—E 502 —————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur à von 3 1 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———. ,—ö— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 3„ 1r. 3„— 4„„ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ ——— ) ¹ . der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. N Fran des Geſandten. Von Miſtreß Gore. Verfaſſerin der Wittwe u. ſ. w. Deutſch von Ludwig Hauff. Fünftes bis ſiebentes Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Achtundzwanzigſter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil in Paris an die Baronin von Rehfeld. Als Ihre gaſtfreundſchaftliche Güte, meine theuere Couſine, mich, einen nicht widerſtrebenden Rekruten, zwang, Sie nach Petersburg zu begleiten, wie weiſe war es da, mir die Drangſale einer ſüdlichen Reiſe beim Aufbruche des Winters zu verbergen! Diejenigen, welche ſo geläufig über die Beſchwer⸗ den der ruſſiſchen Kälte ſprechen, vergeſſen die weit unerträglichern des ruſſiſchen Thauwetters zu erwähnen. Aber was vorüber iſt, iſt vorüber! Wenn ich jemals eine Nachahmung von Bürger's Leonore veröffentlichen wollte, ſollten meine Verſe nicht lauten: Und hurra, hurra, hop, hop, hop! Gings fort im ſauſenden Galopp; ſondern ich würde ſagen: Und langſam ging's hin über's Eis, Durch Koth und Koth und Thau, und das fröhliche Hurra! des Refrains für den endli⸗ chen Schluß der Reiſe zurückhalten. Wie froh ſind Sie ohne Zweifel, unſerer los zu ſein— wie vergnügt, daß Ihre höchſten Wünſche er⸗ füllt find! Sie können nun Ihre Schwingen in Ihrem 8 Ankleidezimmer aufhängen, wie die Krieger vor alten Zeiten ihre Schwerter nach Beendigung des Kriegs an die Wände zu hängen pflegten, um Ihrer Lorbeern in Ruhe ſich zu erfreuen. 4 Nie war noch eine ſo glänzende Hochzeit, nie noch eine ſo glückliche Feier. Wenn Sie von den neidiſchen Müttern in Petersburg nicht vergiftet worden ſind, ehe Sie dieſe Zeilen erreichen— und ich glaube, eine ein⸗ zige Doſis von Tſyſhi⸗Suppe(unterſtützt meine Ortho⸗ graphie, o, ihr Mächte des Tartarus oder der Tar⸗ tarei) iſt von gleicher Wirkung mit einer Kanne voll Brechwurz— müſſen Sie geſtehen, daß Sie ſich durch den reichſten Schwiegerſohn und den einflußreichſten Stiefſchwiegerſohn an der Ungerechtigkeit des Schickſals gerächt haben, das Sie in Ihrer Jugend für einen moskowittiſchen Krieger beſtimmte, der nach Pulver, Tſhſhi und Fiſchöl roch. Verzeihen Sie mir!— hätten Sie ſich nicht herabgelaſſen, mich zum Vertrauten Ih⸗ rer Leiden in dieſem Punkte zu machen, ſo würde ich nicht gewagt haben, ſo offen zu ſprechen. Sie haben edoch Gratulationen genug empfangen, um derſelben ſo überdrüſſig, wie ich meiner Reiſe zu ſein. Gehen wir deshalb zur ſchönen Ida über;— (tauſendmal um Vergebung, weil ich ſie ſo familiär, ſelbſt in dem vertrauten Ton eines Briefes benenne)— laſſen Sie mich, ſollte ich geſagt haben, zur neuen Frau des Geſandten übergehen.. Wie göttlich ſah ſie bei der Trauung aus, und mit welchem machiavelliſtiſchen Zuge von Koketterie er⸗ oberte ſie auf einmal die ganze Gallitzin'ſche Familie, indem ſie in jenem abſcheulichen Coſtüme erſchien, wel⸗ ches jedes andere Geſicht oder jede andere Geſtalt, als die ihrer Hebe⸗gleichen Schönheit vorſtellt, haben würde. Armer Alexis! Ich konnte beinahe ſeine Verzweiflung ermeſſen. Vielleicht würde es beſſer geweſen ſein, wenn Sie ihm erlaubt hätten, ſeinen eigenen Planen zu fol⸗ gen und noch vor der Vermählung zu ſeinem Regi⸗ ¹ 9 mente zurückzukehren; denn ich fürchte, daß die würdi⸗ gen Glieder Ihres äußerſt kalmuckiſchen Hauſes Erloff ſeine verzweiflungsvollen Blicke und Geberden dem Un⸗ willen über die Verbindung ſeiner Schweſter mit einem Fremden zuſchreiben,— ein Irrthum, der unter allen Umſtänden ſich mit ſeinem Verſtande wenig vereinigen läßt. Obgleich ſie lieblich an dem Altare ausſah, ſo verſichere ich Sie doch, daß die Ida jenes Tages nicht würdig iſt, die Schuhriemen der Fürſtin Gallitzin auf⸗ zulöſen, welche am vergangenen Abende zum erſten Mal in dem Zirkel des petit chateau erſchien. Recht gut erkläre ich mir das frohlockende Gefühl, welches ich zum erſten Mal, ſeit ich ihn kenne, in den Winkeln des ſteinernen Mundes des Fürſten Gallitzin entdeckte, es iſt dies zwar leicht zu ſagen, bedurfte aber doch des ganzen Aufwandes meiner Sehkraft, um es durch jenen buſchigen Knebelbart hindurch zu entdecken, welcher eine ſo ſichere Maske für ſeine Ge⸗ fühle iſt, wie ein Dickicht für einen Fuchs. Nitt einem Zuge weiblicher Politik, ähnlich dem, mit welchem ſie den häßlichſten Kopfputz der Frauen, die Pavoinik, an ihrem Hochzeittag führte, trug die Fürſtin Gallitzin bei ihrem erſten Erſcheinen bei Hof ein koſtbares Kleid von Sammet mit einem Ausputze von Krepp. Ich glaube, ich war die einzige Perſon, welche ihr zu widerſprechen wagte, da der Fürſt ein Mann iſt, der, wenn ſeine Gattin ſich in die Gobelin⸗ vorhänge ihres Geſellſchaftszimmers kleidete, den Irr⸗ thum nicht entdecken würde, und er war um ſo mehr darauf aus, daß ſie ihren Platz an ſeiner Seite ein⸗ nehmen möchte. Was die arme Mademoiſelle Theres anbelangt, welche, wie ich beſtimmt glaube, erwartete, daß ihr Tagewerk als Gouvernante noch nicht zu Ende ſei, ſo wird ſie ohne Zweifel jetzt bemerkt haben, daß ihr Herrſcherſtab ſeine Kraft verloren habe. Als ſie den 10 Thron ihrer häuslichen Autorität beſtieg, war die erſte Erklärung unſerer lieblichen Deſpotin:„l'état, c'est moil! 1 Ich unterſtand mich deshalb auch nur allein, ſie zu belehren, wozu Sie mir bei der Abreiſe das Recht gaben, daß ſie ſich in Paris lächerlich machen würde, im Monat Mai in Pelz und Sammet bei Hof zu erſchei⸗ nen, und ich rief die junge Marquiſe de Montécourt (den Choiſy⸗Zögling unſerer armen Moreau), welche ſie beſuchte, zu Hülfe, ihr Seide, Taffent und Mouſ⸗ ſelin als die geſetzmäßigen Nachfolger von Atlas, Sammet und Spitzen zu empfehlen, welche ohne Zwei⸗ fel bis zum nächſten Winter in den Kaſten gelegt wer⸗ den müſſen.* Mir antwortete die Fürſtin bloß mit einem dank⸗ baren Lächeln für meinen Rath. Aber als Madame de Montécourt gegangen war, ärgerte ich mich, daß ſie nicht nur nicht länger lächelte, ſondern auf ihrer widerſinnigen Toilette beſtand. Endlich brachte ich ſie zu einer Erklärung. „Der Fürſt wünſcht,“ ſprach ſie,„daß ich in den Juwelen erſcheinen möchte, welche ich von der kaiſer⸗ lichen Familie erhielt. Sie verſichern mir jedoch, es ſei nicht die Saiſon für Diamanten, und indem ich ſie mit einem nur halb für die Saiſon paſſenden Kleide trage, würde ich den Irrthum nur noch bemerkbarer machen. Laſſen Sie deshalb mein ganzes Coſtüm der Kritik gleich ausgeſetzt ſein. Ihre ſchönen Damen des Schloſſes werden mich nur um ſo mehr lieben, wenn ſie etwas an mir zu verbeſſern haben; auch werden ſie nicht glauben, daß ich von den Gränzen der Tar⸗ tarei mit Herbault oder Victorine in meinem Fourgon ankommen werde.“ Sie hatte Recht— entſchieden Recht! Ich hatte an jenem Abend Gelegenheit, dem König und der Dauphine meine Huldigung nach meiner Rückkehr von Rußland darzubringen und kann Ihnen die Verſiche⸗ 11 rung geben, daß noch nie jemand ein ſo erfolgreiches Debut beſtanden hatte. 3 „Charmante! ravissante!“ tönte es von allen Seiten, und die Erklärung, welche dann folgte, wie bezaubernd wird ſie ſein, wenn ſie ſich zu kleiden ge⸗ lernt hat— wie göttlich, wenn mise à la francçaise! bewies, daß, indem ſie etwas zu wünſchen und zu verbeſſern übrig ließ, die junge Geſandtin das Einzige noch ergänzte, was zu ihrer Popularität nöthig war. Denken Sie ſich die liebliche Ida wo möglich ſchöner als jemals, mit einer Schnur von glänzenden Brillanten um ihren ſchön geformten Kopf, und ihre ſchneeige Haut durch den Contraſt mit dem ſchwarzen Faltenwurfe ihres Kleides noch gehoben— denken Sie ſich ſie mit jenem Ausſehen von Jugend und Reinheit, welches ihr den Anſchein gibt, eben aus einer Ballade von Schiller, oder einem Heldengedichte von Oſſian hervorgetreten zu ſein;— denken Sie ſich dieſelbe mit dem ernſten, aber heitern Blicke, welcher ſo wun⸗ verbar die Bewegungen ihrer Seele verbirgt— die Beobachtete von allen Beobachtern— in der Mitte der auffriſirten, gemalten und hagern Schönen in dem Pavillon Marſan und den ſteifen Geſellſchaften des Schloſſes! Es iſt ein Spiel des Zufalls, daß in der Geſandſchaft ſeit Jahren weder ein junges, noch ein ſchönes Weſen war, und ich vermuthe, der Hof hatte ſich darauf vorbereitet, eine ſeinem Alter von vier und fünfzig Jahren angemeſſene Gefährtin des neuen Geſandten zu ſehen; denn als ſie in der Fremden ein liebliches Kind entdeckten, ſchienen ſie Alle geneigt, ſie als ein ſolches in ihre Arme zu ſchließen und zärtlich zu bewillkommnen. Niemand wird ſich jedoch nach längerer Bekannt⸗ ſchaft geneigt fühlen, ſich ſolche Freiheiten mit der Fürſtin Gallitzin zu erlauben. Selbſt Ida von Reh⸗ feld hat ſo viel von meinen Lehren profitirt, um ein Urtheil und eine Stellung für ſich allein zu haben. 12 Welcher andere achtzehnjährige Kopf wäre nicht verwirrt geworden von dem Glücke, das ſie in Petersburg machte?— Welcher andere Kopf von achtzehn Jahren hätte die Kränkung, ſich zweimal in ihren Erwartun⸗ gen, Gräfin Vaudreuil oder Vicomteſſe Elvinston zu werden, getäuſcht zu ſehen, ſo wie ſie ertragen, und dann, wie ſie ihrer Demüthigung ſpottend, ſich wieder an uns gewendet?— Ja, welcher andere chtaz hnjährige Kopf würde für die glühende Leidenſchaft von Alexis, der ſo jung, ſo ſchön, unempfindlich geblieben ſein; und nur Augen für die tönerne Natur gehabt haben, der ſie den Stempel eines Geſandten auforückte? Ich ſage nichts von ihrer klugen Selbſtbeherrſchung, als ſie von dem Kaiſer ausgezeichnet wurde. Die Beſchaffenheit von Nikolaus' Artigkeit ſtimmt zu wun⸗ derbar mit dem Clima ſeines Landes überein, um ihr eine ſehr gefährliche Macht über die Gefühle oder über das Benehmen der Gegenſtände deſſelben einzuräumen. Kein Weib würdigte ihre Eigenſchaften beſſer als Ida, indem ſie die Roſen der Liebe mit den Lorbeeren der Diplomatie vertauſchte; denn niemand war mehr geeignet, die würdevolle Stellung zu behaupten und den gemäßigten Ton anzunehmen, welche der Größe ihres neuen Amtes anpaßten. Bis jetzt hat ſie Alles gethan, was ihr die Zeit erlaubte, d. h. Aufſehen erregt; und niemand, als ihr reizendes Selbſt, wird mit der Schwierigkeit vertrau⸗ ter ſein, ſo viel in dieſer merkuriſchen Hauptſtadt zu bewirken, wo die Räder des Modewagens ſo ſchnell dahin rollen, daß es für eine neue Aspiration beinahe unmöglich iſt, im Vorbeifahren einen Platz darin zu erhalten. Die Fürſtin Gallitzin hat von Marguerite, ſeitdem ſie London verließ, keine Nachricht mehr erhalten. Wir warten jedoch jede Stunde auf Briefe von ihr. Als Erwiederung auf dieſen langen Brief erzeigen Sie mir den Gefallen, mir Nachricht von Alexis zu geben, deſſen Gemüthszuſtand mich bei unſerer Abreiſe beun⸗ ruhigte. Ich bitte Sie, überzeugen Sie mich eines Andern!— Sagen Sie mir, daß er die Reiſenden ei⸗ nigermaßen vergeſſen habe, daß Sie ſelbſt aber geruhen, ſich derſelben noch manchmal zu erinnern. Neunundzwanzigſter Brief. Von Vicomteſſe Elvinston an die Fürſtin Gallitzin. Geliebte Schweſter— theuerſte Freundin— wie traurig und ſeltſam kommt es mir vor, Dich aus die⸗ ſer weiten Ferne anreden zu müſſen;— doch welch ein großer Troſt in meiner Traurigkeit, Dich überhaupt anreden zu dürfen! In dem Augenblicke unſerer Abreiſe von Peters⸗ burg, mitten in dem Tumulte und Getümmel jener ſchrecklichen Ceremonien, war ich kaum im Stande, Dich einen Moment an mein Herz zu ſchließen, und ſeltſamer Weiſe wurde ich durch die Oeffentlichkeit der Scene und die Maſſe von Fremden, welche mich um⸗ ringte, ſo ſehr beengt, daß der Augenblick der Tren⸗ nung mir eher Erleichterung als den Kummer brachte, welchen ich erwartet hatte. Ich verlor den Schmerz, Mutter, Bruder, Schwe⸗ ſter, Freundin Adieu zu ſagen, in meiner Erlöſung von den Blicken Hunderter aus dem Geſichte, und der Troſt, bloß die Stimme zu hören, welche nie anders als mit Worten ſüßer Zärtlichkeit zu mir ſprach, ſöhnt mich ſelbſt mit dem Worte Verbannung aus. Theuere Ida, ich bin vollkommen glücklich! Du wirſt mir glauben— Du, die Zeuge meiner kindlichen — 14 und ungerechten Klagen war; und Du wirſt von der Aufrichtigkeit meiner Verſicherung überzeugt ſein, daß ich, wenn ich mir mein Schickſal in dieſer Welt ſelbſt hätte auswählen dürfen, kein beſſeres und mit meinen Ge⸗ fühlen übereinſtimmenderes heraus geſucht haben könnte. Meine neue Heimath, meine neue Familie, meine neue Stellung ſind von ſolcher Natur, daß ſie ſelbſt ein Leben an der Seite eines minder ver⸗ dienſtvollen Gatten angenehm gemacht haben wür⸗ den; aber urtheile, wie ſehr ich als die Gattin eines Mannes, mit dem ich zufrieden in Armuth und Elend leben könnte, Urſache habe, der Vorſehung für die mannigfaltigen Segnungen zu danken, durch die ſie unſer Leben verſchönert. Alles, was ich fürchte, iſt nur, daß es zu glücklich— zu herrlich iſt— daß ein plötzlicher Schlag uns treffen könnte, um ein Loos zu beſchränken, welches ſo weit über die menſchlichen Er⸗ forderniſſe hinausgeht. Ich habe ein Gefühl, Ida, als würde ich eines Tages aus dieſem ſchönen und glücklichen Traum er⸗ wachen und mich auf's Neue der Freuden der Liebe beraubt ſehen.. 1 Aber ich habe kein Recht, Dich mit dem Ueber⸗ maße meines Glückes zu ermüden, und dies um ſo mehr, da ich von Dir höre, daß Du ſelbſt gleich zu⸗ frieden biſt. Laſſe mich deshalb zu einem Berichte der ſchönen Scenen übergehen, die mich in meinem neuen Vaterlande erfreuten. 4 3 Erſtens bewies ſich die Seefahrt, welcher ich met ſo großer Furcht entgegen ſah, als der angenehmſte Theil unſerer Reiſe. Das Wetter war herrlich— ein warmes, mildes und windſtilles Aprilwetter, und ich, die nie zuvor den unermeßlichen Ocean geſehen hatte bei dem bloßen Gedanken an ihn, als den Schauplatz ſo mancher ſchrecklichen Kataſtrophen und grauſamen Todesfälle, zitterte— ich, welche ihn von einem Sturm aufgeregt zu finden glaubte, weinte beinahe vor Freude, 86 15 als ich das blaue, milde Waſſer, mit dem Anblicke ei⸗ nes heitern Himmels und dem freundlichen Willkomm eines Freundes lächelnd um mich her ausgebreitet ſah. Ich ſah meine Neva in weit größerer Aufregung. Unter ſolchen Umſtänden iſt es kein Wunder, daß ich mich als eine heldenmüthige Seefahrerin bewährte, und eine große Freude iſt es für mich, daß Elvinston die See ſo ſehr, wie ich, liebt. Wir haben daher be⸗ reits eine Reiſe nach den weſtlichen Inſeln entworfen. Mit ſolchem Wetter, gleich dem, welches wir jetzt ge⸗ nießen, kann ich mir nichts Reizenderes denken. Theuere Ida! Du ſtehſt wahrſcheinlich in täg⸗ lichem Verkehre mit meinem Vetter Alfred. Sei ſo gefällig, ihm für die einfältigen und irrigen Begriffe zu danken, die er mir über London einflößte; denn ich bin überzeugt, er that es mit der freundlichen Abſicht, daß meine Enttäuſchung äußerſt angenehm ſein ſolle. Erinnerſt Du Dich noch, was er uns Alles von der neblichen Atmosphäre Londons ſagte, die oft Ur⸗ ſache ſei, daß man am Mittag die Lampen anzünden müßte!— Erinnerſt Du Dich, was er von den ſchwar⸗ zen Gewäſſern der Themſe ſagte, die er als einen Styx beſchrieb; von den Schneckenhäuſern, in denen gerade ſeine Familie Platz hätte; von dem Ceremoniel zwiſchen Leuten, die ſchon ſeit einem halben Jahrhun⸗ derte Nachbaren ſind und, wenn ihre Häuſer in Flam⸗ men ſtünden, ſelbſt in dem Schrecken des Brandes nichts mit einander ſprechen würden„ wenn nicht eine dritte Perſon gegenwärtig wäre, ſie einander vorzuſtellen?— Erdichtung, theuere Ida— abſcheuliche Erdich⸗ tung! Das London nach meiner Anſicht iſt ſo verſchie⸗ den von dem ſeinigen, wie Paris von Petersburg! Wir kamen vor Tagesanbruch in dem Fluſſe an, und erreichten das majeſtätiſche Gebäude von Green⸗ wich noch zeitig genug, um die Stadt zu ſehen, ehe der Rauch der Kamine die Schönheit eines Waldes von Thurmſpitzen verminderte, unter welchen der mäch⸗ tige Dom von St. Paul über alle ſich erhob. Der Anblick war äußerſt impoſant und obgleich den Ufern dieſes ſtolzen und reißenden Fluſſes die ſchönen Quais der Neva mangelten, um ihnen Würde und Anmuth zu verleihen, ſo reichten doch Greenwich und der Somerſet⸗Palaſt hin, die Grundloſigkeit ſeiner Beſchuldigung des gänzlichen Mangels an öffentlichen Gebäuden zu beweiſen. Und dann die Brücken! Welch ein Triumph wäre es für Petersburg, wenn an die Stelle unſerer elenden Holzbrücken, wie z. B. die Iſaak's⸗Brücke, ſchöne Kunſt⸗ ſtraßen von Granit geſetzt würden. Wie müſſen die Ruſſen, welche von ihrem Land direkt nach England kommen, überraſcht ſein, die mächtige Sprengung der Waterloo⸗Brücke als ein Menſchenwerk zu betrachten! Elvinston hatte Vorkehrungen zu unſerem Empfang in einem öffentlichen Hotel treffen laſſen, da ſeia Haus noch nicht ganz vollendet iſt. Aber bloß mit der ab⸗ ſcheulichen Unordnung jener in Petersburg bekannt, hätte ich Clarendon nie für ein Hotel gehalten, wenn ich nicht wirklich davon unterrichtet worden wäre. Alles war da bequem und weit mehr abgeſondert als in dem Geſandtſchaftshotel. Wieder falſche Berichte von Alfred! Erinnerſt Du Dich, was er uns von den engliſchen Gaſthöfen zu ſagen pflegte? Glaube mir, Paris hätte keine beſſere Tafel, oder eine aufmerkſa⸗ mere Bedienung bieten können! Aber alle dieſe angenehme Ueberraſchungen ſind noch geringe, im Vergleiche mit jenen, welche mich in meiner neuen Familie erwarteten. Mein Vetter hatte mich auf Kälte, Zurückhaltung und Härte vorbereitet. Selbſt Elvinston, in ſeiner allzugroßen Aengſtlichkeit, hielt es für gut, mich zu warnen, keinen Ausbruch von Wärme zu erwarten, und verſicherte mir, daß ſeine Schweſtern in einem Grade ſchüchtern ſeien, welchen 17 ich vielleicht irriger Weiſe für Mangel an Herzensgüte halten könnte.. Was ſie in der Welt im Allgemeinen ſind, darüber kann ich nicht urtheilen. Aber Gott weiß es, daß in ihrer Art, mich als Schweſter anzuerkennen, keine Schüchternheit lag; während bei dem Empfange ihres Bruders die Thränen, welche über ihre Wangen ſtröm⸗ ten, als ſie an ſein Herz gedrückt wurden, hinlänglich bewieſen, daß die Kälte und Zurückhaltung, die Alfred allen Engländern zuſchrieb, nicht vorhanden ſeien, we⸗ nigſtens nicht in der heitern Atmosphäre eines Fami⸗ lienzirkels. Die beiden Schweſtern, mit denen ich Bekannt⸗ ſchaft gemacht habe, Mrs. Leslie und Herzogin Buckeng⸗ ham, beyaupten ganz verſchiedene Stellungen im Leben, und zwiſchen ihren Pflichten und Verbindungen beſteht ein großer Contraſt. Die Eine iſt die Gattin eines Beamten von mittelmäßigem Vermögen, deren Heirath durch die Freigebigkeit ihres Bruders erleichtert wurde; die Andere die eines der reichſten der Ariſtokraten, deſ⸗ ſen Einkänfte gleich jenen meines Gemahls, denen eines deutſchen Fürſten gleich kommen. Die Grund⸗ ſätze und Sitten der beiden find indeſſen ſo ganz einer⸗ lei, daß ich ein Recht habe, ſie als eine Durchſchnitts⸗ probe der Geſinnungen meiner neuen Familie anzu⸗ nehmen. 3 Wir ſpeisten am erſten Tag bei Mrs. Leslie, die ein kleines Haus in einer angenehmen Lage bewohnt, deſſen Zimmer einer Reihe von Boudoir gleichen, ſo ſchön und niedlich iſt ihre Einrichtung. Bloß der Her⸗ zog und die Herzogin von Buckingham und ein etwas be⸗ jahrter Mann, der frühere Vormund meines Gatten, wa⸗ ren anweſend. Nach dem Eſſen wurde der Mrs. Leslie klei⸗ nes Kind gebracht und Alles war Freude und Munterkeit, Ich ſah nie eine ſo aufrichtige Freude und mehr herz⸗ liche Zuneigung, als die Ankunft meines Gemahls im Die Frau des Geſandten. II. 18 Kreiſe ſeiner Familie begrüßte. Sie ſprachen alle ge⸗ läufig franzöſiſch wie geborne Franzoſen, wenn auch mit einem fremden Accente; jedoch in einem minder unangenehmen,(ich wage es gegen Dich auszuſprechen, die Du gleich einer Pariſerin ſprichſt) als der Accent der Deutſchen.. Nachdem geſpeist war, vertieften ſich die vier Herren in ein politiſches Geſpräch, in engliſcher Sprache, dem zu folgen mir einige Mühe koſtete. Aber ich konnte deſſen Wichtigkeit aus dem Nachdrucke ihrer Stimmen und ihrer wechſelnden Geſichtsfarbe entneh⸗ men. Ich wurde in der That tief ergriffen von dem Geiſte und der Energie, welche ſich plötzlich in den Zügen meines Mannes bei einer Unterhaltung über ein höheres Thema entfaltete, als das war, über wel⸗ ches ich ihn bisher vernommen hatte. Er war nicht länger der linkiſche Mann, als den wir ihn in Peters⸗ burg zu verlachen pflegten;— ſelbſt nicht länger der ergebene Freund, deſſen Zärtlichkeit ich ſonſt ſo beengend fand,— ſondern ein Mann voll Geiſt und Gefühl, der beiden gleichen Spielraum ließ. Ich konnte ſehen, daß er beſſer und überzeugender als die Uebrigen ſprach; und nie fühlte ich mich ſo ſtolz und ſo glücklich! Ich vermuthe, daß der alte Gentleman, Sir Tho⸗ mas Meredyth, nicht geneigt war, mich mit einem günſtigen Auge zu betrachten; wenigſtens war er viel ſchweigſamer, als die Andern und ſprach zu mir nicht ein Wort. Als jedoch die Tafel aufgehoben und Mrs. Leslie's ſchöner Knabe mir durch die Amme, welche ihn zu Bette brachte, aus den Armen genommen wor⸗ den war, ging er plötzlich auf mich zu, legte meine beiden Hände in die ſeinigen, ſah mich einige Augen⸗ blicke ſo feſt an, daß meine Wangen ſich rötheten, und dann drückte er mir einen Kuß, der mir das erſte Mal Sren Begriff von väterlicher Liebe einflößte, auf meine tirn.* 20 im nächſten Winter Paris erfreuen ſoll, die berühmte Madame Malibrane doppelt zu ſchätzen. Jener Abend war der angenehmſte, den ich in mei⸗ nem Leben zubrachte! Das Buckingham'ſche Haus iſt eine Reſidenz, von der ich wohl manchmal geträumt, die ich aber nie verwirklicht geſehen habe. Die Pracht des alten Hotels des Faubourg St. Germain, zu wel⸗ chem ich meine Großmutter hie und da begleitete, iſt hier mit einem Grade von Behaglichkeit und Gemüth⸗ lichkeit verbunden, welche dieſem glücklichen Lande be⸗ ſonders eigen zu ſein ſcheinen. Ich lernte die Mädchen der Herzogin kennen, deren Erziehung ſie trotz der Würde, mit welcher ſie ihren Platz in der Welt als grande dame behauptet, die zärtlichſte mütterliche Aufmerkſamkeit widmet, ebenſo ſah ich nie eine ein⸗ fachere und glücklichere Familie. Sie gaben ſich ſo viel Mühe, mir Alles das zu zeigen, was der meiſten Aufmerkſamkeit in ihrer rei⸗ chen Gallerie würdig war, welche nicht nur zahlloſe Meiſterwerke, ſowohl von Malern und Bildhauern, ſondern auch viele Familienportraits von weit größe⸗ rem Intereſſe für mich enthält, daß ich nicht im Stande war, ein Wort mit Elvinston zu wechſeln, ehe wir in der Oper zuſammen trafen. Hier blieb er den ganzen Abend bei uns, eine Aufmerkſamkeit, welche in London nicht, wie in Paris oder Petersburg, lächerlich erſcheint. Da die Loge der Herzogin ſehr groß iſt, wurden mir im Laufe des Abends vi le Beſuche vorgeſtellt, deren Namen mit gemeinſchaftlichen Begebenheiten verknüpft find, und deren Manieren ſo artig und einnehmend, wie die des feinſten Pariſers waren. Was konnte Alfred meinen, indem er dieſe Leute gewöhnlich ungebildet nannte?.„ Am nächſten Sonntage ſah ich einer harten Prü⸗ fung entgegen. Es war mein erſter Sonntag in einem proteſtantiſchen Lande, und ich beobachtete die Miene meines Gemahls ängſtlich, weil ich fürchtete, ſie durch 21 das Bewußtſein umwölkt zu ſehen, daß ſeine Gattin einen andern Weg zu ihrem Gotteshauſe verfolgen müſſe. Er ſtand jedoch im Gegentheil mit einer noch heiterern Miene, als gewöhnlich, auf. Der Wagen ſtand zur rechten Stunde bereit, mich zur Kapelle des bairiſchen Geſandten, dem bedeutendſten Verſamm⸗ lungsorte der Katholiken zu ihrem Gottesdienſte, zu bringen, und bei meiner Rückkehr, fand ich auch Elvin⸗ ſton mit ſeiner Schweſter ganz froh und glücklich nach Hauſe kommen. Ich bin von der Aufrichtigkeit ſeiner Verſicherung, daß unſere verſchiedenen Anſichten über dieſen Punkt ſeiner Liebe keinen Eintrag thun, voll⸗ kommen überzeugt. Im Laufe des Morgens hatten wir Schaaren von Beſuchen; denn obgleich die engliſche Kirche auf ſtrenge Beobachtung des Geſetzes beſteht, welches ſowohl alle öffentlichen Ergötzungen, als auch Arbeiten verbietet, ſo ſcheinen doch die höheren Klaſſen ſich zu entſchädi⸗ gen, indem ſie dieſen Tag zu dem unterhaltendſten der ganzen Woche machen. Ich war beinahe mit allen meinen neuen Bekanntſchaften zufrieden, denn alle ſchie⸗ nen warme Freunde meines Gemahls zu ſein. Die Menge der brillanten Equipagen auf den Straßen,— das geſunde Ausſehen des Volkes— die Unabhängigkeit, welche überall wahrzunehmen war— kurz Alles, was meine Augen ſahen und mein Herz bewegte, füllte mich mit Freude und Stolz auf mein neues Vaterland. Niemals, theure Ida, ſah ich eine ſolche reizende Miſchung von Talent und Gutmüthig⸗ keit, wie in den Sitten von Mrs. Leslie und ihrer Schweſter. Man fühlt augenblicklich, daß ſie Leute ſind, mit denen man gerne ſein ganzes Leben zubrin⸗ gen würde. Wie kommt es, daß die Engländer mehr als alle andern Nationen das Geheimniß beſitzen, Vertrauen einzuflößen?. Ich glaube, ich habe jetzt ſo viel von mir ſelbſt uund meinen eigenen Bewegungen geſagt, daß ich mich faſt ſchäme, auf das Capitel meiner Landreiſe und An⸗ kunft hier einzugehen. Da jedoch unſere Correſpondenz von jetzt an ununterbrochen geführt werden ſoll, iſt es vielleicht eben ſo gut, dieſen Bericht auf meinen näch⸗ ſten Brief zu verſchieben. Du ſollſt nicht lange auf ſeine Ankunft warten. Dreißigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin an die Baronin von Rehfeld. Sie werden anfangen, begierig zu werden, theure Madame, die Einzelnheiten unſeres Empfanges bei Hof zu vernehmen. Meinem Wunſche gemäß benach⸗ richtigte Sie Mademoiſelle Thereſe Moreau von unſe⸗ rer glücklichen Ankunft hier, und meldete Ihnen die an⸗ genehmen Briefe, welche mich hier erwarteten. Der Courier, der ſie brachte, kam vor dem Ende unſerer, einige Tage über die gewöhnliche Zeit verlängerten Reiſe hier an. Den Vorſchlag meines Vaters, eine Nacht auf Schloß Rehfeld zuzubringen, konnte ich nicht befolgen, weil es für uns einen unnöthigen Umweg von dreißig Meilen herbeigeführt haben würde, und weil ich über⸗ dies kein Vergnügen darin finden konnte, einen Ort während der Abweſenheit meiner Familie zu beſuchen, den ich wahrſcheinlich, ja faſt beſtimmt, nie wieder⸗ ſehen werde. Haben Sie die Güte, dieſes meinem Vater mit⸗ zutheilen, gegen den es der Fürſt in ſeinem Briefe ver⸗ geſſen haben möchte, welchen er ſoeben an ihn ſchreibt, um ihm ſolche Nachrichten mitzutheilen, wie er ſie 23 wünſchte, dein Grafen Neſſelrode hinterbringen zu önnen. Wie wir Alle bei unſerer Abreiſe einſtimmig ſpra⸗ chen, ſo gibt es andere Gegenſtände von weit ober⸗ flächlicherer Natur, wenn auch vielleicht gleich wichtig, wie politiſche Anzeichen, welche blos in meinen Privat⸗ und vertrauten Briefen an Sie ſelbſt berührt werden können. Ihr eigener Takt und Ihre Erfahrung wer⸗ den andeuten, wie weit es nöthig ſei, ſie in jenes Revier zu befördern, wo der Erfolg weſentlich iſt. Am Morgen nach unſerer Ankunft, ehe noch der Fürſt um eine Audienz zur Ueberreichung ſeiner Credi⸗ tive nachgeſucht hatte, wurde mir die Ehre eines Be⸗ ſuches von dem engliſchen Geſandten zu Theil, entwe⸗ der aus Achtung für die Empfehlungsbriefe, welche von Lord Elvinſton und ſeinen Freunden bei der Ge⸗ ſandtſchaft an ihn gerichtet wurden, oder in der Ab⸗ ſicht, ſeine diplomatiſche Freundſchaft mit dem Fürſten durch den ganzen Aufwand ſeiner Artigkeit zu befeſti⸗ gen. Ich fand in ihm in jeder Beziehung einen ſehr angenehmen und einnehmenden Mann, deſſen Beſuche ſowohl in ſeinem Privat⸗, als in ſeinem öffentlichen Stande nicht zu oft wiederholt werden können. za Im Laufe des Abends erhielt ich Beſuche von den öſterreichiſchen und ſpaniſchen Geſandtinnen. In der erſteren entdeckte ich Alles, was. Sie mir ſagten:— Artigkeit, Bildung und die Ue anan⸗ chen perſönlichen Reizes, aber auch jene inen hohlen Hofton, der ſeinem Weltgebrauche„ und der für Vertrauen und Mißtrauen gleich verhängniß⸗ voll iſt, welches Sie mir als das nächſte beſte Ding bezeichneten, das gegen diejenigen anzunehmen iſt, deren Grundſätze und Meinungen wir zu entdecken wünſchen. Ich werde Jhren, mir ſo oft wiederholten Rath, keine enge Freundſchaft mit den Damen des diploma⸗ tiſchen Corps zu knüpfen, nicht außer Augen laſſen, 24 da ſich eine ſolche in gewiſſen Zeitpunkten als eine peinliche Verlegenheit beweiſen könnte; und in dieſer Hinſicht fühlte ich die Nothwendigkeit Ihrer Warnung beſonders; denn der matronenartige Ton und die ein⸗ nehmenden Sitten der Madame de Appony würde un⸗ ter andern Umſtänden mein ganzes Vertrauen gewon⸗ nen haben. Als der Fürſt von den Tutllerien zurück kam, äußerte er ſich mehr als zufrieden mit der Huld Sei⸗ ner Majeſtät. Er hatte einen größern Theil des Mor⸗ gens mit dem Miniſter der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten zugebracht, und kündigte mir meine eigene Vor⸗ ſtellung für den kommenden Abend an, da der Hof im Begriffe iſt, nach St. Cloud abzureiſen. Wenn ich ſelbſt nicht von Ihnen von dem aufge⸗ regten Zuſtande der öffentlichen Meinung und der Eiferſucht, die dem zu Folge in der königlichen Fami⸗ lie ſich erhoben, benachrichtigt woden wäre, ſo würde ich aus gewiſſen Sonderbarkeiten in den Sitten Carls X. geſchloſſen haben, daß ſich ſeine Gefühle in jenem Zuſtande befinden, der aus dem Bewußtſein hervor⸗ geht, ſich zur Ausübung ſtrafbarer Dinge und zur An⸗ nahme eines außerordentlichen Betragens geſtärkt zu haben. Meine Erfahrungen in der Welt ſind nur we⸗ nige, aber ſie wurden vor Kurzem mit vielen Wechſeln ergänzt, und ich glaube, daß wir durch öfteres Hinab⸗ ſteigen e Tiefen unſerer eigenen Herzen, durch ſorgfäͤl Prüfen unſerer Motive, und durch das Verbin erſelben mit dem Reſultate, und des Re⸗ ſultats mit dem Anſcheine Anderer, beinahe eben ſo viel von der menſchlichen Natur lernen können, wie durch ein ausgebreitetes Studium der Menſchen. Von dem Augenblicke an, in welchem Mademoi⸗ ſelle Moreau zur Erheiterung meiner trübſeligen Stun⸗ den auf Schloß Rehfeld, la Bruyère und la Roche- foucault als ein modernes Seitenfück der Werke eines Seneca und Cicero, welche in den Unterrichtsſtunden 25 bei dem guten Paſtor mein Lieblingsſtudium waren, mir in die Hände gab, liebte ich ſie eben ſo ſehr, wie der arme Baron von Grünglatz ſeine Inſekten und Mooſe; und vielleicht, wie ich glaube, mit mehr Nutzen in Hinſicht auf die Geſchäfte des Lebens. 3 Hätten die Umſtände meiner Geburt oder Erzie⸗ hung die Entwicklung meiner Neigungen begünſtigt, ſo würde ich vielleicht meine Führung andern Inſtink⸗ ten anvertraut haben. Aber da ich lieblos aufwuchs — da ich bald ſah, ich würde ungeliebt bleiben und für kein einziges menſchliches Weſen der ernſte Gegen⸗ ſtand ſein, kann ich dem Himmel blos für ſeine Fügun⸗ gen danken, welche mir eine Sphäre des Genuſſes an⸗ gewieſen haben, ſo ungebunden, wie die, welche Mar⸗ guerite ſo glücklich in den Freuden des häuslichen Le⸗ bens fand.. Aber dieſes Alles iſt unerheblich, und wird deß⸗ zu recognosciren, und ich kann Ihnen verſichern, daß nach unſern glänzenden Feſten in Petersburg und dem 26 ausgezeichneten Ton in den Zirkeln des Kaiſers, in den Geſellſchaften der Dauphine nichts ſehr Reizendes liegt. Dieſe hat weit mehr das Anſehen der Tochter des Königs, als ihr königlicher Gatte das ſeines Soh⸗ nes; denn jedes Wort ihres Mundes ſcheint von der Natur der Majeſtät eingegeben. In meinem ganzen Leben ſah ich keine zwei we⸗ niger anziehende Perſonen, und dies iſt um ſo un⸗ glücklicher für einen Thron, in einem Zeitpunkte, wo Verſöhnung unumgänglich nothwenig erſcheint, und wo die Familie in dem Palais Royal jede Eigenſchaft be⸗ ſitzt, nicht nur zu feſſeln, ſondern auch zu bezaubern. Ich kann mir kaum geſtatten, Ihnen meine völlige Bewunderung über die Herzogin von Orleans und ihre reizende Tochter auszudrücken, da ich mich Ihrer ern⸗ ſten Warnung erinnere, gegen ſolche Vorliebe auf der Hut zu ſein. Von Madame, dem Gegenſtande ſo feurigen Lo⸗ bes von Seite Alfred's, und einiger Parteilichkeit von Ibrer eigenen, kann ich bis jetzt noch nichts begreifen. Mit dem Pavillon de Marſan und dem Pavillon de Flore auf gutem Fuße zu ſtehen, iſt, wie mir ver⸗ ſichert wurde, außer Frage, obgleich die Mißverſtänd⸗ niſſe zwiſchen ihnen und ihren Anhängern möglicher Weiſe den Intereſſen des Thrones nachtheilige Reſul⸗ tate erzeugen könnten, und da der letztere ein Punkt iſt, auf den ich meine Aufmerkſamkeit gerichtet habe, macht es um ſo weniger, daß ich die Manieren von Madame als rauſchend, und ihre Züge, als eben ſo abſtoßend verabſcheue. Ueberdies herrſcht eine ſarka⸗ ſtiſche Ungeſchliffenheit in ihrem Zirkel vor, welche, wenn ſie ein Zeichen des Pariſer hohen Tones, für deſſen Tempel man ihn hält, nichts zur Verbreitung der Grundſätze der Sekte beiträgt. Die italieniſche Oper, welche Sie meiner Auf⸗ merkſamkeit vor allen Unterhaltungen in Paris em⸗ pfahlen, iſt für jetzt geſchloſſen, und da der Fürſt es 86 27 für räthlich hielt, daß wir ſo bald als möglich öffent⸗ lich auftreten, erſchienen wir letzten Abend in unſerer Loge in der königlichen Akademie. Mein erſter Ausrus bei dem Anblicke des Ballets .(denn Roſſini's Comte Ory war vorüber, ehe wir im Stande waren, das erſte Diner der Geſandtſchaft zu verlaſſen) lautete:„Wenn doch nur der Kaiſer und die Kaiſerin dieſes Schauſpiel genießen könnten!“ Da ſie ſchon an der nämlichen Art eines Balletes ſich er⸗ götzen, welches mir meine Unerfahrenheit in Peters⸗ burg als unvergleichlich zeigte, weil ich, von der Pracht geblendet, für die Unvollkommenheit des corps de ballet blind war, was würden ſie von der auser⸗ leſenen Präciſion eines Pariſer⸗Tanzes denken? 1 Was würden ſie zu der unbeſchreiblichen Taglioni agen Ich konnte jedoch das Ballet nicht ſo genießen, wie ich wünſchte. 3 Vorbereitet, nachher in der Soirée der Herzogin de C.. zu erſcheinen, war es nicht anders möglich, als daß eine neue Geſandtin in vollem Staate die Ehren der öffentlichen Neugierde mit dem Schauſpiele theile, und die Folge davon war eine Reihe von Be⸗ ſuchen in unſerer Loge, zu ehrenvoll, um als beſchwer⸗ lich betrachtet zu werden, da ſich der Herzog de Char⸗ tres, der ſchönſte junge Mann, den ich in Paris ge⸗ ſehen hatte, darunter befand. Graf Alfred und ein älterer Bruder, mit dem er uns bekannt gemacht hat, brachte den größten Theil des Abends bei uns zu, und dies dauerte fort, bis dieſer königliche Beſuch das Zeichen zur Zurückziehung, durch die Etikette veran⸗ laßt, gab. Ich glaube, daß der Glanz eines Schau⸗ ſpiels, welches mir ſo neu wie dieſe ausgezeichnete Pariſer Oper war, von der ich ſo oft geleſen hatte, bis ich des Leſens müde war, und von der ich wähnte, ſie mit Gleichgültigkeit betrachten zu können, mich auf⸗ 28 geheitert hatte; denn nie gefiel mir ein Zirkel beſſer, als der bei der Herzogin von C—. Da die Herzogin ſchon mit dem Fürſten während ſeines diplomatiſchen Aufenthaltes in Neapel bekannt wurde, wo der Herzog als Geſandter von Frankreich war, bedurfte ſie kaum einer Aufforderung, uns auf einen vertrauten Fuß mit ihr zu ſtellen. Sie war es im Gegentheil, die mir alle die Damen ihres Zirkels nach einander vorſtellte, indem ſie mich in einem Tone erſuchte, ſie mit meiner bonne grace zu beehren, der mich das Kompliment dieſer Bitte fühlen ließ. Ich fand Alles ſehr reizend. Nie ſah ich eine Ge⸗ ſellſchaft ſo vollkommen einig. Es war nicht der Abend für die wöchentliche Soirée der Herzogin, wo ſie dann nicht vor einer Ueberfüllung ſicher iſt; denn weil ſie wußte, daß ich nicht vor der Oper zu ihr kommen könne, wurde die Geſellſchaft ausdrücklich eingeladen, mich zu empfangen. Es war unnöthig, daß der Fürſt mir vor ſeinem Eintritte ſagte, der Zirkel der Herzogin beſtehe aus der Elite von Paris. Wenn es noch et⸗ was Angenehmeres und Ausgezeichneteres geben ſollte, als ich in der vergangenen Nacht ſah, wie tief muß ic dann in Ihrer und meiner eigenen Achtung nken! Weder Graf Alfred, noch ſein Bruder wurden zu dieſer Geſellſchaft eingeladen, welche ohngefähr aus zwanzig Damen und dreißig Herren beſtand. Alle Anweſenden ſchienen einander gleich Brüdern und Schweſtern zu verſtehen, doch ohne das geringſte Zei⸗ chen von Familiarität. Worin beſteht dieſes wunder⸗ bare Geheimniß— dieſer bezaubernde Reiz der Pari⸗ ſer⸗Höflichkeit, welche nicht vom Hof ausgeht?— All' die Anmuth und all' die Leichtigkeit, die ich im königlichen Schloſſe vermißte, fand ich in dem Zirkel der Herzogin von C.... 3 Ich kann jetzt Ihre Behauptung begreifen, daß 29 diejenigen, welche Einfluß in Paris erlangen wollen, einen Salon gründen müſſen. Ich erkenne die Wichtigkeit, einen Schwarm von Geſellſchaftern um ſich zu ſammeln, welche durch ihre ausgebreitete Verbindung mit der Geſellſchaft uns in der Meinung der Welt feſtſtellen und uns von ihren Veränderungen benachrichtigen. Die Herzogin von C. iſt, wie mir Ihr Verwand⸗ ter ſagte, von allen Damen des Faubourg die am Höchſten ſtehende. Obgleich mit ihr von Kindheit an bekannt, hatten doch die Vaudreuils nie eine Einla⸗ dung in ihr Haus erhalten, noch würden ſie ſich die Freiheit nehmen, um die Erlaubniß nachzuſuchen, ſich vorſtellen zu dürfen. Sie ſelbſt waren, wie ich ſehe (wahrſcheinlich, da Sie ſich immer nur für unbeſtimmte Zeit in Paris aufhielten) nicht in ihren Zirkeln. Die Wahl ihrer Geſellſchafter iſt jedoch ſo untadelhaft, daß ſelbſt Graf Alfred, dem ſo ſchwer zu gefallen iſt, nicht nineathte für den Salon des Hotels von C.... eſaß. Nach den Fingerzeigen, welche ich von Andern und meinen eigenen Beobachtungen erhielt, habe ich mich mit dem Fürſten über die Regeln berathen, die zur Verbeſſerung meiner eigenen Geſellſchaft angewen⸗ det werden ſollen. Allem Anſcheine nach wird von Seite dieſes hohen Zirkels beabſichtigt, mich für ihn zu gewinnen. Aber der große Abſtand zwiſchen der verantwortlichen Siel⸗ lung einer Geſandtin und der Unabhängigkeit der Her⸗ zogin von C.... macht eine ſolche Einſchränkung unmöglich. Wie der Fürſt ganz richtig bemerkt, ſo ſind wir hier, um die Intereſſen Rußlands zu erwei⸗ tern und zu befeſtigen, und nicht unſere Launen und Vorurtheile zu befriedigen; und demgemäß, obgleich mein mädchenhaftes Ausſehen die Herzogin ermuthigt haben mag, mich etwas zu frei in der chronique scandaleuse des Hofes zu unterrichten, und mir die 30 Lang weiligkeit der weit liberaleren Zirkel in dem Fau⸗ bourg St. Honore zu lebhaft zu ſchildern, muß ich die erſte beſte Gelegenheit ergreifen, um ihr die Erforder⸗ niſſe meiner Stellung anzudeuten und ſie zu bitten, meine Geduld, unter welch' einer Laſt von Langeweile ſie immer ſeufzen mag, zu ehren. Wir müſſen in kurzem, gleich allen andern Ge⸗ ſandtſchaften hier, einen beſtimmten Geſellſchaftstag auswählen; ja wir müſſen ſogar denjenigen annehmen, welcher dem Vorgänger des Fürſten von den andern Geſandtinnen für den Empfang aller Perſonen, Fran⸗ zoſen und Ausländer, die hinreichend vorgeſtellt oder eingefuhrt find, bewilligt wurde. Dieſe werden von nun an die Beſucher unſerer Official⸗Soiréen ſein; aber es iſt mir auch geſtattet, eine nicht officielle Geſellſchaft zu halten, in welcher ich die Freunde um mich verſammeln werde, die meinen Salon bilden ſollen, die Freunde, mit welchen die ausgebreiteten europäiſchen Verbindungen des Fürſten ihn bekannt ge⸗ macht haben, dann ferner diejenigen, welche durch die Gräfin Auguſte bei ihrer Rückkehr vom Lande nächſten Herbſt, und durch die Geſellſchaft im Hotel de C. mei⸗ ner Freundſchaft ganz beſonders empfohlen werden. Unſere gute Mademoiſelle Moreau wünſcht ſehr, daß ich der Liſte meiner Freunde ihre Herrin, die Gräſin de Choiſy, und ihren Zögling, die Maquiſe de Mon⸗ técourt, beifügen möchte, was jedoch, trotz dem ge⸗ bührenden Reſpekte für ihre Eigenſchaften als Erziehe⸗ rin, unmöglich iſt; denn wenn dieſes Letztere nicht der Fall wäre, ſo würde ich ihr ſchwerlich die vertraute Stelle um meine Perſon angewieſen haben. Meinem vertrauten Zirkel zwei Perſonen beizufügen, welche nicht offenbar dazu gehören, hieße die Harmonie des⸗ jenigen ſtören, was ich ſo gerne von jedem anſtößigen Partikel frei wüßte. Meine kurzen Erfahrungen in ſolchen Dingen, in⸗ dem ich Zeuge der Einrichtung Ihrer Geſellſchaften in 31 Petersburg war, hat mich vor der Gefahr gewarnt, eine Perſon zuzulaſſen, die den übrigen Gliedern des Zirkels leicht Anſtoß geben könnte. Es war wirklich überraſchend für mich, an der Fürſtin W. zu ſehen, wie eine einzige wunderliche Perſon das ganze gute Einverſtändniß einer coterie d'élite zerſtören kann. Ich habe dem zu Folge eine abſchlägige Antwort gegeben, und unſere gute Thereſe fängt an, die Ver⸗ änderung unſerer verwandtſchaftlichen Stellung und die Kraft meiner Ausſprüche hinreichend zu fühlen, um ſich ohne Widerrede zu ergeben. Am Donnerſtage werden kleine Soiréen anfangen, und die öffentlichen ſind im Sommer aufgehoben.— In einigen Wochen, wenn das Wetter beſtändiger iſt, ſoll ich mit dem Fürſten nach einer reizenden Villa reiſen, die er in Suresne gemiethet hat. Wie Sie gleichfalls vermuthen werden, bringt deren Nähe an Paris kein Hinderniß für die Fortdauer unſerer Geſellſchaften mit ſich. Genehmigen Sie, theuere Madame, die Verſiche⸗ rung meiner unbegrenzten Hochachtung, und empfehlen Sie mich meinem geliebten Vater auf das herzlichſte. Sollten über uns Fragen an Sie von Perſonen ge⸗ richtet werden, deren Andenken nur ſchmeichelhaft wäre, ſo haben Sie die Güte zu antworten, daß der Schmerz meines Abſchiedes von Petersburg bloß durch die Hoffnung gelindert werden konnte, mein zukünfti⸗ ees Leben dem Dienſte derjenigen zu weihen, die mich ſo herablaſſend mit ihrer Gunſt beehrten. Einunddreißigſter Brief. Von der Fürſtin Gallitzin an die Vicomteſſe Elvinston. Theuerſte Marguerite, zehntauſend, tauſendmal Dank, nicht für Deinen Brief, denn mit dieſer Pflicht habe ich bereits unſere gute Moreau beauftragt, deren Geſchäft in meinem Hauſe iſt, mich aus einer Welt von Mühen im Briefſchreiben zu erretten. Meine Dankbarkeit hat einen tiefern Urſprung; und wieder und wieder laß mich Dir für jene lebhaften Ausbrüche der Sehnſucht nach Deinem geliebten Frankreich dan⸗ ken, welche mehr, als all' der frühere Enthuſiasmus der würdigen Thereſe(welchen ich bloßer Nationalität⸗ zuſchrieb) mir den heftigen Wunſch einflößten, mich in Frankreich einſtens niederzulaſſen.. Wenn Du nicht geweſen wäreſt, hätte ich mich vielleicht in das traurige Schickſal ergeben, die Hand Wilhelms von Rehfeld anzunehmen und ein Pflanzen⸗ leben auf Schloß Repfeld geführt, das kaum lebhafter geweſen wäre, als wenn ich vorläufig in die Gruft unſerer alten Kirche begraben worden ſein würde; denn bloß Du warſt die Urſache, daß die Hand der Tochter des Barons in den Augen ſeines Nachfolgers niemals ihren Werth verloren hat.— Ich betrachte Dich daher nicht nur als meine Er⸗ löſerin von allem Leide, ſondern auch als die Grün⸗ derin meines Glückes, denn glaube mir, geliebte Schweſter, ſelbſt daß Aeußerſte, was Du mir je von dem agrément dieſes Platzes ſagteſt, ſteht weit unter dem Reize, den ich mit jeder Stunde hier wachſen ſehe! Daß Du in der Einförmigkeit und Häuslichkeit leben konnteſt, nachdem Du Paris geſehen, iſt mir wirklich unbegreiflich! 33 In Petersburg auszuhalten, könnte ich Dir ver⸗ geben haben, denn Petersburg hat ſeine Verdienſte, ſeinen Ehrgeiz zu befriedigen, ſeine Schwierigkeiten zu überwinden. Leugne jedoch nicht, daß Du gegen Pe⸗ tersburg eine eingewurzelte Abneigung hegteſt, obgleich es Deine Vaterſtadt iſt, und wenn Andere Dich wegen der Trennung von Deinem Lande, als dem einzigen Anſtoße Deiner günſtigen Verbindung, beklagten, war ich eine Heuchlerin genug, meine Stimme mit den ihrigen zu vereinigen, da ich wußte, Du ſeheſt in die⸗ ſer Hinſicht wenig Beklagenswerthes, und da ich die feſte Ueberzeugung hegte, daß das häusliche Leben in England weit mehr geeignet ſei, Deine Wünſche zu befriedigen, als der Glanz des Hofdienſtes, welcher in. Ruf aand ein Leben von ariſtokratiſcher Auszeichnung ildet. 3 Nichts deſto weniger, theuerſte Marguerite, laſſe Dir nicht träumen, daß das Paris von Deinem Lobe, das Paris meiner Freude iſt. Der blaue Himmel, welchen man von dem Garten Deines Kloſters aus ſehen kann, die reine Luft, die erſten Veilchen, ſelbſt die Erholungsſtunden in dem feierlichen Hotel de Vau⸗ dreuil, würden, ich fürchte es, ermangelt haben, mir das Glück zu geben, welches Dein einfaches Herz in jenen einfachen Vergnügungen fand. Ich habe die gute Schweſterſchaft beſucht, Mar⸗ guerite, indem ich fühlte, daß es ihnen doppelte Freude gewähren würde, Deine reichen Geſchenke aus den Händen derjenigen zu empfangen, die Dich kürz⸗ lich von Angeſicht zu Angeſicht geſehen hatte und im Stande war, ihre Fragen über das Schickſal ihres verlornen Lieblings zu beantworten. Würdige alte Seelen ſind ſie, das gebe ich zu! Ich halte die Liebe der Schweſter Marie zu ihrem Zögling für größer, als die, welche je für mich— von irgend einem menſchlichen Weſen— meine arme Sara nicht aus⸗ Die Frau des Geſandten. I. 3 genommen— gefühlt wurde. Aber ich kann ſie mir nicht in Verbindung mit jener gaieteé de coeur den⸗ ken, von der Du mir zu meiner Unterhaltung auf Rehfeld manchmal ein Bild zu entwerfen pflegteſt, welches den Grund zu einer Parteilichkeit legte, die Urſache war, mich in dem Faubourg Saint⸗Germain auf alle Fälle einzuquartieren. Wie oft habe ich früher über die wichtige Miene meiner guten Gouvernante gelächelt, mit der ſie dieſen kabaliſtiſchen Namen auszuſprechen pflegte, der ihr ſo heilig war wie der von Mekka für die Ohren eines Türken; und recht gut erinnere ich mir die augen⸗ blickliche Meinungsänderung, die in Hinſicht auf mei⸗ nes Vaters Heirath in ihrem Geiſte durch die Kunde— erzeugt wurde, daß die Baronin ein Abkömmling eines hohen Hauſes in jener dreimal geprieſenen Stadt ſei. In der Baronin eine Nichte des Pabſtes zu finden, würde gewiß eine geringere Empfehlung geweſen ſein! Jetzt fange ich jedoch an, dieſe Bethörung zu be⸗ greifen. In meiner Einſamkeit auf Rehfeld hatte ich gerade von einer ſolchen Welt geträumt, wie ich ſie in dem Herzen des ariſtokratiſchen Viertels von Paris eingewohnt finde; eine Welt, die ſich ſelbſt genügt, ſich ſelbſt verſteht, und groß in ihren Kleinlichkeiten iſt, weil ſie die Neuerungen von größerer Größe bekämpft. Du kannſt Dir keinen Begriff von der Unzugänglichkeit ihres einzigen, magiſchen Zirkels machen. Der kaiſer⸗ liche Zirkel in Petersburg iſt nicht mehr rein aus⸗ ſchließend; aber der kaiſerliche Zirkel von Petersburg, beſitzt, der Himmel weiß es, wenig um die Begei⸗ ſterung jener abenteuerlichen Titanen zu belohnen, welche den Oſſa auf den Helicon ſetzen möchten, um deſſen hohe Seligkeit ermeſſen zu können. Wie ſeltſam kommt es mir vor, ſo frei und frank ſchreiben zu dürfen, wenn etwas Kaiſerliches betheiligt iſt! Aber wir ſind, Gott ſei Dank, nicht länger in Rußland. Du, theuere Marguerite, biſt die Einwoh⸗ 35 nerin eines Landes, deſſen Geſetze frei ſind, und was unſere verwandtſchaftliche Stellung betrifft, ſo habe ich bereits angefangen, Dir ſelbſt das Buch meiner geheimſten Gedanken zu entfalten, und werde es auch ferner thun, vorausgeſetzt, ich wiſſe beſtimmt, daß kein Wort, welches immer aus meiner Feder kommen ſollte, zu dem Auge oder Ohre einer dritten Perſon kommen wird. Dein Mann hat mir auf meine Bitten ein heiliges Verſprechen gegeben, unſere Korreſpondenz zu ehren, er hat es mir als eine Vergeltung der Geduld gegeben, welche ich mit den Rhapſodien ſeiner Liebes⸗ bewerbungen hatte, und ſeine Sache vertheidigte. Aus allen dem, was ich zu Ehren Deines und der Moreau ſo geliebten Faubourg geſagt habe, wirſt Du ſchließen, daß daſelbſt ein gleich günſtiges Urtheil über mich gefällt wird. Deine beiden Vettern, Alfred und ſein angenehmer Bruder, welche in alle diploma⸗ tiſchen Zirkel eingeführt ſind, verſichern mir, daß ich Madame Appony an Popularität übertreffe. Es iſt jedoch nicht Popularität, was meinen Ehrgeiz befrie⸗ digt— ich muß Einfluß haben. Die populärſten Leute ſind ja gewöhnlich die wenigſt Einflußreichen. Einfluß iſt Beweis von Ueberlegenheit, während Mittelmäßig⸗ keit eine der Hauptquellen der Popularität iſt. Die Welt iſt aus mittelmäßigen Leuten zuſammengeſetzt; und wir lieben ſelten die, welche ſich über unſere Stufe erheben. Ich wiederhole daher, daß ich Einfluß haben muß. Ich muß ihn wegen des Fürſten und wegen meiner eigenen Vergnügungen haben. Wäre ich nicht dazu berechtigt, ſo würde ich dieſen Wunſch nicht fühlen. De Retz hat uns geſagt, daß das Herabſteigen zur Geringfügigkeit, um Größe zu erlangen, eine ge⸗ meine Politik ſei, und ich habe deshalb beſchloſſen, die Spitze der Pyramide durch gerades Auffliegen, gleich einem Adler, und nicht durch elendes und nie⸗ driges Kriechen zu erreichen. Mein erſtes Streben wird daher ſein, mich über die Stellung, welche ich erhalten habe, erhaben zu zeigen. Wenn ich betrachte, daß ich kaum vor einem Jahre in der langweiligen Dunkelheit von Rehfeld verloren war—(welch' ein Leben ich hatte, kaum der Mühe werth zu leben) wenn ich mich erinnere, daß mein größter Ehrgeiz darin beſtand, an der Spitze der un⸗ gebildeten Zirkel in der Reſidenz zu ſtehen, welchen das Brandmal der Mittelmäßigkeit aufgedrückt war; wenn ich bedenke, daß ſelbſt dieſer armſelige Ehrgeiz durch die Heirath meines Vaters zerſtört wurde, die mich ſogar in meinem eigenen Hauſe zu gärzlicher Unbedeutendheit herabſetzte, und wenn ich dagegen mich jetzt betrachte, ſehe, was ich jetzt bin und noch mehr, was ich zu werden beabſichtige, dann wage ich mich kaum zu fragen, was wohl die Zeit, deren Wechſel mir bisher ſo günſtig war, noch in ihrem Schooße für mich bergen könne? Denn glaube nicht, theuerſte Marguerite, daß ich in Paris bloß jenes köſtliche laissez aller ſeines Da⸗ ſeins genieße. Obgleich bezaubert von den majeſtätiſchen Hallen der Tuilerien, oder dem angenehmen Ton täglicher Geſellſchaft, in einer Reihe von Salons, in die ich eingeführt bin, ſo hat dieſe Hauptſtadt doch ein dop⸗ peltes Daſein für mich. Ich bewundere das brillante Opernhaus— die eliſäiſchen Felder mit Wagen ange⸗ füllt, und die noblen Hotels; ich ſehe mich von liebli⸗ chen Modegöttinnen umgeben, deren Abwechſelung von Kleidern das Herz unſerer guten Kaiſerin entzücken würde; ich nehme Huldigungen an und lauſche mit Vergnügen einer pikanten Auflage der letzten bons⸗ mots, von einem Müſſiggänger des engliſchen Klubbs oder einem élégant— des Hotels de C...., ausge⸗ ſprochen. Trotz dem Allen laſſe ich das Paris meiner Studien nicht außer Augen— das Paris meiner Träume; das Paris der alten Zeiten, wo das Weib 37 den größten Einfluß übte, wo ſogar ihre Schönheit durch ihren Geiſt unterſtützt wurde, wo Regentinnen gegen Miniſter und Kardinäle auftraten; und wo die Ürtheile des Zeitalters eher in den Salons der Damen, als in dem Studirzimmer des Weiſen reiften! Dieſer Nationalzug kann nicht gänzlich verwiſcht worden ſein. Wenn auch durch die Schrecken einer Revolution und den nachfolgenden Militair⸗Deſpotis⸗ mus Alles gethan wurde, die Natur Frankreichs zu ändern, ſo bleibt das junge Frankreich doch immer das Kind des alten Frankreichs— und das heutige Paris muß die Züge des geſtrigen beibehalten haben, wie man in der BZildergallerie auf Rehfeld gerade dieſelbe Miene unter dem Hofkleide und der Perrücke meines Großvaters unterſcheiden kann, wie unter den Harniſchen der Barone des Mittelalters, nur daß ſie da ein ernſtes Ausſehen erhält. Der ſcheinbare Leichtſinn und die Ausſchweifungen der Pariſer verbergen eine Welt von Takt und Fein⸗ heit, wie der ſchlaue Angler ſeine Angel auf der Ober⸗ fläche des Waſſers beobachtet, ſo müſſen auch diejeni⸗ gen, welche beabſichtigen, in dem ungeſtümen Strome der Geſellſchaft ihr Glück zu machen, mit der größten Sorgfalt die leiſeſten Bewegungen der Oberfläche deſ⸗ ſelben bewachen. Hier iſt es nicht wie in Petersburg. Kleider, Ei⸗ telkeit und Vergnügen üben dort einen ſo mächtigen Einfluß, daß alle höheren Zwecke darüber vergeſſen werden. Hier ſcheint es zwar mit Kleidern, Vergnü⸗ gen und Eitelkeit derſelbe Fall zu ſein, während ſie aber in Wirklichkeit unſern deutſchen Polſtern von Ei⸗ derdunen gleichen, fähig, Wärme zu verleihen und auch zugleich einen Gegenſtand des Hausrathes zu machen, oder ſich in eine Taſche zuſammendrücken zu laſſen, um ſie vor dem Blicke zu verbergen, bis die Zeit zu ihrer Wiederausſtellung kommt. Sieh doch, meine theuerſte Marguerite, wie leicht fA. ich in die Fehler der weiblichen Korreſpondenz falle, indem ich Dir aus der Fülle meines Herzens ſchreibr, obgleich mein Brief nicht eine einzige Antwort auf den Deinigen enthält! Räche Dich! Ich geſtehe, daß ich bis jetzt noch wenig Sympathie mit deinen Hoch⸗ ländern fühle. Gib mir einen vollſtändigen Bericht über Deine neue Lebensart, und ich verſpreche Dir, denſelben aufmerkſam zu leſen, und mit einem Intereſſe zu belohnen. Tauſend Komplimente an Deinen Mann. Sage. ihm, er ſolle mich als Schweſter mehr lieben, als es bei der Freundin der Fall war; und für jetzt ſage ich Euch Beiden ein herzliches Lebewohl! Zweiunddreißigſter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil an den Grafen Erloff in Moskau. Hätte ich nicht Gelegenheit, meine Briefe an Sie unter der Sicherheit unſeres diplomatiſchen Siegels zu befördern, ſo würden mich ſelbſt Ihre Bitten nicht bewegen können, meine Worte ſo ſehr zu beſchränken, daß ſie ohne Gefahr dem kaiſerlichen chef de police unter die Augen kommen dürften. Aber ich glaube, ich bin ziemlich ſicher, und willfahre daher Ihrer ſon⸗ derbaren Bitte. Jetzt, da Alles vorüber iſt, und wir beide unſere Auſternſchale erhalten haben, während der hartherzige und hartköpfige Diplomat die Auſter davon trägt, fan⸗ gen Sie an, mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Laſſen Sie mich als Ewiederung Ihnen mehr als ⸗ 4 39 Gerechtigkeit widerfahren, indem ich Ihnen mit über⸗ flüſſiger Offenheit den Zuſtand meiner Gefühle, ver⸗ gangener, gegenwärtiger und, ſo viel ich vermag, auch zukünftiger gegen Ihre ſchönſte der Stiefſchweſtern ſchildere. Um mit dem Anfange zu beginnen, ſo bin ich we⸗ der von Natur, noch von Geburt ein heirathsfähiger Mann. Ich nehme zu viel Rückſicht auf mich ſelbſt, um mein mäßiges Vermögen und meine unbegränzte Freiheit mit einer Andern zu theilen, wann ich es allein genießen kann. In Paris beſitze ich, als ein cadet de famille von ehrenvollem Namen und paſſa⸗ blem Ausſehen Genüſſe, um die mich ſelbſt die Göt⸗ ter beneiden könnten. Aber die Genüſſe, welche, wie geſagt, die Götter beneiden, werden den Sterblichen oft unerträglich langweilig, was auch die einzige Ur⸗ ſache jener einfältigen Reiſe nach Deutſchland war, welche dahinauslief, daß ich meine Seele ſechs bittere Monate in Ihrem kaiſerlichen Eishauſe an der Seite der ehrgeizigen Ida ausgefrieren laſſen mußte. Nachdem ich Karlsbad und Töplitz beſucht hatte, um meine Langweile zu tödten, gefiel mir der Ge⸗ danke, eine verwandte Hand in den Wüſten von Sachſen zu drücken; und ich ahnte nicht, daß meine Gegenwart auf Schloß Rehfeld, in dem Augenblicke der Einſetzung meiner ſchönen Couſine in ihr neues Schloß, mich mit einer ſchönern, witzigern und pikan⸗ teren kleinen Perſon bekannt machen würde, als ich in allen den engelgleichen Coterien des erzengliſchen Faubourg hinter mir ließ. In Ihrer Stiefſchweſter lag, als ich ſie zum erſtenmal ſah, ein unwiderſteh⸗ licher Reiz. Die beinahe himmliſche Reinheit ihres Angeſichts und ihres kindlichen Weſens flößten mir poetiſchere Gedanken ein, als meine Begriffe, die eines roué, von dem ätheriſchen Urſprunge dieſes Geſchlech⸗ tes waren. Wie lange die Verblendung dauerte, kann ich mir 40 kaum erinnern; gerade ſo lange jedoch, als ich die Einfachheit ihres Weſens mit der Einfachheit ihrer Erſcheinung gleichen Schritt halten ſah. Auf das arme Kind war die Heirath ihres Vaters gleich einem Don⸗ nerkeile herabgefallen; und da ich ſie als ein Opfer bemitleidete und geneigt war, Mitleid in Beſchützung zu verwandeln, ſo geſtehe ich, daß ich auf einige Zeit meine Wachſamkeit bei Seite gelegt hatte. Ich ſah, daß ich einen tiefen Eindruck auf das jüngſte Herz gemacht hatte, welches je innerhalb der Gränzen meiner Anziehungskraft gefallen war; und ich freute mich darüber. Der Himmel weiß, zu welcher Ausſchweifung meine Schwäche noch geführt haben würde; denn unter dem Vorwande, ihre Erziehung zu vervollkommnen und ihren Geſchmack nach dem ausdrücklichen Wunſche Ihrer Mutter zu verbeſſern, fing ich an, meine eigene zu vervollſtändigen. Plötzlich kam mir jedoch der Gedanke, oder, wenn die Wahrheit nun einmal geſagt werden muß, ich glaube, es wurde mir von der Baronin eingegeben, daß dieſes ſcheinbar einfache Mädchen weit mehr geiſtreich als offenherzig ſei, und daß ſie, ihrer unterwürfigen Stel⸗ lung hier überdrüßig, und voll Sehnſucht nach Paris, welches eine einfältige alte Magd von einer Gouver⸗ nante zu ihrem Ideale gemacht hatte, beabſichtige, mich in ein Anerbieten meiner Hand zu verſtricken. Eine Gräfin Vaudreuil in der dritten Etage der Rue de Grenelle würde nach meiner Meinung ein viel beneidenswertheres Weib ſein, als eine Baronin von Rehfeld, geborne Rehfeld, und vermählt mit einem ſächſiſchen Dummkopfe. Aber eine Gräfin, zu deren Gunſten ich verſucht werden möchte, meine Ausſichten im Leben aufzuopfern, müßte eine ſolche ſein, welche um meiner willen einem deutſchen Fürſtenthume oder einem neapolitaniſchen Herzogthume entſagen würde, nicht ein Mädchen, das mich bloß aus einem ſo ſchlech⸗ 41 ten Beweggrund nimmt. Ich verhärtete deßhalb mein Herz, und hatte keine Barmherzigkeit. Schnell ſon⸗ dirte ich dieſes kleine Manövre, indem ich meine Artig⸗ keiten auf verwandtſchaftliche Weiſe Margueriten er⸗ wies, welche ſie jedoch mit weit weniger Artigkeit als die Huldigungen des genannten Dummkopfes aufnahm, der Idyllen von ihr abzuſehen, und vom Morgen bis in die Nacht Goetheismus zu ſeufzen pflegte. Während dem überzeugte mich Ida dadurch, daß ſie meine Un⸗ treue mehr übel aufnahm als fühlte, daß die Behaup⸗ tungen Ihrer Mutter gegründet ſeien, daß einige Her⸗ zen alt geboren, und andere durch Erziehung verkrüppelt werden; daß die Lilie von Rehfeld, trotz ihrer glän⸗ zenden Augen und ihrer Alabaſter⸗Weiße die abgelebte Seele einer alten, Karten ſchlagenden Wittwe beſitze. Wie konnte man fortfahren, ein ſolches Mädchen zu lieben? Ich beſchloß, gleichgültig zu werden, aber es glückte mir nicht. Ich nahm mir vor, ſie zu haſſen, und es ging beſſer; denn es iſt leichter, von einem Extrem zum andern überzugehen, als den Mittelweg einzuſchlagen. Zwiſchen Haſſen und Lieben waren meine Gefühle oft von ſo ſeltſamer und vermiſchter Natur, daß ich mich nicht enthalten konnte den Will- o-the-wisp gegen ſie zu ſpielen, wenn ſich eine Ge⸗ legenheit dazu darbot, nnd ich will auch nicht läugnen, daß ich all den Antheil dabei hatte, ſie zu beſtimmen, Fürſtin Gallitzin zu werden, deſſen Sie mich anklag⸗ ten. Ich ſah voraus, daß Marguerite an der Seite eines ſolchen Mannes nie glücklich werden könne. Ihre zärtliche und ſanfte Seele ſchien das Glück eines häus⸗ lichen Lebens und warme Liebe zu verlangen, die ſich mit ſeinen weltlichen Geſinnungen nicht vereinigen ließ; und als ſich eine ſo glänzende Gelegenheit, ſie für das Leben zu verſorgen, in Elvinſton's großmüthi⸗ ger Liebe darbot, gewährte es mir kein kleines Ver⸗ gnügen, ihr Vermögen das ihrer ehrgeizigen Stief⸗ ſchweſter weit überſteigen zu ſehen. 