deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliöthek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 9 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In einem der nördlichen Herzogthümer des deut⸗ ſchen Reichs, gleichviel ob Sachſen oder Heſſen, ſtand das herrſchaftliche Gebäude der Barone von Rehfeld; ein Gebäude, wunderbar berechnet eine der prunken⸗ den Landſchaften Rubens zu zieren, oder den Hinter⸗ grund der Jagdſtücke von Snyders oder Wouvermann zu ſchmücken. Schloß Rehfeld liegt in einer ſehr cultivirten Ge⸗ gend, und iſt nur durch einen Graben und einen ſtehen⸗ den Canal von den daſſelbe umgebenden Kornfeldern getrennt. Die Ebene iſt rings mit Wäldern umzogen, deren Birken⸗ und Buchen⸗Beſtand vor alten Zeiten den Baronen von Rehfeld die Jagdfreuden während jener acht Monate gewährte, in welcher die Pflichten der Kammerherrnwürde ſie nicht an den Hof in dem Städtchen riefen, welches wir, des Gebrauchs wegen, nach deutſcher Weiſe mit dem Titel einer Reſidenz be⸗ legen wollen. Das Wohngebäude des Schloſſes Rehfeld iſt von beträchtlichem Umfange, von zweihundertjährigem Alter, 8 aus kleinen, rothen Ziegelſteinen aufgeführt und mit Ouaderſteinen verziert. Daſſelbe behauptet, vermöge einer beſonders dichten Luft und der Regelmäßigkeit einer geordneten Wirthſchaft, bis zum heutigen Tage eine ſolche Friſche, als ob es blos auf der unſterblichen Leinwand des erwähnten Künſtlers exiſtire. Die Zeit hat an dem alten Hauſe wenig verändert, ſie gab ihm nur Barone, die ſich ſuccedirten, Wilhelme, Albrechte und Eberharde, als Beherrſcher, und fügte nach und nach ihre Portraits ſeiner Familiengallerie bei.— Innerhalb dieſer wenigen Jahre war das Fort⸗ ſchreiten der Civiliſation in ſeinen Anordnungen wenig bemerkbar. Seit Guſtav Adolphs Truppen das Ge⸗ biet kurz nach der Erbauung des Schloſſes verheert hatten, hatte ſich nichts verändert, und Alles war noch daſſelbe, als die Heere Napoleons beim Anfange jenes Feldzugs, welcher dem militäriſchen Rufe des faſt ganz militäriſchen Brandenburgs eine ſo dauernde Scharte verurſacht hat, daſſelbe durchzogen. Bei dieſer letztern Gelegenheit hatte jedoch das Haus von Rehfeld ein ſchreckliches Blatt in ſeinen An⸗ nalen vollzuſchreiben. Die junge Baroneſſe, auf dem Punkte, zum erſtenmal Mutter zu werden, wurde durch dieſen erſchütternden Vorfall und den Lärmen, der die monotone Ruhe dieſer ſtillen Einöde ſo ſeltſam ſtörte, ſo ſehr ergriffen, daß derſelbe Courier, der vor zwei Tagen in die Reſidenz geeilt war, um dem Grafen, welcher ſich dort in Verrichtung ſeiner Funktionen bei dem Großherzoge befand, die freudige Botſchaft zu bringen, daß er Vater einer Tochter ſei, ſeinen Weg nun wieder dahin nehmen mußte, um die Nachricht zu überbringen, daß der Körper ſeiner geliebten Agnes bereits im Sarge liege. Dies war ein zweifacher Schlag. Der Baron hatte ſeine Hoffnung auf einen Erben geſetzt, und obgleich er der letzte Mann auf Erden war, der ſich durch einen ſolchen Anhängſel hindern ließ, ſo war er doch Witt⸗ 9 wer und Vater eines Mädchens! Dieſes veranlaßte ihm einen großen Schmerz. Er wußte kaum, was er mehr beklagen ſolle, den Tod ſeiner Gattin, oder daß ſein Kind am Leben geblieben. Der Baron von Rehfeld war ein ernſter und thä⸗ tiger Mann, der nichtsdeſtoweniger aus Liebe gehei⸗ rathet hatte. Die meiſten Menſchen, ſogar auch die von pedantiſcher Natur, zeigen einmal im Leben einige ſchwächere und zartere Punkte, gleich der verwund⸗ baren Ferſe des Helden, dem thönernen Fuße des me⸗ tallenen Götzen. Der Baron, obwohl ſtolz auf ſeine zweiundzwanzig Ahnen, die einen Mann würdig ma⸗ chen, in den Annalen von Regensburg aufgezeichnet zu werden, hatte ſeine Gattin aus der Familie eines einfachen Verkünders des Evangeliums der lutheriſchen Kirche gewählt. Er beſaß jedoch nicht die unerläßliche geiſtige Stärke, um eine ſolch' unabhängige Wahl ſtandhaft zu verfechten. Der unbeſtändige Mann gab bald, und zwar ſowohl der Welt, als ſeiner Frau zu verſtehen, daß er blos vermöge einer Capitulation mit dem Prin⸗ cipe die Vorurtheile ſeiner Kaſte bei Seite geſetzt habe. Von dem Augenblicke ihrer Vermählung an trennte er die arme Agnes ſtrenge und unerbittlich von ihrer Familie, und nach der ſteifen und formellen Vorſtellung bei Hofe, welche die Güte ſeines Fürſten, deſſen Günſtling er war, gefordert hatte, führte er ſie auf das Schloß Rehfeld und confinirte ſie da, wäh⸗ renn er ſeine officielle Laufbahn in der Reſidenz ver⸗ olgte. Obgleich das eheliche Leben der Baronin nicht viel länger, als ein Jahr gedauert hatte, ſo war daſ⸗ ſelbe doch ſchon durch manchen dunkeln Augenblick ge⸗ trübt worden. Das junge Herz, aus der Mitte einer ſo liebevollen Familie geriſſen, welkte in dem freude⸗ leeren, einſamen Hauſe dahin. Ihre Liebe für ihren Gemahl, der hinſichtlich des Standes hoch über ihr 8 7 10 ſtand, war mit Furcht gemiſcht, und da man ſie wäh⸗ rend der letzten drei einſamen Monate, die ihrer Ent⸗ bindung vorangingen, mitten unter den Schrecken des Kriegs allein zurückgelaſſen hatte, um ihren Haushalt zu ſchützen, wurde ſie nach und nach an Geiſt und Körper ſo geſchwächt, daß der Tod einen leichten Kampf mit ihr hatte. Obwohl erſt neunzehn Jahre alt, ergab ſich Agnes doch ſo lebensmüde in das Sterben, als ob ſchon fiebzig Jahre über ihr Haupt hingegangen wären. Der alten Amme, welche ſchon über ſeine Kindheit gewacht hatte, und die, obgleich fünfzig Jahre alt, noch ſo thätig wie ein Mädchen war, übertrug der Baron die Pflege ſeiner kleinen Tochter. Er war vielleicht auch nicht ganz ohne Hoffnung, daß in eini⸗ ger Zeit ein kummervoller Brief Sara's ihn benach⸗ richtigen werde, daß das ſchwächliche Kind ſeiner jun⸗ gen Mutter in das Grab nachgefolgt ſei. Aber je weniger ſeine Gefühle zärtlich waren, deſtomehr gedieh der kleine Pflegling, und als fünf Jahre ſpäter die Segnungen des Friedens dem Barone, der nun dreißig Jahre zählte, erlaubten, die Jagdzeit auf ſeinem Gute zuzubringen, war das erſte, was ihm bei ſeinem Ein⸗ tritte in die ſchönen, alten Hallen auffiel, ein kleines ſchönes Mädchen mit langen blonden Locken, die bei⸗ nahe bis an die Füße hinabreichten. Der Baron würde ſich verſucht gefühlt haben, vor ihm nieder zu fallen, und es als ein höheres Weſen zu verehren, hätte nicht die alte Sara das liebliche Kind aufgefordert, den Segen ſeines Vaters zu erbitten. In einem Augenblicke lag Ida in den Armen ih⸗ res Vaters, und er ſchien von jenem Tage an ſeinen Gram über das Geſchlecht ſeines Nachkommen abzu⸗ ſchwören. Das Mädchen war von ſo merkwürdiger Schönheit, daß es ſogar für einen Fremden ſchwer geweſen wäre, ſich nicht durch ihre Harmloſigkeit an⸗ gezogen zu fühlen. Dies war um ſo mehr bei ihn 11 der Fall, da jeder ihrer Züge an Agnes erinnerte, an das einzige Weſen, das er jemals geliebt hatte, und da ſie ihn mit zärtlichen Benennungen und Liebkoſun⸗ gen überhäufte, die ſowohl ſeinem Ohre, als ſeinem Herzen fremd geworden waren. Es bedurfte keiner großen Bemühung von Seiten der anhänglichen Sara, das Kind zu einem Gegenſtande der tiefſten Neigung für den Baron zu machen. Bald wurde es in der Umgebung und auch ſogar unter den Dienern bemerkt, daß keine Gunſt erlangt werden konnte, außer durch die Vermittlung des klei⸗ nen Mädchens. Das Tagewerk der unſchuldigen Ida beſtand daher aus fortwährenden Fürbitten. Sie hatte die Schuldigen zu vertheidigen und die Unglücklichen zu beſchützen. Obgleich kaum fähig zu ſprechen, war ſie doch ſchon eine einflußreiche Perſon. Wie er ſich einſt, ein hartherziger Mann, der Beherrſchung ſeiner zärtlicheren Natur hingab, ſchien er jetzt ſolſ darauf zu ſein, ſich zu einem größern Sklaven, als andere Leute zu machen. Rehfeld ſchien zu prahlen, ihn der Laune ſeines ſchönen Kindes unter⸗ worfen zu haben, und Ida war ſo ganz verzärtelt, als wenn ſie nicht das Kind eines Mannes geweſen, der ſich ſeiner Gattin geſchämt hatte und mit der Toch⸗ ter, die ſie ihm geboren, unzufrieden geweſen war. Seine Landnachbaren, ja ſogar ſeine Hoffreunde und Verwandten, die gelegentlich aus der Reſidenz mit ihm kamen, ahmten ſeine Bethörung für jenes überirdiſch ausſehende Weſen nach, welches in dieſer Einſamkeit gleich einem Geiſte des Friedens umher⸗ wandelte. Bis ſie fünfzehn Jahre alt war, hatte Ida von Rehfeld noch nie das alte Haus verlaſſen. Von dem Paſtor des Dorfes empfing ſie allen Unterricht, den die alte Sara nicht zu geben im Stande war; und ſeltſamer Weiſe war die Erziehung jenes ſchönen Mädchens beinahe ganz dieſelbe, wie die 12 welche ein junger Baron, wären ihres Vaters Gebete um einen Sohn erhört worden, erhalten haben würde. Der ehrwürdige Jäger, der ſchon ihres Vaters Lehrer war, lehrte auch ſie reiten und ſogar das Gewehr und die Armbruſt gebrauchen; während Herr Voſſius ihr einen ſo großen Theil von klaſſiſcher Gelehrſamkeit mittheilte, daß es wahrſcheinlich die Hülfe eines Stockes oder beträchtliche Anwendung der Ruthe erfordert ha⸗ ben würde, um ihn dem Kopfe eines jungen Baron's einzugießen. Jeden Sommer kam der Baron auf das Schloß und brachte neue Muſikalien, neue Bücher, neue Tapeten, neue Tändeleien mit, und war entzückt zu bemerken, daß der Unterricht des Kapellmeiſters, welcher ihn begleitete, ſo weit gediehen war, daß er ihr einen vortrefflichen Muſiker hier laſſen konnte. Ida war jetzt ein ſchönes Mädchen, ein Mädchen, welches ihn beinahe mit ſich ausſöhnte, nicht ein Knabe zu ſein; und wenn auch ein wenig eigenfinnig, ſo war ſie es doch nicht mehr, als man von einem Mädchen erwarten konnte, welchem erlaubt war, eine ſo unumſchränkte Herrſchaft in ihrem Haushalte zu üben, wie ſie ſtets zu thun⸗ gewöhnt war. Das hübſche Fräulein hatte kaum ihr fünfzehntes Jahr erreicht, als, indem ſie einſt der Ankunft ihres Vaters wegen des Anfangs ſeiner herbſtlichen Jagd⸗ vergnügen voll Sehnſucht entgegen ſah, ein Brief ihres Vaters ſie benachrichtigte, daß er diesmal an⸗ ſtatt von ſeinen gewöhnlichen Freunden begleitet zu werden und wie ſonſt einige Wochen auf dem Schloſſe zu verweilen, nur eine einzige Perſon mit ſich brin⸗ gen, und auch nur einen Tag bleiben würde. Zum erſtenmal ging ſeinem Beſuche kein Bagagewagen, kein Küchewagen, kein franzöſiſcher Koch, keine Silber⸗ kiſte— und nichts von den gewöhnlichen Ankündigun⸗ gen der Feſtlichkeit voran. Einige wenige Bücherkiſten und Muſikinſtrumente an„Mademoiſelle Thereſe Mo⸗ reau“ adreffirt, waren die einzigen Vorläufer ſeiner — 13 Annäherung. Das Geheimniß wurde bald enthüllt. Der Baron von Rehfeld hatte eine diplomatiſche Sen⸗ dung an den Hof in St. Petersburg angenommen; und da er ſogar auf die Geſellſchaft ſeines einzigen Kindes verzichtet hatte, damit ſich deſſen Conſtitution in der Jugend durch eine reinere Luft, als die in der Reſidenz, befeſtigen möchte, war er jetzt nicht Willens, ſie den Gefahren eines rauhen Klimas und einer plötz⸗ lichen Entfernung von ihrem Vaterlande auszuſetzen. Es war nicht wahrſcheinlich, daß er länger als zwölf Monate abweſend ſein würde, und deshalb beſchloß er, Ida unter der Aufſicht des Herrn Voſſius auf Schloß Rehfeld zu laſſen, deſſen Wohnung nur einige hundert Schritte von der ſeiner Tochter entfernt war. Der Baron ließ jedoch auch nicht unbeachtet, daß das nächſte Jahr von beſonderer Wichtigkeit für ein Mädchen ſein würde, das ſo einſam wie ſeine junge Erbin erzogen wurde.— 3 Die hohen Auszeichnungen, auf welche ſie ſpäter bei Hof Anſprüche machen könnte, ließen es ihm un⸗ umgänglich nothwendig erſcheinen, daß ſie weder eine Pedantin, noch ein Bauernmädchen werde, und um den Uebelſtänden zu begegnen, welche er plötzlich, als aus der Oberaufſicht des Herrn Voſſius und der alten Anna entſtehend, wahrnahm, erhielt er von Paris durch die Verwendung der Gattin des franzöſiſchen Geſandten in**ee eine Gouvernante von mittleren Jahren und großen Vorzügen, die während ſeiner Abweſenheit die Gefährtin des Fräuleins von Rehfeld werden ſollte. Eine Verfügung, welche, der Meinung der alten Sara nach, Beleidigung auf Beleidigung häufte! Daß ſie nicht bloß zurückgelaſſen, ſondern auch der Obhut einer Gouvernante übergeben wurde, war eine Beſchimpfung, welche die alte Amme dem Barone ſchwer verzieh. Als jedoch ihr Herr erſchien, verwandelte ſein gewöhnlicher Einfluß über ſie die rebelliſchen Gefühle ihrer Seele bald in Unterwerfung, während die Gou⸗ vernante der„Mademoiſelle Thereſe“ bewies, daß ſie eine ſo muntere, angenehme und geſellſchaftliche Per⸗ ſon ſei, daß es ſelbſt dem wunderlichſten alten Weib der Welt ſchwer fallen würde, einen Streit mit ihr zu bekommen. Da ſie ihr Leben mit Erziehen in einer oder zweien der erſten Familien Frankreichs zugebracht hatte und auf dieſe Weiſe gewöhnt war, widerſpenſtige Geiſter zu unterwerfen, ſo fand ſie auch wenig Schwierigkeit darin, aus der vorurtheilsvollen, alten deutſchen Amme eine Verbündete, und aus der wilden, aber anmuthigen und verſtändigen Ida einen fröhlichen und viel ver⸗ ſprechenden Zögling zu machen. 3 Obgleich Fräulein von Rehfeld die Abreiſe ihres Vaters für eine ſo lange Trennung mit dem tiefſten Schmerze erfüllte, ſo wurden doch ihre Thränen durch die freundlichen Bemühungen ihrer neuen Geſellſchaf⸗ terin bald geſtillt; und ſie begann, die Weisheit des Barons anzuerkennen, ihr einen ſolchen Erſatz für ſeine Geſellſchaft gegeben zu haben. Der Unterricht, welchen Ida zu empfangen hatte, war meiſtens oberflächlicher Natur. Der Grund einer ſoliden Erziehung war zu ſorg⸗ fältig von dem Paſtor gelegt worden, um einen Ver⸗ ſuch der Einmiſchung von Seiten der franzöſiſchen Gou⸗ vernante zuzulaſſen, der ihr Zögling als ein Wunder der Gelehrſamkeit erſchien. Aber die ſchöne Deutſche hatte tauſend geringfü⸗ gige Fragen zu ſtellen, deren Beantwortung Mademoi⸗ ſelle Thereſe eben ſo unterhaltend war, wie ihrer lie⸗ benswürdigen Schülerin, und ſo groß war der Fleiß der jungen Einfiedlerin, daß, als ſie das erſtemal über ihre Unvollkommenheit in den gewöhnlichſten Fächern der weiblichen Erziehung unterrichtet wurde, ſich die gutmüthige Thereſe Moreau kaum überreden konnte, daß die Früchte, welche ſie ſo ſchnell der Reife zueilen ſay, durch ihre eigene Lehren erzeugt worden ſeien. eAA BS 2 — — 15 Unglücklicher Weiſe machte ſie jedoch eben dieſe Weichherzigkeit zu einer untauglichen Erzieherin für Ida von Rehfeld. So bedeutend auch der Einfluß ihrer anmuthigen und feinen Sitten auf die Gewohn⸗ heiten der lieblichen, aber ungebildeten Erbin war, ſo gab doch die unverholene Bewunderung von Ida's Talenten der Eitelkeit ihrer Schülerin eben ſo reiche Nahrung, als die Unterthänigkeit der alten Amme und die Verehrung des Paſtors verhängnißvolle Anregun⸗ gen ihres Stolzes geweſen waren. Von dem alten Voſſius, wurde ſie wie eine Göt⸗ tin verehrt— von Sara wie eine Königin, und die Untergebenen ihres Vaters, welchen ſie durch manchen Akt der Gnade zu ihren Gunſten theuer geworden war, umringten ſie mit Verſicherungen ihrer Unterwür⸗ figkeit. Ihr Stolz auf ſie ſelbſt paßten eher für den Stellvertreter ihres Vaters, als für eine Tochter des Hauſes von Rehfeld, welche als das größte Weſen, das ſie jemals gekannt hatte, eine größere Herrſchaft nach öre Schätzung beſaß, als die ſchöne und talentvolle a Er war von ſolcher Beſchaffenheit, daß er ſich leicht in Ehrgeiz hätte verwandeln können, aber es ſchien nicht wahrſcheinlich, daß er in eine gemeinere Schwäche ausarten würde. Sara, ein Glied der Familie, hatte von der erſten Stunde an ihrem Pfleglinge Begriffe von deſſen Ein⸗ fluſſe und ihrem eigenen Werthe eingepflanzt, und ſo⸗ gar Mademoiſelle Thereſe, obgleich ſie in ihrem Her⸗ zen ſelbſt den Hof des ſächſiſchen Herzogthums als einen rein provinciellen, und ſeine Reſidenz weit unter einem Hoôtel in der Faubourg St. Germain ſtehend betrach⸗ tete, hatte noch keine ſechs Wochen auf Schloß Reh⸗ feld verweilt, als auch ſie ſchon die Vorurtheile der übrigen Hausgenoſſen zu theilen ſchien, daß die Tochter des Barons nur bei Hof vorgeſtellt werden dürfte, um die Augen ganz Europa's gegen den von nun an ver⸗ 16 edelten Theil des heiligen römiſchen Reiches auf ſich zu richten! Der Noman der Stellung ihres Zöglings im Leben, und das Eigenthümliche ihrer Erziehung war in den Augen einer Perſon, die lange in dem bunten Durcheinander des Pariſer Lebens verſtrickt geweſen, nicht ohne Reiz. Alles war neu, fremd und ergreifend für ſie in jenem dunkeln, alten Schloſſe; und während es zu ihrer Gouvernanten⸗Kurzweil in den langen Winterabenden diente, der nur zu aufmerkſamen Ida die Herrlichkeiten und Reize ihres eigenen, glänzende⸗ ren Vaterlandes zu ſchildern, war es ihr nicht leid, gelegenheitlich in den Schilderungen der vergnügten Soiréen in dem Hotel de Choiſy, wo ſie die letzten fünf Jahre zugebracht hatte, durch die feierlichen Ein⸗ ſchaltungen, mit welchen Sara an den Abendunterhal⸗ tungen Theil nahm, unterbrochen zu werden. Dieſe betrafen jedoch die Kriege Deutſchlands, die Größe ſei⸗ ner Baronen, und vor Allem die Tapferkeit und Würde der Vorfahren des ſchönen Mädchens, das, obgleich ſei⸗ ner Herrſchaft ſich bewußt, noch geduldig und aufmerk⸗ ſam lauſchend an ihrer Seite ſaß. Zweites Kapitel. Die menſchlichen Verhaͤltniſſe erheiſchen das Regieren! So klein auch das Koͤnigreich ſei, ſo unbedeutend die Krone, man will doch im⸗ mer regieren. Champfort. Bald waren nun ſchon zwei Jahre entſchwunden, und noch hielt die vorſichtige Entfaltung der diploma⸗ 17 tiſchen Verhandlungen den Baron von Rehfeld an den Hof von St. Petersburg gefeſſelt. Hätte er eine ſo lange Abweſenheit vermuthet, ſo würde ſeine Tochter ohne Zweifel ſeine Begleiterin ge⸗ weſen ſein. Die Gefahren einer ſo langen Reiſe wür⸗ den ihr in der That weit weniger geſchadet haben, als ihre eigenthümliche Lage zu Hauſe. Schmeichelei iſt der Jugend ſtets gefährlich, und beſonders, wenn ihren ſüßen Salbungen nicht das Gleichgewicht durch rau⸗ here Lehren erhalten wird, iſt das Uebel unheilbar. Ida von Rehfeld wurde nie anders, als mit bewundernden Augen betrachtet, und immer nur von ſchmeichelnden Zungen angeredet. Sie hatte keine Geſellſchafterin ihres Alters, die durch Spott oder Vorwurf ihren mädchenhaften Eigendünkel ſchwächen, oder die beſſeren Gefühle ihres Herzens durch Freundſchaft oder Liebe hätte hervor rufen können. Ihr Leben war ein Leben der Herrſchaft über ihre Mitgeſchöpfe; die ſicherſte Art, ihren Geiſt und ihre Stellung unter ihren eigenen Stand zu ſetzen. Man kann ihr jedoch leicht verzei⸗ hen, daß ſie glaubte, der kleine Zirkel, der ſie umgab, ſei einzig für ihren Gebrauch und zu ihrem Nutzen geſchaffen, denn er äußerte ja auch kein anderes Ziel und Streben. Indem ſie ſogar ſtolz und rückſichtslos wurde, war es nicht ganz ihre Schuld. Neben dem Graben, der das alte Schloß umgür⸗ tete, befand ſich eine große Terraſſe, auf welcher an ſonnigen Frühlingsnachmittagen dem glücklichen Mäd⸗ chen geſtattet war, ungeſtört Bewegung ſich zu machen, während Mademoiſelle Thereſe ſich ihrer Sieſta hin⸗ gab, welche die unzeitige Mittagsſtunde des von alten Gebräuchen nicht abweichenden Deutſchlands unum⸗ gänglich nothwendig machte, oder ſich mit den franzö⸗ ſiſchen Zeitungen unterhielt, die die Güte des Barons ihr fleißig zu ihrer Unterhaltung von Petersburg zu⸗ ſandte. Die Frau des Geſandten. 1. 2 — 18 An dieſem Platze verkehrte nun Ida mit ſich ſelbſt. Während die Lüfte, welche von dem Walde über die Ebene herwehten, ihre Wangen erfriſchten und ihre Schritte beflügelten, erwachte die Seele in ihr allmä⸗ lig mit neuer Lebhaftigkeit. Die Folge hievon war, daß, als eines Tages Mademoiſelle Thereſe eben ihr Erſtaunen über die unermüdete Thätigkeit ihres theu⸗ ren Kindes ausdrücken wollte, Ida in Klagetöne aus⸗ brach, welche die Gouvernante beinahe ſo ſehr über⸗ raſchten, als wenn ſie von den ſteinernen Löwen ge⸗ kommen wären, die der Reihe nach auf der Terraſſe aufgeſtellt waren, um die Wappen des Hauſes von Rehfeld zu tragen. 5 „Meines Vaters Brief von dieſem Morgen gibt einen glänzenden Bericht von den Feſtlichkeiten, die an dem Geburtstage des Kaiſers gegeben wurden lu ſprach ſie.„Als wenn ich des Lebens nicht hinlänglich müde wäre, das ich hier führe, um es mir durch den Contraſt mit ſeinen brillanten Gemälden eines Lebens am Hofe noch verhaßter zu machen!“ Die Gouvernante antwortete, wie es die Pflicht der Gouvernanten iſt, in ſolchen Fällen zu erwiedern, daß die Zeit kommen würde, in welcher ihr theurer Zögling ihrem Vater dankbar ſein würde, die Periode ihrer Erziehung verlängert, und ſte von aller Theil⸗ nahme an den Scenen der geräuſchvollen Welt zurück⸗ gehalten zu haben, bis ſie in einem Alter ſei, um ihrem Einfluſſe zu gleicher Zeit ſich hingeben und widerſtehen zu können. „Die Zeit mag wohl kommen, aber ſie iſt jett nicht da!“ rief Ida ungeduldig.„Ich bin dieſes Platzes müde!— Ich bedarf den Anblick neuer Gegenſtände — ich bedarf den Ton friſcher Stimmen!— Ich bin jetzt bald ſiebenzehn Jahre alt, und ſeit Jahren habe ich blos Bauern und Diener geſehen. Ehe Sie, ma bonne, hieher kamen, genügte mir Alles. Meine arme, gute Sara und der freundliche Herr Paſtor entſprachen 19 meinen Begriffen von Liebe und Geſellſchaft. Aber Sie haben mir einen Geſchmack für beſſere Dinge ein⸗ gepflanzt. Alles, was Sie mir von Frankreich, den brillanten Geſellſchaften in Paris und von dem Leben, welches gewöhnlich von den Damen Ihres eigenen Landes geführt wird, geſagt haben, hat mein Intereſſe dafür ſo ſehr erweckt, daß ich anfange, dieſes einſamen Platzes überdrüſſig zu werden. Sehen Sie,“ ſprach ſie und hielt plötzlich inne;„ſeit beinahe ſiebenzehn Jahren habe ich keinen andern Gegenſtand zu betrach⸗ ten, als die Thurmſpitze, welche durch die Bäume jenſeits blickt, und die undurchdringlichen Wälder, die dort drüben die Hügelreihen begränzen.“ „Eine reizende Landſchaft!“ murmelte Mademoi⸗ ſelle Moreau, durch deren unwillkührliche Aeußerungen des Abſcheues bei ihrer erſten Ankunft das Fräulein wahrſcheinlich zu dem Bewußtſein der Langweiligkeit dieſes Ortes erwacht war. „Aber was trägt dazu bei, das Herz zu feſſeln oder zu erheben?“ rief Ida.„Nichts; hätte meine arme, theure Mutter gelebt, oder hätte ich eine jüngere Schweſter beſeſſen, die mit mir erzogen worden wäre, ſo würde uns der Reiz früherer Erinnerungen jeden Gegenſtand um uns her theuer gemacht haben. Aber meine Kindheit war freudenlos, und mein Vater ſollte dies erwägen, indem er mir in ſo glänzenden Farben die Feſtlichkeiten von St. Petersburg ſchildert, an welchen ich, wie er wohl weiß, vermöge meines Alters . Theil nehmen könnte!“ Mademoiſelle war ein wenig beleidigt, ein wenig gekränkt. Die plötzliche Forderung der Unabhängigkeit der Meinungen von Selten ihres Zöglinges ließ ſie bereuen, Fräulein von Rehfeld's trockene Unterrichts⸗ ſtunden ſo frühe mit Erzählungen von den fröhlichen Geſellſchaften, die ſie bei der Gräfin de Choiſy mitge⸗ macht hatte, deren Tochter ſie Lehrerin geweſen war, gewürzt zu haben. Alles, was ſie jedoch thun konnte, um ihrem Herrn Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, war, auf eine Vertheidigung der Politik des Monſieur le Baron einzugehen, wobei ſie ſich ſtillſchweigend vor⸗ nahm, insgeheim an ihn zu ſchreiben, und ihn mit der Sehnſucht ſeiner lieblichen Ida nach der Wiedererlan⸗ gung ſeiner Geſellſchaft und der Einführung in die große Welt bekannt zu machen. Wäre ihre Schülerin nicht eine Proteſtantin gewe⸗ ſen, würde Mademoiſelle Thereſe den kürzeren Weg gewählt und ſie bei ihrem Oberaufſeher verklagt ha⸗ ben. Aber ſie war zu gut mit der Umſtändlichkeit des würdigen Voſſius bekannt, um ſeine Hülfe beim Ver⸗ beſſern dieſer Frucht der jugendlichen Eitelkeit ihres gemeinſchaftlichen Pfleglings aufzufordern. Sie ver⸗ muthete nicht, daß die Langweiligkeit des Schloſſes Rehfeld durch eine erträgliche Predigt des Paſtors in Ida's Augen vermindert werden würde. Mittler Weile ſchwächte jedoch die Ungeduld der fich entfaltenden Schönheit nicht den Stolz ihres Cha⸗ rakters. Ihr Weſen wurde zerſtreut und unbefri digt; — jede neue Depeſche, welche Nachrichten von den Er⸗ götzungen brachte, bei denen ihr Vater eine Rolle ge⸗ ſpielt hatte, diente nur dazu, ihre Unzufriedenheit zu vermehren.. „Der Kaiſer hat, wie Sie ſehen, den Ball bei der Großfürſtin Helena mit der Tochter des franzöſi⸗ ſchen Geſandten eröffnet!“ ſprach ſie.„Wäre ich, chere bonne, mit meinem Vater geweſen, ſo hätte auch ich die Vergnügungen und Ehren des Abends theilen können.“ „Aber die Menge, die Schauſtellung und Aufre⸗ gung einer ſolchen Scene, mein armes Kind!“ ent⸗ gegnete Sara, die zufällig dieſe Aeußerung hörte. „Sie würden Sie auf den Tod erſchreckt haben!“ „Warum ſollte ich mehr erſchrocken ſein, als die Tochter des Grafen St. Guillome?“ fragte Ida.„Mein Vater ſcheint geneigt zu ſein, meine Schüchternheit 21 und Ungebildetheit für einen Antheil an ſolchen Scenen in Folge der ſchrecklichen Einſamkeit, zu der ich ver⸗ dammt bin, untauglich zu finden. Jedoch weit ent⸗ fernt davon, bei der Ausſicht, für immer in eine Welt von Feſten und Vorſtellungen zu treten, ein beengendes Gefühl zu hegen, fühle ich im Gegentheil, daß das Leben in einer Atmosphäre gleich der, die Sie mir mit ſo hellen Farben geſchildert haben, doppelt werth ſein würde, gelobt zu werden. Ich wurde nicht ge⸗ ſchaffen, um mit Wäldern und Strömen zu verkehren. Ich bedarf Freunde, um zu ihnen„ und Bekannte, um von ihnen ſprechen zu können. Ich verlange Alles das, was, wie Sie mir erzählt haben, dem Hotel de Choiſy Reiz verleiht.“ ieder wünſchte nun die arme Gouvernante min⸗ der geſprächig geweſen zu ſein. Es iſt wahr, daß ſie ſch während der einſamen Winterabende mehr an ihr früheres Leben erinnerte, um ihre eigene Langweile durch dieſes Zurückblicken zu tödten, als um Ida zu belehren und zu beluſtigen, und ſo ſehr hatte ſie ſich in die Schilderungen der muntern Geſellſchaften und eleganten Publicität des pariſer Lebens verloren, daß ſie das Strahlen der Augen ihres Zöglings und das warme Intereſſe nicht bemerkte, welches ihre Bilder von den kriegeriſchen Jünglingen Frankreichs und den Schönheiten, deren Dienſt ſie ſich weihten, bei Ida erweckte. „Sei zufrieden, theuerſte Ida!“ war Alles, was ſie als Troſt in dieſem Ungemache hervorbringen konnte.„In zwei Monaten ſind Sie ſiebzehn Jahre alt, und Ihr Vater hat uns verſichert, daß er die Jagdzeit hier zubringen werde. Sie werden dann Ihren Platz an der Spitze des Haushaltes einnehmen und ob er zu ſeinen diplomatiſchen Verrichtungen nach St. Petersburg zurückkehren, oder ſich für immer in der Reſidenz niederlaſſen wird, ſo müſſen Sie auf jeden Fall ſeine Begleiterin und die Theilhaberin ſeiner 22 Vergnügungen werden. Wenn Sara die Wahrheit ſpricht, iſt es des Baron von Rehfeld's Abſicht, Sie im Laufe des nächſten Jahres mit Ihrem Vetter Wil⸗ helm zu vermählen, der einer der liebenswürdigſten Männer des Hofes von...... iſt, und nach dem Tode Ihres Vaters ſeine Titel und Lehen erben wird.“ „Und das iſt gerade die Urſache all' meines Jam⸗ mers!“ unterbrach ſie Ida.„Wenn dieſe ſchreckliche Ausſicht nicht wäre, könnte ich dieſen Platz noch er⸗ tragen, aber der Gedanke, mein ganzes zukünftiges Leben hier z Vetter recht ſeinen Vater zu begleiten. ter, wie Sie ubringen zu müſſen! Ich kenne meinen gut. Als ich ein Kind war, pflegte er häufig zu den Jagdgeſellſchaften hieher Ein gutmüthiger, uneigennütziger Vet⸗ e ſich vorſtellen können; ein Mann, wel⸗ cher zufrieden ſein wird, in dunkler Obscurität nie⸗. derzuſitzen, und auf Rehfeld zu leben und zu ſterben!”“ „Aber Sie können doch nicht glauben, mein theue⸗ res Kind, d Sie zu einer Willen iſt?“ aß ein Vater, ſo gütig wie der Ihrige, Heirath zwingen wird, die gegen Ihren ſprach Mademoiſelle Thereſe.„Sie be⸗ ſiten einen unumſchränkten Einfluß über Ihren Vater; er betet Sie beinahe an,— wer thut es nicht? und von dem Augenblicke an, in welchem er Ihnen die Leitung ſeines Haushaltes überläßt, wie er bereits verheißen hat, an Ihrem Geburtstage zu thun, wer⸗ den Sie ſein e Gefährtin und Freundin werden. Ihre Wünſche werden ihm Geſetz ſein. Ja, ich bilde mir ein, daß es wird, daß e dahin zu unt „Bitten herſagungen bloß eines Winkes von Ihnen bedürfen s ver innigſte Wunſch Ihres Herzens ſei, Paris zu beſuchen, um ihn zu beſtimmen, eine Reiſe ernehmen.“ auch Sie den Himmel, daß Ihre Vor⸗ in Erfüllung gehen mögen,“ rief Ida fröhlicher; und von jenem Tage an wurden die Träu⸗ mereien des jungen Mädchens durch Vorſtellungen von ihrer künftigen Wichtigkeit, als Gebieterin des Schloſ⸗ 23 ſes, und durch wilde Viſtonen den brillanten Vergnü⸗ gungen eines noch weiter ansgedehnten Wirkungs⸗ kreiſes, verherrlicht. Wenn ihre Seele nicht in ſich ſelbſt vertieft geweſen wäre, ſo müßte ſie in jenem Zeitpunkte eine ſonderbare Veränderung in dem Style der Briefe ihres Vaters wahrgenommen haben. Der Baron, welcher ſich vor einiger Zeit bemüht hatte, ſie . mit den ausführlichſten Berichten von Vergnügungen und Geſellſchaften zu unterhalten, wurde nach und nach ſo trocken und faßte ſich ſo kurz, als wenn ſeine Epi⸗ ſteln aus Aufmunterungen beſtünden, fleißig in ihren Studien zu ſein, und ſowohl Sara, ihre zweite Mut⸗ ter, als auch Mademoiſelle Thereſe Moreau zu lieben. Ja ſie zeugten ſo gar von einer Art Unruhe, ſie auf etwas Unangenehmes, das ihm oder ihr begegnet ſei, vorzubereiten. Anſpielungen, welche ſie ſich nicht die Mühe gab, zu entziffern, verdunkelten ſeinen Styl und zeugten von ſeiner wachſenden Geiſtesſchwäche. Das Einzige, welchem die arme Ida ihre ſtete Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte, war, daß die Tage ſchnell enteilten, deren Ende ihn in ſein Vaterland zurückbringen ſollten. Im Anfange des Septembers wollte der Baron die Reſidenz erreichen und dann nach einem Aufenthalte von wenigen Tagen daſelbſt, wegen der Erfüllung ſeiner Pflichten gegen den Fürſten, nach Schloß Reh⸗ 1 feld eilen, um das Signal ihrer Befreiung von mäd⸗ enhaftem Gehorſam zu geben. Schon hatte der Hausmeiſter Befehle erhalten, Alles für den Empfang einer großen und brillanten Geſellſchaft herzurichten, die den Baron begleiten würde; und ſchwer war es, zu entſcheiden, wer bei dem Gedanken, die alten Staatsgemächer des Schloſſes wieder in dem Glanze der Lichter ſtrahlen zu ſehen und von dem Getöſe der Gaſtfreundſchaft wiederhallen u hören, mehr erfreut war, ob Mademoiſelle Thereſe, n oder ihr Zögling. Reichliche Mittel wurden von dem Baron geſandt, Alles herbei zu ſchaffen, was die vor⸗ angeſchrittene Erziehung oder mädchenhafte Eitelkeit zu verlangen ſchien. Eine Menge von Kiſten kam aus der Reſidenz, die neue Möbeln, neue Bücher und neue Inſtrumente, welche augenſcheinlich bloß für ihren Gebrauch beſtimmt zu ſchienen, nebſt einer großen Auswahl von Kleidern und anderem Flitterwerke ent⸗ hielten und an ſie adreſſirt waren. Ida war nun die Glücklichſte unter den Glückli⸗ chen! Ihre Träume waren endlich auf dem Punkte, realiſirt zu werden. Ihr Leben ſchien von jetzt an erſt zu beginnen. Tauſendmal des Tages umarmte ſie die alte Sara und forderte Mademoiſelle Moreau auf, an ihrer Freude Theil zu nehmen, und eben ſo wenig wurde die Gouvernante müde, die Lieblichkeit ihrer Schüle⸗ rin zu bewundern, die das erſtemal mit Gewändern nach der modernen Facon bekleidet war. Fräulein von Rehfeld begann die Stellungen einer freundlichen Wirthin einzuüben, und ihre Lehrmeiſterin verſicherte ihr wiederholt, daß ſie die Honeurs des Schloſſes auf eine Weiſe machen würde, die geeignet ſei, ihren Vater beim erſtenmal zu befriedigen und ſeine hohen Gäſte zu bezaubern. 5 Als die liebliche Ida die Bildergallerie und den Salon durchwanderte, welch' letzterer, Dank ſei der Freigebigkeit ihres Vaters, einiger Maßen das anzu⸗ nehmen ſchien, was nach Mademoiſelles Beſchreibung einen„Salon comme il faute“ charakteriſirte, ſah ſie den Augenblick voraus, in welchem er mit einem be⸗ wundernden Zirkel angefüllt ſein, und wo jedes Auge auf die junge Erbin, den leuchtenden Stern aller die⸗ ſer Feſtlichkeiten, ſich richten würde. 3 An dem für die Ankunft des Grafen beſtimmten Tage hatte eine glühende Septemberſonne die Thürme des alten Schloſſes vergoldet, und das wohlgeordnete Immergrün auf der Terraſſe ſchien ſich zu bemühen, recht feſtlich und friſch dem beſondern Ereigniſſe zu 25 Ehren auszuſehen. In dem Hofraume befand ſich eine alte Fontaine, welche einer kräftigen Reparatur unter⸗ worfen wurde, auf daß ihr Waſſerſtrahl ein ſo wichti⸗ ges Ereigniß für die Annalen der Familie des Baron's beglaubigen möchte, wie die Rückkehr eines Rehfelds von einer diplomatiſchen Sendung an Ifern der eiſigen Neva war; und an dieſem Oute waren auch zwanzig bis zwei und zwanzig Landleute mit farbigen Bändern, oder chineſiſchen Aſtern in ihren Knopflöchern aufgeſtellt, welche unter der Oberaufſicht des armen Voſſius an das äußerſte Ende der Allee marſchirten, um ihren Patron mit einer Zuſammen⸗ ſetzung von mißlautenden Tönen zu begrüßen, welche das Sonntagsorcheſter in Rehfeld ausmachten. Der Morgen verging; Ida wanderte ruhelos und aufgeregt von einem Fenſter zum andern und ſendete ihre Blicke aus, ob ſie noch nicht einen Zug von Wagen entdecken könne, dann änderte ſie wieder die großen Bouquets, mit welchen die Aufmerkſamkeit des Haus⸗ meiſters die Jaspis⸗Vaſen in dem Bibliothekzimmer geſchmückt hatte, und gab den jüngſt erſt erhaltenen Fi⸗ guren von Dresdner Porzellan einen anderen Platz; doch da erreichte plötzlich ihr Ohr das Knallen der Peitſche eines Couriers und das Schellen ſeiner Glöckchen. Die Cavalcade mußte nun im Anzuge ſein. Er kam jedoch nur um zu melden, daß der Baron und ſeine hohen Gäſte noch zwei Stunden auf dem Weg ſein würden, und um dem Fräulein einen Brief von ihrem Vater einzuhändigen. Schon war Mademoiſelle Theres voll Eifer im ganzen Hauſe umhergelaufen, um dem ſämmtlichen Dienſtperſonal die Neuigkeit zu verkünden, daß ihnen noch zwei Stunden Ruhe bis zur Ausübung ihrer Pflich⸗ ten gegönnt ſeien. Als ſie aber in den Salon zurück⸗ kam, fand ſie das Mädchen, welches ſie vor Kurzem noch ſo blühend und feöhlich verlaſſen hatte, ſprachlos 26 und beinahe todtenbleich von Alteration. Schreckliche Nachrichten mußten ihr durch den Brief ihres Vaters mitgetheilt worden ſein. Die Gouvernante zitterte zu ſehr, um eine Frage hervorbringen zu können. Während ſie ſich an der Seite ihres Zöglings niederſetzte und deren Hand in der ihrigen hielt, ſie mit Orangenwaſſer und andern ſtärkenden Mitteln beſprengend, die ſie ebenſowohl auch unaufgefordert angewendet haben würde, wurde die Thüre plötz⸗ lich aufgeriſſen und die alte Sara ſtürzte mit einem noch bleicheren Geſichte als das der jungen Gebieterin herein. „Mein Kind, mein armes Kind!“ war alles, was ſie zu ſagen vermochte, indem ſie ſich vor Fräulein von Rehfeld niederkniete und die ſchönen Hände mit Thrä⸗ nen benetzte, ſie an ihre Lippen drückend. „Was in Gottes Namen ſoll dies bedeuten!“ murmelte die erſtaunte Gouvernante.„Sprich, Sara — ſprich!“ „Es bedeutet,“ antwortete das zitternde Weib, ſich von ihren Knieen erhebend,„daß wir ſchändlich betro⸗ gen worden ſind! Rehfeld hat eine neue Herrin— der Baron eine neue Gattin erhalten. Hören Sie das Jauchzen im Hofe? der Courier hat die Neuigkeit eben verbreitet und dieſe undankbaren Leute halten es für ein freudiges Ereigniß!“ „Verheirathet!“— wiederholte Mademoiſelle The⸗ res, und wurde ſo bleich, als es ihr natürlicher kupfer⸗ farbiger Teint erlaubte. „Verheirathet! Alle dieſe Tändeleien und dieſe Pracht,“ fuhr Sara fort und betrachtete die neuen Gegenſtände um ſich herum,„wurden herbeigeſchafft, die neue Baronin zu bewillkommnen. Schändlich— ſchändlich!“ „Es iſt allerdings etwas ſeltſam, daß der Baron von Rehfeld ſo wenig gewußt haben ſollte, was Pflicht gegen uns iſt, als uns erſt in der letzten Stunde A 3 — . 27 Vollziehung einer Handlung mitzutheilen, die ohne Zweifel ſchon lange im Werke geweſen ſein mußte.“ „Lange im Werke vielleicht,“ ſtammelte Ida, nach Faſſung ringend.„Aber, wie er uns verſichert, durch unerwartete Umſtände gezwungen, erſt kurz vor ſeiner Abreiſe vollzogen. Es war ausgemacht, daß die Ver⸗ mählung nicht vor meines Vaters Rückkehr nach Ruß⸗ land ſtattfinden ſollte, und er hatte im Sinne, mir es erſt unter tauſend Erklärungen der Nothwendigkeit während ſeines Aufenthalts in Rehfeld mitzutheilen. Aber in dem Augenblicke ſeiner Abreiſe von St. Pe⸗ tersburg drang die Familie der— der Baronin auf die Vollziehung ihrer Verbindung. Die Hochzeit wurde in der größten Eile vollzogen und ohne Zweifel mußie er nun der erſte ſein, der dem Großherzog die Sache entdeckte.“ Mademoiſelle Thereſens Aeußerung bei dem Allen war ein vielſagendes Achſelzucken. Die minder gebildete Sara jedoch legte ſich keine große Zurückhal⸗ tung in ihren Klagen über die Entwürdigung und Be⸗ leidigung von Seite des Barons auf, den ſie jetzt bald ſeit fünfzig Jahren als ihren Zögling betrachtete. „Eine zweite Heirath!— eine Heirath nach ſieb⸗ zehnjährigem Wittwerſtande!— eine Heirath mit einer Fremden!— vielleicht mit einer Ketzerin.— Hier gab es keine Entſchuldigung, keine Vertheidigung für den Herrn Baron.“ Sogar ſeine treue Amme entzog ihm von dieſem Augenblicke an ihre Liebe. — Drittes Kapitel. Meines Vaters Gattin, doch nicht meine Mutter! Ja tauſendmal, tauſendmal weniger, als eine Mutter! Kindliche Pflicht, welche die Rolle der kindlichen Liebe zu ſpielen hat, gibt mir eine Aufgabe, welche die desjenigen uͤber⸗ trifft, der verurtheilt wurde, unſere ſchwere Erdkugel im Schwunge zu erhalten. Aber ich muß ſie ehren— ja ich muß. Fletcher. In gewiſſen Fällen, und wenn ein beſſerer Beherr⸗ ſcher fehlt, übt der Stolz manchmal einen glücklicheren Einfluß auf den menſchlichen Geiſt. Schmerzlich be⸗ wegt wie ſie war, wollte Ida doch ſelbſt denen nicht geſtatten, die es ſo gut mit ihr zu meinen ſchienen, ihren Kummer wahrzunehmen. Viel weniger noch er⸗ laubte ſie der Fremden, die gekommen war, das Scep⸗ ter aus ihrer Hand zu nehmen, zu entdecken, daß dieſe Uebergabe gezwungen ſei. Dem zu Folge hatte ſie, ehe die hochzeitliche Ge⸗ ſellſchaft ankam, ihren Muth ſo weit wieder zurückge⸗ rufen, um dieſelbe mit Würde und Anmuth, ja ſogar mit einem angemeſſenen Willkomm zu empfangen: und es iſt ſo viel wie gewiß, daß, wäre nicht die Begeben⸗ heit geweſen, die ihre Gefühle ſo wild aufgeregt hatte, ihr Betragen als Gebieterin des Schloſſes von Reh⸗ feld weit minder anmuthig geweſen ſein würde, als das der demüthigen Stieftochter einer Fremden. Sie ſetzte nun etwas darein, ſo vortheilhaft als möglich zu erſcheinen. Sie hatte die feſte Ueberzeu⸗ gung, daß die hohen Gäſte ihres Vaters ihr Recht, an der Spitze jenes Haushaltes zu ſtehen, welchen der Baron unter die Oberaufſicht einer zweiten Gemahlin 29 ſtellen wollte, vollkommen anerkennen würden, und ihre jugendliche Schönheit wurde unter dem Einfluſſe der Gefühle, welche ihr Herz bis zum Zerſpringen ſchwell⸗ ten, beinahe peinlich blendend, während ihr Geſicht in einem ſüßen Lächeln ſtrahlte. Von dem Alter oder der Heimath der neuen Ba⸗ ronin hatte ihr Vater nichts erwähnt, und da das junge Mädchen ganz natürlich mit den Begriffen von einer Braut auch den der Jugend und Schönheit verband, erwartete ſie ein junges und liebliches Geſchöpf an dem Arm des Mannes zu ſehen, deſſen ernſte Miene und graue Haare ſie gewohnt war zu verehren, während jetzt ihr Vertrauen auf ſie bereits geſchwächt war. Endlich ertönte aus der Ferne das Krachen der Petarden, welche die Grundholden, wie gewöhnlich bei ſolchen Gelegenheiten, vorbereitet hatten, um die Pferde der Reiſenden an der Grenze der Herrſchaft zu er⸗ ſchrecken. Dann erſchallte das Geläute der Glocken von dem Thurme im Dorfe Rehfeld und nach und nach auch das Getrappel der Roſſe und das Raſſeln der Wagen. Auch Ida erhob ſich jetzt von dem Sitze, auf welchen ſie bei dem erſten Zeichen von der Herannähe⸗ rung der Gäſte geſunken war, und eilte, indem ſie die Hände krampfhaft gegen das Herz preßte, als ob ſie dadurch die Stürme darin beſchwichtigen wollte, und Mademoiſelle Theres bat, ihr nicht zu nahe zu folgen, in die großen Hallen. Die Braut und der Bräutigam waren ſchon aus ihren Reiſewagen geſtiegen und traten eben in das Haus. Die Braut und der Bräutigam! Welche Laute für das Ohr der armen Ida. Ihre Augen waren jedoch in dieſem Augenblicke zu ſehr beſchäftigt, um viel Muße für die Ausübung ihrer andern Fähigkeiten zu geſtatten; obgleich die Thränen, welche ſie nicht ganz zurückhalten konnte, ſie einigermaßen an der Beobachtung hinderten, die ſie ſich vorgenommen hatte. 30 Die Natur trieb ſie, vorwärts zu eilen und ſich wie gewöhnlich in die Arme ihres Vaters zu werfen. Aber da Ida anfing, den Eingebungen der Natur zu mißtrauen und blos mit ihrem Stolze ſich zu berathen, ſtand ſie in der Mitte der Halle ſtill und wartete, bis der Baron auf ſie zu kam und, indem er ſeine Hand in die ihrige legte, mit gebrochener Stimme rief:— „Mein geliebtes Kind! umarme Deine neue Mutter.“ Da Fräulein von Rehfeld's Begriffe von einer Umarmung rein deutſch waren, wollte ſie eben mit offenen Armen auf die Dame zueilen, deren Geſtalt und Züge ſie nicht recht unterſcheiden konnte, weil ihre Thränen nun unaufhaltſam im Ernſte floßen. Aber ihre Bewegungen wurden durch einen formellen Kuß, den die Baronin auf ihre beiden Wangen drückte, gehemmt und ihr Gehör wurde durch eine Stimme in Anſpruch genommen, die ſie in ſo reinem Franzöſiſch anredete, wie das von Mademoiſelle Theres war: „Führe uns in den Salon, meine theuere Ida,“ ſagte ihr Vater, indem er bemerkte, daß mehr Augen, als er wünſchte, in ſeine Familien⸗ Geheimniſſe ein⸗ dringen zu ſehen, auf ſie gerichtet waren; und in dem Moment, in welchem ſie über die Schwelle des Ge⸗ ſellſchaftszimmers traten, begann der Baron, indem er ſich noch einmal gegen eine Gruppe, die ihnen dicht folgte, wandte, ſein Bewillkommen der fremden Gäſte zu wiederholen, welche ſeine Erſchütterung falſch gedeutet zu haben ſchienen. „Wo iſt meine Tochter ich bin voll Begierde, ſie ihrer neuen Schweſter vorzuſtellen!“ rief die Baronin. Bei dieſem Ausrufe richtete Ida ihren Blick zum erſten⸗ male feſt auf die Braut und nahm mit Erſtaunen wahr, daß die Dame, welcher die Dunkelheit der Halle und ein gewiſſes Anſehen von Eleganz und Aus⸗ zeichnung die Reize der Jugend verliehen hatten, wirk⸗ lich alt genug war, ihre Mutter zu ſein. 8 Dieſe Entdeckung wurde noch mehr beſtätigt, als 31 die ſo ernſtlich aufgeforderte Tochter zögernd erſchien. Wenn auch die arme Ida ſich auf einen Augenblick geſchmeichelt hatte, daß die Stiefmutter, welche ſich ihr ſo unerwartet aufgedrungen, keine Nebenbuhlerin des Namens„der Lilie von Rehfeld,“ unter dem ſie in der ganzen Gegend bekannt war, ſein würde, ſo war doch die auffallende Schönheit der Stieftochter ihres Vaters geeignet, ihre Rechte auf den in ihren Augen ſo unſchätzbaren Namen zu beeinträchtigen. „Marguerite! Ich empfehle Dich dem Schutze und der Freundlichkeit des Fräuleins von Rehfeld;“ ſprach die Baronin, indem ſie ein junges Mädchen anredete, das Ida in ihrem Alter glaubte. Die ſchweigende Formalität, mit welcher„Marguerite“ ſich dieſem Befehle zu Folge verneigte, bot eine etwas ſchreckliche Probe von dem Gehorſame und dem Re⸗ ſpekte, den die Baronin verlangte. Keine weiteren Erörterungen wurden gegeben. Die Baronin, ermüdet von der Reiſe und den ge⸗ räuſchvollen Ehrenbezeugungen der Lehensleute, warf ſich vollkommen erſchöpft, aber gänzlich zu Hauſe, auf ein Sopha, und dieienigen von der Geſellſchaft, welche⸗ nicht am andern Ende des Zimmers an den Baron gefeſſelt waren, indem ſie die Ausſicht von ſeinen alter⸗ thümlichen Fenſtern aus betrachteten, oder deſſen Ar⸗ tigkeit gegen Mademoiſelle Theres bewunderten, eilten nun auf Frau von Rehfeld zu und beſtürmten ſie mit Fragen und Ausdrücken des Bedauerns über die Un⸗ annehmlichkeiten des heutigen Tages. Unwillkürlich hatte Ida ihren Platz auf einem, dem Sopha am nächſten ſtehenden Platze genommen, ihre Hände waren todeskalt, ihre Ohren glühten und ihr Athem war ungeregelt. Es war das erſtemal, daß ſie in dieſem Gemache eine zweite, ihr gleiche Perſon gefunden hatte. In walch. eine Tiefe der Unbedeutenheit ſollte ſie ver⸗ nken! 4 32 Sie nahm keine Notiz von den Bewegungen der Tochter der Baronin, welche, nachdem ſie einige Mi⸗ nuten auf eine formelle Einladung wartend, ſich zu ſetzen, ſtill geſtanden war, einen Stuhl an ihrer Seite eingenommen hatte. Niemand kümmerte ſich auch nur im Geringſten . um Beide. Die eine Hälfte der Geſellſchaft war in. die Unterhaltung mit der Baronin vertieft, während ſich der Baron bemühte, die andere in eine Conver⸗ ſation mit ihm zu verwickeln.. Als die erſten ſtürmiſchen Momente der Unterhal⸗ tung vorüber waren, faßte Ida Muth, die Perſonen, aus denen die beiden Gruppen zuſammengeſetzt waren, zu prüfen; ihr Vater hatte ihr zwar bei ſeinem Ein⸗ tritte Alle vorgeſtellt; aber ſie fand ſich unfähig, ſie zu unterſcheiden. Jetzt, da die Gefühle der Verzweiflung, die ſich ihrer bemächtigten, die Thränen in ihren Augen ge⸗ trocknet hatten, bemerkte ſie, daß der eine der beiden Fremden, welche neben Frau von Rehfeld ſtanden, noch jung und von hübſcher Geſichtsbildung ſei, während der andere, ein Mann von vorgerückten Jahren, wenn b auch minder ſchön, doch wegen ſeines würdevollen Be⸗ nehmens und Ausſehens auffiel. Sie converfirten auf Franzöſiſch zuſammen, was die Mutterſprache der Baronin zu ſein ſchien; und Ida mußte zugeben, daß die fremden Gäſte, obgleich ſie ihr in dieſem Momente nicht willkommen waren, mehr Anſtand und Bildung verriethen, als ſie bei den frü⸗ hern herbſtlichen Feſtlichkeiten in Schloß Rehfeld wahr⸗ genommen hatte. Ueber die Gruppe jedoch, welche. ihren Vater umgab und deren laute und fröhliche Unterhaltung in gutem Deutſch ihr Ohr erreichte, wagte Ida kaum ihr Forſchen zu erſtrecken. Der kindliche Trieb in ihrem Innern machte es ihr peinlich, in dieſem Augenblick ihren Vater anzu⸗ b blicken; von dem ſich nun zum erſtenmal in ihrem 33 Leben ihr Herz und ihre Seele entfernt hatten. Eine bekannte Stimme erregte plötzlich ihre Aufmerkſamkeit und indem ſie nach dem beſetzten Fenſter ſah, bemerkte fie, wie Mademoiſelle Theres alle erdenklichen Artig⸗ keiten an ihren jungen Ritter Wilhelm von Rehfeld verſchwendete, deſſen ausweichende und ceremoniöſe Erwiederungen ihm den Anſchein gaben, als ſchenke er ihr ſeine Aufmerkſamkeit nur widerſtrebend. Was konnte natürlicher ſein, als daß Ida vermuthete, ihr Coufin bemühe ſich nur deshalb den Händen der Gou⸗ vernante zu entwiſchen, um ihr ſelbſt ſeine Aufwartung machen zu können? 3 Es war bereits ſchon über ein Jahr, daß ſie ſich nicht mehr geſehen hatten, und ſeit langer Zeit ſchon wenn der junge Erbe der Würden des Hauſes von Rehfeld ſeinen Onkel bei ſeinem jährlichen Beſuche auf das Schloß begleitete, war er gewöhnt geweſen, ſei⸗ ner jungen Verwandten alle Aufmerkſamkeit zu erwei⸗ ſen, die einer ſo ſchönen Coufine geziemte, um dadurch ſeine Uebereinſtimmung mit jenen Planen, die der Baron ihm zu Gunſten entworfen hatte, an den Tag zu legen. Ida, welche von dem Augenblicke an, in welchem eine Ahnung von den Projekten ihres Vaters in ihrem Geiſte aufgetaucht hatte, minder mädchenhaft in ihren Gefühlen gegen ihren zukünftigen Bräutigam war, fühlte, daß ſie jetzt Troſt und Sättigung ihres Stolzes aus ſeinen Huldigungen ziehen würde. Sie war beinahe böſe über Mademoiſelle Thereſe, weil ſie das einzige Glied der Geſellſchaft, für welches ſie ein Gegenſtand des Intereſſes zu ſein ſchien, in An⸗ ſpruch nahm; ſie war es um ſo mehr noch, da des jungen Barons Umhertrippeln und deſſen unruhige nüc nur zu deutlich ſagten, daß er erlöst ſein möchte. Als nach Verlauf von ohngefähr zehn Minuten Mademoiſelle Thereſens Fragen, die ſie an ihren neuen Die Frau des Geſandten. J. 3 34 Bekannten richteie, die Beſchaffenheit des Weges, die Neuigkeiten der Reſidenz, die Geſundheit des Groß⸗ herzogs und das Gelingen der zuletzt gegebenen Oper betrafen, hatte der Baron dadurch die Freiheit erhal⸗ ten, ſich von ſeiner Quälerin zu entfernen, und augen⸗ blicklich ging er weg und eilte gegen das andere Ende des Zimmers, wo ſeine liebliche Coufine in ihrer har⸗ ten Buße der Unbedeutendheit verweilte. In dem Augenblicke, in welchem Ida wahrnahm, daß ihr Vetter ſeinen Weg auf ihren Stuhl zunahm, ſchlug ſie mit der ihrem Geſchlechte eigenen, inſtinkt⸗ mäßigen Koketterie die Augen zur Erde. Endlich, da ſie fand, daß kein Wilhelm ſie anre⸗ dete, wagte ſie einen fragenden Blick umher zu ſenden, und ſah ihn, nachdem er pflichtmäßig drei ceremonielle Verbeugungen gemacht und nachdem er der ſächſiſchen Höflichkeit zufolge die Abſätze ſeiner Stiefeln gleich einer Caſtagnette hatte ertönen laſſen, eine förmliche Unterhaltung mit der Tochter der Baronin anknüpfen. Die Aufregungen, welche ſich in dieſem Augenblicke, bei dieſer Entdeckung, ihrer bemächtigten, hatten wahr⸗ ſcheinlich Aehnlichkeit mit denen Jakobs II., als der⸗ ſelbe hörte, daß ſogar der einfältige Prinz Georg von Dänemark zur andern Parthei übergetreten ſei.„So arm, iſt es möglich! Auch er iſt mit den Uebrigen gegangen!“ Sie fühlte ſich durch die Treuloſigkeit auch ſogar des Geringſten und Letzten von denjenigen gekränkt, die ſie vor einigen Wochen noch für die er⸗ gebenſten Sclaven gehalten hatte. Wenn Ida's mädchenhafter Kummer aus einem Verdacht entſtanden war, daß ein Bündniß zwiſchen der Fremden und dem jungen Barone beſtehe, ſo mußte ſie durch den kalten Anſtand, mit welchem„Margue⸗ rite“ die Artigkeiten ihres neuen Bekannten erwiderte, eines andern überzeugt werden. Es war unmöglich, zurückhaltender im Benehmen,, oder lakoniſcher in den Antworten zu ſein. V 35 Man konnte nicht leicht einen größeren Contraſt finden, als der war, der zwiſchen der freien Geſprä⸗ chigkeit der Baronin und der ſchüchternen Schweigſam⸗ keit ihrer Tochter herrſchte. Glücklicher Weiſe neigte ſich der Tag jetzt zu Ende, und die Speiſeſtunde war nahe genug, um das Zu⸗ rückziehen aller Anweſenden wegen ihrer Toilette zu fordern. Es war eine große Erleichterung für Ida, daß ihr Vater und der alte Hausmeiſter ſich zur Pflicht machten, die Herrin des Schloſſes Rehfeld in das Staatszimmer zu führen, welches auf das Glänzendfie für die erwarteten Gäſte hergerichtet war, während man nicht geahnt hatte, es für den Empfang einer neuen Baronin von Rehfeld zu ſchmücken. Indem das arme Mädchen, ohne weiteres Inte⸗ reſſe an den Gaſtlichkeiten des Hauſes zu nehmen, auf ihr Zimmer eilte, warf ſie ſich dort auf das Sopha, und brach in einen Strom von Thränen aus. Ihre Demüthigung war nun vollkommen. Ihre beſſern und ſchlechtern Gefühle waren auf gleiche Weiſe verwun⸗ det; ihre kindliche Liebe, ihr ſelbſtſüchtiger Stolz; ihr eitler Ehrgeiz, ihre mädchenhafte Koketterie, waren be⸗ leidigt, und wie die Zukunft, die ſie ſo ſehnlich er⸗ wartet hatte, nun auch entſchwand, erhielt die Vergan⸗ genheit, welche ſie bisher für ſo traurig gehalten hatte, doppelten Werth in ihren Augen. Da ſie ſich durch dieſen merkwürdigen Vorfall zu⸗ rückgeſetzt fühlte, was würde ſie nicht darum gegeben haben, zu ihrer früheren Stellung zurück kehren und die Ida von Rehfeld wie in den früheren Tagen ſein zu können? Was hüätte ſie nicht bereitwillig geopfert, um an das Herz ihres Vaters gedrückt zu werden, deſſen Ankunft ſie ſtets als eine Erlöſung von einem Leben der Dunkelheit betrachtet hatte, oder aus den Aufmerkſamkeiten desjenigen Verwandten einigen Troſt ziehen zu können, den fie gleich einem Bauern verach⸗ 36 tet hatte! Aber jetzt war es zu ſpät! Sie konnte ih⸗ rem Schickſale nicht gebieten. So wenig man ſie bei deſſen Beſtimmung um Rath gefragt hatte, ſo uner⸗ ſchütterlich ſtand nun auch das Ausgeſprochene feſt. Von nun an ſollte ſie die vernachläßigte oder unter⸗ eüi Stieftochter einer übermüthigen Fremden ein!— So jung ſie war, hatte ſie doch gleich die welt⸗ liche Umſtändlichkeit in dem Betragen zwiſchen ihrem Vater und ſeiner Braut bemerkt. Es herrſchte keine zärtliche Vertraulichkeit zwiſchen ihnen; und obgleich ihr erſter Gedanke geweſen war, als ſie ihres Vaters eilige Vermählung vernahm, ein junges und ſchönes Weib an ſeinem Arme zu ſehen, das alle ſeine Gefühle in Anſpruch nehmen würde, ſo fühlte ſie jetzt doch, daß ſie ruhiger ſein würde, wenn das Zeichen perſönlicher Anhänglichkeit einige Entſchuldigung für ſeine Heirath hätte bieten können. Indem ſie ihr Haupt nach einem minutenlangen Verweilen bei dieſen bittern Betrachtungen von dem Kopfkiſſen erhob, wurde ſie durch den Anblick der Gou⸗ vernante getröſtet, die ihren Zögling mit thränenfeuch⸗ ten Augen anſah. Es war das erſte Mal, daß Ida das gutmüthige Geſchöpf weinend geſehen hatte. „Schonen Sie mich, ich flehe Sie darum an,“ ſtammelte Ida, als Mademoiſelle Thereſe ſie, auf's Neue in Thränen ausbrechend, in ihre Arme ſchloß. „Ich will nicht um Alles in der Welt, daß dieſe Leute meinen Schmerz und meine Kränkung entdecken.“ „Wenn Sie mich lieben, ſo vermeiden Sie jede Berührung, die mir meinen mühſam errungenen Muth rauben könnte.“ Eilig ſprang Ida nun auf und begann mit zit⸗ ternden Händen und wilden, haſtigen Geberden ihre Toilette. In. dieſem Augenblicke ſtürzte die alte Sara, welche bisher von den Dienſtboten in Anſpruch genommen worden war, an der Spitze des Haushaltes der Baro⸗ nin und ihrem Gefolge die Honneurs zu machen, mit flammenden Augen in das Zimmer und rief mit knir⸗ ſchender Stimme: „Ich heiße es eine Beſchimpfung, eine nieder⸗ trächtige Schmähung!— Uns eine ſolche Menge von Leuten zu bringen— und noch dazu in einem ſolchen Augenblicke!“ „Danke lieber dem Himmel, daß mein Vater mit ſeiner neuen Familie nicht allein kam,“ entgegnete Ida, deren Aerger ſich durch den Zorn eines Andern etwas legte.„Die Gegenwart dieſer Fremden verhin⸗ dert wenigſtens, daß wir unſern Gefühlen Zwang an⸗ thun müſſen.“ „Eine Fremde, noch dazu— eine Wittwe— ein Weib, das mit ihren eigenen Kindern beſchäftigt iſt!“ „Gute, theure Amme!“ ſprach Fräulein von Reh⸗ feld.„Erinnere Dich, daß vor noch nicht zwei Stun⸗ den Deine Hauptſorge aus dem Gedanken an eine junge Frau und die Wahrſcheinlichkeit der Nachkom⸗ menſchaft entſprang!“ „Alles, Alles lieber, als dieſes ſtolze, kaltblütige Weib!“ rief die entrüſtete Sara.„Als der Baron, mein lieber Sohn, mich ihr vorſtellte und ihr meine Stellung in der Familie mittheilte, grüßte mich die Fremde bloß mit einer Verbeugung, die ungefähr von der Art war, wie ſie eine Königin von ihrem Throne aus gemacht haben würde! Aber ſie wird ſchon bald einſehen, daß ihre franzöſiſchen Manieren in unſerem einfachen Deutſchland ihr keinen Weg bahnen wer⸗ den!“ „Ihre franzöſiſchen Manieren?“ fragte Mademoi⸗ ſelle Thereſe, welche durch die Gegenwart der Be⸗ ſchützerin Ida's dispenſirt, an ihr Tagewerk gegangen war.„Glaube mir, in einem ſolchen Stolze, wie der, den Du eben beſchriebſt, iſt nichts Franzöſiſches! Eine 38 grande dame de Paris iſt das herablaſſendſte Ge⸗ ſchöpf der Welt.“ „Ein neuer Beweis alſo, daß ſie, obgleich eine Pariſerin, doch nie zuvor eine große Dame geweſen iſt,“ erwiederte die zornige Amme. „Aber ſie iſt keine Pariſerin, meine gute Sara!“ fuhr Mademoiſelle Thereſe fort, die ſich jetzt bemühte, von den Kleidern, welche der Baron kürzlich ſeiner Tochter geſendet hatte, das koſtbarſte heraus zu ſuchen, damit ihr Zögling ſowohl der Gouvernante, als auch der Gelegenheit die größte Ehre machen möchte.„Des Barons Brief dieſen Morgen(Du warſt gegenwärtig, als dies theure Kind mir ihn vorlas) ſprach ausdrück⸗ lich von einer Vermählung mit der Gräfin Erloff. Die Familie Erloff, meine liebe Sara, iſt ruſſiſch, entſchieden ruſſiſch!“ „Aber Sie werden ſich erinnern, die Baronin war ja eine Wittwe,“ ſprach Ida mild. „Wahr, mein gutes Kind, wahr!— Und Du ſagſt alſo,“ fuhr ſie, gegen Sara gewendet, fort, welche ſich noch immer über dieſen Widerſpruch die Lippen wund biß,„daß ſie von Geburt eine Landsmännin von mir ſei?“. „Da ſie ſtolz wie Lucifer iſt,“ entgegnete Sara, „weiß ſie vielleicht Keiner von uns Beiden großen Dank für dieſen Namen. Wenn Sie jedoch meinen, daß die Baronin von Rehfeld keine Franzöſin von Ge⸗ burt ſei, ſo hat ſie doch gewiß etwas Franzöſiſches an ſich. Ich hörte ſo viel von ihrem eigenen Kammer⸗ diener, welcher bereits in der Gegenwart des alten Johann— der alte Johann war ſchon ein treuer Die⸗ ner des Großvaters dieſes lieben Kindes— davon geſprochen hat, daß er für die Zukunft der Hausmei⸗ ſter auf Rehfeld ſein würde.“ „Mein Vater mag vielleicht die Penſionirung des alten Johann im Sinne haben,“ unterbrach ſie Ida, auf einige Augenblicke ihren eigenen Schmerz vergeſ⸗ 39 ſend,„wegen ſeines hohen Alters und ſeiner Schwäche, nur um ihm einen glücklichen Ruheſtand nach ſeiner langen Thätigkeit zu ſichern. Vertraue der Gerechtig⸗ keit meines Vaters.“ „Das thut hier nichts zur Sache,“ rief die alte Amme eifrig;„weder Johann, noch irgend ein Ande⸗ rer der Dienerſchaft würde Demüthigkeit genug be⸗ fitzen, unter der Herrſchaft eines Fremden hier zu verweilen!“. „Ruhig, meine gute Sara,“ entgegnete Thereſe, deren Anſichten von dieſer Sache durch die ſo eben vernommene Nachricht gänzlich geändert worden wa⸗ ren,„ſtill, da dieſe Dame nicht, wie wir Alle vermu⸗ theten, eine Ruſſin— eine wilde Moskovitten iſt, ſondern da ſie von Geburt und wahrſcheinlich auch guter Erziehung, höflich und geiſtreich iſt...“ „Ich weiß nichts, die Wahrheit geſagt, von höflich und geiſtreich!“ ſchrie das alte Weib.„Alle diejeni⸗ gen, welche keine gebornen Deutſchen ſind, ſind für mich fremd, ausgenommen für einen Liebesdienſt. Ich habe keine Dienſte nöthig und einen Liebesdienſt gegen eine, wäre ſie ſogar meine Landsmännin, welche kommt, mein geliebtes Kind aus ihrer rechtmäßigen Stellung in ihrem rechtmäßigen Hauſe zu verdrängen, iſt ausgeſchloſſen. Den beſten Abſchied, den ich von Schloß Rehfeld nehmen kann, iſt der eiligſte.“ „Aber was würde dann aus Deinem armen Kinde werden?“ fragte Ida, indem ſie ſich aus den Händen loszuwinden ſuchte, die ſie ängſtlich umſchlungen hiel⸗ ten;„ficherlich würdeſt Du mich nicht auch verlaſſen, weil Andere, die mehr noch verpflichtet wären, mich zu lieben, mir Unrecht gethan haben?“ „Sie verlaſſen?— Nein!“ rief das arme Weib, durch dieſe Frage wieder zu ſich ſelbſt gebracht,„lieber Ihnen bis an das Ende der Welten folgen, wohin immer Sie gehen mögen!“ 4 Und wären nicht die Demonſtrationen der Gou⸗ vernante geweſen, daß die Mittagsglocke bald ertönen würde, und daß es für ihren gemeinſchaftlichen Lieb⸗ ling nichts weniger als ſchicklich ſei, mit einem nach⸗ läßigen Anzuge oder einem von Weinen gerötheten Geſichte bei der Tafel zu erſcheinen, ſo würden die Umarmungen zwiſchen dem ſchmerzlich bewegten alten Geſchöpfe und ihrem Pfleglinge noch unendlich verlän⸗ gert worden ſein.— „Und nun muß ich Ihnen ſagen,“ ſprach Sara durch ihre eigenen Thränen zu einem mildern Tone zurückgerufen,„der Baron trug mir auf, theuerſtes Kind, Ihnen mitzutheilen, daß wenn vielleicht ſeine Pflichten gegen ſeine Gäſte ihn für heute zu ſehr in Anſpruch nehmen würden, um ihm zu erlauben, mit Ihnen allein ſprechen zu können(der gute Mann ſprach nicht ein Wort von ſeiner alten Braut!) ſo laſſe er Sie in dieſem Falle erſuchen, zu glauben, daß ſein Herz nicht minder für Sie eingenommen ſei, und ſich damit zu tröſten, daß Sie unter dem Dache eines Vaters wohnen, dem Sie das theuerſte Weſen auf Erden find.“ „Ich bin befriedigt!“ ſprach Ida, indem ſie ihre Thränen trocknete und wieder neuen Muth faßte.„Ich bin vollkommen beruhigt, ich fürchtete wirklich, mein Vater habe mich vergeſſen.“ „Sie ſollten die Eile und Aufregung eines ſolchen Augenblicks überſehen haben,“ ſprach Sara, die Par⸗ tei ihres Sohnes und Herrn in dem Momente neh⸗ mend, in welchem er angeklagt zu werden ſchien. „Um ſo ſchlimmer,“ entgegnete Mademoiſelle The⸗ reſe, froh einen Gegenſtand gefunden zu haben, den ſie als die Urſache ihres Unmuthes angeben konnle,„daß er nicht ein oder zwei Tage vor ſeinen Gäſten hatte ankommen können, um auf dieſe Weiſe das peinliche Begegnen der Familie vor Oeffentlichkeit zu bewahren.“ „Es ſcheint mir,“ murmelte Ida und zuckte die Schultern,„daß es viel ſchwerer in der Stille unſeres 4 41 häuslichen Herdes zu ertragen geweſen wäre. Meines Vaters Gattin wird jetzt Muße bedürfen, meine Ge⸗ fühle zu prüfen, oder mein Betragen zu kritifiren. Nein! ſeit das Unglück beſchloſſen war, bin ich froh, vaß der Schlag auf einmal kam, und daß die Ein⸗ ſetzung der neuen Perſonen ein ſo öffentliches Geſchäft war. Sie ſcheinen bloß als Gäſte hier auf Rehfeld zu verweilen. Um ſo beſſer.— Der Zufall war mir freundlicher, als mein Vater.“ Als die Toilette des Fräuleins von Rehfeld voll⸗ endet, und die Zeit, welche ihr noch erlaubt war, von der Geſellſchaft ferne zu bleiben, verfloß, ſtreuten die Worte ihrer zwei bewundernden Gefährtinnen ihrer ju⸗ gendlichen Eitelkeit den Weihrauch, an den ſie nur zu ſehr gewöhnt war, und lebhaft verſicherten ſie ihr, ſie ſei ſo ganz Lieblichkeit— ganz Vollkommenheit, daß das herrliche Kleid und der koſtbare Schmuck, welche ſie ohnlängſt von ihrem Vater erhalten hatte, ihre ge⸗ wöhnlichen Reize verdoppelt zu haben ſchienen. An dieſe ſüße Schmeichelei gewöhnt, denn nie hatte ein mißbilligendes Wort ihr Ohr erreicht, hob ſich die Bruſt der jungen Schönheit mit Gefühlen eines befriedigten Stolzes, und das wallende Blut verbreitete eine bleibende Röthe auf ihre Wangen. Wenigſtens war es keine Schmeichelei von Seiten ihrer beiden unvernünftigen Freundinnen, wenn ſie behaup⸗ teten, daß ſie noch nie ſo lieblich, wie in dieſem Au⸗ genblicke ausgeſehen habe. Von allen Gattungen der Eitelkeiten, welche das weibliche Herz bewegen, iſt die des Bewußtſeins der Schönheit die mächtigſte und einflußreichſte; und als Ida die große Stiege hinabeilte und im Begriffe war, wieder in den Zirkel von Fremden einzutreten, welchen ſie mit Abſcheu verlaſſen hatte, fühlte ſie ſich in der Wiederverſicherung ihres perſönlichen Vorzugs über die ihr an Autorität überlegenen Nebenbuhler, welche ihr Vater ihr zugeführt hatte, beinahe glücklich. 3 42 Daß die jüngere und gefährlichere, daß Mar⸗ guerite, daß Mademoiſelle Erloff(denn dieſen Namen hatte ihr Sara kürzlich gegeben) einige Verſuche ma⸗ chen könnte, die junge Erbin des Schloſſes Rehfeld zu verdunkeln, ſchien in Ida's Augen nach der Schüch⸗ ternheit, mit welcher ſie dieſelbe hinter dem Fauteuil ihrer Mutter verborgen ſitzen ſah, und nach der Ein⸗ fachheit ihres Coſtümes, das bloß aus ihren eige⸗ nen dunkeln Flechten und einem ſchlichten weißen Mouſſelinkleide beſtand, unmöglich. In dem Laufe des Abends ſollten jedoch ihre Anſichten über dieſen Punkt einige Veränderung erleiden. Das Mittageſſen, obgleich mit großem Aufwande ſervirt, ſchleppte ſich ſchwer und langweilig durch den langen Gang der Gerichte hin. Fräulein von Rehfeld, welche neben ihrem jungen Vetter, ſowohl in einer bedeutenden Entfernung von ihrem Vater, als auch von der Ba⸗ ronin ſaß, war in Gedanken ſehr vertieft und Alles, was um ſie herum vorfiel, erſchien ihr wie in einem phantaſtiſchen Traum, bis die ganze Geſellſchaft, nach⸗ dem der Kaffee eingenommen war, der Gewohnheit der meiſten Länder des Continents zu Folge ſich erhob und das Speiſezimmer verließ. 3 Miit zerſtreuter Sorgloſigkeit nahm Ida den Arm des jungen Baron's, um der neuen Herrin des Schloſ⸗ ſes, die Fürſt Gallitzin, der ältere der beiden Gäſte, welche man ihr vor dem Diner vorgeſtellt hatte, führte, und Mademoiſelle Erloff, deren Cavalier Graf Alfred de Vaudreuil, der jüngſte und munterſte der „Geſellſchaft war, zu folgen. Als ſie jedoch bei ihrer Rückkehr zu dem nun erleuchteten Salon in förmlicher Prozeſſion durch die Bildergallerie zogen, ſtand die Baronin ſtille, bis Ida ſie erreicht hatte, augenſchein⸗ lich ein Werk der Höflichkeit. Indem ſie die beiden Herren mit einem Nicken verließ, welches ſo allmächtig und ſo herablaſſend wie das einer Juno war, nahm ſie den Arm ihrer Stief⸗ 43 tochter, während der Fürſt in das an bie Gallerie ſtoßende Billardzimmer eilte, und Ida fühlte ſich nun ihrer Kälte preisgegeben. „Dieß ſind ſehr intereſſante Familien⸗Porträts!“ ſprach ſie, und richtete ihre Lorgnette gegen ein Bild, das, ſtatt wie die größere Zahl der Gemälde einen der mürriſchen und hageren Vorfahren des Schloſſes Rehfeld vorzuſtellen, einen Franziskaner⸗Mönch, der eben eine Bußübung verrichtete, zeigte, eine Copie eines der ſchauerlichen Originale von Spagnoletto. „Ich muß ſie in einer Mußeſtunde genauer prüfen. Vaterländiſche Künſtler, vermuthe ich? Wieder neue Bekanntſchaften zu machen! Denn ich geſtehe, daß ich, mit Ausnahme von Holbein, Dürer und Cranach, de⸗ ren Werke ich hier nicht erkennen kann, wenig vertraut bin mit den Meiſtern der deutſchen Kunſt. Bei vielen ſolchen Punkten muß ich erſt meine Erziehung voll⸗ enden. Aber ich werde mich als eine gelehrige, wenn nicht gar als eine geſchickte Schülerin beweiſen.“ „Familien⸗Portraits,“ bemerkte Ida kalt,„beſon⸗ ders wenn ſie nicht ganz ausgezeichnet find, flößen, außer den nächſten Blutsverwandten, ſelten Jemand Intereſſe ein.“ „Oder auch denjenigen, in welchen eine Wechſel⸗ heirath verwandtſchaftliche Gefühle erweckt hat,“ er⸗ wiederte die Baronin, die nicht zu bemerken ſchien, daß ihre Stieftochter eine Beleidigung beabſichtigte. „Da fällt mir eben ein, daß der erſte Streit, den ich mit Deinem Vater hatte, mein theures Kind, um Dei⸗ netwillen entſtand.“ Durch dieſe überlegte Kaltblütigkeit überraſcht, wagte Ida nicht, die Frage zu ſtellen, welche man, wie ſie ſah, von ihr erwartete. „Der Baron wollte mir nicht erlauben,“ fuhr ſie fort,„einige Kleider für Deinen Gebrauch mitzuneh⸗ men, welche die Entfernung dieſes Ortes von einer 44 Reſidenz, nach meiner Meinung, ſehr annehmbar ge⸗ macht haben würde.“ „Er verſicherte mir, daß er Dir Alles ſchicke, was durch Geld für Dein Vergnügen oder Deinen Putz erkauft werden könne. Wie hätte ich mir denken können, daß der theure Baron aus ſeiner langen Er⸗ fahrung an unſerem fröhlichen Hofe ſo wenig profi⸗ tirte, welcher mit Paris, vielleicht weil von Pariſern angefüllt, ſich rühmt, der eleganteſte in Europa zu ſein, daß er Dir Dinge ſenden konnte, die ſchon ſeit fünf Jahren außer Mode, und ſogar auch neu, doch nur für eine alte Frau, gleich mir, paſſend ſind. Aber allen Männern, auch den verſtändigſten, darf man in dieſen Sachen wenig trauen. Sie haben keinen Sinn für die Schicklichkeit dieſer Dinge. Sie glauben, daß die Hälfte der Schönheit des Kleides darin beſteht, daß es viel koſtet, während doch gerade im Gegentheil die größte Auszeichnung der Toilette eines jungen Mäd⸗ hens darin beſteht, den Anſchein zu haben, Nichts zu oſten.“ Ida, für welche dieſe Worte ſehr viel von einer öconomiſchen Strafpredigt hatten, entgegnete kalt und empfindlich, daß ſich hier ſehr leicht eine Entſchuldi⸗ gung für ihres Vaters Verſchwendung zu Gunſten ſei⸗ ner einzigen Tochter finden ließe. „Für ſeine Verſchwendung gewiß— wenn eine ſolche wirklich beſtehen ſollte, von der ich aber bis jetzt nicht das Geringſte wahrgenommen habe, aber nicht für ſeinen ſchlechten Geſchmack. Würdeſt Du in Deinem gegenwärtigen Anzuge in einem unſerer ele⸗ ganten Ballzimmer in Frankreich oder Rußland er⸗⸗ ſcheinen, ſo hielte man Dich für eine Großmutter. Niemand könnte ſich denken, daß ein unverheirathetes Mädchen die Reize ihrer Jugend und Schönheit ſo gering ſchätze, um ſich ſo mit Schmuck zu über⸗ laden Ida fühlte, daß ſie erröthete, wenn nicht aus 5 45 S am, doch aus Aerger über dieſen verdeckten Tadel. „Aber das iſt einzig des Barons Schuld!“ ſprach die gleichmüthige Stiefmutter, und ihre verlegene Ge⸗ fährtin war beinahe überzeugt, daß ein zärtlicher Druck des Armes die Verſicherung verſtärkte.„Kein Mann — aber warum eine ſo ſchwere Predigt über einen ſo leichten Gegenſtand? Sage mir, mein theures Kind! was iſt die Regel des Abends? Wie unterhältſt Du Deine Gäſte auf Rehfeld? Was haben wir dieſen Leuten für heute Nacht zu bieten?“ Sie traten eben jetzt in den brillant beleuchteten Salon, und ſtatt einer Antwort warf Ida einen Blick auf das prächtige Piano, welches ſie kürzlich von ihrem Vater erhalten hatte. „Ohne guten Ton, vermuthe ich,“ ſprach die Ba⸗ ronin als Erwiederung auf ihren Blick,„gleich jedem Piano in jedem Landhauſe!“ „Im Gegentheil,“ begann Ida,„erſt geſtern..“ „Ah, um ſo beſſer dann,“ rief die Baronin.„Was haſt Du von neuen Muſikalien? Nur nichts von Strauß, ich bitte, denn wir haben den ganzen Winter in St. Petersburg nichts Anderes gehabt, und, die Wahrheit geſagt, ich vermuthe, unſere Herren find keine ſehr eifrigen Muſiker, ausgenommen in einem italieniſchen Opernhauſe— einerlei, wo.“ „Aber ich fragte Dich, was wir dieſen Abend vor uns hätten? Ohne Zweifel Whiſt!— Der Fürſt muß ſein Whiſt haben— sans le vhist, pas de salut! Aber für Euch, Kinder, könnteſt Du nicht einige petits jeux angeben? Wenn nicht, ſo kann Marguerite aus⸗ helfen. Charaden oder Tableaux können wir vielleicht an einem andern Abend aufführen; laßt uns mittler⸗ weile etwas haben.