Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliot hek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Neliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— arf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 af. 2 Mk.— Pf. —— ſ ſ —— 29. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der APiſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonters darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————4“ —— * Die Bankiersfrau, oder: Hok und Stadt. Eine Novelle von Miſtreß Gore. Ueberſetzt aus dem Engliſchen Otto HervK. Fünſtes bis achtes Bändchen. 888928 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Erſtes Kapitel⸗ Die Leute, die ich heute den Herrn zu ſchil⸗ 4 dern wage, Und die das heut'ge Thema von meinen Verſen ſind, Beſang auch ſonſt die Muſe, nicht bloß am heut'gen Tage, Wovon man ſicherlich den Sründ ganz leicht erkennt. Sie ſcheinen froh und heiter, ſie ſcheinen 1 hoch und reich, Doch Kleidung und Juwelen ſind wohl bei Allen gleich. „Beim Himmel, mein theurer Hamlyn! ich möchte doch wiſſen, auf was dieſen Morgen Vernon ausging, als wir ihn trotz eines Oſtwindes, welcher die Garten⸗ pfähle der ganzen Grafſchaft hätte zuſammenreißen und die Gartenzäune auf Schloß Burlington aus der Erde herauswinden können, auf der Straße von Orington herumſchlendern ſahen,“ ſagte der Marquis zu ſeinem Freunde, als ſie mit einander nach Dean⸗Park zurück⸗ ritten.„Welch ein ſchönes Weib!“ „Ich ſagte Ihnen, Sie werden Ihr Herz an Sie verlieren,“ entgegnete Walther mit erzwungenem Lächeln. „Ich habe mein Herz nicht verloren! Die Wittwe iſt ein herrliches Weſen, aber ich könnte eben ſo gut daran denken, mich in Homers Juno mit ihren Ochſen⸗ augen zu verlieben! Ich haſſe Ihre griechiſchen, mede⸗ ähnlichen Schönheiten, welche ſich ausnehmen, wie die 8 tragiſchen Muſen, die in ſeidener Kleidung gehen, und welche Dolch und Opferſchale, aber keine Schüſſel mit Kinderſuppen, keine Schnürnadel tragen ſollten. Ich denke immer, dieſe Ihre ſchöne Ellen geht noch im Schlafe bei Dartfort⸗Hall um, wie Lady Macbeth. Mein Blut ge⸗ rinnt bei dieſem Gedanken! Nein! nein! fürchten Sie nicht im Mindeſten, ich wollte Sie bei der reichen Wittwe ausſtechen.“ 3 Walther entgegnete:„Fürchten Sie nicht, daß es mir ärgerlich wäre, wenn Sie es thäten. Ich mache keine Anſprüche auf dieſes Quartier.“— „Nun aber, ich hörte doch, als ich letzthin auf Dean war, daß der alte Oberſt meiner Tante Rother⸗ wood einen Wink gab, es wäre ihm Nichts angenehmer, als wenn Sie ſein Schiegerſohn würden.“ „Man heiratet kein Weib, um ihrem Schwieger⸗ vater zu gefallen.“ „So? man thut es doch hie und da, und nament⸗ lich, wenn der Schwiegervater ſo glücklich iſt, und viermalhunderttauſend Pfund hat, um alles Mögliche damit anzuſtellen, überdieß, wenn er ein ſo excellenter Burſche iſt, wie der alte Oberſt Hamilton. Sie könnten die Burlingtons vollſtändig auskaufen(da ja, wie ich höre, ihre Vermögensumſtände in ungemeiner Verwir⸗ rung ſind) ſo daß Ihr Gut an Dean⸗Park ſtieße, und mit ihm eine große Feſte ausmachte.“ „Zu gleicher Zeit hätte ich es noch mit einer an⸗ dern Feſte zu thun,“ ſagte Walther lachend;„die Aus⸗ ſichten ſtehen nicht ſo, daß ſie mich begeiſtern könnten. Ich könnte mich mit einem ſolchen Weibe, wie Miſtreß Hamilton iſt, niemals glücklich fühlen. Sie könnte Einen vollkommen zu einem Zwerge machen.“ „Ja! jal ſo viel ich ſehe, ſind wir in der Haupt⸗ ſache über ſie einverſtanden. Um den alten Dichter zu commentiren, der letzthin auf Melton bei Nacht mit ſo wenig Einſicht citirt und beſprochen wurde:„Sie iſt zu ſchön und zu gut für das tägliche Bedürfniß der 9 menſchlichen Natur.“ Nach meinem Gefühle kann ein Weib nicht zu gewöhnlich ſein. Das Gewöhnliche an einem edlen Weibe— das heißt eine weibliche, edle, liebende, köſtliche Ausgabe von einem Manne— iſt Vollkommenheit. Ich habe eine Freude an dieſer Eigen⸗ ſchaft des Gewöhnlichen, wie am Gewöhnlichen, das uns einen Eichbaum oder einen Roſenſtrauch in voller Blüthe darſtellt. Das iſt eine Sache, welche nicht ver⸗ beſſert werden kann. Der Begriff Weib ſollte keinen Comparativus und keinen Superlativus haben. Es gibt nichts Beſſeres, als wenn man gut iſt. Der Ausdruck „die Beſte“ iſt ein ganz überflüſſiger, er iſt ein Werk der Ueberzählung.„Gut“ iſt genug für Jedermann, das heißt: Jedermann ſollte das für das Beſte halten, daß und wenn er gut iſt.“ 3 „Dieſen Morgen ſchneiden Sie Ihr Stroh ziemlich fein, mein theurer Dar!“ rief Walther aus.„Wollen Sie ſich etwa dafür rächen, daß es an dieſem Tage kein Wetter iſt, um die Hunde von der Koppel zu laſſen?“ „Wie Sie wiſſen, wurde ich ſeit den letzten vier⸗ zehn Tagen mit meiner armen Mutter und ihrem Kaplan, meinem alten Hofmeiſter, im Käfige gehalten. Ich mußte mit ihm Logik ſtudiren, damit mir nicht der Ge⸗ danke kam, ihm den Kopf voll zu ſchwatzen, und„ſo viel von Burlington.“ Aber in allem Ernſte, mein theurer Burſche(wenn man anders da ernſthaft zu ſprechen im Stande iſt, wo Weiberröcke im Spiele ſind*) glauben Sie, daß Miſtreß Hamilton jeden Tag, ſo lange ſie lebt, ihre Leidenſchaftlichkeit ſteigert? Bei einem Weibe ſind drei leitende Punkte zu beobachten: Herz, Seele, Leib. Auf dieſe Weiſe erkläre ich die Allegorie der drei Grazien. Unter einer Million gibt es kein Weib, welches in allen dreien vollkommen wäre. Wenn zwei Punkte vorhanden *) Dieſes iſt aus Shakespeare. Der Kaplan hier heißt Bucking⸗ hame ei⸗ die Perſon bei Shakespeare, auf welche die Verfaſſerin 10 ſind, ſo kann ſich ein beſcheidener Mann begnügen; iſt bloß Einer vorhanden, ſo iſt es beinahe genug. Ein ſchönes Weib mit einem guten Herzen iſt deßhalb für mich eine Sache, welcher ich nicht widerſtehen kann. Weil ich nicht in allen dieſen drei Punkten das Monopol haben will, ſo laſſe ich die Seele fahren. Während ich mich mit einer warmherzigen, ſchönen, kleinen Frau be⸗ gnüge, können Sie die ſchöne Wittwe mit ihrer großen Seele ganz allein als Cigenthum haben.“ 3 „Wie leicht iſt es, aus der Schätzung, welche Sie an Weiber und Männer anlegen, die Begriffe eines Mannes heraus zu erkennen, welchen Geburt und Reich⸗ thum über jede Verſuchung hinaus heben!“ ſagte Wal⸗ ther beinahe mit einem Seufzer.„In der That! wenig Weiber ſind fähig, uns aus ſolchen Betrachtungen zu ziehen. Wenigen von uns iſt es möglich ein Weib um ihr ſelbſt willen zu wählen. Erlauben Sie mir, unſer halbes Regiment würde die drei Grazien eines Weibes in die Begriffe„Schönheit, Rang, Vermögen“ ſetzen.“ „Mein theurer Hamlyn! Sie folgen Ihrer Lehre nicht, wie ich ganz deutlich ſehe. Sie halten ja ſo gar Wenig auf ein ſchönes, holdes Weſen mit zwölf oder fünfzehn taufend Pfunden des Jahres.“ „Ich wünſche mir etwas Feineres, als die Wittwe Bob Hamiltons,“ entgegnete Walther ſtolz.„Ich be⸗ fürchte, ich bin in der Kleidung und den Manieren meiner künftigen Frau gar ſehr kitzlich.“ „Oho! oho! Die Kleidung und die Manieren eines Weibes können ſich ganz ſo modeln, wie es Einem gefällt.“ „Aber da nicht, wo es an Schicklichkeits⸗Gefühl von Haus aus fehlt. Zum Beiſpiel, Sie könnten der ſchönen Ellen niemals beibringen, wie ſie mit der in⸗ ſtinktmäßigen Eleganz der Miß Vernon rivaliſiren könnte.“ „Ja! mit der inſtinktmäßigen Kleinigkeitsſucht der Miß Vernon! Miß Vernon iſt geſchaffen aus dem, was Sie Eleganz nennen, ſie iſt eine leere Eierſchale. Sie 11 hat die weibliche Würde der Miſtreß Hamilton nicht, noch weniger das natürliche Gefühl und die ungelehrte Grazie Ihrer Schweſter Lydia. Nebenbei geſagt, Ham⸗ lyn, ich wette mit Ihnen ein Pfund, wir bekommen eine Einladung nach Hyde, ehe es morgen um dieſe Zeit wird.“ „Ich will das Geſetzte verdoppeln, wenn Sie die in Frage ſtehende Einladung annehmen, im Falle, daß ſie kommt,“ ſagte Walther. „Wie? wir haben uns ja doch bei dem alten Oberſt eingeladen, und ich habe den ernſtlichen Gedanken, ich wolle die Löwen⸗Jagd wieder aus ihm herauskriegen. Ich verſuchte, dieſe Erzählung dem alten Kaplan Bucking⸗ ham auf meinem Schloſſe wieder zu geben. Aber ich denke, ich machte die Sache nicht recht, denn ich konnte ſeine Perrücke nicht in die Höhe bringen, wie die der Lady Rotherwood und Lord Rotherwoods in die Höhe ſtiegen, als ſie Oberſt Hamilton zuhörten.“ „Sagte ich Ihnen die Sache nicht voraus?“ rief der Marquis aus, als am nämlichen Abend die beiden jungen Herren von den Vernons Einladungskarten er⸗ hielten.„Ich wünſche, Alberich hätte heute Morgen ſein Kinn uͤber die Gartenzäune des Schloſſes Burling⸗ ton herüber geſtreckt, ehe er nach Schloß Hyde die Nach⸗ richt von unſerer Ankunft brachte. Geſegnet ſei das genannte Rittergut unter den Nationen! es gibt uns einen unläugbar guten Entſchuldigungsgrund gegenüber von dieſem gefälligen Volke, wie die Vernons ſind, an die Hand.“ Mit der hochſten Freude gab Lord Dartford in ſei⸗ ner Antwort an die Vernons eine ſrühere Einladung als Entſchuldigungsgrund dafür an, daß er die von Hyde ausſchlage, und Walther konnte kaum einen Seufzer unterdrücken, daß er aus dem gleichen Grunde wegblei⸗ ben mußte. Es war ihm beinahe zu kräufkend, daß er einen Beſuch auf Hyde in Begleitung des Marquis von Dartford ausſchlagen ſolle. Sein neulicher Beſuch auf 12 Melton hatte ihn in den Stand geſetzt, die Ohren Lu⸗ cinda's durch tauſend, ihr noch unbekannter Anekdoten faſhionablen Geſchwätzes zu entzücken. Und das Alles ſollte er miſſen, weil er mit einer widerwärtigen Fami⸗ lien⸗Tiſchgeſellſchaft auf Schloß Burlington zuſammen kommen ſollte. Auf der andern Seite wurde die Entſchuldigung der jungen Männer mit eben ſo viel Verſtimmung aufge⸗ nommen, als die war, in welcher Walther ſie gegeben hatte.— „War jemals Etwas ſo verdrießlich?“ rief Lady Vernon aus und ſtieß dabei das abgemeſſene Schreiben „Lord Dartfords in das Arbeitskörbchen ihrer Tochter. „Da ſchreiben ſie's wörtlich, ſte ſind zu den Leuten nach Burlington eingeladen! Und wie lange mußte ich erſt doch Deinen Vater bitten, bis er mir erlaubte, den jun⸗ gen Hamlyn hierher einzuladen!“ „Wir müſſen Lord Dartford nehmen, wie wir ihn bekommen können,“ entgegnete Lucinda kalt.„Bei ihm heißt es: Wenn Du mich liebſt, ſo liebe auch meinen Bankier oder vielmehr den Sohn meines Bankiers.“ „Aber Du ſiehſt ja doch, wir bekommen ihn doch nicht, wenn wir auch des Bankiers Sohn in unſerem Hauſe dulden! Wie mir ſcheint, werden wir auch noch Oberſt Hamilton in den Kauf nehmen, und auch ihn lieben müſſen.“ „Das iſt unmöglich, die Middlebury's ſind ja fort! Man konnte den alten Wilden noch aushalten, ſo lange er unter den Middlebury's ſteckte, Es kann gar keine Frage ſtattfinden, ob wir ihn hierher einladen wollen, oder nicht. Papa würde genöthigt ſein, zu mediziniſchen Mitteln zu greifen, wie er thut, wenn er die flüchtige Gicht hat. Ach!“. „Barlow von Alderham erzählte mir neulich, ſeine Schwiegertochter, welche wirklich bei ihm iſt, ſei eines der ſchönſten Weiber in England,“ bemerkte Lady Vernon. „Eine Schwiegertochter? ich dachte, er habe keine 13 Kinder, und die abſcheulichen Hamlyns werden ſein Vermögen erben?“. „Es iſt die Wittwe ſeines Sohnes, welche die Hamlyns an Walther zu verheiraten wünſchen.“ „Das wäre eine ſehr paſſende Heirat,“ entgegnete Lueinda.„Aber ſehr paſſende Heiraten kommen ſelten zu Stande. Ich denke eben, Dartford wird den Reizen dieſer friſchangekommenen Schönheit folgen, weil die Tochter des Bankiers wirklich nicht mehr auf Dean⸗ Park, ſondern in Cavendiſh⸗Square iſt.“ „Mutter! Du ſollteſt in der That das große Opfer bringen, und einen Beſuch auf Burlington machen,“ entgegnete Lucinda nach einer langen Pauſe, in welcher ſie die Sache überlegt hatte.„Es iſt eine Sache von Wichtigkeit; wir müſſen ſehen, was dieſe Miſtreß Ha⸗ milton für ein Weſen iſt, und ausfindig machen, was etwa an ihr iſt. Du wirſt es kaum glauben, aber Bar⸗ low von Alderham gab mir kaltblütig einen Wink, ſie würde für Alberich eine Hauptpartie ſein. Denn auf dieſen machte ſie einen ungeheuren Eindruck, als er ſie neulich bei der Jagd auf Brarham⸗Heath ſah.“ „Herr Barlow hätte beſſer daran gethan, wäre er in ſeinen Bemerkungen vorſichtiger geweſen,“ ſagte die wohlgenährte, breitſchulterige Lady Vernon ernſt, und ſtand dabei von ihrem, einem Chaiſenſitz gleichenden Armſtuhl auf.„Lord Vernons Sohn ſoll ſich mit der Schwiegertochter eines Menſchen verbinden, welcher den Vorſchlag machte, man ſolle den armen Oanſawney hängen! Eine obſcure Miſtreß Robert Hamilton ſoll eine Gräfin von Brarham werden? Unter uns geſagt, meine theure Inda! es iſt alle Ausſicht auf einen Mini⸗ ſterwechſel vorhanden, und dann, das weißt Du, iſt der Grafentitel Deines Vaters geſichert.“. „Um ſo beſſer, Mama. Es iſt beinahe hart, wenn man bloß Miß Vernon heißen und in dieſer Hin⸗ ſicht auf gleicher Stufe mit einer Miß Hamlyn oder * 14 Miß Barlow ſtehen ſoll. Aber wie machen wir es mit dem Beſuche auf dem Schloſſe Burlington?“ „Du weißt, ich kann Dir Nichts abſchlagen. Wenn Dein Vater ſeine Einwilligung gibt, ſo können wir morgen hinüber fahren. Um die Wahrheit zu ſagen, Alberich war in dieſer Sache bereits bei mir. Alberich gibt ſich bloß, ſo lange die Jagden dauern, mit Liebe⸗ leien ab, und wünſcht, ſo viel ich vermuthe, nichts An⸗ deres, als Etwas von dieſer orientaliſchen Schönheit zu ſehen, ehe er in die Stadt geht. Als ob er ſie wohl heiraten möchte! Er will natürlich Nichts, als eine Be⸗ kanntſchaft mit ihr anſpinnen.“ 4 Zur Verwunderung Lady Vernons erhielt ſie von ihrem Gemahle nicht allein die Erlaubniß, auf Sizic Burlington fahren zu dürfen; ſondern es wurde ihr au geſtattet, wenn ſie dahin gekommen ſeie, ohne die Schön⸗ heit zu Hauſe zu treffen, ſo dürfe ſie Ellen und Oberſt Hamilton zur Tafel einladen, um auf dieſe Weiſe einen guten Vorwand zu haben, unter welchem man bei dieſer Gelegenheit die jungen Fuchsjäger von Dean⸗Park nach Hyde einladen könne. „Das iſt in der That über allen Glauben!“ rief die Lady aus, als ſie von Miſtreß Hamilton ein Schrei⸗ ben erhielt, von welchem ſie, da es offen war, keinen Augenblick zweifelte, daß in ihm die Annahme der Ein⸗ ladung enthalten ſei. Dieſe Leute ſind eingeladen, Lu⸗ cinda, in der That! eingeladen, und ich bin gewiß, Du erratheſt es nicht, zu wem, und wenn Du einen Monat lang darüber nachdenkſt.“ „Natürlich zu den Barlows oder Gratwycks. Sonſt wüßte ich wohl Niemand in der Nachbarſchaft. Denn ich denke, die Huſts laden Niemand ein, um ihnen und ihren hungerigen Heuſchrecken, ihren Kindern, im Ver⸗ zehren ihres Hammelbratens und ihrer Rüben zu helfen. Als wir geſtern von unſerer Luſtpartie nach Hauſe fuh⸗ ren, und am Hauſe unſeres Förſters vorbeikamen, gab 15 ihm Papa den Befehl, das Halsſtück eines Hirſches nach Alderham zu ſenden.“ „Edelleute auf dem Lande, wie Barlow, geben keine Mahlzeiten, bei denen ſie das Halsſtück von einem tüch⸗ tigen Wilde aufwarten wollten oder könnten,“ ſagte Lady Vernon mit höhniſchem Lächeln.„Rathe wieder 42 „Solche Leute ſind nicht werth, daß man ſich wegen ihrer den Kopf zerbricht. Sie können nicht kommen; das iſt das Ende vom Liede.“ 5 Meinl es iſt durchaus nicht das Ende vom Liede. Sie werden im Stande ſein, wenn ſie nach Ormeau zu den Elvaſtons kommen, ſich zu rühmen, ſie haben der Elvaſtons wegen eine Einladung nach Hyde ausge⸗ ſchlagen. Denke doch daran, was dieß für ein Triumph für die inpertinente Lady Coſſington ſein wird, welche, ſo viel ich mit vollem Rechte denke, in der Meinung iſt, ſie könne Dich mit dem Marquis ausſtechen. „Aber was in der Welt kann dieſe Leute nach Ormeau führen?“ „Das kann ich nicht errathen. Alberich erzählte mir, er habe im Geheimen eine genaue Bekanntſchaft zwiſchen dem Herzog und dem ſchrecklichen alten Oberſt bemerkt. Ich muß wiederholen, es iſt in der That von Lord Vernon nicht ſchön, daß er unſerem vertranten Um⸗ gange, mit der einzigen, hiezu paſſenden Familie, den wir in dieſem Theile der Grafſchaft unterhalten könnten, Hinderniſſe in den Weg gelegt hat. Wenn die Elvaſtons und Coſſingtons an dieſe merkwürdigen ſonderbaren Leute Einladungen ergehen laſſen, ſo wären ſie gewiß äußerſt froh geweſen, hätten ſie an Deinem Vater einen unter: Paltenden, geſellſchaftlichen Mann gefunden! Du ſiehſt, ſie haben Alberich niemals eingeladen.“ 3„Sie könnten ihn wohl nicht ohne uns einladen.“ .„Entweder bin ich ſehr im Irrthum, oder ſte laden Kapitän Hamlyn mit Lord Dartford ein. Die Leute von Dean⸗Park übrigens ſind, ſo viel ich weiß, durchaus nicht auf vertraulichem Fuße mit Ormeau.“. A* * „Welch angenehme Partie werden ſie haben!“ ſprach Lueinda Vernon, in tiefer Bekümmerniß vor ſich hin, „und welch einen Winter haben wir uns auf den Hals geladen, indem wir hieher kamen. Gott ſei Dank! nächſte Woche iſt dieſes Unglück aus, und wenn ich nicht für meine Geduld dadurch belohnt werde, daß ich einen Monat in das Bad nach Brigthon gehen darf, ſo will ich mich an Sir Henry im näͤchſten Jahre wenden, und machen, daß ich mich in allem Ernſte zu einer Reiſe nach Neapel rüſten darf. Allem nach, theure Mamma! hätien wir machen können, daß die ſechs Wochen uns etwas weniger, als zwölfe, vorgekommen und herumge⸗ gangen wären, wenn wir mit unſeren Nachbarn auf freundſchaftlicherem Fuße geſtanden wären. Wären wir mit den Hamlyns auf freundſchaftlichem Fuße geſtanden, wir hätten in ihrem Hauſe mit Lord Dartford zuſammen⸗ kommen können, wären wir freundlicher mit den Elva⸗ ſtons geſtanden, wir hätten Lord Dartford bei ihnen treffen können, wären wir mit Oberſt Hamilton in gutem Vernehmen geweſen, wir hätten Dartford auf dem Schloſſe Burlington treffen können. Da wir überdieß dachten, ein Zuſammentreffen mit Lord Dartford bringe uns auch noch den Vortheil, daß wir wegen der Wichtigkeit dieſes Zuſammentreffens von Lord Vernon die Erlaubniß einer nochmaligen Reiſe nach Neapel bewerkſtelligen können, ſo wäre wohl das geringe Opfer, das wir durch ein Paar langweilige Landviſtten gebracht haben, durchaus nicht in Betracht gekommen. Mein Vater liebt aber den Herzog von Elvaſton nicht, weil er ein bedeutenderer Mann, als er iſt, und verachtet die andern zwei als ungemein tief unter ſich. Wo kennen wir denn wohl die Gleichheit finden, welche uns zum Genuſſe eines ge⸗ ſellſchaftlichen Lebens befähigen ſoll? Als die Magnaten des deutſchen Kaiſers ihn baten, er möchte alle Stände, mit Ausnahme der höhern, vom Beſuche des Augartens zu Wien ausſchlieſſen, erklärte er:„ihr Herrn wollt alſo mit Niemand, als mit eures Gleichen Umgang 4 — ——— 17 haben?“ Würde ich nach dieſer Regel handeln, ich müßte mich in die Familiegruft meiner Ahnen in der Auguſtiner⸗ Kirche einſchließen.„Wenn den nächſten Winter Papa in ſeinem ungeſelligen Weſen verharrt, ſo werden Alberich und ich in die Geſellſchaft der alten Edeln in voller Rüſtung und der Ladis mit Reifröcken auf den Grabmälern in der Kirche von Braxham aufſuchen müſſen.“ Die genannte Einladung, welche Lucinda Vernon, ſo gar in Harniſch brachte, bewirkte auf Schloß Bur⸗ lington wenig Bewegung, außer daß ſie einen hinreichenden Grund an die Hand gab, um einem Beſuche auf Hyde entgehen zu können. Oberſt Hamilton war, wie er ſich gegenüber von den Rotherwoods entſchuldigt hatte, allen großen Geſellſchaften, wo viele Fremde zugegen waren, abgeneigt, und auch dieſes Mal hätte er wohl dieſelbe Entſchuldigung hervorgebracht, hätte er nicht gewünſcht, ſeine bezaubernde Ellen ſolle eine ihrem Alter zuſagende Unterhaltung genießen, nicht beſtändig mit der Abge⸗ ſchiedenheit ihres langweiligen Hauſes geplagt ſein. Was die natürlichen Neigungen der Miſtreß Ha⸗ milton betraf, ſo erſchien ihr das angenehme häusliche Leben des Schloſſes mehr anziehender, als in allen Zerſtreuungen des Lebens in hohen Zirkeln. Aber ſie war noch nicht in einer natürlichen Gemüthverfaſſung. Sie war verdrießlich, unruhig, bekümmert. Ihr Geiſt war matt von immer währenden Sorgen und Gedanken aller Art. Sie fing an, zu glauben, irgend ein beſonderes Geſchick habe die Hamlyns an ihre Ferſe geheftet, um e zu kraͤnken, und zu quälen. Von ihnen rührte ihrer Anſicht nach jeder Kummer auf dem Pfade ihres Lebens her, von ihr rührte die ganze Erniedrigung her, welche ſie zu erdulden gehabt hatte. Richard Hamlyn hatte ihren guten Ruf gekränkt, hatte die grauen Haare ihrer Mutter mit Kummer in das Grab gebracht, hatte in die ſchwache Conſtitution ihres Gemahls den Keim tödt⸗ licher Krankheit gelegt. Kaum hatte fie ihr Haupt vor der tiefen Berzweiflung wieder erhoben, welche durch Die Bankiersfrau. II. 2 18 dieſe Reihe von Unglücksfällen bei ihr hervorgebracht worden war, kaum hatte ſte angefangen, wiederum im Leben die Wonnen des häuslichen Gluͤckes zu empfinden, welche bei der Blüthe der Jugend und Schönheit ſelten erlöſchen, als ſich ihr auf einmal ein Weſen in den Weg warf, welches die Gaben im Ueberfluß beſaß, die ihre Einbildungskraft auf ſich ziehen, und ihr Herz feſſeln konnten. Denn die junge Wittwe hatte bereits voll Schmerz die Entdeckung gemacht, daß ihre Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft eine einſame, abgeſchiedene ſei. Die leidenſchaftliche Liebe, deren Gegenſtand ſie ſeit mehreren Jahren geweſen war, diente allein dazu, ſie für ihre gegenwärtige Einſamkeit empfindlicher zu machen; und als der junge feurige Mann, mit welchem ſie uner⸗ warteter Weiſe im häuslichen Kreiſe der Lady Burlington in Berührung kam, ſich ihrer Schönheit mit ſolch tiefer Unterwürfigkeit widmete, als in beſſern Tagen der edle, zurückhaltende Dulder, welchen ſte in das Grab hatte ſinken ſehen, war das einzige Hinderniß ihrer Hoffnung auf wiederkehrende Glückſeligkeit, daß der Mann, welcher eine ſolche Leidenſchaft für ſie hegte, und vermöge der höchſten natürlichen Anlagen dazu geſchaffen war, ſeine Vorzüge zu ſeinem höchſten Nutzen zu verwenden, der Sohn ihres Feindes, der künftige Nachfolger des Bankiers Hamlyn war.. Alles dasjenige, was ſie im erſten Augenblicke ge⸗ fürchtet hatte, ſollte, wie nach dem Ausſpruche des Schick⸗ ſals, ſich ereignen. Sie hatte voraus geſagt, Hamlyn werde zu ſchwach ſein, um dem eiſernen Willen ſeines Vaters Widerſtand leiſten zu können. Sie hatte ihm angekündigt, wenn er wieder in England ſei, werde er genöthigt ſein, ſich mit einem Berufe und mit einer Laufbahn abzugeben, welcher ihr ſo zuwider ſei, daß ſie es nie über das Herz bringen könnte, ſich mit einem Manne zu vermählen, der ſich mit dieſem Geſchäfte ab⸗ geben würde. Auf dieſe Weiſe genöthigt, ihre Hoffnungen von Glüͤckſeligkeit abzuſchwören, fühlte ſie ſich wider 8 ⁸½* allein, mehr allein, mehr einſam, als je. Dieſe Ein⸗ ſamkeit und Verlaſſenheit war ihr dadurch noch merk⸗ licher und empfindlicher geworden, daß Henry ihr, wie bereits geſagt, neuerdings einen achtungsvollen, aber nicht von Liebe zu ihr durchdrungenen Brief geſchrieben hatte, einen Brief, welcher dennoch in ihrem Herzen die unvergleichliche Seligkeit zutrauungsvoller Liebe gegen ihn erweckte. Gegen ſeinen Vater, die Quelle von Hemys Sinnesänderung und von dem plötzlichen Auf⸗ geben ſeiner edlen wiſſenſchaftlichen Richtung, war ihr ganzer Groll gerichtet. Sie war dadurch, daß ſie das neue Mißgeſchick ihres Lebens, das Unglück mit Henry, dem ſchlimmen Einfluſſe ihres früheren Feindes zuſchreiben mußte, nicht weniger als durch die frühere von Hamlyn ausgehenden Kränkungen unglücklich gemacht und tief erniedrigt worden. 4 Da auf dieſe Weiſe die Hoffnungen nicht in Er⸗ füllung gegangen waren, welche ihre Heimreiſe nach England beſchleunigt hatten, da ſie auf dieſe Weiſe voll Erbitterung gegen Dean⸗Park war, ließ ſie ſich ſogar durch die aufrichtige Liebe, welche ſie für ihren Schwie⸗ deuater hegte, nicht mit ſich und ihrem Kummer aus⸗ ſöhnen.„ Sie war ſich bewußt, ihr Herz zu leicht verſchenkt zu haben, ſie klagte ſich an, ſte habe dem Andenken an ihren abgeſchiedenen Gemahl zu wenig Ehrerbietung er⸗ zeigt. Durch den vermeintlichen Wankelmuth Henrys zurückgeſtoßen, glaubte ſie, ſie ſei blos deßwegen mit Recht beſtraft worden, weil ſie nach ihren früher aus⸗ geſprochenen Gelübden ewiger Wittwerſchaft, den Schmei⸗ Gäleien weltlicher Liebe wiederum das Ohr geliehen habe. Unter dieſen kummervollen Selbſtanklagen wollte ihr die ruhige Abgeſchiedenheit von Schloß Burlington nicht mehr gefallen. Es war ihr durchaus nicht ange⸗ nehm, daß ſie bei aller Vertraulichkeit ihres ruhigen Schloſſes den neugierigen Beſuchen Walthers preisge⸗ geben ſah. Da ſie leidend und niedergeſchlagen war, ſo fürchtete ſie den Gedanken, er könnte in Briefeu an ſeinen Bruder, dieſem von ihren geſchwollenen Augen⸗ liedern und thränenbenetzten Wangen ſchreiben; und es war ihr deßhalb ein Troſt, daß ſie nach Ormeau ein⸗ geladen wurde, während ſich Kapitän Hamlyn auf Dean⸗Park aufhielt.. Lady Vernon war voreilig in ihrer Meinung, Wal⸗ ther und ſein Freund werden mit den Hamiltons nach Ormeau eingeladen ſein. Daran hatten die Elvaſtons keinen Augenblick gedacht. Die Elvaſtons waren offene, etwas altväteriſche Leute, welche weder mit Richard Hamlyn, noch mit ſeinem Vater im Verhältniß genauer Bekanntſchaft geſtanden waren, und es deßhalb für un⸗ möglich gehalten hätten, mit Walther auf einmal deß⸗ wegen eine vertrauliche Verbindung anzuknüpfen, weil er das Glück hatte, ihren jungen Freund, den Lord Dartford, als Gaſt bei ſich zu haben. Der alte Oberſt, welchen Herr Gratwycke bei ſeinem Herrn und Freunde, dem Herzog, ſo hoch empfohlen hatte, daß dieſer die lauteſte Achtung für ihn hegte, hatte beim gegenwärtigen Beſuche auf Ormeau nicht nur die Empfehlung für ſich, daß er Nachbar der El⸗ vaſtons war, ſondern auch die, daß die ſchöne Ellen in ſeinem Hauſe wohnte, welcher der Markgräfin Coſſington von ihrer Schweſter, der Lady Devereux, der Frau des engliſchen Miniſters in Florenz auf das wärmſte empfohlen war. Die Anweſenheit Ellen gereichte der ganzen Ge⸗ ſellſchaft zu unausſprechlicher Freude. Die Damen aus der Familie Elvaſtons, welche Ellen auf Ormeau be⸗ willkommneten, ſprachen gegen ſie die Meinung aus, Alles, was ſie früher zu ihren Gunſten gehört haben, ſtehe weiter hinter dem Eindruck zurück, welchen ſie durch ihre Anweſenheit mache. unter der großen, bunten Geſellſchaft, welche ſich beim Herzog von Elvaſton verſammelte, war es Oberſt Hamilton weit wohler, als in dem überfein gebildeten 21 Zirkel auf Hyde, Lord Coſſington, der wirkliche Erbe der Familie, war wenig mehr, als ein munterer Land⸗ edelmann, welcher die eine Hälfte des Jahres mit ſeinen Geſchäften als Parlamentsmitglied und die andere mit den Vergnügungen der Jagd zubrachte. Der Herzog von Elvaſton ſelbſt war Nichts Anderes, als ein aus⸗ gezeichneter Familienvater, Lordlieutenant, und Herr von ercellent dreſſirten Fuchshunden. Der Vater der Lady Coſſington, Sir Robert Maitland, welcher ſich gerade auf Ormeau aufhielt, war nicht allein ſeit langer Zeit General bei der königlichen Schloßbrigade, ſondern hatte in Indien, einem Oberſt Hamilton gar gut bekannten Lande, commandirt, wie denn auch die Truppen, die er damals befehligt hatte, demſelben bekannt waren. Bei ſolchen Geſellſchaftern war er im Nu gut Freund, und nicht zu viel gut Freund. Es waren keine jungen Leute, wie Dartford da, welche ihn zu Poſſenreißereien verleiten konnten, keine ſteifen, abgemeſſenen Naſeweiſe, wie Lord Vernon, welche ihm Gelegenheit gaben, muthwillige Ausfälle zu machen.— In der ſoliden, aber edeln Einfachheit des Hauſes lag Etwas, was ihn entzückte. Ormeau zeigte weder die imponirende hiſtoriſche Würde, wie Hyde, noch die moderne Eleganz von Dean⸗Park und dem Schloſſe Burlington. Es war ein gewaltiges, bequemes Haus, von Innigo Jones erbaut, und wurde jedesmal für ein halbes Jahrhundert, ſo reichlich mit Mobilien verſehen, daß es während dieſer Zeit gar Nichts dieſer Art be⸗ durfte. Das Bauholz, das ſpäter gebraucht wurde, um das Schloß wider zu möblieren, hatte fünfzig oder noch mehr Jahre Zeit zum Wachſen. Auf Ormeau gab es keine Schnickſchnacke, keine moderne Schönheiten, keine faſhionabeln Lehnſtühle. Die hohen Porzellan⸗Vaſen auf den Thürpoſten waren wahr⸗ ſcheinlich zur Zeit der Königin Anna auf der neuen oder der oſtindiſchen Börſe gekauft worden, die reichen japani⸗ ſchen Schreine kamen wohl aus dem Galanterieladen der Frau Gevenix. Das letzte Porträt aus der Familien⸗ Sammlung war der gegenwärtige Herzog, als Knabe, von Hoppner. Kein einziges gefälliges, ſchwächliches Bild von Lorenz war da; die maſſive, ſolide Einfachheit von Ormeau wollte Nichts von den geiſtloſen Galanterien b des Tages wiſſen. Jede Nacht legte die Herzogin ihr Strickzeug in den großen altväteriſchen Arbeitskorb, eine der Handelswaaren von Tonbridge, welchen ihr der Herzog bei der Geburt eines ihrer Kinder, zwanzig Jahr zuvor, verehrt hatte. Um die Correſpondenz mit ihren Enkeln zu führen, benützte ſie einen kleinen mit Ebenholz ein⸗ gelegten Schreibpult, welcher ihr bereits als Braut zum gleichen Zwecke gedient hatte. In allen Manieren und Connerionen des Schloſſes herrſchte eine gleichmäßig ſtillſtehende Ordnung der Dinge. Der Herzog und die Herzogin von Elvaſton ſtunden in der Welt zu feſt, um den Mantel nach dem Winde jeder neuen Lehre zu hängen. Die Leute, mit welchen ſie in ihrer Jugend gut Freund geweſen waren, blieben es auch in ihrem Alter. Die gleichen Kaufleute und Handwerker bedienten immer das Haus, ſo gut als immer die gleiche Geſellſchaft von Freunden in demſelben einſprach. Die Elvaſtons waren nicht auf neue Syſteme oder Erfindungen, die ein Patent erhalten hatten, aus. Sie waren glücklich, geachtet, geehrt und begehrten keine Veränderungen, die ausgenommen, welche ihnen durch den Geiſt des Fort⸗ ſchritts der Zeit nothwendiger Weiſe aufgedrungen wurden. Zwiſchen dieſen Leuten und denen auf Hyde mußte natürlich eine große Verſchiedenheit, in Beziehung auf Liebhabereien, Statt finden. Die Elvaſtons waren ent⸗ ſchloſſen, auf Ormeau zu leben und betrachteten London als eine langweilige Stadt; die Familie auf Hyde be⸗ trachtete das Land als einen Ort, auf dem man mit Widerwillen leben müſſe, wenn das glorreiche London mit ſeinem faſhionabeln Leben eine kleine Pauſe mache. Vieles von dieſer Anſicht hatte ſeine Quelle darin, daß die El⸗ vaſtons keine Hofjäger waren; ſie hatten keinen Grund, 23 nach höherem Range zu ſtreben; ſie hatten keine Tochter zu verheiraten. Ihr Hauptvergnügen im Leben beſtand in der königlichen Gaſtfreundſchaftlichkeit, die ſich nicht zur Schau trägt, und keine Raſt und Ruhe kennt. Ormeau war buchſtäblich ein ſogenanntes offenes Haus. Monate, ja Jahreweis ſetzte ſich die Familie nicht allein zu Tiſche. Was die Hunde betrifft, von welchen man wußte, daß der Herzog ein ungemeſſenes Vergnügen an ihnen hatte, und welche in England einen beinahe zum Sprüchwort gewordenen Ruf genoſſen, ſo waren ſie in der That gleichfalls bloß zum Vergnügen für Freunde und Nach⸗ barn da, denen der Herzog mit ihnen Freude machen wollte. Es war unmöglich, daß ein Mann von den Verpflichtungen, welche mit dem ihm durch Erbſchaft an⸗ gewieſenen Rang und Vermögen verbunden waren, eine liebevollere, dem geſelligen Leben mehr zuſagende Idee hatte, als der Herzog von Elvaſton. Das Silberſervice auf der Tafel Seiner Gnaden, hätte wohl Lord Vernon altväteriſch und gemein genannt. Auf demſelben waren nicht, wie auf Hyde, prächtige Arbeiten auf dem Silberſervice, keine Bildniſſe von Ahnen auf Kriegsroſſen in Gold oder übergoldetem Silber, keiner von den kleinen Tiſchpoſſen, welche heutigen Tages den ſerupulöſen Gaſtgebern unter dem Adel ſo theuer find. Sogar bei den Hamlyns war der Credenztiſch prächtiger. Die Phraſe:„in gutem Style leben,“ hätte auf Ormeau als traurige Gemeinheit gegolten. Der Oberſt war voll Vergnügen und Freude, als er ſah, in welch' verſchiedenem Lichte ſeine neuen Freunde und die flachen Vernons Leute und Dinge betrachteten. Auf Ormeau war Licht und Schatten heller, die Motive der Handlungen ſo klar an den Tag gelegt, als die Handlungen ſelbſt. Alles war ſchön und lag offen da. Es war mit ihren Reden und Handlungen, wie mit ihrem Hauſe. Es war kein unterirdiſches Stockwerk, unter allen Gebäulichkeiten kein maskirtes Haus, von dem kein Dach 24 zu ſehen war. Die Sonne konnte mit ihrem ſcharfen Auge das ganze Gebäude durchdringen. Unter andern Eigenthümlichkeiten fand er, daß hier von Hamlyn durchaus nicht ſo verächtlich geſprochen wurde, als bei den Vernons, die in ihm einen bloßen Geſchäfts⸗ mann, einen bloßen Bankier der City, ſahen. In den Augen des Herzogs von Elvaſton und ſeines Sohnes war er bloß ein Mann von politiſchem Einfluß, das Torymitglied für Barsthorpe, einer ihrer Partie, der bei Parlamenteſitzungen bejahen oder verneinen konnte. Sogar die Vernons, ſie mochten auch in ihrer eigenen Meinung und in der des Küſters von der Kirche Brarham noch ſo hoch ſtehen, galten auf Ormeau bloß als ein den Whigs zugehöriges Parlaments⸗Mitglied für Barst⸗ horp, welches jedesmal unterlag. Der Oberſt war nur kurze Zeit im Hauſe geweſen, und bereits fand er ſich im ernſteſten Geſpräch mit Lord Coſſington und ſeinem Schwiegervater verwickelt, und zwar in Betreff der Fragen, welche er Lord Crawley hatte löſen können. Weil die beiden geſchäftigen Tory⸗ Mitglieder wußten, daß wohl die Frage über den indiſchen Krieg im Parlamente beſprochen werde, ſo waren ſie bemüht, ſich von der Quelle aus über die Sache unter⸗ richten zu laſſen. Sie vermutheten nicht, daß der geheime Sekretär ſelbſt die Sache trocken gelegt hatte, und daß jede Belehrung, welche ſte Oberſt Hamilton abdringen konnten, bloß ihrem armen Freunde, Lord Crawley, den Donner der Rede im Parlamente nehmen könne. Ein wenig ſpäter wurde Oberſt Hamilton durch die Frage vom Herzog ſelbſt überraſcht, ob er nicht damit umgehe, in das Parlament zu treten? Auf Ormeau war man der Meinung, ein Mann von Vermögen habe keine bürgerliche Exiſtenz, wenn er nicht im Parlamente ſei. Die Intereſſen von Ormeau wurden dort durch ſechs Stimmen vertreten. Die Parlaments⸗Mitglieder auf Ormeau waren alſo bloß eine kleine Zahl, aber doch hielt es der Marquis und ſein Vater für unmöglich, daß — —— 25 ein Mann ſich dazu berufen fühlen könne, in ein Geſchäfts⸗ leben thätig einzugreifen, wenn er nicht mit dem Stroh⸗ wiſch:„parlamentariſcher Einfluß“ in Verbindung ſtehe. Uebrigens tönte die einfache Frage des Herzogs: „Denken Sie nicht daran, mein Theurer! in das Par⸗ lament einzutreten?“ in den Ohren des alten Oberſt ebenſo, wie wenn Seine Gnaden geſagt hätte:„Wollen Sie ſich nicht zum Erzbiſchof von York einweihen laſſen?“ Er entſchuldigte ſich mit Lachen und verwunderte ſich, wie es wohl dem Herzog von Elvaſton möglich ſein könne, eine ſo hohe Meinung von ſeiner Wichtigkeit zu faſſen.. „Ich verſuchte es, unſern Freund Gratwycke zu über⸗ reden, er ſolle heute und hier mit Ihnen zuſammentreffen,“ ſagte der Herzog, wobei er von allen Seiten ſeine von dreißig Gäſten beſetzte Tafel betrachtete und halb und halb fürchtete, es möchten bei der Geſellſchaft zu viele Fuchsjäger ſein, als daß ſie ihm vollkommen gefallen ſollte.„Aber ich denke, er hat es vollſtändig aufgegeben, auswärts zu ſpeiſen. Wenigſtens will er Ormeau die Ehre ſeiner Geſellſchaft nicht geben.“ Der Oberſt entgegnete ein Paar Worte, welche die Vermuthung beſtätigten, daß der alte Gratwycke nicht mehr außer ſeinem Hauſe ſpeiſen wolle. Waͤhrend er ſich eifrig Mühe gab und ſich auſ's Beſte beſann, ob es wohl Gicht oder chroniſche Rheumatismen, oder einfach das Schlimmſte, die Schwäche des Alters, ſei, was den armen Gratwycke hindere, ſein Schloß zu verlaſſen, war ſeine Aufmerkſamkeit durch eine Frage in Anſpruch ge⸗ nommen, welche die Marquiſin von Coſſington, neben dehte ſaß, an ſeine gegenüberſitzende Schwiegertochter richtete. „Meine Schweſter Devereur ſchrieb mir letzten Früh⸗ ling wörtlich, ganz Rom laufe zum Atelier Gibſons, um eine ausgezeichnete Büſte zu ſehen, für welche Sie als Diana ihm geſeſſen ſeien; ſte ſeie das ausgezeichnetſte ſeiner Werke! Darf ich fragen, haben Sie eine Copie 26 davon mitgebracht? Mein Vater iſt einer der erſten Beſchützer Gibſons.“ „Lady Devereux war einigermaßen im Irrthum,“ entgegnete in großer Verwirrung Miſtreß Hamilton. Ob dieſe Verwirrung daher rührte, daß ſie vor einer großen Partie Fremder eine Erklärung der Art zu geben hatte, oder weil ſie wußte*), was ſie in der Sache mit Henry Hamlyn auf dem Gewiſſen habe, konnte der Oberſt nicht entſcheiden.„Gibſon hatte vom Fürſten Wirzakin, einem Ruſſen, welcher in Italien als Beſchützer der Kunſte, ausnehmend Viel thut, den Befehl, ein Paar Büſten, Diana und Caliſto, zu verfertigen. Es fügte ſich, daß mein Kopf als Modell für ſeine Hauptfigur dienen ſollte und, weil ich mit Lady Burlington ſein Atelier häufig beſucht hatte, ſo war ich ſo glücklich, ihm dieſen Gefallen zu erweiſen, dieß war der Urſprung des Werkes. Unter andern Umſtänden hatte ich allerdings nicht wohl den Muth gehabt, als Göttin aus den Zeiten des Alterthums zu einer Büſte zu ſitzen,“ fügte Miſtreß Hamilton lächelnd hinzu. z „Sie haben uns nun den Urſprung des Werkes er⸗ zählt,“ entgegnete Lady Coſſington.„Sie müſſen es mir überlaſſen, hinzuzufügen, daß dieſer ſchöne Kopf, nachdem er fertig geworden war, die Italiener zum Entzücken hinriß, und daß der König von Baiern für eine Copie der Büſte eine enorme Summe anbot, um ſie in ſeiner Glyptothek aufzuſtellen..“ „Meine Theure! das ſind herrliche Neuigkeiten für mich!“ rief der Oberſt aus und wandte ſich nun gleich⸗ falls an ſeine Schwiegertochter.„Warum beim Teufel! brachten Sie mir keine Copie von dieſer berühmten Büſte nach England? Ich bin kein großer Kunſtrichter, aber ich bin ein warmer Bewunderer der Naturſchönheiten, *) Dieß hätte die nachläſſige Miſtret Gore deutlicher aus⸗ drücken konnen. Es bezieht ſich auf die Büſte, welche ſo viel wir wiſſen, Henry auf ſeinem Zimmer in Cambrigde hatte. 27 ſogar von ſolchen, bei welchen nicht mein ganzes Herz in den Gegenſtand vertieft iſt, wie bei der wirklich be⸗ ſprochenen.“ 1 „Ich wußte, Sie beſitzen ein Miniaturgemälde von mir, Sir, und dachte, es könnte als Anmaßung er⸗ ſcheinen, wenn ich mit einer ſo ganz läſtigen Trophäe beladen nach England zurückkäme,“ entgegnete Ellen. Sodann ließ ſie ſich in eine Unterhaltung mit ihrem Nachbar, Lord Eduard Sutton, ein, einem jüngern Sohn des Herzogs, einem gereisten Manne, der über den Stand der Bildhauerkunſt in Europa und den hohen Nang ſprach, welchen engliſche Künſtler unter ihren Brüdern auf dem Continente behaupten. Als der zu⸗ naächſt ſitzende Oberſt im Stande war, ein Paar Worte ihrer Unterhaltung aufzufaſſen, beſchrieb ſie eben in einer Sprache, welche der Sache vollkommene Gerechtigkeit angedeihen ließ, die ausgezeichnete Statue, welche Geefs für das Grabmal Malibran's zu Lacken gemacht und ſoeben vollendet, und die ſie auf ihrer neulichen Reiſe durch Brüſſel geſehen hatte. Der unvergleichliche Reiz dieſer Statue, der in dem Geiſte der Harmonie liegt, welcher ſich zum Aether, dem Orte ſeiner Abſtammung und ſeiner Heimat, erhebt, und mit der vollen himmli⸗ ſchen Schönheit, welche dieſer herrliche Gegenſtand der Seulptur erfordert, geziert iſt, wurde paſſend von ihr beſchrieben.„Ich hätte es fruͤher nicht für möglich ge⸗ halten,“ ſagte Miſtreß Hamilton,„einer Subſtanz, wie Marmor, eine ſo ſchwebende Haltung zu verleihen. Man weiß nicht, was an dieſem ſchönen Werke am meiſten zu bewundern iſt, der begeiſternde, entzückende Ausdruck des Geſichtes, oder das Schwebende der Haltung.“ Der Oberſt war mißverſtimmt. Ach! er konnte ſie mit aller Mühe nicht dazu bringen, daß ſie von einem gewiſſen Studirenden auf Cambridge und von dem hrrue Reiße in einem Blumentopf auf ſeinem Zimmer prach. Am Abende gab es Muſik, eine Muſik, welche den an das Italiäniſche gewöhnten Ohren der Miſtreß Ha⸗ milton ſonderbar genug vorkam. Der Herzog von Elva⸗ ſton und ſein Sohn waren Direktoren des„Alten Con⸗ zertes“ und Beſchützer des ſogenannten„Liederklubbs“, und Händel, Purcell, Locke, Scarlati, Bach fanden immer Gnade vor ihren Ohren. Die modernſte, auf Ormeau geduldete Muſik war die anmuthige Melan⸗ cholie Mozarts, die Witze und Späſſe von Arne, die zärtliche Eintönigkeit von Cimaroſa. Lady Coſſington ſang mit bewunderungswürdiger Stimme ein oder zwei Lieder Händels durch, worüber Ellen ſichtliches Wohlgefallen bezeugte, aber als der werthe Herzog, ſeine Söhne und zwei oder drei gewöhn⸗ liche Gäſte auf Ormeau zu Violinen und Violoncellen griffen, und eine gut auswendig gelernte Symphonie von Salomon ſtümpermäßig vortrugen, dachte ſie an ihre neapolitaniſchen Abende zurück, wo ein Donizetti, Bellini, Merkadante ſpielten. Ein Seufzer entfuhr ihr, welcher aus der Erinnerung an Perſonen, die mit ihr bei ſolchen mufikaliſchen Abenden geweſen waren, ſeinen Stoff für Traurigkeit zog. Uebrigens war der Abend ein recht angenehmer. Im nahe gelegenen Zimmer war ein Tiſch für das Whiſtſpiel, damit in dem einen Zimmer die Muſiklieb⸗ haber ihr Weſen treiben, in dem andern die der Muſik Abgeneigten ſich unterreden konnten. Unter den letztern war auch der gute Oberſt, welchem es in der That ge⸗ lungen war, Sir Robert Maitland von ſeinem Lieb⸗ lingsgeſpräche, dem Geſpräche über Cabul und Doſt Muhamed, abzulenken. Die zwei Veteranen ſetzten ſich auf zwei altväteriſche Sitze, welche wahrſcheinlich Unter⸗ redungen über den Erbfolgekrieg und das Manöver von Dettingen mitgemacht hatten, um ſich uͤber den neuen Feldzug in Indien gegen einander auszulaſſen; und da nun der Oberſt einen Freund gefunden hatte, der mit ihm in ſeinem Unwillen gegen die Politik des Grafen Clanſawney übereinſtimmte, ſo mußte er doch ſeinen 29 neuen Alliirten dadurch belohnen, daß er einer Erzäh⸗ lung, welche jetzt Sir Robert gab, das aufmerkſamſte Ohr lieh. Er wollte nämlich einen höchſt ausgedehnten Landſtrich auf den Hebriden, der ihm eigen gehörte, aber ihm aus den Händen gekommen war, wieder zurückfor⸗ dern, und zwar hauptſäͤchlich in der Abſicht, Leute auf demſelben anzuſiedeln, und die Auswanderung ſeiner Pächter aus dem ſchottiſchen Hochlande zu verhindern. „Ich ſchmeichle mir, wir haben Wunder gethan,“ ſagte der alte Soldat,„und was dieſe zwei vergangenen Winter betrifft, ſo hatte ich den Troſt, zu wiſſen, daß ſechszig oder achtzig Familien Better bekamen, und gute Nahrung genießen durften, Leute, welche zuvor kaum Lumpen hatten, um ihre Blößen zu decken, kaum Speiſe zu ihrer Nahrung. Mein theurer Oberſt Hamilton! man ſchläft viel ruhiger, wenn man ſich bewußt iſt, ſolche Wohlthaten erwieſen zu haben. Uebrigens warnen mich meine Agenten, ich ſolle nicht zu weit gehen, ich ſolle darauf achten, daß ich den Weg rückwärts wieder finden könne. Ich hatte vier Mädchen auszuſteuern, und meine jüngern Söhne haben ein Recht auf alle „meine Schätze. Ich bin deßhalb genöthigt, zu kriechen, wo ich viel lieber gehen möchte. Doch ich habe ſoeben die willkommene Nachricht erhalten, daß zu Bhurtpore Priſengelder ausgetheilt werden ſollen; da wird eine Freude ſein in Glen Ceil und unter den armen Burſchen von Usk. Meine Tochter Coſſington iſt ſehr böſe über mich, weil ich davon ſpreche, ich wolle morgen in die Stadt gehen und nach der Sache ſehen. Aber weil ich ſeit fünf Jahren kein einziges Mal nach London gekom⸗ men bin, ſo habe ich dort keinen Bankier, und meine Agenten in Edinburg haben allein mein Geſchäft für mich zu beſorgen; doch verſtehen ſie dieſe Art Sachen gar wenig. Man ſagt, der Weg, unſere Stiefel glän⸗ zend zu haben, ſei der, wenn wir unſere eigenen Schuh⸗ putzer ſeien. So muß ich eben die arme Flora betrüben und auf der Eiſenbahn in die Stadt fahren.“ „Ich wünſche, bei Gott! ich hätte es damals er⸗ fahren, als ich in London war,“ rief der Oberſt aus. „Es hätte mir Vergnügen gemacht, auf der indiſchen Bank, oder dem Kriegsminiſterium, oder wo Sie Con⸗ nexionen haben, nach der Sache zu fragen. Es iſt tau⸗ ſendmal Schade, daß Sie dieſes ſcharmante Haus, dieſe ſcharmante Geſellſchaft verlaſſen müſſen, um zu thun, was ein ehrenhafter Mann für Sie thun möchte.“ „Ja, es wäre mir lieb, wenn ich mir die Reiſe erſparen könnte,“ entgegnete der Veterane. Ich habe eine alte Wunde aus dem Kriege, welche mir Unan⸗ nehmlichkeiten verurſacht, wenn ich mich zu viel im kalten Wetter umtreibe. Das iſt der Grund, daß ich ſo ſelten nach Ormeau herüberkommen und die Töchtern des Herzogs beſuchen kann. Doch das Geſchäft muß gethan ſein.“ 3 „Beim heiligen Georg! ich denke, ich könnte die Sache für Sie beſorgen,“ rief der Oberſt voll Herzlich⸗ keit und Feuer aus.„Ich habe einen rechten Mann an der Hand, um nicht zu ſagen, einen Buſenfreund, einen der wärmſten Männer auf der City, welcher ſolche Angelegenheiten ſchon ein halb hundert Mal für mich beſorgt hat.“ „In der That?“ rief Sir Robert Maitland aus, welcher bereits mit ſeinem grauköpfigen Bruder Soldaten auf dem freundſchaftlichſten, vertraulichſten Fuße ſtand. „Es iſt das Haupt der Firma„Hamlyn und Com⸗ pagnie“; ein Burſche mit einem Kopfe, der gut genng iſt für einen Kanzler am Schatzkammergericht. Jeden⸗ falls muß ich ſo viel ſagen, es iſt ein Mann, welcher mir für mein Geld in Zeiten, wie dieſe, fünf und ein halb Prozent zu verſchaffen weiß.“ „In der That! es iſt ein Mann, nach dem man fragen darf!“ rief Sir Robert aus.„Es fehlte mir ſchon lange an einem praktiſchen Manne in London, welcher mir eine ganz genaue Auskunſt vom Stande des Geldmarktes geben konnte. Ich bin Vormund zweier 31 junger, mir theurer Mädchen, der Waiſen eines meiner alten Nachbarn auf dem Hochlande, deren ſchmale Habe dadurch, daß ſie unter meine Hände gekommen, eher beſſer, als ſchlechter geworden iſt. Je mehr ſie übrigens heranwachſen, um ſo mehr tadle ich mich hie und da, daß ich nicht noch mehr an ihnen gethan habe. Mit ein wenig Mühe und mit Hülfe eines Freundes in der Stadt habe ich übrigens die gegründete Hoffnung, ihre kleine Summe noch runder machen zu können, ehe fie in den Stand der Ehe treten. Dieß würde mir eine große Beruhigung ſein. Sorgen Sie dafür, Oberſt, geben Sie mir ein Paar Zeilen an Ihren wunderthuen⸗ den Bankier mit.“ „Ich will noch mehr thun, als dieß, wenn Sie mir die Erlaubniß dazu geben wollen,“ ſagte Oberſt Ha⸗ milton.„Wenn Sie meine Entſchuldigungsgründe dem Herzog annehmbar machen, ſo will ich morgen mit Ihnen in aller Schnelligkeit in die Stadt fahren,(ich habe nämlich die Kunſt, herumzuſchlendern und zu wandern, gelernt, ſo viel ich meine). Wir wollen Hamlyn unſere Angelegenheiten ſagen, im Hauſe der„verbündeten Freunde ſpeiſen, in das Theater gehen, wenn es Ihnen gefällig iſt, und Morgens am nächſten Tage wieder hier beim Eſſen ſein.“" „Sie laſſen mich vor Freude beinahe nicht mehr athmen, mein theurer Herr!⸗ entgegnete Sir Robert, nicht wenig erfreut über dieſes Feuer.„Ich bin zwar einige Jahre jünger, als Sie, aber ich habe dennoch dieſes elektriſche Feuer nicht. Wenn Sie mich übrigens innerhalb vierundzwanzig Stunden auf den Ausflug mit⸗ nehmen, ſo bin ich Ihr Mann und zwar mit der höch⸗ ſten Bereitwilligkeit. So viel ich weiß, bleiben Sie bis Montag hier. Ueberlaſſen Sie ohne Furcht und Bangen Ihre bezaubernde Schwiegertochter der Sorge und Pflege Flora's. Ich will gehen und die Sache mit Lady Coſ⸗ ſington und der Herzogin beſprechen,“ berſt Hamilton war in der That weit davon ent⸗ fernt, eine Entſchuldigung bei den Elvaſtons wegen einer zweiten Reiſe in die Stadt hoch anzuſchlagen, da er ja Ellen nicht allein auf dem Schloſſe Burlington laſſen durfte. So hoch er auch den Umgang mit ihr ſchätzte, er tröſtete ihn nicht vollkommen für den Verluſt des Umgangs mit der würdevollen und unterwürfigen Miſtreß Hamlyn. Die Hoheit des Charakters, welche ſich auf den ernſten Augenbrauen ihrer Schwiegertochter zeigte, unterdrückte oft auf ſeinen Lippen vertrauliche Scherze, von denen er ſicher war, daß ſie in Lydia's mädchenhaftem Lachen ein Echo gefunden hätten, und von ihrer Mutter mit lächelnder Güte aufgenommen worden wären. Er wünſchte, ſie wieder zu ſehen. Er wünſchte, Miſtreß Hamlyn zur Unterwürfigkeit ihres Sohnes Henry zu gratuliren, und der Sache auf den Sprung zu kommen, ob der junge Student gegenüber von ihr in ſeinem Geſtändniß, daß er mit Ellen Be⸗ kanntſchaft habe, freier und offener geweſen ſei, als Ellen gegenüber von ihm in Beziehung auf ihre Be⸗ kanntſchaft mit ihm war. Sowohl in Bezug auf den freundlichen Beſuch in Cavendiſch⸗Square, als in Bezug auf den Geſchäfts⸗ beſuch in der Lombardſtraße, war ſeine kleine Reiſe in die Hauptſtadt ausſchließlich den Hamlyns gewidmet. Zweites Kapitel. „Gefährlich, ſage ich, ſind ſolche Leute.“ Shakespeare. Wie bereits geſagt worden iſt, Richard Hamlyn war in ſeiner Firma ſo abſolut, als Richard Löwenherz an der Spitze ſeiner Armee. Sein bloß dem Namen nach exiſtirender Theilhaber am Geſchäfte, war ſeit Jahren 33 nicht über die Thürſchwelle des Rechnungshauſes gekommen. Der wirkliche, wahre Theilhaber übte allein den Einfluß auf ſeine Untergebenen aus. Der Grund war, daß er einen Charakter von der höchſten Unbeſcholtenheit und als Geſchäftsmann eminente Fähigkeiten hatte. Denn die Rechtſchaffenheit eines Zahlmeiſters iſt ehrender, als Ritterſporn, und die Feder des Bankier war ſo glorreich, als die Lanze Bayards. Wenn je bei einem Geſchäfte ein Fehler vorkam, ſo hatte der Schreiber, welcher in Verlegenheit gekommen war, bloß bei dem Haupte der Firma um eine Unter⸗ redung von fünf Minuten zu bitten, und Alles war wie⸗ der im Reinen, die fehlenden, fraglichen Fonds kamen heraus, und die ganze Schwierigkeit gelöst. Wenige Schreiber von Bankier haben Muße, um ſorgfältiger die Privat⸗Angelegenheiten ihrer Prinzipale zu unterſuchen, als die ſchuldige Bezahlung ihrer Beſol⸗ dungen und der Stand der Geldkaſſe ihres Herrn erheiſcht. Jeder, der die Bankierhäuſer in der Lombardſtraße über⸗ haupt und namentlich das Haus Hamlyn kannte, oder zu kennen bemüht war, war, daß dieſes Haus ein ſehr reiches, und daß der Reichthum deſſelben immer noch im wachſen ſſei, weil Richard Alles mit ſtarkem, klugem Sinne leite. Demgemäß waren auch, ſeine Schreiber ganz glücklich, voll ſtolzen Muthes, ſich ſelbſt genügend, wie es der Schreiberſchaft eines im wachſen begriffenen Hauſes an⸗ gemeſſen iſt. Doch war Einer unter ihnen, Namens Spilsby, der kahlköpfige Schreiber, an welchen die Wittwe John Darleys vom Eitronen⸗Hof von ſeinem Herrn gewieſen worden war, und welcher ein etwas verſchmitzteres Auge und berechnenderen Sinn, als die übrigen Schreiber hatte. Ihm ſchien die Art und Weiſe, wie Hamlyn ſeine Ge⸗ ſchäfte betrieb, auffallend. Hamlyn bewies in der Art und Weiſe, wie er die Dividenden annahm, und über die Verſicherungen des Hauſes verfügte, ein Mißtrauen, das einen Mann argwöhniſch machen mußte, welcher Die Bankiersfrau. II. 3 34 dachte, daß neunzehn volle Dienſtjahre ihn mit dem Haupte oder Herzen der Firma auf eine höhere Stufe der Gleich⸗ heit und Vertraulichkeit hätten bringen ſollen. Da nun ſein Verdacht in dieſem Punkte einmal wach geworden war, ſo zauderte er nicht, die ihm durch ſeine Stellung an die Hand gegebenen Vortheile zu benützen. und eine Menge ſubtiler Unterſuchungen anzuſtellen, auf welche er bis Dato keinen Augenblick verfallen war, oder vielmehr auf welche er, wenn er im Verhältniſſe größerer Vertraulichkeit zu ſeinem Herrn geſtanden wäre, vermöge der Achtung gegen ſeinen Herrn nur inſoweit verfallen wäre, als es ſich mit ſeinem Pflichtgefühl gegen die Firma vertrug. Als er nun die erſte beſte Gelegenheit ergriff, um ſeine Hände an eine der verdächtigen Sachen zu legen, wies ihn Hamlyn entſchieden und ſtrenge zu Rechte, und gab ihm ein ſchwieriges Geſchäft zum Be⸗ rechnen auf, um ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Punkt zu lenken. Anſtatt Schmerz darüber zu empfinden, daß die Firma genöthigt ſei, zu Kunſtgriffen ihre Zuflucht zu nehmen; anſtatt voll Eifer ihrem drohenden Unglücke zu Hülfe zu kommen, war Spilsby entſchloſſen, mit Ge⸗ duld zu warten, aber mit Hartnäckigkeit für ſeine Ver⸗ dachtsgründe Gewißheit zu ſuchen. Doch das Mißtrauen Richard Hamlyns war nun gleichfalls rege. Er hatte nicht den geringſten Zweifel darüber, daß der Oberſchreiber mehr als halb wiſſe, im Geſchäfte ſei nicht Alles in Ordnung; und Höllenangſt mußte ihn foltern, als er entdeckte, wie weit Spilsby unterrichtet war. Jeden Morgen, wenn er die Zimmer ſeines Bankierhauſes beſuchte, richtete er den erſten Blick gegen den kahlköpfigen Schreiber. Jeden Abend, wenn das Geſchäft zu Ende war und Spilshy ihm die Schlüſſel einhändigte, war ſeine erſte Sorge die, daß er ihm auf die Augen ſah, ob Etwas von ſeinen Geheimniſſen an den Tag gekommen, ob unter ſeinen gewölbten Augen⸗ brauen ein Ausdruck des Triumphes zu entdecken ſei, oder ob ſich erzweiflung in den Winkeln ſeines Mundes zeige. 3⁵ Ein Verräther im Hauſe, wie dieſer, war millionenmal mehr zu fürchten, als die in italieniſcher Sprache geführten Geſpräche Ellen Hamiltons und der Wittwe von Sir Roger Burlington. Wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, der Gegen⸗ ſtand dieſer Aufmerkſamkeit wurde ſich bald ſeiner Macht bewußt. Spilsby konnte allerdings der Sache nicht auf den tiefſten Grund kommen, er kannte auch die Quelle der Mängel nicht genau, welche ſeinen Prinzipal vor einer Unterſuchung zittern machten, aber er ſah doch ein, 3 daß er für den Augenblick die Mittel in Händen habe, 4 die Selbſtbeherrſchung Herrn Hamlyns zu zerſtören, und zwar durch ein einfaches höhniſches Lächeln, welches ſich auf ſeinem Munde zeigte, wenn Hamlyn den glücklichen Stand ſeiner Geſchäfte rühmte. Wenn ſein Herr ein großes Depoſitum ankündigte, ſo hatte er Nichts zu thun, als ſein Auge unverſchämt und ſpionirend auf ſeinen Herrn zu richten, um zu machen, daß Richard im Geſichte be⸗ troffen, und ſeine Antworten unzuſammenhängend wurden. Dieß Alles machte dem Bankier bange. Der Stolz auf ſein Anſehen in der Lombardſtraße war beinahe gänzlich zerſtört. Er konnte nicht gehen, ſprechen, ſchreiben, ſich bewegen, ohne zu fühlen, daß er von Spilsby beauf⸗ ſichtigt ſei. Während der geheimen Unterredungen, die in ſeinem hintern Zimmer gehälten wurden, dachte er ſich immer das Ohr des kahlköpfigen Schreibers hart am Schlüſſelloche; wenn er allein bei ihm war, ſo bekam er hie und da die Luſt eines Gladiators, auf ihn los⸗ zuſtürzen, und ſeinem Freunde deſſen Kenntniſſe über ſeine Geheimniſſe, alle ſeine Entdeckungen aus der Bruſt zu reißen. Er verlor ſeine kalte Schlauheit und die ge⸗ wöhnliche Macht der Berechnung, wenn Spilsby zugegen war. Wenn ſich das Auge des kahlköpfigen Schreibers auf ihn richtete, ſo war es Hamlyn nicht länger möglich, die Geheimniſſe der öſtreichiſchen Staatsſcheine und der vandaen Wechſel zu entziffern.„Othellos Tagewerk war gethan!“ 3 36 . Jeden Schritt, den Hamlyn in Beziehung auf Selbſt⸗ beherrſchung rückwärts that, that der Oberſchreiber Spilsby vorwärts. Das Leben des Schreibers wurde ein Gemiſch von Prüfen und Unterſuchen, von Verdacht und Auflauern. Auf einmal meinte er, bei den von der Firma ausgeſtell⸗ ten Verſicherungen auf den Staatsſchatz ein ungeheures Deficit entdeckt zu haben. Aber Hamlyn legte ihm eine Binde um das Auge. Er erſuchte ihn, zu entſcheiden, ob er berufen ſei oder nicht, die geheimen Angelegen⸗ heiten ſeines Prinzipals zu unterſuchen. Spilsby wies mit ſchuldiger Beſcheidenheit darauf hin, er befürchte, Herr Hamlyn ſei das Opfer irgend einer Spitzbüberei geworden. Kaum hatte er dieſes geſagt, als der Bankier die fehlenden Verſicherungen hervorzog, und ſich nun ebenſo gut das mit Kummer vermiſchte Erſtaunen Spilsby's, als zuvor ſeine ſchlecht verhüllte, verächtliche Schaden⸗ freude zu erklären wußte. Von dieſem Augenblicke an wurde der kahlköpfige Schreiber über ſeinen Plan, Geheimniſſen Hamlyns auf die Spur zu kommen, vollkommen verſtimmt. Er ſah, daß ſein an Verſtand höher ſtehender Prinzipal den von ihm gehegten Verdacht ſehr wohl verſtanden, aber auch zu Schanden gemacht habe. Weil er den entſchloſſenen Charakter Hamlyns kannte, war er überzeugt, er werde kein Mittel ſparen, um den Mann zu vernichten, welcher es wagen durfte, den Schleier zu lüften, der das ange⸗ freſſene Glied ſeines Geſchäftes verhüllte. Kurz, zwiſchen den Beiden war es zu einem Kampfe auf Leben und Tod gekommen. Obwohl Beide gegen einander die äußerliche Höflichkeit beobachteten, welche ihrer Stellung gegenüber von einander geziemte, ſo ſprachen doch die Blicke Beider, wie das Blinken von Dolchen. Oft ſprachen ſie lächelnd mit einander vom Wetter, wenn doch Jeder ganz genau merkte, daß der Andere ihn gar gerne der Welt, dem Kerker, dem Stricke überliefern moͤchte. Dieſes war im Geheimen die Stellung eines Mannes, * 37 welcher Geſandte und geheime Räthe an ſeine Tafel zog, und die Blicke des Hauſes der Gemeinen zu lenken wußte. An einem ſchönen Februarmorgen, nachdem Hamlyn die verſtohlenen Blicke Spilsby's, welche ihm ſo furcht⸗ bar waren, als die Zähne einer Klapperſchlange, hatte aushalten müſſen; als er durch die verſchiedenen Zimmer ſeines Bankierhauſes hindurch, um die gewöhnliche frühe Stunde, in ſein Privatzimmer ging, geſchah es, daß er, wie er ſich vor ſeinen Schreibtiſch ſetzte, um eine Reihe Briefe, welche außen als geheime bezeichnet waren, und eine Reihe falſcher Münzen, welche ihm der Kaſſier zur Einſicht gegeben hatte, zu prüfen und zu würdigen, rückwärts in ſeinen Stuhl ſank, ohne im Stande zu ſein, auch nur der geringſten dieſer ſchriftlichen Sachen Aufmerkſamkeit zu ſchenken; einen ſo tiefen Eindruck machte das giftige Lächeln auf ihn, welches über das Angeſicht Spilsby's zog, als er ſeinen Eintritt bemerkte. Wie Haman hätte er in dieſem Augenblicke gar zu gerne den Befehl zur Errichtung eines fünfzig Ellen hohen Galgens geben können, um den ihm verhaßten Mardahai aus der Welt zu ſchaffen. Familie in Irland, war gerade mit der Poſt in die Stadt gekommen und hatte ee für paſſend gehalten, in der City auf ihren Prinzipal zu warten, indem ſie meinte, die Familie ſei immer noch auf Dean⸗Park, um in ihrem Geſchäfte Unterricht und Belehrung zu erhalten, das heißt 38 willigte. Denn Miß Creswell war in ſeinen Händen eines der gleichgültigſten Inſtrumente geweſen. In der ehrfurchtsvollen Verehrung ihres Herzens betrachtete ſie ihn, was ſeine politiſche Seite betraf, als wenig unter Metternich; in ſinanzieller Hinſicht ſtellte ſie ihn über alle Rothſchilds, mit allen ihren Kapitalien in ganz Europa. Deßhalb wußte Herr Hamlyn aus langer Er⸗ fahrung, daß es ihm möglich war, ſie durch ein Wort zu geſchweigen, und durch einen Wink aus ſeiner Gegen⸗ wart zu vertreiben. Doch war er nicht auf den Wechſel vorbereitet, welcher in der Seele einer Irländerin entſteht, wenn ſie wieder in ihre Heimat in ihr Irland kommt, wo die Gefühle ſo mächtig und gewaltig ſind. Das arme, unbedeutende, abhängige Mädchen, durch die Eigenheiten von Cavendiſh⸗Square, ſo lange er⸗ kältet, war nun aufgethaut, und ein menſchliches Weſen geworden. Seit ſechs ganzen Monaten hatte die be⸗ ſcheidene Gouvernantin für ſich ſelbſt gedacht und gefühlt, bis ſte zuletzt mit„ihrer eigenen Zunge“ ſprach. Hamlyn wäre es viel lieber geweſen, wenn ſie dieſelbe gehalten hätte; denn er war gerade nicht gut aufgelegt, um müſ⸗ ſiges Gerede anzuhören. Er hatte keine Laune für ihre Reden, kaum für den Ausdruck ihrer Dankbarkeit. Die in dieſem Tage erfolgte Ankunft des kleinen, beweglichen Weibchens, welche voll Freude war, daß ſie mit ihren geliebten Zöglingen wieder zuſammentreffen konnte, war wie das läſtige Brummen einer Mücke um das Haupt eines Reiſenden, welcher ſich im Walde verborgen hat, um ſich gegen den Angriff eines Löwen zu ſichern. Nachdem Miß Creswell in einer langen Vorrede geſagt hatte, ſie hoffe durch ihre gewiſſenhafte hingebende Sorge für den Geiſt, die Moral, das äußerliche Be⸗ nehmen(natürlich dachte ſie dabei auch an die Geographie und den Gebrauch des Globus, Dinge, welche ſie den jungen Mädchen, wie bereits geſagt, beigebracht hatte), ſprach ſie noch Folgendes:„Die Güte, welche Sie immer . 39 gegen mich gezeigt haben, Sir, gibt mir die Kühnheit, mich mit ein Paar, einzig und allein meine Angelegen⸗ heiten betreffenden, Fragen bei Ihnen einzudringen, und ie um einen Theil Ihrer köſtlichen Zeit zu bringen. Maſter Joſeph Creswell, mein Onkel, O ich denke, ich habe Ihnen eben geſagt, daß ich einen Onkel habe, der ein ausgezeichneter Juriſt, das heißt, ein Advokat in Limmerick, mit einer bedeutenden Praxis iſt, pflegte immer vor dieſer Zei den Betrag meines Gehaltes, welcher von Ihnen aus in die Bank Latouches geſchickt, und zu ſeiner Verfügung geſtellt wurde, anzunehmen und anzu⸗ legen. Dieſe kleinen Erſparniſſe, Dank Ihrem Edelmuthe und der Güte, mit welcher Miſtreß Hamlyn meine kluge Sparſamkeit betrachtet, indem ſie—“ 5 Hamlyn ſeufzte in Gedanken, da die geübte Red⸗ nerin ſo gar lange Phraſen machte. 4 Als Miß Creswell ſeine Ungeduld bemerkte, ſo ſagte ſie:„kurz, mein Herr! ich beſttze nun eine Summe Geldes, wenig unter tauſend Pfunden, in der That eine beträchtliche Summe, wenn ich bedenke, daß ich als armes Mädchen in Ihr Haus kam, ohne ein anderes Beſitzthum, als meinen Fleiß und meine Fähigkeiten für den Unterhalt meines Lebens. Ich bitte Sie um Ver⸗ zeihung, daß ich Sie hier hin halte, aber ich komme auf den wahren Punkt. Mein Onkel iſt ein in den ſicherung niederlegen, da ich ſchlimmer daran ſei, als die verſchiedenen Mitglieder meiner Familie.“ „Das war ein ſehr kluger Rath!“ bemerkte der Bankier, der vor ihm zwiſchen ſeinen Augen und dem gezierten, magern Geſichtchen der Miß Creswell den bedeutungsvollen Blick und das durchdringende Auge des Schreibers bemerkte, eine Erſcheinung, welche ihn beinahe ſeiner Beſinnung beraubte. „Mein Onkel Joſeph verſicherl mich, dieſe Art der 40 Anlegung von Geld ſei paſſender, das heißt ſicherer aus⸗ führbar in London; ein Wort von Ihnen an Ihren Geſchäftsmann, könne mir eine günſtige Gelegenheit an die Hand geben, um das Geld gut anzulegen; und, als Einleitung der Bitte, überſendet er Ihnen hiemit zu meinen Gunſten den ganzen Betrag der in Frage ſtehenden Summe. Wenn ich deßhalb mir keine zu große Freiheit herausnehme—“ „Meine theure Dame! es gibt keinen für mich aus⸗ führbaren Dienſt zu Ihren Gunſten, auf den Sie nicht den vollſten Anſpruch machen dürften,“ ſagte Hamlyn mit vieler Freude, im ſchmeichelhafteſten Tone.„Ihre unſchätzbaren, meinen Töchtern erwieſenen Dienſte, die vernünftige Aufſicht, die Sie über ihre Erziehung hatten, verpflichtet mich zur höchſten Dankbarkeit, zur höchſten Achtung gegen Sie.“ Nun aber glaubte er, ihre Artig⸗ keiten Wort für Wort zurückbezahlt zu haben, und zog als dann aus dem Conceptbuche einen Bogen Canzlei⸗ papier heraus, das an ſeinen Procurator, Herrn Cros⸗ mann, mit der Firma Crosmann und Slak, in der neuen Norfolkſtraße, gerichtet war, in welcher die Ueber⸗ bringerin ſeiner hochſten Achtung empfohlen, und er ge⸗ beten war, er möchte ſich für die Dienſte, die er ihr erweiſe, bei ihm, dem Bankier, bezahlt machen. Dieſer Akt der Güte ſollte zwar wohl als Abſchieds⸗ ſtrauß gelten, um die etwas langen Verhandlungen einer Dame abzuſchneiden, welche ſo weitſchweifige Reden hielt, als die Großhändlerin, im Romanen des Lindley Murray, allein ſie verfehlte ihren Zweck. Die arme Miß Creswell, die ſich nun voll Freuden ihrer kleinen Geldſumme entledigt ſah, welche ſie nicht einmal genau gezählt hatte, brach nun in immer weitläuftigeren Seg⸗ nungen und Dankſagungen gegen den Bankier aus. „Dieſe edle Handlung mußte ich wohl vom Sohne Ihres Herrn Vaters erwarten. Mein Onkel Joſeph gratulirte mir einſt, ich habe darin ein ſo gutes Glück, daß ich ſeit ſo vielen Jahren meinen Platz in Ihrem 41 Hauſe und Ihrer guten Meinung zu behaupten im Stande ſei, und ſagte mir, wenn er Gelegenheit hätte, dreißig Jahre von der Zeit an gerechnet, in welcher er es ſprach, die Hauptſtadt Englands in Geſchaͤftsſachen wieder zu beſuchen, ſo würde wohl der Name Walther Hamlyns eine Bezeichnung für jede Auszeichnung, jede Tugend, jede Einſicht ſein. Mein Onkel hatte einmal ein Geldgeſchäft mit dem letzten Herrn Hamlyn, welches einen unauslöſchlichen Eindruck auf ſein Herz zurück ließ. Beinahe um dieſelbe Zeit hatte er eine Audienz bei dem letzten Herrn Pitt; und er ſagt, unter den zweien ſei ihm Herr Hamlyn von der Lombardſtraße als der be⸗ deutendere erſchienen, und habe den größeren Eindruck auf ihn gemacht.“ Die Gouvernantin hätte noch länger geſprochen, und noch länger hätte Hamlyn zugehört— den Lob, welches man dem Namen und Andenken ſeines Vaters weihte, war für ſeine Ohren das Bezauberndſte, das ſie hören konnten. Hochachtung vor ſeinem Vater machte die einzige, mit ſeinen Fehlern Etwas ausſöhnende, Tugend ſeines Lebens aus, und, ſobald Miß Creswell den ver⸗ ſtorbenen Bankier über Herrn Pitt ſtellt, ſtellte er ſie in Gedanken über Miß Edgeworth. Aber in dieſem Augen⸗ blick ſchaute das Geſicht Spilsbys, des wahren leib⸗ haftigen Spilsbys, in das Zimmer, und wünſchte, Herrn Hamlyn zu ſprechen. In ſeiner Stimme und in ſeinem Ausſehn lag nichts Ungewöhnliches; doch Hamlyns war im Augen⸗ blicke in ſo geſteigerter Stimmung, daß es ihm vorkam, in dieſen einfachen Worten liege eine geheimnißvolle Ankündigung. „Jeden Augenblick erwartet Sie Frau Hamlyn in Cavendiſh⸗Square, wo ich das Vergnügen haben werde, Sie dieſen Abend zu ſehen,“ ſagte er zur Gouvernantin, zum Zeichen, daß ſie ſich entfernen ſolle. Im Augen⸗ blicke nahm ſie ihre Handſchuhe, ihren ſammtnen Sack⸗ beutel, und ihren Sonnenſchirm zuſammen, und ent⸗ 4² fernte ſich eilig. Nun zauderte Spilsby nicht länger, den aufgeregten Bankier damit bekannt zu machen, daß — Oberſt Hamilton und ein anderer Herr draußen auf ihn warte. Ein ſchwerer Stein ſiel Herrn Hamlyn vom Herzen. Er wünſchte, Spilsby möchte ſie augenblicklich herein⸗ führen. Ehe aber dieſer Zeit hatte, ſeinen Befehl aus⸗ zuführen, waren die Herren ſchon da, und er eilte in das Nebenzimmer, wo er mit ausgebreiteten Händen den am meiſten geſchätzten ſeiner Freunde bewillkommnete, der Sir Robert Maitland bei ihm einführte. Im nächſten Augenblicke ſaßen alle drei bereits in des Bankiers Zimmer. Oberſt Hamilton, der, wie wir wiſſen, die Kunſt ver⸗ ſtand, im Nu mitten in die Sachen einzugehen, war bereits mitten in dem auch auf Ormeau beſprochenen Kapitel über Politik und Finanzen. „Wenn Sie neulich Watty von mir reden gehört haben, ſo erwarteten Sie mich wohl heute nicht hier, mein theurer Hamlyn?“ rief er aus.„Sie glaubten wohl nicht, ich werde meine Quartiere in einem Lande verlaſſen, das von Milch und Honig überfließt, um halb verrückt nach London zu rennen, und an Ihren mächtigen Geldkiſten meinen Kopf zu zerbrechen? Ich habe Ihnen einen Freund gebracht, das heißt einen guten Kunden, was die beſte Art von Freund iſt, welchen nöthig hat, daß Sie es ihm machen, wie uns Allen, und ihn fünf⸗ undzwanzig Schillinge mit einer Guinee ſinden laſſen.