Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Teſebedingungen. 4 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3„3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 6. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für anihentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— Lueher 3 auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 3 6 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 3 „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 3 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Die Bankiersfrau, oder: Hok und Stadt. — Eine Novelle Miſtreß Gore. Ueberſetzt aus dem Engliſchen Otto HervK. .—— Erſtes bis viertes Bändchen. 828928 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. Sir John Dean Paul, Baronet. Wertheſter Herr! Daß die folgenden Blätter den Zweck haben, die Fehltritte eines Individuums auszudrücken, nicht aber einen gewiſſen Stand anzugreifen, kann ich nicht ſchlagender bezeichnen, als dadurch, daß ich an die Spitze meines Werkes den Namen eines Mannes ſetze, welcher ebenſowohl durch ſeine eigene Perſon ſeine Auszeichnungen dadurch vermehrte, daß er ſie mit den literariſchen Beſtrebungen und edeln Künſten verhand, als er durch ſeinen Ahnen, ſeit den letzten zwei Jahrhunderten in einem Ge⸗ ſchäftshauſe, das am gleichen Orte ſeit dem Jahre 1650. exiſtirt, mit dem Bankier⸗Geſchäft in Ver⸗ bindung ſteht. Ich habe die Ehre zu ſein, geehrteſter Herr! Hochachtungsvollſt Ihre ergebenſte C. F. Gore. —— Erſtes Kapitel. Betrachtungswürdge Soenen, welche auch Der Weisheit zarten Keim und Wachsthum nähren, Durch jedes heitre Bild, das ſie verleihn. Gedanken ſchenken und das Hers beredetn. voper. Der Freund des Pittoresken, mag als ein Dichter, Maler oder ein bloßer Liebhaber der Werke der Natur ſein, hat wohl vollkommen Recht, wenn er innerhalb der Gränzen der reichen, aber einförmigen Landſchaften Altenglands nach dem Erhabenen und Schönen ſucht. Während die beſuchten Küſten von Neapel oder die in Wolken eingehüllten Berge der Schweiz träumeriſche Wanderer anziehen, und dazu vermögen, ihre Albums⸗ und Skizzenbücher mit ſechszehnzeiligen Sonnetten oder Schmierereien von Rußſchwarz und Kobalt anzufüllen, bringt unſer eigenes Land im Herzen fremder Reiſenden eine vollkommen andere Empfindung der Freude hervor, und zwar wegen der Niedlichkeit, Ordnung und Frucht⸗ barkeit nnſerer ländlichen Gegenden. Wohl kein Land kann ſolch eine Reihe anmuthiger Dörfer und Reſidenzen von Adelichen aufweiſen— von der ſtattlichen gothiſchen Halle früherer Jahrhunderte an bis zu der von ausgebreiteten Parks und zierlichen Gärten umgebenen bequemen Familienwohnung neuerer * 10 Zeit,— es iſt nicht leicht zehen Meilen in England zu reiſen, ohne am Hausgitter einer Privatdomäne vorbei⸗ zukommen, deren nirgends, als in den dunkeln Annalen der Geſchichte der Grafſchaft Erwähnung geſchieht, und welche, wenn es etwa die Sommerreſidenz von irgend einem deutſchen Fürſtlein abgibt, dem Reiſenden in der möglichſt pompöſen Beſchreibung eines Reiſebuchs oder der läſtigen Beredtſamkeit des Lohnbedienten geſchildert wird. Wenn man zum Beiſpiel als Ausländer im kleinen Landwirthshauſe von Orington über Mittag oder über Nacht einkehrt und fragt meinen Wirth von Burligton⸗ arms, ob es in der Nähe etwas Intereſſantes zu ſehen gäbe, ſo erwiedert er mit einfältigem Blick: Hier in der Gegend iſt nichts Merkwürdiges. Hier liegt Hyde, eine alte Beſitzung, welche an die der Familie Vernon ſtößt, ſodann die Beſitzung des Ritter Hamlyns bei Dean⸗ Park, nebenbei das Gut Sir Robert Burlingtons, flußaufwärts. Aber keiner dieſer Plätze hat etwas Merk⸗ würdiges, und die Herren, welche gerne große Häuſer beſuchen, ſind genöthigt die Grafſchaft ein wenig zu durchkreuzen, und nach Burlingh oder Belvoir zu gehen. Nichts deſto weniger ſind dieſe drei Güter: Hyde, das Rittergut Burlington und Dean⸗Park insgeſammt als Muſter ländlicher Schönheit aufzuführen. Die Nach⸗ barſchaft in einem Umkreiſe von fünfzehn Meilen hat folgende drei nothwendige Eigenſchaften, welche das glückliche Vorbild einer Art von reicher und glücklicher, nationalengliſcher Landſchaft zu Stande bringen, die, wie es ſcheint, beinahe das Porträt unſerer geſellſchaftlichen Einrichtungen verwirklicht: Nichts zu ſehr in die Augen ſpringendes, nichts Unpaſſendes, einen beſchränkten Hori⸗ zont, einen gefälligen Vordergrund, mit den Symbolen von Freuden und Glück dazwiſchen, und mit immer grünen Gewächſen im Ueberfluß zur Ausſtattung der Speiſekammer, um dem Geſchmacke von Leuten wohlzu⸗ thun, die ſich weniger darum bekümmern, ob Lazarus hungernd und krank vor ihrer Thüre ſitzt, als darum, 11 daß die Thüren ſtark genug ſind, um den Anblick eines ſo bemitleidigungswürdigen Gegenſtandes ferne zu halten. Kurzgeſagt, der Bezirk von Orington iſt eine ſchöne Gegend, gewäſſert durch einen ſchönen Fluß, beglückt durch einen fruchtbaren Boden, ungeſtört durch die Spekulationen des Handels, unbeläſtigt durch Fa⸗ briken, nicht geräuſchvoll gemacht durch Landhäuſer, eine Gegend, wie ſie wohl Georg Robins*) in ſeinen längſten Kapiteln und volltönenſten Perioden mit dem größten Wohlbehagen geſchrieben hätte, wäre in irgend einem Augenblick eine von den adelichen Wohnungen, welche wir beſprechen, unter das Brandeiſen ſeiner Feder oder ſeines Hammers gefallen. Zu der Zeitperiode für welche die Aufmerkſamkeit des Leſers in beſcheidenen Anſpruch genommen wird, war das ſchönſte dieſer Güter jenem erniedrigenden Schickſale neuerdings mit Mühe entgangen. Beinahe ein Jahr war es, daß die Teſtamentsvollſtrecker des letzten Sir Roger Burlington ſich darüber berathen, ob das Ritter⸗ gut Burlington gänzlich verkauft werden ſollte, damit man die Verpfändungsſchrift auf die Beſitzung ſeines Sohnes in Yorkſhire(eines jüngern, der kaum über das Kindesalter hinaus war) wieder löſen könne, oder ob es für 21 Jahre verpachtet werden ſolle. Die letztere Entſcheidung wurde durch Zeit und Umſtände herbeigeführt. Wie man glaubte war die Fürſprache des eifrigſten der Vormünder, Myſter Ham⸗ lyn von Dean Park daran Schuld, deſſen Gut daran ſtieß, und von dem man glaubte, daß er bei dem Ge⸗ danken zittere, es könnte die Domäne Burlington einem reichen Spekulanten in die Hände fallen, der geneigt wäre, die Vortheile, welche der durch die zwei Beſitz⸗ thümer hin fließende Strom darbot, in Beachtung zu *) Dieſer Robins muß ſowohl als Schriftſteller, wie als Be⸗ amter des Staates, in welch letzter Stellung er wohl Privat⸗ und Staats⸗Domäanen zu verſteigern hatte, wirklich eine bedeu⸗ tende Rolle in London ſpielen. A. d. Ueberſ. 12 nehmen. Ein ehrenwerther, ruhiger Nachbar, durch die Vermittlung ſeines Beiſtandes geſichert, war für ihn ein ſehr wichtiger Gegenſtand, und es war gegen⸗ über von ſeinen Theilhabern an der Vollſtreckung des Teſtaments und den Leuten, welche das Depoſitum er⸗ halten hatten, für ihn von großem Gewicht, daß er gerade im rechten Augenblick in der Perſon eines reichen Oberſt beim Ingenieurcorps der oſtindiſchen Kompagnie, welcher neuerdings von Bombay zurückgehrt war, den Einzigen nöthigen Mann aufbringen konnte.. Richard Hamlyn war eines der glücklich begabten Individuen, welche in einem Huy hervorgeſchoſſen zu ſein ſcheinen, um das Recht im rechten Momente aus⸗ zuführen. Obſchon vom Gaſtgeber in Orington als Esquire Hamlyn bezeichnet, war doch an dem wirklichen Be⸗ ſitzer von Dean Park gar wenig edelmänniſches Weſen. Er war ein einfacher Londoner Banquier, ein kalter, methodiſcher, kluger Mann, der auf ſeinen Landſitz ſo viel hielt, als ihm die Natur ſeines Geſchäftskreiſes an etwas Anderem, als an der Lombardſtraße Gefallen zu finden, erlaubte, der es übrigens für eine Sache von hoher Wichtigkeit hielt, wenn er ſein Eigenthum gegen die Verſchlimmerung von den durch die Manufakturen, herbeigeführten Neuerungen ſichern konnte. Mit dem Schreckbilde von Dampf⸗ oder Spinnmaſchinen vor ſeinen Augen, war es ihm in der That ein Troſt, wenn er einen Mann, wie ſeinen Freund, den Oberſt Hamilton, für den Reſt ſeiner Tage auf dem Rittergut Burlington placirt ſehen konnte. Der neue Pächter war vor Jahren ein gewichtiger Kunde des Bankierhauſes Hamlyn und Compagnie ge⸗ weſen, und als er nach England kam, wandte er ſich in Sachen von mehr perſönlichem Intereſſe, als in Bezug auf die Anlegung ſeiner Hunderttauſende von Rupien an Richard, dem wirklichen Theilnehmer an der Sache mit Burlington, ſeinen Correſpondenten ſeit 20 Jahren, 3 13 den er auch hierin als ſeinen Freund und Rathgeber betrachtete. Obſchon Oberſt Hamilton beinahe ein halbes Jahr⸗ hundert in der Verbannung zugebracht hatte, war er doch einige Jahre vor der Zeit, welche er als Beſtimmungs⸗ punkt ſeiner Rückkehr im Geiſte bezeichnet hatte,(die Vollzähligmachung eines Vermögens von 400,000 Pfund Sterling) von Indien nach Hauſe getrieben worden, und zwar durch den Verluſt ſeiner Frau und durch eine ernſthafte Krankheit, die erſte in ſeinem Leben, welche dieſem ſchmerzlichen Verluſte folgte. Aber im Augenblick, in welchem er den Fuß auf den Boden ſeines Vaterlandes ſetzte, und den Schlamm abwarf, den einenlange, der Sklaverei des Mannes gewidmete Lebenszeit auf ihn geworfen hatte, ward der alte Mann wieder mit ſich ausgeſöhnt, daß er es in ſeinen Vermögensumſtänden nur auf die Zahl von 342,000 Pfund Sterling gebracht hatte, in der Anſicht, daß es in einem Alter von 65 Jahr beſſer ſei, ſich mit dieſen beträchtlichen Mitteln des Genuſſes zu begnügen; denn, da er ſeine zwei Söhne überlebte, welche keine Nachkommenſchaft hinterließen, um ſein großes Vermögen zu erben, hatte er die Wahl, ob er ſein Eigenthum verſchiedenen Bekannten vermachen oder von der Dankbarkeit eines öffentlichen Inſtitutes nochmals eine Statue und Ruhm und Namen in den Zeitungen ärndten wollte. Ein Londoner Bankier iſt nicht der Mann, einem alten Edelmann ohne Erben, mit einem laufenden Ka⸗ pitale von Hunderttauſenden ſeine Freundſchaft oder ſeinen Rath zu verweigern. Während Herr Hamlyns Lebensweiſe kalt und mechaniſch war, wurde er doch beinahe ein ganz anderer, als es ſich darum handelte, für Oberſt Hamilton eine paſſende Londoner Reſidenz herauszuſuchen, zur Zeit als er ſich über die heißen Zimmer und die kalten Mulligataweys im Hotel Adelphi zu beklagen anfing, wohin er ſich bei ſeiner Ankunft als an den einzigen ruhigen Platz, den er ſich aus ſeiner Jugendzeit her erin⸗ nerte, begeben hatte. Eine große Anzahl bedeutender Stadtwohnungen empfahl Herr Hamlyn der Einſicht des Nabob für den Reſt der laufenden Jahreszeit. Aber der alte Edelmann mit ſeiner ſtrozenden Geldbörſe und ſeinen unbeſtimmten Plänen, war, gleich einem Seemann, der vom Kreuzen heimkommt, um in einem Huy ſeines Geldes los zu werden, zu einem Kaufe entſchloſſen. Wie wenn er nicht ſchnell genug machen könnte, um ſich feſten Fuß in ſeinem Heimathlande zu ſichern, entſchloß er ſich zum haſtigen Kaufe eines bequemen Hauſes in der Straße Portland Place, und amufirte ſich, und bereicherte die Tapezierer einige Wochen lang durch das Geſchäft, daſſelbe gut auszuſtatten. Sobald übrigens Alles, wasgſeinen Freunden den Hamlyns, als die paſſendſte Einrichtung erſchien, um auf einem flotten und großen Fuße zu leben, ins Werk geſetzt war, fing ſchon der Oberſt aus Mangel an anderer Beſchäftigung zu brummen an. Tag für Tag ſtellte er ſich in ihrem Hauſe, in Cavendiſh⸗Square mit einer Klage gegen das Klima oder die Sitten der Haupt⸗ ſtadt ein. Glücklicherweiſe war er weit davon, ein grießgrämiger Brummer zu ſein, er war eher ein lachender als ein weinender Philoſoph, und verhöhnte ſeine eigene Ver⸗ drießlichkeit mit ſolch gutem Humor, daß Frau Hamlyn, welcher er gewöhnlich ſeine Klagen anvertraute, wenn ihr Gemahl in der Stadt war, durch ſein Kapital von Lamentationen mehr erheitert, als gelangweilt wurde. „Unter uns geſprochen, meine holde Lady!“ ſagte er, nachdem er ſich in einen Armſtuhl am Feuer geworfen hatte, an einem düſtern Januarsmorgen, als die blätter⸗ loſen Bäume in Cavendiſh⸗Square ſo mürriſch und finſter durch den dichten Nebel ſahen, wie die geſpenſter⸗ haften Geſichter der Helden Oßians,„unter uns ge⸗ ſprochen, ich geſtehe, ihr habt mich in dieſem neuen London furchtbar getäuſcht! Die paar erſten Tage nach der Ankunft in einem Lande ſind traurig, hauptſächlich 15 iſt dieß beim Mutterlande der Fall, wenn man 50 Jahre abweſend war. Die Aufregung wenn man ſich wieder unter guten Kameraden von ſeinem eigenen Glauben und ſeiner eigenen Neigung findet, und rings um ſich her die Sprache von ſeinen Knabenjahren her ſprechen hört; die Sprache, in welcher die Eltern beim Scheiden die Segnungen auf das Haupt vor Einem ausſprachen, — dieſe frohe Aufregung iſt fähig, die Augen von Leuten, welche dieſelben für andere Gegenſtände verblenden, mit Thränen zu füllen. Anfangs dachte ich, ich könne mich an dem geſchäftigen, reichen London nicht ſatt ſehen, und ich betheure bei meinem Schöpfer, es gab Augen⸗ blicke, in welchem ich einen wahren Herzensdrang in mir fühlte, niedeißzu knieen, und die ſchwarze Erde unter meinen Füßen zu küſſen,(ſolch ein alter Dumm⸗ kopf war ich) weil es die Erde von Altengland war. Aber am Ende einer Woche, Madam! begann ich die Sache deutlicher einzuſehen. Nachdem ich einmal um ein paar Heller geprellt, und von dem Nutzen jedesmal verhöhnt worden war, ſo oft ich es wagte eine Frage zu machen, oder meine Naſe zum Fenſter hinaus zu ſtrecken, angethan mit einem Rock oder einer Weſte, welche von denen der Modekrämer im Schnitte verſchieden war, erkannte ich, was es für eine Narrheit iſt, wenn man ſolchen warmen Gefühlen nachgibt, unter einer Raſſe Volks, welches nicht wagt, einem natürlichen Gefühle den freien Lauf zu laſſen, weil es befürchtet, ſein feinerer Nachbar möge deßhalb gering von ihm denken.“ „Es iſt wahr, mit den Formen des geſellſchaftlichen Lebens wird es bei uns etwas zu ſtrenge gehalten,“ bemerkte die Frau des Banquier, wobei ſie daneben an ihrer einförmigen Teppicharbeit ruhig fort nähte. „Zu ſtrenge, in der That! für ein Land, welches ſich ſelbſt das Land der Freiheit nennt!“ entgegnete der alte Oberſt.„Ich möchte eben ſo gern in einem Pup⸗ penkaſten leben, als unter ſolchen ausgeſtopften Glieder⸗ 16 docken, wie dieſe Gattung von Erzeugern der Förmlichkeit iſt, unter ſolchen Männern in Steifleinwand, Männern in Rüſtung, das heißt: Strohmännern! Ihr biederer Gatte, dem mein Intereſſe ſo gut am Herzen liegt, als ſeine eigene, findet in mir, glaube ich, was die große Kunſt moderner Bildung betrifft, einen äußerſt eigen⸗ ſinnigen Schüler.“ „Herr Hamlyn hat, das weiß ich gewiß, an jedem kleinen Dienſt, den er Ihnen zu thun vermag herzliche Freude,“ erwiederte ſeine Geſellſchafterin, ohne ihre Augen von ihrer Arbeit zu erheben.“ „Ich glaube es Ihnen, ja ich glaube es Ihnen; nur kann es ſein, wir ſind in unſeren Begriffen von „Dienſt“ nicht im Reinen mit einander. Mein Freund Hamlyn hält es für eine große Güte von ſeiner Seite, wenn er mich immer mit geringen, eiteln, leeren, fal⸗ ſchen Geſellſchaftsförmlichkeiten recht umſetzt, um welche ich mich, unter uns geſagt, meine theure Madame! keinen Knopf kümmere. Wenn ich Etwas, das er für außergewöhnlich hält, in Vorſchlag bringe, um den Leuten in meiner Umgebung ein beſſeres Leben zu ver⸗ ſchaffen, oder mich ſelbſt glücklich zu machen, ſo bin ich gewiß, er verbeſſert mich mit den Worten:„das iſt nicht Landesſitte,“ oder: ndas iſt gegen die Gebräuche der Welt.“ Wahrhaftig! Ich habe zu lange an einem Platze gelebt, wo die Gebräuche der Welt in keinen Betracht kamen, als daß ich mich der Knechtſchaft eines Flitterwerkes geduldig unterwerfen ſollte. Gott behüte, daß ich wie ein Hottentotte leben ſollte! Aber ich kann nichtt denken, daß ſich Hamlyns Lieblingswelt um ein Haar verſchlimmert haben würde, wenn Sie mir am Donnerſtag Ihre Töchter zum Mittageſſen mitgebracht hätten, oder wenn ich darauf beſtanden wäre, meinem Bedienten Johnſton und ſeinem Weibe, welche in Indien nicht gewohnt waren, ihre Tage in Kellern wegzu⸗ träumen, mein hinteres Zimmer für den Gebrauch zu überlaſſen.“ 17 „Aber Sie haben ja ein ausgezeichnetes Bedienten⸗ Zimmer in Portland⸗Place,“ entgegnete Frau Hamlyn, welche durch die Macht der Gewohnheit ein unbedingtes Einverſtändniß mit den Meinungen ihres Gemahles ge⸗ lernt hatte.„Was meine Töchtern betrifft, deren Herr Hamlyn vorher bei Ihnen erwähnte, ſo ſind dieſelben noch nicht aus der Zucht und Aufſicht. Lydia iſt ein weniges älter als ſechszehn; ihre Schweſter zwei Jahre jünger. Beide ſind immer im Schulzimmer. Sie ſpeiſen nicht einmal an unſerer Tafel.“ „Um ſo ſchlimmer, Madame, um ſo ſchlimmer! es iſt eine Sache, die ich hauptſächlich beklage. Etwas mehr, als ſechszehn, in der That! In Indien wäre ſie in dieſem Alter ein Weib, vielleicht Mutter geworden. Und doch hat ſie die Erlaubniß noch nicht, das Mahl ihrer Eltern zu theilen, mit ihres Vaters altem Freund zu ſpeiſen? Immer iſt ſie bei der Gouvernantin, immer bei ihren Studien? Was iſt der Zweck einer ſolchen Ueberbildung für junge Damen, ich bitte Sie, als ihnen zu zeigen, wie ſie ihre Rolle in der Geſellſchaft recht artig ſpielen ſollen? Und wie, beim Teufel! kommt ein ädchen dazu, zu lernen, wie man ein Weib wird, wenn ſte vom Umgang mit Männern und Damen aus⸗ geſchloſſen bleibt, bis, ohne daß ſie ihre Rolle kennt, der Vorhang ſchnell auffährt und ſie ſich ganz allein auf der Bühne befindet?“ „Der Umſtand, daß Herr Hamlyn ſo wenig zu Hauſe ſein kann,“ ſagte des Banquiers Frau, wobei ſie ſich jedoch bemühte, es ſich nicht merken zu laſſen, wie im Geheimen ihre Ideen von Glückſeligkeit und Anſtand weit mehr mit denen des gemüthlichen Oberſten, als mit denen ihres ſtrengen Gemahles übereinſtimmten,„kann für die Mädchen nicht wohl von Nutzen ſein. Was die Ablehnung Ihrer gütigen Einladung betrifft, ſo habe ich zu ſagen: hätten Sie im Portland⸗Place geſpeist, meine eigene Familie, welche doch zahlreich iſt, hätte dieſelbe Ausnahme zu ihren Gunſten angeſprochen.“ Die Bankiersfrau. I. 2 „Ach! ach! ach! das Alles klingt recht plauſibel und recht gutkindlich,“ unterbrach ſie der Oberſt, indem er die Achſeln zuckte.„Aber das Lange und Kurze an ſolchen weiſen Förmlichkeiten iſt, daß ein ſolches Win⸗ kelmaß⸗ und Compaßzeug im Herzen der Familien jeg⸗ liches Ding, das einem warmen Gefühle gleich ſieht, wegräumt und das ſociale Intereſſe in ein Handbuch der Etiquette einſchrumpfen läßt. Häusliches Glück, Madame, iſt ein zu liebliches Ding, als daß es mit Dampf betrieben werden könnte. Ich betheure bei mei⸗ nem Schöpfer, ich könnte ebenſo leicht in einem Arbeits⸗ hauſe leben, und gleich einem Miſſethäter nach dem Klang der Glocke zum Eſſen und zur Arbeit gehen, als mich ewige Zeit in meinen Liebhabereien und meiner Lebens⸗ zeſe Füec den Coder eines herzloſen Dekoreurs geniren zu laſſen.“ „Ich denke wohl, Ihre gütigen Gefühle gegen meine Mädchen ſind doch nicht wohl durch die abgemeſſenen ⸗ Manieren der Familie geſchwächt?“ bemerkte Frau Hamlyn lächelnd. „Das iſt mehr, als ich auf mich nehmen kann, zu ſagen. Was werden ſich dieſe armen Kinder um mich bekümmern, ich bitte Sie, um mich, den zu begrüßen ſte einmal in der Woche von ihrem Fortepiano wegge⸗ rufen werden, von dem ſie vermuthen, daß er wohl auf iſt, und den ſie niemals in der Ausübung von guten Werken zu Gunſten ſeiner Nebenmenſchen beſchäftigt ſehen. Ich bin getäuſcht, meine theure Madame, ich bin traurig getäuſcht! Ich habe keine eigene Familie, um ſo trauriger iſt es, und da ich Freund von jungem Volke bin, ſo war es ein Troſt für mich, als ich in dieſes Land zurückkehrte, daran zu denken, wie ich mich mit unſchuldigen, glücklichen Geſichtern umgeben wolle, wenn nicht mit denen von meinem eigenen Fleiſch und Bein, ſo doch von denen meiner Freunde. Und was iſt das Ende davon? Ich gelobe zu meinem Schöpfer, ich 4 war in meiner Hütte zu Ghazerapore nicht einſamer, 3 19 als in meinem flotten, prächtigen, bequemen, angeneh⸗ men Hauſe in Portland⸗Place. Die meiſten Leute von meiner Bekanntſchaft in London ſind Geſchäftsmänner, an ihre Arbeiten gebunden; und was die Damen be⸗ trifft, ſo gab mir mein Freund Hamlyn in einer ge⸗ wiſſen Nacht beim Weine einen deutlichen Wink, daß es für Adelige nicht Weltſitte iſt, wie er es nennt, zu häufige Morgenbeſuche zu machen—“ „Ich weiß es wohl, meine gute, biedere Lady, ich weiß es wohl. Wenn Sie mir erlaubt hätten, meinen Satz zu endigen, ſo hätte ich hinzugefügt: ausgenommen im Falle einer ſo warmen Freundſchaft und innigen Verbindung, wie ſie zwiſchen uns Beiden beſteht. Und ſo wird, wie Sie ſehen, die Folge des letzten Stückes der Schulordnung Hamlyns ſein, daß ich Sie zweimal ſo oft, als bisher, durch meine Geſellſchaft beläſtigen werde. Er weiß wohl, Sie find die einzigen Leute in London, mit welchen ich, ſo zu ſagen, auf freundſchaft⸗ lichem Fuße ſtihe; und bei dem Schneckengang, nach „und zwar lange, ehe ich es zu mehr, als zu einer flüchtigen Verbeugung mit meinen nächſten Nachbarn gebracht habe.“ „Die ungeheure Ausdehnung der Geſellſchaft in London,“ bemerkte Frau Hamlyn, deren gewöhnliche Heiterkeit durch die Heftigkeit ihres Geſellſchafters nicht getrübt wurde,„hat einen gewiſſen Grad von Vorſicht in der Anknüpfung von Bekanntſchaften nöthig gemacht, eine Vorſicht, welche Perſonen, die an das geſellſchaft⸗ liche Leben einer Colonie gewohnt ſind, Kälte und Zurückhaltung ſcheinen könnte. Aber eine Bekanntſchaft, wenn ſie einmal angefangen iſt, reift bald zur Freund⸗ ſchaft heran, und Freundſchaft, wenn ſie einmal zeitig iſt, reift fort und trägt weitere Früchte, ein Erbtheil von Geſchlecht zu Geſchlecht.“ „Um ſo beſſer für Leute, welche Geduld haben, ſo lange zu warten. Aber mein Herz, theuerſte Dame! iſt keiner Aloe gleich, welche hundert Jahre braucht, bis ſie eine Blüthe erhält, und ich habe auf meine Koſten gelernt, daß es um einen Winter in London, welchen wir(ſo weit gehen wir) in Indien für das höchſte Gut menſchlicher Geſellſchaftlichkeit halten, ein ſo angenehmes Ding iſt, als um die Stelle eines Richters, zweitauſend Meilen von einer Stadt entfernt, oder um einen ein⸗ ſamen Militärpoſten in den Ghauts.“⸗ „Den Winter hält man allgemein in London für eine ungeſellige Jahreszeit,“ erwiederte Frau Hamlyn ruhig.„Die meiſten Leute, welche Familienſitze haben, bringen ihre Weihnachten auf dem Lande zu. Das iſt der erſte Winter ſeit zehen Jahren, den ich in der Stadt zubringe.“ „Und wie kommt es, daß Sie ihn hier zubringen?“ fragte der ausforſchende alte Edelmann. Frau Hamlyn nahm geſchwind it Scheere zur Hand und höorte nicht. Der Oberſt, welcher ſelten Fra⸗ gen machte, ausgenommen in der Abſicht, Auskunft zu erhalten, wiederholte ſeine Frage. Die Lady, ſo zu einer unangenehmen Erörterung gezwungen, erwiederte:„So viel ich glaube, dachte Herr Hamlyn, Sie könnten Langeweile bekommen, wenn Sie, ohne eine einzige Familie von Ihrer Bekanntſchaft in der Stadt allein gelaſſen wurden.“ Die Freude einer dankbaren Ueberzeugung glänzte in Oberſt Hamiltons Auge, als er erwiederte:„So thut Ihr denn alſo alle um meinetwillen Buße in London? Das war von Hamlyns Seite äußerſt gütig gedacht,“ fügte er nach der Pauſe einer augenblicklichen Betrach⸗ tung hinzu. 21 „Ganz gewiß! wenn es mir jetzt ſchläfrig und langweilig zu Muthe iſt, ſo werde ich im Stande ſein, mich aufzuknuͤpfen, wenn Ihr alle in Warwickſhire draußen ſeid.„Arme Mädchen!— arme junge Ladies! hätte ich vielmehr ſagen ſollen. Ich verſtehe nun, warum ſich Lydia eines Tages gegen mich beklagte und es ſo langweilig fand, Morgen für Morgen, gleich einem Eich⸗ hörnchen in einem Käfig, auf dem viereckigen einge⸗ machten Platze vor dem Hauſe herumlaufen zu müſſen. Aber ich vermuthete nicht, armes Fräulein, ich ſei die Urſache geweſen, daß ſie immer von ihrem Klepper und von ihren ländlichen Vergnügungen träumt. Gut! Ich werde immer denken, es war von Seiten Hamlyns ein äußerſt freundliches Opfer.“ Das wahrhafte Weib erwiederte:„Meinem Gemahle iſt es nicht möglich, viel Zeit in Dean⸗Park hinzu⸗ bringen. Er kann ſelten mehr Zeit, als gelegenheitlich einen Sonnabend und Sonntag, oder eine Woche oder zwei an Oſtern und Weihnachten erübrigen.“ „Aber, beim Teufel! könnte er mich nicht mit ſich nehmen, um den Chriſttag auf dem Lande zuzubringen?“ „Ich hörte ihn von Ihrem wichtigen Geſchäfte auf her. oſtindiſchen Börſe reden, das er Ihnen beſorgen olle.“ „Gewiß, gewiß! Hamlyn iſt eine ganz ſtandhafte, gedankenvolle Dogge, wenn es ein Geſchäft betrifft.“ „Hamlyn dachte auch, Sie werden ſo kurz nach Ihrer Einrichtung in Ihrem wunderſchönen Hauſe in Portland⸗Place keine Veränderung treffen wollen.“ „Meine theure Lady! ich würde äußerſt froh ſein, wenn ich meinem wunderſchönen Hauſe in Portland⸗ Place den Rücken bieten könnte! Ihnen reinen Wein einzuſchenken, der ewige Anblick von damaſtenen Vor⸗ hängen und Tiſchen aus Roſenholz macht mich todtkrank. Welches Intereſſe habe ich an London? Ich ſorge für Niemand, und Niemand ſorgt für mich. Ich ſchaute gleich einem Kettenhund vor ſeinem Stalle von meinem Fenſter aus den halben Tag nach den Häuſern meines Nachbarn gegenüber, deren Namen ſogar ich ſeit Adams Zeiten nicht kenne und die im Polizeiinder nutzlos für mich ſtehen. Meine Nachbarn ſind Leute, welche mich für einen unverſchämten alten Burſchen gehalten haben würden, hätte ich ihrem Kleinen, wenn ich ſie auf einem Morgenſpaziergange traf, ein wenig über das Kinn gegriffen.“ Frau Hamlyn äußerte eine Art höflichen Murmelns, zum Zeichen, daß ſie nicht ganz mit dem Herrn Oberſt einverſtanden ſei. „Und wenn der Abend herankommt, und mein Haus für die Nacht geſchloſſen iſt,“ fuhr der Oberſt fort, „und ich keinen andern Geſellſchafter habe, als meinen armen Pintſcher, ſo frage ich mich oft ſelbſt, welches Verbrechen ich begangen habe, um alſo zu einer ein⸗ ſamen Zelle verdammt zu ſein, und ob ich wirklich zu Hauſe und wirklich in Altengland bin, welches ſich ſo gaſtfreundlich nennt.“ „Mein theurer Herr!“ ſagte Frau Hamlyn,„Sie verweilen ſicher zu lange auf der Schattenſeite des Gemäldes.“ 3 „Ich wünſche, Sie hätten mir die helle Seite deſ⸗ ſelben gezeigt. Solch verzweifelt lange Abende! Tiſchelt man auch mit Eſſen und Trinken ſo lange, als man will, die Sache kann nicht ewig dauern, und obwohl Johnſton mir hie und da den Courier vorliest, und ich ihn zu der Zeit, wenn er zum Abendeſſen hinuntergeht, ſelbſt wieder überleſe, ſo habe ich doch große Mühe, die Sache bis zum Bettgehen zu treiben. Wenn es nicht eine Schande wäre, die arme Goody Johnſton aus ihrem Armſeſſel aufzuwecken, ſo würde ich hie und da nach ihr ſenden, um mir Thee zu machen; aber wegen einer halben Stunde Klatſchenoder wegen einer Partie Whiſt bei meinen Bekannten, Bediente und Pferde bei ſolchem Wetter mitzunehmen, habe ich nicht das Herz, und das iſt die reine Wahrheit.“ 23 1 „Aber warum bringen Sie Ihre Abende nicht bei uns zu,“ fragte ganz aufrichtig Frau Hamlyn. „Ich thue es ſo oft, als mein Gewiſſen es erlaubt. Ich ſehe von ſelbſt ein, der arme Hamlyn will lieber ſeine Ruhe ungeſtört genießen, bei ſeinem Weibe und ſeiner Familie, als Nacht für Nacht von einem lang⸗ weiligen alten Burſchen zum Trick⸗track⸗Spiel gezogen zu werden, von einem Burſchen, der immer Neuigkeiten aus ihm herauspumpen möchte, und keine dagegen zu bieten vermag. Ei, meine geehrteſte Madame! Der Apotheker Quiddle betrügt mich, wenn ich mehr als zweimal in der Woche Beſchlag auf ihn lege. Ich mache gar Viel aus meinen Rheumatismen, bloß um des Nachmittags eine Unterhaltung mit ihm anſpinnen zu können. Wenn ich dann durch Schmeicheleien ver⸗ ſuche, ihn zu bewegen, daß er zum Mittageſſen bei mir bleibe, ſo ſchneidet er fürwahr eine Art ganz demüthi⸗ gen, familienmäßigen Geſichtes und ſagt mir:„Frau Quiddle erwartet mich zu Hauſe.“ Frau Hamlyn hielt ihr Geſicht näher an ihre Arbeit, um ein unwillkürliches Lächeln, die Folge dieſes troſtloſen Gemäldes, zu unterdrücken, eines Gemäldes, das ein Mann von ſeiner Lage entwarf, der des Jahres fünfzehntauſend Pfund Sterling beſaß, und von einem auf ſein Weib verſeſſenen Apotheker betrogen wurde. Aber kaum hatte ſich ein Lächeln von ihrer Seite erho⸗ ben, als es in Traurigkeit umſchlug. Wohl erinnerte ſie ſich der Zeit, da ſie von ihrem heitern Hauſe in die kalte förmliche Haushaltung des Bankiers in Cavendiſh⸗ Square übergetreten war, einer Zeit, in welcher ſie ſich beinahe ſo einſam fühlte, als der alte Indier. Die Gewohnheit war ihr nun zur zweiten Natur geworden. Sie war nun durch die langen, ereignißloſen Morgen, und das ſtillſchweigende Beiſammenſein mit ihrem Gemahl, wodurch der Tag ausgefüllt wurde, in Apathie verſunken, und, obwohl einige Weiber einen immerwährenden Umgang mit ihren Kindern wünſchen 24 mögen, hatte ſie ſich doch ſchon längſt zu der gewöhn⸗ lichen Ordnung, welche ihr der Bankier auferlegte, ſtillſchweigend verſtanden, eine Ordnung welche ihr erlaubte, dieſelben blos zu gewiſſen Zeiten zu ſehen, wie ſie von der Weisheit der Oberamme und der Gouvernantin beſtimmt wurden, und nicht bei ihren durch die Glocke be⸗ zeichneten Mahlzeiten, Arbeiten und ſonſtige Erziehung zugegen zu ſein. Denn der ſtrenge Geſchäftsmann, ge⸗ wöhnt, Ordnung als die erſte Quelle glücklicher Geſchäfte zu betrachten, führte ſein Syſtem arithmetiſcher Genauig⸗ keit in allen Einzelnheiten des Privatlebens ein. Eine tiefe Sympathie wachte demnach in der Bruſt von Frau Hamlyn auf, wenn ſie bedachte, wie vollkommen ſie ihre Empfindungen und Gefühle unter das Joch gegeben, und ihren Kummer zum Schweigen gebracht hatte, während der Mann in Silberhaare, obwohl er bereits ſeine 60 Jahren auf dem Rücken hatte, ſeine Lektion in der Unterwürfigkeit noch zu lernen hatte. 1 Nach dem Stillſchweigen von einigen Augenblicken bemerkte ſie:„ich kann nicht helfen, aber ich fürchte, Sie haben ſich dadurch in das Unglück geſtürzt, daß Sie in die Stadt zogen. Auf dem Lande beſteht immer die Verbindung einer guten Nachbarſchaft. Auf dem Lande hätte Ihnen Ihr Gut Gelegenheit verſchafft, Ihre Zeit angenehm hinzubringen. Ich befürchte voll Kummer, Sie werden in der Stadt niemals ganz glück⸗ lich ſein.“ „Beim heiligen Georg! ich fange an, auch ſo zu denken,“ rief Oberſt Hamilton;„obſchon(und das iſt ganz gewiß) die Sache die ich in Indien für mein Alter am meiſten fürchtete, die Abgeſchiedenheit eines einſamen Landhauſes war. Unter uns geſagt, meine theuerſte Dame; ich war des Umgangs mit mir allein überdrüßig. Mein Leben war ein ſonderbares. Ich heiratete aus Liebe. Ich will Ihnen, wenn ich beſſer aufgelegt bin eines Tages die ganze Geſchicht erzählen; für jetzt ſage 25 ich blos, ich heiratete aus Liebe. Darin liegt aller⸗ dings Nichts beſonders Wunderbares, ſage ich Ihnen; aber Sie halten es vielleicht der Mühe werth, zu er⸗ zählen, daß innerhalb dreißig Jahren unſeres ehelichen Lebens die gegenſeitige Zuneigung, welche durch Unvor⸗ ſichtigkeit früherer Zeit geweckt worden war, nicht nach⸗ ließ. Marie und ich hatten blos ein Herz und eine Seele. Wir lebten in einer abgelegenen Gegend, ganz außerhalb des Bereiches der menſchlichen Geſellſchaft, ohne nach derſelben oder ſonſt nach etwas Anderem Verlangen zu tragen. Bei uns gab es nicht den geringſten Verdruß oder Groll, der uns irgendwie unangenehme Gefühle hätte bereiten können; keine ſich einmiſchenden Freunde, um Unglück anzuſtiften, Niemand, auf den wir hätten unſer Vertrauen ſetzen können, als wir uns ſelbſt gegenſeitig; für Niemand hatten wir uns zu kleiden, zu ſprechen, zu denken, zu fühlen, zu wünſchen, als für, Einander. Das Leben lag eben und gerade vor uns. All unſer Streben war, mäßig zu leben, und ſo ſchnell als möglich reich zu werden, um in unſer Hei⸗ matland zurückkehren, um mit unſern Kindern das Leben genießen zu können.“ Wir hatten vier arme Weſen, welche eingepackt werden ſollten, um in Europa aufgezogen und gebildet zu werden, was uns allein Unruhe machte. Aber hier war keine Hilfe, und man ſöhnt ſich leicht mit Dingen aus, gegen die man keine Schutzmittel anwenden kann. Marie und ich liebten uns um ſo mehr, je mehr wir fortan in der Einſamkeit zuſammen lebten. Unſere zwei Mädchen ſtarben jung, eines derſelben auf der Heim⸗ reiſe, das Andere ein Jahr oder zwei nachher. Aber die Knaben wuchſen und gediehen, und eine große Freude war es für ihre Mutter und für mich, den Fortſchritt des Vermögens zu beobachten, welches über kurz oder lang uns alle mit Einander in Wonne und Seeligkeit verſetzen ſollte. Ich hatte einen ſchönen Gehalt. Zu 27 „Die Heimreiſe war zu dieſer Zeit mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Nachdem wir uns alſo ent⸗ ſchloſſen hatten, in Indien zu bleiben, bis wir noth⸗ wendigerweiſe zurückkehren müßten, verzögerten wir unſere Abreiſe von Jahr zu Jahr, glücklich für uns ſelbſt und noch glücklicher in dem Gedanken, uns im Alter in unſerem Vaterlande, im Schooße unſerer Familie, zu ſetzen, unſere Knaben ihre Laufbahn glücklich durch⸗ laufen, ſich verheiraten und ſich niederlaſſen zu ſehen. Aber was bin ich nicht für ein eitler alter Dummkopf, daß ich Sie mit all dieſen Details beläſtige, an welchem Sie kein Intereſſe nehmen können!“ rief der alte Oberſt, wobei jedoch ſeine Stimme plötzlich ſtockte und eine heiße Thräne, die ſich heimlich über ſein Geſicht er⸗ goß, ihr die Anweſenheit ſeiner Geſellſchafterin kaum merken ließ. „Fahren Sie fort,“ ſtammelte Frau Hamlyn in einem Tone unverſtellter Theilnahme und herzlichen Mitleides. „Das Uebrige meine gute, theure Lady! wiſſen Sie beinahe eben ſo gut, als ich ſelbſt,“ fuhr der Oberſt fort.„Sie kannten meine arme Söhne. Als ſie Schul⸗ knaben waren, als Jack zu Eton und Bob zu Hailey⸗ bury war, pflegten ſie uns die glücklichen Feiertage zu beſchreiben, welche ſie in Dean⸗Park genoſſen. Ihnen und Hamlyn ſei's gedankt, die armen Burſchen fühlten niemals Heimweh. Als ſie Männer wurden, ging Bob lieber unter das Heer, anſtatt die ſchönen Poſten anzu⸗ nehmen, welche ihm die Compagnie durch mich anbieten ließ. Aber Jack, der arme Jack, der einſah daß ich mich entſchloſſen hatte, ein halb Duzend Jahre länger im Exile zu bleiben, entſchloß ſich, nach Indien zum kommen (geſegnet ſei er für dieſen Gedanken) und ſeinen alten Vater und ſeine alte Mutter zu ſehen. Er ſollte ſie niemals ſehen, Madame! das unglückliche Schiff.“— „Schonen Sie ſich, mein theurer Sir!“ unterbrach ihn Frau Hamlyn.„Das Mißgeſchick des armen lieben 28 John Hamilton wurde von unſerer Seite ſo tief beklagt, als von Ihrer eigenen.“ 2 „Armer Jüngling! armer Jüngling! ſeinen Briefen nach zu urtheilen, war es ein prächtiger Menſch als jemals einer Gottes Luft athmete. Schwer drückte dieſer Schlag auf das Haupt ſeiner Mutter. Sie überlebte ihn um vier Jahre, aber gewann auf die uns zuge⸗ kommene Unglücksbotſchaften hin ihre Heiterkeit nie wieder. Sein Bruder“—— „Sein Bruder vermählte ſich.“ „Ach! leider ließen wir uns den ungeheuren Miß⸗ griff zu Schulden kommen und ſchadeten durch Einſprache in ſeine Heirat der Heiterkeit ſeines Herzens, ſo wie ſeiner leiblichen Geſundheit. In dieſer Hinſicht war mein Freund Hamlyn ein wenig zu tadeln. Es ſcheint, Hamlyn dachte, weil ich Roberts Wunſche, zur Armee zu gehen, mit keinem Worte gebilligt hatte, wolle Robert mir mit einer tollen Heirat drohen, um in der ſtolzen Meinung, hiedurch Alles bei mir zu vermögen. Als ob Eltern, tauſend Meilen entfernt, ein Recht hätten, die Gefühle und Empfindungen eines einzigen Sohnes zu beaufſichtigen, der doch bereits ein Mann geworden, und der beſte Richter ſeiner Gefühle und Neigungen iſt! Aber Alles das hätte voraus geſehen werden können, ehe es geſchah.“ .„Obſchon ich anfangs ſo hartnäckig, als ein Türke war, gab ich doch im Augenblicke nach, als ich davon hörte, die Geſundheit des jungen Menſchen ſei erſchüttert. Zu ſpät, meine theure Damel zu ſpät! zu ſpät! Er vermählte ſich(wie Sie wiſſen, waren Sie, glaube ich, bei der Hochzeit zugegen) reiſte geraden Weges nach Italien, und ſtarb innerhalb Jahresfriſt. Hätte er doch nur ein Kind hinterlaſſen, um ſeine Eltern in ihrem Alter zu tröſten! hätte er doch nur ein Kind hinter⸗ laſſen! Nun, Madame, im Augenblicke als die Nachricht von ſeinem ſchnellen Tode zu uns drang, entſchloſſen wir uns, nach Hauſe zu eilenz ein thörichter Gedanke werden 8 29 Sie denken, gerade zu einer Zeit als wir in England Nichts hatten, für das wir hätten ſorgen können. Unſere einzige Sorge war geweſen, für die jungen Leute ein Vermögen bei Seite zu legen. Beide waren dahin! Wer oder was war nun in der Welt, das uns hätte vermögen ſollen, von unſerem Mutterlande entfernt zu bleiben? Marie war kränker geworden; aber ich heiterte ſie mit der Hoffnung auf, die Luft unſeres Mutterlandes werde ſie wieder herſtellen, es ſeien noch fröhliche Tage für uns zu gewarten. O arme Marie! ſie lächelte, und wünſchte, mir zu glauben, und den Rhein zu vermeiden, als mache ſie mir einen Vorwurf, weil ich den Tod ihres Sohnes verſchuldet habe!“ „Ich kann mich des Briefes wohl noch erinnern, in welchem Frau Hamilton ihre Ankunft ankündigte,“ ſagte Madame Hamlyn, mit leiſer Stimme,„und, in welcher ſie nur für die Ueberſendung einer Locke aus ihres Sohnes Haar dankte. Sie ſagte darin ihr einziger Wunſch in dieſer Welt ſei der, noben ihn in das Grab gelegt zu werden.“ .„Sagte Sie das?“ rief der alte Mann aus und wiſchte ſich die Augen.„Ein gutes Weſen! Sie drückte gegen mich dieſen Wunſch nie aus, indem ſie, ich darf ſagen, fühlte, daß es ihr Schickſal war, doch unter⸗ nahm ich die Heimreiſe mit ihr, und ſorgte mit der Hülfe Johnſtons und ſeines Weibes auf jede mögliche Weiſe für ſie. Aber es ſollte nicht ſo ſein. Die Welt war für ſie zu Ende, Gott hatte ſie zu ſich gerufen.“ „Ich legte ſie in das Grab,“ fuhr der Oberſt mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme fort. Meine Genoſſin ſeit 30 Jahren, meine Genoſſin in der Wildniß, darf ich ſagen, mit welcher ich niemals ein mißvergnügtes Wort oder einen gehäſſigen Blick gewechſelt habe. Arme Marie! mein Schmerz um ſie war ganz verſchieden von dem, den ich der Söhne willen fühlte. Daß ſie doch hätte da ſein können, um den Schmerz um ſie zu lindern! Aber Alles ſchwand mit ihr, Alles! Alles!“ 30 Frau Hamlyn ehrte durch Stille den Schmerz des alten Mannes. Zuletzt wagte ſie es, ihm Glück zu wünſchen, daß er in einer ſolchen ſchmerzlichen Lage fähig geweſen ſei, dem Schauplatz ſeiner ſchweren Prü⸗ fungen den Rücken zu kehren. „Ihre Betrübniß wäre ohne Zweifel ſchmerzlich geweſen, hätten Umſtände ſie genöthigt, in Indien zu bleiben,“ ſagte ſie. „Ich weiß nicht ich denke oft anders,“ war ſeine Antwort.„Es ſchien mir, wie wenn ich alle Erinne⸗ rungen meines früheren Glückes verlöre, wenn ich daran dachte, den Platz verlaſſen zu müſſen, wo wir zuſammen gewohnt hatten. Das alte Haus und die Gärten zu Ghaznapore waren voll von ihr. Hier waren unſere Kinder auf die Welt gekommen; hier hatte ich die letzte Thräne von ihrem Auge abgewiſcht. Mein armes, theures Weib! die Eingebornen beteten ſie an, ſie war die zweite Vorſehung im Dorfe. Hier in London hörte Niemand Etwas von ihrem Namen. Ich ſprach eines Tages mit Quiddle von ihr, ſprach von ihr, wie ich jetzt noch ſpreche, und der Eſel erklärte, ich ſeie hunten, und verordnete mir eine Doſis sal-volatile. Doch es war ihr ausdrücklicher Wunſch ich ſolle nach Hauſe eilen.“ „Auf dem Todtenbette ſagte meine arme Frau zu mir:„Du biſt es Dir und Andern ſchuldig, den Wir⸗ kungskreis Deines wohlthätigen Schaffens nach beſten Kräften auszudehnen.“ 1 „Wir haben, mein theurer Gatte! einzig für uns und für unſere Kinder gelebt, und es ſcheint, der Himmel habe uns dieß als einen Fehler ausgerechnet. Du biſt reich, Du beſitzſt die Mittel, Gutes zu thun. Gehe nach Hauſe. Verſammle Deine zurückgelaſſenen Freunde in England um Dich her, und befördere ihr Glück und Dein eigenes. Roberts Wittwe hat Anſprüche an Dich, die Hamlyns, welche Deinen Kindern zweite Eltern waren, haben Anſprüche an Dich. Kehre daher nach 31 England zurück, mein theurer, theurer Hamilton! und erfuͤlle die ausgezeichneten Vorſätze Deiner edlen Seele.“ „Zuerſt kam es mir unmöglich vor, ihren beim Scheiden gegebenen Ermahnungen nachzukommen,“ er⸗ wiederte, nach einer augenblicklichen tiefen Empfindung der Trauer, der alte Mann,„und ich hoffte, ich könne mir die Pein, einem Wunſche meiner Gattin das erſte Mal in meinem Leben zu widerſtreben, dadurch erſparen, daß ich ihr ins Grab folge. Aber, ich denke, die Leute ſterben ſelten an Kummer. Der Allmächtige richtet unſere Leiden nach dem Verhältniſſe unſerer Kräfte ein. Es iſt in der Ordnung der Natur, daß wir Manchen, den wir lieben, überleben, und für den Verluſt von Manchem getröſtet werden. Die Vorſehung weiß es am beſten!“ „Ehe ein Jahr verfloſſen war, ſchiffte ich mich nach England ein. Ich bin noch keine zwei Jahre Wittwer, doch habe ich bereits die Hoffnung, mein Alter zwar nicht ganz ſo zu beglücken, als ich einſt hoffte und erwartete, doch durch Schaffung von Glück und Segen für Andere aufzuheitern und zu beſeeligen.“ „Mögen ihre Hoffnungen vollkommen in Erfüllung gehen!“ rief Madam Hamlyn aus, wobei ihr Geſicht die Zeichen einer tiefen Sympathie mit den Gefühlen ihres edeldenkenden Freundes blicken ließ.„Sie haben Recht, Oberſt Hamilton! Die Vorſehung weiß Alles am beſten. Sehr, ſehr Wenige unter uns, ſind dazu beſtimmt, auf dem Wege glücklich zu ſein, welchen wir in früher Jugend als den Pfad des Glückes bezeichnet haben; doch kaum ein menſchliches Weſen, außer“—. Sie hielt inne. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Aſſemblee⸗Zimmers behutſam geöffnet, und die ſteigende Röthe auf den Wangen der Frau Hamlyn, das Stocken ihrer Stimme und Inne⸗ halten mit ihrer Rede verrieth, daß ſie im Augenblicke die leiſe Ankunft ihres Gatten gehört hatte. Oberſt Hamilton, ohne vom Lehnſtuhl am Feuer aufzuſtehen, wo er ſich gänzlich wie zu Hauſe fühlte, reichte ſeinem Freund, dem Bankier Hamlyn, die Hand zum Zeichen herzlicher Begrüßung hin. Zweites Kapitel. Lord Angelo iſt ſtreng, geſteht es kaum, Daß einem Stein er ein Brod vorziehe. Shakespeare. Richard Hamlyn war das, was man einen ganz aus⸗ gezeichneten, einen allgemein geſchätzten und geachteten Mann nennt; er war ein Mann, ganz geeignet, einem Grabmonumente Ehre zu machen; Niemand hatte ihn je im Verdacht eines Laſters gehabt, Niemand ihn eines Fehlers angeklagt. Kein Diener in ſeinem Hauſe, von denen die meiſten ſeit Jahren mit ihm gelebt hatten, konnte ſich darüber beklagen, daß er ſein Geſicht durch Aerger verſtört, oder ſeine Stimme aufgeregt gehört habe. Uebrigens war die Macht ſeiner ruhigen und unver⸗ änderlichen Regelmäßigkeit der Art, daß der härteſte Tyrann in ſeiner Familie kein unumſchränkteres Commando hätte führen können. Sein Weib wußte, daß er jeder Zurſchauſtellung von Empfindlichkeit abgeneigt war, ſeine Kinder wußten von früher Zeit her, daß er nicht gerne Geräuſch hörte; und auf dieſe Weiſe trug das Haus des Bankiers das Merkmal von der Stille, der Kälte und Regungsloſigkeit der großen egyptiſchen Pyramide an ſich. Man könnte unmöglich ein beſſer geordnetes Haus ſehen. Alles ging wie nach der Uhr oder durch Dampf. Mochte nun die Vollkommenheit ſeiner Haushaltung von 4 der Strenge ſeiner Disciplin oder der Größe ſeines Ver⸗ mögens herrühren— der Erfolg war wunderbar. Hatte ein Frennd von Hamlyn nach einer Abweſenheit von vielen .—* 33 Jahren in dem fernen Oſten oder Weſten, es für paſſend gehalten, in Cavendiſh⸗Square zu ſpeiſen oder wünſchte ein Voluntär aus der Armee auf Dean⸗Park einen Beſuch zu machen, ſo konnte er zur Stunde und Minute ſeiner Ankunft, der großen Zahl von Schüſſeln auf der Tafel und der aufwartenden Diener, der Aufſtellung von Präſen⸗ tiertellern auf dem Nebentiſch und Carraffen auf dem Haupttiſch ſo gewiß ſein, als wenn ſein Sitz im Speiſe⸗ zimmer blos ſeit dem vergangenen Tag leer geſtanden wäre. Freilich haben anderſeits Leute wie Richard Hamlyn ſelten einen ihnen hinreichend gewogenen Freund, der zu Tiſche käme, oder einen Voluntär aus der Armee, der auf dem Lande einen Beſuch hätte abſtatten mögen. Als ſeine Frau in ihrem achtzehnten Jahre, in all' ihrer Blüthe der Schönheit und Holdſeligkeit ihres Charak⸗ ters, den Heirats⸗Antrag eines jungen ſchönen Mannes annahm, mit welchem ſie während der londoner Saiſon getanzt hatte, erwartete ſie gewiß, in dem heitern Sohn eines reichen Bankiers, mit welchem ſie zu vermählen, ihre Eltern mit dem höchſten Eifer beabſichtigten, einen ganz andern Mann zu finden. Aber kaum ein Jahr nach ihrer Heirat gab der Tod des ältern Hamkyn dem jungen Paare nicht nur Unabhängigkeit, ſondern auch das Geſchäft der Familie und der Firma ſo vollſtändig in die Hand des Bräutigams, daß er ihn auf einmal zu einem nüch⸗ ternen Geſchäftsmann machte. Von dieſem Augenblicke an ging für Frau Hamlyn ihr Gemahl in der Perſon eines Bankiers und Teſtaments⸗ Vollſtreckers auf und, da ihre Schwiegermutter bis zu ihrem, einige Jahre nachher erfolgten Tode, noch bei ihnen in Cavendiſh⸗Square und in Dean⸗Park wohnte, machte ſich Richard Hamlyn kein Gewiſſen daraus, ſeine Gemahlin allein zu laſſen und ſich ausſchließlich den Geſchäften zu widmen. Von nun an lebte und webte er und hatte all' ſein Weſen in der Stadt. Seine Träume gingen auf Schreibpulte, ſeine Viſionen auf Anleihen und Schatz⸗ kammerſcheine; und wenn er am Ende der Woche, im Die Bankiersfrau. I. 5 34 Sommer auf das Land eilte, oder ſich am Winter am Schluſſe des Tages nach Hauſe begab, kam er, durch die Eile die er mit ſeinen ſchwierigen Geſchäften hatte, geiſtig ſo abgemattet in London an, daß man wohl ſah, ſeine Idee von Hausglück mußte in der Ruhe beſtehen. Die hochſte Probe von Gute, welche ſein Weib ihm erzeigen konnte, war, ihn allein und in Ruhe zu laſſen. Es iſt überraſchend, wie leicht der Takt eines für ihre Pflichten eingenommenen Weibes die ſicherſte Manier in Bereitſchaft hat, um ſich den Neigungen ihres Gemahles zu empfehlen. Die heitere, unbekümmerte Sophie ſah im Augenblicke ein, daß ſie, um ſich dem Geſchäftsmanne werth und theuer zu machen, der angewohnten Seelenruhe eines Mannes, welcher keine Muße hatte, um Zaͤrtlichkeit oder Zeichen eitler Zeitvertreibe an den Tag zu legen, kein Hinderniß in den Weg legen durfte. Als pünktliche, verträgliche Gattin durfte ſie ihn ſelten mit Lachen, immer blos mit Lächeln empfangen. Nach und nach verwandelte ſich das Lächeln in gedankenvollen Ernſt, der ihrem Ge⸗ mahl immer mehr zuſagte. Im dreißigſten Jahre war Frau Hamlyn eine milde, ruhige, ſtille Frau geworden, ohne irgend eine Spur jugendlichen Muthwillens, und der Bankier ein ſteifer, verſchloſſener Geſchäſtsmann— beide gaben ein Muſter ab für die meiſten ehelichen Ver⸗ bindungen unter den Geld erwerbenden Klaſſen von Groß⸗ britannien.— Wenn dieſes nüchterne, ſtille Benehmen, die Folge von Berechnung war, ſo konnte ſie nicht beſſer ausgefallen ſein. Richard Hamlyn war der wahre Spiegel der Ban⸗ kiers, der Muſtermann der Lombardſtraße. Die Zeit⸗ genoſſen ſeines Vaters auf der City ſteckten ihre Kopfe zuſammen, als ſie bemerkten, daß Richard ein ſolider, muſterhafter junger Mann, ſeine Gemahlin ein ganz kluges, junges Frauenzimmer war und, obwohl ihre Haushaltung 8 und ihre Lebensweiſe auf den Fuß von beinahe ariſtokra⸗ tiſcher Pracht eingerichtet war, war doch Niemand geneigt, einen Fehler daran zu finden. So vorzuͤglich war der 3⁵ Geſchäftsgang des jungen Hamlyns, daß ſogar die ſtreit⸗ ſüchtigſten unter den Leuten, mit welchen er zu ſchaffen hatte, gezwungen waren, einzugeſtehen, der fernſehende Finanzier der Lombardſtraße und von Dean⸗Park ſei im Stande, einem halben Sovernige einen ſo guten Cours zu verſchaffen, als einer Guinee. Mittlerweile erhielt das glückliche Chepaar Kinder; und dieſelbe Schule, welche die heitere Sophie Harrington in eine Hausmaſchine umgewandelt hatte, machte die jungen Hamlyns zu den mildeſten und trägſten Kindern der Welt. Weder zum Eigenſinn, noch zum Lärmenmachen durch das Beiſpiel von anderen Kindern verführt(die Fehler von Kindern, verleiten andere Kinder weit mehr zur Nachahmung, als erwachſene Leute zugeben wollen), ſchienen ſie ſo gut unter der Aufſicht des allmächtigen Bankiers zu ſtehen, als eine ſeiner Zahlen. Dieſe unumſchränkte Unterwürfigkeit, von Seiten ſeiner Umgebung gegen ihn, übte nach und nach auf ſeinen Charakter einen ſchlimmen Einfluß aus. In ſeinem ruhigen Geſchäftsgange dachte er ſich ſo unumſchränkt als der Sultan. Er wollte ſich gegen ein Verbot von ſeiner Seite nicht die geringſte Einrede gefallen laſſen. Zwar war er auf ſeinen Vater hin zu der Stelle eines Deputirten vom nahen Flecken Barthorpe ernannt worden, und ſeine Anſichten gaben beim Hauſe der Gemeinen in allen Fragen von commerziellem oder finanziellem Intereſſe den Ton an, aber doch hatte er ſich durch Ausbrüche von Muthwillen, ganz im Widerſpruch mit dem ſchönen Gange ſeines Privatlebens, mehr als einmal im Parlamente compromittirt. Auf der andern Seite war er in ſeiner Nachbarſchaft auf dem Lande, als ein gerechter Landedel⸗ mann und gaſtfreundlicher Nachbar geachtet, indem er nicht lange genug in Warwickſhire zubrachte, um bei der ſtillen Zurückhaltung ſeines Charakters das gute Vernehmen mit der Grafſchaft zu Nichte zu machen. In der That legte übrigens nach und nach ſein Benehmen im Privat⸗ leben den Beweis davon ab, wie ein mühſames Amt 36 aufregend wirken kann. Aber Frau Hamlyn hatte ſich entweder in ihre Apathie ſo gut eingeſchult, daß ſie ſein verändertes Benehmen nicht merkte, oder war eine zu gute Gattin, um auch nur ſich ſelbſt zu geſtehen, daß ſie die deſpotiſche Härte des Vaters ihrer Kinder bemerkte. Die Verheimlichung war ihr leicht. Gleich der Mehrheit ſeines Geſchlechtes, uͤbte er gegen ſeine Frau nur dann Willkür aus, wenn ſie allein waren. „Was haſt Du heute mit Oberſt Hamilton verhandelt, als ich Euch beide bei meinem Hereintreten in ſolcher Gemüthsbewegung traf?“ fragte er ſein Weib, als ſie am betreffenden Tage im Geſellſchaftszimmer auf das Mittageſſen warteten. „Es war Nichts, als daß er mir das hohe Glück ſeines ebelichen Lebens beſchrieb. Wie mir ſcheint, war Frau Hamilſon und der alte Edelmann ein ausgezeichnet glückſeliges Paar.“ Von jeder Ehe ſagt man, ſie ſei ausgezeichnet glücklich geweſen, ſobald der Gemahl oder die Frau im Grabe iſt,“ erwiederte der Bankier kalt.„Die Hamiltons lebten übrigens ſehr gut mit einander, ſonſt wäre ihr Téte-à-tèete in einem obſeuren Diſtrikte von Oſtindien unerträglich geweſen. Es war ihre klügſte Politik, gut mit einander auszukommen.“ „Die Leute handeln nicht immer nach Grundſätzen der Politik,“ war die milde Gegenrede der Frau Hamlyn. „Die Charaktere dieſer beiden waren liebenswürdig und paßten trefflich zu einander.“. „Ihre Mittel waren groß und ihr Verſtand klein!“ fügte der Bankier hinzu. „Um ſo beſſer für ihr Glück. Es ſcheint mir, ſie haben keinen andern Leute kränkenden Ehrgeiz beſeſſen,“ bemerkte ſein Weib. Hamlyn, der in gebieteriſcher Haltung, den Rücken dem Ofen zugekehrt ſtund, heftete ſein Auge forſchend auf ihr Angeſicht. So aufrichtig das Geſicht Sophiens war, war es doch hie und da ſchwer, es zu entziffern. 37 Die frühe Gewohnheit, ihre Gefühle nach dem Gleich⸗ muth des Temperaments von Hamlyn einzurichten, gab ihren Augen einen unſtäten, ſchweifenden Blick. Wenn ſie auf eine einfache Frage eine einfache Antwort geben wollte, ſchien es oft, als wollen ihre Gedanken wandern; und wenn ſie ſchwieg, ſo war es unmöglich, aus ihrem Geſichte heraus die Natur ihrer Träumereien herauszuleſen. „Oberſt Hamilton muß ſich in übertriebenem Lobe, rückſichtlich der Verdienſte ſeines verſtorbenen Weibes⸗ ergangen haben,“ fuhr der Bankier fort, wobei er das Geſicht ſeiner Geſellſchafterin immer durchforſchte;„denn Ramlay erzählte mir, als ich hereinkam, er ſei bei Dir länger als eine Stunde geſeſſen.“ „War es ſo lange? Armer Greis! Sein einziger Troſt beſteht in ſeinen Beſuchen hier,“ erwiederte Frau Hamlyn.„Ich wünſche die Knaben wären in der Stadt, um ihn durch ihren Umgang zu erheitern. Aber wegen Walters Jagdpartieen und Henrys Reiſe nach Italien, ſind wir dieſen Winter ganz allein gelaſſen worden.“ „Welches Angenehme könnte möglicherweiſe die Ge⸗ ſellſchaft junger Leute von ihrem Alter für einen alten Burſchen, wie Hamilton, haben?“ „Da Du keine Zeit haſt, welche Du ihm widmen könnteſt?“ „Er weiht Dir ſeine Zeit. Mein Haus ſteht ihm immer offen.“ „ Doch ſcheinſt Du Dich darüber zu verwundern, daß er dieſen Morgen ſo lange hier⸗ geblieben iſt?“ Wiederum heftete Richard Hamlyn ſein forſchendes Auge auf das Angeſicht ſeines Weibes. Aber er las darin kein Zeichen einer ungewöhnlichen Bitterkeit, die ihm ſeine Strenge vergelten ſollte.— „Ich befürchte er iſt Londons allmälig ganz über⸗ drüſſig,“ fügte ſie in ihrer gewöhnlichen Sanftheit hinzu. „Die Einſamkeit einer gedrängt bevölkerten Stadt, wo er Niemand kennt, drückt ihn nieder; und Quiddle verſichert ihn, ſein ganzer Uebelſtand komme daher, weil er ein⸗ 24 38 Hypochonder ſei und empfiehlt die Bäder Brighton oder Celtenham. Oberſt Hamilton iſt ſelbſt der Meinung, daß London nicht für ihn paſſe.“ „Abgeſchmackt! London iſt einer der geſundeſten Plätze auf der Welt. Portland⸗Place liegt ſehr hoch und ſteht auf Felſengrund.“ Wie mir ſcheint iſt eher ſein Gemüth als ſeine „ Geſundheit angegriffen. Meinſt Du nicht, Sophie, daß London keine hinreichend angenehme Reſidenz für einen Mann iſt, welcher in den letzten fünfzig Jahren mit einem kranken Weib, aus einer Colonie bei den Gentoos, ganz allein und zufrieden lebte?“ „Das gibt gerade einen Grund für ihn ab, ſich in ſeinem hohen Alter nach einer angenehmen Wohnung umzuſehen. Ich theile beinahe ſeine Meinung,“ fügte Frau Hamlyn hinzu,„auf dem Lande würde er glück⸗ licher ſein.“ „Du haſt ihm alſo den Rath gegeben, ſich in Brigh⸗ ton oder Geltenham niederzulaſſen, wo ein Mann ſeiner Art ſogleich von Schmarozern umringt wird, ein Um⸗ ſtand, welcher unſern Kindern ernſthaften Schaden zu⸗ fügen würde.“ „Ich nenne Brighton oder Geltenham nicht„das Land.“ Das Aeußerſte, auf das ich anſpielte, war das, er könnte dieſen Winter in Dean⸗Park bei uns glück⸗ licher ſein.“ „Ich erzählte Dir zuvor, Hamilton hat ein wichti⸗ ges Geſchäft in der Leedenhall⸗Straße.“ „‚Das in einigen Monaten ſeine Erledigung finden wird. Wenn er nun anſtatt eines Hauſes auf Portland⸗ Place das Rittergut Burlington gekauft hätte—.“ „Du könnteſt eben ſo gut ſagen: wenn er Hyde⸗ oder Dean⸗Park gekauft hätte! Das Rittergut Burling⸗ ton iſt nicht feil.“ 4 „Doch erwähnteſt Du in der letzten Nacht—“ Frau . Hamlyn hielt inne. Es ſiel ihr plötzlich ein, es könnte ihrem Gemahl nicht lieb ſein, wenn er an das erinnert 4 39 würde, was er in der letzten Nacht geſagt hatte. Aber ſie hatte ſchon zu viel geſprochen, um wieder zurück⸗ gehen zu können. Die Neugierde des Bankiers war rege. Sie war genöthigt, die Sache wieder aufzuneh⸗ men und ſich zu erklären. „Du gabſt mir,“ begann ſie wieder, ſeinen Befeh⸗ len gehorſam,„einen Wink, Lady Burlington habe ſich gegen einen Aufenthalt auf dem Rittergute ausgeſprochen.“⸗ „Ich ſagte allerdings, ſie war wegen der bedeuten⸗ den Ausgaben beſorgt, welche ein ſolcher Wohnſitz dem Vermögen des jüngeren Sohnes machen würde.“ „In allen Fällen ſcheint es, als ſeieſt Du der Meinung, das Gut werde wohl in Bälde zum Verkaufe ausgeboten werden.“ Herr Hamlyn hatte in der That ſo Etwas geäußert, aber einzig als bösartige Vorausſagung für Lady Bur⸗ lington, welche es gelegenheitlich paſſend fand, als Mit⸗ Teſtaments⸗Vollſtreckerin nach dem Tode ihres Gemahls und Vormünderin ihres Sohnes ihren eigenen Willen zu haben. Es ſchien, wie wenn auf einmal eine Art Inſpiration über ihn komme. Er war gerade daran, eine ganz gewöhnliche Bemerkung zu machen, um die Aufmerkſamkeit ſeiner Frau von der Sache abzuziehen, als Ramſay, ſein ernſthafter Kellermeiſter mit einem geheimnißvollen Geſichte eintrat, um das Eſſen anzu⸗ kündigen. Es war Hausordnung, ſo lange die Bedien⸗ ten bei der Mahlzeit aufwarteten, jede Unterhaltung zu vermeiden, bei welcher fremde Namen genannt wurden, und daher konnte Nichts kahler und zerſtückelter ſein, als das Tiſchgeſpräch der Familie Hamlyn. Nach der Mahlzeit, als man wieder in das Beſuch⸗ Zimmer zurückgegangen war, waren dieſelben Verwah⸗ rungsmaßregeln in Geltung, weil die jungen Damen mit ihrer Gouvernantin eine Theeviſite machten. Darum waren der Augenblicke, welche der Bankier für den Zweck einer vertraulichen Unterredung mit ſeiner Gattin beſtimmte, wenige; in Dingen, wo er einmal auf Stillſchweigen 40 halten wollte, verſtand er es, die Neugierde durch eine unverwüſtliche Kälte zu täuſchen, welche wirkſamer iſt, als die zügelloſeſte Hitze anderer Männer. Die Erfahrung von vierundzwanzig Jahren ſetzte jedoch ſeine Frau in Stand, aus ſeinem Stillſchweigen ſo ziemlich richtige Folgerungen zu ziehen; und die Er⸗ klärung, welche ſie ein Paar gebrochenen Worten und dem Heben der Augbraunen zu geben wußte, bewirkte, daß ſie wenig erſtaunt war, als einen Monat nachher, zur Zeit, in welcher der Februar ſeine gewöhnliche trü⸗ geriſche Milde an den Tag legt, Oberſt Hamilton Lydia und ihrer Schweſter ankündigte, er ſei daran, ihren Va⸗ ter für ein oder zwei Tage nach dem Park zu begleiten. „SSoll ich, meine theure Miß Lydia! eine Botſchaft an Ihren Klepper beſtellen?“ fragte der alte Mann das ältere Mädchen, gegen das er eine beſondere Zuneigung hegte, und zwar deßwegen, weil ſein Sohn Jack, der ſich hier zur Zeit ſeines Beſuches wieder erholte, am Tage ihrer Geburt in Dean⸗Park geweſen war, und in den Briefen an ſeine Mutter die Schönheit der Kleinen hoch erhob,„ſoll ich,“ fragte er weiter,„an die Läm⸗ mer und Schlüſſelblumen vom Valentins⸗Tage eine Bot⸗ ſchaft ausrichten?“ „Wenn Sie das theure Dean⸗Park beſuchen? Wie keck! Sie wollen in dieſer ſchlimmen Jahreszeit den Platz einſehen!“ rief Lydia.„Und ich hoffte, ich könnte Ihnen bei Ihrem erſten Beſuche hier zeigen—“ Sie hielt inne, das gemüthvolle Mädchen zögerte, auf den Blumengarten, welcher zur Zeit ihrer glücklichen Kindheit von ihren Beſchützern, den jungen Hamiltons, gemacht worden war, anzuſpielen. „Meine theure, junge Lady!“ rief Oberſt Hamilton, ärgern Sie ſich nicht. Ich werde wahrſcheinlich vor meinem Tode von dem Platze in ſeiner ganzen Vollkom⸗ menheit Einſicht nehmen, und Sie können wohl mich hier öfters ſehen, als Sie denken. Doch ſtille davon! —— 41 Hamlyn iſt ein ſolch vorſichtiger Burſche, daß er mich nicht einmal über meine eigene Sache ſprechen läßt.“ Bereits ſah Frau Hamlyn das Reſultat dieſes Be⸗ ſuches voraus. In einer Woche waren die Papiere im Reinen, deren Unterzeichnung darauf ging, das Ritter⸗ gut Burlington für ein Paar Jahre dem Erx⸗Oberſt von Ghazerapore zu übergeben. So ſehr, als er allein auf die Eingebung des welt⸗ erfahrenen Mannes gehört hatte, in deſſen Hand er wenig mehr als eine Puppe vorſtellte, ſo wenig war er ein Mann wie Oberſt Hamilton, über den ſchnellen Kauf von Portland⸗Place böſe; überdieß wurde auch dieſem Unglück durch die Dazwiſchenkunft des Bankiers abge⸗ holfen. Dieſer wußte einen jungen irländiſchen Baronet, der gerade ſein Vermögen in Hände bekam, und den eine bedeutende Grafſchaft in Irland für alt und verſtändig genug erklärte, um ſie im Parlamente zu repräſentiren, zu bereden, daß zwiſchen dem Hauſe der Gemeinen mit der geringen Beſoldung von 600 Pfund und zwiſchen dem prächtigen Portland⸗Place ein Unterſchied ſei, der ihm gewiß Freude mache. „Und ſo ſehen Sie, meine theure Lady,“ bemerkte Oberſt Hamilton, als er nach Cavendiſh⸗Square die frohe Kunde brachte,„mein Freund Hamlyn macht mir ein angenehmes Leben; er fand mir ein Gut auf und einen Käufer meines Hauſes. Mit einem Grade von Unbeſtändigkeit, an der ich mich zu ſchämen hätte, wenn Jemand anders in meinem Hauſe, als mein Hund, ſich über meine Schamröthe verwunderte, habe ich mein Haus einem Fremden überlaſſen, und werde für den Reſt meiner Tage unter dem Dache eines Fremden wohnen. Es wäre geſcheidter, viel geſcheidter geweſen, ich hätte das Gut gekauſt. Wenn Jemand in meinem Lebensalter eine Miethe für einundzwanzig Jahre unterzeichnet, ſo iſt es, wie wenn er die Vorſehung verſuchen wollte. Aber innerhalb fünfzig Meilen von Dean war kein Gut zu haben, und der Gedanke, von Euch allen fortzuziehen, 3 42 hätte mein altes Herz gebrochen. So müßt Ihr eben ſehen, wie Ihr mit mir auskommt. Wir ſind nun die nächſten Nachbarn. Unſere Parkthüren ſtehen auf das Naheſte bei einander und wir könnten einander über den Zaun hinüber die Hände ſchütteln. „Wir ſehen oft einen großen Theil der Burlingtons bei uns,“ erwiederte Frau Hamlyn mit bekümmertem Blicke.„Zu Lebzeiten des armen Sir Rogers verging kein Tag, ohne daß wir zuſammenkamen. Als es Lady Burlington unmöglich wurde, während der Minderjährig⸗ keit ihres Sohnes das Gut zu behaupten, wäre es mir lieber geweſen, hätte man es ohne Pächter gelaſſen, als daß ich in den Zimmern meiner Freundin einen Frem⸗ den ſehen ſollte. Ich hatte übrigens ein wenig Hoff⸗ nung, an Ihnen einen Pächter zu bekommen. Sie ſind beinahe die einzige Perſon, welche ich mit Freuden im Reſte meiner verlorenen Freunde willkommen heiße.“ „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen,“ rief der Oberſt aus.„Es gibt mir großen Troſt, wenn ich mit Ihnen ſprechen kann. Man weiß, was Sie ſagen, geht Ihnen von Herzen, ſonſt wäre mir bange, Sie möchten wohl immer in der Tiefe Ihres Herzens murmeln;: Werde ich dieſen alten Seemann niemals los? Bleibt er für alle Ewigkeit mir auf den Ferſen?“ 3„Ich bin gewiß, Oberſt Hamilton, Sie werden nie⸗ mals an einem unziemlichen Worte oder Gedanken von Seite der Mama zu erſchrecken haben,“ ſprach Lydia in beinahe bekümmertem Tone. „Auf alle Fälle, denke ich, werden Sie unter den Brummbären ſein,“ erwiederte der alte Mann, indem er ſich lächelnd gegen ſie wandte; denn mein Freund Hamlyn hat entſchieden, anſtatt daß Ihr Alle bis zum Ende der Saiſon in London bleiben ſollet—“ er hielt inne, wie wenn er ſich ſträubte, das über ſie verhängte Schickſal zu enthüllen. „Was habe ich mit der Londoner Saiſon zu ſchaffen?“* ſagte Miß Hamlyn, indem ſie die Achſeln zuckte. Harriet 2½ — 43 und ich haben den einzigen Wunſch, dieſe rauchige Stadt zu verlaſſen, und zu unſern Pfarrchen und Blumengärten zu gehen.“ 4 „Ich wünſche Euch beiden Glück dazu; denn, wie ich Euch eben ſagen wollte, Ihr Alle werdet zu Anfang des Mai mit Sack und Pack aufgeladen und nach Mar⸗ wickſhire geführt.“ „Das ſind in der That fröhliche Neuigkeiten,“ rief Frau Hanilyn aus. Vor der Einführung ihrer Tochter in die Geſellſchaft hatte ſie übrigens wenig Freude an der heitern Welt. Doch wollte ſie zu Dean⸗Park eine glückliche Emancipation von den ſyſtematiſchen, durch das Haupt der Familie aufgelegten Einſchränkungen ver⸗ ſuchen. Obwohl die Schulſtunden innegehalten wurden, wie in der Stadt, genoß ſte doch auf den Ausfahrten und Spaziergängen und während der Erholungsſtunden en jungen Mädchen den Umgang mit denſelben unbe⸗ äſtigt.. „Was mich betrifft, ich breche ſogleich auf,“ fügte Oberſt Hamilton hinzu.„Es iſt ſchon lange her, daß ich in meinem Geburtslande das Gras nicht mehr wach⸗ ſen und die Bäume nicht mehr blühen ſah. Grody Johnſton und ihr Gemahl ſchwören, ich ſei nicht für einen Landedelmann geboren, und ſuchen mich davon zu überzeugen; das Einzige, für was ich auf meiner neuen Beſitzung ſorgen ſolle, ſei das: ich ſolle über die Mauer hinaus immer nach der Londoner Poſt ſehen, bis ſie vorbei komme. Aber obwohl Hamlyn mir vorwirft, ich ſei von meiner Dienerſchaft am Gängelbande geleitet, zeigte ich ihr doch, daß ich mein eigener Herr ſei, und trieb die Rechtsgelehrten um ſo mehr zur Eile mit den ſchriftlichen Sachen wegen meines Gutes an, je mehr jene Leutchen brummten. Ich werde ihnen bald zeigen, wie wir durch ein liebevolles Herz und offene Haushal⸗ tung das Landleben ſogar luſtig machen können. Und nebenbei meine theure Madame!“ fuhr der entzückte alte Edelmann fort, indem er ſich an Frau Hamlyn wandte,„da ich ſehe, daß Sie mit Lady Burlington in Correſpondenz ſind, welche, wie ich denke, gewiß Kummer und Aerger genug darüber hat, daß ſie genöthigt iſt, ihr ſchönes Gut wegzugeben, wünſche ich, Sie möchten ihr doch ſagen(denn ſolche Sachen laſſen ſich nicht ſo gut in einem ſechs und acht Pfennige koſtenden Brief mitten unter den Alldieweilen und Sintemalen der Rechtsge⸗ lehrten leſen, als mündlich ſagen), daß wenn im Dorf ein Paar arme Schlucker leben, welche ſie gerne verſorgt hätte, oder wenn ſie ein Paar Lieblingspflanzen in den Treibhäuſern an einen Freund weggeben wollte, ſie mir bloß einen Wink zukommen laſſen möge, und daß ihr Wille erfüllt werden ſolle. Ich ſah eine ſchöne Neu⸗ fundländer Dogge um die Wohnung der Bedienten ſchlei⸗ chen; ſie ſah aus, wie wenn ſie gewöhnlich verzärtelt worden wäre, und einen Freund verloren hätte. Dabei ließ Pintſcher ſich einfallen, die Ohren zu ſpitzen, weil ich ihr auf den Kopf patſchte.“ „Armer Carlo!“ murmelte Lydia, der alte Lieb⸗ lingshund Sir Rogers! in der That, er ſucht Lady Burlington.“ „Gut, denken Sie daran, und ſagen Sie ihr, er werde nicht an die Kette kommen, ſondern dürfe auf dem Gute frei laufen. Carlo ſoll ſich hier immer noch zu Hauſe fühlen. „Es wäre für die Lady zu mühſam geweſen, ihn mit ihren Kindern als Reiſegefährten nach Neapel zu nehmen,“ bemerkte Frau Hamlyn. Ich wäre froh, wenn ich ihm in Dean eine Heimat und die Hündin dazu, Lady Burlingtons Lieblingshündin, geben könnte, aber Herr Hamlyn war der Lady bei ihrer Abreiſe nicht gut und ich wagte deßhalb nicht, die Sache in Vorſchlag z3u bringen. Ich denke, Lady Burlington ſprach ihm zu viel in ſeine Anordnungen als Teſtaments⸗Vollſtrecker.“) „Das heißt ſo viel: ſie dachte, wie ich meine, was ihrem Sohne gehöre, gehöre ihr, und was ihr gehöre, gehöre ihr eigen. Die zwei beſten Freunde, welche e 45⁵ auf die Welt kamen, bleiben ſelten Freunde, wenn Pfunde, Schillinge und Pfennige zwiſchen ihnen getheilt⸗ werden ſollen. Joſephs Brüder verkauften ihn als Skla⸗ ven, und es gibt noch manchen Bruder auf der Welt, der wohl denſelben Handel treiben würde. Nun ſchrei⸗ ben Sie, meine theure Dame! in Ihrem nächſten Briefe an die Lady Burlington, die Hündin bekomme hier einen eigenen Wildpark für ſich, bis ihre Herrin einen beſſern Herrn für ſie finde, und was Pintſchers Eiferſucht be⸗ treffe, ſo werde Carlo ſeinen freien Lauf haben. Ich erinnere mich, welche Angſt ich in meinem Herzen fühlte, als ich zu Ghazerapore ein altes Dromedar zurücklaſſen mußte, welches am Pumpbrunnen arbeitete, wie ſehr mich der Gedanke drückte, es möchte nach dem Verluſte ſeiner Herrſchaft mißhandelt werden. Ich nahm mir vor, es zu erſchießen, aber meine Hand fehlte.“ Frau Hamlyn wußte ſich durch emſige Geſchäftigkeit um das Wohl ihres abweſenden Freundes deſſen hohe Dankbarkeit zu verdienen, und ſechs Wochen nachher, bei ihrer Ankunft in Dean⸗Park, empfand ſie das Glück, ihren neuen Nachbarn mit der Realiſirung aller ſeiner edeln Entwürfe beſchäftigt, und im Genuſſe von mehr Vergnügen zu ſehen, als er erwartet hatte. Da es ja die Abſicht des Bankiers war, Oberſt Hamilton mit ſei⸗ ner neuen Reſidenz ſo zufrieden als möglich zu ſtellen, hatte er ſeiner Familie päpſtliche Indulgenzen gegeben, in Uebereinſtimmung mit den Wünſchen des alten Sdel⸗ manns. Er hatte ſeinen Töchtern die Erlaubniß gege⸗ ben, ihre Mutter zu begleiten, ſo oft ſie zu Burlingkon ſpeiste, ſodann der Gouvernantin Miß Creswell die Vergünſtigung ertheilte, bis zu Ende des Sommers bei ihren Freunden in Irland bleiben zu dürfen, was ſeit der Dauer ihres zehnjährigen Dienſtes als Gouvernantin bei der Familie Hamlyn der erſte Urlaub war. „Hier können wir das ſchönſte Familienglück genießen,“ rief der alte Soldat aus, als er zum erſten Male ſeine Freunde von Dean⸗Park an ſeinem gaſtlichen Tiſche be⸗ willfommte und unter ihnen auch den Herrn Unterpfarrer von Orington mit ſeiner Frau antraf.„Das iſt etwas ganz Anderes, als Eure prunkenden londoner Schmau⸗ ſereien, wo ſich die Leute um Nichts kümmern, als wie ſie ſagen können: die oder jene geben beſſeres Wildpret oder mehr Schildkröten, als ihre Nachbarn, jene können ein ſchöneres Silberſervice aufweiſen! Das iſt das Eng⸗ land, das ich mir in Indien als grün, friſch und geſell⸗ ſchaftlich zu träumen gewohnt war!⸗ „Hier iſt in der That, Sir! für Augen, welche durch den dürren Sand und das magere Grün des Oſtens, ſeit lange ermüdet ſind, eine herrliche Erfriſchung,“ bemerkte Dokor Markham, voll Erſtaunen über ſolch' warmen Enthuſiasmus, von Seiten eines alten fünfundſechzigjähri⸗ gen Edelmannes, der doch daneben ein Buſenfreund ſeines grämlichen Beſchützers, des Bankiers Hamlyn war. „Ja! und eine noch größere Erfriſchung, wenn man Tag für Tag auf Hyde⸗Park zur Motion ſpazieren ge⸗ gangen iſt und Kies getreten hat— auf Hyde⸗Park, ſage ich, wo es ſo viele aufgeputzte ſchlechte Weibsleute gibt,“ entgegnete der Oberſt. „Drehen Sie ſich herum, Herr Doktor! und ſchauen Sie auf die Thiere, welche unter den Buchen dort bei einander ſind, und ſehen Sie die Stralen des Sonnen⸗ ſcheines durch die überhängenden Aeſte auf das dichte Gras fallen. Lydia, mein Kind! ich möchte nicht, daß Du über die Begeiſterung Deines alten Freundes lacheſt. Ich darf wohl ſagen, Du wirſt mich bald Peter Paſtoral nennen. Es kann ſein, Du hörteſt die Burlingtons das Gut niemals laut preiſen, denn bei ihnen wäre es Affek⸗ tation geweſen. Aber meine Begeiſterung iſt ein einfacher Ausdruck des Dankes gegen Gott, weil er dem alten, nutzloſen Rumpf nach halsbrecheriſchen Stürmen zuletzt an einem erfreulichen Schutzorte ſichern Ankergrund ver⸗ liehen hat.“ Um dem ausdrücklichen Wunſche der beiden Töchter Hamlyns nachzukommen, ließ der Oberſt in einem ſchönen, 47 zum Treiben der Pflanzen eingerichteten Salone, welchen der letzte Sir Roger im Mittelpunkte des Gartens hatte erbauen laſſen, und an welchen er ein Vogelhaus für ſeine bengaliſchen Vögel hinbauen laſſen wollte, Kaffee reichen. Der ganzen heitern Partie ſetzte übrigens der gemüthliche, ungenirte Abend die Krone auf, ein Abend, der durch die Blüthe der Blumen im Garten, welche ein herrlicher Thau erfriſchte und verſchönerte, ſowie durch die ſchimmernden, durch das Halbdunkel eines Sommer⸗ Zwielichtes geſchwächten Farben der Blumen nicht wenig gegen die Förmlichkeiten von Dean⸗Park abſtach. „Heißt das nicht angenehm und geſellſchaftlich, Doktor Markham?“ rief die glückliche Lydia aus, in der vollen Freude über die Befreiung von der Schulſtube. Wir haben nie Etwas von dieſer Art zu Hauſe, Papa ſieht gar Vieles ungern, wenn ihm irgend Etwas im Geſchäſte nicht nach Wunſch geht.“ „èAch! ach!“ unterbrach ſie der Oberſt.„Jede Art ſolcher Hausdisciplin iſt für einen Familienvater wie für meinen Freund Hamlyn, eine Hauptſache. Aber auf einem Gute, wo ein alter Indier das Commando hat, der ge⸗ wohnt iſt, die Dinge zu nehmen, wie er ſie findet und der hocherfreut iſt, wenn er ſie überall findet, da iſt Disciplin nicht an ihrem Platze. Bei mir ſoll Jedermann frei ſein. Jeder ſoll es angenehm und heiter haben, mein Hund und Alles. Leben und leben laſſen, das iſt mein Motto, oder beſſer: Laſſe leben, damit Du zu leben ver⸗ dieneſt." Solche Geſinnungen erhielten von der edeln Gemahlin des Bankiers ein leiſes und vom Unterpfarrer Oringtons ein lautes Amen zum Dank. Unter den zahlreichen Wohl⸗ thaten, welche ſein Beſchützer, der Bankier, auf ſeine Pfarrei gehäuft hatte, war nach ſeiner wirklichen Anſicht, die die größte von allen, daß der Bankier ihm den gaſt⸗ faunblichen, offenherzigen Oberſt zum Nachbar gegeben atte. Markhams Vorurtheile als hochkirchlicher Mann, hatte 48 ihm immer die römiſch⸗katholiſchen Baronets vom Ritter⸗ gute Burlington, als Steine des Anſtoßes auf ſeinem Wege als Paſtor erſcheinen laſſen, und obwohl die verſtändige Freigebigkeit Richard Hamlyns die Noth des Kirchſpiels beinahe völlig hob, hatte ſich doch der edle Hamilton bereits als einen paſſenderen Repräſentanten der vorſehen⸗ den Güte Gottes, welche ihren Segen über Gerechte und Ungerechte ſendet, dargeſtellt, indem er weder gegenüber von dem Armen die Strenge eines Richters, noch gegen⸗ über von ihrem Geiſtlichen den Stolz eines reichen Mannes annahm. Nichard Hamlyn war einer von den Männern, welche dem Hungrigen und Nackenden ihre Gabe mit ſo vielen Umſtänden zumeſſen, als ob dieſer durch irgend ein Ver⸗ brechen in den Fall gekommen wäre, ſein Mitleid anzu⸗ flehen; und Doktor Markham konnte es ſich nicht verhehlen, daß er, nach einer Bekanntſchaft von drei Monaten, mit Oberſt Hamilton auf einem freundſchaftlicheren Fuße ſtand, als mit dem mehr korrektſprechenden Nachbar von Dean⸗ Park, welcher ihm einmal wie das andremal zu verſtehen gab, daß der Herr Pfarrer und ſeine Frau deßwegen dann und wann auf das Schloß Dean⸗Park zum Eſſen einge⸗ laden werden, damit ſie die Ehrfurcht vor der Kirche in den Augen der niederern Klaſſen aufrecht halten, oder mit andern Worten, damit ſie ſeinen Dienern und Tag⸗ löhnern Reſpekt vor der Kirche einflößen und dieſelben abſchrecken ſollten, Reicheren ihr Eigenthum zu plündern und zu ſtehlen, und damit ſie dieſelben von tiefer Achtung für höher geſtellte Leute beſeelen möchten. Deßhalb war es für das Herz des Herrn Unterpfarrers ein wirklicher Troſt, daß er ſich von Oberſt Hamilton als ein privile⸗ girter Erklärer der bibliſchen Wahrheiten geachtet, und k ſell⸗ ſeiner Tafel mehr als Nachbar und ehrenhafter Ge ſchafter, denn als Geſchäftsmann eingeladen ſah. Uebrigens konnte Doktor Markham die untergeordnete Wichtigkeit der Frau Hamlyn in der Familie zu gut, um 49 ihr einen Theil des übermüthigen Geldſtolzes von Dean⸗ Park beizumeſſen. „Madam! Es muß ſchon viele Jahre her ſein,“ ſagte er, indem er ſich voll Achtung an ſie wandte, als ſie durch die offenen Thüren des zum Treiben der Pflanzen eingerichteten Salones die Blumenbeete überſchauten,„daß Sie die Freude hatten, ihre eigenen Roſen blühen zu ſehen? Das iſt der erſte Sommer, ſo viel ich mich er⸗ innere, den Sie in Warwickſhire zugebracht haben. Ich mache gegen meine Frau oft die Bemerkung, daß, während die Eigenthümer der drei ſchönſten Güter in der Nachbar⸗ ſchaft, in der ſteifen Hauptſtadt eingeſchloſſen bleiben, ſie und ich, ein armer Paſtor und ſeine Frau, den Genuß ihrer Schönheiten allein haben.“ „So zürnen Sie mir alſo nicht, daß ich noch zu guter Letzt gekommen bin, um dieſen mit Ihnen zu theilen?“ fragte Frau Hamlyn mit einem Lächeln.„Es hat mich in meiner Abgeſchloſſenheit immer getröſtet, daß ich wußte, die Blumen und Gebüſche zu Dean⸗Park machen wenigſtens Leuten Freude, welche während meiner Abweſenheit meine Stelle ſo trefflich, und zwar in Erfüllung von Verpflich⸗ tungen, vertreten, für die es in der That faſt ſchwer hielte, einen Stellvertreter zu finden.“ 1 Frau Markham, eine ſchwächliche kleine Frau, welcher die Artigkeiten von Burlington und Dean⸗Park, ihre in Dörfern häufige Schüchternheit nicht benehmen konnten, ſtammelte einige kaum hörbare Worte über das Vergnügen, das ſie habe, die wohlthätigen Gaben der Frau Hamlyn austheilen zu dürfen.“ „Aber beim Teufel! welche drei Landſitze in der Grafſchaft halten Sie für die drei ſchönſten? mein theurer Doktor!“ unterbrach ihn plötzlich Oberſt Hamilton. „Ich glaube Sie haben Hyde noch niemals geſehen, welches, mit Ihrer und Frau Hamlys Erlaubniß, der ſchönſte Platz zwanzig Meilen in der Runde iſt,“ erwiederte der Herr Pfarrer. Die Bankiersfrau. I.. 4 50 „Hyde? Hyde? Niemals hörte ich noch davon!“ rief Oberſt Hamilton aus.„Ich muß mir in der That eine Karte der Grafſchaft zu bekommen ſuchen, um ſie in meiner Halle aufzuhängen.“ „Sicher können Sie ſich der ſchönen Wälder erinnern, welche ich am Tage, als wir mit einander von Brarham⸗ Heath herüberfuhren, Ihnen als die Lord Vernons be⸗ zeichnete?“ ſagte Frau Hamlyn. „Ganz gewiß! Aber wie konnte ich vermuthen, daß ſie zu einem Familienſitze gehörten?“ „Die Wälder von Braxham zeichnet eine angenehme Steigung aus. Hyde, wie die meiſten alten Häuſer, liegt an ihrem Fuß,“ ſagte erklärend der Pfarrer. „Mein Gott! ich bin erfreut, von mehr Nachbaren zu hören, als ich darauf rechnete,“ rief der geſellſchaftliche alte Edelmann aus.