— ſteht zur Em⸗ pfangnahm Morgens 7 Uhr bis 5 3 2. Lesepreis. ines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. d Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Jurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für dgschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. u u„— u. 7 9 4.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, Leſchmüchte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren 2 Cerkes, ſo iſt der Leſer ſuß Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus leihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —yjj— prediger von Dorf akefiel 5 Eine Geſchichte, die er ſelbſt . geſchrieben haben ſoll. . 1 1 4 „ Gon neuem verd — t amturt und Höcſt, 8 in der Soͤllneriſchen Buchhandlung 1277. 6 Der Hochgebohrnen Graͤfinn Caritas Emilia, Graͤfinn Bernſtorff, gebohrne von Buchwald. — — — — A —— 2 — 2 9 —— — Hochgebohrre a Ich hatte bereits einige Zeit dar⸗ über gedacht, wo ich die Phyſio⸗ gnomie einer ſolchen Serle ſuchen wollte, die ich vor die folgende Ue⸗ berſetzung, als mit dem Inhalt des Buchs harmonirend, ſetzen koͤnnte: da fand ich von ohngefaͤhr in Ih⸗ 4—1 vem rem Buͤchervorrathe Lavaters phy⸗ aufgeſchlaͤgen legend und folgende Zeilen mit Lebhaftigkeit(das zeig⸗ ten die Züge der Bleyfeder) unter⸗ ſtrichen: „Weisheit ohne Guͤte iſt Thorheit. „Ich will gerecht urtheilen und guͤ⸗ „tig handeln.“ Verzeihen Sie mir es, gnaͤdige Graͤfinn, daß ich Ihnen dieſe Ihre Seelenſilhouettt heimlich ent⸗ wendet, und, als meinem Entzweck entſprechend, meinem Buche vor⸗ ggeſetzt habe!— Aus fiognomiſche Fragmente Seite 139 —— Aus ehrerbietigſter Furcht, der Seele einen Augenblick Unruhe zu verurſachen,— doch, auch dieſe Empfindung darf ich nicht herſetzen, wenn ich dem Vorſatze treu bleiben will, dieſen ſchnell aufgefaßten Schattenriß mit keinem einzigen Zuge weiter auszumahlen.— Und eh' ich mich in Gefahr ſetzen moͤch⸗ te, Ihr unſchaͤtzbares gnaͤdiges Wohlwollen durch eine Zuſchrift zu verlieren, ſollte die Welt mich lieber für undankbar gegen die e- z ddel⸗ „e —— edelſte Guͤte halten, ſo ſehr ich auch von den gegengeſetzten Em⸗ pfindungen durchdrungen bnh. B. den 22. April. 1 77 6. 3 Der Ueber ſetzer. . zc v2 4 4 X. Nachricht des Verfaſſers an den Leſer. D' Ding hier hat wohl hundert Feh⸗ ler, und man koͤnnte hunderterley Dinge anfuͤhren, um zu beweiſen, daß es Schoͤnheiten waͤren. Aber, wozu das? Ein Buch kann ſehr unterhaltend ſeyn, ob's gleich Unrichtigkeiten die Menge ent⸗ haͤlt, oder bis zum Einſchlaͤfern trocken ſeyn, ohne auch nur Einmal gegen die Regel zu ſuͤndigen. Der Held dieſes Stuͤ⸗ ckes vereinigt in ſeiner Perſon die drey groͤßeſten Charaktere auf dem Erdboden. Er iſt ein Geiſtlicher, ein Landwirth und Hausvater. Er iſt gezeichnet als immer bereit zu lehren, und bereit zu folgen; als unaufgeblaſen im Ueberfluß und groß in Widerwaͤrtigkeiten. Wem aber kann in dieſen Zeiten der ausſtudirten Ueppigkeit ne eein wrr ein ſolcher Charakter gefallen? Weſſen Herz nach dem Vornehmleben haͤngt, der wird mit veraͤchtlicher Miene den Blick von ſeinem laͤndlichen Caminfeuer wegkeh⸗ ren. Wer Zoten und Laune miteinander verwechſelt, der wird keinen Witz in ſei⸗ ner harmloſen Converſation finden; und der, welcher es ſo weit gebracht hat, daß er uͤber die Religion ſpotten kann, wird den Mann auslachen, der ſeine vornehm⸗ ſten Troſtgründe aus einem untänfga Leben nimmt. Olver Goldſmith. A ———õ ⅛— — 4 6 ef εννενενοεενεεινιειειαειισι Inhalt der Kapitel. Erſtes Kapitel. S. 1 Beſchreibung der Wakefieldſchen Familie; in welcher eine Famulenaͤhnlichkeit ſowohl in Geſichtern als Gemuͤthern herrſcht. Zweytes Kapitel. Familienungluͤck. Verluſt des Vermoͤgens dien nur, den Stolz des Rechtſchaffenen zu ver⸗ mehren. 8 55 Drittes Kapitel. 16 Eine Wanderung. Zuletzt findet man gemeinig⸗ lich daß das Gluͤck unſers Lebens in unſerer eigenen Gewalt ſtehet. Viertes Kapitel⸗ 30 Ein Beweis, daß ſelbſt beym eingeſchraͤnkteſten Vermoͤgen Gluͤckſeligkeit ſeyn kann, die nicht von den Umſtaͤnden ſelbſt, ſondern davon ab: haͤngt, wie man ſie benuͤtzt. Fuͤnftes Kapitel. 3 Es wird eine neue und vornehme Bekanntſchaft aufgefuͤhrt. Worauf wir unſre meiſte Hoff⸗ nung ſetzen, ſchlaͤgt gemeiniglich am aͤrgſten fuͤr uns aus. Sechſtes Kapitel. 44 Ah yenehmner Zeitvertreib beym Kaminfeuer aufm Lande. Siebentes Kapitel. 1 Beſchreibung eines witzigen Staͤdters. 8 duͤmmſte Kerl kann ſo viel lernen, einen oder ein paar Abende komiſch zu ſeyn, Achtes XIV Achtes Kapitek- S. 62 Eine Verliebeley, die eben nicht viel Gluͤck ver⸗ * ſpricht, und doch ein großes bringen kann. Meuntes Kapitel.. 73 Zwey ſehr vornehme Damen werden eingefuͤhrt⸗ Vornehmere Kleidung ſcheint immer eine vor⸗ nehmere Erziehung zu ertheilen. Zehntes Kapitel. 80 Die Familie ſtrebt darnach, ſich an Vornehmere zu haͤngen. Das Elend der Armen, wenn ſie nach einem groͤßeren Scheine kingen, Als ihre Umſtaͤnde erlauben⸗ Eilftes Rapitel. 8 88 Die Familie behatrt bey ihrem Entſchluſſe, ihre Naſe hoͤher zu tragen. Zwoͤlftes Kapitel. 93 Das Gluͤck ſcheint zu beharren, die Wakefield⸗ ſche Familie zu demuͤthigen. Beſchaͤmungen find oft ſchmerzhafter, als wirkliche Unglcke⸗ ſe. Dreyzehntes Nasttr. aur ios Herr Burchill wird als ein Feind befunden; denn zu ſeyn. er iſt ſo dummdreiſt, einen undehaglichen Nath zu geben.. 1 Vierzehntes Rapftel. II5 Neue Demuͤthigungen, oder eine Demonſtration, daß auſcheinende Widerwaͤrtigkeiten wahre Segnungen des Himmels ſeyn konnen. Funfzehntes KRapitel 1²⁷ Herrn Burchills ganze Niedertraͤchtigkeit wird auf einmal entdeckt. Die Thorhe⸗ uͤberltug. Secho⸗ de. Sechezehntes Kapttel. S. 137 Die Familie erlaubt ſich Liſt, welcher noch groͤſ⸗ ſere entgegen geſetzt wird.. Siebenzehntes Kapitel. 147 Die Tugend iſt ſehwer zu finden, die der Gewalt einer langen und reizenden Verſuchung zu widerſtehn vermag⸗ Achtzehntes Kapitel. 162 Saure Wege eines Vaters, ein verlornes Kind zur Tugend zuruͤck zu rufen. 1: Neunzehntes Kapitel. 172 Beſchreibung einer Perſon, die mit der Regie⸗ rung unzufrieden iſt, und den Verluſt unſe⸗ rer Freyheit beſorgt⸗. Zwanzigſtes Kapitel⸗ 189 Geſchichte eines philoſophiſchen Landſtreichers, der Neuigkeiten ſucht, und die Zufriedenheit verliert. Ein und zwanzigſtes Kapitel. 1 219 Kurze Dauer der Freundſchaft unter laſterhaf⸗ ten Leuten; ſie geht nicht weiter, als die Be⸗ friedigung der gegenwaͤrtigen Wuͤnſche. Zwey und zwanzigſtes Kapitel⸗ 235 Beleidigungen werden leicht verziehen, wo im Grunde noch Liebe vorhanden iſt. Drey und zwanzigſtes Kapitel. 243 Nae der Laſterhafte kann lang und voͤllig elend eyn. Dier und zwanzigſtes Kapitel⸗ 252 Neues Kreuz und Leiden, 1 Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. 261 Kein Zuſtand des Lebens, ſo ungluͤckſelig er ſchei⸗ nen mag, der nicht einige Erleichterung bey ſich fuͤhren ſollte, die ihn ertraͤglicher macht. Sechs Sechs und zwanzigſtes Kapitel. S. 270 Eine Reformation im Kerker. Um die Geſetze vollkommner zu machen, ſollte ſie eben ſowohl Belohnungen als Strafen vorſchreiben. , Sieben und zwanzigſtes Bapitel⸗ 280 ' Fortſetzung des vorigen. ns G Acht und zwanzigſtes Kapitel. 289 Glüchſeliotefr und Elend in dieſem Leben ſind mehr ein Reſultat der Klugheit, als der Tu⸗ gend. Zeitliches Uebel oder zeitliches Wohl⸗ ergehen betrachtet der Himmel als Dinge, die an und fuͤr ſich ſelöſt unwichtig, und ſeiner Sorgfalt im Vertheilen nicht wuͤrdig ſind. Neun und zwanzigſtes Kapitel. 309 Die Unpartheylichkeit der Fuͤrſehung bewieſen in Anſehung der Gluͤcklichen und Ungluͤckli⸗ chen auf der Welt hienieden. Daß nach der Natur des Vergnuͤgens und der Schmerzen der Ungluͤckliche den Ueberſchuß ſeiner Leiden in Eien zukuͤnftigen Leben erſetzt bekommen muß. z. Dreyßigſtes Kapitel. 3¹8 Es beginnt 1ch eine gluͤcklichere Ausſicht zu er⸗ oͤffnen. Laß uns nur ſtandhaft genug ſeyn, ſo wird das Gluͤck ſich endlich auf unſre Seite neigen. Ein und dreyßigſtes Kapitel. 333 Ehmalige Gutthaͤtigkeit wird nunmehr mit un⸗ eerwarteten Zinſen bezahlt. Swey und dreyßigſtes Mapitef. 364 3 Beſchluß uß.— Dei Dorkpredige von Wakefield. — — o⸗ Erſtes Kapitel. ABeſchreibung der Wakeſieldſchen Familie; in welcher eine Familienaͤhnlichkeit, ſowohl in Geſichtern als Geinuͤ⸗ rhern herrſcht. verheyrathete und ein huͤbſches Haͤuflein Kinder auferzoͤge, mehr Nutzen ſchafte, als derjenige, welcher ledig bliebe, und blos; von der Bevoͤlke⸗ daß der ehrliche Maun. der ſich A rung 8 In der That wuͤßt' ich auch nicht, was uns Beſuchen beyeunſern reichen Nachbar und rung ſchwatzte. Aus dieſem Grunde war es kaum 8 ein Jahr, daß ich mich examiniren laſſen, als ich ſchon ernſtlich aufs Beweiben bedacht war, und mir eine Frau ausſuchte, wie ſie ihren Braut⸗ rock, nicht nach einer feinen gleiſſenden Ober⸗ flaͤche, ſondern nach Eigenſchaften, welche auf die Dauer waͤren. Ich muß ihr die Gerechtig⸗ 5 keit wiederfahren laſſen, daß ſie ein Maͤdchen von recht gutem Gemuͤthe war, und was ihre Erziehung anbelangt, ſo wuͤßte ich wenig Frauen⸗ zimmer vom Lande, die eine beſſre haͤtten. Sie konnte jedes Buch in ihrer Mutterſprache leſen, 4 ohne eben oft buchſtabieren zu duͤrfen; im Kochen, Brauen, Backen, Pekeln und Eigmachen aber ſuchte ſie ihres Gleichen. Sie wußte ſich auch nicht wenig damit, daß ſie die Haushaltung aus dem Grunde verſtuͤnde; ob ich gleichwohl niemals finden konnte, daß wir bey aller ihrer Haushaltungskunſt reicher wuͤrden. —— Bey alledem liebten wir einander recht herz⸗ lich, und unſre Liebe nahm mit den Jahren zu⸗ auf die Welt, oder auf einander haͤtte boͤſe machen koͤnnen. Wir hatten ein nettes Haus, belegen in einer ſchonen Gegend und in einer guten Nachbarſchaft. Das Jahr lief rund bey morliſchem oder ländlichem Zeitvertreib; nigſtens ſehr vergnuͤgte Freunde um uns hatten⸗ Denn die Bemerkung wird man Zeitlebens wahr — 3 Huͤlfleiſtungen an diejenigen, welche arm waren⸗ Wir hatten keine ſonderbare Gluͤckswechſel zu fuͤrchten, noch Muͤhſeligkeiten auszuſtehen; alle unſre Abentheure waren vor unſerm Kaminfeuer, und alle unſre Wanderſchaften erſtreckten ſich nicht weiter, als vom blauen Bette zum braunen⸗ Wir wohnten ſo nahe an der Landſtraſſe, daß wir oft von Fremden und Reiſenden beſucht wurden, um unſern Johannisbeerwein zu koſten, weswegen wir weit und breit bekannt waren; und ich geſtehe es, mit der Wahrheitsliebe eines Geſchichtsſchreibers, daß ich keinen darunter wuͤßte, dem er nicht gut geſchmeckt haͤtte⸗ Auch unſre Vettern und Verwandten, bis uͤber das ſiebende oder Naͤgelglied hinaus, waren ihrer Beyſippe eingedenk, ohne ſich durch Trau⸗ oder Taufſcheine daran erinnern zu laſſen, und kamen oft zum Beſuche zu uns. Einige dar⸗ unter machten uns durch ihre Sippſchaft frey⸗ lich nicht viel Ehre, weil Blinde, Lahme und Kruͤppel unter der Anzahl waren. Indeſſen be⸗ ſtund meine Frau darauf, ſie ſollten, weil ſie von einerley Fleiſch und Blut mit uns waͤren, auch an einem Tiſche mit uns ſitzen. Dergeſtalt, daß wir, wo nicht eben ſehr reiche, doch we⸗ : Je aͤrmer der Gaſt, je williger nimmt dem vorlieb, was man ihm vorſetzt. A Und Und ſo wie einige Menſchen mit entzuͤckender Be⸗ wunderung die Farben einer Tulipe oder eines Zweyfalters beſchauen koͤnnen, ſo war ich von Na⸗ tur ein Bewundrer vergnuͤgter menſchlicher An⸗ geſichter. Zeigte ſichs unterdeſſen, daß einer unſrer Vettern ein ſehr ſchlechter Menſch waͤre, ein unruhiger Gaſt, oder ſo einer, deſſen wir gerne los ſeyn wollten: ſo war ich immer darauf bedacht, ihm beym Abſchiede einen Rocklohr, ein Paar Stiefeln, auch wohl ein Pferd⸗ das nicht viel werth war, zu leihen, und dann hatte ich immer das Vergnuͤgen zu finden, daß zer niemals wiederkam, um es wieder zu bringen⸗ Hiierdurch reinigten wir unſer Haus von Leuten, 3 die uns nicht anſtunden. Aber niemals hat man von der Wakefieldiſchen Familie gehoͤrt, daß ſie einem Reiſenden oder armen Angehdrigen die Thuͤre gewieſen⸗ 8 Auf dieſe Weiſe fuͤhrten wir viele Jahre ein ſehr vergnuͤgtes Leben, ob ſchon wohl zuweilen ſolche Widerwaͤrtigkeiten mit durchliefen, welche die Fuͤrſehung ſendet, um ihren Segensgaben Mein Obſtgarten ward oft von den Schul⸗ zungen beſtohlen, und meiner Frauen Eyerkaͤſe wurden oft von Kindern und§ Oft fing der Gutsherr bey den ruͤhrendſten St einen hoͤhern Werth zu geben⸗ nd Katzen benaſcht. el ien 2 8 das Vaterland an, als meinen Schuldener. — 3 len meiner Predigt an zu ſchlafen, oder ſeine Frau Gemahlinn dankte auf meiner Frauen Gruß in der Kirche nur mit einem halben oder viertel Knix. Aber wir ſchlugen uns die Bekuͤmmer⸗ niſſe, die uns dergleichen Zufaͤlle verurſachten, bald wieder aus dem Sinne, und gewoͤhnlich, fingen wir nach drey oder vier Tagen an, uns zu wundern, wie wir ſo was haͤtten zu Her⸗ zen nehmen koͤnnen. Meine Kinder, die Abkoͤmmlinge der Maͤſ⸗ ſigkeit waren, da ſie auch nicht weichlich erzo⸗ gen wurden, wohl gebildet und geſund zugleich; meine Soͤhne handfeſt und thaͤtig, und meine Toͤchter friſch und bluͤhend. Wenn ich ſo mit⸗ ten in dieſem kleinen Zirkel ſtund, welcher ſich anließ, daß er die Stuͤtze meines finkenden Al⸗— ters ſeyn wuͤrde, ſo konnt' ich mich nicht ent⸗ brechen, an die beruͤhmte Geſchichte des Grafen Abensberg zu denken, welcher, waͤhrend Hein⸗ rich des II. Zuge durch Deutſchland, als die andern Hofſchranzen mit ihren Schaͤzen ankamen, ſeine zwey und dreyßig Kinder brachte, und ſolche ſeinem Koͤnige als die ſchätzbarſte Gabe darſtellte, die er bringen konnte. Auf dieſe Weiſe, ob ich gleich nur ſechs hatte, betrachtete ich ſie als ein koͤſtliches Geſchenk, das ich meinem Vaterlaulande gemacht haͤtte, und folglich ſah A 3 Unſer Unſer alieſter Sohn hieß Georg, nach ſeinem Oheim, der uns ſechszig tauſend Thaler nachge⸗ laſſen hatte. Unſer zweytes Kind, ein Madchen, war ich willens Gretchen taufen zu laſſen; meine Frau aber, die waͤhrend ihrer Schwan⸗ gerſchaft Romane geleſen hatte, beſtund darauf, ſie ſollte Olivia heiſſen. In weniger als einem Jahre darauf hatten wir eine zwote Tochter, und nun war ich entſchloſſen, die ſollte Gretchen genannt werden; da aber einer reichen Verwand⸗ tinn die Luſt ankam, das Kind aus der Taufe zu heben, ſo ward es auf ihre Anordnung So⸗ phie getauft, und damit hatten wir zwey poeti⸗ ſche Namen in der Familie; ich betheure aber hiemit aufs feyerlichſte, daß ich dabey keine Hand im Spiele gehabt habe⸗ Moſes war unſer dar⸗ auf folgendes Kind, und nach einer Zwiſchen⸗ zeit von zwoͤlf Jahren beſcheerte uns der Him⸗ mel noch zwey andre Söhne. Es waͤre vergebens, zu leugnen, wie ſich mein Herz erhub, wenn ich meine Kleinen um mich herum ſah. Aber der Stolz und die Freu⸗ de meiner Frauen uͤbertrafen noch die meinigen⸗ Wenn unſre Freunde, die uns beſuchten, zu ſa⸗ gen pflegten:»Nun, das iſt wahr, Mada⸗ me Primroſe, Sie haben die huͤbſcheſten Kinder in der ganzen Gegend!“ ſo war ihre Antwort: Nun ja, Frau Nachbarinn, ſo wie ſie der liebe — Him⸗ ————— — 2 Himmel beſcheert hat, huͤbſch genug, wenn ſie nur artig genug ſind. Denn artige Kinder, huͤbſche Kinder!„ und dann pflegte ſie die Maͤd⸗ chen zu heiſſen, den Kopf gerade zu halten, welche, um nichts zu verhehlen, wirklich recht ſchoͤn waren. Die bloſſe Auſſenſeite iſt fuͤr mich ein ſo nichtsbedeutender Umſtand, daß ich ſchwer⸗ lich darauf gefallen waͤre, deſſelben zu erwaͤh⸗ nen, waͤre es nicht der allgemeine Vorwurf des Geſpraͤchs in unſrer Gegend geweſen. Olivia, itzt ungefehr achtzehn Jahr alt, beſaß dieſe Fuͤlle der Schoͤnheit, womit die Mahler gemeiniglich die Goͤttinn Hebe zu mahlen pflegen. Offen, lebhaft und befehlend. Sophiens Zuͤge mach⸗ ten nicht ſchnellen Eindruck; thaten aber oft ihre Wirkung deſto ſichrer, denn ſie waren ſanft, beſcheiden und anziehend. Die eine ſiegte auf einen Streich, die andre durch ein gluͤcklich wie⸗ derholtes Bemuͤhen. Die Gemuͤthsart eines Frauenzimmers iſt gemeiniglich mit ihren Geſichtszuͤgen von einerley Bildung; mit meinen Toͤchtern war's wenigſtens ſo. Olivia wuͤnſchte viele Liebhaber, Sophie nur einen zu feſſeln. Olivia fiel oft, aus zu groſſer Begierde zu gefallen, ins Gezierte. Sophie verbarg ſelbſt ihre Vortreflichkeiten, aus Furcht zu beleidigen. Die eine unterhielt mich mit ihrer Lebhaftigkeit, wenn ich munter, und A 4 die / die andre mit ihrem Verſtande, wennich ornſt⸗ haft war. Dieſe Eigenſchaften gingen aber bey keiner von beyden bis zum Uebermaaß, und ich habe oft geſehen, daß ſie einen ganzen Tag ihre Charaktere mit einander vertauſcht habeu⸗ Ein Traueranzug hat meine Coquette in eine Sproͤde verwandelt, und eine neue Garnitur Band, hat ihrer juͤngern Schweſter mehr als natuͤrliche Lebhaftigkeit gegeben. Mein aͤlteſter Sohn, Georg, war zu Orford in der Koſt, und ich beſtimmte ihn zu einer von den gelehrten Pro⸗ feßionen. Mein zweyter Sohn, Moſes, den ich zum Handel beſtimmte, erhielt zu Hauſe eeine Art von vermiſchter Erziehung. Aber es iſt unndthig, mich bey der Beſchreibung der vpeſondern Charaktere der jungen Leute aufzu⸗ halten, welche nur ſehr wenig von der Welt geſehen hatten. Mit Kurzem zu ſagen, eine Familienaͤhnlichkeit fand ſich bey allen, und, mich beſtimmter auszudruͤcken, ſie hatten alle nur einen Charakter, der beſtund darin, daß ſte alle gleich großmuͤthig, leichtglaͤubig, auf⸗ richtig, gutherzig und ohne Arg waren⸗ — —— g edere des edesg Zweytes Kapitel. Familien⸗Ungluͤck. Verluſt des Vermoͤgens dient nur, den Stolz des Rechtſchaffnen zu vermehren. De Sorge fuͤr den Leib, in unſrer Haushal⸗ tung, waren hauptſaͤchlich das Geſchaͤft meiner Frauen, die Sorge fuͤr den Geiſt aber behielt ich mir voͤllig ſelbſt vor. Die Einkuͤnfte von meiner Pfarre, die ſich nicht voͤllig auf zweyhundert Thaler beliefen, ſchenkte ich an die hinterlaſſenen Witwen und Wayſen der Geiſt⸗ lichen in unſerm Sprengel; denn da ich von meinem eignen Vermoͤgen hinlaͤnglich leben konn⸗ te, ſo machte ich mir nicht viel aus dem Zeit⸗ lichen, und fuͤhlte ein heimliches Vergnuͤgen, daß ich meine Pflicht, ohne Abſicht auf den Lohn erfuͤllte. Ich ſetzte es auch bey mir feſt, mir keinen Candidaten zu halten, und jedermann von meinen Pfarrkindern ſelbſt kennen zu ler⸗ nen, indem ich die verheyratheten Maͤnner zur Maͤßigkeit und die Junggeſellen zum Eheſtande ermahnte; dergeſtalt, daß es in wenig Jahren zum bekannten Sprichwort wurde, Wakefield A 5 aͤtt 12 haͤtte drey ſonderbare Maͤngel: dem Pfarrer mangelt' es an Hochmuth, den Junggeſellen an Weibern, und dem Kruge an Gaͤſten! Der Eheſtand war beſtaͤndig eine meiner Lieblingsmaterien und ich ſchrieb verſchiedene Predigten, um ſeine Gluͤckſeligkeit ins Licht zu ſetzen; aber es war noch ein beſondrer Punkt bey der Sache, den ich ganz vorzuͤglich in mei⸗ nen Schutz nahm; denn ich behauptete mit Whi⸗ ſton, daß es einem Prieſter von der englaͤndi⸗ ſchen Kirche nach den Geſetzen nicht erlaubt ſey, nach dem Tode ſeiner erſten Frauen eine zweyte zu heyrathen; oder um's mit andern Worten zu ſagen: Ich ſetzte etwas darin, ein ſtrenger Monogamiſt zu ſeyn⸗ Ich ward fruͤh in dieſe wichtige Streitſa che hineingezogen, woruͤber ſo manche dicke Baͤnde geſchrieben ſind⸗ Ich ſelbſt habe einige Abhand⸗ lungen daruͤber drucken laſſen, von welchen ich, da ſie gar keinen Abgang gefunden, das Ver⸗ gnuͤgen habe, zu glauben, daß ſie blos von den wenigen Edlen geleſen werden. Einige mei⸗ ner Freunde nennen dies meine ſchwache Seite; aber lieber Gott! haͤtten ſie nur, wie ich, ſo lang und anhaltend daruͤber nachgedacht!— Je mehr ich daruͤber nachſann, je wichtiger ward ſie mir. Ich ging bey dem Bekaͤnntniß meiner Grund⸗ —,—— —,— fuͤr vollkommen ſchoͤn erklaͤret. Ihre Jugend, u Grundſaͤtze ſogar noch einen Schritt weiter, als Whiſton. So wie er auf ſeiner Frauen Grab⸗ ſtein hauen laſſen, daß ſie die einzige Ehefrau von Wilhelm Whiſton geweſen: ſo ſchrieb ich ein aͤhnliches Epitaphium fuͤr meine Frau, ob ſie gleich noch lebte, in welchem ich ihre Klug⸗ heit, Haͤuslichkeit und Unterthaͤnigkeit, bis an ihr ſeligs Ende, mit vielem Lobe erhob; und nachdem ich es ſchoͤn ins Reine ſchreiben und in einen zierlichen Rahmen faſſen laſſen, wurde es uͤber das Kamingeſimſe geſtellt, wo⸗ ſelbſt es verſchiedene nuͤtzliche Dienſte that. Es erinnerte meine Frau an ihre Pflicht gegen mich, und meine Treue gegen ſie; es floͤßte ihr ein Verlangen ein, nach ihrem Tode noch Ruhm zu verdienen, und erinnerte ſie beſtaͤndig an ihre Sterblichkeit. Daher, daß er den Eheſtand ſo fleißig prei⸗ ſen hoͤrte, mochte es wohl ruͤhren, daß mein Sohn, als er kaum von der Univerſitaͤt gekom⸗ men war, ſeine Neigung auf die Tochter eines benachbarten Geiſtlichen warf, der eine hohe Ehrenſtelle bekleidete, und ſich in den Umſtaͤn⸗ den befand, ihr ein anſehnliches Vermoͤgen mit⸗ zugeben. Doch das war nur der geringſte ih⸗ rer Vorzuͤge. Miß Arabella Wilmot ward von mann(meine beyden Toͤchter ausgenommen) Ge⸗ 412— Geſundheit und Unſchuld wurden durch eine ſo anſſerſt feine Haut und einen ſo ſeelenvollen Blick dergeſtalt noch erhdhet, daß ſelbſt das Alter ſie nicht mit Gleichguͤltigkeit betrachten konnte. Herr Wilwot wußte, daß ich fuͤr mei⸗ nen Sohn ein Anſehnliches thun konnte, und war alſo der Verbindung nicht entgegen. Beyde Familien lebten daher zuſammen in alle der gluͤcklichen Eintracht, welche gemeiniglich vor einer kuͤnftigen Verſchwaͤgerung vorherzugehen pflegt. Da ich aus der Erfahrung uͤberzeugt war, daß die Braut⸗und Braͤutigamstage die gluͤcklichſten in unſerm ganzen Leben ſind: ſo war ich ſehr geneigt, dieſe Tage eben nicht zu verkuͤrzen; und die verſchiednen Ergoͤtzlichkeiten, welche die jungen Leute taͤglich mit einander ge⸗ noſſen, ſchienen ihre gegenſeitige Liebe zu ver⸗ mehren. Wir wurden gewoͤhnlich des Morgens durch Muſik geweckt, und an heitern Tagen ritten wir auf die Jagd. Die Stunden zwiſchen dem Fruͤhſtuͤck und dem Mittagseſſen widmete das Frauenzimmer dem Ankleiden und dem Leſen⸗ Gemeiniglich laſen ſie ein Paar Seiten, und beſahen ſich darauf ein wenig im Spiegel, und ſelbſt Philoſophen duͤrften zugeben, daß der oft mehr Wahrheit und Schoͤnheit darſtellte, als die Buͤcher. Beym Eſſen fuͤhrte meine Frau das Wort. Denn, wie ſie ſichs nicht nehmen ließ, alle Gerichte ſelbſt vorzulegen, weils ihre Mut⸗ 4. ter y—— 13 * ter eben ſo gemacht, ſo gab ſie uns bey dieſer Gelegenheit die Geſchichte von jeder Schuͤſſel zum Beſten. Wenn wir abgegeſſen hatten, ließ ich, damit das Frauenzimmer bleiben koͤnnte, gemeiniglich den Tiſch wegbringen, und zuwei⸗ len gaben uns die Maͤdchen, mit Huͤlfe ihres Muſikmeiſters, ein ſehr angenehmes Concert. Spatzierengehn, Theetrinken, ein kleiner Tanz und Pfaͤnderſpiel verkuͤrzte uns die uͤbrige Zeit des Tages, ohne unſre Zuflucht zu Karten zu . nehmen, weil ich alles Spiel haßte, ausgenom⸗ men Cocadille, worinn mein alter Freund und ich zuweilen ein paar Dreyer⸗Partheyen machten⸗ Ich kann hier eines Umſtandes nicht vergeſſen, der mir begegnete, als wir das Letztemal zu⸗ ſammen ſpielten, und der mir gleich nichts Gu⸗ 1 tes zu bedeuten ſchien. Ich ſtund aufs Zuma⸗ chen, hatte alle Wuͤrfe beſetzt, nur die Fuͤnfen nicht, und warf fuͤnfmal hintereinander Fuͤnfe alle⸗— —— Verſchiedene Monate waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als man es endlich fuͤr rathſam hielt, den jungen Verliebten den Hochzeitstag anzu⸗ ſetzen, welche herzlich darnach zu verlangen ſchienen. Die wichtige Geſchaͤftigkeit meiner Frauen, waͤhrend der Zuruͤſtung darauf, und die 4 ſchlauen Blick emeinetoͤchter hab' ich nichtnoͤthig 8 zu beſchreiben; in der That ging meine Aufnerk⸗ 4 ſan. 8 14— ſamkeit auch auf einen andern Gegenſtand, auf die Vollendung einer Abhandlung, die ich naͤch⸗ ſtens, zur Vertheidigung meines Lieblingsſatzes, wollte drucken laſſen. Da ich ſolche fuͤr ein Meiſterſtuͤck in Buͤndigkeit und Vortrag hielt, ſo konnt' ich's nicht uͤbers Herz bringen, ich mußte ſie meinem alten Freunde Wilmot zeigen, weil ich an ſeinem Beyfall gar nicht zweifelte. Aber nur zu ſpaͤt entdeckte ich, daß er mit Leib und Seele der Gegenparthey ergeben waͤre, und das aus guten Gruͤnden, denn er hatte eben um dieſe Zeit Anwerbung um die vierte Frau gethau⸗ Dieſes, wie man leicht errathen wird, veran⸗ laſſete einen Diſput, der ein wenig bitter wur⸗ de, und der bevorſtehenden Verbindung faſt den Krebsgang drohte: allein, wir wurden eins, den Tag vor der Hochzeit die Sache weitlaͤufti⸗ ger vorzunehmen Es ward an beyden Seiten mit gehörigem Muthe zu Werke gegangen. Er behauptete, ich waͤre Heterodox; ich ſchob ihm die Beſchul⸗ digung zuruͤck: er replicirte, ich duplicirte⸗ Unter der Zeit, daß der Streit am hitzigſten war, ward ich von einem meiner Verwandten hiuausgerufen, welcher, mit einem ſorgſamen Geſicht, mir den Rath gab, ich ſollte doch mei⸗ nen Satz aufgeben, wenigſtens ſo lange, bis meines Sohnes Trauung vor ey waͤre.„Was?, ſagt. ———— ſagt⸗ ich,„die Sache der Wahrheit verleugnen? ihn einen Ehemann ſeyn laſſen, da ich ihn ſchon auf ein Haar ad Abſurdum gebracht habe? Eben ſo lieb koͤnnen Sie mir rathen, mein gan⸗ zes Vermoͤgen aufzugeben, als meinen Satz.„ „Ihr Vermoͤgen,„erwiederte mein Freund, „iſt, es thut mir leid, daß ichs Ihnen ſagen muß, ſo gut als Nichts.„„Der Kaufmann in der Stadt, dem Sie Ihr Geld a Depoſitum gethan haben, iſt ausgetreten, weil er nicht be⸗ zahlen kann, und ſeine Sachen ſollen ſo ſchlecht ſtehen, daß kaum fuͤnf Procent ha auskommen werden. Ich haͤtte Ihnen und den Ihrigen die⸗ ſe niederſchlagende Nachricht gerne bis nach der Hochzeit verbergen wollen; aber itzt ſcheint ſie mir noͤthig zu ſeyn, um Ihre Hitze im Diſputi⸗ ren zu maͤßigen; denn ich denke doch wohl, daß Ihre eigne Klugheit Sie noͤthigen wird, ſich wenigſtens ſo lange zu verſtellen, bis Ihr Sohn das Vermoͤgen ſeiner Braut in ſichern Haͤnden hat.,,—„Gut,„ verſetzt' ich,„wenn das, was Sie ſagen, wahr iſt, und ich ein Bettler ſeyn muß, ſo ſoll michs doch nie zum Schurken machen, oder mich dahin bringen, meine Grund⸗ ſaͤtze zu verleugnen. Ich will den Augenblick hinein gehn, und der Geſellſchaft meine Umſtaͤn⸗ de anzeigen; und was meine behauptete Mey⸗ nung betrift, ſo nehme ich ſogar hiermit wieder zuruͤck, was ich dem Manne aus Gefaͤlligkeit 4 ein⸗ 1 16— eingeraͤumt hatte, und werde ihm itzt nicht zu⸗ geſtehen, daß er ein Ehemann ſey, in keinerlen Verſtande des Worts.„ Ich wuͤrde nicht fertig werden, wenn ich die Empfindungen beſchreiben wollte, die es bey⸗ den Familien verurſachte, als ich die Zeitung von meinem Verluſte ausbrachte. Aber was andre fuͤhlten war nur leicht gegen das, was die Verlobten ſichtbarlich zu leiden ſchienen⸗ Herr Wilmot, der vorher ſchon Neigung genug blicken ließ, den Kauf aufzurufen, kam durch dieſen Schlag bald zum volligen Entſchluſſe. Eine Tugend beſaß er im hoͤchſten Grade, das war Klugheit; zuoft die Einzige, die uns im zwey und ſiebzigſten Jahre uͤbrig bleibt. 9=é=====1u D rrittes Kapitel. Eine Wanderung. Zuletzt findet man g„ meiniglich, daß das Gluͤck unſres Lebens in unſrer eignen Gewalt ſteher. 8 D einzige Hofnung, die den Meinigen uͤbrig — blieb, war, daß das Geruͤcht von unſerm Aungluͤcke aus Bosheit erfunden, oder voreilig ſeyn loͤnnte. Ein Brief aber von meinem Com⸗ 8 mißio⸗ ——— 17 mißionair in der Stadt, kam ſehr hald und be⸗ ſtaͤtigte jeden Umſtand. Fuͤr mich ſelbſt waͤre der Verluſt meines Vermoͤgens eine Kleinigkeit geweſen; der einzige Kummer, den ich fuͤhlte, war um die Meinigen, welche ich herunterkom⸗ men ſah, ohne daß ſie eine Erziehung hatten, die ſie gegen Verachtung gefuͤhllos machte. Faſt waren vierzehn Tage hingegangen, ohue daß ichs verſuchte, ihre Betruͤbniß zu hem⸗ men; denn voreiliger Troſt ſchaͤrft nur den Schmerz. Waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit waren meine Gedanken auf dielfuͤnftigen Mittel ihrer Unterhaltung gerichtet; und endlich ward mir in einem entlegenen Orte eine Predigerſtelle von nicht voͤllig hundert Thalern des Jahres ange⸗ boten, woſelbſt ich meinen Grundſaͤtzen, ohne daruͤber beunruhigtzu werden„treu bleiben konn⸗ te. Dieſen Vorſchlag nahm ich mit Freuden an, weil ich entſchloſſen war, mein Salarium durch eine kleine Nebenpachtung zu vermehren⸗ Nachdem ich dieſen Entſchluß gefaßt, war meine naͤchſte Sorge, die Truͤmmerni meines Vermoͤgens zu ſammlen; und nachdemn ich alle Schulden und Rechnungen abgeſtoſſen, und be⸗ zahlt hatte, blieben mir von ſiebzig Tauſend et⸗ wa zwey Tauſend Thaler uͤbrig. Mein vornehm⸗ ſtes Augenmerk war nunmehr, den Stolz meis B ⸗ neryr ———— 18 1— ner Frauen und Kinder bis zu ihren Umſtaͤnden herunter zu ſtimmen; denn ich wußte gar wohl, daß Großmuth in Armuth wahres Elend ſey. „Es kann Euch nicht unbekannt ſeyn, meine Kinder,„ſagt' ich,„daß alle unſre moͤgliche Klugheit unſerm erlittenen Verluſte nicht haͤtte vorbeugen koͤnnen; Klugheit kann aber viel thun, die Wirkung weniger ſchlimm zu machen. Wir ſind nun arm, meine lieben Wichter, und die Weisheit gebietet, uns in unſern erniedrigten Zuſtand zu ſchicken. Laßt uns alſo ohne Scheel⸗ ſehen dem Staate entſagen, wobey ſo manche zu bedauern ſind; laßt uns bey ſchlecht und rechter Lebensart die Zufriedenheit ſuchen, durch wel⸗ che jedermann gluͤcklich ſeyn kann. Die Armen leben vergnuͤgt ohne unſre Aufwartung, war⸗ um ſollten wir nicht leben koͤnnen, ohne die ihrige? Nein, meine Kinder laßt uns, von dieſem Au⸗ genblicke an, alle Anſpruͤche aufs Vornehmthun fahren laſſen; wir haben noch genug uͤbrig, um gluͤcklich zu ſeyn, wenn wir weiſe ſind, und wo unſer Geld nicht hinreicht, da oll uns die Zu⸗ friedenheit aushelfen. Meinen alteſten Sohn, der ſtudirt hatte, beſchloß ich, in die Stadt zu ſchicken, woſelbſt ihm ſein Wiſſen zu unſrer Unterſtuͤtzung und ſennen eignen zu ſtatten kommen koͤnnte. Die — Die Trennung von Freunden und Verwand⸗ ten iſt vielleicht einer der betruͤbteſten Umſtaͤnde, die mit dem Geldmangel verknuͤpft ſind. Der Tag nahte fruͤh genng heran, da wir uns zum Erſtenmale vereinzeln ſollten. Als mein Sohn von ſeiner Mutter und den Uebrigen Abſchied genommen hatte, welche ihre Thraͤnen beym Abſchiedskuſſe vergoſſen, kam er, mich um mei⸗ nen Segen zu bitten. Ich gab ihm ſolchen vom Grunde meines Herzens, und das, nebſt fuͤnf Guineen, war die ganze Ausſteuer, die ich ihm in gegenwaͤrtiger Zeit mitgeben konnte.„Mein Sohn,„ſagt' ich,„du geheſt zu Fuſſe nach London, auf eben die Weiſe, wie vormals dein groſſer Vorfahr, Hooker, dahin reiſete. Hier, da haſt du eben ein ſolches Pferd, als der gute Biſchof Jewel ihm gab, ſeinen Stock; und die⸗ ſes Buch nimm dazu, es wird dein Troſt auf dem Wege ſeyn. Dieſe zwo Zeilen darin ſind eine Million werth: Ich bin jung geweſen und alt worden, und habe noch nie geſehen, den Gerechten verlaſſen, oder ſeinen Saamen nach Brodt gehen. Das laß dir zur Staͤrkung auf deiner Reiſe dienen. Geh, mein Sohn, es mag dir ergehen, wie es will, ſo laß mich dich alle Jahr einmal ſehen. Sey nur immer gutes Muthes, und lebe wohl!„ B 2 Da —— — — — 4——e 3 Da er ein redliches rechtſchaffenes Herz be⸗ ſaß, ſo machte es mir keine aͤngſtliche Sorgen, ihn ſo nackt auf die Buͤhne des Lebens zu ſchicken; denn ich wußte, er wuͤrde eine gute Rolle ſpie⸗ len, es ſey als Sieger oder als Beſiegter⸗ Seine Abreiſe war blos eine Vorbereitung auf unſre eigne, welche wenige Tage darauferfolgte. Eine Nachbarſchaft verlaſſen, in der wir ſo man⸗ che ruhige Stunden genoſſen hatten, das konnte nicht ohne eine Thraͤne geſchehen. Die Stand⸗ haftigkeit in Perſon haͤtte ſie nicht unterdruͤcken koͤnnen. Dazu kam nun die Reiſe von vierzehn bis funfzehn Meilen, fuͤr Leute, dielhiemals ein halbe von ihrer Heymath weg geweſen wa⸗ ren, und machte uns allerhand Unruhen, und das Winſeln und Klagen der Armen, die uns eine gute Strecke begleiteten, thaten das ihrige, ſie noch zu vermehren. Den erſten Tag unſrer Wallfarth kamen wir gluͤcklich bis uͤber die Haͤlft⸗ Weges nach unſerm kuͤnftigen Aufenthalte, und wir nahmen unſre Nachtherberge in einem un⸗ anſehnlichen Wirthshauſe eines am Wege lie⸗ genden Dorfes. Als man uns eine Kammer angewieſen hatte, bat ich den Wirth, nach mei⸗ ner Gewohnheit, uns Geſellſchaft zu leiſten; welches er ſich gefallen ließ, weil ſeine eigne Zeche des andern Morgens die Rechnung ver⸗ groͤſſern wuͤrde. Unterdeſſen war ihm die gan⸗ ze Nachbarſchaft bekannt, wohin ich eben zog, und und beſonders Squire Tornhill, mein kuͤnftiger Gutsherr, wovon ich nur ein Paar Feldweges zu wohnen kam. Dieſen Herrn beſchrieb er mir, als einen Mann, der von der Welt wenig mehr zu kennen wuͤnſchte, als ihre luſtige Seite, und der beſonders wegen ſeiner Neigung zum weibli⸗ chen Geſchlecht beruͤhmt waͤre. Er ſagte, daß keine Tugend im Stande ſey, ſeiner Liſt oder ſeinen Belagerungen zu widerſtehen, und ſchwer⸗ lich eines Paͤchters Tochter auf zwo Meilen in die Runde zu finden ſeyn moͤchte, die er nicht beſchwaͤtzt haͤtte, und hernach ſitzen laſſen. Ob nun wohl dieſe Nachricht mir ein wenig unange⸗ nehm war, ſo hatte ſie doch eine ganz ver⸗ ſchiedene Wirkung auf meine Toͤchter, deren Geſichter ſich uͤber die Erwartung eines nahen Triumphs aufzuheitern ſchienen; auch war mei⸗ ne Frau nicht weniger vergnuͤgt und zuverſicht⸗ lich in Anſehung ihrer Reitze und Tugend. Der⸗ weil wir ſo mit unſern Gedanken zu Werke gin⸗ gen, kam die Wirthinn herein getreten, ihrem Manne zu ſagen, daß der fremde Herr, welcher zwey Tage im Hauſe geweſen, kein Geld haͤt⸗ zwey Tag g te, und ihnen ſeine Rechnung nicht zahlen koͤnnte. „Kein Geld!„ſagte der Wirth,„das kann nicht ſeyn! noch Geſtern erſt hat er ja unſerm Bettelvoigt drey Guineen gegeben, daß er den alten Kerl vom abgedankten Soldaten ſchonen moͤchte, den er aus dem Dorfe peitſchen mußte, B 3 weil 22— 1 weil er Hunde geſtohlen hatte⸗„ Indeſſen be⸗ ſtund die Wirthinn auf ihrer erſten Ausſage, und er machte ſich fertig hinaus zu gehe, wobey er fluchte und ſchwur, er wollte ſein Geld ha⸗ ben, es kaͤme auch her, wo es wollte, als ich ihn bat, er moͤchte mich mit einem Fremden be⸗ kannt machen, der ſo viel Barmherzigkeit bewie⸗ ſen, als er beſchrieben haͤtte. Dieß ließ er ſich gefallen, und fuͤhrte einen Mann herein, der ungefaͤhr dreyßig Jahr alrſchien, und einen Rock trug, der ehedem mit Treſſen beſetzt geweſen. Von Perſon war er wohl gebildet, und ſeine Mienen verriethen einen denkenden Mann⸗ Sei⸗ ne Art zu reden war ein wenig kurz und trocken, und Ceremonien ſchien er nicht zu verſtehen, oder zu verachten. Als der Wirth die Kammer ver⸗ laſſen hatte, konnte ich mich nicht entbrechen, dem Fremden merken zu laſſen, wie ichs bedauer⸗ te, einen feinen Mann in ſolchen Umſtaͤnden zu ſehen, und bot ihm meinen Beutel an, ſein 8. gegenwaͤrtiges Beduͤrfniß zu befriedigen.„Ich nehme es von Herzen gerne an, mein Herr, ſagt' er,„und bin erfreuet, daß meine letzte Unbedachtſamkeit, da ich alles Geld weggege⸗ ben, was ich bey mir hatte, mir gezeigt hat, daß es noch ſolche Maͤnner giebt, wie Sie⸗ Indeſſen muß ich doch vorher bitten, den Na⸗ men und den Aufenthalt meines Wohlthaͤters zu erſahren, um ihn ſobald als moͤglich wieder zu be⸗ —— — 02 — bezahlen., Hieruͤber that ich ihm voͤllig Genuͤ⸗ ge, indem ich ihm nicht nur mit meinem Na⸗ men, und meinem erlebten Ungluͤcke bekannt machte, fondern auch den Ort nannte, wo ich eben hinzoͤge.„Das kommt noch gluͤcklicher,„ſagt' er,„als ich gehoft haͤtte, weil ich ſelbſt eben des Weges gehe, und hier nur die zwey Tage durch das hohe Waſſer aufgehalten bin, das aber, wie ich hoffe, Morgen ſchon wieder fo weit ge⸗ fallen ſeyn wird, daß man weiter kommen kann.„ Ich bezeugte ihm das Vergnuͤgen, welches mir ſeine Geſellſchaft geben wuͤrde, und da meine Frau und Tochter ihr Theil mit noͤthigten, ließ er ſich bereden, bey uns zum Abendeſſen zu bleiben. Die Geſpraͤche des Fremden, welche zugleich angenehm und lehrreich waren, lieſſen mich wuͤnſchen, ſolche laͤnger zu genieſſen, allein es ward bereits hohe Zeit zu Bette zu gehen, um auf die Beſchwerlichkeiten des folgenden Ta⸗ ges neue Kraͤfte zu ſammlen. Den naͤchſten Morgen machten wir uns alle mit einander auf den Weg: meine Familie zu Pferde, und Herr Burchill, unſer neue Freund, ging den Pfad neben der Heerſtraſſe her zu Fuſſe, und ſagte dabey laͤchelnd, da wir ſo ſchlecht be⸗ ritten waͤren, wollte er großmuͤthig ſeyn, und es nicht darauf anlegen, uns dahinten zu laſſen⸗ B 4 Da Da das ausgetretene Waſſer noch ſehr hoch war⸗ ſahen wir uns genothigt, einen Wegweiſer zu neh⸗ men, welcher vorm Herrn Burchill aufmarſchir⸗ te, indem ich den Nachtrupp fuͤhrte. Wir er⸗ leichterten uns die Beſchwerlichkeiten des Weges mit Diſputiren uͤber philoſophiſche Materien, die er ſehr gut zu verſtehen ſchien. Was mich aber am meiſten befremdete, beſtund darin, daß⸗ pb er gleich ein Mann war, der Geld borgte, er dennoch ſeine Meynung eben ſo hartnaͤckig vertheidigte, als ob er mein Patron geweſen waͤre. Von Zeit zu Zeit gab er mir auch Nach⸗ richt, wem die verſchiedenen Landhaͤuſer zu⸗ gehoͤrten, die uns auf unſerm Wege zu Geſichte kamen.„Jenes dort,„ſagt' er. indem er auf ein praͤchtiges Haus wies, das in einiger Entfernung lag,„gehoͤrt Herrn Torn⸗ hill, einem jungen Manne, der ein groſſes Ver⸗ moͤgen hat, ob er gleich gaͤnzlich von dem Wil⸗ len ſeines Oheims, Sir Wilhelm Tornhill, ab⸗ haͤngt, der ſich ſelbſt mit wenigem begnuͤgt, ſeinem Neffen den Genuß des uͤbrigen laͤßt, und die meiſte Zeit in der Stadt lebt.„„Wie?„ ſagt ich,„iſt alſo mein junger Gutsherr der Neffe eines Mannes, deſſen Tugend, Groß⸗ muth und Sonderheiten ſo allgemein bekannt ſind? Ich habe Herrn Wilhelm Tornhill als einen der großmuͤthigſten, aber ſonderbarſten Maͤnner im ganzen Reiche beſchreiben gehoͤrt; als einen Mann —. 23 Mann von der auſſerſten Gutthaͤtigkeit.„— „Von der zu weit getriebenſten, vielleicht,„ verſetzte Herr Burchill;„wenigſtens ging ſeine Gutthäͤtigkeit bis zur Ausſchweifung, als er noch jung war; denn damals waren ſeine Lei⸗ denſchaften noch heftig, und da ſie ſich alle auf die Seite der Tugend neigten, trieben ſie ihn oft bis zum Romantiſchen. Er trachtete fruͤh nach den Eigenſchaften eines Soldaten und ei⸗ nes Gelehrten, erlangte bald einen Namen in der Armee, und erwarb ſich einigen Ruhm un⸗ ter den Gelehrten; den Ehrbegierigen folgt im⸗ mer die Schmeicheley auf dem Fuſſe, denn nur ſolche allein finden das meiſte Vergnuͤgen am Lobe. Er war mit einer Menge von Leuten umgeben, die ihm nur bloß eine Seite ihres Charakters zeigten; ſo, daß er begann, die Sorge fuͤr ſein eignes Beſte in allgemeiner Sympathie zu ver⸗ lieren. Er liebte das ganze menſchliche Geſchlecht, denn ſeine gluͤcklichen Umſtaͤnde verbargen ihm die Kenntniß, daß es Schurken gaͤbe. Die Aerzte erzaͤhlen von einer Krankheit, in welcher der Koͤrper ſo auſſerordentlich empfindlich iſt, daß ihm die ſanfteſte Beruͤhrung ſchmerzlich wird; was einige auf dieſe Weiſe an ihrem Leibe gelit⸗ ten haben, das fuͤhlte dieſer gute Mann an ſei⸗ nem Gemuͤthe. Die geringſte Noth, wahr oder erdichtet, drang ihm durch Markund Bein, und ſeine Seele ſchleppte ſich mit einer kraͤnklichen 2 5 Em⸗ 26—— Empfindlichkeit uͤber das Leiden anderer. Mit dieſer Neigung zu belfen, fanden, wie man leicht denken kann, ſich der Leute bey Haufen, die ei⸗ ne Neigung fuͤhlten, zu begehren. Seine Ver⸗ ſchwendung fing an, ſein Vermoͤgen, aber nicht ſeine Gutherzigkeit, zu beengen. Die Letzte nahm ſichtbarlich zu, ſo wie das andere abzu⸗ nehmen ſchien. Er ward in eben dem Maaſſe unbedaͤchtlich als er arm ward, und ob er gleich ſprach, wie ein vernuͤuftiger Mann, ſo handel⸗ te er doch, als ein Narr. Da er indeſſen im⸗ mier noch mit zudringlichen Leuten umzingelt, und nicht laͤnger im Stande war, jedes Begeh⸗ ren, das an ihn gelangte, zu befriedigen, ſo gab er Verſprechungen ſtatt baaren Geldes Das war alles, was er noch zu geben hatte, und er beſaß nicht Muth genug, einem Men⸗ ſchen durch eine abſchlaͤgige Antwort Kummer zu machen. Auf dieſe Weiſe zog er ſich eine Men⸗ ge duͤrftiger Freunde auf den Hals, deren Hof⸗ nungen er natuͤrlicher Weiſe taͤuſchen muͤßte, denen er doch abzuhelfen wuͤnſchte. Dieſe hin⸗ gen ein Zeitlang an ihm, und verlieſſen ihn mit verdienten Vorwuͤrfen und Verachtung⸗ Aber n eben dem Maaſſe, wie er andern veraͤchtlich ward, ward er's ſich ſelbſt. Sein Gemuͤth hat⸗ te ſich auf ihre Schmeicheley gelehnt; dieſe Stuͤtze weggenommen, konnte er keine Freude in dem Beyfalle ſeines eignen Herzens finden, welches * er —— — 27 er noch nicht gelernt hatte, hoch zu ſchaͤtzen. Die Welt fing an, fuͤr ihn eine andre Geſtalt zu gewinnen; die Schmeicheley ſeiner Freunde ſank zum bloſſen Beyfall herab. Der Beyfall nahm ſehr bald di freundſchaftlichere Geſtalt des Rath⸗ gebens an, und wenn der Rath nicht befolgt ward, verwandelte er ſich in Vorwuͤrfe. Er fand alſo nunmehr, daß ſolche Freunde, welche Wohlthaten um ihn verſammlet hatten, eben keinen groſſen Werth haͤtten; er fand nunmehr, daß ein Mann immer ſein eignes Herz ſchenken muß, wenn er das Herz eines andern gewin⸗ nen will. Ich fand nun, daß— daß—(ich vergeſſe, was ich ſagen wollte:) Kurz, mein Herr, er faßte den Entſchluß, Ehrerbietung fuͤr ſich ſelbſt zu hegen, und machte einen Plan, ſeinen ſinkenden Gluͤcksumſtaͤnden wieder aufzuhelfen. Zu dieſem Ende reiſete er, auf ſeine ihm eigne ſonderbare Weiſe, zu Fuße durch Europa, und gegenwaͤrtig, ob er gleich kaum das dreyßigſte Jahr erreicht hat, ſind ſeine Um⸗ ſtaͤnde beſſer als jemals. Seine Wohlthaten theilte er itzt mit mehr Vernunft und Maͤßigkeit aus; immer aber noch behauptet er den Charak⸗ ter eines Sonderlings und findet das groͤſſeſte Vergnuͤgen an hochgeſpannten Tugenden.„ Meine Meine Aufmerkſamkeit war ſo ſehr mit Herrn Burchills Erzaͤhlung beſchaͤftigt, daß ich kaum meine Augen brauchte, ſo lang er ſprach, bis wir durch das Geſchrey der Meinigen ſtutzig wurden, da ich dann, als ich mich umſah, mei⸗ ne juͤngſte Tochter mitten in einem ſchnellen Fluſſe erblckte, die von ihrem Pferde geworfen war, und gegen den Strom anſtrebte. Sie war ſchon zweymal untergeſunken, und in mei⸗ nem Vermoͤgen ſtund es nicht, mich zeitig ge⸗ nug los zu machen; um ihr zu Huͤlfe zu kom⸗ men. Selbſt meine Beſtürzung war zu groß, um einmal auf ihre Rettung bedacht zu ſeyn; ſie waͤre gewißlich verlohren geweſen, haͤtte nicht mein Reiſegefaͤrth, als er ihre Gefahr er⸗ blickte, ſich augenblicklich ins Waſſer geſtuͤrzt, und ſie mit ziemlicher Muͤhe gluͤcklich an das jen⸗ ſeitige Ufer gebracht. Wir uͤbrigen kamen, nach⸗ dem wir den Fluß ein wenig weiter hinauf gerit⸗ ten waren, gluͤcklich hinuͤber; da wir denn Ge⸗ legenheit hatten, unſre Erkenntlichkeit mit der ihrigen zu vereinigen. Ihre Dankbarkeit kann man ſich leichter einbilden, als beſchreiben; ſie gab ſolche ihrem Erloͤſer mehr durch Blicke als durch Worte zu erkennen, und blieb auf ſeinem Arme gelehnt, als ob ſie geneigt waͤre, noch mehr Beyſtand anzunehmen. Auch meine Frau hofte eines Tages das Vergnuͤgen zu haben, ſeine Guͤtigkeit in ihrem eignen Hauſe zu erwie⸗: 2 4 dern⸗ — 4 29 — 7 dern. Dergeſtalt, nachdem wir in dem naͤch⸗ ſten Wirthshauſe ein wenig ausgeruhet und zu⸗ ſammen zu Mittage gegeſſen hatten, nahm Herr Burchill Abſchied von uns, weil ſein Weg nach einer andern Gegend fuͤhrte, und wir ſetzten un⸗ ſere Reiſe fort. Meine Frau machte unter Wegs die Anmerkungen, daß er ihr auſſerordentlich ge⸗ fiele, wobey ſie verſicherte: wenn ſeine Abkunft und ſein Vermoͤgen ſo beſchaffen waͤren, daß er * darauf Anſpruch machen koͤnnte, in eine ſolche Familie, wie die unſrige, zu heurathen, ſie kei⸗ nen Mann wuͤßte, den ſie lieber zum Schwieger⸗ ſohn haben moͤchte. Ich konnte mich des Laͤchelns nicht enthalten, ſie ſo in dieſem hohen Tone ſprechen zu hoͤren; im Grunde waren mir aber dieſe unſchaͤd⸗ liche Traͤumereyen niemals ſehr aͤrgerlich, welche das ihrige beytragen, uns gluͤcklicher zu machen. e Vier 30—,— SSO,0-,SS b Viertes Kapitel. Ein Beweis, daß ſelbſt beym eingeſchraͤn⸗ teſten Vermoͤgen Gluͤckſeligkeit ſeyn kann/ die nicht von den Umſtaͤnden ſelbſt, ſondern davon abhaͤngt, wie man ſie benuͤtzt. Der Ort, wohin wir unſre Zuflucht nahmen, lagin einer kleinen Nachbarſchaft von Land⸗ wirthen, die mit ihren eignen Ochſen pfluͤgten, und eben ſo unbekannt mit Ueberfluß als Man⸗) gel waren. Da ihnen faſt alle Beduͤrfniſſe des Lebens in die Hand wuchſen, ſo kamen ſie ſelten nach Flecken oder Staͤdten, um entbehrliche Dinge zu holen. Ferue von der feinen Welt, wohnte noch bey ihnen die ſittliche Einfalt der erzvaͤterlichen Zeit; und bey zur Gewohnheit ge⸗ wordenen Maͤßigkeit wußten ſie kaum, daß Nuͤch⸗ ternheit und Keuſchheit Tugenden waͤren. An den Werkaltagen arbeiteten ſie mit Luſt; die Feſt⸗ tage aber hielten ſie zur Abmuͤßigung und zum Vergnuͤgen beſtimmt. Sie blieben bey ihren al⸗ ten Chriſtnachtsliedern, ſchickten am Valetins⸗ tage ihren Feinsliebchen Hut⸗und Bruſtſchleifen, aſſen Faſtnachtsabendihren Pfannkuchen, uͤbten — ihren 1 1 „ — 1 8 — 2 31 ihren Witz am erſten April und kuackten ganz andaͤchtiglicham Stmt Michelabend ihre Nuͤſſee e Als ſie unſre Ankunft wußten, zog die ganze Nachbarſchaft aus, ihren neuen Prediger zu empfangen; hatten ihre Sonntagskleider ange⸗ than, und einen Pfeifer und Trommelſchlaͤger voranſu⸗ Zu unſerm Willkommen hatte man auch ein Mahl bereitet, zu welchem wir uns heiter und froͤlich niederſetzten, und was den Tiſchre⸗ den am Witz abging, das ward durch Lachen erſetzt. 