“ NRichard Hamlyn wußte für den Augenblick bei dem Fremden nicht, mit wem er es zu thun hatte, und glaubte nur halb und halb, daß die Vorſehung ihm einen zweiten offenherzigen alten Soldaten zuſenden werde, von Bankiergeſchäften nicht mehr wiſſe, als eine Patrontaſche. Doch war er zu ſeiner Freude davon überzeugt, daß die letzten Worte, die der Oberſt geſprochen hatte, gewiß einen guten Eindruck auf ſeinen neuen Kunden gemacht haben werden; und fing nun an, ſich nach dem Befinden von Miſtreß Hamilton zu erkundigen, in der Hoffnung 43 allgemeine Notizen in Betreff ihres Beſuches aus einem oder beiden Herrn herauszulocken. Der Verſuch glückte. Der Fremde unterſtützte den Oberſt in der Beantwortung der Frage des Bankiers, und ſpielte darauf an, daß ſeine Tochter, Lady Coſſing⸗ ton, bei welcher wirklich Miſtreß Hamlyn ſei, zu Ormeau als Freundin und Geſellſchafterin für ſie beſorgt ſei. Auf dieſe Weiſe erſah Hamlyn, daß er es mit Sir Robert Maitland zu thun hatte, eine Entdeckung, welche ihn entzückte. Wenige Dinge konnten ihm erfreulicher ſein, als der Umſtand, daß der Herzog und die Herzogin von Elvaſton, das Gegenſtück von den übermüthigen Per⸗ ſonagen Hyde's, auf dieſe Weiſe mit ihm in Berührung kamen. Unter dem Schutze von Ormeau konnte er auf Barlow von Alderham herabſehen, Gratwycke von Grat⸗ wycke Trotz bieten, und gegen die vereinte Edelmann⸗ ſchaft in der ganzen Grafſchaft Stand halten. Kurz, Nichts war ihm angenehmer, als die Bekanntſchaft mit dem Fremden, vermittelſt deſſen, wenn er(Hamlyn) ihm Dienſte leiſtete, ſich die Dankbarkeit der Lady Coſſington und die Gunſt der Elvaſtons für die Zukunft erwerben konnte. Nachdem Sir Robert ſeine Angelegenheiten halb erörtert hatte, ſetzte Hamlyn Sir Roberts Aaſprüche auf die Priſengelder von Bhurtpore nieder. Dabei be⸗ merkte er, dieſe Anſprüche erfordern von Seiten Sir Roberts ein zu Gunſten Hamlyns eidlich erhärtetes Zeugniß, und von Seiten eines Advokaten eine förmlich ausgefertigte Vollmacht. Dann könne Hamlyn und Compagnie das ganze Geſchäft anfangen und zu Ende bringen. Hamlyn werde das Geſchäft ſo gut zu betrei⸗ ben wiſſen, daß die Priſengelder denen, welche gerechte Anſprüche auf ſie haben, zur gehörigen Zeit ausbezahlt würden.. Die Geldintereſſen von den Mündeln Sir Roberts wurden mit gleicher Lebendigkeit, die Anſprüche Sir 44 Roberts auf die oben genannten hebridiſchen Inſeln mit gründlicher Ueberlegung beſprochen. „Ich erinnere mich ganz gut, die Bill in Betreff der zum Gute Glen Coil gehörigen Inſeln wurden im Parlamente beſprochen,“ ſagte Herr Hamlyn.„Ich war eben beim Committee für die Verbeſſerung der weſtlichen Inſeln, welches die beſſere Anbauung der Maitland⸗ Inſeln der Kenntniß des Parlamentes vortrug. Ihr Unterhändler, ein gewiſſer Herr Causley, ein ſehr ge⸗ ſchickter Mann, wurde über die Sache befragt und hielt einen Vortrag, welcher ſowohl ihm, als ſeinem Prin⸗ zipale, unbegränztes Vertrauen erweckte.“ „Gott ſei meiner Seele gnädig! Sie waren alſo dabei, als Causley über die Sache befragt wurde; da⸗ von habe ich noch kein Wort gehört,“ rief Sir Robert aus.„O, mein theurer Oberſt Hamilton! das iſt ein ſehr merkwürdiges Zuſammentreffen! Wie wenig dachte ich daran, daß Ihr Freund, Herr Hamlyn, jemals von meinen armen Burſchen auf Glen Coil gehört hätte! Das iſt einmal gewiß, das Ineinandergreifen der Ge⸗ ſchäfte in dieſem Lande des Handels iſt etwas ganz merkwürdiges.“ Der Bankier, deſſen Freude an Sir Robert immer mehr gewachſen war, entgegnete:„Mein theurer Herr! ich erinnere mich, es war mir früher ſehr ärgerlich, daß ich nicht die Ehre hatte, mit Ihnen oder irgend einem Gliede Ihrer Familie bekannt zu werden. Ich hätte Ihnen gezeigt, daß die Errichtung einer Geſell⸗ ſchaft in Usk, welche nicht nur das Brennen des Kolpes, ſondern auch die Bereitung des Jod nach der Königs⸗ burger Erfindung zu beſorgen hätte, nicht nur ausführ⸗ bar, ſondern nach allen Rückſichten gewinnreich wäre. Denn Jod iſt ein Mineral, deſſen Werth und Wichtig⸗ keit in Großbritannien und den britiſchen Colonien von Tag zu Tag immer mehr geſchätzt wird.“ Die zwei alten Soldaten wurden jeden Augenblick ſtärker davon überzeugt, daß der Bankier für Staats⸗ 45 Angelegenheiten ein ſcharfes Auge habe. Er fragte Sir Robert nun weiter, kreuz und quer, über die Natur und Ergiebigkeit ſeiner Ländereien auf dem ſchottiſchen Hochlande aus. Der Veterane kam beinahe auf den Gedanken, das Neſt⸗Ei, welches er zum Wohle des ärmern Theiles ſeiner Grafſchaft ſo verborgen und ge⸗ heim gehalten hatte, ſei am Ende ein goldenes, und er würde eine dumme Gans ſein, wenn er es nicht mit der eifrigſten Bemühung ausbrüten würde.“ Plötzlich hielt Hamlyn inne, weil er ſich bei Er⸗ wähnung von Bhurtpoor an das Intereſſe erinnerte, welches die zwei alten Soldaten für die indiſchen Ange⸗ legenheiten gezeigt hatten, und bat um Erlaubniß, einen der Briefe zu unterſuchen, welche als familiär und im Vertrauen geſchrieben bezeichnet waren, und auf ſeinem Tiſche gelegen hatten, als er ankam, und deren Adreſſe ihn verſicherte, daß ſie von einem Manne herrührten, der eine bedeutende Stelle auf der indiſchen Börſe hatte, und den er dafür ſehr gut bezahlte, daß er ihn gleich bei der Ankunft der Poſten von allen möglichen Neuig⸗ keiten zuerſt in Kenntniß ſetzte. Siehe dal er hatte mit vollem Rechte den ſehnlichen Wunſch gehabt, die Sache zu unterſuchen, denn der Brief in ſeiner Hand kündigte wichtige Mittheilungen an, welche bloß in der Abend⸗ zeitung veröffentlicht werden ſollten. Beide, ſowohl Oberſt Hamilton, als Sir Robert, waren entzückt. Sie ſtanden in einem Alter, in welchem Neuigkeiten aus der Zeitung dreifache Wichtigkeit für ſie hatten. Je mehr bei alten Leuten das Wohlgefallen an weltlichen Ver⸗ gnügungen abnimmt, deſto größere Freude haben ſtie, wie es ſcheint, an Erzählungen von Belagerungen, Empörungen, Erderſchütterungen, von Verrath, von Kriegserklärungen, wie wenn ſie wüßten, daß die Nacht nahe iſt, in welcher Niemand mehr wirken kann; daß die Zeit nahe iſt, in welcher die Zeitungsblätter ihre Spalten nicht mehr für ſie einrücken laſſen werden. Ehe ihre Freude verflogen war, als ſie von einem 46 7 ſchönen, an den Gränzen der Tartarei erfochtenen Siege hörten, der inſoweit wichtig war, als er den Stand der Staatspapiere von 74 ⅛ auf 74 ¼ hob, drückte Hamlyn ſeinen ernſtlichſten Wunſch aus, ſie möchten ihm die Ehre erweiſen, und auf Cavendiſh⸗Square mit ihm ſpei⸗ ſen, da ja ihr Geſchäft gut abgemacht ſei; ſie möchten ja nicht, wie ſie gedroht hätten, um vier Uhr mit der Poſt wieder auf das Land hinaus fahren. Er ſagte, er erwarte ein Paar Freunde, einen oder zwei ausgezeichnet unterhaltende Herren. Es würde ihm das herzlichſte Vergnügen machen, wenn er dieſen Leuten Gelegenheit verſchaffen würde, eine für alle Freunde der Humanität ſo wichtige Bekanntſchaft zu machen, wie die mit Sir Robert Maitland von Glen Coil ſei. Der alte General war durch ſolch ausnehmend ſchmeichelhafte Huldigung entzückt, und der Oberſt wollte es nicht anders haben, als mit Herrn Hamlyn ſpeiſen. Am vorigen Abend waren ſie ſpät angekommen, und hatten bis jetzt noch keinen ihrer Plane für ihren Beſuch in London in's Werk geſetzt, die beiden ausgenommen, daß ſie bei ihrer Geſellſchaft geſpeist hatten und im Theater geweſen waren, und Oberſt Hamilton wollte gar zu gerne, ehe er auf das Land zurückkehrte, bei ſeiner Freundin, der Frau des Bankiers, einen kleinen Beſuch machen. Darum war es Herrn Hamlyn leicht, die Zuſtim⸗ mung beider zu erhalten. „Bei meinem Leben! ich traf niemals mit einem angenehmeren und gemüthvolleren Mann zuſammen,“ rief Sir Robert aus, als ſie zum Weſtende der Stadt zurückfuhren. . „Ein ſehr merkwürdiger Mann iſt es, Sir, ein Mann von den ausgebreitetſten Kenntniſſen! Ich denke, Sie ſagten, ſein Sohn ſei beim blauen Regimente. Ich freue mich, es zu hören. Dieſes Regiment iſt eines der ſchönſten Schloßregimenter. Ich freue mich, zu ſehen, daß ein Mann, der ſein Leben und ſeinen Geiſt am 47 Schreibtiſche gewetzt hat, ſo klug war, ſeinen Burſchen in ein ſolches Hauptregiment zu ſtecken, damit er die Trophäen von den ſtilleren Bemühungen ſeines Vaters im Triumphe in der Welt herumtrage. Ich freue mich, im Gedanken an unſere Mahlzeit, mein theurer Oberſt! Es kam mir noch nie der Gedanke, daß ich die geſell⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe eines Herrn, wie Hamlyn, hin⸗ ter den Couliſſen ein wenig in Augenſchein nehmen könnte. Ich bin in der That hoch erfreut, daß ich das häusliche Leben eines ſo wichtigen Standes, wie die Handels⸗Ariſtokratie dieſer Kaufmannsſtadt iſt, mit an⸗ ſehen ſoll.““ Wäre Lord Dartford dabei geweſen, er hätte ohne Zweifel das pomphafte Manifeſt des werthen alten Ge⸗ nerals, deſſen Ideenkreis nicht wohl über ſeine ſchotti⸗ ſchen Hochlande hinausging, mit dem Ausrufe:„Hört! hört! hört!“ belohnt. Dem Marquis hätte es gewißlich ſonderbar genug gedäucht, daß um halb ſieben Uhr dieſes Tages Generallieutenant Sir Robert Maitland, K. C. B., einen Freund, von deſſen Eriſtenz er vor drei Tagen noch Nichts gewußt hatte, in ein Haus zu Tiſche be⸗ gleitete, welches er zuvor noch nie betreten hatte. Doch der Zauber der Vertraulichkeit, welchen die Treuherzig⸗ keit Oberſt Hamiltons in Stand zu bringen wußte, be⸗ wirkte, daß Keinem der Geſellſchaft Etwas an der Sache als ſonderbar erſchien. Sie waren die erſten, welche bei Herrn Hamlyn eintrafen; denn der Oberſt freute ſich darauf, Miſtreß Hamlyn und ihrer Tochter die Hand zu drücken. Als⸗ bald unterhielt er ſich mit der erſtern, und zwar ganz leiſe, über die Neuigkeiten, welche ſie von Cambridge erhalten hatte. Sir Robert beantwortete Lydias Fragen über die neueſten Nachrichten der Hunde von Ormeau und der Jagd, welche ihr Bruder mitgemacht hatte. Sie ſagte natürlich Nichts von Marquis Lord Dartford, der ja auch bei der Jagd geweſen war; aber da die zwei jungen Männer wirklicher Zeit ſelten hundert Ellen 48 von einander entfernt waren, ſo war natürlich, daß für ihre beſorglichen Fragen das Glück, das Paul begegnete, auch wohl Petern gelten mußte. 5 Der Bankier war auf den frühen Beſuch von Seiten ſeiner friſchen Bekannten nicht vorbereitet. Er war vom Parlamentshauſe, welches er inzwiſchen noch in der Eile beſucht hatte, ſpät nach Hauſe gekommen, und erſchien gerade im Geſellſchaftszimmer, als der Wagen der nach Sir Robert und Hamilton kommenden Gäſte vor der Hausthüre anfuhr. Sir Robert drückte ſeinem unter⸗ haltenden Wirthe, der ſich aus einem armſeligen Ge⸗ ſchäftsmann der City in einen wohlgekleideten, heiteren, emſigen Weltmann umgewandelt hatte, ſogleich die Hand. Das nun entſtehende Geräuſche ließ ihn vermuthen, es kommen ein Paar Brüder Kaufleute, ein Baring, ein „Robarts, ein Smith, ein Drummond, ein Hoare. Aber zu ſeiner großen Verwunderung war der angekündigte Gaſt einer der tonangebenden Mitglieder des Tory⸗ Kabinets. Ihm folgte Lord Crawley auf dem Fuße nach. Dann kam der Recenſent Flimflam, der Lord Crawley begleitete, wie eine Brodſchnitte ein Ragont, auf ihn folgte der Graf Harringford, ein Edelmann, welcher den Rock eines Profeſſors hätte tragen können, wäre er nicht für das Kleid eines Pairs geboren geweſen; dann kamen der Graf und die Gräfin von Rotherwood, zuletzt zwei Männer, die man ſelten außerhalb des Parlamentes ſah. Einer derſelben war ein ſtudirter Juriſt, von dem Flim⸗ flam ſagte, er lebe nach den ſtrengen Geſetzen eines Univerſitätshauſes und gehe blos aus, wenn er von ſeinen Oberen Erlaubniß erhalte. K. C. B. war ein wenig betroffen. Er glaubte beinahe, er ſei im flotten Zirkel von Ormeau; nur daß er hier im Augenblicke hörte, daß Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften, welche, obwohl ſie weder Kunſt noch Wiſſen⸗ ſchaft ſind, doch die Macht beſitzen, alle zu vernichten und zu vertilgen, unter dem Dache des Bankiers mit fünfzigmal tieferer Einſicht beſprochen wurden, als dieſes 49 bei Geſprächen der Art an der Tafel ſeines Schwieger⸗ vaters geſchah. Sir Robert machte die Entdeckung, ent⸗ weder ſeien die Bankier von London ein von den Bankier der„guten Stadt“ ſo verſchiedenes Volk, als Hochländer und Thalbewohner ſich von einander unterſcheiden, oder haben ſie ſelbſt während ihrer Abweſenheit, während der Schlachten, die ſie in Indien oder Spanien ausgefochten haben, ſich ſehr geändert. Immer weniger konnte er, als ſie in das Speiſe⸗ zimmer traten, ſich vorſtellen, daß er an einer Tafel, wie die des Herzogs von Elvaſton, ſitzen werde. Hamlyn, wie Alle, welche in der Geſellſchaft eine Rolle ſpielen wollen, war ein gelernter Wirth und ſtudirte dieſes Ge⸗ ſchäft als eigentlichen Beruf. 3 An ſeiner feinen Tafel wäre der adelige Rinder⸗ braten, der dem Herzog von Elvaſton und Sir Roger de Coverley ſo theuer war, durchaus nicht am Platze geweſen. Seine Fiſche wären wohl von dem größten Epikuräer die vorzüglichſten in ganz London genannt worden; und die am feinſten Gebildeten der faſhionablen Leute, welche Walther Hamlyn mit ihrer Geſellſchaft beehrten, hätten wohl geſagt, bei D. S. oder B. ſei zwar das Silber⸗ ſervice und das Lokal größer, aber die feine Lebensweiſe ſei bei ihnen durchaus nicht zu Hauſe, wie in Cavendiſh⸗ Square. Hamlyns Speiſezimmer war das wahre Heiligthum eines Tempels der Schwelgerei. Sir Robert, wie es ſich für ſein Alter und ſeinen Stand ſchickte, war Freund von einem guten Glas Wein. Er war überzeugt, daß die Keller von Ormeau ihm eine herrliche Gelegenheit für die Befriedigung dieſer ſeiner Neigung verſchafften. Da⸗ gegen bei Hamlyn fand er ſich in Verlegenheit geſetzt. Claret war nicht länger Claret, Burgunder nicht laͤnger Burgunder, ſo verſchieden waren die Namen und der Wohlgeſchmack, unter welchen Jeder ſeiner Lieblingsweine ſich ſeiner Aufmerkſamkeit zu empfehlen ſtrebte. Er fand, daß hier ſogar das Haus Moſel ein zerſtückeltes Haus Die Bankiersfrau. II. 4 50 ſei, und daß das Haus Champagne ſich wie ein Mann ausnahm, der zu ſeiner Zeit mancherlei Rollen ſpielte, „mit ſonderbaren Trachten und mancherlei Namen.“ Der alte Mann war kein Freund von Neuerungen, und das kalte Ananaswaſſer, welches während der Ge⸗ richte herumgeboten wurde, war nach ſeiner Meinung ein ſchlechter Erſatz für den Citronenpunſch aus Glasgow, den er zu Hauſe hatte, und als das Deſert auf die Tafel kam, war er kaum im Stande, zwiſchen den Früchten aus gefrorener Sahne, welche kalt und täuſchend auf den Servietten lagen, und den herrlichen köſtlichen Früchten, welche friſch aus den Treibhäuſern von Dean⸗Park ge⸗ kommen waren, einen Unterſchied zu machen. Er wußte nicht, ob er die gewaltigen Haufen Erdbeeren und Kirſchen vor ihm für ächte oder falſche halten ſollte. Mittler⸗ weile hatte zwiſchen Lord Crawley und dem alten Herrn vom Schloſſe Burlington die freundlichſte Begrüßung Statt gefunden. Dieſer ſäumte nicht, den Herrn geheimen Sekretär(eben Crawley) daran zu erinnern, er ſolle ſich mit ihm darüber freuen, daß ſeine, des Oberſten, Vor⸗ ausſagungen über den Krieg in Indien in Erfüllung ge⸗ gangen ſeien. 8 Seine Lordſchaft erwiederte heiter:„Ich geſtehe, ich theilte in dem Punkte ihre Anſicht, daß die Sachen in Indien nächſtens vorüber ſeien.“ Er hatte zwar aus der Zeitung erſehen, daß dieſe das Ende des Krieges in Indien als unbeſtimmbar bezeichnet hatte. Doch. fuhr er fort:„So lange Sie leben, müſſen Sie den kurzen, trockenen Phraſen der den Ton angebenden Artikel nicht trauen, welche ſo abgeſchmackt ſind, als der Gedanke, man könne einen Wallfiſch in einem Faſſe unterbringen. Faſſen wir nur zum Beiſpiel den Artikel:„Pläne Ruß⸗ lands,“ in's Auge. Seit den letzten dreißig Jahren haben dieſe Phraſen⸗Spinner von Rußland ausgeſagt, es habe Pläne und Abſichten. Und doch hat Rußland die Politik, auf die plumpſte, übermüthigſte und anmaßendſte Weiſe in der Welt gerade aus zu rennen. Wenn Rußland 4 51 klug genug wäre, um Pläne zu haben, es wäre auch ſchlau genug, zu verhindern, daß ſie das Geſpräch von ganz Europa würden!“ Flimflam warf folgenden Witz dazwiſchen:„Vielleicht kennt Rußland den Vortheil, welchen ein ſchlechter Ruf hat, und ſpielt die Rolle eines Pläneſchmieders, um die Nänke anderer Kabinete in Verwirrung zu bringen, gerade wie es Leute gibt, welche am Chriſttage überall aus⸗ ſprengen, in ihrer Nachbarſchaft hauſe das Fieber und die Blattern, damit ihre Freunde, welche ſie beſuchen wollen, abgeſchreckt werden, es zu thun.“— Sir Robert ſchaute mit Erſtaunen auf den kleinen ann, von welchem er allein unter der ganzen Geſell⸗ ſchaft nicht wußte, daß er ein profeſſionsmäßiger Gaſt bei Mahlzeiten war, der, wie bei einer öffentlichen Feier⸗ lichkeit ein Feuerwerker zum Abbrennen von Witzen und Späſſen aufgeſtellt ſei. Nachdem er die Worte Flimflams gehört hatte, machte er es, wie es mein Onkel Tobias in ſeiner Lage gemacht hätte, er erklärte, er begreife nicht, wie ein ächter Engländer im Stande ſein könne, eine ſo offenbare Unart gegen eingeladene Gäſte zu be⸗ gehen. Dieß war ein Hauptſpaß für den Witzbold, der auf dieſe Weiſe eine Anekdote über Einfalt von Leuten, die auf dem Lande wohnen, in die Hände bekam, welche er bei der nächſten Tiſchgeſellſchaft, zu welcher er ein⸗ geladen wurde, wieder erzählen konnte. Natürlich wollte er alsdann die einfachen Ausdrücke des Generals mit einem breiten ſchottiſchen Accent verſchönern, welcher das Glück eines gemeinen Komödianten auf dem Surrey⸗ Theater gemacht haben würde. Der Ausfall Lord Crawley's gegen ihn und die Art und Weiſe, mit welcher Oberſt Hamilton ihn unterſtützte, überzeugten Flimflam, daß Landedelleute an der Tafel ſeien, und deßhalb zeigte er nun einen Ernſt, welcher ihm oft in Geſellſchaft mit Männern von Lord Crawley's Schlauheit und Weltkenntniß, von dem in techniſchen Dingen ausgezeichneten Gedächtniß des klugen Juriſten, welcher die Leute ganz ungenirt auszuforſchen wußte, ob ſie auch wirklich Dinge geſehen haben, welche ſie be⸗ haupteten, geſehen zu haben, und mit Männern von ernſtem philoſophiſchen Geiſte, wie der Graf von Harring⸗ ford war, welcher alle Dinge, ein neues Wortſpiel ſo gut, als ein neues Mineral, der genaueſten Unterſuchung unterwarf, ja! Flimflam zeigte nun einen Ernſt, der ihm früher bei Männern der Art häufig abgegangen war. Von dieſem Augenblick an nahm er ſeine wahre Rolle im Stücke vor, und dieſe war die einer leidlichen, matten Copie vom großen Sydney Smith. Er war zufrieden, einer Geſellſchaft, bei welcher nicht Schulwitz, ſondern Mutterwitz beliebt war, ſpaßhafte Geſchichten aus der zweiten Hand zu bieten. Je natürlicher Flimflam, als Stiefvater des Spaſſes, bei dieſen Erzählungen zu Werke ging, deſto beſſer wurden ſie aufgenommen. Wenn man unter einem von Lawrence oder Wilkies ausgefertigten Gemälde den Namen„Couſin“ oder„Doo“ findet, wie denn Kupferſtiche dieſer Art durch Millionen Hände gehen, ſo kann es geſchehen, daß man Copie als Copie erkennt, das geheimgehaltene Original aufſucht, und mit der Copie vergleicht. So ging es mit Flim⸗ flams Witzen. Aus ſeiner Frage:„Haben Sie wohl gehört, was Sydney Smith in einer gewiſſen Nacht ſagte?“ konnte man ganz gut herausbringen, aus weicher Quelle er ſeine Bonmots ſchöpfe. Uebrigens waren Leute, wie die Rotherwoods, dem heutigen kleinen Manne, welcher ihnen Gelegenheit verſchaffte, den Witz zu er⸗ fahren, den Sidney über die Inſel Hong Kong gemacht hatte, als dem Märtyrer, welcher in Mexiko in ledernen Kleidern auf den Spitzen der Bäume ſchläft, um ſich gegen Raubthiere und gefährliche Schlangen zu ſichern, und für die Treibhäuſer hoher Herrn und Damen Orchideen*) zu beſorgen. Während die beiden Soldaten mit offenem Munde “) Eine große Pflanzenklaſſe. — den nachgebeteten Witzen zuhörten, von welchen ſie glaubten, daß ſie ganz dem Geiſte von denen des Herrn Joſeph Müller ſeien, achtete Hamlyn unbemerkt auf das Geſicht Lord Crawlye's, an welchen er am geſtrigen Tag, das erſte Mal im Laufe ihrer politiſchen Bekanntſchaft, ge⸗ ſchrieben und ihn um eine Gefälligkeit erſucht hatte. Die große Erfahrung, welche er in der Entzifferung der ge⸗ heimen Züge eines menſchlichen Geſichtes hatte, ließ den Bankier glauben, er könne aus dem etwaigen höflichen Lächeln des Sekretärs ganz ſicher auf eine abſchlaͤgige Antwort ſchließen; dagegen werde eine erzwungene Gleich⸗ gültigkeit bedeuten, daß ſeine Bitte erhört ſei, und der geheime Sekretär aus Beſcheidenheit keine hohe Miene annehmen wolle. Kurzum, er meinte, es ſo leicht zu. haben, als bei einer Diviſton in ſeinen Rechnungen. Er ſchmeichelte ſich, beim Mineralwaſſer von Plom⸗ bieres und den daſſelbe begleitenden Glas Weine aus Malmſey werden ſich die Abſichten des geheimen Sekre⸗ tärs von ſelbſt verrathen. Uebrigens aß, trank und verdaute der erfahrene Crawley mit einem Geſichte, das ſo ausdruckslos war, als eine weiße Wand, und Lord Harrington hätte es ebenſo gut wagen können, über die ſternförmig gelegten, eingemachten Kirſchen auf dem Neſſelrode Pudding, der vor ihm lag, eine wichtige philoſophiſche Frage abzu⸗ handeln, als der beſorgte Bittſteller im Stande war, aus dem regungsloſen Geſichte des großen Mannes Et⸗ was herauszubringen, das auf die Erhörung oder Ver⸗ eitlung ſeiner Wuͤnſche Bezug hatte. Die Sache Hamlyns erhielt nicht mehr Licht, als die Ladys und Bedienten das Zimmer verließen. Der Zirkel wurde enger und die Scherze kecker. Die zwei Parlamentsleute liſpelten mit einander, der Juriſt wurde maſſiv und beißend, wie ein Sommerrettig, der Graf von Harrington ſchnarchte, und Oberſt Hamilton und Sir Robert Maitland drückten in der Stille und blos in Gedanken ihren Widerwillen darüber aus, daß ihnen der wirkliche Simon Pure, die erſte und Hauptausgabe von Sidney Smith an dieſem Tage nicht vorgelegt worden ſei, ſondern der kraftloſe Burſche, welcher ſeine Stelle ebenſo wenig erſetzt habe, als eine Geige oder Harfe, wenn ſie zur Unterhaltung der Spaziergänger auf einem Ramsgater Dampfboot eine der Ouvertüren Roſſinis er⸗ bärmlich ableiern, die Stelle des Orcheſters vom könig⸗ lichen Hoftheater erſetzen. Doch konnte Hamlyn immer noch Nichts über ſeine Angelegenheiten entdecken; deßhalb war er bemüht, mit ſeinem gewöhnlichen Takte gediegene Hauptgrundſätze für das geſellige Leben und oberflächliche Prinzipien für politiſche Angelegenheiten in langer Rede zu behandeln, was ein Mann an ſeiner eigenen Tafel mit Recht thun darf, wenn er ſich die Wachſamkeit nicht merken laſſen will, die er auf ſeine Gäſte hat. Er hoffte, wenn er die Verdauung des Grafen Rotherwood durch ſüßliche moraliſche Abhandlungen befördern, wie denn ja ſein ſorglicher Hauskaplan jeden Abend den Schlaf ſeiner Lordſchaft durch ſolche Reden zu beſchleunigen ſtrebe, ſo könne er auch Lord Crawley in Schlaf wiegen, und ihn belauſchen, während er nicht auf ſich Acht gebe. In dieſer Hinſicht hatte er allerdings kein Glück, aber ſeine Beredtſamkeit war nicht völlig weggeworfen. Der Oberſt und der General lauſchten mit offenen Augen, Ohren, Mund; und nach dem Schluſſe jeder ſchön ge⸗ drechſelten Rede nickten ſie Einander beifällig zu, wie wenn ſie ſagen wollten:„ſo lange dieſer Mann im Par⸗ lamente ſitzt, kann es mit den Angelegenheiten der Land⸗ edelleute, nicht übel gehen. Lang lebe das Glück der Conſervativen und die Conſtitution! Lang lebe Kirche und Staat, Armee und Marine, die Königin und die Grenadire von Grohbritannien!“ „Das iſt ein Kopf, dem Sie Ihre ſchottiſchen An⸗ gelegenheiten wohl anvertrauen dürfen,“ murmelte Oberſt Hamilton gegen Sir Robert, als dieſer die fünfte Sorte franzöſiſchen Weines verſuchte. „Hamlyn hat auch ein Gewiſſen, dem wir die Er⸗ 5⁵ haltung unſeres Lebens, unſerer Freiheiten, unſerer Wechſel⸗ und Schatzkammerſcheine ſehr wohl anvertrauen können!“ war die Bemerkung von Sir Robert, K. C. B. Dabei ſpitzte er mit Kuraſſao zu. Als ſodann beide in das Geſellſchaftszimmer traten, waren ſie im Zuſtande eines unausſprechlichen Vergnügens, welches durch die glückliche Verdauung einer Mahlzeit hervorgerufen war, die zu vollkommen genannt werden konnte, als daß ſie im Magen Unannehmlichkeiten hätte erzeugen können, einer Verdauung, auf welche die Düfte des mildeſten Weines und der ſanfteſten Sophiſterei großen Einfluß gehabt hatten. Hätte in dieſem Augenblicke Jeder von ihnen zwei Millionen Rupien zum Ausleihen gehabt, ſie hätten ſie eben ſo gerne in die Hände des Bankier Ham⸗ lyn, als in die des heiligen Paul niedergelegt. Als ſie mit Einander durch die Halle des Hauſes gingen, um das Kaffeezimmer zu beſuchen, ſchaute Lord Crawley um ſich, wie wenn er vermuthe, ſein Ueberrock und ſeine Bedienten ſeien ſchon von Hauſe da, damit er das Haus des Bankier Hamlyn, ſo ſchnell verlaſſe, als ihm möglich ſei, ſeiner Wirthin das Abſchiedscom⸗ pliment zu machen. Hamlyn vermuthete, der Herr ge⸗ heime Sekretär werde für heute noch ernſte Dinge vor⸗ haben, er werde eine geheime Cabinetsverhandlung oder die Oper beſuchen. Er wollte ihn übrigens, als ſie mit Einander die Stiege hinaufgingen, noch aufhalten, da ja auch Hamilton und Maitland gerade vor ein Paar herrlichen Stöcken ausländiſcher Blumen auf der obern Treppe ſtehen blieben, und verſuchte es, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. Er ſagte im entſchuldigendem Tone, in welchem ein Wirth von einer geringen Sorte Wein ſpricht:„Flimflam hielt ſich heute nicht ſo gut, als gewöhnlich. Bei einer Partie, wo er keinen Verbündeten hat, dem er den Ball zuwerfen kann, iſt Flimflam unwichtig. Er braucht einen Helfershelfer, wie ein Sailtänzer ſeinen Bajas. Flimflam kann auf eigene Fauſt kein Stück aufführen.“ 56 „Ich denke, er iſt ein geſchickter Mann in ſeiner Profeſſion,“ bemerkte Lord Crawley gleichgültig. Er hielt auf einen in politiſcher Hinſicht ſo einflußloſen Mann, wie Flimflam, ſo wenig, als auf den Kellner Ramſay. Als ſie mit einander in das Geſellſchafts⸗ zimmer eintraten, zog er ſeinen Wirth in ein inneres Cabinet, wo ein helles Feuer brannte, und die Carri⸗ katuren von H. B. zur Unterhaltung für Müſſiggänger aufgehängt waren. Er dachte, eine Zuſammenkunft zwiſchen zwei Perſonen, von denen die eine ein Staats⸗ ſekretär ſei, dürfe ſo wenig durch einen dritten geſtört werden, als das Rendezvous zweier Geliebten. Er begann ſeine Unterredung mit Hamlyn aus dem Stegreife, und ſagte:„ich habe, mein theurer Hamlyn, nicht nöthig, Ihnen zu bezeugen, daß ich Ihrem Briefe von geſtern, alsbald die höchſte Aufmerkſamkeit geſchenkt habe. Neben bei bin ich halb und halb dazu geneigt, mich über Sie zu beklagen, weil das Erſte, um deſſen Beſorgung ſie ja mich gebeten haben, ſo vollſtändig außerhalb meines Geſchäftskreiſes liegt, daß es mir nicht möglich iſt, in dieſer Sache Etwas für Sie zu thun. Sie können ſich denken, die Ernennung von Conſuln ſteht ganz dem Miniſterium für fremde Angelegenheiten zu. Uebrigens, wie Sie in Ihrem Schreiben mit Recht bemerkten, meine Verwendung konnte einen ſekondären Einfluß ausüben, und ich wandte mich deßhalb unge⸗ ſäumt an meinen erlauchten Collegen. Ich glaube, daß es nöthig iſt, Sie daran zu erinnern, daß wir genöthigt ſind, bei dieſer Art von Verwendung äußerſt ſorgſam zu Werke zu gehen, ſonſt würde am Ende die Sitte auf kommen, Leute zu begünſtigen, die keine Verdienſte aben.“ z„Seien Sie überzeugt, ich habe ein tiefes Gefühl für Ihre Güte,“ entgegnete Hamlyn, in der vollen Ueberzeugung, daß ein Conſulat ſo gut als bereits ge⸗ wonnen ſei, wenn ein königlicher Staatsſekretär beim Miniſterum des Innern ſich für die Sache verwende. 57 „Die Sache iſt noch nicht zu Ende, mein theurer Herr! Sie haben Anſprüche auf Berückſichtigung von Seiten der Regierung aus, außer den immer ſtärker werdenden Banden vertraulicher Freundſchaft, welche Sie an mich feſſeln,“ entgegnete Lord Crawley. Zur rechten Stunde dachte er an die Menge Phaſanen, die ihm von Dean⸗Park zugeſendet worden waren, und nahm deßhalb eine ſo gütige Miene an, als es ſich für einen ſo hohen Beamten ſchickte.„Was meine eigenen Gefühle betrifft, ſo habe ich nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, jede Gefälligkeit, welche ich Ihnen erzeigen könnte, wurde ich Ihnen unbedingt erzeigen. Aber, wie ich vorher ſagte, dieſe Sache liegt ganz außerhalb meines Ge⸗ ſchäftskreiſes.,— „Demnach war alſo Ihre Verwendung nicht vom Glücke begleitet?“ fragte Hamlyn kleinlaut. Es war ihm zu Muthe, wie wenn der Wein und die Trauben, die er genoſſen hatte, in ſeinem Magen ſauer würden. „Sie war nicht vom Glücke begleitet,“ das iſt nicht wohl der paſſende Ausdruck.„Für den Augenblick hat die Regierung ihrer Majeſtät mit veralteten Anſprüchen und Bitten Anderer, worunter auch ſolche ſind, die der Frne bedeutende Dienſte erwieſen haben, vollauf zu un.“ Bei dieſer tröſtenden Einleitung ſanken Hamlyns Hoffnungen immer tiefer. Bereits fühlte er in ſeinen Augen den Staub, welchen die Phraſenmacherei und Umſchreibung, wie ſie bei königlichen Beamten gewöhn⸗ lich iſt, in dieſelben geſtreut hatten. „Ich ſage, wir haben vollauf zu thun, und ſind genöthigt, Wunder zu thun, und unter eine hungernde Menge fünf Brodlaibe und drei kleine Fiſche auszu⸗ theilen, und deßhalb iſt es uns unmöglich unſeren Pri⸗ vatrückſichten und Neigungen zu folgen. Als mein Freund, der Secretär für auswärtige Angelegenheiten mich an dieſe Schwierigkeiten erinnerte, ermangelte ich nicht, Ihre Anſprüche geltend zu machen, und anzuführen, daß 58 Sie nicht nur ein eifriger Diener der Regierung, ſondern auch der am wenigſten ungeſtüme unter unſern Helfern im Parlamente ſeien. Ich überlaſſe es Ihnen, zu er⸗ rathen, was er erwiederte.“ „Ich befürchte, ich bin in den Geheimniſſen einer Verwendung dieſer Art, wie Sie zu meinen Gunſten eine veranſtalteten, viel zu unerfahren, als, daß ich rathen könnte,“ entgegnete der niedergeſchlagene Bankier. „Ich ſage Ihnen, es war keine politiſche Spitz⸗ büberei dabei im Spiel, Alles ging ſo offen und redlich zu, wie wenn es in Ihrem Tempel des Mammons der Ungerechtigkeit in der Nadelſtraße zuginge. Die Politik ſeiner Lordſchaft iſt ſo praktiſch, als Lears„Nichts um Nichts.“ Mit einem Worte: er ſagte mir, man habe ihm die Kunde gebracht, wir haben in Beziehung auf Verſicherungen in auswärtigen Angelegenheiten Alles von Ihnen zu befürchten, und wenn wir Ihre Bitte erhö⸗ ren, ſo müſſen wir von Ihnen aus die feſte Verſiche⸗ rung haben, daß Sie jede Maßregel der Regierung ſo wohl die in Betreff der genannten Verſicherungen, als alle ſpätern, von nun an unterſtützen wollen.“ Richard Hamlyn fühlte, daß dieſe Worte einen un⸗ willkürlichen Krampf in ſeinen Händen hervorriefen. Die fragliche Maßregel, welche ich nicht genau zu nennen, noch weniger zu beſprechen wage, weil ich befürchte, das Schatzkammergericht möchte mir einen Prozeß an den Hals werfen, war allerdings einer der Lieblings⸗ gegenſtände von Hamlyns Politik, aber zugleich der ein⸗ zige Punkt, in welchem er von den Anſichten ſeiner Partei abwich, mit der er in allem Uebrigen ſo feſt zuſammengewachſen war, als die Feigen am gleichen Zweige— denn es war die einzige politiſche Frage, welche auf ſeine Privat⸗Intereſſeu bedeutenden Einfluß hatte. Er hatte dieſen Gegenſtand der Politik, dieſe Idee, als Lieblingspflanze gepflegt, er hatte ſie gewäſſert, beſchnitten, mit Stützen verſehen. Wenn dieſe Frage dem Parlament vorgelegt wurde, ſo fühlte er ſich voll . 59 Begeiſterung, und bei der Vertheidigung dieſer Lieb⸗ lingsidee hatte er ſich in Ausbrüchen von Leidenſchaft⸗ lichkeit ergangen, auf welche wir früher angeſpielt haben. Bei Zuſammenkünften auf der City, welche von ihm und den Freunden ſeiner Politik gehalten wurden, rief man ihn immer auf den Rednerſtuhl. Dieß war ſein Departement, ſo gut als Irland das von O'Connell, das Märtyrerthum wegen Fabriken das Departement von Lord Aſhley, die Beſprechung der Quarantaineanſtalten das von Dr. Bowring iſt. Im wirklichen Augenblicke ging es ihm, wie Petrus, ehe er ſeinen Herrn verläugnete. Mit einer Seelen⸗ größe, deren Gefühle ihn bei der Gelegenheit nicht ſo ſehr begeiſtert hatten, als er bei einer Verſammlung in Barsthorpe die Rolle eines Freundes der Armen ſpielte, entſchloß er ſich, den ſchmählichen Antrag der Regierung zurückzuweiſen und auf das Conſulat von Tanger zu ver⸗ zichten.. . In dieſem Angenblicke erſchien klar und deutlich vor ihm(wie man denn ſagt, daß oft Geſpenſter einen vormaligen Premier⸗Miniſter in der Einſamkeit auf⸗ ſuchen) ein Menſchenkopf, ein Kahlkopf, der Kopf vom Schreiber Spilsby, ein Anblick, der in dieſem warmen und prächtigen Zimmer ſein Blut mehr gerinnen machte, als ein Todtenkopf bei den Feſten der alten Egyptier. Um ſich der Gegenwart einer ſolcher Erſcheinung zu ent⸗ ziehen, fühlte er ſich bereit, auf Alles das zu verzich⸗ ten, was, wie man ſagt, Doktor Fauſt dem Vater des Böſen von Anfang an, verſchrieb. In der naͤchſten Minute war der Handel geſchloſſen. Er machte ihn ſo ſchnell ab, als Petrus ſeinen Herrn verläugnete. Alles Pflichtgefühl war aus der Bruſt des Bankiers gewichen und die Verfügung über eines der reichſten Conſulate ſeiner Majeſtät in ſeinen Händen. Lord Crawley war innerlich hoch erfreut, wie wohl Delilah, als ſie das Haar ihres Opfers, in dem ſeine Stärke gelegen war, abgeſchnitten und zu ihren Füßen 60 liegen ſah, und fragte Hamlyn:„Die Stelle eines Conſuls in Tanger ſoll wohl für einen Ihrer nahen Deranditn ſein, da Sie eine ſolche Wichtigkeit darauf egen?“ 4 „Sie iſt für Einen, welcher mir und meiner Familie ſeit zwanzig Jahren treu gedient hat,“ entgegnete der Bankier, und Crawley, der ſein Wort bereits an Ham⸗ lyn verpfändet hatte, mochte nun dieſer treue Diener der Kellner Ramſay oder eines ſeiner Chaiſenpferde ſein, war ein wenig in Sorgen, zu wiſſen, wer denn der beabſichtigte Conſul ſein werde. Lord Crawley hatte allerdings die Schwäche nicht, ſich über Kleinigkeiten zu verwundern, aber doch war er hoch erſtaunt zu hören, daß ſein Freund ein ſo güti⸗ ger Mann ſei, daß er die künftigen hohen Dienſte des getreuſten Oberſchreibers in der Welt dem Wunſche, ihm eine unabhängige Stellung zu verſchaffen, aufopfere. Die Politik der Dowring⸗Straße, in welcher die Mini⸗ ſter wohnen, und welche heißt:„Nichts für Nichts,“ ſchrieb er auch der übrigen Menſchenwelt zu, wenn ſie nicht entfernt die Geſchäſte eines Miniſters hatte, und dachte deßhalb, der künftige Conſul müſſe dem Bankier ganz außerordentliche Dienſte geleiſtet haben, daß er eine Handlung ſolcher Aufopferung zu ſeinen Gunſten begehe. Nach dieſen Dienſten, welche ſie immerhin ſein mochten, glaubte der geheime Sekretär nicht fragen zu müſſen. Wenn der künftige Conſul von Tanger ver⸗ ſprochen hatte, eine Maßregel der Lombard⸗Straße, die er bisher angefeindet hatte, in Ruhe zu laſſen, und(was er vielleicht früher gleichfalls gethan haben konnte) lange Reden gegen einen Vorſchlag, den Hamlyn vielleicht gerade in der Taſche hatte, und vor dem Parlamente zu vertheidigen pflegte, nicht mehr zu halten, eine Ver⸗ muthung, die ſich Lord Crawley aufdrängte, ſo glaubte der geheime Staatsſekretär, ſich um Sachen, wie Voll⸗ machten und Obligationen eines Bankierhauſes ſind, nicht bekümmern zu dürfen. Deßhalb nahm er mit einſchmei⸗ 61 chelnder Höflichkeit Abſchied, und die zwei alten Solda⸗ ten, welche durch die gebrochene Thüre hindurch auf die Zuſammenkunft beider geachtet hatten, konnten dem Ban⸗ kier ihre Achtung nicht verſagen. Lord Crawley hatte ja in dieſem geheimen Zimmer, ſo viel ſie bemerken konnten, ſeine Anſichten mit Achtung behandelt. Ueber⸗ dieß glaubten ſie halb und halb, er habe Anträge in Dienſtſachen, etwa den Antrag, Kanzler am Schatzkam⸗ mergericht zu werden, erhalten, woran wohl Dienſte ſchaldig ſein werden, von welchen bloß die beiden Herren wiſſen. Sie ſchauten rings im Zimmer umher, welches weit prächtiger möblirt war, als das auf Ormean, ließen zu⸗ letzt ihre Augen auf dem ernſten, ſanften, wie Canning ausſehenden Manne ruhen, dem der geheime Sekretär beim Abſchied mit ſolcher Güte die Hand drückte, und fühlten ſich ſtolz auf die menſchliche Natur und auf ſich ſelbſt, daß Verdienſt und Werth in dem erſten Handels⸗ land der Erde auf ſolch gleichen Fuß mit dem Rang Knkengebeimen Staatsſekretärs geſtellt werde.— Ja freilich! Dieſe Nacht kam Richard Hamlyn als die längſte vor, welche er je durchlebt hatte, mit Ausnahme des ſechszehnten Dezembers jedes Jahres, ehe er ſechszehn Jahre alt war, da das Anbrechen des Morgens den Anfang der heiligen Chriſtfeiertage bezeichnete. Ehe das Pfeifen der kahlen Schwarzvögel, der Londoner Ka⸗ minfeger, in den Straßen angefangen hatte, war er auf den Beinen, und das Erſtemal in ſeinem Leben tadelte er ſeinen Kutſcher, und kündigte ihm an, er ſei zwei und eine halbe Minute nach der gewöhnlichen Zeit mit ſeinem Chaischen vor der Hausthüre. Wäre es ihm möglich geweſen, Späſſe zu machen, gerne hätte er Jmogens Ausrufung:„O hätte ich doch einen Flügelwagen,“ parodirt. Umſonſt hielt Miß Creswell vor ſeiner Abfahrt um eine Unterredung von ein Paar Minuten an, um ihn 62 mit dem Reſultat ihrer am geſtrigen Tage in der neuen Norfolk⸗Straße gehabten Zuſammenkunft bekannt zu machen. Es war ihm nicht möglich, der anſtändigen Gouvernantin den unanſtändigen Wunſch auszudrücken, welcher ihm auf die Zunge trat, und der eine gewiſſe ſprüchwörtliche Reiſe betraf, auf welcher er ſie in die⸗ ſem Augenblicke hätte ſchicken mögen, er begnügte ſich damit, ſie gütigſt zu bitten, ſie möchte ihre beabſichtigte Unterredung mit ihm heute Abend halten. Wie lang! wie gar lang iſt nicht dieſe Strandſtraße mit ihren Kohlenwagen, ihren Laſtwagen, ihren kleinern Gefährten! Die Kirchen in ihr drängen ſich in ſie herein und ſtellen ſich vor den, der ſie paſſirt, auf, wie Straßenräuber, die Reiſende anfallen. Zuletzt kommt Temple Bar. Kurzum auf der Strandſtraße gibt es tauſend läſtige Dinge für den, der ſie beſucht, wenn die meiſten auch von weniger Bedeutung ſind, als die eben genannten. Niemals war Hamlyn das Gedränge in der Fleetſtraße ſo läſtig, als an dieſem Morgen. Sein Athem war gehemmt, ſein Herz ſchlug kaum unter dem Wechſel ſeiner mächtigen Aufregung. Endlich hielt er vor der Thüre ſeines Geſchäfts⸗ hauſes und der Kutſcher, der ihn drei hundert und eilf Mal des Jahres hieher zu führen gewohnt war, konnte kaum begreifen, wie es geſchah, daß der Bankier ſeine gewöhnliche Phraſe:„Kommen Sie wieder halb vier ÜUhr,“ wegließ. Er freilich dachte nicht daran, daß im wirklichen Augenblicke für ſeinen Herrn weder Zeit noch Platz günſtig dazu war, um die Lombardſtraße von Ca⸗ vendiſh⸗Square und vier Uhr nach Mittag von vier Uhr vor Mittag zu unterſcheiden. Doch bemühte ſich Hamlyn, ſein Ausſehen nach den Regeln des Anſtandes einzurichten, den die gegenwärtigen Umſtände erforderten. Er trat in das Rechnungshaus mit derſelben Miene, welche er beim Eintritt in das Spital zu Orington oder beim Eintritt in die Kirche von Orington zur Chriſttagszeit oder beim Eintritt in die 63 Bibliothek von Ormeau zu irgend einer Zeit im Jahr annahm. Das Bewußtſein, Gutes zu thun, machte ſein gewöhnlich ernſtes Geſicht dem Geſichte Anderer gleicher. Fünf Minuten nachher wartete er nicht, wie ge⸗ wöhnlich, auf das ihn erſchreckende Klopfen und Herein⸗ drängen des kahlköpfigen Schreibers, ſondern gab ganz ruhig einem der federfuchſigen Unterſchreiber, welcher ſein ſilbernes Schreibzeug gehörig gefüllt hereinbrachte, den Befehl, er ſolle Spilsby davon benachrichtigen, daß er mit ihm ſprechen wolle, und als Spilsby kam und ſah, wie der Bankier am Kamine ſtand mit aufgeſtülpten Rockſchößen, wie er ſeiner ſelbſt vollkommen Herr und ſichtlich daran war, ſich als Herr der von ihm angeſtell⸗ ten Schreiber zu erklären, meinte Spilsby mit Sicher⸗ heit darauf ſchließen zu können, daß ein glücklicher Handel mit Staatsaktien dem Hauſe wieder aufgeholfen habe, und daß die Firma„Hamlyn und Compagnie“ ſo gut zu zahlen im Stande ſei, als das Haus Conte's. Richard Hamlyn ſagte:„Ich habe nach Ihnen ge⸗ ſandt, Spilsby, um Ihnen eine angenehme Neuigkeit mitzutheilen, welche durch die Anerkennung, die treuge⸗ leiſteten Dienſte von zwanzig Jahren her in meiner Seele erweckt, meinen Gefühlen doppelt werth und theuer gemacht wird. Spilsby, der einen kränklichen Vetter im Norden hatte, von deſſen Teſtament er große Erwartungen hegte, war gar nicht im Zweifel, Spilsby von Neucaſtell ſei auf immer geſchieden, und habe anſtatt ihn zu bedenken, ſein bei der Compagnie Wallsend angelegtes Geld ſei⸗ nem nächſten Angehörigen überlaſſen. Er ſank betroffen in einen Stuhl. Der Schreiber war in der gleichen Beſtürzung, wie ſein unglücklicher Prinzipal ſeit den letzten acht Monaten, ſo oft er in dieſes ſein eigenes Zimmer eintrat. In einem Tone, welcher dem Zahlmeiſter eines phi⸗ lantropiſchen Inſtitutes, wenn er ſich bei einer des Jahres einmal gegebenen Gaſterei an die Beſchützer der milden 64 Stiftung wendet, Ehre gemacht haben würde, in einem ſolchen Tone fuhr Hamlyn folgendermaßen fort:„Ich weiß, mein theurer Spilsby! Sie haben eine bedeutende Familie, und in wirklichen Zeiten kann man eine Familie nicht ohne Geld erhalten. Ich nenne Ihren Gehalt in meinem Hauſe durchaus nicht ſchlecht, aber vier hundert Pfunde jährlich geben kaum die Mittel an die Hand, um nach Ihrem Tode eine zahlreiche Familie gut durch⸗ zubringen.“ Der arme Spilsby lebte allmälig wieder auf. Sein Vetter war nicht todt.— Der Bankier hätte auch nicht ſo viele Winkelzüge gemacht, wäre es bloß darauf angekommen, Spilsby anzukündigen, daß er ein kleines Beſitzthum von einem Anverwandten geerbt habe. Richard Hamlyn erwiederte:„Ich habe alle dieſe Dinge in Betrachtung gezogen, und da ich das Glück habe, bei den wackern Beamten der wirklichen Regie⸗ rung wegen meiner Verdienſte Etwas zu gelten, ſo war es mir möglich, für Sie eine nicht nur gewinnreichere, ſondern auch ehrenvollere Stelle, als die iſt, daß Sie Ihr ganzes Leben lang der Schreiber eines Bankier⸗ hauſes bleiben. Samſtag Nacht werden Sie als könig⸗ licher Conſul zu Tanger in der Zeitung genannt werden.“ Der erſtaunte Schreiber, in der Kunſt der Verſtellung weniger geübt, ſtarrte vor ſeine Füße hin. Er ſollte, ohne ſich darum beworben zu haben, als Conſul ernannt worden ſein, an einem von ſeiner Hei⸗ mat ſo fernen Platze, er ſollte in die Verbannung gehen? „Der jährliche Gehalt iſt zwiſchen ſieben und acht hundert Pfund,“ fügte Hamlyn hinzu.„Das Klima iſt geſund, das Amt leicht.“ „Sieben hundert im Jahr?“ murmelte Spilsby; „der Bankier will ſeine Stelle im Parlamente bloß zu ſieben oder acht hundert Pfunden im Jahre anſchlagen? iſt ſie nicht zehn tauſend werth? Das Geheimniß, das er zu verhehlen hat, es mag ſein, was es will, und dem ich wirklich nachſpüre, iſt ihm gewiß volle dreißig tauſend Pfunde werth.“ 65 Er ſtand achtungsvoll von ſeinem Sitze auf, benahm ſich ganz als unterwürſiger Schreiber, und ſagte laut: „Ich bin Ihnen ungemein verbunden, Herr Hamlyn! ſo ungemein, daß mein armes Herz keine Worte findet, ſich auszudrücken. Die von mir aus ganz unverdiente Güte, die Sie gegen mich hegen, iſt Etwas, von dem ich gewiß weiß, daß weder ich, noch die Meinigen ſie je vergeſſen. Aber—“ Richard Hamlyn haſchte nach Luft bei dieſem be⸗ deutungsvollen Aber. „Meine Familien⸗Ausſichten ſind erfreulicherer Na⸗ tur, als Sie wohl glauben mögen. Ich habe allerdings eine Familie zu verſorgen, aber durch den Umſtand, daß ſie weiß, ich nehme eine ſichere Stelle in einem der erſten Bankierhäuſer, auf dem Geldmarkte, ein, wird ihre Zuneigung zu mir weſentlich aufrecht gehalten. Es wäre ihr ſehr leid, wenn ich England verlaſſen müßte. Ich habe den Ehrgeiz nicht unabhängig zu werden. Ich werde als Freund und Diener des Hauſes zufrieden leben und ſterben.“ Beinahe krampfhaft weſchte der Bankier von ſeiner Stirne den Schweiß, und Spilsby, der wohl erkannte, daß er im Vortheile ſei, blickte, als er ging, aus ſeinen von überhängenden Brauen beſchatteten Augen ausdrucks⸗ voll auf den Bankier. Er ſprach:„So lange die Firma erxiſtirt, Herr Hamlyn, ſo lange das Haus ſeinen Ruf behält, wünſche ich auf meinem Poſten zu bleiben. Ich kann niemals glücklicher ſein, als wenn ich der treue Diener des red⸗ lichſten und ehrenwertheſten Herrn bin. Erlauben Sie mir deßhalb, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, die gewinnreiche Stelle auf der Kuſte Afrika's, welche Sie mir mit ſolcher Güte zu verſchaffen ſuchten, ach⸗ tungsvoll abzulehnen⸗ Die Reihe war nun an Richard Hamlyn, voll Be⸗ ſtürzung in einen Stuhl zu ſinken. Die Bankiersfrau. II. 8 66 Drittes Kapitel. „O meine durchlauchteſte Tochter!⸗ Aus dem Roman:„Ein neuer Weg um alte Schulden zu bezahlen.“ Als Frau Hamlyn in die Stadt zurückkehrte, war ihre Seele durch Befürchtungen mancherlei Art in An⸗ ſpruch genommen. Als ſie aber ſah, wie trefflich ſich ihr Gemahl zu beherrſchen wußte, wie er ſeinen par⸗ lamentariſchen Geſchaͤften ungetheilte Aufmerkſamkeit ſchenkte; als ſie aus tauſend andern geringfügigen Um⸗ ſtänden mit Sicherheit ſchließen zu dürfen glaubte, daß ſeine Geſchäfte eine vollkommen günſtige Wendung ge⸗ nommen haben, kehrte nach und nach in ihre von der Natur ſo wohl bedachte, ſo gut ausgerüſtete Seele Ruhe und Zufriedenheit zurück. Die gefährliche Lage, in welche die Angelegenheiten ihres Gemahls gerathen waren, war ſichtlich vorüber, was immer auch die Quelle derſelben geweſen ſein mochte. Unter ſolchen Umſtänden gereichte ihr ſogar die ſyſtematiſche Regelmäßigkeit ihres Haus⸗ weſens zum Nutzen. Sie übte einen ſo beruhigenden Eindruck auf ſie aus, als das ſanfte Lullen eines Wie⸗ genliedes. Ihre ganze Umgebung däuchte ihr ſo hell, ſo ſelig, ſo voll Sonnenſchein, daß es ihr abgeſchmackt vorge⸗ kommen wäre, wenn ſie hätte Brandungen befürchten ſollen, da ſie auf ſolch ſpiegelklarer See und unter einem ſo heiteren Himmel dahinfuhr. So ſchmeichelhaft auch ihre Stellung im geſellſchaftlichen Londoner Leben war, ſo hatte ſie doch nie gefühlt, was es heißt, bei der menſchlichen Geſellſchaft gut empfohlen ſein, bis ſte von ihrem Gemahle aufgefordert war, dieſer ihre Toch⸗ ter vorzuſtellen. Die Güte, mit welcher Lydia in der Welt aufgenommen wurde, erfüllte ihre Mutter mit Dankbarkeit gegen die heitern Zirkel, welche ſie bis jetzt 67 mit Gleichgültigkeit betrachtet hatte. Sie hatte aber auch die Freude, zu ſehen, daß das Mädchen, welches gut benommen, ſich ſo frei von affectirtem Weſen der wirklichen Zeit erwieſen, als Lydia; und die ſtandes⸗ gemäße Welt wandte Frau Hamlyn, als der Mutter der gefeiertſten Schönheit der Saiſon, weit mehr Aufmerk⸗ ſamkeit, als früher, zu. Schon früher hatte ja Lady Rotherwood die Geſellſchaft auf Lydia aufmerkſam ge⸗ macht. Die Lady hatte auf Dean⸗Park Neigung zu ihr gewonnen, und, da ſie keine eigenen Kinder hatte, welche ihre Aufmerkſamkeit hätten in Anſpruch nehmen können, ſo wandte ſie dieſe ihre Aufmerkſamkeit der Tochter Hamlyns doppelt zu. hohe Freude. Denn ſie ſah, die Schmeichelei der Welt übte auf den Charakter ihrer rechtſchaffenen Tochter war, ſo hatte ſie eine Freundin an ihr gewonnen. Es auf’s Aeußerſte, heiter und vergnügt auszuſehen, wenn ſie ihre Tochter zu ſtandesgemäßen Geſellſchaften führte, vor welchen ſie beide, nach dem ausdrücklichen Wunſche Herr Hamlyns, ſo ſehr als möglich glänzen ſollten. Der zärtlichen Mutter lag übrigens ein Kummer auf dem Herzen, der es ihr ſchwer machte, die Miene der Heiterkeit anzunehmen, wenn es in die Oper oder zum Balle ging. Sie wußte gar gut, die Unterwür⸗ ſigkeit, welche ihr Sohn Henry gegenüber von den An⸗ forderungen ſeines Vaters erwieſen hatte, war ihm nicht von Herzen gegangen, nein! er hatte ſich dazu zwingen müſſen. Aus dem Tone ſeiner Correſpondenz konnte ſie gar leicht erſehen, daß er der Verzweiflung entgegen ging. Wenn ſich der ganze Stolz des Bankiers auf die Lebensausſichten ſeines älteſten Sohnes warf, ſo warf ſich der von Frau Hamlyn auf die hohe Achtung, welche ihr Henry genoß, und auf ſeinen edeln Charakter. Sie achtete dieſes Kind ihrer Neigung eben ſo ſehr, als ſie es liebte. Darum machte ihr das Unzuſammenhängende in ſeinen Briefen, das bei jedem neuen ſtärker hervor⸗ trat, ungemein bange, und der Gedanke machte ihr gar ſchwere Sorgen, ihr Sohn werde das allbekannte Ver⸗ trauen der Univerſität auf ſeine Fähigkeiten zu Schande machen, wenn er in ſeinen Beſtrebungen nachlaſſe, und ſich nicht bald von der Kränklichkeit erhole, welche ihm neuerdings zugeſtoßen war. Gewiſſe ſtrenge Reden, welche ihr Gemahl zu der Zeit geäußert hatte, als ſich Henry dem Willen ſeines Vaters nicht fügen wollte, machten ihr klar: Herr Ham⸗ lyn wollte von academiſchen Chren Nichts hören und Nichts wiſſen, weil er der Anſicht war, ſie haben ſeinem Sohne den Gedanken in den Kopf geſetzt, daß er zu begabt ſei, um ſein Mann der Lombardſtraße zu werden. Deßhalb konnte ſie ſich auch nicht an ihren Gemahl wenden, wenn ſie Troſt in ihren Kümmerniſſen ſuchte. Wenn Briefe mit dem Poſtzeichen von Cambridge kamen, deren Styl, deren Geiſt, ja deren Handſchrift von denen ganz verſchieden waren, die er ihr als entzückter Reiſen⸗ der von Italien aus zugeſandt hatte, ſo konnte ſie nichts 69 Anderes thun, als ſich in der Stille auf ihr Zimmer verfügen, und, ohne daß es Jemand wußte oder ahnte, über die geſtörten Lebensausſichten des begabteſten ihrer Kinder Thränen zu vergießen. 4 Doch hatte ſie wenig Muße, um ſolchen Gefühlen nachzugeben. Tag für Tag, jeden Abend hatte die für ihren Sohn ſo ängſtlich beſorgte Mutter Beſuche zu machen. Ohne die Anweſenheit der ſchönen Miß Ham⸗ lyn, deren blühendes, holdes, kluges Geſicht allen denen, deren Herzen durch ihr Lächeln entzückt waren, das Selbſtgefühl der Jugend in Erinnerung brachte und frohe Luſt zum Genuſſe des Lebens einflößte, glaubte keine Honoratiorenfamilie einen Ausflug machen zu dürfen. Die Tafel in Capendiſh⸗Square war mit Ein⸗ ladungen bedeckt, und beim erſten Königsball, welcher nach der Zeit gegeben wurde, als Lydia dem Hofe vor⸗ geſtellt worden war, wurde in öffentlichen Blättern von der Frau und der holden Tochter des Parlamentsmit⸗ glieds für Barsthorpe bemerkt, ſie haben allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Dem Wunſche Richard Hamlyns, ſeine Familie ſolle in der Honoratioren⸗Geſellſchaft eine ausgezeichnete Stellung einnehmen, wurde von Seiten dieſer entſpro⸗ chen; ja vielleicht that dieſe mehr, als er wollte Das ganze Streben ſeines Ehrgeizes war, ſein Weib und ſeine Tochter ſollen der Firma Hamlyn und Compagnie Credit verſchaffen, und ihn in der Aufrechthaltung dieſes Luftſchloſſes unterſtützen, an deſſen Behauptung er ſein und gleichviel, durch gute, wie durch ſchlechte Mittel, eine bankerutte Firma vor den Händen der öffentlichen Blätter zu ſchützen. Die fatale Eigen⸗ ſchaft der Mittel, die er ergriff, machte ihm ſo viel zu ſchaffen, daß er keine Muße hatte, ſich der Ueppigkeit zu überlaſſen, oder ehrgeizigen Planen nachzuhängen. Während er daran dachte, die Lebensausſichten der künf⸗ tigen Hamlyns von Dean⸗Park auf das Beſte zu geſtal⸗ ten, ſchoß ihm nie der Gedanke durch den Kopf, daß wohl eine glänzende Verheiratung ſeiner Tochter auf die ganze Familie ungemein viel Licht werfen würde. Der einzige Bruder, den der Bankier hatte, war ein hochgeſtellter Geiſtlicher in der Grafſchaft von Dur⸗ ham, der übrigens ſeinen Poſten nur ſelten verließ. Seine Schweſtern waren in der niedern Sphäre der Geſellſchaft verheiratet. Die eine wohnte gleichfalls im Norden, die andere in Devonſhire. Natürlich gefielen ihm dieſe Verhältniſſe ſeiner Familie nicht beſonders, und es war bei ihm ausgemacht, daß Lydia und Harriet die Frauen von Landedelleuten oder von Kaufleuten mit einem guten Geſchäfte werden ſollten. Ueber dieſes hinaus gingen ſeine Plane nicht. Als deßhalb ſogleich, nachdem Lydia der Geſell⸗ ſchaft vorgeſtellt worden war, um ihretwillen hochgeſtellte Gäſte ſein Haus beſuchten, welche ſich noch nie zuvor um ſeine Bekanntſchaft bemüht hatten, ſo war er da⸗ durch mehr betroffen, als erfreut. Dem Bankier kam es unbegreiflich vor, daß aus einer ſo unſcheinbaren Quelle perſönliche Auszeichnung für ihn entſpringen ſollte! Da er wirklich mit ungemein ängſtlichen Sorgen, deren Gegenſtand er ſelbſt war, ausſchließlich zu ſchaffen hatte, fand er keine Zeit, ſeine Anſichten und Wünſche mit der neuen Stellung in Einklang zu bringen, in welche ganz unerwartet ſeine Familie eintrat. Dieſe Stellung war folgende: der Marquis von Dartford ließ bei ihm durch Frau Hamlyn um die hohe Vergünſtigung anſuchen, ſeiner Tochter die Aufwartung machen zu 71 dürfen, eine Nachricht, welche ihn nicht wenig über⸗ raſchte. Der Antrag war Frau Hamlyn auf die ſchmeichel⸗ hafteſte Weiſe gemacht worden. Die Marquifin ließ durch ihre Schweſter, die Lady Rotherwood, ein Schrei⸗ ben an ſie ergehen, in welchem die Marquiſin den An⸗ trägen ihres Sohnes, die ſie unmittelbar nach der Ge⸗ neſung von ihrer Krankheit vernommen und erhört hatte, vooelkommene Autorität verlieh. Sie fügte übrigens bei: wenn es ihrem Sohne gelinge, ſich einer Dame wohl⸗ gefällig zu machen, welche ihr von verſchiedenen Mit⸗ gliedern der Familie Dartford als das bezauberndſte Weſen Englands geſchildert werde, ſo müſſe ſie bitten, daß die Vermählung nicht eher gefeiert werde, als bis Gerald volljährig ſei, ein Ziel, das er zu Anfang des nächſten Juni erreicht haben werde. Die Nachricht hievon theilte Frau Hamlyn ihrem Gemahle in einer gewiſſen Nacht mit, in welcher ſie von einem Beſuch bei der Frau eines Miniſters nach Hauſe zurückgekehrt war und erfuhr, daß Herr Hamlyn noch immer auf ſei und ſich auf ſeinem Studirzimmer mit Schreiben beſchäftige. Als Frau Hamlyn beim Eintreten ſah, daß der Tiſch ihres Mannes mit Papieren bedeckt ſei, zögerte e, völlig einzutreten und ſprach:„Ramſay ſagte mir, Du ſeieſt mit ſchriftlichen Arbeiten beſchäftigt.“ 4 Seine kalte Antwort war:„Erſt ſeit einer halben Stunde bin ich vom Parlamentshauſe heimgekommen, und muß nun Briefe beantworten.“ Es war eine aus⸗ gemachte Sache: Niemand aus der Familie durfte ihn in ſeiner Einſamkeit ſtören, wenn er nicht die betreffende Perſon ausdrücklich zu ſich beſchied. Als er daher ſah, daß ſeine Frau in dieſer ſpäten Stunde und in voller Kleidung, welche ſie bereits hätte ablegen ſollen, um ſich zur Ruhe zu begeben, ungeſtört durch ſeine abge⸗ brochenen Worte, ruhig neben dem Ofen Platz nahm, da fühlte er, es müſſe etwas Auffallendes gegeben 72² haben; beinahe fürchtete er, Lord Erawley werde inde⸗ likat geweſen ſein, Lady Rotherwood werde geplaudert haben, und ſeiner Frau ſei auf dieſe Weiſe zu Ohren gekommen, daß er gegen alle Erwartung die bereits ge⸗ nannte Verwendung zu Gunſten Spilsby's eingelegt und daß, was noch weit auffallender war, der Widerſpruch des Schreibers dieſe Verwendung zu Schanden gemacht be. Die erſten Worte, welche Frau Hamlyn äußerte, trugen dazu bei, dieſem quälenden Verdachte noch mehr Schein zu verleihen. Sie fragte:„Lord Crawley wird Dich wohl bereits von einer gewiſſen Sache in Kenntniß geſetzt haben, welche mir dieſen Morgen Lady Notherwood vorläufig angekündigt hat?“ Der Bankier war überzeugt, das Unglück ſei ge⸗ ſchehen. Er nahm alle ſeine Kraft zuſammen, um durch raſchen, ſtrengen Widerſpruch jede Erläuterung, jede Nachforſchung niederzuſchlagen, welche ſeine Frau in Betreff einer Sache wagen konnte, die ihn als Bankier, wie als Staatsmann ganz allein anging. Seine Frau dagegen wurde ſich durchaus nicht bewußt, daß ſie Un⸗ ruhe geſtiftet habe, und beeilte ſich, die völlige Erklärung der Sache zu geben. Nach dem niederdrückenden Schrecken, welcher dieſer Erklärung vorausgegangen war, traf die Freude über die unerwartete Kunde mit doppelter Macht das Herz des Bankiers. Kurz, er war durch die natür⸗ liche Aufregung ſeines Herzens überwältigt. Uebrigens hatte er für den Augenblick nicht nöthig, ſeine unbedingte Zuſtimmung zur Vermählung ſeiner Tochter mit dem Marquis zu geben, dieß war der Zu⸗ kunft vorbehalten. Für jetzt glaubte er nichts Weiteres thun zu müſſen, als das: dem erlauchten Brautwerber mußte das Recht zu vertraulicheren Beſuchen als bisher der Fall geweſen war, eingeräumt werden. Denn Frau Hamlyn hatte mit dem jungen Liebhaber die Abrede ge⸗ troffen, er ſolle von Lydia keine beſtimmte Antwort ver⸗ —.,—— 73 langen, bis eine innige monatliche Bekanntſchaft ſie in den Stand ſetze, die Aechtheit ihrer gegenſeitigen Em⸗ pfindungen zu beurtheilen. In ganz London hätte es wohl keinen Vater gegeben, der ſich nicht unter ſolchen Umſtänden bewogen gefühlt hätte, vor Schlafengehen eine Unteredung mit ſeiner Tochter zu veranſtalten, ihr zu ihren glänzenden Ausſichten zu gratuliren und das Mäd⸗ chen, das an der Schwelle der Ehe vor den Verpflich⸗ tungen derſelben zitterte, zärtlicher und beſorgter, als ſonſt, an das Herz zu drücken. Hamlyn dagegen, der umſichtige Geſchäftsmann, begnügte ſich damit, gegen ſeine Gattin die Ueberzeugung auszuſprechen, eine ſo kapitale Heirat werde wohl durch die Einrede von klugen Freunden Dartfords umgangen werden. Auch könne der Wankelmuth eines jungen Menſchen von Dartfords Alter der Sache eine böſe Wendung geben, denn alle Mütter, alle Väter Londons bemühen ſich, ihn mit ihren Töchtern zu vermählen. Nachdem er die Maßregeln, welche er morgen be⸗ folgen wolle, in gehörige Ueberlegung gezogen hatte, war er daran, ſich zu Bette zu begeben. Zuvor jedoch gab er beim Abſchied ſeiner Gemahlin den Rath, ſie ſolle verhindern, daß nicht Lydia ihr Herz an die beabſichtigte Vermählung mit Lord Dartford hänge. Er fuhr fort: „Es ahnt mir, es treffen Umſtände ein, die ſo glänzende Ausſichten vernichten werden. Die Sache iſt zu uner⸗ wartet, ſie liegt zu ſehr außerhalb der Sphäre unſeres Standes; ſie wird uns zu viele Feindſchaften und Streitig⸗ keiten auf den Hals laden, als daß wir hoffen könnten, es werde Alles unſeren Wünſchen gemäß gehen. Uebrigens ſage Lydia, von meiner Seite aus werde Nichts ver⸗ nachläſſigt werden, um ihre Intereſſen in dieſer Sache zu fördern. Ach! weder Lydia, noch ihre tugendhafte Mutter waren in dieſem Augenblick auf Gewinn und Vortheil bedacht. In dieſer Epoche ihres Lebens wünſchte das junge Mädchen, ihr Vater möchte ſie zum erſten Mal . 74 mit väterlicher Liebe an das Herz drücken. Tief war Frau Hamlyns Kummer, als ſie ohne Begleitung des Mannes, welcher als Herr des Geſchickes der Familie, auch die Verpflichtung hatte, die Neigungen und Gefühle derſelben zu regeln und zu leiten, in das Geſellſchafts⸗ zimmer zurückkehrte, wo ihre Tochter ängſtlich auf ſie wartete. Frau Hamlyn war nicht Willens, die Freude des aufgeregten Mädchens durch eine ausführlichere Verkün⸗ digung ihrer Botſchaft niederzuſchlagen, und ſagte mit gedämpfter Stimme:„Theuerſte! Dein Vater gibt willig ſeine Beiſtimmung, und wird in allen Dingen Deine Wünſche unterſtützen.“ Lydia fragte:„Gefällt ihm Lord Dartfords Benehmen in der Sache? Fühlt er, wie Du, o theuerſte Mutter! daß ſein Benehmen gegen uns in der ganzen Sache das zarteſte und beſonnenſte war, das man ſich denken konnte?“ „Dein Vater ſprach die höchſte Achtung und unbe⸗ dingte Zuneigung gegen ihn aus. Als Walthers Freund gilt Lord Dartford bei Deinem Vater ſeit langer Zeit gar Viel. Morgen bei Tiſche werden ſie zuſammen⸗ kommen, um ſich gegenſeitig auszuſprechen, und die ſchon lang gehegte Freundſchaft zu befeſtigen.“ „Morgen bei Tiſche!“ dachte Lydia, deren junges Herz ſich natürlicherweiſe durch Alles, was vorging, zu ungewöhnlichen Regungen zärtlicher Liebe aufgefordert fühlte.„Was! nicht einen Tag kann er vom Geſchäfte ausruhen! nicht einen Tag kann er die City meiden, um ſich unter ſolchen Umſtänden ſeiner Tochter zu zeigen, und ihr mit Rath und That an die Hand zu gehen!“ In Gegenwart ſeines Weibes hatte der Bankier ſein Erſtaunen und ſeine Siegesfreude bei ſolchen Nachrichten im Zaume zu halten gewußt; ſobald er ſich aber wieder ganz allein in ſein Studienzimmer eingeſchloſſen hatte, ließ er der wildeſten Aufregung freien Lauf. Seine Tochter ſollte eine Marquiſin werden! die Enkelin vom Bankier Walther Hamlyn ſollte eine Marquiſin werden! 75 ſollte jährlich vierzigtauſend Pfund Sterling zu ihrer Ver⸗ beneun haben! ſollte einen ſo hohen Rang behaupten! ſollte treffliche Güter, ſchimmernde Juwelen beſitzen, das ganze volle Anſehen, den ganzen Pump einer glorreichen Stellung genießen! Der Name Hamlyn von Dean⸗Park ſollte mit dem Erbadel des Königreiches in enge Ver⸗ bindung treten! Was mußten die Vernons ſagen? Wie konnte es den Elvaſtons für die Zukunft moͤglich ſein, in ihrer kalten Zurückgezogenheit zu verharren? Bereits konnte er den künftigen Marquis, die künftige Marquiſin von Dartford, im Triumphe nach Ormeau fahren ſehen. Unwillkürlich entfuhren ihm folgende Worte:„Mein Vater wäre in der That ſtolz darauf, würde er dieſen heutigen Tag der Freude erleben!“ Aber dieſe Worte und dieſer unglückbedeutende Name riefen ihm die bittere Wirklichkeit, in der er ſich bewegte, lebhaft in's Ge⸗ dächtniß. Ein unwillkürlicher Schauer verrieth die Kälte, durch welche die ungewöhnliche Erhebung ſeines Herzens niedergedrückt wurde; denn er dachte an Alles, was er zu befürchten hatte, an Alles, was über ihn und die Seinen kommen konnte, ehe dieſe glänzende Heirat voll⸗ zogen war. Das böſe Gewiſſen, welches ſeit Jahren den Becher ſeiner wollüſtigen Genüſſe jedesmal mit Wehr⸗ muth verbittert hatte, ſo oft er es verſuchte, ihn an die Lippen zu nehmen, that ſeine gewöhnliche Wirkung, und das Haupt des ehrgeizigen Bankiers, welches ſich einen Augenblick zuvor voll Stolz und froher Erwartungen gehoben hatte, ſenkte ſich nun bis zum Staube nieder; denn er wußte, eine Miene, ein Wort, ein Lispeln konnte auf einmal das glänzende Gebäude ſeines Glückes zer⸗ ſtören, und unter ſeinen Ruinen ihn und Alle die, welche ſeinen Namen trugen, begraben. „In der Angſt ſeines Herzens verfluchte er nun die Haſt, mit welcher er neuerdings der Regierung Aner⸗ bietungen hatte machen laſſen, ehe er ſicher war, die Früchte ſeiner Selbſterniederung ernten zu dürfen. Einen äußerſt unangenehmen Eindruck auf ſeine Gemüthsſtimmung machte die Erinnerung daran, daß einige Tage vorher Lord Crawley mit hohem Erſtaunen die von dem Bankier ihm zugekommene Nachricht aufgenommen hatte, daß die Perſon, für welche er das gedachte Conſulat ſo ernſtlich geſucht, durch unvorhergeſehene Umſtände verhindert wor⸗ den ſei, die angebotene Stelle anzunehmen. Crawley ſagte lächelnd:„Mein theurer Herr Hamlyn! dieſer Ihr Schreiber muß eine merkwürdige Idee vom Gewinnen haben, der ihm ſeiner Anſicht nach unter die Hände kommt, wenn er ſich an Ihren mächtigen Geld⸗ kaſten hält. Ich denke, es gilt ihm mehr, wenn Sie ſein Prinzipal ſind, als wenn wir ihn verpflegen. Uebrigens hat Ihr Geſuch meine Pfoten auf dieſes kleine profitable Pöſtchen gelenkt, und ich werde es für einen meiner Neveu feſt packen und halten. Dieſes iſt ein armer Honora⸗ tior mit einem Weibe und einem halb Dutzend Kinder, dem es nicht geht, wie dieſem Ihrem Spilsby— der nicht ganz ſo ſicher iſt, wie Spilsby die Krumen, welche von der Tafel Hamlyns und Compagnie fallen, zu erwiſchen.“ Für das beunruhigte Gemüth des Bankiers war jede Sylbe dieſer Rede, obwohl ſie auf’s Geradewohl geſprochen wurde, ein Dolchſtich. Unter dem unerheblichen Spaſſe eines Mannes, welcher das Glück, das er im politiſchen Leben hatte, hauptſächlich den beißenden Späſſen und ungenirten, ſchlagenden Witzen ſeiner parlamentariſchen Beredtſamkeit verdankte, ſuchte Richard Hamlyn Sachen, die gar nicht in dieſem Spaſſe lagen. Er zitterte beim Gedanken, daß der, deſſen Verdacht ſo unglücklicher Weiſe rege geworden, der Onkel des Marquis von Dartford ſei. Doch hatte er am nächſten Morgen ſeine Geiſtes⸗ gegenwart wieder gewonnen, und ſich den einzuſchlagenden Weg vorgezeichnet, ſo daß er in dem nun eröffneten Schauſpiele ſeine Rolle trefflich zu ſpielen wußte. Es war das erſte Mal, daß er Lord Dartford als Schwieger⸗, ſohn bewillkommte. Er wußte dieß ſehr gut zu machen. Die jungen Liebenden, welche bereits durch die Herzlich⸗ 77 keit der Frau Hamlyn und triumphirende Freude Walthers auf's Vortheilhafteſte in Anſpruch genommen worden waren, fanden an dem ruhigern, aber kaum weniger ſtark ausgedrückten Wohlwollen des Bankiers Nichts auszuſetzen. Wie durch die Berührung der Fackel des Prometheus, wurde durch die Glorie dieſer unerwarteten Heirat ganz Cavendiſh⸗Square zum Leben geweckt. Um die Sache ganz ſicher in allen Geſellſchaften des weſtlichen Theiles der Stadt zu verbreiten, hatte Lady Rotherwood das, was im Werke war, unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegen⸗ heit einer gehörigen Anzahl intimer Freundinnen anver⸗ traut. Kapitän Hamlyn war zu ſehr dafür beſorgt, daß die Sache zu den Ohren von Lord und Lady Vernon kommen ſollte, als daß er dem umlaufenden Gerüchte „direkte“ zu widerſprechen wagte. Daß die Sache wirklich zu den Ohren der Vernons drang, dafür legten ein Paar Tage den ſicheren Beweis ab. Lucinda und ihre Mutter beeilten ſich, ihre Glückswünſche nach Cavendiſh⸗Square zu bringen. Sie dachten, die böſe Welt könnte merken, daß ſie durch dieſe Vermählung Dartfords in ihren Hoff⸗ nungen gar bitter getäuſcht worden ſeien; ſie befürchteten, lächerlich zu werden. Es war, wie wenn ſie meinten, keine Eile von ihrer Seite ſei zu ſchnell oder zu ſervil, um den Hohn, den ſie in frühern Zeiten der lang ver⸗ achteten Familie von Dean⸗Park zukommen ließen, zu tilgen. Sobald es in den geſellſchaftlichen Zirkeln Londons ruchbar geworden war, daß zwiſchen der neuerdings in die Geſellſchaft eingeführten, ſchönen, holden, reich be⸗ gabten Miß Hamlyn und dem jungen Marquis von Dart⸗ ford eine Vermählung im Werke ſei, und daß Jedermann davon ſpreche, fing bereits, wie es bei ſolchen Verhält⸗ niſſen gewöhnlich iſt, Langeweile und Bosheit an, ihr eeſer zu ſchärfen. Die erſte wollte ihre übrige Zeit vertreiben, die letztere ihrem Grolle Genüge leiſten. Es gab keine Wittwe von den Almacks⸗Bällen, welche nicht ihrer Schweſter unter die Haube flüſterte, der junge Marquis ſei ſchmählich betrogen— er habe das gehörige 78 Alter noch gar nicht— er ſei ein bloßer Knabe— ein bloßes Kind— ſein Verſtand ſei ſchwach, dagegen ſein Eigenſinn gar mächtig;— die Hamlyns dagegen ſeien verſchmitzte, hinterliſtige Leute, welche es ſeit ſeinem Knabenalter darauf angelegt haben, ihn zu fangen; ſie haben hiezu namentlich auch den Einfluß ihres älteſten Sohnes über den armen Burſchen benützt; dieß ſei der Fall geweſen, als Walther mit Dartford auf Eton ſtudirt habe; dieß ſei auch jetzt der Fall, da er, wie Lord Dartford, im blauen Regimente und Fährndrich deſſelben ſei. Nach der Anſicht ſolcher Leute war das Ganze ein liſtiger, von deu hochmüthigen Emporkömmlingen, den Hamlyns, auser⸗ ſonnener Plan!“ Der liſtige Bankier hatte ſich mit der ränkevollen Mutter verſchworen und ihren eiteln, einfäl⸗ tigen Sohn bewogen, den jungen Lord Dartford beſtändig nach Dean⸗Park zu bringen, wo ihm Miß Hamlyn un⸗ aufhörlich in den Weg geworfen wurde. In der Folge wollten ſie ſogar gar Nichts mehr davon hören, daß der Marquis das Haus verlaſſe, ehe er der jungen Lady förmliche Anträge geſtellt hätte.