“ Die Ruheloſigkeit der grande dame, welcher es unmöglich war, auch nur einen einzigen Abend zuzu⸗ bringen, ohne eine beſondere Unterhaltung für ſich zu haben, ſchien Ida bloß für ganz kurze Zeit unbehag⸗ lich zu ſein; noch fühlte ſie, wie vorher, daß all dieſer Glanz und dieſe Unruhe der Stille des häuslichen Lebens weit vorzuziehen ſei. Sie hatte die Ueberzeu⸗ gung, daß die Baronin ihrer Entfernung von ihren aßſen aus der Reſidenz unbemerkt vorüber gehen würde. Ueberdies machte ſie bald die Entdeckung, daß Frau von Rehfeld, obgleich ſie ihre Stieftochter bei manchen Sachen ſcheinbar um Rath fragte, ſie beſtän⸗ dig an ihre Seite rief und durch die freundlichſten Blicke feſſelte, doch durchaus jedes Ding nach ihrem Kopfe haben müſſe. Sie war eine jener Frauen, welche ohne entſchiedene Ueberlegenheit an Schönheit oder Verſtand, dem Antheile, den ſie beſitzen, ſo gut die beſte Seite abzugewinnen wiſſen und ſo beſcheiden von jedem Ding und jeder Perſon, die ihnen in den Weg kommt, Beſitz nehmen, daß es ſelbſt ſtärkeren Geſbern unmöglich ſcheint, ihre Herrſchaft zu be⸗ reiten. Demgemäß veranlaßte ſie auch, daß der Baron von ſeiner Tochter, als eine Ausübung ihrer muſikali⸗ ſchen Talente, eine Symphonie von der Dauer einer halben Stunde verlangte, welche nur die äußerſte Kraft der Liebhaberei aushalten konnte, ohne in ein Gähnen auszubrechen. Hierauf wurde Marguerite aufgefordert, an das Piano⸗Forte zu gehen, damit einige einfache Noten von Schubert's ausgezeichneten Balladen, das mühſame Streben der vorhergehenden Darſtellung noch ſichtbarer machen möchten. Kaum ertönte die reine, ſüße Stimme der Made⸗ moiſelle Erloff, ſo verſtummte auch ſchon das Gemur⸗ mel der Unterhaltung. Die Männer zogen ſich aus den verſchiedenen Theilen des Salons näher gegen das Inſtrument. Sogar Mademoiſelle Thereſe, die ſich in einiger Entſernung von der übrigen Geſellſchaft mit dem jungen Verwandten ihres Patrons unterhielt, 47 fühlte ſich plötzlich von der lieblichen Mufikerin ange⸗ zogen. Die einzige Perſon, welche nicht gänzlich von Mademoiſelle Erloff's Vortrag hingeriſſen war, war ſie ſelbſt. Beim Schluſſe des Geſanges erhob ſich Marguerite mit zitternden Gliedern und gerötheten Wangen, von Aufregung und Schüchternheit überwäl⸗ tigt, von dem Piano, indem ſie den Tadel ihrer Mut⸗ ter noch weit mehr, als das allgemeine Beifallrufen fürchtete, das ihr Spiel begrüßte. Ida, eiferſüchtig, beinahe neidiſch um ihren Er⸗ folg, fühlte ſich beſchämt, als ſie die angeborene und ganz ungekünſtelte Beſcheidenheit des Mädchens wahr⸗ nahm, von welchem ſie erwartet hatte, triumphirend ob der Ueberlegenheit ihrer Talente ſie zu finden. „Marguerite hat weder Deine Kenntniß in der Muſik, noch Deine Fertigkeit, mein theures Kind,“ ſprach die Baronin freundlich zu ihrer Stieftochter, als ſie Fräulein von Rehfelds niedergeſchlagene Miene bemerkte.„Sie iſt ſo ſehr mit Malen beſchäftigt, daß ſie nicht ſo viel Zeit auf die Muſik verwenden konnte, als ich wünſchte. Du mußt ſie ermuthigen, meine liebe Ida, und mit der Zeit vermag ſie vielleicht doch etwas zu leiſten. Ich habe mir immer eingebildet, daß die reine Luft Deutſchlands muſikaliſches Gefühl und Geſchmack erzeugen muß. Marguerite erlangt vielleicht hier den Eifer, der ihr in St. Petersburg fehlte.“ Als Ida am Schluſſe eines Kompliments, das ſie für unverdientes Lob, welches gleich verkleideter Ver⸗ läumdung iſt, hielt, in die Höhe blickte, ſah ſie ihre junge Nebenbuhlerin in einer lebhaften Unterhaltung mit Mademoiſelle Thereſe begriffen. Die Talente des jungen Mädchens und die Würdigung der Gouvernante brachten ſchnell eine Vertraulichkeit zu Stande, und Ida war überraſcht, zu bemerken, daß die ſo ſehr formelle und ſcheinbar hochmüthige Dame, welche an 7 ihrer Seile ſaß, blos Ermuthigung und Theilnahme bedurfte, um ihre Züge durch Ausdruck zu verherrli⸗ chen und ihr Benehmen mit Anmuth und Artigkeit zu ſchmücken. Fräulein von Rehfeld war unumgänglich beſiegt. Ein Blick, den ſie in den ſtrahlenden, mit Fremden angefüllten Salon warf, für die ſie Vergleichungs⸗ weiſe ein Gegenſtand der Unbedeutendheit war, welche ſich in einer fremden Sprache unterhielten, mit der dieſe alten Mauern unbekannt waren, und die in ihrem vornehmen Benehmen und in ihren Gewohnheiten ſeine Einfachheit wahrſcheinlich als roh, und ſie ſelbſt als ein linkiſches, deutſches Mädchen, nur ein Bischen mehr geſchliffen und verfeinert, als die Diener ihres Vaters, betrachteten, ließ ſie nun auf einmal ihre ganze Geringfügigkeit fühlen. Sie kam zu dem Be⸗ wußtſein, daß ihre Träume von dem Leben eines jun⸗ gen Mädchens zu glänzend geweſen ſeien. Aber die Selbſtgenügſamkeit, welche ein Leben alleiniger Herr⸗ ſchaft, gleich dem ihrigen, erzeugt hatte, war entſchwun⸗ den. Ihr Vater hatte ſie bereits verlaſſen. Sogar ihre Gouvernante ſchien auf dem Punkte, in das feind⸗ liche Lager überzugehen, und als die ſtolze Erbin von Rehfeld ſich in jener Nacht auf ihr Zimmer zurückzog, welches bisher Zeuge von verworrenen Viſionen von zukünftiger Herrlichkeit geweſen war, fühlte ſich das arme Mädchen in eine ſolche Tiefe von Elend und Kränkung geſtürzt, daß es mehr als der von Herrn Voſſius eingepflanzten Weisheit bedurfte, um nicht in einen Strom von Thränen auszubrechen!— Viertes Kapitel. Langes Dulden muß unſern Geiſt erleuch⸗ tet haben, um den Sturm aus einem laͤcheln⸗ den Himmel prophezeihen zu können. Bertin Jene Nacht war für Ida eine Nacht der Schlaf⸗ loſigkeit und Betrachtung— die erſte in ihrem Leben, welche ſie wachend zugebracht hatte! Jung, wie ſie war, ſah ſie, daß der größte Theil ihres zukünftigen Glückes von der Art abhänge, mit welcher ſie den gegenwärtigen Wendepunkt ihres Schickſals bekämpfen würde. Auf ſolche Rathgeber, wie ihre vorurtheilsvolle Amme und unbeſtändige Gouvernante waren, hatte ſie wenig Vertrauen, und der arme Paſtor war vor ſeinem Patron zu demüthig, um ein Wort von gedie⸗ genem Rathe zu wagen. Schon begann Fräulein von Rehfeld eben ſo ſehr mißtrauiſch zu werden, als ſie haßte, und Alles, was ſie jemals in Geſchichten ge⸗ leſen oder in Legenden von den grauſamen Verfolgun⸗ gen der Stiefmütter geleſen hatte, kam ihr nun wieder in das Gedächtniß. Sie zweifelte wenig, daß die Eindringlinge kein Mittel unverſucht laſſen würden, ihr ihres Vaters Liebe. zu entziehen und ſie noch zur Dienſtbarkeit und Muth⸗ loſigkeit zu bringen. Glücklicher Weiſe war ſie auf ihrer Hut. Sie wollte ſich ſelbſt gegen den Feind innerhalb ſolcher Mauern von Zurückhaltung ſchützen und ihre Angſt und Furcht unter einem ſolchen Schilde von Kälte verbergen, daß die Ränkeſchmiederin, ihre ſchreckliche häusliche Feindin, aus der Bucht vertrieben werden ſollte. Sie entſchloß ſich, wie die meiſten Leute thun, Die Frau des Geſandten. I. 4 50 welche beabſichtigen, eine den Eingebungen ihrer Natur entgegengeſetzte Rolle zu ſpielen, ſich ſo unangenehm als möglich zu machen. Aber obgleich erfahrene Di⸗ plomaten in ihren Cabineten ſitzen mögen, um über politiſchen Plänen zu brüten, ſo iſt es doch für ein ſiebzehnjähriges Maͤdchen nicht ſo leicht, ein unabhän⸗ giges Betragen anzunehmen. Ein Mädchen von ſieb⸗ zehn Jahren iſt nicht nur der Sclave Anderer, ſondern auch ihrer ſelbſt, ihrer eigenen fröhlichen Eingebungen der Natur und der Munterkeit ihres Herzens. Nach Verlauf von wenigen Tagen fand ſich Ida von Reh⸗ feld gezwungen, zum erſtenmal in ihrem Leben einem Einfluſſe zu erliegen, der zwar nur im Stillen geübt wurde, aber nichts deſto weniger nicht minder mächtig war, und ſie ſah ſich durch den Strom der Umſtände fort geriſſen, und genöthigt zu erdulden, was ſie zu⸗ erſt ausüben wollte. Das muntere Volk, welches die hochzeitliche Ge⸗ ſellſchaft nach Rehfeld begleitete, hatte von dem Platze gleich einem eroberten Lande Beſitz genommen. Sie riefen eine neue Ordnung der Dinge in das Daſein, deren Vorzüge von ihren Vorfahren unmöglich zu leugnen waren. Das dunkle, altmodiſche Schloß wurde beinahe freundlich; und die Gewohnheiten der Spar⸗ ſamkeit und oft der Unſcheinbarkeit, welche des Barons Abweſenheit und die Unerfahrenheit ſeiner Tochter er⸗ laubte, verſchwanden unter der Oberaufſicht des fran⸗ zöſiſchen Hausmeiſters der neuen Gebieterin in einigen Tagen ſo gänzlich, daß Ida ihre frühere, iſolirte Hei⸗ math kaum mehr erkannte. Gerne würde ſie mit Sara und Johann dieſe frem⸗ den Neuerungen und den Wechſel der Stunden und Gebräuche, die dem Barone aufgedrungen worden waren, beklagt haben;— Verdammung war unmög⸗ lich. Ein Paradies war in der Wildniß geöffnet. An der Stelle der Formalität ihrer frühern Lebensart und ihrer einfachen Bewirthung entfaltete der Salon nun 51 die verfeinerte Eleganz des Refidenzlebens, und die Tafel war jetzt herrlich beſetzt. Ja, Ida fand ſich ſogar zum erſtenmal, gleichſam als Einwilligung in ihre mädchenhaften Grillen, an den Jagdzug ange⸗ ſchloſſen, der ſo oft ihr Intereſſe und ihre Neugierde erregt hatte. Die Damen der Geſellſchaft wohnten dem Rendez-vous de chasse täglich in einem offenen Wagen bei, und da die Baronin die Entdeckung machte, daß ihre Stieftochter eine ſehr kühne, gute Reiterin ſei, drückte ſie bei mehr als einer Gelegen⸗ heit den Wunſch aus, daß ſie ihren Vater zu Pferd in den Wald begleiten, ſo den Gang der Jagd beob⸗ achten möchte. „Marguerite, das arme ſchüchterne Ding, beſitzt weder Geſundheit noch Kraft genug für ſolche Vergnü⸗ gungen!“ ſprach ſie,„aber Du, mein Kind, das eine ländliche Erziehung kräftig gemacht hat, kannſt nicht beſſer thun, als eine ſo harmloſe und ſtärkende Belu⸗ ſtigung zu genießen.“ Jda fühlte die Großmuth dieſer Einwilligung in ihrer ganzen Größe. Es war unmöglich, furchtloſer und anmuthiger zu reiten. Ihre ſchöne Figur zeigte ſich nie vortheilhafter, als wenn ſie auf ihrer Lieblings⸗ Stute Katalba neben ihrem Vater ritt, und die Be⸗ wunderung, welche ſie erntete, und die durch die Be⸗ gebenheiten der Jagd wachſende Vertraulichkeit mit den Herrn der Geſellſchaft, vernichteten bald ihre Projekte der Zurückhaltung, der Launenhaftigkeit oder ſelbſt der Kälte. Mit heiterer Laune, durch Bewegung und friſche Luft bewirkt, kehrte ſie mit blühenden Wangen zurück, um an den Vergnügungen des Abends Theil zu nehmen. Eine Reihe von Gäſten, theils Bekannte des Ba⸗ rons, oder Mitglieder des diplomatiſchen Corps in der Reſidenz, erſchienen, um auf Schloß Rehfeld zu ver⸗ weilen. Eine Nacht nach der andern belebten Mufik, Tanz, Charaden, Tableaux und Theater den Platz, 3 52 welcher ſo lange der Einſamkeit und Vernachläßigung überlaſſen war. Eine neue Welt öffnete ſich den Blicken der jungen Einſiedlerin. Alles, was in den Erzählungen von Mademoiſelle Thereſe ihre Einbil⸗ dungskraft beſchäftigt hatte, ſchien wie durch einen Zauberſtab in ihre Klauſe verſetzt worden zu ſein. Zu ihrem großen Erſtaunen wurde jedoch die Ba⸗ ronin, von welcher Ida einen allmäligen Uebergang von Artigkeit zu Kälte und von Kälte zu Grauſamkeit erwartet hatte, immer freundlicher und freundlicher, je⸗ mehr ſie ihre eigene Zurückhaltung aufgab. Ida’'s Begriffe, welche ausſchließlich aus Büchern geſammelt waren, hatten ſie vorbereitet, die lebende Welt von außerordentlich guten oder ganz ſchlechten Leuten zu⸗ ſammengeſetzt zu finden, ohne ſie argwöhnen zu laſſen, daß vorherrſchende Mittelmäßigkeit eine Weltdame der größten Heuchelei beſchuldigte, welche weder des Laſters, noch der Tugend fähig war und bloß den Gewohn⸗ heiten jener Klaſſe des Lebens gemäß handelte, in welcher ſie ihr gehaltloſes Daſein abgenutzt hatte, und die zu ſehr an die Genüſſe des Lebens gewöhnt war, um nicht alle Vergnügungen um ſich her zu be⸗ fördern. Die neue Baronin war, wie die alte Sara be⸗ hauptete, wirklich von franzöſiſcher Herkunft, obgleich von emigrirten Eltern geboren, die ſich lange ſchon in Rußland niedergelaſſen hatten. Von Geburt eine Vaudreuil, wurde ſie ſehr frühe mit Marguerite's Vater vermählt und glänzte als die liebenswürdige und populäre Gräfin Erloff an dem brillanten Hofe des Kaiſers Alexander. Man ver⸗ muthete in der That mit Recht, daß ihre Schönheit und ihre Talente dazu beigetragen hatten, ihrem Manne jene hohen Auszeichnungen zu verſchaffen, deren er ſich erfreute. Auf ihrem Rufe laſtete jedoch nicht der ge⸗ ringſt Flecken und Niemand konnte auch nur die kleinſte Verletzung des Anſtandes bei ihr entdecken. Aber da der alte Graf ſo wohl an Körper, als an Geiſt ſehr unbedeutend war, ſo konnte man ſich ſeine hohen, amtlichen Würden von nichts anderem, als denn geheimen Einfluſſe ſeiner Gattin herrührend denken. Ein Sohn und eine Tochter waren die Früchte dieſer Verbindung. Der erſtere, Graf Alexis, war unter der Aufſicht eines Hofmeiſters im älterlichen Hauſe erzogen worden; während Marguerite, den Wünſchen ihrer mütterlichen Großmutter gemäß, die alte Gräſin de Vaudreuil zur Zeit des allgemeinen Friedens auf ihrer Rückkehr nach Paris begleitete und dort in ein ausgezeichnetes Inſtitut des Faubourg St. Germain gegeben wurde. Es iſt wahr, daß die etwas ſchwelgeriſche Lebens⸗ art ihrer Mutter keine ſehr vortheilhafte Schule für die Kindheit des jungen Mädchens geweſen wäre; denn da die Aufmerkſamkeit der Gräfin beſtändig von dem Hofe in Anſpruch genommen wurde, konnte ſie wenig auf ihre Kinder merken, und als der junge Graf, nachdem er das fünfzehnte Jahr zurückgelegt hatte, in die militäriſche Schule der Pagen kam, war es ſchwer zu urtheilen, wer mehr fremd für Madame Erloff war, der unter ihrem eigenen Dache aufgewachſene Sohn, oder die kleine, ſchüchterne Penſionärin, die in einem fremden Lande erzogen worden war. Gehaltlos durch geerbten Reichthum, oberflächlich vermöge der Erziehung und mit keiner beſondern Auf⸗ forderung ihrer Liebe von Seite eines Mannes, der ſo weltlich geſinnt war, wie ſie, ja in geiſtigen Vor⸗ zügen ſogar unter ihr ſtand, bildete ſich die Gräſin ein, den Zweck ihres Daſeins zu erfüllen, indem ſie, herrlich gekleidet, anſtändig von einem Tage zum an⸗ dern lebend, frei von allen Sorgen außer denen, welche die Vergnügungen des nächſten Tages betrafen, durch das Leben flatterte. Die Ariſtokratie eines Landes auf den erſten Stufen der Civiliſation iſt ſicher, ausſchweiſend und gedankenlos zu werden. Indem Rußland, als der Grundbeſtandtheil des Staates, das Schaffell ſeiner Moskowittiſchen Barbarei abwarf, hatte es mit dem Purpur und Hermelin von Verſailles auch deſſen Leichtſinn angenommen, und während Alexanders ſehr begünſtigender Regierung verwandelte ſich der Hof in einen Marmortempel, auf einmal kalt, verfeinert und ſein Licht und ſeine Wärme durch künſtliche Mit⸗ tel empfangend. Verſchwendung war an der Tages⸗ ordnung; und die Höflinge waren gleich denen Lud⸗ wigs XV. ſtolz darauf, ſich zu Grunde zu richten, damit ihre Schulden von ihrem königlichen Herrn be⸗ zahlt werden möchten. Unglücklicher Weiſe wurde der Ruin des Grafen Erloff verloren ihren Einfluß, wie ſie bereits ihr Ver⸗ mögen verloren hatten, und bei dem Tode des Grafen, welcher gleich im erſten Monate nach der Krönung des Kaiſers Nikolaus 1. erfolgte, machte man die Enideckung, daß außer den tief verſchuldeten Gütern, die ſeinem Sohne gehörten, ſeiner Familie wenig oder gar nichts blieb. Dies war ein harter Schlag für die Gräfin. Zum erſtenmale in ihrem Leben drängten Sie zählte nun ſechs und dreißig Jahre; ihre Blüthe war im Abnehmen, ihre Geſundheit durch lange Nächte von Unordnungen eſchwächt, und ſie war ent⸗ fremdet den mütterlichen Gefühlen, welche ihr gelehrt haben könnten, daß der reinſte Genuß ihres Lebens Penſion, die ſie von dem Kaifer erhielt, würde ſie fähig gemacht haben, anſtändig zu leben, wäre ſie zu⸗ 55 frieden geweſen, ſich in die Dunkelheit des Privat⸗ lebens zurückzuziehen und über den jungen Grafen zu wachen, der eben in die Armee eingetreten war, wäh⸗ rend ſie von ihrer Mutter beſtändige Verſicherungen erhielt, daß Marguerite Alles werde, was ihr müt⸗ terliches Herz nur wünſchen könne. Aber das Glück, welches aus der Erfüllung ihrer Pflichten und dem Genuſſe ihrer natürlichen Liebe hervorging, hatte kei⸗ nen Reiz für ein Weib, welches während ihres ganzen Lebens an Luxus und Vergnügungen anderer Art ge⸗ wöhnt war, und die untröſtliche Wittwe würde lieber ihrem Gemahle in die Ruheſtätte aller Erloffe gefolgt ſein, als ihrem beſcheidenen Vermögen in das kleine Landhäuschen, in welchem, wie ihre Familie vermu⸗ thete, ſie ihren Wittwenſtand am beſten verleben könnte. Deshalb erhielt die Gräfin unter dem Vorwande, das Verlangen zu hegen, ihre Tochter nach zehnjäh⸗ riger Trennung nach Hauſe zu holen, und einer Wie⸗ dervereinigung mit ihrer Mutter ſich erfreuen zu kön⸗ nen, die Einwilligung des Kaiſers zu einer Reiſe nach Paris. Madame Erloff mußte jedoch verſprechen, mit dem Frühlinge zurückzukehren, dieſes that ſie aber nicht ohne die geheime Hoffnung, eine neue Heimath mit ihrer Familie zu erhalten, oder ihr Glück auf eine noch befriedigendere Art durch eine zweite Heirath zu begründen. Die Gräfin de Vaudreuil war jedoch eine Franzöſin nach der alten Schule, welche ein Jugend voll Leichtſinn und dann endlich ein kluges Greiſen⸗ alter in ſich ſchließt. Da ſie einen Punkt des Lebens erreicht hatte, in welchem die Autorität des Gewiſſenrathes und das Poſitive die Oberhand über die Einbildungskraft er⸗ hält, verſicherte ſie ihrer unzufriedenen Tochter, daß es um der Intereſſen ihres Sohnes willen nöthig ſei, ſich für immer in Rußland niederzulaſſen, und daß Marguerite, von allem Vermögen entblößt, nur in 56 ihrem Vaterlande durch die Bekannten ihres Vaters eine ſtandesmäßige Verſorgung finden könne. Was eine zweite Vermählung anbelangte, ſo gab es kein grillenhafteres Projekt für eine Wittwe, welche zwei vermögensloſe Kinder beſaß, und noch dazu in einem Lande, wie Frankreich, wo eine Heirath mit dem An⸗ walte, ja ſo gar auch bei ſolchen getheilt werden muß, von denen man glauben könnte, daß Jugend und Schönheit dem Einfluſſe einer gangbareren Münze das Gleichgewicht halten würden. Der letzte Reſt von dem Kartenhauſe der Gräfin wurde auf dieſe Weiſe durch einen Hauch über den Haufen geworfen, und leider dienten die Eleganz und Pracht der Pariſer Zirkel, denen ſie beigewohnt hatte, nur dazu, ihren Abſcheu vor dem Gedanken an ein zurückgezogenes Leben zu vermehren. Daher begleitete ſie ihre Tochter nur mit geſteigerter Unzufriedenheit in deren Geburtsland zurück, und die linkiſche Schüch⸗ ternheit eines ſechszehnjährigen Mädchens war nicht geeignet, ſie für Entbehrungen Troſt finden zu laſſen. Man hielt es für unumgänglich nothwendig, daß die Gräfin, als Wittwe oder Mutter eines Erloff, bei ihrer Rückkehr nach St. Petersburg nach einer langen Abweſenheit ihre Aufwartung bei Hof mache; eine erfolgreiche Nothwendigkeit, denn fie hatte das Glück, die günſtige Aufmerkſamkeit der Kaiſerin auf ſich zu ziehen. Durch einen vortheilhaften Anzug ver⸗ ſchönert, der von einem langen Aufenthalte in Paris herrührte, und da ſie ihre Geſundheit durch ein langes Entferntſein von der Welt wieder erlangt hatte, er⸗ ſchien die Gräfin in einem beſonders günſtigen Lichte. Niemand auf der Welt hätte ihr geglaubt, daß ſie die Mutter zweier erwachſener Kinder, oder im acht und dreißigſten Jahre ſei. Aengſtlich bemüht, zu gefallen, wurde ſie noch einmal ein Günſtling, und diesmal in einem Reviere, in welchem der Hauch der Verleum⸗ dung ihr nichts anhaben konnte. Die Gräfin Erloff 57 wurde bald mit einem Amte in dem kaiſerlichen Hof⸗ ſtaate beehrt, und auf dieſe Weiſe ſah ſie ſich plötzlich aus den Tiefen ihrer Zurückſetzung zu einer bedeutenden Höhe von Glück und Hoffnung erhoben. Zu derſelben Zeit erſchien auch der Baron von Rehfeld in Rußland, durch die Ungewandtheit eines zurückhaltenden Mannes und durch das beengende Ge⸗ fühl gedrückt, welches jeder Fremde im Auslande em⸗ pfindet, erſchien ihm der glänzende Hof in St. Peters⸗ burg fünfzigmal minder unterhaltender und geſelliger, als die beſchränkten Zirkel in der Reſidenz. Wenn ſeine diplomatiſchen Pflichten ihm mehr Muße zur Un⸗ zufriedenheit gelaſſen hätten, ſo würde er vielleicht dem Murren einiger engliſchen Reiſenden beigeſtimmt haben, die am Hofe nicht hofmäßig auftraten, und dann in ihrer Bosheit in die Welt hinausſchrieben, daß die Stadt des Czaars unter allen Städten Europas an Vergnügungen die ärmſte ſei. Im Laufe des Sommers wurde der ſächſiſche Mi⸗ niſter*) vermöge ſeiner guten Dienſte in einer Geſell⸗ ſchaft, die die kaiſerliche Familie in Zarskoje⸗Selo gab, zwei Damen des Hofſtaates vorgeſtellt, und ehe der nächſte Winter entſchwunden war, hatte der Baron die Entdeckung gemacht, daß St. Petersburg in jeder Hinſicht eine äußerſt angenehme Reſidenz ſei, und, wenn irgend etwas die Reize der Geſellſchaft einer gebildeten und geiſtreichen Ruſſin übertreffe, ſo ſeien es die einer an den Ufern der Neva heimiſchen Franzöfin. Rehfeld, welchen ſein Fürſt auserleſen hatte, ge⸗ wiſſe Grenzſtreitigkeiten zu ſchlichten, und den genaue Localkenntniß und ein einfacher, geſunder Verſtand zu einem verläßigen Geſchäftsträger machten, war in der That etwas minder geeignet, in den Hofzirkeln zu er⸗ *) Mrs. Gore nimmt es mit der deutſchen Geographie nicht ſehr genau, was hier ein für alle Mal bemerkt werden muß. A. d. U. 58 ſcheinen. Er war ein kalter, ernſter, oder vielmehr zurückhaltender Mann, der außer den beſchränkten Ge⸗ ſellſchaften der Refidenz nichts von der Welt wußte, und ſeine Sinne wurden mehr als gewähnlich durch den Anblick eines glänzenden Hofes und einer Maſſe von Fremden betäubt. Wie für ſeine Unvollkommen⸗ heiten, ſo war er auch für die Quelle, aus welcher er Troſt und Unterſtützung zog, gleich blind. Nun war das Ende der brillanten Winterzeit herangenaht, und als er ſich bei der Entdeckung, ſie ganz zu ſeiner Zu⸗ friedenheit zugebracht zu haben, nach der Urſache fragte, konnte nicht nur er ſelbſt, ſondern der ganze Hof ant⸗ worten, daß es deswegen der Fall, weil er an der Seite der ſchönen und liebenswürdigen Gräfin von Erloff geweſen ſei! Seine Sendung war jetzt bald zu Ende und der Erfolg ſeiner Unterhandlungen bereits durch den Dank ſeines Fürſten und die gütige Aufmerkſamkeit des Kai⸗ ſers belohnt worden. Aber als der Zeitpunkt ſeiner Abreiſe heranrückte, war er überraſcht, aus den An⸗ ſpielungen ſeiner diplomatiſchen Collegen zu entneh⸗ men, daß man bei Hof erwarte, er würde ſich vor ſeiner Abreiſe noch mit der ſchönen und edeln, in der kaiſerlichen Gunſt ſo hoch ſtehenden Wittwe vermählen. Es erwies ſich, daß er, beiden unbewußt, ſich und ſie unvorſichtiger Weiſe bloßgeſtellt hatte. Es kamen ihm Winke von daher zu, was man„höhere Regionen“ nennt, und dieſe darf kein Mann von Ehre unberück⸗ ſichtigt laſſen.— Die herzlichen Sitten und ausgezeichnete Morali⸗ tät ſeines eigenen kleinen Hofes hatten ihn nicht ahnen laſſen, welch' eine Auslegung man ſeiner Vertraulich⸗ keit mit einem achtunddreißigjährigen Weibe in St. Petersburg gab. 3 Rehfeld's erſtes Gefühl bei dieſer Entdeckung war Aerger; ſein zweites, Vergnügen. Ein Mann von mittelmäßigem Geiſte darf überzeugt ſein, daß der erſte 59 falſche Schritt in ſeinem Leben einen ſchädlichen Ein⸗ fluß auf ihn übt; und da er bei ſeiner erſten Heirath den Grundſätzen ſeiner Natur und ſeines Standes zu⸗ wider gehandelt hatte, ſo legte er von dieſer Zeit an ſtets einen beinah allzugroßen Werth auf die Vorrechte der Geburt bei einer ehlichen Verbindung. Die Dame, welcher er, wie man von ihm erwartete, ſeine Hand anbieten ſollte, und welche von Geburt eine Vaudreuil — durch Heirath eine Erloff— und durch Zufälle ein Günſiling der Kaiſerin war,— beſaß in ſeinen Augen ei⸗ nen größern Einfluß, als todter Reichthum oder dunkle Schönheit werth ſind, und obgleich er wußte, daß der Gräfin brillantes Haus nur von einer Stelle am Hof abhänge, die ſie wegen der Vermählung mit einem Fremden aufopfern mußte, ſo geſtattete er ſich doch, das Ereigniß mehr als ein Glück, denn als ein un⸗ vermeidliches Uebel zu betrachten. Die Bewerbung um die Gräfin bewirkte das Ue⸗ brige, denn ſie hatte ihren Kopf auf die Verbindung geſetzt. Die Vorzüge der Geburt und des Glückes, welche ihr in derſelben dargeboten wurden, möchten ſie ſchwerlich beſtimmt haben, ihre Hand einem ein⸗ fachen Landbarone des deutſchen Reiches zu geben; wenn ſie nicht ihrem eigenen Verſtande und Einfluſſe, da der Baron einſt in den Annalen der Diplomatie geglänzt, ſo viel zugetraut hätte, ihn für den Reſt ſeiner Tage an einen Dienſt feſſeln zu können, welcher unerläßig mit dem Pompe eines Hofes verknüpft iſt. Ddies waren nun die Beweggründe der Heirath! Der Baron von Rehfeld war zu Verſprechungen ge⸗ zwungen worden, und nachdem er ſogar mit der nicht widerſtrebenden Gräfin ausgemacht hatte, wegen der Erfüllung ſeiner Pflichten und um einige nothwendige Anordnungen für ihren Empfang an ſeine Familie er⸗ gehen zu laſſen, zur Reſidenz zurückkehren zu müſſen, ſo nöthigte man ihn wieder, die Ceremonie zu beſchleu⸗ nigen. Ja, einen ſo guten Grund hatte die Gräfin 60 bereits zu ſeinem Glücke gelegt, daß eine Bitte des Kaiſers ihn zum beſtändigen Geſandten des Hofes von cn an dem des Kaiſers aller Reuſſen machte. Die Ankündigung dieſes unerwarteten Glückes war es, was die Tochter mehr als alle Artigkeiten der neuen Mutter mit der Heirath ausſöhnte. Das ehrgeizige Streben Ida's von Rehfeld erhielt durch den Gedanken, daß ihr erſtes Auftreten aus den unbedeutenden Zirkeln der Reſidenz in jene einer gro⸗ ßen Hauptſtadt verſetzt werde, Nahrung; und obgleich noch der Meinung, daß eine Stiefmutter ihrem Glücke ein großes Hinderniß in den Weg legen würde, wenn ſie auf den Gütern ihrer Vorfahren hätte verweilen müſſen; ſo gab ſie ſich endlich doch zufrieden, in einer untergeordneten Rolle, unter dem Schutze einer Baro⸗ nin von Rehfeld, geborene Veaudreuil und Wittwe Erloff zu glänzen, die ſich der beſondern Gunſt eines Landesherrn erfreute, deſſen Lächeln der Sonnenſchein ihrer zukünf⸗ tigen Laufbahn werden ſollte. Ihre einzige Furcht war nun, daß Marguerite's Mutter, eiferſüchtig auf ihre Nebenbuhlerſchaft, es vielleicht für dienlich halten würde, ſich ihrer durch eine ſtandesmäßige Verbindung in Deutſchland, noch fhr der Baron ſeinen Poſten angetreten habe, zu ent⸗ edigen. Noch einen Monat wollte man auf Rehfeld ver⸗ weilen. Tauſend unglückliche Ereigniſſe konnten in der Zwiſchenzeit eintreten. Der bäueriſche Vetter Wil⸗ helm, der ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen ihr und Mar⸗ guerite theilte, konnte von ihrem Vater zur Vermäh⸗ lung gezwungen werden, und da wenig von der Da⸗ zwiſchenkunft eines Erben in Folge der kürzlichen Ver⸗ mählung des Hauptes der Familie zu fürchten war, er⸗ ſchienen die Vortheile dieſer Heirath leider in einem nur zu günſtigen Lichte, beſonders ſeit ſie von ihrer guten Amme einen Wink erhalten hatte, daß in einer jeden andern freiherrlichen Familie, als in der, von 61 welcher ihr Vater das Haupt ſei, deſſen eigene un⸗ gleiche Heirath einen ſtarken Einfluß auf die ehelichen Beſtimmungen ſeiner Tochter üben müſſe. Fünftes Kapitel. Da war gerade eine Art von Discuſſion, So etwas Vertrag und Negociation, Zwiſchen Preußens und Rußlands Cabinet, Mit aller Schlauheit geführt, ſo nett, Wie ſolche Staaten ſolch Ding gern berhan⸗ eln; Wohl mocht's um die Balt'ſche Schifffahrt ſich handeln, um Haͤute, Thran, Talg, und die Rechte der Thetis, Die die Briten verwehren mit dem uti passi- detis. Byron. Es gereichte jedoch zur beſondern Freude der neuen Herrin von Rehfeld nicht, daß Ida's Betragen gegen Mademoiſelle von Erloff bald eine beinahe ſchweſter⸗ liche Herzlichkeit annahm; denn ſelbſt ein unaufmerk⸗ ſamer Beobachter mußte bemerkt haben, daß die müt⸗ terlichen Gefühle der Baronin von einem ſehr einſei⸗ tigen Charakter ſeien. In dem liebenswürdigen Weſen Marguerite's lag etwas, was gewaltſam zu dem Herzen drang, während es dazu diente, die Neugierde ihrer Stiefſchweſter zu reizen. In Marguerite Erloff ſah Ida, ungeachtet ihrer halbfranzöſiſchen und halb ruſſiſchen Abſtammung, eines jener ſanften ſchwärmeriſchen Mädchen, die ſo oft von den Dichtern ihres eigenen Landes geſchildert werden. 62 Zärtlich, ſchüchtern, fromm und den Geiſt ſo frei von allen Vorurtheilen, wie das Herz voll von Gefühl. Da ſie in ſtrenger Zurückgezogenheit in einem der ſtrengſten Klöſter des Faubourg St. Germain erzogen worden war, ſo hatte ſie die Zeit ihrer Verbannung aus ihrem Vaterlande mit Sehnſucht nach der Heimath und der Mutterliebe zugebracht, und als ſie bei ihrer Rückkehr nach Rußland ſtatt des häuslichen Glückes, nach wel⸗ chem ſie ſo lange geſeufzt, bloß eine freudenloſe Publi⸗ cität, und an der Stelle zärtlicher Elternliebe nur die von bitterm Spott begleitete Autorität einer gehaltlo⸗ ſen Weltdame fand, begann ſich das arme Mädchen auf's Neue nach den einfachen Nonnen, welche ihre Er⸗ ziehung geleitet hatten, und nach den jungen Freundin⸗ nen zu ſehnen, die in ihren Schmerz mit einzuſtimmen pflegten. Ihre gelegenheitlichen Beſuche in dem Hotel de Vaudreuil, und die herablaſſende Aufmerkſamkeit ihrer Großmutter hatten ſogar mehr Reiz für ſie, als die ruſſiſche Heimath, wo die beſtändigen Einladungen zu Hof und zu andern Geſellſchaften, welche an ihre Mutter ergingen ſie größtentheils allein ließen. Die Verheirathung ver Baronin war für Marguerite eine ebenſo große Quelle der Freude geweſen; wie die des Barons für Ida eine Quelle des Verdruſſes. Sie lebte neu bei dem Gedanken auf, die Formalitäten einer Refidenz gleich St. Petersburg mit einem alten, ſchönen Schloſſe von Flüſſen und Wäldern umgeben, zu vertauſchen. Marguerite kannte das Land nur dem Namen nach. Während der zehn Jahre ihres Le⸗ bens, an welche ſie klare Erinnerungen zu knüpfen ver⸗ mochte, war ſie von ſtädtiſchen Mauern eingeſchloſſen geweſen. Ländliche Anſichten und ländliche Vergnügun⸗ gen waren darum für ſie eine herrliche Neuigkeit. Das Rauſchen der Bäume, das Murmeln des Waſſers gewährte dieſem Mädchen an der Grenze der Weiblich⸗ keit ſo großes Vergnügen, wie ein Licht den Augen eines Kindes. Schloß Rehfeld eröffnete vor den Blicken 63 Marguerite's eine eben ſo neue Welt, wie die Hof⸗ ſcenen, an welchen das Herz des Fräuleins von Reh⸗ feld hing, und die ſich ihr nun bald entfalten ſollten. So iſt es mit dem menſchlichen Gemüth; begierig nach ungekannten Vergnügungen und verlangend nach neuen Genüſſen— müde des Glückes, unzufrieden, wenn alle dieſe Eindrücke hinreichend gegönnt ſind. Das Leben, welches Ida von Rehfeld in einer Umge⸗ bung führte, die ſie verehrte, hatte ihre Gefühle er⸗ ſchlafft und ihr ein fieberhaftes Sehnen nach dem Trei⸗ ben der Welt eingeflößt, während das unruhige Leben einer Hauptſtadt in Marguerite's Seele Träume von Einſamkeit und Frieden erweckt hatte. „Wie glücklich mußteſt Du hier geweſen ſein!“ rief ſie ihrer Stiefſchweſter zu, als ſie eines Tages, während eines herbſtlichen Sonnenuntergang's auf der Terraſſe des Schloſſes Rehfeld luſtwandelten und die Rückkehr des Baron's und ſeiner Gäſte von einem ent⸗ fernten Treibjagen erwarteten. „Glücklich?“ war der unwillkührliche Ausruf ihrer Gefährtin.„Sage lieber, frei von Sorgen. Der Mangel an Leiden erzeugt doch ſicherlich nicht das Da⸗ ſein von Vergnügen!“ „Erzeugt es nicht?“ fragte Marguerite mit wun⸗ dernden Augen.„Gewiß reicht es hin, um glücklich zu ſein, mit denen, welche uns lieben, und überdies noch an einem ſo ſchönen Platze, gleich dieſem, leben zu kön⸗ nen, der rings mit ſchattigen Wäldern umgeben iſt, und von wo aus man in der Ferne jenen ſtolzen Fluß kann fließen ſehen.“ „Ich bewundere Alles in dieſem Augenblicke, weil es Dir Vergnügen zu geben ſcheint,“ antwortete Ida offen.„Aber ich geſtehe Dir auch, daß ich mich oft nach einer Gefährtin geſehnt habe, die einigen Reiz in einer Landſchaft entdecken möchte, welche ſich meinen Augen jeden Tag meines Daſeins gezeigt hat, und mich lehrte, nach einer veränderten Scenerie zu verlangen. 64 Rußland wird mir alle die Freuden geben, die Du ge⸗ nügſam genug biſt, hier zu finden.“ „Ich fürchte, daß dieſes nicht der Fall ſein wird,“ entgegnete Marguerite.„Ich fürchte, daß Du Dich in St. Petersburg oft nach dem milden Clima und den freien Ausſichten dieſes glücklichen Schloſſes ſehnen wirſt. Du haſt einen ſchwachen Begriff von dem ſkla⸗ viſchen und ceremoniellen Leben, in welches Du nun eingeführt werden ſollſt. Wenn Du einmal Deine Aufwartung bei Hof gemacht haſt, ſo wirſt Du in einer beſtändigen Runde von Geſellſchaften leben müſſen;— immer überheitzte und überleuchtete Zimmer,— nichts als Glanz und Tumult. In der That, Du wirſt nur zu bald die Heiterkeit und Unabhängigkeit dieſes Platzes einſehen lernen.“ Ida konnte ſich kaum eines Lächelns enthalten. Aber es war vergebens, mit der Einfachheit von Mar⸗ guerite's Herzen zu ſtreiten. Indem ſie ihre Gefährtin ſich ihrer romantiſchen Bewunderung der alten Eichen von Rehfeld hingeben ließ und ſie nicht abhielt, mit Aufmerkſamkeit der alten Legenden zu lauſchen, welche Sara von jedem der alten Porträte in der Gallerie zu erzählen wußte, wurde es ihr nicht ſchwer, von Mademoiſelle Thereſe alle jene Uebereinſtimmung zu erhalten, die ſie bei ihren veränderten Ausſichten wünſchte.— Als im Laufe ihrer erſten Privat⸗Zuſammenkunft der Baron ſeiner Tochter zur Pflicht machte, die Gat⸗ tin ſeiner Wahl mit Rückſicht und angemeſſener Ehr⸗ erbietigkeit zu behandeln, hatte er für unnöthig gehal⸗ ten, einem ſo jungen Weſen jenen Mangel an Vermö⸗ gen mitzutheilen, welcher die ſo hoch in der kaiſerlichen Gunſt ſtehende Gräfin vielleicht veranlaßt hatte, ihre Hand einem Fremden zu reichen. Er verweilte dagegen um ſo länger bei ihrem Einfluß bei Hof und bei ihrem Antheile, ihm eine ſeinem Stolze ſo ſchmeichelhafte und ſeinen Ausſichten ſo günſtige Stellung zu verſchaffen. Daher war es Ida, der Tochter einer armen und dunkeln Mutter, unmöglich, ſich Anſichten hinzugeben, die den perſönlichen Einfluß ihrer Stiefmutter hätten ſchmälern können. In dieſen unterwürfigen Gefinnungen wurde ſie jetzt von Mademoiſelle Thereſe beſtärkt, welche, als ſie in der gefürchteten ruſſiſchen Gräfin eine Tochter des edlen Hauſes de Vaudreuil und ein angenehmes, Ver⸗ gnügungen liebendes Weib, ſtatt der ſtolzen Ruſſin ſah, ihre Freude über die Ausſicht unter einem ſolchen Schutze der freudenloſen Einſamkeit Rehfelds Adieu ſa⸗ gen zu dürfen, kaum unterdrücken konnte. „Bei meinem Rheumatismus und der gränzenloſen Wildheit dieſes Platzes, würde noch ein Winter hier mich zu Grunde richten!“ lautete ihre geheime Betrach⸗ tung, nachdem ſie den Vorſchlag der Baronin, die Fa⸗ milie nach Rußland zurück zu begleiten und die Auf⸗ ſicht über ihre beiden Töchter zu übernehmen, angenom⸗ men hatte. Auf dieſe Weiſe durch ihre veränderten Gefühle gegen Frau von Rehfeld und durch ihre heitern Pläne für die Zukunft ermuthigt, wurde Ida bald über den raſchen Schritt ihres Vaters ſo ſehr er⸗ freut, als ſie ſich im erſten Augenblicke gekränkt und beleidigt gefühlt hatte. Bloß die zwei treuen alten Diener, Johann und Sara, blieben auf ihrer Meinung, daß der Baron lange genug leben würde, um ſeine voreilige Heirath zu be⸗ reuen, und daß die wankelmüthige Tochter des hohen Hauſes, welche mit ſo wenig Schmerz dem herannahen⸗ den Abſchied entgegen ſah, noch mit betrübtem Herzen, nach dem ruhigen Schloſſe ihrer Väter und der einfa⸗ chen Herzlichkeit ihres Vaterlandes ſeufzen würde; denn während Ida betrübt die noch übrigen Tage ih⸗ res Aufenthaltes auf Schloß Rehfeld zählte, konnte ſie die Ungeduld kaum verbergen, mit welcher ſie den Augenblick ihrer Abreiſe herbei wünſchte! Die Frau des Geſandten. I. 66 Mit Plänen für die Zukunft beſchäftigt, die ſich nach dem glänzenden Programme richteten, welches die Baronin ihren Erwartungen gegeben hatte, ſchenkte Fräulein von Rehfeld den Gäſten aus der Reſidenz, welche kaum einige Wochen früher ſo großen Werth in ihren Augen hatten, außer den gewöhnlichen Artigkeiten des Lebens keine beſondere Aufmerkſamkeit mehr; und ſie wußie auch nicht und achtete nicht darauf, daß die Damen des Hofes von*, welche darauf vorbereitet kamen, ſich über die neue Herrin von Rehfeld zu är⸗ gern, dieſes noch weit mehr über deren Stieftochter thaten und das Schloß mit der Meinung verließen, daß die zukünftige Braut ihres jungen Landsmannes Wilhelm von Rehfeld in einem Grade ſtolz, rückſichts⸗ los und unartig ſei, den ſelbſt ihre ſeltene Liebenswür⸗ daei und ihre brillanten Talente nicht aufwiegen önne. 4 „Gott ſei Dank, nun ſind doch einmal dieſe lä⸗ ſtigen Leute fort!“ rief ſie eines Morgens, als der letzte Wagen mit Fremden aus dem Hofe rollte.“ „Ich glaubte, ſie ſeien Deine Verwandten?“ be⸗ merkte Mademoiſelle Erloff, an welche dieſe Worte gerichtet waren. 3 „Verwandte, welche ferner ſtehen, als Bekannte,“ entgegnete Ida,„und die ich nicht geneigt bin, zu meinen Freunden zu machen. Was niützt eine Ver⸗ wandtſchaft, die weder Vergnügen, noch Auszeichnung verſchafft?“ „Ich dächte, ſie könnte zu manchen Zeiten einigen Nutzen gewähren,“ ſprach Marguerite ſanft;„doch ich vergeſſe, Du haſt nie Gelegenheit gehabt, dieſe Ent⸗ deckung zu machen. Du haſt nie des Troſtes bedurft: — biſt nie ferne von Deiner Heimath, von Deinem Lande geweſen.“ „Ich werde es einmal bald ſein,“ entgegnete Ida mit einem zufriedenen Lächeln.„Aber ich kann mir nicht denken, daß mich St. Petersburg lehren ſollte, 67 einen Werth auf meines Vaters bäueriſche Vettern zu legen. Da iſt zum Beiſpiel jener unerträgliche, alte Baron Grünlatz, mit ſeiner Naturgeſchichte, ſeinen Vögeln und Schmetterlingen und dem großen Lieblings⸗ Nachtſchmetterlinge, den er in einem Glaskäfiche auf⸗ bewahrt. Welch einen Troſt oder Nutzen kann ein ſolcher Mann geben?“ „Ich verſichere Dir, ich fand ihn ſehr unterhal⸗ tend auf dem Spaziergange, den wir geſtern zuſam⸗ men in die Wälder machten, während Du mit der Jagdgeſellſchaft warſt,“ ſprach Marguerite mit ernſter Natürlichkeit. „Richtig! Mademoiſelle Theres ſagte mir, der alte Herr habe eine Eroberung an Dir gemacht und daß Ihr ſie bei Eurem Suchen nach ſeltenen Mooſen und Pflanzen für ſeine Kräuterſammlung beinahe in einen Moraſt gebracht hättet.“ „Meiner lieben Ida,“ entgegnete ihre Gefährtin lachend,„drohte geſtern durch meinen Vetter Alfred de Vaudreuil eine weit größere Gefahr, indem er Dich überredete, den Graben zu überſpringen, wobei dann auch Fürſt Gallitzin wirklich fiel.“ „Glaube mir, es war wohl der Mühe werth!“ rief Fräulein von Rehfeld,„wenn auch nur um der Befriedigung willen, den armen guten Fürſten auf dem Unkraute ohne Perrücke liegen zu ſehen. Du kannſt Dir nichts ernſthaft⸗komiſches— oder komiſch⸗ernſt⸗ hafteres denken, als ſein Geſicht, indem er aufſtand und ſich ſchüttelte, um zu unterſuchen, welches Glied gebrochen ſei.“ „Er hatte allerdings Urſache, ernſthaft auszu⸗ ſehen,“ entgegnete Marguerite,„denn er wurde ſo h verletzt, daß er heute noch ſein Zimmer hüten muß. „eEr verdient verletzt zu ſein. Welches Recht hat ein Mann von ſeinen Jahren, Knabenſpiele mit Mon⸗ ſieur de Vaudreuil zu ſpielen?“ 68 , Ich erlaube mir nie über den Fürſten zu lachen,“ erwiederte Marguerite ernſt. „In der That? Armer, alter Fürſt!“ rief Ida, noch immer in ihrer Munterkeit beharrend. „Warum arm?“ fragte Marguerite. „So ſeine einzige Zierde verloren zu haben! Ich dachte, er ſei bloß dazu da, um ausgelacht zu werden!“ „Meine Mutter achtet ihn ſehr hoch,“ erwiederte Mademoiſelle Erloff,„und wenn ich auch ſogar ſein Betragen tadelnswerth fände, ſo würde ich mich doch nicht unterſtehen, es zu kritiſiren, weil..“ ſie hielt inne. „Weil, warum 2“ fragte ihre lebhaftere Freundin. „Weil,. von zu plaudern!“ ſprach Marguerite, ſich ſelbſt unter⸗ brechend.— „Wenn Du kein Vertrauen in mich ſetzeſt, ſo thuſt Du wohl, auf Deiner Hut zu ſein,“ bemerkte Ida kalt und wollte das Zimmer verlaſſen. „Aber ich vertraue Dir, und bin deshalb nicht auf meiner Hut. Ich bin nie wachſam bei Dir,“ rief Marguerite herzlich und erröthend.„Ich weiß blos, daß meine Mutter nicht beſonders gerne hat, wenn ihre Plane und Projekte voreilig bekannt werden; ich erhielt auch die Andeutung ihrer Abſichten in Betreff des Fürſten Gallitzin nicht von ihr ſelbſt, ſondern von meinem Bruder.“ Sie hielt wieder inne; und Ida, welche die Ge⸗ wohnheit hatte, eines jeden Abſichten und Pläne auf ſich zu beziehen, wurde immer neugieriger. „Es war mein Bruder Alexis,“ fahr Mademoiſelle Erloff fort, da ſie bemerkte, daß ihre Stiefſchweſter mit gierigen Blicken auf das Weitere warte,„der mir einſt einen Wink gab, daß die Mama ihr Herz dar⸗ auf ſetze, mich in einer ſpätern Zeit mit dem Fürſten zu vermählen.“ 8 — 69 „Dich? mit dem Fürſten?“ rief Ida, und ihre ganze Ernſthaftigkeit verließ ſie wieder.„Ei, er iſt ja vierzig Jahre älter, als jede von uns!“ „Nicht ganz vierzig,“ ſprach die gelaſſene Mar⸗ uerite. 4„Auf jeden Fall iſt er alt genug, um Dein Vater ſein zu können.“ 5 „Mein Vater war auch alt genug, der meiner Mutter zu ſein,“ bemerkte Mademoiſelle Erloff.„Und doch glaube ich, lebten ſie recht glücklich zuſammen.“ „Wären ſie ſich im Alter gleicher geweſen, ſo würde ſeine Wittwe nicht an eine zweite Heirath ge⸗ dacht haben, und dann hätten wir uns nie kennen ge⸗ lernt,“ ſprach Ida freundlich.„Außer dieſem Grunde ſehe ich nichts, um an einem ſolchen Mißverhältniß der Jahre etwas zu loben.“ „Du biſt reich— Dein Vater lebt noch, Dein Glück zu beſchützen und zu befördern,“ ſprach Mar⸗ guerite demüthig.„Meine Mutter ſagt mir oft, daß viejenigen, welche gleich ihr und ihrer Tochter ver⸗ mögenlos find, ſich zufrieden geben müſſen, gewählt zu werden, und nicht ſelbſt wählen dürfen. Ich ſchätze mich glücklich, würde ich von Einem gewählt werden, der nichts Abſchreckenderes, als ſeine grauen Haare hat. Fürſt Gallitzin iſt ein Mann von beſtem Nüfe⸗ und behauptet eine glänzende Stellung in der elt. „Warum gibſt Du dieſer letztern Empfehlung nicht den gebührenden Vorrang?“ bemerkte Ida ſchlau. „„Weil ſie für mich nicht ſeine erſte Empfehlung iſt. Ich würde eine minder öffentliche Laufbahn vor⸗ ziehen, als die iſt, welche ſeine Frau erwartet.“ „Wenn ſeine Gattin einigen Einfluß auf ihn be⸗ ſitzt, ſo, glaube ich, wird ſie ſeine Laufbahn ganz nach heanhefallen leiten können,“ bemerkte Ida ober⸗ ächlich!— * 8 70 „Ich fürchte, nicht!— Sein Vermögen iſt nicht ſehr beträchtlich, und.. 4 „Ich glaubte Du ſprächſt von ihm ſo eben, als von einer glänzenden Partie?“ „Glänzend für mich allerdings und bei meinen beſondern Umſtänden. So beſchrieb ihn meine Mutter wenigſtens Alexis, welcher mit dem Projekte zufrieden zu ſein ſchien. Obgleich Fürſt Gallitzin nur ein jün⸗ geres Glied der großen Familie Gallitzin iſt, ſo wird er doch in ſeinem Vaterlande als einer der vorzüg⸗ lichſten Diplomaten ſehr hoch geſchätzt. Man glaubt, daß er die erſte freie Geſandtſchaft erhalte, auch wird vermuthet, der Kaiſer werde ſo viel Rückſicht auf das Andenken meines Vaters nehmen, um eine Heirath, in Hinſicht des Vermögens ſo weit unter den Anſprüchen des Fürſten, zu billigen.“ „Eine Geſandtin?“ rief Fräulein von Rehfeld wieder ſo heftig lachend, daß es beinahe über die Grenzen des Anſtandes hinausging.„Liebe Marguerite, verzeihe mir!— Aber der Gedanke, Dich, die nicht den Muth hat, in unſern elenden ländlichen Zirkel an⸗ ders, als auf meinem Arme geſtützt einzutreten, einer königlichen Familie gegenüber ſtehen, und die Honneurs einer Geſandtſchaft machen ſehen, Dich, meine theure Marguerite, mir ſo zu denken, ſcheint mir das lächer⸗ lichſte Ding in der Welt!“ „Unter ſolchen Umſtänden würde ich vielleicht we⸗ niger ſchüchtern ſein,“ ſagte Marguerite nach einer kurzen Ueberlegung.„Hier fühle ich ein Eindringling zu ſein, dort würde ich durch die Stellung und den Charakter meines Mannes unterſtützt werden.“ Das Wort„Mann,“ von Marguerite's Lippen beleidigte Ida's Ohr, und dennoch konnte ſie ſich nicht enthalten, auszurufen: 4 „Theuerſte Marguerite! es muß meine Schuld ſein, wenn Du Dich je als Eindringling gefühlt haſt. Ich würde mir nicht leicht verzeihen können, wenn ich 71 dächte, Dir Veranlafſung gegeben zu haben, Dich je in einem andern Lichte, als dem meiner Schweſter und der Tochter des Hauſes betrachten zu müſſen.“ Thränen, welche in den Augen der Mademwoiſelle Erloff zitterten, wurden nur mit Mühe zurückgehalten, indem ſie erwiederte: „Jetzt vielleicht!— Jetzt, in der That, meine theure Ida, biſt Du Alles, was ich wünſchen konnte, und noch mehr, als ich hoffen durfte. Aber wenn Du wüßteſt, welche Qualen ich während der erſten Tage hier ausgeſtanden habe. Ich ſah, wie ſehr Du uns Alle verabſcheuteſt, und wie Du uns bei unſerer An⸗ kunft mißtrauteſt. Meine Mutter hatte mich darauf vorbereitet, Stolz und Widerſpruch von Dir zu er⸗ warten, und gleich im Anfange ſah ich mit Zittern, wie vollkommen ihre Prophezeihungen eintreffen wür⸗ den. Erinnere Dich, wie kalt Du mich behandelteſt! Sogar die gutmüthige Aufmerkſamkeit, die Dein Vet⸗ ter der armen Fremden auf Rehfeld ſchenkte, war nicht hinreichend, mir ein anderes Gefühl als das eines Eindringlings einzuflößen.“ Eine unwillkurliche Röthe bedeckte die Wangen des Fräuleins von Rehfeld. Sie konnte nicht anders, als anzuerkennen, daß der Vetter, den ſie als einen unge⸗ bildeten Bauern verachtete, bei jener Gelegenheit eine beſſere Erziehung entfaltet hatte, als fie ſelbſt. „Und wann ſoll die Vermählung zwiſchen Dir und dem alten Fürſten vollzogen werden?⸗ ſprach ſie und verſuchte, ihre muntere Laune zurückzurufen. „Ich habe Dir Alles geſagt, was ich über dieſen Gegenſtand weiß,“ erwiederte Marguerite mild. „Und haſt Du kein Verlangen, weitere Fragen darüber zu ſtellen?“ fragte Ida, beinahe ungeduldig ob ihres Gleichmuths. 4 4 „Ich hätte es ſchwerlich thun können, ohne meine Mutter zu beleidigen⸗ ſprach Marguerite.„Es ſteht ihr zu, über meine Beſtimmung zu verfügen. Wenn 72 ſie wünſcht, daß ich ihre Abſichten kennen lerne, ſo wird ſie mir dieſelben ohne Zweifel mittheilen.“ Ida war erſtaunt, beinahe gekränkt durch die Zeichen einer ſolchen kindlichen Ergebung. Es kam ihr jetzt der Gedanke, daß eine Zeit kommen könnte, in welcher ein ihr aufgezwungenes Opfer ähnlichen Gehorſam verlangen würde. Bisher waren ihres Vaters Befehle ſo wenige und ſo vernünftig geweſen, daß ſie die Zügel der Pflicht nie gefühlt hatte. Aber da ſeine neue Gattin einen ſo blinden und unbedingten Gehorſam von ihren Kin⸗ dern forderte, welch eine Bürgſchaft war ihr da gege⸗ ben, daß man über ihr Schickſal nicht mit einer eben⸗ ſo willkührlichen Autorität verfügen werde? Nachdem jedoch Mademoiſelle Erloff das Zimmer verlaſſen hatte, bekamen ihre Betrachtungen eine an⸗ dere Farbe. Obgleich ihre Bewunderung von Marguerite's unſchuldiger und weiblicher Sanftmuth ein edles Ge⸗ fühl war, ſo wurden doch dieſe erſten freundlichen Ge⸗ ſinnungen gegen ihre Stiefſchweſter mit dem Bewußt⸗ ſein der Ueberlegenheit gemiſcht. Marguerite ſtand un⸗ ter ihr an perſönlicher Schönheit, an Vermögen und an Talenten, und war ihr blos an Beſcheidenheit ihrer Natur überlegen, welche ſie fähig machte, die Vorzüge ihrer Lage anzuerkennen und zu würdigen. Aber Mar⸗ guerite, nun auf dem Punkte, eine Fürſtin, eine Ge⸗ ſandtin zu werden, war eine andere Perſon. Ida ſolchen Vortheilen zu verübeln. Ja, ſie begann ſogar die Demuth der jungen Ruſſin für eine bloße Uebung der Wedud zu halten, während ſie ein größeres Glück erwarte. „Am Ende,“ ſprach Fräulein von Rehfeld bei ſich ſelbſt und in der Laune, welche ihr den früheren Ueber⸗ druß gegen ihre Heimath eingegeben hatte,„am Ende muß ich in Rußland, wenn auch jetzt begünſtigt von 4 c fühlte, daß es ſchwer ſein würde, das Verlangen nach — 73 der Baronin und wie immer von meinem Vater ge⸗ liebt, eine Fremde— ein Eindringling ſein! Meine Stellung wird eine ſehr unbedeutende werden. Sogar als die Tochter eines der Glieder des diplomatiſchen Corps werde ich mich überall unterordnen müſſen. Der Geſandte eines der kleinen Staaten des Reiches muß ja unermeßlich tief unter den Abgeſandten der großen Mächte ſtehen— und ſeine Tochter noch weiter unter dieſen. Hinſichtlich einer Heirath ſagte man, daß der Kaiſer ſich der Vermählung ſeiner einflußreichen Unter⸗ thanen mit Fremden, von was immer für einem Range, widerſetze. In Rußland kann ich daher nur ſehr un⸗ tergeordnete Bekanntſchaften machen, während Mar⸗ guerite— die fromme, ſchüchterne, anſpruchsloſe Mar⸗ guerite, welche für die Aufmerkſamkeiten eines Wilhelm von Rehfeld dankbar iſt, den höchſten Rang erhalten un über die glänzendſten Beſtimmungen verfügen 0 77 Obgleich Mademoiſelle Erloff keine Gelübde der Verſchwiegenheit gefordert hatte, ſo hielt es Ida doch nicht für recht, dieſes flüchtige Projekt einer Vermäh⸗ lung ihrer gemeinſchaftlichen Lehrerin mitzutheilen. Aber nichts deſto weniger und trotz der Unmsglichkeit, die auf ihr laſtete, ihren Gedanken Worte zu geben, war es dennoch der Gegenſtand ihrer Betrachtungen fortwährend. Sie begann jetzt zum erſten Male, den ernſten und etwas formellen Mann, der ihre Gefährtin zu ſo unerwarteten Würden erheben ſollte, mit Aufmerkſam⸗ keit zu betrachten. Ohne daß ſie ſelbſt es wußte, wurde Ida's Eitel⸗ keit durch die Artigkeiten des jungen Grafen de Vau⸗ dreuil, einem nahen Verwandten der Baronin, geſchmei⸗ chelt, welcher ſich auf ſeiner Rückkehr von einer Reiſe nach den deutſchen Bädern befand. Alfred war munter, ſchön und gebildet, die muth⸗ willige und etwas ſarkaſtiſche Richtung ſeines Geiſtes * 74 dienie nur dazu, ihn ihrer Gunſt um ſo mehr zu em⸗ pfehlen, als ſeine Witze ſich beſtändig gegen den un⸗ treuen Vetter kehrten, welcher ihrer Aufmerkſamkeit für unwürdig gehalten worden war, bis er ſich ihrer Ne⸗ benbuhlerin zugewendet hatte. An die Galanterie der franzöſiſchen Sitten nicht gewöhnt, hielt Ida die blumenreichen Komplimente des lebhaften Pariſers für Ausbrüche wahrer Bewun⸗ derung. 3 Gleichwie ein Europäer die übertriebenen Aner⸗ bietungen der Dienſtfertigkeit eines orientaliſchen Wir⸗ thes für Aufrichtigkeit nimmt, ſo glaubte auch Ida, als ſie die Verſicherung erhielt, bezaubernd zu ſein, oder wie ein Engel zu fingen, wirklich in den Augen des⸗ jenigen, der wahrſcheinlich in ihr nur die hübſche, aber kokette Tochter eines deutſchen Landjunkers ſah, ſo rei⸗ zend wie ein Engel zu erſcheinen. Wenn er nicht ein Gaſt unter ihres Vaters Dach geweſen wäre, und wenn die Baronin, ſeine Couſine, ihn nicht gebeten hätte, ſelbſt gegen den entfernteſten Zweig des Fami⸗ lienbaumes, auf welchem ihre Armuth ſie zwang ſich einzupfropfen, artig zu ſein, ſo würde Alfred de Vau⸗ dreuil nicht gleich im erſten Augenblicke ſo von den Gewohnheiten des Lebens abgewichen ſein und die Sitte ſeines Landes ſo weit bei Seite geſetzt haben, um auch nur die geringſte Aufmerkſamkeit einem unver⸗ heiratheten Mädchen, ſogar einem Engel— oder, was beſſer als ein Engel iſt, einer Erbin zu erweiſen. Bei ſeiner Ankunft mit der hochzeitlichen Geſellſchaft auf Rehfeld, zu der er ſich auf ſeiner Rückreiſe von dem Bad in Töplitz geſellte, hatte er ſich ganz dem Vor⸗ ſatze hingegeben, ſo artig als möglich gegen die Land⸗ dame zu ſein, deren gute Laune zu dem Glücke ſeiner ſchönen Couſine unumgänglich nothwendig war, und für die er ſich intereſſirte, weil er ſie in ſeiner Kind⸗ heit oft in dem feierlichen Salon ihrer gemeinſchaftli⸗ 2— 2— 75 chen Verwandten, der alten Gräfin de Vaudreuil, ihre klöſterlichen Feiertage hatte zubringen ſehen. Nach und nach erhielten dieſe Gefühle eine andere Geſtalt. Er erkannte in Ida einen verwandten Geiſt. Er fand ſie witzig und ſpöttiſch; und durch den In⸗ ſtinkt der pariſer Selbſtſucht angefeuert, flüſterte er iih an daß ſie beinahe würdig ſei, ſeine Landsmännin zu ſein. Noch waren ſeine Gefühle fern von jenem zärt⸗ lichen Punkte, welchen die Unerfahrenheit des Fräuleins von Rehfeld bereits erreicht hatte, und ſogar in dem entſcheidendſten Momente der Artigkeiten, in welchem ſie ihre mädchenhafte Treue verpfändete, fühlte er leb⸗ haft ihre ländliche Sitten, Alfred de Vaudreuil war es, der die Baronin zuerſt darauf aufmerkſam machte, den Anzug ihrer ſchönen Stieftochter nach der elegan⸗ ten Einfachheit ſeiner Couſine Marguerite zu formen. „Armes Kind! Laßt uns Mitleid mit ihren Fähig⸗ keiten haben,“ entgegnete die Baronin.„Ihr kleiner Kopf iſt mit den gemeinen Schmeicheleien von Dienern, und mit albernen Begriffen von ihrer Wichtigkeit an⸗ gefüllt worden. Ihr auf einmal zu ſagen, daß ſie eine Maſſe von Grille und Gemeinheit ſei, würde ſie zu grauſam von ihrer Höhe ſtürzen und ihren Geiſt bei dem Falle zermalmen. Wir müſſen ihre Beſſerung nach und nach ausführen. Da ſie Marguerite ſtets vor den Augen hat, wird ſie bald den ſchlechten Ge⸗ ſchmack ihres frühern Anzugs entdecken. Einen Menſchen zu ſehr demüthigen, hieße ihn zu einem lebenslänglichen Feinde machen.“ Bald fühlte ſich jedoch die Baronin genöthigt, Al⸗ fred wegen der unvernünftigen Behandlung ihrer Stief⸗ tochter zu tadeln. „Ich bin Ihnen zwar dankbar,“ ſprach ſie,„für die Winke, die Sie ihr in Hinſicht auf die Sitten des gebildeten Lebens gegeben haben. Aber Ihre Lehren über Gebräuche, Kleider und Unterhaltung ſind Leh⸗ 76 ren, welche mehr enthalten, als Sie ahnen, oder we⸗ nigſtens mehr, als ich wünſche. Dieſes arme Mäd⸗ chen wird ſich, unbewußt Ihrer Motive einbilden, Sie nehmen wirkliches Intereſſe an ihrer Beſſerung; und ferne davon, mein lieber kleiner Coufin, ſie demüthi⸗ ger zu machen, haben Sie ihren Stolz nur tauſend⸗ fach geſteigert.“ Vaudreuil hatte jedoch jetzt einen beſondern Reiz in Ida's Liebenswürdigkeit und Schönheit entdeckt, der ihm wahrſcheinlich, in Ermangelung einer beſſern Un⸗ terhaltung in den beſchränkten Zirkeln auf Rehfeld, genügte. Wenn ſich ſeine Aufmerkſamkeiten in Gegen⸗ wart ſeiner ſtrengen Verwandten beſchränkten, ſo wur⸗ den ſie bei den tauſend Gelegenheiten, die ſich ihnen bei ihren Jagdgeſellſchaften und petits jeux darboten, nur verdoppelt. Die Komplimente, die geſprochen ſüß tönten, bezauberten geflüſtert; und das Geheimniß, in welches er nun ſeine Ergebenheit zu verhüllen ſtrebte, ſteigerte nur deren Reiz. Vaudreuil hingegen empfand all das Vergnügen des Verbotenen in dem Umgange, und Fräulein von Rehfeld lief, indem ſie ſeine ſchwärmeriſchen Erklärun⸗ gen ſeiner Gefühle ſo leichtgläubig hinnahm, wie ein armer Indianer die Glaskugeln eines neuen Anſied⸗ lers, Gefahr, ihre Gefühle in eine fruchtloſe und ge⸗ fährliche Liebe zu verſtricken. So war die Lage der Dinge, als neue Empfin⸗ dungen zufällig, durch die Entdeckung ihrer Stiefſchwe⸗ ſter, in das Daſein gerufen wurden, Empfindungen, welche ihrer Eitelkeit einen beinahe eben ſo harten Schlag verſetzten, wie die Vermählung ihres Vaters. In ihrem vertrauten Umgange mit dem jungen Pari⸗ ſer, ihrem neuen Verwandten, hatte ſie außer der Un⸗ terhaltung des Augenblicks keine fernere Abſicht gelegt, und jetzt wurde ſie plötzlich zum Bewußtſein gebracht, daß ſie ſich ſelbſt in den Augen des Fürſten Gallitzin und der ganzen Geſellſchaft herabgewürdigt habe, in⸗ 77 dem ſie die Artigkeiten eines Mannes aus ihrer Fa⸗ milie annahm und ermunterte, der vermuthlich nichts weiter als ein Zugvogel war und ſich ohne Zweifel auf ihre Koſten beluſtigt hatte, während die ſchlaue Baronin, da ſie ohne Einwendung ihren ſcheinbaren Leichtfinn duldete, die Reize des beſcheidenen B'tragens ihrer Tochter in den Augen des zukünftigen Geſandten erhöhte. Eitel auf ihren vermeintlichen Sieg, hatte Ida in der That die unter vier Augen verfolgten Vorſtellun⸗ gen ihrer treuen, wohlmeinenden, obgleich etwas ſtren⸗ gen Gouvernante, daß ihre Vertraulichkeit mit einem Manne von Alfred de Vaudreuils Alter, mit dem ſie durch keine Bande der Blutsverwandtſchaft verknüpft war, dem äußern Anſtande zuwider ſei, übel aufge⸗ nommen und ſich beleidigt gefühlt. Ueberzeugt, daß Mademoiſelle Thereſens Lehren bloß durch das Aufhetzen ihres ernſten Vetters Wil⸗ helm, der, ehe er das Schloß verließ, unverkennbare Zeichen der Mißbilligung gegeben hatte, herbeigeführt worden ſeien, fuhr ſie fort, des jungen Grafen Witze auf ſeine Koſten, ſowohl durch Beifall, als auch durch Erwiederung zu ermuthigen. Jetzt rief ſie ſich die ernſte Miene des Fürſten ins Gedächtniß, mit welcher er gewöhnlich ſolchen Ausbrü⸗ chen der Leichtfertigkeit lauſchte. Mehr als einmal hatte ſie ihn betreten, wie er Aug und Ohr forſchend auf ihr Handeln richtete, und ihn zuerſt im Geheimen angeklagt, der Spion ihrer Stiefſchweſter zu ſein. Jetzt betrachtete ſie jedoch ſein Betragen aus einem andern Geſichtspunkte. Er gratulirte ſich wahrſcheinlich nun ſelbſt zur Ueberlegenheit ſeiner ſanften Marguerite an Geiſt und Sitten. In St. Petersburg angekommen, würde er vielleicht ſeine Aufmerkſamkeit ganz von ei⸗ nem Mädchen zurückziehen, das mit den Sitten und dem Anſtande der großen Welt ſo wenig bekannt war; und nach ſeiner Vermählung ſich alle fernere Vertrau⸗ 78 kicheen zwiſchen ihr und der zukünftigen Geſandtin ver⸗ itten. Ida's Betrachtungen über dieſen Gegenſtand wa⸗ ren jedoch nicht von langer Dauer. Noch ehe ſie ſich entſchloſſen hatte, welches Betragen ſie annehmen wolle, verließ Fürſt Gallitzin, vor dem allgemeinen Aufbruche der Geſellſchaft, Rehfelds gaſtliches Dach, um eine Luſt⸗ reiſe nach Dresden und Berlin zu unternehmen, und am darauf folgenden Tag reiste auch der Baron ab, welcher wegen der Erneuerung ſeiner Inſtructionen und einigen Anordnungen in ſeinen Familienangelegen⸗ heiten zu einem achttägigen Aufenthalte in der Reſi⸗ denz gezwungen wurde. Bis innerhalb weniger Tage, ehe man von Schloß Rehfeld Abſchied nahm, blieb es dabei, daß an dem Tage ihrer Abreiſe nach der Reſidenz der Graf de Vaudreuil vor ſeiner Rückkehr nach Paris eine Reiſe nach dem Süden antreten ſolle. „Wir werden nun wenigſtens in denſelben Mo⸗ menten auf dem Wege ſein, gleiche Beſchwerden der Jahreszeit ertragen und um Mitternacht unſere Augen auf dieſelben ſchönen Sterne richten!“ flüſterte Alfred de Vaudreuil Ida eines Morgens zu, als er in der alten Bildergallerie an ihrer Seite ſtand, woſelbſt ſie den grimmigen Geſichtern der Barone, ihrer Ahnen, ein widerſtrebendes Lebewohl ſagte. „Sie auf Ihrem Wege zur Erneuerung früherer Vergnügungen, und ich auf dem meinigen, wie ich hoffe, zur Einweihung in neue,“ lautete Fräulein von Rehfelds ſorgloſe Erwiederung. „Neue Freuden werden bald jede Spur jener glücklichen Augenblicke verwiſchen, die meine Verſuche, ſie wieder zu erneuen, hoffnungslos vereiteln,“ entgeg⸗ nete der Graf ernſthafter, als er beabſichtigte oder vermuthete.. „Iſt es nicht ein großes Kompliment für Sie,“ ſprach Ida, daß ich zugebe, ich würde mein Noviciat viel lieber in Paris, als in St. Petersburg zubrin⸗ gen, oder, da es durchaus in Petersburg ſein muß, daß ich herzlich wünſche, Sie um mich zu haben, um meine erſte Einführung zu theilen.“ Auf eine ſo offenherzige Erklärung antwortete Al⸗ fred in einem ſo leiſen Geflüſter, daß, wäre eine dritte Perſon anweſend geweſen, ſie deſſen Inhalt nur aus dem Erröthen der Angeredeten hätte ahnen können. Aber in demſelben Augenblicke und noch ehe ſich beide von ihrer Verwirrung erholen konnten, ſtürzte Mar⸗ guerite athemlos und erſchrocken in die Gallerie, in⸗ dem ſie ſie erſuchte, Mademoiſelle Theres augenblicklich zu Hülfe zu kommen, welche in dem Drange der Ge⸗ ſchäfte, die ihre herannahende Abreiſe mit ſich brachte, die Marmortreppe hinabgefallen ſei und ſich nun im Todeskampfe auf dem Boden winde. Das Unglück wurde bald im ganzen Schloſſe be⸗ kannt, die Leidende hinweggetragen, und die gewöhn⸗ liche Wirkung der Theilnahme und das Eau de Co- logne zeigte ſich auch hier bald. Anfangs wurde die Verletzung von der Dorfge⸗ lehrſamkeit für einen Beinbruch gehalten, aber da die Beſchaffenheit des Unfalls augenblicklich wundärztliche Hülfe verlangte, entdeckte man, daß das ganze Uebel von einer noch viel langweiligeren Art, nämlich eine Verrenkung ſei. Auf dieſen Ausſpruch hin hörte man die Baronin folgende Worte viel lauter ſagen, als die Schicklichkeit es wünſchenswerth machte: „Eine Verrenkung des Knöchels? Gott ſei Dank! Ich fürchtete ſchon, unſere Abreiſe könnte ſich verzö⸗ gern. Eine Verrenkung iſt nichts ſo Gefährliches, daß es unſerer Gegenwart bedürfte.“ „Aber die arme Mademoiſelle Thereſe wird nicht im Stande ſein, vor ſechs Wochen oder zwei Mona⸗ ten einen Fuß auf die Erde zu ſetzen!“ war Margue⸗ rite's unſchuldige Gegenrede, da Ida glücklicher Weiſe abweſend war und die Kranke pflegte. 80 „Ich weiß es, mein Kind, ich weiß!“ erwiederte die Baronin.„In jedem andern Falle würde ſie uns ohne Zweifel begleiten. Dieſer Vorfall iſt meinen Planen allerdings ſehr entgegen; denn es wird nicht ſo leicht ſein, eine andere demoiselle de compagnie von gleich guten Sitten wie der armen Thereſe zu finden, auf die ich mich blindlings verlaſſen kann. Doch Alles lieber, als eine gezwungene Hinausſchiebung un⸗ ſerer Abreiſe, die man vermuthlich nicht verlangt hätte, wäre Gefahr oder auch nur ein Gedanke daran vor⸗ handen geweſen. Aber was nun auch immer komme, ſo wird die Kranke von den würdigen alten Häuptern der Dienerſchaft hier vortrefflich verpflegt werden, und dann mag ſie uns im nächſten Frühjahr immer nach⸗ folgen, wenn ſie anders den üblen Omen, die ihrer Reiſe nach Rußland vorhergingen, zu trotzen vermag.“ 4 Von dem Baron und ſeiner Tochter wurde das Ereigniß, das ſie einer ſo freundlichen und treuen Ge⸗ hülfin beraubte, mit größerem Jammer betrachtet. Trotz all ihres Selbſtvertrauens prallte Ida doch vor dem Gedanken an die Verlaſſenheit zurück, in wel⸗ cher ſie nun in ein fremdes Land reiſen ſollte, und Thränen, die ſie nicht erwartet, von denen ſie nicht geglaubt hatte, daß ſie ihren Augen beim Ahſchiede von der ſeit langem überdrüſſigen Heimath entfallen würden, benetzten das Kopfkiſſen der zurückbleibenden Gouvernante, als ihr Zögling ſich bei der letzten Um⸗ armung über ſie beugte. „Weinen Sie nicht ſo ſehr, mein liebes Kind!“ ſtammelte ſie in der heftigen, ihrem Vaterlande eigenen Gemüthsſtimmung.„Glauben Sie mir, meine theure Ida, ich werde Muth genug beſitzen, Ihnen zu folgen, ſobald die letzten Spuren dieſes unglücklichen Falles verſchwunden ſind. Wenn nur Peter um den Weg ge⸗ weſen wäre, die Schachbretter und Arbeitsbeutel der Frau Baronin hinab zu tragen, die ich gerade auf meinen 81 Armen hatte, als mein Fuß ausglitt, ſo würde dieſes ſchreckliche Unglück ſich nicht ereignet haben!“ „Aber Sie werden nie im Stande ſein, eine ſo lange und beſchwerliche Reiſe allein zu unternehmen?“ entgegnete Fräulein von Rehfeld. „Ol ja, ich fürchte nichts. Mein Herz iſt voll Muth und Verlangen nach Abenteuern. Sie wiſſen, ich reiste ja allein von Paris bis Dresden. Ich gebe zu, daß es viel angenehmer ſein würde, die Reiſe nach Petersburg in Ihrer Geſellſchaft, liebe Ida, machen zu können; und wenn nur Peter um den Weg geweſen wäre, um die...“ „Aber eine lange Einkerkerung auf Schloß Rehfeld, meine Liebe!“ entgegnete Ida wieder in einem Tone von aufrichtigem Mitleiden.„Ich kann nicht an die Einſamkeit Ihres langen Winters hier denken!“ „Denken Sie lieber an das Glück, daß ich mein Bein nicht gar gebrochen habe und auf dieſe Weiſe für mein ganzes Leben gelähmt ſein könnte!“ rief die lebhafte Franzöſin.„Ich preiſe mich glücklich, daß es nicht ſchlimmer iſt; und obgleich, wenn Peter um den Weg geweſen wäre zu.....“ 5 „Wenn Sie ſich auch nur im Geringſten bei dem Gedanken, allein hier zu bleiben, ſchmerzlich berührt fühlen, ſo werde ich den Papa bitten, mir zu erlau⸗ ben, Ihnen Geſellſchaft leiſten, und ihm dann im näch⸗ ſten Frühling mit Ihnen folgen zu dürfen;“ ſprach Ida in dem Bewußtſein, daß das Anerbieten eines ſolchen Opfers die Pflicht gegen ihre gütige alte Freundin ge⸗ biete, aber doch auch wieder fürchtend, es möchte ange⸗ nommen werden.. „Und ſo die Freuden des Carnevals und die Herr⸗ lichkeiten des Hofs verlieren? Nicht um zwanzig tau⸗ ſend Welten, mein liebes Kind:“ rief ſie mit aufrichtiger Wärme.„Nein, nein!— es iſt vielleicht beſſer, Sie, die Sie ſo wenig daran gewöhnt find, Ihren eigenen Die Frau des Geſandten. I. 6 82 Weg zu gehen, endlich auf Ihre eigene Hülfsquellen verwieſen zu ſehen. Nebenbei, meine theuere Ida, wer⸗ den wir uns einer fleißigen Korreſpondenz erfreuen! Denken Sie nur, welche Freude es für mich ſein wird, Ihre muntern und richtigen Vemerkungen über ein neues Land, einen neuen Hof, über fremde Menſchen, in meinem Krankenzimmer zu vernehmen!— Theilen Sie mir alle jene ſchönen Eindrücke mit, die Sie em⸗ pfangen und mitzutheilen haben!“—. „Eine armſelige Vergütung für alle Ihre Leiden!“ ſeufzte Fräulein von Rehfeld. „Aber Sie ſind mir ja keine Vergütung ſchuldig, theures Kind. Sie hatten keinen Antheil an dem Vor⸗ falle. Sie hatten mich ja oft gewarnt, vor jenen glat⸗ ten Marmortreppen, und wäre Peter nicht abweſend geweſen, als man eben ſeiner Dienſte bedurfte, Gegen⸗ ſtände, die zum Packen der Koffer nöthig waren, hinab⸗ zutragen, ich..“. „Auf jeden Fall verſpreche ich, daß ſowohl Mar⸗ guerite, als ich ſelbſt uns als die eifrigſten Correſpon⸗ denten beweiſen werden,“ unterbrach ſie Ida.„Sie ſollen die ausführlichſten Berichte über Alles haben, was wir ſehen, hören oder denken. Nein, danken Sie mir nicht für dieß Verſprechen!— Es wird mir den größten Troſt gewähren, mich ſtets in vertrauter Ver⸗ Pinduns mit der gütigſten meiner Freundinnen zu ehen.“ 4 3 Aber obgleich nichts aufrichtiger ſein konnte, als Ida's Klagen über die unerwartete Trennung von ihrer Gouvernante, deren Lehren ſie den erſten Blick in die Freuden des geſellſchaftlichen Lebens thun ließen, und die Flamme ihres jungen Ehrgeizes geſchürt hatten, ſo wurde ſie beinahe doch ganz getröſtet, als ſie erfuhr, daß es der Baronin gelungen ſei, Monſieur de Vau⸗ dreuil zu beſtimmen, den in ihrer Reiſegeſellſchaft durch Mademoiſelle Thereſens Abweſenheit frei gewordenen Platz anzunehmen. Der Graf hatte ſchon ſeit langer 83 Zeit Winke gegeben, daß es nur der Ueberredung be⸗ dürfe, um ihn zu dem Opfer zu vermögen, einen Win⸗ ter in St. Petersburg zuzubringen, um ſeine Verbin⸗ dung mit einem ſo fröhlichen Zirkel zu verlängern, und Rehfeld, deſſen ſchweigſame Natur durch die Anweſen⸗ heit eines redſeligen und angenehmen Gaſtes unterſtützt wurde, und welcher ſich vielleicht bei dem Gedanken, bei ſeinem Wiedererſcheinen in Rußland von einem der nächſten Verwandten ſeiner Gattin begleitet zu ſein, geſchmeichelt fühlte, war ſo dringend in ſeinen Einla⸗ dungen, daß nichts ſo natürlich als die plötzliche Aen⸗ derung ſeiner Plane ſchien. Ohne Zweifel fand es Graf Alfred für gut, nur dem Ohre des Fräuleins von Rehfeld die geheimeren Beweggründe ſeiner Ver⸗ zichtleiſtung auf ſein geliebtes Paris, um der eiſigen Ufer der Neva willen, zu enthüllen.“ Die folgende Woche fand die ganze Geſellſchaft mit der großen und ſchweren Laſt der Höflichkeitsbezeugun⸗ gen der Reſidenz beſchwert; und es bedurfte all der Unterwürfigkeit, die Ida's kindliche Pflicht verlangte, um der Artigkeit ſeiner neuen Verwandten, um dem Barone den Widerwillen zu verbergen, mit dem ſie in dieſe Verzögerung ihrer Reiſe willigten, welche das al⸗ berne Ko Too des Hofgepränges erzeugte, das nur dann der Lächerlichkeit entgeht, wenn es auf einem geeigne⸗ ten Platze ausgeübt wird. Das verkleinerte Treiben des Verſailler Hof's in ern wurde dem zu Folge ein Gegenſtand ſo beißenden Spottes für den Grafen de Vaudreuil, daß ſich Ida kaum verzeihen konnte, es je⸗ mals mit Erfurcht betrachtet zu haben.. Vierzehn Tage ſpäter, und ſie war im Stande zu entdecken, daß beinahe diefelben Ceremonien, die ſie in einem Herzogthume als kindiſch verachtete, ihre Ehr⸗ erbietigkeit verlangten, da ſie ſich in dem koloſſalen Verhältniſſe eines kaiſerlichen Hofes zeigten. Um jedoch ihren Eindrücken unter ſolchen aufregen⸗ den Umſtänden vollkommene Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu können, wird es nöthig ſein, ſowohl die Corre⸗ ſpondenz von Ida von Rehfeld und Marguerite Erloff mit Mademoiſelle Thereſe Moreau, als die des Gra⸗ fen Alfred de Vaudreuil mit verſchiedenen Gliedern ſeiner Familie den Händen des Couriers zu entreißen; und mehr, als ein Zirkel, der in enger Verbindung mit dem kaiſerlichen Hofe von 182.. ſtand, wird in den folgenden Briefen treffend porträtirt gefunden werden. Erſter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Endlich meine Liebe, iſt unſer Ziel erreicht, und ich bin nun im Stande, meinen Brief mit ſchöner, fer⸗ tiger Hand von„St. Petersburg“ aus zu datiren. Ja! Ihr verroſtetes Kind von Schloß Rehfeld iſt jetzt eine Einwohnerin der Hauptſtadt aller Reuſſen! Welch ein großes Anſehen hat der Name:„Die Hauptſtadt aller Reuſſen!“ Doch Sie und Alfred de Vaudreuil haben Ihr Möglichſtes gethan, mich zu über⸗ zeugen, daß alle Ruſſen, roth, weiß oder ſchwarz, zu⸗ ſammen genommen, ſchwerlich das Gleichgewicht mit Ihrem einzelnen Frankreich— oder vielmehr mit Pa⸗ ris halten können, denn keines von Euch Beiden ſcheint viel außerhalb der Mauern jener glorreichen(oder darf ich es ſagen) eingebildet glorreichen Stadt anzuerken⸗ nen!— Vergeſſen Sie nicht, theuerſte Bonne, daß Sie hinſichtlich unſerer Correſpondenz gütig genug waren, allen frühern Vorrechten des Amtes zu entſagen, und daß ich jetzt im Begriffe bin, Ihnen mein Herz als einem weiſern und beſſern Selbſt, oder, richtiger ge⸗ 85 ſagt, als der mildeſten Freundin zu eröffnen. Ich habe es auf mich genommen, Sie die räumliche Entfernung zwiſchen uns vergeſſen zu machen, während Sie mir verſprechen mußten, jene zwiſchen unſerem Alter und unſerer Stellung obwaltende zu überſehen und ſich herabzulaſſen, mich gleich einem Weibe zu behandeln, auf daß ich nur um ſo bälder ein ſolches werden möchte.. Wir kamen vorgeſtern hier an. Halten Sie uns deshalb für vollkommen eingerichtet. Marguerite, welche ſolche Details liebt, verſichert mir, ſie habe Ihnen einen ausführlichen Bericht von unſerer Reiſe und deren größern und kleinern Unannehmlichkeiten ge⸗ geben, die Sie vielleicht von einiger Wichtigkeit ge⸗ glaubt hätten, würden Sie geſehen haben, wie unge⸗ duldig ſie Alfred de Vaudreuil ertrug. Aber mein einförmiges Leben hat mich gelehrt, ſolche Widerwär⸗ tigkeiten, wie die Unbequemlichkeiten eines abgelegenen Gaſthofes, nach der Einſamkeit von Schloß Rehfeld als eine Erleichterung zu betrachten, und könnte mich etwas noch mehr als die ſchlechten Abendeſſen und die Fremdartigkeit der Perſonen, welche uns bedienten, beluſtigt haben, ſo wäre es die Entrüſtung der Baro⸗ nin und Monſieur de Vaudreuils geweſen, die von Beiden dahin auslief, daß ſie wegen meiner Gleich⸗ gültigkeit gegen ihr Märtyrerthum ernſtlich böſe über mich wurden. 