1 2. Unſre kleine Wohnung lag am Fuſſe eines nicht ſteilen Huͤgels; hinten ward ſie von einem ſchoͤnen Buſchwaͤldchen beſchuͤtzt, und vorne rieſelte ein geſchwaͤtziger Bach vorbey; zur einen Seite lag eine Wieſe, an der andern ein gruͤner Anger. Meine Landwirthſchaft beſtund aus un⸗ gefehr zwanzig Acker vortreflichen Landes, fuͤr deſſen Verbeſſerung ich meinem Varweſer beym Abzuge fuͤnf hundert Thaler verguͤtet hatte. Mein kleiner Gau war ſo vortreflich eingehaͤgt, daß nichts daruͤber ging. Die Ulmbaͤnme und Dornhecken gaben einen unausſprechlich ſchoͤnen Anblick. Mein Haus beſtund nur aus einem Stockwerke und hatte ein Strohdach, welches ihm ein dichtes warmes Anſehn gab; die Waͤn⸗ de inwendig waren huͤbſch geweiſſet, und meine Toͤchter unternahmen es, ſolche mit Gemaͤhlden von 1 —— 7 — 4 32 voon ihrer eignen Arbeit zu verzieren. Und daß wir nur ein Zimmer zur Kuͤche und zum Woh⸗ nen hatten, das machte es nur um ſo viel waͤr⸗ mer. Da es uͤbrigens hoͤchſt ſauber gehalten und das kupferne und zinnerne Tiſch⸗ und Kuͤ⸗ chengeraͤth blank geſcheuret auf die Bordte in glaͤnzenden Reihen geſtellt wurde, ſo fiel es ſehr gut in die Augen, und wir brauchten keine beſ⸗ ſere Tapeten. 4 BWir hatten noch drey andre Kammern, eine fuͤr meine Frau und mich; eine andre fuͤr unſre beyden Tochter, welche durch unſre Thuͤr ging, und die dritte mit zwey Betten, fuͤr die uͤbrigen Kinder. Die kleine Republik, der ich Geſetze gab, war folgendergeſtalt eingerichtet: Mit Sonnen⸗ aufgang verſammleten wir uns alle im gemein⸗ ſchaftlichen Zimmer; Feuer hatte die Magd ſchon vorher angemacht. Nachdem wir einander mit gebuͤhrender Ceremonie gegruͤßt hatten,(denn ich habe's allemal fuͤr ſchicklich gefunden, eine gewiſſe mechaniſche Form der guten Lebensart zu beobachten, ohne welche eine genaue, zu freye Bekanntſchaft der Freundſchaft gefaͤhrlich wird) knieten wir alle nieder, dem Weſen zu danken, das uns abermal einen Tag ſchenkte. Wenn dieſe Pflicht erfuͤllet war, gingen mein Sohn und — 33 und ich an unſre gewoͤhnliche Arbeit auffer dem Hauſe, unterdeſſen daß meine Frau und Toͤch⸗ ter ſich beſchaͤftigten, das Fruͤhſtuͤck zu bereiten, welches allemal zu einer beſtimmten Zeit fertig war. Zu dieſer Mahlzeit erlaubte ich eine hal⸗ be, und zum Mittagseſſen eine ganze Stunde⸗ Dieſe Zeit verging mit unſchuldigen Scherzen zwiſchen meiner Frautzi und Toͤchtern, und mit philoſophiſchen Geſpraͤchen zwiſchen meinem Sohn' und mir. Wie wir mit der Sonne aufſtunden, ſo ſetz⸗ ten wir auch unſre Arbeit niemals weiter fort, wenn ſie untergegangen war; ſondern kehrten zu den Unſrigen nach Hauſe, die uns erwar⸗ teten, und wo freundliche Geſichter, ein rein⸗ liches Kamin und ein angenehmes Feuer uns bewillkommten. Wir hatten auch unſre Beſu⸗ che; zuweilen ſprach unſer redſeliger Nach⸗ bar, Flamborough, und oft der blinde Muſikant bey uns ein, um unſern Johannisbeerwein zu koſten; denn dazu hatten wir ſo wenig das Re⸗ cept verloren, als den Ruhm, daß wir ihn gut machten. Dieſe ehrlichen Leute hatten verſchie⸗ dene Mittel, ſich zu guten Geſellſchaftern zu machen; derweilt der eine ſpielte, ſang der an⸗ dre ein wackres altes Liedlein dazu, als 2 Stuͤrmt, reißt und raſ't ihr Ungluͤckswinde “ ͤ ader ³ 24 oder: Von allem was man Schoͤnes weiß u. ſ. w. Der Abend ward auf die Weiſe beſchloſſen, als wir den Morgen begounen hatten, wobey meine zuͤngſten Knaben das Amt hatten, das Abend⸗ gebet zu leſen; und der, welcher am lauteſten⸗ deutlichſten und beſten las, bekam dafuͤr am . Sonntage einen Dreyer, den er in den Klinge⸗ beutel warf. Wenn der Sonntag ankam, ſo gings an ein Putzen, welches alle meine Kleiderverord⸗ nungen nicht hemmen konnten. So Wunder ich dachte, wie meine Predigten gegen den Hoffarth, meine Toͤchter von der Eitelkeit bekehrt haben muͤßten; ſo fand ich ſie doch immer noch insge⸗ heim ihrem alten Putz und Staat' anhaͤngen. Sie liebten noch immer Spitzen, Baͤnder, Span⸗ gen und Blonden. Meine Frau ſelbſt war noch immer in ihre roth Sammtne Saloppe verliebt, weil ich mir einſt gegen ſie hatte entfallen laſſen, daß ſie ihr gut lieſſe. 4 Beſonders ſchlug mich am erſten Sonntage ihr Betragen ſehr nieder: ich hatte den Dirnen des Abends vorher geſagt, ſie ſollten den Morgen bey Zeiten an gezogen ſeyn; denn, ich mochte immer gerne viel fruͤher in der Kirche ſeyn, als die uͤbrige Verſammlung⸗ Sie waren meiner Anweiſe puͤnkt⸗ lich lich gefolgt; als wir uns aber des M Fruͤhſtuͤck verſammlen ſollten, Fran Hetreten mit ihren Toͤ ehemaligen Herrlichkeit; d mit Pomade, ihre Geſichte chen bekleckſet, und die S bunden, daß ſie bey jeder Bewegung ein Geraͤuſch machten. Ich konnt's nicht helfen, ich mußte in⸗ nerlich uͤber ihre Eitelkeit lachen, beſonders uͤber meine Frau, der ich mehr Klugheit zugetraut haͤtte. In dieſer Verlegenheit wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich meinem So vornehmer Miene befahl, er ſollte di fahren laſſen. Die Dirnen hoͤrten hoch auf bey dem Befehl; ich aber wiederholte ihn noch einmal mit mehr Feyerlichkeit als vorher.—„ Im Ernſt, Maͤusgen, du ſpagſſeſt,„ ſagte meine Frau, „wir brauchen keine Kutſche, wir koͤnnen itzt recht gut zu Fuſſe gehen.„Du irrſt dich, te ich,„wir muͤſſen eine Kutſche haben; denn, wenn wir in dieſem Staate zur Kirche gehen, wer⸗ den uns die Kinder auf der Gaſſe na herein kam meine chtern, in aller ihrer ie Haare anfgekleiſtert rmit Schminkpflaͤſter⸗ ,—„So rein und ſauber, unterbrach ich, vals ihr wollt, es wird mir immer deſto lieber ſeyn; aber alles dieß iſt nicht Reinlichkeit, es iſt Flitter⸗ ſtaat. Das Manſchetten⸗ Spitzen⸗ und Schoͤn⸗ C 2 flecken⸗ 35 Norgens beym chleppen hinten aufge⸗ Kind,, verſch⸗ 36— fleckenkram wird uns bey allen Weibern unſrer Nachbarn nichts als Haß zuziehn⸗ Nein, meine Kinder,„fuhr ich ernſthafter fort,„dieſe aufge⸗ ſteckten Kleider koͤnnen in eine anſtaͤndige Tracht umgeaͤndert werden. Denn, die vornehmen Mo⸗ den ſchicken ſich fuͤr Leute nicht, denen es ſauer wird, ſchlecht und recht einher zu gehen. Ich weiß nicht einmal, ob ſich ſolche Flatterfahnen fuͤr rei⸗ che Leute ſchicken, ſobald wir bedenken, wenn wirs⸗ auch nur ganz maͤßig anſchlagen, daß die Bloͤſſe der Armuth damit gekleidet werden koͤnute, was an den Kleidern der Modepuppenuͤberfluͤßig iſt., Dieſe Vorſtellung hatte die gewuͤnſchte Wir⸗ kung. Sie gingen den Augenblick ganz gelaſſen hin, ſich anders umzukleiden, und den naͤchſten Tag hatt' ich das Vergnuͤgen, zu ſehen, daß mei⸗ ne Toͤchter auf ihr eignes Begehren, dabey waren und ihre Schleppen zu Sontags⸗Weſten fuͤr Tiet⸗ chen und willmchen, meine beyden Kleinſten, verſchnitten; und was noch das Beſte dabey war⸗ ihre Roͤcke ſchienen durch die Verſchneidung ge⸗ wonnen zu haben⸗ —— — 37 Fünftes Kapitel. Es wird eine neue und vornehme Bekannt⸗ ſchaft aufgefuͤhrt. Worauf wir unſre mei⸗ ſte Hofnung ſetzen, ſchlaͤgt gemeiniglich am aͤrgſten fuͤr uns aus. Nicht weit vom Hauſe hatte mein Vorweſer *— einen Sitz angelegt, der von einer Hecke von Hagedorn und Geisblatt uͤberſchattet wurde. Hier pflegten wir uns, wenn das Wetter heiter, und unſre Arbeit fruͤh geendigt war, zuſammen zu lagern, um bey der Abendſtille den Anblick einer weit ausgeſtreckten Landſchaft zu genieſſen. Hier tranken wir dann auch wohl Thee, welches itzt ein Feſtſchmaus geworden war; und da er nur ſelten vorfiel, verbreitete er neue Freuden; deun die Anſtalten dazu wurden mit nicht wenig Geſchaͤftigkeit und Feyerlichkeit gemacht. Bey dieſen Gelegenheiten mußten die beyden Kleinen uns allemal Etwas vorleſen, und ſie bekamen hernach ganz gewiſſenhaft ihre Portion, wenn wir abgetrunken hatten. Zuweilen, um unſerm Zeitverrreibe das Einfoͤrmige zu benehmen, ſan⸗ gen die Dirnen zur Mandolin, und derweile ſie “ C 3 ſo 88— ſo ihr kleines Concert machten, pflegten meine Frau und ich ein wenig am Fuſſe des Huͤgels herum zu ſchlendern, der mit blauzen Glocken⸗ blumen, Maßliben und Eichorien geſchmuͤckt war; wir ſprachen dabey mit Entzuͤcken von unſern Kindern, und athmeten den Weſtwind; der uns Geſundheit und Harmonie zumwehle. Anf dieſe Weiſe begannen wir einzuſehen, daß jeder Zuſtand des Lebens ſeine ihm eignen Freuden gewaͤhren kann: jeder Morgen weckte uns zur wiederkehrenden Arbeit, aber der Abend belohnte ſie mit froͤhlicher Muſſe. Es war ungefaͤhr zu Herbſtsanfang, an ei⸗ nem heiligen Tage,(denn die betrachtete ich, als eingeſetzt zur Ruhe von Arbeit,) daß ich die Meinigen zu unſerm gewoͤhnlichen Platze des Zeitvertreibs gefuͤhrt hatte, und unſre jun⸗ gen Virtuoſen ihr Concert anfingen. Wie wir ſo damit beſchaͤftigt waren, ſahen wir ein jun⸗ ges Reh, ungefaͤhr zwanzig Schritte von dem Orte, wo wir ſaßen, vorbey ſpringen, und nach ſeiner Aengſtlichkeit ſchien es von Jaͤgern ver⸗ folgt zu werden. Wir hatten nicht lange Zeit uͤber die Noth des armen Thieres unſre Betrach⸗ tungen zu machen, als wir die Hunde und die Reuter ſahen, welche ihm nachſetzten und ihm auf der eigentlichen Spur folgten. Ich wollte den 644 — 4— . . 1 33 den Augenblick mit meinen Haußgenoſſen zuruͤck⸗ kehren; aber eutweder Neugierde, oder Beſtuͤr⸗ zung, oder eine tiefer verborgene Urſach hielten meine Frau und Tochter auf ihren Sitzen feſt. Der Jaͤger, welcher an der Spitze ritt, flog ſehr ſchnell vorbey, ihm folgten vier oder fuͤnf andre, die eben ſo eilig ſchienen. Zuletzt kam ein jun⸗ ger Herr, von feinerem Anſehen, als die Uebri⸗ gen, zum Vorſchein, und nachdem er uns eine Weile betrachtet hatte, hielt er, anſtatt dee Jagd zu folgen, ſtill, gab ſein Pferd einem Diener, der ihm folgte, und kam mit einer ſorge loſen vornehmen Miene auf uns zu. Er ſchien Niemandes zu beduͤrfen, der ihn uns bekannt machte, ſondern wollte ſogleich meine Toͤchter zur Begruͤſſung als ein guter Bekannter kuͤſſen, und als ob er wuͤßte, daß das ſogleich gut auf⸗ genommen werden wuͤrde. Aber ſie hatten bey Zeiten die ion gelernt, unverſchaͤmte Kuͤhn⸗ heit durch Blick und Mienen zu verwirren. Worauf er uns wiſſen ließ, daß ſein Name Torn⸗ hill hieſſe, und daß er der Eigenthuͤmer des Land⸗ guthes waͤre, das ſich in einiger Entfernung um uns her erſtreckte. Er machte alſo von neuem Bewegung, meine Weibsleute zu kuͤſſen; und ſo weit ging die Kraft des Reichthums und fei⸗ ner Kleider, daß er zum Zweytenmal keinen Widerſtand fand. Da ſein Betragen, obgleich zuverſichtlich, doch dabey ungezwungen war, C 4 ſo 40 ſo wurden wir bald bekannter mit einander; und da er die muſikaliſchen Inſtrumente zur Hand liegen ſahe, bat er, man moͤcht' ihm doch das Vergnuͤgen machen, eins zu ſingen. Solche ungleiche Bekanntſchaften waren nun gar nicht nach meinem Sinne, deswegen gab ich meinen Toͤchtern einen Wink, ſie moͤchten die Gefaͤllig⸗ keit ablehnen; mein Wink aber ward durch einen andern, von ihrer Mutter, unkraͤftig gemacht, und ſo hatten wir mit ganz williger Miene eins von Dryden's bekannten Liedern. Herr Torn⸗ hill that ganz entzuͤckt uͤber ihre muſikaliſche Fer⸗ tigkeit und uͤber ihre Wahl, und nahm darauf die Mandolin ſelbſt zur Hand. Sein Spielen wollte nicht viel ſagen; indeſſen bezahlte ihm meine Aelteſte ſeinen vorigen Beyfall mit Inte⸗ reſſen, und verſicherte ihn, ſeine Toͤne waͤren noch heller, als die Toͤne ihres Lehrmeiſters. Er buͤckte ſich fuͤr dieſes Compliment, und ſie anrwovtete darauf mit einem Knix. Er pries ihren Geſchmack, und ſie ſtrich ſeinen Verſtand heraus. Sie ſchienen von Kindesbeinen an Be⸗ kannte zu ſeyn. Die liebe Mutter dazu, welche auch ihr herzliches Wohlgefallen hatte, hoͤrte nicht auf zu noͤthigen, ihr Gutsherr moͤchte doch mit hereintreten. und ein Glas Johannisbeer⸗ wein vorlieb nehmen. Mutter und Kinder be⸗ ſtrebten ſich, ihm gefäͤllig zu ſeyn. Meine Maͤd⸗ chen waren bemuͤht, von ſolchen Sachen mit ihm zu „ 4— . zu ſprechen, die ihnen die neueſten ſchienen; Moſes hingegen that ihm eine oder ein paar Fragen aus den Alterthuͤmern, wofuͤr er das Vergnuͤgen hatte, ſich ausgelacht zu ſehn. Meine beyden Kleinen waren eben ſo zuthuend, und hinge in ſich ganz dreiſt an den fremden F Mann. 4 hatte genug zu thun, ſie nur ab⸗ . zuhalten⸗ ddaß ſie ihn nicht mit ihren ſchmutzigen Fingern die Treſſen auf dem Kleide beſudelten, oder die Taſchen aufknoͤpften, um zuzugucken; 4 was er darin haͤtte. Gegen Abend nahm er Abſchied; vorher aber erſuchte er um die Er⸗ laubniß, ſeinen Beſuch zu wiederholen, worin — wir dann, weil er unſer Gutsherr war, von „ Herzen gerne willigten. Sobald er fort gegane † gen, hielt meine Frau einen geheimen Rath uͤber 3 die Vorfaͤlle des Tages. Sie war der Meynung. der Schlag koͤnnte wohl Oel geben; denn ſie - haͤtte wohl erlebt, daß ſich viele ſektſamere Dinge . zugetragen hatten. Sie hofte noch den Tag zu erleben, daß wir unſre Naſe eben ſo hochtragen konnten, als die Beſten; und beſchloß damit, 8 ſie wuͤßte doch fuͤrwahr nicht, warum die bey⸗ den Miß Wrinklers ſollten haben reiche Heyra⸗ then thun koͤunen, und ihre Kinder nicht eben 88 gut Pi⸗ 2 Da dies es letzte Argument an mich gerichtet 7 war, ſo betheuerte ich, ich wuͤßte es auch nicht, . C3 eben — . eben ſo wenig als, warum Herr Simpkins das groſſe Loos in der Lotterie gewonnen haͤtte, und wir mit einer Niete durchgefallen waͤren. „Nun fuͤrwahr, Carl,„brach meine Frau aus, „ſo machſt Du's immer, und ſchlaͤgſt mich und meine armen Kinder nieder, wenn wir aufge⸗ raͤumt ſind. Sage mir, Sophie, wie gefaͤllt Dir unſer neuer Beſuch? Biſt Du nicht der Mey⸗ nung, mein Kind, daß es ein recht gutherziger Mann zu ſeyn ſcheint?„—„Ja wohl, ja wohl, Mama,,, erwiederte ſie.„Mich deucht, 3 er weiß von allerley Sachen viel zu ſagen, ohne ſich lange zu bedenken; und je geringer ie Sache iſt, je lieber ſpricht er davon-— Ja,„ließ ſich Olivia hdͤren,„der Mann mag zut genug ſeyn; aber mir will er doch nicht ſo recht geſallen; er iſt gar zu dreiſt und thut ſo gemein; und auf der Mandolin iſt er gar unaus⸗ ſtehlich⸗ Dieſe beyden letzten Reden legte ich umgekehrt aus⸗ Ich erſah daraus, daß ihn Sophie innerlich eben ſo ſehr verachtete, als ihn Olivia insgeheim bewunderte.—„ Ihr moͤget von ihm denken, Kinder, was Ihr wollt,„ ſiel ich ein,„ſo muß ich, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehn, bekennen, daß er mich eben nicht fuͤr ſich eingenommen hat. Ungleiche Freundſchaften endigen ſich immer mit Mißvergnuͤgen; und ich glaube bemerkt zu haben, daß er, Trotz aller ſeiner Vertraulichkeit, ſich des Abſtandes zwi⸗ ſchen ₰ — 8 ſchen ihm und uns ſehr gut bewußt war. Laßt uns Leute von unſers Gleichen zum Um⸗ gang waͤhlen. Ich kenne nichts Veraͤchtlichers, als einen Mann, der nur auf eine reiche Hey⸗ rath lauret, den ich einen Brautſchatzjaͤger nen⸗ nen moͤchte; und ich ſehe nicht ein, warum Weibsperſonen, die nach reichen Heyrathen jagen, nicht eben ſo veraͤchtlich ſeyn ſollten. Solchergeſtalt ſind wir wenigſtens verächtlich, wenn auch ſeine Abſichten redlich ſind. Wofern ſie aber das nicht waͤren! Mir wuͤrde die Haut ſchandern, ſo Etwas nur zu denken. Es iſt wahr, ich habe keine Beſorgniß wegen der Auf⸗ fuͤhrung meiner Kinder; aber ich meyne, ſein Charakter kann Beſorgniß erwecken.,, Ich wuͤr⸗ de mehr geſagt haben, ward aber durch einen Bedienten des Squire unterbrochen, der uns, nebſt ſeiner Empfehlung, einen Rehruͤcken ſchikte, mit dem Verſprechen, naͤchſter Tages des Mit⸗ tags bey uns zu eſſen. Dies wohlangebrachte Geſchenk ſprach mit mehr Nachdruck zu ſeinem Vortheile, als ich mit allem, was ich zu ſagen hatte, zu ſchwaͤchen im Stande war. Ich hielt's daher fuͤr's Beſte zu ſchweigen, und begnuͤgte mich damit, die Gefahr gezeigt zu haben, und uͤberließ es ihrer eignen Foͤrſichtigkeit, ſolche zu vermeiden. Die Tugend, welche einer beſtaͤn⸗⸗ digen Wache bedarf, iſt kaum der Schildwacchgh werih. —— Sechs⸗ 44— ⸗ B2a- 9=e3Se-=88 0 e aufm Lande. Weil wir den vorigen kleinen Zwiſt mit eini⸗ ger Waͤrme gefuͤhrt hatten, ſo ward ein⸗ ſtimmig beliebt, wir wollten, um das Friedens⸗ feſt zu feyern, heute Abend einen Theil von dem Rehruͤcken eſſen, und die Dirnen machten ſich friſch uͤber die Zubereitung her.„Es thut mir Leid,„ ſagt' ich,„ daß wir keinen Nachbarn oder Fremden haben, den wir auf dieſen guten Mundvoll bitten koͤnnen. Schmaͤuſe von dieſer Att ſind noch einmal ſo luſtig, wenn man Gaͤſte hat, denen es auch ſchmeckt.,„Je, ſo wollt' ich, uuſre Sophie aus dem Waſſer rettete, und Dich ſo wacker nieder diſputirte⸗„Nieder diſputirte, 1 Kind!„ ſagt ich,„nun, da haueſt Du uͤber die Schnur, mein Maͤuschen; ich glaube, das ne Geſchicklichkeit, eine ſaure Gans einzukochen, 7 Angenehmer Zeitvertreib beym Kaminfeuer ſeht doch!„ rief meine Frau, da kommt jaj eben unſer lieber Freund, Herr Burchill, der ſollte dem Beſten wohl Etwas mehr zu ſchaf⸗ fen machen. Und, hoͤr' nur, ich laſſe Dir Dei⸗ unangefochten, und ſo kannſt Du wohl ſo gut ſeyn und meine Gelehrſamkeit und mein Diſputi⸗ en auch mir laſſen.,— Kaum waren die Worte . heraus. . — 4 4— — 43 heraus, da trat der gute Burchill ins Haus, da ihn dann alle bewillkommten und herzlich bey der Hand ſchuͤttelten, derweile das kleine Dickchen ihm ganz dienſtfertiger Weiſe einen Stuhl anſchleppie. Mir gefiel des armen Mannes Freundſchaft aus zweyerley Urſachen; erſtlich, weil ich wußte, daß er die meinige brauchte, und, weil ich wuß⸗ te, daß er freundſchaftlich war, als ſeine Um⸗ ſtaͤnde es zulieſſen. Er war in der Nachbarſchaft unter dem Namen des armen Junkers bekannt, der in der Jugend haͤtte kein gut thun wollen, ob er gleich noch nicht dreyßig alt war. Zu⸗ weilen konnte er gar ſehr verſtaͤndige Reden fuͤh⸗ ren; am meiſten aber ſuchte er ſich mit Kindern abzugeben, die er ſeine kleine unſchuldigen Men⸗ ſchen zu nennen pflegte. Er war dafuͤr beruͤhmt, wie ich vernahm, daß er ihnen Romanzen vor⸗ ſung, und Geſchichtchen erzehlte; und ſelten aus⸗ — ging, ohne Etwas fuͤr ſie bey ſich in die Taſchen zu nehmen, als etwa Pfeffernuͤſſe, oder eine Pfenningspfeife. Er kam gewoͤhnlich alle Jahr Einmal auf ein Paar Tage in unſre Nachbar⸗ ſchaft, und ließ ſich als ein Gaſt bewirthen⸗ Er nahm mit unſerm Abendeſſen vorlieb, und meine Frau war nicht knickrig mit ihrem Johan⸗ nisbeerwein. Ein Jeder erzaͤhlte ſein Hiſtoͤrchen; er ſang uns ein altes Volkslied; dann erzaͤhlte er er den Kindern allerley kleine Geſchichten, wor⸗ maber weder Geſpenſter, noch Hexen oder Rieſen vorkamen. Unſer Haushahn, der allemal um Elfe kraͤhte, erinnerte uns, daß es Zeit ſey, auf die Ruhe zu denken; aber nun that ſich eine Schwierigkeit hervor, auf die niemand gedacht hatte, wo der Fremde ſchlafen ſollte? Alle unſre Betten waren beſetzt, und es war zuſpaͤt, um ihn nach dem naͤchſten Kruge bringen zu laſſen. In dieſer Verlegenheit bot ihm der kleine Dietrich ſeine Stelle an, wenn ſein Bruder Moſes ihn zu ſich nehmen wollte.„Und ich,„rief Willm⸗ chen,„will auch meinen Platz Herrn Burchill geben, aber Schweſtern muͤſſen mich mit in ihr Bett nehmen.,—„Recht ſo, meine lieben Kinder,„ rief ich,„ Gaſtfreyheit iſt eine der vornehmſten unter den chriſtlichen Pflichten. Das Wild weiß ſeine Hoͤhle, und der Vogel fliegt zu ſeinem Neſte; aber der huͤlfloſe Menſch kann nur bey ſeinen Nebengeſchoͤpfen Schutz und Huͤlfe finden. Der groͤßte Fremdling in der Welt, war er nicht gekommen, ſie zu erloͤſen? Er hat⸗ te kein eignes Haus, als ob er haͤtte ſehen wol⸗ len, wie viel Gaſtfreyheit unter den Menſchen „übrig waͤre. Deborah, mein Kind,ſagt' ich zu meiner Frau,„gieb beyden Jungens ein Stuͤck Zucker, und Dietrichen das groͤſſeſte, weil er zuerſt ſprach., Des — —— ——— 4— 4 Des Morgens ganz Fruͤh brachte ich alle die Meinigen zu Gange, um von einer Wieſe die Nachmatten einzubringen, und da unſer Gaſt ſeine Huͤlfe anbot, ſo ward er unter die Anzahl aufgenommen. Unſre Arbeit ging friſch von Statten. Wie eine Schwade gemaͤht war, ſtreue⸗ ten wir ſie aus zum Doͤrren. Ich arbeitete mit meinem Rechen vor, und die uͤbrigen folgten in der Ordnung. Ich konnte nicht unterlaſſen, die Bemerkung zu machen, daß Herr Burchill ſehr fleißig war, meiner Tochter Sophie ihren Theil Arbeit zu erleichtern. Wenn er mit ſeiner Schwade fertig war, ging er mit an die ihrige, und dann waren ſie ſehr geſpraͤchig mit einander: doch hatte ich eine zu gute Meynung von Sophiens Verſtande, und war von ihrem Ehrgeitze zu ſehr uͤberzeugt, daß ich mir uͤber einen Mann von ruinirten Gluͤcksumſtaͤnden haͤtte Sorgen ma⸗ chen ſollen. Als wir mit unſerm Tagewerke fertig waren, ward Herr Burchill genoͤthigt, wie den Abend vorher; er ſchlug es aber aus, weil er dieſen Abend zu einem Nachbar gehen muͤßte, deſſem Sohne er eine Fldte zu bringen verſprochen haͤtte. Als er uns verlaſſen, kam beym Abendeſſen das Geſpraͤch auf unſern ge⸗ ſtrigen ungluͤcklichen Gaſt.„Was fuͤr ein le⸗ bendiges Beyſpiel,, ſagte ich,„iſt dieſer arme Mann von dem Elende, welches einem leicht⸗ ſinnigen ausſchweifenden Juͤngling auf dem Fuſſ. folgt⸗ folgt. Es fehlt ihm gewiß nicht an Verſtande, und das macht ſeine vormaligen Thorheiten nur um deſto groͤſſer. Der arme verlaßne Menſch, wo ſind nun ſeine vorigen Schwaͤrmbruͤder, ſei⸗ . ne Schmeichler, denen er ſonſt Exempel und Befehle gab! Fort, vielleichr zu dem Kuppler⸗ wirthe in Dienſte gegangen, der durch ſeine Ver⸗ ſchwendung reich geworden iſt. Ehedem prieſen ſie ihn, und nun ſchmeicheln ſie dem Kuppler; 1 ihr ehemaliges Entzuͤcken uͤber ſeinen Witz hat ſich nun in beiſſende Einfaͤlle uͤber ſeine Einfalt verwandelr; er iſt arm, und hat ſeine Armuth vielleicht verdient, denn er hat eben ſo wenig Ehrgeitz, unabhaͤngig, als Geſchicklichkeit, nuͤtz⸗ lich zu ſeyn.,, Mich mochten vielleicht geheime Urſachen bewegen, daß ich dieſe Anmerkungen mit vieler Bitterkeit ſagte, welche meine Sophie ganz ſanftmuͤthig widerlegte.„Seine vorige Auffuͤhrung, Papa, mag wohl nicht viel getaugt haben, aber ſeine gegenwaͤrtigen Umſtaͤnde ſoll⸗ ten ihm doch wohl keine kraͤnkende Vorwuͤrfe zu⸗ ziehen. Seine itzige Armuth iſt ja ſchon Strafe genug fuͤr ſeine vorige Thorheit. Und ich habe wohl Papa ſelbſt ſagen gehoͤrt, daß wir keinem Schlachtopfer, uͤber das der Himmel ſeine Zornsruthe aufgehoben haͤtte, einen unnoͤthigen Schlag geben muͤßten⸗,—„Du haſt Recht, Svphie,„ ſagte mein Sohn Moſes,„und einer unter den alten Schriftſtellern ſtellt ein ſo hamis ..* ö 4 ——— 1 ······ 49 hoͤmiſches Beginnen gar artig unter dem Bilde vor, wie ein Bauer den Marſias ſchinden will, dem ſchon ein andrer, wie die Fabel ſagt, die Haut voͤllig abgezogen hatte. Ich weiß auch nicht, ob die Umſtaͤnde dieſes Mannes ſo ſchlecht ſind, als mein Vater meynt. Wir muͤſſen von den Empfindungen andrer nicht darnach urthei⸗ len, was wir ſelbſt empfinden wuͤrden, wenn wir an ihrer Stelle waͤren. Die Wohnung des Maulwurfs koͤmmt unſern Augen freylich ſehr dunkel vor, dem Thier ſelbſt aber ſcheint ſein Zimmer hell genug zu ſeyn. Und, die Wahr⸗ heit zu geſtehn, das Gemuͤth dieſes Mannes ſcheint ſich in ſeine Umſtaͤnde ſehr gut zu finden, denn ich habe noch keinen Menſchen aufgeraͤum⸗ ter geſehn und gehoͤrt, als ihn Heute, wenn er mit Dir ſprach.„ Dies ſagt' er, ohne das geringſte Arges daraus zu haben; gleichwohl jagte es ihr eine Roͤthe ins Geſicht, welche ſie durch ein gezwung⸗ nes Laͤcheln zu verbergen ſtrebte, und ihn ver⸗ ſicherte, ſie habe kaum darauf gehoͤrt, was er ihr geſagt haͤtte; ſie glaubte aber, er moͤchte wohl ehedem ein feiner junger Mann geweſen ſeyn. Die Voreiligkeit, womit ſie ſich zu ent⸗ ſchuldigen ſuchte, und ihr Rothwerden, waren Anzeigen, die mir in meinem ſtillen Sinne nicht Argwohn⸗ recht gefielen; ich unterdruͤckte aber meinen d da 1 ——— 50 Da wir auf den folgenden Tag unſern Junker erwarteten, ſo ging meine Frau hin, die Wild⸗ paſtete zu machen; Moſes ſaß und las, der⸗ weile ich die Kleinen informirte; meine Toͤchter ſchienen eben ſo geſchaͤftigt, als die uͤbrigen, und ich merkte, daß ſie eine ziemliche Weile Et⸗ was auf dem Feuer hatten, das ſie kochten. Anfangs dacht' ich, ſie huͤlfen ihrer Mutter; aber Tietchen fluͤſterte mir ins Ohr, ſie kochten ein Schminkwaſſer fuͤr ihre Geſichter. Nun hab⸗ ich Zeitlebens einen natuͤrlichen Abſchen an Allem gehabt, was Schminke heißt, denn ich wußte, daß es die Haut verdirbt, anſtatt ſie zu verſchoͤ⸗ nern. Ich ruͤckte derhalben meinen Stuhl nach und nach naͤher zum Feuer, und nahm die Feuer⸗ zange, als 3 ich was daran machen wollte, zang und, als ob's unverſehens geſchaͤhe, warf die ganze Se ſa uͤberm Haufen; eine friſche bey⸗ zuſetzen, dazu war's zu ſpaͤt.. — dieſer Figur beruht alle Staͤrke im Ruͤhrenden.“ —„Es iſt merkwuͤrdig, unterbrach Herr Bur⸗ chill,„daß beyde Dichter, die eben genannt ſind, das ihrige dazu beygetragen haben, bey ihren Nationen einen falſchen Geſchmack einzu⸗ fuͤhren, dadurch, daß ſie alle ihre Zeilen mit Beywoͤrtern uͤberladen haben. Maͤnner von geringem Genie finden es am leichteſten, ſie in ihren Fehlern nachzuahmen, und unſre Poeſie, gerade wie die Poeſie der Roͤmer in ihren letz⸗ ten Zeiten, iſt itzt nichts, als ein Gemengſel wild aufgeſchoſſener Bilder, ohne verſtaͤndigen Plan und Verbindung; an einem Faden auf⸗ gereihete Beywoͤrter, welche Schall und Laut machen, ohne den Gedanken Nachdurck oder neues Licht zu geben. Allein, Mademoiſelle, unterdeſſen ich hier andre tadle, halten Sie es vielleicht fuͤr gerecht, daß ich Ihnen eine Gele⸗ genheit gaͤbe, das Vergeltungsrecht in Aus⸗ uͤbung bringen zu koͤnnen; und in der That hab' ich dieſe Anmerkung auch nur gemacht, um eine Gelegenheit zu finden, der Geſellſchaft eine Romanze vorzuleſen, welche doch wenigſtens nicht den Fehler hat, wovon ich eben geſprochen habe, ſo viel andre ſie auch ſonſt haben mag.“ Romanze.(*) „Komm, lieber Eremit, vom Thal! „Fuͤhr mich den oͤden Pfad „Dorthin, wo wirthlich milder Strahl „Den Grund erleuchtet hat! „Verirrt und huͤlflos wall' ich hier, „Mit zitternd ſchlaffem Tritt. „Die weite Wuͤſte dehnet ſchier „Sich unter jedem Schritt. „Sohn! rief der Clauſner, traue nicht „Der Nacht und jedem Schein! Er huͤpft, und lockt mit falſchem Licht „Dich in das Grab hinein. „Des Mangels Kind, ohn' Obdach war „Mir ſtets ein lieber Gaſt. „Arm iſt mir Kuͤch' und Keller zwar „Doch Gaben keine Laſt⸗ (*) Ich entlehne die Ueberſetzung dieſer Bal⸗ lade, oder Romanze, aus dem ſeligen Wandsbecker Bothen, Nro. 57 und 58, vom Jahr 1775; theils, weil ich ſie nicht beſſer, vielleicht lange nicht ſo gur, zu uͤberſetzen wuͤßte, als Herr S. in J— oe, theils, weil mir das Andenken des ſeligen Borhen ſehr theuer iſt. „Kehr 4 — „Kehr ein zur Nacht, und ſonder Scheu „Theil mit mir, was nur mein: „Ein nahrhaft Brod, und eine Streu, „Und Ruhe obendrein! „Frey huͤpfen hier die Laͤmmerchen; „Ich ſchlachte ſie nicht ab, „»Dem, der mich ließ Erbarmung ſehn, „Lern ich Erbarmung ab! „Der gruͤngeſchmuͤckte Huͤgel hier „Speißt mich unſchuldiger. „Von ihm hol ich die Kraͤuter mir „Vom Quell das Waſſer her⸗ „Drum, Pilgrim, kommt die Sorgen laß! „Sie ſind nur Albernheit. „Der Menſch braucht wenig, und auch das „Nur eine kurze Zeit.“ Sanft faͤllt der Himmelsthau aufs Gras, Jus Ohr ſanft, was er ſprach. Der Pilgrim, ſittſam, buͤckt ſich baß, Und folgt zur Clauſe nach. In ferner dunkler Wuͤſteney, Verbirgt das Haͤuslein ſich:— Verirrten unentgeldlich frey, 8 und Armen nachbarlich.. E Kein 8 Kein Schatz im niedern Strohdach war Dem Wirthe Sorg' und Pein. Die Klinke klirrt, das liebe Paar Geht unſchuldsvoll hinein. Itzt, da der muͤde Arbeitsmann Sich ſehnt nach Abendraſt, Schuͤrts Feuerlein der Clauſner an, Erquickt den finſtern Gaſt. Kramt ſeine Kraͤuter laͤchelnd aus, Und noͤthigt fein dazu: Erzaͤhlt vom heilgen Nicolaus, Fort iſt die Zeit im Nu. Hinz ſpringet freudig ab und auf, Vom Sympathie gelehrt, Die Reiſer lodern knick! knack! auf, Die Grille zirpt im Heerd. Doch truͤbe bleibt der Wandersmann, Kein Zauber ſuͤßt den Schmerz. Ja, gar ein helles Thraͤnchen rann, So ſchwer druͤckt er ſein Herz⸗ Der Clauſner ſpaͤht nach ſeinem Gram, Voll warmer Sympathie: „Wie, ungluͤckſelger Juͤngling! kam „Dir die Melancholie? 3 Irrſt 44 ———————y — 67 „Irrſt Du aus Schloͤſſern fern verbannt, „Voll Unmuth? Iſt Dein Schmerz, „Das ſich fuͤr Dich kein Maͤ dchen fand, „Kein Freundſchaft fuͤhlend Herz? „Ach! Freuden, die das Gluͤcke giebt, „Sind Tand und Spiel! Und wer „Nichtswerthe Dinge ſchaͤtzt und liebt⸗ „Iſt ſelbſt Nichtswuͤrdiger⸗ „Iſt Freundſchaft mehr als leerer Klang, „Der ſuͤß in Schlummer wiegt? „Ein Schatten, treu dem Gluͤck, dem Rang', „Der vor der Noth verfliegt? „Und Liebe?— Moͤdchenſpiel iſt die, „Und gar ein leerer Ton! „Sie waͤrmt der Taͤubchen Neſt, doch nie „Sah ſie ein Erdenſohn. „Pfuh! Juͤngling, fremde ſey Dir Gram, „ Das Frauenvolk verhaßt!“ Doch ſchnell verraͤth ihm Gluth und Schaam Den liebverlohrnen Gaſt. Starr ſieht er neue Reitze bluͤhn, Verbreitet wunderſchoͤn: Die, wie Aurorens Purpur, gluͤhn, Und ſchnell, wie er, vergehn⸗ E 2 Der — 68 Der Blick iſt Schaam, die Bruſt ſchwillt auf: Dann gluͤht, dann ſtarrt der Manun.* Im ſchoͤnen Fremdling ſtaunt er drauf, Ein— goͤttlich Maͤdchen an⸗ .—. 1 — 7A „Kaunſt du, rief ſie, mir armen ind, „Mir Kecken es verzeihn? „Wo Gott und Du beyſammen ſind, „Ging ich Unheilge ein! „Ach! fuͤr ein Maͤdchen ſey nicht hart, „Das Lieb' geleitet hat! „Ich ſuchte Ruh': Verzweiflung ward „Mein Theil auf oͤdem Piad⸗ „Mein Vater, reich und ritterlich, „Wohnt jenſeits an der Tyne⸗ „Sein Gut und Geld war blos fuͤr mich, „Sein einzig Toͤchterlein⸗ „Dem Vaterarm mich zu entziehn, „Kam manche Freyerſchaar. „Sie leihn mir Reize, ſtaunen, gluͤhn, „Auch Edwin kam zum Handkuß her, „Erkuͤnſtelt oder wahr. 5 „Tagtaͤglich bot ein feiles Heer, „Fuͤr mich viel Geld und Gut. „Doch ſprach er nie von Gluth. „Er —— — ccqcꝑ——¼—¼¾¼ʃʃ ¼, 59 „Er war, gekleidet arm und rei, „Nicht maͤchtig oder reich. „Nur Tugend und Verſtand war ſein, „ Mir mehr als Kron und Reich⸗ „Die Bluͤth', enthuͤllt am Morgenlicht, „Der Thau, vom Himmel rein, „Die konnten Edwins Seele nicht „Des kleinſten Makels zeihn. „Der Bluͤthen Pracht, des Thaues Glanz, „Iſt ſtolz, doch wandelbar. „So ſchoͤn war er: weh mir! ich ganz, „Wie ſie, ſo wandelbar. „Des Leichtſinns Kuͤnſte uͤbt ich noch „Dumm, eitel! Ja, mein Herz „War weich fuͤr ſeine Pein, und doch „Sein Leiden nur mein Scherz.. „Gebeugt vom Spotte ließ er mich „Ganz meinem Stolz, und tief „In Wuͤſteneyn verlor er ſich, „Wo er in Ruh entſchlief. „Mich trift die Schuld, der Kummer mich; „Der Tod nur tilgt die Schmach; „Die Wuͤſte, die er fand, ſuch' ich; „Und leg' mich, wo er lag. E 3„Und 78—— „Und dann, gehuͤllt in Nacht, ſchlaf ich „Zum Tod verzweifelnd hin! „So ſtarb mein Edwin ja fuͤr mich, „So ſterb auch ich fuͤr ihn. „Verhuͤt es Gott!“ ſchrie itzt der Mann Und druͤckt ans Herz ſie warm. Sie dreht ſich, ſtaunt ihn ſchmaͤhlend an, Und war in Edwins Blten. „Ach! Angelina, Theure, ſieh, „Mein Engel, ſieh Dich um, „Den laͤngſtverlohrnen Edwin hie! „Dir lebt er wiederum!. „Dich ſoans Herz gedruͤckt, laß mich „Melancholie zerſtreun! „Verlier' ich niemals, miemals, Dich „Mein Wohl!— mein all', was urein? „Nein honun und nimmer nimmer nicht ¹0 „Wir lieben treu und rein! „Der Seufzer, der Dein Herze bricht, „Soll auch mein letzter ſeyn!“ So wie er dieſe Romanze vorlas, ſchien Sophie ihrem Beyfall viel Zaͤrtlichkeit einzumis ſchen: allein unſre Ruhe ward bald durch den Snal einer Flinte, die hart neben uns losge⸗ ſchoſſen ſchoſſen ward, geſtoͤrt, und gleich darauf ſah man einen Mann durch die Hecken brechen, um den Vogel aufzuſuchen, den er geſchoſſen hatte. Dieſer Jaͤger war der Kaplan unſers Junkers, der eine von den Droſſeln erlegt, die uns ſo lieblich vorgeſungen hatte. Ein ſo lauter Knall, und ſo nahe bey uns, erſchreckte meine Toͤchter, und ich ſah, daß in der Angſt Sophie ſich in Herrn Burch ills Arme geworfen hatte, um ſich zu verſtecken. Der Herr Kaplan kam zu uns, und bat um Verzeihung, daß er uns einen Schreck gemacht, indem er betheuerte, er habe nicht gewußt, daß wir ſo nahe waͤren. Er ſetzte ſich alſo bey meiner jungſten Tochter nie⸗ der, und bot ihr, auf gut weidmaͤnniſch, das Gefluͤgel an, was er den Morgen geſchoſſen hatte. Sie hatte ſchon das Wort auf der Zunge, es auszuſchlagen; ein Seitenblick aber von ihrer Mutter brachte ſie bald dahin, ihr Verſehen zu verbeſſern, und ſein Geſchenk anzunehmen, ob⸗ gleich mit einigem Widerwillen. Meine Frau entdeckte, wie gewoͤhnlich, ihre Hochherzigkeit durch ein Gefluͤſter, indem ſie mir zuraunte, Sophie habe eben ſowohl eine Eroberung am Kaplane gemacht, als ihre Schweſter am Jun⸗ ker. Ich argwoͤhnte indeſſen mit mehr Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß ſie ihre Neigung auf einen ganz andern Gegenſtand geworfen haͤtte. E 4 Des Des Kaplans Gewerbt bey uns ſwar, es uns anzubringen, daß Herr Tornhill fuͤr Muſik und Erfriſchungen geſorgt haͤtte, und willens waͤre, dieſen Abend dem jungen Frauenzimmer einen Ball bey Mondſchein, auf dem Grasplatze vor unſrer Thuͤre, zu geben.„Ich kann auch nicht bergen,“ fuhr er fort,„daß ich meine angelegentlichen Urſachen habe, warum ich der erſte bin, der dieſe Botſchaft anbringt, denn zum Trinkgelde dafuͤr, hoff' ich, wird mir Mademoiſelle Sophie die Ehre erzeigen, meine Taͤnzerinn zu ſeyn.“ Hierauf antwortete meine Tochter, das wuͤrde ſie gerne thun, wenn ſie mit Ehren koͤnnte:„aber da iſt,“ fuhr ſie fort, „ein Herr,“ und ſah dabey auf Herrn Burchill, „der mir bey meinem Tagewerke die Hand ge⸗ reicht hat, und es iſt alſo billig, daß ich ihm beym Tanze die Hand wieder reiche.“ Herr Burchill machte ihr ſeine Dankſagung fuͤr ihre Abſicht; trat ſie aber dem Kaplan ab, und ſetzte hinzu, daß er den Abend noch eine Meile weit von uns bey einem Aerndteſchmauſe ſeyn muͤßte. Seine Weigerung kam mir faſt ein wenig ſonderbar vor; und eben ſo wenig konnt ich begreifen, wie ein ſo vernuͤnftiges Maͤdchen, als mein Juͤngſtes, einem Manne von ſo arm⸗ ſeligem Vermoͤgen den Vorzug vor einem an⸗ deern geben koͤnnte, deſſen Erwartungen weit anſehnlicher waren. Aber, ſo wie Mannsper⸗ ſonen ſonen am faͤhigſten ſind, die Verdienſte des Frauenzimmers zu erkennen, ſo faͤllen auch Frauensperſonen oft von uns das richtigſte Ur⸗ theil. Beyde Geſchlechter ſcheinen einander zu Spionen beſtellt zu ſeyn, und ſind mit ver⸗ ſchiedenen Geſchicklichkeiten verſehen, die der gegenſeitigen Aufſicht angemeſſen ſind. ““ Neuntes Kapitel. Zwey ſehr vornehme Damen werden einge⸗ fuͤhrt. Vornehmere Kleidung ſcheint immer eine vornehmere Erziehung zu ertheilen. Herr Burchill hatte kaum Abſchied genommen, und Sophie eingewilligt, mit dem Kaplane zu tanzen, als meine Kleinen herausgelaufen kamen, uns zu erzaͤhlen, der Junker waͤre mit einem groſſen Haufen Geſellſchaft angekommen⸗ Bey unſrer Zuhauſekunft fanden wir unſern Gutsherrn mit einem Paar ſeiner Landwirth⸗ ſchaftsbeamten, und zwo reich gekleideten Frauenzimmern, die er uns als ſehr vornehme Danmen von Stande aus der Stadt bekannt machte. Es fand ſich, daß wir nicht Stuͤhle genug fuͤr die ganze Geſellſchaft hatten. Herr E5 Torna 2 —— 74 Tornhill wußte augenblicks Rath, und ſchlug vor, die Mannsperſonen ſollten ſich alle dem Frauenzimmer auf den Schooß ſetzen. Das verbat ich aber rund aus, ob mir gleich meine Frau einen Blick gab, wodurch ſie mir meinen Ei⸗ genſinn verwies. Alſo ward Moſes ausge⸗ ſandt, einige Stuͤhle zu borgen; und da es uns auch noch an Frauenzimmern fehlte, um die Paare zu den Contretaͤnzen vollzumachen, ſo gingen die beyden fremden Herrn mit ihm, um noch einige Taͤnzerinnen aufzuſuchen. Stuͤhle und Taͤnzerinnen wurden ſehr bald herbey ge⸗ ſchaft. Die Herrn kamen mit meines Nachbars Flamboroughs roſenwangigen Toͤchtern zuruͤck, die mit ihren Haarneſteln in rothem Bande prunkten. Einen ungluͤcklichen Umſtand aber hatte man nicht bedacht; denn obgleich die Miß Flamboroughs fuͤr die beſten Taͤnzerinnen im Kirchſpiel gehalten wurden, und in laͤndlichen Taͤnzen und im Walzen Fertigkeit genug hat⸗ ten, ſo waren ihnen doch die Contretaͤnze ganz etwas neues, und dieß machte uns anfangs einige Verlegenheit; doch, nach ein wenig Zu⸗ rechtſtoſſen, Ziehen und Schieben, tanzten ſie luſtig mit fort. Unſere Muſik beſtand aus zwey Geigen, einer Pfeiffe und einer Trommel. Der Mond ſchien ſehr helle. Herr Tornhill und mmeine alteſte Tochter fuͤhrten auf, zur groſſen Freude der Zuſchauer; denn, als die Nachbarn hoͤr⸗ 4 hoͤrten, was vorging, kamen ſie haufenweiſe um uns her, um zuzuſehen. Meine Dirne tanzte mit ſo vieler Anmuth und Lebhaftigkeit, daß meine Frau nicht umhin konnte, den Stolz ihres Herzens zu entdecken, indem ſie mir ver⸗ ſicherte, ſo huͤbſch wie es das kleine Ding auch machte, ſo thaͤte ſie doch keinen Schritt, den ſie nicht ihrer Mutter abgeſtohlen haͤtte. Die Stadtdamen griffen ſich hart an, mit eben ſol⸗ cher Leichtigkeit zu tanzen, es wollte aber nicht gehen. Sie ſchwammen, trippelten, ſchlepten und huͤpfelten, aber es wollte doch nicht ſo recht fort: die Zuſchauer ſagten zwar, ſie machten es vornehm; aber Nachbar Flamborough machte die Anmerkung, Miß Oliviens Fuͤſſe die gingen nach der Muſik als ein Echo. Nachdem das Tanzen ungefehr eine Stunde gedauert hatte, wuͤnſchten die beyden Damen, welche ſich zu erkaͤlten fuͤrchteten, daß der Ball ein Ende ha⸗ ben moͤchte. Eine von ihnen gaͤb bey dieſer Gelegenheit ihre Meynung, wie mich deuchtete, nicht gar zierlich zu verſtehen, da ſie ſagte: wahrhaftig, ſte haͤtte ſo geſchwitzt, daß ſte pfuͤtzennaß waͤre. Als wir ins Haus tra⸗ ten, fanden wir eine ſehr wohlzubereitete kalte Mahlzeit, welche Herr Tornhill hatte herbrink gen laſſen. Bey derſelben war das Geſpraͤch weniger ungezwungen als vorher. Die beyden Damen ſetzten meine Dirnen ganz in Schatten: denn 5 76 denn ſie ſprachen von nichts als von vornehmen Leuten und von vornehmen Dingen, und an⸗ dern ſolchen Sachen, die dahin gehören, als von Mahlerey, von Geſchmack, von Shake⸗ ſpear, und von den muſilaliſchen Glaͤſern und der Harmonika. Wahr iſt es, ein⸗ oder ein paarmal beleidigten ſie unſere Ohren dadurch, daß ſie ganz artig fluchten; das kam mir aber vor, als das ſicherſte Merkmal, daß ſie vom vornehmen Stande waͤren;(ob ich mir gleich nachher habe ſagen laſſen, daß Fluchen und Schwoͤren bey vornehmen Leuten gar nicht Mode iſt:) indeſſen, was fuͤr Unartigkeiten ſie, auch in ihren Geſpraͤchen haͤtten blicken laſſen moͤgen, ihre keſhane Kleidung warf einen Schleyer daruͤber. Meine Toͤchter ſchienen ihre vorzuͤglichen den aeha mit neidiſchen Augen zu betrachten; und was ſo nicht ganz recht ſchien, das ward auf Rechnung der hoͤch⸗ ſten Lebensart geſetzt. Die Herablaſſung der Damen uͤbertraf noch ihre anderen Vollkommen⸗ heiten. Eine von ihnen ließ ſich vernehmen, Mamſell Olivie wuͤrde unendlich gewinnen, wenn ſie nur ein wenig mehr von der Welt ge⸗ ſehen haͤtte; und die andere fuͤgte hinzu, ein einziger Winter in der Stadt ſollte aus ihrer Kleinen ein ganz ander Ding machen. Meine Frau gab zu beyden ihren warmen Beyfall, mit dem Zuſate, daß ſie nichts in der Welt ernſt⸗ licher — 1 licher wuͤnſchte, als ihren Maͤdchens nur die Politur Eines Winters zu verſchaffen. Hier⸗ auf konnte ich nicht umhin, zu antworten, daß ihre Erziehung ſo ſchon uͤber ihre Vermoͤgens⸗ umſtaͤnde ginge, und das noch mehr Verfeine⸗ rung zu nichts anders helfen wuͤrde, als ihre Armuth laͤcherlich zu machen, und ihnen einen Geſchmack an Freuden beyzubringen, zu denen ſte gar kein Recht haͤtten.—„Und zu was fuͤr Freuden,“ fiel Herr Tornhill ein,„haͤtten Sie kein Recht, die ſo viel Freuden zu machen, als Sie, in Ihrer Gewalt haben? Fuͤr mein Theil,“ fuhr er fort,„mein Vermoͤgen iſt ziemlich groß; Liebe, Freyheit und Freude ſind meine Maxime; aber, ſo wahr ich lebe, wenn die Haͤlfte meiner Guͤther meiner reizenden Olivia eine Freude machen koͤnnte, gleich wollte ich ſie ihr ver⸗ ſchreiben, und die einzige Gefaͤlligkeit, die ich mir dafuͤr ausbaͤte, waͤre die, daß ſie mich mitz dem Geſchenk oben drein naͤhme. 8— So fremd war ich nun mit der Welt nicht, daß ich nicht haͤtte wiſſen ſollen, daß dieſer modiſche Schnickſchnack den niedertraͤchtigſten Vorſchlag unter hoͤflichen Worten verſtecken ſollte; ich that mir aber Gewalt an, meinen Zorn zu unterdruͤcken.„Mein Herr,“ ſagt ich, „die Familie, welche Sie ſich itzt herablaſſen, mmit Ihrer Gegenwart zu beehren, hat ein eben . ſo 78— ſo feines Gefuͤhl gegen Ehre, als Sie ſelbſt⸗ Und jeder Verſuch, den Sie machen, ihre Ehre zu beleidigen, kann ſehr gefaͤhrliche Folgen nach ſich ziehen. Ehre, mein Herr, iſt gegenwaͤrtig das Einzige, was wir beſitzen, und uͤber dieſen letzten Schatz muͤſſen wir mit beſonderer Sorg⸗ falt wachen.“ Bald darauf reuete mich die Waͤrme, wo⸗ mit ich dieß geſagt hatte, als der junge Herr meine Hand faßte und ſchwur, er lobe meinen Muth, ob er gleich meine argwoͤhniſche Art zu denken nicht billigen koͤnne.„Was den Wink anbetrift, der Ihnen itzt entfahren iſt,“ fuhr er fort,„ſo betheure ich, nichts was entfernter von meinem Herzen, als ein ſolcher Gedanke⸗ Nein, bey allem, was verfuͤhreriſch iſt, die Tugend, welche eine ordentliche Belagerung aushalten kann, war niemals nach meinem Ge⸗ ſchmack; denn alle meine Liebensſiege gewinne ich durch Ueberrumpelung.