“ Auf dieſe ſchlechte Weiſe verdrehten die Vernons die Sache, wohin ſie kamen, und wußten ihrer Lüge durch bezeichnendes Lächeln und durch feine Winke Gewicht zu geben. Lord Vernon erklärte voll Schmerz im Gaſthofe „Brook,“ er ſei der unglücklichſte Menſch auf Gottes Erdboden und zwar nicht deßwegen, weil ſeine Frau nicht ſo geſchickt und glücklich geweſen ſei, einen Marquis in's Netz zu fangen, ſondern weil dieſe Mißheirat zwiſchen einer Hamlyn und einem Marquis von Dartford den Hamlyns einen zu hohen Rang verleihe und er deßhalb befürchten müſſe, es werde ihm nicht mehr möglich ſein, das Unglück geduldig zu ertragen, daß Dean⸗Park ſeinem Schloſſe Hyde ſo nahe ſei. Nun aber gab es wieder andere Leute, auf welche die edeln Vorſtellungen der Lady Rotherwood Eindruck machten, und welche die Sache mit mehr Recht und Billigkeit beurtheilten. Sie ſahen ein, eben deßwegen, 79 weil Lydia dem Marquis durchaus nicht aufgedrungen worden war, konnte dieſer auf ſeinen eigenen geſunden Geſchmack ſtolz ſein, der ihn die Vorzüge des natürlichen, beſcheidenen Mädchens ſo gut hatte erkennen laſſen; eben deßhalb konnte er ſich entſchließen, ſeine Unabhängigkeit von den erbärmlichen Vorurtheilen der widerwärtigen Modewelt dadurch an den Tag zu legen, daß er Lydia zu ſeiner Gemahlin wählte. Andere, welche als Eltern lehrreiche Erfahrungen gemacht hatten, lobten an der Familie Dartford ihre Weisheit und Einſicht, weil ſie ohne Zögern ihre Beiſtimmung zu einer ſo achtungs⸗ werthen Heirat gegeben haben. Man müſſe in Erwägung ziehen, daß der Marquis ein einziger Sohn, der letzte ſeines Stammes, und daß er ein leidenſchaftlicher Freund der verwegenen halsbrecheriſchen Vergnügungen des Tages ſei, eine Liebhaberei, welche ihn verhindere, eine früͤhe Heirat zum Hauptgegenſtand ſeiner Abſichten zu machen. Mittlerweile war lauter Glück in Cavendiſh⸗Square. Es gibt wenige Plätze, welche angenehmer ſind, als die Heimat reicher Eltern, wenn ſie durch ein ſo frohes, glückweiſſagendes Ereigniß, wie die vortheilhafte Ver⸗ lobung einer geliebten Tochter iſt, erfreut wird. Von allen Seiten regnet es mit Glückwünſchen, mit Geſchenken, mit Blumen; alte Freundſchaften laſſen die Glücklichen hoch leben, neue Freundſchaften bilden ſich, um die Glück⸗ lichen mit Gratulationen und Bezeugungen der Liebe zu überſchütten. Frau Hamlyn beklagte eine frühe Heirat nicht, welche ſie der Geſellſchaft ihrer Töchter beraubte. Die ſichere, gegründete Hoffnung, daß ſie ihrer Lydia eine glückliche Heimat anweiſen, und ſie unter den Schutz eines von ihr angebeteten Gemahles ſtellen könne, daß ſie nicht mit anſehen müſſe, wie ſie dem veränderlichen Wechſel ihrer wirklichen Glücksumſtände ausgeſetzt bleibe, machte ihr unausſprechliche Freude, war ihr ein unaus⸗ ſprechlicher Troſt. Walther war vor Entzücken beinahe außer ſich, wenn er an eine Verbindung dachte, welche durch kein entehrendes Opfer erkauft werden mußte, und 80 doch ebenſo gut ſeinen eignen Heiratsprojekten eine Stütze lieh, als ſie das Glück ſeiner Schweſter ſicherte. Henry ſchrieb von Cambridge einen Brief, in welchem ſich Melancholie und Freude miſchten. Ein Beleg dafür iſt der in dieſem Briefe ausgeſprochene Glückwunſch, daß wenigſtens Ein Glied ſeiner Familie glücklich geworden ſei. Die Hoffnung, ihren geliebten Zögling als Mark⸗ gräfin zu ſehen, bewirkte bei Miß Creswell, daß ſie nicht mehr an das Schickſal ihrer in einer Lebensverſicherungs⸗ bank untergebrachten Erſparniſſe dachte; Lydia ſchrieb nach Schloß Burlington einen Brief, in welchem ſie erklärte, daß ſie vollkommen glücklich ſei. Lord Dartford ſchrieb gleichfalls ein Paar Linien dazu, und erwähnte leichthin die von uns erzählte Schlittenfahrt und eines gewiſſen dürren Zweiges arabiſchen Jasmins, der früher im Treibhauſe Burling⸗ tons geblüht hatte, und ihm dort vom Oberſt überreicht worden war, und den er bis zum Ende ſeines Lebens in ſeinem Taſchenbuch aufzuwahren gedachte. Als der gute Oberſt dieſen Brief erhielt, Vergoß er nicht allein Thränen der Freude über dieſe Neuigkeit, ſondern betheuerte, ſowie er bei ſeinen Nachbarn, dem Herrn Paſtor Markham, den Elvaſtons und Herrn Gratwycke mit Beſuchen fertig ſei, da ihn dieſe Alle eingeladen haben, wolle er in die Stadt eilen, um über das Haupt des holden herzlichen Mädchens, das ihm ſo lieb und theuer ſei, wie eine Tochter, ſeine Segnungen auszugießen. Zu Ellen ſagte er:„Sie müſſen mir Geſellſchaft leiſten, und mit meiner kleinen Lydia Bekanntſchaft machen. Ich lebte bereits der Hoffnung, daß ihr Beide einander wie Schweſtern lieben würdet. Als der junge Kapitän Walther zu Dean war, waren Sie nicht gerade ausnehmend artig gegen ihn. Uebrigens hatten Sie wohl die Entſchuldigung dafür zu geben, Sie hätten dem Marquis eben ſo viele Aufmerkſamkeit erweiſen müſſen, als Walthern, wenn ſie einmal überhaupt hätten galant ſein wollen. Doch iſt das auf alle Fälle mein Troſt, daß Sie in Folgendem mit mir übereinſtimmen. Ich be⸗ 8¹ haupte, der junge Dartford iſt ein Hauptkopf, ein ſchöner, offenherziger junger Burſche, ein Edelmann bis auf das tiefſte Mark, und das behaupten Sie ja auch. Je ſchneller wir gehen, um der theuren Miſtreß Hamlyn unſere Glückwünſche zu überreichen, deſto beſſer wird es ſein. Dieſe wird nicht wiſſen, ob ſie lieber lachen oder weinen ſoll, wenn ſie eine ſolche Tochter verliert,(Gott ſegne ihr gutes Herz!) und einen ſolchen Schwiegerſohn erringt. Ich geſtehe offen, ich ſehe es gern, wenn zwei junge Leute auf Freierfüßen gehen, und Nichts in Ausſicht ſteht, daß ihre Bewerbungen durchkreuzen könnte, und, da Sie mir noch nicht das Verſprechen gegeben haben, Sie wollen in meinem Hauſe mit einem Lieb⸗ haber ſchnäbeln und gurren, ſo muß ich weiter gehen, und bei meinem Freunde Hamlyn den beſten Gebrauch von meiner Brille machen.“ An Gelegenheit, Etwas zu ſehen, fehlte es in der That bei den Hamlyns nicht. Jeden Tag, genau zu der von Frau Hamlyn feſtgeſetzten Zeit fuhr das Gefährte des Marquis bei Cavendiſh⸗Square vor, und es wäre ſchwer geweſen, zu entſcheiden, wer froher, munterer, verliebter ausſah,— der junge Liebhaber oder der Strauß ſeltener Blumen, welche er jedesmal mit ſich brachte, um mit ihnen die holde Lydia zu erfreuen. Bis die Stunde kam, in welcher Lydia mit ihrem Bruder Walther ausritt, oder mit ihrer Mutter ausfuhr, blieb Lord Dartford bei ihr, und lauſchte auf ihren ſchönen Geſang und ihre noch anziehendere Unterhaltung. Kam ihm keine Einladung von irgend einem Bekannten da⸗ zwiſchen, ſo erſchien er um die Eſſenszeit wieder, und blieb den ganzen Nachmittag bei der Familie Hamlyn. Uebrigens war der Familienzirkel von Cavendiſh⸗ Sauare ſelten ein enger. Herr Hamlyn hatte, wie wir wiſſen, ſeine gewöhnlichen Tiſchpartien und politiſche Bankette, zu geben, daneben mußte er natürlich auch die Einladungen, welche ihm die Familie der Dartfords hatte zu kommen laſſen, und welche zeigen ſollten, daß Die Bankiersfrau. II. 6 8³ ſolche Dinge ſind mir ganz gleichgültig. Ich weiß, was Bekanntſchaften mit Lords einen Bankier koſten. Für einen Herzog muß man über Kopf und Hals zahlen, und, wenn man eine Kuppel königlicher Hohheiten auf die Liſte von Feſtlichkeiten, die man in ſeinem Hauſe abzu⸗ halten gedenkt, bringen will, wie es dieſer arme ge⸗ täuſchte Mann, dieſer Hamlyn macht, ſo fliegen Einem manche hundert Pfund Sterling aus der Taſche. Das Sprichwort ſagt:„erhalte Deinen Laden, und er wird Dich erhalten.“ Untexhält aber ein Bankier eine ſo verteufelt hohe Geſellſchaft, ſo hat er ſich ſehr zu wehren, wenn er ſeinen Namen den öfeentlichen Blättern ferne halten will. Man ſagt mir, Hamlyn werde bei der nächſten beſten Gelegenheit Baron. Warum wird er nicht vollends auch ein Pair? Würde er blos ein Lord, ſchon das wäre eine Neuigkeit! Wenn man ſich der Re⸗ hanng verkauft, muß man es um keinen geringen Preis thun.“ Lady Bondwell, als Gemahlin eines gewöhnlichen gemeinen Mannes, war durch den Gedanken, der Frau Haulhu an Rang zurückſtehen zu müſſen, beinahe er⸗ rückt. Sie rief aus:„es iſt ſchwer zu errathen, wo der Ehrgeiz der Hamlyns halt machen wird. Aber ich kenne Leute, welche all ihr Geld an eine Trinkkanne rückten, die ſie beſtellten, und Nichts mehr übrig hatten, um ſich einen guten Trunk zu kaufen, als ſie fertig war und ſie dieſelbe bezahlen mußten.“ Als am Ende des Monats Lord Dartford ſeiner Mutter mit Gewißheit ankündigen konnte, ſie werde bald eine Wittwe werden, er habe vor Lydias Augen Gnade gefunden, und ſei durch ihre Liebe glücklicher, als durch tauſend Vergnügen, die er vermöge ſeiner Stellung in der Geſellſchaft mit machen durfte, wurde auf die Mißheirat des jungen Marquis und auf das Selbſtgefühl einer Bankierfamilie, welche ihr gemeines Wappen, von der Lombardſtraße her, mit dem eines Marquis zu vereinigen wage,— auf beide Theile wurden in der Sonntagszeitung tauſend bösartige Angriffe ge⸗ macht. Auch noch andere Stimmen des Neides, des Haſſes, der Bosheit ließen ſich vernehmen. Da der Bankier, wie wir wiſſen, in früherer Zeit mehr in der Dunkelheit, wenn gleich als geachteter Mann lebte, ſo ſank er dieſes Mal, ſo zu ſagen, vor der empfindlichen Berührung des Brandeiſens in Ohn⸗ macht; er pilgerte ſogar zum Hauſe der Sachwalter, an welche er Miß Creswell mit ihrem erſparten Gelde ge⸗ wieſen hatte, um ſie zu befragen, was er denn gegen die Verfolgung von Seiten ſeiner Feinde anfangen ſolle. Die Herrn Wigwell und Slak hatten glücklicherweiſe von Hamlyn und Compagnie zu viel Geſchäft in der Hand, als daß ſie verlegen geweſen wären, die Frage, die ihnen Hamiyn ſtellte, zu löſen. Ganz aufrichtig gaben ſie ihm den Rath, wenn man ihn in einem etwas weniger höflichen Engliſch, als er gewöhnlich an ſeiner Tafel in Cavendiſh⸗Square eines höre, einen Bankier heiße, ſo ſolle er nur den Schimpf ganz ruhig und geduldig einſtecken. Der Eine der klugen Rechtsgelehrten machte ihm bemerklich:„das Geſchäft, ein Steuergeſetzbuch von Wuſt zu reinigen, iſt zwar für das Wohl des Staates ein recht nützliches, aber ſtürzt diejenigen, welche ſich mit der unangenehmen Sache abgeben, haufig ins Unglück. Etwas ähnliches iſt es mit Ihnen. Wenn Sie eine dieſer Flugſchriften aufs Korn nehmen wollen, ſo werden Sie tauſendmal ſtärker chikanirt werden, als wenn Sie ihnen den natürlichen Lauf laſſen. Ich em⸗ pfehle Ihnen an, laſſen Sie das geringere Uebel über ſich ergehen. Mein theurer Herr! ein Charakter, wie der Ihrige, ein Name, welcher dem, der ihn trägt, Ruhm und Chre bringt, welcher ihm den Ruf eines Mannes von Rechtlichkeit und Werth verſchafft, einen Ruf, wie ihn wenige Edelleute, auch wenn ſie ihr ganzes Wappen darum geben, erlangen würden, ein ſolcher 8⁵ Name ſollte doch wohl bei Ihnen bewirken, daß Sie es über das Herz bringen könnten, ein wenig nichtnutziges Gezwiſchel in Betreff Ihrer Connexion mit der Lombard⸗ ſtraße anzuhören.“. Nachdem Hamlyn dieſe Worte angehört hatte, reichte er ſeinem Sachverwalter voll Dankbarkeit die Hand, und ein Händedruck voll ausdauernden Feuers wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. Dieß war viel von einem Bankier, der gewohnt war, verſchwenderiſche Lobſprüche anzuhören, die ihm nach der Rechnungsweiſe des Gaſt⸗ hofes„Lincolns“ geſpendet wurden, erlogene Lobſprüche, von denen jeder Point ſiebzehn Pfenninge werth war. Uebrigens nahm nun ein erfreulicheres, zu ſeinen Gunſten auszuführendes Geſchäft, die Aufmerkſamkeit ſeiner geſetzmäßigen Bevollmächtigten, der Herrn Wigwell und Slak, in Anſpruch. Die Sachwalter der Marquiſin von Dartford hatten ihnen, unmittelbar nach der förm⸗ lichen Verlobung des jungen Paares, einen Begriff von den edlen Abſichten des Gemahles beizubringen gewußt. Es mußte Herrn Hamlpyn weit angenehmer ſein, mit den Herrn Wigwell und Slak, das Verzeichniß des glänzenden und ſchuldenfreien Vermögens des Marquis durchzugehen, als nach den Gebeimniſſen der öffentlichen Blätter zu greifen und zu fahnden. Von allen Seiten her wurde nun die Sache mit der Heirat aufs eifrigſte betrieben. Die erlauchte Kranke von Dartfort⸗Hall kam in der Stadt an, um mit ihrer künſtigen Schwiegertochter Bekanntſchaft zu machen. Oberſt Hamilton wurde mit ſeiner Schwieger⸗ tochter ſtündlich bei Fenton erwartet, um Augenzeuge des allgemeinen Glückes zu werden. In Cavendiſh⸗ Square war Nichts, als Freude, Alles war voll heiterer Ausſichten für die Zukunft. Der Haushalt des Bankier war nun auf einem ſo glänzenden, brillianten Fuße eingerichtet, daß es ſchwer geweſen wäre, die ſyſtematiſche Einfachheit und Stille — wieder zu erkennen, welche ſeit ſo manchen Jahren im Hauſe des Herrn Hamlyn gewaltet hatte. Viertes Kapitel. Es iſt beſſer, wenn man den Gefahren halb Wegs entgegen geht, wenn ſie Einem auch um Nichts näher treten, als wenn man zu lange wacht, um ihre Ankunft abzuwarten. Denn wenn ein Mann zu lange wacht, ſo muß er ja wohl in Schlaf fallen. Bacon. Oberſt Hamilton fragte Lydia:„nicht wahr, meine Theure! der junge Marquis wird wohl nicht eiferſüchtig werden, wenn er hört, daß Ihre Mutter, welche gerade eben ihre Chaiſe, an der Ecke der Halleſtraße anhalten ließ, um mich zu bewillkommnen, mir erzählte, ich werde Sie ganz allein treffen, und daß ſie mir Erlaubniß gab, unter vier Augen mit Ihnen zu ſprechen?“ „Miß Hamlyn entgegnete lächelnd:„Gerald iſt wirklich ſehr nachſichtsvoll, Sie wiſſen, ſo find die Tage der Brautwerbung. Mein theuerſter Oberſt Ha⸗ milton! ich kann Ihnen nicht verſprechen, daß er, ein Jahr von jetzt an gerechnet, mir Erlaubniß geben wird, Ihnen zu ſagen, wie herzlich froh ich bin, daß ich wider an Ihrer Seite ſitze.“ Der Oberſt erwiederte lachend:„ich muß ihm wohl noch ein Paar Löwenjagden erzählen, damit er mir gut bleibt, wenn Sie ſagen, ſo ſind die Tage der Braut⸗ werbung. Ich freute mich, meine Theure! als ich hörte, Sie werden ein wenig in die Länge gezogen, und man laſſe Sie ein wenig auf die Heirat warten. Sogar bei den glücklichſten Ehen hat das eheliche Verhältniß ſo viele Dornen, als die Brautwerbung Roſen.“ 87 „Wollen Sie gar, auf meine glänzenden Ausſichten, Schatten und Dunkel werfen?“ „Nein, meine theure Lydia! ich will Sie blos be⸗ lehren, wie Sie die Sonderbarkeiten und Grillen der alten Marquifin ertragen ſollen.“ Sie entgegnete:„ich verſichere Sie, unter den mancherlei Zeichen der Güte, welche mir Lady Dartford erwies, iſt das das Bedeutendſte, daß ſie unſere Vermählung ein wenig hinausſchob. Gerald und ich haben ja die Erlaubniß, einander täglich ſehen zu dürfen. Ihnen, der meine ſeelengute Mutter, ſo herzlich liebt, und ſo hoch ſchätzt, ſage ich ohne Bedenken, ich würde mich nicht glücklich fühlen, ließe ich ſie jetzt ſchon in Ca⸗ vendiſh⸗Square allein. Henry muß zuvor für immer nach Hauſe gekommen ſein, und das Geſchäft über⸗ nommen haben, damit ſie einen Geſellſchafter an ihm hat. Meine Schweſter muß noch zwei Jahre in der Schule bleiben, und, da ſich mein Vater morgens auf dem Bankierhauſe beſchäftigt, und bei Nacht das Unter⸗ haus beſucht, ſo hat er wohl keine Zeit, ſich meiner Mutter zu widmen, von der ich befürchte, daß ſie mich vermißt, wenn Henry nicht zu Hauſe iſt, um meine Stelle einzunehmen.“ „Um die Wahrheit zu geſtehen, es fällt mir gerade ein, Frau Hamlyn ſieht ein wenig bleicher und hagerer, als ſonſt, aus. Sie wußte zwar. über ihren künſtigen Schwiegerſohn ſchöne Dinge zu ſagen, aber ich denke, ich ſah Thränen in ihren Augen.“ „Dieſe floſſen aber gewiß nicht um unſertwillen. Ich kann Sie verſichern, ſie hat Lord Dartford ſo gerne, wie wenn er ihr eigenes Kind wäre. Dieß iſt auch ihre Schuldigkeit, denn es iſt unmöglich, daß Jemand an eine Perſon anhänglicher iſt, als er an meine Mutter. Aber ich fürchte, Henry macht ihr Sorgen.“ „Was beim Teufel? der alte Zänker iſt doch wohl nicht wieder rückwärts gegangen? er wird doch wohl nicht 3 88 aufs Neue mit der Scheue vor dem Bankiergeſchäfte behaftet ſein?“ „Meine arme Mutter glaubte, er ſeie nicht wohl auf, auch fühle er ſich unglücklich, Er hat geſchrieben, ſte ſolle ſich darauf gefaßt machen, daß ſein bevorſtehen⸗ des Examen ſchlecht ausfalle, ein Umſtand, welcher ihr nicht wenig Kummer machen wird.“ „Das macht ihr Kummer? ich will nicht hoffen! Eine Dame, welche die Genüſſe irdiſcher Vergnügungen im Vollauf hat, wird ſich doch über die Zeugniſſe, welche ein Paar Profeſſoren in Cambridge einem ihrer Söhne geben, hinwegſetzen können?“ Nein! denn wenn er ſchlechte erhält, ſo iſt es ein Zeichen, daß ſein Geiſt gebrochen iſt, und das iſt auch wirklich bei ihm der Fall. Da er eminente Fähigkeiten beſitzt, ſo iſt es nicht anders möglich, als man muß die plötzliche Veränderung in ſeinen Studienverhältniſſen dem Kummer zu ſchreiben, welcher ſeinen Geiſt überwältigt hat. Doch es iſt nutzlos, davon zu ſprechen. Der Wille meines Vaters iſt ſo feſt, als der der Meder und Perſer, und, je weniger wir davon ſprechen, deſto beſſer iſt es. Sprechen Sie lieber mit mir, von Miſtreß Hamilton, von Ellen! Warum brachten Sie dieſelbe heute nicht mit Ihnen nach Cavendiſh⸗Square?“ „Sie hat ſich auf der Eiſenbahn erkältet; nach meiner Ueberzeugung macht ſie es, wie eine Opern⸗ ſängerin, wenn ſie ſich krank ſtellt. Meine Theure! ich glaube, das arme Mädchen hängt in Rückſicht auf ihr Verhältniß zu Ihrer Familie aufs zähſte an Complimenten und Förmlichkeiten, weil ihr in früherer Zeit Ihre Familie in der öffentlichen Meinung einigermaßen ſchadete. Ich müßte mich ſehr irren, aber ich glaube nicht, daß Ellen Cavendiſh⸗Sanare betritt, eehe Sie in unſerem Gaſthof in der Jamesſtraße mit ihr zuſammen getroffen ſind, und Etwas der Art mit ihr geſprochen haben, als etwa: wie befinden Sie ſich?“ 4 „Das kann ganz leicht ins Werk geſetzt werden,“ ent⸗ d 89 gegnete Lydia lachend.„So wie Mamma nach Hauſe kommt, wollen wir geradezu in Fentons Gaſthof fahren. Miſtreß Hamilton wird wohl keine complimentöſe ge⸗ zierte Perſon ſein? Ich wünſche, wir möchten einander ganz genau kennen lernen, und—“ „Meine Theure! ich danke Ihnen für Ihre gute einung. Gegenüber von Ihnen wird ſie durchaus nicht zurückhaltend ſein. Sie dürfen ſicher ſein, Sie werden von ihr auf das herzlichſte und liebevollſte auf⸗ genommen werden. Sodann iſt ſie, meine Theure! ein großer Freund von Ihrem ſchönen jungen Marquis, von Gerald, wie Sie, als heiteres Mädchen, ihn nennen. Als er Dean⸗Park verließ, war ſie voller Sorgen. Oft kam er hinüber nach Burlington, und pflegte als⸗ dann Ellen ſtundenlang zu unterhalten. Namentlich wußte er Viel von Ihnen zu reden. Er ſagte, kein bezauberndes Frauenzimmer ſeiner Bekanntſchaft könne, ſo gut ſprechen, ſo gut reiten, ſo gut die Pferde einer Drotſchke leiten, auf ein Ziel ſchießen, Billard ſpielen, und alle Sorten wilder Dinge mit machen, über deren Nennung Miß Creswell ſich entſetzt; ja kein Frauen⸗ zimmer ſeiner Bekanntſchaft verſtehe ſich auf ſolche Sachen ſo gut als— Sie. Nun! ſehen Sie doch nicht ſo ſauer darein. Er ſprach ſich ja über dieſe Sachen nicht im mindeſten tadelnd aus. Doch ſagte er, einer Ihrer Hauptreize beſtehe darin, daß ſie nicht jangferlich ſeien, daß Sie ſich frei ausſprechen, daß Sie das Leben heiter genießen, daß Sie keine wächſerne, mit Kleien ausge⸗ ſtoppte Puppe ſeien, wie die andern jungen Ladys, die er kenne.“ Kann man ſich wohl aber auf die Erzählung, welche Miſtreß Hamilton gibt, auch verlaſſen?“ rief Lydia voll Heiterkeit aus.„Lord Dartford erklärt ſie für das ſchönſte Weib Englands, und führt als Beweis dafür an, Alberich Vernon, der ja als Weiberhaſſer bekannt ſei, habe die verzweifelſte Liebe zu ihr gefaßt.“ „Ich denke zugleich, ſagte er Ihnen wohl auch, Liebe 90⁰ könne blos dann beſtehen, wenn ſie gegenſeitig ſei? Er und ich plagten uns Stunden lang damit zu amüſiren, daß wir auf Alberich Vernon ein wachſames Auge hatten, wenn er den Angenehmen ſpielte, und, daß wir Ellen zuhörten und zuſahen, wie ſie ihn jeden Augenblick anſchaubte, als wenn er keinen Heller werth wäre. Bei ſolchen Gelegenheiten ſah Ihr Bruder Walther, der eine mächtige Zuneigung für dieſe Vernons hegt, gerade ſo darein, wie wenn er auf heiße Kohlen ſäße. Er war voll Furcht der junge Stutzer werde ſich durch Ellens Offenherzigkeit beleidigt fühlen.“ „Ich denke, Walther hat eine Vorliebe für Hyde,“ ſagte Lydia ernſthaft. „Lord Dartford verſchwur ſich häufig hoch und theuer, Walther ſei in das zierliche, ſchwächliche Töchterchen des Hauſes verliebt, deßhalb denke ich, wird er keine große Freude haben, wenn er hört, was geſchah, nach⸗ dem er und der Marquis Dean⸗Park verlaſſen hatten.“ „Begegnete Miß Vernon etwas Beſonderes?“ „Nein! ſondern ihrem Bruder, dem Windbeutel. Wir wiſſen, der Narr hatte immer Alles mögliche am Eheſtande auszuſetzen, aber doch iſt er in der That und Wirklichkeit, mit einer Liebeserklärung gegen Ellen herausgeplatzt. Um vor ihm ſicher zu ſein, gab ſie ihm keine Gelegenheit, ſich durch weitere Galanterien zu einem ſo großen Eſel zu machen, als ich gewünſcht hätte, daß er einer würde. Sie gab mir den Auftrag, ihn nicht gerade durch Worte völlig niederzuſchmettern, aber ihm eine ſo entſchieden abſchlägige Antwort zu überbringen, als man nur immer eine ertheilen kann. Auf dieſe Weiſe ging mir aller Spaß aus den Händen, den ich mir verſprach, wenn er ihr lange Zeit den Hof gemacht hätte, eine Bewerbung von der ich gewiß weiß, daß ſie damit geendet haben würde, daß ihm Ellen am Ende ausgeboten hätte.“ Lydia rief aus:„wie? Ellen ließ ſich durch das ſchöne alte Schloß nicht verführen? So theuer, als ich 91 Gerald liebe, ich denke, die Holbeingallerie und die herrliche Eichenallee auf Hyde, hätte mich mit magiſcher. Kraft angezogen. In allem Ernſte, theurer Oberſt Hamilton! welche Beſtürzung muß es bei der Familie Vernon veranlaßt haben, als ſie hörte, ihr unvergleich⸗ licher Sohn und Erbe ſei von einer Dame abgewieſen worden, die nicht im Entfernteſten adelich ſei!“ „Meine Theure! ich weiß Etwas, das unter der Familie Vernon noch größere Beſtürzung verbreitet haben würde,— wenn ſie ſeine Wünſche erhört hätte. Gott ſei Ihrer Seele gnädig! Mann und Weib wären in Harniſch gejagt worden; ſein Vater und ſeine Mutter wären ohne Gnade und Barmherzigkeit geſtorben, wenn ſie hätten ſehen müſſen, daß ſich Alberich der Große mit der Wittwe eines Bürgerlichen vermählt hätte. In der Kirche von Brarham hätte ein ſo hübſches Leichen⸗ begängniß ſtatt gefunden, als meiner Anſicht nach die Hochzeit ſein wird, welche nächſten Juni in Orington gefeiert werden ſoll.— Nebenbei geſagt, meine Theure! es würde Ihrem Herzen gewiß wohl gethan haben, hätten Sie geſehen, wie ſtolz der würdige Doktor war, als Ihr Brief ankam, in welchem Sie ihn von Ihrer Hei⸗ rat in Kenntniß ſetzten, und ihn baten, die heilige Handlung zu verrichten— in der That ein ſchöner, gütiger Gedanke gegenüber vom Herrn Paſtor, der Ihnen und Ihrer Mutter alle Ehre macht. Sie dürfen glauben, Markham bildete ſich ein, Ihrem Vater, der mit hohen Geiſtlichen ſo gut ſteht, ſei die Sache ſo wichtig, daß er für die heilige Handlung wenigſtens einen Biſchof nöthig habe.“ „Im Gegentheil! hätte ich nicht für Doktor Mark⸗ ham beſondere Achtung gehabt, der Hofmeiſter Lord Dartfords, der alte Buckingham, wäre der auserkorene „Mann geweſen.“ „Gut! nächſter Tage müſſen Sie, meine Theure, auf der Pfarreienliſte Ihres Herrn Gemahles, für Herrn Markham eine gute Stelle ausſuchen. Ich denke, 9² der arme Burſche hat eine ſolche nöthig, denn bei ſeiner Frau iſt dieſen Frühling ein neuer kleiner Sprößling auf dem Wege. Beinahe könnte man glauben, auf Pfarrhäuſern ruhe ein ganz beſonderer Segen, weil ſie ſo viele Schößlinge treiben. Ich werde der Pathe vom nächſten Kinde Markham ſein, das thue ich Ihnen zu wiſſen, auch denke ich, wird mich nächſtens Lord Dart⸗ ford zum Brautführer wählen. Ein guter Michel, wie ich einer bin, iſt Jedermanns drolliger Diener, Jeder⸗ manns gemeine Dogge. Aber leben Sie wohl, meine Theure! Ich habe Ellen verſprochen, um drei Uhr zu Hauſe zu ſein, und mit ihr das Panorama von Neapel zu ſehen. Das arme Mädchen ſehnt ſich immer nach Italien.“ „Wie es ſcheint, befürchtet ſie nicht, ihre Erkäl⸗ un könnte üble Folgen haben, wenn ſie Leiceſter Field eſucht.“ „Ach!— gut,— ich ſehe, ich habe mich ver⸗ ſchnappt. Denken Sie nicht mehr daran. Sie werden wohl einſehen, meine theure Lydia, daß Sie dieſe Sache mit Nachſicht behandeln müſſen. Seien Sie deßhalb ſo gütig und bewegen Sie Ihre Mutter, uns, zugleich mit Ihnen, recht bald zu beſuchen.“ Doch war dieſe Einladung, durch folgendes Ereig⸗ niß überflüſſig gemacht. Wie wir wiſſen, lebte Oberſt Hamilton in einem Geſellſchaftszirkel, der aus Perſonen zuſammengeſetzt war, von denen jede an den Angelegen⸗ heiten der andern, warmen Antheil nahm, deßhalb war er gewohnt, Alles, was er von der einen hörte, der einen oder andern wieder mitzutheilen. Und ſo ſchilderte er denn Ellen das große Glück Lydias, zugleich aber auch den Kummer, den ihre Mntter Henrys wegen habe. Er dachte für den Augenblick nicht an den Brief, den er auf Henrys Zimmer in Cambridge angetroffen hatte, auch nicht an das Zuſammentreffen Ellens und Henrys mit ihm zu Whitehall; es ſiel ihm nicht ein, daß ſeine holde Geſellſchafterin ein beſonderes Intereſſe 93 daran haben müſſe, wenn ſie erfahre, daß Henry Hamlyn, durchaus nicht das beſte Eramen unter ſeinen Mitexami⸗ nanden machen, ſondern daß er wahrſcheinlich durchfallen werde. Sein Geiſt ſei dadurch, daß ſein Vater ihn genöthigt habe, eine ſeinen Gefühlen ſo gar wenig zu⸗ ſagende Laufbahn zu ergreifen, vollkommen verdumpft. Der Oberſt wußte das Ungluck ſeiner vorzüglichen Mut⸗ ter, welche ſich in dieſer Angelegenheit in ihren Hoff⸗ nungen ſo ſehr getäuſcht gefunden habe, mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Wärme zu ſchildern. Deßhalb entſchloß ſich Ellen aus freien Stücken, am folgenden Tage unter ſeiner Begleitung einen Beſuch in Cavendiſh⸗Square abzuſtatten. Mittlerweile trat übrigens dieſem Plan ein Hinder⸗ niß in den Weg. Frau Hamlyn bat den Oberft ſchriftlich, er möchte in Geſellſchaft von Miſtreß Hamilton mit ihr in die Oper gehen und dabei ihre Loge benützen, die für mehrere Perſonen eingerichtet ſei. Ellen, welche ein Paar Stunden zuvor die Einladung ganz gewiß abgeſchlagen hätte, nahm dieſelbe im Augenblicke an. Sie hielt es für ihre Pflicht und Schuldigkeit, jedes bittere Gefühl gegen eine Perſon zu unterdrücken, deren Hoffnungen ſie, wenn gleich als unſchuldige Urſache, auf ſo grauſame Weiſe getäuſcht hatte. Wie wir wiſſen, war Richard Hamlyn um dieſe Zeit durch die Drohungen Spilsby's, wenn ſich gleich dieſe bloß in Blicken kund thaten, in Harniſch gejagt worden. Auch machte ihm der Umſtand gewaltige Sorge, daß er einer Perſon, wie Lord Crawley, welcher mit ſeinem er⸗ lauchten Schwiegerſohn in ſo genauer Verbindung ſtand, entfernter Weiſe einen Leitfaden an die Hand gegeben hatte, der ihn darauf bringen konnte, warum der Bankier ſo ängſtlich darauf bedacht ſei, ſein Haus von Einem ſeiner vertrauten Diener zu befreien. Doch hätte es ihn gewiß nicht wenig getröſtet, hätte er ahnen können, daß die ihm verhaßte Familie der Vernons heute Nacht durch 94 ſeine Frau bis auf's Blut gekränkt werde, ohne daß übrigens dieſe die entfernteſte Ahſicht habe, dieß zu thun. Als er früher für ſeine Frau eine Opernloge aus⸗ ſuchte, richtete er ſein Augenmerk einzig darauf, daß dieſe Loge von den Augen der Familie Vernon beſtrichen werden könne. Die hochmüthigen Damen von Hyde ſollten mit eigenen Augen ſehen müſſen, wie ihre londoner Bekannt⸗ ſchaften keine anderen Leute ſeien, als ſolche, welche auch mit Frau Hamiyn gut ſtehen; daß es in London anders zugehe, als in Warwickſhire, wo es ihnen eher möglich ſei, ſich über die Familie eines Bankiers zu erheben. Seit dem Anfange der Saiſon ſtach es Lucinda nicht wenig in die Naſe, daß ſte ſehen mußte, wie der Marquis, ihr Marquis, an der Seite der holden, prächtig gekleideten Lydia ſaß, welche von ihr ein Paar Monate zuvor als unbedeutendes Schulmädchen behandelt worden war. Noch ärgerlicher wurde ſie, wenn Frau Hamlyn nicht aufgelegt war, die Oper zu beſuchen. Denn alsdann diente Lady Rotherwood der zukünftigen Marquiſin als Ehrendame und behandelte, im Angeſichte der Vernons, ihre künftige Niece mit der ganzen Zärtlichkeit einer Mutter und ſchenkte ihr weit mehr Aufmerkſamkeit, als ſie je einem Mitgliede der Familie von Hyde geſchenkt hatte. Natürlich ſah es Lord Vernon als eine neue Kränkung von Seiten der Vorſehung an, daß der Pächter vom Theater ihrer Majeſtät es gewagt habe, eine Loge, ſo ganz in ſeiner Nähe, an Leute, wie die Bankierfamilie Hamlyn, zu vergeben. Aber da war nicht zu helfen. Entweder mußten Lucinda und ihre Mutter auf den Genuß der Oper ganz verzichten, oder ſich all' ihre Freude an Griſt und Rubbini durch die ſchmähliche Erniedrigung des Marquis von Dartford, zu Gunſten der Loge Nr. 27, verbittern laſſen. Am Abend, von dem wir ſprechen, ſollte übrigens dieſes Leid noch eine böſe Zugabe erhalten. Auf dem Wege zu ihrer Loge hatte Lady Vernon den Arm des Herzogs von Montmorency, eines Mitgliedes der fran⸗ zöſiſchen Geſandtſchaft, in Anſpruch genommen. Da ihrer 95⁵ Tochter ein Begleiter fehlte, der auch die Rolle eines künftigen Bräutigams hätte ſpielen können, ſo betrachtete ſie den Herzog als eine hohe Zierde ihrer Loge. Der Herzog hatte zu viel feine Manier, als daß er ſich von einer Dame, welche ihn durch einen ſo hohen Vorzug ehrte, hätte ſogleich wieder verabſchieden ſollen. Er ſetzte ſich geduldig nieder, um ſich von der hold lächelnden Lucinda den Hof machen zu laſſen. Kaum hatte er fünf Minuten geſeſſen, als er ſeine doppelte Lorgnette hervorzog, und durch dieſelbe unver⸗ wandt auf die Loge der Hamlyns ſah. Miß Hamlyn wollte durchaus nicht haben, daß es dieſesmal wieder gehen ſollte, wie bei ſo vielen Beſuchern der Oper, die nichts Anderes zu thun wußten, als über das große Gluͤck Lord Dartfords und der eminenten Schönheit ſeiner künf⸗ tigen Gemahlin zu plaudern. Deßhalb nahm ſie von der Beſchaͤftigung ihres Geſellſchafters gar keine Notiz, da⸗ mit er keine Veranlaſſung habe, auf Lord Dartford und Lydia zu kommen. Aber Franzoſen behalten ihre Em⸗ pfindungen ſelten bei ſich. Voll Bewunderung rief er aus:„Wie ſcharmant iſt ſie! wie göttlich ſchön iſt ſie! ſie hat den Wuchs einer Göttin! ſie hat die Taille einer Nymphe!“ 8„In der That, ſie iſt ſehr hübſch und Perſiani ſingt heute bewunderungswürdig,“ entgegnete Lucinda, in der Hoffnung, die Begeiſterung des Herzogs für Lydia mäßigen zu können. „Bewunderungswürdig! Aber wer iſt ſie, dieſe Ihre prächtige Nachbarin?“ „Sie iſt die Tochter eines Bankiers, eine Perſon, von welcher Sie wohl noch nie gehört haben werden.“ Der Herzog ſagte lebhaft:„Sie ſprechen von Miß Hamlyn, der holden Kreatur, mit welcher ſich der Mar⸗ guis von Dartford vermählen will. Schon hundert Mal habe ich ſie geſehen, und eben ſo oft hat ſie mich ent⸗ zückt. Meiner Anſicht nach iſt ſie vielleicht die ſchönſte, jedenfalls die am geſchmackvollſten gekleidete Dame in 96 der Stadt. Doch was ſehe ich! Die Lady dort drüben iſt tauſendmal ſchöner, als ſie. Gerechter Himmel! wenn eine ſolche Dame in unſerer Oper zu Paris erſcheinen würde, jedes Auge im Theater würde auf ſie gerichtet ſein! Sie würde Furore machen. Aber in London macht Nichts Aufſehen. Den Londonern iſt es einerlei, ob ſie eine hohe Schönheit, oder einen Kometen, oder eine Katze mit ſechs Füßen zu ſehen bekommen. Ihr kalten Inſel⸗ bewohner würdet Euch kaum Mühe geben, einen Ruf der Freude auszuſtoßen, ſegelte Cleopatra ſelbſt in ihrem Staatsſchiffe die Themſe herauf. Nebenbei geſagt, die königliche Dame da drüben gibt Einem in der That eine Idee von Cleopatra!“ Lucinda Vernon wünſchte, dem kalten Volke ihres Landes nicht beigezählt zu werden. Sie ſtellte ſich, als ob ſie warmes Intereſſe an der Sache nehme und, anſtatt mit ihrer eigenen Lorgnette zufrieden zu ſein, borgte ſie ſogar vom Herzog den großen, mit Elfenbein ausgelegten hedvülten Tubus, um nach der auffallenden Schönheit au ſehen. 1 ſeben. konnte ſich nicht enthalten, auszurufen:„Sie iſt in der That wundervoll ſchön! Sehen Sie Mama! dort iſt die ſchönſte Dame, die ich je in meinem Leben ſah!“ Lady Vernon entgegnete:„Gewiß! ſie iſt ein ſehr ſchönes Weib! ohne Zweifel iſt es eine gemeine City⸗ Bekanntſchaft der Hamlyns.“ 1 Der Herzog erwiederte:„Vielleicht iſt es eine City⸗ Bekanntſchaft, aber keine gewöhnliche, keine gemeine.“ Es war ihm nicht möglich, ſeine Neugierde in Betreff ihrer zu unterdrücken. Er ſtand auf und war bereits daran, von den Vernons Abſchied zu nehmen, als auf einmal der Schlüſſel des Herrn der Loge mit Geräuſch in das Schloß drang, und Alberich ſeine Aufwartung machte. Miß Vernon wollte den Herzog aufhalten und ſagte zu ihm:„Mein Bruder wird uns ohne Zweifel Auskunft darüber geben können, wer die Dame iſt. Er kennt die 97 Geſellſchaft, bei der ſie iſt. Alberich! wer iſt die Lady, welche ſich heute Nacht bei Miſtreß Hamlyn und ihrer Tochter aufhält?“ Alberich Vernon war gerade aus von ſeiner Droſchke zur Loge ſeiner Mutter gegangen. Um ſein Leben hätte er die Schmach nicht auf ſich geladen, daß es von ihm heiße, er beſuche ganz ungenirt die Logen anderer Damen. Deßhalb betheuerte er auf's Ernſtlichſte, er habe keine Zeit gehabt, ſich im Opernhauſe umzuſehen. Nun aber richtete er ſein Fernrohr auf lärmende Weiſe, wie wenn er darauf ausgehe, einen neuen Planeten zu entdecken. Sein Beſtreben, die Neugierde einer ſo erlauchten Perſon, eines Herzogs von Montmorency, zu befriedigen, bewirkte, daß er ſich dieſesmal nicht, wie gewöhnlich, ſcheute, ſich in der Loge ſeiner Familie voranzuſtellen. Er beugte ſich vorwärts über ſeine Schweſter, um die entzückende Figur aus der„Menagerie des Bankiers Hamlyn“ recht deutlich ſehen zu können. Wären ſeine Augen auf einen Baſtlisken getroffen, ſeine Nerven hätten keinen ſo elektriſchen Schlag erhalten, wie durch das, was er jetzt ſah. Augenblicklich ging er an ſeinen Platz zurück, augenblicklich zog er ſein Fern⸗ rohr zurück. Alle Farbe ſchwand von ſeinen Wangen, ſein Benehmen verlor allen Halt. Er fing an, über das neue Ballet ein Paar Bemerkungen zu ſtammeln. Aber der Herzog konnte auf dieſe Weiſe nicht beſeitigt werden. Er wiederholte die Frage:„Wer iſt die Lady?“ In der Eile entgegnete Alberich:„Sie iſt eine Wittwe, eine Perſon, welche Sie wohl noch nie in irgend einer Geſellſchaft getroffen haben und wahrſcheinlicher Weiſe wohl auch nicht treffen werden.“ Wiederum nahm er ſeine Zuflucht dazu, daß er auf das Ballet ſah; aber Montmorency blieb bei ſeiner Sache. Er wollte partout den Namen der Lady wiſſen, die er nach dem Ausſpruche Alberichs niemals in der Geſell⸗ ſchaft treffen ſollte. „Hamilton!“—— Die Bankiersfrau. II. 7 „Hal das iſt ein ſehr guter, das iſt ein hiſtoriſcher Name. Er iſt auf dem Feſtlande der bekannteſte unter allen engliſchen. Ein ſchottiſcher Herzog Hamilton iſt der Repräſentant von einem unſerer franzöſiſchen Herzog⸗ thümer.“ Dieſe Rede erſchöpfte die Geduld Lady Vernons. Sie rief aus: „Die Dame, von welcher Sie ſprachen, hat mit dem Geſchlechte der ſchottiſchen Hamiltons durchaus Nichts zu ſchaffen. Wahrſcheinlich wiſſen Sie nicht, daß die Namen großer ſchottiſcher Familien allen Clienten ihrer Graf⸗ ſchaft gegeben werden. Zwiſchen ſolchen Vaſallen und dem Haupte ihres Hauſes findet kein genaueres Verhältniß Statt, als zwiſchen Ihrem Kutſcher und Ihnen Statt finden würde, wenn es bei großen franzöſiſchen Häuſern Sitte wäre, ihren Dienern den Namen der Familie zu eben.“ 9 Der Herzog rief aus:„Die Sache wird mir klar. Während ich übrigens jenes wunderſchöne Weſen da drüben betrachte, bin ich geneigt, einen Ausdruck bei einem berühmten engliſchen Schauſpieldichter zu paradiren und zu ſagen: Wenn Gott eine leſerliche Hand ſchreibt, ſo iſt dieſe Perſon eine Dame von Stand.“ Lueinda entgegnete grämlich:„Meinetwegen mag ſie eine Kaiſerin ſein, wenn es Ihnen gefällig iſt, doch kann ich Sie verſichern, ſie iſt eine Perſon, welche wir nur mit Widerſtreben in unſere Geſellſchaft aufnehmen würden.“ Montmorency war ein zu fein gebildeter Mann, als daß er die Rede einer ſo ſchönen Lady, wie Lucinda, hätte beſtreiten wollen; doch wollte er der Unterhaltung eine andere Wendung geben, und machte eine allgemeine Bemerkung über das Ballet. Unglücklicherweiſe wandte er ſich mit ſeinen heitern Bemerkungen an Alberich Vernon, welcher, wie wir wiſſen, ein eitler, franzöſirter Naſeweis und von Hauſe aus eine empfindliche Seele war, und aus den Reden des Herzogs mit Sicherheit ſchließen zu 99 dürfen glaubte, daß ſein Geheimniß verrathen ſei und der Herzog auf ihn ziele. Im Theater trat nämlich ein brillianter Baron auf, und warf ſich ſeiner Geliebten, Namens Cerito, zu Füßen. Hierüber machte der Herzog folgende Bemerkung:„Ich ſehe, die Lady iſt grauſam, und der Herr Baron iſt ein zu großer Barbar, ſonſt würde er wohl einſehen, daß noch etwas Anderes, außer ſeiner hohlen, leeren Wich⸗ tigkeit dazu gehört, um das Herz eines ſchönen Weibes zu bezwingen. Ich haſſe einen Burſchen, welcher ſich um ſeine ſechzehn Schillinge Liebe erkaufen will. In haßt ſichtlich auch unſere ſchöne Dame im Baßet.“ Ehe ſich Herr Vernon von einem Schlage erholen konnte, von dem er glaubte, daß ihm Spott und Hohn zu Grunde liege, hatte Montmorency bereits die Loge verlaſſen, um einen gewiſſen Freund Dartfords aufzuſuchen. Er dachte, dieſer werde Mittel und Wege wiſſen, um ihn der ſchönen Freundin der Hamlyns vorzuſtellen. Sobald er fort war, brach Lucinda und ihre Mutter in Aus⸗ rufungen der Verwunderung aus, daß es Fremden ſo gar ſchwer werde, die charakteriſtiſchen Merkmale von hoch⸗ geſtellten und gemeinen Leuten unter dem engliſchen Volke zu unterſcheiden. Lady Vernon blies ſich voll beleidigter Majeſtät auf, und fächelte ſich mit ſolcher Wuth und Entrüſtung friſche Luft zu, daß Alberich nicht mehr zweifelte, die Nachricht von ſeiner unglücklichen Liebe ſei bereits zu den Ohren ſeiner Familie gedrungen. Lady Vernon ſagte:„Ich hätte in der That gedacht, ein Montmorency, ein Mann derung an die gemeine Wittwe eines Sohnes von dieſem Emporkömmling, von dieſem Oberſt Hamilton wegzu⸗ Was Alberich betrifft, ſo blieb ihm doch noch die Hoffnung übrig, der bezaubernde Gegenſtand ſeiner Liebe werde für den Augenblick durch mädchenhafte Schüchtern⸗ heit verhindert worden ſein, die Nachricht von ſeiner raſchen Liebeserklärung und der unmittelbar darauf er⸗ folgten Zurückweiſung ſeiner Liebesanträge auszubreiten. Er dachte, dieſe böſe Zeitung werde erſt auf dem Wege ſein.. Es wäre ihm ein Kleines geweſen, der armen Ellen Hamilton das anthun zu laſſen, was einſt der ſchönen Jüdin von Konſtanz angethan wurde, welche der Neid, ihrer ſtralenden Angen willen, in einen Keſſel ſie⸗ denden Oeles werfen ließ. Doch hielt er es für paſſend, durch Anführung von bedeutenden Perſonen, bei denen Ellen ſehr gut empfohlen war, ſeine eigene Wahl in Betreff Ellens zu rechtfertigen. Er wandte ſich an ſeine Schweſter, und ſagte: „Inda, Du hatteſt Unrecht, wenn Du ſagteſt, Miſtreß Hamilton ſei ein Weib, mit welchem Du wohl niemals Ge⸗ ſellſchaft pflegen müſſeſt; es ſei Dir gar nicht hange darauf. Nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß Du nächſten Winter auf Ormeau mit ihr zuſammentreffen mußt. Es ſcheint mir, Du wirſt nicht umhin können, dieſem Schloſſe die Hand des Friedens zu bieten.“ Lady Vernon ſagte:„Auf Ormeau wird ſie wohl die Hamilton treffen? Ja! ich erinnere mich: ehe wir das Land verließen und in die Stadt zogen, ſchliechen ſich die Hamiltons in die Freundſchaft des Herzogs von Elvaſton ein.“ Als ſie das quälende Schauſpiel mit an⸗ ſehen mußte, wie der Herzog Montmorency durch den Marquis von Dartfort der Miſtreß Hamilton und Lydia Hamlyn förmlich vorgeſtellt wurde, konnte ſte nicht an⸗ ders, ſie mußte ſich in das Innere ihrer Loge flüchten. „Nachdem Du das Land verlaſſen hatteſt, haben ſie ſich dort vierzehn Tage mit ſolchem Glücke aufgehalten, daß Lord Eduard Sutton die Schwiegertochter Oberſt Ha⸗ miltons mit Gewalt zur Frau haben will, und ſeine Familie ebenſo darauf los iſt, die Heirat ins Werk zu ſetzen.“ „Lord Ednard Sutton? Was fällt dieſem Manne 191 ein, daß er ſich auf ſolche Weiſe erniedrigt? Er iſt Erbe vom Gute Wrottesley und von ſechs oder ſieben tauſend Pfund Sterling im Jahre. Lord Eduard kann die Hand jeder Dame erringen, die ihm gefäͤllt.“ „Ich denke, das wird eben der Grund ſein, warum er Miſtreß Hamilton zu heiraten wünſcht.“ Seine Mutter achtete nicht darauf, daß er ſte unter⸗ brach, ſondern fuhr fort:„Ich ſehe ein, ein junger Mann, wie Kapitän Hamlyn, welcher keinen Anſpruch auf gute Connexionen und bloß gerade Geld genug hat, um noch mehr zu wünſchen, könnte wohl durch Oberſt Hamiltons fünfzehn oder zwanzig tauſend Pfund Ster⸗ ling, die er jedes Jahr zu verzehren hat, in Verſuchung gerathen, mit ſeiner Schwiegertochter anzubinden. Das wäre von beiden Seiten eine paſſende vernünftige Hei⸗ rat. Dagegen für einen Mann von Familie und Ver⸗ mögen, wie Lord Eduard Sutton iſt, wäre eine ſolche Heirat ein widerwärtiges Ding. Alberich eben ſo gut könnte ich hören, daß Du mit Miſtreß Hamilton in's Gerede kämeſt.“ was zwiſchen Hyde und Burlington vorgefallen war, Doch fürchtete er ſich eben ſo ſehr, in ſeinen Briefen nach Grosvenor⸗Square die Sache zu berühren, als den Frevel zu begehen, und die Grabmale in der Kirche von Brarham mit den Haͤnden zu betaſten. Der junge Ver⸗ non war gewohnt zuzuhören, wenn ſein Vater mit ſeiner Mutter ſyſtematiſche Spiegelfechtereien hielt, bei denen ees äuf feine Winke und Anſpielungen ankam, und wobei ſie einander mit Zuckererbſen zu werfen pflegten, wie es die Bevölkerung Roms während eines Carnevals mit Steinchen machte, und war durchaus nicht im Zweifel, daß er, wie ein Schulknabe, auf dem Rücken Lord Eduards Sutton, gepeitſcht werden würde. Während dieſe widerwärtige Familie darauf aus⸗ ing, die Freuden des Lebens in Kummer zu verwandeln, und Yſop auf Roſen zu propfen, genoßen die Perſonen in der Loge Herrn Hamlyns das Vergnügen eines wonne⸗ vollen Abends, wie es Leute von gutem Charakter em⸗ pfinden, wenn ihre ganze Umgebung eine heitere iſt, wenn im Opern⸗Saale unterhaltende Freunde, eine gute Muſik, ein kunſtreicher Tanz, eine Reihe ſchöner Ge⸗ ſichter vorhanden iſt, welche während der Interſtizien zwiſchen den verſchiedenen Akten das Auge des Zuſchauers erfreuen. Das muſikaliſche Gehör der Miſtreß Hamilton, das nicht allein von Haus aus ein vorzügliches war, ſondern vermöge ihres dreijährigen Aufenthaltes in Ita⸗ lien und vermöge der dort von ihr genommenen Unter⸗ richtsſtunden ſehr verbeſſert und geläutert worden war, ſetzten ſie in den Stand, die hohen Verdienſte einer Geſellſchaft zu preiſen, welche nach gewöhnlicher Lon⸗ doner Sitte von den zufälligen Beſuchern der Loge der Hamlyns auf das Korn genommen, getadelt und aus⸗ gehunzt wurde.(Dieß geſchah von Leuten, die ent⸗ ſchloſſen waren, dieſe Muſik, wenn ſie nicht mehr zu haben war, fünf Jahre nachher als die ſchönſte der Welt zu preiſen.) Wie es dem Auge eines Mönches mit einem reichen Reliquienkäſtchen geht, ſo ging es Miſtreß Hamilton mit dieſer Muſik. Dieſe war ihr eben ſo bekannt, als lieb und werth. Die ſchmachtende Weiſe der Muſik verlor für ihr Ohr Nichts durch die Umgebung, in welcher ſie ſich befand. Lydia's Herz genoß vollkommene, reine Seligkeit, da ſie auf einer Seite ihre hochverehrte Mutter, auf der andern den ihr ſo theuern Liebhaber hatte. Die ſchöne Fremde hatte die höchſte Freude an dem Gedan⸗ 103 ken an das Verwandtſchafts⸗Verhältniß, in welchem ſie zu ihrem herrlichen Freunde, dem Oberſten, ſtand. Da⸗ gegen war es ihr nicht möglich, Miſtreß Hamlyn und ihre Tochter zu betrachten, ohne daran zu denken, daß ſie wohl nie im Verhältniß einer Tochter und Schweſter zu ihnen ſtehen werde. Die weiblichen Vorzüge der Frau Hamlyn, von denen ihr Henry geſagt hatte, das ſchöne Angeſicht Lydia's, welches ihr den Verſtand, die Schön⸗ heit, die ungenirte Herzlichkeit des Gegenſtandes ihrer Liebe, Henry, lebhaft in's Gedächtniß rief, machte den Eindruck auf ihr Herz? daß ſie die gütige Aufnahme, die ihr von beiden zu Theil wurde, mit ganz unerwar⸗ teter Freude bewillkommte. Es wurde ihr, wie wenn ſie ein Glied der Familie Hamlyn wäre. Wiewohl dem Oberſten ihre hohe Schönheit nichts Neues war, ſo überraſchte ihn doch der wundervolle Ausdruck, der einem der ſchönſten Geſichter der Welt durch die erwachenden Gefühle tiefer Herzlichkeit mitgetheilt wurde. Während des Interſtiziums zwiſchen den Akten un⸗ terhielt er ſich mit Frau Hamlyn, der Marquis dagegen war beſchäftigt, Ellen um Belehrung in Hinſicht einer etwaigen Reiſe nach der Vermählung zu fragen. Er ſagte:„Meine theure Miſtreß Hamilton! Sie müſſen mir zugeſtehen, ich bin in jeder Hinſicht der glücklichſte Menſch auf Gottes Erdboden. Zu einer Zeit, in welcher ſeiner Ausſage nach Jedermann Alles geſehen und mitgemacht haben will, und ſich die Hälfte der hol⸗ den Weſen Londons der Vergnügungen des Lebens ſo überdrüſſig iſt, als alte Edelleute von fünfzig Jahren, habe ich mir ein Weibchen ausgefunden, welches von der Welt nicht mehr weiß, als ich ſelbſt, welches an einer guten Oper eine eben ſo gemeine Freude hat, als ich, welches wie ich, den enthuſtaſtiſchen Wunſch hat, etwas mehr Thäler und Berge auf Reiſen zu beſehen, als die von Altengland. Freilich kann es gar wohl ſein, daß gefühlvolle Leute, wie Ihre Freunde, die Coſſing⸗ tons, oder moderne Leute, wie meine Freunde, die Ver⸗ nons, uns als ein Paar einfältige Kinder, deren neu⸗ gebackenes Weſen und Unerfahrenheit ſich etwas ſeltſam ausnehmen, über die Achſel anſehen. Aber ich verſichere Sie, wenn es Etwas gibt, für was ich meinem Freunde Herrn Hamlyn beſonders verpflichtet bin, ſo iſt es das: er hat mir wohl das einzige Weib verſchafft, mit wel⸗ chem ich Hand in Hand die Freuden des Lebens ver⸗ ſuchen kann. Sie ſehen, wenn wir Kinder ſind, ſo ſind wir ſehr glückliche. In der That, ich bin auf den Ge⸗ danken gekommen, wir zwei und Oberſt Hamilton ſeien die einzigen Kinder auf der Welt.“ Miß Hamlyn unterbrach ihn und bat Miſtreß Hamil⸗ ton, ſie möchte dem Marquis ſeine Eigenliebe verzeihen. Der junge Liebhaber heftete das Auge bewunde⸗ rungsvoll auf das herrliche Angeſicht, das durch den Purpur, mit welchem es ſich überzog, neue Reize ge⸗ wann, und ſagte:„Und doch erkläre ich, ich werde keine Vertheidigungsrede halten. Meine theure Lydia! ich betrachte Miſtreß Hamilton als ein Mitglied unſerer Familie, und ich werde eine hohe Seligkeit empfinden, wenn ich höre, daß ſie als zutrauensvolle Schweſter mir Geheimniſſe ähnlicher Art mittheilt, um meine Be⸗ kenntniſſe voll Eitelkeit zu belohnen.“ Die Sache war nur obenhin beſprochen und hatte Bezug auf die ziemlich bekannten Plane Oberſt Hamil⸗ tons, welche er zu Gunſten Walthers hatte, nicht aber auf Henry's Bekanntſchaft mit Ellen, mit dem Lord Dartford noch wenig bekannt war. Doch waren dieſe Worte hinreichend, um die weibliche Würde Ellen Ha⸗ miltons zu beunruhigen, und ihr Geſicht nahm nun eine ruhige Würde an, die ſeinem züchtigen, aber etwas ſtrengen Ausdrucke ſehr gut ſtand. Die Unterhaltung machte eine kleine Pauſe. Nun öffnete ſich die Thüre der Loge und Hauptmann Hamlyn und der Herzog von Montmorency, welcher Walthern gebeten hatte, ihn ſeiner Familie vorzuſtellen, trat ein. Dartford war, wie wir wiſſen, von Haus aus ein freund⸗ 105 ſchaftlicher, gütiger Charakter, aber er hatte doch die verächtlichen Worte noch nicht vergeſſen, in welchen ſein Freund über das plumpe Weſen und die mangelhafte Bildung der Schwiegertochter Oberſt Hamiltons geſpro⸗ chen hatte und konnte deßhalb kaum ein Lächeln unter⸗ drücken, als er bemerkte, in welch achtungsvoller Weiſe ſich Walther an die Lady wandte, weil er ſah, daß ſte hoch, als daß er den Einfluß hätte berechnen können, früher, und benützte die Gelegenheit, in einem Augen⸗ blicke, in welcher die übrigen Perſonen der Umgebung im Geſpräche mit einander verwickelt waren, Lydia in Walther wettrennen müſſen. Der Kapitän war zu ſehr, zu ſklaviſch modern, um ſich noch längere Zeit in der Loge ſeiner Mutter aufzu⸗ halten. Bloß ſo lange war es ihm möglich geweſen, als nöthig war, um den Diplomaten, ſeinen Freund, einzuführen. Am Ende des Ballets wollte er wieder kommen, Miſtreß Hamilton ſeinen Arm anbieten, und ſie durch das Gedränge zu ihrem Wagen führen; ſeine Mutter ſollte vom Oberſten und ſeine Schweſter von dem ihr anverlobten Liebhaber begleitet werden. Er begab ſich auf einen kurzen Beſuch zu den Vernons. Er zählte ſehen werde, da ja vor ihren Augen Dartford und Mont⸗ moreney ſeiner Familie auf das Artigſte gehuldigt hatten. 106 Seine Erwartung, gnädig aufgenommen zu werden, ſchlug nicht fehl. Miß Vernon und ihre Mutter waren, wie wir wiſſen, nicht populär. Wir kennen Lucinda als eines der herzloſen Londoner Mädchen, welche, wenn ſie in Verfolgung eines Privat⸗Intereſſes begriffen ſind, un⸗ beſcheiden und anmaßend genug ſind, um die Intereſſen aller andern Menſchen zu verachten, und ſich wenig um Leute bekümmern, deren Gefühle ſie verwundet haben. Als es Lucinda nicht mehr möglich war, auf den Mar⸗ quis Jagd zu machen, ſo war ſie ganz einſam in ihrer Glorie, ohne einen einzigen Bewerber, ohne einen ein⸗ zigen Anbeter. Sie hatte anerkanntermaßen ihre ehr⸗ geizigen Plane ſo hoch geſtellt, daß Männer von mäßigen Anſprüchen nicht wagten, auch nur im Minde⸗ ſten an gnädige Aufnahme von Seiten Lucinda's zu denken. Natürlich war es für ſie ein Troſt, als ſich der moderne Hauptmann Hamlyn vorſtellte, um den Platz einzunehmen, welchen ihm der abgefallene Herzog über⸗ laſſen hatte. Sie hatten doch nur einen Diener, der ihren Befehl ausrichten konnte, wenn zur Zeit des Ab⸗ fahrens nach der Chaiſe geſehen werden ſollte. Dieſer ſelbſtſüchtige Gedanke bewog Lucindia, ihren Beſuch, den Hauptmann, hinzuhalten. Sie bemühte ſich mit aller Macht, freundlich darein zu ſehen, und freundlich zu ſprechen. Ihr Lächeln und ihre Witze waren ſo brilliant und bezaubernd, ſo nagelneu, ſchimmernd und glänzend, als ob ſie gerade aus den Händen eines Juveliers in Pall⸗Mall kämen. Die Folge war, daß Walther voll Entzücken bei Lucinda blieb, ſo lange der letzte Akt des Balletes dauerte. Endlich machte ihn das mächtige Rauſchen von Mänteln aus Atlas und das Fluthen von Schwanen⸗ dunen in einer nahen Loge darauf aufmerkſam, daß Mitglieder des königlichen Hofſtaates im Abzuge ſeien, und daß die Abendunterhaltung ihr Ende erreicht habe. Wie wir wiſſen, ſind Leute, welche die Oper beſuchen, 167. durch die Macht der Made dazu verdammt, ſich mit mächtigen Fernröhren zu beladen, welche eine ſich zurück⸗ ziehenden Armee die ſchwere Bagage nennen würde. Walther beeilte ſich das ſeinige in das Futtaral aus marrokkaniſchem Leder zurückzuſchieben. Lady Vernon und ihre Töchter hatten den Schmerz zu ſehen, wie er ſchnell die Loge verließ, dabei ein Compliment machte, das ganz genau, wie ein Abſchiedschmpliment ausſah, und ihnen keine Hoffnung übrig li„ als werde er ihnen dazu behülflich ſein, daß Ker n Mühe durch das Gedränge im Saale ſteuern könnten. Aber ach! kaum war Walther bei der Loge ange⸗ langt, an deren Thüre ein blauer Zettel mit dem Namen „Miſtreß Hamlyn⸗ hing, als er ſah, wie die Bewohner dieſer Loge abzogen, und gerade in der Vorhalle gingen, um das Opernhaus zu verlaſſen. Er ſah aber auch, wie Lord Eduard Sutton Miſtreß Hamilton am Arme führte. Alles, was er noch von ihr ſehen konnte, war Indeß die Familie des Bankier in den Augen der modernen Welt dieſe eminente brillante Stellung ein⸗ nahm, wurde die Hauptquelle ihrer Pracht und ihres flotten Aufzuges ſehr getrübt. Richard Hamlyn hatte an dieſem Abend beim Clubb der Bankier geſpeist, und nahm auf eine Weiſe, wie ſie hohlen Weltmenſchen eigenthümlich iſt, die Glückwünſche ſeiner Brüder Bankier in Betreff der bevorſtehenden Heirat in ſeiner Fami⸗ n lie hin. Einige, welche in Geſchäftsverhältniſſen zu ihm geſtanden waren, ſchüttelten ihm die Hand voll Herz⸗ lichkeit. Ein Ereigniß, welches das Glück ſeiner Tochter, und dadurch auch ſein eigenes machen ſollte, machte 408 ihnen in der That Freude. Andere, die„Ritter in ver⸗ goldeter Rüſtung,“ oder die neugebackenen Baronen aus dem Orden des goldenen Kalbes, welche Reichthum blos als eine goldene Brücke betrachteten, um auf der⸗ ſelben zu der Würde und dem Range der Ariſtokratie hinüber zu ſchleichen, drückten in pompöſeren Gratu⸗ lationen ihr hohes Wohlgefallen an einer Verbindung aus, welche der ganzen Bankierwelt von Großbritannien zur Ehre gereiche. Blos Einer oder Zwei, die ächt philoſophiſche Anſichten hatten, waren in ihren Glück⸗ wünſchen in Betreff der genannten Vermählung kleinlaut, einer Vermählung, die ſie, wie alle ſonſtigen Mißver⸗ hältniſſe in der Welt, als eine Quelle von Unordnungen und Streitigkeiten im geſellſchaftlichen Leben anſahen. Sir Benjamin Bondwell dagegen und Etliche ſeines Gelichters betrachteten das Emporkommen der Hamlyns, ihre Anſprüche auf Bekanntſchaft mit bedeutenden Per⸗ ſonen, ſowohl aus der modernen Welt, als aus der königlichen Familie mit eiferſüchtigem Auge, und nahmen in dieſem Augenblicke Anlaß, unter der Maske von Artigkeiten tauſenderlei Witze über ihn auszulaſſen, und ihm bemerklich zu machen: „Wie ein Delphin erhebe er ſich über Das Element, in dem er lebe.“ Die Anſpielung auf Baronskutſchen, welche in die Lombardſtraße fahren wollten, aber vor dem Schuldge⸗ fängniſſe Newgate halten mußten, die Anſpielung auf die Erzählung mit dem Goldſchmid und ſeiner Familie, die in Pairskleidern die Krönung ihrer Majeſtät mit anſehen wollten,— alle Späſſe, der Art, wie ſie von gemeinen Seelen nur aufgebracht werden konnten, mußte der arme Hamlyn anhören. Es ging ihm, wie einem Koche, der erſt eintritt, und zum erſten Male das böſe Geſchäft hat, Schnitten von Rindfleiſch auf dem Roſte zu braten; er mußte eben lächeln, zum böſen Spiele gute Miene machen, und die höchſte Feinheit des Be⸗ 109 nehmens aufbieten, um die Unterhaltung in ihren gewöhn⸗ lichen Kanal zurückzuleiten. In der That! es war ihm ein Troſt in ſeinen Leiden, als man ihn überging, als ſtch ſeine Geſellſchaft in politiſche Geſchäfte vertiefte. Wie ganz anders war die Weiſe, in welcher ſie die Sachen anſehen, als die, in welcher er, ein Gutsbe⸗ ſitzer von Warwick, ſie anſehen mußte. Seine Geſell⸗ ſchafter machten es, wie ein gewiſſer reicher Jude, der einen unvergleichen Becher aus der Hand Callinis Unzen⸗ weis, nach ſeinem Münzwerthe ſchätzte. Sie wußten den Werth parlamentariſcher Beredtſamkeit gran⸗ und ſerupelweis zu ſchätzen; Kriege und Kriegsgerüchte nach ihrem Einfluſſe auf dem Geldmarkt zu berechnen, ein blutiges Gemetzel nach dem Geldeurſe anzuſchlagen, und eine Ueberſchwemmung deßwegen zu beklagen, weil ſte das Sinken der Wechſel bewirke. ſpiel zuzubringen. Sie ſpielten um halbe Kronen mit einem Aufwand von Aufmerkſamkeit, mit einem Ernſte, der ſie wohl am nächſten Morgen fähig gemacht hätte, auf dem Wege der Spekulation viel tauſend Pfund Sterling in ihre Netze zu ziehen. Richard Hamlyn dagegen eilte in das Unterhaus. Es hatte eine Zeit gegeben, zu welcher beinahe das einzige Vergnügen in der menſchlichen Geſellſchaft, das ihm wirklich zuſagte, der Beſuche politiſcher Verſammlungen war. Das Unter⸗ Vorväter in Erinnerung. An ſolchen Plätzen brüteten immer zwei oder drei ernſte Männer mit Silberhaaren, die, welche von Jugend auf, die Buſenfreunde Walther Hamlyns geweſen waren. Sie bewahrten immer unter ihren heiligen Familienreliquien die Trauerringe, welche ſie beim Ableben Walther Hamlyns angeſteckt hatten. 11⁰ Nun aber wurde dem Herrn von Dean⸗Park der Umgang mit dieſen Leuten verhaßt. Der Grund davon war übrigens nicht der, daß er ſich durch ſeine neuer⸗ dings errungenen Connexionen über ſie erhaben fühlte, ſondern der, daß er vermöge ſeiner neuerdings ergriffenen Politik unendlich unter ſie herabgeſunken war. Er zitterte vor dem Gedanken, daß ſchlimme Gerüchte laut werden könnten, doch keine von der ſchrecklichen Art, wie ſie laut werden könnten, wenn Spilsby ſich in die Sache miſchte, ſondern Gerüchte darüber, daß er ſich verpflichtet habe, in Rückſicht einer Frage von finanzieller Art, einer Frage, welche die Intereſſen ſeiner Genoſſen in Geldſachen, ſtark berührte, einen andern Weg, als bisher, einzuſchlagen, und die ſyſtematiſch durchgeführte Protektion aufzugeben, die er ſeinen Freunden hatte an⸗ gedeihen laſſen, und die ihm ſeit Jahren in ihren Augen ungemeine Wichtigkeit verliehen hatte. Die Entdeckung mußte kommen! Er ſah ein, im Laufe weniger Wochen mußte er ihnen als ein Mann bezeichnet werden, der ſie um dreißig Silberlinge an die Regierung verkauft habe. Freilich war es bis jetzt noch nicht möglich, zu ſagen, wie viel an dieſen Silberlingen ächtes Silber, wie viel Zulage ſei. Doch war ihm vor den erſten Zeichen des kommenden Sturmes bange. Er zitterte vor dem Gedanken an die Niederträchtigkeit in politiſchen Dingen, zu welcher er durch ſeine geheimen Bekümmerniſſe, denen eine noch tiefere Schlechtigkeit zu Grunde lag, verleitet worden war. Er mußte die plumpen Späſſe des alten Bondwell über ſich ergehen laſſen, und mußte jeden Augenblick befürchten, der ſtrenge Sir Benjamin werde ihm den Namen Judas zuwerfen. Eine entfernte Anſpielung auf ſeinen ſchänd⸗ lichen Handel mit der Regierung hätte ihn tiefer ver⸗ wundet, als wenn man ihm ins Geſicht geſagt hätte, er ſei ein Schmarotzer bei Adeligen. Eiligſt ſtieg Herr Hamlyn in ſein Gefährt, und fuhr zum Unterhaus. Er war ſich wohl bewußt, dieſer würdige Zufluchtsort mußte 111 in Bälde ſeinen Gefühlen weit weniger tröſtlich werden, und die Zuneigung der Schatzkammerbank gegen ihn könnte ihm für die allgemeine Achtung, die ihm durch ſeine unabhängige, hohe Stellung im Parlamente ver⸗ liehen worden war, nur einen armſeligen Erſatz bieten. Doch war das Gerücht von ſeinem Abfall noch nicht ausgeſprengt worden. Deßhalb fuhr er ſchnell an der Fronte des buckligen Gebäudes, des ſogenannten Unterhauſes vorüber, und beſtieg die ſchlechteſte, arm⸗ ſeligſte, ſchmutzigſte Stiege in der Hauptſtadt(eben die ſeiner Kleidung bemerklich zu machen gewußt, wodurch er gegen eine, ſo viele den modernſten Sitten Londons Peniges huldigende Mitglieder des Unterhauſes bedeutend abſtach.— Vergnügen, das jeder Geſchäftsmann hauptſächlich dann liebt, wenn er es ſeit den fünf kurz gemeſſenen Minuten, die er dem Frühſtücken in ſeinem Hauſe widmete, des 112 Tags über nicht mehr genoſſen hat, wie es Herrn Ham⸗ lyn heute ergangen war. Hamlyns Familie war noch nicht von der Oper nach Hauſe gekommen. Ramſay ging ſeinem Herrn in das Studierzimmer voran, um ihm die Lampe anzu⸗ ſtecken. Er meldete ihm, während des Abends habe eine Perſon nach ihm gefragt, um ſich mit ihm zu beſprechen. Der Bankier war in ſeiner Privatreſidenz nur ſelten durch zudringliche Beſuche beläſtigt. Nur dann und wann kam ein Kunde von Barsthorpe, der nicht be⸗ greifen konnte, daß in London die Geſchäftsſtunden mit dem erſten Schlage der Tiſchglocke abgelaufen ſeien. Hamlyn fragte deßhalb:„ließ der Mann ſeinen Namen nicht zurück?“ Ramſay entgegnete:„Sir! das erſte Mal, als er hieher kam, ließ er ſeinen Namen nicht zurück, ſondern ſagte blos, er wolle wieder anfragen, weil ich ja doch Sie frühe zu Hauſe erwarte.“ Ramſay nahm ſich ſehr viel Zeit dazu, das Glas der Zimmerlampe durch allerlei Motionen gehörig zu richten, wie wenn die Erleuchtung der Welt von der Geradheit des Dochtes und dem ſtätigen Lichte der Lampe abhinge. Sodann fuhr er fort:„Das zweite Mal war er ſehr zähe und hartnäckig, und fragte Johann aus, wo Sie ge⸗ zſpeist haben, und ob ſie wohl heute Nacht das Unter⸗ haus beſuchen werden. Dieſes Mal kam ich ſelbſt vor die Thüre. Wenn ich mich nicht irre, Sir, ſo war es Einer der Bankierſchreiber aus der Lombardſtraße.“ Leiſe und mit verſtellter Gleichgültigkeit fragte Ham⸗ lyn:„iſt es nicht ein Mann mit einem Kahlkopfe?“ „Sir, er hatte einen Hut auf. Ich kann es in der That nicht ſagen. Nun aber denke ich daran, Johann ſagte mir, er habe ſeinen Namen ſchriftlich hinterlaſſen.“ „Wo iſt Johann? Senden Sie ihn hieher.“ Ramſay entgegnete:„Die Lakaien ſind in der Chaiſe mitgefahren, um Miſtreß Hamlyn aus der Oper zu holen.“ Er ſtellte die Lampe auf den Schreibtiſch. Ihr 113 Licht ſiel ſenkrecht auf ein offen da liegendes Concept⸗ buch, neben einem Schreibzeuge aus Bronce. Auf dem Conceptbuche lag ein Zettel Papier, welchen Johann ſichtlich hingelegt hatte, ehe er an ſeine Abendverrich⸗ tungen ging. Hamlyn hatte kaum nöthig, den Blick auf den mit einer guten Schreibershand geſchriebenen Namen zu werfen, und die Züge, mit welchem das Y und die S deſſelben gemacht waren, gehörig zu betrachten. Augen⸗ blicklich erkannt er, ſein unzeitiger und unſeliger Beſuch war Niemand Anders, als— SPILSBV. Was konnte ein ſolch unberufener, zudringlicher Beſuch in ſeiner Prtvatwohnung zu bedeuten haben? Kurz zuvor hätte Richard Hamlyn eher erwartet, der Birnamwald komme nach Dunſtnane, oder das Monu⸗ ment in der Fiſchſtraße ſtatte dem Monumente des Her⸗ zogs von York einen Beſuch ab, als daß einer ſeiner Schreiber in der Lombardſtraße wegen Sachen, die Hamlyn ſelbſt betreffen, in ſeine Reſtdenz komme. Galten ja doch die heiligen Trauben in Dona vor den Augen der Prieſterſchaft Apollos weniger heilig, als vor den Augen ſeiner Schreiber die kahlen Platanen von Ca⸗ vendiſh⸗Square. Aber ach! Richard Hamlyn fand im Grunde eine ſo auffallende Inſubordination von Seiten ſeines Oberſchreibers leicht erklärlich. Das Geſicht Spilsbys war ein Buch, in welchem er wirklich merk⸗ würdige Dinge leſen konnte, die in daſſelbe ſo deutlich verzeichnet waren, als die Typen drucken, die den Blinden erhabenen Buchſtaben zum Leſen liefern. Seit dem die Heirat ſeiner Tochter öffentlich angekündigt wurde, hatte er in den Augen ſeines rebelliſchen Veziers, den Entſchluß entdeckt, die Vermögensverhältniſſe ſeines Sultans einer Unterſuchung zu unterwerfen. Je höher die Stellung war, in die Hamlyn eintreten ſollte, deſto größer war die Macht eines Mannes, der fähig war, ihn von Die Bankiersfrau. II. 8 114 ſeiner hohen Stellung in einen Abgrund von Schmach zu ſtürzen.„ Es mußte in der That eine ſchmerzliche Veränderung ſein, ſollte ein Mann von einer ſolchen Höhe herab, vom Gipfel ſeines gegenwärtigen Glückes herab, in den Staub geſturzt werden. Seine Tochter war nahe daran, ſich mit einer der erſten adeligen Familien des Konig⸗ reiches zu vermählen, der eine ſeiner Soöhne genoß in Geſellſchaften allgemeine Achtung und hatte einen ſchönen Poſten in einem der ſchönſten Regimenter der Armee; der andere ſollte ſo eben die höchſten Ehrenzeichen, welche die Univerſität ertheilt, bekommen und in einem Ge⸗ ſchäftshauſe eintreten, deſſen Credit zu erhalten ſein Vater ſolch ſchreckliche Opfer gebracht hatte. Die Folge der gefährlichen Lage des Bankier war, daß er bei jedem Schritt, den er in ſeinen Geſchäften vorwärts that, ſich einbildete, er könne in den drohenden Blicken ſeines Feindes etwas Neues erblicken, das die Schrecken ſeines unglückverheißenden Stillſchweigens noch erhöhe. Uebrigens hatte es ſich der Schreiber ſeit ein Paar Wochen merken laſſen, daß er eine Privatzuſammenkunft mit ſeinem Herrn wünſche. Mit einer kaum nennbaren Beklommenheit hatte Hamlyn ihn auf ſeinen Aus⸗ und Eingängen bewacht. Jedoch erwartete er, wenn Spilsby bei ihm im Zimmer erſchien, Nichts weniger, als eine offene Erklärung, welche ihm unangenehmer geweſen wäre, als der Tod ſelbſt, wenn anders der Tod ihn treffen könnte, ohne von der ſchrecklichen Lage ſeiner Angelegen⸗ heiten den Schleier zu ziehen. Da es Hamlyn klar war, daß er ſich in einer äußerſt gefährlichen Lage befinde, ſo ſtieg in ſeinem Herzen nicht mehr der gewöhnliche Wunſch nach Ruhe, nach Zeit, nach einer Friſt von ein Paar Jahren auf. Fruͤher hatte er gehofft, die Erfüllung eines ſeiner zahlreichen Lieblingswünſche oder ein beträchtliches Legat von Oberſt Hamilton werde bewirken, daß er gewiſſe Deficit in ſeinem Geſchäfte, welche ihm, wenn er an ſie dachte, wie ein 115 Nachtgeſchrei erſchreckten, wieder ergänzen könne. Er begnügte ſich in ſchlafloſen Nächten die Zähne zu knirſchen, und zwiſchen denſelben zu murmeln:„nur noch ein Paar Monate Aufſchub! nur noch ein Paar Monate Zeit, bis Lydias Heirat gefeiert, und dadurch die meiner Söhne vorbereitet und unterſtützt wird! Dann will ich mich dem Schlimmſten unterwerfen. Das Schlimmſte würde nicht wohl härter zu tragen ſein, als dieſe verwünſchte Ver⸗ folgung.“ 1 Fünftes Kapitel. „Nur alt gewordene Kinder ſind wir Alle.“ Als ſich gerade die Familie von Cavendiſh⸗Square am folgenden Morgen vom Frühſtücke im Speiſezimmer erhob, trat Oberſt Hamilton ein, wandte ſich an Richard ich keinen Fuß in Ihr Haus geſetzt., Hamlyn lächelte, war bemüht, den Witz des alten annes auf die leichte Achſel zu nehmen, und ſagte: ges geſchieht nicht oft, daß ich zu dieſer Stunde des Tages in dieſem Theile der Stadt ein kleines Geſchäftchen abzumachen habe. Aber ich muß mich mit meinem Sach⸗ — *) Die Eſſens⸗Zeit iſt in o 1 i 3 i Deut ſchlaende ſ 3 ſt in England eine ganz andere als in 116 walter um zwölf Uhr beſprechen, und wünſche, die Sache auf meinem Wege zur City mitzunehmen.“ „So will ich denn Ihnen nicht zum Hinderniſſe werden. Setzen Sie ſich in Ihre Chaiſe und fahren Sie davon,“ rief der Oberſt aus, und nahm den Sitz neben ſeiner Frau ein, den ihm Herr Hamlyn angewieſen hatte.„Ja, fuhr er fort, eilen Sie, denn ſonſt kommen die Herrn „Schreibersklaue“ und„Pergament“ in große Verlegen⸗ heit, und Alles geht ſchief, was auf die Heiratsausſteuer einer gewiſſen Miß Lydia Hamlyn Bezug hat, welche hier fitzt, und ſo ſtill und theilnahmlos ausſieht, als ob ſie die Worte„Vermählung, und„Nadelgeld“ noch gar nie gehört hätte. Gleich, wenn Sie fort ſind, werde ich Ihrer guten Frau ſagen, was ich für ein Geſchäft habe; und ich behaupte, es iſt ein merkwuͤrdiges Geſpräch über ein Geſchenk für eine Kindbetterin, wie es nur immer in die Stille geführt werden kann. Nebenbei geſagt, mein theurer Hamlyn! Sie wollen zwar in die Norfolkſtraße fahren,(denn ich denke, die Clauſelnſpinner, welche an unſerem Pacht mit Burlington ſo lange her⸗ umdokterten, ſind immer Ihre Leute) allein Sie haben noch eine Zeit von zehen Minuten Ueberſchuß, um dort⸗ hin zu gelangen. Deßhalb will ich Ihnen jetzt noch eine Neuigkeit erzählen, welche mir an dieſem Morgen zu⸗ kam, und die überdieß in Ihr Fach einſchlägt. Es geht ein Gerücht von einem Bankrotte um, vor welchem dem armen Orington die Haare zu Berge ſtehen.“ Als Richard Hamlyn das Wort Bankerott hörte, nahm er ſeinen Hut und ſeine Handſchuhe zuſammen, zuckte unwillkürlich die Achſeln, und that einen Schritt rückwärts gegen die Tafel. Der Oberſt fuhr fort:„man ſagt, Jakob Durdan, der arme Burſche, werde nächſtens, als Bankrottier in der Zeitung ſtehen. Ich glaube, man gibt ihm Schuld, er habe ſich durch einfältigen Handel mit Malz ruinirt. Aber das iſt nicht unſere Sache, uns geht blos das an: ſein Gut ſteht wirklich zu Kaufe, es liegt zwiſchen Bur⸗ 117 lington und Dean⸗Park, wie der Schlußſtein eines Gewölbes, und ich denke wohl, Sie laſſen es nicht durch die Finger ſchlüpfen. Kaufen müſſen Sie es, entweder für ſich oder als Vormund des jungen Burlingtons.“ Hamlyn war durch dieſe Nachricht ſehr betroffen, und entgegnete:„ich befürchte, ich kann es nicht kaufen. Durdan pflegte ſeinem Gute einen Werth von eilf bis zwölftauſend Pfund Sterling zu geben, und der wahre Werth kann nicht viel weniger, als ſiebentauſend Pfund ſein.“ „Wenn der wahre Werth ſiebentauſend Pfund iſt, ſo iſt er für Sie wohl vierzehntauſend,“ ſagte entſchieden der Oberſt,„und ich denke, Sie ſind eine ganz verflucht glückliche Dogge, wenn Sie es um zehentauſend Pfund bekommen.“ „Es kann ſein, aber ich befürchte, ich muß zufrieden ſein, wenn ich das Gut entbehren muß. Einem Geſchäfts⸗ mann wird es ſchwer, zehentauſend Pfund anzugreifen, wenn es ſich blos um ſeine eigenen Intereſſen handelt.“ „Aber nicht, wenn er einen Freund an ſeiner Seite, und dieſer dreißigmal zehentauſend Pfund hat, die müßig da liegen, und wenn ſich dieſer Freund ſo gefällig erzeigt, daß er noch dankbar iſt, wenn ſich ihm eine Gelegenheit darbietet, beſſeren Leuten, als er ſelbſt iſt, mit einem Theile dieſes Geldes nützlich zu werden.“ Bei dieſer kritiſchen Erklärung fühlte Hamlyn, daß jede Nerve ſeines Leibes zittere. Der Oberſt glaubte, Hamlyn verſtehe ihn nicht, und fuhr entſchieden fort:„mein theurer Herr! ſeien Sie verſichert, es iſt mir ſehr lieb und willkommen, wenn Sie meine Wechſel aus Indien oder ſonſtige Theile meines unter dem Boden läge, und Walther Hamlyn in ſeinen Schuhen ſtände.“ Hamlyn drückte die Hand ſeines edlen Freundes krampfhaft, und entgegnete:„ich habe für dieſe hohe Güte ein ſo tiefes Gefühl, als man nur immer dafür haben kann; aber ich ſage, es wäre unklug, das Gut Durdans um einen Preis zu kaufen, wie er wohl unter ſolchen Umſtänden geſtellt werden wird.