gewoͤhnliche Auctions⸗Poͤbel, Gemälde⸗ händler, Mäckler, Juden, Taſchendiebe, nebſt der gehörigen Anzahl unbedeutender Müßiggänger, um die Hitze zu ver⸗ mehren und die Verwirrung der Scene zu vergrößern. Zwei von Verelſt's Gemälden waren ausgeboten wor⸗ den, ehe Baſil in die Gallerie eintrat, und ſoviel er von den Händlern um ihn her hören konnte, waren ſie zu hohen Preiſen abgegangen; das eine als ein Baroccia, das andere als ein Annibale Carracci an einen Gentleman, der un⸗ längſt ein ungeheures Vermögen geerbt hatte und ſich auf Koſten von zwanzigtauſend Pfund jährlich zum Herrn von Gemalden, Racepferden und zum Gegenſtande deß öffent⸗ lichen Gelächters machte. Die Schlachtſtücke waren gerade daran, ausgeboten f 279 zu werden, und Baſil erſchrak, als er ſie als unvergleich⸗ liche Kunſtwerke ausrufen hörte und daran dachte, daß ſie vielleicht um einen Preis verkauft werden würden, welchen der dürftiglebende Künſtler nicht für ein Wunderwerk erhal⸗ ten haben würde. Der Auctionator ſchien geneigt, ſich ſelbſt in ſeiner blühenden Anpreiſungen dieſer Edelſteine der Kunſt, dieſes Stolzes der Rocheſter Sammlung zu überbieten. „Ein Gut, von welchem ſich der edle Eigenthümer nur mit dem tiefſten Schmerze getrennt hat, als er Eng⸗ land verließ,“ rief er,„und es iſt ein Scandal für das Land, daß das Parlament dieſe berühmte Gallerie, welche er mit ſo vieler Mühe, mit ſo vieler Umſicht, mit ſo großen Ko⸗ ſten gebildet, nicht im Ganzen für die Nationalgallerie gekauft hat. Aber es iſt bekannt, daß Seine Gnaden, der feinge⸗ bildete und ſcharfſichtige Herzog unter allen ſeinen werth⸗ vollen, oder vielmehr unſchätzbaren Gemälden keines höher ſchätzte, als dieſes Paar von Salvator.“ Einige ſchärfer ſehende Kunſtliebhaber beantworteten dieſen Ausruf mit einem Grunzen, indem ſie fernere An⸗ preiſungen nicht hören wollten, damit nicht der bezahlte Lobpreiſer Veranlaſſung gebe, daß ſie ihr Capital nicht anlegen könnten. Als ſich der Auctionator beſonders an einen unter den Kunſtkennern ausgezeichneten Herrn mit, der Aufforderung wendete, den Tarationspreis auf dieſe unvergleichlichen Salvators zu bieten, und als er hierauf keine Erwiederung erhielt, da war es eine eigene Stimme, die von einem entfernten Platze aus dreiſt einhundert und zwanzig Pfund bot.. Der Auctionator affektirte Unwillen und fragte, wer der ſei, der ein ſolches Gemälde der berühmteſten Samm⸗ lung der reichen Hauptſtadt des erleuchtetſten Landes der Welt kaufen wolle? Auf dieſen John Bull'ſchen Lobſpruch wurde ein Landbaronet von einem patriotiſchen Schwindel befallen, fügte fünf Souverains dem Angebote hinzu, und dieſe verwandelte ein jüdiſcher Mäckler augenblicklich in Guineen. 280 Die eigene Stimme auf dem entgegengeſetzten Ende des Zimmers bot nun einhundert fünfunddreißig Pfund auf das Paar, und vermöge eines geſchickten Kompliments, welches Hummins dem Geiſte und der Kennerſchaft des Landbaronets machte, wurde dieſes Angebot bald auf hun⸗ dert vierzig Pfund geſteigert. Es entſpann ſich nun ein Ueberbieten; ſchneller und ſchneller folgten ſich die Ange⸗ bote; bis endlich die unvergleichlichen Salvators auf dem Punkte waren, dem Meiſtbietenden für zweihundert fünf⸗ und ſiebzig Guineen zugeſchlagen zu werden. „Zweihundert und achtzig!