42 8 In jenem Augenblicke kamen Sie nach Petersburg, von der wachſenden Verlegenheit Ihrer Lage faſt bis zum Wahnſinn getrieben; und voll Zorn über die Heirath Ihrer Mutter, doch durch Ihre eigenen Un⸗ klugheiten des Rechtes beraubt, ihr darüber einen Vor⸗ wurf zu machen. In dem erſten Augenblick, in welchem ich Sie ſah, beſchloß ich, Ihre guten Dienſte zum Beſten Elvinſtons gegen den wollkopfigen Landjunker zu gebrauchen, der ſich auf Rehfeld in Ihrer Schweſter Gunſt eingeſchlichen zu haben ſchien. Bald bemerkte ich jedoch, daß meine Einmiſchung überflüßig ſei. Ihre unglückliche Lage in jenen Momenten ließ es Mar⸗ guerite unumgänglich nothwendig erſcheinen, daß ſie auf ihren Brautſchatz verzichten und ihre mädchenhaften Grillen aufopfern müſſe, indem ſie die Gattin eines der reichſten Männer in Europa, und eines der beſten Menſchen der Welt würde. Soweit wäre nun Alles gut! Ich war zufrieden. Ihre Schwierigkeiten waren beſeitigt, und ſo auch die von Lord Elvinſton. Aber ich hatte Ida noch nicht verziehen, welche in Petersburg ein Privilegium der Schönheiten, das der Impertinenz, gegen mich annahm. Ueberzeugt, daß Gallitzin, der ein ſo ſchlauer Berech⸗ ner iſt und hauptſächlich die Hand Ihrer Schweſter, als der Tochter eines verſtorbenen Günſtlings des ver⸗ ewigten Kaiſers und einer noch lebenden Favoritin der Kaiſerin, nachgeſucht hatte, in der Verbindung mit einem Fräulein von Rehfeld nichts finden würde, was ſeine Intereſſen befördern könnte, ließ ich keine Ge⸗ legenheit unbenützt vorüber gehen, ihre Augen mit glän⸗ zenden Gemälden von der Stellung zu blenden, welche Marguerite als ſeine Gattin behauptet haben würde. Ich ſprach von Paris, wie ſelbſt nie die alte The⸗ reſe davon ſprach, ich ſchilderte die Faubourg⸗Geſell⸗ ſchaft wie ſie es zu thun nicht vermochte; und nach und nach entſtand eine ſolche Gährung von Eitelkeit 43 in ihrem Gehirne, daß alle ſtärkern Grundſätze ver⸗ wiſcht wurden... Ich geſtehe, mein theuerer Alexis, daß ich ent⸗ zückt war, jenen harten Kopf durch Kränkung erweicht und jenes weiche Herz durch Weltlichkeit verhärtet zu ſehen; denn ein Mädchen von 18 Jahren, das ehrgeizig zu ſein wagt, verdient nach meiner Meinung die Ver⸗ dammniß der gefallenen Engel. Urtheilen Sie daher über meine Beſtürzung, als in jenem Augenblicke die plötzliche Aufmerkſamkeit des Kaiſers dem gebrochenen Stiele der Lilie von Rehfeld neues Leben und neue Blüthen gab. Ich glaube, es wurde von der ſpitzigen Zunge der Fürſten W— aus⸗ geſprengt, daß das Ganze ein Hauptſtreich der Politik Ihrer Mutter ſei, und daß ſie, indem ſie Ihre wilde Leidenſchaft für ihre Stieftochter wahrgenommen habe und beabſichtige, dieſelbe aus Rußland zu entfernen, ſich alle Mühe gab, der ſeltſamen Natur ihrer Talente und Vorzüge jene Aufmerkſamkeit zuzuwenden, welche ſowohl den Kaiſer, als auch ſeinen Günſtling über⸗ zeugen mußte, daß keine beſſere Geſandtin gefunden werden könne.. Andere behaupten, die Entdeckung ſei durch den Fürſten gemacht worden, und daß ſeine Wahl einer acht⸗ zehnjährigen Braut, ſchöner als Hebe, ein bloß kaltblü⸗ tiger Akt der Ueberlegung war, daß die Bekanntſchaft des Kaiſers Nikolaus mit Fräulein von Rehfeld einzig aus dem Wunſche entſtanden ſei, die Eigenſchaften der⸗ jenigen perſönlich zu prüfen, welche die Gattin des Mannes werden ſollte, den er als ſeinen treueſten Diener ehrte. Mag dieß ſein wie es will, die Folge davon war die ſeltſame Verwirklichung von Idas höchſten Wünſchen, meine eigene Niederlage als Stra⸗ tegie, und Ihre Verzweiflung als Liebhaber. Ich wurde in meinen eigenen Netzen gefangen, wie Sie in den ihrigen Sie haben deshalb ſo weit recht, als Sie mich 44⁴ anklagen, die Veranlaſſung zu dieſer verhaßten Hei⸗ rath, wie Sie ſie nennen, gegeben zu haben, indem ich der Fürſtin Gallitzin eine Leidenſchaft für Paris einflößte, die ſie dahin gebracht hat, wo ſie iſt, che⸗ nous, et chez elle. Aber Sie thun mir zu viel Ehre — oder Unehre an, indem Sie mir dieſe weitaus⸗ ſehenden Plane zuſchreiben. Da Sie zur Familie ge⸗ hören, darf ich Ihnen ohne Scham geſtehen, daß ich bei der ganzen Sache mehr der Gefoppte, als der Fopper ſelbſt war. Ihren Gefühlen muß ich vollkommen beiſtimmen. Während Ihres ganzen Lebens haben Sie viel zu wagen— und viel Bitteres zu erdulden. Der Ruin eines ehrwürdigen Vaters— ſeine Verzweiflung, ſein Tod— durch die Verſchwendung und den Leichtſinn ſeiner Gemahlin erzeugt, ſind, ich gebe es zu, hin⸗ reichende Gründe für den Verfall der kindlichen Ehr⸗ furcht, welcher Ihren letzten Brief charakteriſirte. Hätten Sie immer eine glückliche Heimath beſeſſen, ſagen Sie, hätten Sie bei Ihrer Volljährigkeit von Vater oder Mutter mit Rath unterſtützt werden kön⸗ nen, ſo wären Sie nie in jene Ausſchweifungen ver⸗ fallen, welche, wie ich fürchte, noch einen übeln Ein⸗ fluß auf Ihre Laufbahn üben können, wenn einer jener zahlloſen Spione, mit denen Euer Hof angefüllt iſt, die geheime Urſache der Verbindung Ihrer Schweſter zu den Ohren des Kaiſers bringen ſollte. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß die Liebe von Nikolaus für das Andenken ſeines Erders und das Andenken derjenigen, welche demſelben dienten und ihn liebten, geeigneter iſt, ihn in einem ſolchen Falle zu einem ſtrengen, ſtatt zu einem milden Richter zu machen. 3 Ich will nicht bei Uebeln verweilen, welche Sie bitter gefühlt und bereut haben; nur zu gut begreife ich den Kampf Ihres Geiſtes, als Sie bei Ihrer An⸗ kunft hier, voll Entrüſtung über Ihre Mutter, voll 45 Haß gegen die Rehfeld's, vorbereitet, jedes hülfreiche Anerbieten zurückzuweiſen, keinen Rath anzunehmen und jedes Glied der Familie mit Geringſchätzung zu behandeln, in dem Hauſe, zu dem Sie Ihr Muth und Ihr Zorn brachte, ein ſo reich begabtes Weſen wie die liebliche Lilie, entdeckten. Aus Allem, wie ſie mir auf Rehfeld erſchien, kann ich mir denken, was ſie für Sie in Petersburg geweſen iſt. Ich bin überzeugt, daß Ihre Mutter mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Doppelzüngigkeit ſogleich, als ſie die Verir⸗ rung Ihres Geiſtes bemerkte, die Hülfe ihrer Stief⸗ tochter aufforderte, um ihren rebelliſchen Sohn zu zäh⸗ men. Ida liebte, zu einer Sache aufgefordert, ſie liebte, zur Theilhaberin einer Liſt gemacht zu werden, und Sie müſſen entſchuldigen, wenn ich viele der Reize, bei denen Sie in Ihrem Briefe ſo lange verweilen, der Emſigkeit zuſchreibe, mit welcher die kaltherzige Schönheit ihre Rolle ſpielte, und, gleich einer Jungfrau in einem Mährchen, durch die Größe ihrer Reize die Grauſamkeit eines wilden Anſtürmenden zähmte. Alles, was ich jetzt noch als Ermahnung ſagen kann, iſt:„Rufen Sie Ihre Neigungen wieder ſo ſchnell zurück, als ſie Ihnen entwiſcht ſind. Ich weiß gewiß, die Fürſtin hat Ihrer, ſeit dem ſie Petersburg verließ, keinen Augenblick mehr gedacht. Solch eine Treuloſig⸗ keit ſollte Ihren Zorn erregen; aber Ehrlichkeit iſt nicht nur die beſte Politik, ſondern auch in dieſem Falle die wahrhaftigſte Freundſchaft. Ihr einziges Streben geht darauf aus, ihre Wich⸗ tigkeit hier, und den Einfluß des Fürſten bei der Re⸗ gierung in ſeinem Lande zu behaupten: Ihren Inſtruc⸗ tionen von Petersburg zu genügen, oder, wenn mög⸗ lich, ſie zu übertreffen, iſt das Studium ihres Lebens, und könnten Sie das Benehmen ſehen, welches dieſe achtzehnjährige Syrene— dieſe Taube mit der Arg⸗ liſt einer Schlange— gegen die Perſonen annimmt, welche für die gegenwärtige Politik des ruſſiſchen Ca⸗ 46 binets paſſend ſind, ſo würden Sie bekennen, daß die Bewunderung, welche Taleyrand mit achtzig Jahren von der diplomatiſchen Welt erntete, bei ihr vertau⸗ ſendfältigt werden ſoll. Ich gebrauche das Wort„Bewunderung,“ hier im Sinne von„Wunder,“ da ich wenig Neigung für weibliche Politik habe. Laſſen Sie die lieblichen Ge⸗ ſchöpfe mit der ganzen Kraft des Glanzes ihrer Augen und den Korallen ihrer Lippen erobern. Jedes Hirn⸗ geſpenſt in dem reizenden Kopfe eines Weibes geht ein⸗ mal elendlich zu Ende! Laſſen Sie mich deshalb von Ihrer ſchnellen Wie⸗ dergeneſung hören, wenn Sie einigen Werth auf meine vetterliche Freundſchaft legten. 1 Dreiunddreißigſter Brief. Von der Vicomteſſe Elvinston in Woolsthorpe⸗Park, an die Fürſtin Gallitzin in Paris.. Ich würde fürchten, theuerſte Ida, mich des Egois⸗ mus ſchuldig zu machen, wäreſt Du nicht auf Deinem Wunſche beſtanden, daß ich Dir Alles, was ich ſehe, höre und vielleicht in meinem neuen Vaterlande miß⸗ verſtehe, mittheilen ſolle, denn ich zweifle nicht, daß Dein heller Verſtand wichtigere Schlüſſe aus den bloßen Thatſachen ziehen wird, welche ich Dir zu Deiner Un⸗ terhaltung mittheile, als ich zu thun vermag. Ich ſagte Dir von unſerer glücklichen Ankunft hier. Ich würde zögern, Dir die befriedigende Art unſeres Empfanges zu beſchreiben, wenn es nicht ein reiner 47 Dribut der Liebe für meinen Gemahl und der Ergeben⸗ heit ſeiner Familie wäre. Als wir die Grenzen der Elvinston'ſchen Güter in Yorkſhire erreichten, kam uns eine Verſammlung ſeiner Hauptlehensleute zu Pferd entgegen, die Hochzeitsge⸗ ſchenke brachten, und uns als Ehrenwache nach Hauſe begleiteten. In vielen Dörfern, durch die wir kamen, waren Triumphbögen errichtet, mit Immergrün und Blumen von den Händen der Landleute verziert, und ich muß geſtehen, daß die ſchönſten Monumente in Paris oder Petersburg mir nie das Vergnügen gewährten, wie dieſe ungekünſtelte Verſuche mit ihren unorthographi⸗ ſchen Inſchriften und ihren zweideutigen Senklinien. Der wirklich prachtvolle Triumphbogen am Ein⸗ gange des Schloſſes, wie ich glaube von dem treuen Hausmeiſter Elvinston's errichtet, mit reichen weißen Panieren, die meinen Namen trugen, und mit Guir⸗ landen von den ſeltenſten ausländiſchen Gewächſen be⸗ hangen, gefiel mir weit weniger, als die unſcheinba⸗ ren des Landvolkes. Ich habe dieſe Art öffentlicher Freudenbezeugungen in Paris geſehen, wo man ſagt, ſie werden durch Einmi⸗ ſchung der Polizei errichtet; und in Petersburg, wo die Treue mit ſo eiſerner Hand erzwungen wird, daß man nur zwiſchen der Anhänglichkeit an den Kaiſer und zwiſchen Sibirien zu wählen hat! Aber in dieſem Lande der Freiheit, wo allen Gefühlen, öffentlichen oder privaten kein Zwang angelegt wird, iſt es eine große Freude, der Aufrichtigkeit gewiſſer Beweiſe von Liebe vertrauen zu können. Lord Elvinston iſt, wie ich feſt überzeugt bin, ein vortrefflicher Hausvater. Er ſagte mir lächelnd, daß er einfach nur der Nachfolger derjenigen ſei, die ihrer Zeit gute Hausväter waren, und daß ſein Vormund, Sir Thomas Meredyth, für jetzt noch mehr Recht als er ſelbſt, auf die Toaſte ſeiner Lehensleute habe. Ich 48 für meinen Theil ſehe keinen Nutzen darin, den Urſprung der Liebe des Volks zu wunderlich zu analyſiren. In dieſer Welt iſt es ein ſo ſeltenes Glück, geliebt zu wer⸗ den, daß ich mich begnüge, das Gefühl zu empfangen, ohne deſſen Genealogie zu prüfen. Ach, theuerſte Ida, wenn Du nur die Landſchaft ſehen könnteſt, die unter meinem Fenſter liegt! Aber Du wirſt ſie ja ſehen! Der Fürſt wird uns nicht das Glück eines Beſuchs verweigern, wenn die Länge ſeines Aufenthaltes in Paris ihn berechtigt, um Urlaub nach⸗ zuſuchen. Mittlerweile will ich verſuchen, ſie Dir zu beſchreiben. 3 3 Du wirſt Dir noch erinnern, wie ſehr mich die ſchöne Umgebung von Schloß Rehfeld entzückte. Die engliſchen Landſchaften, enger zuſammen gedrängt, be⸗ ſitzen all die grüne Schönheit, welche ich Dich in den Landſchaften Böhmens bewundern ſah. Obgleich ich zugebe, daß Eure Wälder groß genug ſind, ſo mußt Du doch unſere engliſchen Parks beſuchen, wenn Du ſchöne Bäume bewundern willſt. Viele Eichen in den unſerigen ſind von dreihundertjährigem wohlbeurkunde⸗ tem Alter, und dem zu Folge in ihrem höchſten Punkte; eben ſo kannſt Du Dir nichts Reicheres als die Maſſe von ſchlanken Bäumen, mit ganzen Herden von Roth⸗ wild umgeben, denken, welche die Thäler überſchatten und die Anhöhen von Woolsthorpe einem von der Na⸗ tur ganz beſonders begünſtigten Platze, krönen. Ein ſtrudelnder Fluß, die Greta, lauft durch die Ebene, theilweiſe durch ihre felſigen Ufer dem Blicke verborgen, was der Scenerie einen doppelten Reiz verleiht. Der Raſen des Parkes, welcher bis zur Zeit Hein⸗ richs VIII. einem großen Kloſter gehörte, deſſen Ruinen jetzt die Hauptzierde der Landſchaft ausmachen, iſt einige Jahrhunderte umſchloſſen geweſen, und ſo ſchön wie Sammet. Ueberhaupt hätte ich nie geglaubt, daß die Natur zu irgend einer Zeit, oder an irgend einem 49 Orte ein ſo feiertägliches Ausſehen haben könnte. Wenn ich die wilden Umgebungen von Paris, die einförmi⸗ gen Straßen, das Buſchholz des Bois de Boulogne, und das ſchrecklich kahle Land, durch welches wir auf unſerer Reiſe nach Deutſchland kamen, erwäge(das dem Namen la belle France ſo höchſt traurig wider⸗ ſpricht)— wenn ich an die Rauheit Deines einfachen Sachſens denke, ſcheint es mir, daß dieſes Stückchen Landſchaft, welches ich von hier aus ſehe, dem von Gott ſelbſt, als die Erde noch ganz Unſchuld und Frieden war, gepflanzten Garten gleichen muß. Es iſt jedoch nicht allein der weite Umfang des Parkes, mit ſeinen Alleen von Ulmen und Buchen, und mit ſeinen mit Farnkräuter bewachſenen Schluchten, in denen ſich das Rothwild in dieſer Jahreszeit verſam⸗ melt, was die Aehnlichkeit ausmacht. Näher am Hauſe iſt ein Blumengarten, reicher mit Floras Schönheit geſchmückt, als ich mir je in meinen kühnſten Träumen vorſtellte. Jede Pflanze, die ich an irgend einem Orte als fremd und ſelten pflegen ſah, iſt hier zu Hauſe; denn die Engländer ſparen we⸗ der Koſten noch Mühe, aus den entfernteſten Ländern der Erde die Schätze ihrer Pflanzenwelt herbei zu ſchaffen. MNeecht gut erinnere ich mir Deine Enttäuſchung, als wir den Wintergarten in Petersburg beſuchten. Alles, was Du von den koloſſalen Räumen jenes un⸗ vergleichlichen Treibhauſes gehört hatteſt, wurde von der Wahrheit übertroffen. Wir ſahen uns jedoch ge⸗ zwungen, darin übereinzuſtimmen, daß das Gedeihen der Gewächſe einem ſo großen Raume wenig Ehre mache, während in Hinſicht auf die tropiſchen Vögel, die man ſo oft als unter den Zweigen der ihnen ent⸗ ſprechenden Bäume vollkommen munter ſchilderte, das elendeſte Vogelhaus in Paris mehr Anſpruch auf Be⸗ wunderung machen kann da einige wenige kränkliche Die Frau des Geſandten.„ 4 * Pagageien, Grünſpechte und bengaliſche Vögel dieſem Orte wenig Reiz verleihen können. Die Gewächshäuſer, welche das Haus auf zwei Seiten umgeben(hier ſo, daß die Fenſter des Geſell⸗ ſchafts⸗ und Frühſtückszimmers in dieſelben, wie in einen Garten ſich öffnen), gewähren, obgleich minder prächtig, einen weit reizenderen Anblick, indem ſie aus den größern Treibhäuſern in einem entfernteren Garten ſtets ſorgfältig gefüllt werden. Ich ſehe keine Pflanze anders, als in der vollſten Blüthenpracht;— und ſolche Pflanzen— ſolche Blumen!— Man könnte ſie für die Erzeugniſſe eines Feenmährchens halten! Das Haus iſt, was man hier Eliſabethen⸗Archi⸗ tektur nennt, halb gothiſch und ſehr würdevoll. El⸗ vinston ſagt mir, daß die Puriſten ſeiner Grafſchaft mit den von ſeinem Vater errichteten Treibhäuſern ſehr unzufrieden waren, indem ſie der Symmetrie des Wohnhauſes entgegen ſeien. Der verſtorbene Lord Elvinston brachte jedoch dieſes Opfer ſeiner Gattin, wegen ihrer leidenſchaftli⸗ chen Liebe für Blumen und machte das Recht eines Hausbeſitzers geltend, ſein eigenes Vergnügen als Ein⸗ wohner eher, als das des vorübergehenden Beobachters zu befördern. Und Dank ſei ihm für dieſe Entſchei⸗ dung; denn nie komme ich zum Frühſtücke herab und genieße eine Gartenausſicht, die allen Veränderungen des Wetters und der Temperatur Trotz bietet, ohne ein dankbares Gefühl. Es iſt ſo herrlich, unſere lieb⸗ ſten Genüſſe ſo in unſere Nähe gebracht zu ſehen! Die Zimmer ſind mit ausgezeichneten Gemälden geziert. Ein Claude, ein Titian, ein Ruysdael, ein Giorgione, ein Carlo Dolee und ein Dominichino, je⸗ des derſelben ein Meiſterwerk, ſchmücken das Gemach, in welchem ich ſchreibe. Wo iſt ein Haus in dem Faubourg St. Germain oder ein franzöſiſches Schloß, das Du ſo reich geziert finden wirſt? 3 Wo kannſt Du mir eine Privat⸗Bibliothek zeigen, 51 80 Fuß lang wie die, welche ich von hier aus ſehen kann, kühl, ruhig und einladend zum Studiren, wo bloß einige Bronze⸗Figuren, ein Paar prächtige Glo⸗ bus und die ſchönen Jaspis⸗Vaſen, die mein Gemahl von Petersburg hieher brachte, das Auge von den langreihigen, nüchternen Bücherſchränken und dem ſoli⸗ den Mitteltiſche, der mit Portefeuilles und Schreibma⸗ terialien bedeckt, abziehen. Wenn ich mir die halbge⸗ füllten und Baracken ähnlichen Bibliotheken einiger großen Häuſer, die ich in Rußland zu beſuchen Gele⸗ genheit hatte, ins Gedächtniß zurückrufe, ſo fühle ich mich gezwungen zu bekennen, daß wir hierin dem eng⸗ liſchen Muſter nur roh nachgeahmt haben, während wir ſie zu übertreffen glaubten. Das Speiſezimmer iſt lang und einfach, wie ein Speiſezimmer ſein ſoll; das ſeinen Glanz von der Tafel, wie das Theater von der Bühne erhalten muß. Es iſt mit einigen Jagdſtücken von Snyders und Hon⸗ deköter, mit Portraits von dem verſtorbenen Lord El⸗ vinston, ſeiner Gattin und ſeinem Sohne geſchmückt; die übrigen Familiengemälde befinden ſich auf einem Gute in Schottland, welches die Wiege dieſes alten Geſchlechtes iſt. Das Getäfel dieſes Speiſezimmers iſt von Eichen⸗ holz und reich mit Schnitzwerk verziert; ganz beſon⸗ ders aber iſt es das für die Feiertage vorbehaltene, welches dazu beſtimmt iſt, bei feſtlichen Gelegenheiten die Jagdbecher und goldenen Platten zu entfalten. Als ich das erſte Mal in das Zimmer trat, hielt ich es für finſter und unfreundlich, und vermißte den Marmor und die Muſcheln, welche die Bankethallen meines eigenen Landes ſchmücken. Eine momentane Ueberlegung und Elvinston's Erklärungen überzeugten mich, daß ein wärmerer Styl der Dekoration für dieſes Clima unpaſſend ſei, welches weder die in Rußland unentbehrliche Ofenwärme, noch viele Beachtung jener ſechs Monate bedarf, die leider, 52 zum Mißkredit des engliſchen Geſchmackes, größtentheils in der Hauptſtadt zugebracht werden. Das Dunkel deſſelben wird mich übrigens wenig berühren, da das Anzünden der Kerzen des Kronleuch⸗ ters, welcher über unſerem Tiſche hängt, daſſelbe ohne Zweifel verſcheuchen wird, und wir haben überdies eine anſtoßende Reihe von Zimmern für unſern gewöhnli⸗ chen Gebrauch, in welchen man aus dem Speiſezimmer in einen ſchönen Garten ſieht, während letzteres nach Belieben durch eine Marmor⸗Fontaine vor den Fenſtern erfriſcht werden kann. Die Hauptauszeichnung von Woolsthorpe beſteht in meinen ausländiſchen Augen in der Menge und Eleganz der Schlafgemächer. Unſere Sommerſchlöſſer ſind im Vergleiche elend, kahl und mager. Du kannſt Dir in der That nichts Schöneres und Bequemeres als dieſe kleinen Zimmerchen denken, deſ⸗ ſen ſchönſtes in Paris» un apparten ent richement decoré et orné de glaces,« ausmachen würde. 4 Dies, meine Theuerſte, iſt das Haus, auf deſſen Schilderung Du beſtanden haſt, das beinahe königliche Schloß; denn ich kann mir außer St. Cloud nichts entſinnen, was mit ihm einige Aehnlichkeit hätte, und ſelbſt dann iſt es St. Cloud mit Neuilly vereinigt, in die Mitte des Parkes von Verſailles, an die Gränze der wilden Scenerie von Fontaineblau geſetzt. Iſt dies nicht wirklich ein Paradies? Und doch, welch' einen ſchwachen Begriff kann ſelbſt dieſes Wort von der Schönheit der Scenerie, von den luxuriöſen häuslichen Einrichtungen, von der Bequemlichkeit für Gäſte aller Klaſſen, von der Annehmlichkeit des Clima's und den Sitten des Landes geben? Bis jetzt zeigt ſich das beſagte Clima jedoch von einer ſo freundlichen Seite, daß ich nicht länger mehr an die Behauptungen, oder, wie es mein Mann nennt, Fabeln meines Vetters Alfred glaube, daß der ſtrenge Winter hier viel beſſer mit unſern Doppelfenſtern von Peters⸗ 53 burg, oder mit Deinen deutſchen Oefen, ſtatt unſerer offenen Kamine zu ertragen ſei. 1 Ich genoß in der That niemals eine größere An⸗ nehmlichkeit des Wetters, als ſeit ich die Sommer⸗ wärme in Verbindung mit dem veränderlichen Wolken⸗ himmel in England fühlte, in dem die Sonne einen ganz natürlichen Schleier zu beſitzen ſcheint, der fähig macht, ihre Strahlen mit Muße zu genießen. Ein Abend⸗Spaziergang in jenen ſchönen Blumen⸗ gärten, oder in dem ſchönen luftigen Gehölze von Woolhsthorpe, in welchem ein klarer See iſt, deſſen Inſeln ſich in dieſer Jahreszeit mit blühendem amerxi⸗ kaniſchem Gebüſche geſchmückt haben und in dem ruhi⸗ gen Waſſer ſpiegeln, würde Dich ganz mit England's Clima ausſöhnen. In dieſem Augenblicke denke ich mir Dich, von einer Luſtpartie in den Bois zurückkehrend, Deine Kleider mit Staub bedeckt und Deine Augen von dem Glanze jener Kalk⸗Felder, deren magere Wei⸗ den und blaſſen Laubwerke ein nur zu deutlicher Beweis des ſteinigten Grundes ſind, entzündet; der Himmel iſt ganz rein, die Landſchaft ganz Ermattung, während die menſchliche Natur unter dem Einfluſſe ſolch' drückender Sonnenhitze erliegt! Hier iſt im Gegentheil Alles Friſche und Ruhe. Jeder Sinn findet ungeſtörten Genuß. Aber Du wirſt mich eine Enthuſiaſtin nennen, theuere Ida, ein Fehler, den Du mir, der Himmel weiß es, früher nie zur Laſt legteſt! Noch zwei Worte weiter; die Dörfer— dieſes Landvolk! Du kannſt Dir kaum etwas Lieblicheres denken, als die Weiler, in waldige Thäler neben Korn⸗ feldern verſteckt, jeder von einem klaren Bach durch⸗ ſchlängelt und in der Ferne nur durch ein einfaches Thurmſpitzchen überragt. Ich gebe zu, daß die demü⸗ thigen Häuſer derſelben ein beſſeres Studium für den Menſchenfreund, als für den Künſtler abgeben würden, denn Wohlſtand und Behaglichkeit iſt ſelten maleriſch. 54 Ich kann die phantaſtiſchen Dörfer kaum anſehen, wie ſie in der Nähe von Petersburg, oder in dem königlichen Petit Trianon find, mit welchem Du jetzt bekannt ſein wirſt. Ein Dorf ſollte ausſehen, als ſei es dazu gemacht, demüthig, aber ehrlich darin zu ar⸗ beiten, zu beten, zu lieben, zu leben und zu ſterben; während Eure maleriſchen Schweizerhütten und Kiosks, wenn ſie in andere Länder verſetzt werden, nur als ein Verſpotten der Armuth erſcheinen! Du wirſt vielleicht böſe ſein, meine theuere Schweſter, daß ich ſo unbarmherzig lange bei meinen neuen Gütern verweilt,(welche ich, glaube mir, nicht ein Atom mehr bewundere, weil ich an deren Befſitz Theil habe) und keinen Raum für die Beantwortung Deiner Fragen in Betreff des Standes der Partheien in England mehr gefunden habe. Du weißt nur zu gut, wie wenig ich von dieſen Dingen verſtehe, und mich je darum bekümmert habe. Selbſt Elvinston wird von ſeiner Familie angeklagt, in politiſchem Ei⸗ fer und Wiſſen ſchmachvoll vernachläſſigt zu ſein. Er hält es jedoch für möglich, ſeine verlorene Zeit wieder hereinzubringen. 1 Nächſtes Jahr wird er ſeinen Platz im Parla⸗ mente einnehmen, und dann verſpreche ich Dir, mich ſolchen Studien zu widmen, um Dir Deine Fragen beantworten zu können. Nicht einmal über die Popularität des ruſſiſchen Geſandten bin ich im Stande Auskunft zu geben. Als eine geborene Ruſſin richte ich nicht gerne ſolche Fra⸗ gen weder an die eine noch an die andere meiner Schwägerinnen; ſie möchten auch zögern, ſie zu beant⸗ worten, wenn die Erwiederung unbefriedigend ausfal⸗ len würde. Ich habe Lord Elvinſton ſagen gehört, daß Fürſt Lieven.... aber es iſt unnöthig, Bemer⸗ murho 3 wiederholen, die Du ſo gut wie ich, ge⸗ ört haſt. Wir werden bis gegen den Anfang des Auguſts 55 an dieſem ſchönen Platze hier verweilen; und dann werden wir nach Elvinſton⸗Caſtle zur Eröffnung der Jagd, welche hier zum Unterſchiede von den zahmeren Jagden des Südens, Sumpfjagd genannt wird, gehen. Ich erſuche Dich jedoch, theuerſte Schweſter, mir noch vor dieſer Zeit zu ſchreiben, und mir auch ferner jene erfreulichen Berichte von Deiner Geſundheit und Deinem Glücke zu geben, welche das meinige in mei⸗ nem neuen Lande vervollkommt haben. Vierunddreißigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin in Paris an die Vicomteſſe Elvinston. Ich danke Dir, theure Lady Elvinſton, für Deine entzückende Nachricht aus London. Ich habe es ver⸗ ſucht, einige der diplomatiſchen Vertrauten meiner Ge⸗ ſellſchaft zu Deiner anziehenden Tracht zu bekehren, beſonders da dieſe bei ihrer Anweſenheit an dem eng⸗ liſchen Hofe förmlich gemartert worden waren. Aber ach, das London von der Erfindung dieſer, weicht ſehr weit von dem London nach Deiner Art ab. Es iſt indeſſen natürlich, daß Du es en beau ſehen ſollteſt, um zu wiſſen, wie ſehr mich Paris ent⸗ zückt hat. Der Reiz der Neuheit zählt für Vieles; das Vergnügen aber, mit denen in Geſellſchaft zu ſein, welchen wir einige Gefühle, guten Willen und Bewun⸗ derung einflößen, zählt für mehr. Unſere Zeit verſtrich ſehr angenehm. Bis jetzt hat Niemand vom diplomatiſchen Corps Paris ver⸗ laſſen, und die Sommer⸗Soiréen werden auf einem ſo leichten Fuße fortgeſetzt, daß ich in ihnen oft nach 56 einem Ritte in dem Vois oder in den eliſäiſchen Fel⸗ dern en demie toilette erſcheine. Whiſt und Unter⸗ haltung bilden die einzige Abwechslung in dieſen Ge⸗ ſellſchaften, ausgenommen, wenn hie und da ein de- jeuner dansant die Villa's in der Umgebung belebt. Auf dieſen Villa's haben wir häufige Diners. Die Fürſtin von Montmorency beſitzt einen entzückenden Park zu Auteuil. Ihre Landsmännin, die Fürſtin Ba⸗ gration, hat einen in Suresne, der öſtreichiſche Ge⸗ ſandte einen zu Bellevue. Nebſtdem haben wir mit der königlichen Familie zu St. Cloud, und bei dem Herzog von Orleans in Neuilly dinirt, und waren von Madame eingeladen, eine Woche mit ihr auf ihrem entfernter liegenden Schloſſe von Rosny zuzu⸗ bringen. Während meiner erſten vierzehn Tage in Paris hat die Herzogin von C... mich fortwährend wegen der Oefſentlichkeit meiner Stellung, ſowohl als Gattin eines Geſandten, als in meiner Eigenſchaft als Fremde, bemitleidet. „Ich fürchte, daß Sie es ſehr unbehaglich finden müſſen, ſich in einer ſo hervorragenden Stellung zu be⸗ finden,“ ſagte ſie.„Gegenwärtig, meine Theuere, ma⸗ chen Sie Aufſehen bei den Italienern. Aber das Miß⸗ geſchick wird nicht von Dauer ſein. Wir Franzoſen ſind ungezogen genug, um in dem ſchrecklichen Rufe zu ſtehen, nach Neuiakeiten zu rennen und Fremde an⸗ zugaffen. Sie werden ſich bald nach uns richten, ſich vor Allem des Vergnügens erfreuen, unbemerkt mit der Maſſe zu gehen, und Ihren eigenen Deviſen zu folgen.“ Ich war nicht ſehr geneigt, meiner neuen Freundin einzuräumen, daß ich in ſolch einer Ausſicht nichts ſehr Anziehendes finde. Das Ende erſchien nicht näher als anfangs. Ich bin immer noch nicht bloß von der Maenge verfolgt, wenn unſere prächtige Equipage zu irgend einem königlichen Diner ſich in Bewegung ſetzt, auch wenn ich in einer Privatgeſellſchaft erſcheine, 57 drängen ſich Gruppen neuer Bekanntſchaften um mich, und wetteifern, meine Aufmerkſamkeit zuerſt auf ſich zu ziehen. Die Hälfte von dieſen Beſtrebungen ent⸗ ſpringt aus Neugierde. Die Pariſer ſind überraſcht, daß eine Fremde, vorzüglich eine Deutſche ihre Sprache ſpricht und auf ihre Ideen eingeht, als wäre ſie in dem Faubourg geboren und in dem Sacré coeur aus⸗ gebrütet; und ich vermuthe, daß manche der ernſteſten Anſtrengungen zu dem Zwecke gemacht werden, mich in eine Unterredung zu verwickeln, um an mir in dem einen oder in dem andern Punkte einen Fehler zu finden. Es ſind, wie mir die Fürſtin W. ſagte, wenige Ruſſen von Diſtinction, die beſtändig hier leben, aber viele auf einer beſtändigen Durchreiſe durch Paris begriffen, hauptſächlich Liebhaber von Vergnügungen, die in die muntern Boulevards und die brillanten Theater verliebt ſind, welche mich am wenigſten an⸗ ziehen. Hier, ſo wie überall auf ihren Reiſen, zeich⸗ nen ſie ſich durch ihre Geſichtszüge aus. Ihre Reich⸗ thümer und ihre Sorgloſigkeit font parler d'eux, aber nicht immer auf eine ſo vortheilhafte Weiſe, als man wünſchen kann; denn obgleich die ſchönſten Ju⸗ welen bei Hof über ruſſiſchen Augenbrauen und auf ruſſiſchen Uniformen geſehen werden, obgleich die reich⸗ en Equipagen und die beſten Opernlogen ihnen ge⸗ hören, ſo darf man doch gewiß ſein, daß irgend eine Anekdote ſich an ſie knüpft, irgend ein excentriſcher Zug, oder ein Anhängſel von Barbarism, welche ſie in dem kritiſtrenden Auge der Pariſer Verfeinerung herabſetzen. Dennoch ſind ſie mir ſehr angenehm, doppelt an⸗ genehm, weil ſie meine natürlichen Satelliten in dieſem Lande bilden. Wenn es bei den andern Vergnügen, ſo iſt es bei ihnen Geſchäft, mir den Hof zu machen; nur muß ich ſie beſchuldigen, daß ſie mit ihren Huldi⸗ gungen nicht ſehr verſchwenderiſch ſind. Bei meiner Ankunft war ich gezwungen, eine Reihe officieller Di⸗ 58 ners zu geben und anzunehmen, und ich wurde mit dieſer Pflicht ausgeſöhnt, weil ich bemerkte, daß die ruſſiſchen Gewohnheiten in den deutſchen Bädern, ehe das Laub an den Bäumen ifſ, ſich abgeſchliffen haben, um zu den Regeln des Anſtandes hinaufzuſteigen. Mein Verkehr mit dieſen Menſchen erſcheint mehr als eine Pflicht, während der mit dem Hotel C... ein Vergnügen iſt. Die Stellung, welche ſie in der fran⸗ zöſiſchen Geſellſchaft erhalten, hängt hauptſächlich von dem ab, was ihr Geſandter ihnen zugeſteht, und es erfordert einigen Takt und vor Allem eine ſorgfältige Beachtung der Wünſche des Kaiſers, um zu wiſſen, wer mit offenen Armen zu empfangen iſt, wer mit Zurückhaltung, wer mit Kälte, wer nachläßig auszu⸗ ſchließen und wer mit Verachtung. Dieſer Theil meiner Aufgabe iſt am meiſten kri⸗ tiſch, weil ich keine Präcedentien habe, welche das Gedächtniß an das Benehmen der Frau von Rehfeld unter ähnlichen Umſtänden erinnern könnten. In St. Petersburg iſt auch der Bruder oder die Schweſter eines Geſandten, wenn er bei Hofe vernachläſſigt wird, nicht im Stande, durch eine ſolche Verwandtſchaft Bedeutung in der Geſellſchaft zu erlangen. Auch hat unſere arme Reſidenz nicht ſo viele Hin⸗ und Herrei⸗ ſende von genügendem Anſehen abzufertigen, daß fie dieſelben in ihren Soiréen einladet, oder in die com⸗ merciellen Coterien kriechen läßt, welchen ſie natürlicher Weiſe angehören. Hier geht Alles auf einem ganz verſchiedenen Fuße. Bei den diplomatiſchen Diners, bei Hofe, überall ſind die reiſenden Ruſſen eingeladen, mit ihrem Geſandten ſich zu vereinigen, und es tritt häufig der Fall ein, daß ſie ihrer Einführung in Paris Quellen verdanken, die außer aller Verbindung mit der kaiſerlichen Krone ſtehen, wie z. B. frühere Verpflichtungen des verſtor⸗ benen Königs während ſeines Aufenthalts in Mietau, oder Gefälligkeiten, die ſie in St. Petersburg frühe⸗ 59 ren Geſandten, oder Reiſenden der franzöſiſchen Nation erzeigten; daher iſt der Auftrag oft ſo, daß er Verle⸗ genheit bereiten könnte.. Der engliſche Geſandte hatte, wenn auch die eng⸗ liſche Regierung aufmerkſam auf ſolche Gegenſtände wäre, während ſie ganz gleichgültig dagegen iſt, ver⸗ gleichsweiſe eine ſehr leichte Pflicht. In wenigen Stunden bringt der Telegraph Neuigkeiten nach Eng⸗ land; in zwei Tagen bringt ein Courier Inſtruktionen, der Geſandte kann ſeine Unterbandlungen, die Geſand⸗ tin ihr Benehmen nach den Befehlen ihres Hofs ein⸗ richten, ohne ein Protokoll oder eine Einladung unter Vorbehalt anzunehmen. Unſere Stellung iſt viel ſchwieriger. Der Reprä⸗ ſentant Rußlands muß ein Mann ſein, der im Stande iſt, auf eigene Autorität zu handeln, ein Mann, der mehr verſteht, als eine blos in die Augen fallende Schau⸗Puppe mit einem gewandten Secretäre, der a neun Zehntheilen das Weſen eines Geſandten ildet.— Hinſichtlich meiner Erleichterung in dieſen Punk⸗ ten iſt mir die Correſpondenz Deiner Mutter unſchätz⸗ bar. Ehe ich Rußland verließ, waren uns zahlreiche Briefe mit Inſtruktionen zugeſtellt, und das perſönliche Vertrauen, welches der Kaiſer auf den Fürſten Gal⸗ litzin ſetzte, ſchien uns unſern Weg gerade vorzuzeich⸗ nen. Aber es ereignet ſich manchmal, daß ein Kieſel ein eben ſo großes Hinderniß für das Fortgehen einer Maſchine als ein Felsſtück iſt, und viele dieſer kleinen Perſonagen hier, über welche mir mein eigenes Urtheil und meine eigene Handlungsweiſe überlaſſen wurde, bringen mich außerordentlich in Verlegenheit. Ich würde ſehr erfreut ſein, wenn ich im Stande wäre, dieſe Landsleute meines Mannes nach meinem Gefühle gerne oder nicht gerne zu empfangen; allein dies iſt unmöglich. In dieſer Beziehung kannſt Du, theure Margue⸗ 60 rite, mir in einem ſchwierigen Punkte einen Dienſt leiſten. Ich bitte Dich, von Lord Eloinſton einige Aufklärungen über eine engliſche Familie ſich zu ver⸗ ſchaffen, mit welcher ich alle Augenblicke meinen Kopf zuſammenrenne. Mein Kopf profitirt wenig bei dieſer Colliſion, denn jene ſind eben ſo unerleuchtet, als ſie fashionable und prunkend ſind. Es iſt eine Lady Fau⸗ conberg mit ihren zwei Töchtern, wovon die eine ver⸗ heirathet, die andere Braut iſt. Sie haben ſich zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten in verſchiedenen Theilen des Con⸗ tinents aufgehalten, und vermöge ihres Reichthums, ihrer Figur und ihrer Diamanten ſcheint Lady F. eine gewiſſe Stellung im Leben eingenommen zu haben; aber wenn ſie den Mund öffnet, wollen einige die Ge⸗ meinheit der Natur beargwohnen, welche mit ſo viel äußerlicher Eleganz verknüpft iſt. Beim erſten Anblicke faßte ich ein Vorurtheil ge⸗ gen dieſe Weiber. Die Dreiſtigkeit und Unverſchämt⸗ heit in ihrer Schmeichelei, eine der roheſten Künſte der unternehmenden Leute, beſtimmten mich, ſie aus meinem vertrauten Zirkel auszuſchließen. Aber ich faßte keine Art von Beſchlüſſen gegen Lady Fauconberg, ohne daß ſie einen Strich durch das Projekt machte. Sie war entſchloſſen, mit mir vertraut zu werden, und meinen verbietenden Blicken und Befehlen zum Trotze finde ich ſie bei der Geſandtſchaft auf dem leichteſten Fuße, wie zu Hauſe. Indem ſie von der Buſenfreundſchaft mit unſern Vorgängern ſpricht, und mich als ein ſüßes, junges Geſchöpf behandelt, vereitelt ſie alle meine Kälte. Jeden Tag faſſe ich den Beſchluß, daß ſie nie mehr den Weg wieder hieher finden ſolle; aber jeden Tag ſchleicht dieſes kälteſte der kalten Weiber durch das Schlüſſelloch herein und kommt meiner Weigerung, ſie zu ſehen, zuvor. 4 In Betracht ihrer Perſon ſollte ich keinen Anſtand nehmen, ihre Kühnheit mit den derbſten Mitteln nie⸗ der zu ſchlagen; aber die Eleganz ihrer Kleidung und 61 Tournure kämpft gegen mich weit heftiger, als es mit der meiner kaiſerlichen Gebieterin der Fall ſein möchte. Der Gatte der verheiratheten Tochter iſt ein engliſcher Pair, ein Lord Montagu, und der Fürſt iſt begierig, von Lord Elvinſton zu erfahren, ob er ein Mann von parlamentariſchem Einfluß ſei? Er iſt gerade jetzt mit ſeiner Gattin hier, um Lady Fauconberg zu beſuchen, und es ſcheinen ſeine Meinungen und Fähigkeiten pro⸗ blematiſch. Sollte ſeine Gattin ihrer unverheiratheten Schweſter gleichen, die eine ſpröde Jungfrau von einem gewiſſen Alter iſt, mit aller Freiheit eines verheirathe⸗ ten Weibes, ſo wird ſie mir ſo wenig annehmbar ſchei⸗ nen, als ihre Lady Mutter. Miß Fauconberg hat indeſſen, vermöge einigen Talents, großer Schönheit und noch größerer ODreiſtig⸗ keit, eine Art von Einfluß auf die hieſige Geſellſchaft gewonnen, wie dieſes gewöhnlich bei Menſchen der Fall iſt, die Alles gerade heraus ſagen, was ihnen in den Sinn kommt, wenn der Sinn gut iſt. Es iſt ein Ein⸗ fluß, der durch eine nicht zu beneidende und gefährliche Notorietät begleitet wird. Selbſt ohne alles Gefühl macht ſie ſich nichts daraus, das Anderer zu verletzen. Ihre Schönheit und ihr Talent, beißende Antwor⸗ ten zu geben, hatte die Aufmerkſamkeit vieler jungen Männer erregt, die erfreut waren, in Geſellſchaften amüſirt zu werden, ohne ſelbſt immer zu amüſtren, und in Folge der Diners der Mutter und des Witzes der Tochter wird ihr Haus ſtark beſucht. So ungern ich es thue, würde ich den Fehdehandſchuh hinwerfen, aber ich kann es nicht wegen unſerer Ungewißheit hin⸗ ſichtlich des Lords und der Lady Montagu. Die beiden Vaudreuils waren die Mittelsperſonen unſerer Bekanntſchaft mit dieſem Volke. Graf Alfred erklärt das Haus Fauconberg als einen unerläßlichen Beſtandtheil ſeines Lebens, gleich dem Café Tortont oder dem Jeu de Daume, und er behauptet, daß es eine Unmöglichkeit ſei, den Sommer in Paris ohne 62 geeiste Melonen, ohne Ballſpiel und ohne die Imper⸗ tinenzen der„kleinen Fauconberg,“ welche ſeiner Mat⸗ tigkeit Naſenſtüber gibt, zuzubringen. Aber ich habe ihm aufrichtig geſagt, daß dieſe wilden Thiere, obgleich er ſie an einer Kette führe, in meiner Menagerie kei⸗ nen Platz finden ſollen. Miß Fauconberg iſt die ein⸗ zige Perſon, die ich je ſah, deren abſtoßende Kälte und Hochmuth keinen nachtheiligen Einfluß auf die Geſell⸗ ſchaft geübt hat. Um Dir ein Muſter ihres naſeweiſen Styls zu geben, höre: In der vergangenen Nacht ereignete es ſich bei einer kleinen Soirée der Frau von Appony zu Belle⸗ vue, einer jener kleinen Geſellſchaften, die alle Ein⸗ fachheit der Deutſchen und alle Geſelligkeit von Paris vereinigen, daß ich auf einer Ottomane nahe an den offenen Fenſtern mit der Herzogin von C., der Geſand⸗ tin Neapels, und zwei oder drei vertrauten Freundin⸗ nen ſaß. Die engliſche Miß lehnte in dem Kiſſen der gegenüberſtehenden Ottomane, und war in dem, was die engliſchen jungen Damen eine„entſchiedene Koket⸗ terie“ nennen, mit einem der öſterreichiſchen Attachés begriffen, der ſich an entſchiedenen Koketterien engli⸗ ſcher Damen ſeit den letzten fünfzehn Jahren ergötzt hatte. Plötzlich rief ſie nun aus:„A propos, chère Princesse“— ich konnte nicht begreifen, woher das a propos kam—„als wir geſtern durch Ihren Thor⸗ weg fuhren, war ich durch den Anblick einer meiner alten Freundinnen überraſcht worden, ein altes, ma⸗ geres Geſchöpf, welches Marie de Choiſy aufgezogen hat, und mehr die Freundin, als die Gouvernante des Hauſes Choiſy war. Wir waren Alle gewohnt, in ſie vernarrt zu ſein, denn ſie half uns unſere Tableaux und Charaden machen, und war zu Allem für Jedes bereit. Nie war ein Geſchöpf ſo willig, Federnkleckſen um ſich her zu haben, als die arme Thereſe Moreau. Können Sie mir ſagen, was aus ihr geworden iſt?“ 63 „Sie iſt an mein Haus attachirt,“ entgegnete ich ſo kalt, als ich hoffen konnte, daß es ſie zum Schwei⸗ gen bringen werde. „An Ihr Haus attachirt?“ rief Miß Fauconberg, herzlich lachend, und mit der Abſicht, über meine Worke zu ſpotten.„Ich habe geglaubt, daß es blos der Herr Fürſt ſei, der Attachés in ſeinen Dienſten habe?“ Ihr eigener Attaché applaudirte dieſen Witz und lachte zu meiner Ueberraſchung überlaut. Aber es iſt Gewohnheit, über die ſogenannten bon mots der Miß Fauconberg zu lachen. 3 „Darf ich Sie bitten, mir zu ſagen, in welcher Eigenſchaft ſie bei Ihnen attachirt iſt?“ verſetzte ſie, ihren Angriff verfolgend.„Sie können doch zuverlä⸗ ßig nicht eine Gouvernante bedürfen?“ „Ich bedurfte eine, als vor vielen Jahren Made⸗ moiſelle Moreau in meines Vaters Dienſte trat,“ er⸗ wiederte ich in einem gewiſſen Grade von Hohheit. „In Ihres Vaters Dienſte? Mais mon dieu, Sie ſind doch gewiß die Tochter des edeln Barons nicht, in deſſen ſächſiſches Schloß die arme, alte Thereſe ver⸗ bannt wurde, als ſie das Hotel Choiſy verließ? Sie, theuere Fürſtin Gallitzin, können nicht Fräulein von Rehfeld ſein, über welche ſie uns gleich nach ihrer An⸗ kunft in Deutſchland ſo unglaubliche Dinge ſchrieb?“ Schon bei mehr als einer Gelegenheit durch die Art von Guerillas⸗Krieg der Miß Fauconberg verletzt, hielt ich es für das Beſte, nicht durch eine Wieder⸗ vergeltung einen erneuerten Angriff hervor zu rufen, ihr vielmehr ruhig bejahend zu antworten, und über ihre rohen Exclamationen hinweg zu gehen. Da ſie eben fand, daß ſie ſich in dem, was ich als ein vorbedachtes Schema von Bosheit erkannte, getäuſcht habe, fügte ſie bei:„Sie müſſen mir gütigſt erlauben, Fürſtin, hie und da zu kommen und die arme, theure, alte Moreau zu beſuchen! Sie iſt ein ſo 64 vortreffliches Geſchöpf, und ihre Geſchichten über Deutſch⸗ land müſſen ſehr unterhaltend ſein.“ „Mademoiſelle Moreau iſt ihr eigener Herr, und weiß, welche Geſellſchaft für ſie paßt;“ war meine kalte Erwiederung. „Ihr eigener Herr? Aber Sie ſagten ja gerade, daß ſie an Ihr Haus attachirt ſei. So lange Sie uns nicht ein kleines Verzeichniß ihrer Funktionen geben werden, werden wir Alle das Wort„unabhängig“ in ruſſiſcher Bedeutung verſtehen. Sie meinen wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie eben ſo ſehr ihr eigener Herr in der Geſandtſchaft, als Fürſt Gallitzin Herr in Cars⸗ koöſelo iſt.“ Augenſcheinlich fühlten die anweſenden Damen, daß die privilegirte Impertinente ihre Prärogativen überſchreite; denn ſie brachen die Unterhaltung durch Bemerkungen ab, die beinahe eben ſo a propos waren, als die originelle Anſpielung der Miß Fauconberg, und trugen Sorge, daß dieſe nicht erneuert wurde. Im Verlaufe des Abends ſah ich den verehrungs⸗ würdigen Attaché, welcher den Zuſchauer bei der Scene gemacht hatte, mit Alfred de Vaudreuil, herzlich la⸗ chend, in einer Ecke, und ich bin faſt gewiß, ich ent⸗ nahm es aus der Art Ihres Vetters, die Achſeln zu zucken und zu ſuchen, ein ununterdrückbares Lachen af⸗ fectiren zu können, daß ſie ſich an der Kühnheit ergötz⸗ ten, mit welcher ihre ſchöne protégée, Geraldine Fau⸗ conberg, aufgetreten war. Dieſes Alles aber kann Dich, theure Marguerite, nicht unterhalten, und zuletzt würde dieſer Brief alle Grenzen des Poſtporto überſchreiten. Genehmige die aufrichtigen Verſicherungen meiner Zuneigung gegen Dich und Lord Elvinston, von welchem Du nicht er⸗ mangeln wirſt, mir die Aufklärung zu verſchaffen, um die ich Dich gebeten habe. 3 „ Fünfunddreißigſter Brief. Von Mademoiſelle Thereſe Moreau in Paris an die Vicomteſſe Elvinston, Elvinston Caſtle. Es iſt ſchon lange her, theure Lady, ſeit ich Ihnen das letztemal ſchrieb, aber halten Sie mich darum nicht für weniger dankbar für Ihre freundliche und be⸗ harrliche Aufmerkſamkeit. Meine Beſchäftigungen hier find ſo verſchiedenartig und ſo unausgeſetzt, daß ich ſelten zu einem ſo angenehmen Geſchäfte Zeit habe, wie die Korreſpondenz mit denen iſt, die ich liebe. Ach, theure Marguerite— ich ſollte ſagen: theure Lady Elvinston— ich finde mich mitunter und gerade jetzt den Klagen hingegeben, daß Peter aus dem Wege war, als er die Schachbretter und die Arbeitsbeutel der Baroneſſe von Rehfeld herbeibringen ſollte, und der Urſprung meines erwähnten Unfalls und Monſieur de Vaudreuils Unternehmens, meinen Platz in dem Wagen nach St. Petersburg einzunehmen, wurde, was ich, eines wie das andere, nicht anders betrach⸗ ten kann, als daß es alle Ereigniſſe herbeiführte, welche ſeitdem in der Familie eingetreten find; das die Vermählung Ida's mit einem Manne, deſſen Le⸗ bensweiſe einen mächtigen Einfluß auf ihren Charakter hat, und Ihre eigene Verbannung nach Schottland. Ich kann nicht helfen, wieder darüber zu klagen; denn bei all' dem Glänzenden unſerer Tage hier ſind der Zwang, die Verantwortlichkeit, das Ermüdende in vieler Hinſicht verdrießlich. Während Sie ſelbſt ver⸗ möge Ihrer engelgleichen Reſignation ſich für das glück⸗ lichſte der Weider erklären, kann und muß ich ein Ge⸗ wicht darauf legen, daß Sie, die Sie die Vortheile einer Pariſer Erziehung genoſſen haben, in den trau⸗ Die Frau des Geſandten. II. 5 66. rigen Norden, in das letzte Thule, unter eine Horde Halbwilder, deren Gewohnheiten ſo bacaque und ſo auffallend erſcheinen, verbannt ſind.