„Je mehr es ſind, deſto luſtiger, je mehr es ſind, deſto luſtiger, hauptſächlich wenn ich auf meinem Plane bleibe, meine Winter auf dem Lande zu⸗ zubringen. Laſſet mich ſehen, das Ritterſchloß vermag vierzehn übrige Betten und, unter uns geſagt,“ wobei er die Blicke über die ganze Partie gehen ließ, aber ſich an Frau Hamlyn wandte,„ich rechne einmal Ihre zwei Söhne, von denen ich hoffe, ſie werden bis Weihnachten hier ſein. Der alte Gratwycke ſagt mir, er ſei zu alt, um außerhalb ſeines eigenen Hauſes zu ſchlafen. Aber en Sie mir, ich bitte Sie, wer wohnt wirklich auf yde?“ „Ich möchte antworten: Niemand,“ erwiederte Doktor Markham;„ſo geringe iſt der Nutzen, welchen die Nach⸗ barſchaft aus dem Umgang mit der Familie Lord Vernons zieht. Der Hauptſitz des Lordes iſt in Northumberland; und ſeit der gegenwärtige Pair dieſer Familie zu ſeinem Titel kam, hat er dieſes Haus nur ein⸗ oder zweimal beſucht und zwar, wie die halbe Welt weiß, blos zu dem Zwecke einer Jagd mit den Hunden des Herzogs von Elvaſton, euen beſte Schlupfwinkel auf dieſer Seite der Grafſchaft iegen. 1 51 „Die Vernons kommen mit ihren Nachbarn auf dem Lande ſehr wenig zuſammen,“ fügte Frau Hamlyn hinzu, „was wir um ſo weniger bedauern, da die Fahrt über einen Fluß auf dem Wege nach Braxham im Winter, wenn ſie gewöhnlich hier ſind, unangenehm genug iſt; und wenn man der Brücke von Barſthorpe zufährt, ſo hat man doppelten Weg.“ Die Frau des Paſtors konnte ſich kaum genug über den Fluß der Rede wundern, in der Frau Hamlyn die Sache ganz anders deutete, als die niedrigeren Leute und Herrſchaften, welche die Einſamkeit, in der die Vernons lebten, ihrem Familienſtolze zur Laſt legten. Allerdings waren dieſe, gegenüber von dem Bankier. auf die Größe ihres Stammbaumes ebenſo ſtolz, als der Bankier gegen⸗ über von Anderen auf die Größe ſeiner Börſe. „Kurzum! dieſes Volk iſt nicht nachbarlich geſinnt!“ war das kurzgefaßte Urtheil des Oberſten Hamilton von der Sache.„Sehr gut! in der Luft gibt es Platz genug für hoch Fliegende und tief Fliegende. Wenn ſie es ohne uns trinken können, ſo können wir es auch ohne ſie. Doch ich bin erſtaunt über ihr Benehmen. Wir halten zwar in Indien Viel auf einen Lord, weil wir ſelten mehr als Einen zu gleicher Zeit haben. Ein Phönix iſt ein Phönix und ein General⸗Gouverneur iſt ein General⸗Gouverneur. Aber ich meine, in London, wo ein großes Haus von großen Lords voll iſt, halten dieſe weniger auf einander, als man in Indien auf ſie hält.“ „Wir wiſſen kaum, was die Vernons auf ſich ſelbſt halten, denn ſie ſind in der Grafſchaft beinahe fremd,“ bemerkte Frau Hamlyn.„Sie waren ſeit den letzten zwei Jahren nicht hier.“ „Wenn Niemand auf Hyde iſt, warum ſollte ich denn hingehen und mich als Laurer auf dem Platze vergnügen?“ rief Oberſt Hamilton aus. 3 „Ich denke, Sie wären vielleicht mit Ormeau mehr zufrieden,“ ſagte ſchüchtern Frau Hamlyn. „Aber Ormeau iſt zu weit. Man kann nicht ohne 52 Poſtpferde von Burlington aus zum Schloſſe des Herzogs von Elvaſton kommen,“ ſagte der Pfarrer dazwiſchen. „Und mein Lieblingsgeſchäft iſt das Fahren,“ rief Oberſt Hamilton aus. Den erſten kühlen Tag, Doktor! fahren wir doch wohl in meinem Phanton hinüber?“ Der Herr Paſtor war ſogleich mit zufrieden. Der Plan geſiel Jedermann. Zwiſchen den Vernons und den Hamlyns nämlich herrſchte eine Kälte, welche(da die Väter von beiden Herrn Freunde geweſen waren) als Feindſchaft betrachtet werden könnte. So lange die Familie abweſend war, wollte Frau Hamlyn ſich durchaus nicht als Eindringling auf Hyde betrachten laſſen. Hyde war kein der Schau preisgegebenes Schloß, das heißt: es war keines von den großen Häuſern, deren Hausverwalter von den großen Lords, welchen ſie gehören, ermächtigt ſind, gegen Annahme eines Goldſtückes Fremden ihre Pracht⸗ zimmer und Gemälde zu zeigen. Die Nachbarn von Hyde hatten übrigens das Recht, die Namen der fremden, von ihnen eingeführten Beſucher, ſammt den eigenen in ein Buch auf Hyde einzuſchreiben, welches zu dem Zwecke gehalten wurde, die der Familien⸗Citelkeit der Vernons geſchenkten Tribute aufzuzeichnen. 4 Eine von den Feinheiten Richard Hamlyns war ſein verſtelltes Mißfallen, daß er ſeinen Familien⸗Namen zu oft im Buche ſeines hochmüthigen Nachbars eingeſchrieben ſehen müſſe, wenn er Beſuchern von Stand und Rang die Löwen der Nachbarſchaft von Dean⸗Park zeigen ſolle. Und doch, wenn eine Gräfin bei ihm eingekehrt war, ſo ſorgte er ängſtlich dafür, daß er ſie nach Hyde führen durfte, wo er den Namen der beſuchenden Lordſchaft durch eine Klammer mit denen von„Herr und Frau Hamlyn von Dean⸗Park“ zuſammenzog. Freilich kannte ſeine Gemahlin ſeine Schwächen zu gut, um nicht einzuſehen, daß es ihm im Grunde ſeines Herzens lieb war, wenn er fremde Beſuche auf Hyde einführen durfte. Ueberdieß hatte in der letzten Zeit zwiſchen dem Bankier und Lord Vernon eine politiſche Streitigkeit Statt 53 gefunden. Ein Mitglied von der Familie Vernon reprä⸗ ſentirte nämlich gewöhnlich die Grafſchaft als Whig, in⸗ deſſen Hamlyn für ein benachbartes Dorf im Parlamente als Tory⸗Mitglied ſaß, wodurch das Intereſſe der Vernons immer eine Niederlage erlitt. Weit entfernt alſo, daß ein Nachbar den andern wie ſich ſelbſt liebte, verachtete Lord Vernon Dean⸗Park ſo ſehr, als Dean⸗Park Lord Vernon verabſcheute. Jedoch gerade wie bei den Chriſten früherer Zeiten, ging ihr Haß nicht ſo weit, daß ſie ſich nicht auf kluge Weiſe vertrugen. Ihre gegenſeitigen Beſuche kamen dem Haſſe unmittelbar nach den blutbefleckten, tödtlichen Feindſchaften des Mittelalters. Sie ſchüttelten einander gegenſeitig die Hände, wie wenn ſie einer Klapperſchlange ſchmeicheln wollten; wäh⸗ rend die Damen der zwei Familien einander Complimente machten, oder ſich die Ehre der Geſellſchaft von einander ausbaten, oder bei Gelegenheit einander„auf's aufrich⸗ tigſte“ verbunden waren. Es war alſo ein Troſt für Hamlyn, als ſich der Herr Unterpfarrer von Orington Herrn Oberſt Hamilton für ſeinen Beſuch des ſtattlichen alten Palaſtes von Hyde als Cicerone anbot. 54 Drittes Kapitel. Ein Eichbaum der Druiden ſtund im Herzen Von einem ſel'gen, hochbeglückten Thal; Sein Feind, der Donner, ſchuf ihm keine Schmerzen, Es waren ſeine Kronen ohne Zahl, Und unter ſeinen Aeſten ſah man ſcherzen Die bunten Waldbewohner allzumal; In ſeiner Naͤhe girrte eine Quelle, Und bei des grauen Morgens erſter Helle Erſchien ein Hirſch von ſtolzen mäͤchtgen Enden, Auch ſeine ganze Heerde eilte her, Die Quelle mußte ihnen Labung ſpenden, Beinahe tranken ſie die Quelle leer. Byron. „Beim heiligen Georg! mein theurer Doktor! dieſes Volk da hat guten Grund, wenn es eine merkwürdig alte Miene annimmt,“ rief Oberſt Hamilton, nachdem ſie bei Brarham die Furt paſſirt und an einem niedlichen gothi⸗ ſchen Hauſe vorbeigeflogen waren, und um ſein Phanton in einen der prächtigen engliſchen Parks einfuhr, deſſen Eichen gleiches Alter hatten mit der Königin Beß, und deſſen raſige Plätze ſeit Menſchengedenken keine Pflug⸗ ſchaar geſehen hatten.„Ja! dieſe prächtige Allee muß zwei Meilen in der Länge haben!“ „Sie iſt die ſchönſte in England nach der langen Allee bei Windſor,“ entgegnete der Paſtor und führte, wie es Paſtoren gerne thun, eine Stelle aus Cowper zu Ehren von Alleen an; eine Stelle, die ſein Begleiter ver⸗ teufelt ſchön nannte, und von der er ſagte, ſie erinnere vollkommen an Byron.„Iſt dieſes das Schloß!“ fügte er hinzu, indem er auf ein ehrwürdiges, im gothiſchen Style erbautes Armenhaus zeigte, vor welchem eine dichte Allee Maulbeerbäume ſtand, die nicht genau erkennen ließen, was es für ein Haus war. und deren ſchwere Blätter dem ſchlanken Giebel Heiterkeit zu verleihen ſchienen. 5⁵ „Das Haus?“ entgegnete der Paſtor lächelnd;„wenn Sie doch der Eigenthümer von Hyde hören könnte] Das iſt Vernon⸗College, eine milde Stiftung aus der Zeit Eduards II. Ein großer Theil der Beſitzungen der Ver⸗ nons in dieſer und in anderen Graſfſchaften beſteht aus geiſtlichen Gütern, welche die Krone zur Zeit der Refor⸗ mation als Lehen gab. Wahrſcheinlich war es von dem. Günſtling Heinrichs VIII., Johann Lord Vernon, ein Akt der Genugthuung, daß er dieſe Güter an die Armen vertheilte, um die Ungerechtigkeiten der Kirche wieder gut zu machen.“ 1 „Oder vielmehr denke ich,“ entgegnete mit kirchlich⸗ geſinnter Erklärung Oberſt Hamilton, die unterdrückte Lage der Klöſter, welche früher zum Zwecke der Unter⸗ haltung und Verpflegung von Armen und Kranken aus der Hand frommer Perſonen Beiſteuer erhalten hatten, erheiſchte jetzt von Seiten des Mitleides eines begüterten Adelſtandes Vergütung und Erſatz.“ „Wir wollen die Beweggründe und das Gewiſſen des Lord Vernon nicht zu genau unterſuchen,“ rief Doktor Markham in guter Laune aus;„ich befürchte, unſere ganze Kenntniß von ihm, muß ſeinem ehernen Bildniß in der Kirche von Braxham entnommen werden. So viel genüge, daß ſeit ſeiner Zeit, bis auf die Gegenwart, die Armenhäuſer ſehr gut verpflegt worden ſind. Aber ſehet! vor uns ſteht das alte Ritterſchloß der Vernons.“ Nachdem ſie beinahe das Ende der Allee erreicht hatten, kam ihnen ein ſtatgliches Schloß zu Geſicht, deſſen Bauart an die Zeit der Königin Eliſabeth erinnert, das in einem geräumigen Hof ſtand, und mit Paliſſaden und Thü⸗ ren von Eiſen eingefaßt war. Wenn man ſich von einer ſtufenweiſe abwärts gehenden Allee her, aus ſolch' weiter Entfernung dem Hauſe näherte, ſo nahm es, wie die meiſten alten Schlöſſer, das Staunen des Reiſenden in Anſpruch, wenn die volle Ausdehnung ſeiner Fronte vor ihm aus⸗ gebreitet lag. „Und Lord Vernon,“ ſagen Sie,„hat einen ſchönern 56 Sitz als eben dieſen?“ rief voll aufrichtiger Verwunderung Oberſt Hamilton aus. „Einen angenehmern, denke ich, als die Nachbarſchaft 3 ſieht.„Vernons Schloß ſteht Alnwick und Gillingham wenig na Und Hyde ſteht dem Ritterſchloß Burlington und Dean⸗Park wenig nach,“ fügte der Oberſt hinzu. Es iſt ſo breit als lang.“ Doktor Markham war wohl der Anſicht, es ſei be⸗ trächtlich länger, als breit, aber ein dem Idealen zuge⸗ wandter Paſtor hatte nicht das Recht, ſich über den großen Unterſchied zwiſchen Schlöſſern von Lords und alterthüm⸗ lichen Edelmanns⸗Wohnungen, wie Dean⸗Park, zu ver⸗ breiten. „Und Sie ſagen, die Beſitzer wohnen hier blos ein Paar Wochen im Jahre, und die ganze übrige Zeit des Jahres hindurch, ſei dieſes herrliche Schloß leer?“ rief Oberſt Hamilton aus, als die Thüren des Hofes von einem armſeligen Stallbuben geöffnet wurden, und ſie in die ehrwürdige Halle einfuhren. „Doktor! Doktor! bei dem vielen Gerede, welches man gegen die Mehrheit in der Kirche hört, wundere ich mich, daß es kein Geſetz gibt gegen die Mehrheit von Paläſten bei Familien. Es kann, denke ich, nach Boneys Codex beides, für und gegen die Vertheilung von Erb⸗ ſchaften unter mehrere Söhne geſagt werden; aber, beim heiligen Georg! wenn ich im Parlamente ſäße, Nichts könnte mich verhindern, daß ich nicht aufſtände und ein für Jedermann verpflichtendes Geſetz in Vorſchlag brächte, daß, wenn ein Vater mehrere Söhne und Familien⸗ Wohnungen hätte, er denſelben ein einfaches Landhaus vermachen müßte, damit ſie darinnen glücklich ſein könnten, und damit das Land des Schadens los wäre, den herum⸗ ſchweifende jüngere Brüder anrichten.“ Doktor Markham ſagte: „Das Kapital iſt zu weitläufig, um es jetzt abzu⸗ handeln; und namentlich vor der Hausthüre eines Mannes, 5 — 57 welcher außer ſeinem engliſchen Sitze ein Schloß in Irland beſitzt, das groß genug iſt, um das Dorf Brarham in ſich zu faſſen, welches er, ſo viel mir bekannt iſt, ſeit dem Antritte ſeiner Güter noch nicht beſucht hat.“ Ehe Oberſt Hamilton eine unwillige Antwort darauf geben konnte, ging der Herr Pfarrer in die große Halle hinein, wo die alte Haushälterin in ihrer geſtärkten Haube und glatten Schürze auf ihre Annäherung wartete; die Schlüſſel in der Hand, den Mund voll von der kurzen und einfachen Herzählung der Herrlichkeiten der Vernons, eine Litanei von der Pracht und dem Pomp auf Hyde. Alles wurde nun hinter einander gezeigt; die große Treppe, die Barons⸗Gallerie, die goldene Kammer, die Gebelin⸗Tapeten, die blauen Damaſte, das Holbein⸗Zim⸗ mer, das Aſſemblee⸗Zimmer aus Cedernholz, die Kapelle, die gemalte Halle; und Oberſt Hamiltons Begeiſterung wuchs, als die alte Miſtreß Harkneß voll Redſeligkeit jeden Maler der betreffenden Werke nannte, und auf paſſende Weiſe ſeine Wichtigkeit, wie auch ihre eigene darzuſtellen ſuchte. 3 Vor Allem ſchienen die Reihe von ehrwürdigen Familien⸗Gemälden und tauſend merkwürdige, mit der alten Zeit verknüpfte Reliquien, des Oberſten Herz bei⸗ nahe ſo ſehr zu erfreuen, wie wenn er ein geborener Vernon geweſen wäre. Dieſe Vergegenwärtigung der Vergangen⸗ heit ſchien in ſeiner Seele für den Augenblick das leben⸗ dige Bild des Mittelalters hervorzuzaubern. „Das iſt gerade Etwas, um was die Yankees, die Nordamerikaner uns beneiden,“ rief er aus, nachdem er voll Entzücken die Gallerie des Barons überſehen hatte; um ſo Etwas, das Altengland gegen den Lärm einer Republick ſichert.“ „Ein Glied in der Kette der Konſtitution, welches den Vaſallen ebenſo treu erhält, als es den Adeligen loyal macht“ fügte der Doktor hinzu;„eine ſo antithetiſche Phraſe, welche klang, als ſei ſie voll tiefer Einſicht.“ 58 „Ich kann es dem Manne, der ſolch' ein Schloß beſitzt, in meinem Herzen nicht vergeben, daß er es vor⸗ zieht, anderswo zu wohnen,“ fügte der Oberſt voll Be⸗ geiſterung hinzu. Die alte Haushälterin glättete ihre Schürze, aber nicht ihre zuſammengezogenen Augbrauen, als ſie den „Hochehrenwerthen Lord Vernon“ blos einen Mann kurz weg nennen hörte. Der Umſtand, daß ihr ungenirter Beſucher ſeinen Namen in das Familienbuch eingeſchrieben hatte, und daß der Name des Oberſt Hamilton wegen Freigebigkeit in gutem Rufe bei der Nachbarſchaft ſtund, ließ ſie zwar beim Gehen der Beſuchenden das Geſchenk eines Nabos erwarten. Sie konnten alſo bei jedem Aus⸗ bruch von Beleidigung oder Kränkung bis zu dieſer Zeit hin geduldig ſein, aber doch brach ihr Zorn beinahe los, als ſie hörte, wie ſich ihr verehrter Geſellſchafter über die Würde und das Intereſſe von Hyde, aber über den weit höhern Vorzug, den Burlington habe, verbreitete. „Ich würde mich in einem ſolch' alten, wenn auch prächtigen Gefängniß, wie dieſes, zu Tode langweilen,“ war ſein immer wiederkehrender Ausruf. Dieſe Tapezierung hätte mich aus der Haut fahren laſſen. Die Leute müſſen ihre Ahnen zur Zeit Heinrichs VIII. gehabt haben, daß ſie ſolche Tapeten machen ließen. Ja! Burlington iſt dreimal ſo luſtig und fünfmal geſchmackvoller; ich ſage Nichts davon, aber Goody Johnſton wäre hier am Fieber geſtorben. Hamlyn wußte ſehr gut, was mir anſtändig war. Als ein Landedelmann bin ich auf meinem Ritter⸗ gute weit beſſer aufgehoben.“ Ddie Schrelligkeit, mit welcher die alte Horkneß die Thüre von den Prachtzimmern abſchloß, nachdem ſie den, der dieſe unverſchämten Ketzereien geſprochen, hinaus geſchloſſen hatte, zeigte wohl blos die Hälfte ihrer Ver⸗ achtung gegen den anmaßenden Beleidiger. Indem ſie ſich als einen Theil und als ein Mitglied der erlauchten Familie der Vernons betrachtete, war Dean⸗Park ihr 1 59 Waſchbecken, und über das Rittergut Burlington warf ſte den Schuh*)⸗ „Das iſt genug Grund, daß mein Herr den Platz meidet,, brummte die ernſte Haushälterin, als ſie ärgerlich des Oberſt Sovernige in ihre Börſe ſteckte, wenn er durch das Eindringen von den hochmüthigen Kreaturen des Bankier Hamlyn geſtört wird.“ Die Beſchreibung, welche Doktor Markham ſeiner Frau von dem kaum unterdrückten Zorne der alten Dame machte, diente dieſen Abend dazu, dieß gemüthliche Thee⸗ ſtündchen auf der Pfarrei zu verſüßen. „So war denn alſo Oberſt Hamilton mit ſeiner Fahrt zufrieden?“ fragte Frau Markham ihren Gemahl. „Zufrieden, wie ein Kind. Es thut dem Herzen wohl, wenn man ſieht, wie ein Mann mit Silberhaaren noch einen ſo friſchen Geiſt hat. An Allem, was er ſah und hörte, hatte er ſo viele Freude, als ein Schulknabe, wenn er über die Feiertage zu Hauſe iſt.“ „Und wie iſt er ſonſt?“ fragte Frau Markham.„Er ſagt mir, er ſei im fünfzehnten Jahre nach Oſtindien gekommen, nachdem er gerade das Karthäuſer⸗Kloſter verlaſſen habe, halb erzogen und ganz unbekannt mit engliſchen Gebräuchen und Vergnügungen.“ „Um ſo beſſer für ihn! Für den jungen Mann gegenwärtiger Tage, iſt Indien ein Verbannungsort, wenn er Haileybury verlaſſen hat; und dieſe Verbannung dauert bei der Neigung ſolcher Leute zur Verſchwendung lang. Hamilton übrigens war ſparſam und genügſam; und nun, da er nach Hauſe zurückgekehrt iſt, hat er an gewöhnlichen Vergnügungen, deren andere Leute ſatt ſind, eine ungemeine Freude.“ „Seine hauptſächlichſte Freude, mein lieber Mann! ſcheint, Gutes zu thun,“ bemerkte Frau Markham, welche wegen der vielen Ellen Flanell und wollenen Decken, mit denen er zu Gunſten der Armen von Orington ihr Magazin *) Dieſe Wendung kommt in einem der Pſalmen vor. bereichert hatte, für immer die verpflichtete Dienerin des Oberſt Hamilton war.„Kein Theil ſeines Herzens ſcheint die Gefühle ſeiner Güte zurückdrängen zu können. Alles iſt Sonnenſchein in ſeinem Herzen und es ſcheint, er theile andern Leuten einen Theil ſeiner Wärme mit. Ich kann die Freundſchaft nicht begreifen, welche ihn ſo eng verbindet mit einem Geſchäftsmann, wie— „Still, meine Theure! es iſt nicht unſere Sache, die Fehler des Beſitzers von Dean⸗Park zu beſprechen,“ gab der Paſtor zur Antwort.„Unter uns geſagt, ich habe den Gedanken, Hamlyn ſer nicht beſonders darauf aus geweſen, dem alten Edelmann das Gut von Hyde zu zeigen.“ „Vielleicht aus Furcht, er möchte den Geſchmack an ſeinem eigenen verlieren?“ „Gewiß! Die Achtung des braven Oberſt für unſere Schulhäuſer und Spitale in Orington war ein wenig vermindert, als er den Vorzug der Einrichtung von Vernon⸗ College bemerkte. Aber auf was zielt dieſes? Die Vernons haben vor vierhundert Jahren gethan, was die Hamlyns erſt vor fünfzig Jahren zu thun anfingen, aber, wie ich ſicher glaube, in den kommenden hundert Jahren immer thun werden. Ein Marſchall Napoleons, der alte Lefebre, ſagte einſt zu einem Edelmann aus der alten Zeit:„Sie ſind auf Ihre Ahnen äußerſt ſtolz.“„Wohl, erwiederte dieſer, aber ich bin ein Ahne.“ Ueber kurz fder lang werden Hamlyns Abkömmlinge im Oberhauſe tzen.“ „Aber Dean⸗Park wird niemals ſein, was Hyde im Jahre 2235 ſein wird,“ bemerkte die Gattin des Pfarrers unter Kopfſchütteln. „Ich habe keine Sorge deßhalb,“ erwiederte ihr Gatte, indem er über den feierlichen Ton lachte, mit welchem ſie das Letzte geſprochen hatte.„Was wir immer für die Nachwelt thun mögen, wir bauen nicht für ſie. Doch hätte es mich geärgert, wäre der arme Hamlyn dieſen Morgen von dem Staunen ſeines alten indiſchen Freundes Zeuge geweſen, als dieſer entdeckte, daß die 61 Erweiſe von Wohlthätigkeit, welche er blos in der Weis⸗ heit und Tugend von Dean⸗Park ſuchen zu müſſen ge⸗ glaubt hatte— eine Haupterfindung Richard Hamlyns des Esquires M. F.— nur eine erneuerte Ausgabe der alten Milde der Vernons iſt.“ Doktor Markham, welcher als ein prvoteſtantiſcher Kirchendiener von den Vortheilen ausgeſchloſſen war, welche die Beichte gegenüber von den Pfarrkindern hat, denen er blos des Sonntags die Bibel erklären mußte, konnte ſich die Ausdehnung des Einfluſſes nicht denken, welchen dieſe Eiferſucht, dieſe Nebenbuhlerſchaft ſein ganzes Leben hindurch auf das Benehmen und den Charakter Richard Hamlyns gehabt hatte. Seine Gemüthsart, wie ſeine Schickſale waren eigentlich durch die Nachbarſchaft von Dean⸗Park und Hyde geſchaffen worden. Als der einzige Sohn eines Geſchäftsmannes, der durch eine der gewaltigen Spekulationen, welche Millionen ſchufen und wieder vernichteten, während der erſten Hälfte des letzten Jahrhunders unvermuthet reich geworden war, hatte der ältere Hamlyn das Gut Dean, den Park mit eingeſchloſſen, gekauft und die Beſitzung mehr zuſammen⸗ gezogen. Er überließ ſodann ſeinem Sohne, dem Vater des gegenwärtigen Beſitzers, die Sorge, ein im Verhältniß mit dem Gute ſtehendes Familienhaus zu bauen. Die Leute bauen niemals Häuſer, welche mit ihren Gütern im Verhältniß ſtehen. Ihr Stolz läßt es ihnen nicht zu, ſo wenig, als ihre Baumeiſter. Wenn ſie ein Hans bauen, ſo iſt es, wie wenn ſie dem Publikum einen Dienſt erweiſen und ihm die Größe ihres Beſitzthums zeigen wollten; und entweder Klugheit als Bankier, oder gewöhnliche menſchliche Schwäche verleiteten den alten Hamlyn, eine ausſchweifende Meinung von ſeinem Be⸗ ſitzthume zu verbreiten, indem er eine Wohnung für ſich erſchuf, die für ihre Unterhaltung das Einkommen und Vermögen eines Lords erforderte. Deer zu jener Zeit lebende Lord Vernon war unglück⸗ licherweiſe ein einfacher, geſellſchaftlicher Mann, welcher 62 ſeine Stellung um viel zu nieder anſchlug, als die gegen⸗ wärtigen Glieder der Familie dieſelbe zu hoch anſchlugen. Durch das Band von ländlicher Nachbarſchaft mit Hamlyn von Dean verbunden, oder vielmehr zu dem Zwecke ver⸗ bunden, Füchſe zum Behufe der Jagd zu ziehen, Ein⸗ dringlinge zu verfolgen, Wilddiebe zum Wohl der Ge⸗ meinde abzuſtrafen, begann der Pair zur Zeit, als der Peuter ein Haus baute, ihm einen böſen Rath zu er⸗ theilen. „Es iſt kein größerer Mißgriff, als wenn Sie ſich wegen der Koſten von einer ſchlechten Portion Ziegel und Mörtel in der Zahl Ihrer Zimmer, Ihrer Schlafgemache oder der guten Einrichtung des Platzes für das Dienſt⸗ perſonal einſchränken laſſen,“ ſagte er.„Ein Paar tauſend Pfund, mehr oder weniger, macht den ganzen Unterſchied zwiſchen einem gewöhnlichen und einem flotten Hauſe aus.“ Dieſem Grundſatze gemäß, baute nun der alte Hamlyn ein Haus, welches ausgezeichnet war, und richtete es nach dem Muſter von dem Lord Vernons ein. Die Folge war, daß, als die neue Familien⸗Wohnung der Hamlyns bei Gerichts⸗Sitzungen, Amts⸗Verſammlungen, bei den vier⸗ teljährigen Ruggerichten zur Sprache kam, die ärmeren Sdelleute der Nachbarſchaft zu prophezeien wagten, nach dem Tode des alten Bankiers und der Theilung ſeines Vermögens, werde Dean⸗Park für ſeinen Sohn zu viel ſein. Der alte Gratwycke führte die Stelle aus Bako an, in welcher es heißt: ein Haus mit Seitenflügeln fliege oft mit ſammt dem Gute davon; indeß Herr Barlow von Adlerham die Thorheit des Bankiers einſah,„das Ormeau der Lombardſtraße“ nannte. Dieſe Bemerkungen hatten nicht das Glück, das Ohr Richard Hamlyns zu erreichen, bis er eine glückliche Gelegenheit, ſein Vermögen zu vermehren verſchmäht und ſich mit einem Mädchen verbunden hatte, welches blos tauſend Pfund Sterling beſaß und in den Geld⸗Zirkeln, welchen er angehörte, als arm galt. Die höhniſchen Verdächtigungen ſeiner Nachbarn auf dem Lande gaben 63 ihm manchen Stich in's Herz, doch nach ſeines Vaters Tode, welcher ein Jahr nach ſeiner Heirat erfolgte, war er ſo weit entfernt davon, Dean⸗Park verlaſſen, oder die von ſeinen Eltern geſchaffenen, ausgezeichneten Wohl⸗ thätigkeits⸗Anſtalten in Verfall kommen laſſen zu müſſen, daß er vielmehr bereits weiter gekommen war, und den hohen Fuß ſeiner Haushaltung eher erhöhte, als vermin⸗ derte; daß er durch die bewunderungswürdige Ordnung, welche er in ſeinem Hauſe, in der Küche, den Ställen, auf dem ganzen Gute, ja in ſeiner eigenen Familie hielt, fähig war, ſeine Stellung in der Grafſchaft zu behaupten, ohne ſich vor einem Vernon auf Hyde oder einem Bur⸗ lington auf Burlington ſchämen zu müſſen. Niemand hatte mehr das Recht, zu ſagen, der Bankier habe ſich überbaut. Das Einzige im Hauſe, von dem man bemerken konnte, daß es ſich verſchlimmert habe, war das Herz ſeines Herrn. In dem Maße, als der gegenwärtige Beſitzer von Dean⸗Park entſchloſſen ſchien; in die Fußſtapfen ſeines Vorgängers zu treten, ſchien nun der Lord Vernon, welcher im Verlauf der Zeit, und dieſer war ein ſchläfriger, auf den alten heitern Jägersmann folgte, entſchloſſen, auf Hyde eine neue Ordnung der Dinge einzurichten. Wie wenn er auf die alte Wohnung, wo ſein Vater ſo luſtig gelebt, einen Groll geworfen hätte, rückte er alle Zeit, die ihm von ſeinen Zerſtreuungen in London übrig blieb, an den Aufenthalt in ſeinem Schloß im Norden; auch wenn er Warwickſhire beſuchte, das er zur Zeit des alten Lords im Parlamente repräſentirt hatte, theilte er die Aufmerk⸗ ſamkeit, welche er ſeinen Nachbarn ſchenkte, mit ſolch' pünktlicher Rückſicht auf die geſteigerten Anſprüche aus, welche ſie auf die Ehre ſeines Umgangs mit ihnen machten, daß einer oder zwei der aufrichtigſten Landedelleute es für paſſend fand, die Beſuche des Lordes, welche ihnen nach dem exact berechneten Verhältniſſe des Flächeninhalts ihrer Beſitzungen zugemeſſen wurden, als eine Beleidigung zu erklären. Der alte Gratwycke zum Beiſpiel, deſſen 1 64 Beſitzthum aus einem Pachtgut beſtand, welches ſeine Familie ſeit der Zeit des Dun⸗Cow inne hatte, erkannte, als gelegenheitlich ein Jahr über das Verdienſt des franzöſiſchen Koches, des italieniſchen Zuckerbäckers, des deutſchen Gaſtwirths von Lord Vernon beſprochen wurde, in ſolchen Dingen keinen hinreichenden Erſatz für die Unverſchämtheit der Frau und Tochter ſeiner Lordſchaft. Da es ihm nicht möglich war, mit dem Sohne die gleichen Pachtbedingungen inne zu halten, wie mit dem Vater, ſo zog er es vor, das Daſein von Hyde zu ignoriren. Daſſelbe war bei Richard Hamlyn nicht der Fall. Er konnte dem Ehrgeize, in welchem er auferzogen und geſäugt wurde, mit den Vernons auf freundſchaftlichem Fuße leben zu dürfen, nicht auf einmal entſagen. Er dachte, dieſe Bekanntſchaft habe ihm bei der Familie ſeiner Frau, bei den Connexionen in der Stadt, in der Graf⸗ ſchaft, in der ganzen Welt Wichtigkeit verliehen, und ſo oft Lord und Lady Vernon in Warwickſhire waren, ſchmerzte ihn die unverſtellte Vernachläſſigung, welche er von Hyde erfahren mußte, tief. Während der londoner Bankier nach der Bekannt⸗ ſchaft mit den bedeutenden Leuten, welche das Licht ihres Antlitzes weggezogen hatten, immer hungerte und durſtete, begnügte ſich der Reſt ſeiner Landnachbarin, der lang⸗ wierigen Krankheit und dem frühzeitigen Tode Sir Roger Burlingtons und der Ankunft eines Nachfolgers auf dem Rittergute ihre Theilnahme zu ſchenken. Tauſend ſonderbare Vermuthungen betrafen den neuen Pächter, den fremden Nabob, den reichen Wittwer, welcher, wenn auch zu alt, um wiederum zu heiraten, mindeſtens in einem Alter war, wo er ſterben und wo man ihn be⸗ erben konnte. Oberſt Hamilton war ein eigentlicher Schatz für die Klatſchgeſellſchaften von Brarham und Orington. Seine zwei indiſchen Bedienten, ſein Hookah, ſeine Tibet⸗ Ziegen, ſeine indiſchen Merkwürdigkeiten aller Art, waren für den Kirchſprengel eine ebenſo bedeutende Hülfsquelle, als eine Menagerie von wilden Thieren; und als es 65 ruchbar wurde, daß er von einem Chriſttagsball zu Ehren der jungen Miß Hamlyn ſprach, war Jedermann damit einverſtanden, daß Sir Roger Burlington klug daran gethan habe, ſeinen Familienſitz zu räumen, und daß man der Wittwe ungemein dafür verbunden ſein müſſe, weil ſie ſich in Italien niedergelaſſen habe. 3 Im Verlaufe der Zeit nahmen die Streitigkeiten zwiſchen des Oberſten Tacktotum Johnſton und Sir Rogers Obergärtner Anderſon, welchen er auf den Rath Hamkyns hin, beim Antritt des Gutes übernommen hatte, das Intereſſe der Nachbarſchaft von Orington eben ſo ſehr in Anſpruch, als die Wahl eines Repräſentanten für die Grafſchaft. Nun aber hatte ſich der Oberſt entſchloſſen, den Doppelſchlüſſel zu ſeinen Gärten und ſeinen Ananas⸗ Treibhäuſern an Goody Johnſtorn zu vergeben und den Ober⸗ gärtner abzudanken. Die Meinungen hierüber waren ver⸗ ſchieden. Einige dachten, ein Gärtner, welcher dem letzten Sir Roger ſeine grünen Erbſen am Chriſttag, ſeine Erd⸗ beeren am Valentinstag, ſeine Pfirſiche am erſten April ganz ſicher zu liefern gewußt habe, thue Recht daran, wenn er nicht mit ſich ſpaſſen laſſe, indem er ja auch an⸗ derswo ſeine zweihundert Guineen jährlich verdienen könne. Aber die Mehrheit waren entſchiedene Johnſtoner und ſchwuren, Oberſt Hamilton, gleich den Königen von Deutſchland, die das Recht haben, ihre Kämmerer ſelbſt zu wählen, habe das Recht, ſeine Schlüſſel nach Willkür zu vergeben. Sogar Frau Hamlyn wagte es, ihre Meinung ab⸗ zugeben, als ſie hörte, Anderſon habe voll Unwillen ſeine Dienſte auf Hyde angeboten. „Ich fürchte, Sie werden ihn ſchmerzlich im Blumen⸗ Garten vermiſſen,“ ſagte ſie.„Durch lange Uebung hat Anderſon beſſer mit den Treibhäuſern auf Burlington uegrhen gelernt, als ein Fremder mit ihnen umzugehen weiß.“ „Meine gute, theure Lady!“ rief der Oberſt dagegen aus;„ich wollte lieber, all' die Gebüſche und Strauch⸗ Die Bankiersfrau. I. 5 66 werke wären entwurzelt, und kein Ananas würde mehr in meinem Hauſe gegeſſen, als daß ich einen Menſchen in meine Dienſte nehmen ſollte, der darauf ausging, die Goody Johnſton zu kränken. Welchen Schaden hätte ſie in dem Garten angerichtet? Mehr als mein Weib oder meine Tochter, wenn ich ſolche hätte? Laßt den Burſchen nach Hyde gehen, und laßt Hyde zum Teufel gehen, eher, als daß ich ſehen müßte, daß unter meinem Dache der treuen Dienerin des treuſten Weibes, welches je einem Gatten ihr Angedenken in's Herz prägte, Unrecht ge⸗ ſchehen ſollte.“ 3 Bei dieſer Gelegenheit wandte ſogar der Bankier ſeinen Einfluß vergebens an. Herr Hamlyn machté die Entdeckung, daß der alte Oberſt, obgleich in Geſchäfts⸗ ſachen eine Puppe in ſeiner Hand, da, wo ſeine Gefühle in Betracht kamen, die Hartnäckigkeit eines eigenſinnigen Maulthieres zeigte. Die Briefe ſeiner Frau ſetzten ihn in Kenntniß, daß dieſelbe zu ſtolz oder zu gleichgültig ſei, um durch ihren perſönlichen Einfluß dem von den begünſtigten Dienern des Oberſts entgegen zu arbeiten, gegen deſſen Einfluß auf ihn er die am meiſten mißtrauiſche Eiferſucht zeigte, und deßhalb klagte ſich der Bankier der Unverſichtigkeit an, daß er den Nabob aus dem Bereich ſeines Umgangs gelaſſen habe, wo er ihm tägliche Folgſamkeit und Ge⸗ horſamleiſtung zu erweiſen gewohnt war. Er kam die fölgende Woche auf einen Unterſuchungsbeſuch nach Dean⸗ ark.—. „Entſchuldigen Sie mich, mein theurer Hamlyn!“ rief bei ſeinem Anblick ſein aufrichtiger, alter Freund; „wenn ich ſage, Ihr düſteres Geſicht und Ihre ſorgenvolle Falten, haben für mich einen ſonderbaren Widerſpruch mit meinem Landleben. Sie ſind ſo jung, daß Sie mein Sohn ſein könnten, und beim heiligen Georg! Sie ſehen ſo alt aus, daß Sie mein Vater ſein könnten.“ „Die letzte Zeit und die ſcharfe Atmoſphäre des 1 nete Hamlyn, indem er zu „So lange, als Sie um liche Sorge tragen, darf ich nach r Fehler darin finden,“ entgegnete der Herr von Burlington ſcherzhaft.„Aber ich fühle, daß ich nun anfange, als Landedelmann Euch allen Vortheil abzugewinnen. Nicht als ob der Stand eines Landedelmannes nicht ebenſo gut ſeine Brombeerſträuche als ſeine Brombeeren trägt. Ich denke, Frau Hamlyn oder die liebe Lydia ſchrieb Ihnen, daß die Leute hier herum ein wahres Teufelsſpiel mit mir getrieben haben 2“ Dieſe familiäre und liebreiche Benennung ſeiner Tochter klang im Ohre des Bankiers unangenehm; und indem er das Wort„Leute“ in der niedrigften Bedeutung nahm, ſagte er:„Frau Hamlyn ſetzte mich davon in Kenntniß, daß die Fiſchteiche auf dem Rittergute Bur⸗ lington beraubt worden ſeien.“ „Die Pächter beſchworen den Raub eidlich und ſtahlen am Ende die Fiſche ſelbſt. Aber ich ſpiele auf Markham und Gratwycke an, welche mich hier mit Gewalt beim Friedensrichteramt anſtellte. Der Doktor beliebte zu be⸗ haupten, ich habe, da ich das Gut Burlington gemiethet, ——— 68 das Geräuſche und den Wirrwar, mit dem ſich eine Magiſtratsperſon herumzuſchlagen hat, gepachtet.“ „Sehr dienſtfertig von Markham!“ bemerkte der Bankier, dem jeder Vorſchlag mißfiel, welcher darauf zielte, Oberſt Hamiltons Verbindung mit der Geſellſchaft zu er⸗ weitern; und auf jeden Fall wollte er, der Vorſchlag ſollte von ihm ausgehen. Es kam ihm vor, als wenn Gratwycke und der Pfarrer, dadurch, daß ſie mit Oberſt SHamilton in Verbindung traten, in ſein Eigenthum einen Eingriff gemacht hätten. „Hätte ich die Sache zeitig erfahren, ſo hätte ich dagegen proteſtirt, damit Sie nicht in ſo vielen Wirrwarr und Verantwortlichkeit hineingerathen wären,“ ſagte er.„Bei Ihrem Alter mein theuerer Herr! denke ich wirklich“— „Gehen Sie! Gehen Sie! ich habe kein großes Recht, zu meinem Alter Zuflucht zu nehmen,“ rief der Oberſt aus.„Dieſe Gentlemen ſehen, daß ich jung genug bin, um mich durch einen Ritt hinter meiner kleinen Lydia, die ich mit meinem Klepper auf dem Lande herum mache, zu amüſiren, und ſind klug genug mir einen nützlicheren Zeitvertreib anzuweiſen.“ „Allerdings iſt in unſerer Gegend ein trauriger Mangel an tüchtigen Leuten,“ erwiederte Hamlyn, der einſah, daß dem Oberſt es lieb war, wenn man ihn jetzt in Feuer ſetzte.„Die Nachbarſchaft iſt dünn. Hyde gibt uns keinen Beiſtand. Gratwicke iſt beinahe veraltet.“ 1 „Und keinen müßigen Mann unter fünfundſechszig gibt es zwanzig Meilen in der Stunde,“ rief Oberſt Hamilton aus.„Arme Lydia! ſchlimme Neuigkeiten für die arme theure kleine Lydia! Ich kann nicht begreifen, was Du an Deinem Chriſtagsballe anfangen willſt, meine Theure! wenn Du nicht Deinen Bruder Walsher bewegen kannſt, Dir einige ſchöne Sachen von London mitzubringen.“ Obwohl Hamlyns frühern Befehle gegenüber, ſeiner 69 Familie jegliches Opfer gerechtfertigt hatten, welches ſeinem beguͤterten Schützling das Landleben erheitern konnte, war er doch über dem Tone von Vertraulichkeit, der ſich, wie es ſchien, zwiſchen dem Oberſt und ſeinen Töchtern gebildet hatte, beunruhigt. Ehe er in die Stadt zurückkehrte, machte er ſeiner Frau ernſte Vorſtel⸗ lungen darüber, daß der Anſtand äußerſt locker beobachtet werde, ein Uebelſtand, der ſeine Quelle in der Abweſen⸗ heit der Miß Creswell habe. „Was werden die Vernons denken,“ ſagte er,„wenn ſie von den Miß Hamlyns hören, daß ſie trotz der auf ihre Erziehung gewandten Sorge, einen Ritt auf dem Lande herum mit ihren Kleppern machen, um Oberſt Hamiltons eigene Ausdrücke zu brauchen? Und was iſt wohl das für ein Glück für Walther, der ſich doch der Gnade des Oberſt empfehlen ſoll, da doch Lydia immer der erſte Gegenſtand ſeiner Sorge iſt?“ Frau Hamlyn hatte vor ihrem Gemahl zu viele Achtung um ihre Töchter oder ſich ſelbſt von dieſem Vorwurfe freizuſprechen. Aber nachdem ihr Gemahl in die Stadt zurückgekehrt war, machte ihr der Gedanke viele Freude, daß das Landleben dem alten Oberſt über d Eigenſchaften ſeines Freundes die Augen geöffnet atte. „Hamlyn geht geradezu nach London,“ ſagte er. „Er iſt ein exquiſiter Geſchäftsmann. Den Edelmann ſpielen iſt nicht ſein Element. Er hat den ſichern Ge⸗ ſchmack eines Landmannes nicht. Es iſt, wie wenn er Einen immer mitten in ein Rübenfeld hinein führe. Seine Pächter haben Achtung vor ihm, aber mehr dem Namen, als der Sache nach; und trotz dem, daß er für die Armen Alles gethan hat, und trotz dem, daß be⸗ wunderungswürdiger Verſtand dazu gehörte, um ſo Vieles auszurichten, ſcheint es, als fühlen ſie ſich in ſeiner Gegenwart doppelt arm. Er iſt zu geziert und gewichſt für einen Jägersmann, ein zu großer Stubenhocker, um ein Bauer zu ſein. Die Bombardſtraße und Cavendiſh⸗ 4 70 Square, die Sitzungen im Parlements und in der City find die rechten Plätze für Hamlyn. Es gibt Leute, von denen es ſcheint, ſie ſeien nicht für die offene Luft geboren.“ „Wenn Jemand erſt fünfundvierzig Jahre alt iſt, ſo iſt es ſchwer zu errathen, wozu er geboren iſt,“ ſagte mit einem Seufzer Frau Hamlyn. So ernſthaft mein Gemahl jetzt ſcheint, ſo ungemein heiter war er zu der Zeit, als ich mich mit ihm vermählte, ſo heiter war er, als ſein Sohn Walther jetzt iſt. Das kann ich Sie verſichern.“ „Walther iſt wild, iſt es wahr? Das freut mich; ein wilder junger Mann läßt gutes hoffen. Mein Sohn Jack war eine der wildeſten Doggen, welche je Eton verließen. Walther war die ganze Zeit über, da ich in London war, in Windſor einquartirt, und ich fange an, zu wünſchen, ich möchte ſeine Bekanntſchaft machen können. Kommt er niemals nach Dean⸗Park herüber?“ † „Wenn die Zeit der Jagdparthien anfängt.“ „Ein ſonderbarer Grund, um ſeines Vater Haus zu beſuchen! So ging es meinem Freunde, Sir Joſuah Alltrunp, welcher mir erzählte, er habe dem Goites⸗ dienſte in der königlichen Kapelle blos deswegen beige⸗ gewohnt weil die Mufik ſo köſtlich geweſen ſei.“ „Ich geſtehe es, mein Sohn iſt ein leidenſchaftlicher Freund der Jagd,“ ſagte Frau Hamlyn.„Nun gut! Iin dieſer Zeit iſt es lobenswerth an einem Jüngling, wenn er ein leidenſchaftlicher Freund von Etwas iſt! Mir erſcheinen wirklich alle Knaben ſo träge und verkümmert, als wenn ſie ihr Leben in der Bombardſtraße zugebracht hätten; alt ſind ſie, bevor ſie Hoſen an haben, und halbe Greiſe, ſo lange ſie noch die Anfangsgründe des Schul⸗ unterrichts lernen, heut zu Tage würde es mich gar nicht wundern, müßte ich hören, daß ein Schulknabe von Eton die Gicht habe. Nun gut! ich muß, denke ich, geduldig warten, bis die Hunden vor der Kette ſind, um dem Meiſter Watty die Hand zu ſchütteln.“ 71 Frau Hamlyn konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, wenn ſie an den Unwillen dachte, mit welchem, wär Dean⸗ Park im Bereich der Ohren von der Kaſerne in der Leintuchſtraße geweſen, ihr überfeiner Sohn eine ſo familiäre Bezeichnung ſeiner ſelbſt gehört hätte, und zwar aus dem Munde eines Individuums, welches von Kapitän Hamlyns dann bis Berſaba, das heißt von der St. Jamesſtraße bis Whitehall hätte reiſen können, ohne auf den Blick eines Bekannten aus den Fenſtern eines Geſellſchaftszimmers heraus getroffen zu haben, und deſſen Kleider von ſeinem unbedeutenden Schneider, ſo ins Blaue und Unbeſtimmte hinein zugeſchnitten waren, daß ſie jedem andern Manne in der Grafſchaft ebenſo gut hätten anſtehen können. Doch verwandelte Frau Hamlyn ihr Lächeln in eine ſtille Bitte zu Gott, die Zeit möge kommen, in welcher Walther, der jetzt der Selave des Anſtandes ſei, den ächten Werth eines Mannes, wie der ſchlichte Oberſt vor ihr, erkennen möge. 3 7 72² Viertes Kapitel. Voy meiner Seele ſeh ich meine Jugend; O Geiſt der ſchönen Zeit! erſtehe du; Mein Blick war einſt entflammt von jeder . Tugend; Dem Himmel flogen meine Schwingen zu. Läßt du, der Fusend Seiſt dich nicht mehr nden, So ſteh ich einſam, ſteh ich ganz allein. Die Sonne kann des Himmels Licht entzunden, Sie ſchafft nicht Blumen aus dem Stein. Der Stolz, der ſeine Qual verhehlt, ſchafft mer . imm Die eiſge Kälte, die zu Allem lacht; Gar viel erſcheint uns in der Freude Schimmer, Und iſt zu unſrer Unluſt nur gemacht. L. Bulwer. Mittlerweile waren allmählig die Verdienſte des neuen Herrſchers vom Rittergute Burlington in wichtigern Quartieren, als im eingebildeten Kopfe eines wieder⸗ wärtigen Oberſten der königlichen Hausbrigade anerkannt worden. Die Adeligen auf dem Lande wünſchten ſich bereits zur Gewinnung eines Mannes Glück, welcher ihnen in ihren Geſchaͤften als Friedensrichter in der Weiſe eines Mannes zur Hand ging, der vierzig Jahre lang im Dienſte geſtanden war, und nicht durch fehl⸗ geſchlagene Hoffnungen, welche hie und da die Philan⸗ thropie verſauern, und den Patriotismus der erwählten Väter einer Grafſchaft verkümmern können, verdrießlich geworden war. Bei Amtsverſammlungen, bei Gerichts⸗ ſitzungen, bei landwirthſchaftlichen Verſam lungen war der herzliche, thätige, alte Mann immer der erſte und letzte auf dem Platze.. Hauptſächlich jedoch war er von den geringern Gemeindevorſtehern als der Eigenthümer eines empfäng⸗ 3 —— 73 lichen Herzens und vollen Beutels, bei denen beiden die Thüre immer offen ſtand, anerkannt und geachtet. Der Umſtand, welcher in Indien ſeine Aufmerkſamkeit zuerſt auf die Firma von Hamlyn und Compagnie gezogen hatte, war die Ausdehnung und Sicherheit der Sub⸗ ſeriptionen Hamlyns zu Gunſten aller öffenlichen milden Stiftungen und Einrichtungen, wobei der gute, heitere Mann nicht daran dachte, daß dieſe Geſchenke eben ſo viele Ankündigungen ſeiner Solidität ſein ſollten, und daß des Aufſehens wegen ſeine Kaufmannsfirma in die Spalten der Zeitungen eingerückt werde, damit dieſe Firma auf den Schwingen ſeiner wohl berechneten Wohl⸗ thätigkeit zu den vier Theilen der Welt getragen werde. Ohne die geſegnete Wiederholung dieſer Maßregeln hätte wohl Hamlyns Name niemals Ghazernpare erreicht. So unſchuldiger Weiſe, als der Oberſt in die Schlinge gefallen war, ſo ſehr ſuchte er nun durch die gleichen Mittel die Achtung einer Grafſchaft zu gewinnen, welche gegen ihn als den Eindringling in das Beſitz⸗ thum des alten Hauſes von Burlington ein übles Vor⸗ urtheil gehabt hatte. „Was iſt der neue Pächter vom Gute des armen Burlington für ein Mann!“ wurde gar zu eifrig gefragt, als die erſten Nachrichten von der durch das Eindringen eines Fremden verurſachten Entweichung des Rittergutes auskamen.„Ich weiß es in der That nicht. Ein Mann, der ſich ſein Vermögen in Indien erwarb und durch den Bankier Hamlyn in ſeinen Connaiſſancen in der Stadt gefordert wurde, war die herabſetzende Antwort. Und die Landedelleute, im Allgemeinen friſchen Ankömmlingen ungünſtig und in Gedanken an einen reichen Empor⸗ kömmmling doppelt mißmuthig, welcher ſie durch ſeine Tracht erdrücken, durch ſeine Equipagen ausſtechen, und durch die Freigebigkeit gegen ſeine Dienerſchaft ihr Haus⸗ geſinde verderben könnie, ſraauen gegen den Schützling des Bankiers eine ſtille Verſchwörung an. Aber ſobald ſie in dem Nachbar, den ſte ſich als * einen mürriſchen, geſchwächten, hypochondriſchen, leber⸗ ſüchtigen Mann, als das Opfer ſchwarzer Pillen gedacht hatten, einen friſchen, wohlgemuthen, alten Edelmann fanden, der den Merkwürdigkeiten der Graſfſchaft ein ebenſo wahrhaft kindliches Intereſſe ſchenkte, als mannig⸗ fache Sorge für ihre Bedürfniſſe und ihre Wohlfahrt 5 hegte, waren ſie augenblicklich ſeine ausgemachten Freunde, wobei ſie ſich blos wunderten, wie zwiſchen den freien, geſchwätzigen, alten Indier, und dem ruhigen, pfleg⸗ matiſchen, ſtarrköpfigen Eigenthümer von Dean⸗Park Freundſchaft beſtehen könne. 3 In der Grafſchaft war Hamlyn mehr gelobt als geliebt. Sein, eines Edelmannes würdiges Benehmen und ſeine ſchöne geordnete Haushaltung geboten Achtung, aber die Edelleute in der Nachbarſchaft waren während ſeiner Abweſenheit nicht verlegen, ſeine den Staatsmann verrathende Auſſenſeite oder die Niedlichkeit und ſtädtiſche Zierlichkeit ſeiner Muſterwirthſchaft zu verhöhnen. In der erſten Reihe dieſer Leute ſtand ein Edel⸗ mann, Namens Barlow, welcher ſich ungemeine Mühe gab, ſich als Barlow von Alderham der öffentlichen Aufmerkſamkeit zu empfehlen, damit nicht, da er in der. Grafſchaft hauptſächlich als Lord Vernons Agent bekannt war, überſehen wurde, daß er durch Erbſchaft ein rechtes Weſen, ein Esquire von Bedeutung geworden ſei. Daß das in Frage ſtehende Alderham ein mit einem Waſſer⸗ graben umgebenes Haus war, das auf einem jährlich vierhundert Pfund eintragendem Gute ſtand, war von wenig Bedeutung. Uebrigens waren die hohen erlauchten Herrn von erlauchtem Adel der Barlows unter dem Dache dieſes Hauſes geboren, und Barlow war deßhalb berechtigt, bei Schmauſereien und anderen Zuſammen⸗ künften in der Nachbarſchaft mit lauter Stimme über gräfliche Familien, Erbſchaftsrechten und den Feldange⸗ legenheiten der Graſſchaft zu ſprechen. Barlow von Alderham war in der That niemals kleinlaut, auſſer, wenn ſein Herr, Lord Vernon, gerade auf Hyde wohntz 75 aber man bemerkte, daß er ſeine Stimme nie ſo heraus⸗ fordernd erhob, als wenn Richard Hamlyn von Dean⸗ Park zugegen war. Bei den verſchiedenen Wahlſtreitigkeiten erſchien Barlow von Alderham als der Generaliſſimus der Parthie Vernon; und, da er immerwährende Niederlagen erlitt, ſo war es natürlich daß er bei anderen Gelegenheiten ſeine rächenden Pfeile nach der verwundbaren Ferſe des Bankiers zu ſchieſſen pflegte. In manchen Punkten errang er Vortheile über ihn. Er hatte immer die Hand im Spiele, und hielt immer feſten Stand, wo zwei oder drei Landapoſtel beiſammen waren; beſtändig eilte er in Lord Vernons Geſchäften oder in ſeinen eigenen auf ſeinem wohlbekannten braunen Roſſe in der Grafſchaft umher, und beſonders theilte er, als Vicegouverneur vom Schloß Hyde, die vom Lord zu vergebenden Vergünſti⸗ gungen in Bezug auf die Jagd, das Fiſchen, ſo wie die Schlüſſel des Parks für Privatperſonen aus. Die Leute, welche mit den Vernons auf gutem Fuße zu ſtehen wünſchten, meinten, ſie könnten keinen beſſern Anfang machen, als, indem ſie mit Barlow von Alderham auf guten Fuß zu ſtehen kämen. Alles dieſes wurde Oberſt Hamilton, bei ſeiner erſten Ankunft in Warrikſhire, durch Hamlyn vollſtändig auseinander geſetzt; und, da der alte Edelmann keine Neigung zum plaudern hatte, und bei ſeiner aller erſten Zuſammenknnft durch den hochtrabenden Ton des Agenten und ſeine ewigen Anſpielungen auf gräfliche Familien⸗ und Erbſchaftsrechte in üble Laune verſetzt worden war, nahm er mit ſo viel Kälte, als ſich mit ſeinem leut⸗ ſeligen Temperamente vertrug, die höflichen Anerbietungen eines Mannes hin, der ihm fälſchlicherweiſe von dem Bankier als den Seclaventreiber eines Lordes dargeſtellt worden war. Er konnte Barlow von Alderham und den beſoldeten gemeinen Schlüſſelträger Lord Vernons im Geiſte nicht trennen. Erſtaunt über den Mangel an Achtung mit welchem ſeine Artigkeit von einem Manne aufgenommen worden war, welchen ihm Dr. Markham und der alte Gratwycke als das artigſte und gütigſte menſchliche Weſen beſchrieben hatten, ſagte Herr Barlow, dem das Pflichtgefühl für das politiſche Intereſſe ſeines Herrn verbot, Empfindlichkeit zu zeigen, dafür, durch ausdrückliche Befehle, welche er den Haushaltern auf Hyde ertheilt, die Privilegien zu Waſſer und zu Land, welche der letzte Sir Roger genoſſen hatte, auch ſeinem Nachfolger zu übertragen. Auch wurde ein Schlüſſel von der Privatthüre des Lords zu ſeinem Parke, in welchem der Name des Oberſt Hamilton eingraviert war, nach Burlington zu Hamilton abgeſandt, welcher, unbekannt mit den Gebräuchen in der Graſſchaft, und in der Meinung das Recht, die Güter des Lord Vernon zu beſuchen, ſei eine der mancherlei, in ſeinen Pacht des Rittergutes Burlington eingeſchloſſenen Freiheiten, durch ein ſchönes Geſchenk für den Oberverwalter von Hyde die ihm erzeigte Gefälligkeit anerkannte, aber den Lord⸗ ſchaften ſelbſt mit keinem Worte dankte. Frau Hamlyn, welche mit den andern benachbarten Familien gemein⸗ ſchaftlich einen Schlüſſel beſaß, aber in Rückſicht der ungünſtigen Stellung ihres Gemahles gegenüber von Lord Vernon, die ſich namentlich bei jeder friſchen Wahl kund gab, ſich ein Gewiſſen daraus macht, denſelben zu gebrauchen, war erſtaunt, zu hören, wie vollſtändig ſich der gutmüthige Oberſt in Hyde eine zweite Heimat geſchaffen habe. „Bei heißer Witterung dient dieſer ſchöne Fichten⸗ wald zu einer ausgezeichneten Erholung für die Nachbar⸗ ſchaft,“ rief er aus.„Ich ergötze mich am Dufte des Thymians, welcher unter den Rädern meines Phaetons zerdrückt wird, doch mich ausgenommen, ſetzte keine Seele den Fuß in den Park, wie mir der muntere, kluge, höf⸗ liche Oberaufſeher ſagt.“ 4 Sophie ſchwankte einen Augenblick, ob ſie nicht dem alten Manne, der ſo gefällig war, wenn es galt, Andern zu Vergnügungen zu verhelfen, einen Wink geben ſollte, 77 er würde gut daran thun, wenn er den Beſuch des Par⸗ kes unterließe; man glaube von Lord Vernon, er ſehe ſehr ſtreng darauf, daß ſeine ſtillen Spaziergänge unbe⸗ treten blieben, hauptſächlich, wenn er Perſonen ſähe, welche mit Dean⸗Park in Verbindung ſtehen. Aber Oberſt Hamilton war nicht der Mann, daß er ſich hätte durch einen Wink belehren laſſen. Seine Selbſtliebe war nicht von argwöhniſcher oder mißtrauiſcher Art. Da er be⸗ merkt hatte, daß Doktor Markham, ſo oft er ein Ge⸗ ſchäft in Braxham hatte, einen kurzen Abſtecher nach Hyde mache, hätte er über den Gedanken gelacht, als be⸗ leidige er den Stolz der Vernons, wenn er eine ihm von freien Stücken bewilligte Gunſt ungenirt annähme. Ehe Barlow von Alderham ſich von ſeinem Erſtau⸗ nen über den Kaltſinn eines Mannes, der, weit entfernt, zu einer gräflichen Familie zu gehören, mit keiner von allen in Verbindung ſtand, wieder erholt hatte, gab ihm der Oberſt durch wiederholte Verſöhnung ſeiner Flagge neuen Grund, ſich zu betrüben. Während der langen Krankheit Sir Roger Bur⸗ lingtons hatte die Verhandlung über ſeine Güter ohne, den Vorbehalt für eine Einrede von Seiten ſeines Freun⸗ des und Nachbarn in Dean⸗Park begonnen. Die Feind⸗ ſchaft, welche ſich wegen dieſer Angelegenheit zwiſchen Hamlyn und Barlow entſpann, hatte für den Augenblick den Oberſt abgehalten, dem letzteren freundſchaftliche Ver⸗ günſtigungen in Bezug auf Jagdgerechtigkeit zu ertheilen. Nun aber hatte beim Beginne der Jagdzeit der Oberſt, wie man ſagte, die Jagdvergünſtigung auf ſeinem Rittergute in einem Grade ertheilt, welcher den Gefühlen jedes hochgeſtellten Wildhegers der Grafſchaft ſchrecklich erſchien, allein den Agenten des Nachbargutes Hyde un⸗ beachtet gelaſſen, eine unnachbarliche und unerhörte Aus⸗ ſchließung. Während Barlow von Alderham über dieſe Art von Kränkung in große Wuth gerieth, wurde für Richard Hamlyn die Nachricht, daß der Oberſt gar nicht auf Schonung des Wildes achte, immer erſchreckender. So vollſtändig zählte er auf die Möglichkeit, ſeine Vor⸗ rechte über das Gut Burlington bei einem Pächter zu behaupten, welcher ſeinen Abſcheu vor Nock oder Man⸗ ton, vor Doppel⸗ oder einfachen Gewehren offen bekannte, daß er in einem von ihm ſelbſt aufgeſetzten Pachtvertrage keine beſondere Klauſel zu ſeinen eigenen Gunſten aufge⸗ nommen hatte. Darum betrachtete er auch das eingehegte Wild des iſolirt ſtehenden alten Mannes, von Poſtland⸗Place, der im Grunde keine Freunde hatte, als ſeine Sporteln. Wenn er aber bedachte, daß die Jagd des Oberſt ſo entweiht wurde, wenn er fand, daß er in Zukunft den adeligen Gäſten, die er zu hoher Befriedigung ſeines Stolzes jeden Chriſttag in öffentlichen Blättern zum Be⸗ ſuche auf dem gaſtlichen Gute Hamlyns von„Dean⸗Park“ einzuladen die Chre hatte, Nichts Anderes, als ſeine ei⸗ gene elende Jagd anzubieten im Stande war, ſo verſetzte ihn die Sache in eigen Schrecken, für den er nicht vor⸗ bereitet geweſen war. Alles was er bis jetzt im wirklichen Sinne des Wortes den giftigen Blicken Lord Vernons hätte entge⸗ genſetzen können, war die Wahl eines ariſtokratiſchen Geſellſchaft⸗Zirkels unter ſeinem Dache, welcher mit dem von Hyde vollkommen wetteiferte. Als ein wirkliches Mitglied der Tory im Hauſe der Gemeinen, beſaß Ham⸗ lyn einen gewiſſen Grad von Einfluß, während er als Bankier Mittel gefunden hatte, mehrere Mitglieder des Adelſtandes ſich verbindlich zu machen, welche ihm da⸗ für die Gnade ihres Umgangs ſchenkten, mit ihm in der Stadt ſpeisten, und mit ihm auf dem Lande jagten. Die Hunde von Ormeau und das Wild zu Burlington hat⸗ ten Dean⸗Park in die Zahl der angenehmſten Plätze ge⸗ ſetzt, auf denen ſich Lordſchaften vom Beamtenſtande oder Herzoge, welche durch die weite Entfernung vom Beſuche ihrer ſchottiſchen und irländiſchen Güter verhindert wor⸗ den waren, für die Feiertage einquartiren konnten. Und was war nun zu machen. Wie konnte er nun ſeine ge⸗ 79 wöhnlichen Gäſte einladen, oder Walther ſeine ſtattlichen Brüder⸗Offiziere herüber bringen, wenn er nicht im Stande war, ihnen eine Jagd zu verſprechen? Oberſt Hamilton hatte ihm durch ſeine unbedachte Liberalität. gegenüber von Fremden einen unerſetzlichen Schaden bei⸗ gebracht! In ſeinem Privat⸗Zimmer in der Lombard⸗Straße, wo er ſich mit Berechnungen beſchäftigte, welche das Schickſal von Millionen und die Wohlfahrt ſeiner Clien⸗ ten entſchieden, dachte er rechtlich über dieſe Dinge nach. In dieſem düſtern, ſtillen Zimmer, der Höhle ſeiner Muße, wo er blos durch ein Getäfel von ſeinem mächtigen Rech⸗ nungszimmer getrennt war, in welchem immerwährend zwanzig Schreiber mit der Beſorgung der laufenden Ge⸗ ſchäfte zu thun hatten, und in welchem ſie die Räder des öffentlichen Handels beflügelten, Goldkörner an Goldkör⸗ nern reihten, und den Sand beſtimmten, welcher das weiſſagende Stundenglas der Familie Hamlyns füllen ſollte,— in dieſem ſtillen Zimmer, deſſen Schwelle jeden Tag wenigſtens Ein Bittſteller betrat, der durch den er⸗ ſten Bureau⸗Schreiber zum Herrn des Hauſes geführt wurde, wobei das Ende vom Liede war, daß ſein Schein verhöhnt oder auf ſeinen Wechſel geſchrieben wurde: „zieht nicht,“ ſaß Richard Hamlyn, blind gegen das Steigen oder Fallen der Stocks, gleichgültig gegen das Schickſal von Staatsſchatzkammerſcheinen, und ſorglos um die fluthenden Veränderungen auf dem Geld⸗Markte, und fluchte auf ſeine Kurzſichtigkeit, daß er es auſſer Acht gelaſſen hatte, ſich die Jagd des Rittergutes Burlington zu ſichern.— 3 Obwohl die durch das blaue Firmament dieſem klei⸗. nen Zimmer geſchenkte Helle durch den Nauch der Stadt verfinſtert war, der ſich vom reinen Himmelsäther aus⸗ ſchied, wie eine zwiſchen denſelben gehaltene Decke, ſah der getäuſchte Eigenthümer von Dean⸗Park im Auge ſeines Geiſtes den klaren blauen Himmel ſeines Land⸗ fitzes, und hörte im Geiſte das Schießen aus hundert — 80 Gewehren, welche ihm die Hoffnungen ſeines Lebens aus dem Herzen zu reißen ſchienen..— Ferhens Lrdihe 3 als einem Güterbeſitze auf dem Lande dieſer Glückswechſel ungeſchickter in oie Queere kommen! Seine gehäſſige Eiferſucht ge en die Vernons, weit davon entfernt, zu Ende zu ſan, und als reife Frucht vom Barnme zu fallen, hatt? neuerdings noch Zuwachs erhalten, Obwohl er die Vorausſagung von Hyde, er werde genöthigt ſein, ein Gut zu verkaufen, auf dem ſich ſein Bater überbaut hatte, zu Nichte gemacht hätte, war doeh ſein Unwille gegen die Familie dadurch erneuert veorden, daß Lord Vernon bei einem Schmauſe von Staatsmännern in London, wo er über den ehrenwerthen Wahlkandidaten von Barthorpe, ſeinem toriſtiſchen Geg⸗ mer, ausgefragt wurde, in den Ausdrücken der nachſich⸗ tigſten Verſöhnung von ihm geſprochen hatte. „Hamlyn kenne ich perſönlich nicht,“ lautete die in⸗ ſolente Sprache des Lords.„Wir ſenden uns Viſiten⸗ Karten, auch Einladungs⸗Karten zu Mahkzeiten, und ich glaube, er iſt eine gut geſinnte Perſon, aber mein Agent Barlow von Alderham verſichert mich, Hamlyns kleinli⸗ ches, geldſüchtiges Syſtem habe in meiner Nachbarſchaft ungeheuren Schaden verurſacht. Seit der durch ihn ge⸗ ſchehenen Einführung von Sparkaſſen, Errichtung von Leihgeſellſchaften, und Schaffung von Prämiums⸗Com⸗ pagnien für alle möglichen Dinge meinen die armen „Bauren in der Grafſchaft alle, ſie ſeien auf dem Wege, Rothſchilds zu werden. Es iſt erſchrecklich wie lohnſüch⸗ tig und habſüchtig die fleißigſten Bauern werden, ſeitdem der Gedanke ans Prozenteinnehmen feſten Fuß bei ihnen gefaßt hat. Ihr ganzes Dichten und Trachten iſt: Geld, Geld, Geld. Ganz natürlich läßt es ſich aus Herrn Hamlyns Charakter erklären, daß er ſelbſt bei Erthei⸗ lung ſeiner Wohlthaten die Rolle des Bankiers ſpielt. Ich glaube, wenn man bei einer Caravane in der Wüſte einen Londoner Bankier träfe, ſo würde ſein erſter Ge⸗ danke ſein, bei der nächſten Quelle eine Waſſer⸗Compagnie 81 zu errichten. Herr Hamlyn wird vielleicht der erſte fein, der bereut, das Geheimniß des Gelderwerbes in ſeiner verwilderten Grafſchaft gezeigt zu haben. Wenn Hamlyn durch Opfer, deren Größe ihm allein bekannt waren, Lord Vernons frühere Vorausſagung zu Schanden gemacht hatte, daß das Andenken an ſeinen Vater ein ſchmerzliches und ſein Schloß unter den Ham⸗ mer der Auktion kommen werde, war er jetzt kaum we⸗ niger darauf bedacht zu beweiſen, daß ſeine Kinder glück⸗ lich genug ſeien, um, wenn nicht ganz auf demſelben Fuße, ſo doch in denſelben Zirkeln, wie die von Lord Vernon leben zu können. Er hatte ſeinen Sohn Wal⸗ ther bevollmächtigt, den Cornet ſeines Regimentes, den jungen Marquis von Dartford, auf eine Jagdparthie am Chriſttag einzuladen. Er zählte unter ſeiner Familie einige ſeiner Kunden, und ſah darauf, wie er auf Dean⸗ Park eine Parthie zuſammenbringen wollte, durch deren Hülfe er mit den Feſtlichkeiten auf Hyde rivaliſiren könnte. Aber wie konnte er dem Grafen von Rotherwood und ſeinem Schwager Lord Crawley, dem Onkel des Mar⸗ quis, eine Einladung melden laſſen, wenn er nicht die Jagd auf dem Gute Burlington in ehrenvolle Erwäh⸗ nung bringen konnte! Der arme Oberſt Hamilton dachte nicht an das Uebel, zu welchem er dadurch Anlaß gegeben, daß er der Jagd⸗Erlaubniß eine Ausdehnung gegönnt hatte, welche, wenn nach Köpfen abgeſtimmt wurde, ihm eine Popularität verſchafft hatte, die ihn in den Stand ſetzte, der Repräſentant der Grafſchaft zu werden. Während Dean⸗Park und Hyde(in letzteres in der Perſon Bar⸗ lows von Alderham) eine Schwäche bitterlich beklagten, welche ſtrengere Landeigenthümer der Schmach ausſetzte, und die Beſitzer der benachbarten Güter in endloſe Zaͤn⸗ kereien und Streitigkeiten verwickelte, ergötzte er ſich da⸗ ran, die Edelleute in der Nachbarſchaft, ſowie die Bauern, zu beſuchen, und auf ſeinem Gute einen Tag zu jagen. Obwohl er, wie es ſich von einem geübten Eber⸗Jäger Die Bankiersfrau. I. 6 erwarten läßt, die geringen Feldjagden Großbritanniens verſchmähte, war er doch voll Freude, als er fand, daß die Kunde von der Zurüſtung der Ormeau⸗Hunde zum Zwecke der Jagd paſſend war, um die verzettelten ver⸗ reisten Familie der Nachbarſchaft wieder zu verſammeln. Da der Boden jetzt braun, und die Wälder kahl waren, war es in der That Zeit, daß die Leute von Rei⸗ ſen und von der See heimkehrten, um die Schönheiten des Landlebens zu genießen. „Mehr Holz, Johnſton! mehr Holz!“ rief der gaſt⸗ freundſchaftliche alte Mann eines Abends, als die Lady's von Dean⸗Park und ihre Freunde, die Pfarrleute aus Orington, durch die Flamme eines wilden Feuers von Wurzeln zu Burlington hinter Feuerſchirmen und in Winkeln Schutz zu ſuchen genöthigt worden waren. Der heitere Chriſttag iſt nahe, darum laſſet uns bei einem guten Feuer guter Dinge ſein. Ganz gut erinnere ich mich der bittern Morgen, als ich im Karthäuſer⸗Kloſter bei Licht aufſtehen und meine Finger immer anhauchen mußte, um dieſelben vom Erfrieren zu retten. Aber, wenn wir uns nicht jetzt gute heitere Tage machen, ſo iſt es Niemands Fehler, als unſer eigener.“ „Sie haben wenigſtens Sorge dafür getragen, Sir, daß die Armen Nichts zu klagen haben,“ bemerkte Frau Markham dankbar.„Ich finde ſelten, daß dieſe halb ſo viel klagen, wie die Reichen. Aber dieſes Jahr darf der Reiche ſogar nicht brummen. Lydia zum Beiſpiel ſoll ihren Ball haben, ihren Schlitten und ihre Peitſche, um die Hunde in der Nachbarſchaft anzutreiben.“ „Ich fürchte, Miß Creswell wird gegen einen Theil dieſer Anordnungen in's Mittel treten,“ warf Frau Ham⸗ lyn dazwiſchen, in der Ueberzeugung, daß dieſe Anord⸗ nungen die gärzliche Mißbilligung von Seiten ihres Gemahls erhalten würden.“ 4 „Wie? was beim Teufel! Die Gouvernantin kommt wieder zurück?“ fragte Oberſt Hamilton.„Ich lebte der Hoffnung, ſie ſei penſionirt. Ich bin überzeugt, bei 8³ den Ihrigen hatte ſie Nichts zu lehren, im Gegentheil, ſie mußte wohl von ihrer Schweſter lernen.“ „Wir erwarten die nächſte Woche eine ſtarke Chriſt⸗ tags⸗Partie zu Dean,“ erwiederte ſie, ohne den Wider⸗ ſpruch, welchen Herr Hamlyn dagegen erhob, anzufüh⸗ ren, und ich weiß nicht wohl, was ich mit den Mädchen anfangen ſoll.“ „Mit ihnen anfangen? Nun ja, laſſen Sie ſich von Ihnen in der Unterhaltung der bedeutenden Partie hel⸗ fen,“ rief der Oberſt aus.„Ich darf ſagen, Lydia hat Nichts dagegen.“ „Ihr Vater aber. Lord und Lady Rotherwood und ihr Schwager, Lord Arcoly, kommen zu uns.“ 4„Der geheime Sekretär?— Beim heiligen Georg! ich freue mich darauf. Ich muß ihn ausſchelten, daß er das Urtheil gegen den Schurken Sattaſh umgeſtoßen hat. Abber welches Hinderniß führen wohl dieſe herbei, in Folge deſſen ein angenehmes Mädchen, wie Lydia, nicht bei der Geſellſchaft ſein ſoll?“ „Da ſie in den nächſten Monaten der Geſellſchaft nicht vorgeſtellt werden ſoll, ſo iſt es kaum der Etiquette gemäß, wenn ſie einem ſo großen Zirkel von Beſuchern anwohnt.“ „Und was haben Leute, wie wir, in irgend welchem Stücke mit der Etiquette zu ſchaffen? Was macht das für irgend ein menſchliches Weſen aus, ob eine Miß Hamlyn die Hand ihrer Majeſtät geküßt hat oder nicht? Meine gute, theure Lady! wenn es große Lords für geeignet finden, zu Ihnen zu kommen und unter Ihrem Dache zu ſchlafen, ſo erwarten ſie, glauben Sie mir, daß unter den Leuten, welche ſie an ihrer Tafel treffen, auch ihre eigenen Söhne und Töchter ſeien.“ 1„Ich bin glücklich, ſagen zu können, daß Walther zu uns kommt,“ erwiederte Frau Hamlyn, die nicht Willens war, ihr vollkommenes Einverſtändniß mit ſei⸗ ner Gefühlsweiſe zu geſtehen. Er kommt am éten, begleitet von einem ſeiner Mitoffiziere, und ich glaube, ◻ 8⁵ auf ſeines Freundes Geſellſchaft ſo frühe gezählt, wie auf die von ihm veranſtaltete Jagdpartie, und war ſehr verſtimmt, als er fand, daß der alte Edelmann nicht dazu beſtimmt ſei, zu einer Zeit mit ſeinem Sohne Be⸗ kanntſchaft zu machen, als dieſer ein durch ſein Aeußeres und durch ſeine Bildung ausgezeichneter Mann das hohe Glück und die Chre hatte, das Haus ſeines Vaters zum Beſuchungsort für eine hochangeſehene Geſellſchaft zu machen. 3 Frau Hamlyn bemerkte, daß ihr Gemahl ungemein mißvergnügt war, daß er dachte, ſie hätte durch eine früher zu erlaſſende Einladung das Erſcheinen ihres Nach⸗ barn beſſer ſichern ſollen. Hamlyn war ungewöhnlich geiſtesabweſend und außer Faſſung. Der Chriſttag iſt eine, ſowohl für die Neigungen von Geſchäftsleuten, als für ihre Schuldner unerquickliche Zeit; und der Harniſch gegen die Sorgen der Bombard⸗Straße, mit welchem der Bankier nach Warwickſhire kam, wurde, weit entfernt bei Seite gelegt zu werden, was er beabſichtigt hatte, als er zu ſeiner Familie kam, wieder beſſer zugeſchnallt, als er erfuhr, daß ein unbedeutender junger Menſch wie Tom Gratwycke, ein Hinderniß für ſeine tief liegenden Plane geben ſollte. „Die Vernons kommen die nächſte Woche nach Hyde,“ ſagte er, indem er ſeine Frau mit ernſtem Blicke firirte. Doch fand er, daß ſie nicht einmal ein auffal⸗ lendes Zeichen von Erſtaunen zu erkennen gab, als er ihr eine ihr vollkommen gleichgültige Nachricht hinter⸗ brachte. Deßhalb fügte er hinzu:„Und was werden ſie denken, wenn ſie finden, daß ein Mann von Hamiltons Vermögen keine beſſere Unterhaltung, als einen gemei⸗ nen Springinsfeld, wie den jungen Gratwycke, für ſei⸗ nen Chriſttagszirkel herausſuchen konnte?⸗ „Ich denfe, ſie werden ſich um die Familien⸗Anord⸗ nungen eines weltfremden Mannes gar wenig kümmern,“ erwiederte Sophia, da ſie einſah, daß er auf eine Ant⸗ wort wartete. 8⁶ „Wir find ihnen durchaus nicht weltfremd. Hätten wir über die Feiertage einen Mann von Hamiltons unermeßlichem Vermögen, von dem man glaubt, daß er für Niemand ſorge, als für uns, zu unſerem Haus⸗ freunde, wir würden in ihren Augen als äußerſt wich⸗ tige Leute erſcheinen. Ich habe mir geſchmeichelt, unſere Chriſttagspartie ſei dieſesmal eine Sache, welche das Schloß Hyde eiferſüchtig auf uns machen könnte.“ „Ich zweifle nicht daran,“ bemerkte Frau Hamlyn, der ein Gedanke durch den Kppf fuhr, den ſie als Wir⸗ kung einer köſtlichen Inſpiration anſah,„wenn Dir die Geſellſchaft Oberſt Hamiltons recht am Herzen liegt, ſo kannſt Du Dir durch die Vermittlung Lydias dieſelbe leicht verſchaffen. Wenn Du ſeinen ſonderbaren Ein⸗ fällen nachgeben, und ihr erlauben willſt, der Chriſttags⸗ Geſellſchaft beizuwohnen, wie wenn wir unter uns wären, ſo könnte er ſicher dazu bewogen werden, die Zuſammen⸗ kunft mit dem jungen Gratwycke auf die nächſte Woche aufzuſchieben.“ 6 Herr Hamlyn, welcher in einem Anfall geiſtiger Aufregung durch das Zimmer geſchritten war, trat nun nahe zu ſeinem Weibe hin, wie wenn er ihre Worte ganz ſicher und deutlich hören wollte. „Lydia?“ rief er aus,„Lydia beſitzt Einfluß genug über Hamilton, um ihn zu veranlaſſen, eine Bitte zu gewähren, welche er uns abgeſchlagen hat!“ „Du kennſt ja ſeine Herzlichkeit gegenüber von jun⸗ gem Volke,“ erwiederte Frau Hamlyn ruhig,„und da ſeine Güte gegen die Mädchen auch ihm ihre Gewogen⸗ heit verſchafft hat, ſo haben die drei Leute während der Abweſenheit der Miß Creswell viele Zeit mit einander zugebracht.“— „Alſo aus dieſem Grunde haſt Du mich bewogen, dieſer Dame auf einige Zeit Vakanz zu geben,“ rief der erzürnte Bankier aus. „Dein ausdrücklich ausgeſprochener Wunſch war, 87 wir ſollten unſer Aeußerſtes thun, um Oberſt Hamilton das Landleben angenehm zu machen.“ 3 „Aber nicht auf Walthers Unkoſten. Es war nie⸗ mals mein Wunſch, Lydia ſolle des Oberſten Liebling werden. Aber ich ſehe, wie die Sache ſteht! Weil Du ſiehſt, daß es nicht in meiner Macht ſteht, für meine Tochter eine Verſorgung zu treffen, welche eine von Dir ſo ſehr erwünſchte brillante Stellung in der Welt ver⸗ ſchaffen könnte, willſt Du des alten Mannes Vermögen für ſie herausſchlagen. Es ſteht Dir nicht an, ſehen zu müſſen, daß Lydia, wie ihre Mutter vor ihr, der Ge⸗ mahl eines armen ſich plackenden Geſchäftsmannes wer⸗ den ſollte. Ja! Ja! Du kennſt das Elend und die Ein⸗ ſamkeit einer ſolchen Stellung zu gut. Du möchteſt gerne eine vornehme Dame aus ihr machen. Du wünſcheſt, die Erbin des Oberſten Hamilton ſolle einen Edelmann heiraten. Du haſt an den Leuten der Börſe genug ge⸗ habt. Uebrigens Du, welchen Stolz kannſt Du auf mei⸗ nen Familiennamen haben? Der achtbare Name eines Hamlyn von Dean⸗Park gilt Dir Nichts.“ Frau Hamlyn erhob in äußerſter Beſtürzung ihr ſchönes Auge gegen ihren erzürnten Gemahl. 4„Ein für allemal, Frau!“ fuhr er fort,„ehe Wal⸗ ther verhindert wird, ſeinen paſſenden Poſten in der Ge⸗ ſellſchaft zu behaupten, und in der Art und Weiſe, wie ſein Vater und mein Vater vor ihm, ſeine Slellung in der Familie aufrecht zu erhalten, wollte ich—“ Herr Hamlyn hielt plötzlich inne, und ſeine Frau, welche mit gehaltenem Athem auf dieſe ihr ungewöhnlichen Eröff⸗ nungen in Betreff des Schickſals ihrer Kinder horchte, heftete ihren Blick auf den ſeinigen, um den Beweg⸗ grund, aus welchem er innehielt, zu errathen. Sein Geſicht war plötzlich weiß geworden, die Worte ſchienen auf ſeinen Lippen erfroren, als, ſiehe da! ſie auf ein⸗ mal, indem ſie der Richtung ſeiner Augen gegen das Fenſter folgte, zur Scheibe des feinen Fenſterglaſes herein, das feurige, heitere Geſicht des Oberſten Ha⸗ 88 8 milton hereinſchauen ſah. Der Gegenſtand ihrer kriti⸗ ſchen Unterhandlung ſtand vor ihnen und betrachtete ſie aufmerkſam. Er war auf Winterſchuhen über den Park herübergekommen, um ſeinen Freund auf dem Lande zu bewillkommen. „Ziehen Sie Ihren Ueberrock an und kommen ſie heraus zu mir, Hamlyn,“ rief ihm der alte Mann zu. „Ich wünſche Ihnen einige gebrannte Ziegel zu zeigen, welche ich nach einem oft in Indien verſuchten Plane zu Orington mit Glück zubereitete, mein Bedienter wartet mit ihnen im Stalle.“ Durch dieſe herzliche Anrede vom Argwohne befreit, als ſeien ſeine unvorſichtigen Worte zum Ohre des Ober⸗ ſten Hamilton gedrungen, jedoch ſo überraſcht, weil er in einem Zuſtande geiſtiger Verwirrung geſehen worden war, daß er ſich einbildete, ſein ganzes Geheimniß müſſe in ſeinem Geſichte geleſen werden können, ſtand er einen Augenblick ſtill, voll Furcht, ſich dem Fenſter nähern. „Warum kommen Sie nicht herein, mein theurer Oberſt,“ ſagte er, nachdem er ſich durch einen Blick vergewiſſert hatte, daß ſeine Frau ihre gewöhnliche, er⸗ zwungene, heitere Miene angenommen hatte. „Nein! Nein!“ war die Antwort.„Ich habe von der Kälte meinen erſten Schrecken bekommen, und bin in einer ſchönen Wärme. Ich will nicht bei einem ſeilen Ausgang meine Naſe wiederum roth anlaufen aſſen, nachdem ich mich in Ihren heißen Zimmern ge⸗ kocht und geſotten hatte.“ „Nun, ſo will ich innerhalb einer Minute bei Ihnen ſein,“ ſagte Hamlyn.„Laufen Sie dem Gebüſchwerk zu, ich will Sie beim Bedientenzimmer treffen.“ Aber anſtatt zu gehorchen, zog Oberſt Hamilton, nachdem ſein Freund das Zimmer verlaſſen hatte, es vor, am Fenſter zu bleiben und von demſelben herein mit Spphie zu ſprechen. „Sind Sie nun böſe, meine theure Lady! daß ich Ihnen Ihren guten Mann ſo frühe entführe?“ rief er 89 ſo laut, daß es nicht nur ſie, ſondern ſogar die Gärtner hören konnten, welche ſo eben den Schnee von den Kies⸗ wegen wegſchäufelten. „Denken Sie nicht daran! Denken Sie nicht daran! Der Schlitten iſt in einem oder zwei Tagen fertig; der Schlitten Lydias; ich ſollte ſie die königliche Lydia nennen, und dann werden wir, ſie und ich, den ganzen Morgen mit einander auf dem Lande herumfahren und Euch allein laſſen. Ich habe junges Volk am liebſten! Ich ſelbſt bin ein ſolch' friſcher alter Knabe, daß ich immer eine Figur von zwölf bis zwanzig Jahren, in meiner Geſell⸗ ſchaft haben muß, um mein närriſches altes Geſicht in guter Verfaſſung zu erhalten.“ Nun war Hamlyn für ſeinen Spaziergang angekleidet und ging den Kiesweg hinab, um auf den Oberſt zu ſtoßen, von welchem er in dieſem Augenblicke ſein Ohr nahe an das Fenſter hielt, um die leiſe Antwort der Frau Hamlyn zu vernehmen, der Bankier nicht im Mindeſten argwöhnte, daß er den Gegenſtand ihres Geſpräches wiſſe. „Schon ſo frühe! nun ſo kommen Sie mit mir;“ rief Hamilton aus, indem er ſchnell um ſich ſah, als ihm Jemand auf die Schulter klopfte, wobei er jedoch die mißtrauiſchen Blicke nicht bemerkte, welche in dieſem Augenblick ſein Freund durch das Fenſter auf das ver⸗ ſtörte Angeſicht ſeiner Frau warf. Dann faßte er Hamlyn beim Arme und ſchleppte ihn im Schritte eines feurigen Landedelmannes mit ſich fort, was gegen die ernſten Manieren eines londoner Bankier nicht wenig abſtach. Kaum waren ſie um die Ecke des Hauſes gegangen und verſchwunden, als Frau Hamlyn kummervoll in einen Stuhl ſank. Indem ſie in äußerſter Troſtloſigkeit ihre Hände faltete, fühlte ſie ſich kaum im Stande, die neuen Quellen von Aerger und Angſt, welche ſich für ihr längſt verbittertes Leben öffneten, zu überdenken. Hätte man eine von ihren londoner Freundinnen gebeten, eine Frau zu bezeichnen, welche das höchſte Glück, die höchſten Freuden des Lebens genieße, ſo hätte ſie Frau 90 Hamlyn von Dean⸗Park genannt. In Verbindung mit einem ſo geachteten, ihr ſo anhänglichen Gemahle, im Beſitz von viel verſprechenden Kindern, welche rings um ſte her heranwuchſen, war der Lebenslauf ſolch' einer Dame für manche ihrer Freundinnen der Gegenſtand des Neides. Doch in Wirklichkeit war ihr Schickſal ein⸗Bei⸗ ſpiel von perſönlicher Mißverſtimmung, welche ſo manche heitern Mädchen in ſtille und ernſte Mütter verwandelt. Innerhalb eines Jahres ihrer glücklichen Vermählung, innerhalb eines Jahres der ſeligen Liebesbetheuerungen, welche derſelben vorausgingen, entdeckte Sophie, daß ſie in der Achtung ihres Gemahles in ein Nichts zuſammen⸗ geſunken war. Vertieft in weltliche Geſchäfte, in geld⸗ ſüchtige Spekulationen, in die Aengſtlichkeiten eines kriti⸗ ſchen Geſchäftsganges, der ſich über ſeine Schultern legte, fing er an, ein Weib und den Kinderzuwachs als häusliche Unannehmlichkeiten zu betrachten, eine Bürde auf den läſtigen hohen Ehren Hamlyns von Dean⸗Park, als eine der Familie Hamlyn und Compagnie mit in den Kauf gegebene Laſt. Immer erhielt ihn ſeine Rückſicht auf den Anſtand, welchen die Geſellſchaft forderte, und ſein eigener hoher Charakter ſeinen Pflichten als Gatte und Vater getreu, und blos das geſchäftige Auge der Lieb konnte die Aenderung ſeiner Sitten bemerken. 8 Zum Glücke für alle Fälle war Frau Hamlyn eine Frau von Grundſätzen; und, wie die Achtung, welche Hamlyn vor der Meinung der Welt hatte, ihn zu einem rückſichtsvollen Gatten machte, ſo erſtickte bei ihr der Gedanke an ihre Pflicht, alle Klagen auf ihren Lippen. Sie fühlte, daß ſie zu viele Lebensannehmlichkeiten genoß, um gegen die Vorſehung zu murren. Sie hatte bei ihrer Vermählung gedacht, es könne beſſer, es könne aber auch ſchlechter gehen, und das Schlimmere, welches ſie treffen könnte, war nicht das ſchlechteſte, ſo daß ſie gegen ihr Geſchick haͤtte murren können. 4 Aber Sophie war blos in ihrer erſten Lektion, über die Bildung des Herzens. Nach und nach fand ſie, daß, 91 obwohl ſie ſich mit der treuen Beſorgung der Pflichten, die ihr ihre Beſtimmung als Weib, als Mutter, als Mitglied des Staates auferlegte, zur Zufriedenheit ihres eigenen Herzens entledigte, es ſchwer, wo nicht unmöglich war, dieſe Pflichten mit den Anſprüchen, welche der Weltſinn ihres Gemahles an ſie machte, in Einklang zu bringen. Sie war genöthigt, den Einfluß über ihre Kinder und die Freude am Umgang mit ihnen, ſeinen Begriffen von Anſtand und Sitte, wie ſie ſich nach ſeiner Anſicht für ſeine Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft ſchickten, aufzuopfern; die Wahl ihrer Freundinnen nach ſeinen finanziellen Intereſſen einzurichten, ihre Liebhabereien und Lieblings⸗Neigungen nach dem Fluthen des Geld⸗Marktes einzurichten, ein einſames, beſchauliches Leben zu führen, und ſogar in der heiligen Zurückgezogenheit des Land⸗ lebens ihre Beweiſe von Wohlwollen ſo zu berechnen, daß ſie auch der Firma nützten und die Stellung ihres Gatten in der Grafſchaft Warwick befeſtigten. Nach dem Sophie Alles dieſes entdeckt hatte, konnte ſte ſich nicht länger verhehlen, daß ihre frühe Verheiratung ihr Glück auf dieſer vielleicht in der zukünftigen Welt ge⸗ fährdet habe. Ihre erſte Sorge war, die gemachte Entdeckung vor ihrer eigenen Familie und vor der Welt zu verhehlen. Niemals, in keinem Falle hatte ſie es mit der Achtung gegen den Vater ihrer Kinder leicht genommen. Wenn es ein unglückliches Leben war, ſo war es doch kein weinerliches. Doch hatte ſie auch bedeutende Troſtgründe für ſich. Die Zeit mußte kommen, in welcher ihr ihre Kinder die ihren Herzen ſo nöthige Unterhaltung und Geſellſchaft geben konnten. Die leiblichen und geiſtigen Eigenſchaften derſelben waren der Art, daß ſie einſtweilen ihrem höchſten Mutterſtolze Genüge leiſten konnten, und mit ſolchen Aus⸗ ſichten vor den Augen, wurde ſie in ihrer Geduld und Ausdauer geſtärkt. 3 Aber kaum war die Zeit ihrer Reife gekommen, als ſie durch neue Bedenklichkeiten gequält wurde. Im ſchönen Walther, dem Abgott von ſeines Vaters Eitelkeit, als dem künftigen Herrn der Firma und Eigenthümer von Dean⸗Park, entdeckte ſie früh die unglücklichen Züge, welche ihm der Einfluß der ihm von ſeinem Vater er⸗ theilten reinweltlichen Erziehung eingeprägt hatte. Ihre Liebe gegen ihr enthuſtaſtiſches Mäͤdchen war auf der andern Seite durch die Eiferſucht und das Mißtrauen von Richard Hamlyn verkümmert, und ſie ſah nun, in der Verbindung des Oberſten Hamilton mit der Familie eine endliche Quelle von Mißtrauen und Streit voraus. Aber noch ein tieferer Grund von Bekümmerniß war es, welcher das Herz der gedankenvollen Mutter für den Augenblick niederdrückte. In der Betrachtung, daß ein Mann, der, ſo lange er von der Geſellſchaft betrachtet wurde, milde war und ſich zu beherrſchen wußte, in ſeiner Familie, wenn ihm Etwas unter den Weg kam, in die wahnwizigſte Aufregung gerathen konnte. Zitterte ſie bei dem Gedanken, daß der begabteſte, wenn auch nicht der von ſeinem Vater am meiſten ge⸗ liebte ihrer Söhne der erſte ſei, dem in kurzer Zeit das Unglück begegnen könne, die Strafe des Ungehorſams gegen ſeinen Vater leiden zu müſſen. Ihrem Sohn Henry drohte das Unglück, das Mißfallen ſeines Vaters im ſtärkſten Grade auf ſich zu ziehen. Während ſeine zwei Söhne noch in Jacken und Pumphoſen gekleidet waren, hatte Hamlyn nach der neuſten Art und Weiſe väterlicher Erziehung bereits über ihren zukünftigen Beruf entſchieden. Walther, als erſter Sohn in jedem Sinne des Wortes, mußte als Repräſentant und Bankier in ſeine Fußſtapfen treten; Henry mußte unter der Aufſicht ſeines Onkels mütterlicher Seits, eines Beam⸗ ten in Indien, ſeine Lehrzeit in Indien durchmachen. Aber ſo fernſehend der Bankier war, hatte er doch das Unglück, ſeine eigenen Pläne zu Schanden zu machen. „Sie wollen alſo Ihren älteſten Sohn nach Eton ſenden? Eton iſt der einzige Platz, um Connexionen 93 anzuknüpfen. Millionen nehme ich nicht dagegen an, wenn ich Vernon auf eine andere Schule, als nach Eton geſandt hätte;“ alſo ließ ſich von Seiten des alten Lord Vernon eine zu freundliche Erinnerung hören, als daß Hamlyn ſie nicht hätte beachten ſollen; und von Eton nach der Univerſität Oxford, war der Untergang ſicher. Das künftige Ständemitglied für Barthorpe wurde alſo nach Oxrford geſandt, und da ſein einnehmendes Aeußere und ſeine ſchönen Wechſel ihn Jedermann empfahlen, der ſich zur erſten Geſellſchaft der Univerſität zählte, ſo nahm der Erbe von Dean⸗Park geſchwind ſo ariſtokratiſche Neigungen und Liebhabereien, daß er beim Antritt der Volljährigkeit, nach Vollendung ſeiner Studien, eine Schuld von ein Paar tauſend Pfund zurückließ, welche ihm ſeine Verluſte beim Hazardſpiele und bei Wetten zugezogen hatten. Legal war die Schuld zwar nicht, aber die Harpier, welche die knabenhaften Fehler der Studiren⸗ den ausbeuten, machten ſolch' laute Vorſtellungen. Der Credit Herrn Hamlyns in der Lombardſtraße und die Ehre des Herrn Squire Hamlyn auf Dean⸗Park beruhe unabweislich auf der Bezahlung der Schuld, daß der weltweiſe Bankier es für weit klüger hielt, ſich ſtill⸗ ſchweigend als Opfer zu geben. Bei ſolch' ſchweren Prüfungen, ergehen ſich die meiſten Väter in einem Ausbruch von Wuth und Krän⸗ kungen, welcher hinreichend iſt, um von Seiten des Ver⸗ ſchwenders eine künftige Rebellion hervorzurufen. Richard Hamlyn ertrug es gleich einem Spartaner, oder beſſer, gleich einem Bankier, und ſein Syſtem kaltblütiger Selbſt⸗ beherrſchung verſchaffte ihm ungemeine Vortheile über den beleidigenden Theil. Walther war durch ſeines Vaters Benehmen, welches er als edle Nachſicht erkannte, vor allen Dingen aber durch die prompte Bezahlung von Schulden gerührt, welche er dem Buchſtaben des Geſetzes nach, gar nicht hätte anerkennen dürfen. Er entſchloß ſich, jede ihm wegen ſeines Fehltritts auferlegte Strafe ehrerbietig hinzunehmen. 