“ rief eine Stimme aus dem, größtentheils aus Händlern und Mäcklern beſtehenden Haufen, und nach einigem ferneren Steigern wurde der ungeſehene Steigerer mit einem Mehrgebote von zwanzig Guineen als Sieger erklärt. Der Auctionator blickte überraſcht, oder, um einen amerikaniſchen Ausdruck zu gebrauchen, conſternirt umher. Er hatte ſein Aeußerſtes gethan, den nouveau riche zu einem ferneren Gebote zu ſpornen; allein es war verge⸗ bens geweſen, kein Schmeicheln, kein Zureden hatte ihn vermocht, auch nur eine Guinee mehr zu bieten. Es iſt wahrſcheinleich, daß Hummins den Eigenthü⸗ mer der Stimme, der für die andern ſo unſichthar war, wie der Kuckuck dem ungeübten Auge iſt, vollkommen kannte; denn die Auctionatoren in London ſind mit den Namen und der Beſchaffenheit der ſcheinbaren Fremden, die ihre Verkäufe beſuchen, ſo bekannt, wie ein Schäfer mit jedem einzelnen Schafe ſeiner Heerde. Nachdem Baſil alles geſehen hatte, was er zu ſehen verlangt, war er im Begriffe die Gallerie zu verlaſſen, wünſchte aber doch den Namen des unbeſonnenen Käufers zuvor noch zu erfahren. Als er an einen Tiſch gelangt war, der an dem andern Ende der Gallerie ſich befand, wo in der Mitte des groͤßten Lärmens und Drängens ein Schrei⸗ ber das Protokoll ſchrieb, blieb er einen Augenblick ſtehen, um nach dem Namen des Gentlemans zu fragen, welchem Nro. 347 zugeſchlagen worden war. 281 „Wünſchen Sie vielleicht zu kaufen, Sir?“ fragte der Schreiber, ohne die Augen von dem Papier zu erhe⸗ ben.„Nathan! Nathan Herz! Hier iſt ein Gentleman, der Sie wegen der Salvators zu ſprechen wünſcht. Ein ſchmutzig ausſehendes Individuum, welches ſich nun aus der Mitte der Käufer herausdrängte, rief:„Ein Gentleman wünſcht zu kaufen?“ Baſil war unbeſchreiblich erſtaunt, als er den Mann erkannte, der einer von den jüdiſchen. Mäcklern war, die hier, am Ende des Zimmers auf einem Haufen beiſammen ſtanden, der als daſſelbe In⸗ dividuum ſich darſtellte, welches früher ihn und Maitland durch die geheime Thüre in das Muſikzimmer geführt hatte, und der auch der bebartete Levite war, den er im Beſitze des Hauſes in Delahay Street, der früheren Wohnung des A. O. in Weſtminſter, gefunden hatte. 1 „Ich habe Ihnen etwas privatim wegen dieſer Sal⸗ vators zu ſagen,“ bemerkte Baſil, halb unwillig, ſich an eine ſo wenig anſprechende Perſon zu wenden, und deshalb ſo leiſe ſprechend, daß es der Schreiber nicht hörte. „Die ſind nicht zu verkaufen, mein Theurer,“ entgeg⸗ nete der Jude, der ſichtbar wünſchte, der Unterredung zu entgehen. „Ich will ſie nicht kaufen. Sie ſind unter einem falſchen Namen ausgeboten worden.“ „Ja, ja; hat nichts zu ſagenz ich frage nicht dar⸗ nach,“ entgegnete der Jude, indem er ſuchte, mit dem Ge⸗ dränge wegzukommen. „Aber da ich im Stande bin, Sie zu benachrichti⸗ gen....