* Sie ſagen mir, theure Vicomteſſe, daß Sie ſeit Ihrer Ankunft in England mehrmals dadurch beglückt wurden, für eine Engländerin gehalten zu werden. Die Fürſtin Gallitzin war darüber unwillig, als ich ihr dieſen Theil Ihres Briefes vorlas; denn es iſt ge⸗ wiß, daß die Manieren der engliſchen Damen hier wenig dazu beitragen, eine ſolche Verwechslung ſchmei⸗ chelhaft zu machen. Ich kann wohl einſehen, daß das Ruſſiſche Ihrer frühern Erziehung Sie mit einer Leich⸗ tigkeit und Gewandtheit der Sprache begabt habe, welche die Bewohner des Landes anſpricht, das Sie adoptirt haben und von welchem Sie ſich dagegen adoptiren ließen. Es iſt wahrhaft liebenswürdig von Ihnen, meine liebe junge Freundin, daß Sie ſich ſelbſt ſo dankbar gegen die Baronin ausſprechen, daß ſie Ihnen in der Kindheit die Sprache gelehrt hat, die Sie nun in den Stand ſetzt, Ihre Gedanken mit dem Manne, Ihrem Gemahle, auszutauſchen, welchem Sie wir es ſcheint, Ihr Herz unbedingt unterworfen aben. Die Fürſtin Gallitzin hat für ſolche Dienſte wegen der barbariſchen ruſſiſchen Sprache nicht zu danken, und es iſt auch nicht nothwendig. Zunächſt darum, weil der Fürſt der Mann nicht iſt, der gerne ein Plau⸗ dern, oder auch eine rückhaltsloſe Unterredung anhört; dann zweitens, weil die franzöſiſche Sprache die aus⸗ ſchließende Sprache des Herzens für den Hochgebornen und Wohlerzogenen iſt. Was immer ihr angeborener Dialekt ſein mag, alle hochherzigen Individuen von guter Erziehung brechen natürlich im Franzöſiſchen aus, um ihre Gedanken darzulegen, wenn immer ihre Her⸗ zen oder ihr Verſtand durch heftige Eindrücke oder edle Begeiſterung aufgeregt ſind. Ganz gewiß iſt die Hälfte 67 der Liebesbriefe und der Staatsſchriften Europa's in franzöſiſcher Sprache geſchrieben. Ich habe nun für meine Hände einen guten Theil zu ſchreiben, obwohl, meine theure Marguerite, gerade nicht in dem einen oder in dem andern dieſer Style. Ich habe alle die Einladungs⸗ und Geſchäftsbriefe, welche an die Fürſtin gerichtet ſind, zu empfangen und zu beantworten, ferner ihre Correſpondenz mit ihren hohen Colleginnen, mit den Damenſchneidern und an⸗ dern Lieferanten. In dem einen Augenblicke nimmt ein königliches, in dem andern das Billet eines Par⸗ fümeurs meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Ich ver⸗ richte, um es kurz zu machen, alle Funktionen eines Privatſekretärs, doch mit etwas weniger Amtswürde. Sie werden wahrſcheinlich glauben, daß ich mei⸗ nen Beruf, ſei er nun würdevoll oder nicht, mit Feuer ergreife, indem er mir die Gelegenheit darbietet, in vertraute Beziehungen mit der Fürſtin zu treten. Aber ſeit ſie hier angekommen iſt, wurde ihr Weſen ganz verändert. Ich ſehe ſie ſelten, nur dann, wenn es Geſchäfts⸗Angelegenheiten nothwendig machen. Stellen Sie ſich nicht vor, daß ich ſie deshalb tadle. Sie iſt ſo umringt, ſo beläſtigt, da find ſo viele Bewerber um ihre Gunſt, durch ihre um die des Fürſten, ſo viele, die ihrer Unterhaltung wegen kommen, da iſt ſo viel Anderes, weil die neue ruſſiſche Geſandtin 5 univerſal die Fashion iſt, daß ich vollkommen begreife, wie ſie ſo ſelten einen Augenblick findet, um ihn einer demüthigen Freundin, wie die arme Thereſe Moreau iſt, zu widmen. G Das Leben der Frau eines Geſandten, Marguerite, iſt kein ſo willkürliches Geſchäft. Ihr Beſtreben muß ſein, jeden zu unterhalten, nur ſich ſelbſt nicht. Sie darf auch ihren perſönlichen Neigungen nicht folgen, nicht einmal in ſo reinen Kleinigkeiten, wie die find, ihre Mittagstafel zu füllen, oder ihre Loge in der Oper. Jede Bewegung muß berechnet, jede Gunſt ſo bezeigt werden, daß ſie gute Zinſen trägt. Sie muß Feinde in Freunde verwandeln, ſie muß ſorgſam dar⸗ auf ſein, nichts ſo öffentlich zu thun, was ihre Freunde in Feinde verwandelt, ſie muß ein zartes und um⸗ ſichtiges Gleichgewicht der Gunſt zwiſchen der Nation, welche ſie repräſentirt und zwiſchen jener bewahren, bei welcher ſie Repräſentantin iſt. Doch wenn dieſes der Fall mit allen Frauen der Geſandten iſt, um wie viel mehr muß es bei der Frau eines ruſſiſchen Geſandten der Fall ſein, der ei⸗ nem abſoluten Monarchen verantwortlich, verantwort⸗ lich mit ſeinem Leben und ſeinem Eigenthume, oder vielmehr mit ſeinem Eigenthume und mit ſeinem Leben iſt, denn es iſt leichter ein Vermögen zu confisciren, als einen Kopf abzuſchlagen; denn das Vermögen iſt immer dem kaiſerlichen Scepter unterworfen, aber der Kopf iſt nicht immer auf dem kaiſerlichen Blocke. Es iſt bekannt, daß der Czaar jetzt aus Staats⸗ rückſichten außerordentlich vorſichtig gegen ſeine abwe⸗ ſenden Unterthanen iſt, und es ſcheint uns hinlänglich gerechtfertigt, daß die, welche ihre Revenüen aus ei⸗ nem Grundeigenthume beziehen, einen kleinen Theil von ihrem Reichthume abgeben. Er nährt ein ganz eigenthümliches Vorurtheil ge⸗ gen die, welche eine beſondere Vorliebe für Paris he⸗ en, deſſen Grundſätze ihn erſchrecken, deſſen Vergnü⸗ Hongen er verabſcheut, und daher iſt keine Aufgabe ſchwieriger, als die ſeines hieſigen Geſandten, der ent⸗ weder dem Czaar mißfallen muß, indem er denen ſeine Gunſt ſchenkt, welche dieſer bemißtraut, oder die Ruſ⸗ ſen der ungünſtigen Beurtheilung Frankreichs in hohem Grade ausſetzt.— Zwiſchen ſolchen glühenden Pflugſcharen hin hat die Fürſtin Gallitzin ihren Weg zu nehmen. In den beſten hieſigen Geſellſchaften trifft ſie eine Menge an⸗ genehmer Ruſſen, welchen ſie ihre Artigkeit verſagen muß, in deren Gegenwart ſie verpflichtet iſt, ſich zu 69 unterhalten, während ſie nicht aufzuführende Gründe für ihre ſcheinbare launenhafte Kälte hatte. Obwohl Ihre Excellenz über dieſen Gegenſtand nie mit mir geſprochen hat, weil, wie ich argwohne, der Fürſt gegen meine allzu offen ſich zeigende Stel⸗ lung als ihre Vertraute beſondere Vorſorge getroffen hat, indem ich ausgebreitete, ſociale Connexionen in Paris habe, ſo bin ich doch überzeugt, daß ihre haupt⸗ fächliche Beläſtigung von der allzugroßen Freiheit her⸗ rührt, mit welcher Ihre wilden Vettern, die Grafen de Vaudreuil, ſprechen und gegen ſie über geheiligte Gegenſtände ſpotten. Beſonders iſt es Graf Alfred, welcher ſich vermöge ſeiner früheren Vertraulichkeit mit ihr zu Rehfeld und St. Petersburg berechtigt glaubt, Perſiflagen auszuſprechen, die bei irgend einer andern Perſon die natürliche Folge haben würden, daß ihm die Thüre verſchloſſen bliebe. Denn wenn die Fürſtin Gallitzin ihn wegen der Unſchicklichkeit zurechtweist, die er in den Fragen begeht, ob eine Wolke, die ſich mo⸗ mentan auf der Stirne des Fürſten gelagert hat, von einem Knutenhiebe herrühre, den er heute mit den Morgen⸗Depeſchen vom Kaiſer erhalten; oder ob die von Ida mit Zurückhaltung empfangene ruſſiſche Dame mit dem ſchwarzen Kreuze kaiſerlicher Ungnade be⸗ zeichnet ſei; ſo vertheidigt er ſich damit, daß er ſeine Freiheit mit der Verwandtſchaft entſchuldigt. Auf Schloß Rehfeld hörte ich in Gegenwart Ihrer Mutter ihn niemals von irgend einem Gliede der Fa⸗ milie Rehfeld Vetter nennen, und der Baron vorzüg⸗ lich war gewöhnlich der Gegenſtand ſeiner wenig zu⸗ rückgehaltenen Verachtung. Ihren Bruder ausgenom⸗ men, ſah ich nie eine Perſon verachtungsvoller von hifſe Bekanntſchaft ſich zurückziehen, als den Grafen re. Dies Alles iſt ohne Zweifel peinlich und beläſti⸗ gend für die Fürſtin; denn ſie kann die mißfällige Miene des Fürſten nicht ertragen, wenn ſolche Kühn⸗ heiten je in ſeiner Gegenwart vorkommen. Ich ver⸗ muthe, daß er Ida privatim angewieſen hat, dieſe beiden kühnen, ſogenannten Vettern in einer ehrfurchts⸗ volleren Entfernung zu halten. Aber wie iſt das ge⸗ gen einen Mann möglich, der ſo durch und durch un⸗ erſchrocken iſt, wie Graf Alfred? Die Fürſtin mit all' ihrer anmuthigen Selbſtbeherrſchung iſt doch noch ſo jung, ſo wahrhaft jung für die ausgezeichnete Stellung, in der ſie ſich befindet, daß die Miene von Hingebung, welche ſie annehmen muß, um die Familiarität eines Mannes de bonne compagnie, der unter der Firma eines Verwandten in ihrem Hauſe zugelaſſen worden iſt, im Zaume zu halten, mit ihrer ſanften und zar⸗ ten Schönheit im Widerſpruche ſteht. Es würde daher, theure Lady Elvinston, ein Akt der Barmherzigkeit ſein, wenn Sie den Grafen Alfred auf die unangenehme Lage aufmerkſam machen würden, in welche er Ihre Excellenz verſetzt. Aber faſt hätte ich etwas vergeſſen! Die Gebräuche Ihrer neuen Heimath verbieten vielleicht eine Korreſpondenz zwiſchen Perſonen von demſelben Alter und von ver⸗ ſchiedenem Geſchlechte? Jedenfalls werden Sie in dieſem Betreffe der Baroneß von Rehfeld in Ihrem nächſten Briefe einen Wink geben, oder vielleicht auch Ihrem Bruder, von welchem, wie ich vernehme, Graf Alfred beſtändig hört. Für alle Fälle bitte ich Sie je⸗ doch, mich Ihnen dadurch zu verpflichten, daß Sie keine Bemerkung über dieſen Gegenſtand in Ihren Mittheilungen an Ida machen. Wir werden in Kurzem eine entzückende Villa an der cdte in der Nähe von St. Cloud beziehen, ein Landgut, von welchem ich Sie oft mit Bewunderung ſprechen hörte. Der Gedanke erfreut mich, wieder auf dem Lande zu ſein, das heißt das, was die Pariſer auf dem Lande nennen, zwiſchen grünen Bäumen, mit der Aueſicht auf den Dom der Indaliden. Bei mei⸗ ner Ankunft daſelbſt hoffe ich eine beſſere Korreſponden⸗ 71 tin zu werden; denn dort werde ich wenigſtens vor der täglichen Beläſtigung von zwanzig Galanterie⸗ händlerinnen geſichert ſein, welche alle der ſchönen Fürſtin Gallitzin ihre Modeartikel liefern wollen, die bloß eine Haube oder einen Kopfputz zu tragen hat, um ihn wüthend in die Mode zu bringen. Sie haben keinen Begriff davon, Sie, die Sie ſo gleichgültig gegen die Gegenſtände der Toilette ſind, welch' aus⸗ ſeiddhken Geſchmack ſie entwickelt, ſeit ſie die Unab⸗ ängigkeit erlangt hat, und die Umſtände ihr erlauben, ſie geltend zu machen. Madame hat gehört, wie man ſie, die am ſchönſten gekleidete und am ausgezeichnet⸗ ſten ausſehende, junge Frau in Paris nannte, und dies, laſſen Sie ſich ſagen, iſt kein ſchlechtes Lob von Madame! Ich darf indeſſen wünſchen, daß die bijou⸗ tiers, modistes und lingères mir eine beſſere Zeit gönnen möchten. Sie werden mir das ſchwerlich glauben, weil ich Muße gefunden habe, Sie mit ei⸗ nem ſo langen Briefe zu beläſtigen. Aber es geſchieht für Sie! 3 Mille complimens respectueux Ihrem liebens⸗ würdigen Lord. Sechsunddreißigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin an die Baroneſſe von Rehfeld. Ich ſchließe Ihnen, theuerſte Baronin, eine Liſte von Namen in Geheimſchrift bei, und ich werde Ih⸗ nen verpflichtet ſein, wenn Sie mir dieſelbe in der nämlichen Weiſe zurückſenden und mir dabei alle mög⸗ liche, in Ihrer Macht ſtehende Aufklärung und Anwei⸗ ſung über die Eigenthümer derſelben mittheilen wer⸗ 72² den. Die meiſten von ihnen find Ruſſen, die neuer⸗ lich in Paris angekommen find, des Kaiſers Wünſche ehrend, ehe ſie ihnen noch zugefertigt wurden. Dieſer Umſtand macht gewiß einen ſchwierigen Theil unſerer Pflicht hier aus; denn ſolche zufällige Reiſende bringen gewöhnlich auf ihrer Reiſe von einer Saiſon in Lon⸗ don nach den deutſchen Bädern bloß einige Tage in Paris zu, und kommen und gehen, ehe ich die Mittel habe, mir über ihre Anſprüche auf Auszeichnung Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Da nichts gewiſſer ſcheint, als daß die, welche aus einer ſo großen Entfernung Lon⸗ don beſuchen, auch nach Paris kommen werden, ſo könnten Sie alſo die Gefälligkeit haben, mir beſtimmte Nachrichten über Alle zu geben, welche Päſſe zu einer Reiſe nach England erhalten, denn ſo lange Fuchs⸗ jagden und Wettrennen in dieſem Lande toben, ſo. lange wird Rußland und Oeſtreich ſeinen Antheil von Beſuchern ſtellen. Sie werden zu ihrer Befriedigung gehört haben, welch' ehrenwerthe Stellung uns in dem königlichen Zirkel zu St. Cloud eingeräumt wurde; ja, ſie iſt in der That ſo ehrenwerth, daß der Fürſt ſich von mir überreden ließ, eine Entſchädigung für die Villa, die er gemiethet hatte, zu bezahlen, und eine andere in nicht großer Entfernung von dem Schloſſe zu miethen. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, worin die uns bewieſene Gunſt beſteht. Die Richtſchnur eines Geſandten iſt zu beſtimmt, um für ein Entgegenkommen empfänglich zu ſein. Die Zahl der Einladungen für das diplomatiſche Corps hat hier eine beſtimmte Gränze. Aber jeder Souverain, beſonders aber ein ſo feingebildeter König wie Charles X., hat es in ſeiner Gewalt, durch ſchwer anzuführende Merkmale ſeinen guten Willen zu zeigen, indem er, zum Beiſpiele die auserwählten Freunde unſerer Geſellſchaft bei derſelben Gelegenheit mit uns einladen läßt, den Fürſten zu ſeinem Whiſttiſche ruft, ihn beſtändig in das Geſpräch zieht und ihn verpflich⸗ d% 73 tet, bei der Geſellſchaft zu erſcheinen, welche die ou- verture de chasse zu Rambouillet feiern ſoll. Un⸗ ſer kleiner Beſuch bei der Herzogin von Berry wird nächſte Woche ſtattfinden. So thätig er für ſeine Jahre iſt und obgleich er ſcheinbar Vergnügen an der Zerſtreuung des Whiſt und der Jagd findet, ſo ſind doch die körperlichen Ge⸗ brechen des Königs ſo hinlänglich bekannt, daß die Frage über ſeinen Nachfolger bedenklich wird. Sie können ſich nichts Plumperes als die Manieren des Dauphin, nichts vorſtellen, was mehr zu bemitleiden wäre, als ſein Verſtand. Selten öffnet er ſeine Lip⸗ pen, ohne eine Perſon zu beleidigen, deren Verſöh⸗ nung wünſchenswerth iſt. Gut wäre es für dieſes Land, wenn der Herzog von Berry länger gelebt, oder wenn es den Anſchein hätte, daß der König ſo lange lebe, bis die Erziehung des jungen Herzogs von Bordeaux vollendet ſein wird; oder wenn Frankreich ſo weiſe oder klug genug wäre, ein Beiſpiel an Ruß⸗ land ſich zu nehmen, und die königliche Erbfolge der Sicherheit des Thrones wegen in der Linie abzuändern. Und zuverläſſig, obwohl von den Bourbons geſagt wird, daß ſie aus ihrem Exile zurückgekehrt ſeien, ohne etwas gelernt und ohne etwas vergeſſen zu ha⸗ ben, hat das franzöſiſche Volk von einem jüngern, aber erleuchteteren Lande geſehen, daß die Sache der Monarchie in Europa nicht beſſer, als dadurch unter⸗ ſtützt werden kann, daß ein Cretin von der Thron⸗ folge ausgeſchloſſen wird. Ich kann den alten, ſchwachen Monarchen dieſes Landes, der ganz und gar ſeinen Prieſtern unterwor⸗ fen und von einer Sippſchaft Bigotter umgeben iſt, die durch ihre empörenden und verächtlichen Handlun⸗ gen den Namen der Religion herabwürdigen, nicht anſehen, ohne die erleuchtete und thätige Regierung zu bewundern, welcher der Fürſt ſeine Dienſte geweiht zu haben ſo glücklich iſt. Wenn je die Eigenſchaften 4 74 und Erforderniſſe, welche für den Herrſcher eines gro⸗ ßen Reichs unerläßlich ſind, in einem Menſchen ver⸗ einigt waren, ſo iſt dieſes in der Perſon des feſten, thätigen, unerſchütterlichen und verſtändigen Fürſten der Fall, deſſen Kenntniſſe tief und univerſell, deſſen Verſtandeskräfte ſcharf ſind, der bei der Mäßigkeit und Einfachheit ſeiner Gewohnheiten, bei ſeiner glän⸗ zenden Freigebigkeit, bei der Reinheit ſeines Privat⸗, und bei der Anmuth ſeines öffentlichen Lebens die Weisheit ſeines Bruders, durch welche er auf den Thron erhoben wurde, ſo vollſtändig beurkundet hat. Da iſt es in der That etwas Herrliches, ſich, wenn auch als das unbedeutendſte der Werkzeuge, in der Hand eines ſolchen Monarchen zu befinden, und Flauben Sie mir, theure Baronin, die Größe Ruß⸗ lands und die impoſante Stellung, welche es gerade jetzt zwiſchen den Nationen Europa's einnimmt, er⸗ hebt mich in meiner eigenen Achtung, als die Gattin ſeines Geſandten, ſo ſehr, daß ich zuweilen mich in Gefahr ſühle, ſtolz zu werden unter dieſen Geſandten der kleinen Staaten Italiens und D utſchlands, welche eine Miene diplomatiſcher Wichtigkeit affectiren, wäh⸗ rend deren Kanzleien und Geſchäftszimmer an die Wache Polichinells an einem Depeſchenkaſten erinnern. Ich kann Ihnen nicht ſagen, welch herzliche Freude es mir gewähren würde, wenn ich wüßte, daß mein Benehmen ein Gegenſtand der Billigung in jener er⸗ habenen Region iſt, auf welche mein Ehrgeiz, zu ge⸗ fallen, allein gerichtet iſt; ich bitte Sie daher, zu glauben, daß mir keine Pflicht, wie unheilvoll, wie anſtrengend ſie auch ſein mag, auferlegt werden kann, in der ich mich nicht entzückt fuhlen würde, meine Dankbarkeit und Hingebung gegen die kaiſerliche Fa⸗ milie zu bewähren. Es iſt die Demuth meiner An⸗ haänglichkeit an ſie, welche mich ſo ſtolz auf mich ſelbſt macht und vielleicht ſo übermüthig in der Würdigung nderer. 3 — 75 Unter den einflußreichen Familien in Paris, welche dieſe Gefühle, oder wie ſie es vielleicht nennen wollen, dieſe Bethörung der meinigen theilen, muß ich Ihnen zunächſt den Marquis und die Marquiſe de Rouilly nennen, deren hohe Stellung in der Welt Ihnen viel⸗ leicht ihre Namen bekannt gemacht hat. Da der Mar⸗ quis während Bonaparte's Regierung einen Poſten bekleidet hat, ſo ſteht er bei der gegenwärtigen Re⸗ gierung in geringer Gunſt. Als der perſönliche Freund des Herzogs von Orleans, erſcheint er ſelten bei Hofe, ohne eine nicht hofmäßige Bemerkung des Dauphin hervorzurufen. Das Hotel de Rouilly verſammelt indeſſen Alles, was in der Geſellſchaft Frankreichs ausgezeichnet iſt, ſowohl in Hinſicht auf Rang, Reichthum, Witz, Wiſ⸗ ſenſchaft oder politiſchen Einfluß. Der Marquis hat ſich lange in fremden Ländern aufgehalten, und wie ich glaube auch in Rußland, und er vervollſtändigt die Einrichtung ſeiner fürſtlichen Wohnung dadurch, daß er alles das adoptirt, was das feinſte in den Gewohnheiten des feinen Europa iſt. Letzte Nacht er⸗ zählte er mir mit einem Lächeln, daß er den Einfluß ſeiner eigenen Landsleute bloß in der Küche geſtatte, daß ſein Geſchäftszimmer nach italieniſcher, ſein Stall nach engliſcher, ſeine Bibliothek nach deutſcher und ſein Cabinet nach ruſſiſcher Weiſe eingerichtet ſei. Es würde Sie erfreut haben, wenn Sie den Tribut der Bewunderung gehört hätten, den er der erleuchteten Politik des Czaar's zollte. Von der Fürſtin W= erhielt ich den Einfüh⸗ rungsbrief, der den Marquis und die Marquiſe ernſt⸗ lich meiner Zuvorkommenheit empfahl. Eine andere Perſon, welche mir Briefe von der Fürſtin brachte, iſt eine ſehr reiche Ruſſin, Madame Dombreski genannt, wie ich vermuthe eine Wittwe, denn in dem langen Lobſpruche der Fürſtin W auf ihren Witz und ihre Schönheit iſt wenigſtens eines 76 Gatten derſelben nicht erwähnt. Ich habe ſie beſucht und war über die Pracht ihrer Einrichtung erſtaunt; aber wir haben uns noch nicht begegnet. Sollte dieſe Empfehlung der Fürſtin mir einen ſo angenehmen Zu⸗ wachs zu meinen Bekanntſchaften verleihen, wie der der Rouilly's iſt, ſo habe ich alle Urſache, verpflichtet zu ſein. Ich habe Ihren Auftrag vollzogen, indem ich Ih⸗ nen von Herbault zwei Reisſtroh⸗Hüte mit fleurs de saison und zwei andere mit Federn zu Ihrem Staats⸗ anzuge bei Ihrem Beſuche in Peterhof beſorgte. Der manteau de cour, den ich Ihnen letzte Woche von Victorine überſchickte, wird, wie ich hoffe, Ihren Er⸗ wartungen entſprochen haben. Die Ausputzung mit Scharlach⸗Hibiscus wird nicht ermangeln, die Auf⸗ merkſamkeit der Kaiſerin auf ſich zu ziehen, denn es find die erſten, die hier gemacht wurden. Ich trug auch Sorge, Ihnen ein abgeſondertes zweites Exem⸗ plar zu ſenden, damit, wenn die Kaiſerin ihm, wie ich erwarte, Beifall ſchenken ſollte, Sie denſelben an⸗ bieten und Ihren eigenen bei Seite legen können. Ich habe zugleich auch eine Auswahl der jüngſten neuen noeuds und chiffons von Mademoiſelle Aminthe bei⸗ gelegt, ſo wie einen canezou, welchen Minette ge⸗ rade erſt für Madame erfunden hat. Unter dieſen Kleinigkeiten wird ſich wohl etwas befinden, was der Kaiſerin als Neuigkeit erſcheint. Ich bitte Sie, theure Baronin, Ihre Antwort ſo viel als möglich zu beſchleunigen, damit ſie an mich vor der Abreiſe des Fürſten nach Rambouillet gelangt; Sie finden in Chiffern gewiſſe Fragen, über welche ich unumgänglich und ohne Verzug Nachricht erhalten muß. Sprechen Sie meinem Vater meine Geſinnun⸗ gen kindlicher Liebe aus. Der Fürſt ſchreibt ihm mit dieſem Courier. Ueber Lady Elvinſton ſage ich nichts, indem ich vorausſetze, daß Sie mit ihr einen unun⸗ terbrochenen Briefwechſel unterhalten. Siebenunddreißigſter Brief. Graf Alfred de Vaudreuil in Paris, an die Gräfin Auguſte in Burgund. Wie gut Sie ſind, theuere Tante, daß Sie ſich dieſen Sommer in Les Goͤnets als die Repräſentantin der Familie niedergelaſſen haben. Doch für Sie wer⸗ den die Läden des düſtern Salons nie geöffnet werden, um das Tageslicht hereinzulaſſen und die Arbeit der Motten in den alten Tapeten zu ſtören; von Ihnen werden die Blumen unſerer berühmten Roſengärten ausſchließend zur Verzierung der reposoirs oder Féète Dieu und der Kapelle am Feſte St. John's verwen⸗ det werden; durch Sie werden die Schwalben in den Arkaden, die Fledermäuſe in dem Kamine nie geſtört werden, und der arme, alte Antoine wird ſeine chur- milles umſonſt beſchneiden und ſeine espaliers umſonſt herrichten. Noch einmal meinen Dank, meine Theure, dafür, daß Sie ſich herabgelaſſen haben, während des Sommers eine Rattenhöhle zu bewohnen, welche mei⸗ nem Bruder und mir allein in der Mitte des Winters erträglich iſt, wenn die Schweins⸗Doggen ordentlich bellen und die Wölfe in den Wäldern auftreiben. Für jetzt werden Sie, wie ich hoffe, gelehrigere Geſellſchafter haben, und Moumouth, die am wenig⸗ ſten falſche unter den falſchen Katzen und die weißeſte unter den Schönen, wird bei ihrer chasse aux grives keine Spuren von ihrer Angora⸗Wolle auf den Brom⸗ beerſträuchen unſeres Gartens zurücklaſſen. Sie haben indeſſen Recht, wenn Sie vermuthen, daß Ihre Abweſenheit in dieſem eigenthümlichen Au⸗ genblicke einen ernſtlichen Nachtheil für die ſchöne Dame gehabt hat, welche Sie Enkelin zu nennen das Vergnügen haben, die aber ſich ſelbſt und Andere ſo 78 mißverſteht, daß ich daran zweifeln muß, daß ſie ge⸗ neigt ſei, Ihnen den wenig ſchmeichelhaften Titel einer Großmutter einzuräumen. Vergeben Sie ihr! Es iſt nicht zu erwarten, daß die Tochter eines deutſchen Krautjunkers die Ehre begreifen ſollte, mit einem Sproſſen des Hauſes Clermont Tonnerre, verbunden durch das Haus Vaudreuil, in Verwandtſchaft, wenn auch in einer Seitenverwandtſchaft zu ſtehen. Wenn Sie vielleicht dieſen Sommer ein wenig in Paris geweſen wären, würde ſich Ihre Selbſtge⸗ nügſamkeit nicht herabgelaſſen haben, aus Ihrer Kennt⸗ niß der Welt Nutzen zu ziehen, und beſonders aus der unſerer Welt, welche nicht die aller Welt iſt. Die Fürſtin Gallitzin iſt ein begabtes Geſchöpf, ſchön, vollendet, von feinem Witze, die einen hohen Rang in der Geſellſchaft einnehmen würde, wenn ſie nicht prätendirte, die Erſte zu ſein. Aber ein küh⸗ ner Kletterer, der ſich vermißt, auf die oberſte Spitze der Leiter zu ſteigen, iſt der Gefahr ausgeſetzt, auf den Boden herabzuſtuͤrzen. Kluge Leute ſteigen nicht wei⸗ ter, als ſie ihrer Füße ſicher find. Niemand weiß beſſer, als Sie, wie ſtrenge unſere Geſellſchaft das Eindringen und das verletzende Auf⸗ ſichnehmen zurückweist. Der Fürſtin wurde vermöge einiger Winke und Warnungen meiner berühmten Trompete und in Folge ihres Rangs und ihrer Anzie⸗ hungskraft etwas mehr Nachſicht zu Theil. Der Fau⸗ bourg öffnete ihr ſeine Thüren weit. Aber ſo groß iſt die Verkehrtheit der menſchlichen Natur, daß ſie es verſchmähte, als eine Verwandte bewillkommnet zu werden und es verſuchte, ſie im Sturme einzunehmen, um einen triumphirenden Einzug zu halten. Die Prä⸗ tention war ſo abſurd, daß nicht eines erzürnt war. Alles lachte, und ein Gelächter iſt jedenfalls das Aller⸗ fatalſte für eine ſolche affektirte Würde beim Beſteigen des Thrones. Ach, theure Gräfin und beſte der Tanten, wie 79 kommt es, daß wir Kinder des Staubes alle ſolch ein Verlangen nach einer Thronbeſteigung haben? Warum hat jede kleine coterie ihre Souveraine? Warum iſt das Tabouret der Herzogin bei Hofe ſo lächerlich pa⸗ rodirt durch die Armſtühle eines jeden Privat⸗Geſell⸗ ſchaftszimmers? 3 Glauben Sie indeſſen nicht, daß unſere liebreichen Landsleute roh gelacht haben, um die Mißgriffe einer Fremden zu verſpotten; wir Franzoſen find bekanntlich zu artig und nachſichtig gegen Jugend und Schönheit, auch dann, wenn ſie durch Uebereilung verunſtaltet wird, um ihre Grillen zu belauſchen. Im Gegentheil hat das Hotel de O., nachdem es über ihren Schritt Gericht gehal⸗ ten, dafür geſtimmt, daß ſie weit mehr piquante als ein Talleyrand in einem Weiberrocke, weniger neu, aber mehr unterhaltend ſei, als eine Madame de Che⸗ vreuſe manéquez denn wenn ſie auch die wahrhaft genügende Ehre, auf derſelben Eſtrade mit den Ge⸗ ſandtinnen von England und Oeſtreich ſich angemaßt habe, ſo ſtehe ſie doch in außerdienſtlicher Stellung, hinſichtlich der Geburt, des Vermögens und des Alters unter dieſen. Unter den Fremden, welche ſich hier aufhalten, begann die Perſiflage. Gewiſſe Ruſſen, die ſich ſeit ihrer Ankunft hoher Auszeichnungen erfreut hatten, waren durch die Vernachläſſigung aufgebracht, welche ſie von Seiten des accreditirten Repräſentanten des rachſüchtigſten der Staaten erfahren hatten. Da die Krallen des kaiſerlichen Adlers über ihren Beſitzungen ſchweben, und ſie ſich nicht laut äußern durften, ſo flüſterten ſie Anderen ihren Groll zu, und ein Flüſtern pflanzt ſich in dieſem Tempel des Echos fort, das ſich, wie die Ausſicht iſt, in kommender Saiſon nicht ver⸗ lieren wird. „VWeenn die Fürſtin Gallitzin in einer Geſellſchaft in die Nothwendigkeit verſetzt wird, ein artiges Wort mit einer ihrer Landsmänninnen zu ſprechen, ſo hat ſie 80 immer la bouche pincée, als wenn ſie fürchte, ſich ſelbſt bloßzuſtellen, und ſtatt des à plomb, den ich ſie unter ſchwierigen Umſtänden in St. Petersburg anneh⸗ men ſah, war ſie jetzt nichts mehr als das Weib eines bezahlten Dieners des Fürſten, denn ſie wurde ſchwach, wankelmüthig, unbeſtändig, ihre frühere Artigkeit ſo zweideutig und verdreht, daß es ſchien, ſie erwarte die Ankunft der nächſten Depeſchen, um ſich zu entſchließen, gnädig oder ungnädig zu eein. 3 So luxäugig ſind die Spione der Eigenliebe, daß dieſes Zögern von den muthmaßlichen Schlachtopfern bald entdeckt wurde, und eines derſelben, welches ge⸗ ſchickt genug war, die Politik zu verſtehen, den erſten Stein auf ſie zu werfen, hörte man in dem Zirkel von Petit-Château ausrufen:„Ich bin begierig, ob die arme Madame Gallitzin, wenn ſie ihre Inſtructio⸗ nen von St. Petersburg erhält, meine Hand ergreift, oder ſich bloß verneigt? Ida ſcheint unvorſichtig ge⸗ nug geweſen zu ſein, von dem höhern zu dem geringern Zeichen der Auszeichnung herabzuſteigen, und dieſe wa⸗ ren halsſtarrig und boshaft genug, ihre Augenbrauen bei dieſem Wechſel zu erheben. Einem ſchlechten Beiſpiele folgt man ſchneller, als einem guten. Durch dieſe ſchlechte Attak veranlaßt, beſchäftigte ſich mehr als eine mechante langue in dem Faubourg mit ihren Unternehmungen. Die Geſchichte wurde durch die Erzählung verbeſ⸗ ſert und ausgeputzt. Bald wurde erzählt, daß die Fürſtin B. die Geſandtin angeredet habe:„Dites donc, ma chèêre, m'enoyez vous promener— ou nous promenons nous ensemble?— vVous devez surement avoir recçu votre leçons de St. Peters- bourg?*“— Der ſchlimmſte ihrer Feinde findet ſich in der co⸗ terie Fauconberg, welche Sie, theure Tante, ſo ge⸗ recht verachten, die aber keines der letzten der am meiſten unterhaltenden Nattern⸗Neſter und gerade jetzt im 81 Begriffe iſt, den Groll der Geſellſchaft auszubeuten. Die kleine Fauconberg, welche fünfzehn Jahre hindurch la petite Fauconberg genannt wird und daher ihren Anſpruch auf dieſen Titel unſtreitig erworben hat, hat es ſich in ihren wahrhaft hübſchen Kopf geſetzt, auf Jda eiferſüchtig zu ſein, oder Ida eiferſüchtig gegen ſich zu machen, und da ſie die affidée bei allen böſen Scandalen für alle Attachées in Paris iſt, hat fie ſich die Mühe genommen, alle Eigenchümlichkeiten der Geburt der Fürſtin, ihrer Verwandtſchaft und ihrer Erziehung zu erforſchen, und dieſe bilden einen uner⸗ freulichen Anhängſel zu ihren Anſprüchen auf den di⸗ plomatiſchen Thron. Ich habe nicht nöthig, Sie, theure Gräfin, an die Schreckens⸗Miene unſers vortrefflichen Abbé's zu erin⸗ nern, als er erfuhr, daß die erſte Frau Ihres Schwie⸗ gerſohnes die Tochter eines Geiſtlichen war. Für ſeine Tonſur, für ſeine ehrwürdigen Haare war es ein Staunen ohne Ende. Stellen Sie ſich daher die ſym⸗ pathetiſche Aufregung vor, welche unter den Frauen von St. Thomas d'Aquin herrſchte, als ſie erfuhren, daß die Fürſtin Gallitzin von geiſtlicher Abſtammung ſei. Es iſt vergebens, dieſen theuern Wittwen von der Heirathserlaubniß zu predigen, welche die refor⸗ mirten und patriarchaliſchen Kirchen ertheilen. Sie beſtehen darauf, daß ſie hieran einen Anſtoß nehmen. Sie glauben, daß die römiſch⸗katholiſche Kirche, ihrem Namen entſprechend, univerſal ſei, und betrachten daher die Fürſtin Gallitzin als eine Art von Lucretia Borgia. „Ihre Mutter war die Tochter eines Prieſters!“ lautete ihr Ausſpruch auf Ausſchließung aus ihrer Geſellſchaft. Als die Fürſtin Gelegenheit hatte, die zurückhal⸗ tenden und ſteifen Formalitäten zu bemerken, mit wel⸗ chen ihre Annäherung in dieſem Reviere aufgenommen wurde, ſchrieb ſie dieſes Unbedeutende dem Wechſel zu, welchen Leute, die in der großen Welt geboren ſind,— Die Frau des Geſandten. I. 6 8² ſo gerne mit den Vorurtheilen für das Alte verknüpfen. Aber bei uns, theure Tante, erzeugt die Eule der Weis⸗ heit, gleich dem Phönix der Fabel, an dem jungen Vo⸗ gel das Gefieder des alten, und unſere entzückenden elegants, Madame Erneſt de R... und Madame Erneſt de B. beſonders, begann bald ihre ſchönen Augen und ihre lilienweiße Hände zum Himmel zu erheben, indem ſie ihre Großmutter nachahmten. „Oui— je le vois P'est indispensable! On ne tourne pas le dos à une Ambassadrice!“ war die vertheidigende Erwiederung an Alle, welche die Frage erhoben, ob ſie mit der neuen ruſſiſchen Geſandtin be⸗ kannt ſeien. Aber die Redensart:„ich ſehe ſie,“ iſt ſehr verſchieden von der:„ich bin entzückt, ſie zu ſehen,“ und die, welche darauf vorbereitet kamen, in die Aus⸗ rufe auszubrechen:„Charmante, ravissante!“ wenn ſie die Kleidung und die Manieren der Fürſtin Galli⸗ tzin bei dem Frühſtück der Frau von Appony beſchrieben, verwandelten jetzt ihre Rede in den Ausdruck:„elle n'est vraiment pas mal? Und dieſes wird, ich müßte denn ſehr übel rathen, die erforderlichen Fortſchritte gemacht haben, ehe der Schluß des folgenden Carne⸗ vals eingetreten ſein wird; man wird ſagen:„elle n'est pas trop mal pour une...“ ein Anderer würde beifügen:„Russe!“ wieder ein Anderer aber:„für eine Pfarrers⸗Enkelin!“ Wenn ſie es nicht gewagt hätte, die Fürſtin B— zu beleidigen und die Faucon⸗ bergs, würde ſie„cette charmante Princesse“ ge⸗ blieben ſein. Nicht daß ich die Thorheiten der kleinen Faucon⸗ berg alle billigte, welche ſich das Anſehen zu geben ſucht, als nehme ſie meine günſtige Ankündigung, welche der Ankunft der Gallitzin voraus gegangen war, übel auf. Ich erfüllte natürlich dadurch einen Akt meiner Schuldigleit gegen Sie, theure Tante, indem ich gut von einer Perſon ſprach, welche eine Seitenverwandte Ihrer Familie iſt, und die Lilie von Rehfeld Hat An⸗ 83³ ſprüche auf meine Dienſte, als die Stieftochter meiner Couſine. Ich würde im entgegengeſetzten Falle nicht die Bürgſchaft meines Vorwortes verleihen, ſie ihren eigenen Weg mit dem ſtrengen Tribunale haben gehen laſſen, welches ſie noch ſtrenger macht. Ich würde es auch zu einer Gewiſſensſache ge⸗ macht haben, die Fauconberg'ſche Cotterie und beſonders la belissima Geralda dadurch zu beſtrafen, daß ich mich von dem Hauſe entfernte. Allein ich wollte mich in Macouba ruiniren, oder ich würde ein Kirchthurm⸗ jagen in dieſer Saiſon gewagt haben, um mir eine kleine Aufregung zu verſchaffen, indem ich mich mit der Viperbrut beſchäftigte, die das pain quotidien dieſer unterhaltenden Geſellſchaft bildet. Nach einem Winter zu St. Petersburg kann ich es unmöglich meiner eigenen Tugend und meinen körperlichen Leiden verſa⸗ gen, ſie durch irgend eine ſchlechte Betrachtung für meine geiſtige Gemächlichkeit zu entſchädigen. Wären Sie hier geweſen, theure Gräfin, um auf meinen urſprünglichen Vorſchlag zurück zu kommen, ſo würde dieſer verdrießliche Vorfall wahrſcheinlich erſpart worden ſein. Ich hatte keine Hülfe, die ich zu meiner Zimmerberathung mit der übermüthigen Schönheit her⸗ beirufen konnte. St. Petersburg iſt zu entfernt, als daß die Zurechtweiſungen der Baronin nicht einen Monat zu ſpät kommen ſollten, und ihre Hülfe in An⸗ ſpruch nehmen, hieße gerade ſo viel, als nach den Pom⸗ piers von Bordeaux ſenden, um in Paris ein Feuer zu löſchen. Die alte Gouvernante, die ich Ihnen einſt als eine Familienlaſt bezeichnete, und die in dem Hauſe ihres Mündels als eine Art von demoiselle de com- pagnie oder secretaire intime, oder was Sie ſonſt für mehr privat oder vertraulich halten, angeſtellt iſt, kam mir einen Augenblick als ein Ermahnungs⸗Canal in den Sinn. Aber die Fauconbergs Set, welche ſie ſehr wohl von dem Hotel de Choiſy her kennt, verſi⸗ chert mir, daß Mademoiſelle Thereſe auf das Benehmen ihres Zöglings ſo viel Einfluß habe, als die Bruthenne in dem jardin des plantes über die Adler und Ca⸗ ſuare, deren Ausbrüten unter ihrem Gefieder mit Ge⸗ walt erfolgte. Lord Montagu, deſſen Beruf in der Familie Fau⸗ conberg es iſt, die Deſſins Geraldinen zu ſticken, erklärt, daß die Exgouvernante dabei ſtehen müſſe, während die Frau des Geſandten ihre Correſpondenz dictire, und daß ſie jeden Morgen auf ihren Knieen die Rech⸗ nung des maitre d'hôtel überreichen müſſe. Aber Sie kennen ja dieſe mauvaises plaisanteries Montagu's. Ihre Hülfe wäre jedenfalls werthlos. Ich habe daher die arme theure Fürſtin ihrem Schickſale über⸗ laſſen. Keine Erziehung iſt ſo vollſtändig, als die Selbſterziehung, und wenn Ihre Excellenz zehn Jahre Gefandtin iſt, ſo wird ſie gelernt haben, daß nichts hohler iſt, als die Höhe eines ſolchen Throns, daß es nichts ſervileres gibt, als den Dienſt aller Ruſſen. Was liegt nach allem dem daran, ob das Halsband des Sclaven von Eiſen oder von Gold, oder ob die Knute ein lederner Riemen, oder die Geiſelung ein kaiſerlicher Tadel ſei? 3 Marguerite, theure Tante, hat eine Stellung; Marguerite iſt unabhängig. Ich erfuhr von Montagu, der kürzlich von England zurückkam, daß die ganze Fa⸗ milie Elvinston von ihr bezaubert ſei, und daß der Herzog und die Herzogin von Buckingham nach dem Norden geeilt ſeien, um die Haſelhuhnzeit mit ihrem Bruder und ihrer Schweſter zuzubringen. Nach der Erzählung dieſer wird der Patriarch demnächſt ſeinen Segen ausſprechen und Sie werden das Glück haben, einen Urenkel zu bekommen. Der Himmel möge Ihnen eine kleine Thane ſenden! Ich bin ſchon bei dem bloßen Gedanken daran entzückt. Unter allen ausländiſchen Canälen, in welche das Blut der Vaudreuil übergegangen iſt, erſcheint der, welcher uns in Verwandſchaft mit Macbeth bringt, der bezau⸗ 8⁵ berndſte. Je recommande à tous les saints, les destinées de la race Russo-Gallo-Ecossaise; et vous baise trèés-humbement les mains. Achtunddreißigſter Brief. Die Fürſtin Praskovia Gallitzin an die Fürſtin Gallitzin in Paris. Theure Schweſter und Fürſtin, ich habe Ihnen für die zwei entzückenden Briefe zu danken, welche im Laufe der letzten ſechs Monate an mich gelangt ſind. Der erſte kündigt mir Ihre glück⸗ liche Ankunft in Paris an, der zweite meldet mir, daß Sie zu dem Schluſſe gelangt ſind, daß es die bezau⸗ berndſte Stadt der Welt ſei. Ich habe mir erlaubt, einen langen Zeitraum dahin ſchwinden zu laſſen, ehe ich Ihnen meine Hoffnungen ausdrücke, daß der Ablauf eines weiteren halben Jahrs Sie in Ihrem Urtheile beſtärken möge.—. Sie ſagen mir, daß mein Bruder mit höhern Eh⸗ renbezeugungen empfangen worden ſei, als je einem ruſſiſchen Geſandten früher erwieſen wurden; daß Sie ſelbſt mit größerer Zuvorkommenheit bewillkommt wor⸗ den, als in Paris gewöhnlich eine Frau von expariſer Abſtammung zu Theil wird. Ich lebe wahrhaft ganz außer der Welt; theils weil mich die Welt als ver⸗ kehrt und ſchlecht verachtet, theils weil ich ſie aus den⸗ ſelben Gründen verachte. Nichts deſto weniger dringt in meine Diogenes⸗Tonne genügender Lärm von dem gemeinen Geſchrei, daß, ohne daß Sie mir Nachricht davon gegeben haben, die Stelle eines jeden Geſandten jeder großen Nation bei Hofe eben ſo genau bezeichnet iſt, als die Stelle der Sterne in ihren Sphären, oder die Figuren eines Schachbretts, und daß die größere oder geringere Gunſt, jedes Wachſen oder Abnehmen derſelben, wodurch ein internationaler Krieg herbei ge⸗ führt werden kann, niemals der ſchlüpferigen Scala königlicher Laune unterworfen iſt. Noch mehr bin ich überraſcht, daß ich Sie verſichern höre, daß die Pariſer von nationellen Vorurtheilen be⸗ fangen ſeien. Ich hatte ſtets gehört, daß das, was ſie nach Zeitungen und café noir am meiſten lieben, ein Fremder ſei. Ich erinnere mich gehört zu haben, daß ſie Straßen nach den Oſagen benannt haben und wie wahnſinnig nach den Giraffen gelaufen ſeien. Sie, die Sie an der Stelle ſind, müſſen es am beſten wiſſen. Erfahrung iſt, nach einem inpertinenten Sprüchworte, der beſte Lehrmeiſter. Verzeihen Sie mir daher, theuere Fürſtin und Schweſter, wenn ich in der Größe meiner Ueberraſchung darüber, daß neue Dinge unter der Sonne zu finden ſind, Ihre Briefe ſo lange unbeantwortet gelaſſen habe. Ich wartete mit dem Schreiben, bis ich etwas zu ſa⸗ gen hatte; eine Betrachtung, welche zum Glücke für die Einkünfte der Poſtanſtalt ſelten ein Hinderniß für weibliche Correſpondenz abgibt. Unter dem„Etwas zu ſagen“ verſtehe ich nicht etwas Angenehmes. Ich würde traurig darüber ſein, etwas ſo Gemeines zu thun, wie Caviar nach Riga zu ſenven, und da Sie durch die Gnade Gottes jung und ſchön, und durch die Gnade Nikolaus I. die Gattin eines Geſandten ſind, ſo kann ich nicht zweifeln, daß unter zehn Briefen, die Sie öffnen, neun leere Kom⸗ plimente enthalten. Ich für meinen Theil halte ein Kompliment nicht des Porto's werth, denn man findet nicht ein halbes Körnchen Frucht unter der Spreu. 4 Um in der Sprache des Landes zu ſprechen, deſſen Geſinnungen Sie ſo bereitwillig angenommen zu haben ſcheinen, ſo bitte ich Sie, theuere Fürſtin und Schwe⸗ hatte. 87 ſter, anzunehmen, daß mein Etwas eine pillule de santé, nicht ein bonbon ſein ſoll. Entſchuldigen Sie meine offene Rede; aber es iſt mein Mißgeſchick, daß mnich die Natur in jeder Beziehung offen geſchaffen at.— Sie werden ſich erinnern, daß Sie durch die Für⸗ ſtin W. und viele andere Perſonen in Petersburg die Verſicherung erhielten(was ich zwar nie hörte, aber nach den Charakteren und Neigungen derſelben mir denke), daß der Grund, aus welchem ich Marguerite Erloff meinem Bruder als Gattin empfahl, der war, dem Sergius ein Weib zu ſichern, deren Familie glei⸗ ches Intereſſe für den Kaiſer hegt, wie die unſerige. Da ich weiß, daß der Name Erloff dem Czaar faſt eben ſo angenehm iſt, als die Namen Trubetskoi, oder Czartoriski, ſo waren meine Motive von einer ganz verſchiedenen Natur. Marguerite war die Toch⸗ ter des edelſten Freundes meines Bruders, und die Tochter eines zänkiſchen Weibes. Ich hatte daher um ſo weniger einen Zweifel, als ſie edles Blut in ihren Adern, Verfolgung erduldet und Geduld gelernt Für meine Perſon aus den Gränzen der Ehe ver⸗ bannt, habe ich keine Gelegenheit gehabt, ein liberales Panier für die Rechte eines verheiratheten Weibes aufzupflanzen; ich mußte folglich der patriarchaliſchen Meinung huldigen, daß die Frau eines Mannes deſſen Magd ſei, daß ſie, um ihren Beruf ehrenhaft zu erfül⸗ len, handeln muß, wie ihr befohlen worden. Weiber, gehorcht euern Männern; Unterthanen, gehorcht eurem Herrn!“ bildet meine beiden Gebote einer guten Welt⸗ regierung; für die Welt, Rußland genannt, außer wel⸗ chem für mich keine Welt iſt. Ich war daher überraſcht, mich ſelbſt durch Hun⸗ derte von Zungen des Gerüchts angeklagt zu finden, von welchen neun und neunzig logen, daß ich ſeine plötzliche Bevorzugung der Tochter eines deutſchen Geſandten herbeigeführt habe, mit welchem ſich die Wittwe des Generals Erloff verheirathet hatte, mit einer jungen Dame reicher an Schönheit, an Bildung, als die edle Marguerite, und zwanzig Mal reicher an Vermögen. 3 1 Ich hatte alſo mit der Heirath ſo viel zu thun, als die Bronzeſtatue des Kaiſers Alexander, oder deren Piedeſtal von einem Fels. Sie war nicht mein Ge⸗ ſchäft. Sergius, mit der Erfahrung eines halben Jahrhunderts, war ſein eigener Herr. Ich hatte mich alſo blos zu ſügen, und da ich mich darein ergeben habe, häßlich zu ſein und alt zu werden, ſo lerne ich bei jeder Heimſuchung Geduld.— Großmüthige Seelen empören ſich indeſſen gegen das Gefühl der Verpflichtung, und ich könnte nicht einen Augenblick lang vergeſſen, wie ſehr ich dem Fräu⸗ lein von Rehfeld verpflichtet war, verpflichtet fur ſo manche der peinlichſten Momente meines Lebens; denn als ich das Geſandtſchafts⸗Hotel zu dem Zwecke be⸗ ſuchte, die zu gewöhnen, welche ich, nach meiner ein⸗ fältigen Anſicht, Schweſter zu nennen ärgerlich war, fand ich mich ſelbſt als ein Gegenſtand unanſtändigen Spottes, der Tochter des Hauſes ſowohl, als des jun⸗ gen franzöſiſchen Phantaſten, der ſie auf meine Koſten, ſich aber auf die ihrigen unterhielt. Es war nicht die Pflicht einer gebeugten jüngern Schweſter, die dankbar gegen ihn war, daß er ſie nie gezwungen, ſich in ein Kloſter zurück zu ziehen, ihren Bruder mit unbedeutenden Remonſtrationen wegen ſeiner Unbeſtändigkeit abzumatten. Als er indeſſen an demſelben Tage mir ſeine Vermählung ankündigte, hatte ich die Genugthuung, die meinen Fenſtern gegen⸗ überliegende Iſaaksbrücke, welche am Morgen geſchla⸗ gen worden war, in der Nacht wieder in Stücke durch den anſchwellenden Strom geriſſen zu fehen, mit der Ausſicht, am Morgen wieder nen gebaut zu werden, und daher ſchien es mir wahrſcheinlich, daß die eben 89 ſo unbeſtändige Beſchaffenheit des menſchlichen Willens 8 gleiche Weiſe die Aufhebung dieſer Heirath ſichern önne. Dies hieß indeſſen fehlgerathen. Der Kaiſer trat mit ſeiner Genehmigung dazwiſchen, und von dieſem Augenblicke an, der ein geſetzlicher Markſtein war, ſtieg der Barometer auf ſchön. Die Tochter meines Vaters hatte ſich daher blos dem Entſchluſſe zu unterwerfen, den der Sohn ihres Vaters gefaßt hatte. Erweiſen Sie der Tochter meines Vaters die Ge⸗ rechtigkeit, daß ich mich mit ſcheinbarer Fröhlichkeit ergab. Von dieſem Augenblicke an waren Sie be⸗ ſtimmt, denſelben Namen mit Prascovia Gallitzin zu führen, Sie wurden ein Gegenſtand der Ehrfurcht für e Ich glaube, daß ich nicht einen wohlberechneten kt unterließ, Ihren Eintritt in unſere Familie ſo glatt wie den Abhang eines Eishügels zu machen. Die Braut meines Bruders unwillig zu machen, hieß eben ſo viel, als meines Bruders Schweſter der Lächerlich⸗ keit preisgeben, ein Streben, welches die Natur frei⸗ gebig in meine Hände gelegt hat. Ich war jedoch nicht ärgerlich, daß die Vermäh⸗ lung der Marguerite Erloff mit einem ausländiſchen Cröſus beſtimmt war, meine Augen von einem perma⸗ nenten Momente meiner Enttäuſchungen zu befreien, und ich fand nicht die mindeſte Schwierigkeit, ein hei⸗ teres Geſicht an Ihrem Hochzeittage anzunehmen. „Ich geſtehe, theure Fürſtin und Schweſter— um wieder die glänzenden Formeln Ihrer Adreſſe zu ge⸗ brauchen— ich geſtehe, daß es die größte Erleichte⸗ rung für mich war, die Abreiſe Beider zu erfahren. Ich hatte nicht zu wünſchen, unter meinem demüthigen Dache einen Spötter zu finden. In meiner frühen Jugend, als der Erzſpötter des ſpöttiſchen Frankreichs unſere große Katharine, der er bis zum Kleinlichen ſchmeichelte, beſuchte, hörte ich, wie ich mich erinnere, meinen Vater verſichern, daß Spott der Witz der Hölle 90 ſei. Entſchuldigen Sie meine offene Sprache. Wie ich Ihnen vorhin ſagte, ſo hat es dem Himmel gefallen, mmich offen zu ſchaffen. Nehmen Sie dieſen Denkſpruch als das halbe Körnchen Frucht hin, welches ich Ihnen unter meiner Spreu verſprach. Sie aber, die Sie eine gelehrte Dame find, und Plato in Ihren Fingerſpitzen haben, werden ſich wahrſcheinlich um ſolche plumpe Weisheit wenig bekümmern. So wie Sie Petersburg verlaſſen hatten, trat ich meine Reiſe nach Moskau an. Es war eine ange⸗ nehme Reiſe. Das Verbot von Menſchenhänden mit den Werken ihres Erſchaffers zu vertauſchen, heißt im⸗ mer, einen Grad höher in der Seele des Genuſſes empor ſteigen. Aber nie hatte ich es ſo entzückend ge⸗ funden, als bei dieſer Gelegenheit, wo ich den Flitter und den Schimmer des Hofglanzes, der mir ſo wenig behagt, bei Seite legte und die fieberhafte Atmosphäre von einer halben Million Athmender gegen den Athem der Natur austauſchte. Ich habe oft die Lilien be⸗ trachtet, und mit dem Ohre der Begierde der erſten Nachtigall gelauſcht, aber nie habe ich an beiden ſolch ein Entzücken gefunden, als in dieſer Zeit. Es bedurfte der ganzen Reinheit eines ſolchen Entzückens, um aus meinem Munde den eckelhaften Geſchmack der Weltlich⸗ keit zu vertreiben, den ich eingeſaugt hatte. Die erſte Perſon, welche ſich mir in Moskau zeigte, war ein Verwandter von Ihnen. Ich hatte in neue⸗ rer Zeit den Namen Rehfeld ſo oft gehört, daß mir irgend ein anderer neuer vielleicht willkommen gewe⸗ ſen wäre. Aber ich konnte es nicht vermeiden, freund⸗ lich zu ſein und auf ſeine Fragen zu antworten. Die Urſache, aus welcher er meine Bekanntſchaft ſuchte, war die, über Marguerite zu ſprechen, ihren Verluſt zu bedauern und nach dem Allem mir auseinander zu ſetzen, was die Parteien ſich ſelbſt ſorgfältig verhehlt hatten, daß eine Erklärung zwiſchen Wilhelm von Reh⸗ 91 feld und meinem Bruder Sergius zuerſt die geringe Wahrſcheinlichkeit andeutete, je einen Einfluß auf ihre Neigungen zu gewinnen. Er iſt ein wahrhaft aufrichtiger, offenherziger junger Mann, dieſer Vetter von Ihnen, und er hat einige empfehlende Eigenſchaften; aber was mir ihn am nertwäglichſien macht, iſt der Enthuſiasmus eines ſchwachen Geiſtes, die Uebertreibung eines ſervilen Charakters, der Triumph einer gemeinen Seele, die aus ſeinem Benehmen hervorleuchten. Doch ſeine Frei⸗ müthigkeit ſtimmt mit Allem überein. Ich war be⸗ gierig, eine nähere Kenntniß meiner theuern Fürſtin und Schweſter zu erhalten, und er gab ſie mir voll⸗ ſtändig. Er malte ſie als ein liebenswürdiges Kind, als ein ſchönes Mädchen. Er malte ſie unter der Auf⸗ ſicht der albernen Sara, des ängſtlichen Paſtors, der eifrigen Thereſe, er malte ſie mir, geliebt von ihrem Vetter, angebetet von den Leuten ihres Vaters. Er malte ſie als einen ſchönen Baum, der an dem Ufer des Fluſſes gepflanzt iſt, welchen die Sonne gerne be⸗ ſcheint, auf den der Thau des Himmels gerne nieder⸗ fällt. Ich appellire an Sie ſelbſt, ſchöne Schweſter, damit Sie mir eine Supplementrechnung zu den Blü⸗ then und den Früchten der Erkenntlichkeit, Güte, Rein⸗ heit, und ihren Werth legen, welche während dieſer Saiſon von dieſem Baume der Glückſeligkeit gepflückt wurden, der ſeinem vaterländiſchen Boden Ehre macht. Bei dem Allem weiß ich nicht, warum ich Sie er⸗ müde; denn die Geſinnungen einer unbedeutenden Schwägerin ſind wenig werth, ſie mögen geſchrieben oder geſprochen werden. Aber ich wünſche, Ihnen von dem außerordentlichen Intereſſe Kenntniß zu geben, welches mir Ihre Wohlfahrt eingeflößt hat. Ich habe viele bedeutende Korreſpondenten in St. Petersburg, und es iſt mein erſtes, dieſe zu fragen, zu welchem Grade ſchöner Blüthe ich unter den ver⸗ ſchiedenen Aeſten unſeres alten Hauſes emporgeſtiegen, 92 die hinſichtlich des Glückes und des Wohles meines Bruders reine Arabesken ſind. Ich wiederhole bloß den fünften Theil von dem, was Sie mir über ſeine Erfolge und ſeinen guten Ruf an dem franzöfiſchen Hofe ſchreiben, und ich finde jetzt, daß ich fünfmal zu viel geſagt habe. Schenken Sie Ihre huldvolle Auf⸗ merkſamkeit dem, was mir abermals unter die Zähne gekommen iſt. Vernehmen Sie, daß die Frau Baronin von Reh⸗ feld viel tiefer in der Achtung des Kaiſers von Ruß⸗ land geſunken iſt, als die Frau Gräfin von Erloff, und die Großfürſtin Helena ſoll der Fürſtin W— zu⸗ geflüſtert haben:„Wie kann man ſich auf ungewöhn⸗ liche Gerüchte verlaſſen? Wie kann man dem Scheine trauen? Das klarſte Auge, das beſte Ohr— das des Kaiſers— mag getäuſcht worden ſein. Dieſes liebens⸗ würdige Weib des Sergius Gallitzin iſt ein reines Werkzeug in den Händen ihrer Schwiegermutter. Nichts kann ärgerlicher ſein, als unſere Neuigkeiten aus Paris ſind.“ Ich überlaſſe Ihnen, theure Schweſter und Für⸗ ſtin, von dieſer Mittheilung Gebrauch zu machen. Vielleicht beſitzen Sie einen Schlüſſel zu dieſen Hiero⸗ glyphen. Ich für meinen Theil, die ich nicht von Hof bin, bin ein armer Dolmetſcher. Für mich iſt ein Krokodil immer ein Krokodil, und ein Triangel ein Triangel. Sie können wahrſcheinlich das Myſte⸗ rium der Myſterien entziffern, und ich laſſe Sie bei Ihren Studien. Neunnnddreißigſter Brief. Die Vicomteſſe Elvinston, Elvinston Caſtle an die Fürſtin Gallitzin in Paris.