“ Die beyden Damen, welche thaten, als ob ſie das uͤbrige nicht verſtanden haͤtten, lieſ⸗ ſen ein groſſes Mißvergnuͤgen uͤber dieſen letzten Zug der Ausgelaſſenheit blicken, und begannen ein ernſthaftes und ſehr weiſes Geſpraͤch uͤber die Tugend. Meine Frau, der Kaplan und ich miſchten uns ſehr bald darein; und zuletzt ward 8* 3 der 7 79 der Junker ſelbſt dahin gebracht, zu geſtehen, daß ihm ſeine vorigen Ausſchweifungen Leid thaͤten. Wir ſprachen von dem Vergnuͤgen, das die Maͤßigkeit gewaͤhrt, und von dem hei⸗ tern Sonnenſcheine in einem Gemuͤthe, welches durch kein Laſter befleckt iſt. Ich war ſo ver⸗ gnuͤgt und aufgeraͤumt, daß meine Kleinen uͤber die gewoͤhnliche Zeit aufbleiben durften, um ſich an ſo guten Geſpraͤchen zu erbauen. Herr Tornhill gieng ſelbſt noch weiter als ich, und fragte, ob ich nicht das Gebet nach Tiſche ver⸗ richten wollte? Ich nahm den Vorſchlag mit Freuden an; und auf dieſe Art war der Abend ſehr vergnuͤgt zugebracht, bis endlich die Ge⸗ ſellſchaft auf zu Hauſe gehen bedacht war. Die Damen ſchienen ſich ungern von meinen Toͤch⸗ tern zu trennen, zu denen ſie eine groſſe Zunei⸗ gung gefaßt hatten, und aͤuſſerten beyde zu⸗ gleich ihr Verlangen, daß ſie das Vergnuͤgen haben moͤchten, ſolche mit ſich zu nehmen. Der Junker unterſtuͤtzte den Vorſchlag; und meine Frau that ihre Bitte hinzu; auch die Maͤdchens ſahen mich ſo an, als ob ſie groſſe Luſt haͤtten, mitzugehen. In dieſer Verlegenheit ſuchte ich zwey oder drey Entſchuldigungen hervor, welche aber die Dirnen ganz behende aus dem Wege raͤumten, ſo daß ich zuletzt genoͤthigt war, es geradezu abzuſchlagen; dafuͤr gab es denn auch den andern Tag nichts, als ſaure Geſichter, und einſilbige Antworten, Zehn⸗ eeeereerireee — 1 830 B* 1 nEnes Edes ees 2ee Zehntes Kapitel. Die Familie ſtrebt darnach, ſich an Vor⸗ nehmere zu haͤngen. Das Elend der Ar⸗ men, wenn ſie nach einem groͤſſeren Scheine ringen, als ihre Um⸗ ſtaͤnde erlauben. Sch fing nunmehr an gewahr zu werden, daß all mein langes und muͤhſames Predigen aͤber Maͤßigkeit, Zufriedenheit und Ergebenheit nicht geachter wurde⸗ Die vorzuͤgliche Ehre, die uns neuerdings von ſo vornehmen Perſonen wiederfahren war, weckte den Stolz, welchen — ich eingeſchlaͤfert, aber nicht vertrieben hatte, unſere Fenſter ſtanden wieder, wie ehemals, voller Schminke und Waſchwaſſer fuͤr Geſicht, Hals und Arme. Die Sonne ward gefuͤrchtet als ein Feind, der auſſer dem Hauſe der Haut Gefahr drohte; und das Feuer im Hauſe als ein Verderben der Geſichtsfarbe. Meine Frau machte die Anmerkung, das fruͤhe Aufſtehen wuͤrde den Augen ihrer Toͤchter ſchaden; nach den Arbeiten des Nachmittags nach dem Eſſen bekaͤmen ſie rothe Naſen; und ſie uͤberzeugte mich, daß die Haͤnde niemals ſo weiß waͤren, als 4 —— —— 81 als wenn ſie nichts thaͤten. Anſtatt alſo, daß ſie Georgens Hembden haͤtten fertig machen ſollen, waren ſie nunmehr daruͤber her, ihre alten Roſeboute in neuen Schick zu bringen, oder naͤhten Merly. Die armen Miß Flam⸗ bourough, ihre vormaligen luſtigen Geſpielin⸗ nen, wurden hindenangeſetzt als zu gemeine Bekanntſchaft, und ward von nichts geſprochen⸗ als von vornehmen Leuten, von vornehmen Geſellſchaften, von Mahlerey, von Geſchmack⸗ von Schakeſpear und von der glaͤſernen Hara monica, Aber alles das moͤchte noch iiagegangen ſeyn, waͤre nicht eine alte Hexre von Wahr⸗ ſagerinn dazu gekommen, uns zur wahren Ver⸗ ruͤckung hinauf zu bringen. Das Zigeuner⸗Ge⸗ ſicht von einer Sybille war kaum erſchienen, als meine Dirnen zu mir gelaufen kamen, und jede ein Achtgroſchenſtuͤck verlangten, um ihre Hand mit Silber zu waſchen. Die Wahrheit zu ſagen, ſo war ich es muͤde, beſtaͤndig weiſe zu ſeyn, und konnte mich nicht enthalten, ih⸗ nen den Gefallen zu thun, weil ich ſie gerne vergnuͤgt ſehen mogte. Ich gab jeder alſo ein Achtgroſchenſtuͤck, ob ichs gleich zur Ehre der Familie anmerken muß, daß ſie niemals ohne ihr eigenes Taſchengeld waren; denn meine Frau war ſo großmuͤthig, einer jeden beſtaͤndig einen einen Louisd'or in der Taſchen zu laſſen: frey⸗ lich mit dem gemeſſenſten Befehl, ſolche nie⸗ mals zu verwechſeln. Nachdem ſie einige Zeit mit der Wahrſagerinn eingeſchloſſen geweſen, ſah ich, als ſie wieder zum Vorſchein kamen, an ihren Blicken, daß,ihnen was Groſſes ver⸗ heiſſen ſeyn muͤſſe.—„Nun, Maͤdchens, wie habt ihrs gemacht? Sag mir, Lievchen, hat dir die Wahrſagerinn gute Waare fuͤr dein Geld gege⸗ ben?“—„Ja, gewiß Papa,“ ſagte die Dir⸗ ne,„ich glaube, ſie hat mit dem ſchwarzen Mann ihr Verkehr; denn ſie hat mich ausdruͤck⸗ lich verſichert, ich ſoll an einen Junker ver⸗ heyrathet werden, ehe noch ein Jahr vergeht“ —„Nun gut! Sophie, und du, mein Kind, was fuͤr eine Art Mann ſollſt du haben?“„Pa⸗ pa,“ antwortete ſie,„ich ſoll einen Lord ha⸗ ben, bald nachher, wenn meine Schweſter ei⸗ nen Junker geheyrathet hat.“—„Was?2 rief ich,„iſt es das alles, was ihr fuͤr euren ganzen Gulden haben ſollt? nichts weiter, als ein Lord und ein Junker, fuͤr einen ganzen Gulden? Ihr Thoͤrinnen! fuͤr die Haͤlfte Geld haͤtte ich euch einen Prinzen und einen Nabob verſprechen koͤnnen⸗“ Dieſe ihre Neubegierde hatte indeſſen ſerr ernſthafte Wirkung; wir fiengen nunmehr an zu denken, das Geſtirn habe uns zu etwas Ha⸗ —— —— 83 1 Hohem beſtimmt, und thaten uns ſchon im Voraus etwas auf unſere Groͤſſe zu gute. Man hat ſchon tauſendmal angemerkt, und ich muß die Anmerkung noch einmal machen, daß die Stunden, welche wir mit gluͤcklichen Ausſichten vor uns zubringen, angenehmer verflieſſen, als Stunden, welche der Genuß kraͤnkt. Im erſten Falle kochen wir das Ge⸗ richt nach unſerem eigenen Appetite; im an⸗ dern kocht es die Natur fuͤr uns. Es iſt un⸗ moͤglich, die Reihe von angenehmen Traͤume⸗ reyen zu erzaͤhlen, womit wir uns unterhielten⸗ Wirr ſahen ſchon, wie ſich unſere Gluͤcksumſtaͤnde von neuem empor huͤben; und weil das ganze Kirchſpiel behauptete, der Junker waͤre in meine Tochter verliebt, ſo war ſie es wirklich in ihn, denn man ſchwatzte ſie in die Liebe hinein⸗ Waͤhrend dieſer angenehmen Zwiſchenzeit hatte meine Frau die gluͤcklichſten Traͤume von der Welt, welche ſie Sorge trug uns des andern Morgens mit groſſer Feyerlichkeit und Genauig⸗ keit wieder zu erzaͤhlen⸗— Eine Nacht war es ein Sarg und kreuz⸗ weis gelegte Beinknochen, ein Zeichen einer nahen Hochzeit; ein andermal traͤumte ihr, ihre Toͤchter hatten die Taſchen voller Kupfer⸗ pfennige, und das bedeutete ganz gewiß, daß 5 2 ſie 89— ſie ſolche bald voller Goldſtuͤcke haben wuͤrden⸗ Auch die Maͤdchen hatten ihre Ahndungen und Vorbedeutungen. Sie fuͤhlten Kuͤſſe auf ihre Lippen, ohne zu wiſſen, woher: ſie ſahen Ringe in brennenden Kerzen; aus dem Feuer ſpran⸗ gen Geldbeutel, und auf dem Boden jeder Taſſe, woraus ſie tranken, ſahen ſie natuͤr⸗ liche Brautkraͤnze⸗ Gegen Ende der Woche empfiengen wir ein Billet von den Stadtdamen, worinn ſie, nebſt ihrem Compliment, die Hoffnung aͤuſſer⸗ ten, uns den nächſten Sonntag ſammtlich in der Kirche zu ſehen. Den ganzen ausgeſchla⸗ genen Sonnabend Morgen konnte ich merken, daß meine Frau und Toͤchter hieruͤber die Koͤpfe zuſammen ſteckten, und mich von Zeit zu Zeit mit ſolchen Blicken anſahen, die einen heim⸗ lichen Plan verriethen⸗ Aufrichtig zu geſtehen, ich hatte ſtarken Argwohn, daß ſo irgend ein oder der andre unbeſonnene Vorſchlag im Werke ſey, um den folgenden Tag mit groſſem Staate zu erſcheinen. Des Abends begannen ſie ihre Operationen auf eine ſehr regelmaͤßige Weiſe, und meine Frau unternahm es, die Belagerung zu dirigiren⸗ Nach dem Theetrinken, als ich gut aufgeraͤumt zu ſeyn ſchien, fieng ſie folgen⸗ dergeſtalt an.—„Mich deucht, mein Carl⸗ maͤuschen, wir werden morgen eine groſſe und 1.. feine 41 3 11 8 —2—— — 835 feine Verſammlung in der Kirche haben. „Kann wohl ſeyn, Kind,“ ſagt! ich,„aber ſey du nur ohne Sorgen deswegen, ihr ſollt eine gute Predigt hoͤren, die Kirche ſey voll oder nicht.*⁶= Daran zweifle ich nicht,“ verſetzte. ſie;„aber, mein Schatz, ich glaube, wir muͤß⸗ ten wohl ſo anſtaͤndig, als moͤglich, darinn erſcheinen; denn wer weiß, was ſich gebuͤhren kann?—„Deine Vorſichtigkeit,“ verſetzte ich,„iſt ſehr löblich. Eine anſtaͤndige Auf⸗ fuͤhrung in der Kirche macht mir herzliche Freude. Wir ſollten daſelbſt andächtig ſeyn, und demuͤ⸗ thig, freudig und heiter.“—„Ja,“ rief ſie, „ich weiß das; aber ich meyne, wir ſollten auf eine Weiſe hingehen, die ſo ſchicklich iſt, als moͤglich, und nicht ſo, wie die Miſtfinken um uns herum.“—„Du haſt ganz Recht, mein Schatz,“ erwiederte ich,„und ich bin ſchon bedacht geweſen, eben daran zu erinnern. Die ſchicklichſte Weiſe hinzugehen iſt, daß man ſo fruͤh hingeht, als moͤglich, damit man Zeit habe, ſich zu ſammlen, ehe der Gottesdienſt angeht.“—„Nun ja doch, Carl,“ unter⸗ brach ſie,„das iſt alles ganz wahr, aber es iſt nicht das was ich ſagen wollte. Ich meyne, wir ſollten ſo hingehn, wie es ſich fuͤr uns ziemt. Du weißt, die Kirche iſt faſt eine halbe Meile weit hin, und ich verſichre dich, ich kanns nicht ausſtehen, wenn meine Toͤchter nach ihrem F 3 Kirch⸗ Kiechſtußle gehn ſehe, und ſie ſo aufgedunſen und roth im Geſichte ſind, daß man ſchwoͤren ſollte, ſie haͤtten um einen Hammel oder eine Gans gelaufen. Nun⸗ ſieh, mein Maͤuschen, waͤre meine Meynung dieſe: da haben wir unſre zwey Ackerpferde, den Bleſſen, der ſchon⸗ neun Jahre an unſrer Krippe frießt, und ſein Geſpann, Schnihbe, der in vier Wochen in der Welt faſt nichts zu thun gehabt hat. Sie freſ⸗ ſen ſich fett und ſtehen ſich faul. Warum ſol⸗ len ſie nicht eben wohl etwas thun, als wir? Und das kann ich dir ſagen, wenn ſie Moſes ein bischen huͤbſch aufgeſtriegelt hat, ſo ſollen ſie ſo uͤbel nicht ausſehen. . Gegen d dieſen Vorſchlag macht' ich die Ein⸗ wendung, daß es hundertmal ziemlicher waͤre, zu Fuſſe zu gehen, als eine ſolche lumpige Rei⸗ terey; daß Schnibbe ein weiſſes Auge haͤtte, und der Bleſſe keinen Schweif; daß ſie niemals zugeritten, ſondern tuͤckiſch und hartmaͤulig waͤ⸗ ren; und daß wir im ganzen Hauſe nicht mehr haͤtten, als einen einzigen Sattel. Aber alle meine Einwendungen wurden widerlegt, und ich war genoͤthigt nachzugeben. Den naͤchſten Morgen ſah ich ſie weniger ge⸗ ſchaͤftig, die zu dieſer Reiſe erfoderlichen Ma⸗ teerialien auſommen⸗ zu ſchaffeu: da ich aber ſah, . es — 87 8. 4... 2 es wuͤrde Zeit daruͤber hingehen, ſo ging ich zu Fuſſe voraus, und ſie verſprachen, bald nach⸗ zufolgen. Ich wartete wohl eine Stunde vor meinem Leſepulte auf ſie; da ich aber fand, daß ſie nicht ſo bald kaͤmen, als ich ſie erwartete, ward ich gendthigt anzufangen, und war den ganzen Gottesdienſt uͤber ziemlich unruhig, daß ich ſie nicht ankommen ſahe. Die Unruh ward groͤſſer, als alles vorbey war, und ſich keins von ihnen ſehen ließ. Ich ging alſo auf dem Fahrwege zu Hauſe, welches mehr als eine halbe Meile um war. Als ich die Haͤlfte Wegs zuruͤck gelegt hatte, erblickte ich die Proceßion ganz langſam nach der Kirche hin marſchiren. Mein Sohn, meine Frau und die beyden Klei⸗ nen auf ein Pferd gepackt, und meine beyden Toͤchter auf dem andern. Ich fragte nach der Urſach ihres Verweilens; ich ſah aber bald an ihren Geſichtern, daß ſie tauſenderley Ungluͤck auf dem Wege erlebt haͤtten. Die Pferde hat⸗ ten erſt vor der Thuͤre nicht von der Stelle ge⸗ hen wollen, bis Herr Burchill ſo gut geweſen, ſolche mit ſeiner Karbatſche einige hundert Schritte fortzupeitſchen. Nachher brach die Gurte an meiner Frau ihrem Sattelkiſſen, und ſie mußten ſolche erſt wieder in Stand ſetzen, ehe ſie weiter kommen konnten. Darauf ſiel es dem einen Pferde ei n, ſtockſtill zu ſtehen, und weder Schlaͤge noch Liebkoſungen vermochten 7 4 es 38— es wieder zu Gange zu bringen. Es war ebe„ von dieſem eigenſinnigen Einfalle zuruͤckgekom⸗ men, als ich ſie antraf; da ich aber merkte, daß uͤbrigens alles wohl ſtund, ſo, ich wills wohl geſtehen, that mir ihre gegenwaͤrtige Be⸗ ſchaͤmung eben nicht ſehr leid, weil es mir kuͤnf⸗ tig manche Gelegenheit zu triumphiren, und„ meine Toͤchter mehr Demuth zu lehren, geben konnte⸗ Eilftes Kapitel. Die Familie beharrt hey ihrem Entſchluſſe, 6 ihre Naſe hoͤher zu tragen. ( a auf den naͤchſten Tag Sankt Michaelis⸗. — abend einfiel, wurden wir zu unſerm Nach⸗ 4 bar Flamborough auf Nußknacken und Pfand⸗ ſpiel eingeladen. Unſer letzter Unfall hatte uns ein wenig gedemuͤthigt, ſonſt, nach aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit, moͤchten wir eine ſolche Einladung mit Verachtung abgewieſen haben. Indeſſen erlaubten wirs uns, vergnuͤgt zu ſeyn. Unſers ehrlichen Nachbars Gans und Nudelkloͤſſe und Aepfelbrey waren, ſelbſt nach meiner Frauen Meynung, die darinn Kennerinn war, gar vor⸗ treflich. Kesvlich war ſeine Art, Hiſtoͤrchen zu —— —— —— —— zu erzaͤhlen, nicht voͤllig ſo gut. Sie waren laug und einfaͤltig, und gingen alle auf ihn ſelbſt, und wir hatten ſie wohl zehnmal gehoͤrt und belacht; aber wir waren doch gutherzig genug, ſie noch einmal zu belachen⸗ Herr Burchill, der mit von der Parthie war, mochte immer gerne einen unſchuldigen Zeitvertreib an die Hand geben. Er brachte alſo die Knaben und Dirnen zu Gange, Blinde⸗ kuh zu ſpielen. Meine Frau ließ ſich ſogar be⸗ reden, eins mit zu machen, und es war mir eine Freude, zu denken, daß ſie noch nicht zu alt waͤre. Mein Nachbar und ich ſahen derweile zu, lachten uͤber jeden liſtigen Streich, und prieſen unſre eigne Behendigkeit, als wir noch jung geweſen. Steinchen verſtecken kam darauf zu⸗ erſt an die Reihe; dann Schenken und Logiren; und zuletzt ſetzten ſie ſich nieder, den Pantoffel zu jagen. Da dieſer Zeitvertreib aus dem gold⸗ nen Alter nicht jedermann bekannt ſeyn moͤchte. ſo iſts wohl nicht uͤbel zur Erklaͤrung zu ſagen, daß die ganze Geſellſchaft in einem Kreis nie⸗ derkauret, bis auf Einen, der in der Mitte ſteht, deſſen Geſchaͤft es iſt, einen Schuh oder Pantoffel zu greifen, den die ganze Geſellſchaft ſich einander unter den Knieen herum zuſchiebt, F 5 unge⸗ 8 98 5 ungefehr wie ein Weberſchiff. Wenn nun ein Frauanzimmer in dem Kreiſe ſteht, und es alſo uunmoglich iſt, allen auf einmal das Geſicht zu⸗ zukehren, ſo ſteckt die groſſe Schonheit des Spiels darinn, daß man ihr mit dem Abſatze des Pantoffels auf der Seite des Koͤrpers ei⸗ nen Schlag aubringk, wo ſie ſich am wenigſten vorſehen kann. Auf dieſe Weiſe wars, daß meine alteſte Tochter eingeſperrt war, und ſich herumtummelte, ganz lebhaft, halb auſſer Athem, und ſchreyend wie ein Zahnbrecher: nicht falſch ſpielen! nicht falſch ſpielen! als, Verwirrung uͤber Verwirrung! niemand weni⸗ ger hereingetreten kam, als unſre zwey vorneh⸗ men Bekanntinnen aus der Stadt, Lady Blarney und Miß Carolina Wilhelmina Amalia Skeggs! Keine Beſchreibung wuͤrde es ausdruͤcken koͤn⸗ nen, und deswegen unterlaſſe ichs, dieſe neue Demuͤthigung zu beſchreiben.— Himmel! Sich von Damen ſo vornehmes Standes in einer ſo gemeinen Stellung ſehen zu laſſen! Das kam davon, daß Nachbar Flambordugh ein ſo nie⸗ dertraͤchtiges Spiel auf die Bahn gebracht hatte! Wir ſtunden eine Zeitlang ſo unbeweglich da, als ob uns das Erſtannen wirklich verſteinert haͤtte⸗ Die beyden Damen waren in unſerm Hauſe geweſen, uns zu beſuchen; und da ſie uns nicht — 6 zu — *—— zu Hauſe fanden, kamen ſie uns nach, denn ſie waren unruhig zu erfahren, was uns geſtern abgehalten haͤtte, in die Kirche zu kommen. Olivia unternahm es, fuͤr uns das Wort zu fuͤhren, und faßte ſich ſehr kurz, indem ſie bloß ſagte:„Unſre Pferde warfen uns ab.“ Auf welche Nachricht die Damen ein groſſes Beyleid bezeugten; als ſie aber hoͤrten, die Familie haͤtten keinen Schaden genommen, war es ihnen gar ungemein erfreulich: als man ih⸗ nen aber ſagte, das wir faſt vor Schrecken des Todes geweſen, that es ihnen herzlich leid; als ſie aber vernahmen, daß wir ſehr wohl geſchla⸗ fen haͤtten, waren ſie wieder von Herzen er⸗ freuet. Nichts in der Welt uͤbertraf ihre Ge⸗ faͤlligkeit gegen meine Toͤchter. Waren ihre Freundſchaftsverſicherungen letztabends warm, ſo waren ſie nun feurig. Sie aͤuſſerten ein herz⸗ liches Verlangen nach einer laͤngern und ge⸗ nauern Bekanntſchaft. Lady Blarney hatte eine beſondre Zuneigung zu Olivien; Miß Ca⸗ rolina Wilhelmina Amalia Skeggs(ich mag gerne ſolche Namen der Laͤnge nach herſchreiben) fand mehr ihre Luſt an ihrer Schweſter. Sie fuͤhrten beyde das Geſpraͤch alleine, derweile meine Toͤchter dabey ſaſſen, und ſtillſchweigend ihre vornehme Erziehung bewunderten⸗ Jedoch, da jeder Leſer, waͤre er auch noch von ſo gerin⸗ gem Stande, gerne Geſpraͤche aus der vorneh⸗ men men Welt, mit Anneldoten, von Fuͤrſten, Gra⸗ fen, Damen und Ordensrittern hoͤren mag, ſo muß ich um die Erlaubniß bitten, das Ende des gegenwaͤrtigen Dialag⸗ herzuſetzen. 1. „Alles, was ich von der Sache weiß, ſagte Miß Skeggs,„iſt dieß, daß es wahr ſeyn, oder nicht wahr ſeyn mag; aber das kann ich Ihr Gnaden verſichern, das die ganze Aſſem⸗ blee recht ſehr erſtaunte; der Graf bekam eine Farbe nach der andern, und die Herzoginn fiel in tiefe Gedanken; der Baron Tomkin aber zog ſeinen Degen und ſchwur, ſeinen letzten Bluts⸗ tropfen wollt' er fuͤr ſie vergieſſen.“ „Wohl,““ antwortete die hochgeborne gnaͤ⸗ dige Dame,„ſo viel kann ich verſichern, daß mir die Herzoginn in ihrem Leben kein Wort von der Sache geſagt hat, und ich ſollte doch den⸗ ken, daß ſie zu ſehr meine Freundiun iſt, um ein Geheimniß vor mir zu haben. Darauf aber koͤnnen Sie ſich ſicher verlaſſen, denn ich hab' es ſelbſt gehoͤrt, daß der Herzog des andern Morgens dreymal ſeinen Vallette Schambre rief: Schernigan, Schernigan, Scheruigan! mein blau Ordensband!“ Vorher aber haͤtte ich des ſehr unhöflichen Betragens des Herrn Burchill erwaͤhnen ſollen, welcher während dieſes Geſpraͤchs mit dem Ge⸗ ſicht —. - „ 1—.— ———. ſicht nach dem Feuer gekehrt ſaß, und beym Schluß einer jeden Periode ausrief: Der Dauß! Ein Ausdruck, der uns allen nicht behagte, und der gewiſſermaſſen dem Geſpraͤche den Schwung benahm, den es zu nehmen anfing. „Ueberdem noch, meine liebſte Skeggs,“ fuhr unſre Hochgeborne fort,„iſt hiervon nichts in den Verſen zu finden, die Doktor Burdock uͤber den Vorfall machte.“ Der Dauß! „Das wundert mich ſehr! rief Miß Skeggs, „denn er laͤßt ſehr ſelten Etwas vorbey da er nur bloß zu ſeinem eignen Vergnuͤgen ſchreibt. Aber wollten Sie mir wohl die Gnade erlauben, ſie zu ſehn? Der Dauß. „Mein liebſtes Kind“ verſetzte die Hochge⸗ borne,„meynen Sie, daß ich ſolche Saͤchel⸗ chen in der Taſche herum trage? Sie ſind frey⸗ lich ſehr artig, und ich meyne, daß ich mich darauf verſtehe; zum wenigſten weiß ich, was mir ſelbſt gefaͤllt. In der That bin ich beſtaͤndig eine Liebhaberinn von Doktor Burdocks allen ſeinen kleinen Gedichten geweſen; denn ausge⸗ nommen, was er macht, und unſre liebe Graͤ⸗ finn in Hannoverſquaͤre, koͤmmt itzt nichts an⸗ ders im Druck heraus, als das niedrigſte Zeug von der Welt; man findet kein Fuͤnkchen vom wahren bon Ton darinn,“ Der Dauß! 94 4— „Ihr Gnaden ſollten doch;“ ſagte die an⸗ dre,„Ihre eignen Aufſatze im Laͤdy's Magazin ausnehmen. Ich hoffe doch nicht, daß Sie denen den bon Ton abſprechen woll en? Ich be⸗ ſorge aber leider, daß wir nicht lange mehr ſo gluͤcklich ſeyn werden, von der Seite was zu bekommen.“ Der Dauß! „Ach, ma chere, ſagte die Dame,„Sie wiſſen ja, daß ich meine Vorleſerinn verloren habe, die ſich an den Capitain Roach verhey⸗ rathet hat; und meine ſchwachen Augen erlau⸗ ben mir nicht, ſelbſt zu ſchreiben⸗ Ich habe mich ſchon einige Zeit nach einer andern umge⸗ — ſehen. Es i*ſt nicht ſo leicht, eine Perſon zu finden, die ſich recht dazu ſchicket, und freylich iſt ein Paar hundert Thaler des Jahrs eben kein Groſſes fuͤr ein Maͤdchen von gutem Her⸗ kommen und guter Erziehung, das leſen, ſchrei⸗ ben und in guter Geſellſchaft erſcheinen kann; denn die Treppenfeger aus der Stadt kann man nicht um ſich ausſtehn⸗, Der Dauß! „Das weiß ich aus der Erfahrung,“ erwie⸗ derte Miß Skeggs,„denn ich habe das letzte halbe Jahr ſelbſt drey Geſellſchaftsjungſern nach einander gehabt; die Eine davon wollte nicht einmal nur eine Stunde des Tages ein bischen an feiner Waͤſche naͤhen; die Andre hielt hun⸗ 5— dert⸗ 1 1 — dertfunfzig Thaler des Jahrs fuͤr ein zu ge⸗ ringes Salarium; und die Dritte mußte ich fortſchicken, weil ich Verdacht bekam, daß ſie mit dem Kaplan eine Intrigue häͤtte. Tugend, Tugend, meine theureſte Lady Blarney, Tu⸗ gend kann man nie zu theuer belohnen; aber wo ſoll man ſie ſuchen?« Der Dauß! Meine Frau war ſchon eine lange Zeit bey dieſem Geſpraͤche ganz Ohr geweſen; der letzte Theil deſſelben aber fiel ihr beſonders aufs Herz. Zweyhundert Thaler und abermals hundert und funfzig Thaler des Jahrs, das machten, richtig gerechnet, dreyhundert funfzig Thaler; und das konnte mit Spielengehen verdient wer⸗ den, und konnte ſehr leicht in unſern Hausſtand gebracht werden. Sie ſahen mich einen Augen⸗ blick an, als ob ſie aus meinen Blicken meinen Beyfall leſen wollten; und, die Wahrheit zu geſtehen, duͤnkte michs, daß zwey ſolche Stel⸗ len ſich geradezu fuͤr meine Toͤchter ſchickten. Wenn uͤberdem noch der Junker eine wirkliche Abſicht auf meine Tochter hegte, ſo wuͤrde es der Weg ſeyn, ſie auf alle Art fuͤr ihre kuͤnfti⸗ geu Gluͤcksumſtaͤnde zu bilden. Meine Frau war daher eutſchloſſen, daß uns dieſer Vor⸗ theil durch bloſſe Bloͤdigkeit nicht aus der Hand gehen ſollte, und unternahm es, als Redner fuͤr die Familie aufzutreten.„Ich hoffe, fing 1 5. ſie an,„die gnaͤdigen Damen werden mir meine Dreiſtigkeit verzeihen. Ich weiß wohl, daß wir kein Recht haben, auf eine ſo hohe Gnade Anſpruch zu machen; aber es iſt doch nataͤrlich, daß ich wunſche, meine Kinder in der Welt weiter zu bringen. Und ich will ſo kuͤhn ſeyn, artige Erziehung gehabt haben, und Geſchicka keine beſſere antreffen. Sie koͤnnen leſen, ſchrei⸗ ben und rechnen; ſie verſtehen ihre Nadel; koͤn⸗ nen weiß naͤhen, Marly, und am Rahm ſticken⸗ Sie koͤnnen Stoppen, Stricken, Spitzen knoͤp⸗ peln und Filee machen, verſtehen ein wenig Muſik, koͤnnen Spitzen und Seide waſchen; meine aͤlteſte kann huͤbſch in Papier ausſchnitzeln zuͤngſte iſt ſehr geſchickt, aus den Karten zu wahrſagen. Der Dauß!— Rebe fertig war, ſahen ſich die beyden Damen einige Minuten ſtillſchweigend an, wobey ihre Mienen wichtig und zweifelhaft waren. End⸗ lich hatte Miß Carolina Wilhelmina Amalia Skeggs die Herablaſſung, zu bemerken, daß die beyden jungen Frauenzimmer, ſo weit ſie ſolche bey einer ſo kurzen Bekanntſchaft kennen zu ſagen, daß meine beyden Maͤdchen eine recht und niedliche Silhouetten machen; und meine Als ſie mit dieſer huͤbſch und wohlgeſetzten gelernt haͤtte, alle erforderlichen Eigenſchaften am lichkeiten— auf dem Lande ſoll man wenigſtens — 97 zu einer ſolchen Stelle zu haben ſchienen⸗ „Aber Madame,“ ſagte ſie, indem ſie ſich an meine Frau wandte,„eine Sache von dieſer Art verlangt eine genaue Unterſuchung der Characktere, und daß man ſich einander genau kennen lerne. Ich will damit nicht ſagen, Ma⸗ dame,“ fuhr ſie fort,„daß ich im geringſten an der Tugend, der Klugheit und der Sittſam⸗ keit der jungen Frauenzimmer zweifeln ſolltez aber man muß doch ordentlich verfahreu, Ma⸗ dame, man muß doch ordentlich verfahren.“ Meine Frau billigte ihre Behutſamkeit nn⸗ gemein, wobey ſie anmerkte, daß ſie ſelbſt ſehr zur Behutſamkeit aufgelegt waͤre; berufte ſich aber wegen eines guten Zeugniſſes auf unſere Nachbaren: allein dieſes hielten unſere Hoch⸗ gebornen fuͤr uͤberfluͤßig, und ſagten, daß ihres Vetters Tornhills Empfehlung allein ſchon hin⸗ laͤnglich ſeyn wuͤrde; und auf dieſe ſtuͤtzten wir denn alſo unſer gehorſamſtes Erſuchen. Zwoͤlftes Kapitel. Das Gluͤck ſcheint zu beharren, die Wake⸗ ſieldſche Familie zu demuͤthigen. Be⸗ ſchaͤmungen ſind oft ſchmerzhafter, als wirkliche Ungluͤcksfaͤlle. Nachdem wir zu Hauſe gekommen, ward der Abend damit hingebracht, Plane auf kuͤnf⸗ tige Eroberungen zu machen. Debora wendete alle ihre Klugheit an, zu errathen, welche von ihren Toͤchtern wohl wahrſcheinlicher Weiſe die beſte Stelle bekommen, und die meiſte Ge⸗ legenheit haben wuͤrde, in vornehme Geſellſchaf⸗ ten zu kommen. Die einzige Schwierigkeit bey unſerer Befoͤrderung war, wie wir die Emp⸗ fehlung unſeres Junkers erhalten ſollten; allein, er hatte uns ſchon zu viel Beweiſe ſeiner Freund⸗ ſchaft gegeben, um an dieſem zu zweifeln. So⸗ gar noch im Bette ſetzte meine Frau ihr gewoͤhn⸗ liches Lieblingsthema fort:„Nun im Ernſt, mein Carlmaͤuschen, ſag' mir hier unter vier Augen, haben wir nicht heute ſehr viel Gutes ausgerichtet?”—„So ſo,“ſagte ich, weil ich nicht wußte, was ich ſagen ſollte.—„Wie, nur ſo ſo!“ erwiederte ſie.„Ich daͤchte, es waͤre doch recht viel! was meynſt du, wenn es —— S— r „ 7 es die Maͤdchen ſo weit braͤchten, daß ſie in der Stadt Bekanntſchaften mit Leuten von Ge⸗ ſchmack machten! das weiß ich wenigſtens, daß London der einzigſte Ort in der Welt iſt, fuͤr alle Arten von Ehemaͤnner. Ueberdem, mein Schatz, gebuͤhren ſich taͤglich noch wohl ganz andre Dinge: und da ſchon Damen vom Stande ſo verliebt in meine Toͤchter ſind, was wird es denn nicht erſt mit den Herren vom Stande ſeyn! Unter uns muß ich dir ſagen, daß mir Mylady Blarney gar ſehr gefäͤllt, ſo verbind⸗ lich wie ſie iſt; vbgleich Miß Carolina Wilhel⸗ mina Amalia Skeggs alle meine Gewogenheit hat. Aber ſag' nur, faßte ich das Ding uicht gleich beym rechten Zipfel, ſobald ſie nur von den Stellen in der Stadt zu ſprechen kamen? Sprich, mein Schatz, hab' ich nicht wie eine Mutter fuͤr ihre Kinder geſprochen? was meynſt du?“—„Nun,⸗ verſetzte ich, ohne recht zu wiſſen, was ich von der Sache denken ſollte, „der Himmel gebe nur, daß wir uns nach drey Monaten noch daruͤber freuen konnen! Dieß war eine von den Anmerkungen, die ich ge⸗ woͤhnlich zu machen pflegte, um meiner Frau einen guten Begriff von meiner Klugheit zu machen: denn gings mit den Maͤdchen gut, ſo war ein frommer Wunſch erfuͤllt; gings aber nur einigermaſſen ungluͤcklich, ſo konnte es als eine Prophezeihung ausgelegt werden. G 2 Dies 100 Dieſe ganze Unterredung war indeſſen nur ein Vorſpiel zu einem andern Plaͤnchen, wie ich denn das in der That beſorgt hatte. Und das war nichts weniger, als, da man doch nunmehro in der Welt den Kopf ein wenig mehr uͤber das Waſſer bekaͤme, wuͤrde es ſchicklich ſeyn, den Bleſſen, der nun ſchon alt und ſteif waͤre, auf dem naͤchſten Vieh⸗Markte zu verkaufen, und ein ander Pferd anzuſchaffen, worauf ſich nach Gelegenheit ein oder zwey Perſonen ſetzen, und nach der Kirche oder zu Beſuchen reiten koͤnn⸗ ten, und das nicht ſo aͤrmlich ausſaͤhe. Die⸗ ſem widerſetzte ich mich anfaͤnglich ganz tapfer, es wurde aber eben ſo tapfer behauptet; und ſo wie ich nachgab, gewann mein Gegner Fuß⸗ bis zuletzt der Verkauf beſchloſſen ward. Da eben den folgenden Tag ein Jahr⸗Markt einfiel, war ich willens ſelbſt dahin zu gehen; meine 4 Frau uͤberredete mich aber, daß ich eine Ver⸗ kaͤltung haͤtte, und nichts konnte ſie vermoͤgen, zuzugeben, daß ich das Haus verlieſſe.„Nein, mein lieber Mann,“ ſagte ſie,„unſer Sohn Moſes iſt ein kluger Junge, und kann mit gutem Vortheil kaufen und verkaufen; du weißt ja, daß er immer fuͤr uns einkauft. Er weiß ſo lange zu dingen und zu drillen, bis er ſeine eute muͤde macht, und er daruͤber ſeinen Preis erhaͤlt.“ Da ———. ———— —— ——— Sehr enrwensesnr 18 F Da ich von der Klugheit meines Sohns keine uͤble Meynung hatte, ſo war ich nicht ab⸗ geneigt, ihm die Commißion anzuvertrauen, und den naͤchſten Morgen ſah ich ſeine Schwe⸗ ſtern ſehr geſchaͤftig, ihrem Bruder fuͤr den Jahr⸗Markt heraus zu putzen, indem ſie ihm die Haare zurecht machten, die Schnallen ab⸗ buͤrſteten, und den Hut mit Stecknadeln auf⸗ ſtutzten. Als man mit ſeiner Toilette fertig war, hatten wir endlich das Vergnuͤgen, ihn auf den Bleſſen ſteigen zu ſehen, mit einer Schachtel vorne auf, um einiges Gewuͤrz mit⸗ zubringen. Er hatte einen Rock von dem Zeuge an, welches ſie Donner und Blitz heiſſen, und der, ob er gleich ein wenig herausgewachſen, dennoch zum Wegwerfen noch viel zu gut war; ſeine Weſte war von gruͤnem Wollen Chagrin, und ſeine Schweſter hatte ihm ſeine Haare mit einem breiten ſchwarzen Bande aufgebunden. Wir gaben ihm alle auf einige Schritte das Ge⸗ leite, und ſo lange wir ihn ſehen konnten, ſchrien wir ihm nach:„Gute Meſſe! gute Meſſe!“ 8 Kaum war er weg, als Herrn Tornhills Tafeldecker zu uns kam, um uns Gluͤck zu wuͤnſchen, indem er ſagte, wie er von ferne ge⸗ hort habe, daß ſein junger Herr unſere Namen mit groſſem Lobe genannt haͤtte. G 3 Das Das Gluͤck ſchien entſchloſſen zu ſeyn, nicht allein zu kommen. Ein andrer Bedienter, aus eben dem Hauſe, erfolgte mit einem Billet fuͤr meine Toͤchter, des Inhalts, daß die beyden Damen durch Herrn Tornhill ſolche angenehme Nachrichten von uns allen eingezogen haͤtten, daß ſie, nach einigen wenigen vorgaͤngigen Er⸗ kundigungen, voͤllig zufrieden zu ſeyn hofften. „Ha, Ha,“ rief meine Frau,„nun ſehe ich, daß es ſo leicht nicht iſt, in eine vornehme Fa⸗ milie zu kommen; wenn man aber einmal dar⸗ inn iſt, ſo kann man, wie Moſes ſagt, ruhig zu Bette gehn.“ Dieſen luſtigen Einfall, denn ſie hielt es wirklich fuͤr Witz, bekraͤftigten meine Toͤchter mit einem lauten Lachen des Vergnuͤ⸗ gens. Kurz, ihre Freude aͤber dieſe Botſchaft war ſo groß, daß ſie in ihre Taſche griff, und dem Boten drey Gutegroſchen ſechs Pfennige Trinkgeld gab. Der heutige Tag war zu Be⸗ ſuchen beſtimmt; der naͤchſte, welcher ankam, war Herr Burchill, der auf dem Jahr⸗Markte geweſen war. Er brachte meinen Kleinen ein Alphabet von Honigkuchen mit, welche meine Frau zu ſich nahm, um ihnen ſolchen buchſta⸗ benweis zu geben. Fuͤr meine Toͤchter brachte er ein paar Doſen mit, in welche ſie Obla⸗ ten, Schnupftaback, Schoͤnpflaͤſterchen, und guch Geld thun koͤnnten, wenn ſie welches be⸗ kaͤmen. 4* Meine * .—— — — .—— — 103 Meine Frau hatte immer gar zu gerne ei⸗ nen Geldbeutel von Wieſelfell, weil das die gluͤcklichſten waͤren; doch das nur im Vor⸗ beygehen! Wir hatten noch immer viel Hoch⸗ achtung fuͤr Herrn Burchill, obgleich ſein letz⸗ tes unhoͤfliches Betragen ein wenig unangenehm geweſen war; wir konnten auch nicht umhin, ihm unſer Gluͤck bekannt zu machen, und ihn um Rath zu fragen; denn, ob wir gleich ſelten anderer Rath befolgten, ſo waren wir doch alle ziemlich bereit, um Rath zu fragen. Als er das Billet von den beyden Damen las, ſchuͤttelte er den Kopf und ſagte, eine Sache, wie dieſe, verlangte die aͤuſſerſte Behutſamkeit.— Dieſe Art von Mißtrauen mißfiel meiner Frau aufs auſſerſte.„Ich habe niemals daran gezweifelt, mein Herr,“ brach ſie los,„daß Sie nicht ſtets bey der Hand ſeyn ſollten, wenn's gegen meine Toͤchter und mich ginge. Sie ſind wirk⸗ lich fuͤrſichtiger, als noͤthig waͤre. Indeſſen, daͤcht' ich, wenn wir guten Rath noͤthig haben, thaͤten wir wohl beſſer, daß wir ihn bey Leuten ſuchten, welche ihn nicht ſelbſt ſo großnoͤthig gehabt zu haben ſchienen.“—„Wie weiſe oder unweiſe mein eignes Betragen geweſen ſeyn mag, Madame,“ verſetzte er,„davon iſt ge⸗ genwaͤrtig nicht die Frage; deswegen, ob ich gleich nicht ſelbſt allemal gutem Rath gefolgt waͤre, koͤnnt' ich doch wohl mit gutem Gewiſſen G 4 denen denen welchen geben, die ihm folgen wollte n 164 a4. 8 — Da ich beſorgte, dieſe Antwort koͤnnte eine andre nach ſich ziehen, die das wohl mit Per⸗ ſöͤnlichkeiten erſetzen moͤchte, was ihr am Witz abginge, ſo veraͤnderte ich das Geſpraͤch da⸗ durch, daß ich that, als ob ich mich wunderte, warum unſer Moſes noch nicht vom Jahrmarkte zu Hauſe gekommen, da es doch ſchon ſpat auf den Abend ginge.—„Um deinen Sohn laß dir nur nicht bange ſeyn!“ rief meine Frau⸗ „Sey ganz ruhig, der weiß, was er zu thun und zu laſſen hat. Ich bin Buͤrge, daß er keine Katze im Sacke kauft. Ich habe ihn ſo manchen Handel ſchlieſſen ſehn, daß einem Hoͤren und Sehn dabey haͤtte vergehen moͤgen. Ich kann dir davon ein huͤbſches Hiſtoͤrchen erzaͤhlen, daß du dir dem Bauch vor Lachen halten ſollſt!— Aber, je ſo wollt' ich, ſeht doch! Da kommt ja Moſes her, ohne ein Pferd, und hat die Schach⸗ tel auf dem Puckel.“ Als ſie das ſagte, kam Moſes langſamzu Fuſſe angezogen, und rauchte unter ſeiner Schachtel, die er wie ein Dorfhanſirer uͤber die Schultern gebunden hatte.—„Willkommen, willkommen, Moſes! Nun, mein Junge, was haſt du uns vom Jahrmarkte mitgebracht?“— Mich ſelbſt hab' ich mitgebracht,“ antwortete Moſes, mit einem liſtigen Blicke, und ſetzte die Schach⸗ — — Schachtel auf die Anrichtebank.—„Ganz gut, Moſes,“ rief meine Frau,„das wiſſen wir; aber wo haſt du das Pferd?“„Verkauft,“ ſagte Moſes,„fuͤr ſechs und zwanzig Thaler, fuͤnf Groſchen und neun Pfenuige.“„Das haſt du gut gemacht, mein guter Knabe, er⸗ wiederte ſie;„ich wußt es gleich, daß du ſie uͤbertoͤlpeln wuͤrdeſt. Unter uns, ſechs und zwanzig Thaler, fuͤnf Groſchen und neun Pfen⸗ nige iſt kein uͤbel Tagelohn. Komm, gieb nur her.”—„Ja, Geld hab' ich nicht mitgebracht,“ rief Moſes abermal;„ich hab' es all' in Waa⸗ ren angelegt, und da iſt die Ladung!“ wobey er ein Paͤckchen aus ſeinem Buſen zog.„Hier, hier iſt es, ein ganzes Groß gruͤne Brillen, mit ſilbernen Einfaſſungen und Schagrinen Futtera⸗ len.“*—„Ein ganzes Groß gruͤne Brillen?“ wiederholte meine Frau, mit einer leiſen Stim⸗ me.„Und das Pferd haſt du hingegeben, und bringſt dafuͤr nichts weiter heim, als ein Groß gruͤnner lumpen Brillen?“—„Liebſte Mut⸗ ter,“ ſagte der ehrliche Bube,„wenn Sie nur Naͤſon annehmen wollen; ich habe ſie Schande⸗ kaufs gekriegt, ſonſt haͤtt' ich ſie wohl unge⸗ kauft gelaſſen. Die ſilbernen Raͤnder koͤnnen fuͤr noch einmal ſo viel wieder verkauft werden.“ —„Geh doch mit deinen ſilbernen Raͤndern!* rief meine Frau ganz aͤrgerlich.„Ich will wohl ſchwoͤren, daß wir nicht die Haͤlfte dafuͤr loͤſfen. — 5 wenn * wenn wir ſie als alt Silber, das Loth zum hal⸗ ſie.„Mir ſolchen Plunder zu Hauſe zu brin⸗ ben Thaler, verkaufen.“—„Zerbrich dir nur den Kopf nicht,“ fiel ich ein, wie theuer du ſie fuͤr alt Silber anbringen willſt. Keine drey Groſchen iſt der ganze Kram werth, denn ich ſehe wohl, die Einfaſſung iſt bloß weiß geſotten Kupfer.“—„Was?“ rief meine Frau,„kein Silber? die Einfaſſung kein Silber!“„Nein,“ ſagt' ich,„eben ſo wenig Silber, als deine Tor⸗ tenpfanne.„—„So! nun ſo!“ verſetzte ſie⸗ „Da ſind wir denn den Bleſſen quitt, und ha⸗ ben nichts dafuͤr, als ein Groß gruͤne Brillen, mit meßingenen Raͤndern und Schagrinen Fut⸗ terralen! hohl der Schinder ſolche Betruͤgerey! Der Dummbart hat ſich was auf den Ermel heften laſſen, und haͤtte ſeine Leute beſſer koͤn⸗ nen ſollen.“—„Darinn, mein Kind,“ ſagt⸗ ich,„haſt du nun wieder Unrecht; er haͤtte ſie gar nicht kennen lernen ſollen.“—„O geh mir aus den Augen, dummer Schlingel!“ verſetzte gen! Wenn ich ihn nur haͤtte, ins Feuer wollt' ich ihn werfen.“—„Da haſt du nun abermal Unrecht,“ ſagt' ich,„denn ob ſie gleich nur in Kupfer gefaßt ſind, ſo wollen wir ſie doch auf⸗ heben, denn, ſiehſt du, Brillen in Meßing ſind poch beſſer, als gar nichts.“ Nachgerade kam nun der arme Moſes auch aus ſeinem Irrthum. Er ſah nun ein, daß ihn ein — 107 ein liſtiger Gaudieb, ders ihm an den Augen anſehn mußte, daß ers ihm nicht ſauer machen wuͤrde, ihm eine waͤchſerne Naſe gedreht haͤtte. Ich fragte daher nach den Umſtaͤnden bey dem weiſen Handel, da kam's denn heraus, daß, als er ſein Pferd verkauft hatte, und nun auf dem Markte herumging, ein andres zu ſuchen, ihn ein ganz ehrbar ausſehender Mann nach einem Zelte fuͤhrt, unter dem Fuͤrwande, daß er eins feil haͤtte.„Hier nun,“ fuhr Moſes fort,„trafen wir einen andern wohlgekleideten Mann an, der die Brillen fuͤr 60 Thaler ver⸗ ſetzen wollte, wobey er ſagte, er kaͤme an Gelde zu kurz, und wollte ſie fuͤr ein Drittel, was ſie koſteten, losſchlagen. Der erſte Mann, der ſich anſtellte, als ob er mein Freund waͤre, raunte mir zu, ich ſollte ſie kaufen, und warnte mich, ja einen ſo guten Kauf nicht fahren zu laſſen. Ich ſchickte nach Nachbar Flambo⸗ rough, und ſie ſchnackten ihm eben ſo glatt vor, als mir, und ſo wurden wir denn zuletzt einig, die beyden Groß unter uns zu theilen. e — 1 —ʒᷓ́ᷓꝙỹỹᷓ— 108 8 1—— 3 8 — 9===n Dreyzehntes Kapitel. Herr Burchill wird als ein Feind befunden; denn er iſt ſo dummdreiſt, einen unbe⸗ „ haͤglichen Rath zu geben. Die Meinigen hatten nun verſchiedene Ver⸗ 1 ſuche gemacht, ſich hervorzuthun. Allein dieſer oder jener unvorhergeſehener Unſtern warf ſie eben ſobald aͤbern Haufen, als ſie entworfen, wurden. Ich beſtrebte mich, von jedem Fehl⸗ ſchlage Vortheil zu ziehen, um ihren Verſtand in eben dem Maaſſe aufzuhellen, als ſie ihr Ehrgeitz taͤuſchte.„Ihr ſeht, meine Kinder,“ ſagt ich,„wie wenig Seide dabey geſponnen wird, wenn man darnach ringt, andern Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen, dadurch, daß man mit Vornehmern umgehn will. Wer arm iſt, und doch mit niemand zu thun haben mag, als mit Reichen, wird von denen gehaſſet, die er vermeidet, und von denen, welchen er nach⸗ lauft, wird er verachtet. Ungleiche Verbin⸗ dungen fallen allemal zum Nachtheile der Schwaͤchern aus: die Reichen haben das Ver⸗ gnuͤgen, und die Armen die Laſten, die dabey vorkommen. Aber, komm her, Titchen, und erzaͤhl' uns die Fabel, die du heute geleſen haſt., zur Erbauung deiner Geſchwiſter⸗“— 3 4„Es 3 4 — 109 1 „Es war einmal ein Zwerg und ein Rieſe,⸗ fing das Kind ſeine Erzaͤhlung an,„die waren gute Freude zuſammen, und hielten ſich zu ein⸗ ander. Sie wurden eins, daß ſie ſich niemals verlaſſen wollten, und wollten auf Abentheuer ausgehn. Das Erſte, was ſie beſtunden, war mit zwey Saracenen, und der Zwerg, welcher viel Herz hatte, gab einem von den Feinden einen bitter boͤſen Heib. Er that aber dem Sa⸗ racenen nur wenig Schaden, und der hub ſein Schwerdt auf, und hauete dem armen Zwerg einen Arm vom Leibe morſch ab. Da ſaß er nun mit einem Arme jaͤmmerlich zugerichtet; aber der Rieſe kam ihm zu Huͤlfe, und ließ die beyden Saracenen todt auf der Erde liegen, und der Zwerg ſchnitt den todten Maͤnnern aus Aerger die Koͤpfe ab. Als ſie ſo weiter zogen, ſtieß ihnen ein ander Abentheuer auf. Das war gegen drey blutduͤrſtige Waldmenſchen, welche Satyrs hieſſen, die eine bedruͤckte und bedraͤngte Jungfrau fortſchleppten. Der Zwerg war nun nicht ganz und gar mehr ſo kuͤhn, als vorher; aber deswegen theilte er doch den erſten Schlag aus, und ein andrer gab ihm einen wie⸗ der, der ihm das Auge ausſchlug. Aber der Rieſe kam ild herbey⸗ und haͤtte ſie ganz ge⸗ wiß alle mit einander todt geſchlagen, wenn ſte nicht davon gelaufen waͤren. Sie freueten ſich alle uͤber dieſen Sieg, und die ſchoͤne Jungfrau, “ die 85 1 X die ſie erldſet hatten, ward in den Rieſen ver⸗ liebt, und heyrathete ihn. Sie reiſeten nun wieter, ſo weit, ſo weit, daß ich es nicht be⸗ ſchreiben kann, bis daß ſie einer Raͤuberbande begegneten⸗ Hier war der Rieſe zum erſtenmal vorne an, aber der Zwerg blieb auch nicht lauge hinten. Der Kampf war hitzig und lang. Wo nur der Rieſe hinkam, da mußte alles vor ihm ins Gras beiſſen; der Zwerg war aber mehr als Einmal nahe dabey, daß ſie ihn todt ge⸗ hauen haͤtten. Endlich behielten die beyden Abentheurer den Sieg; aber der Zwerg hatte ſein Bein verloren. Da hatte der Zwerg nur noch einen Arm, ein Bein und ein Auge, und der Rieſe unterdeſſen war nicht ein einzigesmal verwundet. Worauf er ſeinem kleinen Gefaͤhr⸗ ten zurief: Mein kleiner Held, das ſind uͤhm⸗ liche Thaten, da iſt Ehre bey! Laß uns nur noch einen Sieg erfechten, ſo haben wir fuͤr lebens⸗ lang Ruhm genug. Nein, rufte der Zwerg, der nunmehr ſchon weiſer geworden war, nein, ich rufe den Kauf auf; ich mag nicht mehr fechten: denn bey jedem Abentheuer find' ich, daß dir alle Ehre und alle Beute zufaͤllt; und alle Hiebe und Stoͤſſe bekomm' ich allein.“ Ich war im Begriff, uͤber dieſe Fabel zu moraliſiren, als unſre Aufmerkſamkeit auf einen hitzigen Wortwechſel gezogen wurde, der zwi⸗ ſchen — —,— ——— III ſchen meiner Frau und Herrn Burchill, uͤber die obhandene Reiſe meiner Toͤchter nach der Stadt, vorfiel. Meine Frau beſtund ſehr ſteif und feſt auf den Vortheilen, die daraus ent⸗ ſtehen wuͤrden. Herr Burchill hingegen rieth ihr ſolche mit vieler Waͤrme ab, und ich war neutral. Sein itziges Abrathen ſchien bloß der zweyte Theil von demjenigen zu ſeyn, das ſchon einige Stunden vorher ſo unfreundlich aufge⸗ nommen worden war. Der Streit ward hef⸗ tig, indem Deborah, ſtatt ihrer Gruͤnde, nur ihre Stimme verſtaͤrkte, und zuletzt genoͤthigt war, um keine Niederlage zu leiden, ſich hinter Ge⸗ ſchrey zu verſtecken. Der Schluß ihrer wohl ausgeſonnenen Rede war uns indeſſen allen ſehr mißfaͤllig: ſie wuͤßte ſchon, ſagte ſie, daß ge⸗ wiſſe Leute ihre eignen heimlichen Urſachen haͤt⸗ ten, warum ſie dergleichen Rath aufdraͤngen. Sie wuͤnſchte aber, daß ſolche Leute ins kuͤnfti⸗ ge ihr huͤbſch hundert Schritte von der Haus⸗ thuͤre bleiben wollten⸗—„Madame,“ ſagte Herr Burchill, mit groſſer Gelaſſenheit, wel⸗ ches ſie noch mehr in Eifer brachte,„was die heimlichen Urſachen betrift, da haben Sie ganz Recht; ich habe geheimeurſachen, die ich aber nicht ſagen mag, weil Sie nicht im Stande ſind, auf diejenigen zu antworten, aus denen ich kein Geheimniß mache: aber ich finde, daß meine Beſuche hier anfangen laͤſtig zu werden. Ich will * 112— will mich alſo fuͤr itzt beurlauben, und vielleicht komm ich noch Einmal wieder„ um odoͤllig Ab⸗ ſchied zu nehmen, wenn ich das Land verlaſſen werde.“ Bey dieſen Worten nahm er ſeinen Hut, und ſelbſt Sophiens Bemuͤhungen, deren Blicke ihm fuͤr ſeine Uebereilung Vorwuͤrfe zu machen ſchienen, konnten ihn nicht vom Wege gehn abhalten. Als er fortgegangen war, ſahn wir uns einige Minuten lang einander an, und wußten nicht, was wir ſagen ſollten. Meine Frau, mit dem Bewuſtſeyn, daß ſie Schuld haͤtte, bemuͤhte ſich, ihre Reue hinter ein erzwungenes Laͤcheln und einer unbekuͤmmerten Miene zu verſtecken, woruͤber ich ſie gerne mein Mißver⸗ gnuͤgen fuͤhlen laſſen wollte.„Wie, Fran,“ ſagt' ich zu ihr,„iſt das die Art, wie wir Frem⸗ den begegnen? Iſt dieß der Dank fuͤr ihre Ge⸗ faͤlligkeit? Glaub' mir, Deborah, das waren die bitterſten, und fuͤr mich die unangenehmſten Worte, die dir jemals aus dem Munde entfah⸗ ren ſind!“—„Warum mußte er mich auch ſo in den Harniſch jagen?,, erwiederte ſie;„aber ich weiß es recht gut, warum er ſo ſehr dage⸗ gen iſt. Er ſiehts ungern, daß meine Maͤdchen nach der Stadt gehn, damit er nur das Ver⸗ gnuͤgen haben koͤnnte, hier im Hauſe die Geſell⸗ ſchaft der Juͤngſten zu haben. Aber, es mag auch —— lich in der Stapt zubringen wirſt, wird dir 8 1 H —yj 3 113 auch gehn, wie es will, ſie ſoll mir beſſre Leute zur Geſellſchaft waͤhlen, als ſo einen nieder⸗ traͤchtigen Kerl, wie er iſt.⸗—„Niedertraͤch⸗ tig nennſt du ihn, mein Kind?e rief ich.„Es iſt ſehr moͤglich, daß wir uns in dem Characktern dieſes Mannes irren: denn bey einigen Gele⸗ genheiten koͤmmt er mir als der wohlgezogenſte Mann vor, den ich jemals gekannt habe.— Sage mir, Sophie, mein Tochterchen, hat er dir jemals insgeheim Beweiſe von ſeiner Zunei⸗ gung gegeben?— Seine Geſpraͤche mit mir, liebſter Papa, ¹antwortete meine Tochter,„ſind allemal vernuͤnftig, beſcheiden und gefaͤllig ge⸗ weſen. Aber dergleichen, wie Sie meynen, hat er ſich niemals entfallen laſſen; gewiß nicht. Einmal, freylich, beſinn' ich mich, daß er ſag⸗ te, er haͤtte noch kein Frauenzimmer gekannt, das an einem Manne Verdienſte finden koͤnnte, der arm zu ſeyn ſchiene.„Das, Fieckchen, ſagt' ich,„iſt das gewoͤhnliche Geſchwaͤtz der Bettler oder Muͤßiggaͤnger. Aber ich hoffe, du haſt ſelbſt ſo viel gelernt, daß du von ſolchen Maͤnnern urtheilen kannſt, wie ſichs gehoͤrt; und daß es ſogar Unſinn ſeyn wuͤrde, bey je⸗ manden Gluͤckſeligkeit zu erwarten, der mit dem Seinigen ſo ſehr uͤbel gewirthſchaftet hat. Deine Mutter und ich haben itzt beſſre Ausſichten fuͤr dich. Der kuͤnftige Winter, den du wahrſchein⸗ mehr mehr Anlaß geben, eine kluͤgere Wahl zu treffen.