“ begann Bafil. „Sie können nichts ſagen, ich weiß es, mein junger Gentleman, ich kenne Sie eben auch nicht beſſer!“ ant⸗ wortete der Mäckler, und ehe Annesley Zeit zum Antwor⸗ ten hatte, war der Burſche verſchwunden. „Welche Urſache habe ich auch, mich in die Sache zu miſchen?“ ſprach Baſil für ſich ſelbſt, als er erhitzt und aufgeregt durch die City nach dem Tower zurückfuhr. 282 „Der beſte Weg wird ſein, an Verelſt zu ſchreiben, ihm den wahren Stand der Sache mitzutheilen und ihm zu überlaſſen, nach Gutdünken zu handeln. Vertieft in ſeine Studien, wie er iſt, wird dieſe öffentliche Verfügung über ſeine Gemälde nie zu ſeinen Ohren dringen. Nebſtdem mag vielleicht auch mein Brief dazu dienen, das Wieder⸗ ſehen ſeiner Familie herbeizuführen. Als er zu Hauſe ankam und ehe er noch Zeit gehabt hatte, ſeinen ſoeben gefaßten Entſchluß auszuführen, ſtellte ihm ſein Bedienter eine Note zu, die mit einer Antike ver⸗ ſiegelt war und das Ausſehen einer faſhionablen Einladung hatte. Wäre die Eleganz der Form nicht geweſen, ſo würde Baſil die Handſchrift für die des Geldverleihers erklärt haben. Als er ſie aus dem Umſchlag zog, fand er bloß fol⸗ gende Zeilen: „Bekümmern Sie ſich nicht ferner um die Gemälde! Ich weiß Alles, und ich kaufte ſie nur, um die Nichts⸗ würdigkeit eines Buben und die Schwäche eines Narren bloßzuſtellen. Ihr 1 A. O.“ So groß war die Beſtürzung Baſil's, daß der Brief ſeinen Händen entfiel. Es ſchien ihm, als wenn er erſt in dieſem Augenblicke den Saal verlaſſen hätte. Er hatte keinem menſchlichen Weſen ſeine Abſicht mitgetheilt, und doch hatte der überall gegenwärtige Oſaley Mittel gefun⸗ den, in ſeine Gedanken einzudringen und mit ſeiner War⸗ nung zuvorzukommen. Er war alſo der Käufer der Ge⸗ mälde, er, der vermöge ſeiner genauen Bekanntſchaft mit den Verhältniſſen Verelſt's und ſeiner Familie mit der Unächtheit derſelben bekannt ſein mußte, er, der nach ſeinem Geſchenke einer Copie der Esmeralda an Baſil dem armen Maler ſich wahrſcheinlich als Patron bewährt hatte. Indem er in ſein Gedächtniß die ausgezeichneten Kunſt⸗ werke zurückrief, die er in Bernard Street geſehen hatte, konnte Baſil nicht glauben, daß die in einem Verſtei⸗ gerungs⸗Cataloge enthaltene Beſchreibung für einen Augen⸗ blick auf einen ſo kritiſchen Richter, wie A. O., einen Einfluß geübt habe, und in dieſem Momente tauchte ein peinlicher Verdacht in ſeiner Seele auf. Abednego war offenbar, auf die eine oder die andere Weiſe, ſeinen kleinen Unternehmungen geneigt, und entweder im Bunde mit dem Juden, den er im Beſitze der Wohnung in Delahay Street geſehen hatte, oder über ihn befehlend, und Annesley wußte, daß er ſich ſehr thätig benommen hatte, um den Sturm und die Abreiſe des Herzogs von Rocheſter herbeizuführen, zunächſt durch den wucheriſchen Zins, und dann zuletzt durch ſeine räuberiſchen Verfolgungen. Wie, wenn er die Abſicht gehabt hätte, dieſe Gemälde dem vermeintlichen Kenner zu verkaufen, und