94 Da er alſo vorbereitet war, ſo war es für ſeine Befürchtungen ein großer Troſt, als er erfuhr, daß ſeine Beſtrafung in der Verdrängung aus ſeines Vaters ein⸗ träglicher Laufbahn beſtehe, welche für ihn ſelbſt der Gegenſtand des Abſcheues und für ſeine ſtandesgemäßen Kameraden ein Gegenſtand der Verachtung war. „Die Unregelmäßigkeit Deiner Aufführung bei dieſer Geldangelegenheit,“ bemerkte Hamlyn gegen ſeinen Sohn in ſeinem gewöhnlichen milden, beſonnenen Tone,„iſt das Zeichen von einem ſolchen Mangel an Grundſätzen, welche ich gehofft hatte, bei Dir zu ſinden, von Grundſätzen, welche doppelt und lebenslänglich für einen Mann nöthig ſind, der ſich dem Finanzfache widmet, in welchem Dein Vater und Großvater die Achtung der Handelswelt erwor⸗ ben haben, daß ich es nicht wage, das Intereſſe meiner Kunden in Deine Hand zu geben, darum ſoll Henry die Stelle für die Firma übernehmen, welche Dir beſchieden war. Du mußt Dich damit begnügen, in der Armee zu dienen.“ Ein Stral der Freude durchzuckte die Augen des jungen Studirenden von Oxford. Der frohe Gedanke an das Leben eines Gardiſten in der St. Jamesſtraße, welcher den Anfang ſeiner Selbſt⸗Gratulation machte, verlor im Augenblick an Stärke, als er von ſeinem Vater weiter hörte, daß er Fähndrich bei einem die Garniſonen wechſeln⸗ den Regimente werden, und daß im Falle, wenn er über ſeinen Wechſel hinausgehe, oder ſeines Vaters Handels⸗ credit wieder compromittire, ſeine Contos auf die Firma Hamlyn, von ſeinem Vater gar nicht anerkannt würden. Der verſchwenderiſche Sohn hatte die Klugheit, dieſe ſchreckliche Neuigkeit und Drohung ohne Murren hinzu⸗ nehmen. In ein die Garniſonen wechſelndes Regiment eingeſchoben zu werden, war kränkend genug, aber im Ganzen war es weniger erniedrigend, als die Börſe, die Unterwürfigkeit, ihn gegenüber von den Anſichten des Schloſſes Hyde, in welcher er von ſeinem Vater aufer⸗ zogen worden war, hatte ſolch' gute Früchte bei ihm her⸗ 7 95 vorgebracht, daß ihm, wenn ihn in Eton ſeine Kameraden aus dem adelichen Stande den„jungen Rechner“ hießen, ſein künftiger Lebensberuf vollkommen verleitete. Voll Zufriedenheit, daß ſein Vater auf ſein ſpäteſtes Leben zu viel Werth lege, um ſeinen Sohn’ und Erben dem Schickſal auszuſetzen, daß er nach Sydney oder Jamaika hätte geführt werden können, fügte er ſich in das uͤber ihn ausgeſprochene Urtheil ſo klug, daß zwölf Monate nachher der eingeſchobene Fähndrich zum Cornet der Schloß⸗ Brigade geſtiegen war. 3 Auf dieſe Weiſe war Henrys Glück, ſeine ganze Hoffnung auf Indien, ſo ziemlich zerſtört. Doch war es ihm nicht leid, daß er die Ausſichten, welche ihm ſeine Entfernung von ſeiner Familie und ſeinen Freunden hätte bieten können, gegen die Gewißheit der Verſorgung zu Hauſe umtauſchen ſollte. Henry Hamlyn war ein edler Menſch. Weniger mit leiblichen Vorzügen ausgeſtattet, als ſein ausgezeichnet ſchöner Bruder, hatte er in geiſtiger. Hinſicht weit höhere Vorzüge, als dieſer. Als Liebling der Frau Hamlyn, als Abgott ſeiner Schweſtern, ein Glück, wodurch er gegen die ungerechte Begünſtigung ſo ziemlich entſchädigt war, welche den Erben von Dean⸗ Park zum Gegenſtand einer ausſchließlichen Aufmerkſam⸗ keit für ſeinen Vater machte, war Henry das einzige Mitglied der Familie, auf welches deren ſteife Manieren keinen ungünſtigen Einfluß gehabt hatten. Schuldlos und furchtlos, wie ein Kind, enthuſiaſtiſch wie ein Weib, wäre er in den Tagen, in welchen es Dichter gab, gewiß ein Dichter geworden. Man könnte leicht denken, wie wenig er zu einem Bankier geſchaffen war, doch erlaubte ſich Frau Hamlyn nicht, auch nur im tiefſten Grunde des Herzens an dieſe ſeine Unfähigkeit zu denken. Als er zu Haileybury die Nachricht erhalten hatte, daß ſeine Reiſe nach Indien noch etwas aufgeſchoben werde, war er entzückt und nahm nun mit begeiſterter Freude die innigen Glückwünſchungen ſeiner Mutter ent⸗ 96 gegen, welche ihm prophezeite, ſie beide werden wohl nie von einander getrennt werden. „d8Du wirſt ſehen, Mutter,“ ſagte er voll Begeiſterung, „daß ich mit der Zeit ein Hauptbankier werde. Ich denke, in meinem Widerſpruchsgeiſte finde ich ſchon einen An⸗ lehnungspunkt für meine Neigung zum Bankier⸗Geſchäfte⸗ Solch' eine Stellung, wie die meines Vaters, wird nicht genug angeprieſen; ſolch' eine Stellung, wie die meines Vaters, iſt eine äußerſt wichtige, indem ſie die Uebung der höchſten geiſtigen Vermögen und die Uebung von tauſend Tugenden, vor Allem aber der Geduld, erfordert. Denke an die große Anzahl von Perſonen, welchen ſich ein Bankier verbindlich zu machen im Stande iſt, welchen er aus der Armuth zum Glück verhelfen, welche er beſſern, welche er tröſten kann! Denke an die große Zahl wich⸗ tiger Ideale, welche er in Wirklichkeit zu verwandeln im Stande iſt, an die große Zahl nützlicher Erfindungen, an—“ „Mein theurer Henry!“ entgegnete ſeine Mutter, „Du biſt, wie gewöhnlich, zu enthuſiaſtiſch. Wenn Deine Anſichten nicht mehr praktiſch werden, ſo wirſt Du mich für Dich und für die Firma zittern machen.“ „Fürchte nichts. Für einige Zeit wenigſtens werden die Hände Deines flüchtigen Knaben gebunden und er unfähig ſein, Unheil anzuſtellen. Nebenbei mit ſolch einem Muſter vor mir, wie meines Vaters Klugheit, meines Vaters Rechtſchaffenheit, meines Vaters Brauch⸗ barkeit, meines Vaters gutes Verhältniß mit der City, der das Muſter eines Bankiers darſtellt, wäre es ein hohes Wunder, theuerſte Mutter! wenn ich nicht das Muſter von einem Bankiers und der beſte Geſchäftsmann im Königreich der vereinten brittiſchen Staaten würde.“ So war im neunzehnten Jahre der Charakter Henry Hamlyns. Unglücklicherweiſe hatte die Rede des letzten Lord Vernons zu Gunſten der Nothwendigkeit einer Univerſitäts⸗Bildung für jeden Mann, der beſtimmt ſei, eine Rolle im Parlamente zu ſpielen, ihren erſt nach dem Tode des Rathgebers erfolgenden Einfluß auf ſeinen 97 Nachbar zu Dean⸗Park noch nicht verloren. Um die Connexionen der Familie zu erweitern, wurde für den zweiten Sohn Cambridge Orford vorgezogen, und in Cambridge zeigte Henry ſeltene Fähigkeiten, welche ſeinen Namen gegen alle Erwartung auf der Univerſität berühmt machten. 3 Aber im Verhältniß, als ſeine Gelehrſamkeit und ſein Ruf bedeutender wurden, ließ ſein Eifer für ſeinen Beruf als Bankier nach. Die Sklaverei und die gemeinen Beſchäftigungen eines Bankierhauſes erſchreckten ihn. Wie war er bei ſeiner entſchiedenen Neigung für Literatur, bei anerfanntem Geſchmack für Literatur, bei leidenſchaft⸗ licher Vorliebe für das Reiſen, fähig, ſich mit der Lebens⸗ weiſe der City oder der enthuſiaſtiſchen Hingabe an Ban⸗ kiers⸗Geſchäfte auszuſöhnen, eine Hingabe, welche, wie er wohl wußte, ſein Vater verlangte. Bei jedem neuen Bekenntniß dieſer Gefühle, flehte Frau Hamlyn, welcher allein er dieſe Unannehmlichkeiten unbewußterweiſe der Subordination und dem Gehorſame in die Arme ſinken. Unglücklicherweiſe hatte ein Ausflug nach Italien, während ſeines Aufenthaltes in Cambridge, ſeine Nei⸗ gungen mehr als ſonſt Etwas, auf andre Weiſe geſtaltet; und Henry war nun daran, ſich in irgend einem Fache examinieren zu laſſen. Er war feſt entſchloſſen, wenn es, wie allgemein erwartet wurde, zu Hauſe eine große Feſtlichkeit gebe, die gute Gelegenheit zu ergreifen, ſich an ſeines Vaters Gnade zu wenden, und Befreiung von Die Bankiersfrau. I. 7,. einer Laufbahn zu erflehen, welche ſeinen Gefühlen als die widerwärtigſte unter allen erſchien. Dieſes war die Noth, welche nun den ſchönen Augen der Frau Hamlyn von Dean⸗Park bittere Thränen abdrang. Alles, was ſie bis jetzt durchgemacht hatte, war Nichts gegen die harten Erfahrungen, welche ſie von jetzt an um ihrer Kinder willen zu erleben hatte. Sie hatte den Muth nicht, an den Kelch des Zornes zu denken, welcher auf das Haupt des unklugen Henry ausgegoſſen werden ſollte. So wenig es ihr früher möglich geweſen war, alles Abſtoſſende am Charakter ihres Gemahles zu billigen, ſo wenig war es ihr jetzt möglich. Fünftes Kapitel. Von hohen Gäſten ladet, hör ich ſagen, Gar eine große, ausgeſuchte Zahl Der flotte Wirth an dieſen Feiertagen; Und ſie und andre Pgirs läßt dieſesmal Der Herzog D. in ſeinen Wäldern jagen. Mir haben's ſichre Boten zugetragen. Byron in ſeiner verſifizirten Zeitung. Bei der merkwürdigen Schwäche im Charakter des klugen Bankiers, der doch die hohen Fähigkeiten ſeines jüngern Sohnes genau kannte, war das Mitglied der Familie, von deſſen Verſtand er am wenigſten hielt, der Einzige, welcher einigen Einfluß auf ſeinen Geiſt hatte; während der Sohn, der in allem Ernſte ſeine Plane verkehrt hatte, der Einzige war, welcher wirkliche Gewalt über ſein Herz hatte. 1 Walther Hamlyn, obwohl eitel und leichtſinnig, war einer von den populärſten jungen Männern des Tages. Seine feine Bildung und ſeine Perſönlichkeit machten 99 ſeſten jungen Leuten des Tages. Hamlyn beim„blauen Regimente“ war in kurzer Zeit ein bekannter Mann und Mitglied von einigen der beſten Clubbs, und bewegte ſich in den höchſten Zirkeln der Londoner Daß er ſich unter ſolchen Umſtänden als eine Perſon vom erſten Range betrachtet, war kein großes Wunder. Die meiſten leerköpfigen Burſche denken das Gleiche. Das Wunder war, daß der ſolide Bankier von der Lombardſtraße ſeine Einbildung theilte. Denn Hamlyn war ſtolz auf Walther, ſtolz auf ſeinen Rang in der Geſellſchaft, ſtolz auf die Connexionen, welche er hatte, ſtolz auf Walthers Stolz, den ſeine Stellung wie geſagt, ſehr hoch dünkte. In ſeiner Perſon mußte ja nach des Herrn Vaters Anſicht das Anſehen von Dean⸗ Park gewinnen. Lord Vernon und ſeine Familie ſollten nicht daran denken, ihre Verachtung auf einen ſtandesge⸗ mäſſen jungen Mann, wie Hamlyn beim blauen Regimente, auszudehnen. Daß der Bankier ſelbſt die Gelegenheit verſäumt hatte, ſich durch eine vortheilhafte Heirat für ſeine Lebensverhältniſſe zu fördern, war für den ehrgeitzigen Bankier lange Zeit eine Quelle des Verdruſſes geweſen. Aber er fühlte ſich zufrieden im Gedanken, daß ſein zukünftiger Stellvertreter nicht wenig für die Erhöhung des Ruhmes der Familie thun werde, wenn er ſich in künftigen Zeiten am Adelsrange, dem er bei den Leuten auf Hyde mit der eiferſüchtigſten Verehrung huldigte, durch Heiratsverbindung Theil bekäme. W Obgleich Richard Hamlyn gegen ein Verrathen dieſer Schwächen auf der Hut war, bewog ihn doch der Werth den er unbewußter Weiſe auf ſeinen ſtandesge⸗ mäſſen Sohn legte, dazu, die Zeiten, zu welchen Walther auf Dean⸗Park Beſuche machte, zu Angelegenheiten vom höchſten Gewichte zu machen. Gerade bei Oberſt Hamiltons Anweſenheit war es ihm unmöglich dieſe Schwäche zu verbergen, immer hieß es da:„wir wollen davon ſprechen, wenn mein Sohn Walther kommt, Walther wird beſtimmen, welches Roß an den Schlitten geſpannt werden ſoll, oder: es iſt beſſer, wir denken nicht an den Ball, bis Walther uns in Kenntniß geſetzt hat, wie lange er bleiben kann, lauter Worte, welche der alte Oberſt der natürlichen Partheilichkeit eines Vaters für ſeinen Erſtgebornen zuſchrieb, wobei er jedoch Lydia ein Lächeln zu warf, wenn ſein Freund den Namen Walthers zu oft wiederholte. „Es iſt klar,“ ſagte Oberſt Hamilton mit einem klugen Lächeln,„daß der junge Herr das Faktotum aitf Dean⸗Park iſt.“ Anderſeits hatte entweder der Bankier in ſeinen Briefen nach Windſor die Wichkigkeit, welches das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen ihnen und ihrem neuen Nachbar habe, ungemein vergrößert, oder das Gerücht der Welt hatte die Vermögensumſtände des Oberſt vervielfältigt genug. Der feine Herr„vom blauen Regimente“ ſetzte ſeinen Bedienten und ſeine Stiefel in große Verwunderung, als er wenige Stunden nach ſeiner Ankunft in der Heimath, noch ehe er die wöchentliche Notiz von der Dreſſur der Ormeauhunde geprüft hatte, mit ſeinem Vater nach Burlington hinüberwanderte. Die Reſultate des Beſuches übertrafen beinahe die Hoffnungen des Bankiers. Der heitere gutartige Sinn des alten Soldaten war im Augenblicke durch die ange⸗ nehmen Sitten des jungen Mannes gewonnen, und der Zauber, welchen das gebildete Benehmen des ſchönen Kapitän Hamlyn hervorbrachte, that die gewöhnlichen Wunder zu ſeinen Gunſten. Sein Egoismus war in der That ganz ruhig, ganz frei von Rumor und Eitel⸗ keit; er hatte ſogar die Kunſt ſich ganz zu verſtecken. In dieſem Zeitalter, in dem der Selbſtſucht, gibt es beinahe ſo viele Varietäten des Egoismus, als Varietäten h 101 von Dahlias und Piccotans; es gibt einen lauten, öffentlichen ausgeſprochenen Egoismus, welcher ſich bei den Schnepfen die Schenkel, bei den Hühner die Flügel, am Ofen den beſten Platz zueignet, ein Egoismus übrigens, vor welchem ſich Leute gewöhnlichen Schlages einzig und allein in Acht nehmen; es gibt aber auch weniger in die Augen fallende Arten dieſes Fehlers; ich meine: den ſtillen Egoismus perſönlicher Eitelkeit den Stolz auf Kenntniſſe und Verſtand, Abſchließung zwiſchen ſeinen vier Wänden gegen Andere, ſchmutzige Spekulation und verſchiedene andere Arten dieſer Leidenſchaft. Solcher Egoismus weiß meiſtens unentdeckt durch die Welt zu ſchlüpfen, oder ſich ſogar in das Gewand und die Maske der Tugend zu hüllen. Oberſt Hamilton war nicht hellſehend genug um zu entdecken, daß Kapitän Hamlyn, anſtatt ſich als einen Theil der Familie Hamlyn zu betrachten, ſeine Familie als einen Theil ſeiner ſelbſt betrachtet, daß er die Firma „Hamlyn und Compagnie“ in der Bombardſtraße blos als die Springfedern und Räder einer Uhr betrachtet, deren emailliertes Zifferblatt ein ſchöner Kapitän vom blauen Regimente ſei. Wenn der berechnende Bankier im Gedanken an das Reſultat des Beſuches, den ſein Sohn in Burling⸗ ton gemacht hatte, triumphirte, ſo war Walther voll⸗ kommen verſtimmt. Ein Paar flüchtige Zuſammenkünfte mit dem Oberſt in London hatten ihn für die rückſichtsloſe gut gelaunte Vertraulichkeit des Mannes, der ſich im Mittelpunkte ſeiner Familie feſtgeſetzt hatte, noch nicht verbreitet. Es quälte ihn der Gedanke, daß er die unpolitſchen, excentriſchen Sachen Hamiltons von der feinen Bildung ſeines jungen Freundes, des Lord Dartford, und ſeiner adelichen Verwandten zeigen ſollte. Aber vor Allem drückte ihn der Gedanke an den Eindruck nteder, welchen das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen ſeiner Familie und dem ſonderbaren alten Mann auf die Vernons machen werde. * „Wir haben keine gute Stellung in der Grafſchaft, da wir uns für die Sonderbarkeiten eines Mannes verantwortlich machen müſſen, der die gewöhnlichen Formen der Welt nicht kennt,“ war ſeine geheime Be⸗ trachtung als er das Schloß Burlington verließ,„doch mein Vater kennt den Oberſt wohl am beſten auf der ganzen Welt und da er darauf beſteht, daß der Umgang mit dem alten Hamilton ein unvermeidliches Uebel für uns ſein ſoll, ſo werden wir uns wohl unterwerfen müſſen.“ „Einen gewöhnlichen Onkel oder Großvater der ebenſo reich wäre, könnte man aushalten; die dann und wann vorkommende Schenkung einer hundert Pfundnote könnte ſeine Vertheidigung übernehmen. Aber ein Fremder, ein Mann, von welchem man als Erſatz für ſeine Plaude⸗ reien Nichts bekommt, iſt eine Laſt, die man Einem nicht aufbürden ſollte. Ich wünſchte von Herzen dieſe Chriſttagsfeiertage wären vorüber, und die Rotherwoods hätten den böſen ärgerlichen Dienſt, daß ſie des alten Hamiltons gemeine Späſſe anhören müſſen, nicht mehr zu gewarten.“ 4 Wenn man ohne das Talent der Beobachtung in der Welt lebt, ſo kommt man in der Lebensart nicht weiter, als wenn man ſeine Tage zu Ghazerapore zubringt, und der arme Walther, obwohl er ſich in den Zirkeln der ſtandesgemäßen Geſellſchaft bewegt, verſtand von den Triebfedern ihrer Handlungen ſo wenig als der ein⸗ fache ſchlichte Gegenſtand ſeiner Verachtung. Bei den adeligen Gäͤſten, welche im Laufe der Chriſttage auf Dean⸗Park zuſammenkamen, hatte Oberſt Hamilton das größte Glück. Weit entfernt, ſich bei ihm an Plump⸗ heit zu ſtoßen, fühlten ſich die Rotherwoods durch die luſtigen Einfälle eines Mannes, der durch die einförmig machenden Einflüſſe des ſtandesgemäßen Lebens gar nicht befangen gemacht worden war, ungemein erheitert, da er ihnen gewiſſermaßen Etwas ganz vollkommen Neues war, ſo war er ihnen ungemein willkommen, und ſeine beiſſende — 103 Kritik gegen die Thorheiten des Tages wurden durch unwillkuͤrliche Ausbrüche der Heiterkeit, wie ſie noch nie⸗ mals in den Hallen Dean⸗Parks erſchollen waren, belohnt. Lord Crawley, ein Mann, welchen ſeine Staats⸗ geſchäfte verhindert hatten, ſich durch Lektüre zu bilden, und deſſen Kenntniſſe durch Erfahrungen Anderer, wie er ſich dieſelben geſchickterweiſe gemacht hatte, gewonnen worden waren, bemühte ſich während des Verlaufes ihres Geſpräches in den erſten Tagen, aus dem Oberſt eine Menge Notizen in Beziehung auf den Schauplatz des Krieges in Indien und den Zuſtand der öffentlichen Meinungen im Oſten heraus zubringen. Während Walther Hamlyn bemüht war, durch gewandte Ma⸗ neuver die ſonderbaren Manieren des altväteriſchen Nabob, wenn er Wein trank, den, wenn er Whiſt ſpielte, zu verdecken, Eigenheiten, welche in den Augen von Weltleuten keine Bedeutung hatten: waren Lord Crawley und ſein edler Schwager ängſtlich darauf aus, den ſubtilen, jungen Mann, den ſie als den Sohn ihres Bankiers mit Schonung behandelten, zu geſchweigen, um den ergötzlichen Erzählungen des Veteranen ihre Aufmerkſamkeit völlig ſchenken zu können. Zwar war Frau Hamlyn über die Schwäche, ſich an einem Gaſte des Hauſes zu ſchämen, weil ſie das Glück hatte, hohe Perſonen unter ihrem Dache zu bewirthen, weit erhaben, allein ſie befürchtete doch ein wenig die orientaliſchen Anekdoten, welche ſo oft auf Dean⸗Park wiederholt worden waren, möchten ihrem Beſuche ſo läſtig werden, als ihr ſelbſt. „Sie fürchten, ich werde Langeweile haben, wenn ich die ergötzlichen indiſchen Geſchichten Oberſt Hamiltons anhöre,“ rief Lady Rotherwood aus, welcher ſie ihre Beſorgniß mittheilte,„iſt es Ihnen Ernſt? Niemals in meinem Leben habe ich Etwas gehört, das mich ſo inte⸗ reſſirt hätte. Welch ein angenehmer, geſprächiger Greis! Wie viel hat er von der Welt geſehen!“ Frau Hamlyn, welche im Kreiſe ihrer eigenen Familie ſo oft gehört hatte, daß die Sonderbarkeiten Oberſt Hamiltons dem Umſtande zugeſchrieben wurden, daß er die Welt nicht geſehen habe, konnte ſich nur mit Mühe eines Lächelns erwehren. Die Erklärung, welche die gut⸗ müthige Gräſin über das Sehen der Welt gegeben hatte, war deutlich, die, welche die ſtatiſtiſche, nicht die Almacks⸗ Geſellſchaft zu geben pflegt. 4„Wenn man Oberſt Hamilton hört, ſo iſt es, wie wenn man ein unterhaltendes Buch liest,“ fuhr Lady Rotherwood fort,„ich hielt, wörtlich geſagt, geſtern Abend den Athem an, als er uns die bezaubernde Erzählung von der Löwenjagd zu Chinderabad zum Beſten gab.“ Sophie, welche ſeit den letzten ſechs Monaten dieſe wahre Erzählung, eine der Lieblingserzählungen des Oberſten, dreimal in der Woche angehört hatte, und einzig durch die Rückſicht auf die Geſetze der Artigkeit abgehalten wurde, den Oberſt zu ſtören, mußte finden, daß ſie Unrecht habe, wenn fie fürchtete, die Erzählungen des Oberſten werden für die politiſchen Discuſſionen der anweſenden Parlementsmitglieder eiin unangenehmes Hin⸗ derniß abgeben. Es hatte ſie ſo eben nicht Wunder ge⸗ nommen, daß die hohe Stellung der Lady Rotherwood ihr tauſend Dinge neu und merkwürdig erſcheinen ließen, welche das tägliche Brod von Cavendiſh⸗Square und Dean⸗Park ausmachten. Da dieſe durch die Ver⸗ hältniſſe ihres Lebens zur Unthärigkeit verdammt war, ſo war ihr die Unterhaltung durch welche die ſubtilen Erfindungen eines Novelliſten oder die muntern Erzäh⸗ lungen eines Pilgrims in der Wüſte, wie Oberſt Hamilton einer war, ihren Geiſt belebten, ein ſüßer Troſt für die Langeweile, mit welcher ſie ſo oft zu kämpfen hatte. „Wenn mein Neveu zu uns kommt, welcher jeden Tag erwartet wird,“ bemerkte ſie kurz vor der Ankunft Lord Dartfords,„ſo bitte ich Sie, meine theure Frau Hamlyn! dieſen lieben alten noch einmal auf das Kapitel von Ghaznapore zu bringen. Dartford hat die Geſchichten von der Löwenjagd, dem Mädchen vom + * 10⁵ Stamme der Natches, den Zauberer mit ſeinen Schlangen noch nicht gehört, und will doch abſolut bezaubert ſein. Kapitän Hamlyn! ich bitte Sie, verſprechen Sie mir die Erzählung der Löwenjagd für Ihren Freund Dartford. Mein Neveu iſt ein ganz enthuſtaſtiſcher Jäger. Mein Neveu wird an einem ſolch angenehmen, unter⸗ haltenden, wohlbetagten Nachbar, wie Sie einen haben, ein großes Gefallen finden.“ Dieſe Worten machten Oberſt Hamilton ſo viel Muth, daß er der Stern der kleinen Geſellſchaft wurde, und die Begeiſterung ſeiner Zuhörerſchaft rief, wie es ſchien, tauſend neue oder vergeſſene Quellen der Unter⸗ haltung in ſeinem Geiſte hervor. Von dem jungen Marquis mit Fragen hinſichtlich der Jagd wilder Thiere in Oſtindien, von Lord Cravley über die Tribunale und ſonſtigen Einrichtungen dieſes Landes, von der Gräfin über ſein Clima, ſeine Produkte, ſeine Blumen, ſeme Sutties und Zauberer überhäuft, gab er in fließender Sprache ſo vielerlei Aufſchlüſſe, daß Walther Hamlyn den Aerger hatte, zu finden, der Abend ſei ohne irgend eine Anſpielung auf die politiſchen Angelegenheiten Lon⸗ dons oder auf irgend einen fashionabeln Scandal vor⸗ übergegangener Dinge, bei deren Abhandlung er, wie er meinte, vor Allen Andern die Hände im Spiele hätte haben können. Doch, da er ſichs angelegen ſein ließ, ſeines Vaters Haus für eine Geſellſchaft angenehm zu machen, welche der Londoner Bankier als die einzige anpries, die ſeinem Gute Dean⸗Park bei der ganzen Grafſchaft Geltung ver⸗ ſchaffen, und in den Stand ſetzen könne, den Impertinen⸗ zen der Vernons die Spitze zu bieten: ſo beruhigte ihn unter den wirklichen Umſtänden die Betrachtung, daß die Hamlyns ſich wohl glücklich ſchätzen dürfen, ihrem Sy⸗ ſtem der Artigkeit gegenüber dem Nabob treu geblieben u ſein, und dadurch ſich ſelbſt unbewußt einen in der Converſation vorzüglichen Mann zur Unterhaltung für ihre Freunde gewonnen zu haben. 106 Die Rotherwoods ließen ſich im Verlauf des Ge⸗ ſprächs überreden, einen Tag länger, als ſie verſprochen hatten, zu bleiben, und zwar blos zu dem Zwecke, das orientaliſche Muſeum ihres Freundes auf dem Schloß Burlington einzuſehen. Was den Marquis von Dart⸗ ford betrifft, ſo war er halb erſchrocken, eingeſtehen zu müſſen, daß er an Dean⸗Park, dem er bei einem früheren Beſuche die höchſte Schläfrigkeit und Formalität ange⸗ merkt hatte, welche er damals blos in Rückſicht auf die Nähe von Ormeau ertrug, das er ſeiner Hunde wegen ſchätzte, durch die Anweſenheit eines Nachbarn, deſſen Herzenswärme und Offenheit einer Gallerie von Sta⸗ tuen Geſellſchaftlichkeit einzuhauchen im Stande geweſen wäre, eine weſentliche Verbeſſerung ſpüre. An dem für die Abreiſe der Rotherwoods beſtimm⸗ ten Morgen fand Walther die Gräfin durch ihren Lieb⸗ lingserzähler ſo in Anſpruch genommen, daß er keine Gelegenheit bekommen konnte, um ihr ſein Abſchieds⸗ Compliment zu machen. 1 „Was wird wohl wirklich Oberſt Hamilton mit Lady Rotherwood zu ſchwatzen haben?“ ſagte er verdrieß⸗ lich zu ſeiner Schweſter Lydia, welche auf die Fürſprache ihres gütigen Freundes hin bei der Geſellſchaft zugegen ſein durfte. „Er entſchuldigt ſich, daß er die nächſte Woche mei⸗ nen Vater und meine Mutter nicht nach Schloß Rother⸗ wood begleiten könne.“ „Du glaubſt doch nicht, daß die Rotherwoods den alten Hamilton eingeladen haben?“ „Dringend. Es ſoll auf dem Gute Rotherwood ein Treibjagen abgehalten werden.“ „Aber er iſt kein Jäger, und ich und Dartford ha⸗ ben kein Wort davon gehört,“ unterbrach ſie Walther. „Vielleicht will Lord Rotherwood nicht zu viele wirkliche Jäger unter der Geſellſchaft haben.“ „Aber was beim Himmel, will der arme alte Oberſt Hamilton in Mitten eines Zirkels von wirklichen Jägers⸗ 107 männern, wie ſie auf Schloß Rotherwood verſammelt ſind, anfangen?“ „Er will anfangen, was er, wie ich mit meinen ei⸗ genen Ohren hörte, zur Antwort gab. Er ſagt, er wolle lieber Lord und Lady Rotherwood beſuchen, wenn ſie allein und zur Unterhaltung aufgelegt ſeien; eine kleine Geſellſchaft ſei mehr nach ſeinem Geſchmacke.“ „Welch ein Mann!“ rief Walther aus und zuckte die Achſeln.„Und was hat wohl Lady Rotherwood von ihm gedacht?“ „Wahrſcheinlich dachte ſie, er thue ihrem Hauſe eine große Ehre an. Es war noch nicht oft der Fall, daß die Geſellſchaft der Rotherwoods der Faſanenjagd, die ſie halten laſſen, vorgezogen wurde.“ „Von welch geringfügigen Umſtänden find ſolche Leute abhängig!“ war der ſtille Gedanke des Kapitän Hamlyn. Das letzte Mal als die Rotherwoods hier waren, machten ſie meinem Vater die Mühe, ihnen die zwei unterhaltendſten Leute von London zuzuſenden, den Recenſenten Flünflam, und den beſten Geſchichtserzähler in der Stadt, Auguſtus Brag, und doch kam Lady Rother⸗ wood niemals zum Frühſtück, und war, wie ich vermuthe, durch Langeweile bis zum Tode gequält. Und nun iſt ſie durch dieſen ſchrecklichen Alten ganz eingenommen, ganz auf ihn verſeſſen! Das iſt eine Caprice von ihr, als einer großen Dame! Denke ich. Doch würde es mir ſehr unangenehm ſein, wenn ſie mich nicht auf ihr Schloß einladen würde, um der Jagd anzuwohnen, denn ich war Willens, und gab Dartford meinen Willen zu verſtehen, daß ich meinen Vater zu begleiten wünſche. 4 In dieſem Augenblicke trat Lady Rotherwood zu Herrn und Frau Hamlyn und machte ihre Abſchieds⸗ Complimente, da bereits angemeldet worden war, der Reiſewagen ſei angeſpannt, und Walther, der die herzli⸗ chen Ausdrücke ihrer Gaſtfreundſchaftlichkeit mit anhörte, fühlte voll Zufriedenheit, daß ſie ſeine Familie nach den Regeln des Anſtandes behandelte. 4 108 Doch war er verdrießlich und mißvergnügt.„Ich will nicht hören, daß man ſie zu Hauſe läßt, waren die unwillkommenen Worte, welche auf ſein Ohr trafen. Oberſt Hamilton hat mir zuerſt erzählt,“ fügte die Grä⸗ fin hinzu, indem ſie Lydia voll Güte anſah, zur Ant⸗ wort auf ihrer Mutter Entſchuldigung, als ob ſie„ein der Geſellſchaft noch nicht Vorgeſtelltes junges Mädchen“ ſei, ſie ſei die bezauberndſte Geſellſchafterin auf der Welt. „Er weiß nicht, wie er ohne ſie kommen ſollte.“ Es war von Seiten der Familie Hamlyn unmög⸗ lich, die nun folgende dringende Einladung für Lydia abzulehnen. Aber kaum waren die Rotherwoods abge⸗ fahren, kaum hatte Oberſt Hamilton mit den zwei jun⸗ gen Jägern das Zimmer verlaſſen, als der Zorn Ham⸗ lyns losbrach. „Lydia ſoll anſtatt ihres Bruders eingeladen ſein?“ rief er aus,„ein unberechenbarer Schimpf, welcher mei⸗ nem Sohne angethan wurde, und überdieß in Gegenwart des Oberſt Hamilton angethan wurde. Dir habe ich da⸗ für zu danken,“ fuhr er zu ſeiner Frau gewandt, zornig fort,„das iſt Alles die Folge Deines unpraktiſchen und ſchädlichen Syſtemes. Da es der Gräfin unmöglich war, die ganze Familie einzuladen, ſo mußte ſie nothwendiger⸗ weiſe einer Perſon den Vorzug geben, den Du als Weib ihr zu empfehlen wußteſt.“ „In der That theurer Papal ich will tauſendmal lieber zu Hauſe bleiben,“ ſagte Lydia, indem ſich ihre Augen mit Thränen füllten, als ſie das erſte Mal in ihrem Leben ihre gütige Mutter tadeln hörte. Frau Hamlyn, welche befürchtete, den Zorn, der ſie getroffen hatte, möchte auf ihre Tochter übergehen, nahm die ſtolze Miene an, als habe ſie in dieſer Sache zu entſcheiden und ſchickte die Urſächerin dieſer Streitigkeiten ſogleich zu ihrer Arbeit. Nachdem ſie hinter ihrer armen Tochter die Thüre zugeſchloſſen hatte, ſagte ſie:„Das nächſte Jahr wird nothwendigerweiſe Lydia uns überall hin begleiten dür⸗ 109 fen, und Walther denſelben Wechſel des Geſchickes, als ein Ueberzähliger, zu erfahren haben.“ „Das nächſte Jahr werde ich mich Nichts mehr um die Sache bekümmern; das nächſte Jahr mögen die Ro⸗ therwoods meinetwegen handeln, wie es ihnen ihre tollen Meinungen eingeben. Für die Gegenwart ſollten noth⸗ wendigerweiſe Walther bei Oberſt Hamilton auf der höch⸗ ſten Stufe der Achtung ſtehen.“ „Verzeihe mir,“ wenn ich ſage:„Oberſt Hamilton läßt ſich dadurch, daß Jemand mit der vornehmen Welt Bekanntſchaft hat, in ſeinem Benehmen gegen ihn nicht beſtimmen,“ gab Frau Hamlyn in ſanftem Tone zur Antwort. „Ja wohl, wenn es vornehme Leute ſind, die er achtet,“ gab Hamlyn zur Antwort, wobei er ſich auf die Lippen biß, welche immer bläſſer und bläſſer wurden. „Glaubſt Du daß er in der Wahl eines Erben für ſein Vermögen bei einem jungen Mann, den er blos vom Hörenſagen kennt, nicht auf die Stellung deſſelben in der menſchlichen Geſellſchaft Rückſicht nimmt? Wie er ſich in Warwickſhire anſiedelte, fand er uns durch die den Ton angebende Familie aus der Nachbarſchaft verdun⸗ kelt, gänzlich verdunkelt. Von den Artigkeiten der Ro⸗ therwoods, als dem wirkſamſten Gegengewichte gegen das Unglück hing ich ab. Schaue auf das Reſultat, das Dein Unverſtand geſchaffen hat! Die Vernons werden heute erwartet, und innerhalb einer Woche wird Hamil⸗ ton in Ausdrücken einer ganz unerwarteten Höflichkeit, welche mehr demüthigt, als ein entſchiedener Fall, mit uns ſprechen.“ Das letzte fügte Hamlyn im Tone der Bitterkeit hinzu. „Er bemerkt übrigens, daß wir mit Leuten, welche den Vernons an Rang und Anſehen gleich find, in freund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſen ſtehen,“ eiferte ſeine Gattin da⸗ gegen..—. „Fünfzig Grafen von Rotherwood in verſchiedenen Grafſchaften kommen einem Lord Vernon, ſogar wenn er 110 blos in Einem Diſtrikte reſidirte, kaum gleich. Hamilton wird meinen, er habe vollkommen Recht, zu glauben, dieſe Leute wiſſen Etwas, das meinem Rufe ſchadet. Zehen gegen Eines, während ſie uns von ſich entfernt halten, werden ſie gegen ihn als einen Fremden in der Grafſchaft ungemein artig thun.“ „Ich kann keinen Faden finden, an welchen ſich eine etwa mögliche Bekanntſchaft zwiſchen ihnen und dem Oberſt anſpinnen könnte.“ „Immer gibt es Anknüpfungs⸗Punkte zwiſchen Land⸗ nachbarn, deren Güter zuſammenſtehen; man hat Füchſe einzuhegen, um ſie bei Gelegenheit zu ſchießen, Wild⸗ diebe zu verfolgen, Eindringlinge zurückzuweiſen. Barlow ließ durch ſeine Galanterie mit den Parkſchlüſſeln im Herzen des Oberſt einen ſichern Anhaltspunkt zurück. Lord Vernon erwartet, als der tonangebende Lord der ganzen Grafſchaft anerkannt zu werden, und ein Mann von Hamiltons Vermögen iſt immer ein Gegenſtand der Huldigung.“ „Als er zuerſt hieher kam, ſchienſt Du ängſtlich da⸗ für beſorgt zu ſein, daß ſein hieſtger Aufenthalt ſo an⸗ genehm als möglich, werden ſollte.“ „Ganz natürlich, weil uns dieß ein Mittel werden konnte, ihn inniger mit uns zu verbinden. Bedenke, was die Folge wäre, ließe man ihn auf dem Lande herum⸗ laufen, um ſich Unterhaltung zu verſchaffen, und in je⸗ dem Bade nach Luſt und Laune Bekanntſchaften an⸗ knüpfen zu können. Es iſt mir nicht lieb, wenn er auf Walthers Unkoſten von den Rotherwoods bewirthet wird, ſo wenig als wenn die Vernons ihn einladen, in deren Hauſe er gewiß von uns verächtlich ſprechen hörte.“ „Ich bin überzeugt, die Vernons haben keinen Einfluß auf ſeine Anſichtsweiſe“ rief Frau Hamlyn voll Wärme aus. 3 „Wenige Leute ſind feſt genug um kalt zu bleiben, wenn ſie hören müſſen, wie andere Leute täglich geläſtert werden. Auf jeden Fall, wenn er mit den Vernons auf 111 Hyde innig vertraut wird, wird er unſerm Hauſe fremd, wo er nach meiner Anſicht den feſteſten Fuß faſſen ſollte; wenigſtens ſo lange, bis Walthers Intereſſen ſicher ge⸗ ſtellt ſind. Ich werde ihm unter der Hand zu verſtehen geben, daß mein Sohn eine Einladung auf Schloß Ro⸗ therwood ausdrücklich vermeiden wolle. Der ernſthafte Ausdruck des Geſichtes der Frau Hamlyn zeigte, wie wenig ſie an irgend einem Verſuch, den offenherzigen Hausfreund zu betrügen, Gefallen fand. Ihr Gemahl hätte es ſich erſparen können, den eben genannten Plan zu ſchmieden. Auf den Wunſch des Oberſt Hamilton hin hatten die zwei jungen Männer, während ihrer Jagd morgens frühe auf Hyde gefrühſtückt, und während ſie in einem herzlichen Humpen alten Madeiras ihren herzlichen Wirth hoch leben ließen, war Lord Dartford in lautes Miß⸗ vergnügen ausgebrochen. „So mein theurer Sir!“ rief er Oberſt Hamilton zu,„dieſe meine verwegene Tante, dieſer mein verwegener Onkel haben ſie zu einem Treibjagen eingeladen, und mich und Walther vergeſſen! Ich fühle mich ſowohl in der Perſon meines Freundes, als in meiner eigenen aufs Aeußerſte gekränkt. Was können ſie damit meinen? Ob⸗ wohl ich das Unglück hatte, das letztemal, als ich Lord Rotherwoods Park betrat, ſeinen Lieblingshund aus Verſehen zu erſchießen, ſo iſt es doch nicht ſchön von meinem leiblichen Onkel, daß er mich ſo pöbelhaft be⸗ handelt. Wenn er nicht durch eine ſchnelle Einladung die Sache wieder gut macht, ſo habe ich den ernſtlichen Gedanken, ganz mit ihm zu brechen.“ „Denken Sie nicht daran! denken Sie nicht daran!“ war Oberſt Hamiltons herzliche Gegenermahnung. Wenn dieſes Wetter anhält, ſo haben Sie durch das Verſäu⸗ men des Treibjagens wenig verſäumt, und wenn nicht, nun ja! ſo haben Sie ja, wie Sie mir erzählten, mein Lordl dieſen Winter blos zu dem Zwecke eine Reiſe nach Italien aufgegeben, um den Genuß einer Fuchs⸗ 112 jaad beſſer haben zu können, wobei Sie ſich gewiß viel beſſer mit den Hunden von Ormeau amüſiren werden, als wenn Sie die Hunde des Grafen todt ſchießen.“ „Ich gehe gerner auf Jagden mit Hunden, als mit Gewehren, das iſt gewiß; und ich denke mein Onkel nimmt dieſe meine Neigung zu einem Vorwande für ſeine Rohheit“ rief Lord Dartford aus.„Aber ſoll das Einen nicht kränken, wenn man Einem die Wahl nicht läßt, Hamlyn?“ fuhr er fort, indem er ſich an Walther wandte, welcher in ſeine eigenen Gedanken und in die Bearbei⸗ tung einer Hühnerpaſtete tief verſunken war.„Was mich betrifft, ich möchte lieber die beſte Jagd, welche der Her⸗ zog von Elvaſton wahrſcheinlich noch während dieſer Jahreszeit geben wird, gegen die Gewißheit fahren laſ⸗ ſen, daß ich bei ſolch einer angenehmen Parthie ſein dürfte, wie ſie nächſte Woche auf Schloß Rotherwood zuſammen kommen wird“ „Oho! oho!“ rief Oberſt Hamilton aus, welcher gleich den meiſten jovialen alten Edelleuten ein ſchönes Mädchen als das verſteckte Ziel, nach welchem jeder junge, hübſche Herr ſtrebe, betrachtete:„ich ſehe nun ein, welchen Vogel Sie gerne auf dem Schloſſe der Rother⸗ woods fangen möchten. Aber, wenn dieſes der Fall iſt, warum ſind Sie nicht gerne da, wo Sie ſind? Haben Sie nicht, ich bitte Sie, auf Dean⸗Park das Spiel in der Hand?“ Walther Hamlyn, durch das Ungenierte dieſer An⸗ ſpielung betroffen, aber überzeugt, daß es unmöglich ſei, die rückſichtsloſe Geſchwäzigkeit des alten Mannes, wenn ſich ſeines Geiſtes einmal eine Idee bemächtigt hatte, zu geſchweigen, verſuchte, der Unterredung dadurch eine an⸗ dere Wendung zu geben, daß er dem blaſſen Tafelbier von Hagſon, welches der Oberſt nicht gerne trank, ein übertriebenes Lob angedeihen ließ. Aber die Aufmerk⸗ ſamkeit Hamiltons war nicht ſo leicht abzulenken. „Ja! ja! ich weiß es wohl, Hodgſon wird Sie mit der Zeit noch ganz zu ſeinem Anhänger machen,„rief er 113 aus. Das ſind mir ſaubere Orhofte von ſeinem ſchweren Biere, das Sie im Hauſe haben! Hodgſons Bier iſt für mich ein ſo gutes Schlafmittel, als eine der Erzählun⸗ Pn Twaddlems. Ich erwarte einen neuen Schlitten von irmingham,“ fuhr er, zum Marquis gewandt, fort, „und, beim heiligen Georg! Sie und Miß Lydia dürfen denſelben gebrauchen. Ich will ihn morgen nach dem Frühſtück nach dem Dean⸗Park ſenden, und da die Wege im Park durch die Kohlen, welche man dieſen Morgen darauf geführt hat, in ganz guten Stand geſetzt worden find, ſo könnt ihr beide Nichts Beſſeres thun, als meine alten Augen durch einen Beſuch von eurer Seite erfreuen, und nach Burlington zum zweiten Frühſtück fahren. Wäre es keine ſchöne Schlittenfahrt, mein Lord? Lydia könnte ohne Kreuzhaube, und ohne eine lärmende Gou⸗ vernantin kommen; blos zwei junge Geſichter dürfen es ſein, welchen die friſche Luft Feuer und Farbe ge⸗ ſchenkt hat. Nun, was ſagen Sie zu meinem Vorſchlag?“ „Man muß die Sache wenigſtens verſuchen,“ erwie⸗ derte Lord Dartford, durch dieſe in Gegenwart des Bru⸗ ders geäußerte ungenierte Anſpielung auf einen Vorzug, den er ſelbſt ſich kaum gedacht hatte, mehr als je in Verlegenheit geſetzt.„Das einzige Hinderniß iſt die Un⸗ wahrſcheinlichkeit, daß Miß Hamlyn den Vorſchlag ein⸗ gehen werde, und meine eigene Unvermögenheit die Sache zu wagen, und Ihre Gedanken auf Dean⸗Park auszu⸗ ſprechen.“ „Oho! oho! was ſoll man zwei jungen Leuten Hin⸗ derniſſe in den Weg legen, wenn ſie ein harmloſes Ver⸗ gnügen genießen wollen, zumal da ſie ein Auge auf ein⸗ ander haben, und man von dem luchsaugigen, ſcandal⸗ ſüchtigen London hundert Meilen weit entfernt iſt? Wo iſt ein Hinderniß gegen eine ſolche Schlittenfahrt! Das möͤchte ich wiſſen.“ „Nirgends, mein theurer Sir!“ rief Lord Dartford aus, wobei er von Tiſche aufſtund und zum Zeichen des Abſchiedes ſeine Jagdmüßze aufſetzte.„Aus dieſem Grunde Die Bankiersfrau. I. 8 8 114 traue ich Ihnen, und glaube, Sie werden Ihr gütiges Anerbieten mit dem Schlitten nicht vergeſſen, damit ich den Verſuch machen kann, mit Frau Hamlyn auf einem zu fahren, wenn ſie mir die Ehre anthun und ſich mei⸗ ner Geſchicklichkeit als Schlittenkutſcher anvertrauen will. Dem Alter gehört der Vorrang das wiſſen Sie, zuerſt kommt Frau Hamlyn und ich, alsdann kommt ihr Sohn und ihre Töchter. Ein Jahr und zwei Monate bin ich älter als Walther, und deßhalb ſpreche ich bei dem na⸗ gelneuen, blutjungen Scherze den Vorrang an. Kom⸗ men Sie, Hamlyn, wir werden für die Vögel, welche wir da unten auf den Rübenäckern bemerkt haben, gerade noch Zeit haben, ſie auf dem Heimweg wegzuſchießen.“ Auf ihrem Rückwege nach Dean⸗Park machte Wal⸗ ther Hamlyn verſchiedene Verſuche, die Sonderbarkeiten ihres Wirthes zu entſchuldigen. Dartford aber machte alle zu Schanden, indem er ihn in runden Worten einen kapitalen alten Burſch nannte. Er fuhr fort:„welch' eine Erwerbung müßt ihr bei eurer dünn geſäten Nachbarſchaft an ihm gemacht haben! Als ich von Copington hörte, ihr werdet dieſen Winter die Vernons auf Beſuch haben, ſo bedauerte ich Euch in der That. Lady Vernon und ihre Tochter find die zwei ruheloſeſten, intriguanteſten Weiber, die ich kenne. Lord Vernon iſt eine pompöſe Null, ein unbedeutender Menſch, der aber im Namen des großen Propheten auf der Welt zu ſein meint. Alberich iſt ein franzöſierter Naſeweis. Nachbarn, wie die Vernons, kann ich nicht ausſtehen. Aber dieſer gefällige, offenherzige, alte Soldat iſt unbe⸗ ſtritten eine Quelle des Troſtes.“ Walther Hamlyn, bei dem der Ehrgeiz ſeines Lebens war, der Buſenfreund des franzöſierten Naſeweiſes und der begünſtigte Bewunderer der ruheloſen, intriguanten Dame zu werden, erwiederte leichthin:„weil die Vernons hauptſächlich in Northumberland leben, und zwiſchen ih⸗ nen und der Familie von Dean⸗Park Streitigkeiten in 115 politiſchen Angelegenheiten obwalten, ſo iſt ihr Kommen und Gehen von keiner Bedeutung für Dean⸗Park.“ So völlig anderer Art war übrigens dieſes Ver⸗ hältniß, daß eben zu dieſer Zeit der Bankier Tag und Stunde berechnete, wann es für ihn ſchicklich ſei, dem griesgrämigen Pair, mit dem er nothgedrungen eine Art nachbarlicher Freundſchaft unterhalten mußte bei ſeiner Ankunft eine Viſiten⸗Charte zu überſenden, ohne in Wirk⸗ lichkeit ſeiner Würde Etwas zu vergeben. Bereits hatte er die Nachricht erhalten, daß der Familien⸗Wagen der Vernons in der Nähe geſehen worden ſei, wie er ganz lahm und verdrießlich die Straße von Orington paſſirt habe, und nun die erlauchte Familie heranbringe, um einen unangenehmen Winter auf Hyde zuzubringen. Obwohl die ſtrenge Schilderung, welche der junge Marquis von Lord Vernon gemacht hatte, etwas über⸗ trieben war, ſo wäre es doch ſchwer geweſen, einen Mann ausfindig zu machen, der ſich ſelber weniger glück⸗ lich und weniger geneigt geweſen wäre, zum Glücke An⸗ derer beizutragen, als Lord Vernon. Ein Opfer der geiſtigen Hypochondrie, welche aus dem Uebermaße von Glück entſtanden war, murrte der hochgeſtellte Mann ſein nutzloſes Leben hinweg, wobei er die goldenen, tönen⸗ den Ringe ſeiner funkelnden Halskette mit ſolch düſterem Weſen ſchüttelte, als wolle er dadurch ein Leichenbegäng⸗ niß feiern. Uebrigens erhob ſich ſein griesgrämiges Weſen nicht bis zur Höͤhe von Menſchenhaß, begehrte auch nicht, ſich auf das Bewußtſein perſönlicher Ueberlegenheit zu ſtützen. Nein! ſein Vater, der letzte Cord hatte Güter im Werthe von 30,000 Pfund Sterling im Jahr, beſeſſen, und nun hielt er ſich für einen ſchwer gekränkten Mann, daß er bloß drei Drittheile von dieſem Betrage geerbt batte, woran die mit dem langen Wittwerſtand ſeines Vaters und den Bedürfniſſen einer zu bedeutenden Familie von Brüdern und Schweſtern verknüpften höheren Ausgaben Schuld geweſen waren. Wäre übrigens Lord Vernon gegen ſich ſelbſt ganz redlich geweſen, was wenig Leute auf dieſer Welt ſind, ſo hätte er zugeben müſſen, daß ſeine Hauptanklage gegen die Vorſehung, im Andenken n das hohe Alter, das ſein Vater erreichte, ſeine Quelle atte. Eine ſeiner Hauptklagen war die:„ich kam nicht eher in den Beſitz meines Vermögens, als bis ich zu alt war, um daſſelbe zu genieſſen.“ Zum guten Glück hielt er es nicht für nothwendig hinzuzufügen,„er habe durch die Koſten der zu bezahlenden Leichenbegängniſſe für Mutter, Vater und Geſchwiſter eine beträchtliche Verminderung ſeines Vermögens erlitten, ehe er durch den Tod ſeines achzigjährigen Vaters ein glücklicher Mann geworden ſei.“ In Bezug auf das einzige wahre Unglück ſeines Lebens war er ebenſo zurückhaltend, nämlich in Bezie⸗ hung auf die Thatſache, daß er bald nach ſeinem Ein⸗ tritte in die Volljährigkeit die Hoffnung einer ſtandes⸗ gemäßen heiratsluſtigen Dame, ſeiner wirklichen Gemah⸗ lin getäuſcht. Dieſe hätte den älteſten Sohn eines Pairs, welcher letztere bereits ſechszig Jahre auf dem Rücken hatte, fälſchlicherweiſe für eine ercellente Parthie gehalten, mußte es aber voll Schmerz beinahe als ein Verbrechen gegen ſich und ihre Kinder anſehen, daß der alte Lord es für paſſend fand, ein Paar Jahre, nachdem ſie ſich mit dem jungen Lord vermählt hatte, ihre Erwartungen durch eine zweite Heirat zu täuſchen, welche von einer anſehn⸗ lichen Nachkommenſchaft geſegnet war. Die weltkluge Gemahlin des ſungen Lords übte ihr ganzes Leben hin⸗ durch einen bedeutenden Einfluß auf den ſchwachen Cha⸗ rakter ihres Gatten aus, und Lord Vernon gezwungen, die erſten zwanzig Jahre ſeines ehelichen Lebens in be⸗ ſcheidener Genügſamkeit hinzubringen, anſtatt, wie er und ſeine Gattin gedacht hatte, eine brilliante Eriſtenz zu haben, hatte die Jugendkraft verloren, um vom Tode ſeines ehrwürdigen Vaters den gehörigen Nutzen und Genuß zu ziehen, als dieſer durch ſeinen Hingang zum 117 Grabe ihm einen großen Gefallen erwies. Dieſes iſt die klare, deutſche Erklärung ſeines Murrens. So un⸗ willig er geweſen wäre, hätte ihn Jemand verſteckter Weiſe merken laſſen, ſein langes Leben gebe wohl für die Freuden ſeiner Kinder ein Hinderniß ab, ſo gewiß iſt es, daß das lange Leben ſeines Vaters ihm zur Laſt gefallen war. Laſſen wir chriſtliche Moraliſten beſtim⸗ men, ob nicht ſolche Geſinnungen von Seiten eines auf⸗ geklärten Mannes vor dem Angeſichte Gottes ſündhafter ſind, als die Ausbrüche phyſiſcher Gewaltthat, welche im gewöhnlichen Leben von der ſtrafenden Gerechtigkeit des Geſetzes ſo ſchwer heimgeſucht werden! Bis Lord Vernon in einem Alter von fünfundvierzig Jahren den lang erſehnten Gruß der ſogenannten Unabhän⸗ gigkeit, nämlich ein Haus in der Stadt, drei prächtige Landſitze, und ein gehöriges Einkommen erlangt hatte, gab ihm ſichtlich ſeine Armuth hinreichenden Grund für ſein Murren.— Sein„verflucht kleines“ Einkommen von blos 3000 Pfund Sterling im Jahre, ſetzte ihn kaum in den Stand, ſeine Jagd in Leiceſterſhire zu be⸗ ſuchen, ſeinen Sohn auf der Univerſität zu erhalten, ſei⸗ ner ſchönen, putzſüchtigen Tochter die überfeinen Mode⸗ neuigkeiten des Tages zukommen zu laſſen, wies ihm nach ſeiner eigenen Anſicht die Stelle eines armen Man⸗ nes an. Aber als er jedes Jahr 20,000 Pfund hatte, obwohl in Folge der Schwäche des alten Lords zu Gun⸗ ſten ſeiner jüngern Söhne das jährliche Einkommen für immer um 7,000 Pfund vermindert worden war, ſchien es beinahe Zeit, daß er eine gegründetere Urſache zum Mißvergnügen bekommen ſollte, als die Verkümmerung ſeiner pekuniären Verhältniſſe war. Zu gehöriger Zeit kam nämlich ein neues Unglück von ſelbſt. Beinahe einen ebenſo ſchlimmen Streich als ihm ſein Vater durch ſein langes Leben ſpielte, ſpielte ihm das Miniſterium durch eine des Lords Anſicht nach perfide Veränderlichkeit. Das Miniſterium, an welches er ſeit mehreren Jahren ſeine Parlaments⸗Stimme ver⸗ 118 pachtet hatte, und zwar in der geheimen Verabredung zum Lohne dafür nach dem Tode ſeines Vaters den Grafentitel zu erringen, hielt es für paſſend, einige Monate vor dem genannten, langverſpäteten Trauerfall abzudanken; natürlich hielt es der Lord für abſichtliche Bosheit. Als ob die Miniſter wohl für ihre Abdankung keinen ſtärkeren Beweggrund haben konnten, als der Wunſch iſt, den Ehrgeiz eines gerade in ſein Erbe ein⸗ tretenden Pairs zu verhöhnen. Nach dieſem Miniſterwechſel ſchlug Lord Vernon das Gewiſſen, daß er es blos deswegen verſäumt hatte, die Erhebung ſeines Vaters in den Grafenſtand zu be⸗ treiben, weil er befürchtete, der alte Mann möchte in Verſuchung gerathen, die Ausgaben für ſeine acht Töch⸗ ter zu erhöhen, wenn ſie erwachſen wären. Er fühlte gegen ſich ſelbſt einen Unwillen, daß er ſich den Gegen⸗ ſtand lang gehegter Wünſche habe durch die Finger ſchlü⸗ pfen laſſen, und nicht die Erhöhung der Ehren ſeiner Familie mit immer wachſendem Eifer betrieben habe. Der düſtere Zug, welcher durch das Brüten über ſein häusliches Unglück während der Lebzeit ſeines Vaters ſeinem Geiſte eingeprägt worden war, wurde nun finſte⸗ rer als je. Die Welt, welcher die geheimen Qualen ſeines Mißvergnügens verborgen war, fing an, dem Lord ſeine üble Laune und Zurückhaltung als Stolz an⸗ zurechnen. Die Verſtimmung eines bedeutenden Mannes, welcher keinen guten Grund, oder keinen paſſenden Vor⸗ wand dafür hat, wenn er außer Faſſung iſt, wird ge⸗ wöhnlich ſo ausgerechnet. 3 Das Individuum, von welchem ſeine Landnachbarn glaubten, es mache deßhalb ein ſo ſaures Geſicht, weil es von dem Pairs blos mit dem Namen„Lord Johann Vernon,“ der Vierzehnte dieſes Namens beehrt wurde, ſtand in ſeinen eigenen Augen in der That ganz niedrig; für Nichts hielt er ſich, weil er das Ziel lang gehegter Wünſche nicht erringen, und ſich nicht„Graf Vernon, der erſte dieſes Namens“ unterzeichnen konnte. Es war 119 ihm klar, ſein Leben ſei umſonſt geweſen, wenn er nicht einen Schritt über ſeine Vorfahren hinaus kommen könne. Der wahre Beweggrund für den Vorzug, welchen der Lord dem Schloſſe Vernon vor Hyde im Bezug auf ſeinen Aufenthalt gab, hatte eine ähnliche Quelle. Weit davon entfernt, ſich um das geſellſchaftliche Leben in der Nachbarſchaft zu kümmern, oder die adeligen Perſo⸗ nen in Warwickſhire zu verachten, hatte er blos des⸗ wegen weniger Freude an ſeinem alten Schloſſe zu Hyde, weil er durch den höhern Rang ſeiner adeligen Nachbarn in Ormeau bei der Grafſchaft verdunkelt wurde. Der Herzog von Elvaſton war eine ruhigere und populärere Perſon, als er. In der Jugend ſchon hatte er ſeine Familien⸗Güter angetreten, und die Connerion, in wel⸗ cher ſeine Gnaden mit der Nachbarſchaft ſtunden, war eine Sache von vierzig Jahren her, und er hatte in Folge deſſen zwanzigmal mehr Leute als Lord Vernon, Gefälligkei⸗ ten erwieſen, und neunundneunzigmal mehr die beſten Stücke Wildbrät an den reichen und neunundneunzigmal mehr Scheffel Steinkohlen an die Armen verſchenkt. Er hatte überdieß eines der beſten Güter in England, und war Be⸗ ſitzer einer ausgezeichneten Kuppel von Fuchshunden, und Lord Vernon, wäre er auch ein tüchtigerer und heiterer Mann geweſen, hätte vergebliche Verſuche gemacht, wenn er gegen dieſe in der That ächt brittiſchen Elemente der Popularität hätte ankämpfen wollen. Neben dem höhern Range von Ormeau war Lord Vernon auf die thätige Gefälligkeit von Dean⸗Park ei⸗ ferſüchtig. Bei ſeinen Paar Beſuchen auf Hyde während der Lebzeit ſeines Vaters, hatte er ſich immer betroffen gefühlt, wenn er unter den Gäſten einen Mann antraf, einen Bankier, welcher es wagte in politiſchen Angele⸗ genheiten anderer Meinung zu ſein, als das edle Haus Vernon, ein Haus, das bereits ganz altersgrau war, als das von Dean⸗Park noch gar nicht ſtund, und nun, da er in ſeiner Perſon die Würde der Pairſchaft fühlte, ſuchte er das Individuum, welches ſolch unberechtigten 120 Einfluß auf einen ihm ſo lange liegenden Theil der Grafſchaft ausübte, durch ſeine kalte Zurückgezogenheit wieder in die Dunkelheit, welche er für das eigentliche Element Richard Hamlyns hielt, zurückzuſtoßen— kurz geſagt, der Herzog von Elvaſton war der Giftbaum über ſeinem Kopfe, und Hamlyn der Giftſchwamm zu ſeinen Füſſen. 8— Die Kinder von Lord und Lady Vernon hatten ganz die Natur ihrer Eltern, vollkommen ihren Weltſtan. Das Ziel, welchem der Sohn nachſtrebte, war eine paſ⸗ ſende, angenehme Heirat, das Beſtreben der Tochter die Vermeidung einer unvortheilhaften Verbindung. Seit dem Tage, daß Lucinda Vernon der Aufſicht entwachſen und der Welt vorgeſtellt war, war es ihr ausſchließ⸗ licher Ehrgeiz und der ihrer Mutter, daß man ihr zum Titel„Marquiſin“ Glück wünſchen dürfe, und, da ſich der Sohn des Herzoges von Elvaſton gerade vermählt, ſo theilten ſie beide Lord Vernons Antipathie gegen eine Nachbarſchaft, welche der Verwirklichung ihres Liebling⸗ Projektes keinen Vorſchub that. Unter ſolchen Umſtänden wäre vielleicht der ſchöne Sitz Hyde von ſeinen undankbaren Beſitzern gänzlich ver⸗ laſſen worden; blos der Einfluß des Sohnes und Erben auf die Mutter verhinderte es. Alberich Vernon wußte auf das Unſtatthafte, das die Meidung des Schloſſes in ſich ſchließe, klug anzuſpielen und zu bemerken, eine ſolche Maßregel werde ſeinen Vater der Stelle eines Lord⸗Lieutenants verluſtig machen, die Alberich als eine Stufe für die Erlangung des Grafen⸗Titels darſtellte, und brachte auf dieſe Weiſe während der Jagdzeit ſeine Eltern immer in den Bereich des vielbedeutenden Ormeau. Daß die Umgebungen von Hyde auch noch andere Dinge aufzuweiſen hatten, als die Fuchs⸗Hunde von Ormeau, daran wollte kein Glied der Familie denken. Die armen Familien waren in den Augen der Vernons nicht mehr als die Eichen oder Buchen in der Nachbar⸗ ſchaft, der Blumenkohl oder Spinat, es waren eben 1 121 Leute, mit welchen ſie keine Gemeinſchaft haben, keine irgend mögliche Verbindung und Geſellſchaft unterhalten konnten. Mit Ausnahme der Hamlyns auf Dean⸗Park war keiner ihrer Nachbarn wichtig genug um ihrem Haſſe zur Zielſcheibe zu dienen. 3 Wenn Lady Vernon oder Lucinda in Northumber⸗ land oder in London über ihre Nachbarn in Warwickſhire ausgefragt wurden, ſo erwiederten ſie wohl!„wir haben Niemand, mit dem wir Geſellſchaft unterhalten könnten, zumal, da wir von Ormeau zu weit entfernt ſind, um dort Beſuche machen zu können;“ und von Alberich hörte man oſt, daß er die gänzliche Abgeſchloſſenheit Hydes als den einzigen Vorzug dieſes Schloſſes pries. „Wir haben, Gott ſei Dank! keine dummen Gdel⸗ leute hier herum, welche ihre Hunde zu uns herüber jagten, oder Einen für ihre Töchter zu fangen ſuchten. Wir haben auf Hyde unſern eigenen Weg und Lauf. Zwar hatten Lady Vernon und ihre Tochter eine kleine Ballbekanntſchaft mit Walthern, aber Allem nach ſtand der modiſche Hauptmann aus dem Regimente der Blauen mit der unbedeutenden Familie von Dean⸗Park in ſo loſer Verbindung, daß die Vernon in der That durch⸗ aus nicht das Unangenehme haben mußten, ihn unter ihre für ſie ſo unangenehmen Widerſacher in Warwickſhire zu zählen. Die Vernons beſuchten die Hallen ihrer Vorgänger mit erneuerter Unluſt, die Lady und ihre Tochter hat⸗ ten, ohne Etwas auszurichten, Lord Vernon zu überre⸗ den geſucht, er ſolle doch mit ihnen einen Winter in Italien zubringen, und mit ihnen Rom beſuchen, eine Stadt, welche ſie den vielverſprechenden Häuſern gleich achteten; deren Zweck iſt, Heiraten zu ſtiften, dagegen fühlte ſeine Lordſchaft, getäuſcht in der Hoffnung, ein bevorſtehender Miniſter⸗Wechſel werde ſeine Ausſichten auf Erhebung wieder beleben, ſich durch den Umſtand, daß die Zeichen ſeines Wappenſchildes für den Titel ei⸗ nes Grafen noch nicht hinreichten, mehr als gewöhnlich 122 gekränkt. Unter ſolchen Umſtänden war die ganze egoi⸗ ſtiſche Ausdauer von Seiten des jungen Vernon erfor⸗ derlich geweſen um ſeinen Vater zu beſtimmen, daß er erſchien und ſich vom höheren Glanze Ormeaus verdun⸗ keln ließ. „Meine theure Inda! wir müſſen unſerem Bruder einige Opfer bringen,“ war Ladv Vernons Antwort auf die grämlichen Vorſtellungen der betrübten jungen Lady. „Alberich kann nicht wohl ſeine Jagd fahren laſſen; dieſe Beſchäftigung gilt einem Manne in ſeinem Alter als die erſte, und, würde ihn Dein Vater in den Stand ſetzen, auf Hyde eine unabhängige Haushaltung zu führen, wir würden ihn verheiratet, oder mit irgend etwas Edlem beſchäftigt ſehen. Wir bringen kein großes Opfer, wenn wir hier ſechs Wochen zubringen In der That, da es uns in dieſem dämpfigen, langweiligen Schloſſe ſo übel geht, werden wir Entſchuldigung genug für uns haben, wenn wir für Oſtern zu Brighton ein Haus miethen wollen, um unſere Geſundheit wieder herzuſtellen.“ „Ich denke alſo, wir müſſen den größtmöglichen Nutzen aus unſerem Unglücke ziehen,“ ſeufzte Miß Ver⸗ non und zuckte die Achſeln.„Ein Troſt für uns iſt, daß wir hier keine Beſuche, keine Ausgänge, Nichts das un⸗ ſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nähme, haben. So ge⸗ traue ich mir, mit der vollſtändigen Zahl neuer Novellen von Ebers und einem Stücke Filet⸗Arbeit von Brydon meine Buſſe⸗Zeit erſtehen zu können.“ Nachdem kaum einige Tage vorüber waren, hatte die junge Lady ſchon weniger Hoffnung, die Zeit ihrer Buſſe uͤberleben zu können. Niemals war Hyde der Familie ſo unertraͤglich vorgekommen. Das Wetter war ganz ungünſtig. Ein tiefer Schnee feſſelte die Hunde von Ormeau an ihre Kuppel, und Lord Vernon und ſeinen Sohn an ihren Ofen, und Lueinda hatte neben ihrem Verdruß auch noch den von ihrem Bruder zu er⸗ tragen. Lady Vernon, welcher neben ihrem Kummer wegen der ungünſtigen Witterung die Nichtverheiratung 123 ihrer Tochter viele Sorgen machte, mußte Stunde für Stunde auf die Ausrufungen ihres verdrüßlichen, unnützen, widerwärtigen Gemahles hören, welcher betheuerte, von dem Augenblicke ſeiner Geburt an, ſei er der Spielball des Geſchickes geweſen, und alle ſeine Plane ſeien ihm von jener Zeit an durchkreuzt worden. „Das allein fehlte mir! ich mußte mich entſchließen, auf Hyde ein Paar Wochen zuzubringen und zwar wäh⸗ rend eines ſolchen Winters, brummte Lord Vernon, als er ſich vor dem Feuer im Frühſtück⸗Zimmer röſtete. „Aber dieß iſt das letze Mal, daß ich dieſe Noth ris⸗ kiere. Es iſt zu abgeſchmackt, daß man in der eitlen Hoffnung Alberich ein Jagd⸗Vergnügen zu machen, ſeine Zeit und Geſundheit in dieſem abſcheulichen Hauſe zum Opfer bringen ſoll, während wahrſcheinlich die Hunde in einem halben Dutzend von Wochen kein halb Dutzend⸗ mal von der Kuppel kommen.“. „Mein Vater arbeitet immer daran, die Selbſtauf⸗ opferung nahe zu legen, die er, wie er meint, durch dieſen Beſuch bringe,“ war die Erläuterung vom Terxte, welche, nachdem Lord Vernon das Zimmer verlaſſen hatte, ein Jüngling gab, der von ſeinen eigenen Aeltern in der Kunſt, die Achtung vor denſelben bei Seite zu ſetzen, unterrichtet worden war.„Wenn wir Alles betrachten,“ fuhr er fort,„was bringt uns nach Hyde, als meines Vaters verdrießliches Weſen? Würde er meinen Wech⸗ ſel noch beſonders erhöhen, ſo würde mir Nichts ange⸗ nehmer ſein, als wenn ich meinen Winter zu Melton zubringen könnte. Die Hunde von Ormeau ſind eine ſehr ſchöne Kuppel, die Grafſchaft Ormeau iſt erträglich aber wie mir Dartford geſtern ſagte, der Gedanke Or⸗ meau mit Melton zu vergleichen, iſt—“ „Dartford?“ unterbrach ihn Lady Vernon, welche zwar mit der Durchleſung der Morning⸗Poſt beſchäftigt nar aber dennoch ihres Sohnes Bemerkungen gehört atte. 124 Ihr Sohn erwiederte:„ich machte die Bemerkung, er ſagte geſtern zu mir: wenn—“ „Lord Dartford ſprach geſtern mit Dir?“ fragte wieder ganz freundlich Lady Vernon.„Wo auf Erden ſahſt Du ihn?“ „Zu Orington.“ Er wird dort ſeine Reiſepferde gewechſelt haben, aber ich dachte, er wäre um dieſe Zeit bereits halb Weges in Italien.“ „Ich denke, er erhielt keine Erlaubniß, und ſein Plan fiel ins Waſſer. Er iſt in unſerer Nachbarſchaft geweſen.“ „In Ormeau, denke ich. Wie unklug iſt es, Albe⸗ rich, daß Dein Vater immer fort in gar keiner geſell⸗ ſchaftlichen Verbindung mit dieſen Leuten ſteht? Es iſt ganz gut, wenn man in der Nachbarſchaft ausſprengt, wir kommen hieher, um einſam zu leben, und wünſchen wegen Deines Vaters Gicht u. ſ. w. nicht auszugehen, denn hier in der ganzen Umgegend, gibt es keine Seele, deren Geſellſchaft und Umgang uns irgendwie Nutzen brächte. Aber ſicherlich könnte man mit Recht bei den Elvaſtons eine Ausnahme machen.“ „Ich muß geſtehen, ich wüßte nicht, warum. Die Leute von Warwickſhire ſind ohne Ausnahme wiederwär⸗ tig, und die Sekte von Ormeau iſt die ſchlimmſte von allen. Was Jagdſachen betrifft, ſo iſt der Herzog ein tüchtiger Mann, aber ſeine ewigen Plaudereien über Familien⸗Angelegenheiten ſind unerträglich. Sodann quartieren ſich die ſchrecklichen Niegen der Herzogin aus Irland, regelmäßig zur Zeit der Jagden im Schloſſe ein, in der Hoffnung, irgend ein unglücklicher Burſche werde während einer lang anhaltenden, die Jagdzeit ver⸗ längernden Kälte ihnen ins Netz gehen, oder mit zerbro⸗ chenem Schüſſelbeine aufgehoben werden. Nein! nein! mein Vater thut ganz recht daran, wenn er uns von gaſtfreundſchaftlicher Verbindung mit Ormeau ferne hält.“ „Du denkſt nie, nicht einmal einen Augenblick an 125 das Intereſſe Deiner Schweſter,“ flüſterte ihm Lady Ver⸗ non zu. „Welchen Vortheil könnte möglicherweiſe Inda aus Ormeau ziehen. Coſſington iſt verheiratet, der arme Burſche! und all' die jungen Leute im Hauſe ſind mit einem weißen Kreuz bezeichnet, um für die Niegen aus Irland geſchlachtet zu werden.“ „Du weißt ſehr gut, welche Aufmerkſamkeit er wäh⸗ rend der letzten Saiſon Inda erzeigte.“ 1 „Wer? Coſſington?“ „Welcher Unſinn! ich ſpreche von Lord Dartford.“ „Aber was hat Lord Dartford mit den Elvaſtons zu thun, Mutter?“ „Du ſagteſt, Du habeſt ihn geſtern auf dem Wege von Ormeau her geſprochen.“ „Nein, ſo Etwas ſagte ich nicht.“ „Was ſagteſt Du denn?“ „Er habe mich dringend aufgefordert, im Februar auf Melton mit ihm zuſammen zu treffen.“— „Aber wo hielt er ſich ſeither, ſeit er in War⸗ wickſhire iſt, auf?“ „Im Hauſe des Bankier Hamlyn.“ „Wie ſonderbar! er wird doch nicht ſchon in Geld⸗ Verlegenheit ſein? Ich wundere mich was er mit einem Bankier zu ſchaffen hat.“ „Der Sohn iſt beim Regimente der Blauen, das weißt Du, und Dartford iſt bei Hamlyns Compagnie.“ „Der gut ausſehende Kapitän Hamlyn, den wir auf Schloß Elvaſton beim Mittageſſen trafen?“ „Derſelbe.“". „Warum ſagteſt Du mir dieß nie zuvor? Wir ſoll⸗ ten doch den Beſuch der Leute auf Dean⸗Park zurück⸗ geben. Der Großvater des Kapitäns war ein inniger Freund vom letzten Lord Vernon.“ „Der Großvater? Ich meinte, ſie ſeien Leute von geſtern.“ „Nun! ſo iſt es auch; aber Lord Vernon war ein 126 ſogenannter guter Nachbar, das heißt, ein Mann, der ſich keinen Strohhalm darum bekümmerte, mit wem er umging, ſo daß er immer Geſellſchaft hatte. Aber ich glaube wirklich, dieſe Hamlyns ſind eine gutmüthige Art von Leuten. Wie lange war Dartford dort?“ „Ich fragte ihn nicht; ich glaube aber, einige e 4 „Wie ärgerlich!“ „Weil wir die zwei letzten Morgen am Feuer ge⸗ ſeſſen ſind, und da wir Nichts zu thun hatten, an Herz und Seele Kummer litten. Eben ſo gut hätten wir nach dem Park hinüberfahren können.“ „Bei ſolcher Witterung!“ „Was macht das Wetter aus, wenn man irgend ein Ziel vor Augen hat?“ 8. „Für die Pferde macht es Viel aus.“ „Und welches Ziel kannſt Du möglicherweiſe vor Augen haben, wenn Du bei einem tiefen Schnee das⸗ gemeine Weib eines gemeinen Bankiers beſuchſt?“ „Lord Dartford hieher einzuladen, kein anderes.“ „So ſollen Deine Diener und Pferde bei einem ſolchen Wetter über Feld, um auszurichten, was ein auf die Poſt gegebenes Schreiben ebenſo gut ausrichten könnte?“ „Ich bitte um Verzeihung. Es wäre nichts Unan⸗ ſtändiges, wenn ich ihn aus dem Stegreife, wie man ſagt, nach Hyde einladen würde; aber bei unſern Ver⸗ hältniſſen kann ich ihm nicht wohl ein förmliches Ein⸗ ladungsſchreiben zuſenden. Du weißt ſelbſt, Alberich, wie lange Du Dich beſinnſt, ehe Du eine Einladung in ein adeliches Haus auf dem Lande annimmſt, wo unver⸗ heiratete Töchtern ſind.“ „Das heißt, wie lange Du Dich beſinnſt, Mutter; ſo muß ich Dir als Echo antworten. Doch wenn Du wirklich Luſt haſt, aus dem Stegreife, eine Art und Weiſe, welche unter allen für die Kurzweil erfundenen Ueberraſchungen die am meiſten verrätheriſche, ein wirk⸗ 127 lich hinterliſtiger Streich iſt, Lord Dartford einzuladen, ſo haſt Du immer noch Zeit dazu. Ich traf ihn geſtern in Orington; doch wechſelte er nicht, wie Du meinteſt, Pferde, er handelte bloß für die Leute zu Dean⸗Park, und kaufte ihnen einige Wickel weißes Wollengarn, oder ſonſtigen Unſinn dieſer Art. Er iſt ſeit dieſen drei Tagen noch nicht fort von Dean⸗Park.“ 3 „Was kann ihn möglicherweiſe in einem Hauſe, wie dieſes, müſſig hinhalten? Frau Hamlyn iſt eme träge, altweibermäßige Dame, die Töchtern ſind noch nicht erwachſen. Mein theurer Alberich! wenn Du in den Stall gehſt, ſo ſage, wir wollen nach Dean hinüber fahren, man ſolle die Chaiſe nach dem Frühſtücke ein⸗ ſpannen.“ 3 3 Alberich zog die Glocke, und wiederholte gegen den erſcheinenden Kammerdiener ihren Befehl. 1 „Ich habe zu viele Achtung für den alten Robſon; ſolche ſchreckliche Befehle würden ſeine Perücke in die 4 Höhe richten,“ ſagte Alberich, und unter dem Vorwand, Briefe zu ſchreiben, ging er, um ſich einen guten Mor⸗ gen zu machen, auf ſein Zimmer, das er hinter ſich abſchloß, ſetzte ſich behaglich auf einen leichten Stuhl vor ſeinem Morgenfeuer, hatte ſeinen Hund zu ſeinen Füßen, eine Cigarre im Munde, in der Hand die letzte Novelle von Eugen Sus. Mittlerweile brachen ſeine Mutter und Schweſter, bis an das Kinn in Pelze ein⸗ gehüllt, und die Füße durch wohlgewärmte Fußkörbe geborgen, zu ihrer Nordpol⸗Expedition auf, zu einem Beſuche, welcher wohl am vorangehenden Tage als ſo ungemein ſchwierig, wie eine der Arbeiten des Herkules galt, während ſie nun plötzlich ſo leicht wie Luft wurde, weil man ſie mit den Luftſchlöſſern in Verbindung ſetzte, welche durch den Gedanken an das Einfangen eines Marquis geſchaffen worden waren. —,— 128 Sechstes Kapitel. Wenn Jemand gegen Fremde gefällig und artig iſt, ſo beweist er, daß er keine von dem Feſtlande abgeſchnittene Inſel, ſondern ein mit andern Ländern verknupfter Conti⸗ nent iſt. Wenn er Beleidigungen leicht ver⸗ zeiht und verſohnlich iſt, ſo beweist er, daß ſein Sinn üuber Kränkungen kohahen iſt. aco. Ohne die Motive der ungewöhnlichen Herablaſſung der Lady Vernon errathen zu können, empfing Frau Hamlyn ihre Gäſte mit einer ruhigen Artigkeit, welche übrigens der heiße Wunſch ihres Gemahles, ſeine Fa⸗ milie mit dem Schloſſe Hyde in recht genaue Verbin⸗ dung zu bringen, nicht hatte zu einer kriechenden machen können. Sie geſtand aufrichtig ihr Bedauern ein, daß ihre Lordſchaft bei einem ſo ſtrengen Wetter, bloß wegen eines gnädigen Morgenbeſuches, eine ſo lange Fahrt gemacht habe. 3 „Ich hatte in Orington Geſchäfte, und eine oder zwei Meilen mehr oder weniger machen keinen großen Unterſchied;“ alſo lautete die nothdürftige Erklärung der liſtigen Lady. Sie befürchtete, man möchte ihre tiefer liegende Abſicht vermuthen, und wußte kaum, wie ſie den Namen des Lord Dartford einführen könnte, um ausfindig zu machen, ob die ihr von ihrem Sohne gege⸗ bene Auskunft Grund habe. Für den Augenblick fühlte ſie ſich in der Meinung getäuſcht, als ob es der Frau des Bankiers unmöglich wäre, innerhalb der erſten zehn Minuten ihres beiderſeitigen Zuſammenkommens ſich irgend einer Anſpielung auf einen ſo angenehmen Gaſt, wie Lord Dartford, zu enthalten. Die feinen Aeußerungen von Zufriedenheit, welche Frau Hamlyn in Betreff der Rückkunft der Familie 129 Vernon nach Hyde machte, wurden ſo mißlaunig aufge⸗ nommen, als die Bemerkungen der Frau Hamlyn artig waren. 5 „Wir hofften kaum, das Vergnügen zu haben, und ihre Lordſchaft dieſen Winter in Warwickſhire zu ſehen,“ bemerkte die Wirthin.„Die Zeitungen meldeten, Sie ſeien auf dem Punkte, nach Italien aufzubrechen.“ „Oh! ich bitte Sie, erwähnen Sie dieſe Sache nicht; die Täuſchung war zu hart,“ unterbrach ſie Miß Vernon mit einem affektirten Seufzer.„Wenn man den Genuß eines zauberiſchen Klimas, wie das italiäniſche, bereits im Geiſte empfangen hat, ſo iſt ein Winter in Warwickſhire doppelt unausſtehlich. Ich glaube, es ſchneit auf Hyde beſtändig. An jedem Chriſttag, welchen wir hier zugebracht haben, lag der Schnee zum Min⸗ deſten einen Fuß tief.“ Beide, Mutter und Tochter, ſielen nun über ihren Familienſitz ſo grauſam her, als ob die arme Frau Hamlyn fuͤr alle Fehler und Unannehmlichkeiten in der Grafſchaft verantwortlich wäre. „Was mich betrifft, ſo habe ich im letzten Winter, den ich auf Hyde zubrachte,“ erwiederte Lady Vernon mit matter Stimme,„ſo ſtark vom Rheumatismus ge⸗ litten, daß ich mir feſt vornahm, niemals wieder, außer im Sommer, um auf unſerem Wege in den Norden Lusn Ausruhepunkt zu halten, den Fuß in dieſes Schloß zu ſetzen.“ „Das Schloß iſt in der That zu einer Sommer⸗ Reſidenz beſſer geeignet,“ erwiederte Frau Hamlyn, welche es nicht für artig hielt, gegen den Familienſitz ihres Beſuches zu ſtrenge zu ſein. „Beſſer geeignet? ſagen Sie lieber: erträglicher,“ gab Miß Vernon zur Antwort und zuckte die Achſeln. Ich weiß Nichts, zu was Hyde geeignet ſein ſollte, als um in einer ebenſo altväteriſchen Novelle von Charlotte Schmid zu figuriren. Ich fand geſtern auf der Biblio⸗ Die Bankiersfrau. J. 9 130 thek, welche ein Schloß beſchreibt, eines, bei deſſen Zeichnung es ſcheint, als ob Hyde dazu geſeſſen hätte.“ „Doch wäre es gegen meinen Sohn zu grauſam gehandelt geweſen, hätten wir ihn dieſen Winter zum erſten Mal allein in England gelaſſen,“ fügte Lady Vernon hinzu.„Alberich iſt ein leidenſchaftlicher Jagd⸗ liebhaber, und in dieſen Tagen wird jungen Leuten Alles zum Opfer gebracht, und junge Leute bringen ihren Vergnügungen Alles zum Opfer. Ich darf ſagen: Sie haben den Aerger, zu finden, daß Dean⸗Park in den Augen des Kapitäns Hamlyn der Nachbarſchaft von Ormeau einen beträchtlichen Theil ſeiner Anziehungskraft verdankt.“ Dieß war die längſte und artigſte Rede, welche Frau Hamlyn je aus dem Munde der Lady Vernon gehört hatte, die es bei früheren Gelegenheiten unter ihrer Würde gehalten hatte, über das Verhältniß, in welchem ſie zu Weſthern ſtand, zu ſprechen. „Mein Sohn iſt gewiß ein Freund von der Jagd,“ war Sophiens ſanfte Antwort.„Aber während der letzten Zeit hält er ſich gewöhnlich ein Paar Wochen zu Melton auf.“ „Doch iſt er gegenwärtig, glaube ich, bei, Ihnen?“ fragte Lady Vernon, wobei ſie gedachte, unbemerkter⸗ weiſe durch Umſchweife auf den Marquis zu kommen. „Ich denke, er wird bis auf die nächſte Woche hier ſein.“ Die gnädige Gegenrede der hohen Dame war: „In dieſem Falle ſagen Sie ihm doch, er ſolle uns ohne Zeitverluſt auf Hyde beſuchen. Alberich und Kapitän Hamlyn waren Schulkameraden. Nur um eine Kleinig⸗ keit ſind ſie im Alter von einander verſchieden, und mein Sohn war zu wenig in England, um zur Anknüpfung von Bekanntſchaften zwiſchen ihm und jungen Leuten ſeines Standes Gelegenheit zu bekommen, ein Umſtand, welchen ich hauptſächlich in Rückſicht auf Leute in der Grafſchaft bedaure, welche durch die gewöhnlichen Bande 131 der Theilnahme mit ihm verbunden find. Vielleicht kommt Kapitän Hamlyn übermorgen nach Hyde, um dort zu Nacht zu ſpeiſen und zu ſchlafen. Ich erwarte meine Schweſter, Lady Middlebury, ſammt Familie.“ „Mein Sohn hätte ohne Zweifel großes Vergnügen daran gehabt, die Einladung ihrer Lordſchaft anzuneh⸗ men,“ erwiederte die erſtaunte Frau Hamlyn,„aber—„ Erſchreckt, als ſie dieſe bedingungsweis abſchlägige, ihren Hoffnungen ſo ungünſtige Antwort erhielt, unter⸗ brach Lady Vornon ihre Wirthin, und begann ihren Angriff auf's Neue. „Lord Vernon hätte ſich eine Ehre daraus gemacht, Herrn Hamlyn zu beſuchen, oder mich heute hieher zu begleiten,“ ſagte ſie,„aber er hat unglücklicherweiſe flüchtige Anfälle von Gicht, welche ihn in das Haus ſprechen. Während der letzten Zeit hatte er auf Hyde einen ſehr ſchweren Anfall.“ „Mein Sohn hätte ganz gewiß eine große Freude daran gehabt, ohne irgend eine Bedingung irgend wel⸗ cher Art, ſeiner Lordſchaft aufzuwarten,“ erwiederte Frau Hamlyn, unfähig, ſich dieſe ungemeine Artigkeit zu er⸗ klären,„aber für jetzt haben wir einen Freund von ihm im Hauſe auf Beſuch.“ „In dieſem Falle macht es uns eine noch größere Freude, wenn dieſer Herrn Kapitän Hamlyn begleiten will,“ fügte Lady Vernon hinzu.„Aber ich fürchte, ich muß nun um Erlaubniß bitten, nach meiner Chaiſe klingeln zu dürfen,“ ſagte ſie mit ſchneller Faſſung. „Mein Kutſcher machte in Betreff ſeiner Pferde das entſchiedene Anliegen geltend, man ſolle ihm nicht zu⸗ muthen, dieſelben auf ſolch kurze Zeit in Ihrem warmen Stalle unterzubringen. Und ich will den alten, armen Pſann bei dieſer ſtrengen Kälte nicht außen ſtehen aſſen.“ „Immer nimmt man Roſſe vor der Kälte weit mehr in Acht, als menſchliche Weſen, und macht deß⸗ wegen mehr Lärmen mit ihnen,“ bemerkte Miß Vernon 132 zu Lydia, mit welcher ſie ein Paar unbedeutende Reden gewechſelt hatte, in der Hoffnung, die ausdrückliche Er⸗ wähnung des Namens von Lord Dartford zu Ohren zu bekommen, während das unſchuldige Mädchen in ihrer einfachen Morgenkleidung die Menge von Erſindungen, vermittelſt derer Pelze zur Zierde der menſchlichen Ge⸗ ſtalt zubereitet werden, und dieſe zu einer göttlichen machen können, wie dieſe Erfindungen in der herrlichen Winterkleidung der Londoner Schönen angewandt wurden, mit hohem Staunen betrachtete. „Ich hoffe, Sie werden die Güte haben, Alles dieß dem Kapitän Hamlyn und ſeinem Freunde zu melden,“ fügte Lady Vernon hinzu, indem ihr Schuldbewußtſein es ihr unmöglich machte, den Namen des Marquis aus⸗ zuſprechen.„Wir ſpeiſen um ſieben Uhr, das heißt, vielleicht auch etwas früher oder ſpäter. Aber es wird vielleicht beſſer ſein, wenn ich auf den zwei Karten, welche ich im Auftrage Lord Vernons ſoeben in der Halle zurücklaſſen wollte, die Stunde des Eſſens auf⸗ zeichne.“ „Ich verſpreche Ihnen, ſie zu übergeben,“ bemerkte Frau Hamlyn, während ihr Gaſt, welcher aufgeſtanden war, um Abſchied zu nehmen, das Datum der Einla⸗ dung mit einem Bleiſtift haſtig auf die Viſitencharten ſchrieb.„Die Herren,“ fuhr ſie fort,„müſſen eben ſelbſt auf der Viſitenkarte Antwort geben.“ „Da Sie voll Güte damit einverſtanden find, den Herren die Sache mitzutheilen, ſo betrachte ich die Ein⸗ ladung als angenommen,“ ſagte Lady Vernon, eine breite, vierſchrötige, entſchiedene Frau, welcher zu wider⸗ ſprechen ſchwer ſchien, wenn ſte einmal entſchloſſen war, auf Etwas zu bleiben.„Man trägt in der That Be⸗ denken, bei ſolcher Witterung Leute und Pferde mit überflüſſigen Schreiben über Feld zu ſchicken. Wenn ich alſo Nichts vom Gegentheil höre, ſo werden wir der Ehre gewärtig ſein, Kapitän Hamlyn und ſeinen Freund 133 morgen auf Hyde zu ſehen, wo die beiden Herren ſpeiſen und übernachten mögen.“ 4 Mit einem Händedruck, völlig geeignet, die Finger der Frau Hamlyn und ihrer Tochter in Froſt zu verſetzen, nahmen die Vernons Abſchied. „Was das für ein ungemein widerwärtiges Volk iſt! Was ſie wohl dazu bringen konnte, uns bei ſolchem Wetter zu beſuchen!“ rief Lydia aus, im Augenblick, als der Schlitten zum Thore hinaus fuhr. Dieß war nämlich das erſte Zuſammentreffen der Miß Hamlyn mit der Familie Vernon. „Es iſt nicht immer leicht, die Motive einer ſo weltgewandten Dame, wie Lady Vernon iſt, zu ergrün⸗ den,“ war die Antwort ihrer Mutter.„Daß ſie einige Motive hatte, welche ſie nicht geſtand, fürchte ich, ver⸗ muthen zu müſſen; denn ſie iſt keine Perſon, welche nach den gewöhnlichen Anregungen eines guten Herzens handelt. Lord Vernon wünſcht vielleicht, Deinen Vater in Betreff einer politiſchen Angelegenheit in der Graf⸗ ſchaft zu gewinnen, oder es iſt vielleicht bloß ein Vor⸗ ſchlag in Privatſachen, den er beim Unterhauſe durch⸗ ſetzen will. Ich weiß, man ſpricht davon, Alderham Gorſe einzuhegen.“ „In dieſem Falle wäre ſicherlich Papa in die Ein⸗ ladung eingeſchloſſen geweſen. Es ſcheint beinahe unge⸗ bildet, daß Lady Vernon ihn erpreß überging, während ſte doch Andere aus ſeinem Hauſe einlud.“ 3„Wäre Dein Vater eingeladen worden, wir alle hätten bei der Partie ſein müſſen, und mit der gegen⸗ wärtigen Familie auf Hyde unterhalten wir bloß ſeltene Zuſammenkünfte, und zwar zum Zwecke ſteifer, förmlicher Mahlzeiten. Niemals noch ſind uns Betten angeboten worden. Gegenüber von Walther laſſen ſie in Betreff dieſer Zurückhaltung nach. Sie treffen überall in der Stadt mit ihm zuſammen; auch war er mit dem jungen Vernon zu Eton. Sie werden ſich wahrſcheinlich mit 134 Deinem Bruder auf den Fuß genauer Bekanntſchaft etzen. u ied„Ich glaube blos, Walther wird einen zu hohen Geiſt haben, um die Einladung anzunehmen. Wie möchte er mit Leuten Bekanntſchaft ſchließen wollen, welche ſich ſyſtematiſch von ſeinen Eltern fern gehalten haben!“ „Wenn Du mehr von der Welt geſehen haſt, Lydia, ſo wirſt Du finden, daß Leute, welche ſich ausſchließlich der hohen Geſellſchaft widmen, was Walther thun zu wollen Neigung hat, wie es ſcheint, die Motive ihrer Umgebung nicht zu genau und gründlich unterſuchen. Walther muß die Artigkeiten von Seiten der Vernons annehmen, wie er ſie findet, oder er wird dieſelben gar nicht finden.“ „Aber warum lernt er die Kunſt nicht, ſich ihrer auf gute Manier zu entledigen? Es gibt doch in der Familie Vernon nichts wahrhaft Bezauberndes.“ „Miß Vernon und ihr Bruder ſind die einzigen jungen Leute in der Nachbarſchaft. Wenn der junge Vernon heiratet, ſo wird ihm ſein Vater wahrſcheinlich das Schloß Hyde übergeben. Es iſt gewiß wünſchens⸗ werth, daß Dein Bruder, als der zukünftige Eigen⸗ thümer von Dean⸗Park, mit einem ſo nahen Nachbar auf freundſchaftlichem Fuße ſtehe.“ „Aus einer Aeußerung Lord Dartfords von geſtern zu ſchließen, ſollte ich denken, der junge Herr Vernon werde ſich niemals verheiraten,“ bemerkte Lydia.„Er ſtellt ſich, wie es ſcheint, vor, jede junge Lady, swelche er ſehe, habe Abſichten auf ihn, ſchlägt immer Einla⸗ dungen aus, und läuft von den Häuſern der Landedel⸗ leute hinweg, weil er meint, die eine oder andere Familie wolle ihm eine Heirat über den Kopf werfen.