“ Was hierbey Sophiens Gedanken ſeyn moch⸗ ten, das kann ich nicht uͤber mich nehmen, zu beſtimmen: aber mir wars im Grunde ſo leid nicht, daß wir eines Gaſtes los geworden, von dem ich viel zu beſorgen hatte. Unſer Verſtoß gegen das Gaſtrecht fiel mir wohl ein wenig aufs Gewiſſen: aber ich brachte dieſen Hofmei⸗ ſter durch zwey oder drey ſcheinbare Gruͤnde gar bald zum Schweigen, welche ſo viel wirk⸗ ten, daß ich mich beruhigte, und mit mir ſelbſt ausſoͤhnte. Der Kummer, den das Gewiſſen einem Menſchen verurſacht, der bereits Unrecht gethan hat, iſt leicht zu uͤberwinden. Das Ge⸗ wiſſen iſt eine feige Memme, und die Fehler, die es nicht Staͤrke genug hat zu verhindern, die hat es ſelten Gerechtigkeit genug, gehoͤrig zu ruͤgen⸗ 1 —,— 115 Vierzehntes Kapitel. Neue Demuͤthigungen, oder eine Demon⸗ ſtration, daß anſcheinende Widerwaͤr⸗ tigkeiten wahre Segnungen des Himmels ſeyn koͤnnen. Die Reiſe meiner Toͤchter nach der Stadt war — nunmehr beſchloſſen, da Herr Tornhill ſo guͤtig geweſen war, zu verſprechen, daß er ſelbſt ein Ange auf ihre Auffuͤhrung haben, und uns ſchriftlich von ihrem Betragen Nachricht geben wollte. Allein, es ward fuͤr unumgaͤng⸗ lich nothwendig erachtet, daß ihr Aufzug der Groͤſſe ihrer Erwartungen entſprechen muͤßte, welches denn nicht ohne neue Ausgaben geſche⸗ hen konnte. Wir erwogen alſo in voll verſamm⸗ leten Rathe, die thunlichſten Mittel und Wege, Geld zu heben, oder beſſer zu reden, was wir am fuͤglichſten verkaufen koͤnnten. Die Berath⸗ ſchlagungen daureten eben nicht lange; es ward bald ausfindig gemacht, daß unſer uͤbriges Pferd, ohne ſein Geſpann, zum Pfluge voͤllig unnuͤtz, und zum Reiten eben ſo untauglich waͤre, weil es nur ein Auge haͤtte; beſchloſſen alſo, daß wir ſolches zu oberwehntem Behuf auf dem naͤchſten Jahrmarkte losſchlagen woll⸗ H 2 ten, 116—— —— ten, und, um ſicherer zu gehen, ſollte ich ſelbſt damit hinreiten. Ob dieß nun gleich mein erſtes merkantiliſches Geſchaͤft in meinem ganzen Le⸗ ben war, ſo zweifelte ich doch nicht, ich wollte es ſchon mit allen Ehren ausrichten. Die Ge⸗ ſellſchaft mit der ein Mann gewoͤhnlich ver⸗ kehrt, iſt der Maaßſtaab, nach welchem man die Meynung meſſen muß, die er ſich von ſeiner eigenen Klugheit macht. Mein Umgang ſchraͤnk⸗ te ſich groͤſſeſten Theils auf die Meinigen ein, und ich hatte alſo keine nachtheilige Meynung von meiner Weltklugheit gefaßt. Indeſſen, als ich des andern Morgens beym Wegreiten einige Schritte weit von der Thuͤre weg war, rufte mich meine Frau zuruͤck, um mir die Warnung ins Ohr zu fluͤſtern, ich moͤchte ja alle meine Au⸗ gen in die Hand nehmen. Ich hatte, nach her gebrachtem Brauche ſo⸗ bald ich auf dem Markte angelangt, mein Pferd durch alle Schritte geritten; hielt aber lange, ohn' einen Feilſcher zu bekommen. Endlich naͤherte ſich ein Kaufluſtiger, und, nachdem er das Pferd eine geraume Weile allenthalben be⸗ guckt und befuͤhlt, und ſein Glasauge entdeckt hatte, wollte er gar nichts bieten; darauf kam ein Zweyter, der aber ſagte, es habe den Spatt, und betheuerte, er wollte es nicht umſonſt nach Hauſe reiten; ein Dritter entdeckte, os habe die — nung ſey. — 117 die Fußgallen, und waͤre keinen Groſchen werth; ein Vierter ſah' ihm an den Augen an, es habe Wuͤrmer; ein Fuͤnfter war voller Verwunde⸗ rung, was Henker ich mit einer alten, blinden, ſpaattlahmen, rotzigen Kracke auf dem Markte thaͤte, die zu nichts gut waͤre, als fuͤr die Hunde 3u ſchlachten. Nachgerade fing ich ſelbſt an, das arme Thier mit herzlicher Verachtung zu betrachten, und ſchaͤmte mich faſt, ſo oft ſich ein Feilſcher nahte; denn, ob ich gleich nicht all es ſo voͤllig glaubte, was mir die Herren Roßkaͤmmer ſag⸗ ten; ſo machte ich doch die Ueberlegung, daß die Menge der einſtimmigen Zeugen eine ſtarke Vermuthung fuͤr die Wahrheit gaͤbe, und Sanct Gregorius in ſeinem Buche von den guten Wer⸗ ken geſteht ſelbſt, daß er von eben dieſer Mey⸗ Als ich mich ſo in dieſer verdruͤßlichen Lage befand, kam ein alter Bekannter und College zu mir, der auch auf dem Markte Verrichtun⸗ gen hatte, gab mir die Hand, ſchuͤttelte ſie brav, und ſchlug vor, in ein naͤchſtes Wirths⸗ haus zu gehen, und darinn ein Glaͤschen mit einander zu trinken, was wir Gutes faͤnden⸗ Ich wars herzlich gerne zufrieden; und in dem kaͤchſten Wirthshauſe, in welches wir gingen, H 3. wies N — wies man uns in ein kleines Hinterzimmer, wor⸗ inn ein ſehr ehrwuͤrdiger alter Mann ſaß, ganz emſig beſchaͤftigt, in einem groſſen dicken Buche zu leſen. In meinem Leben hatte ich niemand geſehen, dem ich auf den erſten Blick haͤtte mehr leiden koͤnnen. Seine ſilbergrauen Locken hingen ihm ganz ehrwuͤrdig uͤber die Schlaͤfe herab, und das Bluͤhende, was er bey ſeinem hohen Alter im Geſicht hatte, ſchien eine Wir⸗ kung der Geſundheit und des guten Herzens zu ſeyn. Wir lieſſen uns indeſſen ſeine Gegenwart am Geſpraͤch nicht hindern. Mein Freund und ich erzaͤhlten einander die verſchiedenen Bege⸗ gniſſe unſers Lebens. Ich ſprach mit ihm uͤber die Whiſtonianiſche Streitigkeit, uͤber meine letzte Abhandlung, uͤber die Antwort des Su⸗ perindentens, und uͤber die harte Begegnung, die ich hatte leiden muͤſſen. Es dauerte aber nicht lange, als ein junger Menſch unſere Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog, der ins Zimmer her⸗ ein kam, und dem Alten ganz eherbietig, aber leiſe, anredete.„Keine Entſchuldigungen, mein Sohn!“ ſagte der alte Mann.„Gutes zu thun iſt eine Pflicht, die wir allen unſern Neben⸗ geſchoͤpfen ſchuldig ſind. Da, nehm' Er dieß! ich wollte, es waͤre mehr: aber dieſe dreyßig Thaler koͤnnen Seiner itzigen Verlegenheit ab⸗ belfen, und ſtehen alle herzlich gerne zu Dienſte.“ Der beſcheidene Juͤngling vergoß Thraͤ⸗ — 1 119 7 Thraͤnen der Dankbarkeit, und doch war ſeine Dankbarkeit kaum ſo groß, als die meinige⸗ Ich haͤtte dem alten Mann um den Hals fallen moͤgen, ſo ſehr geſiel mir ſeine Gutthaͤtigkeit⸗ Er fuhr fort zu leſen, und wir knuͤpften unſer Geſpraͤch wieder an, bis es nach einiger Zeit meinem Gefaͤhrten einfiel, daß er noch einige Verrichtungen auf dem Markte haͤtte, und bald wiederzukommen verſprach; wobey er hinzu⸗ ſetzte, daß er beſtaͤndig wuͤnſchte, in Doktor Primroſens Geſellſchaft ſo lange als moͤglich zuzubringen. Als der alte Herr meinen Namen nennen hoͤrte, fing er an, mich ganz aufmerk⸗ ſam zu betrachten; und als mein Freund weg⸗ gegangen war, fragte er mich ſehr ehrerbietig, ob ich mit dem groſſen Primroſen, dem tapfern Monogamiſten, der ſtarken Stuͤtze der Kirche, irgend verwandt waͤre. In meinem Leben hatte mein Herz keine aufrichtigere Freude gefuͤhlt, als in dieſem Augenblick.„Mein Herr,“ rief ich,„der Beyfall eines ſo guten Mannes, als Sie nach meiner innigſten Uberzeugung ſind, vermehret in meiner Bruſt das Vergnuͤgen, welches Ihre Wohlthaͤtigkeit bereits in derſelben erregt hatte. Sie ſehen hier, mein Herr, den Doktor Primroſe, den Monogamiſten, vor Ih⸗ ren Augen ſtehen, welchen Sie beliebt haben, mit dem Beyworte, Groß, zu beehren. Sie ſehen hier den ungluͤcklichen Gottesgelahrten, H 4 wel⸗ 120— welcher ſo lange, und, wenn ſichs fuͤr mich ſelbſt ſchickte, es zu ſagen, ſo nachdruͤcklich, ge⸗ gen die einreiſſende Deuterogamie gefochten hat.“„Mein Herr,“ rief der Fremde mit Ent⸗ zuͤckungsvollen Erſtaunen,„ich fuͤrchte, ich bin zu dreiſt geweſen, Sie werden aber meine Neu⸗ gierde guͤtigſt verzeihen.“„Ich bitte um Ver⸗ gebung, mein Herr,“ ſagte ich, indem ich ſeine Hand faßte,„das, was Sie Dreiſtigkeit zu nennen belieben, iſt ſoweit davon entfernt, mir zu mißfallen, daß ich Sie bitte, meine Freund⸗ ſchaft anzunehmen, wie Sie bereits meine Hoch⸗ achtung beſitzen.“—„Nun, ſo nehm' ich denn das Anerbieten dankbarlich an!“ rief er, und druͤckte mir dabey die Hand.„Du herrlicher Pfeiler der unerſchuͤtterten Orthodoxie! ſeh' ich alſo“— 2 Hier unterbrach ich ihn ploͤtzlich: denn ob ich gleich als Autor eine nicht kleine Portion Schmeicheley verdauen konnte, ſo woll⸗ te meine Beſcheidenheit itzt doch nichts weiter erlauben. Indeſſen haben niemals zwey Ver⸗ liebte in einem Roman fchneller eine Herzens⸗ freundſchaft geſtiftet. Wir ſprachen uͤber ver⸗ ſchiedene Dinge: anfangs kam er mir mehr an⸗ daͤchtiger vor, als gelehrt, und ich begann zu denken, daß er alle menſchliche Gelehrſamkeit als Spreu verachtete. Dieß aber verminderte meine Hochachtung fuͤr ihn nicht im geringſten; denn ſeit einiger Zeit ſchon hatte ich ſelbſt ins⸗ v — 121 geheim dieſe Meynung gehegt. Ich nahm da⸗ her Gelegenheit, die Anmerkung zu machen, daß die Welt, uͤberhaupt genommen, anfinge,⸗ eine tadelnswuͤrdige Gleichguͤltigkeit gegen theo⸗ logiſche Lehrſaͤtze zu bezeugen, und zu ſehr menſchlichen Specnlationen nachhinge.—„Sehr richtig, Herr Doktor!“ verſetzte er, als ob er alle ſeine Gelehrſamkeit fuͤr dieſen Augenblick aufgeſpart haͤtte:„ſehr richtig, Herr Doktor! Die Welt neigt ſich zu ihrer zweyten Kindheit, und dennoch hat die Kosmogonie, oder Schoͤ⸗ pfung der Welt, den Philoſophen zu allen Zei⸗ ten ſehr Vieles zu ſchaffen gemacht. Was fuͤr ein Gemiſch von Meynungen uͤber die Schoͤ⸗ pfung der Welt haben ſie nicht ausgeheckt! Sanconiathon, Manetho, Beroſus und Ocel⸗ lus Lucanus haben vergeblich darnach geſtrebt. Der letzte hat folgende Worte: Anarchon ara Rai atelutaion to pan; welches ſo viel ſagen will, daß alle Dinge weder Anfang noch Ende, haben. Manetho gleichfalls, welcher um die Zeit des Nebuchadon⸗Aſſer lebte; Aſſer iſt ein ſyriſches Wort, und ein gewoͤhnlicher Beyname der aſſyriſchen Koͤnige, wie zum Exempel: Teglat Phael⸗Aſſer, Nebon⸗Aſſer u. ſ. w.— dieſer Manetho, ſag' ich, machte eine eben ſo abgeſchmackte Conjectur; denn, wie wir zu ſa⸗ gen pflegen: eck to biblion kubernetes; das heißt: Buͤcher machen die Welt nicht weiſer. H 5 Er 12²— Er bemuͤthete ſich alſo, zu erforſchen— doch, mein Herr Doktor, ich bitte um Verzeihung, ich gehe von der Hauptſache ab⸗“— Das that er nun freylich; und ich konnte fuͤr mein Leben nicht begreifen, was die Schoͤpfung der Welt mit den Materien zu thun haͤtte, wovon wir ſprachen⸗ Es war aber geung, mir zu zeigen⸗ daß er ein Gelehrter waͤre, und ich bekam da⸗ her deſto mehr Hochachtung fuͤr ihn. Ich faßte den Entſchluß, ihn auf den Probierſtein zu brin⸗ gen; allein, er war zu milde und ſanft, um mit mir um den Sieg zu kaͤmpfen. So oft ich einen Satz vorbrachte, der ſo ausſehen konnte, als eine Ausfoderung, fing er an zu laͤcheln, ſchuͤttelte den Kopf und ſagte nichts; welches mir zu verſtehen gab, daß er viel ſagen koͤnnte, weun er wollte. Das Geſpraͤch lenkte ſich alſo unvermerkt von gelehrten Sachen auf diejenigen, welche uns beyde auf den Jahr⸗Markt gebracht hatte. Meine Verrichtungen waͤren, ſagte ich ihm, daß ich ein Pferd verkaufen wollte; und zu allem Gluͤck war die Seinige, eines fuͤr einen ſeiner Bauern zu kaufen, Mein Pferd ward alſo gleich vorgefuͤhrt und wir ſchloſſen endlich einen Handel. Es fehlte nun nichts weiter, als daß er mir das Geld auszaͤhlte; und zu dieſem Ende zog er einen Bankzettel auf hundert und funfzig Thaler hervor, worauf ich ihm heraus⸗ 8 geben ſollte. Da ich dazu nicht Geld genug 2 3 3 hat⸗ — 123 hatte, befahl er, daß man ihm ſeinen Bedien⸗ ten rufen ſollte, welcher bald darauf in einer recht huͤbſchen Liverey erſchien.„Hier, Abra⸗ ham,“ ſagte er,„nehm Er dieß und wechsle Gold dafuͤr ein; geh' Er damit zum Nachbar Jackſon, oder zu wem Exr will, gleich viel.“ Unterdeſſen, daß der Kerl fort war, unterhielt er mich mit einer ruͤhrenden Rede uͤber den Sil⸗ bermangel, und ich ſuchte es noch weiter zu treiben, indem ich Klagen uͤber den Mangel an Golde fuͤhrte; ſo daß wir gegen die Zeit, daß Abraham wieder kam, daruͤber einig waren, daß das Geld niemals ſo rar geweſen, als ge⸗ genwaͤrtig. Abraham brachte die Nachricht zuruͤck, er habe den ganzen Markt durchlaufen, und niemand gefunden, der haͤtte wechſeln koͤn⸗ nen, ob er gleich einen Gulden Aufgeld geboten haͤtte. Dieß war uns allen ſehr unangenehm; der alte Herr aber, nachdem er eine Zeitlang nachgedacht, fragte mich endlich, ob ich einen ggewiſſen Salomon Flamborongh in meiner Ge⸗ gend kennte? Und auf meine Antwort, das es mein naͤchſter Nachbar waͤre, ſagte er:„Wenn das iſt, denke ich, wollen wir bald fertig wer⸗ den; ich will Ihnen einen Wechſel a Viſta auf ihn geben. Sie wiſſen ohne Zweifel, ſo gut wie ich, daß der Mann ſo ſicher iſt, als einer auf drey Meilen in der Runde um ihn her. Der ehrliche Salomon! ich habe ihn nun ſchon man⸗ —— 124 manches gutes Jahr gekannt; ich erinnere michs noch, daß ich ihm in Dreyſpruͤnge immer uͤber⸗ legen war: er konnte aber immer auf einem Beine weiter huͤpfen, als ich!“ Ein Wechſel auf meinen Nachbar war mir eben ſo gut, als baares Geld, denn ich wußte recht gut, daß er bezahlen konnte. Das Papier ward gezeichnet und mir zu Haͤnden geſtellt, und der ehrwuͤrdige Herr Jenkinſon, ſein Bedienter Abrahm und mein Pferd, der alte Schnibbe, ritten in Fried und Eintracht mit einander davon. Nachdem ich einige Augenblicke Zeit gehabt hatte, mich zu beſinnen, fiel mirs aufs Herz, daß ich Unrecht gethan haͤtte, von einem Un-⸗ bekannten einen Wechſel in Bezahlung zu neh⸗ men; ich beſchloß alſo ganz kluͤglich, dem Kaͤu⸗ fer nachzufolgen, und mein Pferd zuruͤck zu nehmen. Aber dazu war's zu ſpaͤt. Ich eilte alſo gerades Wegs nach Hauſe, mit dem Vor⸗ ſatze, mir den Wechſel von meinem Freunde ſo⸗ bald als moͤglich bezahlen zu laſſen. Ich fand meinen ehrlichen Nachbar eben vor der Thuͤre ſitzen und ſeine Pfeife Taback rauchen; und da ich ihm ſagte, daß ich einen kleinen Wechſel auf ihn haͤtte, las er ſolchen zweymal uͤber.„Sie koͤnnen doch den Namen leſen, hoff' ich?“ ſagte ich. Ephraim Jenkinſon.“„O ja,“ erwier derte er;„der Name iſt deutlich genug eſchne ben ben, und ich kenne auch den Ausſteller; es iſt der groͤſſeſie Schurke unterm blauen Himmel. Es iſt eben der Gaudieb, der uns die Brillen verkauft hat. War es nicht ein Mann von ſehr ehrbarem Anſehen, mit grauen Haaren und ohne Patten uͤber den Rocktaſchen? und ſchwatz⸗ te er nicht ein Langes und Breites von gelehr⸗ ten Sachen, von Griechiſch, von Cosmogonie, und von der Schoͤpfung, und ſo mehr!“ Auf dieſes antwortete ich mit einem tiefen Seufzer — das iſt er!„Ha ha,“ fuhr er fort,„das iſt das einzige Stuͤckchen von Gelehrſamkeit, das er in dieſer Welt weiß, und er leyert es allemal her, wenn er einen Gelehrten in Ge⸗ ſellſchaft findet; aber ich kenne den Buben, und will ihn ſchon erwiſchen.“ Ich war freylich bereits genug gekrntt; aber das aͤrgſte ſtund mir doch noch bevor, wenn ich meiner Frauen unter die Augen treten ſollte⸗ Keinem Knaben, der Schulengegangen iſt, kann vor ſeines Praͤceptors Angeſicht baͤnger ſeyn, als mir vorm Zuhauſegehen. Unterdeſſen faßte ich ein Herz, und beſchloß, ihrem Anfahren dadurch zuvor zu kommen, daß ich mich ſelbſt zuerſt boͤſe ſtellte⸗ Aber, lieber Himmel! als ich ins Haus trat, fand ich, daß meine Hausgenoſſen gar 5 nicht p nicht zum Zanken aufgelegt waͤren. Meine Frau und Toͤchter ſchwammen alle in Thraͤnen; denn Herr Tornhill war den Tag da geweſen, und hatte ihnen die Nachricht gebracht, daß aus ihrem Zuge in die Stadt ganz und gar nichts werden koͤnnte. Die beyden Damen, welche von gottloſen Leuten uͤble Nachrichten von uns gehoͤrt hatten, waren des Morgens nach Londen gereiſet. Er hatte eben ſo wenig entdecken koͤnnen, was man uns nachgeſagt, noch wer uns verleumdet haͤtte; es moͤchte aber ſeyn was und wer es wolle, ſo fuhr er fort, uns alle ſeiner Freundſchaft und Protektion zu ver⸗ ſichern. Ich fand alſo, daß ſie meinen Unfall mit vieler Gelaſſenheit ertrugen, weil er in Vergleichung des ihrigen nur gering war. Was uns aber am unergruͤndlichſten vorkam, das war, denjenigen auszufinden, der ſo nie⸗ dertraͤchtig ſeyn koͤnnen, eine ſo harmloſe Fa⸗ milie, als die unſrige, anzuſchwaͤrzen; da wir zu niedrig waren, um Neid, und zu unbeden⸗ tend, um Zorn zu erwecken. —— 2. 127 Ox& x ·&ᷣ ·OMᷣʒxᷣoo o o o Funfzehntes Kapitel. Herrn Burchills ganze Niederkraͤchtigkelt witd auf Einmal entdeckt. Die Thor⸗ 1 heit uͤberklug zu ſeyn. De Abend und ein Theil des folgenden Ta⸗ ges gieng uͤber fruchtloſen Bemuͤhungen hin, unſre Feinde zu entdecken. Kaum daß eing einzige Familie in der ganzen Nachbarſchaft unſerm Verdachte entging; und ein jeder von uns hatte gute Gruͤnde fuͤr ſeine Meynung, die er ſelbſt am beſten wußte. Als wir uns in dieſer Verwirrung befanden, brachte einer von den Kleinen, der auſſer dem Hauſe geſpielt, eine Brieftaſche herein, die er auf dem Gras⸗ platze gefunden hatte. Man erkannte den Au⸗ genblick, daß ſolche Herrn Burchill zugehoͤrte, bey dem man ſie geſehn hatte; und bey der Unterſuchung enthielt ſolche uͤber allerley Dinge verſchiedene Winke. Was aber am meiſten unſre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, war ein ver⸗ ſiegelter Zettel, mit der Aufſchrift: Abſchrift eines Briefes an die beyden Damen 3u Tornhill⸗Caſtle. Es fiel uns den Augen. blick auf, daß er der gottloſe Verlaͤumder ſeyn muͤßte, und wir rathſchlagten, ob wir nicht 1— den ———— —VV—Vʒ:;˖·— 128 den Zettel erbrechen ſollten? Ich war dagsgens Sophie aber, welche ſagte, ſie ſey uͤberzeugt, daß er unter allen Menſchen der letzte waͤre, der eines ſolchen Bubenſtuͤcks faͤhig ſeyn koͤnn⸗ te, beſtund darauf, daß wir ihn lefen ſollten. In dieſem Punkte traten ihr die uͤbrigen bey, und auf ihr vereintes Anliegen las ich, wie folget: „ P. P. 2, Ueberbringer dieſes kann Ihnen beyden ausfuͤhrlich ſagen, wer es iſt, der Ihnen dieſe Zeilen ſchreibt. Ein Mann, der wenigſtens ein Freund der Unſchuld, und bereit iſt, zu verhin⸗ dern, daß ſie nicht verfuͤhrt werde. Man hat mich gewiß verſichern wollen, Mesdames, daß Sie die Abſicht hegen, ein Paar junge Maͤd⸗ chen, die mir einigermaaſſen hekannt ſind, als Geſellſchafterinnen mit ſich in die Stadt zu nehmen. Da es mir nun gar ſehr zuwider ſeyn wuͤrde, zuzuſehen, daß die Treuherzigkeit be⸗ ruͤckt, oder die Tugend angeſteckt wuͤrde, ſo muß ich es hier als meine Meynung aͤuſſern, daß ein ſolcher uͤbereilter Schritt ganz gewiß gefaͤhrliche Folgen haben wird. Es iſt niemals meine Gewohnheit geweſen, ſe ſchaͤndlichen oder luͤderlichen Perſonen mit Strenge zu begegnen; ich — 129 ich wuͤrde auch gegenwaͤrtig dieſen Weg nicht gewaͤhlet haben, meine Meynung zu ſagen, oder vor gefaͤhrlichen Leichtſinn zu warnen, wenn es nicht auf Laſter und Schande abzielte. Hoͤren Sie alſo auf die Warnung eines Freun⸗ des, Mesdames, und aͤberlegen Sie ernſthaft, was fuͤr Folgen daraus entſtehen koͤnnen, wenn Sie Schand' und Laſter in ſolche Wohnungen braͤchten, welche bisher der Sitz des Friedens und der Unſchuld geweſen ſind.“— Unſre Zweifel hatten nunmehr ein Ende. Es ſchien freylich wohl, als ob in dieſem Briefe Etwas waͤre, daß ſich fuͤr beyde Seiten an⸗ wenden lieſſe, und der Tadel koͤnnte eben ſo⸗ wohl auf diejenigen gehen, an die er geſchrie⸗ ben war, als auf uns; aber die boshafte Ab⸗ ſicht war klar, und wir unterſuchten nicht wei⸗ ter. Meine Frau hatte kaum ſo viel Geduld, mich ganz zu Ende leſen zu laſſen, ſondern ſchalt mit unaufgehaltenem Zorn auf den Ver⸗ faſſer. Olivie war eben ſo ſtrenge, und Sophie ſchien vor Erſtaunen auſſer ſich uͤber ſeine Nie⸗ dertraͤchtigkeit. Mir, meiner Seits, kam es als einer der ſchaͤndlichſten Streiche der unver⸗ dienten Undankbarkeit vor, wovon ich je gehoͤrt haͤtte. Ich konnte auch nicht begreifen, was ihn dazu bewogen haben koͤnnte? es ſey denn die Begierde, meine juͤngſte To ſter auf dem 3 J . 130 Lande zu behalten, um deſto ofter Gelegenheit zu haben, ſie zu ſehen und zu ſprechen⸗ Auf dieſe Weiſe ſaſſen wir alle, und ſonnen auf An⸗ ſchlage, wie wir uns raͤchen wollten, als der kleine Knabe hereingelaufen kam, uns zu ſagen⸗ daß Herr Burchill dort aͤber das Feld her zu uns kaͤme. Die vermiſchten Empfindungen des Schmerzens uͤber eine friſch empfangene Belei⸗ digung, und des Vergnügens uͤber die nahe Rache, laſſen ſich nicht beſchreiben⸗ DOpbgleich unſre Abſicht nicht weiter ging, als ihm ſeine Undankbarkeit vorzuhalten, ſo ward doch beſchloſſen, es ſollte auf eine Art ge⸗ ſchehen, die ihm recht wehe thaͤte. Des Endes wurden wir einig, ihn mit unſrer gewoͤhnlichen Freundlichkeit zu empfangen, anfangs mit mehr als gewoͤhnlicher Vertraulichkeit mit ihm zu ſchwatzen, ihn erſt ein wenig kirre zu machen, und dann, mitten in dieſer lieblichen Stille, wie ein Gewitter uͤber ihm loszubrechen, und ihn mit dem Gefuͤhle ſeiner ſchaͤndlichen Niedertraͤch⸗ ſigkeit zu betaͤnben. Nachdem dieſer Beſchluß gefaßt, nahm meine Frau die Ausfuͤhrung uͤber ſich, weil ſie wirklich einige Gaben zu einer ſolchen Unternehmung hatte⸗ Wir ſahn ihn ſich nuͤbern. Er trat herein, nahm einen Stuhl und ſetzte ſich.—„Es iſt heute ein ſchoͤner Tag, Herr Burchill.—„Ja, ein ſehr ſcho⸗ —— ner Tag, Herr Doktor, ich glaub' aber, wir werden bald Regen bekommen; ich fuͤhls in meinem Leichdorn.“—„Fuͤhlens in Ihrem Leibhorn?“ rief meine Frau, und wollte faſt vor Lachen ſticken, und bat dann darauf um Vergebung, daß ſie den witzigen Einfall her⸗ ausgeſchlagen huͤtte.—„Liebſte Madame,“ verſetzte er,„meine Vergebung haben Sie gar leicht, denn ich verſichre Sie, ich haͤtte nicht einmal daran gedacht, daß es ein witziger Ein⸗ fall waͤre, haͤtten Sie mirs nicht geſagt.⸗—— „Vielleicht nicht, mein Herr;“ erwiederte meine Frau, und winkte uns dabey mit den Augen; „und doch wollt' ich wohl ſagen, Sie wuͤßten, wie viel witzige Einfaͤlle auf ein Loth gehn.— „Es ſcheint, Madame,“ antwortete Burchill, „Sie haben heute Morgen in einem Vademecum geleſen; denn das Lothſchwer witziger Einfaͤlle iſt ſo ſinnreich! und dennoch, Madame, haͤtt⸗ ſich lieber geſehn, daß es ein Quentchen Ver⸗ ſtand geweſen waͤre.“—„Das glaüb' ich, das haͤtten Sié wohl;“ rief meine Frau, und laͤchelte uns dabey noch immer zu, obgleich das Lachen 4 aͤber ſie her ging;„und doch hab' ich wohl Maͤnner gekannt, die ſich auf ihren Verſtand stwas einbildeten, und doch ſehr wenig hat⸗ ten.“—„Ohne Zweifel,“ verſetzte ihr Geg⸗ ner,„haben Sie auch Damen gekannt, die mit ihrem Witze glaͤnzen wollten, und doch gar J 2 ei keinen hatten.“— Ich fing bald an zu merken, daß meine Frau bey dieſem Handel nicht viel gewinnen wuͤrde, und entſchloß mich daher, ihn etwas rauher zu behandeln.„Beydes Witz und Verſtand,“ fiel ich ein,„ſind keine Priſe Taback werth, ohne Rechtſchaffenheit. Dieſe nur iſt es, die dem Charakter einen Werth giebt. Der unwiſſende Bauer, ohne einen Fehler des Herzens, iſt groͤſſer, als der Philoſoph mit vie⸗ len; denn was iſt Genie, was iſt Tapferkeit ohne ein gutes Herz? Ein ehrlicher Mann iſt das herrlichſte Werk Gottes.“ „Dieſes Alltags⸗ Spruͤchelchen ve von Pope,“ ſagte Burehill,„hab' ich beſtaͤndig eines Man⸗ nes von Genie unwuͤrdig gehalten, und fuͤr ein Unrecht⸗ das er ſeinem eigenen Verdienſte er⸗ wieſen hat⸗ So wie map den Werth eines Buches nicht darnach beſtimmet, wie frey es vom Mangel iſt, ſondern nachdem es groſſe Schoͤnheiten hat: ſo ſollte man auch die Men⸗ ſchen ſchaͤtzen, nicht nach dem ſie frey ſind von ſittlichen Gebrechen, ſondern nach dem Umfange der Tugenden, die ſie beſſtzen. Dem Gelehrten mags am Weltklugheit brechen, der Staats⸗ mann mag hochmuͤthig ſeyn, und der Kriegs⸗ mann von rauhen Sitten; ſoll onan ihnen des⸗ wegen dem Hemeinen Handwerker vorziehen, der ſich, ohne Lob oder Tadel zu verdienen, ſauer durch — 133 durch das Leben hindurch arbeitet? Eben ſo gut koͤnnte man ein kaltes korrectes Gemäͤhlde aus der niederlaͤndiſchen Schule dem erhabenen innd belebenden romiſchen Piuſel vorziehen. 3 Mrein Herr,**rerwiederte ich,„die Bemer⸗ kunge die Sie da machen, iſt richtig, wo glaͤn⸗ zende Tugenden bey geringen Fehlern ſind; wennres ſich aber findet, daß groſſe Laſter in einer und eben der Seele, eben ſo auſſevordent⸗ lichen Tugenden entgegen ſtehen, ſo Peidient ein ſolcher Charakter Verachtung. 1. 14 1 .„Vielleicht,⸗ agt⸗ er weiter,„gieht es ſolche Mißgeſchoͤpfe, wie Sie da beſchreiben, groſſe Laſter bey groſſen Tugenden; ſo weit aber, wie ich bis jetzt in der Welt gekommen bin, hab; ich noch keine Spur von ihrem Daſeyn gefun⸗ den; ich hab' im. Gegentheil noch allemgl be⸗ die Reiaunget wohl geordnet waren. Und, in der That, die Fuͤrſehung ſcheinet in dieſem Punkte hoͤchſt gnaͤdig fuͤr uns zu ſorgen, daß ſie dergeſtalt den Verſtand einſchraͤnkt, wo das Herz verderbt iſt, und das Vermoͤgen verrin⸗ gert, wo der Wille iſt, Unheil anzurichten⸗ Dieſe Regel ſcheint ſich ſogar bis uͤber die Thiere zu erſtrecken. Das kleine Inſeckten⸗Geſchlecht. iſt gemeiniglich tuͤckiſch, grauſam und feige; 3— da⸗ 134 dahingegen die mit Staͤrke und Gewalt begab⸗ ten Thiere großmuͤthig, tapfer und edel ſind. Die Anmerkung klingt recht gut,“ erwit⸗ derte ich,„und doch ſollte mirs dieſen Augen⸗ blick leicht ſeyn, einen Mann zu zeigen,“(und hiebey heftete ich meine Augen ganz unbeweg⸗ lich auf ihn,)„deſſen Kopf und Herz einen hochſt ſchaͤndlichen Conträſt machen. Ja, ja. Herr!ee fuhr ich fort, und ſtieg mit der Stäͤrke meiner Stimme, und es freute mich, dieſe Ge⸗ legenheit zu haben, ihn mitten in ſeiner einge⸗ bildeten Sicherheit zu entdecken.—„Keunen Sie dieß hier, Herr? kennen Sie dieß Taſchen⸗ buch?—„Ja, Herr,“ fagk' er, mit einer unbegreiflichen Zuverſichtlichkeit.„Das Ta⸗ ſchenbuch gehoͤrt mir, und mir iſt es lieb, daß Sie es gefunden haben.—„Und wiſſen Sie,“ rief ich,„was in dieſem Zettel ſteht? Nun, nun, nur nicht geſtottert, nicht geplinkt; ſehn Sie mir gerade in die Augen: Ob Sie wiſſen, was in dieſem Zettel ſteht, ſag' ich?„In dem Zettel?“ verſetzt' erz freylich, deun ich hab' ihn ſelbſt geſchrieben.“—„uUnd wie konn⸗ ten Sie,“ ſagt' ich,„ſo niedertraͤchtig, ſo un⸗ dankbar ſeyn, und dieſen Zettel ſchreiben??— „Und wie kamen Sie,“ erwiederte er mit einer Unverſchaͤmtheit, die ihres Gleichen nicht hatte, zu der Niedertraͤchtigkeit, dieſen Zettel zu er⸗ bre⸗ brechen? Wiſſen Sie denn icht; daß ich Sie alle dafuͤr an den Galgen bringen kann? Ich habe dazu nichts weiter nöthig; als beym naͤch⸗ ſten Richter eydlich auszuſagen, daß Sie das Verbrechen veruübet haben, das Schloß an mei⸗ nem Taſchenbuche afzubrechen, und ſo läßt er ſie alle vor ſeiner Thuͤre auftnaͤpfen.⸗ Dieſer un⸗ erwartete, hoͤchſt grobe Streich, brachte mich in flche Hitze, daß ich mich kaum mähigen konnte .„Undankbarer Menſch, ſchier Dich fort, und verunreinige nicht laͤnger mein Haus mit Dei⸗ nel ſchaͤndlichen Niedertraͤchtigkeit! Fort, daß ich Dein Angeſicht nicht wieder ſehe! Fort aus dem Hauſe, und die einzige Strafe, die ich Dir wuͤnſche, iſt ein ang wecktes Gewiſſen das Dir Peiniger genug ſeyn wird! e Bey dieſen Worten warf ich ihm ſein Taſchenbuch vor die Fuͤſſe, welches hFer mit Laͤcheln aufbub, das Schloß mit der auſſerſten Gelaſſenheit zumachte, und uns, im groͤſſeſten Erſtaunen uͤber ſeine un⸗ zerſtoͤrbare Gelaſſenheit, verließ. Meine Frau beſonders, war halb wuͤtend daruͤber, daß ſie ihn nicht aufbringen, oder uͤber ſeine Buben⸗ ſtuͤcke beſchaͤmt machen koͤnnte.„Mein Kind,“ rief ich, in der Abſicht, den Unwillen zu mäſ⸗ ſigen, der unter uns zu hoch geſtiegen war, wir muͤſſen uns nicht wundern, daß ſchlechte Men⸗ ſchen keine Schaamhaftigkeit beſitzen; ſie errd⸗ J 4 then 1 then nur, wenn man ſie bey einer guten Hand⸗ Das Laſter und die Schaam, ſagt die Alle⸗ 44. ſich damals auf ihrem Wege unzertrennlich zu⸗ ſammen. Aber ihre Vereinigung war, wie ſie bald fanden, unangenehin und nachtheilig fuͤr beyde; das Laſter machte der Schaam ſohr haͤu⸗ ſige Unruhe, und die Schaam verrieth oft die geheimen Tuͤcken des Laſters. Nach langem Gezänk alſo wurden ſie endlich daruͤber einig, ſich voͤllig zu trenen. Das Laſter wandelte ganz kuͤhn allein weiter, um das Schickſal einzuho⸗ len, welches in der Geſtalt eines Nachrichters vorauf zog; die Schaam hingegen, welche von Natur bloͤde war, kehrte zuruͤck, um mit der Tugend Geſellſchaft zu machen, welche ſie im Anfang ihrer Reiſe dahinten gelaſſen hatte. Auf dieſe Weiſe, meine Kinder, geſchieht es, daß die Meuſchen, wenn ſie eine Zeitlang auf dem Wege des Laſters fortgewandelt ſind, ſich von der Schaamhaftigkeit trennen, welche zuruͤck ehrt, und ſich zu den wenigen Tugenden haͤlt, die ihm etwa noch uͤbrig bleiben.“ 8ac= —— —— — 137 Sechszehntes Kapitel. I mf e Die Familie erlaubt ſich Liſt, welcher noch groͤſſere entgegen geſetzt wird. Scphiens Empfindungen mochten ſeyn, wel⸗ — che ſie wollten, die uͤbrigen meiner Haus⸗ genoſſen wurden ſehr bald und leicht uͤber die Abweſenheit des Herrn Burchill durch die Ge⸗ ſellſchaft unſeres Gutsherrn getroͤſtet, deſſen Beſuche nunmehr haͤufiger und laͤnger wurden. Ob ihm gleich die Abſicht fehlgeſchlagen war, meinen Toͤchtern das Vergnuͤgen des Stadtle⸗ bens zu verſchaffen, wie er gewuͤnſcht, ſo nahm er doch jede Gelegenheit wahr, ihnen die kleinen Ergutzlichkeiten zu machen, die in unſerer Ein⸗ ſamkeit thunlich waren. Er kam gewoͤhniglich des Morgens fruͤh, und derweile, das mein Sohn und ich unſern Verrichtungen auſſer dem Hauſe nachgingen, ſaß er bey den Uebrigen da⸗ heim, und vertrieb ihnen die Zeit mit Erzaͤh⸗ lungen von der Stadt, die er von Innen und Auſſen voͤllig kannte. Ihm waren alle die klei⸗ nen Geſchichtchen bekannt, welche in dem Be⸗ zirk der Komoͤdienhäuſer herum getragen wer⸗ den, und wußte alle die Einfaͤlle der witzigen Koͤpfe auswendig, noch ehe ſolche ins Vademe⸗ eum geſetzt wurden. Die Zeit zwiſchen den Geſpraͤchen wendete er dazu an, meine Toͤchter ᷑ J 5 im unterweiſen; und zuweilen im Piquetſpiel zu un ließ er die beyden Kleinen ſich im Rauffen und Ringen uͤben, um ſie raſch zu machen, wie er's naunte; allein, die Hoffnung, ihn zum Schwie⸗ gerſohn zu bekommen, machte uns gewiſſermaſ⸗ ſen gegen alle ſeine Unvollkommenheiten blind. Ich muß es geſtehen, daß meine Frau wohl tauſend Fallen aufſtellte, um ihn zu fragen, oder, um es glimpflicher zu ſagen, daß ſie alle Kuͤnſte brauchte; die Verdienſte ihrer Toͤchter in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen. Wenn beym Thee die Rohmkuchen fein locker und muͤrbe waren, d hatte ſie niemand angeruͤhrt, als Olivia; wenn der Johannisbeerwein viel Kern hatte, ſo hatte Olivia die Beeren geſammlet; ihre Finger waren's, welche dem Eingemachten ſein eigenes Grun gaben; wenn der Budding oorzuͤglich gut ſchmeckte, ſo war das Recept von Oliviens Erfindung. Zuweilen pflegte auch die gute Frau dem Junker vorzuſagen, ſie glaubte, er und Olivia waͤren ganz genau von einer Lange, und ließ ſie denn beyde auf⸗ und neben einander ſtehen, um zu ſehen, wer von beyden am groͤßten waͤre. Dieſe liſtigen Kunſt⸗ griffe, welche ſie fuͤr ſehr verſteckt hielt, wo aber jedermann hindurch ſah, waren unſerm Wohlthaͤter ſehr angenehm, der Proben von ſeiner Neigung gab, die nun zwar noch nicht bis zu Heyrathsvorſchlaͤgen gediehen wa⸗ jeden Tag neue Tamilie beſtand aus ſieben Perſonen. und wa⸗ 5 ich ſagen mochte,(und ich ſagte nicht wenig,) ward beſchloſſen, daß wir uns gleichfalls woll⸗ ten mahlen laſſen. Nachdem ich alſo den Kon⸗ terfeyer in Beſchlag genommen, denu was ſollte ich thun? ging nuſre naͤchſte Berathſchlagung Ddarauf, den Vorzug unſers Geſchacks in de 139 waren, aber doch, nach unſer Meynung, ganz nahe daran greuzten; und ſein Zaudern ward zuweilen ſeiner natuͤrlichen Bloͤdigkeit, und zu⸗ weilen der Furcht vor feinem Oheim zugeſchrie⸗ ben. Eine Begebenheit indeſſen, die ſich bald hernach zutrug, ſetzte es auſſer allen Zweifel, daß er willens ſey, ſich mit unſerer Familie zu verbinden; und meine Frau betrachtete es ſogar als ein verbindliches Verſprechen. Als meine Frau und Töͤchter in unſers Nach⸗ bars Flamborough's Hauſe gelegentlich einen Gegenbeſuch abſtatteten, fahen ſie, daß dieſe Familie kuͤrzlich ſichzhatte von einem Manne in Paſtell mahlen laſſen, der auf dem Lande herum reiſete und Portrnits mahlte, das Stuͤck zu ſie⸗ ben Gulden. Da dieſe Familie mit der unſri⸗ gen, in Sachen des Geſchmacks, ſchon ſeit einiger Zeit um den Vorrang ſtritt, ſo gerieth unſer Stolz uͤber dieſen uns abgewonnenen Marſch in Bewegung, und, trotz alle dem, was Wahl der Stellung zu zeigen⸗ Unſers Na ven 146— ſie mit ſieben Orangen gemahlt; darinn war Aun weder Geſchmack, weder Abwechſelung, noch die geringſte Erfindung in der Compoſition⸗ Wir waren geſonnen, etwas in einem erhabnern Style machen zu laſſen; und, nach verſchied⸗ nen Debatten, ward endlich der einmuͤthige Beſchluß genommen, uns alle mit einander in einem groſſen hiſtoriſchen Familienſtuͤck mahlen zu laſſen. Dieß kam wohlfeiler, weil wir dazu nur einen Rahmen brauchten, und es war auch unendlich vornehmer; denn alle Familien von irgend einigem Geſchmacke lieſſen ſich itzt auf dieſe Art mahlen. Da wir uns nicht ſogleich auf einen Zug aus der Geſchichte beſinnen konn⸗ ten, wo mir alle hinein gingen, ſo begnuͤgten wir uns damit, uns als einzelne hiſtoriſche Figuren auffuͤhren zu laſſen. Meine Frau wollte die Be⸗ nus ſeyn, und dem Konterfeyer wurde geſagt, er ſollte mit ſeinen Diamanten aufm Bruͤſtchen und in den Haaren nicht geizig ſeyn. Ihre zwey Kleinen ſollten ihr als Liebesgoͤtter zur Seite ſtehn, und ich, in meinem Prieſterrock und Kragen, ſollte ihr meine Buͤcher uͤber die Whiſtonianiſche Streitſache uͤberreichen⸗ Olivie ſollte als eine Amazone gemahlt werden; auf einer Raſenbank mit Blumen ſitzend, drapiert in einem gruͤnen Joſeph, reich beſetzt mit gold⸗ nen Treſſen, und eine Reitpeitſche in der Hand⸗ Sophie ſollte eine Schaͤferinn ſeyn; mit einer ſo N —,— N —, 141 ſo groſſen Heerde Schaafe, als der Mahler umſonſt anbringen koͤnnte; und Moſes ſollte einen Hut mit einer weiſſen Feder tragen. Un⸗ ſer Geſchmack gefiel dem Junker ſo auſſerordent⸗ lich, daß er darauf beſtund, wir ſollten ihn mit darauf nehmen, im Charakter Allexanders des Groſſen, zu den Fuͤſſen der Olivia. Dieſes ward von uns allen als eine Erklaͤrung ſei⸗ nes Verlangens angeſehn, daß er in unſere Fa⸗ milie aufgenommen zu werden wuͤnſchte, und konnten wir ihm ſein Begehren nicht abſchlagen. Der Mahler ward alſo ans Werk geſtellt, und da er hart und emſig fort arbeitete, war das ganze Stuͤck in weniger als vier Tagen vollen⸗ det. Das Tuch war groß; und man muß ge⸗ ſtehen, mit den Farben war er gar nicht ſpar⸗ ſam: wofuͤr er von meiner Frau groſſes Lob er⸗ hielt. Wir waren alle herzlich zufrieden mit ſeinem Kunſtwerke; nur zeigte ſich ein ungluͤck⸗ licher Umſtand, auf den kein Menſch eher ge⸗ dacht hatte, als bis das Tableau fertig war, und der uns nun vielen Kummer verurſachte. Es war ſo auſſerordentlich groß, daß wir keinen Platz im Hauſe hatten, es aufzuhaͤngen. Wie wir alle einen ſolchen Umſtand hatten uͤberſehen koͤnnen, iſt unbegreiflich; aber gewiß iſt's, daß kein Menſch darauf verfallen war. Das Ge⸗ maͤhlde alſo, anſtatt unſrer Eitelkeit zu ſchmei⸗ cheln, wie wir gehofft, ſtund ganz deh⸗ und wej⸗ 142 wehmuͤthig an der Kuͤchenwand gelehnt. Denn, ſo im Rahmen aufgeſpannt, war es viel zu groß, um durch eine von unſern Thuͤren ge⸗ bracht zu werden; und unſre Nachbaren hatten nun ihren Hohn und Spott daruͤber. Der eine verglich es mit Robinſon Kruſo's langem Boote, welches fuͤr ihn zu groß war, um es von der Stelle zu bringen; ein anderer meynte, es haͤtte mehr Aehnlichkeit mit einem Haſpel in einem Medicinglaſe; einige wunderten ſich, wie wir's hinaus bringen wollten; aber noch mehr er⸗ ſtaunten daruͤber, wie wir's herein gebracht haͤtten. Allein, ob es gleich bey etlichen ein Gelaͤchter erregte, ſo gab es doch auch manchen Anlaß zu boshaften Anmerkungen. Daß man des Junkers Portrait ſo mitten unter den unſri⸗ gen fand, war eine zu groſſe Ehre, um dem Neide zu entgehn. Ein haͤmiſches Gefluͤſter fing an auf unſre Koſten umher zu laufen, und un⸗ aufhoͤrlich ward unſre Ruhe durch ſolche dienſt⸗ fertige Leute geſtoͤrt, welche als treue Freunde zu uns kamen, und uns wieder uͤbertrngen, was unſre Feinde von uns ſagten⸗ Dieſen Klaͤtſche⸗ reyen ward allemal mit der gehoͤrigen Verach⸗ tung begegnet; aber die Verlaͤumdung wird nur immer aͤrger, je mehr man ſich dagegen auflehnt⸗ Wir hielten alſo von neuen einen Rath zu⸗ ſammen, wie wit die Bosheit unſerer Feinde . zu —— 143 zu Schande machen wollten, und kamen end⸗ lich zu einem Schluſſe, bey dem zu viel Liſt war, daß er mir ſo recht haͤtte gefallen koͤnnen. Es war dieſer— Da unſre vornehmſte Abſicht war, die ehrliche Abſicht des Herrn Tornhills bey der Bewerbung um meine Tochter an Tag zu brin⸗ gen, ſo nahm es meine Frau uͤber ſich, ihn da⸗ durch auszuforſchen, daß ſie ihn uͤber die Wahl eines Braͤutigams fuͤr Olivien um Rath fragte⸗ Und waͤre das noch nicht hinlaͤnglich, ihn zu einer Erklaͤrung zu bringen, ſo, war der Schluß weiter, wollte man ihn mit einem Nebenbuhler ſchrecken. Zu dieſem letzten Schritte wollte ich indeſſen auf keine Art und Weiſe meine Einwil⸗ ligung geben, bis Olivia mir aufs heiligſte ver⸗ ſichert hatte, ſie wollte den Mann heyrathen, der bey dieſer Gelegenheit als Nebenbuhler ge⸗ nannt wuͤrde, wofern der Junker es nicht da⸗ durch hinderte, daß er ſie ſelbſt naäͤhme. Dieß war das angelegte Plaͤnchen, dem ich mich zwar nicht gewaltig widerſetzte, aber den ich auch nicht glaͤnzlich billigte⸗ Das naͤchſte mal alſo, als Herr inge kam, uns zu beſuchen, nahmen es meine Toͤch⸗ ter wahr, ſich zu entfernen, um ihrer Mama Gelegenheit zu geben, ihren Plan in Ausfuͤhrung zu bringen; ſie gingen aber nur ins naͤchſte Zim⸗ mer, woſelbſt ſie die ganze Unterredung hoͤren lonn⸗ 144—— konnten. Meine Frau warf es ganz kuͤuſtlich auf die Bahn, dadurch, daß ſie ſagte, ihr deuchte, die eine Miß Flamborough's thaͤte eine ſehr gute Parthie mit Herrn Spanker. Da ihr der Junker hierinn beypflichtete, fuhr ſie fort mit der Anmerkung, daß ſolche Maͤdchen, die etwas in die Milch zu brocken haͤtten, immer ſicher waͤren, eine vortheilhafte Heyrath zu tref⸗ fen:„Aber det Himmel erbarme ſich der Maͤd⸗ chen,“ fuhr ſie fort,„deren Aeltern ihnen Nichts mitgeben koͤnnen. Was hilft die Schoͤnheit, Herr Tornhill? oder was hilft alle Tugend, was helfen gute Eigenſchaften von der Welt, bey dieſen geldgierigen Zeiten? kein Menſch ſieht mehr darauf, was ein Maͤdchen iſt, ſondern was ein Maͤdchen hat.“„— „Madam," erwiederte er,„ich finde Ihre Anmerkung eben ſo richtig, als ſie neu iſt; und waͤr' ich ein Koͤnig, ſo ſollte es ſo nicht zuge⸗ hen. Denn ſollten, wahrhaftig! huͤbſche Maͤd⸗ chen ohne Vermoͤgen es recht gut haben, und Ihre beyden Toͤchter ſollten die ganz Erſten ſeyn, die ich verſorgen wollte⸗“ „Ach lieber Innker,“ verſetzte meine Frau, „Sie belieben zu ſcherzen: aber ich wollte, daß ich eine Koͤniginn waͤre, ſo wuͤßte ich wohl, wem ich meiner Tochter zum Braͤutigam ausſuchen ſollte. Aber, da Sie mich eben darauf gebracht ha⸗ 1 haben, Herr Tornhill, wuͤßten Sie mir nicht im Ernſt einen guten Mann fuͤr meine Olivia? Sie iſt nun ihre neunzehn Jahre alt, groß ge⸗ nug und gut erzogen; und mit aller Beſcheiden⸗ heit einer Mutter kann ichs wohl ſagen, es fehlt ihr nicht an Geſchicklichkeit und Verſtand.⸗ „Madame,“ erwiederte er,„wenn ich die Wahl haͤtte, wollte ich einen Mann fuͤr ſie aus⸗ ſuchen, der alle die noͤthigen Vollkommenheiten beſaͤſſe, einen Engel gluͤcklich zu machen. Ein Mann von Klugheit, Vermoͤgen, Geſchmack und Aufrichtigkeit, waͤre, nach meiner Mey⸗ nung, Madame, der Einzige, der ſich fuͤr ſie ſchickte.⸗—„Wohl wahr, lieber Junker,“ ſagte ſie;„aber wiſſen Sie eine ſolche Per⸗ ſon?,,—„Nein, Madame,“ verſetzte er,„es iſt unmoͤglich, eine Perſon zu finden, die es verdiente, ihr Mann zu werden; ſie iſt ein zu koͤſtlicher Schatz fuͤr den Beſitz eines Menſchen; ſie iſt eine Goͤttinn! Bey meiner Seele, ich meyn' es, wie ich es ſage; ſie iſt ein Engel!“— „Ach, mein liebſter Herr Tornhill, Sie ſchmeicheln meinem armen Maͤdchen: aber wir haben darauf gedacht, ſie mit einem von Ih⸗ ren Paͤchtern zu verheyrathen, dem neulich ſeine Mutter abgeſtorben iſt, und der eine Frau braucht, um ſeine Hanshaltung zu fuͤhren: Sie wiſſen, 2 K wen wen ich meyne; den Paͤchter Wilhelmſen; ein Mann, der ganz warm ſitzt, Herr Tornhill; bey dem ſie ihr reichliches Brodt haben wird, und der ſchon mehr als Einmal um ſie ange⸗ ſprochen hat;“(wie denn wirklich wahr war;) „aber, lieber Junker,“ beſchloß ſie,„es ſollte mir lieb ſeyn, wenn Sie unſere Wahl billigten.“ —„Wie, Madame,“ verſetzte er,„billigen! eine ſolche Wahl billigen! In meinem Leben nicht! Was! ſo viel Schoͤnheit, ſo viel Ver⸗ ſtand, ſo viel Guͤte einem Kerl aufzuopfern, der nicht einmal wuͤßte, was er an ihr haͤtte! Ver⸗ zeihen Sie mir, das waͤre eine Ungerechtigkeit, die ich niemals billigen kann! und dazu hab' ich meine guten Gruͤnde!“—„Ja, ſo! Herr Tornhill,“ rief meine Debora,„wenn Sie Ihre Urſachen dazu haben, ſo iſt das ganz was an⸗ ders; aber es ſollte mir lieb ſeyn, dieſe Urſa⸗ chen zu erfahren’“—— „Verzeihn Sie, Madame, erwiederte er, „die liegen zu tief vergraben,“(dabey legte er die Hand aufs Herz,)„hier, hier! da liegen ſie verſchloſſen und verſiegelt.“ Nachdem er weggegangen war, konnten wir, nach allgemeiner Rathspflege, nicht ſagen, was wir aus dieſen feinen Empfindungen machen ſoll⸗ ten. Olivia betrachtete ſie als Aeuſſerungen der edelſten Liebe; ich hingegen war nicht ganz ſo vol⸗ ler —— 147 ler Hoffnung. Mir kam es vor, als ſo ziemlich klar, daß mehr Liebe als ehrliche Abſicht da⸗ hinter ſteckte. Indeſſen, was ſie auch immer bedeuten ſollten, ſo ward beſchloſſen, den Plan mit Paͤchter Wilhelmſen durchzuſetzen, der, ſo lange er meine Tochter gekannt, eine Neigung zu ihr verrathen hatte⸗ Siebzehntes Kapitel. Die Tugend iſt ſchwer zu finden, die der Gewalt einer langen und reitzenden Ver⸗ ſuchung zu widerſtehn vermag. a ich einzig und allein auf meines Kindes wahre Gluͤckſeligkeit bedacht war, ſo ge⸗ fiel mir die Bewerbung des Herrn Wilhelmſen; denn es war ein verſtaͤndiger, rechtſchaffner und wohlhabender Mann. Es brauchte nur wenige Aufmunterung, ſeine vorige Liebe wie⸗ der zu erwecken; ſo, daß, nach ein oder ein paar Abenden, er und Herr Tornhill ſich beyde in unſerm Hauſe antrafen, und ſich eine Zeit⸗ lang uͤberzwerch anſahen. Weil aber Wilhelm⸗ ſen ſeinem Guthsherrn keine Pacht ſchuldig war, ſo machte er ſich wenig daraus, ob er ihm gut oder boͤſe waͤre. Olivia, ihrer Seits, ſpielte die Rolle einer Coquette ſehr natuͤrlich,(wenn man das eine Rolle ſpielen nennen kann, was K 2 ihr — ihr wahrer Charakter war,) und verſchwen⸗ dete, dem Anſcheine nach, alle ihre Zaͤrtlich⸗ keit an ihren neuen Liebhaber⸗ Herr Torn⸗ hill ſchien uͤber dieſen Vorzug aͤuſſerſt nieder⸗ geſchlagen, und nahm mit einer traurigen Miene Abſchied; und ich muß geſtehn, ich konnte mich nicht darein finden, dieſe Betruͤbniß an ihm zu merken, da er es ſo ſehr in ſeiner Macht hatte, die Urſache davon zu entfernen wenn er ſeine ehrliche Abſicht nur geradezu erklaͤrte. Aber was fuͤr Kummer er auch fuͤhlen mochte, oder zu fuͤhlen ſchien, ſo ſah ich doch deutlich ein, daß Oliviens Schmerz noch groͤſſer waͤre. So oft ſie einen Beſuch von ihren beyden Liebhabern zugleich gehabt hatte, welches denn mehr als Einmal geſchah, ſchloß ſie ſich gewoͤhnlich ein, und gab in der Einſamkeit ihrer Betruͤbniß freyen Lauf. In einer ſolchen Gemuͤthsbeſchaffenheit fand ich ſie eines Abends, da ſie vorher eine Zeirlang ſich ziemlich munter geſtellt hatte.— „Da ſiehſt Du nun, mein Kind,“ ſagte ich, „daß Dein Zutrauen auf Tornhills Liebe ein bloſſer Traum war; er duldet es, daß ein An⸗ derer ſein Mitwerber iſt, der ihm in keinem Stuͤcke beykoͤmmt, da er doch weiß, daß es nur bey ihm ſteht, Deine Perſon zu erhalten, ſo⸗ bald er ſeines Herzensmeynung frey heraus ſagt.