daher um ſo mehr darauf be⸗ dacht war, ſie in ſeinen Beſitz zu bringen. Unwillig über dieſen Verdacht, oder vielmehr über ſich ſelbſt, weil er ihn geſchoͤpft hatte, entſchloß ſich Baſil einige Zeilen zu antworten, welche er ſelbſt in Bernard Street abgeben, und in denen er Herrn Oſaley in Kennt⸗ niß ſetzen wollte, daß er den Entſchluß gefaßt habe, Verelſt über ſeine Intereſſen aufzuklären, die bei einer Speculation der Gemäldehändler auf ſeine Nachahmungen alter Meiſter ſo weſentlich betheiligt waren. Am folgenden Morgen verließ er nach dem Frühſtück das Speiſezimmer, um ſich an Verelſt zu wenden, da rief Maitland, der ſich ſonnte, indem er ſich auf das breite Fenſtergeſims geſetzt hatte, um ſeinen Liebling, die Morning⸗ poſt, zu leſen, plötzlich aus: „Hurrah, hurrah! Sie waren geſtern bei dem Ver⸗ kaufe in Rocheſter Houſe! Waren Sie nicht dort?“ „Bloß für kurze Zeit.“ „ Und was war Ihre weiſe Anſicht über die beiden Salvators?“ „Daß es ſchoͤne Gemälde ſind.“ 284 „Kommen Sie! Halten Sie nicht hinter dem Zaune! Ich meine, ob Sie ſie für Originabe halten?“ 3 Bafil wurde bei dieſer Frage bis an die Schläfen roth. „Wenn Sie das thaten, mein ſchöner Junge,“ fuhr Maitland fort, der nicht im Stande war, ein ſo großes Geheimniß für ſich zu behalten,„warum waren Sie unter den Kennern, die, wie es ſcheint, verdammt darauf losge⸗ ſteigert haben. Da ſehen Sie her! Hier iſt ein Brief von Hummins, dem Auctionator, der ſich entſchuldigt, daß er zum Werkzeuge eines Betrugs an dem Publikum gemacht worden ſei, und erklärt, daß das Paar Schlachtſtücke, welche einen Theil der Gallerie Sr. Gnaden des Herzogs von Rocheſter ausmachten, und als ſolche geſtern um die Summe von 310 Guineen verkauft worden, die Original⸗ erzeugniſſe eines deutſchen Künſtlers, Namens Verelſt, ſeien, deſſen Werke beginnen, einen beträchtlichen Werth im Handel zu erlangen, ferner daß ſie durch Se. Gnaden den Herzog von Rocheſter als Originale um die Summe von fünfzehnhundert Guineen von einem Gemäldehändler, Namens Stubbs, der in Frith⸗Street in Soho wohne, gekauft worden ſeien.“— „Dann folgt ein Strom von Verſicherungen, welchen Werth Hummins auf ſeinen Ruf lege und ſein Gewiſſen ſeiner Pflichten gegen das Publikum entlade, und ſofort. Da iſt es. Leſen Sie ſelbſt. Das Glück Ihres Schütz⸗ lings iſt gemacht; ſo ſcheint es. Es ſollte mich nicht wundern, wenn Sie Hummins beſtochen hätten, dieſe Ge⸗ mälde zu theuer zu verkaufen, und wenn Sie ihn für dieſe Bekanntmachung bezahlt hätten. Ich müßte mich ſehr irren, wenn nicht Stubbs der Name eines der ruinirenden Händler iſt, die meine Mutter zur Närrin machen. Das wahrhafte Thier, welches endloſen Schaden über eine Fa⸗ milie dadurch bringt, daß es die Accepte meines Vaters einlöst, welche ſtatt der Bezahlung des geſchnitzten Meuble⸗ ments des Mittelalters für die verdammte Zimmerreihe —— 285 zu Maitland Park, die ich nie ohne das Gefühl betrete, daß ich die Peſt bekommen werde, dienen, iſt Ihr jüdiſcher Freund Barnabas, der