— Wie gut von Dir, theuerſte Ida, wie wahrhaft gut, daß Du Deiner armen Schweſter gedenkſt, daß Du mir wiederholt Wünſche für mein Wohl und für mein Glück weihſt. Gute Seele, Du mußt in der That ein Günſtling des Himmels ſein! Eine wochen⸗ lange Betrachtung würde mich ſchwerlich in den Stand ſetzen, um einen erfüllbaren Wunſch zu finden. Mein Verlangen, ſich wiederzuſehen, iſt kein er⸗ füllbarer Wunſch, denn wir können Dich nicht ohne Opfer von Deiner Seite und Deinem fröhlichen Paris in dieſen einſamen Ort verſetzen, und es erfordert auch ein Opfer von meiner Seite, dieſen mir ſo theuern Ort mit Deinem lärmenden, ſchwelgeriſchen Paris zu vertauſchen. Ich muß daher zufrieden ſein, meine Theuerſte, in einem Briefe bei Dir zu ſein; ich bin mit jedem Wege zufrieden. Die Nachricht meines Vetters Alfred war richtig; dennoch kann ich nicht begreifen, wie er ſie erhielt. Wenige Wochen nach dem Chriſtfeſte, wenn Du mitten in den fröhlichſten Feſten Eures Hofes, im Carneval begriffen ſein wirſt, werden die Gebete meines armen alten Kloſters beginnen, damit ich eine glückliche Mut⸗ ter werden möge. Die vier Schweſtern Elvinston ha⸗ ben ſich, zum erſtenmale ſeit ihrer Kindheit, unter die⸗ ſem Dache vereinigt, ihre Männer und Kinder ſind mit ihnen, alle lieben und ermuthigen inich durch ihre Güte ſo ſehr, daß ich bald aufhöre, mich als eine Fremde hier zu betrachten. Die reichſte Erbin, oder die ſtolzeſte Lady ihres Landes hätte nicht herzlicher 94⁴ von ihnen empfangen werden können, als die arme Marguerite Erloff empfangen wurde. Ida, ich weiß es, ich bin ſchwach und unent⸗ ſchloſſen! Ich wurde nie wegen meiner Fortſchritte ge⸗ lobt, außer von meinen Verwandten und von meinen Lehrern. Aber ſage mir, wie Du, die Du einen ſo ſcharfen Verſtand haſt, zu dem Irrthume verleitet wer⸗ den konnteſt, daß Du in Lord Elvinſton's Benehmen etwas Zurückhaltendes, oder ſeine Natur ſtreng und ernſt finden konnteſt? Nie ſah' ich einen ſo guten Jun⸗ gen, nie ein ſo warmherziges Geſchöpf! Du ſollteſt ihn unter ſeinen kleinen Neffen und Nichten, Du ſoll⸗ teſt ihn unter ſeinen Pächtern, Du ſollteſt ihn zu Hauſe ſehen, an ſeinem eigenen Herde, indem er die Freude der Anderen durch ſeine nie raſtende, aber auch nie ſtörende Luſt anfeuert. Aber ich werde Dich ermüden, Ida, indem ich von dem Allem ſpreche! Ich erinnere mich, daß ich Dich einmal Nachts, als wir den formellen Zirkel des Großkammerherrn verließen, ſagen hörte, daß Du nicht um die Welt von dem Pfahle der Etikette losgebun⸗ den ſein möchteſt, und daß Du jede Geſollſchaft un⸗ genügend findeſt, in welcher nicht der Platz einer jeden Perſon durch den Almanach de la Cour be⸗ ſtimmt ſei. Wie ſehr würdeſt Du alſo unſere Vernachläßigung aller Ceremonie verachten! Indeſſen könnte, ſolch un⸗ bedeutende Obſervanzen ausgenommen, Elvinſton Caſtle für eine königliche Hofhaltung gelten. Das alte Schloß, auf einem ſchönen Felſen gelegen, mit herrlichen, gegen den Strom hinabſehenden Terraſſen, mit einer Zugbrücke und einem alten Thorwege, ſcheint nur einige Schildwachen zu erfordern, um der Sitz eines Herrſchers zu ſein. In den alten Zeiten, als die Vorfahren, von welchen mein Mann dieſes Baro⸗ nial⸗Eigenthum ererbte, ſo eine Art von Regenten im Königreiche waren, ſiets verwandt mit dem Throne, 95 erfreute es ſich wirklich ſolcher Auszeichnungen, und die ehrwürdige Warte mit ihren Schießſcharten und Fahnen blickt herab, als ob ſie ſich ſchon mehr als einmal gegen Feinde der Krone vertheidigt habe. Erinnerſt Du Dich, Ida, wie ich mich an dem ruhigen Alterthume Rehfeld's ergötzte, in ſo wonnigem Zuſammenhange es mit den fernern Zeiten der Ge⸗ ſchichte ſtand? Für mich hat der Roman der Vergan⸗ genheit ſtets ein überwiegendes Intereſſe gehabt, wahr⸗ ſcheinlich vermöge eines jener vagen Inſtinkte unſerer Natur, welche in ſo beſonderem Zuſammenhange mit der Beſtimmung ſtehen, die uns die Hand des All⸗ mächtigen bereitet hat. 8 Urtheile daher über mein gegenwärtiges Glück! Urtheile über mein Entzücken, als ich zum erſtenmale die alten, grauen Thürme dieſes ſtolzen Schloſſes von ferne ſah, wie ſie auf ein vor ihnen liegendes Thal voll Schönheit und Fruchtbarkeit herabſchauten, wie ein Fürſt ſeine Unterthanen unter ſeiner ſtrengen, aber wohlthätigen Obhut überwacht. Für einen Augenblick war ich erſchrocken; ich glaubte, daß in einem ſolchen Orte das Leben einen größern und darum ernſteren Anblick darbieten müſſe. Ich machte mich auf Feier⸗ lichkeit und auf alle die ſchwermüthige Ceremonie des Ranges gefaßt. Jetzt aber, glaube mir, hat die Behaglichkeit in⸗ nerhalb dieſer ſchönen, alten Mauern eine freundlichere Exiſtenz, als in Euern auserleſenen Boudoirs in Paris, obgleich ſie hinter Flanken mit Thürmen und Thürm⸗ chen verſteckt ſind, die um ſo mehr die Unabhängigkeit ſeiner Ruhe ſichern. Die ſchönen Reihen von Gemächern, welche die Ausſicht auf den Fluß darbieten und ver⸗ möge der Erhabenheit des ſtolzen Felſen, auf welchen das Schloß gebaut iſt, keinen Schutz von der künſt⸗ lichen Umwallung bedürfen, ſind die ſchönſten und ſon⸗ nigſten der Welt. Man ſcheint auf die Natur, deren Anblick nirgends ſchöner als in unſerm lieblichen Thale 96 iſt, hinauszublicken, wie von einem Standpunkte zwi⸗ ſchen Erde und Himmel, der uns verbietet, uns zu ernſtlich an die Dinge dieſer Welt zu feſſeln, oder durch ſelbſtſüchtiges Verlangen nach Vergnügungen das große Maß der Freude aus dem Geſichte zu verlieren, welche die Vorſehung unſern entwichenen Tagen zu Theil werden ließ. Bei dem erſten Anblicke ſcheint das Schloß aus⸗ ſchließend zu einer kriegeriſchen Vertheidigung brauch⸗ bar gemacht worden zu ſein, bloß zur Bewohnung durch Männer in Waffen, oder, beſſer geſagt zu dem traurigen Thurmzimmerleben irgend eines Schloßvogts der alten Zeiten. Nachdem ich in die entzückenden Zimmer, welche das Thal beherrſchen, dieſen Schau⸗ platz der glücklichen Jugend meines Gatten, und ſeiner Mutter Lieblingsaufenthalt, eingeſetzt worden, erkannte ich all das Liebliche und Heimiſche, welches mit einem großartigen Leben vereint ſein kann. Die arme Thereſe pflegte hie und da, ſich über die Traurigkeit Rehfelds zu beklagen; Du thateſt es immer. Mir ſchien es nie traurig. Indem ich das alte Schloß mit den Augen meines Herzens betrachtete, pevölkerte ich es mit ſolchen Viſionen, wie ſie die Seelen derer quälen, welche in einem frühern Leben durch Sorgen außerhalb getrieben waren, innerhalb deſſelben Troſt zu ſuchen. Wie viel mehr iſt dieß bei dem Platze der Fall, deſſen ich mich mit der ganzen Kraft eines von Liebe erfüllten Herzens erfreue, wie auch mit dem Enthuſiasmus eines Geiſtes, der noch immer kindiſch genug iſt, immaterielle Freude aus ma⸗ teriellen Dingen herauf zu beſchwören. Während unſere Männer auf die Hirſchjagd aus⸗ gegangen find, beſuche ich mit Elvinſtons Schweſtern oft die ſchönen Umgebungen dieſes Platzes, die ſo reich an geſchichtlichen Erinnerungen ſind, Legenden von Bruce und Wallace knüpfen ſich an dieſe Scenerieen, ja, Legenden von Helden und Zauberern, welche ſagen⸗ 97 hafte Weſen in der Zeit des William Wallace und Robert Bruce waren. Aber der für mich an Intereſſe der verſchiedenſten Art reichſte Raum von Zimmer in dem alten Bau, der von Maria Stuart bewohnt wurde, der ſo ſchuldigen und jetzt ſo ſchuldhaft geſchil⸗ derten Maria, der ſie als temporärer Zufluchtsort dienten, die ſie als Gefangene betrat und als Liebende verließ. Ich könnte mit der Erzählung dieſer trauri⸗ gen und unheilvollen Leidenſchaft einen größeren Raum ausfüllen, als Du Zeit haben würdeſt, Deine Augen nur flüchtig darüber hingleiten zu laſſen. Es iſt eine der unzähligen Epiſoden in dem Leben einer unglück⸗ lichen Königin, welche in der Geſchichte als ewiges Beiſpiel dazuſtehen ſcheint, wie unvereinbar Jugend und Schönheit mit der geſetzten Würde eines Thro⸗ nes ſeien. Elvinſton und ſeine Schweſtern ſind faſt dankbar für meinen Enthuſiasmus, und ſie ſcheinen mich um ſo mehr zu lieben, je mehr ich ihr edles Haus liebe. Der fremde Wanderer, der in einer Entfernung vor⸗ übergeht, grüßt es mit Ehrfurcht; die Künſtler pilgern hieher aus dem Süden, nein, aus fremden Ländern, um ſeine ernſten Züge, ſeine lächelnde Landſchaft ſich eigen zu machen; manches ferne Schloß iſt verherr⸗ licht durch das bloße Portrait ſeiner ſtattlichen Züge. Um wie vielmehr muß ich, der es durch alles das theuer iſt, was in der Heimath Heiliges liegt, was liebenswerth in der Liebe iſt, um wie vielmehr muß ich es verehren, ich, der ich mit denen verbunden bin, deren Weisheit und Güte den Grund zu den Ehren legte, durch welche ich in dem Lande durch Kinder zu⸗ rückgehalten werde, die mein und ſein ſind; mein, die ich ſo unwerth bin, eine ſolch glückliche Exiſtenz zu haben; ſein, der mich am Ende der Erde auſſuchte, und mich aus einem Leben der Sorge zu einem Leben des Glücks und des Friedens führte.... Die Frau des Geſandten. II. 98 Aber, wie ich herum ſchwärme! Wie ſelbſtſüchtig iſt das Glück, ſelbſtſüchtiger als das Unglück, ſo oft wegen der Fehler getadelt! Aber das meinige iſt nicht ganz ſelbſtſüchtig, theuerſte Ida; denn der Himmel weiß es, ich mußte Dir mein beiſpielloſes Glück mit⸗ theilen; obwohl ich in meiner Unruhe niemals wünſchte, mit Dir die Bürde meiner Sorgen zu theilen. Du ſprichſt in Deinem Briefe von meinen ſchlecht⸗ gekleideten Hochländern. Du mußt, unwiſſende Schwe⸗ ſter, nur nach Elvinſton Caſtle gehen, um deren Be⸗ kanntſchaft zu machen. Wir tragen den Plaid*), aber wir tragen auch die Trews**). In dieſen erſchien ein großer Zug der Lehensleute, oder wenn es in Dei⸗ nen Ohren beſſer klingt, ſo kann ich Vaſallen ſagen, am anderen Tage in der alten, großen, gothiſchen Halle der Burg. Du kannſt Dir nichts Fröhlicheres, nichts Patriarchaliſcheres vorſtellen. Gegen Abend wurden die Pfeifer hereingerufen, und zunächſt ſah ich einen Tanz, der im Vergleiche mit eurer wilden Mazurka dieſe als zahm erſcheinen läßt. Elvinſtons Schweſtern und auch ihr Bruder nahmen an dieſem Vergnügen Theil, obwohl er dem Tanzen abgeneigt iſt, aber welcher Schottländer, ſagt er, kann einem Reelsinn) widerſtehen? Zuerſt ſchienen es ſich einige der alten Stammväter zu Herzen zu neh⸗ men, daß ihre„gute, kleine Lady,“ wie ſie mich be⸗ zeichneten, nicht einen kleinen Verſuch in ihrem natio⸗ nalen Zeitvertreibe mache. Als ſie aber erfuhren, warum das Tanzen mir verboten ſei, da brachen ſie in ein ſolches Freudengeſchrei aus, daß ich, die ich den Lärm ſo haſſe, fühlte, daß er die rührendſte Muſik ſei, die je mein Ohr erreichte. Ein ſchöner alter Mann, mit grauen Haaren und — *) Eine Art Mantel der ſchottiſchen Hochlande. **] Ein beſonderer ſchottiſcher Anzug. e**) Schottiſcher Tanz. 8 4 ehrwürdigem Ausſehen beſtand darauf, daß ich ihm die Hand reiche, und als ich es that, rollten Thränen über ſeine Wangen. Er ſagte, es würde die ſechſte Generation ſein, die er von der Familie geſehen habe. Ich glaube, daß Elvinſton eben ſo gerührt war, als ich; doch weiß ich es nicht gewiß. Da er haßt, ſeine Gefühle zur Schau zu tragen, ſo vermuthete ich bloß aus ſeinem plötzlichen Abwenden, daß Thränen in ſeinen Augen ſtanden. 4 Der Winter iſt nun eingetreten, und es war das erſtemal, daß ich die Blätter fallen oder den Sturm außerhalb einer ſtädtiſchen Wohnung rauſchen hörte. Ich weiß nicht warum, aber dieſe Jahreszeit ſcheint mir auf dem Lande weniger freudlos, als in der Stadt. Wenn immer der Sonnenſchein kommt, ſind wir bereit, uns Vergnügen zu machen, und ich habe die ruſſiſche Weiſe angenommen, eine Ecke unſeres Geſellſchafts⸗ zimmers in eine Laube umzuwandeln, indem ich aus⸗ geſuchte Bäume aus dem reichen Gewächshauſe und von der ſüdlichen Terraſſe nahm. Bei ſorgſamer Aufmerkfamkeit auf die Erneuerung derſelben, iſt Pumer der Sommer innen, während der Winter außen nurrt. Ich möchte jetzt um die Welt nicht das Schloß verlaſſen. Dieß iſt die günſtigſte Jahreszeit für länd⸗ liche Gaſtfreundſchaft. Unſere Nachbarn erwarten, unterhalten zu werden, und Elvinſton iſt ein Mitglied einer alten Jagdgeſellſchaft, welche ihre hauptſächliche Popularität von dem Einfluſſe einiger edeln Patrone ableitet. Das Schloß iſt immer voll, das heißt, faſt immer, und die einſamen, glücklichen, traulichen Tage am Kamine, unter dieſe Tage der feſtlichen Gaſtfrei⸗ heit gemiſcht, find die glücklichſten Feiertage, die Du Dir denken kannſt. Ich habe nicht geglaubt, daß es ſolch glückliche Tage geben könne, als ich noch an die monotone Oeffentlichkeit eines Hofs geknüpft war. Während der ganzen Zeit, die wir bei dieſen lang⸗ 1⁰⁰ wetligen Feſten in St. Petersburg zubrachten, ſtand Elvinſton Caſtle, wo es ſteht, beſchienen von der Sonne, verehrt vom Volke, wartend auf Menſchen, die in ihm glücklich ſein ſollten. Dem Himmel ſei Dank, daß es nicht länger zu warten hatte. Die Abſicht iſt wenigſtens erreicht. Der Segen des häuslichen Friedens waltet über unſerem Dache, und unter ihm der Klang der Muſik, der Ton der Behaglichkeit, das Lachen der jungen Kinder, das Flüſtern liebender Herzen. Nun, Gott hat Barmherzig⸗ keit mit uns, und er wird dieſes Glück zuletzt nicht zu groß werden laſſen. Vierzigſter Brief. Der Graf Alfred de Vaudreuil in Paris an den Grafen Erloff zu Moskau. Ich wünſche Ihnen, ungezogener Vetter, Glück zu Ihrer Philoſophie! Ich ſtimme vollkommen mit Ih⸗ nen überein, daß nebſt dem, ein Weib bis zur Toll⸗ heit zu lieben, die höchſte Begeiſterung am Ende darin liegt, ſie bis zur Wuth zu haſſen, gerade wie der witzige engliſche Staatsmann erklärte, daß nächſt der Freude im Hazardſpiele zu gewinnen, das größte Vergnügen ſei, zu verlieren. Aus dem Inhalte Ihres letzten Briefes ſchließe ich, daß Ihre furor brevis unter dem Einfluſſe einer Leidenſchaft kürzer und mehr wüthend als entzündet, viel heftiger war, als die meinige, denn indem ich meine Grille für die Lilie von Rehfeld in einen Ab⸗ ſcheu der Frau des Geſandten zu verwandeln ſuche, halte ich die Fürſtin Gallitzin für eine wahrhaft ange⸗ nehme Bekanntſchaft. Im Uebrigen glaube ich ihr im Allgemeinen, oder eigentlich mit dem Nebrigen von Paris, zu gefallen. Die Grazie ihres Witzes und ihrer Manieren, der ich ſo oft begegne, wird unſtreitig anmuthsvoller und witziger im Zuſammenhalte mit jenen perſönlichen Rei⸗ zen, an welchen die Helenen unſeres Paris ſo oſt Mangel leiden. Unter unſern häßlichen Schönheiten erſcheint die ſchöne Ida faſt als eine Gottheit. Das iſt immer zu fürchten, daß, wenn das Weib unſerer Phantaſie, das Weib des Herzens eines andern Man⸗ nes wird, ſie zuletzt in ihre Häuslichkeit verfinken und uns durch ihre Plumpheit ärgern wird. Die Fürſtin iſt aber in dem Stande, von dem man vorausſetzt, daß er ſie in häusliches Ungemach vertiefe, tauſend⸗ mal mehr weltlich geſinnt und kokett geworden. Wenn ſie zuvor ein Engel war, ſo hat ſie ſich jetzt ein Paar Schwingen beigelegt, Schwingen, die nicht zu engliſch, bien etendu, eben von der Art ſind, wie ſie die ateliers der Madame Favier oder des Herrn Her⸗ bault als Paradiesvögel oder Marabuts zieren. Sie haben oft meine Verſicherung gehört, eines meiner we⸗ nigen moraliſchen Principien, das Axiom:„soyons de notre pays!“ Paris iſt mein„pays.“ Ich wurde hier geboren und will luſtig hier ſterben; denn ich bin Pariſer aus des Herzens Grund. Nun, Ihr wahrer Pariſer iſt unbeſtreitbar ein Verehrer der Mode. Hier iſt in der That die Mode die Seele des Patriotismus. Die Frau Fürſtin Gallitzin iſt furieusement à la mode; ich bin furioſer Patriot; ergo— aber ich überlaſſe den logiſchen Schluß Ihnen. Ich wiederhole: furieusement à la mode; und, welch'; ein Triumph für eine kleine Perſon aus der Provinz, welch' eine Poliermühle war St. Peters⸗ burg. Es kann nicht dauern; ich bin beruhigt, daß es nicht dauern kann; das iſt die wahre Eſſenz des Triumphs. Iſt denn nicht„la mode“ immer pas⸗ sagere?“. Wenn ſie aus der Mode iſt, ſo verlange ich nicht, in ihrer Geſellſchaft all' das Anziehende zu finden, was ich heute finde. Ich hin nicht geneigt, eine Blume zu bewundern, wenn ſie verblüht hat, oder eine Frucht, wenn ſie zuſammengeſchrumpft iſt, oder ein Ideal an⸗ zubeten, deſſen Verehrung abgeſchworen wurde. Im Gegentheile, der Block von Holz oder Stein wird um ſo mehr ſteinern und hölzern, daß ihn Niemand mehr für etwas Göttliches hält. Gegenwärtig iſt indeſſen das Ideal ſtrahlend in ſeiner Niſche, es iſt: au jour, le jour!“ Unſere Carnevals⸗Freuden haben begonnen, und ich ſage Ihnen, daß es keine geringe Auszeichnung iſt, durch die Bande der Verwandtſchaft oder Schwäger⸗ ſchaft mit einer populären Geſandtin ſo verknüpft zu ſein, daß man als ihr bevorzugter Cavalier betrachtet wird. Nächſte Woche wird ein glänzender Ball im Pavillon Marſan ſtattfinden, und die Fürſtin Gallitzin, welche im Herbſte Roſny beſucht und zu St. Cloud re⸗ ſidirt hat, hat ſich auf einen viel vertrauteren Fuß mit der„illustre famille“ geſetzt, als die drei andern Geſandtinnen, und will ohne Zweifel die Schöne der Nacht ſein. Während Marguerite den Mühen und Gefahren des Mutterthums ausgeſetzt iſt, wird Ida in einem königlichen Ballſaale herumflattern. Jedem ſeinen Beruf! Gallitzin, der keine erblichen Güter hat, ſcheint wenig auf die Gründung einer Familie zu hal⸗ ten, und ſeine Frau hörte ich oft ſagen, daß die Lei⸗ denſchaft ihrer Schweſter für Kinder die unerklärlichſte Vorliebe der Welt ſei. Ida hat alſo augenſcheinlich keine Luſt, Mutter zu werden. Sie war für eine Frau eines Geſandten geſchaffen. Inzwiſchen iſt hier ein ſchrecklicher Krieg zwiſchen einer gewiſſen Clique von Engländern, in welcher ich ſeit Ida's Ankunft einen großen Theil meiner Zeit zu⸗ 103 bringe, und der ruſſiſchen Geſandtſchaft ausgebrochen. Die Geſandtſchaft hat das meiſte für ſich, wie ſie ſich denken können, denn ſie hat auf ihrer Seite: Vorrang, Jugend, Schönheit und Alfred de Vaudreuil. Unſere Gegner ſchlagen ſich aber gut. Sie beſitzen den in der Geſellſchaft mächtigen Vortheil der Priorität. Sie haben ſich ſchon vor Jahren hier niedergelaſſen, ſie geben ihren Freunden Diners, ihren Feinden Pein, und durch Liebe und Furcht haben ſie eine bedeutende Macht von Hülfstruppen um ſich verſammelt. In der Familie befindet ſich ein gewandter Mann und ein ſchönes Weib; ein Mann, der nur in der Weiſe von plaisanterie, oder mauvaise plaisanterie ſticht, und ein ſtechender Witz, der ſich auf einen guten Koch ſtützt, iſt nach meiner Meinung der mächtigſte unter den ſo⸗ cialen Einflüſſen. Lord Montagu iſt eine bezaubernde Perſon, die unterhaltendſte der Welt; aber wegen des noch unter⸗ haltenderen Urſprungs unſerer feindlichen Stellung werde ich ſchwerlich umhin können, auf ſeine Freund⸗ ſchaft zu verzichten. Die Fürſtin Gallitzin will nichts von ihm hören. Er iſt der Schwager der Geraldine Fauconberg, und das iſt genug. Im letzten Sommer, als ſie noch in der erſten Blüthe ihrer Popularität ſtand, als der Pöbel ihr Alles wegen ihrer Schönheit opferte, und die Cotterien im Sinne hatten, eine Medaille ihr zu Ehren prä⸗ gen zu laſſen, ſchien die Fürſtin Gallitzin geneigt, mir die Ünſchicklichkeit wieder zu vergelten, die ich dadurch beging, daß ich mich in den bezauberten, aber nicht ausſchließlich bezaubernden Zirkel einer kleinen Ge⸗ ſandtſchaft einſchloß, während alle diplomatiſchen Häu⸗ ſer und alle unterhaltenden Geſellſchaften des Platzes ihre Arme ausbreiteten, um mich zu umarmen. Erinnern Sie ſich, theurer Lex, wie übel ſie es auf⸗ nahm, daß wir auf Ihres Vaters eckelhaften Soirées wegen der Feſte der Madame Beloyelsky, oder der be⸗ 104 zaubernden Escagoden der öffentlichen Bälle verzich⸗ teten. Sie glaubten, daß ſie vermöge Ihrer extra⸗ vaganten Demonſtrationen von Bewunderung keinen Anſtand nehmen werde, zu diſpenſiren. Mein theurer Junge, ehe Sie ankamen, war ſie gleich exigeante! Ich ſage nicht mehr, aber Sie werden ſich vorſtellen, daß ſie nicht abgeneigt war, irgend eine Gelegenheit zu ergreifen, um die Hand auf meine frühere Bar⸗ barei zu legen. Sie würde es vielleicht auch gethan haben, aber da ſie meinen überwiegenden Einfluß auf die Geſellſchaft hier entdeckte, und die jeder verhei⸗ ratheten Frau unvermeidliche, beſonders aber für die Frau, deren Mann amtliche Pflichten hat, die ſeine Zeit und ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, unvermeidliche Nothwendigkeit erkannte, einen gehor⸗ ſamen, demüthigen Diener zu haben, der nach ihrem Wagen ruft und ihre Vertheidigung in allen Geſell⸗ ſchaften auf ſich nimmt, ſo etwas weniger lakaienmäßig, als ein chasseur, etwas weniger handwerksmäßig, als ein avoué, kurz einen cavalier serviente in all' ſei⸗ ner Eigenthümlichkeit, der ihr Lächeln vor einer, ihrem Rufe nachtheiligen Deutung ſichert— weil ſie dieſes erkannte, unterließ ſie es. Nach meiner Meinung war ſie ſehr klug, mich, der ich ſo attachirt an ihr Intereſſe bin, mittels unſerer Familien⸗ Verbindung zu adoptiren. Sollten Sie in dieſem Früh⸗ jahre Ihr Vorhaben, auf Ihrem Wege zum Beſuche bei Lord und Lady Elvinſton durch Paris zu kommen, ausführen, ſo werden Sie finden, daß nichts klüger ſein konnte. Ich will indeſſen nicht ſchwören, daß ihr Entſchluß nicht etwas durch die ſehr beſcheidene Wür⸗ digung meiner Klugheit, oder meiner Discretion, wel⸗ che der Fürſt zu hegen ſcheint, angeſpornt worden ſei. Nichts vermag mehr, einem die Theilnahme eines Weibes zu ſichern, als die ewige Ungerechtigkeit ihres Mannes. Indem Sie dieſen verſprochenen Beſuch in Aus⸗ erwacht war, daß Alfred de Vaudreuil nicht ihr Selave, 1⁰⁵ ſicht ſtellen, fragen Sie nach der Geſundheit und nach den Blicken der Dame, von der Sie behaupten, ſie in einen Gegenſtand des Haſſes verwandelt zu haben und die Sie ſtatt des angeblichen Haſſes mit zärtlichen und ſchmachtenden Blicken und pflichtſchuldigermaßen in dem Lichte einer Halbſchweſter zu betrachten beginnen. In vollem Ernſte, Vetter, geſtehe ich Ihnen, daß ich ſie nie auch nur halb ſo liebenswürdig ſah. Was der Schluß des Carnevals zur Verſchlimmerung beitragen mag, läßt ſich nicht vorausſehen. Dieſe beſtändige Zerſtreuung, dieſe nächtlichen Bälle, dieſer endloſe Kreis von Putzen, Tanzen, Sprechen, dieſer volle Glanz der Beleuchtung, der mit dem Sonnenſcheine des Orients rivalifirt und der die Ballſäle unſeres Paris ſo brillant und ſo verderblich macht, wird am Ende einen Theil dazu beitragen, die blendende Weiße ihres ſchönen Antlitzes zu verwiſchen und den Glanz ihrer ſchmelzenden Augen zu vermindern. St. Peters⸗ burg hat bereits das Uebel herbeigeführt, ihren jugend⸗ lichen Ausdruck zu vertilgen. Ich geſtehe, daß der edle Ernſt und die edle Wahrhaftigkeit, welche der arme, junge Rehfeld gewöhnlich unſerer Bewunderung in den Blicken Marguerite's darſtellte, ihre heilige Schönheit denen der Lilie niemals verliehen. Als 8 noch in Rehfeld war, beſaß ſie den offenen Blick eines Herzens, welches keine Sorgen kennt, eines Geiſtes, welcher keinen ſchlimmen Gedanken beherbergt hat, ei⸗ ner Hoffnung, die fröhlich in das Leben hinausblickt, des Glückes gewiß durch die Liebe der Anderen, der Unſchuld durch den Schutz ihres Herzens verſichert. Es war vorher beſtimmt, daß an dem kaiſerlichen Hofe die Reize zerfließen ſollten. Der auf des Wei⸗ bes Blicke Aufmerkſame möchte Wunder von Weisheit oder Vergnügen eingeſaugt haben, wenn er, wie ich that, im Familienleben ſie ſtudirte und zuerſt die ver⸗ zweifelten Blicke der Lilie bemerkte, als ihr Argwohn 106 und Rußland weniger als ein Paradies ſei. Dann verriethen ihre eiligen und unruhigen Blicke ihre ei⸗ ferſüchtige Reizbarkeit, und endlich richtete ſie einen furchtbaren Blick auf den, der das Uebel entdeckt hatte, womit die Welt ein Gewerbe treibt und ihren Geiſt veranlaßte, das Uebel zurückzugeben. Ach, wir ſind armſelige Geiſter in dieſem phari⸗ ſäiſchen Chriſtenthume. Welch verderbliche Lehren hin⸗ terlaſſen wir unſern Nachkommen, indem wir bloß unſere Leichtfertigkeit ausüben laſſen. Ich habe kein Vertrauen auf die angeblichen Inſtincte der Jungen des Tigers, der ungefiederten Adler, oder der Kinder der Verbrecher. Aber von dem Fleiſche der Opfer, welche von ihren wilden Eltern im Horſte oder im Lager geboren wurden, bin ich überzengt, daß dieſe Geſchöpfe niemals ein Gelüſten nach Blut bekommen, oder grauſam werden. Das Weib dagegen, auf einen —.—— Feind verfallen, wird in Folge der Qualen, die wir ihr verurſachen, indem wir vor ihren Augen den un⸗ befleckten Schnee ihres Lebens beſudeln und ihren Glauben an die Vortrefflichkeit ihrer Mitmenſchen ver⸗ nichten, zuerſt ihr Vertrauen auf die menſchliche Tu⸗ gend und endlich an ihre eigene verlieren. Das iſt ein ſchöner Ausbruch von Moralität für Sie, mein niedlicher Vetter in der Jsmatloff'ſchen Garde. Wenn Sie zu wiſſen wünſchen, wo Alfred de Vaudreuil dieſe aufgeleſen hat, ſo vernehmen Sie, daß er geſtern in dem Palaſte von Notre Dame bei ſeinem ſehr verehrungswürdigen Onkel, dem Erzbi⸗ ſchofe, ſpeiste, deſſen vortrefflichen Schinken und deſſen abſcheulicher chek de cuisine den an ſeiner Tafel Speiſenden einen ſchweren Alp und folglich auch einen furchtbaren Anfall von Miſanthropie für den folgenden Morgen zuſichern. Ich habe ſchon lange die Bemer⸗ kung gemacht, daß eine Indigeſtion ein tieferer Mo⸗ raliſt als Paseal iſt. In Wahrheit leite ich indeſſen den Rousism mei⸗. —.— 107 nes Lebens und die Härte meines Herzens von einer erſten, getäuſchten Liebe ab. Es iſt nicht das, was Sie Vereitelung nennen, nicht das Dazwiſchentreten von Eltern oder Vormündern, oder der Weltfinn eines guten oder übeln Geſchicks, welches einer glücklichen Heirath zuvorkam. Aber ich liebte treu, glühend, zu⸗ verſichtlich; ich liebte wie ein Jüngling, ich liebte wie ein Mann, mit religiöſer Indrunſt und übermenſch⸗ licher Beſtändigkeit ein Weib, welches ich, da ich wie ein Jüngling liebte, für einen Engel hielt. Sie war ſtolz darauf, daß ich ſo von ihr denke, ſie machte es ſich zum Vergnügen, ſo zu ſcheinen. Sie ſtudirte mei⸗ nen offenherzigen Charakter— es wird Ihnen wahr⸗ ſcheinlich ſeltſam vorkommen, daß ich wie die jungen Tiger und Adler unſchuldig geboren wurde— und prüfte meine Aufrichtigkeit abſcheulich. Ich denke nun oft daran, welche Mühe es ſie gekoſtet haben muß, mich zu betrügen. Sie möchte das Königreich mit nicht viel größerer Mühe revolutionirt haben, als ſie das Erbauen der ausgeſuchten Luftſchlöſſer koſtete, mit welchen ſie mich in der Hoffnung ergötzte, ſie mit ihr zu bewohnen. Nie werde ich die Nacht vergeſſen, welche auf den Tag folgte, an dem ich entdeckte, daß ſie mich betrogen, oder vielmehr den Tag, welcher auf die Nacht der Entzauberung mit ſeinem Schmerze des Herzens und ſeinem Ekel folgte! Gebt mir, ihr Mächte der Finſterniß, ihr ſchlafloſen Nächte, die den Schmerz des Herzens, den moraliſchen Ekel, die ihr das nüchterne Ende einer Liebe begleitetet, gebt mir eine Liebe, in welcher ich grauſam und muthwillig betrogen wurde, zurück. Satan ſelbſt, ich glaube es wahrhaftig, nahm mich in jener Nacht in Beſitz! Dieſes Weib, dieſe verhaßte Camille, hat die alabaſternen Mauern umgeſtürzt, womit ein wachender Engel in früher Jugend die Ausſicht auf die ſchlimmen Wege der Welt verſperrte. Nun war Alles bloß, Alles enthüllt, Alles of⸗ 108 ſenbar, und irgend ein Geiſt des Unheils war gewiß mit mir in meiner Verzweiflung, um mir zu bezeich⸗ nen, wie es vermehrt und berechnet werden könne. Und vieſes Alles wurde durch die Coquetterie des Geſchlechtes herbeigeführt, welches ich nun zum erſten Male beſchimpfen lernte. Gerade jetzt fühlte ich mich am Abende eines großen Mißgeſchicks(ich lüge, ich bin nicht vorſichtig, ich ſollte ſagen, daß ich mich wie am Morgen eines großen Mißgeſchicks befinde), ich blicke auf Camilla, als die Urheberin meiner ſchlimmen Wege, zurück, und pflanze ein anderes ſchwarzes Kreuz in meinem Cataloge über weibliche Miſſethaten auf. Werden Sie durch dieſe jämmerliche, proſaiſche Laune nicht aufgeregt. Laſſen Sie vielmehr vieſe als ein Zeichen der Vortrefflichkeit des Hochheimers ſich dienen, auf welchen ich angeſpielt habe, und überreden Sie ſich, Ihre Reiſe nach Paris zu beſchleunigen, wo ich Sie, wie ich Ihnen verſpreche, aufs Vertrauteſte mit dem Keller des gnädigen Herrn, meines Onkels⸗. Erzbiſchofs bekannt machen werde. —— Einundvierzigſter Brief. Von Mademoiſelle Thereſe Mareau in Paris an die Vicomteſſe Elvinſton, Elvinſton Caſtle. Theuerſte Marguerite, oder vielmehr theure Lady Elvinſton, empfangen Sie meine herzlichſten Glück⸗ wünſche. Ich bin von der Fürſtin, welche dieſen Mor⸗ gen um ſechs Uhr von dem Balle bei Madame zurück⸗ kehrte, ihr Bett noch nicht verlaſſen hat und die Poſt zu verſäumen fürchtet, beauftragt, Ihnen die Theil⸗ —y — 109 nahme zu verſichern, welche ſie und der Fürſt bei Ih⸗ rer Freude hegen, und Ihnen zu ſagen, wie aufrichtig wir uns Ihres Wohlbefindens freuen. Mit vollem Rechte hat Ihr letzter Brief, theuere Lady, geſagt, daß der Himmel Sie und die Ihrigen zu begünſtigen ſcheine. Nicht bloß ein Kind, um die Wünſche einer Mutier zu erfüllen, vielmehr noch ein Knabe, um die Hoffnungen Ihres alten Hauſes zu beleben. Ich kann Sie in meinen Gedanken ſehen, wie Sie dieſen neuen Schatz feſt an das weiblichſte unter den menſchlichen Herzen drücken und ſo durch die Erfüllung einer neuen Pflicht Ihren Beruf vervoll⸗ kommnen. Obgleich ich ein unverheirathetes Frauenzimmer und uneingeweiht in die Geheimniſſe der ehelichen An⸗ fechtungen bin, ſo weiß ich doch, daß Ihre Augen gerade jetzt vor zu vielem Leſen bewahrt werden müſſen. Ich will daher für einen andern Tag und wahrſchein⸗ lich für die Hand der Fürſtin ſelbſt das angenehme Geſchäft weiterer Glückwünſche vorbehalten. Wir ſind dem Vicomte für die ſchleunige Benach⸗ richtigung von Ihrem Glücke verpflichtet und hoffen, daß er uns in der Freude über Ihre fortſchreitende Wie⸗ derherſtellung nicht vergeſſen werde. Wir warten Alle mit Ungeduld auf weitere Nachrichten. Zweiundvierzigſter Brief. Die Fürſtin W=— in St. Petersburg an die Fürſtin Gallitzin in Paris. Meine wenigen, durch die Rouilly's überbrachten Empfehlungsworte haben mir eine ſo bezaubernde Ant⸗ 110 wort von Ihrer Hand, theure Fürſtin, und eine ſo freundliche Erfüllung meiner Wünſche verſchafft, daß ich ein Ungeheuer ſein müßte, würde ich Ihr Verlan⸗ ben nach Neuigkeiten aus St. Petersburg vernach⸗ äßigen. Aber ach, was habe ich als Erwiederung auf die unterhaltenden Berichte, die Sie mir über mein ge⸗ liebtes Paris geben, zu erzählen? Die hieſigen Ereig⸗ niſſe ſind wenig und nur ſelten von einer ſolchen Be⸗ ſchaffenheit, daß ſie die civilifirte Welt intereſſiren könnten. Unſer Carneval iſt in dieſem Jahre bloß ein jüngerer Bruder zu dem des letzten Jahres mit den⸗ ſelben traurigen Zügen, mit demſelben ceremoniöſen Gewande. In Paris iſt dagegen die Geſellſchaft im⸗ mer ab⸗ und zuſtrömend. Jeden Winter kommen dort neue engliſche Lords und Ladies an, bringen Millionen mit, um ſie zu verſchwenden, und Söhne und Töchter für die Hottentottiſation. Jeden Winter ſendet Italien friſche Prinzen, die Lärm machen, als gingen ſie auf Dedicationen Taſſo's einher; einen ſcherzhaften Nun⸗ tius von Rom, oder eine ballgebende Herzogin von Neapel. Aber was, ich bitte Sie, kommt hieher, was möglicher Weiſe zu etwas dienen kann? Hie und da feſſeln wir einen herumſchweifenden Gelehrten, der nun gerne ein Buch ſchkeiben möchte, von der Akademie gewählt wird, eine Tabaksdoſe mit dem Porträt von Nikolaus erhält, um die Verſammlungen der geologi⸗ ſchen Societäten und anderer Eulen⸗Neſter in frem⸗ den Ländern zu rühmen; oder wir ſehen eine nomadi⸗ firende engliſche Pairs⸗Frau, die ihre Diamanten ſchon bei jedem Hofe unter der Sonne oder unter dem Monde zur Schau ausgeſtellt hat; aber wir bekommen Nie⸗ mand zum Dableiben, um ſo das Geſicht der äußerſt monotonen Geſellſchaft abzuändern, die immer über ihre eigene Trägheit gähnt, ohne irgend eine Anſtrengung zu einer Abänderung zu machen. Während Paris, gleich einer Schönheit in etwas 4 111 mehr als in der Reife ihrer Reize, Quellen für alle Arten der Koketterie hat, um die Farbe der Wangen zu erhöhen und den Glanz der Augen zu vermehren, Falbeln den Weiberröcken und Pracht ihren Cabriolets hinzufügt, verſammelt St. Petersburg ein linkiſches Schulmädchen, oder einen ſchmächtigen, halb plumpen, halb pedantiſchen Schüler, die weder den Sinn haben, ihre Mängel zu begreifen, noch den Wunſch, ſie zu verbeſſern, wenn ſie ihnen bezeichnet werden. Kurz, wir haben uns nicht ein Bischen verbeſſert, ſeit Sie uns verlaſſen haben. Wir haben ein Te Deum für einen andern kaiſerlichen Sproſſen geſungen, und find nun wieder ſo eingefroren, wie im letzten Winter, haben ſo eiwas von einem ſchlechten Ballet und eine Oper, die ſo unglücklich war, die Zufrieden⸗ heit des unglücklichen Job noch nicht zu erringen. In London liefert die Vielfarbigkeit des politiſchen Lebens bunte Contraſte zu den Schachbrettern. Wäh⸗ rend die Whigs am Ruder find, geben die Whigs⸗ Lords Diners und die Whigs⸗Ladies Bälle. Zur Zeit werden zu ihren Bällen und Diners Leute gezogen, die durch Fertigkeit die menu ihrer Chefs erlangt haben und in ihren Appartements hoch und hurtig ſich drän⸗ gen. Eine Nacht theilt das Haus; die Miniſter reichen am nächſten Morgen ihre Entlaſſung ein, und am Ende eines Monats finden wir neue Gräfinnen, die Bälle, und neue Marquiſinnen, die Diners geben; die Hof⸗ hedſenſtettm werden angetrieben, gaſtfrei und freigebig zu ſein. Aber hier iſt keine Abwechslung. Alles iſt unver⸗ änderlich, wie die Geſetze der Meder und Perſer. Hier iſt bloß ein Czaar, und Neſſelrode iſt ſein Prophet. Aber obwohl ich es weislich in meinem Geiſte überlegt habe, meinen Brief unter Couvert an Ma⸗ dame de Rouilly zu ſenden, um ſo meine Philoſophie vor einer Erleuchtung des Geiſtes des Kaiſers zu ſichern, ſo finde ich mich doch hier niemals vor dem 112 Flüſtern des Windes ſicher, der meinen Brief durch⸗ weht hat, nachdem ich etwas ſo Unvorſichtiges, wie eine politiſche Meinung iſt, zu ſagen gewagt habe. Laſſen Sie mich daher geradezu auf den Gegenſtand Ihrer Fragen mich beſchränken. Von dem Grafen Erloff weiß ich nichts. Er iſt wahrſcheinlich bei ſeinem Regimente, wenn er nicht wegen eines Knopfes mehr oder weniger an ſeiner Uniform, oder wegen einer Thorheit mehr oder we⸗ niger in einer Liſte wegen übeln, nicht beſonders ſpar⸗ ſamen Lebens nach Sibirien geſchickt worden iſt. Ich glaube, die Baroneß iſt auch in Sibirien, ich meine, in Siberien der kaiſerlichen Gunſt. Keine Anitſchkoff's⸗ Bälle dieſes Jahr; keine Privat⸗Audienzen. Sie iſt nun einzig und einfach das Weib des Geſandten von ..... und wäre ſie dieſes nicht, Gott weiß, was oder wo ſie ſein würde. Nikolaus, der ſich pikirt, Alles wiſſen zu een, und, wenn er es weiß, zu be⸗ urtheilen, ſoll, man ſagt, ihr ſein Mißfallen aus⸗ geſprochen haben, daß ſie bei dem Tode des Generals Erloff die Beſitzungen nicht ſo gut verwaltet habe, als es das Intereſſe ihrer, unter kaiſerlicher Protektion ſtehender Kinder erforderte. Einige Zeit darauf hat das vertrauliche Geklatſche die Abberufung Ihres Va⸗ ters als gewiß angenommen. Aber der Kaiſer iſt ſtreng gerecht und ehrt die Redlichkeit und die Ehre des Herrn Barons ebenſo, wie das Andenken des alten Generals. Ihres Vaters Dienſte waren unſchätzbar in der Grenz⸗ frage, die ſich dem Kaiſer ſo lange als die, in den Flanken eines mächtigen Renners befeſtigte Bremſe bewährt hat, der, ſo mächtig er auch, doch nicht im Stande iſt, das Inſekt zu vertreiben, und es iſt oft bemerkt worden, daß Nikolaus den treuen Repräſen⸗ tanten der letzten der fremden Mächte eben ſo ſehr ehrt, als die der Repräſentanten der größten. Inzwiſchen iſt das Geſchäft der Frau von Rehfeld zu Ende. Vergebens ſind ihre Schauer, ihr Untertau⸗ chen, ihre Garnituren und ihre Anmuth. Die Kaiſerin ſieht ſie nicht mehr. Die ärmſte Lehrlingin der Made⸗ moiſelle Louiſe kann eben ſoviel thun, als ſie ſelbſt; und obgleich ſie ein Rieſe iſt, wenn kaiſerliche Gunſt ſie unterſtützt, ſo wird ſie doch bei dem Verluſte der⸗ ſelben ein Zwerg. Am meiſten ſieht man ſie in ihrer Loge bei Bolskoy, und ſie iſt erfreut, als Eskorte ei⸗ nen gewiſſen, alten Baron von Grünglatz zu haben, deſſen mineralogiſches Werk über die Minen von Gamn⸗ holm und Oiama eine Prämie von der kaiſerlichen Schatzkammer, und deſſen häßliche Perſon den Orden vom weißen Adler erhalten hat. Der iſt nun hier eine Perſonage. Niemand gilt in ſeinem Vaterlande für einen Propheten. Wie weiſe iſt es von der Reſidenz, ihre überflüſſigen Produkte zu exportiren, damit ſie ein Land kennen lernen, welches ſo arm an wiſeenſchaft⸗ lichen Krämern iſt.. Empfangen Sie meine Glückmägſche zu der Ge⸗ burt des Sohns und Erben der Mylady Elvinſton, welche die engliſche Geſandtſchaft dem Kaiſer förmlich angezeigt hat, und noch vielmehr meine Glückwünſche dazu, daß Sie ſelbſt einem ſolchen Mißgeſchicke ent⸗ gangen ſind. Was für Peter gut iſt, iſt nicht auch für Paul gut, außer wenn beide Czaaren ſind und der eine ſeine Frau, und der andere ſeinen Sohn verfolgt, wo dann einß kurze Ohrenbeichte für beide vortrefflich iſt. Ueber küͤrz oder lang werden wir die liebenswür⸗ dige Marguerite hier als Geſandtin haben. Der lange Vicomte mag mit einer außerordentlichen Geſandtſchaft bei unſerer nächſten Krönung beauftragt werden. Er wird keinen ſo ſchlimm darein ſehenden Am⸗ baſſadeur machen, wenn er mit Glück und Wohlleben angefüllt und hübſch beſternt und behoſenbandet iſt. Solche lange Lords ſcheinen nicht bloß im Privatleben an ihrer Stelle zu ſein. Sie müſſen nach Art eines Opernglaſes conſtruirt ſein, um eingeſchoſſen und weg⸗ Die Frau des Geſandten. II. 8 114 gelegt zu werden, wenn man ſie nicht mehr nöthig at. 3 In dieſer Epoche mag, man weiß es, unſere lie⸗ benswürdigſte der Frauen ruſſiſcher Geſandten, auf die Diplomatie verzichten und für den Reſt ihres Le⸗ bens in das Land zurückverſetzt werden, in welches ſie ſich ſo ungeeignet verpflanzt hat, als der edle Orangebaum, den der alte Demidoff in dem Garten des römiſchen Kloſters, in welchem er Jahrhunderte hindurch geblüht hat, ausgrub und mit den Koſten, die der Marſch einer Armee verurſacht, in die kaiſer⸗ liche Eisgrube verpflanzte. Gräfin Neſſelrode der näch⸗ ſten Regierung. Ich küſſe den Saum des Kleides Ihrer Excellenz! A rivederla, bellissima, a rivederla! Dreiundvierzigſter Brief. Vicomte Elvinston an die ehrenwerthe Mrs. Leslie, Tauſend, tauſend Dank Dir, theure Marie, und Leslie für Eure freundliche Theilnahme an unſerer Freude. Als wir im October beiſammen waren, da hielt ich es kaum für möglich, daß mein Glück einer Vergrößerung fähig ſei. Jeden Tag, den wir verleb⸗ ten, ſchien die Welt ſo klar und licht, als nur eine Welt ſein kann. Ich geſtehe nun meinen Irrthum zu; der Frieden unſeres Herzens war unvollſtändig, ſo lange nicht das Glied in der großen Kette der Schöpfung und beſonders unſerer ſocialen Stellung angefügt war, welches durch älterliche Verantwortlichkeit ergänzt wird. Die Herzogin verſpottet mich ohne Erbarmen wegen meiner Fügung in meine neuen Würden; aber ich ſelbſt 115 fange an, das Leben aus einem andern Geſichtspunkte zu betrachten, ſeit ich gefühlt habe, daß etwas mir Eige⸗ nes auf der Erde zuruͤck bleiben ſoll, ſeit ich ſo fühle, wie ich fühle, erkenne, daß unſer Leben durch den Ein⸗ fluß meiner heutigen Handlung bedingt wird. Ich vermag nicht, Deine Fragen, wem dieſer junge Sproſſe unſers Hauſes gleiche, zu beantworten; indem ich dieſe für eine Schlinge halte, um mich ſelbſt lächer⸗ lich zu machen. Es genüge, daß er lebt, kräftig ſchreit, ordentlich ſich nährt, und verſpricht, einen genügenden Lord von Elvinston Castle zu machen, wenn ſein Vater im Grabe liegt. Ich habe bloß von Marguerite mit Dir zu ſpre⸗ chen. Ich bin nie müde, von Marguerite zu ſprechen. Ich ſpreche aber über ſie nie, außer in meinen Gebeten und zu meiner Lieblingsſchweſter, deswegen mein Lieb⸗ ling, weil uns bloß ein Jahr trennt und weil das erſte Ding, deſſen ich mich in dieſer Welt erinnern kann, iſt, daß ich mit ihr auf den Knieen meiner Mut⸗ ter ſaß, als wir beide noch liebende Kinder waren. In der Erinnerung an dieſes heilige Band, an dieſe theure Liebe, wirſt Du es überſehen, Marie wenn ich mich etwas zu weit über die Vorzüge meiner Gattin verbreite. Ich denke kaum, daß ich es kann, beſonders bei Deiner Würdigung; denn es iſt mein Vergnügen, mich daran zu erinnern, wie einſtimmig ihr alle vier, Männer und Weiber zugleich, ihrer Vortrefflichkeit Gerechtigkeit wie⸗ derfahren ließet, als ihr ſie hier geſehen habt. Niemals waren acht Menſchen ſo außerordentlich übereinſtim⸗ mend in ihrem Leben. Du kannſt Dir kaum vorſtellen, wie ſehr ſie mehr als je edel und liebenswürdig wurde, während ſie die⸗ ſes neue Ereigniß erwartete z ſo ſehr ich zuletzt fürch⸗ tete, daß ſie in einem ſolchen Augenblicke verdrießlich werden könne, war dieſes doch der Fall nicht, und ſie war überdieß ſo ängſtlich emfig in ihren religiöſen Studien, welchen ſie ſich ohne mein Wiſſen, oder ſie glaubte wenigſtens ohne mein Wiſſen, ſeit ihrer An⸗ kunft in England geweiht hatte. Dieß war ein Gegenſtand, hinſichtlich deſſen ich, ſeit ich mich entſchloſſen, ihr meine Hand zu bieten, den Entſchluß gefaßt, daß Religion nie ein Gegenſtand ver Unterhaltung zwiſchen uns werden ſolle, weil ich weiß, daß ſo etwas zwiſchen Perſonen von verſchiede⸗ nen Glaubensbekenntniſſen nie geſchieht, ohne gegenſei⸗ tig die Gefühle zu erbittern. War mein Weib eine gute Katholikin, ſo mußte ſie unſtreitig auch eine gute Chriſtin ſein, und damit war ich zufrieden. Im Grunde meines Herzens war ich vielleicht nicht ohne Hoffnung, daß der Einfluß der Inſtitutionen die⸗ ſes Landes und die Gewohnheiten des täglichen Lebens meiner Schweſtern, ſie zu ſolchen Forſchungen in doc⸗ trineller Beziehung führen werden, daß eine freiwillige Aenderung des Glaubens eintrete. Marguerite glaubte, was ſie dachte, und ſie würde anders geglaubt haben, hätte ſie beſſer gedacht. Der Einfluß einer beſſern Lehre war es, dem ich zuſah.. Kannſt Du Dir vorſtellen, theure Marie, und Du kannſt es, denn Du haſt ein liebendes Herz, kannſt Du Dir die ſchwankende Unruhe der edlen Seele vorſtellen, als ſie nach und nach anfing, ſich mit einem Grade von Vertrauen und Liebe an mich anzuſchließen, die beſſer waren, als jede erſte Liebe in der Welt, vor⸗ wärts blickend, wie Liebe zu blicken geneigt iſt, durch ein Leben gegenſeitiger Treue auf Erden, auf ein Le⸗ ben gegenſeitiger Glückſeligkeit im Himmel; als dann Zweifel in ihr entſtanden, ob die, welche vor verſchie⸗ denen Altären in dieſer Welt knieen, auch in einer ver⸗ ſchiedenen Weiſe in der zukünftigen Welt belohnt wür⸗ den. Die Liebe gab ihrer Aengſtlichkeit die Richtung, die Aengſtlichkeit der Frömmigkeit, dieſe der Weisheit, und ſo wurde nach und nach ihr Geiſt erleuchtet. Sie fühlte, daß ſie nicht ſo beunruhigt ſein würde, wenn 117 ſie auf dem rechten Pfade wäre, ſie überlegte, ſie fragte fich, ſie fragte Andere. Du kennſt die Schüchternheit ihres Geiſtes. Mir wollte ſie ihre Zweifel nicht ſagen. Die Freimüthig⸗ keit von Helene Buckingham zog mnein Weib an, und ſie wurde offener. Sie machte die Herzogin zur Ver⸗ trauten ihrer Zweifel, und eine beſſere hätte ſie nicht finden können, denn Helene, ſo beſcheiden wie ſie ſelbſt, wendete ſich, um beſſer berathen zu ſein, an Sir Tho⸗ mas Meredyth und deſſen Bruder, den Erzdechant, um aus den Werken, welche in ihre Hände gelegt wurden, d Entſcheidung für ſolch einen Moment herbei zu ühren. Wenn ich ſage, daß ich Gott dafür danke, daß der Einfluß ein günſtiger war, ſo glaube mir, daß ich es mit der Gewißheit ſage, daß, wenn ſie nach reifer Prüfung bei dem Glauben ihrer Mutter beharrt wäre, dieſes mir nie einen Augenblick von Unruhe verurſacht hätte. Aber eine Zeit würde gekommen ſein, wo ich vielleicht gelernt haben würde, die Verſchiedenheit un⸗ ſeres Glaubens zu bereuen. Sie würde das Bewußt⸗ ſein der Entfremdung bekommen haben, wenn ſie ihren Sohn einer andern Lehre hätte folgen ſehen, als die Töchter, die wir, wie ich hoffe, einſt die unſern nennen können. Und ich würde vielleicht Reue gefühlt haben, wenn ich eine verſchiedene, nicht übereinſtimmende Form der Anbetung unter meinen Kindern gefunden 3 hätte, die fremd in meiner Familie, fremd in meinem Lande war. Ich erwartete daher mit Begierde das Fortſchrei⸗ ten ihrer Gefühle ab; denn Helene hat einigermaßen das unſchuldige Vertrauen verrathen, welches mein theu⸗ res Weib in ſie ſetzte. Marguerite ſagte nichts. In ihrem Schweigen aber lag eine Welt von Beredtſam⸗ keit, wenn ſie hie und da mich ängſtlich betrachtete, wenn ich an einem ſolchen Sonntage zur Kirche ging, als ob ſie mir zu folgen verlange, um Belehrung zu 118 ſuchen, jetzt aber erſchreckend, von dem Glauben abzu⸗ fallen, der in früheren Jahren unter Furcht und Zit⸗ tern ihrem Geiſte eingeprägt worden war. Ich hatte noch den Muth, mich von einer Silbe zurück zu halten; ich hatte beſchloſſen, daß das Werk ihrer Erleuchtung ihr eignes und das des Himmels ſein ſolle. Es war vierzehn Tage vor dem Augenblicke, der unſer Glück vollſtändig machen ſollte, als ſie mir zuflüſterte:„In der Stunde meiner Gefahr erlange für mich die Gebete deiner Kirche, damit ich leben möge, um an einem nicht fernen Tage ihrer glücklichen Vereinigung mich anzuſchließen.“ Den Einfluß ihres Prieſters fürchtend, hatte ſie ihm einige Zeit zuvor geſchrieben, um ſeine wöchent⸗ liche Aufwartung im Schloſſe abzulehnen, und ſie hatte dieſe Bitte mit einem Geſchenke begleitet, deſſen Frei⸗ gebigkeit ihn dafür tröſten zu können ſchien, von einem zehn Meilen weiten Ritte quer durch das Land, von Glasgow her, abzulaſſen. Alles iſt nun ſo, wie mein äußerſtes Verlangen es wünſchen konnte. Von nun an wird in dieſem Hauſe nur ein Glauben ſein, wie bisher nur ein Herz war. Helene hat ein Recht und einen Titel auf die erſte An⸗ kündigung dieſes erfreulichen Ereigniſſes; aber ich machte es mir bei ihr zur ausdrücklichen Bedingung, mir die Freude zu überlaſſen, Dir dieſes ſelbſt mitzutheilen. Von Leslie, einem ſo eifrigen Proteſtanten, bin ich nicht gewiß, ob er hierüber nicht eine größere Freude, als uͤber die Geburt meines Sohnes haben wird. Und Du, Marie?— Was macht mein Pathe? Mich dünkt, ich kann Dich und Marguerite ſehen, wie ihr ſtolz Noten vergleicht, wenn wir im nächſten Herbſt alle hier auf dem Schloſſe verſammelt ſein werden. Aber nein, Ihr könnt dieſes früher thun; denn ſo wie es der Zuſtand meiner Gattin erlaubt, werden wir einen Ausflug nach London machen. Obwohl ich bei der Eröffnung des Parlaments nicht dort ſein kann, 119 ſo werde ich doch meinen Sitz unmittelbar nach mei⸗ ner Ankunft einnehmen. Ich fange an, mich ſelbſt für einen größeren Patrioten zu halten, als ich zehn Tage früher war, und ich kann begreifen, wie es möglich iſt, ſich für die Politik zu intereffiren. Mehr gute Neuig⸗ keiten noch fur Leslie und Sir Thomas! Sieh', wie ich Recht hatte, als ich, indem ich Dir meine Verbin⸗ dung ſchriftlich ankündigte, vorherſagte, daß tauſend künftige Tugenden für mich in der Liebe des reizendſten und liebenswürdigſten Weibes liegen. Ich hatte einen harten Kampf zu beſtehen, ſie zu erringen. Ich hatte ſie faſt aus der Gewalt eines Andern loszuringen; aber ich preiſe dieſe koſtbare Liebe um ſo mehr, da ich ſie als ein Recht der Eroberung zu betrachten habe. Marguerite iſt heute nicht ganz ſo wohl geweſen. Sie beſtand geſtern, bei meinem Nachhauſekommen, darauf, mich zu ſehen, ohne daß ich meine Kleider ge⸗ wechſelt hatte, obwohl ich von einem harten Tage mit den Hühnerhunden zurückkehrte und von Craigie aus unter einem ſtrömenden Regen geritten war. Ich brachte daher mehr Kälte und Näſſe auf ihr Kiſſen, als die Wärterinnen, die mein Eindringen entdeckten, zu verzeihen überredet werden konnten. Alles wird indeſſen ohne Zweifel mit einem geringen Katharr en⸗ digen, trotz der Indignation der verehrungswürdigen Dame, welche das Kind ſeiner Mutter bringt und ſtets bei der Heiſerkeit meiner Frau ihr in das Gedächtniß zurückruft, meine Handlungsweiſe kenne die Gränzen der Schicklichkeit nicht. Sie hat mir eine ganze Reihe von Aufträgen gegeben, die Du in London vollziehen ſollſt. Sie ſind für unſere Kinderſtube, und ich lege eine Liſte derſelben bei. Sei eilig, oder... ich habe mich ferneren Verweiſen zu unterwerfen.— Gott be⸗ hüte Dich! Vierundoierzigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin in Paris an die Fürſtin W— in St. Petersburg. Ich adoptire alle Ihre Vorſichtsmaßregeln, theure Fürftin, um Ihren Brief in demſelben freien Geiſte ſeantworten zu können, denn ich glaube, recht zu ha⸗ ben, daß die Bloßſtellung meiner Korreſpondenz mit Frau von Rehfeld gegen eine ungebührliche Durchſicht theilweiſe die Urſache der Abnahme der Gunſt iſt, ebenſo wie ſie es zu der launenhaften Verurtheilung war, welcher mein eigenes Benehmen von Seiten hoher Autoritäten unterwonfen wurde. Ich ſollte Sie in dieſer Hinſicht nicht beläſtigen, die mich ſelbſt zu betreffen ſcheint; da aber der oſten⸗ ſible Grund des Mißfallens iſt, daß ich gewiſſen Pro⸗ tégés von Ihnen, den Rouilly's und Madame Dom⸗ breski, Rückſichten erwieſen habe, ſo haben Sie ein Recht darauf, es zu wiſſen, weil es Sie zuletzt in eine ähnliche Verlegenheit verwickeln könnte.. Herr von Rouilly ſcheint in Rußland für einen Intriganten zu gelten. Er kam mit bedeutenden Mit⸗ —teln und den beſten Empfehlungen an; allein es wird vorausgeſetzt, daß er dieſe Reiſe als Emiſſär der libe⸗ ralen Parthei in Frankreich uniernommen habe, und er iſt an dieſe allzuſehr attachirt, als daß ſeine Ver⸗ bindung verborgen geblieben wäre. Rouilly's haben ein allerliebſtes Haus und eine treffliche Geſellſchaft. Es iſt unmöglich, zwei verſtän⸗ digere und angenehmere Menſchen zu ſehen, als den Marquis und ſeine Gattin. Ich fand in ihrer Be⸗ kanntſchaft all' den Reiz, den Sie mir angekündigt haben, und ich würde ihn noch finden, wenn es mir erlaubt wäre, mich dieſer Cotterie anzuſchließen. 