“ „Der Oberſt rief aus:„Nun gutl ich denke, Sie wiſſen die Sache am beſten. Ich habe noch nicht genug von einem Landedelmann im Leibe, um zu wiſſen, wie theuer oder wie wohlfeil man Güter kaufen muß. Ich dachte bloß, es ſei mit dieſem Gute, wie mit abgefal⸗ lenem Obſte, das man ſchleunigſt holen muß. Mein Bedienter Robſon ſchickte mir heute Morgen auf der Eiſenbahn einen Korb prächtiger Blumen, von denen ich mit Recht ſagen kann, ſie ſind blühender und röther, als alle Blumen im Coventgarten und im Laden Gün⸗ thers, und ſchrieb mir dazu, Barlow von Alderham ſchnüffle bereits um das Gut herum, natürlich zu Gun⸗ ſten Lord Vernons. Ich denke, Barlow von Alderham iſt kein großer Kapitaliſt. Das Gut Durdans wäre ſo ein kleiner Leckerbiſſen, den man mit dem Gute Braxham verbinden könnte.“ „Gewiß! ohne Zweifel! Schreibt Ihnen Robſon, Barlow habe ein Gebot auf Durdans Gut gethan?“ „Man glaubt, es ſeie ſo. Ich erinnere mich übri⸗ gens, eines Tages plauderte ich mit Robſon in dem Ihnen wohl auch bekannten Haine, der an Durdans Gut ſtößt. Robſon ſagte mir, wenn das Gut feil würde, ſo würden wohl Sie es wegſchnappen, und nun ſchreibt er wörtlich, die Leute von Orington betrachten den Handel bereits wie abgemacht; ſie ſeien der feſten Ueber⸗ zeugung, daß die Vernons von Ihnen überboten werden würden.“ Hamlyn entgegnete ernſt:„Sie werden ſich irren. Ich glaube, ich könnte es nicht verantworten, wenn ich das Gut kaufen würde.“ „Dann werden Sie, nach meiner Anſicht, in ſpä⸗ teren Jahren die Sache bereuen; Sie werden ſehen, daß Lord Vernon wie ein Senfkorn vor ihren Augen aus⸗ 119 ſchlägt und heranwächst, und daß alle Barlows von Alderham in ſeinen Zweigen aufſitzen. Barlow von Alderham lauert auf ein Gut, damit er ſein eigenes Junges, ſeinen Sohn, in den Stand ſetzen kann, zu be⸗ weiſen, wie hoch ſo verteufelt ſchlechte Bauern, wie ſeine Familie, die er übrigens eine Landedelmanns⸗Familie nennt, den Ertrag eines Gutes bringen können.“ Der Bankier fuhr fort:„Ich habe große Luſt zur Sache, aber ich halte es für meine Pflicht und Schul⸗ digkeit, Einſprache zu thun.“ „Wie? wir können ja auch das Gut unter günſti⸗ gen Bedingungen verpachten. Sie wiſſen ſehr gut, wie ſchwierig es heut zu Tage iſt, fuͤr baares Geld vier Prozente zu erhalten, und wenn Robſons Rechnung richtig iſt, ſo trägt nach ſeiner Schätzung Durdans Gut fünf Prozent ein. In einem Monate etwa werde ich hundertfünfzehntauſend Pfund Sterling zurückbezahlt erhalten, wenn anders Mooriger und Compagnie den Vertrag redlich einhält, und dann werden Sie mir mit Recht ſagen können, daß ich eine große Freude habe, wenn ich ſtatt der ſechs Prozente, welche mir durch meine Freunde in Chinderapore bis jetzt geſichert worden ſind, nur fünfe bekomme. Doch ich will Sie mit meinen Oringtoner Neuigkeiten nicht länger hinhalten. Gehen Sie, kehren Sie vor Ihrer Thüre und überlaſſen Sie Frau Hamlyn und mir das Geſchäft, von Dingen zu ſprechen, die uns mehr bekümmern, als das, daß man Einen immer an der Naſe herumzieht.“ „In dieſem„Augenblicke ſchaute der Oberſt auf Miſtreß Hamlyn. Der Bankier folgte ſeinem Blicke und ſah, wie ſeine Frau ſo bleich, wie Aſche, ausſah. Sie zerdrückte gerade, ohne es zu merken, auf einem ſil⸗ bernen Teller, über den ſie ſich hinbeugte, eine Eier⸗ ſchale, und zwar ſo, daß dieſe die Geſtalt eines ſchönen Stückes von einem zerbrochenen porzellanenen Geſchirre annahm. Voll Bangen, die Quelle ihrer Aufregung, ſeine gedrückten, pe kuniären Verhältniſſe, möchte durch 120 ſie bei ihrer wirklichen Gemüthsſtimmung dem Oberſt entdeckt werden, wenn er ſelbſt das Haus verlaſſen habe, was jetzt geſchehen mußte, fühlte er beinahe den Wunſch in ſich, ſie auf irgend welche Weiſe in den elenden Zu⸗ ſtand zu verſetzen, in welchem er ſelbſt war. Er näherte ſich allmälig der höchſten Stufe von Geiſtesabweſenheit, verbunden mit Wuth; einer Geiſtesabweſenheit, wie ſie durch Verkettung unglückſeliger Umſtände, durch immer⸗ währendes Brüten über Unheil, durch Schrecken, durch Schlafloſigkeit hervorgerufen wird. Das ſind lauter Dinge, durch welche die Menſchen wahnſinnig und tobend werden können, ſo gut, als Scorpione in Ver⸗ zweiflung gerathen, wenn ſie von Flammen umgeben ſind. Wäre er ein Mann von niederem Stande geweſen, und hätte ihn die immer ſtärker werdende Noth einer ſo verzweifelnden Lage in ſolchen Kummer, in ſolche Angſt verſetzt, er hätte ſich wohl, um ſich zu helfen, irgend eines Verbrechens ſchuldig gemacht. Aber er war ein Bankier, ein Mann, bei dem Ruhe, Heiterkeit, Sanft⸗ muth, einen Handelsartikel ausmachen. Er war ein Bankier, ein Mann, welcher durchaus kein Sclave der Leidenſchaftlichkeit ſein darf, ſondern welcher immer ruhige Selbſtbeherrſchung und ſtilles Benehmen behaup⸗ ten muß. Deßhalb nahm er ſeinem Bedienten ſeinen wohlgebürſteten Hut und die trefflich ausſehenden Bieber⸗ handſchuhe aus der Hand, machte ſeiner Frau ein freund⸗ liches Abſchiedscompliment, warf Oberſt Hamilton ein ſo holdes Lächeln zu, daß der Philantropiſt Howard ihn darum hätte beneiden können, und begab ſich zu ſeinem Cabriolet. Den Anfall von Furcht, Haß, Kummer, Ver⸗ zweiflung, lauter Leidenſchaften, die in ſeiner gequälten Bruſt tobten, hatte er bezwungen. Ach! in den Höhlen des täglichen Lebens gibt es, ohne daß man daran denkt, mehr Laokoons*), als alle *) Laokoon war ein trojaniſcher Prieſter, der bei der Erobe⸗ rung Troja's von zwei mächtigen Schlangen angefallen wurde, mit denen er auf Leben und Tod rang. Er war fruͤher häufig Gegenſtand der Sculptur. 3 121 für Aufſtellung von Bildhauerarbeiten beſtimmte Gal⸗ lerien Großbritanniens zuſammen bieten würden, wenn wir ihre Laokoons abzählen wollten. 1 Oberſt Hamilton ſandte ihm, bis er durch die Thüre verſchwand, einen ſo freundlichen Blick nach, wie es ein Mann thut, deſſen Auge gerne auf einem Freunde weilt, welcher in der Fülle des Glückes und heiterſten Lebensgenuſſes ſteht. Er war überzeugt, wenn auf Gottes Erdboden ein Mann exiſtire, deſſen Tugenden in der Erreichung des vollkommenſten irdiſchen Glückes ihren Lohn finden, ſo ſei es dieſes aufrichtige, ſich ſelbſt verläugnende Individuum, Hamlyn der Bankier. Auch Ramſay, der an den ſchneeweißen Stufen der prächtigen Haustreppe auf ſeinen Herrn wartete, betrach⸗ tete ihn mit der ſich ſelbſt wegwerfenden Achtung, welche vom gemeinen Pöbel bloß großen Kapitaliſten oder großen Lords erwieſen wird. Wenn Jemand es gewagt hätte, an einer ſolchen Sonne der Glorie, wie der die Kirche beſuchende, die Beſoldung des Herrn Paſtors auszahlende, über Waiſenſchulen den Vorſitz führende, zum Zwecke der Verbreitung der heiligen Schrift Geld unterzeichnende, milde, tugendhafte, pünktliche, freigebige ankier, Richard Hamlyn, war,— wenn es Jemand gewagt hätte, an dieſer Sonne einen Flecken zu ent⸗ decken, Ramſay hätte ihn für einen Wicht und gemeinen Verläumder erklärt. Und doch war dieſer Mann, der überall Credit hatte, nichts anderes, als ein verſchmitzter, vorſichtiger, gewandter Schwindler, der es mit Tauſenden zu thun hat, während Schwindler, die mit Zehn oder Hunderten zu ſchaffen haben, zur Deportation verurtheilt werden, wenn ſie falliren. Dieß war der Mann, der nun in die City ging, und deſſen Herz vor der bevorſtehenden Zuſammenkunft mit ſeinem eigenen Schreiber zitterte. Während das ſchlichte, veraltete Chaischen des Geſchäftsmannes vom Hauſe abfuhr, gab Oberſt Hamilton der Miſtreß Hamlyn einen 8 122 Wechſel von hundert Pfunden, die ſie auf der Bank ihres Mannes erheben ſollte, in die Hand, und fing an, den Zweck ſeines Beſuches zu entdecken. Er ſagte:„Sie thun mir einen großen Gefallen, wenn Sie um dieſe Kleinigkeit Galanteriewaaren für eine Kindbetterin und ihr kleines Kind kaufen. Ich will ſte meiner guten Freundin, der Frau Markham, ſchenken, und wie ich verſprochen habe, der Pathe ihres Kindes ſein. Ich würde mich wie ein alter Eſel benehmen, wenn ich mich vor einem, mit ſolchen Artikeln handeln⸗ den Laden in der Bandſtraße einfände. Was noch be⸗ trübter iſt, auch Ellen verſteht ſich wenig auf Geſchenke, die man einer Kindbetterin macht. Ich glaube, das liebe Kind würde es mir übel nehmen, wenn ich ihr den Auftrag geben würde, den ich Ihnen gebe. Ich weiß von Ihnen, meine theure Madame! Sie gehen eben ſo gut in Laden, wo man Spitzen feil hat, als in ſolche, wo man mit leinenen Waaren handelt, um der hohen Dame, Ihrer jungen Lady da drüben, ein Paar Stücke mitzugeben, wenn ſie von Ihrem Hauſe Abſchied nimmt. Darum dachte ich, es könnte ſein, Sie geben ſich um meinetwillen wohl ſo viele Mühe.“ Miſtreß Hamlyn erwiederte:„Ich thue es um ſo gerner, da ich für den Gegenſtand Ihrer Güte aufrich⸗ tige Hochachtung hege. Niemand kann beſſer, als ich, das viele Gute ſchätzen, das durch den Einfluß ihres Beiſpiels und durch ihre ſorgſame Aufmerkſamkeit unter der Gemeinde Orington geſtiftet wurde. Der letzte Paſtor war ein Wittwer. Während ſeiner Amtsführung thaten wir zwar für das Dorf Alles, was wir auch wirklich thun, oder vielmehr in der That noch um ein Gutes mehr. Allein den armen Leuten war es nicht halb ſo wohl um's Herz, als wirklich. Daraus läßt ſich deutlich erſehen, daß die ſorgſame Pflege der Mark⸗ hams, und nicht das Geld, das wir ihnen bieten, es iſt, was zu ihrer wahren Wohlfahrt beiträgt.“ 123 keit und hohe Tugend dieſer guten Frau. Gehen wir in Orington hin, wohin wir wollen, üben wir, ſo viel Der Oberſt erwiederte:„Wie ich bereits früher ſagte, meine Theure! Sie müſſen Dartford zu gewinnen Miß Hamlyn wollte ſich über ſeinen Scherz luſtig machen und ſagte:„Im Gegentheil! Es ſpringt mir in die Augen, ihre Vorzüge paſſen mehr für eine ſchmale. Frau Hamlyn ſagte zu Oberſt Hamilton:„Sie find freilich gegen Miſtreß Markham ganz gut gefinnt, aber glauben Sie mir, Sie würden ſie noch mehr erfreuen und beglücken, wenn Sie Ihre Gabe in nützlicherer Form ſpenden würden. Die Markhams find nicht be⸗ ſonders vermöglich. So viel ich höre, können ſie ihren Kindern wenig Vermögen hinterlaſſen. Und doch nimmt ihre Familie immer zu. Wenn Sie daher für Ihr Pat⸗ chen hundert Pfund Sterling anlegen, und den Zins immer wieder ausleihen würden, ſo könnten Sie ein Paar hundert Pfunde gewinnen, die demſelben im Kna⸗ benalter beim eigentlichen Antritt ſeines Lebens ſehr gute Dienſte thun würden.“ Der Oberſt nahm die Sache beinahe übel, und ſagte:„Beim heiligen Georg! ich glaube, Sie haben die Gelokrätze von Hamlyn geerbt. Kann ich für ein Patchen, wenn es beim Eintritt in das Leben Etwas nöthig hat, nicht noch Etwas thun, wenn ich mir gleich 124 das Vergnügen nicht verſage, es in noch zarterem Alter, in ſeinen langen Kleidern, mit Bändern um das Hütchen, geputzt und ſauber zu ſehen?“ Miſtreß Hamlyn liebte den Oberſt zu aufrichtig, um ihm eine gelegenheitlich ausbrechende üble Laune übel zu nehmen, und entgegnete:„Wie es Ihnen gefällig iſt. Aber glauben Sie mir, als einem Weibe, Miſtreß Markham hat zu viel Gefühl, um ſich nach Spitzen und weißem Battiſt umzuſehen; und wenn Sie Luſt haben, ihr mit dieſem Gelde eine Freude zu machen, ſo würden Sie beſſer daran thun, Sie ließen mich Präſente für ſie kaufen, die für ſie nützlicher wären; ich meine Silber⸗ zeug, Linnen, Möbel. Solche Sachen ſind für ſie weit beſſer, als Galanteriewaaren. Denn wenn einmal Leute nicht eitel ſind, und wenig Freude an Prunk und Staat haben, ſo haben ſolche Dinge wenig Werth für ſie. Ich weiß gewiß, die Haube und das Kleidchen, das Lydia für die kleine Kitty ſtickte, kam kein Dutzendmal aus dem Kleiderkaſten.“ Der Oberſt entgegnete:„Sie haben allerdings Recht. Ich wünſche übrigens, Sie hätten hie und da Unrecht; es wäre doch eine Abwechslung und Veränderung. Gut! gut! Gehen Sie zu Nundell, und ſehen nach einem ein⸗ fachen Thee⸗ und Kaffeezeuge und nach einer gehörigen OQuantität Löffel und Gabeln. Gefällt Ihnen das?“ Frau Hamlyn ſagte heiter:„Die Sache wird den Markhams gefallen, und das hat weit mehr zu bedeuten.“ Während ſie noch ſprach, fuhr die prächtige Droſchke ihres Sohnes Walthers an. Das Gefährte des den Ver⸗ gnügungen lebenden Mannes bildete einen merkwürdigen Kontraſt gegen das des Geſchäftsmannes, das ſo eben in entgegengeſetzter Richtung abgefahren war. Der Oberſt rief aus:„Gerade zur rechten Zeit kommt Walther ſelbſt,“ ſtand auf und ging an das Fenſter. Er muß mich in ſeiner Droſchke ſogleich zum Goldſchmied führen, und dieſe Mühe aus Ihrer Hand nehmen. Meine 125 theure Lydia! was geben Sie mir, wenn ich Ihnen ſage, wer den Kapitän von der Kaſerne mit ſich gebracht hat?“ Dieſer Wink auf die Ankunft Lord Dartfords genügte, um Miß Hamlyn in's Geſellſchaftszimmer zu bringen, wo ſie ihren Beſuch treffen wollte. Der Oberſt und Miſtreß Hamlyn folgten ihren leichten Tritten nach. Der Veterane konnte ſich nicht enthalten, auszurufen:„Dem Vergnügen, achtzehn Jahre alt und verliebt zu ſein, ſteht das am nächſten, daß man Zeuge davon ſein darf, wie ſich die genannten beiden Vorzüge bei einer ſo bezaubernden Per⸗ ſon, wie Lydia, auf das Bezauberndſte verbinden.“ Ihre Mutter entgegnete ſeufzend:„Ihr Glück iſt beinahe zu groß. Hie und da macht mir der Gedanke bange, es möchte irgend ein unvorhergeſehenes Unglück dieſe hoffnungsvolle Vermählung hintertreiben, und die Folgen davon möchten äußerſt traurige ſein. Ihr ganzes Herz, ihre ganze Seele find mit ihren gegenwärtigen Ausſichten beſchäftigt.“ 5 „Welches Unglück, beim Teufel! könnte wohl dieſe ermäͤhlung zu hintertreiben im Stande ſein?“ rief der Oberſt aus.„Ich höre, die alte Marquiſin iſt wegen der nahen Vermählung ihres Sohnes ſo luſtig, als ein Bajazzo. Was ihn betrifft, ſo muß man ſagen: wenn man Lydias Liebe nieder anſchlagen wollte,— Lord. Dartford iſt ein beſſeres Beiſpiel von einem Romeo, als meiner frühern Anſicht nach je einer auf dieſer lauwarmen Welt übrig war.“ Miſtreß Hamlyn entgegnete:„Sie haben Recht, doch iſt es hie und da der Fall, daß man ſich die ſchlim⸗ men Ahnungen, die man hat, nicht zu erklären weiß. Je mehr ich dieſen herzlichen, edelgeſinnten jungen Herrn liebe, wie wenn er mein eigenes Kind wäre, um ſo ſchwerer liegen böſe Ahnungen auf meinem Herzen. Ich hätte niemals geglaubt, daß ich von einem Schwieger⸗ ſohne mit ſolch' treuer Liebe behandelt würde, wie ſie durch Lydia ihrem künftigen Gemahle gegen ihre Mutter eingeflößt wurde. Ich fühle es, wenn ich ſpäterhin ihn 126 in meinen Gebeten, die ich zum Himmel ſende, als eines meiner Kinder vertreten kann, ſo macht dieſes eine Zu⸗ gabe zum Glücke meines Lebens aus.“ „Meine theure Madam! ſagen Sie nicht:„wenn ich kann,“ ſagen Sie:„ich kann.“ An der ganzen Sache iſt nichts Unbeſtimmtes,“ rief Oberſt Hamilton aus.„Ich haſſe böſe Ahnungen, wie Leute mit ſchwachen Nerven die Sache nennen. Böſe Ahnungen ſind ein Zeichen davon, daß man der Vorſehung nicht traut. Lydia wird mit ihrem Gemahle und Sie mit ihrem Schwiegerſohne glücklich ſein. Alsdann werden Sie ſich bis in das Herz, hinein ſchämen müſſen, daß Sie ſich erlaubt haben, durch einen ſchwarzen Kreppſchleier hindurch auf Ihre hellen, ſonnenklaren Lebensausſichten zu ſchauen. So kommen Sie denn in das Geſellſchaftszimmer und laſſen mich hören, ob Walther mir Etwas zu ſagen hat. Wenn es ſich fügen ſollte, daß wir mit einigen ſeiner geputzten Brüder Offiziere zuſammenträfen, ſo dürfen Sie glauben, er iſt im Stande und ſagt, ich ſei ſein alter grillenhafter Onkel aus dem Norden, von dem er dereinſt Vieles er⸗ ben werde.“— Der Oberſt lachte mit ſich ſelbſt über ſeinen Witz, humpelte in das Geſellſchaftszimmer, und machte Walthern den Vorſchlag mit dem Einkauf von Präſenten für Miſtreß Markham beinahe in den gleichen Ausdrücken, wie kurz zuvor ſeiner Mutter. 6 Er ſagte zu ihm:„Wirklich gibt es noch keine hoch⸗ gebildeten Leute auf den Straßen, die uns begucken könnten. Was würde es ſchaden, wenn Sie mich nach Ludgat⸗Hill mitnähmen, damit ich dort einiges Silber⸗ zeug ausleſe? Wenn ich nicht Jemand an der Seite habe, der einen beſſern Geſchmack hat, als ich, ſo wird man mir altväteriſchen Plunder anhängen und mich moderne Kleinigkeiten ſo theuer, als möglich, zahlen laſſen.“" Hätte nicht Walther lebhaft an die ſchöne Ellen denken müſſen, wie ſie ſich Nachts zuvor von Lord Eduard Sutton, führen ließ, er hätte ſich mit Recht Lord Dart⸗ 127 fords Ermahnung verbeten dürfen, welcher ihm anempfahl, er ſolle an gar nichts Anderes denken, als wie er ihren Ausflug von der Kaſerne in die Stadt dazu benützen wolle, um ein Paar angenehme Stunden in Cavendiſh⸗ Square zuzubringen. Der Gedanke an Ellen und Sutton machte ihm Unruhe, ſo gut, als der Antrag des Ober⸗ ſten. Er hätte dieſen wohl abgelehnt, allein er war im Grunde in Cavendiſh⸗Square entbehrlich. Um die Mar⸗ quiſin zu empfangen, deren Beſuch ihr Sohn auf zwei Uhr angeſagt hatte, waren Leute genug in Cavendiſh⸗ Sauare vorhanden. Deßhalb mußte er Schand und Ehren halber mit dem Oberſt gehen. Lord Dartford ſagte:„mein theurer Burſche! ich will Ihnen ſagen, was Sie für mich thun ſollen, wenn Sie zu Rundell gehen. Sagen Sie dort, das Modell, welches man mir geſtern für das Diadem geſandt habe, das man wirklich dort faßt, ſei für den Kopf meiner Lydia, den ſchönſten, kleinſten in ganz England, zu breit, und die Leute dort hätten beſſer daran gethan, wenn ſie einem ihrer Burſchen den Auftrag gegeben hätten, ver⸗ mittelſt eines Golddrahtes, oder irgend Etwas der Art ein ganz genaues Maß zu nehmen, ehe ſie an die Arbeit gegangen wären.“ Er wandte ſich an Miß Hamlyn und fuhr fort:„Ich muß ſagen, Rondell kann nicht Viel, wenn es einmal über ein bloßes Halsband hinaus⸗ geht, doch hat er ohne Frage die ſchönſte Auswahl von Diamanten. Ich weiß, meine Mutter hätte ſich gekränkt gefühlt, hätte ich die unſere Familie bezeichnenden Ju⸗ welen anderswo genommen, als von dem Hauſe, welches uns dieſelben ſeit mehr als einem halben Jahrhunderte liefert.⸗ Lydia ſagte:„Du thateſt ganz recht daran. Denn was hat im Grunde die Sache zu bedeuten? Diamanten haben bloß als die Zeichen eines gewiſſen Ranges und eines gewiſſen Vermögens Werth. Die Art und Weiſe wie ſie gefaßt ſind, ob ſie der Perſon, welche ſie trägt, mehr oder weniger gefallen und anſtehen, hat weit we⸗ 128 niger zu beſagen, als eine etwaige, der Lady Dartford zugefügte Kränkung. Da ſie nämlich die Familien⸗ Juwelen ſchon ſeit ſo langer Zeit trägt, ſo iſt es ganz natürlich, daß ſie auch die für mich gekauften als ihr Eigenthum betrachtet, und es hätte mir weit, weit mehr Vergnügen gemacht, hätteſt Du ihr dieſelben während ihrer ganzen noch übrigen Lebenszeit zur Verfügung gelaſſen. Dadurch hätte ich ihr ein großes Vergnügen entzogen, das ſie nun genießt, weil ſie ſieht, daß Du ſie trägſt. Uebrigens wird ſie im Grunde nicht durch eine ſchöne Schwiegertochter beſtimmt, ihre Familien⸗ Juwelen wegzulegen. Seit dem Tode ihres Gemahles hat ſie dieſelben nicht mehr getragen.*) Noch ein Wort, Walther. Sagen Sie dem Altgeſellen bei Rundell, er ſolle ſich wegen des Wappens der Hamlyns an das Collegium der Wappenkunde wenden. Er ſolle alsdann das Wappen der Hamlyns in das neue Siecgel ſtechen, das für Dartford⸗Hall beſtellt iſt. Oder haben Sie vielleicht Ihr Siegel bei ſich, daß Sie ihm einen Abdruck davon geben könnten?“ Dieſe Aufträge übten auf die Eitelkeit eines Welt⸗ mannes, wie Walther, einen äußerſt angenehmen Ein⸗ druck aus, und ſöhnten ihn mit dem Gedanken aus, daß er mit einem alten Manne ausfahren müſſe, deſſen Hut niedere Rände habe, eine Originalität, die ſich nicht damit entſchuldigen könne, daß er einem Polizeiſoldaten angehöre. Walther entſchloß ſich, den Weg über die ſchrecklichen Boulevards, über die„Cityſtraße“ zu neh⸗ men, um ſicher zu ſein, daß er nicht mit ſeinen fein gebildeten Freunden zuſammentreffen müſſe. Er fuhr langſam über Pentonwill und Clerkenwill der Gaſſe zu, in welcher der Gaſthof Grays liegt. Welch einen dü⸗ ſtern Kontraſt bilden nicht dieſe Straßen nach einander *) Um dieſe Unterredung zu verſtehen muß man wiſſen, daß es in England Sitte iſt, daß bloß das angeſehenſte Mitglied einer Familie, ſei es vom weiblichen, ſei es vom mannlichen Geſchlechte, die Familien⸗Juwelen trägt. 129 gegen die brillanten, prächtigen, hochbelebten Straßen, welche die Hauptſtadt Frankreichs von ihren luſtigen Vorſtädten trennen! Nachdem Oberſt Hamilton lange Zeit über den ausgezeichneten Charakter und die warmen Gefühle des jungen Marquis nachgedacht hatte, rief er aus:„Das iſt ein ſo köſtlicher junger Burſche, als ich je in meinem Leben einen ſah.“ Walther fügte hinzu:„Er iſt in jeder Hinſicht ein Edelmann erſten Ranges.“ Er ließ merken, daß er dem Worte Edelmann die ausgedehnteſte, ſchönſte Bedeu⸗ tung gebe. Der Oberſt entgegnete:„Ihre gute Mutter, die, wie alle Mütter, einſeitig und parteiiſch iſt, fügt jedes⸗ mal hinzu: er iſt ein ſo vortrefflicher Mann, als ſich bei einer mangelhaften Erziehung erwarten läßt. Wie Sie wiſſen, hat ſte immer einen kleinen Sparren, Grie⸗ chiſch und Lateiniſch, im Kopfe, ſeitdem Ihr Bruder die Ihnen bekannten Preiſe in Cambridge davon getragen hat. Nebenbei geſagt, ich mache beſtändig die Bemer⸗ kung, Weiber ſind auf das Soldatenthum oder die Schulgelehrſamkeit ihrer Söhne immer zweimal ſo ſtolz, als Männer. Wären Sie, anſtatt ein Kaſernenvogel, einer der Helden von Waterloo, die arme Madame Ham⸗ lyn wäre bis zu ihrem Tode in Kanonen, Trommeln, Trompeten, Musketen, Kanonendonner vernarrk.“ Dieſer Witz auf ſeine Eigenſchaft als Tapetenritter ſtach Hauptmann Hamlyn ein wenig in die Naſe, wie es ſich von einem Offizier der königlichen Schloß⸗Brigade erwarten läßt. Er ſagte:„Es iſt ein Glück, daß meine Geburt in eine friedlichere Zeit gefallen iſt. Mein theurer Oberſt,“ fuhr er fort,„was Henry betrifft, ſo weiß ich, meine Mutter ſchenkt Ihnen hohes Zutrauen, und dem zu Folge wird es auch mein Bruder thun, denn die beiden ſind ganz unzertrennlich von einander, woge⸗ gen er anfängt, gegenüber von mir eine Art Eiferſucht, Die Bankiersfrau. II. 9 130 wie Eſau und Jakob ſie gegen einander hatten, zu eigen—“ 3 Der Oberſt drehte ſich ſchnell gegen ihn, unter⸗ brach und fragte ihn:„Wiſſen Sie gewiß, Watty, daß Hie keine Schuld an dieſem unangenehmen Verhältniß rragen?“ 3„Ganz gewiß weiß ich es, ſo weit mein Wille und meine Gefühle dabei in Betracht kommen, Ich liebe Harry mit vollem Herzen, mit voller Seele. Ich habe. immer die Bemerkung gemacht, daß gewöhnlich zwiſchen zwei Brüdern, wenn ſie keinen dritten mehr haben, auf dieſe ider jene Weiſe Eiferſucht entſteht, die ihre Herzen trennt,“ 1 „Wie bei Kain und Abel,— ich nenne es—“ „Dieſe Eiferſucht findet von Henry's Seite gegen mich Statt, ſonſt wäre er,(was er nicht iſt) auch nach ſeiner Zurückkunft von Italien der gleiche Bruder gegen mich.“ „Ich denke übrigens, Sie beide trafen ſich ſeither beinahe nie?“ Walther entgegnete:„Wir ſchrieben einander hie und da, aber nicht im Style früherer Zeiten. Das Unangenehmſte, Verdrießlichſte von Allem auf der Welt iſt ein halbvertraulicher Brief von Einem, welchem man dewech war, ſich offenherzig und ohne Rückhalt mitzu⸗ theilen." „Sind aber Sie auch wirklicher Zeit ſo aufrichtig gegen ihn, als früher? Nur Zutrauen erzeugt Zutrauen, und wenn Henry ausfindig gemacht hat, daß es in Ihrem Herzen eine blaue Kammer gibt, ſo thut er vollkommen Recht daran, wenn er die Thüre ſeines eigenen vor Ihnen ſchließt. Mein theurer Watty! ich will Ihnen reinen Wein einſchenken. Ich denke, es iſt für Brüder Nichts ſchwerer, als gegen einander völlig offenherzig zu ſein. Zwiſchen zwei Freunden gibt es wohl nicht ſolche ſich widerſtreitenden Intereſſen, keine ſo kitzlichen Rückſichten in Bezug auf Geldſachen, daß 131 ſie Verſchloſſenheit und Zurückhaltung erzeugten. Was würden Sie aber dazu ſagen, wenn ich Ihnen bemerk⸗ lich machen würde, daß mir vielleicht Ihre Mutter in Betreff Harry's irgend ein Geheimniß im Vertrauen entdeckt habe?“ „Einfach das ſage ich, daß ſie wohl bei Ihnen Hülfe und Unterſtützung ſuchte, damit Sie den Vermitt⸗ ler zwiſchen meinem Vater und Bruder machen und den letztern bewegen ſollten, Bankier zu werden, eine Ver⸗ mittlung, die gewiſſermaßen von geſegnetem Erfolge be⸗ gleitet war. Auch das ſage ich, daß ſie wohl die Quelle, aus welcher Harry's Krankheit entſprang, mit Ihnen ausführlicher beſprach, als mit mir.“ Nun wurde der Oberſt aufmerkſamer auf eine Un⸗ terredung, von der er zuerſt glaubte, daß ſie von Seiten des ſchönen Kapitäns bloß ein kleiner Ausbruch der Ab⸗ neigung gegen ſeinen Bruder ſei. Er rief aus:„Was beim Teufel! krank iſt er?“ „Haben Sie denn Nichts davon gehört? Ja! neben⸗ bei geſagt! ich erinnere mich zu meiner Schmach, meine Mutter bat mich, mit Ihnen Nichts über die Sache zu ſprechen.“ „Mit mir Nichts zu ſprechen? Die Geheimnißwuth wird doch nicht wohl epidemiſch werden? Ei! eil wenn ich an meiner theuren, guten, aufrichtigen Frau Hamlyn finde, daß ihr Thun und Treiben in Zick⸗Zack läuft, ſo bin ich gewiß, die Wahrheit iſt dem Auge entrückt, und weiter in die Erde hinabgeſunken, als der Grund einer Springguelle tief iſt.“ „Nun ſtreifte Walther mit ſeiner Chaiſe bei Battle Bridge ſo nahe am Rade eines Omnibus vorbei, daß der Oberſt unwillkürlich nach dem Leitſeil griff. Wal⸗ ther bemerkte:„Ich muß meine Mutter entſchuldigen. Es thut mir wohl, daß ich von ihr ſagen kann, der Grund, warum ſie über Henry's Kränklichkeit und ver⸗ änderter Gemüthsſtimmung ſchweigt, liegt darin, daß 13²2 ſie ſich vor andern Leuten genirt. Wie es ſcheint, iſt mein Bruder heftig verliebt—“ „Beim Teufel! was wird er denn das ſein?“ „Und eine unglückliche Liebe iſt es, die er hegte. Wie die Sache ſein mag(die genaueſte Auskunft wird mir verhehlt), der Umſtand, daß er den dringenden Wünſchen meines Vaters, der ihn natürlicherweiſe zu einem Bankier machen will, nachgegeben hat, ſchadete ſeinen Hoffnungen als Liebhaber ungemein. Meine Mut⸗ ter erklärt, ſeitdem er ſeinem Vater nachgegeben habe, habe er ein gebrochenes Herz und einen geſtörten Geiſt. Er ſei unfähig, ſeine Studien fortzuſetzen. Statt daß er ſich ausgezeichnet und ein vortreffliches Examen ge⸗ macht hat, wie es von ihm erwartet wurde, fand ſich ſein Hofmeiſter bewogen, meinem Vater ernſtlich anzu⸗ empfehlen, man ſolle ihn zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit eine Zeitlang von der Univerſität entfernen.“ Der Oberſt ſank in eine Ecke der Drotſchke zurück, um ſeine Gedanken wieder zu ſammeln. Was er ſoeben von Walther gehört hatte, bezog er auf das ſchweigſame Weſen zurück, das ſeine Schwiegertochter in Betreff ihrer Bekanntſchaft mit Henry Hamlyn immer beobachtet hatte. Nachdem er einige Minuten über die Sache nach⸗ gedacht hatte, gab er es als ein ſchlimmes Geſchäft wieder auf; ſo ſauer kam es ſeinem Geiſte an, bei Dingen, wo ſeine Gefühle als Freund betheiligt waren, geheimen Motiven nachzuſpüren, oder die zerbrochene Kette eines Beweiſes wieder zuſammen zu bringen. Er rief aus:„Gott ſei meiner Seele gnädig! das find in der That ſchlimme Neuigkeiten!, Nach einer langen Pauſe fragte er:„Was ſagt Ihr Vater zu dem Allem?“ „Gar Nichts ſagt er dazu; denn Niemand darf es wagen, ihn durch die Erzählung von den Gewiſſensbiſſen oder Lieblingsneigungen ſeines Sohnes zu erſchrecken. Mein Vater iſt ein ſo emſiger Geſchäftsmann, und ſo ungewohnt, ſeinen Gefühlen nachzugeben, und dieſelben mit ſeinen Verpflichtungen als Bankier markten zu laſſen, daß einiger Muth dazu gehört, um ſeine Verzeihung für eine Schwäche der Art, wie Henry ſich eine zu Schul⸗ den kommen läßt, zu erhalten.“ „Wenn aber die Liebſchaft Ihres Bruders keinen Flecken auf ſeinen Namen wirft—“ Walther unterbrach ihn mit Wärme, und ſagte: „Sie wird wohl keinen Flecken auf ſeinen Namen wer⸗ fen, ſonſt hätte er nicht meine Mutter zur Mitwiſſerin des Geheimniſſes gemacht.“ „In der That! Sie haben Recht. Beim heiligen Georh ich will ſelbſt mit Hamlyn über die Sache reden.“ Sein Begleiter war beſorgt, die Taktlofigkeit Oberſt Hamiltons könne auf das Schickſal des armen Henry's einen böſen Einfluß ausüben, und ſagte deßhalb:„Da wir über die Sache nichts Gewiſſes ſagen können, ſo wird wohl eine Vermittlung mehr ſchaden, als nützen. Mein Vater würde wüthend werden, wenn er daran denken müßte, daß ein junger Menſch von ſeinem Alter eine ernſtliche Liebſchaft unterhalten wolle. Ja, ſogar ich, deſſen Ausſichten weit günſtiger ſind, als die Henrys—“ Als der Oberſt ſah, daß er innehielt, wie wenn er befürchtete, zu weit gegangen zu ſein, rief er aus: „Nun; ſogar Sie?“ „Mein Vater ſagt, ſogar ich dürfe es nicht wagen, an's Heiraten zu denken, wenn ich nicht darauf rechnen könne, eine reiche Frau zu bekommen.“ „Sie ſollen alſo ſich um Geld verhandeln? He? Beim heiligen Georg! Ellen hat Recht. Das Bankier⸗ geſchäft überzieht die Seele eines Mannes mit gelber Leberſucht. Doch kann ich mir nicht denken, daß Ham⸗ lyn, der erklärt, er ſei mein wärmſter Freund, es mir übel nimmt, wenn ich ihm vorſtelle, ſein Sohn habe Erholung und Ruhe nöthig. Es würde eine Sünde ſein, wenn Harry allen Grund und Boden, den er als einer der erſten Hochſchüler des Landes errungen hat, bloß deßhalb verloͤre, weil ſein Vater ihn zwänge, ein 134 Stück Geſchäft in Bankierſachen ein Paar Monate früher, als Henry es wünſcht, zu uͤbernehmen.“ Walther rief aus:„Wenn es Ihnen gelingt, ihn zu überzeugen, ſo thun Sie uns Allen den höchſten, ſchönſten Gefallen. Sir! Harry iſt ein köſtlicher Burſche, ein Ausdruck, den Sie neulich von meinem Freunde Dartford gebrauchten, und der bloße Gedanke daran, daß er im Studiren zu viel geleiſtet hat, um der Eitel⸗ keit ſeiner Freunde einen Gefallen zu erweiſen, oder mei⸗ nem Vater ein Genüge zu thun und deßhalb ſchnell zu abſolviren, weil dieſer ſo ungeduldig darauf drang, daß er ihm in ſeinen Bankier⸗Geſchäften hülfreich an die Hand gehen ſollte. Dieſer Gedanke iſt ein wahrer Kum⸗ mer für mich.“ Der Oberſt ſagte:„Ich denke, wir fahren in die Lombardſtraße, wenn ich mein Geſchäft bei Rundell ab⸗ gemacht habe. Ich kann den Vorwand für meinen Be⸗ ſuch nehmen, daß ich Geld bedürfe, um die Sachen, die ich ſoeben eingekauft habe, zu bezahlen. Auf dieſe Weiſe kann ich mit Ihrem Vater ein Geſpräch von ein Paar Minuten in ſeinem Allerheiligſten haben. Er wird den⸗ ken, ich ſei in Sorgen darüber, daß ich heute Morgen in Cavendiſh⸗Square Etwas ausgeſprochen habe, was Ihre Mutter in Schrecken ſetzte, und deßhalb komme ich zu ihm.“— Kapitän Hamlyn entgegnete:„Ich bin ganz damit einverſtanden.“ Er trieb ſein ſchönes Roß an, als ſie von der Gaſſe Gray⸗Inn heraufkamen, und das edle Thier zeigte einige Symptome von Mißbehagen, als es ſich in ſeiner Eile durch Wagen von Bierbrauern und andere unadelige Gefährte aufgehalten ſah, die einem gewöhnlichen Beſucher der Reitbahn und des Erercier⸗ Platzes ſowohl dem Anſehen, als dem Gehöre nach ſelt⸗ ſam vorkamen. Der Oberſt verſank trotz des Nennens und Jagens, trotz alles Lärmens, der um ihn herum ſein Weſen trieb, bald in Träumereien, deren ausſchließ⸗ 13⁵ liches Intereſſe Henry Hamlyn und ſeine herrliche Schwiegertochter abgaben. Wer kennt nicht oder vielmehr wer kannte nicht die goldenen Fiſche vom Juwelier⸗Hauſe Ludgate Hill, die über der Thürtreppe dieſes dem Pompe und der Eitel⸗ keit gewidmeten Tempels hingen, und tauſend edle See⸗ len der Hölle zuführten, indem ſich Damen durch ſchöne, mit Diamanten beſetzte Halsbänder aus dieſem Hauſe, und Diplomaten durch Schnupftabaksdoſen beſtechen ließen, wer kennt nicht dieſe goldenen Fiſche, welche das Glück von einem halb Dutzend Juwelier machten, aber nun von Ludgate Hill von der Oberfläche der Handels⸗ welt verſchwunden ſind, wie auch die damaligen erlauch⸗ ten Prieſter dieſes Tempels in das Unterhaus beſördert wurden, um vielleicht von dieſem aus in das Oberhaus einzutreten?— In das Allerheiligſte dieſes prächtigen Hauſes führte Walther den Oberſt. Dieſem wurde, weil Walther hier bekannt war, alle Achtung zu Theil, die dem Freunde eines Sohnes vom Bankier Hamlyn und dem künftigen Schwager eines Marauis gehörte, deſſen Familien⸗Ju⸗ welen im Hauſe eingefaßt wurden. Es war natürlich, daß man Kunden von ſolcher Wichtigkeit außer dem einen von ihnen verlangten Ge⸗ genſtande tauſend andere zeigte, welche ſie nicht nöthig hatten. Statt Theegeräthe, ſtatt Gabeln und Löffel vors Geſicht zu bekommen, fand ſich der Oberſt für den An⸗ fang verpflichtet, goldene Leuchter, die für den könig⸗ lichen Palaſt beſtimmt waren, und Präſentier⸗Geräthe, in der Form von Vaſen, zuſammengeſtellten Figuren, Schilden, Tellern zu bewundern, lauter Gegenſtände, welche durch Privat⸗Subſcription beſtellt waren, und dem tugendhafteſten, weiſeſten oder thätigſten Manne auf Gottes Erdboden als Zeichen der Achtung überreicht werden ſollten. Der edle Nabob gab ſeine von Herzen kommenden, Bewunderung und hohe Freude verrathenden Ausrufungen mit ſo lauter Stimme von ſich, daß ſich 136 ſogar die Wangen eines ſo kalten Mannes, wie der Kaſernenvogel und Stutzer Walther einer war, aus Schamgefühl rötheten, daß aber auch die Ladendiener ſich berechtigt fühlten, immer weitere verkäufliche Gegen⸗ ſtände zu zeigen. Hauptmann Hamlyn war inzwiſchen damit beſchäftigt, den Auftrag ſeines Schwagers auszu⸗ richten. Der Oberſt dagegen machte dem Geſchäfte der Ladendiener dadurch ein Ende, daß er für ſeine Schwie⸗ gertochter ein Armband aus Opal, und für die Mar⸗ quiſin einen Diamantenſchmuck kaufte, mit dem ſie ihren Fächer beſetzen laſſen ſollte. Oberſt Hamilton ließ ſich leicht überreden, die von ihm gekauften Sachen ſeien die eleganteſten, modernſten Galanteriewaaren, die je das Auge eines aufgeklärten Publikums geblendet haben. uch kauften die Herren mit einander das genannte Theegeſchirr für Markham. Der Oberſt gab übrigens den Befehl, man ſolle in daſſelbe das Wappen Markhams eingraviren. Dieß war ihrer Anſicht nach ein Hahnen⸗ kamm. Sie hatten ein ſolches auf einem ordinären Ca⸗ briolete in der Remiſe des Paſtors gemalt geſehen, einem Cabriolete, das ſeit den letzten ſechs Jahren Zoll für Zoll abſtarb, weil das riſſige Dach der Remiſe den Regen nicht genug abhielt. Dieß war der Grund, warum ſte einen Hahnenkamm für Markhams Wappen hielten. Dann ſetzten ſie ſich wieder in das Cabriolet, und fuhren ab. Der Oberſt rief aus:„Wie viele Elemente menſchlicher Glückſeligkeit ſind nicht auf der Gitelkeits⸗ meſſe in dieſem Hauſe geſammelt und aufgehäuft! Würde das Silber, das je hierher verkauft worden iſt, oder bloß als Depoſitum hier liegt, eingeſchmolzen, und die Juwelen dieſes Hauſes ſo theuer als möglich verkauft, man könnte damit das ganze Kirchſpiel St. Giles kau⸗ fen, und auf dem Platze, wo St. Giles ſtand, eine Stadt für hülfsbedürftige Irländer anlegen, die hin⸗ länglich reinlich, luftig, hell, überhaupt paſſend für dieſe Leute wäre, ſo daß ſie nicht an den Folgen der Trink⸗ 137 ſucht, der des Typhus ſterben, oder ſich zur Kurzweil die Hälſe abſchneiden müßten.“ Walther entgegnete:„Ich befürchte, es nützt Nichts, wenn man an ſolchen Punkten in Betreff der ſittlichen und ökonomiſchen Verhältniſſe des Volkes aufbeſſern will. Ich glaube, um das Gleichgewicht in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft völlig herzuſtellen, müſſen wir ebenſo gut zu den Neſtern der auf Koſtbarkeiten lauernden Krähen, als zu Juwelieren unſere Zuflucht nehmen.“ Der Oberſt unterbrach ihn mit folgenden Worten: „Dazu müſſen wir allerdings unſere Zuflucht nehmen, wenn wir das Gleichgewicht in der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, das ſich in der Gegenwart zu bilden angefangen hat, vollkommen herſtellen wollten. Die Dinge auf dieſer Welt können ſich verbeſſern. Ihre Enkel leben vielleicht in einer Zeit, in welcher Geſetze gegen den Luxus gege⸗ ben werden; daß Sie es erleben, glaube ich nicht, ſo wenig, als daß ich es erlebe, indem ich alt und der letzte meines Stammes bin. Es kann auch geſchehen, daß um dieſe Zeit durch die Wiſſenſchaft ein Mittel entdeckt wird, um Diamanten auf chemiſchem Wege zu ſchaffen, und ihren jetzigen Werth zu verringern. Der Stein des Weiſen kann wirklich in irgend einem Schmelztigel ſein. Lichte Zeitalter mögen zu Tage fördern, was finſtere nicht entdecken konnten, und meine Meinung iſt: wenn die Collegien und Univerſitäten in unſerer Hauptſtadt alle mit einander, ſei es, daß ſie aufs Erhalten, ſei es, daß ſie aufs Zerſtören bedacht find, zu ungeſchickt ſind, um uns außer den jüngſt von ihnen erfundenen Gaſen ein oder zwei neue Metalle aufzutreiben, ſo ſind ſie kei⸗ nen Heller werth.“ Walther entgegnete:„Dann würde der Lurus eine neue Geſtalt annehmen.“ 3 Der Oberſt rief aus:„Es iſt möglich, daß der Lurus allgemein wird. Der Gang der wiſſenſchaftlichen Aufklärung kann dieß bewirken. Das würde für die ungewaſchenen Großen der Erde einen Triumph abgeben. 138 O Watty! Allem nach iſt die Zeit nichts Anderes, als ein Grab voll Moder, und Jedermann iſt bemüht, dieſes Grab mit Staub und Aſche, mit vereitelten Vorurtheilen und Bruchſtücken von alten Mißbräuchen anzufüllen, um für zukünftige Zeiten einen feſten Grund und Boden zu ſchaffen, auf welchem die Leute ſicher gehen können; nicht wahr? Aber beim heiligen Georg! hier in der Lombardſtraße darf man nicht zu ſpekulativ ſein, ſonſt riskirt man, daß die Leute die Häuſer vor Einem ſchließen und Einen auf dem Pflaſter ſtehen laſſen, wo man dann feſteren Grund und Boden findet, als Einem lieb iſt.— Wollen Sie nicht mit mir die Bank Ihres Vaters beſuchen?“ Walther hielt vor der Thüre des Bankierhauſes „Hamlyn und Compagnie“ und entgegnete:„Wenn Sie mir Erlaubniß geben, ſo will ich in der Chaiſe auf Sie warten. Meine Gegenwart würde Ihre Unterhaltung mit meinem Vater ſteif und unbeholfen machen. Nun verſchwand Oberſt Hamilton durch die eichene, ſich ſelbſt wieder ſchließende Thüre mit meſſenem Gitter. Ein Paar Minuten nachher machte einer der jüngeren Schreiber ſeine Aufwartung vor Walthern. Der Schreiber nahm aus Achtung vor dem Sohn und Erben ſeines Prinzipals die Feder vom Ohre hervor, während wohl jemand Anders an ſeinen Hut gegriffen hätte, und bat den Hauptmann Hamlyn im Namen des Oberſt Hamilton, er möchte ausſteigen, der Oberſt wünſche, Etwas mit ihm zu ſprechen. Walther hatte Nichts zu thun, als zu gehorchen. Es war ihm übrigens durchaus nicht lieb, daß er ſeine elegante, geſuchte Kleidung und ſein feines Benehmen der Verwunderung oder vielleicht dem Spotte der ein⸗ fachen Geſchäftsleute im Hauſe ſeines Vaters Preis geben ſollte. Ueberdieß hatte er noch dazu das Unangenehme, daß er im Hauſe drinnen finden mußte, ſeine Einwilligung, aus ſeinem Gefährte zu ſteigen, ſei überflüſſig geweſen. Oberſt Hamilton ſagte nämlich zu ihm:„Herr 139 Hamlyn iſt noch nicht zum Geſchäfte nach Hauſe gekommen und es ſcheint mir, alle ſeine Schreiber denken, er ſei auf ſeinem alten Braunen fortgeritten, der wohl ſo wenig Corvetten machen wird, als Meurs Brauhaus. Uebrigens habe ich den Oberſchreiber, den glattzüngigen Burſchen mit dem Kahlkopfe, von allen Sorgen befreit, indem ich ihm ſagte, Ihr Vater mache blos bei ſeinen Advokaten in der Norfolkſtraße einen Beſuch; die Berathung dort werde nur noch eine halbe Stunde dauern, und er werde bald nach Hauſe kommen. So wollen wir denn in ſeinem Zimmer auf ihn warten.“ Walther wäre gar zu gerne in ſein Cabriolet zurück⸗ gegangen, allein er ſah, die Augen der Schreiber alle, mit Ausnahme von Einem oder Zweien, die mit Rech⸗ nungen beſchäftigt waren, und die Finger auf Zahlen hatten, waren voll Bewunderung auf ihn gerichtet, und Spilshy betrachtete ihn von Kopf bis zu Fuß, wie wenn er das Maß von ihm nehmen wollte, um einen Rock für ihn auszufertigen. Deßhalb hatte er den Muth nicht, ſeinem Begleiter zu widerſprechen. Spilsby führte ſie alsbald in das kühle, niedliche, dunkle, dumpfe Zimmer des Bankiers. Sie fanden dort die ſeit alten Zeiten hier ſtationirten, mit Roßhaar ausgepolſterten Stühle, des⸗ gleichen eine abgenutzte Schreibtafel und einen altväte⸗ riſchen überſilberten Schreibzeug. Walther warf auf dem durchaus nicht verführeriſchen Schauplatze der täglichen Geſchäftigkeit ſeines Vaters die Blicke überall umher und rief aus:„Wundern Sie ſich noch Herr Oberſt, daß mir der Gedanke, mein Leben in einer ſo fürchterlichen Höhle zubringen zu müſſen, durch⸗ aus und gar nicht geſiel 2 Der Oberſt erwiederte:„Nein! ich wundere mich nicht; ich wundere mich blos darüber, daß Sie den Muth haben, ſich darüber zu verwundern, daß Harry die gleiche Abneigung hat.“ Noch weiter hätte Walther über das Auffallende am Zimmer ſeines Vaters geſprochen, aber Spilsby kam 140 nun zurück, brachte Oberſt Hamilton die dreihundertfünfzig Pfund Sterling, die er verlangt hatte, und bat ihn um eine Quittung dafür. Siehe da! nachdem gerade der gewandte Oberſchreiber dem Oberſt die Noten in die Hand gezählt und dieſer ſie ganz ungenirt in ſein Taſchenbuch und in ſeine Taſche geſchoben hatte, öffnete ſich die Thüre ſchnell, und Hamlyn trat mit einem Geſichte herein, das ſo farblos war, als das Papier ſeiner Banknoten. Mit einem einzigen Blick forſchte er das Geſicht von allen Dreien aus, von ſeinem Sohne, ſeinem Clienten und dem Schreiber, welcher ſich in der letzten Nacht in ſeine Wohnung eingedrängt hatte. Im Rechnungszimmer hatte er bereits erfahren, daß die ge⸗ nannten Herrn in ſeinem Zimmer auf ihn warten, und er zitterte vor dem Gedanken an die etwaigen Beweg⸗ gründe, die eine ſo ſonderbare Verſammlung zuſammen⸗ bringen konnten. Dieſer eine Blick war hinreichend! Walther begrüßte ſeinen Vater mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit, weil er rings um ſich Proben ſah, die auf's deutlichſte darauf hinwieſen, daß die Beſchäftigung ſeines Lebens gar manches Unangenehme haben mußte. Was den Oberſt betraf, ſo verlieh der Gedanke, Geld in ſeiner Taſche zu haben, das zu Geſchenken für drei Leute, die ihm am liebſten auf der Welt waren, beſtimmt war, ſeinem gütigen Geſichte einen noch höhern Grad von Wohlwollen. Was den Schreiber anbelangt, ſo konnte nicht leicht Jemand den zweideutigen Ausdruck eines von Hauſe aus ſo heuch⸗ leriſchen Geſichtes entdecken. So feindlich übrigens Spils⸗ bys fernere Abſichten waren, ſein Herr ſah ein, daß für den Augenblick Alles in Ordnung war. Die Stimmung des Bankiers war durchaus nicht mehr die ungemein aufgeregte, in welcher er zwei Stunden vorher ſein Haus in Cavendiſh⸗Square verlaſſen hatte. Die Zwiſchenzeit hatte er an einem Platze zugebracht, an welchem ſeine Perſon ſo heilig war, als die der Gottheit, und ſein Ausſpruch als höchſte Autorität galt. Das Haus 1 141 Wigwell und Nak mäſtete ſich durch die Rechtsſtreitig⸗ keiten und Händel der Compagnie Hamlyn, wie gewiſſe Inſekten von den Bäumen, aus denen ſie die kümmerlichen Subſiſtanzmittel ihres Lebens ziehen. Die Kunden des Bankiers wurden auch die ſeiner Sachwalter. Wie Eicheln durch jede Bewegung des Baumes, an welchem ſie hängen, mitgeſchüttelt werden, ſo ging es auch den Advokaten. Sie mußten ſich eben als gehorſame Diener des Bankiers erweiſen. Hamlyn war die Sonne, durch deren Stralen, wenn ſie auf goldenen Sand ſielen, die Krokodilleier des Geſetzes ausgebrütet wurden. Um ſeinen mackelloſen Ruf als londoner Bankier zu erhalten, nahm Hamlyn allerdings in ſeinen Verhand⸗ lungen mit ihnen den Ton eines ſtreng aufrichtigen, pünktlichen, ſyſtematiſchen Mannes an, aber er ſah ſich oft genöthigt, kleine Fehler abſtrafen zu laſſen und den ſtrengen Arm des Geſetzes in Anſpruch zu nehmen, wenn arme Leute, ſogenanntes verfluchtes Geſchmeiß, arme Bankrottier erdruͤckt werden ſollten, Leute, welche ſeiner Anſicht nach, wenn man ſie ungeſtört hätte rauben laſſen, der begüterten Welt ſo läſtig geworden wäre, als die Legionen von Ratten, die zur Zeit Wittingtons dem König der Berberei Hab und Gut wegfraßen. Natürlich mußte ſich Hamlyn als Bankier hie und da mit einem ſolchen Geſchäfte abgeben, aber viel Vergnügen hatte er dabei nicht. Nach den ewigen, unangenehmen Zuſammenkünften, welche Hamlyn mit den Herrn Wigwell und Nak zu halten genöthigt war, mußte es ihm vorkommen, er höre nach vielem Heulen wieder Muſik, als er das Zinsbuch Dartfords vorleſen hörte und erfuhr, was dieſer für Hamlyns„erlauchte Tochter,“ als ſeiner künftigen Frau, zu ihrem Verbrauche ausgeſetzt hatte. Es war ihm in der That ein hoher Genuß, daß er nach ſtrengen Proce⸗ duren, wie ſie im Coder von John Don und Richard Ron empfohlen werden, nachdem er ſo Manchen hatte ächten, ſtrenge verfolgen und einkerkern laſſen, nach Proceduren, welche in finanziellen Kämpfen ſo viel bedeuten, als 142 Wunden und Tod im Kriege, von einem Vermögen hören durfte, das zur Zeit des Königs Stephan als Ausſteuer der„Baroneſſen von Darteforde“ ausgeſchieden und jetzt als künftige Ausſteuer einer Dame, Namens Lydia Hamlyn, verwendet wurde. Aber dieß war noch nicht Alles. Kaum war er über die Schwelle ſeines Hauſes in der Lombardſtraße getreten, als ihm die frohe Nachricht gebracht wurde, ein Haus zu Riga, von dem Hamlyn und Compagnie Wechſel im Betrage von zehntauſend Pfund Sterling in Händen hatte, ein Haus, über welches ſeit einer Woche ungünſtige Gerüchte auf der City obgewaltet hatten, ſei nicht allein zahlungsfähig, ſondern das Gerücht, welches ihm ſo viele Angſt gemacht, einem Schreiber und Com⸗ pagnie von Archangel gelte, mit dem das Haus„Schreiber von Riga“ in gar keiner Connexion ſtehe. Wäre im Augenblick, als Hamlyn durch die Rechnungszimmer der Schreiber ging, Spilsby bei der Hand geweſen, dem Bankier wäre dieſe angenehme Kunde nicht wohl hinter⸗ bracht worden. Allein Spilsby hatte damals gerade mit Oberſt Hamilton im Privatzimmer des Bankiers zu ſchaffen, und deßhalb theilte einer der jüngeren Schreiber, außer Athem, voll Freude, daß er das Vergnügen habe, ſeinem Herrn, den er liebte und dem er dankbar war, eine angenehme Nachricht mittheilen zu können, Herrn Hamlyn die von uns ſo eben angeführte Kunde mit. Der zufrieden geſtellte, beruhigte Bankier war nun im Stande, den Vorſchlag, welchen ihm Oberſt Hamilton machte, mit ausnehmender Heiterkeit anzuhören. Die Bitte des Oberſts, er möchte Henry nicht vorm Ablauf der nächſten Chriſtfeiertage zu Bankiergeſchäften anhalten, war ſeinen Planen nicht zuwider; er ſetzte ſich vor Walther und dem Oberſt hin, und ſchrieb an ſeinen Sohn einen Brief voll väterlicher Liebe. Der Inhalt desſelben war, er ſolle ſich auf ſechs Monate von Cambridge entfernen; ter werde in pekuniärer Hinſicht Alles erhalten, damit er ſeine Geſundheit wieder herſtellen könne. Zu dieſem 143 Zwecke ſolle er ſich entweder gänzlich von Geſchäften zurückziehen, oder eine Reiſe auf dem feſten Lande machen. Walther erhob ſich raſch, um eine Hand, welche dazu gedient hatte, ſeinem Bruder einen hohen Dienſt zu er⸗ weiſen, mit der größten Wärme zu drücken; ein Liebes⸗ zeichen, wodurch ſich ſein Vater mehr, als zur Genüge, für das von ihm geſtiftete Gute belohnt fühlte. Der alte Hamilton rieb ſeine Hände voll Freude, denn er dachte daran, wie hoch Ellen erſtaunen werde, wenn Henry unerwarteter Weiſe in der Stadt erſcheine, und wie ſehr ſich Henry am frohen Erſtaunen Ellens ver⸗ gnügen werde. Der Oberſt rief aus:„Mein theurer Hamlyn! Sie ſind aus weicherem Stoff gemacht, als ich dachte. Aber ich denke, die beſte Belohnung, die wir, ich und Walther, Ihnen dafür geben können, daß Sie eine ſo weiche Seele ſind, iſt die, daß wir uns aus dem Staube machen. Geben Sie mir den Brief, ich will denſelben auf die Poſt geben, wenn wir nach Hauſe fahren.“ Der Bankier fragte mit einem Lächeln, deſſen Quelle eine leichte Höflichkeit war:„Fürchten Sie, es werde mich reuen, den Brief geſchrieben zu haben, und ich werde ihn nicht abgeben, oder er werde in meiner Brief⸗ taſche nicht ſicher ſein?“ „Ich befürchte weder das Eine, noch das Andere, aber ich ſtehe in einem Alter, in dem einem ein Vogel in der Hand mehr werth iſt, als zehn auf dem Baum. Und dennoch bin ich nicht in Sorgen wegen der einhundert⸗ zwanzigtauſend Pfund Sterling, die ich bei meinen Freunden Moonjen und Compagnie angelegt habe, wir werden dieſelben leibhaftig zu ſehen bekommen, ehe noch ein Monat über unſern Köpfen dahin geht. Nun aber leben Sie wohl!“ Nachdem der Bankier, dieſer ohne ſeine Schuld her⸗ beigeführten Unterhaltung los und ledig war, ſchickte er ſich an, ſeine Aufmerkſamkeit den täglichen Geſchäften wieder zuzuwenden, denen ſeine Abweſenheit außer der V 144 Zeit geſchadet hatte. In jeder Nerve ſeines Leibes fühlte er das ſüße Bewußtſein, daß er von Geldverlegenheiten befreit ſei, er fühlte die Wolluſt der goldenen Hoffnungen, die ihm durch die vom Oberſt ſo eben beſprochenen Er⸗ wartungen und die Verbindung ſeiner Tochter mit Dart⸗ ford eröffnet worden waren. Auf einmal ſchaute der weiße Kopf des alten Mannes wieder herein. Der Oberſt ſagte:„Noch ein Wort mit Ihnen, Hamlyn! Ihre Schreiber da drüben wollen einen armen Burſchen wieder wegſchicken, der doch ein Geſchäft hat, das in Ihr Amt einſchlägt, ein Geſchäft, von dem ich überzeugt bin, Sie nehmen es nicht übel auf, daß ich mich an dasſelbe gemacht habe.“ Während dieſer Worte trat der Oberſt wieder in das Zimmer. Nach ihm kam Walther und ein ernſt blickender Mann in einem langen Rocke mit ledernen Camaſchen, eine Tracht, die gegen die zierliche, elegante Kleidung des Kapitäns Hamlyn ſo ſehr abſtach, als das geſunde, offene Ausſehen des Bauern gegen das faltenreiche Geſicht von Hamlyn, dem Sklaven des Mammon. Der Oberſt rief aus: Kommen Sie hieher, Durdan, kommen Sie hieher. Ich ſagte Ihnen ja, wir können uns wohl den Weg bis zu dem großen Manne hinbahnen.“ Zu Hamlyns großem Verdruſſe machte der Oberſt gar keinge Miene, als ob er ſich mit Walthern entfernen wollte, ſo daß die Unterredung ausſchließlich zwiſchen dem Bankier und dem Bauern hätte geführt werden können. Der Bauer nahm ohne Zögern den Sitz, den ihm der Bankier mit Zaudern anbot, Oberſt Hamilton ſetzte ſiich wieder auf den, auf dem er kurz zuvor geſeſſen war, und Walther ſtellte ſich mit ſchlecht verhehlter Ungeduld an das Kamin. Der Bauer ſagte:„Ihr Diener, Herr Hamlyn. Der Oberſt war ſo gütig und ſagte mir, Sie würden mir in Bezug auf ein kleines Geſchäft, geneigtes Ohr leihen. Hamlyn nahm eine freundliche, beſcheidene Miene an, ganz nach dem Schnitte von der, welche ihm Lord 145 Crawley in der Downingſtraße gewöhnlich zeigte und ent⸗ gegnete:„Durdan! ich höre Sie mit dem größten Ver⸗ gnügen an. Gibt es Etwas, worin ich Ihnen dienen kann.“ Durdan erwiederte:„Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet, Sir, übrigens können Sie mir wohl in Nichts dienen. Herr Hamlyn! um die Wahrheit zu ſagen, ich bin hauptſächlich deßwegen von Orington auf der Eiſenbahn heraufgefahren, weil ich Ihnen Dienſte leiſten will. Ohne Zweifel haben Sie gehört, daß meine Sachen ein wenig hinter ſich gehen. Dieß iſt ein Wind, der Niemand gut anbläst; und ich glaube, Sie können mit vollem Rechte aufgefordert werden, beim Bankerotte Jakob Durdans eine Rolle zu ſpielen.“ Der Bankier ſtemmte mit wundervoller Haltung ſeine Hände auf die polirten Lehnen ſeines Armſtuhles, und entgegnete:„ich bin ſehr bekümmert, daß Sie ſelbſt ein ſo ungünſtiges Urtheil über Ihre Angelegenheiten ausſprechen, aber ich denke, Durdan, Ihre Sachen werden wieder auf die Beine kommen.“ 4 Der Bauer erwiederte bitter:„weder ſie, noch ihr Herr werden je wieder auf die Beine kommen."⸗ „Durdan! ich bin ſehr bekümmert, daß ich ſolche Worte aus Ihrem Munde hören muß, aber— Der Bauer zuckte die Achſeln mit der Ungeduld eines Mannes, den das Unglück gelehrt hat, in glatte Worte kein Zutrauen zu ſetzen, unterbrach den Baukier und ſagte:„Sir, Sie haben im Grunde keine gar ge⸗ wichtige Veranlaſſung ſich wegen meiner Sache viel Schmerzen und Kummer zu machen. Herr Hamlyn!l ich und Sie waren früher Nachbarn, die nicht gut mit einander auskamen. Aber das iſt nun vorüber. In Orington wird nun Niemand mehr mit meiner Nähe geplagt ſein. Deßhalb macht es wenig aus, ob Ihnen mein Benehmen geſiel, oder mir das Ihrige.“ „Durdan! ich kann Sie verſichern, was jenen kleinen Fehltritt und die Anklage gegen Sie wegen dieſer Sache betrifft—“ Die Bankiersfrau. II. 10 146 „Sir! ſprechen wir nicht weiter davon! ſprechen wir nicht weiter davon! Auf die Bitte des guten Oberſt thaken Sie dem gerichtlichen Verfahren gegen mich Ein⸗ halt; das iſt das Ende vom Liede. Es kann ſein, wenn ich im Vermögen beſſer geſtanden wäre, ſo wäre gar kein gerichtliches Verfahren über mich ergangen.“ Wäre nicht Oberſt Hamilton da geweſen, der Bankier hätte wohl mit einer Unterredung die einen ſo wider⸗ wärtigen Anfang genommen hatte, ohne Zweifel kurzen Prozeß gemacht. Aber der alte Mann nickte und winkte ihm mit bittender Miene zu, er ſolle doch mit einem armen Burſchen Geduld haben, den das Unglück verfolgt, und dem es ſeine Höflichkeit genommen habe. Durdan drängte den bevorſtehenden Ausbruch eines bitteren Gefühles in ſeine Bruſt zurück, und ſagte: „Herr Hamlyn! die Sache i*ſt folgende: mein Gut iſt käuflich, und—“ „Nun ſuchen Sie einen Käufer? nicht wahr, Durdan?“ die Käufer ſuchen mich. Wie Sie wiſſen werden, zu Liverpool verbrannten Magazine, und in denſelben meine letzte Ladung Korn, die dazu noch unverſichert war. Seitdem die Nachricht von dieſem und meinem ſonſtigen Unglück ruchbar wurde, ſchmuste Squire Bar⸗ Cannington. Durch ihn erfahre ich, daß ein gewißer Herr Scheere, welcher von der Lebensverſicherungsge⸗ ſellſchaft ein tuͤchtiges Stück Geld herausgeſchlagen hat, und es in eine Wirthſchaft ſtecken will, auf den Ruinen ſogenanntes Landhaus, bauen will.“ 4 Beim Worte„Scheere,“ dem Namen eines Mannes, der ſich in der genaueſten Nähe des Gutes Dean⸗Park niederlaſſen wollte, ſchlug Richard Hamlyn in ganz ſym⸗ — 1 Durdan erwiederte:„das Gegentheil iſt der Fall;z low mit mir, wie ein Schacherjude. Auch habe ich in meiner Taſche einen Brief von meinem Sachwalter in meines alten Bauernhauſes eine Art Mausfalle, ein boliſcher Weiſe ſeine gekreuzten Beine majeſtätiſch aus⸗ einander.. Oberſt Hamilton fragte:„was iſt denn daran Schlimmes, Durdan? die Hauptſache iſt, daß Sie Ihr Gut um einen hohen Preis verkaufen können. Das Geld von einem Mann ſieht nicht anders aus, als das von einem Andern.“ Der Bauer wandte dem Nachbarn, mit deſſen Reb⸗ hühner und Phaſanen er früher ſchon Bekanntſchaft machen durfte, ein freundlicheres Geſicht zu, als dem Bankier, und entgegnete:„das Schlimme an der Sache iſt das, Oberſt: in unſerer Grafſchaft ſollen ſich nicht immer friſche Ankömmlinge eindringen. Sie haben wohl die Denkmale der Bär und der Ragged Staff in der Werwickkirche und die Denkmale der Vernons zu Brarham geſehen? Auch haben Sie vielleicht Herrn Gratwycke aus Gratwycke ſagen hören, ſeine Ahnen ſeien Ritter in unſerer Grafſchaft geweſen, etwa um die Zeit des Grafen Gay von Gay⸗Cliff. Auch Herr Barlow, wenn er gleich genöthigt iſt, dem Lord Vernon, als Parteigänger Dienſte zu leiſten, hat eine Perga⸗ mente aufzuweiſen, in welchem er als Herr des Gutes Alderham anerkannt iſt, ein Pergament, das ſich von den Zeiten herſchreibt, da Katholiken und Proteſtanten auf dem Markte von Smitfield ſtritten. Das Alles wiſſen Sie beſſer, als ich; niemals gab es ja eine Gerichtsſitzung, bei der die von mir genannten Landedel⸗ leute es ſich nicht hätten angelegen ſein laſſen, die Sache vor Ihren Ohren auszutrommeln.“ 4 Walther Hamlyn ſtieß die Steinkohlen 1n Sfen tüchtig zuſammen, um das Feuer zu ſchüren, zum Zeichen, daß ſeine Geduld zu Ende gehe. Sein Vater ſchaute zu ihm herüber, und brachte ihn durch einen vorwurfs⸗ vollen Blick zur Ruhe. Durdan fuhr fort:„Nun Sir, dieſe hohen Per⸗ ſonen ſind alſo ſtolz darauf, daß ſie in der Grafſchaft tiefe Wurzel geſchlagen haben(denn welche Wurzeln können tiefer gehen, als die Todten, die wir von Ge⸗ neration zu Generation in die Erde legen?) und ſo geht es auch mir. Auch ich darf mit vollem Rechte daran denken, daß viele Durdans, wie die Urkunden meiner Familie beweiſen können, tüchtige Bauern und Soldaten geweſen ſind, von; der Zeit an, da einſt mein Ahne mit ſeinen Söhnen und Vettern, ſowie auch mit ſeinen Dienſtboten zum Heere Cromwells ſtieß, und die Schlacht von Edgwill mitmachte. Herr Hamlyn! ich ſage Ihnen, Durdans Gut hat ſeinen Namen und Ruf eben ſo gut, wie Schloß Kenilworth oder Warwick, und, wenn ich durch die wirkliche ſchlimme Zeit genöthigt bin, mich von etwas zu trennen, was mich ſo nahe angeht, als das Blut in meinen Adern, ſo will ich lieber einen für mich nachtheiligen Handel eingehen, bei dem ich mich aber darauf verlaſſen darf, daß das Haus meiner Ahnen ſtehen, und daß der Name der Durdans in Ehren und in Achtung bleibt, als daß ich es dulden ſollte, daß der Sohn eines Kannenwirthes aus dem Hauſe, unter deſſen Dache ich geboren bin, einen Schutthaufen macht, und den Namen meines Vaters aus dem Angedenken der Grafſchaft ſtreicht, wie wenn mein Vater es verdient hätte, auf dieſe Weiſe an den Pranger geſtellt zu werden.“ Der Oberſt rief aus:„Brav geſagt, Durdan! brav geſagt, mein alter Trojaner! Mann! in Ihrer Rede iſt mehr Kraft, als in all dem Triktrakſpiel, das alle Vernons in der Grafſchaft jemals bei öffentlichen Ver⸗ ſammlungen von ſich gegeben haben. Aber denken Sie doch einmal über die Sache nach, iſt es nicht möglich, kann man keine Mittel ausfindig machen, wodurch ver⸗ hindert werden könnte, daß Sie ohne Gnaden das Gut weggeben müſſen? Könnte Ihnen keine, Ihnen ein tüch⸗ tiges Stück Geld eintragende Verpfändung helfen?“ Jacob Durdan unterbrach den Oberſt. Doch ſprach er mit milderer Stimme, da der Geiſt ſeines Stolzes verflogen war, und ſich der Gedanke an ſeine augen⸗ ſcheinlich ſchlimme Lage ſeinem Geiſte aufs Neue auf⸗ — —½ 149 drängte. Er ſagte folgendes:„ich danke Ihnen Herr Oberſt! auf das herzlichſte und freundlichſte. Alles habe ich ſchon verſucht, was verſucht werden konnte, um den ſchlimmen Tag, den Tag an welchem ich mein Gut aus den Händen geben ſoll, zu vermeiden, das heißt: ich habe ſchon Alles verſucht, was nicht der Chrlichkeit widerſtreitet. Glauben Sie ja nicht, ich werde mög⸗ licherweiſe in Rückſicht der Ehrlichkeit ſtraucheln, da ich in einer Lage ſei, wo ich alle Tage Bankrott werden könne. Niemals will ich meine Augen auf meinem Kiſſen zum Schlafe ſchließen, wenn ich je daran gedacht habe, daß durch mich irgend Jemand in Schaden und Nachtheil kommen ſollte. Herr Hamlyn hier kann es bezeugen. Er weiß, der hohe Ruf in Staatsangelegen⸗ heiten, den ſeit uralten Zeiten England genießt, wird dadurch erhalten, daß in der Bruſt von Millionen roh⸗ herziger, barſcher Burſche, die von Lords und Ladies ſo wenig geachtet werden, als ich, die gleichen Gefühle, wie in meiner Bruſt, haben.“ Den Bankier, der ſich auf dieſe Weiſe zum Zeugen aufgerufen ſah, ſchlug ſein Gewiſſen. Er gab murmelnd ein Paar Binſenwahrheiten über den unbeſcholtenen Ruf der brittiſchen Nationalehre Preis, Wahrheiten, die er gewöhnlich vor Verſammlungen auf der City oder vorm Unterhauſe im Sprecherſtuhle entwickelte. Durdan wandte ſich ſchnell gegen die Perſon ſeiner Umgebung von der er allein hinlänglich überzeugt war, daß ſie ſich von Herzen um ſeine Angelegenheiten be⸗ kümmere, und durch ſein Leiden gerührt wurde. Er fuhr alſo fort:„Herr Oberſt! die Sache iſt folgende: als mein alter Vater ſtarb war das Gut, das er hinter⸗ ließ, ſechs bis ſiebentauſend Pfund Sterling werth. Sir! ich war ein junger Mann, und hatte noch jüngere Brüder und Schweſtern zu verſorgen. Voll Pflichtge⸗ fühl gegen den alten Mann, den ich ins Grab gelegt, und der ſo lange, als ſein Leib und ſeine Seele mit einander verbunden geweſen waren, einen guten Kampf 150 geſchlagen hatte, um uns durch zu bringen, arbeitete ich hart für meine Geſchwiſter alle, und lebte ſparſam. Ja ſogar, ich gab den Gedanken ans Heiraten auf, ein Gedanke, den die meiſten Leute in meinem damaligen Alter im Kopfe haben, bis ich es durch meine Mühe ſo weit gebracht hatte, daß ſie ſich verheiraten konnten. Ueberdieß hatte ich zu dieſer Zeit noch das mich am meiſten ergreifende Unglück, daß von meinem Vater her ein Paar von meinen Aeckern verpfändet waren; ein Un⸗ glück, das, wie ein Wurm an meinem Herzen nagte. Ich fühlte, das Gut war im Grunde mein Eigenthum nicht, ſo lange irgend eine lebende Seele das Recht hatte, zu ſagen, der alte Jacob Durdan habe bei ſeinem Abſcheiden einen Schilling Schulden hinterlaſſen. Bis ich die Schulden meines Vaters bezahlt hatte, lebte ich ohne Salz an meiner Suppe, aber ich kann Ihnen ſagen, meine Suppe ſchmeckte mir deßwegen nicht ſchlimmer.“ Nun war durch eine Vorleſung über ſchlimme Leiden der Zorn Richard Hamlyns über alle Maſſen geſteigert, um ſo mehr, als er ſah, daß ſein leicht lenkbarer Sohn wohl gar hohe Achtung vor dem biedern Manne be⸗ kommen könnte. Oberſt Hamilton dagegen fuhr mit der Hand über ſeine buſchigten Augbrauen, ein Umſtand, der leicht zu erklären war, da kein Sonnenſtral in dieſes todte, ſchreckliche Zimmer dringen konnte. Durdan fuhr fort:„übrigens fand ich, meine Herrn, daß Arbeit frühe und ſpat, Hauſen und Sparen, nicht hinreichend iſt, um dem ſchlimmen Laufe der Zeiten Trotz zu bieten. Deßhalb entſchloß ich mich, es nicht ſo weit kommen zu laſſen, daß meine Sachen in die äußerſte Noth geriethen; daß ich in der Zeitung als Bankrottier aufgeführt, und mein ehrlicher Name geſchändet würde; ich entſchloß mich, mein Gut zu verkaufen, jeden Schilling Schulden zu bezahlen, und von Brodkrummen zu leben, wie ich bereits, ohne mich deßhalb zu grämen, gethan habe. Ich weiß, Herr Hamlyn hat einmal ein Aug 15¹1 auf mein Gut, und wenn wir beide über daſſelbe mit einander handeln würden, ins Reine darüber kämen, und er mein altes Wohnhaus im Stand halten, den alten Namen„Durdans Gut“ laſſen, ſo daß meine Vettern und Baſen fünfzig Jahre nachher wiſſen ſollten, es habe einmal ein Familiengut der Durdans gegeben, auf dem ihre Ahnen geboren und geſtorben ſeien. Aus dieſem Grunde gab ich weder Barlow, noch dem Advo⸗ katen Herrn Scheeres eine entſchiedene Antwort, noch bat ich Jemand, ſich nach einem Käufer für mein Gut umzuſehen, bevor ich bei Ihnen nachfragte, Sir, ob es Ihnen anſtändig wäre, mir das Gut abzukaufen.“ Richard Hamlyn bewegte keine Wimper ſeines Auges, und gab keine Antwort. Wie wir wiſſen, war ſein Herz gegen jedes, edlere Gefühl abgeſtumpft, und er war deßhalb der feſten Anſicht, die rohe Beredtſamkeit Jacob Durdans ſei ein Kunſtgriff, um den Preis ſeines Gutes höher hinauf zu treiben. Oberſt Hamilton benahm ſich edler. Sein Gemüth hatte in dieſem Augenblicke etwas von einem ſtrengen Geſchäftsmanne, wie Hamlyn, und etwas von einem Gefühlsmenſchen, wie Durdan. Er fragte den Bauern in gutem Engliſch nach dem Werthe, dem er ſeinem Gute gebe.„Durdan,“ ſagte er,„Sie müſſen uns ge⸗ nau angeben, was Sie für Ihr altes Haus und für Ihr Gut verlangen. Dann erſt können wir auf Ihre Vorſchläge eingehen.“ Der Bauer erwiederte: ich weiß, was der alte Herr Hamlyn meinem Vater dafür angeboten hat, als Herr Hamlyn das Gut Dean in einen Park umſchuf. Aber heut zu Tag gilt Land um die Hälfte mehr, als zur damaligen Zeit. Auch muß in Betracht gezogen werden, daß durch das, was Hamlyn mit dem Gute Dean anfing, auch mein Gut gewonnen hat. Uebrigens bin ich kein großer Rechenkünſtler; ſonſt ſtünden wohl meine Sachen nicht ſo ſchlecht. Ihr Herrn! der beſte Weg, um, wie das Sprichwort ſagt, ſowohl zu Wein, als zu Geld zu 1⁵² kommen, iſt der, ich mache Sie mit dem Offerte des Herrn Barlows bekannt, und mit den Briefen des Ad⸗ vokaten von Leamington. Auf dieſe Weiſe werden Sie in den Stand geſetzt werden, zu entſcheiden, welche Offerte Sie machen wollen. Ich will Ihnen nicht mit einem widerwärtigen Nachbar drohen um dadurch den Werth meines Gutes zu ſteigern; nein! ich will Sie nicht durch dieſe Liſt auf einen falſchen Weg leiten; nein! ich ſage Ihnen aufrichtig, Herr Hamlyn, ich ſchlage den Werth des Gutes auf ſechs bis ſiebentauſend Pfund Sterling an, und ich würde in Betracht, der oben erwähnten Rückſichten von Ihnen eher etwas weniger, als von— einem oder dem andern meiner in Frage ſtehenden Käufer— etwas mehr annehmen. Der Bankier erwiederte ernſt:„ich kann Sie auf⸗ richtig verſichern, Durdan, ſtände mir der Kauf des Gutes überhaupt an, ein Paar hundert Pfunde, mehr oder weniger, würden auf meinen Willen weder einen ermuthigenden, noch einen abſchreckenden Einfluß aus⸗ üben. Ich ſage mit Schmerzen, die äußerſt mißliche Lage, in der ſich wirklich die Handelswelt befindet, be⸗ wegt jeden Geſchäftsmann, ſeine Hülfsquellen zu ſeiner Verfügung zu halten. Und ſogar, wenn der Umſtand nicht wäre, daß für die gegenwärtige Zeit die Produkte des Feldes wenig Werth haben, und daß alle Landei⸗ genthümer deßhalb in Sorgen ſind, könnte ich nicht—“ Nun erhob ſich Durdan von ſeinem Sitze und knüpfte ſeinen Rock auf; denn da Kapitän Hamlyn das Feuer geſchürt hatte, ſo machte ihm außer dem Feuer ſeiner Rede auch noch dieſes heiß. Sodann ſagte er: „mit Einem Worte, Sir, Sie ſind alſo nicht geneigt, auf die Sache einzugehen? Nun in jedem Falle habe ich, gegenüber von allen Partien, meine Schuldigkeit gethan, und brauche nun gar Nichts mehr abzumachen, als mit dem Herrn im Gaſthofe Adolphi abzuſchließen, an welchen mich Herr Barlow wies. Er ſagte, dieſer ſei bevollmächtigt, nach meinen ſchriftlichen Sachen in — 15³3 Betreff meines Gutes zu ſehen, und die Abſchließung der ganzen Sache geſchehe im Namen Lord Vernons. Sir! ich denke, ich beleidigte Sie nicht, daß ich Ihnen einige Zeit raubte, und Ihnen, Oberſt Hamilton! wünſche ich von Herzen Geſundheit, im Falle, daß ich nicht mehr in der Gegend wäre, wenn Sie wieder auf Ihrem Gute ſind. Wenn ich mir eine Freiheit herausnehmen darf, Herr Oberſt! und Ihnen ein Paar junge weiße Pfauen angenehm ſind, welche Ihnen und Ihrer Begleiterin, einer jungen Dame, bei Ihrem Beſuche auf meinem Gute ſo ausnehmend geſielen, ſo wage ich es, Herr Oberſt, Sie zu bitten, Sie möchten mir die Erlaubniß geben, daß ich ſie Ihnen nach Burlington hinüber ſen⸗ den dürfte, damit ſie nicht mit meiner übrigen Habe verkauft werden.“ Oberſt Hamilton nahm dieſes Abſchiedsgeſchenk ſeines artigen Nachbarn, des unglücklichen Durdan, mit Dank an. Richard Hamlyn dagegen dachte theils an die Unannehmlichkeiten, die ihm der unter dem flattern⸗ den Banner der Vernons fechtende Barlow von Alder⸗ ham machen könnte; theils war er voll Bangen, der ſpionirende Spilsby möchte in dieſem Augenblicke vor der Doppelthüre ſtehen, durch welche die Schreiberzim⸗ mer von dem Sprechzimmer, in dem er ſich mit Durdan wirklich befand, geſchieden waren; Spilsby möchte wei⸗ tere Einſicht von ſeinen Geldverlegenheiten nehmen wollen. Durch eine leiſe Frage Walthers wurde er aus ſeinen Gedanken aufgeſchreckt. Walther begann:„Mein Vater! wäre es Dir nicht möglich, bei dieſen Vorſchlägen daran zu denken, daß Durdans Gut vielleicht eine Zugabe des Gutes Bur⸗ lington werden könne, wenn es Du nicht brauchen kannſt? Wäre es Dir nicht möglich, unter Deinen be⸗ güterten Freunden einen paſſenden Käufer für Durdans Gut zu finden, der Dir angenehmer wäre, als dieſer Wirth aus Leamington, oder der Agent von Lord Vernon?“ 154 Sein Vater war ſehr ärgerlich, daß eine Angelegen⸗ heit, die ſeine geheimſten Privatintereſſen ſo genau berührte, in Gegenwart ſeines Sohnes und des Oberſten abge⸗ handelt worden war. Er ſagte leiſe zu Walthern:„Du ſtehſt, es iſt Durdan daran gelegen, den Handel im Au⸗ genblicke abzuſchließen. Wenn dieß nicht wäre, hätte es Hun Freude gemacht, die Sache in Ueberlegung zu ziehen.“ Kapitän Hamlyn unterbrach die Artigkeiten, welche zwiſchen Jakob Durdan und dem Oberſt gewechſelt wur⸗ den, und ſagte eilig:„Es wäre meinem Vater lieb, wenn er die Sache in weitere Betrachtung ziehen könnte; wäre es Ihnen nicht möglich, mit dem Abſchluſſe Ihres Geſchäftes noch ein Paar Tage zu warten?