Wucherer A. O. Glücklicher Weiſe wurde die Schmähung überhört, denn Baſil war ſo ſehr in das Leſen des Hummins'ſchen Briefes vertieft, welchen das ihm von Maitland behändigte Blatt enthielt. Nachdem er das Durchleſen beendigt hatte, verfolgte er ſeinen urſprünglichen Plan und verließ das Zimmer.. Nach ſeiner langen und bedauerten Entfremdung von Verelſt's hatte er nicht erwartet, die Mittel liefern zu können, die mittels einer ſolchen Entdeckung einen vortheil⸗ haften Wechſel ihrer Lage herbeiführen konnten. Nie hatte ſich Baſil ſo glücklich gefühlt. Es war ein balſa⸗ miſcher Apriltag; er ſtieg bedächtigen Schrittes die Baſtion hinauf, von der man den Fluß überblickt, und bildete ſich ein, daß er zuvor nie den brauſenden Strom ſo fröͤhlich unter der Sonne habe hinſließen ſehen. Der Frühling war reißend ſchnell gekommen, und gerade für die Eingebürgerten Londons, welche das ⸗Jahr nicht in drei Monate der Saiſon und in neun Monate leer eintheilen, fing die Stadt an, einen wahrhaft ent⸗ zückenden Anblick zu gewähren. Blumen⸗ und Waſſer⸗ karren fuhren neben einander durch die Straßen und gaben den vom Rauch getrockneten Städtern die Ueberzeugung, daß da und dort die Sonne ſcheine, und daß der über ihren Häuptern ſo trübe Himmel den himmelblauen An⸗ blick, den die Dichter beſingen, darbiete. Nach und nach wurden die Frühroſen von den Blumenmädchen ausgerufen, deren Geſichter den augenſcheinlichen Beweis lieferten, daß Fleiſch Staub iſt, und dann machten ſie den Büſchen der bleichen Lilien Platz, die beſtimmt waren, in zerbroche⸗ nen Waſſerkrügen vor die Fenſter geſtellt zu werden. Die Verelſt waren nun glücklicher, als im Beginne der Winter⸗Saiſon. Die Kranke konnte an das Fenſter gebracht werden, um eine Luftveränderung zu haben, und 286 die Mädchen waren, wenn ſie ausgingen, ihre täglichen Unterrichtsſtunden zu geben, dem Wechſel der Witterung weniger ausgeſetzt. Allein ſie hatten andere Urſache zur Fröhlichkeit. Die durch Verelſt gemachten vortheilhaften Verkäufe unter dem Schutze und der Leitung Baſil's begannen ihre Fruͤchte zu tragen. Sie kamen einigermaßen mehr unter die Welt, und die Beruhigung, ihre Familie beſſer gekleidet zu ſehen, keine Sorge für den morgenden Tag haben zu müſſen, hatte mehr für die Wiedererlangung der Kräfte und des Muthes der Mrs. Verelſt gethan, als alle vorausgegan⸗ genen Anordnungen und Mittel des Arztes. Ueberdies war Ausſicht zur Verbeſſerung des kleinen Haushalts vorhanden. Durch die Bezahlung ſeiner mili⸗ täriſchen Skizzen etwas erleichtert, hatte der Künſtler ver⸗ ſucht, ſeiner Einbildungskraft mehr den Zügel zu laſſen, indem er ein Gemälde vollendete, welches die Jungfrau von Orleans nach Schiller darſtellte, wie ſie von dem heimathlichen Thale Abſchied nimmt. Zum zwanzigſten Male in ſeinem Leben unterdrückte der Künſtler die neu erblühende Hoffnung, ein verheißungsvoller Vogel, der gleich dem Phöͤnir die Eigenſchaft hat, aus ſeiner Aſche neu und ſchöner und friſcher zu erſtehen, als der Vor⸗ gänger war. Inzwiſchen waren die Mädchen Gegenſtand der unge⸗ woͤhnlichen Sorgſamkeit der guten Branzini's geweſen, die je länger ſie mit den vortrefflichen Anlagen der vollendeten Erzieherin ihrer Kinder bekannt waren, deſtomehr von der hohen Auszeichnung der demüthigen Familie überzeugt wurden und ſich beeiferten, ihr freudeloſes Leben zu er⸗ eitern. 