“„Ja, lieber Papa,„erwiederte ſie, „aber er hat ſeine Urſachen, warum er zusace 3 * —-„ halt; ich weiß, er hat ſie. Die Aufrichtigkeit ſeiner Blicke und Worte uͤberzeugen mich von ſeiner wahren Zuneigung. In kurzer Zeit, hoffe ich, wird er ſeine großmuͤthigen Geſinnungen entdecken und Sie uͤberfuͤhren, lieber Papa, daß meine Meynung von ihm richtiger geweſen iſt, als die Ihrige.“—„Olivia, mein Augapfel,“ erwiederte ich,„ein jeder Anſchlag, der bisher ausgefuͤhrt iſt, um ihn zu einer Erklaͤrung zu noͤthigen, war von Deiner eigenen Erfindung, und Du kannſt nicht ſagen, daß ich Dir die ge⸗ ringſte Hinderniß in den Weg gelegt haͤtte. Du mußt aber nicht glauben, mein liebes Kind, daß ich Dir beſtaͤndig die Haͤnde in allem bie⸗ ten, und dulden werde, daß ſein ehrlicher Mit⸗ werber, Deiner uͤbel angebrachten Liebe wegen, bey der Naſe herum gefuͤhrt werde. Setz' eine Zeit, die Du nach Deiner eignen Meynunefuͤr noͤthig haͤltſt, Deinen vermeynten Be ulde⸗ rer zur Erklaͤrung zu bringen, und ich woll ſie Dir zugeſtehen. Iſt dieſe aber verfloſſen, und er regt ſich nicht, ſo muß ich platterdings dar⸗ auf beſtehn, daß der ehrliche Wilhelmſen fuͤr ſeine Treue belohnt werde. Der gute Name, den ich bisher in der Welt behauptet habe, ver⸗ langt das von mir, und meine vaͤterliche Zaͤrt⸗ lichkeit ſoll meine Rechtſchaffenheit nicht wan⸗ kend machen. Nenn' alſo Deinen Tag, ſetz⸗ ihn ſo weit hinans, als Du fuͤr noͤthig haͤltſt⸗ K 3 und 150— und laß zu gleicher Zeit Herrn Tornhill genan wiſſen, in welcher Woche ich beſchloſſen habe, Dich einem andern zu geben. Wenn er Dich wirklich liebt, ſo wird ihn ſein eigener Verſtand ſehr bald einſehen laſſen, daß es nur Ein Mit⸗ tel giebt, wodurch ers verhindern kann, Dich auf beſtaͤndig zu verlieren. 42 Dieſer Vorſchlag, gegen deſſen Billigkeit ſie nicht das geringſte einzuwenden vermochte, nahm ſie willig an, ſie wiederholte von neuem ihr ausdruͤckliches Verſprechen, den Herrn Wilhelm⸗ ſen zu heyrathen, wofern der andere bey ſeiner Gleichguͤltigkeit beharren ſollte: und bey der naͤchſten Gelegenheit ward, in Herrn Tornhills Gegenwart, Monat und Tag zur Hochzeit mit ſeinem Nebenbuhler angeſetzt. Dieſes ſtrenge Verfahren ſchien die Unruhen des Herrn Tornhills zu verdoppeln. Aber das, was Olivia wirklich litt, ging mir ziemlich nahe. Bey dieſem Kampfe zwiſchen Klugheit und Lei⸗ denſchaft verlor ſie ihre ganze Munterkeit, jede Gelegenheit, einſam zu ſeyn, ward begierig ergriffen, und mit Thraͤnen hingebracht. Eine Woche ging voruͤber, ohne daß Herr Tornhill im geringſten verſucht haͤtte, ihre Heyrath zu verhindern. Die darauf folgende kam er noch fleißig zu uns, jedoch ohne ſich etwas näͤheres merken zu laſſen. In der dritten ſtellte er ſeine Beſuche gaͤnzlich ein, und anſtatt, daß meine 8 Toch⸗ Tochter ſich daruͤber haͤtte empfindlich bezeigen ſollen, wie ich erwartete, war ſie blos ſtill und gedankenvoll, welches ich denn fuͤr Ergebung in ihr Schickſal aufnahm. Mir, meiner Seits, war es herzlich angenehm zu denken, daß mein Kind nunmehr hald in einen Stand tretten wuͤrde, in welchem ſie ruhig und ſorgenfrey leben koͤnnte, und lobte oͤfters ihren Entſchluß, daß ſie ſtille Gluͤckſeligkeit dem Geraͤuſchvollen vorgezogen haͤtte. Es waren ohngefehr noch vier Tage bis zu der bevorſtehenden Hochzeit, als des Abends meine kleine Familie, nebſt mir, um mein an⸗ genehmes Feuer verſammlet war, bey dem wir uns Hiſtoͤrchen vom Vergangnen erzaͤhlten, und Entwuͤrfe auf die Zukunft machten; wir baue⸗ ten wohl tauſend Schloͤſſer in die Luft, und lachten uͤber jeden naͤrriſchen Einfall, der uns auf die Zunge kam.„Nun, Moſes,„ rief ich, „wir haben nun bald eine Hochzeit im Hauſe; ſag' mir einmal, was iſt Deine Meynung von der ganzen Sache? Ehrlicher Junge, was denkſt Du wohl davon?,,—„Nun, ich meyne, Va⸗ ter, daß alles recht gut geht; und ich dachte eben daran, daß, wenn Lievchen Herr Wilhelm⸗ ſen geheyrathet hat, er uns ſeine Cyderpreſſe und ſeine Brauwannen umſonſt leihen wird.“— „Das wird er gewiß, Moſes, rief ich,„und K 4 wird 152——JJ;— wird uns noch das Lied vom Todtengerippe, und der reichen Dame dazu, vorſingen und wir wer⸗ den dab y recht luſtig ſeyn.“—„Das Lied hat er unſern Dietrich auch gelehrt, und er kann es huͤbſch ſingen,“ ſagte Moſes.—„Kann er?“ rief ich,„ſo muß er's uns vorſingen⸗ Wo iſt Tietchen? laß ihn herkommen und drei⸗ ſte ſeyn.—„Bruder iſt eben mit Schweſter Lievchen ausgegangen,“ rief der kleine Wilhelm, „aber Herr Wilhelmſen hat mich auch zwey Lieder gelehrt, die will ich Ihnen vorſingen, Papa. Was ſoll ich erſt ſingen, das Lied vom ſterbenden Schwan, oder die Elegie uͤber den Tod eines tollen Zundes?“„Vor allen Din⸗ gen die Elegie, mein Kind,“ ſagte ich; die hab' ich noch gar nicht gehoͤrt, nnd, Debora, mein Schatz! Klagen, weißt Du, machen den Hals trocken; komm, laß uns eine Flaſche von Dei⸗ nem beſten Johannisbeerwein geben, der ſtaͤrkt die betruͤbten Geiſter. Ich habe zeither bey allen den neuen Elegien ſo viel geweint, daß ich bey dieſer gewiß einſchlafen wuͤrde, wenn mich ein Glas Wein nicht munter erhielte; und, Viekchen, geh', hole Deine Mandoline und klimpre ein bischen dazu, wie der Knabe fingt. K Ele⸗ — 153 nElegie uͤber den Tod eines tollen Hundes. Ihr guten Leutchen, ſpitzt das Ohr, Und horcht auf den Geſang; Und koͤmmt er weidlich kurz euch vor, So waͤhrt er euch nicht lang. In einem Staͤdtchen lebt' ein Mann, Von dem's das Staͤdtchen ſprach, Er wallte ſtets der Frommen Bahn, Lief er dem Kirchvolk nach. Er hatt' ein Herz, ſehr zart und weich Fuͤr Freund und Feind allſtet; Und kleidete den Nackten gleich— Wenn er ſein Hemd' anthaͤt. Und in dem Staͤdtchen da lief rund Mit andern Hunden mehr * Ein Windſpiel oder Huͤnerhund— Das gilt uns eins— umher⸗ Gut Freund war anfangs Hund und Mann; Doch bald entſpinnt ſich Streit— Der Hund wird toll, und faͤllt ihn an, Und beißt ihn, daß er ſchreyt. K 5 Unꝛ 154— Und Nachbar mit der Nachbarinn Rennt haufenweis heran, Und ſchwoͤrt, der Hund ſey nicht bey Sinn, Zu beiſſen ſolchen Mann⸗ Und den Gebißnen in der Noth 2 Beſucht manch Chriſtenkind, Und prophezeiht ihm ſeinen Tod Gar bitter und geſchwind⸗ Doch— unvermuthet ward gewiß Prophet und Luͤgner roth; Der Mann erholte ſich vom Biß, Der Hund blieb mauſetodt.— „Du biſt ein recht guter Junge, Wilhelm, auf mein Wort; und das nenn' ich doch noch eine recht tragiſche Elegie⸗ Kommt, Kinder, laßt uns auf Wilhelms Geſundheit trinken! er ſoll noch einmal General⸗Superintendent wer⸗ den.“ 4 „Von Herzen gern,“ rief meine Frau,„und wenn er nur ſo gut predigt, als er ſingt, ſo ſolls auch ſchon gehn. Seine Vorfahren von muͤtterlicher Seite konnten alle ihr gutes Lied⸗ lein ſingen. Es war ein Spruͤchwort in mei⸗ ner Heimath, das hieß, von den Blenkinſops konnte keiner gerade vor ſich ausſehen, von Hou⸗ 4 Hougingſons konnte keiner ein Licht ausblaſen, die Grograms konnten alle ihr Liedlein ſingen, und die Marjorams wußten alle ein Hiſtoͤrchen zu erzaͤhlen.“—„Dem Dinge viel Guts,“ rief ich,„die meiſten Volks⸗ und Gaſſenlieder gefallen mir beſſer, als die neuen herrlichen Oden, und die Dinger, wo man bey einer Strophe ſchon zum Steine wird; die poetiſchen Geburten, die wir ſo hoch preiſen, und ſo ſelten leſen. Gib Deinem Bruder ein Glas Wein, Moſes. Der groſſe Fehler dieſer Elegiſchen Sängen iſt, daß ſie uͤber ſolche Ungluͤcksfäͤlle in die bitterſte Verzweiflung gerathen, welche vernuͤnftige Menſchen nur einen leichten Kum⸗ mer verurſachen. Ein Maͤdchen darf nur einen Faͤcher verlieren, einen Muff, einen Schooß⸗ hund, flugs rennt der allzeitfertige Dichter zu Hauſe und bringt die klaͤgliche Geſchichte in Reime.“— „Das mag bey erhabenen Gedichten ſo wohl die Mode ſey,“ ſagte Moſes;„aber die Ro⸗ manzen, die ſie in Ranelagh ſingen, und die wir aus der Stadt kriegen, ſind gar nicht im hohen Tone, und alle uͤber einen Leiſten ge⸗ ſchlagen. Da koͤmmt Hanns und Gretchen her, und halten einen Dialog mit einander: er giebt ihr eine Zitternadel in die Haare, oder ſo was⸗ und ſie ſchenkt ihm einen Blumemſtrauß: und dann 156 —— dann gehen ſie mit einander zur Kirche und laſ⸗ ſen ſich trauen, und geben den Jungfern und Junggeſellen den guten Rath, ſich auch ſo ge⸗ ſchwind zu ver heyrathen, a als ſie nur können.“ „Und das iſt auch ein recht guter Rath, rief ich,„und man hat mir ſagen wollen, daß kein Ort in der Welt waͤre, wo dergleichen Rath ſo gut angebracht waͤre, als eben da; denn, ſo wie er einen zum Heyrathen beredet, ſo verhilft er ihm auch zu einem Weibe zugleich; ſieh' nur, Moſes, iſt das nicht ein ganz vor⸗ treflicher Markt, wo man Dir ſagt, was Dir fehlt, und Dir das Bendthigte zugleich ver⸗ ſchafft. „Wohl wahr, Vater,“ verſetzte Moſes, „und ich kenne nur zwey ſolcher Weiber⸗Maͤrkte in ganz Europa, Nanelagh in Engelland, und Fontarabien in Spanien. Der Spaniſche Markt wird im Jahr nur Einmal gehalten, aber unſre englaͤndiſchen Weiber ſind Jahr aus Jahr ein auf unſerm Markte feil.“ „Du haſt recht, mein Sohn,“ rief feine Mutter,„Alt⸗England iſt der einzige Ort in der Welt fuͤr Maͤnner, leicht zu einer Frau zu gelangen.—„Und fuͤr die Frauen,“ unter⸗ brach ich,„leicht zur Herrſchaft uͤber die Maͤn⸗ ner zu gelangen. Die Fremden haben das Spruͤch⸗ ——nn——— Spruͤchwort: Wenn eine Bruͤcke uͤber die See ginge, wuͤrden alle Ehefrauen vom feſten Lande heruͤber kommen, und von den unſfrigen das MNuſter nehmen; denn ſolche Weiber, wie die unſrigen, giebts in ganz Europa nicht mehr. Aber, liebe Debora, laß noch eine Bouteille holen, und, Moſes, ſing Du uns noch ein Lied.. „Was fuͤr Dank ſind wir nicht dem Himmel ſchuldig, daß er uns Ruhe, Geſundheit und Nahrung giebt. Ich halte mich fuͤr gluͤcklicher als den groͤßten Monarchen auf Erden. Er ſitzt bey keinem beſſern Feuer, und hat keine ſo ver⸗ gnuͤgte Geſichter um ſich herum. Ja, Debora, wir werden nachgerade alt, aber es ſcheint, daß der Abend unſers Lebens gluͤcklich und hei⸗ ter ſeyn wird. Wir ſind von Voraͤltern entſproſ⸗ ſen, auf deren Namen kein Mackel lag, und wir werden eine gute Art tugendhafter Kinder in der Welt nachlaſſen. So lange wir leben, werden ſie unſere Freude und unſere Stuͤtze ſeyn, und, wenn wir ſterben, werden ſie unſer unbe⸗ flecktes Ehrengedaͤchtniß auf die Nachkommen⸗ ſchaft bringen. Komm, mein Sohn, Du woll⸗ teſt uns ja eins ſingen: nimm eins, das wir alle mit einſtimmen koͤnnen. Aber, wo iſt mein Liebling, Olivia? Ihre feine Nachtigallſtimme iſt mir die lieblichſte im Concert.“— Eben wie 8 — 158 wie ich das ſagte, kam der kleine Dietrich her⸗ ein gelaufen und ſchrie:„O Papa, Papa, ſie iſt von uns weggelaufen, ſie iſt von uns weg⸗ gelaufen, Schweſter Lievchen iſt von uns rein weg!“—„Was? weg, Kind!“—„Ja, ſie iſt mit zwey Herrn weg, in einer Kutſche, und einer davon kuͤßte ſie, und ſagte, er wollte fuͤr ſie todt ſterben; und ſie weinte ſo viel, und wollte wieder mit mir zuruͤck gehen; aber er re⸗ dete ihr wieder zu, und da ſtieg ſie in die Kut⸗ ſche, und ſagte: Ach! was wird mein armer Papa anfangen, wenn er hoͤrt, daß ich ver⸗ loren bin!“—„Nun, ſo, rief ich,„gehet denn hin, Kinder, und ſeyd elend; denn nun iſt keine gluͤckliche Stunde fuͤr uns mehr. Und, o, moͤge der brennende Zorn des Himmels ewig auf ihm und den Seinigen liegen! Mir ſo mein Kind zu ſtehlen! Und er wird es gewiß, dafuͤr, daß er mein unſchuldiges Kind zuruͤck reißt, das ich auf dem beſten Wege zum Himmel lei⸗ ten wollte. Ein ſo aufrichtiges offenherziges Kind, als wie das war! Aber nun iſt alle un⸗ ſere Gluͤckſeligkeit dahin! Geht, meine Kinder, geht, geht, ihr ſeyd entehrt und elend: denn ich werde es nicht lange mehr machen!“— „Liebſter Vater, iſt das Ihre Standhaftigkeit?“ —„Standhaftigkeit, Kind? Ja, er ſoll ſehen, daß ich Standhaftigkeit beſitze! Hohl' mir meine Piſtolen⸗ Ich will dem Derrirher aache etzen⸗ — 159 ſetzen. Solange er noch uͤber der Erde iſt, will ich ihn verfolgen. Er ſoll ſehen, ſo alt als ich bin, daß ich ihm noch aufn Kopf ſchieſſen kann. Der Schurke! Der ſpitzbuͤbiſche Schurke!“— Unter dieſer Zeit waren meine Piſtolen herunter⸗ gebracht, aber mein armes Weib, deren Lei⸗ denſchaften nicht ſo heftig waren, als die meini⸗ gen, faßte mich in ihre Arme, und rufte: „Mein liebſter, liebſter Mann, die Bibel iſt das einzige Gewehr, damit Deine alten Haͤnde itzt noch umzugehen wiſſen. Schlage die auf, mein Liebſter, und lies unſere Angſt zur Geduld; ja, ja, ſie hat uns ſchaͤndlich betrogen.— „Fuͤrwahr, lieber Vater,« nahm mein Sohn nach einigem Stillſchweigen das Wort,„Ihre Wuth iſt zu heftig und Ihrer nicht anſtaͤndig. Sie ſollten meiner Mutter Troſt einſprechen, und Sie vermehren nur ihren Jammer; es iſt Ihnen und Ihrem ehrwuͤrdigen Charakter nicht anſtaͤndig, Ihrem aͤrgſten Feinde dergeſtalt zu fluchen. Nein, fluchen haͤtten Sie ihm nicht ſollen, ſo ein Schurke er auch iſt.—„Ich habe ihm doch nicht geflucht? mein Sohn, habe ich?“—„Ja wohl, lieber Vater, haben Sie; zweymal haben Sie ihm geflucht.“—— 1„Nun, ſo verzeihe Gott ihm und mir! wenn ich das gethan habe. Und nun, mein Sohn, finde ich es wahr, daßzes mehr als menſchliche Guͤte 8 —— 160 Guͤte geweſen, die uns zuerſt lehrte, unſere Feinde zu ſegnen.— Gelobt ſey ſein heiliger Name, fuͤr alles Gute, das er uns gegeben, und fuͤr alles, das er wieder genommen. Aber, es iſt kein geringes, kein geringes Ungluͤck, das aus dieſen alten Augen Thraͤnen preſſen kann, die in ſo vielen Jahren keine vergoſſen haben⸗ O mein Kind!— Meinen Augapfel ins Un⸗ gluͤck zu ſturzen! Daß ihm Schande und Ver⸗ wirrung!— Gott, verzeih' es mir, was haͤtt' ich bald geſagt!— Ihr wißt es ja wohl, meine Lie⸗ ben, wie gut ſie war, wie lieb, wie lieb! bis auf dieſen ſchaͤndlichen Augenblick ging all' ihr Beſtre⸗ ben dahin, uns Freude zu machen. Waͤre ſie nur geſtorben! Aber ſie iſt weggelaufen, hat der Ehre unſrer Familie einen Schandfleck an⸗ gehaͤngt, und in dieſer Welt iſt keine vergnuͤgte Stunde fuͤr mich mehr zu finden. Aber, mein Kind, Du haſt ſie wegfahren ſehn: fuͤhrte er ſie etwa mit Gewalt weg 2—„O nein, Pa⸗ pa,“ rief der Knabe,„er that nichts, als daß er ſie kuͤßte, und mein Engel nannte, und ſie weinte ſo bitterlich, und lehnte ſich auf ſeine Arme, und ſo fuhren ſie geſchwinde, geſchwinde weg. „'S iſt ein undankbares Geſchoͤpf, ſchrie meine Frau, die kaum vor Weinen ſprechen konnte, „uns das zu thun! Wir haben ihrem Herzen doch niemals den geringſten Zwang angethan⸗ Das ſchaͤndliche Menſch verlaͤßt ſo, ohne die 8 haar⸗ — 161 kleinſte Urſach', ihre Eltern; und bringt Deine grauen Haare ſo vor der Zeit in die Grube, und ich muß auch bald nachfolgen.“ Auf dieſe Weiſe ward dieſe Nacht, die erſte in unſerm wirklichen Ungluͤck, mit bittern Kla⸗ gen und ſchlechtgegruͤndeten Heldenentſchlieſ⸗ ſungen hingebracht. Ich faßte gleichwohl den Entſchluß, unſern Betruͤger aufzuſuchen, er moͤchte ſeyn, wo er wollte, und ihm ſeine Nie⸗ derträchtigkeit vorzuwerfen. Den naͤchſten Mor⸗ gen vermißten wir unſer gefallnes Kind beym Fruͤhſtuͤck, wobey ſie uns gewoͤhnlich munter und froͤlich zu machen pflegte. Meine Frau verſuchte es, wie vorher, ihr Herz durch Schel⸗ ten zu erleichtern.„In meinem Leben,“ rief ſte,„ſoll mir dieſer luͤderliche Schandfleck un⸗ ſrer Familie keinen Fuß wieder uͤber meine Schwelle ſetzen! Niemals will ich ſie wieder meine Tochter nennen. Nein, laß das Menſch bey ihrem Schurken von Verfuͤhrer bleiben; Schande kann ſie uns machen, aber betruͤgen ſoll ſie uns nicht wieder.⸗“* „Frau,“ ſagt' ich,„ſprich nicht ſo hart und bitter; mein Abſcheu an ihrem Verbrechen iſt eben ſo groß, als Deiner; aber deswegen ſoll doch, ſowohl dieſes Haus, als dieß Herz, einem reuigen Suͤnder beſtaͤndig offen ſtehen⸗ Je eher ſie von ihren boͤſen Wegen wiederkehrt, 8—x je 1 1½ — F ze herzlicher ſoll ſie mir willommen ſeyn. Denn zum Erſtenmale kann der Gerechteſte zu Falle kommen; man kann durch Liſt uͤberredet, durch Neuheit gexeitzet werden. Der erſte Fehler iſt ein Kind der Einfalt; alle andre folgende ſind Kinder des Laſters. Ja, das ungluͤckliche Ge⸗ ſchoͤpf ſoll dieſem Herzen und dieſem Hauſe will⸗ kommen ſeyn, und waͤre ſie auch mit zehntau⸗ ſend Vergehungen befleckt. Ich will die Muſik ihrer Stimme noch wieder hoͤren; will wieder liebevoll an ihrem Buſen hangen, wenn ich nur Reue darinn finde. Mein Sohn, bring' mir meine Bibel und meinen Stab; ich will ihr allenthalben nachfolgen, und wenn ich ſie gleich nicht von Schande erretten kann, ſo kann ich doch noch ihrer Beharrlichkeit im Boͤſen vor⸗ beugen,— ₰ Achtzehntes Kapitel. Saure Wege eines Vaters ein verlornes Kiind zur Tugend zuruͤck zu rufen. bgleich mein Kleiner den Mann nicht von * Perſon beſchreiben konnte, der ſeine Schwe⸗ ſter in den Wagen gehoben hatte, ging doch mein Verdacht auf niemand anders, als auß unſern jungen Gutsherrn, deſſen Hang zu ſol⸗ 34— chen chen Haͤndeln mehr als wohl bekannt war. Ich nahm alſo meinen Weg nach Tornhill⸗ Caſtle, mit dem Vorſatze, ihm derbe Wahrheiten zu fagen, und, wo moͤglich, meine Tochter wieder mit zu bringen. Allein, ehe ich noch bis an ſein Gut gekommen war, begegnete mir jemand aus meinem Kirchſpiel, der mir ſagte, er habe ein junges Frauenzimmer, das meiner Toch⸗ ter aͤhnlich ſaͤhe, mit einem Herrn in einer Poſt⸗ Chaiſe geſehen, die ziemlich ſchnell zugefahren. So wie er den Herrn beſchrieb, konnte ich auf niemand anders vermuthen, als Herrn Burchill, ob ſchon uͤbrigens die Nachricht keinesweges hin⸗ laͤnglich war. Ich ging alſo nach dem Hauſe des Junkers, und ſo fruͤhe es am Tage war, beſtund ich darauf, ich muͤßte ihn augenblicklich ſprechen. Er erſchien alſobald mit einem voͤl⸗ lig offenen und vertraulichen Geſicht, und ſchien ordentlich beſtuͤrzt uͤber die Entweichung meiner Tochter; wobey er auf ſeine Ehre heilig be⸗ theuerte, daß er kein Wort davon wiſſe. Ich verwarf alſo nunmehr meinen vorigen Argwohn, und konnte ihn nur blos auf Herrn Burchill len⸗ ken, der, wie ich mich itzt beſann, die letzte Zeit her haͤufig heimlich mit ihr geſprochen hatte. Aber die Ausſage eines zweyten Zeugen ließ mir gar keinen Raum mehr, an ſeinem Bubenſtuͤck zu zweifeln, denn der ſagte aus, daß er und meine Tochter wirklich auf dem Wege nach dem 8 2 Ge⸗ d 4 alle ſchienen nur den, zu ergotzen. Wie ver ihren vermeynten Verfuͤhrer dahin nachzuſetzen⸗ Ich ging ſcharf zu, und zog fleißig Kundſchaft auf dem Wege ein, erfuhr aber nichts, bis ich beym Eintritt in den Flecken jemand zu Pferde erblickte, den ich wohl eher bey meinem Guts⸗ herrn geſehen hatte, welcher mich verſicherte, ich wuͤrde ſie ganz gewiß einholen, wenn ich ihnen bis zu dem Pferderennen nachfolgte, das ohngefehr ſechs Meilen weiter von hier gehal⸗ ten wurde; denn er haͤtte ſie noch daſelbſt ge⸗ ſtern Abend tanzen ſehen, und die ganze Ge⸗ ſellſchaft waͤre uͤber meiner Tochter Geſchicklich⸗ keit im Tanzen entzuͤckt geweſen. Des naͤch⸗ ſten Morgens ganz fruͤh wanderte ich nach dem Pferderennen zu, und ohngefehr um vier Uhr des Nachmittags laugte ich daſelbſt an. Die Verſammlung daſelbſt war ſehr glaͤnzend, und en Einen Zweck zu haben, ſich ſchieden war der von dem K mei⸗ 2 — — 16 G meinigen, ein verirrtes, verlornes Kind zur Wiederkehr zur Tugend zuruͤck zu rufen! Mich deuchtete, ich ſaͤhe Herrn Burchill in einiger Entfernung von mir; weil er aber mein Antlitz fuͤrchtete, ging er auf meine Annaͤherung zwi⸗ ſchen den groſſen Haufen, und ich verlor ihn aus den Augen. Nunmehr bedachte ich, daß es vergebens ſeyn wuͤrde, noch weiter zu gehn⸗ und beſchloß alſpo, nach Hauſe zu meinen un⸗ ſchuldigen Hausgenoſſen zuruͤck zu kehren, wel⸗ che meines Beyſtandes beduͤrften. Allein, der Kummer meines Gemuͤths, und meine ausge⸗ ſtandenen Beſchwerlichkeiten auf der Reiſe, zo⸗ gen mir ein Fieber zu, wovon ich den Anfall ſpuͤrte, noch eh' ich von dem Anger zuruͤck kam. Dieß war ein neuer unerwarteter Streich, weil ich mich faſt vierzehn Meilen weit von Hauſe befand. 4 Unterdeſſen begab ich mich in eine kleine Bierſchenke, die am Wege lag, und in dieſem gewoͤhnlichen Aufenthalte des Mangels und der Armuth legte ich mich geduldig nieder, den Aus⸗ gang meiner Krankheit abzuwarten. Hier lag ich faſt drey Wochen ſiech; endlich aber arbeitete meine gute Natur ſich durch, ob ich gleich nicht mit Gelde verſehen war, die Koſten meines Un⸗ terhalts zu beſtreiten. Die Aengſtlichkeit uͤber dieſen letzten Umſtand haͤtte allein ſchon mir ein 9 3 Reci⸗ ——— 166 Recidiv zuziehen können, haͤtte mir nicht ein Fremder aus der Noth geholfen, der auf ſeiner Reiſe des Weges vorm Hauſe anhielt, um eine kleine Erfriſchung zu nehmen. Dieſer Fremde war niemand anders, als der menſchenfreund⸗ liche Buchhaͤndler auf St. Pauls Kirchhofe zu Londen, der die vielen kleinen Buͤchelchen fuͤr Kinder geſchrieben hat. Er nannte ſich ſelbſt einen Kinderfreund, aber war wirklich ein all⸗ gemeiner Menſchenfrennd. Er war kaum ab⸗ geſtiegen, als er ſchon wieder fort eilen wollte; denn er hatte beſtaͤndig viele und wichtige Ge⸗ ſchafe obhaͤnden, und damals eben ſuchte er Materialien zuſammen, zur Biographie eines gewiſſen Thomas Tribt. Ich erinnerte mich angenblicklich dieſes gutherzigen Mannes Kup⸗ ferblaͤſigen Geſichts; denn er hatte mein Werk gegen die einreiſſende Deutrogamie verlegt, und ich lieh' alſo von ihm eine kleine Summe, die ich ihm bey meiner Zuhauſekunft wieder bezahlen wollte. Da ich mein bisheriges Spital verließ, nahm ich den Vorſatz, weil ich noch ſehr ſchwach war, nur kurze Tagereiſen von etwa zwey Meilen zu thun. Meine Geſundheit und meine gewoͤhn⸗ liche Gelaſſenheit waren beynahe wieder herge⸗ ſtellt, und ich tadelte mich itzt uͤber den Stolz, womit ich mich gegen die zuͤchtigende Hand des . Him⸗ — 167 Himmels geſtraͤubt hatte. Wir Menſchen wiſ⸗ ſen faſt gar nicht, wie viel Ungluͤck wir ertra⸗ gen können, bis wirs verſucht haben. So wie wir den Huͤgel der Ehre hinan klimmen, der von unten aus ſo herrlich glaͤnzt, eutdecken wir bey jedem Schritte neue und dunkle Ausſichten in verborgene Widerwaͤrtigkeiten, ſo auch, wenn wir vom Gipfel des Vergnuͤgens herunter ſtei⸗ gen, obgleich das Jammerthal unten traurig und dunkel ſcheinen mag, findet doch der ge⸗ ſchaͤftige Geiſt, der immer ſeinen Zeitvertreib ſucht, allemal etwas, das ihm ſchmeichelt und Vergnuͤgen macht. Je mehr wir uns den dun⸗ kelſten Gegenſtaͤnden naͤhern, je mehr Licht ſchei⸗ nen ſie zu bekommen, und das Auge des Ge⸗ muͤths gewinnt die ſchickliche Faͤhigkeit fuͤr ſeine finſtre Lage. Ich war ohngefehr zwey Stunden auf mei⸗ uem Wege gegangen, als ich etwas erbilckte, das mir in der Entfernung ein Frachtwagen zu ſeyn ſchien, und ich ſtrengte mich an, ihn ein⸗ zuholen; als ich ihm aber nahe kam, fand ich, daß es ein Karren einer wandernden Schau⸗ ſpielergeſellſchaft war, welche mit ihren Scenen und uͤbrigen theatraliſchen Requiſiten nach dem naͤchſten Dorfe zogen, woſelbſt ſie ihre Buͤhne aufſchlagen wollten. Bey dem Karren befand ſich niemand, als der Fuhrmann und einer von 8 4 der der Geſellſchaft, da die uͤbrigen Acteuts und Actricen erſt den folgenden Tag nachkommen wollten. Areet at Klsten Gute Geſellſchaft, ſagt das Spruͤchwort, iſt der halbe Weg; deswegen ließ ich mich mit dem armen Komdoͤdianten ins Geſpraͤch ein. Ich hatte mich ehedem wohl ſelbſt ein bischen mit dem Theater abgegeben, deswegen ſprach ich von dramatiſchen Dingen mit meiner ge⸗ woͤhnlichen Freyheit; da ich aber mit dem ge⸗ genwaͤrtigen Tone des Theaters ziemlich fremd geworden war, ſo fragt' ich ihn, was denn ſo wohl itzt die beſten dramatiſchen Schriftſteller waͤren, die fuͤrs Theater arbeiteten; die heuti⸗ gen Drydens und Otways?—„Hochbelobter Herr,“ deklamirte der Schauſpieler,„es moͤch⸗ ten deren von unſern heutigen neuern drama⸗ turgiſchen Autoren, nach meiner ehrerbietigſten Meynung, wohl nicht viele, ſondern hingegen xecht ſehr wenige anzutreffen und zu finden ſeyn⸗ welche es dermalen fuͤr keine beſondere Ehre halten und aufnehmen moͤchten, woferne man ſolche mit beſagten ruhmvoll benannten komi⸗ ſchen Schriftſtellern vergleichen thun wollte⸗ Denn, belieben mein Hochgeehrteſter Herr ge⸗ Auhen zu bemerken, daß die Manier des alt⸗ feligen Herrn Dryden, wie auch des Herrn Row's, ganz und gar, ſo zu reden, aus der Mode gekommen ſeyn; derweilen unſer aller⸗ neueſter und verbeſſerter feiner Geſchmack ein ganz Jahrhundert Seculum zuruͤck gegangen iſt. Unſer witz⸗ und geiſtreiches Publikum hat ſich den kritiſhen Magen dergeſtalten uͤber⸗ laden, daß es nichts mehr hinterbringen will, als Fletcher, und Ben Johnſon, und alle Ko⸗ moͤdien, Schau⸗ und Trauerſpiele vom groſſen Schakeſpear.“— „Wie,“e rief ich,„iſt es moͤglich, daß unſre heutige Welt an der veralteten Sprach, dem altmodiſchen Witze, und den uͤbertriebenen Cha⸗ rakteren, wovon es in den Werken der Maͤn⸗ ner, die Sie da nennen, wimmelt, Gefallen finden kann?“— „O hochgeehrteſter Herr,“ erwiederte mein Reiſegefaͤhrte,„was hat das Publikum mit Sprache, mit Witz, oder mit Charakteren zu thun, das iſt ſeine Affaire nun ganz und gar nicht; denn die itzigen Theaterliebhaber und Pa⸗ troͤne kommen nur in den Circus, um ein Paar Stunden zu verderben, und freuen ſich faſt halb todt, wenn ſie ſo ein Stuͤck, das halb Pan⸗ tomime und halb Staatsacktion iſt, anſehn koͤn⸗ nen, wenn ſie nur aus der Zeitung geſehn ha⸗ ben, es o, ſo zu ſagen, auf Schakeſpears Manier. 46. . 88 5 6⸗ — 8 — 170 „So viel ich hore, alſo,“ verſetzt ich,„ſind alle unſre dramatiſche Schriftſteller mehr Nach⸗ ahmer Schakeſpears, als Nachahmer der Na⸗ tur.—„Wenn ich,“ erwiederte mein Reiſe⸗ gefaͤhrte,„dem hochgeehrten Herrn, als ein ehrliebender Acteur die Wahrheit ſoll ſagen, ſo moͤcht' es mich ſaſt deuchten, als ob dieſe Her⸗ ren in der ganzen weiten Welt gar nichts nach⸗ ahmten; und denn ſo belieben Sie nur zu ſehn, daß das hochgeehrteſte Publicum auch derglei⸗ chen auf irgend keinerley Weiſe begehrt und verlangen thut. Bey den hochberuͤhmten Au⸗ toren koͤmmt es nicht, ob ihre Piece gefaͤllt oder nicht gefallt, darauf an, ob ſie einen guten Plan erſonnen und erdacht, und ſonſt das Stuͤck Sen⸗ timent⸗ und Maulrecht gemacht haben, ſondern ob ſie nur viele fremde und neue Kleidung, eine Menge Theaterſcenen, und was wir ſo in unſrer Kunſtſprache Theatercoups zu nennen pflegen, angebracht haben. Und wenn wir Acteurs den angenehmen Applauſum des kunſtrichterlichen Parterrs verdienen wollen, ſo haben wir ja in der Welt nichts anders zu thun, als daß wir am Ende eines Auftritts mit ſo lauter Stimme, als wir nur aus der Bruſt haſpeln koͤnnen, ab und davon gehn. Ich hab' es in meinem ko⸗ miſchen Leben ſchon erlebt, daß bey der Truppe, wobey ich engagirt war, ein neues Stuͤck aufs Theater gebracht wurde, worinn kein einziger komi⸗ — 171 komiſcher Lazzv war, und das man ſich doch nicht muͤde ſehn konnte, weil der Herr Verfaſſer einer Hauptperſon eine grimmige Kolick aufge⸗ geben hatte. Nein, hochgeehrteſter Hers, die dramatiſchen Werke der Herren Farquhar und Congreve ſind viel zu witzig, viel zu witzig, fuͤr den heutigen Geſchmack; unſere allerneueſte Theaterſprache iſt bey weiten natuͤrlicher, ſollte ich meynen.“ Um dieſe Zeit waren wir mit dem Gepaͤcke der wandernden Geſellſchaft im Dorfe ange⸗ langt, welches, wie es ſchien, Nachricht von unſrer Ankunft erhalten hatte, und heraus ge⸗ laufen kam, uns zu begaffen. Denn mein Ge⸗ faͤhrte machte die Anmerkung, reiſende Komoͤ⸗ dianten haͤtten immer mehr Zuſchauer von der Thuͤr als im Hauſe. Ich hatte nicht eher die Unſchicklichkeit be⸗ dacht, mich in einer ſolchen Geſellſchaft ſehn zu laſſen, bis ich merkte, daß ſich ein Haufen Poͤ⸗ bels um mich verſammlete. Ich fluͤchtete mich alſo, ſobald als moͤglich, in die naͤchſte Bier⸗ ſchenke, die mir vorkam; und da mich der Wirth in die allgemeine Gaſtſtube gefuͤhrt hatte, ward ich von einem ſehr wohlgekleideten Mann ange⸗ redet, der mich fragte, ob ich wirklich der wahre Kabinetsprediger beym Theater waͤre, oder, ob ich in dieſer Kleidung nur ſo die Rollen ſpielte⸗ 4 Nach⸗ 172 Nachdem ich ihm die reine Wahrheit geſagt hatte, und daß ich ganz und gar nicht zu der Geſellſchaft gehoͤrte, ſo war er ſo herablaſſend, daß er mich und den Acteur noͤthigte, eine Bo⸗ wle Punſch mit ihm zu trinken, wobey er ſehr eifrig und emſig die neueſten Staats⸗ und Welt⸗ handel in Schick und Ordnung brachte. In meinen Gedanken hielt' ich ihn zum allerwenig⸗ ſten fuͤr einen Parlamentsherrn, und ward in meiner Meynung faſt vollig beſtaͤtigt, als er, da wir den Wirth fragten, was er uns den Abend zu eſſen geben wollte? darauf beſtund, der Acteur und ich ſollten heute Abend mit ihm in ſeinem Hauſe eſſen. Nach einigem Weigern und Noͤthigen ward denn die Einladung ange⸗ nommen. oct—xo⸗ Neunzehntes Kapitel. Beſchreibung einer Perſon, die mit der Regierung unzuftieden iſt, und den Verluſt unſerer Freyheit beſorgt. a das Haus, woſelbſt wir bewirthet wer⸗ den ſollten, ein wenig vom Dorfe entfernt lag, ſo ließ ſich unſer Gaſtfreund vernehmen, da die Kutſche nicht bey der Hand waͤre, woll’ er uns zu Fuſſe den Weg zeigen, und wir ge⸗ lang⸗ T — 273 8„ 1 langten bald nach einem der praͤchtigſten ade⸗ lichen Sitze, die ich in dieſer Gegend des Lan⸗ des geſehn hatte. Das Zimmer, in welches wir gefuͤhrt wurden, war vollkommen nach dem neueſten Geſchmacke moͤblirt. Er ging hinaus, um ſeine Befehle zum Abendeſſen zu geben; unterdeſſen gab mir der Komikus mit einem Winke zu verſtehn, daß wir gar ſehr gut auf⸗ gehoben waͤren. Unſer wohlthaͤter kam bald wieder herein; man ſetzte eine ziemliche Mahl⸗ zeit auf, zwey oder drey Frauenzimmer in arti⸗ gem Hausputz kamen mit zu Tiſch, und das Geſpraͤch fing an eine ziemlich lebhafte Wen⸗ dung zu nehmen. Indeſſen waren Staatsge⸗ ſchaͤfte dasjenige, wovon unſer Tiſchwirth am liebſten ſprach; denn er aͤuſſerte ſich: Freyheit ſey ſein Stolz und zugleich ſein Schrocken. 8 Nachdem das Tiſchtuch weggenommen, und reine Glaͤſer aufgeſetzt worden, fragte er mich, ob ich das letzte Stuͤck des Monitors geleſen haͤtte? und auf meine verneinende Antwort, rief er aus:„Wie, vielleicht auch nicht einmal den Auditor?— Eben ſo wenig,“ verſetzte ich.—„Das iſt wunderbar, ſehr wunderbar! ſagte unſer Gaſtfreywirth.„Ich, ſehen Sie, ich leſe alle politiſche Blaͤtter, die nur heraus⸗ kommen. Ein Dutzend verſchiedener Zeitungen, die ſi ſebzehn Magazine, und die beyden Reviews; und and ob die ſich gleich einander haſſen, ſo habe ich ſie doch alle ſehr lieb; Freyheit, Herr, Frey⸗ heit, iſt des Britten Stolz; und bey allen mei⸗ nen Kohlenminen in Cornwall! ich verehre ihre Beſchuͤtzer.“—„Alſo darf man hoffen,“ rief ich,„das Sie den Koͤnig verehren?“„Ja,* erwiederte er,„wenn er thut, was wir haben wollen; wenn er's aber noch laͤnger ſo macht, als dieſe letzten Zeiten her, ſo zieh ich meine Haͤnde von ihm ab, und will mit ſeinen Sachen nichts mehr zu thun haben. Ich ſage nichts. Ich behalte meine Gedanken fuͤr mich. Ich haͤtte viele Dinge beſſer einrichten wollen. Ich glaube nicht, daß er genug Rathgeber ange⸗ hoͤrt hat. Er ſollte jedermann um Rath fra⸗ gen, der ihm Rath geben wollte und koͤnnte, und, ja wahrhaftig, denn ſollten die Sachen ganz beſſer zuſtehn.“ „Ich wuͤnſchte,“ rief ich,„daß alle ſolche zudringliche Rathgeber an den Schandpfahl zur Schau geſtellt wuͤrden. Es waͤre die Pflicht rechtſchaffener Leute, auf die ſchwaͤchre Seite unſrer Reichsverfaſſung zu treten, anf die Seite der geheiligten Macht, die ſeit einigen Jahren von Tage zu Tage abgenommen, und ihren ge⸗ hbrigen Antheil am Einfluß auf die Staatsge⸗ ſchaͤfte verloren hat. Aber die Dummkoͤpfe fah⸗ den noch immer fort, uͤber Freyheit zu ſchreyen, 4 und 7 ¹ und wenn ſie einiges Gewicht bekommen„werx, fen ſie es auf die ſinkende Schaale.“. „Wie,“ ſchrie eine von den Frauenzimmern, „muß ichs erleben, einen ſo niedertraͤchtigen eigennuͤtzigen Menſchen zu ſehn, der ein Feind der Freyheit, und ein Vertheidiger der Tyran⸗ nen ſeyn kann! Freyheit, o, die heilige Gabe des Himmels, der herrliche Vorzug der Britten!“ „Kann es moͤglich ſeyn,“ rief unſer Bewir⸗ ther,„daß jetzt noch Advokaten fuͤr die Skla⸗ verey anzutreffen waͤren? Irgend ein Menſch, der zahmer Weiſe dem Vorzuge der Britten ent⸗ ſagen koͤnnte? Iſts moͤglich, Herr, kann ein Menſch ſo kriechend ſeyn?⸗ 4 „Nein, mein Herr,“ erwiederte ich,„ich bin fuͤr die Freyheit, fuͤr dieſe goͤttliche Eigen⸗ ſchaft! Die herrliche Freyheit! Das Thema, woruͤber itzt ſo haͤufig deklamirt wird. Ich woll⸗ te, daß alle Menſchen Konige waͤren. Ich ſelbſt moͤchte Koͤnig ſeyn. Wir haben alle von Natur ein gleiches Recht zum Thron! Urſpruͤng⸗ lich ſind wir einander alle gleich. Das iſt meine Meynung, und das war ehedem die Meynung eines Haufen ehrlicher Lente, die man Levellers oder Ebenmacher nannte. Sie thaten, was ſie konnten, ſich zu einer Gemeine zu erheben, in welcher alle gleich frey ſeyn ſollten. Aber lei⸗ der! konnten ſie damit nicht fortkommen; denn es gab einige unter ihnen, die ſtaͤrker, und ei⸗ — nige, 126—— mige, die verſchlagener waren als andere, und aus denen wurden Herren der uͤbrigen; denn ſo gewiß als Ihr Stallknecht Ihre Pferde reitet, weil er ein verſchlageners Thier iſt, als Ihre Pferde, ſo gewiß wird das Thier, we lches verſchlagener oder ſtaͤrker iſt, als Ihr Stall⸗ knecht, ihn wieder zaͤumen und reiten. Weil es alſo das Loos der Menſchheit iſt, regiert zu werden, und weil einige dazu geboren ſind, zu herrſchen, und andre, zu gehorchen, ſo iſt die Frage, da doch einmal Tyrannen ſeyn muͤſſen, ob es beſſer iſt, daß wir ſolche neben in einem Hauſe, oder in eben dem 2 Dorfe haben, oder in einer weitern Entfernung, in der Hauptſtadt. Was mich nun anbetrift, mein Herr, der ich von Natur das Angeſicht eines Tyrannen haſ⸗ ſe, je weiter er von mir entfernt iſt, deſto lie⸗ ber habe ichs. Die meiſten Menſchen ſind auch in dieſem Punkt einerley Meynung mit mir, und haben einſtimmig einen Koͤnig eingeſetzt, deſſen Wahl. zugleich die Anzahl der Tyrannen ver⸗ mindert, und die Tyranney in die weiteſte Ent⸗ fernung von der groͤſſeſten Anzahl des Volkes bringt. Nun aber ſind die Groſſen, welche vor der Wahl eines einzigen Tyrannen ſelbſt Tyrannen waren, natuͤrlicher Weiſe einer Ge⸗ walt abgeneigt, welche uͤber ſie erhoben wor⸗ den, und deren Gewicht immer am ſtaͤrkſten auf die untergeordneten Staͤnde druͤcken muß. Cs &.. —— Es iſt alſo das Intereſſe der Groſſen, die koͤnig⸗ liche Gewalt, ſo viel als moͤglich, zu ſchmaͤh⸗ lern, denn alles, was ſie derſelben entwenden, faͤllt natuͤrlicher Weiſe wieder auf ſie ſelbſt zu⸗ ruͤck; nur alles, was ſie in einem Staate zu thun haben, iſt, den einzigen Tyrannen zu un⸗ tergraben, wodurch fie wieder zu ihrem alten Anſehn und ihrer ehmaligen Gewalt gelangen keͤnnen. Nun aber kann ein Staat ſich in ſol⸗ chen Umſtaͤnden befinden, oder ſeine Geſetze koͤn⸗ nen eine ſolche Richtung haben, oder die rei⸗ chen Buͤrger deſſelben koͤnnen ſo geſinnt ſeyn, daß alles dazu beytraͤgt und daran arbeitet, die Monarchie zu untergraben; denn in dem erſten Falle, wenn die Umſtaͤnde des Staats ſo be⸗ ſchaffen ſind, daß ſie die Anhaͤufung des Reich⸗ thums beguͤnſtigen, und den beguͤterten Mann immer reicher zu machen, ſo muß dieß ſeinen Ehrgeitz vergroͤſſern. Eine Anhaͤufung des Reichthums muß nothwendig erfolgen, wenn, wie gegenwaͤrtig, mehr Geld durch auswaͤrti⸗ gen Handel, als durch einheimiſchen Fleiß er⸗ worben wird! Denn der auswaͤrtige Handel kann nur von den Reichen mit Vortheil betrie⸗ ben werden, und zugleich haben ſie auch allen Gewinn, der aus dem einheimiſchen Fleiſſe ent⸗ ſpriagt: dergeſtalt, daß, bey uns, der Reiche zwey Quellen des Reichsthums hat, und ſich der Arme nur mit Einer begnuͤgen muß. Das iſt 1 177 M⸗. 178— die Urſache, warum in allen commercirenden Staaten aller Reichthum nur auf eine gewiſſe Anzahl Familien fließt, und warum ſie mit der Zeit noch alle ariſtokratiſch geworden ſind. Noch mehr, die Geſetze dieſes Landes koͤnnen ſelbſt dazu beytragen, den Reichthum anzuhaͤufen, wenn nemlich, vermittelſt ihrer, die natuͤrlichen Bande, welche Reiche und Arme mit einander verbinden, zerriſſen werden, und feſtgeſetzt iſt, daß der Reiche ſich nur mit Reichen verheyra⸗ then darf; oder wenn der Gelehrte bloß deswe⸗ gen fuͤr unfaͤhig gehalten wird, ſeinem Vater⸗ lande als Rathgeber zu dienen, weil er des Reichthums ermangelt, und alſo das Geld zum Gegenſtande des Beſtrebens eines weiſen Man⸗ nes gemacht wird, ſo wird dadurch, ſag' ich, und durch dergleichen, der Reichthum, und die Begierde nach Reichthum, beſtaͤndig vermehrt. Nun aber hat der Beſitzer angehaͤufter Reich⸗ thuͤmer, nach der Befriedigung der Beduͤrfniſſe und Ergotzlichkeiten dieſes Lebens, keine andre Wege, den Ueberfluß ſeines Vermoͤgens anzu⸗ wenden, als ſich damit Gewalt zu erkaufen⸗ Das heißt, mit andern Worten geſagt, er macht ſich Anhaͤnger und Unterthanen, und erhandelt die Freyheit des Duͤrftigen, oder des Geitzigen, oder ſolcher Menſchen, welche bereitwillig ſind, ums Brodt das demuͤthigende Joch naher und kleiner Tyrannen zu ertragen. Auf dieſe Weiſe ſammlet ſammlet jeder ſehr reiche Mann, gewoͤhnlich ei⸗ nen Kreis der aͤrmſten des Volkes um ſich her⸗ um. Und der Staat, worinn es viele derglei⸗ chen uͤbermaͤßziigreiche Beſitzer giebt, laͤßt ſich fuͤglich mit dem Carteſianiſchen Syſtem verglei⸗ chen, wo jeder Planet ſeinen eignen Wirbel hat. Diejenigen unterdeſſen, die ſich gerne in dem Wirbel eines groſſen Mannes bewegen, ſind nur das, was Sklaven ſeyn muͤſſen, der Aus⸗ wurf der Menſchheit, deren Seelen und Erzie⸗ hung zur Knechtſchaft eingerichtet ſind, und die von der Freyheit nichts anders kennen, als den leeren Namen. Allein, es muß noch immer ein groſſer Haufen des Volks uͤbrig bleiben, auf wel⸗ chen der Wirkungskreis des opulenten Mannes ſich nicht erſtreckt; dieſe Klaſſe von Menſchen nemlich, welche zwiſchen den ſehr Reichen und den ſehe Armen das Mittel haͤlt; dieſe Men⸗ ſchen, welche zu reich ſind, um ſich ihrem ge⸗ waltigerm Nachbar zu unterwerfen, und den⸗ noch dabey zu arm, ſich einer Tyranney uͤber andre anzumaſſen. In dieſer mittlern Klaſſe der Menſchheit trift man uͤberhaupt alle Kuͤnſte, alle Weisheit, und alle Tugenden der buͤrgerli⸗ chen Geſellſchaft an. Dieſe Klaſſe allein iſt fuͤr den eigentlichen Bewahrer der Freyheit bekannt, und mag das Volk genannt werden. Nun kann es ſich gebuͤhren, daß dieſe Mittelklaſſe allen ih⸗ ren Einfluß auf den Staat verlieren, und ihre . 1 M 2 Stim⸗ S 180 Stimme in der Stimme der niedrigſten Klaſſe, oder des eigentlichen Poͤbels, ſo zu ſagen, er⸗ ſaͤuft werden kann. Denn, wenn das Eigen⸗ thum, welches gegenwaͤrtig erfordert wird, um einen Mann zu berechtigen, ſeine Stimme in Staatsangelegenheiten abzugeben, zehnmal ge⸗ ringer iſt, als damals erfodert wurde, da die Conſtitution abgefaßt wurde: ſo iſt esklar, daß eine groͤſſre Anzahl des Poͤbels in das volitiſche Syſtem verflochten wird, und daß der, weil er ſich beſtaͤndig in dem Wirbel der Groſſen be⸗ wegt, auch allemal der Richtung der Groſſen folgen wird. In einem ſolchen Staate alſo bleibt dem Mittelſtande nichts weiter uͤbrig, als daß er uͤber die Praͤrogativen und Prioilegien des einzigen und vornehmſten Regenten, mit der ſorgfaͤltigſten Behutſamkeit wacht. Denn der zertheilt die Macht der Reichen, und haͤlt die Groſſen ab, daß ſie nicht mit zehnfaͤltigem Ge⸗ wicht auf die zunaͤchſt an ſie graͤnzende Mittel⸗ klaſſe druͤcken koͤnnen. Die Mittelklaſſe laͤßt ſich mit einer Stadt vergleichen, welche die Reichen belagert halten, und zu deren Entſatze der Regent herbey ruͤckt. So lange die Bela⸗ gerer in Furcht vor einem maͤchtigen Feinde ſind, iſt es ſehr natuͤrlich, daß ſie den Belager⸗ ten ſcheinbare Capitulationspunkte vorſchlagen, ihnen mit leerem Schalle ſchmeicheln, und ihnen Privilegia vorſpiegeln; machen ſie ſich aber ein⸗ 3 mal — 181 mal den Ruͤcken von dem maͤchtigern hinter ih⸗ nen ſtehenden Feinde frey, ſo werden die Einwoh⸗ ner an den Stadtmauren nur einen ſchwachen Schutz haben. Was ſie nachher erwarten muͤſſen, laͤßt ſich erſehn, wenn man die Augen auf Holland, Genna und Venedig richtet, wo⸗ ſelbſt die Geſetze die Armen, die Reichen aber die Geſetze regieren. Ich bin alſo fuͤr die Mo⸗ narchie, und wollte fuͤr die Monarchie, fuͤr die heilige Monarchie, ſterben; denn wenn etwas Heiliges unter den Menſchen iſt, ſo muß es der Geſalbte des Herrn unter ſeinem Volke ſeyn. Und jede Schmaͤhlerung ſeiner Macht, es ſey im Krieg' oder Frieden, iſt ein Eingriff in die weſentliche Freyheit des Unterthanen. Der leere Schall von Freyheit, Patriotismus und Britte, hat bereits viel gethan, man muß hof⸗ fen, daß die aͤchten Soͤhne der Freyheit verhin⸗ dern werden, daß er ja nicht noch mehr aurich⸗ te. Ich habe in meinem Leben ſchon manchen von dieſen vorgeblichen Verfechtern der Frey⸗ heit gekannt, aber auch nicht eines einzigen er⸗ innere ich mich, der nicht in ſeinem Herzen und in ſeinem Hauſe ein Tyrann geweſen waͤre.“ Ich ward gewahr, daß mein warmer Eifer dieſe Rede bis zu einer groͤſſern Laͤnge getrieben hatte, als mit den Regeln der guten Lebensart heſtehen konnte; allein die Ungeduld meines 1 M 3 Wirths, — 182 Wirths, der ſchon oft geſtrebt hatte, mich zu unterbrechen, wollte ſich nicht laͤnger zuͤhmen laſſen. „Was?, rief er,„ſo hab' ich alle dieſe Zeit aͤber hier einen Jeſuiten in proteſtantiſchen Prie⸗ ſterkleidern bewirthet? Aber bey allen Kohlen⸗ minen in Cornwall, fort ſoll er ſich packen, oder ich will nicht Wilkenſohn heiſſen!, Ich ſah nun ein, daß ich zu weit gegangen waͤre, und bat ihn um Verzeihung wegen der Waͤrme, womit ich geſprochen haͤtte.„Verzeihung?, verſetzte er mit Wuth.„Solche Grundſaͤtze mag der Teu⸗ fel verzeihen. Was! die Freyheit aufgeben und das Vermoͤgen, und, wie der Zeitungsſchreiber ſagt, ſich geduldig und gelaſſen mit hoͤlzernen Schuhen ſatteln laſſen! Herr, den Augenblick, ſollen Sie mir aus dem Hauſe, den Augenblick ſag' ich Ihnen, wenn Sie nicht was aͤrgers erleben wollen, auf der Stelle; marſch, Herr! fort, ſag' ich!, Ich wollte ihm von neuem Vorſtellung thun, als wir eben einen Bedienten an die Thuͤr klo⸗ pfen hoͤrten, und eine von den Damen ausrief: „Ich will wohl des Todes ſeyn, wenn da nicht unſre Herrſchaften zu Hauſe kommen., Da kam es nun heraus, daß mein freygebiger Herr Wirth in der Welt nichts weiter geweſen war, als der Tafeldecker, der in ſeines Herrn Abwe⸗ ſenheit — 183 ſenheit hatte einmal gerne vornehm thun, und ſelbſt einen Herrn vorſtellen wollen; und, die Wahrheit zu ſagen, ſprach er von Staatsge⸗ ſchaͤften eben ſo vernuͤnftig, als die meiſten Landedelleute zu ſprechen pflegen. Aber meine Verwirrung war auſſerordentlich groß, als ich den Edelmann und ſeine Gemah⸗ linn herein treten ſah; auch ihre Verwundrung, ſo gute Geſellſchaft und ſo ein artiges Leben vorzufinden, war nicht viel geringer als die un⸗ ſtige.„Meine Herren,„ſagte der wahre Herr des Hauſes zu mir und meinem Gefaͤhr⸗ ten,„meine Frau und ich, wir ſind Ihre er⸗ gebenſte Diener; aber ich verſichre Sie, die Eh⸗ re, die Sie uns da erzeigen, iſt ſo unerwartet, daß wir faſt unter der Dankbarkeit erliegen.,, Nun mochte ihnen unſre Geſellſchaft ſo uner⸗ erwartet ſeyn, als ſie wollte, die ihrige, das weiß ich gewiß, war's uns weit mehr; und ich ſtund da ſtockſtumm, aus innerlicher Ueberzeu⸗ gung uͤber meinen dummen Streich, als— ſie⸗ he, wen ſollte ich zunaͤchſt ins Zimmer treten ſehn, als meine theure Miß Arabella Wilmot, welche ehemals meinem Sohn Georg zur Braut beſtimmt geweſen; welche Heyrath aber wie⸗ der ruͤckgaͤnggig geworden, wie bereits er⸗ zaͤhlt iſt. Sobald ſie mich zu Geſicht bekam, flog ſie mir mit der groͤßten Freude in die Ar⸗ M 4 me. 184—— me.