121 Ihre Freunde ſind zu aufgeklärt und zu gebildet, um in den Bereich ihres Zirkels ſolche zuzulaſſen, die keine Befugniß zu Beobachtungen, wohl aber Weltton und Impertinenz beſitzen. Bei ihnen fand ich einen ſichern Schutz gegen manche Kränkung. Unter allen Zirkeln von Paris war mir dieſer in der That der angenehmſte. Ich traf hier die erſten Männer des Tags. Ich meine nicht die erſten Männer des Fau⸗ bourg, die man ſonſt überall trifft, oder vielmehr da, wo die Dupes tadellos, die Weiber aber tadelhaft ſind, ich meine vielmehr die erſten Intelligenzen, die leitenden Redner der Kammer, die leitenden Orakel des Genies, der Künſte, der Wiſſenſchaften, der Huma⸗ nität; Männer, deren Namen einſt nur auf ihren Gräbern eingegraben zu werden brauchen, um ſtatt eines Epitaphiums zu genügen; kurz Alles, was die Ausgeſchloſſenen mauvaise compagnie und die Ruſſen Palais royal nennen, ein Name, der allgemein den 4 Liberalen gegeben wird, weil ſie von dem Herzoge von Orleans protegirt werden. Während ich dieſes ſchreibe, 3 theure Fürſtin, blicke ich über meine Schulter zurück, einem Kinde gleich, welches von ſeiner Kindsmagd durch ihr Erſcheinen ſchon in Schrecken verſetzt wird. Ich wundere mich, wie ich mich ſolch' einer gefährlichen Lage preisgeben kann! 2 Nachdem ich den Ueberdruß empfinde, der von der ekelhaften Beengung in den Annehmlichkeiten des er⸗ cluſiven Lebens unzertrennlich iſt, ſo entzückt mich, ich geſtehe es, der pikante Zirkel des Hotels de Rouilly. Ich fand dort manchmal Gelegenheit, meine Fä⸗ higkeiten zu ſteigern, mitunter hat der Ehrgeiz mich begeiſtert, in der Converſation zu glänzen. Um unſere Verſtandeskräfte aufzuregen, iſt es unerläßlich, daß eine Hand auf der Wache iſt, um den Ball aufzufangen und zurückzuwerfen, und ſtets die Ausfälle eines andern gegen eine ſteinerne Mauer oder einen kopfloſen Geſellſchafter loszulaſſen, überſteigt meine Geduld. I 122 Leute, die es wagen, über einen Einfältigen oder Ab⸗ weſenden abzu prechen, berückſichtigen ſelten, wie ſehr ihre eigene Unfähigkeit das Schweigen und die Stille hervorgerufen hat, welche ihren Spleen erzürnt. Nur eine Putznärrin kann ein Vergnügen darin finden, immer und immer über Gegenſtände des Putzes zu plaudern; nur ein Alfred de Vaudreuil, oder eine engliſche Miß kann durch ein ewiges Abſchießen der Pfeile aus den Schießſcharten ihrer Bosheit befriedigt werden. Nachdem ich einige Monate bindunh die Leerheit eines ſolchen Treibens erprobt hatte, begann ich die hochtönende Intelligenz der Rouilly Set vor⸗ zuziehen, und hierin beſteht mein Hochverrath. Was Ihre Madame Dombreski betrifft, theure Fürſtin, ſo fürchte ich, daß wir ſie dem kaiſerlichen Mißfallen opfern müſſen, ohne einen Verſuch zu ihrer Vertheidigung machen zu dürfen. Obwohl glänzend und anziehend, wie ſie iſt, ſo dürfen wir doch ſchwer⸗ lich den Glanz und die Liebenswürdigkeit einer Perſon billigen, deren Familie ihre politiſchen Vergehen in Sibirien büßt, und die in Ueppigkeit lebt, während ihre drei Brüder durch die Confiecation ihrer Güter in Polen der Noth preisgegeben ſind. Nicht bloß ihre politiſchen Verbindungen find es, welche dieſe Frau dem Kaiſer unausſtehlich machen. Er verabſcheut ſie aus moraliſchen Rückſichten. Das Vermögen der Ma⸗ dame Dombreski wurde von dem Wrack des Vermö⸗ gens ihres Mannes geſichert, ſetzt ſie aber in den Stand, ihre luxuriöſen Vergnügungen mit Eclat in fremden Ländern zu verfolgen. Sie werden indeſſen zugeſtehen, daß ſie dieſes wenig auf den Schutz oder auf die Gefälligkeit der ruſſiſchen Geſandtin berechtigen kann, indem ſie gegen Rußland und ſich ſelbſt ſündigt. Glauben Sie aber nicht, daß ich dieſes als Vor⸗ wurf ſage. In bloßer Unbedachtſamkeit empfahlen Sie mir eine Ihrer angenehmen Bekanntſchaften; die 123 Achtſamkeit wäre an mir geweſen, ehe ich nach Ihrem Briefe handelte. Solche Unterſuchungen gehören zu meinen diplomatiſchen Pflichten. Ich nehme den Feh⸗ ler auf mich und bereue ihn. Aber ach, Reue genügt nicht. Ich muß daher die Strafe hinnehmen. Der Kaiſer iſt ungehalten und das Ungehaltenſein des Nikolaus iſt weder leicht aufzunehmen, noch leicht zu verwiſchen. Ich danke Ihnen, theure Fürſtin, für Ihre Glück⸗ wünſche wegen der Geburt des Sohnes und Erben meiner Stiefſchweſter. Es ſcheint, er iſt recht königlich auf dieſer Welt bewillkommnet worden, wo ſowohl der Palaſt als die Hütte ihre Dornenhecken hat. Eine Salve der Batterie auf Schloß Elvinſton auf die Gefahr hin, die arme accouchèe aus ihren Träumen aufzuſchrecken; ganze gebratene Maſtochſen für die Ar⸗ men; Entlaſſung Gefangener; Glockengeläute in dreißig Kirchſpielen! In der Reſidenz konnte man bei der Geburt eines Erbprinzen nicht mehr thun. Aber hat denn nicht ein reicher Pair von England doppelte Wichtigkeit gegen einen Souverain irgend eines der kleinen Staaten des Continents? Unter uns, theure Fürſtin(und Dank Ihrer Vor⸗ ſicht wird die Mittheilung unter uns bleiben), nichts kann aufgeregter ſein, als der Zuſtand der öffentlichen Meinung in Paris. Ich ſpreche nicht von dem Pöbel, denn dieſen halte ich eben ſo wenig für den Reprä⸗ ſentanten der öffentlichen Meinung, als ich das Pfla⸗ ſter von Paris für den Boden Frankreichs halte; aber ich ſpreche von den erleuchteten Klaſſen. Großes Miß⸗ vergnügen herrſcht vor. Man glaubt, der König habe die Abſicht, die conſtitutionellen Principien zu unter⸗ drücken, welche, als ein Verſüßungsmittel in den Kelch der Nachfolge der Bourbons, Frankreich durch die vereinigten Bajonette Europas aufgedrungen wurden. Eines der Lieblingscomplimente, die ich gewöhn⸗ 124 lich in dem Hotel de Rouilly erhielt, war ein Aus⸗ druck der Dankbarkeit gegen mich, weil ich den Na⸗ men Rußlands annehmbar gemacht habe, da nun Frankreich auf dem Punkte ſtehe, de la tête aux pieds moskowittiſirt zu werden! Aber Charles X. iſt kein Nicolaus. Er beſitzt weder perſönliche Conſequenz, noch perſönlichen Einfluß, noch haben die Franzoſen das Joch der Knechtſchaft ſo willig ſich auflegen laſſen, daß ſie als vollſtändig unterworfen betrachtet werden können. Hier iſt nicht zu erkennen, was Zwang über eine Maſſe vermag; vielleicht verwandelt er Paris in ein modernes Rom, vielleicht in einen Aſchenhaufen. Ich wollte, ich wäre für dieſe verzweifelte Lage der Dinge blind geblieben; aber die Aufklärung er⸗ zeugte den Contraſt der Meinungen des fernſehenden Hotels de Rouilly mit der narrenhaften Bigotterie und idioten Dienſtbarkeit des Hotels de Vaudreuil. Der Baronin zu Gefallen und nach dem Wunſche meines Vaters bin ich gezwungen, der alten Comteſſe Auguſte mit ihren collets montés der Wittwen und ihrer Congregation von Biſchöfen beſtändig den Hof zu ma⸗ chen, und Sie haben mir iyren Zirkel ſehr treu ge⸗ ſchildert; er gleicht den Reifrock⸗Tagen des Escurials; ein Fleck feudaler Finſterniß liegt auf dem Angeſichte des ſocialen Fortſchrittes. Ich öffnete meine Lippen gegen die Elique nie, ohne ein Rauſchen durch ein allgemeines Zucken der Achſeln und ein Erheben der Hände, wie es bei der erſten Aufführung einer Oper der Fall iſt, wenn man das Blatt des libretto umwendet. Ich habe jedoch ſchon mehrmals beargwohnt, daß Alfred de Vaudreuil mich bei dieſen unbeliebt zu machen und zu der Par⸗ thei Rouilly zu treiben ſucht, indem er ſelbſt es ver⸗ anlaßt, daß ſie in meiner Gegenwart ihr ſteifſtes Panzerhemd anlegten, von den verborgenen Wappen des Jeſuitismus und dem Hochmuthe gar nichts zu erwähnen. Sie halten mich für eine heraldiſche Un⸗ 125 wiſſende hinſichtlich meines Stammbaums, ſie betrach⸗ ten mich als eine von ihrer Kirche Abgefallene, ja von prieſterlicher Abkunft, und wenn es in ſeiner Po⸗ litik liegt, ſolche Gegenſtände zum Thema der Dis⸗ euſſion zu machen, mich durch eine Meinung von Un⸗ bedeutendheit und Haß zu demüthigen und mich zu einem Ausdruck ſolcher Gefühle zu veranlaſſen, welche weniger von meiner Ueberzeugung, als von dem Zorne über meinen Unwerth entſprang. Nach dem Allen ſind die flachen Grundſätze nicht für eine Tochter eines unberühmten, aber alten Hau⸗ ſes. Die Marſeillaiſe iſt nicht für Lippen, weder mei⸗ ner freiherrlichen Abſtammung nach, noch als Frau eines Geſandten. Aber Herr von Vaudreuil beſitzt immer eine beſondere Gabe, jemand zu einer Unklug⸗ heit durch ſeine Bosheit zu treiben. Ich erinnere mich, Fürſtin, daß, als ich Ihnen meine Abſicht mittheilte, meine alte Gouvernante un⸗ ter meine Dienerſchaft in Paris aufzunehmen, Ihre Antwort in einem abmahnenden Schütteln des Kopfes beſtand. Ich beachtete Ihre ſtumme Remonſtration nicht, indem ich glaubte, daß daſſelbe allein bezwecke, mich vor der unzerbrechlichen Kette früherer Autorität ſu warnen, und da ich mich ſelbſt kannte, ſo glaubte ch, es beſſer zu wiſſen. Ich hege nun den Argwohn ſehr ſtark, daß Sie die Uebel vorherſehen, welche aus ihrer cammérage mit einer ausgedehnten Pariſer Bekanntſchaft entſprin⸗ gen. Ich bin überzeugt, daß in meiner Unterhaltung nichts Veranlaſſung gegeben hätte, die Eigenthümlich⸗ keiten meiner früheren Erziehung bekannt zu machen. Meinen Lippen war nie eine Anſpielung auf Jagden entſchlüpft; nie hat ein unweibliches Wort, oder eine unweibliche Bewegung die wilden Thorheiten meiner Jugend auf Schloß Rehfeld angedeutet. Nun aber greift mich ein gewiſſer Lord Montagu, der hohe Prieſter einer hieſigen Bruderſchaft, die ich 126 höchlich verachte, ſtets mit auswendig gelernten Ci⸗ tationen an. Man hat mir verſichert, daß eine nette Carricatur in Umlauf ſei, und Alfred hat mir zuge⸗ fluſtert, daß es ihn viele Mühe gekoſtet habe, Dan⸗ tan davon abzubringen, ſie in eine ſeiner grotesken Statuetten zu verwandeln, die auf meine frühere Be⸗ ſchäftigung anſpielen. Sie ſoll den Titel führen: „l'Ambassadrice à la mode de je ne sais quoi,“ und mich als eine Muſe darſtellen, mit einer Flinte auf der einen Schulter, mit einer Leier auf der an⸗ dern, gleich den Zwillingen, welche die Bettelwetber in den Straßen herzen, um das Mitleid zu erregen; ein Hühnerhund und eine Eule beobachten mich charak⸗ teriſtiſch auf jeder Seite. Alfred verſicherte mir, daß in einer Carricatur in Paris zu figuriren eben ſo ſehr ein Zeichen der Popu⸗ larität ſei, als es in England für eine politiſche Aus⸗ zeichnung gelte, in etfigie verbrannt zu werden. Ich würde mit einem etwas beſcheideneren Maße von Ruf zufrieden ſein. Nicht darin liegt es, daß ein ſolcher Angriff in uns Verdruß erregt; ſondern darin, daß die Beleidigung ſchmerzt, indem ſie unter ſpottenden Blicken unſerer Feinde herumgeboten wird. Aber nach Allem, noch dieſen Verdruß, der in Petersburg ſo gewichtvoll auffallen wird, wo Alles ſchwer iſt, wo jede Minute gleich Diſteln ſticht, ſo daß niemand errathen kann, wer in ſie fallen wird! Wie ſchwimmend erhält ſich der Geiſt der Franzoſen! Wie leicht iſt es, die Bürde des Lebens unter ſo freu⸗ digen Geſellſchaftern von ſich zu werfen. Die Vergnügungen ſind in Paris ſo verſchieden⸗ artig, daß das Gewand derſelben ſo ſch ckig wird, wie das des Harlekins; wundern Sie ſich, theure Fürſtin, daher nicht, daß wir unbeſchreibliches Ver⸗ gnügen in einer Stadt haben, deren Jahreszeit nichts als Frühling, deren Himmel nichts als Sonnen⸗ ſchein iſt. 127 Die beiden Opern ſind bezaubernd, die ganze Saiſon hindurch. Wir beſitzen einen Tenor, der die Lorbeeren Nourrit's welkend macht; der junge Bellini iſt hieher geeilt, um Opern für die Bouffes zu ſchrei⸗ ben, die dem Geleiſe Noſſini's beſcheiden zu folgen ſcheinen, wie der Mond an einem Sommerabende ſich erhebt, ehe noch die Sonne untergegangen iſt. Dann haben wir das Theatre français und Mademoiſelle Mars; das Vaudeville und Arnol; des Theaters von Madame gar nicht zu gedenken, welches zarte Gefühle in weißen Atlas und Brocat kleidet und Alles zuſam⸗ men in eine Moral einhüllt, in einen leichten Flor, der allein dazu dient, die Aufmerkſamkeit auf die Indo⸗ lenz zu lenken. Dieſes Theater, ſo ſehr es in der Mode iſt, betritt indeſſen die Ambassadrice à la mode de je ne sais quoi niemals. Wenn ich nachſtens eine ſichere Gelegenheit haben werde, zu ſchreiben, will ich Ihnen von einem kleinen Unterneymen ſagen, welches ich und die Rouilly's letzthin wagten; eine Expedition auf den bal de 1'Opéra, die das tiefſte Geheimniß bleiben muß; denn Frauen aus der beſten Geſellſchaft wird eine ſolche Thorheit und noch überdies während des Carnevals niemals verziehen. Erfreuen Sie mich dagegen mit einer vertraulichen Mittheilung über den Wechſel der Hof⸗Tapeten in St. Petersburg. Wie erfreut würden Sie ſein, theure Furſtin, wenn Sie das Galakleid ſehen würden, das fur meine Bewunderung beſonders beſtellt wurde Fünfundvierzigſter Brief. Der Vicomte Elvinſton an die Herzogin von Buckingham. Ich bitte Dich, theuere Helene, mir eine Welt von Zeit und Aufregung zu erſparen, indem Du mein heutiges Bulletin mittelſt Schreibens von Deiner Hand an die Leslies und Sir Thomas beförderſt. Sage ihnen noch, daß meine Frau ſo wohl iſt als ſich erwarten läßt, weil ſich ſchwerlich erwarten ließ, daß ſie nach dem Anfalle von Erkältung, welchen ſie durch meine Unklugheit oder Unerfahrenheit ausgeſetzt wurde, auf der Stelle wieder wohl ſein werde. Es iſt Euer Fehler, meine Schweſtern! Ihr woll⸗ tet mich bei ſolchen Gelegenheiten Euern Häuſern nie zu nahe kommen laſſen, damit ich Eure liebende Män⸗ ner nicht verführe, ſich zu zerſtreuen. Beruhige indeſſen die theilnehmenden Herzen, die vielleicht für uns zu beſorgt ſind, durch die weitere Nachricht, daß der Knabe, ein kleiner Wilder, durch die Krankheit ſeiner Mutter nicht im Mindeſten afficirt worden iſt. Ich ſehe einen Nero in meinem Sohne und Erben voraus. Einen Vortheil habe ich aus der traurigen Ver⸗ ſpätung der Wiederherſtellung meiner theuern Mar⸗ guerite gezogen; die Reihe von Zimmern in dem weſt⸗ lichen Schloſſe wird ganz fertig werden, um ſie auf⸗ zunehmen; denn obgleich man mir verſprochen hatte, daß bis zu Ende Februar Alles fertig ſein ſolle, wir aber nun den März haben, ſo war doch in Folge des frühen Regens das Trocknen der Stuckaturarbeit ſo langſam, daß, ungeachtet die Künſtler während der letzten drei Monate an der Arbeit in einer Ananas⸗ hitze waren, ſie jetzt erſt daran ſind, die letzten Pinſel⸗ ſtriche an den Arabesken anzubringen. 129 Du kannſt dieſe Zimmer nun, da mein Plan voll⸗ kommen ausgeführt iſt, vollſtändig begreifen. Tadle nicht, Helene, mein geringes Vertrauen auf weibliche Verſchwiegenheit, indem ich Dir den Zutritt verweigerte; aber ich bin überzeugt, daß, wenn ich Dir oder Marie bei Eurer Anweſenheit zu Elvinſton die Deſſeins ge⸗ zeigt hätte, das Geheimniß bald, bei der einen oder andern Gelegenheit, verrathen worden wäre. Zwan⸗ zigmal fragte mich Marguerite, als wir im Schloſſe herum wandelten, über die Zimmer aus, in welchen die Werkleute arbeiteten, und forſchte nach deren Be⸗ ſtimmung; da ſie aber das fügſamſte Weib iſt, ſo gab ſie ſich zufrieden, als ich ihr ſagte, es ſeien altmodiſche Zimmer, die einer Reparatur unterworfen würden, und ſie wurde durch den Reiz des Verbots nicht ver⸗ anlaßt, weitere Nachforſchungen anzuſtellen. Die meiſten Weiber würden hinter der verbotenen Thüre eine Blau⸗ bart⸗Reihe kopfloſer Frauen vermuthet haben; aber zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit war es für Marguerite genügend, ihr zu ſagen:„frage nicht wei⸗ ter,“ um vor weiteren Fragen geſichert zu ſein. Nun aber, da das große Geheimniß am Vorabende der Enthüllung ſteht, will ich Dir eine Skizze von den Zimmern geben, zu welchen Du, meine theure Schweſter, ohne es zu wiſſen, Deinen Theil beigetra⸗ gen haſt. Erinnerſt Du dich, Helene, jener Skizzen meines Weibes, welche ich Dir aus Deinem Skizzen⸗ buche abbettelte, und einer, mit einem engliſchen Ge⸗ genſtande, welche ich Sir Thomas ſtahl? Fresken nach dieſen Zeichnungen ſchmücken die vier Wände des kleinen Speiſeſaals. Die erſte ſtellt den Kloſtergarten in der Rue St. Victor dar, in welchem ſich die theure Marguerite ſo manches Jahr befand; Gruppen von Nonnen und ihren ſchönen Zöglingen ſind zwiſchen den Bosketten und auf den Wieſen zerſtreut. Die alten grauen Mauern des Kloſters mit ihren ſeltſamen, äußern Die Frau des Geſandten. II. 9 130 Stiegen von durchbrochenem Granit machten, daß er dem Hofe eines Gefängniſſes gleichen würde, wenn nicht die Mienen unſchuldiger Fröhlichkeit der Mädchen wä⸗ ren, von welchen einige mit ihrer Arbeit unter den Bäumen ſitzen, einige mit einem Buche, andere ſprin⸗ gend und wieder andere mit ihren Blumengewinden beſchäftigt. Im Vordergrunde ſitzt auf einer ſteiner⸗ nen Bank Marguerite, in ihrer Kleidung als Penſio⸗ närin, mit dem weißen Schleier, dem grauen Rocke und dem Roſenkranze von Ebenholz, lauſchend auf die Rede einer ehrwürdigen Nonne in dem Ordenskleide der Benedictinerinnen, einer gewiſſen Soeur Marie, deren meine Frau, wie Du hörteſt, oft mit kindlicher Liebe erwähnte. So iſt die erſte Abtheilung. Die Atmos⸗ phäre iſt ſonnig, die Akazienbäume, die in der Blüthe ſtehen, ſind in dem ſanften hellen Grün der Pariſer Vegetation gehalten, und der blaue Himmel zeigt ſich überall. So zuſammengedrängt die Scene, ſo belebt und freundlich iſt das Gemälde. Die zweite Abtheilung zeigt die nette, alte Bau⸗ art des Schloſſes Rehfeld, welches der Herzog in den Skizzen Marguerite's ſo ſehr bewundert, weil es eines der merkwürdigen Producte der flämmiſchen Schule bildet. Dieſe Scene beſcheint der Herbſt, während es im Kloſtergarten Sommer iſt. Eine Jagdpartie zieht aus; die alten Jagdhunde ſind ungeduldig, losgelaſſen zu werden, und die Pferde, zum Theil ſchon von den Jägern beſtiegen, einige zum Theile noch ohne Reiter, bieten die maleriſcheſte Abwechslung dar. Unter dieſen befindet ſich ein alter grauer Berber, der Liebling des Barons, der vor einem radeſchlagenden, auf dem mar⸗ mornen Fuße einer merkwürdigen alten Fontäne ſtehen⸗ den Pfau ſcheut, während Marguerite's italiäniſcher Windhund, deine Freundin Graiplia, die Hand der Baronin leckt, indem ſie die Haustreppe herabſteigt. Der Baron führt Ida zu ihrem Pferde, und Thereſe Moreau, die Gouvernante, von der Du ſie oft ſprechen hörteſt, blickt, in einer Unterredung mit dem alten Voſ⸗ fius, dem ehrwürdigen Pfarrer zu Rehfeld begriffen, umher. Dieſe zweite Abtheilung iſt in einem Geiſte ausgeführt, der Snyders würdig iſt. Sie wird Dich an jenes Gemälde von Philipp de Champagne erin⸗ nern, in welches Du ſo verliebt warſt, und das den Herzog von Vendome, als Großjägermeiſter von Frank⸗ reich, darſtellt, wie er auf die Jagd auszieht. Die dritte Seite ſtellt einen Winter, und zwar einen ruſſiſchen Winter, ja ſolch einen Winter dar, daß man ſich mehr in ein ſchönes Mährchen, als in Schnee⸗ geſtöber und Schlitten hinein träumen könnte. Die Scene iſt der Ballſaal in dem Anitſchkoffs⸗Palaſte mit Porträts der kaiſerlichen Familie und mit fünfen der nämlichen Perſonen, die auf dem Herbſtgemälde, bei der Jagd, figuriren, hier aber in Galakleidung ind. Nichts kann geſchickter ausgeführt ſein, als der Glanz des Lichtes, welches meine Maler, indem ſie den Aquarellfarben Marguerite's folgten, in dieſem Ge⸗ mälde beſſer getroffen haben, als in dem reicheren und mit lebhafteren Farben gemalten Lichte des herbſtlichen Sonnenſcheins in dem vorhergehenden Gemälde. Ich liebe es nach dem vierten am meiſten; denn es iſt das erſte, in welchem meine Maſeſtät figurirt. Es hat nichts weniger zum Gegenſtande, als die Vorſtellung eines gewiſſen ſchmächtigen Engländers bei ber Lilie von Rehfeld. Du wirſt einen beſondern Werth auf die Beſcheidenheit legen, mit welcher ſich eine Frau in eine totale Dunkelheit hinter die ſtattlichen Figuren des Kaiſers und der Großfürſtin Helene geſtellt hat, die im Vordergrunde in einer Unterhaltung begriffen ſind. Aber ich kann ihr dieſes kaum verzeihen, vor⸗ züglich weil ſie mich in daſſelbe nachtheilige Licht ge⸗ ſtellt hat, gewiſſermaßen als eine Folie für die ſchim⸗ mernde Uniform des Sergius Gallitzin, der mit Or⸗ den ſo bedeckt iſt, daß es ſcheint, er habe ſich dem, dem Romeo prophezeiten Geſchicke unterzogen, und ſei in kleine Sterne zertheilt und zerſchnitten worden. Dieſes glanzvolle Gemälde wird Dir, theure He⸗ lene, einen vollſtändigen und treuen Begriff von der Tracht des kaiſerlichen Hofes geben. Die Kaiſerin iſt in der Nationalkleidung dargeſtellt, und zeigt ſtatt der Saphire und Brillanten jene einzige Perle, die Du als Rivalin des Peau d'*Ance ſchildern hörteſt. Und nun, theure Helene, komme ich zu dem theuern vierten Gemälde. Wie wichtig es iſt, wirſt Du voll⸗ ſtändig erkennen, wenn ich Dir ſage, daß es die Por⸗ träts Aller enthält, die meinem Herzen theuer auf die⸗ ſer Erde ſind. Es ſtellt die Scene bei meiner Schweſter Leslie dar, als Marguerite in die Familie eingeführt wurde, der Frühling, die Zeit der Hoffnung, ganz geeignet für das Glück dieſes wonnigen Augenblicks. Meine Frau wählte in ihrer Skizze den Moment, in welchem durch meinen guten, alten Vormund der Segen über ſie auf eine ſo außerordentliche Weiſe aus⸗ geſprochen wurde. Der kleine Richard Leslie iſt neben ihm, wie er auf den Armen ſeiner Amme gegen einen zweiten Kuß ſeiner neuen Tante ſich ſträubt. Der Con⸗ traſt zwiſchen dem lockigen Kopf und dem glühenden Geſichte des Kindes und den ehrwürdigen Zügen, ſo wie der hageren Geſtalt Meredyth's wurde von meinen Künſtlern auf eine bewunderungswürdige Weiſe aus⸗ geführt, die würdig iſt, an die Gruppen des Rubens angereiht zu werden. Was nicht angedeutet zu werden braucht, iſt die ſprechende Aehnlichkeit, die Euch alle auszeichnet. Da iſt Buckingham wie lebend mit ſeinem freundlichen, hofmäßigen air de grand seigneur; und Ihre Gna⸗ den, ſeine Frau Gemahlin, die vollendete Güte, Hei⸗ terkeit und Liebe. Da iſt Leslie mit ſeiner ernſten Stirn und ſeinem ausdrucksvollen Munde, die Neuan⸗ gekommenen mit dem Auge eines Richters betrachtend, und Marie, mit niedergeſchlagenem Blicke ſein Urtheil erwartend, welches in Allem ihre Richtſchnur iſt. Kurz, da ſeid Ihr Alle! Lord und Lady George, Maria und der Erzdechant; Dein Knabe und Lady Evelin ſchmücken den Vordergrund der Anmuth wegen, und entzückend durch ihre Anmuth, obgleich keines Deiner Kinder bei der Zuſammenkunft zugegen war. Für das Auge eines Fremden iſt dieſe scèene d'intérieur beſtimmt reizend. Ich weiß indeſſen nicht wie wir das in den Frühling verſetzen konnten, obwohl es wirklich im Mai ſich ereignete, wie eine prachtvolle Vaſe auf dem Spiegeltiſche, mit Lilien gefüllt, anzu⸗ zeigen ſcheint; aber Marguerite's ſtrahlende Idee wollte dieſe menſchlichen Blüthen, die Kinder meiner theuern Schweſtern, einführen, um die Reize der Jugend und Kendiickei über unſere Familien⸗Gruppe zu ver⸗ reiten. Und nun reiche mir, wenn es Dir beliebt, Deine ſchöne lilienweiße Hand, damit ich Dich in das Geſell⸗ ſchaftszimmer Marguerite's führen kann. Ich ſage Dir, daß ſolch ein Zimmer nie zuvor für eine Herrin auf Elvinſton hergerichtet wurde. Du weißt, daß ich nach Whaley wegen Kaſan⸗Alabaſters und Inſtructionen geſchickt habe, ihn ganz zu Stuck zu zerſtoßen, und daß ich hiebei die Abſicht hatte, das neue Speiſezim⸗ mer in eine ruſſiſche Halle zu verwandeln. Whaley wollte nichts davon hören, und er hatte Recht; denn das Ding würde mit der Decke und den ſächſiſchen Fenſtern nicht übereingeſtimmt haben. Aber mit den franzöſiſchen Spiegelfenſtern in Marguerite's Geſellſchaftszimmer ſtimmt der weiße Stuck phantaſtiſch überein, beſonders da er Gewinde von ſolch himmliſchen Roſen hat, wie ſie nie außer Galiſtan geſehen worden, wie von ihnen nur in den Dichtungen des Hafis gehört wurde. Unter dieſen zer⸗ ſtreut, und phantaſtiſch mit Edelſteinen als Thautrop⸗ fen geſchmückt, ſind Gruppen von Sylphiden und Un⸗ dinen, ſo daß ich nie gedacht hätte, daß eine deutſche 134 Einbildungskraft ſo etwas erfinnen könne,— Blu⸗ mengewinde und geiſtige Weſen in übernatürlicher Anmuth. 4 Meine vertrauten Arbeiter waren recht gute eng⸗ liſche Künſtler, und ich kann nichts Anderes denken, als daß ihre Bewunderung des Geiſtes der Wahrheit und der Kunſt, welcher in den Zeichnungen der theuren Marguerite lag, ihren Genius zu ſolch ungewöhnlichen Anſtrengungen angeſpornt hat, um einen der Kunſt ge⸗ weihten Tempel zu ſchmücken. Ich kann Dir verſichern, ſchöne Schweſter Buckingham, daß, mit all der Pracht und dem guten Geſchmacke Deiner vielen Häuſer, Du doch nicht ein einziges Zimmer beſitzeſt, welches von ſo ausgeſuchter, origineller Eleganz iſt, wie das Luft⸗ ſchloß, welches ich für meinen Juwel aller Juwelen gebaut habe. Wie begierig ich bin, ſie auf dem Sopha von ſeegrüner Seide, der hieher geſtellt werden ſoll, ſitzen zu ſehen, ſie und den Knaben bei ihrer Einführung hier zu empfangen. Titania hat keinen ſchönern Raum, und der ſchönſte Raum Titania's hat eine ſolche Be⸗ wohnerin nicht. Die weiße, gemalte scagliola hat, wie Du zugeſtehen wirſt, wenn Du ſie ſiehſt, die Wir⸗ kung des feinſten Porzellans. Stelle Dir daher, wenn Du kannſt, ein Zimmer von Sevres⸗Porzellan von ausgeſuchten Dimenſionen vor, aus deſſen Fenſtern man eine Landſchaft überſieht, wie ſie Claude oder Ruis⸗ dale allein übertreffen können, und Du wirſt meine ſchöne Gallerie erblicken. Aber ich höre Dich ausrufen:„Das weſtliche Schloß hat drei Zimmer, welche, wie Du uns ſag⸗ teſt, zur Aufnahme der Lady Marguerite beſtimmt find.“ Wahr, und dieſes dritte, Helene, war urſprünglich zu einem Betzimmer, zu einem Oratorium, welches mit dem ſchönen, alten Wallnußholze möblirt werden ſollte, welches ich vor zwei Jahren in Utrecht kaufte. Es ſollte einen Altar und einen prie dieu enthalten. Es 135 ſoll nun Alles umfaſſen, was einer proteſtantiſchen Marguerite das Heiligſte iſt. Dein frommes Gefühl wird bald die Gegenſtände ergänzen, welche ihr ge⸗ weiht werden ſollen. Hierin beſteht alſo die Ueberraſchung, die ich ihr für die erſten Tage nach ihrer Wiederherſtellung vor⸗ bereitet habe. Welch ein glücklicher Moment für beide, oder vielmehr für uns Alle; denn wir ſind nun mehr als zwei. Ich beſitze einen geliebten Sohn, wie ich ein geliebtes Weib beſitze. Du, Helene, kennſt die dankbare und liebevolle Natur meines Weibes, und begreifſt die Freude, die mir aus ihrer Dankbarkeit für einen neuen Beweis der Hingebung aller Gefühle meines Herzens, aller Gedanken meiner Seele zu Theil werden wird. Doch, ich habe mehr als genug geſchrieben, um Dich zu ermüden. Soll ich Dir die Wahrheit geſte⸗ hen? Ich wollte mir die Paar Stunden meines Exils aus ihrem Krankenzimmer vertreiben, zu welchem ich durch die Amme verurtheilt wurde, um ihr einige Stunden Schlafs zu gönnen; die erſte Stunde durch eine ſorgſame Betrachtung meiner glänzenden Schöp⸗ fung; die zweite, indem ich ſie Deiner anmuthigen Gnade beſchreibe. Sei dankbar! Außerdem würdeſt Du bis zum September zu warten gehabt haben, um ein Zeichen der erſten galanten Anſtrengung Deines Dich liebenden Bruders zu erhalten. . Sechsundvierzigſter Brief. Graf Alfred de Vaudreuil an die Baroneſſe von Rehfeld. Meine bezaubernde Coufine, ich begreife Ihren Verdruß vollſtändig, den Sie über die von der Gräfin Ihnen mitgetheilte Nachricht empfanden. Aber ich habe wohl nicht nothwendig, Ihnen zu ſagen, daß meine gute Tante ſich dem engen Thale der Jahre naht, und daß das Sprüchwort: erſtens ein Weib, und zweitens ein Kind, gültig bleibt, wenn auch beide, die erſte und die zweite Kindheit unter einem Dache vereinigt ſind, welches das Wappen der Vaudreuil's ſchmückt. Der Abbé Chaptal herrſcht triumphirend in ihrem Hauſe, und die Geſellſchaft verliebter Wittwen und faſelnder alter Herren, welche die Andächtigen ſeiner Infallibli⸗ tät bilden, hat alle Arten von Abſurditäten in dem Kopfe meiner würdigen Tante angehäuft. Sie beſchuldigen mich, daß ich den Ruf Ihrer Stieftochter compromittirt habe. Nun frage ich Sie aber in aller Aufrichtigkeit, war je ein Weib durch meine Thorheit compromittirt, oder durch die eigenen? Sie ſagen, daß mein Vergnügen darin beſtehe, die junge Fürſtin zu affigiren. Verbiage, meine theuere Tante, reine verbiage! Wenn die Fürſtin Gallitzin nicht vorzieht, daß meine Aufmerkſamkeiten gegen ſie bemerkt werden ſollen, glauben Sie denn, daß ich ver⸗ ſucht hätte, ſie bemerkbar zu machen? Sie, die Sie mit den Gebräuchen der Welt ſo wohl bekannt find, wiſſen ſo gut, als ich, daß eine verheirathete Frau durch ein einziges Wort, oder einen einzigen Blick die ihr gezollte Aufmerkſamkeit ermuthigen, oder in einem Augenblicke unterdrücken kann. Von dem Augenblicke meiner Ankunft hier adop⸗ ſie mit der Fähigkeit geboren 137 tirte mich die Fürſtin als den nützlichſten ihrer Anbe⸗ ter, und Gallitzin, der wohl erkannte, daß irgend ein Mann ihr als Begleiter in die Geſellſchaften dienen mußte, und der vielleicht nicht wollte, daß ein intimes Verhältniß mit ſeinen Attache's, in Bezug auf welche es in ſeinem Vergnügen, oder in ſeiner Politik liegt, ſie zu der Stellung als Ober⸗Commis zurückzuführen, ſtattfinde, war ohne Zweifel beruhigt, wenn er als Begleiter der ruſſiſchen Geſandtin einen Mann ſah, der in der letzten Saiſon der noch viel mehr begünſtigte Begleiter von Madame war. Der Fürft iſt ein zu ge⸗ wandter Mann, als daß er nicht den Vortheil erken⸗ nen ſollte, den er in dem Faubourg St. Germain da⸗ durch erlangt, daß er eine Verwandtſchaft mit einem der einflußreichſten Mitglieder derſelben hervor hebt. Ich nehme keinen Anſtand, Ihnen zu ſagen, daß durch meine Freundſchaft, durch mein dévouement die Gal⸗ litzin's von ihrer Ankunft an einen ungeheuern Vor⸗ theil erlangten. Ich kann Sie verſichern, daß in der letzten Saiſon die theure, arme Fürſtin auf dem Hö⸗ henpunkte der Mode das Ideal von Paris das Wun⸗ der des Hofes war. Gerade im Anfange des Winters konnte nichts den Enthuſiasmus übertreffen, deſſen Ge⸗ genſtand ſie bei beiden, in dem Schloſſe, wie in der eſellſchaft, war; ein Enthuſiasmus, welcher, erlauben Sie mir dieſes zu bemerken, hauptſächlich durch meinen Einfluß erzeugt wurde. Wenn in dem gegenwärtigen Augenblicke, obgleich der Carneval eben erſt begonnen hat, ihre Popularität etwas im Abnehmen iſt, ſo hat dies ſeinen Grund allein darin, daß ſie zu raſch und ehe ſie ſtark genug war, allein zu laufen, ihr Gängel⸗ band bei Seite warf. „Ich habe nicht nothwendig, Ihnen die Wunderlich⸗ keit ihres Charakters zu ſchildern. Unter allen menſch⸗ lichen Weſen ſah ich nie eines voll ſolchen Selbſtver⸗ trauens auf die eigene Kraft, oder ſo überzeugt, daß ſei, die Welt auf ihre 138 Schultern zu nehmen. Welcher Mann kann die Welt auf ſeinen Schultern tragen, wenn ſie auch werth wäre, getragen zu werden? Wie viel weniger ein Weib, deſſen Philoſophie immer in dem Dienſte ihres Temperaments und ihrer Gefühle ſteht? Das Weib in beiden am wenigſten fähig, iſt ſo weich wie eine poire de beurée; die leiſeſte Berührung erzeugt ein Zerfallen, und ein Zerfallen iſt verhängnißvoll. Ein eiferſüchtiges, oder ein zorniges Weib verliert die Selbſtbeherrſchung und die feinen Sitten; unverzeih⸗ liche Verluſte in einer ſo ſehr beobachtenden Geſell⸗ ſchaft, wie die unſerige iſt. Von dem Augenblicke an, in welchem die Fürſtin Gallitzin bemerkte, daß eine Silbe des Tadels über ſie in der bonne compagnie geflüſtert wurde, ſuchte ſie in der mauvaise Zuflucht. Wenn die ſtrenge Eti⸗ quette des Schloſſes bei ihren Neuerungen eine Aus⸗ nahme machte, ſo warf ſie ſich doch in die Arme des Palais Royal. Stellen Sie ſich vor, wenn es die äußerſte Wildheit ihrer Phantaſie vermögen ſollte, ei⸗ nen ſolchen Flug zu unternehmen, ſtellen Sie ſich die Geſandtin aller Reuſſen in einer Verbindung mit der liberalen Partei vor, die das Hotel de Rouilly, den anerkannten foyer aller politiſchen frondeurs des Tags, beſucht! Dies iſt der wahre Grund des Unwillens Ihrer Frau Mutter gegen mich. Statt meine Huldigungen gegen Ihre Stieftochter zu mißbilligen, glaubt ſie, ich habe es gewagt, ſie von der Bahn der Treue abzu⸗ leiten. Indem ſie von allen Seiten Ausdrücke des Erſtaunens über den feinen Ton der Fürſtin Gallitzin vernimmt, beſchuldigt ſie mich, die Urſache ihrer Verdammung zu ſein. Meine theure Coufine, wenn die wächſernen Flügel des Ikarus an der Sonne ſchmolzen, war allein die Verwegenheit ſeines Unter⸗ nehmens zu tadeln! Glauben Sie mir, ich verabſcheue die Geſellſchaft 8 139 folcher Leute wie die, in welche die Fürſtin geratben iſt. Für mich kann es nichts Beleidigenderes geben, als eine Clique, die eine Eigenthümlichkeit der Mei⸗ nungen oder Gewohnheiten affectirt. In einer Geſell⸗ ſchaft, die in der Civiliſation ſo weit fortgeſchritten iſt, wie die von Paris, iſt der Weg für einen jeden darin bezeichnet. Die Gewohnheiten und Meinungen der Geſellſchaft ſind abſolut, jede Neuerung, jede Uebertretung derſelben erſcheint als eine Impertinenz. Sie, die Sie Paris bloß nach ſeinen Vorſtädten in der alten Zeit kennen, wiſſen nicht, welch' ſtrenge Ord⸗ nung der Dinge hier nach und nach in Oppoſition mit der Macht getreten iſt, die beſteht. Die Chaussée d'Antin, eine Zeitlang mit Napoleon erloſchen, hat allmälig ihre moderne Welt und ihren unruhigen Adel reorgani⸗ firt; denn wer kann ſich anmaßen, das Wachsthum irgend einer Blume, oder eines Unkrautes zu unter⸗ drücken, deren Wurzeln durch einen engrais von Gold fortwucherten? Dieſe Leute pflanzen eine Standarte auf, welche mit dem alten Panier rivaliſtrt; die Männer in der Politik, die Weiber in der Mode. Der durch die elende Uebereinkunft, Charte genannt, erzeugte Libe⸗ ralismus hat ſeinen Weg in die Geſellſchaft gefunden, und wir haben nun eine conſtitutionelle Monarchie in dem Ballſaale, was die Ausſicht bieten mag, fernere Revolutionen herbeizuführen. Ja, ja, das iſt eine unterhaltende Welt, ſo lange man ſie bloß von ihrer komiſchen Seite betrachtet. Ich geſtehe zu, daß der Abſolutismus von St. Petersburg mich ärgerte, daß ich der erſte war, der der Lilie von Rehfeld das Verhaßte eines Staats auseinander ſetzte, deſſen Weſen auf Spionerie, Verrätherei und Denun⸗ ciation beruht. Aber die Kehrſeite von Unrecht iſt nicht immer Recht, und es beſteht ein Mittelweg zwi⸗ ſchen der Baſtille und ihren lettres de cachet, dem Rathe der Zehn mit ihrem pozzo und ihren piombi, 140 Petersburg mit ſeinem Sibirien— und zwiſchen dem Umſturze der geſellſchaftlichen Ordnung, der den Sou⸗ verain im Parlamente bei dem Barte zupft und die Geldariſtokratie auf gleiche Höhe mit dem Adel des alten Europa's ſtellen will. Wie ich vorhin ſagte, ich verabſcheue eine Geſellſchaft von Menſchen, die ſich ſelbſt für Männer von Genie halten, bloß weil ſie ein politiſches Steckenpferd reiten, oder für Frauen von Genie, weil die erwähnten Männer und ihre Stecken⸗ pferde ihrem lenkenden Zügel unterworfen ſind. Glau⸗ ben Sie mir, daß ich es nicht bin, der Ida mit ei⸗ ner ſolchen Leibgarde umgeben hat. Unter andern Grillen von Unabhängigkeit hat die Fürſtin Gallitzin auch die gehabt, zu ihrem großen Ge⸗ ſandtſchaftsball des Carnevals die Nacht auszuwählen, welche unabänderlich von der Dauphine beſtimmt iſt. Die unvermeidliche Folge hiervon war die Abweſenheit von Madame, und wenn man die Gunſt betrachtet, mit welcher Ida im vergangenen Jahre zu St. Cloud und zu Roſny eben darum aufgenommen wurde, weil die Comteſſe Auguſte und ich ſo viel zu ihrem Vortheile ſagten, ſo werden Sie zugeſtehen, daß ein ſolcher Fehler etwas mehr als ein grober iſt. Ihr Feſt war indeſſen prachtvoll, obgleich ich nicht Willens war, einen Einfluß auf dieſen Gegenſtand auszuüben, weil man ſonſt zuletzt geglaubt hätte, ich habe einigen Antheil an dem urſprünglichen Entſchluſſe, ſo beſchäftigte ich mich bloß mit den Einzelnheiten. Ich billigte auch einen bal costumé für eine ſo hoch ge⸗ ſtellte Perſon, wie ein königlicher oder diplomatiſcher Wirth iſt, nicht. Tauſende von unangenehmen Qui⸗ proquos können ſich ereignen, und für dieſe machen ſie ſich ſelbſt verantwortlich. Es iſt nach meinem Da⸗ fürhalten ein zu gewagtes Vergnügen für Jedermann, — nicht für eine Fran von Welt, die nach Ruf rebt. Zu dem Balle der Fürſtin Gallitzin wagte die 141 engliſche Set in alt ſarmatiſchem Coſtüme zu kommen, indem ſie, ich weiß nicht was für eine patriotiſche Ballade von Niemzewiz oder Mickiewiz darſtellte. Dieſe mauvaise plaisanterie iſt ſeiner Zeit zu den Ohren des Kaiſers gekommen, und da Nikolaus ſeinen Unwillen gegen einen brittiſchen Pair nicht ausſprechen kann, ſo hat ſich dieſer gegen den ruſſiſchen Fürſten gewendet, unter deſſen Dach der phantaſtiſche Streich geſpielt wurde. Aber dies iſt noch nicht Alles. Die Rouilly's und die Clique der Herzogin von C., mit welchen die ſorg⸗ loſe Ida ſich unauflöslich verbunden hat, haben eine Darſtellung des Hofs Heinrichs III. unternommen, des glänzendſten, aber auch hiſtoriſch verhaßteſten der Höfe Frankreichs. Der König und die Ligue wurden durch eine Geſellſchaft dargeſtellt, in welcher eine engere Verbindung gegen den Thron beſteht, als die der über⸗ müthigen Guiſen war, die abſcheuliche Königin Mut⸗ ter, mit ihrer giftigen, religiöſen Intoleranz ging und ſprach ſo abſcheulich wie die Dauphine, ſo daß die Parodie unverkennbar war. Sie können ſich die cancans vorſtellen, zu wel⸗ chen dieſe Zwiſchenfälle Veranlaſſung gaben. Eines von den liberalen Blättern, oder vielmehr eines der Blätter, welche es lieben, Scandale unter ihre Poli⸗ tik einzuſtreuen, gaben einige Tage ſpäter eine höchſt ergötzliche Schilderung dieſes Vorgangs. Der Fürſt und die Fürſtin waren klug genug zu ſchweigen, es verlautete wenigſtens nicht, daß ſie etwas ſagten; aber ich vermuthe, daß bei dieſer Gelegenheit ein ſehr ern⸗ ſtes Mißverſtändniß zwiſchen ihnen entſtand. Die liebenswürdige Ida beharrt auf der Behauptung 4 ich der Beleidiger ſei, durch welchen der coſtumirte Ball als eine angenehme Fortſetzung unſerer a Tableaux auf Schloß Rehfeld urſprünglich vorgeſchla gen worden ſei. Aber ich ſtelle das in Abrede. Die Tableaux waren dort excellent, aber wenn ich jemals 142 an ſie erinnerte, ſo geſchah es ohne einen Gedanken, eine Wiederholung dieſes Vergnügens herbei zu führen. In der Provinz trägt jeder Verſuch, ſich ſelbſt oder ſeinen Nachbar zu unterhalten, die Vertheidigung in ſich. Aber die Verſuche des Privatlebens, ſich zu un⸗ terhalten, ſind in einer Hauptſtadt, in der Alles Ver⸗ gnügen athmet, durchaus nicht an ihrem Platze. In Paris ſollte ich doch wohl bald daran denken, meine petits patés zu machen, um mich ſelbſt in meiner Unterhaltung zu üben. Entre nous, chère Baronne, wenn Sie irgend einen Einfluß über die, dem Einfluſſe am wenigſten Zugängliche ihres Geſchlechts erlangen ſollten, ſo wer⸗ den Sie, ſtatt mir Vorleſungen zu halten, ſie war⸗ nen, daß ſie ſich die Finger nicht verbrenne, wenn ſie Kaſtanien vom Feuer wegholt, welche nie für ihre Hände beſtimmt waren. Weiſen Sie ſie an, die Proſelitenmacherei denen zu überlaſſen, deren Geſchäft es iſt, Proſeliten zu machen. Der Kaiſer von Ruß⸗ land hat in Paris genug Agenten, welche ſich dem Spioniren hingeben und ſeine Parthei in der Kammer verſtärken. So gewiß die Fürſtin Gallitzin zu deſſen kaiſerlichem Nutzen angelt, ſo gewiß verſucht ſie, einen großen Fiſch, wie einen königlichen Frondeur, oder einen ſo unternehmenden wie Rouilly anzuködern, wird aber durch das Gewicht deſſelben in den Strom hinabge⸗ zogen werden, oder ſie wird ihn mit ihrer Waffe ent⸗ fliehen ſehen, während er ſie hüflos an dem Ufer läßt. Fragen Sie mich nicht um eine Erklärung dieſes ge⸗ heimnißvollen Winks, aber leben Sie wohl! Siebenundvierzigſter Brief. Von dem Grafen Erloff an die Vicomteſſe Elvinſton. Geſtern kam ich in Paris an, meine theure Schwe⸗ ſter, um auf meinem Wege zu Dir einige Tage bei meiner Großmutter zuzubringen. Deines Mannes dringende Einladungen haben mich beſtimmt, meine Reiſe zu beſchleunigen. Er ſcheint es ſo ſehr zu ver⸗ langen, daß ich bei der Taufe Eures Sohnes gegen⸗ wärtig ſei, daß ich mein Vorhaben um eine oder zwei Wochen beſchleunigte. In zehn Tagen wirſt Du mich alſo an Deinem Thore finden, theure Marguerite, überglücklich durch den Gedanken, Dich wieder in meine Arme zu ſchließen und Dein Glück zu ſehen. Was die Intereſſen unſerer Familie betrifft, ſo habe ich Dir nichts Angenehmes mitzutheilen, und ich möchte mich ſelbſt des Unangenehmen von Hauſe ent⸗ laſſen; denn wenn wir zuſammenkommen, ſo habe ich Dir nichts als etwas zu ſagen, was auf unſern Wan⸗ gen eine Röthe verbreiten kann. Zunächſt wurden meine Güter zu Conſtantinhof zwangsweiſe veräußert. Die Maſſe von Anſprüchen auf dieſes Eigenthum machte es unabänderlich. Lieber würde ich mich ſelbſt als Sclave verkauft haben, ehe ein Rubel von den Schulden meiner Mutter auf ihren Mann fallen ſoll. So wie es ausgefallen iſt, würde ich vielleicht beſſer für die Intereſſen des Barons von Rehfeld ge⸗ ſorgt haben, wenn ich ihm die Sorge überlaſſen hätte. Der Verkauf des Eigenthums führte nothwendiger Weiſe Fragen herbei, welche die Folge hatten, daß meine Mutter den Uinwillen des Czaars ſo auf ſich zog, daß die Kaiſerin den Befehl erhalten haben ſoll, ihr den Zutritt bei ihr zu unterſagen. Unter dieſen 144 Umſtänden, wenn ſie nicht widerrufen werden, wird der Baron ſeine Stellung bei Hofe hinlänglich unan⸗ genehm finden. Der Einfluß ſeiner Frau bewirkte ſeine Anſtellung; ihre Ungnade wird wahrſcheinlich ſeine Enthebung nach ſich ziehen. Vielleicht um ſo beſſer! Meine Mutter wird als Gebieterin des Schloſſes, welches Du mir, meine theure Marguerite, mit ſo glühenden Farben geſchildert haſt, glücklicher leben, als in der dürftigen Abhängig⸗ keit von der Hofgunſt. In der vergangenen Nacht unterzog ich mich der Feuerprobe, zum erſtenmale den prüfenden Blicken des Hotels de Vaudreuil vorgeſtellt zu werden. Die ver⸗ ehrliche Gräfin war verbindlich genug, ihren Enkel von zwei und zwanzig Jahren um ein Beträchtliches größer, als ihren Enkel von zwölf Jahren zu finden. Sie ſprach ihre vollkommene Zufriedenheit mit meinem äußerlichen Manne aus. Ihre gute Laune war jedoch entſchwunden, als ich ihr nach und nach den unangenehmen Zuſtand unſerer Familien⸗Angele⸗ genheiten entwickelte. Sie iſt wüthend, daß wir we⸗ der ſo reich, noch ſo groß ſind, als ſie einſt erwar⸗ tete; und da ſie das, in Frankreich ſo vorherrſchende Organ des Gebietens beſitzt, ſo war kein Mitleid, kein Verzeihen für die ſpeculative Liebe ihrer Tochter zu finden, die ſo oft das Vermögen der Erloff's und das Geſchick ihrer Enkel in Unordnung gebracht hat. Ich fühlte mich indeſſen zunächſt darüber beſchämt, daß ich alle dieſe harten Dinge meiner Mutter ſelbſt geſagt hatte; denn nun hörte ich, wie ſchlecht ſie klin⸗ gen, da ſie von ihr ausgeſprochen wurden. Ich bin im Hotel de Vaudreuil geblieben; denn mein Beſuch in Paris iſt zu kurz, um deſſen uner⸗ träglichen Formalitäten zu genügen. Gallitzin lud mich ein, ſein Haus zu dem meinigen zu machen, aber ich glaube, Du kennſt mich zu gut, um zu vermuthen, 14⁵ daß ich nur einen Augenblick gezögert habe, es abzu⸗ lehnen. Ich komme gerade von dort zurück; ich habe bei ihnen zu Mittag geſpeiſt. Ich verſchob daher, Dir zu ſchreiben, bis ich Dir etwas üͤber Ida, oder vielmehr über die glänzende, bezaubernde Fürſtin Gallitzin würde ſagen können. Wäre ſie gegen mich noch Ida geweſen, dann würde ich nicht ſicher ſein, daß mein Bericht nicht zu befangen wäre. Aber die fashionable Fürſtin, die hochmüthige Geſandtin, die als liebenswürdiges und hochbegabtes Mädchen in St. Petersburg einen ſo mächtigen Einfluß auf meine Gefühle hatte, iſt plötzlich ſo hoch geſtiegen, oder ſo tief gefallen, daß ſie mir weniger als eine andere Modedame, oder eine andere Geſandtenfrau iſt. Ich kann ſie eben ſo lei⸗ denſchaftslos ſehen und beurtheilen, als wenn ich eine der Marmorſtatuen wäre, an denen ſie vorüberſchreitet, wenn ſie ſich aus ihrem glänzenden Salone in ihre prunkvolle Equipage verfügt. Marguerite, dieſes Weib ſollte die Tochter meiner Mutter ſein, nicht Du. Wenn die Fürſtin Gallitzin und die Baronin Rehfeld durch die Bande des Bluts verbunden wären, wie durch die Uebereinſtimmung der Charaktere, moͤchten ſie einen Einfluß üben, wie der moderne Favoritismus kaum aufzuweiſen hat. Aber da beſtand ein natürlicher Antagonismus zwiſchen ihnen, ein Mißtrauen, ein verſteckter Haß. Sie wa⸗ ren Freundinnen zuſammen, weil ſie keine Feindinnen ſein durften; ſie dienten ſich gegenſeitig bloß, um ih⸗ ren eigenen Zwecken zu nützen. Solche Verträge find weder bindend, noch wirkſam. Die Fürſtin hat neben ihrer Stiefmutter andere Vertraute in Rußland, von welchen ſie Nachrichten erhält, und denen ſie ihre An⸗ ſichten ohne die geringſte Sorgſamkeit enthüllt. Durch dieſen Fehler und durch die Vermittlung der Fürſtin W-, ſo wie der Michaeloffskoiſchen Partei wurden Die Frau des Geſandten. II. 10 146* dem Kaiſer Gerüchte hinterbracht, die ſein ernſtes Mißfallen erregten. Nachdem dieſes einmal geſchehen war, vergrößerte die Baronin, die ſich bewußt war, daß ihr Einfluß nicht hinreiche, um zwei unpopuläre Perſonen unterſtützen zu können, das Unglück, indem ſie ſich mit der preisgegebenen Partei überwarf, gleich einem Schiffe, welches bei einem Sturme ſein Takel⸗ werk kappt. Dies iſt meine Anſicht über gewiſſe An⸗ zeigen, die mir von St. Petersburg zugekommen ſind. Hier ahnt man noch nicht, daß Gallitzin's die Gunſt verloren haben. Graf Nicolaus Tcherbatoff, der bei der Geſandtſchaft attachirt iſt und, meine Ab⸗ neigung gegen die Verbindung meiner Mutter kennend, glaubt, daß ich conſequenter Weiſe eine Antipathie gegen die Tochter des Barons Rehfeld hegen müſſe, hat mich bereits mit Tauſenden von Anekdoten über ihren Hochmuth und das Syſtem, welches ſie in ihrem Hauſe eingeführt hat und das bis jetzt beiſpiellos iſt, unterhalten. An niemand attachirt, bindet Ida auch niemand an ſich. Der Fürſt, dem ſie, gleich ſeinem ſchwarzen Adlerorden, mehr ein Gegenſtand der Eitel⸗ keit, als intenſiven Werthes iſt, hat in ſeinem Hauſe einen Grad von Ceremonie angenommen, der vor⸗ züglich darauf berechnet iſt, eine gewiſſe Entfernung zwiſchen ihnen herbeizuführen, und das Herz, welches verſucht haben mochte, durch Liebe weich zu werden, iſt um ſo mehr durch den eiſernen Druck des Panzers verhärtet, der ſeinem Triebe angelegt wurde. Gleich andern Tyrannen trägt ſie ihren Panzer verborgen, und wäre ich nicht durch Tcherbatoff hin⸗ ter die Scene geführt worden, ſo würde nichts mich überredet haben, daß die Fürſtin nicht die glücklichſte und uncontrolirteſte der Frauen ſei. Ueber ihre Schönheit, ihre Eleganz könnte ich Wunder ſchreiben; aber Du könnteſt irriger Weiſe die Sprache des Enthuſiasmus für die der Liebe halten. Glaube mir indeſſen, daß es keinen froſtigeren Anblick gibt, als ein elegantes Weib. Sie, die einen großen Theil jeden Tags dem Studium der Toilelte weiht, iſt unfähig, gute Gefühle, oder edle Vorſätze zu hegen; und eine allzu geputzte Schönheit iſt in meinen Augen eine reine Puppe. Einen ſolchen Engel könnte man aus der Richtfigur eines Malers machen. Ich verzieh meiner Stiefſchweſter ihre Vollkommen⸗ heit im Putze in Petersburg; denn ich dachte gleich Dir, es ſei das Werk meiner Mutter. Aber als ich ſie dieſen Morgen ſah, parfümirt, gekränſelt, geputzt, behängt, für die Unterredung geſchmückt, um die ich gebeten hatte, da erſchien ſie mir wie ein Modell für das Journal des modes, und als ich ſie am Abende mit Spitzen und Juwelen bedeckt ſah, die mit der ausſtudirteſten Originalität geordnet waren, da fühlie ich, daß, wenn ſie in Petersburg ein ſolches Weſen geweſen wäre, als ſie mit Dir arbeitete, oder Deiner ſüßen Stimme mit ihren kunſtvollen Saiten accompag⸗ nirte, ich niemals von der Macht ihrer Reize mich hätte bezaubern laſſen. Aber damals war ſie ganz anders. Ihre Manieren und ihre Stimmung ſchienen mir mädchenhaft, gleich den Deinigen. Indeſſen, wie kann ich wiſſen, daß dieſe ſcheinbare Kunſtloſigkeit nicht bloß eine erkünſtelte war? Aber es mag ſein, wie es will, ich bin nun vor ihrem Einfluſſe ſo ſicher, wie wenn ſie alt und ver⸗ wittwet wäre, wie meine unehrwürdige Großmutter. Die formelle Vorbereitung der Fürſtin auf meinen Em⸗ pfang überzengte mich, wie ſehr ſie für den Eindruck beſorgt war, den ſie auf mich machen würde, als ſie an die Freude dachte, mich wieder zu ſehen. Mein unbewachtes Herz zu bezaubern, muß ein Weib ein Geſchöpf des innern Triebes ſein. Die, welche in ih⸗ ren Papierlocken forteilt, um mich zu bewillkommen, iſt in meinen Augen zwanzigmal liebenswürdiger als eine fünfmal ſchönere, die wartet, bis ſie durch die Hand ihres Haarkünſtlers vorbereitet iſt. 148 Ich glaubte, daß ich, einmal herzfrei, auch freien Geiſtes in Ida's Gegenwart werden ſolle. Indem ich mich nicht mehr um die Parade geſandtſchaftlicher Würde kümmerte, als um ähnliche Prätenſionen in einem ver⸗ ſchiedenen Grade, wie die der Frau des Adjutanten meines Regiments, ſchien perſönliche géne unmöglich. Ueberdies hatte ich, indem ich auf ihre Audienzſtunde wartete, mit der Erinnerung an alles das, was ich von Tcherbatoff gehört hatte, in meinem Geiſte mich beſchäftigt, und daher war Aufrichtigkeit unmöglich. Ich konnte von den Gerüchten in St. Petersburg, oder von den Bemerkungen des Attaché's nichts erzählen, ohne die Gewißheit zu haben, Perſonen zu compro⸗ mittiren, die unbeſorgt genug waren, in meine Dis⸗ cretion Vertrauen zu ſetzen. Und dieſer Akt reiner Rückſichtsnahme erzeugte Verlegenheit. Ich nahm daher meine Zuflucht zu Dir, theure Marguerite, als dem einzigen Thema, in welchem wir vollſtändig ſympathifiren und abſolut übereinſtim⸗ men konnten. Sie wiederholte mir alle ihre neuen Nachrichten aus Schottland, und wir freuten uns beide innig über Dein glückliches Leben. Als die Fürſtin Gallitzin ſo ſprach, mit Thränen in den Augen, da wurde ſie für eine Zeit lang die Ida der frühern Tage wieder. Dennoch wird Niemand leugnen können, daß ſie eine eigenthümliche Schönheit iſt. Gegen mich machte ſie keine Anſpielungen auf Petersburg, und ich folgerte daraus, daß ſie Alles wiſſe, was nicht gut iſt. Nachdem wir eine Stunde lang von Dir geplaudert hatten, war ich auf dem Punkte, auf das Capitel von dem Hotel de Vaudreuil überzugehen, da machte ſie mir aber den Vorſchlag, ihr Haus mir zu zeigen. Ich würde ſie von dieſer Ceremonie gerne entbunden haben, weil in den Pa⸗ läſten der Gouſoupoff und Gallitzin— Namensvettern, aber keine Verwandten— zu Moskau bloß der be⸗ ſchränkte Raum der Stagtsgemächer einen Eindruck — 149 auf mich gemacht hatte. Indeſſen enthielten dieſe hier zwei Gegenſtände, die mich mit Bewunderung erfüll⸗ ten. Es waren Gemälde von Dubufe, eines der er⸗ ſten Künſtler in Paris, den Kaiſer und die Kaiſerin von Rußland nach Deinen Skizzen darſtellend, und die meiſte Aehnlichkeit, die ich je ſah, mit der Grazie der vollendeten Kunſt verbindend. Als wir zuſammen vor dem Bilde des Kaiſers ſtanden, entſchlüpften meinen Lippen unwillkürlich Aus⸗ drücke jener loyalen Liebe, zu der ich ihm als Sohn meines Vaters verpflichtet bin. Zu meinem Erſtaunen blieb die Fürſtin, die früher ſo enthufiaſtiſch in ſeinem Lobe war, ſo ſtumm wie Marmor. „Habe ich vielleicht ein Wort zu viel geſprochen?“ rief ich am Schluſſe meiner glühenden Lobrede auf den hohen Muth und die ſtrenge Unparteilichkeit des Kaiſers. „Ein wenig!“ war ihre Antwort.„Der Kaiſer iſt zu vorſchnell in ſeinen Urtheilen, um den Charakter der Unparteilichkeit zu bewahren. In gewiſſer Hin⸗ ſicht wird er durch ſeine eigenen Vorurtheile ge⸗ täuſcht. Von dieſem Augenblicke an wurde es mir klar, daß die Fürſtin weiß, daß ſie der Gegenſtand ſeines Mißfallens ſei. Kein Weib wird dem Unparteilichkeit zugeſtehen, der ſtreng über ſie geurtheilt hat. Bei der Mittagstafel war die ganze Geſandtſchaft nebſt einer zahlreichen Geſellſchaft, unter welcher ſich die beiden Vaudreuils und verſchiedene Fremde befan⸗ den, um mich verſammelt, und hier hatte ich Gelegen⸗ heit, den Stolz wahrzunehmen, deſſen die Fürſtin be⸗ ſchuldigt wird. Ich konnte aber wohl begreifen, daß ſie, mit einem Gatten, um ein beträchtliches mehr als noch einmal ſo alt, als ſie, und mit drei oder vier Burſchen, ſo kalt wie Tcherbatoff, die beſtändig und ſie find, für die Attaché's unbefriedigend ſein und es für nothwendig erachtet haben muß, einige Kälte und 4 Zurückhaltung ſich anzueignen. So erklärt wenigſtens Alfred de Vaudreuil dieſe Veränderung. Ich werde morgen mit dem Marquis de Rouilly, einem der Vertrauten der Fürſtin, ausgehen, um die verſchiedenen militäriſchen Depots von Paris zu be⸗ ſuchen. Die Vaudreuils boten ſich mir hiezu nicht an, und ich war daher für das Anerbieten eines Cicerone ſehr dankbar. Ich freue mich darauf, dieſen Abend von Ida zu erfahren, daß ſie weitere gute Nachrichten von Dir, theuerſte Schweſter, habe. Ich werde noch einmal ſchreiben, ehe ich Paris verlaſſe. Du kannſt Dir kaum vorſtellen, wie ſehr ich mich ſehne, Dich wieder zu um⸗ armen. Alles, was ich von andern Frauen ſehe und höre, das erfüllt, theure Marguerite, mein Herz mit Stolz auf die beſte und theuerſte der Schweſtern. Achtundvierzigſter Brief. Vom Vicomte Elvinſton an die ehrenwerthe Mrs. Leglie. Ich bin durch Marguerite's Zuſtand ſo in Unruhe verſetzt, daß ich entweder Dich, oder Helene, oder Euch Beide auffordere, Euch unmittelbar nach dem Empfange dieſes auf den Weg nach Elvinſton zu machen. Statt ihre Kräfte wieder zu erlangen, wird ſie ſchwächer und ſchwächer; denn ſie leidet an einem Huſten, von dem ſie ſelten frei iſt. Gewiß wird Eure Erfahrung, meine theure Schweſter, eine beſſere Wendung, Hülfe für ſie herbeiführen. Jedenfalls wird Eure Anweſenheit zum größten Troſte Eures betrübten Bruders gereichen. Neunundvierzigſter Brief. Die Fürſtin Prascovia Gallitzin in Moskau an die Fürſtin Gallitzin. Der an mich gerichtete kalte Dankſagungsbrief, welchen in Ihrem Namen, theure Schweſter und Für⸗ ſtin, jemand ſchrieb, der als Secretair oder Amanuen⸗ ſis Ihnen dient, während die verſtorbene Kaiſerin, die Mutter Rußland's, meine erhabene Pathin, immer ei⸗ genhändig an mich geſchrieben hat, ſoll meine ſchweſter⸗ lichen Rückſichten nicht entmuthigen. „Ich ſagte Ihnen, daß ich Ihnen nicht ſchreiben würde, außer wenn ich Ihnen Neuigkeiten mitzutheilen habe. Ich habe Ihnen nun die Abberufung des Ba⸗ rons von Rehfeld zu melden. Für eine Anſtellung von einer kaum zweijährigen Dauer hat es ſich ſchwerlich der Mühe gelohnt, ſeine Knabhängigkeit durch die Ver⸗ bindung mit einer Intrigantin zu opfern. Meine Nachricht iſt authentiſch; denn ſie beruht auf einer freiwilligen Mittheilung Ihres Vetters Wilhelm, der zu erkennen ſcheint, welchen Antheil ich an dem Ge⸗ ſchicke Ihrer Familie nehme. Vor einiger Zeit hat ſich die Gunſt des kaiſerlichen Hofes von dem Baron und der Baronin Rehfeld ab⸗ gewendet und man hat erwartet, daß nach einiger Zeit die Ungnade des Fürſten und der Fürſtin Sergius Gallitzin folgen werde. Da Sie wiſſen, daß meines Bruders Exiſtenz bloß in ſeiner diplomatiſchen Laufbahn geſichert iſt, und da Sie in dieſer Zeit gelernt haben mögen, wie die Stellung eines ruſſiſchen Satelliten beſchaffen ſein mag, wenn die kaiſerliche Sonne ihm ihre Strahlen entzogen hat, ſo werden Sie viel⸗ leicht den Mangel an Vorſicht bereuen, der Sie und ihn, oder vielmehr ihn und Sie— denn bei dem Al⸗ 152 lem find Sie immer ſecundär— in einem Reviere bloß geſtellt hat, in welchem ſie entzückt waren, zu le⸗ ben, oder in welchem ſie vielleicht gerne ſterben würden. Wenn ich weitere Nachrichten erhalten werde, welche vermuthlich Ihre Gefühle intereffiren, ſo werden Sie, theure Fürſtin und Schweſter, von mir wieder hören. Fünfzigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin in Paris an die Fürſtin W.