1 Indeſſen hatten dieſe Muſik⸗Parthieen, dieſe Opern, dieſe freudvollen kleinen Diners, obgleich ſie dankbar von Mrs. Verelſt für ihre Töchter angenommen wurden, weni Reiz ſür Eſther und Salome jetzt, da ſie keine Ausſicht mehr hatten, mit Baſil Annesley zuſammenzukommen. —-— 287 Ihnen war ſein Nichtwiederkommen ein Geheimniß. Sie wußten nichts davon, daß er nach dem Tower ver⸗ legt worden war, und obwohl ſie zufällig erfuhren, daß ihr früherer Freund von Zeit zu Zeit an der Thüre ſich einfand, um ſich nach dem Befinden ihrer Mutter zu erkundigen, ſo wußten ſie doch nichts von dem Briefe, oder dem Verbote ihres Vaters, und dieſer totale Wechſel in den Gewohnheiten ihres Verkehrs vermehrte ihr Er⸗ ſtaunen. Salome's unverholener Ausdruck des Bedauerns ſeiner Abweſenheit hatte ihr die ernſteſte Mißbilligung von Seite ihrer Eltern zugezogen, und ſeitdem war mit ſtill⸗ ſchweigender Genehmigung Aller dieſer Gegenſtand nicht mehr berührt worden. Verelſt's Wohnung war von ſo beſchränkter Beſchaffen⸗ heit, daß die beiden Mädchen in einem kleinen Zimmer neben dem ihrer Mutter ſchliefen. Sie pflegten dieſe ab⸗ wechſelnd bei Tag und bei Nacht, ſo daß keine Gelegenheit zum Austauſche dieſer ſchweſterlichen Gefühle war, die in glänzenderen Haushaltungen der Urſprung einer ſolchen Verſchwendung an Zeit und Gefühlen ſind. Nichtsdeſto⸗ weniger fand Eſther hie und da einen Moment, um Salome zuzuflüſtern, daß es ſeltſam ſei, wie Baſil ſo plötzlich alles Intereſſe für ſie verloren habe; und ebenſo Gelegenheit, gegen Eſther ihre Vermuthung auszuſprechen, daß es wohl in dem Plane ihres Vaters liege, nach Deutſchland zurück⸗ zukehren, und daß ſie, wenn ſie wieder nach ihrem geliebten Heidelberg kommen würden, den Grafen Ehrenſtein als glücklichen Gatten und Vater wiederfinden möchten. Sie war zufrieden, daß er mit dem Geſchenke des Skizzenbuchs von Albrecht Dürer an ſeinen alten Lehrer, alle Bande der Dankbarkeit und Zuneigung gegen die ihm einſt ſo theure Familie gelöst hatte. Eine Schweſter bot der andern den Troſt, den ihr ihre Philoſophie eingab; aber beide ſtimmten darin überein, daß Baſil's freiwillige Abweſenheit aus Scrupeln entſtanden ſei, er möchte ſich der Gefahr ausſetzen, eine gegenſeitige Zuneigung zu er⸗ * 288 muthigen, die bloß mit Enttäuſchung und Gewiſſensbiſſen enden könne. So war der Stand der Dinge, ſo der monotone Ver⸗ lauf ihres Lebens, der in keinem Zuſammenhange mit den Ereigniſſen des Tags, auch nicht einmal durch das Leſen der Zeitungen, das zufällige in dem Hauſe des neapolita⸗ niſchen Conſuls ausgenommen, war, als eines Morgens, während der Künſtler in Gedanken vertieft vor einer