“ „Erzählte Dir Lord Dartford Alles dieß?“ fragte Frau Hamlyn, im ganzen Geſichte roth, beunruhigt durch den Gedanken, es möchte ſich ein ſolch heiterer, —— 13⁵. familiärer Ton ohne ihr Wiſſen zwiſchen dem jungen Marquis und ihrer Tochter von ſelbſt gegeben haben. „Nein, Mamal er ſagte mir Nichts. Während er hier war, ging Nichts zwiſchen uns vor, was Du nicht hörteſt. Aber geſtern, als das Billardzimmer offen war, während ich im Bibliothekzimmer ſaß und las, hörte ich Lord Dartford zu meinem Bruder ſagen, er habe in Orington, wohin er geritten ſei, um nach Brie⸗ fen zu fragen, den Herrn Vernon getroffen und beinahe beredet, Dean⸗Park auf ſeinem Heimwege nach Hyde mitzunehmen.“ -„ Ich bin hoch erfreut, daß er es nicht that,“ rief Frau Hamlyn aus. „Walther übrigens war, wie es ſchien, erzürnt, daß Herr Vernon den Vorſchlag nicht angenommen hatte, und ſprach davon, er wolle ihn zu einem Abendeſſen und zum Uebernachten auf Dean⸗Park einladen, ſobald die Hunde in der Nachbarſchaft zuſammenkämen.„Er würde nicht kommen,“ bemerkte Lord Dartford, und ſetzte ſein Spiel fort.„Warum nicht?“ fragte mein Bruder.„Weitk Alberich in kein Haus auf dem Lande, wo eine unverheiratete Tochter iſt, ſeine Naſe ſtreckt.“ Walther lachte über den Gedanken, als ob ein Kind, wie ich, den Beſuchen von Lord Vernon irgend hinder⸗ lich ſein könnte.„Und warum nicht?“ ſagte Lord Dart⸗ ford ernſthaft.„Es iſt kein Hinderniß im Wege, daß nicht Ihre Schweſter ſein Weib wird, als das, daß, wie es ſcheint, Miß Hamlyn einen zu guten Menſchen⸗ verſtand hat, um ſich an einen Naſeweis wegzuwerfen, und deßhalb bin ich gar nicht ſicher, ob er nicht, wenn Sie ihn einladen, Poſtpferde beſtellt und im Fluge das Land verläßt.“ Beide, Lord Dartford und Walther, fingen alsdann an, den Herrn Vernon einen Narren zu heißen. Trotz des ängſtlichen Beſtrebens von Seiten der Lary Vernon, ihres Sohnes Bekanntſchaft mit Walther inniger zu knüpfen, und unſern Stallknecht vor der kalten Witterung zu ſchützen, vor deren Einfluß ſogar 136 ſie ſelbſt ſich nicht ſcheute, wird noch, wie ich befürchte, heute Nacht eine ablehnende Antwort auf die Einladung der Lady über Braxſham Ferry geſchickt werden.“ „Sehr wahrſcheinlich aber nur von Seiten des Oberſt Hamilton, nicht von Seiten Deines Bruders. Ich bin überzeugt, Walther geht. Sogar wenn er die Partie nicht gerne mitmachen würde, würde ſein Vater ihn dazu bewegen.“ In dieſem Augenblicke trat Herr Hamlyn, der ſich auf ſeinem Arbeitszimmer mit ſeinen Geſchäften abgege⸗ ben hatte, in das Zimmer, um nach dem Anlaße des Erſcheinens der Lady Vernon zu fragen; und im bloßen Bewußtſein, ſeinen Namen eben genannt zu haben, wur⸗ den die Wangen ſeiner Frau bei ſeinem plötzlichen Ein⸗ treten etwas geröthet. Der Verdacht des mißtrauiſchen Mannes wurde augenblicklich rege. In der gewiſſen Ueberzeugung, daß er der Gegenſtand des Geſpräches, welches kurz vor ſeiner Ankunft in's Stocken gerathen war, geweſen ſei, und für den Augenblick nicht daran gewöhnt, ſeine Tochter für Etwas mehr als ein Kind zu betrachten, konnte er den Gedanken eines vertraulichen Geſpräches zwiſchen Lydia und ihrer Mutter, in welchem ſein Name genannt wurde, nicht ertragen. „Es ſcheint, Lady Vernon habe eine Unterhaltung voll überraſchender Neuigkeiten geführt,“ ſagte er, wo⸗ bei er den Beiden mit einem Grade von Strenge, welcher ihre Verwirrung noch vermehrte, in's Ange⸗ ſicht ſah. „In der That! die Lady überraſchte mich,“ erwie⸗ derte Frau Hamlyn, indem ſie ihre Geiſtesgegenwart wieder zu ſammeln ſuchte,„daß ſie bei einer ſolchen Witterung ausfuhr, und zwar einzig und allein zu dem Zwecke, Oberſt Hamilton und Walthern morgen zur Mahlzeit nach Hyde einzuladen.“. „Oberſt Hamilton? Die Vernons ſind ja gar nicht mit ihm bekannt,“ gab ihr Gemahl zur Antwort. „Sie ließ eine ächte und gerechte Viſitenkarte von 137 Lord Vernon ſelbſt für ihn und eine geſchriebene Ein⸗ ladung für beide zurück.“ „Ganz unerklärlich!“ rief Herr Hamlyn aus und uckte ſeine Schultern, wobei ihn ſeine gewöhnliche iferſucht bei dem Gedanken ſtach, der Nabob erhalte Aufmerkſamkeiten, welche ihm zur Ausdehnung ſeiner geſellſchaftlichen Connexionen verhelfen. Doch gab ihm die Ueberlegung von einem Augenblick den Gedanken ein, da es unmöglich ſei, die Einladung zu unterdrücken, ſo ſei es das Klügſte, die Miene anzunehmen, als habe er den Vernons über ein gebildetes Benehmen gegen einen Freund und Gaſt ſeiner Familie Winke gegeben. „Ich habe Sie, mein theurer Oberſt! um eine Gnade zu bitten,“ rief er aus, indem er ſich an den alten Herrn wandte, welcher in dieſem Augenblicke mit Walther eintrat, hinter welchem er bei der Schnepfen⸗ jagd am frühen Morgen hergehumpelt war.„Lord Vernon bittet Sie ängſtlich, Sie ſollen doch nicht als Landnachbar gegen die Geſetze der Artigkeit verſtoßen, und ſollen doch morgen in aller Freundſchaft meinen Sohn nach Hyde begleiten, wo die Herren ſpeiſen und ſchlafen ſollen. Seine Lordſchaft iſt kränklich, ſonſt würde ſie in eigener Perſon die Einladung angekündigt haben. Doch war Lady Vernon hier, als ſein Abge⸗ ſandter, und bat Frau Hamlyn um gütige Verwen⸗ dung bei Ihnen, damit Sie doch ja die Einladung annähmen.“ Die arme Lydia, erſtaunt über dieſe fließende Aus⸗ einanderſetzung, blickte in höchſter Beſtürzung zuerſt auf ihren Vater, und dann auf den alten Herrn, den man hinter das Licht führen wollte. „Es war alſo Lady Vernons Schlitten, als wir am Lager eines Rehbocks vorbei aus Moodsſield⸗Hanger Hherauskamen,“ rief der letztere aus.„Solche Narrheit! ſolche Oſtentation! wer wird bei einem Froſte ausfahren, welcher einen Flintenſtein zerſprengen könnte!“ „Sie kam einzig und allein in der Abſicht, dieſe 138 zwei Viſttenkarten für Sie und meinen Sohn dazu⸗ laſſen,“ wiederholte Herr Hamlyn in gedehntem Tone. Walther, der ſich in der Halle ſeines Jagdgeräthes entledigt und deſſen Geſicht durch die Bewegung auf der Jagd Feuer und Röthe gewonnen hatte, trat nun her⸗ ein, um ſeinen Antheil an der Erzählung zu erhalten; aber der an ſich haltende Londoner Herr war zu vorſichtig, um durch Ausrufungen ſein Staunen zu verrathen. „Auf mein Wort!“ ſagte er,„es iſt ein ſehr kalter Gedanke, wenn man meint, die Leute werden bei ſolcher Witterung, wie dieſe iſt, einen angenehmen warmen Ofen verlaſſen, um einem ein halb Dutzend Meilen entfernten Familienſchmauſe beizuwohnen.“ Ueberzeugt, daß ſein Vater auf dieſe, der Einla⸗ dung der Vernons ertheilte, abſchlägige Antwort nicht hören wolle, und daß ihm äußerſt zugeſprochen werde, ſeinen Neigungen zu folgen, warf er ſich mit einer Miene voll Unwillens über die unerwartete Anmaßung von Seiten des Schloſſes Hyde in einen Armſtuhl. Mit all' der Unſchuld der Mädchenhaftigkeit, wechſelte Lydia mit ihrer Mutter einen triumphirenden Blick, deſſen Entzücken den Gedanken einſchloß:„Du haſt Unrecht!“ „Mein Bruder hat zu viel Stolz, wie Du ſiehſt, theure Mutter! um den Winken eines Volkes, wie die Vernons ſind, zu Gebote zu ſtehen.“ „Es iſt gewiß eine etwas gegen die Etiquette an⸗ ſtoßende Einladung,“ bemerkte ernſt Herr Hamlyn,„aber in Deinem Alter gibt die Witterung oder die Entſernung ſelten ein Hinderniß für die Annahme einer. Vergnügen verſprechenden Einladung ab, und Lord Vernon, der Dich ſchon als Knabe gekannt hat, fühlt ſich deßhalb berechtigt, Dich mit größerer Freiheit zu behandeln.“ „Aber Sir, er hat Oberſt Hamilton noch nicht als ſaae gekannt,“ ſagte Walther dagegen,„und ich muß agen—“ „Da er die ſeit langer Zeit zwiſchen Hamilton und 139 mir beſtehende Freundſchaft kennt,“ unterbrach ihn der Bankier,„ſo baut er vielleicht auf das alte Sprüchwort: Die Freunde meiner Freunde ſind meine eigenen. Auf alle Fälle iſt klar, daß die Freiheit, welche er ſich ge⸗ nommen hat, ſeine Quelle in dem löblichen Wunſche hat, zwiſchen dem Rittergute Burlington und Hyde auf dem Fuße freundlicher Nachbarſchaft zu ſtehen.“ „Nicht der etwaige Verſtoß gegen die Etiquette, den ſich die Vernons erlaubt hatten, könnte mich verhindern, zu kommen,“ bemerkte herzlich Oberſt Hamilton;„im Gegentheil, das Einzige, was mir an der Einladung ge⸗ fällt, iſt der leichte, freie Styl vom großen Don auf Hyde, ein Styl, der beſſer iſt, als ich erwartete. Bei meinem Leben! ich fange an, eine ſchönere Anſicht von der Familie zu bekommen. Doch dieſes Wetter iſt kein Ding für eine lange Fahrt in Tanzſchuhen und ſeidenen Strümpfen. „Weil Betten angeboten ſind, ſo wollen Sie natür⸗ lich drüben die Kleider wechſeln,“ bemerkte Herr Hamlyn. „Meine Pferde können Sie innerhalb vierzig Minuten nach Hyde führen.“ Lydia heftete ihren Blick ängſtlich auf das Angeſicht des alten Mannes, dem ein ſo annehmlicher Vorſchlag gemacht wurde. Obwohl ihr der Irrthum, welcher hin⸗ ſichtlich der Einladung Lord Dartfords gemacht worden war, gänzlich unbekannt war, fühlte ſie doch, daß das warme, freie Naturell ihres ausgezeichneten Freundes, bei dieſen künſtlichen Leuten, ſeine Stelle nicht finden könne. Nichts, als Furcht vor ihrem Vater hielt ſie ab, mit einer Bitte an Oberſt Hamilton herauszuplatzen, er möge ſich doch nicht anführen laſſen und zu einem Beſuche nach Hyde gehen. In Betracht ſeiner ihm angeborenen Geſellſchaftlich⸗ keit bemerkte ſie mit Aerger in ſeinem Geſichte die Zeichen, daß er wohl nachgeben werde. Eine Einladung irgend welcher Art, war ſeit manchen Jahren ein ihm ſo ſehr niemals vorgekommenes Vergnügen, daß die bloße Idee 140 davon ihm Freude gemacht hätte. Er konnte Niemand, der ihm ſo viele Liebe ſchenkte, um ihn zum Eſſen zu ſich einzuladen, es abſchlagen. „Nun, Meiſter Watty, was ſagen Sie zu dieſem Allem?“ rief er aus, indem er ſich an Kapitän Hamlyn wandte, welcher ſich mit übermüthigem Blicke in ſeinem Stuhle ſchaukelte, und zwiſchen ſeiner Neigung nach dem von den Vernons dargebotenen Olivenzweig zu greifen, und der Furcht, in Geſeliſchaft mit ſolch' einem Gothen, wie der Oberſt einer war, auf Hyde zu erſcheinen.„Wenn Sie zur Abwechslung ein dämpfiges Bett in der alten Geiſterhöhle des Ritterſchloſſes von Lord Vernon wählen wollen, ſo iſt es recht; ich ſtehe zu Dienſten. Seit dem Tage meiner Ankunft in der Grafſchaft, haben mir dieſe Leute immer bald dieſen, bald jenen Gefallen erwieſen. Ueberdieß iſt dieſes die erſte Gelegenheit, bei welcher ich Ihre flotten londoner Ladys ſehen könnte, was nach meinen Begriffen gut entſchädigt, wenn man auch etwa einen Katarrh bekommen könnte.“ Auf einen Wink ſeines Vaters hin, gab ſich Walther als Opfer der Vernons dar. 5 „Es iſt Unglück genug,“ ſagte er ſorglos, als er das Zimmer verließ, um ſich für die Zeit des Mittag⸗ eſſens umzukleiden,„daß Dortford bei der Kunde von der Krankheit ſeiner Mutter heute Morgen wegeilen mußte; denn wäre er hier geweſen, ſo hätte ich Vorwand genug gehabt, die Sache auszuſchlagen; wiewohl keinen für die Vernons beſonders genügenden Vorwand, denn ich er⸗ innere mich, daß ſie ihn in London beſtändig durch Auf⸗ merkſamkeiten beinahe erdrückten.“ Gerade unter dem drückenden Einfluß eines großen Schneefalles am Chriſttage, ſind die Häuſer auf dem Lande in England ohne Zweifel die ſeligſten Reſidenzen auf der Welt, nicht genug zu rühmende Tempel des Egoismus, von denen die kunſtreichſten Baumeiſter und Möblirer des Tages jeden Winkel mit dem Aufwande aller ihrer Erfindungsgabe verſchönern, wie ſie auch den 141 Einfluß jeder Jahreszeit mit ihren Wechſeln ferne zu halten wiſſen. In dieſen vetterlichen Höhlen der privile⸗ girten Selbſtliebe, iſt Alles mit ſichtlicher Pünktlichkeit eingerichtet, und durch den mehr als magiſchen Einfluß des goldenen Zauberſtabes werden Wunder gethan, um auf eine iſolirte Behauſung und ſeinen Park alle die An⸗ nehmlichkeiten und Vergnügungen zu concentriren, welche andere Gegenden in der Civiliſation der Städte oder dem Glanz und Leben der königlichen Höfe ſuchen. Dem Einfluſſe der Fuchsjagd, einer Beſchäftigung, welche unter den Beläſtigungen der Eiſenbahnen und wegen anderer Zweige der Betriebſamkeit neuerer Zeit, allmälig in Abgang kommt, wie man ſagt(loben wir Gott dafür!) wird gewöhnlich der ſonderbare Geſchmack zugeſchrieben, welcher engliſche Familien zur ungünſtigſten Zeit im Jahre, in das öde Land hinaustreibt. Aber das wirkliche Geheimniß ihrer Freude an ihren Landſitzen iſt ein inſtinktmäßiges Streben nach Einſamkeit, ein gewiſſer Stolz auf die ſich ſelbſt genügende Würde einer wohl⸗ geordneten Heimat, mag alsdann auch der erwählte ſociale Zirkel ſo widerwärtig ſein, als man es für geeignet findet. Der adelige Eigenthümer einiger ſchoönen Schlöſſer, wenn er ſeinen Gäſten das Leben beinahe ſo angenehm machen kann, als in einer Behauſung von Grosvenor⸗ Square und, wenn er täglich die friſcheſten londoner Fiſche und londoner Scandäle, die neueſten periodiſchen und ſatyriſchen Bücher und Kupferſtiche von der Stadt bringen läßt. So verſchönern die Chineſen ihre kleinen, geſchmackloſen, ſandigen Gärten mit künſtlichen Felſen und gemachten Bergen, und ſo wendet der geſchäftige Wirth einer ſtandesgemäßen Chriſttags⸗Geſellſchaft ſeinen thätigen Scharfſinn an, daß auf ſeinem Landhauſe, ſeinem Landhauſe Nichts fehlen möge, das ſein Freund nicht beſſer in London, als bei ihm ſelbſt haben kann. Iſt der Thermometer unter dem Gefrierpunkte, ſo daß man ſich vor den irgendwie möglichen ſchlimmen Folgen einer kalten Atmoſphäre in Acht zu nehmen hat, „ 142 und die Gäſte im überfüllten Hauſe eingeſperrt ſind und Langeweile haben, ſo lächeln die Gefangenen herzhaft über die gegenſeitigen Leiden und, obwohl ſich ſelbſt und Andern unausſprechlich entleidet, gratuliren ſie ihrem Wirthe ſtandhaft zu der höhern Geſellſchaftlichkeit einer Landgeſellſchaft zur Winterszeit, wobei ſie durch erkün⸗ ſtelte Lebhaftigkeit die wachſende Gedrücktheit ihrer Ge⸗ fühle zu verhüllen ſtreben. „Nach Allem werden wir es hier nicht ſo todes⸗ langweilg finden,“ war Lady Vernons troſtreiche Rede an ihre Tochter am Morgen, als ſie ihre neuen Gäſte erwarteten, wobei ſie auf die ausländiſchen Gewächſe, mit welchen der eifrige Kammerdiener die Zimmer ge⸗ ſchmückt hatte und über das krachende Feuer, welches über die koſtbaren, aber düſtern Tapeten eine angenehme Röthe verbreitete, einen Blick der Zufriedenheit warf. „In einem ſeiner Anfälle von Hypochondrie beſtimmte Dein Vater, wir dürfen dieſen Winter keine Chriſtfeier⸗ tage, wie gewöhnlich, halten; Niemand, als ſeine und meine Familie dürfen zugegen ſein. Die Koſten wegen Alberichs Wahl zum Abgeordneten, und die Paar elen⸗ den Feſtlichkeiten, welche er mir erlaubte, in London zu geben, um Dich einzuführen, verurſachten dieſes Verbot. Aber die Middleburys werden eine Woche lang das Haus füllen und Vorwand genug geben, um Vagabonds von der Jagd herein einzuladen und Dartford zu bereden, er ſolle ſeinen Beſuch verlängern. Die Middleburys find unſer Glück, denn Lord Vernon iſt immer ſo widerwärtig, ſo mißgeſtimmt, was er eine wandernde Gicht nennt, daß ich die Einladung Herrn Halmyns und des Marquis kaum riskirt hätte wenn wir ganz allein geweſen wären.“ „Haſt Du Papa Etwas davon geſagt?“ fragte die ſchöne Lucinda, wobei ſie ihren Arbeitstiſch in elegante Confuſſion brachte, um ja in einer ſchönen Situation dazuſtehen. „Ich ſagte ihm, es ſei unvermeidlich, einige junge Leute einzuladen, denn wenn Alberich unſer einziger 143 Galanthomme wäre, ſo würden ſeine jungen Baſen ihm ungeheuer zu ſchaffen machen.“ „Gewiß will Papa wenig Dinge weniger, als eine Vermählung zwiſchen meinem Bruder und Suſanna oder Fanny Middlebury,“ entgegnete Miß Vernon.„Ich habe ihn immer ſagen hören, Familien⸗Heiraten greifen den Familienvater an, wie einen Baum das Beſchneiden des größten Aſtes.“. „Ebenſo wenig geſiel es ihm, daß ich den jungen Hamlyn eingeladen habe. Er hat mit der Familie Streitig⸗ keiten in politiſchen Angelegenheiten gehabt, und haßt die Leute von Dean⸗Park als Empörer und Rebellen. Aber den Lord Dartford kann doch wohl Papa keinen Empörer oder Rebellen nennen?“ „Es ſcheint, er denke das Schlimmſte von ihm, weil er der Buſenfreund von des Bankiers Sohn iſt. Um alſo nicht mit dem jungen Hamlyn ſprechen zu müſſen, beſtand er darauf, die Barlows von Alderham heute zu bewirthen, Leute, welche wir, ſo lange wir auf Hyde ſind, nur ein einziges Mal eingeladen haben, und dieß bloß aus politiſchen Rückſichten, um die Achtung des Agenten in der Grafſchaft aufrecht zu erhalten.“ „Was für Leute für Lord Dartford? Und kom⸗ men ſie?“ 8 „Die Frau Barlows iſt krank und läßt ſich entſchul⸗ digen. Ich glaube nicht, daß ſie einen Beſuch bei uns ſehr angenehm findet. Ihr Mann kommtz; ich freue mich, es ſagen zu können: er iſt ein ganz vernünftiger Mann, hilft Einem durch eine Mittageſſens⸗Unterhaltung aus⸗ gezeichnet durch, und wird das Geſchäft übernehmen müſſen, die ewigen Fragen des Sir Henry Middlebury zu beantworten. Man muß Jemand haben, der zum Hauſe gehört, um durch ihn die Geſetze für Bauern und Arme den Landedelleuten erläutern zu laſſen, was zu thun Lord Vernon ſich nicht die Mühe nehmen will.“ „Sir Henry iſt in der That ein entſetzlicher Schwätzer,“ bemerkte Lucinda,„und dann ſieht er ſo ſtolz, martialiſch 144 und Reſpekt einflößend darein, wie wenn er ein Kirchen⸗ Aelteſter wäre. Aber wie haben wir es, theure Mama! mit Lord Dartford zu halten? Natürlich muß er neben Dich zu ſitzen kommen, und Tante Middlebury und Fanny werden zur Rechten und Linken des Papa ſitzen. Aber ſage doch Alberich, er ſolle Suſanna Middlebury nicht in die Nähe des Ofens ſetzen; unter dem Vorwand, es ſei kalt, kann ich den vakanten Platz neben Lord Dartford einnehmen. Sir Henry, welcher mich zur Mahlzeit führen wird, iſt ein viel zu großer Narr, um zu merken, was wir vorhaben.“ Kaum war der Plan des zu eröffnenden Feldzuges gemacht, als ſich der Klang von der Glocke in der Halle vernehmen ließ. „Die Middleburys ſo früh?“ rief Miß Vernon. „Welcher Mangel an Lebensart!“ „Sie konnten es nicht wohl anders halten,“ ſagte Lady Vernon.„Meine Schweſter ſchrieb mir, ſie werden in Upland ſchlafen, welches bloß dreißig Meilen von hier entfernt iſt, und da ſie gleich nach dem Frühſtück auf⸗ brechen mußten, weil eine Geſellſchaft im Hauſe war, ſo müſſen ſie hier nothwendigerweiſe eine Stunde zu frühe ankommen. Gegenüber von ihrer Schweſter fühlte ſie ſich bevollmächtigt, ſich eine ſolche Freiheit herauszu⸗ nehmen.“— Die Middleburys waren keine Leute, welche irgend⸗ wie Störungen veranlaſſen konnten; ſie waren nicht, wie häufig friſch ankommende Gäſte ſind, die ſich nicht wie zu Hauſe, nicht ungenirt genug fühlen, und das heitere Leben der Geſellſchaft hemmen; nein! in der Hohlheit und Herzloſigkeit der Vernons lag Etwas, was ihren Familien⸗Verbindungen ein genirtes Weſen verlieh. Sir Henry war, kurz geſagt, ein thätiger, ernſter Edelmann, voll Folgſamkeit gegenüber von den ſchönſten Grundſätzen des Lebens, eine Folgſamkeit, welche ihn auf die Folter⸗ bank eines ewigen Strebens legte. Verſunken in das Studium aller neuen Syſteme und aller patentirten Er⸗ 145 findungen der neueſten Zeit, war er, wenn er in Geſell⸗ ſchaft kam, entweder gar nicht beim Geſpräche, ſondern hatte ſeine eigenen Gedanken, oder machte er ſich's zu ſeinem einzigen Geſchäfte, ein unausſtehlicher Schwätzer zu ſein, ſo daß die Leute, wenn er ſeine grillenhaften Spekulationen entwickelte, ihn in's Pfefferlande wünſchten. Seine Frau war in Beziehung auf Prüderie und übertriebener Strenge in der Kinderzucht ein überſpanntes Subjekt; ihre zwei ſchönen Töchter welche ſie zwanzig Jahre lang in der ſtrengen Schule von Gouvernantinnen und Lehrern gehalten hatte, betrachtete ſie eher als die Geſchöpfe ihrer ausgezeichnet feinen Bildung; dann als heitere Freundinnen oder zärtliche Kinder. Jedes unbe⸗ achtete Wort, das Suſanna und Fanny äußerten, wurde vor ihrer Mutter augenblicklich einer ſtrengen Zergliede⸗ rung unterworfen, und hinter einem Paſſus, das zum Zwecke der Erfahrungen, während der Zeit ihrer Erziehung gehaltenen Hauptbuches eingetragen. Machte eines der Mädchen im Vorübergehen eine Bemerkung über einen Regentag, ſo kam Mama mit ihren frühzeitig gegebenen Doſen aus Miſtreß Marcets Unterhaltungen über die Phänomen in der Atmoſphäre. Suſanna konnte ihr mit Dlei eingelegtes Nahkiſſen nicht herausnehmen, ohne daß ihre Mutter Anlaß nahm, ſie über die erſten Prinzipien der Mechanik, welche ſte ſeit der Muttermilch durch die Bialogen Joyces eingeſogen hatte, kreuz und quer aus⸗ zufragen. Durch dieſe pünktliche Unterwürfigkeit unter ihre Mutter waren die zwei Mädchen, obwohl von Natur liebevolle, unaffektirte Kreaturen, ſo abgemeſſen und ſteif geworden, als die Ehrendamen der Königin Eliſabeth in Reifröcken. Es war ihr erſter Beſuch auf Hyde, und da ſie nie zu einer Londoner Saiſon kamen, ſtanden ſie in ziemlicher Entfernung von ihrer Baſe Lucinda Vernon, von welcher ſte wußten, daß ſie eine der faſhionablen Schönheiten des Tages ſei. Auf den Ecken ihrer Seſſel ſitzend, immer und immer nach Die Bankiersfrau. I. 10 146 Lady Middlebury ſehend, um belehrende Zeichen für ihr Benehmen und ihre Antworten zu erhalten, ſchauten die zwei jungen Mädchen beinahe ſo gefoltert umher, als wenn ſie die Daumenpreſſe über ſich ergehen laſſen müßten.. Miß Vernon war übrigens in der Laune, gegen ihre Baſen vom Lande gefällig zu ſein. Durch Lord Dartfords unerwartete Ankunft in Warwickſhire zu hohen Hoffnungen geſteigert, hatte ſie wenig Zweifel, den Vo⸗ gel, der auf ihrem Gute jagte, und von ihrer Diener⸗ ſchaft unterſtützt wurde, zu fangen. Ein Mädchen von hohem Stande ſieht man niemals glücklicher, als wenn ſie dazu helfen darf, die Ehre des väterlichen Landhauſes zu retten, und da der heitere, offene Charakter von Lord Dartford es unumgänglich nothwendig machte, jeden böſen Schein von Kälte oder Stolz zu meiden, ſo be⸗ willkommte ſie Suſanna und Fanny ſo herzlich, als ob ſie das Geſchäft häͤtte, der Repräſentant von deren Graf⸗ ſchaft zu ſein; fragte mit der freundſchaftlichen Miene einer Baſe nach dem Beſinden ihrer jüngern Brüder und Schweſtern; ſprach die Hoffnung aus, die Baſen werden ihre Muſik mitgebracht haben, und ſuchte, bis man zum Umkleiden ſchellte, mit ihnen die Zeit dadurch zu ver⸗ kürzen, daß ſie die Witze der Herren Jabot, Vieurbois, Crepin, de la Linottiere und die verſchiedenen Albums voll Plattheiten preisgab, welche dazu erfunden ſind, um einem einſylbigen Landedelmanns⸗Haus Thema's für die Unterhaltung zu verſchaffen. Die zwei ſchlichten Mädchen waren bezaubert. Die durch langes Fahren bei einem ſtrengen Froſte hervor⸗ gebrachte Erſtarrung, und die ihnen vor ihrer Ankunft von Lady Middlebury wiederholten Ermahnungen, ſie ſollen ja recht gerade ſitzen, ihre Köpfe aufrecht halten und ihre Aufmerkſamkeit auf den Gebrauch des Con⸗ junctivus richten, ſingen an, ihre Wirkung zu verlieren, und der lang gefürchtete Beſuch bei Tante und Onkel Vernon, welcher einen glänzenden Beweis von ihren 147 Fähigkeiten liefern ſollte, verlor nach und nach einen Theil ſeiner Schrecken. Hyde, obwohl in der Geſchichte erwähnt, und als Kupferſtich gedruckt, war nach Allem kein ſo gar impoſanter Platz, und wenn ihr Vetter Albe⸗ rich, der vielgereiste Mann, ſie nicht ganz ſtreng über ihr Italiäniſch oder Deutſch ausfragte, oder Lord und Lady Vernon während der Aufführung ihres großen Duetts in C Minor hinter ihnen ſtanden, ſo getrauten ſie ſich, ohne große Anſtrengung von Leib und Seele, ihre Woche zu überſtehen. Gerade als ſie an das warme Morgen⸗Zimmer ge⸗ wöhnt waren, und ſich zu wundern anfingen, ob die Sachen im Chaiſeſitze noch nicht ausgepackt ſeien, und ob wohl die Mägde in ihrem Auskleide⸗Zimmer auf ſie warten, trat Lord Vernon mit großen Schritten ein, ein tauſend Haustragödien im Blicke, mit dem Geſichte eines Grafen Ugoſino, der ſo eben ſeine Kinder verſchlin⸗ gen will. Vergeblich ſtunden die Middlebury's von ihren Sitzen auf, um bewillkommt und bemerkt zu werden. Obwohl zuvor entſchloſſen, den Beſuch von der Familie ſeiner Frau mit Stärke zu ertragen, konnte doch ſeine Lord⸗ ſchaßt ſeine Gefühle kaum genug bemeiſtern, um artig zu ſein. „Sei ſo gut und leſe dieß durch und erkläre mir die Bedeutung der Sache,“ ſagte er, indem er ſich im Tone gekränkter Würde an Lady Vernon wandte, ſeine durch die Sache unbetroffene Tochter anſtarrte, und ein offenes Papier in die Hand ſeiner Frau legte, worauf die Frau des Hauſes, unter tiefem Stillſchweigen der Anweſenden, ihre Augen auf etliche Linien warf, welche eine Schreibershand mit dicken Drahtſtrichen verzeichnet hatte, und deren entſetzlicher Inhalt folgender war: „Dean⸗Park, Donnerſtag Morgens. [Oberſt Hamilton und Kapitän Hamlyn werden die Ehre haben, heute um halb ſieben Uhr mit Lord und Lady Vernon zu ſpeiſen und die von ſeiner Lordſchaft gemachte gnädige Anerbietung von Betten auf Hyde anzunehmen.“ Nichts war im Ausdruck des Schreibens dunkel und unklar. Doch, ſo bändig und gerade aus daſſelbe war, Lady Vernon überlas es zweimal, ehe ſie ein entſchie⸗ denes Urtheil über die Sache fällte, und, indem ſie noch einmal den vollen Sinn, der in den zwei ſchrecklichen Worten„auf Hyde“ lag, überlegte, wünſchte ſie bei⸗ nahe, das Schreiben wäre ſo lang geweſen, als einer von den Briefen Sir Grandſons; ſo überraſchend kam ihr ihre Lage in Rückſicht auf den gerechten Zorn ihres Gatten vor. In der vorigen Nacht hatte ſie Lord Vernon erzählt, der Marquis von Dartfort komme, um den Middlebury's auf Hyde Geſellſchaft zu leiſten; ſie wies darauf hin, bei ſo viel Schnee vor dem Schloſſe, bei einem ſo ex⸗ cellenten Billard im Hauſe, werde es ihr eigener Fehler ſein, wenn er nicht als der erklärte Liebhaber ihrer Tochter vom Hauſe ſcheide, eine Bemerkung, welche im Andenken des unwilligen Lord Vernon ganz friſch ſein mußte. Auch war in ihrem eigenen der Eindruck davon noch ganz friſch, daß ſeine Lordſchaft einige Tage vor ihrer Abreiſe nach Warwickſhire gegen ſie bemerkt hatte: „Wir haben einen neuen Nachbar von Hyde bekommen, einen brutalſtolzen Nabob, einen pöbelhaſten Freund des Bankiers Hamlyn. Ich höre von Barlow, daß er den Eindringling geſpielt hat und daß er unſern Haushaltern läſtig geweſen iſt, während er doch als Pächter der Burlingtons die gewöhnlichen Vorrechte von uns erhal⸗ ten hat. Wir müſſen zwar Viſitenkarten mit dieſer Per⸗ ſon wechſeln, aber ich werde gehörig dafür beſorgt ſein, daß die Bekanntſchaft nicht weiter gehe.“ Und nach dieſer von Seite ihres Ehegatten erhaltenen Warnung hatte ſie die Einladung des geldſtolzen Nabobs zu ver⸗ 149 antworten, welcher in der freundſchaftlichſten Weiſe zum Eſſen und Uebernachten nach Hyde beſchieden worden war. „Ich befürchte, hier iſt ein unglückliches Mißver⸗ ſtändniß vorgegangen,“ ſagte ſie, als ſie am Ende das Herz faßte, das von ihr angeſtellte Unheil zu geſtehen. Alberich gab mir geſtern die Nachricht, Lord Dartford ſei zu Dean⸗Park und ich hielt die Gelegenheit für gün⸗ ſtig, ihn hierher einzuladen Ich war im Irrthum, mein Sohn war im Irrthum, wir Alle waren im Irrthum. Es ſcheint, meine Einladungskarte iſt an die falſche Perſon gekommen.“ „Allerdings an die falſche, an den ſchrecklichen, bengaliſchen Tiger vom Rittergute Burlington. Doch, da es ein Irrthum war, ſoll es auch ein Irrthum bleiben. Ich will augenblicklich ſchreiben und angeben, wem die Einladung eigentlich beſtimmt geweſen ſei. Wir haben nicht nöthig, uns durch eine ſo unangenehme Bekannt⸗ ſchaft erwürgen zu laſſen.“ „In der That nicht!“ brach zur Antwort auf einen fragenden Blick, welchen Lord Vernon an die ganze Ge⸗ ſellſchaft der Reihe nach gerichtet hatte, von den Lippen aller Anweſenden in ſchwachem Murmeln los. Lady Vernon, obwohl ſie im Uebrigen mit der Ge⸗ ſellſchaft einverſtanden war, ſah kaum ihren Gemahl zu ſeinem Schreibtiſche gehen, und ſichtlich mit der ent⸗ ſchiedenſten Abſicht zum Schreiben den Deckel der Schub⸗ lade öffnen, als ſie Gewiſſensbiſſe verſpürte. „Nach Allem,“ ſagte ſie,„iſt es kein Fehler von Oberſt Hamilton, daß Frau Hamlyn meinte, ich habe ihn als den Freund bezeichnet, der bei ihnen auf Dean⸗ Park ſei.“ „Ich bin überzeugt, die ganze Sache iſt ein imper⸗ tinenter Betrug, welchen die Hamlyns angezettelt haben,“ ſagte ernſthaft Lord Vernon.„Mir allein begegnen immer ſolche Abenteuer. Ich bin gewißlich die unglüuͤcklichſte Perſon auf der Welt. Erpreß ſoll ein Mann in mein Haus eingeladen werden, den ich noch nie in meinem 150 Leben ſah und den ich meiner Familie förmlich als einen Gegenſtand des Abſcheues darſtellte!“ „Oberſt Hamilton iſt in der Nachbarſchaft allgemein geachtet, wie ich höre,“ entgegnete Lady Vernon.„Herr Barlow erzählte geſtern, welch nützliche und thätige obrigkeitliche Perſon man an ihm gefunden habe.“ „Doch habe ich, bei Gott! keinen Grund, alle nütz⸗ lichen Magiſtrats⸗Perſonen auf dem Lande in mein Haus einzuquartieren,“ zürnte ihr Gemahl und blätterte das Conceptbuch hin und her. „Doch würde eine einem ſolchen Manne zugefügte Beleidigung einzig auf uns zurückfallen.“ „Wer ſprach davon, ihn zu beleidigen? Ich will einzig und allein annehmen, daß die Einladung, welche ihm zukam, für den Marquis von Dartford beſtimmt geweſen ſei, und daß der Sache ein Mißverſtändniß zu Grunde liege.“ 3 „Welches ſich bis zu einer Bitte erhebt, er ſoll heute nicht hieher kommen, um hier zu ſpeiſen. Was iſt ein ſolches Verbot anders als eine Beleidigung?“ rief Lady Vernon aus.. „Das iſt Dein Fehler. Du hätteſt Dich beſſer ausdrücken ſollen. Man kann bei Einladungen zum Eſſen nicht exrakt genug ſein. Ja! eine ſo vage Beſtimmung wie die:„der Freund, der ſich auf Dean⸗Park aufhält,“ hätte uns einen andern Gaſt, deſſen Bekanntſchaft uns noch weniger Chre gemacht hätte, als dieſer oſtindiſche Oberſt, zum Beiſpiel eine von den Börſe⸗Bekanntſchaften Herrn Hamlyns, in das Haus führen können.“ „Gewiß, ich war ſehr ſorglos; im Ganzen übrigens ſollten wir uns glücklich ſchätzen, daß es nicht ſchlimmer iſt,“ ſagte Lady Vernon, in der Hoffnung, ihr Gemahl werde nach und nach weicher werden, da er ſich in der Auswahl einer Feder ſehr kitzlich zeigte. „Wir trafen dieſen Morgen Lord Dartford zu Bars⸗ thorpe, der erſten Station von Upland her, wo er Pferde wechſelte,“ ſagte Sir Henry Middlebury.„Der Poſt⸗ 151 halter bat um Erlaubniß, ſeiner Lordſchaft die erſten Wechſelpferde zu geben, weil Lord Dartford, wie es ſcheint, wegen der gefährlichen Krankheit der Marquiſin ſchleunigſt nach Dartford⸗Hall eilen mußte. Ich faßte die Chaiſe ſeiner Lordſchaft genau in's Auge, weil ſie zu meinem Erſtaunen weder Achſen von Collinge, noch Heuſchreckenfedern hatte. Ich bin verſichert, daß man in London heutzutage keine Chaiſen verfertigt ohne Pa⸗ tentachſen von Collinge und Heuſchreckenfedern. Den letzten Frühling hatte ich eine vom Fabrikanten Leader, welche übrigens bloß einen Kranichhals hatte(als der Graf von Bambis ſich auf Middlebury⸗Park aufhielt, hatte er ſich höchlichſt verwundert, daß wir bei unſerem ſchmalen Umrang an der Hausecke es mit einer Chaiſe ohne Kranichhals riskiren wollen), und ich war nun aufs Neue erſchrocken, da ich wieder im Nachtheile war, indem meine neue Kutſche weder Achſen von Collinge noch Heuſchreckenfedern hatte. Wenn ich aber bedachte, daß die von Lord Dartford, welcher doch als einer der reichſten, auch einer der ſtandesgemäßen Perſonen des Tages iſt, wie ich glaube, weder Achſen von Collinge, noch Heuſchreckenfedern hatte, bemerkte ich ſogleich gegen Lady Middlebury.“ „Wenn wir es wagen, eine Betrachtung über den Gegenſtand zu riskiren,“ bemerkte Lady Vernon bei Seite zu ihrem Gemahl, wobei ſie ihre Stimme dämpfte und ſich über ſeinen Stuhl lehnte, um die einſchläfernde, proſaiſche Erzählung ihres Schwagers nicht zu unter⸗ brechen,„ich gebe Dir den dringenden Rath, Oberſt Hamilton ſo aufzunehmen, als ob gar kein Irrthum ob⸗ gewaltet hätte. Bedenke, welchen Triumph es den Leu⸗ ten von Dean⸗Park bereiten würde, wenn ſie fänden, daß wir ſo große Sorge getragen haben, einen Gaſt, wie den jungen Dartford, aus ihrem Hauſe in das un⸗ ſerige zu ziehen. Bedenke, was für eine Geſchichte ſie in ihren pöbelhaften Zirkeln daraus machen würden. Wenn ſie vollends hinzuſetzen könnten, wir haben einen 1⁵² alten Edelmann, einen alten Soldaten, der an der Kränkung, die wir erleiden mußten, unſchuldig war, und nicht weniger, als wir ſelbſt, in der Schlinge gefangen war, übel behandelt, ſo würde in der Meinung der Welt der Fehler ganz auf unſerer Seite ſein.“ „Ich muß in der That in Sorgen ſein,“ entgegnete Lord Vernon, deſſen erſtes Auflodern von Zorn ſich wieder gelegt hatte, und der nun wieder in ſeine ge⸗ wöhnliche träge Abneigung gegen Scenen und Erklärun⸗ gen und dem Geſchäfte des Briefſchreibens und Abſen⸗ dens war,„ich bin ernſtlich beſtürzt in der That, daß ein Vorfall auf Hyde den Bankier Hamlyn rechtfertigte, meinen Namen mit der Geſchichte ſeiner gaſtfreundſchaft⸗ lichen Einladungen auf Dean⸗Park zuſammenzubringen. Im Ganzen wird es vielleicht das Beſte ſein, ſo leicht als möglich über dieſe Kränkung oder dieſes Mißver⸗ ſtändniß wegzugehen.“ 8 „Ein Mann von Oberſt Hamiltons Alter kann nie⸗ mals eine ſo kitzliche Bekanntſchaft ſein, wie eine jün⸗ gere Perſon, namentlich was Alberich und Inda betrifft,“ ſprach Lady Vernon, der ein großer Stein vom Herzen gefallen war.„Uebrigens wird es paſſend ſein, wenn wir dieſen unſern neuen Nachbar mit ſo fömlicher Ma⸗ nier empfangen, daß er wenig Luſt hat, wieder nach Hyde zu kommen.“⸗ „Ich befürchte, Du haſt Recht,“ entgegnete ſeine Lordſchaft, zerriß das Schreiben, welches er angefangen hatte, und durchkreuzte das Zimmer, um die Reſte in das Feuer zu werfen.„Alles, was uns zu thun übrig bleibt, iſt, uns dem Uebel heroiſch zu unterwerfen. Wenn Oberſt Hamilton ein abſichtlicher Eindringling iſt, ſo wird meine Kälte ihn auf paſſende Art und Weiſe zurückſtoßen; ſollte aber die ganze Sache ſo zufällig ſein, als Du denkſt, ſo wird meine Zurückhaltung ihn von weiterer Annäherung gegen uns abſchrecken.“ 1 Da die Glocke das Zeichen zum Umkleiden bereits gegeben hatte, ſo ging die Geſellſchaft auseinander. Die 15³ armen Mädchen von Middlebury waren aufs Neue voll Schrecken über die Größe eines ſo hehren Onkels, und einer ſo ernſten Tante, und befürchteten, ſie könnten ihre Köpfe nicht hoch genug halten, den angemeſſenen Anſtand nicht genug beobachten, die Tonleiter nicht mit gehöriger Genauigkeit durchſingen, um einer ſo widerwärtigen Fa⸗ milie Genüge zu leiſten. Dieß war die Geſellſchaft, bei welcher der hoch⸗ herzige und geſellſchaftliche Oberſt Hamilton die Rolle eines Eindringlings gegen ſeinen Willen ſpielen ſollte. Siebentes Kavitel⸗ Des Höchſten Leben iſt oft grauſe Leere. Der Luſte Folter, die nach Schmerz ſich ſehnt, Nicht nöthig iſt's, daß man den Barden ehre, Wenn er Zufriedenheit als Höchſtes krönt. Wer überſatt iſt, der nur iſt zufrieden; Dieß iſt als Kummer unſerm Herz beſchieden. „Beim heiligen Georg! Dieſe Edelleute wiſſen ſich ein angenehmes Neſt zu machen,“ rief Oberſt Hamilton ſeinem jungen Geſellſchafter zu, als ſie aus der langen, dunkeln Allee herausgekommen waren, und, nachdem ſie drei Viertelſtunden über den vom Mond beſchienenen Schnee gefahren, an der ſchönen Facade der ehrwürdi⸗ gen Behauſung anlangten, von welcher jedes Fenſter in zurückſtrahlendem Lichte ſchimmerte.„Ihr Vater hatte vollkommen Recht. Die Entfernung iſt von keiner Be⸗ deutung. In meinem Pelzrocke war mir, bei meinem Leben! ſo warm, wie an meinem Ofen. Sodann, was hat eine vom Froſte geröthete Naſe zu bedeuten, wenn eine angenehme Geſellſchaft in der Nähe iſt?“ Die erleuchtete Halle, in welche ſie nun eingeführt 154 wurden, und die Menge der trefflich unterwieſenen, in Bereitſchaft ſtehenden Diener trugen vollends dazu bei, ſie in eine freudige Stimmung zu verſetzen. Sie hatten unter ſich ausgemacht, ſie wollen in einer für die Mahl⸗ zeit paſſenden Kleidung erſcheinen, und nicht erſt im Schloſſe wechſeln, weil ſie für dieſesmal die Gänge des Hauſes noch nicht kannten; und, nachdem ſie mit mili⸗ täriſcher Haltung eingetreten waren zeigte beim Er⸗ ſcheinen der ſtattlichen Gäſte das Geſellſchaftszimmer bloß Ein loderndes Feuer, Eine enorme Maſſe von Licht. Die Blätter der Morning⸗Poſt waren erſt von der Stadt gekommen und ein dienſtfertiger Kammerdiener legte ſie auf den Tiſch zunächſt dem alten Herrn, deſſen liberale Haushaltung und deſſen offener Charakter ihm in den Hofmeiſterzimmern der Nachbarſchaft einen weit höhern Ruf ſicherten, als manchem Manne von ſtattlicherem Namen. „Ich beſchwöre und erkläre: Dieß iſt die heutige Morgen⸗Poſt,“ rief Oberſt Hamilton aus und warf ſich alſobald in einen Armſeſſel, welchen er zum ernſtlichen Schaden der ſymmetriſchen Anordnungen im Zimmer an das Feuer zog, dann nahm er ſeine Brille aus der Taſche, um ſich die Sache ganz bequem und angenehm zu machen und ſagte:„Ich wundere mich, daß ich niemals daran dachte, die Zeitung durch die Poſt zu mir herüberbrin⸗ gen zu laſſen.“ Dabei ſah er den erſchrockenen Walther, welcher in eleganter, artiger Haltung, mit ſeiner gut geſtärkten weißen Cravatte und trefflich angefertigtem, ſchwarzem Rocke am Ofen ſtund, von der Seite an. „Ja! es würde dieſe verteufelten langen Winterabende um die Hälfte abgekürzt haben. Ja! ja! laſſen wir dieſe Lords allein, um für ſich ſelbſt zu ſorgen. Aber Gott ſegne mich! Was haben wir hier in die Hände bekom⸗ men? Die Poſt aus dem obern Indien? Das erwartete ich während dieſer drei Tage nicht. Beim heiligen Georg! Durch einen außerordentlichen Boten. Und ich ſoll erſt 15⁵ heute Morgen von der Sache erfahren, da ich gerade hieher komme? So, ſo, ſo!“ Die Beine nach Bequemlichkeit gekreuzt, nahm er einen ſchweren, ſilbernen Leuchter von der Tafel, ſetzte ihn zwiſchen ſeine mit genannter Brille verſehene Naſe und die Zeitung und gab ſich ſelbſt, Herz, Seele und Leib, dem ekſtatiſchen Genuſſe eines zu hoffenden, großen Glückes hin, einem Genuſſe, den diejenigen Leute allein verſtehen, welche lange Zeit auf einer entfernten Colonie gelebt haben. Aber auf einmal, ſiehe da! wurde der Saal von einem Pagen geöffnet, und herein trat mit ſtolzem Schritte Lady Vernon, evaſtätiſch in Spitzen und ſchwarzem Sammet, in Kleidung und Ausdruck des Geſichts gerade wie wenn ſie die Rolle der Lady Mac⸗ beth ſpielen ſollte. Unmittelbar hinter ihr kamen die ädchen von Middlebury, wie wenn es ihre blaſſen und demüthigen Kammerzofen wären. Sie hatten im Vorzimmer warten müſſen, weil ſie den Muth nicht hatten, unaufgefordert von einem Gliede der Familie in⸗ das Geſellſchaftszimmer einzutreten. Niemals hatten ſich die feinen Manieren von Wal⸗ ther Hamlyn in glaͤnzenderem Lichte gezeigt, als in die⸗ ſem Augenblicke. Seine adelige und ungenierte Weiſe, wie er den förmlichen Willkomm der Lady des Hauſes hinnahm, ſtellte ihn auf einmal ihren Augen als Ka⸗ pitän Hamlyn im blauen Regimente und Freund von Lord Dartford vor, und löſchte jeden Zug des Bankiers⸗ Sohnes von Dean⸗Park aus ſeinem Geſichte aus. Auf dieſe Weiſe erhielte der arme alte Oberſt Zeit, ſein Gleichgewicht wieder zu gewinnen, und, in gebührender Form an der Ceremonie, ſich Lady Vernon vorzuſtellen, Theil zu nehmen. Während Walther die Fragen der ſtattlichen Lady in ſchwarzem Sammet hinſichtlich des Befindens ſeiner Familie zu beantworten hatte, fanden bloß die Middle⸗ bury's Gelegenheit, die befangene ſteife Haltung des betroffenen Gaſtes zu bemerken, welcher nicht wußte, wie 156 er ſich der Zeitung, oder wie er ſich ſeiner Brille auf der Naſe entledigen ſollte, zu einer Zeit, da er der Herrin von Hyde mit geziemender Leichtigkeit ſeine Hul⸗ digung darzubringen hatte. Ein Page bemerkte glücklicherweiſe die Beſtürzung des alten Edelmannes und beeilte ſich, ihm wenigſtens einen Theil ſeiner Laſten abzunehmen und die Aufmerk⸗ ſamkeit der Anweſenden von ihm abzuleiten. Eiligſt ließ er Lady Middlebury eintreten, die in ein Dutzend Ellen eines ſtrotzenden Gros de Naples gehüllt war, und gleich einem vom Nordoſtwinde aufgeblähten Segelſchiffe vorüberrauſchte.— Zur Zeit, als Walther Hamlyn, der auf den Oberſt einen verzweifelten Blick geworfen hatte, mit dem Be⸗ deuten, er ſolle ſich in ſeiner gegenwärtigen Lage tref⸗ fend und artig benehmen, ſo frei war, und um Erlaub⸗ niß bat, der Lady Vernon Herrn Oberſt Hamilton von Burlington⸗Manor vorzuſtellen, war dieſer ganz vorbe⸗ reitet, um für die freundliche und ungenannte Manier, in welcher er als ein neuer Ankömmling in der Nach⸗ barſchaft von Lord Vernon in ſein Haus eingeladen worden ſei, ſeinen Dank abzuſtatten. Es war unmöglich, dem offenen alten Soldaten im Silberhaare Theilnahme an irgend einer Art von Be⸗ trug in der bereits genannten Sache zuzurechnen. Für den Augenblick war in den Augen der Lady Vernon ſein Vergehen auf die freie und leichte Manier beſchränkt, in welcher er, wie es ſchien, ſein Recht anerkannte, un⸗ ter ihrem Dache wie zu Hauſe zu ſein. Obwohl zum Voraus entſchloſſen, dem Freunde vom Freunde Lord Dartfords mit einem Grade von Artigkeit und Höflich⸗ keit zu begegnen, welche es ihm ebenſo unmöglich machte, ſich zu beklagen, als nähere Bekanntſchaft mit der Fa⸗ milie anzuknüpfen, hatte ſie doch kaum Geduld mit der ungenierten Freiheit, mit welcher der Fremde ihren eige⸗ nen mit Elfenbein ausgelegten Lieblings⸗Armſtuhl aus Ebenholz in den Bereich des Fegefeuers einer ſchreck⸗ 157 lichen Flamme gezogen hatte, um ihre eigene Zeitung am Lichte ihres eigenen Leuchters zu leſen. Nun machten Sir Henry Middlebury und Lord Vernon ihre Aufwartung. Neben einander traten ſie herein, wie die zwei Könige von Brentford, und, da ſie unglücklicherweiſe im ſelben Augenblicke durch die Haus⸗ frau dem Oberſt vorgeſtellt wurden, ſo entſtand in ſeinem Kopfe eine unwillkürliche Verwirrung in Betreff des Titels und Rangs dieſer Perſonen. Er wußte nämlich nicht, wer von Beiden den Prinzen Volſius, wer den Prinzen Pretyman ſpielt, und da Sir Henry, ein kor⸗ pulenter, gutausſehender, wortreicher, ſtattlicher Mann, das Glück hatte, ſeine vorgefaßte Meinung vom adeligen Beſitzer Hyde's durch ſein Ausſehen zu verwirklichen, hielt er den verbutteten Pair für niedriger und unbe⸗ deutender, als den Land⸗Baronet, einen Pair, welcher trotz ſeiner Bemühung, mit einer den Umſtänden ange⸗ meſſenen Würde zu erſcheinen, vermöge ſeines gewöhn⸗ lichen Mißvergnügens über die Dinge dieſer Welt, ſein Geſicht zu einer ſolch ſauren Miene zuſammengezogen hatte, daß er unbedentender und verdrießlicher als ge⸗ wöhnlich ausſah. Herrn Henry, als dem mehr verſpre⸗ chenden Geſellſchafter, begann der Oberſt augenblicklich zu erzählen, was ſein Blut in Wallung bringe, nämlich die von der indiſchen Poſt gebrachten Neuigkeiten; ſo⸗ dann ſprach er noch Vieles mit all dem Vorurtheil und der Uebertreibung eines Mannes von gemäßigtem Ur⸗ theil, welcher während ſeines Lebens die einzelne Seite einer einzelnen Lebensfrage betrachtet hat, ohne ſich durch die Norm gebenden Einflüſſe der Geſellſchaft etwas umändern zu laſſeu. VTon gerechtem Unwillen überfließend, welchen ein wilden Ton angebender Artikel entzündete, der die von dem expreſſen Courier überbrachten indiſchen Neuigkeiten erläuterte, welche er kaum Zeit gehabt hatte, zu über⸗ blicken, machte er ſeinen heißen Gefuͤhlen in einer Phi⸗ lippica gegen den General⸗Gouverneur Luft, weil er 158. gewiſſe örtliche Mißbräuche ſanktionire, deren dortiges Beſtehen jedem der Anweſenden ſo gleichgültig ſein konnte, als wenn ſie unter den Eingeborenen auf Nootka⸗Sund geherrſcht hätten. Durch dieſes plotzliche Losbrechen eines politiſchen Geſpräches und eines ſolchen Muthwillens in Erſtaunen geſetzt, hörte die Verſammlung in verächtlicher Verwunderung zu, wie ſie wohl bei den ausgelaſſenen Reden eines Landsmannes, wie Sir Giles Overreach, gethan haben würden. „Seine Lordſchaft ſollte augenblicklich zurückgerufen, angeklagt, verurtheilt, ſeine Lordſchaft ſollte gehangen, auseinander gezogen und geviertheilt werden!“ war der unmaßgebliche Urtheilsſpruch des mildeſten Mannes auf der Erde, der aber vom Gifte einer Zeitung angeſteckt worden war; und da es ſich traf, daß das geringe In⸗ tereſſe, welches die Familie Vernon an den Angelegen⸗ heiten des Oſtens nahm, in dem Umſtande lag, daß ſie mit dem in Frage ſtehenden, als Verbrecher angeklagten General⸗Gouverneur verwandt war, zog die Augbraunen der ältern Mitglieder der erſtaunten Familie ein Stirn⸗ runzeln und die Lippen der jüngern ein Lächeln zuſam⸗ men, während ſie auf die Reden des Oberſten hörten. Nun machte die Schöne Lucinda und Barlow von Alderham ihre Aufwartung; dann wurde zum guten Glück ſogleich das Eſſen angeſagt, und ach! das Ceremoniell, welches früher zu Ehren des erwarteten Lord Dartford von Frau Vernon mit mehr, als den in Etiquette⸗Sachen ergrauten Genauigkeiten eines Kammerherrn beſtimmt und geregelt worden war, wurde traurigerweiſe dadurch beſeitigt, daß Lady Middlebury am Arme ihres Ge⸗ mahles und ſie ſelbſt an dem ihres Schwagers das Zim⸗ mer verlaſſen mußte.. „Bei der Etiquette Darby's und Jonas!*) ich prote⸗ ſtire!“ waren die geheimen Gedanken des Oberſten Ha⸗ milton in Betreff der Ordnung dieſer Prozeſſion. Da *) Dieſe haben wohl Bücher über das Ceremoniel geſchrieben. 159 gehen ja um des Himmels willen! die Leute in Paaren zur Mahlzeit, wie Herr und Frau Ham, Sem und Ja⸗ phet bei der für Kinder verfertigten Arche Noahs. Knüpft mich auf, wenn unter ſolch hochfliegendem Volke ein beſſeres Gefühl iſt, als ich mir immer gedacht habe.“ Während er über dieſes ſonderbare eheliche Arran⸗ gement nachdachte, vergaß er, ſeinen Arm der Miß Ver⸗ non anzubieten, welche den von Walther Hamlyn mit reuden annahm, und höflicherweiſe ihre Verwandten vor ſich vorausgehen laſſen wollte. Unſchlüſſig, ob ſie vor⸗ oder nachgehen ſollten, ſchauten die zwei armen, ſchüchternen Töchter Middlebury's um gegenſeitige Aus⸗ kunft einander blöde an, und da ſie ploͤtzlich ſich ver⸗ ſtändigt hatten, wie Karaffen bei einem Küſtenfahrer, der gegen den Wind ſegelt, zuſammen vorwärts zu gehen, wachte der alte, galante Edelmann aus ſeinen Träu⸗ mereien auf, eilte als Erlöſer vorwärts, und bot mit manchem heitern Ausdrucke von Schmerz, daß er ſich nicht um ihretwillen in zwei Hälften zerſchneiden könne, jeder der beiden Damen einen Arm an, und als er die Thüre des Speiſezimmers erreicht hatte, welches wie die von den meiſten alten Häuſern nicht ſo breit war, daß drei neben einander eintreten konnten, verurſachten die knabenhaften Späſſe, die er mit den jungen Damen machte, neue Verwirrung und neuen Verzug. Walther Hamlyn kam ihm mit der ſtolzen Lucinda am Arm, vor deren Spott er mehr Angſt hatte, als ſeiner Größe und ſeinem Soldatenſtande angemeſſen war, dicht auf dem Fuße nach. Er hatte kaum Geduld, die zur Unzeit angebrachten Späſſe des Veteranen mit anzu⸗ hören, welchem er gegen ſeinen Willen als Bärenführer diente; zumal, da der Oberſt die brillanterleuchtete, herr⸗ liche Tafel, welche ſo völlig darauf berechnet war, den Gäſten die Gefühle von Anſtand einzuflößen, kaum er⸗ reicht hätte, als er ſeine alten Späſſe erneuerte, zwiſchen den zwei ſteifen, betäubten Mädchen ſeine Serviekte aus⸗ breitete und unbewußter Weiſe gegen ſie Etwas von 160 dem väterlichen Tone annahm, welchen er gegen ſeinen Liebling Lydea auf Dean⸗Park anzunehmen pflegte. In dieſer Noth hatte Walther den einzigen Troſt, daß der gar widerwärtige, ganz impertinente Sohn des Hauſes nicht da war, aber da ein unbezeichneter Stuhl gegenüber noch leer ſtand, erging er ſich in gegründeter Furcht, die Freude, Alberichs Geſellſchaft genießen zu dürfen, ſei ein ihnen allein noch drohendes Uebel. Seine Zweifel über dieſen Punkt wurden alſobald entſchieden. „Ich habe Alberich nicht geſehen,“ ſagte Sir Henry Middlebury zu ſeiner Wirthin,„ſeitdem er von dem Kon⸗ tinente wieder zurückgekehrt iſt.“ „Er wird wahrſcheinlich beim zweiten Gange zu Tiſche kommen,“ bemerkte Lady Vernon, in einem Tone gekränkter Würde„Wir warten niemals auf meinen Sohn. Alberich iſt ſyſtematiſch unpünktlich. Alberich kommt bei Allem zu ſpät.“ 2 „Dann muß ich ſagen, dieſes iſt ein Fehler, welchen ich an meinem Sohne auf keine Weiſe duldete, und zwar aus Rückſicht auf ihn; ich würde mich ſelbſt haſſen, wenn ich ſo Etwas duldete,“ rief Oberſt Hamilton aus, der nicht einſah, daß man auf dem Reichstage keine Stimme hat, wenn der Bann des Reiches auf Einem laſtet.„Es mag eine übertriebene Rede ſein, aber ich ſchwöre bei meinem Schöpfer, ich habe niemals gehört, daß ein un⸗ pünktlicher Mann im öffentlichen Leben zu Etwas kommt; umgekehrt, ſehet auf Muſter von Pünktlichkeit, ſehet auf Nelſon und Wellington!“ Wie wenn er auf dem Theater bei ſeinem Stichwort erſchiene, ſchlenderte in dieſem Augenblicke Alberich Vernon herein, beehrte, als er den leeren Sitz einnahm, ſeine Freunde und Bekannten mit einem Winke des Wohlwollens, und Herrn Oberſt Hamilton mit einem Zuwinken der Be⸗ kanntſchaft, welches die Form von einem der Complimente John Kembles annahm, als der artige alte Mann die Begrüßung mit einem inſtinktmäßigen Bückling erwiederte. „Wo iſt Dartford? ich dachte, wir ſollten Dartford * 161 1 zu ſehen bekommen,“ ſagte er, indem er ſich an ſeine neben Walther Hamlyn ſitzende Schweſter wandte. Lady Vernon, welcher bange war, er möchte noch weitere Nach⸗ fragen machen und weitere Crörterungen verlangen, brachte ihn zum Schweigen mit den abgebrochenen Worten:„Nein! die Krankheit ſeiner Mutter rief ihn nach Shrepſhire.“ Weder Frage noch Antwort drangen zum Ohre des Oberſten Hamilton, welcher ſich gerade mit der Menge von Fiſchſaucen, welche ganz im Einverſtändniß mit ſeinem Geſchmacke der Haushofmeiſter herbeigeſchafft hatte, ver⸗ gnügte und verluſtirte. Hätte auch das Geſpräch Alberichs mit ſeiner Mutter ſein Ohr erreicht, ſo hätte es bloß Bedauern in ihm erweckt, daß ihn ein junger Mann, wie der Marquis, der ihm ſo wohl gefiel, wegen Familien⸗ trauer nicht nach Hyde hatte begleiten können. Anders war es mit Walther Hamlyn; für ihn enthielt das ge⸗ nannte Geſpräch eine ganze Welt von Erleuchtung. Alles, was ihm an der Einladung der Lady Vernon unerklärlich geweſen war, hellte ſich ihm nun auf und der Schlag, welchen ſeine Selbſtliebe dadurch erhielt, wurde bloß noch durch das Unangenehme überwogen, daß er ſich als An⸗ hängſel eines in jeder Weiſe ſo unwillkommenen Gaſtes, wie des argloſen Oberſten Hamilton, betrachten mußte. Anſtatt ſeine Bemühungen zu verdoppeln, um ſich ſeiner ſchönen Nachbarin angenehm zu machen, konnte Walther ſeine Aufmerkſamkeit keinen Augenblick von dem alten Edelmann gegenüber ablenken. Jede Sylbe, welche der Oberſt ſprach, jede Miene, welche er riskirte, wurde für Walther eine Quelle der Beſtürzung. Ehe er eine Rede halb über ſeine Lippen gebracht hatte, fing Walther ſchon an, den Sinn derſelben zu modificiren oder zu er⸗ laͤutern. Kurzum, Walther mußte die volle Angſt des Beſitzers von einem übel dreſſirten Hund erfahren, wenn dieſer gelegenheitlich auf das Zimmer einer Lady kommt, von ihrer Güte gelitten wird, aber als unverſchämter Eindringling immer auf dem Sprunge iſt, einen neuen böſen Streich auszuüben. Die Bankiersfrau. I. 11 16² Der alte Oberſt war durch die Reinheit ſeiner Seele von aller Theilnahme an ſolchen Verlegenheiten geſichert. Die ihm angeborene Geſellſchaftlichkeit war erpanſiver Natur. In dieſem gut erwärmten, gut erleuchteten Zim⸗ mer, an einer ausgezeichnet beſetzten Tafel, ein Glas trefflichen Weines in der Hand, auf jeder Seite ein be⸗ ſcheidenes, holdes Mädchen, fand er ſich vollkommen glücklich, ſprach unverholen, lachte herzlich und verhöhnte Barlow von Alderham, welcher als Stellvertreter ſeines Herrn das Tiſchgebet geſprochen und das Dickbein eines Ebers vorgeſchnitten hatte, in einer Unterhaltung über verſchiedene Punkte der Geſetzgebung in der Grafſchaft, eine Unterhaltung, welche damit endete, daß er ein an⸗ deres auf Hyde geltendes Geſetz der Etiquette brach, und ſeine Wirthin, die er dabei einfach Mylady nannte, ein⸗ lud, ein Glas Xeres⸗Wein mit ihm zu trinken*). Lord Vernon blieb ein ſtummer Zuſchauer von allen dieſen enormen Verſtößen gegen die Etiquette; er dachte nicht daran, die ihm zugefügten Kränkungen zu rächen, weil er ſeiner Anſicht nach an die ſchlimme Behandlung von Seiten der Vorſehung zu gut gewöhnt war, um es hoch aufzunehmen, daß er von einem unruhigen, eindring⸗ lichen Gaſte, wie von einem Geſpenſte geplagt wurde. Sein immer verdrießliches Geſicht nahm beinahe den Zug finſterer Melancholie an, eben weil er ſich feſt ent⸗ ſchloſſen hatte, die gemeine Vertraulichkeit, welche ſich Oberſt Hamilton erlaubte, nicht öffentlich zu tadeln. Für Walther Hamlyns empfindliche Eitelkeit wurde das Benehmen Alberich Vernons bei dieſer Gelegenheit immer kränkender. Dieſer nahm gegen Fremde die Miene ironiſcher Aufmerkſamkeit an, und betrachtete ſie mit dem gnädigen Blicke, welchen man friſch eingefangenen Ein⸗ geborenen eines unciviliſirten Erdtheils ſchenkt, deren Eigenthümlichkeit für die Welt von feinem Tuch und *) Die Engländer ſtoßen nicht mit den Gläſern an, wie die Deutſchen; ſie trinken bloß zuſammen. 163 Brekat den Gegenſtand einer philoſophiſchen Spekulation bildet. Walther Hamlyn mußte ſich bei dem hochmüthi⸗ gen Ausdruck, den das Geſicht des jungen Herrn Vernon annahm, als Walther beſtrebt war, dem Oberſt, dem halb wilden Gaſte des Hauſes, ſeine auffallenden Eigen⸗ heiten aus dem Kopfe zu jagen, Walther mußte ſich bei⸗ nahe krümmen. Qual war es für den Sohn des Bankiers, ſo oft der arme Oberſt ſeine ſtattliche Wirthin, oder ihre Toch⸗ ter kurzweg mit Mylady anredete; er konnte es ſeiner Mutter nicht verzeihen, daß ſie es vergeſſen hatte, ihren ſorgloſen Freund über dieſe oder jene unbedeutenden Punkte des conventionellen Lebens, deren Kenntniß ſich der Oberſt bei ſeiner Abgeſchiedenheit ſeit ſeiner frühen Jugend nicht zu erwerben vermocht hatte, beſſer zu ſchulen. Als der Champagner und Burgunder die Runde machte, ſo ſtieg die Heiterkeit des geſelligen alten Mannes bis zur girrendſten Geſchwätzigkeit. Er ſprach gerade ſo, wie er mit den Rotherwoods geſprochen hatte, wie er geſprochen hatte, als er die Aufmerkſamkeit und Bewun⸗ derung des jungen Dartford feſſelte, ohne zu bedenken, daß ſeine Anekdoten und ſpaßhaften Ausrufungen durch⸗ aus nicht am Platze ſeien. Er war betroffen durch die Schönheit von Lucinda Vernon, die ihm gegenüber ſaß, und in Kleidung und Benehmen eine ſeinem ſchlichten Auge neue Eleganz zeigte, und mit ihren jugendlichen Reizen die innere geiſtige Anmuth verband, welche der Unſchuld, Jugend und Schönheit eigenthümlich iſt, und war hoch erfreut über das Glück ſeines Freund Walthers, eine bezaubernde Geſellſchafterin zu haben. „Ganz gut, Miſter Watty!“ ſagte er über den Tiſch hinüber, nachdem er ihn eingeladen hatte, ein Glas Hochheimer Wein, welcher gerade in die Runde ging, mit ihm zu trinken;„bereuen Sie immer noch Ihre kalte Ausfahrt? Nein! nein! mein Knabe! ich vermuthe, Sie wiſſen zu gut, was es heißt, ſich mit einer ſolchen 164 Mahlzeit herumzuſchlagen, namentlich wenn ſie durch die Geſellſchaft einer ſo jugendlichen Lady verſüßt wird.“ Je munterer und belebter Oberſt Hamilton wurde, deſto unangenehmer wurde ſeine Geſellſchaft den Vernons, welche ihn, wären auch ſeine Manieren ihrer Natur, die hoch und flach wie ein ſogenanntes„Tafelland“ war, mehr ähnlich und annähernd geweſen, beinahe ebenſo ungern, als wirklich, an ihrer Tafel geſehen hätten. Im Laufe des Abends wurden die Sachen immer ſchlimmer. Die Vernons verharrten in ihrer angenomme⸗ nen Kälte und Stille, die Middleburys, welche, wenn Oberſt Hamilton in ihrer eigenen Nachbarſchaft ein friſcher An⸗ ſtedler geweſen wäre, ihn als einen angenehmen, red⸗ ſeligen, alten Herrn bewillkommt hätten, betrachteten ein abgemeſſenes, wenn gleich höfliches Benehmen gegen ihn, ein Tribut, den ſie der übeln Laune ihrer adeligen Ver⸗ wandten bringen mußten. Alberich, der die faſhionable Sorgloſigkeit eines Weiberfeindes annahm, voll Beſorgniß, er möchte ſich bloßſtellen, wenn er mit ſeinen Baſen eine Sylbe wechsle, widmete ſich unausgeſetzt dem Studium der neuen Annalen, in welchen ſein eigener Name als der eines Lieferanten von einigen erſchrecklich langweiligen Unterhaltungen im Coliſeum figurirte, während Kapitän Hamlyn und Lucinda, welche ihre Londoner Freunde zu beſprechen und zu verläſtern hatten, ganz leiſe, und aus⸗ ſchließlich bloß mit einander ſprachen. Der Oberſt, welcher auf dieſe Weiſe eigentlich aus der Geſellſchaft ausge⸗ ſchloſſen war, fügte ſich mit großer Geſchicklichkeit in die Umſtände, ſie mochten ſein, wie ſie wollten, da er ja„aus Steinen Unterhaltung und aus jeglichem Dinge etwas Gutes“ herauszuziehen im Stande war, und nahm ſeine Zuflucht zu der ernſten Beſprechung, welche Sir Henry Middlebury und Herr Barlow über die ungemein vielſeitige Frage der Geſetzgebung, in Betreff der Armen, mit einander hielten, und welche in ächt landedelmänni⸗ ſchem Geiſte, welcher ein Thema in der Weiſe abhandelt, wie Hunde ein Bein abnagen, jene Frage, Punkt für 165 Punkt, mit Rückſicht darauf, wie ſie in einer Parlaments⸗ Verſammlung nach der andern abgehandelt wurde, mit einander beſprachen. Hamilton ſprach mit der friſchen Philanthrophie eines neuen, nicht beſonders erleuchteten Anſtedlers in England, mit einem Grade von Wärme, beinahe von Unwillen, der ſeine nüchternen Hörer vollkommen erſchreckte, die Grundſätze des Philoſophen Bentham aus. Nie zuvor hatte Herr Barlow die gutmüthige Einfalt eines Cabinets, wie Sir Henry eines repräſentirte, durch Verkündigung von Prinzipien und Gefühlen, die dem Radikalismus ſo nahe kamen, verhöhnen hören. Mit aller ſchuldigen Ach⸗ tung für das etwas kurzſichtige Wohlwollen des alten Indiers, bezeichnete er ſein Manifeſt als unpaſſend, und erklärte ſeine Pläne für die Verhältniſſe der Grafſchaft ganz unanwendbar.. „Ich ſage Ihnen,“ rief Oberſt Hamilton aus, in⸗ dem er ſich plötzlich an Lord Vernon, an den wirklichen Lord Vernon wandte, deſſen Würde ihm der Ausdruck: „Eure Lordſchaft,“ welchen die Diener gegen ihn ge⸗ brauchten, entdeckt hatte, und welcher nun mit Lady Middlebury kurze, kalte Sentenzen, ſo rund und glatt, wie Marvel, wechſelte, als ob das Geſpräͤch, deſſen Zweck darauf ziele, die Einrichtung des Staates in ökonomiſchen Dingen in Stücke zu reißen, für ihre Ohren unnütz, läſtig und nicht werth wäre, von ihnen angehört zu wer⸗ den:„Ich ſage Ihnen,“ rief Oberſt Hamilton aus,„es mag ſehr klug und politiſch ſcheinen, wenn man ſagt, dieſe oder jene Prinzipien ſeien für eine einzelne Graf⸗ ſchaft oder für eine einzelne Kriſis der Umſtände unan⸗ wendbar. Aber beim heiligen Georg! Die menſchliche Natur iſt menſchliche Natur auf der ganzen Welt; ja mein Lord! dieß iſt ſeit der Zeit des Königes Pharao, bis auf unſere eigene; unſere Mitgeſchöpfe find unſere Mitgeſchöpfe, unſere Brüder, ſie mögen in Lancaſterſhire der Cornwell leben, und nach meiner Anſicht werden die letzthin bei der Zuſammenkunft von Braxrham gefaßten Beſchlüſſe, ſo wie das adelige Mitglied der Grafſchaft, welches die obrigkeitlichen Perſonen unterſtützte, als die Sache vor dem Parlamente zur Sprache kam, Mühe haben, ſich vor Gott zu verantworten.“ Eine Todesſtille folgte auf dieſe furchtbare Rede. Aus dieſer Stille ſchloß Sir Henry Middlebury mit Recht, daß Barlow von Alderham eine der fraglichen Magiſtratsperſonen, Alberich Vernon das angreifende adelige Mitglied der Grafſchaft ſei, und da er ganz und gar keine Luſt hatte, einer der beiden Partien bei einem etwaigen Duelle als Sekundant zu dienen, ſo beeilte„er“ ſich, obwohl eilig und unzuſammenhängend zu bemerken: „wenn Oberſt Hamilton ein Paar Jahre länger in Eng⸗ land ſei, ſo würde er wohl ſeine Anſichten in manchen Punkten, welche die rieſenmäßigen Anſprüche der Armen betreffen, ändern.“ „Ich bitte um Verzeihung, ich glaube nicht,“ war die heftige Antwort Oberſt Hamiltons. Aber Sir Henry hörte nicht mehr auf ihn. Er legte in doppeltem Sinn ſeine Liebe zur Harmonie an den Tag, indem er Miß Vernon fragte, ob ſie nicht zuſammen mit ſeinen Töchtern der Geſellſchaft die hohe Gnade von„ein Bischen Muſik“ ſchenken wolle. Der Baronet vom Lande ließ ſich ebenſo ungebildet an, wenn er ſagte:„ein Bischen Muſik,“ wie wenn er ſagte:„ſchenken Sie uns die hohe Gnade mit einem Bischen Muſik.“ Ohne zu bedenken, daß eine Bitte ſolcher Art bei einer gemiſchten Geſellſchaft den Wanſch in ſich ſchließt, die gewöhnliche Unterhaltung möge aufhören, ließ ſich Oberſt Hamilton noch nicht zum Schweigen bringen. Er trottelte im Zimmer umher, warf ſich neben Lord Vernon auf den Sopha, nahm ſeine Anrede an ihn wieder auf, in einem mehr zutraulichen Tone und ſagte:„Seitdem ich in dieſe Gegend und in Ihre Nachbarſchaft gekommen bin, habe ich oft daran gedacht, wenn Sie und ich, mein Lord, und noch ein Paar Andere einflußreiche Landeigenthümer—“ „Ich wußte bis jetzt noch nicht,“ unterbrach ihn 167 ernſthaft Lord Vernon, indem er ſeine Kniee, auf welche ſein ſonderbarer Nachbar im Uebermaße ſeines menſchen⸗ freundlichen Eifers einen vertraulichen Schlag gegeben hatte, wegzog:„daß Sie in der Grafſchaft Warwick Landeigenthümer ſind.“" „Oh! oh! Sie wiſſen, was ich meine. Ich habe Vermögen genug, um zu leben und zu ſterben, und ver⸗ brauche in dieſer Gegend jährlich fünfzehntauſend Pfund, und wenn das nicht ſo viel werth iſt, als der Stand eines Landeigenthümers, ſo weiß ich nicht, was zu eirnem ſolchen Stande gehört. Mylord! wie ich eben ſagte, ſchon manchesmal habe ich daran gedacht, wenn wir Alle unſere Köpfe zuſammenſteckten, ſo könnte gewiß ein Plan ausgeheckt werden, in Betreff—“ „Sie müſſen mir den Gefallen thun, und mich ent⸗ ſchuldigen, Sir,“ ſagte Lord Vernon kalt, indem er von ſeinem Sitze aufſtand.„Ich bin unglücklich genug, um gar oft im Parlamente und vor den verantwortlichen Stellvertretern des Thrones zuhören zu müſſen, wie man die genannten Punkte hin und her beſpricht, ſo daß ich wenig Neigung habe, ſie in meinem Geſellſchaftszimmer auf's Tapet zu bringen. Punkte, mit deren Betrachtung die geſammte Weisheit der Königreiches immerwährend beſchäftigt iſt, können wohl, das befürchte ich, von unſern geringen Verſuchen, ſie zu erörtern, wenig Beleuchtung erhalten. Wenn Sie Freund davon find, ſich über die für die Armen gegebenen Geſetze zu beſprechen, ſo muß ich Sie bitten, es zu machen, wie im Allgemeinen auch Ihr Freund, Herr Bankier Hamlyn, es machen muß, und ſich, was meinen Theil der Beſprechung betrifft, an die größere Geſchicklichkeit meines werthen Agenten, Herrn Barlows von Alderham, zu halten. Herr Barlow iſt ohne Zweifel ſo glücklich, ſich mit Ihnen in eine Be⸗ ſprechung einlaſſen zu können, deren weitere Fortführung Ihnen behagt.— Lady Vernon! wir erwarten die Be⸗ fehle zum Whiſtſpiel. Alberich! thue mir den Gefallen und klingle nach Karten.“ 168 Whiſt hebt alle Unterſchiede auf und bringt jede Beſprechung zum Schweigen. Unter ſeinem Einfluſſe ging der träge, langweilige Abend endlich zu Ende und, wenn nicht Oberſt Hamilton, als er aus dem Wagen Herrn Hamlyns ſtieg, den Beſehl ertheilt hätte, man ſolle ihm den ſeinen um elf Uhr des folgenden Tages ſenden, ſo wäre er jetzt voll Freuden zurückgekehrt, um auf Dean⸗Park zu ſchlafen. Obwohl immer ohne Arg⸗ wohn, daß er ein uneingeladener Gaſt ſei, konnte er doch gegen die abſtoßende Kälte der Vernons nicht Stand halten. Hier hatte er das erſte Muſter eines faſhionabeln Hochmuthes getroffen, und das hohle Weſen einer ſolchen Aufnahme verwundete ihn gleich einem vergifteten Pfeile. „Beinahe muß ich denken, daß es der alte Don heute Nacht darauf anlegte, grob und unartig zu ſein,“ murmelte der Oberſt in der Stille, während ſein getreuer Johnſton ihm im Umkleiden half.„Doch, wie kann das ſein? Warum ladet er mich dann in ſein Schloß ein? Warum gibt er mir gleich bei meiner Ankunft den freien Zutritt zu ſeinem Park? Warum ſendet er mir ſeine Gemahlin und läßt mir eine Viſitenkarte zurück, wenn er die Abſicht hat, widerwärtig zu ſein? Nein! nein! ſo iſt die Art und Weiſe dieſes feinen Volks. So ſind ſie geboren, ſie ſind von Haus aus ungefällig. Beim heiligen Georg! Frau Hamlyn hatte Recht. Dieſe Vernons paſſen für mich ſo wenig, als ich für ſie.“ Tdrvotz aller ſeiner Abneigung gegen den Stolz des Hauſes, war er gegen ſeine Vorzüge nicht blind. Der eigenthümlich imponirende Ausdruck im Geſichte der Damen aus der Familie, und die bewunderungswürdige Einrich⸗ tung des Haushaltes, machten einen vortheilhaften Ein⸗ druck auf ihn. Er hatte es zuvor nicht für möglich ge⸗ halten, daß etwas in ſeinen Einzelnheiten ſo Vollkommenes, wie dieſe Mahlzeit, mit ſolch' mechaniſcher Ruhe zube⸗ reitet, ſervirt und genoſſen werden könne. Man hörte im Zimmer keinen Tritt, keinen Laut von einem Bedienten; die Bedienten ſchienen Nichts, als finnreiche Maſchinen v * 169 zu ſein; der Gaſt durfte ſeine Wünſche nicht ausſprechen; ſie wurden errathen und erfüllt. Er war in Sorgen, er werde Johnſton kränken, wenn er eingeſtehe, wie voll⸗ kommen er das Verdienſt der wohl gepuderten Zauberer anerkenne. „Es iſt läſtig genug, daß dieſe Leute auf der andern Seite wieder ſo verteufelt widerwärtig find!“ war ſeine letzte Betrachtung, als er im Bette die Augen ſchloß. „Es würde uns gewiß viele Unterhaltung verſchaffen, wenn wir mit der Familie auf Hyde in gutem Einver⸗ ſtändniß wären.“ Die Morgenſonne ging prächtig über dem friſch gefallenen Schnee auf, ſo glänzend und lieblich, als an einem Junitage, und es war deßhalb für einen Mann von gutem Charakter, wie Oberſt Hamilton war, ſchwer, nach der Ruhe einer guten Nacht, in übler Laune gegen ſich oder ſeine Nachbarn, von einem guten Bette zu einem guten Frühſtück aufzuſtehen. Oberſt Hamilton war nicht der Mann, der mit der Vorſehung übel auskommen konnte. Wenn er die mannigfachen Kümmerniſſe des Menſchengeſchlechtes in Erwägung zog, hatte er nicht den Muth, nach Art des Lords Vernon mit ſeinem Glücke zu zürnen, und ging deßhalb mit einem von Milch und Honig überfließenden Herzen zum Frühſtückszimmer, wo die ungeſelligen Leute ſich nach und nach verſammelten. „Das iſt Alles ganz excellent!“ ſagte er, nachdem er die gewöhnlichen Morgengrüße ausgetheilt und Walther Hamlyn auf die Achſeln geklopft und gefragt hatte, ob kein holdes Angeſicht den Gang ſeiner Träume verſchönert habe.„Man könnte beinahe glauben, es ſei Sommer, oder man wäre in Indien,“ fuhr er fort, indem er mit ſeiner Frühſtückgabel auf perſiſchen Flieder, Camellias, Hyacinthen von jeder Farbe wies, mit welchem ein offen ſtehendes, zum Treiben der Blumen eingerichtetes und geheiztes Nebenzimmer geziert war. „Der Fortſchritt der Wiſſenſchaften hat unbeſtrittener Weiſe uns in den Stand geſetzt, den Einfluß der Jahres⸗ 170 zeiten abzuwehren,“ entgegnete der ſentenzenreiche Sir Henry Middlebury. Doch mußte er bemerken, daß ſich Niemand die Mühe nahm, auf eine an Alle gerichtete Rede zu antworten. Uebrigens fuhr er fort:„Die Epikuräer der alten Welt wären gewiß hoch erſtaunt, wenn ſie aus ihren Gräbern aufſtehen und den Fort⸗ ſchritt, den unſere geſellſchaftlichen Verhältniſſe in Lurus⸗ Erfindungen gemacht haben, einſehen könnten. Was den Umſtand betrifft, daß die für das Innere der Häuſer thätige Baukunſt Zimmer zum Treiben der Pflanzen ein⸗ geführt hat, ſo bin ich geneigt, zu glauben, die gasar⸗ tigen Ausſtrömungen aus den meiſten Arten von Blumen ſeien der Geſundheit der Atmoſphäre entſchieden gefährlich.“ Oberſt Hamilton, welcher ſein Gehirn ſelten mit vielſylbigen Worten befreundete, und von gasartigen Ausſtrömungen ſo wenig wußte, als ein Neuſeeländer, ging wieder ſeinen eigenen Weg und wandte ſich an den wirklichen Simon Pur*), an Lord Vernon, dem er die Taſſe rauchenden Kaffees, der vor ihm ſtand, verdankte. Er ſagte:„Ich dachte oft, wenn ich zu Fuß oder in einem Gefäͤhrte an Ihrem Schloſſe herumkam, während Sie auf Ihrem andern Schloſſe im Norden waren, Hyde müſſe ein ganz widerwärtiger, dumpfiger Ort für eine Winter⸗Reſidenz ſein. Aber ich gelobe und betheure, Sie haben nicht allein die blauen Teufel verbannt, ſon⸗ dern das Schloß ſo angenehm eingerichtet, als immer Burlington oder Dean⸗Park eingerichtet iſt. Es muß eine Maſſe Geldes gekoſtet haben, wie Sie es thaten, innerlich zu moderniſtren, ohne ſein Aeußeres zu ändern. Aber, beim heiligen Georg! das Gelingen hat die Unter⸗ nehmung belohnt, in der That! Ich ſagte letzte Nacht zu Herrn Thingumen, Ihrem Agenten, wenn das Schloß käuflich geweſen wäre, ich hätte es ebenſo gerne genom⸗ ) Ohne Zweifel liegt in dieſem Namen eine Anſpielung auf einen engliſchen Roman.. 171 men, als Burlington. Jal! jetzt noch würde ich es thun, bei meiner Ehre!“ Walther Hamlyn ſchaute inſtinktmäßig nach der ſilber⸗ nen Kaffeekanne, welche am Ellenbogen Lord Vernons ſtand, und erwartete halb und halb, der Lord werde ſie dem ihn kränkenden Redner an den Kopf werfen. Aber ſeine Lordſchaft begnügte ſich damit, mit mattem Lächeln und neidiſchem Ausdrucke im Geſichte, zu antworten: „Sir! Sie thun mir ja unendlich viele Ehre an.“ „Nicht im Geringſten! nicht im Geringſten!“ rief der Oberſt aus, voll Redlichkeit und Gutmüthigkeit.„Sie dürfen jede Sylbe glauben, die aus meinem Munde geht. Ich weiß, ich bin ein roher Diamant, aber ſo ächt, als unpolirt.“ Als Walther am Morgen dieſes Tages ſein Zimmer verließ, hatte er ſich beinahe vorgenommen, mit ſeinem unbeliebten Geſellſchafter kein Wort weiter zu wechſeln, ſo lange ſie auf Hyde ſeien; nun aber hielt er es für klug, in's Mittel zu treten und die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf etwas Anderes zu lenken. „Ich habe herrliche Nachricht für Ihr Schlitten⸗ fahrts⸗Projekt,“ ſagte er zu Oberſt Hamilton.„Lord Vernons ehrwürdiger Hausmeiſter hat mir ſo eben an⸗ gekündigt, der Froſt habe für vierzehn Tage angeſetzt, und der alte Tom Giles iſt ein Orakel. Eine ſchlimme Ausſicht für uns,“ fügte er hinzu, indem er ſich an den jungen Vernon wandte, der ſo eben in das Zimmer her⸗ ein ſchlenderte und nach eingeſalzenem Schellfiſch fragte. „Ich befürchte, für einige Zeit iſt alsdann bei ſolcher Kälte, wie Tom Giles ſie ankündigte, keine Ausſicht auf eine Jagd vorhanden.“ „Beim heiligen Georg! hätte ich von dieſer letzten Nacht gewußt, wie ſie ausfalle, ſo hätte ich durch Ihre Leute, Watty, nach Burlington ſagen laſſen, man ſolle mir dieſen Morgen anſtatt des Gefährtes meinen Schlitten herüber führen.“ „Sie haben ſich alſo ſchon einen Schlitten ange⸗ 172 ſchafft?“ fragte Alberich Vernon, beinahe mit Intereſſe. „Das heißt in der That einen ungeheuren Geiſt haben, da während eines engliſchen Winters nicht einmal ein halb Dutzend Tage zum Schlittenfahren verwendet werden können. Immer iſt es bei uns zu kalt zum Jagen, ſelten kalt genug zum Schlittſchuhlaufen. Auf der ganzen Welt iſt es ſo: von Allem gibt es zu viel oder zu wenig.“ „Bloß deßwegen ſchaffte ich mir einen Schlitten an, weil ich eine hübſche kleine Freundin habe, welche ihr Herz an einen ſolchen geſetzt hat,“ erwiederte Oberſt Hamilton. Er wunderte ſich, warum dieſes Geſtändniß auf den Lippen Alberich Vernons ein ſo ungewöhnliches Lächeln hervorbrachte. „Ich denke, Ihre hübſche kleine Freundin wird als⸗ dann recht dankbar ſein,“ ſagte er mit einem heitern Geſichte.„Mein theurer Herr! Sie ſcheinen dazu be⸗ ſtimmt zu ſein, die Dunkelheit unſerer dumpfen Graf⸗ ſchaft aufzuhellen. Wir wollen von den ſonderbaren Dingen gar nicht reden, welche Sie bereits zur Belu⸗ ſtigung der ganzen Nachbarſchaft Preis gegeben haben.“ „Ah! Sie meinen mein Hoockahbehdar und die Tibetziegen?“ erwiederte der Oberſt. „Nicht gerade,“ war Alberich Vernons Antwort. Sir Henry Middlebury, obwohl keineswegs ein Genie in der Beobachtung, ſchloß aus der Verwirrung auf dem Geſichte des Hauptmanns Hamlyn, daß ſein Neveu impertinent wer⸗ den wolle, und deßhalb wandte er mit einer für Oberſt Hamiltons Alter, Ruf und Vermögen anſtändigen Manier ſeine ſchwere Kraft für die Unterſtützung der ſchwächeren Partie an. Die kleinlichen, weitläufen Fragen des Baronets in Betreff des Baues von einem Schlitten, ſeiner Koſten, der Prinzipien, nach denen man einen Schlitten leiten müſſe, gaben Alberich Zeit, ſein Gefühl von Anſtand wieder zu erringen. Bei dieſer Gelegenheit erhielt die Macht der grundproſaiſchen Unterhaltung von Seiten Sir Henry's ſo bedeutenden Werth, als die Reden eines impoſanten Sprechers im Hauſe der Gemeinen, 173 welcher ſich inmitten einer hitzigen Debatte erhebt, um aus dem Staatsgeſetze einen Punkt zu erörtern, und den erhitzten Kriegsmächten Zeit zum Athmen zu laſſen. Bereits hatte der Gedanke im Kopfe Alberich Ver⸗ nons getagt, daß es ſich für ſeinen Adel nicht ſchicke, einen Mann mit Silberhaaren unter ſeines Vaters Dach zu verhöhnen, obwohl dieſer nicht im Parlamente ſaß, nicht zu der Partei Whites gehörte, und eben ſo wenig einen faſhionablen Schneider brauchte, als eine Sylbe Franzöſiſch verſtand. Mit ſeiner gewöhnlichen Gewandt⸗ heit in der Sprache und verſtelltem Intereſſe an der Sache begann er, über Schlitten im Allgemeinen, über die Sitten der Fackelzüge in Deutſchland, über Borer⸗ kämpfe in Amerika, über die brillanten Schlitten von Moskau und im Gehölze von Boulogne zu ſprechen. Er ſagte unter Anderem:„Den letzten Winter hatten wir zu Regensburg ſcharmante Schlittenpartien.“ Da⸗ bei wandte er ſich an Lady Middlebury, um nicht in Verdacht zu kommen, als beweiſe er ihrer Tochter Ar⸗ tigkeiten.„Ich erinnere mich, in einer gewiſſen Nacht wollte ein toller Ungar, der Prinz Keglias, mit ſeinem Roſſe in vollem Galopp über die Donau ſprengen, ſetzte über den Schlitten von einem der ſächſiſchen Prinzen und brach den Arm.“ „Etwa aus Unvorſichtigkeit?“ fragte kurz Oberſt Hamilton. „Nein! es galt eine Wette. Den letzten Chriſttag machte ich meine ganze Reiſe durch Steyermark in einem Schlitten, und ich ſchmeichle mir, ich kann fahren, wie ein Lappländer. Nur find die Pferde dieſes Landes für Etwas der Art zu ſchwer, viel zu ſchwer.“ .„Beim heiligen Georg! ich wünſche nur, Sie hätten es mit meinem Pferde verſucht,“ rief Oberſt Hamilton herzlich, ohne irgendwie an die vorige Impertinenz des jungen Edelmanns zu denken.„Es iſt immer noch Zeit, nach dem Schlitten und Pferde zu ſchicken, wenn einer von Ihren müͤſſigen Stallknechten abkommen kann.“ 174 Herr Vernon bedachte ſich; der Vorſchlag trat in der That auf ſeine Neigung; doch ſchämte er ſich, eine Artigkeit von einem Manne anzunehmen, der die Fa⸗ milie auf Armslänge vom Fuße ihres Thrones entfernt halten wollte, wozu ſich ja ihre einzelnen Glieder ver⸗ bunden hatten. „Wenn Sie dieſen Morgen den Verſuch machen wollen,“ fuhr der Oberſt fort, immer und ewig darauf bedacht, die Vergnügungen anderer Leute zu befördern, gſo müſſen Sie die Verpflichtung über ſich nehmen, Miß Hamlyn mit herüber zu bringen; denn ich verſprach ihr, ſie ſolle zuerſt auf dem Schlitten,„die königliche Lydia“, welcher einzig der werthen Dame zu Gefallen verfertigt iſt, fahren dürfen, und nicht um ein Juden⸗ Auge möchte ich ſie täuſchen. Ich denke, die Geſellſchaft eines hübſchen Mädchens wird das Vergnügen der Schlit⸗ tenfahrt nicht ſtoͤren?“ Die ganze Geſellſchaft blickte verwundert auf: Al⸗ berich wegen eines ſo kühnen Angriffs auf ſeine Hand und ſein Herz; Lady Middlebury und ihre Tochter we⸗ gen der Immoralität eines ſolchen Projektes, wie das Téôte-à-téte zwiſchen einem jungen Herrn und einer jungen Dame war. „Meine Schweſter wird dieſes Vergnügen wohl noch einen Tag entbehren können,“ rief in äußerſter Verwir⸗ rung Walther Hamlyn aus.„Mein theurer Oberſt! Herr Vernon hat zu viele holde Geſellſchafterinnen zu ſeiner Verfügung, als daß er es für nöthig halten ſollte, ſo ferne von ſeinem Schloſſe eine Dame aufzu⸗ ſuchen.“ „Aber ich will Nichts davon hören, daß Lydia hin⸗ gehalten wird,“ ſagte der Oberſt feſt.„Ich machte es jüngſt mit dem jungen Marquis aus, er ſolle der erſte ſein, der ſie führen dürfe, und es war dem armen Bur⸗ ſchen eine ſchlimme Qual, daß er, ehe der Schlitten fertig war, ganz unvermuthet abreiſen mußte. Das letzte Wort, das er zu mir ſagte, als er in ſein Gefährte 175 ſtieg, war der Wunſch, der Schnee möge lang genug halten, damit ich nach Dartford⸗Hall hinüber fahren könnte.„Aber, mein theurer Lord!“ ſagte ich und ſtieß ihn an den Ellenbogen:„Sie werden wohl Miß Lydia nicht dabei haben wollen?