4 „Genng jedoch für jetzt von einer Reiſe, welche ſeitdem mir mein Geiſt die trübe Ahnung eingibt, daß Sie kaum Muth genug finden werden, uns bei ihrer Wiedergeneſung zu folgen, nicht mehr ſehr intereſſant ſein kann. Es reiche hin, daß wir mit völlig freiem Gebrauche unſerer Glieder hier find, und daß ein Paar Tage ſelbſt die Murrenden fähig machten, ſich von den Ermüdungen der Fahrt und dem Rütteln auf den rauhen Wegen, welches Alfred ſo unerträglich fand, zu erholen, Gegenwärtig herrſcht der Winter hier mit wenig mehr Strenge, als bei uns; aber die Neva fängt an zuzufrieren und dieß iſt ein Zeichen, daß der ſchlimmſte Augenblick herannaht. Wir wohnen in einer Straße am Anfange des Newskoi Proſpekts, welche Marguerite die Rue St. Honoré von Petersburg nennt, dieſelbe iſt 1½ Meilen lang und enthält in ihren auf einander folgenden Bezirken die ſchönſten Läden und eleganteſten Privathäuſer. Es iſt dies wirklich eine kaiſerliche Kunſtſtraße. Unſer Haus, oder wie es Wilhelm von Rehfeld nennen würde, das Hotel der Geſandtſchaft, hat vorn einen großen Hof und rückwärts einen Gar⸗ ten, der nach Monſieur de Vaudreuil's Beſchreibung viel Aehnlichkeit mit denen der Vorſtadt St. Germain hat. Meines Vaters Zimmer, welche ſchön und pracht⸗ voll ſind, liegen ebener Erde, die der Baronin im erſten Stockwerke, und Marguerite und ich beſitzen zwei angränzende hübſche Zimmerchen. Im zweiten Stock iſt gleichfalls eine Reihe von ſchönen Gemächern, die mein Vater dem Grafen Alfred zur Benutzung an⸗ geboten hat. Ich vermuthe jedoch, daß er Unabhän⸗ gigkeit vorzog, da er ſich in einem Hotel garni,„Ho⸗ tel Demuth“ einquartirte, von dem man ſagt, es ſei das Beſte, welches er jedoch für das allerunbequemſte erklärt. Uebrigens ſtimmen alle Reiſenden, auch die einfachſten darin überein, daß ſie die öffentlichen Be⸗ quemlichkeiten in Petersburg verdammen. Und nun, meine Theuerſte, wie ſoll ich Ihnen im Namen Ihrer beiden Zöglinge bekennen, daß Mar⸗ guerite bei ihrer Rückkehr in ihr Vaterland ſo wenig Patriotismus zeigt, wie Ihre undankbare Ida, als ſie Deutſchland verließ? Sagen Sie es weder dem guten Paſtor, noch meiner vortrefflichen Sara! Während ich von unſern Wäldern ohne den geringſten Schmerz einen langen Abſchied nahm, begrüßte Marguerite die eiſigen Ufer der Neva nach einer viermonatlichen Abweſenheit mit Thränen in den Augen.— Es iſt keine gute Vor⸗ 87 bedeutung für mein Glück hier, daß Mademoiſelle von Erloff an einem alten Schloſſe unſeres dunkeln Landes ſo viel zu bedauern haben ſollte; aber ich tröſte mich mit dem Gedanken, daß ihrer Schüchternheit und ihrem einfachen Sinne das geräuſchvolle Leben dieſer Stadt zuwider iſt; denn die Baronin verſichert mir fortwäh⸗ rend, daß, außer Paris, Petersburg die angenehmſte Reſidenz in Europa ſei. Wird Sie dies nicht in Ver⸗ ſuchung führen, Ihre frühern Pläne aufzugeben, ehe Sie ſich für den Reſt Ihrer Tage in der Straße du Bac niederlaſſen, um Ihr Kind zu ſehen, wie es ſeine neue Rolle in der neuen Heimath ſpielt?— In der erſten Woche, welche wir in der Reſidenz zubrachten, nachdem wir Rehfeld verlaſſen hatten, würde mich der Tumult dieſes Platzes beinahe umge⸗ bracht haben. Alfred de Vaudreuil behauptet jedoch, daß dieß nur eine ſchöne Wüſte ſei, und hat bereits ausgeſprochen, daß die Hauptſtadt aller Reußen nur für Fäi Bevölkerung von Bären vollkommen geeig⸗ net ſei. Mir erſcheint im Gegentheil Alles neu, groß artig und prächtig. Meines Vaters Einrichtung ſteht auf gleicher Stufe mit ſeinem Vermögen und ſeiner diplo⸗ matiſchen Stellung und da dieſes Apartement von der Baronin ganz nach ruſſiſchem Style eingerichtet iſt, fühle ich mich nicht im Geringſten durch die Ueber⸗ füllung von Dienern beengt, die das ganze Haus zu einem Vorzimmer zu machen ſcheinen. 3 Die Empfangzimmer find koſtbar meublirt, und die eingelegten Parquets ſchön. Die Treppen, vor⸗ züglich die, welche aus nachgemachtem Alabaſter be⸗ ſteht, ſind von einem blendenden Glanze; das Bou⸗ doir der Baronin, mit taubengrauen Seidenſtoffen be⸗ hangen und mit einer Reihe von Malachit⸗Vaſen und Tiſchen verſehen, die ſie von der Kaiſerin bei ihrer 3 Pearnäblung erhalten hatte, iſt die Eleganz an ſich * 88 Mein eigenes kleines Wohn⸗ und mein Schlaf⸗ zimmer ſind durch einen Akt huldreicher Güte von Seiten der Baronin genau in demſelben Style einge⸗ richtet, wie diejenigen, welche ich zu Hauſe beſaß. Ich muß Ihnen aber geſtehen, daß ich lange genug dieſe alten Tapeten und Seſſel angeſehen habe, um mich donn ſo leicht durch neue Gegenſtände befriedigen zu aſſen. Unter uns geſagt, ich würde gerne zufrieden ſein, meinen Vetter Wilhelm und die gelben Gardinen von Schloß Rehfeld zurückgelaſſen zu haben! Wenn ich nicht gefürchtet hätte, meine Stiefmutter zu beleidigen, ſo würde ich den Vorſchlag gemacht haben, ſowohl den ſchwerfälligen Verwandten, als auch die plumpe Ein⸗ richtung ihrer Tochter zu geben, da unſere gute, ein⸗ fache Marguerite noch auf ihrem Enthuſiasmus für alle deutſche Gegenſtände beſteht. Sie werden ſich freuen zu hören, meine Liebe, daß bereits vor unſerem Erſcheinen bei Hof ein Cabinets⸗ rath von Damenſchneidern und Putzmacherinnen zu⸗ ſammen berufen worden iſt.. Franzoſen, ohne Zweifel, da jedes Ding, welches hier mit der Mode in Verbindung ſteht, ſo pariſeriſch iſt, wie Sie ſelbſt ſind. Den Einwendungen und Verboten des Kaiſers zum Trotze, beſtehen die Damen der kaiſerlichen Familie und diejenigen, welche ſich zu⸗ nächſt um ſie befinden, darauf, ihre Modeartikel von Paris zu beziehen. Wie Sie mir ſagten, daß einſt die Kaiſerin Joſephine zu reizen und zu ärgern pflegte, indem ſie indiſche Stoffe und britiſche Spitzen trug, macht ſich unſere Kaiſerin ein Vergnügen daraus, in Hinſicht ihrer Toilette ſo wenig als möglich einer Ruſſin zu gleichen. Vielleicht würde es eben ſo gut ſein, wenn Herrſcher ſich nicht um ſolche Kleinigkeiten kümmerten. Aber die Geſetzgeber haben von jeher behauptet, daß die größten Sachen aus einer Verket⸗ tung von Kleinigkeiten beſtehen und ich will zugeben, 2 89 daß das Glück Rußlands von den Kiſten mit Hauben, Hüten und Hofmänteln abhängt, die in den kaiſerlichen Palaſt aus Herbault's und Victorinen's Händen ein⸗ ehen. e) Ich ſchreibe heute nur, um Ihnen unſere Ankunft zu melden. Mit dem nächſten Courier werde ich Ihnen mehr zu ſagen haben, als daß ich ungeachtet der zahl⸗ loſen Werſten, die uns trennen, im Geiſte bei meiner lieben Gouvernante bin, und bloß ihrer Gegenwart bedarf, um mein gegenwärtiges und zukünftiges Glück zu vervollkommnen.— Leben Sie wohl! 1 Zweiter Brief. 3 Von dem Grafen Alfred de Vaudreuil an ſeinen Bruder Grafen Jules in Paris. Deinen Einwendungen zum Trotze, theurer Jules, ſehe mich hier!— Ja, hier,— hier, in Petersburg, in der halb civiliſirten Hauptſtadt eines kaum zum vierten Theile civiliſirten Reiches!— Als ich in meinem letzten Brief erwähnte, daß ich den Plan, dahin zu gehen, aufgegeben habe, war ich aufrichtig. Aber was willſt Du machen?— Die Männer denken, und die Weiber lenken! Als ich Ba⸗ den verließ, bemerkte ich, daß noch zwei müßige Mo⸗ nate vor dem Anfange unſerer Pariſer Saiſon vor mir liegen. Du wollteſt nicht, daß ich mich in unſerer dunkeln Vorſtadt bis zur Eröffnung der italieniſchen Oper, oder bis zu Deiner eigenen Rückkehr von Bur⸗ gund einquartieren ſolle.— Eine Reiſe durch Deutſch⸗ land zeigte ſich mir als eine angenehme Veränderung. Karlsbad und Töplitz waren mir noch neu. Ich wünſchte die Dresdener Gallerie zu ſehen; ich verlangte Leipzig zu ſehen und den Platz zu beſuchen, wo mein Vater... Aber warum bei dieſen Dingen verweilen? Auf Dei⸗ nen Rath dehnte ich meine Reiſe über Sachſen aus und ſuchte das mehr als gothiſche Gut auf, weil un⸗ ſere würdige Tante, die Gräfin Auguſte, in mich drang, ihre Tochter und Enkelin zu beſuchen, um ihr bei mei⸗ ner Rückreiſe über dieſe neue Familien⸗Verbindung Beruhigung geben zu können. Ich fand Alles genau ſo, wie man es erwarten konnte, das heißt, wie ich es erwartete. Eine halb eingerichtete Barracke von einem Hauſe, in der Mitte eines Gebietes, welches von Ebern und Rehböcken an⸗ gefüllt iſt, und einen Baron, der ſo plump wie ſein Stammbaum iſt, und, wie ich glaube, einen eben ſo ſchlicht eingerichteten Kopf beſitzt, wie ſein Schloß iſt; denn ſonſt würde er unſere hyperboreiſche Couſine, ein Weib, das weder ſchön, noch jung iſt, und zwei Kin⸗ der als Brautſchatz beſitzt, nicht zur Gattin gewählt haben! Der Baron war jedoch gaſtfreundlich und artig, und hatte einige Leute um ſich geſammelt, die nicht alle unerträglich ſind, das heißt inſofern nicht ganz unerträglich, wenn man die Vortrefflichkeit ſeiner Jagd und des alten Hochheimers erwägt,— was die Haupt⸗ empfehlungen des Schloſſes Rehfeld ſind. Mich dünkt, ich höre Dich ausrufen, theuerer Ju⸗ les, daß, was den alten Hochheimer betrifft, die Kel⸗ ler unſeres Onkels, des Erzbiſchofes, ſo reichlich ge⸗ füllt ſind, daß ein Glied unſerer Familie deshalb nicht nöthig habe, die Ufer der Oder zu beſuchen; und daß Deine Güter in Burgund geeignet ſind, wegen der Eber und Rehböcke in den Annalen der Weidmann⸗ ſchaft erwähnt zu werden.— Leider wahr!— eine unumſtößliche Wahrheit! Es bleibt nun nichts mehr anderes zu glauben übrig, als daß ein minder oſten⸗ ſibler Beweggrund meine Reiſe nördlich von Töplitz herbeigeführt haben müſſe, 91 Wenn Du ſie geſehen hätteſt, mein theurer Bru⸗ der, ſo würdeſt Du mir meine Schwäche verzeihen, obgleich es etwas mehr als den bloßen Reiz der Schönheit bedarf, um mich zu beſtimmen, mir ſelbſt zu verzeihen. Du und ich, welche ſeit den letzten zehn Jahren, in denen wir, fünfzehn Jahre alt, unſere Wohnungen in dem Collegium Ludwig des Großen verließen, zu den Füßen oder in den Armen von Engeln geſeußzt haben, die geboren find, das Sprüchwort„ſchön wie ein Engel,“ ungültig zu machen, Du und ich müſ⸗ ſen redlicher Weiſe bekennen, daß, Charakter und Aus⸗ druck abgerechnet, die Geſichter unſerer zärtlichen Lands⸗ männinen alles, nur nicht himmliſch ſind. In der Unerfahrenheit des Knabenalters erklärte ich mich mehr als einmal für ſchuldig, in einem blaſſen Geſichte, welches durch zarte Züge Charakter und eine ausdrucksvolle Phyſiognomie erhielt, einen Reiz zu entdecken. Aber es kommt eine Zeit, in der ſelbſt die feurigſten Augen nicht mehr über den Mangel an Blüthe und Jugend zu blenden vermögen, welche wir Pariſer ſelbſt noch im vollſten Mädchenalter verlangen. Kurz, theuerer Jules, denn warum Dich und mich durch Weitſchwei⸗ figkeiten ermüden,— die brennende, zarte Oberlippe dieſer lieben Marquiſe, und das beinahe zu häufige Zuſammenziehen der ſchönſten Augenbrauen in der Vor⸗ ſtadt Saint Germain hatten den erſten Grund zu der Bezauberung meiner Gefühle durch die ſächſiſche Schön⸗ heit und durch den durchſichtigen Teint der lieblichen ZJda gelegt. Ich geſtehe, mir kam ſie bei unſerer An⸗ kunft auf Schloß Rehfeld wie ein Weſen aus andern Welten vor.. Ich fand ihre Sitten beinahe ſo anziehend wie ihre Perſon. Wäre meine Bekanntſchaft mit den Schönen Deutſchlands ausgedehnter, ſo würde ich in ihrem Betragen wahrſcheinlich nur den gewöhnlichen Anſtand(erlaube mir den ſächſiſchen Ausdruck) eines 92 ungebildeten provinzialen menſchlichen Weſens wahrge⸗ nommen haben. Aber ich kenne dieſes Volk nur wenig. In Baden unterhielt ich mich bloß mit unſern Pariſer Freunden, in Karlsbad und Töplitz größten Theils mit Ruſſen oder einigen wenigen Wienern, die von ihren Nationaltugenden und ihrer nationalen Bäuerlichkeit gereinigt ſind. Des Barons Tochter war dem zu Folge das erſte Weſen, das meinen Augen mit unge⸗ künſtelten Sitten begegnete, die beim erſten Anblicke, wegen der Offenherzigkeit ihres Charakters, leicht ver⸗ kannt werden könnte. Da ich ſie mit den Gebräuchen der großen Welt ſo wenig vertraut ſah, ſtand ſie als ein Original der Treuherzigkeit unſerer Bühne vor mir, als ein Weſen, das uns bloß aus Theatern be⸗ kannt iſt. Im Anfange hatte ich ſie daher gleich einem Kind behandelt;— ja wie ein ſchüchternes, ſchönes und gut⸗ müthiges Kind. Kaum wurde ich jedoch durch zwei oder drei ſpitzige Antworten überraſcht, als ich mir auch ſchon erlaubte,— wie man zu ſagen pflegt— eine Schlange im Graſe zu entdecken; verzeihe mir je⸗ doch, wenn Du vielleicht einen artigeren Ausdruck er⸗ wartet haſt. Ich fühlte mich verletzt. Ich verlangte, meinen flächſernen Engel mit dem zarten Flaume himmliſcher Reinheit auf ihren Schwingen wieder zu finden; ſo verſchieden, an Gemüth, wie auch an Körper, von unſern beißenden Zauberinnen der Vorſtadt. Es paßte meinen Vorurtheilen nicht an, daß dieſe ſchönſte der Lilien gleich allen meinen andern Roſen ihre Dornen zeigen ſollte.. Das Geheimniß enthüllte ſich bald. Du, mein verſtändiger Bruder, welcher vorſichtig genug iſt, nie die Ufer unſerer geliebten Seine außer Augen zu ver⸗ lieren; Du, ein enfant des Boulevards,(wie Dich einſt Labenski ſcheltend nannte), haſt keinen Be⸗ griff, wie gewaltig ſich unſer abgeſchmackter Pariſia⸗ 93 nismus in ganz Europa ausgebreitet hat, und wie er alle Nationalität und alle Originalität der Charaktere verſcheucht. Gouvernanten aus der Champagne und aus Frank⸗ reich werden in den Steppen der Tartarei gefunden, und es zeigte ſich bald, daß Schloß Rehfeld, gleich jedem andern Schloſſe vom Rhein bis an den Dnie⸗ per, eine gewiſſe Mademoiſelle Thereſe enthielt, die ihr äußerſtes gethan hat, meinen Engel ſo witzig als ſchön zu machen, und meinem ſaͤchſiſchen Lamme Pferdefüße betzufügen. Es ſcheint die Gewohnheit von Paris zu ſein, die Moden des letzten Jahres, geſchmackloſe Hüte, und vergelbte Spitzen und der⸗ gleichen, nach Rußland, England, Amerika und an⸗ dern fremden Ländern zu ſenden, wo ſie dann noch den Anſtrich der Neuheit haben. Auf dieſelbe Weiſe wird nun eine Gouvernante, welche in Paris ausge⸗ dient hat oder für untauglich erklärt worden iſt, über⸗ geſchifft, um die Erziehung irgend einer Erbin in Großbrittanien, oder einer Gräfin des ruſſiſchen Rei⸗ ches zu leiten. Sollteſt Du, Jules, jemals Deinen Vorſatz auf⸗ geben und ein Reiſender werden, ſo laß Dir dieſes zur Verdauung der eigenthümlich ſchlechten Manieren gewiſſer überweltlichen Gottheiten der höchſten Abſtam⸗ mung dienen. Genannte Mademoiſelle Theres iſt genau eine von jenen, auf die ich anſpielte;— unwiſſend, gleich jeder Franzöſin von fünfzig Jahren, deren Erziehung wäh⸗ rend unſerer erſten verhängnißvollen Revolution natür⸗ licher Weiſe vernachläßigt werden mußte, und die das letzte Dutzend ihrer Lebensjahre innerhalb der Mauern des Hotels de Choiſy zugebracht hatte, welches, ich brauche Dich nicht erſt daran zu erinnern, eines der wenigen iſt, die ſeit dem Pompadourismus Ludwig XV. weder ein Dampfbad, noch eine Abkühlung ausgeſtan⸗ den haben. Obgleich ſie in manchen Dingen die Einfachheit der Sitten des armen Kindes ehrte, wahrſcheinlich durch eine Art komiſcher, im Ganzen hirtenartiger Oper angezogen, ſo hat ſte ihr in derſelben Zeit doch auch ſo ſeltſame Begriffe eingeflößt, daß Ida's Ge⸗ müth bei unſerer Ankunft ſich als eine ſeltſame Mi⸗ ſchung zeigte, die ich bloß mit einem halb leinenen, halb wollenen Grunde vergleichen kann, der reich mit Blumen von Brocat geſtickt iſt. Wenn auch im erſten Augenblicke überraſcht, ſo machte ich doch bald die Entdeckung, daß dies neuer und unterhaltender ſei, als wenn das ganze Gewebe ganz leinen, ganz wollen, oder ganz Brocat geweſen wäre. Es gab ein Chaos zu ordnen, ein Labyrinth zu enthüllen. Meine Neu⸗ gierde wurde erregt, und es iſt ſchon etwas Großes, erlaube mir es zu ſagen, in unſerem Alter— denn ein Pariſer von fünfundzwanzig Jahren kämpft mit der ganzen Stufenreihe eines jeden andern Landes in der Welt— unſere Neugierde erregt zu haben. Glücklicher Weiſe begünſtigte unſere vortreffliche Coufine deren Befriedigung, vielleicht weil ſie erwartete, daß ich einen glühenden Blick auf ihre eigene ſanfte, aber unbedeutende Marguerite werfen möchte, ein Mädchen, par parenthése, deſſen Charakter wunder⸗ bar mit ihrem demüthigen Namen übereinſtimmt. Kaum waren wir auf Schloß Rehfeld angekommen, als ſie mir in der größten Verzweiflung die geſchmack⸗ loſe Ländlichkeit ihrer Stieftochter in Kleidern und Sitten mittheilte, wobei ſie ihr hartes Schickſal be⸗ klagte, einen ſolchen Mühlſtein an dem Halſe ihrer ſächſiſchen Baronin zu haben, und meine Hülfe in An⸗ ſpruch nahm, ſie vor ihrem Erſcheinen in einem größern Zirkel vorſtellbar zu machen. Ich that mein Beſtes, das heißt, ich that mein Schlimmſtes. Aber das Tagewerk, welches ich wie einen Frohndienſt begonnen hatte, wurde mir durch die Gelehrigkeit meiner Schülerin erleichtert. Ich fand, . 95 daß es ein Diamant von dem reinſten Waſſer ſei, was ich irriger Weiſe für einen Kieſelſtein gehalten hätte. Ich war der Verzweiflung nahe, als der Augen⸗ blick heranrückte, dem ich ſechs Wochen früher als dem Signale meiner Erlöſung von Sauerkraut, ſchwarzem Brod und ſauerm Weine entgegen geſehen hatte. Auf eine, oder die andere Weiſe hatte die ſchöne Ida ſich ſelbſt verwundet, ich würde ſagen, an meinem Herzen, aber ich will meinen und Deinen Verſtand nicht durch ſolche Kindereien beſchimpfen. Kurz, ich trennte mich nicht gerne von ihr; vielleicht weil ſie mir verſicherte, daß es ihr kleines Herzchen brechen würde, ſich von mir zu trennen. Die Götter und die Baronin begünſtigten mein Streben. Als ich gerade mein Gehirn marterte, um einen Vorwand für einige Geſchäfte zu finden, die meine Gegenwart in Rußland verlangten(ich hatte beinahe im Sinn, Dich zu fragen, ob Du nicht Dei⸗ nen Freund Demidoff bitten wollteſt, mir eine Auf⸗ ſeherſtelle in den Kupferbergwerken zu verſchaffen!), als ich, wie geſagt, eben anfing, recht ſentimental ver⸗ wirrt zu werden, hatte die alte Dame, welche das Gnadenbrod der Familie ißt, und die beſſer den Hals ſchon vor drei Jahren gebrochen haben würde, das Glück, den Fuß zu brechen— oder den Knöchel ſich zu verrenken, einerlei,— und die Baronin, die bereits anfing, bei meinem Unterrichte die Ueberflüſſigkeit von Mademoiſelle Thereſe einzuſehen, ſuchte ängſtlich nach einer Ausrede, ſie zurücklaſſen zu können. Kaum war eine ſolche gefunden, ſo beehrte ſie auch mich ſchon mit einer dringenden Einladung, ih⸗ ren Platz, ja ſogar auch ihren Rang als Gouvernante in der ſanfli⸗ anzunehmen. Eine ſonderbare Idee! wirſt Du ſagen.— Aber die arme, theure Baronin beſitzt im hohen Grade unſere Familienſchwäche, die Ueberredungskunſt, und da ſie eine Vaudreuil iſt, 1— 96 glaubt ſie an meine Unfehlbarkeit. Obgleich Alles, was ſie von Paris weiß, ſich auf ein trauriges Jahr des Wittwenſtandes in dem noch traurigern Hotel der lie⸗ ben alten Gräfin Auguſte beſchränkt, ſo nimmt ſie doch an Allem, was von Paris ausgeht, das wärmſte Intereſſe, und weiß überdies recht gut, daß die Ge⸗ genwart eines ſolchen Cavaliers, gleich Deinem jün⸗ gern Bruder, ihren Geſellſchaften in der ungebildeten Hauptſtadt keine Unehre machen wird. „Sie müſſen uns auf jeden Fall begleiten, theuer⸗ ſter Vetter!“ rief ſie mir bei der Ankündigung des Unglücks der Mademoiſelle Thereſe zu.„Sie haben uns die Schwierigkeit gelehrt, Sie von unſerer Geſellſchaft zu dispenfiren, empfangen Sie nun die Früchte.“ Es war jedoch nicht meine Unterwürfigket gegen die Baronin allein, welche mich vermuthlich beſtimmte, eine ſolche Reiſe anzutreten. Nichts deſto weniger be⸗ mühte ich mich, ganz hingeriſſen von Dankbarkeit, aus⸗ zuſehen, da ich bereits anfing, Frau von Rehfeld als die Großjuwelen⸗Bewahrerin meiner Krone zu berück⸗ ſichtigen.. „Mit einer ſo großen Laſt, wie zwei unverheira⸗ thete Frauenzimmer, welche Beide in Geſellſchaften eingeführt und ſelbſt ohne eine dame de compagnie ſind, die über ihre Handlungen wachen könnte, wäh⸗ rend meine Stellung bei Hof mich nöthigen wird, ſie allein zu laſſen,“ ſprach ſie,„urtheilen Sie, welche Sorgen ich auszuſtehen haben werde. Mein Sohn iſt nicht in Petersburg, und wäre er auch hier, ſo iſt doch Alexis zu wild und zu leichtfinnig, als daß man ihn ſelbſt nur das Geleite ſeiner eigenen Schweſter anver⸗ trauen könnte. Sie, mein theurer Alfred, ſind ein Weltmann. Für Sie ſind zwei Mädchen in Ida's und Marguerite's Alter, gleich zwei Engeln, aus Alabaſter gehauen, in irgend einer alten Kathedrale. Ich bin überzeugt, daß ein Vaudreuil, ein Mann von Geburt und Erziehung, ihnen ſowohl den beſten Rath erthei⸗ 97 1 len, als auch jene Art von Geſellſchaft gewähren wird, die der Baron von Rehfeld durch ſeine Geſchäfte ab⸗ gehalten, ſeinen Kindern zu geben verhindert wird. Mit offenen Armen am kaiſerlichen Hof empfangen, werden Sie unſer Ritter bei allen Winterfeſtlichkeiten bleiben, und ich ſehe einen vergnügten Winter vor⸗ aus!“ So geht es mir nun, mein theurer Bruder! Ich ließ mich überreden, und hier bin ich der Liebling eines Familienkreiſes, der die beiden ſchönſten Mädchen in Petersburg, oder irgend einer Burg in ſich ſchließt, und einer Mutter, welche Alles, was ich thue, ſpreche oder denke, en couleur de rose ſieht. Ich habe mir keine Zeit genommen, über dieſen ſchönen Familienzirkel hinauszublicken. In meinem nächſten Brief erwarte jedoch einen ausführlichen Bericht über das, was Dich vielleicht mehr als meine Perſon intereſſirt, nämlich über die ruſſiſche Hauptſtadt und die Ruſſen ſelbſt. Dritter Brief. Von Marguerite Erloff an Mademoiſelle Thereſe Moreau b Wir ſind voll Begierde, Mademoiſelle, die Fort⸗ ſchritte zu vernehmen, die Sie in Ihrer Geneſung ge⸗ macht haben: Wenn ich nicht zuverſichtlich gehofft hätte, daß das milde Clima Ihres Thals günſtiger ſei, als die kühlen Lüfte unſeres Finlands, ſo würde ich mit Furcht und Zittern die Strenge der Witterung bemerkt haben, welche wir kürzlich hier erfuhren. Die Frau des Geſandten. I. 7 98 Sie können ſich denken, wie ängſtlich ich den Ein⸗ fluß beobachtete, welchen dieſe Kälte auf die Behag⸗ lichkeit unſerer theuern Ida übte. Aber ſie iſt hin⸗ länglich gut, um ſich einzubilden, daß die wunderbare Beſchaffenheit unſerer Oefen für ſie ein angenehmeres Elima erzeugt, als ihrer zu Hauſe wartete, denn ſie verſichert, daß ein Winter unter den dichten Wäldern von Rehfeld furchtbar ſtreng ſei. Um Ihretwillen, Mademoiſelle, hoffe ich ernſtlich, daß dies blos eine anmuthige Uebertreibung von Seiten meiner Schweſter ſei, um mir den Kummer zu erſparen, ihre Reue zu iynen. Außerdem iſt ſie ſowohl geſund als heiter. Ich könnte aus ihrer Munterkeit beinahe ſchlie⸗ ßen, daß ſie fühlt, welch einen großen Zuſatz ihre Ge⸗ ſellſchaft dem Glücke ihrer armen Marguerite beifügt. Vor der Vermählung meiner Mutter ohne eine Gefährtin von meinem Alter, war ich unzufrieden mit der Heimath, und Rußland eckelte mich an. Jetzt bin ich die Glücklichſte unter den Glücklichen. Im Laufe des nächſten Monats wird mein Bruder hieher kom⸗ men, und die Sehnſucht nach ihm geht beinahe unter der Lebhaftigkeit von Ida's originellen Bemerkungen verloren, die ſie über die neuen Gegenſtände und Sit⸗ ten äußert, welche faſt bei jedem Schritte ihre Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch nehmen, obgleich ſie bereits aufgehört haben, meine eigene zu erregen. Obwohl ich ſie ſchon reizend in Rehfeld fand, ſo erſcheint ſie mir hier doch noch tauſendmal glänzender und anziehender. Bis jetzt iſt meine Schweſter noch wenig in Ge⸗ ſellſchaften geſehen worden, indem der Hof erſt geſtern zurück kehrte und ihre Vorſtellung deßhalb verſchoben werden mußte. Die Bewunderung, welche ſie bei den⸗ jenigen erndtet, die in unſern Privatzirkeln Zutritt haben, brſtätigt hinreichend die Prophezeihungen mei⸗ 99 ner Mutter, daß die Lilie von Rehfeld Aufſehen in Rußland erregen würde. Von unſern gemeinſchaftlichen Freunden hier will ich bloͤs meinen Vetter Alfred anführen, der über ſeine Reiſe ſehr glücklich zu ſein ſcheint, und würde nicht ihr Urſprung in Ihrem traurigen Ereigniſſe liegen, ſo würde ich mir gratuliren, einen ſo fröhlichen Ge⸗ fährten dadurch erhalten zu haben, der ſo gut verſteht, von Ida jenes Gefühl der Fremdheit zu verſcheuchen, das unvermeidlich bei dem Aufenthalte in einem frem⸗ den Lande entſpringt. Ida, welche meine Mutter ſo freundlich, als die ihrige, und mich als ihre Schweſter anerkannte, ſcheint Alfred eben ſo liebreich als Ver⸗ wandten anzunehmen. Machen Sie ſich deßhalb keine Sorge, Mademoiſelle, über das Glück Ihres Kindes. Sie wird hier eben ſo geliebt, bewacht und verzärtelt werden, als auf Schloß Rehfeld. Ich hoffe beſtimmt, daß Ihr nächſter Brief uns alle Beruhigung geben wird, die wir hinſichtlich des verbeſſerten Zuſtandes Ihrer Geſundheit bedürfen. Vierter Brief. Graf Alfred de Vaudreuil an Gräfin Auguſte de Vaudreuil in Paris. „Belle tante, ich werfe mich zu Ihren Füßen und flehe Ihre Gnade an. Sie find böſe, wie ich ſehe, daß ich, indem ich am letzten Mai Paris verließ, nicht Ihre Erlaubniß zu einer Reiſe nach Petersburg nachſuchte. Glauben Sie mir jedoch, daß ich damals eben ſo wenig eine Excurſion dorthin voraus ſah, als 100 in dieſem Augenblicke eine Reiſe nach Japan; obgleich ich nicht beſtimmt verſprechen kann, mich zu der letz⸗ tern nicht durch einige der ſeltſamen Seefahrer und andere unwiderſtehliche Ungeheuer, verführen zu laſſen, deren Bekanntſchaft ich bereits gemacht habe, ſeitdem ich ein Moskowite bin. Ich reiste, wie ich Ihnen anzeigte, mit Guſtav de Presle nach Baden⸗Baden, welches ich wie gewöhn⸗ lich mit Engländern, Belgiern und all; dem andern Unrath, der durch die Dampfſchifffahrt auf unſere Grenze geworfen wird, angefüllt fand. Der ganze Platz iſt zu Grunde gerichtet, er gleicht einem verlornen Paradieſe. Nach Verlauf von einer oder zwei Wochen entdeckte Guſtav, daß er ſein Geld, verliere, ich aber meine Zeit, ohne das geringſte Ver⸗ gnügen dafür zu haben. 4 Dem zu Folge wanderten wir nach Karlsbad, und da ich aus Ihren nach Töplitz beförderten Briefen, welche die Ankündigung der Vermählung meiner Cou⸗ ſine enthielten, entnahm, daß das neue Paar und un⸗ ſere ſchöne Marguerite im Begriffe ſeien, ihre Güter zu beſuchen, eilte ich, ihnen in Perſon die vereinigten Glückwünſche des Hauſes Vaudreuil zu bringen. Als Erwiederung wurde ich ſo ſehr in den Netzen ihrer herz⸗ lichen Gaſtfreundſchaft gefangen, daß mir nichts ande⸗ res mehr übrig blieb, wie ihnen nach Petersburg als Gefangener zu folgen. Dieß iſt nun der Beweggrund meiner Großthat und einer Verſäumniß, die Sie ferner nicht als eine Handlung der Vernachläßigung betrachten dürfen, wenn ich anders nicht Ihren Auftrag außer Augen verlieren ſoll, Ihnen den vollſtändigſten, wahrſten und umſtänd⸗ lichſten Bericht über den neuen Gemahl der Gräfin Erloff, und die gegenwärtige Beſchaffenheit der Män⸗ 3 der, Weiber, des Etwas und Nichts in Petersburg zu⸗ geben. Sdiie, welche etwas von der Art wiſſen, auf welche 101 die Regierung dieſes Landes geführt wird, werden ſich freuen, daran erinnert zu werden, daß es kein leichtes Werk iſt. Ich bin überzeugt, daß meine Briefe nicht nur von dem Herrn dieſes ſchmutzigen Gaſthofes, wel⸗ cher die Unverſchämtheit hat, ſich das erſte Hotel in Petersburg zu nennen(zu deſſen Beſten ich hier mein Urtheil beſchränke) bei jeder Gelegenheit durchleſen wor⸗ den ſind, ſondern daß ſie auch das Poſtbureau geöffnet hat. Wir Franzoſen ſind hier zu Lande noch zu ſehr verhaßt, um nicht unſere Correſpondenz zum Gegen⸗ ſtande der kaiſerlichen Aufmerkſamkeit zu machen. Da jedoch meine Briefe an Sie, belle tante, nicht ganz ſo dringend ſind, wie die Rothſchilds, ſo werde ich nun das Spſtem adoptiren, ſie uneröffnet durch unſern Ge⸗ ſandten zu befördern, was der einzige fichere Verbin⸗ dungs⸗Canal iſt. Es iſt jetzt zwölf Jahre, ſeitdem Sie Rußland verließen, und obgleich die Fortſchritte der Civiliſation an den Grenzen natürlich leichter zu bemerken find, als in einer Hauptſtadt, die gleich der unſern, den Herz⸗ kern der europäiſchen Verfeinerung bildet, ſo glauben Sie doch nicht, daß die Spuren der ſieben Meilenſtie⸗ feln auffallend bemerkbar ſind. Ich muß geſtehen, daß mich Petersburg bei dem erſten Anblick überraſchte, und das ſo ſehr, wie es wahr⸗ ſcheinlich der Fall geweſen ſein würde, hätte ich die großartigen öffentlichen Monumente unſerer Stadt Pa⸗ ris plötzlich von ihren Plätzen weichen und drei Mei⸗ len weit über das Gebiet hinauswandern ſehen, auf das ſie jetzt beſchränkt ſind. Ich war gezwungen, zuzu⸗ geben, daß die Hauptſtadt dieſer wilden, talgtriefenden Ruſſen, in Wahrheit einiges Recht auf den Titel„die Stadt der Paläſte,“ habe, den ſie⸗ ſich anmaßt. Aber dieſe Auszeichnung gebührte ihr wohl mehr an dem Tage des Todes der großen Katharina, als jetzt, und es bedurfte bloß eines zweiten Blickes, um zu ent⸗ decken, vaß die breiten Zwiſchenräume eines koloſſalen 102 Gerippes einer Stadt mit Allem, was unſcheinbar und gemein iſt, angefüllt ſeien. Die Quai's und die Pa⸗ läſte können von Granit ſein, aber die Häuſer, welche ich anfangs von Stein glaubte, find, die von Holz ausgenommen, von übertünchten Backſteinen. Ich ſtaunte einen gewiſſen Herrn Jourdain an, deſſen Manſcheiten von Spitzen ſind, während der Stoff und die Reinlich⸗ keit der Kleidung, welcher ſie angehängt ſind, ihn eher in die Reihe der„bourgeois“ ſtellen, als daß ſie ihm ein Recht auf den prätendirten Namen eines„gentil- homme“ gaben, deßhalb ſchrieb ich in die innerſten Seiten meines Tagebuchs, ſtatt von einer Stadt von Paläſten:„Stadt von Schmutz.“ „. Alles dieß beſtand zu Ihrer Zeit. Noch während der Regierung des verſtorbenen Kaiſers, welcher aller der weiblichen Frivolität des Geſchmackes, die ſeine weibliche Großmutter begehrte, ein Ende gemacht zu haben ſcheint, trat, wie man uns verſicherte, ſolch ein ruheloſes Streben nach Verbeſſerungen ein, ſolch ein Verlangen, ein neues Verſailles in einem Lande zu erzeugen, das in drei Jahrhunderten noch nicht für dieſe Schöpfung reif ſein wird, und das, wenn man auch unweiſe genug, ein ſo verhängnißvolles Product hervorzubringen, gleich uns, in ſich nur ein Hegen der Zerſtörungselemente für ſeine monarchiſchen Inſtitutio⸗ nen ſehen wird,— daß im Falle nichts Großes be⸗ wirkt wurde, diejenigen, welche Alexanders Bemühun⸗ gen kannten, kaum glauben können, daß ſie ganz frucht⸗ los geweſen ſeien. Jetzt iſt Alles geändert. Rußland verlangt bloß ſich als Rußland zu zeigen. Die Moskowitten haben einen metallenen Rieſen an der Stelle eines thönernen erhalten. Ich hoffe wenigſtens, daß ſich Nicolaus von Eiſen bewähren wird; denn ich bin überzeugt, daß nichts als der ſtarke Arm und die grauſame Macht des Deſpotismus im Stande ſein wird, jene höhern Klaſ⸗ ſen gehörig zu zügeln, welche in dieſem Lande alle die — 103 unſeligen und grimmigen Geſinnungen des franzöſiſchen Volkes äußern. Der Adel iſt hier in einem Zuſtande beſtändiger Gährung. Sie quälten den armen Alexan⸗ der zu Tode. Möge der gegenwärtige Kaiſer aller Bären beweiſen, daß er aus einem feſtern Stoff ge⸗ macht iſt! Jetzt, ma belle tante, macht Petersburg einen Ein⸗ druck auf mich, wie eines jener großen Waarenhäuſer, die man ſich plötzlich in unſern ſchönern Vierteln von Paris erheben ſieht, und die von dem allgemeinen Han⸗ delsplatze der Straße St. Denis übergetragen worden find. Es äfft den gehaltloſen Prunk der modernen Handelswelt nach, es hat ſeine Spiegelglasfenſter und Waarentiſche von polirtem Mahagoni; aber den gehei⸗ men Geſchäftsgang ſeiner frühern, ſchmutzigen, han⸗ delnden Stadtviertel hat es beibehalten. Sie werden ſich erinnern, daß ſie noch die Hütte zeigen, in welcher Peter dem Großen, dem Vater ihres „wilden Reiches, der erſte Gedanke kam, das Schiff⸗ bauen auf der Schiffswerfte von Saardam zu lernen, und geben dadurch zu, daß ihre Schiffsbauten rein frem⸗ den Ürſprungs ſeien. Aber ſie ſind zu vernünftig, das Kabinett zu zeigen, worin Alexander, ebenfalls aus fernen Ländern zurückgekehrt, die ſeltſame conſtitu⸗ tionelle Grille aushegte, nach der er eine neue Regie⸗ rungsform der Monarchie bilden wollte. Ich ſah nie einen Herrſcher, welcher ſein Jahrhundert in der Civi⸗ liſation ſeines Königreichs überſchreiten wollte, und der etwas mehr, als eine niedrige Verdrehung ſeiner Abſichten erlangte. Alexander erreichte indeſſen etwas mehr. Da ihm glücklicher Weiſe, ſtatt eines unmündigen, von ſeinen Vaſallen abhängigen Sohnes, auf ſeinem Throne ein Bruder in der vollen Kraft und Stärke des Geiſtes folgte, diente das Fehlſchlagen ſeines gut gemeinten Strebens wenigſtens dazu, ſeinen Nachfolger zu ermu⸗ thigen. Nikolaus fing demgemäß an, den Ruſſen nach 104 der Beſchaffenheit ihrer Natur Geſetze vorzuſchreiben, ſtatt dem Anglo⸗Galliſchen, ſehr abweichenden Montes⸗ quiueism des kaiſerlichen Schülers von la Harpe, Ma⸗ dame Krüdener und Jeremias Bentham zu huldigen. Er iſt par conséquant, nach meiner demüthigen Mei⸗ nung, ein Vorbild von einem Czaar der Moskowitten; herzhaft, unerſchrocken, unbeugſam, ſo mild im häusli⸗ chen Kreis, wie ſtreng in ſeinem öffentlichen Berufe: und deshalb von ſeiner Familie geliebt, und gefürchtet von ſeinem Volke. Ich bitte, meine liebenswürdigen polniſchen Feunde demüthig um Verzeihung— aber es iſt ſo!— Sie verlangten jedoch nicht von mir, über politiſche Gegenſtände zu hören; ſondern vernehmen vielleicht lieber etwas über den Hof und die Stellung, welche vermuthlich Ihre Tochter mit Ihrem neuen Schwie⸗ gerſohne daſelbſt behauptet. Was den Letztern betrifft, ſo find Sie ſo mittel⸗ mäßig zufrieden mit der Vermählung, daß es kaum möglich iſt, von dem Baron in Ausdrücken zu ſprechen, die ihn nicht höher in Ihrer Gunſt ſtellen würden. Es ſcheint mir, daß Sie in dieſer Hinſicht weder ihm, noch Ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Was konnte ſie anders thun? Waren nicht Sie ſelbſt die erſte, die ihr in ſchroffer Wirklichkeit erklärte, daß un⸗ ter uns, in unſerem Stande, oder vielmehr in unſerer verarmten Vorſtadt, eine Wittwe Erloff nichts als ein todter Buchſtabe ſei? In Rußland, ſcheint es, waren ihre Ausſichten auf eine Vermählung eben ſo wenig glänzend. Die Gunſt, welche ſie genoß, war äußerſt unſicher, und da ſie keinen andern Ausweg mehr vor ſich ſah, als einen Abgrund von Armuth, in welchen fie jeden Augenblick mit ihren zwei, im Genuſſe des Ueberfluſſes erzogenen Kindern ſtürzen konnte, muß ich ihre Selbſtaufopferung bewunderu, indem ſie die Hand eines Mannes annahm, deſſen Einkommen jährlich bei 80,000 Frank beträgt, der bloß von einem Kinde be⸗ 2* 105 laſtet iſt, und hohe diplomatiſche Auszeichnungen ge⸗ nießt. 3 In Hinſicht auf die Perſon des Mannes, der an dieſen Reichthum gefeſſelt, kann man wenig ſagen; aber dieſes wenige iſt nicht ganz frei von einigen beleidigen⸗ den Zuſätzen. 3— Baron von Rehfeld iſt eine Maſſe von Unbe⸗ deutenheiten;— von mittlerem Alter— ziemlich gut ausſehend— von mittelmäßig guten Sitten— hinrei⸗ chend unterrichtet— von gutmüthigem Charakter und paſſablen Fähigkeiten. In Paris würde man freilich ſeinen Namen nie nennen gehört haben. In Rehfeld iſt er ein Baron von, der Himmel weiß, wie vielen Wappen und Ahnen; und in Petersburg reſidirender Miniſter des Hofes von.... Was wollen Sie mehr haben? Die Tochter iſt ſchön und liebenswürdig, unterwürfig gegen die Ba⸗ ronin und herzlich gegen Marguerite.— Für jetzt muß Ihnen dieß genügen. 8 Um auf Ihre Fragen antworten zu können, in wiefern dieſe Heirath die Gunſt ſteigern könne, welcher ſich meine Coufine bisher erfreute, muß ich zuerſt die hohen Zirkel ſehen und beurtheilen, wo, wenn das Gerücht wahr ſpricht, unſere Nation keinen ſehr hohen Grad von Einfluß beſitzt. Unterdeſſen, liebe Tante, küſſe ich ganz demüthig die ſchönſten Hände der Welt. Fünfter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Empfangen Sie meinen herzlichſten Dank, chère bonne, für die tröſtlichen Nachrichten, über ihre voran⸗ ſchreitende Geneſung. Ihre Briefe ſind alle, wie ich 106 ſie wünſche. Entſchuldigen Sie ſich nicht wegen Man⸗ gels an Neuigkeiten. Welche Neuigkeiten könnte ich auch erwarten, die Sie mir vom Schloß Rehfeld mit⸗ theilen würden? Was könnte ich ſelbſt zu wiſſen wünſchen, als daß Sie beſſer und heiter ſind? Im Augenblicke unſerer Abreiſe ermahnten Sie mich, chere bonne, noch dringend, meinen erſten Ein⸗ drücken von einem fremden Lande nicht zu trauen. Aber dieß war nicht hinreichend; Sie hätten mich zuerſt aufmerkſam machen ſollen, meinen Vorurtheilen zu mißtrauen. Sie ſprachen von dem unbegränzten Ver⸗ trauen der Jugend auf oberflächliche Reize. Ach leider! meine Jugend war lebhaft genug, um veenhen ohne Grund und ohne Gränzen vermuthet zu aben. Ich geſtehe, ich ſchmeichelte mir für einen Augen⸗ blick, daß meine Stellung am kaiſerlichen Hofe, als die Stieftochter der frühern Gräfin Erloff, beſonders vortheilhaft ſein würde. Erwägen Sie daher mein Erſtaunen, als mich die Baronin am Abend nach unſe⸗ rer Ankunft hier in ihr Zimmer kommen ließ und mich in einem vertraulichen Tone anredete, mit welchem ſie mich früher nie angeſprochen hatte, und in dem fie auch zu keiner Zeit zu Marguerite ſpricht, und die ſie, obgleich in meinem Alter, fortfährt als Kind zu be⸗ handeln. „Ich wünſche, meine theuere Ida,“ ſprach ſie,„Dir feinige Winke über die Richtſchnur des Betragens zu geben, das Du hier verfolgen ſollteſt; Deine Aufmerk⸗ ſamkeit würde ſowohl zum Beſten Deiner eigenen Aus⸗ ſichten, als auch zu dem Intereſſe Deines Vaters dienen. Du befitzeſt den Geiſt eines Weibes, der auf das Fuß⸗ geſtelle eines Anderen geſetzt, nicht ermangeln wird, den Takt zu erlangen, welcher in den höhern Regionen des Lebens nothwendiger, als beſſere Dinge iſt, ohne den ſelbſt die größten Talente werthlos ſind. Obgleich ich ihr recht höflich für eine ſo günſtige ⸗ Schätzung meiner geringen Fähigkeiten dankte, ſah ich doch voraus, daß nach ſo vielen verſöhnlichen Worten etwas Unangenehmes folgen würde.. „Die Stellung unſerer Familie am kaiſerlichen Hofe,“ fuhr ſie fort,„iſt ſehr zart und ſchwierig. Von allen Seiten ſind wir Gegenſtand des Neides und der Eiferſucht. Ich zuerſt, als eine durch Heirath einge⸗ bürgerte Franzöſin, dann Dein Vater, als ein fremder Miniſter, mit einer Perſon vermählt, die man feſt in der Gunſt des Hofes glaubt. Deßhalb werden wir ſowohl von dem Adel als von dem diplomatiſchen Corps mit neidiſchem Mißtrauen betrachtet; während . S za ſerlache Familie dem Uebelwollen aller Parteien 0— it nachgeben muß, als ſie in ihren Gunſtbezeugun⸗ gen bewacht wird.“ „Dieß, mein theures Kind, ſind die Unannehm⸗ lichkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben. Ich bin verhaßt bei dem größten Theile der Geſellſchaft, als eine Franzöfin und Begünſtigte verhaßt; und du wirſt als Glied meiner Familie der ſtrengſten Kritik ausge⸗ ſetzt ſein. Blos dadurch, daß man ſein Recht auf die Geſellſchaft zeigt, und weder einen Schritt über die Gränze thut, noch von ſeinem Platze weicht, wird es ſelbſt dem größten Uebermuthe unmöglich, unſere Ge⸗ fühle zu demüthigen. Bei Hof iſt es nicht, wie in den niederen Regionen der Geſellſchaft. Bei Hof iſt jeder⸗ manns Stellung beſtimmt. Deines Vaters Stellung iſt ſo genau bezeichnet, wie die des Kaiſers oder des Archimandriten. Ich meine damit die Lage Deines Vaters, ſo wie die der Deinigen. „Dieß mußt Du dich nun zu verſtehen bemühen.— Mache es zu Deinem Geſchäfte, den Umfang Deines Einfluſſes kennen zu lernen; denn auf mehr Anſpruch zu machen, würde für eine gemeine und verhängniß⸗ volle Anmaßung gehalten werden. Deine geſellſchaft⸗ lichen Vergnügungen hier ſind nicht, wie in Deinem eigenen Lande, wünſchenswerth.“ 1p —— 108 3 Obgleich die Baronin während dieſer langen Ein⸗ leitung nicht einmal ſo lange inne gehalten hatte, um Athem zu holen, ſo gebe ich doch zu, daß die Forma⸗ lität ihrer Anrede mir einige Erleichterung gewährte. Mein Herz fing an unter der Laſt neuer, bisher unbe⸗ kannter Pflichten zu pochen. „Marguerite's Stellung iſt minder ſchwierig,“ fuhr ſie fort, ohne meinen Aerger ſcheinbar zu bemerken. „Sie wird durch den Einfluß der Bekannien ihres Vaters unterſtützt.“ 4 Ich hatte beinahe Luſt beizufügen:„Und von dem Vertrauen auf die glänzende Verbindung, die Sie für ſie entworfen haben;“ ich ſchwieg aber aus Nückſicht für meine Stiefſchweſter. „Welche Aufmerkſamkeit der Kaiſer und die Kai⸗ ſerin immer für paſſend halten mögen, meiner Tochter zu erweiſen, wird von den ruſſiſchen Adeligen als ein Kompliment für ſie ſelbſt angenommen werden, wäh⸗ rend eine Gunſtbezeugung gegen die Tochter des Ge⸗ ſandten einer der geringern Mächte Deutſchlands all⸗ gemeine Unzufriedenheit verurſachen würde. Ich theile Dir dieſes mit, Ida, damit Du vielleicht irgend einen ſcheinbaren Vorzug, der Margueriten ertheilt werden könnte, nicht mißdeuten möchteſt. Aber Du haſt zu viel Verſtand, um allzu großen Werth auf ſolche Aus⸗ zeichnungen zu legen. „Hätte Mademoiſelle Thereſe uns hieher begleitet, wie ich früher erwartete, ſo würde ſie Dir alle dieſe Dinge umſtändlicher auseinander geſetzt haben, als die wenige freie Zeit, welche ich in Petersburg erhalten kann, mir zu thun erlaubt. „Ich ſehe jedoch, daß Du mich verſtehſt, und gut und verſtändig ſein wirſt. Gleich andern und größern Politikern müſſen wir uns auf die Hinterfüße zurück⸗ ziehen, um einen deſto beſſern Sprung in die Höhe ma⸗ chen zu können, und vielleicht wird es mir vergönnt ſein, wenn alle dieſe Hofintriguanten ſich überzeugt haben 109 werden, daß ich als Rehfeld's Gattin keinen Anſpruch mehr auf die Gunſt mache, die ich als Wittwe Erloff genoß, Dich aus dem Hintergrunde hervorzuziehen, in welchen, wie ich fürchte, Du im Anfange geſtellt wer⸗ den wirſt.“ Mit einem Kuſſe auf die Stirn entließ mich die Baronin aus einer Audienz, welche eine Vorbereitung auf meine Enttäuſchung zu ſein ſchien. Denn ach! wie auf den Befehl eines böſen Geiſtes in einem lieblichen Thale, ſchien plötzlich eine Hecke von Dornen aus der Erde empor zu wachſen, um den prächtigen Palaſt von Vergnügungen zu verbergen, auf den ich meine Augen ſo lange mit Freude und Erwar⸗ tung gerichtet hatte! Da meine Aufmerkſamkeit ſo zu dem Tagewerke der Beobachtung gezwungen wurde, war ich am andern Tag überraſcht, tauſend kleine Aergerniſſe in jeder Richtung wahrzunehmen. Keine freie Unterhaltungen mehr, keine lebhaften Witze, wie auf Rehfeld! Jede muntere Stichelei ſchien verbannt; jede Meinung ge⸗ wiſſen Regeln unterworfen. Wenn ich aus den wie⸗ derholten Warnungen der Baronin Schlüſſe ziehen möchte, ſo müßte ich ſagen, daß die Diener des Hauſes hier eine Legion von Kundſchaftern ſein müſſen. Sie können ſich nichts Sclaveriſches denken, als die Be⸗ ſchaffenheit der Befehle, welchen ſelbſt Marguerite und ich in dieſer Hinſicht unterworfen find. Es iſt nicht genug, daß man von mir verlangt, einen Wangenſtreich der moskowitiſchen Barbarei mit einer Bitte um Wiederholung dieſer Gunſt zu erwiedern, ſondern es wird auch jeder Ausdruck einer einfachen, freien Meinung ſtrenge verboten, und Marguerite ver⸗ ſichert mir, daß es in den höhern Zirkeln von Peters⸗ burg zum guten Ton gehöre, keine Meinung über irgend einen Gegenſtand zu haben, der einer politiſchen Deu⸗ tung mehr ausgeſetzt ſei, als das Wetter. Ich fange nun bereits ſchon an, meine Sprache 110 verwirrt, und meine Begriffe unter dem Einfluſſe dieſer niedrigen Sclaverei beſchränkt zu finden. In Deutſch⸗ land pflegte ich Nikolaus als ein menſchliches Weſen, oder höchſtens als einen Kaiſer zu betrachten, hier erſcheint er mir nun plötzlich in einem andern Lichte— als ein übernatürlicher Geiſt— als Alles, nur nicht als ein höheres Weſen.. Aber ach! es iſt mir ſelbſt verboten, in meinen Briefen davon zu ſprechen. Adieu alſo, für jetzt, meine nächſten Schreiben werden von ſichereren Gegenſtänden handeln. Ich will verſuchen, die herrlichen Paläſte von Petersburg zu ſchildern, wenn es in der That der Mühe werth ſein wird, auf das Gefieder dieſes kaiſer⸗ lichen Adlers anzuſpielen; deſſen Schnabel und Klauen ſo furchthar ſind.— Adieu! Sechster Brief. Von Baron von Rehfeld an Wilhelm von Rehfeld. Ich verſprach Dir, mein lieber Neffe, bei meiner Ankunft in Petersburg auf die Bitte zu antworten, welche Du in der Reſidenz an mich richteteſt, daß ich Dir nämlich bei dem Großherzoge die Stelle eines Geſandtſchafts⸗Secretärs verſchaffen ſolle, im Falle Dir Deine Mutter geſtatten würde, den Winter in Rußland zuzubringen. Nach reiflicher Ueberlegung fand ich, daß dies ſchwerer zu erlangen ſein würde, als ich Anfangs glaubte. Ein einziger Secretär wird mir geſtattet, und es würde ſowohl unmöglich für mich ſein, den jungen Hohenthal zu entlaſſen, oder die Dienſte des Auguſt von Collin zu miſſen, der mir, von dem erſten Augenblicke meiner eigenen Anſtellung an, als mein Privatſecretär diente.. Unter dieſen Umſtänden würde ich Dir rathen, für jetzt Deine Reiſe zu verſchieben. 111 Der Hof in Petersburg iſt allen andern Höfen in Europa unähnlich. Man ſcheint einen trüftigen Beweggrund von allen denen zu fordern, die ſich als bloße Reiſende zeigen und ihren Aufenthalt über die gewöhnlichen Gränzen der Neugierde verlängern. Die, welche zu ihrem Vergnügen reiſen, können hier nicht, wie in Italien, wegen der Annehmlichkeit des Climas, nicht, wie in Paris, wegen des Genuſſes von Ver⸗ gnügungen, oder wie in London, um des Stuviums ſeiner Inſtitutionen, oder der Verbeſſerung ihrer Ställe willen, verweilen. Sollteſt Du, wie Du im Sinne Jhatteſt, einen verlängerten Aufenthalt in Petersburg verſuchen, ſo würde man glauben, daß entweder Deine Vermählung mit meiner Tochter der Vollziehung nahe ſei, oder daß Du irgend einen geheimen Beweg⸗ grund habeſt. Was die erwähnte Verbindung anbelangt, ſcheinſt Du ganz mit mir überein zu ſtimmen, daß es ſowohl für Dich, als auch für Ida wünſchenswerth ſei, vor irgend einer Feſtſtellung unſrer unbeſtimmten Projekte er dieſen Gegenſtand die Welt etwas geſehen zu aben. „Mit einem Worte, Wilhelm, ich rathe Dir, Deine Reiſe hieher für jetzt zu unterlaſſen. Unſer Freund Grünglatz hat mir gleichfalls ge⸗ ſchrieben, daß er beabſichtige, dieſe Hauptſtadt zu be⸗ ſuchen. Aber ich bin auch der Meinung, daß es vor⸗ theilhafter für ihn ſein würde, Petersburg in der Sommerzeit zu prüfen, wenn die öffentlichen Ver⸗ ſammlungen zugänglicher ſind, und ſein praktiſches Streben als Naturforſcher bedeutende Erleichterung erhalten wird. Sage ihm deshalb, nebſt tauſend Grüßen von mir und meiner Familie, daß ich weder dem einen, noch dem andern von Euch beiden rathen kann, in dieſer unfreundlichen Jahreszeit eine ſo weite Reiſe zu unternehmen. 11² Dagegen kann aber auch nichts anreizender ſein als ein ruſſiſcher Sommer, der gewiſſermaßen als ein lan⸗ ger Tag betrachtet werden kann, indem die finſterſte nht kaum das Zwielicht anderer Gegenden über⸗ trifft. Die Neva, welche mit ihren endloſen Abwechs⸗ lungen von Schiffen der Schmuck der Stadt iſt, zeigt ſich dann in ihrer ſchönſten Glorie und gibt Petersburg das Anſehen eines zweiten Venedigs; aber die ſchönen Landhäuſer an deren Ufern, die reichen Gallerien und die volkreichen Quais, lauter anziehende Gegenſtände, gehen während des Winters verloren. ch hoffe jedoch, Dich im Mai vor unſerer Ab⸗ reiſe nach dem Landſitze der Baronin in der Gegend von Zarskoje⸗Selo hier zu ſehen. Mittlerweile wird es mir großes Vergnügen machen, von Deinem Wohl⸗ ergehen zu hören. 3 Sage in meinem und meiner Familie Namen Deiner vortrefflichen Mutter die herzlichſten Glück⸗ wünſche zum neuen Jahre. Unterlaſſe unter keiner Bedingung, meinem Freunde Grünglatz den Inhalt meines Briefes mitzutheilen. Siebenter Brief. Von dem Grafen Alfred de Vaudreuil an den Grafen Jules. Wie oft, mein theurer Bruder, haben wir mit Zorn, indem wir die abgeſchmackten Werke irgend eines ausländiſchen Reiſenden zuſammen ſtudirten, die Impertinenzen ausgemerzt, welche unſern National⸗ ſitten, unſern Gewohnheiten und Meinungen angedich⸗ iet wurden.— Unſere Entrüſtung war jedoch nur ein Beweis 113 unſerer Unerfahrenheit. Je weiter ich reiſe, deſto mehr Gegenſtände und Gebräuche ärgern mich, die ſich der Welt unter franzöſiſchem Namen aufdrängen. Wenn ich die langweiligen Diners bedenke, von denen man mir ſagte, daß ſie von dem„berühmten franzöſiſchen Koch“ des Prinzen Aſtrapouſchapouteh zubereitet ſeien, oder die halbnackten Weiber, glühend von Schminke, welche mir als ſehr reizend bezeichnet wurden, weil fie à la Française gekleidet ſind und alle ihre Anzüge aus Paris erhalten, kann ich mich nicht über die Miß⸗ billigung wundern, die Fremde, minder vertraut als ich mit der wirklichen Beſchaffenheit ſolcher Dinge, ausſprechen. 4 Die franzöſiſchen Sitten und Moden in Peters⸗ burg find wenigſtens die eines vergangenen Jahrhun⸗ derts. Alle die Sünden, welche wir bereut und all' der Trödel, den wir abgelegt haben, ſcheinen an dieſen Ort verſetzt worden zu ſein. In unſerer Zeit werden die Diners nicht für das Auge, ſondern für den Gaumen bexechnet. Verzierte Gerichte und gemalte Geſichter, Mangel an Kleidungsſtücke und kühne Ko⸗ ketterien ſind, Gott ſei Dank, ſo gänzlich unbekannt in unſerer Geſellſchaft, wie ſie es in der ganzen gebil⸗ deten Welt ſein ſollten. Wie kann man ſich daher wundern, daß Nikolaus Vorurtheile gegen Frankreich hege, oder daß England, welches er als Prinz beſuchte und als Philoſoph ſtu⸗ dierte, nicht einen andern Eindruck auf ihn gemacht haben ſollte? Ich für meinen Theil verzeihe ihm gänz⸗ lich. Ich müßte mich ſelbſt verachten, wenn ich eine ſolche Franzöſin, jung oder alt, wie ſich ihm täglich zeigen, nicht verabſcheute. Wenige von den Perſonen, die würdig ſind, hier erwähnt zu werden, ſind reich genug, um reiſen zu können; ſo bringen dann die eng⸗ liſchen Jachtſchiffe und Dampfboote Hoſenband⸗Ritter und liebenswürdige Marquiſinnen über die Oſtſee, um Die Frau des Geſandten. I. 8 . 114 Seiner kaiſerlichen Majeſtät zu zeigen, daß das Land⸗ welches er ſo ſehr bewunderte, als Georg III. König, und Nikolaus der jüngſte Prinz einer Familie war, (welcher, ſelbſt von einer kaiſerlichen Familie, kein be⸗ ſonders mächtiges Subjekt iſt) während der Regierung dreier auf einanderfolgender Monarchen nichts von ſeinem geſunden Verſtande und ſeinen praktiſchen Ei⸗ genſchaften verloren habe. 4 Man kann ſelbſt von einem mittelmäßigen Ver⸗ ſtande erwarten, daß er begreife, daß, obgleich die Re⸗ volutionäre von 1789 in dem halb für Napoleon und halb für die Bourbons geſinnten Frankreich Nachfol⸗ ger hinterließen, die fähig waren eine zweite Revolu⸗ tion— eine Revolution von bloßen Meinungen her⸗ vorzubringen, das ancien regime doch nicht ſo gänz⸗ lich vertilgt wurde, um nicht rechtmäßige Nachfolger zu hinterlaſſen, die verſchieden von dem erſtern, wie die läulichen Waſſer der Rhone verſchieden von dem ſchlam⸗ migen Grunde ſind, den ſie zu paſſtren haben. Wenn jedoch die Unwiſſenheit der Moskowitten ſie ungerecht gegen mich geſinnt macht, ſo ſtimmt mich mein Mit⸗ leid mit ihrer Unwiſſenheit milde gegen ſie und ich betrachte daher ihren Haß gegen die Franzoſen, als ausſchließlich nur gegen eine Volksrace gerichtet, die mir ſo verhaßt wie ihnen iſt. „Von dem Geſichtspunkte aus, in welchem ich die höhere Klaſſe der Damen Rußlands, und beſonders des ruſſificirten Polens betrachte, nämlich als die Re⸗ präſentanten des Verſailles unter Ludwig XV., muß ich bekennen, daß ſie, ausgenommen als Vorbilder des verfeinerten Geſchmacks, ſehr reizende Geſchöpfe ſind. Es iſt unmöglich, ſich irgend ein Ding ſchöner vorzu⸗ ſtellen! Solche übertriebene Lebhaftigkeit— ſolche ungewöhnliche migraines, ſolche krampfhafte Nerven⸗ leiden! Man glaubt, die Tage der Parabeère, der du Prie,— ja ſogar die der Dubarri kehrten zurück, obgleich ich nebenbei gehört habe, daß die Letztern — 115 durch unſere Couſtne von Briſſae ſo wunderbar geſchult worden ſei, daß man ſie in ihren fpäteren Tagen für eine eben ſo hochgeborene Dame als die übrigen hätte halten können. Ich bin vielleicht etwas vorſchnell in meinem Ur⸗ theile über die liebenswürdigen Moskowittinnen, da ich nur von denen ſprechen kann, die mich mit offenen Armen in ihren Häuſern aufnahmen, während die Hofklaſſe ſchon größere Schwierigkeiten macht, einen Fremden anzunehmen, ſelbſt denjenigen, der mit Em⸗ pfehlungsbriefen verſehen iſt, die ich mir nicht einmal die Mühe zu ſuchen gab. Meine ſchöne Ida wird von dieſen Weibern ge⸗ haßt, was mir jedoch nur eine Bürgſchaft für den Beifall iſt, den ſie übrigens in öffentlichen Geſellſchaf⸗ ten erntet. Ich habe weniger von ihr geſehen, als ich erwartete, oder vielleicht weniger, als ich beabſichtigte. Aber in einer neuen Geſellſchaft wird man zu gewiſſen Ceremonien der Höflichkeit gezwungen, die man ſpäter vernachläſſigen kann, und ich quäle mich demgemäß mit der Formalität, Beſuche zurückzugeben und Einla⸗ dungen anzunehmen, welche ſich fuͤr die Zukunft nach meiner Dienſtfertigkeit vergebens umſehen mögen. Vielleicht fühlte ſich mein blondes Idol durch meine ſcheinbare Vernachläſſigung beleidigt, weil ſie jetzt etwas kalt auf meine Artigkeiten blickt, die ich wieder zu er⸗ neuen beginne. In ihres Vaters alter Scheune von einem Schloſſe erſchien ſie gleich lieblich und gleich liebenswürdig. Hier, bei tauſend Reizungen zu Froh⸗ ſinn,(denn wir ſind vom Vergnügen in allen ſeinen Ausdehnungen umgeben) ſcheint das arme Mädchen ganz troſtlos zu ſein. Die Baronin flüſtert mir zu, daß dieß von beleidigter Eigenliebe herrühre, daß die Lilie von Rehfeld erwartet habe, auch die Lilie von Pe⸗ tersburg zu werden, und daß die Aufmerkſamkeit, welche ihr an einem, einem Guckkaſten ähnlichen Marioneitenhofe erwieſen wurde, ſie dahin gebracht 116 habe, ihr zu Ehren einen Trompetenſtoß in Gegenwari des ganzen Rußlands zu erwarten. Armes Kind!— Welche große Verantwortung la⸗ den diejenigen Leute auf ſich, die ihre Kinder in ſolcher Entfernung und Unwiſſenheit von der Welt aufziehe, und deren Eigendünkel bis zu dieſer rieſenhaften Größze pflegen. Ich muß ſie wieder in meine Hände nehmen — obgleich vielleicht allzugroße Aufmerkſamkeit von meiner Seite das Wachsthum des Uebels eher beför⸗ dern, als verhindern möchte. Es wäre vielleicht mehr zu Fräulein von Rehfelds Vortheil, wenn ich für einige Zeit der armen Margue⸗ rite meine Unterwürfigkeit zukehren würde, deren Reize ſie ſogar im Stande iſt zu überſehen, und welche, wenn nicht eine arme Couſine ein unſicherer Gegenſtand für Artigkeiten wäre, wirklich ein reizendes Geſchöpf iſt. Gleichförmig heiter, von einnehmendem Betragen, und edlem Charakter, iſt ſie Alles, was man von einem Zögling unſerer liebenswürdigen alten Tante erwarten fann, worunter ich jedoch, ihren Grundſätzen der Er⸗ ziehung gemäß, ein in klöſterlicher Strenge auferzoge⸗ nes Mädchen verſtehe, mit dem die Gräͤfin während der zwölf Jahre, in welchen ſie ihrer Oberaufſicht über⸗ geben war, kaum ein Dutzend Redensarten gewechſelt hatte. Marguerite Erloff mag ohne Zweifel ein Vor⸗ bild für Weiber ſein. Würde ſie als Zuſatz zu ihren perſönlichen Reizen vermögend ſein, ſo möchte ich fie Dir, mein theurer Bruder, empfehlen. Sei ſo gefällig, aus dieſem Winke d folgern, daß ich, trotz all meiner Flüchtigkeit und Un eſtändigkeit, doch noch die cölibate⸗ riſchen Grundſätze beibehalten habe, die einem jüngern Bruder geziemen. Ich erſuche Dich, von dem Allem nicht eine ein⸗ zige Silbe gegen unſere theuere Tante zu erwähnen; denn ſonſt würden ihre Briefe der Frau von Rehfeld eine Menge von Warnungen und Vorwürfen nebſt der Verſicherung bringen, ich liebe ihre Tochter; eine lie⸗ 117 benswürdige Schwachheit, deren ich jedoch, glaube mir, unfähig bin. Lebewohl, mein lieber Bruder.— Neutgkeiten, Neuigkeiten, Neuigkeiten, ich bitte Dich!— Ovid fleht Dich in ſeiner Verbannung unter den Gothen an, ein oder zwei authentiſche Worte über jene wichtige Ge⸗ genſtände zu ſprechen, in denen man den Zeitungsſchrei⸗ bern nicht trauen darf. Schreibe mir von Scandalen und der Oper, ſchreibe von Allem, was Du willſt, nur nichts von Politik!— Ich wünſche nur, ich hätte hier Scandale und eine Oper, un mich damit für meine Gegenkorreſpondenz auszu⸗ rüſten.— A tous les Dieux. Achter Brief. Von Marguerite Erloff an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Obgleich ich gefaßt darauf bin, mir ihre Unzu⸗ friedenheit zuzuziehen, theure Mademoiſelle Thereſe, ſo wage ich doch, eine Frage in Betreſſ unſerer theuern Ida an Sie zu richten, die auch nur allein von Ihnen beantwortet werden kann. Habe ich ſie beleidigt, oder iſt ihre Kälte und Niedergeſchlagenheit bloß der Ent⸗ fernung von ihrer Heimath und ihrem Lande zuzuſchrei⸗ ben? Ich halte für ganz natürlich, daß ihr armes Herz, von Ihnen, ihrer Freundin, und der guten Sara getrennt, bluten muß. Noch ſpricht ſie jedoch mit ſo großem Vergnügen, von ihrer Fahrt nach Rußland, und ſie war ſelbſt während unſerer ganzen Reiſe ſo 8 118 heiter, daß ich ihre ploͤtzliche Verſtimmung entweder von einem Unwohlſein, oder ſonſt einer gerechten Ur⸗ ſache zum Mißvergnügen herleiten muß. Krankheit kann es aber gewiß nicht ſein, denn nie⸗ mals ſah ich ſie blühender; auch können Sie ſich den Neid und die Bewunderung kaum denken, die Idas lebhafte Geſichtsfarbe unter unſern blaſſen Schönheiten in St. Petersburg erregt. Meiner Mutter darf ich ſelbſt nicht einmal den Grund meiner Beſorgniſſe mittheilen, damit ſie nicht glaube, meine Stiefſchweſter ſei mit ihren Befehlen unzufrieden; während ich ſo große Ehrfurcht vor dem Baron hege, daß ich nie gewagt habe, eine vertraute Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Mein Vetter Alfred, welcher auf keine Weiſe zu Rußlands Gunſten geſtimmt iſt, verſichert mir, daß die Krſache von Idas Mißmuth unſer unfreundliches Clima ſei, und daß ich, indem ich von ihrer üblen Laune No⸗ tiz nehme, das Uebel nur noch vergrößere. Deßhalb habe ich nun jeden Verſuch, ihr meine Theilnahme zu beweiſen, aufgegeben, und wende mich an Sie, um zu erfahren, ob ich ſo unglücklich war, unſere Ida zu be⸗ leidigen, oder ob Sie mir vielleicht ein Mittel ſagen können, durch das es mir gelingen könnte, das Leben derjenigen zu verſüßen, die ich ſo gerne zu der Glück⸗ lichſten unter den Glücklichen machen würde. Um ſo größeren Kummer macht es mir, Zeuge ihrer Melancholie zu ſein, weil ich für meinen Theil keinen Wunſch unerfüllt gelaſſen habe. Mein Bruder wird in wenigen Wochen hier ſein, und unſer kleiner, häuslicher Zirkel, welchem die Geſellſchaft der lieben Ida und die meines Vetters Alfred einen Reiz ver⸗ liehen hat, der mich ſelbſt gegen die angenehmen Ge⸗ ſellſchaften, an denen wir nun Theil zu nehmen anfan⸗ gen, gleichgültig macht, wird morgen durch die Ankunft des Fürſten Gallitzin noch vergrößert, der, als ein Freund meines verſtorbenen Vaters auf dem vertrau⸗ 119 teſten Fuße mit unſerem Hauſe ſteht. Ich brauche nicht erſt von ſeinen Vorzügen zu ſprechen, da er ein großer Günſtling von Ihnen auf Schloß Rehfeld war. Vielleicht mag es Sie beluſtigen, zu hören, daß Ida ſchon einen Anbeter hat;— wir können wenig⸗ ſtens keinen andern Grund, als Verehrung für meine Stiefſchweſter, für die halb tückiſche Beharrlichkeit eines gewiſſen engliſchen Lords, Elvinston genannt, finden, mit welchen derſelbe fortwährend ſeine Beſuche erneut, obgleich jeder Verſuch, den wir machen, ihn in eine Unterhaltung zu ziehen, augenſcheinlich nur eine Qual für ihn iſt. Er wurde uns zuerſt von meinem Vetter⸗ Alfred gebracht, der durch ſeine Einführung bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft mit den engliſchen Sekretä⸗ ren ſehr gut bekannt iſt, und er kommt jetzt jede Woche ein⸗ oder zweimal, um auf der Spitze ſeines Stuhls ſu ſitzen, bei jedem Worte, welches meine Mutter an hn richtet, zu erröthen und nach Verlauf einer Stunde aus dem Zimmer zu eilen, indem er ſich auf eine Weiſe empfiehlt, aus der man ſchließen könnte, daß er eher im Begriffe ſei, ein Verbrechen zu begehen, als eine Ceremonie zu erfüllen. Graf Alfred erklärt, daß Lord Elvinston ein Mann von vorzüglichem Charakter und großem Verſtande ſei, und nur deßhalb das Anſehen eines Dummkopfes habe, weil er nie Tanzen lernte. Ida hingegen ſagt mir, daß ſie nach ein oder zwei Verſuchen, ſich über ihn luſtig zu machen, es aufgege⸗ ben habe, weil er ihr zu gut ſchien, um in die Enge getrieben zu werden, und er iſt demgemäß mir zur ÜUnterhaltung überlaſſen— eine Pflicht, welche ich voll⸗ ziehe, indem ich ihm geſtatte, von meinen Bemühungen nur durch zerſtreute Erwiederungen Notiz zu nehmen, während ſeine Augen unverwandt auf Fräulein von Rehfeld ruhen. 3 Meine liebe Schweſter ſcheint überraſcht über die geringe Aufmerkſamkeit, die man hier unverheiratheten 120 Mädchen zeigt— ein Ding, worauf mich meine Pa⸗ riſer Erziehung vorbereitet hat. In Deutſchland, wenn auch nicht an den größern Höfen, ſcheint eine gewiſſe Häuslichkeit der Sitten und Gebräuche die öffentlichen Geſellſchaften in ausgedehnte Familienzirkel verwandelt zu haben; und die armen Mädchen, gleich Ihnen und uns, ſind dann nicht einmal ſo lange von dem lang⸗ weiligen, ceremoniellen Leben verſchont, bis ſie durch thre Heirathen befähigt werden, eine Rolle in dem glän⸗ zenden Gepränge zu ſpielen. Vielleicht iſt auch dieſes Syſtem, welches im erſten Augenblick das Anſehen perſönlicher Zurückſetzung hat, ein Theil der Urſache, die meine Schweſter ſo mißver⸗ gnügt macht. 1 Sie ſollte ſich jedoch eher freuen, daß wir noch einige Zeit von der Laſt der Vorſtellung befreit ſind; die ſie meine Mutter beſtändig für den beſchwerlichſten aller Hofdienſte erklären hört. Ich für meinen Theil ſegne jeden Tag meinen guten Stern dafür, dem Unglücke entronnen zu ſein, welches meine Mutter einen Augenblick lang durch meine Würde als Ehrendame der Kaiſerin mir zuge⸗ dacht hatte. Obgleich dieſe Anſtellungen bloße Ehren⸗ dienſte ſind, und die Zahl der Würdeträgerinnen manch⸗ mal bis auf achtzig ſich ſteigert, ſo zitterte ich doch bei dem Gedanken an eine Aufwartung, die ſie unvermeid⸗ lich mit ſich bringt. Ebenſo werde ich auch nie die Seelenangſt vergeſſen, die ich während meiner Vorſtel⸗ lung bei dem Kaiſer empfand, obgleich dieß nur unter vier Augen geſchah, um ihm für die Fortdauer unſerer Penſion zu danken, welche meiner Mutter bei ihrer * Vermählung vor unſerer Abreiſe nach Deutſchland zu- geſichert wurde. Obgleich der Kaiſer auffallend ſchön iſt, ſo liegt doch etwas ſo Strenges und Gebieteriſches in ſeiner Miene, daß mir das Blut ſtocken wollte. Was die Kaiſerin betrifft... aber es ſcheint, daß ich 121 vergeſſe, daß dieß ein verbotener Gegenſtand für mich i Wir gehen dieſen Abend Alle zu einem Balle bei Ihrem reichen und ſtolzen Geſandten Mortémart, und mein Vetter Alfred kann nicht müde werden, Ida zu verſichern, daß ſie nun endlich einmal einem Feſte bei⸗ wohnen würde, welches dieſen Namen verdiene. Wir haben ſchöne neue Kleider zu dieſer Gelegen⸗ heit erhalten und ſollen eine der Carnevalfreuden ge⸗ nießen. ſr wird Ihnen einen genauen Bericht über die Pracht erſtatten, der, wie ich glaube, meines Vetters Schilderungen entſprechen wird. 3 Leben Sie wohl, theure Freundin. Ich bitte Sie noch einmal, nicht zu vergeſſen, mir ausführlich und gütig auf meine raſchen Fragen zu antworten. Neunter Brief. Von Viscomts Elvinston an Sir Henry Maitland, Baronet in London. Sie klagen, mein theurer Freund, daß meine Briefe Ihnen einen minder ausführlichen Bericht von meinem Treiben in Petersburg geben, als diejenigen, welche ich von Stockholm aus über meine Beſchaͤfti⸗ gungen in Schweden an Sie richtete. Glauben Sie mir, daß dieß jedoch ganz abſichtslos geſchah. In der erſten Woche nach meiner Ankunft hier nahm der eigentliche Winter ſeinen Anfang. Das Zugefrieren der Neva gibt das Signal für die Beendigung aller Vergnügungen außerhalb der Thore; und eine ſo koſt⸗ bare Zeit, wie die Ihrige, mit Schilderungen von 122 Feſten und Unterhaltungen zu vergeuden, iſt eine Frei⸗ heit, die ich nicht gewagt haben würde, wenn nich Ihre Briefe mich entweder der Nachläßigkeit oder der Zurückhaltung anzuklagen ſchienen. Ich muß Ihnen deßhalb bei meiner armſeligen Beſchreibungsgabe eine weniger genaue Schilderung dieſes Platzes geben, als Sie aus beſſeren Quellen empfangen haben, beſonders aus den Berichten, die uns Georg Maitland erſtattete, und der uns, da er Petersburg während der Sommerzeit beſuchte, ein rei⸗ zenderes Gemälde von deſſen Schönheit und Pracht ent⸗ warf, als ich zu liefern im Stande bin. Die meiſten Städte zeigen ſich im Sommer in einem viel vortheil⸗ hafteren Lichte für ſolche Reiſende, die den Anblick der Natur und eines neuen Volkes dem Prunke des Hofes vorziehen, der, glaube ich, in allen gebildeten Ländern beinahe derſelbe iſt. Ganz beſonders aber Petersburg, das den größten Zauber ſeiner örtlichen Lage von dem majeſtätiſchen Fluſſe empfängt, der eine größere Ab⸗ wechslung bietet, als unſere eigene Themſe, die Bucht von Neapel und der Hafen von Venedig zuſammen⸗ genommen. Die wahrhaften Paläſte am Ufer, die an manchen Orten eine ſchöne architektoniſche Fagade zei⸗ en und ungefähr eine Meile weit ſich ausdehnen, ver⸗ ieren die Hälfte ihrer Pracht, wenn ſie dieſes lebhaf⸗ ten Vordergrundes beraubt ſind. Einem, an die Lebhaftigkeit einer Hauptſtadt, wie London und Paris, gewöhnten Auge erſcheint Peters⸗ burg als der Umriß einer großen Stadt, die noch auf die Bevölkerung wartet: und der Name„Palmyra des Nordens,“ welcher dieſem Orte manchmal ge⸗ geben wird, könnte nach meiner Meinung eben ſo paſſend mit dem Washington's des Großen vertauſcht werden. In ſeinem Umfange eher auf die Größe des Reichs,⸗ von dem es den Sitz der Regierung bildet, als auf den Mangel an Bevölkerung berechnet, dehnt es ſich 123 ſo weit über die Bedürfniſſe ſeiner halben Million Einwohner aus, daß innerhalb ſeiner Mauern jedem Manne, Weibe und Kinde ein Raum von zwölf Qua⸗ dratſchuhen angewieſen iſt. Wenn man die Beſchaffen⸗ heit und Koſten eines rein künſtlichen, auf Pfählen in den Tiefen der Neva ruhenden Bodens bedenkt, ſo er⸗ ſcheint dieſe Verſchwendung des Platzes als ein ganz beſonderer Fehler. Jahrhunderte werden kaum hinrei⸗ chen, die Stadt zu vervollſtändigen, deren Grund hun⸗ dert Jahre früher von Peter dem Großen ſo kühn an dem äußerſten Ende eines Reiches gelegt worden war, deſſen Gränzen ſeine kriegeriſchen Nachfolger ſo ſehr erweiterten.’ Es wird vielleicht eine geraume Zeit vergehen, ehe die Schweden die Ruſſen innerhalb der Citadelle ihrer Hauptſtadt wieder bei den Bärten raufen mögen, wie dieß der Fall war, als Peter ſeine prächtige Stadt aufführte. Würde mich das Emporkommen dieſes Pla⸗ tzes perſönlich intereſſiren, ſo geſtehe ich, daß es mir namenloſen Schmerz verurſachen müßte, daß der er⸗ wähnte Gründer keinen beſſern Platz, als gerade die⸗ ſen Sumpf, finden konnte, wo die Grundlagen eines jeden Hauſes ſo viel wie das Gebäude ſelbſt koſten, und wo die Kraft eines Weſtwindes in dem Momente, in welchem der winterliche Froſt weicht, unvermeidlich eine Ueberſchwemmung erzeugen muß, die fühig iſt, die Stadt von ihrem ſchwankenden Fuße weg zu ſchwem⸗ men. Dieſe große Hauptſtadt, welche zu ihrer jetzigen Größe mit der Schnelligkeit eines Jona's Kürbis her⸗ anwuchs, kann eben ſo leicht zerſtört und vernichtet werden. 3 Inzwiſchen iſt, ſo ſolid und dauerhaft ihr unter⸗ irdiſcher Wald von Pfählen ſein mag, die Ebene ihrer Lage für einen maleriſchen Anblick durchaus unge⸗ eignet. Trotz der Größe der öffentlichen Gebäude gibt es nichts Einförmigeres, als die Winteranſicht dieſer Stadt. Ungeachtet der Verſchwendung des Platzes er⸗ 124 ſcheinen die Häuſer im Verhältniſſe zu ihrer Breite niedrig und zeigen nur die Hälfte der Stockwerke, wie ſie gewöhnlich in Paris oder Wien ſind, während eine gewiſſe Nebeligkeit der Atmosphäre den langen Per⸗ „ſpectiven der Straßen Alles entzieht, was auf Größe und Pracht Anſpruch machen könnte. Es lautet gut in andern Ländern, daß die Equi⸗ pagen der Standesperſonen in den Straßen von Pe⸗ tersburg nie anders als vierſpännig erſcheinen. In dieſer todten Stadt aber, in Straßen, die bei Nacht nur halb erleuchtet und am Tage eine düſtere Wüſte von zerfahrenem Schnee zeigen, machen dieſe Fuhrwerke nicht halb ſo großen Effekt, als in London ein zweiſpänniger, eleganter Wagen. An Fuß⸗Touren kann hier nicht gedacht werden. Die Strenge der Witterung dieſer Jahreszeit macht dieſelben ſowohl zu einer Sache der Gefahr, wie die Geſetze des guten Tones ſie zu einer Unanſtändigkeit machen. Der Kaiſer iſt der einzige Mann, der genug Muth beſitzt, Beides zu bekämpfen. Unſer engliſches Ammenſprüchwort an Weihnachten:„Wenn Du aus⸗ ehſt, ſo raubt Dir Jack Froſt Deine Naſe,“ iſt hier eine Erdichtung; und wenn der Leidende ſelbſt oft in Folge der allgemeinen Erſtarrung ſeiner Glieder nichts ahnt, ſo wird man nicht ſelten von einem Fremden auf der Straße angehalten und berichtet, daß man ſeine Naſe erfroren habe. Sie werden deßhalb wohl glauben, daß ich, wel⸗ cher ein ſo vortrefflicher Spaziergänger war, meine Fußvergnügungen bis auf eine beſſere Jahreszeit ver⸗ ſchoben habe, wenn auch Nikolaus, der von der Natur eine ſeltſame Conſtitution erhalten, jeden Tag ſowohl bei der Parade in der bloßen Uniform, ohne Pelzrock oder Mantel, als auch auf den öffentlichen Prome⸗ naden in einem offenen Schlitten oder zu Fuße er⸗ ſcheint. Sie haben gehört, daß Georg Maitland der gro⸗ 4 125 ßen Durchfahrt von St. Petersburg dem Newskoi⸗ Proſpekte einen großen Vorzug vor unſerer Regent street einräumt, und ebenſo dem hieſigen Quai der Admiralität vor dem des Louvre. Ich weiß nicht, wie ſich dies im Sommer aus⸗ nimmt, wenn man mit Muße den ſchönen Anblick der Läden genießen kann und das Pflaſter von dem ſchmu⸗ tzigen Schnee und dem darauf folgenden Kothe befreit iſt, während die Neva munter in ihrem Kanale, der mit einer endloſen Mannigfaltigkeit von Handelſchiffen angefüllt iſt, dahin fließt. Bis jetzt aber muß ich jedoch geſtehen, daß ich ſolchen Straßen den Vorzug gebe, auf denen man, wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt, ohne die Furcht ver⸗ weilen kann, ſeine Naſe vor ſeinen Augen zu verlie⸗ ren, und daß ich lieber in einer Stadt wohne, wo man ſich zum Weiterkommen nicht auf die Hülfe un⸗ ſicherer Brücken und Boote verlaſſen muß, die zu ge⸗ wiſſen Zeiten des Jahres, in Folge des Zugefrierens und Aufthauens des Fluſſes, der Nothwendigkeit unter⸗ worfen find, verſchiedene Male im Laufe des Tages ausgebeſſert und wieder ausgebeſſert zu werden, und in andern Perioden manche Tage ganz mangeln. Man ſagt, daß das Geld, welches das Fertigen und Zerſtö⸗ ren der Iſaaksbrücke koſte, hinreichen würde, eine ſolche von Stein, ſo ſchön, wie die Waterloo⸗Brücke, aufzuführen.