friſch aufgeſpannten Leinwand ſtand, auf welcher er mit großer Begeiſterung die Skizze eines neuen hiſtoriſchen Gemäldes begann, jemand ihn durch einen leichten Schlag auf die Schulter aus ſeinen Träumen weckte. Er fand, daß ein Fremder hinter ihm ſtehe, ein Mann von einfachem, aber edlem Aeußern, der, ohne von dem Künſtler bemerkt zu werden, durch die Magd in das Zimmer geführt worden war, weil er vorgeſchützt hatte, mit dem Künſtler wegen eines Geſchäfts ſprechen zu müſſen. „Ich glaube das Vergnügen zu haben, Herrn Verelſt zu ſprechen,“ ſagte er.„Ich habe mehr Schwierigkeiten gehabt, ihn aufzufinden, als es mit einem Maler der Fall ſein ſollte, der ſolche Werke ſchafft, wie die, die ich um mich ſehe.“ 3 Als der Mann ſo ſprach, blickte er auf die beiden Gemälde aus dem Nibelungen Liede, welche immer noch den ihnen angewieſenen mißgünſtigen Platz an der Wand einnahmen. Der arme, einfache Künſtler, der vermöge der Abgeſchiedenheit ſeines Lebens immer weniger Welt⸗ mann wurde, fühlte ſich durch die Komplimente, die ein Mann mit ſo feinen Manieren an ihn richtete, ſo verwirrt, daß er voll Verlegenheit ihn anblickte, wie wenn er er⸗ forſchen wolle, ob er nicht das Opfer einer Myſtifica⸗ tion ſei. basc habe Grund zu der Vermuthung, daß ein Ge⸗ mälde, welches ich vor einem Jahre ungefähr von einem Gemäldehändler Namens Stubbs kaufte, und zwar als ein Werk Pouſſin's,— es ſtellt die Hochzeit von Kanaan 289 dar— das Erzeugniß Ihres Pinſels ſei, und obwohl ich geſtehen muß, bei dem Kaufe das Opfer meiner eigenen Ignoranz geweſen zu ſein, und den Betrug niemand erfah⸗ ren hat, ſo ärgert es mich doch ſehr, wenn ich daran denke, daß von dem Preiſe, den ich dafür bezahlte, nicht der zehnte Theil in die Hände des bewunderungswürdigen Künſtlers gekommen ſei, von dem es geſchaffen wurde.“ „Nicht der zwanzigſte Theil!“ entgegnete Verelſt lächelnd.„Ich denke nur zu ſehr noch an das Gemälde; ich hatte große Hoffnungen darauf gebaut, war aber ge⸗ zwungen, durch die Noth meiner Familie gezwungen, daſſelbe um eine augenblickliche Hülfe von einer Zehnpfund⸗ note zu verkaufen.“ „Zehn Pfund!“ erwiederte der Fremde, die Achſeln zuckend.„Der Schurke, der Räuber! Ich hatte viel mit ihm zu kämpfen, bis ich es zuletzt noch um die fünf⸗ hundert Guineen bekam, die er anfänglich forderte. Ich habe viele andere Gemälde von ihm zu hohen Preiſen ge⸗ kauft, von welchen Sie vielleicht den wahren Urſprung angeben können, von dem ich nun zu ahnen beginne, daß er genügenden Mißcredit auf meine Kennerſchaft werfe. Aus dieſem Grunde habe ich eifrige Anſtrengungen ge⸗ macht, Ihre Wohnung zu entdecken, Sir. Ich komme, um Sie zu bitten, mir die Ehre eines Beſuchs meiner Sammlung zu ſchenken, und ich möchte Sie auch gerne verleiten, dieſe zwei ſchönen Gemälde, die ich da ſehe, mit⸗ zubringen, wenn nicht der Preis, welchen Sie hiefür for⸗ dern, meine Kräfte überſteigt.