“ wobei er,(unter uns, als Freunden, geſagt) ſo roth als Scharlach wurde; denn der arme Burſche vermuthete nicht, daß Jemand bemerkte, wie gar zärtlich er gegen die junge Lady war, ſo lange er ſich auf Dean⸗Park aufhielt. Lord Dartford iſt jeden⸗ falls ein feiner Burſche, ein feiner, herzlicher, männ⸗ licher, natürlicher Menſch. Beim heiligen Georg! ich wünſche, es wären mehr, wie er, auf der Welt!* Dieſe auf alles Mögliche kommende Rede, welche, wie es herauskam, beinahe den Zweck hatte, die zwei jungen Männer, welche zugegen waren, zu tadeln, hatte eine tiefe Stille zur Folge. Lady Vernon und ihre Tochter waren wie in Stein verwandelt. Sie betrach⸗ teten den Marquis bereits als einen Theil ihrer Habe und ihrer Güter, und ſahen es als eine wirkliche Schän⸗ dung ihrer Ehre an, daß ſein Name mit dem der Toch⸗ tter des Bankiers zuſammen genannt wurde. Doch war es nicht völlig möglich, den Mann, der mit dem Mar⸗ quis auf ſo vertrautem Fuße lebte, niederzuhuſten. Bereits kam übrigens Sir Henry Middlebury in gewöhnlicher löblicher Manier, proſaiſche Fragen zu ſtellen, zu ihrer Hülfe heran, und wünſchte zu wiſſen, in was hauptſächlich der hohe Rang des Lord Dartfords beſtehe, ob er ſeinen Sitz im Parlamente ſchon einge⸗ nommen habe, ob er ſich wohl dort auszuzeichnen im Stande ſei? Ehe Alberich eine auf Eiferſucht hindeutende und Kapitän Hamlyn eine ausforſchende Antwort gegeben hatte, wobei beide die Frage für unpaſſend erklaͤrten, indem man ja den Charakter ihres Freundes genau kenne, brach die Frühſtücks⸗Geſellſchaft auf. Denn be⸗ reits war für den Beſuch von Dean⸗Park angekündigt worden, die Chaiſe ſei angeſpannt. 176 Vermöge einer ſonderbaren, aber nicht unnatürlichen Veränderung ſeiner Gefühle, ſah Lord Vernon kaum Herrn Oberſt Hamilton im Begriffe, Abſchied zu nehmen, um ſein Haus für immer zu verlaſſen, als der Trieb ſeines engliſchen Gemüthes für einen Augenblick in ſeinem verſtockten Herzen erwachte, und ihn Reue darüber füh⸗ len ließ, daß er ſich zur Kälte gegen einen Gaſt unter ſeinem Dache habe verleiten laſſen. Vollkommen ſicher, daß der alte Soldat kein abſichtlicher Eindringling in ſeinem Hauſe ſei, fühlte Lord Vernon, daß er zur Artigkeit und zum Schutze gegen den Fremden ver⸗ pflichtet ſei, ſo lange, als ſich dieſer innerhalb der Thore ſeines Schloſſes aufhalte. Was die Frage über ihr künftiges Verhältniß zu einander betrifft, ſo nahm er das kluge Benehmen des Thans von Fife in Shakeſpeares Macbeth zum Vorbild, wo der Than ſagt: „Die Zeit wird kommen, welche dieß entſcheidet.“ Dieſe Gewiſſensbiſſe wurden durch die herzliche Offen⸗ heit noch vermehrt, mit welcher Oberſt Hamilton, der ſo wenig an eine durch ihn verurſachte Kränkung dachte, als er an einer Schuld war, beim Abſchiede gegen Lady Vernon und ihre Tochter ſeine herzlichſten Wuͤnſche aus⸗ drückte, ſie möchten ihn recht bald auf Burlington be⸗ ſuchen und die Famlie Middlebury mitbringen. Sir Henry machte ſeine gewöhnliche mühſelige Neugierde geltend in Betreff der Beſchaffenheit der rohen Betel⸗ nüſſe und dem Fließe und der Nahrung der Ziegen aus Tibet.. In dieſem Augenblicke fühlte ſich Lord Vernon durch die zurückſtoßende Kälte beinahe gekränkt, mit welcher ſeine Gemahlin dieſe freundſchaftlichen Aner⸗ bietungen ihres Nachbars aufnahm. Wie Alerander der Große, fing er an, es unter die mannigfachen Leiden ſeines Lebens zu zählen, daß ſeinen Befehlen zu pünkt⸗ lich Folge geleiſtet wurde. „He da! warum reiſen wir denn nicht zuſammen nach Hauſe?“ rief Oberſt Hamilton Walthern zu, als 177 ſie, von Sir Henry und Alberich begleitet, welche noch in der Nachbarſchaft von Brarham⸗Mere nach Schnepfen ſehen wollten, durch die Halle des Schloſſes gingen, und der Oberſt bemerkte, daß ein Miethpferd für Wal⸗ thern neben ſeinem Gefährte wartete. Kapitän Hamlyn ſagte:„Sie erklärten, Sir, Sie wollen nicht nach Dean, ſondern nach Burlington zu⸗ rückkehren, und weil ich auf meinem Heimwege ein Geſchäft zu Orington habe—“ „Ja! ja! jal ich ſehe, wie die Sache iſt,“ unter⸗ brach ihn gutgelaunt der Oberſt.„Sie zogen den alten Mann nach Hyde herüber, weil Sie im Sinne hatten, ſich eine Zerſtreuung zu verſchaffen, indem Sie auf den andern Tag in ein Haus eingeladen waren, wo drei ſchöne Mädchen wohnen. Deßhalb wollen Sie mit einem langweiligen Eremiten keinen ſchläfrigen Abend zubringen. Nicht wahr? In Ihrem Alter, mein junger Herr! hätte ich es ebenſo gemacht. Aber kommen Sie, Watty, fah⸗ ren Sie zurück mit mir, und wenn Sie bei mir bleiben und ſpeiſen, ſo wird Ihnen Goody Johnſton mit einer der famoſen, getrockneten Mango⸗Paſteten aufwarten, von denen ich geſtern Abend beim Eſſen ſprach, und deren geheimnißvolle Zubereitung kein Menſch kennt, als ſie. Ich verſpreche Ihnen, eine von Miſtreß Mango⸗Paſteten, mit einem Glaſe meines alten Madeira hinuntergewa⸗ ſchen, iſt ein Ding, das ſogar ein ſtattlicher Herr aus dem blauen Regimente unmöglich verachten kann. Beim heiligen Georg! die genannte Speiſe ſchärft Ihnen den Appetit ſo, daß er drei Gänge und einen halben bei bon wunderlichſten franzöſiſchen Gerichten durchmachen önnte.“ Voll Furcht, einen Blick auf Alberichs impertinentes Geſicht werfen zu müſſen, entſchuldigte ſich Walther Hamlyn auf kluge Weiſe. Während der Oberſt in ſeiner zum Abfahren bereiten Chaiſe ſtand, ſaß er auf und ritt haſtig aus dem Schloßthor, wobei er ſeinen Glücks⸗ Die Bankiersfrau. I. 12 ſtern heimlich ſegnete, daß ein Beſuch zu Ende ſei, auf welchen er doch ſeit ein Paar Jahren her als ein bei⸗ nahe unerreichbares Vergnügen geſehen hatte. Achtes Kapitel. In weltlichen Dingen iſt das junge Ge⸗ müth am beſten beſcaffen und eingerichtet, welches ſeinen Namen und Ruf fuür die Oeffentlichkeit ausprägt, ſeine Privat⸗Nei⸗ gungen verhehlt, ſich zu verſtellen und zu heucheln weiß, ſei es, daß ein Nutzen dabei erzielt wird, ſei es, daß dringende Noth es erfordere. Baco. Obwohl der Morgen einer der hellſten Wintermor⸗ gen, und das Roß des Kapitäns Hamlyn eines der ge⸗ rühmteſten in der Grafſchaft war, war doch der Heim⸗ ritt Walthers durchaus kein angenehmer. Was immer die Neigungen ſein mochten, welche ihm von Natur ein⸗ gepflanzt waren, er war in Folge ſeiner Erziehung mehr weltlich geſinnt und künſtlich gebildet, als man gewöhn⸗ lich von dem warmen Blute eines vierundzwanzigjähri⸗ gen Jünglings erwartet. Kunſt, nicht Natur, war ſeine Gottheit. Da er von ſeinem Vater zu ſchmählicher Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Meinung der Welt angehalten worden war, ſo ſchloß der Ausſpruch der Geſellſchaft der Welt, mit welcher er hauptſächlich in Berührung kam, ſein Alpha und Omega in ſich. Seine Liebhabereien, wie die Gegenſtände ſeiner Abneigung, waren ſeit lange her durch die Rückſicht auf die Gunſt der Geſellſchaft gere⸗ gelt, und gerade tauchte ein Verdacht in ſeiner Seele auf, daß unter einem ähnlichen Einfluſſe, wie der war, welchen die Rückſicht auf das Lob der Welt auf ihn 179 hatte, ein tieferes Gefühl in ſeinem Herzen Wurzel ſchla⸗ gen könne. Vom Augenblicke an, da er bei einem zu Ehren des Königes gegebenen Balle Lucinda Vernon vorgeſtellt, und er der ſchönſte Mann auf dem Balle, und ſie die beſte Tänzerin genannt wurde, betrachtete er ſie mit hoher Bewunderung, mit einer Bewunderung, die durch die Huldigung, welche die Achtung von Dean⸗Park ſchon ſeit alten Zeiten dem Namen der Vernons ſchenkte, nicht wenig erhöht wurde. In den Tagen des alten Lords Vernon hatten die Familien auf ganz vertraulichem Fuße gelebt, was bewirkte, daß ihre gegenſeitigen Be⸗ ſuche heitere Tage waren, und in den Archiven der Fa⸗ milie Hamlyn Gpoche machten. Einem ſolchen Sklaven der äußern Erſcheinung war die Grazie und die Prachtliebe der Miß Vernon in der That ein hinlängliches Verdienſt, und nun, da er ſah, daß der Glanz ihres väterlichen Schloſſes für ſie eine neue Quelle von Liebenswürdigkeit wurde, und ſie die Zeichen ſeiner Aufmerkſamkeit gnädiger hinnahn, als ſie je in der Stadt gethan hatte, lebte das Vorurtheil, als ſei ſie ihm beſonders gewogen, vollſtändig in ſeiner Seele. Im Lächeln der ſchönen, jungen, lebhaften Lucinda lag etwas beſonders Reizendes, und da ſie die Gnade hatte, dem innigen Freunde des glücklichen Marquis, deſſen Frau ſie werden ſollte, ihr Lächeln zu ſpenden, ſo hatte der getäuſchte Gaſt allen Grund, ſich für einen in⸗ tereſſanten Gegenſtand vor ihrem nicht leicht zu befriedi⸗ genden Auge zu halten. 3 In London war Walther der allgemeine Liebling. Hamlyn beim blauen Regimente konnte Eroberungen aufweiſen, welche ſeine tändelnde Eitelkeit mehr befrie⸗ digten, als der Vorzug, den ihm Lord Vernons Tochter ſchenkte. Daher war es für ihn keine Art excentriſcher Selbſtliebe, wenn er dachte, daß eine etwaige Liebes⸗ erklärung bei der Tochter ſeines adeligen Nachbarn 180 Eingang gefunden hätte, wenn die Umſtände dieſe Er⸗ klärung mehr begünſtigt hätten. 2 Lucinda war vollkommen ſo weltlich geſinnt, als ihr Liebhaber, welcher am Scheine ſo viele Freude hatte, wie Andere an der Wirklichkeit. Lucinda hegte, ſo gut wie er, eine zur Schau getragene Eitelkeit. Lucinda, wie ihm, behagte es nur unter dem engen Horizonte des faſhionabeln Lebens. Er fühlte, daß er mit einer ſol⸗ chen Braut unbeſchreiblich glücklich nicht länger der be⸗ ſcheidene Hamlyn von Dean⸗Park, ſondern Schwieger⸗ ſohn des hochgeehrten Johann Lord Vernon ſein, und der adeligen Familie auf Hyde zugehören werde; nicht mehr das böſe Geſchick habe, in Tagbüchern und Haupt⸗ büchern ſeinen Namen einſchreiben zu müſſen, ſondern, daß ſein Name zwiſchen den ſtolzen Blättern von Burk, Lodge und Debrett eingerückt werde. Doch, über Alles, welch ein hohes Glück war es, wenn er von jenem drei Mal geläuterten Weſen gelobt wurde, wel⸗ chem die gewöhnliche Erde kaum gut genug erſchien, um darauf zu treten, welches Impertinenz als eine Verbind⸗ lichkeit, Stolz als eine Tugend einübte! Es war in der That eine zu ſchmeichelhafte Verbindung, welche je einer menſchlichen Seele geboten werden konnte; und Walther, wenn er ſich ihre beiderſeitige angenehme Unterhaltung vom vorangehenden Tage, Lächeln auf Lächeln, Rede auf Rede, wieder ins Gedächtniß rief, machte ſich Luft in einem tiefen Seufzer, den ſein warmer Hauch in die froſtige Atmoſphäre hinaus ſandte, und der dem über⸗ flüſfigen Dampfe glich, der aus dem Tender eines Dampfſchiffs herausſtrömt. Denn ach! in ſolchen Augen⸗ blicken begegnete es ihm, daß durch die ſchlimmen Um⸗ ſtände, unter welchen er als Knappe eines tollen Ritters ſeine erſte Aufwartung auf Hyde gemacht hatte, ſeine ganze Hoffnung in den Staub geworfen war, wenn auch Miß Hamlyn während der früheren Zeit ihrer Londoner Bekanntſchaft ſeine Vorzüge entſchieden anerkannt, und ihren Vater zu Gunſten eines jungen adeligen Mannes, 181 des Erben eines unverſchuldeten Gutes, das jährlich ſeine ſechs tauſend Pfund trug, geſtimmt haben mochte. Wal⸗ ther mußte, wie er meinte, im Sinne der Familie unaus⸗ bleiblicher Weiſe mit dem alten Gothen in Verbindung geſetzt werden, welcher vorgeſchlagen hatte, man ſolle den hochgeehrteſten Vetter der Vernons, den Grafen von Clanswaney wegen Fehler in der Amtsführung aufknü⸗ pfen, und welcher, nach der Weiſe der Lakaien der Lady Vernon, dieſelbe kurzweg Mylady nannte. „Es war nicht anders zu erwarten: die genaue Bekanntſchaft mit dieſem tollen, alten Dummkopf bedeu⸗ tete uns nichts Gutes,“ murmelte Walther in der Bit⸗ terkeit ſeines Herzens.„Wie kann ich dazu kommen, meinem Vater die nicht mehr zu ſühnende Kränkung be⸗ greiflich zu machen, welche er uns dadurch anthut, daß er ſeiner Familie ſolchen Schaden zufügte? Es iſt unnütz, wenn ich mich an meine Mutter wende, befürchte ich, ganz unnütz. Die Abgeſchiedenheit ihrer Lebensweiſe macht ſie ſo ziemlich gleichgültig gegen das Urtheil der Geſellſchaft; überdieß hat die tolle Zuneigung des alten Edelmannes zu meiner Schweſter, meine Mutter zu ſeinem wärmſten Parteigänger gemacht. Aber der Herr des Hauſes, mein Vater iſt, dem Himmel ſei's gedankt, ein Weltmann, und, wenn er hört, wie Hamilton ſich ſelbſt und uns an den Pranger geſtellt hat, ſo wird er ein weit geringerer Freund von ſeiner Geſellſchaft werden. Ich darf keine Zeit verlieren, um die Sache einzuleiten. Uebermorgen gehen mein Vater und meine Mutter nach Schloß Rotherwood, und von da in die Stadt. Wenn mein Vater einmal am Geſchäfte fitzt, ſo iſt es unmög⸗ lich, nur Einen Augenblick ſeine Aufmerkſamkeit von ſeinen Wechſeln und Staatsſchatzkammerſcheinen abzu⸗ ziehen. Doch heute werden wir allein ſein, und nach Tiſch, beim Weine, will ich die Gelegenheit ergreifen, und ihm die von Hamilton kürzlich ausgeſprochenen An⸗ ſpielungen auf Dartford und Lydia erzählen, welche im Beiſein des Lords Vernon mein Blut erſtarren machten.“ 18²2 Als Walther nach Haufe gekommen war, ſah er, daß ſein Vater nicht in der Laune ſei, geringfügige Klagen anzuhören. Selten, bloß in der geheimſten Ver⸗ traulichkeit des ehelichen Lebens, niemals gegenüber von ſeinem Lieblingsſohn, hatte Richard Hamlyn Aufregung und Gereiztheit blicken laſſen; doch nun ſah Walther im erſten Augenblick, als er das Haus betrat, den trau⸗ rigen Blicken ſeiner Mutter an, daß irgend Etwas übel ſtand. Er konnte in der That beinahe glauben, daß ihre Augenlieder vom Weinen angeſchwollen waren, was ihm ein ſchmerzlicher Gedanke war, denn er liebte ſeine Mutter, wenn nicht ſo, wie ſie es verdiente, doch ſo ſehr, als die ſeichte Selbſtſucht ſeines Herzens es ge⸗ ſtattete. Er hätte ſeine Mutter höher geachtet, wenn ſie die Tochter eines Adeligen geweſen wäre, als ſo, da ſie die Tochter einer Familienkaſte von Kaufleuten war, welche ihm die Schmach zufügten, daß ſein zweiter Name(er hieß Walther Harrington Hamlyn) auf den Stellwagen von Bierknechten und Wagen von Fuhrleuten eingeſchnitten war. Wie es gewöhnlich der Fall iſt, der Vater, welcher ſeinen Schwächen niemals geſchmeichelt hatte, war ſeinem Herzen der einzig Nahe. „Was hat denn heute meine Mutter?“ fragte er Lydia ängſtlich, nachdem Frau Hamlyn das Zimmer, in welchem er ſie bei einander an einer weiblichen Arbeit angetroffen, in Eile verlaſſen hatte. „Nichts, wovon ich wüßte,“ erwiederte ſeine Schwe⸗ ſter, der es nichts Ungewöhnliches war, ihre Mutter etwas aufgeregt zu ſehen. „Sie war noch ganz heiter, als wir geſtern zum Eſſen nach Hyde fuhren,“ ſagte Walther ernſt,„und nun ſpricht ſte kaum ein Wort.“ 3 „Mama hatte keine Gelegenheit, viel zu ſprechen, während Du ſo gütig warſt, uns zu erzählen, wie die Partie auf Hyde abgelaufen iſt,“ bemerkte Miß Hamlyn, „aber es befremdet mich nicht, daß ſie ſtiller, als ge⸗ wöhnlich iſt. Das Haus iſt natürlich langweiliger, als 183 bei Deiner erſten Ankunft, wo es voll Geſellſchaft war. Du vermiſſeſt Lord Dartford, Du vermiſſeſt Oberſt Hamilton.“ „Ich vermiſſe Oberſt Hamilton?“ rief Walther aus, und zuckte die Achſeln, wobei der Verdacht ſeine Seele traf, daß, wie der alte Mann vermuthet hatte, die Ab⸗ reiſe des Marquis am Ende für ſeine Schweſter eine Quelle des Verdruſſes geweſen ſei.„Nein! nein! ich vermiſſe Niemanden. Ich vermiſſe bloß meiner Mutter gewohnliches Lächeln, welches in der That das holdſe⸗ ligſte auf der Welt iſt. Entweder habe ich ſie gekränkt, oder gibt es in der Familie irgend ein Unheil.“ „Welches Unheil ſoll es denn wohl geben?“ rief Lydia aus.„Mein theurer Walther! Du biſt anders geworden, nicht Mama. Uebrigens denke ich, es iſt möglich, daß ſie ein wenig aus der Faſſung iſt, denn ſie erzählte mir, als Du herein kamſt, daß wir ohne meinen Vater nach Schloß Rotherwood gehen müſſen, weil er morgen nach London zurückkehren muß.“ „Morgen! wie unangenehm! Ich denke, er wird wieder an ſeine ewigen Geſchäfte gehen. Ich wünſche, das Wort City wäre ganz aus der Sprache ausgemerzt.“ „Würde dann nicht auch mit ihm der Name Ham⸗ lyn verſchwinden?“ entgegnete Lydia, welche, von Oberſt Hamilton ermuthigt, ſeit der letzten Zeit hie und da gewagt hatte, ihrem Bruder zu widerſprechen. „Unſinn! Glaubſt Du, Herr Hamlyn von Dean⸗ Park, Herr Hamlyn, das Ständehaus⸗Mitglied für Bars⸗ thorpe, finde keine Exiſtenz, als in der Bombardſtraße?“ fragte Walther, und nahm ſeinen gewöhnlichen Sitz in ſeinem Rollſtuhl ein, wie, um ſeinen Zorn zum Schwei⸗ gen zu bringen.„Ich wünſche vom Himmel,“ fuhr er fort, und ſetzte die Reihe ſeiner trüben Gedanken fort, nich hätte den Entſchluß gefaßt, einzig und allein nach Melton mit Dartford zu gehen, anſtatt meine Plane mit Warwickſhire und Ormeau aufzuheben. Ich ſehe voraus, wie es geht. Hier muß ich bleiben, im Falle, 184 daß Kälte einfällt; wettertölpiſch muß ich auf Dean aushalten, und zwar in Geſellſchaft dieſes unerträglichen, alten Mannes, welcher gleich einem läſtigen Inſekte um uns herumſummst, und meines Vaters Abweſenheit be⸗ nützt, um uns ewig mit ſeiner Geſellſchaft und ſeinem Geſchwätze zu quälen. Geſtern, auf dem Wege nach Hyde, war er buchſtäblich kaltblütig genug, mich nach Burlington zu Tiſch und zum Uebernachten einzuladen, damit ich zuſammentreffen könnte, errathe, mit wem?“ „Vielleicht mit den Markhams?“ „Tauſendmal ſchlimmer iſt die Sache. Mit Tom Gratwyck, einem gemeinen, einfältigen, ſchlank aufge⸗ ſchoſſenen Burſchen, mit welchem ſich kaum mein Tiger abgeben möchte.“ „Da hatteſt Du es aber leicht, die Einladung abzulehnen.“ „Nicht ſo leicht, als Du etwa denkſt. Ein ſo zu⸗ vorkommend freundſchaftlicher und gaſtfreier Mann, wie der werthe Oberſt bei uns, iſt ſo ſchwer zu erſchüttern, als der ſchiefe Thurm von Piſa. Wäre das Wetter nicht ſo fürchterlich, ich würde, wenn ihr auf Schloß Rotherwood ſeid, lieber nach Melton aufbrechen, als hier bleiben.“ „Warum willſt Du nicht mit dem Vater in die Stadt zurückkehren?“ „Weil ich zwei Monate Urlaub habe. Abgeſchmackt iſt Deine Frage. Ich habe gänzlich darauf gezählt, ich könne hier vierzehn Tage und bei Dartford zu Melton einen Monat ſein.“ „Es iſt in der That von Lady Dartford ſehr unüber⸗ legt, daß ſie gerade während der Jagdzeit krank werden muß,“ rief Lydia lachend aus.„Aber vielleicht, wenn es allgemein bekannt wird, daß Du hier gelangweilt wirſt, und welch ein Unglück die Anweſenheit des Oberſten für Dich ſei, ſo wird die göttliche Vorſehung uns wohl ſchen Thau, oder der Marquiſin beſſere Geſundheit enken.“ 185 Walther ſah das vorlaute Mädchen mit einigem Erſtaunen an. Aber das Reſultat ſeiner Prüfung war für Lydia vortheilhaft. Obſchon er ſeines Vaters Un⸗ willen darüber theilte, daß ein Mädchen von ſiebenzehn Jahren es wagen ſollte, eine eigene Meinung zu haben, war er doch froh erſtaunt, als er entdeckte, daß ſeine Schweſter während der Zeit, da ſeine Aufmerkſamkeit durch ſeine Londoner Vergnügungen vollkommen in An⸗ ſpruch genommen war, im Schulzimmer zu einem hold⸗ ſeligen und klugen Mädchen herangewachſen war, wel⸗ ches die ſeinem Freunde, dem Marquis, zugeſchriebene Bewunderung für ſie verdiente. „Mittlerweile,“ ſagte er, indem er den Gang ſeiner Gedanken wieder aufnahm,„ſei verſichert, ich werde mich nicht wieder bei den Vernons in Ungnade ſetzen, und in Geſellſchaft mit Deinem Freunde, dem Oberſt, bei ihnen erſcheinen, deßhalb gedenke ich über den ganzen Tag des Beſuches meinem Vater Auskunft zu ertheilen.“ Der einſchläfernde Einfluß einer Familien⸗Mahlzeit, wie ſie nach der ſchweigſamen Art und Weiſe von Dean⸗ Park eingenommen wurde, brachte in Walthers heroiſcher Abſicht einige Modifikation hervor. Bei dieſer Mahlzeit enthielt ſich Herr Hamlyn nicht allein der Erwähnung von Eigennamen, ſondern er war ſogar vollkommen ſtille, ſo lange Ramſay und die Bekannten aufwarteten. Während des Deſſerts war er ziemlich einſylbig und, als ſich die Damen entfernten, war Walthers Vertrauen auf ſich und den Einfluß auf ſeinen Vater einigermaßen erſchüttert. Hätte er eine ſogar der Juſtiz nicht anheimfallende Sünde, in Form einer Spielſchuld oder einer unglücklichen Liebes⸗ Angelegenheit auf dem Gewiſfen gehabt, er hätte bei dem Gedanken, allein bei dem Herrn des Hauſes bleiben zu müſſen, gezittert. Kaum hatte Frau Hamlyn das Zimmer verlaſſen, als die Lebensgeiſter ihres Gemahles plötzlich wieder aufzuleben ſchienen. Er rückte mit ſeinem Stuhl näher an den Ofen und klingelte nach einer friſchen Flaſche 186 Wein, wobei er Ramſay einen beſonderen Platz im Keller anwies, wo der Lieblingswein zu haben ſei, der für die jüngſt angekommenen Gäſte von Rotherwood ſpendirt worden war. „Nach Allem,“ dachte Walther,„hat die üble Laune meines Vaters und meiner Mutter wahrſcheinlich in einem der ehelichen Mißverſtändniſſe ſeinen Grund, welche ſelbſt unter den beſten Familien häufig vorkommen. Sehr wahr⸗ ſcheinlich iſt, meine Schweſter machte ihnen Verdruß. Dieſe ſtellt meine Mutter ebenſo zu viel in den Vorder⸗ grund, als ihr Vater es für nöthig findet, ſie in den Hintergrund zu ſtellen. Mein Herz iſt beruhigt. Ich denfe, ich kann es wagen, meine beabſichtigte Abreiſe nach Melton anzumelden, und dem Schloſſe Burlington den Fehdehandſchuh hinzuwerfen.“ Zwar war Walther das einzige Glied der Familie, welches ſich durch den gewöhnlichen Ernſt ſeines Vaters nicht geniren ließ, aber doch fand er es dieſes Mal zu ſeiner Verwunderung zu ſchwierig, die Unterhaltung, welche er überdacht hatte, zu eröffnen und zwar nicht, weil er, wie er erwartet hatte, ſeinen Vater außer Faſſung traf, ſondern, weil Herr Hamlyn es für paſſend fand, ſich in einem Strome außergewöhnlicher Geſchwätzigkeit zu er⸗ gießen. 1 Kaum war der Lieblingswein erſchienen, als er ſich mit regelloſer Geſprächigkeit über tauſend triviale Gegen⸗ ſtände ausließ, welche er ſonſt als der Erwähnung un⸗ werth, verhöhnt hätte. So beſprach er ein Langes und Breites. Die Verdienſte des franzöſiſchen Kochs von Lord Vernon, das ſchöne Ebenmaß der Geſtalt von Lord Dart⸗ ford und den ſchlechten Geſchmack der etrusciſchen Biblio⸗ thek auf Hyde. Die Familie Gratwycke, Barlow, Mark⸗ ham, Orington, Brarham, Barsthorpe all' und ſonders, Alles und Nichts, entlockten nach und nach dem gewöhn⸗ lich ſtillſchweigenden Bankier eine flüchtige Bemerkung. Hätte aber Walther die Gläſer gezählt, welche ſein ſonſt immer mäßiger Vater hinunter geſchüttet hatte, ſo hätte 187 er beinahe geglaubt, er ſtehe unter dem Einfluſſe des Weines. „Wie Du ſagſt, der alte Middlebury iſt ein geſchwä⸗ ziger, pompöſer, hirnloſer Burſche,“ ſagte er, und wandte ſich voll Herzlichkeit an ſeinen Sohn.„Ich erinnere mich ſeiner noch, wie er auf der Univerſität war; er war eben damals ein Packeſel; er mühte ſeine arme Seele und den Verſtand anderer Leute ab, um vollſtändig, nach Kapiteln und Verſen, die Quelle und die Wirkung von Dingen zu ergründen, welche klügere Leute gerne als ſicher und erwieſen annehmen. Walther! ein anderes Glas Wein! Dieſer Weis iſt nicht zu verachten. Aber Sir Henry iſt ein in ſeiner Grafſchaft hoch geachteter Mann, immer auf dem Berathungsſtuhle bei öffentlichen Zuſammenkünften und ſo fort. Lady Middlebury war einſt ein teufelmäßig hübſches Weib, weit hübſcher, als Lady Vernon. Man hörte den letzten Lord Vernon häufig ſagen, ſein Sohn ſei durch die ſchlimmere Schweſter verdorben worden. Der letzte Lord Vernon hatte einen Abſcheu vor der ganzen Familie. Auf Deine Geſundheit! Walther, auf die Geſundheit Deines Freundes Lord Dart⸗ ford! Wie hat ſich denn die gegenwärtige Miß Vernon ge⸗ macht? Ich hoffe, ſie iſt ſauberer, als ihre acht häßlichen Tanten, welche der alte Gratwycke die elf närriſchen Jung⸗ frauen zu nennen pflegte. Ich habe Miß Vernon nicht mehr geſehen, ſeit ſie ein Kind war.“ „Man betrachtet ſie in London als eine der ſchönſten Perſonen,“ erwiederte Walther wärmer, als ſeine Ge⸗ wohnheit war, ſo anſteckend iſt der Einfluß von gutem Weine und der Fröhlichkeit.„Miß Vernon hat ein hohes impoſantes Ausſehen, welches nach meiner Anſicht noch höher ſteht, als ihre Reize.“ „Ich wage, zu ſagen, ſie wird gut heiraten, obſchon ich bezweifle, ob ihr Vater geneigt iſt, die Heirat ſchnell in’s Werk zu richten,“ ſagte Hamlyn.„Ich glaube, ich hörte letzthin bei Nacht Lord Crawley ſeinen Neveu mit der ſchönen Lady von Hyde aufziehen.“ 188 „Dartford?“ rief Walther Hamlyn aus.„Dart⸗ ford? Nein! das kann durchaus nicht ſein,“ fügte er mit dem bedeutungsvollen Lächeln hinzu, welches das Angeſicht eines ſchönen Mannes überfliegt, wenn er den Namen eines Nebenbuhlers hört, von dem er weiß, daß er gegen ihn den Kürzern zieht.„Dartford iſt ein aus⸗ gezeichneter Burſche, aber, wie Du gefunden haben wirſt, bloß ein Freund von Roſſen, Hunden, Fahrten, Jagden, Billards—“ „Kurzum, kein Mann für Damen!“ unterbrach ihn ſein Vater, der Alles zuſammenfaßte. „Dagegen iſt Miß Vernon der Putz und die Eleganz ſelber, eine Art von einem Mädchen, welches ich vor allen Mädchen auf der Welt zum Weibe haben wollte, wäre es Dein Wunſch, daß ich heiraten ſollte und wären meine Lebensausſichten denen der Miß Vernon gleich.“ . Herr Hamlyn war im Zweifel, ob er die Worte, welche ſein Sohn geſprochen, auch genau verſtanden hatte, zog deßhalb ſeinen Stuhl ein wenig näher her, uad blickte, nachdem er noch ein Glas Wein eingeſchenkt hatte, ihm fragend in's Geſicht. ⸗ „Ich ſagte, Sir, wenn ich freie Hand hätte, um eine Wahl zu treffen, ſo würde ich unter allen Mädchen meiner Bekanntſchaft am liebſten die Tochter des Lords Vernon heiraten.“ Herr Hamlyn antwortete durch einen plötzlichen Aus⸗ druck von Lachen, welches melancholiſch tönte. Er war eine Perſon, welche ſelten lachte. Wenn er es that, ſo hatte ſeine Heiterkeit beinahe den Anſtrich einer Convulſion. „Du?“ rief er aus,„Du willſt die Tochter von Lord Vernon heiraten? Du, Walther Hamlyn! willſt Dich mit einer armen, ſchönen Lady verbinden? Du, der Sohn Hamlyns in der Lombardſtraße, Hamlyns, des Bankiers! Denk an den Ton, mit welchem der hals⸗ ſtarrige Phäriſäer, Lord Vernon, die Worte ausſprechen würde:„der Sohn des Bankiers Hamlyn.“ Walther erwiederte kalt:„Ich werde ihm wohl keine 189 Gelegenheit geben, uns zu verhöhnen. Ich bin weit da⸗ von entfernt, zu glauben, daß ich auf Hyde als Braut⸗ werber aufgenommen werde, ich hoffe, ich betrete das Schloß nie wieder, nicht einmal als Gaſt.“ Gereizt durch das wiederholte Lachen ſeines Vaters, fuhr er fort: „Nachdem ſich unſer Freund, Oberſt Hamilton, ſo unartig aufgeführt hat, werde ich Lord Vernon für völlig gerecht⸗ fertigt halten, wenn er unſere Bekanntſchaft meidet. Alle meine Selbſtbeherrſchung, alle meine Achtung gegen einen Freund von Dir, hatte ich nöthig, um nicht dem alten Burſchen, als wir dieſen Morgen Hyde verließen, zu ſagen, wie ſehr ich ihn für einen Wilden halte.“ Die Heiterkeit Herrn Hamlyns hörte im Augenblick auf. Kurz vorher hatte er ſein Glas an das Licht ge⸗ halten, voll ſcheinbarer Verwunderung über die Farbe und Helle ſeines Weines. Schnell ſetzte er nun das Glas wieder nieder. Seine finſtere Antwort war:„Schneide lieber Deine Zunge aus, Walther! als daß Du ihr erlaubſt, Krän⸗ kungen gegen Oberſt Hamilton auszuſtoßen.“ Es hatte vollkommen den Anſchein, als ob der Bankier plötzlich ſo ruhig werde, als er eben ſo ſchnell aufgeregt geworden war. Doch, als Kapitän Hamlyn voll Staunen den Blick auf ſeines Vaters Angeſicht warf, glaubte er, um den Mund herum krampfhafte Zuckungen unterdrückter Leidenſchaft zu bemerken. „Sei verſichert, Vater!“ ſagte er in beſänftigendem Tone,„ich wagte es nicht, ein einziges beleidigendes Wort an den alten Herrn zu richten. Wir ſchieden als die beſten Freunde von der Welt. Sei ohne Sorgen!“ „Sorgen? was für Sorgen? und wegen was?“ wiederholte Herr Hamlyn mit funkelnden Augen.„Vor wem glaubſt Du, daß ich mich fürchte? Alles, was ich wünſche, iſt das, daß ein alter Mann, welcher keine Verwandten auf der Welt hat, welcher ſein ganzes Ge⸗ ſchlecht, ſein Weib und ſeine Kinder überlebt hat, am Ende ſeiner Tage ein ſolch' angenehmes Leben führen 190 möchte, als unſere Geſellſchaft ihm zu verſchaffen ver⸗ mag. Eine reine Sache chriſtlicher Liebe iſt es, Walther, eine reine Sache chriſtlicher Liebe! Hamilton iſt der beſte Freund von Dir; er bewundert Dich, er achtet Dich ungemein hoch. Ich glaube, Du warſt ſeines Sohnes Kamerade in Eton, und Dein Name ſogar macht in ſeinem Herzen das Andenken an ſeine Kinder rege.“ „Sein Name macht in meinem Herzen das Andenken an den ſchwarzen Fuchsſchwanz rege, welchen Jack Hamil⸗ ton jeden Morgen um meinen Kopf pfeifen ließ, wenn ſeine Schuhe nicht präſent waren;“ rief Walther aus, in der Hoffnung, die ſchweren Gedanken zu zerſtreuen, welche, wie es ſchien, ſeinem Vater einen Augenblick zuvor im Verlaufe des Geſpräches in den Sinn gekommen waren. „Ich glaube, Robert Hamilton ſtand Dir im Alter näher?“ fragte Herr Hamlyn mit einem Ausdruck von Geiſtesabweſenheit im Geſichte. „Doch hatte ich Robert weniger gern, als ſeinen Bruder. Bob war immer ein verdrießlicher, kränklicher Burſche.“ „Unter uns geſagt, ſeine Kränklichkeit, mein lieber Junge! kann die Quelle eines ausgezeichneten Glückes für Dich werden,“ entgegnete Herr Hamlyn. „Für mich?“ wiederholte Walther lächelnd. Sein Vater dämpfte ſeine Stille zu einem immer zutraulicheren Liſpeln, und ſagte ernſt:„Die Wittwe wird auf dem Schloſſe Burlington den Frühling zubrin⸗ gen; ich habe Urſache, dieß zu vermuthen.“ „Welche Wittwe?“ fragte Walther und begann zu befürchten, daß das, was er zuerſt irrigerweiſe für Be⸗ trunkenheit gehalten hatte, in Wahrheit wirkliche Geiſtes⸗ verwirrung ſei. „Die Wittwe von Robert Hamilton, die ſchöne Ellen Sommerton iſt es, deren Vermählung mit ſeinem Sohne auf meinen Antrieb Oberſt Hamilton auf jede Weiſe zu 191 hintertreiben ſuchte, und welche ihn zu einem ſo guten Weibe machte.“ „So, mein Vater?“ fragte Walther, durch ſeines Vaters unzuſammenhängendes Reden und Thun immer mehr in Staunen geſetzt. „So, mein Vater? Ja, ich ſage:„ein ſchönes und gutes Weib, wenn ſie auch Wittwe geworden iſt, kann wiederum ein gutes und ſchönes Weib werden.“ Die Geſundheit der Frau Robert Hamiltons wollen wir trinken, Walther! Trinke ſie, mein Knabe, in einem vollen Glaſe. Die Geſundheit der Frau Robert Hamiltons ſoll leben, bis ſie Walther Hamlyns Eigenthum wird.“ „Was kannſt Du, theurer Vater! möglicherweiſe meinen?“ rief Walther aus, der nun beinahe der An⸗ ſicht war, ſeines Vaters Verſtand möchte eine Störung erlitten haben. „Meinen?“ Das kann ich meinen, daß Hamilton ihr jede Guinee von ſeinen fünfunddreißigtauſend Pfunden vermacht, das heißt, wenn ſie ihm zu Gefallen heiratet.“ „Ich glaube auch, ſie thut es,“ war Walthers kalte Antwort, vaber ich will ihr durch die Anbietung meiner Hand nicht dazu verhelfen.“ „Das kannſt Du unmöglich ſagen, bis Du die Lady näher kennen gelernt haſt,“ ſagte ſein Vater, immer voll feſten Selbſtvertrauens.“ „Ich kann Beides thun, ich kann es ſagen und es beſchwören,“ ſagte feſt Walther Hamlyn. „Die Beredtſamkeit von fünfunddreißigtauſend Pfund Sterling werden Dich ſchon bewegen, Deinen Schwur zu widerrufen.“ „Aber nicht, wenn mir ein Antrag geſtellt wird, bei deſſen Annahme Gemeinheit und Bettelei einander das Gleichgewicht halten,“ rief der junge Mann aus, deſſen Kopf durch den genoſſenen Wein und durch das Andenken an die ſtralenden Augen Lucinda Vernons erhitzt war. „Nichts auf Erden, nein, mein theurer Vater! ich ſchwöre, 4 192 Nichts auf Erden kann mich verleiten, mich mit einer Wittwe zu verbinden.“ „Nichts auf Erden? Nicht Deines Vaters Bitten, Deines Vaters Gefahr, Deines Vaters Elend, Deines Vaters Ruin?“ fragte der Vater, an jedem Gliede zit⸗ ternd, und augenſcheinlich auf dem Gipfel der Verzweif⸗ lung.„Gib Acht auf das, was Du ſagſt, Walther,“ fügte er mit einem Blicke hinzu, welcher das Blut in den Adern des jungen Soldaten erſtarren machte;„Du weißt nicht, was es heißt, auf der Folter einer Verant⸗ wortlichkeit, wie die meine iſt, zu leben, Tag für Tag und Jahr für Jahr im Todeskampf und in der Qual zu leben, als laufe der goldene Paktolusſtrom, wie die Waſſer des Tantalus, durch meine Hände. Sehr ſchön iſt es für Dich, Deine Mutter, Deinen Bruder, daß ſie leicht durch das Leben ſchlüpfen, und ohne Anſtrengung die Frucht meiner Arbeit, die Frucht meiner freudeloſen Tage, meiner ſchlofloſen Nächte, meiner gefährdeten Seligkeit genießen; ſehr ſchön iſt es von Dir, ſage ich, daß Du meine Anſtrengungen zu Schanden machſt und Dich vor dieſem Opfer ſcheueſt, dieſe Kleinigkeit nicht über Dich gewinnen kannſt, indeß Dein Vater durch ſeine Anſtrengungen, die Ehre der Familie zu retten, ſich bis zum Grabe abmüht.⸗ Einen Augenblick hielt Herr Hamlyn mit ſeiner un⸗ geſtümen Haſt inne, füllte alsdann ſein Glas plötzlich mit Wein und goß es beinahe auf einmal hinunter. „Du ſchätzſt die geiſtige Kraft eines Mannes zu hoch,“ rief er mit erneuerker Hitze aus;„hüte Dich, Walther, hüte Dich davor, mich bis zum Wahnſinn zu treiben. Ich habe heute Deinen Bruder verflucht, mit einer bittern, ſchweren Verwünſchung verflucht. Ich habe heute die Hand gegen mein Weib erhoben, weil ſie es wagte, ſeinen Ungehorſam gut zu heißen. Setze mich nicht weitern Stürmen aus, ſetze mich nicht weiterer Schande aus. Walther! Du biſt mein Erſtgeborener, Du biſt mein Erbe. Ich habe Dich immer mehr geliebt, — . 193 als die übrigen Familienglieder. Du führſt meines Vaters Namen; Du wirſt eines Tages meines Vaters Stell⸗ vertreter ſein. Für Dich habe ich gearbeitet, für Dich habe ich gelitten, für Dich habe ich geſündigt. Obwohl die andern Glieder der Familie ſich verſchwören, meine Haare mit Sorgen in das Grab zu bringen, mein Sohn! mein Sohn! mache nicht, daß ich Dich unter meine Feinde zählen muß.“ Krampfhafte Seufzer drangen aus der Bruſt Richard Hamlyns hervor, nachdem er dieſe überaus heftige Rede gehalten hatte; und Walther, welcher nicht länger daran zweifelte, daß ſein Vater geiſteskrank ſei, wußte nicht, ob er die kranken Gefühle, des leidenden Mannes be⸗ mitleiden oder tadeln ſolle. Obwohl er überzeugt war, daß er durch irgend einen Ausdruck von Mitleiden das Uebel noch vermehren werde, konnte er doch dem Triebe der Natur nicht widerſtehen, faßte ſeinen Vater bei der Hand und hielt ſie einige Minuten lang ſtillſchweigend zwiſchen der ſeinigen, bis warme Thränen aus den Augen des Bankiers drangen. Dieſe Thränen verſchafften ihm Linderung und es ſchien, als bekomme er nach und nach ſeine Ruhe wieder. Vergebe mir, mein theurer Knabe! daß ich Dir Unruhe gemacht habe,“ ſtammelte er zuletzt, obwohl er nur ſich ſelbſt in Aufregung verſetzt hatte.„Ich habe, o Walther! an dieſem Tage viele Dinge durchgemacht, welche meinen Geiſt ſtören, meinen Muth niederdrücken mußten. Dein Bruder hat mich in großes Mißvergnügen verfetzt. Aber wir wollen ein andermal von der Sache ſprechen, wenn ich beſſer gefaßt bin. Aeußere kein Wort über die Sache gegen Deine Mutter. Es iſt nicht ſchön, es iſt nutzlos, Frauenzimmer in Verlegenheiten, in welche man gerathen kann, zu verwickeln. Sie können Einem keine Hülfe, keinen Rath geben, und vermehren nur das Uebel durch ihre Haſenherzigkeit.“ „Mein theurer Vater! ich bitte, ich flehe Dich an, Dich zu erklären,“ rief Walther aus. Immer bekümmerter Die Bankiersfrau. I. 13 4₰„ wurde er, je mehr ſich ſein Vater von ſeiner Verſtandes⸗ ſchwäche zu erholen ſchien.„Gibt es irgend eine An⸗ gelegenheit, in welcher ich Dir irgendwie Troſt, irgend⸗ wie Hülfe ertheilen kann?“ 4 „Nichts gibt es,“ entgegnete Herr Hamlyn.„Sagteſt Du mir nicht ſo eben, daß meine innigſten Bitten und fünfunddreißigtauſend Pfund Dich nicht bewegen können, eine Wittwe zu heiraten? So weit alſo erſtreckt ſich Deine kindliche Liebe zu Deinem Vater! Aber wie ich ſagte, wir wollen die Sache zu einer andern Zeit vollſtändig berathen.“ „Nein! jetzt! jetzt! Was ſollte uns daran hindern?“ rief Walther aus. „Die Aufregung meiner Gefühle. Ich kann nicht mit Geduld, ich kann nicht mit Verſtand davon reden. Dein Bruder, Dein kaltherziger, Dein ſelbſtſüchtiger Bruder will— aber Nichts mehr davon! Nichts mehr davon! Wenn der Streich der Vergeltung kommt, ſo wird er auf Alle fallen, auf Wurzel und Aſt, auf Bäumchen und Baum. Lord Vernon mag alsdann zur Zufriedenheit ſeines Herzens über den Bankier Hamlyn triumphiren.“ Sodann zog er ſogleich die Glocke, wie wenn er ſeinen eigenen raſchen Entdeckungen ein entſcheidendes Ziel ſtecken wollte.„Laß uns zum Kaffee gehen, mein Junge! mein Walther! laß uns zum Kaffee gehen. Man erwartet uns, man erwartet uns. Aber erinnere Dich, keine Sylbe von dieſem Allem laſſe bei Deiner Mutter verlauten.“ Dieſes Verbot war wohl für die Gefühle des Kapitäns Hamlyn ſo drückend, als ein Theil der qualvollen Scene, welche ihm vorausgegangen war. Das erſte Mal in ſeinem Leben war Walther auf ernſthafte Geiſtesver⸗ wirrung geſtoßen. Im Anfange der eben geſchloſſenen Scene hatte er bei einem Manne, den er bis dahin als vollkommen leidenſchaftslos, vollkommen unerſchütterlich, durchgreifend, wie das Geſchick, ſtätig wie die Zeit, be⸗ trachtet hatte, bloß Veränderlichkeit und Wankelmuth ge⸗ ſehen. Daß er den Mann von Stein ſo verſtrickt in 195 Leidenſchaft, den Mann der Geſchäfte für alle vernünf⸗ tigen Betrachtungen verloren ſah, erfüllte ihn mit Unruhe. Es ſchien ihm, die Kette vom Nothanker ſeines Glückes ſei ihm plötzlich in das Waſſer gefallen, und was ſollte aus dem unglückſeligen Schiffe werden, in welchem die Wohlfahrt ſeiner Familie der ſtürmiſchen See anvertraut wurde? Mit Mühe konnte er ſeine Aufregung zurückhalten, als er ſich wieder vor dem Angeſicht ſeiner edeln, Nichts argwöhnenden Mutter ſah. Er erzitterte vor dem Ge⸗ danken, daß ihr Geiſt vollkommen überwältigt worden wäre, wäre er dem Anblick von ihres Vaters unerklär⸗ licher Heftigkeit ausgeſetzt geweſen. Kaum war er fünf Minuten im Geſellſchaftszimmer geweſen, wo Frau Hamlyn und Lydia ihre gewöhnlichen Abendbeſchäftigungen betrieben, als ſein Vater voll Ruhe in Stimme und Miene erſchien, und ſich mit Heiterkeit in das Geſpräch miſchte. Keine Spur von ſeiner flüch⸗ tigen Aufregung nach der Mahlzeit oder ſeiner nachfol⸗ genden Niedergeſchlagenheit war mehr zu ſehen. Der kalte, ruhige Bankier mit dem bleiernen Auge, war wieder der alte; und als Walther dieſen merkwür⸗ digen Uebergang bedachte, zitterte er vor der Betrachtung, wie Vieles von ſeines Vaters gewöhnlicher Heiterkeit Verſtellung, wie Vieles von ſeiner Rückſicht auf die Schicklichkeit einer Folge ſeiner Selbſtaufſicht ſein könne. Er war vielleicht bloß in der letzten halben Stunde von den Aeußerungen des wahren Charakters des Bankiers Hamlyn Zeuge geweſen. 196 Neuntes Kapitel. Wenn man von den Leuten geliebt werden will, ſo muß man auch Liebe zu ihnen an den Tag legen; und um den Schein der Liebe zu bewahren, gibt es meiner Anſicht nach kein ſichereres Mittel, als wenn man wirklich von Liebe beſeelt iſt. Selden. Walther Hamlyn ging mit dem feſten Entſchluſſe, Morgens früh ſeinen Vater um eine vollſtändige Er⸗ klärung ſeiner Reden zu bitten, dieſe Nacht zur Ruhe; doch machten ihm die geheimnißvollen Mittheilungen ſeines Vaters nicht wenig bange, und ſtörten ihn gar ſehr in der Ruhe. Dazu kamen noch Erinnerungen an die ungewöhnlichen Reize der Miß Vernon, und Ver⸗ muthungen in Hinſicht der noch zu erwartenden Hold⸗ ſeligkeiten der ſchönen Miß Ellen. So kam es, daß er einen guten Theil des Tages zur Nacht machte und ſein Vater bereits nach der Stadt abgefahren war, und Poſtpferde gerade ankamen, um ſeine Mutter und Schweſter die erſte Station nach Schloß Notherwood zu führen, als er in das Frühſtückzimmer trat. Gar unlieb war es ihm, daß er eine günſtige Ge⸗ legenheit verſäumt hatte, um deſſen, was ihn drückte, los zu werden. Er entſchloß ſich deßhalb ſich ſchriftlich an ſeinen Vater zu wenden. Er hätte wohl den ganzen Tag mit Klagen über ſeine unzeitige Trägheit zugebracht, hätte ihn nicht als einen Jägersmann das ſchnelle Ein⸗ treten von Thauwetter wieder getröſtet. Die Raſengründe des Parks hatten nun bloß noch die Hälfte Schnee, und nahmen nun eine Art ſcheckichten Gewandes an, welches dem Auge eines verzweifelnden Fuchsjägers ſo wohl⸗ thut; und, um ſeiner Freude die Krone aufzuſetzen, die. Hunde von Ormeau kamen am folgenden Morgen in Alder⸗ ham⸗Gorſe, einem Haupthegeplatz für Wild, drei Meilen von Dean⸗Park zuſammen. 3 197 Frau Hamlyn umarmte ihren Sohn mit niederge⸗ ſchlagener Miene, ehe ſie in den Reiſewagen ſtieg, und ſprach:„Walther! Dein Vater trug mir auf, Dir zu ſagen, er habe für Dich Herrn Oberſt Hamilton halb und halb zugeſagt, daß Du heute mit ihm ſpeiſen wolleſt. Thue dieß, mein theurer Sohn! wenn es Dich nicht gar zu ſauer ankommt. Du haſt keine gegründete Entſchuldigung, denn der Oberſt weiß, daß Du allein hier biſt.“" „Ich bitte Dich, thue es, theurer Walther! er wird an Deiner Geſellſchaft große Freude haben,“ fügte Lydia hinzu, welche ihrer Mutter in der Halle nachge⸗ gefolgt war.„Er iſt gegen uns in der That ſo freund⸗ ſchaftlich, wie wenn wir ſeine Kinder wären. Mache den alten Mann glücklich, ſpeiſe heute auf Schloß Burlington.“ Zwar war Walther für wirklich durchaus kein Freund von Geſellſchaft, dieſelbe mochte ſein, welche ſie wollte. Obwohl er übrigens weltlich geſinnt und leichtſinnig war, hatte er doch einen zu ehrenhaften Charakter, als daß er die kummervollen Eindrucke bereits hätte abſchüt⸗ teln können, welche die raſchen, aufregenden Mitthei⸗ lungen ſeines Vaters in ihm hervorgebracht hatten. Ehe die Kutſchenfenſter aufgezogen wurden, und er mit den Reiſenden das letzte Zeichen des Abſchiedes wechſelte, hatte er verſprochen, ihre dringende Bitte zu bewilligen. Voll Freude war der alte Oberſt an dieſem Tage, als er fand, daß er nicht allein zu Tiſche niederſitzen dürfe, ſondern daß in Betreff der verſprochenen Mango⸗ Paſtete und des Madeira aus Bombay ein Anſpruch an ſeine Gaſtfreundſchaft gemacht wurde. Wenn übrigens Walther für den Augenblick der Hoff⸗ nung lebte, als könne er von ihm eine Erklärung über Dinge erhalten, über welche er ſeine Mutter nicht aus⸗ fragen durfte, ſo wurde er ſchnell enttäuſcht. Bevor er fünf Minuten auf Schloß Burlington geweſen war, wußte er ſchon, daß ſeit ihrem unglücklichen Beſuche 198 auf Hyde zwiſchen dem Oberſt und ſeinem Vater keine Zuſammenfkunft Statt gefunden habe. „Hamlyn dauerte mich, wie ein Kind in der letzten Nacht,“ ſagte Hamilton in der Colonial⸗Kunſtſprache, an welche ſich nun die Hamlyns gewöhnt hatten,„daß er dieſen Morgen mit Tagesanbruch in die Stadt ab⸗ reiſen mußte. Da wird es Geſchäfte geben, denke ich, ein Stück Anlehen auf dem Markt, oder irgend eine Kleinigkeit dieſer Art, ein Corrſpondent aus Riga, deſſen Vermögen man flicken ſoll, he? vielleicht handelt es ſich auch um eine Seifenmanufaktur, welche in Blaſen fort⸗ geflogen iſt, und Hamlyn und Compagnie im Seifen⸗ waſſer ſitzen läßt! Ha! ha! ha! ha! Ja, ſo wahr Gott Ihrer Seele und Ihrem Leibe gnädig ſein möge, dieſe großen Geldmäckler ſchlafen in ihren Betten ſo unruhig als manche Arme im Sprengel von Brarham. Nun denke ich daran, er ſprach von einem außerordentlichen Geſchäft auf der indiſchen Börſe; Ihr Onkel, Andreas Harrington, ſoll auf eine gewiſſe Stelle ernannt werden.“ Kapitän Hamlyn wußte wohl, daß zwiſchen ſeinem Vater und ſeinem Onkel kein Verhältniß von herzlicher Freundſchaft beſtand, und ſah nun auf einmal ein, daß dieſe Erzählung ſeines Vaters ein bloßer Vorwand für ſeine plötzliche Abreiſe war.„Sagte mein Vater ſonſt Nichts?“ fragte er mit verſtellter Gleichgültigkeit.„Blos das noch: ich und Sie ſeien heute vereinzelte Sperling und es wäre gut, wenn wir uns heute auf den gleichen Aſt ſetzten, das heißt: Sie würden heute bei mir ſpeiſen, und mich in meiner Langweile tröſten. Beim heiligen Georg! das war ſehr gütig gedacht. Hätte ich kein beſſeres téte-à-tète, als mit meinem Hunde vor Augen gehabt, ſo hätte ich es nach und nach bereut, die Partie nach Rotherwood verſäumt zu haben. Obwohl ich von großen Lords und luſtigen Tagen kein Freund bin(und Hyde war in dieſer Hinſicht ein in den Kauf gegebener Kranker) ſo werde ich doch immer mehr ein Feind der Einſamkeit.“ 4 199 „Doch werden Sie nicht lange Zeit allein bleiben, höre ich,“ bemerkte Walther, halb geneigt, halb zu ſchüchtern, der ſchönen Miß Ellen direkt Erwähnung zu thun.„Mein Vater ſagt mir, daß wahrſcheinlich Ihre Schwiegertochter eine Hausgenoſſin von Ihnen wird.“ „Jal ſo ſchreibt ſie mir,“ erwiederte der alte Mann, doch durchaus nicht im Tone der Freude.„Beim Tode meines armen Sohnes ſchrieb ich von Indien, und ver⸗ doppelte ihr Jahrgeld, weil ich ihr damals noch nicht im Entfernteſten eine Heimat anzubieten hatte. Ich fühlte, ſie könnte vielleicht gegen die Familie, welche ſie fruͤher mit ſolcher Kälte aufgenommen hatte, Zorn und Groll auf dem Herzen haben. Im nämlichen Briefe ſchrieb ich der armen Wittwe, wenn je der alte Hamilton ein engliſches Dach über ſein Haupt gewinnen könne, ſo ſtehe für ſie Bett, Tiſch und herzliches Willkommen zu Dienſten, wenn ſie es mit mir verſuchen wolle. Damals war es ihr nicht genehm, ſich zur Reiſe nach England zu entſchließen. Durch die Pflege, welche ſie ihrem Gemahl hatte angedeihen laſſen, war ihre Ge⸗ ſundheit geſchwächt worden. Deßhalb war ſie ſo klug, und brachte zwei Jahre als Wittwe in Italien zu, wo ſie ihren Gemahl hatte ins Grab ſinken ſehen; überdieß hatten wir hierdurch glücklicherweiſe Zeit, alle unange⸗ nehmen Gefühle gegen Einander vor unſerem Zuſam⸗ mentreffen zu unterdrücken.“ „Sie erwarten denn alſo ſie in Kurzem?“ „Ich denke: ſo bald als möglich. Ich vermuthe, Lady Burlington, die Freundin von Ihrer guten Mutter, mit welcher Ellen den vorletzten vergangenen Sommer in Lucca Bekanntſchaft machte, belebte ihre Phantaſie durch eine feurige Schilderung von den Schönheiten des Schloſſes Burlington; denn dieſer Beſuch in England iſt eine ganz plötzliche Entſchließung.“ „Ihnen, Sir, wird er gewiß viele Freude machen,“ ſagte Walther artig.„Da Sie ſich vorgeſetzt haben, den Frühling auf dem Lande zuzubringen, wird die 200 Geſellſchaft der Miſtreß Robert Hamilton Ihnen den Verluſt meiner Mutter und Schweſter zu erſetzen im es ſelbſt? Das iſt noch nicht ausgemacht, daß dieſe meine Schwiegertochter mich damit ausſöhnen kann, daß ich das Plaudern der jungen Lydia und den geſunden Sinn und die angenehme Unterhaltung der Frau Hamlyn Doch laſſen Sie uns das Auge von Unglück abwenden Es iſt Zeit genug, ſich zu betrüben, wenn Grund dazu vorhanden iſt.“ Dieß Alles lautete ganz anders, als das, was der Bankier über das Verhältniß zwiſchen dem Oberſt und alten Herrn hatten vielleicht in Folge ſeiner neulichen Beobachtungen über Leute und Sitten auf Hyde eine 8 7 8 Unglück, aber die Mahlzeit war ausgezeichnet, der Obe 8 geſprachig und ge 201 zeit auf Dean⸗Park am geſtrigen Tage war in ſeiner Erinnerung noch zu friſch, als daß er von der herrlichen Offenheit ſeines Freundes nicht hätte bezaubert ſein ſollen. Gegenüber vor ſeines Vaters niederſchlagender, unnatürlicher Zurückhaltung war ihm das warme herzliche Gemüth des Oberſten ein wahrer Troſt, das Gemüth eines Mannes, deſſen Herz einfach, deßwegen gegen Gott und Welt offen war, weil es Nichts in ſich ſchloß, das Verheimlichung erheiſchte. Er ſah ein, die abrupten Gemeinplätze eines Oberſten Hamilton waren wohl unter ſolch feiner Geſellſchaft, wie die von Hyde war, nicht am Platze, aber im gewöhn⸗ lichen Umgang war er eine ganze Menagerie Vernons werth. An dem alten Soldaten war nichts Verſtecktes, Nichts Heimtückiſches, keine eitle Prahlerei wegen ſeiner Macht, keine ſchiefe Politik. Zwar begriff er bei ſeinem hohen Alter die Wichtigkeit der Hamlyns für ſich ganz gut und machte kein Geheimniß daraus, daß er vom Umgange mit ihnen abhängig ſei; aber doch bewillkommte er Walther in ſeinem Hauſe mit der überſtrömenden Heiterkeit eines Mannes, welcher ſeiner Meinung nach nicht zu Viel thun kann, um eine ihm bewußte Verbindlichkeit zu erfüllen. „Der närriſche, abgeſchmackte Schwätzer, der junge Vernon, war dieſen Morgen hier,“ ſagte der Oberſt, nachdem er am Schluſſe der Mahlzeit Walther herzlich dafür gedankt hatte, daß er ihm die Ehre ſeiner unter⸗ haltenden Geſellſchaft geſchenkt habe. Ich kann dieſen jungen Menſchen nicht ausſtehen. Nichts Natürliches iſt an ihm, nichts Wahres. Ich erinnere mich, in Ghazerapore ſah ein Eingeborener das erſte Mal ſein eigenes ſchwarzes Geſicht, und zwar in meinem Spiegel. Er wollte partout den Spiegel von der Wand nehmen, um die wirkliche Figur hinter dem Bilde zu ſehen. So ſen es mir mit Herr lberich. Wenn ich mit ihm ſpreche, ſo iſt es mir, als ſollte ich den wirklichen Mann herausſuchen, und zwar hinter dem ſcheinbaren Manne, der vor mir ſteht.“ 2 202 „Erwarteten Sie ihn heute hier?“ fragte Walther, nicht wenig ärgerlich, daß ein Vernon den Weg nach dem Schloſſe Burlington gefunden haben ſolle, ohne eine Einladungskarte auf Dean⸗Park zurückgelaſſen zu haben; ein Verſehen, welches er, als er die Sache ge⸗ nauer überlegt, den ungenirten Späſſen, welche der Oberſt in Beziehung auf ſeine Schweſter Lydia gemacht hatte, zuſchrieb. „Ich lud alle Vernons ein; Sie werden ſich deſſen erinnern. Er entſchuldigte ſie, und nahm zum Vor⸗ wand, er wolle nach dem Schlitten ſehen, und hatte die Gnade zu ſagen, für ein Birminghamer Machwerk ſei er durchaus kein ſchlechtes Gefährte. Ich verſprach ihm, wenn noch mehr Schnee komme, ſo lange Lydia in London 3 ſei, werde ich ihr den Ladys nach Hyde ſenden.“ Sie ſagten ihm alſo, daß meine Mutter und Schweſter nach Rotherwood gegangen ſeien?“ fragte Walther, wo⸗ bei er den in Aufruhr gekommenen Helmbuſch ſeines Kaskets wieder beſchwichtigte; in der Hoffnung, die bekannt gewordene Abweſenheit der Familie werde wohl die Quelle der Verſäumniß von Seite der Vernons ge⸗ weſen ſein.. Er wußte es, er wußte es; denn die erſte Frage, welche er an mich richtete, war: ob mein Freund, der Marquis von Dartford, bei der Geſellſchaft ſei, die nach Rotherwood gehe? Das iſt nun gerade einer der unverſchämten Ränke des Burſchen. Er wußte, Dart⸗ ford war nicht bei der Partie, weil er in einer ganz andern Grafſchaft ſeiner kranken Mutter abwartete. Aber er wollte mich verſtohlener Weiſe glauben machen, Miß⸗ treß Hamlyn und Lydia gehen einem jungen Edelmann mit 40,000 Pfunden im Jahr auf der Fährte nach, und ſagte er, Alberich, wünſche, ſie möchten ihr Ziel errei⸗ chen; das ſagte er aber blos in feinen, ſtandesgemäßen Ausdrücken. Auf dieß gab ich ihm zu verſtehen, in die⸗ ſer Sache haben die betreffenden Perſonen gar nicht nö⸗ thig, ſolche verſteckte Eintritts⸗Billete zu verſchwenden; * 203 denn ich ſehe ja, daß Lord Dartford äußerſt träge und verdroſſen ſei, Dean⸗Park zu verlaſſen, und voll Unruhe, wenn er wieder nach Hauſe müſſe; es gehe ihm mit dem Dean⸗Park, wie vielleicht keinem andern jungen Edel⸗ mann mit einem ähnlichen Platze. „Es thut mir leid, Sie trafen den Nagel auf den Kopf,“ ſagte Walther,„denn die Vernons, und ſogar andere weniger weltlich geſinnte Perſonen würden es als den höchſten Grad von Anmaßung von unſerer Seite betrachten, wenn ſie daran denken müßten, daß uns ein ſolcher Vorzug zu Theil werde. Ein ſolcher Gedanke iſt übrigens weder meiner Mutter, noch meiner Schweſter, je in den Kopf gekommen; ich muß ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Und warum dürfte dieß nicht ſein? ich bitte Sie, welches Recht haben die Vernons oder ſonſt Jemand, es Anmaßung zu nennen? Lydia iſt ein ſo ſchönes, gut⸗ gezogenes Mädchen, als irgend eine im Königreiche Großbritannien iſt, mögen andern ſein, wie ſie wollen.“ „Aber das Mißverhältniß von Rang und Ver⸗ mögen—“ „Was fragt ein junger Mann nach Vermögen, wenn er des Jahres 40,000 Pfund hat? Was fragt ein Mar⸗ quis nach Rang, der das gemeinſte Mädchen zu einer Lady machen kann! Wenn Lord Dartford nicht nach Luſt und Laune heiraten kann, wer wird es dann können? das möchte ich wiſſen.“ „Seine Familie wird wohl darin mit ihm einver⸗ ſtanden ſein, daß er früher oder ſpäter aus ſeiner Sphäre eine Gemahlin herausleſen ſoll.“ 3 „Unſinn! Unſinn! Wollen Sie denn gar nach dem Linéſchen Syſteme Männer und Weiber, wie Pflanzen und Inſekten eintheilen? Wollen Sie die menſchliche Geſellſchaft zu einem Küchengarten machen, den Spinat in Ein Beet, und den Endive in das Andere? Lydia gehört zu der Klaſſe der Geſellſchaft, welcher auch er angehört. Beide ſind junge Leute von gebildetem Geiſte und feinen Sitten; und, unter uns geſagt, unſer junges Mädchen hat in beiden Theilen viel vor ihm voraus.“ „Sie ſehen die Sache ganz philoſophiſch an,“ ent⸗ gegnete Walther, welcher wünſchte, dieſer Ausdruck hätte lieber den Lippen des Lord Vernon, als denen des Oberſten entſchlüpfen ſollen,“ aber ich fürchte, dieſe Anſicht wird gegen die Schlachtordnung der öffentlichen Meinung nicht Stand halten können. Die Rotherwoods zum Beiſpiel ſind würdige, beſcheidene Leute, und ſtehen mit meiner Familie auf freundſchaftlichem Fuße, aber verlaſſen Sie ſich darauf, Lady Rotherwood würde über den Gedanken an eine Heirat zwiſchen ihrem Neveu und meiner Schweſter unwillig werden.“. „Um ſo größere Schmach für ſie, daß ſie dabei ſaß, und dumm lächelte, als ſich der Marquis mit Herz und Hand der ſchönen Lydia empfahl. Was beim Teu⸗ fel ſoll denn die Heirat hindern können? Daß das Mädchen die Tochter eines Bankier iſt? Nun was denn? Wäre ſie die Erben eines Bankiers, und hätte jährlich 50,000 Pfund Einkommen, alle Herzöge im Lande wür⸗ den hinter ihr daher rennen, und alle Welt würde ihre Klugheit preiſen.“ „Mein theurer Watty! die Zeit iſt vergangen, zu welcher es Edelleute für etwas Schönes hielten, ihr ei⸗ genes Glück und das ihrer Kinder dem Ruhme zu opfern, welcher darin beſtand, daß ſie auf einem ſchlechten Fa⸗ milien⸗Apfel, der in ihrer Halle am Stammbaum auf⸗ gehängt war, und nach meiner Anſicht ſo bitter war, als der, welcher Mutter Eva zur Sünde verleitete, ihre adeligen Namen eingeſchrieben ſahen. Das Leben iſt nicht lang genug für ſolche leere Waare. Der Gang der intellektuellen Bildung hat neben anderem nutzloſen Zeuge auch dieſen Unfug hinter ſich gelaſſen. Eben ſo gut können ſie an Zauberei oder den Stein des Weiſen glau⸗ ben, als an das göttliche Recht der Lords und Ladys.“ „Sie müſſen meine Leichtgläubigkeit nicht übel nehmen,“ ſagte Walther mit einem Lächeln.—„Im 20⁵ Gegentheil, ich wünſche von Herzen, Sie möchten Proſelyten für Ihre Lehre gewinnen, wo Sie es für paſſend finden, den Apoſtel zu ſpielen. Aber, ich ſage, verlaſſen Sie ſich darauf, der Stolz auf Geburt war in England nie einflußreicher, als gegenwärtig. Alle unſere Inſtitutionen haben eine ariſtokratiſche Ten⸗ denz. Die immer allgemeiner werdende Verſchmelzung oder Verwirrung der Stände ruft nothwendigerweiſe von Seiten derer, welche ſich in ihren Privilegien gekränkt fühlen, eine Art von Fanatismus hervor, ſo gut, als religiöſe Verfolgungen, religiöſen Enthuſiasmus erwecken.“ „Sehr plauſibel, und ſehr beredt geſagt,“ erwiederte der Oberſt.„Würde es ſich nicht gut in einem Viertel⸗ jahrs⸗Heft eines kritiſchen Blattes leſen laſſen, welchem Sie es, Meiſter Watty!— he!— vielleicht ſtahlen! Aber, mein Freund! es iſt nichts Geſundes daran, nichts Geſundes. Die Sache iſt ſo hohl, als eine Blaſe. Sie wiſſen ſo gut, als ich, daß die zäheſten dieſer Ariſtokra⸗ ten bei einem hinreichenden Grunde„klingender“ Ver⸗ ſuchung mein oder Ihres Vaters Nachkommenſchaft, weiblichen oder männlichen Geſchlechtes, zu jeder Zeit mit der ihrigen vermählen würden. Wohin ſind alsdann ihre Grundſätze gekommen? Noch nie gab es in England eine große Erbin, ſie mochte ſein, wer ſie wollte, wel⸗ cher nicht alle Lords im Königreiche nachliefen, um Nichts zu ſagen von den damaligen und jetzigen Prin⸗ zen des königlichen Hauſes.“ 3 „Ich denke, Sie haben Recht. Es mögen Thatſa⸗ chen Ihre Behauptung rechtfertigen, doch werden Sie niemals die Welt überzeugen, daß die Tochter Hamlyns in der Lombard⸗Straße mit 5000 Pfunden eine paſſende Gemahlin für den Marquis von Dartford iſt.“ „Wenn er davon überzeugt iſt, daß ſie's iſt, ſo laſ⸗ ſen Sie die Welt zum Henker gehen. Was die 5000 Pfund Vermögen betrifft, mein theurer Freund— jedoch davon nachher. Ich ſage Ihnen Etwas, Walther, ich bin krank, deßwegen, weil ich ſehe, wie ſo Vieles vom 206 Glück der Geſchöpfe Gottes einem ſtolzen Worte ge⸗ opfert wird, dem Worte Welt! Was ums Himmels willen hat die Vermählung zweier jungen Leute von unabhän⸗ giger Stellung und untadelhafter Aufführung mit der „Welt“ zu ſchaffen, welche nach Allem gleich dem Winde iſt und ausgenommen in der Geſtalt von Klumpen Silber oder Goldes mehr beſprochen, als geſehen wird? Ich frage, was iſt die Welt? Ein Paar Höflichkeits⸗Karten, mit ſchönerem Ausſehen, als ſonſt Karten eines haben, nicht wahr? Ein Paar feingebildete Herren, welche mit einander darüber wetten, welcher von ihnen für den an⸗ dern ein paſſender Geſellſchafter bei Tiſche oder beim Spiele in gewiſſen Häuſern der St. James Straße ſei. Ein Paar ſchöne Lady's, welche von den genannten ſeinen Herren ſo hoch gehalten werden, daß ſie vor ihnen die Hand an den Hut legen? Das iſt nach Ihrem Wörterbuche das Lange und Kurze von der Welt. Dann aber gibt es manchen Geſchäftsmann vom erſten Range, manchen Mann des Parlaments vom erſten Range, um deſſen Meinung von Ihnen oder um deſſen Geſellſchaft Sie keinen Zug aus Ihrer Cigarre geben, und zwar einzig deßwegen, weil ſie für das nicht recht paſſen, was Meiſen, wie Sie und der junge Vernon Welt zu nennen für paſſend finden, wenn ſie auch älter und beſſer, als ihr beide ſind.“ Walther Hamlyn, welcher während dieſer entſchiede⸗ nen Rede eine Cigarre und ein Glas ſtarken Wisky ge⸗ noſſen hatte, wie ihn wohl der Keller von Crokford den Beſuchern nicht zu liefern vermochte, wünſchte ſich im Geheimen Glück, daß dieſes Hottentotten⸗Geſpräch des würdigen alten Herrn die feinen Ohren von Hyde nicht getroffen hatten, während es in ſeinen eigenen, blos ei⸗ nen feinen Kitzel erzeugte, der gegen den leichten Rauch ſeiner brennenden Havannah⸗Cigarre eine angenehme Gegenwirkung hervorbrachte.— „Ich darf ſagen: Sie haben vollkommen Recht“ entgegnete er, indem er den Stumpen in das Feuer * 5 207 warf, und von dem filbernen Praſentier⸗Teller zu ſeiner Seite einen dampfenden Becher nahm, von dem ein Paar Schlückchen die ungewöhnliche Ausdehnung ſeiner Ge⸗ fühle vervollſtändigten.„Es iſt ein Feld, auf dem ich oft mit meinem Bruder Harry gefochten, und auf wel⸗ chem ich immerwährende Niederlagen erlitten habe. Harry glaubt, daß Leute, welche außerhalb der menſch⸗ lichen Geſellſchaft leben, ſo wie er ſelbſt, als Gelehrter oder wie Sie, als Eremit, es haben, wie Luftſchiffer, welche auf die Erde herabſehen, und Alles ganz eben und plan, keine Erhöhung weder bei den Bergen und Maul⸗ wurfs⸗Haufen, noch bei den Städten nnd Dörfern ſehen.“ „Und das iſt eine ganz gute Nation Leute! So! das war alſo Harrys Idee! Ich denke, er und ich brin⸗ gen die Sache ganz excellent heraus.“ „Harry iſt ein Original;„hörte ich einmal meine Schweſter zu Ihnen ſagen“ „Nun? Sie werden ſich doch keine Copie nennen wollen? Lydia ſagte, wenn Sie ſich recht erinnern, Niemand auf der Erde könne verſchiedener ſein, als ihre zwei Brüder.“ Nach den Lehrſätzen Harrys liegt dem Umſtand, daß wir Unterſchiede bemerken, die Gedrücktheit der At⸗ moſphäre, in welcher wir leben, zu Grunde, nach der Analogie, daß das Gewicht der Gegenſtände in oder auſſer der Glocke der Luftpumpe verſchieden iſt. Doch iſt der Einfluß unſerer zweiten Natur ſo ſtark, daß(ich gebe es zu) wenige Leute uns für Brüder anſehen wür⸗ den. Harry iſt ein vollkommener Bücherwurm.“ „Und Sie ein Seidenwurm, nicht wahr?“ In die⸗ ſer Eigenthümlichkeit kann ich ſeinen Geſchmack nicht billigen. Leſen iſt etwas Ausgezeichnetes, wenn man Niemand hat, mit dem man ſich beſprechen könnte. Bü⸗ cher ſind eine hinreichend gute Geſellſchaft, wo keine Weiber und keine Männer find, zum Beiſpiel in Ghaze⸗ rapore war ein neues Leſe⸗Magazin oder eine unterhal⸗ tende Reiſebeſchreibung, Manna in der Wüſte. Aber, 208 dank den Buchhändlern in der Bond⸗Straße, dieſer Tiſch da iſt mit ſolchen Schriften bedeckt; und doch verlief eine lange Zeit, bis ich dachte, die Blätter derſelben aufzu⸗ ſchneiden, ſo lange ich Ihre angenehme Geſellſchaft zur Hand, oder die Wahl hatte, zu einem Spiele nach Dean⸗ Park zu kommen. Nebenbei, denke ich, ſollten wir Ihren Bruder in kurzer Zeit hier haben? Wie viel Jahre wird er wohl im nächſten Monat zählen?“ „Im nächſten Monat? im Februar? ja! ich glaube ſo. Aber— wie viel Jahre wird er zählen?“ iſt ein Ausdruck, der ſelten in einer Familie gebraucht wird, außer beim älteſten Sohne. Harry wird am neunzehnten Februar einundzwanzig Jahre alt ſein.“ „Und in einem Monate etwa wird er wohl, wie Lydia mir erzählte, ſein Examen machen?“ „In allen Dingen, welche meinen Bruder betreffen, können Sie ſich auf die Angaben Lydia's verlaſſen. Sie ſtehen dem Alter nach einander näher, und ſind gute Freunde von der Muttermilch her. Ich habe mit mei⸗ nen Schweſtern weniger Umgang gehabt, und Harry iſt entſchieden ihr Liebling.“ „Das Schöne iſt nur, daß der arme Junge der Liebling irgend Jemands iſt,“ bemerkte der Oberſt; „denn unter Ihnen und mir und dem Feuer geſagt, Watty, Sie gelten Alles bei Ihrem Vater!“— „Ich hätte gedacht, Sie haben genug von unſerer Familie geſehen, um zu bemerken, daß keines von uns einen Gran von Einfluß auf meinen Vater hat. In ſei⸗ nem eigenen ruhigen Wege iſt er der willkürlichſte Mann auf Gottes Erdboden.“ „Das könnten Sie dann mit größerem Rechte ſagen, mein junges Herrchen, wenn Ihr Vater Ihnen nicht recht getraut hätte, und Ihnen hätte verwehren wollen, unter das Militär zu treten! Ich habe bemerkt, daß alle Erſtgeborenen mit dem Sparren des Widerſpruchs⸗ Geiſtes geboren ſind. So war mein unglücklicher Sohn! Er trat auch unter das Militär— aber nichts mehr 209 davon! Aus einigen Winken, die mir Ihre Mutter in einer gewiſſen Nacht gab, wodurch Sie die Bitte an mich ausdrückte, ich ſolle vor dem Vater Harry's Namen nicht nennen, ſchließe ich, mein Freund Hamlyn fand darin einen Grund des Kummers, daß er ihn nicht vor drei Jahren in die Geſchäfte als Bankier einleitete, an⸗ ſtatt ihn auf die Univerſität zu ſchicken, um Griechiſch zu lernen.“ „Kam denn Harry zu Cambrigde in Verlegenheiten?“ fragte haſtig Walther und ſaß wieder nieder, denn be⸗ reits war er aufgeſtanden, um zu gehen.„Das war ſehr unſchön von ihm, daß er ſich nicht an mich wandte! Sehr unſchön von ihm, ſehr unbrüderlich.“ „Er hätte ſich wohl an Sie gewendet, wären es Geldverlegenheiten geweſen,“ erwiederte der Oberſt. Nun verzieh er Hamlyn ſeine franzöſiſchen Eſſenzen und ge⸗ firnißten Stiefel, weil er eine ſo warme Zuneigung zu ſeinem Bruder zeigte.„Aber ich denke, er wird wohl ſeines Vaters Plane zu Nichte machen, wie ſein Bru⸗ der vor ihm. Keiner von den Söhnen meines Freundes, des Bankiers, ſcheint vielen Sinn für das Bureau ge⸗ erbt zu haben. Der Eine, weil er ein feiner, der An⸗ dere, weil er ein grillenhafter Herr iſt. Das Sprüch⸗ wort bewährt ſich nicht immer: Wie die Alten ſungen, ſo krähen auch die Jungen.“ Walther fragte in großem Erſtaunen:„Glauben Sie, Harry werde ſich weigern, Bankier zu werden?“ „So Etwas iſt es, denke ich.“ „Da muß er ja von Sinnen ſein.“ „Waren Sie es, als Sie den gleichen Widerſpruch in der gleichen Sache erhoben?“ „SHie und da denke ich ſo,“ erwiederte Walther launig. „Zwar ſühnte ſich mein Vater mit der Thorheit ſeines ältern Sohnes wieder aus, aber ich fürchte, er hat nicht Geduld genug für zwei. Bedenken Sie, welch einen Verluſt unſere Familie erleiden müßte, würde mein Va⸗ Die Bankiersfrau. I. 14 2¹0 ter das Zeitliche ſegnen und keiner von uns würde ſein Geſchäft übernehmen.“ „Ich denke, das hat er gegen Sie geltend gemacht, he? und wird es nun gegen die Widerſpenſtigkeit des Zweiten geltend machen müſſen. Ich kann Ihnen ſagen: Frau Hamlyn ſpricht über die Sache ganz kläglich und bittet mich, ich möchte meinen Einfluß geltend machen, um ihren Gemahl zu beſänftigen. Aber in der That, ich bin eher dazu geneigt, einen Verſuch zu machen, ob ich nicht die Hartnäckigkeit des Delinquenten heben kann. Bei ſolchen Umſtänden hat Hamlyn alles Recht auf ſeiner Seite.“" „Gewiß! er hat es. Wie thöricht iſt Harry, daß er eine ſolche Verſorgung verſchmäht! Einen Stand, wie den von meinem Vater! Eine Stellung, wie die eines eminenten Londoner Bankiers!“ „Warum aber verſchmähten Sie ihn ſelbſt, Herr Jeſſamy?“ „Harry und ich ſind in ganz verſchiedener Lage. Es war ihm die Wahl gelaſſen zwiſchen einem Poſten in Indien und zwiſchen dem Stand eines Bankiers.“ „War“ und„iſt“ ſind zwei verſchiedene Dinge! Man ſagt mir, Harry Hamlyn habe ſich auf der Univer⸗ ſttät ungemein ausgezeichnet. Anſtellungen als Gelehr⸗ ter, das öffentliche Leben ſteht ihm offen.“ „Das ſteht ihm auch und noch beſſer offen, wenn Der auf die Wuͤnſche meines Vaters eingeht. Das große Ziel, welches man dadurch erreichen wollte, daß man meinen Bruder nach Cambrigde ſchickte, war das: Man wollte ihn für das„Ständehaus“ tauglich machen, für das ich nicht die geringſte Anlage habe, ſo daß mein Vater über kurz oder lang ihm ſeine Stelle für Bars⸗ thorpe abtreten kann.“ „Mittlerweile bringt er die beſten ſeiner Tage in der Lombardſtraße hin und verſucht, den Geldwechslern zu beweiſen, daß zwei und zwei fünf macht, mit einem Federkiele hinter einem Ohre, in welchem beſtändig der 211 Preis der Staats⸗Fond klingelt! Sehen Sie, zu was ein ſolches Leben Hamlyn gemacht hat! In eine Mu⸗ mie hat es ihn einſchrumpfen laſſen! Ja! in einem Alter von achtundvierzig Jahren iſt, dem Herzen nach, Ihr Vater ein älterer Mann, als ich mit ſiebenund⸗ ſechszig, nachdem ich meinen Leib innerhalb der Wende⸗ zirkel gebraten habe. Uebrigens will ich trotz dem Allem Ihrem Bruder nicht helfen! Ich ſage bloß, wie ſeine Mutter zu mir ſagte, daß der junge Menſch Entſchuldi⸗ gungen für ſich hat, daß in ſeinem Alter ein geſcheidter Burſche die Sache dreimal überlegt, ehe er ſich an das Ruder ketten läßt, und daß man bei einem Kopfe, wie der ſeinige iſt, mit Gründen beſſer beikommt, als wenn man ihm ſeine Abhängigkeit vor die Zähne rückt und es darauf ankommen läßt, wer am lauteſten ſprechen kann. Aber bedenken Sie, Meiſter Watty! Alles das iſt ſo unter uns geſprochen, als die Depeſche eines General⸗ Gouverneurs. Deßhalb laſſen Sie ja die Katze nicht aus dem Sacke, und ſetzen mich nicht durch Plaudern auf glühende Kohlen.“ „Ein armes Compliment für meinen Kopf und für mein Herz iſt es,“ entgegnete Walther, für einen Stutzer bitter genug,„daß ich die letzte Perſon ſein ſoll, welche mit den ungünſtigen Verhältniſſen einer Familie bekannt gemacht wird.“ „Von ſolchen feinen Herren, wie Sie, glaubt man hie und da, daß ſie weniger um das beſorgt ſind, was in ihrer Familie vorgeht, als um das, was ſonſt wo geſchieht,“ rief der alte Oberſt, welcher ſo viele Freude daran hatte, ihn in Harniſch zu jagen, als Manche daran die Borſten eines ſchönen Dachshundes aufrecht zu ſtellen. Doch Watty, wenn ich vor einer halben Secunde meinte, Sie haben ein hohles Herz, ſo bitte ich Sie um Ver⸗ zeihung; ich ſehe, ich that Ihnen Unrecht.“ „Die Ungerechtigkeit meiner Mutter und meines Bruders gegen mich machen mir mehr Schmerzen, als die Ihre,“ erwiederte Walther kalt. 4 212 „Sehen Sie nicht ein, daß dieſe zu delikat ſind, um Sie in den Streit der Rebellion eines Sohnes, wie Harry, gegen ſeinen Vater zu verwickeln? Harry könnte ſich gegen Sie, ſeinen vermöglichen, reichlich begüterten, ältern Bruder nicht wohl über ſein Unglück beklagen, ohne Gefahr zu laufen, Ihnen Kummer zu machen.“ „Für den Kummer, welchen er meinem Vater machen wird, ſollte er ſein Zartgefühl aufſparen!“ rief Walther aus, beinahe über ſeinen eigenen edlen Gefühlen gegen⸗ über von ſeinem Bruder erzürnt.„Doch, da Niemand es der Mühe werth hält, mich um Rath zu fragen, ſo will ich mir die Mühe ſparen, meine Meinung abzugeben. Gute Nacht, Oberſt Hamilton! Ich werde das Vergnü⸗ gen nicht haben, Sie morgen zu ſehen, weil die Hunde nach halb zehn Uhr zuſammenkommen und wir ein ſchwie⸗ riges Terrain vor uns haben.“ „Mich nicht ſehen? nur nicht ſo Elwas!“ rief der alte Mann aus.„Die Zuſammenkunft iſt bei Alderham Gorſe, und ich habe die Abſicht, zur Jagd hinüber zu fahren. Obwohl die Tage, an welchen ich ſelbſt auf die Jagd ging, vorüber ſind, ſo ſehe ich doch nicht ein, warum ich nicht eine ſchöne Jagd mit anſehen ſollte, wenn die Sachen in einiger Entfernung vor ſich gehen. Ich will Sie in meiner Chaiſe mitnehmen, und Ihre Pferde werden Sie bei Alderham treffen. Doch ich will Sie, mein theurer Walther! nun nicht mehr länger hin⸗ halten, weil die Handſchuhe auf Ihren Händen anzeigen, wie nahe die Jagd iſt. So, gute Nacht! ich wünſche Ihnen heitere Träume!“ Es iſt eine allgemein angenommene Thatſache, daß ein Wildpark einer der geſellſchaftlichſten Verſammlungs⸗ plätze in einer Grafſchaft iſt, die ſich viel mit der Jagd abgibt; er iſt der Brennpunkt ſeiner Feindſeligkeiten und Wiederverſöhnungen, ſeiner Politik und ſeiner Scandäle. Jeder, der Waffen tragen darf, eilt hierher, um ſeinen Muth zu zeigen, und ſogar die uralten Jägers⸗ männer der Nachbarſchaft, welche ſich lange von den 213 Vergnügungen auf freiem Felde zurückgezogen hatten, halten ſtrenge darauf, in einem Kaffeezimmer zu erſchei⸗ nen, wo in angemeſſener Entfernung eine Jagdzuſam⸗ menkunft ſtattfindet. Kurzum, es gibt wenige ſehenswürdige Dinge auf dem Lande, welche anziehender ſind, als die Zuſammen⸗ kunft bei einem Lieblings⸗Park; von allen Seiten kom⸗ men Cquipagen jeder Art in voller Bewegung an; von der Familien⸗Kutſche des Esquire an bis zum bekannten Hundekarren des Hundeabrichters. Hübſche Stallknechte leiten die Roſſe ihrer Herren und wachen ei ferſüchtig über das Benehmen der Stallknechte und Pferde von andern Herren. Die Jäger ſelbſt kommen einzeln, dop⸗ pelt oder in Gruppen auf ihren Rennern an, im Munde eine Cigarre oder einen Fluch für den unglücklichen Be⸗ dienten, welcher immer zu frühe oder zu ſpät kommt, oder der in zu großem Eifer, um ja recht pünktlich zu kommen, die Roſſe übertrieben hatte. Dann kommen die verwitterten, pfiffig ausſehenden, alten Jägersleute und zähen Wildhetzer, verzettelt, auf ihren wohlbekannten Hengſten, als wie Centauren, bei denen die Hälfte des Mannes in Scharlach und ſchwarzen Sammet eingehüllt iſt. Zuletzt kommt die Kuppel ſcharfer, ausgezeichnet muthiger Hunde, welche ſich lebhaft und gedrängt mit einander in Bewegung ſetzen, als ob ein Strich eines in Schnee gehüllten Ackerfeldes plötzlich mit Leben und Regſamkeit begabt worden wäre.— Alles trifft zuſam⸗ men, um der Winterlandſchaft einen Grad von Regſam⸗ keit und Lebendigkeit zu geben, wie ihn bloß ein Race⸗ pferd inmitten des lebhafteren Einfluſſes von Sommer hervorzurufen im Stande iſt. Die ganze Welt, belebte oder unbelebte, iſt voll Aufgeregtheit, die Sorge iſt vergeſſen, das Geſchäft liegt bei Seite. Der Staatsmann gibt ſeine Politik, der Doktor auf dem Lande ſeine Patienten auf; der Bräutigam vergißt die Brant, welche er jüngſt zu ſei⸗ nem Weibe machte; der Bauer ſchlägt die Verbote ſei⸗ ner Frau, der Sohn des Bauers die ſeines Vaters in den Wind— wenn man einmal ſieht oder hört, wie die Hunde zur Jagd losſtürzen, wo zwei oder vier hundert geſunde, heitere, glückliche Individuen zuſammengekom⸗ men ſind, um ein zwei Fuß langes Unthier zu vernich⸗ ten, deſſen qualifizirtes Unrecht gegen die menſchliche Geſellſchaft darin beſteht, daß es gerne Hühnerſtälle plündert. Das erſte Mal in ſeinem Leben war Oberſt Ha⸗ milton Zeuge von dieſem heitern Schauſpiel geweſen; und ſein heftiger Geiſt gerieth in Flammen, als er nach Alderham⸗Gorſe fuhr und überall auf dem Wege einen Nachbar traf, deſſen ſcharlachner Rock und deſſen ſchneeweiße Lederhoſen ihm das Anſehen eines Fremden gaben, eines Fremden, deſſen kluges Benehmen ihn zum Gegenſtand des Intereſſes und der Neugierde machte. Er hatte Walther bewogen, ihm in der Chaiſe Geſellſchaft zu leiſten, und der junge Jägersmann war jeden Augen⸗ blick genöthigt, ſeine Cigarre vom Munde zu nehmen, und die Neugierde ſeines Geſellſchafters zu befriedigen. „Wer, beim Teufel! iſt der, der über dieſes Rüben⸗ feld geht?“ rief der Oberſt aus.„Ja, beim heiligen Georg! das iſt der alte Barlow ſelbſt, welcher ſo friſch ausſieht, als ein Knabe von vier Jahren. Hieraus folgt ganz natürlich, daß die Jagd auf ſeinem eigenen Grund und Boden iſt. Ich wußte nicht, daß Barlow ein Jägersmann iſt. Doch ſcheint es, ſein Jagdkleid hat den Dienſt geſehen. Und wer kommt denn da, vor welchem die Bauern und Stallknechte ihre Mützen ab⸗ nehmen, als ob es der General⸗Gouverneur wäre, in einem nelkenfarbigen Rocke, in welchem er ausſieht, als wäre er nicht durch einen Schneider, ſondern durch eine Putzmacherin herausſtafſiert worden, und mit einem aus Erdbeerenblut und Milch gemiſchten Heiratsgeſichte? Ach! ſo dachte ich auch! Ich weiß, es kann Niemand anders ſein, als der junge Affe von Hyde.“ Walther Hamlyn fühlte ſich beinahe beſchämt, daß er in dieſem Augenblicke raſch auf die entgegengeſetzte Seite ſehen ſollte, und zwar auf ein ſtetiſches Füllen, welches ſein Möglichſtes that, um einen von den Bauern aus Alderham abzuſetzen, der im Sinne, ſeine Kunſt im Felde zu zeigen, und Geſchäfte mit Vergnügen zu ver⸗ binden— daß er auf die Seite ſehen ſollte, um einen Vorwand zu haben, daß er Alberich nicht grüßen mußte, was er deßhalb nicht wollte, weil er den auf Hyde ſo ſchrecklich verachteten Mann in ſeinem eigenen Wagen ſo zutraulich begleitete. Er durfte nicht befürchten. als ob ſein unſchuldiger Geſellſchafter von ſeinen armſeligen Rückſichten Etwas merke. Der Oberſt richtete voll Be⸗ geiſterung Herz und Seele, Auge und Ohr auf die be⸗ wegte Scene vor ihm. „Beim heiligen Georg! was für eine ſplendide Kreatur!“ rief er aus,„iſt nicht dieſer Braune, von welchem der Bediente ſo eben die Schabracke wegge⸗ ſchoben hat. Ja! das iſt ein Gemälde für einen Künſt⸗ ler! Er iſt ſo gewiß drei hundert Guineen werth, als ein Pfund. Wem mag er wohl gehören?“ „Dieß iſt bloß das dritte Mal, daß ich dieſen Winter hinausgekommen bin,“ erwiederte Walther,„und ich kenne kaum ein Pferd auf dem Felde. Lord Coſſington iſt gewöhnlich der am beſten Berittene von der Partie Ormeaus; aber er würde einen von den Stallknechten zur Bedienung neben ſich haben. Wahrſcheinlich gehört der Braune einem Fremden. Es ſind immer Burſchen von Leamington da, welche gar flott thun und merkwür⸗ dig viel Lärm machen. Wir können darauf rechnen, es werden von Leamington einige ausgezeichnete Wagen hier ſein.“ Jeden Augenblick wurde der Lärm und das Ge⸗ räuſch größer, bis man den ausgeſteckten Theil des Wal⸗ des erreichte, deſſen Grün gegen die Nacktheit des Win⸗ ters beinahe ſo heiter abſtach, als ſeine goldenen Blüthen zur Zeit des Sommers unter lachenden grünen Raſen die Jagd angenehm machen. Manches männliche ver⸗ 216 witterte Geſicht wandte ſich freundlich gegen Oberſt Ha⸗ milton, als ſie durch eine heitere Reihe grobgekleideter Jäger aus dem Bauernſtand, die übrigens ſehr gut be⸗ ritten und alle aus der Nachbarſchaft waren, hindurch fuhren; und Walther bemerkte bereits mit Verdruß, daß unter ihnen ſo gut, als unter den Landedelleuten, ſein Gefährte, obwohl ein neuer Ankömmling in der Graf⸗ ſchaft, mehr geachtet war, als der Sohn ſeines Vaters, der Erbherr von Dean⸗Park. In ihrer Weiſe, vor dem alten Soldaten den Hut zu berühren, lag etwas beſon⸗ ders Herzliches. Mit dem Rufe von ſeiner Männlichkeit und ſeiner Freigebigkeit, als Herr des Ritterſchloſſes Burlington, ſympathiſirte ſie mehr, als ihnen gegenüber von der ſtillen, vorſichtigen, ſtillſitzenden Natur des Ban⸗ kiers möglich war, der zwar als Junker von Warwick⸗ ſhire betrachtet ſein wollte, aber den ſie unmöglicher⸗ weiſe in ihrem Sinne für etwas Anderes halten konn⸗ ten, als für Hamlyn von der Lombard⸗Straße. Tauſend freundliche Grüße und laute Anfragen nach dem gegenſeitigen Befinden, wurden zwiſchen dem Oberſt und dem niedrigern Adel von Braxrham und Orington gewechſelt, den die Hamlyns, nach der Sitte von Hyde, gar nicht kennen wollten. Walther fand ſich durch ihre Zutraulichkeit gegenüber von ſeinem Begleiter ſo betroffen, daß er hoch erfreut war, als er ſeinen Stallknecht er⸗ blickte, wie er ſein Pferd in gemächlichem Schritte gegen die bezeichnete Stelle der Jagd hinführte. In einem Augenblicke war er aus der Chaiſe. Der Oberſt, um dem Rathe ſeines muntern Freundes zu folgen, hatte die Chaiſe auf einen Rain auffahren laſſen, welcher die Ausſicht auf die Jagd und den tiefen Grund von Alderham beherrſchte, wohin ſich wohl die Füchſe wandten, wenn ſie aufgeſpürt waren. „Wie tauſendmal Schade iſt es, daß Ihre Mutter und Ihre Schweſter nach Rotherwood gehen mußten!