“ Der Bauer erwiederte:„Kapitän Hamlyn! ich konnte natürlich nicht erwarten, daß Jemand in einer Sache von ſo vielen tauſend Pfund Sterling augen⸗ blicklich ein Ja oder ein Nein in Bereitſchaft habe. Zwar bin ich durch dieſen Verzug im Grunde genirt; wenn aber der Herr Oberſt mir verſpricht, daß er mir am Donnerſtag die ſchriftliche Antwort Hamlyns durch die Poſt überſenden will, ſo will ich inzwiſchen mit den genannten Geſchäftsmännern nicht mäckeln und markten. Ich weiß ſehr gut, wenn einmal ein offenherziger Mann, wie ich, in das Netz ihrer liſtigen Rede fällt, ſo wird ihm der Hals herumgedreht; man ſchlägt ihm einen Nagel durch ſeine Worte, bevor er weiß, wo er daran iſt. Deßhalb habe ich natürlich lieber mit noblen Leuten zu ſchaffen, deren Ja Ja, deren Nein Nein iſt. Was ſagen Sie dazu, Herr Oberſt? Wollen Sie mir die Freundſchaft erweiſen, und zwiſchen mir und dem Squire Hamlyn vermitteln?“ Der gute alte Mann rief aus:„Herzlich gerne, Durdan. Ich gäbe viel Geld darum, wenn es Ihnen möglich wäre, das höchſte Glück Ihres Lebens, Ihr ſchönes Gut zu behaupten. Da aber dieſes nicht der Fall iſt, ſo möge Gott verhüten, daß auch nur Ein 15⁵ Knecht, der auf Ihrem Gute arbeitete, vom hocher⸗ lauchten Herrn von Hyde in Dienſte genommen würde, und daß deßhalb meine Förſter Jahr aus, Jahr ein belfern und kurren, wie ihre Dachshunde. Nun aber wollen wir Alle aufbrechen und dieſen wackern Mann ſeinen Geſchäften überlaſſen. Durdan! Sie werden Johnſton und ſein Weib in unſerem Gaſthofe in der St. Jamesſtraße treffen, wenn Sie nach ihnen ſehen wollen. Ich muß übrigens beim heiligen Georg be⸗ theuern, die Beiden können Ihnen wohl keine ſo treff⸗ liche Bewirthung zukommen laſſen, als Sie mir und Ellen zukommen ließen, wie wir Sie auf Ihrem Gute beſuchten. Ich verbleibe Ihr Diener, Herr Hamlyn! Ich verſpreche Ihnen, dieſesmal meine ich es mit mei⸗ nem Abſchiede ſo ernſtlich, als Sie mit einem Wechſel, wenn Sie ihn anerkennen. Walther, mein Junge! ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“. Sechstes Kapitel. Mit Schweiß hab' ich gepflügt im Sonnenſchein, Wie uns der Fluch befiehlt, was ſollt ich mehr? Weßwegen ſoll ich edel ſein? etwa Weil jedes Element mir Muͤhe macht, Eh ich mein Brod demſelben abgewinne? Aus welchem Grunde ſoll ich dankbar ſein? Dieweil ich Staub bin, und im Staube krieche, Bis ich zu Staub dereinſtens mieder werde? yron. Eine ganze Stunde lang berieth ſich der Bankier ernſtlich über dieſe ſich bekämpfenden Intereſſen, über dieſe einander drängenden Verlegenheiten, doch war es ſeinem Geiſte nicht möglich, Ruhe zu finden. Er ſah gar wohl ein, der Umſtand, daß er zögerte, ein ſeinem Intereſſe ſcheinbar ſo förderliches Geſchäfte zu über⸗ 156 nehmen und Durdans Gut zu kaufen, mußle ſowohl bei ſeinem Sohne, als bei Oberſt Hamilton, Staunen und Mißtrauen erwecken. So ſchwer es ihm geweſen wäre, die nöthigen Gelder für den Augenblick zu ſchaffen, ſo gewiß war er davon überzeugt, daß er Schand und Ehren halber den Kauf abſchließen müſſe, wenn es ſeine pekuniären Mittel irgendwie erlauben. Richard Hamlyn war nun in eine der gefährlichen Lagen gerathen, in welchen ein Mann dazu getrieben werden kann, daß er Maßregeln wagt, die er bei kal⸗ tem Blute als voreilig und unausführbar verworfen hätte. Es ging dem Bankier wie einem Arzte, der das Leben eines monatelang von ihm beſuchten Patienten beim letzten Ziehen durch eine raſende Parforce⸗cour retten will, oder vielmehr, wie einem Schlafwandler, der gerade daran iſt, auf einer morſchen Brücke, oder auf einer zerbröckelnden Mauer zu laufen, wo Leute, die im vollen Beſitz ihrer geiſtigen Fähigkeiten find, einen Schwindel bekommen und in den Abgrund ſtürzen. Der Bankier rüſtete ſich eilends, einen Akt der Ver⸗ zweiflung zu begehen. 1 Er dachte alſo:„wenn dieſer Mann, wenn Spilsby geſichert iſt, ſo kann mit mir noch Alles gut gehen. Zu rechter Zeit werde ich von Indien aus Zuſchüſſe er⸗ halten; ich habe die Gewißheit, daß meine Spekula⸗ tionen in Südamerika ſich gut rentiren; ich kann auf dieſe Weiſe alle mir fehlenden Verſicherungen, das mir von der Familie Burlington und das von Oberſt Ha⸗ milton anvertraute Geld wieder erſetzen, alle meine Verbindlichkeiten erfüllen. Aber nur muß ich Spilsby geſchweigen, um meinen Angelegenheiten Zeit zu ver⸗ ſchaffen, daß ſie wieder auf einen grünen Zweig kom⸗ men. Etwas muß geſchehen. Es iſt weder mein Wille, noch ſteht es in meinen Kräften, mich Tag für Tag durch die Schlingen dieſer Hausſchlange halb erdrücken zu laſſen. Ich fühle es, ihr verpeſteter Hauch verſengt meinen Leib und meine Seele. Tod durch ſchleichendes 4 1 157 Gift, ein Tod, deſſen Annäherung man ſpürt, allmäh⸗ liges Abfallen des Fleiſches und des Geiſtes iſt nichts Schlimmeres, als wenn man immer von dieſem ſchmie⸗ rigen Geſichte beaufſichtigt, von dieſem verſtohlenen Schritt belauſcht, von dieſer mummelnden Stimme an⸗ geredet, von dieſem verſchmitzten Auge bewacht werden ſoll. Beim Gott des Himmels! mein Athem iſt beinahe erſtickt, wenn ich an ihn denke.“ Aufgeregt, wie er war, rührte er plötzlich die Glocke neben ſeiner Schreibtafel. Der gewöhnliche Knecht ſeines Rechnungshauſes erſchien auf die Laute der Glocke hin mit einer Kohlenſchaufel in der Hand. Der Bankier rief ihm zu:„ſchicken Sie Spilsby hieher!“ Der Oberſchreiber war ſich ſeit einigen Tagen der ausgedehnten und immer wachſenden Macht bewußt, die er über ſeinen Herrn hatte, und bemerkte voll Sieges⸗ freude, daß Herr Hamlyn einem Geſpräche unter vier Augen geſchickt auszuweichen wußte. Er traute kaum ſeinen Ohren, als er auf dieſe Weiſe vor ſeinen Herrn beſchieden wurde. Gerade ſollte er einen Wechſel aus⸗ füllen, den ein auf ihn wartender Kunde zu unterzeichnen bereit war. Er übexließ den Wechſel einem der jüngeren Schreiber, ſchlug den Aermel ſeines Rockes vor und machte ſeine Halsbinde zurecht, wie wenn er bei einem hochgeſtellten Beamten Audienz haben ſollte. Es war ihm nicht entgangen, daß Herr Hamlyn heute Morgen bei ſeinem Eintritt in das Rechnungshaus ganz anders, als ſonſt, ausgeſehen hatte. Er war der feſten Ueber⸗ zeugung, zwiſchen ihnen beiden werde heute ein entſchei⸗ dender Schlag geſchehen. Doch ging es ihm nicht, wie ſeinem Herrn. Die Erwartung eines Zuſammentreffens ſchreckte und verwirrte ihn nicht. Er war ſo kalt, ſo bösartig kalt, als Eine Kröte, welche Tag und Nacht Unter kaltem Steine zugebracht, Und im Lauf von einem Jahr Gährend Gift im Schlaf gebar. 158 Mit ſeinem gewöhnlichen, verhärteten, hohes Selbſt⸗ vertrauen ausſprechenden Geſichte trat er in das Zimmer des Bankiers. Mittlerweile, während des Verlaufes von ein Paar Minuten, hatte die Aufregung Richard Hamlyns, die ungewöhnliche Aufregung eines ſo abgemeſſenen und unerſchütterlichen Mannes eine ſolche Höhe erreicht, daß ſein Herz wie ein Hammer klopfte, ihm alles Blut in den Kopf ſtieg und ſeine rollenden Augäpfel eine ſchreck⸗ liche Geſtalt annahmen.— Im Augenblicke, als der kahlköpfige Schreiber die Thüre vorſichtig hinter ſich geſchloſſen hatte, trat Ham⸗ lyn eilig hervor, ſchloß ſie mit dem Schlüſſel und ſteckte dieſen in ſeine Taſche. Er wandte ſich mit rauher Stimme an den beſtürz⸗ ten Schreiber, und ſagte zu ihm:„ſetzen Sie ſich!“ Wie verſchieden war dieſer Ton von dem ſchmeichleri⸗ ſchen, mit welchem er ihn vor ein Paar Wochen ange⸗ redet hatte! Spilsby zögerte, ſich zu ſetzen, doch nicht aus Ach⸗ tung vor ihm, ſondern aus Furcht, der verzweiflungs⸗ volle Mann, dem er gegenüber ſtand, könne wohl ein blinkendes Meſſer in ſeiner Hand, oder unter ſeinem Conceptbuche ein Piſtol verborgen haben. Als Hamlyn bemerkte, daß Spilsby ſich nicht ſetzen wollte, wieder⸗ holte er in einem noch gebieteriſcheren Tone:„ſetzen Sie ſich, Herr! Es iſt Zeit, daß wir uns gegenſeitig verſtändigen.“ 1 Der kahlköpfige Schreiber ſing an, zu murmeln, er hege die Hoffnung, es werde doch zwiſchen ihnen kein Mißwenſtändniß gegeben haben, oder etwa in Zukunft geben. Hamlyn entgegnete in derſelben rauhen, unnatür⸗ lichen, ſcharfen Stimme:„Es gab kein Mißverſtändniß zwiſchen uns, und ich werde dafür ſorgen, daß es keines gibt. Ich weiß, Sie ſind mein Feind. Ihre drohenden Blicke verfolgen mich bis zu meiner ruhigen Wohnung 159 in Cavendiſh⸗Square; beläſtigen mich im Schooße meiner Familie, ſtören mich in Verrichtung meiner Parlaments⸗ Geſchäfte und machen mein Leben zu einem elenden, verfluchten. Konnten Sie ſich nicht denken, daß ich ein ſolches Leben bald ſatt haben würde? Wie ich zuvor ſagte, es iſt Zeit, daß wir einander gegenſeitig verſtehen.“ Es war, wie wenn ſich der Schreiber über die Verwirrung, in welcher ſich ſein Prinzipal befand, luſtig machen wollte. Er ſtammelte:„Herr Hamlyn! es würde mir ſehr leid ſein, wenn irgend eine Unvorſichtigkeit in meinem Benehmen Anlaß dazu gegeben hätte, daß Sie meinen, es fehle mir am Gefühle der Achtung gegen Sie.“ Der Bankier unterbrach ihn mit folgenden Worten: „mein Herr! Sie lügen. Es iſt nicht von Unvorſichtig⸗ keit die Rede. Ihre geringſte Bewegung iſt berechnet, Ihr unbedeutendſtes Wort iſt voll Liſt und Bosheit. Spilsby! ich durchſchaue Sie, ich durchſchaue Sie; Sie ſind eine Scheibe ſchlechten, trüben Glaſes. Sie bilden ſich ein, auch Sie durchſchauen mich. Aber Sie ſind im Irrthum. In meinem Geiſte, in meinem Be⸗ nehmen ſind geheime Orte, bis zu denen ein Kopf, wie Sie, niemals dringen kann. Ich dagegen kann mich in jedem Augenblicke an jenen Orten umſehen, und dadurch Ihren Entdeckungen Trotz bieten. Hören Sie mich, Wſſer Spilsby? ich kann Ihren Entdeckungen Trotz ieten.“ Der Bankier hatte wohl nöthig, Spilsby aufzu⸗ wecken; denn es hatte den Anſchein, als ſei der Ober⸗ ſchreiber durch den ſchnellen Ausbruch dieſes unvorher⸗ geſehenen Sturmes ganz betäubt. Während ſeiner lan⸗ gen Connexion mit dem Bankier war dieſes das erſte Mal, daß er ihn irgendwie aufgeregt geſehen hatte. Als er ſeinen Herrn ſo zitternd und in den Krämpfen einer mächtigen Aufregung ſah, war es ihm, wie wenn ſich die Thore der Hölle plötzlich vor ihm geöffnet hätten. Der Bankier rückte näher gegen ihn und dämpfte 16⁰0 ſeine Stimme zu einem heißen Wiſpern. Allem Anſchein nach dachte er daran, es könnten andere, eben ſo ſchlaue Perſonen, wie ſie beide, ihre Unterredung mit anhören. Er fuhr folgendermaßen fort:„Ich ſage Ihnen, ja, ich ſage Ihnen: wenn ein Fiſch verfolgt wird, ſo weiß er das Waſſer rings um ſich zu trüben, um ſeine Feinde zu täuſchen. So geht es bei uns zweien. Wollten Sie Ihre böſen Abſichten gegen mich in Ausführung bringen, ich würde meine ganze Umgebung in eine ſolche Ver⸗ wirrung zu bringen wiſſen, daß Sie, o Sir! ja Sie keinen Zoll vom Galgen entfernt zu ſtehen kämen, und wir beide mit einander zu Grunde gehen müßten. Dieß iſt kein Scherz, mein Herr! dieß iſt keine eitle Dro⸗ hung! Sie haben eben ſo wenig einen Begriff von der Ausdehnung, die meine Plane haben, als davon, wie weit Sie bei einem gewiſſen Betruge betheiligt find, eine Betheiligung, welche Sie in dieſem Augenblicke in meine Hände liefert.“ Bei dieſer Anklage ſchwand von den Wangen und Lippen Spilsby's jede Spur von Farbe. Er war aller⸗ dings ein liſtiger, aber kein ſtarker Charakter. Starke Charaktere haben wohl nie eine Verſchmitztheit, wie die war, die ſein ganzes Weſen charakterifirte. Die Kühn⸗ heit, mit welcher Hamlyn zu ihm ſprach, der Trotz, mit dem er ihm drohte, ſetzte ihn in Schrecken. Da er die ſchlimmſte Meinung von ſeinem Prinzipale hegte, ſo hielt er ihn für fähig, den goldenen Becher in Benja⸗ min's Sack geſteckt zu haben, um ihn belangen zu kön⸗ nen. Er konnte nicht errathen, durch welchen Taſchen⸗ ſpielerſtreich Hamlyn die fehlenden Verſicherungen wieder erſetzt hatte, ſo daß es ihm möglich war, ihm auf ſo kecke Weiſe die Stirn zu bieten. Er war gar nicht im Zweifel: dieſelben ſchändlichen Ränke, welche den Ban⸗ kier vernichtet hatten, müßten wohl auch auf ihn, ſeinen Oberſchreiber, Verdacht und Schuld gewälzt haben. Er entgegnete im Tone der unterthänigſten Abbitte: „Ich verſichere Sie, Sir, ich bin weder ihr Feind, noch 161 betrüge ich Sie. Wenn ich das Unglück hatte, Sie durch Ablehnung des Conſulates zu beleidigen, das Sie die Güte hatten, mir zu verſchaffen, ſo will ich es jetzt Pnnehmen, und dadurch meine Ergebenheit an den Tag egen.“ Hamlyn entgegnete:„Das iſt mir eine ſaubere Unterwürfigkeit, da Sie doch wiſſen, daß die Stelle be⸗ reits beſetzt iſt und Ihre Ausſichten zerſtört find! Nein, Sir, jetzt iſt es mir nicht mehr möglich, Sie, der ſo viele Verdienſte um mich hat, aus meinen Dienſten zu entlaſſen, das heißt(wie er mit grimmigem Lächeln hinzuſetzte): Sie aus den Augen zu laſſen. Hier bei mir müſſen Sie bleiben, Herr Spilsby. Sie ſagten mir eines Tages, dieß ſei Ihr Wunſch, Sie wollen es nicht beſſer. Ihr Ehrgeiz ſoll befriedigt werden. Nun aber, hören Sie mir aufmerkſam zu, hören Sie auf eine klare Rede, welche über Ihr zukünftiges Loos, über Ihre ganze Exiſtenz entſcheidet. Sie denken, Sie haben mich in Ihrer Gewalt, ich habe mich durch Man⸗ gel an Klugheit verrannt. Nun, warum ſprechen Sie ſich nicht aus? Sie glauben, ich habe mich durch Ver⸗ fehlungen gegen die Geſetze der Sittlichkeit und Recht⸗ lichkeit in Ihre Hände gegeben. Nehmen wir einmal dieß als erwieſen an, was können Sie durch dieſe Anzeige gewinnen? Werden meine Kunden Ihnen dankbar ſein, wenn Sie ihnen die Nachricht von einem Deſizit brin⸗ gen, das Sie doch nicht wieder erſetzen können? Wenn dieſes Haus morgen geſchloſſen wird und ſeine Zahlun⸗ gen einſtellen muß, kommen Sie dadurch in eine beſſere Lage? Sie verlieren Ihren Gehalt, Ihre Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft, die Achtung, die man bis jetzt vor Ihnen hatte. Andere Geſchäftshäuſer würden Bedenken tragen, aus einem Hauſe, das ſich ſelbſt in's Unglück gebracht hat, einen Oberſchreiber anzunehmen, zumal wenn dieſer ein Judas, ein Judas iſt, der ſeinen eigenen Herrn verrieth. Sie wurden ohne Stelle, ohne Heimat, ohne Freund ſein, würden vielleicht, wie jener Die Bankiersfrau. II. 11 162 Iſchariot, Ihren Fehltritt zu ſpät bereuen, würden hin⸗ gehen und ſich mit eigener Hand erhängen.“ Spilsby war völlig übermannt. Er ſagte in klein⸗ lautem, gebrochenem Tone:„Wenn mein Herz gemeine Wünſche oder Abſichten hätte, wie Sie mir Schuld geben, ſo würde ich die Beſchuldigungen verdienen, die Sie mir geben. Aber in der That—“ Hamlyn entgegnete:„Wenn Sie in der That und Wahrheit unſchuldig ſind, ſo werden Sie um ſo weniger Bedenken tragen, einen Vorſchlag einzugehen, den ich Ihnen zu machen beabſichtige. Ich denke, Ihr Gehalt von mir aus beläuft ſich jährlich auf vier hundert Pfund Sterling.“ Spilsby erwiederte:„Allerdings auf vier hundert Pfund Sterling.“ W. „Ich habe die Abſicht, denſelben zu verdoppeln. Ich habe hier ein Blatt Papier, das Sie unterzeichnen mö⸗ gen. Es enthält bloß ein Paar Linien und koſtet Ihnen wenig Ueberlegung. Sie werden jäͤhrlich die Summe von acht hundert Pfunden erhalten, die Ihnen viertel⸗ jährlich ausbezahlt werden. Auch werden Sie an jedem Chriſttag ein Geſchenk von zwei hundert Guineen be⸗ kommen, ſo daß es Ihnen in Zukunft wohl möglich ſein wird, mich nicht mehr wegen Kleinigkeiten zu krän⸗ ken und in Harniſch zu jagen. Auch werden Sie ſich verpflichtet fühlen, in Hinſicht der Angelegenheiten un⸗ ſeres Hauſes, mögen es Staatsſachen oder Privatange⸗ legenheiten ſein, von denen Sie ſagen, ſie ſeien Ihnen auf das Beſte bekannt, tiefes Stillſchweigen zu beobach⸗ ten. Wenn Sie meinen, Sie können bei der Gelegen⸗ heit, daß wir den von uns ſoeben mit Heftigkeit gefuͤhr⸗ ten Streit beilegen, von mir eine große Summe baaren Geldes herausſchlagen, ſo ſind Sie in großem Irrthume befangen. Ich habe dazu weder den Willen, noch die Macht. Entſchließen Sie ſich alſo, entweder aus mei⸗ nen Händen einen ſchönen Gehalt, tauſend Pfund Ster⸗ ling des Jahres, anzunehmen, ſo lange, als das Haus — 163 zahlungsfähig iſt, oder das Schlimmſte zu thun, was Sie können, wenn Sie anders es können: ruiniren Sie das Haus und mich. Dann aber mögen Sie ſehen, ob nicht ein Unglück daraus entſteht, von dem ich ſchwöre, daß es in dieſem Augenblicke bereits Ihr Haupt bedroht.“ Der Schreiber haſchte nach Luft. In der Ver⸗ zweiflung Hamlyns lag Etwas, was ihn, den Schreiber, an den Boden feſſelte. Die Zunge klebte ihm am Gau⸗ men an; er war unfähig, Etwas zu ſprechen. Hätte er verſucht, um Hülfe zu rufen, den wüthenden Mann vor ihm bemeiſtern zu laſſen, und den Streit zwiſchen ihnen beiden der Entſcheidung des Geſetzes zu übergeben, er hätte ſchleunig eine Kataſtrophe herbeigeführt, die er befürchtete. Spilsby war davon vollkommen überzeugt, daß bei der erſten Bewegung der wüthende Bankier über ihn hergefallen wäre, und ihn vor ſeine Füße todt hin⸗ geſtreckt hätte.* 3 Auf der andern Seite überſtiegen die Friedens⸗ Bedingungen, welche ihm angeboten wurden, ſeine Er⸗ wartungen. Er ſah zwar nicht genau ein, in wie weit ſein Geſtändniß, daß er an den Geſchäften Hamlyns und Compagnie von früherer Zeit Theil habe, bewirken könnte, daß er als ein Hauptbetrüger beſtraft würde, aber die Ausſicht, ein jährliches Einkommen von tauſend Pfund Sterling zu erhalten, war ein Paradies für ihn. Pentonville und ſeine Gefängnißzellen kamen ihm aus dem Kopfe. Er ſah ſich als einen reſpektabeln Mann, reſpektabeln Haushalter, der bequem lebt und ſich einen eigenen Einſpänner hält; er ſah, er könnte ſeine Söhne etwas Tüchtiges lernen laſſen, und ſeine Töchter in einer guten Koſtſchule unterbringen. 8 Richard Hamlyn erkannte, daß er einen mächtigen Sieg erfochten hatte. Bereits war ſeine Ferſe auf dem Kopfe der Schlange. Er fragte Spilsby:„Ich denke, am erſten Tage des nächſten Monats iſt Ihre Beſoldung fällig?“ So⸗ dann zog er das bereits genannte Papier haſtig hervor, 164 legte Banknoten im Werthe von zwei hundert Pfunden neben daſſelbe, und ſagte:„Die Beſoldung für das erſte Vierteljahr liegt vor Ihnen; haben Sie die Güte, und ſtellen Sie mir auf dieſem Papiere die Quittung dafür aus. Entſchließen Sie ſich, Herr Spilsby! Ich will mit Winkelzügen, die Sie etwa aus Laune machen könnten, keine Zeit verlieren.“ Der kahlköpfige Schreiber warf in der Eile einen wilden Blick im Zimmer umher, wie wenn er dachte, aus den düſtern Zimmerwänden ſollten durch ein Wun⸗ der Rathgeber hervortreten, um ihm zu ſagen, was er thun ſolle. In ſeiner Beſtürzung hätte er die Hälfte der vor ihm liegenden Summe gegeben, wenn er ſich dadurch eine Stunde Zeit hätte erkaufen können, um ſeine Gedanken zu ordnen. Aber dieſer Verzug wider⸗ ſprach den Planen ſeines Herrn ganz und gar. Fünf Minuten nachher waren die Banknoten bereits in Spilsby's Taſche; den Bogen Papier hatte er gehörig unterzeichnet, und der Bankier in ſeinen Schreibtiſch gelegt. Eine Centnerlaſt war vom Herzen Richard Hamlyns gewälzt. Mit Mühe konnte er den Wunſch unterdrücken, ſeine hohe Freude über das Gelingen ſeines Planes aus vollem Herzen kund zu thun, als ſein Blut nicht mehr die Adern zu zerſpringen drohte, ſondern in ſeinem gewöhn⸗ lichen Gange wieder fortlief. Er ſagte zu Spilsby: „Wir Beide verſtehen einander vollkommen. Wenn wir auch keine Freunde ſind, wir ſind doch Verbündete für unſer ganzes Leben, Verbündete, deren Glück auf Dien⸗ ſten beruht, die wir einander gegenſeitig zu erweiſen haben. Ich werde Ihnen mit aller Achtung begegnen, auf die immer nur ein Mann Anſpruch machen kann, welcher in meinem Hauſe eine ſo hohe Stellung ein⸗ nimmt, mit, einer Achtung, ſage ich, wie ich ſie Ihnen noch niemals erzeigt habe. Weder in Worten, noch in Gedanken, wollen wir uns dieſe unſere Unterredung an⸗ merken laſſen. Von meiner Seite ſoll niemals irgend Etwas einen unangenehmen Eindruck auf Sie machen. Von Ihnen erwarte ich das gleiche freundliche Benehmen.“ Nun bekam Spilsby die Fähigkeit, ſelbſtſtändig zu denken, zu fühlen, zu ſprechen, nach und nach wieder. Er erwiederte dem Bankier:„Sir! ich denke, ich werde niemals die Achtung gegen Sie außer Augen laſſen, eine Achtung, deren Erweiſung einem Manne ſo wohl an⸗ ſteht, der von Ihnen ſo abhängig iſt, wie ich. Ich wäre froh, wenn dieſe Unterredung niemals ſtattgefunden hätte. Aber ich hatte bei der Sache keine Wahl, vermochte nicht, ſie zu verhüten. Alles, was ich jetzt wünſche, iſt das: Unſere Unterredung möge ſo ſchnell und gewiß aus Ihrem Gedächtniſſe verwiſcht werden, wie ich mich bemühen werde, dieſelbe aus dem meinigen auszulöſchen.“ Alſo endete dieſer furchtbare Kampf auf Leben und Tod. Am nächſten Nachmittag konnte man Richard Hamlyn ruhig und freundlich auf der Börſe ſehen, wie er die Gluückwünſche ſeiner guten Freunde wegen der guten Nachrichten von Riga hinnahm, und bei den Ge⸗ ſchäftsleuten, mit denen er in Verbindung ſtand, die ge⸗ wöhnlichen Formen des Lebens beobachtete und mit ihnen die Geſchäfte des Tages verrichtete. Geldmäckler zogen voll Hochachtung ihre Hüte, als er ihnen begeg⸗ nete, und mancher Mann in Silberhaaren, der doppelt ſo viel Jahre zählte, als er, trat hochachtungsvoll bei Seite, um dem biedern Manne, der die Hälfte der mil⸗ den Stiftungen in der Hauptſtadt ſo ungemein freigebig unterſtützte, Platz zu machen. Wer Richard Hamlyn unter ſolchen Umſtänden ſah, hätte den etwaigen Be⸗ theurungen und Verſicherungen des kahlköpfigen Schrei⸗ bers nicht den mindeſten Glauben geſchenkt, ſogar wenn er vor einer Verſammlung obrigkeitlicher Perſonen der Cily, die Hand auf der Bibel, geſchworen hätte, daß das, was wir ſoeben beſchrieben haben, wirklich vorge⸗ gangen ſei. Aber das menſchliche Leben iſt voll Wider⸗ ſprüche. Könnten Manche von uns die Individuen, mit denen ſie in geſellſchaftlicher Verbindung ſtehen, in ihren geheimern Lebensverhältniſſen und zu allen Stunden des Tages beobachten, wie Manche von uns würden voll Erſtaunen, in manchen Fällen mit Entſetzen zurücktreten, wenn ſie auf einmal erkennen würden, daß ſie bis jetzt das wahre Weſen, das wirkliche Treiben dieſer Perſonen durchaus und gar nicht gekannt haben. Dieſer Umſtand hat übrigens ſeine Quelle nicht ganz und gar in der Heuchelei der Menſchen; die Thorheit ihrer Umgebung hat bei Leuten, wie Richard Hamlyn, ſehr viel, unge⸗ mein viel Schuld an der Täuſchung. So oft, als ſich die Leute durch die Lügen Anderer täuſchen laſſen, eben ſo oft find unſere Vorurtheile Schuld,-daß wir dieſelben nicht wahr beurtheilen. Wir ſchreiben ihnen oft Tugen⸗ den zu, durch welche ſie unſerer Verehrung würdig ſein ſollen, welche aber nur in unſeren Gedanken vorhanden find. Das Gleiche iſt es mit den Laſtern, welche wir ihnen zuſchreiben, und durch welche ſie uns verabſcheuungs⸗ würdig werden. Und, wenn wir dann aus dieſem von uns ſo leichtfinnig geſchaffenen Irrthume geriſſen werden, ſo ſind wir auf die Leute böſe, weil ſich unſere Ein⸗ bildungskraft in ihrem wahren Weſen und Charakter getäuſcht hat. Und doch hat der Liebhaber, der in ſeinen Gedanken die Dame ſeines Herzens zu einer Göttin er⸗ hebt, kein Recht, zornig zu werden, wenn ſich dieſe bloß als eine Sterbliche erweist. Auch das Publikum hat kein Recht, Leuten aus ſeiner Mitte heraus An⸗ fangs beinahe göttliche Verehrung zu erzeigen, in der Folge aber ſie in den Staub zu treten, wie wenn es Puppen von Holz oder Lehm wären. Nachdem die Londoner Welt ſeit zwanzig Jahren das blühende Geſchäft des Bankiers, ſeine prächtigen Staatswagen, ſeine Thätigkeit als Parlamentsmitglied, ſeine Freigebigkeit als Privatmann, überdieß noch den Vorzug an ihm bewundert hatte, daß er weder ein Wollüſtling, noch ein Spieler, noch ein Trunkenbold, noch ein Verſchwender ſei, lauter Schwächen, die mit großen Gaſtmahlen und einer glänzenden Außenſeite in . 3 ſeinen franzöſiſchen Koch zu entlaſſen und für den Reſt 167 der Regel in Verbindung ſtehen— nachdem London an dem Bankier dieſe Tugenden zwanzig Jahre lang bewundert hatte, erhob es ihn auf die Stufe des tugend⸗ hafteſten Mannes der Welt, und nannte ihn einen Mann, welcher Biſchof Heber, der Apoſtel, hätte ſein können, wenn er nicht Hamlyn, der Bankier, geweſen wäre. An dieſem Irrthume der Londoner Welt war doch wohl das geehrte Mitglied für Barsthorpe nicht allein, auch die Thorheit ſeiner Verehrer war an demſelben Schuld. Das Gaſtmahl, das eben an dieſem Tage in Ca⸗ vendiſh⸗Square gefeiert wurde, war ſogar unter den manchen brillanten Schmauſereien, die in einem Hauſe auf einander folgten, das die Zeitungen als die gaſt⸗ liche Familien⸗Wohnung Herrn Hamlyns bezeichneten, ſogar unter dieſen brillanten Schmauſereien war das heutige wegen der gewählten Speiſen, der Eleganz des Services und wegen der dabei herrſchenden Fröhlichkeit auszuzeichnen. Die Geſellſchaft war übrigens nicht groß. Die Marquiſin von Dartford, welche noch immer nicht recht wohl war, liebte Geräuſch und fremde Gäſte nicht; ſte erfreute ſich dagegen an der bezaubernden Heiterkeit und dem ſtandesgemäßen Benehmen ihrer neuen Schwie⸗ gertochter. Lady Rotherwood machte gelegenheitlich ihrer Schweſter das Compliment, ſie prahle ja mit Miß Hamlyn, wie wenn es ein leibliches Kind von ihr wäre. Oberſt Hamilton und Ellen mit Lord Crawley und Wal⸗ ther wohnten dem Gaſtmahle gleichfalls bei. Dieß war die ganze Geſellſchaft. Hätte Lord Vernon dieſer herrlichen Mahlzeit bei⸗ gewohnt, welche ihm den Beweis liefern mußte, daß eine ſolche Mahlzeit kein ſo gar außerordentliches, kein bloß bei Adeligen, wie bei ihm, ſich vorfindendes Ding ſei, da ja ein Geldmäckler, wie der Emporkömmling Hamlyn, ſo vorzüglich und geſchickt mit den Vernons zu wetteifern wußte: wäre Lord Vernon dießmal Ham⸗ lyns Gaſt geweſen, er hätte ſich wohl bewogen gefunden, 168 der Saiſon auf Treibhaus⸗Früchte und Treibhaus⸗Gemüſe zu verzichten. Mehr als einmal dachte während des Eſſens Oberſt Hamilton bei ſich ſelbſt, ſogar Ormeau könne in Hin⸗ ſicht ſeiner Gaſtereien mit dem Bankier nicht wetteifern. Unter Umſtänden, wie die wirklichen waren, wo die Mitglieder der Geſellſchaft einander ſo gut verſtanden, und ſo vollkommen glücklich waren, konnte an dem Fehler, der msglicherweiſe einzig und allein dem Gaſt⸗ eſſen eines Hamlyn hätte Eintrag thun können, nämlich eine gewiſſe Förmlichkeit, die aus Mangel an Harmonie und Jutraulichkeit unter den Gäſten hätte Statt finden können, durchaus nicht gedacht werden. Lord Crawley, der ſeine Schweſter ſeit ihrer gefährlichen Krankheit nicht geſehen hatte, ſchien am Zuſammentreffen mit ihr, das von ſo günſtigen Umſtänden begleitet war, ein außer⸗ ordentliches Vergnügen zu finden. Der immer geſell⸗ ſchaftliche geheime Herr Sekretär war dieſesmal unge⸗ mein unterhaltend, und erzählte tauſenderlei Anekdoten. Entweder wollte er damit ſeinen ſo hoch beglückten Ne⸗ veu, der ſeiner Familie als Gegenſtand herzlicher, un⸗ eigennütziger Liebe galt, oder den ſtrahlenden Augen der Miſtreß Hamilton einen Gefallen erweiſen. Die letztere ſah er zum erſtenmale in ſeinem Leben, und be⸗ trachtete ſie mit Enthuſiasmus als eine in das Leben ge⸗ tretene Muſe, als Muſter von Allem dem, was ſchön und edel war; er betrachtete ſie ſo, noch ehe er erfuhr, daß ſte die künftige Erbin des alten, reichen Nabob ſei, der ihm zu Dean⸗Park eine ihm ſo wichtige Lektion in Bezug auf indiſche Staatsangelegenheiten gegeben hatte, eine Lektion, die mit Erzählungen von Elephantenaben⸗ theuer gewürzt war. Nach der Mahlzeit vor dem Kaffee ruhte die gütige, von hoher Achtung für Lydia durchdrungene Schwieger⸗ mutter Lydias, ein wenig auf einem kleinen Sopha aus. Lydia ſetzte ſich neben ſie. Lady Rotherwood lispelte der Frau des Bankiers folgende Worte zu:„meine theure — 169 Miſtreß Hamlyn! ich glaube, Sie wollen unſerer ganzen Familie für Weiber beſorgt ſein. Sie begnügen ſich nicht damit, daß Sie für meinen Neveu die holdeſte Frau ausgeſucht haben, die ſich ſeine ausſchweifendſten Wünſche denken konnten; Sie haben meinen Bruder in die Geſellſchaft einer Dame geführt, von der ich ſehe, daß es ihr allein möglich wäre, ſeine Aufmerkſamkeit von der Beſchäftigung mit Staatsangelegenheiten etwas abzuziehen. Noch nie zuvor ſah ich Lord Crawley verliebt.“ Miſtreß Hamlyn lächelte, ſah zu Ellen hinüher, und wiederſprach Lady Rotherwood. Ellen hatte ſich, um den mit einander verwandten oder nächſtens in das Ver⸗ hältniß der Verwandſchaft zu einander tretenden Per⸗ ſonen der Geſellſchaft mehr Spielraum und Freiheit in ihrer Unterhaltung zu geben, in das kleine Nebenzimmer gemacht, in welchem ungemein viele Kupferſtiche hängen, und in welchem der geheime Staatsſekretär und der Herr des Hauſes den unglückſeligen Vertrag mit einander abgeſchloſſen hatten, deſſen ſchreckliche Folgen bis jetzt noch zu den Geheimniſſen gezählt werden konnten, welche der Schooß der Zeit in ſich aufbewahrte. Das Lächeln der Miſtreß Hamlyn war blos ein gezwungenes. Eine Anſpielung auf eine neue Eroberung, welche eine Dame gemacht hatte, die Henry anbetete, war Miſtreß Hamlyn überhaupt zuwider, eine ſolche Anſpielung weckte in ihr das bei einer Mutter leicht erklärbare Gefühl der Eifer⸗ ſucht; noch mehr war dieß der Fall, wenn Lord Craw⸗ ley der in Frage ſtehende Anbeter ſein ſollte. Allerdings machte ihr die tiefe Hochachtung, die ihr Sohn der Frau Hamilton, ſeiner Nebenſitzerin, während des Eſſens erzeigte, Sorgen, ja beinahe wurde ſie unwillig darüber. Allein der Gedanke, daß Lord Crawley bei Ellen in Gnaden kommen könnte, machte ihr doppelten Schmerz. Das etwaige Glück des geheimen Sekretärs mußte ja die Hoffnungen und die Wohlfahrt ihres Lieblingskindes gefährden. gehalten hätte, ſich nach der Exiſtenz ſolcher unnützer 170 Mittlerweile gab es für Lydia eine neue Scene des Triumphes. Die Marquiſin von Dartford hatte viel Sinn für Muſik, und war eine leidenſchaftliche Freundin derſelben. Aber ihre Kränklichkeit hielt ſie ab, Opern und Concerte zu beſuchen. Sie war demnach mit den Herrn der gegenwärtigen muſikaliſchen Welt unbekannt. Deßhalb machte ihr die excellente muſikaliſche Ausbildung ihrer Schwiegertochter unbegränzte Freude. Die Duette aus der Oper„Lucia“ und„Norma“ wurden von Lydia und Ellen mit einer Kunſtfertigkeit abgeſungen, wie ſie ſelten von Sängerinnen erreicht wird, die keine wirkliche Kunſtſchule durchlaufen haben. Der Marquiſin ſtürzten Thränen aus den Augen. Lord Crawley, Walther, Dartford ſtellten ſich hinter das Piano, und noch vor dem Schluſſe der Strophe„Deh con te“ waren ſie, ſei es in Wirklichkeit, ſei es zum Schein, beinahe ſo entzückt, als der wirkliche Liebhaber Lydias. Oberſt Hamilton, der gerade mit ſeinem Freunde, dem Bankier, in das brillant erleuchtete Geſellſchaftszimmer eintrat, wies mit Lächeln ſeinem Freunde dieſe Scene. War es wahrſcheinlich, daß ein Mann in ſolcher Stellung, wie Bankier Hamlyn, der im Genuſſe jedes geſellſchaftlichen Vergnügens ſchwelgte, alle mögliche Auszeichnung von Seiten der menſchlichen Geſellſchaft hinnehmen durfte, daß ein ſolcher Mann Muße haben ſollte, um des Morgens mit gehöriger Aufmerkſamkeit über die Verpflichtungen nachzudenken, die er gegenüber von den Hunderten ſeiner Kunden hatte? um für das Wohl der Paſtorsfamilie zu ſorgen, ſodann für die Kinder eines Doktors in Ruſſel⸗Square, für die Wittwe Darley vom Citronenhof, für Sir Robert Maitland auf den hebridiſchen Inſeln, für die Leibrente der Miß Cres⸗ well, für die verwickelte Zinsrechnung zu Gunſten der Sparbank von Orington? In der That! es wäre eine befremdende Erſcheinung in menſchlichen Verhältniſſen, wenn er es nur auch der Mühe und ſeines Namens werth — 171 Geſchöpfe zu erkundigen, während er mit ihren Geld⸗ mitteln, und durch Verſchwendung ihres Vermögens Leuten ein Gaſtmahl gab, welche für den Augenblick zwar blos die Freunde der Marquiſin, ſeiner durchlauch⸗ teſten Tochter, waren, aber ſpäter ihre Verwandten werden ſollten. An dieſem Tage war Flimflam Mitglied einer Tiſchgeſellſchaft in der Wohnung eines Nachbarn der Lady Vernon, der gleichfalls in Northumberland zu Hauſe, aber, wie ſie, während der Saiſon in London war. Flimflam hatte es ſo einzurichten gewußt, daß er bei Tiſche neben Lady Vernon zu ſitzen gekommen war. Er hoffte, ſich bei ihr einſchmeicheln zu können, um von ihr ſpäter zu Tiſche geladen zu werden, und ſie auch ſonſt in Angelegenheiten der modernen Welt als Be⸗ ſchützerin gebrauchen zu können. Er fragte Lady Ver⸗ non:„haben Ihre Lordſchaft ſchon gehört, daß der Bankier Hamlyn bei der nächſten Pairszuſammenrottung zum Lord Scrip gemacht wird?“ Lady Vernon wußte, daß Flimflam eine Perſon ſei, der zu Tiſche geladen werde, um bei Mahlzeiten den Geſellſchaften den Mund zu öffnen, daß er dieſes Amt ebenſo gewiß verwalte, als der Conditor Günther das Bonbons für den Nachtiſch zu liefern. Sie dachte, ein ſolcher Mann könne kein Stück Brod verlangen, ohne dabei einen verſteckten Witz zu machen. Sie entgegnete ihm alſo:„das iſt natürlich ein Scherz von Ihnen.“ Flimflam erwiederte:„die Sache iſt ein Scherz, der ſehr leicht Ernſt werden kann. Es iſt erſtaunlich, wie gut dieſe Hamlyns ankommen, und wie gut(können wir hinzufügen) ihre Söhne und Töchter hinaus kommen. Das ſaubere, einfältig ausſehende Töchterchen hat die beſte Heirat während dieſer Saiſon erwiſcht, und der Sohn ſoll mit einer Wittwe vermählt werden, die jähr⸗ lich zwanzigtauſend Pſund Sterling hat, mit einem Weibe, das kürzlich aus glühender Liebe zu den ſtrahlen⸗ den Augen des einfältigen Narren, Kapitän Hamlyn 172 vom hlauen Regimente, dem Sohne eines Lords, ich weiß nicht welchem, aber es war eine Hauptpartie, einen Korb gegeben hat.“ Lady Vernon zuckte die Achſeln und verzog ſich da⸗ bei die Schulterblätter. Gerade an dieſem Morgen hatte ſie zum erſtenmal davon flüſtern gehört, daß Albe⸗ rich von Miſtreß Hamilton ſchmählich zurückgewieſen worden ſei. Sie hatte Walther ſchon längſt als einen Nothbehelf für Lucinde betrachtet, im Falle, daß die wirkliche Saiſon ſo wenig Früchte tragen ſollte, als die vergangene. Der Erbe von Dean⸗Park galt ihr als ein eingepackter Fuchs, den man gerne in Sicherheit bringt, wenn man kein anders Wildpret erwiſchen kann. Flimflam, ein Mann, deſſen Kanone von⸗ unermeßlichem Kaliber war, erwiederte:„ich muß ſagen, Nichts kommt mir abgeſchmackter vor, als wenn ſich ein Bankier eine Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft anmaßt, durch die er ſich üͤber andere Krämersleute erheben will. Krämer, die in Silber und Gold Geſchäfte machen, ſind und bleiben Krämer, wenn auch das Antlitz der Königin auf den Gegenſtand ihres Handels geprägt iſt. Warum ſollten wir auch Leute, wie die Hamlyns, durch Beſuche und Einladungen von Seiten königlicher Beamten geehrt ſehen, ein Glück, das in der Regel andern Kaufleuten nicht begegnet.“ Lady Vernon ſah dem kleinen Inſekte, das ihr ſo vertraulich ins Ohr ſummste, ſeine freie ungenirte Sprache nach, weil es ſeine beißenden Witze mit Ver⸗ ſtand anzubringen wußte. Sie unterbrach Flimflam mit folgenden Worten:„Wenn königliche Beamte Einem die Ehre ihres Umganges ſchenken, ſo haben ſie oft anz beſondere Zwecke dabei; aber ich kann Sie ver⸗ ſem. in der Grafſchaft, in welcher Herr Hamlyns Vater ſich feſtſetzte und ein Gut kaufte, hat man die Hamlyns immer als Emporkömmlinge betrachtet und über die Achſel angeſehen. Ihr nächſter Nachbar, Lord Vernon, betrachtet ſie blos als ſehr achtungswerthe Leute, — — 173 die nach ihrer Weiſe viel Gutes thun. Herr und Frau Hamlyn werden von ihrer Nachbarſchaft auf dem Lande im Allgemeinen weit weniger geachtet, als von dem Pöbel Londons, der weniger Zeit hat, ſeine Anſprüche und Forderungen an ſie mit geſundem Auge zu tariren.“ Flimflam erwiederte:„oh! was London betrifft, ſo bemerkt Ihre Lordſchaft ganz richtig: beim unordentlichen Zuſtande der geſellſchaftlichen Verhältniſſe, wie es wirk⸗ licher Zeit der Fall iſt, gehen die Leute dahin, wo ſie Genuß finden, ohne lange zu fragen, wer ihr Wirth iſt, ohne ſich darüber zu bekümmern, von welchex Art das iſt, was er zu ihrer Beluſtigung aufzubringen weiß. Wenn Madame Laffarge in Grosvenor⸗Square dem Publikum ein ſchönes Haus öffnete, und die beſte Muſik und die beſte Tafel in London zu geben wußte, ſo würde Jedermann ihr einen Beſuch machen. Wenn aber am Ende eines Jahres oder zweier Jahre ihre Muſik und ihre Mahlzeiten an Güte abnehmen, dann würde man anfangen, zu fragen, wer ſie denn wohl ſei. Dann würde man behaupten, man habe von ihr noch niemals etwas gehört, bis man von einer guten Freundin Lady oder mit Gewalt bei ihr eingeführt worden ſei. In ſolchen Dingen weiß nicht Jedermann, wie Ihre Lordſchaft, in der muſterhafteſten Weiſe, voll Entſchiedenheit, ſein Gefühl für Anſtand und Schicklich⸗ keit zu beobachten.“ Lady Vernon erwiederte gravitätiſch:„welchen denk⸗ baren Grund könnte ich haben, daß ich mit Leuten, wie die Hamlyns, Bekanntſchaft machen ſollte? Sie haben Alles von mir zu gewinnen, ich aber Nichts von ihnen.“ Flimflam erwiederte:„Ihre Lordſchaft bemerkt mit Recht, ein Haus, wie das der Hamlyns eines iſt, welches ſeine Größe ſo ungemeſſen zur Schau legt, und deſſen bedeutende Kapitalien die Solidität der Firma beurkunden ſollen, mag immerhin für gemeines Pack große An⸗ ziehungskraft haben, allein Perſonen von ächt feiner Bildung werden an einem ſolchen Hauſe durchaus keinen 174 Gefallen ſinden. Ich habe gelegenheitlich bei Hamlyn geſpeist. Unſere beiderſeitigen Parlamentsgeſchäfte haben nämlich eine flüchtige Bekanntſchaft zwiſchen uns beiden veranlaßt. Ich geſtehe, Nichts ſpricht mich wie⸗ derwärtiger an, als der auffallende Unterſchied zwiſchen ſeiner ſchlechten Tafel und der eines gewiſſen alten, und wenn man ſo ſagen darf, alterthümlichen Adels, mit welchem zu ſpeiſen, ich hie und da die Ehre habe. Ich meine die Tafel des Herzogs von Sax⸗Mundham, des Marquis von Orgraze, des Grafen von Tittaprig.“ Lady Vernon meinte, ſie könne Flimflam Neuigkeiten mittheilen, wenn ſie ihm entdecke, daß der Herzog von Saxmundham einer ihrer Onkel und Lord Tittaprig einer ihrer Schwäger ſei. Als Flimflam dieſe Kunde vernahm, machte er voll Hochachtung ein ſo tiefes Com⸗ — daß das Haar ſeiner Stirne das Tiſchtuch erührte. Er erwiederte:„bei Hamlyns Mahlzeiten machten Einen die vielen Lichter und die nagelneuen Silber⸗ ſervice ganz betroffen. Es iſt, wie wenn der Wirth ein⸗ „zig und allein darauf ausginge, durch das, was er von ſeinem Juwelier und Lichterzieher kauft, die Höhe ſeines Credits abmeſſen zu laſſen. Dabei denkt er durchaus nicht an Dinge, welche ſeinen Gäſten Freude machen. Von einer maͤßigen Beleuchtung, die verhindern würde, daß man ſeinen pompöſen ſilbernen Weinkühler ſo gar üſfallend ſehe, will ein Mann, wie Hamlyn, Nichts wiſſen.“ Lady Vernon ſagte höhniſch:„was mich betrifft, ich verabſcheue die überpolirten, zierlichen Silberſervices, bei denen man meint, es liege Reif auf ihnen, und die ausſehen, wie wenn ſie gerade noch vor dem Fenſter Storrs und Mortimers ausgeſtellt geweſen wären. Wenn man ſich mit Silberſervice brüſtet, das ſo neugebackene Deviſen hat, ſo ſieht es aus, wie wenn man unter Trompetenklang verkündigen wollte, daß man ein Mann von geſtern ſei. 4 * 175 Ein wüthender Feind Flimflams, der Juriſt, der einſt mit Flimflam und Crawley bei Hamlyn geſpeist, hatte Flimflam Folgendes entdeckt: nachdem Lord Craw⸗ ley die Tafel verlaſſen, habe Hamlyn zu ihm geſagt: Flimflam ſei dieſesmal wenig nütz geweſen, er habe ſeine Sache weit nicht ſo gut gemacht, als ſonſt. Dieß hatte Flimflam gegen den Bankier äußerſt in Harniſch gejagt. Er ſagte deßhalb zu Lady Vernon:„Was das Eſſen ſelbſt betrifft, ſo finde ich, Hamlyn hat einen merkwürdig ſchlechten Geſchmack.— Sodann iſt Alles in ſeinem Hauſe zu verziert; Alles bei ihm iſt irgendwie abge⸗ ſchmackt und unpaſſend. Bei ihm ſieht man Nichts, als Zierrathen von getriebenem Golde, Nichts als Lilien aus Gold.— Turbot à la Tartare und Faſanen à 'estragon! 3 Der gewöhnliche Wohlgeſchmack der beſten Speiſen auf der Welt muß wohl nicht hinreichend ſein, um die ſchinr Welt zu bewegen, daß ſie mit einem Bankier peist.“ Lady Vernon erwiederte verächtlich:„Ich denke, es gibt Perſonen, welche glauben, ſie können bei dem Bankier die modernſten Sachen ſehen. Es gibt vielleicht Leute, die aus Ueberdruß an ihrem einfachen, gebratenen Wildpret, das ſie zu Hauſe haben, eine Freude daran finden, nach den berühmten Köchen Londons zu ſehen; Leute, die ſich Nichts darum bekümmern, mit wem ſie in Geſellſchaft ſind.“ Flimflam erwiederte:„Bei Hamlyn darf man ganz ſicher darauf rechnen, daß man moderne Sachen zu ſehen bekommt. Ich erinnere mich, er fiſchte uns einmal im Winter Cannevaß⸗Tauben, die er regelmäßig von ſeinem Correſpondenten in Neu⸗York erhält.“ Lady Vernon entgegnete höhniſch:„Ich denke, an die Pakete Briefe, die er von Neu⸗York erhält, iſt jedes⸗ mal ein Sack mit Wildpret angehängt?“ Flimflam fuhr fort:„Wie Ihre Lordſchaft mit Recht bemerkt, in ſeinen Treibhäuſern zu Dean⸗Park 176 treibt er eine Menge tropiſcher Früchte, die von Natur nirgends anderswo, als in England, wachſen; ſeine wachſernen Früchte ſind gewiß ein ganz vortreffliches midi nenn man ein wenig gepuderten Zucker darüber reut.“— Lady Vernon ſagte:„Sachen der Art haben einen ſo hohen Werth, daß man ſte kecklich in der öffentlichen Ausſtellung zeigen dürfte; ohne Anſtand dürfte der Name dieſer Gewächſe, wie auch der des Gärtners in der Morgenzeitung figuriren. Was mich betrifft, ſo bin ich mit einer guten Ananas zufrieden.“ Flimflam erwiederte:„Was die Ananas betrifft, ſo werden ſie bei Hamlyn ſervirt, wie ſonſt in keinem an⸗ dern Hauſe. Die Präſentirteller ſind von Gold, und haben lange, prächtige, herabhängende Blätter, die wirk⸗ lichen Blättern völlig gleich ſehen.“ Lady Vernon rief aus:„Das iſt aber widerwärtig! Nichts iſt unangenehmer, als wenn Früchte und Gold mit einander in Berührung kommen. Es müſſen ja doch die Subſtanzen, durch welche Metall gereinigt wird, dem Geſchmacke der. Früchte, welche auf ſolchen Präſentir⸗ tellern ſervirt werden, auf's Aeußerſte ſchaden. Früchte ſollen bloß auf Glas oder Porzellan ſervirt werden.“ Flimflam entgegnete mit einem giftigen Lächeln: naber nicht von einem Bankier. Gold— doch meine ich, dürfte man vielleicht oft ſagen, Vergoldung— iſt das Emblem ſeines Berufes, die Außenſeite und das ſichtbare Zeichen ſeiner innern Armuth. Ihre Lordſchaft bemerkt ſehr richtig, Nichts ſei verdächtiger, als koloſ⸗ ſales Vermögen bei einem Bankier, wenn er anders ein wirkliches koloſſales Vermögen, nicht bloß koloſſalen Credit hat. Durch welche Mittel kann er ein ſolches Vermögen angehäuft haben? Durch was Anderes, als durch ſchlaue Spekulation mit dem Vermögen anderer Leute, dadurch, daß er Geld, das nicht ſein eigen war, und das er, wenn es zu Grunde ging, nicht mehr er⸗ ſetzen konnte, der größten Gefahr ausſetzte? Aus welcher — 2 4 177 Abſicht vertrauen wir einem Bankier unſer Vermögen an? Deßhalb thun wir es, daß er dafür ſorgt, und es uns zurück gibt, wenn wir es wieder verlangen. Wenn er zahlungsfähig iſt, ſo iſt der Gewinn unſer, oder theil⸗ weiſe unſer; im andern Falle gewinnen wir nicht nur Nichts, ſondern haben Alles auf's Spiel geſetzt. Wie man mir ſagt, begann Coutts ſeine Laufbahn mit einem halben Kronenthaler. Wie kam er zu ſeinen Millionen? Dadurch, daß er das Zutrauen reicher Leute gewann, und vermittelſt dieſes Zutrauens einen immenſen Credit erlangte, ſo daß er am Ende Depoſita in die Hände bekam, die ihn in den Stand ſetzten, ſeinem Genie für finanzielle Spekulationen nachzugeben. Er war ein Genie und mußte Glück haben. Aber ein Bankrutt von Coutts hätte hunderte von Familien in's Unglück geſtürzt. Da⸗ gegen machte ihn ſein hohes Glück fähig, die verſchie⸗ denen heiratsfähigen Glieder ſeiner Familie glänzend zu verheiraten, und den Beweis davon zu geben, daß die ſtolzeſten, ſittlichſten Familien des Königreiches ſich vor den Stufen des gemeinen, dem goldenen Kalbe errich⸗ teten Altares hochachtungsvollſt bis in den Staub nie⸗ derbeugen.“ Lady Vernon begann in den hochtrabenden Reden eines Mannes, deſſen Prinzipien mit ihren eigenen ſo ſehr harmonirten, hohe Beredtſamkeit zu entdecken, und rief aus:„in der That! Sie haben ganz Recht, Herr Flimflam!“ Ihre Hoheit ließ ſich nicht herab, zu be⸗ denken, daß ſich die Prinzipien eines Mannes, der aller Welt Gaſt iſt, den Vorurtheilen eines jeden Hauſes an⸗ ſchmiegen, in welchem er gewohnt iſt, Krummen von Kuchen und Stücke von Wildpret aufzuleſen.“. Flimflam merkte wohl, daß er Eindruck mache und fing folgendermaßen wieder an:„Die Sache iſt die: in der menſchlichen Geſellſchaft gibt es gar viele Gemälde mit übergoldeten Rahmen, wie Hamlyn eines iſt. Da⸗ durch, daß die große Welt die Anſprüche dieſer gemeinen Leute nicht ganz entſchieden zurückwies, iſt in das ruhige Die Bankiersfrau. II. 12 Sein eben der großen Welt viel zu viel Schimmer, viel zu viel Geräuſch und Pomp eingedrungen. Es geht, wie mit den gewöhnlichen Piſton⸗Hörnern und türkiſchen Cymbeln, die in der modernen Muſik eine ſolche Ver⸗ ſchlimmerung hervorgerufen haben— Leute, wie Ham⸗ lyn, machen zu viel Lärmen. Wenn ich die Abnahme des Geſchmackes in Sachen der Literatur und Kunſt datiren ſoll, ſo muß ich ſagen, dieſe Abnahme ſchreibt ſich von der Zeit her, da die Geldintereſſen die Ober⸗ hand gewonnen haben. Eine Geldariſtokratie, die Lords des Rechentiſches drücken durch die Ermuthigungen, die ſie den Künſtlern angedeihen laſſen, die Kunſt ſelbſt nieder. Mozart iſt ganz außer Mode gekommen, ſeitdem ſteben Bankiersweiber in der erſten Reihe der Logen fitzen; und man weiß ſehr wohl, Lawrence ſchrieb dieß Uebertriebene in ſeinen letzten Porträten dem übeln Einfluſſe zu, den die Gnadenbezeugungen der City auf ihn gehabt haben. Die Krämerswelt ſei ihm mit gutem Rathe an die Hand gegangen.“ Lady Vernon bemerkte:„Es iſt ganz gewiß, ein Vandyck und ein Lely, die ausſchließlich für Höfe arbei⸗ teten, konnten ganz andere Gemälde ſchaffen, als ein Shen und ein Chalons, welche für Portland⸗Place und für die Harley⸗Straße Halsbänder und Spitzenkrägen malen mußten.“ Flimflam fügte hinzu:„Was unſere Literatur be⸗ trifft, ſo geht es mit ihr, wie mit den ſchmierigen Ge⸗ richten der franzöſiſchen Küche. Dieſe mit Trüffeln und Gewürzen überfüllten Gerichte wurden zur Zeit Ludwigs des XV. für Generalpächter erfunden. So ſind die ſchreck⸗ lichen, geiſtloſen, abgeſchmackten, ſchäͤdlichen Gewebe aus falſchen Gefühlen und ungebundener Geſchwätzigkeit, moderne Novellen genannt, zur Ergötzung für Bankiers⸗ frauen geſchrieben. Ein ſolches Ragout für Bankiers⸗ Perſonagen iſt ein Fricaſſee aus kleingehackten Narren, wie Ihre Lordſchaft von ſelbſt weiß. Die herausgeputz⸗ ten Narrenſtreiche, moderne Jahrbucher genannt, ſind 179 die Lieblingswerke auf den Tiſchen in den Kabinetten der Hamlyns.“ Lady Vernon mußte ſich verwundern, warum ſie immer einen gewiſſen Widerwillen gegen den kleinen Herrn Flimflam gehegt habe, und entgegnete:„Sie haben vollkommen Recht. Verſteckt ſich nicht wohl bei dieſer Sache eine tüchtige Doſis Malice? Legen ſich die Bankier nicht ängſtlich darauf, den Geſchmack für jede unnütze, unnöthige Ausgabe, die den Werth des Geldes erhöht, zu befördern?“ Flimflam ſagte ernſthaft:„Das iſt eine glänzende Idee, ein ganz logiſcher Schluß. Manche politiſche Oekonomen könnten Sie um die Originalität einer ſolchen Theorie beneiden, und Montesquien hat mit weniger tiefen Gedanken Anklang gefunden, Aber ſind wir nicht hie und da geneigt, unſern Nachbarn Plane zuzuſchrei⸗ ben, die ſie nicht haben? Als Beiſpiel führe ich die Politik Rußlands an. Wer von uns hat nicht, ſo lange er denken kann, von den Planen Rußlands gehört? Lord Crawley dagegen, dem man in ſolchen Dingen eine ge⸗ wichtige Stimme zuſchreibt, meint es anders. Eines Tages, als ich mit ihm ſpeiste, ſagte er mir, wenn Rußland irgend bedeutende Plane hätte, ſo würde es ſo vernünftig ſein, und dieſelben vor uns verhehlen.“ Ein angeſehenes Oppoſitionsmitglied, das neben Lady Vernon und Flimflam ſaß, intereſſirte ſich unge⸗ mein für ihr Geſpräch, als es von einem Kaiſer und einem geheimen Sekretäre reden hörte. Es fragte alſo⸗ bald:„mein theurer Flimflam, was erzählen Sie da?“ Flimflam war entzückt, daß ſich ſein Auditsrium erweiterte, und ſagte:„ſo eben erzählte ich Lady Ver⸗ non, daß Lord Crawley eines gewiſſen Tages gegen mich erklärt habe, es wäre abgeſchmackt, wenn man dem ruſſiſchen Kabinete, das unter allen andern europäiſchen den ungebildetſten, rohſten Gewaltherrſcher repräſentire, eine tiefe, verſchmitzte Politik zuſchreiben würde; einem Kabinete, das in moraliſcher, wie in phyſiſcher Hinſicht ſeinen Feind mehr mit dem eiſigen Hammer Thors, als mit dem feinen Stahle des Machiavallismus bearbeite. Was die phyſiſche Seite der ruſſiſchen Politik betreffe, ſo⸗ ſpreche der Sieg über Napoleon vollkommen für ſeine Behauptung.“ Der Mann, dem Flimflam dieſe Erörterungen machte, bemerkte mit kluger Miene, die zu verſtehen geben ſollte, daß Crawleys Anſicht nicht die ſeine ſei: „In der That! Crawley war äußerſt keck in ſeinen Behauptungen.“ Flimflam erwiederte dreiſt:„Ich kann verſichern, meine Erzählung iſt gewißlich wahr, denn Crawley ſagte mir ja die Sache ſelbſt.“ Durch Reden der Art gab er den anweſenden Per⸗ ſonen das Recht in die Hände, in allen Geſellſchaften dem geheimen Sekretär eine Denkungsart zuzuſchreiben und eine Sprache in den Mund zu legen, bei welcher das, was er wirklich dachte und ſprach, im gleichen Verhältniß ſtand, wie ein Kreuzerwecken zu einem unge⸗ heuren Sacke. Hätte nicht der Allerweltsgaſt ſolche Uebertreibungen und Aufſchneidereien und ſolche Gerüchte, wie das, daß Hamlyn Pair werden ſolle, vorzubringen gewußt, ſo waͤre gewiß ſein Aemtchen Alles eher, als einträglich geweſen. Flimflam war ein Garkoch in geiſtiger Hin⸗ ſicht, der davon lebte, daß er die ſchmackhaften Biſſen, die er bei den Feſten der Unterhaltung während der ge⸗ wöhnlichen Tage in der Woche gemaust und weggeſchleift hatte, am Samſtage kleinhackte und vermittelſt aller möglicher Gewürze ſchmackhaft machte, um ſeine Tiſch⸗ unterhaltung an dieſem Tage, die ſonſt äußerſt ſchlecht ausgefallen wäre, zu beleben. In der That! Flimflam erhielt ſeinen Lohn. Am Abend eben dieſes Tages bat ihn Lady Vernon, er möchte ſie in Grosvenor⸗Square beſuchen. Ehe er übri⸗ gens vierundzwanzig Stunden nach dem Beſuche bei ihr auf dem Rücken hatte, amüfirte er bereits die Tafel 181 eines Landbaronets, der ein gewaltiger Fuchsjäger war mit der Erzählung von der Abgeſchmacktheit einer ge wiſſen ultramodernen Lady Vernon, die ihn, Erasmu⸗ Flimflam, verſichert habe, ſie habe ſich genöthigt ge⸗ ſehen, ihre alte Loge in der Oper zu verlaſſen und ein⸗ Reihe hinaufzurücken. Der Glanz und Flitter des Gol⸗ des an den Turbanen und Kleidern der Bankiersfrauen habe ſie vertrieben.— Am folgenden Sonntage nahm die„Hauskröte“ das Erſtemal ſeinen Platz am Tiſche Lord Vernons ein. Er lieferte dort aus dem Stegreife ein Paar Hauptanekdo⸗ ten von Sheridan, Curran und Home Tocke, die er für die Atmoſphäre des auf der Seite der Whigs ſtehenden Hauſes ganz gut temperirte. Als dereinſt Cadmus ſeine Drachenzähne ſäte, konnte er nicht mehr Streit und Fehde hervorrufen, als der geſchwätzige, verläumderiſche Allerweltsgaſt dieſen Tag in Grosvenor⸗Sanare ſtiftete. Siebentes Kapitel. O Sonnenſchein und Sturm! du ewger Wechſel Des Schickſals dieſer Erdenkinder! Shelley. Nicht wohl erlebte je eine Dame in einem Alter von zwanzig Jahren Begegniſſe, die einander ſo auf⸗ fallend unähnlich wären, als Miſtreß Hamilton. Ihre Jugend war durch Armuth gedrückt und eingeſchränkt, aber die Liebe einer Mutter, deren Herzen ſie Alles galt, heiterte ihr jugendliches Leben auf; und als die Zeit ihrer erſten Liebe, die ſchönſte im Leben eines Weibes, durch die Verfolgungen, mit denen ſie der Bankier ſo muthwilligerweiſe heimſuchte, getrübt und verkümmert wurde, gereichte ihr die treue, hingebende Liebe Robert Hamiltons zu einem Hafen im Sturme, zu einem ſichern, rettenden Anker. Sie war alſo damals vollkommen berechtigt zu dem Glauben, den die meiſten Weiber mit Recht oder mit Unrecht in der Tiefe ihres Herzens hegen, daß Liebe der ſicherſte Troſt der Seele ſei, und, wenn wiederum Trübſal komme, und ſie ſich allein in der Welt fühlt, allein und den Beſchwerden ausgeſetzt, die einer ſo aus⸗ gezeichnet ſchönen Dame gewöhnlich auf dem Fuße nach⸗ folgen, ſo war es ganz natürlich, daß ſie die Huldigung der Liebe von Seiten Henry Hamlyns als das beſte Mittel, um wieder zu Glück und Wohlſtand zu gelan⸗ gen, mit Dankbarkeit hinnahm. Aber ſie täuſchte ſich. Ihre künftige Laufbahn war keine ſolche, wie ſie ſich beide dieſelbe in dem glücklichen Lande geträumt hatten, wo die Liebe durch den Einfluß der Sprache, des Klimas, der Sitten, des gewöhnlichen Lebens ſo frühe reif wird, wo jeder Hauch ein Seufzer und jedes Wort eine Liebesbetheurung iſt. Sie waren darüber mit einander übereingekommen, ſte wollen zu⸗ ſammen ein Leben führen, in welchem nur Studium und Abgeſchiedenheit, beſcheidene Anſprüche und gegenſeitige, aufopfernde Liebe als herrſchende Mächte gelten. An⸗ ſtatt deſſen war nun entſchieden, ſie ſollten auf dieſer Welt nie mehr zuſammenkommen, und Ellen, anſtatt ein ſtilles, thätiges, liebendes und geliebtes Weib zu werden, ſah ſich plötzlich in den Genuß jedes Vergnägens auf der Erde eingeſetzt. Sie erhielt die Mittel, jeden Wunſch irdiſcher Eitelkeit zu befriedigen. Leute, welche fähig waren, ihr in der Geſellſchaft Londons den höch⸗ ſten Rang zu verſchaffen, folgten und ſchmeichelten ihr; der zärtliche, ſie hochachtende Oberſt gab ihr Juwelen und herrliche Anzüge in die Hände, und ſie beſaß Alles, was das Herz eines Weibes wünſchen konnte, mit Aus⸗— nahme des einzigen Weſens, deſſen ſie bedurfte, des ausſchließlichen Gegenſtandes ihrer Liebe. Während die moderne Welt um ihretwillen in Feuer 183. und Flammen gerieth, wie es beim Auftreten einer neuen Schönheit gewöhnlich geht, während ſie in geſellſchaft⸗ lichen Zirkeln, wie die von Ormeau und Rotherwood waren, mit der höchſten, zuvorkommendſten Schmeichelei aufgenommen wurde, fühlte ihr Herz eine Oede, die es niederdrückte. Die Neigung eines einfältigen, närriſchen Burſchen, wie Alberich Vernon einer war, machte ihr bloß Mißvergnügen, die Neigungen eines liebenswürdi⸗ gen Mannes, wie Lord Eduard Sutton war, machte ihr Kummer. Ihre ganze Seele war in das ſtille, öde Zimmer des einſamen Studirenden gebannt, der, wenn er auch in der Stille das Verſprechen, ſich mit ihr ver⸗ mählen zu wollen, zurückgenommen hatte, Nichts deſto weniger jeder Nerve ihres Herzens theuer war. Welches Vergnügen es immer ſein mochte, zu wel⸗ chem ſie der gute Oberſt aus übel angebrachter Zärtlich⸗ keit nöthigte, ihre Gedanken gingen immer auf die Ver⸗ gangenheit zurück. Immer machten ihr üble Ahnungen in Beziehung auf die Geſundheit und das Glück eines Jünglings bange, den ſie eine Zeit lang als ihren Ge⸗ mahl betrachtet hatte. Es war ihr allerdings nicht läͤn⸗ ger möglich, auf ſeine Auszeichnungen von Seiten der Univerſität ſtolz zu ſein, doch war fie tief betrübt, als ſie von ihrem Schwiegervater hörte, daß die Hoffnungen, die man früher von Henry Hamlyn gehegt habe, ziemlich getäuſcht worden ſeien. Vom Augenblicke an, als ſie hörte, daß er krank ſei, verließ ſie die Geſellſchaft der Miſtreß Hamlyn kaum eine Stunde. So begierig war ſte darauf, Nachrichten über den kranken Jüngling ein⸗ zuziehen. Zwiſchen dieſen zwei Damen, die doch beiderſeits durch den gleichen Gegenſtand einer zärtlichen Neigung verbunden waren, war bis jetzt noch keine Sylbe ge⸗ wechſelt worden, durch welche ſie ſich ihren Kummer mit⸗ geiheilt hätten. Die Lage beider führte es mit ſich, daß keine zu der andern ſagen konnte:„Sie wären mir in der That als das Weib meines Sohnes theuer ge⸗ 184 weſen,“ oder daß die andere dagegen zu liſpeln im Stande war:„Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn ich die zärtlichſte und pflichtgetreueſte ihrer Töchter ſein dürfte.“ Aber, ohne daß ſie ein Wort mit einander ſprachen, verſtanden ſie einander, ſchätzten ſie einander, liebten ſte einander. Wenn Ellen mit ängſtlichen Blicken in das Geſellſchaftszimmer zu Cavendiſh⸗Square eintrat, ſo ergriff Miſtreß Hamlyn dieſe Gelegenheit, um irgend eine andere, eben gegenwärtige Perſon davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen, daß ſie von Henry gehört habe, er ſei wirklich beſſer. Wenn Miſtreß Hamlyn nicht aufgelegt war, um einen brillanten Ball zu beſuchen, oder eine Luſtpartie mitzumachen, ſo pflegte Ellen ihre Freundin Lydia zu bereden, ſie ſolle ſich mit der Begleitung der Lady Rotherwood begnügen, und ſchützte ihrerſeits Kopf⸗ weh vor, um einen genügenden Entſchuldigungsgrund dafür zu haben, daß ſie zu Hauſe bei Frau Hamlyn blieb. An ihrem ruhigen Thee⸗ und Arbeitstiſche erwähn⸗ ten ſie den Namen Henry's nie; und doch hatte jede Sylbe ihrer Unterredungen auf Henry oder ſeine Plane Bezug, und, wenn Miſtreß Hamlyn auf die Vergangen⸗ heit zurückging, und voll Liebe bloß von Walther und Lydia ſprach, ſo war doch aus jedem Zuge von ihnen, den ſie anführte, aus jeder Ammenerzählung, die ſie von den beiden wußte, und Ellen wieder erzählte, leicht zu erſehen, was für eine Rolle Henry bei der Sache ge⸗ ſpielt hatte. Es ſchien beinahe, als ob ſich Frau Hamlyn eine neue liebende Tochter und dadurch Troſt für die Zukunft ſchaffen wollte, weil ihr, wie ſie wohl wußte, Lydia durch ihre glückliche Verheiratung etwas ferner gerückt wurde. Dieß Alles merkte Oberſt Hamilton gar gut. Es machte ihm aber auch ungemeine Freude. Die Frau des Bankiers galt ihm als Muſter weiblicher Tugenden und er erfreute ſich herzlich daran, daß Ellen, der er die ganze Fülle ſeiner Liebe zuwenden wollte, durch das beſcheidene, holde Weſen der Miſtreß Hamlyn Etwas 185 von ihrem ziemlich ſtolzen Charakter verlor. Daneben dachte er, der energiſche Charakter ihrer Schwiegertoch⸗ ter werde ihrer Freundin Muth einflößen, daß ſie die bevorſtehende Trennung von der jungen Marquiſin leich⸗ ter ertragen könne. Wenn er ſodann in Beziehung auf das zwiſchen ihnen ſich bildende, innige Verhältniß von Mutter und Tochter weitere Pläne entwarf, ſo behielt er dieſes Geheimniß ſtrenge für ſich.. Das oft wiederkehrende Reſultat ſeiner Selbſtge⸗ ſprache war:„Ellen verdient gewiſſermaßen Strafe, daß ſie dem armen, alten Manne ſo wenig Zutrauen ſchenkt; kein Wort, keinen Laut hat ſie ſich uͤber ihr Verhältniß zu Henry entwiſchen laſſen.“ Doch war es dem aufrichtigen Veteranen nicht im⸗ mer leicht, ſeiner Schwiegertochter zu verſchweigen, daß er ſowohl durch ſeinen Beſuch in Cambridge, als durch das Plaudern Walthers hinter ein Geheimniß gekommen ſei, mit deſſen Entdeckung es eben in Cambridge ſo ſelt⸗ ſam zugegangen war. Wenn er ſah, daß die ſchönen Augen ſeiner reizenden Schwiegertochter auf dem Punkte waren, Thränen zu vergießen, ſo konnte er ſich kaum enthalten, auszurufen:„Meine Theuerſte! bekümmern Sie ſich nicht, bekümmern Sie ſich nicht! Man ſagt, treuer Liebe ſei der Pfad gewöhnlich nicht mit Roſen beſtreut. Wenn aber zwei junge Leute einig ſind und es nicht am Gelde fehlt, ſo müſſen am Ende die Sachen zu einem guten Ziele kommen.“ Wenn Ellen eine lange Unterredung mit Miſtreß Hamlyn gehabt hatte, ſo war ſie beſſer aufgelegt, und dann fand es der Oberſt ſchwer, ſie wegen ihrer rothen Wangen und ihrer ungewöhnlichen Heiterkeit zu necken. Eines Tages war ſie Lydia's Geſellſchafterin gewe⸗ ſen, als dieſe gerade dem Maler Francis Grant ſaß, um der Marquiſin mit ihrem Porträte ein Geſchenk zu machen. Nachdem ſie wieder in ihren Gaſthof zurück⸗ gekehrt war, ſagte der Oberſt zu ihr:„Meine theure Nelly! Sie ſehen an dieſem Morgen ſo blühend aus, 186 daß ich beinahe denken könnte, Sie und nicht Lydia ſeien es geweſen, auf deren Antlitz ein begeiſterter, entzückter Liebhaber ein Paar Stunden lang ſein treues Auge ge⸗ richtet habe. Sagen Sie mir doch, war Herr Watty mit Ihnen bei Grant?“ Etwas niedergeſchlagen entgegnete Miſtreß Hamil⸗ ton:„Seit den zwei letzten Tagen habe ich Kapitän Hamlyn nicht geſehen.“ „Sie wollen mir doch nicht ſagen, Sie bemerken nicht, wie der ſchöne Kapitän vor Liebe zu Ihnen ſtirbt? Das ſollten Sie doch als Heldin in der Tragödie be⸗ merken."⸗ „Ich halte ſein Benehmen gegen mich nicht für den Ausfluß von Liebe. Kapitän Hamlyn benahm ſich früher zwar höflich gegen mich, doch näherte er ſich mir erſt dann, wie er ſah, daß ich in der Geſellſchaft eine beſſere Stellung einnahm, als ſeiner Anſicht nach einer ſo un⸗ bedeutenden Perſon, wie ich, beſchieden war. Erſt dann fing er an, mir Aufmerkſamkeit zuzuwenden, als ich durch die Huldigung eines modernen Zipfels, des Herrn Ver⸗ non, als gangbare Münze geprägt worden war; und die Hochachtung, die mir Lord Eduard Sution erzeigte, mußte ihn nothwendigerweiſe auf die Stufe der Galan⸗ terie bringen, auf der er wirklich ſteht.“ Der Oberſt erwiederte:„Laſſen Sie das gut ſein! mag ſeine Leidenſchaft für Sie natürlich oder künſtlich, mag ſie herzlich oder bloß in den Umſtänden und Ver⸗ hältniſſen begründet ſein, ſagen Sie nur offen, ſie ſteht ihm vortrefflich. Mögen andere junge Burſche Londons ſein, wer ſie wollen, Walther iſt der ſchönſte unter ihnen und ich weiß es ganz gewiß, wenn er den haſſenswürdi⸗ gen Namen der Hamlyns nicht trüge, gegen den Sie, wie ich glaube, nun einmal Ihr eigenſinniges Köpfchen eſetzt haben, ſo würden Sie nach zwanzig Jahren von hier an, wenn alte Kerls, wie ich und Hamlyn ſchon längſt todt und vergeſſen ſind, auf Dean⸗Park die Rolle der mildthätigſten Dame der Welt ſpielen. 1 187 Die wechſelnde Farbe auf den Wangen der ſchönen Ellen verrieth die Aufregung, welche der Oberſt durch dieſe Einleitung mit voller Abſicht bei ihr hervorge⸗ rufen hatte. Der Oberſt beobachtete ſie insgeheime voll Auf⸗ merkſamkeit, und fuhr folgendermaſſen fort:„Ein viel ſchlimmeres Muſterſtück der Familie Hamlyn liegt uns ganz nahe. Der junge Menſch, der ſeine ganze Zeit zu Cambridge verſchwendete, und eine Freude daran hatte, dieſelbe ſchlecht durchzubringen, führt ſeine Familie aufs Aergſte an. Dieſe fühlte ſich durch die Streiche, die er ihr ſpielte, bewogen, ihn davon zu überzeugen, daß es in der That für ihn ganz paſſend wäre, wenn er um Vacanz anhielte. Was mich betrifft, ſo haſſe ich Pe⸗ danten von jeder Art, Geſtalt und Größe, und werde Cavendiſh⸗Square nicht halb ſo oft, wie früher, be⸗ ſuchen, da wir ja nächſtens das Geſellſchaftszimmer mit lateiniſchen und griechiſchen Büchern bedeckt, und in demſelben auch den Magiſter Gradus“) ad Parnassum, mit ſeinem ernſthaften Geſichte eingebürgt finden, und an ihm eine Perſon haben werden, die uns immer und ewig unſere Unwiſſenheit vorwirft. Denken Sie doch, mich, den es ſo ſauer ankommt, das Engliſche rein zu ſprechen, gegenüber von einem Burſchen, welcher meint, er könne ſeine Nomina viel beſſer decliniren und ſeine Verba viel beſſer conjugiren, als ſeine Ne⸗ benmenſchen.“ Als Miſtreß Hamilton verſuchte, ihre großen Augen gegen den forſchenden Blick des Oberſt aufzuſchlagen, wurde ihr Geſicht purpurroth. Sie brachte mit Mühe folgende Worte hervor:„ich wurde mit Henry Hamlyn in Italien gut bekannt, und ich kann Sie verſichern, er iſt durchaus kein Pedant.“ *) Gradus ad Parnassum iſt ein Buch, das zur Verfertigung lateiniſcher Verſe Anleitung gibt. Die Jefuiten namentlich geben ſich mit Schreibung ſolcher Gradus ab. 188 Der Oberſt erwiederte:„ſo? er iſt es nicht? um ſo viel beſſer! Sagen Sie mir auch, iſt er ſo hübſch, als Walther?“ „Nach meiner Anſicht iſt er viel hübſcher, er hat ein ausdrucksvolles verſtaͤndiges Geſicht. Kapitän Ham⸗ lyn dagegen ſieht blos gutmüthig aus, und iſt gar nichts Anderes, als was man im gewöhnlichen Leben einen ſchönen Mann nennt.“ „Auf alle Fälle iſt dieß ein Glück für Walther. Ich denke die ſchöne, gezierte Miß Vernon wird dieſen ſeinen Vorzug gewiß ausfindig machen. Als ſich in der letzten Nacht im„alten Conzerte“ Walther ſo viele Mühe machte, um für Sie einen paſſenden Sitz zu finden, ſchaute Lady Vernon und ihre Tochter darein, wie wenn ſie darauf ausgingen, Sie in ganz kleine Stücke zu reißen. Aber ſagen Sie mir Nelly? Wie kam es, daß der ſonderbare Burſch, von dem wir eben ſprachen, und der ein ſo verſtändiges Geſicht haben ſoll, von zwei ſo hübſchen Wittwen, wie Sie und Lady Burlington ſind, ſo niedrig angeſchlagen wurde?“ „Lady Burlington hat wenig Neigung ſich wieder zu vermählen. Sie hat zwei Kinder, die ihren Geiſt und ihr Herz völlig beſchäftigen. Und wenn ſie auch Neigung zu einer neuen Che hätte, Henry Hamlyn, der acht Jahre jünger, als ſie, überdieß Proteſtant und Sohn eines Mannes iſt, den ſie verabſcheut, eine Per⸗ ſon, die am wenigſten zum Gemahle für ſie paßt. Was mich ſelbſt betrifft“— Nun ſchwieg ſie ſtille. „Nun, meine Theure, was Sie ſelbſt betrifft—“ „Es wäre mir lieber, wenn ich Ihnen gar nicht antworten dürfte, denn es ſteht nicht in meiner Macht, Ihnen eine aufrichtige Antwort zu geben,“ ſagte ſie mit erzwungener Heiterkeit. 3 „Recht ſo, Nelly! Recht ſo, mein Kind! Gerade aus, aufrichtig ſollen Sie gegen mich ſein! Ich wollte lieber, Sie geben mir irgend einmal eine Ohrfeige, als daß Sie mich nur mit einer einzigen Silbe belügen. 189 Nun gutl ich muß auf eigene Fauſt ſehen und urtheilen. Wir werden heute das kluge Geſicht bei Tiſche haben, und dann bewahren Sie Ihr Geheimniß, ſchöne Dame! wenn Sie können.“ Miſtreß Hamilton antwortete damit, daß ſie ihm ſtillſchweigend die Hand küßte. Der Oberſt ſagte lachend:„übrigens werde ich Herrn Henry heute Abend nicht zu ſehen bekommen. Deßhalb kommen Sie nur nicht in Aengſten, und ſchmei⸗ cheln mir nicht, daß ich doch ja keine ſchelmiſchen Ge⸗ ſpräche über ihn und Sie halten ſoll. Ich habe ſobald keine Gelegenheit, dieß zu thun. Heute iſt bei Gair⸗ mann die große Zuſammenkunft der oſtindiſchen Com⸗ pagnie, und, weil das Eſſen ausdrücklich mir zu Ehren veranſtaltet iſt, ſo meine ich, ich muß wohl den Abend und meine gewöhnliche Spielparthie an dieſe Einladung rücken, und mit den ſtolzen Perücken, die auch zum Eſſen gebeten ſind, zuſammentreffen. Wahrſcheinlich werden zwanzig Burſche der Art erſcheinen, und blos der vierte Theil der ganzen Partie wird ein Fünkchen Leben in ſich haben. Nebenbei, Nelly, will ich Ihnen etwas ſagen, was, zehen gegen eines geſetzt, die ge⸗ ſchwätzigen Zeitungen Ihnen erzählen werden, wenn ich es nicht thue; mein alter Rajah hat der Compagnie ein tüchtiges Stück Geld überſandt, um mir, als Zeichen ſeiner Dankbarkeit und Zuneigung gegen mich, ein Silberſervice zu kaufen; und ſo, meine Theure! wenn ich eimal eine beſſere Wohnung habe, und Sie und Ihr guter Mann, wer es auch ſein mag, in meinem früheren Hauſe auf Portland⸗Place angeſiedelt ſind, ſo werden Sie doch ein Paar Löffel und ein Paar Schüſſeln für Saucen haben, um Ihre Haushaltung mit Anſtand führen zu können.“ An dieſem Tage, an welchem Henrys Ankunft er⸗ wartet wurde, hielt ſich Ellen abſichtlich von Cavendiſh⸗ Square ferne. Sie erhielt übrigens von Lydia ein Schreiben, in welchem ſtund, Henry ſei nicht nach 3 Cavendiſh⸗Square gekommen, ein Schreiben, das am nächſten Morgen dem Oberſt nicht wenig Verdruß machte. Gegen dieſe unangenehme Kunde hatte der Oberſt merkwürdige Neuigkeiten mitzutheilen. Er ſagte: ich erwartete geſtern keine aagenehme Tafel. Sachen dieſer Art, ſolche Geſellſchaften von Handelsleuten, ſind ſelten angenehm. Aber beim heiligen Georg! im Hauſe des alten Launchington war es ſchlimmer, als ich gedacht hatte. Ich denke, die Mahl⸗ zeiten in Cavendiſh⸗Square machen Einem Dinge dieſer Art ganz unerträglich.“ Ganz unſchuldig fragte Ellen:„iſt denn die Tafel Herrn Launchingtons eine ſo ſchlechte?