— in St. Petersburg. Ihre Winke, theure Fürſtin, bereiteten mich voll⸗ ſtändig auf die Nachricht vor, welche ein Brief meines Vaters dem Fürſten Gallitzin gerade brachte, daß er ſeine Abberufung verlangt habe. Ehe dieſes Schreiben an Sie gelangt, wird er wahrſcheinlich St. Petersburg verlaſſen haben. Da er nun einige Erfahrungen über die Süßig⸗ keiten des diplomatiſchen Lebens gemacht hat, kann ich mir vorſtellen, daß ihn nichts mehr erfreuen wird als die Enthebung von ſolchen Amtspflichten, die er gegen undankbare und unfreundliche Höhere ausüben mußte, und in der That beneide ich meinen Vater wegen ſeiner Wiedereinſetzung in ſeine angenehmen und unabhängi⸗ gen häuslichen Verhältniſſe. Schloß Rehfeld mag wohl kein Zarskoje⸗Selo ſein, aber dort iſt er wenigſtens ſein eigener Herr. Wenn er, wie Sie mir einmal ſagten, für ſeine Anſtellung ſeiner Gattin verpflichtet war, ſo iſt er ihr wenigſtens auch in gleicher Weiſe für ſeine Dienſtesent⸗ hebung verbunden. Ihre ſorgloſe Verwaltung der Güter des Generals Erloff, die Thorheiten ihres Soh⸗ 153 nes, die ſie gebilligt hat, und die Nachtheile, die ſie ihrer Tochter durch ihre ſelbſtſüchtige Verſchwendung zuzog, haben den Kaiſer ſo unwillig gemacht, daß mein Vater keine andere Wahl hatte, als ſeine Zurückberu⸗ fung zu verlangen. Ich fange an, zu begreifen, was Sie, theure Für⸗ ſtin, mit Ihren frühern Verſicherungen ſagen wollten, daß die Hofgunſt in Ihrem Lande,— ich bin jetzt ge⸗ rade nicht geneigt, es auch mein Land zu nennen— alles andere, nur kein Roſenbett ſei. In Betracht der Abſcheulichkeit St. Petersburg's als Reſidenz, haben wir ſchon lange mit einander übereingeſtimmt, und ich mußte zugeſtehen, daß einer der Hauptvortheile, die ich von meiner Verheirathung erwartete, die Gewißheit war, nicht bloß Rußland verlaſſen, ſondern auch einen verlängerten Aufenthalt in der bezauberndſten Stadt der Welt nehmen zu können. Die auswärtige Politik Rußlands iſt ſo unverän⸗ derlicher Natur, daß ſein diplomatiſcher Körper ſo per⸗ manent, als der Oeſterreichs betrachtet werden kann, und während England ſeine Geſandten im Jahre zwei⸗ mal, in Uebereinſtimmung mit dem Wechſel ſeiner Regierungsgrundſätze, verändert, iſt den ruſſiſchen Ge⸗ ſandten erlaubt, in dem Lande grau zu werden, in welches ſie in der Blüthe ihres Lebens geſchickt wurden. Ich rechnete daher darauf, daß der wohlbekannte Eifer des Fürſten Gallitzin für den Dienſt des Kaiſers unſere Stellung hier für künftige Jahre ſichern werde, und ich dachte vielleicht, wie Alfred de Vaudreuil mich hie und da beſchuldigt, daß er als Sergius I. Ambaſ⸗ ſeadeur Rußlands an dem Hofe der Tuilerien, ge⸗ krönt ſei. Ich fange nun an, die Eriſtenz ſolcher Dinge, wie kaiſerliche Launen ſind, zu argwöhnen, und nicht ein Courier langt von Petersburg an, ohne daß ich mich, wenn er in den Hof einfährt, durch den Gedanken er⸗ 154 griffen fühle, das Abberufungsſchreiben könne in ſei⸗ nem Depeſchen⸗Felleiſen enthalten ſein. Der bloße Gedanke genügt, um meinen Geiſt und meinen Eifer niederzuſchlagen. Jedes Vergnügen genieße ich mit dem Gefühle, daß ich mich zum letzten Male deſſelben erfreue. Ich ſehe Rußland in der Ferne und zittere; denn Rußland, wenn es nach dem Norden des kaiſer⸗ lichen Willens ſegelt, muß in der That freudlos ſein. Dieſer Gedanke erfüllt mich mit einer Art von ver⸗ zweifeltem Verlangen nach Vergnügungen, veranlaßt mich, über jedes vorübergehende Vergnügen mit dem Griffe eines ertrinkenden Mannes herzufallen. In der letzten Zeit wurden, ich geſtehe es zu, dieſe Vergnügungen weniger und ferner, als ich wünſchen konnte. Sie ſind nicht, wie ich gewiß weiß, eine ſo ergebene Tochter des Patriarchen, um ihm den Unwil⸗ len zu denunciren, mit welchem ich mich den lang⸗ weiligen Formalitäten der griechiſchen Faſtenzeit unter⸗ worfen habe. Malen Sie ſich ſelbſt meinen Aerger, als ich ganz Paris von ſeinem Sacke und von ſeiner Aſche befreit ſah, ſeines Longchamp und des Wieder⸗ beginnens ſeiner Bälle zwölf Tage früher mich erfreute, als ich von dem Fürſten Gallitzin die Erlaubniß er⸗ halten konnte, das Geſandtſchaftshotel wie gewöhnlich zu eröffnen. Da er ſelbſt und ſein ganzes Haus der patriarchaliſchen Kirche angehört, hat er keine Nachſicht gegen meinen lutheriſchen Freiſinn. Obwohl es mir zu Hauſe verboten war, zu tan⸗ zen, ſo entſchädigte ich mich ſelbſt dadurch, daß ich einen bezaubernden Ball mitmachte, der von der Her⸗ zogin von Orleans zu Neuilly an einem Tage gegeben wurde, den der griechiſche Kalender als den ſtillen Freitag bezeichnet. Alfred de Vaudreuil verſicherte mir, daß Graf Tcherbataff und ſeine Brüder Attachés ausſprengen, daß das Mißvergnügen deg Kaiſers ſich hierüber ganz gewiß ausſprechen werde; denn es gibt ein halbes Dutzend Ruſſen hier, deren Geſchäft es iſt, 155 von allen ſolchen kleinen Verbrechen und Uebertretun⸗ gen Nachricht nach Hauſe zu geben, und die meinigen ſind, wie ich vermuthe, genau in ihrem Buche notirt. Unſere langweiligen Oſterfeierlichkeiten ſind glücklicher Weiſe längſt vorüber, und Sie können ſich nichts Glän⸗ zenderes denken, als das Wiederaufleben von Paris mit ſeinen Frühlings⸗Ausſichten und ſeinem April⸗ wetter. Ich will zugeben, daß in Rußland das Hervor⸗ brechen des Frühlings plötzlich, wie durch einen Zau⸗ berſtab hervorgerufen, von ausgeſuchter Schönheit iſt. Während der wenigen Tage, die wir im vorigen Jahre auf unſerer Reiſe von Petersburg bis an die Gränze zubrachten, gingen wir von der Mitte des Winters in den hohen Sommer über. Aber was bezeichnet die Sommer⸗Saiſon in einem der Sommer⸗Vergnügungen entbehrenden Lande? Um mich ſelbſt wegen der in Ih⸗ rem letzten Briefe angeführten, gegen die Baronin ge⸗ häuften Beleidigungen zu rächen, die meinen Vater, obgleich Sie es nicht ſagten, zu ſeiner Entlaſſung be⸗ ſtimmt haben mußten, erlauben Sie mir, Ihre Sehn⸗ ſucht dadurch aufzuregen, daß ich Sie an das köſtliche Bois de Boulogne erinnere, in welchem ich jeden Tag dieſes prachtvollen Wetters einen Ritt auf mei⸗ nem Lieblings⸗Araber, Katulba, mache. Ihre zarten Freundinnen des Faubourg, Frau von Montécourt mit den Uebrigen, behaupten, daß ich eine zu kühne Reiterin ſei, und tadelten mich, daß ich mich eines Morgens in dem Bois zu einer ſo frühen Stunde mit meinem Quaſibruder, dem Grafen Erloff, und meinen Quaſivettern, den Vaudreuil's, an einem Rennen er⸗ götzt hatte, das, wie wir hofften, Niemand, als die Vögel in ihrem Zwitſchern ſtören würde. Ich habe es indeſſen nicht für nöthig gehalten, mich in Folge ihrer Bedenklichkeiten in meinem Reiten hindern zu laſſen; denn, nach einem munteren Balle der voll gedrängten Oper kann nichts die Erfriſchung 156 übertreffen, die ein Ritt in Galopp von St. Cloud zurück durch das Gehölz gewährt, welches, wie gewöhn⸗ lich in dieſer Jahreszeit, mit dem Wohlgeruche von Miriaden von Veilchen durchduftet iſt. Alexis Erloff kam vor drei Wochen hieher, um einige Tage bei ſeiner Großmutter zuzubringen und dann nach Schottland zu reiſen. Daß er noch hier iſt, beweist blos, daß er in Paris all den Reiz ge⸗ funden hat, für den ich und Sie, theuere Fürſtin, ſo äußerſt empfänglich, zum Unglücke für unſern Mosko⸗ wittismus, ſind. Lady Elvinſton befindet ſich nicht ganz wohl, und Alexis gibt als Grund für das Ver⸗ ſchieben ſeiner Reiſe an, daß ſie gegenwärtig noch nicht ſtark genug ſei, die Aufregung, ihn zu ſehen, zu ertra⸗ gen. Niemand ſagt in ſolchen Sachen die halbe Wahr⸗ heit, noch viel weniger die ganze. Die Sache iſt, daß Graf Erloff in die circenſiſchen Vergnügungen des wonnigen Paris eingedrungen iſt, und daß er bei ſeinem erſten Blicke auf die Freuden der Geſellſchaft bezaubert wurde. Petersburg und Moskau haben aber auch, ſo groß und imponirend fie als Hauptſtädte ſind, nichts, was man wirklich Geſell⸗ ſchaft nennen könnte. Da iſt kein Zirkel, in welchem man gebildeten Geiſt oder glänzenden Witz, in Ver⸗ bindung mit verfeinerten Sitten und mit einer Unab⸗ hängigkeit der Meinungen finden könnte, Die diplo⸗ matiſche Welt mag ſich in die Zartheiten und Schwie⸗ rigkeiten vertiefen, irgend eine Gränzſtreitigkeit zu ent⸗ ſcheiden; aber es erfordert Jahrhunderte der Civiliſa⸗ tion, und all den Takt, welchen dieſe verleiht, um die Gränzen genau zu beſtimmen, welche die zwei großen Welten, die des Luxus und des Genie's in den Stand ſetzt, neben einander in Freundſchaft zu leben. Ein Verſchmelzen geht ſelten ohne ein Verwirren aus. kenne kein beſſeres Erkenn ngszeichen des Standes der Civiliſation in einem La de, als die Bedingungen, unter welchen Leute von Talent in der Geſellſchaft zu⸗ gelaſſen werden. Rußland iſt noch nicht genug voran⸗ geſchritten für einen großen Herrn, um einen Mann von Genie unter einem andern Titel, als unter dem eines protégée, als Geſellſchafter anzunehmen. In dem Hotel de Rouilly ſieht Alexis Orloff zum erſtenmal den Künſtler, den Gelehrten, den Redner Hand in Hand mit den Ariſtokraten des Rangs und des Vermögens, und der glänzende Sorbet, der geeig⸗ net iſt, von ſolchen Geſellſchaften getrunken zu werden, iſt in der That etwas mehr bezaubernd, als der bar⸗ bariſche Genuß der Moskowitter. In der folgenden Nacht, nach einer dieſer Reu⸗ nionen, rief er offenherzig aus:„Mit einer ſolchen geiſtigen Aufregung, wie ſie dieſes Haus bietet, ſollte ich es nothwendig finden, zu den Aufregungen des La⸗ ſters zu flüchten, um die Monotonie des Lebens zu be⸗ ſeitigen? Solch einer bezaubernden Geſellſchaft ſicher, würde ich nie, nie ein Spieler geworden ſein.“ Hinſichtlich der politiſchen Grundſätze dieſes ange⸗ nehmen Freundes von uns beiden, theure Fürſtin, ſollte ich mit Alexis ſprechen: Warum blieb ein ſolcher Mann nicht in Rußland, um in St. Petersburg den ſchwierigſten Zweig des Lernens zu lehren, des savoir vivre. Vielleicht geſchieht es in der Abſicht, meine eigene Exiſtenz dort zu verbeſſern— unſere Freunde ſind ja ſo eifrig, unſere Abberufung vorherzuſagen— daß ich ſo viel Zeit darauf verwende, die politiſche Bekehrung des Marquis zu verſuchen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ſeinen Liberalismus bis zu einem Punkte zu modificiren, der ihn in der Kammer zu einem bedeutungsvollen Parteigänger für die ruſſiſche Sache machen wird. Alfred erinnerte mich in der vergangenen Nacht, mitten in meinen gewöhnlichen Anſtrengungen meines eifrigen Patriotismus, an das Schickſal des Gelehrten zu Petersburg, der es wagte, wie ein Geier zu fliegen, und ein Donnerwetter hervorbrachte. Aber mein Geier 158 nimmt einen beſcheideneren Flug an, und meine Lor⸗ beere ſollen mich vor jeder elektriſchen Gefahr ſchützen. Was das Aufgeben einer ſolchen Geſellſchaft, wie die Rouilly Set iſt, betrifft, weil die Baronin von Reh⸗ feld den Herrn von Vaudreuil benachrichtigt hat, daß ſie in einem übeln Geruche in dem Anitſchkoff ſtehe, welchen Vortheil würde ich von meinem Aufenthalte in dieſem glücklichen Lande haben, wenn ich jeder eiteln Laune, die ſie mit der kaiſerlichen Krone zu ſtempeln ſucht, nachgeben würde? Nebfidem iſt aber die Unred⸗ lichkeit des Charakters dieſes Weibes von der Art, daß ich, wenn ich augenſcheinlich in Uebereinſtimmung mit ihr handeln würde, immer auf meiner Hut ſein müßte. Wir werden dieſen Sommer der Anweſenheit in St. Cloud enthoben ſein; denn der Fürſt hat mir ver⸗ ſprochen, einen Ausflug nach Baden⸗Baden, ſtatt nach unſerer villeggiatura zu machen. Er behauptet indeſſen, daß er Unterhandlungen mit Perſonen abzumachen habe, die mit ihm in Baden zuſammentreffen können, ohne irgend einen Verdacht zu erregen. Ich aber vermuthe, daß er muthmaßt, daß mein intimes Verhältniß mit ſo manchen, in den Tutlerien unbeliebten Perſonen unſere Ausſchließung von St. Cloud herbeiführe, was, wenn es bekannt würde, zu Hauſe als eine Beleidigung betrachtet werden würde. Unter uns; indem ich die Wahrſcheinlichkeit davon dahingeſtellt ſein laſſe, iſt es mir eine große Erleichte⸗ rung, dieſen formreichen Parthien zu entgehen. Die Formalitäten des Hofs zu St. Petersburg ſind erträg⸗ lich; aber dort war nichts Beſſeres, um ſich zu unter⸗ halten. Hier aber iſt Alles beſſer. Es iſt ein empfind⸗ licher Verluſt, einen ganzen Tag ohne ein Vergnügen durchlebt zu haben, in einer Stadt in welcher jede Stunde jeder Augenblick ſeinen eigenthümlichen Reiz hat. Tauſend Beſchäftigungen ſind für mich aus tauſend neuen Bekanntſchaften entſtanden. Diners bei Rochers, 159 parties de campagne, praktiſche Uebungen für die Maſurka, welche wir bei dem Dejeuner im Hotel de Ruilly aufführen wollen; kurz Alles, was den Ceremo⸗ nien eines königlichen Zirkels vorzuziehen iſt, bei wel⸗ chem, wie Herr von Rouilly bemerkt:„les roses sont ou soucis ou pavots.“ Dieſe Nacht gehe ich mit Rouilly's zu den Frères Provençaux, und ſpäter in eines der petits spec- tacles; eine entzückende Partie, an welcher die Vau⸗ dreuils und Alexis Theil nehmen. Der Fürſt iſt zu einem offiziellen Diner bei dem Miniſter des Innern eingeladen. .* Ich war im Kampfe mit mir, ob ich dieſen Brief, ſo wie er iſt, zurückbehalten, oder ihn zur Beſtätigung des Praxis abſenden ſolle, daß die Hauptſache eines weiblichen Briefs in der Nachſchrift liege. Aber ich kann nicht anders, ich muß Ihnen ſagen, daß die ent⸗ zückende Parthie, wegen welcher ich, weil ich mich an⸗ kleiden mußte, meinen Brief unvollendet ließ, ſehr un⸗ glücklich endete. Wir hatten ein ſehr prachtvolles Diner. Alfred, der es angeordnet, hatte veranlaßt, daß der Saal ganz mit Veilchen, zu Ehren der Frau von Rouilly, der Frau Juſte de B=, und meiner Perſon, decorirt war; denn er hatte entdeckt, daß wir übereingekommen wa⸗ ren, dieſe fleurs de saison auf unſern Hauben zu tragen. Unglücklicher Weiſe traf der Fürſt mit mir auf der Treppe zuſammen, als ich hinab ging, um in mei⸗ nen Wagen zu ſteigen, und da er von Tcherbatoff, welcher vermöge ſeines längeren Aufenthaltes hier, ſich immer mit ſeinen geſchäftigen, eine Art von Rath ent⸗ haltenden Berichten aufdringt, erfahren hatte, daß das Veilchen ſchon lange von den Liberalen als das Em⸗ 160 blem ihrer Parthie, wie irgend eine abſurde Sage ver⸗ breitet hatte, angenommen worden, was jedoch mit der Rückkehr Napoleons von Elba zuſammen hieng und längſt von allen, nur nicht von einem veralteten Attache vergeſſen worden war, ſo verlangte er von mir, meine Haube zu ändern, welche, wie er mir ver⸗ ſicherte, zu ſehr unangenehmen Bemerkungen Veran⸗ laſſung geben könne. Sie werden in der That glauben, daß es für mich ein Gegenſtand von vollkommener Gleichgültigkeit ge⸗ weſen ſei, ob ich bei irgend einer Gelegenheit meine Haube mit Veilchen oder Frühroſen, oder einer andern Frühlingsblume geziert habe. Allein ich war ärgerlich, daß ich wegen eines ſo ganz geringfügigen Gegenſtandes, ein meinen beiden Freunden gegebenes Verſprechen brechen ſolle, beſonders da ich überzeugt war, daß Frau von Juſte gegen mich den Verdacht hegen würde, ſie ver⸗ dunkeln zu wollen, indem ich einen andern Putz, als den ihrigen, annahm; und die Dazwiſchenkunft des Fürſten öffentlich zu bekennen, wäre zu kränkend ge⸗ weſen. Ich erſchien daher bei der Diner⸗Geſellſchaft coiffé en cheveux, und ließ meine Haube zu Hauſe. ISch hätte nichts Schlimmeres thun können. Die⸗ ſer Umſtand erzeugte Fragen, die von Verdacht zeug⸗ ten, und halb im Ernſte, halb im Scherze wurde das Geheimniß von mir halb erpreßt. Mein:„Defense positive de porter la violette,“ riefen Tauſende von gewagten Anſpielungen hervor, und obgleich ich mir ſchmeichle, daß ich in meinen Meinungen ſo unabhän⸗ gig ſei, als es nur immer mit den weltlichen Verhält⸗ niſſen verträglich iſt, ſo konnte ich doch die Beharrlich⸗ keit nicht beſeitigen, mit welcher Frau von Juſte und noch einige Andere während der Tafel auf meine Un⸗ terwürfigkeit unter die kaiſerlichen Befehle anſpielte. Endlich, ich muß es zu meiner Schande geſtehen, traten Thränen in meine Augen, und kaum war das Deſſert auf der Tafel, als Alexis in Ausdrücke aus⸗ 161 brach, die wenigſtens die Männer der Geſellſchaft zum Schweigen brachten. Sie kennen die häuslichen Ver⸗ hältniſſe unſerer Freunde, der Rouilly's, genügend, um zu wiſſen, daß kein außerordentliches Uebermaß von ehelicher Liebe zwiſchen der Marquiſe und ihrem Manne beſteht. Es war daher eine offenbare Verkehrtheit, wenn er ſich in den Kopf ſetzte, Alexis Worte als eine Beleidigung ſeiner Frau übel aufzunehmen. Nach der Auslegung, die Alfred de Vaudreuil dem Vorfalle gab, hat er Faſchings⸗Unbilden, die an ihr begangen wor⸗ den, zu ſühnen, und ein coup d'epée ihr zu Ehren iſt erforderlich. Er ſprach alſo ein bezeichnendes Wort der Erwie⸗ derung gegen den Grafen Erloff. Indeſſen iſt die hohe Bildung des Marquis ſo vollendet, daß Alles vor ſich ging, ohne meinen Verdacht zu erregen. Nach der Be⸗ endigung des Diners begaben wir uns, wie wir zu⸗ vor übereingekommen waren, in das Vaudeville Thea⸗ ter, und als wir auf unſerm Rückwege nach Hauſe uns zuſammen bei Tortoni aufhielten, um Eis zu nehmen, ſchien Alles auf dem beſten Fuße. Nie hätte ich gedacht, daß eine ſolche Parthie des Vergnügens ſo ſchlimme Folgen haben würde. Aber ach, ſo eben hat mich Alfred de Vaudreuil beſucht und mir die Neuigkeit gemeldet, daß Alexis in einem Zwei⸗ kampfe durch Herrn von Rouilly ſchwer verwundet wor⸗ den ſei. Sie trafen zu einer ſehr frühen Stunde in dem Bois zuſammen; Alfred war Secundant, und Alexis wurde in einem ſehr bedenklichen Zuſtande in das Hotel de Vaudreuil zurückgebracht. Denken Sie ſich meine Verzweiflung! Nicht ge⸗ nug, daß den Bruder Marguerits wegen mir dieſes Un⸗ glück traf; dieſer ärgerliche Vorfall wird dem Fürſten ſehr mißfallen, für mich äußerſt unheilvoll ſein. 83 ½. Die Frau des Geſandten. I. 11 Gerade ſo, wie ich vermuthet hatte! Ich bin das Opfer dieſes verhaßten Kampfes. Der Fürſt beſtreitet, daß er mich zu einem Diner in dem Hotel de Rouilly eingeladen vermuthet habe, eine Einladung, welche er aus politiſchen Gründen mißbilligt haben würde; da er aber fürchtet, daß er den Vorwurf der Eiferſucht hervorrufen könne, den ich einſt gegen ihn wagte und die ich ihm als den Grund ſeiner Mißbilligung bezeichnete, ging er über das Uebrige ohne weitere Bemerkung weg. Würde er gewußt haben, ſo ſagt er, daß unſere Geſellſchaft ſich in einem Kaffeehauſe verſammle, ſo würde er ein ent⸗ ſchiedenes Verbot eingelegt haben. Er eſchuldigt mich des Mangels an Offenherzigkeit bei dieſer Geſchichte, ſo wie des Mangels an Klugheit. Es iſt vergebens, wenn ich ihn verſichere, daß in der vergangenen Woche die ganz tadelloſe Herzogin von C= ein Diner bei den Frères Provençaux gegeben habe, an welchem auch Herr von Tcherbatoff Theil genommen hatte. Er erwiederte, daß Frau von C keine Geſandtin ſei. Wenn ich behaupte, daß die Ap⸗ pony's Geſellſchaften bei Rocher, ſeit wir hier ſind, ge⸗ geben haben, erwiedert er mir, daß, wenn er mit dort geweſen wäre, der Fall ein ganz anderer ſein würde, daß aber für eine verheirathete Frau in meiner Stel⸗ lung, ein Diner, ohne ihren Mann bei einem Reſtau⸗ rateur gegen die bienséances verſtoße. Kurz, ich be⸗ greife, daß er bereits eine Lection von Tcherbatoff er⸗ halten hat, der, wie ich vermuthe, ein intimer Freund von Ahes und über das Unglück deſſelben aufge⸗ racht iſt. Wäre die herbe Weiſe nicht, mit der ich bei dieſer Gelegenheit verurtheilt worden bin, ſo würde die Ver⸗ wundung des armen Alexis alle meine Gedanken in Anſpruch nehmen. Aber, daß der Fürſt nur an mir zu tadeln findet, während in der That ſeine eigene Ab⸗ furdität hinſichtlich der Haube die Urſache des Unglücks 3 war, das hat mein Herz verhärtet. Ich bin ärgerlich über ihn, über mich, über die ganze Welt! 5 Tcherbatoff hat dem Fürſten heimlicher Weiſe ver⸗ 3 ſichert, daß für Alfred nichts leichter geweſen wäre, als den Zweikampf zu beſeitigen, da kein Uebelwollen zwi⸗ ſchen beiden einſt voraus gegangen ſei. Welche Gründe 1 kann er gehabt haben? Ach, ich zittere, wenn ich an alle dieſe Dinge denke! Da ich gewiß bin, daß Sie be⸗ — erig ſein werden, die Folgen zu erfahren, ſo werde ) ch Ihnen in einigen Tagen wieder ſchreiben. —— Einundfünfzigſter Brief. Graf Alfred de Vaudreuil an die Baronin von Rehfeld zu Schloß Rehfeld. Es iſt wahrhaft ärgerlich für mich, theure Baro⸗ neſſe, daß meine gute Tante ſo unbeſonnen war, Sie von dem petit malheur Erloff's in Kenntniß zu ſetzen. Ich habe gewünſcht, daß Sie nichts davon erfahren ſollten, bis er ſelbſt im Stande ſein würde, Ihnen zu ſchreiben. Ich glaube jedoch nicht, daß dieſes bald geſchehen wird; indeſſen ſeien Sie verſichert, daß er ſiicch gut befindet, und daß er ein Gegenſtand ver auf⸗ merkſamſten Sorge Ihrer ganzen Familie iſt. Ihre vortreffliche, aber von Vorurtheilen befangene Frau Mutter hat Ihnen ohne Zweifel die Sache in einem Lichte dargeſtellt, in welchem ſie dieſelbe betrach⸗ tet, und das durchaus ungerechtfertigt iſt. Erzürnt über das ihrem Enkel zugeſtoßene Unglück, beſteht ſie darauf, daß ſeine Wunde von einem Streite mit dem Marquis de Rouilly wegen der glänzenden Augen der Fürſtin Gallitzin herrühre, welche von ihren plauder⸗ haften Wittwen beſchuldigt wird, mit beiden zu koket⸗ tiren. An dem Allen iſt auch nicht eine Silbe wahr. Ich war zugegen, als das Mißverſtändniß ſich ereignete, welches ſeinen Grund in der Farbe einer Haube, oder einer Blume, ich habe es vergeſſen, hatte. Sie kennen das Aufbrauſen Ihres Alexis. Um Rouilly Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß nichts die Größe der Beleidigung ſeiner Frau übertreffen konnte, die ihm von Ihrem Sohne wurde, und daß kein anderer Ausweg als der Zweikampf blieb. Wäre es anders möglich geweſen, ſo würde ich ſelbſt das Aeußerſte gethan haben, um einem Duelle zu begegnen, deſſen Folgen für alle Partheien nachtheilig ſind. Alexis wird von ſeiner Wunde viel früher geneſen, als die Fürſtin von den ſchlimmen Gerüchten befreit ſein wird, zu welchen dieſes Ereigniß Veranlaſſung gegeben hat, Bei der Schroffheit der Anſichten des Kaiſers über ſolche Gegenſtände, vermuthe ich, daß es ein Glück für Sie iſt, theure Couſine, daß Sie Petersburg vor dem Eintreffen dieſer Nachricht verlaſſen haben. Doch für Sie iſt der ſublime Zorn des Kaiſers künftig von kei⸗ nem Belange mehr. Sie ſind nun eine Kaiſerin in einem kleinen, Ihnen eigenthümlich gehörigen Ruß⸗ land, und die Gallitzin bleiben dem zweiſchneidigen oder flammenden Schwerte des kaiſerlichen Mißfallens aus⸗ geſetzt. Glücklicher Weiſe beſitzt die Fürſtin hohen Muth und einen Grad von Geiſt, welche dafür bürgen, daß ſie es wagt, in einer Kneipe zu Mittag zu ſpeiſen, und ſie beſitzt das Auge und die Hand eines Scharf⸗ ſchützen. Mais que voulez vous? Sehen Sie auf ihre außerordentliche Erziehungsweiſe! Ich werde morgen eine weitere Nachricht über Alexis mittheilen, deſſen Beſſerung ſo fortſchreitet, wie es möglich iſt. Zweiundfünfzigſter Brief.* Von Mrs. Leslie an Sir Thomas Meredith. Ich wollte, daß ich Ihnen, theurer Sir, beſſere Nachrichten mitzutheilen hätte! Aber bei unſerer An⸗ kunft fanden wir die theure Marguerite ſchlimmer, als wir erwarteten. Ich hatte die Angſt Elvinſton's ſeiner übertriebenen Liebe beigemeſſen, und in der That iſt der Geiſt des armen Jungen vollſtändig auseinander. Indeſſen iſt ſie in den Wahrnehmungen der Aerzte be⸗ gründet, deren Hoffnung allein darauf beruht, daß ſie ſo viel Kraft wieder erlangen möge, um in ein mil⸗ deres Clima ſich begeben zu können. Die Luft von Clydeshale hat ſich als zu rauh für ſie bewährt. Ich kann Ihnen kaum die hectiſche Schönheit un⸗ ſerer armen Kranken beſchreiben. Sie bewunderten gewöhnlich die ſanfte, dunkle, faſt ſpaniſche Schönheit ihres Auges. Wie es jetzt voll Feuer glänzt und durch die unnatürliche und durchſichtige Weiße ihrer Haut erhöht wird, fürchte ich mich, ſie anzublicken. Eine übermenſchliche Schönheit ſcheint bereits ihre immer engelgleiche Natur verklärt zu haben. Was wollte ich darum geben, wenn ich meine arme Schweſter in die⸗ ſem Augenblicke roh, robuſt und faſt ohne einen Zug dieſer ſchrecklichen Liebenswürdigkeit ſehen könnte. ſ Sie werden erwarten, daß ich Ihnen etwas von ddem Knaben ſage. Ach, gleich Elvinſton habe ich auf⸗ gehört, ihn mit Wonne zu betrachten. Ich hatte mir gedacht, daß es mir unmöglich ſein würde, dieſen künf⸗ tigen Repräſentanten unſerer Familie ohne Gefühle des Triumphes in meine Arme zu nehmen. Statt dem zerfloß mein Herz in Thränen, als er mir von ſeiner Amme dargereicht wurde. Ich mußte daran denken, daß das arme Kind jetzt ſchon der mütterlichen Sorge beraubt ſein ſolle und beſtimmt ſei, den unglück⸗ lichſten der Männer zu tröſten. Leben Sie wohl, ich werde in einigen Tagen wieder ſchreiben. Wir erwarten ſtündlich die Ankunft des Bruders Marguerite's von Paris; doch möchte ich faſt wün⸗ ſchen, daß dieſer Beſuch verſchoben werde; denn ſie iſt nicht im Stande, die geringſte Aufregung zu ertragen. Leben Sie wohl! Dreiundfünfzigſter Brief. Von Alfred de Vaudreuil in Paris an den Vicomte Elvinſton. Alexis dringt darauf, daß ich ihn bei Ihnen, mein theurer Elvinſton, wegen ſeiner Zögerung ent⸗ ſchuldige. Vor einer oder vor zwei Wochen wird er, wie ich fürchte, unfähig ſein, zu reiſen. Ein unglück⸗ licher coup d'épée, von welchem Sie der Vicomteſſe nichts ſagen werden, iſt die Veranlaſſung dieſes contre temps.. Sie kennen ſein ſtarrköpfiges Temperament; Sie kennen ſeine Leidenſchaft für die Fürſtin Gallitzin und ihre unerſättliche Koketterie. Zwiſchen zwei ſolchen Ingredientien war nichts leichter, als ein Duell her⸗ beizuführen: Alexis war gezwungen, mit Rouilly los zu gehen; Letzterer iſt der Leiter des aufrühreriſchſten Aſtes der hieſigen liberalen Parthei, und ein Zweikampf mit dieſem wird daher in den Augen des Kaiſers kein Unrecht von Alexis Seite ſein, wenn auch der Streit 1674 Polui⸗ ſtatt den Ruf der ruſſiſchen Geſandtin betrof⸗ en hätte. Nichtsdeſtoweniger iſt es eine unglückliche Geſchichte, die Jeden, der dabei betheiligt iſt, compromittirt; denn das Publikum iſt nie zufrieden geſtellt, wenn ſie eine gute Sache verfochten haben, es iſt nicht zufrieden mit dem Scandale eines Duells, das Unglück muß dadurch vermehrt werden, daß man behauptet, der Streit ſei bei einer orgie au cabaret entſtanden, bei welcher ſich Rouilly Bemerkungen über die ungenirte Kleidung der Fürſtin erlaubt hatte, welche natürlich durch einen Mann gerügt wurden, der kein Geheimniß daraus macht, zu ihren Füßen zu liegen. 4 Es liegt genug Wahrheit in der Geſchichte, um ihre Verfälſchung um ſo kränkender zu machen; und Sie können den Schrecken und den Unwillen des Ho⸗ tels de Vaudreuil bei ſolch einem Ereigniſſe für ſeine Annalen denken. Die Gräfin, welche bereits durch die Manieren und Gewonheiten ihres Enkels übler Laune wurde, ſpricht von den moeurs de la Regence, wel⸗ che die liberale Parthei affectire, und die vereinigte Inquiſition ihrer Wittwen hat die arme, theure Fürſtin als ein Weib ausgeſchloſſen, welches ſicht, raucht, im Fluge ſchießt, eine Hatzjagd in ihren Mußeſtunden an⸗ ordnet, dennoch aber den höchſten Grad von Etiquette in ihrer tenue d'Ambassadrice annimmt. Jede von ihnen hat irgend eine Anecdote über die liebenswürdige Ida, plus ou moins vrai, zu erzählen, alle gleich unglücklich für ihre Würde, wenn nicht für ihren Ruf. Dieſes Alles, mein theurer Junge, bleibt ſtrenge unter uns! Ich hielt es für beſſer, Ihnen den wahren Grund des Zögerns Erloff's auseinander zu ſetzen, da⸗ mit Sie die erforderlichen Anordnungen treffen können, daß die Zeitungen nicht in die Hände ſeiner Schweſter gelangen; denn ich hoffe aufrichtig, daß meine Coufine jetzt ſo weit wieder hergeſtellt ſei, um zu leſen, zu ſchreiben, ſich zu unterhalten, ſo wie ihren gewohnten 168 Beruf zu erfüllen, Alles um ſich her zu erfreuen und zu entzücken. Ich werde gerne an Sie, als den glück⸗ lichſten der Männer, bei der vollſtändigen Wiederher⸗ fiellung der vollendetſten der Frauen denken. Glauben Sie mir, mein theurer Elvinſton, ich be⸗ neide Alexis um ſeine Reiſe nach dem Norden und wollte freudig aus dieſer Stadt aufbrechen, um Ihre freundliche Einladung, ihm Geſellſchaft zu leiſten, an⸗ zunehmen. Aber davon iſt leider keine Rede. Es iſt gegenwärtig zu ſchwierig, Paris zu verlaſſen. Der Eine wie der Andere iſt ſicher, Verpflichtungen auf ſich zu haben, welche es unmöglich machen, ſich zu entfer⸗ nen. Ich meine nicht Schneider oder Pferdehändler; aber Einer iſt artig genug, um ſich dem einen oder dem andern ſchönen Tyrannen zu verpflichten, der nicht die Großmuth beſitzt, die Kette ſeines Sclaven zu verlängern. Adieu! 3 Vierundfünfzigſter Brief. Die Baronin von Rehfeld an die Fürſtin Gallitzin. Du wirſt nicht überraſcht ſein, wenn Du ver⸗ nimmſt, daß wir ſchon einige Tage auf Schloß Reh⸗ feld wohnen, und daß ich kaum Kraft oder Muth ge⸗ nug habe, meine Feder zu ergreifen. Du kennſt dieſen Ort, Ida, und Du kannſt alſo begreifen, was ich em⸗ pfinden muß. Unter allen unſere Rückkehr begleitenden Umſtän⸗ den wurde die Reſidenz in Folge der zahlreichen Ver⸗ wandten der Familie Rehfeld, die mich mit Condolen⸗ zen überhäuften, unerträglich, und ich beſtimmte den. Baron, ſeinen Plan zu ändern und ſogleich nach Hauſe zu eilen. Dies war beſonders der Fall, weil der Groß⸗ herzog nichts weniger als gnädig den Mann empfing, der ſich der Miſſion nach Rußland bloß auf Bitten Seiner Hoheit unterzogen hatte. Er war auch unge⸗ recht genug, die Zurückberufung des Barons lediglich auf meine Rechnung zu ſetzen. Aber darin handelte er nach der Kenntniß der Charakterſchwäche Deines Vaters. Der Baron wurde dadurch, daß er in eine Berührung mit einem Deſpoten wie Nikolaus geſetzt worden war, ſo furchtſam, daß er nicht den Muth hatte, ſeine Unabhängigkeit in Gegenwart ſeines un⸗ gnädigen Fürſten zu behaupten. Und was iſt denn ſo Aufregendes in dem Pomp und in der Herrlichkeit eines bloßen sérèénissime des Reichs? Ich verſichere Dir, ich fühlte mich keineswegs durch die Runzeln der Stirn des Großherzogs vernichtet. Ehe ich jedoch ein und zwanzig Stunden an die⸗ ſem Orte war, bereute ich herzlich meine Eile, Deinen Vater überredet zu haben, die kleine Hauptſtadt zu verlaſſen, wo man doch wenigſtens von civilifirten Weſen umgeben war. Du wirſt Dich erinnern, daß ich in St. Petersburg gewöhnlich das Schloß Rehfeld gegen Dich und Alfred de Vaudreuil vertheidigte. Meine theure Ida, ich ſprach, wie es ein Weib über einen Gegenſtand vermochte, von dem ſie nichts kannte. Schloß Rehfeld für die Aufnahme einer glänzenden Geſellſchaft bereitet; Schloß Rehfeld durch die Geſell⸗ ſchaft einiger Leute von Welt erträglich gemacht, war ein ganz verſchiedener Platz gegen die traurige, alte Baracke, die ſich jetzt mir für die Dauer darbietet, einer an einen abgelegenen Ort, in die Mitte von Wäldern Verbannten, die ſelten eine Spur von Blät⸗ tern zeigen; in blumenloſe Gärten, die durch eine ge⸗ ſpenſtiſche, zertrümmerte Fontaine geziert ſind; in ſchim⸗ melige Gemächer, die ich bewohne, in welchen ich zur Bedienung Bauernlümmel habe, die vor dem Geſichte mir herumſtolpern, als hätten ſie das Schloß im Sturm genommen und wären durch die Breſche eingedrungen. Himmliſche Mächte! Welch ein Gefängniß und wie wenig würdigte ich Deine Geduld, daß Du es ſo lange ertragen, oder Dein Verdtenſt, daß Du das geworden, als was ich Dich gefunden, daß Du es unter den Roh⸗ heiten und Gemeinheiten einer ſolchen provinziellen Obſeurität geworden. Die arme Moreau hat in der That vortreffliche Eigenſchaften und hier Wunder gewirkt. Ich vermiſſe ſie hier außerordentlich. Ihr Tackt und ihr guter Wille beeilte ſich, Tauſende von Unannehmlichkeiten des deutſchen Mangels an Schicklichkeit und feiner Bil⸗ dung zu beſeitigen. Ich muß mit Schaam und Reue jetzt, wo unſer Haus in Folge des Gebotes der Noth⸗ wendigkeit ſo beſchränkt worden iſt, daß ich ſtets die Ungemächlichkeiten dieſes Platzes vor mir habe, an den Unfall denken, welchen ihr ihre Dienſtfertigkeit zuzog, als ſie während der Vorbereitungen zu unſerer Abreiſe nach Petersburg meine Schachbretter und Arbeitsbeutel hinabtrug. Ich wollte, ich könnte wieder Vorbereitun⸗ gen zu meiner Abreiſe aus dieſem Hauſe treffen! Ich darf kaum vorwärts blicken! Der Gedanke, einen ganzen Sommer in Rehfeld zubringen zu müſſen, erfüllt mich mit Verzweiflung. Nicht ein menſchliches Weſen, mit welchem eine Unterhaltung möglich wäre; nicht ein einziger Gegenſtand des Luxus, welcher die Einſamkeit erträglich machte, nicht einmal ein lesbares Buch giebt es hier. Man könnte ſogar in der Refi⸗ denz eben ſo gut nach einem Straußen⸗Ei, als nach einer neuen franzöſiſchen Novelle fragen, und die ſchim⸗ melige, alte Bibliothek hier ſcheint bloß für eine Ka⸗ thedrale geeignet. Wenn Du es wüßteſt, Ida, wie ſehr ich Dich be⸗ neide! Dir habe ich wenigſtens ein glücklicheres Geſchick bereitet, als mir ſelbſt. Ich ſchaudere, an das meinige zu denken. Die Geſellſchaft des Barons könnte einige 171 Hülfe gewähren, aber nach ſeiner langen Abweſenbeit hat er hier ſo viele Intereſſen und Abhaltungen, die mit ſeinen Gütern in Verbindung ſtehen, daß er hiezu keine Muße hat, und ich beſitze ſchwerlich Geduld genug, um zu ſehen, daß er ſich hier, an dieſem ſchrecklichen Platze, wohlgefällt. Hierin beſteht das Glück ſchwacher Charaktere; ſo iſt die Glückſeligkeit der Mittelmäßigkeit beſchaffen, die ſich mit der Mittelmäßigkeit begnügt. Die Zerſtreuung, welche ich für einen Augenblick von einem Ausfluge nach Karlsbad während des Sommers hoffte, werde ich mir genommen ſehen; denn die Angelegenheiten des Barons find ſo durch und durch desorganifirt, und zwar in Folge der enor⸗ men Summe, die er, wie ich ihn beredete, zur Vervoll⸗ ſtändigung der Dir beſtimmten Mitgift verwendete, und der ruinirenden Koſten ſeiner Einrichtung in St. Petersburg, die mit Rückſicht auf einen langen Aufent⸗ halt in Rußland, ausgeführt wurde, ſie ſind alſo ſo desorganiſirt, daß es ihm für lange Zeit unmöglich ſein wird, die Koſten einer zweiten Einrichtung zu be⸗ ſtreiten. Er verſicherte mir, daß er, ungeachtet ſeines ſchönen Einkommens, nicht einen Gulden zu ſeiner Dispoſition habe. Ich hege den Verdacht, daß ſein Neffe, der nur eine freundliche Stellung gegen ihn an⸗ genommen hat, ſein Aeußerſtes thut, um die Verlegen⸗ heit zu vermehren. Begreife daher, ich bitte Dich, das Entſetzen einer decanten Beerdigung auf Schloß Rehfeld für eine Neihe von Jahren, ohne irgend einen anziehenden Ge⸗ genſtand der Betrachtung. Ich habe ernſtlich daran gedacht, eine Reiſe nach Paris vorzuſchlagen, um vort meine Mutter zu beſu⸗ chen, die ich ſeit zwei Jahren nicht mehr geſehen habe, und vielleicht meine Expedition auch auf England zu erſtrecken, um meine theure Marguerite in ihrem neuen Lande zu ſehen. Eine Abweſenheit von einem Jahre würde vielmehr eine Erſparung, als eine Ausgabe für den Baron ſein; aber dieſes Project iſt gegenwärtig ein völliges Luftſchloß. Eine meiner zahlreichen Plagen an dieſem Orte entſpringt aus dem Tone von Autorität, welchen die alten Diener angenommen haben, die ihre Stelle an der Spitze des Guts während unſerer Abweſenheit ein⸗ genommen hatten, und die ich für jetzt dulden muß, indem mein eigener, unſchätzbarer maitre d'hoôtel ſich geweigert hat, mich nach Deutſchland zurück zu beglei⸗ ten. Ich kann Dir verſichern, daß die alte Frau, welche einſt die Amme Deines Vaters war, und die einem lebendig gemachten Portrait Rembrandt's gleicht, mich empfing, als ſei ſie die Baronin von Rehfeld, und ich eine Fremde. Je lui en fais mon compliment! Die alte Frau war auch Deine Amme, und dieſes gibt ihr einen doppelten Anſpruch auf Autorität. Doch pocht ſie auf Letzteres nicht, und ich finde, daß Dich die alte Sara und ihr Paſtor aus ihrem guten Anden⸗ ken ſeit Deiner Verheirathung mit einem Fremden und Ketzer ausgeſchloſſen haben. Sie würden auch mich von Schloß Rehfeld ausſchließen, wenn es in ihrer Macht ſtände. Ich muß Dich fragen, was in Paris in dieſem Frühlinge aus den peignoirs und cornettes geworden iſt. Aber wozu nützt das Fragen? Wo iſt jemand hier, der ein Unternehmen zu würdigen wüßte? In St. Petersburg war wenigſtens die Kaiſerin. Aber wenn Du ganz Paris in einer Packkiſte nach der Re⸗ fidenz ſchicken würdeſt, ſo würdeſt Du bloß die Beam⸗ ten des Zollhauſes unterhalten. Auf Schloß Rehfeld würde ſogar deren Bewunderung fehlen. Ich zweifle nicht im Geringſten, daß Fürſt Galli⸗ tzin einen ungebührlichen Theil des Mißfallens, welches der Kaiſer auf unſere geſammte Familie geworfen zu haben ſcheint, auf meine Schultern wird wälzen wol⸗ len. Aber ehe er heirathete, oder ſeine Beſtallung in Paris annahm, kannte er ſo gut als ich das Gewicht 173 meines Einfluſſes genau und er wußte, daß er von einer Beſchaffenheit ſei, daß er aufhören würde, von Vortheil zu ſein, ſo wie ein ernſtlicher Nachtheil ein⸗ trat. Denn Nikolaus hat, gleich den meiſten Perſonen, welche mit politiſchen Geheimniſſen zu thun haben, keine Verzeihung für die, welche es wagen, ein gleiches Manöver gegen ihn ſelbſt anzuwenden. Alles, was eine Kriegsliſt over ein geheimer Einfluß ſcheint, deren Gegenſtand er iſt, empört ihn, vielleicht vermöge des Grundſatzes, daß Süßigkeiten dem Zuckerbäcker eckelig find. Es ging das Gerücht von einer politiſchen Korres⸗ vondenz zwiſchen uns, und dieſes, wie ich vermuthe, zunächſt von der Fürſtin W. geflüſtert, erregte zuerſt ſein Mißfallen. Hierüber wurde mir ein Wink durch eine Perſon von der Parthei Michailoff gegeben, und ich verlor daher keine Zeit, derſelben anzuvertrauen, daß die Korreſpondenz, welche denuncirt worden, keine größere Gefahr für den Staat, als Einzelnheiten über die Pariſer Moden, zur Unterhaltung der Kaiſerin be⸗ ſtimmt, enthielt. Aber ſiehe da, dies wurde für ein noch viel ſchwereres Verbrechen gehalten, als die ver⸗ mutheten Staatspapiere, für welche Deine Packete von Stickereien und Bändern zuerſt irrthümlicher Weiſe gehalten wurden. Meine Lage wurde zuu nangenehm, und Dein Vater hatte bloß ſein Abberufungs⸗Schreiben zu fordern. G Entnimm es an mir, Fürſtin, daß kein ruſſiſcher Geſandter jemals ſeinen Poſten in Paris, London oder Wien lange behaupten kann, es wäre denn, daß er ei⸗ nen Bruder in dem kaiſerlichen Hofſtaate, oder einen Coadjutor im kaiſerlichen Kabinete hat. Die Hälfte der Mittheilungen zwiſchen dieſen Höfen und dem Hofe von St. Petersburg muß immer außerdienſtlich geſche⸗ hen. Aber ſie darf nicht durch die Hände einer Frau gehen. Der Kaiſer iſt ein Herkules, der in Regierungs⸗ angelegenheiten ſeine Keule nie mit einem Spinnrocken vertauſchen wird. Jedenfalls verpflichte mich, obgleich Deine Briefe ferner nicht mehr das journal des Modes zu enthal⸗ ten brauchen durch die cancans von Paris, was doch eine Art von Zerſtreuung während des Krächzens der Krähen von Rehfeld ſein wird. Wenn Du nur den Ekel begreifen könnteſt, der meinen Geiſt befallen hat, oder vielmehr die Verzweiflung der Ungeduld, die ich empfinde, wenn ich in meinem Lehnſtuhle träume, in den Sonnenſchein hinausblicke, der auf den Feldern ruht, und auf dieſe jämmerlichen Vögel lauſche, die ſich der Rückkehr des Frühlings zu erfreuen ſcheinen, als wenn ſolche Geſchöpfe auch einen Anſpruch darauf hätten, ſich zu erfreuen. Von Marguerite habe ich gleichgültige Nachrichten; ſie ſcheint in ihrer Verbannung kalt geworden zu ſein. Auch Lord Elvinſton ſchreibt kalt und kurz, und ich rechne auf Alexis Beſuch bei ſeiner Schweſter, um ge⸗ nauere Nachrichten über ihre Geſundheit zu erhalten. Sollteſt Du in der Zwiſchenzeit dergleichen erhalten, ſo erwähne dieſelben in Deinem nächſten Briefe. Dein Vater iſt mit ſeinen Förſtern abweſend; da⸗ her habe ich krine Botſchaft von ihm. Er iſt ſelten gut gelaunt und noch viel einfilbiger jetzt geworden, wo ſeine Unterhaltung von Nutzen ſein würde. Ich kann mir wohl denken, daß ſeine Rückkehr nach Schloß Rehfeld ihm eben ſo unangenehme Erinnerungen erwe⸗ cken würde, als es in mir unangenehme Eindrücke er⸗ zeugte. Ach, wenn ich denke, daß dieſer Brief Paris erreichen wird, während die Schreiberin deſſelben an Rehfeld gekettet bleibt! O weh! Fünfundfünfzigſter Brief. Von Mademoiſelle Thereſe Moreau in Paris an die Fürſtin W. in St. Petersburg. Frau Fürſtin! Sie werden mir vielleicht die Freiheit verübeln, die ich mir nehme, einen Eingriff in Ihre Zeit zu machen. Allein da ich über denſelben ſichern Canal zu verfügen habe, mittels welchen die Korreſpondenz Ihrer Excellenz, der Fürſtin Gallitzin verſendet wird, und da ich mich mit Vergnügen der Güte erinnere, die mir gewöhnlich von Ihnen zu Theil wurde, wenn Sie in Paris waren, während ich im Hotel de Choiſy wohnte, ſo wage ich auf Ihre Güte zu bauen und zu hoffen, daß Sie mir einen Schritt verzeihen werden, welchen die Liebe für Ihre Excellenz, die Fürſtin Gal⸗ kizin, veranlaßt, für welche ich ja auch die Veranlaſ⸗ ſung war, daß ſie Ihre Bekanntſchaft machte. Unter allen ihren Freunden und Bekannten in St. Petersburg ſind Sie, gnädige Frau, die einzige, von welchen ich ſie ſtets mit Vertrauen und Rückſicht ſpre⸗ chen hörte. Die Fürſtin ehrt in gleicher Weiſe die Un⸗ abhängigkeit Ihrer Meinung und die Feinheit Ihres Geſchmackes, und iſt Ihnen vor Allem für Ihre Güte dankbar, die ihrem Herausgehen aus einem unglück⸗ lichen Hauſe voranginge. Sie haben daher einigen Einfluß auf ihren Geiſt. Sie iſt keine leicht zu lei⸗ tende Perſon. Frühzeitiges Anſehen erzeugt frühes Selbſtvertrauen; der Fehler wurde durch die neuen Conceſſionen verſchlimmert, vermöge welcher ſie nicht in den Stand geſetzt wurde, genügenden Einfluß über ihre Gefühle zu erlangen, um ihre Erziehung in den — Punkten zu vollenden, die bei ihr durch ihren Vater bei Seite geſetzt wurden. An die Artigkeit des Pari⸗ ſer Lebens gewohnt, hatte ich den Muth nicht, den ich ſo ſtürmiſchen Leidenſchaften gegenüber hätte haben ſollen, um die genügende Autorität zu erlangen, die zum Beugen ihres aufſtrebenden Kopfes erforderlich war; oder hinſichtlich der religiöſen Streitfragen, die zwiſchen zwei Perſonen verſchiedenen Glaubens ſich er⸗ heben mußten, den allein genügend ſtrengen Arm zu Hülfe zu rufen, den Poſten, um die Unbändigkeit eines eigenſinnigen Temperaments zu unterdrücken. Ich ſage Ihnen dies, gnädige Frau, unter Ver⸗ kleinerung meiner eigenen, offenbaren Schwäche, die mich dulden ließ, daß ein ſolcher Zuſammenfluß von Fehlern eintrat, der mich all' meines Einfluſſes auf die beraubte, die einſt mein Zögling war, nun meine Gebieterin iſt. Ich baute auf die Gegenwirkung ihrer eigenen, glänzenden Fähigkeiten und den Zwang des civilifirten Lebens, daß ſie meine liebenswürdige Schü⸗ lerin ſo vernünftig und wohlgezogen machen würden, als ſie jetzt eigenſinnig und kühn war. Aber ach, ich hoffte vergebens. Ich geſtehe meinen Fehler zu. Es gibt gewiſſe Gei⸗ ſter, bei welchen gerade nicht der Druck der Maſſe zur Unterwerfung hinreicht. Die Frau des Geſandten bleibt die halsſtarrige Lilie von Rehfeld, mit deren Eigen⸗ finn ich zu nachſichtig verfuhr, ſo lange er bloß Oppo⸗ ſition gegen ihre Stiefmutter, hauteur gegen die arme, alte Gouvernante, oder Kälte gegen die Freunde be⸗ traf. Aber nun, da die Abweichung Ihrer Excellenz für ſie ſelbſt unglücklich wurde, nun da die Fehler ihres Charakters deren Ruin herbeiführen, nun zittere ich über die Folgen meiner ſchwachen Nachgiebigkeit. In meinem Fehler, oder in meiner Reue, gnädige Fürſtin, kann nur ein kleines Intereſſe liegen. führe ſie bloß zur Verminderung der Fehler der jungen Fürſtin an, als eine Vertheidigungs⸗Rede, um Sie 177 zu Ihrem Dazwiſchentreten zu ihrem Vortheile zu be⸗ ſtimmen. Ach, gnädige Frau, meine arme Ida ſteht an dem Rande eines Abgrundes! Sie wurde mit Gewalt ſicher gemacht und gereizt durch die Kraft und die Fähigkeit einer unerfahrenen Mädchenhaftigkeit; und die Größe, die Schwierigkeit der Aufgabe hat eine Urtheilskraft geſchwächt, die ſich ohne dieſe frühreife Stärke in Kraft und Größe verwandelt haben würde. Hier wurde ſie, oder, laſſen Sie mich den richti⸗ gen Ausdruck gebrauchen, hier hat ſie ſich mit ſchlech⸗ ten Rathgebern umringt. Sie hat die Freundſchaft des Hotels de Choiſy zurückgewieſen, weil ſie nach ih⸗ rem Geſchmacke nicht faſhionabel genug war; die Ver⸗ traulichkeit des Hotels de Vaudreuil warf ſie weg, weil ſie ihr ermüdend und läſtig ſchien. Als der Fürſt hier anlangte, beeilte er ſich, ſie in einem Zirkel vor⸗ zuſtellen, der den höchſten Ton mit der feinſten Ver⸗ derbtheit paarte, und wenn dieſe Menſchen, eiferſüch⸗ tig auf ihre Erfolge in der Welt, und neidiſch auf die Ueberlegenheit, auf welche ſie in ihrer zweifachen Eigenſchaft, als Schönheit und als Geſandtin, Anſpruch hatte, ſie weniger rückſichtsvoll behandelten, ſo war ſie gezwungen, ſich dem erſten angenehmen Zirkel, der ihr eben ſeine Arme öffnete, unter von ihr ſelbſt dik⸗ tirten Ausdrücken öffnete, anzuſchließen. Dies, Frau Fürſtin, war der Fall bei einem, den Sie ihr ſpeciell empfohlen hatten, und Sie, die Sie mit dem höchſten agrement des Hotels de Rouilly bekannt find, wird es nicht überraſchen, wenn Sie erfahren, daß Ihre Excellenz dort eine Entſchädigung für die Geringſchätzung der größern Welt fand, deren Impertinenzen ſie hervorgerufen hatte. Das Hotel de Rouilly von heute iſt aber nicht mehr das nämliche, mit welchem Sie bekannt waren. Zur Zeit Ihres Aufenthalts in Paris thrilten die 14 Die Frau des Geſandten. 11. 178 Rouilly's mit ſo manchen andern Perſonen von hoher Stellung die Animoſität des Hofes, und es wird ge⸗ wöhnlich bemerkt werden, daß Perſonen, die in offener Oppoſition gegen irgend eine beſtehende Autorität ſich befinden, von jeder öffentlichen Auszeichnung ausge⸗ ſchloſſen ſind, vorzüglich ſich dazu eignen, unpaſſende Wege zu adoptiren, um zu einem Rufe zu ge⸗ langen. Der Marquis von Rouilly, zur Zeit der Reſtau⸗ ration der Bourbons noch ein vollſtändiger Knabe, kann nicht aus ſeinem Pagenthum an dem Hofe Na⸗ poleons irgend eine wahrhaft entſchiedene politiſche Tendenz übrig behalten haben; da er aber vermöge ſeiner Geburt der liberalen Partie angehört und durch ſeine Reichthümer zu ſeiner hervorragenden Stellung in der Geſellſchaft einen Anſpruch hat, ſo nahm er einen etwas gefährlichen Poſten in den Liſten der faſ⸗ hionablen Welt ein und affektirte, in Gegenſtänden des Gebrauchs Geſetze zu geben, und er wird darin gewöhnlich befragt, während dies ſonſt bei allen Leu⸗ ten, die in einem hohen Range in der Welt ſtehen, von der Autorität des Hofs abgeleitet wird. Verzeihen Sie mir, wenn ich in dieſen Ausein⸗ anderſetzungen langweilig bin. Ich finde es für nö⸗- thig, eine ausführlichere Erläuterung der Eigenthüm⸗ Lchieit der Lage eines Ihrer Freunde Ihnen zu geben. Die Gewohnheiten des Hotels de Rouilly ſind nicht die des Faubourg Saint⸗Germain. Die Ge⸗ bräuche des Faubourgs ſind unveränderlich; jene der Cli⸗ que Rouilly eine Sammlung der Gewohnheiten frem⸗ der Länder. England, Rußland, Italien haben jedes ſeinen Antheil zu den Gewohnheiten eines Hauſes bei⸗ getragen, welches beſſer gethan haben würde, wenn es ausſchließend franzöſiſch geblieben wäre. Herr und Frau von Rouilly fühlen ſich ſelbſt Niemand hiefür verantwortlich. Er iſt ein Mann von Talent und ein roné, mit dem beſten Kopfe und dem ſchlechteſten Her⸗ zen der Welt. Sie iſt ein hübſches, gedankenloſes Weib, welches von der kurzen Herrſchaft über das Herz ihres Mannes bloß die weltlichen Anſichten und die unerſättliche Liebe des Vergnügens, welche er ihr eingeflößt, übrig behalten hat. Bei dem Marquis werden dieſe Leichtfertigkeiten durch außerordentliche Talente und einen hohen Ehrgeiz modiſicirt; bei ſeiner Frau aber arten ſie in die eiteln Frivolität'eines Wei⸗ bes der Mode, nicht aber, der hohen Kaſte aus, welche ihre eigene Apologie in ſich trägt. Solche Geſellſchaften wai„ Sie werden mir, gnädige Frau, dieſen Ausdruck erlauben, gefährliche Beiſpiele für die Fürſtin Gallitzin, die ſo jung, ſo ſchön, ſo wenig vorbereitet bei dem frühen Drängen nach der hohen Stellung war, die ſie einzunehmen be⸗ rufen. Sie gaben ihr keine ſchlechten Rathſchläge— ich wollte, ſie hätten es gethan!— denn Nathſchläge— wären Dinge geweſen, denen zu folgen, Ida ſich nie überwunden hätte; aber ſie gaben ihr ein Beiſpiel, was die verderblichſte aller Lehren iſt, wenn die Mu⸗ ſter bezaubernder Natur ſind. Ich finde, daß in dem Hotel de Rouilly die äußerſte Freiheit in volitiſthen und religiöſen Erörterungen ſtattfand, mit all der Ge⸗ walt und der Macht der erſten Talente des Tags. Frauen, durch ihre Schönheit, Männer durch ihre her⸗ vorragenden Talente ausgezeichnet, vereinigen ſich, um gewiſſen Leichtfertigkeiten in Manieren und Ge⸗ wohnheiten einen Anſtrich von Grazie zu geben, welche die Franzoſen ausländiſch, und welche die Ausländer unwandelbar franzöſiſch nennen. Die Frau von Choiſy, die Frau von Vaudreuil und viele andere der alten Schule, betrachten mit Widerwillen den unheilvollen Ring dieſer modernen Freiheit. Wie iſt es da zu wun⸗ dern, daß ein liebenswürdiges Mädchen, dem die häusliche Sympathie mangelt,— denn der Fürſt ſteht ihr ſehr ferne, ſowohl durch die Verſchiedenheit der Jahre, als durch die gebieteriſche Natur ſeiner dienſt⸗ lichen Intereſſen— wirklich durch ſo anziehende Per⸗ ſonen influirt wurde, die ſie nicht bloß auf ihre Füße ſtellten, ſondern ſie wahrhaft in ihrem Zirkel adoptir⸗ ten, in welchem jedes ſich durch ſeine Anziehungskraft in ihren Augen zu erhöhen ſuchte? Durch welche V b Gründe der Graf Vaudreuil zu ſeiner Theilnahme ſich verpflichtet glaubte, iſt ſchwer zu beſtimmen, da ſeine politiſchen Geſinnungen denen des Marquis ſo total entgegenſtehen. Indeſſen bringt das Ballhaus und der Jockei⸗Klubb manche Extreme in Berührung, und ich habe das Recht zu glauben, daß das vertraute Verhältniß des Grafen Alfred mit dem Hotel de Rou⸗ illy lange vor der Ankunft Ihrer Excellenz beſtand. Warum ſich dieſe an Sie, gnädige Frau, wegen ihrer Einführung bei der Fürſtin Gallitzin gewendet haben ſollen, iſt mir ein unerklärliches Geheimniß. Bis zu der Ankunft des Grafen Erloff, die ſo unglücklich für die Bloßſtellung der Fürſtin hinſichtlich einer Geſellſchaft war, die darauf berechnet ſchien, ein Vorurtheil gegen ſich in dem Geiſte des Kaiſers zu erzeugen, hatte ſich kein Fall ereignet, der ſie dem Tadel der Geſellſchaft ausgeſetzt hätte. Aber das rück⸗ ſichtsloſe Benehmen des Grafen, und, laſſen Sie mich, um ihm Gerechtigkeit zu erzeigen, hinzufügen, die edle Freimüthigkeit ſeines Charakters, konnten ſchwerlich verfehlen, eine Kataſtrophe herbeizuführen. Seine — Augen erkannten bald die von dem Marquis de Rouilly ſeiner Stiefſchweſter geweihte Huldigung, ſowie die Eiferſucht der Marquiſe, nicht auf ihren Gatten, ſon⸗ dern auf Graf Alfred, von welchem geſagt wird, daß er früher ihr Anbeter geweſen ſei. Ich glaube mich zu der Annahme berechtigt, daß er Ihrer Excellenz mit brüderlicher Rückſicht Vorſtellungen machte, welche die nachtheiligen Folgen betrafen, die für ſie hieraus ent⸗ ſtehen konnten, und es iſt möglich, daß Ida ſich er⸗ laubte, ſeine Bemerkungen nachzuſprechen; denn von 181 dieſem Augenblicke an war Uneinigkeit und Uebelwollen zwiſchen den Parteien. Ihre vertraute Bekanntſchaft mit der Pariſerwelt, gnädige Frau, wird in Ihr Gedächtniß eine gewiſſe Lady Fauconberg und ihrer Töchter zurückrufen, deren vertrocknete Bonmots mehr als eine Menage in Un⸗ ordnung gebracht haben. Dieſen ſcheint nun die Für⸗ ſtin beſonders verhaßt, indem ſie glauben, ſie ziehe den Grafen Vaudreuil von ihrer Geſellſchaft ab. In ihren Erwartungen getäuſcht, durch Graf Alfred in⸗ time Freundinnen Ihrer Excellenz zu werden, wurden ſie ihre rachſüchtigen Feinde. Dieſen Menſchen, die in der bloßen Leichtfertigkeit ihres Geklatſches ſo manchen feinen Ruf befleckt haben, wird die ſchändliche Ver⸗ drehung eines Duell's beigemeſſen, welches allein, glauben Sie mir, in dem angeführten Umſtande ſeinen Grund hatte. Wenn Leute zu Händeln geneigt ſind, dient jeder Vorwand. Die Farbe einer Blume lieferte in dieſem Augenblicke den Grund zu einer Ausforde⸗ rung. Alle die Einzelnheiten, welche vielleicht zu Ih⸗ nen darüber gelangt ſein mögen, daß eine Beleidigung die Folge von unanſtändigen und ungeſtümen Scenen ge⸗ weſen ſei, ſind durchaus falſch. Ich ſelbſt wende mich daher an Sie, Frau Für⸗ ſtin, in der feſten Hoffnung, Sie zu vermögen, daß Sie bei Ihren hohen Bekannten in St. Petersburg dieſe Widerlegung jener ſchamloſen Gerüchte in Um⸗ lauf ſetzen mögen. Der Einfluß Ihres Charakters und Ihrer Stellung wird der Laufbahn der Fürſtin leben⸗ dige Hülfe leihen. Aber ich habe Sie um einen noch bedeutenderen, Dienſt ehrfurchtsvollſt anzuflehen, um einen Brief an meinen theuren Zögling, die Fürſtin, um ſie mit dem Gewichte der für ihren Charakter und für die Ausſichten Seiner Excellenz, ihres Gatten, höchſt nachtheiligen Gerüchte bekannt zu machen. Ihr Anſehen wird in einem Gegenſtande des Tons noth⸗ wendiger Weiſe von ſchwererem Gewichte ſein, als meine Bemerkungen; und wenn ſie von Ihnen hört, daß dieſe wilden Diners und Soupers, dieſe Reiter⸗ feſte in dem Bois, dieſe Schießplatzpartien entſchieden von mauvais genre ſeien, ſo wird ſie vielleicht ſich veranlaßt finden, von ihren gegenwärtigen Gewohn⸗ heiten und Geſellſchaften abzulaſſen, die ſie in der reinen Laune des Augenblicks, in Mitte der Zerſtreuung des Carnevals, adoptirt hat. Dies iſt für die Ariſtokratie aller Länder kein Augenblick, um ſich ſelbſt in den Augen des Volkes durch ſociale Unregelmäßigkeiten herabzuwürdigen. Der geſetzloſe Geiſt von Paris verlangt nachgeahmt zu werden, nicht durch den ſtrengen Arm der Autorität, ſondern durch den gebieteriſchen Einfluß der morali⸗ ſchen Kraft in den höhern Klaſſen. Es liegt zuweilen mehr als Verachtung in dem Lachen, mit welchem das Volk gerade jetzt die Thorheiten ſeiner Vornehmen be⸗ trachtet, es liegt eine Drohung darin. Entſchuldigen Sie, gnädige Frau, ich bitte Sie darum, dieſen langen Brief. Der Gegenſtand des⸗ ſelben liegt meinem Herzen am nächſten und ich beſitze keine andere Mittel meine guten Dienſte in der Stadt auszuüben, welche künftig über das Geſchick einer Perſon entſcheiden wird, deren voͤrtreffliche Gaben, deren Anziehendes ſie nur zu einem um ſo mehr her⸗ vorragenden Ziele für die vergifteten Pfeile der Ver⸗ leumdung machen. Genehmigen Sie meine ehrfurchtsvolle Entſchul⸗ digung und die Verſicherungen meines tiefen Reſpektes. 