“ rief der Oberſt im höchſten Grade der Freude aus, als Walther am Kutſchentritte ſich umwandte, und ihm ein —— 217 Abſchieds⸗Compliment machte.“ Lydia hätte Alles dieſes genoſſen. Beim heiligen Georg! beinahe bin ich in Verſuchung, wie der Mann im Schauſpiel, auszurufen: „gebt mir ein Pferd! gebt mir ein Pferd!“ Ich würde über mich nicht erſtaunt ſein, wenn ich vor dem Verfluß der Saiſon unter den Beſten von Euch im Sattel ſäße, und gleich dem bekannten Schneider nach Brentford, oder wie John Gilpin nach Ware gallopieren müßte.“ In dieſem Augenblicke wünſchte Walther aus vollem Herzensgrund den lauten alten Mann irgend anders wohin, als wo er wirklich war, möchte er nun dort zu Pferde oder zu Fuß ſein. Denn ein Wagen mit den Livreen der Vernons war ganz nahe; und, damit er ja nicht in Geſellſchaft des ſchlimmen Anklägers vom Grafen Clan⸗ ſawney gefunden würde, entſchloß ſich der Bayard der „Blauen“ dem Angeſichte der Lady, auf welche ſeine ritterlichen Gedanken gerichtet waren, zu entfliehen. Als die roſenrothen Wangen der Suſanna Middlebury und ihres Bäschens durch das Chaiſenfenſter hindurch ſichtbar wurden, und die beiden die Hände vor die Augen hielten, um die blendende Winterſonne von ihren Augen abzuwehren, welche mit lebhafter Neugierde auf die bunte Gruppe ſahen, war Walther zum Scheine in eine hoch intereſſante Unterredung mit ſeinem Stallknecht verſunken, welche das Leder am Bügel ſeines Sattels betraf. „Guten Morgen, Oberſt Hamilton! es iſt doch ein entzückender Tag im Freien! Ich denke, ich kann es wagen, die Scene vor uns Ihrer Aufmerkſamkeit und Bewunderung, als eine der nationellſten und am meiſten charakteriſtiſchen in Großbritannien zu empfehlen,“ rief Sir Henry Middlebury aus, welcher bei ſeinen Töchtern und ſeiner Niege eine Art Cicisbeo ſpielte. Während der höfliche alte Soldat bemüht war, ſich nicht nur mit ſeinen Antworten voll Interjektionen an den redſeligen Baronen zu wenden, ſondern darunter hin⸗ ein der Reihe nach ſeine anmuthigen Begleiterinnen zu grüßen, blieb Walther hartnäckig in der Ferne. Er war 218 entſchloſſen, ſich um keinen Preis von der ſchönen Lucinda mit ſeinem Hausfreunde zuſammen treffen zu laſſen. In dieſem Augenblicke kündigte ein allgemeines Rufen, ein allgemeines Murmeln ein Ereigniß von ziemlicher Wich⸗ tigkeit an; entweder war wohl ein unglücklicher Jäger abgeſetzt, oder ein ſtolzer Bauer gezüchtigt worden. Die Reiter hoben ſich in ihren Bügeln, Fußgänger auf ihren Zehen; die Eigenthümer der halb Dutzend Wagen im Thale ſtiegen mit der Miene von Aufmerkſamkeit aus. „Der Herzog! der Herzog!“ dieſer Ruf ging augen⸗ blicklich wie eine Kriegsparole von Mund zu Mund, als ein ſchöner Mann, mittleren Alters, auf einem Pferde, deſſen Werth nicht höher war, als der eines gewöhnlichen Bauernpferdes, den Hut in der Hand, durch die Reihen der Jäger ritt, welche am tiefer liegenden Ende des Wildparks verſammelt waren. Er dämpfte den Schritt ſeines edlen Roſſes zum langſamen eines an den Ohren geſtutzten, ernſt blickenden, ſeit aller Zeit im Jagddienſt laufenden Kleppers, auf welchem neben ihm eine Vogel⸗ ſcheuche ritt der alte Gratwycke vom Schloß Gratwycke, welcher die Miene eines Mitteldings hatte, zwiſchen einem Landmann und einem bäuriſch⸗ſtolzen verhätſchelten Jäger, wie ſie in einer Chriſttags⸗Pantomime auftreten. Der Herzog hatte die höchſte Achtung gegen Herrn Gratwycke. Für das Erſte war er das Haupt der älteſten Familie in der Grafſchaft, ſodann der ſtandhafteſte Einheger ſeiner Füchſe, für das Dritte der thätigſte und gewiſſenhafteſte Parteigänger in Rückſicht der politiſchen Intereſſen von Ormeau. Feiner gebildete Herren mußten bei den Elvaſtons zu jeder Zeit einem Gratwycke von Gratwycke Platz machen. „Was um des Himmels willen bringt den alten Gratwycke und ſeinen Klepper heute aus dem Neſte?“ murrte Herr Barlow von Alderham. 1 „Was beim Himmel! hat der Herzog, daß er da drüben leiſe mit Gratwycke ſpricht, während Bovie die Hunde zum Jagen los läßt?“ rief ſeinerſeits Alberich Vernon aus, als der große Mann des Tages mit dem 219 liſtig ausſehenden, alten Herrn, gerade gegen den Wagen des Oberſten Hamilton, heranging. Ein Paar Schritte von ihnen ſtund der junge Vernon, aufgeblaſen von Stolz, und trotz ſeines Schreckens vor den iriſchen Niegen der Herzogin voll Hoffnung, er werde das Auge des Herzogs auf ſich ziehen, und eine Einladung nach Ormeau er⸗ halten können. Aber der franzöſtrte Naſeweis war für den Herzog gerade eine Art junger Leute, welche höchſtens auf dem Geſichte des adeligen Jägers ein nachſichtiges Lächeln hervorriefen. Mit einem verächtlichen Nicken zum Zeichen der Erkennung, ging er an dem Sohn eines ſeiner am wenigſten achtbaren Nachbarn vorüber, und ſetzte ſeinen vorausgefaßten Vorſatz in's Werk, ſich durch den alten Gratwycke bei ſeinem Freunde, dem neuen Pächter vom Schloſſe Burlington, einführen zu laſſen. Zwar lag Ormeau in einer anderen Grafſchaft, wo der Herzog den leitenden Einfluß hatte, aber die Sitten und der Charakter des Oberſten Hamilton wurden vom Herzoge von Elvaſton vollkommen verſtanden und geſchätzt. Er bewunderte ſeine liebende Politik und ſein thätiges Wohlwollen ſo ſehr, als er die Engherzigkeit des geadelten, aber nicht adeligen Lords von Hyde verachtete, von dem man ganz gewiß und allgemein wußte, daß er mit ſeiner Stimme und ſeinem Gewiſſen als Pair des Königreiches einen Smith⸗ ſields⸗Handel getrieben habe. Durch dieſes aus freiem Willen gegebene Zeichen der Achtung von Seiten eines Mannes, der ſo allgemein geliebt wurde, als der Herzog von Elvaſton, war der alte Oberſt unbeſchreiblich vergnügt. Mit einem ſtralen⸗ den Antlitz, bog er ſich aus ſeiner Chaiſe heraus, um den Dank des Herzogs zu empfangen, daß er ſeinem Wildpark auf Schloß Burlington ſo viel Aufmerkſamkeit geſchenkt habe, der Herzog lud ihn herzlich ein, bei der nächſten beſten Gelegenheit in Ormeau mit ihm bekannt zu werden. „Wenn Sie kommen und mich ſehen wollen,“ ſagten 1 220 Seine Gnaden voll Güte,„ſo will ich Ihnen zeigen, wie hoch wir die Hecken der Hegeplätze in den Wildparken, in dem mir zugehörigen Theile der Grafſchaft pflanzen. Der letzte Sir Roger Burlington ſtimmte in politiſchen und anderen Dingen nicht mit mir überein und ſagte immer, die Entfernung zwiſchen uns Beiden ſei zu groß, als daß wir einander beſuchen könnten, was inſofern wahr iſt, als je nach den Anſichten von zwei Perſonen eine Entfernung von vierzehn Meilen für gegenſeitige Beſuche ein Hinderniß ausmacht oder nicht. Es ſoll mich aufrichtig freuen, wenn Oberſt Hamilton mir er⸗ lauben will, ihn unter meine nahen Nachbarn zu zählen. Und als er ſeinen Hut höflich lüpfte, während er die ebenſo offenherzige Antwort des werthen Oberſten ent⸗ gegen nahm, dann den Jägern zuritt und den alten Gratwycke mit ſeinem Freunde ſchwatzen ließ, fühlte Jedermann im ganzen Kreiſe eine gewiſſe Hochachtung vor dem Fremden, welchen der Herzog zu ehren geruhte — der Herzog, welchen ſie ſelbſt ſo hoch ſchätzten. Unter allen Anweſenden war Walther Hamlyn der Einzige, auf welchen die Aufmerkſamkeit Seiner Gnaden gegen den Oberſt den ſtärkſten Eindruck machte. Er war zunächſt erzürnt, daß er ſehen mußte, wie der adelige Eigenthümer von Ormeau an einen in der Grafſchaft vollkommen fremden Mann Artigkeiten verſchwendete, in der Graſſchaft, in welcher ſein Vater ein anſäßiger Landes⸗ eigenthümer, von ihm niemals mehr als ein Compliment aus der Ferne erhalten hatte, ſpäter übrigens war er geneigt, ſich über ein Zeichen der⸗Auszeichnung zu freuen, welches, wie er gewiß wußte, den hochmüthigen Erben von Hyde ebenſo ſehr erſchreckt, als gequält hatte. „Das iſt Alles das Reſultat von den Vorſtellungen dieſes malitiöſen alten Gratwyckes,“ war die erſte Be⸗ trachtung Walthers,„das wird die Vernons witzig machen. Sie werden wohl nicht zum zweitenmal einen Freund meines Vaters verhöhnen,“ war ſeine zweite. Sodann klagte er die Middleburys der Gemeinheit an, daß ſie 7 221 ſich immer Mühe gäben, mit Oberſt Hamilton Unter⸗ haltungen anzuknüpfen und vergaß, ſich wegen des noch gemeineren Wankelmuthes zu ſchaͤmen, welcher ihn ver⸗ leitet hatte, von der Seite ſeines guten alten Freundes zurückzuweichen, aus Furcht, ſich dem Tadel von faſhio⸗ nabelern Geſellſchaftern auszuſetzen. Während noch das Stillſchweigen fortdauerte, welches auf das unruhige Geſpräch der Gruppe von Jägern folgte, während die Hunde ihren Weg in das ſtachliche Gehege erzwangen, erging ſich Walther durchaus nicht nach Jäger⸗ ſitte in einer Betrachtung über die ausgezeichnete Popu⸗ larität des Oberſten Hamilton. „Das iſt ganz unbegreiflich,“ murmelte er.„Ge⸗ wöhnlich in der Erſcheinung— unpoliert(um nicht zu ſagen: gemein) in ſeinem Benehmen— von gewöhnlichen Fähigkeiten— ungebildet— ungelehrt— weder ein Waidmann, noch ein Ackerbauer, noch ein Politiker— kommt er als wildfremd hieher, und erobert im Augen⸗ blicke das Herz jeder Familie von Rang und Stand in der Nachbarſchaft im Sturme. Der Herzog von Elvaſton nimmt ſich ſelten die Mühe gegen Jemand artig zu ſein, außer gegen einen Fuchsjäger; Lord Rotherwood ſorgt einzig und allein für Bauern, Lord Crawley für Torys, Dartford für ſeine Brüder Offiziere! Alle ſammt und ſonders haben Oberſt Hamilton zu ihrem Lieblinge er⸗ koren! Meine Mutter und Lydia ſind, wie ein Paar Hühnerhunde, darauf aus, ihn zu hegen und zu hätſcheln, und ſo bemühen ſich vier von den angeſehenſten Männern Englands, mit Vernachläſſigung ihres Ranges, ihn mit Aufmerkſamkeiten zu erdrücken. Was ſoll das bedeuten? Für ſie gilt ſein Reichthum Nichts. Es muß die natür⸗ liche Herzlichkeit des alten Mannes ſein, welche zum Danke dafür ihm auch von andern Leuten Herzlichkeit erwirbt. Man könnte beinahe glauben, irgend ein bös⸗ artiger, märchenhafter Zauber ſei die Wirkung von dem Umſtande geweſen, daß mein Vater wünſchte, ihn bloß 222 für unſere Familie zu einem innigen Bekannten zu machen, ein Zauber, welcher dazu diene, die dienſtfertige Auf⸗ merkſamkeit der ganzen Welt auf ihn zu ziehen. Zehntes Kapitel. „Auf meine Tochter ſpielt er immer an!⸗ Shakespeare. „Ich muß ſagen, mein theurer Walther!“ bemerkte Oberſt Hamilton, als ſie am folgenden Tage am beſchei⸗ denen, aber angenehmen Tiſche des Herrn Paſtors von Orington ſaßen,„daß die Verſprechungen Ihres guten Vaters, in Betreff eines Winters in Warwickſhire, voll⸗ kommen in Erfüllung gegangen ſind. Als Hamlyn mir den Antrag ſtellte, er wolle mir das unter ſeiner Pfleg⸗ ſchaft ſtehende Burlington pachten, ſagte er expreß, er habe mir außer ſeinem eigenen Hauſe, welches mir zu jeder Zeit offen ſtehe, in Bezug auf Geſellſchaft Wenig anzubieten, ausgenommen unſere guten Freunde; die gegenwärtige Geſellſchaft von Orington, welche, wie er mir verſprach, gut genug ſein würde, um das eindring⸗ liche Weſen eines unruhigen alten Burſchen, wie er (Hamlyn) ſei, zu verſchmerzen, welcher wohl den Herrn Doktor im Tiktakſpiel überwinden könnte und weniger angenehm ſein würde, als die Vorſchriften der guten Frau des Herrn Doktor paſſend fänden. Er ſagte mir frei, ich ſolle die Artigkeiten von Hyde verachten und Ormeau, das in einer ganz anderen Graſſchaft liege, ſei ſo gut, als wenn es in einem anderen Königreiche läge. Gut, Sir! ich ließ mich nicht ſchrecken. Ich zeichnete, ſiegelte und übergab, trotz Allem dem, was er ſagte, um mir den Satz zu beweiſen, daß ich auf Burlington es 223 ſo langweilig haben werde, als Robinſon Cruſoe, der Niemand, als ſich und ſeinen Dienſtmann Freitag auf ſeiner Inſel hatte.“ „Mein theurer Sir! wir haben Ihnen das Meiſte zu verdanken,“ ſagte Doktor Markham herzlich; da Sie unſerm guten Willen, Sie unter uns glücklich zu machen, Ihr Vertrauen ſchenken.“ „Ich verwundere mich mit Recht, Doktor, um wie viel beſſer mein Freund Hamlyn war, als dieſe ſeine Rede. Sehen Sie, was er für mich zu Stande gebracht hat! Einladungen nach Schloß Rotherwood, nach Dartford Hall, zu Lord Vernon, zum Herzog von Elvaſton, kurzum, zweimal ſo viel, als ich wohl annehmen kann, das heißt als Freund gegen Einen handeln. Uebrigens kann ich ſehr wohl ohne dieſe Lords und Ladys ſein. Was Dean⸗ Park und meine Freunde hier und zu Gratwycke betrifft, ſo bin ich ja durch dieſe in den Stand geſetzt, keinen Abend in der Woche mehr zu Hauſe zuzubringen, als mir gefällig iſt.“ Bei dieſem unverdienten Komplimente fühlte Walther Hamlyn, wie eine plötzliche Hitze ihm in den Kopf ſtieg. Niemand wußte beſſer als die Markhams, daß Herr Hamlyn ganz unfähig ſei, die Wunder zu thun, welche ihm zugeſchrieben wurden. Der Doktor war jedoch gegen ſich hinlänglich auf der Hut; um ja nicht in Verlegen⸗ heit zu kommen, ſtudirte er in dieſem Augenblick den Thermometer, deſſen unbedeutendes Steigen Regen vor⸗ ausſagte. Kapitän Hamlyn dagegen, der die Wichtigkeit wohl kannte, welche ſein Vater dem Einfluſſe über den Nabob zuſchrieb, wagte nicht mehr, als ein wenig zu widerſprechen. 2 Er ſagte:„mein Vater hat das höchſte Intereſſe, Ihnen alle dieſe Freuden und noch mehr auf Burlington zu machen. Aber der Wille iſt nicht immer die Macht.“ „Nicht wegen meiner ſelbſt, ſorge ich für die Sache,“ rief der Oberſt aus.„Inſoweit als ich bei der Sache betheiligt bin, ſchwöre ich bei meinem Schöpfer, daß 224 Dean⸗Park und die Pfarrei von Orington Alles an Geſell⸗ ſchaftlichkeit in ſich faſſen, was ich jemals zu genießen wünſche. Hyde iſt ſo angenehm, als ein Muſter⸗Büßer⸗ Kloſter oder eine Familien⸗Gruft; und, obwohl die Rotherwoods ausgezeichnete Leute ſind, ſo habe ich doch in meinem Leben ſchon beſſere Chaiſen geſehen, als die ihrige. Aber ich bin mächtig froh, daß ich für die arme Ellen eine kleine Zerſtreuung zu Stande gebracht und geſichert habe! Nach dem Leben draußen herum, wird ſte vielleicht das Ritterſchloß ſo langweilig finden, als ich das Staatsgefängniß des Lord Vernons. Wenn ſie dann jüngere Geſichter als das meine und das meines Freundes Hamlyn iſt, zu ſehen wünſcht, ſo wird ſie auf Rotherwood den jungen Marquis, auf Ormeau eine zehnfache Copie des jungen Marquis zu ſehen bekommen. Wenn ſie unter ihnen allen keinen findet, der ihr gefällt, ſo ſteckt der Teufel dahinter.“ Walther Hamlyn war voll Erſtaunen, beinahe voll Unwillen, bei dem Gedanken, daß die ſchöne Ellen, deren Beſitz ihm einzig und allein angeboten worden war, die künftige Erbin von fünfunddreißigtauſend Pfund in baarem Gelde, den Lüſten der in Liebesangelegenheiten verbuhlten Jäger, welche etwas ungenirter Weiſe in den ſtattlichen Zirkel von Ormean gemiſcht waren, ausgeſetzt ſein ſolle. Aba ſeine Sache war es nicht, Widerſpruch dagegen zu erheben. 6„Gibt es heute keine Neuigkeiten von den Reiſen⸗ den?“ fragte Dr. Markham Walthern, wiewohl er der Meinung war, daß Frau Hamlyn ihre Mittheilungen eher ihrem Nachbar auf Burlington, als ihrem ſtutzer⸗ haften Sohne anvertraut haben würde. „Ich weiß keine,“ erwiederte Walther,„übrigens war bei ſolchen Straßen, ſolchen Reiſewagen, ſolchem Wetter die Reiſe gerade nicht beunruhigend.“ Der Oberſt, durch ſeine Schläfrigkeit geärgert, erwiederte:„Es können wohl im Augenblicke nach der Abreiſe üble Nachrichten eingelaufen ſein. Meine gute 22⁵ Freundin, Frau Hamlyn, war nicht ganz gut aufgelegt, als ſie ihre Wohnung verließ.“ „Meine Mutter hatte eine Veränderung in Hinſicht der Luft und der Gegend nöthig. Sie führt ein zu ſeß⸗ haftes Leben.“ „Ein Leben voll Pflichtgefühl und Fleiß,“ ſagte der Paſtor.„Ihr Licht geht bei der Nacht nicht aus. Gleich den weiſen Frauen zur Zeit Salomos macht ſie ſich ſelbſt Tapeten, und legt ihre Hand an die Spindel.“ „Ich erwarte morgen einen Brief von Rotherwood,“ bemerkte Walther, welcher immer dachte, wenn Leute in ſeiner Gegenwart eine Bibelſtelle anführen, ſo zielen ſie auf ihn.„Ich bin ſehr begierig darauf, zu erfahren, wie es mit Lady Dartford ſteht, von deren Geſundheits⸗ Zuſtänden es abhängt, ob Dartford mich die nächſte Woche zu Melton treffen kann.“ „Die nächſte Woche? Iſt es Ihnen ernſt, brechen Sie wirklich die nächſte Woche auf?“ rief der Oberſt aus.„Wollen Sie nicht warten, bis Frau Hamlyn und Lydia zurückkommen? Wollen Sie nicht hier bleiben, um mit Ellen Bekanntſchaft zu machen?“ „Ich gedenke, Sir, ein Paar Wochen von jetzt an gerechnet, nach Dean⸗Park zurückzukehren. Es iſt wirk⸗ lich der beſte Theil der Saiſon, um nach Melton zu gehen. Alle meine Freunde ſind gerade dort.“ „Beim heiligen Georg! das macht meinen Planen einen teufelmäßigen Strich durch die Rechnung,“ rief der Oberſt unverholen aus.„Ich wollte, Maſter Watty, Sie ſoeben um eine Gefälligkeit erſuchen. Ich habe ſtarke Luſt, eine von Ihren ſchönen Univerſitäten zu ſehen, und gedacht, nach Cambridge hinüber zu fahren, und Sie zu bitten, Sie möchten mein Geleitsmann ſein.“ „Wäre es in meiner Macht geweſen, Sie zu be⸗ gleiten, mein theurer Herr! ſo hätte ich für Orford geſtimmt,“ erwiederte Kapitän Hamlyn.„Sind wir nicht verpflichtet, der„erlauchten Mutter“ Orford treu Die Bankiersfrau. I. 15 226 zu ſein? So viel Sie wiſſen, war ich dort auf der Univerſität.“ „Nicht wahr, Maſter Watty! deßhalb iſt ſie ein wenig beſſer? Aber ich möchte zu Cambridge außer der Univerſitätskirche ein oder zwei Sachen ſehen. Ich möchte Henry Hamlyn ſehen, ich möchte mit Ihrem Bruder eine Unterredung haben.“ „In dieſem Falle, Sir, iſt es ja viel beſſer, wenn ich nicht dabei bin,“ erwiederte Walther, welcher be⸗ fürchtete, der Oberſt möchte in Gegenwart der Mark⸗ hams auf den kritiſchen Zuſtand ſeiner Familie beſtimm⸗ ter anſpielen, und es nicht verſchmerzen konnte, daß ſein Bruder ſo wenig Zutrauen in ihn ſetzte. Ich müßte einen Umweg von hundert Meilen machen, wenn ich auf meiner Straße von Orington nach Melton⸗Mowbray Cambridge mitnehmen wollte.“ „Ei! Ei! Ich habe einſtens in Indien einen Um⸗ weg von tauſend Meilen gemacht, um einem Freunde zu dienen; und nach meiner Meinung iſt ein Bruder ein Freund, den uns Gott geſchenkt hat. Doch ich will nicht auf einem Plane verharren, welcher, wie es ſcheint, Ihre Fuchsjagd vereiteln würde. Ich darf ſagen, John⸗ ſton und ich können wohl mit den Poſtknechten accor⸗ diren, und den Weg nach Trinity⸗College ausfindig machen, indem wir unſern langen Naſen folgen.“ Frau Markham ſagte:„Ich dachte daran—“ ſie wollte ein ernſtes Projekt entwickeln, dann aber beſtel ſte die Angſt, welche ſie auch ſonſt gewöhnlich erhielt, ihre Gedanken Jemand Anders, als dem Herrn Paſtor mitzutheilen, und ſie hielt plötzlich inne. „Nun, meine theure Dame?“ fragte dringend der Oberſt. Er konnte ſich nicht denken, daß eine ausge⸗ wachſene Dame von zweiunddreißig Jahren ſchüchtern ſein könne. Er fragte:„an was dachten Sie?“ „O, an Nichts, mein Herr! an nichts Beſonderes!“ entgegnete ſie und warf auf Doktor Markham einen Blick, um Ermuthigung aus ſeinem Verhalten zu ſchöpfen. 22 7 „Es ſind gar manche Jahre her, daß der Doktor zu Cambridge war, bloß einmal war dieß nach ſeiner Ver⸗ Beiratung; es war damals, als er zum Doktor befördert wurde.“ „Doktor! Sie haben alſo in Cambridge ſtudirt?“ ſprach der Oberſt dazwiſchen. Er ſah nicht ein, was ſie wolle, weil er gar nicht daran dachte, daß ſeine Gegen⸗ wart irgend Jemand bewegen könne, irgend Etwas zu verheimlichen. Doktor Markham erwiederte:„Ich bin ein Zögling von Cambridge, und mein Weibchen hat es in ihrem Kopf, ſo viel ich ſehe, ich ſolle eine Fahrt zu meinem Boccalaurusneſte machen, wenn Sie anders damit ein⸗ verſtanden ſind, daß ich, anſtatt dem Hauptmann Ham⸗ lyn, Ihnen die Löwen der Univerſität zeige.“ „Beim heiligen Georg! das iſt ein vorzüglicher Gedanke,“ rief der Oberſt aus.„Meine theure Lady! warum ſprachen Sie nicht aus? Iſt Markham hinter den Vorhängen eine ſo wilde Dogge, daß Sie es nicht wagen, die Zunge in Ihrem Munde Ihre eigene zu nennen? Doch, ich ſage, Doktor! was fangen wir als⸗ dann mit Ihrer Pfarrſtelle an? Wer wird wohl wäh⸗ rend unſerer Luſtpartie nächſten Sonntag die armen Leute von Orington in ihrer Weisheit und moraliſchen Beſſerung fördern?“ „Seit den letzten drei Jahren war ich noch keinen einzigen Tag von Haus entfernt,“ entgegnete Doktor Markham,„deßhalb habe ich bei meinen Amtsbrüdern gegründete Anſprüche auf Aushülfe geltend zu machen. Für meinen Freund Hurſt in Brarham habe ich etliche dreißig Mal den Dienſt verſehen, deßhalb wird er ſich nicht weigern, bloß an Einem Sonntage das Gleiche für mich zu thun.“ „Das wäre alſo in Richtigkeit,“ rief der Oberſt aus. Dabei ſetzte er die Theetaſſe wieder nieder, welche er, bei der Sorge, die ſeine geſchäftige Wirthin um ihn hatte, für tauſend Mal beſſer hielt, als den Thee, wel⸗ 228 chen er zu Hauſe trank.„Der Plan unſerer Ausfahrt gefällt mir ungemein, mein Herr Doktor. Und denken Sie nur daran; nach unſerer Zurückkunft werde ich kleine Geſchichten von alten Lieblingswäſcherinnen mit kirſch⸗ farbenen Bändern erzählen. Sie ſchreckten den Haſen auf, meine theure Madame, und ich kann Ihnen nicht ſagen, wann oder wo er wieder ſitzen bleibt. Und nun, was ſagen Sie zu ein wenig Tricktrackſpiel?“— Eine oder zwei Stunden nachher, als der Laut, welchen die Räder vom Reiſewagen des Oberſten auf dem Pflaſter von ſich Laben⸗ die Abreiſe ihrer Gäſte kundgab, ſagte Frau Markham zu ihrem Gemahle: „Was mußt Du, mein Lieber, für eine Selbſtbeherr⸗ ſchung haben, daß Du dieſen Abend nicht laut hinaus lachteſt, als Oberſt Hamilton dem jungen Hamlyn ſo herzlich dafür dankte, daß ihn ſein Vater bei dem Herzog von Elvaſton eingeführt habe!“. „An dem Umſtand, daß der alte Oberſt die Artig⸗ keiten des Herzogs gegen ihn auf ſeine eigene, ſonder⸗ bare Weiſe erklärte, war doch wohl kein Betrug von Seiten des Kapitäns Hamlyn Schuld?“ „Von Seiten Kapitän Hamlyns nicht. Aber mir iſt klar, ſein Vater läßt keine Gelegenheit entſchlüpfen, um die Ausdehnung ſeiner Dienſte und ſeiner Größe zu erhöhen. Herr Hamlyn hält ſich beinahe ebenſo ſehr für den Vormund des Oberſten und ſeines Vermögens, als des armen jungen Sir Hug Burlington.“ „Meine theuerſte Kitty!“ „Ich weiß gewiß, er hat ſich vorgeſetzt, jede Hninte von des Oberſt Vermögen ſeinen Kindern zu ern.“ „Welches von uns Beiden würde es nicht thun, wenn es in unſerer Gewalt wäre? Barlow, welcher einen Neveu, einen Schreiber, auf der indiſchen Börſe hat, verſichert mich, der Oberſt habe in baarem Gelde zwiſchen drei und viermalhunderttauſend Pfund Sterling. ei wirklichen Zeiten iſt dieſes Geld zweimal ſo viel 229 werth, als ein Gut von dem gleichen Nominalwerthe. Der Zins eines einzigen Jahres könnte unſern Knaben eine ſchöne Verſorgung verſchaffen.“ „Um ſo billiger wäre es, mein theurer Markham! daß Herr Hamlyn, welcher ſich auf Reichthümern wälzt, ſo edel ſein und auch andern Leuten Etwas gönnen ſollte. Was iſt auf der Welt, das dieſer Mann nicht genießt? Was wird Jahr für Jahr in England erfun⸗ den, um Geſundheit und Vergnügen jeder Art zu ſchaffen, das ſeinen Weg nicht nach dem Park findet? Stadt und Land, Orington und Braxham, Birmingham und War⸗ wick— das Beſte, was es nur gibt, wird für Hamlyn beſtellt. Ich bitte Dich, wem wartet man zuerſt auf, dem Herzog von Elvaſton und Lord Vernon, oder dem Esquire Richard Hamlyn? Ja! dem Bankier! dem Bankier mit ſeiner vollen Börſe, dem Bankier, welcher keinen Rechenmeiſter braucht, um von den Handelsleuten *Prozente zu erpreſſen, der immer die Hand in der Taſche hat und eine große, lange Börſe in der Tiefe derſelben.“ „Ich bin gewiß, wir haben keinen Grund, uns über ſein Glück zu ärgern,“ bemerkte Doktor Markham warm. „Keine Minute hat Richard Hamlyn den Rechten der Kirche Eintrag gethan! ſo pünktlich iſt er, als die Glocke der Kirche, in allen ſeinen Zahlungen! Und dann, wie mu⸗ ſterhaft iſt er nicht gegen die Armen! Niemals entfährt ihm ein hartes Wort, niemals ergreift er eine raſche Maßregel; ſeine Familie iſt in kirchlichen Angelegen⸗ heiten ſo beſorgt, als der Kirchendiener Rugſon. Es mag ſchönes oder ſchlechtes Wetter, Regen oder Sonnen⸗ ſchein ſein, wann war der Kirchenſtuhl von Dean⸗Park jemals leer? Sogar die Bedienten kann man als Muſter eines anſtändigen Benehmens anführen, und was die Frau des Bankiers betrifft, ſo zeige mir eine, welche ihr an reinem Sinne und Gleichmäßigkeit der Seelen⸗ ſtimmung an die Seite zu ſetzen wäre. In der That, ihr Werh iſt höher, als der Werth von Nubinen.“ „Leute, welche ſich nicht nach der Decke zu ſtrecken haben, haben gut immer gleichmäßig geſtimmt ſein,“ bemerkte Frau Markham, ein wenig eiferſüchtig.„Leute, welche ſich durch das Leben auf goldenen Bettrollen wälzen, haben gut durchzukommen.“ „Ich weiß gewiß, meine Theure! wir haben wenig Grund, uns zu beklagen,“ rief der gewiſſenhafte Paſtor aus.„Unſer Gehalt iſt mittelmäßig, das iſt wahr. Wir haben des Jahres vierhundert Pfund und noch die Geſchenke an Oſtern. Das iſt allerdings keine Beſol⸗ dung, wie ſie ein Erzbiſchof hat. Aber es iſt genug, meine theure Kitty! Sodann denke auch an den unbe⸗ rechenbaren Vortheil, welchen wir daraus ziehen, daß wir einen Freund, wie Herrn Hamlyn, haben. Denke daran, wie gütig er unſer kleines Vermögen für uns verwaltet hat, ſo ſorgſam, als gehörten wir zu ſeiner Familie. Deine dreitauſend Pfund, meine Theure! und, die fünfzehnhundert von meinen Erſparniſſen während der Studienjahre wären eben viertauſend fünfhundert Pfund Sterling geblieben, denn ich hätte nicht gewußt, wie ich ſie vermehren ſollte. Aber anſtatt der armſeli⸗ gen hundertſechszig Pfunden jedes Jahr, welche wir vom Staatsfond erhalten hätten, eine Summe, welche, unter uns geſagt, in der letzten Zeit ſo angefochten worden iſt, daß man niemals gewiß weiß, ob nicht an einem ſchönen Morgen die Regierung einen Schwamm nimmt, um die⸗ ſelben ganz von der Tafel wegzuwiſchen, verſchaffte mir Hamlyn durch ein ausgezeichnetes Pfand jährlich auf einmal zweihundert Pfund. In den letzten fünf Jahren warf dieſes Pfand einen bedeutenden Gewinn ab; denn ich wäre lieber ohne Butter auf dem Brode in das Bett gegangen, als daß ich einen Schilling von dem Vermö⸗ gen berührt hätte, welches ich, wie ich Dir immer ver⸗ ſprach, fuͤr die Zeiten der Noth zu Gunſten der Knaben zurücklegen wollte.“ „Und für die arme kleine Kitty,“ ſagte ſeine Frau in entſchiedenem Tone. 231 „Rechnen wir Alles zuſammen, ſo können wir un⸗ ſern Kindern eher ſechstauſend als fünftauſend Pfund Sterling hinterlaſſen, wenn es dem Allmächtigen ge⸗ fallen ſollte, uns zu ſich 5 rufen. Alles dieſes, meine Liebe! iſt Hamlyns Werk; das mußt Du niemals ver⸗ geſſen.“ „Ich vergeſſe es niemals,“ erwiederte Miſtreß Markham,„und ich denke, auch er vergißt es nie; wenigſtens, wenn Etwas im Kirchſpiele bei Dir nicht gut geht, oder die niedern Kirchendiener ihm Verdrieß⸗ lichkeiten machen, ſo wendet er ſich in einem weit weni⸗ ger achtungsvollen Tone, als er mit ſeinem Kellner Ramſay ſpricht, an Dich.“ Doktor Markham erwiederte in allem Ernſte:„Wenn er für unſere Familienverhältniſſe nicht beſorgt wäre, ſo würden wir unfähig ſein, bei meiner ſchwachen Beſol⸗ dung halb ſo viel für die Armen zu thun, als wir wirklich thun.“ „Wir wären in der That genöthigt, zweimal ſo viel an tauſend Kleinigkeiten zu denken, welche wir jetzt durch ſeine Bemühung erhalten,“ erwiederte Frau Mark⸗ ham beinahe beſänftigt.“ Ihr Gatte fügte in einem Tone der Zerknirſchung hinzu:„Mehr iſt uns erſpart, als nur Kleinigkeiten. Ich wünſche nur, Du könnteſt Alles das hören, was Hurſt von Brarham über mein hohes Glück ſagt, daß ich einen ſolchen Patronats⸗Herrn, wie den Bankier Hamlyn, habe. Die Unterſtützung, welche er den Schu⸗ len und Spitälern in Orington zukommen ließ, iſt vom Comitee der Erziehungs⸗Anſtalten im Ständehauſe an⸗ geführt, und in einem vierteljährlichen kritiſchen Blatte erwähnt worden! Ueberdieß iſt Hamlyns Verbindung mit der„Erziehungs⸗Anſtalt“ in der Grafſchaft mit dem „Irrenhauſe,“mit dem Spitale der Grafſchaft, mit den „Elementar⸗Schulen“ und ſo weiter, von unſchätzbarem Werthe für die armen Leute von Orington.“ „Ganz gewiß! übrigens kann ich immer noch nicht 232 des Gedankens los werden, daß ſeine Connexion mit dieſen milden Stiftungen blos eine Geſchäftsſache iſt. Für die eine iſt er der Schatzmeiſter, die Andere legen Geld in ſeine Bank nieder. Es iſt bei ihm keine mild⸗ thätige Herzlichkeit des Samariters, welche den Beutel des Oberſt Hamilton öffnet.“ „Meine theure Frau! beinahe befürchte ich Du ſeieſt auf das Glück der Hamlyns neidiſch,“ ſagte der Paſtor ernſt.„Muß ich Dir, wie der Prediger in der Bibel ſagen: Werde nicht aus einem Freunde ein Feind, denn du wirſt einen üblen Namen erben, wenn du ein Sün⸗ der biſt, der eine falſche Zunge hat?“ „Ich muß ſagen: ich habe ganz Unrecht,“ erwie⸗ derte ſte; wenn Du es ſagſt, ſo muß ich Unrecht haben. Aber trotz Allem dem ſagt mir mein Gefühl, daß Herr Hamlyn, um den Ausdruck der Miſtreß Johnſton zu ge⸗ brauchen, ſeine Hauzähne in den guten alten Mann auf Burlington eingehauen hat.“ „Miſtreß Johnſton! Was? die Haushälterin des Oberſt? Du willſt doch nicht ſagen, daß Du dem alten geſchwätzigen Weibe erlaubt haſt, mit Dir über die An⸗ gelegenheiten des Oberſt im Geheimen zu ſprechen, wie ſie es hie und da mir machen will?“ „Markham! das war mein Fehler nicht. Du ludeſt ſie zum Thee ein am Chriſttags⸗Abend, damit ſie zuhö⸗ ren konnte, als die Schulkinder ihre Hymne ſangen. Ich habe kein Zimmer für eine Haushälterin, wie die Ham⸗ lyns; und eine Dame in einem ächt indiſchen Shawle und einer Livorno⸗Hoube kann ich doch nicht in meine mit Ziegelſteinen gepflaſterte Küche weiſen. Wie Du alſo auf Dean⸗Park aßeſt, trank ſie ihren Thee im Ge⸗ ſellſchafts⸗Zimmer.“ „Dort ſaßet Ihr alſo bei einander und würztet Euren Thee mit der Erzählung von Scandalen, die meinen Freund Hamlyn berühren.“ „Nein! auf meine Ehre! ſo Etwas that ich nicht. Frau Johnſton ſprach natürlich von ihrem Herrn. Weil 233 ſte dreißig Jahre in ſeinen Dienſten ſteht, ſo liebt ſie ihn, wie einen Bruder, und ſagt ſeit dem Augenblicke, daß Herr Hamlyn die Leitung ſeiner Angelegenheiten übernommen habe, ſei in der Familie Hamilton Nichts mit rechten Dingen zugegangen. Die Kinder, ſchöne, geſunde Weſen, ſeien nach Europa geſandt worden, und eines nach dem andern ſei geſtorben.“ „Klagt alſo die alte Dame den armen Hamlyn an, er habe die Kinder ſeines Freundes vergiftet?“ rief der Doktor aus, und lachte wegen des ernſten Tones, in welchem ſeine Frau geſprochen hatte, überlaut. „Nicht gerade. Aber ich glaube, ſie denkt in der That, Hamlyn habe das böſe Auge. Sie ſagt, weil es dem Bankier beliebt habe, ihren Herrn den Klauen von Dean⸗Park zu überliefern, und von London und ſeinen Freunden zu entfernen, ſei der alte Mann aus ſeinem ſchönen Hauſe auf Portland⸗Place geſtoßen worden, wo ein Zimmer für Dienſtboten geweſen ſei, an dem ſich eine Kaiſerin nicht hätte ſchämen dürfen.“ „In dieſem Alter aus ſeinem Hauſe geſtoßen! Meine theure Kitty!⸗ „Sodann beklagt ſie ſich auch darüber! ſeit ſie auf dem Lande ſeien, finden alle ſeine Raritäten, alle ſeine werthvol⸗ len Sachen den Weg nach Dean⸗Park— Mangofrüchte— Rücken von Büffelochſen— Orangen. Auch müſſen Tag für Tag die ſchönſten Blumen in ſeinem Treibhauſe für Miß Lydia abgeſchnitten werden. Dagegen zureit Anderſons ſei blos eine gewöhnliche Schüſſel von frühzeitigen Früch⸗ ten oder frühem Gemüſe nach Dean⸗Park geſchickt worden, da habe man blos einen Korb gebraucht, ſo klein als—“ „Gehe mir! gehe mir!“ ſprach der Doktor dazwi⸗ ſchen.—„Wir können bezeugen, daß eine ungeheure Anzahl von dieſen Körben ihren Weg zum Herrn Paſtor Markham fand.“ „Ich längne es nicht, und Hamilton könnte ſeine Körbe für Dean⸗Park verdoppeln, wäre es nicht für die Hamlyns. Der Himmel weiß es, dieſe haben genug 234 eigene Treibhäuſer. Es iſt ganz gewiß, ſie gehen dar⸗ auf aus, ihr Neſt mit Federn zu füllen, zu welchem Zweck ſie andere, weniger thätige, Vögel aus den ihri⸗ gen treiben. Arme Lady Burlington! armer kleiner Sir Hugh!“ „Als Lord Burlington zehen Guineen in das Dorf herunter ſandte, damit man bei der Geburt dieſes theu⸗ ren Knabens, des Sohnes und Erbens von einem der ſchönſten Schlöſſer in der Grafſchaft, die Glocken rüh⸗ ren möge, dachte ich nicht daran, daß, fünf Jahre ſpä⸗ ter, Kind und Mutter im Erxile, und der Vater im Grabe ſein werde.“. „Ich denke, Du haſt jetzt blos noch zu beweiſen, daß Hamlyn die Urſache davon iſt, daß Sir Roger Burling⸗ ton durch ſeine Wetten bei Wettrennen ſein Geld hinaus⸗ geworfen hat?“ „Das kann ich, und zwar ohne viele Schwierigkeit! Hätte Herr Hamlyn die Sache mit den Schulden auf ſein Gut nicht ſo gar leicht gemacht, Sir Roger wäre nicht im Stande geweſen, ſein Vermögen in einem ſol⸗ chen Grade zu ruiniren.“ „Wo ein Hang übermäſſig iſt, da gibt es immer Wege, um denſelben zu befriedigen. Auf alle Fälle wird die große Einſicht, welche Hamlyn in der Ver⸗ pachtung des Gutes bewies, den jungen Burlington be⸗ zahlt machen, ſo daß er trotz der leichtſinnigen Streiche von Seiten ſeines Vaters nicht zu kurz kommt.“ „Ohne viele Umſtände könnte man beweiſen, daß Frau Hamlyn um keine Kleinigkeit beſſer iſt, als er,“ murmelte Frau Markham, aber ganz leiſe. Sie ſchob das ſchöne elfenbeinerne Triktrakſpiel, welches Oberſt Hamilton dem Doktor geſchenkt hatte, wieder in den ſammetnen Behälter. Der Herr Paſtor, welcher dieſem Ge⸗ ſpräche nach ſeine Gattin in einem unbändigen Oppoſitions⸗ Geiſt gegen den Bankier, ſeinen Patron, befangen ſah, hielt es für das Beſte, Nichts mehr anzuhören, ſondern ſein Licht zum Bettgehen, anzuzünden. b ——˖˖˖ↄ˖:——— 2 2.— 23⁵5 Der Paſtor hätte ſich jeden Verſuch, Hamlyn zu vertheidigen, erſparen können! Den Flecken, welchen das Bedienten⸗Zimmer oder das gewöhnliche Unterhaltungs⸗ Zimmer dem Bankier anhing, war für deſſen feſt ge⸗ gegründeten, ſich ſelbſt genügenden Ruf ſo wichtig, als das Anſpülen der See in der Mitte des Sommers für die Feſtigkeit des Leuchtthurmes von Eddyſtone. So feſt auf ſeinem Throne als König der Lombard⸗Straße, wie der wirkliche König auf dem von St. James, konnte „Richard Hamlyn geringen Verläumdern kühn die Stirne bieten. Seine ganze Umgebung war ſchön und beglückt. Sein Haus war auf einen Felſen gebaut. Die Firma„Hamlyn und Compagnie“ war zwar durch keine enormen Kapitalien, aus welchen das Pri⸗ vatvermögen der Theilhaber beſtanden wäre, unterſtützt, und ſtund nicht auf dieſe Weiſe mit den großen Finanz⸗ Operationen des Königreiches in Verbindung, aber war durch ihren eigenen gemäſſigten, feſten Gang und durch ihren eigenen Ruf dreifach verſichert. Bernhard Ham⸗ lyn, der jüngere Theilhaber, welcher übrigens blos ſei⸗ nen Namen und ſein Geld hergab, aber nicht als wirk⸗ licher Geſchäftsmann eingriff, war der Sohn eines On⸗ kels von unſerm Richard, welcher Onkel um dieſelbe Zeit mit dem raſchen Erbauer von Dean⸗Park geſtorben war, und Bernhard, als einen ſehr faulen und dummen Schulkna⸗ ben hinterlaſſen und dem wirklichen Beſitzer von Dean⸗ Park beigegeben hatte. Beide ſollten mit einander das Bankier⸗Geſchäft der Firma„Hamlyn und Compagnie“ betreiben. Zum Troſte für den mehr begabten Vetter, beſaß Bernhard nach dem Antritte ſeiner Volljährigkeit, den Ehrgeiz nicht, den Gang der ausgezeichneten Ver⸗ hältniſſe, in denen er ſtand, zu ſtören. Das ganze Ziel ſeines Strebens war, daß ſein Vetter pünktlich ſein, und ein jedes Vierteljahr den halben Profit aus dem von ihm Eingelegten zahlen ſollte. Dagegen wies er Richard für ſeine Mühe jährilch zwei tauſend Pfund an, in⸗ deß Richard, wenn er auch das Dreifache hätte bezahlen 236 müſſen, dieſe Mühe Niemand anders, als ſich ſelbſt ge⸗ gönnt hätte. In der Folge wurde Richard Hamlyn der einzige Monarch von Allen, welche er in ſeinem Mammons⸗ Tempel in der Lombard⸗Straße zu überſehen im Stande war. Uebrigens zeigte Hamlyn bei dieſem keine über⸗ flüſſige Pracht, welche das Auge auf ſich ziehen ſollte. Mochte dieſer Tempel auch Etwas an ſich haben, was Aufſehen erweckte, ſein Beſitzer wollte bei dieſem Hauſe das Aufſehen vermeiden. Es war aus gemeinen Ziegeln erbaut, hatte ein räucheriches Täfelwerk mit niederen Rändern, die Schreib⸗ und Rechentiſche waren von bun⸗ tem Mahagoni⸗Holz. Das Haus ſah gar nicht aus wie die prächtigen Bankier⸗Häuſer heut zu Tage, welche in mehr als Einer Beziehung den Branntwein⸗Paläſten gleichen, und von denen man glauben könnte, daß ſie, wie Schmarozer⸗Pflanzen, Andern die Säfte ausgeſogen haben. Die Wände des Wechſel⸗Hauſes waren aus Stukatur⸗Arbeit, von einer ſo blaſſen, dämpfigen Farbe, daß ſie beinahe mit dem Ausſehen ihres Beſitzers riva⸗ liſiren konnten. Die Uhr, welche an der Wand hing, war ein ächtes, gutes Stück nach altem Geſchmacke, ein⸗ äugig und vollkommen rund, wie ſie war, hielt ſie, als ſtieres, cyclopiſches Auge der Zeit über der federfuchſe⸗ riſchen Geſellſchaft unter ihr Wache. Wenn Jemand, der in Noth war, in das finſtere Geſchäftszimmer des Wechſelhauſes eintrat, um wegen eines proteſtirten Wechſels zu rechten, einen ſchlimmen Bilanz⸗Bogen zu Nichte zu machen, wegen einer bevor⸗ ſtehenden Klage um Nachſicht zu bitten, gab der ſtrenge geſchäftsmäſſige Charakter des Hauſes in eiſernem Liſpeln, wie man es in der Hölle des Dante hört, zu ver⸗ ſtehen, der Bittende möge all und jede Hoffnung auf der Thürſchwelle zurücklaſſen. Dagegen wenn ein Kunde, um der Welt Gutes zu thun, und ein ſchweres Depoſitum niederzulegen, durch die von ſelbſt wieder ſich ſchlieſſen⸗ den Thüren eilte, deren Fenſter durch ein ſtarkes Gitter b b 237 aus Meſſing geſchützt waren, ſo konnte er wohl vor ſich hin murmeln:„Gut! das ſieht doch wie ein Geſchäft aus, das iſt vorzüglich; da wird es keine pompöſe Sce⸗ nen, keine Complimente, keine leiſen Beſprechungen ge⸗ ben.“ Ja die mechaniſche, ernſte Ruhe, mit welcher der Schreiber, von dem man hätte meinen können, er ſtamme aus dem Mittelalter, den Namen und die Adreſſe des Deponenten außzeichnete und mit der nämlichen gleich⸗ gültigen Miene ſeine Quittung für den Empfang der betreffenden Tauſend oder zehn tauſend Pfund, die der Deponent ſpäter wieder anzuſprechen hatte, ausſtellte, ja dieſe Ruhe flößte mehr Zutrauen ein, als die ſchiefen Mäuler und das Gebrülle der kleinen Kerls in den Bankier⸗Häuſern vom weſtlichen Theile der City. In dieſem mächtigen, düſtern, furchtbaren Zimmer, mit ſeiner doppelten Reihe von Schreibpulten und Stüh⸗ len, ſeinen bleiernen Ständern, und ſeinen in Rinds⸗ leder eingebundenen Folianten, ſeiner dumpfen Atmo⸗ ſphäre, ſeinem ſumſenden Gemurmel, das dem in einer Mannfaktur glich, in dieſem Zimmer, welches weder dem Auge noch dem Ohre einen Gegenſtand der Freude bot, welches, ſo zu ſagen, ein bloſes Organ der Eingeweide des Handels, ein völlig unſcheinbares, aber für das Be⸗ ſtehen eines Bankier⸗Hauſes unumgänglich nothwendiges Ding war— an dieſem freudeloſen Ort, ohne Heiter⸗ keit und ohne Annehmlichkeit, war der Bankier Richard, was auch durch die häuslichen Streitigkeiten auf Dean⸗ Park aus ihm geworden ſein mochte, wieder er ſelbſt, der Napoleon der Rechnungs⸗Tiſche, der Talleyrand der ihn bewundernden Geldmäkler und verſtörten Kaſſiere. Es iſt merkwürdig: der Bankier war auſſerwärts gar nicht gerne geſehen; dagegen in ſeinem eigenen Geſchäftshauſe war er beliebt. Seine Schreiber waren entweder in ſeinem Hauſe grau geworden, oder waren Söhne von Schreibern, welche in ſeinem Hauſe grau geworden waren. Dieſen galt der Bankier als Halb⸗ gott, theils deßwegen, weil in einer Region, wo Geld. 238 das einzige Nöthige, eine ſtarke Geldkiſte als Bundes⸗ lade, die Multiplikations⸗Tafel, als Geſetzes⸗Tafel galt, der Mann, der Geld hatte, ja beides, ſowohl Eigenthum, als deſſen Schatten, Credit beſaß, ein Prophet, ja mehr als ein Prophet war, theils galt er ihnen auch deßwe⸗ gen als Halbgott, weil er ſein ganzes Dienſtperſonal auf ſchöne, edle Weiſe behandelte. as den erſten Grund betrifft, warum er in dieſem Maße geachtet wurde, ſo war er ein Sultan ohne einen Veſier; der Ausdruck„ich bin der Staat“ war ſein bourboniſcher Regierungsgrundſatz. Keinen Schreiber, mochte er auch ſo viel Vertrauen als möglich genieſſen, ließ er in Hauptſachen ſchalten, und das Bankierhaus war die einzige Republik in Europa, welche kleiner, als die von Sain⸗Marino war, aber keine gab es, welche Krankheit eines Kindes, dem Tode eines Verwandten, der Verlegenheit in irgend einer häuslichen Angelegenheit geſchehen. Eine ſolche Verlegenheit war den Ohren des Hauptes von der Firma unvermerkt zu Ohren gekommen, wie wenn ein Vogel ſie durch die Luft daher getragen hätte. Ja! die Leute, welche gegenwärtig im Dienſte Wege der Tugend wieder zurückgeführt, auch ihm die Mittel an die Hand gegeben wurden, um die Schmach, welche er auf ſich geladen hatte, durch Geld wieder zu —— 239 tilgen, ſo weit nämlich dieſe durch ein ſolches Mittel getilgt werden konnte. Dieß waren Akte großer Gnade oder Beweiſe großer Weltklugheit, und glichen den Beſuchen Napoleons bei ſeinen Soldaten, wenn ſie verwundet waren, oder den Beſuchen Ludwig Philipps in einem Cholera⸗Spitale. Auf alle Fälle wurden die ſo gnädig verpflichteten Schreiber die treuen Freige⸗ laſſenen des Londoner Cäſar. Jeden Tag, wenn Hamlyn in ſlotter ſchwarzer Tracht durch die Zimmer ſeines Wechſelshauſes ging, mit einer Stirne, ſo heiter, als die von Canning und einem Lächeln, ſo ſchmeichleriſch als dem von Peel, und ſich gerade in das Gedränge der City miſchen wollte, wo der Reichthum ganz beſcheiden ſeine Straße geht und ein armſeliger Burſche, den man an der Ecke des Kornhauſes treffen kann, in der innern Taſche ſeines gut zugeknöpften, aber ſchlechten Ueberrockes vielleicht fechigtauſend Pfund in Banknoten mit ſich führt, pflegten die Schreiber, welche zunächſt am Fenſter ſaßen, durch die Jalouſieläden hindurch mit Blicken voll Enthuſiasmus ihrem Herrn nachzuſehen, und die Dinge zu betrachten, die geſchehen, wenn ihr Herr in die Straße trat. Alle achtungswerthen begüterten Leute lupften voll Hochachtung den Hut vor ihm. Der Kehrer an der Straßenecke unterließ auf einmal ſein Geſchrei; denn er war gewiß, von dem„guten“ Herrn Hamlyn eine freiwillige Gabe zu erhalten. Obwohl das Haupt der Firma„Hamlyn und Com⸗ pagnie“ ſich ängſtlich hütete, die Auszeichnungen ſeines Reichthums vor den Augen ſeiner Leute zu irgend einer Zeit prahleriſch zu zeigen, obwohl er beſtändig in dem⸗ ſelben armſeligen Cabriolete fuhr, welches ihn ſeit Jahren tagtäglich von Cavendiſh⸗Square nach der Bom⸗ bardſtraße brachte, und zwar ſo pünktlich brachte, daß wäre Hamlyn und ſein Kutſcher ausgeblieben, die alten Braunen ohne Zweifel durch die Steinkohlwagen und Omnibus auf der Strandbrücke das Gefährt ganz ſicher ⸗ geführt, und, ihrer Gewohnheit gemäß, präcis eilf Minuten nach zwei Uhr vor der Thüre des Büreau gehalten hätten. Die Leute des Bankiers wußten den⸗ noch zu ihrer Freude, daß eine prächtige Chaiſe ihren geachteten Prinzipal um halb ſieben Uhr zu einem Sprecher im Parlamentshauſe oder zum Erzbiſchof von Canterbury, oder zu einem ihm verpflichteten reichen Landbaronet in der Curzonſtraße oder in Eaton⸗Square führen würde, weil er bei irgend einem dieſer Herrn zu Tiſch einge⸗ laden war. Die Leute des Bankiers genoſſen die ſichern Freuden, welche ihnen ihre Beſoldung verſchaffte, und waren ſtolz im Gedanken, daß Herzoge die Gäſte und Geheimenräthe die Tiſchgenoſſen ihres Herrn ſeien; und am nächſten Morgen, baldete ein Streit darüber, wer wohl das letztemal Herrn Hamlyn zu Tiſche geladen habe, eine der erſten Stellen in den Spalten der Tags⸗ Zeitungen, und die den Garküchen in der Nähe gehörigen Zeitungen„Times und Herald“ nahmen als Zuſatz eine Färbung von Daumenſchmiere an, welche die Hände der Schreiber Hamlyns und Compagnie zurückließen, die ſolche Blätter genau und widerholt durchlaſen. „Nach der Anſtrengung einer Beredtſamkeit, welche bei der Kammer der Staatsſchatzſcheine Lob geerndtet, und den Bänken der Oppoſition Seufzer ausgepreßt hatte, war es den Leuten des Bankier in der That wohlthuend, wenn ſie ihren großen Mann ruhig und geſprächig, wie gewöhnlich, fanden. Sogar der Schreiber, deſſen Geſchäft es war, den Namen„Hamlyn und Com⸗ pagnie“ in Subſeriptionsliſten einzuſchreiben, welche bei den Kaufleuten und Bankiere der Hauptſtadt circulierten, übrigens nicht den Zweck hatten, irgend einem berühmten Menſchenſchlächter eine Statue errichten zu laſſen, oder ein Spital für Kranke und Leute zu ſchaffen, welche durch jenes Schlächters blutige Hand verſtümmelt worden waren, konnte ſich kaum enthalten, die Buchſtaben„Co,“ (welche Compagnie bedeuten) mit zierlicher Schrift u ſchreiben, indeß dieſe Compagnie für den Augenblick 241 blos durch den eigenſinnigen Henry und einen kränklichen ganz jungen Sohn von Bernhard Hamlyn, der zu Harrow auferzogen wurde, repräſentirt war. In ſeinem düſtern, kleinen, ſpärlich erhellten, hintern Gewölbe oder Sprechzimmer, dem Berathungszimmer ſeiner Finanzwiſſenſchaft, dem Bondoir ſeiner Geſchäftig⸗ keit in Geldſachen,— konnte ſich Richard Hamlyn um⸗ geben von ſeinen eiſernen Kiſten, und ſeinen Kaſten für ſchriftliche Sachen, wie ein Alchymiſt oder Todten⸗ beſchwörer der alten Zeit abſchlieſſen; voll Seligkeit, daß er in ſeiner düſtern Abgeſchiedenheit in Schaffung des magiſchen Goldes, nach welchem die Schmelztiegel des Munzmeiſters eine ſo heiße Sehnſucht haben, vollkommen glücklich war. Blos im Falle, wenn eine große Noth eintrat, wenn ein Anſuchen von ungewöhnlicher Größe geſtellt wurde, oder irgend ein mächtiger Kunde, welchen man ſo gut zu beachten hatte, wie Geld, das man als Depoſitum annehmen durfte, hielt es der Oberſchreiber für gerathſam, an die Pforten ſeines Sanktum zu klopfen, und dort bemerklich zu machen, daß ſich Herr Hamlyn ſelbſt der Sache annehmen ſolle. 1 An dem Tage zum Beiſpiel, an welchem Oberſt Hamilton und Doktor Markham ſo luſtig davon rollten, als vier Roſſe jagen konnten, und durch Northamtonſhire gegen Cambridge zu fuhren, ermächtigten die beſcheidenen Worte eines Mannes, welche alſo lauteten:„kann ich Sie wohl, Sir, auf einen Augenblick ſprechen?“ Spiloby, den kahlköpfigen Oberſchreiber, einen der Hauptklienten des Hauſes, Dr. Grantham, in das Geſchäftszimmer einzuführen. Doktor Grantham war ein ausgezeichneter Arzt, deſſen Praris ihm jährlich zehentauſend Pfund eintrug und ihn in der Meinung der Firma auf die gleiche Stufe mit Boerhaven oder Galen ſetzte. Er wandte ſich an Hamlyn, welcher aufſtund, um ihm voll Freundſchaft die Hand zu drücken, und ſagte: nich ſtöre doch wohl nicht? Mein theurer Herr! ich muß Sie in kurzen Worten auf dem Wege der Freundſchaft Die Bankiersfrau. I. 16 242 um Rath und Auskunft bitten.“ Er fuhr lächelnd fort: „uns Doktors gibt man Schuld, wir geben Leuten, welche uns um ein wenig freundſchaftlichen Rathes er⸗ ſuchen, ſo gar kurzen Beſcheid. Doch will ich bei Ihnen mein Schickſal verſuchen." „Ich bitte, ſetzen Sie ſich doch,“ rief Hamlyn aus, und ſchob ihm eiligſt von zwei ungeſchickten Lehnſeſſeln den beſſern, erträglichern zu. Wie geht es Frau Grantham?“ „Gut! ich danke Ihnen für die Nachfrage, ſie be⸗ findet ſich ſo gut, als die ängſtliche Mutter von zwölf Kindern ſich immer nur befinden kann. Ich bringe Ihnen nicht den Verdienſt von meinen wöchentlichen Doktorsbeſuchen zum Zählen, ſondern ein Stück Geld, das ich gegen ein Pfand ausleihen ſoll, ein Stück Geld, deſſen Beſitz man Einem, der einen ſo ſpärlich erwerbenden Beruf hat, wie ich, ſo auslegen und ver⸗ dächtigen konnte, als ſei es das Handgeld für die geheime Tödtung und Abfertigung eines Biſchofes oder Cabinet⸗ Miniſters. Die ganze Sache, mein theurer Herr! iſt die: die zehentauſend Pfund, auf welche ich anſpiele, waren Alles, was ich durch fleißiges Zuſammenſcharren bis zum Alter von zweiundvierzig Jahren errang. Ich ließ nämlich, bis zu meinem fünfundvierzigſten Jahre all mein Geld, das ich erſparte, auf Zinſen laufen;(damals zahlte man noch fünf Prozent auf der Erde) dann aber kündigte ich es wieder auf, um eine ſehr heilige Sache zu unterſtützen. Mein Bruder, Dick Grantham, hatte Gelegenheit, ſich die Stelle eines Obernotars zu kaufen, aber keine Guinee weit und breit, um die Sache ins Reine zu richten, aufnehmen laſſen, ſein Verſprechen, mich in zehen Jahren bezahlen zu wollen, beſtimmten mich die einzige künftige Verſorgung meiner Kinder in Gefahr zu ſetzen. Ich denke, Sie kennen meinen Bruder Dick nicht? Er iſt der ſchönſte Menſch der je athmet, er hat die Seele eines Königs! Ich hätte ihn nicht wohl bewegen können, das Geld anzunehmen; denn er kannte deſſen Werth für meine Familie. Doch brachte ich durch meine Unterhändler das Geſchäft, ohne daß er Etwas davon wußte, ins Reine, und die Folge war, daß Dick, ſich ſetzen und verheiraten konnte, und anſtatt eines Zungendreſcheriſchen Sachwalters, ein nobler Mann, und der glücklichſte Menſch auf Erden wurde, und in der letzten Woche, ein Jahr vor dem feſtgeſetzten Termin wurden meine zehen⸗ tauſend Pfund zurückbezahlt, und meinen Geſchäfts⸗ männern übergeben. Nun rathen mir dieſe, ein Gut als Lehen und Pfand gegen die zehentauſend Pfund anzunehmen, und haben auch das Gut eines irländiſchen Grafen, welcher ſechs Procente bezahlen würde, aus⸗ findig gemacht. Aber ich will Nichts mit Verpfändungen zu ſchaffen haben, am allerwenigſten, wenn Güter von irländiſchen Grafen als Pfand geboten werden, und ſo bin ich gekommen, um mir Ihren Rath auszubitten.“ Während dieſer Rede konnte ein gewöhnlicher Beob⸗ achter an Richard Hamlyn gar Nichts ſehen, als den aufmerkſamen ſorgſamen Bankier, der nur wünſchte, ſein Schützling ſollte ſich weniger in Familieneinzelnheiten ergehen(denn wie der arme Richard ſagt, iſt Zeit gleich⸗ falls Geld), und der vorbereitet war, gleich darauf ſeine ernſte und uneigennützige Erklärung zu geben. Doch ein ſchärfer blickendes Auge hätte in den Winkeln ſeiner tief liegenden Augen die wechſelnden Zeichen von Sieges⸗ freude, Raubluſt und Mißtrauen entdecken können. Es war klar, der Bankier konnte es nicht hören, wenn davon die Rede war, daß einem andern Geſchäftsmanne, als einem Bankier, Geld übergeben wurde, er war ſo ungehalten darüber, als Grantham es geworden wäre, hätte Hamlyn davon geſprochen, man müſſe die Aerzte Keat und Brodie wegen eines Kindes um Rath fragen, das am Scharlachſieber darnieder liege. Doktor Grantham, welcher das Stillſchweigen und das Zögern des Bankier einem Mangel an Theilnahme zuſchrieb, fuhr fort: Ich wage zu ſagen, Sie mit Ihren Börſegedanken, welche es mit Millionen, mit dem Reich⸗ thum eines Rothſchild zu thun haben, Sie werden alſo denken:„die Verfügung über eine ſolche Kleinigkeit, wie dieſe zehentauſend Pfund ſind, ſollen meine Nachtruhe nicht ſtören, ſollen mir den Appetit für meinen Ham⸗ melsbraten nicht nehmen. Aber laſſen Sie mich Ihnen ſagen, mein theurer Hamlyn! wir armen Burſche, welche unſere Guineen nur Stück für Stück aufleſen können, wie Tauben es mit den Erbſen machen, anſtatt, wie Sie, durch einen glücklichen Ruck auf den Geldmärkten oder durch die Nachricht eines Aufſtandes in Bar⸗ celona Tauſende zu gewinnen, wir armen Burſche müſſen ſcharf nach unſeren Pfenningen ſehen. Ich habe aller⸗ dings eine gute Einnahme, aber dieſes und ich können Morgen mit Einander in das Grab ſinken, denn uns Doktors geht es, wie den meiſten Geſchäftsleuten, wir mühen uns eine halbe Ewigkeit ab, und arbeiten für Nichts und wieder Nichts; wir haben beinahe unſere Laufbahn vollendet, wenn uns ein bischen Vermögen in die Hände fällt. Die Beamten der Lebensverſiche⸗ rungsbank verſuchen es, mich glauben zu machen, ich ſeie ein alter, abgelebter Burſche, wenn ich auch noch munter ausſehe, und es ſpringe ihnen in die Augen, ich werde einen Schlagfluß bekommen, und nicht, wie ich drohe, ſo lange als Methuſala leben. Kurz mein theurer Herr! ich bin nicht ſo wohl auf, daß nicht dieſe zehntauſend Pfund den Gegenſtand einer Lebensfrage für meine Kinder bilden. Welchen Rath geben Sie mir? ſoll ich mich an Staatsſcheine, an oſtindiſche Obligationen, an Eiſenbahnaktien halten? an was ſoll ich mich halten?“ 3 „Wenn Sie mir Erlaubniß dazu geben, ſo will ich es überdenken,“ entgegnete der Bankier, und brachte ſeine Stirne, welche ſich gerade in tiefes Sinnen ver⸗ ſenken wollte, wieder in die gewöhnliche Lage.„Dieſe Art von Geldausleihungen,“ fuhr er fort,„hängt natür⸗ lich größtentheils von der pekuniären Stellung der bei⸗ den Theile ab, ſowohl der Leute, welche ihr Geld aus⸗ leihen, als derer, welchen es geliehen wird. Es fragt ſich dabei, ob man immerfort einen kleinen Zins will, oder ob man gerne zuwartet, bis man erſt am Ende einen ſichern Gewinn von höherem Betrage erhält. Man machte mir neulich den Vorſchlag, ich ſolle auf eigene Fauſt hin an einem der gewinnreichſten Geſchäfte auf der City Theil nehmen. Meine Verantwortlichkeit als Bankier verwehrte mir übrigens, mich in eine Spekula⸗ tion zu verwickeln, welche möglicherweiſe dem Intereſſe der Firma zu nahe treten konnte, und ich war nicht im Stande, den Vorſchlag anzunehmen, in Betreff deſſen ich für den Augenblick zum Geheimhalten verpflichtet bin. Aber ich will die Partien um Rath fragen, und ſollten dieſe mir die Vollmacht geben, einem Freunde, der alsdann Sie ſind, das Geſchäft mit den gleichen Bedingungen zu übergeben, ſo düurfen Sie überzeugt ſein, mein theurer Grantham! wenige Dinge auf dieſer Welt würden mir ein reineres Vergnügen machen, als alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um einem Mann, wie Sie, den ich ſo ausnehmend ſchätze und hochachte, ein ſolch hohes Glück zu verſchaffen. Das Anlehen würde für zwei Ihrer Söhne eine nachherige Verſorgung ſichern, und zwar durch den Antheil an— jedoch, ich darf wohl nicht mehr ſagen. Davon übrigens ſeien Sie verſichert, ich werde auf Ihr Intereſſe ſo ſorgfältig be⸗ dacht ſein, wie auf mein eigenes. Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu ſagen, daß ich Familienvater bin, und mich neſt in die Lage eines Familienvaters hinein verſetzen ann. Der Doktor war ſelten gewohnt, Jemand die Hand zu reichen, ausgenommen, wenn es ſich darum handelte, einem Kranken den Puls zu fühlen, oder das Geld für einen Beſuch einzunehmen; nun aber reichte er ſeine Hand dem Bankier und rief aus:„Mein theurer Ham⸗ lyn! wie ſoll ich Ihnen dafür danken, daß Sie ſo bereit⸗ willig auf meine Wünſche eingehen?“ „Nichts Weiteres uͤber die Sache! Warten Sie, bis es mir möglich geworden iſt, meine Verſprechungen zu erfüllen,“ erwiederte der Bankier.„Unterdeſſen wür⸗ den Sie am Beſten daran thun, wenn Sie das Geld bei uns laſſen würden. Wenn es Ihnen gut dünkt, ſo können Sie Staatsſchatzſcheine dafür erhalten.“ „Es iſt kaum der Mühe werth; mein Geld wird ja doch, wie Sie ſagen, in Kurzem auf längere Zeit an⸗ derswo, als an Sie, ausgeliehen,“ erwiederte der Doktor, und zog aus ſeinem Taſchenbuch zehn ſchöne Banknoten, jede zu tauſend Pfunden, heraus, welche er auf den von ſeinen Geſchäftsmännern ausgeſtellten Wechſel hin bei Coutts in Linkols⸗Inn erhalten hatte. „Ich will Ihnen alſo eine einfache Quittung dafür geben, und Sie um die Gunſt erſuchen, am Samſtag bei mir einzuſprechen,“ ſagte Hamlyn, und nahm von dem vor ihm ſtehenden Pulte eines von mehreren bereits dazu eingerichteten Blättern Papier, welches er mit einer Quittung von zehntauſend Pfunden überſchrieb, die er im Namen Hamlyns und ſeiner Compagnie unter⸗ zeichnete. „Tauſend Dank!“ rief der Doktor aus. Er benahm ch ſo dankbar, wie wenn der Bankier ihm einen Dienſt erwieſen hätte, während er doch durch ſein An⸗ lehen dem Bankier einen erwies. Er fuhr fort:„alſo am Samſtag!“ nahm ſein Taſchenbuch aus der Taſche und ſchrieb neben ſeinen Doktorsbeſuchen das Datum ein: zum drei Uhr, am Samſtag.“ Man konnte nicht umhin, man mußte Grantham die Ehre des Hauſes anthun; und wirklich, nachdem Hamlyn geſagt hatte:„laſſen Sie mich doch ſehen, ob Ihr Wagen auf Sie wartet,“ ließ er ganz regelrecht auf das Wort die That folgen. Trotz dem, daß ſein Beſuch ſich wehrte, begleitete er ihn durch die Rechnungs⸗ Zimmer bis vor die Thüre. Mehr als Einer von den Schreibern ſchielte von ſeiner geſchäftigen Dintenarbeit auf, um nach dem fremden Clienten zu ſehen, welcher durch die perſönliche Begleitung des Hausoberhauptes b 247 geehrt wurde. Ein Weib mit einem armſeligen Shawl, der über ihren noch armſeligern Rock zuſammengeknüpft war, und ein Laſtträger mit einer Binde um den Kopf, welche beide im Hintergrunde durch ſtieres Dareinſchauen ihre Langeweile vertrieben und geringe Wechſel in den Händen hatten, welche ſie verſilbern wollten(ihre andern beſſern hatten ſie ſchon früher verfilbert), ſtellten ſich nun neben den beiden ſtolzen, anſtändigen, gut genähr⸗ ten Herrn auf, und zwar ſo voll Hochachtung, als ob die Majeſtät ſelbſt gegenwärtig wäre. „Sie ſind Herr Hamlyn, denke ich. Möge es Ihnen gefällig ſein, einige Minuten mit mir zu ſpre⸗ chen,“ ſagte eine anſtändig gekleidete Frau in ſchwarzer Tracht, welche dem Bankier den Weg abſchnitt, als er nach ſeinem Abſchiede vom Doktor durch die Rechnungs⸗ Zimmer in ſein Privatzimmer zurückkehren wollte. „Madame! mein Schreiber wird augenblicklich mit Ihnen ſprechen.— Hier, Spilsby,“ rief Herr Hamlyn aus, und winkte dem kahlköpfigen Schreiber über den Tiſch hinüber. Spilsby half dem Kaſſier gerade in der Realiſirung der Wechſel. Hamlyn dagegen ſuchte, wäh⸗ rend dem er mit der Frau ſprach, ſich von ihrer ihn haltenden Hand loszumachen und ſich in ſein Allerhei⸗ ligſtes zu flüchten. „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr, ich möchte lieber mit einem von den Theilhabern der Firma ſprechen,“ ſagte entſchieden die Frau. Die Hartnäckigkeit, welche ſie in ihren Bitten bewies, nahm dem erfahrenen Bankier die Laſt der Bedenklichkeit hinweg, welche ihm bei dem erſten Anblick ihr Traueranzug und ihr hageres Geſicht gemacht hatte. Er nahm Antheil an den Schmerzen einer Wittwe, welche eine reichliche Familie von Wai⸗ ſen hatte, die in den längſten Kapiteln der Zeitungen der gütigen Sorge von Leuten empfohlen werden, welche der Himmel mit Ueberfluß geſegnet hat. Er ſagte:„Seien Sie ſo gütig, und gehen Sie mit mir.“ Sein Geſicht verlor den augenblicklichen 248 Krampf, der es befallen hatte. Er entließ Spilsby durch einen Wink und öffnete die Thüre der blauen Kammer, zu welcher ſeine Gefährtin beinahe mit der gleichen Ehrfurcht, wie in ein königliches Cabinet, eintrat. Sie ſagte:„Sie erinnern mich nun, Sir, an das, was ich zu ſagen wage. Ich heiße Hanne Darley.“ Sie zögerte, den angebotenen Stuhl zu nehmen, ſpielte mit ihrem Mantel, wie wenn ihre Hände verſuchten, ihr durch dieſes Spiel Muth zu machen, und fuhr, als ſie ſah, daß der Bankier mit ſeinem ehernen Geſichte kein Zeichen, daß er ſie wieder kenne, von ſich gab, folgen⸗ dermaßen fort:„Ich bin die Wittwe von John Darley, welcher den Citronen⸗Hof im Beſitz hatte, von John Darley, welcher mit Ihnen Geldgeſchäfte machte, und mit dem guten Manne vor Ihnen, welcher Ihr Vater war.“ 4 Richard Hamlyn nickte voll Dank, wie die Wittwe erwartet hatte. Er hatte ſchon längſt bemerkt, daß Leute, wie Hanne Darley, wenn ſie einmal hundert Pfund in die Hände eines Bankiers niedergelegt haben, ſich eben deßwegen für die hauptſächlichen Stützen und Säulen einer Bankiersfirma halten. „Ich bin ſicher, Sie hätten ſich der Sache erinnert, wenn Sie ſich's hätten angelegen ſein laſſen, ſich der Sache zu erinnern,“ fuhr die Wittwe mit wachſender Zutraulichkeit fort.„Sie vergaßen wohl die vierhundert Pfunde nicht, welche Sie mir auszahlten, als ich meinem Sohne Thomas ein eigenes Geſchäaͤft auf ſeiner Profeſſion zu verſchaffen wußte." Höftch ederum nickte der Bankier, jedoch weniger öflich. „Dieſes war der Grund, daß ich Sie beſonders zu ſprechen wünſchte, anſtatt Geſchäfte von ſolcher Wich⸗ tigkeit den jungen Leuten zu überlaſſen, welche ich da draußen ſprach. Wie Sie ſich erinnern, wurde ich nach John Darleys Tode ſeine Erbin, und hatte, ich muß es 2249 mit Schmerzen ſagen, manche Schuld und zwar oft von böſen Schuldnern einzufordern, und noch dazu die Ge⸗ ſchäfte auf unſerem Gute zu beſorgen.“ Hamlyn unterbrach ſie mit den Worten:„Ich glaube, Madame, mein Schreiber, Herr Shilsby, hat Ihre Angelegenheiten zum Gegenſtande ſeiner beſondern Sorg⸗ falt gemacht, und er iſt deßhalb vielleicht beſſer dazu geeignet—“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir,“ entgegnete die Wittwe. Auf's Neue fing ſie an, mit ihrem Mantel zu ſpielen, um ein ungenirtes Weſen zu gewinnen. „Ich glaube nicht, daß er die Sache vollkommen ſtudirt hat. Denn als ich ihm die vierhundert Pfunde geben wollte, um ſie wieder aufzukündigen—“ „Um ſie wieder auszulehnen,“ verbeſſerte der Ban⸗ kier leiſe. „Gab er mir einen Empfangſchein, wie wenn ich 7 eine Schuld bezahlt hätte, während doch, wie Sie, Sir, wiſſen, weder John Darley noch ich jemals der Firma Hamlyn Etwas ſchuldig war,“ fuhr die Wittwe mit der Miene gekränkten Ehrgefühles fort. „Um die Sache kurz zu faſſen, Sie wünſchen alſo, wir ſollen Ihnen Ihre vierhundert Pfund in Wechſel umſetzen?“ fragte Hamlyn, der nun auf den rechten Punkt der Sache kam.„Dieſe Wechſel ſollen alsdann, denke ich, auf den Namen der Wittwe Hanne Darley lauten?“ „Ja, Sir, auf den Namen der Wittwe Hanne Darley vom Citronenhof ſollen ſie lauten. Denn, Sir, ich bin immer noch Beſitzerin des Gutes. Nachdem der arme John Darley aus der Welt war, ſo war ich wieder—“. „Sie haben wohl, Madame, das in Frage ſtehende Geld mitgebracht?“ fragte der Bankier entſchieden. „Ja, ich habe das Geld gebracht und die Empfang⸗ ſcheine für die letzten Summen, welche John Darley der Staatsbank aufkündigte—“ 250 „An ſie auslieh,“ verbeſſerte der Bankier wieder. „Ich nahm die Scheine mit, um Ihnen zu zeigen, wie mein ganzes Vermögen angelegt iſt, damit man Alles an Einem Orte anlegen kann. Es macht mir, Sir, viele Mühe, die wunderlichen Wege der Staats⸗ Bank zu durchlaufen, wenn ich meinen halbjährigen Antheil hole; einem Weib, welches für ſich lebt, geht es in gewiſſen Fällen wie ihren Kapitalien, und da ich nicht im Stande bin, für jede Kleinigkeit einen Advo⸗ katen zu gebrauchen, ſo—“ „Wenn es Ihnen recht und angenehm iſt, Madame, ſo können wir Sie ohne Mühe aus der Verlegenheit reißen,“ entgegnete der Bankier ernſt.„Ihre Dividende kann von der Staatsbank her mit denen unſeres Hauſes angenommen und entweder auf Ihre Rechnung weiter angelegt, oder Ihnen wieder zurückbezahlt werden,— wie es Ihnen am liebſten iſt.“ Das angeſtrengte Drillen des Mantels hörte bei der Wittwe auf, an ſeine Stelle trat eine Reihe dan⸗ kender Complimente. Sodann erwiederte ſie:„Ich weiß ganz gewiß, Herr Hamlyn, Sie ſind ein ſehr gütiger und einſichtsvoller Mann, und ich ſtatte Ihnen meinen herzlichſten Dank für Ihre Bemühung ab. John Darley, der arme Burſche, pflegte beſtändig zu ſagen, Ihre Bank ſei ſo ſicher, als die vom Konigreiche England. Und Gott weiß es! ſte geht um ein gutes Theil höflicher mit den Leuten um; denn dort fährt man Einen an, als ob man die Börſe plündern wollte, wenn man bloß nach ſeinem Eigenthume fragt.“ „Wenn Sie mir dieſe Papiere anvertrauen wollen, Madame, ſo will ich dafür ſorgen, daß ein Anwalt ſich Ihrer annimmt, und ſich hiezu durch die Unterzeichnung ſeines Namens verbindlich macht,“ ſagte Hamlyn mit der gewinnendſten Güte. „Ich ſtatte Ihnen meinen herzlichſten Dank ab, Sir. Ich weiß ganz gewiß, als ich zu Ihnen kam, um die vierhundert Pfund wieder loszukaufen,(es war — — 251 zu der Zeit, als ich meinem Thomas ein Geſchäft als Seifenſteder verſchaffte, ein Geſchäft, welches für ihn ſehr ergiebig geworden iſt), dachte ich nicht daran, ich werde, wie man ſagt, mein Geld wieder aus dem Feuer herausziehen können. Doch, bei Gott! ich that an mei⸗ nem Thomas, als dem Erben von John Darley, meine „Vierhundert Pfund!“ ſagte Herr Hamlyn in heller, Geſchäftsleuten eigener Stimme, nachdem er die ihm vorgelegten achtzehn ſchmierigen Fünfpfundnoten gezählt hatte, welche ſowohl dem Geruche, als dem Betaſten nach Zeugniß davon ablegten, daß ſie durch die Hände Eine Stunde nachher ſpielte die Scene bei einem großen Glaſe Waſſer und Branntwein, in einem finſtern, kleinen Schenkzimmer ihrer Nachbarin und Freundin, der Miſtreß Snaggs, der Wittwe eines Kornhändlers vom Citronenhofe, ein Schenkzimmer, welches genannte Wittwe ihr hinteres Geſellſchaftszimmer nannte. Die Wittwe Darley erzählte das, was ihr beim Bankier vaterloſen Waiſen einen Dienſt zu erweiſen. Und ſo ſehen Sie, Miſtreß Snaggs, es iſt mir nun die Mühe erſpart, mich weimal im Jahre herauszuputzen, wie wäre.“ 2⁵² „Und ein gut Stück Geld werden Sie für Hamlyns Dienſte bezahlt haben?“ rief Miſtreß Snaggs aus. Zu gleicher Zeit hielt ſie durch die Glasthüre ein wachſames Auge auf ihr Magazin draußen. Den braunen Fenſter⸗ vorhang heftete ſie ſorgfältig ſeitwärts an, um deſto beſſer auf ihre mit Erbſen und Bohnen angefüllten Kaſten und mächtigen Säcke Korns Acht geben zu können. „O gewiß nicht! Ja, Frau Snaggs! laſſen Sie nur mich ganz allein machen, mich ganz allein für mein Glück bedacht ſein! Ich denke, freundliche Worte machen die Paſtinacken nicht fett; deßhalb fragte ich expreß, was meine Schuldigkeit ſei. Und was denken Sie, daß ſeine Antwort war? Es ſeie Pflicht und Schuldigkeit von Seiten der Firma, ſich der Wittwe eines alten, achtungs⸗ werthen Kunden, wie John Darley, verbindlich zu machen. Ich ſchwöre bei der Gottheit: für das himmliſche Lächeln, mit welchem er ſeine Achtung gegen meinen armen, theuren, guten Mann ausdrückt, welcher nun todt und von der Erde hinweggenommen iſt, hätte ich in dieſem Augen⸗ blicke die theuren Füße Herrn Hamlyns küſſen mögen.“ Vor Rührung oder durch Vermittlung des Glaſes rothen, mit Waſſer vermiſchten Branntweines, welches Frau Darley nach und nach geleert hatte, ſegnete ſie mit Thränen das Andenken an John Darley vom Citronen⸗ Hofe und die Wichtigkeit des Bankiers Hamlyn. Eilftes Kapitel. „Mein Weib und meine? O hätt' ich nie das Stud frün dum An dem Tage, welchen Oberſt Hamilton für ſeine Ausfahrt nach Cambridge beſtimmt hatte, machten ſich die Reiſenden mehr mit dem Feuer fünfzehnjähriger V 25³ Knaben, als mit der Langſamkeit eines dreiundſechzigers auf den Weg. Sie waren Leute, welche, wie Doktor Johnſon, eine Freude daran hatten, in einer leichten Chaiſe auf einer guten Straße eine tüchtige Bewegung zu erhalten. Dieſe ihre Freude erhöhte ſich, als ſie ſich an einem praſſelnden Feuer, unter dem Schellen von den Glocken des Hauſes, den Zänkereien der Kellner, dem Raſſeln der bei der Nacht ankommenden Reiſewagen, und dem Dampfe von Glühwein aus Portwein und ſtarkem Punſche, in einem ausgezeichneten Wirthshauſe, des Abends durch eifriges Plaudern die Zeit vertrieben. Namentlich für den Herrn Paſtor wurde dieſe Tour zu einer Luſtpartie. Der gute Herr hatte in einem halben Dutzend von Jahren ſein beſcheidenes Haus kein halb Dutzend Mal verlaſſen. Zwar hatte ihn ſein gewichtiges Amt und noch mehr der Umſtand, daß er in früheren Jahren Hofmeiſter eines Studenten auf der Univerſität geweſen war, etwas ernſt und abgemeſſen in ſeinem Be⸗ nehmen gemacht, aber von Natur hatte er beinahe einen ſo genialen Humor, als der alte Oberſt. Durch manche heitere Anekdoten, welche der Oberſt über das Leben eines Offiziers in Oſtindien, und welche der Herr Paſtor über das Leben eines unterwürſigen Paria in England zu erzählen wußte, wurde der Aufent⸗ halt im beſten Zimmer des beſten Gaſthofes in der guten Stadt Northampton erheitert, wo ſie die Nacht über an⸗ hielten. Doktor Markham, nachdem er ſich zur Ruhe begeben hatte, ſchämte ſich beinahe an dem Gedanken, daß er in ganz anderer Gemüthsverfaſſung nach Cam⸗ bridge zurückkehren müſſe, als die war, in welcher er daſſelbe neun Jahre vorher mit ſeiner Braut verlaſſen hatte, um ſein Amt als Lehrer anzutreten. Der würdige Mann ſah demnach nicht ein, daß er durchaus kein ſchlechterer Chriſt ſei, wenn er auch weniger jugendlich und eingebildet war, als zur Zeit ſeiner Studentenjahre. Morgens ſtunden ſie frühe auf. Sie wollten eine Stunde vor dem Frühſtück in Cambridge ſein. Oberſt Hamilton wollte ſeinen jungen Freund in ihren Gaſthof zum Frühſtück holen laſſen. „Ein ſonderbarer Gedanke iſt es von dieſem jungen Hamlyn,“ ſagte der Oberſt, nachdem er ſich nach Be⸗ quemlichkeit in eine Ecke ſeines leichten Reiſewagens geſetzt hatte.„Ja es iſt ein wunderlicher Gedanke von ihm, daß er ſeine letzte Vacanz auf einem Streifzuge nach Italien zugebracht hat, und die wirkliche in Cam⸗ bridge zubringt, während er eine Heimat hat, wie Dean⸗ Park, welche ihn mit offenen Armen aufnehmen würde.“ „Er arbeitet ungemein für ſein Eramen,“ erwiederte der Doktor. Er ließ ſich gar Nichts merken, daß er von Familienangelegenheiten der Hamlyns Etwas wiſſe. Die Wohlthaten, welche Hamlyn ſeiner Pfarrei erwieſen hatte, ließen dieſen vor dem Herrn Paſtor im Lichte eines hohen Beſchützers erſcheinen. Er fuhr fort:„Henry wird es für nöthig erachten, die Verſäumniſſe nachzuholen, welche ſeine Luſtpartie während dieſes Sommers gemacht hat.“ „Aber könnte er bei ſeinen Talenten nicht ſicher ſein, ganz gut durch das Eramen zu kommen?“ „Wohl, aber er will die hohe Auszeichnung erwer⸗ ben, von der man glaubt, daß es ihm möglich ſei, ſie zu erringen. „Warum beim Teufel ſoll er hohe Auszeichnungen erringen? Zu was braucht er denn ſolche? Er zielt nach keiner Biſchofsmütze, er zielt nach keinem Richter⸗ ſitze im Oberhauſe. Wie ſoll ſeine Mühe ihn zu einem beſſern Bankier machen, wenn er auch jede Nerve an⸗ geſtrengt hat, um Auszeichnungen als Studirender zu erringen?“ 3 „Man iſt weder im öffentlichen noch im Staatsleben übel daran, wenn man als Studirender hohe Kenntniſſe erworben hat,“ entgegnete der Herr Paſtor.„Sehen Sie auf Macauley, ſehen Sie auf Canning, ſehen Sie—“ „Für den Augenblick, mein theurer Doktor! will ich blos auf Henry Hamlyn ſehen,“ unterbrach ihn Oberſt Hamilton,„und es iſt mir ganz ſonnenklar vor den Augen, 2⁵⁵ daß alle Klaſſiker, daß alle metaphiſiſchen Gegenſtände leider Gottes dazu gedient haben, ihm das Rechenbuch Cockers aus dem Kopfe zu ſchlagen. Ich frage Sie, liegt hierin gewöhnlicher Menſchenverſtand darin, daß ein junger Mann fünf oder ſechs der beſten Jahre ſeines Lebens auf die Erlernung zweier Sprachen wendet, welche nirgends auf der ganzen Erde geſprochen werden, deren Werke alle in gutes, vernehmliches Engliſch überſetzt find? Sprachen, ſage ich, welche meiner Anſicht nach ſeit der Zeit, daß man ſie todte Sprache nannte, ſo gut als zu Grabe getragen und aus dem Wege geſchafft worden ſind.“ Der Doktor beſaß einen ſolchen Stolz auf Schul⸗ gelehrſamkeit, daß er ſich nicht einmal ſtellte, als ſei er mit dieſem illiberalen Ausſpruch einverſtanden. Walther Hamlyn hatte ganz ernſthaft erklärt, der Oberſt ſei ein Gothe; der Paſtor fing an, ihn als einen Vandalen zu betrachten. „Ich ſage Ihnen Etwas, Doktor,“ fuhr der alte Oberſt, durch ſein Stillſchweigen unangenehm berührt, in ſeiner Rede fort.„Ich glaube, wenn all' die Zeit, all' der Verſtand, welcher ſeit den letzten fünfhundert Jahren auf das Lateiniſche und Griechiſche verwendet wurden, dem Studium der Wiſſenſchaften zugedacht worden wären, welche in der That und Wahrheit den Fortſchritt der Menſchheit befördern, ſo wären wir um Millionen Meilen dem Monde und tauſend Meilen dem Mittelpunkte der Erde näher. So wohlfeil wäre wohl Alles gewor⸗ den, daß ſogar die Armen, ſelbſt in dieſem bittern Winter, ihre ſechsunddreißig Scheffel Steinkohlen um ſechs Pfen⸗ nige, und die Elle ihrer halbleinenen, halb baumwollenen Zeuge, um zwei Pfennige hätten weggeben können.“ Doktor Markham wagte es, ein oder zwei Worte zu ſprechen, um den Werth moraliſcher Bildung und geiſtiger Aufklärung für die Wohlfahrt des Menſchen⸗ Fſchrchtes zu beweiſen. Der Oberſt unterbrach ihn alſobald. 2⁵6 „Ho! ho! ho! ho! Wenn Ihre Geſetzgeber oder Prediger Plato und Sokrates brauchen, um ihre Geſchäfte zu lernen, was wird alsdann aus dem Chriſtenthum? Die Bibel und die Algebra ſind Palaſt genug für den Verſtand eines Mannes, der einen ſolchen braucht. Was den Umſtand anbelangt, daß klaſſiſches Studium ſo gar vielen Einfluß auf das Glück der Menſchen habe, ſo betrachten Sie mich, Doktor! Zu meiner Zeit ſtund Haileybury noch nicht. Um mich aber für Indien vor⸗ zubereiten, wurde mir von meinem zehnten bis zu meinem fünfzehnten Jahre im Karthäuſer⸗Kloſter das Griechiſche und Lateiniſche eingebläut, und ſeit jener Zeit bis auf den heutigen Tag, habe ich nie wieder einen Klaſſiker aufgeſchlagen. Ein Glück für mich war es: ich hatte Sinn für Mechanik; denn ehe ich noch Hoſen an hatte, fand mich meine Familie bereits damit beſchäftigt, einen rothmützigen Gliedermann zu verfertigen, und merkte mir ſchon an, was ich werden wollte. Ich kam nach Bombey, hatte bereits eine Neigung in meinem Kopfe, welche mich beſtimmte, wie ein Dragoner um meine Unabhängig⸗ keit zu fechten, ſing an, mich tüchtig in die Geſchäfte zu werfen, und ſtudirte ſo lange in meinem Fache auf einer polytechniſchen Hochſchule, bis es mir möglich wurde, beim Ingenieur⸗Corps aufzutreten. Da ich nun einmal im Geſchäfte ſtand, ſo hatte ich das Glück, für den Militärkanal zu Chinderapore, wo ich lebte, einen Kaſten zu erfinden, um die Pfeiler einer Brücke unter dem Waſſer aufzumauern, und dadurch zu großem Anſehen zu gelangen. Mein Glück war gemacht. Ich erhielt eine Anſtellung und dieſe ſchuf Eifer und Feuer in meiner Seele. Und nun ſagen Sie mir, was hätten alle Horaze und Homere in der Welt mir helfen, hätten ſie mir nur eine Feder als Eigenthum verſchaffen können? Dagegen, wenn ich nach Indien als vorzüglicher Mathematiker, als vorzüg⸗ licher Civil⸗Ingenieur gekommen wäre—“ „In Cambridge halten wir übrigens ungemein Viel auf mathematiſche Studien,“ erwiederte der Doktor ſchlau. —— —— 257 „Um übrigens auf die gegenwärtigen Studien des jungen Herrn Hamlyns zuruückzukommen, ſo denke ich: da er von ſeinem Vater weniger mit Geld verſehen wird, als ſein hübſcher älterer Bruder, ſo wird er ſein Univerſitätsleben angenehmer finden, als die Förmlichkeiten von Cavendiſh⸗ Square oder die Abgeſchiedenheit von Dean⸗Park. Sie wiſſen nicht, wie ermuthigend für einen jungen Mann eine ausgezeichnete Stellung auf der Univerſität iſt, nament⸗ lich, wenn er wie Henry im Glücke iſt, ſowohl was ſeine pekuniären Verhältniſſe, als was ſeine geiſtige Begabung anbelangt.“ Nun fing der Doktor auf's Neue an, wie wenn er die Sache niemals zuvor berührt hätte, ein Langes und Breites über das Angenehme der lieben Univerſitätsjahre zu ſprechen, über akademiſche Ehrenbezeugungen, über akademiſche Geſellſchaftlichkeit, über das Bier, den Milch⸗ punſch, die adeligen„Eroberungen“ des Trinitatis Colle⸗ giums von Cambridge. Dieſe Rede hatte den gewohn⸗ lichen Einfluß einer bereits dreimal gegebenen Erzahlung, und das laute Schnarchen Hamiltons in ſeiner Chaiſenecke, das mit den Lauten, welche die Poſtknechte verurſachten, wenn ſie ſich in den Steigbügeln hoben, ein harmoniſches Duett bildete, kündigte ſogleich an, daß er im glücklichen Lande der Träume ſei. Während er ſich voll Entzücken in dieſer luftigen Region der Träume befand, kam über das Antlitz der Erde eine unglückliche Veränderung. Ein rieſelnder Regen fing an, gegen die Fenſter der Chaiſe zu ſchlagen, und die Ausſicht auf die übrigens auch bei heiterem Wetter wenig intereſſante Grafſchaft Hunts zu verwehren. Als ſie in die„hohe Straße“ von Cambridge einfuhren, der Herr Doktor ſeinen Begleiter ſchuttelte und dieſer die Augen rieb, war ohne Frage an der ganzen Scene Nichts, was die Aufregung und Freude, die dem vom„Collegium des heiligen Johannes“ anerkannten und geprüſten Doktor der Theologie in die Augen trat, rechtfertigen konnte. Das kothige Pflaſter und die rinnenden Goſſen einer Die Bankiersfrau. I. 17 2⁵8 düſtern, krummen Straße, in welcher ein Paar ſchlecht gekleidete Studenten im Nebel eines regneriſchen Abends herumſchlenderten, mitten unter ſchlecht erleuchteten Läden, bei denen man mit Mühe aus den dunkeln Fenſtern her⸗ aus ein Licht ſehen konnte, verliehen einem Platze, deſſen ſchöne Alterthümern friſche Luft und heiteres Tageslicht erheiſchen, um den Augen des Fremden ihre imponirende Würde beſſer zu zeigen, durchaus kein gutes Ausſehen. „Beim heiligen Georg! Sie, o Doktor! verdienen als Student gelebt zu haben, und als ſolcher geſtorben zu ſein, wenn Sie dieſe enge dumpfige Stadt mit den offenen Heiden von Dean⸗Park vergleichen,“ rief Oberſt Hamilton aus, als der Wagen dem Gaſthof zum „Ringe“ nahe war, wo die klingelnde Glocke die Hurtig⸗ keit des Wirthes und der Kellner ſtark in Anſpruch nahm, um dem Eigenthümer einer ſo ſchönen Chaiſe die ge⸗ bührende Huldigung aufs ſchnellſte darzubringen. Das Gaſthofperſonal meinte nicht anders, als ein alter, reicher Herr komme, um ſeinen Sohn und Erben in Cambridge imatriculieren zu laſſen, und dem hochgeehrten Hofmeiſter, ſeinem Begleiter, zur Aufſicht zu übergeben. Entweder hatte ſein Schläfchen oder der energiſche Nachmittag ungünſtig auf den Geiſt des Oberſt Hamilton gewirkt, denn er fing an der Schwelle des Gaſthofes an, eine Vergleichung mit dem angenehmen, heitern, herzlichen Gaſthofe des vorigen Tages anzuſtellen, welches gar nicht zum Vortheile deſſen, vor dem ſie ſtanden, ausfiel. 