„Mein theureſter Freund,,, rief ſie ans, „was fuͤr einem gluͤcklichen Zufalle haben wir dieſen ſo unverhofften Beſuch zu verdanken? Ich weiß gewiß, mein Oncle und meine Taute werden ſich herzlich freuen, wenn ſie hoͤren, daß der gute Doctor Primroſe ihr Gaſt iſt., Als der alte Herr und ſeine Dame meinen Namen nennen hoͤrten, kamen ſie ſehr hoͤflich auf mich zu, mich zu bewillkommen. Indeſſen konnten ſie ſich des Laͤchelns nicht enthalten, als ſie die Umſtaͤnde meines Beſuchs vernahmen; der ge⸗ demuͤthigte Tafeldecker aber, den ſie anfaͤnglich beſchloſſen ſogleich aus dem Hauſe zu jagen, ward auf meine Fuͤrbitte im Dienſt behalten. Herr Arnold und ſeine Gemahlinn, denen nunmehro das Haus zugehoͤrte, lieſſen nicht ab zu noͤthigen, ich moͤchte ihnen doch das Ver⸗ gnuͤgen machen und einige Tage bey ihnen blei⸗ benz und da ihre Nichte, meine liebenswuͤrdige Schuͤlerinn, deren Seele ich groͤſſeſten Theils ſelbſt durch meinen Unterricht gebildet hatte, ihr Bitten hinzuthat, ſo willigte ich darein. Dieſen Abend ward mir eine praͤchtige Schlaf⸗ kammer angewieſen, und des naͤchſten Morgens ganz fruͤh kam Miß Wilmot und holte mich ab⸗ im Garten zu ſpatzieren, der nach dem neueſten Geſchmack eingerichtet war. Nachdem ſie ſich einige Zeit damit beſchaͤftigt, mir die Schoͤnhei⸗ ten 185 ten deſſelben zu zeigen, erkundigte ſie ſich mit auſcheinender Gleichguͤltigkeit, ob ich kaͤrzlich Nachricht von meinem Sohn George gehabt haͤtte?„Ach, liebſte Wilmot,, antwortete ich, „er iſt nun faſt drey Jahr vom Hauſe weg, und hat noch niemals weder ſeinen Freunden noch mir geſchrieben. Ich weiß nicht, wo er iſt, und vielleicht ſeh' ich ihn und gluͤckliche Ta⸗ ge in meinem Leben nicht wieder. Nein, meine liebſte Freundinn, ſo vergnuͤgte Zeiten werden wir nicht wieder erleben, als da wir noch oft um unſer Kamin zu Wakefield herum ſaſſen. Mein kleines Haͤuflein Kinder wird ſich nunmeh⸗ ro bald gaͤnzlich trennen, und die Armuth hat uns nicht blos Mangel, ſondern Schimpf zu⸗ gezogen.„ Das gutherzige Maͤdchen ließ bey dieſer Nach⸗ richt eine Zaͤhre fallen; aber da ich ſaͤh, daß ihr Herz zu fuͤhlbar waͤre, vermied ichs, ſie mit einer umſtaͤndlichern Erzaͤhlung von unſern Leſ⸗ den zu kraͤnken. Es war mir bey alledem ein Troſt, zu finden, daß die Zeit keine Aenderurg in ihrer Liebe gemacht haͤtte, und daß ſie ver⸗ ſchiedene Heyrathen ausgeſchlagen, ſeitdem wir aus ihrer Gegend weggezogen waren. Sie führte mich allenthalben in dem groöſſen und weitlaͤuftigen Garten herum, und zeigte mir ddie verſchiedenen Spatziergaͤnge und Luſtwaͤld⸗ M 3 cden 186— chen, und nahm zugleich von jedem Gegenſtan⸗ de eine Gelegenheit, eine meinen Sohn betref⸗ fende Frage anzubringen. Auf dieſe Weiſe brachten wir den Vormit⸗ tag hinz, bis uns die Tiſchglocke nach Hauſe rufte, woſelbſt wir den Principal der vor⸗ erwaͤhnten Schauſpieler⸗Geſell ſchaft fanden, welcher gekommen war, Billets auf heut Abend zu verkaufen, da the fair penitent, oder das reuige Maͤdchen, aufgefuͤhrt werden ſollte. Die Rolle des Horatio ſollte ein junger Mann machen, der noch niemals eine Buͤhne betreten hatte. Er ſchien ſehr warm in dem Lobe dieſes Acteurs, und verſicherte, er ha⸗ be noch nie einen Menſchen geſehen, der ſo viele und groſſe Erwartungen gegeben. Gut agiren, ſagte er, waͤre keine Sache, die ſich in einem Tage erlernen lieſſe;„aber dieſer junge Menſch,, fuhr er fort,„ſcheint fuͤrs Theater geboren zu ſeyn. Seine Stimme, ſeine Geſtalt, ſein Wuchs, alles iſt vortreflich an ihm. Wir haben ihn von ohngefahr aufgefangen, da wir itzt herunter gereiſt ſind.,, Dieſe Beſchreibung brachte un⸗ ſre Neubegierde in Bewegung, und aufs Zunb⸗ thigen der Frauenzimmer ließ ich mich bewegen, ſie nach dem Schauſpielhauſe zu fuͤhren, welches nichts mehr, und nichts weniger war, als eine Scheune. Da die Geſellſchaft, mit der ich ging, unſtreitig ⸗ —— 4 187 unſtreitig im ganzen Orte die vornehmſte war, wurden wir mit groſſer Ehrerbietung empfan⸗ gen, und auf den erſten Platz, dem Theater gegen uͤber, gefuͤhrt; woſelbſt wir einige Zeit mit nicht geringer Ungeduld ſaſſen, und erwar⸗ teten, daß Horatio zum Vorſchein kommen ſoll⸗ te. Der neue Acteur kam endlich hervor; und laß Aeltern nach ihren eigenen Empfindungen urtheilen, wie die meinigen beſchaffen geweſen ſeyn muͤſſen, als ich in ihm meinen nngluͤckli⸗ chen Sohn ſah. Er wollte eben ſeine Rolle an⸗ fangen, als er ſeine Augen nach den Zuſchauern warf, Miß Wilmot und mich darunter erblick⸗ te, und auf einmal ſtumm und unbeweglich ſte⸗ hen blieb. Die Schauſpieler hinter der Scene, welche dieſe Pauſe einer natuͤrlichen Bloͤdigkeit zuſchrieben, thaten alles moͤgliche, ihm Muth zuzuſprechen. Allein, anſtatt fortzufahren, brach er in eine Thraͤnenfluth aus, und ging vom Theater ab. Ich weiß nicht, was meine Empfindungen bey dieſer Gelegenheit waren: denn ſie wechſelten zu ploͤtzlich ab, um ſie zu beſchreiben. Ich ward aber ſehr bald aus die⸗ ſer ſehr unangenehmen Traͤumerey durch Miß Wilmot aufgeweckt, welche ganz blaß und mit zitternder Stimme mich bat, ich moͤchte ſie doch nach ihres Oncles Hauſe zuruͤck fuͤhren. Als wir heim gekommen, ſchickte Herr Ar⸗ 3 nold, der unſer auſſerordentliches Betragen an⸗ fangs fangs nicht begreifen konnte, ſobald er erfahren, daß der neue Acteur mein Sohn waͤre, ſeine Kutſche hin, und ließ ihn einladen, in derſel⸗ ben zu uns zu kommen; und da er auf der Wei⸗ gerung beharrte, keinen Fuß wieder aufs Thea⸗ ter zu ſetzen, ſo ſchob der Principal einen andern fuͤr ihn ein, und wir ſahen ihn bald bey uns. Herr Arnold empfing ihn mit auſſerordentli⸗ cher Guͤte, und ich empfing ihn mit meiner ge⸗ woͤhnlichen Entzuͤckung; denn ich habe in mei⸗ uem Leben mit dem Boͤſethun nicht fortkommen koͤnnen. Miß Wilmots Empfang ſollte kalt und gleichguͤltig ſcheinen, und dennoch konnte ich merken, daß ſie eine ſtudirte Rolle ſpielte⸗ Der Tumult in ihrem Gemuͤthe ſchien ſich noch nicht gelegt zu haben; ſie ſagte wohl zwanzig Schwindeleyen, die ſo ausſahen, als Froͤlich⸗ keit, und lachte denn laut uͤber ihren Man⸗ gel an Sinn. Zuweilen that ſie einen verſtohl⸗ nen Blick nach dem Spiegel, als ob ihr die Ueberzeugung von ihrer unwiderſtehlichen Schoͤnheit recht herzlich lieb waͤre, und that dfters Fragen, ohne im geringſten auf die Ant⸗ wort zu warten.. -—⸗ Zwanzigſtes Kapitel. Geſchichte eines philoſophiſchen Landſtrei⸗ chers, der Neuigkeiten ſucht, und die Zufriedenheit verliert. 189 Nachdem wir vom Abendeſſen aufgeſtanden waren, erbot ſich Madame Arnold ſehr hoͤflich, ſie wollte ein Paar von ihren Leuten hinſchi⸗ cken, um meines Sohnes Reiſegepaͤck zu holen, welches er anfaͤnglich abzulehnen ſchien; als ſte aber ferner darauf beſtund, war er genoͤthigt zu bekennen, daß ein Stock und Felleiſen die einzigen Moͤbeln auf dieſer Welt waͤren, deren er ſich ruͤhmen koͤnnte.„Nun, ſo recht mein Sohn,, ſagte ich,„Du verlieſſeſt mich arm, und arm, ſeh' ich, biſt Du wiedergekom⸗ men; und doch zweifle ich nicht, Du haſt Dich tapfer in der Welt umher geſehen.„„Ja, mein lieber Vater,,, erwiederte mein Sohn,„aber dem Gluͤcke nachreiſen iſt nicht der Weg, worauf man es findet, und in der That hab' ich auch ſeit kurzem dieſem Nachjagen ein Ende gemacht., —„Ich kann mir einbilden, Herr Primroſe, ſagte Madame Arnold,„daß die Erzaͤhlung von Ihren Begebenheiten ſehr unterhaltend ſeyn muß: den erſten Theil davon habe ich bereits oͤfters von meiner Nichte gehoͤrt; wenn Sie hier der Geſellſchaft das uͤbrige erzuaͤhlen wollten, wuͤrden 190 wuͤrden Sie ſolche durch Ihre Guͤte ſehr ver⸗ pflichten.,—„Madame,„ verſetzte mein Sohn,„ich verſichre Sie, Ihr Vergnuͤgen heym Zuhoͤren wird nicht halb ſo groß ſeyn, als meine Eitelkeit beym Erzaͤhlen; und doch kann ich Ihnen in meiner ganzen Hiſtorie kaum ein einziges Abentheuer verſprechen, da es mehr eine Nachricht ſeyn wird, von dem, was ich geſehn, als von dem, was ich gethan habe. Das erſte Ungluͤck meines Lebens, welches Ih⸗ nen allen bekannt iſt, war groß; allein, ob es mich gleich betaͤubte, ſchlug es mich doch nicht ganz nieder. Kein Menſch hat jemals eine groͤſſre Naturgabe zum Hoffen gehabt, als ich. Je unfreundlicher ich zur einen Zeit das Gluͤck fand, jemehr erwartete ich von ihm zu einer andern, und wenn ich auf ſeinem Rade bis zum Grunde gekommen war, konnte mich jede neue Bewegung deſſelben nur empor heben, nicht tiefer werfen. Ich ging alſo an einem heitern ſchoͤnen Morgen auf London zu, unbekuͤmmert, was der folgende Tag bringen wuͤrde, ſondern war munter und froͤlich, wie die Voͤgel, die am Wege zwitſcherten, und ſprach mir durch die Ueberlegung Muth ein, das London der Ort ſey, wo jede Geſchicklichkeit ſicher waͤre, her⸗ vor gezogen zu werden und Belohnung zu finden., Sie nicht zus Schule, Haben Cie die Blat⸗ — 191 „Bey meiner Ankunft in der Stadt, lieber Vater, war meine erſte Sorge, Ihr Empfeh⸗ lungsſchreiben an unſern Vetter zu uͤbergeben, der ſich aber gleichfalls in nicht viel beſſern Um⸗ ſtaͤnden befand, als ich ſelbſt. Mein erſter Plan, wie Sie wiſſen, war, bey einer Akade⸗ mie Unterlehrer zu werden, und ich fragte ihn uͤber die Sache um Rath. Unſer Vetter wäre bey Anhörung des Vorſchlags faſt vor Lachen geberſtet. O ja, rief er, das iſt wirklich eine ſchoͤne Laufbahn, die man Ihnen da ausgezeich⸗ net hat. Ich bin ſelbſt in einer Koſtſchule Un⸗ terlehrer geweſen, und ich will wohl in einer hampfenen Halsbinde ſterben, wenn ich nicht lieber Unterſchlieſſer in einem Diebsgefaͤngniß geweſen waͤre. Ich mußte im Hauſe der Erſte und Letzte aus dem Bette ſeyn; vom Obermei⸗ ſter hatt' ich nichts als ſaure Mienen; Mada⸗ me haßte mich wegen meines haͤßlichen Ange⸗ ſichts; im Hauſe plagten mich die Jungen, und aus dem Hauſe durft' ich nicht, um einmal ein troͤſtliches Wort zu hoͤren. Aber wiſſen Sie denn auch gewiß, daß Sie ſich fuͤr eine Schule ſchicken? Ich muß einmal ein bischen eramini⸗ ren. Haben Sie Ihre ordentliche Lehrjahre dazu ausgeſtanden? Nein. So taugen Sie nicht zur Schule. Koͤnnen Sie den Koſtgaͤn⸗ gern die Haare friſiren? Nein. So taugen tern 192——— tern gehabt? Nein. So taugen Sie nicht zur Schule. Koͤnnen Sie ſelb Dritte in einem Bet⸗ te ſchlafen? Nein. So taugen Sie gar nicht zur Schule. Haben Sie guten Appetit zum Eſſen? Ja. Huͤten Sie ſich, um Gotteswil⸗ len! vor der Schule. Nein, mein lieber Vet⸗ ter, wenn Sie gern ein leichtes und ehreuvol⸗ les Gewerbe lernen wollen, dingen Sie ſich bey einem Meſſerſchmidt auf die Lehre, und drehen Sie dem ſieben Jahre den Schleifſtein; aber huten Sie ſich ums Himmels willen vor der Schule. Aber komm, fuhr er fort, ich ſehe, Sie ſind ein junger Menſch, der fort will, und etwas gelernt hat; was meynen Sie, wenn Sie ſich aufs Buͤcherſchreiben legten, wie ichs gemacht habe? Sie werden wohl in Buͤchern von Maͤnnern geleſen haben, die bey dem Ge⸗ werbe mit allem Genie Hungers geſtorben ſind, nicht wahr? Ja: aber ich will Ihnen jetzt wohl vierzig recht Gruͤtzkoͤpfige Kerle in der Stadt zeigen, die dabey herrlich und in Freuden le⸗ ben. Lauter ehrliche Schlendrianſchlucker, die auf ihrem getretenen Schaafsſteige langſam und ſechsſinnig fortgehen, Hiſtorien ſchreiben, und Staatsſchriften, und von Recenſenten ge⸗ prieſen werden⸗ Maͤnner, Vetter, die wenn ſie das Schuſter⸗Handwerk gelernt, lebenslang Schuh' geflickt, und niemals ein Paar neue gemacht haben wuͤrden. 1 8 „84 1 —— 193 „Da ich merkte, daß bey dem Stande eines Unterlebrers keine ſonderliche Freude zu fiſchen waͤre, beſchloß ich, ſeinen Vorſchlag anzuneh⸗ men; und da ich die Litteratur in groſſen Ehren hielt, begruͤßte ich den hohen Muſenſitz im Buͤ⸗ chermachergaͤßchen mit tiefer Hochachtung. „ Fch hielt es mir fuͤr einen Ruhm, den Pfad zu betreten, den Dryden und Otway vor mir gewandelt haͤtten. Ich betrachtete die Goͤttinn dieſes Quartiers als die Mutter der Vortref⸗ lichkeit; und obgleich der Umgang mit der Welt zu Menſchenverſtande verhelfen kann, ſo hielt' ich dagegen die Armuth, welche dieſe Goͤttinn ausſpendet, fuͤr eine Pflegerinn des Genies. Den Kopf mit dieſen Betrachtungen angefuͤllt, ſetzte ich mich zum Werke; und weil ich fand, daß das Beſte, was noch zu ſagen uͤbrig, an der unrechten Seite waͤre, ſo entſchloß ich mich, ein Buch zu ſchreiben, das ganz und gar neu ſeyn ſollte. Es gelang mir, drey paradoxe Saͤtze mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit aufzu⸗ ſtutzen. Sie waren falſch, freylich, aber ſie waren neu. Die Edelſteine der Wahrheit ſind ſo oft von andern zu Markte gebracht, daß mir nichts weiter uͤbrig blieb, auszukramen, als einige ſchimmernde Sachen, die ihnen in der Ferne vollig aͤhnlich ſaͤhen. Der ganze Parnaß mag Zeuge ſeyn, was fuͤr eine eingebildete Wich⸗ tigkeit 194—— tigkeit auf meinem Federkiele tanzte, ſo lang ich daran ſchrieb. Ich zweifelte nicht, die ganze gelehrte Welt wuͤrde aufſtehn, mein Sy⸗ ſtem zu widerlegen, aber dagegen war ich auch bereit, der ganzen gelehrten Welt feſten Fuß zu halten; und gleich dem Stachelſchweine ſaß ich voller Tiefſinn, gegen jeden Gegner eine Federſpitze gerichtet.“, „Wohl geſagt, mein Sohn!, rief ich;„und was fuͤr eine Materie war es, die Du abhan⸗ delteſt? Ich hoffe, daß Du die Wichtigkeit der Monogamie nicht aus der Acht gelaſſen haſt⸗ Doch, ich unterbreche Dich; erzaͤhle weiter! Du gabſt Deine paradoxen Saͤtze heraus; nun gut, und was ſagte die gelehrte Welt zu Dei⸗ nen paradoxen Saͤtzen?, „Lieber Vater,,erwiederte mein Sohn,„die gelehrte Welt ſagte nichts zu meinen paradoxen Saͤtzen; nichts, lieber Vater, ganz und gar nichts. Alle hatten ihre Arbeit damit, ihre Freunde und ſich ſelbſt zu preiſen, oder ihre Feinde durchzuhecheln, und ihnen eine böoͤſe Viertelſtunde zu machen; und da ich ungluͤcklicher Weiſe weder Freund hatte, noch Feind, ſo erfuhr ich die erſchreck⸗ lichſte aller Demuͤthigungen, Vergeſſenheit. Als ich eines Tages in einem Kaffeehauſe ſaß⸗ 4 4 46 und — 193 und mir das Schickſal meiner paradoxen Säͤtze im Kopf umher laufen ließ, trat zufäͤlligerweiſe ein kleiner Mann ins Zimmer und ſetzte ſich na⸗ ben mir in den Verſchlag. Nach einigen vor⸗ gaͤngigen Geſpraͤchen, aus welchen er ſahe, daß ich ein Gelehrter waͤre, zog er ein Buͤndel Praͤ⸗ numerationsplane hervor, mit dem Erſuchen, ich moͤchte auf eine neue Ausgabe des Proper⸗ rius unterzeichnen, welche er im Begriff ſtuͤn⸗ de, mit Noten heraus zu geben. Dieß Anſin⸗ nen brachte nothwendigerweiſe die Antwort her⸗ vor, daß ich kein Geld haͤtte; und dieſes Ge⸗ ſtaͤndniß fuͤhrte ihn darauf, ſich zu erkundigen, was fuͤr Ausſichten ich vor mir haͤtte. Da er fand, daß meine Ausſichten eben ſo wichtig wa⸗ ren, als mein Beutel, brach er aus: Ich ſehe, Sie ſind hier mit der Stadt noch gar nicht be⸗ kannt, ich muß Ihnen wohl ein wenig zurecht helfen. Sehn Sie einmal dieſe Praͤnumera⸗ tionsſcheine an; bloß von eben dieſen Praͤnu⸗ merationsſcheinen habe ich ſeit zwoͤlf Jahren ganz gemaͤchlich gelebt. Den Augenblick, da ein Graf oder Baran von ſeinen Reiſen zu Hauſe koͤmmt, oder eine Mulatte von Jamaika, oder eine reiche adliche Wittwe von ihrem Landgu⸗ the, werf ich mein Netz aus nach Praͤnumera⸗ tion; fange damit an, daß ich ihre Herzen mit Schmeicheleyen koͤdere, und dann werf ich ihnen meine Angel mit Praͤnumerationsſcheinen vor⸗ N a Beiſſen 1. — 196— Beiſſen ſie gleich das Erſtemal an, ſo hab' ich ein zweytes Erſuchen, einen kleinen Handel um die Dedikation; kommen wir daruͤber zurecht⸗ ſo habe ich eine dritte Liebkoſung, wegen der geringen Unkoſten, ihr Familien⸗Wappe in Kupfer geſtochen voran drucken zu laſſen. Auf dieſe Weiſe,„ fuhr er fort,„„lebe ich von der Eitelkeit, und belache ſie. Aber, unter uns hier im Vertranen geſagt, ich bin ſchon ein wenig zu bekannt; Sie koͤnnten mir einen Ge⸗ fallen thun, wenn Sie mir Ihr Angeſicht ein bischen leihen wollten. Es iſt eben ein reicher Graf von ſeiner italiaͤniſchen Reiſe zuruͤck ge⸗ kommen; ſein Thuͤrhuͤter iſt ein Kerl, der mein Geſicht ſchon auswendig kennt; wenn aber Sie dieſe Verſe hinbringen wollen, ſo ſetze ich mein Leben darauf, er ruͤckt heraus, und dann wol⸗ len wir die Beute theilen.„ „Himmel! was ſagſt Du da, George!, rief ich.„Iſt daß das Geſchaͤft der Poeten henti⸗ ges Tags? Koͤnnen Maͤnner von ſo erhabnen Talenten ſich zum Betteln herab laſſen? Koͤn⸗ nen ſie ihren Beruf ſo ſchaͤndlich entehren, daß ſie Ruhm um Brodt verhandeln?,, 5 „Gar nicht, liebſter Vater,„erwiederte er⸗ „ein wahrer Dichter kann niemals ſo nieder⸗ traͤchtig ſeyn; denn jedes Genie iſt allemal ſtolz⸗ Die Geſchoͤpfe, welche ich hier beſchrieben, ſind weiter * . — 197 hts als Bettler in Reimen. So wie Dichter des Ruhms wegen jedem r tt, eben ſo ſehr fuͤrchtet er die Ver⸗ und nur ſolche, die keine Protektion nen, koͤnnen ſich ſo weit herunter laſſen, im Protektion zu kriechen.„ „Mein Gemuͤth war zu groß, mich zu ſol⸗ chen Niedertraͤchtigkeiten herab zu laſſen, und doch war mein Vermoͤgen zu klein, einen zwey⸗ ten Verſuch um Ruhm zu wagen; ich war alſo genoͤthigt, einen Mittelweg einzuſchlagen, und um Brodt zu ſchreiben. 8 „Aber ich taugte nichts zu einer Profeßion, wobey es blos auf den Fleiß der Haͤnde an⸗ koͤmmt. Ich konnte meine unter der Aſche glim⸗ mende Leidenſchaft fuͤr den Beyfall nicht unter⸗ druͤcken, ſondern verwendete gewoͤhnlich meine Zeit auf die reife Ausarbeitung ſolcher Materien, die nicht viel Raum anfuͤllten, da ich ſie viel vortheilhafter bey ſolchen mittelmaͤßigen Schrif⸗ ten haͤtte anwenden koͤnnen, welche huͤbſch in die Bogenzahl ſchlagen!, „Meine kleinen Abhandlungen kamen alſo mitten unter andern periodiſchen Schriften her⸗ aus, und blieben unbemerkt und unbekannt. . Das leſende Publikum hatte wohl etwas Wich⸗ tigers zu thun, als auf die ungekuͤnſtelte Ein⸗ N 3 falt 198—— falt und Leichtigkeit meines Styls, Harmonie meiner Perioden zu Heft nach dem andern ward zum oder gar in Makulatur geworfen⸗ 1 handlungen hatten einerley Grab mit den ſuchen uͤber die Freyheit, den morgenlaͤndiſchen Erzaͤhlungen, und dem Mittel wider den Biß eines tollen Hundes; indeſſen, daß Philautos, Philalethes, Philelutheros und Philanthropos alle beſſer ſchrieben, als ich, weil ſie geſchwin⸗ der ſchrieben.„ „Ich fing alſo nunmehro an, mich zu keinen andern, als meines gleichen verungluͤckten Schriftſtellern zu geſellen, welche ſich einander lobten, bedauerten und verachteten. Das Ver⸗ gnuͤgen, welches wir aus den Werken aller uͤbri⸗ gen beruͤhmten Schriftſteller ſchoͤpften, ſtand im umgekehrten Verhaͤltniß mit ihrem innerlichen Werth. Ich fand, daß das Genie bey einem andern mir kein Vergnuͤgen erwecken konnte⸗ Das Ungluͤck meiner paradoren Saͤtze hatte dieſe Quelle der Zufriedenheit gaͤnzlich verſtopft. Ich fand an nichts Wohlgefallen, weder am Leſen, noch am Schreiben; denn was ich bey andern Vortrefliches fand, war mir zuwider, und die Sahiiteſerleren war mein ſaures Hand⸗ werk., „Als ich ſo in dieſer fuuſtern Gemuüthsart ei⸗ nes Tags auf einer Bank in St. James. ſaß, 2 ſaß, kam ein junger Edelmann, von vielem Ver⸗ moͤgen, auf mich zu, mit dem ich auf der Uni⸗ verſitaͤt genau bekannt geweſen war. Wir gruͤßten einander mit einiger Verwirrung; er, ziemlich beſchaͤmt daruͤber, daß er mit jemand bekaunt waͤre, der einen ſo elenden Aufzug machte, und ich beſorgte, er moͤchte mich nicht kennen wollen. Allein meine Beſorgniß ver⸗ ſchwand gar bald, denn im Grunde war Herr Tornhill ein ganz gutherziger Menſch.„ „Was ſagſt Du da, George?, unterbrach ich.„Tornhill! Tornhill hieß der junge Mann? Das kann ja niemand ſeyn, als mein Guts⸗ herr.,—„Himmel! rief Madame Arnold, „iſt Herr Tornhill Ihr ſo naher Nachbar? Er iſt ſchon lange ein Freund von unſerm Hauſe, und wir erwarten naͤchſtens einen Beſuch von ihm. „Meines Freundes erſte Sorge,„fuhr mein Sohn fort,„war, meinem Aufzuge, durch eins von ſeinen beſten Kleidern, eine anſtaͤndigere Geſtalt zu geben, und darauf ward ich bey ſei⸗ nem Tiſche als ein halber Freund, und als ein halber Bedienter zugelaſſen. Meine Verrich⸗ tung war, mit ihm nach den Auctionen zu gehn, ihn aufgeraͤut tt zu erhalten, wenn er ſich ab⸗ mahlen ließ, ihm den linken Platz in ſeiner Kut⸗ ſche zu fuͤllen, wenn er dazu ſonſt niemand N 4 hatte, 200 8— — * hatte, und bey der Hand zu ſen, das Haus zum Fenſter hinaus zu werfen, wie der Aus⸗ druck war, wenn ihn ſeine Luſt zum Schwaͤr⸗ men anwandelte⸗ Auſſer dieſem hatt' ich noch zwanzigerley andere Verrichtungen im Hauſe. Ich mußte, was gefallen war, aufheben, was an der unrechten Stelle lag, an ſeinen rechten Ort bringen, ohne zu warten, daß mirs befoh⸗ len wuͤrde; ich durfte mich niemals ohne Kork⸗ zieher finden laſſen; mußte fuͤr ihn bey allen Kindern ſeiner Bedienten Gevatter ſtehn; ſin⸗ gen, wenn man mir's hieß; beſtaͤndig gehor⸗ ſamſt ergeben, imgleichen immer aufgeraͤumt, wenn ich konnte, immer vergnuͤgt ſeyn. 23 In dieſer Ehrenſtelle war ich gleichwohl nicht ohne Nebenbuhler. Ein See⸗Capitain, der von Natur fuͤr dieſen Poſten gebildet war, machte mir die Gunſt meines Patron ſtreitig. Seine Mutter war bey einem Manne vom Stande Waͤſcherinn geweſen, und dadurch hatt⸗ er fruͤhzeitig einen Geſchmack am Gelegenheit⸗ machen und Schmarotzen gewonnen. Dieſer Kriegsheld machte ſein vornehmſtes Studium daraus, mit Vornehmen von Adel Bekannt⸗ ſchaft zu haben; es hatten i ich verſchied⸗ ne derſelben ablaufen la gen ſeiner Dummheit; dennoch fand er manche dar⸗ unter, die eben ſo dumm waren,„als er, und ihn — 201 ihn gern um ſich hatten. Seine ganze Geſchick⸗ lichkeit beſtand im Schmeicheln; und dieſes ſein Gewerbe ging ihm leicht und behende von ſtat⸗ ten; ich hingegen war dariun umgewandt und ſteif; und da meines Patrons Begierde nach Schmeicheley taͤglich heiſſer wurde, und ich von Stunde zu Stunde ſeine Fehler beſſer kennen lernte, ſo ward ich immer abgeneigter, ihm Schmeicheleyen zu ſagen. Auf dieſe Weiſe ſtand ich abermals auf dem Sprunge, dem Capitain das Feld gutwillig zu raͤumen, als mein Freund Gelegenheit hatte, ſich meines Beyſtaudes zu bedienen. Dieſe war nichts weniger, als mich ſtatt ſeiner mit einem Edelmanne zu ſchlagen; deſſen Schweſter er ſchlecht begegnet haben ſollte. Ich war dazu bereit und willig, und, ob ich gleich einſah, mein lieber Vater, daß Sie mein Verfahren mißbilligen wuͤrden, ſo hielt ichs doch fuͤr eine unumgaͤngliche Freundſchafts⸗ pflicht, der ich mich nicht entziehen koͤnnte. Ich unternahm den Handel, entwaffnete meinen Gegner, und hatte bald darauf das Vergnuͤgen, zu finden, daß das Frauenzimmer weiter nichts waͤre, als eine gemeinſame Converſations⸗Da⸗ me, und ihr vorgeblicher Herr Bruder nichts anders, al uner, und ihr derzeitiger Protektor. Freundſchaftsdienſt ward mit den waͤrmſt Betheurungen der Dankbar⸗ keit aufgenommen; allein, mein Freund mußte . N 5 in 202—„ in wenigen Tagen die Stadt verlaſſen, und er wußte daher keine andre Art, wie er mir dienen ſollte, als durch eine Empfehlung an ſeinen Oheim, Sir William Toruhill, und an einen andern Herrn vom Stande, der einen anſehn⸗ lichen Poſten bey Hofe bekleidete. Sobald er abgereiſet, war es meine erſte S Sorge, das Em⸗ pfehlungsſchreiben an ſeinen Oheim zu uͤber⸗ bringen; ein Mann, der wegen ſeiner Tugend uͤberall, und mit Recht geprieſen wurde. Sei⸗ ne Bediente empfingen mich ungemein hoͤflich und freundlich; denn aus den Blicken des Ge⸗ ſindes kann man ziemlich ſicher auf die Gemuͤths⸗ art der Herrſchaft ſchlieſſen. Nachdem ich in ein groſſes Zimmer gefuͤhret worden, in wel⸗ chem Sir William Tornhill ſehr bald zu mir kam, uͤbergab ich meinen Brief, welchen er las⸗ Nach einigem darauf erfolgten Stillſchweigen ſagt' er zu mir: Seyn Sie doch ſo guͤtig, und ſagen mir, was Sie fuͤr meinen Vetter gethan haben, das eine ſo dringende Empfehlung ver⸗ dient hat? Doch, mein Herr, ich kann Ihr Verdienſt ziemlich muthmaßlich errathen; Sie haben ſich fuͤr ihn geſchlagen, und ſo, meynen Sie, ſoll ich Sie dafuͤr belohnen, daß Sie ſo das Werkzeug ſeiner Laſter ſind 2 ch wuͤnſche, aufrichtig wuͤnſche ich, daß dieſe meine Abwei⸗ ſung ein wenig zur Strafe fuͤr Ihr Vergehen dienen moͤge; noch mehr aber wuͤnſche ich, daß s — 203 es Ihnen eine Veranlaſſung zur Reue und Beſ⸗ ſerung werden moͤchte.— Ich hoͤrte dieſen ſtrengen Vorwurf mit Geduld, weil ich fuͤhlte, daß er gerecht war. Meine ganze Hoffnung beruhete alſo nunmehr auf dem Schreiben an den Miniſter. Da die Thuͤren ſolcher Herren faſt beſtaͤndig von Bettlern belagert ſind, die alle mit ihren verſchiedenen Supplicken eindrin⸗ gen wollen, ſo fand ichs gar nicht leicht, vor⸗ gelaſſen zu werden. Indeſſen, nachdem ich die Bediente mit der Haͤlfte meines ganzen zeitli⸗ chen Vermoͤgens beſtochen hatte, ward ich in ein geraͤumliches Vorzimmer gefuͤhrt, meinen Brief aber hatte man vorher ſchon Sr. Excel⸗ lenz uͤberbracht. Waͤhrend der Zeit meines aͤngſtlichen Harrens hatt' ich Zeit und Weile, mich herum zu ſehn. Alles, was ich ſah, war groß und köͤſtlich: die Gemaͤhlde, die Tapeten, die Vergoldung, alles machte mich faſt vor Ehrfurcht zum Steine, und gab mir einen ho⸗ hen Begriff von dem Eigner. Ha, dachte ich bey mir ſelbſt, wie groß muß nicht der Beſitzer aller dieſer Sachen ſeyn, der alle Geſchaͤfte des Tages in ſeinem Kopfe hat, und deſſen Haus faſt den halben Schatz eines Koͤnigreichs auf⸗ weiſet! Gewiß, ſein Genie muß unergruͤndlich ſeyn!“ 18 „Derweil ich dieſe ehrfurchtsvollen Betrach⸗ tungen machte, hoͤrte ich jemand ſich mit 8 lang⸗ N 204— langſamen Schritten naͤhern. Ha! das wird der groſſe Mann ſelbſt ſeyn! Nein, es war das Kammermaͤdchen. Bald darauf hoͤrte ich von neuem Fußtritte. Das muß er ſeyn! Nein, es war nur des groſſen Mannes Kammerdiener⸗ Endlich kam Se. Excellenz wirklich zum Vor⸗ ſchein. Sind Sie, redete er mich an, ſind Sie der Ueberbringer dieſes Schreibens? Ich ant⸗ wortete mit einer tiefen Verbeugung. Ich er⸗ ſehe daraus,“ fuhr er fort,„welcher geſtalten Sie— gerade aber bey dieſen Worten uͤbergab ihm ein Bedienter ein verſiegeltes Papier, und, ohne daran zu denken, daß ich gegenwaͤrtig waͤre, verließ er das Zimmer, und gab mir Raum, mein Herz an meiner groͤſſen Gluͤckſe⸗ ligkeit zu weiden. Ich bekam ihn nicht eher wieder zu ſehen, bis ein Lakey mir ſagte, Se. Excellenz waͤren im Begriff, in den Wagen zu ſteigen, der vor der Thuͤre hielt. Augenblick⸗ lich folgte ich ihm die Treppe hinunter, und vereinigte meine Stimme mit drey oder vier andern, die, eben wie ich, gekommen waren, Gunſtbezeugungen zu erbitten. Se. Excellenz waren uns indeſſen zu ſchnell, und gewannen mit langen Schritten die Kutſchenthuͤre, waͤh⸗ rend das ich mit lauter Stimme bat, zu erfah⸗ ren, ob ich eine Antwort erhalten ſollte? Er war unter der Zeit ſchon im Wagen, und mur⸗ melte eine Antwort, davon ich nur die eine Hälfte 1 — 205 Paäaͤlfte hoͤrte, die andre Haͤlfte aber ſich in dem Raſſeln der Kurſchenraͤder verlor. Ich blieb eine Weile mit ausgerecktem Halſe ſtehen, in der Stellung eines Menſchen, der emſig auf einen lieblichen Schall horcht, bis ich um mich herum ſah, und mich ganz allein vor Sr. Excellenz Thuͤre erblickte.„r 4 1 „Meine Gehuld,“ fuhr mein Sohn fort, „war nunmehr ziemlich erſchoͤpft. Voller Ver⸗ druß uͤber die tauſenderley Erniedrigungen, die ich hatte erfahren muͤſſen, war ich entſch loſſen, mich wegzuwerfen, und wußte nur noch nicht den Abgrund, der mich aufnehmen wollte. Ich berrachtete mich als eins von denen nichtswuͤr⸗ digen Dingen, welche die Natur beſtimmt hat, aus dem Wege in ihre Polterkammer geworfen zu werden, um daſelbſt in der Vergeſſenheit zu verſpacken. Ich hatte indeſſen noch, eine halbe Guinee in Vermoͤgen, und dieſe, dacht' ich, ſoll⸗ te mir das Gluͤck ſelbſt nicht abzwacken: um davor aber ſicher zu ſeyn, entſchloß ich mich, den Augenblick hinzugehen, und ſie anzulegen, weil ich ſie noch haͤtte, und dann uͤbrigens ru⸗ hig zu erwarten, wie es gehen wollte. Als ich mit dieſer Entſchlieſſung fortwandelte, begab ſichs, daß mir Herrn Cripſens Addreß⸗Comtoir zu Geſicht kam, und mich zu einem freundli⸗ chen Willkommen einzuladen ſchien, in dieſem 5 3 Addreß⸗ ₰—— Addreß⸗Comtoir wird jedem von Sr. Majeſtaͤt Unterthanen auf eine ſehr freundliche Art das großmuͤthige Verſprechen von hundert funfzig Reichsthaler des Jahrs gethan, fuͤr welches Verſprechen ſie gar weiter nichts zu leiſten ha⸗ ben, als Lebenslang ihrer Freyheit zu entſagen, und ſich nach Amerika in Sklaverey ſchicken zu laſſen. 88 5 Ich war erfreuet, einen Ort zu finden wo⸗ ulvi ich durch einen verzweifelten Streich mei⸗ nen Sorgen ein Ende machen koͤnnte, und ging in dieſe Zelle, denn davon hat es einen Anſchein, mit aller Andacht eines Bettelmoͤnchs hinein⸗ Hier fand ich eine Anzahl ſolcher Geſchoͤpfe, die ſich alle mit mir in armſeligen Umſtaͤnden be⸗ fanden, die Ankunft des Herrn Cripſens erwar⸗ teten, und einen kurzen Auszug der engellaͤn⸗ diſchen Heftigkeit darſtellten. Lauter unbieg⸗ ſame Seelen, die mit dem Gluͤck im Zwiſt leb⸗ ten, und deſſen Unfreundlichkeit mit wuͤthen⸗ dem Gewuͤhl in ihren eigenen Eingeweiden raͤ⸗ cheten. Herr Cripſen kam endlich herunter, und unſer Getobe ward mit einem Wink geſtillt. Er geruhete, mich mit einer Miene des vorzuͤg⸗ lichſten Beyfalls zu betrachten; und in der That war er der erſte Mann, der mich ſeit einem Mo⸗ nat mit Laͤcheln angeredet hatte. Nachdem er mir ein Pasr Fragen gethan hatte, befand er⸗ daß & —— 20) daß ich zu Allem in der Welt Geſchicklichkeit hatte. Er ſann eine Weile ſtillſchweigend nach, was er fuͤr mich ausfuͤndig machen koͤnnte, klatſchte ſich darauf vor die Stirn, als ob ers gefunden haͤtte, und verſicherte mich, daß man eben davon ſpraͤche, daß der Synod zu Pen⸗ ſylvanien eine Geſandtſchaft an die Chikaſaws in Indien ſchicken wollte, und daß er ſein Moͤg⸗ liches thun wuͤrde, mir bey derſelben die Stelle eines Sekretairs zu verſchaffen.“ An „Ich war in meinem Gewiſſen uͤberzeugt, daß der Kerl loͤge, und dennoch fand ich ein Ver⸗ gnuͤgen an ſeinem Verſprechen; es klang ſo praͤchtig! Ich theilte alſo ganz ehrlich meine halbe Guinee; die eine Haͤlfte davon reiſte hin, einen Haufen von dreyßigtauſend Pfunden zu vermehren, und mit der andern Haͤlfte nahm ich mir vor, nach dem naͤchſten Wirthoͤhauſe zu gehen, und daſelbſt vergnuͤgter zu ſeyn, als er.“ „Als ich mit dieſem Entſchluſſe aus dem Hau⸗ ſe trat, ſtieß ich auf den Capitain eines Schiffs, mit dem ich wohl ehedem einige wenige Be⸗ kanntſchaft gehabt hatte, und er nahm mein Anerbieten an, mir bey einer Bovle Punſch Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten. Nach meiner Gewohnheit machte ich ihm kein Geheimniß aus meinen Um⸗ uden, und er verſicherte mich, daß ich amm Rande des Abgrundes ſtuͤnde, wofern ich auf 4 Herr 1½ 208—— 8 Herr Cripſens Verſprechungen bauete; denn er haͤtte gewiß keine audre Abſicht, als michean einen Pflaͤnzer zu verkaufen. Aber, fuhr er fort, mich deucht, Sie koͤnnen durch eine weit kuͤrzre Reiſe zu dem Wege gelangen, auf wel⸗ chem Sie gemaͤchlich und mit Ehren Ihr Brodt verdienen koͤnnen. Folgen Sie meinem Rath; mem Schiff ſegelt morgen nach Amſterdam ab. Was meynen Sie, wenn Sie als Paſſagier mit⸗ gingen? den Augenblick, wenn Sie Fuß ans Land ſetzen, haben Sie weiter nichts zu thun, als die Hollaͤnder im Engliſchen zu informiren, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie ſollen Schuͤler und Geld die Menge bekommen. Ich hoffe, Sie wer den nunmehr wohl recht Engliſch wiſſen, ſetzte er hinzu, oder es muͤßte mit dem Henker zugehen!— Ich verſicherte ihn dieſes ganz zuverſichtlich, ließ ihn aber meinen Zwei⸗ fel merken, ob auch die Hollaͤnder Luſt haben moͤchten, Engliſch zu lernen. Er betheuerte mit einem Eide, ſie waͤren ganz naͤrriſch darauf verpicht; und auf dieſe Verſicherung genehmigte ich ſeinen Vorſchlag, und ſchiffte mich des fol⸗ genden Tages ein, um die Holländer in Am⸗ ſterdam Engliſch zu lehren. Der Wind war gut, unſre Reiſe kurz, und nachdem ich meine Fahrt mit der Haͤlfte meiner beweglichen Guͤter bezahlt hatte, befand ich mich, als aus den Wolken gefallen, ein Fremdling in einer Haupe⸗ 2 gaſſe 209 gaſſe zu Amſterdam. Unter dieſen Umſtaͤnden wollte ich nicht gerne die geringſte Zeit vorbey⸗ ſtreichen laſſen, ſondern gleich meine Lections anfangen. Ich wendete mich derhalben an zwo oder drey Perſonen, die mir begegneten, und deren Aeuſſerliches mir am meiſten zu verſpre⸗ chen ſchien. Es war aber unmoͤglich, uns ein⸗ ander verſtaͤndlich zu machen. Nur erſt dieſen Augenblick fiel mirs ein, daß, um die Holläaͤn⸗ der Engliſch zu lehren, ich nothwendiger Weiſe erſt von ihnen Hollaͤndiſch lernen muͤßte. Wie ich dazu kam, eine ſo in die Augen fallende Schwierigkeit zu uͤberſehen, iſt mir noch bis dieſe Stunde unbegreiflich, aber eben ſo gewiß iſt es, daß ich nicht daran gedacht hatte.⸗ „Dieß Plaͤnchen war alſo vereitelt, und ich ſann ſchon darauf, ganz geduldig wieder nach England zuruͤck zu ſchiffen; zufaͤlliger Weiſe aber gerieth ich mit einem irrlaͤndiſchen Studen⸗ ten in Geſellſchaft, der von der Univerſttaͤt Loe⸗ ven kam, und unſer Geſpraͤch fiel auf litte⸗ rariſche Materien;(denn im Vorbeygehen muß ich anmerken, daß ich allemal vergaß, in was fuͤr ſchlechten Umſtaͤnden ich mich befand, wenn es Gelegenheit gab, uͤber dergleichen zu ſprechen.—) Von ihm erfuhr ich, daß auf dieſer ganzen Univerſitaͤt ſich nicht zween Maͤn⸗ ner befaͤnden, welche Griechiſch verſtuͤnden. OH Die⸗ 210— Dieſe Nachricht ſetzte mich in Erſtaunen. Ich entſchloß mich auf der Stelle, nach Loeven zu reiſen, und daſelbſt mein Brodt mit dem Grie⸗ chiſchen zu verdienen; und in dieſem Vorhaben ward ich von meinem Herrn Bruder Studenten beſtaͤrkt, der ſich nicht undentlich merken ließ⸗ es waͤre damit ein groſſes Gluͤck zu machen⸗ „Den folgenden Tag trat ich meine Reiſe herzhaft an. Jeder Tag erleichterte die Buͤrde meines Reiſegeraͤths; es ging mir wie dem Ae⸗ ſop mit ſeinem Eßkorbe; denn ich bezahlte da⸗ mit den Hollaͤndern das Nachtlager. Als ich in Loeven angelangt, wollte ich mich nicht lange bey den niedrigen Profeſſoren herum buͤcken, ſondern ging gerade zum Prorecktor ſelbſt, um ihm meine Talente vorzulegen. Ich ging zu ihm, ward vorgelaſſen, und bot meine Dienſte an, als Profeſſor der griechiſchen Sprache, weil ich vernommen, daß dieſer Lehrſtuhl der Univerſitaͤt noch abginge. Anfangs ſchien der Prorecktor meine Habilitaͤt zu bezweifeln; hie⸗ von aber erbot ich mich, ihn dadurch zu uͤber⸗ zeugen, daß ich eine Stelle, aus welchem grie⸗ chiſchen Autor er ſelbſt waͤhlen wuͤrde, ins La⸗ tein vertiren wollte. Als er ſahe, das es mein Ernſt waͤre, redete er mich folgendermaſſen an: So wie Sie mich hier ſehen, mein junger Herr Magiſter, muß ich Ihnen ſagen, daß ich 5 nie⸗ 1— 2Tr niemals Griechiſch gelernet habe, und daß ich doch allemal ohne daſſelbe ſehr gut zurecht ge⸗ kommen bin. Ich habe die Doktorwuͤrde er⸗ halten, ohne das Griechiſche; ich habe jaͤhrlich meine zehntauſend Gulden, ohne das Grie⸗ chiſche; mir ſchmeckt Eſſen und Trinken herzlich gut, ohne das Griechiſche; und kurz und gut, fuhr er fort, weil ich kein Griechiſch weiß, ſo glaub' ich auch nicht, daß das Griechiſche zu Etwas nuͤtze ſey.. „Ich war nunmehro zu weit von meiner Heymath entfernt, um auf die Ruͤckkehr zu den⸗ ken; alſo entſchloß ich mich, weiter zu gehen. Ich verſtand ein wenig Muſik, und hatte eine ertraͤgliche Stimme, und machte nun daraus ein Brodtgewerbe, was ich zu meinem bloſſen Zeitvertreibe gelernet hatte. Ich half mir da⸗ mit bey den gutherzigen flaͤmiſchen Bauren durch, und auch bey denen von den franzoͤſiſchen, welche arm genug waren, um froͤlich zu ſeyn; denn ich habe immer gefunden, daß ihre Munterkeit nach dem Maaſſe ihres Mangels zunimmt. Wenn ich bey Einbruch des Abends an ein Bauerhaus kam, ſpielte ich Eins von meinen luſtigen Stuͤ⸗ cken, und das verſchaffte mir nicht nur ein achtlager, ſondern meinen Unterhalt auf den folgenden Tag dazu. Ein oder ein Paar Mahl verſuchte ichs, mich vor Leuten vom Stande H 2 hoͤren 112—— horen zu laſſen; denen konnte ich aber niemals zu Dank ſpielen, und von ihnen erhielt' ich nicht das allergeringſte fuͤr meine Muͤhe. Dieß kam mir um deſto ſonderbarer vor, weil, wenn ich dazumal, als ich noch in meinem Wohlſtande war, und die Muſik bloß aus Liebhaberey trieb, in einer oder der andern Geſellſchaft ſpielte, meine Muſik ſie immer zum Entzuͤcken brachte, und die Damen beſonders. Allein, da es jetzt mein einzig Gewerbe war, ſo ward es mit Ver⸗ achtung aufgenommen; ein Beweis, wie ge⸗ neigt die Welt iſt, ſolche Talente gering zu ſchaͤtzen, womit ein Mann ſein Brodt verdient.“ „Auf die vorbeſchriebene Art erreichte ich Paris, und hatte bloß die Abſicht, mich einmal darinn umzuſehen, und dann meinen Stab wei⸗ ter zu ſetzen. Die Leute zu Paris haben die Fremden viel lieber, die viel Geld im Beutel haben, als Witz im Kopfe. Da ich mich ſo wenig mit dem Einen noch mit dem Andern bruͤſten konnte, durft' ich auf ihre Gunſt nicht ſehr rechnen. Nachdem ich vier oder fuͤnf Tage die Gaſſen durchwandert, und das Auswendige der beſten Haͤuſer beſehen hatte, machte ich mich fertig, dieſen Sitz der feilen Gaſtfreyheit zu verlaſſen, da ich, indem ich durch eine der Hauptſtraſſen ging, einem Mann begegnete, der niemand anders war, als unſer Herr Vet⸗ ter/ — 113 ter, dem Sie mich in London empfohlen hatten. Dieſe Begegniß nun war mir hoͤchſt angenehm, und ich glaube, auch ihm nicht unangenehm. Er erkundigte ſich nach der Urſache meiner Pa⸗ riſer Reiſe, und gab mir Nachricht von ſeinen eigenen Verrichtungen daſelbſt, welche darinn beſtanden, daß er fuͤr einen Herrn in London Gemaͤhlde, alte Muͤnzen, geſchnittne Steine und allerley Anticken ſammelte, welcher eben ein groſſes Vermoͤgen und Geſchmack geerbt hatte. Ich war um ſo mehr verwundert, wie man zu dieſem Geſchaͤft auf unſern Vetter ver⸗ fallen waͤre, da er mich oft ſelbſt verſichert hatte, daß die Kunſt gar nicht ſeine Sache waͤre. Als icch ihn fragte, wie er ſo bald dazu gekommen ſey, ein Kunſtkenner zu werden, verſicherte er mich, nichts in der Welt waͤre leichter. Das ganze Geheimniß ſtecke darinn, ſich genau an zwey Regeln zu halten; die Eine, beſtaͤndig zu bemerken, daß das Gemaͤhlde haͤtte beſſer ſeyn koͤnnen, wenn der Mahler ſich mehr Muͤhe ge⸗ geben haͤtte; und die Andre, von den Werken des Pietro Perugino viel Lobens zu machen. Allein, ſagte er, wie ich Sie ehedem in London gelehret habe, Autor zu werden, ſo nehm ichs itzt auf mich, Sie in der Kunſt zu unterweiſen, wie man in Paris Gemaͤhlde einkaͤuft. „Ich ging den Vorſchlag ganz willig ein, denn er verſchaffte mir das taͤgliche Brodt; und H 3 das 214 das zu verdienen war itzt mein gauzer Ehrgeitz. Ich ging deswegen nach ſeiner Wohnung, ver⸗ beſſerte durch ſeine Beyhuͤlfe meinen Aufzug, und nach einiger Zeit ging ich mit ihm in die Gemaͤhlde⸗Auction, welche man den Kaͤufern unter den bemittelten Engelaͤndern zu Gefallen anſtellt. Ich war nicht wenig verwundert uͤber ſeine genaue Bekanntſchaft mit Perſonen vom erſten Range, welche bey jedem Gemaͤhlde, oder jeder alten Muͤnze ſein Urtheil, als eine untruͤgliche Richtſchnur des Geſchmacks, zu Rathe zogen. Bey ſolchen Gelegenheiten machte er ſich meinem Beyſtand ſehr gut zu nutz; denu wenn man ihn um ſeine Meynung fragte, pflegte er mich ganz bedenklich auf die Seite zu ziehen, als ob er die Meinige hoͤren wollte, zuckte denn die Achſeln, machte eine weiſe Miene, kehrte wieder zur Geſellſchaft, und verſicherte ſie, die Sache waͤre zu wichtig, als daß ers wagen koͤnnte, ſeine Meynung zu geben. Zuweilen aber traf ſich die Gelegenheit, daß er mit mehr Zuverſichtlichkeit entſcheiden konnte. Ich erin⸗ nere michs, geſehn zu haben, daß er, nachdem er von einem Gemaͤhlde entſchieden hatte, es habe ein zu krelles Kolorit, ganz bedaͤchtlich einen Pinſel mit braunem Firniß nahm, der eben bey der Hand lag, und damit, im Ange⸗ ſicht der ganzen Geſellſchaft, gerade als ob ers recht verſtuͤnde, uͤber das Gemaͤhlde derndes un — 213 und darauf fragte, ob nunmehr die Tinten nicht viel gewonnen haͤtten?“ „Als er ſeine Commißion zu Paris geendigt hatte, ließ er mich daſelbſt zuruͤck, mit nach⸗ druͤcklichen Empfehlungen an verſchiedene Leute vom Stande, als einen Mann, der alle Ei⸗ genſchaften eines Hofmeiſters auf Reiſen hätte; und nach einiger Zeit ward ich zu einer ſolchen Stelle von einem Manne berufen, der ſein Muͤndel nach Paris gebracht hatte, um ſolchen von da die weitere Reiſe durch Europa antreten zu laſſen. Ich ſollte der Hofmeiſter dieſes jun⸗ gen Herrn ſeyn, mit dem Vorbehalten jedoch, daß er beſtaͤndig thun koͤnnte, was er wollte. Im Grunde verſtand auch mein Untergebner die Kunſt des Fuͤhrens, in Geldſachen, viel beſſer als ich. Er war Erbe von ohngefehr einer Million Thaler, die ihm ein Oheim in Weſtindien nachgelaffen hatte; und ſeine Vor⸗ muͤnder, um ihn zu der Verwaltung dieſes Vermoͤgens deſtv geſchickter zu machen, hatten ihn bey einem Rentenirer in die Lehre gethan. Daher war denn der Geitz ſeine herrſchende Leidenſchaft geworden. Alle ſeine Fragen un⸗ terwegens gingen dahin, wie man Geld er⸗ ſparen koͤnnte? wie man auf die wohlfeilſte Art reiſte? ob man dieſes oder jenes kaufen koͤnnte, worauf in London ein guter Schnitt zu machen 8 4 waͤre? 216 waͤre? Solche Seltenheiten auf unſrer Reiſe, die umſonſt gezeigt wurden, war er willig ge⸗ nug zu beſehen; wo es aber das geringſte koſtete, pflegte er zu ſagen, er wuͤßte ſchon, daß es der Muͤhe nicht lohnte hinzugehen. Niemals bezahlte er einem Wirth eine Rechnung, ohne ſich zu beklagen, daß die Reiſen entſetzlich viel koſteten, und bey alledem war er erſt ein und zwanzig Jahr alt. Als wir zu Livorno ange⸗ kommen waren, und eines Tages am Hafen ſpatzieren gingen, um die Schiffe zu beſehen, erkundigte er ſich ſorgfaͤltig, was die Reiſe zur See nach England koſtete? Er erfuhr, es waͤxe eine geringe Kleinigkeit, im Vergleich deſſen, was es ihm koſten wuͤrde, wenn er zu Lande zuruͤckkehrte, und deswegen konnte er der Ver⸗ ſuchung unmoͤglich widerſtehen; und ſo damit zahlte er mir den kleinen Gehalt aus, ſo weit ſolcher fällis war, nahm Abſchied von mir, ſetzte ſich mit einem einzigen Bedienten zu Schiffe, und ſo nach London.⸗ „Ich ward hierdurch von neuent in die weite Welt verſetzt; doch war das eine Sache, der ich ſchon gewohnt war. Itzt aber konnten mir meine muſikaliſchen Geſchicklichkeiten in einem Lande nichts helfen, wo jeder Bauer ein beſſe⸗ rer Muſikus war, als ich; doch um dieſe Zeit hatt' ich bereits ein ander Talent erworben, wel⸗ ches —— 217 ches meinem Endzwecke eben ſo gut entſprach, und dieß war eine Fertigkeit im Diſputiren. Auf allen auswaͤrtigen Univerſitaͤten und in den Kloͤſtern werden auf gewiſſe Tage philoſophiſche Theſes aufs Catheder gebracht, und jedem Fremden iſt dabey erlaubt zu opponiren; bewei⸗ ſet der Opponent dabey nur einigermaſſen vor⸗ zuͤgliche Geſchicklichkeit, ſo hat er Anſpruch auf eine Erkenntlichkeit an Gelde, auf eine Mahlzeit, und auf ein Nachtlager. Auf dieſe Weiſe focht' ich mich auf meinem Wege nach England durch, ging vrn Stadt zu Stadt, unterſuchte die Men⸗ ſchen beſſer in der Raͤhe, und wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, beſah ich das Gemaͤhlde auf beyden Seiten. Viele Bemerkungen hab' ich indeſſen eben nicht gemacht. Ich fand, daß die Monarchie die beſte Regierungsform fuͤr die Ar⸗ me iſt, und die Republikaniſche fuͤr die Reichen. Ich fand, daß Reichthum uͤberhaupt in jedem Lande ein anderer Name fuͤr Freyheit iſt, und daß kein Menſch zu finden iſt, re mag die Freyheit ſo⸗ ſehr lieben, als er will, der nicht eine Neigung haben ſollte, den Willen einiger ſeiner Mitbuͤr⸗ ger ſeinem eigenen zu unterwerfen.