“ Indem der artige Mann ſo ſprach, fing er an, die beiden Gemälde mit Aufmerkſamkeit und Intereffe zu be⸗ trachten, auf welche der getäuſchte Künſtler längſt keinen Stolz mehr ſetzte, hinſichtlich derer er die Hoffnung auf einen vortheilhaften Verkauf ſchon lange aufgegeben hatte. „Ich rühmte einſt dieſe Werke, wie ein parteiiſcher Mann nur zu bereit iſt, ſein Lieblingswerk zu rühmen;“ Der Geldyerleiher. 1. 19 ſagte Verelſt, indem er an die Seite ſeines Beſuches trat, 6 um dieſe vernachläßigten Gemälde zu betrachten. J 8 ſchätzte ſie einſt als ein Paar auf hundert Guineen. Aber. ich bin ihres Anblicks uberdrüſſig; und es würde mich 1 freuen, wenn ich ſie für den vierten Theil dieſer Summe abgeben könnte. „Das wäre eine zu ungerechte Selbſtbeſchimpfung,“ bemerkte der Fremde,„beſonders da der urſprüngliche Preis ſo gering war. Ich werde im Gegentheil ſehr glüͤcklich ſein, Ihnen einen Wechſel auf den vollen Betrag ausſtellen zu können. Sie ſind in der That hierauf doppelt berechtigt, denn ich hege die Erwartung, durch Ihr 4 Zeugniß Erſatz für den Preis des angeblichen Pouſſin zu 8 erhalten.“ 3 Verelſt ſtammelte Ausdrücke der Ueberraſchung und der Dankbarkeit, aber ſein Beſuch unterbrach ihn, indem er um Tinte und Feder bat. „Wenn Sie dieſe Tratte bei Coutt präſentiren,“ ſagte er, indem er Verelſt ein gedrucktes Papier darbot, welches er aus ſeinem Taſchenbuche gezogen hatte,„ſo wird ſie honorirt werden; nachdem dieſes geſchehen ſein wird, bitte ich Sie, die Gemälde ſelbſt in mein Haus zu bringen.“ Verelſt ſah ſo gut, als es ihm ſeine Ueberraſchung 3 erlaubte, auf den unten am Wechſel geſchriebenen Namen 4 und erkannte mit Stolz und Triumph, daß es der des Marquis von...., eines edlen Mannes ſei, der bei Künſtlern und Gelehrten in der groͤßten Achtung ſtand. 1 „Wenn es Ihre Geſchäfte erlauben,“ fügte der Mar⸗ 8 quis bei, indem er ſeine Dankſagungen unterbrach,„ſo könnten Sie mir noch eine beſondere Gunſt erzeigen, wenn 4 Sie mir die Gemälde um zwoͤlf Uhr bringen würden. Zu dieſer Stunde werden Sie einen leeren Platz an meiner Frühſtücktafel finden und den Gentleman treffen, dem ich 1 für die Entdeckung des an mir verübten Betrugs verpflichtet bin, der mir auch Ihren Namen und Ihre Adreſſe mit⸗ theilte und der, ein erleuchteter Patron der Künſte, ohne 291 gweifel Ihnen unter dem Namen des Herrn Oſaley be⸗ kannt iſt.“ Ein durchdringender Schrei entfuhr den Lippen der Frau des Künſtlers und ſetzte dadurch den Marquis in Kenntniß, daß eine dritte Perſon gegenwärtig ſei und daß der Sorgenſtuhl an dem offenen Fenſter, der ſeine Rück⸗ ſeite dem Zimmer zukehrte, die abgezehrte Geſtalt der Mrs. Verelſt enthalte, an deren Seite nun ihr Mann auf⸗ geſchreckt eilte. Durch Tauſende von Gefühlen aufgeregt, das Glück erkennend, welches ihren Mann in den Stand ſetzte, den Verbindlichkeiten, die ſo ſchwer auf dem Geiſte beider la⸗ ſteten, gegen Baſil ſich zu entledigen, war die arme Kranke unvermögend geweſen, die aufwallenden Gefühle zu be⸗ meiſtern, die durch die Entdeckung herbeigeführt wurden, daß ſie für die überraſchende Wohlthat dem A. O. ver⸗ pflichtet ſeien.