2 Hier fand man keinen halb wie ein Bauer, halb wie ein Wirth ausſehenden Gaſtgeber mit aufrecht ge⸗ kämmtem Haar, blauen Nock und Lederhoſen, wie auf ihrer letzten Station zu Northampton; hier, in Cam⸗ bridge, gab es einen Oberkellner und Unterkellner zu ſehen, welche ſich als die impertinenten Abdrücke der jungen Männer anſtellten, deren Cigarren ſie anzündeten, und denen ſie gebratene Hühner, ſaure Nieren, Biſchof, 259 Cardinal“) gegen ſpäter einzuhändigende Rechnung ab⸗ gaben. Sie borgten gar gerne, damit die Schuldbücher ihres Herrn in Achtung und Anſehen kamen. Die beiden Gäſte wurden in ein heiteres Zimmer eingeführt, wo ſie ſo viele geiſtige Getränke und Taback zu riechen bekamen, daß ſie eher glauben konnten, ſie eien in einem ſchlechten Zimmer für Soldaten, auf dem Marſche, als unter Studirenden der Alma Mater, der erlauchten Univerſität Cambridge, bei denen man billigerweiſe Anſtand erwarten könnte. Der Oberkellner ging dem Oberſt nach und fachte das bereits praſſelnde Feuer noch ſtärker an, ſo daß es heizte, wie der Brenn⸗ ofen einer Gieſſerei. Nach ihm kamen die Untergebenen, welche ſich voll dienſtfertigen Eifers mit Chaiſeſitzen und Kleiderſchachteln abgaben, von denen ſie wußten, daß ſie hurtig in die Schlafzimmer geſchoben werden mußten, ohne Johnſton, der gerade die Poſtknechte be⸗ zahlte, ihre Dazwiſchenkunft verhindern konnte. Während Oberſt Hamilton ſo nahe am Kamin des ſchrecklichen Feuers ſtund, als die glühenden Kohlen es erlaubten, und voll Erwartung war, wann wohl der Abmarſch der ſtörenden Bedienung es vergönnen würde, daß man die Thüre ſchließen, und den Zug der feuchten Abendluft entfernen könnte, erſchien der Wirth. Er hatte ein feurig rothes Geſicht, einen Rock, wie Kobalt, und hielt in ſeiner Hand einen Streifen Papier in der Länge einer halben Elle, welcher wohl jedem, dem er angeboten wurde, außer einem friſchen noch niemals im Hauſe geweſenen Ankömmling, als vermeintliche Rechnung Schrecken eingejagt haben würde. „Iſt es Ihnen gefällig, Sir, eine Mahlzeit zu be⸗ fehlen?“ ſagte er mit einer Artigkeit, welcher er einem Reiſenden, der mit vier Pferden und einem Bedienten von Johnſtons achtbarem Ausſehen angekommen war, zu erweiſen hatte. *) Dieß ſind zwei Arten von Getränken. 260 „Können Sie mir ſagen, wo Herr Hamlyn, der hier ſtudirt, getroffen werden kann?“ fragte der Oberſt dagegen, mit dem Gegenſtand beſchäftigt, welcher ſeine Reiſe veranlaßt hatte. „Nein Sir, das kann ich Ihnen nicht ſagen. Sir, wollen Sie die Güte haben, eine Mahlzeit zu befehlen?“ fuhr der Wirth hartnäckig fort, ebenſo mit dem Gegen⸗ ſtande, dem es von ſeiner Seite galt, beſchäftigt. „Sie werden mich ſehr verbinden, wenn Sie nach⸗ fragen laſſen,“ ſagte Oberſt Hamilton, und nahm das dargebotene Protokoll als den beſten Gewährsmann dafür an, daß er unverzügliche Bedienung erhalten werde. „Johann! laß fragen, in welchem Collegium Herr Studioſus Humbling wohnt,“ ſagte der Gaſtgeber zu ſeinem Oberkellner. Dieſer gab ſeiner Seits einem Jungen des Hauſes oder einem von den Leuten, die ſich immer an ein Wirthshaus anhängen den Auftrag. Na⸗ türlich konnte wegen Verwechslung des Namens der Abgeſandte von Niemand die wahre Auskunft erhalten. Indeſſen riskierte der Held im blauen Rocke ein Paar Bemerkungen gegenüber von dem vermeintlichen Hofmeiſter über das Unangenehme, daß der Nachmittag regneriſch geworden war. Das Auge des Oberſt Hamilton wanderte über den Zettel Papier, den er in der Hand hatte, welcher ſo ausgezeichnet ſchön geſchrieben war, daß er dem Univerſitätsaktuar Ehre gemacht haben würde, und auſſer Gerüchten von tauſenderlei Arten, wie es im Zettel hieß, alle die Suppen, welche in Frau Rundells Hauskoch⸗ buche verzeichnet ſind, alle die Seefiſche und alles Ge⸗ flügel der Welt enthielt. Der Oberſt kannte die gewöhnlichen Schliche der Wirthe nicht gut genug, um zu vermuthen, daß anſtatt der Goldbutte, welche er beſtellt hatte, wohl ein ganz anderer ſchlechterer Fiſch auf die Tafel kommen, und ſtatt der verſprochenen Kraftbrühe aus gekochtem guten Fleiſche eine wäſſerige Brühe, auf deren Boden eine ganze Sandbank von ſchwarzem Pfeffer ſei, erſcheinen 261 werde. In Erwartung, Henry Hamlyn, werde nächſtens da ſein, ertheilte er den Befehl, man ſolle eine ſo gute Mahlzeit richten, als je der Küchenzettel aus Narren⸗ kappenpapier zu geben verſprach. Durch dieſe Anordnung war er ſo glücklich, ſich einen Mann vom Halſe zu ſchaffen, der wie eines ſeiner Bierfäßer ausſah, namentlich, wenn man daſſelbe in Kleider geſteckt hätte, wie ſte von Kleider⸗ Magazinen herkommen, die ſich in öffentlichen Blättern empfehlen. Der Oberſt wartete nun geduldig auf die Rückkunft des abgeſandten Boten. Nun aber trat ein neuer Uebelſtand ein. Die ge⸗ ſchäftigen Kellner hatten zwar das Gepäck weggeräumt, aber erſchienen nun wieder mit Tiſchgeſtellen, Theebrettern und Platmenagen, ließen die Thüre wieder offen, und fingen an, mit ſo viel Lärmen und Rumor zu decken, und die Servietten auszubreiten, als ſollte eine Mahlzeit für vierzehn Mann gerüſtet werden. Noch immer kam keine Antwort von Hamlyn. Die Kunde, daß man von keinem Herrn Hubling auf der Univerſität Etwas wiſſe, konnte man nicht wohl als einen beſondern Artikel des Speiſezettels, den der Oberſt las, abgeben, man behielt ihn zurück bis zur Aufwar⸗ tung der Suppe, welche der Wirth ſelbſt und mit ihr die gedachte Neuigkeit brachte. Erſt, nachdem der Oberſt zu wiederholten Malen die Glocke gerührt, und ſo manchen Boten abgeſandt hatte, als am Tage einer Parlamentsſitzung von der Downing Straße Botſchaften abgefertigt werden, erhielt er am Ende die deutliche Auskunft, daß Herr Henry Hamlyn, Studierender in Cambridge, wirklich nicht auf der Univerſttät, ſondern einige Tage zuvor dieſe Stadt verlaßen habe, und nach London abgereist ſei. „Sol ſo! ſo!“ rief der Oberſt aus,„dieß iſt die Art und Weiſe, wie dieſe jungen Leute alte Invaliden hinter das Licht führen. Dieſer bewunderungswürdige Crichton, welcher glaubte, er ſeie zu gelehrt, um ein Bankier zu werden, und ſeiner armen in ihn vernarrten Mutter und Schweſter weiß macht, das Studium auf der Univerſität höhle ihm den ganzen Kopf aus, treibt ſich jetzt wohl auf Chain⸗Pier zu Brighton als Tagdieb herum, oder löst die Probleme einer Pantomime am Chriſttage, auf. O Doktor! wir ſind ein hübſches Paar Dummköpfe, daß wir ſo weit her kommen, um einem ſolchen Narren eine Botſchaft zu überbringen.“ „Ich bitte Sie, ſchließen Sie mich, mein theurer Herr! nicht in dieſe Kategorie ein,“ rief Doktor Mark⸗ ham luſtig aus.„Meine Wünſche ſind durch eine an⸗ genehme Reiſe und durch das Wiederſehen eines alten Ortes befriedigt, wolich früher ehe ich der glücklichſte Gatte und die glücklichſte Perſon in England wurde, der zufriedenſte Baccalaureus war. Wenn ich ſodann das angenehme Mahl und das prächtige Glas Wein, das Sie mir auftiſchten, in Betrachtung ziehe, und die Quartiere von ein Paar alter Stubenburſche, welche immer viel auf alte Kameraden halten, mit Sturm nahm, ſo kann ich die Vacanzausfahrt meines jungen Freundes wohl verſchmerzen.“ r. Während des Eſſens tauchte im Geiſte des Oberſt folgender geheime, aber immer wieder kehrende Gedanke auf:„Ich kann den Wunſch nicht unterdrücken,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„ſeine theure gute Mutter hätte ſich ſollen Mühe geben, über das Benehmen des Burſchen beſſere Erkundigung einzuziehen, ehe ſie mich zu dieſem Mezgergange veranlaßt.“ Die Wichtigkeit ſeiner Perſon für die Hamlyns fühlte der Oberſt lebhaft und tief; er wußte wohl, daß er bei der gefährlichen Kriſis mit Henry, zum Beſten der Familie, die er ſo hoch achtete, ſo innig liebte, den Vermittler ſpielen müſſe. Deßhalb war er ſo klug, und geſtand dem Herrn Doktor die Größe ſeines Kummers nicht, aber ganz konnte er demſelben doch nicht ſeine Verſtimmung über das Mißlingen ſeines Planes verhehlen. Doktor Markham hatte bereits im Geheimen den Ent⸗ ſchluß gefaßt, die Univerſitätsviſtten, mit denen er ge⸗ 263 droht hatte, aufzugeben, und den alten Oberſt durch das ihm ſo angenehme und gewöhnliche Tricktackſpiel aufzuheitern. „Doktor! ich will Ihnen Etwas ſagen!“ rief der Oberſt aus, als die Kelluer den Reiſenden durch ihre dienſteifrige Gegenwart nicht mehr läſtig waren:„wenn Sie in Bezug auf die Wahl des Ortes, wo Sie Ihren Urlaub zubringen wollen, nicht gerade kitzlich ſind, ſo möchte ich, Sie um die Güte bitten, Sie möchten mich Morgen in die Stadt begleiten, denn ich habe ungemein ernſtlich im Sinne, mit dieſem jungen Menſchen zu verkehren, ehe ich eine Woche älter bin, und nach einem oder zwei Tagen, welche wir in London zugebracht haben, wollen wir wieder zurück nach Orington und die gute Frau Paſtorin mit der Erzählung unſeres Wage⸗ ſtückes überraſchen, und melden, was wir für liederliche Burſche geweſen ſind.“ „Herzlich gernel herzlich gerne!“ erwiederte Doktor Markham, der augenblicklich merkte, daß die eilige Haſt des alten Oberſt einen tieferen Grund hatte, als er geſtehen wollte und zu geſtehen wagte. Er fuhr fort: „ich bin als treuer Knappe bereit, den Wanderungen meines Ritters zu folgen, doch unter der Bedingung, daß Sie die Kirche des König⸗Collegiums in Augen⸗ ſchein nehmen, und mir erlauben das Gleiche morgen mit meinem alten Logis zu thun, ehe wir wieder in den Reiſewagen ſteigen.“. Natürlich wurde eige ſo vernünftige Bitte mit der größten Freude bewilligt, und früher, als der Ober⸗ kellner es für ſo hohe Herrſchaften, welche mit vier Pferden reisten, irgend wie für paſſend hielt, näherte ſich Markham allein dem ſchlichten Hauſe, in welchem er als Baccalaureus gewohnt hatte. Nachher war er entſchloßen, dem Oberſt die genannte Kirche zu zeigen. Leicht konnte es geſchehen, daß Doktor Markham, wenn er auf dem ehrwürdigen Thorwege zum Collegium des heiligen Johannes ging mit einem alten Freund 264 zuſammentraf, dem er die Hand drücken mußte. Siehe da! als er die Augen gegen die engen Fenſter der alten Zimmer erhob, durch welche er ſechzehn Jahre lang Tag für Tag auf das traurige Schloßviereck geſchaut hatte, drängte ſich ihm der Unterſchied zwiſchen dem öden, freudeloſen Dunkel des Platzes und ſeiner glück⸗ lichen, heitern, unabhängigen Lage zu Haus auf das Lebhafteſte auf. Der Herr Paſtor empfand hierüber in ſeinem Herzen gar mächtige Gefühle der Dankbarkeit gegen Gott. Beinahe war er darüber erfreut, daß er ſicher darauf rechnen konnte, während ſich ihm ſolche Empfindungen aufdrangen, werde er wohl mit irgend Einem ſeiner Univerſitaͤtsfreunde zuſammentreffen. In dieſem Augenblicke lebte durch die magiſche Gewalt der Verbindung, welche die Gedanken unter Einander haben, die Vergangenheit um ihn herum wieder warm und lebensfroh auflebt. Jeder Winkel dieſer alten Gebäulichkeiten hatte irgend ein beſonderes Intereſſe in ſeinen Augen. Keinen Baum in den Gärten der Collegien gab es, welcher nicht bei ihm mit irgend einem Ereigniß aus früheren Jahren verknüpft geweſen wäre. Der Klang der ihm ſo lange Zeit bekannten Glocken rief in ſeiner Seele unwillkührliche Gedanken und halb erloſchene Erinnerungen hervor. Ankläge, welche lange geſchwiegen hatten, wachten in ſeiner Seele auf. Es ſthien, wie wenn er in die Tage zurück verſetzt ſei, in welchen die Erwerbung eines beſcheidenen Haus⸗ weſens das Ziel ſeiner Wüͤnſche und Hoffnungen aus⸗ machte. An der Spitze dieſes Hausweſens ſollte ein gewiſſes holdes Bäschen, Namens Kitty, ſtehen, und ſpäter die Mutter junger Oelzweige an ſeiner Tafel werden.. Herzlich war die Dankbarkeit des guten Herrn Paſtors, als er bedachte, daß ſeine Heimat, ſein Bäschen Kitty und die jungen Oelzweige im wirklich zu Theil geworden ſeien. Und die künftige Verſorgung ſeiner Kinder, ſo gut als die Wohlfahrt von deren Eltern, war nach dem 26⁵ Willen der Vorſehung durch die eifrige Sorge ſeines Freundes, des Bankier Hamlyns, geſichert. Voll inniger Herzlichkeit war das Gemüth des guten Mannes, als er wieder mit Oberſt Hamilton zuſammen⸗ traf. Dieſer hatte ſich durch eine gute Nachtruhe von ſeiner Verſtimmung über die Abweſenheit Henrys wieder erholt, und war ſo enthuſiaſtiſch und bewunderungsluſtig geſtimmt, als der feurigſte Schüler von Cantab immerhin wünſchen konnte. Nachdem er auf die von Roubilliac gefertigte ſchöne Statue Newtons im Vorbeigehen einen Blick geworfen hatte, und alsdann von der Dreifaltigkeits⸗ kirche in das imponirende Viereck eintrat, brach ſeine Begeiſterung in lauten Worten aus. „Beim heiligen Georg! ich fange an, mich der Verkehrtheiten zu ſchämen, welche ich geſtern äußerte!“ rief er aus.„Entweder hat das ernſthafte Ausſehen der würdigen alten Dons, die ich da drüben in ihren Zimmern ſehe, oder die Atmoſphäre, die an dieſem Orte herrſcht, mich bezaubert; ich fühle mich geneigt, meine gegen die Klaſſiker ausgeſprochenen Ketzereien zu widerrufen. An dieſem prächtigen alten Platze, der ſtolz darauf zu ſein ſcheint, daß er an ſo viele große Geiſter erinnern darf, welche ſeit vielen Jahrhunderten ſich dem Studium inner⸗ halb ſeiner Mauern gewidmet haben, muß man den Werth der Gelehrſamkeit nicht herabſetzen wollen. Im abge⸗ ſchmackten, lauten London, unter dem Getriebe der Ge⸗ ſchäfte und dem Strudel der Vergnügungen, kommt man dazu, die Philoſophie trotz ihrer hohen Wichtigkeit für Nichts, als ein Kinderſpiel zu halten. Aber hier iſt es Einem, wie wenn Einen eine Art bibliſcher Heiligkeit überfiele. Man muß bekennen: wenn auch das Studium das Geſchäft des Gelderwerbes oder das Geſchäſt des Geldausleihens nicht fördert, ſo ſchafft es doch wenigſtens Troſt bei einem abgeſchiedenen Leben. Ich bin ein alter Dummkopf, als ein Halbgebildeter jener ernſten alten Dons aus ihren Zimmern herauszujagen, jene Dons, welche ausſehen, als ob das, was ſeit den Tagen Herodots 266 auf der Oberfläche der Erde vorging, durchaus keinen Eindruck auf ſie machen könnte.⸗ „Ja! ich erinnere mich, ſo lange ich ſtudirte, war ich ein ausgezeichneter Philoſoph,“ erwiederte der Doktor. Illum non populi fasces, non purpura regum Flexit et inſidans agitans discordia fratres. „Vielleicht aber gefällt dieſen Dons keine Morgen⸗ lektüre beſſer, als das letzte Bülletin aus Cabul,“ fuhr der Doktor fort. Auf Oberſt Hamilton machte eine Sprache, deren Ton ſeit ſeinem Austritt aus dem Karthäuſerkloſter ſein Ohr ſelten getroffen hatte, großen Eindruck, und er nahm ſich vor, mit Herrn Markham die Zimmer Henrys zu beſuchen, ehe ſie mit einander die Univerſität verließen. „Ich werde mit ſeiner eigenen Feder meinen Namen auf ſeinen eigenen Tiſch ſchreiben,“ ſagte er; daraus wird er, wenn er heimkommt, deutlich ſehen, daß ich ihn in der That und Wahrheit beſucht habe.“ Sie machten aus, während ihrer Abweſenheit ſolle Johnſton die Wirthshaus⸗Rechnung bezahlen, und den Reiſewagen und die Pferde zur Abfahrt richten. Doktor Markham war gut bekannt mit dem Collegiums⸗Aufſeher des jungen Hamlyns, und wußte ſich ſo viel Vertrauen zu erwerben, daß ihm die Thüren zu Henrys Zimmern geöffnet wurden. Eben dieſer achtungswerthe Herr ſchil⸗ derte unaufgefordert beiden ſeine Verdienſte, welche er nicht genug zu loben wußte. Der Oberſt und Markham hatten die Freude, zu hören, daß der junge Hamlyn nicht nur die höchſten Auszeichnungen von Seiten der Univer⸗ ſität genieße, ſondern auch, daß er trotz dieſer ein gutes Herz bewahrt und nicht, wie ſo viele ſeiner Genoſſen, ein hochfahrendes, ſtolzes Weſen angenommen habe. „Henry iſt der allgemeine Liebling,“ ſagte Doktor Markhams gelehrter Freund,„und zwar in ſolchem Grade, daß ich mich häufig beinahe über ſein eifriges Studium verwundere. In Cambridge geht es, wie Erasmus ſagt: „es fehlt nicht an rohen Geſellen, welche die Studirenden 267 von Büchern ablenken, und ich fürchte bisweilen, ſo gut als ein harter, dummer Kopf bei einer Luſtpartie aus einer Chaiſe fallen und ſich total verſtoßen kann, ſo gut und noch mehr kann dieſes einem feingebildeten Kopfe begegnen.“ Und ich geſtehe, ich liebe meinen Zögling ebenſo ſehr, als ich ſtolz auf ihn bin.“ In Kurzem, wenn ſein Einbildungskraft ein wenig nüchterner geworden und ſein heißer Enthuſiasmus mehr abgekühlt iſt, ſo daß er die Dinge dieſer Welt mit prak⸗ tiſcherem Blicke anſieht, dürfen wir ſicher ſein: wir wer⸗ den hören, Hamlyn ſei einer der ausgezeichnetſten Männer ſeiner Zeit. Seine Reiſe in das Ausland machte ihn allerdings ein wenig überſtiegen. Ich weiß nicht, was ich aus jungen Leuten machen ſoll, wenn ſie mit fremden, veränderten Gedanken, welche ſie am Rheine und in der Schweiz eingeſogen haben, nach Hauſe zurückkommen. Uebrigens fliegt die vorübergehende Tollheit gewöhnlich im Rauche von ein Paar Oden auf. Durch ihre Poeſien werden die jungen Leute wieder geſcheidt, und wenn ſie eine Fortſetzung des Childe Harold, wenn gleich nicht ganz ſo gut, als der von Byron iſt, gegeben haben, ſo verfallen ſie, wie zuvor, auf ihre für ſie wichtigeren Brodſtudien. Da der Herr Paſtor und Oberſt Hamilton auf dieſem Wege erfuhren, was das Steckenpferd Henrys ſei, waren ſie, nachdem ſie durch einen jungen Bedienten in ſeine Zimmer eingeführt worden waren, nicht erſtaunt, als das im Uebrigen einfach, paſſend eingerichtete Zimmer mit einigen ſchönen Anſichten der Abruzzen geziert fanden, welche die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens trugen, ſowie auch eine Auswahl feinerer Kupferſtiche von Naphaels Morgen, nach den Originalen der alten Meiſter kopirt, antrafen. Dagegen aber waren keine koſtbaren Porträte von Schauſpielerinnen und Oper⸗Tänzerinnen vorhanden, welche ſonſt bei jungen Leuten die gewöhnliche Zierde der Zimmer bilden. 3 Auf einer Unterlage am Fenſter, welche dazu beſtimmt war, eine Glocke, ein ſo unumgänglich nothwendiges Be⸗ dürfniß für einen fleißigen Studirenden, zu tragen, welche übrigens in der Hälfte der Studienzimmer von andern jungen Leuten ſeines Berufes, eine kleine Statue der Taglioni oder der Fanny Elsler, oder wenn es noch gut gegangen wäre, der züchtigeren Rachel getragen hatte, ſtund neben jener Glocke eine treffliche Büſte, ein Original von Gibſon. Es war ein weiblicher Kopf und ſtellte, wie am Halbmonde auf ſeiner Stirne zu erkennen war, die ernſte Schönheit der Gottheit der Nacht dar,„die keuſche, ſchöne, Königin der Jagd,“ wie der gelehrte Ben Johnſon aus Shakeſpeares Zeit ſie nennt. Auf dem Tiſche ſtund eine Vaſe aus Porzellan, ein Blumentopf. Auf den erſten Anblick meinte Markham, es ſtecke der Rumpf eines ſchwarzen Bleiſtiftes darin, ſo unſcheinbar war der Styl einer in dieſen Topf eingeſetzten Pflanze, welche nach der Verſicherung des Bedienten der Zweig einer Myrthe war, den Herr Hamlyn mit großer Sorge und Mühe von einer berühmten Gegend des Auslandes hergebracht hatte, und welchen der Bediente während der Abweſenheit ſeines Herrn ſorgfältig mit Waſſer zu be⸗ gießen beauftragt war. „Das iſt ganz gewiß ein Strauch vom verfallenen Grabe Virgils oder von der Grotte Egeria,“ rief der Oberſt mit einem herzlichen Lachen aus.„Doktor! Doktor! warum halten Sie nicht wieder eine Rede vor einer ſolchen klaſſiſchen Reliquie? Ich wette Zehn gegen Eins! der arme Knabe hat ein Sonnet darauf in ſein Notizen⸗ buch eingeſchrieben und iſt der Anſicht, ſeine Verſe und ſein verbutteter Lorbeer, werden mit einander blühen.— Gott ſei bei uns! was haben wir hier?“ rief er einen Augenblick nachher aus. Doch wünſchte er ſich ſelbſt Gluͤck, daß der Herr Paſtor ſeine raſche Ausrufung wohl nicht gehört hatte; denn dieſer blickte mit der größten Aufmerkſamkeit auf Henrys ſchöne Skizze der Ruinen von Tusculun, welche der über ſeine Schulter blickende 269 und den Kupferſtich mitbetrachtende Bediente, als guter Klaſſiker„die Trauerweide des Tullius zu Rom“ nannte. Das Ding, deſſen puren Anblick dem Oberſt einen ſo ſtarken Ruf der Verwunderung ausgepreßt hatte, war ein Brief, der uneröffnet auf Henrys Schreibpult lag. Neben ihm lagen zwei oder mehrere ſchriftliche Sachen und ein oder zwei Zettel Papier, welche wie eine Rechnung ausſahen, lauter Sachen, welche ſichtlich während ſeiner Abweſenheit angekommen waren. Etwas unbeſcheiden war es allerdings von Oberſt Hamilton(ob dieſe Unbeſcheidenheit aber verzeihlich war oder nicht, muß unentſchieden gelaſſen werden), daß er das Schreiben von dem Pulte nahm, und die Adreſſe, das Siegel, Papier und Poſtzeichen ſorgfältig prufte, während der Doktor ein herrliches Gemäͤlde, das die Verklärung Chriſti vorſtellte, und wohl das Meiſterwerk von den Kupferſtichen war, die Hamlyn beſaß, mit der größtmöglichſten Aufmerkſamkeit betrachtete. Der Oberſt dagegen ſchloß von der Dicke und vom Umfange des Schreibens, das er in den Händen hatte, auf ſeine Länge und ſeinen Inhalt. Ja, nachdem er es nieder gelegt hatte, wie wenn er ſich über die Sache ganz zufrieden gegeben hätte, hatte er an der Correſpondenz des jungen Studirenden ein ſolch' ſtätiges Intereſſe, daß er es in der That zum zweitenmale vom Tiſche nahm und nach einer erneuerten und immer ſorgfältigeren Prüfung wieder auf den Tiſch legte. „Unter allen Zufällen, welche mir je auf dieſer Erde zuſtießen, iſt dieſer der ſeltſamſte,“ murrte er, nachdem er dem Bedienten ein ſchönes Geſchenk gegeben und ihn gebeten hatte, er möchte Herrn Hamlyn ſogleich nach ſeiner Ankunft, ſeinen und Doktor Markhams Beſuch melden. Nun verließen ſie das Zimmer. Die äußerſten Bemühungen Doktor Markhams konnten ſeine frühere Lebhaftigkeit nicht wieder aufwecken. Während ſie in eiligem Beſuche das Königs⸗Collegium und das„Dow⸗ ning“ beſahen; konnte er aus dem in Gedanken vertieften Oberſt nichts, als einſylbige Worte herausbringen. Als er das Gaſthaus zum„Ringe“ erreicht hatte und in ſeine Chaiſe ſprang, welche mit den Poſtknechten in den Sätteln, an der Thüre des Gaſthofes warteten, war ſein Benehmen ſo ſtille und mechaniſch, daß der keichende Wirth mit ſeiner Weſte von rothem Sammt glauben mußte, der Betrug mit dem Fiſche von vorher⸗ gehendem Tage ſei entdeckt, oder der die Forderung von fünfzehn Schillingen für eine Flaſche Wein, habe daß Mißfallen des alten Herrn verurſacht. Hätten die Kellner das Geſchenk Johnſtons nicht ſicher in ihren Taſchen ge⸗ habt, ſie hätten für ihre halben Kronen gezittert. Doktor Markham war glücklicherweiſe durch die zahl⸗ loſen Erinnerungen und Gedanken, welche jeden Augen⸗ blick in ſeiner Seele auftauchten, zu viel in Anſpruch genommen, um auf den Oberſt zu achten, welcher ſeinen Umgebungen gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Der Wagen kam bis an das Drehkreuz von Trumpington, und kein Wort war ſeinen Lippen entſchlüpft. Der merk⸗ würdige Ausruf, welcher verrieth, daß er irgend ein ihn in Beſtürzung verſetzendes Geheimniß, welches mit der Correſpondenz Henry Hamlyns in Verbindung ſtand, ent⸗ deckt hatte, der Ausruf:„beim heiligen Georg! das iſt die ſonderbarſte Sache auf der Welt!“ ſollten ſeine letzten Worte in Cambridge ſein. 271 Zwölftes Kapitel. Ein guter Charakter hat eine endloſe Quelle von Vergnugen in ſich, und die Schilderung des von der Natur geſchenkten Glucks, wel⸗ ches mit dem Familienleben verbunden iſt, iſt ein wahrhaft edler Dienſt zum Nutzen der menſchlichen Geſellſchaft. Dagegen iſt die Schilderung häuslicher Verdrießlichkei⸗ ten wie ſie gewöhnlich in den Schriften witziger Köpfe vorkommt, gerade von der entgegengeſetzten Wirkung begleitet, ſie ſcha⸗ det der menſchlichen Geſellſchaft. Es würde eine klägliche Sache ſein, wenn man ein Philoſoph ſein müßte, lum zu wiſſen, wie man ſeine Zeit angenehm hinbringen könne. Sfeele. Oberſt Hamilton folgte dem Bedienten, welcher ihn auf Cavendiſh⸗Square ankündigte, auf dem Fuße nach; ihm folgte unmittelbar Doktor Markham. Sie traten in das Geſellſchaftszimmer ein, wo der Oberſt vermuthete, daß die Stunde vorüber ſei, in welcher man Thee trinke. Er rief dem Bankier zu:„mein theurer Hamlyn! ich war entſchloſſen, Sie zu überraſchen.“ Wenn er geglaubt hatte, er könne den Ausdruck freudiger Ueberraſchung in dem Geſichte des Bankiers leſen, ſo wurde er ſchnell enttäuſcht. Nachdem der Bankier zwei ſo unerwartete Beſuche mit einſilbigen Worten begrüßt hatte, blieb in ſeinem Geſichte und in ſeinem Benehmen nichts Anderes, als das Zeichen von Verwirrung und Verdruß zurück. Das Theegeſchirr war bereits entfernt. Hamlyn war in Pantoffeln, ganz ungenirt im Negligé häus⸗ licher Bequemlichkeit. Vor ſich hatte er einen Schreib⸗ tiſch, der mit Papieren bedeckt war und auf dem eine helle Lampe ſtand. Dem beobachtenden Auge Doktor Markhams wurde klar, daß der Bankier mit irgend 272 einer wichtigen Berechnung, welche er für wichtig genug hielt, um ihr ſeine Muſenſtunden zu widmen, auf das angeſtrengteſte beſchaftigt war, und daß er ſeine Gäſte zurück nach Orington, oder irgend anderswohin, hun⸗ dert Meilen von Cavendiſh⸗Square weg wünſchte. Der gute Oberſt ſelbſt war in der That über den Stand der Dinge auf Cavendiſh⸗Square ungemein er⸗ ſtaunt. Er hatte ganz ſicher geglaubt, er werde wahr⸗ ſcheinlich Henry Hamlyn in bitterem Streite mit ſeinem Vater antreffen; anſtatt deſſen machten ihm die erſten zwei oder drei Worte, die der Bankier ſprach, klar, daß er von der Anweſenheit ſeines Sohnes in der Stadt gar Nichts wußte. Hamlyn fragte:„Wen glaubten Sie bei mir an⸗ zutreffen, mein theurer Oberſt, daß Sie, wie es ſcheint, ſo ſehr betroffen ſind, weil ich allein bin? Glauben Sie mir, ſo lange, als meine Familie in Dean iſt, ſtehe ich in der Stadt ſo vollkommen einſam da, als Sie auf dem Schloſſe Burlington. Walther geht auf die Jagd, Henry beſchäftigt ſich mit Nichts, als mit Studiren. So ſtehe ich denn ſo ganz allein da, als hätte ich keinen Sohn, den ich den meinen nennen könnte.“ Glücklicherweiſe hatte der Oberſt Doktor Markham zuvor einen Wink gegeben, daß er vor dem Bankier keine Anſpielung auf ihren beabſichtigten Beſuch bei Henry Hamtyn wagen dürfe, weil eine ſolche Anſpielung möglicherweiſe Verdrießlichkeiten in der Familie Hamlyn machen könnte. Er hatte zu Herrn Markham geſagt:„Mein theurer Doktor! ich bin kein Freund von Geheimuiſſen und Heimlichkeiten. Aber unter uns geſagt, ich kann wohl allen Partien weit beſſer und leichter dienen, wenn wir für den Augenblick von unſerer närriſchen Fahrt nach Cambridge gar Nichts ſagen. Glücklicherweiſe iſt Henry Hamlyn kein Mann, welcher unnütze Fragen ſtellt, wie der dicke Baronet, der Schwager des Lords von Hyde. Er wird unſere Reiſe für eine bloße Gelegenheitsfahrt 273 halten. Ich ſagte ihm, ehe er Warwickſhire verließ, ich müſſe nächſtens in die Stadt fahren, um zu ſehen, ob meine Schwiegertochter noch nicht angekommen ſei. Deßhalb, wenn Sie mich lieben, keine Sylbe, in wel⸗ cher von Henry Hamlyn die Rede iſt!“ Ein bedeutungsvoller Blick ſchärfte jetzt nun dieſes Verbot dem Herrn Paſtor noch mehr ein. Als Ham yn alles Ernſtes erklärte, ſein Sohn ſtudire äußerſt fleißig zu Cambridge, mußte ſich übrigens der Oberſt, welcher der Verſtellungskunſt gar wenig mächtig war, nicht wenig abmühen, um die Thatſache zu verhehlen, daß ſie nach London auf der Straße von Norden, nicht auf der von Weſten her gekommen ſeien, ein Beſtreben, welches den Herrn Paſtor gar ſehr amüſirte. Der alte Hamilton hätte plaudern, hätte immer fort plaudern können, ohne die Aufmerkſamkeit ſeines Geſellſchafters auf ſich zu ziehen. Je mehr Anſtrengun⸗ gen Hamlyn machte, um geſprächig zu ſein und dem Thee zuzuſprechen, welcher in großer Quantität auf dem Tiſche ſtand, deſto deutlicher ging aus den Blicken, welche er auf ſeinen mit Papieren bedeckten Tiſch warf, hervor, daß ſein Geiſt unabläſſig an dem Geſchäfte hing, in welchem er durch ſeine Freunde geſtört worden war. MMit einer Unſtätigkeit im Blicke, welche einen ſchärfer ſehenden Mann, als Oberſt Hamilton war, be⸗ troffen gemacht hätte, ſagte er:„Ich denke, Sie hatten wohl ſeit Ihrer Ankunft keine Zeit, um in Hinſicht der Ankunft von Miß Robert Nachforſchungen anzuſtellen?“ Der Oberſt erwiederte:„In der That, ich wüßte nicht, wo ich ſie anſtellen ſollte, bis Sie mir Unter⸗ weiſung darin geben.“ „Ich? ich dachte, Sie ſtehen in lebhafter Corre⸗ ſvondenz mit ihr. Seit den letzten zwei Jahren ſtehe ich durchaus in keiner Verbindung mit ihr, man müßie nur das hinzu zählen, daß ihr Gehalt durch mein Bankierhaus angemerkt und bezahlt wird.“ „Ich weiß es! ich weiß es! Ihr letzter Brief an Die Bankiersfrau. I. 18 274 mich iſt von Florenz aus geſchrieben. In dieſem ſteht, ich ſolle ſie um die Mitte des Januars erwarten. Wenn ſte ſagt, ſie komme in der Mitte des Januars, ſo kommt ſie wohl erſt am Ende dieſes Monats. Keine Frau, welche eine Reiſe von tauſend Meilen vor ſich hat, trifft zur bezeichneten Stunde ein. Immer fehlt da eine Woche oder Etwas darüber. Uebrigens ſchrieb mir Ellen niemals, vor welchem Gaſthof ſie auf ihrer Reiſe durch die Stadt abſteigen wolle.“ Hamlyn wandte ſich an Markham, wie wenn er auf einmal darüber erſchrocken wäre, daß er ſeinen zwei⸗ ten, wenn auch dem Oberſt an Nang nicht gleichkom⸗ menden Gaſt verſäume. In der That und Wirklichkeit übrigens wollte er das beobachtende Auge des Herrn Paſtors von einem Gegenſtande ablenken, von dem es ſchien, als ſtöre er ſeine wirklichen Rechnungsgeſchäfte. Er ſagte:„Ich glaube, Hamilton hält mich für einen Beſchwörer und glaubt, ich habe die Kunſt, die Gedanken der Menſchen zu errathen?“ „Sagen Sie ſich ſelbſt keine Schmeicheleien. Ich halte Sie für keinen größeren Beſchwörer, als ich ſelbſt bin, ausgenommen in Dingen, wo Schreibereien und Wechſelgeſchäfte im Spiele ſind. Ich dachte einfach, Sie könnten mir fagen, welchen Gaſthof Lady Burlington wohl beziehen werde.“ „Lady Burlington? Ich dachte, Sie ſprechen von Miſtreß Robert Hamilton,“ ſprach Doktor Markham dazwiſchen mit verdutzter Miene. „So iſt es auch. Sie beide reisten in Italien mit einander. Mein theurer Hamlyn! als Ellen zur Zeit ihrer Vermählung nach Dean⸗Park kam, machte ſie, wie es ſcheint, mit Lady Burlington Bekanntſchaft. Und da ſie bereits als Wittwen und gleichſam in der Verbannung ſo unerwartet in einem fremden Lande zu⸗ ſammentrafen, ſchloßen die armen Weſen ganz natürlich den Bund der Freundſchaft mit einander.“ Es ſchien, als ob dieſe Erklärung Herrn Hamlyn 275 nict nur mißfalle, ſondern ihn ſogar äußerſt betroffen mache. Der Oberſt fuhr fort:„Es iſt deßhalb mehr als wahrſcheinlich, daß Ellen, welche Wenig oder Nichts von London weiß, in einer Angelegenheit, wie die Wahl eines Gaſthofes iſt, die Erfahrung ihrer Freundin be⸗ nützen wird.“ „Allerdings,“ ſagte Doktor Markham, welcher ſah, daß Hamlyn nicht darauf vorbereitet war, eine Antwort zu geben.„Lady Burlington ſtieg immer bei Mivart ab, wenn ich mich recht erinnere. Jedenfalls weiß ich ganz gewiß, daß ſie mit ihrem Gemahle immer bei Mivart logirte. Ich erinnere mich wohl, ich ſah beide eines Morgens, wie ſie von hier aus zum Wettrennen nach Ascot abfuhren, und da ich Etwas von ihren miß⸗ lichen Verhältniſſen wußte, wurde es mir unwillkürlich ſchwer um's Herz, als ich ihren mit vier Pferden be⸗ ſpannten Staatswagen um die Ecke von Grosvenor⸗ Square fahren ſah.“ Nach dem Stillſchweigen von einer Minute rief Hamlyn, wie wenn er laut denken würde, aus:„Es iſt doch etwas ganz Merkwürdiges, daß er gegen mich nie Etwas von der Bekanntſchaft erwähnte, welche er mit ihr machte.“ Oberſt Hamilton empfand lebhaft, daß ſein Freund nicht bei der Sache geweſen und ſich übereilt habe, und rief aus:„Wer? Markham? Sicherlich wiſſen Sie ſehr gut, wie weit ſich die Vertraulichkeit erſtreckte, welche zwiſchen dem Perſonale der Pfarrei Orington und den Mitgliedern des Ritterſchloſſes Burlington beſtand. „Ich— ich ſprach davon.“ „Ich denke, Sie wiſſen kaum, von was Sie ſpre⸗ chen, mein theurer Burſche!“ rief der Oberſt aus, und gab ihm einen leichten Schlag auf den Rücken.„Wären Sie in Wattys Alter, ich glaubte, Sie ſeien bis über die Ohren verliebt, das kann ich Ihnen ſagen.“ „Ich ſprach von meinem Sohne Henry und von 276 Ihrer Schwiegertochter,“ ſagte Hamlyn entſchieden. Er hielt es für klüger, die Sache auszuſprechen, als ſich bei Oberſt Hamilton verdächtig zu machen, wie wenn er Erſcheinungen habe.„Ich drückte mein Erſtaunen dar⸗ über aus, daß mein Sohn niemals auf die Bekannt⸗ ſchaft anſpielte, welche er mit Miſtreß Robert Hamilton in Italien machte.“ „Wie, bei Gott! erfuhren Sie, daß ſie ſich in Italien trafen?“ rief der Oberſt aus. Ueber dieſen Punkt war er ſo neugierig, als ſein Freund. „Weil Henry einige Zeit in Geſellſchaft der Lady Burlington war. Er brachte mir Briefe und wichtige Papiere von ihr. Ehe er übrigens beim Ende der Vacanz wieder nach Cambridge zurückeilte, brachte er hier in der Stadt ganz allein einen Tag bei mir zu, ſprach ganz ungenirt über alle ſeine Erlebniſſe auf ſeiner Reiſe, und ich weiß gewiß, ganz gewiß, er wagte nie⸗ mals auch nur die entfernteſte Anſpielung auf eine Per⸗ ſon, welche dem Herzen von uns Allen ſo nahe liegt, wie— wie— Fran Robert Hamilton.“ „Man kann oft gar nicht wiſſen, was junge Leute für Geheimniſſe haben, oder vielmehr, was ſie für der Mühe werth halten, zu erwähnen und zu erzählen. Harry wußte nicht, daß Sie ſich früher nicht als beſon⸗ derer Beſchützer meiner Schwiegertochter erwieſen, und deßhalb dachte er wohl, Sie werden kein Intereſſe an der Nachricht nehmen, daß ſie mit Ihrer Freundin, Lady Burlington, in inniger Verbindung ſtehe. Vielleicht glaubte er auch, Sie wollen überhaupt Nichts von ihr ören.“ z„Uebrigens muß wohl eine ſo außerordentlich ſchöne und ſo außerordentlich begabte Dame, wie Miſtreß Robert, überall die höchſte Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen haben. Und die Sache hätte ſich ganz natürlich ergeben, wenn er geſagt hätte, was er von ihrer Schön⸗ heit gehalten habe, als er mit ihr zuſammentraf, und 277 24 ſte ſo hohe Bewunderung verdient, als wir ihr ollen“ 3 Oberſt Hamilton rief aus:„Nicht wahr? ſie iſt bewunderungswürdig ſchön. Warum denn, beim Teufel! waren Sie immer über die Liebe Bobs, welche Sie eine Narrheit nannten, ſo ungehalten?“ „Ich zog allerdings ihre Reize in Betracht, aber dennoch hielt ich bei den glänzenden Ausſichten eines Mannes, wie Robert, dieſe Heirat für unklug.“ „Ihr kommt Einem immer quer, ganz quer in den Weg, ihr Geldmäckler,“ rief Oberſt Hamilton beinahe verdrießlich aus.„Sie ſcheinen zu glauben, das Beſte, was man mit Geld kaufen könne, ſei wieder Geld! Was, beim Teufel! konnte mein armer Sohn für ſeine Erb⸗ ſchaft, welche jährlich fünfzehntauſend Pfund betragen hätte, Beſſeres und Edleres erringen, als ein ſchönes, junges Weib? Doch wir wollen dieſen Kampf nicht auf's Neue ausfechten, dieſen Kampf, welcher den ein⸗ zigen Streitpunkt zwiſchen uns beiden bildet. Und da Sie ſagen, Mivart iſt der Gaſthof, den Sie beſucht, ſo wollen wir, Doktor, wenn Sie Nichts dagegen ein⸗ zuwenden haben, Morgen früh nach Ellen ſehen.“ Hamilton fragte nun noch über ein Paar Punkte wegen der Partie nach Schloß Rotherwood, und über das Befinden der Marquiſin von Dartford. Denn es war ihm daran gelegen, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. Der Bankier und der Paſtor ſpannen ein kleines Geſpräch über Pfarreiangelegenheiten an. Dann aber kehrten die Beſuchenden in ihrer Mieth⸗ kutſche in den Gaſthof Fentons zurück, um ruhig zu ſchlafen, nachdem ſie den gewöhnlichen Gang ihres ein⸗ fachen, ſchlichten Lebens drei Tage lang geändert hatten. Die Nachtruhe des Bankier ſollte übrigens weniger erquicklich werden. Seine Seele war voll Unruhe. Von Natur war er mißtrauiſch, und das Bewußtſein, daß er ſchwere Verheimlichungen auf dem Gewiſſen habe, machte ihm hie und da ſeine Beſorgniſſe zu einer Art von 278 Folter. Die ſchnelle, unerwartete Entdeckung davon, daß die beiden Damen, Lady Burlington und Lady Robert Hamilton, die er unter allen Frauen auf Erden am un⸗ gernſten ſah, auf ganz vertraulichem Fuße mit einander lebten, machte ihm vollends neue Sorgen. Was immer die Schwäche Richard Hamlyns ſein mochte, er hatte wenig Empfänglichkeit für das ſchönere Geſchlecht. Ein ſtürmiſch bewegtes Leben macht entwe⸗ der den Eindruck auf einen Mann, daß er der Tugend der Fraueu ein unbegränztes Vertrauen ſchenkt, und im Umgang mit dieſen holden Weſen den höchſten Troſt ſeines Lebens ſucht, oder aber den, daß er ſie als eine unvermeidliche Laſt trägt. Vermöge ſeiner düſtern Natur war bei Hamlyn das Letzte der Fall. Statt die ſtille Unterwürfigkeit ſeiner Gemahlin hochzuachten, be⸗ trachtete er ſie als ein Hinderniß, das er ſich ſelbſt zu⸗ gezogen hatte. Es war ihm unmöglich, die Größe ihrer Selbſtverläugnung zu ſchätzen, und er betrachtete ſie einzig und allein als einen der paſſiven Beſtandtheile ſeiner Exiſtenz in der Geſellſchaft. Aber Lady Burling⸗ ton und Miſtreß Robert Hamilton hatten ſeine Plane durchkreuzt. Und dieſe zwei Weiber haßte er, ja haßte er auf das tiefſte, trotz dem Baſftiliskenhauch und der wiſpernden Unterwürfigkeit, mit welcher er bei ſeinen gezwungenen Beſuchen ihnen zu begegnen pflegte. Und doch mußte derjenige ein ſonderbarer Mann ſein, der die junge, ſchöne, edle Wittwe Sir Roger Burlingtons haſſen wollte! Es war kaum möglich, ein angenehmeres, ſchüchterneres, weiblicheres Frauenzimmer zu ſehen. Sie hatte eine wankende Geſundheit, noch wankender und veränderlicher war ſie in ihren Neigun⸗ gen und Liebhabereien. Sie gab ſich ganz natürlich denjenigen unter ihrer Umgebung auf das Zutrauensvollſte hin, welche ſich die Mühe nahmen, ihre Neigungen zu regeln. Doch ſagt man von der ängſtlichen Taube, ſie nehme in ihren häuslichen Angelegenheiten als Weib und Mutter, wenn ſie beraubt werde, die Wildheit eines 279 Adlers an. So ging es mit Lady Burlington. Sie hatte hinlänglich Muih, um die Rechte und Intereſſen ihres einzigen Kindes gegen die etwas willkürliche Ver⸗ fügung des Bankiers zu vertheidigen. Hamlyn war gar nicht gewohnt, daß man ihm widerſprachz am meiſten überraſchte ihn dieſes bei einem Weibe. Er hatte keine Geduld mit dem ſchönen, aber gebrechlichen Weſen, im Trauergewande als Wittwe, welches meinte, es dürfe in Hinſicht auf den Verkauf eines Rittergutes, oder der Abzahlung von Schulden, welche auf ein verpfändetes Gut hin gemacht worden waren, einen eigenen Willen haben. Geſchäfte waren für ihn eine zu ernſte und be⸗ deutende Angelegenheit, als daß eine ſo ſchwache, ſchöne Hand, wie die der Lady Burlington, es wagen ſollte, ſich an der Bundeslade zu vergreifen. Das Gegenſpiel von dieſem Allem war die ſchöne Ellen. Der Bankier mochte aus Herzensgrunde die ade⸗ lige Dame vom Ritterſchloſſe Burlington verachten— vor dem durchdringenden Auge der Wittwe Bob Hamil⸗ tons mußte ſich ſeine Seele beugen. Er erſchrack in der That vor ihr, ſo oft er mit ihr zuſammentraf. Sie war die Ellen Sommerton, welche er verfolgt, ſie war die Ellen Sommerton, welche er gekränkt hatte. Sie war nun aber auch die Miſtreß Robert Hamilton, welche ihn zur Vergeltung wieder verfolgen, wieder kränken konnte. Er hatte ihr eine Wunde auf das Haupt ge⸗ ſchlagen; er fühlte, ſie konnte ihn an der Ferſe ver⸗ wunden. In Ellen Hamilton lebte der Geiſt eines außeror⸗ dentlichen Charakters. Dieſen Namen(Ellen Hamilton) wollen wir der ſchönen Wittwe in Zukunft geben. Sie war gerade noch keine zweiundzwanzig Jahre alt. So ſchön von Perſon ſie war, ſo geiſtig begabt war ſte. Uebrigens lieferte ſie einen überraſchend deutlichen Beweis davon, daß die Vorſehung ihre Gaben gleich⸗ mäßig unter den Menſchen vertheilt, indem ſie Jedem Etwas zu wünſchen übrig läßt; denn wenn ſie auch ſo⸗ 280 wohl körperlich als geiſtig hochbegabt war, ſo ſtand ſie doch durchaus nicht in glänzenden Vermögensumſtänden. Ellen war das einzige Kind ihrer Mutter. Dieſe war die Wittwe eines Seeoffiziers, der beſcheidene Verbin⸗ dungen hatte, und außer ſeiner geringen Penſion für die Unterhaltung ſeines Kindes Nichts hinterlaſſen hatte. Die überraſchende Schönheit und der noch überraſchen⸗ dere Verſtand, die ausgezeichnete Selbſtbeherrſchung ihrer Tochter hatten auf der einen Seite die Wirkung, daß Mutter und Tochter ihre unglückliche Lage leichter neh⸗ men konnten, auf der andern die, daß ihnen ihr Unglück noch ſchwerer und drückender erſchien. Ellen hatte hohen Muth; Ellen hatte ein treues Herz. Vom Augenblicke an, da ihr die Urſache der Armuth ihrer Mutter klar war, war ſie entſchloſſen, ſich alles Nothwendige durch eigenen Fleiß zu erwerben. Aber wie ſoll ſich ein jun⸗ ges Madchen durch eigenen Fleiß alles Nothwendige erwerben? Etwa dadurch, daß es ſich mit Näharbeiten beſchäftigt, und durch unausgeſetzten Fleiß täglich einen Schilling verdient? Oder dadurch, daß es Modeartikel fertigt, welche bloß in Novellen ordentlich bezahlt wer⸗ den? Oder dadurch, daß es Gouvernantin bei Kindern wird, und in der Muſik Unterricht ertheilt? Ach! für die beiden Stellen, die ich zuletzt nannte, muß man Empfehlungen haben. Wären dieſe auch vorhanden ge⸗ weſen, Ellen Sommerton war in einem Alter von ſechs⸗ zehn Jahren ſo bewunderungswürdig ſchön, daß ein Dienſt, bei welchem ſte offen, über und auf der Straße gehen mußte, für ſie ebenſowohl gefährlich, als ernie⸗ drigend geweſen wäre. Sie hatte Geſichtszüge, welche ſo fein zugeſchnitten waren, als die irgend einer griechiſchen Muſe. Sie hatte einen hellen, olivenfarbenen Teint, welchen man hätte zu braun nennen können, wäre nicht ihr dunkles Rabenhaar und ihre feinmarkirten Augenbraunen gewe⸗ ſen. Vor Allem aber zeichnete ſie ihr ausdrucksvolles, einem Diamanten gleich ſtralendes Auge aus, welches 1 281 gewöhnlich niedergeſchlagen war, woran der Kummer früher Jugend Schuld war. Wenn ſie aber daſſelbe zu erheben und ihre Blicke auf die Leute zu richten wagte, mit welchen ſie ſprach, welche Tiefe des Ausdruckes lag alsdann nicht in demſelben! Sei es, daß Zärtlichkeit oder Dankbarkeit aus der Tiefe ihres Auges widerſtralte, ſei es, daß ernſtlich gemeinter Spott zum Zeichen der Verachtung ihre Oberlippe hob. Jeder, der dem ſpähen⸗ den Blicke von Ellen mit dem Blicke der Liebe begegnet war, oder ſich mit Scham vor demſelben hatte verkrie⸗ chen muſſen, fühlte, daß der Einfluß einer Empfindung, wie er ſie durch Ellen empfunden hatte, auf ewig blei⸗ ben werde. Wären ſolche Reize und hohe Talente vom Glücke einer hohen Geburt und von bedeutenden Vermögens⸗ Umſtänden begleitet geweſen, Ellen wäre das ſchönſte Weib ihrer Zeit genannt worden. Ihr Porträt wäre in allen möglichen Blättern erſchienen, und der Kupfer⸗ ſtich ihrer aufs Schönſte ausgearbeiteten Formen hätte eine Maſſe Menſchen an die Fenſter des Gemäldeladens gezogen. Im niedrigen Leben dagegen wird eine ſolche Schöͤnheit ein Gegenſtand des Argwohnes. Ellen war viel zu ſchön für eine Gouvernantin, viel zu ſchön für eine Lehrerin. Mit Genehmigung ihrer Mutter hatte ſie immer und immer verſucht, eine ſolche Anſtellung zu erhalten. Unmöglich! Vorſichtige oder bigotte Damen hüteten ſich gar ſehr, ſich mit einer ſo ſchönen Haus⸗ genoſſin, wie Ellen Sommerton war, zu befaſſen. Die Eine nahm Rückſicht auf einen Bruder, eine Andere auf einen Sohn, eine Dritte auf einen Gemahl. Keine von den Damen allen, an welche ſich Ellen wandte, ließ ſich von ihr bewegen, ſie in ihr Haus aufzunehmen. Die nachherige Zeit vermehrte nur das Uebel. Sie brachte die bewunderungswürdigen Reize Ellens zur vollen Reife, ſtärkte aber auch zugleich den Geiſt und den Muth des unglücklichen Mädchens. Ihre Mutter fühlte ſich zu arm, um in der Hauptſtadt wohnen zu können, und 282 begab ſich mit ihrer Tochter nach York. Dort wohnten ſie im Hauſe einer unverheirateten, kränklichen Verwandtin des verſtorbenen Kapitäns Sommerton. Dort geſchah es, daß Ellen gelegenheitlich ein Paar dramatiſche No⸗ tizen durchlas, und ihnen entnahm, daß Genie und Fleiß auf der engliſchen Bühne ungemeines, bewunderungs⸗ würdiges Glück machen könne. Sie ſah, wie ihre Mutter unter den bittern Wider⸗ wärtigkeiten der Armuth ſchmachtete. Voll Entſchloſſen⸗ heit, voll Bewußtſein ihres Genies ſagte ſie:„Warum ſollte ich nicht Schauſpielerin werden? Mit dem Schau⸗ ſpielerſtande iſt nicht immer Schmach und Schande ver⸗ knüpft. Es gibt Damen, welche die höchſte Höhe dieſes Berufes erklimmten, ohne deßhalb die Achtung der menſchlichen Geſellſchaft zu verlieren. Könnte nicht auch ich eine Miſtreß Sidons, ein Miß O'Neill werden?“ Sie fragte ihre Mutter hierüber nicht um Rath, denn ſte wußte wohl, daß ſich ihre Empfindlichkeit als ein Weib oder vielmehr als die Wittwe eines Offiziers gegen einen ſolchen Vorſchlag empören würde. Sie ſelbſt ließ es ſich angelegen ſein, für die Bühne zu ſtudieren. Sie war mit dem Geiſte unſerer großen Dramatiker be⸗ reits bekannt und ſtudierte deßhalb mit dem höchſten Erfolge die weiblichen Hauptperſonen in den Stücken Shakespeare's, und Julie lebte durch die reichen Töne ihrer jugendlichen Stimme und den herrlichen Manieren von einer der ſchönſten menſchlichen Formen auf das Ausgezeichnetſte wieder auf. Sie erwartete nur noch die Ankunft von einer der ausgezeichnetſten Schauſpie⸗ lerinnen auf einem Wintertheater, um ihren Plan in's Werk zu ſetzen. Dieſe Dame war überdieß ebenſo we⸗ gen ihres ehrenwerthen Benehmens im Privatleben, als wegen ihrer eminenten Vorzüge als Schauſpielerin geachtet. Gerade damals war ſie auf dem Wege nach Edinburg, hatte aber die Einladung, ein Paar Nächte in York zu ſpielen, bereits angenommen. Ellen war entſchloſſen, ſich an ſie um Rath und Unterricht zu wenden. Hoff⸗ 283 nungsvoll ſah ſie für die Zukunft auf die Mittel der Unabhängigkeit für ſich, und die Mittel der Ernährung ihrer äußerſt liebreichen Mutter, welche bereits in hohem Alter ſtand. Dieſe Betrachtung war für ſie hinreichend, um ihr Alles das leicht zu machen, was bei dem Opfer welches ſie zu bringen gedachte, ihren Gefühlen ſchmerz⸗ haft war. Zu dieſer Zeit wurde ſte zufälligerweiſe mit Robert Hamilton bekannt, welcher mit ſeinem Regimente in York einquartiert war. Sie ging einſt aus dem Logis der Frau— nach Hauſe. Das Lob für die ſchöne De⸗ klamation, welche ſie vor der geübten Londoner Schau⸗ ſpielerin gehalten, die hoch erſtaunt und voll Bewunde⸗ rung für Ellen war, und ohne Anſtand vom künftigen Ruhm und Glück des entzückten Mädchens Wunderdinge vorausſagte, hatte ſie vollkommen begeiſtert. Ihr folg⸗ ten zwei Offiziere. Ihre beſcheidene Wohnung ſollte ihr nicht als Schutz gegen die Complimente dienen, welche in der Regel unter ſolchen Umſtänden einem ſchö⸗ nen Mädchen gemacht werden, das ohne Protektion aus der Wohnung einer Schauſpielerin heraustritt. Ellen Sommerton hatte Selbſtgefühl genug, um ihren mit Verachtung gemiſchten Widerwillen, wegen die⸗ ſer unedelmänniſchen Aufdringlichkeit, auszudrücken. Der junge Hamilton war glücklicherweiſe in einer Seelen⸗ ſtimmung, welche ihm allein unter ſeinen Kameraden die Sprödigkeit der zürnenden Schönen in einem günſtigen Lichte erſcheinen ließ, und ihn bewog, weitere Schritte zu thun, um ihre Bekanntſchaft zu machen. Mit einiger Schwierigkeit hatte er kurz darauf das Glück, bei ihrer Mutter eingeführt zu werden, und erhielt die Erlaubniß, das Haus zu beſuchen. Noch größere Mühe koſtete es, Miß Ellen für ſeine hingebende Zärtlichkeit günſtig zu ſtimmen. Seine Schüchternheit und ſeine zarte Jugend waren gegenüber von dem ausgezeichneten Charakter Ellens eine Sache, welche für dieſe durchaus nicht zu paſſen ſchien. Der feurige Liebhaber war noch nicht 284 majoren. Beinahe mußte noch ein Jahr verſtreichen, ehe er es wagen durfte, bei ſeinem Vater um ihre Hand anzuhalten. Doch hatte während dieſes Jahres die Standhaftig⸗ keit, mit welcher Robert Ellen huldigte, und die edle Unterthänigkeit, mit welcher er ſich nach dem beſcheide⸗ nen Hausweſen ihrer Mutter richtete, auf das ſpröde Herz Ellen Sommertons einen ſo gewaltigen Einfluß, als er nur immer wünſchen konnte. Ohne darauf Rück⸗ ſicht zu nehmen, daß er in Beziehung auf Lebensaus⸗ ſichten und Stand über ihr ſtand, ſchmiegte ſie ſich voll warmer Ergebung an ihn an, und als die Zeit da war, daß die Antwort Oberſt Hamiltons auf ſeines Sohnes Anfragen da war, war ſie beinahe ſo ängſtlich und ge⸗ ſpannt auf den Inhalt des Schreibens, als immer eine erklärte Geliebte ſein kann. Doch legte dieſe Antwort der Sache ein Hinderniß in den Weg. Ganz vernünftig erklärte ſein Vater, ſein Sohn ſei noch zu jung, um zu wiſſen, was er wolle; er ſei noch zu jung, um zu heiraten. Zu gleicher Zeit gab er ſeinem Correſpondenten, dem Bankier Hamlyn, den geheimen Auftrag, er ſolle nach den Verhältniſſen, der Lage und der Aufführung einer gewiſſen Sommerton und ihrer Tochter, der Wittwe und Tochter eines Schiff⸗ kapitäns, welche in unanſehnlichen Umſtänden in York wohnen, genau fragen laſſen.. Ein großes Unglück war es, daß die Dame, an welche ſich Ellen im vorigen Jahre um Rath in Rück⸗ ſicht eines zu ergreifenden Berufes gewandt, und welcher ſie ihre Armuth und ihre Plane vollkommen entdeckt hatte, in der Meinung war, ſie könne ihrem Schützling und Liebling einen großen Dienſt erweiſen, wenn ſie nach ihrer Rückkehr in die Stadt das Vorhandenſein eines Schauſpieler⸗Phönix in der Provinz York ankün⸗ digt, welcher den Theatern den ſtandesgemäßen Namen und Ruhm wieder verſchaffen werde, welcher anerkannter Weiſe ſeit der Zeit verſchwunden ſei, ſeit eine Schau⸗ 285 ſpielerin erſten Ranges auf der Bühne fehle. Die Plau⸗ dereien der gewöhnlichen Theaterzirkel finden gewöhnlich in der öffentlichen Preſſe ihr Echo, und die Folge da⸗ von war, daß die Sonntags⸗Zeitung, der es gerade an einem Paragraphen für ihre theatraliſchen Artikel fehlte, ſich in Vorausſagungen hinſichtlich der unvergleichbaren Julie, dem neuen Phönir, der ſchönen Miß Ellen Som⸗ merton von York erging, und das Alles, ehe Ellen auch nur ihrer Mutter den Plan, Schauſpielerin zu werden, entwickelt hatte. Welch eine Entdeckung für Richard Hamlyn! Er hatte ſeinen Sinn darauf gerichtet, den noch einzig über⸗ gebliebenen und ſchwächlichen Sohn ſeines reichen Schütz⸗ lings von Ghazerapore, deſſen ſanftes Temperament ſich. in ſeiner aufrichtigen, offenen Correſpondenz deutlich zeigte, einſam in die Welt hinauszuſtellen, und ſeines Erbes zu berauben. Anſtatt die Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen, welche von ihm verlangt wurden, zögerte er nicht, die ſchreckliche, drohende Schwiegertochter als eine ganz gemeine Landſchauſpielerin zu ſchildern. „Ja! als eine Landſchauſpielerin, als ein Ding voll Schminke, voll pompöſer, ſchwülſtiger Worte, mit Flit⸗ tergold und falſchen Haaren, als den Schützling der gemeinſten Häuſer, als ein liſtiges Menſch, welches die Neigung eines unerfahrenen, zwanzigjährigen Jünglings mit Gewalt auf ſich gezogen habe⸗ ſchilderte der Ban⸗ kier Ellen Sommerton. Kein Wunder, daß ſolch eine Schilderung den Zorn ſogar des gütigen, langmuthigen Oberſten wecken mußte. Kein Wunder, daß der bloße Gedanke an eine ſolche Schwiegertochter von Seiten des alten Hamiltons gegen ſeinen Sohn ein entſchiedenes Verbot, ſie zu ehelichen und im Falle der Widerſetzlich⸗ keit ſchwere Verfluchung hervorrufen mußte. Zum erſten Male in ſeinem Leben drückte er ſich in dem Briefe, in welchem er ſeinem Sohne eine abſchlägige Antwort gab, bitter und unwirſch aus. Lange, ehe dieſer Brief England erreichte, hatte 286 Robert Hamilton, voll Rückſicht auf ſeine Geliebte, dem in der Sonntags⸗Zeitung erſchienenen Artikel, welcher die Leiſtungen der neuen Julia auf der Schaubühne be⸗ urtheilte, öffentlich widerſprochen. Aber das Unglück war bereits geſchehen. Nachdem alle Partien zwei Jahre lang in Ungewißheit geweſen waren, und ſich geduldig in dieſe zweifelhafte Lage geſchickt hatten, nachdem auf dieſe Weiſe der beſcheidene häusliche Zirkel eine heroiſche Ergebung bewieſen hatte, mußte ſolche Grauſamkeit eine ſolche Kränkung, ein ſolches Todes⸗Urtheil über die be⸗ treffenden Perſonen kommen. Ja! fuͤr mehr, als eine der Perſonen, welche bei der Entſcheidung Oberſt Hamiltons betheiligt waren, wurde das Schreiben des Oberſt zu einem Todes⸗Urtheile. Ellen und ihr verlobter Liebhaber hatten vorſichtiger Weiſe die genannten Ankündigungen in öffentlichen Blät⸗ tern der Mutter Ellens verhehlt. Dieſe wußte bis auf den Augenblick noch Nichts von einem Projekte, von dem ſie geglaubt hätte, daß es durch die kümmerlichen Verhältniſſe der Familie vereitelt würde, und deſſen be⸗ abſichtigter Verwirklichung ihre höhere Welterfahrung widerſprochen hätte. Der Einfluß vom kränkenden Schrei⸗ ben des Oberſt uͤberwältigte ihre Geſundheit. Wäre die arme Ellen in der That und Wirklichkeit eine Schau⸗ ſpielerin geweſen,— die Macht des Genies, der Lohn öffentlichen Lobes hätte vielleicht in den Augen ihrer Mutter den Schauſpieler⸗Stand gerechtfertigt. Aber das Brandmal wurde ihr ohne irgend eine Milderung von Seiten des Bankiers und Oberſten aufgedrückt. „Das EGift wurde durch kein Gegengift gelindert. Ellen, ihre reine, tugendhafte, begabte, treue, flecken⸗ loſe Ellen war als Schüzling der gemeinſten Häuſern gebrandmarkt. Die arme Frau, durch Kummer, Ar⸗ muth, Sorgen, ſeit lange her gepeinigt, legte ihr Haupt auf das Krankenkiſſen, nachdem ſie dieſen bittern Brief durchgeleſen hatte, und erhob es nie wieder. Ihr näch⸗ ſter Ruheplatz war das Grab. 287 Wir kennen Oberſt Hamilton als einen ganz unge⸗ niert freiſinnigen Charakter. Im Briefe an ſeinen Sohn hatte er nebenbei bemerkt, die Quelle des ungünſtigen Berichtes über Ellen ſei der Bankiter Hamlyn. Deßhalb richtete die gekränkte Waiſe Gegenvorſtellungen an Richard Hamlyn. Dieſen konnte man ohne Schwierigkeit anſe⸗ hen, daß ſie aus der Feder einer Dame gefloſſen waren, welche in den zarteſten Punkten weiblicher Ehre gekränkt worden war. Sie enthielt ſich jeder Bitterkeit, jeder Schmähung; ganz ruhig ſetzte ſie ihm die Leiden ihrer Mutter, das unglückliche Ende ihrer Mutter auseinan⸗ der, und alsdann bat ſie ihn, er möge in ſeinem Her⸗ zen nach Gründen ſuchen, um den Mord zu beſchönigen, welchen er begangen habe. Robert Hamilton bot Allem, was er nur thun konnte auf, um den Schaden zu erſetzen. Inzwiſchen war er majorin geworden, und war feſt entſchoſſen, die gekränkte Waiſe zu ſeiner Gattin zu wählen, und mit ihr den reichen Gehalt zu theilen, welchen ihm ſein Va⸗ ter ausgeſetzt hatte. Doch das hochherzige Mädchen ſchlug dieſen Antrag entſchieden aus. Sie wollte ſich nicht mit Gewalt in eine Familie eindringen, von wel⸗ cher ſie ſo ſchimpflich zurückgeſtoſſen worden war. Doch ſchrieb ſie an Oberſt Hamilton. Um ihren eigenen Charakter und den ihrer armen Mutter zu ver⸗ theidigen, ſetzte ſie ihm ihre dürftigen Familien⸗Verhält⸗ niſſe umſtändlich auseinander, auch legte ſie von dem Geiſtlichen, welcher am Todtenbette ihrer Mutter ſeine Pflicht verſehen, und ſeit den letzten fünfzehn Jahren ſie beide in der ſtrengen Beobachtung der von der pro⸗ teſtantiſchen Confeſſion auferlegten Pflichten unterſtützt hatte, ein Zeugniß bei. Der fromme Geiſtliche, welcher ſie auf die Confirmation vorbereitet, und Frau Sommer⸗ ton den letzten Troſt der Religion geſchenkt hatte, be⸗ ſchwerte ſich auf das entſchiedenſte und ungehaltenſte über die Anklage des Bankier. Er erklärte, ſein jun⸗ ges Beichtkind ſei nicht blos in religiöſer Hinſicht vor⸗ 288 wurſsfrei, ſondern in allen Verhältniſſen des Lebens muſterhaft. Bis die Antwort auf dieſes Schreiben ankam, unter⸗ hielt Ellen immerfort ein freundſchaftliches Verhältniß mit Robert Hamilton. Sie nährte ſich theils von der geringen, der Waiſe eines Seemannes ausgeſetzten Pen⸗ ſion, theils von Näharbeiten, und blieb geduldig und ohne Zagen bei dem von ihr gefaßten Entſchluſſe. Der Lohn dafür blieb auch in der That nicht aus. Denn als zuletzt die Antwort des Oberſten Hamilton von Ghazerapore anlangte, war ſie die von einem Vater, der mit ſeinen Kindern Mitleid hat. In ſeinem Geleite war: Segen, Troſt, Unabhängigkeit, Reichthum, kurz Alles, was ſie wünſchen konnte, mit Ausnahme deſſen, was ihr auf ewig genommen worden war, nämlich der zärtlichen Mutter, welche ſie verloren hatte, und der Geſundheit ihres Verlobten, welche wankend gewor⸗ den war. Mebrigens war das Glück des jungen Paares für einige Zeit ein ungetrübtes. Der gute Paſtor, welcher der armen Ellen in ihrer Noth als Freund zur Seite geſtanden war, gab ihr auch den Segen vor dem Altare, und Robert, welcher ſeiner Kränklichkeit wegen die Ar⸗ mee hatte verlaſſen müſſen, ſchlug ſeiner Gattin vor, ſie wollen ihren erſten Winter in Italien zubringen. Der glücklichen Braut ahnte Nichts von den ſchlim⸗ men Beſorgniſſen ihres Gemahls, welche ihm den Ge⸗ danken eingaben, ſeiner Gattin dieſen Vorſchlag zu machen, und ſie bereitete ſich vor, ein Glück zu genießen, welches das höchſte Glück übertraf, das ſie ſich früher in ihrer Phantaſie ausgemalt hatte; ſie bereitete ſich vor, das Gluck zu genießen: Hand in Hand mit dem theuerſten und treueſten Weſen auf der Erde die Schönheiten vom ſchönſten Lande unter der Sonne zu genießen. Da die beiden Ehegatten bereits die Mittel zu einem herrlichen Leben, welche ihnen die Freigebigkeit des guten Oberſten verſchafft hatte, in Hülle und Fülle beſaßen, bereiteten 289 ſie ſich zu einer ſchnellen Abreiſe vor. Zuvor aber ap⸗ pellirte Robert mit ſchuldiger Hochachtung an die Güte und Nachſicht ſeiner Frau, und wagte an ſie folgende ernſtliche Bitte. Oberſt Hamilton hatte eine ſtrenge Gegenſchrift gegen die von dem Bankier nach England geſandt. Nun fing der Bankier an, reumüthig zu werden, ſei es deßwegen, weil er am glücklichen Erfolge ſeiner unbe⸗ ſonnenen Verläumdung verzweifelte, ſei es, weil er das Mißfallen ſeines reichen Schützlings auf ſich gezogen haben konnte. Er warf ſich ohne Rückhalt der Gnade des jungen Paares in die Arme, gab die ihm günſtigſte Erklärung ſeines Irrthums, und wußte als der Freund von Roberts Vater und der gütige Pfleger Roberts während ſeiner Knabenjahre, ſo gewaltig in deſſen Herz einzudringen, daß Robert, der im Geheimen das Ende ſeines Lebens nahe fühlte, und den letzten ihm mög⸗ lichen Akt chriſtlicher Verzeihung ausüben wollte, nicht allein ſeinem Feinde vergab, ſondern auch von Gllen ihre halb erzwungene Zuſtimmung erhielt, ein Paar Tage, ehe ſie mit einander England für immer verließen, des Bankiers Familie zu Dean⸗Park zu beſuchen. Auf Dean⸗Park ſparte Hamlyn keine, auch nicht die kriechendſte Schmeichelei, um Verzeihung für ſeinen Fehler zu erlangen. Bereits hatte er nach Ghazeravore geſchrieben, daß Niemand geneigter ſei, als er, ſeinen Fehler zu fühnen. Man mußte auch wirklich zugeſtehen, jedes Wort, das er an Miſtreß Hamilton richtete, ſo lange ſie unter ſeinem Dache war, war ein Zeichen von Selbſterniedrigung. Er wußte ſein Sühnopfer vollſtän⸗ dig darzubringen. Voll Bewunderung beobachtete Ellen die Tugenden der edlen, ſich ſelbſt beobachtenden Frau des Bankiers, und unterdrückte aus Achtung gegen ſie jedes Zeichen von Haß und Mißgunſt gegen ihren Gemahl. Dagegen war ſich Richard Hamlyn mit Schmerz bewußt, daß er im Grunde wenig ausgerichtet hatte, wenn es ihm auch Die Bankiersfrau. I. 19 290 gelungen war, die bittern Gefühle, welche ſeine Tücke geſchaffen hatte, aus dem Herzen der beiden Gatten zu werfen. Er ſah deutlich ein: an Ellen Sommerton hatte er einen Feind für ſein ganzes Leben; die Be⸗ mühung beider, ſich beim Oberſten in höchſtmöglicher Gunſt zu erhalten, mußte eine ewige Fehde zwiſchen ihnen hervorrufen. Als ein Jahr nach der Verheiratung Roberts von Neapel aus die Nachricht vom frühzeitigen Tode des jungen Gemahls nach England gelangte, ſah der Ban⸗ kier wohl voraus, daß ſein Eingriff in den von ihm ſo hoch erſehnten Nachlaß ſeines Freundes, des Nabob, zwar durch gutes Glück im Allgemeinen ermuntert wer⸗ den könne, aber doch zuletzt am Einfluß der ſchönen Wittwe immer wieder ſcheitern werde. Ihre offenbare Gleichgültigkeit gegen Geld war ſein einziger Troſt. Als der Oberſt Hamilton von Oſtindien nach England zurückgekehrt war, war ſeine Schwieger⸗ tochter weit entfernt davon, in aller Geſchwindigkeit das Anerbieten einer Heirat, welches er ihr alſobald machte, zu benützen, nein! ſie hielt ſich von ihm ferne. Ent⸗ weder dachte ſie nicht daran, oder war es ihr gleich⸗ gültig, daß ſte, wenn ſie ſich nur ein wenig Mühe gab, die Erbin von 342,000 Pfund Sterling werden konnte. Nach dem Verfluß von mehr als einem Jahr ließ ſte plötzlich ihre Rückkehr nach England ankündigen, und zwar in einem Augenblick, in welchem ihre Gegen⸗ wart die Ränke des Bankiers mit einer ſchrecklichen Nie⸗ derlage bedrohte. Der Oberſt, der ſich, wie wir wiſſen, für den Reſt ſeiner Tage in Ruhe geſetzt hatte, fing an, wie es von ihm bei ſeinem vorgerückten Alter zu er⸗ warten war, davon zu ſprechen, er wolle ſein Teſtament machen. Sein Teſtament! ein Teſtament, welches bei⸗ nahe über 350,000 Pfund Sterling zu verfügen hatte, über eine Summe, welche das Glück, den Kredit, die Chre, die Zahlfähigkeit von Hamlyn und Compagnie in ſich ſchloß. 291 So geſährlich übrigens für den Augenblick die An⸗ gelegenheiten Richard Hamlyns ſtanden, ſo gab es doch zwei Dinge, welche, wie es ſchien, weſentlich waren, um ihn über die beinahe vereitelten Plane ſeines ſor⸗ genvollen Lebens wieder zu tröſten. Das Eine war das, daß ein Glied ſeiner Familie ihm bald als Theilhaber im Geſchäfte nachfolgen, und der Depoſitär ſeiner Ge⸗ heimniſſe und Erhalter ſeines Vermögens werden ſollte. Das Zweite war das, daß ihm ſelbſt, als dem Haupte der Firma, nichtsdeſtoweniger das Vermögen Oberſt Hamiltons zur Verwaltung anvertraut blieb. Allerdings war ſeine Hoffnung, den Oberſt direkt zu beerben, durch die Unglück bedeutende Ankunft der Wittwe Roberts in Gefahr, getäuſcht zu werden, und ihre Vermählung mit ſeinem Sohne Walther ſchien das Einzige zu ſein, wo⸗ durch noch geholfen werden könnte. Doch was war in dieſer Hinſicht zu hoffen, da alle ihre frühere Abneigung gegen die Familie Hamlyn neuerdings durch eine ſchnelle Bekanntſchaft mit Lady Burlington aufgefriſcht worden war, von welcher er wußte, daß er ihr ein Gegenſtand des Verdachtes und des Mißfallens ſei? Aber ſchlimmer als Alles, weit, weit ſchlimmer, er⸗ ſchreckender, als Alles, war der Umſtand, daß Oberſt Hamilton neuerdings die Vermuthung geäußert hatte, Henry werde während ſeines Aufenthaltes in Italien mit dieſem gefährlichen Paar bekannt geworden ſein, und unwiſſentlich ihre mißtrauiſchen Geſinnungen einge⸗ ſogen haben. War dieß keine genügende Erklärung der plötzlichen Abneigung, welche Henry gegen die Laufbahn gefaßt hatte, die er früher ſo gerne ergriff? Konnte er den ſchnellen Wechſel der Neigungen bei dem jungen, halsſtarrigen Manne, einen Wechſel,, den dieſer bei ſei⸗ nem letzten Beſuche auf Dean⸗Park hatte merken laſſen, und den Frau Hamlyn neuerdings ihrem Gemahle ent⸗ deckt hatte, und der ebenſo gut ehelichen Zwiſt veran⸗ laſſen konnte, als die Umſtände, welche den Bankier veranlaßt hatten, ſich ſeinem Lieblingsſohne in auffallen⸗ 292 der Weiſe zu entdecken— konnte er ſich dieſen Wechſel anders erklären? Richard Hamlyn war, wie der er⸗ fahrene Leſer ſchon lange her entdeckt haben wird, ein ſyſtematiſcher Heuchler. Er war einer von den Leuten, welche nicht allein ihre rechte Hand nicht wiſſen laſſen, was ihre linke thut, ſondern welche ſogar mit ihrer linken Hand im Bunde ſtehen, um ihre Rechte zu betrü⸗ gen und zu beſtehlen. Sein ganzes Leben war ein Sy⸗ ſtem von Heuchelei, von ſorgfältig und hartnäckig ange⸗ legtem Betrug. Nachdem er einmal auf der See des Betruges gefahren war, war er um ſeines Vortheils willen unausbleiblich darauf bedacht, Handlungen der Verſtellung gegen ſeine Kunden und Kaufmanns⸗Genoſſen zu begehen. Was das gütige Betragen anbelangt, das er gegenüber von ſeiner Familie annahm, ſo war nur dieß ein Betrug, welchen er ſich bloß erlaubte, um ſei⸗ nem Herzen und ſeinem Stolze ein Genüge zu thun. Das Einzige, auf was er im öffentlichen Leben ſah, war das: er wollte der große Bankier Hamlyn genannt werden; man ſollte ihn, den Sohn vom großen Bankier Hamlyn, das Haupt von einer der ſolideſten Firma's in der Stadt nennen. Der einzige Wunſch, den er für ſein Privatleben hegte, war der: er wollte vor ſeinen Söhnen als der rechtlichſte und ehrenvollſte Mann, als der gewiſſenhafte Bankier, als der uneigennützige Staats⸗ mann, als der tugendhafte Bürger, als der wohlwollende Chriſt, als der große und gute Mann erſcheinen. Er ſorgte für den Schein eben ſo ſehr, als andere, in das Gefühl der Verantwortlichkeit der Sterblichen tiefer ein⸗ geweihte, von einer tiefen Furcht vor den Schrecken der ewigen Verdammniß erfüllten Menſchen auf die Aus⸗ uͤbung der Tugenden ſelbſt bedacht ſind, in deren Mantel ſich ſein Ehrgeiz zu hüllen wußte. Einige Entſchuldigung können wir dieſem Betruge wohl zu Theil werden laſſen. Liebe zu Kindern ſchließt einen unausſprechlichen Zauber in ſich, und manches Herz, welches für jede andere Art menſchlicher Rührung ver⸗ —,,— 293 ſchloſſen iſt, öffnet ihr alle ſeine Pforten. Die Liebe eines Kindes zu ſeinen Eltern, die treue, nicht berech⸗ nende, fromme Liebe, welche weder an einen Fehler denkt, noch eine Kränkung tief fühlt, kommt der aus⸗ gedehnten Verehrung, welche wir dem höchſten Weſen darbringen, am nächſten. Denen, welche unter den übeln Nachreden der Welt gelitten haben, oder durch den Hohn ihrer Nebenmenſchen verwundet worden ſind, iſt dieſe ungewohnte Zärtlichkeit ein Balſam, von dem ſie glau⸗ ben könnten, er ſei ihnen ausdrücklich durch die Gnade Gottes zur Heilung ihrer Seele angewieſen worden. Wenn andere Leute mißtrauiſch ſind, ſo hat das auf ſeine Eltern vertrauende Kind einen Glauben an ſie, der ſo feſt iſt, als der Himmel. Wenn Andere ihre Ge⸗ ringſchätzung gegen ihre Eltern ausdrücken, ſo bewahrt das dankbare Kind ſeine Stellung tiefer Unterwürfigkeit. Der Verbrecher, welcher mit der Ueberzeugung zum Tode geht, ſeine Kinder halten ihn für vollkommen unſchuldig, verliert halb und halb die Angſt vor dem Galgen. Wenn dagegen ein Vater ſich bewußt iſt, daß er vorſätzlich auf dem Pfade der Rechtſchaffenheit ſtrauchelt, daß das Gerede von ſeinen Fehlern zum Ohre ſeiner Kinder dringen, daß ihr Verdacht, wie der der Welt rege, daß das Auge, in welchem er die Fülle der Liebe und Treue zu leſen gewohnt war, ſich von ihm abwenden, daß der herzliche Druck der Hand nachlaſſen, der Kuß ver⸗ bittert, die warme, treue, herzliche, ſeelenvolle Umarmung zurückhaltend ſein wird: wenn dieſes bei einem Vater der Fall iſt, ſo hat er unter allen Strafen für menſchliche Schwäche die allerhärteſte zu tragen. Dieß waren die beunruhigenden Gedanken, welche bewirkten, daß Hamlyn mit wankenden Schritten in ſein ſchönes, voll Geſchmack und Symmetrie möblirtes Zimmer eintrat, ſeine Papiere, ohne ſie durchzuſehen, zuſammen⸗ warf, und ſie verdrießlich wieder in ſeinen Sekretär legte, und mit ungewöhnlich ſchwerem Kummer auf dem Herzen das Haupt auf das Kiſſen ſeines Lagers legte. 294 So lange die Zeit auch ſein möchte, ſeit welcher er eine mit vielen Sorgen verknüpfte weltliche Laufbahn verfolgt hatte, ſo gefährlich bei manchen Gelegenheiten der Todeskampf ſeiner Beängſtigungen war, er fühlte jetzt nun, daß die Schmach eines öffentlichen Bankrottes gegenüber von einer gewiſſen andern Nichts zu bedeuten habe. Dieſe war folgende: er konnte es nicht über das Herz bringen, vor ſeinen rechtſchaffenen Söhnen als ein Mann dazuſtehen, deſſen Ehre und Ruf unter Bedräng⸗ niſſen, welche nur dazu dienen, den Muth und die Aus⸗ dauer eines Mannes von ächtem Werthe zu ſtärken, dahin geſchwunden ſei. Dieſe Nacht ſollte das bekümmerte Herz des Bankier Hamlyn keine Ruhe finden! Dreizehntes Kapitel. Wenn große und hohe Geiſter zum Wohle Anderer gefährliche Dinge unternehmen, da⸗ neben aber auch ihren eigenen Ehrgeiz be⸗ friedigen, ſo ſchätzen Chargktere, welche in häuslichen Angelegenheiten ihre Stärke haben, die gewöhnlichen Gunſtbezeugungen der Welt geringe, und üben zum Troſte Anderer die große edle Tugend der Selbſtverlaugnung aus. Solche Naturen kann man wahre Ge⸗ ſchenke der göttlichen Vorſehung nennen; denn ſie ſind von der Gottheit auf geheimem übernaturlichem Wege geſchaffen. Addiſſon. Allerdings war Oberſt Hamilton dadurch nicht wenig beunruhigt, daß ſeine Pläne zu Gunſten Henry Hamlyns, durch ſeine geheimnißvolle Abweſenheit von Cambridge und London durchkreuzt worden waren, aber der ſanguiniſche Geiſt des alten Mannes ſchlug alles Nachdenken über das, was ihn zu quälen drohte, nieder. In den Ange⸗ legenheiten des Lebens, welche nicht gerade von der 295 höchſten Bedeutung waren, ſöhnte ihn ſein Hauptwahl⸗ ſpruch:„was iſt, iſt recht,“ mit ſeiner nutzloſen Reiſe von dreihundert Meilen aus. Als er am folgenden Morgen mit dem biedern Herrn Paſtor gerade einen Oſter⸗Pfannenkuchen zuſammenſchnitt, ſagte er:„es kann kein Zweifel obwalten, der dumme Bediente oder der hochſtudirte Pundit*), ſein Studien⸗ Aufſeher, machte einen Fehler. Der Burſche ging wohl nach Dean⸗Park, nicht nach London. Doch wir ſind nun einmal hier, und obwohl wir uns in unſeren Berechnungen ein wenig getäuſcht haben, ſo haben wir doch nicht nöthig, aus Schlimm Schlimmer zu machen und die Güter zu verſchmähen, womit die Götter uns beſchenken, ſondern uns das Leben heiter zu machen, wenn es uns möglich iſt.“ Doktor Markham war bereits durch die Pracht und das Rennen und Jagen in der St. Jamesſtraße miß⸗ ſtimmt worden, und fühlte ſich durch das Feuer des hei⸗ tern Veteranen beinahe unangenehm berührt. Aber hier war nicht zu helfen; ſo lange er in der Hauptſtadt ver⸗ weilte, mußte er der Leitung ſeines heitern Geſellſchafters „Beim heiligen Georg!— Doktor! Sie müſſen nach dem Frühſtück mich begleiten und das Muſeum un⸗ ſerer Geſellſchaft beſuchen!“ rief er aus.„Wenn wir die Morgenzeitungen durchgeſtöbert haben, dann wollen wir das Departement der praktiſchen Wiſſenſchaften be⸗ bringen. Nach dieſem wollen wir zu Hatchard gehen und ſehen, was dort Neues auf dem Waarentiſche liegt. Auch denke ich, die neuen patentirten Ventilator, welche der pompöſe Herr in Lord Vernons Hauſe beſprach und von welchen ich denke, daß ſie dem Pfarrhauſe in Orington gute Dienſte leiſten würden, ſollten wir in der Themſe⸗ *) Pundit muß wohl bei den alten Römern ein berühmter Hof⸗ meiſter und Erzieher geweſen ſein. ſtraße kaufen, nicht wahr? denn in London ruft ſich die laut aus. Deßhalb ziehen Si mein theurer Doktor! wir wo Square. Er war nun deſſen Adern alle ſchlugen im London, wie ſich wirklich auf Blicken darbot, war in dieſem lang begeiſternd genug. gelegt wurden, dort Verſteigeru ſtunden Diener des Staates in Soldatenpoſten. Dort fand ſich oder der reiche Luxus innerha Landbewohner, der Oberſt und verdutzte Augen, als ſie unter d 296 Der nächſte beſte Mieth⸗ kutſcher wird uns den Weg zu zeigen im Stande ſein, Weisheit auf den Straßen e nur Ihren Ueberrock an, llen aufbrechen.“ In dieſem Augenblicke war der Oberſt ſehr gut auf London zu ſprechen, denn es war nicht länger mehr das traurige London von Portland⸗Place oder Cavendiſh⸗ im Mittelpunkte des Getümmels, des Rennens und Jagens, im Herz der Handelsgeſchäfte, Herz der Vergnügungen, 6 welche mit allen ihren Coquetterien kicherten. Ein ſolches der St. Jamesſtraße den Augenblick für eine zeit⸗ „Dieſen Morgen gibt es ſicherlich irgend Etwas ganz Ungewohnliches,“ ſagte Doftor Markham, als ſie am Winkel der St. Jamesſtraße vorüber gekommen waren und nun der Platz Pall⸗Mall vor ihnen lag, welcher durch großes Gewimmel von Menſchen belebt war. Hier waren Paläſte und große Lokale, wo die Waaren aus⸗ ngen zu ſehen. Daneben der vollſtändigen bunten Tracht unbeſchäftigter Schildwachen und finſter ſehenden der Luxus des Reichthums Ib der Ladenfenſter vor; ſtralende Juwelen, funkelnde Uhren, herrliches China, brilliantes Glas, prächtige Kupferſtiche, koſtbare Anzüge, welche in Sammt, Atlas, Brocat alle möglichen Farben, wie ein Regenbogen hatten, waren zu ſehen. Die beiden Markham, machten ganz en Haufen gutgekleideter Leute kamen, welche voll Lebhaftigkeit auf den Trottoirs zu beiden Seiten der großen Straße dahin eilten. „Sprechen Sie doch nicht ſo närriſch wie eine Land⸗ pomeranze,“ rief der Oberſt dem Herrn Paſtor zu.„Sie erinnern mich an die Leute von Yorkfhire, von denen man 297.— erzählt, ſie ſeien einen ganzen Tag lang in der Themſe⸗ ſtraße geſtanden und haben warten wollen, bis die Menſchen⸗ menge dort vorüber wäre. Mann Gottes! Denken Sie daran, Sie ſind auf keiner Straße von Orington, halten Sie Ihre füͤnf Sinnen zuſammen.“ Er wußte wohl, daß der Paſtor weit weniger einen wahren Begriff vom Stadtleben habe, als er. Dagegen zeigte er ſelbſt in Kurzem die ganze Heiterkeit eines ächten londoner Stadtkindes. Als ſie übrigens auf der Mitte des Waterlooplatzes angelangt waren, war der Oberſt ſelbſt durch das ungewöhnliche Gedränge auf den Straßen etwas verblüfft. „Hier iſt das, was der londoner Stolz ſein neu Athen zu nennen pflegt,“ ſagte er und wies dabei auf den Carlton⸗Palaſt der dem Herrn Paſtor nicht wenig Bewunderung abnöthigte. Dieſer ſtand ſo betroffen, ſo voll Erſtaunen da, als der Oberſt ſelbſt am vergangenen Tage im großen Viereck des Univerfitätsgebäudes zu Cambridge. Der Oberſt ſagte:„Am Carlton⸗Palaſt iſt Alles Pappendeckel, Alles Stuckkaturarbeit! Alles iſt Täuſchung und Schein! Eine Verbeſſerung an den alten Mauern von Ziegelſtein, wo bald da und dort ein Fenſter hinkam, nannten wir gewöhnlich Straßen! Geben nicht die Clubbs, die Aktien⸗Geſellſchaften, wie ich ſie nenne, eine mächtige Veranlaſſung zur Verſchönerung der Stadt? So viel ich hörte, gaben Sie das Beiſpiel der Verbeſſerung in der Bauart der Häuſer. Blos die öffentlichen Sub⸗ ſeriptionen öffneten den Leuten die Augen darüber, daß man Klammern an den Fenſtern und Säulen vor den Thüren haben könne. Laßt uns hoffen, daß früher oder ſpäter der Carlton⸗Palaſt reich genug ſein wird, um ſich einen Marmorpalaſt zu bauen, wie der iſt, der in Petersburg ſein ſoll, oder wie der von der gewaltigen Stadt Washington, welcher in ſeinem zweiten Stockwerke zu kurz gekommen iſt. Das Verſammlungshaus der Reformer wäre ein prächtiges Gebäude, aber es hat Fenſter, welche ſo klein ſind wie Schweinsaugen, wiewohl competente Kritiker mir ſagen, ſie ſeien nach den wirk⸗ lichen Kunſtbauregeln.“ Der Oberſt fragte dann einen ihm bekannten Kellner, welcher auf den Treppen des Hauſes ſtand, in welchem ſich der United⸗Service⸗Clubb zu verſammeln pflegte: „was es denn heute Morgen Neues gäbe?“ Der Mann erwiederte:„ich weiß nichts Neues, als daß heute Parlamentsſitzung iſt.“ Dabei zog er die Hände aus den Taſchen, aus Achtung vor den grauen Haaren und der ſoldatiſchen Haltung des Veteranen. Dieſer ſah nicht darauf, ob er ihn achte oder nicht achte und rief aus:„Ach! mein theurer Doktor! was ſind wir nicht für ein Paar alte Narrenköpfe! wir haben vergeſſen, daß der achtzehnte der Tag iſt, an welchem das Parlament zuſammenkommt!“ Er drang mit dem Paſtor, der ihm nicht widerſtreben mochte, gegen das immer dichter werdende Gedränge von Charing Croß vor. Die Glocken der St. Martinskirche ertönten freudig, eine Fahne wehte von der Kirche, eine Schaar Leibwache kam an und eine Abtheilung Polizeiſoldaten war bereits auf dem Platze, um den Volkshaufen in Ordnung zu erhalten; an der Spitze der Cockspurſtraße ſtanden Aufſeher, welche die Ausweiſe der Fahrenden zu beſichtigen und darüber zu entſcheiden hatten, welche Equipagen der Adeligen nach Whitehall fahren durften, um ihre Leute vor dem Hauſe der Lords ausſteigen zu laſſen, und welche Wagen die Strand⸗ und Waterloo⸗Brücke zu paſſiren und ſich um Weſtminſter herum zu ſchleichen hatten. 3 Der Oberſt rief aus:„wir haben Glück, mein theurer Markham! wir haben ausgezeichnet Glück!“ Mehr als je war er davon überzeugt, daß Alles zum Beſten diene, war es ihm auch mit ſeinem Projekte wegen Henry nicht gut gegangen.