“ „Ach! meine Theure! das iſt es nicht, was ich meine. Bei Mahlzeiten, an denen Standesperſonen Theil nehmen, darf man immer darauf rechnen, daß ein gebratenes Huhn oder Schnitten gebratenen Fleiſches aufgetragen werden, damit Niemand über ſchlechte Be⸗ wirthung klagen möge. Die Mahlzeiten in Launchingtons Hauſe haben nicht viel zu bedeuten; es kommen immer kalte Weißfiſche und warme Lammrippchen vor, aber darüber ſollen Sie mich nicht klagen hören. Nein! nein! das was mich geſtern ſo unangenehm berührte, das war die Geſellſchaft.“ „Ich dachte doch, in einem Hauſe, wie dieſes, würden Sie alte Bekannte treffen?“ „Es war auch der Fall, meine Theure! ich traf ein ganzes volles Dutzend Bekannter dort, aber gerade das machte mir ſchweren Kummer, es muß doch Einem wehe thun, wenn man ſich vor alten Bekanntſchaften an den Pranger ſtellte.“ Miſtreß Hamilton war erſtaunt. Sie konnte ſich blos eine Weiſe denken, auf welche ſich ein Honoratior bei einem Gaſteſſen an den Pranger ſtellt. Doch hatte ſie niemals bemerkt, daß ihr Schwiegervater im ge⸗ ringſten Grade den Wein geſpürt hätte.“ Der Oberſt fuhr fort:„Sehen Sie, bei unſerer 191 Mahlzeit gab es nicht lauter ächte Indier. Außer uns, den heitern Zwölfen, gab es noch ein Paar Potentaten der City, und einen oder zwei Bajaſſe, die Späſſe in Umlauf ſetzen ſollten, indeß zur guten alten Zeit ein wackrer Burſche gebeten wurde, den Wein circuliren zu laſſen. Mein Unſtern wollte es, daß einer dieſer ſchwätzenden Papageie gegenüber von mir zu ſitzen kam. Er ſuchte mich mit ſo vielen Späſſen anheim, und richtete ſo viele unnütze Fragen an mich, um ſeine Späſſe einſchieben zu können, daß ich, wie ich meine, ein ſaures Geſicht dazu machte, oder ihn mit kurzen Worten abfertigte. Auf dieſes hin, weil ich mich nicht mit ihm abgeben wollte, ſagte er, er habe letzthin bei Herrn Hamlyn mit mir geſpeist, und führte dieß als einen Entſchuldigungsgrund dafür an, daß er jetzt mit mir ein wenig anbinden wolle. Eine Anſpielung auf Lord Crawley, die er vorbrachte, überzeugte mich, daß ſeine Ausſage richtig war, und daß ich damals mit ihm geſpeist hatte, als ich mit Sir Robert Maitland auf und davon ging, und Sie auf Ormeau zurückließ.“ Ellen, welche gerade Thee in eine Taſſe goß, er⸗ wiederte:„ich erinnere mich, Sie ſpeisten damals bei Herrn Hamlyn mit einer großen Geſellſchaft.“ „Allerdings, meine Theure! Kaum hatte der bös⸗ artige, geſchäftige kleine Affe die Namen Hamlyn und Lord Crawley mit einander in Verbindung geſetzt, als ein dicker, keichender, alter Burſche, ein gewiſſer Sir Benjamin,(glaube ich) der neben uns ſaß, einen ſo mächtigen Angriff auf Hamlyn macht, daß ich mich genöthigt ſah, in Hamlyns Namen den Fehdehandſchuh aufzunehmen, und in einer Weiſe zu ſprechen, die vor einer heitern Geſellſchaft immerhin einen böſen Eindruck macht. Aber mein Gegner war nicht geneigt weich zu geben, wenn er mich gleich ſo teufelmäßig aufgeregt ſah. Er machte ſich kein Gewiſſen daraus, zu ſagen, Herr Hamlyn habe ſeine Mitbankier an die Regierung verkauft, der kleine Mann in ſchwarzer Kleidung(ſo 192 viel ich mich erinnern kann, nannte man ihn Flimflam) könne bezeugen, daß ſich der ehrgeizige Bankier zum Lord„Scrip“ ernennen laſſe, und daß er zum Lohne für dieſe leere Auszeichnung eine parlamentariſche Frage, der er Herz, Seele und Ehre verpfändet habe nicht, mehr unterſtützen, daß er die Intereſſen der großen Bankierwelt, in welcher er lebe und webe, auf welcher ſeine ganze Eriſtenz beruhe, nicht mehr wahren werde.“ Sodann fuhr der alte ausgeſtopfte Sir Benjamin, ein Falſtaff, ohne ſeinen Witz, folgendermaſſen fort: „Richard Hamlyn ſoll nur nach Vollbringung des Ver⸗ rathes, von dem man ſagt, daß er ihn im Sinne habe, ſein Angeſicht auf der City zeigen, und er wird finden, daß man ihm Reden unter die Zähne wirft, die zu ver⸗ dauen er ſchwer finden wird.“ Frau Hamilton einigermaſſen erſtaunt, fragte: „wird wohl wirklich Herr Hamlyn zum Lord Scrip gewählt.“ Der Oberſt erwiederte!„wenn dieß der Fall iſt, ſo iſt er ein größerer Eſel, als ich glaube, daß er iſt. Offen geſagt, Hamlyn iſt ein tüchtiger Mann, aber was ſoll ein Burſche, der ſein Leben hinter ſeinem Rechentiſch in der Lombardſtraße zugebracht hat, im Hauſe der Pairs zu ſchaffen haben. Ein Bankier⸗Lord könnte für eine Pantomime oder für ein luſtiges Taſchen⸗ buch der Spaßmacher abgeben.“— „Was erwiederte aber Ihr gewichtiger Sir Ben⸗ jamin, als Sie ihm Alles dieß ſagten?“ „Alles das gebe mir keine Beweiſe in die Hände, um ſeine Behauptung, zu wiederlegen, die Behauptung, daß Herr Hamlyn ſich der Regierung verpflichtet habe, die Bill für die Verſicherungen in ausländiſchen Ange⸗ legenheiten zu unterſtützen, und, wenn er ſich hiezu verpflichtet habe, ſo ſei Alles das, was er, Sir Ben⸗ jamin, über ihn geſagt, nicht dem vierten Theile nach genug; noch vierfach Schlimmeres könnte er dann mit vollem Rechte über ihn ſagen. Denn auf dieſe Weiſe — 193 würde ja Hamlyn gegen ſein Gewiſſen und gegen ſeine Intereſſen ſprechen und ſtimmen, die er verſprochen habe, bis auf den letzten Hauch ſeines Lebens zu vertheidigen.“ Ellen erwiederte:„Wenn ich nicht in großem Irr⸗ thume befangen bin, ſo iſt dem Bankier Hamlyn kein Verſprechen, keine Verpflichtung von der Art, wie er ſte ſeinen Mitbankiern gegeben hat, heilig, wenn unmittelbar vor ſeinen Augen die Krone eines Baronen tanzt. Deßhalb, mein theuerſter Herr! traue ich Ihnen zu, Sie fühlten bei Vertheidigung ſeiner Sache keine Verſuchung in ſich, ſich an den Pranger zu ſtellen, und Benjamins Behauptungen geradeaus zu widerſprechen? „Mich an den Pranger zu ſtellen? ganz gewiß! ich fühlte die Verſuchung in mir. Ich ſagte dem ver⸗ läumderiſchen Sir Benjamin, ſo laut, als ich es ſagen konnte, ich könnte mein Leben dafür zum Pfande ein⸗ ſetzen, daß Herr Hamlyn niemals auch nur einen ein⸗ zigen Augenblick ſolch ſchändliche Abſichten gehabt habe, und rief die kleine Plaudertaſche auf, ſie ſolle mich in der Vertheidigung eines Mannes unterſtützen, deſſen Brod und Salz er genoſſen habe, wie er ja ſelbſt ſage.“ „Nahm ſich Herr Flimflam der Sache Hamlyns an?“ „Meine theure Nelly! er war ſo weit davon ent⸗ fernt, dieß zu thun, daß er erklärte, er glaube jede Sylbe an dieſem in Umlauf geſetzten Gerüchte, ja er war ge⸗ mein genug, die Sache, die, ſo viel ich ſah, beinahe überall Glauben fand, dadurch zu beſtätigen, daß er erklärte, bei der Mahlzeit in Cavendiſh⸗Square, bei welcher wir beide mit Lord Crawley zuſammengetroffen ſeien, habe ſich der geheime Sekretär mit Hamlyn mehr als eine halbe Stunde lang in der höchſten Vertraulich⸗ keit eingeſchloſſen, und ein ganz intimes Geſpräch mit ihm geführt, welches damit geendet habe, daß der Herr Sekretär vor Flimflams Ohren zum Bankier geſagt habe: „Mein theurer Hamlyn! wir zählen auf Ihre Redner⸗ ſtimme, wie auf Ihr Votum; und das, um was ſie ſo ängſtlich beſorgt ſind, ſoll Ihnen ohne Verzug werden.“ Die Bankiersfrau. II. 13³ 194 Miſtreß Hamilton ſagte äußerſt verdrießlich:„Das iſt doch einmal ein unſchädlicher, angenehmer Gaſt, dieſer Flimflam. Solche muß man in ſein Haus ein⸗ laden!⸗— „Ach! hätte er nur ſeine Zunge in Ruhe gelaſſen! die meinige ſchoß eine Kugel auf ihn ab, die nicht von Sammet war, wie er wohl wünſchte. Aber, beim hei⸗ ligen Georg! die ſeine iſt eine Art Pendel, den Nichts halten kann.“ 3 Ellen fragte lächelnd:„Es ſcheint alſo, auch andere Leute fangen an, in Betreff Herrn Hamlyns eine ähn⸗ liche Anſicht, wie ich, zu haben.“ Der Oberſt ſagte:„Das Schlimmſte am Ganzen iſt das: ich befürchte an der Sache ſo etwas Wahres. Ich bekümmerte mich Nichts um das Gepolter des alten Rülpſers, Sir Tobias, ſo wenig, als um den Geifer des verläumderiſchen Witzlings. Aber nach Tiſch ſagte mir Lauchington in ganz artiger Weiſe und im Gehei⸗ men: er bedaure, daß an ſeiner Tafel Etwas mir Miß⸗ fälliges vorgefallen ſei; es wäre ihm lieber geweſen, wenn ich Neuigkeiten, die doch jedenfalls in Kurzem zu meinen Ohren gedrungen wären, anderswo, nicht in ſeinem Hauſe gehört hätte. Er fuhr folgendermaßen fort:„Mein theurer Oberſt! ich befürchte, Hamlyn iſt vor unſern Augen verloren. In der großen Welt ſind politiſche Intriguen etwas ganz Gewöhnliches. Wir hören von Lords und Herzogen, daß ſie um eine Deko⸗ ration, oder eine Stelle am Hofe die Farbe wechſelten. Aber unter Kaufleuten muß das Wort eines Mannes ſo viel Werth haben, als ſeine Handſchrift. Wenn die Stützen, welche den großen Bau der Kaufmannsintereſſen unſeres Landes tragen, nicht feſt und aufrecht ſtehen, ſo hat es mit dem Kredite Altenglands ein Ende.“ „Herr Hamlyn hat ſich alſo gegenüber von ſeinen Genoſſen auf der City verbindlich gemacht, er wolle ihre Intereſſen in dieſer Angelegenheit vertreten?“ „Sich verbindlich gemacht? Man glaubt von ihm, 195 8 er werde bis in alle Ewigkeit die Stützen dieſer Inte⸗ reſſen aufrecht halten. Maßlos war das Vertrauen ſeiner Freunde auf ihn. Morgen wird die Sache be⸗ ſprochen. Nicht um viel Geld moͤchte ich auf der Gallerie des Parlamentes ſein.“ Wie wir wiſſen, war Ellen zwar dem Bankier ab⸗ geneigt, aber doch auf den Familiennamen ihres Geliebten eiferſüchtig, und entſchloſſen, dieſem Nichts geſchehen zu laſſen. Deßhalb ſagte ſie zum Oberſt:„Da Sie ja für Herrn Hamlyn eine ſo warme Freundſchaft hegen, ſo könnte es, denke ich, gewiß noch Zeit ſein, daß Sie ſeinen Entſchluß ändern? Suchen Sie ihm andere Ge⸗ danken beizubringen.“ 8 Der Oberſt erwiederte:„Meine Theure! ich befürchte, Beweggründe, wie ich ſie aufbrächte, würden gegen den Entſchluß eines ſo ſtarrköpfigen Mannes, wie Herr Hamlyn iſt, Nichts vermögen. Ohne Zweifel beſtimmen ihn bei ſeiner Handlungsweiſe Gründe, die er für gut und triftig hält.“ „Sie können ihn belehren.“ 1 „Ich, meine Theure? Ich nicht, Nelly; ich habe nicht die Gabe der Sprache, und bin, wenn es hoch kommt, bloß ein Hirneinſchlager.“⸗ Ellen erwiederte voll Muth:„Wie wäre es, wenn Sie die Sache wenigſtens verſuchen würden? Die Hälfte irdiſcher Güter geht deßwegen zu Grund, weil man ſich nicht bemüht, ſie zu retten. Wir Menſchen ſind zu große Freunde von dem Gedanken, daß das Unglück etwas Unvermeidliches ſei. Was mich betrifft, ſo habe ich von Herrn Hamlyn die allerſchlimmſte Meinung. Ich halte ihn für gemein, ſchmutzig und herzlos. Ich glaube, er würde Weib, Kinder, Freunde ſeinen ſchmutzigen Spe⸗ kulationen aufopfern. Ich glaube, er würde ſeine Kin⸗ der durch das Feuer des Molochs gehen laſſen; er könnte ohne Schmerz das Glück ſeiner Söhne auf alle Ewig⸗ keit vernichtet ſehen, wenn er dadurch ſeinem Geſchäfts⸗ hauſe eine ſichere Stütze geben könnte. Allein es gibt 196 Argumente und Beweggründe für alle Naturen. Dieſer Mann, deſſen Ohr dem Rufe der Natur verſchloſſen iſt, ſteht dem Einfluſſe von jedem Hauche der Meinung, die andere Menſchen von ihm haben, völlig offen. Sagen Sie ihm, wie man von ihm denkt; ſagen Sie ihm, was man von ihm ſpricht; ſagen Sie ihm, daß ſogar die Ehrenbezeugungen, gegen welche er ſeinen guten Namen eintauſchen will, ſelbſt von den Narren, die er gerne blenden möchte, verachtet und verläſtert werden; ſagen Sie ihm, daß er von dem hohen Stande, in deſſen Reihen ſich ſein Ehrgeiz einzudringen beſtrebt, mit Ver⸗ achtung und Mißtrauen aufgenommen wird. Auf dieſe Weiſe, mein theurer Herr! glauben Sie es mir, wer⸗ den Sie einen mächtigen Einfluß auf ihn gewinnen.“ Während ihrer Rede bemerkte auf einmal Ellen, daß dem alten Manne die Augen übergingen, und daß ſich ein ganz beſonderer Zug in ſeinem Geſichte aus⸗ drückte. Sie fragte ihn, worüber er lächle? Der Oberſt rief aus:„Ich dachte ſoeben daran: ich ſah noch niemals ein Frauenzimmer, das einer Königin mehr gleich geſehen hätte, als Sie in dieſem Augen⸗ blicke. Ach, Nelly! Bob war klüger, als ſein Vater, als er ſich entſchloß, mir eine ſolche Tochter zu geben. Ach! warum ſtürzte ich ihn ſo plötzlich in's Grab, wäh⸗ rend er doch eine ſolche Gattin hatte, während ihm doch für die Zukunft der Reichthum ein ſo glückliches Loos zu bereiten im Stande geweſen wäre?“ Miſtreß Hamilton erwiederte mit gedämpfter Stimme:„Nicht Sie find an dieſem Unglücke Schuld, ſondern der Mann, den Sie irriger Weiſe Freund nennen. Ja! dieſes Unglück iſt Hamlyns Werk!“ Oberſt Hamilton zuckte die Achſeln. Er ſagte:„Es kommt mich immer äußerſt ſauer an, wenn ich von meinen Nebenmenſchen das Schlimmſte glauben ſoll. Ich denke noch jetzt ganz ſo, wie ich in dem Augen⸗ blicke dachte, als der Brief meines armen Sohnes und 197 Ihre ſchönen Gegenvorſtellungen nach Ghazerapore kamen. Ich dachte, Hamlyn habe eine grundfalſche Anſicht gehabt, aber nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen gehandelt. Aber wenn er das Geſchäfte vollbringt, das die genannten zwei Burſche, die magern und fetten Kühe Lauchingtons, ihm zuſchieben, dann handelt er, ſtatt nach Wiſſen und Gewiſſen, auf das Schlechteſte, und Niemand kann alsdann in dieſer Sache über ſeinen Charakter im Irrthum ſein. Was das betrifft, daß ich hingehen und mit ihm rechten ſoll, Nelly, ſo betheure ich beim heiligen Georg! ich könnte zu dieſem Zwecke nicht einmal die Augen gegen ihn aufſchlagen. Es wäre, wie wenn ich mit einem Burſchen rechten wollte, deſſen Hand ich in meiner Taſche gefunden hätte. Den Taſchen⸗ dieb könnte ich niederdonnern; dagegen möchte ich durch⸗ aus nicht in Verſuchung kommen, gegen Herrn Hamlyn irgend ein unſchönes Wort in den Mund zu nehmen, was den Lippen eines Vaters von jenen zwei armen Knaben gar übel anſtände, denen Hamlyn ſein Haus und ſein Herz öffnete, als ſie keine andere Seele hatten, die für ſie ſorgen oder ihnen eine Chriſttags⸗Heimat geben konnte.“ Miſtreß Hamilton ſagte entſchieden:„Doch iſt die getreuſte Handlung der Freundſchaft, welche wir gegen Jemand ausüben können, die, daß wir zu ſeinen Gun⸗ ſten einen mühevollen Dienſt übernehmen, vor dem Andere ſcheue zurückweichen.“. Zu ganz ungeſchickter Zeit kam nun ein Beſuch, der ſie unterbrach. Miß Creswell machte mit ihrem jungen Zöglinge die Aufwartung. Die letztere Perſon wurde von Frau Hamlyn hie und da mit einer Botſchaft an Miſtreß Hamilton abgeſandt, und mußte eine ſolche auf ihren Morgenſpaziergängen überbringen. Der Oberſt, der, wie wir wiſſen, junges Volk herzlich liebte, fing an, die Liebe und Zärtlichkeit, die er einſt gegen Lydia gezeigt hatte, auch gegen Harriet zu zeigen. Ueberdieß wurde das junge Madchen wegen der dringenden Ge⸗ ſchäfte in Cavendiſh⸗Square, welche durch die nahebe⸗ vorſtehende Hochzeit hervorgerufen wurden, zu Hauſe einigermaßen überſehen und vernachläſſigt. Darum war es niemals glücklicher, als wenn es den Hamiltons eine Botſchaft zu überbringen hatte.. Das Schreiben, deſſen Ueberbringerin ſie war, hatte bloß ſo Viel zu beſagen: Ellen ſollte an dieſem Abend Lydia zur Marquiſin begleiten, welche eben ihrer Schwie⸗ gertochter den Auftrag ertheilt hatte, Ellen einladen zu laſſen. Miſtreß Hamlyn hatte deßhalb Harriet ein Schreiben an Ellen mitgegeben. Die wahre Abſicht, warum Harriet abgeſandt worden, wurde Miſtreß Hamilton dann erſt klar, als ihre junge Freundin plötz⸗ lich ausrief: 4 „Mein theurer Oberſt Hamilton! iſt es nicht Schade, daß wir auch jetzt nicht Henry in der Stadt haben ſollen! Anſtatt, daß er gekommen wäre, um ſich mit uns ver⸗ gnügte Tage zu machen, iſt er nach Dean gegangen, wo er um dieſe Jahreszeit keine Seele finden wird, die ſich mit ihm unterhalten könnte.“ Der Oberſt warf einen verſtohlenen Blick auf Ellen, welche gerade wundervoll geſchäftig war, dem von Har⸗ riet überbrachten Einladungsſchreiben der Miſtreß Ham⸗ lyn die Geſtalt einer winzigen Narrenkappe zu geben. 8 Harriet fuhr fort:„Denken Sie doch daran, was wird er für Langeweile ausſtehen! Kein Geſchöpf iſt auf Burlington, das ihn bewillkommnen könnte, als der alte Carlo. Zu Hauſe, zu Dean⸗Park, hat er bloß die kahlen Wände zur Unterhaltung. Doktor Markham wird wegen der nahen Niederkunft ſeiner Frau auch nicht gerne aus ſeinem Orte heraus gehen. Wie viel glück⸗ licher wäre mein Bruder hier in London geweſen!“ Miß Creswell unterbrach ſie mit ihrer Schulweis⸗ heit und ſagte:„Du vergiſſeſt, meine Theure, daß Dein Bruder ernſte Geſchäfte hat, die ſeine Zeit völlig aus⸗ füllen, und ihn gegen unnütze Zerſtrenungen vollkommen abgeneigt machen.“ 4 2 199 Der Oberſt rief aus:„Meine gute, theure Dame! das iſt gerade die Sache. Sein tiefes Studiren hat ihm gerade die Schwindſucht an den Hals geworfen; und deßhalb wollen wir ihn unter uns haben, ihn pflegen und hegen. Unnütze Zerſtreuungen ſind ihm gefährlich; bei ihm iſt der Bogen zu ſehr geſpannt, und wenn wir die Sehne nicht etwas nachlaſſen, ſo kann ſte reißen. Was haben wir alsdann vom tiefen und vielen Studiren? Jal ich denke, dieſer ſein thörichter Eigenſinn koſtet mich noch eine Reiſe, damit ich ihn zu Sinnen bringe. Ich weiß nicht, wie ich's im gleichen Falle mit meinen eigenen Söhnen gehalten häͤtte, da ja ſchon Hamlyns Jungen aus dem armen, alten Mann einen gemeinen Botenträger machen.“ Kaum hatte Ellen für den heutigen Abend zugeſagt, kaum war die Gouvernantin mit Harriet wieder abge⸗ zogen, als Ellen den Oberſt zu bewegen wußte, er ſolle den jungen Einſiedler für ein Paar Tage ſich ſelbſt überlaſſen, ſein Herz werde von ſelbſt zu ſeinen früheren Gefühlen und Empfindungen zurückkehren. Es wäre ihr nicht lieb geweſen, wenn Henry und ihr Schwiegervater ohne ihr Beiſein zuſammengetroffen wären. Weil ſie das Feuer der freundſchaftlichen Zuneigung Oberſt Ha⸗ miltons wohl kannte, ſo befürchtete ſie, er möchte ſo keck ſein, und die Melancholie des Kranken auf ihre Koſten tröſten, und ihm unter der Hand merken laſſen, daß ſie in ihn verliebt ſei, während ſie doch von Henry in der Stille einen Korb erhalten hatte, und deßhalb ihr Selbſtgefühl ihr wehrte, gegen Henry noch ferner die Verliebte zu ſpielen. Ihr hoher Geiſt war an Mit⸗ teln und Auswegen unerſchöpflich, und ſie hatte den Weg bereits ausfindig gemacht, den ſie ſowohl in Beziehung auf Henry Hamiyn, als die Schlechtigkeit, die man ſeinem Vater Schuld gab, einzuſchlagen hatte. Eine Stunde nach ihrer Unterredung beim Frühſtück ſandte ſie Johnſton mit einem Briefe, der auf der Eiſen⸗ bahn befördert werden ſollte, nach Euton⸗Square. Auch 200 ſollte Johnſton dafür ſorgen, daß er von Rugby nach Orington, durch welches letztere keine Eiſenbahn geht, vermittelſt eines Boten befördert werden ſolle. Dieſer Brief gab Hamlyn von der ſchlimmen Lage ſeines Vaters in politiſchen Angelegenheiten Kunde, auch enthielt er Ermahnungen von ihrer Seite, er ſolle augenblicklich nach London aufbrechen, und ſeinen ganzen Einfluß bei ſeinem Vater aufbieten, daß er keinen Schritt begehe, der nicht mehr gut gemacht werden könne. Der armen Ellen war für die Folgen eines etwai⸗ gen Zauderns in dieſer Angelegenheit äußerſt bange. Sie blieb zwar bei ihrem feſten Entſchluß, niemals die Frau eines Bankiers zu werden, aber ſie konnte ſich nicht enthalten, eitle Hoffnungen und Erwartungen zu hegen, durch welche die Träumereien von Leuten erhei⸗ tert werden, deren Herz tief angegriffen iſt. Es kam ihr vor, als ob ihre eigenen Intereſſen für die Zukunft in der engſten Verbindung mit denen Henry's wären. Ueberdieß waren ihr die von Henry, ſelbſt abgeſehen von allen ſelbſtſüchtigen Betrachtungen, ſo theuer, daß ſie es hoch aufnehmen mußte, als zu befürchten ſtand, ſein Familien⸗Name könne in ſchlechten Ruf kommen. So ſehr ſie Richard Hamlyn verabſcheute, ſo gut kannte ſie den hohen Kredit, den ſein Haus genoß, die hohe Achtung, die dem Bankier zu Theil wurde. Sogar in Ormeau, ſogar unter den Coffingtons, welche ihn perſönlich nicht leiden konnten, hatte ſie mit der Achtung, die der Rechtſchaffenheit und Tüchtigkeit gebührt, von ihm ſprechen hören. Was ſeine Stellung im Parlamente betrifft, ſo hatte ſie ſich bis jetzt bewogen gefunden, ihn mit einer Ehrfurcht zu betrachten, welche ſie ihm in Privatangelegenheiten durchaus verſagte, da er ſie früher ſo ſchwer gekränkt hatte. Dringend waren daher ihre Bitten an Henry, er ſolle doch ihrem Rathe nach beſten Kräften nachkommen, wenn ihm anders der Name ſeines Vaters und der gute Ruf ſeiner Familie am Herzen liege. 201 Ihr Brief lautete folgendermaßen:„Ich befürchte nicht, daß Sie die Quelle meines Schreibens in meiner Schwäche, im Wunſche, Sie wieder ſehen zu wollen, ſuchen werden. Bei dem Verhältniß, in welchem wir gegen einander ſtanden und ſtehen, könnte eine ſolche Zuſammenkunft von uns Beiden bloß mit Kummer und Erniedrigung erkauft werden. Ich bin überzeugt, Sie wiſſen meinen Wunſch zu ſchätzen, der darin beſteht, daß der Name, den ich früher äußerſt gerne zum meinigen gemacht hätte, fleckenlos und rein in den Annalen des Landes ſtehen ſoll. Denn dieſer Hochverrath Ihres Vaters wird einen Theil ſeiner Geſchichte bilden. Wenn ein Mann aus Eigennutz die Intereſſen ſeiner Genoſſen⸗ ſchaft verräth, mag nun dieſe dem Gebiete des Adels angehören oder bloß eine Vereinigung von thätigen Mit⸗ gliedern der Kaufmannſchaft ſein, ſo erhält er durch die Größe der Schmach, die er auf ſich ladet, einen gewich⸗ tigen Namen. In unſerem Lande hält die Ariſtokratie des Reichthums der Ariſtokratie der Geburt vollkommen die Wage; und ein Paar Generationen geben vielleicht der letzteren das Uebergewicht. Ich bin überzeugt, wenn durch den Abfall Ihres Vaters eine Sache, die Ihnen wohl bekannt iſt, eine Niederlage erleidet, ſo wird un⸗ ſerem Handelskredit in fremden Ländern ein ſchlimmer Schlag beigebracht; und, wo immer gefragt wird, von was dieſer Schlag herrühre, wie entfernt auch die Stelle ſein mag, wo ſich die Wirkung dieſes Schlages ſpüren läßt— ſein Name, ſein Name, der auch zugleich der Ihrige iſt, wird jedesmal erwähnt werden, wenn alle aus dieſer Handlung entſpringenden Unglücksfälle ver⸗ wünſcht und verflucht werden. Mein theuerſter Henry! verhindern Sie dieß! Erweiſen Sie Ihre tieffinnige Dialektik, um Ihren Vater davon zu überzeugen, daß es für ihn noch nicht zu ſpät iſt, wenn er die beabſich⸗ tigte ſchändliche That unterlaſſen will. Vergelten Sie ihm ſein hartes Benehmen gegen Sie dadurch, daß Sie ihn abhalten, einen ſo unverbeſſerlichen Irrthum zu begehen.“ Als dieſer Brief einmal unterwegs war, war es ihr leichter ums Herz. Wenn ſie einen Theil des Tages über in Geſellſchaft der Hamlyns war, ſo kam es ihr ganz unheimlich vor, daß die Hamlyns ſo vergnügt, ſo ganz ohne Argwohn waren, während doch die Familie von einem Unglücke bedroht war, das, wie es ſchien, ihr und Oberſt Hamilton allein bekannt war. Im Ge⸗ ſellſchaftszimmer im Cavendiſh⸗Square traf ſie, wie ge⸗ wöhnlich, Miſtreß Hamlyn, Walther, Lydia, Lord Dart⸗ ford. Sie hatten ſich eben darüber, daß Henry ihre Hoffnung getäuſcht hatte, einigermaßen mißbilligend geäußert, nun aber nahmen ſie die Unterhaltung wieder auf, welche den Bemerkungen über Henry vorausgegan⸗ gen war. Sie ſprachen von Spitzen aus Alenca, künſt⸗ lichen Pomeranzenblüthen, Spezial⸗Lizenzen zum Zwecke der Vermählung, und ſuchten die Frage zu beantworten, wie viel man beim Faſſen einer mit Diamanten beſetzten Baronen⸗ krone brauche, um Pracht und Einfachheit zu verbinden. In der Freude ihres jugendlichen, unſchuldigen Her⸗ zens entlehnte ſie von dem heitern, hochbegeiſterten, jun⸗ gen Manne, welchem ſie ihre Liebe angelobt hatte, einen Theil des Leichtſinnes, der in der Regel mit einer hohen Stellung Hand in Hand geht, und wenn Miſtreß Ham⸗ lyn gelegenheitlich auf das ſelige, unſchuldige Paar einen der traurigen Blicke warf, welche Leute, die Vieles durchgemacht haben, auf Perſonen werfen, die erſt als Neulinge in das Leben eintreten, in deren Augen Alles, was glänzt, Gold iſt: ſo ließ ſich hie und da ihre Ernſt⸗ haftigkeit von der Freude und Seligkeit, die ihre Kinder aufheiterte, anſtecken, und verwandelte ſich in ein heite⸗ res, munteres Weſen. Wenn Lydia neben dem hochgeſtellten Bräutigam, der ſie für ſich aus der Welt heraus erleſen hatte, Hand — in Hand ſaß, ſo ſah ſie ſo ſelig, ſo ſchön, ſo heiter, ſo verliebt aus! daß das Herz ihrer Mutter vor Zärtlichkeit überfloß, und die verſunkenen Felſen des Lebens auf einen Augenblick von Ebbe und Fluth beſpült wurden. Als ſich Miſtreß Hamilton wieder zu ihrer Chaiſe begab und dabei durch das Speiſezimmer ging, diente ihr in tiefſter Ehrfurcht als Begleiter Kapitän Hamlyn, der dem ſchönen Weibe, das er als die Wittwe Bos Hamiltons verſchmäht hatte, deßwegen huldigte, weil ſie ſeiner Anſicht nach die Gemahlin Lord Eduard Suttons werden ſollte. Bei dieſer Gelegenheit ſah ſie die reiche Speiſetafel Hamlyns, welche Ramſey ſoeben für ein Gaſteſſen gedeckt hatte, und auf welcher damaſtene Tiſch⸗ tücher, kryſtallene, ſilberne Gefäße zu ſehen waren: lau⸗ ter Dinge, die einen ungemeinen Luxus zur Schau ſtell⸗ ten. Daneben ſtand ein prächtiger, ſchwer beladener Schenktiſch und vor ihm ſchweigende Bediente. Sie hörte nicht auf das, was der ſtutzerhafte, ge⸗ fühlloſe Walther unter ſeinen Knebelbart murmelte, ſondern ſtellte folgende Betrachtung an:„Das iſt alſo der Flitter und Tand, um deſſen willen dieſer Mann ſein Gewiſſen befleckt. O Iſrael! das ſind alſo deine Götter! Wie ſchmerzlich iſt nicht der Gedanke, daß ſo viele hundert Perſonen, Männer wie Weiber, verleitet werden, ſich durch Schulden um ihren guten Namen zu bringen, und ihr Leben durch Gewiſſensbiſſe zu einem Höllenleben zu machen, nur damit ihre Eitelkeit durch michis bedeutenden Flimmer, wie dieſer iſt, gekitzelt werde.“ An dieſem Tage ſpeiste ſie mit ihrem Schwieger⸗ vater bei Lord Coſſingtons. So lange der Vater des Marquis noch lebte, war das Einkommen des Marquis ſchmal, und das redlich denkende Paar hielt auch ſo viel auf ſeinen guten Ruf, daß es, anſtatt Schulden zu machen, ſich mit dem begnügte, was es hatte. Deßhalb verſchönerten ſie ihr ruhiges, angenehmes Haus in Wilton⸗ Crescent nicht mit brillanten Neuigkeiten und pompöſen Galanteriewaaren, welche dem Hauſe des Bankiers Aus⸗ zeichnung verliehen. Ein Paar heitere Freunde an ihrem Tiſche, eine gute Hausmannskoſt auf demſelben, eine angenehme Unterhaltung, die unter ſolchen Umſtänden nicht fehlen konnte, bewirkte, daß bei ihnen der Abend weit angenehmer vorüberging, als je in Cavendiſh⸗Square der Fall war, wo der Wirth im Geheimen und mit höchſter Spannung immer darauf bedacht war, den Gä⸗ ſten ſeine Herrlichkeiten zu zeigen, und die Wirthin im⸗ mer auf die wechſelnden Gemüthsbewegungen im Herzen ihres Mannes achtete. Ellen wurde natürlicherweiſe vom kleinen geſellſchaft⸗ lichen Zirkel in Wilton⸗Crescent als Freundin aufgenom⸗ men und die ſchönen Kinder der Marquiſin klimmten voll Zutraulichkeit an ihren Knien hinauf; allein ſie hatte auch hier einen Schmerzen. Dieſer war folgen⸗ der: Sie wußte, ihre Gegenwart hatte Lord Eduard Sutton aus dem Haufe ſeines Bruders vertrieben. Er befürchtete nämlich innigere Vertraulichkeit mit einer Per⸗ ſon, welche ihm ausdrücklich erklärt hatte, daß ihr Herz einem Andern gehöre, könne das Glück ſeines Lebens gefährden.— Es war ihr nicht beſonders wohl zu Muth, als ihr Wagen ankam, um ſie für den Reſt des Ahends in das Haus Lord Dartfords zu führen. Die Heeiterkeit des beglückten Marquis und das aufgeweckte wilde Treiben im Hauſe, ſagte ihrer niedergedrückten Stimmung wirklicher Zeit weniger zu, als das ruhige Familienleben der Coſſingtons. Am folgenden Tage wurde zu einer Zeit, zu welcher in der Regel noch keine Morgenbeſuche gemacht werden, Henry Hamlyn im Geſellſchaftszimmer in der Sanct⸗ Jakobs⸗Straße angemeldet. Wäre nicht, ihren alter⸗ thümlichen Manieren gemäß, die Herzogin von Elvaſton bereits bei Ellen geſeſſen, es wäre Ellen nicht wohl möglich geweſen, einen Schrei des Entſetzens zu unter⸗ drücken, als ſie die Veränderung ſah, welche im Laufe der letzten drei Monate mit ihrem Liebhaber vorgegan⸗ gen war. Am Tage, als das Parlament zuſammentrat, waren ſie von einander geſchieden. Damals war Harry 5 20⁵ von Cambridge her geeilt, hatte ſie auf den Treppen des Tower getroffen und in ihr Hotel geführt. Damals waren Beide voll Hoffnung, Seligkeit und Geſundheit geweſen; aber jetzt lag im hohlen Auge ihres Gaſtes Etwas, das ihr den zerſtörten Blick des armen Robert Hamilton während ſeiner letzten Krankheit ſo lebhaft vor die Seele führte, daß ſie nicht anders konnte, ſie mußte ihre Hand mit aller Macht auf ihr Herz drücken, und Athem ſuchen, ehe ſie das Geſpräch mit der Herzogin, das durch Henry's Ankunft unterbrochen worden war, wieder fortſetzen konnte. Auch gewann Henry Nichts an Faſſung, als er aus der Unterredung der Beiden den Namen der angeſehenen Matrone aufgriff, welche ſich in ihrem Benehmen gegen Ellen ſo mütterlich zeigte. Denn da ihm die gemeine Sage Lord Eduard Sutton als den Liebhaber Ellens hezeichnet hatte, ſo glaubte er im Tone der Unterhaltung zwiſchen Ellen und der Marquiſin den Ausdruck ächt mütterlicher Gefühle zu finden. 4 Dem Oberſt war die Ankunft des neuen Beſuches pünktlich angemeldet worden. Er ſtürzte herein und be⸗ grüßte mit tauſend herzlichen Glückswünſchen einen Jüng⸗ ling, den er ungünſtiger Umſtände wegen bis jetzt noch nicht hatte kennen lernen, während er doch mit den uͤbrigen Gliedern der Familie ſo innig vertraut war. Er hatte Henry bloß ein einziges Mal und nur auf einige Minu⸗ ten bei einem Morgenbeſuche in Cavendiſh⸗Square ge⸗ ſehen, allein er begrüßte ihn eher als einen Sohn, wie als einen Fremden. Ein Mann von ſeinem heitern Weſen konnte es nicht über das Herz bringen; er mußte einen verſtohlenen Blick auf Ellen werfen, um zu ſehen, wie ſte ſeine unerwartete Ankunft aufnähme. Er wurde hierüber ſogleich aufgeklärt. Denn anſtatt eines ſeligen Lächelns und eines roſigen Erröthens, das er erwartet hatte, überzog Todesbläſſe das Angeſicht ſeiner Schwie⸗ gertochter, welche dadurch eher einer Statue der Viole, als einem lebenden Weſen glich. Damit das junge Paar Gelegenheit erhielt, ſich wieder zu erholen und gegenſeitig ein Paar zärtliche Worte auszutauſchen, brach der Oberſt plötzlich mit einem mächtigen Anfalle von Galanterie gegen die Herzogin von Elvaſton los. Er that es nicht anders, ſie mußte ein Paar Bände italieniſcher Kupferſtiche ſehen, die Ellen von Italien mitgebracht hatte, und die er erſt vor ein Paar Tagen dem Zollhauſe hatte aus den Klauen reißen können. 8 Die Sache that die gewünſchte Wirkung. Während die Herzogin ſeinen Vorſchlag annahm, und ſie auf einem großen Tiſche am Fenſter, der hiezu paſſender war, als der, vor dem ſie mit Ellen geſeſſen hatte, die Kupfer⸗ ſtiche beſahen, redete Henry Hamlyn in abgebrochenen Worten voll Aufregung Miſtreß Hamilton an. Ein Paar geliſpelter Worte dienten dazu, eine ganze Maſſe böſer Nachrichten einzuleiten. 4 Henry ſagte ohne Vorrede zu ihr:„Ich danke Ihnen herzlich für die Erinnerung, die Sie mir zukommen ließen. Die Mühe, die ſie ſich bei dieſer Gelegenheit gegeben haben, ſchätze ich ungemein hoch, weil ein ſolches Be⸗ nehmen aus einem edlen, verzeihenden Herzen ſtammte. Vergeblich! meine Verwendung war ganz nutzlos. Ich habe ihn geſehen. Ich habe mit der äußerſten Hochach⸗ tung, mit der äußerſten Wärme Gegenvorſtellungen ge⸗ macht, Argumentationen und Betheurungen angewandt, aber Alles, Alles vergebens. Er iſt entſchloſſen, ſich ſelbſt aufzugeben, ja er, deſſen geiſtige Selbſtſtändigkeit, deſſen feſte Grundſätze ich wie die eines Halbgottes verehrte. O Ellen! Alles kann ich leicht ertragen, nur dieß nicht. Die Zerſtörung meines eigenen Glückes auf dieſer Erde gilt mir Nichts gegen dieſen Unfall. Ich habe Viel gelitten. Meine Geſundheit iſt wankend, meine geiſtigen Kräfte ſind gebrochen, und nun— Aber ich bin zu ſelbſtſüchtig, daß ich Sie durch Erzählung meiner Leiden quäle.“ Er hielt inne, als er ſah, wie ſich aus den Augen der Miſtreß Hamilton Thränen ſtahlen.„Meine theuerſte Ellen!“ fuhr er fort,„ich kann London nicht — 207 verlaſſen, ohne Ihnen dankbar zu ſein, und Sie zu ſegnen.⸗ Miſtreß Hamilton war für die Kunde, daß er Lon⸗ don ſo ſchnell verlaſſen wolle, nicht vorbereitet. Sie ſtammelte:„So ſchnell wollen Sie fort?“ Er erwiederte:„Was wollen Sie denn, daß ich hier thun ſoll? Meine Theuerſte! ich kann mich nicht ent⸗ ſchließen, hier zu bleiben. Ich habhe nicht Muth genug um zu hören, wie der Name meines Vaters die Fabel der Clubbs, die Zielſcheibe für den Hohn ſeiner alten Freunde, und der Spott der Zeitungen wird. Gerade, als ich hieher kam, traf ich zuſammen mit— aber es liegt Nichts daran, Sie ſollen keinen Antheil an der Erniedrigung haben, die mich trifft. Leben Sie wohl!“ Bei ihrem tiefen Kummer war es Miſtreß Hamilton unmöglich, ihre Hand zurückzuziehen, zum Zeichen, daß er noch bleiben ſolle; auch fehlte es ihr in dieſem Augen⸗ blicke an der Stimme und an Faſſung, um zu verſuchen, ob ſie ihn nicht zurückhalten könne. Während dieſer Zeit ſchlug Oberſt Hamilton und die Herzogin die rau⸗ ſchenden Blätter Piraneſis auf Leben und Tod um, und ſahen Nichts, was vorging. Aber als Miſtreß Hamilton die Glocke anzog, damit ein Diener Henry die Haus⸗ thüre öffne, wurde der Oberſt aufmerkſam und wandte ſich plötzlich um, dem ſcheidenden Henry die Hand zu drücken, die er gegen ihn ausreckte. Er war nicht im Mindeſtet⸗ verſucht, ſeiner Lieb⸗ haberei nachzugeben, und bunte Späſſe und Witze zu machen, als er dem hohlen Geſichte ſeines jungen Freundes die Zügezzeines tiefen, verzehrenden Kummers aufgedrückt ſah. Er fragte ihn, wohin er wolle, ob er ein Pferd oder ein Cabriolet bei ſich habe? Er antwortete ſtammelnd:„Ich will nach Kniths⸗ bridge, ich will meinen Bruder ſehen.“ Oberſt Hamilton ſah wohl, daß der junge Mann die eilig geſprochenen Worte nur mit Mühe ſagen konnte. Er wollte die Herzogin, die eine Brille auf hatte 208 Henrys Aufregung nicht merken laſſen, und nahm deß⸗ halb ſein altes Geſchäfte wieder vor. Er ſchlug die Blätter mit ſo viel Rumor um, als ob die Welt keinen Gegenſtand enthielte, der ihm mehr am Herzen liegen müßte, als die Ruinen des Kapitols oder die Fluren der römiſchen Campagna. Nachdem Henry das Zimmer verlaſſen hatte, fragte die Herzogin, ob dieß der jüngere Sohn Hamlyns von Dean⸗Park ſei. Sie fuhr fort:„Dieſe jungen Leute haben einen ſehr gediegenen Charakter. Die künftige Marquiſin von Dartford wird von allen Gliedern ihrer neuen Familie ſehr hoch geachtet, und mein Sohn Richard, der unter der Leibgarde iſt, ſagt mir, der älteſte Sohn ſei einer der ſchmuckeſten Ofſtziere des blauen Regimentes. Der jüngere, der gerade da war, ſcheint mir ein ſehr anſtändiger junger Mann zu ſein. Er ſieht ſeiner Mutter ein wenig gleich, und dieſe iſt, ſo viel ich mich erinnere, eine ſehr angenehme, hübſche Frau. Ich denke, er iſt in ſeines Vaters Geſchäft?“ Der Oberſt erwiederte ſtolz:„Für den Augenblick iſt er bloß einer der erſten Studierenden des König⸗ reiches, und wohl der, der das heſte Examen unter allen ſeinen Concurrenten machen wird. Aber, über kurz oder lang wird er Bankier ſein, und im Parlamente ſitzen, und dann,(das wage ich Euer Gnaden voraus⸗ zuſagen) werden wir Neuigkeiten über ihn zu hören bekommen.“ Sir Henry Middlebury hätte nicht wohl ein beſſerer Frageſteller ſein können, als in dieſem Augenblicke die gute, alte langweilige Herzogin wurde. Beim Worte „Parlament,“ einen für die Ohren aller Suttons ſo bedeutungsvollen Loſungswort, wußte ſie ſo manche Fragen zu ſtellen, daß ſie drei große Blätter, wie Pinnock und Mangnall ſie gewöhnlich drucken, ausge⸗ füllt haben würden. Sie bezogen ſich auf die Ausſichten des künftigen Senators, ſeine Prinzipien und Grund⸗ ſätze, ſeine Erziehung, ſeinen Hofmeiſter, die von ihm b 209 beſuchte Hochſchule, ja ſogar auf das Gymnaſtum, in welches er geſchickt worden war. Während die arme Ellen nach und nach die Selbſt⸗ beherrſchung wieder gewann, welche von ihr für die in naher Ausſicht ſtehenden Abſchiedscomplimente gefordert wurden, ſagte Oberſt Hamilton auf die Fragen der Herzogin nichts Anderes, als Ja oder Nein⸗ Hie und da brachte er auch gelegenheitlich ein„ich denke ſo,“ oder„wir werden ſehen.“ Hie und da ſah er auch über ſeine Schultern nach dem Ofen, in deſſen Nähe Ellen ſtand. Ellen dagegen wandte ihr Geſicht dem Spiegel zu und legte ihre Rabenhaare zurecht, um nicht bemerkt zu werden, wie ſie von ihren Augen und Wangen die Thränen wiſchte, welche ſogar ihre energiſche Natur in dieſem Augenblicke nicht zu unterdrücken vermochte. Achtes Kapitel. Sein Glück wünſch ich mit ihm zu theilen, Doch ſeine Leiden ſeien alle mein! Sonthey. Die arme Miſtreß Hamilton war über das zerſtörte Ausſehen des armen Henry tief bekümmert, und nahm an dem Unglück, das wirklich ſo ſchwer auf ſeiner Seele laſtete, mit vollem Herzen Antheil. Deßhalb war es ihr vollkommen unmöglich, ihre gewöhnlichen Tagesbe⸗ ſchäftigungen fortzuſetzen. Geſtern bei einer Mahlzeit in Cavendiſh⸗Square hatte Lord Sutton dem alten Krieger, dem Oberſt, verſprochen, er wolle ihm heute, in ſeiner Kaſerne die Reitſchule, ſodann ſeine eigenen Pferde und Vollblutshengſte aus Irland zeigen. Und wirklich begab ſich auch heute der Oberſt.3 Sutton in die Kaſerne. Deßhalb hatte glücklicher Weiſe Miſtreß Hamilton Muſe, nach Cavendiſh⸗Square zu eilen, und Die Bankiersfrau. II. 14. die arme Mutter Henrys, deren Bangigkeit wegen der Zukunft ihrer Anſicht nach ſo groß ſein mußte, als die ihrige, ſo gut als möglich zu tröſten. Zu ihrem Erſtaunen, zu ihrem Aerger war Miſtreß Hamlyn nicht zu Hauſe. Die bevorſtehende Heirat ihrer Tochter machte ihr tauſend gewöhnliche, aber nothwendige Geſchäfte. Es gelang Ellen, durch Kreuz⸗ und Querfragen, die ſie an Harriet und Miß Creswell richtete, herauszubringen, daß Henry ſeit ſeiner Rückkehr von der Stadt ſeine Mutter nicht beſucht habe, daß man in Cavendiſh⸗Square Nichts von ſeinem Thun und Treiben wiſſe, und daß die ganze Familie der Hamlyns heute veuch ein im Hauſe der Lady Vernon gegebenes Concert eſuche. Der von den Hamlyns beabſichtigte Beſuch des genannten Concertes mußte den ſchlagendſten Beweis dafür ablegen, daß Frau Hamlyn von der ſeltſamen Lage ihres Gemahles noch nicht die mindeſte Kenntniß hatte. Wir kennen ſie als eine Dame, die ſich zu jeder Zeit mit den Intereſſen des öffentlichen Lebens wenig abgab, und der Mangel an herzlicher Liebe zwiſchen ihr und ihrem Gemahle verhinderte die ſonſt zwiſchen zwei Gatten ſo gewöhnlichen Mittheilungen, durch welche die Gefahr, in der Hamlyn ſchwebte, ihr ſo gut als ihrem Gemahle ans Herz gegangen wäre. Es war ihr etwas ganz Gewöhnliches, zu ſehen, wie ſeine Augenbraune voll Wolken hängen, wenn er des Morgens ſein Geſchäfts⸗ haus verließ. Deßhalb machte ihr auch jetzt dieſer Umſtand keine Sorgen. Die Unterredung Henrys mit ihm in der Lombardſtraße, deſſen Inhalt wir wiſſen, war ihr bis jetzt ganz unbekannt. Auch konnte ſie möglicherweiſe noch nicht durch Gerüchte, die unter den Leuten herumgegangen wären, über das ſie bedrohende Unglück in Kenntniß geſetzt werden. Daß Hamlyn der Sache ſeiner Citygenoſſen untreu geworden wäre— daran dachte man bis jetzt durchaus nicht. Nur ein beſchränkter Kreis von Parla⸗ — * 211 8 mentsmitgliedern wußte davon, und zwar in Folge einer geheimen Veranſtaltung der Miniſter, welche förmlich die Abſicht hatten, die Widerſpenſtigkeit einiger anderer Parlamentsmitglieder zu erſchuͤttern, die ſich bei Fragen von kaufmänniſchem Intereſſe gewöhnlich durch die An⸗ ſichten des Wahlmitgliedes von Barsthorpe beſtimmen ließen. Auf dieſem Wege war die Kunde zu den Ohren Sir Benjamin Bodwells gedrungen, und hatte durch ſeine Schuld das Herz des Oberſt Hamiltons in Beſtürzung verſetzt. Dagegen erwartete die Mehrzahl der Parlaments⸗ mitglieder, die wohl wußte, daß in dieſer Nacht die Sache beſprochen werden ſolle, ganz ſicher, Hamlyn werde mit der gleichen Abſicht, wie ſeit alten Zeiten, den Rednerſtuhl beſteigen, und mit ſeinem gewöhnlichen redneriſchen Feuer und ſeiner tiefen Einſicht in die Sache den Pfad der Politik verfolgen, den er ſo lange, mit folcher ſich ſo gut bewußten Entſchiedenheit verfolgt habe. Daß die Entdeckung ſeines plötzlichen Abfalles, in Verbindung mit der Kunde von ſeiner nahen Erhebung in den Adelsſtand eine ganze Schaar triumphirender Feinde gegen ihn in Harniſch bringen würde, daran zweifelte Miſtreß Hamilton nicht. Aufrichtigen Schmerz empfand ſie darüber, daß Lydia und ihre Mutter unter dem Dache von Perſonen, von denen ſie wußte, daß ſie die Feinde der Hamlyns ſeien, durch eine Kunde von ſolcher Art überraſcht werden ſollten Wenn die Parla⸗ mentsſitzung frühe gehalten wurde, war mehr, als wahrſcheinlich, daß manches Parlamentsmitglied mit einem kunde voll Neuigkeiten das Haus verlaſſen, nach Grosvenor⸗Place kommen, und die Kunde von der aus⸗ gezeichneten Selbſtaufopferung des Bankiers Hamlyn überbringen konnte. Sie wagte nicht in dieſer Sache einen Brief an Miſtreß Hamlyn abgehen zu laſſen. Es iſt ſo gar ſchwer, in einem Schreiben, das einem Weibe vor die Augen kommen ſoll, davon zu ſprechen, daß der Gemahl ehrlos geworden ſei. Ueberdieß war es ſehr 212 wahrſcheinlich, es könnte ein Brief, den einer der Bedienten Oberſt Hamiltons nach Grosvenor⸗Square brachte, gar leicht in die Hände des Bankiers fallen. Auf dieſe Weiſe war es Miſtreß Hamilton unmöglich, über eine Sache, die ihr ſo ſehr am Herzen lag, ihrer Freundin Winke und Aufſchlüſſe zu geben. Sie dachte:„Mögen die Sachen ſtehen, wie ſie wollen— Weiber ſind für politiſche Fehler, die ihre Gatten begehen, nicht verantwortlich, und die Geſellſchaft der Vernons iſt aus Leuten zuſammengeſetzt, die zu gut erzogen find, als daß ſie die biedere Miſtreß Hamilton auch nur das Geringſte davon merken laſſen, daß ihr Name in Gefahr ſteht, durch die Schandthat dieſes verächtlichen Mannes entehrt zu werden.“ Sie war entſchloſſen, Lady Coſſington dieſen Abend in die Privatloge der Herzogin von Elvaſton im Covent⸗ gartentheater zu begleiten. Sie befürchtete, wenn ſie dieß nicht thue, werde der Oberſt allerlei hinter ihrem zu Zuhauſebleiben ſuchen. Deßhalb hielt ſie es für das Beſte, in das Schauſpiel zu gehen und zum Scheine dem gegebenen Stücke ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken; denn auch dort dachte ſie, könne ſie ihren Gedanken füur ſich nachhängen. Ueberdieß mußte das Zuhauſebleiben ihrer Anſicht nach auch noch den Nachtheil für ſie haben, daß ſie ſich immer mehr in ihre kummervollen Phantaſten vertiefte, neben dem, daß ſie ihrem Schwiegervater Sorge machte. Dieſes Mal hatte die arme Ellen von der Luſtigkeit des Oberſten Nichts zu befürchten. Ein Mann, auf den er ein ſo unbegränztes Vertrauen geſetzt hatte, ſollte nun ſeinen guten Namen verlieren, und eine Familie ins Unglück ſtürzen, die ihm unter allen auf der Welt die liebſte war. Dieſer Gedanke machte ihm ſo viel Kummer und Sorgen, daß er weit entfernt war, ſeine gewöhnlichen Späſſe auszulaſſen, oder wie ſonſt eine Freude daran hatte, von einer guten Loge aus ein gutes Stück zu genießen, nein er blieb ſo ſchweigſam und ſtill, als 213 Ellen ſelbſt, bis am Ende des Nachſtückes Lord Coſ⸗ fington hereintrat. Seine Gemahlin, welcher er zuvor geſagt hatte, ſte dürfe nicht auf ihn warten, wenn ſie das Theater ver⸗ laſſe, fragte ihn, ob denn heute Abend das Unterhaus nicht zuſammengekommen ſei. „Freilich! aber zu meinem hohen Erſtaunen hatte man mich gar nicht nöthig, und ich habe mich deßhalb davon gemacht. Heute Abend war das Haus ziemlich leer.— Eine bewunderungswürdige Rede des Bankiers Hamlyn wird bewirken, daß die Miniſter ſiegen.“ Noch weiter ſprachen ſie über Politik. Lady Coſ⸗ ſington fand in dem, was ihr Gemahl ihr hinterbrachte, nichts Ueberraſchendes. Sie wußte, Hamlyn ſtand bei manchen Gelegenheiten auf ihrer Seite, und unterſtützte häufig die Regierung. Es war alſo nichts Auffallendes, daß er dieſesmal zu Gunſten einer Maßregel des Mini⸗ ſteriums eine paſſende Rede hielt. Oberſt Hamilton wußte die Sache beſſer; doch machte er keine einzige Frage, um ſich belehren zu laſſen. Durch dieſe Um⸗ ſtände war Ellen vor dem Anhören ſchneidender, ſie ſchmer⸗ zender Bemerkungen ſicher, deren ſie ſo viele befürchtet hatte. Sie war ja unter Leuten, für welche die Geld⸗ Intereſſen des Königreiches keinen beſonders hohen Werth hatten, und für welche ein Sieg der miniſteriellen Partei in mehr politiſchen Angelegenheiten Alles in Allem war. Sie war überzeugt, Lydia ſammt ihrer Mutter haͤtte unter Leuten, deren Intereſſen ſo enge bei einander waren wie die der Coſſingtons, ganz ruhig ſein können. Am nächſten Morgen erwachten die Hamiltons mit einem dunkeln Gefühle von Unruhe und Bekümmerniß, wie es häufig der Fall iſt, wenn Einem ein guter Freund untreu geworden iſt. Als ſie beim Frühſtücke ſaßen, wagte keines von beiden über eine Sache zu ſprechen, welche die Gedanken beider beſchäftigte. Die Zeitung, welche auf dem Tiſche lag, war das tonan⸗ gebende unter den auf der Seite des Miniſteriums ſte⸗ 4 henden Tagesblättern. Es wußte von der Debatte in der vorigen Nacht zu ſagen, daß ſie durch die herrliche, in dialektiſcher Hinſicht ausgezeichnete Rede des ehren⸗ werthen Wahlmitgliedes für Barsthorpe hauptſächlich bemerkenswerth geweſen ſei. Es wünſchte dem Mini⸗ ſterium und dem ganzen Königreiche zu den aufgeklärten Anſichten Hamlyns Glück, zu denen nämlich, welche er in der neueſten Zeit angenommen habe, und bemerkte, für einen Mann von ſolch bedeutendem Verſtande und ſo feſten Prinzipien ſei es nicht möglich geweſen, ſich auf die Dauer einer Maßregel zu widerſetzen, deren Zweck die Beruhigung des Publikums und die feſte, ſichere Stellung eines Rechtes, das ſeinem Charakter nach nicht nur äußerſt heilig und ehrwürdig, ſondern auch ſeiner Wichtigkeit nach hoch anzuſchlagen ſei. Wenn man wiſſen wollte, was die öffentliche Mei⸗ nung von Hamlyn halte, ſo war es nutzlos, ein ſolches Blatt durchzuleſen. Ellen achtete übrigens die Gefühle ihres Geſellſchafters zu hoch, als daß ſie ihm vorge⸗ ſchlagen hätte, er ſolle ein Oppoſttionsblatt holen laſſen, damit ſie erführen, wie in liberalen Zirkeln die Sache betrachtet werde. Als ſie ſich vom Frühſtück erhoben, ſagte der Oberſt: „Heute gelüſtet es mich nicht beſonders, nach Cavendiſh⸗ Square zu gehen. Meine theure Nelly! verſtand ich Sie recht, verließ Henry die Stadt auf's Neue? Will er nicht mit mir ſpeiſen, will er nicht—“— Miſtreß Hamilton entgegnete mit matter Stimme: „Ich weiß nicht mehr, als Sie. Wie mir ſcheint, war er geſtern in einem Zuſtande, der an Geiſtesabweſenheit gränzte. Alles, was wir an ſeines Vaters Thun und Treiben bedauern, iſt für ihn eine Quelle von noch tieferem Kummer.“ Der Oberſt unterbrach ſie mit folgenden Worten: „O der arme Jüngling! der arme Jüngling! Ein edles Herz, ein hoher Geiſt! um die Hälfte zu gut für einen Bankier! Nelly! wir müſſen durch Wort oder That 215 Etwas zu ſeiner Beruhigung beitragen. Setzen Sie ſich nieder und ſchreiben Sie ihm einen kurzen Brief. Bere⸗ den Sie ihn, heute mit uns zu ſpeiſen.“ Miſtreß Hamilton war durch den liebevollen Ton, in welchem der alte Mann ſprach, auf das Tiefſte ge⸗ rührt. Sie erwiederte:„Wenn ich, theuerſter Herr! unſerem Henry ein Zeichen von Freundſchaft geben würde, ſo machte ich bloß die Sache noch ſchlimmer. Es iſt beſſer, wir überlaſſen ihn ſich ſelbſt. Doch, ich geſtehe, ich bin auf Nachrichten über ſein Thun und Treiben ſehr begierig. Wenn Sie deßhalb nicht gerne nach Cavendiſh⸗ Square gehen, wo Sie übrigens um dieſe Zeit des Tages Hamlyn gewiß nicht treffen werden, ſo könnten Sie vielleicht bei ſeinem Sohne in Kinghtsbridge ein⸗ ſprechen, oder bei Lord Dartford, oder—“ Auf einmal öffnete Johnſton die Thüre zur Hälfte und ſagte:„Mein Herr! kann ich einen Augenblick mit Ihnen ſprechen?“ Der Oberſt war beinahe böſe darüber, daß John⸗ ſton nicht eintreten wollte. Er glaubte, die Kellner des Gaſthofes, in welchem er wirklich logirte, haben auch ſeinem Johnſton Galanterie und Etiquette beigebracht. Er rief Johnſton zu:„Kommen Sie doch herein! kom⸗ men Sie doch herein! Es iſt Niemand da, als Miſtreß Hamilton.“ Sodann fragte er ihn: warum er denn ſo erſchrocken ſei? Doch wollte der Mann immer noch nicht eintreten. EGErndlich wagte er es doch, in das Zimmer zu treten und ſagte:„Ich wünſche, Herr Oberſt, einen Augenblick mit Ihnen zu ſprechen.“ MMiſtreß Hamilton bemerkte voll Schrecken, daß das Geſicht des grauköpfigen Bedienten beinahe ſo todtenblaß war, als das Geſicht Henry Hamlyns am geſtrigen Tage. In Einem Augenblicke durchzuckte ihr beküm⸗ mertes Herz der Gedanke, irgend ein Unglück werde den Gegenſtand ihrer Liebe betroffen haben. Sie zwang ſich zu einer feſten Stimme, was ihr 216 aber bei einem Schrecken, der ihren ganzen Leib erzittern machte, äußerſt ſchwer wurde, und ſagte:„Johnſton, ich bitte Sie, ſprechen Sie ſich aus! Befürchten Sie nicht, ich werde erſchrecken. Ich ſehe, wie die Sache ſteht. cit haben Neuigkeiten von Cavendiſh⸗Square mitzu⸗ theilen.“ 352 Er war dem Schluchzen nahe, als er ſagte:„Aller⸗ dings, meine Dame! ſchlimme Neuigkeiten! ſchlimme Neuigkeiten! und ich weiß gewiß, daß die Kunde hievon noch nicht zu Ihren Ohren gedrungen iſt. Denn der Mann, der die Nachricht brachte, rannte den ganzen Weg, und iſt athemlos in der Halle.“ Der Oberſt gerieth in Schrecken, zugleich war er in ſeiner Aufregung auf ſie und auf ſich ſelbſt böſe. Er. rief aus:„Welche Neuigkeiten meinen Sie? welchen Mann? was iſt geſchehen? ſprechen Sie ſich aus!“ Johnſton dachte nicht an die Angſt, in welche durch ſeine unbeſtimmten Ausdrücke die junge Lady gerieth, und erwiederte:„Herr Oberſt! er iſt nicht todt, wie man zuerſt befürchtete. Der Wundarzt, welcher in der Kutſche bei ihm war, hat noch nicht mehr an ihm gethan, als das Blut geſtillt. Er kann bis jetzt durchaus noch nicht ſagen, daß Alles verloren ſei.“ Der Oberſt war durch die fürchterliche Ungewißheit beinahe außer ſich vor Schrecken. Er wiederholte:„Von wem ſprechen Sie denn?“ Ellen richtete ihre Augen feſt und forſchend auf Johnſton. Sie war durchaus nicht fähig, eine Sylbe hervorzubringen, um der Urſache ſeiner Befürchtungen nach und nach auf den Grund zu kommen. Nun ſagte endlich Johnſton:„Ich ſpreche von Herrn Hamlyn, der in einem Duelle bis auf den Tod ver⸗ wundet worden iſt. Sobald als es für paſſend befunden wurde, ſetzte man auch Frau Hamlyn von dieſem Vor⸗ falle in Kenntniß. Kaum hatte ſie die böſe Kunde ver⸗ nommen, als ſie den Befehl gab, man ſolle im Augen⸗ blicke nach Ihnen ſchicken.“ 217 Der Oberſt rief aus:„Warum, beim Teufel, ſagten Sie es nicht gleich im Anfange? Laſſen Sie die Chaiſe einſpannen, oder halt! ſehen Sie ſich nach einer Mieth⸗ drotſchke um. Ich weiß nicht, was ich über die Sache denken oder ſagen ſoll. Johnſton! meinen Hut! O Ellen, mein armes Kind! ich ſehe am freudigen Ausdruck ihres Geſichtes, daß Sie an einen audern, für Sie ſchreck⸗ licheren Schlag dachten, der Sie betreffen könnte. Aber ſo, wie es iſt, iſt es ſchlimm genug. Der arme Ham⸗ lyn, der Vater einer ſo bedeutenden Familie! Wollen Sie nicht mit mir kommen? Schön, daß Sie dazu bereit ſind, Nelly! ich hätte kaum Muth genug, die Scene mitanzuſehen, wenn Sie mich nicht begleiteten.“ Die Auskunft über dieſe ſchlimme Begebenheit, welche nach und nach, und in kläglichen Worten, dem Oberſten zu Ohren kam, ſoll hier dem Leſer mit kurzen Worten gegeben werden. Als die Morgenzeitung mit der hoffnungsvollſten Freude dem Publikum die Verän⸗ derung anzeigte, welche mit Hamlyn zu Gunſten der finanziellen Grundſätze der Regierung vorgegangen war, vergaß ſie, kluger Weiſe, die läſtigen Unterbrechungen, das Geſchrei, das Brüllen, das Ziſchen, das dem Wahl⸗ mitgliede für Barsthorpe im Laufe einer Rede in den Weg trat, die eine glänzende Probe parlamentariſcher Beredtſamkeit hätte genannt werden müſſen, wenn ſie aus einem reinen, aufrichtigen Herzen entſprungen wäre. Vom Augenblicke an, da Hamlyn ſich entſchloſſen hatte, mit politiſchen Angelegenheiten einen ſchmutzigen Handel zu treiben, oder vielmehr: ſeitdem er zu einem ſolchen Handel getrieben und genöthigt worden war, war er auf das Sorgſamſte bemüht, feine Lügen auszubrüten, die ſeinen Verrath beſchönigen ſollten. Mit Recht konnte er auf ſeine Verſtellungskunſt vertrauen. Er hielt es gleich Anfangs für ſehr leicht möglich, ſeinen Verrath ſo darzuſtellen, als ob dem Wechſel ſeiner politiſchen Anſichten die tieſſte Ueberzeugung, die tiefſte Reue über frühere politiſche Mißgriffe, die er durch Aenderung 218 ſeiner Geſinnungen wieder gut machen wolle, zu Grunde läge. Er war durchaus nicht im Zweifel, daß ſeine energiſche Beredtſamkeit wenigſtens einen Theil der Leute, die gewöhnlich gegen die Regierung ſtimmten, als angehende Parteigänger unter ſein Banner bringen werde. Wie groß war nicht ſein Erſtaunen, als er zum erſtenmal in ſeiner politiſchen Laufbahn ſich nur mit der größten Anſtrengung Gehör zu verſchaffen im Stande war. Es war natürlich ſeine Abſicht, daß die kleinſte Sylbe ſeiner Rede, die man paſſend Hamlyns Apologie hätte nennen können, die Ohren und Federn der Bericht⸗ erſtatter erreichen ſollte, um ihn darüber zu verſichern, daß die miniſteriellen Blätter ihm am nächſten Morgen wegen ſeiner Rede alle Gerechtigkeit widerfahren laſſen werden. Wenn aber ein Mann gewohnt war, bei Fra⸗ gen von hoher Bedeutung in dieſem Hauſe mit einer Stille angehört zu werden, daß man es gehöͤrt hätte, wenn nur eine Feder auf den Boden gefallen wäre, ſo mußte es ihm natürlich äußerſt kränkend ſein, daß er mit Lauten von ſo unſchicklicher Weiſe empfangen wurde. Es war in der That der ärgſte Lärmen, den man ſich denken konnte; ein Lärmen, der auf Herrn Hamlyn einen um ſo unangenehmern Eindruck machen mußte, da Leute von hohem Anſehen und Nang ihn machten. Doch er⸗ trug er den Angriff ganz anders, als man vom Wahl⸗ mitgliede für Barsthorpe erwarten konnte, das in frü⸗ heren Jahren vom Gerichtsdiener des Hauſes zweimal eingeſetzt worden war. Der gehetzte Stier ſtieß weder den Boden zu ſeinen Füßen auf, noch wandte er ſich gegen die Feinde, die ihn bis zur Verzweiflung trieben. Entweder machte ihn ſeine ihm zur Gewohnheit gewor⸗ dene Heuchelei fähig, jede Bewegung und Aufregung ſeiner Seele zu verbergen, oder war er durch das Be⸗ wußtſein, daß er die ihm gegebenen Schimpfnamen ver⸗ diene, übermannt. Der Styl ſeiner Rede war fehlerlos, aber er hatte dieſelbe ſichtlich auswendig gelernt, und 4 — —— hielt ſie ſo, wie wohl Demoſthenes geſprochen haben mag, wenn er eine tobende Volksmenge zu geſchweigen hatte. Keine Wärme war in ſeiner Rede, keine kräftige Energie, welche ſich mit der Dialektik verbinden muß, wenn der Redner vollkommen ſein ſoll. Seine Stimme war ſo leidenſchaftslos, als gewöhnlich ſein Geſicht. Für manchen Anweſenden gewann ſeine dialektiſche, ſich ſelbſt aufopfernde Sprache durch dieſe ernſte, ſtarre Ruhe mehr an Einfluß, als durch Lebhaftigkeit. Er glich nicht einem erhitzten Beſeſſenen der Parlamente neuerer Zeiten, ſondern der Statue eines Weiſen der Schule aus uralten Zeiten. Seine Feinde dachten anders. Sie waren entſchieden der Meinung, Simſon habe durch's Scheermeſſer ſeine Stärke verloren, Hamlyns Sonne ſei untergegangen— „Ein Rohr nur richte gen Othello's Bruſt, Und er zieht ſich zurück.“— Mit dieſen Worten munterte das ehrenwerthe Wahl⸗ mitglied für Alverſtrocke, einer der Witzbolde des Unter⸗ hauſes, einen Mann der Whigpartei auf, der dem neuen, zu Gunſten der Regierung ſprechenden Redner antworten wollte. Sei es, daß der ſarkaſtiſche Redner dieſem Rathe oder ſeinem eigenen Kopfe folgte, er griff den Abtrünnigen mit einer Portion kleiner, aber vergif⸗ teter Pfeile an, welche ihn darnieder warfen, wie Gul⸗ livern die Pfeile der Lilibutts, der durch ſie gemartert wurde. Ein roher Ausfall von Sir Benjamin Bondwell war wohl noch ſchwerer zu ertragen. Der Parteigänger der Whigs griff die uns bekannte, von Hamlyn verthei⸗ digte Maßregel der Regierung an. Ein Bankier ſprach gegen den andern, Bondwell gegen Hamlyn, und zwar auf offenem Wege, ernſtlich, mit allem Vorbedacht; er ſagte unter Anderm, die City ſei von demjenigen ihrer Söhne verrathen worden, den ſie am meiſten begünſtigt habe, und ſchloß mit den Worten:„Ich bin in großem Kummer wegen Dir, mein Bruder Jonathan!“ Alles dieß ließ Richard Hamlyn ganz geduldig über ſich ergehen. Er ſchraubte ſeinen Muth, ſo ſehr es ihm nur möglich war, und wußte ſeine gewöhnliche Stellung im Parlamente zu behaupten. Er ſprach ungenirt mit ein Paar Männern der Regierung, welche Lord Crawley für den heutigen Abend bereits eingeſchult hatte. Bereits erhielt ſeine Seele dankbare Huldigung von Seiten der Regierung. Mochten auch die Gefühle mancher Leute durch ſeine Rede gegen ihn empört worden ſein, er hatte durch dieſelbe noch einmal ſo viele Proſe⸗ lyten gewonnen, als er gedacht hatte. Und ein Miniſter iſt um ſeine Werkzeuge, wenn ſie in irgend eine Noth kommen, ebenſo beſorgt, als ein General für das Leben einer„verlorenen“ Schildwache. 5 Am Ende wagte es der Witzbold, das Mitglied von Alverſtocke, in eigener Perſon Herrn Hamlyn auf giftige Weiſe anzugreifen. Vorher hatte er, wie bereits geſagt, einen Andern aufgehetzt. Die augenſcheinliche Sanftmuth des Bankiers lieh ihm aber jetzt Muth. Er verglich das ehrenwerthe Parlamentsmitglied von Bars⸗ thorpe mit dem Diebe, welcher am Fuße des Galgens ſeiner Mutter das Ohr abbiß, und erkühnte ſich, ganz deutlich und beſtimmt auf das Gerücht anzuſpielen, daß Hamlyn in den Pairsſtand erhoben werden ſolle, weil ihm durch die wunderthätige Berührung des erſten Lords der Schatzkammer auf einmal die Schuppen von den Augen gefallen ſeien. Auf dieſe Beſchuldigung hin ließ ſich von allen Seiten der Ruf„Schämen Sie ſich!“ und„zur Ordnung! zur Ordnung“ vernehmen, und zwar ſo laut und anhaltend, daß Hamlyn, der daran war, ſich voll Feuer und Beredtſamkeit zu vertheidigen, Anfangs durchaus nicht zum Worte kommen konnte. Zum Glück hatte der Witzbold bei ihm die unver⸗ wundbare Ferſe getroffen. Es wurde ihm, als es ruhiger wurde, möglich, ſich im Tone der Entrüſtung zu ver⸗ theidigen. Hiedurch gewann er die Mehrzahl des Parla⸗ mentes für ſich, die kein Unrecht gerne ſieht. Im weitern * 5 — 221 Gange der parlamentariſchen Verhandlungen ließ er die Vorſchläge der Regierung durch ſeinen Advokaten an⸗ empfehlen.. 4 Aber die Gewogenheit des Parlamentes erliſcht in der Vorhalle. Dort wird das Parlamentsmitglied als bloßer Menſch betrachtet. Als Richard Hamlyn nach dem von ihm erfochtenen Siege durch das Gedränge eilte, mußte er bemerken, wie ihm manches Parlaments⸗ mitglied mit Kälte, manches mit unverſchleierter Ver⸗ achtung begegneten. Die kleinlauten, ängſtlichen Glück⸗ wünſche von ſolchen unter ſeinen Collegen in parlamen⸗ tariſchen Dingen, die kein perſönliches Intereſſe bei der Sache hatten, bewieſen deutlicher als alles Sonſtige, daß das, was er als Triumph betrachtete, eher eine Niederlage genannt werden konnte. Nach und nach, gleichſam tropfenweiſe, verließ die Geduld ſeinen Geiſt. Wie einem Manne, wenn er Wein getrunken hat, die äußere Luft zuſetzt, ſo wurde Hamlyn im Angedenken an die ihm zugefügten Kränkungen immer erboster, je mehr er die falſche Atmoſphäre des Parlamentes hinter ſich ließ, wo Kränkung und Hohn Nichts zu bedeuten haben, je mehr er wieder in den gewöhnlichen Pfad des Lebens einlenkte. Es ging ihm wie einem Manne, der, wenn er irgend heruntergeſtürzt iſt, erſt eine Zeit nach dem Falle die Wunden ſpürt, die er dadurch erhalten hat. Bis in das Mark wurde er durch das Benehmen eines gerade vorübergehenden Mannes verwundet, der ſonſt gewohnt war, ihn mit einem freundſchaftlichen Nicken zu begrüßen, der aber jetzt ein ſteifes Compliment gegen ihn machte. In dieſem Momente erſchien Alberich Vernon, Arm in Arm mit dem boshaften Witzbolde, welcher die Sache mit der Ernennung Hamlyns zum Pair ſo frei und ungenirt aufgebracht hatte. Alberich lachte unmäßig. Hamlyn war gar nicht im Zweifel, der Gegenſtand ihres Spottes ſei Niemand anderes, als er. Er zögerte nicht, die übermüthige, auf ſeine Koſten gehende Luſtigkeit der beiden zu dämpfen. Er redete ſte an, und fragte das ehrenwerthe Wahlmitglied von Alver⸗ ſtrocke, wer ihm geſagt habe, daß er ſich zum Pair ernennen laſſen wolle. Durch den Uebermuth ſeiner Eltern auf Hyde war der dienſtfertige Squire von Dean⸗Park dem Stutzer Alberich Vernon ein Gegenſtand der Verachtung ge⸗ worden. Jetzt haßte er ihn als den Vater des Mannes, von dem das Gerüchte ging, er ſei mit dem ſchönen Weibe verlobt, das ihn ſchmählich zurückgewieſen hatte. Er war deßhalb weit entfernt, eine Gelegenheit wegzu⸗ wünſchen, bei der es ihm möglich wurde, den Bankier öffentlich zu kränken. 3 Alberich ſagte trotzig:„Er hörte es von mir, Sir, die Sache wurde an meines Vaters Tafel als ganz gewiß erzählt, und zwar erzählte ſie einer Ihrer intimſten Freunde, deſſen Namen ich verſchweige, wenn Sie es erlauben. Ich bin nämlich ſo glücklich, daß ich mit Recht ſagen kann, es iſt bei der Familie Vernon nicht Sitte, ihre guten Freunde zu verrathen.“ Hamlyn war wüthend. Die zwei übermüthigen Burſche vor ihm waren durch das volle Feuer der heißeſten Punſchgläſer Bellamys entflammt. An ſeinem Herzen dagegen nagte, was noch etwas Schlimmeres war, eine kalte und tödtliche Feindſchaft gegen ſeine Sippſchaft, nämlich gegen die Freunde, die ihn verlaſſen, die Feinde, welche über ſeinem Fall gejubelt hatten. Der Begleiter Alberich Vernons war erzürnt, daß ihm die Angriffs⸗ waffe durch Alberich abgenommen worden war, und machte über Hamlyn Späſſe, wie vor dem Parlamente. Zwiſchen beiden wurden in einem Augenblicke Worte gewechſelt, welche allem Anſchein nach unverweilt Erörterungen von gefährlicherer Art zu Folge haben mußten. 3 Es war Mitternacht vorüber. Der Platz, auf welchem der Streit vorfiel, war ein ſo öffentlicher, daß man mit der Einleitung eines Duelles eilen mußte, ehe der Streit — 223 zwiſchen den beiden Herren bekannt wurde. Sonſt konnte es leicht geſchehen, daß gewiſſe Perſonen die Partien wieder verſöhnen konnten, Perſonen, welche die polternden Senatoren neuerer Zeit, die als Herolde der alten, und Maclathe der neuern Zeit ein ganz ſcharmantes, flottes Leben führen, rechtfertigen und beſchützen. Um ſeiner Freundſchaft gegen das ehrenwerthe Wahlmitglied von Alverſtrocke Ehre zu machen, ſagte Alberich Vernon im Augenblicke:„Wir müſſen den Zeitungen zuvorkommen.“ Hamlyn ſuchte eiligſt und fand in einem Kaffeehauſe ein gewiſſes Individuum, das nicht nur ein treuer Freund der Regierung, ſondern auch der Firma Hamlyn äußerſt verpflichtet war. Dieſes begab ſich augenblicklich mit Vernons in den Gaſthof, die„Reiſenden,“ wo die Präliminarien für ein feind⸗ liches Zuſammentreffen unterzeichnet wurden, das am folgenden Morgen, um acht Uhr, auf dem Felde von Batterſea, Statt haben ſollte. Als Hamlyn nach Hauſe kam, tobte die Aufregung, welche durch dieſe Verkettung von unglücklichen Begeben⸗ heiten bei ihm veranlaßt worden war, noch immer in ſeinem Hirne, und nagte am Marke ſeines Herzens. Glücklicherweiſe war ſeine Famlie bereits zu Bette. Bloß aus Gehorſam gegen ihn hatte Miſtreß Hamlyn das Concert der Frau Vernons beſucht. Dort machten ihr die immerwährenden Fragen des Sir Henry Middlebury nicht wenig zu ſchaffen. Dieſer war nämlich mit wenig Perſonen im Concertſaal bekannt, und ſetzte ſich deßhalb an ihre Seite. Er brachte nicht nur ſeine Glückwunſche wegen der Vermählung ihrer Tochter an, ſondern fragte auch nach den Namen von allen berühmten Mufikern und nach den Namen der verſchiedenen Kunſtſchulen, in welchen ſie ihre muſikaliſche Bildung erhalten hatten, er fragte auch nach den Grafſchaften, in welchen die Güter des Marquis von Dartford liegen, und nach den Connexionen ſeiner Familie. Nach dem Concerte hatte ſich Miſtreß Hamlyn augenblicklich zu Bette begeben. 