183 Sechsundfünfzigſter Brief. Von dem Vicomte Elvinſton an den Grafen Vaudreuil. Mein theurer Vaudreuil! Ihre Mittheilung über Erloff's Unfall trifft unan⸗ genehm mit meiner eigenen tiefen Betrübniß zuſam⸗ men; denn Marguerite iſt dem Tode nahe. Ihr ſchlimmer Zuſtand benimmt alle Hoffnung. Wäre ihr Bruder, wie wohl natürlicher Weiſe erwartet werden konnte, nach Schottland geeilt, ſtatt in Paris zu ver⸗ weilen, ſo würde er ſie hier munter geſehen, in ihren letzten Stunden ſie getröſtet und dem Unfalle, ſo wie der Schande ſich nicht ausgeſetzt haben, einen thörichten Zweikampf wegen eines herzloſen, faſt möchte ich ſa⸗ gen, werthloſen Weibes zu beſtehen. Ich werde die Vorkehrungen treffen, welche Sie fordern, damit ſeiner geliebten und unvergleichlichen Schweſter die Kunde von ſeiner Gefahr nicht wird. Es wird wohl gut ſein, ihm die Nachricht von ihrem nahenden Ende nicht mitzutheilen. Meine Schweſtern ſind bei ihr. Bei meinem gebrochenen Herzen werden Sie mich gütigſt von weitern Details entbinden. Schreiben Sie bald wieder, und wenn es mög⸗ lich, beſſere Neuigkeiten. Siebenundfünfzigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin in Paris an die Baronin von Rehfeld, zu Schloß Rehfeld. Wenn ich mit der Beantwortung Ihres Briefes, meine theure Baroneſſe, zögerte, haben Sie vielleicht 184 geglaubt, daß die darin enthaltenen Klagen nicht bis zu mir gedrungen ſeien. Ich theile vollſtändig Ihren ennui als Bewohnerin des Schloſſes Rehfeld. Ich glaube, daß Sie glücklicher geweſen wären, wenn Sie auf die Güter Ihres Sohnes verbannt worden ſein würden, obwohl gerade das Entferntſein von dem kaiſerlichen Mißfallen das Geeignetſte war. Die Uebel Ihrer Lage ſcheinen unheilbar; denn ſie treffen jemand, der ſich in einer frühern Periode der Annehmlichkeiten des Lebens zu erfreuen hatte, ſchwerer als zehntauſend andere, welche den letzten Tribut des Lebens zu entrichten haben. Für ſolche Wendungen unſeres Geſchicks mögen die Anordnungen der Vorſehung in dieſer Welt zu ungleich ſcheinen. Als ich dem Fürſten den Inhalt Ihres Briefs mittheilte, erwartete ich von der langen Vertraulich⸗ keit, welche zwiſchen Ihnen und ihm, in Folge ſeiner Freundſchaft zu dem General Erloff ſtatt fand, daß er ſich beeilen würde, Ihnen eine Zufluchtsſtätte unter ſeinem Dache auf ſo lange anzubieten, als es Ihnen beliebte, hievon Gebrauch zu machen. Zu meiner großen Beſtürzung zögerte er nicht einen Augenblick, um mich in Kenntniß zu ſetzen, daß, wenn es Ihnen immer belieben ſollte, Paris zu beſuchen, die Thüren der ruſſiſchen Geſandtſchaft Ihnen nothwendiger Weiſe, als einer dem Kaiſer ſo verhaßten Perſon, verſchloſſen bleiben müßten. Ich habe die Freiheit, ſagte er, Sie in dem Hotel de Vaudreuil, oder wo es mir ſonſt be⸗ liebe, nur nicht in ſeinem Hauſe zu ſehen. So iſt die Beſtändigkeit der weltlichen Freund⸗ ſchaft, oder vielmehr, ſo iſt der Unterſchied zwiſchen Freundſchaft und Bündniß! Ich hielt einſt dafür, er ſei Ihr Freund. Ich geſtehe jetzt meinen Irrthum zu. Ich hätte vielleicht hierüber weniger erſtaunt ſein ſollen; denn meine eigenen Erfahrungen über die hohle Natur irdiſcher Zuneigung haben mir ſchon manche bittere Lehren gegeben. Wie oft hatte ich dr Fran⸗ 185 zoſen wegen der Cordialität ihrer Manieren rühmen gehört. Reine Kunſt! Sie ſchützen heiße Gefühle bloß zu dem Zwecke vor, um unbehutſame Naturen zu ver⸗ führen, ſich ihnen ohne Rückhalt hinzugeben. Das Herz eines Menſchen der Verſuchung dieſer ſcheinbaren Auf⸗ richtigkeit ausſetzen, iſt Selbſtmord, moraliſcher Selbſt⸗ mord. Thun Sie, was Sie wollen; dieſe Menſchen betrachten Sie mit Nachſicht; aber mit der That ver⸗ ſchwindet die Nachſicht, und läßt die äußerſte Bitterkeit der Kritik zurück. Wenn Sie einmal wiſſen werden, wie muthwillig ſolche Perſonen mich zu verurtheilen wagten, welche affektirt hatten, ſich ſclaviſch zu meinen Füßen zu legen, als dürften ſie es nicht wagen, ihre Augen zu mir zu erheben, dann werden Sie zugeben, daß Ihre pariſer Welt im ſocialen Leben kaum weni⸗ ger grauſam iſt, als im politiſchen. Von Herrn von Vaudreutl haben Sie bereits ge⸗ hört, daß Ihr Sohn Reconvalescent iſt. Nach Ver⸗ lauf einer Woche wird Graf Erloff im Stande ſein, nach Schottland abzureiſen, ohne daß ſein Unfall eine Spur zurückließ. Er iſt es allein, der ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht erlitten hat; er muß jetzt hier bleiben, um die ſchändlichen Deutungen der Ge⸗ ſellſchaft zu bekämpfen. Ich tadle Alexis nicht. Er benahm ſich, wie immer, mit Geiſt, Freimüthigkeit und Großmuth. Wenn er nicht inne hielt, wie Herr von Vaudreuil gethan haben würde, um zu berück⸗ ſichtigen, daß ein unbedachtſamer Freund oft der ſchlimmſte Feind iſt, ſo geſchah es, weil er für edlere Impulſe der Natur empfänglich iſt. Der politiſche Anblick von Paris wird täglich be⸗ unruhigender; ich betrachte nur mit Bedauern die Ver⸗ minderung der Gunſt, welche mir dieſes Jahr von der königlichen Familie gezeigt wurde, darum, weil mir bei intimeren Verhältniſſen die Möglichkeit gegeben geweſen wäre, ein größeres Intereſſe an dem Geſchicke derer an den Tag zu legen, die ſich ſelbſt und ihr Land in den Abgrund des Verderbens ſtürzen zu wol⸗ len ſchienen. Die Bourbons, welche ſich durch die erſte franzöſiſche Revolution nicht warnen ließen, wer⸗ den ſchwerlich einen Rath annehmen, der ſie vor einer vufliti ſichern könnte. Ich fürchte ſehr, ihre Stunde naht. Obgleich mir der Fürſt die Wiederkehr in das Hotel de Rouilly verboten hat(ein Verbot, deſſen Grund ich in den übeln Gerüchten ſuche, welche über mich in Umlauf geſetzt wurden), ſo bin ich doch noch für die zugänglich, die zu keiner Partei gehören, den⸗ noch aber ihre Augen auf alle Ereigniſſe richten, um die Anzeichen eines kommenden Sturmes wahrzuneh⸗ men, der nur zu bald über dieſes geweihte Königthum hereinbrechen möchte. Ich hoffe, bald zu erfahren, daß Sie mit Schloß Rehfeld mehr ausgeſöhnt ſeien. Für die Comteſſe Au⸗ guſte, die am Vorabende Ihrer Abreiſe nach dem Schloſſe ihrer Neffen in Burgund ſteht, welches, wie ich vernehme, um viele Grade einſamer und troſtloſer ſein ſoll, als Ihr gegenwärtiger Aufenthalt, und für die arme, theure Marguerite, die ein milderes Clima aufſuchen ſoll, ſcheint es keine Hülfe, nur Ergebung in ein unvermeidliches Uebel zu geben. Ich geſtehe zu, daß Sie vollſtändig gerechtfertigt ſind, daß Sie mich an meine frühere Ungeduld zu Hauſe erinnerten. Die Einſamkeit zu Rehfeld und das Aechzen der Krähen war, wo möglich, mir zwei Jahre früher noch mehr verhaßt, als Ihnen. Eine glänzende Knechtſchaft hat mich mit der heimathlichen ÜUnabhängigkeit ausgeſöhnt, ſo wie mich der Kampf der ſchlimmen Leidenſchaften der Geſellſchaft mit der monotonen Einfachheit eines ruhigeren Lebens verſöhnt hat. Ich könnte nun Schloß Rehfeld ertragen. Alles lieber, als leere Pracht, welche, obwohl Sie dieſe durch Ihre eigenen Mittel ins Leben gerufen haben, Sie mir zürnend erlaubten, zu theilen. 3 187 Dieſe letzten Worte werden Ihnen die Ueberzeugung geben, daß ich, obwohl ſpät und ungern, die Gründe des Fürſten Gallitzin erkannt habe, aus welchen er meine Hand weniger meiner innerlichen Verdienſte wegen, als darum ſuchte, um im Beſitze einer für ſeine Intereſſen unerläßlichen Mitgift zu ſein. Es ge⸗ ſchah bloß, um meine ſchwache Eitelkeit zu feſſeln, wenn er eine ſolche Bewunderung meiner Talente und meiner Bildung an den Tag legte; es geſchah bloß, um ſich die Einwirkung des Kaiſers auf meinen Vater zu fichern, daß er Nikolaus dieſen als unendlich be⸗ glückt darſtellte, wenn er den Pomp des diplomatiſchen Lebens genießen und benützen könne. Beide wurden in der Schlinge gefangen; der vorſichtige Kaiſer und die wilde Ida von Rehfeld, und das Ziel des ehr⸗ ſüchtigen Intriganten war erreicht! Daß die Fähigkeiten, welche er angeblich bewun⸗ derte, in ſeinen Augen werthlos waren, iſt hinläng⸗ lich durch die willkürliche Weiſe bewieſen, mit welcher er, von dem Augenblicke unſerer Ankunft hier, die Richtſchnur meines Benehmens, ſogar in den gering⸗ fügigſten Einzelnheiten, dictirte. Ich habe nicht ge⸗ glaubt, daß dieſe Erbärmlichkeiten Seiner Excellenz gleichfalls aufs Beſtimmteſte vorgeſchrieben ſeien. Aber da er wußte, daß er ſelbſt ein reiner Sclave des kai⸗ ſerlichen Cabinets iſt, warum wollte er mich da noch verblinden, unter dem Vorwande verblinden, daß der Kaiſer Vertrauen auf mich ſetze und einen Credit auf meine Gewandtheit als Unterhändlerin baue? Wer, der einige Kenntniß der ruſſiſchen Taktik hat, wollte ſich wohl träumen laſſen, daß er auf die Geſchicklichkeit irgend eines ſeiner Agenten mehr Vertrauen habe, als auf die vernunftloſe Pflugſchar, welche der Hand des Lenkers gehorcht. In dieſer Hinſicht iſt mir vollſtändig aus dem Traume geholfen, und daß ich ſo blind mich täuſchen ließ, beweist mir, daß ich ſchwächer und bedeutungs⸗ loſer als die ſchwächſte von denen bin, deren Augen durch meine Palmen und Lorbeeren zu blenden mein Ehrgeiz war. Können Sie ſich darüber wundern, daß ich mit einem ſolchen bittern Schmerze in meiner Seele Frie⸗ den und Glück auf Schloß Rehfeld wieder zu gewin⸗ nen hoffe? Hier iſt mein Leben ein unglückliches. Be⸗ ſtändiger Tadel von St. Petersburg hat die Stim⸗ mung des Fürſten ſauertöpfiſch gemacht. Was einſt Kälte war, iſt nun Barſchheit geworden, und die ernſte Hoheit, die ich als einen Beſtandtheil der amt⸗ lichen Würde zu bewundern pflegte, empört mich nun, da ſie dazu dient, die Gemüthlichkeit meines eigenen Herdes zu erſtarren. Wir kommen bloß dann zuſam⸗ men, wenn die Gebräuche der Geſellſchaft es fordern, daß wir uns gegenſeitig ſehen; aber in jedem andern Augenblicke erfüllt es mich mit Bitterkeit, wenn ich erkenne, daß ich durch dieſen kaltblütigen Berechner bloß geſucht wurde, um ihm als Treppenſtein ſeines Glücks zu dienen und daß ich, da er ſeinen Fuß nicht ſo geſichert findet, wie er geglaubt hatte, ihm eine Laſt, ja in der That eine Laſt geworden bin. Ich mochte nicht im Stande geweſen ſein, allen Wünſchen des Fürſten zu entſprechen. Ich mochte mich als ungeeigneter Agent auf den krummen Pfaden diplo⸗ matiſcher Politik gezeigt haben; aber ich habe geirrt, weil ich unter dem Einfluſſe der unvorſichtigen, nicht erwägenden Gefühle der Jugend ſtand. Die vollſtän⸗ dige Jugend, welche für alle Andere einen Reiz bildet, wurde in den Augen meines Gatten ein Fehler, und er würde vorgezogen haben, mich alt und häßlich, wenn kalt und kunſtreich, ſtatt mit allen Reizen und albe Auftichtigdeit einer unbewachten Jugend geſchmückt zu ſehen. Welches Glück kann ich unter ſolchen Umſtänden zu Hauſe finden, welches Vergnügen auswärts? Ich kehre aus den fröhlichen Geſellſchaften nie zurück, ohne 189 zu erwarten, daß ich auf meiner eigenen Schwelle mit der Nachricht von unſerer Abberufung bewillkommt werde, die mit all der Giftigkeit eines Mannes aus⸗ geſprochen wird, deſſen Ehrgeiz getäuſcht, deſſen Glück geſcheitert iſt. Die Geſellſchaft hat eben darum die Anziehungskraft verloren. Meine Ritte in dem Bois, meine entzückenden Parthieen haben aufgehört, mich zu freuen, und die glänzende Oper, die ſchimmernde Soirée gleitet an meinen Augen gleich der Täuſchung eines Traums vorüber. Wohin ich mich auch wende, überall iſt Verkehri⸗ heit, Demüthigung und Sorge. Die beleidigenden Ge⸗ ſichter dieſer Vorſtadt begegnen mir überall, wie wenn ſie über die grauſame Beleidigung triumphirten, die uns durch ihren bittern Vetter, Lord Mulgrave zuge⸗ fügt wurde, der bloß nach England zurückkehrte, um in dem Hauſe der Lords in einer ſeiner ſarkaſtiſchen Re⸗ den über die auswärtige Politik Rußlands ſich auszu⸗ laſſen, und dabei auf die Beſtimmung des Fürſten Gallitzin anzuſpielen, der mit Hülfe eines ſchönen und liſtigen Weibes die ruſſiſche Parthie in Paris vermeh⸗ ren ſoll, gerade ſo wie die franzöſiſchen Geſandten, welche Napoleon zu dieſem Zwecke an den Hof Ale⸗ randers ſchickte, dieſen Zwecken Frankreichs in St. Pe⸗ tersburg dienten. Dieſen Angriff, ohne Zweifel der reine Erguß eines Partheihaſſes, wurde von dem Fürſten perſönli⸗ chem Grolle zugeſchrieben, der durch mein beleidigendes Denehinen gegen die Familie Fauconberg erzeugt wor⸗ den ſei. Sie werden zugeſtehen, daß es genügend iſt, mich mit der Geſellſchaft zu entzweien, wenn ich die gering⸗ ſügigſten Handlungen in bedeutungsvolle verwandelt ſehe. Jedes Wort, jedes Nicken, jedes Lächeln von meiner Seite muß ſo berechnet ſein, um jede Möglich⸗ keit einer Beleidigung derer zu vermeiden, welche nicht beleidigt werden ſollen. Ich muß mich dann Vernei⸗ 190 gungen gegen den Inſolenten unterziehen, ich muß Ge⸗ duld mit dem Uebelwollenden haben, ich muß gegen die beleidigenden Bewegungen derſelben ſchweigen. Glauben Sie mir, theure Baroneß, ich bin wenig zu beneiden. Aengſtlich, abgemattet, elend, ohne ein menſch⸗ liches Weſen, an deſſen Liebe ich mich anſchmiegen kann, um Troſt zu holen, ohne einen Freund, deſſen Rath mich ermuthigen könnte. Die arme Thereſe iſt die Klatſche der Choiſy⸗Set, Herr von Vaudreuil iſt die Schlange, welche mit ihrem Gifte den Frieden des Paradieſes ſtören könnte. Ja, ich habe nicht einen einzigen Freund! Verabſcheuen Sie mich, wenn Sie wollen, wegen dieſes erbarmungswürdigen Geſtändniſ⸗ ſes; aber ich ſage Ihnen, was ich ſtündlich in dem In⸗ nerſten meines Herzens ſage:„ich wollte, ich hätte Schloß Rehfeld niemals verlaſſen!”“ Sagen Sie dieſes meinem Vater! Vielleicht mag es ihn in ſeiner Erniedrigung tröſten. Sagen Sie es der alten Sara, es kann möglicher Weiſe ihren Unwil⸗ len beſänftigen. Sagen Sie es meinem guten Paſtor, und vielleicht wird es ihn vermögen, für mich den Schutz und die Barmherzigkeit des Himmels anzuflehen. Achtundfünfzigſter Brief. Von der Herzogin von Buckingham zu Elvinston Castle an Sir Thomas Meredyth in London. Freuen Sie ſich, theurer Sir, mit uns: meine arme Schweſter zeigt einige, wenn auch geringe Symp⸗ tome der Beſſerung. Die milde Witterung hat Wun⸗ der bei ihr gewirkt, und die Aerzte verſichern, daß wenn nicht wieder ein Rückfall eintrete, ſie gegen das Ende 191 des Monats unbeſorgt nach London gebracht werden könne, um von da in ein milderes Klima ſich zu be⸗ geben. 4 Wir erfreuen uns jedoch dieſer Hoffnung nur zit⸗ ternd. Ihre Beſchaffenheit iſt ſo zerbrechlicher Natur, daß, wenn Sie ſie anblicken würden, Sie glauben müßten, fie ſei ein Weſen aus andern Sphären. Es mag nun auch als reiner Aberglaube erſcheinen, theuerſter Sir, aber aus jedem Worte Marguerite's athmet ein ſo engliſcher Geiſt, daß ich mich kaum überreden kann, daß ſie noch dieſer Erde angehöre. Ein ſolches Selbſt⸗ vergeſſen, eine ſolche Berückſichtigung Anderer, eine ſolche leidenſchaftsloſe, aber heilige Zärtlichkeit für mei⸗ nen Bruder, eine ſolche Furcht, ſeine Liebe zu ihr in dem Momente zu vermehren, in welchem ſie überzeugt iſt, daß ſie am Vorabende ihrer Trennung ſtehen.— Aber ich beſitze den Muth nicht, bei dieſen Dingen zu verweilen. Und dann der Eifer, mit welchem ſie ſtrebt, unſere Theilnahme an ihrem Kinde zu erregen; die faſt ſchmerz⸗ hafte Weiſe, mit welcher ſie, wenn es ihre geſchwäch⸗ ten Kräfte ihr geſtatten, auf eine Unterhaltung mit Marie und mir einzugehen verſucht, uns ihre Wünſche zeigt, wie die Erziehung fortgeſetzt werden ſolle, wenn ſie nicht mehr ſein würde, ohne dabei uns aufzuregen, oder uns zu zeigen, daß ſie ihre Lage erkenne. Nicht zu Einem, ſo glaube ich, hat ſie rückhaltslos über dieſen Gegenſtand geſprochen, ausgenommen mit Herrn Brentwood, dem Capellan, mit welchem ſie viele Privat⸗Unterredungen gehabt hat. Was Elvinston betrifft, ſo hat er zu wenig Selbſtbeherrſchung, um mit der Wahrheit vertraut gemacht werden zu können. Auch mein, gewöhnlich ſo feſter Mann iſt bei der Gefahr Marguerite's vollſtändig entkräftet. Der Her⸗ zog betrachtet ſie in der That mehr als ſeine Tochter, denn als ſeine Schwägerin, und meine armen Mäd⸗ chen, von welchen ich täglich höre, ſind mit Schmerz . 192 erfüllt, weil ſie eine ſo theure Freundin verlieren ſol⸗ len. Da ich wünſche, unnöthige Aufregung und Angſt in dem Schloſſe zu vermeiden, ſo werde ich ſie nicht hieher ſenden; außerdem wäre der Anblick von Mar⸗ guerite's frommer Reſignation, bei dem Verlaſſen einer Welt, in welcher Alles ſich beeifert, ſie zu erfreuen, und deren Prunk und Eitelkeit nie, auch nur auf einen Augenblick, die Heiterkeit ihres Geiſtes geſtört hat, eine Lehre von der höchſten Bedeutung. Ich ſage Ihnen nicht, daß Sie unſerer mit Theil⸗ nahme gedenken ſollen. Ich bin überzeugt, mein theu⸗ rer Sir, daß Sie, der Sie ſo ſehr ein Freund unſerer Familie ſind, Ihre eifrigſten Gebete für uns zum Him⸗ mel ſenden. In einigen Tagen werden Sie wieder von mir oder meiner Schweſter hören. Neunundfünfzigſter Brief. Von der Fürſtin Prascovia Gallitzin zu Moskau an die Fürſtin Gallitzin in Paris. Der Inhalt Ihrer Briefe und der meines Bru⸗ ders gibt mir die Ueberzeugung, daß zwiſchen Ihnen, theure Schweſter und Fürſtin, und ihm das gute Ein⸗ verſtändniß nicht mehr herrſcht, welches anfangs die mangelnde Gattenliebe zu erſetzen ſchien, und es kommt mir in den Sinn, daß Sergius Sie vielleicht in Unwiſſenheit über die kritiſche Lage ſeiner Angele⸗ genheiten, ſowohl öffentliche, als private, gelaſſen hat. Ich mache es daher meiner ſchweſterlichen Zärtlichkeit zur Pflicht, Sie vor einem neuen Mißgriffe zu war⸗ nen, welcher gegen Sie ſehr leicht die Gunſt der kai⸗ ſerlichen Familie aufregen könnte. 193 Laſſen Sie es ſich genügen, daß Sie das Aeu⸗ ßerſte gethan haben, die Ungnade Ihres Mannes da⸗ durch herbeizuführen, daß Sie Ihre diplomatiſche Gunſt als Geſandtin aller Reußen Perſonen zugewendet ha⸗ ben, die in offenem Aufruhre gegen den Czaar ſind, flüchtigen Weibern und revolutionären Fremden. Laſ⸗ ſen Sie es genug ſein, daß Sie ſich ſelbſt für den Hof und für die Stadt zu einem Gegenſtande der Lächerlichkeit gemacht haben, indem Sie mit den Sit⸗ ten und Gewohnheiten eines Landes in Oppoſition tra⸗ ten, in welches ſie als die Repräſentantin eines gro⸗ ßen Kaiſerthums geſchickt worden waren. Laſſen Sie es ſich genügen, daß Sie die Gebote der Schicklichkeit und Moralität(ich beſcheide mich, daß ich nicht ſagen darf, auch der Tugend) verachtet, in Ihrer eigenen Perſon die Ehre der ruſſiſchen Regierung herabgeſetzt haben. Wiſſen Sie, daß die Zurückberufung meines Bru⸗ ders nach St. Petersburg das Urtheil ſeines Ruins ſein würde? Sergius hat nicht einen Rubel Vermö⸗ gen, muß ſich als ein öffentlicher Diener des Reichs erhalten. Mit ſeinen Talenten und der kaiſerlichen Gunſt hielt ihn nichts von ſeinen Verdienſten um un⸗ ſer Haus ab; ſeine Ausſichten bildeten ein Erbgut nebſt dem wirklichen Reichthume. Daß dieſer durch Ihre Verſchwendung und Ihre Thorheiten geſchwächt wurde, haben Sie, theure Schweſter und Fürſtin, ganz zu verantworten. Dieſelbe Hand, welche die erſte Wunde dem Buſen der hinfälligen Schweſter bei⸗ gebracht, hat einen tödtlichen Streich auf das Ver⸗ mögen meines Bruders geführt. 1 Obwohl es nur ſeiner Entfernung von ſeinem gegenwärtigen Poſten bedarf, um ihn zum Mangel zurückzuführen, ſo kenne ich doch den Stolz des Ser⸗ gius Gallitzin, eines hochgebornen ruſſiſchen Adeligen, ſo gut, daß ich weiß, er werde, durch einen ſtrengen kaiſerlichen Tadel verletzt, ſeine Zurückberufung nach Die Frau des Geſandten. UI. 13 Rußland fordern, und ich weiß auch, daß, wenn der Kaiſer ſeine Bitte bewilligt, Sie, die ſtolze Lilie von Rehfeld, die hochmüthige Frau des Geſandten, in die⸗ ſem Augenblicke eine Bettlerin ſein würden. Doch dieſer Luxus, Bettler nach ſeinem Willen zu ſein, iſt den Satelliten unſers kaiſerlichen Thrones unbekannt. Der Czaar, welcher Herr über Leben und Vermögen ſeiner Diener iſt, befahl ihm, groß, mäch⸗ tig, beneidet, gefürchtet zu bleiben,— ſich grämend, gekränkt, erniedrigt. Bei der Verdrießlichkeit der Lage meines Bruders, wie groß ſie auch ſein mag, muß er ſo lange in derſelben bleiben, als ſeine Dienſte von Nikolaus I. als vortheilhaft für die Intereſſen Ruß⸗ lands erkannt werden. Ich beeile mich daher, Sie, theure Schweſter und Fürſtin, vor der Wiederholung von Thorheiten zu warnen, welche Ihrem Manne die bittern Vorwürfe zugezogen haben, die ihn raſend ſchmerzten. Der Kai⸗ ſer mag in ſo fern ſeine Anſichten ändern, daß er die nächſte Bitte um Enthebung annimmt, welche ſein Geſandter wagt; aber vor einer ſolchen großmüthigen Bewilligung mögen wir bewahrt bleiben. Ich kenne Ihre Würdigung St. Petersburgs voll⸗ ſtändig, beſonders da Sie daſſelbe durch das Medium des Favoritismus und der Fashion betrachten. Ueber⸗ legen Sie das, was Sie darüber denken wollen in der Zukunft, wenn Sie gleich der Peſt von dieſer ſervilen Welt geflohen werden, welcher das Runzeln der kaiſerlichen Stirn alle Schrecken der Peſt einjagt, wenn Sie das traurige, düſtere Leben in dieſer un⸗ höflichen Stadt betrachten, und verurtheilt ſind, die⸗ ſes mit der paralytiſchen Tante und der gebrechlichen Schweſter Ihres Mannes zu theilen. Das Tempera⸗ ment dieſes Mannes und ſeine Beſchaffenheit für häus⸗ liches Leben werden Sie wahrſcheinlich zu ſchätzen an⸗ fangen. Ich wiederhole daher unter uns: Gott be⸗ wahre uns! Sechzigſter Brief. Von der Fürſtin Gallitzin in Paris an den Vicomte Elvinſton, Elvinſton Caſtle. Den 22. Juni 1830. Die Briefe des Grafen Erloff an ſeinen Vetter Vaudreuil bringen ſo beunruhigende Nachrichten über die fortſchreitende Geneſung der theuern Marguerite, daß es wahrſcheinlich iſt, daß Sie die gegenwärtige günſtige Witterung benutzen werden, um Ihr Vorha⸗ ben auszuführen, ein milderes Klima aufzuſuchen. Ich bin vielleicht weniger aufgelegt, als damals, wo ich zum erſten male die Ehre hatte, Sie kennen zu lernen, auf die Discretion des Herrn von Vau⸗ dreuil zu vertrauen, und aus Gründen, mit denen Sie zu beläſtigen unnütz wäre, habe ich das Verlan⸗ gen, mich einer Korreſpondenz mit dem Grafen Erloff zu enthalten. Ich bin daher gezwungen, mich an Sie zu wenden, perſönlich wegen eines Gegenſtandes zu wenden, der zu theure Intereſſen unſerer Familie derbrt, als daß irgend eine Zurückhaltung ſtattfinden önnte. Bringen Sie, ich bitte Sie darum, wenn es auch die Aerzte für unumgänglich nothwendig erklärt haben, unſere arme leidende Marguerite in dieſem Augenblicke nicht nach Frankreich. Ich habe es aus einer zuverläſſigen Quelle, daß ehe der Sommer vor⸗ über ſein wird, eine große politiſche Krifis den um⸗ wölkten Horizont der öffentlichen Angelegenheiten än⸗ dern muß. In dieſem Lande hat eine politiſche Kriſis ſchreckliche Folgen. Dies iſt keine leere Vorausſetzung, nicht der paniſche Schrecken eines Weibes. Es iſt wahr, die Vergnügungen und lleppigkeiten nehmen in Paris ihren Fortgang mit unermüdeter Begierde; aber eine der höchſten Autoritäten des Königreichs hörte man ſagen, daß wir auf der Aſche eines Vulkans tanzen, der einen neuen Ausbruch droht. Mißkennen Sie die Motive oder die Bedeutung dieſer Warnung nicht! Ich lebe unter ſolchen Perſo⸗ nen, welche die Veränderungen des politiſchen Hori⸗ zonts nicht allein überwachen, ſondern herbeiführen. Aus allen Bekenntniſſen derſelben, und noch mehr aus allen ihren Rathſchlägen entnehme ich, daß eine Stunde der Gefahr naht. In Frankreich iſt es nicht, wie in Ihrem Lande, wo die, welche der Unterdrückung Widerſtand leiſten, im Stande find, die Bedrücker durch Verachtung zu verfolgen, ſtatt durch Rache. In Paris iſt das Wort Revolution ein Schreckenswort; und ich bitte Sie, mein Lord, wiederholt, in dieſem Augenblicke durch Ihr Hieherkommen nicht ein Leben zu wagen, welches Ihnen, uns Allen ſo theuer iſt. Einundſechszigſter Brief. Von dem Grafen Alfred de Vaudreuil in Paris an den Grafen Erloff in England. Sie ſind mir, mein Theurer, wie ich hoffe, für den Eifer, mit welchem ich Ihre Abreiſe betrieb, jetzt dankbar, obwohl Sie halb und halb geneigt waren, ihn einen zudringlichen zu nennen. Ich hatte Tauſende von Gründen für meine Beharrlichkeit. 1 Zunächſt wäre es durchaus ungerechtfertigt gewe⸗ ſen, jetzt, da der Zuſtand Ihrer Schweſter ein Wie⸗ 197 derſehen geſtattet, ihr den Troſt vorzuenthalten, den ihr Ihre Gegenwart in einem Lande gewähren muß, in welchem ſie vereinzelt unter Fremden ſteht. Zweitens war die Geiſtesaufregung Gallitzin's von der Art, daß ſie ohngeachtet ihrer Verwandtſchaft, eben weil ſie eine collaterale iſt, zu einem Zuſammenſtoße zwiſchen ihm und ſeinem Weibe Veranlaſſung hätte geben können. Ich begreife ſehr wohl, daß er über die Publicität wüthend iſt, welche ſeinen häuslichen Verhältniſſen durch dieſes unglückliche Duell gegeben wurde. Seine Excellenz gehört zu jener Art von Männern, die nichts in der Welt ſo ſehr fürchten, als eine Bloßſtellung. Gewohnheit, bei Hof in ewiger Unterwürfigkeit unter autokratiſcher Mißbilligung zu leben, hat ihn mit einer Ehrerbietung vor den Schicklichkeiten des Lebens er⸗ füllt, zu einer Art von Anbetung des Decorums ge⸗ führt, wie das Hochzeitskleid ihm einen Zutritt zu dem Vermählungsfeſte mit der kaiſerlichen Gunſt ſicherte, die einflußreicher iſt, als der ſtrengſte, moraliſche Sinn. Eigenthümlichkeit, nicht Tugend, Schicklichkeit, nicht Unſchuld, Unterwürfigkeit gegen die Meinungen der Welt, mehr als unter die Gebote Gottes— dies ſind die Grundſätze feines kunſtreichen Lebens. „Point d'esclandre!“ iſt, um es kurz zu ſagen, das Feldgeſchrei dieſes hochgebornen Ehemannes, deſ⸗ ſen ſchöne Frau, welche wir beide in den weſentlichen Punkten unzweifelhaft kennen, die hohle Welt veran⸗ laßt hat, ihm die Echos ihrer Indiscretion in's Ge⸗ ſicht zu rufen. Paris iſt an die Ausübung großartiger Tugenden ſo wenig gewohnt, daß auf dem Wege unſerer beider⸗ ſeitigen feierlichen Betheuerung nichts genügen würde, es zu überzeugen, daß Sie großmüthig genug waren, ſich den Degen durch den Leib wegen eines Weibes rennen zu laſſen, welches mit ihrer Großmuth der Ihrigen nicht vorangegangen war. Ich bitte Sie wegen des Man⸗ gels an Biederkeit von Seite meiner geliebten Lands⸗ leute um Entſchuldigung; aber es iſt ſo. Sie halten t für einen viel glücklicheren Mann, als Sie wirk⸗ ich ſind. 3 Ihr raſches Ungeſtüm lenkte nothwendiger Weiſe die Aufmerkſamkeit des Fürſten auf das Alles, und in⸗ dem er in der Aufregung über die ſeinem Rufe zuge⸗ fügte Schmach, weil ſein Ruf einen Theil ſeines di⸗ plomatiſchen Handelskapitels bildet, war er doch nicht gewiß, ob er es für ſchicklich erkennen ſolle, Schick⸗ lichkeit iſt die alleinige Richtſchnur ſeines Benehmens— einen geringeren Scandal durch einen größern zu ver⸗ wiſchen, das heißt, von Ihnen Rechenſchaft dafür zu fordern, daß Sie für ſein Weib gefochten haben. Ich ſtimme ganz mit Ihnen überein, daß Gallitzin nicht mehr Gefühl hat, als eine ſeiner Malachit⸗Vaſen; allein der Verſtand hat eben ſowohl ſeine Leidenſchaften, als das Herz, und der Wahnfinn des getäuſchten Ehr⸗ geizes iſt faſt von derſelben intenſiven Kraft, wie der Kummer gekränkter Liebe. Nehmen Sie es daher für gerechtfertigt an, mein theurer Erloff, daß ich die Pflicht eines Verwandten gegen Sie erfüllt und Sie aus dieſer aufgeregten Sphäre hinausgedrängt habe. Sie ſind beſſer, Sie ſind wohlbehaltener in England. Ihr ungroßmüthiger Wink, daß ich begierig ſei, mich ſelbſt kräftig zur Vertheidigung der liebenswürdigen Ida anzuſchicken, wird mit Stillſchweigen übergangen; denn ich bin überzeugt, daß die Betrachtungen, Ihre einſame Reiſe Sie auf die Unmöglichkeit geführt haben, daß ein Mann von meinem abſcheulichen Temperamente geneigt ſei, der Verfechter eines Weibes zu werden, welches ſich für den Verluſt ſeiner Hand mit der des alten Gallitzin tröſten konnte, und für den Verluſt ſeines Herzens mit dem eines Mirabeau manqué, wie Rouilly; denn was Sie auch dagegen ſagen mögen, der Marquis iſt der Magnet, der ſie aus der Mitte 199 der doppelten und dreifachen Circumvolliations⸗Linie der Hofpartei an ſich zieht. MNiit einem Worte, mon cher, empfangen Sie meine Glückwünſche, daß Sie längſt in England ſind, heraus aus dieſem Getriebe von Aufruhr, ſowohl privatem, als öffentlichem, und geſtehen Sie mir zu, daß meine Augen für meine Gefahren offen ſind. Ich wollte, daß ich hinzufügen könnte, daß die Augen der königlichen Familie für ihre Gefahr offen ſeien; denn wehe mir, wehe Frankreich, daß die Be⸗ harrlichkeit des durchlauchtigen Hauptes der Bourbons ungeeignet iſt, gleich der ſeines königlichen Vetters in Spanien, der auf ſeinem Throne ſich lieber durch Koh⸗ lendampf faſt erſticken ließ, als er geſtattete, daß die Kohlpfanne durch unbefugte Hände entfernt werde. Umgeben, wie er iſt, mit tout ce qu'il y a de plus Polignac, welche Hoffaung bleibt da für ſeine Er⸗ leuchtung? Unſere Miniſter find nicht zu überzeugen, das Frankreich die bewunderungswürdigen Regierungs⸗ Principien nicht verdient, unter welchen Oeſtreich und Rußland glücklich ſind und gedeihen, gleich einem Wallnußbaum, der ſeine Früchte trägt, und ſie beſtehen darauf, in Frankreich die Dinge ſo weit zu bringen, wie ſie unter Metternich find. Der ſtrenge Arm der abſoluten Gewalt ſollte nie erhoben werden, ſo lange er ſeiner Kraft nicht gewiß iſt; das Kind, welches den Muth einmal gefunden hat, eine heilſame Arznei ſeiner Amme in das Geſicht zu werfen, wird ſich ſchwerlich fügen, eine zweite und eckelhaftere Doſis zu nehmen. Das ſind zwar niedrige Vergleiche, aber ich fange an, vorauszuſehen, daß meine goldenen Epauletten in eine garſtige Schnur verwandelt werden. Lafayette iſt noch am Leben, ob⸗ wohl halb wahnſinnig, und unter den Narren, welche dem Hochmuthe des Pöbels ſchmeicheln, und unter den Gecken, die ihn bezwingen wollen, find neun und neunzig für den alten Nationalgardiſten. 200 Sie werden erwarten, etwas von der ſchönen Ida zu hören. Einen Blick ausgenommen, den ich auf ihre ſchöne, durch das Gehölze ſchimmernde Equipage warf, habe ich ſie nicht geſehen, ſeit Sie Paris verließen. Ich habe das Geſandtſchaftshotel zwei⸗oder dreimal be⸗ ſucht, ohne jedoch das Glück zu haben, ſie ſehen zu kön⸗ nen. In der vergangenen Nacht brachte ich einige Mi⸗ nuten in ihrer Loge in der Oper zu, und obſchon der Frohſinn des Weibes eben ſo oft das Reſultat der Verzweiflung, als das der Freude iſt, ſo wäre ich doch geneigt zu ſagen, daß ich ſie nie ſo freudvoll ſah. Zuverläſſig ſah ſie niemals liebenswürdiger aus. Sie mögen ſie vielleicht an einem andern Platze in ihrer edlern und mehr weiblichen Lauue zu ſehen gewünſcht haben; aber gerade als ich mir das Vergnügen ma⸗ chen wollte, ſie mit dem lockern Montesquieu aus dem Hotel de Rouilly in einem Haufen politiſcher Intrigan⸗ ten ſprechen zu hören, welche glaubten, von ihr die Geheimniſſe des Fürſten erforſchen zu können(wie wenn er ſie jemals mit etwas Anderm als mit dem bekannt gemacht hätte, was er in Umlauf gebracht wiſſen wollte), gerade als ich mir das Vergnügen machen wollte, mich an den Mienen von einer Art von Putzſchachtel⸗Staatsweibern zu ergötzen, mit welcher ſie es wagte, mit Lafitte und Paſſy mit der Kühnheit eines Kindes zu debattiren, welches die Drähte einer electriſchen Batterie berührt, da bemerkte ich die freu⸗ dig triumphirende Miene, unter welcher die enttäuſchte Kokette die hyſteriſche Aufregung ihres Herzens zu ver⸗ bergen ſuchte. Wenn dieſe wilden Aufregungen nicht wären, ſo würde ich nie geglaubt haben, daß ſie ein Herz habe. Sie hatte in den letzten zwei Jahren ihr Spiel ſo gut geſpielt, daß ich glaubte, ſie habe ein gerade ſo eiſiges Temperament wie ihr Mann. Es beweist, daß ſie ſolches Eis wie das iſt, unter welchem die ungeſtümen Waſſer der Neva dem Ocean zuſtrömen, nicht hat, und 201 die Natur hat vielleicht an dem Weibe von zwanzig Jahren das Unrecht gerächt, welches ſie gegen das achtzehnjährige Mädchen begangen hat, das ein volles Dutzend von Jahren früher ehrgeizig zu ſein wagte, ehe es noch reif für eine Leidenſchaft war, die zu ihrer Zeit in das menſchliche Herz einzieht. Leidenſchaften, mein Theurer, gleichen nicht grünen Erbſen, dem Werthvollſten unter dem Frühzeitigen, von dem Sie ſagen würden, es ſei der Frères Provençeaux würdig. Sie werden erſtaunt ſein, wenn Sie hören, daß mein Brauner von Alfort ſo geſund zurück gekommen iſt, als er nur je war. Ich ſagte Ihnen, als ich die dreißig Louisd'or ausſchlug, die mir Rouilly dafür bot, daß es eine bloße Erkältung ſei. Ihre Großmutter iſt zu Les Gänets; ſie iſt ge⸗ nügend Vaudreuil, um ihr Quartier in dem alten Schloſſe aufzuſchlagen, welches für Alle unerträglich iſt, ausgenommen die Spinnen und Wittwen der Fa⸗ milie. Ich vermuthe, daß die arme theure Gräfin die⸗ ſes Jahr mehr als gewöhnlich ein Bischen Landluft bedarf, nachdem ſie die Fatiguen ausgeſtanden hat, ei⸗ nen gottloſen Enkel zu ernähren, und daß der Abbé Chaptal des Friedens und der Unſchuld unſers bur⸗ gundiſchen Paradieſes bedarf, nachdem er die peine forte et dure ausgeſtanden hat, ſolch einen Ruchloſen zu bekehren. Mich und Jules hat er längſt als hoff⸗ nungslos aufgegeben; oder er iſt vielmehr zu wohl mit unſerem Benehmen bei Hof zufrieden, indem er vernommen hat, daß wir uns lieber ſelbſt aufopfern, als jene Formen der Anbetung vernachläſſigen würden, die gerade jetzt von dem Hofe Charles X. und ſeiner Schwiegertochter auf's Aeußerſte getrieben werden, welch Letztere ich in der That für fähig halte, ein neuer St. Bartholomäus zu werden. Sie, mein theurer Erloff, brachten die alten Leute in ſeltſame Verſuchungen. Gleich allen Tieffühlenden ſcheinen Sie ſich leicht den Eindrücken hinzugeben; und 202 jene ſchmeicheln ſich ſelbſt, daß ſie einen unterwürfigen Convertiten in dem am meiſten unverſtellten Indivi⸗ duum, welches je die Barrièren von Paris paſſirte, ſich geſichert haben. Nach meiner Meinung fühlen Sie nur allzuſtark, daß Sie ſich mehr dem civiliſirten Eu⸗ ropa, als der Tartarei nahen. Sie ſind der Moskowitte von vier früheren Jahrhunderten; ein unbändiger Barbar, der aber dem ungeachtet fünf Sprachen ſpricht, wie ein Salvator malt, wie ein Tamburini ſingt, wie ein Coulon ſicht. Ihre Militairſchule hat viel zu ver⸗ antworten, indem ſie den ruſſiſchen Naturen eine fran⸗ zöſiſche Erziehung gibt. Es iſt das Wagſtück, eine vahiedofe aus einem Stück Uralgranit machen zu wollen. Der alte, theure, arme Abbé entdeckte dieſes Alles bald. Er ſah, daß er es bei Ihnen mit einem Erloff, nicht mit einem Vaudreuil zu thun habe, und ich bin überzeugt, daß er überredet blieb, die edle, liebens⸗ würdige, fromme Marguerite ſei eben ſo gut eine beſon⸗ dere Sendung Gottes, als das Manna und die Wachteln in der Wüſte. Ihre eilige Beſſerung war, wie ich ver⸗ muthe, wenig beſchleunigt durch irgend eine Interceſſion deſſelben oder Ihrer Großmutter, das Mittel ausge⸗ nommen, Ihre Abreiſe von Paris zu beſchleunigen. Das war aber auch kein Wunder! In Burgund werden ſie genug Muße haben, ihre eigenen Sünden zu büßen, ſo wie die eines jeden andern Zweigs der Familie. Ich ſelbſt halte mich von allen meinen Sünden abſol⸗ virt, welche ich in den nächſten drei Monaten, die da kommen werden, zu begehen geneigt ſein ſollte. Inzwiſchen erfahren Sie, daß das Mißgeſchick, welches unſere liebenswürdige Ida in eine ſolch' un⸗ günſtige Lage in Hinficht zu dem Hof und dem Fau⸗ bourg verſetzt, ihre Popularität tauſendfach bei denen erhöht hat, welche, eine öffentliche Lächerlichkeit, ſich ſelbſt das Publikum nennen. Der gemeine Wegweiſer, Notorietät genannt, hat ihre Anmuth und Schönheit 203 einer verdoppelten Bewunderung ausgeſtellt und ich kann nach der Eile, mit welcher ihre Füchſe angetrieben werden, durch die Elyſäiſchen Felder zu rennen, auf ihr natürliches Verlangen ſchließen, den Tauſenden von neugierigen Augen zu entgehen, welche ſich nach einem flüchtigen Blicke der liebenswürdigſten der Geſandtinnen umſehen. Ich habe noch nicht wahrgenommen, daß hinſichtlich der Mode je eine größere Senſation erregt wurde. Unmittelbar nach dieſem Intereſſe kommt die ſchlimme Lage der Parteiverhältniſſe in dieſem Augen⸗ blick. Jules, welcher in St. Cloud im Dienſte iſt, be⸗ hauptet, daß in dieſer Hinſicht keine Beſorgniß bei der k. Familie obwalte. Aber Unbeſonnenheit iſt nicht Muth, uund der blinde Mann geht an dem Rande eines Abgrundes eben ſo ſicher hin, als auf geebnetem Wege. Ich fürchte faſt, mein Theurer, daß Sie die Anſteckung mit Ihren Regierungsprincipien von St. Petersburg mit nach Paris gebracht haben; denn Polignac möchte in dieſem Augenblicke der Dritte in der Gruppe des politiſchen Fatums neben Metternich und Neſſelrode ſein. Glauben Sie jedoch in Folge dieſer Anſpielung nicht, daß ich dieſe für drei alte Weiber halte. Hier ſchließe ich meine Augen und meine Lippen bei Allem, was vorgeht; denn wir haben ein ſchwar⸗ zes Buch der Polizei ſo gut als Ihre czaar'ſche Haupt⸗ ſtadt. Es iſt indeſſen meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, daß Lady Elvinſton im Begriffe ſteht, eine Reiſe nach dem Continent zu unternehmen. Ich bitte Sie, mir zu ſagen, wie Sie ſie gefunden haben; denn ich ſtehe nicht mehr in ſo häufiger Ver⸗ bindung mit der ruſſiſchen Geſandtſchaft, um Sie mit Ihren Benachrichtigungen verſchonen zu können. En attendant, je t'embrasse d'une amitie vive et fra- ternelle! Zweiundſechzigſter Brief. ie Fürſtin W. in St. Petersburg an die Fürſtin Gallitzin in Paris. Würde ich nicht Ihre Erhabenheit über die Welt kennen, theuere Fürſtin, ſo würde ich ſchon lange meine Condolenz an Sie abgeſendet haben, weil Sie, wie mir verſichert wurde, den Steinwürfen der Pari⸗ ſer ausgeſetzt waren. Ein ſo großer Philoſoph hat jedoch den Troſt, zu wiſſen, daß der Neid der Schat⸗ ten des Verdienſtes iſt, oder, wie Sie mir einſt auf meine Bemerkungen über Ihren angebeteten Czaar antworteten, daß Verleumdung gleich der Sonne am erſten auf das höchſte Haupt fällt. Ihre Eitelkeit hat daher alle Urſache, mit der Bosheit zufrieden zu ſein, welcher Sie ausgeſetzt waren. Einer Ihrer Lieblings⸗ weiſen hat uns geſagt, daß blos gegen Gott eine Blas⸗ phemie ſtattfinden könne. Ich für meinen Theil wollte lieber an Ihrer Stelle ſein, Geſandtin einer der großen Mächte bei der größ⸗ ten Macht, und von einem Ende der Woche bis zum andern mit allem dem angegriffen, was Haß und Bosheit erſinnen können, als in St. Petersburg das Leben der Gnade zu leben, wo nicht Eines iſt, welches witzig genug wäre, einen Scandal zu erſinnen, und nicht Eines zuvorkommend genug, um einen auf ſich zu ziehen. Noch einmal ſage ich, ſeien Sie zufrieden mit Ihrem Geſchicke! Sie haben einen Mann von zweifelhaftem Vermögen geheirathet, oder vielmehr einen Mann, der ſein Vermögen durch diplomatiſche Dienſte erwerben muß. Wie viel beſſer, als das ſchönſte Gut dieſes Landes iſt es, die Strafe hinzu⸗ 1 205 nehmen und ſich des erſteren zu erfreuen. Nehmen Sie, meine theure Fürſtin, meinen Platz in St. Pe⸗ tersburg ein, nehmen Sie meine Güter in Nowogrod und geben Sie mir dagegen Ihr Geſandtſchafts⸗Hotel mit einer chriſtlichen Geſellſchaft, und unter dem Kreuz⸗ feuer der Batterien des unchriſtlichen Scandals des geſammten Europa's. Lieber eine Marke für das, was in Paris im Wege der Verleumdung geſagt oder ge⸗ ſungen, geſchrieben oder gedruckt wird, als vorwurfs⸗ frei hier ſein, gleich dem Schrein der heiligen Mutter Gottes von Kaſan. Sie haben nunmeine aufrichtige Anſicht über das Mißgeſchick, welches ſo ſchwer auf Ihrem Geiſte zu laſten ſcheint. Wenn ich Ihnen ſagen würde, daß dieſe Nachrichten nicht bis zu uns gelangt ſeien, ſo würde dieſes Sie betrügen heißen. Aber hier iſt nicht eines, welches der Sache Aufmerkſamkeit ſchenkt. Der Schiff⸗ bruch der Frau von Erloff hat ſie uns entrückt, und während Ihres kurzen Aufenthalts hier wurden Sie ſelbſt zu wenig perſönlich bekannt, das ſchöne Mädchen des einen Carnevals wird durch ſchöne Mädchen des Nächſten verdrängt, und die Fürſtin Sergius Gallitzin entſchwand ſo ſchnell, daß ſie keine Spur zurückließ. Sie werden daher Ihre Gefühle nicht durch die Furcht quälen, daß die Augen Europa's auf Sie bli⸗ cken, weil einige wenige alte Damen des Faubourg St. Germain in ihrem Benehmen kalt, oder einige junge Männer der Klubbs in ihren Jochen zu unge⸗ ſtüm ſind. Sie werden dieſen Angriff überleben; die Wunden, welche uns auf dieſe Weiſe beigebracht wer⸗ den, ſind gewöhnlich oberflächlich. So lange ihr Ge⸗ wiſſen rein, iſt keine Urſache zur Kaſteiung gegeben. Was die üble Deutung in St. Petersburg be⸗ trifft, ſo glauben Sie mir, daß, wenn man auch ernſt⸗ lich überzeugt wäre, daß die Geſandtin in Paris ein Weib von leichtfertigem Benehmen ſei, man ſich doch vielmehr dafür intereſſiren würde, daß die Kaiſerin 206 geſtern in ihrer Caleſche auf der Strelen⸗Straße mit einer Haube geſehen wurde, die mit Kornblumen, den Blumen der Jahreszeit, verziert war. Und wurde auch angedeutet, daß Fürſt Gallitzin Sie nach Sachſen in einem weißen Betttuche lebend oder todt zurückgeſchickt habe, ſo würde ſich doch der Nevskoi⸗Proſpect viel mehr dafür intereſſiren, ob der Kaiſer für irgend ein Regiment Küraſſiere Schabracken von Leopardfellen angeordnet habe, oder daß ein neues Ballet bei Bols⸗ kay wiederholt gegeben werde. Mit all Ihrer Geiſteskraft werden Sie, belle Princesse, in den Irrthum irgend eines Schwachen verfallen, der da glaubt, daß die Sonne aufhören werde, auf⸗ und unterzugehen, weil die Cotterien feind⸗ ſelig geſinnt, oder weil der Czaar ungnädig. Wenn Sie gleich mir in der vergangenen Nacht das bleierne Gewicht einer Geſellſchaft auf ſich gefühlt hätten, die vier Stunden lang ihrer Unterhaltung in„La Mouche“ blos darum fand, weil nicht Eines von uns dem An⸗ dern ein Wort zu ſagen hatte, welches die gefälligſte Gefälligkeit zu einem mot erheben konnte, und weil es viel artiger iſt, über die Karten eines Andern zu gäh⸗ nen, als in das Geſicht eines Freundes, dann würden Sie fühlen, im Innerſten des Herzens den Troſt füh⸗ len, was es heißt, in dem Bereiche von einem Dutzend von Theatern zu ſein, ein Dutzend unterhaltender Leute um ſich zu haben, welche dazu beitragen, den zögern⸗ den Lauf der Zeit zu beſchleunigen. Das Abſcheulichſte in Paris iſt ein Paradies gegen das Beſte in St. Pe⸗ tersburg. Was bedeuten einige unbedeutende Carrica⸗ turen? Ein Ruck mit dem ritterlichen Sporn der Rit⸗ terlichkeit iſt leichter zu ertragen, als der Tritt eines hölzernen Stiefels. 1 3 In Zukunft müſſen Sie, theure Fürſtin, ſich mit Rathſchlägen, ſtatt der Neuigkeiten, begnügen. Mor⸗ gen verlaſſe ich St. Petersburg. Ich wünſche einmal etwas zu ſehen, was mehr einem Baume gleicht, als 207 die Geſträuche meiner niedlichen Villa zu Tage fördern. Ich kann mich daher auf drei Monate auf meine Güter in Nowogrod verbannen, und ich nehme fünf Wagen voll von den Leuten mit mir, unter welchen ich mich dieſen Winter durchgeſchlagen habe. Triste ressource! Aber wenn ich dieſe nicht hätte, müßte ich mit den Popen meiner Dörfer Piquet ſpielen. Leben Sie wohl, der Himmel beſchütze Sie!— P. S. Iſt es wahr, daß in Paris Alles für eine Revolution reif iſt? Die wenigen franzöſiſchen oder engliſchen Blätter, welche hier geduldet werden, ſagen nur wenig über dieſen Gegenſtand; aber Madame Huyon erhielt geſtern eine Sendung von Sommerhau⸗ ben aus der Straße Vivienne, begleitet von einer ouvrière en capotes, welche mir mit der letzten Num⸗ mer des Follet aufwartete, und die Nachricht brachte, daß Zuſammenrottungen auf den Boulevards ſtattge⸗ habt haben. Sie hat einen Bruder, der Drucker eines Journals iſt, und ihr den Rath gab, ſich ſo eilig aus Paris weg zu begeben, als es die Diligence nach Metz geſtatte. Dies mag wohl ein Unſinn ſein. Aber mit⸗ unter ſehen ſolche Leute, wie Journaldrucker ſind, mehr die Volksbewegungen voraus, als die auf dem Throne Sitzenden, deren Augen durch den ewigen Glanz der Diamanten und Coldſtickereien geblendet ſind. Ich würde Ihnen noch mehr ſagen; allein ich habe eine Menge Vorbereitungen für meine Reiſe zu treffen. Die ganze Einrichtung meines Boudoirs reist mit mir; meine Reliquienkäſtchen, meine Heillgen, meine muſikaliſchen Inſtrumente, meine Bibliothek und mein Beichtvater, ſowie mein franzöſiſches Kammermädchen, nehmen meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Addio! Dreinndſechzigſter Brief. Von der Fürſtin Gallitzin in Paris an den Baron von Rehfeld. Mein Brief, theurer Vater, der Ihnen meine Glückwünſche zu Ihrer Ankunft in dem Hauſe Ihrer Ahnen brachte, blieb unbeantwortet; aber ich kann mir die Menge der Geſchäfte denken, die Sie nach einer ſo kangen Abweſenheit von Rehfeld in Anſpruch nehmen mußten. Ich erinnere mich recht wohl, daß Sie bei Ihren gewöhnlichen Beſuchen von der Reſidenz aus von Jo⸗ hann und Sara, von Verwaltern, Forſtmännern, Bleichmeiſtern, Bergleuten, Pächtern und Landwirthen belagert wurden. Es macht mir Freude, an jene ſchö⸗ nen Septembertage zu denken, in welchen ſie nach einander ankamen, jeder mit einer Gabe für ſeinen geliebten Herrn, und mit einer Klage. Ich betrachtete ſie gewöhnlich mit mißfälligen Blicken, weil ſie mich daran hinderten, mit Ihnen nach einer Trennung von einem ganzen Jahre ungeſtört zu plaudern. Ich bin nun noch ſchlimmer auf ſie zu ſprechen, weil ſie Ihrer Beantwortung meines Briefs entgegenſtehen. Eine lange Trennung von Ihnen und der Hei⸗ math hat mich für den Werth einer ſolchen Verbindung empfänglicher gemacht, als ich es war, und nach der glänzenden und emſigen Unbeſtändigkeit des Pariſer Lebens würde mir die einfache deutſche Herzlichkeit in der That ſehr erwünſcht ſein. Ich beneide Sie um den warmen und aufrichtigen Empfang, der Ihnen zu Reh⸗ feld wurde; ich beneide Sie ob der Ehrfurcht, die allen Ihren Worten und Zlicken von denen bezeigt wird, die in demſelben eine Bürgſchaft Ihres Schutzes er⸗ 209 blicken, der ihnen von Seiten Ihrer Ahnen zu Theil wurde, und von Ihren Nachfolgern zu Theil werden wird. Weniger gewandt im Handeln und im Spre⸗ chen, vielleicht auch weniger intelligent, als das lär⸗ mende, ſchwätzende, oberflächliche Volk dieſes glänzen⸗ den Landes, ſo ſchmeicheln doch dem Herzen ihre trau⸗ lichen Worte mehr, in welchem jede Silbe ſo offen und aufrichtig iſt, wie wenn ſie dem Himmel verantwortlich wäre. Sie werden mich langweilig finden, weil ich mich über das Alles verbreite; aber erinnern Sie ſich, mein theurer Vater, an die Warnung, die Sie mir in Pe⸗ tersburg, nein zu Schloß Rehfeld, ertheilten, weil ich mit Vorliebe die Leichtfertigkeiten eines formellen Lan⸗ des betrachtete und mir aneignen wollte. Ich hörte damals nicht auf ſie; aber die Erfahrung hat mir dieſe Lehre eingeprägt, viel derber eingeprägt. Ich habe ge⸗ lernt, mein Vaterland zu lieben, ich habe es gelernt durch die Barſchheit eines adoptirten Landes. Ich habe gelernt, den Werth elterlichen Schutzes zu erkennen, indem ich mich von meinem Gatten mißachtet fand. Ich ſage dieſes nicht in einer vorwurfsvollen Weiſe. Als mir der Vorſchlag gemacht wurde, die Gemahlin des Fürſten Gallitzin zu werden, fanden keine Einwirkungen der Zärtlichkeit ſtatt; man ſagte mir, wenn es mir beliebe, könne ich die Frau eines Geſandten werden, der hoch in des Kaiſers Gunſt ſtehe, und der glänzende Köder feſſelte meine mädchenhafte Phantaſie. Das von Mademoiſelle Thereſe beſchrie⸗ bene, von Herrn von Vaudreuil mit ſo glühenden Farben gemalte Paris winkte mit ſeinen thörichten Läp⸗ pereien in der Ferne, und ich antwortete ſchnell auf den Vorſchlag. 3. Und nun, theurer Vater, bin ich hier, eine Fürſtin, eine Geſandtin, Alles, was meine eitle Ehrſucht der ruhigen Dunkelheit Rehfelds vorzog, und ich bin das elendeſte und troſtloſeſte der menſchlichen Weſen! Die Frau des Geſandten. II. 14 210 In der vergangenen Nacht reiste der Fürſt nach einer Audienz bei dem Könige nach Petersburg ab. Ich bat ihn um die Erlaubniß, ihn begleiten zu dürfen; denn ich fürchte mich, allein in Paris zu bleiben. Eine große politiſche Kriſis ſoll, wie man ſagt, nahen. Alles was ich erlangte, war eine kalte, abſchlägige Antwort. Ich würde die Schnelligkeit ſeiner Reiſe hindern, meinte er, ich würde ihm ein hindernder Block auf ſeinem Wege ſein. Er erwartet, in Zarskoje⸗ Selo, nach der Abreiſe des Kaiſers nach Georgien, an⸗ zukommen, und mag im Sinne haben, ihm zu folgen. „Bleibe ruhig in Paris,“ war ſeine Antwort.„Es gab eine Zeit, und ſie liegt nicht ferne, wo es für Dich der einzige Platz auf Erden war, an welchem Du glaubteſt, irdiſche Glückſeligkeit erringen zu können. Sei mit dem Schickſale zufrieden, das Du Dir ſelbſt bereitet haſt.“ Meine Remonſtrationen blieben fruchtlos. „Du haſt keine Connexionen mehr in St. Peters⸗ burg, bei welchen Du während meiner Abweſenheit ſein könnteſt,“ fuhr er fort.„Meine Schweſter iſt in Mos⸗ kau, wo unſere Familienwohnung von einer Weiſe iſt, die Dir nur unangenehm ſein kann, wenn auch Pras⸗ covia, deren Gefühle gegen Dich, mit oder ohne Grund, empört ſind, Dich unter ihrem Dache aufnehmen wollte. Mein Beſuch in Zarskoje⸗Selo wird ein ftürmiſcher ſein. Urtheile ſelbſt, welche Verſchlimmerung herbei geführt werden würde, wenn in das Gedächtniß des Kaiſers zurückgerufen würde, wie ſehr Du ihn in ſei⸗ nen Erwartungen von Dir getäuſcht haſt.“ Daher bin ich hier allein, mein theurer Vater, dieſes mag Ihnen als etwas Unbedeutendes vorkom⸗ men, denn Sie wiſſen, daß ich die Bewohnerin eines glänzenden Hauſes bin, Sie glauben mich von einer nobeln Einrichtung, von allen Ehrenbezeugungen um⸗ geben, welche die Frau eines Geſandten umringen. 