„Sie werden eine ſchöne Erzählung zu geben im Stande ſein, wenn ſie wieder in Ihr Pfarramt zurückgekommen ſind, Sie werden berichten können, daß wir die Königin, den Hof und die Miniſter ſahen, um Nichts zu ſagen von den großen Herrn und ſchönen Damen * —— —— 299 und zwar, ohne irgendwie in Schaden zu kommen und einen Fußtritt Umweg zu machen.“ Brilliante Equipagen, gedrängt voll Offiziere, oder voll ſtattlicher Damen im vollen Federn⸗ und Diamanten⸗ ſchmucke, zogen jeden Augenblick auf dem Wege zum Hauſe der Lords vorüber. Die Fenſter und Balkone der Häuſer in der Whitehall⸗ und Parlamentsſtraße waren dicht voll wohlgekleideter Zuſchauer, welche die hohe Feſtlichkeit mit anſahen. Die Leibjäger in ihrer herrlichen Uniform waren bemüht, die Straßen rein zu halten. Uebrigens war es ſchwer, die bewegliche Menge, welche gegen Weſt⸗ minſter hindrängte und eifrigſt dafür ſorgte, einen Auf⸗ zug mitanzuſehen, der doch jedes Jahr vorkam, im Zaum zu halten. Unmittelbar, nachdem die Garden zu Pferd vorüber waren, ſagte der Oberſt:„Hier wollen wir uns aufſtellen; von hier aus werden wir den Zug auf das Beſte mit⸗ anſehen.“ 3 Uebrigens zeigte der gute Herr Paſtor wenig Intereſſe für den bloßen Zug. Er ſagte:„Nach Allem iſt eine Staatskutſche nichts Anderes, als ein vergoldeter Pfefferkuchen, ein buntſchecki⸗ ges, ſteifes Ding, einzig dazu dienlich, um für das Ge⸗ ſchichtenbuch eines Kindes als Titelkupfer zu dienen. Aber ich geſtehe, ich freue mich, Gelegenheit zu bekommen, daß ich von der Königin einen Blick erhalten kann.“ „Was beim Teufel! Sie wollen doch nicht ſagen, Sie haben Sie noch niemals geſehen?“ rief der Oberſt in froher Ueberraſchung aus. „Seit ſieben Jahren iſt dieß mein erſter Beſuch in London.“ 3 „Ich für meine Perſon hätte beim heiligen Georg! dreimal dreihundert Meilen gemacht, um die Königin zu ſehen und ich freue mich, Ihnen dieß Vergnügen zu machen,“ entgegnete der Oberſt.„Ich denke, ich war mein ganzes Lebenlang ein der Regierung treu ergebener Mann nund betete herzlich für Leute, welche einen höhern Rang hatten, als ich. Ich dankte König Georg dafür, daß zu ſeiner Zeit die Franzoſen ſo köſtlich geſchlagen wurden, ich dankte König Wilhelm dafür, daß er uns die Segnungen der Reform garantirte. Aber Doktor! ich wußte niemals, was das wahre Feuer, die echte Glut der Ergebenheit gegen meinen König iſt, bis ich dieſe ſchöne, junge Kreatur zu Geſichte bekam; ich mit meinen grauen Haaren fühlte, daß ich vor ihr zu Nichts zu⸗ ſammenſchrumpfe. Segnungen auf ihr Haupt! ſage ich, Doktor! Segnungen auf ihr Haupt! So lange ſie noch nicht vermählt war, füͤhlte ich eine Empfindung, welche mir zu ſagen ſchien, ſie ſei meine Tochter und ich will ein Schelm ſein, wenn nicht der halbe Theil der langweiligen alten Eſelsköpfe Englands geſtand, daß Ihnen daſſelbe begegnet ſei. Und nun, da ſie Weib und Mutter iſt, liebe ich ſie nicht weniger, wenn ich ſie auch höher achte. Ja! ich bin heiterer, als ich Ihnen ſagen an daß Sie das Glück haben, die Königin ſehen zu dürfen.“ In dieſem Augenblick kündigte das Abfeuern des Geſchützparks an, daß der Zug der Königin den Palaſt verlaſſe, und die Glocken von der St. Margaretha Kirche ſchlugen ein heiteres Geläute an. Fünf Minuten nachher hörte man aus der Ferne den Jubelruf der Menge im Parke. Dieſer wurde immer ſtärker und ſtärker, feurige Ausrufungen und laute Hurrahs über⸗ wältigten das Getrappel der Roſſe, welche die königlichen Wagen zogen, und kündigten an, daß ihre Majeſtät auf dem Wege war, die für die Wohlfahrt des Königreiches ſo wichtige Parlamentsſitzung in Perſon zu eröffnen. Doktor Markham, der an das Gedränge der Städte nicht gewohnt war, wurde es unter dem Gedränge dieſer lärmenden Verſammlung beinahe ſchwindlich; wie die See, ſchlugen Geſichter gegen ſein Geſicht, ein Rauſchen, wie von den Wogen derſelben, betäubte ſeine Ohren. Seine Gefühle waren überwältigt. Hamilton war ſo hoch begeiſtert und entzückt, daß er beinahe mit den 301 Knaben wetteifern konnte, welche an den Latternpfählen hinauf klimmten, um die Feierlichkeit beſſer zu ſehen, der Herr Paſtor dagegen fühlt, daß er kaum Athem genug hatte, um unter den übrigen Leuten auszurufen: „Lange lebe die Königin!“. Bereits erſchollen ſolche Stimmen auf das Lauteſte von allen Seiten. Bereits konnte man die Lenker der Staatspferde, welche herrliche Schabracken trugen, ſehen; ſie kamen vom Thor der Kaſerne für die Garde zu Pferbe her. Plötzlich wurde Oberſt Hamilton durch eine Ausrufung von Seiten ſeines Geſellſchafters unterbrochen, welcher ſagte:„ſo wahr ich lebe, dort iſt Henry Hamlyn.“ „Wo? wo?“ rief der Oberſt aus, und war ſogleich bereit, zu ihm hin zu gehen, jedoch das dichte Getümmel hielt ihn ab, nur einen Zoll weit vorzudringen. „In jenem Gefährte dort iſt er, in der armſeligen gelben Drotſchke an der andern Seite des Thores,“ ſagte Doktor Markham, und deutete auf eine, die im Gewühle der Gefährte drinnen ſtunde, welch letztere ſich wie es bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich iſt, der Aufſicht der Polizei liſtig entzogen, und entweder bei Charing⸗Croß oder Weſtminſter bis zum wahren Schauplatz der Feſt⸗ lichkeit hindurch geſchlichen hatten. Zwar wurden ſie von den Aufſehern zurückgewieſen, und von dem wacht⸗ habenden Offizier geſcholten, aber dennoch behielten ſie ihr Feld. Uebrigens war ſichtlich, daß die, auf welche Doktor Markham deutete, ſich nicht durch abſichtliche Bosheit ſo weit vorgeſchoben hatte, denn der junge Mann, von welchem Doktor Markham verſicherte, er ſei Henry Hamlyn, beſprach ſich in dieſem Augenblick mit der Polizei. Er erbat ſich die Erlaubniß, abfahren und die Reihe der übrigen Chaiſen verlaſſen zu dürfen. „Hat man jemals geſtattet, daß ſich eine Chaiſe vom Platze rühren durfte, ſo lange die Feierlichkeit dauerte?“ war die Bemerkung von Seiten meherer Perſonen aus der Umgebung Oberſt Hamiltons, welcher bemerkt hatte, daß der junge Mann mit der Polizei ſprach.„Hier hätte die Chaiſe feſtſitzen müſſen, bis die Königin das Parlamenthaus erreicht hätte; früher hätte man gewiß auf kein Mißverſtändniß Rückſicht genommen.“ Der Oberſt war nun gewiß, er werde ſeinen jungen Freund finden. Deßhalb richtete er nun ſeine ganze ungetheilte Aufmerkſamkeit auf die Feierlichkeit; auch ließ ihm das betäubende Geſchrei, welches jetzt in den Lüften erſchallte, wenig Zeit und Muße, um Betrach⸗ tungen anzuſtellen. Unter den Herzen rings um ihn, welche in dieſem Augenblicke von der Scene lebhaft ergriffen waren, und voll Begeiſterung ſchlugen, gab es vielleicht keine zwei, welche von höherem edlerem Feuer für König und Vaterland ſchlugen, als Oberſt Hamilton und der biedere Herr Paſtor.. Nachdem die Leibgarde zu Pferd den Zug geſchloſſen hatte, und gegen Whitehall zu rückte, rief der Oberſt aus:„nun wollen wir nach dieſem liederlichen Burſchen, nach Meiſter Henry fahnden.“ Die Gruppe der Gefährte, welche ſich wieder zeigt, als die da zwiſchen hinein gerathenen Gegenſtände ver⸗ ſchwanden, hatte ihre Stellung geändert. Eine Mieth⸗ kutſche nahm nun die Stelle der gelben Chaiſe ein, und der Karren eines Butterhändlers war das nächſte Ge⸗ fährte, das dem Oberſt vor die Augen trat. Es waren Gefährte in Menge da: grüne, braune, ſcharlachrothe, blaue, gelbe, aber nicht die gelbe, nicht die zugleich armſelige, zugleich noble Chaiſe, welche den Gegenſtand ſeines Suchens enthielt. „Beim heiligen Georg! ich glaube, der Burſche iſt mir wieder entwiſcht,“ rief der Oberſt Hamilton un⸗ willig aus. „In der That! ich befürchte, wir haben die Spur von ihm verloren,“ entgegnete der Herr Paſtor, welcher dem Antrieb ſeines Genoſſen gehorchte, und dem Strome von müſſiggängeriſchen Leuten folgte, welche ſich gegen die Cokſpurſtraße zu drängten.„Es wird uns kaum gelingen, die gelbe Chaiſe wieder aufzutreiben.“ „. 303 „In welcher beim Teufel! der liederliche Burſche war?“ erwiederte Oberſt Hamilton.„Sahen Sie, Herr Paſtor, wer mit ihm fuhr?“ „Zwei Damen in tiefer Trauer.“ „Wie? eine Lady mit einem ausnehmend feinen Zug im Geſichte, in einer ſchwarzen Sammethaube?“ fragte weiter der Oberſt. „Richtig!“ „Ich bemerkte ſie, als die Chaiſe an uns vorüber fuhr, um ſich irgendwo aufzuſtellen. Doch vermuthete ich durchaus nicht, der junge Burſche in ihrer Geſell⸗ ſchaft werde wohl Hamlyns Sohn ſein. In dieſem Augenblick hätte ich mit meiner Hand beinahe ſeinen Rockärmel berühren können; ſo nahe war er mir. Beim heiligen Georg! es iſt zu ſehr Schade!“ Um den Gedanken des Oberſt eine neue Wendung zu geben, ſchlug Doktor Markham vor, ſie wollen mit Einander zu Minart gehen, um nach Miftreß Robert Hamilton zu fragen. Der Oberſt hatte übrigens John⸗ ſton bereits in der gleichen Sache dorthin beordert, und dieſer brachte die unwillkommene Nachricht zurück, daß eine Lady mit dieſem Namen weder dort ſei noch dort erwartet werde. 1 Doch hatte man noch nicht nöthig den Muth ſinken zu laſſen. Die zwei geſelligen Leute waren bemüht, den Morgen mit verſchiedenen nichtigen Beſuchen und mit der Betrachtung mancher intereſſanten Gegenſtände zuzubringen. Doktor Markham wünſchte, den Reſt des Tages mit einer Schweſter ſeiner Frau zuzubringen, welche in der Gegend von Ruſſel⸗Square verheiratet war, und welcher er bereits ſeine Ankunft in der Stadt gemeldet hatte. Der Oberſt ſpeiste bei ſeiner Geſell⸗ ſchaft, wo er die Freude hatte, zu bemerken, daß die überorientaliſche Küche derſelben doch keine ſo gute Mongopaſtete, wie Goody Johnſton zubereiten könne. „Sehen Sie doch hierher, mein theurer Doktor! Sehen Sie doch dahin, wo ich hin ſehe,“ rief er aus, als Doktor Markham am folgenden Morgen zum Früh⸗ ſtück kam.„Werfen Sie Ihre Augen auf dieſen Teufels⸗ Artikel in der Morgen⸗Zeitung.“ „Das ſind wohl Neuigkeiten von Herr Henry Ham⸗ lyn?“ fragte der Herr Paſtor, nahm die Zeitung in die Hand, und bemerkt, daß der Finger des Oberſt auf einen Artikel zeigte, in welchem„Veränderungen im Leben von Honoratioren“ angekündigt waren. „Das iſt tauſend Mal ſchlimmer, es handelt von meiner Schwiegertochter.“ Auf dieſe Weiſe unterrichtet, hatte der Doktor es leicht, unter den„Abreiſen“ eine Ankündigung von Mi⸗ ſtreß Robert Hamilton aufzufinden, welche von Coulſons Gaſthof aus, abgefaßt war, und deren Inhalt war, daß ſte ſich auf den Landſitz des Oberſt Hamilton in War⸗ wickſhire begeben habe. 3 „Das iſt doch ärgerlich!“ rief der Herr Paſtor aus, „daß Sie, der ſo ſelten ſein Haus verläßt, bei ihrer Ankunft auf dem Ritterſchloße abweſend ſein müſſen.“ „Vielleicht denkt die arme Seele, ich habe es ab⸗ ſichtlich gethan, Sie wird meinen, ich habe wenig Achtung vor ihr. Die ganze Welt könnte ich verſchenken, wenn mir das nicht begegnet wäre, Als ob ich nicht bereits genug Schlimmes, das ich ihr angethan habe, zu verantworten hätte! O arme Ellen!“ „Wir können zur Zeit des Mittageſſens auf Bur⸗ lington ſein, wenn wir mit dem erſten Eiſenbahnzuge abgehen,“ ſagte der Doktor, der übriges ein wenig ver⸗ ſtimmt darüber war, daß er London ſo geſchwinde wieder verlaſſen ſollte. „Ganz natürlich. Im Augenblick, als ich dieſen verwünſchten Artikel las, befahl ich Johnſton, er ſolle Alles zur Abreiſe rüſten. Ich wagte dieß, ohne Sie um Rath zu fragen, mein theurer Doktor! Ich weiß, wie gar gerne Sie dieſe rauchige Hauptſtadt verlaſſen, und wieder zu Ihrer Heerde zurück gehen. Wir werden in einer oder zwei Stunden abreiſen. Doch iſt es immer 3⁰⁵ nicht ſo viel Werth als wenn ich mit offenen Armen am Platze ſelbſt wäre, um die arme Dame in einem Hauſe zu bewillkommen, von dem ſte wohl nicht dachte, daß ſie je daſſelbe beziehen werde. Zehen gegen Eines! Sie meldete mir ihre Ankunft und der Brief ging fehl. Man geht niemals ſicher mit Briefen aus dem Ausland. O die arme Ellen! es iſt in der That hart für ſie, aber immer noch härter für mich.“ Doktor Markham ſchloß aus dem Wechſel der Ge⸗ fühle bei dem alten Edelmann augenblicklich, daß ihm der Gedanke an ſein Zuſammentreffen mit der Wittwe ſeines zuletzt verſtorbenen Sohnes große Anfechtung verurſache. Während der ganzen Heimreiſe, welche hauptſäch⸗ lich auf der Eiſenbahn gemacht wurde, war der Oberſt durchaus nicht mehr ſo unterhaltend und geſprächig wie gewöhnlich, ſondern ſchwieg beinahe die ganze Zeit über. Seine Gedanken waren vollkommen im Gebiete der Vergangenheit. Er war wieder zu Ghazerapore, und erhielt den erſten Brief von ſeinem Sohne, in welchem er ihm ſein unglückſeliges Liebesverhältniß meldete. Er hörte den milden Reden und Bitten ſeiner Frau zu Gunſten ſeines Sohnes zu. Er war mit Marie allein, und ſie mit ihm. Düſtere Geſtalten in orientaliſchem Gewande tauchten aus dem Hintergrunde hervor. Bal⸗ ſamiſche Düfte tropiſcher Pflanzen wehten in der Luft. Er war wieder von ſeinem Vaterlande entfernt, wieder Gatte, wieder Vater, und ſeine Entfernung vom Vater⸗ lande machte ihm keinen Kummer, weil er Gatte und Vater war. Nachdem dieſe ergreifenden Scenen vor dem Auge ſeines Geiſtes vorübergezogen waren, brachen unwill⸗ kührlich ſchwere Seufzer aus ſeiner Bruſt hervor; ſo tief war der alte Mann durch tauſend zärtliche Erinnerungen von Liebe, durch tauſend kummervolle Vorſtellungen, welche mit dem Namen von Ellen Sommerton in Ver⸗ bindung ſtanden, ergriffen. Die Bankiersfrau. I. 20 306 „Jetzt will ich ſie glücklich machen! jetzt, beim heiligen Georg! ſoll ſie glücklich werden!“ war das Reſultat ſeiner Gedanken. So lange als Frau Hamlyn und die theure Lydia auf Dean⸗Park ſind, wird es ihr auf meinem Schloſſe gewiß niemals langweilig werden, und nach der Hand wollen wir die Sachen ſchon gut einleiten. Auf jeden Fall hat ſie ihren freien Lauf, und das iſt unter zehen Weiber für neune Glück genug. Ich hätte meinen kleinen Finger darum gegeben, hätte ich erfahren können, wie Sie mit Harry Hamlyn in ſolch innige Verbindung gekommen iſt, daß ſie an ihn ſchreibt, wie ich in Cambridge an ihrer Handſchrift ſah, aber ich will mich nicht mit Gewalt in ihre Geheimniſſe ein⸗ drängen. Ich werde bald ſehen, ob es ihr Willee iſt, für mich eine aufrichtige, herzliche Tochter, meine theure Ellen zu ſein oder ob in der Tiefe ihres Herzens noch ein gewiſſer Groll ſitzt, welche Miſtreß Robert Hamil⸗ ton noch immer in ihrem Buſen hegt. Wie es gewöhnlich mit Reiſenden der Fall iſt, welche übermaßig ſchnell reiſen wollen— es gab einen Verzug. Weil dem vorangehenden Poſtzuge ein gewiſſes Unglück begegnet war, wurden ſie drei Stunden bei Wendon hin⸗ gehalten, wo die Ungeduld des alten Oberſt ſeine Spitze erreichte, und als ſie nach Rugby kamen, hatten ſie noch immer zwölf Meilen zurückzulegen, und konnten die Markung von Orington nicht eher erreichen, als bis die Glocke zehn Uhr ſchlug. Man konnte blos noch da und dort in den Häuſern einige Lichter ſehen und, als der Poſtknecht am Pfarrhauſe die Glocke mit Macht anzog, waren die unvorbereiteten Bewohner des Hauſes ſo läſtig und ſchläfrig, daß Doktor Markham, aus Mitleid über die Ungeduld ſeines Geſellſchafters, ausſtieg und wartete, bis ihm ſeine Bedienung öffnete, während der Oberſt mit der hehßten Schnelligkeit der Poſt nach Schloß Burling⸗ ton fuhr. Nach dem gewöhnlichen Verzug am Schloßthor, ein Verzug, den ein Thorwächter machte, der den Grundſatz 307 hatte, früh in's Bett zu gehen und früh aufzuſtehen, nach den gewöhnlichen Ausrufungen:„welch' ein Wunder! welch' ein Wunder!“ Von Seiten der Goody Johnſton gelang es endlich dem Oberſt, zu ſeinem eigenen Hauſe den Zutritt zu erhalten. Goody Johnſton beeilte ſich, ihren Herrn davon zu benachrichtigen, daß Miſtreß Robert den vergangenen Morgen angekommen, aber, von der Auenänn der Reiſe ermüdet, bereits zu Bette gegan⸗ gen ſei. „Das ſoll der Teufel holen! ich hätte Etwas dafür gegeben, hätte ich ſie noch zu Geſichte bekommen, ehe ich zu Bette ging!“ rief der alte Mann aus.„Aber die Sache hat nicht viel zu bedeuten, die arme Seele iſt jedenfalls ſicher und wohlbehalten unter meinem Dache. Beſſer ſpät, als niemals. Ich muß bis morgen warten. Ich will hoffen, Sie haben ſie fühlen laſſen, daß ſie vollkommen, wie zu Hauſe, ſein ſoll,“ rief er aus und wandte ſich dabei plötzlich an ſeine Haushälterin. „Ich begreife nicht, warum Sie von mir glauben, Herr Oberſt, daß ich gegen die werthe Wittwe Roberts nicht die ſchuldige Achtung gezeigt haben ſoll,“ erwiederte mit einigem Unwillen Goody Johnſton. Sie trottelte aus dem Zimmer, um Befehl zu geben, daß für den verſpäteten Reiſenden Thee gemacht und ein Eſſen zu⸗ bereitet werde. Ihr Herr ſah, daß ſie ſich in ihre ſchönſten ſeidenen Kleider geworfen und ihre ſchönſten Spitzen an⸗ gelegt hatte, um ihrem Gaſte Ehre zu erweiſen. Die alte Frau fuͤhlte vielleicht, daß es ihre Schuldigkeit ſei, ſich gegen die Fremde ſo zärtlich und mütterlich zu be⸗ nehmen, als ihre Herrin, die leider bereits im Grabe ruhende Mutter Roberts ſich gegen Ellen benommen haben würde. „Vielleicht iſt es für das arme Weſen gut, wenn ſie im Bette iſt und ſchläft,“ phantaſirte Oberſt Hamilton, als er ſich zum Thee niederſetzte. Denn trotz dieſer ſeiner ihn tröſtenden Ausrufung hatte ſeine Verſtimmung ihm allen Appetit für kaltes Geflügel und Rebhühnerpaſteten 3 308 genommen. Auf's Neue patſchte er Pinſchern auf ſeinen rauen Kopf, und Herr und Hund ſahen voll Wonne in das Feuer, wie wenn beide an Ghazerapore und daran dächten, wie freundlich die arme Marie geweſen wäre, hätte ſie ihre Schwiegertochter unter ihr Dach aufnehmen können. Auf einmal wurde die Thüre des Zimmers auf das artigſte geöffnet, und eine ſchlanke Geſtalt in einem weißen Kleide ſchwebte herein. Sie trat gegen den Oberſt vor, aber weder mit dem Ungeſtüm einer Heldin, wenn ſie ſich rüſtete, ſich in die Arme eines Mannes zu werfen, noch mit den Bedenklichkeiten einer Perſon, welche un⸗ gewiß iſt, wie man ſie aufnimmt. Sie näherte ſich übrigens mit ausgebreiteten Armen, im Bewußtſein, daß ſie von Rechtswegen hier ſei, und daß das Haus ihnen gemeinſam angehöre, in welchem ſie ihn als den nach ihr kommenden Gaſt bewillkomme. „Ich konnte unmöglich bis morgen warten,“ ſagte ſte, nachdem ſie ſich an die Bruſt des alten Mannes geworfen hatte, mit einer Wärme, welche ihre ſchönen Augen mit Thränen füllte, die übrigens nicht auf ihre Wangen ſchoßen, denn Ellen war eine Perſon, welche ſich zu ſehr daran gewöhnt hatte, die Gefühle ihres Herzens im Zaume zu halten, als ſie eine Fluth von Thränen hätte vergießen ſollen, wenn ſich gleich ihr Herz dazu bewogen fühlte. Sie fuhr fort:„Ich war ſehr mißverſtimmt darüber, daß ich Sie dieſen Morgen nicht antraf, während ich doch thörichter Weiſe bei Nacht ge⸗ reist war, um Sie zu überraſchen. Aus dieſem Grunde ging ich früher, als gewöhnlich, zu Bette, um meine üble Laune auszuſchlafen. Wie Sie ſehen, habe ich blos Zeit gehabt, meine Nachthaube aufzuſetzen. Ich weiß, Sie verzeihen mir, daß ich mir keine Mühe mit Ankleiden gegeben habe.“ Alſo ſagte ſie in gebrochenen Worten, welche unmittelbar vom Herzen kamen und deßhalb um ſo lieblicher lauteten. Nachdem ſie ausgeweint hatte und ihre Augen wieder helle geworden waren, nahm ſich der alte Mann Zeit, ) 309 die Schwiegertochter näher zu betrachten, deren unglück⸗ ſelige Schönheit die Urſache von ſo vielen Verwirrungen in ſeiner Familie geweſen war, und auf den erſten An⸗ blick mußte er geſtehen, daß Ellen, trotz ihres Negligés, in ihrem weißen Kleide, das ſich loſe um ihren Leib her⸗ umſchlang und ihrem ſchwarzen Rabenhaare, das blos durch einen einzigen Kamm in höchſter Einfachheit und Natürlichkeit um ihren Kopf herumgewunden war, das Ausſehen einer Herzogin hatte. Im tiefſten Grunde ſeines bekümmerten Herzens ſagte er:„Der arme Bob hatte Recht; beim heiligen Georg! ſie iſt die ſchönſte Kreatur auf Gottes Erdboden.“ Dieſe Gefühle wahrer Bewunderung nahmen nicht ab, als er, während des Theetrinkens den immer wech⸗ ſelnden Ausdruck ihres edlen Geſichtes beobachtete. Sie beantwortete ſeine haſtigen Fragen und erzählte, ſie ſei von der Schweiz an auf dem Rheine gefahren und den Tag zuvor, in Begleitung zweier Dienerinnen, auf einem antwerpner Dampfboot in London angekommen. „Ich bin eine verkehrte, oder vielmehr eine eigen⸗ ſinnige Kreatur, mein theurer Herr, wie Sie auf Ihre Koſten ſogleich finden werden,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich in Betracht der natürlichen Herzlichkeit ihres Schwie⸗ gervaters ganz nach ihrer Bequemlichkeit geſetzt hatte. „Da ich mich einmal entſchloſſen hatte, durch Deutſch⸗ land nach England zurückzukehren, blieb ich feſt bei dieſem Vorſatze, obwohl der Rhein meinem Auge nichts Unterhaltendes, ſondern blos Stücke Eis und Wälder ohne Laub darbot.“ 3 Auf dieſe Weiſe hatte ſie nicht nöthig, zu geſtehen, daß es ihr nicht angenehm gewefen wäre, wenn ſie auf ihrer Heimreiſe die gleiche Straße hätte einſchlagen müſſen, welche ſie, drei Jahre vorher, in Geſellſchaft ihres un⸗ glücklichen Gemahles gemacht hatte, als ſie mit ihm nach Italien gegangen war. Der Oberſt dagegen rief aus:„Auf dieſe Weiſe, meine theure Ellen! waren wir beide, die wir doch in London ſo wenig zu ſuchen haben, als ob wir dort welt⸗ fremd wären, in Wirklichkeit zur gleichen Zeit in der Stadt, ohne es zu ahnen.“ Während er dieſe Worte ſprach, trat auf das ſchöne Geſicht, welches ſeine Augen firirten, ein eigenthümlicher ausdrucksvoller Zug, welcher ihn plötzlich an ein ähnliches Geſicht erinnerte, das ihm und Markham kürzlich erſchienen war, und zwar ſo vor Kurzem, daß er ſich hiedurch, wie durch die Verwirk⸗ lichung eines ganz friſchen Traumes betroffen fühlte. Endlich traf der Stral der Wahrheit ſeinen Geiſt. Es war augenſcheinlich die leibhaftige Ellen, welche er bei dem kurz zuvor beſchriebenen Feſtzuge in der Chaiſe, neben der Kaſerne, für die Leibwache, geſehen hatte. Der Unterſchied zwiſchen dem ſchwarzen Traueranzug, in wel⸗ chem ſie damals ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte und dem weißen Kleide, das ſie wirklich trug, ver⸗ hinderte allein, daß er nicht glaubte, die erſte Erſcheinung vor ſich zu haben. Er war gerade daran, durch eine laute Ausrufung ihr ſonderbares und unerwartetes Zuſammentreffen zu verrathen, als er plötzlich an den Brief, welchen er in Cambridge auf dem Schreibtiſch Henrys Hamlyns geſehen hatte und daran dachte, daß ſein junger Freund ohne Zweifel in der Chaiſe geweſen ſei, von welcher er ſicher glaubte, daß ſie auch ſeinen ſchönen Gaſt enthalten habe. Deßhalb bezwang und unterdräckte er ſeine natürliche Offenherzigkeit. Sein geheimer Entſchluß war der:„Ich will mich nicht mit Gewalt in ihr Vertrauen einſchleichen. Nein! das will ich nicht. Beide, weder ſie, noch Henry, kennen mich genug, um mich für eine redliche Seele zu halten. Spricht ſie ſich aber nach Verfluß von einer oder zwei Wochen nicht aus, ſo wird es Zeit genug ſein, nachzu⸗ fragen, warum ſie aus ihrer Bekanntſchaft mit Harry Hamlyn ein Geheimniß macht.“ Seit langer Zeit war der Oberſt nicht mehr ſo freudig, nicht mehr ſo ſelig zu Bette gegangen, als dieſes⸗ 311 mal. Er fühlte in dieſer Nacht lebhaft, daß er nicht ganz allein auf der Welt ſei; er wußte gewiß, daß die Wittwe ſeines Sohnes im Zimmer am Ende des Ganges eine köſtliche Nachtruhe genießen werde. 3 Als am nächſten Morgen der biedere alte Mann erwachte, fühlte er die Heiterkeit ſeiner Seele noch erhöht. Daß er zu hoffen hatte, beim Frühſtück ein reines, offenes Geſicht vor ſich zu ſehen, auf das er den väterlichen Kuß des Segens drücken konnte, war in der That fuͤr ſein kindliches Herz, das ſo lange das Vergnügen nicht mehr hatte, eine weibliche Genoſſin um ſich zu haben, ein wahrer Troſt. Und, als er ſie wiederum von Kopf bis zu Fuß betrachtete, mußte er auf der einen Seite mit Schmerz, auf der andern mit Vergnügen zugeſtehen, Marie wäre ohne allen Zweifel auf ſolch' eine Schwieger⸗ tochter ſtolz geweſen. Für die beiden war es ein köſtlicher Morgen. Die Sonne war artig genug, um auf ihrem Spaziergange nach dem Frühſtücke ſo hell zu ſcheinen, als ſie bei der geſtrigen Feierlichkeit geſchienen hatte; und der Oberſt fühlte, daß er ſelten eine Geſellſchafterin gehabt hatte, die ſo nach ſeinem Sinne geweſen wäre, als Ellen, wenn ſie auf ſeinen Arm gelehnt, die Tibetziegen beſuchte und mit ihm, von Pincher und Carlo begleitet, zu den von ihm gewöhnlich beſuchten Ställen und Geflügelhöfen im Parke ging, wo zwei oder drei ſeiner Lieblingsthiere aus der Heerde hervor und gegen ihn herankamen, um ſich von ſeiner Hand füttern zu laſſen, und wo ſich die Pfauen zu ſeinen Füßen ſchmiegten und ihre Reife ſchlugen, voll eitler Begierde ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. „Ich bin ein Freund der Thiere, wenn ſie au ſtumm ſind, ich habe Freude an ihnen, wie ein Kind!“ ſagte der Oberſt, als er ſie zu ſeinen Pferdeſtällen führte, ohne zu bedenken, daß alle ſeine Gefühle und Liebhabereien denen eines Kindes vollkommen glichen.„Doch ſollte ich Sie nicht damit plagen, daß Sie meine Lieblinge an⸗ ſehen müßten. He Ellen? Sind Sie eine Freundin vom 312 Reiten? Verſtehen Sie ſich darauf? Dann beim heiligen Georg! ſollen Sie das ſchönſte, beſte Damenpferd in der Grafſchaft haben. Zu Leamington iſt ein halb ge⸗ wachſenes Pferd von arabiſcher Zucht, das aus der Stutterei von Ormeau iſt und das ich am Geburtstag meiner kleinen Lydia ausfindig machte. Es iſt übrigens zu groß für ſie; dagegen ſollen Sie es haben, ehe wir eine Woche älter ſind. Doch befürchte ich, meine Theure! Sie müſſen eben alsdann damit vorlieb nehmen, daß ein alter graubärtiger Kamerade mit Ihnen ausreitet; denn der einzige elegante Mann, den wir in der Gegend haben. Der junge Hamlyn iſt jüngſt nach Melton Mam⸗ bray gegangen.“. Dieſe Anſpielung hatte durchaus keinen tiefer lie⸗ genden Grund, wie denn dieß niemals bei Oberſt Hamilton der Fall war. Deßhalb machte ihn die plötz⸗ liche Röthe, welche die Wangen der Mißſtreß Hamilton überzog, betroffen. Dieſe Röthe bemerkte er im Augen⸗ blicke, als er die Thüre ſeines ſchönen, luftigen, geräu⸗ migen Stalles öffnete, welcher drei Reihen Krippen hatte, und, ſo wie noch andere Dinge auf dem Schloſſe, einen ſprechenden Beweis von der Prachtliebe Sir Rogers ablegte. Er hatte es nicht gewagt, nur daran zu denken, daß eine von Natur blaſſe Dame ſo roth, wie Scharlach, werden könne. Vom Stalle gingen die beiden zu den Treibhäuſern. Hätte der geſchickte Anderſon die Einrichtung derſelben noch geleitet, er hätte ſich über die Regelloſigkeit erzürnt, mit welcher Oberſt Hamilton im Augenblicke, als ſeine Schwiegertochter den Wunſch ausdrückte, die Beſchaffen⸗ heit der Pflanzen näher und ſorgfältiger zu betrachten, die ſchönſten Blüthen abriß, und die hoch hinauf rankenden Pflanzen jeder Art von Blüthen beraubte. Alle Ver⸗ wüſtungen, welche er jemals zu Gefallen Lydias ange⸗ richtet hatte, waren Nichts in Vergleichung mit den⸗ jenigen, welche während der Viertelſtunde ſichtbar wurden, 313 während welcher Ellen in den Treibhäuſern des Schloſſes Burlington war. „Ich wünſche, ſo wahr es einen gütigen Gott gibt, Sie hätten die Treibhäuſer zur Sommerszeit geſehen, als die Funtainen ſo hoch ſprangen und die Vögel ſangen,“ ſagte er.„Aber die Schuld liegt an Ihnen Ellen. Warum kamen Sie nicht zu der Zeit heim, als Sie hörten, daß der alte Mann ein Dach über ſeinem Kopfe habe, und ganz allein unter demſelben ſei? Mein holdes Mädchen! wir haben manchen angenehmen Mo⸗ nat verloren, den wir zuſammen hätten zubringen können, aber wir haben jetzt noch manchen, den wir zu unſerem Vergnügen verwenden können. Ellen! ich bin froh, daß Sie an Blumen Freude haben. Dieſe Liehaberei iſt den Frauen eigenthümlich, ſie hat aber auch in der That den Nutzen, daß die Damen durch ſie an Vergnügungen außerhalb ihrer vier Wände gewöhnt und geſund, glück⸗ lich und weiſe werden. Lydia und ihre Mutter haben Blumen gerne, und, wenn ſie nicht geweſen wären, ſo hätten für mich den letzten Sommer meine blühenden Noſen auf Burlington den gleichen Werth gehabt, wie die von dem mir fernen Ghazerapore. Sie müſſen mit Lydia und ihrer Mutter Freund werden, Ellen! Lydia war wohl noch ein bloſſes Kind, als Sie früher auf Dean⸗Park waren? Sie iſt nun ein ſchönes hoffnungs⸗ volles Weſen. Sie müſſen gegen Lydia kein Vorurtheil haben, denn ſie iſt die Tochter meines Freundes Hamlyn.“ „Wie kommt es, daß Sie von mir glauben, ich ſeie gegen eine Tochter Herrn Hamlyns irgendwie un⸗ günſtig geſtimmt?“ fragte Miſtreß Hamilton in einem ernſteren Tone, als ſie je einen gegen ihren Schwieger⸗ vater angenommen hatte. „Meine Theuerſte! Sie ſind ein Weibz; freilich ſind Sie, ich muß es ſagen, ein gutartiges und bezauberndes Weib, aber immer eben ein Weib, und daß ein ſolches, von einer Kaiſerin an, bis hinunter zu der Frau eines Schuhflickers, ein Herz beſäſſe, das durchaus keinen 314 böſen Winkel für das Gefühl für Unrecht hätte, hab ich noch niemals bemerkt. Ich weiß kein Weib verſteht irgend Etwas ſo wenig, als wie man verzeihen ſoll.“ Ellen drückte den Arm des Oberſt, auf welchem ſie ausruhte, zum Zeichen, daß ſie die Kränkungen, auf welche der Oberſt anſpielte, vollkommen vergeſſen habe. Der Oberſt erwiederte:„im Ganzen, meine Theure! bin ich Ihnen doch noch eben ſo gut, als vorher, trotz dem, daß ſich letzte Nacht Ihre Augenbrauen finſter zuſammenzogen, als ich gelegenheitlich den Namen Richard Hamlyns nannte. Denn ſo lange Sie noch irgend einen kleinen Aerger zeigen, den ſie etwa noch gegen ihn fühlen, habe ich weniger zu befürchten, ich werde von Ihnen bei Seite geſetzt. Wenn es Ihnen recht iſt, ſo ſoll der Bankier in meiner Hand eine Geißel ſein, welche ſie mir, der Sie auf das herzlichſte liebt, in die Arme jagt.„Was Ihren Groll gegen den Bankier betrifft, ſo bitte ich Sie, Sie möchten bei ſeiner Frau eine Ausnahme machen.“ „Sie können dieß nicht mit großerer Wärme fordern, als ich geneigt bin, es zu verſprechen,“ ſagte Ellen treuherzig. Was ſie betrifft,— mein kurzer Beſuch auf Dean⸗Park erfüllte mich mit tiefer, wahrer Achtung und Liebe gegen ſie.“ „Wollen Sie nicht Morgen nach dem Frühſtück mit mir auf Beſuch zu ihr gehen? die Hamlyns werden, wie ich vermuthe, in der letzten Nacht von der Parthie nach Schloß Rotherwood zurückgekehrt ſein.“ Miſtreß Hamilton gab keine Antwort. Der Oberſt, welcher meinte, ſeine Rede ſein durch den hellen Ton überſtimmt worden, welchen die ſich ſelbſt ſchließende Thüre des Pfarrhofes zu Orington verurſachte, in welchen ſie eintraten, wiederholte ſeine Frage. „Es wird kaum der Etiquette gemäß ſein, daß ich zuerſt Miſtreß Hamlyn beſuche,“ ſagte ſie.„Es wäre vielleicht beſſer, wenn ich einen Beſuch von ihr abwarten würde.“ 315 „So! niemals glaubte ich, daß Sie ein Mädchen ſeien, welches auf ſolch unnütze Aeußerlichkeiten Etwas hält!“ rief er aus.„Ich hätte gedacht, Sie haben zu viel natürlichen Verſtand und zu viel Gefühl, um an ſo Etwas zu denken. Sie wiſſen gar nicht, wie gerne ich Sie ſah, als Sie in der letzten Nacht aus Ihrem Bette ſtürzten, ſich geſchwind in Ihr Kleid und Ihre Schuhe warfen, und einen Beſuch bei mir abſtatteten.“ „Mißſtreß Hamlyn iſt keine für mich paſſende Be⸗ kanntſchaft,“ erwiederte Ellen, etwas verlegen.„Miſtreß Hamlyn hat nicht das Blut meines Roberts in den Adern.“ „O!l wenn es nur das iſt!“ entgegnete der Oberſt, und faßte ſie feſt am Arme.„Sie hatten ja Nichts dagegen, als ich Ihnen den Vorſchlag machte, mich hierher zu begleiten, um die gute Miſtreß Markham zu beſuchen, welche mit uns in keinem genaueren Verhält⸗ niſſe ſteht, als die andere.“ „Die Frau eines Geiſtlichen muß in der ganzen Diöceſe immer die wichtigſte Perſon ſein,“ bemerkte Ellen ruhig,„und muß als ſolche am höchſten geachtet werden.“ Der Oberſt wollte ſagen:„Und Miſtreß Hamlyn.“ — Aber in dieſem Augenblick wurden ſie an der Haus⸗ treppe von Doktor Markham empfangen, welcher die ſchöne Fremde aufs herzlichſte bei ſeiner Frau einführte. Eine heitere Unterhaltung begann. Sie überzeugte Herrn und Frau Markham, daß ſie an Ellen eine wichtige Eroberung für ihre kleine Geſellſchaft erhalten hatten. Miſtreß Hamilton war offen, liebreich, klug, und, als die Kinder des Herrn Paſtor ihre Aufwartung machten, wie es gewöhnlich der Fall war, wenn der Oberſt beim Herrn Paſtor einen Beſuch abſtattete, und Ellen das— jüngſte davon in ihre Arme nahm, und es nicht wenig lobte, ſich nicht wenig mit ihm abgab, und die kleine Kitty ihre carminrothen Wagen an die ihrigen ſchmiegte, nahm ſie ſich ſo hold und liebreich aus, daß zum zehnten Male an dieſem Tage in die Augen des armen Oberſt Thränen traten. „Hätte er mir doch wenigſtens ein Kind hinter⸗ laſſen!“ murmelte der alte Mann vor ſich hin, und wandte ſich gegen das Fenſter, um ſeine Rührung zu verbergen;„hätte er mir doch ein Kind hinterlaſſen! O der arme Bob! das iſt alles das Werk des Bankiers Hamlyn. Ich weiß wohl, er meinte es nicht böſe, aber es iſt Alles Hamlyns Werk. Gut! Gottes Wille ge⸗ ſchehe! Es iſt doch noch Etwas werth, wenn man ſeiner Wittwe die Hand drücken kann.“ Vierzehntes Kapitel. „Die beſte Frau und Tochter iſt eben eine Qual, Und hätſchelt man ſie auch des Tages tauſendmal.⸗ Vane. Unausſprechlich war der Aerger Richard Hamlyns, als er einige Tage nach dem Zuſammentreten des Par⸗ lamentes von einer ſſäten auswärts gegebenen Gaſterei nach Hauſe zurückkehrte, und fand, daß ſeine Frau und ſeine Tochter im Geſellſchaftszimmer auf ihn warteten. Es ging ihm wie Lord Vernon; er fühlte, daß man ſeinen Befehlen einen zu pünktlichen Gehorſam leiſte. Er hatte nämlich, nachdem der Oberſt ſeinen überraſchenden Beſuch bei ihm in London abgeſtattet hatte, ihnen ge⸗ ſchrieben, ſie ſollen von Rotherwood nicht wieder nach Dean⸗Park, ſondern ſogleich nach Cavendiſh⸗Square gehen. Deßhalb hatte ſich ſeine Familie beeilt, nach London zu kommen, um hier das nächſte Vierteljahr zu⸗ zubringen. Die haſtige Frage der Frau Hamlyn nach Oberſt Hamilton und nach der zu erwartenden Ankunft ſeiner Schwiegertochter bewies hinreichend, daß die nach⸗ 317 träglichen, ihr von ihrem Gemahle nach Schloß Rother⸗ wood zugeſandten ſchriftlichen Verhaltungsbefehle ſie verfehlt hatten, weil ſie gerade auf dem Wege nach London begriffen war. Nun kamen alſo die beiden, und überließen es der klugen Miſtreß Hamilton, ſich gänzlich und förmlich bei ihrem gütigen, liebreichen Schwiegervater in Gunſt zu ſetzen. Der Familie Hamlyn blieb alſo Nichts übrig, als zum böſen Spiele gute Miene zu machen. Die Londoner Saiſon hatte bereits begonnen, und zwar für die Parlamentsmitglieder mittleren Ranges, deren Vergnügungen mehr in ihren Gaſtereien am Donnerſtag und Samſtag beſtehen, als in Bällen und Luſtparthien. Die Einladungskarten der Miniſter waren ausgeſandt, Morgenbeſuche und Aſſembleen angekündigt, die Eröff⸗ nung der Oper war nahe. Herr Hamlyn fühlte, daß er fuͤr das längere Verweilen ſeiner Familie auf Dean⸗ Park keinen paſſenden Grund hatte, den er ſeinen ſtandes⸗ gemäßen Lieblingen, unter ſeiner Londoner Geſellſchaft angeben konnte. Wenn ein Londoner Bankier in der Stadt ein ſchönes Geſchäft hat, ſo glaubt man, er ſeie verpflichtet, unmittelbar nach dem Zuſammentreten des Parlamentes ſeine ganze Famlie um ſich zu verſammeln.„Es würde ſich nicht gut ausnehmen,“ würde er mit ſeinen gewöhn⸗ lichen Einladungen zum Eſſen ausſetzen.„Es würde ſich nicht gut ausnehmen,“ käme ſeine Frau während der Zeit, daß ſeine Tochter zum erſtenmal der Geſell⸗ ſchaft vorgeſtellt wird, nicht in die Oper.„Es würde ſich nicht gut ausnehmen,“ wäre ſein Kirchenſtuhl in Marylebone zu einer Zeit leer, wenn der blühende Chriſt⸗ tagsbaum, der zu ſeiner Zeit die Kirche Oringtons ziert, vertrocknet und verdorrt iſt, und ein Bankier iſt ver⸗ bunden, Alles auf das ſtrengſte zu meiden,„was ſich nicht gut ausnehmen würde.“ Alles um ihn her, ſowohl im öffentlichen, als im Privatleben muß ſo gleichförmig ſein, als die Rechnungen in ſeinen Büchern. 318 Am Morgen des nächſten Tages, nachdem Frau Hamlyn, in die Stadt zurückgekehrt war, und ihr Ge⸗ mahl gerade auf die Börſe gehen wollte, gab er ihr zu ihrer höchſten Verwunderung Banknoten im Werthe von vierhundert Pfund Sterling in die Hand. Er ſagte:„ich finde es nothwendig, daß meine Tochter bei ihrem erſten Eintritt in die Geſellſchaft alle die Pracht entfaltet, welche einer Miß Hamlyn von Dean⸗Park zuſteht, Sie ſoll Alles haben, was ſchön und hübſch iſt; die Hälfte des Geldes, das ich in Deine Hände lege, ſoll jedoch zu dem geſchlagen werden, das ich für Deine eigenen Bedürfniſſe auszuſetzen pflege.“ „Ich verſichere Dich, weder ich, noch Lydia ver⸗ langen Etwas der Art,“ rief Frau Hamlyn aus, und bemühte ſich, ihm die Banknoten wieder zurückzugeben. „Ich glaube nicht, daß ich in den Fall kommen werde, außergewöhnliche Ausgaben zu machen.“ „Es iſt mein Wunſch Du ſollſt es thun, ich will, daß keine Ausgabe geſpart wird bei—“ „Schon gut! ſchon gut!“ unterbrach ihn Frau Hamlyn; außer Stands, ihr Erſtaunen zu unterdrücken, „Du gabſt mir in Bezug auf Dein Ünglück mit Harry eines Tages zu Dean die Auskunft, unſer Haus könne für dieſen Augenblick keinen ungewöhnlichen Angriſſ auf ſeine Hülfsquellen aushalten. „Biſt Du wahnſinnig?“ rief ihr Gemahl aus, faßte ſte plötzlich am Arme, und zog ſie von der Thüre des Geſchäftszimmers, an welcher ſie ſtunden, zu einem ziem⸗ lich entfernten Fenſter.„Die Bedienten räumen ſo eben im Speiſezimmer auf. Wenn Ramſay Dich hörte.“ „Ich dachte, ich ſpreche leiſe.“ „Du ſprachſt wie eine Närrin, wie alle Weiber thun, wenn ſie von Geſchäftsſachen reden wollen,“ rief Hamlyn in furchtbarer Entrüſtung aus.„Ein für alle Mal, nimm dieſe Banknoten und verwende ſie meinen Befehlen ge⸗ mäß. Es iſt mein Wunſch, Du triffſt Anſtalt, um Lydia 319 bei der nächſten Aſſemblee, der großen Geſellſchaft vor⸗ zuſtellen.“ „Bei all' dem haben wir immer nicht nöthig, ſo große Ausgaben zu machen, wie Du verlangſt. Das Aeußerſte, was ſie bedarf, ſind zwanzig Guineen für ein Staatskleid. Sie hat ja feine Perlen, welche ihr Oberſt Hamilton geſchenkt hat und es thut mir leid, Dir ſagen zu müſſen: ich habe gelegenheitlich entdeckt, daß er ein Paar herrliche Diamant⸗Ohrringe bei Rundell für ſie beſtellt hat.“ „Ich werde ihr nicht erlauben, ſie anzunehmen,“ erwiederte der Bankier finſter. Würden wir eine Perſon, wie unſere Tochter ſo herausputzen, ſo käme es heraus, daß dieſes von Seiten der Familie eines Bankiers ein ganz verdammter Uebermuth ſei und, wenn die Leute erführen, daß dieſer Schmuck von Oberſt Hamilton her⸗ rühre, ſo könnten ſie meinen, er habe Abſichten mit ihr, deren Verwirklichung, da ſie meinem Sohne nachtheilig ſind, ich niemals wünſche noch erwarte. Und derjenige, welcher Lydia heiraten will, muß ſich mit ihren fünftauſend Pfunden begnügen.“ Frau Hamlyn erwiederte:„Bei ſolchen Ausſichten iſt es ſicherlich unnöthig, deßwegen, weil ſie jetzt der Geſellſchaft vorgeſtellt werden ſoll, thörichte Ausgaben zu machen.“ „Keine Auslage iſt thöricht, welche meinen weitern Plänen dienlich und förderlich iſt,“ erwiederte der Bankier höhniſch.„Meinſt Du wohl, ich wolle durch das Opfer dieſer vierhundert Pfunde Lydia zu einer eitlen Dame machen? Will ich nicht vielmehr meinen Kredit vor der Welt feſter gründen?“ „In dieſem Falle bin ich weniger als je, geneigt, in meinem armen Mädchen einen Hang zur Verſchwendung zu wecken, welcher mit Deinen Abſichten in Betreff ihrer im Widerſpruch ſteht und welcher, wie Du mir zu ver⸗ ſtehen gabeſt, mit dem Stande unſerer Finanzen unver⸗ träglich iſt,“ entgegnete Frau Hamlyn. Als Mutter 320 überwand ſie die Schüchternheit des Weibes und wagte es als ſolche, ihre eigene Ueberzeugung an den Tag zu legen. Der Bankier ſchaute ſie in äußerſter Beſtürzung an. Dieſes war der erſte Widerſpruch von Seiten ſeiner Frau, welchen ſie ſeit der Zeit, daß ſie mit ihm vermählt war — ſeit fünfundzwanzig Jahren gewagt hatte. Der Ent⸗ ſchluß, welchen ſie ſo eben geäußert, war in viel zu ruhigem und mildem Tone ausgeſprochen, als daß er Hoffnung haben könnte, mit Gewalt und Heftigkeit ihren Widerſpruch niederzuſchlagen. „Du willſt alſo in dieſer Angelegenheit Deinem eigenen Kopfe folgen,“ entgegnete er ſo ruhig, als ſie geſprochen hatte.„Doch ich ſollte mich nicht darüber verwundern, daß im Augenblicke, in welchem mein Ein⸗ fluß finkt, und die ganze Welt zuſammengetreten zu ſein ſcheint, um einen fallenden Mann niederzudrücken und zu überwältigen, meine eigene Familie den Anfang macht, hereinſtürzt und das Signal für die Kränkungen gibt, die ich alsdann von anderen Leuten erdulden muß.“ Am unwillkürlich ſtarren Blicke der auf's äußerſte betroffenen Sophie, bemerkte Hamlyn, daß dieſer Schlag, den er auf ſie geführt, ein gut berechneter ſei, und daß die Gefühle des Weibes ſeiner Tugend bis in's Innerſte verwundet worden ſeien. „Ich werde Dir folgen,“ ſagte ſie und reckte ihre Hand mit verzweifelnder Miene aus, um die Banknoten anzunehmen, welche er immer noch in der Hand hielt. „Alles, um was ich Dich bitten will, iſt das, daß, wenn der Baum des Böſen ſeine bitteren Früchte bringen wird, Du mich nicht anklageſt, zu ſeinem Wachsthum beige⸗ tragen zu haben.“ „Ich danke Dir! kein Vorwurf ſoll auf Dich fallen,“ entgegnete Hamlyn kalt. Es war ſichtlich, er überwand nach und nach die in ſeiner Bruſt ſtreitenden Empfin⸗ dungen und Gefühle.„Wir müſſen mit einander ſtehen oder fallen. In unſerem Alter hat das Stehen oder Fallen weniger Bedeutung. Die beſſere Hälfte unſerer 93 . Tage iſt vorüber und, ſo viel ich ſehe, gibt mir das Beſte, was ſie mir gebracht haben, wenig Hoffnung, als ob die, welche mir noch übrig ſind, mir viel Genuß und Freude bringen werden. Aber unſere Kinder erheiſchen unſere äußerſten Anſtrengungen. Dieſe haben einen langen Wie vor ſich. Die ſchönen Ausſichten Walthers— die— ie—“ Er konnte nicht weiter ſprechen. Als er den Namen ſeines Sohnes ausſprach, war er auf dem Punkte, ſich eine Schwäche zu Schulden kommen zu laſſen, welche bei einem Bankier, wie Hamlyn, ganz ungewöhnlich geweſen wäre. Das Herz ſeines Weibes ſchlug mächtig in ihrem Innern, als ſie ſich aufgefordert fühlte, an das zu denken, was Hoffnung übrig ließ, als ob der trockene Felſen noch geſchlagen werden könne, um Waſſer des Lebens von ſich zu geben. Voll Bewegung faltete ſie die Hände und rief aus: „Unter ſolchen Ausſichten beim künftigen Glück, bei der künftigen Wohlfahrt Deines Sohnes, fſlehe ich Dich an, verwickle Dich nicht weiter mehr in Schwierigkeiten, welche kein Menſch zu entwirren im Stande iſt! Wenn die Firma in Noth iſt, wie Du mir zu Dean geſtandeſt, ſo wollen wir uns einſchränken, wir wollen alle unnützen Ausgaben vermeiden. Wir können unſere gegenwärtigen Auslagen auf den fünften Theil reduciren. Haben wir es denn unumgänglich nöthig, eine glänzende, prächtige Saiſon zu eröffnen? Sollten wir dieſes Haus nicht irgend einem Miethmann, wenn er günſtige Bedingungen eingeht, überlaſſen und uns nach Dean⸗Park begeben? Du haſt auf dem Bankierhauſe Zimmer, welche—⸗ „Ich danke Dir,“ entgegnete Hamlyn mit einem bittern Lächeln.„Wenn Du die Namen Bernhard und Richard Hamlyn in die Zeitungen rücken laſſen willſt, ſo wirſt Du ſehen, daß ſie ſo gut laufen, als eine Banknote. Ich danke Dir! Wenn es mich einmal gelüſtet, meinen Kunden bange Sorge zu machen und mich öffentlich dem Mißtrauen der City auszuſetzen, ſo will ich Dich um Die Bankiersfrau. I. 2 21 322 Rath fragen, denn Du kennſt den ſchnellſten Weg, um meinen Untergang ganz ſicher herbeizuführen. Bis dahin will ich Dir nicht die Mühe machen, Dich mehr um meine Angelegenheiten zu bekümmern, als ich Dir bis jetzt Gelegenheit dazu gegeben habe. Ich beſtrebe mich, Dein Leben ſo angenehm zu machen, als Reichthum es zu machen im Stande iſt. Ich habe niemals geſucht, Dir Theilnahme an meinen Sorgen aufzubürden.“ „Ich weiß es,“ entgegnete Miſtreß Hamlyn tief bewegt,„und eben das machte, daß ich mich gewiſſer⸗ maßen ſelbſt als die Veranlaſſung der Lage anklage, in welcher Du Dich befindeſt. Was übrigens Deinen Wunſch betrifft, Deiner Familie eine ehrenvolle Stellung in der Graſſchaft zu verſchaffen, ſo—“ „Nehme Dich zuſammen; Du haſt keinen Theil an der Verantwortlichkeit,“ war die bittere Antwort des Bankier.„Du biſt in Anſpielungen, welche nicht einmal in der ſtillſten Stunde der Nacht mit Sicherheit gelispelt werden können, ſo unbändig, daß ich glaube, Du führteſt als Grund dafür, daß ich neulich die bereits angenommene Einladung von Lord und Lady Rotherwood wieder aus⸗ ſchlug, das an. Daß ich genöthigt war, nach London zu eilen, um die böſen Folgen des neuerdings Statt gehabten Bankerotts zu Liverpool abzuwenden.“ „Du wirſt wohl keinen Grund auffinden können, um mir mit Recht vorzuwerfen, daß ich durch Unbeſonnen⸗ heit Deinen Intereſſen zu nahe getreten ſei,“ entgegnete Frau Hamlyn mit brechendem Herzen und brechender Stimme.„Seit zwanzig Jahren bewachte ich mit müh⸗ ſamer Vorſicht meine Worte und Handlungen. Ich ent⸗ ſchuldigte Dich bei den Rotherwoods in allgemeinen Aus⸗ drücken, es habe unvorausgeſehene Geſchäfte auf der City gegeben. Uebrigens war die Gräfin durch die Krankheit ihrer Schweſter zu ſehr in Anſpruch genommen, um auf die Angelegenheiten irgend einer andern Perſon viel Rückſicht zu nehmen.“. „So iſt alſo die Markgräfin von Dartford gefährlich 323 krank? In dieſem Falle wird ihr Sohn kaum Gelegenheit haben, mit Walther auf Melton zuſammenzukommen?“ „Ich denke wohl nicht. Ich war in Sorgen darüber, daß Walther Dean ſo geſchwinde verließ und zwar, um einen Ort zu beſuchen, der ſeine Ausgaben noch ver⸗ mehren konnte.“ „Mein Sohn handelte vollſtändig nach meinem Sinne,“ ſagte der Bankier kalt.„Lady Rotherwood ſprach mit mir über die ausſchweifende Lebensweiſe, welcher ſich ihr Neveu zu ergeben anfängt, und welche ſie ſehr ungerne ſieht. Wie es ſcheint, iſt es der Wunſch der Familie, der Marguis ſolle jung heiraten. Er iſt ein einziger Sohn.“. „Und Du meinſt vielleicht, die Tante, welche brummt, wenn er nur ein Paar Wochen in Melton jagt, werde ihm zur Vermählung mit einem Mädchen verhelfen, welche bloß ein Paar tauſend Pfund Vermögen beſitzt?“ „Nicht das Koſtſpielige an den Vergnügungen Lord Dartfords iſt es, was ſeiner Familie Sorgen macht. Was Lydia betrifft, ſo war Lady Notherwood edeldenkend genug, um mir offen zu erklären, es würde ihr Vergnügen machen, wenn ſich ihr Neveu mit einem ſo gefühlvollen, klugen Mädchen, wie meine Tochter iſt, in Connexion ſetzen würde. Ich ſage Dir dieß, weil Du es paſſend gefunden haſt, auf die Sache anzuſpielen. Weil ich ubrigens keinen Grund zu der Vermuthung habe, daß es der Marquis ernſtlich meint, ſo werde ich gar nicht mehr an die Sache denken. Ich weiß gewiß, Lydia hat noch niemals an ſo Etwas gedacht.“ „Um ſo beſſer!“ war Hamlyns verdrießliche Antwort. Er ſchickte ſich nun an, das Zimmer zu verlaſſen und in das armſelige Chaischen zu ſteigen, welches beinahe das erſte Mal, ſo lange es fuhr, wegen der ungewöhnlichen Redſeligkeit Sophiens hatte warten müſſen. Er fuhr fort:„Ich wünſche nicht, daß ſolche thörichte Gedanken Lydia den Kopf verdrehen. Wäre die Heirat möglich, und dieſes iſt nicht der Fall, ſo würde es mir im jetzigen Augenblick ſchwer ankommen, eine Summe zu ſchaffen, welche für die Ausſtattung einer Marquiſin von Dartford unumgänglich nothwendig iſt.“ Dieſe ſchlimme Unterredung bereitete Miſtreß Hamlyn auf den Gang der Politik vor, welchen ihr Gemahl mit aller Beharrlichkeit verfolgen wollte, und deßhalb nahm es ſie nicht Wunder, als ſie hörte, daß für ſie eine ſchöne neue Chaiſe gebaut wurde, welche ſie in das Theater führen ſollte, wenn eine treffliche Oper gegeben werde, und daß bereits Veranſtaltungen getroffen wurden, um für die drei nächſtfolgenden Wochen Gäſte einladen zu können, welche zweimal in der Woche zu Cavendiſh⸗ Scquare ſpeiſen ſollten. „Meine Theure! Sie ſind in der That die glück⸗ lichſte Dame auf Erden! Sie haben entſchieden das größte Kleinod an ihrem Gemahle,“ rief Lady Bondwell aus, die Frau eines mit Hamlyn wohlbekannten Ban⸗ kiers, welcher die Gewohnheit hatte, mit den Hamlyns in Schauſtellung von Pomp und Pracht zu wetteifern. „Geſtern war ich bei Storr und Mortimer und ich muß ſagen, Ihr neuer Weinabkühler iſt das vollkommenſte Ding, das ich jemals ſah! Ich könnte Sir Benjamin von jetzt an bis zum Tage des Gerichtes quälen, und doch will er mir Nichts der Art kaufen. Was gibt es, das Sie nicht bekommen? Wenn ich erfahren will, was wohl Neues in der Mode iſt, ſo eile ich nach Cavendiſh⸗ Square." Das war gewiſſermaßen wahr; aber die Ueppigkeit, in welcher Frau Hamlyn leben mußte, war für ſie ein Gegenſtand von Sorge und Pein. Sie legte zwar den Bemerkungen, welche jüngſt ihr Gemahl in Bezug auf Geldverlegenheiten gegen ſie geäußert hatte, deßwegen keinen beſonders hohen Werth bei, weil der unvorſichtige Widerſpruch Henrys gegen ſeine Wünſche, von dem er unmittelbar zuvor geſprochen hatte, ihm ſchwer auf das Herz gefallen war, aber ſie hatte Grund, aus den er⸗ höhten Ausgaben, welche Herr Hamlyn täglich machte, 325 und der gezwungenen Haltung, welche er in Geſellſchaften annahm, zu ſchließen, daß ſeine Beſorgniſſe ſich noch immer nicht gelegt hatten. Wäre dieſes nicht der Fall geweſen, ſo wäre ſie beinahe geneigt geweſen, zu glauben, ihrem Gemahl ſei es nicht ernſt mit ſeinen Befürchtungen; er wollte bloß ſie dazu bewegen, daß ſie die Entſchließungen ſeines Sohnes leite. So endeten die ſonderbaren vertraulichen Mitthei⸗ lungen, welche Herr Hamlyn ſeiner Frau gemacht hatte. Zwar war es ihr nicht möglich geweſen, eine Zuſammen⸗ kunft zwiſchen Oberſt Hamilton und zwiſchen Henry zu veranſtalten, aber ihre eigenen Brieſe waren an ihren Sohn gelangt, ſo lange er von Cambridge abweſend war; ihre eigenen Briefe, voll von der überzeugenden Beredtſamkeit mütterlicher Liebe, in welchen ſie allerdings durchaus keine Anſpielung auf Geldverlegenheiten ſeines Vaters merken ließ, aber ihn doch anflehte, er möchte um ihretwillen, um ſeines Bruders willen, der ihn ſo ſehr liebe, vom Widerſtand gegen den Willen ſeines Vaters ablaſſen. Sie ſchrieb:„Ich habe Grund zu glauben, daß die Wohlfahrt der Familie, Deines Bruders und Deiner Schweſtern(die Anſprüche Deiner Mutter, o Theuerſter! will ich nicht gerade geltend machen) davon abhängt, daß der Vater einen Nachfolger in ſeinem Geſchäfte hat, welchem daran gelegen iſt, nach dem Hingang Deines Vaters die Intereſſen der Geſchwiſter zu wahren. Dein Vetter Bernhard iſt ſchwach, ſowohl dem Geiſte, als dem Körper nach, und auf jeden Fall einem ſo ſchwierigen Geſchäfte nicht gewachſen. Ich bitte Dich deßhalb, mein Henry! bringe Deine Abneigung gegen das Bankierge⸗ ſchäft zum Opfer, und thue gegen uns Alle die Pflicht als Sohn und Bruder! Dein edles Herz kann ſich nicht beſſer zeigen, als durch ſolche Selbſtaufopferung; Dein edler Sinn kann ſich auf keine Weiſe beſſer erproben, als wenn Du den Geiſt des Widerſpruchs überwältigſt, welcher jüngſt ſo beredt aus Dir geſprochen hat. Mein Sohn! Deine Mutter bittet Dich auf den Knieen! Verſuche die 4 ¹ 326 Sache, greife ſie an! Widerſetze Dich nicht im Ueber⸗ muthe Deinem unglücklichen Vater!“. Auf ſolch eine Bitte hin, konnte natürlich Henry nicht umhin, ſeiner Mutter unbedingten Gehorſam zu verſprechen, und Miſtreß Hamlyn hatte die Freude, die erſte zu ſein, welche ihrem Gemahle die Kunde brachte, daß ihr Sohn vollkommen mit ſeinen Planen einver⸗ ſtanden ſei. Der arme Henry meldete nun wohl der ermahnenden Mutter, welche er ſo ſehr liebte und hoch achtete, ſeine pflichtgemäße Unterwerfung, aber er be⸗ merkte voll Schmerz, daß ihm, wie Covalan im Alterthum, der Gehorſam gegen ſeine Mutter ins Unglück ſtürzte. Die ſo kurz dauernde Hoffnung von einem Berufe frei zu werden, welchen er verabſcheute, und ſodann auf dieſem Wege die Hand einer Dame zu erhalten, welche er verehrte, mußte er aufgeben. Dieſes Unglück warf ihn nieder; ſein Geiſt wurde weit ſchwächer, als er zu⸗ vor geweſen war. Die Leute, welche mit Intereſſe den Gang ſeiner Studien überwachten, der ſeiner Beendigung ſo nahe war, ſahen mit Schmerz und Staunen, daß jedesmal um eilf Uhr Vormittags den jungen Mann der Muth verließ. Seine Anſtrengungen in Studien waren ſchwach. Die Betrachtung nahm ihm allen Muth zum Studiren, daß die höchſten Auszeichnungen, welche er erringen konnte, ihm weit weniger galten, als die Erlöſung von ſeinem Schickſale. —-— „Sie wird nie die meine werden! Sie hat mir ge⸗ ſagt, ſie werde niemals die meine werden, wenn ich mich je in die gehäſſigen Spekulationen verwickle, welche das Herz meines Vaters ſo verhärtet, und das wahre Weſen meines Vaters ſo ausgedorrt haben,“ war ſeine immer wiederkehrende Betrachtung. Der Himmel weiß es, ich hätte kein Bedenken getragen, meine eigenen Lebensausſichten dadurch zu gefährden, daß ich mich ihren Vorurtheilen über dieſen Punkt gefügt hätte. Aber da meine Mutter, meine arme theure Mutter, in Betracht ihrer Kinder mich um Hilfe anſpricht, ſo kann 327 ich ihre Bitte unmöglich abſchlagen. Es iſt für mich wohl nicht ſchmerzhafter, alle Hoffnung auf die Liebe Ellens aufzugeben, als ein Wiederſpruch gegen das Verlangen meiner unſchätzbaren Mutter geweſen wäre.“ Das Unglück, welches für ihn aus dem in ſeinem Geiſte vorgehenden Kampfe entſprang, war nicht weniger ſchmerzlich als dieſe Betrachtung. Er konnte ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht mehr länger auf ſchwierige Gegenſtände der Wiſſenſchaft richten, die tüchtigen Kräfte ſeines Geiſtes nicht länger auf die Ueberwältigung von Gegen⸗ ſtänden des Denkens wenden, welche er für Kleinigkeiten gehalten hatte, ſo lange er voll Freuden der Hoffnung lebte, Auszeichnungen auf der Univerſität werden ihm den Weg zum Gluͤcke in ſeinem künftigen Berufe als Profeſſor bahnen, und dieſer ihm Unabhängigkeit, und die Hand der ſchönſten und geliebteſten Dame erwerben. „O! hätte ich niemals dieſe tolle Reiſe nach Neapel gemacht!“ rief er hie und da aus, warf ſeine Bücher auf den Tiſch, und ging mit eiligen Schritten im ſtillen Zimmer umher, das ſo lange und mit ſolchem Glücke dem tiefſten Denken gewidmet geweſen war.„Hätte ich nicht die heiße Begierde gehabt, dieſes holde Geſicht in Neapel noch einmal zu betrachten, den Gegenſtand meiner Träume vom Knabenalter an, vom Augenblicke an, da ſie als glückliche Braut den jungen feurigen Liebhaber mit ſo gütigen Worten empfing, welcher ihr auf Dean mit ſeiner flüchtigen Liebe nahte,— ich könnte jetzi⸗ glücklich ſein, derſelbe ruhige, zufriedene Bücherwurm, wie vor Alters, derſelbe fernſichtige Geſchäftsmann. Ich war mit den Ausſichten meines Lebens zufrieden, bis Ellen Hamilton, mit all der Berediſamkeit in Blick und Sprache, mit welcher kein auf der Erde lebendes Weib jemals begabt war, das Gemälde vom Berufe eines Bankiers vollſtändig vor meiner Seele ausbreitete. So⸗ gar, wenn ſie ſich auch entſchlieſſen wollte, die Aus⸗ ſichten meines Lebens zu theilen,(und ich weiß, keine Ueberredung, keine Vorſtellung auf Erden könnte ihre 328 Entſchließung wankend machen) ſogar, wenn ſie ſich entſchlieſſen wollte, eine Lebensweiſe mit mir zu theilen, die ſie verabſcheut und verachtet, ja ſogar dann könnte ich, ich fühle es, durchaus nicht glücklich ſein, weil ich den Unterhalt meines Lebens aus dem ewigen Beſtreben, Anderer Glück zu gefährden, ziehen müßte. Verflucht will ich ſein, wenn ich dieſes ſtille Zimmer je verlaſſe, wenn ich mich je in all das gemeine Getriebe, in all die gemeine Chikane begebe, welche mich in Zukunft umgeben würden. Verflucht, verflucht müßte es ſein. Niemals möge ich dann mehr Muße haben, ein Buch zu öffnen, niemals mehr die Macht, die geſegneten Hoffnungen und Eindrücke entweder zu vergeſſen oder aufzufriſchen, welche, wie es ſcheint, mir für einen Augenblick blos deßwegen gegönnt geweſen zu ſein ſcheinen, um den Ruin und die Qual meines Lebens zu bilden!“ Anſtatt Studien fortzuſetzen, welche unumgänglich nothwendig waren, wenn er die Verſäumniſſe nachholen wollte, die durch ſeine Reiſe nach Italien veranlaßt worden waren, brachte der unglückſelige Henry ſeine Tage und Nächte in immer währender Erinnerung an die Vergangenheit, mit dem immer währenden Brüten über Gedanken, zu welchen die Reliquien rings um ihn her Veranlaſſung gaben, die Skizzen, die Kupferſtiche, und vor Allem der unglückliche Myrthenzweig das erſte Pfand ſeiner unglückſeligen Liebe, welchen er aus Ellens Hand erhalten hatte, als er mit Lady Burlington und ihr die Grotte der Sibylla bei Camä beſuchte. „Was hat es zu bedeuten, wenn ich auch ſchlecht durch mein Examen komme?“ rief er mit Achſelzucken aus, als er die böſe Kunde erhielt, es werden ihm wohl andere im Wettlaufe der Wiſſenſchaft zuvorkommen. Wenn ich auch alle Preiſe der Univerſität erhalten könnte, zu was würde es mir nützen? Was werden wohl dem Bankier Henry Hamlyn, Ehrenauszeichnungen am Herzen liegen, welche die Univerſität ertheilt?“ In dem Schreiben, in welchem er Miſtreß Hamilton 329 ankündigte, daß er ſich von der Verbindung mit ihr zurückziehe, und den Bitten ſeiner Mutter nachgebe, ließ er dieſen bittern Gefühlen den freien Lauf nicht. „Sie nannte mich früher häufig kindiſch und wankel⸗ müthig,“ war ſeine düſtere Betrachtung.„Wie oft erinnerte ſie mich daran, ſie ſei dem Alter nach zwei Jahre älter, als ich, und dem Charakter nach zehen. Als ich ihr von Italien aus einen Brief beſorgte, in welchem ſie Anſprüche an die Firma meines Vaters geltend zu machen hatte, ſagte ſie mir Alles das voraus, was auch wirklich eingetroffen iſt; ſie ſagte mir, ich werde nicht genug Charakterſtärke haben, um einem ſo ruhigen Tyrannen, wie meinem Vater, auf die Länge Wiederſtand zu leiſten. Immer wider wußte ſie voraus, was geſchah, und ich, dem ihre Gegenwart gewaltigen Muth verlieh, der voll Seligkeit war, daß er ihr nahe ſein, daß er anf ihre holde Stimme lauſchen, daß er ihr himmliſches Angeſicht anblicken durfte, fühlte mich meines Entſchluſſes ſicher, und verpfän⸗ dete meine Seele und mein Herz den Bedingungen, unter welchen ſie verſprach, künftig hin mein Eigenthum ſein zu wollen. Schöne, theure Ellen! Schon das iſt etwas werth, daß ſie es der Mühe werth hielt, nur einen Augenblick lang das Daſein eines ſolchen Nichts, wie ich ſelbſt, anzu⸗ erkennen. Aber ich will es nicht verſuchen, durch das betrübende Geſtändniß von Allem dem, was ich leiden muß, ihr Mitleid zu erwecken. Wenn es mir auch nicht möglich iſt, ihr mein Wort zu halten, wenn es mir auch nicht möglich iſt, als ehrenhafter Mann zu handeln, ſo will ich nicht kriechender Weiſe mich damit begnügen, daß ich von ihr das Verſprechen erhalte, ſie wolle ihre Grundſätze und Gefühle abſchwören. Sie war offen gegen mich, ſie entdeckte mir die tiefſten Gründe ihres Herzens, ſie geſtand, ſie könne nicht glücklich ſein mit mir, wenn ich den größten Theil meiner Tage im Bankier⸗ hauſe meines Vaters zubrächte. Es wäre verächtlich, wenn ich es verſuchen wollte, die Anſtöße, die ſie an mir findet, durch das Gemälde meines Unglücks, meiner Verzweiflung, aus ihrem Herzen zu verbannen.“ Kalt, beinahe ſteif und abgemeſſen, waren die Aus⸗ drücke, mit welchen der hochherzige junge Mann ein Opfer ankündigte, deſſen er nur gedenken durfte, um in Verzweiflung zu gerathen, und Ellen hatte vollkommen Recht, wenn ſie in der Bitterkeit ihres Kummers fühlte, daß bereits der Geiſt ſeiner künftigen Beſtimmung auf ihm ruhe, und daß er wie ein Bankier ſchrieb. Kein Wort des Troſtes für ihre Empfindungen der Liebe ſtund in ſeinem Schreiben, kein Platz war ihren ſchmerzhaften Gefühlen übrig gelaſſen. Aufs feſtete ſprach er von ſich ſelbſt, aufs kälteſte von ſeinen Planen, deßhalb glaubte ſie, den vollſten Grund zu der Vermuthung haben zu dürfen, daß die Schwierigkeiten ihm ganz willkommen ſeien, welche ſie ihrer Verehelichung dadurch in den Weg gelegt hatte, daß ſie unerfüllbare Bedingungen ſtellte. „Wenn doch meine arme, theure Mutter im Ge⸗ ringſten vermuthete, welch großes Opfer das iſt, das ſie von ihrem Sohne verlangt!“ rief Henry aus, nach⸗ dem er gerne zwanzig Mal den gemäſſigten, beinahe ſtolzen Brief Ellen Hamiltons durchgeleſen hatte, in welchem ſie ihm auf den Seinigen antwortete, in dem er ihr geſchrieben hatte, daß ſeine Plane ſich geändert haben, und daß er das kurze Zeit zwiſchen ihnen beſtandene Freundſchaftsverhältniß auflöſe.„Wenn meine Mutter es doch nur wüßtel Möge ſie es aber nie erfahren! Ihr Leben iſt, fürchtete ich, kein glückliches. Sie würde nur tauſendmal mehr Kummer und Schmerz empfinden, wenn ſie erführe, daß ſie mein Herz gebrochen hat.“ „Mein theures Mädchen! ich fürchte gar ſehr, Sie haben Ihre Geduld zu hoch angeſchlagen,“ bemerkte der Oberſt gegen ſeine ſchöne Schwiegertochter, nachdem er vierzehn Tage auf ſeinem Schloſſe zugebracht hatte, und nun entdeckte, daß die Schritte Ellens bei ihren Spazier⸗ gängen weniger leicht, und ihre Stimme bei ihren Unter⸗ haltungen weniger freudig war, als bei ihrer erſten 331 Ankunft.„Sie bedachten nicht, was es bedeuten will, wenn man Morgens, Nachmittags, bei Nacht mit einem alten Burſchen, wie ich, an Einer Kuppel leben ſoll.“ Zu ihrer Vertheidigung entgegnete ſie voll Auf⸗ richtigkeit:„ich fühle nicht den geringſten Mangel in geſellſchaftlicher Beziehung.“ „Ich kann Ihnen verſprechen, als ich Sie ſo dringend ermahnte, auf mein Schloß zu kommen und da zu bleiben, war es mir dennoch ſo zu Muthe, daß ich es nicht um die ganze Welt gethan hätte, würde ich nicht gedacht haben, daß Lydia und Ihre gute Mutter dort ſeien, um Sie mit ihrer dauernden Geſellſchaft zu er⸗ freuen, ein Glück, das ſie mir den Sommer und Herbſt hindurch zukommen lieſſen. Madam Markham iſt immer beſchäftigt mit ihren Kindern und den armen Leuten ihrer Pfarrei(weßwegen ſie auch hohe Achtung verdient), und was die hohen Leute auf Hyde betrifft, ſo glaube ich, Sie könnten ebenſo gut die Alabaſterfiguren ihrer Ahnen auf den Grabmählern in der Kirche von Brarham zu Geſellſchaftern haben. a „Wenn die ganze Familie iſt, wie Herr Vernon,“ entgegnete Ellen,„ſo kann es mir nicht gerade unange⸗ nehm ſein, wenn ich keinen Umgang mit ihr habe.“ „Sie gleichen mir nicht, meine Theure! die Sache iſt zehenmal ſchlimmer. Alberich iſt der Beſte vom ganzen Park. Geſtern erzählte er mir Etwas ganz Nagelneues. Er hielt meinen Phanton an, als ich durch Orington fuhr. Walther Hamlyn wird Morgen zu Dean⸗Park ſein, das heißt: der junge Vernon erzählte mir, Lord Dartford komme, und ich denke nicht, daß der Kapitän ihn von den Bedienten unterhalten läßt. Auf dieſe Weiſe, meine Theure! wird es Ihnen endlich möglich werden, Ihre Ritte über die Gartenzäune von Burlington auszudehnen.“ 4 3 „Ich habe nicht den geringſten Wunſch die Müſſig⸗ gängerin zu ſpielen,“ entgegnete ſie mit melancholiſchem Lächeln, das ganz verſchieden war von dem, welches ihre ſchönen Züge gleich bei ihrer Ankunft von Italien erhellt hatte.„Nicht das hält mich der alten Allee getreu, daß es mir an einem Ritter oder Edelmann fehlt, welcher Ausflüge mit mir machen könnte. Ich wäre mit Carlos Schutze vollkommen zufrieden, wenn ich die Abſicht hätte, die ganze Grafſchaft zu durch⸗ wandern.“ „Die Grafſchaft brauchen Sie gerade nicht zu durch⸗ wandern, beſehen Sie auf Ihren Ausflügen einſt⸗ weilen die Nachbarſchaft Etwas näher.— Doch, Ellen! Sie müſſen Ihr Herz in Acht nehmen, das kann ich Ihnen ſagen, wenn der junge Soldat kommt, und in Ihrem Hauſe ſeinen ſtolzen Knebelbart zeigt! Watty iſt vielleicht der ſchönſte junge Mann, welchen Ihre Augen jemals, ſo lange Sie leben, geſehen haben.“ Schöne junge Leute ſind nicht gerade mein Stecken⸗ pferd,“ entgegnete Miſtreß Hamilton, wobei ſie ver⸗ ſuchte, den herzlichen Ton anzunehmen, von welchem ſie wußte, daß er ihrem Schwiegervater ſo angenehm ſei. „Die Bauernburſche in der Gegend von Neapel ſind ſo ſchön, daß ſie Einem für den Reſt ſeiner Tage, die Freude an andern ſchönen Männern benehmen. Seitdem ich in den Abruzzen reiste, ſtellt mir eine unwillkührliche Ideenverbindung einen ſchönen Mann immer als ſchwach, abergläubiſch, feig, ſchmutzig und wohllüſtig dar.“ „Meine Theure! das iſt allerdings das treue Ge⸗ mälde eines italieniſchen Banditen! Doch, ich denke, Watty dankt Ihnen dafür nicht, daß Sie ihn mit ſolchen Leuten zuſammen werfen. Um die Wahrheit zu geſtehen, Ellen,“ fuhr der Oberſt fort, entſchloffen, der Sache näher zu treten, als er bis jetzt zu thun gewagt hatte, einer Sache, in Beziehung auf welche er ſich immer Stillſchweigen auferlegt hatte,„um die Wahrheit zu geſtehen, ich habe im Grunde meines Herzens mehr als halb den Wunſch, wenn Sie wieder heiraten wollen.“— „Ich werde nie wieder heiraten,“ unterbrach ihn 333 Ellen mit leiſer, aber ſicherer Stimme.„Sie mögen ſich darauf verlaſſen, niemals werde ich wieder heiraten.“ „Es macht mir keine Freude, daß Sie ſo ſprechen. So wahr, als das Andenken an meinen Sohn meinem Herzen heilig iſt, ich fühle es, Sie lebten nicht lange genug mit meinem armen Robert, und Sie ſelbſt ſind zu jung und zu ſchön, viel zu jung und zu ſchön, um ſich für den Reſt Ihrer Tage an den Wittwenſtand zu binden. Das iſt unnatürlich, meine Theure! das iſt Nichts, was man von Ihnen erwarten ſollte. Was ich ſagen wollte, iſt das: wenn Sie einen zweiten Gemahl nehmen wollen, ſo kann ich nicht umhin, zu geſtehen, daß der Sohn meines Freundes Hamlyn mir als Schwie⸗ gerſohn angenehmer wäre, als irgend ein Anderer. Denn als Schwiegerſohn werde ich Ihren künftigen Gatten. betrachten. Seitdem ich Sie geſehen, kennen gelernt und geliebt habe, Ellen! iſt es mir, das dürfen Sie glau⸗ ben, wie wenn Sie meine eigene Tochter wären.“ Wie der Oberſt ſicher erwartet hatte, die Wangen ſeiner ſchönen Genoſſin färbten ſich purpurroth, als er den Sohn ſeines Freundes in Erinnerung brachte. Es hätte ihm übrigens an Muth gefehlt, eine Frage an ſie zu richten, wodurch er ſich in ihre Geheimniſſe ein⸗ gedrängt hätte, ſogar wenn ſein eigenes Herz bei den Worten, welche er zuletzt mit ihr geſprochen hatte, we⸗ niger betheiligt geweſen wäre. Sein zartes Gefühl hielt ihn vollkommen davon ab, die Zeichen ihrer Aufregung auf liſtige Weiſe zu unterſuchen. Nach einer kurzen Pauſe, während welcher er übrigens von ſeiner Beglei⸗ terin keine Sylbe als Antwort herausgebracht hatte, ſagte er:„So, meine Theure! wenn dieſer flotte Burſche bei der königlichen Schloßbrigade ſo glücklich iſt, Ihre Neigung auf ſich zu ziehen, ſo iſt dieſes das Beſte für alle Partien. Ich weiß ganz gewiß, Hamlyn wäre ſtolz darauf, wenn er für ſeinen eigenen Sohn die Hand einer Dame erbitten dürfte, die er mit ſo vieler un⸗ nützer Aengſtlichkeit dem meinigen entführen wollte.“ 334 „Ich zweifle gar nicht daran, er würde es thun, wenn er Ihre väterlichen Erklärungen zu meinen Gun⸗ nen gehört hätte,“ entgegnete die junge Wittwe mit be⸗ trübtem Herzen und bitterm Lächeln.„Mein theurer Oberſt Hamilton! Ihre Erbin, möge ſie eine Schau⸗ ſpielerin, eine Nähterin oder irgend ein anderes wenig geachtetes Weſen ſein, würde von dem Bankier mit ge⸗ bogenen Knien in den Schooß ſeiner Familie aufgenom⸗ men werden.“ „Gehen Sie! gehen Sie! ſeien Sie nicht zu hart gegen meinen Freund! Hamlyn iſt der ehrenhafteſte Burſche auf Gottes Erdboden! Ich könnte Ihnen herr⸗ liche Züge aus dem Charakter Hamlyns enthüllen, welche dem Namen eines Mannes die höchſte Ehre machen! Meine theure Ellen! Sie haben gewiß, ſeitdem Sie in dieſer Gegend find, den Werth eines thätigen, wohl⸗ wollenden, feſten, denkenden Geſchäftsmannes wohl ein⸗ geſehen und gewürdigt, der die manchfachen Intereſſen der Nachbarſchaft, die unter ſeinem Schutze ſtehen, ſo trefflich zu leiten weiß?“ „Ich zweifle nicht daran, Herr Hamlyn iſt ein Mann von ausgezeichnetem Einfluß und ausgezeichneter Wich⸗ tigkeit. Er gibt große Beiſteuern zu den milden Stif⸗ tungen in der Gegend. So macht es auch Gratwycke (ſosviel ich gehört habe, verwendet er zu dieſem Zwecke den vierten Theil ſeines ſehr mäßigen Einkommens) und doch muß ich dabei denken, der alte Mann iſt deßwegen doch weit davon entfernt, ein guter Geſellſchafter zu ſein.“ „Ja! ja! es kann Jemand einem Spital eine be⸗ deutende Summe ſteuern, und doch iſt er deßhalb kein beſſerer Chriſt. Gratwycke zum Beiſpiel gibt den treffend⸗ ſten Beleg dafür. Er poſaunt immer aus, ſein Gut ſei durch die Schlechtigkeit der Zeiten und durch die Treff⸗ lichkeit der zu Gunſten der Armen gegebenen Geſetze auf die Hälfte ſeines Ertrages herabgekommen, aber den⸗ noch ſteure er, wie ſein Vater vor ihm, eine Guinee, um die Einrichtungen und Anordnungen in der Grafſchaft 335 aufrecht zu erhalten, wobei er dann immerwährend hin⸗ zufügt:„Niemals ſoll von mir geſagt werden dürfen, daß zu meiner Zeit der Name eines Gratwycke vom Schloß Gratwycke unter den Familien in der Grafſchaft an ſeinem guten Klange verloren hätte!“ Ellen! ich bin kein ſo alter Eſel, um ihm ſo Etwas als Wohlwollen gegen ſeine Nebenmenſchen anzurechnen. Aber Hamlyn iſt ein gan anderer Burſche. Hamlyn wendet eben ſo gut ſeine Börſe, als ſeinen Verſtand dazu an, um ſei⸗ nen Nebenmenſchen Gutes zu thun. Sehen Sie auf die ungemein viel nützlichen Maßregeln, welche er dem Parlamente zur Beſprechung vorgelegt hat. Sehen Sie,“ fuhr er fort, indem er die auf dem Tiſche liegende Zei⸗ tung alsbald aufnahm, und ſo fließend, als der Man⸗ gel ſeiner Brille geſtattete, die Verhandlungen einer großen Verſammlung von Kaufleuten und Bankiers auf der City zu London, welche den vorangegangenen Tag im Hauſe des Lord⸗Majors gehalten worden war, vor⸗ las, einer Verſammlung, bei welcher der Bankier und Ritter Richard Hamlyn im Sprecherſtuhle geſtanden war, und zu Gunſten der Einwohner von Petersburg geſprochen hatte, welche bei der neulichen Ueberſchwem⸗ mung arm geworden waren. An der Spitze der gedruck⸗ ten Verhandlungen ſtand eine beredte Vorrede, ihr folgte eine pompöſe Subſcriptionsliſte und voran an derſelben war die Firma„Hamlyn und Compagnie“ mit hundert und fünf Pſund Sterling unterzeichnet.“ „Würde ich nicht befürchten, Sie nennen mich vor⸗ urtheilsvoll und unedel, ſo würde ich ſagen, die Firma Hamlyn und Compagnie iſt bei dem Handel mit Ruß⸗ land bedeutend betheiligt.“ Oberſt Hamilton, welcher wußte, daß dieſes wirk⸗ lich der Fall ſei, konnte ſich nicht enthalten, zu lachen, und ſie freundſchaftlich auf den Rücken zu klopfen. „Sie ſind eine kleine, kluge Zigeunerin!“ ſagte er. „Da ſoll man ſehen, wie ein Weib für ſich im Stillen den Motiven einer Handlung nachſpurt.“ 336 „Da ſoll man ſehen, wie ein Weib für ſich im Stillen den Motiven einer Handlung nachſpürt, ein Weib, welches allein und unbeſchützt der ſchlechten Be⸗ handlung der Welt preisgegeben wurde. Wäre ich von Herrn Hamlyn niemals heruntergeſetzt und gekränkt wor⸗ den, ich hätte es gemacht, wie Andere es machen— ich hätte voll Gutmüthigkeit ſeine Tugenden für baare Münze genommen. Wie dem ſein mag, unſere Wege find glücklicherweiſe verſchieden. Ich häͤtte es nicht ge⸗ wagt, über einen Mann, welchen Sie achten, Sir, dieſe Bemerkung zu machen; es war deßwegen, weil Sie Kapitän Hamlyn meiner Zuneigung empfahlen. Nie⸗ mals habe ich je geglaubt, ich werde in dieſem Hauſe, aus welchem, wie ich denke, meine arme Freundin Bur⸗ lington durch die Kunſtgriffe des Mannes ausgetrieben wurde, welcher das Teſtament ihres Gemahles voll⸗ ſtrecken half; niemals glaubte ich, ich werde in dieſem Hauſe meine Stimme gegen ihn erheben müſſen. Um übrigens vollkommene Einigkeit zwiſchen mir und Ihnen zu bewahren(ich will mir Mühe geben, keine den ihri⸗ gen widerſprechende Meinung zu äußern, ſo lange ich bei Ihnen bin), will ich alle künftige Nennung ſeines Namens vermeiden.“ Der Oberſt entgegnete:„Meine Theure! das iſt eine ſchöne, gute Entſchließung, und ich danke Ihnen herzlich dafür. Da übrigens dieſes das Letztemal iſt, daß wir unſern armen Freund am Bratſpieße haben, ſo wollen wir ihn noch einmal drehen und zu kleinen Stücken röſten. Sagen Sie mir, Nelly, als treue Seele, haben Sie irgend eine Klage gegen den Bankier zu erheben, deren Grund etwas Anderes wäre, als die natürliche Neigung der Weiber zur Unverſöhnlichkeit, eine ſchlimme Sitte von euch ſeit mehr Jahren, als ich denken kann?“ „Keine Klage, Sir. Ich geſtehe, ich ſelbſt bin ſchuldig am harten Vorurtheile gegen einen Mann, deſſen einziger Gedanke und deſſen einziges Lebensziel der Ge⸗ winn iſt.“ — — 337 „Unter ſolchen Umſtänden werde auch ich Ihnen mißfallen. Bei mir können Sie ſich darauf verlaſſen, mehr als vierzig Jahre meines Lebens wandte ich ein⸗ zig und allein dazu an, Maſſen Geldes aufzuhäufen, die möglichſt beſten Zinſe für ſie zu erhalten, und—“ „Aber zu welchem Zwecke, mein theurer Herr!“ unterbrach ihn Ellen.„Was Anderes, als bloß Ihre eigene Zeit, Ihre eigene Bequemlichkeit, Ihre eigene Ruhe, die Anſtrengungen Ihres eigenen Geiſtes brachten Sie der Erwerbung des Reichthums zum Opfer? Zu was Anderem war der ſo erworbene Reichthum beſtimmt, als das Wohlſein Ihrer Familie, das Glück Ihrer gan⸗ zen Umgebung feſt zu gruͤnden? Weſſen Eigenthum ſetz⸗ ten Sie durch Spekulationen in Gefahr? Weſſen Ver⸗ mögen ruinirten Sie durch Berechnungen? Wem liehen Sie Geld auf wucheriſche Zinſe aus? Wem leiſteten Sie bei ſeiner Berſchwendung Vorſchub, ſo daß er ſein Vermögen zu Grunde richte, und das Gut ſeiner Vor⸗ eltern ihm verloren ging? Wann haben Sie ſo nieder⸗ trächtig erworbenen Reichthum zu dem kaum weniger verächtlichen Vorſatze verwandt, das Auge der menſch⸗ lichen Geſellſchaft durch falſche Vorſpiegelungen zu täu⸗ ſchen, und im hinterliſtigen Gewirre des Londoner Lebens eine Rolle zu ſpielen? Können Sie nachweiſen, daß Herr Hamlyn durch dieſe Beſtrebungen die Zufriedenheit ſeiner Familie geſchaffen habe? Zeigen Sie mir das häusliche Glück, welches der eitle Prunk ſeines übel er⸗ worbenen Reichthums geſchaffen hat! Seine Frau iſt auf's Tiefſte niedergeſchlagen; ſeine Tochter wagt es kaum, in ſeiner Gegenwart das Auge zu heben, und Einem ſeiner Söhne ſind die theuerſten und glänzendſten Plane ſeines Herzens durchkreuzt, weil er den engherzi⸗ gen Befehlen der Politik ſeines Vaters nachkommen ſoll? „Woher, beim Teufel! wiſſen Sie denn das Alles?“ rief der Oberſt aus.„Gott weiß, das iſt nicht das Ge⸗ mälde, das ich Ihnen immer von Dean⸗Park entwarf.“ Der Oberſt erwartete nun, er habe ſie auf einen Die Bankiersfrau. I. 22 Punkt geführt, wo ſie wohl nothwendiger Weiſe geſtehen müſſe, daß ſie mit Henry Hamlyn ſehr gut bekannt ſei, aber er täuſchte ſich, denn ſie erwiederte:„Sie vergeſſen, ich war vor drei Jahren eine ganze Woche lang im Hauſe Hamlyns.“ „SDa ſage ich Ihnen, Sie haben Ihre Zeit merk⸗ würdig benützt! Uebrigens war damals, als Sie zu Dean waren, Walther mit ſeinem Regimente abweſend, und Sie wiſſen alſo nicht, wie er mit ſeinem Vater ſteht. Glauben Sie mir nur, Ellen, Hamlyn liebt Wal⸗ thern ſo ſehr, als ich je ein leibliches Kind von mir liebte! Walthern würde er jedes Opfer bringen.“ Frau Hamilton ſchüttelte den Kopf mit Lächeln und wollte die Sache nicht glauben. „Schon gut! früher oder ſpäter werden Sie wohl geſtehen müſſen, daß es auf der Welt Nichts gibt, wel⸗ ches Hamlyn ſeinem älteſten Sohne abſchlagen könnte.“ „Recht, Sir! ſeinem älteſten Sohne! Dieſe zwei Worte erklären das ganze Geheimniß des Einfluſſes, welchen Walther auf ſeinen Vater hat. Ich ſehe Ihrem Geſichte an, Sie beſchuldigen mich, ich habe einen un⸗ edeln Sinn. Aber ich erkläre Ihnen, ich will eben ſo gut auf dem Boden, über welchen ſich die kochende Lava eines Vulkans ergoß, eine lebende, blühende Blume pflücken, als in einem Herzen, das ſich ſyſtematiſch dem Beſtreben vermittelſt des Sklavenhandels oder dem Han⸗ del mit dem Vermögen Anderer Geld zu gewinnen, er⸗ geben hat.“ „Nein, aber ſicher—“ „Nein! nein! nein! ich will kein einziges mildern⸗ des Wort hören. Ich haſſe eine harte, mitleidsloſe Seele, welche dadurch verhärtet wurde, daß ſie ihre Ohren im⸗ merwährend gegen die Klagen ihrer Nebenmenſchen taub machte, oder mit gar nichts Anderem, als mit Geld, Geld und wieder Geld zu ſchaffen hatte. Nach meiner Anſicht iſt Hamlyn weniger, als ein Mann; er iſt eine Mumie, die den Prozeß des Galvanismus durchmachte, — 339 in deren Adern ſlüſſiges Metall gegoſſen wurde. Mit einem ſolchen Weſen mag ich ebenſo wenig Gemeinſchaft haben, als mit—“ „Der Marquis von Dartfort und Kapitän Hamlyn laſſen ſich anmelden,“ kündigte Johnſton an, indem er die Thüre des Zimmers öffnete. Als Ellen den zwei jungen, ſchönen Fremden, welche ihr nun ſchnell durch ihren Schwiegervater vorgeſtellt wurden, als Beſitzerin des Schloſſes Burlington die Aufwartung machte, konnte man der Gluth auf ihrem ſchönen Geſichte wohl noch anſenen, daß die gerade 1 ausgeſprochenen Empfindungen auf daſſelbe gewirkt hatten.