“ „ Bey meiner Ankunft in England war ich entſchloſſen, erſt Ihnen meinen kindlichen Ge⸗ horſam zu bezeigen, und dann als Freywilliger bey der erſten beſten Gelegenheit in Dienſte zu O 5 2 gehen. 218 gehen. Allein, mein Entſchluß wurde auf mei⸗ ner Reiſe zu Ihnen geaͤndert, da ich einen al⸗ ten Bekannten antraf, der, wie ich fand, zu einer Schauſpieler⸗Geſellſchaft gehoͤrte, welche auf der Reiſe begriffen war, den Sommer uͤber auf dem Lande zu ſpielen. Die Geſellſchaft ſchien nicht abgeneigt, mich aufzunehmen. In⸗ deſſen ſagten ſie mir alle, die Profeßion, welcher ich mich widmen wollte, waͤre keinesweges ſo leicht; das Publikum waͤre ein vielkopfigtes Monſtrum, und wer ihm gefallen wollte, muͤß⸗ te einen ſehr guten Kopf haben; agiren lieſſe ſich nicht in Einem T Tage lernen, und ohne gewiſſe Meiſtergriffe, die man auf dem Theater, und nur auf dem Theater allein, ſeit hundert Jah⸗ ren durch muͤndlichen Unterricht erlernen koͤnn⸗ te, muͤßte ich mir nicht einbilden, dem Publi⸗ kum gefallen zu wollen. Die naͤchſte Schwie⸗ rigkeit war„Wwoher ich Rollen bekommen wollte, weil faſt alle bereits beſetzt waͤren. Wenn ich meynte, ich haͤtte eine, ſo ward ſie mir durch einen andern ſtreitig gemacht, bis es endlich bey dem Horazio blieb, den mich die Anweſen⸗ heit der gegenwaͤrtigen Geſellſchaft verhinderte vorzuſtellen⸗“ — 219 Ein und zwanzigſtes Kapitel. Kurze Dauer der Freundſchaft unter laſter⸗ haften Leuten; ſie gehr nicht weiter, als die Befriedigung der gegen⸗ waͤrtigen Wuͤnſche. N eines Sohnes Erzaͤhlung war zu lang, um ſie mit einem male zu Ende zu bringen; den erſten Theil derſelben begann er dieſen Abend, und des folgenden Tages nach Tiſche war er eben beym Schluß derſelben, als die Erſcheinung des Herrn Tornhills mit ſeinem Geſpann vor der Hausthuͤre eine Pauſe in der allgemeinen Zufriedenheit zu machen ſchien. Der Tafeldecker im Hauſe, der nunmehr mein Freund geworden war, raunte mir die Nach⸗ richt ins Ohr, daß Herr Tornhill der Miß Wil⸗ mot bereits einige Antraͤge gethan habe, und daß Herr Arnold und Madam mit der Heyrath hoͤchſt zufrieden zu ſeyn ſchienen. Als Herr Tornhill hereintrat, und mich und meinen Sohn erblickte, ward er ſehr ſtutzig, ich war aber ge⸗ neigt, ſolches mehr ſeiner Verwunderung als ſeinem Mißvergnuͤngen zuzuſchreiben. Als wir uns indeſſen naͤherten, ihm zu bewillkommen, erywiederte er unſre Begruͤſſung mit der ſchein⸗ barſten Aufrichtigkeit, und in ſehr kurzer Zeit ſchien ſeine Gegenwart die allgemeine Mun⸗ terkeit 220—— terkeit mehr zu vergroͤſſern, als zu verriu⸗. gern. Nach dem Thee nahm er mich auf die Seite, um ſich nach meiner Tochter zu erkundigen; als ich ihm aber ſagte, daß mein Nachforſchen ver⸗ gebens geweſen, aͤuſſerte er eine groſſe Verwun⸗ derung; und fuͤgte hinzu, daß er ſeitdem fleiſ⸗ ſig in meinem Hauſe geweſen, um die Meini⸗ gen zu troͤſten, die er alle in vollkommnem Wohlſeyn verlaſſen haͤtte. Er fragte mich dar⸗ auf, ob ich ihr Ungluͤck Miß Wilmot oder mei⸗ nem Sohn erzaͤhlt haͤtte? Und auf meine Ant⸗ wort, daß ſolches bis jetzo noch nicht geſchehen, lobte er meine Klugheit und Vorſicht auſſeror⸗ dentlich, mit dem Ratbe, es ja um alle Welt geheim zu halten:„Denn aufs Beſte“ fuhr er fort,„hieß es doch nur eigene Schande in der Leute Maͤuler bringen; und vielleicht iſt Miß Olivia nicht einmal ſo ſchuldig, als wir alle uns einbilden.“ Wir wurden hier durch einen Bedienten unterbrochen, welcher kam, den Jun⸗ ker zum Tanzen zu ruſen; ſo, daß er mich ganz vergnuͤgt uͤber den Antheil verließ, den er an meinen Angelegenheiten zu nehmen ſchien⸗ Se ne Bewerbungen um Miß Wilmot waren unterdeſſen zu deutlich, daß man ſich darinn haͤtte irren koͤnnen: und gleichwohl ſchien ſie keine groſſe Freude daruͤber zu haben, ſondern duldete ſolche vielmehr aus Gefaͤlligkeit gegen den — 121 den Willen ihrer Tante, als aus wahrer Nei⸗ gung. Ich hatte ſogar das Vergnuͤgen zu ſe⸗ hen, daß ſie einige guͤtige Blicke auf meinen ungluͤcklichen Sohn warf, welche der Andere ihr weder durch ſeinen Reichthum, noch durch ſeine fleißige Aufwartung entreiſſen konnte. Herrn Tornhills anſcheinende Ruhe unterließ indeſſen nicht, mich ſehr zu befremden. Er war nun ſchon auf Herrn und Madame Arnolds dringendes Noͤthigen eine ganze Woche hier ge⸗ weſen; aber jemehr Zaͤrtlichkeit Miß Wilmot von Tage zu Tage gegen meinen Sohn blicken ließ, je mehr ſchien er an Freundſchaft fuͤr mei⸗ nen Sohn zuzunehmen. Er hatt' uns laͤngſt die guͤtigſten Verſicherungen gegeben, daß er alle ſein Anſehen anwenden wollte, der Familie nuͤtzliche Dienſte zu leiſten; aber itzt begnuͤgte ſich ſeine Großmuth nicht mit bloſſen Verſpre⸗ chungen. An dem Morgen, den ich zu meiner Abreiſe veſtgeſetzt hatte, kam Herr Tornhill mit herzlich froher Miene zu mir, um mir den Freundſchaftsſtreich zu erzaͤhlen, den er fuͤr meinen Sohn Georgen ausgeuͤbt haͤtte. Der beſtand in nichts geringerem, als daß er ihm bey einem von den Regimentern, die nach Weſt⸗ indien marſchiren ſollten, ein Faͤhndrichspatent verſchafft, wofuͤr er bloß fuͤnfhundert Reichs⸗ thaler verſprochen, indem ſein Anſehen ſo viel vermocht, daß er es um zwey Drittheil wohl⸗ 8 feiler, 222 K feiler, als gewoͤhnlich, erhalten haͤtte.„Fuͤr dieſen geringfuͤgigen Freundſchaftsbeweiß,“ fuhr mein junger Guthsherr fort,„verlange ich keine andre Belohnung, als das Vergnuͤgen, meinem Freunde gedient zu haben; und was die fuͤnfhundert Reichsthaler betrift, ſo will ich, falls es Ihnen itzt beſchwerlich fallen ſollte, ſol⸗ che ſogleich herbey zu ſchaffen, das Geld vor⸗ ſtrecken, und Sie moͤgen es mir nach Ihrer ei⸗ genen Bequemlichkeit wieder bezahlen.“ Dieß war eine ſo groſſe Gefaͤlligkeit, daß es uns an Worten fehlte, ihm unſere Dankbarkeit zu er⸗ kennen zu geben. Ich ſtellte alſo augenblicklich fuͤr die Summe eine Obligation aus, und be⸗ zeigte ihm dabey eine ſo groſſe Erkenntlichkeit, als ob ich nie willens geweſen waͤre, zu bezahlen. George ſollte gleich des folgenden Tages nach der Stadt abreiſen, um Beſitz von ſeiner Stelle zu nehmen, zufolge der Auweiſung ſeines groß⸗ muͤthigen Patrons, welcher alles Saͤumen fuͤr hoͤchſt gefaͤhrlich hielt, damit nicht unterdeſſen ein Anderer darzwiſchen kaͤme, und ihn uͤberboͤte. Des folgenden Morgens war alſo unſer junger Officier ſehr fruͤhzeitig zu ſeiner Abreiſe fertig, und er ſchien der einzige unter uns allen, dem der Abſchied nicht zu Herzen ginge. Weder die Beſchwerlichkeiten und Gefahren, denen er ent⸗ gegen ging, noch die Freunde, oder die Gelieb te, — 223 te,(benn Miß Wilmot liebte ihn wuͤrklich,) die er dahinten laſſen mußte, ſchlugen ſeinen Muth nieder. Nachdem er ſich bey den uͤbri⸗ gen von der Geſellſchaft beurlaubet hatte, gab ich ihm alles, was ich hatte, meinen vaͤ⸗ terlichen Segen.„Wohlan, mein Sohn,“ ſagte ich zu ihm,„du zieheſt hin, fuͤr dein Vaterland zu fechten; vergiß nicht, wie dein braver Großvater fuͤr ſeinen geſalbten Koͤnig focht, als Bidertreue noch eine Tugend unter den Britten war. Geh hin„ mein Sohn, ahm' ihn in allem nach, nur nicht in ſeinen Ungluͤcksfaͤllen, wenn's ein Ungluͤcksfall heiſſen kann, mit Lord Falkland zu ſterben. Geh, mein Sohn, und wenn du faͤllſt, waͤr' es auch noch ſo fern von hier, unbeweint und un⸗ begraben von denen, die dich lieben— die koͤſt⸗ lichſten Thraͤnen ſind der Thau, welchen der Himmel auf das Haupt eines tapfern Unbegra⸗ benen herabfallen laͤßt.“ Den Morgen darauf nahm ich ſelbſt Abſchied von der guten Familie, die mich die Zeit uͤber ſo freundſchaftlich bewirthet hatte, und vergaß nicht, Herrn Tornhill fuͤr ſeine letzte Gewogenheit noch verſchiedenemal zu danden. Ich verließ ſie mit Genuß des Vergnuͤgens, welches Ueberfluß und gute Erziehung gewaͤhren, machtem ich auf den Weg nach Hauſe, war ohne Hoffuung, jemals meine 224—— meine Tochter wieder zu finden, ſchickte aber meine Seufzer gen Himmel, daß er ihrer ſcho⸗ nen, und ihr verzeihen wolle. Ich war bereits ſo weit gekommen, daß ich nur noch vier Mei⸗ len weit vom Hauſe war, denn ich hatte ein Reitpferd gemiethet wegen meiner noch anhal⸗ tenden Schwachheit, und freuete mich ſchon in der Hoffnung, alles, was ich auf Erden am liebſten hatte, nun bald wieder zu ſehn. Allein es ward Abend, und ich ſtieg in einem kleinen Wirthshauſe ab, das an der Heerſtraſſe lag, und bat den Wirth, mir bey einem Glaſe Wein Geſellſchaft zu leiſten. Wir ſaſſen beym Ka⸗ minfeuer in ſeiner Kuͤche, denn dieß war das beſte Zim mer im Hauſe, und ſchwatzten von Staatsſachen, und von dem, was Neues unter der Nachbarſchaft vorgefallen. Unter andern kamen wir auch von ohngefehr auf den jungen Herrn Tornhill zu ſprechen, wovon mich der Wirth verſicherte, daß er eben ſo ſehr gehaßt wuͤrde, als man ſeinen Oheim, Sir William, der zuweilen nach dieſer Gegend herunter kaͤme, liebte. Er ging weiter, und ſagte, alle ſein Sinnen und Trachten ginge dahin, die Toͤchter in den Haͤu⸗ ſern zu verführen, wo man ihn freundſchaftlich aufnaͤhme; und wenn er ſo ein vierzehn Tage oder drey Wochen ſein W eſen mit ihnen gehabt haͤtte, ſchickte er ſie unbelohnt und verlaſſen wieder in die weite Welt. Als wir b anf dieſe Art fort⸗ Pau⸗ — 4 7 — —. 7 —— 225 plauderten, kam ſeine Frau, welche ausgewe⸗ ſen war] kleine Muͤnze einzuwechſeln, wieder nach Hauſe, und da ſie gewahr ward, daß ihr Ehemann ein Vergnuͤgen genoͤſſe, woran ſie keinen Theil haben ſollte, fragte ſie ihn mit aͤr⸗ gerlicher Stimme, was er da zu ſchaffen haͤtte? worauf er nichts weiter antwortete, als daß er ironiſcher Weiſe auf ihre Geſundheit trank. „Symonds, Symonds,“ rufte ſie,„du machſt es mir zu bunt, und ich wills nicht laͤnger ſo gelaſſen mit anſehen! Von all'm, was im Hauſe zu thun iſt, muß ich drey Viertel allein thun, und ein Viertel g'ſchicht gar nicht, derweil du da ſitzſt, und den ganzen ausgeſchlagnen Tag nichts anders thuſt, als mit deinen Gaͤſten zu⸗ len und nulen. Und wenn auch nur ein Fin⸗ gerhuth voll Herzſtaͤrkung mir ein Fieber ver⸗ treiben koͤnnte, ja mir! ich kriegte doch keinen Tropfenu.“* Ich ſah nunmehr, wo ſie hinaus wollte, und ſchenkte ihr alſobald ein Glas Wein ein, welches ſie mit einem Knicks hinnahm, auf meine Geſundheit austrank und dann fortfuhr; „Neh, lieber Herr Magiſter, das muͤſſen Sie auch nicht glauben, daß ich mir eben ſo viel aus dem Wein mache, und mich deswegen krittle; ha! man muß ja wohl, wenn man ſo ſieht, daß das Haus zum Fenſter hinaus fliegt. Wenn die Kunden„oder die Gaͤſte gemahnt werden ſollen, ſo liegt es mir allein aufm Halſe; P er er da fraͤße eben ſo lieb das harte Glas hinein, als daß er dahinter an wackeln ſollte. Da ha⸗ ben wir daroben auf der Kammer ein jung Ding von Weibſen, die ſich bey uns eingemietht' hat, ich glaube nicht, daß ihr eben Geld in der Taſche klingt, denn ſie iſt uͤber und uͤber ſo hoͤflich; leider iſt es zu gewiß, daß ſie im Be⸗ zahlen ſehr faulfaͤuſtig iſt, und ich wollte doch wohl, daß einmal dahinter angetrieben wuͤrde.“ „Was hilfts hinter antreiben,“ ſchrie der Wirth „wenn ich ſie weg treibe, bezahlt ſie ja doch nicht. Langſame Bezahler, ſichre Bezahler, pfleg' ich zu ſagen.“—„Mit deinem alten Sprichwort koͤmmſt du ſchon wieder,“ verſetzte das Weib;„ja, wenn ſie nicht ſchon ganze vierzehn Tage im Hauſe geweſen waͤre! Haſt du ſchon geſehn, ob ihr Geld rund oder vier⸗ eckig iſt?“—„Nun, nun, mein lieber Ohr⸗ wurm, ſie wirds wohl in hartem Gelde bezah⸗ len wollen.“—„Meintwegen mags hart oder weich ſeyn, wenns nur Geld iſt, das gilt; und das will ich noch dieſen Abend haben, oder hin⸗ aus darmit mit Sack und Pack.“„Hoͤr, Frau, ſie iſt dir eine vornehme Dame,“ ſagte der Wirth.„Da mußt du mehr Reſpect vor ha⸗ ben.“„Reſpect hin, vornehme Dame her! verſetzte die Wirthinn.„Aus dem Hauſe ſoll ſie mir, daß der Staub davon fliegt! Wenn ſie auf Vornehm borgen will, ſo laß ſie nach vor⸗ nehmen — —— 227 nehmen Kruͤgen gehn; hier im rothen Sperling ſoll kein Menſch ſagen, daß er auf gut Vornehm laͤnger als vierzehn Tage aufn Borg lebt.“ Mit dieſen Worten raun ſie ein Paar enge Stiegen hinauf, welche aus der Kuͤche nach ei⸗ ner Kammer im zweyten Stockwerk fuͤhrten, und ich merkte bald aus dem Gekreiſche ihrer Stimme, und aus der Bitterkeit ihrer Vorwuͤr⸗ fe, daß ſie bey ihrer Miethsperſon kein Geld gefunden haben muͤßte. Ich konnte ihr Warnen und Draͤuen ſehr deutlich hoͤren:„ Fort, ſag ich, bey allen Zatan, pack' dich aus'’m Hauſe den Au⸗ genblick, du infames Luder, oder ich will dich ſo zeichnen, du ſollſt es in Jahr und Tag nicht abwiſchen. Was, du Nickel, kommſt, und willſt in'n honertes Haus loſchiren, und haſt nicht Geld, nicht Geldeswerth, daß du honet⸗ ten Leuten gerecht werden kannſt. Ja, ich will dich! fort, pack dich, ſag' ich.⸗—„„O liebe, liebe Madame,“ hoͤrt⸗ ich die Fremde ſagen, „haben Sie doch Mitleiden! Mitleiden mit ei⸗ nem armen verlaſſenen Geſchoͤpfe! Nur noch eine Nacht; dann wird der Tod ſich mein er⸗ barmen.— Ich erkannte augenblicklich die Stimme meines armen ungluͤcklichen Kindes, meiner Olivia. Ich flog zu ihrer Errettung, fand, daß ſie von dem Weibe bey den Haaren geſchleppt wurde, und faßte das theure verlor⸗ P 2 ne r 238 ne Kind in meine Arme.— Willkommen, herz⸗ lich willkommen, meine verlorne, theureſte See⸗ le, mein Augapfel, willkommen an der Bruſt deines armen alten Vaters! Ob dich auch der Gottloſe verleugnet und verſtoͤſſet, einen haſt du noch in der Welt, der dich niemals weder verleugnen noch verſtoſſen will, und haͤtteſt du auch zehntauſend Verbrechen zu verantworten, alle, alle will er ſie dir verzeihen.—„O mein „herzlichſtgeliebter“— ſie verſtummte auf eini⸗ ge Minuten—„mein herzlichſtgeliebter Papa! Koͤnnen Engel guͤtiger ſeyn! Womit hab' ich das verdient! Der ſchaͤndliche Mann! ich haſſe ihn und mich; ſo viele Guͤte ſo zu belohnen! Sie konnen mires nicht vergeben. Ich weiß, das koͤnnen Sie nicht!“—„Doch, doch, mein Kind; von ganzem Herzen vergeb' ichs dir! Kehre nur wieder, und unſer beyder Seele ſoll ſich freuen; wir wollen noch manche frohe Tage erleben, meine Olivia!“—„Ach, niemals wie⸗ der froh, theureſter Papa, niemals wieder! Mein uͤbriges jammervolles Leben kann nichts anders ſeyn, als Schimpf bey Fremden, und Schaam zu Hauſe. Aber ach! liebſter Papa, Sie ſehn viel bleicher aus, als ſonſt. Konnt' Ihnen ein ſolches Ding, wie ich, ſo vielen Kum⸗ mer machen? Sie beſitzen doch gewiß zu viel Weisheit, daß Sie die ungluͤcklichen Folgen mei⸗ nes Verbrechens auf ſich ſelbſt laden ſollten.“ „ Unſpe — — 229 . Unſre Weisheit, junges Frauenzimmer? verſetzt’ ich.—„Ach, warum dieſe kalte Be⸗ nennung, Papa!“ rief ſie;„daß iſt das Er⸗ ſtemal in meinem Leben, daß Sie mich bey ei⸗ nem ſo kalten Namen nennen.“—„Vergieb mir's, mein Herzblatt,« erwiederte ich;„aber ich wollte ſagen, daß unſre Weisheit nur eine langſame Vertheidigerinn gegen Kummer und Sorgen iſtz, obgleich am Ende eine zuverlaͤſ⸗ ſige.“ 2 Die Wirthinn kam nun wieder, und fragte, ob uns nicht ein beſſres Zimmer gefaͤllig waͤre? und auf meine Bejahung wies ſie uns eins an, wo wir uns freyer beſprechen konnten. Nach⸗ dem wir uns in eiuigen Grad von Beruhigung geſprochen hatten, konnte ich mich nicht entbre⸗ chen, mein Verlangen nach einiger Nachricht zu bezeigen, wie ſie nach und nach zu der un⸗ gluͤcklichen Verfaſſung gelangt, worinn ich ſie gefunden.„Der gottloſe Menſch, mein lieb⸗ ſter Papa,“ ſagte ſie,„that mir vom erſten Tage unſrer Bekanntſchaft an gleich Vorſchlaͤge zu einer Verheyrathung, aber freylich zu einer heimlichen.“ „Ja wohl gottloſer Menſch,“ rief ich. Und doch kann ichs noch nicht recht reimen, wie ein Menſch von Burchills Verſtande und ſcheinba⸗ rer Ehrlichkeit einer ſolchen uͤberlegten Bosheit P 3 faͤhig 230— fähig ſeyn kann, ſich in eine Familie zu ſchlei⸗ chen, um ſie ins Elend zu ſtuͤrzen.“ „O liebſter Papa,“ erwiederte meine Toch⸗ ter,„Sie ſind in einem groſſen. Irrthume; 1 Herrn Burchill iſt es nie in den Sinn gekom⸗ men, mich zu verfuͤhren. Statt deſſen nahm er jede Gelegenheit wahr, mich insgeheim vor Herrn Tornhills Liſt und Raͤnken zu warnen, der, wie ich nun wohl ſehe, ſogar noch aͤrger iſt, als er ihn abmahlte.“—„Herr Tornhill?“ fiel ich ihr in die Rede;„iſt das moͤglich?“ „Ja, liebſter Papa,“ erwiederte ſie,„Herr Tornhill iſt es, der mich verfuͤhrt hat. Er be⸗ diente ſich der beyden Damen, wie er ſie nann⸗ te, welches aber eigentlich nichts weiter, als ein Paar feile Weibsbilder aus der Stadt wa⸗ ren, die weder Erziehung noch Mitleiden hatten, daß ſie uns nach London locken ſollten. Ihre Liſt, wie Sie ſich noch erinnern werden, wuͤrde ihnen auch ſicherlich gelungen ſeyn, wenn es Herrn Burchills Brief nicht verhindert haͤtte, der alle die Vorwuͤrfe an ſie richtete, die wir damals alle auf uns denteten. Wo er die Ge⸗ walt hergenommen hat, ihre Abſicht zu verei⸗ teln, das iſt mir noch bis auf dieſe Stunde ein Geheimniß; aber davon bin ich uͤberzeugt, daß er beſtaͤndig unſer waͤrmſter und aufrichtigſter Freund geweſen iſt.“ „Du — 231 „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, liebes Kind!“ rief ich aus.„Ich ſeh' nun aber wohl, daß mein erſter Verdacht auf Herrn Tornhill zu wohl gegruͤndet war. Aber er kann in Sicher⸗ heit triumphiren, denn er iſt reich, und wir ſinð arm. Sage mir aber, meine Tochter, es mußte doch gewiß keine geringe Verſuchung ſeyn, die ſo alle Eindruͤcke einer ſolchen Erziehung und ſo tugendhafte Geſinnungen, als die Deinigen, ausloͤſchen konnte.“ 3 „In der That, liebſter Papa, it er ſeinen Sieg bloß dem Verlangen ſchuldig, das ich hatte, ihn gluͤcklich zu machen, und nicht mich ſelbſt. Ich wußte, daß die Ceremonie unſrer Trauung, welche ein katholiſcher Geiſtlicher insgeheim verrichtete, keinesweges rechtsguͤltig war, und daß ich mich auf nichts anders zu verlaſſen haͤtte, als auf ſeine Redlichkeit.“— „Was?“ unterbrach ich ſie;„Du biſt alſo wirklich getrauet, und das von einem Prieſter 2 —„Wirklich, Papa, das ſind wir!“ verſetzte ſie;„ob wir gleich beyde eydlich angelobt ha⸗ ben, ſeinen Namen zu verſchweigen.“—„Wohl⸗ an denn mein Kind, komm abermals von neuem in meine Arme! Und nun biſt Du mir noch tau⸗ ſendmal willkommner„als vorber; denn nun biſt Du auf alle Art und Weiſe ſeine recht⸗ P 4 maͤßige — 232 4— maͤßige Ehefrau, und alle meuſchliche Geſe⸗ tze, waͤren ſie auch auf demantne Tafeln gegra⸗ ben, koͤnnen die Kraft dieſer beiligen Bande nicht verringern.“ „Ach liebſter Papa,“ erwiederte ſie,„Sie haben noch keinen rechten Begriff von ſe uen Bosheiten; er iſt bereits von eben dieſem Geiſt⸗ lichen mit ſechs bis acht andern Frauen getrauen, die er eben ſo gut, als mich betrogen und ver⸗ laſſen hat.“„Hat er das?“ rief ich,„wohl⸗ ſo muͤſſen wir den Geiſtlichen an den Galgen bringen, und Du ſollſt ihn morgendes Tages gerichtlich angeben.“—„Aber, liebſter Papa,“ erwiederte ſie,„wird das auch Recht ſeyn, da ich ihm die Verſchwiegenheit geſchworen habe?“ —„Mein Kind,“ verſetzt' ich,„wenn Du ein ſolches Geluͤbde gethan haſt, ſo darf, ja, ſo mag ich Dich nicht in Verſuchung fuͤhren, es zu brechen. Auch der allgemeinen Sicherheit we⸗ gen ſelbſt darfſt Du ihn nicht einmal angeben. Nach allen menſchlichen Geſetzen iſt es erlaubt, ein kleineres Uebel zu thun, daß ein groͤſſeres Gute daraus komme; wie man, zum Beyſpiel, nach der Staatskunſt eine Provinz weggeben darf, um ein Koͤnigreich zu ſichern; und man in der Heilkunde ein Glied abtrennen kann, um den Leib zu retten. In der Religion aber iſt das Geſetz geſchrieben und unveraͤnderlich, nies mals mals uͤbel zu thun. Und dieſes Geſetz, mein Kind, iſt gerecht: denn ſonſt, wenn wir ein ge⸗ ringeres Uebel begingen, daß ein groͤſſeres Gu⸗ tes darauf kommen ſollte, ſo wuͤrde man gewiſſe Uebertretungen wagen, wegen der damit ver⸗ ndenen, moͤglichen Vortheile. Und, obgleich der Vortheil gewiß erfolgen muͤßte, ſo koͤnnte die Zwiſchenzeit zwiſchen der Uebertretung, (Uebertretung verdient Strafe, weißt Du) und dem Vortheile, gerade der Augenblick ſeyn, in welchem wir abgefodert werden, um von al⸗ lem, was wir gethan, Rechenſchaft zu geben; und dann iſt das Regiſter der Thaten des Men⸗ ſchen ein fuͤr allemal geſchloſſen. Doch, ich un⸗ terbreche Dich, mein Kind, erzaͤhle weiter.“ „Gleich den zweyten Morgen,“ fuhr ſie fort, „fand ich, wie wenig ich von ſeiner Aufrichtig⸗ keit zu erwarten haͤtte. Denn an eben dem Morgen machte er mich mit zwey andern un⸗ gluͤcklichen Frauenzimmern bekannt, die er, wie mich, betrogen hatte, die aber in beſtaͤndiger Suͤnd' und Schande fortlebten. Ich liebte ihn zu zaͤrtlich, um ſolche Nebenbuhlerinnen gelaſ⸗ ſen zu betrachten, und ich beſtrebte mich, mei⸗ nen Schimpf in einem Tumulte von Ergoͤtzun⸗ gen zu vergeſſen? In dieſer Abſicht tauzte ich, putzt' ich mich, und ſchwatzte; war aber beſtaͤn⸗ dig ungluͤcklich dabey. Die Herren, welche zum P 5 Beſuch —— 1 234— Beſuch hinkamen, ſagten mir ohn Unterlaß von der Gewalt meiner Reitze vor, und das diente zu weiter nichts, als meine Melancholey zu vergroͤſſern, weil ich alle dieſe ihre Gewalt ver⸗ ſchleudert hatte. Dergeſtalt ward ich von Ta⸗ ge zu Tage tiefſinniger, und er unverſchaͤmter, bis das Ungeheuer endlich die Schaamloſigkeit ſo weit trieb, mich einem jungen Baronet an⸗ zubieten, mit dem er Umgang hatte. Ich ha⸗ be nicht noͤthig, liebſter Papa, Ihnen zu be⸗ ſchreiben, wie ſehr mir ſeine Undanlbarkeit durch die Seele ging. Meine Antwort auf dieſen Vor⸗ ſchlag war beynahe Raſerey. Ich beſtand auf der Trennung. Als ich das Haus verließ, bot er mir eine Goldboͤrſe an; allein ich warf ihm olche mit Verachtung vor die Fuͤſſe, und floh 4 9. von ihm, in einer Art von Wuth, die mich das ganze Elend meines Zuſtandes nicht fuͤhlen ließ⸗ Ich blickte aber bald um mich herum, und er⸗ kannte mich fuͤr das niedrige, verworffne, be⸗ ſchimpfte Ding, das keinen Freund auf der wei⸗ ten Welt haͤtte, zu dem es flehen koͤnnte. In eben dem Augenblick fuhr eine Landkutſche vorbey; ich bezahlte darinn einen Platz, indem es mir gleichviel war, wohin? wenn ſie mich nur von einem Menſchen entfernte, den ich verachtete und verabſcheuete. Ich ward hier abgeſetzt, woſelbſt ich ſeit meiner Ankunft keine andre Ge⸗ ſellſchaft gehabt, als meinen Kummer, und die — belei⸗ beleidigende Begegnung der Wirthinn. Die vergnuͤgten Stunden, die ich mit Mama und Schweſter zugebracht habe, wurden mir eine betruͤbte Erinnerung. Ihr Kummer iſt groß; aber der meinige iſt groͤſſer; denn der meinige iſt mit dem Bewußtſeyn meiner Schuld und Schande vermiſcht.“ „Faſſe Geduld, mein Kind,“ ſagt' ich, und ich hoffe, die Sache ſoll noch eine beſſere Wen⸗ dung nehmen. Suche dieſe Nacht ein wenig zu ruhen, und Morgen will ich Dich nach Hau⸗ ſe, zu Deiner Mutter, und Deinem Geſchwi⸗ ſter bringen, von denen Du Dir eine guͤtige Aufnahme verſprechen kannſt. Deiner armen Mutter iſt die Sache herzlich nahe gegangen; aber ſie hat Dich doch beſtaͤndig noch lieb, Oli⸗ via, und wird Dir's vergeſſen.“ Oεν SSSe Zwey und zwanzigſtes Kapitel. Beleidigungen werden leicht verziehen, wo im Grunde noch Liebe vorhanden iſt. Den naͤchſten Morgen nahm ich meine Toch⸗ ter hinter mich aufs Pferd, und machte mich auf den Weg nach Hauſe. So wie wir fort ritten, bemuͤhte ich mich, ſo viel ich ver⸗ 5 mochte, 6 236— mochte, ihre Sorgen und Angſt zu mildern, und ſie mit Entſchloſſenheit zu waffnen, ihrer erzuͤrn⸗ ten Mutter unter die Augen zu gehen. Ich nahm von jeder ſchoͤnen Ausſicht der Gegenden, durch welche wir kamen, Gelegenheit, zu bemer⸗ ken, wie viel liebreicher der Himmel gegen uns waͤre, als wir gegen einander, und daß der Leiden, welche die Natur hervorbringt, ſehr wenige waͤren. Ich verſicherte ſie, daß ſie in meiner Zuneigung niemals eine Veraͤnderung ſpuͤren ſollte, und daß ſie in meinem ganzen Le⸗ ben, welches noch lange waͤhren koͤnnte, einen Freund und Berather an mir haben ſollte. Ich ſtaͤrkte ſie gegen den Tadel der Welt, zeigte ihr, daß Buͤcher fuͤr Ungluͤckliche angenehme und nachſichtsvolle Freunde waͤren, und wenn ſie gleich nicht vermoͤchten, uns das Leben genieſ⸗ ſen zu machen, ſo koͤnnten ſie uns doch wenig⸗ ſtens lehren, es zu ertragen. Das Miethpferd, welches wir ritten, ſollte ich den Abend in einem Wirthshauſe am Wege, ungefehr eine Meile von meinem Hauſe, abge⸗ ben; und da ich gerne die meinigen auf den Empfang meiner Tochter vorbereiten wollte, ſo beſchloß ich, ſie die Nacht in eben dem Wirths⸗ hauſe zu laſſen, und ſie des naͤchſten Morgens fruͤh in Geſellſchaft mit Sophien abzuhohlen. Es ward Abend, noch ehe wir an die bedeig nete —— 327 nete Herberge gelangten. Gleichwohl, nachdem ich ſie mit einer anſtaͤndigen Kammer verſorgt, und dor Wirthinn aufgetragen hatte, fuͤr die noͤthige Erfriſchung zu ſorgen, kuͤßte ich ſie, und. ſetzte meinen Weg weiter fort nach Hauſe. Und nun fuͤhlte mein Herz neue angenehme Empfin⸗ dungen, je naͤher ich zu dieſer Huͤtte des Frie⸗ dens gelangte. Wie ein Vogel, der von ſei⸗ nem Neſte verſcheucht worden, eilte meine Zaͤrt⸗ lichkeit meinem ſchnelleſten Schritte zuvor, und flatterte um meinen kleinen Feuerheerd herum, mit allem Entzuͤcken des Wiederſehens. Ich beſann mich auf die mancherley Liebkoſungen, die ich ſagen wollte, und genoß im voraus den Willkommen, der auf mich wartete. Ich fuͤhlte ſchon die zaͤrtliche Umarmung meiner Frau, und laͤchelte uͤber die Freuden meiner Kleinen. Da ich nicht ſchnell gehen konnte, ward es ziemlich ſpaͤt in die Nacht. Die Arbeiter des Tages hatten ſich alle ſchon dem Schlafe uͤberlaſſen; kein Licht ſchimmerte mehr durch die Fenſter der Haͤuſer des Dorfs; man vernahm keinen andern Laut mehr, als die ſchmetternde Stimme des Haushahns und das weitſchallende Bellen des hohltoͤnigen Kettenhundes. Icht naͤherte mich meinem kleinen Sitze des Vergnuͤgens, und ſchon auf etliche hundert Schritte kam mir unſer treuer Hofhund entgegen geranmt, mich zu be⸗ willkommen. Es Es war faſt um Mitternacht, als ich endlich an meiner Thuͤre anklopfen konnte. Alles war ſtill und hehr: mein Herz zerfloß in unaus⸗ ſprechlichem Vergnuͤgen, als ich, mit ſchreck⸗ lichem Erſtaunen, die lichten Flammen aus dem Hauſe lodern ſahe, und durch jede Oeffnung und Ritze nichts als Feuer er⸗ blickte! Ich that einen lauten aͤngſtli en Schrey, und fiel ohne Empfindung zu Boden. Dieß ſchreckte meinen Sohn auf; der bis dahin geſchlafen hatte; und da er die Flammen er⸗ blickte, weckte er augenblicklich meine Frau und Tochter, und da ſie alle aus dem Hauſe liefen, nackt und wild vor Beſtuͤrzung, brachten ſie mich durch ihr Winſeln wieder ins Leben. Aber es war bloß zu neuen Scenen des Grauens; denn die Flamme hatte nunmehr ſchon unſer Wohnzimmer ergriffen, derweile von dem uͤbri⸗ gen Gebaͤude ein Theil nach dem andern ein⸗ ſtuͤrzte, und die Familie ſtand dabey, in ſtum⸗ men Jammer, und ſah es an, als ob ihnen die Brunſt ein Schauſpiel waͤre. Ich ſtarrte ſie an, und dann wechſelsweiſe nach dem Feuer, und ſah mich darauf herum nach meinen Klei⸗ nen; aber, ſie waren nicht zu ſehen. O Elend! „Wo: ſchrie ich,„wo ſind meine Kleinen?“ —„In den Flammen verbrannt!“ ſagte mei⸗ ne Frau ganz kalt;„und ich will mit ihnen ſterben!“ In dem Augenblick hoͤrt' ich die ar⸗ 3 men 8 — 239 men Kinder im Hauſe ſchreyen, die eben vom Feuer aufgeweckt waren„ und nichts in der Welt haͤtte mich halten koͤnnen.„ Wo, wo ſind meine Kinder?“ ſchrie ich, und ſtuͤrzte durch die Flammen, und rannte die Thuͤre der Kam⸗ mer ein, in welcher ſie eingeſperrt waren,„Wo ſind meine Kleinen?“—„Hier, liebſter Papa, hier ſind wir,“ riefen ſie beyde, als eben die Flammen das Bette faßten, worinn ſie lagen. Ich faßte ſie beyde in meine Arme, und rieß ſie ſo ſchnell als moͤglich aus dem Feuer, und ſo wie ich aus der Kammer getreten war, ſtuͤrzte der Boden ein.„ Nun, rief ich, nnd hielt meine Kinder in die Hoͤhe,„nun laß das Feuer brennen, und all das meinige verzehren. Da hab' ich ſie; ich habe meinen Schatz gerettet. Da, meine liebſte Frau, da iſt unſer Schatz, und noch koͤnnen wir froͤhlich ſeyn.“ Wir kuͤß⸗ ten unſre kleinen Lieblinge wohl tauſendmal; ſie klimmten ſich um unſere Haͤlſe, und ſchienen unſer Entzuͤcken mit uns zu theilen; derweile ihre Mutter in einem Athem lachte und weinte. Ich ſtand nun als ein gelaſſener Zuſchauer bey der Feuersbrunſt, und begann nach einiger Zeit zu ſpuͤren, daß mein Arm bis zur Schul⸗ ter hinauf fuͤrchterlich verſengt war. Es war alſo nicht in meiner Gewalt, meinem Sohne die geringſte Huͤlfe zu leiſten, weder beym Ret⸗ 3e ten 240 ten unſers Hausraths, noch bey dem Beſtreben, den Flammen zu wehren, daß ſie nicht unſer Hen und Korn ergreiffen. Gegen dieſe Zeit waren unſre Nachbarn geweckt, und eilten zu unſrer Huͤlfe herbey; alles aber, was ſie thun konnten, war, daß ſie, wie wir, dem Ungluͤck unthaͤtig zuſahen. Meine Haabſeligkeiten, wor⸗ unter auch die Bankverſchreibungen waren, die ich zur Ausſteuer fuͤr meine Toͤchter zuruͤck ge⸗ legt hatte, verbrannten voͤllig, bis auf eine Kiſte mit einigen Papieren, die in der Kuͤche ſtand, und zwey oder drey andre Kleinigkeiten von geringem Belang, die mein Sohn gleich im Anfange gerettet hatte. Die Nachbarn tru⸗ gen indeſſen ſo viel bey, als ſie konnten, unſer Ungluͤck zu erleichtern. Sie brachten uns Klei⸗ dung, und verſorgten eins von unſern Neben⸗ haͤuſern mit Kuͤchengeraͤth; ſo, daß wir bey Aubruch des Tages eine andre, obgleich ſehr armſelige, Wohnung hatten, in der wir uns bergen konnten. Mein ehrlicher naͤchſter Nach⸗ bar und ſeine Kinder waren nicht die langſam⸗ ſten, uns mit alle dem nothwendigſten zu ver⸗ ſorgen, und uns mit jedem Troſte beyzuſtehen, den eine unſtudirte natuͤrliche Wohlthaͤtigkeit an die Hand geben konnte. Nachdem ſich die meinigen von ihrem Schre⸗ cken erholet, begann ſich dafuͤr die Neubegierde 5 einzu⸗ Yerſonen nur ſchlechten Zeitvertreib ſchaffen, 8 einzuſtellen, zu erfahren, was an meinem lan⸗ gen Auſſenbleiben Schuld geweſen? Nachdem ich ihnen alſo jeden Umſtand erzaͤhlt hatte, fing ich an, ſie auf den Empfang nuſrer Verlornen vorzubereiten, und ob wir gleich itzt nichts als Elend anzubieten hatten, ſo wollte ich ihr doch gerne eine freundliche Aufnahme zu allem, was wir anbieten konnten, verſchaffen. Dieſes Unternehmen wuͤrde mir weit ſauret geworden ſeyn, ohne den ungluͤcklichen Brand, welcher den Stolz meiner Frauen gedemuͤthigt, und ihn durch herbe Widerwaͤrtigkeiten ſtumpf gemacht hatte. Selbſt konnte ich, wegen mei⸗ nes Armes, der mich ſehr ſchmerzte, mein ar⸗ mes Kind nicht einholen; ich ſchickte alſo mei⸗ nen Sohn und meine Tochter hin, welche bald wieder kamen, und die arme Suͤnderinn be⸗ gleiteten, welche nicht das Herz hatte, ihrer Mutter unter die Augen zu ſehen, der, unge⸗ achtet aller meiner Lehren und Ermahnungen, die voͤllige Ausſoͤhnung ſehr ſchwer ankam; denn Frauenzimmer nehmen ein weibliches Vergehn weit uͤbler, als Mannsperſonen.„Ach Ma⸗ dame,“ ſagte ihre Mutter,„dieß iſt hier ein armſeliger Ort, zu dem Sie kommen, nach dem vornehmen Weſen, das Sie gewohnt ſind. Meine Tochter Sophie und ich koͤnnen ſolchen die 242— die mit nichts, als mit Leuten von vornehmen Stande, Umgang gehabt haben. Ja, Made⸗ moiſelle Olivia, Ihr armer Vater und ich ha⸗ ben die letzte Zeit her nicht wenig gelitten; doch, ich hoffe, der Himmel wird Dirs vergeben.“ Waͤhrend dieſes Empfangs ſtand das arme Schlachtopfer zitternd da, und konnte weder weinen noch antworten; allein ich konnte nicht laͤnger ein ſtummer Zuſchauer bey ihrem Leiden ſeyn. Ich nahm deswegen eine gewiſſe Strenge in Blick und Mienen an, worauf allemal ein unmittelbarer Gehorſam zu erfolgen pflegte: „Frau! ich bitte, ein fuͤr allemal zu merken⸗ was ich ſage; ich habe Dir hier ein armes ver⸗ locktes und verirrtes Schaaf zuruͤck gebracht; ihre Wiederkehr zu ihrer Pflicht verlangt die Wiederkehr unſrer Liebe. Die wahren Wi⸗ derwaͤrtigkeiten des Lebens draͤngen haufenweiſe auf uns ein; laß uns alſo ſolche nicht durch haͤusliche Uneinigkeiten vermehren⸗ Wenn wir mit einander eintraͤchtig leben, ſo koͤnnen wir noch vergnuͤgt ſeyn; denn wir ſind unſrer ge⸗ nug, uns ohne die tadelſuͤchtige Welt zu behel⸗ fen, und uns einander aufzurichten. Der Himmel ſagt dem Bußfertigen Gnade zu, das laß uns ein Beyſpiel ſeyn. Im Himmel, lehrt uns die Schrift, iſt mehr Freude uͤber einen Suͤnder, der Buſſe thut, vor neun und neunzig Gerechten, die der Buſſe nicht beduͤrfen. Und ddas 243 das iſt recht; denn das einzige Beſtreben, durch welches wir uns auf dem ſteilſenkenden Pfade zum Verderben aufrechts halten, iſt ſchon an und vor ſich ſelbſt eine groͤſſere Tugenduͤbung, als hundert Handlungen der Gerechtigkeit.“ Drey und zwanzigſtes Kapitel. Nur der Laſterhafte kann lang und oͤllig elend ſeyn. s erfoderte itzt einigen anhaltenden Fleiß, unſre gegenwaͤrtige Wohnung ſo bequem, als thunlich, zu machen, und wir gelangten bald wieder dahin, uns unſrer vorigen Heiter⸗ keit zu uͤberlaſſen. Ich war auſſer Stand ge⸗ ſetzt, meinem Sohne in unſrer gewoͤhnlichen Beſchaͤftigung zu helfen, deswegen las ich den 3 meinigen aus den Paar Buͤchern vor, die wir gerettet hatten, und beſonders aus ſolchen, wel⸗ che das Herz beruhigen, indem ſie die Imagi⸗ nation beſchäftigen. Unſre gute Nachbarn kamen auch faſt raͤglich zu uns, uns ihren gutherzigſten Antheil an unſern Umſtaͤnden zu bezeigen, und ſetzten unter ſich eine Zeit feſt, wo ſie uns alle helfen wollten, unſere vorige Wohnung wieder herzuſtellen. Der ehrliche Pachter Wilhelmſen war nicht der letzte unter dieſen Beſuchern; fon⸗ dern bot uns herzlich ſeine Freundſchaft an, Er 93a. ließ 444— ließ ſich merken, daß er gerne ſeine Anwerbun⸗ gen um meine Tochter erneuern moͤchte; allein ſie lehnte das auf eine ſolche Art ab, daß er wohl ſahe, alle ſeine fernern Bemuͤhungen wuͤr⸗ den vergebens ſeyn. Ihr Gram ſchien fuͤr die Dauer gemacht zu ſeyn, und ſie war die einzi⸗ ge Perſon in unſerm kleinen Zirkel, die nicht gleich nach Verlauf einer einzigen Woche ihre vorige Munterkeit wieder hatte. Sie verlohr nun die freymuͤthige Unſchuld, welche ſie ehedem lehrte, ſich ſelbſt hoch zu ach⸗ ten, und darinn ihr Vergnuͤgen zu ſuchen, an⸗ dern zu gefallen. Gram und Kummer hatten ſich in ihrem Gemuͤthe feſtgeſetzt; ihre Schoͤn⸗ heit ſchien mit ihrer Geſundbeit abzunehmen; und am meiſten ſchien ſie ſolche durch Vernach⸗ laßigung zu verringern. Jede zaͤrtliche Be⸗ nennung, womit man ihre Schweſter belegte, druͤckte ihr einen Dorn ins Herz, und eine Thraͤ⸗ ne aus dem Auge; uud ſo wie ein Laſter, ob⸗ gleich abgelegt, immer ein anders in ſeine Stelle pflanzt, ſo ließ ihr ehemaliges Vergehen, obgleich durch Reue getilgt, Neid und Scheel⸗ ſucht hinter ſich. Ich beſtrebte mich auf tau⸗ ſenderley Weiſe, ihren Kummer zu mildern, und vergaß ſogar meiner eignen Schmerzen, aus Beſorgniß uͤber die ihrigen, und ſammlete ſol⸗ che unterhaltende Zuͤge aus der Geſchichte, 4 ich durch ein ſtarkes Gedaͤchtniß und einigem Leſen zuſammen bringen konnte.„ Unſre Gluͤck⸗ ſeligkeit, meine liebe Tochter,“ pflegt' ich zu ſagen,„ſteht in der Hand desjenigen, der ſol⸗ che auf tauſend ſolchen unbekannten Wegen her⸗ bey fuͤhren kann, auf welchen wir ſie mit aller unſrer Klugheit nicht vermutheten. Wenn es, dieß zu beweiſen, noch Beyſpiel bedarf, ſo will ich Dir eine Hiſtorie erzaͤhlen, mein Kind, die uns ein ernſthafter, obgleich zuweilen etwas romanhafter, Geſch ichtſchreiber aufgezeichnet hat.¹ „Mathilde war ſehr jung an einen Neapoli⸗ kaniſchen von Adel, vom erſten Range, ver⸗ maͤhlt, und befand ſich bereits in ihrem funf⸗ zehnten Jahre als Mutter und Wittwe. Als ſie eines Tages, ihren jungen Sohn liebkoſend, — vor einem offnen Fenſter ſtand, in einem Zim⸗ mer, das uͤber dem Fluſſe die Volturna hing, huͤpfte ihr das Kind vom Arme hinunter ins Waſſer, und verſchwand ihr den Augenblick aus Dem Geſichte. Die Mutter, vor Schrecken auſ⸗ ſer ſich ſelbſt, und aus muͤtterlichem Triebe, ihn zu retten, ſprang hinter ihm darein; allein, weit gefehlt, daß ſie dem Kinde haͤtte helfen koͤnnen, koſtet' es ihr die aͤuſſerſte Muͤhe, das jenſeitige Ufer zu erreichen, an welchem ſich eben franzoͤſiſche Soldaten befanden, die in der Gegend das Land pluͤnderten, und welche ſie 246 — den Augenblick zu ihrer Gefangenen mach⸗ ten. „Der Krieg ward zu den damaligen Zeiten zwiſchen den Franzoſen und Italiaͤnern mit der unmenſchlichſten Grauſamkeit gefuͤhrt, und die Soldaten waren im Begriff, zwey entgegenge⸗ ſetzte Grauſamkeiten zugleich zu veruͤben, die ihnen von ſchaͤndlicher Luſt und Blutdurſt ein⸗ gegeben wurden. Dieſem gottloſen Vorhaben widerſetzte ſich indeſſen ein junger Officier, der, ob ihr Ruͤckzug gleich die groͤſſeſte Eile verlang⸗ te, ſie dennoch hinter ſich aufs Pferd nahm, und ſie ſicher nach ſeiner Vaterſtadt brachte. Ihre Schoͤnheiten feſſelten anfangs ſeine Au⸗ gen, und ihre Verdienſte bald darauf ſein Herz. Sie wurden verheyrathet; er avancirte bis zu den hoͤchſten Wuͤrden; ſie lebten lange mit ein⸗ ander, und waren gluͤcklich. Die Gluͤckſeligkeit eines Officiers kann aber niemals dauerhaft ge⸗ nannt werden. Nach einem Zwiſchenraume von verſchiedenen Jahren, nachdem die Truppen, welche er kommandirte, eine Niederlage erlit⸗ ten, war er genoͤthigt, ſich in die Stadt zu wer⸗ fen, worinn er bisher mit ſeiner Frau gewohnt hatte. Hier mußten ſie eine Belagerung aus⸗ halten, und die Stadt mußte ſich zuletzt ergeben. Wenige Geſchichten koͤnnen mehr und verſchie⸗ denere Beyſpiele von Grauſamkeit aufweiſen, als diejenigen, welche die Franzoſen und Itu⸗ liaͤner laͤner waͤhrend dem Kriege an einander veruͤb⸗ ten. Bey dieſer Gelegenheit beſchloſſen die Sieger, alle franzoͤſiſche Gefangne uͤber die Klinge ſpringen zu laſſen; beſonders aber den Gemahl der ungluͤcklichen Mathilde, weil er ¹ hauptſaͤchlich Schuld daran geweſen, daß ſich die Belagerung in die Laͤnge gezogen hatte⸗ Ihre Entſchluͤſſe wurden immer faſt eben ſo ge⸗ ſchwinde ausgefuͤhret, als gefaßt. Der gefan⸗ geene Officier ward vorgefuͤhrt, der Scharfrich⸗ ter ſtund mit ſeinem Schwerdte gefaßt, und die Zuſchauer erwarteten in graunvollem Stillſchwei⸗ gen den entſcheidenden Streich, der nur ſo lan⸗ ge aufgehalten wurde, bis der General, der als Richter den Vorſitz hatte, das Zeichen gaͤbe. In dieſem Zwiſchenraume der Angſt und der Erwartung war es, daß Mathilde kam, von ihrem Gemahl und Erretter den letzten Abſchied zu nehmen, wobey ſie in Jammer und Klagen uͤber ihr hartes Geſchick ausbrach, das ſie von einem fruͤhen Tode im Volturnafluſſe gerettet hatte, um noch ſo viel entſetzlichere Auftritte zu erleben. Der General, der noch ein junger⸗ Herr war, ward von Erſtannen uͤber ihre Schoͤn⸗ heit, und mit Erbarmen uͤber ihr Ungluͤck ge⸗ ruͤhrt; aber er fuͤhlte noch ſtaͤrkere Regungen, als er ihrer vormaligen ungluͤcklichen Begeben⸗ heiten erwaͤhnen hoͤrte. Er war ihr Sohn, das Kind, um weswillen ſie in ſo viele Gefahren 4 3 Q 4 1 gera⸗ gerathen war. Er erkannte ſie ſogleich fuͤr ſeis ne Mutter, und fiel ihr zu Fuͤſſen. Das Ue⸗ brige mag man ſich leicht hinzudenken; der Ge⸗ fangne ward frey gelaſſen und alle Gluͤckſelig⸗ keit, welche Liebe, Freundſchaft und Pflicht ei⸗ nem jeden von ihnen gewaͤhren konnte, ward mit vereinten Herzen empfunden.“ Auf diefe Weiſe that ich mein moͤglichſtes, meine Tochter zu zerſtreuen; allein ſie hoͤrte mir nur mit getheilter Aufmerkſamkeit zu, denn ihr eignes Ungluͤck verſchlang alles das mitlei⸗ dige Gefuͤhl, welches ſie ſonſt fuͤr fremde Lei⸗ den hatte, und nichts brachte ihr Erleichterung⸗ In Geſellſchaft fuͤrchtete ſie ſich vor Verach⸗ tung, und in der Einſamkeit fuͤhlte ſie nur Gram. So war ihr trauriges Gemuͤth beſchaf⸗ fen, als wir gewiſſe Nachricht eingezogen, daß Herr Tornhill auf dem Punkte ſtuͤnde, ſich mit⸗ Mademoiſelle Wilmot zu verheyrathen, fuͤr wel⸗ che er beſtaͤndig, nach meiner Meynung, eine wahre Neigung gehegt hatte, ob er gleich in meiner Gegenwart jede Gelegenheit ſuchte, eine Verachtung, ſowohl gegen ihre Perſon, als ihr Vermoͤgen blicken zu laſſen. Dieſe Nachricht diente bloß dazu, Oliviens Kummer zu verbi f tern; ein ſolcher offenbarer Treubruch war mehr⸗ als ihre Standhaftigkeit ertragen konnte. Ich mahm indeſſen meine Maaßregeln, erſt gewiſſe ſe 1 — 249 re Nachricht einzuziehen, und, wo moͤglich, der Erfuͤllung ſeiner Abſicht dadurch vorzubeugen, daß ich meinen Sohn Moſes zu dem alten Herrn Wilmot ſchickte, mit Inſtruktions„ ſich nach der Wahrheit des Geruͤchts zu erkundigen, und Nademoiſelle Wilmot einen Brief zu uͤberbrin⸗ gen, worinn ich ihr Herrn Tornhills Betragen in meiner Familie bekannt machte. Mein Sohn verreiſete, meiner Vorſchrift zu folgen, und kam nach drey Tagen wieder, mit der Verſicherung, daß die Nachricht wahr ſey; daß er's aber un⸗ moͤglich gefunden haͤtte, den Brief zu uͤberge⸗ ben, weil Herr Tornhill und Mademoiſelle Wil⸗ moöt damit beſchaͤftigt geweſen, ihre Beſuche bey ihren Landnachbarn abzuſtatten. Ihre Hochzeit, ſagt' er, ſollte in wenig Tagen vor ſich gehen; ſie haͤtten ſchon den Sonntag vor⸗ her, eh' er hingekommen, als Verlobte, mit groſſem Staate, Kirchgang gehalten, die Braut in Begleitung von ſechs jungen Frauenzimmern. und er von eben ſo viel jungen Herren; ihre nahe Vermaͤhlung fuͤllte die ganze Gegend mit Freude, und ſie fuͤhren gewoͤhnlich zuſammen aus, in der praͤchtigſten Equipage, die man ſeit vielen Jahren auf dem Lande geſehen haͤtte. Alle Verwandten von beyden Fanilien, ſagt' er, wären ſchon dort, beſonders der Oheim des Junkers, Sir Wilhelm Tornhill, von dem man ſo viel Gutes ſagte. Er fuͤgte hinzu, daß man 5 953 nichts 230— nichts hörte, als von Freude und Feſten; alle Leute preiſeten die Schoͤnheit der jungen Braut und die feine Geſtalt des Braͤutigams, und daß das Paar gar maͤchtig in einander verliebt waͤre. Er ſchloß damit, daß er nicht umhin könnte, Herrn Tornhill fuͤr den gluͤcklich Mann in der Welt zu halten. „Nun, mag er das ſeyn, wenn er kann!“ ſagt' ich.„Aber, mein Sohn, betrachte dieſe Betten von Stroh, dieſes loͤcherichte Dach, dieſe von Salpeter ausgeſchlagenen Waͤnde, und die⸗ ſen feuchten Fußboden, meinen ungeſunden, durch 3 den Brand zur Arbeit untuͤchtig gemachten Koͤr⸗ per, und meine Kinder, die um mich heram nach Brodt weinen; das alles findeſt du bey deiner Zuhauſekunft, und dennoch ſiehſt du hier einen Mann, der um tauſend Welten nicht an ſeiner Stelle ſeyn moͤchte. O meine Kinder, wolltet ihr doch Einmal lernen, mit eurem eigenen Her⸗ zen vertraut umzugehen, und erkennen, was fuͤr eine vortrefliche Geſellſchaft ihr daran ha⸗ ben koͤnnt. Ihr wuͤrdet euch wenig aus dem Glanze und der Pracht des Unwuͤrdigen machen. Faſt alle Menſchen ſind dahin unterwieſen, das Leben als eine Wanderſchaft zu betrachten, und ſich ſelbſt als die Wanderer. Das Gleichniß kann noch weiter getrieben werden, wenn wir anmerken, daß die Vronunen heiter und frolich ſind⸗ — 251 ſind, gleich den Reiſenden, die nach ihrer Hey⸗ niath ziehen; die Gottloſen aber nur dann und wann vergnuͤgt ſind, gleich den Reiſenden, die ins Elend wandern.