211 Aber ich bin ſehr einſam, ſehr unglücklich; gleich der Büßerin der heiligen Schrift möchte ich fröhlich auf⸗ brechen, um nach dem Hauſe meines Vaters zu ziehen und mich in der Heimath meiner Jugend verbergen. Ihre letzten Briefe enthielten ſo manche ernſte An⸗ ſpielungen auf mein Betragen, und die Baronin hat Ihre Ueberzeugung, daß ich einen ungünſtigen Einfluß auf Ihr diplomatiſches Glück geübt habe, ſo wieder⸗ holt ausgeſprochen, daß ich eine Art von Zweifel fühle, den ich zu empfinden nie erwartete, wenn ich Sie um die Erlaubniß bitte, Sie auf dem Schloſſe Rehfeld beſuchen zu dürfen. Glauben Sie ja nicht, daß ich in Prunk und Hoch⸗ muth erſcheinen werde, um Störung in Ihr Leben zu bringen, oder daß ich die alte, gedankenloſe Ida ſei. Da ich die Opfer, welche Sie mir gebracht haben, ſehr gut kenne, da ich weiß, daß Ihre frühere Gaſtfreund⸗ ſchaft beſchränkt wurde, um Ihre Güter wieder in den Stand zu ſetzen, deſſen Sie ſich vor Ihrer unglückli⸗ chen Abreiſe nach Rußland erfreuten, bin ich auf häus⸗ lichen Ruhe, auf Sparſamkeit und Häuslichkeit vorbe⸗ reitet. Seien Sie verſichert, daß wenn Sie meine Bitte gewähren, Ihre Miethsfrau während der Abwe⸗ ſenheit des Fürſten zu werden, nichts Ihre häusliche Unruhe vermehren wird. Ernſt tadle ich oft mich ſelbſt wegen meiner ſchein⸗ baren Undankbarkeit, die ich durch die Bereitwilligkeit zeigte, mich in einem fremden Lande zu neutralifiren, und ich fürchte zuletzt, daß der Groll des Paſtors und der alten Sara ſich Ihnen mitgetheilt habe. Aber beurtheilen Sie mich mild. Meine Kindheit bewachte keine zärtliche Liebe; nach Ihrem Verlangen war die Familie meiner Mutter von Rehfeld ausgeſchloſſen; Ihre Geſchäfte hielten Sie ferne, und was hat mehr Einfluß auf die erſte Entwicklung eines Kindes als zärtliche Blutsverwandtſchaft? Ich habe jedoch Unrecht, auf die Vergangenheit 2¹12 zurückzugehen. Dieſe Betrachtungen ſind für uns beide unbefriedigend. Genug, daß das Getümmel und die Strenge der Welt mich dahin geführt haben, die Freu⸗ den einer friedlichen Unabhängigkeit ſchätzen zu lernen. Ich erwarte Ihre Antwort ängſtlich. Die zehn Tage welche verſtreichen müſſen, ehe ich ſie erhalte, werden mir endlos ſcheinen! Vierundſechszigſter Brief. Von Mademoiſelle Thereſe Moreau in Paris an die Gräfin Auguſte von Vaudreuil in Burgund. Den 25. Juli 1830. Bei dem Mangel irgend einer bevorzugten Ver⸗ wandten der Fürſtin Gallitzin, und durch die kritiſche Lage, in der ſie ſich befindet, tief gebeugt, ſchreibe ich ohne ihr Wiſſen, ohne ihre Erlaubniß an Sie, gnä⸗ dige Frau, um die Hülfe der Mutter der Gemahlin ihres Vaters anzurufen. Die Verbindung zwiſchen der ruſſiſchen Geſandt⸗ ſchaft und dem Hotel de Vaudreuil wurde auf eine ſo unglückliche Weiſe durch den Unfall des Grafen Erloff geſtört, daß ich es für wahrſcheinlich halte, daß Sie von der plötzlichen Abreiſe des Fürſten Gallitzin nach St. Petersburg keine Kenntniß erhalten haben, daß Sie nicht wiſſen, daß ſein Geſchäft, welches mit der gegenwärtigen politiſchen Kriſis in Verbindung ſteht, von ſo dringender Beſchaffenheit iſt, daß er von ſeiner Familie nicht begleitet werden konnte. Die Fürſtin iſt daher allein in Paris, wo die Unzufriedenheit des Volkes eine ſolche Höhe erreicht, daß die wenigen an⸗ geſehenen Familien, welche während des Sommers hier geblieben ſind, nach allen Richtungen entfliehen. Entrüſtet über die höchſt ungerechten Verleumdun⸗ gen, deren Opfer ſie war, hat die Fürſtin Gallitzin ihr Vertrauen längſt der Heerde von Schmeichlern ent⸗ zogen, deren Worte bei ihrer Ankunft in Paris auf ein ſo junges Haupt natürlicher Weiſe einen Einfluß übten. In den kritiſchen Epochen des Lebens können wir bloß bei denen, auf deren Theilnahme wir in der Natur begründete Anſprüche haben, uns Rath ver⸗ ſchaffen, und die Folge der ſchlimmen Handlungsweiſe der Welt gegen meine arme Ida hat es herbeigeführt, daß ſie geringen Werth auf die Treue einer demüthi⸗ gen Wohlwollenden legt, wie ich bin. Dieſe iſt mehr geeignet, die Reize ihrer jugendlichen Einbildungen zu verderben. In den drei heiligſten Gefühlen ihres Ge⸗ ſchlechts, in der Kindes⸗, in der Gatten⸗, in der Mutterliebe wurde ſie auf eine grauſame Weiſe ge⸗ täuſcht, indem ſie ſich immer dem Ehrgeize ihres Va⸗ ters, dem Ehrgeize ihres Gemahls nachgeſetzt fand. Sie hat daher einige Entſchuldigung für den niederge⸗ drückten Zuſtand ihrer Gefühle. Obwohl ſie in dieſem Momente vollſtändig und vielleicht mehr als Andere die Gefahren erkennt, die über Paris ſchweben, finde ich es unmöglich, in ihr einen Gedanken an perſönliche Gefahr zu erwecken, und Alles, was ich aus ihr als Erwiederung auf meine Bitten, bei ihren Freunden eine Zuflucht vor den zu erwartenden Tumulten dieſer aufgeregten Hauptſtadt zu ſuchen, herausbringen kann, iſt der verzweifelte Ausruf, daß ſie bloß Feinde in Frankreich habe. 4 Ich vermuthe, daß es ihr an Mitteln fehlt, eine ſo weite Reiſe, wie die nach Schloß Rehfeld iſt, zu unternehmen, denn aus ihrer Sehnſucht nach Briefen aus Deutſchland folgere ich, daß ſie die Abſicht hegt, zu ihrem Vater zu fliehen. Ida iſt indeſſen zu ſtolz für ſolche Erörterungen. Unterdeſſen wird der Lärm 214 in der Ferne lauter und lauter; die Unpopularität des Miniſteriums und der königlichen Familie wächst von Stunde zu Stunde, und von der Regierung bis zu den Geſandten der fremden Mächte, den preisgegebenen Alliirten der erſteren, iſt bloß ein Schritt. Wir, Frau Gräfin, die wir in einem Alter ſind, um uns der Schrecken der früheren Revolution zu erinnern, haben Urſache genug, uns vor den Ausſichten auf eine zweite zu fürchten! Ach, Frau Gräfin, ich geſtehe Ihnen, daß ich zittere. Im Verlaufe des geſtrigen Tages kam der Mar⸗ quis de Rouilly zwei oder dreimal in das Hotel und verlangte Zutritt bei Ihrer Excellenz. In Folge des von dem Fürſten bei Gelegenheit des Erloff'ſchen Duells ausgeſprochenen Verbots wurde er nicht angenommen. Er ſchrieb; ſeine Briefe wurden zurückgeſchickt. End⸗ lich richtete er in einer ſchon ſpäten Abendſtunde einen Brief an mich, indem er eine Unterredung nachſuchte. Würde ich die Sache vor die Fürſtin gebracht haben, ſo hätte dieſes eine Verweigerung zur Folge gehabt; da ich aber aus der Verbindung des Marquis mit der liberalen Partei ſchließen konnte, daß ſein Drängen auf irgend einen Umſtand Bezug haben möge, der mit den Ereigniſſen des Tags in Verbindung ſtehe, ſo empfing ich ihn in meinem eigenen Zimmer. Ich hatte mich nicht getäuſcht. Der Marquis bat mich, wenn ich auf die Sicherheit Ihrer Excellenz einen Wuuſch lege, ſie aus Paris, wenn es ſein müſſe mit Gewalt, zu entfernen. Die Halsſtarrigkeit des Königs ſcheint den Lauf der Dinge zu beſchleunigen, die die Zeit nach und nach herbeigeführt hätte, und die Aufregung des Volkes iſt ſo groß, daß der Mar⸗ quis mir verſicherte, daß kein Schutz vermögen würde, die Perſonen zu ſichern, welche unglücklich genug ſind, mit dem Hofe in Verbindung zu ſtehen. Es iſt kaum ein Jahr, daß die Fürſtin unter die Günſtlinge von St. Cloud gerechnet wurde. Das 215 Volk erhält erſt ſpät Kenntniß von dem Wechſel der königlichen Gunſt, und Ihre Excellenz, obgleich unter königlicher Ungnade ſchmachtend, könnte leicht, vermöge ihrer Bekanntſchaft mit den Vaudreuil's, für eine Parteigängerin der abſoluten Gewalt gehalten werden. Der Weg, welchen Graf Jules de Vaudreuil ohnlängſt in der Kammer einſchlug, machte ihn zu einem beſon⸗ deren Gegenſtande des Volkshaſſes. „Es liegt nichts daran, was aus mir wird!“ iſt der fortwährende Ausruf der Fürſtin.„Kein Menſch ſorgt für mich; nie hat je ein Menſch für mich geſorgt! Laßt es mir zum Troſte gereichen, daß meine zeitige mrund Marguerite vor einer Reiſe hieher bewahrt at. 41 Ich hoffe, gnädige Frau, daß Sie die Abſicht meines Briefes im Voraus erkannt, die Bitte beher⸗ zigt haben, daß Sie eine gleiche Sorgfalt für die Tochter des Barons von Rehfeld hegen werden. Wenn Sie ſchreiben und ihr eine Zufluchtsſtätte anbieten, ſo wird ſie dieſelbe wahrſcheinlich dankbar annehmen. Ich bitte Sie daher dringend, keine Zeit zu verlieren, und Ihre Zuſchrift an ſie zu richten, hiebei aber Ihrer Excellenz meine Mittheilung vorzuenthalten. Empfan⸗ gen Sie inzwiſchen, gnädige Frau, die Verſicherungen meiner ehrfurchtsvollen Ergebenheit. Fünfundſechszigſter Brief. Von dem Grafen Erloff zu Dover an den Grafen Alfred de Vaudreuil in Paris. Laſſen Sie, mein theurer Alfred, für mich ein Nachtquartier bexreiten, denn faſt zu gleicher Zeit mit dieſem Briefe werde ich in Paris eintreffen. In Lon⸗ 216 don, nach den vorläufigen Anzeigen von Ihnen und der Fürſtin, zu bleiben, war unmöglich. Ich that, was ich konnte, um mich von Ida loszureißen, als ich ſie reich und glücklich wußte; aber mich von ihr zu ent⸗ fernen, wenn iich ſie ſo ſehr der Gefahr und der Be⸗ trübniß ausgeſetzt weiß, überſteigt meine Kräfte. Mein Schwager hat mir, mehr aus Mißtrauen als aus Offenherzigkeit, einen von Ida geſchriebenen Brief mitgetheilt, der die Gefahr einer Reiſe Margue⸗ rite's nach Frankreich in dem gegenwärtigen Augen⸗ blicke betrifft. Aber ihr vertrautes Verhältniß zu den intriguirenden Faktionen, welchen ich für ihre Rech⸗ nung eine Lehre zu geben ſuchte, machen es wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie nur zu gut unterrichtet iſt, und un⸗ ter dem Vorwande, mich genau über den Stand der Dinge unterrichten und Elvinſton zuverläſſige Nach⸗ richt hierüber geben zu wollen, welcher geſonnen iſt, meine arme, leidende Schweſter in kurzen Tagreiſen nach Italien zu bringen, verließ ich London vierzehn Tage nach meiner Ankunft, und ich werde nun bald an der Stelle ſein, an welcher ich über das Wohl derer wa⸗ chen kann, welche bis zur Verzweiflung geliebt oder behast doch der vorherrſchende Einfluß meines Le⸗ ens iſt. Ich verließ die arme Marguerite wohl in einem Zuſtande großer Schwäche, doch in keiner unmittel⸗ baren Gefahr, und von allem Luxus des Reichthums, von all' dem Eifer umgeben, welchen die liebevollſte Zärtlichkeit zeigen kann. Nie wurde in ihrem Vater⸗ lande, in ihres Vaters Haus ſo für ſie geſorgt, als hier durch die herzliche und innige Familie ihres Mannes für ſie geſorgt wird. Elvinſton iſt, wie Sie immer verſicherten, der beſte Junge von der Welt. Ich habe keine Furcht wegen des Geſchicks ſeines Wei⸗ bes, welches von ihm abhängt, ich fürchte nur für das von dem Willen des Himmels kommende. Aber für die arme Ida habe ich tauſend Sorgen. 217 Ja, ich kann ſagen: arme Ida, mein theurer Alfred, ſo hoch und imponirend auch ihre weltliche Stellung iſt, Krieg außen, Krieg innen! Weder in ihrem Her⸗ zen, noch in ihrer Familie kann ihr in der Stunde der Bedrängniß etwas Troſt gewähren! Ich beſorge tauſende von Uebeln für fie, abgeſehen von denen, welche aus der politiſchen Aufregung für ſie hervor⸗ gehen können. Ich fürchte für ſie wegen Rouilly; ich fürchte für ſie wegen Ihrer. Keiner von Euch iſt bei den Eingebungen der Eitelkeit, die Euch zu den Füßen der einen oder der andern, an der Tagesordnung be⸗ findlichen Schönheiten treibt, dafür intereſſirt, ihr beizuſtehen. Ich allein bin es, der ſich ihr freudig als Bruder weihen, mein werthloſes Leben für ihre Sache daran ſetzen will. Tadeln Sie mich nicht wegen meines Wiederer⸗ ſcheinens auf der Scene, von welcher Sie mich ver⸗ bannt haben. Sich zurückhalten, wäre eine Uebung im Selbſtbeherrſchen geweſen, die ſchwerlich von dem unbändigen Barbaren erwartet werden kann, deſſen raſtloſe Natur Sie ſo treu geſchildert haben. Sechsundſechszigſter Brief. Von dem Grafen Alfred de Vaudreuil in Paris an den Grafen Jules in St. Cloud. Den 26. Juli 1830. Ich verliere keinen Augenblick, um Dir mitzu⸗ theilen, daß ich nach einer langen Unterredung mit der ſchönen Ida, während welcher ich ſechsmal mehr aus ihr herauszubringen wußte, als ſie ſelbſt glaubte, verrathen zu haben, überzeugt bin, daß die Projekte 218 der Krämer der freien Preſſe viel weiter gehen, als wir jemals glaubten. Du mußt wahrhaftig das Aeu⸗ ßerſte thun, um dieſes Madame mitzutheilen. Sie hat weniger Verſtand als die Andern, iſt aber zugängli⸗ cher. Sprich mit Frau von R., ſprich, mit wem Du nur immer kannſt, wenn er auch nur den geringſten Einfluß auf Polignac hat, und verſichere ihm, daß in der letzten Nacht eine Zuſammenkunft von Deputirten bei Rouilly's war, und daß ſie dieſen Morgen bis zu Tagesanbruch währte. Dieſe Nachricht iſt aber nicht die einzige Veran⸗ laſſung meines Briefs. Sende mir durch den Ueber⸗ bringer dieſes eine dringende Einladung an die Fürſtin Gallitzin, nach Les Genéts zu eilen. Die meinige reicht nicht hin, um ihre Zweifel zu beſeitigen, oder ſie iſt vielleicht die Veranlaſſung zu dieſen Zweifeln. Ich habe bereits durch die Gouvernante einen Brief ähnlichen Inhalts an unſere Tante beſorgt. Allein zwei Tage müſſen vorübergehen, ehe die Antwort ein⸗ trifft, und die reißende Verwicklung der Ereigniſſe ſchreckt mich auf. Alles, wofür man beſorgt iſt, muß eiligſt aus Paris weggeſchafft werden. Es iſt un⸗ möglich vorauszuſehen, welche Begebenheiten die näch⸗ ſten vier und zwanzig Stunden herbeiführen können. Die Fürſtin Gallitzin iſt hierin ſo eigenſinnig, wie ich ſie immer fand. Sie iſt nicht zu überreden, auf Vernunft zu hören, oder ſie iſt vielmehr nicht zu überzeugen, daß irgend eine Vernunft über der ihri⸗ gen ſtehe. Sie affectirt eine Art romantiſcher Befrie⸗ digung, den Gefahren ausgeſetzt zu ſein, welchen ſie durch den eiſigen Geſandten bloßgeſtellt worden, und weder meine Vorſtellungen, noch die der alten Moreau können ſie verleiten, ihren Poſten zu verlaſſen. Wie ſie ſagt, erwartet ſie Nachrichten aus Deutſchland, Briefe von Wichtigkeit. So mag ſie denn warten, bis vielleicht die ruſſiſche Geſandtſchaft bei einem Aus⸗ bruche der Volkswuth der Erde gleich gemacht worden 219 iſt. Rouilly, der, wie ich überzeugt bin, das vor⸗ züglichſte Haupt der Bewegungspartei iſt, hat den Kunſtgriff angewendet, Gallitzin ſo verhaßt zu machen und unſere Cabinets⸗Politik dem Einfluſſe Rußlands ſo beizumeſſen, daß ich nicht zweifle, die eilige Reiſe des Fürſten ſei durch irgend eine Warnung der gehei⸗ men Polizei, welche Rußland feſt an ſeine goldene Kette gefeſſelt hält, daß er ein bezeichneter Mann ſei, herbeigeführt worden. Ich habe die Vorſicht gehabt, einen vollgültigen Paß für Frau von Galiitzin, ihre Dienerſchaft und für mich ſelbſt, als ihrer Escorte, herbeizuſchaffen, und Pferde auf der erſten Station außerhalb Paris für jede Stunde des Tages oder der Nacht in Bereit⸗ ſchaft halten zu laſſen. Obwohl unſere Ausſichten im Laufe des heutigen Tages ſich erhellten, ſo werde ich doch verſuchen, ſie dieſen Abend zum Aufbruche zu be⸗ wegen. Wir werden entweder in Folge deiner Einla⸗ dung die Straße nach Les Genèéts oder die nach Deutſchland einſchlagen. Laß mich als Erwiederung wiſſen, was im Schloſſe über den Miniſterrath ver⸗ lautet, der dieſen Morgen gehalten wurde. Die Zu⸗ ſammenrottungen vermehren ſich furchtbar in der basse ville, und Truppen marſchiren dahin aus allen Rich⸗ tungen. Adieu! Siebenundſechszigſter Brief. Die Fürſtin Gallitzin an den Baron von Rehfeld. Obwohl erſt fünf Tage verſtrichen ſind, ſeit ich meinen letzten Brief an Sie, mein theurer Vater, richtete, ſo folgten ſich doch die Ereigniſſe ſo reißend ſchnell, daß ich, ſtatt Ihre Antwort abzuwarten, mich entſchloſſen habe, Paris noch in dieſer Nacht zu ver⸗ 220 laſſen. Der Graf Tcherbatoff, welcher während der Abweſenheit des Fürſten unbeſchränkte Autorität hier übt, und in einer Weiſe übt, die deutlich zeigt, daß er in die Mißſtimmung eingeweiht iſt, die zwiſchen mir und dem Fürſten herrſcht, beharrt darauf, mir zu verſichern, daß, welche Reſultate die conſtitutio⸗ nelle Handhabung der Autorität des Königs gegen die aufrühreriſche Preſſe haben möge, zu ſehr in dem Intereſſe der liberalen Partei, oder irgend einer an⸗ dern in den Streit verwickelten liege, die Gunſt Ruß⸗ lands zu erwerben, um die Möglichkeit meiner Bloß⸗ ſtellung einer Gefahr ſo herbeizuführen. Herr von Rouilly, Lafitte's und Bérand's Freund, ſo wie die Vaudreuil's, die Anhänger des Hofs, ſtimmen in der Anſicht überein, daß Flucht die beſte Sicherheit ſei. Ich eile daher, unter den Schutz der Mutter der Frau von Rehfeld mich zu ſtellen, welcher die paſſendſte Zufluchtsſtätte für mich während der Abweſenheit des Fürſten iſt. Glauben Sie indeſſen nicht, daß es das Nicht⸗ eintreffen einer Antwort auf meine Selbſteinladung iſt, was mich beſtimmte, einer Reiſe nach Rehfeld meine jetzige vorzuziehen. Aber da ich Herrn Tcher⸗ batoff von meinem Vorhaben nicht in Kenntniß ſetzen darf, weil er daſſelbe hintertreiben könnte, ſo kann ich weder über Geld, noch über Päſſe verfügen, welche mir das Ueberſchreiten der Gränze möglich machten. Haben Sie daher die Güte, mir nach Les Genéts zu ſchreiben. Ich kann mir nicht anders denken, als daß Sie Beide, Sie ſelbſt und die Baronin, begierig ſein werden, zu hören, wie es mir in einem ſo trau⸗ rigen Momente geht. Wir werden dieſen Abend in der Dämmerung unter dem Vorwande aufbrechen, eine Fahrt nach Viry, der Villa der Frau von Raguſa, zu machen, und von da werden wir nach Burgund eilen. 221 — Achtundſechzigſter Brief. Von dem Grafen Erloff an die Baroneſſe von Rehfeld. Ich habe Lord Elvinſton verſprochen, Sie zu war⸗ nen, Ihre Briefe an meine Schweſter nach Paris zu adreſſiren, wie er Sie in ſeinem letzten Briefe gebeten. Die Reiſe wurde bei dem erſchreckenden Zuſtande der öffentlichen Ereigniſſe vertagt. Die Reiſe meiner Schweſter nach einem milderen Clima iſt weniger dringend, als daß ſie der Gefahr ausgeſetzt werden dürfte, welche aus einer perſönlichen Aufregung her⸗ vorgehen könnte. Ich ſchreibe Ihnen aus Amiens, wo ich die Nacht in Folge der Unmöglichkeit zubringen mußte, Poſtpferde oder einen Platz in irgend einem öffentlichen Fuhrwerke zu erhalten. So viele Perſonen reiſen auf der Straße nach England, daß ich mich dieſer ärgerlichen Verzö⸗ gerung unterwerfen mußte. Die Abreiſe des Lords und der Lady Elvinſton wird durch meinen Bericht über den Stand der Dinge in Paris bedingt. Hotel de Vaudreuil, den 27. Juli 1830. Ich ſchrieb das Obige, ohne zu bedenken, daß es, wenn ich es auch der Poſt zu Amiens übergeben würde, dennoch nicht vor mir hier ankommen würde. Ich füge dieſe Nachſchrift bei, obwohl ich ſehr im Zwei⸗ fel bin, ob die ausländiſchen Briefpoſten im Stande ſein werden, die Hauptſtadt zu verlaſſen. Als ich mich geſtern mit Poſt derſelben nahte, war jede Stunde des Wegs geeignet, die Aufregung der öffentlichen Stim⸗ mung mehr und mehr zu zeigen. Ich fand die größte 222 Schwierigkeit, Pferde von Vernon nach St. Denis zu bekommen. Die Straße bot den Anblick einer unun⸗ terbrochenen Reihe von Wagen dar, und auf der letz⸗ ten Poſtſtation fand ich es unmöglich, weiter zu kom⸗ men. Eine Menge von Fuhrwerken ſperrte die Straße, denn es mangelte an Pferden, da die Ställe der Poſt⸗ meiſter für den öffentlichen Dienſt in Beſchlag genom⸗. men worden waren. Unter ſo aufregenden Umſtänden war ein weiterer Verzug unerträglich; ich ließ daher mein Gepäcke zurück und ſetzte meinen Weg nach der Hauptſtadt quer über die Felder fort. Ich will Sie, meine Mutter, nicht damit aufhal⸗ ten, Ihnen die Aufregung zu ſchildern, in welcher ich, als ich die Barrièren hinter mir hatte, meinen Weg durch das Gewirre des Faubourg St. Denis fortſetzte. In die Topographie von Paris nicht genügend einge⸗ weiht, um den Faubourg St. Germain zu erreichen, ohne in das Geräuſche der Boulevards zu gerathen, fand ich mich, unbewaffnet und ein bloßer Zuſchauer, in der Mitte von Cavalier⸗Chargen und des Aufruhrs einer inſurgirten Bevölkerung. Dreimal wurde ich auf meinem Wege durch Barrikaden aufgehalten, die aus zerbrochenen Wagen, aus Karren, Pkflaſterſteinen und allen den Gegenſtänden gebildet waren, die der impro⸗ viſirte Bürgerkrieg für tauglich hielt. Zu jeder andern Zeit würde ich es für ſchwer, jja für unmöglich gehalten haben, einer Einmiſchung in einen Kampf zu widerſtehen, der mich ſo wenig an⸗ ging; aber ich wollte Ihr Vaudreuil'ſches Blut nicht beſchimpfen, indem ich mich auf die Seite warf, zu welcher mich meine Sympathie hinzog. Ich ſetzte aber meinen Weg gleich einem Raſenden durch dieſe Gäh⸗ rung fort, durch dieſe ſtedenden Maſſen menſchlicher Hitze, für Freiheiten kämpfend, an welchen ich oder die Meinigen keinen Antheil haben, als den der allge⸗ meinen Verbrüderung der menſchlichen Natur. Ich ſuchte blos zur Unterſtützung der einzigen Perſon zu 223 filen, die in Paris perſönlich meine Gefühle intereſ⸗ ſirte.— Beinahe drei Stunden waren verfloſſen, als ich, mit Staub und Rauch bedeckt, an dem Thore der Ge⸗ ſandtſchaft anlangte. Ich hatte viele Schwierigkeiten zu beſtehen, bis ich auf mein vereinzeltes Rufen Ant⸗ wort erhielt. In jeder Straße, durch die ich kam, hatte ich, wenn ſie auch ferne von dem Getöſe der émeutes war, die portes cochères ſorgſam verſchloſ⸗ ſen gefunden. Ich war daher nicht ſehr erſtaunt, daß Nikita, der alte Thürhüter, einem Fußgänger in einem ſo ſchlechten Aufzuge kurz und barſch antwortete. Nachdem ich mich zu erkennen gegeben hatte, fragte ich nach dem Fürſten Gallitzin. „Er iſt nach St. Petersburg.“ f Ich fragte nach der Fürſtin. Sie war nicht zu ehen. Indem ich hierunter eine gewöhnliche Ausflucht der Thürhüter verſtand, beharrte ich auf meiner rage. „Ihre Excellenz,“ ſagte er,„iſt Abends ſpät mit dem Grafen Alfred de Vaudreuil weg gefahren. Es war nahe an Mitternacht. Daher ſcheint es nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ſie zurückkehren werde.“ Ich fragte nach Mademoiſelle Thereſe. „Auch abweſend.“ Ich fragte nach Terbatoff. „Der Herr Graf hat ſich für dieſe Nacht ſchlafen gelegt, und würde ſehr böſe ſein, wenn ich zu dieſer Stunde einen Fremden einließe.“ Der Portier ſchloß mir nun das Thor vor der Naſe zu, und nachdem ich einen Augenblick nachgedacht hatte, begann ich einzuſehen, daß es ſehr abſurd wäre, wenn ich auf meinem Willen beſtehen würde. Noch ſtand ich aber zögernd auf derſelben Stelle. In Zwi⸗ ſchenräumen galoppirten Truppenabtheilungen durch die Straßen, dann kamen Patrouillen. Aus der Ferne ver⸗ 224 nahm ich donnernde Schüſſe in's Blaue, wie wenn die Inſurrection jeden Augenblick mehr Grund ge⸗ wönne. Zuletzt entſchloß ich mich zu einem zweiten Verſuche, und ich brachte es durch ein beträchtliches Geſchent dahin, daß Nikita meinen Namen Tcherbatoff meldete. Der Mann ließ mich, nachdem er meinen Auftrag übernommen, in das Thor eintreten, und als ich unter dem Thorwege ſtand, den Duft der Linden⸗ und Oran⸗ genblüthen einathmete, der durch den Thau der Mitter⸗ nacht erfriſcht war, meine Augen auf die Fenſter der Gemächer Ida's heftete, deren Betrachtung vor einem Monate mein Herz mit Gefühlen von ſo ganz anderer Natur erfüllt hatte, da wurde ich von den ſeltſamſten Gefühlen fortgeriſſen. Der Thürhüter kam mit einer unangenehmen Bot⸗ ſchaft zurück; er hielt noch den Papierſtreifen in der Hand, auf welchen ich meinen Namen geſchrieben hatte. Der Graf beliebte nicht, mich zu ſehen. Obgleich ich mich der Halsſtarrigkeit eines Por⸗ tiers gefügt hatte, der den erhaltenen Befehlen ge⸗ horchte, ſo hatte ich doch nicht im Sinne, mich von Tcherbatoff ſo behandeln zu laſſen. Ohne eine Sylbe zu erwiedern, nahm ich meinen Weg gerade in das Haus; die Bedienten hatten den Muth nicht, ſich mir zu widerſetzen. In einem Augenblicke war ich in der Kanzlei, wo die ganze Geſandtſchaft, ſo wie verſchie⸗ dene Fremde in ernſter Berathung verſammelt waren. Tcherbatoff, durch mein Erſcheinen äußerſt betrof⸗ fen, führte mich auf der Stelle in ein anſtoßendes Zimmer. „Es thut mir leid, daß ich als Eindringling in Ihre mitternächtlichen Berathungen erſcheine,“ ſagte ich.„M Meine Anweſenheit hier iſt rein perſönlicher Na⸗ tur. In Mitte des Aufruhrs und der Verwirrung, die mich bei meiner Rückkehr nach Paris begrüßten, wünſche 225 ich Nachricht über das Befinden ves Fürſten und der Fürſtin Gallitzin zu erhalten.“ „Nikita hat Sie doch gewiß davon in Kenntniß geſetzt, daß der Fürſt in St. Petersburg iſt? Was die Fürſtin betrifft, ſo hoffe ich, daß Sie mir Nachrichten von ihr bringen würden.“ „Ich ſagte Ihnen, daß ich dieſen Augenblick in Paris angekommen bin. Meine Kleider mögen Sie davon überzeugen. Ich ging zu Fuß durch die Stadt, mit den Truppen und mit dem Volke ſtreitend.“ „Sie haben alſo Vaudreuil nicht geſehen?“ „Ich glaubte, er ſei nach Baden, weil er mir dieſe Reiſe vor einer Woche ankündigte.“ „Er mag auf ſeinem Wege dahin ſein, und in dieſem Falle iſt Ihre Excellenz die Gefährtin ſeiner Flucht.“ 5— In dem Tone Tcherbataff's lag etwas ſo Belei⸗ digendes, daß ich verſucht wurde, ihn niederzuſtoßen. „Haben Sie ſonſt noch etwas von mir zu wün⸗ ſchen?“ ſagte er kurz.„Wenn nicht, ſo entſchuldigen Sie, wenn ich Sie verlaſſe. Wir ſind gerade in Be⸗ rathung über die ſicherſte Weiſe begriffen, unſere Couriere abzufertigen. Der Pöbel iſt im Beſitze ver Barriéren.“ „Sie werden zuvor die Güte haben, mich in Kennt⸗ niß zu ſetzen, welche Gründe Sie haben, anzunehmen, daß ſich die Fürſtin in Geſellſchaft Vaudreuil's befin⸗ vet, und wann Ihre Excellenz das Haus verlaſſen hat?“ „ Ich bin bereit, Ihnen zu antworten, wenn Sie nicht in dieſem anmaßenden Tone eines Paladins ſpre⸗ chen,“ entgegnete Tcherbatoff kalt;„denn ich habe in Mitte einer Emeute ſchwerlich Muße für einen Privat⸗ ſtreit, beſonders zu Ehren der Fürſtin Gallitzin. Ich ſelbſt ſah Ihre Excellenz in einen fremden Wagen ſteigen, den Vaudreuil dieſen Abend zu lhrer, qrwähu Die Frau des Geſandten. II. 226 lichen Dämmerſtunde hieher brachte, und ſie nahm ver⸗ ſchiedene werthvolle Schatullen und ihre perſönliche Dienerſchaft mit ſich. Ehe ſie das Haus verließ, er⸗ theilte ſie Befehle, die im Widerſpruche mit dieſen Erſcheinungen ſtanden, als wenn ſie nämlich blos eine Abendfahrt vorhabe. Sie kehrte jedoch nicht zurück. Die Fürſtin Gallitzin hat uns an Grillen gewöhnt, und ich begnügte mich, dem Nikita zu befehlen, wach zu bleiben und ſie zu jeder Stunde der Nacht einzulaſſen, zu welcher ſie kommen ſollte, wenn ſie auch noch ſo ungewöhnlich ſei.“ „Erſchreckt durch die Aufregung des Volks,“ ſagte ich,„hat ſie ohne Zweifel eine Zufluchtsſtätte in dem Hotel Vaudreuil geſucht!“ Tcherbatoff zuckte die Achſeln.„Es ſcheint mir, daß die Fürſtin eben ſo ſicher und bei weitem anſtän⸗ diger unter bem Dache der ruſſiſchen Geſandtſchaft Sewoynt hätte,“ ſagte der Attaché mit verächtlicher Miene. „Im Gegentheile, unter ſolchen Umſtänden gewährt Verborgenheit die meiſte Sicherheit.“ „Jedenfalls hat ſie für ſich ſelbſt geſorgt und, cie wir hoffen wollen, klug,“ fügte der Graf bei,„aber ich muß Ihnen nun nothwendiger Weiſe gute Nacht wünſchen. Sollten Sie etwas über die Fürſtin hören, ſo werden Sie mich durch deſſen Mittheilung verpflich⸗ ten. Wir könnten vielleicht von ihr in dem Hötel de Rouilly etwas erfahren,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Aber es wäre weniger als wünſchenswerth, für einen Angeſtellten bei der ruſſiſchen Geſandtſchaft, wenn er in Berbindung mit einer ſolchen Rebellenhöhle geſehen würde.“ Indem ich mir ſelbſt das Recht vorbehielt, Tcher⸗ batoff ſpäter wegen ſeines inſolenten Tons zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen, entfernte ich mich ſchnell, eilte die Treppe hinab und gelangte unter den größten Schwie⸗ rigkeiten hieher. Noch mehr Mühe erforderte es, den alten, ſchnarchenden Bertlet aus ſeinem Schlafe auf⸗ zuwecken. Ich glaube wahrhaftig, daß das Getöſe der Revolution, welches die Stadt in Schrecken ſetzt, die⸗ ſes abgelegene Quartier noch nicht erreicht hat. Ich hatte noch nicht Zeit, ihn ſelbſt über dieſen Gegenſtand zu befragen, denn alle meine Nachforſchun⸗ gen beſchränkten ſich auf die Familie. Die Gräfin war in Burgund, Graf Jules war im Dienſte zu St. Cloud; Graf Alfred ohne Zweifel in ſeinem Entreſol am Concordienplatze. Ich eilte dorthin. Der Herr Graf war ſeit dieſem Morgen abweſend; ſein Kammerdiener ſchien ſo beſorgt wie ich ſelbſt. Ich entſchloß mich nun, Alles zu uhe en, in dem Hotel de Rouilly mich zu erkundigen. Aber ich war durch die Anſtrengung und durch den Hunger nach meinem ermüdenden Marſche ſo erſchöpft, daß es ein meine Kräfte faſt überſteigendes Unternehmen war, den Faubourg de Roule erreichen zu wollen. Nicht ein Fiaker war zu haben. Als ich die porte cochéère endlich erreichte, er⸗ folgte auf mein Klopfen keine Antwort. Ich wieder⸗ holte es zum zweiten⸗, zum drittenmal, da öffnete ſich die Thüre ein wenig, und eine Hand wurde heraus⸗ geſtreckt, als wenn ſie eine Karte oder ſonſt ein be⸗ glaubigtes Zeichen erwarte. Ich hatte keines zu geben, benützte aber die Thürſpalte, um meine Fragen zu ſtellen. Alles was ich von der Antwort verſtehen konnte, war, daß ſich die Familie für dieſe Nacht zur Ruhe begeben habe und daß ſchon viele Wochen ver⸗ ſtrichen ſeien, ſeit die Frau Geſandtin das Hotel be⸗ ſucht habe. Wüthend vor Mißtrauen auf dieſe Verſicherung, bemerkte ich durch die Oeffnung Lichter in dem Hofe und ein halbes Outzend Wagen und Cabriolets ange⸗ ſpannt in demſelben. Mochte nun die Fürſtin da ſein oder nicht, ich war gewiß, daß eine von Rouilly's ge⸗ heimen politiſchen Sitzungen in dieſem Augenblicke ſtattfand. Während ich zögernd daſtand, welch' weitern Weg ich einſchlagen ſollte, kam ein Cavalerie⸗Detachement von den Barracken von Courbevoie herangaloppirt und fäuberte, wahrſcheinlich auf dem Wege nach der basse ville, die Straße. Lange ehe es an die porte cochère kam, wurde dieſe geſchloſſen, die Riegel wurden heftig vorgeſchoben. Alles was mir übrig blieb, war mit wunden Füßen und wundem Herzen nach dem Hotel de Vaudreuil zurückzukehren, in welchem ich Bertlet den Auftrag gegeben hatte, mich zu erwarten. Durch einen Schlaf von wenigen Stunden geſtärkt, beeile ich mich nun, Ihnen die Nachricht mitzutheilen, daß eine Revolution unbeſtreitbar im Fortſchreiten iſt, und daß die Fürſtin Gallitzin Paris verlaſſen hat. Ich habe ſo eben durch die Bedienten Alfreds die Ge⸗ wißheit erhalten, daß der Wagen, in welchem ſie die Geſandtſchaft verließ, der ſeinige war, und daß ſie nach Viry gefahren ſeien, um die Herzogin von Ra⸗ guſa zu beſuchen. Dort ſind ſie wenigſtens ſicher. Möge dieſer Brief Sie geſund treffen. Neunundſechszigſter Brief. Von Mademoiſelle Thereſe Moreau in Paris an den Fürſten Gallitzin in St. Petersburg. Es iſt mir eine qualvolle Pflicht, Euere Excellenz von dem unzlücklichen Laufe der Ereigniſſe in Kennt⸗ niß zu ſetzen, welche in Ihrer Familie ſtattgefunden haben, von den grauſamen Heimſuchungen Sie zu be⸗ nachrichtigen, welcpe der Himmel beliebt hat, dieſer —4, —,— —, Hauptſtadt zu ſenden. Mein Brief gelangt vielleicht nie in Ihre Hände. Das Schickſal der Stadt Paris, ja ſelbſt das Schickſal Frankreichs iſt immer noch un⸗ gewiß. Ich darf miich indeſſen nicht zurückhalten, dem Betragen, vielleicht dem Andenken Ihrer unglücklichen Gemahlin Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, da das Betragen des Herrn von Tcherbatoff gegen mich ſelbſt, als ich mich dieſen Morgen in der Geſandtſchaft ein⸗ fand, in mir die Furcht erregt, daß es auf eine ent⸗ ſtellte Weiſe zu Ihrer Kenntniß gebracht werden könne. Es iſt wohl nothwendig, meine Erzählung mit der Verſicherung zu bevorworten, daß die in dieſer großen Stadt ſo jung, ſo ſchön, ſo ohne alle Vorſorge, ganz allein zurückgelaſſene Fürſtin Gallitzin den An⸗ fang dieſes neuen ſchrecklichen Kampfes mit. außerordent⸗ licher Niedergeſchlagenbeit überblickte. Sie werden von Ihrer eigenen Dienerſchaft hören, wie ſehr ſie durch Warnungen und Ermahnungen von allen Par⸗ theien aufgeſchreckt wurde, bis ſie ſich entſchloß, bis zu Ihrer Zurückkunft eine Zufluchtsſtätte bei der Mutter der Baroneſſe von Rehfeld zu ſuchen. Der Vorſchlag hiezu ging von mir aus, und auf meine Bitte ent⸗ ſernte uns Graf Alfred de Vaudreuil bei der erſten offenen, gewaltthätigen Demonſtration in der Stadt aus dem Geſandtſchafts⸗Hotel, welches, wie wir über⸗ zeugt waren, eines der erſten Punkte ſein würde, welche vom Volke angegriffen würden. Ihre Excellenz ſetzte dem Plane bedeutende Schwierigkeiten entgegen, wurde aber endlich doch überredet, von mir, Luiska und dem Grafen begleitet, Paris zu verlaſſen. Aber ach, ihr langes Zögern, ihr Mißtrauen, ihre Schwäche, welche durch ein Fieber erzengt wurde, das in den letzten ſechs Wochen ihre Geſundheit untergrub, verurſachten das gänzliche Mißlingen des Unterneh⸗ mens. Ich weiß kaum, was ich ſchreibe: es fehlt mir der Muth, die ſchrecklichen Scenen deutlich zu beſchrei⸗ ben, von weſchen ich eben Zeuge war. Die empörte Stadt iſt ſchwerlich jetzt beruhigt, obwohl das Blut in den Straßen trocknet. Hunderte von Todten liegen unbeerdigt; Tauſende von Verwundeten füllen die Spitäler. Und ich habe dieſes Alles mit angeſehen! Eure Excellenz müſſen mir verzeihen, wenn ich ver⸗ wirrt zu ſein ſcheine.— Als wir das Hotel mit Herrn von Vaudreuil ver⸗ ließen, ſchien Ida, obwohl blaß und ſchweigend, von Verzweiflung über ihren Entſchluß erfüllt zu ſein. Und ſie hatte auch Urſache hiezu; denn da ſie von den Vorſichtsmaßregeln des Grafen, die er angewendet hatte, um die ſicherſten Wege zur Erreichung der ſüd⸗ lichen Barriere einzuſchlagen, nichts wußte, da wir dem Quai bis zum Pont Neuf folgten, wurden wir in eine Reihe von Fuhrwerken verwickelt, aus welchen wir uns nur dadurch herausmachen konnten, daß wir nach der Rue de Seine einbogen. Hier ſtießen wir auf eine Abtheilung Inſurgenten, welche den Wagen auf der Stelle umringten, ihn in Beſchlag nahmen, um ihn zur Bildung einer Barrikade zu verwenden. Bereits hatten ſie der Zügel der Pferde ſich bemächtigt, den Kutſcher zum Abſteigen gezwungen, und die Ein⸗ wendungen, ſo wie der Widerſtand des Grafen dienten bloß dazu, das Volk in größere Heftigkeit zu verſetzen. Die Fürſtin Gallitzin war die Erſte, welche die Nutzloſigkeit eines Widerſtandes erkannte und in uns drang, in das Hotel zurückzukehren, und da dieſe Men⸗ ſchen in ihrer Hitze und in ihrem Aufruhr ſo wüthend waren, wie ich es von menſchlichen Weſen nicht möglich geglaubt hatte, ſo waren wir gezwungen, unſer Vor⸗ haben aufzugeben und ſo gut wie möglich in das Ho⸗ tel zurück zu kehren. Aber in dieſem furchtbaren Ge⸗ dränge, ſo furchtbar, daß ich jetzt noch zittere, wenn ich daran denke, wurden wir getrennt. Ich ſah zuletzt die Fürſtin, als ſie, aus dem Wagen geſtiegen, blaß, halbtodt, zitternd an allen Gliedern, an dem Arme des 231 Grafen hing, der ſich mit Gewalt eine Bahn durch das Gedränge zu brechen ſuchte. Bereits hatte ſich ein Haufe dieſer wahnfinnigen Menſchen, allem Anſcheine nach durch das Aufregende ihres Unternehmens außer ſich, auf mich und Luiska geſtürzt und beſtand darauf, uns zu zwingen, in einen benachbarten Krämerladen zu gehen, um dort den ſchon verſammelten Weibsperſonen zu helfen, dreifar⸗ vige Kokarden zu fert'gen. Widerſtand zu leiſten war unmöglich, und irgend ein Zufluchtsort ſchien dem Ge⸗ dränge einer wogenden Menge vorzuziehen zu ſein. Da ich die Unmöglichkeit erkannte, mich mit der Fürſtin wieder zu vereinigen, da ich ſie unter ſolchen Umſtänden für ſicher hielt, indem ſie einen genügenden Beſchützer hatte, ſo gehorchten wir geduldig den Befehlen unſerer barſchen Geſchäftsherren und arbeiteten ſieben Stunden lang ununterbrochen gegen das Verſprechen, daß wir ſpäter unter ſicherem Geleite in unſere Wohnung ge⸗ bracht werden würden. Sie hielten ihr Wort. Es war aber zu einer frühen Stunde des Morgens, als ich die Geſandtſchaft erreichte. Truppen ſäuberten bereits die Straßen nach allen Richtungen, denn ſchon graute der verhängniß⸗ volle 28ſte. Euer Excellenz werden mein Gefühl beurtheilen, als ich von Nikita erfuhr, daß die Fürſtin noch nicht zurückgekehrt ſei. Ich ſchickte einen Boten nach dem Hotel de Vaudreuil, nach der Wohnung des Grafen Alfred; nirgends war eine Nachricht zu erhalten. Die Hoffnung, daß ſie Paris verlaſſen habe, war eine Un⸗ möglichkeit. Durch Geld konnte man ſich in dieſem Augenblicke kein Fuhrwerk zu dieſem Zwecke verſchaffen. Meine Botſchaft nach dem Hotel Vaudreuil ver⸗ ſchaffte mir indeſſen die Hülfe des Grafen Erloff, der gerade am Vorabende einer Revolution ganz gelegen gekommen zu ſein ſcheint. Er verlor keinen Augenblick, zu mir zu kommen, und als er genau den Platz von 232 mir erfahren hatte, an welchem ich von der Fürſtin getrennt worden war, machte er ſich auf der Stelle auf, um perſönliche Nachforſchungen anzuſtellen. Durch Elend und Müdigkeit erſchöpft, war ich in der That ſehr übel aufgelegt, als ich den beleidigenden Ton vernahm, mit welchem Herr von Tcherbatoff und andere Perſonen im Dienſte Eurer Excellenz meine Aufklärungen beantworteten. So ſehr erzürnten mich die bitteren Bemerkungen derſelben über meine unglück⸗ liche Ida, daß ich, als gegen Abend Graf Erloff nicht bloß ohne Nachricht von der Vermißten, vielmehr mit der Kunde zurückkehrte, daß die Hauptſtadt in einem ſolchen Zuſtande ſei, daß die Sache des Königs für verloren gehalten werden müſſe, ſeine Einladung, ihn nach dem Hotel de Vaudreuil zu begleiten, auf der Stelle annahm, allein aus dem Grunde, um von hier aus unſeré künftigen Nachforſchungen gemeinſchaftlich anſtellen zu können. Die Traurigkeit, die Verzweiflung dieſes hochbegabten jungen Mannes war die des treu⸗ ſten und zärtlichſten Bruders, als er die furchtbaren Scenen ſchilderte, die er mit angeſehen, und ſich vor⸗ ſtellte, was das Schickſal des unglücklichen Geſchöpfes geweſen ſein könne, welches wir beweinten. ie Hülfe, vie mir ſeine Anweſenheit gewährte, wurde und leider bald wieder geraubt. Der Graf verließ zu einer frühen Stunde das Hotel, um ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen, und von dieſem Augen⸗ blicke an hörte man nichts mehr von ihm. Wäre ein Unglück ihm zugeſtoßen, hätte die Fürſtin ein Unglück betroffen, ſo müßte einige Nachricht hier⸗ von zuverläſſig in das Geſandtſchaftshotel gelangt ſein. Bertlet, der in dieſem Augenblicke von dort zurückkehrt, bringt die Nachricht von dem vollſtändigen Erfolge der revolutionären Parthei und von der Einſtellung des Kampfes, verſichert aber, daß nicht eine Silbe über den Aufenthalt Ihrer Excellenz oder ihrer beiden Vet⸗ ter zu hören ſei. 233 Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Sie bie⸗ von zu benachrichtigen. Mein Brief gelangt vielleicht nie an Sie. Noch iſt es unmöglich zu beſtimmen, was die Refultate dieſer unheilvollen und grauſamen Ereigniſſe ſein werden. Siebzigſter Brief. Von dem Grafen Jules de Vaudreuil zu Rambouilet an die Gräfin de Vaudreuil zu Les Genets. Auf dem Punkte, der königlichen Familie nach Hädre zu folgen, habe ich, theure Gräfin, kaum die Kraft, den mir obliegenden traurigen Dienſt zu erfül⸗ len, Sie mit den betrübenden Folgen bekannt zu ma⸗ chen, welche die neuerliche Krifis für unſere unglückliche Familie gehabt hat. Wenn ich auch meinen Fürſten in den Tagen ſeiner Erniedrigung nicht vfrlaſſen habe, ſo erhebe ich nichts deſtoweniger mein eifriges Gebet zum Himmel: Gott, vergieb dem Könige! Die Miniſter veſſen, den ich ferner Charles X. zu benennen kein Recht habe, find dafür verantwortlich, daß ſie die Hauptſtadt mit Blut überſchwemmt haben, daß ſie Fa⸗ milien decimirten, die der Sache der Monarchie in Frankreich ſo treu ergeben waren. Gnädige Frau, ich habe meinen Bruder verloren! Alfred, unſer theurer und beweinter Alfred, fiel im Kampfe mit einer Horde von Räubern, welche ich mit dem Namen unſerer Landsleute nicht beehren will. Sein Leichnam wurde aus den Papieren erkannt, die er bei ſich trug; er lag unter denen der Officiere der königlichen Garde, welche bei dem Angriff auf den Louvre fielen. Sie, die Sie den ritterlichen Geiſt meines Bruders kennen, wird es nicht überraſchen, daß er ſeine Dienſte freiwillig da anbot, wo die Ge⸗ fahr am größten war, wo ſo viele von denen, die ſich ſelbſt Anhänger des Throns nannten, die dem Hauſe Bourbon für ihr Brod zu danken hatten, entweder in ihren Häuſern ſich verbargen, oder aus dieſer ver⸗ wünſchten Stadt flohen. Gegenwärtig habe ich den Muth nicht, mehr zu ſagen. Sie haben wahrſcheinlich ſchon von einer andern Seite her vernommen, daß an dem erſten Tage der Revolution die Fürſtin Gallitzin aus ihrem Hotel ver⸗ ſchwand, und daß ſeitdem nichts mehr von ihr gehört wurde. So reißend ſchnell war der Lauf der Ereig⸗ niſſe, ſo verwirrt war das Verfahren der ſich ſelbſt conſtituirenden Autoritäten, und ſo eilig die Beerdigung der Todten, in Folge des Zuſtandes der Atmosphäre, daß es mehr als wahrſcheinlich iſt, daß ſie als ein unſchuldiges Opfer fiel und bereits im Grabe liegt. Beten Sie für uns, theure Tante, um Vergebung für vergangene, um Verſchonung für zukünftige Uebel! Ach, ich habe ſelbſt kaum Kraft genug, um auf die getrübten Ausſichten Frankreichs zu blicken! Schluß. Revolutionen haben gleich andern Stürmen auch ihre Gränzen, jedenfalls raſen ſie ſich ſelbſt zu Tode. Zwei Jahre nach den„glorreichen Julitagen“ war jede Spur dieſer blutigen Kriſis in Paris verſchwunden. Die Gräber der Todten waren vergeſſen, eine neue Dynaſtie herrſchte in den Tuilerien, und ein neues Miniſterium, unter der Leitung des einſt liberalen Marquis de Rouilly, wurde unpopulär. Ein neuer Geſandter Rußlands regierte über die Malachit⸗Vaſen, und von ſeinem Vorfahren hörte man in Paris nichts, als daß er auf ſeinen Poſten ſeit ſeiner Entfernung vom kaiſerlichen Hofe nicht mehr zurückgerufen worden war. In Moskau verborgen, brachte er entweder ſeinen Wittwerſtand in gehöriger Trauer zu, oder er verzehrte ſich wegen ſeiner Ungnade in eigenſinniger Kaſteiung. Im Frühlinge des Jahres 1832, zu der Zeit, als die Cholera in Paris wüthete, begann die flüchtige Ariſtokratie dieſer glänzenden Hauptſtadt, die ſich ſchon wieder unter dem ſcharfſinnigen Einfluſſe der neuen Dynaſtie in höfiſcher Form vereinigte, plötzlich jene Inbrunſt der Zeiknirſchung und der Frömmigkeit zu zeigen, für welche in ſolchen Zeiten der Noth und der Gefahr auch die am wenigſten frommen Perſonen em⸗ pfänglich ſind. Die Kirchen und Beichtſtühle waren fortwährend mit Menſchen angefüllt, deren Kleider aromatiſche Ausſtrömungen um ſich her verbreiteten und die Angſt ankündigten, mit welcher man ſich ge⸗ gen Anſteckung ſchützte. Die heiligen Ceremonien konn⸗ ten nicht mehr bloß für die Todten verwendet, ſie mußten für die Lebenden verdoppelt werden. Die Tempel der Religion waren ſtets mit Weihrauch er⸗ füllt, die Altäre ſtets mit Blumen geſchmückt, und während die Leichenwagen ſchnell und faſt ununterbro⸗ chen durch die Straßen nach den Leichenäckern der Vorſtädte fuhren, erfüllten die Töne der Orgel die weiten Hallen von Notre Dame und St. Euſtache mit ununterbrochenen Hymnen und Bitten um Hülfe. In dieſem ſchrecklichen Augenblicke ſchienen auch die Leichtfinnigſten ſich ſelbſt wieder an ihre Pflichten zu frſſeln. Eines Abends, es war gegen das Ende des Mo⸗ nats Mai, und die Epidemie wüthete gerade am hef⸗ tigſten, fuhr die Equipage der alten Gräfin de Vau⸗ 236 dreuil an dem Thore des Kloſters in der Straße Foſſés St. Victor vor, zu welchem ſie in frühern Ta⸗ gen ſo oft ihre edle Enkelin begleitet hatte, und fiehe, aus demſelben ſtieg nicht die ehrwürdige Wittwe aus, ſondern die nun auch verwittwete Baronin von Reh⸗ feld, auf einmal eine Bewohnerin des Hotels de Vau⸗ dreuil, und ſchritt dem Sprachzimmer zu. „Ich komme, ehrwürdige Mutter,“ ſprach fie, in⸗ dem ſie ſich an die Aebtiſſin wendete und ihr die Hand ehrfurchtsvoll käßte,— eine Ehrenbezeigung, welche mehr der Tochter des edeln Hauſes von Montmorency, als der Oberin des Kloſters galt,—„ich komme, um einen ſchon zu lange vernachläſſigten Auftrag zu er⸗ füllen. Jemand, den ich in Ihrer Gegenwart nicht zu nennen brauche, eine Abtrünnige von unſerer hei⸗ ligen Kirche, hat mich für die letzten zwei Jahre be⸗ auftragt, einen Beitrag zu den Fonds des Kloſters, zur Förderung der mildthätigen Zwecke deſſelben, zu leiſten. Daher,“ fuhr ſie fort, indem ſie zwei Rollen von hundert Louisd'or nach und nach in den Almoſen⸗ fiock ausleerte,„daher habe ich mich furchtſam genabt, weil ich glaubte, Sie möchten vermuthen, daß ich meinen mütterlichen Einfluß nicht genügend geltend gemacht habe, um mich dem Abfalle meines unglück⸗ lichen Kindes zu widerſetzen. In einem Lande der Ketzer, ehrwürdige Mutter, und unter dem Einfluſſe der Familie ihres Mannes, während einer langen und hoffnungsloſen Krankheit wurde das Werk des Abfalls vollendet, ehe ich nur den geringſten Verdacht hinſichtlich dieſes Gegenſtandes hegte. In der entle⸗ genen Provinz, aus welcher ich nach dem Tode des Barons Rehfeld, eines Opſers der Undankbarkeit ſei⸗ nes Fürſten, nach Paris eilte, war ich ſo von Nach⸗ richten aus der civtliſirten Welt abgeſperrt, daß das Wohl meiner Kinder nur wie ein Traum vor mir ſchwebte. Lady Elvinſton ſiel von der katholiſchen Kirche ab, und mein Sohn lag viele Wochen ſchon 237 in dem Grabe, ehe ich von der Gefahr der erſtern, von dem Tode des letztern etwas erfuhr. Ich bitte Sie, ehrwürdige Mutter, nicht um Ihre Gebete für Marguerite; ſprechen Sie dleſe für deren Mutter, die nun kinderlos iſt, und laſſen Sie die ehrfurchtsvolle Dankbarkeit, die Ihrer guten Schweſterſchaft von der gewährt wird, deren Betragen in ihrem neuen Vater⸗ lande als ein Muſter der Vortrefflichkeit aufgeſtellt iſt, für die Entſchuldigung des Wechſels ihres Glaubens ſprechen.“ Einige freundliche Worte des Dankes gegen die edle Verbannte, untermengt mit den Ausdrücken herz⸗ lichen Bedauerns über das von ſeiner Heerde verirrte Lamm kamen über die ehrwürdigen Lippen der Su⸗ periorin.. „Ich liebte ſie ſehr,“ ſagte die ehrwürdige Mut⸗ ter,„und da ihr Betragen in ihrer neuen Stellung eben ſo muſterhaft wie in ihrer frühern iſt, ſo wird der Friede des Himmels mit ihr ſein und er wird ſie mit ſeiner unendlichen Gnade beglücken. Es iſt von Bedeutung, daß ſich auf eine ſo liebevolle Weiſe un⸗ ſerer ein Kind unſeres Hauſes erinnert, nach Jahren von Abweſenheit, Krankheit, Gefahr und beſonders dann noch erinnert, wenn es von den noch vielmehr hinreißenden Eitelkeiten einer glänzenden Welt, von welcher ſie einen Theil ausmacht, umringt wird.“ Noch einmal erkannte die Gräfin die Milde der Oberin an, noch einmal und dringender als zuvor empfahl ſie ſich ſelbſt und das Haus Vaudreuil den Gebeten der Schweſterſchaft. „Es wäre weniger als dankbar, dieſe Bitte ab⸗ zuſchlagen,“ entgegnete die Ehrwürdige, indem ſie ſah, daß Thränen den Augen derer entfielen, die bei der Vernichtung ihres Hauſes, bei dem Unglücke ihres Vaterlandes thränenlos geblieben waren.„Da ich ſehe, daß Ihrer Familie unſer armes Kloſter wegen der merkwürdigſten Büßerin und der frommſten Bete⸗ 238 rin verpflichtet iſt, die je innerhalb dieſer Mauern die Gnade des Himmels anflehte, ſo wäre es in der That undankbarl“. Die Hand der Frau von Rehfeld befand ſich ſchon auf dem Drücker der Thür des Sprachzimmers, indem ſie weggehen wollte; allein nun wurde ihre Rührung durch die Neugierde verdrängt. „In dem verhängnißvollen Augenblicke, in welchem die Schweſter Urſula Zuflucht in dieſen Mauern ſuchte,“ ſagte die Aebtiſſin, indem ſie bei der Erinnerung an dieſe Tage des Schreckens, die jetzt unrichtig die glor⸗ reichen genannt werden, ihre Augen zum Himmel er⸗ hob,„in jenem Augenblicke ſchien das Kreuz und der Altar am Vorabende des Umſturzes, der Thron war bereits geopfert, das Wort Clauſur war ein leerer Name! Alles, was wir erwarteten, war die Aufhe⸗ bung unſers heiligen Ortes und die Zerſtreuung un⸗ ſerer Schweſterſchaft, und als ich einem Weibe mit gebrochenem Herzen und heimathlos eine Zufluchtsſtätte gewährte, während ich ſie nur als eine Verwandte unſerer geliebten Marguerite kannte, war meine Ab⸗ ſicht bloß auf ein Werk der Barmherzigkeit gerichtet. Die Fürſtin Gallitzin war eine Proteſtantin; wie konnte ich hoffen, daß ſie zu unſerm Glauben über⸗ treten werde, eine unterwürfige Tochter unſers Hauſes werden wolle.“ Frau von Rehfeld, welche athemlos von Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Rede der Aebtiſſin gelauſcht hatte, war nun durch und durch erſchüttert. Ida noch am Leben? Die verlorene Fürſtin Gallitzin ein Inſaſſe dieſes Hau⸗ ſes? Ihre Thränen waren jetzt getrocknet; ihre Aus⸗ rufe unterdrückt. „Während ihres Noviciats, welches durch den ge⸗ wöhnlichen Zeitraum verlängert wurde, um ihr ge⸗ nügend Zeit zur Beſtärkung in ihrem neuen Glauben zu geben,“ fuhr die Aebtiffin fort,„war es das Ver⸗ langen unſerer guten Schweſter Urſula, daß das ſtrengſte 239 Geheimniß hinſichtlich ihres Zufluchtsortes obwalten ſolle. In Allem extrem, iſt ſie nun eben ſo enthu⸗ ſiaſtiſch in der Andacht, als ſie es zuvor in der Welt⸗ lichkeit war. Seit ihrem Profeſſe ſind einige Tage vorüber, und ſie iſt nun unwiderruflich eingeweiht; keine Einmiſchung, kein Einſpruch kann von nun an die Ruhe ihres Geiſtes ſtören.“ „Dies iſt das unerhörteſte, das außerordentlichſte Ereigniß!“ murmelte Frau von Rehfeld, abwechſelnd erſchreckt, unwillig und ungläubig.„Sie, die ich als todt beirauert hatte; ſie, deren Verſchwinden nebſt der Nachricht hierüber das Ende ihres Vaters beſchleunigte; ſie, von der der ganze Hof in St. Petersburg glaubt, daß ſie als ein Opfer des Schreckens der Juli⸗Revo⸗ lution gefallen ſei, ſie noch am Leben, geſund, eine Büßerin, eine Nonne!“ „Entſchuldigen Sie,“ unterbrach ſie die Aebtiſſin, „nicht der ganze Hof von St. Petersburg. Der Ge⸗ mahl unſerer armen Schweſter war von Anfang bis zu Ende von der Wahrheit in Kenntniß geſetzt worden und beruhigte ſich bei ihrer Beſtimmung über ihr Ge⸗ ſchick. Ohne dieſe Sanktion wäre unſer Verfahren illegal geweſen.“ „Giest inoui— je m'y perds!“ war der oft wiederholte Ausruf der ſtaunenden Baronin.„So kalt nahm er von Wilhelm von Rehfeld die Erbſchaft der armen Ida auf, nicht als ihr Gatte, nur als der, der ſie überlebt hatte. Wenn er mir nur die geringſte Ahnung, den geringſten Verdacht gegeben hätte!“ „Es war der ausdrückliche Wille der Schweſter Urſula, daß keine weltliche Einwirkung die Heiterkeit ihres Noviciats ſtören ſolle,“ unterbrach die Aebtiſſin. „Der Fürſt iſt in ſo ferne außer Schuld. In wie ferne die barſche Behandlung oder die ſchweigende Ver⸗ dammniß von ſeiner Seite und von Seiten ſeiner rach⸗ ſüchtigen Schweſter den Schritt dieſes unglücklichen Weibes mehr zu einem Akte der Verzweiflung, als zu nicht entſcheiden. Das aber kann ich, Kraft meiner eigenen Autorität bezeugen, daß die Pflege der Schwe⸗ ſter Urſula an dem Sterbebette des, Grafen Erloff ein Werk des Zufalls war, eine jener Tauſende von Epi⸗ ſoden, die aus den unglücklichen Excigniſſen einer Re⸗ volution entſtehen.“ „Die Fürſtin Gallitzin Pflegerin an dem Sterbe⸗ bette meines Sohns?“ rief die beſtürzte Baronin. Aeae wo werden dieſe erſchütternden Enthüllungen enden?“ —„In der Nacht, in welcher die Fürſtin verirrt und ausgehungert in dieſen Mauern um eine Zuflucht flehte, 44 entgegnete die Oberin,„war eine von unſern Schwe⸗ ſtern beſtimmt, die Verwundeten und Sterbenden zu pflegen, welche, da das Hotel Dieun überfüllt war, aushülfsweiſe in unſere Schlafzimmer gebracht worden waren. Ich habe vorhin geſagt, daß in jener Kriſis die Klauſur bloß ein Name war; wir waren zu glück⸗ lich, daß wir bei dem allgemeinen Unglücke der Ge⸗ ellſchaft unſere Exiſtenz dadurch erkaufen konnten, daß wir uns der Unterſtuͤtzung der Unglücklichen weihten. Eine Stunde nach dem Eintritte in unſer Haus bat die erſchreckte Flüchtlingin um die Erlaubniß, die weltlichen Kleider, in welchen ſie, zerlumpt und ent⸗ ftellt durch Gewaltthätigkeit, halb bewußtlos an un⸗ ſerer Thüre zuſammengeſunken war, mit den Kleidern des Noviciats vertauſchen zu dürfen. In dieſer Klei⸗ dung leiſtete die einſt hochmüthige Frau des Geſandten, die erſten Früchte ihrer Demüthigung, Hülfe bei der Pflege ver Verwundeten jeder Art, die unſerer Sorge anvertraut worden waren.“ „Und unter dieſen alſo,“ rief die Baronin, die Hände mit wahnſinniger Geberde ringend, aus,„unter dieſen war mein unglücklicher Sohn?“ „Er war nicht lange unter ihnen!“ entgegnete die Aebtiſſin, indem ſie demüthig die Arme guf ihrer Bruſt einem Akte der Ueberzeugung gemacht haben, kann ich 241 kreuzte.„Er war der erſte, den wir den Dienern des Todes übergaben.“ „Mein Sohn wurde alſo in eine jener Gruben geworfen, welche für die gottloſen Leichen der Juli⸗ Hirgenten gemacht worden waren?“ rief die Ba⸗ roneß. „Der Bruder der Marguerite Erloff wurde in den ruhigen Friedhof unſers heiligen Hauſes gebracht,“ er⸗ wiederte die Aebtiſſin würdevoll. „Kann ich nicht eine Unterredung mit meiner Stieftochter pflegen?“ bemerkte Frau von Rehfeld. „Für Schweſter Urſula hat die Verwandtſchaft dieſer Welt ein Ende!“ entgegnete die ehrwürdige Mutter.„Ich will ſie indeſſen mit Ihrem Wunſche be⸗ kannt machen.“ Die zehn Minuten, welche dieſer Botſchaft ge⸗ weiht waren, ſchienen der aufgeregten Baronin von endloſer Dauer; endlich wurde ihr durch die Aebtiſſin die Antwort überbracht; ſie war grauſam, abſchlägig. Die Schweſter Urſula hatte alle Verbindung mit dem Leben dieſer Welt abgebrochen. Sie bat um die Erlaubniß, die Aufregung ihres Geiſtes zu vermeiden, welche nothwendiger Weiſe aus einer ſolchen Zuſam⸗ menkunft hervorgehen mußte. „Zuletzt,“ rief die Baronin, mehr ärgerlich als betrübt,„zuletzt, ehrwürdige Mutter, geſtatten Sie⸗ mir noch, den Friedhof zu beſuchen und das Grab meines Sohnes zu ſehen!“ Als ſie zu dieſem Ende den Kloſtergarten durch⸗ ſchritt, in welchem die ſchlanken Acazienbäume in die⸗ ſem Augenblicke mit Blüthen überladen waren, unter denen ſich die weißbeſchleierten Penſionärinnen unter Auf⸗ ſicht ihrer ernſten Lehrerinnen beluſtigten, bot derſelbe gerade eine ſolche Scene dar, wie ſie viele meiner Leſer in dem Sommerſalone von Elvinſton Caſtle ge⸗ malt geſehen haben werden. Die Frau des Geſandten. UI. 16 242 Einige Jahre ſpäter, als Frau von Rehfeld die glücklichſte Gattin und Mutter in Schottland beſuchte und dieſes„Sommergemälde“ betrachtete, deſſen ge⸗ treue Zeichnung ſie bewunderte, zeigte ſie auf das Pförtchen, welches aus dem Garten nach dem Fried⸗ hofe führt, und enthüllte das traurige Geheimniß, wel⸗ ches hiemit in Verbindung ſtand. „Jedes Jahr, meine theure Marguerite,“ ſagte ſie,„wenn ich das Kloſter als Ueberbringerin Deiner jährlichen Wohlthaten beſuche, verweile ich an dieſem heiligen Orte und verrichte meine Gebete auf dem Grabe Deines Bruders. Niemals beſuchte ich es, ohne friſche Blumen auf dem Raſen zu finden, und mehr als einmal habe ich eine Schweſter bemerkt, die an ihm kniete, bei meinem Nahen ſich erhob und enteilte. Ich bin überzeugt, daß es Schweſter Urſula war. Dieſes Grab allein bildet ihre Verbindung mit der Vergangenheit; dieſes Grab iſt allein ihr weltlicher Troſt! Aber wer würde ſich jemals träumen laſſen, unter dieſem groben, ſchwarzen Gewande, unter die⸗ ſem düſtern Schleier die ehrgeizige Lilie von Rehfeld, die hochmüthige Frau des Geſandten zu finden?“ Ende. 8 *