— Ich will Sie für jetzt nicht mit weiteren Beſchrei⸗ bun en ermüden. Alles, was ich Ihnen noch von den wirklich ſchönen Paläſten des Czaar's zu ſagen habe, ſoll auf ſpätere Zeit verſchoben werden; denn vielleicht ſehen Sie mit Verlangen Antworten auf Ihre Fragen hinſichtlich der Geſellſchaft entgegen, in der ich den größten Theil meiner Zeit zubringe. Sie haben gegen mich häufig die Vermuthung ausgeſprochen, daß die diplomatiſche Geſellſchaft eine der vortheilhafteſten in fremden Ländern ſein möge, 126 indem man dort Alles finden würde, was durch Ge⸗ burt, Erziehung oder Talente ausgezeichnet ſei. Daß ſie die unterhaltendſte iſt, bin ich völlig überzeugt, obgleich ich fürchte, daß man nur einen unvollkomme⸗ nen Blick in die Geſellſchaften eines Landes, gleich dieſem, thun, und ſich entweder die ruſſiſchen Geſand⸗ ten in fremden Ländern als ein ſchönes Vorbild neh⸗ men, oder hier nur mit der freien Klaſſe der Fremden verkehren ſollte. Aber ſeitdem meine Abſicht, indem ich einen Theil des Winters hier zubringen will, nicht iſt, ein Buch über den gegenwärtigen Zuſtand Rußlands zu ſchrei⸗ ben, oder genaue Kenntniß von deſſen Hülfsquellen und ſeinem Voranſchreiten für die Verſchönerungen einer zukünftigen Rede im Parlamente zu ſammeln, ſon⸗ dern einfach die, einen etwas minder geräuſchvollen Carneval, als letztes Jahr in Paris, zu genießen, und eine minder koſtſpielige Saiſon, als vergangenen Win⸗ ter in Melton zu verleben, zu der Sie mich, mein theurer Vormund, auf ein Jahr der Klugheit und Buße verurtheilt hatten. Ich habe mir jedoch mit Ihrer Einwilligung erlaubt, alle die Vergnügungen zu genießen, welche die Gaſtfreundſchaft des Herzogs de Mortémart und der andern fremden Miniſter ge⸗ ſtatten, an die Sie die Güte hatten, mich mit Em⸗ pfehlungsbriefen zu verſehen.. Deer Herzog beſitzt ganz beſonders eines der ſchön⸗ ſten Häuſer in Petersburg. Aber auch da ſind, wie in unſerer eigenen Geſandtſchaft, keine Gefährten mei⸗ nes Alters, die Attaché's ausgenommen, welche in ihr eigenes Streben vertieft ſind; während ich in zwei oder drei andern minder brillanten Naturen junge Leute finde, die, im Gegenſatze zu den erſtern Männern, die Sie mir zu cultiviren riethen, unterhaltend zu ſein wünſchen..„ Unter Anderm beſitzt die Familie des Miniſters von..... einen beſondern Reiz für mich, da die 127 Tochter der Frau von Rehfeld, welche aus deren erſter Ehe mit einem ruſſiſchen Generale hervor ging, gleich einer Eingebornen engliſch ſpricht. Die Geſchicklichkeit der Ruſſen in Erlernung fremder Sprachen wurde mir za oft gerühmt, um erſt meine Ueberzeugung zu ver⸗ langen. Seit meiner Niederlaſſung hier bin ich jedoch weniger durch die Leichtigkeit überraſcht, mit der ich fie in andern Ländern die Nationalſprache derſelben ſprechen hörte. Von ihrer Kindheit an macht dies ei⸗ nen Haupttheil ihrer Erziehung aus. Derſelbe Geiſt, welcher Peter den Großen veranlaßte, Schiffbauer aus Holland mitzubringen, und Katharinen eingab, Ge⸗ lehrte aus Frankreich kommen zu laſſen, um ihr bei der Bildung ihres Reiches behülflich zu ſein, hat auch ihren Unterthanen die Weisheit eingeflößt, durch Er⸗ lernung fremder Sprachen den Verkehr mit andern, mehr gebildeten Nationen zu befördern. Deshalb fin⸗ det man auch in jeder anſtändigen Familie engliſche Kindermädchen, franzöſiſche Gouvernanten und deutſche Hofmeiſter. Selbſt in den öffentlichen Inſtituten des Findelhauſes, welches, wie Sie wiſſen, eine ſo reiche Stiftung hat, daß deſſen Revenüen hinreichen würden, die Intereſſen unſerer Staatsſchuld zu bezahlen, wird dieſer Gegenſtand ſo eifrig befördert, daß die Schüler, wenn ſie die Anſtalt verlaſſen, um ihr Brod zu ver⸗ dienen, ohne Ausnahme in drei bis vier Sprachen vollkommen unterrichtet ſind. Daß die Tochter der Madame von Rehfeld eine ſo gute Schülerin im Engliſchen iſt, überraſcht mich um ſo mehr, da erſt zwölf Monate ſeit ihrer Rückkehr von Paris vergangen find, wo ſie viele Jahre bei ihren mütterlichen Verwandten, den Vaudreuils, eine Familie, mit der ich im vorigen Jahre ſehr gut bekannt wurde, zu ihrer Ausbildung verweilte. Ich ſchließe aber, daß die frühen Lehren einer engliſchen Amme ſich dem zarten Wachſe— in das Gedächtniß eines Kindes zu tef eingruben, um ſelbſt 1 128 durch einen langen Aufenthalt in dem franzöſiſchen Inſtitute der Vorſtadt Saint⸗Germain, verwiſcht zu werden. Die Franzoſen find, der Himmel weiß es, wegen ihrer Untauglichkeit als Linquiſten ſo berühmt, wie die Ruſſen wegen einer entgegengeſetzten Fähigkeit. Es iſt wahr, die Pariſer ſetzen einen Nationalſtolz in die ausſchließende Verehrung ihrer eigenen„voll⸗ kommenen und allgemeinen Sprache,“ und find nicht wenig hochmüthig darauf, daß dieſelbe in Rußland lange bei allen Staatsverhandlungen gebraucht wurde und noch die Sprache der höhern Zirkel iſt. Selbſt das ſtolze Monument, welches Kaiſer Alexander ſeinen Truppen zum Andenken an den letzten Krieg errichten ließ, trägt die Inſchrift:„à mes braves compagnons d'armes.“ Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo wendet der gegenwärtige Kaiſer die ganze Stärke ſeines etwas despotiſchen Willens dazu an, das Volk zu nationali⸗ ſiren, welches ſeine Vorfahren bloß zu einer Nation dadurch concentriren konnten, daß ſie andern Ländern nachahmten und mit ihnen ſympathiſirten. Es iſt nun Zeit, die Urſtoffe eines Ganzen wiederhervorzurufen, deſſen Verſchmelzung und Einsmachung das erſte Ziel der Herrſcher deſſelben war. Mit Ausnahme von Rehfelds ſtehe ich hier mit keiner andern Familie auf einem vertrauten Fuße; in dem Kreiſe der erſteren finde ich eine angenehme Ab⸗ wechslung; da die Mutter eine Franzöſin, die Tochter Ruſſin, der Gemahl und ſeine Tochter Deutſche ſind, und wenigſtens von einem Gliede der Familie meine Landesſprache geläufig geſprochen wird, was vielleicht den größten Reiz von Allem für mich hat. In einigen Wochen wird dieſer ſchöne Familien⸗Zirkel in dem Gra⸗ fen Alexis, dem Sohne der Baronin, einen Zuſatz er⸗ halten; derſelbe iſt Offizier in dem Izmaeloffsky⸗ Regimente der Garde und, wie mir Madewoiſelle Erloff verſichert, noch ein weit beſſerer Schüler in der 129 engliſchen Sprache, als ſie ſelbſt. Der junge Erloff hat, wie ich höre, ſeine Erziehung auf Koſten des Kaiſers entweder in dem Hotel des Pages, oder in der adeligen Militärſchule von Petersburg erhalten. Ein Ümſtand, welcher, wäre ich von moskowittiſchem Urſprunge, noch kränkender, als die Allgemeinheit der franzöſiſchen Sprache ſein würde, iſt die unleugbare Abhängigkeit der nördlichen Palmyra von fremden Architekten, Bildhauern und Malern. Die herrlichſten Paläſte, auf welche die Ruſſen ſtolz ſind, ihre öffent⸗ lichen Inſtitute, ihre Stiftungsgebäude, ſind Werke der Franzoſen, Italiener, Deutſchen oder Engländer. Man muß zugeben, daß die Früchte des Erziehungs⸗ ſyſtems, welches Katharina I1. gründete, erſt jetzt ſicht⸗ bar werden können. Ihre ſchönen Kirchen, Akademien, ihre Hoſpitale und botaniſchen Gärten, ihre Muſeen und Gallerien bilden eine Schuld der Dankbarkeit ge⸗ gen den Weſten und den Norden von Europa, die Jahrhunderte erfordern wird, um abgetragen zu werden. Ich fürchte, mein theuerer Freund, daß Sie, an⸗ ſtatt Ihre Klagen über die Kürze meiner Briefe zu erneuen, ſich über meine Weitſchweifigkeiten beſchweren werden. Ein Wort von Ihnen wird jedoch hinreichen, meine Mittheilungen zu beſchränken, ſo lange ich aber keine Warnung der Art erhalte, werden Sie in mei⸗ nen nächſten Briefen einige wenige Bemerkungen über das häusliche Treiben in der Stadt des Czdars be⸗ kommen. 3c habe die Eh ſan 1 atllacn abe die Ehre zu ſein, Ihr Sie innigliebender Mündel dou tSehenbe. diorn Die Frau ppe Geſandten. 1. 319 1-018 dSutrae dad aene pun Zehnter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil an die Gräfin Auguſte in Paris. Sie hatten ganz recht in Ihren Vermuthungen, meine theure Tante, daß ſowohl die frühere Vermäh⸗ lung meiner Couſine mit einem ruſſiſchen Großen, als auch meine vertraute Bekanntſchaft mit Mortemarts alle Empfehlungsbriefe unnöthig machen würden. Ich bin hier nun vollkommen eingewöhnt— weit beſſer, als Ihr deutſcher Schwiegerſohn. Das diplomatiſche Corps iſt bei dem kaiſerlichen Hofe weniger in Gunſt, als ich glaube, daß es an andern Höfen, wenn nicht Pekin ausgenommen, der Fall iſt. Die Politik des ruſſiſchen Kabinets, wenn ſie wirklich auf Liſt beruht, iſt oſtenſibel die der offenen Feindſeligkeit. Obgleich daſſelbe vielleicht eines der ſchlauſten in Europa iſt, ſo zwingt es doch deren prahleriſcher Ton zu einzelnen Vernachläßigungen der Unterhändler der auswärtigen Politik, und die Ge⸗ ſandten befinden ſich häufig nicht auf der Liſte der zu Privatfeſten bei Hofe Eingeladenen. Ich vermuthe je⸗ doch, daß dies ein Theil des Nationaliſirungsſyſtems von Nikolaus iſt. Zu Ihrer Zeit herrſchte wahrſchein⸗ lich eine andere Ordnung der Dinge, denn Alexander wollte ein Liberaler ſein. Der Liberalismus eines Au⸗ tokraten von Rußland!— In einer Hinſicht iſt noch Alles unverändert; die würdigen Moskowitten ſind noch die am meiſten mili⸗ täriſche Nation unter allen kriegeriſchen Völkern. Von der Zeit an, in welcher Peter der Große, mit dem Säbel in einer Hand und mit einer Kelle in der an⸗ dern, ihre Stadt gründete, und gezwungen war, den militäriſchen Rang als eine Sache des Vorzugs ein⸗ 131 zuführen, weil kriegeriſche Auszeichnungen nicht ploͤtz⸗ lich wie Paläſte und Fregatten aus dem Waſſer der Newa emporſtiegen, erſchien in Petersburg ein Sol⸗ dat, als ein eben ſo großes Ding, wie ein Lord in London, oder ein Edelemann, und ein geiſtreicher Mann in Paris. Ich empfand auch, liebe Tante, jenes allgemeine Vorgefühl des moraliſchen und phyfiſchen Zögerns, in⸗ dem ich einwilligte, einen Theil meiner Tage unter Leuten zuzubringen, welche erlauben, daß man ihrem Kalender die zwölf überflüſſigen Tage aufbürdet, die Mutter Zeit allmälig, gleich Mühlſteinen, dem Halſe des Jahres umhing. Die Hartnäckigkeit, mit der die⸗ ſes Volk den Gregorianiſchen Styl beibehält, indem es alle Fabriken von Staatspapieren zwingt, die ruſſi⸗ ſchen Protokolle mit den abſcheulichen Buchſtaben A. S.(alten Styls) zu brandmarken, iſt nach meiner de⸗ müthigen Meinung ein eben ſo großer Schimpf für eine Nation, als T. V. für eine einzelne Perſon. Aber ich glaube, daß der Moskowitter in ſeinen Fortſchritten in der Civiliſation auf dem Wege ſo ſte⸗ hen geblieben iſt, um bloß der Vorſehung für die Schutzmittel gegen die Strenge des Klima's, gleich den Bären und Wölfen ſeiner Wüſten, verpflichtet zu ſein. Ach, der Schmutz dieſer rohen Nation; o, dieſe mehr als beſtialiſchen Bärte, die, wenn ſie mit dem grünen Oele einer Piroga eingeſalbt, oder nach der Kohlſuppe riechen(den abſcheulichen shtshi; welcher, nach meinen eigenen Beobachtungen zu ſchließen, das tägliche Brod bildet, um welches der Pöbel mit ſeinen Paternoſtern betet), einen Geruch ausſchwitzen, der noch über den einer ſüdlichen Synagoge in den Hunds⸗ tagen iſt. Hiefür liegt vielleicht einige Entſchuldigung in den rohen Neigungen der vom Don und von der Wolga Stammenden. Aber da die Wilden Anſpruch auf eine civiliſirte Hauptſtadt machen, warum ſollte 132 man wenigſtens nicht auch die Naſenlöcher der Civili⸗ ſation ehren? Mein armer treuer Clement, der entſetzlich nach den restaurants des Palais Royal, oder nach der Füche des Hotels de Vaudreuil hungert, verſichert mir, daß auf dem Heumarkte oder Sinnada Ploshtshod, wo die Baͤuern ihre gefrorenen Schafe und Rindvieh⸗ heerden ordnen, nichts ſchrecklicher ſei, als die Brigade von abſcheulichem, todtem Vieh, welches in Reihen auf⸗ geſtellt wird, als ob es noch lebe, und des Zuſchauers zu ſpotten ſcheint, indem es ihn mit dem Schimmer feines gläſernen Auges anſtarrt. Wenn es für den Kleinhandel in Portionen zerſägt wird, kommt die Klaſſe der Gaſſenjungen, Tohornoi Narad, oder ſchwar⸗ zes Volk genannt, und rauft ſich wegen der Abfälle. St. Petersburg mag ſich daher brüſten, die Gaſſenkin⸗ der mit zwei andern originellen und beſondern Arten von Staub, das heißt mit Fleiſchſtaub, der auf dem Markte geſammelt wird, und mit dem Schneeſtaube, der den Menſchen auf den Straßen faſt blind macht, zu ſchmücken. Dieſe Privatbemerkungen meines Freundes Cle⸗ ment kehren ſich beſonders Ihrer vortrefflichen femme de confiance zu, welche mit Recht ſtolz darauf ſein wird, die Wunder der Reiſen ihres Sohnes von den Lippen ihrer Herrin zu vernehmen. Sagen Sie ihr alſo von mir, daß ſein Herr ein ebenſo großes Verlangen wie er ſelbſt hat, die glän⸗ zenden Waldfeuer und die gleich herrliche Weinleſe unſeres geliebten Burgunds wieder zu ſehen. Welche Ausrede, theuerſte Tante, haben wir Franzoſen, auch nur einen Fuß über die Gränze unſeres eigenen ſchö⸗ nen Landes zu ſetzen? Sie werden begierig ſein, etwas über Ihren En⸗ kelſohn zu hören, den Sie, wie ich glaube, nicht mehr geſehen haben, ſeitdem er ſo hoch war, wie der Tiſch hier, auf dem ich ſchreibe. Alexis iſt noch nicht hier, 133 ich habe jedoch gehört, daß die Benkendorfs, Nariſch⸗ kins, Neſſelrodes, Stroganoffs und andere, von denen gelobt zu werden eine Auszeichnung iſt, ſehr für ihn eingenommen ſeien. Frau von Rehfeld ſcheint es Kum⸗ mer zu verurſachen, daß er ſo ganz Ruſſe zu ſein, und kaum von Ihrem Geſchlechte herzuſtammen ſcheine. Aber laſſen wir ſie ihre Vorurtheile auf unſere ſchöne und ſanfte Marguerite ſich beſchränken.„Payons de notre pays“ iſt ein Axiom für alle Menſchen der Welt. Diejenigen,-welche wünſchen, Alexis im Leben, das iſt in Rußland, in welchem er ſein Leben zuzubringen hat, glücklich zu machen, müſſen dulden, daß er Vaudreuils Blut in ſeinen Adern vergeſſe, auf daß Anderes gleich⸗ falls in Vergeſſenheit kommen möge. Die Zeilt iſt vorüber, in welcher Ausländer hier ihr Glück machen konnten. Der Nationalgeiſt wirft ſeine Gängelbande von ſich, und ſelbſt ein zweiter Alexander, von dem ich, St. Iſaak ſei geprieſen, bis jetzt noch nichts geſe⸗ hen habe, würde kaum vermögen, einem zweiten Capo d'Iſtrias fernere Nachſicht zu ſichern. Deshalb ſoll Alexis bis an ſeine Fingerſpitzen, oder vielmehr bis an die Abſätze ſeiner Stiefel ruſſiſch ſein; denn wie man mir ſagt, iſt ſein Beruf durchaus militäriſcher Natur. Möge er ein Souvaroff oder Kutuſoff oder ſonſt ein anderer off oder ſkai im ruſſiſchen Reiche werden. Für Marguerite finde ich, daß man ein glückliches Loos ihr bereitet. Frau von Rehfeld ſcheint ihrer Ver⸗ mählung mit Sergius Gallitzin gewiß zu ſein, welcher ein Mann von beträchtlichem Verdienſte, einigem Ein⸗ ſluſſe und mittleren Jahren iſt. Sie haben alſo Hoff⸗ nung, ſie noch einſt als Geſandtin in dem ſchönen Ho⸗ tel der Champs Elysées wohnen zu ſehen, wo Grimod de la Reynière ſchrieb und aß, und wo Pozzo ſchreibt und andere Leute mit noch einmal ſo ausgeſuchten Gerichten ſpeist, als es bei andern Protokollſchmierern und Dinergebern der Fall iſt. 1 13⁴ Gallitzin iſt kürzlich von Wien zurückgekehrt, wo⸗ hin er, wie man glaubt, mit einer geheimen Sendung geſchickt worden war, indem man Rehfeld für ſeine Reiſe nach Deutſchland zur Ausrede nahm. Ich weiß nicht, ob wir dem moskowittiſchen Kabinete zu viel oder zu wenig Ehre anthun; ich habe jedoch bemerkt, daß wir Neſſelrode niemals zu nieſen erlauben, ohne uns überzeugt zu fühlen, daß ein correſpondirender Nieſer ſein gutes Einverſtändniß mit Metternich tele⸗ graphirt. Dieſe beiden bilden nun die zwei ſchließen⸗ den Ringe der eiſernen Kette der europäiſchen Mo⸗ narchie. An dem Tage, an welchem ſie aufhören werden, übereinſtimmend zu nieſen, wird die Legitimität die Raute bekommen. Was jedoch Gallitzin immer für Beweggründe haben mochte, langweilige vierzehn Tage hindurch in Rehfeld Billard zu ſpielen und Wildſchweine zu töd⸗ ten, ſo weiß man doch gewiß, daß der Grund ſeiner täglichen Beſuche im„Hotel der ⸗sſchen Geſandtſchaft“ zärtlicherer Natur iſt. Wenn Sie nur hören könnten, was für ein Mundvoll unſer guter Baron daraus macht! Der conſtantinopolitaniſche Dudelſackspfeifer, mit dem mein alter Lehrer zur Uebung meine Kinn⸗ laden zu verrenken pflegte, iſt noch kurz im Vergleiche! 3 Aber ich überlaſſe es der Baronin, ihre mütter⸗ liche Politik zu entfalten, indem ich hoffe, ſchöne Tante, daß es in dem Hotel de Vaudreuil eben ſo viele Ue⸗ bereinſtimmung finden wird, als in dem telegraphiſchen Nieſen des geheimen Rathes an der Donau und an der Neva liegt. Zehnter Brief. 5. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Sie haben alſo einen Rückfall gehabt, meine Liebe? Wie konnten Sie auch ſo unvorſichtig ſein und ſich dem Arme des würdigen Paſtors überlaſſen, deſſen Führung auf dem Wege dieſer Welt leider viel weni⸗ ger zu vertrauen iſt, als der auf den Pfaden des Frie⸗ dens!— Wäre ich vorher von Ihrer Abſicht unter⸗ richtet geweſen, das Zimmer zu verlaſſen, ſo würde ich gegen den Beiſtand eines ſo unſichern Cavaliers gewarnt haben. Sehr oft wünſche ich, daß Sie ſich auf meinen Arm ſtützen könnten, und daß mein Vater mich wie früher auf Schloß Rehfeld zurückgelaſſen hätte. Unab⸗ hängig in ein fremdes Land zu reiſen, mag etwas An⸗ genehmes ſein. Ein gezwungener Aufenthalt unter Fremden raubt jedoch, mögen Ihre Anſichten ſein, wel⸗ che ſie wollen, der Schönheit der Sckenerie allen Reiz, welchen man ſonſt in derſelben finden würde. Eine diplomatiſche Stellung, hoch oder nieder, iſt immer ſelaviſch; glänzende Sclaverei, wenn hoch— armſelige Sclaverei, wenn nieder. Die meines Vaters iſt elen⸗ der Natur, ein ſehr unbedeutender Anhängſel an dem Triumphwagen der moskowittiſchen Herrſchaft, und ich bin nothwendiger Weiſe nur ein Abſchnitzel ſeiner Klei⸗ dung. Weit beſſer, chore bonne, zu Hauſe ſeine ei⸗ gene Herrin zu ſein! Lieber unter dem bleiernen Ge⸗ wichte der Langweile hinfinken, als durch Nadelſpitzen — Nadelſpitzen überdieß von Eiſen oder Kupfer, nicht von koſtbarem Metalle, erſtochen zu werden!— Ich fange jetzt an, die Reize zu verſtehen, die Marguerite Erloff auf Schloß Rehfeld fand. Es war wenigſtens 136 Unabhängigkeit hinſichtlich der Wahl der Zeit und des Ortes. Wie ich Ihnen frei meine Sehnſucht nach Verän⸗ derung mittheilte, ſo laſſen Sie mich nun auch offen meine Reue bekennen. 3 Ich that Unrecht, meine Wünſche über mein Va⸗ terland, über Deutſchland hinaus zu erſtrecken. In Rehfeld, ſelbſt in der Reſidenz, hatte ich eine beſtimmte Stellung. Hier bin ich ein zweideutiges Nichts, welches nicht verſuchen darf, Etwas zu werden, damit es nicht etwa jemand dadurch beleidige. Als wir in der alten Bib⸗ liothek auf Rehfeld Bruchſtücke aus den Erinnerungen von de Retz und Madame de Motteville zuſammen laſen, waren meine Begriffe von der Beſchaffenheit ei⸗ nes Hoflebens ſo verworren, daß die Bücher, welche Sie mir als ſo unterhaltend gerühmt hatten, mich nicht unterhielten. Jetzt beginne ich dieſe Epidemie der Paläſte zu verſtehen und zu fürchten! Ich könnte nun mit Madame de Motteville lachen— oder über fie;— oder eher weinen; denn gibt es etwas Mit⸗ leidswertheres, als ſolch' eine elende Selbſtdemüthigung? Ich kann Ihnen kaum den ſeltſamen Eindruck be⸗ ſchreiben, den die plötzliche Veränderung der Baronin, als ſie ihren Fuß auf ruſſiſchen Boden ſetzte, auf meine Gefühle machte, während ſie ſich in Rehfeld ſtets ſo frank und frei benommen hatte. Ich verſichere Sie, daß, ſobald wir die Grange überſchritten hatten, ihre muntere Laune ſich beſchränkte und verlor, als ob ſte plötzlich erſtarrt, und dieß ſogar in einem ſo hohen Grade, daß ſelbſt das ſonſtige Mittel, ihren Geiſt mit Schnee zu reiben, nicht mehr fruchtete. Doch iſt ſie nicht das einzige Beiſpiel. Seitdem ich angefangen habe, meine neu entdeckten Kräfte der Beobachtung zu üben, habe ich Leute mit Tauſenden, ja Hunderttauſenden von Leibeigenen bemerkt, die bei⸗ nahe ſo ganz wie ihre Haſen und Kaninchen der Will⸗ 137 kühr preisgegeben ſind; Leute, die auf Gold eſſen und auf lapis lazuli wandeln— Leute, welche wenn ſie einer neuen Einrichtung ihrer Paläſte bedürfen, nach Italien ſenden und eine Reihe von Meiſterwerken kaufen, oder ſich um Tapeten an die königlichen Gobelins wen⸗ den ich habe die Schmeichler und Speichellecker unter dem Einfluſſe des kaiſerlichen Blickes geſehen! Unter ſolchen Umſtänden wundere ich mich nicht, daß man es für nöthig gefunden hatte, die reichen Ruſſen zu zwin⸗ gen, in ihrem Vaterlande zu leben, indem man nach einer mehr als fünfjährigen Abweſenheit ihre Güter confiscirte. 3 Kurz, keine von den geſetzlichen Strafen würde mich zwingen können, in einer Stadt zu wohnen, wo ein isvoshtshik auf ſeinem Miethkutſchen⸗Bocke ſo viel ſein eigener Herr iſt, wie ein Adeliger in ſeinem Palaſte, und wo der butshnik auf der Straße keine ſtrengere Polizei über Landläufer übt, als ein Kam⸗ merherr über den andern. Graf Alfred de Vaudreuil verſicherte mir, als wir vergangene Nacht auf einem Balle bei dem Herzog de Mortémart neben einander ſtanden(und nicht überall oder mit jedermann iſt die Unterhaltung über einen ſolchen Gegenſtand ſicher), daß ſchwerlich ein Ruſſe von großem Vermögen und hohem Range an einem frem⸗ den Hofe verweilen dürfe, wenn er fich nicht durch einen, ſeinen Gefühlen und ſeinem Gewiſſen ſehr theu⸗ ern Freiheitsſchein, durch eine Korreſpondenz mit ſeinem Vaterlande loskaufe, die ihn zu einem Spione der Blößen des Landes macht, in welchem er gaſtfreundlich aufgenommen wurde. Iſt dieß nicht empörend?— Iſt dieß nicht ein grauſames Gegengewicht zu dem edlen Regierungsſyſtem des Kaiſers, eine nicht poli⸗ tiſche Miſſion in den großen Städten Europa's, um des Studiums ihrer Einrichtungen, Künſte, Wiſſen⸗ ſchaften, Fabriken und Literatur willen zu unterhalten; 138 welches mir ſtets die Vervollſtändigung kaiſerlicher Muniſicenz geſchienen hat. Aber ich erzähle Ihnen von Rußland, meine Liebe, während Sie doch den ausdrücklichen Wunſch ausge⸗ ſprochen haben, daß ich blos von mir ſelbſt plaudern ſolle. Wie kann ich jedoch von mir ſelbſt, von meinen Ausſichten— meinen Intereſſen— meinem Glücke ſpre⸗ chen, ohne Ihnen vorher eine Schilderung der Ge⸗ wohnheiten derjenigen zu geben, unter welchen ich lebe, und deren Sitten ſo ſehr von den unſrigen abweichen? — Unſer kleiner Zirkel wurde durch die Ankunft des Fürſten Gallitzin vergrößert, welcher hier unter uns nicht weniger vertraut iſt, als auf Rehfeld. Ich ſchäme mich beinahe, Ihnen zu geſtehen, daß ich, indem ich ihn wiederſah, meine Begriffe von ſeinen Verdienſten ſeltſam verändert fand, weil ich in Petersburg fort⸗ während auf ihn, als einen Günſtling des Kaiſers an⸗ ſpielen hörte. Bei ſeiner Ankunft in Deutſchland be⸗ trachtete ich ihn als einen kalten, alten Mann, von mehr als meines Vaters Jahren, als eine Perſon, für die ich unmöglich das geringſte Intereſſe zu fühlen vermochte. Hier bemühe ich mich, begierig auf jedes Wort ſeiner Lippen zu lauſchen, als ob ſie lauter An⸗ deutungen des kaiſerlichen Willens, oder kaiſerlicher Laune ſeien. Es kommen deren jedoch nicht ſehr viele aus ſeinem Munde! Der Fürſt iſt gewöhnlich ſchweigſam, und ich bin überzeugt, daß er und mein Vater einen ganzen Monat zuſammen verleben könnten, ohne daß die Ver⸗ ſchwendung einer einzigen Phraſe während einer lan⸗ gen Woche zwiſchen ihnen ſtattfinden würde. Deßhalb ſcheint es mir um ſo ſeltſamer, daß er auf die Weiſe, wie er es thut, Graf Alfreds Geſellſchaft erträgt, ja ſogar Vergnügen daran findet, von welchem er gewiß iſt, ihn bei uns zu treffen, und der die einzige Perſon iſt, an welcher die Luft von Petersburg keine Verän⸗ derung hervor gebracht hat. Monſieur de Vaudreuil 139 plappert hier ſo frei fort, wie in Rehfeld. Es mag vielleicht dieß der Grund ſein, warum der Fürſt Gal⸗ litzin ſeine Geſellſchaft liebt, indem er überzeugt iß, von ihm Meinungen zu hören, die die Geſellſchaft wür⸗ zen, und hinſichtlich welcher eingeborne Ruſſen ſich lieber die Zunge abbißen, als ſie in der Gegenwart eines kaiſerlichen Günſtlings auszuſprechen wagen würden. Vielleicht bin ich jedoch im Irrthume; es iſt nur zu natürlich, daß der Fürſt meines Vaters Haus blos wegen der Heirathsprojecte beſucht, welche die Baronin für Marguerite entwarf. Sie haben gehört, meine Liebe, daß er zu den mir unerklärlichen Dingen gezählt werden darf!. Marguerite ſagt mir, ſie habe Sie mit Lord Elvinston bekannt gemacht, ein Mann, welcher ausſieht, als wäre er in Stücken zerſchnitten, und dann von einem ungeſchickten Handwerksmanne zuſammengeſetzt worden, ſo wenig ſcheinen ſeine Glieder ſeinem Körper, oder ſeine Züge ſeinem Geſichte anzugehören. Niemals ſah man ein ſo ſchüchternes Weſen, oder jemand ſo von falſcher Scham gepeinigt! Trotz Geburt, Vermögen und Bildung, was ihn in den Geſellſchaften empfehlen könnte, hat er das An⸗ ſehen eines Uebelthäters. Ich zweifle jedoch, ob ich ſeine Ungelenkigkeit und Schüchternheit nicht der dün⸗ kelhaften Provinzialität meines Veters Wilhelm vor⸗ ziehe, welcher nichts ſo wenig, als ſeine namenloſen Mängel fühlt. Noch einige andere Engländer befinden ſich hier, welche zur Geſandtſchaft gehören; aber nur dieſen Einen hielt ich des Erwähnens werth. Sie beſuchen gewöhnlich dieſe nördlichen Breiten zur Sommerszeit, die, wie man ſagt, in Petersburg einen einzigen und, im Verhältniß zu ſeiner Kürze, lieblichen Tag ausmacht. Die Blumen verlieren nie ihre glänzenden Farben, noch ziehen ſich die Vögel in ihre Verſtecke zurück. 140 Ich glaube, es haben ſich viele engliſche Kaufleute hier angeſiedelt. Aber die Scheidelinie zwiſchen dem Handelsſtande und dem Mllitair,(welches letztere bei⸗ nahe aus dem ganzen Adel beſteht) iſt viel ſchärfer, als in unſerem und in ihrem eigenen Lande. Sie leben abgeſondert und, wie man ſagt, auf großem Fuße, in⸗ dem ſie ſich wahrſcheinlich vor jeder Bedrückung wah⸗ ren wollen, die im Stande iſt, einen ſchwankenden und minder kräftigen Stand der Geſellſchaft zu erſchüttern. Sie werden bemerken, chère bonne, daß ich an⸗ fange, ſolche Dinge mit einem weit kritiſcheren Auge als früher, zu betrachten. Vor meiner Ankunft hier, mit einer ſo weiſen und gütigen Rathgeberin immer an der Seite, erſchie⸗ nen mir alle dieſe Dinge in einem zu glänzenden Lichte, und ich ſah ſie, wie ich ſie zu ſehen wünſchte, und nicht wie ſie waren. Ich wurde für einen Augenblick über⸗ redet, daß meine Ausſichten in Petersburg vollkommen Sonnenſchein wären, und der Schmerz über meine Täuſchung war verhältnißmäßig ſchrecklich. Es war jedoch nicht meine Abſicht, bis auf dieſen Punkt zu kommen. Ich wünſche nur, Sie wiederholt von meiner Klugheit für die Zukunft zu überzeugen, und zu ver⸗ ſichern, daß ich endlich die Lehre angenommen habe, welche Sie mir über die Nothwendigkeit einzuprägen pflegten, gegen die weltlichen Angelegenheiten gleich⸗ gültig zu ſein;„de prendre sa position entre ses deux moins,“ wie Sie oft ſagten, und ſie mit den Augen eines Fremden zu betrachten. Am Ende wird vielleicht mein momentanes Leid ſich noch als eine ſo große Wohlthat für mein morali⸗ ſches Sein beweiſen, wie man ſagt, daß das Unter⸗ tauchen in ein kaltes Bad eine ſeſte Conſtitution er⸗ zeuge,— vorausgeſetzt, daß es nicht gleich beim erſten Mal einen ſchädlichen Eindruck macht. Ich habe aufgehört zu handeln, als ob man blos von einer Stunde zur andern lebe, wie man unter den —— 141 glücklichen Eingebungen der Jugend thut, und ich fühle mich jetzt ſowohl mir ſelbſt für mein Glück verant⸗ wortlich, als auch dem Himmel für mein Betragen. Nach dieſem ernſten Axiome nicht der Moral, ſon⸗ dern der Politik,(und ach! daß ich, achtzehn Jahre alt, ſchon ſo bittere Augenblicke verlebt haben ſollte, um meine Zuflucht zur Politik nehmen zu müſſen!) ſcheint es mir ein milder Uebergang, von Graf Alfred zu ſprechen. Da aber mein Herz vor Ihnen ſo offen iſt, bis in ſeine verborgenſte Tiefe, ſo würde es weniger als offen ſein, Ihnen zu verheimlichen, wie ſehr ich mich auf dem Balle des Herzogs von Mortemart bei der Entdeckung der Wahrheit Ihrer häufigen Verſicherun⸗ gen beluſtigte, daß Alfred de Vaudreuil in ſeinem eige⸗ nen Lande, oder unter ſeinen Landsleuten ſich nicht träumen laſſen würde, Marguerite, mir, oder irgend einem andern Mädchen jene Aufmerkſamkeit zu erwei⸗ ſen, zu denen er ſich in den Wäldern von Rehfeld herabließ. Selbſt meiner unbändigen Einbildungskraft iſt es unmoglich, ſich etwas Glänzenderes, als den Ball des Herzogs de Mortémart vorzuſtellen! Halten Sie nicht meine Unerfahrenheit für den Grund einer Bewun⸗ derung; denn, wiſſen Sie, daß wir zwei Nächte früher einem kaiſerlichen Feſte beiwohnten,— einem Feſte, das unter allen, die jemals in dem Anitschkoff'ſchen Palaſte gegeben wurden, das glänzendſte und ſchönſte war. Dieſer Palaſt iſt ein prächtiges Gebäude, welches, auf dem Fontanka Quai, von Nikolaus als Groß⸗ fürſt bewohnt wurde, und jetzt von der kaiſerlichen Familie als eine Privatreſidenz betrachtet wird, wohin ſie ſich jedesmal zurückzieht, wenn ſie wünſcht, von dem Gepränge des Hofes befreit zu ſein. Sie werden ſich wohl denken können, daß die Ein⸗ ſamkeit eines Kaiſers von Rußland viel glänzender iſt, 142 als das äußerſte Beſtreben nach Pracht anderer Herr⸗ ſcher, und obgleich die Privatfeſte in Anitſchkoff Einfach⸗ heit erkünſteln, ſo iſt doch dieſe ſcheinbare Einfachheit der Zurückgezogenheit viel koſtſpieliger als ſtolzes Ge⸗ ränge. Man flüſtert, daß Seine kaiſerliche Majeſtät i der Vertraulichkeit ſeines Familienzirkels die Kai⸗ ſerin„Madame Nikolaus“ und ſeine hübſchen Groß⸗ fürſtinnen mit dem Namen„Dushinka“ oder irgend einem andern ruſſiſchen Diminutivum der Zärtlichkeit anrede. Es gibt nichts Beengenderes, als einen ſo kleinen Zirkel, daß jede individuelle Eigenthümlichkeit der Prüfung der Kaiſerin ausgeſetzt iſt, welche all' den Geſchmack einer Schönen der Chaussée d'Antin und die ganze Macht beſitzt, Andern durch einen von Natur aus nicht ermunternden Blick ihren ganzen Stolz fühlen zu laſſen. Nicht ein einziges Glied des diplomatiſchen Corps erhielt eine Einladung und unſere Anweſenheit war nur der Gunſt zuzuſchreiben, welche die Erloff's genießen. Dies war ſo augenſcheinlich berechnet, um nicht nur uns, ſondern auch den Wolkonsky's, Orloff's, Potocki's, Czernicheff's, D'ashkoff's, Stroganoff's, Wit⸗ genſtein's, Woronzoff's, Nodena's und Neſſelrodes, welche den Hof bilden, zu zeigen, auf welchem Fuß wir für die Zukunft mit ihnen ſtehen würden. Jeder⸗ mann, der nicht zu den Privatbällen der Kaiſerin in den Anitſchoff zugelaſſen wird, iſt der Geringſchätzung preisgegeben. Hätte dieſe Auszeichnung uns ſchon am Taße meiner Ankunft hier erwartet, ehe ich Petersburg in ſeinem wahren Lichte ſah, wie ſtolz würde ich darauf eweſen ſein! Ich kleidete mich, wie es der Stolz der da von Rehfeld verlangte, in den ſchönen Ballanzug, welchen die berühmte Madame Hugon für mich gefer⸗ tigt hatte, und erwartete mit einem ſchweren oder vielmehr erbitterten Herzen, daß meine Augen ſo blendend ſein würden, wie meine Seele muthlos und 3 143 niedergeſchlagen blieb. Aber es war nicht ſo! In dieſer kaiſerlichen Soirée diente das Beſtreben, ruhig zu erſcheinen, nur dazu, die Marter zu vergrößern. Nichts kann formeller ſein, als die Stille des kaiſer⸗ lichen Privatlebens, welches ich ſo ſehr wegen ſeiner Einfachheit preiſen hörte. Die Kaiſerin tanzt leiden⸗ ſchaftlich und wird für eine der beſten Tänzerinnen in Europa gehalten. Es war, um einer gewiſſen Schwäche ihres Ganges zu Hülfe zu kommen, daß die Galopade in Berlin er⸗ funden wurde, als ſie noch Prinzeſſin von Preußen war. Ich für meinen Theil wünſchte jedoch, daß ſie weniger Antheil an der Geſellſchaft nehmen würde, die aus den Günſtlingen des Hofes beſteht, und wenig Intereſſe an einen armen Fremden gleich mir neh⸗ men wird.. Unter uns, nur unter uns, meine Liebe, muß ich Ihnen geſtehen, daß mir in der Miene der Kaiſerin etwas ganz beſonderes mißfällt, obgleich ich ſie für ſehr ſchön hielt, als ich ſie eines Morgens, von ihren lieblichen kleinen Mädchen begleitet, ſah. Obſchon ſie meine Landsmännin iſt, ſo intereſſirt ſie mich doch weit weniger, als eine oder zwei der ſchönen Eingeborenen, wie z. B. die Gräfin Zavadoska, welche die lieblich⸗ ſten Züge hat, die ich jemals ſah, und eines der Eh⸗ renfräulein, Mademoiſelle Jatſoff, das ſüßeſte Geſchöpf von der Welt. Die Leutſeligkeit der Kaiſerin ſcheint mir berechnet zu ſein. Aus ihren Zügen, die von Natur ſtark ſind, ſpricht zugleich Strenge und Gleich⸗ gültigkeit. Verdienſte muß ſie jedoch haben, ſonſt würde ſie von einem Manne, mit ſolchem Beurtheilungsver⸗ mögen, wie Nikolaus, nicht geliebt werden. Nie be⸗ trachte ich des Kaiſers hohe Geſtalt und deſſen gebie⸗ teriſche Miene, ohne zu fühlen, daß ich gerne die Gat⸗ tin eines ſolchen Herrſchers geworden wäre. Man ſagte mir, ich müßte mein Urtheil über die Pracht der ruſſiſchen Paläſte verſchieben, bis ich eini⸗ 144 gen Feſten des Carnevals in dem Winterpalaſte und in der Eremitage beigewohnt haben würde, die faſt einen einzigen Palaſt zuſammen ausmachen. Vier der Prunkhallen daſelbſt, der St. Georges⸗Saal, der Marmorſaal, der weiße Saal und der Marſchalls⸗ Saal ſind 600 FJuß lang und mit Allem geſchmückt, was Marmor, Gold und Tapeten an Pracht bieten können. Der Anitſchkoff iſt weniger koſtbar, obgleich deſſen prachtvolle Möbeln von ausländiſchem Holze und Marmor, und die große Auswahl von ſeltenen Gegenſtänden der vertu von allen Ländern mich höch⸗ lich intereſſirt haben würden, wenn nicht die hohe Gegenwart, in der wir ſtanden, und eine Maſurka, die ich noch nie mit charakteriſtiſcher Vollkommenheit hatte aufführen ſehen, geweſen wäre. Die Kaiſerin iſt die anmuthigſte Tänzerin, welche ich jemals ſah. Noch war das Feſt bloß eine Probe jener mühevollen Un⸗ terhaltungen; und ich verließ es müde und ver⸗ ſtimmt. 3 Bei dem Herzog de Mortémarts fühlte ich im Gegentheile einen angenehmen Eindruck, der einen, ich weiß nicht welchen Reiz von Ton— Sitten— An⸗ muth— Feinheit für mich hatte. Alles war minder prächtig, aber weit anziehender arrangirt. Eleganz, eher als Pracht, war die Ordre des Abends; nicht Gold und ausländiſche Perlen, ſon⸗ dern Blumen in Fülle. Kurz chere bonne, car il faut en revenir la!— Alles war vollkommen franzöfiſch. Es herrſchte eine ſolche Ordnung in der Geſell⸗ ſchaft, daß ich über alle Maßen befriedigt geweſen wäre, mich ſelbſt von Graf Alfred bemerkt zu ſehen. Bei dem Hofball ſtellte mir Graf Stanislas Po⸗ toki, der Großkammerherr, ein Freund meines Vaters, den Grafen Gargarin als meinen erſten Tänzer vor, und wäre Alfred hier geweſen, ſo würde ich, um das Ver⸗ gnügen zu haben, meinen hohen Tänzer mit einem vertauſchen zu können, der hier auf einem minder vor⸗ 145 theilhaften Platze als ich geſtanden hätte, vorgegeben haben, ſchon mit ihm engagirt zu ſein. Bei ſeiner ei⸗ genen Geſandtſchaft würde ich in der That ſtolz, in der That glücklich geweſen ſein, zu finden, daß er Muth genug beſitze, mich auszuzeichnen, und die Auf⸗ merkſamkeiten ſeiner reizenden Landsmännin einem Mädchen zuzuwenden, für welches er im Privatleben ſo großes Intereſſe an den Tag gelegt hatte. Er war jedoch weit entfernt davon, dies zu thun, und ich bemerkte vielmehr ſeine unbegränzte Furcht, daß mein Vertrauen auf ſeine Gutmüthigkeit mich zu vertraulich machen möchte, und ſo der ſcharf⸗ ſichtigen Welt von Frankreich ſeine Rückſicht für die Tochter eines ſchleſiſchen Baron's, für ein armes Fräu⸗ lein von Rehfeld, nicht würdig, von den in der Vor⸗ ſtadt St. Germain verfeinerten Lippen erwähnt zu werden, verrathen würde. Vertheidigen Sie ihn nicht, meine Liebe, und halten Sie ihn einer ſolchen Niedrigkeit nicht für un⸗ fähig, weil er Ihr Landsmann iſt. Ich ſage Ihnen noch einmal„j'ai pris ma position à deux mains,“⁰ und ich habe ſie geprüft. Ich ertrage Alles— ich durchſchaue Alles— und fühle, doch einerlei was! Aber find Sie nicht überraſcht, mich unter ſolchen Umſtänden wunderbar weiſe werden zu ſehen? Sagen Sie mir, Theuerſte, wie konnte der gute Paſtor die albernen Lehren von Stolz billigen, die mir durch meine arme Sara eingeflößt wurden. Wie kam es, daß Sie bei Ihrer Ankunft auf Schloß Reh⸗ feld, indem Sie mich von ſolch lächerlichen Begriffen eingenommen fanden, mir nicht erklärten, daß Europa bloß ein Theil der Erdkugel— Deutſchland nur ein Land Europa's.... eine Provinz von Deutſchland und Rehfeld eine jener mittelmäßigen Baronien jenes unbedeutenden Herzogthums ſei?— Hätte man mir gelehrt, dies mit ſechszehn Jahren Die Frau des Geſandten. 1. 10 146 zu verſtehen, ſo würde ich mit achtzehn nicht ſo hart am Herzen und ſo empfindlich an Geiſt in das Leben geſtürmt, noch mich aus meiner Tiefe heraufgewagt und auf ſchaumigen Blaſen dem Strome des Lebens mich anvertraut haben, um in dem erſten Momente, in welchem ich allein deſſen Barmherzigkeit anheim geſtellt war, auf den Grund zu finken. Aber warum Ihnen Vorwürfe machen, da ſie doch nur allein mir gebühren! 3 Wie konnten Sie die Größe des Stolzes und Ehrgeizes ahnen, der die Bruſt des einfach ausſehen⸗ den Mädchens bewegte, die in ihrem enganſchließenden Gewande und der ſeidenen Schärpe in der Bildergal⸗ lerie ihrer Ahnen ſinnend umherſtrich und aus dieſen Betrachtungen den feſten Entſchluß zog, ſich über Alle hinauf zu ſchwingen! Werden Sie glauben, meine liebe Lehrerin, daß meine Leiden hier, weit davon ent⸗ fernt, hochmüthige Gefühle zu verringern, ſie nur ge⸗ ſteigert zu haben ſcheinen, gleich wie Gewalt bei einem geſpannten Bogen angewendet, nur dazu dient, dem Pfeile in ſeinem Fluge Schwungkraft zu verleihen. Als mein Vater eines Tages, ich weiß nicht, durch welche Maſſe von Selbſtvorwürfen getrieben, wieder wie früher von Wilhelm von Rehfeld zu plaudern be⸗ gann und mir zu verſtehen gab, daß er um einem un⸗ angenehmen Abſchiede von Petersburg und meinem wahrſcheinlichen Sehnen nach der Heimath zu begeg⸗ nen, bloß meine Vermählung mit ſeinem Neffen zu beſchleunigen habe, koſtete es mich die größte Ueber⸗ windung, nicht in Verſicherungen auszubrechen, daß ich ferne von dem Verlangen ſei, wieder nach Rehfeld zurück zu kehren, und daß es mir hinreichendes Ver⸗ gnügen gewähren würde, gewiß zu ſein, es nie mehr ſehen zu dürfen; daß ich ferner einer höheren Sphäre und eines ausgedehnteren Wirkungskreiſes bedürfe, daß ich nimmer athmen, noch in ſolcher Dunkelheit leben könnte. Aber ich achtete ſeine Vorurtheile und ſchwieg. Es war immer noch Zeit genug, meinen unerſchütterli⸗ chen Entſchluß, nie die Gattin Wilhelms von Rehfeld zu werden, auszuſprechen, wenn wirklich dies meines Vatec's Abſicht ſein ſollte. 4 Es gab Augenblicke, in denen ich, nach der Er⸗ wägung der Unerträglichkeit eines Lebens in gänzlicher Entfernung von den Freuden und Verfeinerungen des Daſeins auf Erden, mich beinahe geneigt gefühlt habe, über unſern linkiſchen, jungen Engländer zu lächeln, von dem geſagt wird, er ſei wunderbar reich und be⸗ gleite einen Rang, der ihn berechtige, auf die höchſten Staatswürden Anſpruch zu machen. Dieſe Engländer haben großherrliche Begriffe. Sie lieben die Vergnü⸗ gungen fremder Länder und die Pracht ihres eigenen. Ich könnte mich mit ihm weit beſſer vertragen, als mit Wilhelm von Rehfeld. Die engliſche Geſandtin begegnete Lord Elvinston bei dem Herzog Mortémart mit merklicher Auszeichnung, und einer der Secretäre, welcher kürzlich hier ankam und dem die Diamanten der Nariſchkin'ſchen Familie als einzig gerühmt wurden, ſagte, daß die, welche Lord Elvinston geerbt habe, noch zweimal ſo merkwürdig ſeien. Graf Alfred hat mehr als einmal ihn dringend, als eine gute Partie für mich oder Marguerite, empfohlen, doch leider! zeigte er, wenn ich dieſe Bemerkung wiederholte, nicht mehr Eiferſucht, als ſpräche ich mit zärtlichen Gefühlen von unſerm guten Paſtor! 8 Aber genug für jetzt von dieſem Unfinn! Ich ſehe Ihrem nächſten Brief voll Sehnſucht, wegen der Antwort auf meine frühern Fragen, entgegen. Von Ihnen bin ich gewiß, die Wahrheit zu vernehmen; und eine Wahrheit in ſolch geziemender Geſtalt, daß ſie immer angenehm und annehmbar wird. Leben Sie wohl! —— Eilfter Brief. Von Marguerite Erloff an Mademoiſelle Thereſe 9 Moreau. * muß der Winter für Sie ſein, und oft denke ich mit Schmerz daran, daß Sie keine andere Geſellſchaft, als die würdige, aber ungebildete Sara und die Echo jener öden, alten Gallerien haben, während wir die glän⸗ zenden Vergnügungen unſeres frohen Carnevals genie⸗ ßen. Obgleich ich mir nichts Schöneres als Rehfeld, von allen meinen Lieben umgeben, denken kann, oder ſelbſt auch einſam, während der Sommerzeit, wenn Wälder und Felder hinreichende Geſellſchaft gewähren, ſo würde doch auch ich, jung und geſund, vor einem Winter, allein in dieſem alten Schloſſe zu verleben, zurückbeben. Um wie viel mehr müſſen Sie dieſe Einſamkeit fühlen, Sie, die ſo viele Jahre hindurch an fröhliche Geſellſchaft gewöhnt, und jetzt durch Un⸗ wohlſein abgehalten werden, ſelbſt die Freuden Ihrer Umgebung zu genießen! Ich hoffe, Sie erhalten ſo⸗ wohl die Zeitungen, die wir pünktlich abſenden, als auch das Paket mit Büchern in wenigen Tagen aus der Reſidenz, wohin ſie auf des Baron's Befehle ge⸗ ſendet wurden.. Ich kann mir Rehfeld in der Traurigkeit des Winters nicht vorſtellen. Als wir Sie verließen, wa⸗-⸗ ren die Wälder in ihrer herbſtlichen Blätterpracht, und Ihr ſtolzer Strom verbreitete noch Leben über die ſchöne Landſchaft. Ich geſtehe jedoch, daß der ge⸗ frorene Fluß und die blätterloſen Wälder den Reiz jenes alten, ſtolzen Gebäudes, das ich nie ohne Ehr⸗ furcht betrachtete, etwas vermindert haben müſſen. Für mich würde es immer noch den unbeſchreiblichen Wie traurig, meine theuerſte Mademoiſelle Thereſe, 149 Reiz beſitzen, der aus geſchichtlichen Erinnerungen und dem lebendigen Intereſſe für Sagen hervorgeht, die ſich an daſſelbe knüpfen, wie z. B. das Zimmer, wel⸗ ches Ida mir zu bewohnen erlaubte— das Gemach mit den getäfelten Wänden, das Sara„Frau Bertha's Betkapelle“ zu nennen pflegte und vor dem man ein gewiſſes abergläubiſches Grauen wegen der Legende fühlt, welche von den alten Dienern einer frühern Baronin erzählt wurde, daß ſie ſeit ihrem Ableben, während der Abweſenheit ihres Gemahles in der Ar⸗ mee Guſtav Adolph's, obgleich ihre ganze Garderobe nach ihrem Teſtamente den Armen gegeben, und ihre Ueberreſte in geweihter Erde begraben wurden, jeden Tag zweimal, Morgens und Abends, in den nämlichen Gewändern erſchiene, die ſie lebend trug, und an dem Fuße des Kreuzes ihres Oratoriums kniee, dem ſie ab⸗ geſchworen hatte, um dann der lutheriſchen Kirche an⸗ zuhängen. Erinnern Sie ſich nicht, wie kalt und bleich ich wurde, wenn Ida in die gute Amme drang, uns jene alten Sagen des Schloſſes zu wiederholen, bis ich endlich zitterte und mich fürchtete, in der Dämmerung den alten Korridor entlang zu gehen?— Und wie unſere liebe Ida über meine Furcht lachte, während ihr Vetter Wilhelm uns belehrte, daß ein geringer Grad von Aberglauben heiligen Urſprungs, und Spöt⸗ terei darüber eine Eingebung des böſen Geiſtes ſeil— Aber wie konmt es, daß ich Ihnen von Rehfeld, einer Bürgerin innerhalb ſeiner Mauern, vorplaudere, welche nichts als Neuigkeiten von Ida, Verſicherungen der Liebe, die ſie erobert, und des Glückes, das ſie genießt, wünſcht. So wiſſen Sie denn erſtens, daß, obgleich Sie ſchon auf Rehfeld ſie ſtets lieblich fanden, der Schnitt der Kleidung, den ſie ſeit ihrer Ankunft hier angenom⸗ men hat, ſie noch fünfzigmal ſchöner macht, als ge⸗ wöhnlich. Ida hat es ſich in ihren grillenhaften Kopf geſetzt,(erlauben Sie mir zu bemerken, daß wenige Köpfe mehr als der ihrige für die Launen unſeres Geſchlechtes geeignet ſind) in unſerm Familienkreiſe das altruſſiſche Coſtüm zu tragen, welches ſelbſt ich, eine Eingeborne, nicht für nöthig gehalten habe anzu⸗ legen, außer bei Hofe.— Sie hat in der That eine hinreichende Entſchul⸗ digung in dem Umſtande, daß es ihr gut läßt, was jedermann ſieht und empfiehlt, und Mama, obgleich gewöhnlich ſtreng in Hinſicht der Toilette, begünſtigt voch ihre Laune auch ſo weit, daß ſie mich zwingt, dieſelbe Tracht mir anzueignen, um allen Schein der Excentricität von Seite meiner Schweſter zu vermei⸗ den. Ich wünſche nur, Sie hätten Ida's erſtaunte Miene geſehen, als ſie vernahm, daß bei großer Gala in dem Winterpalaſte lichtblau, ſcharlach und carmoiſin verbotene Farben für jede Perſon ſind, die nicht zum kaiſerlichen Hofſtaate gehört. Fürſt Sergius Gallitzin war außerordentlich er⸗ freut und beluſtigt, daß die Pariſerinnen, von denen er kurze Zeit zuvor auf Rehfeld Abſchied genommen, ſich in zwei ſchöne Moskowittinnen verwandelt hatten, und ſeine Schweſter, Fürſtin Praſcovia, eine der an⸗ muthigſten Damen der Welt, wenn auch mit der Ei⸗ genthuͤmlichkeit von Ida's Kleidung nicht ganz zufrieden, indem ſie dieſe für ein zu phantaſtiſches Coſtüm hält, bemüht ſich, mich zu überreden, nie in einem andern zu erſcheinen. Aber obgleich Ida, mit ihrem ſchönen Haar und ihren ausdrucksvollen blauen Augen, höchſt bezaubernd in ihrem blauen Kaftan und in ihrer Che⸗ miſette von gefaltetem Kammertuche(ich kann es Ih⸗ nen nicht anders beſchreiben) iſt, ſo erſcheint doch mein armes, dunkles Geſicht noch bräuner als ſonſt, wenn ich auf meine Nationalehre Anſpruch mache. Wie willkürlich und launiſch ſind ſolche Vorzüge! 151 Ich, eine geborne Ruſſin, unfähig Schoͤnheit oder Vergnü⸗ gen in unſern leichten Landhäuſern oder prächtigen Paläſten zu finden, bin voll Sehnſucht nach den teuto⸗ niſchen Hallen Deutſchland's und ihren feudalen Ge⸗ ſellſchaftern, und ziehe dieſelben unſern modernen Woh⸗ nungen vor, die obgleich groß und bequem, doch kein Intereſſe durch den Verlauf der Zeitalter, oder durch ihre Verknüpfungen mit der Geſchichte der Menſchen erregen. Dagegen entdeckt Ida einen geheimen Reiz in dem zierlichen alten Moskowitten⸗Coſtüm, welches in meinen Augen— ſchonungslos wie ich bin!— wie ein Ueberbleibſel der Barbarei, in Vergleich mit der eleganten Kleidung ausfieht, an der ſich meine Augen im Hotel de Vaudreuil zu erfreuen gewohnt waren. Um jedoch wieder zu Ida zurückzukehren, ſo bitte ich, denken Sie ſich dieſelbe, gekleidet à la Russe, ſchöner als die ſchönſte der belles Royardes, in un⸗ ſerm häuslichen Zirkel. Aber Sie müſſen ſich Ida in einer Maſurka mit einem der leichteſten und zierlichſten der pariſer Ballkleider von weißem Crepp mit künſtli⸗ chen Hyazinthen ausgeputzt, tanzend vorſtellen, um ſie gerade ſo wie in jenem Augenblicke zu ſehen, in wel⸗ chem ſie der Kaiſer, auf dem Anitſchkoffballe für die ſchönſte der Winter⸗Debutantinnen erklärte. Nach meiner Meinung geht dieſe ſichtbare Steige⸗ rung ihrer Schönheit weniger aus der Annahme der Moskowittiſchen Tracht, oder der Eleganz der fran⸗ zöfiſchen hervor, ſondern aus der halb finnenden und überraſchten Schüchternheit, die ſie in dieſer Welt von Freuden angenommen hat. Auf Rehfeld war ſie ſo verehrt, ſo bewacht, ſo angebetet, ihrer ſelbſt und An⸗ derer ſicherer; ſie hatte immer Muße, fröhlich, ja oft Gelegenheit ſatyriſch zu ſein. In St. Petersburg aber miſcht ſich ein gewiſſer Ernſt, ſogar im Kreiſe der Be⸗ wunderer mit ihrer natürlichen Anmuth. Kurz, ſie iſt reizend und jedermann, gleich Ihnen und mir, bereit es anzuerkennen. *— 4 152 Ihr letzter Brief, meine liebe Mademoiſelle The⸗ reſe, beruhigte mich über die Urſache von Ida's Trau⸗ rigkeit bei ihrer erſten Ankunft hier. Aber noch ehe ich Ihre Bemerkungen über das natürliche Trauern einer jungen Perſon wegen der Freude⸗Scenen und der Sprache ihrer Jugend erhielt, war ich getröſtet. Ich fing an einzuſehen, daß ich irriger Weiſe Ernſt für Traurigkeit gehalten hatte. Ida erſcheint nun fünf Jahre älter, ſeitdem ſie Rehfeld verlaſſen hat; ich glaube jedoch nicht, daß ſie ſich unglücklich fühlt. Die Fürſtin Prascovia, Fürſt Sergius Schweſter, welche etwas häßlich, aber eine ſehr edle Dame iſt, hat ſich nie vermählt und bewundert die glänzenden Talente und vielſeitige Bildung Ihres Zöglings, wenn dieſe auch zu ſchüchtern iſt, ſich in eine Unterhaltung mit ihr einzulaſſen. Ich werde von allen denen, die auf hinreichend vertrautem Fuße ſtehen, um über die Sache urtheilen zu können, verſichert, daß der Baron von Rehfeld ſehr hoch in der Gunſt des Kaiſers ſteht und, weil er nicht im Geringſten ſtolz auf dieſe Auszeich⸗ nung iſt, ſich die allgemeine Achtung erwirbt. Ich bin in der That glücklich, daß meine Mutter eine zweite Ehe geſchloſſen hat, die, während ſie mir mein per⸗ ſönliches Glück ſichert, auch ſo günſtig für unſere Familien⸗Intereſſen iſt;⸗ und ich ſehne mich doppelt nach der Ankunft meines Bruders Aleris, weil ich nun die Ueberzeugung habe, ihn in einem ſo verſchönerten und ſo frohen Hauſe bewillkommen zu können. Bloß ein einziges Hinderniß beſteht in unſerm kleinen Kreiſe, welchem mein Vetter Alfred all den Reiz ſeiner Lebhaftigkeit und Weltkenntniß verleiht, und dies ſind nämlich die häufigen Beſuche unſeres engli⸗ ſchen Freundes, welchen ſeine Langeweile zu uns trägt, um uns dadurch eine Ehre anzuthun! Stunde auf Stunde bringt er unter uns zu, indem er wenig oder gar nichts ſpricht; aber offenbar der Meinung iſt, daß 4 153 das Wenige, was er ſich die Mühe zu ſagen gibt, uns für die Unterhaltung belohnen ſollte, die er heraus⸗ lockt. Ich ſah in meinem Leben keinen ſolchen beharr⸗ lichen Frager. Man ſagt, daß die meiſten Engländer, welche reiſen, nach der Rückkehr in ihr Vaterland Bücher ſchreiben; und ich vermuthe, daß Lord Elvins⸗ ton nachſinnt, welche Belehrung er von ſeinen Be⸗ kannten in Petersburg empfangen könne, um ſo die vorgehabten Reiſen in Rußland zu erſparen. Unglück⸗ licher Weiſe gab mein Vetter Alfred, der ihn letztes Jahr in Paris geſehen hatte, und wenig Barmherzig⸗ keit mit den Schwächen ſeiner Freunde hat, Ida die⸗ ſen Gedanken ein, und ſie beglückte unſern ſeltſamen Gaſt mit den lächerlichſten Schilderungen unſeres Vol⸗ kes. Gegen einen Fremden, gleich ihm, ſagt ſie, ſei ſie nicht verpflichtet, in ihren Erzählungen ſich ſo ganz ſtrenge an unſere Sitten und Gebräuche zu halten. Aber dieſe Freiheit iſt ſchwerlich ſchön. Urtheilen Sie, welches nachtheilige Licht die Berichte, welche er in die Welt ſenden könnte, auf uns und ihn werfen würden! Ich hoffe, daß ich Ihnen von dieſem unglücklichen Manne in der Zukunft mehr werde ſagen können, was Sie ihn achten heißt, und der, wenn ſeine ſonderbare Schüchternheit nicht wäre, wirklich liebenswürdig und anziehend erſchiene.— Leben Sie wohl!— Denken Sie oft freundlich an uns; und glauben Sie mir, daß ich Alles aufbieten werde, um das Unangenehme der Verbannung meiner Stiefſchweſter zu erleichtern. Zwölfter Brief. Von Vicomte Elvinston an ſeine Schweſter, die ehrenwerthe Mrs. Leslie. Dein letzter Brief, meine geliebte Mary, tadelt mich wegen meines Vorhabens, einen Winter in Peters⸗ burg zuzubringen, als ob ich das albernſte Ding der Welt ausgeſprochen hätte.„Hat man jemals gehört,“ ſagteſt Du unter Anderem,„daß ein Engländer einen Winter in Petersburg verlebt!“ Würde ich erwiedern, daß dies möglicher Weiſe einer meiner Beweggründe ſei, ſo würdeſt Du mich der Vorliebe für Sonderbarkeiten beſchuldigen; denn es iſt ein Lieblingsgeſchäft von Dir— obgleich ich Dir Trotz biete, in dem ganzen Kreiſe Deiner Bekannten Anen minder excentriſchen Mann, als mich, zu nden. Aufrichtig jedoch die Wahrheit geſagt, der Wunſch von der Gewohnheit der engliſchen Reiſenden abzu⸗ weichen, welche ihre Winter gewöhnlich in Paris, Florenz, Rom oder Neapel zubringen, um ihre eigene Tafeln, die Boulevards, Maskenbälle, Akademiebälle und die heilige Woche zu genießen, indem ſie ſich gleich einer Schafheerde zuſammen drücken und durch eine ver⸗ einigte Maſſe von Verſtand und Mangel an Verſtand ſehen, hören, fühlen und begreifen; ein Klubb dummer Gaffer, ein Omnibus, ein irgend Etwas mit wenig Vernunft und freier Willenskraft, hatte keinen Einfluß auf meinen Entſchluß. In Petersburg befinden ſich außer den dort an⸗ ſäßigen Kaufleuten und der Geſandtſchaft keine Eng⸗ länder; die erſteren haben ſich auf einen ganz unab⸗ hängigen Fuß geſtellt, indem ſie ſich vor der eiteln und zudringlichen Gemeinheit zurückziehen; während —— 155 die letzteren keinen ſchädlicheren Einfluß hervorbringen, als ein Tropfen eines Schlaftrunks in den Waſſern der Neva hervorbringt. Man beſitzt daher die Frei⸗ heit, ſich ſeinen Kreis von Bekannten und Freunden ſelbſt zu wählen, und in ſo großer Achtung ſteht un⸗ ſere Diplomatie hier und ſo günſtig iſt die Verbindung des eingebornen und des engliſchen Adels durch die Familie Woronzoff und Pembroke, daß man durch dieſe Einſchränkung gewinnt.„Milor,“ iſt nicht, wie in Paris, ein Spott, oder wie in Wien eine Veran⸗ laſſung zu Mißtrauen. Sie glauben nicht wie in Griechenland, daß wir nur kommen, um ihre bas- reliefs herabzureißen und die Statuen des Alterthums zu zerſtören, oder wie in Rom, wo ſie uns für Nar⸗ ren groß genug halten, um ihnen ihre unächte Schau⸗ münzen und moderne Antiken wegzutragen. In Petersburg hingegen beſitzen wir einen leid⸗ lichen Ruf. Die Ruſſen ziehen vielleicht einen Theil ihrer Achtung vor unſerem Geſchmacke aus einem Um⸗ ſtande, der gerade die entgegengeſetzte Wirkung her⸗ vorbringen ſollte; eine große Anzahl ihrer ſchönſten National⸗Sammlungen ſtammt nämlich aus Groß⸗ brittanien, welches, wenn es nicht vermocht hätte, fie aufzubewahren, gewiß auch nicht vermocht hätte, mit ihm zu theilen.— Von Katharinas Tagen an bis jetzt waren über⸗ dies noch ihre beſten Aerzte und Portraitmaler Eng⸗ länder; und ein engliſcher Kunſtgärtner wird in Peters⸗ burg für ſo unentbehrlich gehalten, wie in Paris ein engliſcher Stalljunge. Ein Engländer iſt dem zu Folge hier gleich einem vollkommenen Weſen geachtet. Noch muß ich wiederholen, daß das Thompſon⸗ Johnſon Geſchlecht mangelt. Zweideutige Perſonen, welche in gebildetere Hauptſtädte einfallen, verſchonen Rußland; denn ſie werden ſowohl durch ein zu herbes Klima, als durch einen zu ſtrengen Kaiſer, der mit ſich nicht ſcherzen läßt, in Furcht geſetzt. Gegen das 156 Erſtere ſind nothwendiger Weiſe ſolche Vorſichts maß⸗ regeln getroffen, daß ich glaube, nie ſo wenig von der Kälte gelitten zu haben, als während des gegenwärti⸗ gen Winters. Denke Dir ein ruſſiſches Zimmer mit ſeinen Oefen und Luftheitzungen, welche die genialſte und angenehmſte Temperatur erzeugen, mit ſeinen dop⸗ pelten Fenſtern und wohlgefütterten Thüren, als den ſicherſten Zufluchtsort vor der Strenge des Januars. Ich liebe ein entſchiedenes Klima. In Indien oder Rußland braucht man ſich nicht zu ſchämen, vor der Sonne, oder den Eiszapfen auf der Hut zu ſein. Das Wetter iſt kein Gegenſtand, um zu ſcherzen, und demgemäß auch keine Sache der Prahlerei; und London, wo man verſucht wird, einem Märzwinde ohne einen großen Mantel Trotz zu bieten, weil die Sonne ſcheint und unſere Bekannten über uns lachen, oder Italien, wo man an einem hitzigen Fieber ſtirbt, weil irgend ein Kamerad, der irgend einige Wochen länger als wir ſelbſt dort verweilt, die Idee eines coup de soleil aushegt, begründet meine Meinung über ein ſchädliches Klima. Ich für meinen Theil finde keine Ürſache, in das Eiszapfenklagelied meiner Landsleute mit einzuſtimmen, von denen nur drei außer mir auf dem Newskoi⸗Proſpekte faullenzen. Du erſuchſt mich in Deinem Briefe, theuerſte Mary, da ich einmal ein ſo närriſches Ding unternommen und mich an das äußerſte Ende des gebildeten Europa gewagt habe, die möglichſten Vortheile daraus zu ziehen und Dir Alles zu beſchreiben, was ich ſehe, höre und wahrnehme, und was die gewöhnlichen Grenzen über⸗ ſchreitet. Unter dieſen„Grenzen der Gewöhnlichkeit,“ glaube ich, meinſt Du die„engliſchen Grenzen.“ Unſer edles Land hat ſich ſchon lange das Recht angemaßt, dem Univerſum Geſetze vorzuſchreiben, die Geſetze und die Religion ſchwächerer Länder zu ſtür⸗ zen, indem es ſie zwang, kaltes Fleiſch und Pöckel an⸗ ſtatt ihres gebräuchlichen geſottenen Reiſes, ihrer Faſten⸗ 157 ſuppe, oder ihrer gebratenen Kinder, zu eſſen, wie ihr Clima und ihre Umſtände verlangen mochten. Außerhalb der engliſchen Grenzen ſehe ich deshalb viel zu viel, um es in einem Briefe ſchildern zu kön⸗ nen. Die geſtiefelten und bärtigen Ruſſen, welche eben in dem Augenblicke unter meinem Fenſter vorüberſchlen⸗ dern, find die leibhaftigen Gegenfüßler der zarteren und ſchöner geformten Generation, welche Du im Parke Lane überſiehſt.. Dir muß ich jedoch den Vortheil zugeſtehen, lieb⸗ liche Geſichter und anmuthige Frauen mit dem Sonn⸗ tagspöbel vermengt zu ſehen, während hier Mädchen niemals, und Weiber ſelten in dem Gedränge bemerkt werden. In Hinſicht auf die öffentlichen Ceremonien, welche für die nördlichen Breiten charakteriſtiſch ſind, habe ich noch nichts ſo merkwürdiges geſehen, als die Einſeg⸗ nung der Gewäſſer durch den Archimandriten, welche am Feſte der Erſcheinung des Herrn vorgenommen wird. Da daſſelbe nach dem griechiſchen Kalender zwölf Tage ſpäter als bei uns fällt, ſo iſt es am 18. Januar, einem ſo hinreichend kalten Feſttage, daß die Neva im Stande iſt, auf einer vier oder fünf Fuß dicken Eisdecke einen ſtattlichen Tempel zu tragen, der dem Winterpalaſte gegenüber errichtet wird, auf daß die kaiſerliche Familie an der Ceremonie Theil nehmen und ihren Kaiſer und Vater durch den Erzbiſchof ordent⸗ lich durchnäßt mit dem Waſſer der Neva, welches hier gebraucht wird, als wäre es geweihtes Waſſer, betrach⸗ ten zu können. Um den Strom zu erreichen, iſt ein Loch in das Eis in der Mitte des Tempels gehauen, welcher mit religiöſen Bildern bemalt und geſchmückt iſt, um die Augen der ganzen Bevölkerung von Petersburg, welche ſich bei dieſer Gelegenheit verſammelt, zu ergötzen. Unter dem Donner der Kanonen und unter den Schüſ⸗ ſen des Volks wird ein filbernes Kreuz dem eifigen 158 Strome übergeben, und deſſen Fruchtbarkeit und Wohl⸗ fahrt noch ganz beſonders in einem langen Gebete dem Schutze des Himmels empfehlen. In Peſt wird an demſelben Tage eine ähnliche Operation durch die Hände des griechiſchen Erzbiſchofs mit dem Waſſer der Donau vorgenommen, und in Konſtantinopel ſenkt man das ſilberne Kreuz unter ſelt⸗ ſamen Ausrufungen und Beſchwörungen in die unab⸗ ſehbare Tiefe, ſo daß See⸗ und Flußfiſche, Turbot und Meerkrebsſaucen ſowohl, als Hauſen und Sterliad den Segen dieſer merkwürdigen Huldigung genießen, ehe ſie geſpeiſt werden. Es fällt mir auf, ich geſtehe es, daß ein irdiſches Gut, hier ſo unbeſtändig, vortheilhafter als der Segen der Gewäſſer ſein ſollte. Nichts deſto weniger gibt es in dieſem Lande, welches Mrs. Lavinig Namsbottum in ihrer Behaup⸗ tung rechtfertigen möchte, daß es ſeinen alten Namen Finland von der Menge und Wichtigkeit ſeiner mit Floßen verſehenen Geſchlechter habe, einen Vorwand für die dankbare Andacht der Leute während der erz⸗ biſchöflichen Ceremonie. Die ſprudelnde Reinheit des Nevawaſſers in der Sommerzeit iſt berechnet, ſeiner Wirkſamkeit Ehre zu machen. Es iſt dieß in der That ein ſo großes Lieblingsgetränke der Nuſſen, daß es die höhere Klaſſe, in Flaſchen gefüllt, auf die Reiſen mit⸗ nimmt. Der Kommandant der Feſtung, welcher be⸗ auftragt iſt, einen Becher, mit ſolchem Waſſer gefüllt, bei dem Aufthauen der Nevg dem Kaiſer zu bringen, erhält das Gefäß mit Goldſtücken gefüllt zurück. Nikolaus bewies einen zu nördlichen Charakter gegen beſagten Gouverneur, indem er, die Becher Jahr für Jahr, beinahe in gleichem Verhältniſſe mit der jährlichen Ausdehung ſeiner eigenen elaſtiſchen Grenzen vergrößert findend, eine gewiſſe Summe als Belohnung feſtſetzte, damit die Waſſerpinte ſich am Ende nicht noch in einen Orhoft verwandeln möchte. 159 Die Petersburger behaupten, daß das Nevawaſſer für die Läuterung ihres vortrefflichen Thees, den ſie ſo außerordentlich lieben, unumgänglich nothwendig ſei. Ich bin überraſcht, daß die Völker des Feſtlandes welche unſere großbritaniſche Leidenſchaft für„Taſſen, die fröhlich machen, aber nicht berauſchen,“ ſo gerne ins Lächerliche ziehen, daß ſelbſt der große Göthe, wenn er bei guter Laune war, den engliſchen Reiſenden nach⸗ ſagte, ſie nehmen ihre Theekeſſel mit, um auf dem Krater des Aetna zu fieden, die gleiche Neigung der Nuſſen nicht kritiſiren, welche, da ſie den Thee von China erhalten, die größten Summen aufwenden, die Zubereitung zu vervollkommnen. Ich verſichere Dir, daß der Thee, welcher für meinen istroshtnik oder Lohnkutſcher in ſeiner Schenke bereitet wird, aus viel delikateren Beſtandtheilen beſteht, als der feinſte, den Du je im Elvinstonſchloſſe getrunken haſt. Im Som⸗ mer trinken ſie ihn mit Eis, wie jedes andere Getränke; denn da die Ruſſen während des ganzen Winters nichts als Eis ſehen, ſo ſcheinen ſie auch im Sommer davon leben zu wollen. Jede gut eingerichtete Familie hat ihren Eiskeller, und in einem einzigen Diſtrict von Petersburg ſind mehr Eiskeller, als in ganz London. Das intereſſanteſte Schauſpiel, dem ich beigewohnt habe, iſt die Gala der kaiſerlichen Familie in dem Winterpalaſte in der Neujahrsnacht, wo den höhern Klaſſen der Bürger, fünf und zwanzigtauſend an der Zahl, erlaubt wird, dem Kaiſer ihre Glückwünſche dar⸗ zubringen. Du kannſt Dir nichts Prächtigeres, als den Anblick der Illumination jener koſtbaren Hallen den⸗ ken, von denen Du ſchon ſo viel gehört haſt, überfüllt mit Leuten von allen Nationen und Sprachen, die dem Scepter des Autokraten unterthan ſind; Ruſſen, Polen, Tartaren, Georgier, Samojeden, Mongolen, Perſer, Ko⸗ ſacken, Griechen, Armenier, alle in ihren National⸗ Coſtümen— mit Backenbärten, Schnurrbärten, Knebel⸗ bärten, und glatt— in jeder Geſtalt und Manigfal⸗ 160 tigkeit der nationellen Kleidung, die in der Mitte des dichteſten Haufens den möglichſten Anſtand behaupten, der ganz der grenzenloſen Verehrung angemeſſen iſt, den das gehorſamſte Volk für ſeinen höchſt kaiſerlichen Czaar hegt. Mir wurde der Vortheil, die bunte Scene auf eine höchſt angenehme Weiſe zu betrachten, da ich in Folge der Erkrankung eines unſerer Secretäre dem diplomatiſchen Corps beigezählt wurde. Ich kann Dir deshalb verſichern, daß Alles, was Du je in arabiſchen Erzählungen laſeſt und für arabiſche Märchen hielteſt, von Perlen ſo groß wie Taubeneier, und von Diaman⸗ ten in der Geſtalt von Haſelnüſſen, durch die Entfal⸗ tung der Juwelen dieſes reichen Hofes gerechtfertiget iſt. Die Kaiſerin, welche ihre Bürde von Schätzen mit mäßiger Würde trägt, iſt buchſtäblich ein glänzender Stern, und der Effect wird durch die Gegenwart der Ehrendamen, deren Zahl ſich auf mehr als hundert be⸗ läuft, nicht im Geringſten getrübt. Letztere müſſen in ſcharlachrothen Gewändern erſcheinen, welche Farbe nebſt carmoiſin und lichtblau eine Lieblingsfarbe des Hofes iſt. Es iſt jedoch nicht eigentlich der Hof, welcher den Reiz dieſes Schauſpiels ausmacht, ſondern eher die Regelmäßigkeit einer ſo ausgedehnten Verſammlung von fröhlichen und glücklichen Leuten, die ſich in dem Palaſte eines Fürſten, der für den despoſtiſchſten in ganz Europa gehalten wird, mit fünfzigmal mehr Ruhe und eben ſo viel Anſtand benehmen, wie unſere eigenen höheren Klaſſen in den Paläſten oder Wohnungen der⸗ jenigen, die einen Grad höher als ſie ſelbſt ſind. Die Ruſſen ſind im Durchſchnitte wegen ihrer Ar⸗ tigkeit und Demuth berühmt. Die ganze große Ver⸗ ſammlung wurde durch eine Polonaiſe in Bewegung geſetzt, welche der Kaiſer mit der Geſandtin von Oeſt⸗ reich anführte, und ſo mächtig iſt der Einfluß der Ge⸗ genwart des Kaiſers und ſeiner Familie, daß obgleich ——— ——,— 161 die Wände ringsum mit den reichſten Schätzen und den ſchönſten Kunſtwerken geſchmückt ſind, alle ſünd⸗ haften Begierden nach fremdem Gute für einige Zeit verbannt zu ſein ſchienen. Alle fünf und zwanzig tau⸗ ſend galten für dieſen Augenblick als Kinder des Kai⸗ ſers, von dem ich, Allem, was wir von unſern polni⸗ ſchen Freunden hörten, zum Trotze, verſichern kann, daß ſeine Unterhanen ihm ſo blind und zärtlich ergeben find, wie ſie es ſeiner Großmutter Katharina 11. wa⸗ ren, welche ſie als ihre matiuska, oder„theuere Mut⸗ ter,“ zu grüßen pflegten. Vater und Mutter ſind hier beliebte Worte der Zärtlichkeit, und der Herrſcher redet ſtets ſeine Truppen„meine Kinder“ an. Um Mitternacht war Alles leer, da der Kalſer und der Hof ſich ſchon um eilf Uhr zurückgezogen, um in dem Theater der Eremitage zu ſpeiſen, wo die Vorder⸗ ſeiten der Logen von geſchliffenem Kriſtall im Glanze der Lichter einen blendenden Anblick gewähren. Dies war das prächtigſte Feſt, dem ich jemals beiwohnte; ich vermuthe jedoch, daß es eines ruſſiſchen oder türkiſchen Despotismus bedarf, um einen Fürſten zu vermögen, ſeine Unterthanen, mit der Sicherheit ſeines Eigen⸗ thums, auf eine ſo väterliche Weiſe zu empfangen. Um Dir einen Begriff des Deſpotismus zu geben, muß ich Dir ſagen, daß die Knute in Rußland, gleich den Geſpenſtern in England, ein Gegenſtand iſt, von dem man mehr ſpricht, als er in dem neunzehnten Jahr⸗ hundert geſehen wird. Von der Beſtrafung hoher ruſ⸗ ſiſcher Damen mit der ruſſiſchen Knute zu ſprechen, wie einige unſerer murrenden Freunde„in ki“ be⸗ haupten, würde eben ſo albern ſein, wie heut zu Tage in London vom Verbrennen der Erzbiſchöfe in Smith⸗ field zu plappern.. Bei Gelegenheit der erwähnten Gala bemerke ich Dir, meine theure Mary, daß es in dem weißen Saale war, wo der Anblick der weißen Stukaturar⸗ Die Frau des Geſandten. I. 11 162² beit, mich faſt betäubte, und das Weitere wirſt Du von Whaley vernehmen, dem ich Befehle geſendet habe, daſſelbe in der neuen Gallerie des Elvinston⸗ Schloſſes zu verſuchen. Sie iſt eine Zuſammenſetzung von Marmor und andern blendend weißen Materia⸗ lien, welche im Stande iſt, die polirteſte Außenſeite anzunehmen, wie die scagliola, und in Oel und Gold auf die reichſte Weiſe bemalt wird. Wenn die⸗ ſelbe beendigt iſt, hat ſie das Ausſehen des reinſten Porzellans und nichts kommt dem Effecte gleich, den ſie in einem gut erleuchteten Ball⸗ oder Speiſezimmer hervorbringt. Die Ruſſen erhielten es von Oſten, wo es mehr im Gebrauche iſt. Sie haben eine Art, die Außen⸗ ſeite ſo glänzend wie Gold oder Silber durch Talg⸗ puder zu machen, nach meiner Meinung aber macht eine reine Alabaſterweiße deſſen größten Reiz aus. Ich kann Dir unmöglich etwas Prächtigeres be⸗ ſchreiben, als ein Gala⸗Diner in Rietersbuug, in ei⸗ nem, wie eben geſchilderten Bankettſaale und à la Russe dekorirt, das heißt, wo der koſtbare Nachtiſch gleich auf der Tafel ſteht, wenn man in das Zimmer tritt, und die Gerichte gleich der Reihe nach herumge⸗ geben werden, um dadurch zu verhindern, daß das Auge und der Geruch durch fette Speiſen beleidigt würden, ſo ſehr auch der menſchliche Appetit nach Fiſchen, Suppe und Paſteten verlangt. Ich bin gewiß, daß dieſe Mode von dem Herzog D. und einigen andern meiner Landsmänner angenom⸗ men worden iſt. Aber John Bull iſt ungeduldig auf „Neuerungen und liebt überdies, über ſeine Schild⸗ kröten und ſein Wildpret nachzudenken. Auf Pfirſchen und Ananas zu ſehen, während er ſich mit ſeinen fet⸗ ten Lendenſtücken oder an ſeinen Hammelsrippen er⸗ freut, iſt für ihn ein Bruch des ſocialen Vertrags, und er zieht die alte Demi⸗Gänge⸗ und Nachtiſch⸗ Ordnung einem Bankette vor, welches an eine jener italieniſchen Fresken über die Hochzeit zu Canaan oder über Martiniare Belhazzaro's Feſt erinnert. Ich habe jetzt nur noch eine der Fragen zu beantworten, welche Dein Brief enthält, und die, wie es in einer Schwe⸗ ſter Brief ſein ſoll, auf die ruſſiſchen Schönheiten an⸗ ſpielt. Im Allgemeinen haben ſie keine ſchönen Figu⸗ ren. Die ſchönſten Weiber jedoch, welche ich jemals geſehen habe, waren Ruſſinnen, oder vielmehr Polinnen,— betrachte, wie Du Gelegenheit zu thun haſt, Madame Zonadoska,— oder die Portraits von Madame Tatiſcheff, Madame Nariſchkin und Ma⸗ dame Zomoyska. 