224 Nach ſeiner Ankunft in Cavendiſh⸗Square entließ Hamlyn den Bedienten, der gewöhlich aufblieb, bis er nach Hauſe kam, und gab ihm den ausdrücklichen Auftrag, Ramſey zu ſagen, er ſolle ihm am nächſten Morgen ſein Waſſer zum Raſieren ſchon um Viertel auf ſieben Uhr bringen. Nun war er die einzige wachende Perſon im Hauſe; ganz allein war er mit dem ſchrecklichen Gedanken, es könnte vielleicht die letzte Nacht ſein, die er unter ſeinem Dache zubringe. Seine Seele war nicht gerade durch böſe Ahnungen niedergedrückt. Nein! ſein Grimm hatte ſich noch nicht gelegt, und das vor⸗ Feuuſchende Gefühl ſeines Herzens war Rachſucht und ordluſt. Der Bankier hatte vergeſſen, daß Gott, der ſich das Recht der Wiedervergeltung aneignet, gleichfalls zum Tode befördern kann! Ueberdieß war zu allen Zeiten das Hauptmerkmal des Charakters von Hamlyn ſein ſanguiniſches Selbſtgefühl. Es ging ihm, wie den meiſten Leuten, die ihr Vertrauen nicht auf Gott ſetzen, ſondern ſich auf die Gunſt des Zufalls verlaſſen. Er war überzeugt, daß dieſer ebenſo leicht Wunder thun, als unbedeutende Dinge bewirken könne. Die Häͤlfte der Irrthümer ſeines Lebens entſprang aus dieſem Leicht⸗ ſinn. Er war der ſichern Hoffnung, er könne Alles, was er von ſeinen Kunden entlehnt, und übel ange⸗ wandt hatte, wieder erſetzen. Vollkommen überzeugt war er davon, daß eine Verkettung glücklicher Umſtände, welcher Art ſie ſein mochten, ihn in den Stand ſetzen könne, die Verwirrung, die er geſtiftet hatte, wieder gut zu machen. Und jetzt, da er ein Duell vor ſich hatte, ein Duell mit einem jungen, gewandten Gegner, ein Duell, bei welchem die öffentliche Stimme, wenn gleich nicht die Juſtiz, ganz auf der Seite ſeines Gegners war, hegte er die ſichere Hoffnung, er könne ſein Geſchäft auf dem Felde von Batterſea ſo kaltblütig ſyſtematiſch und ſiegreich abmachen, als ſein Geſchäft auf der Börſe. Alles, was er nun that, um die Angelegenheiten 225 ſeines Hauſes zu ordnen, war: er ſchrieb an Spilsby ein Paar Zeilen, in welchen er ihm Anweiſung gab, wie am nächſten Morgen ein gewiſſes Geſchäft behandelt werden ſolle, im Fall, daß es ihm ſelbſt nicht möglich wäre, die Lombardſtraße in der Frühe beſuchen zu können. Er wollte dieſen Brief durch den gleichen Kutſcher auf die City ſchicken, der ihn ins Haus ſeines Sekundanten, des ehrenwerthen Oberſt Frampton, führen ſollte, welcher verſprochen hatte, ihn auf den Kampfplatz zu begleiten. Sodann verbrannte er ein Paar ſchriftliche Sachen von ſeinem Arbeitstiſch, welche nicht vor die Augen ſeiner Familie kommen ſollten, im Falle, daß er Un⸗ glück haben ſollte, und ſeine Schlüſſel ſeiner Frau übergeben müßte. Uebrigens ließ ihn der unblutige Ausgang der meiſten Duelle, welche aus Streitigkeiten in parlamentariſchen Angelegenheiten entſprangen, ſicher hoffen, daß auch er mit heiler Haut davon kommen werde. Wenn er ſich die verſchiedenen Duelle ins Ge⸗ dächtniß rief, welche unter ähnlichen Umſtänden ſeit den letzten zwanzig Jahren vorgekommen waren, ſo konnte er ſich kein einziges denken, bei welchen nicht die Sekun⸗ danten auf die muſterhafteſte und erfolgreichſte Weiſe vermittelt hätten. Als er übrigens daran dachte, daß eine etwaige ſtrenge Lektion, die er ſeinem Gegner gebe, der Achtung in welcher er als Geſchäftsmann ſtand, einen böſen Stoß geben könne, legte ſich ſeine Aufregung, ſein Durſt nach Rache wurde kühler, ja! ſein Geiſt wurde einigermaſſen niedergedrückt. Ehe er in das kleine Schlafgemach ging, das er ſeit einigen Jahren benützte, weil ſein frühes Aufſtehen, das ſeine Geſchäfte erheiſchten, ſiſtreß Hamlyn unangenehm war, begab er ſich in das Geſellſchaftszimmer, das nun kalt, ſtille, verlaſſen, und durch die Wachskerze, welche er in der Hand hatte, nur unvollſtändig erleuchtet war. Die herrlichen ausländiſchen Blumen, eine Zierde der Behältniſſe, in denen ſie ſtanden, Die Bankiersfrau. II. 15 226 würzte die Luft; und das Wachslicht, wenn es auch etwas ſchwach war, ſiel auf tauſend prächtige Gegen⸗ ſtände, auf herrliche Vaſen, auf Mamortafeln, auf Malachit und Corallen, mit denen die Bälken über den Säulen ausgelegt waren, und auf den ganzen ſchim⸗ mernden Lurus von eingelegten Steinen und ſonſtiger eingelegter Arbeit. Es ſchien ihm, als ob er zum erſten Male in ſeinem Leben die ſanfte Weichheit der koſtbaren Aubbouſſon⸗ Teppiche unter ſeinen Füßen fühle, und das Blinken der herrlichen Gegenſtände über ſeinem Haupte ſehe. Man erzählt von Cardinal Richelieu, ſein Sekretär habe ihn, ein Paar Wochen vor ſeinem Tode, eines Tages, früh am Morgen, geſehen, wie er ganz allein von ſeinen Lieblingsgemälden und Lieblingsſtatuen in ſeiner Gallerie Abſchied genommen habe. So ging es dem Bankier. Seine Augen verweilten voll Zärtlichkeit auf den prächtigen Gegenſtänden, um deren Beſitz und Aufſtellung er ſeinen guten Namen und die Wohlfahrt von vielen hunderten Opfern, die ſich ihm zutrauensvoll in die Arme geworfen, aufs Spiel geſetzt hatte. Am Ende wollte er ſich mit leiſen Schritten aus dem Zimmer ſchleichen, über welchem ſeine edle Frau und ſeine glückliche Tochter ſchliefen, deren letztern Träume wohl in dieſem Augenblick mit den helleſten — Farben jugendlicher Liebe gemalt waren. Auf einmal fiel das Licht, das er in der Hand hielt, auf ein großes prächtiges Gemälde, auf welches ſeit ein Paar Jahren, ſein Auge nicht mehr gefallen war. Auf einige Minuten ruhte es auf demſelben ſo feſt, als ob es ein Zauberer darauf gebannt hätte. Es war ein Gemälde von Lawrence, das die auf demſelben gemalten Perſonen in Lebensgröße darſtellte. Eine dieſer Perſonen war Miſtreß Hamlyn, nein! nicht Miſtreß Hamlyn, ſondern Sophie in der ſchönſten Blüthe jugendlicher Reize, ein Jahr nach ihrer Vermählung, die zweite Perſon war ihr Erſtgeborener, der auf ihren 4 Knieen ruhte. Hamlyns Vater hatte ſeinen Sohn ge⸗ beten, Sophie als jugendliche Braut malen zu laſſen, ſo lange ſie noch der Abgott von Dean⸗Park war. Das Kind kam erſt ſpäter hinzu; es war Richards eigener Gedanke, der deßwegen ausgeführt werden konnte, weil das Gemälde lange Zeit brauchte, bis es vollendet war. Walther war an und für ſich eines der ſchönſten Kinder die es je gab, der liebevolle Pinſel des Künſtlers lieh ihm neue Reize. Sehr gut konnte ſich Hamlyn erinnern, wie freundlich er ſelbſt während des läſtigen Geſchäftes, das Kind zum Sitzen zu gewöhnen, ſeiner Mutter geholfen, wie freundlich er zu dieſem Zwecke den lachenden Augen des Kindes das Spielzeug vorgehalten hatte, das auf dem Gemälde vor ihm, in der Hand der lächelnden, freudigen Mutter zu ſehen war. Die Macht der Einbildungskraft führte der Seele des Bankier das weiche, ſanfte Anfühlen dieſer Kinder⸗ händchen, voll kleiner Grübchen, auf das lebhafteſte vor. Die ſeinigen waren in dieſem Augenblicke ſo kalt, als der Tod. Seine Fäuſte ballten ſich im Krampfe unterdrückter Rachſucht. Von dem halbnackten Kinde und den ſanften, wollen⸗ förmigen Umriſſen, in denen es gemalt war, wanderten die Augen des Bankier zum Angeſichte der Mutter. Konnten dieſe vollen Locken, dieſe ſprühenden Augen, dieſe blühenden Wangen jemals die Züge ſeiner Ge⸗ mahlin geweſen ſein? Wohin war die weibliche Perſon, vor der er ſtand, gekommen? Was war aus ihr gewor⸗ den? Sie konnte ſich doch nicht wohl in das blaße, ſtille, geiſtloſe Weſen verwandelt haben, das am Tiſche ſeines Hauſes ſaß, ſie konnte doch nicht wohl die Dulderin geweſen ſein, die ihr eheliches Unglück ſo ſtille trug? In dieſem Augenblicke trat ihm die leibliche Sophie Harrington ſo, wie er ſie zuerſt geſehen hatte, in ihrer ganzen Munterkeit, mit allen ihren hohen Reizen, die ſeine Liebe ſo gewaltig geweckt hatten, vor die Seele. Wenn er an die Veränderung bei ihr dachte, die durch 228 ſeine Schuld hervorgerufen worden war, ſo machte ſich aus der Tiefe ſeiner Seele ein ſo ſchwerer Seufzer Luft, daß er es durchaus für nöthig fand, beim Geſichte des geliebten Sohnes wieder Troſt zu ſuchen, eines Sohnes, deſſen Mannesalter Alles das erfüllte, was ſein holdes Kindesalter verheißen hatte. Ehe er das Zimmer verließ, um langſam die Treppen zu ſeinem Schlafzimmer hinaufzugehen, trat ihm noch folgender Gedanke vor die Seele:„ich hätte doch vorher Walthern die Hand zum Abſchiede drücken ſollen! In ſolchen Fällen weiß man nicht, was geſchehen kann. Ich ſollte zuerſt Walthern die Hand gedrückt haben.“ Am nächſten Morgen waren ſeine Bedienten nicht verwundert darüber, daß ihr immer geſchäftiger Herr eine Stunde früher, als gewöhnlich auf den Beinen war. Doch fiel es Ramſay für einen Augenblick auf, daß Herr Hamlyn zu ihm ſagte, er warte dieſes Mal nicht auf ſein Cabriolet; er habe vergeſſen, es Tags zuvor zu beſtellen, er preſſiere, und wolle die nächſte beſte Miethkutſche, die er auf der Straße treffe, benützen. Hätte auch der Kellner vermuthet, daß ſein Herr ein Duell ausfechten wolle, er war von Herrn Hamlyn über⸗ zeugt, daß Alles, was er thue, vernünftig und anſtändig ſei; er hätte gedacht, es habe, ohne daß er Etwas davon wiſſe, ein neuer Artikel des Staatsgeſetzes einem ſolchen — Friedensbruche, wie dieſes Duell einer war, volle Be⸗ rechtigung zugeſprochen. Im jetzigen Augenblicke dagegen wurde er eilig gerufen, um hülfereiche Hand anzulegen, als man den verwundeten Mann in ſein Zimmer bringen wollte. Er war der Erſte, der den Vorſchlag machte, man ſolle nach Oberſt Hamilton und nach den Söhnen ſeines unglücklichen Herrn ſenden. Dieß war der Stand der Dinge, als der Veterane Cavendiſh⸗Square erreichte. Der Wundarzt, welcher Hamlyn in der Chaiſe von Batterſea her begleitet hatte, war durchaus nicht von ſeiner Seite gekommen; und 4 — Keate und Brodie wurden jeden Augenblick erwartet. Weder Miſtreß Hamlyn, noch ihre Tochter durften ihn ſehen. Aus den zerſtörten Blicken der erſtern erſah Oberſt Hamilton, daß ſie wenigſtens keine Hoffnung auf Rettung ihres Gemahles hatte. Er bat Ellen, ſie möchte bei ihrer Freundin im Geſellſchaftszimmer bleiben. Dieß ſei nothwendig, bis die Unterſuchung der Wunde vorüber ſei. Er ſelbſt eilte mit ſchnellen, aber unſichern Tritten ins Zimmer des verwundeten Mannes. Leiſe drückte er die Thürſchnalle des Schlafzimmers, in welchem Hamlyn lag, auf. Hamlyn lag halb angekleidet auf dem Bette, ohne Rockz ſein Hemd war voll Blut. Der Wundarzt viſitirte ihn mit der Sunde. Ohne die Augen zu öffnen, machte er dieſelbe Frage, welche bereits dreimal zuvor über ſeine Lippen gekommen war:„iſt dieß Walther?“ Ramſay deſſen gewöhnlich hochrothes Geſicht ſo blaß war, als der Tod, und der ſeinen Herrn in den Armen hielt, liſpelte:„Sir! Kapitän Hamlyn war heute beim Exerzieren, als Johann zur Kaſerne kam.“ Während Ramſay noch ſprach trat Oberſt Hamilton ans Bette, und drückte die Hand, welche der Leidende ausreckt, voll Wärme. Hamlyn ſpürte wohl, daß dieſe Berührung voll Zärtlichkeit eine ganz andere war, als die des in ſeinem Dienſte arbeitenden Wundarztes. Er öffnete die Augen langſam, und zwang ſich zum Lacheln, als er den Oberſt erblickte. it matter Stimme ſagte er:„Das iſt für einen lann in meinen Jahren ein ſchlimmer Knabenſtreich. Aber die Sache war unvermeidlich. Daß ich ſie ange⸗ ſtiftet hätte, davon iſt keine Rede.“ Bei dieſem Verſuch des Patienten, ſprechen zu wollen, ſchüttelte der Wundarzt zum Zeichen der Miß⸗ billigung den Kopf, weil Hamlyn bereits durch Blut⸗ verluſt entkräftet ſei. Deßhalb legte der Oberſt ſeine inger auf die Lippen. Thränen liefen über ſeine Wangen. Er hatte Hunderte, Tauſende von Todten 23⁰ geſehen, die in der Schlacht gefallen waren. Aber es war das erſte Mal, daß er einen friedlichen Bürger geſehen hatte, der durch die Hand eines Andern auf den Tod verwundet worden war. Seine männliche Seele erſchrack unwillkührlich vor dieſem Anblick, wie wenn das Unglück durch Meuchelmord herbeigefuͤhrt worden wäre. Als Hamlyn die Augen wieder ſchloß, fragte der Oberſt Ramſay ganz leiſe:„hat Herr Henry die Stadt wieder verlaſſen?“ Der Kellner machte ein bejahendes Zeichen, das dem Oberſt nicht wenig Kummer verur⸗ ſachte. Da er überzeugt war, daß Hamlyn gar nicht mehr weit bis zu ſeinem Tode habe, ſo hielt er es für hart, daß Keiner ſeiner Söhne bei ihm ſein ſolle, um ſeine letzten Befehle und den Hauch ſeiner ſterbenden Seele hinzunehmen. Unwillkührlich machte er ihm Geheimen folgende Bemerkung:„ſo mußten meine arme Knaben ſterben. Sie hatten keinen einzigen Verwandten, der ihnen die Augen hätte ſchließen können. In der That! es iſt ein Unglück für den armen Hamlyn, daß Keiner ſeiner Söhne bei der Hand iſt.“ In dieſem Augenblicke hielt ein Wagen vor der Thüre. Die Perſonen im Zimmer hörten das Geräuſch davon kaum, aber der verwundete Mann fragte noch einmal, mit noch größerer Anſtrengung:„iſt dieß mein Sohn Walther?“ 3 Der Oberſt beugte ſich über ihn hin, und liſpelte ihm in die Ohren:„da Sie ſo bekuͤmmert ſind, ſo will ich ſo ſchnell, als möglich zur Kaſerne gehen, und der Weiſung die man mir dort geben wird, folgen, bis ich ihn finde, und hieher bringe. Auf den Treppen traf er Keaten und einen Fremden. In der Eile machte er Keate mit dem Stand der Dinge bekannt, und begab ſich wieder auf einen Augenblick in das Geſellſchafts⸗ zimmer, aber nicht, um die dort ängſtlich harrenden Perſonen zu tröſten. Der Ausdruck ſeines Geſichtes 231 bewies ihnen hinreichend, daß er wenigſtens ohne Hoff⸗ nung war. 3 Er bemerkte, Lydias Mutter war unfähig eine an ſie gerichtete Frage zu verſtehen, oder zu beantworten. Er fragte deßhalb Lydia:„hat Jemand nach Henry geſandt?“ Als dieſe ihm eine verneinende Antwort gab, machte er eiligſt mit ſeiner Schwiegertochter aus, fie folle, während er nach Knightsbridge gehe, Johnſton nach Dean⸗Park abſenden, und Henry die Kunde von dem unglückſeligen Ereigniß mittheilen laſſen. Doch ſolle Johnſton dabei ſo vorſichtig, als möglich, zu Werke gehen, da Henry dasjenige Mitglied der Familie ſei, welches den Unglücksfall am wenigſten zu ertragen wiſſe. Ellen ſetzte ein Paar Linien bei, in welchen ſie Henry bat, er möchte augenblicklich zur Stadt zurückkehren. Oberſt Hamilton erfuhr in der Kaſerne, daß hier noch kein Bote beauftragt worden war, zu Walthern nach dem Erercierplatze Warmholt⸗Scrubbs zu gehen. Er ſetzte ſich deßhalb in Beſitz von Walthers Pferd und Cabriolet, und gab dem Kutſcher die Erlaubniß, Walthers Pferd, einen der ſchnellſten Renner Londons, ſo ſchnell als möglich, laufen zu laſſen. Unterwegs ſprach er folgende Worte vor ſich hin:„o der arme Hamlyn! der arme Hamlyn! Er war im Beſitz von Allem, was das Leben angenehm macht. Er war reich, geſund, glücklich, thätig, wohlthätig! Man ſagt, es ſei ein Streit im Parlamente geweſen. Ach! ich fürchtete doch, den ver⸗ wünſchten Gerüchten nach, welche ich neulich bei Laun⸗ chington hörte, konnte es mit ſeinen Sachen nicht gut ſtehen. Doch kann es ſein, daß man ihn verläumdete. ott gebe es! Es iſt hart genug, wenn man einen Freund verlieren ſoll, aber härter iſt es doch noch, wenn man die Achtung vor dem Angedenken deſſelben verliert. Doch wie ſoll ich Walthern und Dartford in der Eile dieſe böſe Kunde beibringen?“ Das Geſchäft war in der That kein angenehmes. — Er fand die zwei herrlichen, vielverſprechenden jungen 4 232 Mäͤnner mit der emſigen Ausübung der Obliegenheiten ihres Berufes beſchäftigt. Für den erſten Augenblick waren ſie beinahe daran, ſich über ſein unerwartetes Erſcheinen auf dem Crercierplatz zu ärgern. Als übrigens Walther ſah, wie ſein ſchönes Roß ſchäumte, und Oberſt Hamilton blaß und ſprachlos war, ſo war er augenblick⸗ lich davon überzengt, daß irgend ein großes Unglück vorgefallen ſei.. Augenblicklich nahm er die Stelle ſeines Kutſchers im Cabriolete ein, und jagte ſein Roß in noch ſtärkerem Galloppe zur Stadt zurück. Lord Dartford, welcher getröſtet und erfreut war, daß das Familienunglück der Hamlyn das Weſen nicht betroffen hatte, das ihm das Theuerſte auf der Welt war, beeilte ſich von ſeinem Oberſt für ſich und Walthern die Erlaubniß zu erbeten, daß beide für heute von ihren militäriſchen Geſchäften verſchont blieben, und folgte Walthern in einiger Ent⸗ fernung mit ſeinem Pferde, ſo ſchnell als es die Ausrü⸗ ſtung eines Offiziers am Exerziertage zuläßt. Neuntes Kapitel. Wie unter Aſche berg ich unter dieſen Worten Tedweden Funken, der zum Unheil mir geworden, gs finſtre Grab erſchließt fur mich den mächt⸗ gen Schlund. Doch werde dieſe Klage der Menſchen keinem kund. Gleichwie mein ganzer Leib im düſtern Grab — der Raub. Von eckeln Würmern wird, von Aſche und von aub,. Auf gleiche Weiſe ſoll mein Lied voll Leid und Pein Die Beute des Vergeſſens auf alle Zeiten ſein. Shelley. Zum Gluͤcke kam Walther Hamlyn zu einer Zeit in Cavendiſh⸗Square an, als gerade unter vielen 233 Schmerzen des Patienten, die Kugel ausgezogen wurde, eine Operation, welche aufgeſchoben worden war, bis der zweite Wundarzt erſchien. Es war Walthern doch nun möglich ſeinen Vater durch ſeine Gegenwart zu tröſten und zu beruhigen. Er drängte ſich durch den Menſchenhaufen, der ſich, wie es gewöhnlich der Fall iſt, vor Häuſern, in welchen ein Unglück begegnet iſt, verſammelt, und die Familientrauer durch ihre Anweſen⸗ heit noch drückender macht. Kaum nahm er ſich einen Augenblick Zeit, um ſeine Uniform abzulegen, und einen gewöhnlichen Ueberrock anzuziehen; ſo ſehr eilte er, ſich üͤber das Bette ſeines Vaters zu beugen, und während der ſchweren Operation, bei welcher man befürchtete, das Leben möchte Herrn Hamlyn unter den Händen des Chirurgen ausgehen, die Seufzer ſeines Vater in ſeine Bruſt aufzunehmen.. Der Zauber hatte bereits ſeine Wirkung gethan. Walther war begierig geweſen, zu erfahren, wie ſein Vater ſeine Gegenwart aufnehme. Als deſſen Augen auf die Geſtalt ſeines Sohnes ſielen, auf die Geſtalt Walthers, des Enkels vom alten Walther Hamlyn, da fühlte der Vater, daß er einen Gegenſtand hatte, für den er leben, den er hegen und pflegen konnte, wenn er gleich der Schmach der Welt ausgeſetzt war. Es ſchien, als faſſe ſeine Seele wieder Muth; und der Wundarzt, der ihn nach Batterſea begleitet hatte, und deſſen Finger immer auf ſeinem Handgelenke ruhte, erklärte, der Puls des Kranken habe ſich merklich gebeſſert. Die einfachen Worte:„mein theurer, theurer Vater!“ welche Walther ihm zugeflüſtert hatte, machten Herrn Hamlyn den höch⸗ ſten Muth, und ließen ihn den beſten Ausgang der ge⸗ fährlichen Sachen hoffen. Als der Kranke Erleichterung fühlte, und ſeine ge⸗ waltigen Schmerzen nachließen, und ſein Sohn von der beinahe gleichen Qual, ſeine Schmerzen mitanſehen zu müſſen, beſreit war, als die beiden, ſehr geſchickten Mundäͤrzte Abſchied genommen hatten, und dem Be⸗ 23³4 dienten des Hauſes das Geſchäft überließen, auf die Folgen der von ihnen gemachten Operation Acht zu haben, war der Nachmittag bereits weit vorgerückt. Für den Augenblick war es unmöglich, die Bedeutung des Schlages, der den Körper des Leidenden getroffen hatte, genau zu beſtimmen. Aber es war viel, daß er nur noch lebte. Abends mußte übrigens das Wundſieber kommen, dann konnte man ſehen, wie groß der Schaden war. Mittlerweile ſuchten die Wundärzte dem Kranken völlige Ruhe und wo möglich Schlaf zu verſchaffen. Opium war bereits angewandt, Stroh vor das Haus hingelegt, der Thürklopfer entfernt, die Glocke des Hau⸗ ſes umwickelt und ein Polizeidiener an die Hausthüre geſtellt worden, damit keine Fremden eintreten möchten, um ſich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen. Die Antwort, welche man ihnen auf ihre ängſtlichen Fragen gab, beſtand in den Worten, welche die Herren Wundärzte über Hamlyn ausgeſprochen hatten: ſeine Lage ſei gefährlich, aber es gehe mit ihm ſo gut, als man nur erwarten könne. Uebrigens hatten dieſe klugen Maßregeln nicht ver⸗ hindert, daß nicht in der Stadt das Gerücht von ſeinem Tode umging. Von da aus drang es natürlich in die Umgegend Londons. Darum traten denn auch die ge⸗ wichtigen, unabhängigen Wähler von Barsthorpe am nächſten Morgen nach dem Duelle zuſammen, um über ein künftiges Wahlmitglied zu berathſchlagen. Die Abend⸗ zeitung, ja ſogar eine zweite Ausgabe von einer oder zwei Morgenzeitungen enthielt eine in allen Stücken ge⸗ naue Erzählung des Duells, und ſtellte, natürlich je nach der Politik der verſchiedenen Journale, den Bankier als ein Opfer und ſeinen Gegner als einen Meuchelmörder dar, der den Herausforderer als einen raſchen, unbeſonnenen Mann, und das ehrenwerthe Wahlmitglied von Alver⸗ ſtocke als einen Mann, der mit widerſtrebendem Herzen zur Selbſtvertheidigung gegriffen habe. In beiden Er⸗ zählungen wurden Thatſachen verdreht, überſpannte Aus⸗ 4 —— —— 23³⁵ drücke und Wendungen gebraucht, beiden Theilen Worte in den Mund gelegt, welche gar nicht über ihre Lippen gekommen waren, und von denen es auch unwahrſchein⸗ lich war, daß ſie über die Lippen von Leuten in ihrer Lage gekommen ſein ſollten. In einer von dieſen mit einem Pfenning gut genug bezahlten Beſchreibungen wurde die Mühle, neben welcher das unglückliche Zu⸗ ſammentreffen ſtattgefunden hatte, maleriſch beſchrieben. Auch kündigte in der gleichen Beſchreibung ein Para⸗ graph mit dem Titel:„Neueſte Privat⸗Angelegenheiten“ an, Herr Hamlyn habe vor einer Viertelſtunde den Geiſt aufgegeben. Dieſes Gerücht wurde vom Berichterſtatter wahrſcheinlich deßwegen angeführt, damit er Stoff für ſein Blatt habe, und namentlich erzählen konnte, was die liebenswürdige, hochbegabte Lady, welche Hamlyns Schickſal zu beweinen habe, für eine Geborne ſei, und wie viele Kinder ſie ihrem Gemahle geboren habe. Während Frau Hamlyn und ihre Tochter voll ge⸗ ſpannter, ängſtlicher Erwartung im Geſellſchaftszin mer ſaßen und auf das geringſte Geräuſch in der Kammer oben lauſchten, um es augenblicklich zu wiſſen, wenn der durch Opium herbeigeführte Schlummer des Verwunde⸗ ten zu Ende war; wäͤhrend Lord Dartford, um die Angſt Lydias zu beſchwichtigen, jede Viertelſtunde vor die Thüre des Schlafzimmers trat, wo Hamlyn lag, und ihr am Ende die Nachricht brachte, daß Alles gut gehe, und Walther immer am Bette ſeines Vaters wache— während dieſer Zeit beriethen ſich die Clubbs im weſt⸗ lichen Theile der City, wer wohl die vakante Stelle eines Wahlmitgliedes für Barsthorpe erhalten ſolle, und ob das ehrenwerthe Ständemitglied für Alverſtocke und Alberich Vernon eine Unterſuchung über ſich ergehen laſſen müſſen, und ob dadurch die Oppoſition ein Paar Stimmen verlieren würde. Dieß war die intereſſanteſte Seite an dieſem unglücklichen Ereigniß für die müſſig⸗ gängeriſche, geſchwätzige Menſchenklaſſe in London, wel⸗ cher der Conſlikt zwiſchen Erde und Himmel bloß deß⸗ 236 wegen wichtig war, weil er Stoff zu Neuigkeiten bot. Natürlich ruhte für den Augenblick das Mitleid der Stadt auf Hamlyn. Es war klar, wer immer der An⸗ greifende geweſen ſein mochte, der Todte war am meiſten zu bedauern. Alle, welche ſeine von ihm in der letzten Nacht gehaltene Rede gehört hatten, glaubten, guten Grund zu haben, um hauptſächlich betroffen und erſchrocken zu ſein. Diejenigen, welche die Chaiſen Keates und Brodies vor die Hausthüre Hamlyns hatten fahren ſehen, und eine Anekdote zu erzäͤhlen hatten, welche mit der Begebenheit dieſes Tages in Verbindung ſtand, waren für einen Augenblick Gegenſtände des Intereſſens. So⸗ gar gewöhnliche Leute, die über die Sache in den Zei⸗ tungen geleſen hatten und ſich deßhalb nach der Familie Hamlyn erkundigten, erhielten temporäre Wichtigkeit. Die Sache war ganz und gar dazu geeignet, den weſtlichen Theil der City in Gährung zu bringen, zumal da ſie zu einer ſo müſſigen Zeit der Saiſon vorgefallen war. In jeder Weiſe waren die Hamlyns Gegenſtände des Intereſſes. Die bevorſtehende Heirat der ſchönen Tochter, die akademiſchen Auszeichnungen des begabten jungen Sohnes, die Popularität des ſchönen Walthers, waren Dinge, welche durch das Gerede der Leute, das ſich gewöhnlich mit einem Bankier und Parlamentsmit⸗ glied gar viel beſchäftigt, noch vergrößert wurden; und die merkwürdigen Umſtände, welche theils wirklich, theils fälſchlich, und in letzterm Falle in lügneriſch vergrößer⸗ tem Maßſtabe mit der neulichen politiſchen Bekehrung Hamlyns verknüpft waren, dienten gleichfalls dazu, den geſchwätzigen Zungen der Fama, die bereits im Gange waren, friſche Lebendigkeit zu verleihen. Zur Zeit des Mittageſſens hatte Flimflam die Runde in den Clubbs gemacht, welchen er angehörte, um„aus⸗ ſchließlich wahre Auskunft“ und„ächte Anekdoten“ über das Duell zu ſammeln und dadurch eine Geſellſchaft im Hauſe eines hohen Staatsbeamten zu erfreuen. Es be⸗ gegnete ihm aber, daß ſein Gedächtniß mit Erzählungen, 237 die ſich alle auf unumſtößliche Autorität beriefen, aber doch einander widerſprachen, ganz überladen wurde, und daß daſſelbe nicht wenig zu arbeiten hatte, um ſie bis zu Rolls Hauſe im Chancery⸗Gäßchen zu bringen. Der einzige Punkt, in welchem ſich die Leute widerſprachen, war einer, auf den immer gar viel Nachdruck gelegt wird, wenn Duelle unglücklich ausfallen, nämlich der: entweder die Sekundanten, oder die Polizei hätten das feindliche Zuſammentreffen verhindern ſollen. Der Streit war ein öffentlicher geweſen; die feindſeligen Ausdrücke auf beiden Theilen waren allgemein als ſolche betrachtet worden, die ein feindliches Zuſammentreffen ganz ſicher hervorrufen mußten. Demnach entſchied ſich die allge⸗ meine Stimme Londons dahin, daß Alle, welche beim Wortwechſel zwiſchen den Beiden zugegen geweſen ſeien, als Möorder erklärt werden müſſen. Und doch, wäre irgend Jemand in London am folgenden Tage in eine ähnliche Geſchichte verwickelt worden, Niemand von ſol⸗ chen Leuten hätte den kleinen Finger geregt, um der Sache vorzubeugen. Ja! hätte die Klugheit der Sekun⸗ danten die Sache vermittelt, Neune unter Zehnen hätten nachher geſagt, Beleidiger und Beleidigter hätten ſich ſchlagen ſollen. Sie hätten verſucht, ihrem Muthe einen Flecken anzuhängen, und zu ſagen, ſie haben einander ängſtlich gemieden. 1 Während Leute, wie Wite und Brooke, im Leicht⸗ ſinn ihres Herzens an ihrer Tafel logen und verläͤumdeten, indeß ſie ihre Oſterpaſteten verzehrten und auf ihre Kalbs⸗ rippen warteten, gab es in einem gewiſſen Quartiere der Stadt, wo Gerüchte einen finanziellen Werth haben, und wo Mancher ſchon durch eine geſchickte Lage ſein Glück gemacht hat, einen noch weit größern Uebelſtand. Das vernünftige Schreiben, das Hamlyn vorſichtiger⸗ weiſe an Spilsby geſandt, hatte bewirkt, daß ſein Nicht⸗ erſcheinen auf ſeinem Comptoir zur gewöhnlichen Zeit keine Beſorgniß hervorrief. Aber gegen Mittag gelangte die Nachricht auf die City, daß Bankier Hamlyn im 238 Zuſtande der Ohnmacht in ſeine Wohnung nach Cavendiſh⸗ Square geführt worden ſei. Nach der Erzählung Eini⸗ ger war ein Polizeidiener, nach der Erzählung Anderer ein Wundarzt dabei geweſen, und letzterer hatte ohne Erfolg verſucht, ihn wieder zum Leben zurückzurufen. Auf dieſe wahre Kunde folgte ein Gerücht, das ſeine Quelle in irgend einem unbekannten Anlaße hatte und das furchtbare Wort„Selbſtmord!“ ausſprach. Auf der Börſe hieß es gleich, der unglückliche Bankier ſei durch ſeine eigene Hand umgekommen. Da man auf der City bloß einen einzigen Grund kennt, der einen Geſchäfts⸗ mann melancholiſch machen kann, nämlich Mangel an Geld— ſo war es auf der City vollkommen ausge⸗ macht: die raſche That des Bankiers hatte ihren Grund in der hoffnungsloſen Zerrüttung ſeiner pekuniären Ver⸗ hältniſſe. Und doch war das Gerücht von ſeinem Selbſt⸗ morde nicht von einer Notiz begleitet, welche in ſolchen Fällen gewöhnlich mitzugehen pflegt, nämlich von der: daß der Polizeidiener in der Weſtentaſche des Selbſt⸗ mörders bloß ein Bagatell an Geld gefunden habe. Glücklicherweiſe war es ſchon drei Uhr vorüber, als dieſe ſchlimme Kunde ausgeſprengt wurde; ich ſage glücklicherweiſe, denn wenige Minuten nachher wurden die Thüren in der Lombardſtraße durch einen noch dich⸗ teren Haufen von Kunden umlagert, als die in Cavendiſh⸗ Square von Leuten, die ſich in freundſchaftlicher Weiſe nach dem Befinden des Bankiers erkundigen wollten. Die Antwort der Schreiber für Leute, welche das Nähere von Hamlyns Tod wiſſen wollten, war die: ſie haben vor ein Paar Stunden ein Schreiben von ſeiner eigenen Hand erhalten, und der Bote, den ſie vor einer halben Stunde in den weſtlichen Theil der Stadt abgeſchickt haben, ſei noch nicht zurückgekehrt. Ihre Antwort für die, welche entſchieden und ſchnell die Realiſtrung ihres Wechſels haben wollten, war augenblickliche Erhörung ihres Wunſches. Es war ein Glück, daß gerade am Morgen dieſes Tages Schreiber und Compagnie die 4 —)— 239 Bezahlung ihrer Schuld eingeſandt hatten, und daß auf dieſe Weiſe den Schreibern der Zulauf zum Bankier⸗ hauſe trotz der Abweſenheit ihres Prinzipals für den Augenblick wenig Angſt machte. Ehe Spilsby Anlaß hatte, mit gutem Grunde in Schrecken zu gerathen, kam die gewöhnliche Stunde, in welcher man ſonſt das Bankierhaus ſchloß, heran, und das Letzte, was geſchah, um die Aengſtlichkeit von Leu⸗ ten zu beruhigen, welche zu ſpät vor die Hausthüre kamen, war das, daß Spilsby in öffentlichen Blättern einrücken ließ, Herr Hamlyn ſei in einem Duelle ver⸗ wundet worden, deſſen Quelle Streitigkeiten geweſen ſeien, welche in der vorigen Nacht im Unterhauſe Statt gefunden haben; es gehe übrigens mit ſeiner Geſundheit ſo gut als möglich. Zwar thaten dieſe Zeilen, welche Recht und Fug hatten, der Nachricht von Hamlyns Tode zu wider⸗ ſprechen, die gute Wirkung, welche der Erfinder dieſer Maßpregel, Spilsby, erwartet hatte, aber es war un⸗ möglich, vorauszuſagen, welche Gefühle im Herzen der Leute am nächſten Morgen, vor Eröffnung der Bank, entſtehen, oder ſogar, welche Zufälle ſich um dieſe Zeit begeben konnten. Auf alle Fälle wollte der Oberſchrei⸗ ber, welcher, wie wir wiſſen, die geheimen Angelegen⸗ heiten des Hauſes zu wenig kannte, keine weitere Ver⸗ antwortlichkeit auf ſich nehmen. Er ſandte einen Ex⸗ preſſen an Bernhard Hamlyn ab, der auf ſeinem Land⸗ ſitze in Suffolk war, welchen unglücklicher Weiſe die Eiſenbahnlinie nicht berührte. Als die Geſchäfte des Hauſes am Abende geſchloſſen, und in Abweſenheit des Prinzipals die Schlüſſel ihm übergeben waren, ging er nach Cavendiſh⸗Square, um über den Zuſtand Herrn Hamlyns ganz genaue Erkundigungen einzuziehen, und ſich von den ſeine Stelle vertretenden Perſonen Befehle zu erbeten. Dieß war übrigens nichts Leichtes. Für das Erſte erhielt er keinen freien Zutritt zum Hauſe Hamlyns. 240 Es waren, wie wir wiſſen, ſtrenge Befehle gegeben worden, es ſolle jedes Geräuſch, jeder Lärmen vermie⸗ den werden. Der Bediente aber, an den er ſich in der vorigen Woche gewendet hatte, um Zutritt zu Herrn Hamlyn zu erhalten, erkannte ihn glücklicherweiſe wie⸗ der, ſprach mit der Polizei, daß ſie ihn paſſiren ließ, und führte ihn in's Haus des Bankiers. Wenn er ein⸗ mal in der Halle war, ſo hatte es den Anſchein, als ob Alles gewonnen ſei. Aber an wen ſollte er ſich wenden? Einer der Söhne Hamlyns war auf dem Lande, der andere auf das Zärtlichſte mit dem ſterbenden Manne beſchäftigt. Sogar Ramſey hatte ſeit der Operation das Kraakenzimmer keinen Augenblick verlaſſen. Was die Frau und die Töchtern des Bankiers betrifft, ſo hätte wohl ein Geſpräch zwiſchen Spilsby und ihnen Nichts genützt, ſogar, wenn es dem Bedienten möglich gewor⸗ den wäre, ein ſolches, das natürlich ſchlimme Folgen auf die Gemüthsſtimmung der Beiden gemacht hätte, zu veranſtalten. Glücklicherweiſe war der Bediente, mit welchem der Schreiber zu thun hatte, nicht allein ein treuer Diener ſeines Herrn, ſondern er hatte auch Herrn Hamlyn häufig in's Unterhaus begleitet, und häufig mit Bedien⸗ ten anderer Geſchäftsleute über Bankiergeſchäfte geplau⸗ dert und dadurch einen Begriff von der Wichtigkeit eines Bankiers erhalten. Er wußte ſehr gut, daß das Leben ſeines Herrn für die menſchliche Geſellſchaft wichtiger ſei, als zum Beiſpiel das von Lord Eduard Sutton. Er ließ Spilsby im Speiſezimmer ſtehen und verſprach ihm, ſo ſchnell als möglich eine Zuſammenkunft zwiſchen ihm und Kapitän Hamlyn oder dem Marquis von Dartford zu veranſtalten. 8 Weiter ſagte er zu Spilsby:„Oberſt Hamilton hat bloß vor einem Augenblick das Haus verlaſſen; es i ungemein zu bedauern, daß Sie nicht zuvor mit ihm geſprochen haben.“— Dieſer Meinung trat Spilsby ganz entſchieden bei. . 241 Doch kam eine halbe Stunde nachher der gute, alte Mann wieder nach Cavendiſh⸗Square zurück. Er hatte zu Hauſe bloß nachgefragt, ob Johnſton wirklich nach Dean⸗Park gegangen und ob er wieder zurückgekehrt ſei, und hatte Befehle in Betreff Ellens gegeben, welche Miſtreß Hamlyn nicht einmal auf einen Augenblick ver⸗ laſſen wollte. Noch ehe der Oberſt ins Geſellſchafts⸗ Zimmer eintrat, beſprach ſich der Oberſchreiber draußen vor der Thüre bereits mit ihm. Oberſt Hamilton dachte, die Angſt, welche ſich auf dem Geſichte des kahlköpfigen Schreibers ſpiegelte, rühre einzig und allein von der ſchlimmen, gefährlichen Lage ſeines Prinzipals her. Er ſagte deßhalb zu ihm: „Keate ſah den armen Hamlyn vor einer Stunde und behauptet, es ſtehe ſo gut, als möglich, mit ihm.“ Spilsby erwiederte:„Ich bin herzlich froh, dieß zu hören. Herr Hamlyn war ein guter Freund zu mir, ich wünſche ihm von Herzen, daß er wieder geneſen möge. Inzwiſchen bin ich äußerſt beſorgt dafür, daß ich von der Familie Verhaltungsmaßregeln erhalte. Die Verantwortlichkeit wegen eines ſo bedeutenden Geſchäf⸗ tes, wie das von Hamlyn iſt, kann mir nicht zugemuthet werden. Die Firma hat kein beſonderes Vertrauen in mich geſetzt, ich bin in der größten Verlegenheit.“ Der Oberſt zuckte die Achſeln und rief aus:„Aber doch geht es Ihnen nicht ſo ſchlimm, als ſeinen beiden Söhnen. Beim heiligen Georg! der arme Hamlyn hatte Recht. Einer ſeiner Söhne hätte in ſein Geſchäft ein⸗ geleitet werden ſollen, um es nachher übernehmen zu können. Aber wer konnte vorausſehen, was geſchah?“ Spilsby entgegnete:„Das unglückliche Ereigniß dieſes Morgens hat einen ungewöhnlichen Zulauf zu unſerem Bankierhauſe verurſacht. Zwar werden zwiſchen heute und morgen die Leute ihr Zutrauen zu der Firma dadurch einigermaßen wieder gewonnen haben, daß ihnen bekannt gemacht wurde, die Kunde von Hamlyns Selbſt⸗ mord ſei pure Verläumdung, und die von ſeinem Tode Die Bankiersfrau. II. 16 242 eine voreilige Nachricht. Aber es iſt unmöglich, in die Zukunft zu ſchauen. Wenn einmal der Zulauf zu einem Bankierhauſe angefangen hat, ſo macht er Fortſchritte, wie der Brand eines Hauſes, den jeder neue Verſuch, ſeinen Fortſchritten Einhalt zu thun, nur noch ſtärker anfacht. Ich geſtehe, ich bin wegen der Folgen äußerſt in Sorgen.“ Der Oberſt war der Anſicht, im Hauſe des Todes gebe es Nichts, was das Intereſſe mehr in Anſpruch nehmen könne, als die Gefahr des Leidenden. Er rief aus:„Wegen der Folgen von was ſind Sie äußerſt in Sorgen? Warum können Sie ſich nicht deutlich aus⸗ drücken?“ Spilsby ſeinerſeits war nicht wohl im Stande, den Oberſt für etwas Anderes anzuſehen, als für einen be⸗ deutenden Kunden, der durch die Antwort auf ſeine Frage in Schrecken geſetzt werden mußte. Er ſagte:„Ich glaube, wenn der Zulauf der Leute noch länger anhält, ſo find wir nicht im Stande, ohne Rath oder Beiſtand von einem der Theilhaber der Firma dieſem Zulaufe die Spitze zu bieten.“ 3 Voll Erſtaunen rief der alte Mann aus:„Wie? Sie ſind genöthigt, Ihre Zahlungen einzuſtellen? Bei Gott! augenblicklich muß man nach der Sache ſehen. Das iſt die ſchreckliche Folge von einer Schwäche des armen Hamlyns, an welche ich leider niemals gedacht habe. Ich erwarte den jungen Hamlyn, meines Freun⸗ des zweiten Sohn, welcher zum Bankier beſtimmt war, jeden Augenblick in der Stadt. Ich will die Sache mit ihm beſprechen. Wenn es möglich iſt, ſo will ich gele⸗ enheitlich während dieſer Nacht Hamlyn ſelbſt um ein ort der Belehrung bitten. Um wie viel Uhr öffnen Sie die Bank?“ „Um neun Uhr, Sir.“ „Können Sie um ſieben Uhr hier ſein?“ „Ja wohl. Aber wenn ich Ihre Befehle noch heute Nacht erhalten könnte—“ 3 243 Oberſt Hamilton ſagte:„So kommen Sie heute Nacht um zwölf Uhr wieder her. Bis dorthin werde ich Henry Hamlyn geſehen und ſeine Meinung über die Sache erfahren haben., Als aber Mitternacht und der kahlköpfige Ober⸗ ſchreiber mit einander kamen, war noch kein Fortſchritt in der Sache gemacht, von keinem Henry Hamlyn hatte man gehört. In Rugby hatte Johnſton von Jacob Durdan, welcher auf die Abfahrt des Eiſenbahnzuges wartete, und am heutigen Morgen zu Dean⸗Park ge⸗ weſen war, um über Hamlyn Erkundigungen einzuziehen, von Jacob Durdan hatte er erfahren, daß Henry weder in Dean⸗Park war, noch dort erwartet werde, und auf der Eiſenbahnſtation, welche er hätte paſſiren ſollen, und deren Perſonal ihn erkannt hätte, wurde Johnſton als beſtimmt verſichert, er ſei von ſeinem Beſuche in der Stadt noch nicht zurückgekehrt. Um Zeit zu erſpa⸗ ren, ging deßhalb Johnſton nicht mehr nach Orington hinüber, wodurch er ein Paar Stunden verloren hätte, ſondern kehrte geradezu nach London zurück, und brachte Miſtreß Hamiltons Brief unerbrochen zurück. Dieſe Kunde berührte den Oberſt äußerſt unange⸗ nehm, den Schreiber ſetzte ſie in Schrecken. Der Oberſt ſagte zu Spilsby:„Ich bin mit Bankier⸗ Sachen ſo wenig vertraut, daß ich Ihnen nicht wohl einen Rath geben kann, ohne zu riskiren, daß ich Un⸗ recht habe. Da aber die Sache ernſtlich genommen werden muß, wie Sie meinen, ſo empfehle ich Ihnen an: rufen Sie die Freunde des Hauſes zuſammen. Hamlyns Sachwalter, Wigwell und Slak, die Brüder der Miſtreß Hamlyn, die beiden Harrington, welche zwar, ſo viel ich weiß, mit Herrn Hamlyn nicht gut ſtehen, aber nun einmal berechtigt ſind, nach den Ange⸗ legenheiten ihrer Schweſter zu ſchauen, auch einige mit Hamlyn befreundete Bankiers, welche Ihnen beſſer be⸗ kannt ſind, als mir, ſollten Morgen früh mit Tages⸗ Anbruch im Geſchäftshauſe Hamlyns zuſammenkommen. 244 Ich will als Freund der Söhne Hamlyns hier bleiben. Was die eben von mir genannten Leute betrifft, ſo ſoll⸗ ten ſie, wenn es auch ſchon ſpät iſt, heute Nacht von der Sache in Kenntniß geſetzt werden. Die Sache iſt zu wichtig, als daß man mit ihr ſpielen dürfte.“ Der Schreiber, der eine Drotſchke mitgebracht hatte, ſagte:„Ich will augenblicklich zu Wigwell eilen. Er geht zwar ſo frühe zu Bette, als er aufſteht, und wird ſich bereits zur Ruhe begeben haben. Aber glücklicher Weiſe wohnt er in ſeinem Geſchäftshauſe, und ich kann ihm ein Schreiben zurücklaſſen, wodurch ich ihn von Ihrem Wunſche in Kenntniß ſetze. Auch will ich zu Andreas Harrington in Bedford⸗Square gehen. Dieſer iſt gewiſſermaßen der beſte Rathgeber in London bei einer ſolchen Noth, den wir haben können; überdieß iſt er einer unſerer bedeutendſten Kapitaliſten. Herr Oberſt! wenn Sie mich mit Schreibmaterial verſehen wollen, ſo will ich aus Vorſicht hier an Wigwell und Slak ſchreiben. Denn vielleicht iſt es mir nicht möglich, heute Nacht einen der Theilhaber an der Firma, von denen wir ſoeben geſprochen haben, zu treffen um dort ſchreiben zu können.“ Nachdem dieſes wichtige Geſchäft abgemacht war, und ſich der Schreiber entfernt hatte, deſſen Mittheilungen Oberſt Hamiltons Kummer über das vorgefallene Un⸗ glück noch ſteigerte, begab ſich der Letztere zu Miſtreß Hamlyn und Lydia zurück, welchen er abſichtlicher Weiſe den Namen des Beſuchers verhehlte, zu dem er beſchieden worden war, ging ſchonend auf den Schrecken ein, welcher durch das Nichterſcheinen Henrys bei der Familie verurſacht worden war, und tröſtete die wehklagende, arme Mutter, welche bedauerte, daß die erſchreckende Kunde vom Unglücke ſeines Vaters, ihn, wo es auch war, plötzlich und überraſchend treffen müſſe. Der bekümmerte alte Mann bewog ſie, ſich auf ihr Zimmer zu begeben, wo Ellen wache. Zugleich beſtand er darauf, daß ſich ihre Töchter zu Bett legen ſollten. Um dieſe 4 —— 245 unter einem geſchickten Vorwande ins Bette zu bringen, drückte er den Wunſch aus, er ſelbſt möchte auf dem Sopha im Geſellſchaftszimmer ein Paar Stunden ruhen. Walther habe ſein Anerbieten, die Wache neben dem Verwundeten mit ihm zu theilen, entſchieden abgelehnt. Was den Verwundeten betreffe, ſo habe er eine beſſere Nacht gehabt, als man gehofft oder vorausgeſagt habe. Die Frauenzimmer entfernten ſich und ſo war der Oberſt ganz allein in dem prächtigen Zimmer, in welchem Hamlyn ſelbſt in der vrohergehenden Nacht um dieſelbe Zeit geweſen war. Aber wie verſchieden war bei beiden, ſo lange ſie hier waren, die Geſinnung des Herzens, wie verſchieden waren ihre Abſichten und Planen. Der Bankier hatte ſeine Seele zu einem ſchrecklichen Vorſatze, zu einem feindlichen, unchriſtlichen Zuſammentreffen geſtählt, der alte Mann hegte Plane des Friedens und der Herzensgüte aus. Der Bankier war voll Schrecken vor Erinnerungen aus ſeinem Leben, voll Unbußfertigkeit und Herzenshaͤrtigkeit zurückgeſchaudert, der alte Mann be⸗ mühte ſich die aufgeregten Gefühle ſeines Herzens durch Ge⸗ danken voll Zärtlichkeit und Liebe zu beruhigen. Der Bankier hatte ſich bemüht, bei einer drohenden Gefahr, ſeinen Muth dadurch zu ſtärken, daß er ſich ſein gewöhnliches Glück und ſeine falſche Thatkraft ins Gedächniß rief, die bei ihm aus ſeiner eingewurzelten Achtung vor der Meinung der Welt entſprungen war, eine Thatkraft, die ihn oft in den Stand geſetzt hatte, Wunder über Wunder zu thun, und zu verhüten, daß ſein Charakter irgendwie Noth leide. Der alte Mann ließ voll Demuth das Haupt auf die Bruſt herniederſinken, und empfahl ſich und diejenigen Perſonen, welche ihm am Herzen lagen, der Vorſehung Gottes. Die letzten Gedanken, die er in dieſer Nacht hatte, beruhigten ſein bekümmertes Herz, und brachten ſeine angegriffenen Augenlieder zur Ruhe. Dieſe Gedanken waren folgende:„gerade in dieſem Zimmer brachten meine armen Knaben häufig angenehme Feiertage zu. Hier pflegten ſie an ihren armen alten Vater und die Heimat zu denken, welche ſie niemals wieder ſehen ſollten. Mit der Hülfe des Allmächtigen will ich an den Kindern des unglücklichen Mannes, der in ſeinem Bette da drüben winſelt und ächzt, und mit welchem der Herr Mitleid haben möge, an den Kindern dieſes Mannes will ich Vaterſtelle vertreten.“ Nun ſchlief er ein. Wie verſchieden war ſein Schlaf von dem ſieberiſchen Schlummer des Leidenden über ihm? Nicht länger als drei Stunden hatte er ge⸗ ſchlafen, als er auf einmal durch eine kalte Hand auf⸗ geſchreckt wurde, die ſich auf die ſeinige legte. Er ſprang vom Sopha auf, in der Meinung, John⸗ ſton, dem er den Auftrag gegeben hatte, ihn zu wecken, ſei erſchienen, um dieß zu thun. Er rief aus:„beim Teufel! bin ich den wohl verſchlafen?“ Das ganze Zimmer war dunkel, nur drängte ſich mit Gewalt ein ſchwaches Zwielicht durch die Ritzen der Jalouſteläden und muß⸗ linenen Vorhänge, welche man bei der Verwirung dieſer Nacht aufzuziehen vergeſſen hatte. Deßhalb ſah er augenblicklich, daß die Perſon, welche ihn ſo lebhaft bei der Hand faßte, kein Bedienter ſei. Ein Paar raſche Worte von Seiten des ihm gegen⸗ überſtehenden Mannes machten ihm kund, daß Henry Hamlyn es war. Dieſer war neuerdings wieder nach Cambridge zurückgeeilt, und dort vor ein Paar Stunden angekommen, hatte die unſelige Nachricht von ſeines Vaters Tode in einer Zeitung zu Cambridge geleſen, ſich im Augenblicke in eine Poſtchaiſe geſetzt, und war wieder zurück nach London gefahren. Henry öffnete nun ſein ganzes Herz dem Manne, mit dem er noch keine fünfzig Worte gewechſelt hatte, den er aber ſeinen Thaten nach als ein gerechten, edlen, freundlichen Mann erkannte. Er ſtammelte folgende Worte: ich befürchtete, ich möchte zu ſpät kommen, o wie ſehr befürchtete ich, ich möchte zu ſpät kommen. Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht zur rechten 247 Zeit angekommen wäre? Für mich iſt es wichtiger, als für ſeine übrigen Kinder, ſeinen letzten Segen zu erhalten, denn ich bin dasjenige unter ihnen, das ſeine Plane immer durchkreuzte. Wiſſen Sie es? verfluchte er mich nicht? O mein armer theurer Vater! Wie ſchwer läge der Gedanke auf meinem Herzen, daß er geſtorben ſei, ohne ein Wort der Verzeihung mit mir zu ſprechen.“ Thränen quollen aus den Augen des bewegten jungen Mannes hervor, als er mit gefalteten Händen und ſchwerem Herzen dieſe unzuſammenhängenden Worte ſprach. Uebrigens bemühte er ſich, ſeine Faßung wieder zu gewinnen, und fuhr folgendermaſſen fort:„Doch er iſt beſſer. Er hat eine gute Nacht gehabt. Er hat ein Paar Stunden Schlaf genoſſen. So eben habe ich Walthern verlaſſen. Unbemerkt habe ich am Bette meines Vaters geknieet, man darf ihn durchaus nicht in Unruhe verſetzen. Ehe ich meinen Bruder von ſeiner Wache ablöſe, damit auch er einige Ruhe genießen kann, kann ich nicht umhin, Ihnen zu danken, Herr Oberſt, daß Sie hier ſind, Sie und Ellen. Es ſieht Ihnen ſo ganz gleich, daß Sie beide hier find. Gott ſegne Sie! Gott ſegne Sie!“, Während dieſer ganzen Zeit bemühte ſich Oberſt Hamilton, ſeine Gedanken zu ordnen, und den Faden ſeiner frühern Gedanken, während dieſer Nacht, wieder aufzunehmen. Er konnte es kaum über das Herz bringen, den aufgeregten, zarten Mann vor ihm, der eben ſo wohl von einer nächtlichen Reiſe müde, als, was noch mehr zu bedeuten hatte, durch die Angſt einer ganzen Nacht angegriffen war, mit bloßen Erörterungen in Geſchäftsſachen zu beläſtigen, und den warmen Erguß ſeiner kindlichen Gefühle durch trockene Hemmniſſe welt⸗ licher Sorgen ins Stocken zu bringen. Aber die Sache war unvermeidlich. Die Intereſſen von zu vielen menſch⸗ lichen Weſen hing von ſeiner Unterredung mit Henry ab. Mit ſo wenig Worten, als möglich, ſetzte Oberſt Hamilton dem Jüngling die gefährliche Lage aus ein⸗ 248 ander, in welcher die Angelegenheiten ſeines Vaters ſeien, und ſtellte ihm vor, es ſei unumgänglich noth⸗ wendig, daß man ohne Verzug Maßregeln dagegen er⸗ greife. Zu ſeiner großen Verwunderung brachte die ſchreckliche Kunde bei Hamlyn nur ſehr wenig Unruhe hervor. Entweder kannte er die Ausdehnung der Ge⸗ ſchäfte ſeines Vaters ganz und gar nicht, oder hatte der Schlag den ihm ſeines Vaters Unglück im Duelle bei⸗ gebracht, ihn völlig betäubt. In der That! er ſah ſo zerſtört aus, und war mit dem Gedanken an ſeines Vaters Gefahr ſo ganz und gar beſchäftigt, daß Oberſt Hamilton es für ſeine Pflicht hielt, zwei Punkte zu be⸗ rühren, über welche er im erſten Augenblick aus Behut⸗ ſamkeit und Gewiſſenhaftigkeit geſchwiegen hatte. Er ſprach davon, daß die Wohlfahrt ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter gefährdet ſeien, er ſprach von der Schmach, welche wohl auf den Namen ſeines Vaters fallen könne. Nun rief Henry aus:„Wohlan! ſo wollen wir gehen! Keinen Augenblick haben wir zu verlieren. Wir wollen eilends zur Eity gehen. Vergeblich bemühte er ſich ſeine diſſolute Kleidung und ſeine zerſtörten Blicke zu ordnen. Er führte den Oberſt, der das Haus eilends verlaſſen wollte, nach unten in das Ankleidezimmer ſeines Vaters, neben dem Schreibzimmer, wo das Frühſtück bereit ſtand. Jeder von ihnen trank ſtehend eine Taſſe Thee, ſodann fuhren ſie in einer Miethkutſche auf die City. Die Straßen waren beinahe noch ohne Menſchen. Die Läden öffneten nach und nach ihre Fenſter, als ſie ſich einem Quartiere der Stadt näherten, in welchem viele Handelshäuſer waren. Das regſame Treiben in den Läden gab auch den Straßen, welche eine Stunde zuvor blos vom Auswurfe der Stadt und von der Poli⸗ zei bevölkert geweſen waren, ein gewiſſes lebendiges, anſtändiges Ausſehen wieder. Als ſie die Lombardſtraße erreichten, und dieß war, ehe es auf der Glocke der „Kirche zum heiligen Grabe“ fieben Uhr geſchlagen . — 249 hatte, waren die Ladenjungen der City emſig damit beſchäftigt, durch Gießen aus Kannen das Pflaſter rein zu machen.— Als die Miethkutſche mit ihnen vor dem Bankier⸗ hauſe anfuhr, war bereits die Thüre deſſelben halb offen. Der alte Portier, der abſichtlich hieher geſtellt worden war, um die auf Hamiltons Anrathen einge⸗ ladenen Beſuche zu empfangen, ließ ſie ein. Als ſie in das Privatzimmer Hamlyns traten, wo Spilsby für jetzt die Oberherrſchaft hatte, zog der alte Portier Henry beim Rockärmel zu ſich her, und fragte ihn nach dem Befinden ſeines armen Herrn. Es wäre für Harry ein Troſt geweſen, zu bemerken, daß dieſer ehrwürdige Diener Thränen in den Augen hatte, aber ſein Herz war zu voll von ſeinen eigenen Angelegenheiten. Sie beide waren ſo pünktlich geweſen, als der alte Krieger, der ſo gar Viel auf Pünktlichkeit hielt, nur immer wünſchen konnte, ſie waren vor der beſtimmten Stunde auf dem Comptoir des Bankier. Doch waren die Schreiber, die Harringtons, die Advokaten und zwei Fremde, von denen einer dem Oberſt als der Geldmäckler vorgeſtellt wurde, der mit der Firma Hamlyn zu ſchaffen gehabt habe, alle dieſe waren bereits bei einander. Die Geſchäftsbücher lagen offen vor ihnen auf dem Tiſche, und ihre in die Läͤnge gezogenen Geſichter waren eine ſchlimme Vorbedeutung, und bewieſen, wie ungünſtig die Unterſuchung, mit der ſie ſich beſchäftigten, für ſie war. Sogar die von den neuen Ankömmlingen gebrachte Kunde, daß Herr Hamlyn eine gute Nacht gehabt habe, und daß es mit ihm ſo gut als möglich gehe, vermochte die Augbrauen der düſtern Verſammlung nicht heiterer zu machen. 3 Keiner von Allen gab ſich die Mühe, zuerſt zu ſpre⸗ chen. Sie ſahen insgeſammt ein, jedes ausgeſprochene Wort mußte eine Anklage gegen den Herrn der Firma ſein, die um ſo übler ausgelegt werden konnte, da er ſelbſt abweſend und ſein Sohn zugegen war. Wäre aber 250 irgend ein Zuſchauer, der kein perſönliches Intereſſe bei der Sache gehabt hätte, bei der Scene geweſen, er hätte ohne Zweifel bemerken müſſen, daß die Achtung, welche Wigwell und Slack gewöhnlich Hamlyn und Compagnie gezollt hatten, bereits auf Oberſt Hamilton, den Reich⸗ ſten der ganzen Geſellſchaft übergegangen war. Nachdem Spilsby Henry Hamlyn und ſeinen ehr⸗ würdigen Begleiter achtungsvoll begrüßt hatte, hob er folgendermaßen an:„es macht mir den tieſſten Kummer, daß ich ſagen muß, die Sachen hier haben ein weit ſchlimmeres Ausſehen, als die Schilderung erwarten ließ, die ich Ihnen, Herr Oberſt! geſtern Nacht von denſelben entwarf. Verſchiedene Verſicherungen, auf die ich ganz ſicher rechnete, fehlen unerklärlicher Weiſe. Nun bin ich zwar durchaus nicht im Zweifel: wenn Herr Hamlyn wieder geſund geworden iſt, ſo wird es ihm leicht mög⸗ lich ſein, uns über die Art und Weiſe, wie er über dieſelben verfügte, aufzuklären, aber für den Augenblick ſind wir über dieſelben völlig im Dunkeln. Aus Win⸗ ken, welche mir Andreas Harrington und ſein Bruder gab, habe ich Grund, voll Sorge zu ſchließen, daß der Zulauf zum Hauſe mit der gleichen Stärke anhalten wird, und daß die ſchlimme Kunde von Hamlyns Tod durch eigene Hand, welche ſchon in der letzten Nacht zu unſeren Correſpondenten auf dem Lande gekommen iſt, der Poſt ſchweres Geld eintragen wird. Herr Bernhard Hamlyn iſt noch nicht in die Stadt gekommen, und ich habe bloß zwanzig tauſend Pfund Sterling und Etwas darüber, mit denen ich nun die Bank öffnen ſoll.“ Auf dieſe Kunde hin ſchauten die zwei Advokaten einander mit der Miene der ſtarrſten Verwunderung an; die zwei Onkel Henry's blickten voll bekümmerten Mit⸗ leids auf ihn; der Mäckler und ſein Geſellſchafter hoben ihre Augbrauen in die Höhe und murmelten etwas Unverſtändliches auf die Knöpfe ihrer Stöcke. Andreas Harrington ſagte in entſchiedenem Tone: „In dieſem Falle die Bank zu öffnen, wäre Verrückt⸗ 7 251 heit. Aber es iſt unmöglich, daß ein Geſchäft, wie die⸗ ſes, ſo ganz und gar ohne die nöthigen Hülfsquellen ſein ſoll!“ Spilsby erwiederte!„Herr Hamlyn betrieb das Geſchäft ganz für ſich, und ſchenkte Niemand ſein völli⸗ ges Zutrauen. Bis Herr Bernhard Hamlyn ankommt, kann ich Nichts machen.“ Der Oberſt ging geradezu auf die Sache los, und fragte:„Wenn er aber nicht ankommt, muß dann das Haus ſeine Zahlungen einſtellen?“ Ein düſteres Stillſchweigen war die einzige Ant⸗ wort auf dieſe gerade zum Ziele eilende Rede. Der Oberſt rief aus:„Gott ſei meiner Seele gnä⸗ dig! Kann hier Nichts gethan werden? Der arme Ham⸗ lyn, der doch ſo manchen Freund hat, und ſich gegen die ganze Welt ſo wohlthätig erwies, wird doch wohl nicht auf ſeinem Todtenbette von ſeinen Kunden geplagt werden und in Unehre kommen, weil es an einem oder zwei begüterten Männern fehlte, die ihm unter die Arme gegriffen haben ſollten?“ Er wandte ſich gegen Andreas Harrington, und fuhr folgendermaßen fort:„Sie, Sir, Sie, der in ſo naher Verbindung mit der Familie ſteht, werden doch wohl an dieſem unglücklichen Manne als Freund und Vetter handeln wollen?“ Die ernſte Antwort des unbeugſamen Londoner Kauf⸗ manns war:„An ſeinem unglücklichen Weibe will ich als Bruder handeln, und ihre Kinder wie die meinigen betrachten. Aber ich ſage ohne Anſtand und Bedenken, keine halbe Krone würde ich aufs Spiel ſetzen, wenn ich auch gewiß wäre, daß um dieſes meines Dienſtes willen Richard Hamlyn nicht als Bankruttier in die Zei⸗ tung eingerückt würde. Ich ſpreche im Namen meines Bruders und in meinem eigenen. Wir find hier als Pfleger für Hamlyns Frau und ſeine Kinder. Entſchul⸗ digen Sie mich, Henry! Sie find nicht in Verhältniſſen, von denen aus Sie die Beweggründe meines Handelns 252 beurtheilen koͤnnten. Ich achte Ihre Gefühle als Sohn, ſonſt, mein theurer Neveu! würde ich noch mehr ſagen.“ Die Herren Wigwell und Slak ſahen dem Geſichte Oberſt Hamiltons an, daß er geneigt war, dieſes rauhe Benehmen von Seiten der reichen Brüder der Miſtreß Hamlyn übel aufzunehmen. Sie dachten, ſie dienen ihrer eigenen Sache, wenn auch nicht der ihres Klienten Hamlyn, wenn ſie den Entſchluß der Brüder Harrington nachdrücklich angriffen. Sie ſtellten vor, der Zulauf zu Hamlyns Haus ſei zufällig, und von kurzer Dauer; vermittelſt einer unbedeutenden Unterſtützung von aus⸗ wärts ſei es der Firma nicht nur möglich, dem über ſie ergehenden Sturm Trotz zu bieten, ſondern durch dieſen Beweis von Stärke noch höhern Kredit auf dem Geld⸗ markte einzunehmen. Aber ſogar nach dieſem Aufrufe blieben die Schwäger Hamlyns und der Geldmäckler ſo ſtumm, als wie die Fiſche. Es war klar, ſie wenigſtens dachten ganz anders. Henry hatte das Geſicht mit ſeinen gefalteten Hän⸗ den bedeckt; dieſe zog er plötzlich weg und rief aus: „So iſt denn alſo gar Nichts gewonnen! meines Vaters Kredit, die Frucht der höchſten Redlichkeit und unermü⸗ deter Anſtrengung von zwanzig Jahren her, iſt alſo ge⸗ fährdet! Er mußte nicht allein in der Blüthe ſeiner Jahre, ſondern verachtet und verſchmäht ſterben.“ Andreas Harrington äußerte keine Sylbe. Dagegen ließ ſein Bruder Thomas Ausbrüche eines trockenen Huſtens vernehmen, welche dem ängſtlichen Spilsby als böſes Vorzeichen erſchienen. Seine Hoffnung auf Bei⸗ ſtand von Seiten der ſogenannten Hausfreunde verſchwand nach und nach. Henry war der feſten Ueberzeugung, wenn es nicht zu frühe wäre, und man die Freunde und Genoſſen ſei⸗ 3. nes Vaters zuſammenrufen könnte, oder wenn er bloß ein Dutzend Stunden zu ſeiner Verwendung hätte, ſo würde er Alles zu ſichern im Stande ſein.„Aber,“ fuhr er fort,„wenn Blutsverwandte—“ * 253 Oberſt Hamilton legte ſeine Hand feſt auf Henry's Arm, um Worte fruchtloſer Erbitterung zu verhindern, wandte ſich an die ganze, im Zimmer verſammelte Ge⸗ ſellſchaft, unterbrach Henry, und ſagte:„Ich ſelbſt bin mit Richard Hamlyn durchaus nicht verwandt, und bei ſeiner Wohlfahrt bloß betheiligt, wie ein Freund an der Wohlfahrt des andern. Aber dieß iſt nach meiner An⸗ ſicht ein heiligerer Bund, als manche Leute gerne glau⸗ ben wollen, und deßhalb bin ich Willens, da Stand zu halten, wo Andere voll Schrecken zurückweichen. Ich habe ungefähr zwei mal hundert tauſend Pfund, ſage zwei mal hundert tauſend Pfund, in verſchiedenen Ver⸗ ſicherungen beim Hauſe Hamlyn angelegt. Das Meiſte davon kann ſogleich verwendet werden. Alles, was ich ſagen kann, iſt das: die Firma hat vollkommene Frei⸗ heit, von dieſen Verſicherungen ſo viel in Geld zu ver⸗ wandeln, als nöthig iſt, um ſie ſicher durch den Sturm zu bringen.“ Ein Murmeln der Dankbarkeit und Bewunderung, das übrigens dem Oberſten ganz gleichgültig war, machte ſich aus der Bruſt der Advokaten, des Geldmäcklers und des Schreibers Luft. Der Oberſt dagegen fand ſeine volle Belohnung im ſtillen Händedruck, den ihm ſein und Ellens junger Freund Henry gab. Doch mußte er im ſelben Augenblick bemerken, daß Andreas Harrington und ſein Bruder ihn mit dem Blick eines verächtlichen Mitleids betrachteten, den man einem Kranken ſchenkt, der gerade aus einem Irrenhauſe entſprungen iſt. Der Mäckler ſchaute auf ſeine Uhr, und ſagte: „Wir dürfen keine Zeit verlieren; es iſt bereits halb acht Uhr vorbei. Es wird mir ein großes Vergnügen machen, wenn ich auf die Verantwortlichkeit und gegen eine Quittung von Herrn Oberſt Hamilton der Firma mit zwanzig tauſend Pfund Sterling aushelfen kann. Ich befürchte, wir werden keine Zeit haben, die Ver⸗ ſicherungen, von welchen der Oberſt ſpricht, in Geld umzuſetzen.“ Der andere Freund des Hauſes, der mit Rußland bedeutende Geſchäfte machte, und bei dem Hauſe Ham⸗ lyns und Compagnie bedeutend betheiligt war, ſagte: „Wenn die Verſicherungen bei mir niedergelegt werden, ſo iſt es mir möglich, den ganzen Betrag derſelben vorzuſchießen.“ Spilsby, deſſen Geſicht ſeit der feindſeligen Erklä⸗ rung der beiden Harringtons immer bläſſer und bläſſer geworden war, ſagte:„Sie, Herr Oberſt! ſprechen doch wohl von den vierundachtzig tauſeud ſieben hundert zwei⸗ undvierzig Pfund Sterlingen und Etwas darüber, das mit drei Prozent verzinst iſt, und auf die beiden Namen „Hamilton“ und„Hamlyn“ läuft?“ „Allerdings, ſodann auf meine Lebensverſicherungs⸗ gelder, auf meinen oſtindiſchen Wechſel, und andere Dinge Aber ich denke, dieſe Kapitalien ſind verwend⸗ bar? Ich denke, dieſer Herr iſt der Mäckler der Firma? Laſſen Sie ihn den Handel abſchließen, übergeben Sie mir die nöthigen Papiere und ich will ſie unterzeichnen und mit meinem Siegel bekräftigen, ehe ich das Haus verlaſſe.“. Wigwell und Slak fingen nun an, die beſten Namen ihres Wörterbuches, alle Cardinalstugenden zu nennen, und dem Oberſten zuzuſchreiben, wie:„Freigebigkeit, Großmuth, Uneigennützigkeit, Edelſinn, Hochherzigkeit, Freundſchaft, würdige Geſinnung.“ Spilsby dagegen beſchäftigte ſich, oder ſtellte ſich wenigſtens, als beſchäf⸗ tigte er ſich mit ſorgſamer Prüfung eines mächtigen Buches, deſſen Titel aus einem mächtigen II beſtand, das auf rothem Grunde mit weißer Dinte geſchrieben war. Sodann unterſuchte er eine ganze Reihe von Tage⸗ büchern, Quittungen und verſchiedener Papiere, die allem Anſcheine nach auf die Geſchäfte Oberſt Hamiltons mit dem Hauſe Bezug hatten. Endlich, nachdem der kahl⸗ köpfige Schreiber alle vorhandenen Papiere hin und her geſtöbert, und blechene Büchſen einmal über das andere geöffnet und wieder zugeſchloſſen hatte, zog er den Mäck⸗ 82 6 25⁵ ler in eine Ecke des Zimmers, und unterhielt mit ihm, ſo leiſe als möglich, ein Geſpräch, welches, da es nur zwiſchen ihnen beiden geführt wurde, Etliche unter den Verſammelten inſofern geneigt waren, übel zu nehmen, als es einen Mangel an Zutrauen zu ihnen beurkunde. Uebrigens währte es nicht lange. Mit einem Geſichte ſo blaß als Aſche und mit bebenden Lippen kehrte Spilsby an den Tiſch zurück, von welchem ſich die übrigen Ver⸗ ſammelten noch nicht erhoben hatten, ſprach ein Paar unverſtändliche Worte zur Einleitung, Worte, welche ſei⸗ nen Schmerz und Schrecken über den wirklichen Stand der Dinge beurkundeten, und erklärte, er habe Grund zu glauben, daß das in Frage ſtehende Kapital gar nicht mehr vorhanden ſei; der Mäckler, Herr Slicen, mit welchem er ſoeben geſprochen, könne ſich ſehr gut erin⸗ nern, wie er, Slicen, mehreremale zu Gunſten Herrn Hamlyns über große Stücke des in Frage ſtehenden Ka⸗ pitals verfügt habe. Dieſes ſei durch ſolche Ausgaben bis auf ein Paar tauſend Pfund Sterling geſchmolzen. Der Schreiber fuhr fort:„Es iſt ſonderbar und ſchmerzlich, zu ſagen, aber über dieſe Ausgaben wurde, ſo viel es ſcheint, kein Verzeichniß zu Gunſten Oberſt Hamiltons geführt.“ Leiſe warf Andreas Harrington ſeinem Bruder fol⸗ denus Worte zu:„Ich fürchte, es wurde keines geführt.“ Spilsby fuhr mit bebenden Lippen fort:„Es wäre vwielleicht das Beſte, wenn ich behauptete, daß die Prü⸗ fung, die ich geſtern Nacht mit den Privatrechnungen der Firma angeſtellt habe, mir Grund an die Hand gibt, zu ſagen, daß wohl noch andere Verſicherungen von ähnlicher Art fehlen werden.“" Oberſt Hamilton murmelte:„Mein Kapital ver⸗ kaufte er? über mein Vermögen verfügte er willkürlich? Gut! es iſt mein eigener Fehler, ich ließ ihm freie Hände.“ 4— Andreas Harrington rief aus:„Je ſchneller die 256 Sache aufgeklärt wird, deſto beſſer iſt es. Innerhalb einer halben Stunde muß die Bank entweder geöffnet werden, oder ihre Zahlungen einſtellen. Es iſt das Beſte, wenn ſogleich unterſucht wird, ob bei der Sache Betrug im Spiele war, oder nicht. Herr Spilsby kann von Oberſt Hamilton genau erfahren, welches denn die Verſicherungen ſind, die er ſeiner Behauptung nach bel dem Hauſe Hamlyn niedergelegt hat. Wenn ſie ehlen— a Der kahlköpfige Schreiber unterbrach die etwas ſtrenge Belehrung Herrn Harringtons, und wandte ſich mit leiſer Stimme an Oberſt Hamilton mit etlichen Fragen, auf welche der Veteran laute Antworten gab, welche ſein Erſtaunen offenbar zur Schau legten. Er rief voll Verwunderung aus:„Fort ſind ſie? Die oſtindiſchen Papiere ſind verkauft? die ſpaniſchen auch? — In Allem und Allem! ich muß mich als einen rui⸗ nirten Mann betrachten.“ Spilsby hatte den Muth nicht, dem alten Soldaten in’s Auge zu ſchauen, noch weniger, ihm eine Sylbe zu antworten. 3 Der Oberſt rief aus:„Nun gut! auf alle Fälle iſt Moonjees Sendung gegenwärtig auf der hohen See. Dank ſei der Vorſehung! ich finde doch noch Butter auf mein Brod. Aber wie ſchmerzt mich nicht der Gedanke, daß ein Freund, dem ich ſo hohes Vertrauen ſchenkte, wie meinem Schöpfer, Etwas der Art thun konnte! Der Herr vergebe ihm! Jedenfalls büßt der unglückliche Burſche ſchwer.“ Der Geldmäckler, welcher auf Spilsby's Rath zu ſeinem Büreau in der Birhin⸗Gaſſe geeilt war, um ſeine Bücher in Betreff der fraglichen Verhandlungen um Rath zu fragen, erſchien nun athemlos und voll Schrecken wieder, und beſtätigte die Wahrheit der ſchlimmſten Ahnungen von Seite der Verſammelten, ſo wie auch noch anderer Befürchtungen, welche ihm Spilsby privatim mitgetheilt hatte.B 257 Er ſagte weiter:„Vor der Thüre iſt ein furchtbares Gedränge von Leuten, welche warten, bis geöffnet wird. Weil ich mit Hamlyn in Verbindung ſtehe, wandten ſich die Leute mit ſolcher Macht an mich, um Erkundigungen über die Angelegenheiten Hamlyns einzuziehen, daß ſie mir beinahe den Rock vom Leibe riſſen. Alles, was ich ſagte, um die Leute zufrieden zu ſtellen, war: es ſei alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß Hamlyn wieder aufkomme. Aber nicht das war es, um was ſie ſich bekümmerten.“ 3 Andreas Harrington ſagte entſchieden:„Ich ſehe keinen Nutzen darin, wenn wir verſuchen, die Poſſe wei⸗ ter zu ſpielen. Mein Neveu, der arme Burſche, hat das Zimmer verlaſſen, und ich ſage jetzt nun ein für alle Mal, es iſt durchaus nicht möglich, die Bank zu öffnen und ihre Geſchäfte fortgehen zu laſſen. Es iſt unmöglich, die Ausdehnung zu ermeſſen, in welcher der Credit Hamlyns compromittirt iſt. Die Sache iſt ein⸗ fach die: um die Zeit, als Walther Hamlyn, Hamlyus Vater, ſtarb, kam die Firma in's Gedränge. Anſtatt nun durch Selbſtverläugnung und Sparſamkeit ſeinen Angelegenheiten wieder aufzuhelfen, hat ſich Richard Hamlyn immer tiefer in den Schlamm verſenkt und den Verſuch gemacht, durch raſende, unehrliche Spekulationen den Knoten ſeiner Verlegenheiten zu durchhauen. Meine Gegenvorſtellungen verurſachten Feindſchaft zwiſchen uns, und der Himmel weiß, ich finde keine Genugthuung und Freude darin, daß alle meine Vorausſagungen hinſicht⸗ lich der Familie meiner unglücklichen Schweſter ſo ſchnelle in Erfüllung gehen mußten.“ Niemand unterbrach ihn. Oberſt Hamilton war fortgegangen, um Henry aufzuſuchen. Er faud ihn in der tiefſten Troſtloſigkeit, welche vom Mangel an Ruhe und Nahrung herrührte, er fand ihn halb ohnmächtig an einem der Pulte des Comptoirs. Die Advokaten beriethen ſich mit einander, wie ſie es angreifen ſollten, um ihre Forderungen an die Firma zuerſt bezahlt zu Die Bankiersfrau. II. 17 258 erhalten. Bloß der Mäckler und der Kaufmann blieben bei Spilsby. Auch ſie traten der Meinung der Har⸗ ringtons vollſtändig bei, daß man augenblicklich Send⸗ ſchreiben drucken laſſen ſolle, in denen man ankündige, daß wegen der gefährlichen Lage des Hauptes der Firma und der Abweſenheit des jüngeren Theilhabers das Haus Hamlyn und Compagnie auf einige Zeit ge⸗ ſchloſſen werde.“ Herr Nicem übernahm es, das geſchriebene Original dieſes Sendſchreibens, das Spilsby unter der Aufſicht Andreas Harringtons eilig entworfen hatte, den Leuten zu überbringen, welche den Druck und die Veröffent⸗ lichung ſolcher Dokumente beſorgen. Als er aber das Haus verlaſſen und gerade die Haustreppen hinunter ge⸗ hen wollte, welche ſo voll von Leuten waren, als der Eingang zu einem Theater, ehe die Thüren geöffnet werden, fuhr ein Reiſewagen mit vier Pferden in der Straße daher, und hielt ſo nahe an der Hausthüre von Hamlyns Comptoir, als das Gedränge des Volkes es geſtattete. —.,— Das Gedränge um den Wagen war ſehr bemerklich. In Einem Augenblicke wurde geflüſtert, und im nächſten wußte man ſchon ganz genau, daß der eilige Reiſende kein anderer ſei, als der jüngere Theilhaber an der Firma Hamlyn. Glücklicherweiſe fiel dem Mäckler ein, die Ankunft Bernhards könne für das Schreiben, das er in ſeiner Taſche trug, eine Veränderung hervorrufen. Er wandte ſich an den Polizeidiener, welcher bei dieſer ſtürmiſchen Menge Ordnung hielt, und bat ihn, er möchte ihm den Weg durch das Gedränge erleichtern. Herrn Bernhard Hamlyn, einer ſchwachen, gebrech⸗ lichen, kranken Perſon, wurde durch einen ſtarken, hand⸗ feſten Mann aus dem Wagen geholfen. Einige hielten den Letzteren für ſeinen Kammerdiener, Andere mit mehr Wahrſcheinlichkeit für ſeinen Sachwalter, der aber im wirklichen Augenblicke vollkommen wie ſein Kranken⸗ wärter ausſah. Bernhard Hamlyn wurde durch zwei . —,— — —.,— 259 Polizeidiener, die ihn in die Mitte nahmen, in das Rechnungshaus Hamlyns geführt. Er ſah ganz wie ein verhaſteter Delinquent aus, ein Umſtand, welcher ſeine natürliche Nervenſchwäche und ſonſtige Untüchtigkeit nicht wenig ſteigerte. Bernhard war ein magerer, ſchwacher, unterſetzter Mann; ſein Haar und ſeine Augenwimpern waren, ſo⸗ wohl der Farbe, als der Weiche nach, wie Seide, ſeine Stimme gab Töne von ſich, wie eine riſſige Schiffspfeife. Er wandte ſich zornig gegen die Perſonen, welche er im Privatzimmer Hamlyns verſammelt fand, und ſagte:„Ich kann nicht errathen, warum ihr mich hieher beſchieden habt. Ich bin ganz unfähig für die Voll⸗ bringung einer ſolchen Reiſe, ganz unfähig in der That. Man weiß ſehr wohl, ich habe mir niemals mit den Angelegenheiten dieſes Hauſes zu ſchaffen gemacht, ich bin ganz unfähig für die Sache, in der That ganz un⸗ fähig. Darum iſt Alles, um was ich bitte, das, Sie möchten ſo ſchnell als möglich dieſem Herrn, meinem Rathgeber in meinen Angelegenheiten, Ihre Wünſche mittheilen. Er wird in Uebereinſtimmung mit Ihnen handeln, indeß ich für die Sache ganz unfähig bin, ja ganz unfähig für die Sache.“ Dieſe Vorrede machte klar, daß der jüngere Theil⸗ haber der Firma den ſich berathenden Partien keinen vernünftigen Rath zu geben im Stande war: und eben ſo klar war, daß die Geldmitiel des ſelbſtſüchtigen Hypochondriſten ſo geringe waren, als ſein Verſtand. Sein ganzes Glück beruhte auf der Firma, und der Sachwalter, ſein Leibhuſar, wenn Bernhard anders einen Leib beſaß, war ſichtlich darauf vorbereitet, zu poltern und zu prahlen, und ſeinen ſelbſtſüchtigen Herrn vor Beläſtigung und ſein Vermögen vor Gefahr zu bewahren. Aber ſogleich war er genöthigt, den Kürzeren zu ziehen, und, durch ſeine Collegen, die klugen Advokaten Wigwell und Slak, belehrt, Bernhard Hamlyn anzukündigen, er habe Grund, zu glauben, daß er dem Grabe nicht ſo 260 nahe ſei, als in der That und Wirklichkeit einem Bankrutte. Der Mann, welcher bis jetzt geglaubt hatte, das Geſchäft eines Bankiers beſtehe darin, daß man jedes Vierteljahr ein Einkommen von 6000 Pfund Sterling einnehmen dürfe, ſtammelte folgende Worte:„Es iſt ſehr hart, daß ich aus meinem ruhigen, abgeſchiedenen Landſitze geriſſen werden ſollte, und nun ſolche erſchrek⸗ kende Nachrichten, wie dieſe ſind, anhören muß. Ich bin ganz unfähig, einen ſolchen Stoß auszuhalten, in der That ganz unfähig. Ich bin ein trauriger Kranker, ein ſehr trauriger Kranker. Mein mich begleitender Arzt verſicherte mich, dieſe eilige Reiſe werde auf einen Mann in meinen Geſundheitsumſtänden eine ſehr nach⸗ theilige Wirkung ausüben.“ Niemand achtete auf dieſe grämlichen Klagen, nicht einmal der handfeſte Sachwalter. Jeder unter den An⸗ weſenden war mit ſeinem eigenen traurigen Antheile an einem Unglücke beſchäftigt, welchem allem Erwarten nach durchaus nicht mehr abgeholfen werden konnte. Jeder berechnete den Betrag ſeiner bevorſtehenden Verluſte. Nur Oberſt Hamilton war bemüht, den immer noch halbohnmächtigen Henry aus dem Hauſe zu ſchaffen, ehe das Anſchlagen des Placates die Schließung des Hauſes ankündigte. Der alte Pförtner ſeufzte kläglich hinter der Thure, als ſie beide das Haus verließen. Der An⸗ blickder verzweifelnden Geſichter und trotzigen Augen, welche Oberſt Hamilton im Gedränge draußen begegneten, als der Polizeidiener ihnen in ihre Miethkutſche half, war ſeinem Gedächtniſſe noch nicht entſchwunden, als ſie ge⸗ mächlich gegen den weſtlichen Theil der Stadt hinfuh⸗ ren, und den unglücklichen Bezirk von Cavendiſh⸗Square erreichten. Als ſie in die Kutſche geſtiegen waren, hatte der alte Mann den Arm Henrys, der nicht zu widerſtreben vermochte, unter den ſeinigen genommen, und Henrys Hand mit der ſeinigen feſtgehalten, bis ſie mit einander —— 261 zu dem„Hauſe kamen, das fortan Henrys Heimat nicht mehr war.“ Kein Zeichen davon, daß er ſeiner ſelbſt bewußt ſei, gab der verzweifelnde junge Mann von ſich. Oberſt Hamilton war genöthigt, ihm aus der Kutſche zu helfen, wie er einem hülfloſen Kinde geholfen hätte. In der That! der beunruhigende Zuſtand ſeines halb ohnmächtigen Freundes machte ihm ſo viel zu ſchaffen, die aufregenden Begebenheiten, welche vor ſei⸗ nen Augen vorgefallen waren, hatten einen ſo ungünſti⸗ gen Eindruck auf ihn gemacht, daß er gar nicht auf die Diener achtete, welche ihn auf der Haustreppe erwarte⸗ ten. Sogar als Johnſton in der Halle mit ihm ſprach, war der kläͤgliche Zuſtand des ſchönen, jungen Mannes, den er am Arme führte, ihm wichtiger, als die etwaige Nachricht, daß es ſich mit dem verwundeten Manne beſſere. Er führte ihn in das Geſchäftszimmer Hamlyns, wie wenn das Haus ſein eigen und der arme Henry ein Beſuch wäre, und legte ihn ſtillſchweigend auf den So⸗ pha. In dieſem Augenblicke eilte Miſtreß Hamilton in das Zimmer. Sie hatte ängſtlich auf die Ankunft der beiden gewartet, und hatte den ernſtlichſten Wunſch, ſie zu ſehen, ehe ſie die Stiege hinaufgingen. Als ſie ſah, wie ſich Oberſt Hamilton über den halb ohnmächtigen Henry hinbeugte, winkte ſie dem Oberſt, er möchte zu ihr hertreten, ſie möchte mit ihm ſprechen. Der herzliche alte Mann, deſſen Augen durch Thränen, die ſich drängten, verfinſtert waren, kam der Frage zuvor, von der er glaubte, daß Miſtreß Hamlyn ſie machen werde. Er ſagte:„O Nelly! Alles iſt vorbei! Das Haus hat ſeine Zahlungen eingeſtellt. Gehen Sie hin zu ihm! Sprechen Sie ein gütiges Wort mit ihm! Der arme Burſche hat nun keine Guinee mehr auf der Welt.