3 Ihre Manieren ſind eher pikant, als angenehm. Sie beſitzen die ganze Lebhaftigkeit einer Franzöſin, ohne deren Neigung zur Exaltation oder zum Roman⸗ haften; denn es gibt nichts Beſonneneres, als den Cha⸗ rakter der Nation. Sie ſind dem zu Folge auch vor⸗ ſichtiger in allen Verhältniſſen des Lebens, ſowohl hin⸗ ſichtlich der Liebe, als der Freundſchaft. Es war jedoch häufig der Fall, daß die liebens⸗ würdigſten Damen, welche ich in Rußland geſehen habe, entweder durch Geburt, oder Erziehung Fremde ſind. Da iſt z. B. die Großfürſtin Helene. Dieſes reizende Weib des minder reizenden Großfürſten Mi⸗ chael, ſchön, anmuthig, gütig, gebildet, geiſtreich, iſt eine würtembergiſche Prinzeſſin und verdient, wenn es jemals ein Weib verdiente, einen Platz auf einem kaiſerlichen Throne. Ihr Einfluß auf den Kaiſer iſt mächtig; und da ſie wegen ihrer Geſundheit und wegen ihren Familien⸗ umſtänden ſich öfters gezwungen ſah, die Luft fremder Länder zu verſuchen, ſo war ſie die Urſache, daß mancher Hof in Europa die Eleganz und Hoffitte von Petersburg nachahmte. Die Familie, mit welcher ich im Privatleben auf dem vertrauteſten Fuße ſtehe, iſt die des Barons von 164 Rehfeld, deſſen Gattin eine Franzöfin, deſſen Tochter eine Deutſche und deſſen Stieftochter von Erziehung eine Pariſerin iſt. 3 Mademoiſelle Erloff kann deßhalb, obgleich das bezauberndſte Mädchen, welches ich je ſah, ſeitdem ich mein Vaterland verlaſſen, kaum als eine Ruſſin betrachtet werden, da ſie ſo wenig wie ich von Pe⸗ tersburg weiß. Dir ein Bild von ihr zu entwerfen, würde, fürchte ich, wenn auch nicht mehr Zeit, als ich zum Schreiben habe, doch vielleicht mehr Muße verlangen, als Dir gegeben ſein wird, am Schluſſe eines ſo langen Briefes noch zu leſen. Ich will es daher auf eine ſpätere Zeit verſchieben, Dich mit der Marguerite des Marguerites bekannt zu machen. Lebewohl, meine geliebte Schweſter; meine Liebe für Dich trotzt ſelbſt der Athmosphäre, welche wäh⸗ rend der letzten Tage alle die ist voshtniks in Pe⸗ tersburg der Gefahr ausgeſetzt hat, ihre Naſen zu verlieren. Tauſend Wünſche eines Bruders bei dem Jahres⸗ wechſel, deſſen Zärtlichkeit allen Jahreszeiten und ihren Veränderungen— und ſelbſt einer fünfzig grä⸗ digen Kälte Trotz bietet. Dreizehnter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe oreau. Sie ahneten nicht, beſte Freundin, daß Sie, in⸗ dem Sie mir eine Commiſſion, in Petersburg für Ihre Freundin, die Gräfin de Choiſy, zu vollziehen, übertrugen, mir dadurch eine recht angenehme Be⸗ kanntſchaft verſchaffen würden. Die Baronin hielt es für unumgänglich nothwendig, daß ich das Paket eigenhandig überliefern ſolle, als eine Ehrfurchtsbe⸗ zeugung, welche dem Stande der Fürſtin W. gebühre; — und wenn auch Anfangs ſchüchtern, eine ſolche Ce⸗ remonie allein zu unternehmen, ſo gratulirte ich mir doch wegen meines Gehorſams, indem ich in der Fürſtin Alles fand, was man mit Recht von einer pariſer Ruſſin erwarten kann, von der Monſieur de Vaudreuil ſagt, daß Paris, in Petersburg einge⸗ propft, gleich Alkohol auf Queckſilber ſchwimmend ſei. Seit ihrem Wittwenſtande, ſcheint es, hat die Fürſtin meiſtens im ſüdlichen Europa gelebt— ein Vorrecht, das ſie, wie man ſagt, theuer bezahlen mußte. Erſt ſeit dem Tode des Kaiſers Alexander wurde ſie gezwungen, um der Erhaltung ihrer Güter willen ſich in Rußland niederzulaſſen. Die Sitten, welche ſie durch ihren Aufenthalt in fremden Ländern angenommen hat, behalten jedoch noch die Oberhand, und ſie iſt die einzige Perſon außer dem Grafen Al⸗ fred, die eine freie Sprache ſpricht. Ich ſchließe, daß ich ihr bei unſerer erſten Zuſammenkunft gefallen ha⸗ ben mußte, weil ich am darauffolgenden Tage ein Billet von ihr erhielt, worin ſie über heftiges Kopf⸗ weh klagte und mich erſuchte, ihr einen freundlichen Beſuch au coin du feu zu machen. Da die Baronin nicht zu Hauſe war, nahm ich die Einladung an, und ſah meine neue Freundin buchſtäblich au coin du feu gelagert; denn während ihre Prunkgemächer nothwen⸗ diger Weiſe durch jene rieſenhaften Oefen erwärmt werden, die hier Mode ſind, hat ihr eigenes kleines Boudoir einen jener offenen Kamine, die Sie mir als eine ſo prächtige Zierde eines Geſellſchaftszimmers ge⸗ ſchildert haben. In der Nähe des Kamins ſtand einer der weichſten Fauteuils, in den ſie mich zu ſetzen ein⸗ lud; und ehe eine halbe Stunde verging, hörte ich mehr von den Gerüchten, welche in Petersburg gehen, als ich in der Geſellſchaft der Baronin binnen einem halben Dutzend Jahre vernommen haben würde. Die⸗ ſe iſt im Grunde des Herzens Franzöſin genug, um mich gleich einem unbedeutenden Nichts zu behandeln, und vielleicht auch Stiefmutter genug, um mich als einen geheimen Feind zu betrachten. „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen, auf eine ſo trauliche Art zu ſehen,“ bemerkte die Fürſtin;„denn ich fürchtete, die Baronin würde Schwierigkeiten ma⸗ chen. Es ſollte uns zwar ein Band der Freundſchaft vereinigen— da ſie eine Franzöſin von Geburt iſt, — und ich eine ſolche von Natur; aber es iſt dies leider nicht der Fall. Wir gehören zu entgegenge⸗ ſetzten Parteien, und haſſen einander auf die artigſte Weiſe der Welt.“ Bis daher hatte ich noch nichts von dem Daſein verſchiedener Parteien in der großen Welt von Peters⸗ burg geahnt. Aber es ſcheint, daß man glaubt, es beſtehe eine Eiferſucht zwiſchen der Kaiſerin und der Großfürſtin Helena, und, wie es der Fall bei Königen, in deren unſchuldigen Namen ihre Miniſter Krieg führen und Frieden ſchließen, ſo erleichtern ſich die Anhänger der zwei großen Damen die Einförmigkeit des Hoflebens, indem ſie Haß zwiſchen ihren hohen Mächten anſtiften. Gräfin Erloff, als eine Ehrendame, wurde nothwendi⸗ ———— ger Weiſe im erſten Augenblicke von Seite der Kaiſe⸗ rin, d. h.„von Seite des Amphytrion ou l'on dine, verpflichtet,“ ſagte die Fürſtin und lachte herzlich über ihren eigenen Witz. 1 „Arme Frau! Sie hat ein hartes Leben!— Zu Grunde gerichtet, ehe ſie geboren wurde, zwang man ſie, einen abſcheulichen alten General zu heirathen, der nach Branntwein und Tabak roch; und ſein Tod, an⸗ ſtatt ihr eine unabhängige Exiſtenz zu verſchaffen, V —-— y— machte ſie nur noch elender, als zuvor. Hätte die Kaiſerin ſich ihrer nicht wieder erbarmt, ſo müßte ſie ſich lebend auf den verſchuldeten Gütern ihres Sohnes begraben, wo man dann nie wieder etwas von ihr gehört hätte.“ „Es war dieß in der That ein glücklicher Zufall,“ ſprach ich, etwas erſtaunt über die kaltblütige Offen⸗ heit meiner neuen Bekannten, obgleich ich zugeſtehe, daß meine Miene ſie in dem Glauben beſtärken mußte, daß ſie in mir eine minder demüthige Stieftochter ſehe, als gewöhnlich der Fall war. „Günſtig allerdings für die Wohlfahrt ihrer Kin⸗ der; aber für ſich, glaube ich, hatte ſie wenig Ange⸗ nehmes davon, denn ſonſt würde ſie ſchwerlich dieſe zweite Heirath geſchloſſen haben. Ich habe gehört, daß Ihr Vater in der Zeit, in welcher dieſes Project entworfen wurde, noch keine Ausſicht auf ſeine gegen⸗ wärtige Stellung gehabt habe; und wenn etwas die Langweiligkeit der Petersburger Geſellſchaften über⸗ treffen kann, ſo ſind es, glaube ich, die eines kleinen deutſchen Hofes.“ Ich vermuthe, ich ſollte mich beleidigt gefühlt ha⸗ ben; ſtatt deſſen war ich jedoch vollkommen zufrieden, ſowohl die Reſidenz, als meine Stiefmutter aufzuopfern. „Ich glaubte immer,“ ſprach ich, daß Frau von Rehfeld nicht nur eine ſehr glückliche, ſondern auch ſehr ehrenvolle Stellung bei Hof zur Zeit ihrer Vermäh⸗ lung genoß?“ Eine lebhafte Geberde drückte eine entſchiedene Verneinung aus. „Wir haben Urſache zu glauben, daß Frau von Rehfeld nicht beſonders feſt in der Gunſt des Kaiſers ſteht,“ erwiederte ſie.„Wie konnte ſie unter ſolchen Umſtänden ein angenehmes Leben genießen? „Erſtens haßt er die Franzoſen im Allgemeinen, zweitens hat Madame Erloff ſein Mißfallen erregt, indem ſie ihre Tochter in Paris erziehen ließ. Niko⸗ 168 laus iſt ruſſiſch bis an ſeinen Herzkern; um ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, es iſt dieß die Pflicht eines Czaars; und wahrſcheinlich ſah er gleich im er⸗ ſten Augenblicke, daß ein Weib mit Vaudreuils Blut (gleich einem Wrack an den Ufern bei dem Aufbruche des verbannten bourboniſchen Hofes in Mietau zurück⸗ gelaſſen) ſowohl eine unwillkommene Gefährtin für die Stroganoffs, Nariſchkins, Zouboffs und mehrere An⸗ dere ſein, als auch die Kaiſerin in ihrer Leidenſchaft für franzöſiſchen Putz und franzöfiſche Unterhaltungen beſtärken würde.. 3 „Er duldete ſie jedoch, wie es bei jedermann der Fall iſt, welcher von irgend einem Gliede ſeiner Fa⸗ milie begünſtigt wird, obgleich ich vermuthe, daß das Beſtreben, dem Barone eine Stelle zu verſchaffen, welche die Heirath erleichterte, einzig von dem Bewußt⸗ ſein herrührte, daß der kaiſerliche Hofſtaat durch die reizende Gräfin Erloff nie verbeſſert werden würde. In dem diplomatiſchen Corps hingegen war die Ider einer Frau von Rehfeld ſehr erträglich.“ Dieß war die frei ausgeſprochene Anſicht der Für⸗ ſtin von dieſer Sache. Ganz geringe Ermuthigungen von meiner Seite veranlaßten ſie, hinzuzufügen:„die Wahrheit zu geſte⸗ hen, man glaubt, daß der Kaiſer ſie als eine Intri⸗ gantin verabſcheue, die ſie auch gewiß iſt; und wir waren daher ſehr überraſcht, von euch Allen auf dem Balle in dem Anitſchkoff zu hören. Daß der Kaiſer Sie, ſchöne Ida, höchſt bezaubernd fand und Ihrer mit der größten Bewunderung erwähnte, iſt minder überraſchend. Sie haben nichts mit der Baronin ge⸗ mein, ja Sie werden vielleicht jene Art von Antipa⸗ thie gegen ſie empfinden, welche ohne Zweifel zwiſchen jeder Stiefmutter und ihrer Tochter beſtehen muß.“ Von der letztern Bemerkung nahm ich keine Notiz. Ich überdachte nicht ohne Bewegung der Fürſtin An⸗ deutung auf die günſtige Meinung, welche der Kaiſer 169 über mich ausgeſprochen hatte. Sie können ſich nicht denken, meine Liebe, welche Ehre in ſolche Gunſtbezeu⸗ gungen an dieſem Platze niedriger Sclaverei geſetzt wird. 3 „Die Wahrheit geſagt, ich war voll Verlangen, Sie zu ſehen, nachdem ich gehört hatte, welch ein Auf⸗ ſehen Sie auf dem Anitſchkoffball gemacht,“ fuhr die Fürſtin W. fort.„Ich war nicht eingeladen. Ich habe zu lange in Frankreich gelebt, als daß Nikolaus noch günſtig von mir denken könnte, und bin der Michaeloff⸗ partei zu ſehr ergeben, um bei den Höflingen gut an⸗ geſchrieben zu ſein. Diejenigen, welche Sie mit neidi⸗ ſchen Augen betrachten, behaupten, daß die Bewunde⸗ rung, welche Sie erregten, aus einer Aehnlichkeit her⸗ vorgehe, die der Kaiſer zwiſchen Ihnen und unſerer lieblichen Großfürſtin zu der Zeit, als dieſelbe in der ganzen Schönheit und Anmuth ihrer glücklichen Jugend hier zuerſt auftrat, fand.“ Ich ſagte, daß ich mich ſehr geſchmeichelt fühlte, und bin überzeugt, daß einer der Beweggründe der Fürſtin, indem ſie die Bekanntſchaft einer ſo viel jüngern Perſon, als ſie war, ſuchte, eine gewiſſe weib⸗ liche Neugierde iſt, zu ſehen, in wie fern die Aehnlich⸗ keit ſtattfinde, da die Großfürſtin eine der gebildetſten und geiſtreichſten Prinzeſſinnen war. „Und was beabſichtigt Frau von Rehfeld mit dem jungen Engländer, welchen ſie dem Gerüchte zu Folge 5 ihten Familienkreis gezogen hat?“ fuhr die Für⸗ in fort. „Ich habe zu viel kindliches Gefühl, oder vielleicht zu wenig Neugierde, um eine Frage über dieſen Ge⸗ genſtand zu ſtellen,“ erwiederte ich, und ich glaube, ich ſah ſo wenig betheiligt aus, indem ich dieſe Verſiche⸗ rung machte, als es wirklich der Fall war. „Wenn ſie im Stande iſt, ihn ſich für Mademoi⸗ ſelle Erloff zu ſichern, ſo würde ſie ohne Zweifel ihre Projecte in Hinſicht auf Sergius Gallitzin gerne auf⸗ 170 geben, welcher am Ende doch keine glänzende Partie wäre— denn er muß erſt ſein Glück machen.“ „Ich denke, Lord Elvinſton iſt keiner von jenen Männern, die ſich bethören laſſen,“ ſprach ich. „Dieß meinten die Leute auch von Ihrem Vater, als Madame Rehfeld zuerſt ihren deutſchen Feldzug er⸗ öffnete; Sie ſehen jedoch, daß Sie ſich täuſchen. Sie iſt gerade eines von jenen Weibern, welche die Leute ihrer Wache berauben, indem ſie unbewacht ſcheinen, während jedes ihrer Worte und jede ihrer Handlungen berechnet iſt. Ich für meinen Theil glaube, daß ihre Pläne mit dem jungen Engländer weder ihre eigene Tochter, noch ihre Stieftochter betreffen. Man ver⸗ muthet, daß der Kaiſer in dieſem Zeitpunkte den Eng⸗ ländern ſehr geneigt ſei; erſtens um einer natürlichen Parteilichkeit willen, und zweitens wegen dem Wunſche, ſeinen Haß gegen die Franzoſen zu zeigen; und Frau von Rehfeld liegt es demnach am Herzen, ſich auf ei⸗ ven guten Fuß mit der britiſchen Geſandtſchaft zu ellen. —Es war ohne Zweifel nicht an mir, der Fürſtin die wirkliche Lage der Dinge zu erklären, ich gab ihr jedoch zu verſtehen, daß die Beſuche des jungen Eng⸗ länders nicht eigentlich eine Folge der Einladungen der Baronin ſeien,— und ich vermuthe, ſie verſtand meine Bemerkung; denn ſie antwortete mit einem be⸗ deutungsvollen Lächeln. „Der Kaiſer und die Kaiſerin werden dem Balle beiwohnen, welchen die engliſche Geſandtin nächſte Woche geben wird,“ ſprach ſie,„eine Auszeichnung, die dem Herzog de Mortémart nicht zu Theil ward, weil ... aber ich brauche Ihnen nicht erſt die ganze Ge⸗ ſchichte zu erzählen. Sie werden Alles wiſſen.“ Ich kenne ſie genau; aber indem ich mich der vortrefflichen Lehre des Herrn de Vaudreuil erinnerte, daß wir, um gut mit der Welt zu ſtehen, dulden müſ⸗ ſen, in Dingen von Leuten unterrichtet zu werden, die nichts davon wiſſen, ließ ich mir die Anerdote von ei⸗ nem beyue, wirklich oder erdichtet, von Seiten Mor⸗ témarts erzählen. Da der Herzog die Elite des ruſſi⸗ ſchen Adels eingeladen hatte, um dem Privattheater in ſeinem Hotel beizuwohnen, gab er ihnen als eine paſſende Unterhaltung, mitten unter ihrem türkiſchen démélé, das Stück:„Der Bär und der Paſcha!“ Es iſt wahr, das Epigramm war einzig auf die Theaterzettel beſchränkt,— das Stück an und für ſich enthielt nichts, was für eine Beleidigung gehalten werden konnte. Aber des Kaiſers Geſicht nahm eine mißvergnügte Miene an, und wer ſchmeichelt nicht der kaiſerlichen Laune, wenn ſie finſter iſta. Ich bin jedoch ſehr erfreut, zu hören, daß der Hof bei dieſem engliſchen Feſte gegenwärtig ſein ſoll; denn obgleich daſſelbe an Heiterkeit und Ungebundenheit ver⸗ lieren wird, ſo werde ich doch mit einiger Neugierde das Betragen unſeres Bären von einem Engländer betrachten, und daſſelbe mit dem des Grafen Vau⸗ dreuil unter ähnlichen Umſtänden vergleichen. „Die Gallitzin's würden ſehr erfreut ſein, wenn eine Heirath zwiſchen Fürſt Sergius und Ihrer Stief⸗ ſchweſter zu Stande käme,“ bemerkte die Fürſtin,„we⸗ gen des Einfluſſes, den man glaubt, daß ihre Mutter bei Hofe übe, denn nach Allem, und da der Kaiſer zu ihren Gunſten eines ſeiner feſteſten Vorurtheile über⸗ wunden hat, muß ein ſolcher Einfluß beſtehen. Ich für meinen Theil denke, Mademoiſelle Erloff würde weit glücklicher ſein, wenn ſie dieſen Engländer heira⸗ then würde, der ihr im Alter angemeſſen und reich wie ein Cröſus iſt; während Gallitzin wenig beſitzt, weder an Jugend, noch an Vermögen, womit er prah⸗ len könnte. Ich gehe gleichfalls auf den engliſchen Ball und werde meine eigenen Beobachtungen anſtel⸗ len. Es würde in jeder Hinſicht für Sie gut ſein, Marguerite wohl verſorgt, außer Wegs zu wiſſen.“ „Nicht außer dem meinigen!“ rief ich mit voll⸗ kommener Aufrichtigkeit. „Kleine Heuchlerin!“ drohte die Fürſtin lächelnd. „Vollkommen aufrichtig, ich verſichere Sie! Mar⸗ guerite iſt das liebenswürdigſte und gutmüthigſte Ge⸗ ſchöpf der Welt. Marguerite allein ſöhnt mich gänz⸗ lich mit ihrer Mutter aus.“ „Dieß thut ſie bei vielen Leuten, denn die Baro⸗ nin würde ſonſt ein elendes Leben führen. Das Schlimmſte davon iſt, daß, wenn das arme Mädchen nicht bald eine Verſorgung erhält, ſie am Ende noch eine Neigung zu ihrem gut ausſehenden, aber ſonſt auch zu nichts tauglichen Vetter, faßt, welcher ſelbſt in Paris, wo ein Rouèé zu ſein für eine Heiligſpre- hund gilt, um die Hälfte zu ſehr roué erklärt wor⸗ den iſt.. „Ich kenne ihn jetzt zwei Winter hindurch. Da ich mit der alten Gräfin Auguſte während ihrer Ver⸗ bannung auf ſehr vertrautem Fuße ſtand, war ich ein häufiger Gaſt im Hotel de Vaudreuil, wo ſie mir als Erkenntlichkeit für die drei oder vier Sommer, die ſie in meinem Landhauſe in der Nähe von Zarskoje⸗Selo zubrachte, einige Gläſer Zuckerwaſſer und die Geſellſchaft herr Familie gönnte, zu welcher Graf Alfred ge⸗ örte. „Um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß dies ein Tauſch war, bei dem ich nichts verlor, denn ihre Zirkel gehörten zu den angenehmſten in Paris; während ſie in meinem Hauſe nichts, wie Koſt, Wohnung und die unangenehmſte Geſellſchaft der Welt erhielt.“ V „Glauben Sie, daß irgend eine Möglichkeit einer Vermählung zwiſchen den beiden Verwandten vorhan⸗ den ſei?“ ſprach ich oberflächlich, etwas erſtaunt, etwas überraſcht, daß mir dies nie zuvor eingefal⸗ V len war. 4 „Zwiſchen Marguerite und dem Grafen Alfred? 173 Welch ein Gedanke!— Der Brautſchatz der Mademoi⸗ ſelle Erloff beſteht in ihrer Mutter Gunſt bei der Kai⸗ ſerin. Welchen Nutzen hat dieſe für Vaudreuil? Al⸗ fred beſitzt ein mäßiges Vermögen und muß es durch eine Heirath vergrößern.“ „Ich verſtehe,“ antwortete ich.„Ihrer Mutter Streben bei Hof zielt darauf, Marguerite mit dem Fürſten Gallitzin zu vermählen.“ „Beſtimmt. Sie wird eine ſehr glänzende Stel⸗ lung dadurch erhalten, und der Kaiſer und alle Par⸗ teien werden befriedigt ſein. Es würde mich dem zu Folge nicht überraſchen, wenn der Fürſt als Geſandter nach London oder Paris geſchickt werden ſollte. Er hat allerdings die Eigenſchaften, welche für eine unſerer großen Geſandtſchaften erforderlich ſind.“ „Ich war ſtets der Meinung,“ ſprach ich unauf⸗ wttſam,„daß der Fürſt beträchtliche Talente be⸗ ſitze.“. „Ich ſpielte nicht auf ſeine Talente an. Gränzen⸗ loſe Ergebenheit für den Kaiſer, hölzerne und aus⸗ drucksloſe Züge, viereckige und kräftige Schultern ſind die Qualifikationen für einen ruſſiſchen Geſandten. „In Paris oder London, il faut savoir prendre une attitude imposante!“ „Wenn dies der Fall iſt, ſo wird die arme Mar⸗ guerite weit weniger für eine Geſandtin paſſen, als der Färſt für einen Geſandten,“ entgegnete ich;„denn 6 iſt das ſchüchternſte Weſen, das man finden ann.“ 3 „Dann ſprechen alſo jene dunkeln Augenbrauen und der ausdrucksvolle Mund nicht die Wahrheit!“ antwortete die Fürſtin.„Ich glaubte, ſie verberge einen entſchiedenen Charakter unter einem ſanften Aeu⸗ ßern, und hielt ſie dem gemäß ganz tauglich für eine Geſandtin. Was für den Herrn gut iſt, iſt für die Dame ſchlimm. Zwei hervorragende Köpfe in einem Haushalte ſind faſt zu viel. Aber wer kann wiſſen, was die Mädchen werden, wenn ſie verheirathet ſind? — Der junge, dunkle Schwan wird zum weißeſten; — das gelbſte Hühnchen verwandelt ſich in die ſchwär⸗ zeſte Henne. Die Zeit wird uns die Fürſtin Gallitzin in ihrer wahren Geſtalt zeigen.“ Es würde Sie wenig intereſſiren, meine Liebe, für die der Hof in Petersburg eine terra incognita iſt, wenn ich Ihnen die vielen milden Winke und Ver⸗ muthungen erzählen würde, womit Madame de Choi⸗ ſy's fluchtige Freundin mich zu beluſtigen ſtrebte. Es genüge, daß die Karte, welche ſie mir entfaltete, in jeder Hinſicht von derjenigen verſchieden iſt, die ich zu Hauſe aufgelegt ſehe. Mein Vater mit ſeinen ängſtli⸗ chen Anſichten, und die Frau Baronin mit ihrer faſt kriechenden Ehrfurcht vor jenen höhern Mächten, welche ſte in Rehfeld ſo wenig zu achten vorgab, würden nicht beſonders erfreut ſein, wüßten ſie, welch einen Blick ich in die geſellſchaftlichen Myſterien des Hofes geworfen habe. Wenn es jedoch von geſundem Ver⸗ ſtande zeugt, weiſe zu ſprechen, um wie viel mehr wird es dann der Fall ſein, zu wiſſen, wenn man ſchweigen muß. Bei meiner Rückkehr nach Hauſe ſprach ich nicht eine Sylbe von den erhaltenen Auf⸗ klärungen. Sie fühlen ſich vielleicht veranlaßt, auszurufen, daß es kein geringes Zeichen eines großen Geiſtes iſt, wenn man ſeine Feder wegzulegen weiß. Laſſen Sie mich deßhalb jetzt noch mit einer Wiederholung meines Dankes für die angenehme Bekanntſchaft ſchließen, welche Sie und Madame de Choiſy mir verſchafft haben.. Vierzehnter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil an den Grafen Jules. Ich war Dir ſo oft Dank ſchuldig, mein theuer⸗ ſter Bruder, weil Du mich mit Deinen Abenteuern unterhieltſt, welche ſo viel Kraft von der unwandelba⸗ ren Offenheit erhielten, die unläugbar Deine Erzäh⸗ lungen anmuthig machte, daß ich Deiner Aufforderung gehorche, und Dir einen vollſtändigen, wahren und genauen Bericht von dem Anzuge meiner Geliebten gebe.. Wiſſe alſo, daß meine ſchöne Ida kürzlich, den Stolz einer Schönen angenommen hat und unerträg⸗ lich eiferſüchtig wird. Wäre ihre Eiferſucht von der rechten Art, d. h., entſtände ſie aus allzugroßer Liebe für mich, ſo würde ich ihr vergeben. Aber um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, es iſt eine gemeine Leidenſchaft, die Eiferſucht eines neidiſchen Mädchens. Sie kann nicht ertragen, daß man Marguerite dieſelbe Aufmerkſamkeit, wie ihr, erweist, und unſere kleine Coufine iſt ſo gut, ſanft und anſpruchslos, daß ich keine Veranlaſſung zu jenen gehäſſigen Gefühlen ſehe, deren Ziel ſie iſt. Ich bin überzeugt, Fräulein von Rehfeld wird vielmehr durch den Gedanken gequält, daß ihre Stiefſchweſter eine Geſandtin werden ſoll, als durch den, daß dieſelbe einen gewiſſen Grad von Intereſſe in meinem Herzen beſitze. Sie weiß wohl, daß ich für Marguerite eine Art von Zuneigung fühle, die ſie ſchwerlich erlangen, noch zu erhalten wünſchen wird;— eine Art von traulicher, heimiſcher und liebender Verehrung, die eine leere Schönheit, ja ſelbſt eine ausgezeichnet talentvolle Schönheit nie hervorzurufen im Stande iſt. Sei die Urſache ihrer Eiferſucht, welche ſie wolle, ſo viel iſt gewiß, ſie fängt an, eiferſüchtig zu werden; und die Eiferſucht erzeugt auch hier ihre gewöhnliche Wirkung und macht ſie unfreundlich und ungerecht. Ich bleibe jedoch ſo gerecht, wie Ariſtides, nicht nur gerecht, ſondern übe auch Gerechtigkeit, und bin dem zu Folge entſchloſſen, ihren Unwillen gegen meine duldende Couſine um ſo mehr zu beſtrafen, als es mein aufgeregtes Blut wieder beruhigen kann, wenn ich darauf ausgehe, mich ein wenig auf ihre, oder die Koſten anderer Perſonen zu beluſtigen. Ich hegte die Hoffnung, daß das franzöſiſche Thea⸗ ter Alles aufbieten würde, mich während des Winters durch Lachen über deſſen abſcheulichen Tragödien, oder durch Schnupfen über die äußerſt barbariſchen Verun⸗ ſtaltungen Molière's, welchen man immer geſteattet, die Strenge der Geſetze und des Anſtandes zu ver⸗ letzen, warm zu erhalten. Aber ſelbſt dieſes Vergnügen hat gemangelt. Man konnte nicht fortwährend über die Dienſtfertigkeit lachen, mit der dieſe Wilden ap⸗ plaudiren, wenn ſie glauben, es ſei ein franzöſiſches Drama, das jedoch eben ſo gut von den Ufern des Gambia, als dem der Seine hätte herſtammen können. Es iſt alſo wirklich nicht meine Schuld, daß ich ge⸗ zwungen bin, mich ein wenig auf Koſten meiner ver⸗ meſſenen Heldin von der Oder zu ergötzen. Du erinnerſt Dich jenes langbeinigen Engländers, welcher im letzten Winter den ganzen Klubb durch ſeine zuckenden Bewegungen in Aufruhr zu bringen pflegte? Hier iſt er nun, reich wie Golconda und trübſelig wie— wie— achl ich kann nichts Schlim⸗ meres finden, als„finſter wie Petersburg.“ Denke Dir, es iſt mir gelungen, dieſes kaltblütige Thier zu einer Liebe mit Marguerite zu überreden und die ganze Familie, die beiden Mädchen nicht ausgenommen, glaubt, er ſei in Ida verliebt. Die Mißverſtändniſſe, zu welchen dies Anlaß gegeben hat, ſind über alle 177 Begriffe beluſtigend. Ueberzeugt daß Engländer in ſolchen Sachen äußerſt raſch und unbeſonnen handeln, warten ſie jeden Tag auf Bewerbungen von Elvin⸗ ſton's Seite, um die Hand der Lilie von Rehfeld, auf die er jedoch ſo wenig Abſicht hat, wie ich auf eine der kleinen Großfürſtinnen. Unſere vortreffliche Cou⸗ ſine, die Baronin, welche Pläne mit ihrer Stieftochter hat, von denen ich bis jetzt noch nicht das Geringſte mit Beſtimmtheit ermitteln konnte, ermuntert Ida fort⸗ während, die Eigenheiten ihres vermutheten Anbeters lächerlich zu machen, während ſie, hätte ſie eine Ah⸗ nung, daß dieſer Mann, der, wenn er wollte die 150,000 Leibeigenen kaufen könnte, welche den Reich⸗ thum einiger tartariſchen Fürſten dieſes Landes aus⸗ machen, wie z. B. der Youſoupoff und Andere— meine Couſine liebe, die erſte ſein würde, in dem Vicomte den Cheſterfield des modernen Englands zu entdecken. Wenn ich nicht der vollkommenen Ueberzeugung wäre, daß Marguerit die Knute verdiene, ſobald ſie dieſen bri⸗ tiſchen Cröſus ausſchlagen würde, ſo würde mein Ge⸗ wiſſen nicht zugeben, daß ich fie in der Finſterniß weiter tappen ließe, die abſichtlich durch mich erzeugt wurde. Vergangene Nacht gab der engliſche Geſandte einen Ball von ſeltener Pracht, dem der Kaiſer, die Kaiſerin, der Großfürſt und ſeine liebliche Gemahlin beiwohnten. Alles war auf das Glänzendſte hergerichtet, wenn auch die reichen Gemächer, vielleicht aus Furcht, es möchte der Kaiſerin zu kalt werden, und der wachſen⸗ den Schwächlichkeit ihrer Geſundheit nachtheilig ſein, nicht luftig genug waren. Es herrſchte keine Ueber⸗ füllung. Außer dem Hofe und dem diplomatiſchen Corps waren bloß noch 300 Perſonen eingeladen. Da ich mit Rehfelds dinirt hatte, begleitete ich ſie zu dem Feſte, und ergötzte mich nicht wenig an den Manoeuvern, die Ida machte, mich ferne von Die Frau des Geſandten. J. 12 178 ihr zu halten. So ſagte ſie z. B. ſie ſei ſchon für die erſte Tour verſprochen, um ihre Hand dem einzi⸗ gen jungen Engländer von Rang in Petersburg rei⸗ chen zu können, der deshalb als König des Balls be⸗ trachtet werden konnte. Dies freute mich um ſo mehr, da ich wußte, daß es Elvinſton's Abſicht ſei, Marguerite zu engagiren; und als er uns ſchon über den Hals kam, ehe wir noch das Vorzimmer verlaſſen oder der Lady H. unſer Kompliment gemacht hatten, konnte ich kaum Ernſt genug behaupten, die niedergeſchlagene Miene des Fräuleins von Rehfeld zu betrachten, als ſie ſich zu⸗ rückgeſetzt ſah. Sie ſchien zu glauben, es müſſe ein Verſehen ſein, und ſah aus, als wolle ſie ihm ſagen, er habe in ſeinen gewöhnlichen Anfällen von Geiſtesabweſen⸗ heit die eine Schweſter für die andere gehalten. Urtheile jedoch über ihr Erſtaunen, ja ſelbſt über das meinige, als der Vicomte, indem er eine Bot⸗ ſchaft von Nariſchkin erhielt, in welcher er benachrich⸗ tigt wurde, daß ihm die Ehre zu Theil werden würde, die nächſte Quadrille mit der Kaiſerin zu tanzen, ant⸗ wortete:„er ſei an Mademoiſelle Erloff verſprochen!“ Der Zorn des Marſchalls, der den Auftrag und die Antwort erhalten, war nicht zu beſchreiben. Seine Entrüſtung ſchien im erſten Augenblicke zu ſtark zu ſein, um Worte finden zu können. Der Contraſt zwi⸗ ſchen ſeinen flammenden Augen und Elvinſtons kaltem Gleichmuthe war im höchſten Grade ergötzlich. Der Geſandte miſchte ſich ohne Zweifel ein, um einer ſolch groben Verletzung der Etiquette vorzubeu⸗ gen, wie das Zurückweiſen eines ſolchen Antrages war; aber die Miene von Furchtlofigkeit und ennui, mit welcher der arme Elvinſton durch ſeine Quadrille ging, war beinahe ſo beluſtigend, wie die tiefe Bitterkeit, die ſich in Fräulein von Rehfeld's Zügen ausſprach, indem ſie alle Augen auf meine kleine Coufine gerich⸗ 179 tet ſah, als die Auserwählte desjenigen, den die Czaa⸗ rin gewählt hatte. Vermuthlich war es die Aufregung, welche das Gefühl der Zurückſetzung in ihr hervorrief, die ihrer Wange eine lebhafte Farbe verlieh und über ihre ganze Geſtalt einen Reiz verbreitete, von dem man ſagt, daß er für andere in dem Gürtel der Venus liegt. Sie ſah wirklich göttlich aus— ſo göttlich, daß niemand überraſcht war, als der Kaiſer, nachdem er einige Minuten mit der Baronin geplaudert hatte, ſich länger als eine halbe Stunde mit ihrer Stief⸗ tochter unterhielt, die ich ſorgſam der Obhut der Frau von Rehfeld überlaſſen hatte. Ich muß geſtehen, daß Ida ſo viel natürlichen Anſtand und eine gewiſſe Feinheit in ihrer Art zu ant⸗ worten beſitzt, welche Nikolaus, nach der gemeinen Zu⸗ dringlichkeit der Horde von Petersburger Schönen, ſo erquickend für ſein Ohr gefunden haben mußte, wie den Anblick ihres weißen Kleides und den friſchen Blumen in ihren Haaren, neben den Ueberladungen von Juwelen, welche die Youſoupoffs, Paſchkoffs, Zu⸗ boffs et hoc genus omne trugen.— Von dieſem Augenblick an jedoch wurde, ſtatt daß Marguerite die Auszeichnung empfing, welche ich ihr durch Elvinſton's Huldigung zugedacht hatte, Ida die Königin des Balles. Aller Augen waren auf die neue Schönheit gerichtet; und ich glaubte, nach der ſeltſam ablehnenden Miene, welche unſere Couſine annahm, indem ſie die liebliche Zavadoska, Madame Witgen⸗ ſtein und einige andere anredeten, bei denen ſie in gro⸗ ßer Achtung ſtand, daß ſie ſich einbildete, ſie habe ein Wunderwerk vollbracht. Der arme Vicomte ſtellte ſich von der Zeit an, in welcher er ſich von den Ehrenbezeugungen, die ihm wider Willen zu Theil wurden, zurückziehen konnte, an Marguerite's Seite, um die zweite Quadrille mit ihr zu tanzen. Wie gewöhnlich ſchüchtern, ernſt und ſchwärmend, erlaubte ihm meine kleine Couſine, ſie zu einer Maſurka zu führen, welche gebildet wurde, und ſite war in ver Meinung, es ſei ein anderer franzöſi⸗ ſcher Tanz. Da ſtanden ſie nun plöͤtzlich, von dem rauſchenden Orcheſter belehrt; Marguerite war bleich und bewegungslos, wie die Statue einer Muſe. El⸗ vinſton ſah ſchüchtern, verwirrt und erſtarrt aus, wie der Leib eines Miſſethäters, der von dem Galgen ab⸗ geſchnitten wird; denn nicht einen einzigen Schritt der Maſurka brachte mein armes engliſches Opfer zu Stande, da dieſelbe, wie Du wohl weißt, ein Tanz iſt, der einiges Studium erfordert. Es ſchien jedoch ein Verbrechen gegen die Etiquette zu ſein, zurück zu treten; denn der Zug wurde nicht nur in Bewegung geſetzt, ſondern es ſchloſſen ſich ihm auch die Kaiſerin und einige Ehrenfräulein an. Nichts konnte lächerli⸗ cher ſein, als ihre Stellung. Ich vermuthe, daß irgend ein geheimes Zeichen zwiſchen Marguerite und ihrer Schweſter gewechſelt wurde; denn da ich gezwungen war, mich bei der Be⸗ antwortung einer von dem Großfürſten Michael an mich gerichteten Frage herumzudrehen, bemerkte ich, als mir wieder erlaubt war, die Tanzenden zu betrachten, daß Ida und der junge Prinz Gagarin den Platz des unglücklichen Paares einnahmen, und mit ſo auffal⸗ lender Anmuth vollführte Ida einige Stellungen, die ſelbſt an Lebhaftigkeit die der Cracovienne übertrafen, daß jedes Auge auf ſie gerichtet war. Sogar die Kaiſerin, welche vortrefflich tanzt, wurde verdunkelt. Die Baronin iſt zu ſehr Hofdame, um ihrer Tochter zu erlauben, eine ſolch unvergleichliche Anmuth zu ent⸗ falten, ſelbſt wenn ſie es vemocht hätte. Aber um Fräulein von Rehfeld eine ähnliche Lehre einzuprägen, dazu fehlte die Gelegenheit. Elvinſton, welcher mittlerweile ganz Dankbarkeit gegen die Schöne war, deren Gewandtheit, mit ihrer Schweſter zu verkehren, ihn aus einer Lage befreit 181 hatte, die für ihn verzweifelnd war, wachte jetzt ſtumm und bewegungslos, gleich einem der zwölf Mohren, die bei Hoffeſten an dem Eingange des prächtigen tau⸗ riſchen Palaſtes ſtehen, über Marguerite, nachdem er ſie in die Arme ihrer Mutter zurückgeführt hatte. Ohngeachtet des Spottes, welchen er ſich durch eine ſo grobe Verletzung des Anſtandes, wie dieſe öf⸗ fentliche Kundgebung ſeiner Neigung für ein Mädchen war, zuzog, ſtand er da, ſeine Augen auf Mademoiſelle Erloff geheftet, die Arme ſchlaff herunterhängend, und die Kniee feſt zuſammengepreßt! Es iſt wahr, er hatte bereits eine Strafpredigt von der Baronin wegen ſei⸗ nes Mangels an Schiicklichkeitsgefühl empfangen, da er ſich gemächlich in einen Stuhl neben Marguerite ge⸗ ſetzt hatte. Ich hatte nicht vermocht, ſie zu überzeugen, daß dies keine abſichtliche Beleidigung, ſondern einfach eine Probe der freien und ungebundenen Sitten der Engländer ſei, wenn ſie ihre falſche Scham ablegen, oder eher vielleicht ein Beweis, daß ſie dieſelbe nie ablegen, ſondern ſich nur eine Tugend(oder ein La⸗ ſter) anmaßen, wo keines von beiden vorhanden iſt. Mittlerweile ging Frau von Rehfeld auf Dornen. Indem ſie dieſen einfältigen Anhängſel betrachtete, der ſich an ſie auf eine lächerliche Weiſe und in der Ge⸗ ſtalt eines Bewunderers von Ida, welche bloß wegen der Sache eines andern gegen ihre Tochter höflich war, attachirte, hatte ſie weder mit Marguerite, noch mit deren Ritter Geduld, und dies noch weniger, als ſie den Enthuſiasmus ſah, den die wunderbare Geſchick⸗ lichkeit, mit der es der Lilie von Rehfeld gelang, ihre Nationaltänze auszuführen, unter den Ruſſen erweckte. Die Huldigung des Kaiſers war ohne Zweifel das Mittel, durch welches auch unter ihnen die Bewunde⸗ rung ihrer Verdienſte erregt wurde; aber einmal be⸗ merkt, war es unmöglich, ihre Augen wieder abzu⸗ lenken. Selbſt jener unendlich ernſte Kamerad, Ser⸗ gius Gallitzin, welcher der Ueberzeugung iſt, deo 182 volente heute oder morgen die Ehre einer Verbindung mit den Vaudreuils zu erhalten, heftete jene zwei kal⸗ ten, grauen Augen, die nur gewöhnt ſind, auf Per⸗ gament und deſſen Inhalt zu verweilen, unverwandt auf ſie, und war dem Anſcheine nach mit allen Andern im Zimmer der Meinung, daß für die Zukunft die Kaiſerin aller Reuſſen nicht mehr länger für die Kai⸗ ſerin aller Tänzerinnen gelten würde. Das Feſt war glanzvoll, das Abendeſſen vortreff⸗ lich, Alles in jenem ſeltſamen Style geordnet, durch den die engliſchen Geſandtſchaften in Petersburg, Wien oder in andern Städten des Feſtlandes uns von dem gänzlichen Mangel an Geſchmack der Engländer über⸗ zeugen. Aus der Trübſeligkeit ihrer Geſellſchaften in London, und dem Glanze ihrer Aſſembleen an allen andern Orten geht hervor, wie viel ihre Reichthümer und ihre Verſchwendung in dem Augenblicke zu leiſten vermögen, wenn ſie durch den beſſern Geſchmack frem⸗ der Nationen geleitet werden. Was meine Privat⸗Vergnügungen betrifft, ſo bin ich jetzt ein wenig beſſer zufrieden mit Petersburg. Ich vermied vom erſten Augenblicke an gleich ſtrenge, mich allein der Obhut der Rehfelds anzuvertrauen; denn meine Lilie, obgleich wirklich eine Lilie, und jetzt eine kaiſerliche, kann nicht verhindern, daß ich die Roſen im Parterre wahrnehme. Ich befleißige mich, einige Eitelkeit in meine Vergnügungen zu legen. Man iſt hier nicht weggeworfen, nicht verachtet. Die Leute wiſſen einen zu ſchätzen. Die Ruſſen mit ihren Leibeigenen, ihrem Golde und ihren ſchönen Weibern ſind die langweiligſten Geſchöpfe des Satans. Sie haben ein heftiges Verlangen nach Vergnügen, Geld, es zu erkaufen, aber leider iſt nicht der kleinſte Theil des gewünſchten Gegenſtandes zu erkaufen. Daher iſt ihnen jede Neuerung, ob natürlich, künſt⸗ lich, oder abſtrakt, als eine Sendung von Gott will⸗ kommen. Zu Alexanders Zeiten pflegten ſie das Spiel 183 leidenſchaftlich zu lieben, und tauſend andere Dinge zu verſuchen, die eher der Freiheit von Paris, als der von Petersburg angepaßt hätten. Jetzt verbietet der moraliſche und äußerſt ſittenſtrenge Ton des Hofes jede Ausſchweifung im Vergnügen, und das Einzige, was ihnen noch bleibt, ſich zu beluſtigen, iſt ein ab⸗ geſchmacktes, franzöſiſches Theater, mit einem noch elenderen Ballet, und eine italieniſche Operngeſellſchaft, um deren willen ſie auf Koſten ihres Goldes(und Gott weiß es, daß ſie ſchwer genug davon ſind) die ſchlechteſten Schauſpieler in Europa bereden, in ihre eiſige Hauptſtadt zu gehen, die Ueberbleibſel der Trup⸗ pen, unter denen hie und da ein Stern von einigem Glanze iſt, die dann mit ihren eingeborenen Schreiern und Burzelbaummachern vermengt werden. Auf der andern Seite beſitzen ſie einen angenehmen Zeitvertreib, ausſchließlich national; an demſelben Ver⸗ gnügen zu finden, gehört jedoch, wie es bei den mei⸗ ſten nationalen Ergötzungen in den meiſten Ländern der Fall iſt, nicht zum guten Tone. Dies ſind die Eishügel, wie wir ſie früher in unſern öffentlichen Gärten in Paris unter dem Namen ruſſiſcher Berge⸗ mittelſt einer Oberfläche von Brettern, mehrerer Stricke und Winden auf Koſten unzählbarer Glieder und ei⸗ nes oder zweier Leben für den Winter zu errichten verſuchten;— als ob außer der ſpiegelglatten Fläche des Eiſes nichts dem vergoldeten Schlitten die ruhige oder ſchnelle Bewegung geben könnte, die zum Genuſſe des wirklichen Vergnügens dieſer Unterhaltung unum⸗ gänglich nothwendig iſt, nämlich der Gegenwart der auserwählten Schönen, die man zu ſeinen Füßen ſetzt, um mit ihr den ganzen, ſenkrechten Abhang hinunter zu jagen, was eine ſinnbildliche Darſtellung des Falls der Engel ſein möchte. Nachdem man ſich beinahe zu Tode ermüdet hat, nachdem man den ganzen Abend hindurch mit jenen lieblichen Scythinnen ihr dummes Spiel„la Mouche,“ 184 oder die noch einfältigern Sprüchwörter und kleinen Spiele trieb, aus denen ſie ſich das kleinſte Theilchen von Fröhlichkeit und Vergnügen zu ziehen bemühen, iſt es wirklich erquickend, den nächſten Morgen mit ihnen einen Eishügel hinab zu fahren. Bis an das Kinn gleich Lappländern eingehüllt, und in unſern Schlitten mit ihrer nationalen Anmuth der Stellung geworfen, haben verſchiedene glänzende Geſellſchaften, bei denen ich eingeladen war, wieder und wieder ihre fünfzig Fuß mit einer Beharrlichkeit zurückgelegt, welche einen ſtarken Heißhunger nach der Mittagsſuppe erzeugte; obgleich die Leute hier zu Lande das Mitiag⸗ eſſen durch die Gier unmöglich machen, mit welcher ſie ihren Hunger bei einem Frühmahle„Schälchen“ genannt, ſtillen, das aus den ſchmutzigſten Zuſammen⸗ ſetzungen einer grönländiſchen Küche— Caviar, Käſe, Salzfiſche und Würſten, nach Knoblauch duftend, von Branntwein und andern geiſtigen Getränken begleitet, beſteht. Alles, was ſie zu wünſchen übrig laſſen, iſt eine Doſe mit Aſſafötida, um gleich bei dem erſten üblen Geruch eine ganze Verkettung derſelben zu be⸗ ſeitigen, die aus ihrer köſtlichen Mahlzeit hervor geht. Welch andern Zweck jedoch dieſelbe außer dem haben kann, dem guten franzöſiſchen Diner als Folie im Wege des Contraſtes zu dienen, kann ich mir nicht denken. 8 Ich fing dieſen Brief mit dem Balle des engli⸗ ſchen Geſandten an; und will ihn mit einer Recapitu⸗ lation der Beluſtigungen daſelbſt endigen. Denke Dir den Triumph meiner kleinen ſächſiſchen Schönen, als ſie von dem Kaiſer zu einem Cotillon engagirt wurde! Anſtatt jene Ehrfurcht, wenigſtens dem Scheine nach, zu theilen, welche, ihren frühern Proteſtationen zuwider, immer durch die Unterhaltung des Czaars in den Herzen ſeiner Unterthanen, wenn auch ſchön, hoch und mächtig, hervorgerufen wird, machte ſich Ida von Rehfeld im Gegentheil zu einer 185 ſo angenehmen und unbefangenen Tänzerin für den Kaiſer, wie ſie es für mich geweſen ſein würde; das heißt, noch weit lebhafter und unterhaltender, als ſie, wie ich mir ſchmeichle, mit mir geweſen wäre; denn ich halte es für kein großes Kompliment, wenn ein Weib frei genug iſt, ſich einem Manne angenehm ma⸗ chen zu wollen. Ich liebe ſie niedergeſchlagen, ſchüch⸗ tern, ja ſelbſt ehrfurchtsvoll. Ich habe gerne, daß meine Gegenwart großen Einfluß auf ſie übt. 8 Der Kaiſer jedoch war befriedigt; obgleich er mit ſeiner gewöhnlichen Zerſtreutheit in ſolchen Dingen, und wahrſcheinlich bloß um die Heytesbury's dadurch zu befriedigen, daß er auf ihrem Balle tanzte, einer⸗ lei mit welcher Tänzerin, durch ſeinen Cotillon ging. Man gab mir von allen Seiten zu verſtehen, daß man den Kaiſer ſeit langem nicht in ſo fröhlicher Laune geſehen habe, und Du darfſt mir glauben, daß in einer Stadt, wo jede Veränderung der kaiſerlichen Miene Sonnenſchein oder Regen hervorbringt, die Leute bis auf den millionſten Theil eines Grades, das Steigen oder Fallen eines ſolchen Barometers berechnen önnen. Seit dieſem Balle bin ich nicht mehr bei Reh⸗ felds geweſen. Mich dünkt, ich könnte dem triumphi⸗ renden Blicke dieſer kleinen Zaunkönigin, welche ſich wahrſcheinlich von dieſem Augenblicke an für einen kaiſerlichen Adler hält, nicht widerſtehen. Um wieder auf Elvinſton zurückzukommen, der augenſcheinlich dazu geboren iſt, ein ſehr großer oder ſehr lächerlicher Mann zu werden, der ſo gleichgültig gegen die Meinung der Welt iſt, und ſich ſo wenig um die Gebräuche der Geſellſchaft kümmert, ſo ſage ich Dir, daß über ſeine Liebe für Mademoiſelle Erloff den ganzen Abend hindurch ſo ſpöttiſch geſcherzt wurde, daß ich manches verächtliche Achſelzucken von Seite der großen Hofdamen bemerkte, welches ihre Gering⸗ ſchätzung für die Sitten der Engländer bewies, die, wenn man ihren eigenen Berichten über ſich ſelbſt glauben darf, einen zu ſehr verfeinerten Geiſt beſitzen, um die Politur des Benehmens andrer Nationen zu bedürfen, welche von dieſen für unumgänglich noth⸗ wendig gehalten wird, und zu moraliſch geſinnt ſind, um zu ſehen, daß die Wittwen unſerer Freunde weit angenehmere Geſellſchafterinnen ſind, als deren Töchter. Du verlangſt von mir politiſche Neuigkeiten! In dieſem Punkte verſchone mich und Dich. Die nächſte Annäherung zu politiſchen Neuigkeiten, im eigentlichen Sinne ſo genannt, die man hier jemals erfahren konnte, iſt die Auskunft über die Farbe des Hutes der Kaiſerin, oder ein Geflüſter über die Zahl der Grüße, welche der Kaiſer ſeinen geliebten Unter⸗ thanen zwiſchen dem Palaſte und der Parade ertheilte. Niemand ſpricht hier von Politik. Die politiſchen Be⸗ richte, welche bei dem Volke in Umlauf geſetzt werden, ſind bekanntlich ſo weit von der Wahrheit entfernt, daß es Spott wäre, ſie zu wiederholen. In Staatsangelegenheiten iſt, dem ruſſiſchen Syſtem gemäß, die Oberfläche ſo weit von dem Mit⸗ telpunkte entfernt, daß. Aber wenn ich von Dir verlange, mich mit Po⸗ litik zu verſchonen, ſo erſpare ich Dir auch Deine rhe⸗ toriſchen Erläuterungen. Es genüge, daß jene Gerüchte des Tages, welche ſich in Paris bei wenigen Geſellſchaften, und in Lon⸗ don bei einigen Klubbs im Umlauf befinden, hier gänz⸗ lich mangeln. Wenn Du in Petersburg einen Satz mit„man ſagt,“ anfangen hörſt, ſo ſei gewiß, daß er mit der Ankündigung einer Veränderung des Thermo⸗ meters endigt, oder daß die jämmerliche Kataſtrophe einige Kutſcher, Bediente, oder Pferde betrifft, die während des letzten Balls auf den Straßen erfroren. Du erkennſt mich ganz au pied de la lettre! 187 Du kennſt mich gut genug dazu, um Dein eigenes Urtheil auszuſprechen. Elbinſton iſt ſo eben mit ganz rothen Augen ein⸗ getreten, und wartet ſehnſüchtig, daß ich meinen Brief ſiegle, um mir ſeinen Kummer anvertrauen zu können. Ich bin überzeugt, er iſt entweder von der Mutter, oder der Tochter zurückgewieſen worden; höchſt wahr⸗ ſcheinlich von der letztern, denn die Mütter ſehen ſolche Leute ſelten ſauer an. Das größte Kalb auf Erden, zumal ein goldnes, hat ein blindes Glück! Adieu! Fünfzehnter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Ich kann mich unmöglich von dem Gedanken los⸗ ſagen, mag derſelbe auch einfältig ſcheinen, daß Sie beſte Freundin, nämlich von Allem vollkommen unter⸗ richtet find, was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe bin. Da ich weiß, daß es ſeit zwei Tagen das Thema der allgemeinen Converſation hier ausmachte, ſcheine ich die Entfernung aus dem Auge zu verlieren, welche uns trennt, ja noch mehr die Abgeſchiedenheit von Rehfeld,— jenes fernen, unzugänglichen, dunklen Reh⸗ feld, welches, wie ich glaube, von dem Erdbeben in Liſſabon noch zwanzig Jahre vor dem großen Ereigniſſe noch nichts wußte. Meine Begebenheit iſt jedoch nicht ganz ein Erd⸗ beben; in dem Hofzirkel hier erregt ſie aber ſo viel Intereſſe, als ob eine der kleinern Hauptſtädte Euro⸗ pa's von der Erde verſchlungen worden ſei, oder als ob eine der großen Mächte eine jener Handlungen der Niedrigkeit begangen hätte, welche allein Mächtige ungeſtraft begehen können. Dieſelbe iſt ein raſcher politiſcher Schlag für ganz Petersburg! Wie ich mir aber denke, iſt die Wichtigkeit, welche ich nach und nach hier erlange, aus einem Ausbruche derſelben wil⸗ den Natur entſtanden, und ich zweifle, ob ich gut thun würde, Beſcheidenheit zu üben. Meine Liebe, ſagen Sie mir, habe ich Sie in einem meiner frühern Briefe mit der Macht des Czaars der Moskowitten bekannt gemacht, und zwar auf eine Art bekaunt gemacht, welche man unmöglich aus Land⸗ karten, Zeitungen oder den Zahlen der Statiſtik ent⸗ nehmen kann? Iſt es in der That für Einen, der noch nicht eine Kälte von zehn Grad erfahren hat, möglich, die Größe eines Enkelſohns der großen Ka⸗ tharina kennen zu lernen? Gewiß nicht! Sie halten ihn bloß für einen doppelten, ja dreifachen König von England, oder Frankreich. Sie täuſchen ſich! In Rußland iſt der Kaiſer ſo unfehlbar, wie in Rom der Pabſt. Nicht nur, daß der Kaiſer nichts Unrechtes thun kann, es würde vielmehr die ungroßmüthigſte ſei⸗ ner Handlungen für eine tugendhafte gehalten. Er iſt koloſſal, unendlich— mit einem Worte abſolut; denn wer kann die Eigenſchaften eines Autokraten rich⸗ tig ermeſſen? Ich habe von Alfred de Vaudreuil gehört, daß Ruſſen von hohem Range in Paris oder in andern Städten, obgleich unbefangen in ihrem gewöhnlichen Betragen,(und gibt es etwas Freieres, als einen hochgebornen Ruſſen?) obgleich unvorſichtig im Ge⸗ ſpräche und ungemein lebhaft, bei einer bloßen An⸗ ſpielung auf des Kaiſers Namen plötzlich wie erſtarrt inne halten! Das Schloß, welches den Lippen Papa⸗ genos in unſerer geliebten Zauberflöte angehängt wurde, beſitzt keinen größern Zauber, als dieſer hohe Name. Aber Sie werden anfangen zu glauben, meine 189 Liebe, daß ich Ihnen einen Aufſatz über die Würde des kaiſerlichen Thrones zu liefern verlange, wie Sie mir dergleichen als franzöſiſche Uebungen aufzugeben pflegten. 4 Dies iſt jedoch nicht der Fall! Ich wünſche bloß, Ihnen in einfacher Wahrheit, die Größe dieſes Cäſars der Seythen vor Augen zu ſtellen, und Ihnen die Wichtigkeit begreiflich zu machen, welche mir zu Theil wurde, indem er mir ſeine Aufmerkſamkeit zuwandte. Ich verſichere Sie, daß der Zeitraum einer halben Stunde, in der ich mit ihm lachte und ſcherzte, mei⸗ ner Geſtalt mehr Cubikſchuhe beigefügt hat, als ich zu berechnen im Stande bin. Ich bin nicht überraſcht, daß ich ihm gefalle. Ich ſage dies ohne Eitelkeit und ohne Stolz, ohne Beziehung auf Schönheit, oder An⸗ muth, Witz, oder Liebenswürdigkeit, ſondern einfach mit der Ueberzeugung, daß jedes menſchliche Weſen, ſelbſt der Kaiſer, der ewigen Unterwürfigkeit müde werden muß. Nichts, was der Gottheit nicht gleich kommt, kann den fortwährenden Weihrauch ertragen. Da Nikolaus für mich nichts iſt, die ich weder ſeine Unterthanin bin, noch das Verlangen habe, es je zu werden, ja da andere Menſchen auf der Welt ſind, an deren guter Meinung mir weit mehr liegt, machte ich nicht den geringſten Verſuch, ihm zu gefal⸗ len, lauſchte weder entzückt auf ſeine Worte, noch be⸗ wachte ich ſeine Blicke mit Furcht und Zittern. Ich war— Ihnen will ich die Wahrheit geſtehen — ich war durch das Betragen des Herrn de Vau⸗ dreuil und Lord Elvinſton's, welche ſich augenſchein⸗ lich verſchworen hatten, mich zum Geſpötte des ganzen Ball's bei dem engliſchen Geſandten zu machen, ſo ſehr aufgeregt, daß ich kaum wußte, was ich ſprach oder that, als mich der Kaiſer aufforderte, ſeine Tän⸗ zerin im Cotillon zu werden. Ich argwöhne(ia ich fürchte, daß ich einige Ver⸗ anlaſſung dazu gegeben), daß man mich gemeiner Ge⸗ ſinnungen anklagte. Ich bin überzeugt, daß Nikolaus einen geheimen Grund hatte, indem er vorzog, dieſen Cotillon hindurch zu ſcherzen; und er unterhielt ſich zufällig mit der Baronin, als ihm dieſer Gedanke kam. Ich war in der Nähe. Ich war den Gefühlen und Perſonen entgegen geſetzt, die bisher ſeinen Geiſt beſchäftigt hatten, und er glaubte keine Eiferſucht her⸗ vorzurufen, indem er ein Mädchen ohne Rang und Anſpruch zu ſeiner Tänzerin wählte. Aber dieſe ſchreckliche Zerſtreutheit war nicht von langer Dauer. Als er fand, daß der muthloſe Auto⸗ mate(von dem er nicht mehr Notiz zu nehmen ge⸗ dacht hatte, als eines ſeiner kaiſerlichen Bildniſſe in Bronze gefaßt von dem Bronzhalter nehmen mag, an dem ſie hängen); Worte, Gedanken und Muth habe, dieſelben anzubringen, wurde er aufmerkſam. Von meiner Kühnheit überraſcht, lauſchte er, bis es ihn unterhielt, und er freute ſich ferner zu lauſchen. In einer Minute hatte ich ſeine Augen gefeſſelt, in zwei ſeine Aufmerkſamkeit, und binnen zehn lachten und ſchrachen wir zuſammen gleich alten Freunden. Ich war es, die das Werk des Fragens übernommen hatte, die Führung des Geſpräches, welche ſich gewöhnlich Se. kaiſerliche Majeſtät vorbehält. Nach und nach intereſſirte es auch mich. Ich mußte der Gemeinheit angeklagt werden, mit meinem Triumph geprahlt zu haben. In jenem Augenblicke war es wirklich ein Triumph! Die Kaiſerin tanzte denſelben Cotillon mit dem jungen Prinzen von Sachſen⸗Gotha, und die ganze Elite des Hofs war Zeuge der gutmüthigen Vertrau⸗ lichkeit, welche zwiſchen uns einzuführen der Kaiſer ſo gnädig war, mir zu erlauben. Und nun, theuerſte Freundin, kommt das Beſte der ganzen Sache!— Wenn Sie nur die Baronin bei ihrer Heimkehr hätten ſehen können. Sie erinnern ſich noch der Art von Hofmanier, mit welcher ſie mich 191 bei ihrer Ankunft auf Rehfeld empfing, und der ſchmei⸗ chelnden, ſüßen und künſtlichen Art, mit der ſie mich prüfte, ob es beſſer wäre, mich durch Autorität zu unterdrücken, oder durch Schmeichelei zum Gehorſam zu bringen? Ihr gegenwärtiges Benehmen zu Hauſe war ganz entgegengeſetzter Natur. Sie wagte kaum, mich an⸗ zureden, und ich ſah, wie ſehr es ſie überraſchte, daß mein Vater in ſeinem gewöhnlichen, ſcheinbar kalten, aber wirklich herzlichen Tone zu mir ſprach. Am andern Morgen erwachte ich mit einem Ge⸗ fühle: daß nächſt dem Aufgehen der Sonne mein Auf⸗ ſtehen in Petersburg von der größten Wichtigkeit ſei. So verherrlicht fühlte ich mich durch die Auszeichnung, welche mir an dem förmlichſten der Höfe durch des Kaiſers Aufmerkſamkeit zu Theil geworden, daß ich mich nicht mehr länger für die Ida des vergangenen Tages, noch viel weniger aber für die arme, einfache Ida des letztverfloſſenen Winters hielt. Als Lord Elvin⸗ ſton wie gewöhnlich eintrat, um zu ſeufzen und zu errö⸗ then, konnte ich, anſtatt ihm ſeine Untreue in vergan⸗ gener Nacht vorzuwerfen, nicht unterlaſſen, ihm für eine Vernachläßigung zu danken, die meine Wan⸗ hen mit einem höhern Roth gefärbt und mich erheitert atte Ich fürchte jedoch, daß der Ton der Ironie, in welchen mein Dank gekleidet werden ſollte„eher den der Empfindlichkeit annahm; denn Monſieur de Vaud⸗ reuil hatte die unerhörte Freiheit, ein Liedchen auf meinen Stolz zu trillern. „Hüten Sie ſich, einem Engländer ſolche Gründe zu einem Triumphe zu geben!“ ſprach er.„Laſſen Sie ihn nicht merken, wie tief er den Eigendünkel der Lilie von Rehfeld gekränkt hat.“ Und nun kam der letzte Schlag für die Beſorgniſſe der Baronin. Wir hatten zu oft zuſammen über El⸗ vinſton geſprochen, als daß ich nicht gewußt hätte, ſie 192 erwarie jede Stunde, daß er mir ſeine Hand anbieten würde. Urtheilen Sie daher über ihr Erſtaunen, als ſie unſern ſchüchternen Gaſt nach einer ernſten Unter⸗ redung von ungefähr zehn Minuten mit Marguerite, die, wie ich überzeugt bin, nach ihrer Meinung bloß mich betraf, ſeinen Hut plöͤtzlich ergreifen, und ihn ungeachtet unſerer Gegenwart über ſeine Augen drü⸗ cken, und dann ſeufzend aus dem Zimmer eilen ſah. „Was in aller Welt haſt Du zu ihm geſagt, Mar⸗ guerite!“ rief ſie, ſobald ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen hatte. „Ich wäre vorſichtiger in meinen Ausdrücken ge⸗ weſen, hätte ich gewußt, daß ſeine Gefühle ſo ſehr betheiligt ſeien,“ entgegnete meine gute kleine Stief⸗ ſchweſter.„. „Aber Du wußteſt, daß ſie ſehr betheiligt waren!“ fuhr ihre Mutter fort.„Haben wir nicht Alle den Mann von dem Tage an ſchmachten und ſeufzen ſehen, an welchem er ihr vorgeſtellt wurde.“ Marguerite hob ihre milden, braunen Augen fra⸗ gend zu ihrer Mutter empor. „Du mußteſt gewußt haben,“ ſprach die Baronin, „daß er Ida mit Herz und Seele ergeben iſt, und was Du immer für eine Meinung, von ihren Gefüh⸗ len gegen ihn hegen mochteſt, ſo hatteſt Du doch kein Recht, ihn der Verzweiflung anheim zu geben. Und hätte er abgewieſen werden ſollen, ſo wäre es mein Geſchäft geweſen, ihm den Entſchluß Deiner Schweſter mitzutheilen.“ Marguerite's Farbe wechſelte. Ich konnte leicht ihren Kampf zwiſchen der Pflicht, ihrer Mutter die Wahrheit zu geſtehen, und den Gedanken wahrnehmen, ſich durch die Irrleitung der Frau von Rehfeld gegen allen weiteren Tadel zu ſchützen. Ihre angeborene Wahrheitsliebe ſiegte. „Wir waren Alle im Irrthum, theuere Mama,“ 193 fahte ſie,„Lord Elvinſton glaubt Liebe für mich zu ühlen.“ „Für Dich, mein Kind?— Unſinn!“ „Ich kann Sie nur verſichern, daß er vergan⸗ hene MNacht die zärtlichſte Anhänglichkeit für mich äußerte.“ „Warum,“ rief die Baronin, welche bisher auf ihrem Platze ſtehen geblieben war, und jetzt einige Schritte näher zu ihrer Tochter ging,„warum war er dann in einer ſolchen Bewegung, als er das Zimmer verließ?“ „Er war, wie ich vermuthe, durch die Entdeckung gekränkt, daß ich nie ſeine Gattin werden könne.“ „Aber warum niemals? Ich habe mit dem Für⸗ ſten Gallitzin noch keine beſtimmten Verbindungen ge⸗ ſchloſſen. Im Gegentheil habe ich kürzlich Urſache ge⸗ habt, zu glauben, daß ſeine Wünſche in Hinſicht der Heirath nicht ſehr heftig ſeien.“ „Aber das, liebe Mama, gibt mir noch keine Nei⸗ gung, Lord Elvinſton's Gemahlin zu werden.“ „Das möchte es allerdings nicht; aber ſein enor⸗ mer Reichthum— ſein fürſtlicher Rang— ſeine Gü⸗ ter— ſeine Diamanten...“ „Seine Langweiligkeit— ſein linkiſches Benehmen — und ſeine gefühlloſe Unterhalaung!...“ „Wenn er, wie Du glaubſt, wünſcht, Dir ſeine Hand zu reichen, ſo haſt Du keine Urſache, Dich über ſeine Gefühlloſigkeit zu beklagen. Daß er gut unter⸗ richtet und empfindſam iſt, das läugnete Niemand, ſelbſt Ida nicht, auf dem Gipfel ihres Spottes; und ein Mädchen in Deiner Lage, Marguerite, die nebſt ſhnem Bruder von den Wohlthaten des Kaiſers ab⸗ ängt...... 1 Es war das erſte Mal, daß die Baronin in mei⸗ ner Gegenwart ſo weit gegangen war, und ſie ſchien jetzt ihre Unklugheit einzuſehen, und hielt inne. Die Frau des Geſandten. I. 13 „Die Güte des Kaiſers hat uns noch nie geman⸗ zel⸗„"I hentgegnete Marguerite mit mehr Feſtigkeit, als ch von ihrer ſchüchternen Natur erwartete, und es iſt gewiß minder drückend, fur ſeinen Wohlſtand einem Lande verpflichtet zu ſein, dem mein Vater ſo eifrig diente, als einer eigennützigen Heirath mit einem Fremden.“ Die tödtliche Bläſſe, welche die Wangen der Frau von Rehfeld überzog, als ſie dieſe Worte vernahm, die eine abſichtliche Anſpielung auf ihr eigenes Glück im Leben zu ſein ſchienen, da ſie zweimal die vermö⸗ gensloſe Braut eines Fremden war, veranlaßte mich, meine Augen vorwurfevoll auf Marguerite zu richten. Der heitere Ausdruck des Geſichtes meiner Schweſter überzeugte mich aber, daß die Worte, welche ihr ent⸗ wiſchten, blos einzig auf ihre eigenen Gefuhle deute⸗ ten. Das Betragen ihrer Mutter ſtrafbar zu finden, ſelbſt in den geheimſten Tiefen ihres Herzens, ſcheint bei ihrer frommen Natur ſo unmöglich zu ſein, daß ich gewiß weiß, ſie erlaubte ſich nie, ſogar nicht bei ſich ſelbſt, die Stellung ihrer Eltern zu prüfen. Ob dies Kraft oder Schwäcke iſt, will ich Andere entſchei⸗ den laſſen. Der Charakter von Marguerite Erloff iſt ſo verſchieden von dem meinigen, daß ich ihn nie be⸗ urtheilen kann.. Das engliſche Geſetz iſt ein gutes. Die Leute ſoll⸗ ten von ihres Gleichen gerichtet werden. Laſſen Sie mich jedoch wieder zu unſerer Ver⸗ handlung zurück kommen! Als es der Baronin klar wurde, daß ihre Tochter, ibre vermögensloſe, abhängige Tochter, die Hand eines Mannes von ſich gewieſen habe, der in Engaland eine ſo glänzende Stellung behauptete, wie die Wolkonsky's hier, die Eſterhazy's in Wien, oder die Montmoren⸗ py's in Frankreich, wurde ſie raſend, und beſchimpfte ſich ſelbſt, wie dies gewöhnlich der Fall iſt, wenn Leute ihren Leidenſchaften zu viel Spielraum geben. 1 195 Die ganze Politik—(ſo viel, daß ich glaubte, es ſei Alles, was nur die Hälfte war), welche ihre Hand⸗ lungen die letzten Monate hindurch geleitet hatte, kam an das Tageslicht; wie wenn ein Marionettenſpieler in einer Anwandlung von Muthwillen plötzlich den Vorhang zurück ziehen und die Drähte zeigen würde, an denen ſich ſeine Puppen bewegen. „Sie können unmöglich überraſcht ſein, Mutter,“ entgegnete Marguerite,„daß ich Lord Elvinſton auf einmal geſagt habe, eine Heirath zwiſchen uns ſei un⸗ möglich. Erſtens betrachten Sie die Verſchiedenheit unſerer Religion, denn er iſt ein Proteſtant!“ „Verſchiedenheit der Religion 1“ wiederholte Frau von Rehfeld.„Ich bin keine ſo gute Katholikin, wie Du;— war nicht Dein Vater von der griechiſchen Kirche— iſt der Baron von Rehfeld nicht auch von der proteſtantiſchen?— Welche Unannehmlichkeiten haſt Piei geſehen, die es zwiſchen uns hervorgebracht at 74 Ich, die ich nicht durch Bande der Natur abge⸗ halten werde, das Betragen dieſes weltlich geſinnten Weibes zu prüfen, kann naht unterlaſſen, ihre Gleich⸗ gültigkeit in ſolchen Dingen ihrem gänzlichen Mangel an Religion zuzuſchreiben; denn wäre ſie die gute Katholikin, für die ſie ſich ausgibt, ſo müßte ſie von der ewigen Verdammniß der beiden Männer überzeugt ſein, denen ſie am Altare Liebe und Gehorſam ge⸗ ſchworen. „Außerdem,“ fuhr Marguerite fort, nicht geneigt, über einen ſo wichtigen Gegenſtand zu ſtreiten,„habe ich bisher noch keine Urſache gehabt, zu glauben, Ihre Geſinnungen gegen den Fürſten Gallitzin hätten ſich geändert.“ „Er mag aber wohl die ſeinigen gegen uns ge⸗ ändert haben.“ „Aber, theuerſte Mutter, er iſt ſo viel wie immer 196 bei uns. Die Fürſtin Prascovia behandelt mich wie ihre Schweſter, oder vielmehr wie ihr Kind.“ „Marguerite— Marguerite! Wann wirſt Du aufhören, ein Kind zu ſein, und Dinge und Leute in dem glänzenden Licht zu nehmen, in welchem ſie ſich zeigen? Mit achtzehn Jahren biſt Du noch ſo ein⸗ fältig, wie mit acht! Ich hegte die Hoffnung, daß eine Pariſer Erziehung und das Hotel de Vaudreuil etwas dazu beitragen würden, Dich vernünftig und für die Welt tauglich zu machen. Es wäre vielleicht beſſer geweſen, wenn Du in Petersburg geblieben wäreſt; denn da hätteſt Du doch wenigſtens gelernt, welchen Werth man.......“ Sie ſchwieg wieder— ſie ſchien ſich bewußt, daß ſie zu weit gehe. „Ich hoffe in Gutem,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, welche ihre Tochter ſo ſehr verlegen zu machen ſchien, als ſie meine Neugierde erweckte(ſchon beim Anfange der Unterredung hatte mir Marguerite durch eine bittende Geberde zu verſtehen gegeben, ich möchte das Zimmer nicht verlaſſen, als wenn ſie der Ueber⸗ zeugung wäre, daß meine Gegenwart ihrer Mutter einigen Einhalt thun könnte).„Ich hoffe in Gutem, Du wirſt Dich nicht ſo ſehr verirrt haben, als daß ich die Verbindung mit jenem uneigennützigen und liebenswürdigen jungen Manne nicht wieder werde anknüpfen können? Als einen Bewerber um Ida ſah ich ihn in einem andern Lichte. Ida iſt reich— Ida iſt einer hohen Verbindung in ihrem Vaterlande ge⸗ wiß, und wenn ſie an Lord Elvinston Schwächen und Fehler wahrnehmen ſollte, ſo iſt dies von keiner gro⸗ ßen Bedeutung. Es kam mir nie der Gedanke, daß Seine Herrlichkeit einer ſo großmüthigen Handlung, wie einer Verbindung mit Dir, fähig wäre; denn ſonſt würde ich unſere liebe Ida gebeten haben, ſich in ihren reizenden Launen ein wenig zu beſchränken. Aber ich bin überzeugt, ſie wird mir den Gefallen 197 erweiſen, in dieſem jungen Manne für die Zukunft nur den zu ſehen, den ich zu meinem Schwiegerſohne zu machen wünſche.“— „Sehr gerne, Madame!“ ſprach ich und ſammelte meinen Muth, oder eher meine Dreiſtigkeit, um von Marguerite den mütterlichen Zorn abzuwenden.„Aber ich kann unmöglich mit denjenigen in Uebereinſtim⸗ mung handeln, deren Politik mir unbekannt iſt. Ich muß eine genaue carte du pays vor mir ausgebrei⸗ tet haben; ehe ich den Krieg beginne. Sie ſagen alſo, Sie wünſchen, Lord Elvinston zu Ihrem Schwieger⸗ ſohne zu erhalten. Sie deuteten mir vor ohngefähr vierzehn Tagen einen ähnlichen Wunſch in Hinſicht auf den Fürſten Gallitzin an. Für wie viele Männer iſt Marguerite der Sitte des Landes nach beſtimmt? Ich war der Meinung, daß die Polygamie bloß in der Türkei erlaubt ſei; ich wußte nicht, daß ſie auch un⸗ ter den Ruſſen gelte.“ Geſtern würde ich nicht gewagt haben, etwas auszuſprechen, was ſo nahe an eine Beleidigung der Baronin gränzte. Aber ich ſehe, daß ich jetzt einige Gewalt über ſie habe, obgleich ich von der Beſchaffen⸗ heit und Größe derſelben noch nichts weiß. „In einer Sache von ſo viel Zartheit und Schwie⸗ rigkeit, wie die iſt, eine vortheilhafte Heirath für ein Mädchen zu ſichern, die keine Schätze entgegen zu bieten hat,“ bemerkte ſie ſo freundlich, als ob ich die herrlichſten Grundſätze der Welt ausgeſprochen hätte, viſt es unmöglich, zu vorſichtig zu ſein. Eine Verbin⸗ dung mit dem Fürſten Gallitzin war etwas, was ich mehr wünſchte, als hoffte. Ich habe jetzt beinahe auf⸗ gehört zu hoffen, und würde dem gemäß über alle Maßen glücklich ſein, meine arme Marguerite mit ei⸗ nem Manne vereinigt zu ſehen, der in jeder Hinſicht, beſonders aber als einer, den die Kaiſerin in der ver⸗ gangenen Nacht mit ihrer Hand beehrte, alle Achtung verdient.“ Ich ſah, daß Frau von Rehfeld politifirte; 198 denn dies iſt der Ton der Umſchreibung, den ſie un⸗ willkührlich in ihrer niedrigen Diplomatik annimmt. Aber hier wurde unſere Verhandlung durch das Ein⸗ treten meines Vaters unterbrochen, und die Baronin legte, zum Zeichen der Verſchwiegenheit für uns Alle, den Finger auf die Lippen. Da verſchiedene Beſuche bald nachher angemeldet wurden, ſtabl ich mich weg, mein Verſprechen zu er⸗ füllen und Ihnen mit dem heutigen Couriere über un⸗ ſer engliſches Feſt Bericht zu erſtatten. Meine beſte Freundin, leben Sie wohl; ich ſchmeichle mir, daß Sie auf meinen nächſten Brief etwas be⸗ gierig ſein werden! Sechszehnter Brief. Von Marguerite Erloff an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Urtheilen Sie, meine liebe Mademoiſelle, wie wenig ich mein ganzes Leben hindurch die Segnungen der Freundſchaft und Verwand ſchaft genoſſen haben muß, da ich im Ung ücke jetzt Troſt bei Ihnen ſu he, mit der ich erſt ſeit wenigen Monaten bekannt bin! Außer der guten Schweſter Marie, unter deren Aufſicht ich im Kloſter auf vuchs, ſind Sie die einzige Perſon, die ein warmes Intereſſe an m iner Wohl⸗ fahrt an den Tag legte, und Ihre Freundlichkeit und Sorgfalt rue ich mir jetzt oft in's Gedächtaiß zuruck, da ich unglücklich bin, und erneue hiebei meine Dank⸗ barkeit. Ich kann die ſüße Hoffnung nicht aufgeben, daß ich in Ihrem Herzen einige Uebereinſtimmung fin⸗ den werde, und daß Sie ſelbſt den Einfluß, welcher 1990 Ihnen in Ihrer Stellung zukommt, benützen möchten, um Ida zu vermögen, in Wahrheit eine Schweſter fur die zu werden, welche freundlos ſcheint. Sie können ſich nicht leicht ein liebloſeres Geſchick, als das meinige denken! In meiner Kinrheit war mein Vater, von vor⸗ gerückten Jahren, zu ſehr in ſeine Dienſtverrichtungen verwickelt, um ſich viel um mich kummern zu können, und von dem Augendlicke an, in welchem ich gerade begann, mit den Gefuhlen des Gedankens zu fuͤhlen, welche von den Gefühlen des Inßinktes ſo verſchieden ſind, wurde ich gezwungen, meine firenge Großmutter wegen meiner Erziehung nach Paris zu begleiten. Von nun an gab es fur mich keine Familien⸗Liebe, keine Familien⸗Freundlichkeit mehr! Als ich nach Ver⸗ lauf von vielen Jahren wieder mit meiner Mutter zuſammentraf, fand ich leider nur zu balo, daß ein rürftiges Kind eher eine Bürde, als eine Freude für vermö enslo e Eltern iſt. Es iſt ſo. Meine Mutter muß dies ſo gut wie andere gefuhlt haben. Aber Sie wiſſen nicht, meine theuere Mademoi⸗ ſelle Thereſe, wie bitter das Gefühl iſt, eine Laſt in ſeiner Heimath zu ſein, ja nicht einmal eine ſolche zu haben, ſondern bloß in dem Haushalte eines Andern geduldet zu we den. Baron von Rehfeld iſt ein zu gutmüthiger und gebildeter Mann, um mich auch nur einen Augenblick meine Lage fuhlen zu laſſen. Aber die Winke Anderer belehren mich, daß ich heirathen olle, um ſein Haus von einer Bürde zu befreien. Meine Mutter, der Himmel weiz es, iſt mehr als jede andere berechtigt, ein ſolches Opfer zu fordern; denn um ihrer Familie die Erhaltung eines Gliedes zu erſparen, reichte fie ihre Hand einem Manne, der beinahe doppelt ihre Jadre zaͤhlte, und welcher, wie ich furchte, ihren Ge⸗ füylen nicht ſehr entſprechend war.. 200 So war die Lage der Dinge, als man mir vor einigen Monaten eine Heirath mit dem Fürſten Ser⸗ gius Gallitzin vorſchlug. Es lag nichts⸗Unangenehmes in ſeiner Perſon, nichts Anſtößiges in ſeinen Sitten, und nichts Böſes in ſeinem Charakter. Ich hatte bis jetzt noch Niemand geſehen, dem mein Herz geneigter geweſen wäre, und gleich nach unſerer Ankunft auf Rehfeld, wo er unſer Gaſt war, verſicherte ich meiner Mutter, daß wenn er ja um mich werben würde, ſie auf meinen Gehorſam rechnen dürfe. Von jenem Augenblicke an gab ich mir alle Mühe, alle die vorzüglicheren Punkte ſeiner Stellung heraus zu finden, und ich ſah bald, daß, wenn er auch nicht geeignet ſei, eine leidenſchaftliche Zärtlichkeit hervor⸗ zurufen, ſein ruhiger und feſter Charakter doch immer Achtung verdienen würde. Ein Geſchäftsleben, ein Le⸗ ben voll ſorgſamer Pflichterfüllung dürfte mit wechſel⸗ ſeitiger Rückſicht an ſeiner Seite zu führen ſein. Ich würde mich ſelbſt glücklich ſchätzen, wenn kein größeres Opfer von mir verlangt werden würde. Aber Alles dieß hat ſich geändert, und ich bin äußerſt unglücklich! Der Engländer, welchen ich Ihnen in ſo unbefriedigenden Farben ſchilderte, ſoll mein Ge⸗ mahl werden. Während er meiner Schweſter Aufmerk⸗ ſamkeiten bewies, denn ich behaupte, daß er es wirklich that, war ich der Gegenſtand ſeiner Liebe. Er dachte ohne Zweifel mich kennen zu lernen, indem er ſich un⸗ ter dieſem falſchen Vorwande in unſere Familie drängte. Und ſo war es auch; denn von ſeiner Neigung für Ida überzeugt, und voll Mitleid, weil er immer keine Erhörung fand, ſagte ich ſtets nur freundliche Dinge über ihn zu dem Barone, meinem Vetter Alfred und Andern, die fie mir jetzt ſtets vorwerfen, wenn ich ge⸗ ſtehe, daß ich einen perſönlichen Widerwillen gegen ihn hege. Kurz, meine theuerſte Mademoiſelle Thereſe, wie 1h önen bereits geſagt habe, ich bin ſehr unglück⸗ ich. —— 201 Sie wiſſen ſo viele unſerer Familiengeheimniſſe, daß es ſchwerlich Unzartheit von meiner Seite iſt, Ihnen mehr zu ſagen. Meines Vaters Vermögens⸗ umſtände befanden ſich in einer ſehr traurigen und ver⸗ wirrten Lage; und da ſich kein anderer Ausweg mehr zeigte, meinem Bruder eine angemeſſene Laufbahn zu fichern, als unſern Namen lebhaft in dem Gedächtniſſe des Kaiſers zu erhalten, that meine Mutter ihr Aeußer⸗ ſtes— ja vielleicht mehr, als Recht war, um eine An⸗ ſtellung bei Hof zu erhalten. Leute, welche ferne von der großen Welt leben, glauben vielleicht, daß eine An⸗ ſtellung gleich der meiner Mutter auch eine Maſſe von Gold mit ſich bringe. Dies iſt jedoch ſo weit von der Wahrheit entfernt, daß ihre Beſoldung nicht einmal hinreichte, die nöthigſten Ausgaben zu beſtreiten, und deshalb werden ſolche Plätze gewöhnlich nur vermögen⸗ den Perſonen von dem Kaiſer verliehen. Sie können ſich keinen Begriff von den unermeßlichen Ausgaben machen, zu denen die Hofdamen durch die Liebhaberei der Kaiſerin für Putz gezwungen werden. Ein ſolcher Grad von Eleganz und Abwechslung wird von allen denen gefordert, welche ſich um ihre Perſon befinden, daß er nothwendig alle zu Grunde richten muß, die nicht über eine kaiſerliche Kaſſe zu gebieten haben, und in einem vorwurfsvollen Tone wird es ſelbſt ihnen zugeflüſtert! 4 Bei meiner Mutter Rückkehr von Paris errang ſie ſich den Ruf, der vielleicht nicht ſehr ſchwer zu erlangen iſt, die eleganteſte Dame in Petersburg zu ſein. Dies in einem Zirkel zu behaupten, wo es die Gewohnheit iſt, in drei oder vier verſchiedenen Anzügen jeden Tag zu erſcheinen und nicht zwei⸗ oder dreimal in demſelben geſehen zu werden(die Kaiſerin kümmert ſich ſo viel um die Garderobe Anderer, wie die meiſten Leute um ihre eigenen) hat, wie ich fürchte, meine arme Mutter bis zu einem Grade in Verlegenheit geſetzt, der ſo⸗ woohl ihre Beweggründe für ihre eigene, plötzliche, zweite 20² Heirath, als auch für diejenigen erklären kann, welche ſie für mich zu Stande bringen will. Theure Mademoiſelle Thereſe, was ſoll aus mir werden?— Ich ſehe, ich muß Lord Elvinston heirathen; ihn heirathen, nachdem ich noch dazu frei bekannt habe, daß ich ihn nicht lieben könne!— Ich werde in Eng⸗ land leben müſſen, ich, die ſelbſt im theuern, warmen, glänzenden, ſonnigen Frankreich ſt ts nach der Heimath geſeufzt habe, und aus Allem, was ich in frühern Zei⸗ ten durch meinen Vetter Alfred von England und den Engländern gehört habe, ſchlietze ich, daß ich lieber jett ſchon mein Haupt neben dem meines Vaters in der Gruft der Erloffe niederlegen würde. Wie werde ich die Kälte, Trübſeligkeit und Zurück⸗ haltung der Engländer ertragen?— Vor einiger Zeit ſah ich einem glücklicheren häuslichen Leben an der Seite eines ernſten und ruhigen Mannes entgegen, der, wie mir meine Mutter verſicherte, die Gewißheit habe, ſeinen Aufenthalt in der Stadt Paris zu nehmen. Dort würde ich gluckiich geweſen ſein. Ich wurde die gute Schweſter fleißig beſucht haben, die mich ſo innig liebte, und hätte meine Vertraulichkeit mit meinen jun⸗ gen Freundinnen, jetzt gleich mir eingeführt in die Welt, erneuert. Ich mußte mit meiner Mutter über⸗ einſtimmen, daß eine ſolche Beſtimmung mehr geeignet wäre, mich glücklich zu machen, als das ceremontelle Leben des kaiſerlichen Hofes. Unaufhörliche Kleinigkei⸗ ten der Toilette ermüden mein Herz bis zum Ekel, und lieber würde ich mein ganzes Leben in einem Kloſter geblieben ſein, als meine Tage mit dem Sin⸗ nen über Veränderung der Kleider, und meine Nächte damit zuzubringen, ſie zu zeigen. Aber obgleich ich willig Petersburg mit dem fröh⸗ lichen, freien und ungebundenen Paris vertauſchen möchte, ſo fühle ich doch, daß mich die Einförmigkeit des engliſchen Lebens zu Tode drucken würde, das noch 203 weit ceremonieller, als das in Rußland, und ſo entfernt von meinem theuern Bruder, wie das in Frankreich iſt. Ich bin uberzeugt, daß ich keine Mittel haben werde, ihm zu entrinnen. Der Ton, in welchem meine Mutter mich über dieſen Gegenſtand anredete, zeigt mir, daß ſie unerſchütterlich ſein wird. Obgleich der Kaiſer die Vermählung der Erben oder Erbinnen unſerer großen ruſſiſchen Häuſer mit Fremden nicht gerne ſieht, ſo hat er doch keine Einwendung gegen die Verbindung der Ruſſen mit fremden Ariſtokatien durch ſolche Hei⸗ rathen, welche kein Eigenthum mit ſich aus ſeinem Lande nehmen; und ach! was könnte die arme Mar⸗ guerite Erloff außer einem gebrochenen Herzen und einem ſchwachen Kopfe mit aus Rußland nehmen? Nicht einmal den Schmerz ihrer Freunde— ſelbſt nicht einen Rubel von Erbe! Es iſt ein ſchmerzliches Gefühl für mich, daß ich weiß, indem ich dieſes erwäge, ſollte ich dem jungen Manne für ſeine Großmuth dankbar ſein. Ach! daß er eigennütziger in ſeinen Abſichten werden könnte, und ſich unter den Sheremetieffs oder Jonſongoffs eine dankbarere und angemeſſenere Braut ſuchen würde! Schreiben Sie mir Worte des Troſtes, und Ida Worte des Rathes. Erſuchen Sie ſie, mich in dieſem peinlichen Augenblicke nicht zu verlaſſen. Sie beſitzt großen Einfluß auf meine Mutter. Eine Perſon von ihrem entſchiedenen Charakter, übt Einfluß auf Jedermann, der ſich ihr nähert. Bitten Sie ſie— bit⸗ ten Sie ſie, mir als Freundin an der Seitezu ſtehen! Siebzehnter Brief. Von Vicomte Elvinston an die ehrenwerthe Mrs. Leslie. Die zärtlichen Ausdrücke Deines Briefes, geliebte Marie bieten mir die kräftigſten Beweggründe zu mei⸗ ner Bereitwilligkeit dar, Dir den Wunſch zu erfüllen, welchen derſelbe enthält, und vollkommen aufrichtig gegen Dich, hinſichtlich ver Angelegenheiten zu ſein, die mich an Petersburg feſſeln. Glaube mir, ich bin es wirklich. Ich fühle mich nicht verpflichtet, meinem Vormunde die Geheimniſſe meines Herzens zu entfalten. Genug, wenn ich ihm die Umtriebe meines Geiſtes mittheile. Ich ſandte ihm eine ſo ehrliche Summe von meinen Meinungen und Bemerkungen über Rußland, als er mir bei meiner Volljährigkeit von meinem Eigenthum gab. Aber da er denn auch allmählig aufhörte, mir ſeine Meinung, wie meiner armen Mutter und Andern auszudrücken, daß es nicht lange in meinen Händen bleiben werde, und daß der Eigenthümer der Elvinston'⸗ ſchen Güter wahrſcheinlich weniger als ſeine Vorfahren geeignet ſei, ihnen Ehre zu machen, bin auch ich von der Offenheit in Sachen des bloßen Gefühls entbun⸗ den, welche ihn veranlaßt haben könnten, einen Rath zu ertheilen, den zu halten ich mich gewiß nicht ver⸗ pflichtet haben würde. Bin ich nicht für meine Handlungen außer der allgemeinen geſellſchaftlichen Verantwortlichkeit, auch noch dem verantwortlich, Marie, der verlangt, daß jeder Menſch ſich den Gewohnheiten und Gebräuchen der Klaſſe des Lebens gemäß betragen ſoll, in die ihn die Vorſehung geſetzt hat?— Ich ſchwöre es meinen Vorfahren und Nachfolgern, daß die Linie meiner Fa⸗ milie durch den Mangel eines Gliedes in der Kette verließ. ringer, als meine Brüder, weil ich die Länge meiner 205 unſerer Reihenfolge durch meine unwürdige Perſon, nicht in der Achtung ihrer Landsleute ſinken ſolle. Wenn ich mich gleich einem Narren oder einem Wahn⸗ ſinnigen zum Mißcredit jener verſtändigen Lord Elvin⸗ ſtons, welche mir vorangingen und die Ehre unſeres Namens gegründet haben, betrage, ſo bin ich aller⸗ dings auch ein ſchlechtes Vorbild für die Lord Elvin⸗ ſton, die, wie ich hoffe, folgen und unſer hohes Wap⸗ pen noch Jahrhunderte durch tragen werden. Ich mache dieſe kleinen Bemerkungen meine theuere Schweſter, als Erwiederung auf Deine Anſpielungen und Vorwürfe, nebſt einem kleinen Beitrage zu Dei⸗ ner vollkommenen Beruhigung. Du biſt für London eingenommen, theuere Marie!— Du kannſt Dich nicht außerhalb der dunklen Atmosphäre von Park Lane ſehen! Du ſitzeſt ſo ſtolz auf Deinem hochtrabenden Pferde engliſcher Suprematie, daß Du etwas zu leicht diejenigen Deiner Mitgeſchöpfe zu Boden wirft, welche nicht Deine Landsleute ſind. Wieder ſage ich jedoch, beruhige Dich! Ich bin nicht im Begriffe, eine jener Albernheiten zu begehen, von welchen die Wittwen Deiner ſchläfrigen Geſellſchaft Dich überreden wollen, daß Du ſie zu erwarten habeſt. Ich laſſe mir weder meinen Bart à la Russe wach⸗ ſen, noch werde ich ein Diener der griechiſchen Kirche; — noch habe ich Paliſſaden mit vergoldeten Pfeil⸗ ſpitzen für das Glacis von Schloß Elvinſton beſtellt, noch komme ich in einer Droſchke, oder in einem Schlit⸗ ten zurück, oder bin geneigt, grüne Oel⸗ oder Kohl⸗ ſuppe meinen Dienern als Nahrung reichen zu laſſen. Ich kann Dir verſichern, daß ich noch derſelbe einge⸗ fleiſchte Engländer bin, der ich war, als ich England Obgleich ich in der Breite von 590 30“ athme, ſo fühle ich mich doch nicht von der großen Familie meiner Mitgeſchöpfe losgeriſſen, noch achte ich ſie ge⸗ 206 öſtlichen Brüder Europa's nach der allgemeinen Höhe nur von Greenwich berechne. Ein reizendes Weib, iſt ein reizendes Weib, ſei ihr Name Howard oder Smith, Vaudreuil oper Erloff. Der Kosmopolitiem, durch die Verfeinerung der neuern Zeiten erzeugt, ſollte die niedrigen Hinderniſſe der Gränzen und Zollhäuſer bekämpfen. Dieſelben Bücher werden in London, Paris und Petersburg ge⸗ leſen. Die Künſte und Wiſſenſchaften ſieht man mit den⸗ ſelben Augen und beinahe gleichen Schritt in den ver⸗ ſchiedenen Hauptſtädten halten, und ob das Weib, wel⸗ ches mein häusliches Gluck ſichert, das Licht der Welt zuerſt an den Ufern der Neva, oder an denen der Themſe erblickte, verurſacht meiner Familie wenig Beeinträchtigung, vorausgeſetzt, ihre Grundſätze ſeien die einer auten Chriſtin, und ihr Betragen das eines edlen Weibes „Ich ſehe wie es iſt!“ wirſt Du ausrufen. Er bereitet mich auf eine fremde Schwägerin vor; ein Weib, deren Gedanken und Gefühle in jeder Hinſicht nicht mit den meinien übereinſtimmen werden.“ Tröſte Dich, Marie. Ich habe, wie ith fürchte, wenig Auoſicht, Dich der Grundloſigkeit Deiner Vor⸗ urtheile gegen eine Ruſſin zu überführen. Wollte Gott, daß ich kemals Gelegenheit haen würde, Dich Deine Proteſtationen gegen meine Marguerite zurück⸗ nehmen zu hören, die Du ungeſehen, un ehört und un⸗ gekannt verurtheilt haſt, und welche ſich als eine noch weit ſtrengere Richterin gegen mich ſelbſt bewies, den fie geſehen, gehört, gekannt— und verſtoßen hat!— Ja, Marie! Der Bruder, den Du in Deiner Parteilichkeit für einen Gegenſtand von großem Reize hielteſt, wurde gänzlich von der abgewieſen, die Du ungroßmüthiger Weiſe anklagteſt, darauf auszugehen, mich in ihren Netzen zu fanen. Statt des glühenden Wunſches, ſich an die Spitze eines engliſchen Haushaltes zu ſtellen, welchen ihr 207 Londoner Damen allen andern auf der Erdkugel zu⸗ ſchreibt, war der Gedanke an einen Aufenthalt in Eng⸗ land hinreichend, ſie gegen mich einzunehmen. Made⸗ moiſelle Erloff erklärte entſchieden, daß ſie lieber eine Verbannung nach Stbirien, als nach England ertragen würde. Sei nun wenigſtens ſo gütia zu bekennen, daß Deine Vermuthungen in dieſer Hinſicht grundlos ſeien. Du ſagſt mir, ich ſei zu einem Opfer auserleſen: Ich geſtehe es; aber es iſt deshalb, weil ich von Mor⸗ guerite verſchmäht, nicht weil ich von ihr begünſtigt werde! Du wirſt wahrſcheinlich überraſcht ſein, daß der Brief, welcher dieſe Mittheilungen enthält, noch von Petersburg aus geſchrieben iſt. Laß Dir dies als einen Beweis meiner wirklichen Liebe dienen! Ich habe auch früher geliebt. Die meiſten Menſchen wur⸗ den, wenn ſie die Wahrheit ſprächen, bekennen, daß ſie von ihrem Knabenalter an ſtets einen Gegenſtand der Zuneigung gehabt haben. Aber nie fühlte ich mich feuher geneigt, mich an Händen und Füßen gefeſſelt dem Gegenſtande meiner Liebe zu überlaſſen. Ich fühlte nie, daß ich mein Schickſal in ihre Hände legen könnte. Ich bot ihr niemals die meinige an, und wenn ich es auch in dem Enthuſiasmus momentaner Leidenſchaft gethan hätte und, wie jetzt, abgewieſen worden wäre, ſo würde ich augenblicklich von dem Ort geflohen ſein, wo fie verweilt. Meine Liebe würde fich in Haß verwandelt haben, und ich hätte die Ver⸗ eitlung meiner Hoffaungen an mir ſelbſt gerächt. Meine Gefühle gegen Marguerite ſind weit ent⸗ fernt von jener leidenſchaftlichen Aufregung. Meine Liebe für ſie iſt gut und heilig, wie ſie ſelbſt. Wenn ich ſie einem andern ergeben wüßte, und ihre Liebe begünſtigen könnte, ſo glaube ich, daß ich es thun wurde; denn ihr Glück iſt mir theurer, als das mei⸗ nige. Aber ich glaube, daß ſie eine perſönliche Abnei⸗ gung gegen mich hegte, Sie verabſcheut meine Blicke, meine Sitten, meine Nation, meine Sprache; ſie haßt mich mit der Macht derſelben Vorurtheile, welche Dir eingeben, ſie zu haſſen. Solche Vorurtheile ſind jedoch, wie ich Dir nicht zu ſagen brauche, nicht unbeſiegbar! Statt darum von ihr zu fliehen, bleibe ich. Es wäre Glück genug für mich, ihre Geſellſchaft zu ge⸗ nießen, und müßte es auch hoffnungslos ſein. Aber ich geſtehe, daß ich dem Augenblicke hoff⸗ nungsvoll entgegenſehe, in welchem es mir gelingen wird, durch meine ſtandhafte Ergebenheit ihre Vor⸗ urtheile zu beſiegen, die ich vielleicht durch Uebereilung hervorgerufen habe. Du, meine theure Marie, ſo ſtolz auf Deine ei⸗ gene Perſon und auf die Deines Bruders, wirſt Dich gegen dieſe Beharrlichkeit empören. Obgleich Du mir in der gewöhnlichen Maxime,„daß Liebe eine gewöhn⸗ liche Eroberin iſt,“ beipflichteſt, ſo würdeſt Du doch gerne dem Stolze ſeinen Tribut ſchenken. Meine ge⸗ liebte Schweſter, die Liebe, welche dieſe Schwächen der armſeligen menſchlichen Natur nicht bekämpfen kann, iſt in der That ein Schwächling, und als Gegenſatz zu dem gewöhnlichen Sinnbilde Cupido's, auf einem Löwen reitend, würde ich, wie mir dünkt, Cupido auf eine Hyäne ſitzend, als Wappen meines ritterlichen Schildes annehmen. So viel als Antwort auf Deine ernſte Bitten, daß ich wieder zurückkehren und meinen Platz im Par⸗ lamente einnehmen ſolle, anſtatt meine Zeit in fremden Ländern zu vergeuden. Ich hoffe, daß ich meine Zeit hier nicht verſchwende. Ich würde dies aber wohl im Parlamente thun. In dieſem Augenblicke bin ich we⸗ der nach Meinungen, noch nach meinen Gefühlen für mein Tagewerk als Geſetzgeber geeignet. Indem ich Bacon's Grundſatz erwäge, daß„der⸗ jenige, welcher Frau und Kinder habe, dem Glücke eine Geißel gegeben,“ halte ich es für unumgänglich 1 209 nothwendig, meinen Platz in meiner Familie einge⸗ nommen und mich als ein Glied der engliſchen Geſell⸗ ſchaft niedergelaſſen zu haben, ehe ich auf mein Recht als Geſetzgeber im Oberhauſe wieder Anſpruch mache. Würde ich, theure Marie, Deinem Wunſche ge⸗ mäß mit all' meiner geiſtigen Aufgeregtheit jetzt in das Parlament eintreten, der Himmel weiß es, mit welchen heterodoxen Meinungen ich verſucht werden möchte, den Numen unſerer Vorfahren zu beſchimpfen. Ich, welcher in Harrow ein ſo enthuſiaſtiſcher Verehrer der Freiheit war, daß des alten Butler's Blut ſtocke, bin ſetzt faſt ein Freund der Despotie. Ich verſichere Dir, daß ich die öffentliche Gewalt des Ge⸗ ſetzes nicht kannte, ehe ich nach Rußland kam, und fange jetzt an zu glauben, daß das Recht auszurufen: „Weg mit ſeinem Kopfe— ſo vlel für Buckingham!“ Der ſicherſte Paß eines Monarchen zu den Herzen ſei⸗ ner Unterthanen iſt. Könnteſt Du nur die Begeiſterung wahrnehmen, welche der Kaiſer, ſo oft er erſcheint, bei ſeinem Volke erregt! Die Armee betet ihn an— der Pöbel verehrt ihn. Die Nationalität der Ruſſen ſteigert ſich bis zur Bigotterie, ſo wie das Gefuhl, durch die Gründer des Reiches enge in eine Nation verknüpft zu ſein, und das Bewußtſein, welch' ein mächtiger Arm er⸗ fordert wurde, Provinzen zu vereinigen, die ſowohl in Klima, Temperament, a's in Gewohnheiten und Sit⸗ ten ſo ſehr verſchieden ſind, wie die Läander Rußland's. Der Baum, wie ſehr er auch immer auf Koſten von Thränen und Blut begoſſen worden, hat Wurzel gefaßt und iſt erſtarkt, und ich bin geneigt, Zeugniß darüber abzulegen, daß, ſo erſtaunlich auch die Fortſchritte der Geſetzlichkeit in dem Lande der Freiheit ſein mögen, dis Die Frau des Geſandten. I. 14 8 210 Begierde, mit welcher der ruſſiſche Chorgeſang:„Boje Zara chrani“ von den moskowittiſchen Mougiks aufge⸗ nommen wird, den„God save the King“ des freien Volkes von Großbrittanien nicht nachſteht. Ich glaube, daß Nikolaus 1. ein vortrefflicher Kaiſer iſt; uner⸗ ſchrocken, ſtolz, nicht leidenſchaftlich, oder auf jeden Fall ſo viel ſeiner Neva ähnlich, deren furiöſe Wellen durch den Einfluß eines weit mächtigern Elementes, durch die Heftigkeit des Froſtes, bezwangen werden, daß ſeine Leidenſchaften ihm ſo ſehr, wie alle andern Dinge unterthan ſind. Noch halte ich ihn jedoch nicht für fehlerlos, um die Abgötterei zu verdienen, welche man ihm erweist. Es folgt aber daraus nicht, daß der Naslednik, oder präſumtive Thronfolger von heute, der Czaar von morgen werde, daß der Name ſeines Vorgängers ſo rechtmäßig als ſein Körper in die kaiſerliche Gruft der Feſtung gebracht wird, in das Eigenthum der Ge⸗ ſchichte übergehe, die ſeinen Charakter unpartheiiſch be⸗ urtheilt. Aber es iſt auch gewiß, daß ein gewiſſer Grad von Servilität gerade unter den gebildeteren Klaſſen Rußlands herrſcht, welcher von der Beſchaffen⸗ heit eines Reichs„pourri avant d'etre mur“ unzer⸗ trennlich iſt, und ſo gewiß, als Würmer und andere kriechende Dinge durch eine phyſiſche Fäulniß in zahl⸗ loſer Menge erzeugt werden, dem ſeytiſcher Czaar alle ſeine Betrachtungen verbietet. Dieſelbe unbegränzte Treue, welche die Ruſſen, hoch und niedrig, fähig machte, die Blut⸗ und laſterbefleckten Hände der Ka⸗ tharina zu küſſen und ſie mit dem heiligen Namen „Mutter“ anzureden, oder den furchtſamen und weich⸗ lichen Alexander als den größten Helden ſeiner Zeit zu verehren, möchte jetzt auch einen nicht minder wunder⸗ baren Einfluß bewirken. Die junge, eitle und ſchöne Prinzeſfin von Preußen wurde eine Göttin von dem Augenblicke an, in welchem ſie den„pavoinik“ annahm und die Mutter ihres zukünftigen Czaars wurde; ja, 211 es unterliegt keinem Zweifel, daß wenn der wilde Konſtantin, oder der kühne Michael ihren Thron be⸗ Herrſcher, welche vertrieben würden, würden es durch eine Verſchwörung der Adeligen, und nicht durch einen Aufruhr des Pöbels. Wenn wir, um die Yankees*) zu beſchimpfen, ſo eifrig die Liebenswürdigkeit unſerer engliſchen Treue für das Königthum vertheidigen, um wie viel größer iſt die der Ruſſen, deren Seelen⸗ größe tauſendfache kaiſerliche Sünden zudeckt.) Aber ich überſchreite die Gränzen Deiner Geduld, theuerſte Marie. Wenn Du Verſtand genug beſitzeſt, zu entdecken, daß die politiſche und moraliſche Nuß, welche ich Dir und Leslie in der Form der ver⸗ Achtzehnter Brief. Von Grafen Alfred de Vaudreuil an die Gräfin Auguſte. Vor vielen Jahren, meine liebe Tante, da Sie ſo gütig gegen einen eigenfinnigen Knaben, wie jetzt 2) Benennung der Nordamerikaner. A. d. U. *⁵) Die engliſche Geſchichte möchte noch ein größeres Sündenregiſter von ihren Köͤnigen aufzuweiſen ha⸗ ben. A. d. Ueb. gegen den launiſchen Mann, zu ſein pflegten, erinnere ich mich, Sie einſt gefragt zu haben, welcher Anker Ihren Muth während der Stürme der Rovolution ſo wunderbar aufrecht erhalten habe, die das Haus Vaudreuil als einen Wrack an dem Ufer zurückgelaſſen hatten. Ich glaube, daß mein Onkel, der anweſend war, erwiedern wollte:„Philoſophie!“— während ich von Ihnen, an deren Seite der Abbé Chaptal ſtand, „Religion,“ als Antwort annahm. Ich wurde getäuſcht; denn Sie waren zum erſten⸗ mal einig.„Ich fürchte, mein theures Kind,“ ant⸗ worteten Sie mir aufrichtig:„daß das, was man Dir als Stärke verehren lehrte, eine minder lobens⸗ werthe Eigenſchaft war. Wir ließen uns gleich dem Schilfrohre vom Winde beugen, ſtatt gleich der Eiche feſt zu ſtehen. Frivolität, Alfred, iſt oft eine ebenſo beſtändige Tröſterin, wie Philoſophie! Wir hatten nicht den Muth, elend zu ſein.““ „Aber der Verluſt Ihrer gewöhnlichen Geſellſchaf⸗ ten,“ ſagte ich,„Verbannung von Ihrer Heimath— Ihrem Lande!“ „Ein Weltbürger findet ſeine Heimath in jedem Lande,“ ſprach mein Onkel. „Unter uns geſagt, mein theurer Alfred,“ fuhren Sie fort,„lag mein größter Troſt in unſerm Un⸗ glücke, in der Nothwendigkeit, fremde Höfe zu beſu⸗ chen. Ich war Paris bis zum Sterben müde. Wir hatten Alles genoſſen, was Verſailles zu unſerer Un⸗ terhaltung bieten konnte. Wir waren überdrüſſig, die⸗ ſelben Geſichter zu ſehen und dieſelben Stimmen zu hören, und für einen Augenblick war der Reiz der Abwechslung erfreuend.“ Dann kam der gute alte Abbé mit ſeinen uner⸗ ſchütterlichen Wahrheiten, den Frieden unſerer Seele mit aus unſerem Lande zu nehmen und unſere Mutter⸗ ſprache in dem Accente derjenigen zu hören, welche wir lieben, etcetera, etcetera, etcetera, etcetera! 213 Und ach! der Salon des Hotels de Vaudreuir wurde plötzlich der Meinung, daß Nationalität ein gemsines Vorurtheil und die Ariſtokratien aller Länder in Europa von ein und demſelben Volke ſeien;— in⸗ dem ſie ſahen, daß die Millionäre weſentlich franzöſiſch ſein müßten, ob in Paris, London, Berlin„Neapel, oder Petersburg geboren! „Vornehme und reiche Leute, eſſen, trinken, tan⸗ zen, kleiden ſich und ſprechen franzöſiſch in der ganzen Welt!“ war Ihr Wahlſpruch, und ſo auch der Ihres demüthigen Neffen. Liebe Tante, ich glaube Sie ſind noch derſelben Meinung; denn ich habe mein Herz und meine Seele daran geſetzt, wenn ich wirklich beides beſitzen ſollte, denn das Daſein der letztern bezweifle ich und das des erſtern verleugne ich— meine kleine Coufine Margue⸗ rite mit einem Manne zu vereinigen, der 300,000 Frank als Rente im Wittwenſtande und den dritten Theil der Summe zu ihrem Nadelgelde unter der Bedingung ſichert, mit ihm den Reſt ſeines, wir hoffen nicht ihres Lebens, auf einem baroniſchen Schloſſe auf dem Clyde, einem ſtattlichen Landſitze in Yorkshire, und in einem vortrefflichen Hauſe in Picadilly zu verleben. Sollte fie ihn überleben, ſo kann ſie ihren Wittwenſtand, ihre Diamanten und ihre ſanfte Natur in das Paradies des Faubourg St. Germain, oder in das Fegfeuer pin Petersburg, oder wohin es ihr ſonſt beliebt, ver⸗ etzen. Was ſagen Sie, meine liebe Tante? Iſt dies nicht eine vortreffliche Partie für ein armes Mädchen ohne einen Sou Vermögen? Ich kann nicht anders glauben, als daß ſie zu Stande kommen wird, weil Marguerite ſo hartnäckig und grundlos gegen den Helden meines Romans ein⸗ genommen iſt, daß Jedermann ſich ein Geſchäft dar⸗ aus macht, ihn zu vertheidigen, und weil Elvinston, trotz der üblen Behandlung, die er erfährt, mit der Geduld eines Heiligen oder eines Eſels aushält. Sie wird ermuthigt werden, ihn zu ſtoßen und zu ſchlagen bis die Selbſtbeſchuldigungen eines hochherzigen Ge⸗ müthes ſie vermögen werden, ihren Fehler durch dop⸗ pelte Freundlichkeit wieder gut zu machen. Ich will jedoch nicht ſchwören, daß ich, indem ich dieſe Heirath beförderte, keinen ſchlechtern Beweggrund als verwandt⸗ ſchaftliche Zuneigung habe. Des Barons Tochter wird kaum Kraft genug beſitzen, Marguerite die reiche Gat⸗ tin eines brittiſchen Pairs werden und an dem Hofe Georg des IV. glänzen zu ſehen, während ſie be⸗ ſtimmt iſt, zu leben und zu ſterben wie ſie geboren ward, als Tochter, Gattin, Mutter unbedeutender Barone des deutſchen Reiches. Ich geſtehe, meine Ge⸗ duld mit ihren verwegenen Anſprüchen iſt zu Ende. Man weiß nicht, ſoll man über die kleinen hochmüthi⸗ gen Grillen dieſer verzogenen Schönheit von Rehfeld ſich ärgern, oder lachen! Wenn es mir gelingen wird, ſie durch den Glanz ihrer Stiefſchweſter einiger Maßen zu ſich ſelbſt zu bringen, ſo können wir ſie vielleicht noch nach und nach ein vernünftiges Weſen werden ſehen. Ich fange an, von Petersburg eine beſſere Mei⸗ nung zu erhalten. Es geht hier weit mehr vor, als man im erſten Augenblick glaubt, und das Voranſchrei⸗ ten des erſten Unterrichts iſt äußerſt unterhaltend. Nicht daß ich den Ton dieſer Stadt bewunderte, oder liebte, ob als Fürſt oder Pflaſtertreter genoſſen. Haben Sie gegen den Schluß einer über die gewöhnlichen vernünf⸗ tigen Gränzen des Genuſſes ausgedehnten Geſellſchaft bemerkt, wie Jedermann eine andere Gemüthsſtimmung annimmt und ruhelos und lärmend wird, um ſich wach zu erhalten?— So iſt es hier! Die ruſſiſche Haupt⸗ ſtadt iſt ſo unerträglich dumpf, daß die Leute zu einem zweimal ſo großen Aufwande von Ausſchweifung ge⸗ zwungen werden, als anderswo, um ſich vollkommen wach zu beweiſen. Es gibt keinen ſchlagenderen Be⸗ 215 weis von dem Uebergewichte der Langeweile, als daß diejenigen, welche Perſonen Unterhaltung verſchaffen wollen, deren Vergnügungen mit baarem Gelde erkauft werden müſſen, wie es bei den Fürſten und Magnaten dieſes Landes der Fall iſt, es in der Geſtalt von Hof⸗ narren thun. Groteske Maskeraden, in denen der alte dicke Stanislaus Potoki als eine Schöne, und die lieb⸗ liche Jadavoska als ein Monſtrum figuriren, gehören zu den verfeinerten Ergötzlichkeiten des Hofes: die öf⸗ fentlichen Maskenbälle, welche jetzt anfangen mit denen in Paris vor alten Zeiten zu wetteifern, will ich gar nicht erwähnen. Ich bemerke immer, daß es dazu dient, eine Nation, welche den Becher der Verſchwendung bis auf die Hefe geleert hat und durch übermäßigen Ge⸗ nuß verdorben wurde, zu bezeichnen, wenn das Mas⸗ kiren anfängt, eine Beluſtigung des Volks zu ſein. Vieles mangelt in Petersburg, deſſen Entbehren zwingt, ſeine Zuflucht zu verzweifelten Vergnügungen zu nehmen. So fehlen z. B. die Klubbs beinahe ganz. Die zwei oder drei, welche beſtehen, ſind engliſchen Urſprungs, und Millionen Werſten weit hinter den Re⸗ geln der angenehmen„Travellers“ und Crockford's zurück, welche den Reiſenden in London ihren Aufent⸗ halt ſo angenehm machen. Dann ferner les coulisses, oder beſſer des coulisses, wo Kaiſer und Großfürſten keine Unterſuchungen anſtellen, und einen Offizier nicht in Arreſt, wegen eines Knopfes mehr oder weniger an ſeiner Uniform, ſetzen, wenn er ſeine Pflichten gegen das corps de ballet erfüllt. Da wir gerade von den Uniformen ſprechen, muß ich Ihnen ſagen, daß ich vollkommen mit Ihnen über⸗ einſtimme, daß dieſe Stadt auf eine entzückende Weiſe von der Monotonie von London oder Paris, oder ich wollte ſagen, der Hauptſtädte Europas, denn ich betrachte Rußland als halb aſiatiſch, durch die ma⸗ leriſchen Coſtüme der niedern, und die ſoldatiſchen der höhern Klaſſen, abweicht. Alle wahren Beſchreibungen der ruſſiſchen Hauptſtadt ſollten ſo anfangen: „Von Waffen und dem Mann ich fing';“ denn der Kaiſer und ſeine Garniſon machen drei Vier⸗ theile von Petersburg aus. 1 Kanonen⸗Futter zu ſein, iſt hier wirklich eine Aus⸗ zeichnung. Der militäriſche Rang hat überall den Vor⸗ tritt. Ich wette zehn gegen eins, ihre Schneider und Hutmacher waren Soldaten; oder wenn auch nicht, ſo iſt doch der junge Großfürſt, oder Czarrowitſch, ein ſol⸗ cher; in Curierſtiefeln von ſeinen Windeln an ſteckend, wird er von dem Augenblicke, in welchem er allein fiehen kann, von ſeinem kaiſerlichen Vater während des Exercitiums zum Hetmann der Koſacken zum großen Vergnügen ſeiner bewundernden oder wenigſtens Beifall rufenden Unterthanen gemacht. Aber Alles dieß dient nur dazu, das Gedränge abwechſelnder zu machen, und die tributpflichtigen Stämme im fernen Oſten, die folgſamen Provinzen des ſüdlichen Rußlands, ſo wie die Huſaren des eigentlichen Rußlands geben den Ther⸗ tern und Promenaden ein buntes Ausſehen, welches viel unterhaltender iſt, als das ewige feine Tuch des civiliſirten Paris. Ein einziger Armer würde den Pöbel auf den Boulevards herbeiziehen. Ich bin gez ungen beizufügen, wenn es auch widerſtrebend geſchieht, daß die Männer, abgeſehen von ihren Bärten und maleri⸗ ſchen Kaftans, ſehr männlich ausſehen, und ein äußerſt höfliches Betragen haben. Das grüne Fiſchöl, das ſie ſo ſtark lieben, ſcheint ihren Manieren einige Politur zu verleihen. Die Weiber können auch ein männliches Ausſehen haben, denn, aufrichtig geſagt, man ſieht nichts von ihnen. Manchmal muß ich den ſchrecklichen Contraſt zwi⸗ ſchen dem Monat, welchen ich vor dem Carneval letz⸗ tes Jahr in England zubrachte, und meiner Stellung hier erwägen; denn für die Selbſtaufopferung, Paris mit jener Wildniß zu vertauſchen, hatte ich ohne Zwei⸗ 21if fel Beweggründe; wie z. B. meine Schwäche für Pferde und Frauen. Melton und die Lilie von Rehfeld haben es zu verantworten, mich ſo aus der Sphäre dieſes gebilde⸗ ten Lebens gelockt zu haben. 3 Die grossiéreté von England iſt jedoch ganz ver⸗ ſchieden von der Rußlands. In England iſt es die Unfreundlichkeit des Einzelweſens, hier die Rohheit der ganzen Nation, was unſere Gefühle beleidigt, weil es bei der erſtern die Folge der Aufklärung iſt, während bei der letztern die der Unwiſſenheit. Alles, was wir ſeit acht Jahrhunderten für die Engländer gethan haben, ſeitdem wir ſie unterjochten und menſchlich machten, ihnen Geſetze und Köche gegeben haben, ihre Hagedor⸗ nen, Weißdornen und ihre Eicheln, ihre Thierfelle und Manieren zu erſetzen, das alles hat dazu beigetragen, fie unendlich ſelbſtſüchtig zu machen, das Studium des Nützlichen in allen ſeinen Zweigen zu befördern und ſie in den Stand zu ſetzen, Patentlichtſcheeren und ela⸗ ſtiſche Armſtühle zu verfertigen.- In den Künſten haben ſie wenig Fortſchritte ge⸗ macht, ſeitdem wir ihre Cathedralen bauten und ihre Weſtminſterhalle gründeten. Ihre Paläſte, ihre Galle⸗ rie, ihre Theater, ihre Zeitvertreibe find ſolcher Art, daß ſie den Spott eines Studenten des Pays Latin*) und ſeiner Griſette hervorrufen würden! In Rußland im Gegentheil, wo es den Gründern des Reiches Vergnügen gemacht haben muß, durch das verkehrte Ende des Teleſcops zu ſehen, und die Ge⸗ genſtände in ihrer Nähe beſonders wichtig zu machen, indem ſie die wirklich bedeutenden zur Unbedeutenheit herabſetzten, wird das Gedeihen des Volkes nicht be⸗ *) Ein Stadtviertel in Paris wird ſo genannt, weil, der „Wohlfeithert und der geleheren Anſtalten w gen, die ſich in dieſem Quartier vorfinden, die Studenten vor zug sweiſe dort wohnen. A. d n. 218 achtet) während Paläſte, Akademien, Gallerien und Theater gedeihen und wachſen. Zwei der unbewohnten Paläſte hier, der Tauriſche und der Marmorpalaſt, übertreffen Alles weit, was ich je an Gebäuden in England ſah; während der Winterpalaſt, Eremitage und Zarskoje⸗Selo ſich neben unſern ſtattlichen Tuile⸗ rien und neben Verſailles ſtellen dürfen. Weiter, il y a disparate! die herrlichen Quai's der Neva find von Granit, das Pflaſter der Straßen von Holz, und obgleich ein hölzernes Pflaſter auf einem feſten Grund äußerſt angenehm ſein würde, ſo iſt es, wenn es auf einen Sumpf gebaut, und da ein Sumpf gräulichen Veränderungen, wie Gefrieren und Thauen, unterworfen iſt, ein Ding, welches ſelbſt die Geduld eines istvoshtnik ermüdet. Ich will jedoch keinen Ver⸗ gleich zwiſchen den ſchmutzigen Straßen dieſer beiden Hauptſtädte und unſerem vortrefflichen pavé anſtellen. Der Contraſt ihres häuslichen Lebens iſt es, was mich jeden Augenblick beluſtigt. In England iſt die Maſchinerie ganz von Eiſen; in Rußland von Beinen und Sehnen; hier werden Mongiks minder theuer als Glockendrähte gekauft; während in Großbritannien Fleiſch und Blut ſo viel gelten, als würden ſie durch einen Shylock pfundweiſe abgewogen. Jedes große ruſſiſche Haus hat ganze Regimen⸗ ter von Dienern, welche aus jeder Ecke aufgeſcheucht werden. Doch glauben Sie mir, daß deren hier nicht mehr als noch einmal ſo viel wie in England ſind. Aber hier reden ſie jeden, gleich den Wilden, als ihren Herrn an; und in Uebereinſtimmung mit der humanen Handlungsweiſe der philanthropiſchen und die Scla⸗ verei abſchaffenden Leute des nebeligſten Landes in Europa, werden die Leibeigenen in unterirdiſchen Ge⸗ mächern gehalten, wo ſie einer Art von Gefängnißſtrafe unterworfen ſind. Die Fingerzeige des Volkes, über die man hier immer ſtolpert, werden in dem Lande, 219 deſſen Speiſezimmer eher für den äußern als für den innern Menſchen der Gäfte Befriedigung geben, ganz außer Acht gelaſſen. In England ſuchen ſie doch, durch die Wärme der türkiſchen Teppiche und die Pracht der gut gepolſterten, marokaniſchen Stühle, die Härte ihres Aaüſces und die Kälte ihrer Suppe unfühlbar zu machen. In Petersburg geſchieht Vieles mit der Verſchwen⸗ dung eines halben Barbarismus. Die meiſten großen Reichthümer der Ruſſen entſtanden aus Favoritenthum, Spiel oder Börſenſpiel und Güter werden mit der gewöhnlichen Leichtigkeit der Leute gekauft, verkauft und vertauſcht, welche weder Wappen, noch Urkunden haben, ihr Verfahren zu rechtfertigen, und in deren Ohren die Kreuzzüge des Chriſtenthums noch ganz fa⸗ belhaft klingen. Es liegt alſo ohne Zweifel weniger Schande in der Verſchwendung und Zerſtörung da, wo kein Erbe der Vorfahren zu Grund gerichtet, und keine Eiche aus den Tagen von Philipp Auguſt oder Plan⸗ tagenet umgehauen wird. Mittlerweile wollen wir die Etiquette von Frank⸗ reich preiſen, die unſere Feſte des Faubourg vor der ehrenvollen Gegenwart des Hofes bewahrt; denn man kann ſich kaum ein ſo tödtliches Gewicht, ſowohl für di Börſe, als auch für die Gäſte des Wirthes vor⸗ ellen!— Wenn die Göttinnen des Alterthums herab ſtie⸗ gen, um mit den demüthigen Sterblichen zu ſpeiſen, pflegten ſie die Hütten in Paläſte zu verwandeln. Das war der Dank für ihre Bewirthung. Aber wenn auch der Czaar und die Czaarin ſich gleich freundlich be⸗ weiſen, find ihre Beſuche viel eher geneigt und fähig, lhte Mirthr aus einem Palaſte in eine Hütte zu ver⸗ etzen Jeder Gegenſtand des wirklichen Luxus in Ruß⸗ land iſt ſo ganz ausländiſchen Urſprungs, daß er mit Gold aufgewogen werden muß. 220 Nectar und Ambroſia könnte man, wie ich glaube, mit nicht viel größeren Koſten, als Champagner und Paſteten, von Straßburg erhalten, welche jeden nobeln Tiſch zieren müſſen, während die Strenge des Clima's ſo gewaltig iſt, daß die frühen Früchte, welche ich hier fand, mit ungeheuern Koſten herbei geſchafft wurden und ein Pfirſich einen Louisd'or, und eine Kirſche einen Kronenthaler koſtete! In Paris treiben wir ſchwerlich einen ſolchen Auf⸗ wand, wenn ſich nicht ein Demidoff oder Tufiaskin un⸗ ter uns niederläßt. Das Gold unſerer Außenſeite iſt gleichförmig. Wir beſſern unſer Gold nicht an einer einzigen Stelle des Gebäudes aus, indem wir den Reſt der Diele mit den kahlen Brettern ſichtbar laſſen, oder mit Ockerbeſtreichen. Unſer mäßiges Vermögen, überdies noch durch Verantwortlichkeiten von alter Herkunft beſchränkt, machte es uns unmöglich, Paläſte und Leute, ſo zahl⸗ reich wie die Bevölkerung eines Dorfes, herbeizuſchaf⸗ fen, um einen König und eine Königin zu unterhal⸗ ten, welche unſerer Mühe ſpotten würden, wie wir es bei den empor kommenden Banquiers thun, die Tep⸗ piche von Sammet legen und goldene Brücken bauen, vuß uns ein Gelüſte nach ihren Feſten dadurch einzu⸗ ößen. 1 Und jetzt, meine liebe Tante, muß ich gehen und hören, was mir der arme Elvinſton von ſeinem Be⸗ ſuche zu erzählen weiß, den er letzten Abend der Baro⸗ nin abſtattete. Leben Sie wohl und vertrauen Sie meiner Tal⸗ leyrand'ſchen Politik mit aller Sorgloſigkeit das Glück Jyrer Enkeltochter an. * Neunzehnter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Ich wagte, Sie, meine liebe Erzieherin, in einem meiner früheren Briefe von Petersburg aus zu fragen, warum Sie und Andere duldeten, daß mir ſo alterne Begriffe von meiner perſönlichen Wichtigkeit eingeflößt wurden. Jetzt frage ich Sie mit derſelben Aufrichtigkeit, wie Sie mich ſo ganz blindlings auf meine Urtheils⸗ kraft und meinen Verſtand vertrauen laſſen konnten? Mit achtzehn Jahren hielt ich mich für ein Wun⸗ der, und für fähig, über mein eigenes Schickſal und das Anderer zu gebieten. Mit achtzehn und ein Vier⸗ tel erklärte ich mich für einen Narren, an meine eige⸗ nen Prophezeiungen geglaubt zu haben. Es iſt viel⸗ leicht ein Beweis der Fortſchritte, welche ich in der Weisheit mache, daß ich jetzt zum erſten Mal meine Thorheit einſehe. Sie werden ſich noch erinnern, wie beſtimmt ich eine Heirath zwiſchen Marguerite und dem Fürſten Gallitzin vorher ſagte, und wie gewiß ich Lord Elvinſton's Ergebung gegen mich war? Ja, mit ſo viel Gewißheit that ich dies, daß ich erwarte, Sie werden mir kaum glauben können, wenn ich Ihnen jetzt ankündige, daß innerhalb zwei oder drei Mona⸗ ten meine ſanfte kleine Stiefſchweſter die Gattin eines britiſchen Pair's werden wird, der einer der reichften Männer Europa's iſt. Frau von Rehfeld, mit ihrer gewöhnlichen leichten Art, die Leute fur ſich zu gewinnen, hatte kaum ſeine Wichtigkeit entdeckt, als ſie auch ſchon anſing, von ſei⸗ nen Gefühlen und Gedanken auf eine Weiſe Beſitz zu nehmen, die ihm die falſche Meinung beibringen ſollte, 222 daß alle die Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit, welche er in ihrem Hauſe empfing, von Marguerite ausge⸗ gangen ſei.„ Da ſie ihn bei uns wie ein Glied der Familie behandelte, entwaffnete ſie den vorſichtigen Mann ſo gänzlich, daß er ſich außer ihrem Hauſe nicht mehr glücklich fühlte. Wie kann man behaupten, daß in der That ſeine häufigen Beſuche, über die ſie ſo oft klagte, nicht abſichtlich in der erſten Zeit von iyr herbeigeführt wurden, um zwiſchen dem engliſchen Lord und ihrer Tochter, unter dem Vorwande ſeiner Liebe für mich, eine ſolche Vertraulichkeit zu gründen, die augenſchein⸗ lich mit einer Heirath enden maßte? Deenn nach allen Anzeichen, ſei auch Marguerite's Abneigung ſo groß, als ſie wolle, wird, vorausgeſetzt, Lord Elvinſton erkalte nicht, das Ende davon eine Heirath ſein. Die Autorität der Baronin über ihre Tochter iſt unumſchränkt. Die neuen diplomatiſchen Schwierigkeiten über die Schifffahrt der Oder nehmen meines Vaters ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und wäre dies auch nicht der Fall, ſo hat mein Vater doch kürzlich dieſelben Anſichten über die Größe der elterlichen Autorität er⸗ halten. Was Marguerite betrifft, ſo iſt die Sanftmuth ihrer Natur engelgleich; denn ich geſtehe jetzt, daß ihre Demuth nicht, wie ich Anfangs glaubte, eine Folge von Beſchränktheit iſt. Marguerite beſitzt eben ſo viel warmes Gefühl, wie geſunden Verſtand. Bei allen ihren Opfern iſt„die Pflicht“ die herrſchende Göttin ihres Altars. Sie hat jedoch niemals Gelegenheit, Lord Elvin⸗ ſton auch nur einen Augenblick allein zu ſehen, ſo daß Liebeserklärungen zwiſchen ihnen unmöglich ſind, und in Gegenwart der Baronin iſt ihr Betragen ſo zurück⸗ haltend gegen ihn, daß der arme Mann, welcher wil⸗ lens iſt, nach einem Strohhalm zu haſchen, ſich zufrie⸗ 223 den gibt, ſort zu hoffen, da fort zu lieben, ob befrie⸗ digt oder nicht, unvermeidlich ſcheint.* So aufgeheitert und ermuthigt, verſchwindet ſeine Zurückhaltung und Schüchternheit nach und nach. Im Anfange machte ihn das Bewußtſein ſeiner Leidenſchaft verlegen; aber jetzt, da der Rubicon überſchritten und ſein Herz von dem Geheimniſſe befreit iſt, fängt er an, munter zu werden. Die Wahrheit geſagt, er hat durch die Befreiung von jenen Spötteleien, zu welchen ich mich berechtigt fühlte, ſo lange er für meinen Anbeter galt, und die großen Theils die Urſache ſeiner falſchen Scham wa⸗ ren, ſehr viel gewonnen, und, um ihm vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, in jedem andern Lichte, als in dem eines Bräutigams, ſehe ich in ihm einen angenehmen Geſellſchafter und einen ſchönen Zu⸗ ſatz zu unſerem Kreiſe. Aus Allem dieſen, meine Liebe, werden Sie ſchlie⸗ ßen, daß die Borſten meiner Eigenliebe glatt geſtrichen ſind, und daß ich mich der Macht der Umſtände hinge⸗ geben habe. Noch richtiger geſagt: ich bin vollkom⸗ men zufrieden mit meiner Stellung. Nicht daß ich noch etwas ſehnſüchtig zu wünſchen hätte, oder erwar⸗ tete, ſondern ich bin vollkommen zufrieden. Ihre Freundin, Fürſtin W., kam, mich am andern Tage zu einer Stunde zu beſuchen, wo ſie wußte, daß die Baronin gewiß abweſend ſei. Sie zog vor, mir meinen Beſuch, wie ſie am Ende des Briefs ſagte, in meinem eigenen Heiligthume zurückzugeben, anſtatt in dem Salon, in welchen ſie geführt werden ſollte. Die Folge davon war eine äußerſt ungenirte Muſterung meiner Bücher, Kleider und Muſtkalien. „Meine liebe, kleine Madame Dacier, Sie ſind ein Wunderkind!“ rief ſie, nachdem ſie meine Biblio⸗ thek gemuſtert hatte.„Ich ſehe jetzt, warum Sie ſich ſo viele Mühe gaben, mich auf die ceremoniöſen Staatsgemächer zu beſchränken. 224 „Ganz recht, meine Liebe!— Wenn Sie ſich ſelbſt lieben, ſo laſſen Sie keine andere Dame in Petersburg gen Fuß über die Schwelle Ihres Muſentempels etzen. 1 „Es würde mit Ihren Hoffnungen und Ausſichten zu Ende ſein, würde es bekannt, daß Ihr Ankleide⸗ zimmer ſtatt Bänderſchachteln und Juwelenkaſtchen, voll von Büſten, Büchern und Portfolios iſt. „Obgleich kein Volk Europa's größeren Werth auf gute Ernehung legt, als die Ruſſen, und obwohl Nie⸗ mand ſich mehr damit brüſtet, aus ſeinen Kindern moderne Sprachgelehrte zu machen(vorausgeſetzt, daß unſer bisher uncultivirter und roher Dialekt für die übrigen Nationen von Europa eine eben ſo todte Sprache wird, als diejenigen ſind, in welchen ich ſo eben Ihre bedeutenden Fortſchritte vernehme), ſo wird doch Alles, was einer Verbeſſerung ähnlich ſieht, unter uns als Pedanterie verſpottet. „Um bei dem kaiſerlichen Hofe Glück zu haben, meine ſchöne Schwärmerin, müſſen Sie ſich zu den Wiſſenſchaften von Brokat und Atlas, von Bändern und Spitzen herab laſſen. Zwiſchen Geologie und Mineralogie unterſcheiden zu können, wird dlos fur eine Gouoernante paſſend gefunden, während Mecheln und Valenciennes nicht von einander unterſcheiden zu können, Sie nach Sibirien bringen würde.“⸗ Ohne Zweifel weiß ich ihren Uebertreibungsgeiſt zu würdigen. Es war jedoch nicht das erſtemal, daß ich eine Anklage wegen Achtung vernahm, welche in Petersburg den Talenten gezollt wird, um deren wil⸗ len die gegenwärtige Kaiſerin ſo merkwürdig iſt, näm⸗ lich dem Tanze und der Toilette, während die zwri fein gebildeten Prinzeſſinen von Würtemberg, die be⸗ ſtimmt waren, die Gattinnen des Kaiſer Paul's und ſeines Sohnes Michael zu werden, doppelte Urſache hatten, ihr Geſchick zu beklagen, indem man ihren geiſtigen Vorzügen ſo wenig Werth beilegte. Nichts 225 deſtoweniger machte Rußland einen ſchönen Tauſch mit Würtemberg in einer talentvollen Königin, der Tochter Paul's und Schweſter des Großfürſten, deren früher Tod, wie ich finde, jetzt noch in Stuttgart als der einer der merkwürdigſten Frauen der neuen Zeit beklagt wird. Laſſen Sie mich jedoch wieder zur Für⸗ ſtin W. zurückkehren. „Wenn ich nicht mit aller Gewalt dieſen Morgen durchgedrungen hätte, in Ihr blaues Zimmer zu kom⸗ men,“ fuhr ſie fort;„ſo würde ich viel mehr und viel länger in Verlegenheit geſetzt worden ſein, die Politik Ihrer Stiefmutter zu begreifen. Daß ſie einen vortrefflichen Plan hatte, den Fürſten Gallitzin auszu⸗ laſſen und dieſen ſchüchternen engliſchen Jüngling zu fangen, von dem man ſagt, er ſei ſo reich wie You⸗ ſoupoff und Demidoff zuſammen, daran zweifelte ich nie; aber ich halte ihre Politik auch noch nicht für be⸗ endigt. Ich durchſchaue Alles! Sie bemerkte, daß ihre hübſche Marguerite nicht glücklich mit einem hart⸗ herzigen Manne, wie dem Fürſten Gallitzin, ſein würde, der einer Mitarbeiterin auf den Pfaden der Auszeichnung bedarf, nicht ein hülfloſes Püppchen, um am Feuerherde niederzuſitzen und die Perlen ihres Roſenkranzes zu zählen, ſondern ein Mädchen mit Geiſt, Energie und Talenten, gleich derjenigen, deren Fähigkeiten durch ein Mitglied des Hotels de Choiſy gebildet wurden. Indem ſie ſah, daß Sie die rechte Gattin für ihn ſeien, und daß der taugliche Gemahl für Marguerite ſich gezeigt habe, nahm ſie einen Tauſch mit den Gefangenen vor, wie Leute bei der Geneh⸗ migung eines Vertrags thun— et voilä!“⁰ „So meinen Sie alſo,“ entgegnete ich lächelnd, „daß ich einem dürftigen Diplomaten von einem halben Fabrhundert Erfahrung ohne mein Wiſſen beſtimmt ei 29 „Frau von Rehfeld hatte noch nie die Gewohnheit Die Frau des Geſandten. I.. 15 226 gehabt, ſich zuerſt der Leute Erlaubniß zu erbitten, und dann erſt über ſie zu verfügen. Sie heirathete Ihren Vater beinahe ohne ſeine Einwilligung— ſie wird Alles aufbieten, um es auch mit Ihnen ſo zu machen, und dann werden Sie ſich eines Tages, nach⸗ dem Sie ſechs Monate Fürſtin Gallitzin geweſen ſind, fragen, wie dies Alles kam.“ „Das glaube ich faſt nicht!“ war die Antwort. „Ich werde nicht ſo leicht gekauft, verkauft, oder ver⸗ tauſcht, wie die ſanfte Marguerite. Ich werde nicht durch kindliche Pflicht geblendet. Ich bin wirklich auf meiner Hut und im Stande, dafür zu kämpfen. Ich ſehe für mich und fühle für mich, und wenn ich auch nicht fähig bin, für mich zu handeln, ſo will ich doch wenigſtens nicht gerade handeln, wie mir andere dic⸗ tiren. Wenn auch nicht unabhängig dem Betragen, bin ich es doch dem Geiſte nach.“ ce Die Fürſtin antwortete mit einem billigenden Lä⸗ eln. „Bravôo, bravissimo!“ rief ſie,„meine muthige kleine Heldin von achtzehn Jahren! Geſtehen Sie mir jedoch zu, daß Sie trotz der Scharfſichtigkeit, auf die Sie ſo ſtolz ſind, gerade in der vergangenen Nacht mit dem Kopfe in die Falle geriethen, als der Lockſpeiſe die kaiſerliche Krone aufgedrückt war?“ „Ich verſtehe Sie nicht!“ ſprach ich beleidigt von ihrem ironiſchen Tone. „Ich meine, daß wir ſchon in der Michaéloff's⸗ Geſellſchaft auf Alles vorbereitet waren, was Sie auf dem Balle des brittiſchen Geſandten zu überraſchen ſchien! Daß nämlich außer dem Wunſche, ihre Mar⸗ guerite zu verſorgen, auch noch der einer ihrer wärm⸗ ſten ſei, ihre Stieftochter ferne von ihr zu verſorgen, und es iſt ohne Zweifel ihr Plan, dies auf eine Weiſe zu thun, welche berechnet iſt, die Connexionen ihrer Familie zu erweitern.“ „Aber welchen Einfluß hat die Aufmerkſamkeit des Kaiſers auf die Verheirathung der Tochter eines der fremden Geſandten an ſeinem Hofe?“ fragte ich ſtolz. „Den größten, wenn der zukünftige Bräutigam gleich dem Fürſten Sergius ein Günſtling iſt. Es iſt unſern Zirkeln ganz gut bekannt, daß ſehr bald nach Ihrer Ankunft hier, das heißt, bald, nachdem man Lord Elvinston Marguerite den Hof hatte machen ſehen, Frau von Rehfeld ſchon begann, ihren Freunden im Vertrauen mitzutheilen(die ſicherſte Methode ein Gerücht zu verbreiten), daß die Erziehung, welche Sie in Dautſchland erhielten, eher Ihrer mütterlichen, als väterlichen Abkunft anpaſſe, und daß Sie einem Pro⸗ feſſor⸗Stuhle in Leipzig mehr Ehre, als einem Ball⸗ ſaale machen würden.“ Ich fürchte, ich war nicht ſo weit Herrin meiner Bewegungen, um ein plötzliches Erröthen aus Erbit⸗ terung zu unterdrücken, welche ich bei dieſer Ankündi⸗ gung fühlte. „Das Ding glückte, wie ſie beabſichtigte; denn wenn hat jemals einer der coups d'êtat von Madame Erloff fehlgeſchlagen? Aufmerkſamkeit wurde dem ſchwachen oder ſtarken Gegenſtande zu Theil, von dem ſie wünſchte, daß er Aufſehen erregen möchte. Die feinen Damen zuckten ihre Achſeln mit Geringſchätzung, diejenigen von dem Anitſchkoffhof, welche es der Mühe werth hielten, ſich um Sie zu kümmern, ſetzten Sie als ein ungeſchliffenes Weſen herab, deren Umgang man ſtrenge vermeiden müſſe. Nur einige Wenige und das ſehr Wenige, darunter die Michabloffskians und der Kaiſer, fühlten einige Neugierde, die deutſche Ge⸗ lehrte zu ſehen, die man von der Natur ſo wenig mit den gewöhnlichen Reizen ihres Geſchlechtes begabt glaubte, weil man es für nothwendig gefunden zu haben ſchien, die Zuflucht zu profeſſoriſcher Pedanterie zu nehmen. 1 4 228 „Stellen Sie ſich deshalb die Ueberraſchung vor, als die Lilie von Rehfeld ihre Reize entfaltete, und als ſie ſahen, daß das gebildetſte Mädchen in Peters⸗ burg auch das ſchönſte ſei!— Die hundert Ehren⸗ fräulein der Kaiſerin wurden bleich vor Neid; und Niemand war erſtaunt, als der Czaar, welcher den Tanz als eine Art von Bußübung zu betrachten pflegte, Sie zu ſeiner Tänzerin erkor. Man ſagt mir(aber da ich keine Intrigantin bin, weiß ich auch nur wenig von den Geheimniſſen des Hofes), daß Nikolaus bei weitem nicht ſo überraſcht geweſen ſei, in der neuen Schönheit eine angenehme, natürliche Geſellſchafterin zu finden, als es der Fall war, indem er in der gründ⸗ lich ſcholaſtiſchen Tochter des neuen Geſandten die lieb⸗ lichſte Zierde ſeines Hofes erblickte.“ „Es wundert mich,“ entgegnete ich, mich beſtre⸗ bend mit möglicher Ruhe zu ſprechen,„daß, wenn die Baronin wirklich geneigt iſt, für ein Glied ihrer Fa⸗ milie auf die Gunſt des Kaiſers zu ſpeculiren, es nicht eher für ihre eigene Tochter, als für eine Per⸗ ſon geſchehen ſein ſollte, der ſie nichts ſchuldig iſt und welche auch gegen ſie keine Verpflichtungen hat.“ „Einfältig, meine Liebe! Marguerite iſt keine Lilie von Rehfeld— ſie iſt ganz das Bild der Blume, de⸗ ren Namen ſie trägt, und wer ſah jemals ein Maß⸗ liebchen mit den Juwelen einer Krone vermiſcht? Glanz⸗ los, farbenlos iſt es bloß würdig, ſeinen blaſſen un⸗ bedeutenden Stern in den Reihen der Diener zu zei⸗ gen, während die königliche Blume Glanz ſowohl don. dem Diademe erhält, als auch ihm denſelben er⸗ theilt.“„ „Ich glaube, ich verſtehe Sie!“ lautete meine ſtolze Erwiederung.„Sie werden nicht haben ſagen wollen, daß meines Vaters Gattin beabſichtigt, ein Verhältniß von zweideutiger Natur zwiſchen dem Kaiſer und mir hervorzubringen?“ — 229 Wieder antwortete die Fürſtin mit lautem Lachen. Ich bin überzeugt, ſie glaubte, ich ſei nicht recht bei Sinnen. „Wie ſchlecht müſſen Sie Ihre Zeit während Ihres Aufenthaltes hier angewendet haben, ſchöne Ida! ſprach ſie. Noch nicht zu wiſſen, daß die Mediceiſche Venus, wenn ſelbſt mit der Milde, Anmuth und den Talenten der Muſen ausgeſtattet,(verzeihen Sie, wenn ich während meines Aufenthalts in Ihrem gelehrten Boudoir klaſſiſch werde) ihren Zauber vergebens an dem gefrorenen Herzen des Kaiſers verſchwenden würde, nein, nicht gefroren— obgleich ich ihn haſſe, will ich ihm doch Gerechtigkeit widerfahreu laſſen— an dem tugendhaften Herzen des Kaiſers. Lächeln Sie nicht! — ſeien Sie nicht mißtrauiſch gegen mich! Ich bin keine Madame Erloff, keine Schmeichlerin des Kaiſers. Aber es iſt eine unumſtößliche Wahrheit, daß Nikolaus ein ergebener Gemahl und Vater, und für die Schwä⸗ chen unzugänglich iſt, die das häusliche Glück ſeines Bruders ſo grauſam zerſtörten.“ „Ich vermuthete nicht, daß Sie die Baronin eines in jeder Hinſicht ſehr ſtrafbaren Vorhabens anklagen würden, wie Ihre Worte ausdrücken,“ ſprach ich, da mir eben wieder die Schönheit und der Name von Alexanders Madame Nariſchkin in's G dächtniß kam. „Aber wir haben Alle in der Geſchichte von einem Monarchen geleſen, der gleich tugendhaft, gleich kalt, einem Bunde der Freundſchaft zur Beute wurde, welcher eine ſo große Gewalt über ſeine Gefühle übte, wie die Liebe über die Herzen anderer Männer. Wir haben Alle von Ludwig XIII. und Mademoiſelle de la Fayette gehört.“ „Ah! und ſchön endete ihre Freundſchaft,— in⸗ dem man den einen in das Grab und die Andere in ein Kloſter ſandte. Iſt das nicht die Geſchichte der Genlis'ſchen Nambyzambyfication? Aber in dieſem Falle ſind Sie geſichert, ſchöne Ida. Wenn Nikolaus 230 in einem Augenblicke weiſerer Geſellſchaft bedarf, als er zu Hauſe findet,— wenn es in gewiſſen Verlegen⸗ heiten wegen der Verfahrungsart der weiblichen Eti⸗ quette und des weiblichen Anſpruches unumgänglich nothwendig iſt, den Takt eines Weibes um Rath zu fragen, welches Geiſt und Herz als Zuſatz zu einem ſchönen Aeußern und zu feinen Sitten beſitzt; ſo wer⸗ den alle ſeine Bedürfniſſe in dem Michasloff'ſchen Pallaſte in der Perſon der liebenswürdigen Verwand⸗ ten ſeiner Mutter und Gattin ſeines Bruders befrie⸗ digt. Unſere Großfürſtin beſitzt all' den Einfluß, zu dem f Blutsverwandtſchaft und Vorzüge berech⸗ tigen „Erklären Sie ſich, alſo,“ rief ich.„Welches iſt der Beweggrund, den Sie meiner Stiefmutter zuſchrei⸗ ben, daß ſie meine Bekanntſchaft mit dem Kaiſer zu befeſtigen ſucht?“ „Sprechen Sie nicht ſo, gleich einer kaiſerlichen Majeſtät, von ſich ſelbſt, oder ich werde keine einzige Frage mehr beantworten!“ entgegnete die Fürſtin, in⸗ dem ſie mich in meiner eingebildeten Hoheit lächerlich zu machen ſuchte, und da ich begierig war, einen tiefern Blick in die Wahrheit zu thun, ſo können Sie ſich denken, wie bereitwillig ich ihrer Forderung ge⸗ horchte. „Ich glaube einfach dieß:“ antwortete ſie, nach einigen Bitten.„Frau von Rehfeld hat, wie wir wiſſen, einen Sohn und eine Tochter im Leben zu ver⸗ ſorgen, und, wie wir vermuthen, Schulden zu bezah⸗ len, welche ihr Zahlungsvermögen überſchreiten. Die Gunſt des Kaiſers allein kann dieſe Gegenſtände be⸗ reinigen, und wie kann dieſe erhalten werden? Sie weiß, daß er ſie perſönlich haßt, oder daß er fie viel⸗ mehr nur als die Wittwe eines treuen Dieners ſeines Bruders achtet. Weder Marguerite noch Alexis Er⸗ loff ſind geeignet, ſich ſeiner Gunſt zu empfehlen, da 231 das Mädchen eine Null, und der Knabe ein ungeſtümer Beläſtiger iſt. „Es iſt deßhalb unerläßlich für ſie, eine vortheil⸗ haftere Verbindung mit dem guten Willen des Herr⸗ ſchers zu knüpfen, von dem ihr Glück abhängt. Indem ſie dem Fürſten Gallitzin, ſeinem Günſtling, eine reiche und talentvolle Gattin verſchafft, vollbringt ſie eine dem Kaiſer höchſt angenehme Sache, und um den Fürſten von der Weisheit dieſer Verbindung zu über⸗ reden, gibt es nichts beſſeres, als für Sie die Em⸗ pfehlungen des Kaiſers zu erwerben. Finden Sie jetzt den Weg zu ihren Manövern?“ 7 „Kurz geſagt, Sie meinen, daß ſie, indem ſie ſieht, für Marguerite eine gute Partie gefichert zu haben, mich zur Fürſtin Gallitzin zu machen wünſcht,“ entgeg⸗ nete ich ruhig. „Eine Fürſtin Gallitzin, deren Talente und Schön⸗ heit ſowohl den Einfluß Rußlands auf andere Höfe erweitern, als auch den ihrer ruſſiſchen Verwandten in ihrem Vaterlande verſtärken wird,“ fuhr die Fürſtin ohne Stocken fort. „Ich ſchließe, ich ſoll dieß Alles als ein Kompli⸗ ment annehmen,“ ſprach ich.„Aber verzeihen Sie, wenn ich Sie an die Verdienſte und Reize Ihrer ruſ⸗ ſiſchen Damen erinnere, da Sie die eines armen, kleinen, dunkeln, deutſchen Mädchens für fähig halten 3u....“ „Nicht die Geſetze einem Lande vorzuſchreiben, à la Roxelane, meine Theuere,“ unterbrach mich die muntere Fürſtin,“ ſondern eine Aufrechthalterin der Freundſchaft zwiſchen dem Kaiſer und einem ſeiner be⸗ günſtigſten Diener zu werden. Niemand hat mehr Ur⸗ ſache, als Nikolaus, den Werth der Würde und des à plomb in Verbindung mit Jugend und Schönheit zu ſchätzen. Alles, was ſeine Unterthanen an fremden Höfen thun und ſagen, oder ungethan und ungeſagt laſſen, weiß er, und nichts mißfällt ihm ſo ſehr, als 232 wenn wir uns und unſer Land durch irgend eine un⸗ beſonnene Handlung bloßſtellen. Und deßhalb bin ich mit ihm entzweit. Weil ich mir vornahm, mich für ein oder zwei Jahren in Rom gleich den Römern zu ergötzen, gab man mir zu verſtehen, daß es für meine Güter gut ſein würde, wenn ich nach Rußland zurück⸗ kehre. Hart genug! denn was konnte er Schlimmeres thun, als mir gebieten, nach Rußland zurückkehren?— Wir ſprachen jedoch von Ihnen, und nicht von mir, und ich bin ſo gut wie die Baronin der Ueberzeugung, daß der Kaiſer nur um ſo mehr geneigt ſein wird, dem Fürſten Gallitzin eine hohe diplomatiſche Anſtellung zu geben, wenn er ihn im Beſitze einer reichen, ver⸗ ſtändigen und ſchönen Gattin weiß.“ Ich wollte Einwendungen dagegen machen, daß meine Perſon ihm bei der Erlangung dieſer hohen An⸗ ſtellung behülflich ſein könnte; aber die Fürſtin er⸗ laubte mir nicht, ein einziges Wort dagegen zu ſagen. „Verbinden Sie ſi ch nicht durch voreilige Gelübde, welche Sie vielleicht in einer ſpätern Zeit bereuen könnten!“ ſprach ſie.„Sie können noch keinen be⸗ ſtimmten Entſchluß gefaßt haben. Ihre Stellung zu der Gattin Ihres Vaters mag nicht immer die ange⸗ nehmſte ſein. Auch zwiſchen Ihren Eltern werden Verdrießlichkeiten entſtehen, wenn Baron von Rehfeld mit ihren Grundſätzen und ihrem Betragen beſſer be⸗ kannt werden wird. Wenn noch geblendet hinſichtlich ihrer Gefinnungen, ja, wenn ſie ſelbſt beabſichtigen ſollte, ſich ohne ſeine Einwilligung von ihren Hinder⸗ niſſen zu befreien, ſo werden Sie mit Marguerite den Reiz Ihrer Geſellſchaft und den Troſt Ihres Hauſes verlieren.— Nicht wahr?“ „— Herr von Vaudreuil,“(ich bildete mir ein, daß meine Gefährtin mich prüfend betrachte, während ſie ſprach)„wird nicht immer hier bleiben, und einfach als eine dritte Perſon mit Ihrem Vater, Ihrer Stief⸗ mutter und dem ſächſiſchen Vetter, von dem ich neben⸗ 233 bei als von einem Bewerber gehört habe, allein in einem Hauſe werden Sie ſchwerlich Petersburg ſehr anziehend finden.“ „Sie entwerfen mir hier ein Bild, das weit ent⸗ fernt davon iſt, den diplomatiſchen Vergnügungen in andern Hauptſtädten das Gleichgewicht zu halten!“ ſagte ich.„Ich geſtehe, daß ich bereits bemerkt habe, es ſei unumgänglich nothwendig, um in Rußland aus⸗ gezeichnet zu werden, daſelbſt geboren, wie es vor eini⸗ gen Jahren eine Auszeichnung war, aus einem fremden Lande zu ſein. Es kommt mir nicht zu, zu unter⸗ ſcheiden, ob Schwäche oder Stolz mich regiere. Aber entweder iſt eines oder das andere die Urſache, daß ein langer Aufenthalt mit gänzlicher Vernachläſſigung in Petersburg mir viel unangenehmer erſcheint, als die Verdrießlichkeiten, denen ich, wie ich vorherſehe, vurch des Kaiſers Gunſt ausgeſetzt werde.“ Indem die Fürſtin bemerkte, daß unſere Unterre⸗ dung eine ernſtere Wendung nahm, als ſie wünſchte, ſuchte ſie mich durch Erzählung der Neuigkeiten, welche ſie kürzlich von ihren Freunden, den Choiſy's erhalten hatte, auf heiterere Gegenſtände zu bringen. Ihr ſchö⸗ ner Zögling erregt, wie ſie mir ſagte, als Madame la Marquiſe de Montécourt das größte Aufſehen, fie iſt die Beobachtete aller Beobachter und die Freundin der Herzogin von Berri. Unter Anderm erzählte ſie mir im Allgemeinen von Paris; die Fröhlichkeit und Freiheit daſelbſt ſchilderte ſie mir in ſo lebhaften Farben, daß ſie die Ihrigen über dieſen Punkt noch übertrafen, und daß ich eine halbe Stunde nach ihrem Fortgehen ſo vollkommen entſchloſſen war, die Hand des Fürſtin Gallitzin anzu⸗ nehmen, um in den Tuilerien als die Geſandtin des Hofes von Rußland zu glänzen, wie die Baronin nur immer wünſchen konnte!— 4 Ich werde abgerufen. Marguerite's Stimme 234 läßt ſich an der Thüre vernehmen, zitternd vor Bewe⸗ gung.— Großer Gott, was iſt geſchehen? In unſerer geſtrigen Familienverwirrung, meine Liebe, fand ich keine Zeit mehr, dieſen Brief zu ſchlie⸗ ßen und dem Courier zu übergeben. Sie müſſen ſich deshalb begnügen, eine Woche ſpäter eine Depeſche von doppelter Länge zu erhalten. Ich ſagte Ihnen, daß ich von Marguerite Erloff in einem Zuſtande großer Aufregung abgerufen wurde, und wirklich fürchtete ich, daß wieder eine Angelegen⸗ heit in der Elvinston'ſchen Sache ihr armes Herz zer⸗ reiße. Es war jedoch weit gefehlt! Die Ankunft ihres Bruders Alexis hatte die Freudenthränen in ihren Au⸗ gen hervorgerufen, die ich, einfältig genug, im erſten Augenblicke für Thränen des Kummers zu halten ge⸗ neigt war. Bei unſerem Eintritte in den Salon der Baronin ſah ich einen ſehr großen, militäriſchen, ſchönen, jungen Mann, der ſich bei meiner Ankunft kaum erhob, und deſſen forſchende Prüfung, die er vom Kopf bis zum Fuß mit mir anſtellte, als wir uns näher kamen, Alles, nur nicht gewinnend war. Der junge Graf redete mich an, als ob die Namen Erloff und Rehfeld ſich ganz fremd ſeien. Obgleich er auffallend ſchön iſt, ſo ſah ich doch nie eine weniger anziehende Perſon! In dem Augenblicke, in welchem ich ſeine kalte, ja beinahe ſtolze Begrüßung vernahm, kam es mir plötzlich in den Sinn, daß er vielleicht ſeine Begriffe von der Tochter meines Vaters aus den Mittheilungen von Marguerite bei ihrer erſten Ankunft auf Rehfeld vernommen habe, wo ſie leider Urſache hatte, mich nicht ſehr einnehmend zu ſchildern. Kaum hatte unſere nicht viel verſprechende Be⸗ kanntſchaft begonnen, als Graf Erloff den Faden der 235 Unterhaltung mit ſeiner Mutter wieder aufnahm, die durch mein Eintreten unterbrochen worden war, und ſich ausſchließlich nur auf ſeine eigenen Angelegenheiten und die Verwaltung der Erloffſchen Güter bezog. Ich hatte dem zu Folge Zeit genug, meinen neuen Stief⸗ bruder etwas näher zu prüfen, und that es mit der⸗ ſelben finſtern Weiſe, mit der er es mit mir gethan hatte. Das Erſte, was mir in ſeinem Aeußern aufſiel, war ſeine Aehnlichkeit mit dem Kaiſer. Dieſe Bemer⸗ kung ſpricht wunderbar zu ſeinen Gunſten, ſelbſt für keine gut ruſſiſchen Ohren; denn Nikolaus iſt ohnſtrei⸗ tig einer der ſchönſten Männer, die je den Thron zier⸗ ten. Aber in Petersburg heißt dies ſoviel, als ihn für einen Halbgott erklären. Nichtsdeſtoweniger iſt die kalte Würde, welche ein kaiſerliches Diadem ſo ſehr ſchmückt, nicht paſſend für die Herzlichkeit des Pri⸗ vatlebens; und wenn auch das Auge Alexis einen rein eiſigen Ausdruck hat, ſo drohen doch die Linien des Mundes von Kälte und Grauſamkeit überzugehen. Wie ich ſeine abſtoßende Phyſiognomie ſah, kam mir unwillkührlich der Gedanke an die geſetzloſen, ruſ⸗ ſiſchen Adeligen, die in dem düſtern, geheimnißvollen Dunkel der Schlöſſer Oranienbaum und St. Michael über das Schickſal Paul's I. und Peter's III. entſchie⸗ den. Am Ende iſt es jedoch unmöglich, nach einer bloßen Phyſiognomie ein vernünftiges Urtheil zu fällen, und ſelbſt unſer ſchwärmeriſches Land hat bald gelernt, von Lavater ſich los zu ſagen. Die Verhandlung über Familienangelegenheiten zwiſchen Mutter und Sohn dehnte ſich ſo ſehr in die Länge, daß ich endlich beinahe anfing, auf Marguerite zu zürnen, weil ſie mich gezwungen hatte, eine Zuhö⸗ rerin von dem zu werden, was mich ſo wenig inter⸗ eſſirte. Aber indem ich gerade ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwerfen wollte, ſah ich ihr Auge mit ſo namen⸗ loſer Zärtlichkeit auf dieſen einzigen Bruder geheftet, 236 während Thränen auf ihren Wangen glänzten und unterdrückte Bewegung aus jedem Zuge ſprach, daß ich nicht Muth ſelbſt für eine zürnende Miene fand. In dieſem Augenblicke, glauben Sie mir, war ſie wirk⸗ wirklich unbeſchreiblich ſchön! Einige Zeit darauf ließ ſich die Baronin ſelbſt herab, mich in das Geſpräch zu ziehen und es allge⸗ mein zu machen; aber der Graf war augenſcheinlich der Meinung, daß ich von keiner größern Wichtigkeit ſei, als der Stuhl, auf dem ich ſaß, und nach einem flüchtigen und unruhigen Blicke auf ſeine Mutter, wäh⸗ rend ich ihre Fragen beantwortete, nahm er das Thema von ſeinen Morgen Landes und ſeinen Nongiks und deren Verwaltung wieder auf. Wenn die Erziehung des edlen Collegiums der Pagen ſolcher Natur iſt, was wird von der Höflichkeit des zukünftigen Rußlands zu hoffen ſein? Als ich endlich mich von der Familien⸗Synode zu⸗ rückziehen wollte, trat Graf Alfred de Vaudreuil ein, der von ſeines Vetters Ankunft nichts wußte, und die Begrüßung des Grafen Alexis war nun ſo warm und zärtlich gegen ihn, wie ſie gegen mich kalt und abge⸗ meſſen war. Sie umarmten ſich à la Russe(denn es iſt nicht mehr Mode für Pariſer, wie ſie mir ſag⸗ ten, ſich à la Frangaise zu umarmen) und in einem Augenblicke war das militäriſche Ungeheuer in eine lebhafte Unterhaltung in jenem wunderbaren pariſer Franzöſiſch verwickelt, welches bei dem Grafen Erloff nicht von ſeiner Vaudreuil'ſchen Abkunft herrührt, da Ruſſen— betrachten Sie z. B. den Fürſten Gallitzin— von rein moskowittiſchem Blute manchmal eben ſo talentvoll ſind. Aber obgleich ich nach und nach gezwungen wurde zu geſtehen, daß meines Stiefbruders Sprachtalente bedeutend ſeien, ſo befreundete ich mich, als ich ihn frei und munter mit Alfred ſprechen hörte, nicht mehr mit ihm, als es der Fall war, wie er mir ſtumm ge⸗ 237 genüber ſaß. Monſieur de Vaudreuil's ſpöttelnder Ton ſteht in Uebereinſtimmung mit ſeinem Namen, ſeiner Natur und ſeiner perſönlichen Erſcheinung. Klein, leicht, veränderlich und ruhelos gewährt ſein Geberdenſpiel eine eigenthümliche Begleitung ſeiner Worte; während die harte, große und küraſſiermäßige Figur des jungen Erloff's, ſeine braune und hölzerne Phyſiognomie ſeinen Worten einen höhniſchern Ausdruck geben, als ſie wirklichen Spott für die Welt enthalten. Man bemerkt, daß ſeine Jronie ſeiner Natur fremd, eine Maske— ein bloßer Vorwand iſt. Monſteur de Vaudreuil ſchien ſo wenig Notiz von der Gegenwart von Alexis Mutter zu nehmen, als der Graf die meinige beachtet hatte. Ohne Rück⸗ ſicht auf die wiederholten Vorwürfe der Baronin über dieſen Gegenſtand, begann er in ſeine gewöhnlichen wilden Satyren über Petersburg auszubrechen. „Wenn ich nicht meiner reizenden Tante Ihrer Großmutter, verſprochen hätte,“ ſprach er,„Rußland nicht vor Ihrer Ankunft hier zu verlaſſen, auf daß ich ihr verſichern könnte, der einzige männliche Ab⸗ kömmling ihres Hauſes ſei ſechs Fuß zwei Zoll hoch und ſo ſchlank wie eine unſerer Griſetten, ſo würde ich Petersburg vierzehn Tage nach unſerer Ankunft wieder verlaſſen haben.“ „Ich kann mir denken, daß Sie mehr als hinrei⸗ chend von hier geſättigt ſein werden,“ verſetzte der junge Graf,„wenn Sie ſich dazu verdammt haben, allen jenen unſinnigen Puppenſpielen von Geſellſchaften beizuwohnen. Ich für meinen Theil verabſcheue Pe⸗ tersburg!“ „Um Deiner ſelbſt willen, mein theurer Alexis, empfehle ich Dir, dieſe Bemerkung für Dich zu behal⸗ ten,“ rief die Baronin in krampfhafter Beſtürzung. „Ich bin nicht ſelbſtſüchtig genug, für mich das zu behalten, was ſo würdig iſt, mit andern getheilt zu werden; und wenn ich Petersburg haſſe, ſo ſagte 2 238 ich Ihnen doch nie, daß ich Rußland gleichfalls verab⸗ ſcheue. Ich liebe mein Regiment und meine Garniſon, ſei ſie wo ſie wolle. Ich liebe ſelbſt Moskau. Aber ich haſſe dieſen excluſiven Platz, welcher noch zwan⸗ zig Jahre zu thun haben wird, ehe es ihm wieder gelingt, das Ruſſenthum der letzten Regierung zu er⸗ langen. Sollte ich leben, um es werden zu ſehen was Moskau iſt, den Sitz des alten Adels des Landes, ſo mag ich mich vielleicht noch mit ihm ausſöhnen. Bis dahin laſſen Sie mir mein Lager oder meine Kaſerne.“ „Bravo!l ich werde vortrefflichen Bericht über Sie im Hotel de Vaudreuil erſtatten können!“ rief Alfred, due der Baronin entrüſtetes Ausſehen äußerſt be⸗ uſtigt. „Der Gräfin Auguſte Hauptbeſorgniß um Sie beruht auf Ihrer zweifachen Abſtammung. Da ſie ein zu tugendhaftes Leben geführt hat, um nicht zu wün⸗ ſchen, einige Sünden in ihrem Betragen zu entdecken, damit das Amt des Abbé Chaptal nicht ganz ein Amt ohne Dienſt werden möchte, hat ſie ſich angeklagt, ein Unrecht begangen zu haben, indem ſie ihre Tochter einem Fremden gab, nicht wegen irgend einer Furcht, hinſichtlich ihres Glückes, ſondern weil ſie behauptet, I die zweifache Nationalität der Nachkommen ſei ein fatales Verhängniß.„Sie verachtet Marguerite und mich, als Baſtarde!“ entgegnete Alexis mit einem ſchallenden Gelächter. „Zwitter, glaubt man, hätten die ſchönſten Stim⸗ men der Welt, ſonſt würde ich Ihnen dieſen ungalan⸗ ten Vergleich nicht vergeben!“ rief Alfred, und warf einen zärtlichen Blick auf ſeine liebliche Couſine. „Nein, nein! ich meine nur, daß die alte Dame, in⸗ dem ſie ihr Lieblingsmaxim„Soyons de notre pays“ beſtätigte, da ſie als eine reine Pariſerin nach zwan⸗ zigjähriger Abweſenheit nach Paris zurückkehrte, glaubt, Ihr Vaudreuil'ſches Blut habe Sie bis zu einem Grade entnationgliſirt, der Ihren Ausſichten nicht gün⸗ 239 ſtig ſein könnte. Sie wünſcht ſo ſehr, daß Sie ein Ruſſe werden, wie ſie eine Franzöſin bleiben wird.“ „Sie hat ganz recht, entgegnete Alexis ernſt. „Jedes Land ſollte in ſeinen eigenen Tugenden wach⸗ ſen. Wir verlieren nur zu viel Zeit mit der Pflege ſchwacher, ausländiſcher Gewächſe, während wir den einheimiſchen Baum von edlerem Wuchſe vernachläßi⸗ gen. Ich habe wenig von meinen franzöſiſchen Ahnen geerbt; aber, Gott ſei Dank, ich theile wenigſtens die Meinungen meiner Großmutter. Warum war ſie je⸗ doch mit dieſem edlen Stolze die Urſache, daß meiner Schweſter Erziehung in Frankreich geleitet wurde.“ Graf Alfred ſchwieg. Ich vermuthe, er war hin⸗ reichend von der Wahrheit überzeugt, um zu fühlen, daß dieſer Gegenſtand beſſer mit Stillſchweigen über⸗ gangen würde. Allein der junge Erloff beharrte auf ſeiner Frage. „Meine Mutter ſtimmte mit mir über dieſen Punkt überein;— der Plan war mein eigener,“ ent⸗ gegnete die Baronin, indem ſie ſeiner Antwort zuvor⸗ zukommen ſuchte, aber ihre Wangen rötheten ſich ſo ſehr, daß ſie auch eine ſympathiſirende Röthe auf de⸗ nen Marguerite's hervorriefen. Noch blieb ihr Sohn ungerührt und nicht in Verlegenheit gebracht. „Es iſt mir leid, dies zu hören,“ war ſeine harte Erwiederung.„Ich hatte immer gehofft, daß es meine Großmutter ſei, der ich die lange Entbehrung der Geſellſchaft meiner Schweſter zu danken hatte.“ Eine drückende Pauſe trat ein, und ich vermuthe, Graf Alfred fühlte deren Beengung; denn wo er iſt, herrſcht ſelten ein Schweigen. Kaum hatten wir uns jedoch Alle hinlänglich unbehaglich gefühlt, ſo fing er chon an, Fragen an Alexis wegen der Länge ſeines Aufenthaltes in Petersburg zu richten. „Ich werde blos ſo lange hier verweilen, als nö⸗ thig iſt, um dem Kaiſer meine Aufwartung zu machen und meine Schulden zu zahlen,“ ſprach er.„Ich habe 240 Abſichten auf die Kaſſe eines Onkels, der einzige Er⸗ loff mit einem Rubel, den er ſein nennen kann. Meine elenden Erbgüter ſind ſo ganz zu Grunde gerichtet, und befinden ſich noch ſo feſt in den Klauen der Juden und Geldverleiher, daß...“ „Alexis,“ unterbrach ihn die Baronin wieder „ich bitte Dich, dieſe merkwürdigen Erklärungen zu verſchieben, bis Du mit Deinem Vetter allein biſt.“ „Ich bin ganz allein mit meinem Vetter!“ ent⸗ geanete der Graf trocken.„Niemand iſt gegenwärtig außer meiner Familie, und vor dieſer wird es hoffent⸗ lich unnöthig ſein, Geheimniſſe zu haben.“ „Fräulein von Rehfeld und Deine Schweſter ha⸗ ben ein Recht, zu erwarten, daß Du ein beſſeres Thema, als Deine Bank⸗Angelegenheiten, zur Unter⸗ haltung wählſt,“ entgegnete ſeine Mutter gereizt. Ein verächtlicher Blick über das Haupt der armen Marguerite hinweg auf mich, drückte ſeine gänzliche Gleichgültigkeit gegen mein Vergnügen aus. Einige Augenblicke ſpäter fügte er hinzu:„Wir müſſen alſo unſere wechſelsweiſen Mittheilungen verſchieben, Vau⸗ dreuil, bis Du mit mir in meinem Hotel diniren kannſt. Da werde ich dann wenigſtens mein eigener Herr ſein.“ „Dein Hotel?— Willſt Du nicht zu Hauſe woh⸗ nen?“ fragte die Baronin mit mehr Bewegung, als ich je bei ihr wahrgenommen hatte. „Ich wüßte nicht, daß ich ein Haus in Peters⸗ burg beſitze,“ antwortete der Graf.„Sollte Baron von Rehfeld ſo gütig ſein, mich als ſeinen Gaſt ein⸗ zuladen, ſo haben Sie die Güte, ihm zu ſagen, es ſei peinlich genug für mich, daß meines Vaters Tochter das Brod eines Fremden eſſen müſſe. Ich für meinen Theil wollte mich lieber zu den Iswoshtniks der Stadt neben dem gemeinſchaftlichen Feuer der Barm⸗ herzigkeit geſellen.“. Ich glaube, daß Alfred ſich bei dieſer rückſichts⸗ 241 loſen Feindſeligkeit des Alexis ſo ſehr, wie wir ſelbſt, gekränkt fühlte; denn jetzt erſuchte er ſeinen Vetter, ihn zu den Gastinnoi Doon zu begleiten, wo er einige Einkäufe zu machen habe. „Ich habe Ihre Ankunft mit Sehnſucht erwartet, damit Sie einen Handel für mich in gutem Ruſſiſch machen möchten. Eure Kaufleute auf franzöſiſch anzu⸗ reden, iſt eben ſo viel, als ſie einzuladen, einen zu betrügen. Kommen Sie deßhalb mit mir und unter⸗ ſtützen Sie mich, einen Vorrath von Toula⸗Stahl als ein Geſchenk für einen Bruder zu kaufen. Ich fürchte, daß nichts Geringeres, als ein Dutzend Paar geſtickter Schuhe oder Pantoffeln mich aus den räuberiſchen Händen meiner ſchönen Freundinnen des Faubourg be⸗ freien wird.“ 1 Einige wenige Andeutungen mehr von dieſer Art dienten dazu, des Grafen Alexis Aufmerkſamkeit zu feſſeln, und während er mit Monſieur de Vaudreuil den Gang ihres Handels feſt ſetzte, ſtahl ich mich aus dem Z immer.. Beleidigt, ja beinahe beengt durch den trotzigen Ton dieſes neuen Gliedes unſeres Familienzirkels, ge⸗ währte es mir eine große Erleichterung, daß ich mich erinnerte, von meinem Vater die Erlaubniß erhalten zu haben, an jenem Tage mit der Fürſtin W. zu dini⸗ ren und ſie dann in ihre Loge in dem Balskoy⸗Thea⸗ ter zu begleiten, um die berühmte ruſſiſche prima donna, Madame Semenoff, zu hören. Obgleich ich beinahe alle Luſt zu dem Vergnügen des Abends verloren hatte, ſo war mir doch Alles wilkfommener, als bei einer ſolchen Kriſis zu Hauſe zu eiben. Sie werden ſich erinnern, meine Liebe, mir in dem Briefe, welcher das Packet für die Fürſtin W. beglei⸗ tete, tzſagt zu haben, daß ich in ihr entweder das liebenswürdigſte, oder das unangenehmſte Weibfinden Die Frau des Geſandten. I. 16 würde; daß ſie ſich als das eine oder das andere, je nach ihren Launen und Grillen, zeigen werde. Glücklicher Weiſe bin ich jedoch im Stande, über ſie das günſtigere der beiden Urtheile zu fällen; aber ich muß deßhalb doch auch die Wahrheit Ihres Aus⸗ ſpruches bekennen, daß Nichts ihrer Launenhaftigkeit gleichkommt.. Ich habe geſagt, daß ſie mich eingeladen hat, ſie in ihre Loge zu begleiten, um die Oper„Veſtalka“ zu ſehen, und unter dem ausdrücklichen Wunſche, meinen Geſchmack für Muſik zu befriedigen. Doch ohne allen Grund hielt ſie mich eine oder zwei Stunden in ihrem Boudoir gefangen, nachdem der Wagen längſt ange⸗ meldet war, und plauderte von Regen und ſchönem Wetter, ſo daß wir, ſtatt die Oper zu hören, bei un⸗ ſerer Ankunft blos einen Bedienten in Livree erblick⸗ ten, der, der Sitte von Petersburg gemäß, die Vor⸗ ſtellung des nächſten Abends ankündigte. „Sie werden Madame Semenoff ein anderes Mal hören,“ war ihre ganze Entſchuldigung.„Wir kommen gerade zum Ballet. Sie werden nun unſere reizende Iſtomina ſehen, welche tauſend Semenoffs werth iſt.