“ Ehe er noch eine Sylbe ſprechen konnte, war Ellen neben dem ſich ſeiner ſelbſt kaum bewußten, jungen Mann, faßte ſeine Hände mit den ihrigen und drückte ſie an ihre Lippen und an ihre Augen. Sie zeigte eher die wilde Zärtlichkeit einer Mutter, welche ein verlore⸗ nes Kind wieder findet, als die Verſchämtheit einer Gelieb⸗ ten, oder leidenſchaftsloſe, ruhige Liebe einer Gemahlin. Sie preßte ihn an das Herz und liſpelte mit thrä⸗ nenden Augen:„Mein für immer!“ Sie wandte ſich gegen Oberſt Hamilton, welcher ſich ihr näherte, und mit tiefem Gefühle das Feuer eines Weibes beobachtete, das er immer ſo kalt, ſo ſtolz, ſo verſchloſſen geſehen hatte, und wiederholte:„Unſer iſt er für immer.“ Der alte Mann faßte die vereinten Hände beider mit der ſeinigen, und ſprach mit leiſer Stimme heiße Segenswünſche über ihr Haupt. Und jetzt erſt brachen zum erſtenmale, ſeitdem Henry wußte, daß ſeine Familie entehrt ſei, aus ſeinen Augen Thränen über Thränen. Ach! noch nicht zur Hälfte wußte er, wie vielen Grund er hatte, bekümmert zu ſein. Die Urſache, warum Ellen ſich ſo ſehr beeilte, ihn und den Oberſt gleich bei ihrer Ankunft zu treffen, war einzig und allein die: ſie wollte die Kunde eines neuen Unglücks durch gehörige Vorbereitung mildern. Waͤhrend die beiden auf der City und im Bankier⸗ hauſe Hamlyns geweſen waren, hatte Hamlyn ſein Leben geendet. Zehntes Kapitel. Es ſpielte meine Jugend oft die Rolle Des Eiteln; öfters noch ergab ſie ſich Vergnugungen verſchiedener Art, von denen Die Miſchung ſütz, das Ende tragiſch war. Der Pomp, die Schönheit, jeglicher Genuß, Den unſer flüchtger Sinn zum Abgott macht, Sind unbeſtändge falſche Freunde nur, Wenn eine raſche, wilde Leidenſchaft Vorm unbewachten Schloß der Seele ſteht, Und ſich den Einlaß zu edzwingen ineht or Nachdem bei Herrn Hamlyn die unnatürliche Ruhe, die ihren Grund in der Anwendung ſtarker Opiate hatte, . 263 verſchwunden war, hatte der verwundete Mann Zeichen von Unruhe und Aufregung von ſich gegeben, welche ſeinem Wärter nicht wenig Sorge machte. Eine halbe Stunde, nachdem der Oberſt zur City gefahren war, hielt er es für nothwendig, nach den ausgezeichneten Chirurgen zu ſenden, deren Kunſt ſein Patient anvertraut worden war. Kaum war dieſe Vorſichtsmaßregel getroffen, als Hamlyn ſelbſt fühlte, daß eine Veränderung mit ihm vorgehe. Seine Augen wanderten rings umher, wie wenn ſie irgend einen noch nie geſehenen Gegenſtand ſuchen wollten. Er fragte nach Walther. Als man ihm ſagte, er ſchlafe auf dem Sopha, am Fuße ſeines Bet⸗ tes, fragte er augenblicklich nach Henry. Vermittelſt ſeines gewiſſen Seherblicks, welcher ſich häuſig bei Som⸗ nambülen und ſterbenden Perſonen findet, mußte er un⸗ erklärlicher Weiſe erfahren haben, daß Harry während der Nacht in der Stadt angekommen ſei. Ramſay war aus vollem Herzen bemüht, ſeinem Herrn Troſt einzuſprechen, aber unglücklicher Weiſe machte er bloß das Fieber des Kranken noch gefährlicher. Der Kellner ſagte nämlich mit ſeinem gewöhnlichen, unterwürfigen Tone:„Sir! Herr Henry und Oberſt Hamilton ſind in die Lombardſtraße gegangen. Der Oberſchreiber war letzte Nacht noch ſpät hier und der Oberſt wünſchte, man möchte ihn um ſieben Uhr wecken; er wolle, ehe das Bankierhaus geöffnet werde, dort ſein.“ GEs ſchien, als komme plötzlich bei dieſer Kunde über den ganzen Leib ſeines unglücklichen Herrn der Anfall eines ihn ſchüttelnden Fiebers. Mit unnatürlicher heiſerer Stimme ſagte er:„Sie find gegangen? Sind Sie ganz ſicher, ſind die Herren auf Spilsby's Betrieb gegangen?“ „Ganz ſicher, Sir; Herr Henry blieb eine halbe Stunde an Ihrem Bette in dieſer Nacht, und ſah ſehr bekümmert und niedergeſchlagen aus, als er mit Oberſt Hamilton in die Kutſche ſtieg.“ Ein Seufzer machte ſich aus dem Herzen des Ban⸗ 264 kiers Luft, als er dieſe Worte hörte; ſein Haupt ſank auf das Kiſſen zurück. Ramſay beugte ſich über ihn her, um ihm die gewöhnlichen, ſtärkenden Eſſenzen an die Naſe zu halten. Er ſah, ein kalter Schweiß drang aus ſeinem ſchwarzgelben Geſichte Miit matter Stimme ſagte ſein Herr:„Rufen Sie Walther.“ Namſay dachte daran, daß ſein Herr ihm kurz zu⸗ vor ſtreng eingeſchärft hatte, man ſolle ſeinen Sohn in keinem Falle ſtören. Ramſay ſagte deßhalb:„Kapitän Hamlyn ſchläft immer noch.“ Herr Hamlyn ſagte entſchieden:„Rufen Sie ihm, oder es wird zu ſpät.“ Im nächſten Augenblicke erhob ſich Walther aus einem Traume voll Seligkeit und Frie⸗ den, mit welchem ein böſer, ſchadenfroher Geiſt einen unglücklichen, bekümmerten Menſchen zu erquicken ſcheint. Dieſen falſchen Troſt erhält der verurtheilte Böſewicht in ſeiner Zelle, der Verbannte in ſeiner Verbannung.— Bald ſtand Walther neben dem Bette des Todes. Noch halb im Schlafe, ganz zerſtört, ſtellte ſich der junge Mann an Hamlyns Seite. Dieſer ſagte zu ihm:„Trete näher.“ 1 Er fuhr fort:„Bücke Dich nieder zu mir, Walther! Höre auf mich, mein Sohn! Ich gehe an einen Ort, woo Liebe der Menſchen gegen einander ein Ende hat.“ Alſo ſtammelte der ſterbende Mann und ſah mit ſtarrem, gläſernem Blicke auf das ſchöne Antlitz, das ſich in un⸗ ausſprechlicher Angſt über ihn hinbeugte.„Walther! fluche mir nicht, wenn ich geſchieden bin! Ich habe Dich aufs Herzlichſte geliebt! Denke nicht zu hart über Deinen armen Vater.“ Sein Sohn merkte, daß in der That das Ende ſei⸗ nes Vaters bevorſtehe. Er rief aus:„Mein theurer, theurer Vater! laſſe mich nach Hülfe rufen. Du wirſt doch wohl meine Mutter und Geſchwiſter ſehen wollen? Es iſt noch Zeit dazu, wenn Du geiſtigen Troſt willſt.“ Der ſterbende Mann entgegnete:„Ich will bloß 265 Dich bei mir haben. Walther! ich kann nicht mehr be⸗ reuen, es iſt zu ſpät; es iſt zu ſpät, Erörterungen zu geben. Aber das Grab deckt Alles. Mein Leben war ein Mißgriff; es begann mit Irrthum und endete mit Verbrechen. Mein Vater war ein Verſchwender. Er hinterließ mir bloß ein ruinirtes Geſchäft, ein zerrütte⸗ tes Vermögen. Ich liebte ihn im Leben, ich achtete ſein Angedenken, ich verſuchte, es vor Schande zu be⸗ hüten, ſogar auf Koſten von— Walther! wenn Du mich ſchmähen und beſchimpfen hörſt, ſo denke milde von einem Manne, der Dich anbetete, wie er dereinſt ſeinen Vater anbetete. Denke milde von mir. Schütze Deine Mutter, die beſte, die tugendhafteſte, weibliche Perſon. Thue Dein Aeußerſtes, um der Welt die Verwirrung zu verhehlen, in welcher die Firma Hamlyn gerathen iſt. Aber vor Allem, vor Allem denke nicht an—.“ Seine Sprache wurde immer gebrochener. Doch war es, wie wenn er durch die Thränen, die von den Augen des Hauptmanns Hamlyn fielen, aufgeweckt wurde. Plötz⸗ lich reckte er ſeine Hand aus, die durch das Nahen des Todes bereits kalt war, zog das Angeſicht ſeines Sohnes gegen ſich, und drückte einen glühenden Kuß, den erſten ſeit den Knabenjahren, auf ſeine Lippen. Gleich darauf ließ er ſeinen Arm los, und ſein Haupt ſiel ſchwer auf das Kiſſen zurück. Seine Augen blickten lebhaft und forſchend auf die des Kapitäns Ham⸗ lyn und ſchloſſen ſich nie wieder. Plötzlich ließ ſich in ſeinem Halſe ein auffallender, röchelnder Ton vernehmen. Blut, untermengt mit Schaum, drang aus ſeinem Munde hervor. Seine Augen waren zwar immer auf die ſeines Sohnes feſt gerichtet, aber in ihrem gläſernen Blicke war kein Leben mehr. Bereits hatte der Tod ſie ſtarr gemacht. Vor der Ankunft der Chirurgen, nach denen ge⸗ ſandt worden, war Alles vorüber. Als ſie das Haus verließen, brauchte man nur ihre Geſichter zu betrachten, um das unglückliche Ereigniß zu erfahren. Die nieder⸗ ſchlagende Kunde war vor der Ankunft des Oberſten 266 Frau Hamlyn und ihren Töchtern auf die behutſamſte Weiſe eröffnet worden. Ellen ſprach mit Henry zärtliche Worte und Betheurungen in Menge, Walther war be⸗ müht, den Muth ſeiner Mutter zu ſtärken, daß es ihr möglich war, das Zimmer des Todes zu betreten. Sie wünſchte, daß auch die armen Mädchen ſie begleiten ſollten, welche laut jammerten, daß ſie das Angeſicht ihres Vaters zum letztenmale ſehen ſollten. Ein ähnliches Gefühl drängte ſich alsbald Henry auf, ſogar unter den Tröſtungen Ellens, welche ſeinem Herzen ſo theuer waren. Oberſt Hamilton lieh ihm ſei⸗ nen Arm bis zur Thüre des Zimmers, aber ging nicht hinein. Er fühlte, in einem ſo heiligen Augenblicke ſollten die Verwandten des Todten allein bei ihrem Todten ſein. Als Henry eintrat, waren die drei tiefbekümmerten Weiber rings um das Bett im Gebet auf ihren Knieen. Walther ſtand neben ſeiner Mutter; ſeine und ihre thrä⸗ nenvollen Augen blickten ſtarr auf den nun alles Lebens beraubten Leib, auf das regungsloſe Geſicht, das vor ein paar Stunden mit Lebhaftigkeit, Verſtand, Willen begabt geweſen war. Im Augenblicke, als die Thüre ſich öffnete und Henry eintrat, ſtürzten die zwei Brüder, welche auf dieſe Weiſe ſeit ihrem Unglück zum erſten⸗ mal wieder zuſammentrafen, unwillkürlich einander in die Arme und hielten einander unter Thränen feſt. Dadurch gaben ſie ſich ſtillſchweigend das heilige Verſprechen feuriger, brüderlicher Liebe. In dieſem Augenblick hatte keiner von ihnen beiden einen Gedanken oder eine Sorge, welche nicht auf den Todten vor ihnen und die beküm⸗ merten Weiber zu ihren Füßen Bezug gehabt hätte. Armuth in der Welt, Schmach in der Welt waren, in Gegenwart ihres todten Vaters, für ihr Ohr bloße Worte. Während ganz London von nichts Anderem zu ſprechen wußte, als von dem Bankrutte und der Schlechtigkeit der Hamlyns, dachten ſie in dieſem kleinen Zimmer, wo ſie bei einander waren, weder an Silber, noch an Gold. Sie hätten den Preis, um den die ganze Welt feil ge⸗ 267 weſen wäre, wenn er zu ihrer Verfügung geſtanden hätte, herzlich gerne weggegeben, um dem wieder Leben zu verleihen, der auf dieſem mit Blut gefärbten Bette lag als das Opfer eines privilegirten Mordanfalles, welchem die Sitte und Gewohnheit der civiliſirten Welt Anſehen und Achtung verliehen hatte. Der Anblick ſeiner hülfloſen Schweſtern und ſeiner hülfloſen Mutter diente dazu, dem armen Henry ihre ſchreckliche Lage in pekuniärer Hinſicht ins Gedächtniß zu rufen. Es war unumgänglich nothwendig, er mußte ſeiner Mutter und ſeinem Bruder darüber Auskunft geben, daß ſie nicht nur die Eine ihres Gemahles, der Andere ſeines Vaters beraubt, ſondern auch ohne Pfenning und vor den Augen der Welt verachtet ſeien. Ihm ſelbſt war glücklicherweiſe für den Augenblick der ſchlimmſte Theil des Unglücks nicht bekannt. Er war noch immer der Anſicht, die Firma ſei dem Drucke ſchnellen, unver⸗ ſchuldeten Unglücks erlegen, und, als er Walthern die ſchlimme Zeitung mittheilte, wiederholte er wieder und wieder:„Gott ſei Dank! ihm war doch die Kunde von dieſem Unglücke erſpart. Ein Mann von ſeiner unwan⸗ delbaren Rechtſchaffenheit, ſeinem delikaten Ehrgefühle wäre in der That in Verzweiflung geſtorben, wenn er gewußt haͤtte, daß ſich ein ſolcher Schimpf an ſeinen Namen hängen werde.“ Den beiden unglücklichen Männern war die trau⸗ rige Pflicht, ihre geliebte Mutter von der unvermutheten Steigerung ihres Unglückes in Kenntniß zu ſetzen, glück⸗ licher Weiſe erſpart. Im Augenblick, als ihre Brüder den Tod Hamlyns in Cavendiſh⸗Square erfuhren, eilten ſie beide zu ihr, und baten ſie, ſie möchte doch mit ihrer Familie Cavendiſh⸗Square verlaſſen und bei einem von ihnen beiden eine Heimat annehmen. Aber hievon wollte ſie Nichts wiſſen. So lange, als der Leichnam ihres Gemahles hier war, ſollte ihrem tiefen Gefühle nach das Haus der Wohnort ihrer Kinder ſein. Als ſie dieſe Geſinnung feſt und entſchieden ausſprach, machte ihr 268 Andreas Harrington mit ſo viel Artigkeit, als ihm bei ſeinem offenen Charakter möglich war, bemerklich, ſie ver⸗ mehre auf dieſe Weiſe die traurige Stimmung ihrer Kinder. Nun wünſchte ſie, mit ihren Kindern allein zu ſein. Sie wollte nicht, daß ihre unſchuldigen Töchter, noch weniger, daß ihre edeldenkenden Söhne die furchtbare Frage hören ſollten, welche ſie an ihre Brüder mit Furcht und Zittern in einem Hauſe zu richten im Begriffe war, welches noch immer die ſterbliche Hülle eines Mannes in ſich ſchloß, der vor den ſtrengen Richterſtuhl des Ewigen getreten war. Das Haus hatte ſeine Zahlungen eingeſtellt; es war ein Unglück, aber ſie und die Ihri⸗ en konnten arbeiten, ſie und die Ihrigen konnten mit enigem zufrieden ſein. Alles, was ſie zu wiſſen wünſchte, war: ob dieſes Unglück mit einem Verbrechen in Ver⸗ bindung ſtehe. Hamlyn und Compagnie war inſolvent, bankrutt, ruinirt, zu Grunde gerichtet; aber ſie hatte den Muth nicht, die unglückſelige Frage völlig auszuſprechen. Doch ihr mitleidiger Bruder verſtand ſie und ver⸗ ſuchte, ſo gut als er konnte, den Schlag zu mildern, der über ſie ergehen mußte und deſſen ſchmerzliche Wirkung ja auch er mit ihr zu theilen hatte, als er die ſchreck⸗ lichen Entdeckungen verkündigte, welche gemacht worden waren. Doch ſolche ſchmerzhafte Begebniſſe kann man nicht beſchönigen. Andreas mochte ihr ſagen, was er wollte, Hamlyns That ſtand in all ihrer verdammungs⸗ würdigen Schrecklichkeit vor ihr. Sie fühlte Alles, was der biedere Mann vor ihr ſühlen mußte, oder vielmehr ſte fühlte es nicht, denn im Augenblicke, als ſie die aus⸗ führliche Kunde davon vernommen hatte, daß dem Vater ihrer Kinder ein Betrug von der ſchwärzeſten Art zur Laſt gelegt werde, ſank ſie in völlige Ohnmacht, welche ſie vor weiteren Sorgen ſicherte. In dieſem Zuſtande wurde ſie von ihrem mitleidigen Bruder der Pflege der Miſtreß Hamilton übergeben, Dieſe übernahm nun gegenüber der Familie Hamlyn alle Sorge und Verantwortlichkeit, welche einer angenommenen Toch⸗ —— — 269 ter des Hauſes zukam. Sie brachte Miſtreß Hamlyn im Verein mit Lydia und Miß Creswell zu Bette, und wandte alle nur mögliche Hülfe füͤr eine Perſon an, deren Seele durch eine Maſſe Unglück in den Staub gedrückt worden war. Die Harringtons und Oberſt Hamilton dagegen beriethen ſich mit einander über die weiteren Maßregeln, welche zu Gunſten der Familie Hamlyn getroffen werden ſollten. Natürlich mußte mit dem Nachlaſſe und letzten Willen Herrn Hamlyns eine Unterſuchung vorgenommen werden. Andreas Harrington wollte Walthern eine be⸗ trächtliche Summe aufdringen, um vermitteelſt derſelben der augenblicklichen Noth des Hauſes abzuhelfen. Kapi⸗ tän Hamlyn war nicht gewohnt, Geldgeſchenke zu erhal⸗ ten und noch weit weniger geneigt, ſie von ſeinem wohl⸗ denkenden, aber rauhen Onkel anzunehmen, und war deßhalb gerade daran, das Anerbieten zurückzuweiſen, als Andreas Harrington ihn mit folgenden Worten unterbrach: „Mein theurer Neveu! Sie thun nicht Recht daran, wenn Sie das künftige Geſchick Ihrer Mutter auf die leichte Achſel nehmen. Von nun an ruht die Sorge für die Familie auf Ihren Schultern, und je ſchneller Sie ſich an den Gedenken gewöhnen, daß Ihnen Nichts in dieſem Hauſe eigen iſt, um ſo beſſer iſt es. Mein Wal⸗ ther! dieß ſind betrübende Worte, aber Sie werden ſich noch bittererem Kummer ausſetzen, als der iſt, den Ihnen ein Verwandter macht, welcher Sie liebt, wenn Sie ſich nicht geduldig in den gerechten Beſchluß des Geſetzes fügen, welches Alles, was Sie gewohnt waren, als Ihr Eigenthum zu betrachten, den Gläubigern Ihres Vaters zuerkennt. In dieſer Hinſicht wäre ich froh, wenn meine arme Sophie und ihre Töchter unter meinem Dache verſorgt wären, und dort ruhig und in allen Ehren leben würden.“ 4 Der harte, aber gutherzige Kaufmann war über⸗ zeugt, daß dieſer Gedanke dem verſtörten jungen Mann eine beſſere Lektion zu geben im Stande ſei, als alle ſonſtigen Ermahnungen von ſeiner Seite. Er überließ 270 ihn nun ſeinen eigenen Gedanken. Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo kamen ſchon andere Perſonen Wal⸗ thern mit neuen, ebenſo gütigen Anerbietungen entgegen. Lady Rotherwood wünſchte ihren Neveu bei ſeiner nahe bevorſtehenden Rückkehr in ſein gemiethetes Haus in London zu begleiten. Sie ſagte deßhalb zu Kapitän Hamlyn:„Mein theurer Kapitän! ich nehme das Vor⸗ recht meiner Familien⸗Verbindung mit Ihnen zu Hülfe, um mich bei Ihnen einzudringen. Ich komme im Na⸗ men meiner Schweſter, welcher es durchaus unmöglich war, ihre Botſchaft an Dartford perſönlich zu überbrin⸗ gen. Sie iſt ſo übel auf, ſo aufgeregt, durch das Un⸗ glück, welches ihr armes Kind, ihre Lydia, betroffen hat, ſo überwältigt, daß ſie durchaus nicht im Stande iſt, ihre Wohnung zu verlaſſen. Sie hat mich deßhalb ge⸗ beten, ich möchte gegenüber von Ihrer Mutter in ihrem Namen den Wunſch ausdrücken, daß Ihre Mutter mit ihren Kindern in ihr ruhiges Haus ziehen und dort vor den kummervollen Auftritten, welche hier ihr Herz nie⸗ derdrücken würden, ſichern möge. Der theuren Lydia fühlt ſie ſich hauptſächlich verpflichtet. Aber ſie hat ein Herz und eine Heimat für Sie Alle, wenn Sie Miſtreß Hamlyn bewegen wollen, die Marquiſin und ihre Ver⸗ wandten mit ſo günſtigem Auge zu betrachten, als wir betrachtet ſein wollen.“ Lord Dartford bat nun ſeinen Freund dringend, er möchte die Wünſche der Marquiſin erfüllen. Walther ſah, daß die Familie Dartford mit dem Ruine ſeiner unglücklichen Familie recht gut bekannt ſei, und deßhalb machte auch die Aufmerkſamkeit der Marquiſin für die Wittwe des Bankruttier, eine Aufmerkſamkeit, welche ſie ſo edelſtnnig, und ſo ſchnell, nach der Entdeckung von Hamlyns Unfall erneuerte, einen tiefen Eindruck auf ſein Herz. Doch kannte er die ganze volle Größe ihres Edel⸗ muthes durchaus und gar nicht. Durchaus vermuthete er nicht, daß vermittelſt der Hunderte von Flimflams, welche in den Londoner Klubbs und in der Londoner 271 Geſellſchaft herumſchwärmen, und leichtſinnige Berichte, die überall herum zirkuliren, genannt werden können, und in äußerſter Schnelle überall herum alle möglichen Ge⸗ rüchte verbreiten, daß vermittelſt ſolcher Leute auch der Marquiſin von Dartford zu Ohren gekommen ſei, der Bankier Hamlyn ſei durch ſeinen ſchnellen Tod nicht allein der Schmach des Bankruttes, ſondern auch der Strenge des Geſetzes entgangen. Bereits hingen ſich die Worte „Täuſchung und Betrug, an ſeinen geſchändeten Namen. Lord Dartford rief aus:„mein theurer Walther! ganz uumöglich iſt es für Miſtreß Hamlyn und ihre Töchter, länger hier zu bleiben, noch weniger rathſam würde es für ſie ſein, ſich nach Dean⸗Park zu begeben. Wenn ſie nicht meiner Mutter die Freude machen wollen, daß ſte ſich von ihr in ihrem Hauſe in der Stadt aufnehmen laſſen, ſo bewegen Sie dieſelben wenigſtens, Dartford⸗Hall, wie ihr Eigenthum zu betrachten. Dort können ſie ganz allein, ganz ungeſtört, ganz unabhängig ſein. Dort können ſie ihrem Kummer, ihrer Trauer ungeſtört nachhängen. Ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken ſoll, aber ich muß nothwendigerweiſe noch ſagen, unſer Bankier hat Ihrer Mutter bei Drummond tauſend Pfund Sterling zur Verfügung geſtellt.“ 4 Walther nahm dieſes edelſinnige Anerbieten mit gebührendem Danke an. Nur bat er den Lord, er möchte geſtatten, daß die Sonne über dem Kummer aller Leidtragenden untergehen dürfe, ehe man ſich zu weiteren Maſßregeln in Betreff des Aufenthaltes ſeiner Familie entſchlöße. Für alle Glieder derſelben war Ruhe unum⸗ gänglich nöthig. Morgens früͤh ſollte Nachlaß und letzter Willen Hamlyns unterſucht werden. Die Unter⸗ ſuchung mußte entſcheiden, ob dem Andenken eines annes, gegen welchen in dieſem Augenblicke Flüche auf Flüche in jedem Quartiere der Stadt donnerten, ein feierlicher Leichenzug veranſtalt werden ſolle, oder nicht. Jedenfalls war Kapitän Hamlyn davon überzeugt, daß die Wittwe getreulich auf ihrem Poſten in Cavendiſh⸗ Square bleiben werde, bis die leiblichen Ueberreſte ſeines Vaters dem Grabe übergeben wären. Während der Kummer der Familie durch Zeichen der Achtung von Seite der Harringtons und Dartfords getröſtet wurde, wurden die Stimmen gegen die Nieder⸗ trächtigkeit und Heuchelei des betrügeriſchen Bankrottieres ſo laut, als die Herzen der Leute durch dieſelbe empört waren. Jedermann habe er betrogen, hieß es, das Vertrauen von Jedermann habe er gemißbraucht, Freund und Feind ſei gleichermaſſen in ſeinen Sturz verwickelt. — Der Bankrutt Hamlyns und Compagnie that auf der City gewaltige Wirkung. Wenn dieſes Haus fallirte, welches war als dann ſicher? Wenn der geſchäftige, tugendhafte, tadelloſe Hamlyn ein Schurke war, weſſen Ehrlichkeit konnte man alsdann trauen? Mehr als ein Bankierhaus vom erſten Range hatte Grund, die Ent⸗ deckungen dieſes Tages ſchmerzlich zu beklagen. Unter dem verläumderiſchen Geſchrei und den ge⸗ ringſchätzenden Lamantationen der gekränkten Kunden des Hauſes waren die von Leuten, welche unmittelbar mit dem Hauſe in Verbindung ſtanden, die empfind⸗ lichſten, weil ſie daſſelbe beſſer anzugreifen wußten. Als Spilsby in der Nacht vor Hamlyns Tode deſſen ſchrift⸗ liche Sachen durchſuchte, war das unglückliche Papier, deſſen Unterzeichnung ihn großer Gefahr ausſetzte, das erſte Dokument, das er in Sicherheit brachte. Nachdem er einmal dieſes den Flammen übergeben hatte, fühlte er wieder die Sicherheit der Unſchuld im Herzen, fühlte ſich bevorrechtigt, ſeine Strafloſigkeit dadurch zu erkaufen, daß er ſich eifrigſt bemühte, die Verfehlungen ſeines Herrn zu entdecken, und bemerklich zu machen. Weil die Sache auf ſo eigenthümlichem Wege entdeckt worden war, ſo war es natürlich, daß der Bankrott der Firma ſo ſchnell als möglich geſetzlich behandelt wurde. Che ſich das Grab über Richard Hamlyn geſchloſſen hatte, führte die Zeitung alle Kleinigkeiten vollſtändig an, 273 welche die gerichtliche Unterſuchung ſeiner Papiere über ſeinen Ruin und ſein Unglück ergeben hatte. Die Spalten der Tageszeitungen wimmelten nun mit Anekdoten von ſeinen Verbrechen und Schändlich⸗ keiten. Es lag im Intereſſe der Familie Vernon und in dem der Freunde des noch tiefer, als die Vernons und ſie in die Sache verwickelten Beleidigers, durch deſſen Hand er gefallen war, in ihrem Intereſſe lag es, Hamlyns Name und Sache mit all der Schmach zu bekleiden, welche beide nur zu gerne annahmen. Bereits war das Angedenken eines Mannes, den man ſeit ſo manchen Jahren für völlig fehler⸗ und fleckenlos gehalten hatte, mit aller Schmach eines Schwindlers in Habiie angelegenheiten und politiſchen Abenteurers belegt, deſſen ſchreckliches Ende in der That und Wirklichkeit, Sache göttlicher Vergeltung geweſen ſei. In der emſigen Sorge, mit welcher Spilsby und ſeine Rathgeber, die Herrn Wigwell und Slak bemüht waren, die Betrügereien Humlyns ins klareſte Licht zu ſetzen, lag Etwas bösartiges, beinahe Feindſeliges. Bis zur erſten Zuſammenkunft der Gläubiger war es nicht nöthig, im Einzelnen zu veröffentlichen, wie Hamlyn Kapitalien heimlich weggezogen und Verſicherungen ge⸗ mißbraucht hatte. Allein plötzlich waren die Zeitungen im Beſitze von Dingen, welche blos aus der Quelle ſelbſt geſchöpft ſein konnten. Jedes geheime Papier, jede geheime Schrift von einem Manne, der in ſeinen Betrügereien ſo vorſichtig geweſen war, daß man ſelbſt von ſeinem Schatten nicht vermuthen konnte, er ſei in ein Geheimniß verwickelt, war nun an allen Wänden und Pfählen der Stadt Gegenſtand der Beſprechung, und mußte den Verkauf der Sonntagszeitung erhöhen. So iſt der kurzſichtige Verſtand des Verſchmitzten, ſo iſt die Hohlheit eines durch unehrliche Mittel errungenen Pompes. Die Irrthümer, welche Richard Hamlyn be⸗ gangen, die Verbrechen, welche er verübt hatte, hatten ihre Quelle in dem Wunſche gehabt, den Augen der Die Bankiersfrau. II. 18 274 Welt einen falſchen Schein von Reichthum und Rang vorzuſpiegeln. Und nun gab es keinen Krämer innerhalb zwanzig Meilen von Dean⸗Park, keinen Lehrling auf der Eity Londons, der nicht aufs Genaueſte wußte, wie viele Schulden der alte Walther Hamlyn bei ſeinem Tode hinterlaſſen, wie viele Tauſend Pfund Sterling er jedes Jahr vom Vermögen ſeiner Kunden weggezogen hatte, um koſtſpielige Schmauſereien zu geben, bei Königsbällen eine Rolle zu ſpielen, und in der Geſchichte der Grafſchaft Warwick die unächte Wichtigkeit eines „Hamlyn von Dean⸗Park“ zur Schau zu ſtellen. Der Mann des eiſernen Willens, Richard Hamlyn, wur⸗ de nun in ſeinem Leichenhemde von Puppen, die er verachtet hatte, verhöhnt und verſpottetz der Nann von unbeſcholtener Rechtſchaffenheit wurde als Betrüger erkannt, der Mann von eminen ter Verſtellungskunſt wurde entlarvt, ſo daß Alles mit dem Finger auf ihn deuten konnte. Sogar der Bettler auf den Kreuzwegen der Lombardſtraße, welcher gewohnt geweſen war, durch ſein phariſäiſches Almoſen⸗ geben zu gewinnen, hätte nicht um die ganze Welt ſein Leben, voll Lumpen und Schlamm, Hunger und Kälte, um das eines Mannes in Purpur und Linnen gegeben, welcher mit Prinzen von Geblüt in die Schüſſel getaucht, ſich von den guten Dingen dieſer Welt gemäſtet, die Stim⸗ men des Parlamentes, die Achtung ſeiner Mitbürger und bns Zutauen einfältiger Leute bei Summen von Hunderttauſenden beherrſcht hatte. Diejenige Perſon, welche von den ſchweren Be⸗ ſchimpfungen, die ſich während der erſten Tage nach ſeinem Tode auf dem Haupte Hamlyns häuften, am meiſten zu leiden hatte, war Lord Dartford. Walther und Henry mußten das Haus, beinahe das Bett hüten. Die Bedienten ſorgten dafür, daß weder der Eine noch der Andere Zeitungen in die Hände bekam. Der Marquis brachte zwar den größten Theil ſeiner Zeit in Cavendiſh⸗ Square zu, aber doch konnte er, ſo unangenehm es ſeinem Auge auch war, den öffentlichen Anſchlägen an 275 jedem Straßenecke nicht ausweichen, und die Bitten ſeines Onkels Crawley nicht mit tauben Ohren hin⸗ nehmen. Dieſer ermahnte ihn, er möchte doch in allem Ernſte bedenken, wie ſehr ſeine Ehre gefährdet werde, wenn er den unbefleckten Namen ſeiner Familie durch Verbindung mit einer Dame aus dem Hauſe des er⸗ erklärteſten Schurken neuerer Zeit entweihen würde. Der Marquis entgegnete unwillig:„ich ſelbſt würde noch ein weit größerer Schurke ſein, wenn ich nur einen Augenblick meine anverlobte Gattin oder meine künftigen Schwäger mit einem Manne zuſammenwerfen würde, der ein wahres Unglück für ganz England iſt. Im Gegentheile, ich wünſche, meine Mutter möge die Zeit verkürzen, welche ſie unſerer Vermählung in den Weg gelegt hat, ich wünſche es, damit ich meine theure Lydia ſo ſchnell als möglich von einem Namen befreien kann, der ihr ſo übel ſteht. Das Erſte, was ſie that, als ſie von ihres Vaters Bankrutt hörte, war: ſie ſprach mich von aller Verbindlichkeit los. Wäre ſie mit den gehäßigen Umſtänden bekannt, welche mit dem Bankrutte ihres Vaters in Verbindung ſtehe, ich glaube ſicher, eine zu große Zartheit des Herzens würde ihr den Entſchluß eingeben, niemals mein Weib werden zu wollen. Seien Sie deßhalb verſichert, mein theurer Oheim! ſo hoch die Ehrfurcht iſt, welche ich vor Ihnen habe, meiner Seits ſoll Nichts verſäumt werden, was die Feier unſerer Vermählung beſchleunigt.“ Uebrigens wurde der Mann, der einen ſolch edlen Entſchluß zu faſſen, im Stande war, ſtündlich bald durch eine neue Probe von Hamlyns kaltblütiger Heuchelei, bald durch ein neues Muſter von Familienunglück, das ſeine hinterliſtigen Anſchläge verurſacht hatten, in Kum⸗ mer verſetzt. Lord Dartford zitterte in der That für Walther. Er wußte nicht, was dieſer anfangen ſollte, wenn es ihm wieder möglich war, wieder unter die Leute zu gehen. Bereits hatte er nämlich ſeine Abſicht angekündigt, das Regiment verlaſſen zu wollen. Sechs⸗ — tauſend Pfund Sterling, welche er für ſeine Dienſte als Kapitän erhalten ſollte, waren ſeine ganze Lebensverſorgung. Doch war für den Augenblick die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit des jungen Mannes durch die Beſtimmungen der zwei Harringtons in Betreff der Ordnung der Gant⸗ maſſe und in Betreff der ſchmerzlichen Vollziehung des Teſtamentes zu Gunſten der Söhne Hamlyns in An⸗ ſpruch genommen, die Hamlyn in ſeinen nachgelaſſenen Papieren, wie die Unterſuchung derſelben ergab,„vor⸗ ſätzliche Mörder ihres Vaters“ nannte. Die erſte bittere Lektion, welche den zwei jungen Männern die Schmach gab, die in der Perſon des Ab⸗ geſchiedenen auf ſie gefallen war, betraf die Beerdigung der irdiſchen Ueberreſte ihres Vaters. Die beiden Brüder der Miſtreß Hamlyn befragten ſie über den Platz, welchen ſich Herr Hamlyn während der letzten Zeit ſeines Lebens als Ruheplatz auserſehen hätte. Walther und Henry ließen ihre Mutter nicht zu Worten kommen, ſondern nannten die Familiengruft in Orington, welche ja auch die Aſche ihres Großvaters enthalte, als Begräbnißplatz ihres Vaters. Auf dieſen Vorſchlag hin machte Andreas Harring⸗ ton folgende Bemerkung:„was mich betrifft, ſo gebe ich den Rath man ſoll ihn ruhig in der Stadt begraben. Je weniger Aufſehen unter ſolchen Umſtänden gemacht wird, deſto beſſer iſt es. Wenn Sie ſich mit meiner Anſicht beruhigen, ſo übergeben Sie den Leichnahm ihres Vaters auf die einfachſte Weiſe zu Kenſal⸗ Green dem Grabe. Für ſie alle würde es eine tiefe Erniedri⸗ gung ſein, wenn beim Begräbniſſe das Volk Aeußerungen des Mißfallens hören ließe.“ Frau Hamlyn ſchwieg, Walther zuͤrnte, Henry war erſtaunt. Doch fand man kurz nachher unter den Papieren des Verſtorbenen ein Schreiben, worin er ausdrücklich ſeinen Wunſch ausſprach an ſeines Vaters Seite begraben zu werden. Die Harringtons ſogar, ſo ſehr ſie das Leben des Hamlyns verabſcheuten und ver⸗ 277 dammten, geſtanden, daß ſeine gegen ſeinen Vater er⸗ wieſene Pietät über alles Lob erhaben ſeie, und waren mit Walther darüber vollkommen einverſtanden, daß man ſeinen Wünſchen in dieſer Hinſicht ſtrenge nachkommen ſolle. Demgemäß wurden Befehle zur Oeffnung der Fa⸗ miliengruft gegeben. Aber jetzt erſt wurden die Hamlyns von einer herzzerreißenden Heimſuchung in Kenntniß geſetzt, welche ihre Quelle in den neuen Begebniſſen in der Lombardſtraße hatten, und welche ihnen durch die gütige Vorſorge Oberſt Hamiltons bis jetzt verhehlt worden war. Die liebenswürdige Frau des Herrn Paſtor Markham war durch die ihr unvorſichtigerweiſe Beratesn mitgetheilte Kunde von Hamlyns Tod und ankrutte zu frühe in die Wochen gekommen, und ein Opfer des Schreckens geworden, den ihr die Beſorgniß einflößte, daß das künftige Erbe ihrer Kinder und die Erſparniſſe ihrer Armen im allgemeinen Bankrutte Ham⸗ lyns mit zu Grunde gehen werden. Am zweiten Tage ihrer Krankheit ſiel ein Fieber über ſie; auf der Höhe ihrer ſieberiſchen Phantaſten rief ſie den habſichtigen Bankier auf, die arme Habe der Wittwen, den Scherfling der Waiſen, den Troſt des Alters, das Brod des Hung⸗ rigen wieder zurückzugeben. Alles das habe er ver⸗ ſchwendet, um die unermeßlichen Wünſche ſeiner Eitelkeit auf dem Wege des Betruges zu befriedigen. Unter ſolchen Reden gab die Beſchützerin von Orington den Geiſt auf. Walther hatte an Doktor Markham einen Brief in Betreff des Begräbniſſes von einem Manne, der ſeine Gemahlin unter den Boden gebracht hatte, geſchrieben. Miſtreß Hamilton hielt es für unumgänglich nothwendig, die Forderung des Briefſtellers ein wenig herunterzu⸗ ſtimmen, und der Familie Hamlyn die trauervolle Kunde vom Tode der Frau Markham mitzutheilen. Doch waren die Herzen der jungen Männer zu voll von ihrem Vater, und ſeinen letzten Wünſchen, als daß ſie nicht bei ihrem Vorſatze hätten verharren ſollen. Sie ſchrieben an Jacob Durdan, der anſtatt des ge⸗ 278 beugten Herrn Paſtors die niedrigern Amtsdienſte verſah. Durdan gab unmittelbar darauf nicht den Söhnen eines Mannes, den er für ein wenig höher achtete, als einen gemeinen Dieb, ſondern ſeinem ehrenwerthen Nach⸗ bar Oberſt Hamilton Antwort. Der Bauer, welcher, wie wir wiſſen, durch ſein ganzes Thun den Beweis gegeben hatte, daß er wenigſtens wiſſe, was es heiße, ein ehrlicher Mann zu ſein, ſchrieb folgendermaſſen: „Hochgeehrteſter Herr Oberſt! „Wenn ich mir die Freiheit dazu herausnehmen darf, ſo bitte ich Sie, Sie möchten der Familie von Dean⸗Park, welche ich ganz gering ſchätzen würde, wenn ſie nicht Glück hätte, Ihnen den Namen„Freund“ geben zu dͤrfen, Sie möchten dieſer Familie anempfehlen, ſie ſolle ja doch nicht daran denken, daß ſie den Leichnam des letzten Hamlyn in die Kirche nach Orington bringen dürfe. Mein Herr! ich möchte nicht für die Folgen gut ſtehen, ich möchte nicht dafür gut ſtehen, daß nicht der Leichnam mißhandelt würde. Hochgeehrteſter Herr! wir Leute hier herum halten etwas auf Schicklichkeit und Anſtand, und find keineswegs Willens, den Todten ohne Achtung zu behandeln. Aber, ſo wahr ich ein Chriſt bin, ich glaube, der Pöbel würde den Sarg in Stücke ſchlagen. Es iſt nicht allein deßhalb, weil er Spar⸗ kaſſen und milde Stiftungen ſo ſchamlos plünderte, weil er arme Familien ihrer Hoffnung und ihres Troſtes beraubte, indem er ihnen das Wenige, das ſie durch die Anſtrengungen eines langen Lebens zuſammengerafft hatten, ſtahl. Nicht allein das macht es aus, hochge⸗ ehrteſter Herr! Sie wiſſen, wie hoch der Herr Paſtor von uns geachtet wird, und was Madam Markham den armen Leuten hier herum werth iſt. Die Bewohner unſeres Dorfes mußten mit anſehen, wie die theure Dame zu Grabe getragen wurde, und der Sarg ihres unſchuldigen Kindes an ihrer Seite war, und kein trockenes Auge gab es unter allen Pfarrkindern. Denn Jedes dachte daran, daß die Verarmung ihrer armen Kinder 279 ihr edles, zum Nutzen der Menſchheit angewandtes Leben kürzte. Würden nach ſolchen Vorgängen die Leute von Orington ſehen, daß dieſer Projektenmacher, dieſer Heuchler zu uns heruntergebracht würde, und daß um ſeinetwillen Trauerkutſchen und Zobelfedern para⸗ dirten, ſo würden ſie in eine Wuth gerathen, welcher Nichts heilig wäre.* Ich bitte Sie unthänigſt, Herr Oberſt! glauben Sie nicht, daß die Quelle dieſes Briefes der Aerger darüber ſei, daß ich wegen des intentirten Verkaufes meiner Güter in Koſten wegen Schreibereien verſetzt wurde, glauben Sie vielmehr, daß ich bei meinem Schreiben blos die Abſicht habe, daß Sie, wenn es Ihnen gefällig iſt, die jungen Herrn, gegen welche Niemand Etwas hat, weil der Fehltritt ihres Vaters ſie Nichts angeht, von der Sache benachrichtigen mögen. Dadurch würden Sie ihnen einen wirklichen Dienſt und Ihrem unter⸗ würfigen Diener Jacob Durdan einen großen Gefallen erweiſen.“ Dieſes Zeichen des Abſcheues, welcher das Andenken des Bankier traf, war das erſte, das den jungen Ham⸗ lyns gegeben wurde. Die Lektion war eine furchtbare, aber gegen eine Auskunft, wie die von Durdan gegebene eine war, läßt ſich nicht ſtreiten. Bereits war der ſtolze Geiſt Walthers durch die verſchiedenen Erniedrigungen, deren Quelle die letzthinigen Begebenheiten waren, ge⸗ brochen. Nachdem er das Haupt ſeines Vaters in einen obſeuren Winkel eines der Kirchhöfe in der Hauptſtadt zur Ruhe gelegt hatte, wieder nach Hauſe zurückkehren wolle, und vor demſelben bemerkte, wie ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter die Abenddämmerung benützten, um ihre herrliche Wohnung die entfernte Urſache von einem großen Theile ihres gegenwärtigen Unglückes, für immer zu verlaſſen. Da fühlte er, daß der Ruhm ſeiner Tage verſchwunden war. Das unangenehme ſchlimme Verhältniß, in welchem er zu Alberich Vernon ſtund, machte ihm jedes zartere Gefühl, das ſich bei ihm an die Familie Vernon knüpfte, 280 zu einer Quelle von Schmerz. Er fand keinen Troſt, durchaus keinen. Sein Vertrauen hatte auf der Welt beruht, ſeine Freude auf dem Pomp und der Eitelkeit derſelben. Der Strudel des flotten Londoner Lebens war ſeit Ewigkeit ſein einziger Wunſch, ſein einziger Stolz geweſen. Was ſollte aus ihm werden, da ihm die Thore der Geſellſchaft verſchloßen, da ſeiner nach jeder Auszeichnung haſchenden Eitelkeit alle Wege verſperrt, da die ſtrebenden Hoffnungen ſeines unruhigen Ehrgeizes für ewig vereitelt waren. Auf Henry hatte der über ihn gekommene Schlag einen weniger niederbeugenden Einfluß gehabt. Dieß kam daher, weil die Schwere deſſelben durch ſein liebendes, theilnehmendes Herz verringert, weil die Wunde nicht durch das böſe Blut ſelbſtſüchtiger Eitelkeit vergiftet wurde. Henry war durch die Schmach, welche über ſeines Vaters Haus gekommen war, und durch die Entdeckungen, welche dem Andenken eines Mannes, den er auch nach dem Tode ſo gerne geehrt haben würde, ſeine Hochachtung entzogen, tief darnieder gebeugt. Wenn ihm ſeine fruͤheren Ausſichten für die Zukunft durch die ſpekulative, wiſſenſchaftliche Richtung ſeines Geiſtes aufgehellt wurde, ſo lehrte ihn ſeine um⸗ faßende Philoſophie, die Schlechtigkeiten ſeines Vaters einigermaſſen zu entſchuldigen. Nach ſeiner Anſicht mußte ein Theil ſeiner Verbrechen auf die Fehler unſerer geſellſchaftlichen Einrichtungen und die Verdorbenheit eines entarteten Zeitalters geſchrieben werden. Er argumentirte folgender Maſſen:„hätte mein Großvater nicht unnöthiger Weiſe mit Lord Vernon gewetteifert, ein Wetteifer, der aus den ſchwankenden Verhältniſſen der menſchlichen Geſellſchaft, aus der Verſchmelzung der verſchiedenen Stände hervorgeht, ſo wäre mein Vater ein betriebſamer, ſparſamer, thätiger Geſchäftsmann geweſen. Der alte Mann ließ meinem Vater die Wahl zwiſchen folgenden zwei Dingen: ent⸗ weder mußte er ſeines Vaters Verſchwendung der Schmach und Schande Preis geben, oder die falſche Rolle von Reich⸗ 281 thum und Wetteifern mit den Großen des Landes weiter ſpielen. Nachdem er einmal angefangen hatte, den Heuchler zu ſpielen, um die Fehler und Tollheiten ſeiner Eltern zu ſchonen, mußte er auf dem ſchleichenden Wege des Betruges nach und nach immer größere Fortſchritte machen. Im haſtigen Beſtreben, durch raſende Spekulationen ſeinem Vermögen und dem ſeiner Kunden wieder aufzu⸗ helfen, verlor er alles ſittliche Gefühl. Wie aufmunternd wirkte nicht der Beifall der menſchlichen Geſellſchaft und die Liebkoſungen von Kunden, die ihren Vortheil bei ihren Liebkoſungen hatten, auf ſeine Fortſchritte. Wer war wohl darauf bedacht, den Quellen ſeines Reichthumes nachzuſpüren, wenn man nur Genuß oder Vortheil von demſelben hatte?. Ueberdieß was hauptſächlich zu be⸗ denken iſt, wenn auch ſeine Geldherrſchaft durch unge⸗ ſetzmäßige Mittel erworben war, der Gebrauch den er voon ſeinem Gelde machte, war nicht ganz unedel. Wenn er vom Armen nahm, ſo gab er ihm auch wieder. Die Almoſen, die er gab, waren unzählbar, die Art, ſeine Gaben zu ſpenden war über alles Lob erhaben. Aber ach! ach!“ war wieder und wieder die Schlußbe⸗ irachtung des bekümmerten jungen Mannes,„wie wehe thut es mir, daß ich zu Spitzfindigkeiten meine Zuflucht nehmen ſoll, um die Fehler meines einziggeliebten, ein⸗ zighochgeachteten Vaters zu bemänteln! Und doch erinnere ich mich einer Zeit, zu welcher es Einem von Einem Ende der Stadt bis zum andern, als die erbärmlichſte aller Verläumdungen angerechnet worden wäre, hätte man dem Bankier Hamlyn nur den geringſten Mangel an Klugheit vorgeworfen.“ Eilftes Kapitel. Die Augen ſchließe; Sünder ſind wir Alle. Shakspeare. Unter den Leuten, welche durch dieſe ſchlimmen Unfälle am meiſten litten, aber ſich dabei am beſten zu benehmen wußten, war Oberſt Hamilton. Es ging ihm, 282 wie dem jungen Hamlyn. Er ließ ſich nicht durch ober⸗ flächliche Gefühle blenden, ſondern beurtheilte den Ab⸗ geſchiedenen vollkommen ſo, wie er war, und empfand deßhalb den ganzen bittern Schmerz, der aus dem Be⸗ wußtſein entſtehen muß, daß man von einem Manne betrogen worden ſein ſoll, dem man als ſeinem beſten⸗ Freunde vertrant hat. Ueberdieß war auf einmal in ſeinem ganzen Sein eine plötzliche Lücke entſtanden. Er hatte ſeinen Rathgeber, ſeinen vertrauten Geſellſchafter, ſeinen Freund und ſogar den Troſt verloren, ſeinem Andenken eine mitleidige Erinnerung ſchenken zu können. Doch waren ſeine Gefühle und Empfindungen in Betreff des ganzen Herganges charakteriſtiſch für die volle Uneigennützigkeit und Weichheit ſeines Charakters. Er beklagte den Verluſt den er an ſeinem Vermögen erlitten hatte, blos deßwegen, weil durch ihn ſeine Mittel, zum Glücke ſeiner Nebenmenſchen beizutragen, verringert worden waren. Statt daß er ſich, nach Lord Vernons Manier beklagt hätte, er ſei der unglückſeligſte Menſch auf Gottes Erdboden, weil er auf ſo hinterliſtigem Wege des größten Theiles ſeines Vermögens beraubt worden ſei, eines Vermögens, das er durch die Mühſeligkeiten eines ganzen in der Verbannung zugebrachten, ſparſamen Lebens zuſammen⸗ geſcharrt hatte, ſtatt deſſen wurde er nicht müde, dem Him⸗ mel für die glückliche Fügung zu danken, welche einen ſo großen Theil ſeiner Kapitalien in Indien zurückgehalten hatte, bis der Tag der Gefahr vorüber, und ein Miethmann in ſeinem Hauſe auf Portland Place eingezogen war. Er ſagte zu ſeiner Schwiegertochter:„bedenken Sie, theuerſte Nelly! wäre dieſe unglückſelige Verhandlung im Parlamente blos drei Wochen ſpäter vorgekommen, mein Kapital, das in den Händen der Bourbay⸗Com⸗ pagnie iſt, wäre in Hamlyns Hände gefallen, und mit meinem übrigen Vermögen aufgegangen. Bedenken Sie, meine Theure! was es geheißen hätte, wenn wir voll⸗ kommene Bettler geweſen wären, wir und der arme Johnſton, wir Alle. Es iſt nicht wegen meiner, denn ich hätte meinen Weg nach Ghazerapore zurück machen können, ich hätte wieder von meinem alten Rajah eine gute Aufnahme und Beſchäftigung erhalten, ich hätte meine Gebeine ebenſo gut dort, als ſonſt wo, ins Grah legen können. Ich und Pincher brauchen in dieſer Welt nicht Viel, und werden auch dieß wenige nicht lange mehr brauchen. Aber Sie, mein armes theures Kind, der ich mit ſo hohem Stolze, ſo hoher Freude, ſo viele Hoffnung auf ein angenehmes und glückliches Leben gemacht habe, Sie, meine Nelly, wären nicht für Indien geboren geweſen. Wenn Sie auch eine ſo große Freundin vom warmen Italien ſind, ſo könnten Sie doch das Klima von Ghazerapore nicht aushalten. Und ſelbſt, wenn dieß der Fall geweſen wäre, denken Sie, was wäre aus dem armen Henry geworden, wenn er Sie in ſolchem Elende geſehen, und gewußt hätte, daß es durch die Betrügereien ſeines Vaters herbeige⸗ führt worden ſei. So ſehen Sie denn, meine Theure! es war eine große Gnade des Himmels, daß Moonjee in Erfällung ſeiner Pflicht ſo ſaumſelig war.“ Die arme Ellen that ſich den Zwang, ihm zum Verluſte von blos zweimal hunderttauſend Pfund zu gratuliren, und ſegnete im Geheimen ſeine Philoſophie, deren Hauptgrundſatz war:„es iſt gut, daß die Sachen nicht ſchlimmer ſtehen,“ eine Philoſophie, die ihn vollſtändig mit einem ſchweren Unglücke ausſöhnte, das einen andern Mann nicht nur zur Verzweiflung getrieben, ſondern vielleicht in Verſuchung gebracht hätte, den Sohn das Verbrechen des undankbaren Vaters entgelten zu laſſen. Er ſagte; nes würde eine Sünde ſein, wenn wir, da es uns ſo gut geht, uns beklagen ſollten. Sind ja doch Andere in weit größerer Noth als wir. Denken Sie an die arme Miß Creswell. Sie hoffte, ein ruhiges Auskommen zu erhalten, aber nun hat ſie keinen Schilling mehr, und muß das Leben wieder von vorne anfangen, zu einer Zeit, da ſie alle Anſprüche auf Ruhe hätte. Denken Sie an den würdigen Doktor Grantham, von 284 dem Quiddle geſtern mit uns ſprach, denken Sie an ſeine große Familie und ſeine Schlaganfälle. Denken Sie an die unglückliche Wittwe, welche mich am Arme nahm, als ich mit Henry von der Lombardſtraße kam, und von Hamlyns Verpflichtungen gegenüber von ihrem armen, ihr ſo theuren, todten und abgeſchiedenen Johann Darley, und davon ſprach, daß ſie nächſtens von dem Hauſe, das ſie ſeit vierzig Jahren bewohnt habe, ver⸗ trieben werde. Denken Sie an Sir Robert Maitland, den ich ſelbſt in die Falle brachte, und vor Allem, denken Sie an den armen, theuren Markham, der ſo kummer⸗ voll iſt, und ſich doch ſo gut zu beherrſchen weiß. Wie ſchreien nicht ſeine Kinder zu ſeinen Füßen nach ihrer Mutter! ſeine Kinder, die, wenn er morgen ſterben würde vielleicht nach Brod ſchreien müßten. Was die armen Seelen zu Orington betrifft, o, Nelly! Nelly! Je mehr ich an die Sachen alle denke, um ſo mehr fühle ich, daß ich der Vorſehung für eine ſolche Linderung meines Schickſales und für mein Glück, ihnen einigen Beiſtand leiſten zu können, nicht genug danken kann.“ Eine andere Perſon, welche die bittere Hefe des Bechers der Erniedrigung der ihren Lippen geboten wurde, mit Ergebung trank, war die unglückliche Wittwe des Bankier. Ihre Brüder, welche ſich von ihrem Ge⸗ mahle, ſo lange er lebte, ferne gehalten hatten, reichten ihr, wie wir wiſſen, hülfreiche Hand. Dieſer Troſt, ſo wie die unveränderliche Liebe des jungen Dartford zu ihrer holden Tochter war ihr die Quelle einer uner⸗ warteten Erleichterung ihrer Noth. Immer, auch ſeit der erſten Stunde ihrer Noth, hatte ſich der Marquis bemüht, ſich mit Walther und Henry auf gleiche Stufe zu ſtellen, wenn es galt, Frau Hamlyn kindliche Liebe zu erzeigen. Daraus erſah ſie, daß ſeine Neigung durch Nichts, was geſchehen war, oder geſchehen konnte, eine Veränderung erleide. Am Ende eines Monats, den ſie ganz durchgetrauert hatte, bat er ſie inſtändig, ſie möchte ihre Zuſtimmung 28⁵ zu ſeiner unverweilten Vermählung mit Lydia geben, eine Vermählung, welche ja von ſeiner ganzen Familie gut geheißen werde. Miſtreß Hamlyn konnte dem Him⸗ mel nicht genug danken für das ruhige Loos, das ihrer Tochter beſchieden war, ohne daß dieſe nöthig gehabt hätte, nur im mindeſten zu kriechen und ſich ſelbſt zu erniedrigen. Da ſie den Edelſinn Lord Dartfords kannte, ſo war ſie überzeugt, keine reichere Belohnung konnte ihm werden, als die Liebe eines Herzens, wie das ihrer Lydia. Im Verhältniſſe, als ſie billigerweiſe den jungen Liebhaber ſchätzte, ließ ſie den Verdienſten ihres Kindes Gerechtigkeit wiederfahren.. Voll Ruhe und Beſcheidenheit, ſogar, ohne ihren Traueranzug abzulegen, trat Lydia aus dem Hauſe ihres würdigen Onkels, um die Braut eines der erſten Adeligen im Königreiche zu werden. Sie hätte wohl nicht den Muth gehabt, unter ſolchen Umſtänden ihre Mutter an einem andern Platze, als im Hauſe ihres Oheims, zu laſſen. Das Haus von Andreas Harrington war eines, in welchem Miſtreß Hamlyn ohne ein ſchmerzliches Ge⸗ fühl von Abhängigkeit bleiben konnte. Er war ein Wittwer. Sein einziges Kind, ein um einige Jahre jüngeres Mädchen, als Harriet, liebte nicht allein ihre Baſen aufs herzlichſte, ſondern genoß dadurch ein hohes Glück, daß Miß Creswell unterm Dache ihres Vaters wohnte. Der rauhe Kaufmann war gegenüber von ſeiner Schweſter durchweg aufs pünktlichſte bemüht, ſeine Aus⸗ drücke zu mäßigen, und ſein Benehmen zärtlich und weich zu machen. Sie konnte ohne Mühe bemerken, wenn gleich Walther keinen ſtrengeren Hofmeiſter auf Erden hatte, als ſeinen Onkel Andreas, ſo hatte er auch keinen treueren Freund. Hie und da ſagte er zu ſeiner Schweſter:„Alles, was dieſem jungen Manne begegnete, gereichte zu ſeinem Beſten. Es war gerade an der Zeit, daß es mit ihm brach. Er war noch nicht ganz verloren. Darum iſt ihm auch Unglück erſpart, das ihn nach meiner Anſicht 286 getroffen hätte, wenn er an ein einfältiges, faules, ¹ verſchwenderiſches Weib gerathen wäre; er hat erfahren, was weltgewandte Freunde werth ſind, und wie hohll das Leben nach der Mode iſt. Wenn noch ein Paar Jahre verfloſſen ſind, ſo wird der Unſinn ganz von ihm gewichen ſein, und ich wünſche mir nichts Beſſeres, als ihn dann zu meinem Schwiegerſohne zu machen. Die junge Sophie, mein Kind, wird ihm, wenn er ſich da⸗ zu hergibt, um ihretwillen Harrington heißen zu wollen (und dieſer Name iſt ein ſo guter, als der Name Hamlyn, wie Du auf Deine Koſten gefunden haben wirſt), wird ihm, ſage ich, ein Paar Hunderttauſend Pfund Sterling zubringen; und es iſt alsdann nur Dein Fehler, meine theuerſte Schweſter! wenn Du nicht inzwiſchen aus meinem armen vernachläßigten Mädchen Alles machſt, was Du nur wünſchen kannſt, daß aus Deiner künftigen Schwie⸗ gertochter werde.⸗ Das Leben im Hauſe Harringtons— die Auf⸗ merkſamkeiten, welche der Frau Hamlyn erwie⸗ ſen wurden, die Lektionen der Gouvernantin, das Wohlgefallen, welches nach und nach Sophia Harrington am Umgange mit ihren Vettern und mit Harriet gewann — dieſes Leben erlitt bald nach dieſer Unterredung folgende Veränderung. Sogleich nämlich, nachdem ſich die Marquiſin von Dartford in ihrer neuen Heimat feſtgeſetzt hatte, ließ ſie an ihre geliebte Mutter die wärmſten Einladungen nach Dartford⸗Hall ergehen. Lydias Brief lautete folgender⸗ maſſen:„Du wollteſt Nichts von einem Beſuche auf Dartford⸗Hall wiſſen, als mein Gemahl Dich darum erſuchte. Willſt Du es, o theuerſte Mutter! auch mir abſchlagen? Ich bin hier nicht zur Hälfte glücklich, wenn ich nicht Dich und Harriet unter meinem Dache habe.“ Die theure Mutter konnte nicht wiederſtehen, ſondern fuhr nach Dartford⸗Hall in Shrophire ab. Dort fand ſie, daß zu ihren Gunſten eines der Wunder gethan war, welche beweiſen, daß Reichthum hie und da zum Segen 287 gereichen kann. Ein ſolches Haus vom einem ſolchen Garten umgeben, mit ſolcher Einfachheit neben ſolcher Gleganz möblirt, wie noch nie ein Haus möblirt worden ſſt, war für ſie vollſtändig eingerichtet worden. Möbel, Silberzeug, Linnen, Bücher waren nicht allein mit ihrem Namen bezeichnet, ſondern mit der zartfühlendſten Umſicht für alle ihre Liebhabereien und Beſchäftigungen ausgewählt. Keine Blume, kein Schriftſteller, den ſie liebte, fehlte hier. Im Grunde iſt die niedliche Ein⸗ richtung eines Hauſes im Kleinen etwas Beſcheidenes und Anſpruchloſes, doch müſſen wir melden: in dem für Miſtreß Hamilton beſtimmten Hauſe war Alles vortreff⸗ lich eingerichtet. Alles war da, und für Jedermann da. Harriet und Miß Creswell hatten ein Zimmer, neben dem der Frau Hamlyn; auch waren nicht allein Zimmer für Walther und Henry vorhanden, ſondern auch angenehme kleine Zimmer für Oberſt Hamilton und Ellen, wenn die beiden bewogen werden konnten, die Familie auf Dartford⸗Hall zu beſuchen. Für den Augenblick ſchien es, die letztern ſeien wie angenagelt an Burlington. Uebrigens hatte der arme Oberſt Mühe gehabt, ſich von der Stadt loszureißen, und nach Burlington zuziehen. Er hatte kaum den Muth, an den Thorgittern von Dean⸗Park vorüberzugehen, oder von den Fenſtern ſeiner Bibliothek aus die Wälder zu betrachten, welche über Hyde herhingen. Einſtens ſagte er zu Ellen:„ſo unheimlich es mir auf Burlington iſt, meine Theure! ſo ſchmerzlich ſich mir, wo ich ſtehe und gehe, das Andenken des armen Hamlyn, und ſeines theuren Weibes und ſeiner Töchter aufdringt, ſo ſehr, ich fühle es, iſt es meine Schuldig⸗ keit, hier zu ſein. Der Platz iſt mein für die nächſten zwanzig Jahre, und wenn ich ihn nicht bewohne, wer ſoll es dann thun? Glücklicherweiſe habe ich die Mittel dazu. Ich kann allerdings nicht ganz auf einem ſolchen Fuße leben, wie ich früher dachte, aber wir können hier in Ehren hauſen, Nelly, wir können bezahlen, was wir 288 brauchen. Doch muß ich ſchärfer nach Robſon ſehen, und Sie, wenn anders Goody Johnſton es zuläßt, müſſen ein wenig die Hausfrau ſpielen. Denn Sie ſehen, meine Theure! Orington hat Alles verloren, als es Dean⸗Park verlor, welches nicht wohl einen Käufer auf lange Zeit findet, weil man es nicht weiß, welchen Namen man ihm geben ſoll. Sodann war die arme Madame Markham eine Dame, deren Werth, ſo lange die Welt ſteht, nicht mehr erſetzt werden kann. Ferner hat ja, wie wir wiſſen, dieſer ſündhafte Bankrutt bei⸗ nahe jedes Haus zwanzig Meilen in der Runde ruinirt. Deßhalb fühle ich, es laſtete eine ſchwere Verantwor⸗ tung auf uns, wenn wir uns entfernen, und dem Dorfe Orington, das ja, wie bereits geſagt, jüngſt eben ſo viele Verluſte erlitten hat, den Vortheil entziehen wolle ten, daß das Schloß Burlington bewohnt wird.“ Später kam übrigens der gute Oberſt hie und da durch den Gedanken in Verlegenheit, daß er ja wegen Henry nicht wiſſe, wie er es angreifen ſolle, um mit Ellen auf Burlingten bleiben zu können. Henry hatte nämlich in Uebereinſtimmung mit den Wünſchen ſeiner Onkel ſeine Studien im Cambridge beinahe vollendet, und follte nun nächſtens in Uebereinſtimmung mit ſeinen eigenen Wünſchen die Vermählung mit der ſchönen Ellen vollziehen. Und doch war ihm das Schloß Burlington, weil es Dean⸗Park ſo nahe war, ein widerwärtiger Platz. Wie wir wiſſen, hegte Miſtreß Hamilton das Gefühl der höchſten Dankbarkeit und Liebe gegen ihren Schwie⸗ gervater. Dieſe Liebe hatte theilweiſe ſeinen Grund auch darin, daß er ſich nicht in ihre Liebesangelegenheiten miſchte. Sie verblieb immer bei ihrer ſchlimmen Ge⸗ wohnheit, ihre Liebesangelegenheiten vor ihm geheim zu halten. Sie hatte ihm noch nie einen Wink darüber gegeben, daß Lord Crawley und die ſechs Stimmen der Familie Elvaſton ſich verpflichtet hatten, einem Manne, welchen die Winke der Lady Devereux und die feine Lebensart Eduard Suttons, der Ellen mied, der Familie 289 Elvaſton in der That als den glücklichen Rivalen Sut⸗ tons bezeichneten, einem ſolchen Manne eine andere Ge⸗ mahlin, als Ellen, außerhalb Burlingtons zu verſchaffen. Auch darüber hatte fie ihm noch nie einen Wink gegeben, daß ſie und Harry bereits mit einander ausgemacht hatten, ſie wollen die erſten zwei Monate nach ſeinem Eramen unter dem Dache ſeiner gütigen Mutter verleben, die bereits das Myrthenreis unter ihren Schutz genommen, und in ihrem kleinen Geſellſchaftszimmer eine Unterlage aufge⸗ ſtellt hatte, um die ſchöne Büſte der Diana aus Gibſons Hand zu tragen. Der Grund, warum Ellen den guten alten Mann ſo gänzlich im Unklaren ließ, war folgender. Sie brütete über Planen in Betreff eines gewiſſen Glückes, das ſie ihm verſchaffen wollte, ein Glück, das ſicherlich verdor⸗ ben worden wäre, wenn ſie es ihm zu frühe angekün⸗ digt hätte. Miſtreß Hamilton war nämlich gar nicht ohne Hoffnung, die Angelegenheiten Sir Roger Bur⸗ lingtons, welche jetzt nach dem Tode ſeines Vormundes von einem Kanzleidirektor beſorgt wurden, werden ſich ſo geſtalten, daß Lady Burlington wieder nach England zurückkommen und ihren Sohn auf die Güter ihres Vaters bringen könne. In dieſem Falle konnte für Oberſt Hamilton Nichts leichter, aber auch Nichts angenehmer ſein, als die Aufhebung des Pachtvertrages. Uebrigens war die erſte Zuſammenkunft mit dem Herrn Paſtor Markham die betrübendſte Erfahrung unter allen, welche Ellen und Hamilton machten, als ſie wie⸗ der in Warwickſhire waren. Doch wußten ſie jeden Schmerz ſo zu ertragen, daß er ſie nicht zu Boden drückte. Allerdings war es zum Lachen, als ſich der un⸗ verſchämte, arrogante Barlow von Alderham bei ihnen mit einem Morgenbeſuche aufdrang, deſſen Zweck bloß der war, ein Siegeslied darüber anzuſtimmen, daß der Mann, durch welchen die ganze Grafſchaft ins Unglück gekommen, durch welchen die Kapitalien des Spitals und Irrenhauſes der Grafſchaft geplündert worden waren Die Bankiersfrau. I. 19 290 zu keiner der alten Familien in der Graſſchaft gehöre; allerdings mußte man mit Gratwycke vom Schloß Grat⸗ wycke chriſtliches Mitleid haben, wenn er ſeine Sieges⸗ freude darüber, daß von nun an ſeine Geſchenke an die milden Stiftungen von Warwickſhire die ſtärkſten auf der Liſte ſeien, nicht wohl zu unterdrücken vermochte. Aber ein ſchweres Gottesgericht konnten die beiden ſehen, wenn ſie durch das armſelige Dorf Orington ſchritten, deſſen Armenhäuſer und deſſen Spital jetzt verſchloſſen, deſſen armſelige Habe früher taxirt und deſſen Brodkaibe vermindert worden waren, um der Verſchwendung des niederträchtigen Betrügers Vorſchub zu thun, welcher ſich ſo lange geſtellt hatte, als ſei er der Wohlthäter des Dorfes; ein ſtrenges Gottesgericht konnten ſie ſehen, als ſie zur beſcheidenen, aber nicht ſo angenehmen Woh⸗ nung des Herrn Paſtors kamen, deſſen Hausgottheit der hohlherzige Gaſt von Prinzen, der Schreier im Parla⸗ mente, auf ewig in Staub getreten hatte. Als der Oberſt mit Ellen zur wohlbekannten, ſich ſelbſt wieder ſchließenden Hausthüre und in den kleinen Garten des Paſtors eintrat, der nun vernachläßigt und voll Unkraut war, ſtammelte der Oberſt folgende Worte: „Nelly! ich wollte beim Gott der Gnaden, unſer Beſuch wäre vorüber. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich ihren Stuhl leer und die armen kleinen Mäd⸗ ichen in ihren ſchwarzen Kleidchen ſehen ſoll. Doch ſie iſt an einem beſſern Orte, als hier. Wenn irgend Je⸗ mand ſicher darauf zählen darf, daß er ſelig wird, ſo iſt es eine ſolche ſtille, ſich ſelbſt verläugnende Seele, wie ſie war. Nelly, ich wünſche, unſer Beſuch wäre vorüber.“ Für den alten Mann war es ein großer Troſt, als er hörte, daß Doktor Markham an dieſem Tage uͤber Feld gegangen war und Durdans Gut beſuchte. Ellen, welche wohl wußte, wie viele Ueberwindung es ſie beide gekoſtet hatte, bis ſie ſich zu ihrem Beſuch in Doktor Markhams Hauſe entſchloſſen hatten, wollte ernſtlich 291 darauf hinarbeiten, daß dieſer Beſuch auch gute Früchte tragen möge. Sie hatte namentlich in ihrer Taſche ein Paar kleine, aus der Stadt mitgenommene Geſchenke für die Kinder. Sie ließ die Kinder in das Geſellſchafts⸗ zimmer rufen und begab ſich alsdann ſelbſt eilig in dasſelbe. Wie der Oberſt bereits geſagt hatte, es war ein trauriger Anblick, wenn man das geordnete, niedliche Zimmer und den leeren Stuhl, deſſen ſich Frau Markham früher bedient hatte, darin ſah, und dann wieder be⸗ merkte, wie auf dem alten Arbeitstiſche Stücke Tuch in Unordnung durcheinander lagen. Man verfertigte aus dieſen Kleider für die Armen. Auch lagen auf dem Tiſche die Buchſtabirbücher der Kinder herum, wie wenn ſte ein Recht hätten, hier zu ſein. Ellen würde viel darum gegeben haben, hätte ſte auf dem Fußboden einen Wickel Seide oder Baumwolle geſehen. Die Beklommen⸗ heit, die ſte in Markhams Hauſe fühlte, war eben ſo groß, als die, welche ſie gefühlt hatte, als ſte unter dem gleichen Dache mit dem Leichnam des Bankiers geweſen war. „Siee wurde wenig aufgeheitert, als die kleine Kitty ihre Aufwartung machte. Dieſe verbarg ihr Geſicht, ſo ſchüchtern war ſie geworden. Ihre Amme führte ſte herein. Dieſe war ganz ſelig, daß ſie einen neuen Beſuch hatte, gegen den ſie die ſchon oft gegebene Erzählung von den Leiden ihres armen theuren Engels, ihrer abgeſchiedenen Herrin, wiederholen konnte; daß ſie Gelegenheit hatte, zu ſagen:„Wenn ein Gott im Himmel iſt, ſo wird ohne Zweifel der Bankier Hamlyn ewig verdammt werden.“ Der Oberſt trat ans Fenſter, zum Scheine, als wolle er die Erzählung der Amme nicht hören, in der That und Wirklichkeit aber, um ſeine Rührung zu ver⸗ bergen! Die Amme gab Ellen folgende Erzählung: „Die Frau Markham wurde durch die böſe Kunde zu Boden gedrückt. Madamt! das arme Kind war todt geboren; der Doktor ſagte, es habe ſich nicht mehr ge⸗ rührt, als ihre arme Mutter vom Bankrutte Hamlyns gehört habe. Madamel zuletzt trat Fieber und Geiſtes⸗ abweſenheit ein. Da war es denn über alle Maßen rührend, wenn man mit anhörte, wie die arme Seele von den ruinirten Familien im Dorfe, von einer nach der andern ſprach; wie ſie ſagte, der alte, an Flüſſen leidende Parſons werde dieſen Winter keine Kohlen und Decken haben, und: was die Waiſen des Zimmermanns anfangen ſollten, und ſo weiter. Dann brach ſie in ein Singen aus, wie wenn ſie auf der Orgel wäre. Niemals war ihre Stimme ſchöner und angenehmer, als eine halbe Stunde, ehe ſie ſtarb. Der Herr Paſtor faßte ſie bei der Hand und bat ſie, ſie möchte doch ruhig ſein und nicht ſo ſingen. Sie lachte gerade hinaus, dann betete ſie, dann phantaſterte ſie von Marie Hähnes, dem armen Weibe aus Orington, das wegen des Kreb⸗ ſes ins Spital kam; zuletzt ſang ſie noch ein Loblied, mit einer ſo hellen und angenehmen Stimme, wie die einer Nachtigall iſt. Jedermann, der zugegen war, ſagte, es ſei der Geſang eines Engels.“ Der Oberſt kehrte ſich plötzlich ihr zu, und ſagte: „Miſtreß Smith! Frau Markham iſt nun aber auch ein Engel, ein Engel bei Gott.“ Die arme Amme bedeckte das Geſicht mit ihrer Schürze und ſchluchzte bei dieſen Worten des Oberſten nur um ſo lauter. Sie fuhr folgendermaßen fort:„Sie hätten hören ſollen, wie die lieben, armen Kinder wäh⸗ rend dieſer zwei oder drei Tage nach ihrer Mamma rie⸗ fen. Ich dachte, auf meine Ehre, der arme Herr Pa⸗ ſtor komme von Sinnen. Auch jetzt ſteht es nicht viel beſſer mit ihm.“ Sie öffnete die Thüre eines kleinen Vorhofes vor dem Pfarrgarten, wies auf eine Haube und einen Shawl welche dort hingen, und welche Ellen ſehr gut kannte. Mehr als hundertmal hatte ſie die arme Markham in dieſen Kleidungsſtücken geſehen, wenn ſie im Dorfe umherging, um ihre Almoſen zu ſpenden. Die Magd erzählte folgendermaßen weiter:„Madame! der 4 4 293 Herr wollte Nichts davon hören, daß man dieſe Gegen⸗ ſtände wegnehmen ſollte, und doch geht es Jedermann ans Herz, zu ſehen, wie ſie immer da hangen. Eins⸗ mal ging ich Morgens frühe, ehe er auf war, daruͤber her, und nahm die Sachen weg. Ich meinte, er werde nicht mehr an ſie denken. Gott ſei meiner Seele gnä⸗ dig! als er durch die Halle ging, um die Morgenzeitung zu leſen, ſah er auf einen Blick, daß ſie fort waren. Er wußte, Niemand wagte es wohl, ſie zu berühren, als ich. So Smith! ſagte er, ſo ſteht die Sache, im Augenblicke tragen Sie dieſe Sachen wieder an ihre alte Stelle. Wie ich den Herrn in dieſem Tone reden hörte, dachte ich, ich dürfe nicht widerſprechen. Deßhalb ging ich und holte mit Thränen in den Augen die Sachen im Augenblicke wieder. Madame! ich habe bemerkt, wenn arme Leute vom Orte kommen und ihn um Hülfe bitten(und ſeit dem Bankrutte Hamlyns muß der Herr da, wo er ſonſt nicht einmal an's Geben dachte, zwei⸗ mal daran denken), ſo iſt das Erſte, was er thut, daß er auf dieſen armen Shawl und dieſe arme Haube ſieht. Es iſt, wie wenn er ſagen wollte, wäre ſie noch am Leben, meine armen Leute! ihr würdet nicht genöthigt ſein, zu mir ins Haus zu kommen und mich um Hülfe anſprechen. Aber Gottes Wille geſchehe!“ Ellen wiegte die kleine Kitty auf den Knieen. Am Schluſſe dieſer traurigen Erzählung bemerkte ſie, daß in der Stille ihre Thränen über die weiße Schulter des Kindes herniederfloßen. Dieſes war gar nicht bei ſeiner gewöhnlichen guten Laune, und es ſchien, da es ganz der Dienerſchaft zur Erziehung übergeben war, als nehme es die Zärtlichkeit einer Lady, welche vollends nicht Mama war, eher mit Kälte, als mit Freude auf. Sie ſchaute der Dame, welche über ihr Thränen ver⸗ goß, ernſthaft ins Geſicht. Denn für ein Kind ſind Thränen die Zeichen von Kummer, Büßung, Schmerz; und ſeit einem ganzen Monat hatten ihre bekümmerten Augen auf nichts Anderes, als auf Thränen ihrer Um⸗ gebung getroffen. In dieſem Augenblick ſah man durch das Fenſter, wie ſich der Herr Paſtor dem Hauſe näherte, und in das Zimmer trat, um Gäſte, auf welche er nicht gezählt hatte, zu bewillkommen. Er ſah mager, abgefallen, blaß aus; doch bemühte er ſich, ſeine Gäſte mit Lächeln zu begrüßen. Es ſollte nicht ſcheinen, als ſei er der Einzige, dem es nicht möglich wäre, ſeine eigene Lehre zu befol⸗ gen und ſich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Das arme Kind ließ ihm keine Zeit, die Gäſte zu bewillkommen, was er zu thun im Begriffe war. Es reckte ſein Aermchen gegen ihn aus, wie wenn es jetzt einen Freund gefunden hätte, und rief mit nur halb ver⸗ nehmlichen Toͤnen aus:„Theurer Vater! nehme mich nach Haus! ich muß heimgehen, ich muß heimgehen.“ Der arme Vater drückte das Mädchen ans Herz und liſpelte:„Meine Theure! Du biſt zu Hauſe, ſei ſtille! ſei ſtille! Du biſt zu Hauſe.“ Das Kind wiederholte mit weinerlicher, kläglicher Stimme:„Nein! nein! Kitty will heimgehen.“ Der Oberſt und Ellen begriffen nicht, was dieſe kläͤglichen Laute zu bedeuten hatten. Dem Herrn Paſtor drangen ſte ins Herz. Denn am Tage des Begräbniſſes von ſeinem Weibe war er unvorſichtig genug geweſen und hatte ſein Kind auf den Arm genommen, ehe der Grab⸗ ſtein aufgerichtet war, und hatte ihm und ſeinen weinen⸗ den Knaben, die ihn begleiteten, den letzten Ruheplatz ihrer Mutter gezeigt. Er hatte gewünſcht, daß ſie ſpäter wiſſen ſollten, wo der Leichnam der untadelhaften Frau ruhe, und daß ſie ſehen ſollten, wie ihr Sarg aus der Hand der Armen mit ſchönen Blumen beſtreut wurde, aus der Hand von Leuten, welche von ihr getröſtet und genährt worden waren, ein Tribut, welcher die Wirkung der ſymboliſchen kirchlichen Handlung, womit die Kirche die Schrecken des Todes zu verringern ſucht, ich meine das Beſtrenen des Sarges mit Staub, zum Zeichen, 295 daß was von der Erde genommen worden, wieder zur Erde wird— ein Tribut, welcher die Wirkung dieſer kirchlichen Handlung an Werth weit hinter ſich läßt. Uebrigens war der Eindruck, den der Umſtand auf das kleine Kind machte, daß es ſah, wie ſeine Mutter ins Grab hinabgelaſſen wurde, dieſer Eindruck war für daſſelbe ein ſehr ſchädlicher. Die ältern Kinder des Paſtors, welche klüger waren, erſchracken vor dem Gedanken an Dunkel⸗ heit und Grab. Das zarte Kind, das gewohnt war, an ſeiner Mutter Buſen zu niſten, dachte bloß:„Mama ſchläft hier, meine zärtliche, nachſichtige, herzliche, tu⸗ gendhafte Mutter liegt vor mir.“ Von nun an hatte ſie keine Heimat außer dem Grabe ihrer Mutter. Das Haus war leer für ſie, ihre Kinderſtube galt ihr ſo viel als eine Einöde, das Geſellſchaftszimmer kam ihr trau⸗ rig öde, troſtlos vor, ſogar ihr Vater war nicht länger der gütige, heitere Papa aus früherer Zeit. Das Kind hatte Recht. Sie hatte ihre Mutter nöthig. Wo eine Mutter iſt, iſt auch eine Heimat. Ich bin dem geduldigen Leſer verpflichtet, ihm zum Abſchiede heiterere Zeilen, als bisher, vor die Augen zu führen, ſo daß er über den Freuden, welche die Wittwe des Bankiers genießt, die Leiden der Frau des Bankiers vergeſſen kann. Sie iſt von glücklichen Kindern und ſchönen Enkeln umgeben, und gerade zur aufrichtigen Freude der liebenswürdigen Familie auf Ormeau im Begriffe, der heitern Vermählung ihrer jüngern Tochter mit Lord Eduard Sutton beizuwohnen. Sie hat ihre ganze frühere Heiterkeit und Holdſeligkeit wieder, wie auch ihr ganzes demüthiges Vertrauen auf den Schutz der Vorſehung, von welcher, ihren weiſen Abſichten gemäß, die früheren Tage der Frau Hamlyn durch Leiden gezüchtigt waren. Ihre Freundin, Lady Burlington, iſt wieder die glückliche Beſitzerin des Schloſſes Burlington, aber Frau Hamlyn hat es nie mehr gewagt, die Nachbarſchaft von Dean⸗Park wieder zu betreten. Die Freunde des Oberſten und der Frau Hamlyn hielten es zwar eine Zeit lang für wahrſcheinlich, zwiſchen der edeln Sophia und dem ungenierten alten Soldaten, für welchen ſie immer der Gegenſtand von Zuneigung und Achtung geweſen war, beſtehe nach dem Tode Hamlons ein näheres Verhältniß. Allein niemals hat ſte als Wittwe ihre Ernſthaftigkeit und Zurückhaltung in dem Maße verloren, daß ſie ihn ermuthigt hätte, einen Sturm auf ihr Herz zu wagen und dadurch ihre Freundſchaft zu verſcherzen. Henry's Kinder ſind General Hamiltons Erben ge⸗ worden. Sie und Ellen ſind dem Herzen der ausgezeich⸗ neten Schwiegermutter nicht weniger theuer, als die herr⸗ lichen Knaben des Lords und der Lady Dartford oder das ſchöne Mädchen von Herr und Frau Walther Har⸗ rington.— Natuürlich war es eine Unmöglichkeit, den Schaden wieder gut zu machen, welcher aus den Schlech⸗ tigkeiten des Hauptes der Familie entſprungen war. Aber man weiß, Walther und Henry ſind die Sparſamkeit ſelbſt, und die Unterſtützung, die den Armen von Orington von Zeit zu Zeit gereicht wird, und die mancher arme Dul⸗ der erhält, der durch den Bankrutt Hamlyns und Com⸗ pagnie in Noth kam, kann bloß der Gewiſſenhaftigkeit und Güte der Verwandten Hamlyns zugeſchrieben werden. Ueberdieß ſehen ſogar die ernſten Brüder der Frau Hamlyn voraus, daß Hamlyns Spekulationen in ſüd⸗ amerikaniſchen Angelegenheiten ſo gute Früchte tragen werden, daß ſie am Ende ſogar den Schaden wieder gut machen können, welchen der betrügeriſche Bankier ſo muthwillig geſtiftet hat, daß ſie wohl im Stande find, den ſtürmiſchen Tagen der tugendhaften, reinen Frau des Bankiers ein goldenes Abendroth zu verleihen. . Ende. —