“ Entrüſtet, etwas ſo Geringes, wie ein Ballet mit einer edlen Oper vergleichen zu hören, hatte ich bei⸗ nahe Luſt vorzuſchlagen, daß wenn der Wagen noch nicht fortgeſchickt ſei, wir am folgenden Abende wieder kommen wollten, um Roſſini's„Semiramide“ beizu⸗ wohnen, welche ſo eben angekündigt worden war. Ich fürchtete jedoch zu ſehr der Fürſtin Spott über meinen Muthwillen hervorzurufen, und dies war zu meinem Glücke, denn als ich geneigt war, die Reize eines Bal⸗ lets herunter zu ſetzen, hatte mir meine Einbildungs⸗ kraft wenig die verwirklichte Poeſie gemalt, die ſich uns enthüllen ſollte. Chèr Bonne, ich habe manchmal über den En⸗ thuſiasmus gelächelt, den Sie äußerten, wenn Sie mir 243 von einer Oper erzählten, da Sie keine beſondere Leidenſchaft für Muſik hatten. Ich ſehe nun, daß Ihre Begriffe von der franzöſiſchen Oper ſich auf ein gutes Ballet beſchränkten, wie es auch ſpäter mit den meinigen von einer ruſſiſchen der Fall war. Wie reizend, wie prächtig, wie bezaubernd! Sie können ſich nichts täuſchenderes, als dieſes Schauge⸗ pränge denken! Die Fürſtin, welche Ihre reizende Taglioni ge⸗ ſehen hat, verſichert mir, daß Mademoiſelle Iſtomina in der Akadamie der Muſik wenig beachtet werden würde. Aber für mich, die noch nichts als die ge⸗ wöhnlichen Tänze in einer komiſchen Oper unſeres ärmlichen, kleinen Theaters in der Reſidenz geſehen hat, bot die überfüllte Bühne mit ihren ſchönen Grup⸗ pen und endloſen Illuſtonen all den Reiz des Zaubers dar.— Ich war ganz hingeriſſen!— 4 Von der Dekoration der Bühne in Anſpruch ge⸗ nommen, hatte ich bei unſerm Eintritte nur einen flüchtigen Blick in dem Theater umhergeworfen; und obgleich mich die Fürſtin W. aufforderte, die kaiſerliche Loge in dem Mittelpunkte des Hauſes, von Karyatiden geſtützt, zu betrachten, ſo hatte ich doch nichts von denen geſehen, die ſie inne hatten. Ja, wann ſelbſt in einer der intereſſanteſten Augenblicke der Vorſtellung die Thüre unſerer eigenen Loge ſich öffnete, konnte ich meine Augen nicht einmal ſo lange von der Bühne abwenden, um den Ankömmling zu betrachten. Die Hand der Fürſtin berührte fortwährend meinen Arm; aber ich konnte nicht— nein, es war mir unmöglich, in dieſem Augenblicke meine Aufmerkſamkeit dem gött⸗ lichen, ſtummen Mädchen von Portici zu entziehen, welches durch ihr Pantomimenſpiel Maſaniello's Theil⸗ nahme forderte. 12 Ich vermuthe, ſie zog endlich ihre Hand zurück; denn ich fühlte und ſah nichts mehr von ihr, oder von irgend einem andern Ding um mich herum, außer dem Königreiche beider Sicilien, bis das Fallen des Vorhangs am Ende des Aufzuges mir erlaubte, wie⸗ der Athem zu ſchöpfen.. Ermeſſen Sie nun meine Ueberraſchung, als ich, indem ich mich noch athemlos und mit Thränen in den Augen herumdrehte, den Kaiſer hinter mir ſtehen ſah! Seine Miene ward durch ein Lächeln verſchönt, ich hatte ſie ihres gewöhnlich ernſten Ausdruckes wegen kaum für fähig gehalten, ein ſolches anzunehmen. In⸗ dem ich mich augenblicklich erhob, wollte ich einige Entſchuldigungen ſtammeln; aber er duldete weder meine Bewegung, noch meine Entſchuldigungen, und eilte, mir ſeinen Dank für das Schauſpiel auszu⸗ drücken, das ich ihm als eine Perſon, ganz bezaubert von der dramatiſchen Blendung, gewährt hatte. Es ſcheint der Czaar liebt das Ballet mehr, als alle an⸗ dere Arten von Vergnügungen, und während der zwanzig Minuten, die er plaudernd in unſerer Loge zubrachte, gab er eine flüchtige Beſchreibung der be⸗ ſten in Petersburg, augenſcheinlich nur um mich zu beluſtigen, da meine Gefährtin eine ebenſo gute Be⸗ obachterin wie er ſelbſt war. Aber ach! ich wurde nicht länger von der Aufre⸗ gung des engliſchen Balls beherrſcht, und der Muth, welcher mich in den Stand ſetzte, die frühern Bemer⸗ kungen des Kaiſers zu erwiedern, war verſchwunden. Ich glaube, ich fange gleich andern an, die Macht des autokratiſchen Zauberwortes zu fühlen, denn Alles, was ich thun konnte, war, in ſchweigender Sympathie ſeinen wirklich lebhaften und geiſtreichen Schilderun⸗ gen zu lauſchen. Kaum hatte er uns verlaſſen, um in die kaiſer⸗ liche Loge zurückzukehren, ſo dankte mir die Fürſtin ſchon mit einem lauten Lachen für die Ehre, welche ihr der Kaiſer erwieſen hatte! „Ich bin überzeugt, daß mich der Kaiſer haßt,“ ſprach ſie,„und ich wurde nie mit einer Einladung 245 zu den Zirkeln in der Anitſchoff beehrt. Der Beſuch galt deshalb einzig nur Ihren glänzenden Augen— ich bitte um deren Verzeihung, ich wollte ſagen ſchmachtenden Augen, welche, um ihnen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, während der ganzen Zeit, in welcher der Kaiſer die Geſchichte von dem indiſchen Mädchen und ihrem Hindu⸗Apoll erzählte, nichts als Elegien und Madrigals ausdrückten.“ „Ich fürchte, ich erſchien ſowohl ihm, als Ihnen äußerſt lächerlich,“ ſprach ich;„denn ich kann von Keinem euch beiden erwarten daß es meine Länd⸗ lichkeit entſchuldigen, oder ſich erinnern wird, daß dies die erſte ſchöne, dramatiſche Darſtellung iſt, die ich je ſah. Dreißig Perſonen können auf unſerer klei⸗ nen Bühne kaum Platz fuͤr ihren Ellenbogen finden, während, wie mir der Kaiſer verſicherte, das Ballet hier vor uns 400 Perſonen enthält.“ Fürſtin W. zuckte ungeduldig die Achſeln, indem ſie mich noch von dem Ballete hingeriſſen fand. Sie, die erſt in dem vergangenen Tage ſo große Verach⸗ tung über die Hofgeſinnungen meiner Stiefmutter aus⸗ gedrückt hatte, war augenſcheinlich von dem Beweiſe der kaiſerlichen Gunſt, die ihr, wie ſie ſelbſt bekannte, um einer andern willen zu Theil geworden war, in einem ſo hohen Grade bezaubert, wie es bei einer Frau ihres Alters ſelten der Fall iſt. Ihr Ausſehen vollkommen verändert. Ihre Wangen glühten und ihre Augen flammten. Sie ſchien neues Leben von dieſer momentanen Unterhaltung mit dem Kaiſer em⸗ pfangen zu haben. „Wie glücklich, daß wir dieſen Abend hieher ge⸗ kommen ſind!“ rief ſie.„Und ich war ſo nahe daran, Sie zu bitten, mich zurück zu begleiten und ſtatt deſſen Mademoiſelle Paéhlmann in der„Schweizerfamilie“ zu hören. Wie gut, daß ich auf meinem erſten Ent⸗ ſchluß beharrte!“ „Allerdings glücklich für mich,“ entgegnete ich. „Ich kenne die Muſik der„Schweizerfamilie“ hinläng⸗ lich, während alle dieſe reizenden Arien und Chöre von Auber noch ganz neu für mich ſind.“ Wieder zuckte die Fürſtin ihre Achſeln.„Ich kann mir leicht denken, wie ſehr Sie die Geduld der Baronin erſchöpfen müſſen!“ ſagte ſie endlich.„Nun, gut! ſechs Monate unter dem Dache einer ſolchen Stiefmutter werden hinreichen, Sie ſo weltlich wie uns zu machen, und da ſteht ein Mann in der Loge der Fürſtin Konrakin gegenüber, welcher, wie ich ver⸗ muthe, der Erſte ſein wird, von Ihren Fortſchritten Nutzen zu ziehen.“ Da meine Augen der Richtung der ihrigen folg⸗ ten, welche auf den Fürſten Gallitzin gerichtet waren, ſah ich denſelben, wie er ſich bemühte, mit ſeiner Lorgnette alle unſere Bewegungen zu beobachten. Aber ich hatte wenig Muße zu fernern Bemerkungen. Der Vorhang wurde wieder aufgezogen und Maſaniello's Schickſal nahm bald alle meine Gefühle und Gedanken in Anſpruch. Ich kam ſo ermüdet von den aufeinander folgen⸗ den Intereſſen dieſes ereignißvollen Abends nach Hauſe, daß ich gerne direkt in mein Zimmer geeilt wäre, um meinen Kopf auf mein Kiſſen zu legen und meine fieber⸗ hafte Aufregung wegzuſchlafen. Aber als ich mein Gemach erreichte, fand ich Marguerite daſelbſt in meinem Armſeſſel ſitzen; als ſie mich ſah, eilte ſie auf mich zu und brach in einen Strom von Thränen aus, indem ſie ſich um meinen Hals warf. 4„Wenn Du nur gewußt hätteſt, wie ſehnſüchtig ich Deiner Ankunft entgegen geſehen habe,“ ſtammelte meine arme Stiefſchweſter. „Iſt etwas vorgefallen?“ fragte ich und drückte einen Kuß auf ihre Stirne.„Iſt die Baronin...!“ „Nichts iſt vorgefallen, meine Mutter iſt wohl...“ „Vielleicht unzufrieden mit Dir?“ 247 „Im Gegentheil, ſie hat ſich dieſen Abend mit größerer Zärtlichkeit von mir getrennt, als ich mir ſeit meiner Geburt erinnerte.“ „Was bewegt Dich dann ſo ſehr, theuerſte Mar⸗ guerite?“ ſagte ich und führte ſie in den Armſeſſel zu⸗ rück; denn ſie war kaum fähig zu ſtehen. „Ich habe eingewilligt, Lord Elvinston's Gattin zu werden!“ entgegnete ſie mit bebender Stimme, und ein einziger Blick auf ihre Züge reichte hin, mich von dem geiſtigen Kampfe zu überzeugen, in welchem dieſe Einwilligung gegeben worden war. Ihre Wangen waren farblos, ihre Augen geſchwollen, ihre Hände, welche ich zwiſchen den meinigen hielt, kalt wie der Tod. Hier gab es keinen Zweifel mehr an der Wirk⸗ lichkeit ihres Unglücks. „Theuerſte Marguerite!“ rief ich und ſchloß die Thüren, damit Niemand von unſerer Bedienung her⸗ ein kommen könne; denn ſie war nicht in einem Zu⸗ ſtande, um ſich ſehen laſſen zu können;— dies muß nicht ſein! Wenn die beſagte Heirath Dir ſo verhaßt iſt, wird ſich mein Vater einmiſchen. Beruhige Dich deshalb. Du kannſt, Du ſollſt nicht gezwungen wer⸗ den, Dich mit einem Manne zu verbinden, gegen den Du eine perſönliche Abneigung fühlſt.“ „Die Handlung iſt ganz mein eigen,“ ſprach Mar⸗ guerite mit einer tiefen, aber feſten Stimme.„Man gebrauchte keinen Zwang. Du mußt Dich nicht ein⸗ miſchen, meine theure Ida, ja Du darfſt nicht ein Wort über dieſen Gegenſtand äußern, wenn Du mei⸗ nen Schmerz nicht erneuern willſt. Die Heirath iſt unvermeidlich, und würde nun irgend ein Hinderniß eintreten, ſo wäre ich die erſte, welche die Verbindung wieder anknüpfen würde.“ ü „Auf Marguerite's Geſicht drückte ſich eine ſolch' tödtliche Verzweiflung aus, daß mir ihr Betragen und ihre Veweggründe gänzlich userklärlich waren. Aber auf die Details der kummervollen Unterhaltung einzu⸗ 2A 248 gehen, iſt jetzt außer meiner Macht. Dieſer lange Brief iſt die Arbeit vieler Tage— und ereignißvoller Tage für Alle hier; und mein Packet muß jetzt mei⸗ nem Vater geſandt werden, damit er es ſeinen Depe⸗ ſchen in die Reſidenz beifügen kann. Leben Sie wohl! Zwanzigſter Brief. Von Vicomte Elvinston an Sir Thomas Meredyth. Sie haben mir ſo oft, theuerer Sir, die Betrach⸗ tung aufgedrungen, daß ich der letzte unſeres Stam⸗ mes ſei, um mich dadurch zu beſtimmen, mich frühe zu vermählen, daß ich mit der Ueberzeugung Ihrer Einwilligung Sie jetzt auffordere, mir zu meiner be⸗ vorſtehenden Verheirathung Glück zu wünſchen. Ich habe mir als meine Gattin ein Mädchen von ange⸗ meſſenem Alter, von entſprechender Geburt und Ver⸗ wandtſchaft ausgeſucht, hochgeboren und höchſt gebildet und ich möchte noch beifügen, auch von angemeſſenem Vermögen, denn welches Recht hat ein Mann von meinem Reichthume, einen Brautſchatz von ſeiner Gat⸗ tin zu verlangen, oder anzunehmen? Die Braut, mit der Sie bald bekannt werden ſollen, zählt 18 Jahre; liebenswürdig an Geiſt und Perſon, iſt ſie die einzige Tochter eines berühmten ruſſiſchen Generals, deſſen Kinder, da er den plötzlichen Tod ſeines Herrn, des Kaiſers Alexander, nur einen Monat überlebte, ganz beſonders Gegenſtände des In⸗ tereſſes für die kaiſerliche Familie wurden. 4 Die Wittwe, eine Tochter des edlen Hauſes Vau⸗ dreuil, hat ſich zum zweiten Mal mit dem Geſandten des Großherzogs von N.... an dem hieſigen Hofe verheirathet, und Graf Erloff, der einzige Bruder meiner ut infaigen Gattin, iſt ein vielverſprechender Offizier in der kaiſerlichen Garde. Von ſolcher Beſchaffenheit iſt die Familie, welche in Kurzem die meinige werden ſoll. Sie haben viel⸗ leicht gewünſcht, ich möchte eine Engländerin zur Frau wählen; obgleich es ſchwer für mich geweſen wäre, hinſichtlich Ihrer unzählbaren Einwendungen, die Sie ausſchließlich gegen jede Familie ausſprachen, mit der mein Name von der Geſchwätzigkeit der Geſellſchaft in eine eheliche Berührung gebracht wurde, eine Gefährtin in meinem eigenen Lande zu finden, die geeignet ge⸗ weſen wäre, Ihren Erwartungen vollkommen zu Gunſten Ihres Mündels zu entſprechen. Auf jeden Fall ſprechen die wenigen Wechſelheirathen zwiſchen Engländer und Ruſſen, mit denen ich bekannt bin, zu meinen Gunſten und wenn ich mich auch hierin irren ſollte, ſo muß doch die Geſellſchaft des verehrungswürdigen Grafen Worornzoff, an deſſen reicher Tafel Sie ein häufiger Gaſt waren, Sie zu Gunſten einer Nation geſtimmt haben, von der Sie nur vortheilhafte Anſichten mit zurückbrachten. 3 Ich erwarte deshalb, mein theurer Sir, daß Sie meine kleine ruſſiſche Gattin als die Urenkelin Ihres Freundes bewillkommnen werden, oder vielmehr, wie mein Vater ſie ſelbſt bewillkommt haben würde, wäre er noch am Leben. Ihr Name wird unſer Wappen nicht beflecken, und ihre perſönlichen Vorzüge ſind ge⸗ eignet, meiner Wahl Ehre zu machen. Ich muß Sie erſuchen, gerade ſolche Verträge zu fertigen, wie ſie zum Beſten meiner verſtorbenen Mut⸗ ter gemacht worden waren. Da ſtie gleichfalls arm war, wie meine liebenswürdige Marguerite, iſt ein hinreichender Beweis, daß mein Vater in Hinſicht des Vermögens nichts gegen meine Vermählung eingewen⸗ det haben würde. Kurz, mein theuerer Sir, da ich Herz und Hand unwiderruflich vergeben habe, bin ich der feſten Ueber⸗ zeugung, Sie werden keine Hinderniſſe gegen die Voll⸗ ziehung meiner Heirath haben, ſondern Alles thun, was in Ihrer Macht ſteht, mich zu unterſtützen, um die Ankunft meiner Braut in meinem Vaterlande zu einer Epoche allgemeiner Familienfreude zu machen. Sie werden ſich freuen, zu hören, daß dieſe Ver⸗ bindung mit beſonderer Einwilligung des Kaiſers ge⸗ ſchloſſen wurde. Seit meiner Verlobung wurde ich mit einer Privataudienz beehrt. Laſſen Sie mich je⸗ doch, um die Auszeichnungen, welche dem engliſchen Adel in meiner Perſon zu Theil wurden, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, noch beifügen, daß, noch ehe man meine Gefühle für Marguerite Erloff ahnen konnte, nichts den kaiſerlichen Gunſtbezeugungen gleich⸗ kam. Es iſt jetzt etwas mehr, als Gunſtbezeugung. Die dankbare Anhänglichkeit des gegenwärtigen Kaiſers an den verſtorbenen Alexander, durch den ſeine Thronfolge ihm geſichert und ſeine Erziehung mit bei⸗ nahe väterlicher Zärtlichkeit geleitet wurde, ſtellt die Familie des verſtorbenen Grafen Erloff unter den beſon⸗ dern Schutz des Kaiſers. Die Wittwe genoß vor einiger Zeit eine ausgezeichnete Anſtellung bei Hof, und von ihr habe ich tauſend intereſſante Züge von der Liebe des Kai⸗ ſers Nikolaus für ſeinen verſtorbenen Bruder gehört. In Nußland wird das Gedächtniß der Verſtorbe⸗ nen beſonders heilig gehalten. Das geſellſchaftliche Leben iſt minder thätig, weniger eilig, als in Ländern, welche eine größere Civiliſation und ausgedehntere Reminiscenzen genießen. Perſönliche Erinnerungen und perſönliches Eigenthum der Todten werden hei⸗ lig gehalten. Ihre Zimmer werden von dem Augen⸗ blicke an, in welchem ſie aus dieſem Leben ſcheiden, nicht mehr betreten, und ich habe in Zarskoje⸗Selo die 251 Gemächer Alexanders geſehen, wo man ſelbſt noch die Kleider aufbewahrt, die er vor ſeiner Abreiſe nach Taganrog getragen hatte. Um wieviel größer iſt des⸗ halb die Achtung, welche man ihren Zurückgebliebenen erweiſt!— Man glaubt, daß mein zukünftiger Schwa⸗ ger, Graf Erloff, eine ſehr glänzende Laufbahn unter dem Schutze des Kaiſers machen wird. In dem Charakter des Nikolaus liegt ſehr viel, was Ehrfurcht gebietet. In manchen Verhältniſſen des Lebens hatte er eine ſchwierige Rolle zu ſpielen, und ſpielte ſie tadellos. Unter Andern, obgleich ſeine Verlegenheit mehr verborgener Natur, mag die Vereinigung ſeiner tiefen und innigen Dankbarkeit für ſeinen Bruder mit der Anerkennung ſeiner politiſchen Fehler des verſtorbenen Kaiſers als eine ſolche betrachtet werden.— Bei der Thronbeſteigung des Nikolaus war eine große Verſchwörung auf dem Punkte, loszubrechen, welche durch Alexanders Mangel an Nationalität, durch ſein Favoritenthum und durch ſeine Liebe für Fremde und den Aufenthalt im Auslande hervorgerufen wurde. Damals beſtanden in Rußland, warum ſoll ich nicht ſagen beſtehen, zwei verſchiedene Parteien der Knecht⸗ ſchaft, die Sklaverei des Volks gegen den Adel, und die des Adels gegen den Thron. Der Kaiſer, von einer ganz antimoskowittiſchen Liebe für die Freiheit beſeelt, welche aus ſeinem Verkehr mit aufgeklärtern Ländern entſprang, wünſchte die Ketten der Leibeigen⸗ ſchaft zu löſen, und die ſeiner Bojoaren feſter zu ſchmieden. Die Folge davon war eine äußerſt ver⸗ breitete Unzufriedenheit unter dem ruſſiſchen Adel, wel⸗ cher glaubte nahe daran zu ſein, des Beſitzes ſeiner Vorfahren beraubt zu werden; und es unterliegt we⸗ nig Zweifel, daß, hätte auch Alexander der ſchädlichen Atmosphäre der Krimm widerſtanden, er doch gewiß den Händen der politiſchen Meuchelmörder nicht ent⸗ ronnen ſein würde, 252 Mein Beſuch in Rußland überzeugte mich, daß weit größere Sicherheit für dieſe Menſcheneigenthümer in der ſtrengen Unterwürfigkeit ihrer Leibeigenen liege, als in dem Tode oder in der Abſetzung des reformiren⸗ den Czaars. Als der proteſtantiſche Miniſter, für ſeine Freiheit der Königin Eliſabeth verpflichtet,„die Los⸗ gebung vier anderer Gefangener, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ſich erbat, antwortete dieſe weiſeſte der Regentinnen:„ſie müſſe ſich erſt erkundigen, ob jene Gefangenen auch frei zu werden wünſchten.“ Alexander hatte jedoch nicht gefragt, ob die Zeit der Aufhebung gekommen ſei und ob die Leiheigenen frei zu werden wünſchten! Sie wünſchten dieß nicht, und thun es nicht. Wenn ſie im Stande find, ſich ihre Freiheit zu erkaufen, ſo thun ſie es doch ſelten, und ſelbſt wenn ſie ihnen großmüthig angeboten wird, wei⸗ ſen ſie die Gabe häufig zurück. Erziehung muß den Weg durch das Dunkel der Unwiſſenheit vor dem Lichte der Freiheit erhellen, und mit der Dunkelheit der feu⸗ dalen Zeiten behaupten die Moskowitten eine charak⸗ teriſtiſche Unterwürfigkeit. Freiheit iſt für ſie, was ein Diamant für eine hungrige Henne an der Stelle eines Waizenkorns iſt, ein werthloſer Schatz. Nicht die revolutionären Oden eines Puſchkin, nicht das Ge⸗ ſchrei eines Kaffeehauſes, oder ſelbſt die Intriguen eini⸗ ger ſchwachen Adeligen ſind es, welche für die Nation das Dämmern des Tages der Freiheit ausmachen. Niemand, der das Gedeihen Rußlands beobachtet, kann zweifeln, daß der Carbonarismus des Landes durch Peſtel's und ſeiner Genoſſen Hinrichtung, und die Un⸗ erſchrockenheit, mit welcher Nikolaus die wichtige, aber ſchlecht geleitete Verſchwörung unterdrückte, ausgerottet wurde. Der blutdürſtige Geiſt Rußlands fand recht⸗ mäßige Sättigung gerade damals in dem Ausbruche des türkiſchen Kriegs; und für einige ſpätere Zeit prophe⸗ zeihe ich Frieden. 1. Bitten Sie mit mir den Himmel, daß dieſe meine — 9 OAOOWBVöVöÜöͤqꝗòè— 253 Vorherſagungen in Erfüllung gehen, denn von jetzt an wird mich Rußlands Schickſal ſo ſehr wie das mei⸗ nes Vaterlandes intereſſiren. Ein und zwanzigſter Brief. Von dem Grafen Alſtede de Vaudreuil an den Grafen ules. Ich habe immer geglaubt, meinen nächſten Brief an Dich, mein theurer Bruder, mit der Ankündigung der Zeit meiner Abreiſe anfangen zu können, da ich es für beſſer hielt, meine ſüdliche Reiſe anzutreten, ehe noch das Aufthauen des Froſtes die Bahn zerſtört, welche ſeit vielen Monaten die ſchnellere Art in Ruß⸗ land zu reiſen ausmacht. Dieß iſt jedoch unmöglich. Ich muß hier bleiben, um die Rolle eines Verwandten bei der Hochzeit der armen Marguerite zu ſpielen, und indem wir Papiere von England erwarten müſſen, wird wahrſcheinlich das Frühjahr herbei kommen, ehe Alfred de Vaudreuil nach Paris zurückkehren wird. Es wird Dich ſehr freuen, zu vernehmen, daß Marguerite im Begriffe iſt, eine äußerſt glänzende Partie zu machen. Der engliſche Hund, den wir vor zwei Jahren in dem Union⸗Klubb vorſchlugen, hat ſich in einen Löwen verwandelt und unſere arme kleine Couſine zu ſeiner Löwin gewählt. Die erſte Ahnung davon erſchreckte mich. Aber was konnte ſie thun? Elvinston iſt ein guter Kamerad. Die Leute bei der engliſchen Geſandtſchaft verſichern mir, er beſitze uner⸗ meßliche Kapitalien und ſei der Eigenthümer jener berühmten kleinen hochländiſchen Pferdezucht, welche ich, ich geſtehe es, an einem leichten Wagen den ungariſchen 254 Pferden vorziehe. Ich zweifle nicht, ſie wird recht glücklich werden. Marguerite's Gemüthsart iſt in der That ſo lie⸗ benswürdig, daß ſie überall und mit Jedermann glück⸗ lich ſein würde; denn ſonſt hätte ſie ſich ſchwerlich in die eiſige Strenge ihrer Großmutter, und in die herz⸗ loſen, weltlichen Geſinnungen der Frau Baronin von Rehfeld gefügt. Ich für meinen Theil bin jedoch nicht ganz zufrie⸗ den mit ſolch einfältiger Unterwürfigkeit. „Ihre Demuth iſt mir zuwider!“ Es möchte dieß an einer Gattin lobenswerth ſein; aber an einer kleinen Couſine, in der man eine ange⸗ nehme Geſellſchafterin zu finden wünſcht, könnte manch⸗ mal ein wenig mehr Lebhaftigkeit zu wünſchen übrig bleiben. Ich beredete ſie, Elvinston zu heirathen, um ihrer und ſeinetwillen. Beide konnten nichts beſſeres thun. Ich glaubte jedoch kaum, daß ſie ſich ohne Mur⸗ ren ergeben würde, ſie, die in Paris erzogen wurde, und daher um ſo lebhafter die Barbarei der engliſchen Sitten und die Unbehülflichkeit dieſes jungen, reizenden Mannes mit ſeinen Paar Millionen des Jahres em⸗ pfinden muß. Aber von dem Augenblicke an, in welchem ſie ſich feſt mit ihm verband, ließ nicht eine Thräne, nicht ein Seußzer, oder ſonſt ein Zeichen, eine Reue an der ge⸗ ſchloſſenen Verbindung in ihr ahnen. Sie hat jetzt bloß Augen und Ohren für ihn, und nach Weiſe der Engländer nimmt er ſeinen Platz ſo beharrlich in dem Geſandtſchafts⸗Hotel ein, daß man keine halbe Stunde mehr ſinden kann, um mit ihr zu plaudern und da⸗ durch den Neid ihrer Stiefſchweſter zu erregen. Bei dieſer Heirath habe ich deshalb zwei ſehr an⸗ genehme Unterhaltungen verloren. 1 Meinen Morgenbeſuch an Marguerite's Arbeits⸗ tiſch, und meine nächtliche Cigarre mit Elvinston, nach den Abendgeſellſchaften, von denen wir zuſammen heim⸗ zukehren pflegten. Obgleich Marguerite als die Gattin des Fürſten Gallitzin, zu der ich ſie einſt beſtimmt glaubte, in einer Atmosphäre gelebt hätte, welche im Stande geweſen wäre, einen weſtphäliſchen Schinken zu räuchern, ſo hat doch mein ſtolzer Freund von dem Augenblicke an, an dem er als Geliebter angenommen wurde, auf das Tabakrauchen verzichtet. Ich für mei⸗ nen Theil würde nicht unterlaſſen, meine Cigarre zu rauchen, um die Grillen einer Geliebten zu befriedigen; eben ſo würde ich noch weniger meine Freunde von meinem Hauſe abhalten, oder die kleine Plauderſtunde nach dem Balle aufgeben, welche das Vergnügen der Klubb's in London oder Paris ausmacht. Ich hätte Elvinston für beſſer unterrichtet gehalten. Aber es ſcheint, er iſt kein Crokford's Mann. Alexis Erloff iſt hier angekommen;— ein Bär, welchem gelehrt worden zu tanzen, dem aber nie gelehrt werden wird, zu gehen. Verſtehſt Du mich? Ich meine, daß er eine gebildete Erziehung erhal⸗ ten hat, aber daß ſeine barbariſchen Inſtinkte noch vorherrſchen. Wenn er ein Weib anredet, erinnert er mich immer an einen Wilden, der eine Uhr in der Hand hat, ſie irriger Weiſe für eine Gottheit hält, jedoch nicht im Stande iſt, die außerordentlichen Eigen⸗ ſchaften des Mechanismus zu würdigen. Denke Dir, unſer hyperboreiſcher Vetter empfing mich mit einem Kuſſe, daß das ganze Zimmer davon wiederhallt haben mochte. Küſſen iſt unglücklicher Weiſe Mode unter den Ruſſen der alten Schule, oder viel⸗ mehr der neuen; denn Petersburg war unter der letz⸗ ten Regierung weit mehr pariſeriſch, als es während der gegenwärtigen der Fall iſt, und das Küſſen iſt eine nationelle Vergangenheit. Hier iſt eine Brücke, Potza- lia Most, oder die Brücke der Küſſe genannt, zur Er⸗ innerung an einen Kuß, den einſt ein Kapitän, welcher von dem härteſten der Cäſarn, Peter dem Großen, un⸗ gerecht und deſpotiſch beſtraft worden war, als Ver⸗ 256 gütung nebſt einer herzlichen Umarmung im Angeſichte aller ſeiner Kameraden und Soldaten von ihm erhielt. Dieß war ein Kuß, welcher Millionen von denen werth war, die von unſern erotiſchen Barden beſungenwurden! Alexis würde ſich als herrſchaftlicher Jäger vor⸗ trefflich ausnehmen. Mich dünkt, ich ſehe ihn unter dem Säulengange des italieniſchen Opernhauſes ſtehen, indem er wartet, einen Wagen irgend einer Excellenz, oder Demidoff, weit entfernt von einer Excellenz, oder Aguado, für welchen ein Jäger nur ein Spott iſt, vor⸗ zurufen. Er iſt jedoch viel weniger geeignet, das Zimmer einer Dame zu ſchmücken. Man kann ſich keinen größern Contraſt vorſtellen als den, welcher zwiſchen der Rück⸗ ſichtsloſigkeit des Alexis und der Freundlichkeit ſeiner Schweſter herrſcht. Unſere gute Couſine muß all' ihre polirte Vaudreuil's⸗Natur aufgeſpart haben, um ſie ihrer Tochter einzugießen. Der Carneval naht ſich ſeinem Schluß, und wird gleich einer Oper am Ende um ſo lärmender. Im Gan⸗ zen iſt hier mehr Volkstumult als bei uns, wo die Ver⸗ gnügungen des Volkes innerhalb der Grenzen der Faſt⸗ nacht beſchränkt ſind. In Petersburg dauern die Poſ⸗ ſen vierzehn Tage, obgleich die Hälfte davon hinreichen möchte, da ſie auch ausdrücklich die Moslinitza oder Butterwoche heißt. Ein Jahrmarkt wird vor dem Pa⸗ laſte gehalten, um, wie ich glaube, die kaiſerliche Fa⸗ milie mit ſeinen Eishügeln, Guckkäſten und andern Be⸗ luſtigungen zu unterhalten. Sie haben aber hier für die größere Fröhlichkeit ihres Carnevals, in der größe⸗ ren Strenge ihrer Faſten eine Entſchuldigung. Hier iſt jedoch das Faſten nicht berechnet, dem kaiſerlichen Koche Gelegenheit zu geben, ſeine wundervollen Fiſch⸗ gerichte zu entfalten, wie wir an gewiſſen Freitagen in dem Rochez de Cancale erprobt haben. Hier gilt es nicht, ſich ſtatt auf Fleiſch auf Fiſche zu ſtützen, ſondern hier gilt wirkliches Hungerleiden. 257 Der äußerſten Strenge dieſes Geſetzes werde ich mich zu unterwerfen haben, da ich ſchwerlich noch vor Oſtern hier wegkommen werde. Ich muß meine Belohnung in guter Vetterſchaft und dem Schauſpiele des plötzlich hereinbrechenden ruſ⸗ ſiſchen Frühlings finden; drei Tage deſſelben reichen hin, die Felder des Eiſes in grüne Felder zu verwan⸗ deln, und die kahlen Bäume der Wälder mit Blättern zu bekleiden. Die Geſchichte des Feinohres hört in dieſem Lande auf, fabelhaft zu ſein. Da fällt mir gerade ein, vor einigen Tagen kam mir eine gleich merkwürdige Verwandlung unter die Augen— obg eich in Menſchengeſtalt göttlich. Ich habe zwei ſpielende Mädchen— zwei ſchwache Kinder aus der Kindheit in die Weiblichkeit übertreten geſehen. Marguerite Erloff iſt ſeit ihrer Verlobung geſprächig und beinahe lebhaft geworden, wie ich glaube mittels eines mühſamen, aber erfolgreichen Strebens. Wenn ſie noch einen Widerwillen gegen ihren Bräutigam he⸗ gen ſollte, ſo hat er keinen Grund, ſie der Uafreund⸗ lichkeit anzuklagen; denn ſie ſprickt jetzt in einer Stunde mehr zu ihm, als ich ſie je in vier und zwanzig Stun⸗ den zu irgend einer andern Perſon ſprech n gehört habe. Man möchte es zunächſt für Furcht halten, ihm keine Zeit zu laſſen, um zu ſehen wie wenig ſie ihn liebt. Ferner iſt die Lilie von Rehfeld, früher ſo munter und aufrichtig, ſtumm wie das Couvert der Depeſchen. Gegen mich würde ihre Zurückhaltung für Trotz gehal⸗ ten werden können, aber ſie iſt kaum mit irgend einem andern Gliede unſers Zirkels geſprächiger. Ich bin jetzt ſo ſehr beſchäftigt(da ich ſtets den Proben des neuen Ballets beiwohne, welches dem erſten Auftreten einer unſerer Tänzerinnen des Muſeums, die nach meiner Meinung Iſtomina zu Schanden machen wird, vorhergehen,) um mir die Mühe zu geben, zu ergrün⸗ den, ob die plötzliche Veränderung der reizenden Ida Die Frau des Geſandten. I. 17 in der Bewunderung des Kaiſers, oder in der Huldi⸗ gung des Fürſten Gallitzin, oder in Alexis Erloff's Unfreundlichkeit, oder in Wilhelm von Rehfeld's Dumm⸗ heit ihren Grund habe, da der Landvetter, mit dem ich ſie einſt verſprochen glaubte, ganz unerwartet und wie es ſcheint zum Verdruſſe ſeines diplomatiſchen Verwandten, hieherkam. Aber ſie gibt ſich ein ſo würdevolles Anſehen, als würde ſie nächſtens das kai⸗ ſerliche Diadem erhalten! 3 Um den Beſuch des jungen Rehfeld ſeinen Ver⸗ wandten noch angenehmer zu machen, brachte, oder begleitete er vielmehr dinen gewiſſen Baron von Grünglatz, ein Duodez⸗Cuvier, den Hauy ſeiner Pro⸗ vinz, einen savant par excellence in der Reſidenz, aber anderswo ohne Zweifel ein Dummkopf. Dieſer vortreffliche Mann mit grüner Brille, farbigen Strüm⸗ pfen und grobem Leibrocke, iſt der armen Baronin Gift und Galle, aus deren Salon er nicht verbannt werden kann, und die er als eine Verwandte zu ehren beharrt. Aus des alten Rehfeld's überraſchter Miene bei ihrer Anmeldung ſchließe ich, daß er ſie ermahnt hatte, ihre Reiſe auf eine beſſere Jahreszeit zu verſchieben. Hier ſind ſie jedoch wahrhaftig wie ſie leben, und dringen ſich mit ihrer Verwandtſchaft und Weisheit in einen Zirkel ein, welcher bloß noch dieſer beiden Indi⸗ viduen bedurfte, um die verſchiedenartigſte Geſellſchaft zu bilden, die man je aus einer Handvoll Menſchen zuſammengeſetzt fand. Betrachte uns, mein theuerer Jules, wie wir geſtern an der Tafel beiſammen ſaßen; erſtens, dein demüthiger Diener, der in ſeiner unwür⸗ digen Perſon die moderne Verfeinerung des Faubourg St. Germain vorſtellte, und Elvinston in der ſeinigen, die halb gemeine und halb einfältige Rohheit des Mitteldings zwiſchen einem Kanzler und Pferde⸗Jockey, ein engliſcher Lord; Sergius Gallitzin, der gereiste und dem zu Folge gebildete ruſſiſche Adelige; Alexis Erloff, der rückſichtsloſe und kriegeriſche Boyare; Wil⸗ helm von Rehfeld iſt das junge Deutſchland, wie El⸗ inston das junge England, und Grünglatz der gelehrte Deutſche; der Baron, der nüchterne und ernſte Sachſe, iſt ſowohl das Gegentheil von den herzkranken Grillen des Einen, als auch von den gehirnkranken Träume⸗ reien des Andern. 5 Unter dieſe verſchiedenartigen Perſonen wurden. auch die gefühlvolle Marguerite, die ſtolze Ida und die weltlich gefinnte Baronin, gemiſcht, die uns ſo munter bei der Tafel vorplaudern, als wenn drei oder vier von uns nicht die andern drei oder vier verab⸗ ſcheuten. Ich habe früher manchmal geglaubt, daß eine Liebe drei⸗ oder vierfachen Haß mit ſich bringen müßte. Ich bin jetzt auf alle Fälle der Ueberzeugung, daß eine Heirath in einer Familie drei oder vier Streitpunkte anknüpft. Die Rehfelds waren eine ſehr einige Fa⸗ milie, ſo viel ich weiß, ehe Madame Erloff beſchloß, ſich den Baron anzueignen, und jetzt ſind ſie ſo ſehr unter ſich zerfallen, wie die Baugeſellſchaft von Babel! Ich werde manchmal verſucht, gleich der würdigen Gouvernante auf Schloß Rehfeld zu wünſchen, daß „Peter um den Weg geweſen wäre, die Arbeitsbeutel und Schachbretter hinab zu tragen,“ und ſo den Fall u verhindern, welcher unglücklicher Weiſe die Verren⸗ kung ihres Knöchels herbei führte, und mich zu meinem Verdruſſe nach Petersburg brachte; denn der Grund, der mich beſtimmte, Frau von Rehfeld's aufrichtige Einladungen anzunehmen, verlor bald ſeinen Reiz. Als ich die reizende Ida, welche mich anbetete, die ehr⸗ geizige Ida werden ſah, welche von einem Manne von mehr Wichtigkeit angebetet werden wollte und ihre Stiefſchweſter zu verdunkeln beabſichtigte, fing ich an einzuſehen, daß ich in Paris in keine ſchlimmeren Hände⸗ hätte fallen können, als in die einer Intrigantin, und daß die ſchönen Stsateginnen meines eigenen Landes 2 260 edfin ſo reizend ſeien, als die ſchönſte der Sauer⸗ rautſchönheiten. . Da ich jedoch meine Güter zu dem unrechten Markte getragen habe, d. h. zu dem Gastinoi Dvor, muß ich das Beſte und Schlimmſte abwarten. Alexis Erloff gehört zu einem der Lieblingsregi⸗ menter der Garde des Kaiſers; eine Garde, welche in jedem andern Lande eine Armee ausmachen würde. Man kann ſich nichs ſchöneres als ihre Haltung denken, da der Kaiſer ſelbſt der beſte Inſpections⸗Officier in Europa iſt. Ich kann jedoch die einfachen und trocke⸗ nen Grüße und Erwiederungen, welche zwiſchen dem iiſer und ſeinen Truppen gewechſelt werden, nicht illigen. 1„Wie geht's Euch, meine Kinder?“ ruft der Au⸗ tokrat. 3 6 3 „Wir danken Dir, Vater!“ erwiedert die Armee, indem ſie gleich dem Duodezmännchen und ſeinen Brü⸗ dern in dem Sumpfe zittert. „Ihr habt Eure Sache brav gemacht, meine Kin⸗ der,“ lautet der Ausſpruch der kaiſerlichen Zufrieden⸗ heit am Ende der Heerſchau. „Wir wollen es das nächſte Mal noch beſſer ma⸗ chen, Vater!“ erwidert die Linie. Begreifſt Du, welche Veranlaſſung zu Calembourgs des Carré de Marigny oder des Champ de Mars ſolch' eine Drolligkeit geben würde. Es gibt vielleicht keinen kräftigeren Beweis der ſtrengen Zucht und des pünktlichen Gehorſams der ruſſiſchen Armee, als dieſe wahrhafte Lirenz. Um jedoch Nikolaus Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß ſeine Popu⸗ larität ihm für ſein ganzes Leben durch ſeine perſön⸗ liche Unerſchrockenheit bei dem Aufruhr von 1826, zur Zeit der Cholera, geſichert wurde. Als er, bei ſeiner Ankunft auf dem Sennoia Ploshtshod oder Heumarkt das Volk nach ſeinem nächtlichen Bivouge zum Aeu⸗ ßerſten zu gehen bereit fand, erſchien er in einem offe⸗ nen Wagen wehrlos, und ſein einfaches und würde⸗ volles Kommando:„Nakalenniye!“(Auf Euere Knie) zwang die wüthende Maſſe zu knieen, um ſeine kaiſerliche Verzeihung und die Barmherzigkeit des Him⸗ mels anzuflehen. Dies und ſein entſchloſſenes, würdevolles Beneh⸗ men während der traurigen Folgen der Trubetskoi'ſchen Verſchwörung hat ihn ungemein hoch in der Achtung ſeiner Soldaten geſtellt. Unter allen Herrſchern, die ich je ſah, muß ich geſte⸗ hen, daß er mir die meiſte perſönliche Achtung einflößt. Glaube mir, die beiden Monarchen meiner Zeit und meines Landes, an deren Fußſchemel ich gezwungen wurde, ihnen zu huldigen, Louis XVIII. und Karl X., find nicht die würdigſten der Geſalbten des Herrn ge⸗ weſen, und die berechnete Höflichkeit Georgs IV., als ich ihn bei ſeinen Feſten ſah, war weit entfernt davon, zu täuſchen. Dieſer ſtrenge und thätige Czaar iſt ein Fürſt von einem andern Kaliber, mit einem Wort ein Mann; und fähig, Männer zu regieren. „ Ich bin überzeugt, Dank ſei es einer äußerſt ſorg⸗ fältigen Erziehung, daß der Unterricht und die Kennt⸗ niſſe von Nikolaus in praktiſchen Gegenſtänden die ei⸗ nes geſchickten Mechanikers, in geiſtigeren die eines geſchickten Profeſſors ſind, und die Folge davon iſt, daß der Czarowitſch auf eine noch weit beſſere Art er⸗ zogen werden wird. Werden die ſüdlichen Höfe von Europa,— Spa⸗ nien, Portugal und Sicilien— ſich nie ein Beiſpiel aan den Lehren nehmen, welche ſie in dieſer Hinſicht von dem aufgeklärteren Norden erhalten? Adieu. Ich erwarte Alexis, der mich mit ſeiner Droſchke abholen will, damit ich ihn zu den kaiſerlichen Stallungen begleite, welche wirklich kaiſerlich ſind, da ſie 1500 Pferde faſſen können. Fürſt Dolgorucki, der Stallmeiſter, zeigt dieſelben; auch werden wir alle die 262 4'. Staatswagen ſehen, welche im vergangenen Jahrhun⸗ dert gebraucht wurden. 1 Diejenigen von Peter dem Großen ſind, wie ich vermuthe, nach dem Model von Pharao's Wagen gebaut; die orientaliſchen Sattelzeuge des letzten Czaars aber, mit koſtbaren Steinen beſetzt, ſollen prächtig ſein. Die Staatspferde ſind hier ſo gut logirt, wie die Stallmeiſter bei uns.— Aus Alexis kann ich nicht ganz klug werden. In Erſcheinung und Sitten iſt er, was die Pariſer mau⸗ vais genre und die Londoner Tiger nennen. Aber ich habe wenig Geſchick, über das plus ou moins der Wildheit zu entſcheiden, welche die Rückſichtsloſigkeit des jungen Rußlands charakteriſirt. Die Abſicht, aus welcher er mich heute begleitet, iſt die Unart ſeiner Weigerung, den Verwandten ſeines Stiefoaters, Reh⸗ feld und Grünglatz, den Cicerone zu ſpielen und ihnen die Sammlungen in der Admiralität und kaiſerlichen Schatzkammer zu zeigen, zu verdecken, da er von ſeiner Mutter ernſtlich dazu aufgefordert wurde. Hätte ich dies gewußt, als er ſich mit Dolgorucki verabredete, ſo würde ich Einwendungen gemacht ha⸗ ben. Aber jetzt iſt es zu ſpät. Der Fürſt iſt ein Mann, der ſich auf keinerlei Weiſe durch knabenhafte Launen foppen läßt. Alexis ſcheint mit irgend einer heftigen Aufregung zu kämpfen, deren Natur mir bis jetzt noch ein Ge⸗ heimniß iſt.— Zu manchen Zeiten möchte ich ihn beinahe für be⸗ rauſcht halten, wenn er nicht den ganzen Tag in mei⸗ ner Geſellſchaft wäre, ſo daß ich um jeden ſeiner Schritte weiß. Zu einer andern Zeit kommt mir der Gedanke, daß er verliebt ſein könnte, aber er iſt ſo hart, wie die Granitdämme der Neva, oder vielmehr ſo kalt und ſchroff, wie die Eisplatte, welche ſie bedeckt; ſo wild, unbeſtändig und rückſichtslos iſt ſein Betragen. 263 Wir haben einige ſolcher freien und ungeſtümen Moskowiten in Paris geſehen; aber dort werden fie durch die Civiliſation der Menge zu ſehr im Zaume gehalten, um ſich und Andere durch Ausſchweifungen bloszuſtellen. Hier fürchte ich mich halb und halb, Alexis zu meinem Begleiter zu Maskenbällen, Theatern, oder irgend einem andern Vergnügen der Junggeſellen zu machen. Man kann ihn nie ſicher beſitzen; und der Großfürſt Michael iſt im Stande, über die jungen Officiere herzufallen, wann ſie weder auf der Wache, noch auf ihrer Hut ſind, und durch die verhängnißvol⸗ len Worte:„aux arrêts!“ ihren Freuden ein ſchnelles Ende zu machen. Du mußt Dich ſo viel wie möglich mit Pozzo's Courieren befreunden(ſonſt kannſt Du nicht die beſte der guten Seelen, Labensky, zu unſern Gunſten ſtim⸗ men), um eine Liſte jener Nichtigkeiten hieher zu brin⸗ gen, auf welche ich mein Herz geſetzt habe, ſie Mar⸗ guerite als ein Hochzeitsgeſchenk im den zierlichſten, aber kleinſten sultane darzubringen, in welche ſie Lu⸗ bin einſchließen kann. Elvinſton hat keinen Begriff von dieſer Art von Dingen, obgleich er fürſtlich in ſeinen Ideen iſt, und auch ein fürſtliches Vermögen beſitzt, um ſie zu reali⸗ ren. Eine fürſtliche Idee mangelt jedoch, die nämlich, daß unter den Dingen, welche mit fürſtlichem Gelde erkauft werden können, der beſte Geſchmack iſt; dies will nämlich ſo viel ſagen, daß er der Erfahrung eines der beſten franzöſiſchen Künſtler mehr, als ſeinen eigenen Eingebungen trauen ſollte. Die Leute der engliſchen Geſandtſchaft verſichern mir, daß ſich in der Elvinſton'ſchen Familie eben ſo koſtbare Diamanten befinden, wie man ſie in den Glaskäſtchen in den Boudoirs gewiſſer ſchönen und reichen Damen hier ſieht, wenn man in ihr Heilig⸗ 264 thum gelaſſen wird. Unter dieſen befindet ſich ein Strang Perlen, deſſen Werth man auf 2000 Louisd'or ſchätzt, und mit den Diamanten, Rubinen und Saphy⸗ ren fleigt derſelbe auf(,0 000 Pfund! Nichts deſto weniger hat der arme gute Vicomte noch koſtbare Türkiſſe mit perſiſchen Charakteren, und von jenen prächtig geſchliffenen Smaragden gekauft, die wir in Paris ſo oft an der Furſtin Potaka Gal⸗ litzin und an Andern bewunderten. Denke Dir, er ließ dieſe als Eicheln mit diaman⸗ tenen Näpfchen faſſen, eine Mode, die ich, wie ich mich erinnere, als Knabe an der Gräfin Erloff vor zehn Jahren in Baden bewundert habe. Jetzt könnte ich ihm eine Zeichnung geben, ſie faſſen zu laſſen, ⸗ rade ſo wie der baiser paviflon der Kaiſerin. Aber die Engländer haben nicht mehr Geſchmack in Toilette⸗Sachen und Juwelierarbeiten, als zur Zeit der normanniſchen Eroberung. Sie können ein Bib⸗ liothekzimmer, ein Schlafzimmer, ein Speiſezimmer beſſer, als wir ſelbſt einrichten; ſie verſtehen, eine Mittagstafel zu arrangiren; aber ein Schmuckkäſtchen herauszuputzen, würde der arme Clement, mein Kam⸗ merdiener, weit beſſer verſtehen, als Lord Elvinſton. Marguerite iſt jedoch zufrieden, weil ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich nicht viel um dergleichen kümmert. Dankbar fur ſeine ergebene Zuneigung, ſind die Smaragden an ihr ebenſo verſchwendet, als ob ſie gleich ihrer Stief⸗ ſchweſter beſtimmt ſei, Baronin von Rehfeld und eine Bewohnerin jenes dunkeln, alten Schloſſes zu werden; denn ich glaube, daß die Folge von Vetter Wilhelm's Beſuch eine Vorbereitung für die Heirath ſein wird. Ohne die e Ausſicht würde der romantiſche junge Edel⸗ mann kaum eine ſo weite Reiſe in dieſer rauhen Jah⸗ reszeit gemacht haben. Weenn dies wirklich der Fall iſt, ſo ſieht die Lilie ohne Zweifel ein, daß ſie nichts Beſſeres thun kann. 265 Elvinſton iſt verloren, und ich bin kein heiraths⸗ fähiger Mann. Sie wird deßhalb weiſe thun, das Herz ihres Vaters, ihre Verwandten und den Schwarm von alten, grauköpfigen Dienern in dem alten Schloſſe zu er⸗ freuen, welche der feſten Ueberzeugung ſind, eine Ba⸗ ronin von Rehfeld ſtehe blos einer Kaiſerin von Ruß⸗ land nach. Adieu, ich darf vielleicht jetzt ſagen, auſ Wiederſehen! Zweiundzwanzigſter Brief. Von Ida von Rehfeld an Mademoiſelle Thereſe Moreau. Gratuliren Sie mir, meine Theuerſte, meine höchſten Wünſche ſind erfüllt! Wenn Sie mir Glück gewünſcht haben, eilen Sie ſo ſchnell als möglich, ge⸗ ſund zu werden, und dann folgen Sie mir. „Nach Petersburg?“— Nein, nicht nach Peters⸗ burg;— nach Paris— wirklich nach Paris!— wo ich binnen zwei Monaten als Gattin des Fürſten Gal⸗ litzin und Geſandtin des ruſſiſchen Hofes an dem von. Frankreich, wohnen werde. Sie glauben, ich ſcherze. Ich fürchte, Sie können ſich wirklich nicht überzeugen, daß ſo bedeutungsvolle Verbindungen in ſo kurzer Zeit geſchloſſen werden kön⸗ nen. Aber, Dank ſei es der Politik meiner klugen Stiefmutter, dieſe wichtige Sache iſt längſt im Werke geweſen, und bevor ich wußte, daß ein Vorſchlag über dieſen Gegenſtand dem Kaiſer oder meinem Vater ge⸗ macht worden war, fehlte nichts mehr, als meine Ein⸗ willigung! 266 Siie werden aus meinem letzten Briefe gemerkt haben, daß ich unruhig und unglücklich war. Die ſelt⸗ ſamen Umſtände von Marguerite's Heirath machten mir dieſelbe zu einer Kränkung meiner Selbſtliebe. Hätte ich gewußt, daß ihre Gefuhle dabei in's Spiel kämen, oder daß die Verbindung geeignet ſei, ſie glücklich zu machen, ſo würde ich die perſönliche Beleidigung au⸗ ßer Augen geſetzt haben, welche ich, wie ich geſtehen muß, in manchen Augenblicken empfunden habe. Aber ich ſah fie traurig und muthlos. Ich ſah Alfred de Vaudreuil mich verächtlich und triumphirend anblicken, Alexis Erloff ſtolz und kalt; und meinen Vater ſchein⸗ bar eben ſo unbekümmert um das, was in ſeiner Familie vorging, als die Baronin ſorglich war— endlich fühlte ich mich bis auf den tiefſten Grund meim Herzens durch meine eigene Unwichtigkeit ge⸗ ränkt. Urtheilen Sie deßhalb über die Veränderung mei⸗ ner Gefühle, als die Aufmerkſamkeit des Kaiſers und die Bewerbungen des Fürſten mich zu einer Stellung erhoben, die ich, wäre mir erlaubt, zu wählen, mein ganzes Leben hindurch behaupten möchte!— Aber iſt es wirklich wahr?— Ich frage mich oft im Stillen, kann es wirklich wahr ſein— daß ich— ſo dunkel, ich, noch vor einigen Monaten die unbe⸗ kannte Einſiedlerin einer ſchleſiſchen Scheune— auf dem Punkte bin, einen Rang zu erhalten, der mich in zwei der größten Länder Europa's zu einem Gegen⸗ ſtand des Neides machen wird? Iſt es nicht ein leerer Traum, meine Liebe, oder werde ich wirklich ſo vom Schickſal begünſtigt?— Ich muß meine Gedanken ordnen, um mich ver⸗ ſtändlich zu machen. Alles iſt ſo verändert bei uns in dem Verlaufe des kurzen Zeitraumes, ſeit dem ich mei⸗ nen Brief abſandte, daß ich kaum weiß, wie ich den Faden meiner Erzählung aufnehmen ſoll. Das erſte Ereigniß, deſſen ich mich nach Mar⸗ 267 6 guerite's Verlobung entſinnen kann, iſt die Ankunft der Familien⸗Karavane aus der Reſidenz. Denken Sie ſich, beſte Freundin, wenn Sie es vermögen, meinen eigenen Verdruß und den Schrecken der Baronin, als man uns eines Morgens meldete, daß ein Ballen mit Familiengütern angekommen ſei — nicht an der Gränze, wo uns vielleicht noch einige Hoffnung geblieben wäre, ihn, als verbotene Waare enthaltend, angehalten zu ſehen,— ſondern an den Thoren von Petersburg; da der Baron von Grünglatz es für paſſend fand, das Recht des Zollhauſes, ſeine Bagage wiederholt zu unterſuchen, was in Betreff der Bücher etwas ſireng iſt, zu beſtreiten. Er verſuchte ſich von dem Verdachte, verbotene Waaren einzuſchmuggeln, zu befreien, indem er ſich für den Vetter eines der Geſandten in der Hauptſtadt ausgab; ohne Zweifel die erſte Quelle der Unannehm⸗ lichkeiten, welche für unſere Familie aus der unzeitigen Reiſe dieſes ſeichtköpfigen, obgleich ungemein gelehrten Herrn und ſeines Begleiters hervorging. Es war ein Leichtes für meinen Vater, ſeinen Secretär Auguſt von Collin zu beauftragen, die vor⸗ eiligen Reiſenden aus ihrer Verlegenheit zu befreien, und dieſer gab ſo ſchnell als möglich Beweiſe der Noth⸗ wendigkeit ihres Beſuches und führte als Entſchuldi⸗ gung ihrer Uebertretung des Geſetzes ihre gänzliche ÜUnbekanntſchaft mit dem Geiſte einer autokratiſchen Regierung an. Ich glaube, daß es ihnen ſchwer ge⸗ worden wäre, eine Aufenthaltskarte zu erhalten, wenn nicht ihre Verwandtſchaft mit meinem Vater für ſie geſprochen hätte; denn die hohe Polizei in Petersburg hat ſo wenig Nachſicht mit widerſpenſtigen Reiſenden, wie mit widerſpenſtigen Unterthanen. Ihre Einfältig⸗ keit war jedoch ſo weit günſtig für uns, als die Ba⸗ ronin auf der Unmöglichkeit beſtand, Perſonen als Gäſte aufzunehmen, die ſich ſo wenig in die kaiſer⸗ lichen Verordnungen dieſes Landes fügen wollen. „Ich muß Dich erſuchen,“ ſprach ſie,„dieſelbe ungaſtfreundſchaftliche Ausnahme in dieſer Hinſicht zu machen, welche ich ſelbſt mit Alfred de Vaudreuil vor⸗ nahm. Ich will ſogar, wenn es Dir recht iſt, meiner Tochter die noch leerſtehenden Gemächer einräumen, damit es den Anſchein habe, es ſeien keine Gaſtzimmer mehr vorhanden. „Der alte Gelehrte würde uns durch die Sim⸗ plicität ſeines Geiſtes und ſeiner Sitten nicht nur lächerlich machen, ſondern auch das Haus zu einer Herberge von abgeſchabten Naturforſchern herabſetzen, während Dein Neffe mit ſeiner abenteuerlichen Ro⸗ mantik vermöchte.... doch dies hat hier nichts zu ſagen!— Ich ſehe, Du biſt meiner Meinung. Ich werde die Vorkehrungen zu Marguerite's Hochzeit vor⸗ ſchützen, daß ſie uns keine Zeit laſſen, ihnen in Pe⸗ tersburg die Honneurs zu machen.“ Ich erwartete, daß Marguerite, welche gegen⸗ wärtig war, ein Wort zu Gunſten zweier Perſonen zu ſprechen wagen würde, die ich ſie auf Rehfeld mit mehr Aufmerkſamkeit, als alle die fürſtlichen offs und ſkys ihres eigenen Landes behandeln ſah; denn Thrä⸗ nen ſtanden in ihren Augen. Sie ſprach jedoch nicht ein Wort. Mein Vater ging wirklich auf die unfreund⸗ ſchaftliche Behandlung ein, welche ihm vorgezeichnet wurde; und Wilhelm hat ſich nebſt dem proſaiſchen Baron ſeine Wohnung in einem Privat⸗Hauſe in der Nähe der Admiralität, das die ſchönſte Lage in der ganzen Stadt hat, gewählt. Am Abende ihrer Ankunft fühlte ich mich durch den Bericht über die erſte Zuſammenkunft Wilhelm's mit ſeinem Onkel beleidigt, den Alfred de Vaudre uil der Baronin erſtattete, weil er ſich zufällig in dem Salon der Geſandtſchaft befand, als jener ankam. „Du haſt gewiß den Brief nicht erhalten, welchen ich Dir ſchrieb,“ bemerkte mein Vater trocken,„und der den Wunſch ausſprach, daß Ihr Euere Reiſe auf den Sommer verſchieben möchtet?“ „Er kam im Gegentheil ſicher in unſere Hände,“ lautete die gleichfalls froſtige Antwort des jungen Mannes.„Ich habe Ihren Rath dem Baron mitge⸗ theilt. Er hatte jedoch bereits Alles zu ſeiner Reiſe vorbereitet und zog vor, im Winter, während der Anweſenheit des Hofes, hier zu verweilen, um Zeuge der Gunſt zu ſein, welche der Kaiſer den Künſtlern oder andern wiſſenſchaftlich gebildeten Reiſenden an⸗ gedeihen läßt.“ „Baron von Grünglatz ſchätzt ſich ſo hoch, als wäre er der Entdecker eines Planeten!“ entgegnete mein Vater ſpottend.„Er wird hier Gelegenheit haben zu bemerken, daß ein bloßer Liebhaber von Käfern und Butterfliegen nicht das Ideal des Kaiſers von Ruß⸗ land von einem gelehrten Reiſenden ausmacht.“ „Auf jeden Fall,“ ſprach ſein Neffe feſt,„reist Baron von Grünglatz, als ein unabhängiger Mann und wählt ſich Zeit und Ort zum Genuſſe ſeiner Ver⸗ gnügungen. Es kommt mir nicht zu, ihm vorzu⸗ ſchreiben.“ 4 „Gewiß nicht. Aber war es gleichfalls die Ab⸗ ſicht, des Kaiſers Aufmerkſamkeit durch ein literariſches oder wiſſenſchaftliches Streben zu erregen, was Dich bewog, meinem gut gemeinten Rathe entgegen zu han⸗ deln?“ fragte mein Vater. „Ich hatte dem Barone lang verſprochen,“ fuhr Wilhelm fort,„daß, wenn er immer wünſche Peters⸗ burg zu beſuchen, ich ihn begleiten würde. Da ich mein Wort gegeben hatte, war keine Möglichkeit mehr vorhanden mich zurückzuziehen.“ „Erwarteſt Du, daß ich glauben werde,“ rief mein Vater,„Deine Reiſe hieher habe einen andern Be⸗ weggrund, als das Gerücht, welches wahrſcheinlich Eure Ohren erreicht hat, das Gerücht von einem Hei⸗ rathsprojekte in meiner Familie?“ Wilhelm ſchwieg. „Kannſt Du ſogar behaupten, daß Deine Ankunft hier, in dieſem Augenblicke, frei von dem Wunſche iſt, meine Plane zu zerſtören?“ „Ich kann— ich thue es“— erwiederte Wilhelm. „Ich bin hiehergekommen ohne einen Strahl von Hoff⸗ nung, mit dem bloßen Verlangen, zum letztenmal das Bild weiblicher Schönheit und Vortrefflichkeit zu be⸗ trachten, ehe es für immer und unſtreitig einem An⸗ dern gehört.“ 3 „Mein Brief hat ſich vermuthlich mit Euch auf dem Wege gekreuzt; er ſollte Dir mittheilen, daß die Verbindung, auf welche ich andeutete, dem Vollzuge nahe ſei,“ ſprach mein Vater hitzig.„Ehe etwas be⸗ ſtimmt ausgemacht wurde, ſollteſt Du umſtändlich da⸗ von unterrichtet werden, wie es einem ſo nahen Ver⸗ wandten gebührt. Wir wollen jedoch dieſes Geſpräch bis auf einen paſſenderen Augenblick verſchieben, da es ſich dabei um einen zarten und wichtigen Gegen⸗ ſtand handelt.“ Ich geſtehe, ich war allerdings ſehr erſtaunt über die Art, auf welche dieſe Mittheilung gemacht wurde. Daß Wilhelm noch eine ſolche Ergebung für mich er⸗ heuchelte, nachdem ich geſehen, welche Artigkeiten er meiner Stiefſchweſter erwieſen hatte, war beinahe eine Beleidigung für mich. Aber daß mein Vater mit ſo viel Gewißheit auf meine Vermählung mit einem an⸗ dern anſpielte, war eine weit intereſſantere Entdeckung für meine Gefühle. Drei Perſonen glaubten ſich mit den neuen Pro⸗ jekten meiner Familie bekannt; der Fürſt Gallitzin, Graf Erloff und Monſieur de Vaudreuil; denn der letztere war ſo vorſichtig in ſeinen Ausdrücken, daß es un⸗ möglich war, herauszubringen, welchen Grad von In⸗ tereſſe er an dem Gegenſtande nehme. Ich geſtehe, ich zitterte unter dem Gewichte meiner eigenen Ahnungen. Bei dem Diner an jenem Tage ſetzte ich mich, feſt 271 entſchloſſen, Wilhelm von Rehfeld meine äußerſte Ver⸗ achtung wegen ſeiner ſchmeichleriſchen Anerkennung mei⸗ ner vereinigten Schönheit und Vortrefflichkeit zu er⸗ kennen zu geben, bei Tiſche ſo, daß er gezwungen war, ſeinen Platz neben Marguerite Erloff einzunehmen, an deren rechter Seite ihr zukünftiger Gemahl ſaß, in jene ſelbſtzufriedene phlegmatiſche Schweigſamkeit ver⸗ tieft, welche der Grundzug ſeines Charakters iſt. Ich ſaß ihm gegenüber, zwiſchen Baron von Grünglatz und Alfred de Vaudreuil. 1 Als ich bemerkte, der letztere wolle mich in ein Bündniß ziehen, deſſen Opfer mein meineidiger Ver⸗ wandter werden ſollte, den er bemüht war, zu einer Unterhaltung über mich in der Abſicht zu bringen, ihn noch lächerlicher zu machen, als es von Natur aus heſch en war, wendete ich meine ganze Aufmerkſam⸗ eit dem alten Herrn zu und ſprach in einem ſo tiefen Tone mit ihm, daß die boshaften Plane Alfred de Vaudreuil's vernichtet wurden. Die Zeiten haben ſich geändert, meine Liebe, obgleich erſt drei Monate ver⸗ gangen ſind, ſeitdem ich auf Rehfeld mich verführen ließ, die Gäſte meines Vaters unartig zu behandeln. Monſieur de Vaudreuil war, wie ich vermuthe, er⸗ ſtaunt, das kleine leichtſinnige Mädchen ein anſtändiges Betragen, um nicht ein würdevolles zu ſagen, anneh⸗ men zu ſehen.— So viel mir meine Aufmerkſamkeit auf die Um⸗ ſtändlichkeit des armen, alten Herrn erlaubte(denn er verſchonte mich nicht mit einem einzigen Partikel ſeiner Beobachtungen auf ſeiner Reiſe, geographiſchen, geologiſchen, botaniſchen, zoologiſchen oder entomolo⸗ giſchen) ſchien es mir, daß Wilhelm von Rehfeld mit meiner Stiefſchweſter in ſeiner Mutterſprache conver⸗ ſire. Obgleich Marguerite und ich einen fleißigen Aus⸗ tauſch zwiſchen unſerm Deutſch und Ruſſiſch machten, ſo daß fie nicht nur im Stande war, ihn vollkommen zu verſtehen, ſondern auch in derſelben Sprache zu 272 antworten, ſo konnte ich die Zartheit nicht genug be⸗ wundern, welche ihr eingab, franzöſiſch zu antworten, weil dies die einzige Sprache war, welcher Lord El⸗ vinston außer der ſeinigen mächtig iſt. Vollkommen verdient ſie die Erwiederung, welche ich ihn zu ihren Gunſten gegen Monſieur de Vaudreuil machen hörte, der ihm die Frage zuflüſterte, ob er nicht wegen der Vertraulichkeit ihres ſchleſiſchen Anbeters eiferſüchtig e „Eiferſüchtig wegen Marguerite?“ entgegnete er. Dann fuhr er nach einer Pauſe fort: „Welchen Werth hätte ein Mann, der, nachdem er von Marguerite Erloff das Wort erhalten hat, auch nur einen Augenblick in die gemeine Leidenſchaft der Eiferſucht verfallen könnte? „So lange noch keine feſte Verbindung zwiſchen uns beſtand, trieb mich die Eiferſucht faſt bis zur Verzweiflung; eiferſüchtig war ich da auf Sie und auf Alle in ihrer Umgebung: Aber jetzt, abweſend oder gegenwärtig, ja, würde ich ſogar gezwungen, in dieſem Augenblicke nach England abzureiſen und ſie in Petersburg zurückzulaſſen, ſo wäre ich der feſten Ueberzeugung, daß ſie, bis ich nicht die Zurücknahme ihres Wortes in Händen hielte, keinen verletzenden Gedanken, oder ein beleidigendes Gefühl gegen ihren zukünftigen Gemahl hegen könne.“ Glückliche Marguerite!— dies iſt in der That eine Liebe!— dies iſt ein Grad des Vertrauens, auf den man ſtolz ſein kann!— Und um beiden Gerech⸗ tigkeit wiederfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß ſie einer ſolchen Zuverſicht würdig iſt. Als ich mich in je⸗ ner Nacht auf mein Zimmer zurückzog, um mich der Ruhe zu überlaſſen, glaubte ich das Athmen einer Perſon zu vernehmen, die ſich in meinem Gemache verborgen haben mußte. Da in Rußland ſo wenig herrſcht, was der Ein⸗ ſamkeit gleich ſieht, ſo fühlte ich mich nie überraſcht, 273 wenn ein Diener plötzlich aus einer dunkeln Ecke mei⸗ nes Zimmers bervorfbrang. Aber als mein Licht mir nichts als die alten, gelben Vorhänge zeigte, deren ich ſo überdrüſſig bin, wagte ich endlich zu rufen: „Wer da?“ und hoffte, daß dieſe Frage eine befrie⸗ digende Antwort von Seiten meines nächtlichen Gaſtes erzeugen würde. Eine dunkle Geſtalt kam aus den Vorhängen am Fuße des Bettes zum Vorſchein und warf ſich auf die Kniee. Mein paniſcher Schrecken löste ſich jedoch durch die Seufzer, die aus der Bruſt des Eindring⸗ lings Hnnen⸗ „Theure Marguerite,“ rief ich, indem ich plötzlich meine Stiefſchweſter erkannte—— eas hmu be⸗ wegt Dich ſo ſehr?“. Einige Minuten vergingen, ehe ſie im Stande war, ſich ſo weit zu ermannen, um antworten zu können; und ſelbſt dann waren ihre Worte kaum ver⸗ nehmbar. „Verzeihe meine Schwäche!“ ſtammelte ſie.„Ver⸗ gib dieſe Thränen. Ich würde nicht Muth haben, ſie in der Gegenwart auch nur eines einzigen Zeugen zu vergießen— ſelbſt nicht in der Deinigen— wenn ich nicht glaubte, daß es die letzten find, welche meinen Augen unter dieſem unglücklichen Einfluſſe entfallen werden.“ „Welch' ein unglücklicher Einfluß, liebe Margue⸗ rite?“ rief ich, ſie in meine Arme ſchließend.„Er⸗ kläre Dich! Vor einigen Tagen ſchienſt Du ſo glück⸗ lich, ſo zufrieden, daß ich um Deiner willen vollkom⸗ nienhruhig war. Was hat dieſe Veränderung herbei⸗ geführt?“ „Seine Ankunft!“ entgegnete Marguerite, noch bewegter als zuvor. „Weſſen Ankunft?— Die Deines Bruders?“ „Die meines Bruders war leider der Beweggrund Die Frau des Geſandten. I. 18 274 der Verbindung, welche ich ſchloß. Mein gegenwär⸗ tiges Leid..,“ fie hielt inne. Ich fand es unmöglich, das Geſtändniß durch eine Vermuthung zu erſparen.. „Mein jetziges Elend,“ fuhr ſie fort,„entſpringt aus dem Bewußtſein, einen Andern unglücklich ge⸗ macht zu haben.“ „Du kannſt doch unmöglich auf Wilhelm von Rehfeld anſpielen?“ rief ich aus, da mir eine plötz⸗ liche Helle in meinen verwirrten Begriffen aufging. „Iſt es alſo das Gerücht Deiner Vermählung, was meinen Vetter nach Petersburg führte?“ „Du haſt gewiß nicht gehört, was er bei Tiſche ſagte? Ich fühlte, daß ſo wohl Du, als Andere es überhörten. Ich verſuchte, ihn zum Schweigen zu bringen.. Der Himmel weiß es, der Wunſch war ferne von mir, den Ausbruch von Klagen zu hören, die ich nicht zu ſtillen vermochte. Hätte er auf Reh⸗ feld ſo frei geſprochen, ſo wäre ich jetzt die Seinige. Lord Elvinston wußte weder von meinem Daſein, noch ich von dem ſeinigen, auch hatte mein Bruder ſich da⸗ mals noch nicht in eine ſo tiefe Schuldenlaſt geſteckt, um der Hülfe meines Heirathsgutes zu bedürfen, ihn vor Schande zu ſichern. Hätte Wilhelm von Rehfeld Muth gehabt, ſein Herz zu eröffnen, unſer Vermögen, obgleich geringe, wurde den Wunſchen beider genügt haben; und wie glücklich würde ich geweſen ſein, Ida, ol wie unausſprechlich glücklich; denn er liebte mich— zog mich vor— ja, er liebte mich— liebte mich mit einer Leidenſchaft, ſo rein und innig, wie die meines zukünftigen Gemahls; und wäre er frei geweſen, ſo würde ich ihn vor Allen gewählt haben. Aber er war durch eine Familienverbindlichkeit gefeſſelt, von der er ſich auf keine Weiſe zu befreien wußte, ob er gleich mir damals ſchon verſicherte, er ſehe, daß er ein Ge⸗ genſtand der Verachtung für Dich ſei, und daß ihm bloß der Muth fehle, der aus Erfahrung hervorgeht, 275 dem Baron zu erklären, daß er alle Plane für eine Verbindung mit Dir au zuheben wünſche. Als zu dem Bewußtſein der Unmöglichkeit einer Verbindung zwi⸗ ſchen Dir und ihm, noch das einer Neigung für mich kam, welche er beſonders bei unſerer Trennung fühlte, beſchloß er augenblicklich, uns nach Rußland zu fol⸗ gen— ſich offen zu erklären und um meine Hand zu werben.“ „Und was hinderte ihn?“ fragte ich. „Des Barons Einmiſchung. Dein Vater ſchrieb ihm, er möchte ſeinen Wunſch erfüllen und die Reiſe verſchieben; kaum hatte jedoch das Gerücht meiner Heirath die Reſidenz erreicht, als er ſich auch ſchon entſchloß, ſeinen Familienunzufriedenheiten zu trotzen und hieher in der Hoffnung zu eilen, noch zu rechter Zeit zu kommen./) „Glaube nicht, daß ich ihn bemitleide,“ rief ich, nicht wegen gemeiner, mädchenhafter Eiferſucht— „nicht wegen Kränkung, weil er Dich einem Mädchen vorgezogen hat, das ihn nie anders als mit der äu⸗ ßerſten Verachtung behandelt hatte, ſondern einzig, weil er nicht genug Energie beſaß, ſein Schickſal zu formen; weil er nicht die Kraft hatte, das niedere Joch von Familienzwang abzuwerfen und um die Hand derjenigen zu bitten, auf deren Herz er mit Recht ver⸗ muthete, einen Eindruck gemacht zu haben. Ich ver⸗ achte einen ſolchen Mann!“ „Du ſprichſt kühn, Ida; denn Du biſt im Glücke aufgezogen worden und kennſt die drückende Laſt der Unterwürfigkeit nicht. Dein Vetter hängt von ſeiner Mutter— und in einiger Beziehung auch von Deinem Vater ab.“. „„Damals nicht mehr, als jetzt,“ unterlrach ich ſie,„und Du fiehſt, es bedurfte bloß des Aeußerſten, um ihn zu zwingen, für ſich zu denken und zu han⸗ deln. Ich verachte eine Perſon, die ſo wenig Muth beſitzt. Aber es iſt nicht nur allein meine Gering⸗ 276 ſchätzung für Wilhelm von Rehfeld, theuerſte Mar⸗ guerite, was mir unmöglich macht, mit Deinen jetzi⸗ gen Sorgen übereinzuſtimmen. Ich fühle, daß Du viel beſſer verſorgt biſt in Deiner Heirath mit Lord Elvinston.“ Marguerite antwortete nicht, unwillkürlich ver⸗ barg ſich ihr Geſicht in das Bett. „Deine Liebe für Wilhelm von Rehfeld,“ fuhr ich fort,„war der bloße Erfolg der Umſtände. Er war der erſte Mann, welcher Dich in einem Augen⸗ blicke auszeichnete, wo Du Dich zurückgeſetzt und un⸗ glücklich fühlteſt. Bei dem vollen Gebrauche Deiner Vernunft, Marguerite, konnteſt Du unmöglich einen ſolchen ungebildeten Mann achten.“ „Ungebildet, in ſeinen Sitten vielleicht,“ ſtam⸗ melte ſie,„ich für meinen Theil ſehe jedoch nur auf geiſtige Bildung. Ich ehre einen Mann, gleich Deinem Vetter, deſſen Gedanken rein, deſſen Abſichten gut, deſſen Worte ehrlich, und der nicht gleich dem andern Vetter ein freundliches Betragen und eine anmuthige Sprache führt, aber bis auf den Kern ſeines Herzens voll Falſchheit iſt.“ 4 Es kam mir beinahe vor— vielleicht bin ich in Berchun— daß dieſe Bemerkung einen ſpottenden Ton atte. „Ich ſehe keine Veranlaſſung,“ ſprach ich,„einen Vergleich zwiſchen zwei ſo verſchiedenen Perſonen, wie unſere Vetter find, deren Anſprüche und Anſichten nie⸗ mals in eine Nebenbuhlerſchaft gebracht werden kön⸗ nen, anzuſtellen. Monſiteur de Vaudreuil iſt ohne Zweifel Alles, was er für die Geſellſchaft, in der er, ſich bewegt, ſein ſollte, für die Ungebundenheit Eures adeligen Faubourg und Eurer Opernbälle. Aber Lord Elvinston iſt ein Weſen aus einer beſſern Sphäre, ein Mann, der würdevoll durch's Leben gehen, und bei ſeinem Tode ſeinen Nachfolgern einen ehrenvollen Na⸗ men hinterlaſſen wird. Die Liebe und Geſellſchaft ei⸗ 277 nes ſolchen Mannes wird Dich bald die romantiſchen Grillen Wilhelms von Rehfeld vergeſſen lehren.“ „Wenn ich nicht gleichfalls dieſer Meinung wäre,“ entgegnete Marguerite mit feſterer Stimme,„glaube mir, ich würde weder eingewilligt haben, ſelbſt um das Glück meines einzigen Bruders nicht, ſeine Gattin zu werden, noch würde ich einen Augenblick ſeinen Ver⸗ lobungsring tragen. Dieſen Abend, Ida, hätte ich ihm beinahe Alles geſagt, ſeine Verzeihung erbeten, und Wilhelm von Rehfelds Anträge, ſeine demüthige und arme Gattin zu werden, angenommen.“ „Gott ſei Dank, daß Du dieſe romantiſche Scene nicht aufgeführt haſt,“ rief ich.„Das Glück erwartet Dich in ſeiner ſchönſten Geſtalt. Aber ſage mir, theuerſte Marguerite, da Du mir nun einmal Dein Herz ſo weit geöffnet haſt, was wollen dieſe Andeutungen auf die Verlegenheiten Deines Bruders?“ „Du ſollſt jetzt Alles wiſſen— ich fühle, Du mußt Alles wiſſen!“ murmelte das arme Mädchen. „Ja, Idal mein Bruder iſt leichtfinnig geweſen. Die Erſparniſſe, welche für mich als Brautſchatz bereit lagen, wäre ich des Fürſten Gallitzin Gattin gewor⸗ den, waren unumgänglich nothwendig zur Rettung ſeiner Ehre. Der Kaiſer würde, wenn er die Thor⸗ heiten erfahren hätte, welche ſeine Unterſchrift in die Hände der Juden brachte, ſeinen Schutz ihm entzogen haben. Hier gab es bloß einen Ausweg. Meine Mutter erklärte mir entſchieden, daß nur ein Ausweg vorhanden ſei; und daß ich mich dreimal glücklich preiſen ſolle, Gelegenheit zu haben, eine ehrenvolle Verbindung mit einem Manne zu ſchließen, der aus⸗ drücklich kein Heirathsgut mit ſeiner Braut verlangt.“ „Ich fürchtete, daß eine ſolche Kriſis eingetreten ſei, die Deine Anſichten ſo plötzlich geändert habe!“ rief ich.„Aber warum, Theuerſte, vertrauteſt Du mir dieß nicht gleich im erſten Augenblicke an? Ich würde mich bei meinem Vater für Dich verwendet haben. Mein Vater iſt reich; ich bin überzeugt, er würde ſo gegen Graf Alexis gehandelt haben, daß dieſes Opfer unnöthig wäre.“ „Es iſt kein Opfer,“ entgegnete meine Stief⸗ ſchweſter,„oder es iſt vielmehr ein bloßes Romanopfer, der Vernunft Gehör zu geben. Ich ward nicht ge⸗ boren, die Herrin meines Schickſals zu werden. Mein Tagewerk auf Erden iſt Unterwürfigkeit.“ „Noch könnte meines Vaters Einmiſchung...“ „ Bloß das Uebel vergrößern. Mein Bruder will ſeine Hülfe nicht annehmen. Meiner Mutter Ver⸗ mögensumſtände ſind entſetzlich zerrüttet! Es iſt ihr einziger Wunſch und ihr einziges Streben, des Barons Aufmerkſamkeit von ihnen abzulenken.“ „Eine Zeit der Erklärung muß jedoch kommen, wenn...“ „Sei es, wenn ſein Haus von meiner Anweſen⸗ heit befreit, und meines Bruders Stellung geſichert iſt. Dieß iſt die Abſicht meiner Mutter, indem ſie ſo ſehr mit meiner Heirath eilt— und wenn nicht Deines Vetters unſelige Ankunft dazwiſchen gekommen wäre, hätte ich mich ganz ruhig in mein Schickſal ergeben.“ „aſſe Dir durch eine ſo unwürdige Perſon die glänzende Laufbahn nicht verdunkeln, welche vor Dir liegt,“ rief ich mit Entrüſtung.„Aber ſage mir doch, liebe Marguerite, wie kommt es, daß Dein Bruder, welcher bei ſeiner Ankunft hier kein Geheimniß aus ſeiner Antipathie machte, doch veranlaßt wurde, uns mit dem Leuchten ſeines Angeſichts zu beehren.“ „Alexis iſt verurtheilt worden, eine Reihe von Demüthigungen zu empfangen. Das Verbrechen bringt ſeine Strafe mit ſich. Nachdem er es gewagt hatte, ſeiner Mutter wegen einer Heirath mit Ausländern Vorſtellungen zu machen, iſt er gezwungen worden, meine Verbindung mit Lord Elvinſton zu billigen, ja ſelbſt zu empfehlen; während meine Mutter auf der andern Seite die Bedingung machte, daß, wenn er 279 die Kapitalien zur Erhaltung ſeines guten Namens für nothwendig halte, er ſich gegen jedes Glied ihrer Familie artig und höflich betragen müſſe.“ „Ich habe alſo der Baronin für die großen Be⸗ weiſe der Achtung zu danken, mit welchen mich Graf Erloff beehrte!“ entgegnete ich bitter.„Glaube mir, ich fühle die Verbindlichkeit in ihrem ganzen Gewichte.“ „O! Ida— Ida!— das kann wirklich nicht Dein Ernſt ſein!“ rief Marguerite, die Hände ringend. „Nein, nein! leichtfinnig kann Alexis ſein, doch er iſt weder herzlos noch ehrlos. Schmerzlich iſt es ihm, meine Wahl dnrch ſo feindliche Umſtände beſtimmt zu — ſehen. Ich bin der Ueberzeugung, daß es eine weit härtere Prüfung für ihn iſt, zu entdecken, daß die Fa⸗ milie, welche ihm wegen der ſeltſamen Umſtände, die uns vereinigen, ſo verhaßt iſt, die Familie, von der er ſich angezogen fühlt und von der er durch die eiſer⸗ nen Feſſeln pecuniärer Verpflichtungen getrennt wird — ein Weſen enthält, das, wenn nicht jene verwandt⸗ fchaftlichen Verhältniſſe beſtünden, geeignet wäre, jedes Gefühl ſeines Herzens in Anſpruch zu nehmen! Ich ſchwieg. Es war einiger Troſt für meinen gekränkten Stolz, nach ſo vielen Täuſchungen die Be⸗ wunderung nicht mißdeutet zu haben, die einige Tage nach ſeiner Ankunft angefangen hatte, die Blicke und Bewegungen von Alexis Erloff zu beſeelen. Du weißt genau, wie ſehr mein Bruder geneigt iſt, Dich zu bewundern— Dich zu lieben,“ ſprach Mar⸗ guerite.„Wenn nicht dieſes Aufthauen ſeiner Ge⸗ fühle wäre, würde er ſeine Vorurtheile nicht ſoweit bekämpft haben, an Deines Vaters Tiſch zu ſitzen und ſich mit ihm auf ein Geſpräch einzulaſſen. Aber von welchem Gewichte find ſeine Gefuh das der meinigen. Wir ſind beide zu arm, um bei unſerer Wahl unſere Herzen ſprechen laſſen zu können.“ „Biſt Du gewiß,“ fragte ich ſo feſt ich konnte, „daß weder von dem Sohne, noch von der Mutter ein 8 le— wie groß iſt. .280 Gedanke an eine Verbindung zwiſchen uns gehegt wird?“ 3 „Vollkommen. Wilhelms Ankunft hat tauſend Familien⸗Geheimniſſe an das Tageslicht gebracht. Seine Erklärungen gegen Deinen Vater haben ihm das Geſtändniß abgelockt, daß Deine Verbindung mit dem Fürſten Gallitzin bloß Deiner und des Kaiſers Einwilligung noch bedürfe. Alle Vorkehrungen ſind getroffen und die Kaiſerliche Familie iſt vollkommen zufrieden damit.“ Obgleich gekränkt, daß eine für mein Glück ſo wichtige Nachricht mir indirect mitgetheilt werden ſollte, und daß auf meine Wahl in der Sache ſo wenig Rück⸗ ſicht genommen worden zu ſein ſchien, konnte ich doch nicht unterlaſſen, mich über die Unvorſichtigkeit meiner Stiefſchweſter zu freuen, welche mich ermahnte, ich ſolle auf meiner Hut ſein, wenn immer es meinem Vater gefallen würde, mich mit allen den Verbindungen ver⸗ traut zu machen, auf die er in meinem Namen ein⸗ gegangen war. Ich fühlte, daß es bloß eine ſchöne Vergeltung ſei, die ehrgeizigen Projecte meiner Familie über den Haufen zu werfen, indem ich mein Wahlrecht geltend machen würde. 3 Obgleich ich Marguerite auf ihr Zimmer führte, und an ihrem Kopfkiſſen wachte, bis ſie ſchlief, war mir das meinige peinlich ruhelos durch das Bewußt⸗ ſein gemacht, in ein Gewebe von Liſt und Betrug ver⸗ wickelt zu ſein. Es war mir jetzt klar, daß wir beide, mein Vater und ich, als Opfer der eigennützigen Künſte der Wittwe des Grafen Erloff gefallen ſeien, und daß ſie im Begriffe ſehe, die zerrütteten Vermögensumſtände ihres Sohnes wieder herzuſtellen, indem ſie den Kaiſer durch den Einfluß ihrer Stieftochter und eine vortheil⸗ hafte Heirath eines ſeiner Günſtlinge für ſich zu ge⸗ winnen ſuchte. Welches immer meine frühern Anſichten in Hin⸗ ſicht auf den Fürſten Gallitzin geweſen ſein mochten, 281 dieſe Entdeckungen reichten hin, mich für das Gegen⸗ theil zu ſtimmen; die Plane dieſes herzloſen Weibes zu vereiteln, war jetzt mein Hauptſtreben. Ich klagte ihre franzöſiſche Abkunft, ihr Vaudreuil's Blut an. Alle Bruchſtücke, welche ich jemals von Wilhelm von Rehfeld gehört hatte(und Sie werden ſich noch recht gut ſeiner nationellen Abneigung gegen das Volk er⸗ innern, das Sie mich in Ihrer Perſon zu lieben ge⸗ lehrt haben!) und Alles, was ich in den patriotiſchen Diatriben meines Landes geleſen hatte, kam mir wie⸗ der ins Gedächtniß. Ich ſchalt ſie im Geiſte das hin⸗ terliſtigſte Weib, und entſchlief mit dem freudigen Ge⸗ danken, daß es in meiner Macht ſtehe, wenigſtens in einem Punkte ihr künſtliches Gebäude anzugreifen. Sie mochte mit dem Erbtheile ihres Sohnes, und dem Schickſale ihrer Tochter ſpielen, doch nie mit dem der Ida von Rehfeld. Sie werden ſich denken können, Sie, die meinen ungeſtümen Charakter kennen, wie groß meine Ent⸗ rüſtung war, als ich mich gleich einer todten Puppe von den Ränken dieſes Weibes umgarnt ſah. Ich habe lange an der Wahrheit gezweifelt, daß mein Va⸗ ter bei ſeiner Heirath überliſtet worden ſei; aber die Achtung, welche mir die Baronin unſtreitig erwieſen hat, veranlaßte mich zu hoffen, daß ſie meine Fähig⸗ keiten ſo weit anerkenne, um mich eher zu einer ver⸗ nünftigen Gehülfin zu machen, ſtatt mich gleich einer Thörin zu hintergehen. Ich entſchloß mich, eine Zuſammenkunft mit mei⸗ nem Vater am nächſten Tage zu ſuchen, ohne jedoch Marguerite's Geheimniſſe zu verrathen, oder ſeinen Neffen ſeiner Unzufriedenheit auszuſetzen, was der Fall geweſen wäre, hätte er Wilhelm von Rehfeld ſo ver⸗ traut mit unſerm häuslichen Zirkel gewußt, daß er im Stande ſei, das Glück der herannahenden Verbin⸗ dung ſeiner Stieftochter zu zerſtören. Ja, ich beab⸗ ſichtigte ſogar, ihn zu bitten, die Vertraulichkeit Alfreds 282 de Vaudreuil zu beſchränken, um der Baronin die Mitwirkung eines zu liſtigen Gehülfen zu rauben. Die Morgendämmerung, beſte Freundin, brachte meinen raſchen Entſchlüſſen all' die Kühle, welche aus dem weltlichen Einfluſſe der Gewohnheiten des täg⸗ lichen Lebens hervorgeht. Ich zitterte bei dem Ge⸗ danken, eine Audienz bei meinem Vater zu verlangen, welche zu Erklärungen führen mußte, die geeignet wa⸗ ren, ſeinen häuslichen Frieden zu ſtören. Die Binde von ſeinen Augen zu nehmen, da ich ihn in ſeiner Un⸗ wiſſenheit glücklich wußte, war ſchwerlich ein Geſchäft für ſeine Tochter. Auf der andern Seite ſchien es mir wieder un⸗ verzeihlich von mir, ihn blind und vertrauensvoll den Händen derer zu überlaſſen, denen ſein Glück ſo wenig am Herzen lag;— und als ich mich endlich an meine Morgenbeſchäftigungen machte, konnte ich, da ich Mar⸗ guerite mit Lord Elvinston und ihrer Mutter ausge⸗ gangen wußte, um der Familie ihres verſtorbenen Vaters einige ceremoniöſe Beſuche abzuſtatten, meine Ungeduld bei dem Bewußtſein des geheimnißvollen Ein⸗ fluſſes, dem wir alle unterworfen ſind, und meiner Unfähigkeit ihm entgegen zu wirken, kaum bemeiſtern. Denn, um die Wahrheit zu geſtehen, ich ſchrieb nicht nur Marguerite's Heirath, ſondern auch die Pro⸗ jekte für die meinige der kaltblütigen und unergründ⸗ lichen Politik Alfreds de Vaudreutil's zu. Kaum hatte ich mich jedoch an meinen Schreib⸗ tiſch geſetzt und verſucht, meine Grillen mit dem Stu⸗ dium der ruſſiſchen Sprache zu verſcheuchen, für die mich zu intereſſiren ich mir ſeit einiger Zeit alle er⸗ denkliche Mühe gegeben habe, als ich von Auguſt von Collin förmlich aufgefordert wurde, vor meinem Vater zu erſcheinen. Ich konnte mich über die ehrfurchts⸗ volle Weiſe, mit der der arme Auguſt ſeine Botſchaft überbrachte und Eile empfahl, da der„Herr Baron warte,“ eines Lichelns nicht erwehren. 283 Die Gelegenheit, nach der ich mich ſo lange ge⸗ ſehnt hatte, ſchien ſich plötzlich zu zeigen. Die Baro⸗ nin war fort, mein Vater allein. Ich wollte die Ge⸗ legenheit benützen, um meinem Vater die ſchwankende Natur des Eiſes, auf welchem wir ſorglos hingingen, und die Gefahren zu erklären, die ich von dem kalten Abgrunde unter demſelben erwartete. Ich faßte Muth und ſtärkte mich durch eine momentane Pauſe der Ueberlegung, dann ging ich langſam, mit dem feſten Entſchluſſe, mich unter einer bittenden Berufung auf ſeine väterliche Liebe zu ſeinen Füßen zu werfen, zu den Gemächern meines Vaters. So ſehr war ich von meinen Gedanken in An⸗ ſpruch genommen, daß ich beinahe ſchon die Hälfte des Bibliothekzimmers zurückgelegt hatte, ohne zu bemer⸗ ken, daß nicht die ernſte Perſon meines Vaters ſeinen gewöhnlichen Sitz einnahm. Es war der Kaiſer ſelbſt, der ſich erhob, um mich zu bewillkommen, und mich an ſeine Seite niederſitzen hieß!— Mein Vater, der bisher in einer vertrauten Unterhaltung mit dem Kai⸗ ſer vertieft geweſen war, wollte eben das Zimmer verlaſſen, um in ſein Privatcabinet zu gehen. „Meine theuere Ida,“ ſprach er, als er auf der Schwelle ſtand;„wenn ich es auch nicht für nöthig erachte, Deine Ehrfurcht für die Mittheilung Sr. Ma⸗ jeſtät des Kaiſers zu verlangen, ſo iſt es doch vielleicht wünſchenswerth für Dich, zu wiſſen, daß ſie mit der vollkommenſten Einwilligung Deines Vaters geſchieht.“ „Ich habe bereits wiederholt verſucht, meine Liebe, die unbeſchreibliche Anmuth und Autorität zu ſchildern, welche das Betragen ſeiner kaiſerlichen Majeſtät charak⸗ teriſirt. Es iſt das eines ſehr guten Schauſpielers, der durch Natur und Erziehung für ſeine Rolle gleich geeignet iſt; und ich geſtehe Ihnen aufrichtig, daß ich, obgleich ich in dem fröhlichen Verkehre der Feſtlichkei⸗ ten des Lebens, ſehr unbefangen gegen ihn geweſen war, doch ebenſo gut Muth gefunden hätte, den Don⸗ 284 nerſchlägen des Himmels zu trotzen, als auf irgend einen Satz, den er in vollem, kaiſerlichem Ernſte ſprach, etwas zu erwiedern. Deshalb war es doppelt nothwendig für mich, die Natur der Mittheilungen zu kennen, welche mir auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe gemacht wurden, und ich nahm den Sitz, zu dem mich der Kaiſer führte, mit einer beinahe ebenſo verſchäm⸗ ten Miene ein, wie Marguerite bei ähnlicher Gelegen⸗ heit gethan haben würde. Ich hatte mir dieſen Morgen vorgenommen, Ih⸗ nen die nun folgende Unterhaltung Wort für Wort zu erzählen, die, der Himmel weiß es, nicht ein einziges Wort enthielt, das nicht mit Ehre in Gegenwart mei⸗ nes Vaters, der Kaiſerin, oder des Himmels geſpro⸗ chen werden dürfte. Es lautet vielleicht einfältig, aber es ſcheint mir jedes Wort des Kaiſers, welches er gegen mich äußerte, ein ſo ganz beſonderes Heiligthum zu ſein, um es in mich zu verſchließen, und Sie müſſen mir verzeihen, wenn ich das, was folgte, bloß flüchtig berühre. Es genüge, daß der Kaiſer mit all, dem Reize, welcher ſeine gewöhnlichſten Worte begleitet, mir ſagte, daß es von dem Augenblicke an, in welchem ihn Fürſt Gallitzin von der Ueberlegenheit der geiſtigen Vorzüge unterrichtet habe, die meine perſönlichen Reize begleite, ſowohl ſein innigſter Wunſch, als auch der eines ſei⸗ ner treueſten Diener, und eines der würdigſten Män⸗ ner geworden ſei, ich möchte den letztern unterſtützen, die Auszeichnungen der ruſſiſchen Diplomatie am Hofe von Frankreich zu erhalten. Die Anſtellung des Für⸗ ſten, ſprach er, hange bloß von meiner Annahme ſei⸗ ner Hand ab; da er es den politiſchen Anſichten Sr. Majeſtät angemeſſen erachte, daß ſeine Geſandten nicht nur verheirathet, ſondern auch ſo verheirathet ſein ſollen, daß ſie ihrem Lande, ſowohl durch das Ver⸗ högen als durch die Perſon ihrer Frauen Ehre machen önnen. Sie werden zugeben, daß es unmöglich für mich war, ein größeres Kompliment zu empfangen; und ſo allgemein iſt die ſtrenge Moralität des Kaiſers in ſei⸗ nem häuslichen Leben anerkannt, daß ich mich, ver⸗ zeihen Sie meiner Eitelkeit, bei dieſer Anſtellung des Mannes, für den er um meine Hand warb, und die mich ſo weit von dem kaiſerlichen Hof entfernte, viel mehr geſchmeichelt fühlte, als wenn er ihm eine ſolche um ſeine Perſon gegeben hätte. Ich fürchte, Theuerſte, ich war für einen ſo ge⸗ übten Beobachter, wie der Kaiſer iſt, nicht einmal ſo lange unentſchloſſen, als erforderlich war, meiner Ein⸗ willigung einigen Werth zu geben. „Herrlich geſprochen!“ rief er, nachdem er mein Jawort vernommen hatte.„Da Sie jetzt entſchloſſen ſind, die Hand eines der edelſten Männer meines Rei⸗ ches anzunehmen, erheben Sie ſich über die niedrige Kunſt, über meine Frage zu zaudern. Sie wollen ſeine Gattin werden? Ich danke Ihnen dafür. Aber er wird Ihnen ſelbſt auf eine Art danken, die meine for⸗ melle Billigung kalt und werthlos machen wird!“ Es ſchickte ſich nicht für mich zu bekennen, wie vielfach dieſe bloße Billigung die gluͤhendſte Dankbar⸗ keit des Fürſten aufwiege! Nachdem der Kaiſer einen ceremoniöſen Kuß auf meine Stirne gedrückt und einige ernſte Ermahnungen ausgeſprochen hatte, rief er meinen Vater, führte mich in ſeine Arme und nahm dann Abſchied. Ich war noch zu ſehr bewegt von Allem, was ich gehört hatte, um den väterlichen Segen nicht tief zu fühlen. Als ſelbſt einige Stunden ſpäter Fürſt Gallitzin erſchien, um mir für das zu danken, was er meine huldreiche, ihm durch den Kaiſer zugekommene Bejahung nannte, und ſeinen Triumph über die Erfüllung ſeines innigſten Wunſches auszudrücken, waren meine Augen noch feucht von den Thränen meiner frühern Rührung. Während der feierlichen Erklärungen, die nun be⸗ 286 Hanhen, verließ meine Stärke mich nicht einen Augen⸗ ick. 4 Mein Stolz auf die ehrenvollen Empfehlungen des Kaiſers, meine Ueberzeugung, daß, hätte er mich nicht des größten Zutrauens würdig gehalten, er keine Heirath gebilligt haben würde, bei der bloße Vortheile des Vermögens kein Gewicht haben(da Rußland Ueber⸗ fluß an Erbinnen hat, die zwei⸗, ja zwanzig⸗ mal reicher ſind, als ich), gab mir Muth, dem ironi⸗ ſchen Lächeln Alfred's de Vaudreuil, und den trium⸗ phirenden Tönen meiner Stiefmutter zu trotzen. Laſ⸗ ſen Sie mich hinzufügen, daß der Fürſft ſelbſt ſich bei dieſer Gelegenheit vortrefflich benahm. Welch' einen großen Werth hat eine gute Erziehung unter ähnlichen Umſtänden! Er gab ſich weder Ausbrüchen hin, die ſeinem Alter nicht anpaßten, noch gab er Andern Ver⸗ anlaſſung, auch nur einen Augenblick an ſeinen Gefüh⸗ len perſönlicher Ergebenheit und an ſeinem Stolz auf die den ſeinem kaiſerlichen Herrn geſtiftete Heirath zu zweifeln.. Sein Betragen freute mich um ſo mehr, als es dem von Lord Elvinston ganz entgegen geſetzt iſt, welcher es für nothwendig hält, ſeine Liebe für Mar⸗ guerite dem ganzen Hauſe zu zeigen, indem er ſeine Augen fortwährend auf ihr Geſicht heftet und ſtets an ihrer Seite ſitzt. Ich bin von des Fürſten Anerkennung meiner Talente mehr durch das Geſtändniß des Kai⸗ ſers, als durch eine Schmeichelei von ihm ſelbſt über⸗ zeugt. Kurz, meine theuerſte Freundin, ich bin das ſtolzeſte und glücklichſte Weſen auf Erden; und wenn ich auch vielleicht in meinen Anſichten von dieſer Stel⸗ lung zu ſtolz bin, ſo will ich meinen Fehler am Ende meiner Tage bereuen, indem ich demüthig und ruhig werde. Ich habe das Ziel meiner Hoffnungen erreicht. Was werde ich Ihnen ferner mittheilen können, was mich weitſchweifig macht, wenn nicht die Ausbrüche meiner Dankbarkeit gegen eine Perſon, welche ſo viel 287 dazu beitrug, mich zu dem, was ich bin, zu machen, und mich auf den Weg vorbereitete, den ich jetzt wan⸗ deln werde?. —— Dreiundzwanzigſter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil an Gräfin Auguſte de Vaudreuil. Schöne Tante, ich habe die Ehre, Ihnen einen neuen Geſandten und eine neue Geſandtin von dem Hofe Rußlands anzukündigen; die letztere wird Sie belondere intereſſiren, da fie die Tochter Ihrer Tochter Nicht Ihre liebenswürdige Marguerite. Nein! Ihr Schickſal iſt Gott ſei Dank, in einem Lande geſichert, wo der kaiſerliche Wink weder Güter ein⸗ zieht, noch einen Mann ſeines Kopfes beraubt; in ei⸗ nem Lande, das keine Knute und kein Sibirien hinter dem Vorhange verbirgt. Das traurige Gemälde, das mir die Baronin während unſeres Aufenthaltes auf Rehfeld von den Qualen ihrer eigenen ſchwankenden Gunſt, von dem Aufwande an Zeit, Geld und Bequemlich⸗ keit, mit dem ſie erkauft wurde, entwarf, die Schilderung, die ſie mir von dem Gefährlichen einer kaiſerlichen Freund⸗ ſchaft machte, die ein abgeſchoſſenes Kleid, eine ſchlecht gekräuſelte Feder, oder eine unnoble Equipage in einem Augenblicke zu zerſtören im Stande iſt— veranlaßten mich, ihre Tochter wo möglich in einem Lande zu ver⸗ ſorgen, in welchem das Leben auf einem Grunde von Gold unbemerkt voranſchreitet, wo der Egoismus als religiöſe Pflicht kultivirt wird, vorausgeſetzt der Got⸗ tesdienſt der Selbſtſucht werde paarweiſe verrichtet— 288 und wo man die beſten Lurusartikel Frankreichs mit denen Großbritanniens vereinigt finden kann, d. h. Fiſchſaucen, Patentſättel, Zahnbürſten und die Preß⸗ freiheit, durch welche man ſich noch viele andere Frei⸗ heiten erlaubt. Wie Sie bereits gemerkt haben werden, iſt es Mademoiſelle von Rehfeld, welche Fürſtin Gallitzin werden ſoll. Meine Coufine wird auf dieſe Weiſe von einer ungehorſamen und ſtreitſüchtigen Hausgenoſſin befreit werden; während Paris eines der reizendſten und talentvollſten Weſen der Welt erhält, um die mo⸗ notone Langweiligkeit ſeiner Geſellſchaften zu unterbre⸗ chen. Ich fing an, unſere Soiréen in dem petit chä⸗ teau und dem Faubourg herzlich müde zu werden. Sie waren zu vollkommen— zu einförmig—. zu zahm. Dieſe eigenfinnige Fremde wird, wenn ich mich nicht irre, einen goldnen Apfel mitten unter die Aſſem⸗ bléen werfen, der größere Aufregung als der verhäng⸗ nißvolle der Eris hervorbringen kann, und es wird einige Ehre und einiges Vergnügen für mich ſein, bei dieſer Gelegenheit ſowohl als Eicerone, wie auch als Mentor zu glänzen. Der Almanach de la cour be⸗ zeichnet nach Namen und Gehalt l'introducteur des Ambassadeurs. Warum ſoll ich mich nicht freiwillig l'introducteur des Ambassadrices nennen? Meine Vergnügungen und Ergötzungen werden hier durch dieſe neue Verlobung mehr als verdoppelt, und die Unterhaltung, welche es mir gewährt, meine zukünftige Geſandtin den Pfau im Vorgeſchmacke ihres Glanzes ſpielen und ihr ſchimmerndes Gefieder in der Sonne ſich entfalten zu ſehen, iſt des Opfers werth, welches ich um Marguerite's Willen gebracht, indem ich meinen Aufenthalt in Petersburg verlängert babe. Niemals irrte ſich ein armes Kind ſo ſehr in ſich ſelbſt und der Welt, wie Mademoiſelle von Rehfeld! Obgleich die Ausſichten von Marguerite, als die Braut eines Mannes, deſſen jährliches Einkommen 289 das ganze geerbte oder erſparte Vermögen des Fürſten Gallitzin übertrifft und deſſen Glück in einem unabhängigen Lande gleichfalls unabhängig iſt, ſtatt der Laune eines Autokraten in dem abſcheulichſten Clima von ganz Europa unterworfen zu ſein, tauſend⸗ mal glänzender find,— ſo trägt doch meine kleine Couſtne ihr Geſchick mit Ruhe, Gleichmuth und Be⸗ ſcheidenheit, während Ida ſich eine halbe Kaiſerin wähnt, weil ſie auserleſen wurde, die geſunkenen Ver⸗ mögensumſtände eines dürftigen Geſandten zu heben!— denn ſo iſt es ohne Zweifel. Ihr zukünftiger Geſandte iſt eines der armen Glieder jenes mehr als patriar⸗ chaliſchen Geſchlechtes der Gallitzin, das am Fuße des Theones anfängt und unter den laquais de places und den dvornicks oder Thürhütern endigt; und er iſt ſo weit entfernt davon, den Glanz ſeiner Ahnen wieder zuruck⸗ zurufen, daß die meiſten der hieſigen ariſtokratiſchen Häuſer ihn in dem Lichte eines politiſchen Abenteurers betrachten. Unter ſeinen Landsleuten würde es ihm ſchwer geworden ſein, eine ſchöne Gattin mit einem ſo beträchtlichen Brautſchatze zu erhalten, wie der iſt, zu welchem die Baronin ihren gelehrigen und gutmü⸗ thigen Herrn beredet hat, ſeiner Tochter mitzugeben. Sie werden vielleicht überraſcht ſein, daß ſie, nachdem ſie ihn überredet hatte, nicht verſuchte, mit Sda's Hand ihren Sohn zu beglücken. Aber Baron von Rehfeld, obgleich er ſich zur Freigebigkeit durch die Ausſicht, ſeinem einzigen Kinde eine glänzende Stellung zu verſchaffen, bewegen ließ, würde ſie wahrſcheinlich nicht in einem ſolchen Grade wegen eines bloßen Gra⸗ fen Erloff geübt haben; ebenſo iſt es nicht wahrſchein⸗ lich, daß der Kaiſer auf Alexis Intereſſen ſo weit Rückſicht genommen haben würde, um ſich zu ſeinen Gunſten zu den Empfehlungen herabzulaſſen, welche er dem Fürſten zu Theil werden ließ. Geſtehen Sie deßhalb zu, ſie habe am beſten ge⸗ Die Frau des Geſandten. I. 19 290 handelt. Da fie nicht zu viel wagte, iſt ihr Alles ge⸗ lungen, was ſie verſuchte. Der Kaiſer iſt äußerſt gnädig gegen ſie. Sie ſteht auf dem Punkte, einer vermögensloſen Tochter und einer großen Laſt los zu werden; dann wird ſie Zeit haben, ſich der Ordnung der Angelegenheiten ihres Sohnes zu widmen, welchen ſie, unter uns geſagt, in Folge ihres eigenen Zahlungsvermögens nicht im Ge⸗ ringſten im Stande war, aus ſeiner Verlegenheit zu retten. Den Einfluß, welchen dieſe Familienereigniſſe auf Alexis haben, oder haben werden, bin ich zu beſchrei⸗ ben nicht fähig. Er iſt ein äußerſt wilder, verwege⸗ ner und leichtſinniger Menſch; extrem im Guten, wie im Böſen, indem er alle thörichten und übeln Dinge treibt, das heißt: hohes Spiel, verzweifeltes Reiten und Trinken, wie ein Wahnſinniger; ein Windbeutel in Gedanken, Worten und Werken; jedoch mit ſo ju⸗ gendlichen Gefühlen und ſo lebhaftem Geiſte, daß er, trotz der Vorurtheile, die er gegen die ganze Rehfeld⸗ ſche Familie mit hierher brachte, noch keine 48 Stun⸗ den in Petersburg war, und ſich ſchon in die Lilie wie ein Wahnſinniger verliebte!— Anfangs glaubte ich, die große Bewunderung, welche er ihr zollte, ſei blos ein Zug ſeiner Hofgeſinnungen, und ich wähnte ihn im Beſitze eines Taktes, der der Mutter würdig ſei, die ihn geboren. Aber ich ſah meinen Irrthum bald ein, und nicht nur meinen Irrthum, ſondern auch, daß ein Rückfall oder die Erklärung dieſes Irrthums mein koſtbares Leben wahrſcheinlich den Gefahren eines Duells mit meinem mißtrauiſchen, aber geliebten Vet⸗ ter ausſetzen würde. Man kann ſich keinen ſeltſameren Kampf denken, als den zwiſchen der wachſenden Leidenſchaft ſeiner un⸗ geſtümen Seele, und ſeinem Vorſatze, den Wilden ge⸗ gen den Familienſtamm und Zweig ſeines neuen Stief⸗ vaters zu ſpielen. Es ſcheint, der verſtorbene Graf *1 291 Erloff war ein rauher Soldat, der in Alexander's Feldzügen gleich einem Löwen focht, und ſeinen Kin⸗ dern nicht viel mehr, als ſeinen mit Ehren getragenen Degen hinterließ. Ich entſchuldige die bittern Gefühle, mit welchen der Sohn eines ſolchen Veteranen ſeine Wittwe ihre verwelkte Hand und die Aufſicht ihrer Fa⸗ milie einem Fremden hingeben ſah; und er kam hieher, voll Haß gegen den Namen Rehfeld, und dies um ſo mehr, als er wußte, daß er vor Kurzem dem ſelbſt Unehre gemacht habe, deſſen Andenken ihm ſo heilig war, in⸗ dem er auf eine Art ſpielte, die ſogar die Erfahren⸗ ſten in dem ruſſiſchen Leichtſinne des Spiels für albern erklärten.— Und die Blicke der Lilie von Rehfeld ſollten ſein wildes Herz gezähmt, und ihr Lächeln ſollte dieſe feſten Entſchlüſſe über den Haufen geworfen haben?— Sie können ſich kaum einen Begriff von dem wilden Tu⸗ multe ſeiner unbeherrſchten Gefühle machen, oder die vollkommene Unbewußtheit ſich denken, mit welcher Ida, ſonſt ſo ſcharffichtig in Hinſicht ihrer Bewunderer, das Uebel durch ihre Freundlichkeit vermehrte, die ſie ihm auf die dringenden Bitten der Baronin erwies, einen widerſtrebenden Verwandten zu gewinnen, damit ſeine Wildheit ihrem Vater keine Kränkung verurſache. Bald nach ſeiner Ankunft vereinigte ſie ſich mit Marguerite, ihn zu verzärteln, als wäre er ihr eigener Bruder. Ich habe geſehen, wie ſie ihm die Wildheit des Bären durch Geſang zu vertreiben ſuchte, wie ſie ſie aus ihm heraus tanzte und aus ihm heraus lächelte. Kurz, wie e alle jene reizenden Koketterien ihres Geſchlechtes übte, die einem Manne nichts mehr übrig laſſen, als ſich zu ihren Füßen zu werfen. Alexis ging dieſen Weg nicht geradezu; aber der Kampf ſeiner Gefühle war ſo gewaltig, daß ich ver⸗ muthe, wenn das vier bis fünf Fuß dicke Eis, welches die Neva gegen jeden Eindringling ſicherte, nicht ge⸗ weſen wäre, ſo würde er die entgegengeſetzten Einge⸗ 292 bungen von Liebe und Stolz in einem naſſen Grabe vereinigt haben. Denn Alexis Erloff, der gleich einem Wahnſinnigen ſpielt, liebt gleich einem Spieler. Nichts iſt im Stande, ihn zur Vernunft zu bringen, als ein blutiges Schlachtfeld, auf welchem er, wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo ritterlich kämpfen wird, um alle Ur⸗ ſache zu geben, in ihm einen zweiten Souvaroff zu erkennen. Er iſt jetzt ganz wahnfinnig, weil ihn die Nothwendigkeit zwingt, hier zu bleiben, um der Cere⸗ monie der Doppelheirath ſeiner Schweſter und Stief⸗ ſchweſter beizuwohnen, welche in Gegenwart des Kai⸗ ſers in der Kirche der Citadelle vollzogen werden ſoll. Die Lilie von Rehfeld wurde alſo nicht geboren, eine Lilie des Feldes zu bleiben! Die Natur ſchuf ſie ausdrücklich für die Stelle, welche ſie nun ausfüllen wird. Ein ſolcher Ueberfluß von weiblichem Takte war nicht beſtimmt, in der demüthigen Wohnung eines Landjunkers weggeworfen zu werden. Wenn Sie ſie nur hätten ſehen können, wie gewandt ſie das Blatt gegen uns Alle wendete, wie wunderbar ſie ſich die Rolle aneignete, die man ihr auferlegte, und mit wel⸗ chem Genie ſie mit dem minder glänzenden Stern den größern verdunkelt. Elvinſton, welcher die Reichthümer von Aladdin, oder nicht viel weniger beſitzt, verſchwendet ſie in Fülle zu den Füßen der widerſtrebenden Marguerite, die nicht den Muth hat, ihm die Unnöthigkeit zu erklären, ihre Zeit oder Liebe um den Preis eines Edelſteines oder Saphyrs für die Stunde zu erkaufen. Von ſeinem Mangel an Beredtſamkeit überzeugt, will er vielleicht die Prinzeſſin des Zaubermährchens ſpielen und ſo oft ſich ſein Mund öffnet, Perlen und Diamanten heraus fallen laſſen. Da ſolche Geſchenke ein ausdrücklich verbotener Artikel für den Fürſten Gallitzin ſind, iſt Ida ſchein⸗ bar über die Verſuchungen des Reichthumes erhaben. Die kaiſerliche Familie hat unſern beiden lieblichen 293 Bräuten koſtbare Hochzeitsgeſchenke geſchickt, der einen als Tochter, der andern als Gattin treuer Diener der kaiſerlichen Krone; und Mademoiſelle von Rehfeld hat den Fürſten überzeugt, daß es ein Beweis der Hoch⸗ achtung für den Czaar und die Czaarin ſei, ihre präch⸗ tige Gabe als genügenden Schmuck anzunehmen. Iſt dieſer Gedanke nicht politiſch? Sollte man nicht glau⸗ ben, daß dieſes Kind von den Sümpfen der Oder her ſchon in ſeinen Windeln in eau bénite de la cour getaucht worden ſei? Elvinſton nimmt jedoch von Allem, was inzwi⸗ ſchen um uns her vorgeht, wenig Notiz. Seine Sonne, ſein Mond und ſeine Sterne ſcheinen ihm in Margue⸗ rite's Augen; ſein einziger Wunſch iſt nur, daß die Zeit ſchon da ſein möchte, in welcher er ſie dem Ein⸗ Kuſſe und der Publicität ihrer Stellung hier entführen önne. Dieſe Engländer find die ſeltſamſten Leute! Für ſie ſcheint der Hauptzweck von Rang und Vermögen das häusliche Leben zu ſein. Bei uns, wie bei allen andern Nationen des Feſt⸗ landes, iſt die Neigung zum Prunke um ſo groͤßer, je höher die Stellung und je weniger beſchränkt die Mittel einer Familie ſind. Die halbe Größe einer grande dame hängt von der Publicität ihres Salons ab, und die Hälfte des Genuſſes eines Millionärs beruht in der Gewißheit, daß ſein Vermögen ihm beſtändige Geſellſchaft ſichere. Ein reicher Engländer aber genießt in ſeinen Reichthümern die Ausſicht, allein zu ſein. Für ihn kaufen ſie Zurückgezogenheit;— einen ganz abgelegenen Park, deſſen Eingang er verſchließt und an deſſen Außenſeite er Tafeln ſteckt, die Schlin⸗ gen und Selbſtgeſchoße ankündigen; und eine Stadt⸗ wohnung mit einem ſtarken Thore, an welchem ein unfreundlicher Portier das:„on ne passe pas“ der 294 königlichen Schildwache in das:„not at home“ des Privatlebens verwandelt. Dieſes„nicht zu Hauſe zu ſein,“ nach Willkühr, macht einen der wirklichen Genüſſe des Engländers aus!. Wenn die Winde ſich erheben, lieben ſie, nach Pythagoras Rath und nach ihrer eigenen Philoſophie, das Echo, indem ſie ſich in ihren Schlöſſern verſchan⸗ zen, acht unfreundliche Monate im Jahre, und glau⸗ ben, ſie üben die Gaſtfreundſchaft, weil ſie die erſteren zwei oder drei Mal während der Saiſon ſie mit Be⸗ kannten überfüllen, ohne die ihre Treibjagen und Ge⸗ lage nicht ausgeführt werden können. Ueberraſchen Sie einmal eine reiche und noble, engliſche Familie, von welcher Sie herzliche Einladungen erhalten haben, entweder bei einem Diner zu London, oder durch einen gelegentlichen Beſuch auf dem Lande, und Sie werden bald die ganze Ausdehnung ihrer vielgeprieſe⸗ nen Gaſtfreundſchaft kennen lernen! Ich zweifle nicht, daß ich, würde ich im nächſten Jahre während der Jagdzeit einen Beſuch im Elvin⸗ ſton'ſchen Schloſſe abſtatten, ohne meinem Wirthe den Tag meiner Ankunft gemeldet zu haben, ſo würde, obgleich ich eine formelle Einladung von ihm erhalten habe, und mit dem ehrenwerthen Haus Elvinſton Vet⸗ terſchaft machen werde, mein Wirth eben ſo erſtarrt in ſeinem Geſichte ausſehen, wie der Anblick des gefro⸗ Tehe Schmutzes iſt, der jetzt unter meinem Fenſter iegt. Alles dieß wird für unſere theure Marguerite paſſen; es wird ihr geliebtes Kloſter ſein, ausgenom⸗ men das Angelusläuten und die Faſtenſuppe. Margue⸗ rite war geſchaffen, die Heilige einer ſolchen Niſche, und die Eva eines ſolchen Paradieſes zu ſein. Für ſie iſt Geſellſchaft eine Laſt. Sie wird den blauen Him⸗ mel, die gelben Kornfelder, die grünen Wälder, und den purpurfarbigen Sonnenuntergang bewundern, und 295 mit ihnen auch die proſaiſche Geſellſchaft Elvinston's, als des Urhebers und Gebers ihrer ländlichen Freuden. Eloinston hat die Wohlthat einer ausgezeichneten Er⸗ ziehung genoſſen. 3 Da er Latein, Griechiſch und Mathematik genug beſitzt, um eine Univerſität damit zu verſorgen, wird er den Geiſt ſeiner gelehrigen Schulerin ſo ſehr ſtär⸗ ken, wie ſie, nach meiner Meinung, ſeine Sitten verfei⸗ nern und mildern wird. Sie ſehen, daß beide ganz für einander geſchaffen ſind! 2 Laſſen Sie mich nicht einen Brief ſchließen, ſchöne Tante, ehe ich Sie erſucht habe, nicht eine Silbe über die neue Fürſtin Gallitzin gegen die ſehr weit hallenden Echos Ihres Salons zu äußern. Von uns aus ſoll nichts über ſie bekannt oder vermuthet werden. Es iſt ein verhängnißvolles Ding, in Paris mit reputation faite anzukommen; und günſtig oder un⸗ günſtig beurtheilt zu werden, je nachdem man das Maaß des Ideals füllt, welches das öffentliche Gerücht ſchuf. Den Engländern muß man zuvor empfehlen, was ſie bewundern ſollen. Sie ziſchten die Paſta aus, bis ſie mit Zeugniſſen von allen italieniſchen Opernhäuſern und allen Höfen von Europa zu ihnen kam; und als man ihnen ſagte, ſie ſollten Taglioni bis in den Himmel applaudiren, hiel⸗ ten ſie eine gewöhnliche Tänzerin, die an demſelben Abende auftrat, für die Gerühmte und warfen das über⸗ raſchte Weib faſt zu todt mit Bouquets. Paris fällt dagegen Urtheile, nach denen ſich die ganze Welt richtet.. Laſſen Sie die Fürſtin darum ihren eigenen Weg gehen, der, wie ich vermuthe, einer der glänzendſten ſein wird, die jemals in Paris gemacht wurden. Es iſt dieß jedoch ein bloßer Zufall. Käme zu derſelben Zeit ein Giraffe mit einer neuen Geſichtsfarbe, oder das Skelett eines größern Mamuth's, als Cuvier aus ge⸗ trockneten Beinen zuſammen zu ſetzen im Stande war, 296 dort an, ſo würden ihm alle Ehren angethan werden. Zum Beſten der ehrgeizigen Ida wünſche ich, daß ſie keine Gnatoo⸗Geſandtin, nicht außerordentliche Bevollmäch⸗ tigte des Königs von Monomotaga,(on vivaient les „deux vrais amis“) zu gleicher Zeit ſei. Wenn nicht — aber ich will nicht verſuchen, den Propheten zu ſpielen, wenn ich keinen Credit bei der Verwirklichung meiner Vorherſagungen gewinnen ſollte! Tauſend ſchönes an Monsieur'Abbé und zehn⸗ tauſend Grüße an Sie ſelbſt, belle tante! Vierundzwanzigſter Brief. Von Marguerite Erloff an Mademoiſelle Thereſe 4 Moreau. Niemals, theure Mademoiſelle, ſtimmte ich mehr in die, in Ihrem letzten Briefe ausgeſprochenen Klagen mit ein, daß Peter unſeliger Weiſe im Augenblicke un⸗ ſerer Abreiſe von Rehfeld anderswo beſchäftigt ſein mußte, und Sie ſo gezwungen wurden, Mama's Ar⸗ beitsbeutel und Schachbretter hinab zu tragen, was die traurige Urſache Ihres Unglücks war, als eben jetzt, weil daſſelbe Sie verhindert, Zeuge der herannahen⸗ den, und für Ihre geliebte Ida ſo wichtigen Ceremo⸗ nie zu ſein. Welch ein großer Troſt würde Ihre Gegenwart hier ſein! Sie, eine ſo gütige Freundin, mit einem bereiten Ohre für alle unſere Klagen und einem Worte des Troſtes für alle unſere Leiden! Meine arme Mut⸗ ter iſt ſo ſehr mit Geſchäften überhäuft, daß ich kaum im Stande bin, auch nur für einen Augenblick Audienz bei ihr zu erhalten. 297 Schlimme Verwirrung herrſcht in dem Hauſe. Niemals ſah man noch ſolche Eile und Unruhe da! Zwei Heirathen— zwei große Heirathen— zwei Ausſtattungen— zwei Abreiſen vom Hof— zwei Ver⸗ bannungen in fremde Länder! Denn die Fürſtin Gal⸗ litzin und Lady Elvinston werden Petersburg noch an dem Tage ihrer Vermählung Adieu ſagen. Die erſtere, weil Staatsangelegenheiten die augenblickliche Abreiſe des neuen Geſandten erfordern; die letztere, weil es die Sitte des Landes ihres Gemahls iſt. Eine engliſche Braut hängt dem Bräutigam an und entſagt ihren Verwandten und dem Hauſe ihres Vaters am Fuße des Altars.— Dieß iſt eine harte Pflicht.— Bei mir weniger, als bei einer Andern; ich wünſchte jedoch von ganzem Herzen, daß die Fürſtin Gallitzin eine Geſandtſchaft nach London, ſtatt nach Paris erhalten hätte, damit ich Rußland nicht ſo allein verlaſſen müßte. Sonderbarer Weiſe kann ich nicht glauben, daß Lord Elvinston dieſen Schmerz theilt. Obgleich man ihn bei unſerer erſten Zuſammenkunft für Ida's An⸗ beter hielt, ſo bemerke ich doch, es kränkt ihn nicht, daß die nothwendigen Vorkehrungen für die glänzende Stellung, welche Ida behaupten ſoll, ihre Aufmerkſam⸗ keit ſo ganz in Anſpruch nehmen, daß immer weniger und weniger Vertraulichkeit zwiſchen uns zu herrſchen beginnt. Wenn dieß wirklich möglich wäre, ſo ſollte ich glauben, er ſei eiferſüchtig auf den Einfluß, den ſie über mich übt. Ich habe ihn ſagen gehört, er haſſe weibliche Vertraute. Er liebt jene zutrauensvolle Ge⸗ müthsart, die eine junge Perſon veranlaßt, Rath und Stütze zu ſuchen; aber einmal verheirathet, ja wenn nur verlobt, will er, daß ſie keinen andern Rath mehr wünſche, als den ihres Gemahls. In dieſer Hinſicht bin ich, Gott ſei Dank, fähig, ſeinen Anſprüchen Genüge zu leiſten; denn je mehr ich mit ſeinen Grundſätzen und Gefühlen bekannt werde, 298 deſto mehr befeſtigt ſich die Ueberzeugung in mir, daß ich keinen beſſern Führer hätte erhalten können. Lord Elvinston's Meinungen ſind ſo edel und ſeine Gedanken ſind ſo erhaben, wie ſeine Erklärung derſelben verlegen iſt.. Ich habe jedoch aufgehört auf die Ausdrucksweiſe zu merken, und höre nur die guten und wahren Grund⸗ ſätze, welche von ſeinen Lippen kommen. Ich weiß, Sie werden ſich freuen, dieß zu vernehmen, weil Sie gewiß ſind, ich würde es nicht ſagen, wenn ich nicht vollkommen im Stande wäre, ſo zu handeln.. Jede Stunde gibt, wie ich ſehe, Veranlaſſung, der Weisheit der Vorſehung zu danken, mein und Ida's Schickſal auf dieſe Weiſe geleitet zu haben. Hätte man eine von uns beiden vor drei Monaten gefragt, welches der Gegenſtand ſei, an deſſen Seite ſie ſich glücklich fühlte, ihre Tage verleben zu können, ſo bin ich der feſten Ueberzeugung, daß ſie meinen Vetter Alfred— und ich den ihrigen genannt haben würde, bloß weil dieſe die erſten Perſonen waren, in welchem jede eine Neigung für ſich ſelbſt zu entdecken glaubte. Wir murr⸗ ten ſogar einige Zeit über die entgegengeſetzte Lenkung unſerer Schickſale. Jetzt würde jedoch keine von uns beiden, nicht um die ganze Welt, die Ausſichten, welche vor ihr liegen, mit denen vertauſchen, die ihre jugend⸗ liche Einbildungskraft beſchäftigten. Ida hat den herz⸗ lichen Leichtſinn meines Vetters entdeckt, der zu viel Verſtand beſitzt, um den Eingebungen des Herzens die Oberhand zu laſſen; und ich geſtehe gleichfalls, daß die unzeitigen und übertriebenen Ausbrüche des Gefühls, durch die Herr von Rehfeld ſich ſelbſt und mich bei unſerer ganzen Familie lächerlich machte, und die ſei⸗ nen Onkel veranlaßten, ihm einen Auftrag nach Mos⸗ kau zu geben, um eine Wiederholung ſolcher Scenen zu verhindern, hinreichten, mir zu beweiſen, daß eine ſolche Exaltation des Charakters im gewöhnlichen Le⸗ ben äußerſt unerträglich ſein würde. Lord Elvinston, 299 mit eben ſo viel Poeſie in ſeiner Seele, hat zugleich auch ſo viel geſunden Verſtand, um dieſelbe auf ſeine Berge und diejenige zu beſchränken, deren Geſellſchaft ihren Reiz erhöhen wird; er behauptet in unſern Zir⸗ keln bloß ein ſehr gemäßigtes Betragen und vernünf⸗ tige Anſichten. Ich bin über die verſchiedenen Engländer entzückt, mit denen ich durch meine Verlobung bekannt wurde. Warum hielt ich ſie in Paris immer für zurückhal⸗ tend und kalt? Niemals ſah ich würdevollere Sitten, verbunden mit wahrer Herzlichkeit. Ich kann unmöglich glauben, daß die Familie des engliſchen Geſandten mich bei un⸗ ſerer erſten Begegnung liebte; aber ich ſah, wie auf⸗ richtig ſie die Verlegenheit meiner Lage bemitleideten, als wir Alle dort ſpeisten, und daß ſie entſchloſſen waren, mich wieder zu beruhigen, indem ſie mich für einige Zeit ganz mir ſelbſt überließen, um mich voll⸗ ſtändig wieder zu ſammeln. Gewiß iſt dies ein Zei⸗ chen beſſerer Erziehung, als die allzugroße Vertrau⸗ ichkeit der Ruſſen und die übertriebene Höflichkeit der Franzoſen. Ich geſtehe, daß ſie vielleicht mein Herz durch Lobſprüche über Elvinston gewannen. Sie ſprachen von ihm, wie von einem Sohn, Bruder, Freund; in allen dieſen Beziehungen habe ich keine Mittel, für mich ſelbſt ein Urtheil zu fällen. Er iſt, wie es ſcheint(ſo ſagt er mir wenigſtens), wild und aus⸗ ſchweifend geweſen, und hält dies für ein Verdienſt bei einem Manne, der im Begriffe iſt, zu heirathen. Da er die Becher des Vergnügens gekoſtet hat, und Eckel und Bitterkeit auf jenem Wege fand, iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er ihn auf's Neue betreten wird. All' das Böſe, was man von ihm lernen kann, höre ich von ihm ſelbſt; von Andern vernehme ich jedoch die wohlthätigen Verbeſſerungen, die er auf ſeinen Gütern vornahm, und wie freigebig er gegen ſeine 300 Schweſtern handelte, indem er ſie in den Stand ſetzte, nach ihren Neigungen zu heirathen, und ſich treue Freunde in ſeinen Schwägern erwarb. Durch ſolch' großmüthige Handlungen erwarb er ſich die Liebe Vieler.— Habe ich Unrecht, auf den Beſitz eines ſolchen Herzens ſtolz zu ſein? Dieſe Andeutungen, meine liebe, gütige Freun⸗ din, bringen mich auf einen Punkt, welchen ich Ih⸗ nen, mit allen unſern Familiengeheimniſſen bekannt, mitzutheilen wage. Sie wiſſen(denn Ida ſagt mir, ſie habe kein Geheimniß vor Ihnen) wie widerſtrebend ich meine Einwilligung zu meiner gegenwärtigen Ver⸗ bindung gab, und daß mich nichts, als die Nothwendigkeit, meinen Bruder aus ſeiner Verlegenheit zu retten, da⸗ zu beſtimmen konnte. Es war damals mein Troſt, mein einziger Troſt in einem Leiden, welches meine mädchenhafte Unerfahrenheit für unerträglich hielt, zu fühlen, daß meine Selbſtaufopferung die Wohlfahrt meines einzigen Bruders ſicherte. So wenig können wir die Plane der Vorſehung begreifen. Ich bin jetzt zufrieden— dankbar— glücklich; während Alexis, wie ich fürchte, für ſein ganzes Leben elend gemacht iſt! die Munterkeit, welche er in unſerer Gegenwart zeigt, iſt gänzlich erzwungen. Aus dem ängſtlichen Beſtreben, mit dem er meinen Vetter von unſerer Ge⸗ ſellſchaft zu entfernen ſucht, wann es immer in ſeiner Macht ſteht, ſchließe ich, daß er die Schonungsloſig⸗ keit Alfred's de Vaudreuil fürchtet, mit welcher der⸗ felbe jeden Augenblick ſeine leidenſchaftliche Bewunde⸗ rung für Ida lächerlich zu machen droht. Alexis iſt ſo ungeſtim— ſo ganz entgegengeſetzt unſerm kraftloſen Paris, wo tief zu fühlen, oder we⸗ nigſtens ein tiefes Gefühl zu zeigen, für Gemeinheit gehalten wird, daß Sie ſich keinen Begriff von ſeinem Charakter machen können. Erſtens glaubt er, meine Stiefſchweſter ſei ein Opfer des Ehrgeizes Anderer. Er hat ſich in den Kopf geſetzt, daß meine Mutter, 301 um ihre eigene Politik zu befördern, die Anſtifterin von Ida's Vermählung ſei, und obgleich ich der voll⸗ kommenen Ueberzeugung bin, daß, wäre auch kein Fürſt Gallitzin auf der Welt, die Lilie von Rehfeld dennoch ſo wenig geneigt ſein würde, die Gattin ei⸗ nes verarmten, obgleich hochgebornen Capitäns der kaiſerlichen Garde, als die des armen Wilhelm von Rehfeld zu werden, ſo hält Alexts ſich doch für den unglücklichſten Mann, weil ihre Verlobung ihn hin⸗ dert, die Wahl ihrer eigenen Willkür zu überlaſſen. Die Autorität, welche meine Mutter in der Ord⸗ nung ſeiner Angelegenheiten gebrauchen muß, ſichert ihr glücklicher Weiſe ſo viel Gewalt über ihn, um ihn von einer übereilten Handlung abzuhalten. Denn Fürſt Gallitzin iſt kein Mann, der mit ſich ſcherzen läßt, trotz all' ſeiner Milde und guten Erziehung, und er hat ſo viel Einfluß bei Hof, daß es nicht gut für Alexis ſein würde, ſollten die Einzelnheiten ſeiner Verſchwendung des Kaiſers Ohr erreichen.. Jeden Tag, wann ich in meines Bruders verän⸗ derter Miene den Kampf leſe, welchen es ihn koſtet, ſeinen Haß gegen dieſen glücklichen Bräutigam zu ver⸗ bergen, zittere ich, daß nicht eine, wenn auch abſichts⸗ loſe Ermuthigung von Seiten Ida's, oder irgend eine unſelige Eingebung von Alfred, der wenig darauf merkt, wen oder was er der Luſt des Augenblickes aufopfert, meinen theuren Alexis zu einer unvorſichti⸗ gen Sprache oder Handlung verleiten möchte, deren Folgen ſeinem zukünftigen Glücke entgegen ſein könnten! 3 Ach, leider, leider! iſt es ein elendes Leben, wo jeder Gedanke, jedes Wort und jede Handlung nach der auf Krücken geſtellten Abhängigkeit von einem kai⸗ ſerlichen Lächeln bemeſſen werden muß! Adieu, theuerſte Mademoiſelle! Wollte— ich ſege es Ro9 einmal— wollte Gott, Sie wären un⸗ er uns 30² S Es gibt in unſeren Familienzirkeln tauſend wich⸗ tige Dinge, die wir nicht zu einander ſagen können, und welche Sie von einem zum Andern mit einem Grade von überredender Milde bringen würden, die zuerſt dazu diente, mich mit meiner Stellung gegen Rehfeld auszuſöhnen und Alles das, was mir in Ida's Betragen kränkend und unerklärlich vorkam, auszu⸗ gleichen. Sie werden bald etwas von ihr hören; ich über⸗ laſſe es ihr, die Details der herannahenden Ceremonie zu beſchreiben. Wann ich dieſe aufgeregte, zerſtreute Heimath verlaſſen haben werde, die mir jetzt weniger denn je⸗ mals als eine ſolche erſcheint, ſollen Sie wieder einen Brief von mir erhalten. Glauben Sie nicht, daß Lord Elvinston's Abneigung gegen eine weibliche Ver⸗ traute ſich auf die Rathſchläge, die ich von Ihnen er⸗ halte, oder die Dankbarkeit erſtreckt, welche ich ſtets gegen diejenige ausdrücken werde, die mir in den peinlichſten Momenten meines Lebens als die beſte Freundin zur Seite ſtand. Npoch einmal Adieu! Fünfundzwanzigſter Brief. Von Vicomte Eivinston zn Herrn Thomas Mere⸗ ythe. Sie haben Ihre gewöhnliche Klugheit, theurer Sir, in Ihrer Antwort auf meinen Brief bewieſen— eine Klugheit, wie ſie ſelten iſt unter den Umſtänden, wel⸗ che den Bund unſerer Vereinigung ausmachen, die 303 aber, wenn ſie wirklich geübt, die Verſicherung gibt, daß der Vormund, der während ſeiner Geſchäftsfüh⸗ rung ſeinen Mündel als Freund behandelt hat, noch als ein Vormund geachtet werden wird, wenn auch die Epoche ſeiner Herrſchaft vorüber iſt. Sie wiſſen, wie gerne ich mich in allen Sachen, die einen beſſern Kopf als den meinigen verlangen, Ihrem Rathe unterwerfe— wie die Verwaltung mei⸗ ner Güter und die Erhaltung meines parlamentari⸗ ſchen Einfluſſes;— und Alles, was Sie Erfahrung und Weltkenntniß mit einem ſchärfern Auge betrachten lehrt. Daß ich mich, wie Sie mich anklagten, ent⸗ hielt, Sie bei der Wahl meiner Gattin um Rath zu fragen, iſt ein noch weit größeres Kompliment für Sie; da Sie meinen Geiſt mit einem Grad von Stärke ausgerüſtet haben, die keine Einwendungen von Ihrer Seite erſchüttern konnten, wollte ich meine ehrlichen Worte nicht verfälſchen und vorgeben, Sie um einen Rath zu bitten, den ich nicht um Alles in der Welt befolgt hätte. „Dies, mein theurer Sir, war der Grund, wa⸗ rum ich Sie erſt von meiner Heirath benachrichtigte, als mein Wort ſchon feierlich gegeben war. Ich danke Ihnen für die Pünktlichkeit, mit der Sie mir die nothwendigen Papiere ſandten, um ſo mehr, da ich aus dem Ton Ihres Briefes Ihre vollkommene Bil⸗ ligung meiner Wahl erſehe. Ich ſpreche kein Wort zu Gunſten meiner theuern Marguerite. Sie iſt ein zu vollkommenes Weſen, um meiner Fürſprache zu bedürfen; und ich weiß ſo gewiß, daß Sie nach einer achttägigen Bekanntſchaft mich als den glücklichſten der Männer preiſen werden, als ob Ihre Hand ſchon jetzt auf meiner Schulter läge, und die Worte:„Mein lieber Knabe, ich wünſche Dir von Herzen Glück,“ an mein Ohr tönten. Hätte ich die geringſte Beſorgniß in dieſer Hinſicht, ſo würde ich Ihnen Wunder von ihr ſagen. Aber eine unter den 30⁴ vielen Quellen des Triumphes in dieſer Verbindung iſt die Gewißheit der großen Freude, die ſie für meine Fa⸗ milie und meinen zweiten Vater mit ſich bringen wird. Sie dürfen uns gegen das Ende des nächſten Monats erwarten. Ich habe meiner Schweſter Leslie geſchrieben, in Clarendon für uns Zimmer zu beſor⸗ Pen da ich nicht wünſche, daß das Haus in Piccadilly eetreten werde, ehe die neue Lady Elvinſton daſelbſt Befehle ertheilen kann. Ich fühle jedoch, daß London jetzt für mich weniger Reiz als jemals haben wird; und wenn die Pflichten im Parlamente(denn ich werde jetzt nicht länger ſäumen, meinen Platz einzunehmen) mich nicht abhielten, würde ich für immer gegen Nor⸗ den ziehen, wenig darum mich kümmernd, wie viel Zeit erforderlich ſei, ehe ich wieder vertraut würde mit dem „Klappern der die Straßen ſtampfenden Roſſe.“ Da wir bald zuſammenkommen werden, und ich noch ſo manche angenehme Beſchäftigungen habe, ſo nehmen Sie einen kurzen Brief und meine dankbaren guten Wünſche. Sechsundzwanzigſter Brief. Von Graf Alfred de Vaudreuil an den Grafen Jules. Mein gegenwärtiger Brief, mein Lieber, wird eine Woche der Ankunft Deines geliebten Bruders voran⸗ gehen. Ich werde es mir zu einer Gewiſſensſache machen, nicht vor drei Tagen abzureiſen, um dadurch zu vermeiden, in den Wirthshäuſern auf der Straße mit dem Fürſten und der Fürſtin Gallitzin zuſammen zu ſtoßen, oder in Paris das Gericht zu beſtätigen, 305 daß wir zuſammen ankommen würden. Sie reiſten geſtern ab, und da ſie von den befördernden Vorrech⸗ ten eines diplomatiſchen Podoroshna und Cabinets⸗ paſſes Gebrauch machen, werden ſie nach meiner Ver⸗ muthung Paris am 206. April erreichen. Dieſe Ankündigung belehrt Dich hinreichend, daß die doppelte Vermählung bereits vorüber iſt; obgleich ich wirklich glaube, daß die arme, theuere Baronin der feſten Ueberzeugung iſt, Du ſeieſt von der Sache durch das freiwillige Geläute der Glocken von Notre⸗ Dame und das Löſen der Kanonen der Invaliden be⸗ nachrichtigt worden. Seit den letzten ſechs Wochen iſt ſie in einem Zuſtande geiſtiger Aufregung, von dem die Novellenſchreiber ſagen: beſſer gedacht als beſchrie⸗ ben; d. h. ſie iſt Alles geweſen, was man von dem geiſtigen Zuſtande eines ſehr ehrgeizigen Weibes er⸗ warten kann, welches ihre Tochter an einen der reich⸗ ſten Edelleute von Europa verheirathet, und ihre Stieftochter einen Mann, der in Wirklichkeit eine ſo große Gunſt genießt, wie die iſt, welche ihr von der öffentlichen Meinung zugeſchrieben wird. Aber ſte er⸗ mangelt auch nicht, es jedem mitzutheilen. Selbſt Vetterſchaft iſt kein hinreichender Grund, bei einem Weibe ohne eine gewiſſe Weiblichkeit zu verweilen, die ſie unſerem Geſchlechte empfehlen könnte. Dieſe Ruſſen, man muß es zugeben, ſind⸗ äußerſt kaiſerlich glänzend, wenn ſie einmal die Zügel ihrer Fürſtlichkeit ſchiteßen laſſen. Ich behaupte, die Kirche St. Thomas d'Aquin, in ihren äußerſt vorſtädtiſchen und eleganteſten Hochzeiten, iſt nicht im Stande, etwas aufzuzeigen, was mit der Pracht zu vergleichen iſt, die geſtern den Stolz, wenn nicht die Herzen des Barons und ſeiner Gattin entzückte. Es ſteht im Zweifel, ob je zuvor eine ſolche Abwechslung von Kirchenceremo⸗ nien bei einer einzigen Heirath ſtattfand. Die grie⸗ chiſche Kirche, die lutheriſche und die engliſche hatten Die Frau des Geſandten. J. 20 . 4 306 ihren Antheil bei der Begebenheit des Tages; und bei dieſer Gelegenheit ſah ich die Trauungsceremonie in⸗ nerhalb ein Paar Stunden; ich fuhite mich zuletzt ſo betäubt und ſchlaftrunken daß ich mich beinahe fragte, ob ich nicht der geſetzliche Gemahl j ner muntern Wittwe ſei— Du erinnerſt Dich vielleicht, ſie in Pa⸗ ris geſehen zu haben— der Fürſtin W.— weiche mir Dahern der ganzen Vorſtellung des Schauſpiels zur Laſt fiel. Laß mich über die engliſchen und lutheriſchen Ce⸗ remon en(Religionen im Nacht⸗ oder Hauskleide) hinweggehen, die ſo einfach find, wie die reformirte Kirche, deren Doctrinen behaupten, das in ſich ſelbſt zu haben, was alles Gepränge übertreffe. Bloß die beiden alten Kirchen des Chriſtenthums, die griechiſche und die römiſche, wetteiferten um den Pomp und die Eitelkeit des Tages, und indem ich Dich bitte, meinen Brief der Madame Vaudreuil nicht ein⸗ zuhändigen, welche mich dem Abbé verrathen und viel⸗ leicht meine Ausſchließung aus der Kirche bewerkſtelli⸗ gen wurde, muß ich bekennen, daß meine frühern Mei⸗ nungen, ſich bei dieſer Gelegenheit beſtätigen, daß ich mich von der größern Feierlichkeit der Ceremonien der patriarchaliſchen Kirche vollkommen überzeugte. Man kann nichts Ehrfurchtgebietenderes finden, nach meiner Meinung wenigſtens, als die Feierlichkeit des griechiſchen Gottesdienſtes. Die herabwallenden Bärte der Prieſter— ihre ſonoren Stimmen— das Geheimnißvolle des innern Heiligthums, ſcheinen eine Art von hebräiſcher Antiquität neben den Lehren des chriſtlichen Glaubens hervorzubringen. Nach dem Wunſche des Kaiſers wurde dieſer Theil der Ceremonie, der einzige, bei dem er gegenwäaͤrtig war, in der Kirche von St Peter und St. Paul in⸗ nerhalb der Citadelle vollzogen, die, wie Du weißt, auf einer Inſel dem Winterpalaſte gegenüber liegt. Da ich kein Sucher oder Seher von Aus⸗ und An⸗ 307 ſichten bin, ſo betrat ich dieſe Kirche zum erſten Mal, obgleich ſie als der kaiſerliche Begräbnißplatz von eini⸗ ger Wichtigkeit iſt. Obgleich die Kirche ſelbſt durch tauſend Kerzen, die der Hochzeitfeier zu Ehren brannten, erhellt war, fiel mir doch die Einfachheit der Gräber dieſer mächti⸗ gen Herrſcher auf, von denen jedes mit einem ſam⸗ metnen Leichentuche bedeckt iſt; eine Form, welche den Gedanken an ein kürzliches Begräbniß eingibt, und dem zu Folge die ſchon lange Verſtorbenen mit der gegenwärtigen Generation viel enger verknüpft, als wenn das Grab von Granit in ſeiner einfachen Nackt⸗ heit erſcheinen würde. Als Zuſatz zu jenen hohen Todten enthält die Kirche zahlloſe Kriegstrophäen, Zeichen der ruſſiſchen Tapferkeit und der Siege der Kaiſer; deshalb wünſchte Nikolaus, die Tochter des Generals Erloff ſollte in der Feſtungskirche, in Gegenwart dieſer Andenken der treuen Dienſte ihres Vaters für die Monarchen, deren Aſche neben dem Altare ruhte, den Schwur der ewigen Treue ablegen, und Gallitzin an dem glücklichſten Tage ſeines Lebens mit den Mauern verknüpfen, welche ſpä⸗ ter durch ſeine Verhandlungen noch mehr Trophäen er⸗ halten ſollten. Das einfache Gebäude, bloß durch eine Kuppel erleuchtet,(eine ſeltene Auszeichnung in den ruſſiſchen Kirchen) war bei unſerem Eintritte bereits mit dem Hofſtaate und dem diplomatiſchen Corps angefullt, und ſelbſt bei der Heirath eines Abkömmlings von königlichem Blute hätten keine größern Ehrenbezeigun⸗ gen ſtattfinden können, als die waren, welche die Scene verherrlichten. 1 Die Brautjungfern von Marguerite waren Ehren⸗ fräulein der Kaiſerin, von hoher Geburt, wie ich jedoch glaube nur wegen ihrer Schönheit auserleſen, während die Familien des ruſſiſchen und preußiſchen Geſandten die Lilie von Rehfeld begleiteten. Alles, 308 was die Schmuckkäſtchen dieſer reichen Hauptſtadt ent⸗ hielten, war an den Perſonen dieſes doppelt bräutli⸗ chen Zuges verſchwendet. Die Kapelle von Loretto wurde durch den Pa⸗ voinik von mehr als einer hohen Ruſſin übertroffen, welche geruhte, die Pracht ihrer Diamanten und ihres Geſichtes bei dieſer glänzenden Feierlichkeit zur Schau zu tragen. Marguerite war ganz weiß, mit aller Eleganz der Pariſer Toilette gekleidet. Schleier, Orangenblüthen, — Alles was dazu gehörte, den Uebergang des an⸗ ſpruchsloſen Mädchens in den Eheſtand zu bezeichnen. Ida, vielleicht in der Ueberzeugung, daß es unmög⸗ lich ſei ihre Stiefſchweſter an Einfachheit zu übertref⸗ fen, hatte vorgezogen, ſich gleich einer Moskowitten in das alterthümliche Coſtüm des Landes zu kleiden, und wenn auch dies dem gewöhnlichen Gebrauche zuwider iſt, ſo liegt doch in den Handlungen einer Perſon von ihrem entſchiedenen Charakter etwas, die gemeine Kritik Bekämpfendes. Sie ſah in dieſer reichen und beſondern Tracht wirklich göttlich aus. Da die kleine, ſchiefe Schweſter des Bräutigams, Prinzeſſin Praſcovia Gallitzin, ſie noch mit einigen Strängen von Perlen, von denen jedes Kügelchen das Löſegeld eines Fürſten ausmachen könnte, als Zuſatz zu den reichen Diaman⸗ ten ſchmückte, welche ſie von der Kaiſerin erhalten hatte, war ihre Erſcheinung wirklich blendend. Die Geſand⸗ tin war in jeder Hinſicht einer Königin gleich. Es war gut, daß die Czaarin nicht gleichfalls jene bei⸗ ſpielloſe Herablaſſung übte und bei der Ceremonie er⸗ ſchien; denn die Kränkung, ihr minder ſchönes Haupt verbergen zu müſſen, möchte für die zukünftigen Aus⸗ ſchien der ſchönſten der Bräute nicht ſehr vortheil⸗ aft ſein. Soviel ich noch bei allen Trauungen bemerkt habe, beginnt die Aufmerkſamkeit, nachdem der erſte Augen⸗ blick vorüber iſt, zu erſchlaffen. Bei der gegenwärti⸗ —— ᷣ —, gen Gelegenheit hielt jedoch eine Menge von weib⸗ lichen Leidenſchaften und Schwächen die Aufmerkſam⸗ keit ſtets wach. Die ruſſiſche und die Fremdenpartei ſtritten eifrig mit einander, welche wohl die lieblichſte der beiden Schönheiten ſei, und riefen Eiferſucht, Wi⸗ derſpruch und Neid durch tauſend liſtige Worte des Lobes herbei. Dann zeigte ſich auch die Begierde, welche nicht laut werden durfte, die Natur des Antheils zu kritifiren, den Nikolaus an dem Ereigniſſe nahm. Einige Wenige, darunter auch Ihr unwürdiger Couſin, wurden von einer minder edlen Begierde beſeelt, naͤm⸗ lich die Wonne der Baronin bei einer Gelegenheit zu beobachten, welche reiche Entſchädigung für ein langes Leben im Unglücke bot. Jede Miene war dem gemäß lebhaft und jede Seele thätig. Als Beweis der Ehrfurcht für die An⸗ weſenheit des Kaiſers verrichtete der Archimandrite, von den Hofſängern unterſtützt, deren Ueberlegenheit im Geſange, im Vergleiche mit dem der päpſtlichen Kapelle, ſelbſt Catalani für unbeſtreitbar erklärte, den Gottesdienſt ſelbſt. Nichts konnte ſo himmliſch ſein, als dieſe Muſik— nichts erhebender, als der Anblick der Hierarchie; und die Töne der hochzeitlichen Hymne ſchienen ſich nebſt den Wolken des ausgeſuchten Weih⸗ rauchs in den luftigen Höhen der Kuppel über den Häuptern einer der ſchönſten und glänzendſten Gruppen von menſchlicher Lieblichkeit, welche ich in meinem Leben je zu ſehen das Glück hatte, ſo zu ſagen zu lagern. Die Ceremonie weicht in vielen Dingen von jener der katholiſchen Kirche ab, in welche wir uns hierauf be⸗ gaben. Während des Zuges gingen die Brautjungfern zwiſchen den Brautführern, oder dem Bräutigam und der Braut, wie ſie ſich dem Altare nahten, indem ſie brennende Kerzen in ihren Händen trugen. Als Zu⸗ ſatz zu den Ringen von Gold oder Silber, welche ihre Finger in verſchiedener Weiſe ſchmückten, wurden von den Prieſtern auch noch zwei goldene Kronen von 1 kaiſerlicher Form über ihre Häupter gehalten. Die Gebete, die während der Ceremonie abgeleſen, oder vielmehr geſungen wurden, ſind, wenn man ſie über⸗ fetzt, recht ſchön; und das von den Prieſtern immer wiederholte und ſonore:„Ghospodi Pomilni!“ oder: „Herr hab' Erbarmen mit uns,“ ſchien mir für die Lippen der vier unglücklichen Opfer, die ſich unter den lächerlichen Paraphernalien ihrer Hochzeits⸗Kronen abmühten, beſonders gut zu paſſen. Wäre wirklich einiger Zweifel vorhanden geweſen, welcher der beiden Bräute die Palme der Schönheit zu reichen ſei, ſo konnte doch niemand das würdevollere Ausſehen des einen Bräutigams von dem beinahe doppelten Alter des andern beſtreiten. Der arme El⸗ vinſton, tief bewegt von den Gelübden, welche er einer Fremden in einem Lande von Fremden ablegte, ſah noch weit unbefriedigender und nicht gewinnender als gewöhnlich aus; während man geſtehen muß, daß Fürſt Sergius Gallitzin durch die ausgezeichnete Rolle, welche er zu ſpielen hatte, wunderbar gewann; und ſeine Uniform, prangend von fremden und vaterländiſchen Orden, vervollkommte den kaiſerlichen Günſtling und würdevollen Geſandten. Ich glaubte zu ſehen, daß Ida ſtolz auf ihn war. Wenn ſie wirklich etwas von der Juno affectirte, ſo ſchien ſie einen Jupiter zu ihrer Zufriedenheit gefunden zu haben. Du kannſt Dir keinen Begriff von dem Einfluſſe machen, der bei dieſer, wie bei den meiſten Gelegen⸗ heiten, hier durch die Gegenwart des Kaiſers geübt wurde. Dieſer magnetiſche Einfluß beſchränkt ſich nicht bloß auf ſeine Unterthanen, ſondern geht auch auf die fremden Geſandten über, welche anderswo die ſtarre Unbeweglichkeit annehmen, die zu ihrem Berufe gehört, hier aber ſich kaum unter dem kaiſerlichen Auge befin⸗ den, ohne auch ſchon anzufangen, lebendig zu werden, wie das Waſſer der Neva, wenn es von einer kräftigen und warmen Aprilſonne bewegt wird. Ihre Züge —,— 311 ſpielen, ihre Ellbogen bewegen ſich, und ihre Glieder breiten ſich aus; die Automaten werden wie durch Springſedern in Bewegung geſetzt. Bet unſerem Austritte aus der Kirche ſtimmte die Blechmuſik des kaiſerlichen Hofſtaats, die auf einem freien Platze vor dem Portale aufgeſtellt war, das „Zara Boja Chrani“ oder den Volksgeſang zu Ehren der Gegenwart des Kaiſers an. Die Truppen der Garniſon, in Linie geordnet, bildeten eine ganze Armee; und wean man dieſen beſondern nationellen Anblick der Ceremonie betrachtete, ſo würde niemand geglaubt haben, daß zwei der vier Individuen, welche ſo eben für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht worden waren, ausländiſchen Urſprungs ſeien. Der Kaiſer wurde, wie ich glaube, durch Rück⸗ ſichten verhindert, der folgenden Einſegnung von Ida's Heirath in der lutheriſchen, Elvinſton's in der engli⸗ ſchen und Marguerite's in der katholiſchen Kirche bei⸗ zuwohnen, da er nicht wohl bei der erſten hätte er⸗ ſcheinen können, ohne den Neid der übrigen zu er⸗ regen.— Er war deßhalb auch am wenigſten ermüdet unter der Geſellſchaft, als wir uns bei dem nobeln Bankette in dem Geſandtſchaftshotel, unſerer endlichen Erlöſung von prieſterlichen Ermahnungen, wieder zuſammen fanden. 3 Nichts konnte beſſer organiſirt ſein, als dieſer Theil der Feſtlichkeiten. Um der Baronin Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß ſie im häuslichen Geſchäftskreiſe unvergleichlich iſt; ich wun⸗ derte mich nicht, daß ſie den armen Erloff ruinirte, da ich der Ueberzeugung bin, daß jede gaſtfreie Haus⸗ haltung ihren Eigenthümer zum Bettler machen muß. Eine gut beſetzte Tafel bedeutet bloß eine Tafel für ſeine Freunde, und einige Individuen ſind großmüthig genug, ſich um des Vergnügens willen einen Kreis 312 von undankbaren Freunden zu bewirthen, der Armuth preiszugeben. 4 4 Gleich nach der Entfernung des Kaiſers, welcher von der Hochzeitgeſellſchaft einen ſehr artigen, von dem Fürſten Gallitzin einen herzlichen Abſchied nahm, be⸗ ſtiegen die beiden Bräute, geehrt wie„Sara und ver⸗ gnügt wie Rebekka,“ mit ihren Männern, denen ſie ſich nach dem Ritual der griechiſchen Kirche für jetzt und für immer, ſelbſt für alle Zeitalter ergeben hatten, ihre Reiſewägen; die Gallitzins um nach Warſchau zu reiſen, die Elvinſtons, um ſich nach England ein⸗ zuſchiffen. Dieſe Uebertretung der Gewohnheit, die Hochzeitgeſellſchaft durch Bankette und Bälle zu ver⸗ längern, wurde von einigen als eine angenehme Neue⸗ rung, von Andern als eine unſelige Nothwendigkeit betrachtet; denn die Ruſſen ſcheinen zu glauben, daß man des Guten nie zuviel bekommen könne, und ſie erneuen die hochzeitlichen Feſtlichkeiten am Ende der Woche bei der Ceremonie, welche man das Auflöſen der Kränze nennt. Die zwei glücklichen Paare ſchienen jedoch gleich mir zu denken, daß wir von den Ceremonien genug genoſſen hätten. Ich verſchone Dich mit dem rühren⸗ den Abſchiede. Ich erſpare Dir die Weltmeere von Champagner, die auf ihre Geſundheit und ihr Glück getrunken wurden;— mein heutiges Kopfweh iſt eine Beſtätigung des Ganzen, und durch deſſen Schilderung fürchte ich, es noch zu vermehren. Ich habe alle Deine Aufträge beſorgt, mein theu⸗ rer Bruder: und komme gleich einem perſiſchen Fürſten mit rohen Diamanten beladen und von Roſen umge⸗ ben, mit Caviar, ruſſiſchem Leder und andern tartari⸗ ſchen Dingen zu Dir. Alles dieß wird hinreichen, Dein appartement de garçon in Wettſtreit mit dem Gastinoi d'or zu bringen.— Gott ſei Dank, ich kann endlich mit voller Gewißheit an die Stelle des à re- voir,— à tantot ſetzen! Siebenundzwanzigſter Brief. Von Mabemoiſelle Thereſe Moreau in Paris an die Vicomteſſe Elvinſton in London. Ich bin in der That, meine junge, theure Freun⸗ din, am Ziele meiner Wünſche! Die Geſellſchaft meiner theuern Ida, in jedem Lande und in jeder Stellung wiedergegeben zu ſein, würde mir hinreichendes Vergnügen gewährt haben. Ich würde ihr nach Sibirien, ja ſelbſt nach Ihrem eigenen Schottland gefolgt ſein, obgleich mir daſſelbe bisher eben ſo rauh und unzugänglich erſchien. Ich würde ſie in Armuth— ich würde ſie in Schande aufgeſucht haben. Aber von ihrer dankbaren Liebe aufgefordert zu werden, ihr zu ihrer jetzigen hohen Stellung zu folgen und ſie, als die Gattin eines Geſandten an dem erſten der europäiſchen Höfe geehrt und beneidet zu ſehen, iſt ein ebenſo herrlicher, als unerwarteter Triumph. Nach des Fürſten Gallitzin Wunſche beſchleunigte ich meine Reiſe, um vor ihnen hier anzukommen, und ich ſchmeichle mir, meine Bemühungen, den Weg der neuen Geſandtin, welche wir täglich erwarten, zu be⸗ reiten, ſind nicht ganz fruchtlos geweſen. Ich hoffe, ich werde im Stande ſein, meine theuerſte Ida au courant des affaires zu ſetzen; obgleich ſie jung iſt, bin ich doch nicht ohne Hoffnung, daß ſie durch die Feuerprobe der großen Welt, ſo beſchwerlich für ihr Alter, mit Ehre für ſich und mich gehen wird. Sie wünſchten, daß ich Ihnen gleich in meinem erſten freien Augenblicke ſchreibe. Wenn dies nicht der Fall geweſen wäre, ſo würde ich ihre Ankunft erwartet, und Ihnen Berichte von ihrem Ausſehen und ihrer Vorſtellung bei Hof gegeben haben, 314 Obgleich ein ſo neuer Hof, wie Petersburg, mit unſerem Throne, der ſchon vor tauſend Jahren ge⸗ gründet worden iſt, wenig gemein haben kann, ſo iſt es vielleicht doch zu Ida's Glück, ſtatt von der Abge⸗ ſchiedenheit auf Schloß Rehfeld gleich in die größte der großen Welt verſetzt worden zu ſein, vorher einen Begriff von den Hofceremonien und dem Gange des gebildeten Lebens erhalten zu haben. Die Gewohn⸗ heiten in Petersburg ſcheinen ſich denen von Paris mehr zu nähern, als die Miſchung von Pracht und Einfach⸗ heit, welche gleich den Figuren des Schachbrettes die deutſchen Höfe charakteriſiren. Die Kunſt der Reprä⸗ ſentation, meine liebe junge Freundin, iſt ſchwieriger und wichtiger, als man glaubt, und ich wage beizu⸗ fügen, daß dies eigentlich nur eine franzöſiſche Kunſt iſt, die der Uebung eines anſchaulichen Taktes und einer guten Erziehung bedarf. Tiefe Wiſſenſchaft und große Gelehrſamkeit ſind ihrer Vervollkommnung ent⸗ gegen; und Niemand wird leugnen, daß eine Pariſerin, von welcher Klaſſe ſie auch ſei, welche die Honeurs eines Salons machen muß, ihr Geſchäft weit anmu⸗ thiger verrichtet, als— aber ich bitte um Verzeihung! — ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, mich zu erinnern, daß Sie einem Engländer Ihre Hand reichten. Laſſen Sie mich deshalb eilen, mit Ihnen auf neutralem Boden zu begegnen. Damit Sie mich gleich⸗ falls mit einem umſtändlichen Bericht über Ihren nörd⸗ lichen Herd erfreuen, erlauben Sie mir, die zukünftige Wohnung unſerer theuern Fürſtin ganz genau zu be⸗ ſchreiben. Denken Sie ſich ein ſtattliches ſteinernes Gebäude, deſſen architektoni che Verzierung ihre Entſtehung der Periode zwiſchen dem Wiederaufleben der Kunſt mit Ducerceau, und der griechiſchen Aera von Perault und Gabriel verdankt. Denken Sie ſich alſo dieſes Ge⸗ bäude von einer der ſchönſten Straßen des hohen Fau⸗ 315 bourg bloß durch einen geräumigen Hof getrennt, in deſſen Hintergrund ſich ein Garten befindet, der nach Lord Elvinston's Beſchreibung dieſelbe Form haben kann, die der Ihrige in London hat. Die großen alten Wallnußbäume, welche denſelben begrenzen, beginnen jetzt zu blühen, während der Saum des Gehölzes mit ſpaniſchen Fliederbäumen und Hage⸗ dornen geſchmückt iſt, welche bereit ſchienen, die neue Geſandtin mit ihrem Wohlgeruche zu begrüßen. Gegenüber von dieſem reizenden Wäldchen, und bloß durch eine, mit Orangenbäumen beſetzte Terraſſe, an deren einem Ende ein pavillonartiges, mit auslän⸗ diſchen Gewächſen angefülltes Treibhaus ſteht, ge⸗ trennt, befindet ſich die Reihe der Staatsgemächer, ſieben an der Zahl, die eine prachtvolle Gallerie dar⸗ ſtellen, mit den ſeltenſten Holzarten parkettirt ſind und einen Salon umfaſſen, welchen die Freigebigkeit des Kaiſers mit einer Garnitur von Malachite⸗ und Labrador⸗Vaſen, fünf Fuß hoch, die ſchönſten, die je in Paris geſehen wurden, geſchmückt hat. Da das Geſandtſchaftshotel Eigenthum des Kaiſers iſt, wurde es kürzlich auf das koſtbarſte neu eingerichtet; eben ſo war es auch nicht nöthig, für den Empfang der Für⸗ ſtin mehr zu thun, als in ihr Morgenzimmer einige muſikaliſche Inſtrumente und ihren geliebten Stickrah⸗ men zu ſtellen. Glauben Sie nicht, daß das beſagte Morgenzim⸗ mer zu den Staatsgemächern gehört, welche allein zur Repräſentation beſtimmt ſind. Es iſt im Gegentheil im erſten Stockwerke, wo⸗ ſelbſt die Privat⸗Wohnung der Familie des Geſandten iſt. Dieſe Gemächer ſind, wie mir Monſieur de Vau⸗ dreuils Kammerdiener verſichert(der eben angekommen iſt und mir Briefe von der Frau Baronin brachte), unendlich ſchöner, als die suite d'honneur in Ihrem Geſandtſchaftshotel in St. Petersburg, und hinſichtlich des Geſchmacks und der Bequemlichkeit wird ſich wohl 316 keine Perſon, welche einen Mangel darin entdecken könnte, finden. Hier, in nicht großer Entfernung von dem erwähnten Morgenzimmer, wurde mir von dem maréchal de logis ein kleines ſchönes Zimmerchen angewieſen, von wo aus ich den Garten überſehen, und durch eine porte dérobée in Ida's Ankleidezim⸗ mer gelangen kann. Ich genieße ſchon im Voraus die Erneuerung unſerer Geſpräche, wie vor alten Zeiten. Als demoiselle de compagnie der Geſandtin ange⸗ ſtellt, wird mir das Glück zu Theil werden, ſie in jener Etikette der großen Welt zu unterrichten, mit der mich das Hotel de Choiſy vertraut machte. 3 Welch' eine Beſtimmung für meine geliebte Ida! Paris in ſeiner reizenden Geſtalt, Paris ohne die An⸗ ſprüche einer Familie, Paris mit einem fürſtlichen Haushalte, der bloß auf ſeine Hexrin wartet, damit fie ihren Platz am Steuerruder einnehme. Jetzt, meine theuerſte Lady Elvinston, da die Prüfung überſtanden iſt, darf ich Ihnen geſtehen, daß Schloß Rehfeld, welches ich beſtändig als einen Ort der Buße betrachtete, dieſen Winter hindurch kaum zu ertragen war. Der würdige Paſtor, die gute Sara find Weſen aus einer mir unbekannten Sphäre, und nachdem ſie gewagt hatten, Fehler an Ida zu ent⸗ decken, und die Art, auf welche ſie ſich von ihnen trennte, und die Weisheit, mit der ſie ſich in ihr un⸗ vermeidliches Schickſal fügte, zu tadeln, zog ich vor, mich in gänzlicher Einſamkeit einzuſperren und mich bloß durch die Ankunft Ihrer reizenden Briefchen zu erfreuen, ſtatt mich mit der fruchtloſen Vertheidigung desjenigen abzumühen, was nach meiner Meinung keiner Entſchuldigung bedurfte. Ich würde nicht von meinen Leiden geſprochen haben, wenn es nicht in der Abſicht geſchehen wäre, Sie meine Freude vollkommen fühlen zu laſſen, mich wieder in Paris zu ſehen, wo ich die Maiſonne eines Climas genießen kann, deſſen Winter viel lieblicher, 317 als die Sommer des Nordens ſind. Sie, theure Lady, welche ſich neben Deutſchlands Oefen nach den hellen Feuern von Paris, nach deſſen geiſtiger Freiheit und herzlichen Sitten zu ſehnen pflegten, welche ſeine Hei⸗ terkeit verdoppeln, werden vollkommen fühlen, was es für mich iſt, den harmoniſchen Lauten meiner Mut⸗ terſprache, den freundlichen Reizen des Lebens und dem Anblicke, und den Tönen der Luſt, welche in Pa⸗ ris den Sand des Stundenglaſes der Zeit in Goldſtaub verwandeln, wiedergegeben zu ſein. Die Atmosphäre ſcheint nach der feuchten Luft in Schleſien ſo mild,— das Betragen eines jeden, dem ich begegne, ſo liebevoll, der Freundſchaftsbund mit allen ſeinen Mitgeſchöpfen ſo ganz angeboren, daß ich im Begriffe bin, der Meinung ſo vieler meiner Lands⸗ leute beizuſtimmen, welche das Elend der Verbannung empfunden haben, daß nämlich eine Stunde in Paris mit mehreren Jahren an einem andern Orte nicht auf⸗ zuwiegen ſei. Ach! meine liebe Marguerite! Sie mögen wohl von dem Patriotismus der Schweizer und dem Ein⸗ drucke ſprechen gehört haben, den der Kuhreihen in fremden Ländern auf ihre Gefühle macht, aber glau⸗ ben Sie mir, das ſchrecklichſte Heimweh iſt dasjenige, welches Madame de Staöl veranlaßte, wenn ſie an ihrem ſchönen See zu Coppet nach der Goſſe der Rue du Bac ſeufzte, und das, ſo oft Sie mir die ſcan⸗ dinaviſchen Wälder von Schloß Rehfeld prieſen, mei⸗ nem thränenden Geiſtesauge die Wallnußbäume der Tuilerien zeigte, mit den muntern Kindermädchen zu ihren Füßen, und den grauen Holztauben, die um ihre WWipfel kreiſten. Leben Sie wohl, meine theuere junge Freundin. Ihre Briefe machen mich glücklich, wenn ſie mir mit⸗ theilen, daß Ihr eigenes Glück geſichert iſt. Wenn dieſer Brief in Ihre Hände kommen wird, 318 werden Sie London bereits verlaſſen haben und in Ihre neue Heimath eingezogen ſein. Ich bitte Sie, beſte Marguerite, mir dieſelbe zu beſchreiben. Sie wiſſen, wie ſehr wir Alle Walter Scott lieben! Sagen Sie mir, ob Sie in Ihrem Haushofmeiſter einen Caleb Balverſton gefunden ha⸗ 6 ben(ich ſah Caleb einmal in den Variétés herrlich aufgefüͤhrt!) und ob im Schloſſe Elvinston ein Zigeuner⸗ Lager und ein Gretchen Merfillies ſei. Erinnern Sie ſich noch unſeres Verſuchs mit Guy Mannering, den wir mit Ihres Vetters Alfred Hülfe bei den Tableaux machten, die wir zu Rehfeld auf⸗ fuhrten. Wie wenig ahnte ich damals, daß eines mei⸗ ner beiden ſchönen Kinder nach Schottland verbannt werden ſollte. 4 Aber jetzt, da Sie keine Bürgerkriege und Präten⸗ denten mehr haben, wird das Land ohne Zweiſel auch minder roh ſein? Machen Sie mich, ich erſuche Sie, mit Ihrem 1 theuern Gemahle bekannt, und bitten Sie ihn, unſere Korreſpondenz mit ſeiner Einwilligung zu ſanctioniren. — ——— Im cbelletriſtiſchen Auslande, herausge⸗ geben von C. Spindlers, erſcheinen unter andern elaſſiſchen Werken auch: Genrebilder aus dem Alltagsleben. Von Onkel Adam.(Dr. Wetter berah.) Aus dem Schwediſchen von C. F. Erſtes bis neunzehntes Bändchen. Kabinetsausgabe à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das elegant geheftere Bändchen. Wir erhalten mit den Schriften von Dr. Wetter⸗ bergh,(pſ. Onkel Adam), einen Volksſchatz, wie bis jetzt keine Literatur Europa's ihn aufzuweiſen hat; einen Volksſchriftteller von ſo rein chriſtlicher Tendenz, mit ſo klarer Auffaſſung des niederſten wie des hoͤchſten ſocialen Lebens, einen feinern Menſchenkenner, natur⸗ wahreren Sittenmaler, verbunden mit einem kindlichern Sinne, wie dieſer Dichter ihn beſitzt, hat kein Volk außer Schweden aufzuweiſe!! Die Goldkoͤrner, welche in»Boz Schriften« unter ſtarkem Fuſeldampf zerſtreut, die ſocta⸗ len Ideen, welche in Eugen Sue's und George Sands Schriften mit Feuerſchrift ihren Dichtungen eingeäßt ſind, dieß Alles vereinigt, aber geläutert durch den frömmſten chriſtlichen Sinn, der nicht die Geſell⸗ ſchaft, wie ſie iſt, zerſtoͤren, ſondern ſie laͤutern will, finden wir in Onkel Adams Genrebildern aus dem Alltagsleben wieder. Bezaubernde Sprache, das tiefſte Gefuͤhl für die Leiden der Armen und Gedruͤckten, aber auch Anerken⸗ nung des Guten bei den Hoͤherſtehenden in der Geſell⸗ ſchaft und den Inſtitutionen des Staates zeichnen die Schriften dieſes Autors vor allen neueren Erzeugniſſen der deutſchen wie der übrigen europäiſchen Literatur aufs Vortheithafteſte aus. Boͤrne'’s feine Beobachtungsgabe und tiefe Ge⸗ fuͤhlspoeſie, Zſchokke's praktiſche Verſtandesrichtung in ſeinen Volksſchriften und Novellen, beides vereinigt Dr. Wetterberg in ſeinen Dichtungen. Die deutſche Ueberſetzung von einem in Stockholm lebenden Deutſchen— einem Freunde des Verfaſſers— iſt des Verfaſſers würdig! — Zur Nachricht! In der unterzeichneten Verlagshandlung ſind erſchienen: Sämmtliche Werke von Frederika Bremer. Cabinetsausgabe. 1 Die Töchter des Präſi⸗ denten, 2 Bde. Nina, 5 Bde. Die Nachbarn, 5 Bde. Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen, Das Haus, oder Fami⸗ lienſorgen und Familien⸗ freuden, 5 Bde. Die Familie H., 2 Bde. Ein Tagebuch, 4 Bde. „In Dalekarlien.“ 2 Bde. Wenn wir nur wenige Worte der obigen Anzeige beifuͤgen, ſo geſchieht's nicht wegen Mangel an Stoff des Lobes und Anpreiſens von Frederika Bremer und ihrer Schriften, gerade im Gegentheil: ſie ſind ſo in Fleiſch und Blut der deutſchen Frauenwelt uͤbergegangen, daß ihren Namen nennen ſo viel heißt als ſie anzuempfehlen! Nur das wollen wir zu Gunſten unſerer Ausgabe — denn es gibt deren mehrere— ſagen, daß keine in Deutſchland erſchienene, ſchöner, billiger, und was die Hauptſache: vortrefflicher überſetzt iſt, wie dieſe, weshalb ſie vorzugsweiſe empfohlen zu werden verdient. Die Bremer'ſchen Schriften koͤnnen durch alle Buchhandlungen Deutſchlands, der Schweiz, des Elſaßes, Hollands, Daͤnemarks und des k. k. oͤſterreich. Länder⸗ gebiets, ebenſo in den kaiſerlich ruſſiſchen Staaten à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das geheftete Baͤndchen, entweder im Ganzen oder Lieferungsweiſe, bezogen werden. Auf 10 Exemplare wird das 11te Exemplar gratis gegeben. 4 Stuttgart, im Merz 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. —ͤü 8