“ Mein Mitleiden fuͤr meine arme Tochter, die durch dieſen neuen Unſtern uͤberwaͤltigt wurde, unterbrach das, was ich noch weiter zu ſagen hatte. Ich bat ihre Mutter, ihr beyzuſtehn, und nach einer kleinen Weile kam ſie wieder zu ſich ſelbſt. Zu dieſer Stunde ſchien ſie ruhiger, und ich bildete mir ein, ſie haͤtte ſich in ihrem Vorſatze von neuem geſtaͤrkt; aber der Schein betrog mich; denn ihre Ruhe war bloß Mattig⸗ keit nach einer uͤberſpannten Ereiferung. Ein Zufluß von Lebensmitteln, den uns mei⸗ ne milden Pfarrkinder ſchickten, ſchien uͤber mei⸗ ne uͤbrigen Hausgenoſſen neue Munterkeit zu verbreiten, und's war mirs auch gar nicht leid, ſie abermals wieder ſatt und froͤhlich zu ſehen. Es waͤre unbillig geweſen, ihre Zufriedenheit zu verkuͤmmern, bloß um mit der zu klagen, die zur Melancholey entſchloſſen war, oder ihnen eine Traurigkeit aufzubuͤrden, die ſie nicht empfan⸗ den. Alſo ging das Hiſtoͤrchen abermals rund, man begehrte von neuem ein Lied, und Zufrie⸗ denheit und Munterkeit ſchwebten freundlich um unſre kleine Wohnung herum. Vier 253 4 5 Vier und zwanzigſtes Kapitel. Neues Kreutz und Leiden. E es andern Morgens ging die Sonne mit un⸗ — gewohnter Waͤrme fuͤr die Jahrszeit auf⸗ ſo, daß wir einig wurden, in freyer Luft in der Geisblattlaube zu fruͤhſtuͤcken: woſelbſt meine juͤngſte Tochter, auf mein Verlangen, ihre Stim⸗ 8 me mit dem Concerte auf den Baͤumen um uns her vereinigte. An dieſem Orte war's, wo meine Olivia ihren Verfuͤhrer zuerſt geſehn hatte, und⸗ jeder Gegenſtand diente dazu⸗ ihre Betruͤbniß . zu-erneuern. Aber die Melancholey, welche durch Erinnerung an vorige Freuden, oder durch Toge der Harmonie erregt wird, zerſchmelzt das Herz wohl, zerknirſcht es aber nicht. Selbſt ihre Mutter fuͤhlte bey dieſer Gelegenheit ein 1 ſanftes Leiden, und weinte, und liebte ihre 3 Tochter wieder, wie vorhin.„Komm, liebes Lievchen,“ ſagee ſie,„ſing uns einmal die klei⸗ ne traurige Arie vor, die dein Papa ſo gerne hoͤren mag, deine Schweſter Sophie hat uns ſchon den Gefallen gethan. Komm liebes Kind, du machſt deinem alten Vater ein Vergnugen 3 damit.“ Sie erfuͤllte das Begehren auf eine ſo auſſerſt ruͤhrende Weiſe, daß ich ganz be⸗ wegt wurde. Wenn — 253 Wenn einer liebenswuͤrd'gen Schoͤne n Die Thorheit Evens Frucht gepfluͤckt, Dann klagt der Reu zu ſpäte Thraͤne Den Schmeichler an, der ſie beruͤckt; Dann wird die freudenleere Sphaͤre Um ſie ein melancholiſch Grab, Und keine Kunſt, ſelbſt nicht die Zaͤhre, in Wiſcht des Verbrechens Mackel ab. 9. Nur Eins kann ihre Schuld vernichten, 3 Dem Tageslicht die Schand' entziehn,„„ Daß feurig die vergeßnen Pflichten Dem Freoler tief im Buſen gluͤhn; Nur dieß kann Nachſicht ihr erwerben,*. Nur dieß wiſcht ihren Mackel ab: 50 Nichts bleibt ihr uͤbrig, als— zu ſterben, Und ihre Schuld verbirgt das Grab. 6 Als ſie die zwote Strophe ſchloß, der eine Un⸗ kerbrechung ihrer Stimme, vorgefuͤhlter Be⸗ truͤbniß, einen auſſerordentlichen Nachdruck gab, wurden wir alle durch die Erſcheinung der Equipage des Herrn Tornhills erſchreckt, beſonders groß aber war die Unruhe meinen al⸗ teſten Tochter, welche, um ihren Betruͤger zu vermeiden, mit ihrer Schweſter nach Hauſe eilte. In ein Paar Minnten war er ausgeſtie⸗ gen, kam nach dem Platze, wo ich noch ſaß, and erkundigte ſich nach meinem Wohlbefinden, mit 254 mit ſeinem gewoͤhnlichen vertraulichen Weſen⸗ „Mein Herr,“ ſagt' ich zu ihm,„Ihre gegen⸗ waͤrtige Dreiſtigkeit ſetzt mir Ihren boͤſen Cha⸗ racter in ein noch groͤſſeres Licht; und es iſt ei⸗ ne Zeit geweſen, da Ihnen Ihre Unverſchaͤmt⸗ heit, mir ſo kalt und kuͤhn unter die Augen zu treten, eine Zuͤchtigung von meiner eignen Hand zugezogen haben wuͤrde. Die Zeit iſt vorbey, und Sie ſind ſicher; denn das Alter hat meine leidenſchaftliche Hitze abgekuͤhlt, und mein Beruf haͤlt ſie in Schranken.“ „Wahrhaftig, mein theureſter Freund,“ ver⸗ ſetzte er,„Sie ſetzen mich in Erſtaunen; und ich verſtehe kein Wort davon, was Sie mit al⸗ ledem ſagen wollen! Ich hoffe doch nicht, daß Sie meynen, die letzte Spatzierreiſe Ihrer Toch⸗ ter mit mir habe etwas Strafbares gehabt.“ „Geh!“ rief ich;„Du biſt ein Wurm; ein elender kriechender Wurm, und ein Luͤgner von Haus aus; doch, Ihre Niedrigkeit ſchuͤtzt Sie vor meinem Zorne! Bey dem allen, mein Herr, ſtiamme ich von Vorfahren ab, die dergleichen nicht erduldet haͤtten! Wie konnteſt Du elendes Ding, um eine voruͤbergehende Luſt zu buͤſſen, ein armes Geſchoͤpf auf Zeitlebens in Ungluͤck ſtuͤrzen, und eine Familie beſchimpfen, die in der Welt keinen andern Reichthum beſaß, als ihre Ehre?“— )„Ja⸗ — 255 „Ja, wenn Sie, oder Ihre Tochter,“ er⸗ wiederte er,„Ihren Sinn darauf geſetzt haben⸗ ungluͤcklich zu ſeyn, ſo kann ich nicht helfen. Sie koͤnnen aber immer noch gluͤcklich ſeyn; und was Sie nun auch fuͤr eine Meynung von mir ge⸗ faßt haben moͤgen, ſollen Sie mich doch ſtets be⸗ reitwillig finden, dazn behuͤlflich zu ſeyn. Wir koͤnnen ſie in kurzem an einen andern verheyra⸗ then, und ſie kann, was noch mehr iſt, ihren Liebhaber daneben behalten. Denn, ich betheure es Ihnen, ich werde beſtaͤndig meine guten Ge⸗ ſinnungen fuͤr ſie unterhalten.“ Bey dieſem erniedrigenden Vorſchlag empoͤrte ſich mein ganzer Zorn; denn obgleich das Ge⸗ muͤth ſehr oft bey groſſen Beleidigungen ruhig bleiben kann, ſo finden doch die kleinen Buben⸗ ſtuͤcke faſt allemal den Weg zum Herzen, und pri⸗ ckeln es bis zum Wuͤten.—„Aus meinen Au⸗ gen, du Ungeziefer,“ rief ich,„und martre mich nicht laͤnger durch deinen Anblick! Waͤre mein braver Sohn zu Hauſe, das wuͤrd' er nicht leiden; aber ich bin leider alt, und gelaͤhmt, und ungluͤcklich auf alle Art und Weiſe.“ „» Ich ſehe wohl,“ ſagt' er,„Sie wollen mich mit Gewalt noͤthigen, in einem haͤrtern Tone zu ſprechen, als ich geſonnen war. Nun denn, da Sie gehoͤrt, was von meiner Freund⸗ ſchaft zu hoffen ſteht, ſo wirds wohl nicht uͤbel ſeyn, 236.— ſeyn, wenn Sie einſehen lernen, was es fuͤr Folgen haben kann, wenn Sie mich boͤſe ma⸗ chen. Mein Caßirer, der Ihre juͤngſt ausge⸗ ſtellte Obligation in Haͤnden hut, ſpricht von Einklagen; ich ſeh auch nicht ab, wie ich die Ciration oder Execution verhindern kann, es ſey denn, daß ich die Summe aus meinem Taſchen⸗ gelde erſetzte, und das moͤchte wohl, weil ich ſeit einiger Zeit verſchiedene Ausgaben gehabt habe, dergleichen bey Verheyrathungen immer vorfallen, nicht ſo leicht thunlich ſeyn. Mein Verwalter laͤßt ſich auch ſo etwas von Ausſetzen verlauten, wegen ruͤckſtaͤndiger Pacht: ich muß bekennen, es iſt ein firer Kerl, der ſeine Pflicht kennt; denn ich bekuͤmmre mich niemals um dergleichen Lumpereyen. Bey dem allen, moͤchte ich Ihnen doch noch immer gerne zu Dienſte ſeyn, und wuͤnſche ſelbſt, daß Sie und Ihre Tochter zu meiner Hochzeit kommen wollten, die ich binnen kurzem mit Mademoiſelle Wilmot fevern werd e. Ich ſoll Sie ſelbſt im Namen meiner lieben Braut darum bitten, und der, hoff ich, werden Sie es doch nicht abſchlagen.“ „Herrn Tornhill,“ erwiederte ich,„hoͤren Sie mich Ein⸗fuͤr Allemal, was Ihre Verhey⸗ rathung mit irgend einer andern, als meiner Tochter, anbetrift, darein werde ich in meinem Leben meine Einwilligung nicht geben; und koͤnnte —— 257 koͤnnte mich Ihre Freundſchaft auf einen Thron erheben, oder Ihre Feindſchaft in die Grube ſen⸗ ken, dennoch wuͤrde ich beydes verachten. Du haſt mich Einmal jaͤmmerlich, unerſetzlich be⸗ trogen. Mein Herz verließ ſich auf Deine Rechtſchaffenheit, und ich habe ſeine Tuͤcke kennen gelernt. Niemals alſo erwarte wieder Freundſchaft von mir! Geh, behalte, was das Gluͤck Dir zugeworfen hat, Schoͤnheit, Reich⸗ thum, Geſundheit und Freuden! Geh, und uͤbeklaß mich dem Mangel, dem Schimpfe, den Sorgen und den Kummer. So erniedrigt ich ich indeſſen bin, ſoll dennoch mein Herz ſeine Wuͤrde nicht verleugnen; ich habe Dir zwar vergeben, aber ich werde Dich auch zeitlebens verachten.“ „So!“ erwiederte er;„nun, dann ſoll der Herr auch fuͤhlen, was Er mit ſeinem Ueber⸗ muthe ausgerichtet hat; und wir wollen bald ſehen, wer von beyden die veraͤchtlichſte Kreatur iſt; ich oder Er!⸗— Und damit verließ er mich ploͤtzlich. Meine Frau und mein Sohn, die bey dieſer Unterredung zugegen waren, ſchienen vor ſeinen Drohungen zu erſchrecken. Meine Toͤchter gleich⸗ falls, als ſie gehoͤrt, daß er weggegangen, ka⸗ men heraus, ſich zu erkundigen, wie unſre Con⸗ ferenz abgelaufen, und da ſie es vernommen, 8 1 R 3 waren — 258 waren ſie nicht weniger beſorgt, als die uͤbrigen⸗ Ich fuͤr mein Theil aber, achtete den aͤuſſerſten Grad ſeiner Bosheit fuͤr ſo viel als nichts. Den haͤrteſten Schlag hatt' er gethan, und ich ſtand in Bereitſchaft, allen uͤbrigen zu begegnen. Gleichwie gewiſſe Werkzeuge in der Kriegskunſt, welche, man mag ſie werfen, wie man will, dem Feinde immer eine Spitze zukehren⸗ Indeſſen wurden wir bald inne, daß er nicht umſonſt gedraͤuet hatte; denn gleich des folgen⸗ den Morgens kam ſein Verwalter, den jaͤhr⸗ lichen Pacht einzufodern, den ich, wegen der bereits erzaͤhlten Kette von Zufaͤllen, nicht 1im Stande war, abzutragen. Die Folge meines Unvermoͤgens war, daß er mir denſelben Abend mein Rindvieh wegtreiben, den andern Tag taxiren und um die Haͤlfte, was ſie werth wa⸗ ren, verkaufen ließ. Meine Frau und Kinder lagen mich deshalben an, ich moͤchte doch nur lieber in allem nachgeben, was er verlangte⸗ als mich dem gewiſſen Verderben ausſetzen⸗ Sie baten mich ſogar, ich moͤchte ſeine Beſuche im Hauſe wieder geſtatten, und wendeten ihr ganzes bischen Beredtſamkeit an, mir das Un⸗ gluͤck vorzumahlen, dem ich mich bloß ſtellte, das Schreckliche eines Gefaͤngniſſes, in einer ſo ſtrengen Jahrszeit, als die gegenwaͤrtige, nebſt der Gefahr, die meiner Geſundheit drohete, — wegen — — 239 wegen des Zufalls, der mir bey dem Brande uͤberkommen war; aber ich blieb unbeweglich⸗ „Wie, meine Geliebten,“ ſagt' ich zu ihnen, „warum gebt Ihr Euch ſo viele Muͤhe, mich zu etwas zu uͤberreden, das nicht recht iſt! Meine Pflicht hat mich gelehrt, ihm zu vergeben; mein Gewiſſen aber erlaubt mir nicht, ſein Thun zu billigen. Wolltet Ihr wohl, daß ich das oͤffentlich vor der Welt gut heiſſen ſoll, was ich im Grunde meines Herzens verdammen muß? Wolltet Ihr, daß ich da ſo zahm ſtill ſitzen, und unſerm ſchaͤndlichen Betruͤger ſchmeicheln, und, um dem Gefaͤngniſſe zu entgehen, die druͤckendern Ketten der Seelenknechtſchaft un⸗ ablaͤßig tragen ſollte? Nein, nun und nimmer⸗ mehr! Sollen wir aus dieſer Wohnung getrie⸗ ben werden, gut! Laß uns nur an das halten, was Recht iſt— und wohin uns auch das Schickſal wirft, koͤnnen wir uns in reitzende Gemaͤcher begeben, wenn wir uns in unſern eignen Herzen ohne Scheu und mit Vergnuͤgen umher ſehen koͤnnen!“ Auf dieſe Weiſe brachten wir den Abend hin⸗ Des naͤchſten Morgens fruͤh, da die Nacht ein tiefer Schnee gefallen, arbeitete mein Sohn dabey, einen Weg vor der Thuͤre zu oͤffnen. Er war noch nicht lange dabey beſchaͤftigt geweſen, als er herein gelaufen kam, ganz blaß und bleich, .. R 2 uns uns zu ſagen, daß zwey Fremde auf das Haus zukaͤmen, die er als Gerichtobediente kennte. Nooch als er davon ſprach, traten ſie herein, naͤherten ſich dem Bette, worinn ich lag, mach⸗ ten mich mit ihrem Amte und ihrer Verrichtung bekannt, erklaͤrten mir, daß ich ihr Arreſtant waͤre, und daß ich mich bereiten muͤßte, mit ihnen nach dem Gefaͤngniſſe zu wandern, wel⸗ ches zwey bis drittehalb Meilen von dannen war „Meine Freunde,“ ſagt' ich zu ihnen,„es iſt eine ſtrenge Witterung, in der Sie kommen, mich nach einem Gefaͤngniß zu holen; und es iſt beſonders ungluͤcklich, daß ich mir eben vor kurzem den Arm ſo heftig verbrannt habe, und daß mir das ein kleines Fieber zugezogen hat; und daß ich keine Kleider habe, mich zu erwaͤrmen; und daß ich ſchon zu alt und ſchwach bin, in ſo tiefem Schnee ſo weit zu Fuße zu gehn— Jedoch, wenn es ja ſo ſeyn muß— Ich wendete mich darauf an meine Frau und Kinder, und wies ſie an, das wenige, was wir noch hatten, zuſammen zu packen, und ſich auf der Stelle fertig zu machen, den Ort zu verlaſ⸗ ſen. Ich bat ſie, ſich zu foͤrdern, und meinen Sohn erſucht' ich, ſeiner aͤlteſten Schweſter bey⸗ zuſtehn, welche, aus Bewuſtſeyn, daß ſie die Urſache unſerer Verfolgung waͤre, in Ohnmacht geſunken⸗ und ihren Jammer in Gefuͤhlloſigkeit vorloh⸗ verlohren hatte. Ich ſprach meiner Frau Troſt ein, welche zitternd und blaß unſre verſchuͤch⸗ terten Kleinen in ihre Arme faßte, die ſich ihr verſtummt an den Hals klemmten, und ſich ſcheneten, nach den Fremden hinzuſehn. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit machte meine juͤngſte Tochter die Anſtalten zu unſrer Abreiſe, und weil ſie oft angemahnt ward, zu eilen, ſo waren wir in ungefehr einer Stunde fertig, unſern Weg an⸗ zutreten, Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. 4 Zuſtand des Lebens, ſo ungluͤckſelig er ſcheinen mag, der nicht einige Er⸗ leichterung bey ſich fuͤhren ſollte, die ihn ertraͤglicher macht. ir machten uns aus dieſer friedſeligen Nach⸗ barſchaft auf den Weg, und wandelten langſam fort. Meine alhene Tochter war von einem ſchleichenden Fieber entkraͤftet, welches ſchon ſeit einigen Tagen ihre Geſundheit unter⸗ graben hatte, und einer von den Gerichtsbeam⸗ ceen, der ein Pferd hatte, war ſo guͤtig, ſie hin⸗ ter ſich aufs Pferd aufzunehmen; denn ſelbſt dieſe Leute koͤnnen doch die Menſchlichkeit nicht R 3 ganz 262.— ganz verleugnen. Mein Sohn fuͤhrte einen von den Kleinen bey der Hand, und meine Frau den andern; ich ſtuͤtzte mich auf meine zuͤngſte Toch⸗ ter deren Thraͤnen nicht um das ſloſſen, was ſie ſelbſt, ſondern was ich litt. Wir waren faſt ſchon eine halbe Meile von meiner vorigen Wohnung weg, als wir einen Haufen Menſchen mit Geſchrey hinter uns an⸗ laufen ſahen, der ungefehr aus funfzig meiner aͤrmſten Pfarrkinder beſtehen mochte. Dieſe griffen die beyden Gerichtsbediente mit graͤßli⸗ chem Schelten und Schimpfen an, ſchworen und fluchten, ſie wollten nicht leiden, daß ihr Pfarrer nach dem Gefaͤngniß gebracht wuͤrde, ſo lange ſie noch einen Tropfen Bluts zu ſeiner Vertheidigung zu vergieſſen haͤtten, aagſiſun. den im Begriff, ihnen ſehr uͤbel mitzuſpielen. Es haͤtte ſehr uͤble Folgen haben koͤnnen, haͤtt ich mich nicht gleich dazwiſchen gelegt, und mit einiger Muͤhe die Gerichtsdiener aus den Haͤn⸗ den der wuͤthenden Meuge gerettet. Meine Kin⸗ der, die ſchon meine Befreyung fuͤr gewiß hiel⸗ ten, ſchienen vor Freuden auſſer ſich, und konn⸗ ten ihr Entzuͤcken nicht verbergen. Sie kamen aber bald aus ihrem Irrthume, als ſie hoͤrten, wie ich die armen irrigen Leute anredete, welche gekommen waren, mir, nach ihrer Meynung⸗ einen Dienſt zu leiſten. 8 Was, 263 „Was, meine lieben Freunde,“ rief ich ihnen zu,„iſt das die Art, wie Ihr mir Eure Liebe beweiſet! Gehorcht Ihr ſo den Lehren und Ver⸗ mahnungen, die ich Euch von der Kanzel gege⸗ ben habe? Tretet Ihr ſo die Geſetze mit Fuͤſſen, und wollt Ihr Euch und mich ins Verderben ſtuͤrzen? Wer iſt Euer Raͤdelsfuͤhrer? Weiſet 1 mir den Mann, der Euch hiezu verfuͤhrt hat. So gewiß er lebt, ſo gewiß ſoll er meinen Zorn empfinden. Ach! Du armes verblendetes Haͤuf⸗ lein, kehre wieder zu Deiner Pflicht zuruͤck, die Du Gott, Deinem Vaterlande und mir ſchul⸗ dig biſt. Vielleicht ſeh' ich Euch noch eines Ta⸗ ges in dieſer Welt in gluͤcklichern Umſtaͤnden, und kann noch dazu beytragen, Euer Leben fro⸗ her zu machen. Und zum wenigſten laßt das meinen Troſt ſeyn, daß, wenn ich einſt in je⸗ nem Leben Rechenſchaft von meiner Gemeine geben ſoll, mir keine von Euren Seelen, die ich hier ſehe, fehlen mag.“ Sie zeigten ſich itzt alle voller Reue, und ka⸗ men alle, einer nach dem andern, mit Thraͤnen in den Augen, Abſchied von mir zu nehmen⸗ Ich druͤckte jedem liebreich die Hand, gab ihnen allen meinen Segen, und ſetzte meine Reiſe fort, ohne daß ferner was dazwiſchen gekommen waͤre. Wir kamen noch einige Stunden vor Abends in dem Flecken, oder vielmehr Dorfe R 4 an, 26 an, denn der Ort beſtand nur aus einigen we⸗ nigen ſchlechten Haͤuſern, indem er ſeine ganze vorige Wohlfarth verlohren, und von ſeinem alten Anſehn keine andre Spur mehr uͤbrig be⸗ halten hatte, als das allgemeine Gefaͤngniß⸗ Bey unſrer Ankunft begaben wir uns in eine Herberge, und lieſſen uns ſolche Erfriſchungen geben, die wit am erſten bekommen konnten, und ich aß mit den Meinigen mit meiner gewoͤhnli⸗ chen Munterkeit. Nachdem ich ſie auf dieſen Abend ſo gut als moͤglich verforgt hatte, ging ich darauf mit den Gerichtsdienern nach dem Gefaͤngniß, welches ehedem zu anderm Gebrau⸗ che im Kriege gebauet worden, aus finem groſ⸗ ſen Raume beſtand, der ſtark mit Gatterwerk verwahrt, und mit Steinen gepflaſtert war, und zu gewiſſen Stunden des Tages ſowohl Uebel⸗ thaͤtern als unvermoͤgenden Schuldnern gemein⸗ ſam diente. Ueber dieſem hatte jeder Arreſtant ſeine beſondre Zelle, in welcher er des Nachts verſchloſſen wurde. Ich erwartete bey meinem Eintritt nichts als Winſeln und Klagen zu finden, und die ver⸗ ſchiedenen Toͤne des Jammerns; es war aber ganz anders. Die Gefangenen ſchienen alle nach einem Zwecke zu ſtreben, dem naͤmlich, durch Schaͤkern und Toben das Nachdenken zu verjagen. Man erinnerte mich bey dieſer Gele⸗ genheit ¹ — 265 genheit an das gewoͤhnliche Hänſelgeld, und ich that dem Begehren augenblicklich ein Genuͤgen, obgleich das wenige Geld, was ich gehabt, be⸗ reits groͤſſeſten Theils ausgegeben war. Man ließ dafuͤr alſofort zu trinken holen, und das ganze Gefaͤngniß ward bald erfuͤllt mit wildem Laͤrmen, Gelaͤchter, Fluchen und Schwoͤren. „Was,“ ſagt' ich bey mir ſelbſt,„ſollen ſo arge gottloſe Menſchen luſtig ſeyn, und ich traurig! Ich habe mit ihnen ja weiter nichts gemein, als Mangel der koͤrperlichen Freyheit, und ich denke, ich habe mehr Urſache vergnuͤgt zu ſeyn.“ Mit dergleichen Betrachtungen arbeitete ich daran, mich froͤlich zu machen; aber mit der Froͤlichkeit, die man erringen muß, hat es noch niemals recht fortgewollt; es wird einem da⸗ mit ſo ſauer. Als ich demnach in einem Win⸗ kel des Gefangenſaals in einer gedankenvollen Stellung ſaß, kam einer meiner Mitgefangenen, ſetzte ſich zu mir, und fing an, mit mir zu ſpre⸗ chen, Ich habe mir beſtaͤndig die Regel ge⸗ macht, niemals dem Geſpraͤche mit einem Men⸗ ſchen auszuweichen, der es zu wuͤnſchen ſchien: denn iſts ein guter Menſch, ſo kann ſein Ge⸗ ſpraͤch mir nuͤtzen; iſt er ſchlecht, ſo kann ihm das meinige zu ſtatten kommen. An dieſem and ich einen Mann von Erfahrung, und vie⸗ R 5 lem lem natuͤrlichen Verſtande; dabey von groſſer Kenntniß der Welt, wie man's nennt, oder, beſſer zu ſagen, der menſchlichen Natur, von der dunklen Seite. Er fragte mich, ob ich dar⸗ an gedacht haͤtte, mich mit einem Bette zu ver⸗ ſehen; ein Umſtand, der mir nicht einmal ein⸗ gefallen war. „Das iſt ſchlimm,“ ſagt' er,„weil Sie hier nichts bekommen, als ein wenig Stroh, und Ihre Zelle iſt ſehr groß und kalt. Sie kommen mir indeſſen ſo vor, als ob Eis wohl beſſer gewohnt geweſen; und da ich ſelbſt weiß, wie ſo einem zu Muthe iſt, ſo ſoll Ihnen ein Theil von meinem Bettzeuge herzlich gerne zu Dien⸗ ſte ſtehn.“. Ich dankte ihm, und bezeugte ihm meine Ver⸗ wundrung, ſo viel Menſchenfreundlichkeit in einem Kerker mitten unter dem Elende zu fin⸗ den; und, um merken zu laſſen, daß ich ein Gelehrter waͤre, ſetzte ich binzu,„daß die wei⸗ ſen Alten den Werth der Geſellſchaft im Ungluͤck ſchienen eingeſehn zu haben, wenn ſie ſagten: Ton koſman aire ei dos ton etairon; und was iſt in der That die Welt,“ fuhr ich fort,„wenn ſie nichts als eine einſame Wuͤſte ſeyn ſoll. „Da ſie von der Welt reden, mein Herr, erwiederte mein Mitgefangener,„die Welt neigt ſich zu ihrer zweyten Kindheit, und ddeennoch ——— ——— dennoch hat die Kosmogonie, oder Schoͤ⸗ pfung der welt, den Philoſophen zu allen Zeiten ſehr Vieles zu ſchaffen gemacht. Was fuͤr ein Gemiſch von Meynungen uͤber die Schoͤpfung der welt haben ſie nicht ausge⸗ heckt! Sanconiathon, manetho, Beroſus und Ocellus Lucanus haben vergeblich dar⸗ nach geſtrebt. Der letzte hat folgende Worte: Anarchon ara kai atelutai⸗ onto panz welches ſo viel ſagen will—“ „Um Vergebung, mein Herr,“ fiel ich ihm ein,„daß ich ſo viele Gelehrſamkeit unterbre⸗ brechen muß; allein, mich deucht, ich habe das alles ſchon ehedem gehoͤrt. Hab' ich nicht das Vergnuͤgen gehabt, Sie ehmals auf dem Jahr⸗ markte zu Welbridge zu ſehen, und iſt nicht Ihr Name Ephraim Jenkinſon?“ Auf dieſe Frage antwortete er bloß mit einem Seufzer.„Ich ſollte denken,“ ſagte ich weiter,, Sie muͤßten ſich eines gewiſſen Doktors Primroſe erinnern, dem ſie ein Pferd abkauften.“ Auf einmal erinnerte er ſich wieder meiner Geſtalt; denn die Dunkelheit des Orts und die Abenddaͤmmerung hatten ihn verhindert, meine Zuͤge vorher zu erkennen.—„Ja, mein Herr,“ verſetzte Jenkinſon,„ich erinnere mich Ihrer ganz wohl; ich kaufte ein Pferd, vergaß es aber zu bezahlen. Ihr Nachbar Flamborough iſt der der einzige Anklaͤger, den ich beym naͤchſten Landgerichte fuͤrchte: denn er iſt geſonnen, wi⸗ der mich, als einen falſchen Muͤnzer, zu ſchwö⸗ ren. Es thut mir herzlich keid, mein Herr Doktor, daß ich Sie jemals betrogen habe, oder eigentlich, wen es auch ſey; denn hier ſehn Sie, fuhr er fort, und wies auf ſeine Helden und Schellen, was mix meine liſtigen Streiche er⸗ worben haben.“ „Wohlan, mein guter Mann,“ erwiederte ich,„Ihre Gefaͤlligkeit, daß Sie mir zu einer Zeit Beyſtand angeboten, da Sie keine Vergel⸗ tung erwarten konnten, hoff' ich Ihnen da⸗ durch zu erwiedern, daß ich mir beym Herru Flamborvugh alle Muͤhe geben will, ihn dahin zu bringen, daß er ſeine Anklage mildern, o er gar unterdruͤcken ſoll; und des Endes will ich meinen Sohn mit erſter beſter Gelegenheit zu ihm ſchicken; ich zweifle auch faſt gar nicht, daß er meiner Bitte Gehoͤr geben wird. Und, was mich ſelbſt anbetrift, ſo duͤrfen Sie nicht beſor⸗ gen, daß ich meine Klage gegen Sie einbrin⸗ gen werde.“ 1 „Gut, mein hochgeehrter Herr Doktor,“ ſagt' er,„alles womit ich Ihnen danken kann, ſoll geſchehen. Sie ſollen noch dieſen Abend mehr als die Halfte meines Bettzeugs haben, und ich will in allen Stuͤcken hier im Gefaͤngniſſe Ihr —— 269 Ihr Freund ſeyn, wo ich glaube ein Wort mit⸗ ſprechen zu koͤnnen.“ Ich dankte ihm, und konnte nicht umhin, ihm meine Verwunderung uͤber ſein tziges ju⸗ gendliches Anſehen zu erkennen zu geben; denn damals als ich ihn auf dem Jahrmarkte ſah, ſchien er wenigſtens uͤber Sechszig alt zu feyn⸗ —„Herr Doktor,“ antwortete er darauf, „Sie wiſſen nicht diel davon, wiers in der Welt hergeht; ich trug damals falſche Haare, und ich habe die Kunſt gelernt, jedes Alter, von Siebzehn bis Siebzig, nachzumachen. Ach, lieber Herr Doktor, haͤtt' ich nur die Haͤlfte Muͤhe angewendet, eine Profeßion zu lernen, albs es mich gekoſtet hat, das Handwerk eines Gandiebs zu lernen, ich koͤnnte heute dieſen Tag eein reicher Mann ſeyn. Doch, ob ich gleich ein ſo uͤbles Gewerbe getrieben, kann ich Ihnen immer noch einen Freundſchaftsdienſt erweiſen, und das vielleicht, wenn Sies am wenigſten vermuthen.“ Wir wurden am fernern Geſpraͤch durch die Ankunft des Schlieſſerknechts verhindert, wel⸗ cher die Gefangenen bey Namen aufrufte, und ſie auf die Nacht in ihre Zellen einſchloß. Es kam auch ein Kerl mit einem Bund Stroh, dar⸗ auf ich ſchlafen ſollte, und fuͤhrte mich durch ei⸗ Nen engen dunklen Gang nach einer Kammer, die 1 eben 270—— eben ſo mit Steinen gepflaſtert war, als der groſſe Gefangenſaal; und in einer Ecke derſel⸗ ben breitete ich das Stroh aus, und die Bette kiſſen, die mir Jenkinſon gegeben hatte. Nach⸗ dem das geſchehen, ſagte mir mein Fuͤhrer, der noch hoͤflich genng war, gute Nacht. Nach meiner gewoͤhnlichen Abendandacht, wobey ich meinen himmliſchen Vater fuͤr ſeine gnaͤdige Zuͤchtigung gepreiſet, legt' ich mich nieder, und ſchlief mit der vollkommenſten Ruhe bis an den Morgen. 15 9 ,=——== Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Eine Reformation im Kerker. Um die Geſetze vollkommen zu machen, ſollten ſie eben ſowohl Belohnungen alz Strafen vorſchreiben. es naͤchſten Morgens fruͤh ward ich von den Meinigen geweckt, welche ich um mein Bette in Thraͤnen erblickte. Das fuͤrchterlich ſtark und wohl verwahrte Anſehen alles deſſen, was uns um gab, hatte ſie ſo ſehr niedergeſchla⸗ gen. Ich verwies ihnen ihren Kummer mit Sanftmuth, und verſicherte ſie, daß ich nie⸗ mals geruhiger geſchlafen haͤtte; nach dem er⸗ kundigee —— 271 kundigte ich mich nach meiner aͤlteſten Tochter, die nicht mitgekommen war. Sie gaben mir die Nachricht, daß die geſtrigen Uuruhen und Beſchwerden ihr Fieber verſtaͤrkt, und ſie es rathſamer gefunden haͤtten, ſie nicht mitzubrin⸗ gen. Meine naͤchſte Sorge war, meinen Sohn auszuſchicken, um ein oder ein Paar Zimmer zu miethen, welche meine Familie beziehen koͤnnte, und zwar ſo nahe bey dem Gefaͤugniſſe, als es ſich thun laſſen wollte. Er gehorchte; konnte aber nur ein einziges Zimmer finden, welches wir fuͤr ein Geriuges fuͤr ſeine Mutter und Schweſtern mietheten, weil der Kerkermei⸗ ſter gutherzig genug war, zuzugeben, daß er und ſeine beyden kleinen Bruͤder in meinem Ge⸗ faͤngnißzimmer ſchlafen koͤnnten. Es ward al⸗ ſo in einem Winkel ein Bett fuͤr ſie zurecht ge⸗ macht, welches nach meiner Meynung recht gut anging, Indeſſen wollt“ ich doch gern erſt wiſſen, ob meine kleinen Kinder auch bange ſeyn moͤchten, in einem Orte zu ſchlafen, der ihnen beym Eintritt Furcht einzujagen ſchien. „Nun,“ rief ich,„meine guten Jungens, wie gefaͤllt Euch Euer Bett? Euch wird doch nicht grauen, in dieſer Kammer zu ſchlafen, ob ſie ſchon ein bischen dunkel ſcheint?“ „Nein, Papa,” ſagte Dietrich,„mich grauet niemals, wenn ich bey Papa ſchlafe.“ „Und 272 „Und ich,“ ſagte Wilhelm, der erſt vier Jahr Papa iſ 4 66 4 Nach dieſem gab ich jedem von den Meinis gen auf, was er zu thun haͤtte. Meiner Toch⸗ ter trug ich beſonders auf, ihrer kranken Schwe⸗ ſter zu pflegen; meine Fran ſollte bey mir blei⸗ ben, und meine beyden Kleinen ſollten mir vor⸗ leſen. „Du aber, mein Sohn,“e fuhr ich fort, zu Moſes zu ſagen,„Du biſt es, auf deſſen Arbeit ich die Hoffnung ſetze, uns alle zu ernähren⸗ Dein Lohn, als ein Tageloͤhner, wird voͤllig hinreichen, wenn wir ſparſam haushalten, uns alle, und das gemaͤchlich, durchzubringen. Du biſt nun ſechszehn Jahr alt, und haſt Kraͤfte, die Dir der liebe Gott zu nuͤtzlichen Endzwecken gegeben hat; denn ſie muͤſſen Deine huͤlfloſen Eltern und Geſchwiſter vor Hunger ſchuͤtzen. Gch' alſo gleich heute hin, und ſieh Dich auf morgen nach Arbeit um, und des Abends bring' das Geld zu Hauſe, was Du des Tages ver⸗ dient haſt, damit wir dafuͤr Eſſen kaufen koͤnnen.“ Nachdem ich ihn dergeſtalt unterrichtet und das uͤbrige in Ordnung gebracht hatte, ging ich nach dem allgemeinen Gefaͤngnißſaale, wo ich beſſre Luft und mehr Raum hatte. Allein, ich N war 2 alt war,„mag immer da am liebſten ſeyn, wo —.2, war nicht lange da geweſen, als mich die got⸗ teslaͤſterlichen und viehiſchen Reden, die mir von allen Seiten in die Ohren drangen, wieder nach meiner eignen Zelle trieben. Hier ſaß ch einige Zeit, und ſann der ſonderbaren Verkehrt⸗ heit der elenden Leute nach, welche da ſie ſchon wiſſentlich das ganze menſchliche Geſchlecht zu offenbaren Widerſachern haben, aus allen Kraͤf⸗ ten darnach ringen, ſich einen zukuͤnfrigen all⸗ maͤchtigen Feind zu machen. Ihre Gefuͤhlloſigkeit erregte mein herzlichſtes Mitleiden, und ließ mich mein eignes Ungemach vergeſſen. Es ſchien mir ſogar die Pflicht ob⸗ zuliegen, an ihrer Bekehrung zu arbeiten. Ich entſchloß mich alſo, wieder zu ihnen zu gehn, und ſie, ungeachtet ihres Verſpottens, zu er⸗ mahnen, und ſie durch unermuͤdete Beharrlich⸗ keit zu gewinnen. Indem ich alſo wieder zu ihnen ging, benachrichtete ich Jenkinſon von meinem Vorhaben, woruͤber er herzlich lachte, und es gleichwohl den uͤbrigen bekannt machte. Der Vorſchlag ward mit der groͤſſeſten Luſtig⸗ keit angenommen, weil es Leuten neuen Stoff zu Zeitvertreib verſprach, die eben keine andre Materie zum Lachen hatten, als die ſie von Soppereyen und unzuͤchtigem Geſchwaͤtz her⸗ nahmen. 1 3 Ich las ihnen alſo mit lauter und geſetzter Stimme einen Bußſpalm vor, und fand, daß meine 14 2274 —— Zuhdrer ſich herzlich luſtig daruͤber machten⸗ Spoͤttiſches Gefluͤſtre, bußfertige Seufzer, auf eine laͤcherliche Art nachgemacht, Huſten, Ge⸗ ſichterſchneiden, erregten eins ums andre das Gelaͤchter. Nichts deſto weniger fuhr ich fort, mit meiner natuͤrlichen Feyerlichkeit zu leſen, mit der Ueberzeugung, daß das, was ich thaͤte, einige zur Beſſrung bringen, aber, an und fuͤr ſich ſelbſt, von niemand verunehrt werden koͤnnte. Nach dem Vorleſen fing ich meine Vermah⸗ nung au, mehr in der Abſicht, ſie erſt aufmerk⸗ ſam zu machen, als ihnen eine Strafpredigt zu halten. Ich machte damit den Aufang, ihnen begreiflich zu machen, daß ich hiebey keine an⸗ dre Urſach', als ihre eigne Wohlfarth haben konnte; daß ich ihr Mitgefangener waͤre, und daß ich mit meinen Predigten nichts ver⸗ diente. Es thaͤte mir ſehr leid, ſagt' ich daß ich ſie ſo gottloſe Reden fuͤhren hoͤrte; weil ſie dadurch nicht das geringſte gewoͤnnen, wohl aber ſehr viel verlieren kdunten.„Deun ſedd verſichert, meine Freunde,“ fuhr ich fort,„denn meine Freunde ſeyd Ihr, obgleich die Welt Eure Freundſchaft verwerfen mag, ſeyd verſichert, ſtieſſet Ihr auch zwoͤlf tauſend Fluͤche in einem Tage aus, das wuͤrde Euch nicht einen rothen Pfennig in Eure Taſchen bringen. Wozu ſoll es dann alſo, daß Ihr alle Augenblicke den Teu⸗ fel ruft, und Euch um ſeine Freundſchaft bewer⸗ bet,— — 275 bet, da Ihr ſeht, wie haͤmiſch er Euch mit⸗ ſpielt. Er hat Ench hier nichts gegeben, das ſeht Ile, als ein Maul voll Eide und einen leeren Magen; und ich kenne ihn genng, Euch die Verſicherung zu geben, daß er Euch dereinſt gar nichts geben wird, das Euch heilſam waͤre.⸗ „Wenn wir bey einem Manne unſre Rech⸗ nung nicht finden, pflegen wir natuͤrlicher Weiſe zu einem andern zu gehen. Waͤr' es Euch alſo nicht der Muͤhe werth, es wenigſtens zu verſu⸗ chen, wie Euch die Begegnung eines andern Herrn gefallen moͤchte, der Euch doch ſo herrli⸗ che Verſprechungen giebt, wenn Ihr zu ihm kommen wollt. Wahrlich, meine Freunde, un⸗ ter allen Sinnloſigkeiten in der Welt muß die Sinnloſigkeit desjenigen die groͤſſeſte ſeyn, der, nachdem er ein Haus beſtohlen hat, hin zum Diebesfänger laͤuft, um da Schutz zu ſuchen. Und dennoch, handelt Ihr wohl weiſer? Ihr ſuchet alle Troſt bey einem, der Euch bereits betrogen hat, indem Ihr Euch an ein Weſen wendet, das boshafter und verraͤtheriſcher iſt, als alle Diebsfaͤnger zuſammen genommen; denn die thun weiter nichts, als daß ſie Euch ins Garn locken, und dann an den Galgen bringen; der boſe Geiſt aber lockt Euch nicht nur, und briugt Euch an den Galgen, ſondern was das aͤrgſte iſt, haͤlt Euch in ſeinen Klauen feſt, wenn ſchon der Henker laͤngſt mit Euch fertig iſt. S2 Als 276 Als ich meine Rede geſchloſſen hatte, empfing ich von meinen Zuhdrern die Complimente dar⸗ uͤber; einige davon kamen, und ſchuͤttelien m die Hand, und ſchwuren, ich waͤr' ein gute ehrlicher Schlag von Manne, und baten um fernere Bekanntſchaft. Ich that alſo das Ver⸗ ſprechen den folgenden Tag meine Erbauungs⸗ ſtunde zu wiederholen, und faßte wirklich einige Hofnung, hier eine Reformation zu bewirken; denn es war beſtaͤndig meine Meynung gewe⸗ ſen, daß kein lebendiger Menſch ſeine Gnaden⸗ zeit gaͤnzlich verſoumer haͤtte, und daß jedes Herz den Pfeilen der Buſſe und Bekehrung of⸗ fen laͤge, wenn nur der Bogenſchuͤtze gehdrig zielen koͤunte. Als ich ſolchergeſtalt meinem Wunſche ein Genuͤge gethan hatte, ging ich nach meiner Kammer zuruͤck, wo mir meine Frau ein maͤßiges Mahl bereitete; Herr Jeu⸗ rinſon bat um die Erlaubniß, ſein Mittagseſ⸗ ſen zu dem vnngen fuͤgen, um, wie er ſich ſehr hoflich ausdruͤckte, das Vergnuͤgen meiner Geſellſchaft zu genieſſen. Er hatte u Meinigen nicht geſehen, denn ſie waren dur den vorbeſchriebenen engen Gang zu mir ge⸗ kömmen, und hatten alſo den Gefangnit vermieden. Jenkinſon ſchien alſo beym erſten Anblick nicht wenig von der Schoͤnheit meiner zuͤngſten Tochter geruͤhrt zu werden, welche durch ihre gedankenvolle Miene noch erhoͤhet 4 1 war; 277 ar; und auch meine beyden Kleinen ließ er unbemerkt. 4 ch, lieber Herr Doktor,“ ſagt' er,„dieſe der ſind zu huͤbſch und zu gut, fuͤr einen Platz, wie dieſer! »„Ey nun, Herr Jenkinſon,“ verſetzte ich, „dem Himmel ſey Dank, meine Kinder ſind mit ganz guten Herzen verſehen; und wenn das Herz gut iſt, ſo hat das uͤbrige eben ſo viel nicht zu bedeuten.*. 4 Ich denke, Herr Doktor,“ erwiederte mein Mitgefangener„es muß Ihnen ein groſſer Troſt ſeyn, dieſe kleine Familie hier um ſich zu haben. „» Das ſollt' ich meynen, Herr Jenkinſon, antwortete ich;„ein Troſt, den ich nicht fuͤr die ganze Welt miſſen wollte; denn mit ihnen ſcheint mir der dunkelſte Kerker ein Pallaſt. s iſt nur Ein Weg in dieſer Welt, mir meine uben, und der iſt, wenn man ihnen Leide thut.“* 3 beſorge alſo, Herr Doktor,“ ſagt' er, eſorge, daß ich gewiſſermaſſen mich an verſuͤndigt habe; denn ich glaube, ich e hier(er ſah dabey auf meinen Sohn Mo⸗ ſes) jemand, den ich beleidigt habe, und von dent ich 2 erzeihung zu erhalten wuͤnſchte.“ S3 Mein 278— Mein Sohn erinnerte ſich augenblicklich ſei⸗ ner Stimme und ſeiner Geſichtszuͤge, ob er i gleich damals in einer andern Verkleidur ſehn hatte, und faßte ihn bey der Hand, ſagre ihm mit einem Laͤcheln, daß er es ihm ve ziehe.„Doch,“ ſagt' er dabey,„kann ich noch nicht begreifen, was Sie in meinem Geſicht gefunden haben muͤſſen, daß Sie bewogen, Ih⸗ ren Streich an mir zu verſuchen.. 8 „ Mein lieber junger Herr,“ verſetzte der an⸗ dre,„es war nicht Ihr Geſicht, ſondern weiſſe Struͤmpfe und das breite ſchwarze Bä in Ihrem Haare, was mich anlockte⸗ Aber das iſt kein Umſtand, der Ihrem V rſtande verklei⸗ nerlich ſeyn kann; ich habe in meinem Leben ganz weiſere Leute angefuͤhrt; und doch ſind mir, bey aller meiner Liſt, die⸗ ummkoͤpfe zu⸗ letzt uͤber den Kopf gewachſen.“ 4 * „Ich ſollte glauben,“ rief mein Sohn,, die Beſchreibung eines Lebens, wie d auſſerordentlich luſtig und lehrreich ſe — „Nicht ſonderlich, weder das Eine, no Andre,“ ewiederte Jenkinſon.„Die blo zaͤhlung der Laſter und liſtigen Streiche Mannes macht nur blode und ſchuͤchtern, 4 und haͤlt uns nur auf, daß wir nicht vorwaͤrts kom⸗ 3 men. Der Reiſende, der jeden Menſchen in ſ 4„ 1 Verdacht * „† * — Berdacht hat, den er anſichtig wird, und bey m Anblicke eines jeden umkehrt, der ihm aus⸗ wie ein Raͤuber, wird ſelten ſeine Reiſe chter Zeit zuruͤck legen.“ 1 „In That bin ich der Meynung, aus eigner Erfahrung, daß der Liſtige und Verſchla⸗ gene, eigentlich der einfaͤltigſte Menſch unter . der Sonne iſt. Ich ward von meiner Kindheit auf zu Raͤnken angefuͤhrt; ich war kaum ſieben una alt, als das Frauenzimmer ſchon zu ſagen 18 e, ich ſey ſchon ein kleiner kluger Mann; im vierzehnten kennt' ich die Welt, ſetzte meinen Hut auf ein Ohr, und ſtieg hinter den Maͤdchen an; im zwanzigſten, ob ich gleich vollkommen ehrlich war, hielt mich jedermann fuͤr ſo ver⸗ ſchlagen, daß mir kein Menſch trauen wollte. Ich mußte alſo zuletzt ein Gauner werden, ich mochte wollen oder nicht; und ſeitdem habe ich anter beſtandigem Kopfbrechen gelebt, wie ich Beteuͤgen erfinden wollte, und un⸗ igem Herzklopfen, vor Furcht, er⸗ werden. Ich pflegte oft uͤber Ihren en einfaͤltigen Nachbar Flamborough zu „ und gewoͤhnlich warf ich ihn, auf eine ie andre Art, jaͤhrlich einmal uͤber den Toͤlpel. Indeſſen blieb der ehrliche Mann be⸗ ſtaͤndig bey ſeinen fuͤnf Augen, und ward reich, unterdeſſen, daß ich bey aller meiner Liſt und S 4 Ver⸗ „ 8 — 1——C— 280 mnit er ganzen Reihe von Zufaͤllen und Thor⸗ che zu thun waͤre⸗ —— Verſchlagenheit arm blieb, und nicht einmal aa den Troſt hatte, daß ich ehrlich waͤre. Untets deſſen,“ fuhr er fort,„erzaͤhlen Sie mi Ihre Umſtaͤnde, und was Sie bieher gebr hat; vielleicht, ob ich gleich nicht ſo viel G ſchicklichkeit habe, ſelbſt dem Kerker zu entflie⸗ hen, kann ich doch meine Freunde ans einem Handel ziehen.“ Seine Neugier zu befriedigen machte ich ihn heiten bekannt, die mich in die n. Verlegenheit geſtuͤrzt, und mein gaͤnzliche vermoͤgen, mich daraus zu befreyen. Nachdem er meine Geſchichte vernommen, und einige Minuten daruͤber in Gedanken ge⸗ ſeſſen hatte, ſchlug er ſich mit der Hand vor die Stirne, als ob ihm etwas wichtiges einge⸗ fallen waͤre, und nahm mit den Worteu ſeinen Abſchied, er wollte verſuchen, was 3 4) der S eoeeeee Sieben und zwanzigſtes Kap Fortſetzung der vorigen Materi es folgenden Morgens machte ich meine — Frau und Kinder mit dem Plane bekannt, den ich entworfen hatte, die Gefangenen zu be⸗ kehren⸗ 2 —; 281 kehren, welchen ſie mit aͤuſſerſter Mißbilligung anhoͤrten, indem ſie meynten, es ſey eben ſo unmoͤglich, als unſchicklich. Sie fuͤgten hin⸗ zu, meine Bemuͤhungen mwuͤrden zu ihrer Beſſ⸗ rung nichts beytragen, wohl aber koͤnnten ſie meinem Stande eine Beſchimpfung zuziohen. „Um Verzeihung,“ antwortete ich,„dieſe Leute, ſo tief ſie auch gefallen, ſind immer noch mein Wohlwollen. Ein guter Nath, der ver⸗ worfen wird, kehrt wieder mit Intereſſen zum Schatze des Gebers; und ſollten meine Lehren und Ermahnungen auch ſie nicht beſſern, ſo beſ⸗ ſern ſie doch ganz gewiß mich ſelbſt. Waͤren dieſe ungluͤckſeligen Leute Prinzen, meine Kinder, ja, ſo wuͤrden ſich der Seelſorger bey Tauſenden aubie⸗ das in einem Kerker vergraben iſt, eben ſo theuer unnd werth, als das Herz, das auf einen Thron geſe tzt iſt. Ja, meine liebſten Kinder, ich will anteaaie thun, ſie auf beſſre Wege zu ringen. Vielleicht verachten ſie mich nicht alle. Mande des Verderbens auffaſſen, und das wird eein groſſer Gewinn ſeyn; deun iſt wohl auf Er⸗ den ein ſo koͤſtliches Kleinod zu finden, als die Seele eines Menſchen?“ 7 S 5 Mit Menſchen, und das iſt ein groſſes Recht auf ten; allein, nach meiner Meynung iſt das Herz, Vielleicht kann ich noch wenigſtens Einen am — Mit dieſen Worten verließ ich ſie, und ver⸗ fuͤgte mich in den groſſen Saal, woſelbſt ich die Gefangenen in aller Froͤlichkeit vorfand, indem ſie meine Ankunft erwarteten; und jeder hatte ſich auf einen Schalksſtreich gerichtet, den er den Herrn Magiſter ſpielen wollte. Dem zu⸗ folge, als ich anfangen wollte, zog mir einer die Peruͤcke ſchief, gleichſam als von ungefehr, und bat nich darauf um Verzeihung. Ein zweyter, der in einiger Entfernung ſtand, hatte eine groſſe Fertigkeit, durch die Zaͤhne zu ſpucken, und ließ es alſo wie eine Wolke auf mein Buch regnenn. Ein dritter ſagte in einem ſo gedrechſelten Tone Amen, daß die uͤbrigen ihre herzliche Freude daruͤber hatten. Ein vierter hatte mir liſtiger Weiſe meine Brillen aus der Taſche gemanſet. Aber einer war darunter, deſſen Streich ein all⸗ gemeineres und groͤſſeres Vergnuͤgen machte, als alle uͤbrigen; er hatte ſich die Ordnung ge⸗ merkt, in welcher ich meine Buͤcher vor mir auf den Tiſch legte, und ſchaffte eins davon ganz behende auf die Seite, und legte an deſſer Stelle eins von ſeinen unzuͤchtigen Liederbuͤchern wieder hin. Allein ich that, als ob ich von al lem, was dieſer haͤmiſche Haufen von kleinen Dingern vornahm, nichts merkte; ſondern fuhr ungeſtoͤrt fort, in der voͤlligen Ueberzeugung, daß das, was bey meinem Beginnen laͤcherlich ſeyn moͤchte, nur das Erſte⸗ oder Zweytemal auſ⸗ „ auffallen wuͤrde, dahingegen das Ernſthafte auf die Dauer ſeyn muͤßte. Meine Abſicht gelang mir, und in weniger als ſechs Tagen waren ei⸗ nige zur Buſſe, und alle zur Aufmerkſamkeit gebracht⸗ Nunmehr freuete ich mich meiner Beharrlich⸗ keit und meines Fleiſſes, wodurch ich verſtock⸗ ten Suͤndern, die vorher ohne alle ſittliche Em⸗ . pfindung waren, zum Gefuͤhl verholfen hatte, und begann nun darauf zu denken, wie ich ihnen in leiblichen Dingen Dienſte leiſten koͤnnte, in⸗ dem ich ihnen ihre Umſtaͤnde einigermaſſen ge⸗ maͤchlicher machte. Ihre Zeit war bisher zwi⸗ ſchen Hunger und Kummer und Voͤllerey, zwi⸗ ſchen tobender Ausgelaſſenheit und knirſchendem Murren getheilt geweſen. Ihre ganze Beſchaͤf⸗ tigung beſtand darinn, unter einander zu zan⸗ ken, den beſten Bauren zu ſpielen, oder Ta⸗ backsſtopfer zu ſchnitzeln. Von dieſer letztern Art Faullenzerarbeit nahm ich den Wink, dieje⸗ nigen, die Luſt dazu hatten, damit zu beſchaͤf⸗ tigen, daß ſie Pfloͤcke fuͤr Tabackſpinner und Schuſter ſchnitten; das dazu erfoderliche Holz ward aus einer zuſammen gelegten Caſſe ange⸗ ſchafft, und wenn es verarbeitet, ward es an die Beſteller verkauft; ſo daß jeder taͤglich et⸗ was verdiente: freylich nur eine Kleinigkeit, die doch aber zu ſeinem Unterhalt hinreichte. Hiebey ——— — 84 Hiebey ließ ichs nicht bewenden, ſondern bracht' es dahin, daß Geſetze angenommen wur⸗ den, welche auf unehrbare Handlungen Stra⸗ fen, und auf vorzuͤglichen Fleiß Belohnun⸗ gen ſetzten. Auf dieſe Art hatte ich ſie in we⸗ niger als vierzehn Tagen bereits ein wenig menſchlich und geſellig gebildet, und hatte die Freude, daß ich mich als einen Geſetzgeber be⸗ trachten konnte, der eine Anzahl Menſchen von ihrer angebornen Wildheit zur Geſelligkeit und Ordnung gewoͤhnt hatte. Und es waͤre ſehr zu wuͤnſchen, daß die ge⸗ ſetzgebende Macht in den Staaten darauf be⸗ dacht ſeyn moͤchte, die Geſetze mehr auf die Ver⸗ beſſerung der Sitten, als bloß auf die Strenge einzurichten; daß dieſe Macht endlich mit Ueber⸗ zeugung einehen moͤchte, daß der groſſe Punkt, Laſter auszurotten, nicht dadurch bewirkt wird, wenn die Strafen haͤufig und gemein gemacht, ſondern wenn ſie feyerlich erhalten werden. Als⸗ dann wuͤrden wir ſtatt unſrer gegenwaͤrtigen Gefaͤngniſſe, welche die Menſchen gottlos fin⸗ den oder machen, welche, wenn ſie die Gefan⸗ genen, wegen Ausuͤbung eines Verbrechens, in Verwahrung nehmen, und ſolche hernach wieder entlaſſen, wenn die Entlaſſung nicht zum Tode iſt, ſolche mit Faͤhigkeit und Bereitwilligkeit, tauſende zu begehen, entlaſſen; ſtatt dieſer Geßdngriſſe ſag' 3 1 4 ſag' ich, wuͤrden wir, wie anderwaͤrts in Europa, Behaͤltniſſe der Einſamkeit und Reue ſehen, wo der Beſchuldigte von ſolchen Perſonen beſucht werden kann, die ihn zur Buſſe fuͤhren, falls er ſchuldig, oder in der Tugend beſtaͤrken koͤnnen, falls er unſchuldig iſt. Und dieſes, aber nicht die Anhaͤufung der peinlichen Strafen, iſt der Weg, die Sitten eines Staats zu beſſern. Ich kann auch nicht umhin, ſelbſt die Guͤltigkeit des Rechts in Zweifel zu ziehen, welches ſich die buͤrgerlichen Geſellſchaften angemaaſſet ha⸗ ben, Verbrechen von gewiſſer Art mit Lebens⸗ ſtrafen zu belegen. Bey Mord iſt das Recht klar, weil es unſer aller Pflicht iſt, nach der Regel der Selbſtvertheidigung, den Menſchen fortzuſchaffen, der das Leben eines andern fuͤr nichts achtet. Gegen einen ſolchen empoͤrt ſich die ganze Natur; das iſt aber gar nicht der Fall gegen einen ſolchen, der mir mein Eigen⸗ thum ſtiehlt. Das Geſetz der Natur hat mir kein Recht gegeben, ihm deswegen das Leben zu nehmen, weil nach dieſem Geſetze das Pferd, das er mir ſtiehlt, eben ſo gut ihm, als mir, gehoͤrt. Wenn ich alſo ein Recht habe, ſo muß es aus einem unter uns errichteten Vertrage entſpringen, daß derjenige, der dem andern ſein Pferd wegnimmt, ſterben ſoll. Das aber iſt ein unrechtmaͤßiger Vertrag; weil kein Menſch das Recht hat, ſein Leben gegen etwas zu 1 5 286— zu vertauſchen, ſo wenig, als es wegzuwerfen, weil es nicht ſein erworbnes Eigenthum iſt. Und uͤberdem iſt der Vertrag ungleich, und wuͤrde ſelbſt hentiges Tages in unſern billigen Gerichtshoͤfen nicht beſtaͤtigt werden, weil eine groſſe Strafe gegen eine kleine Bequemlichkeit ſteht; da es ungleich beſſer iſt, daß zwey Men⸗ ſchen leben, als daß Ein Menſch reiten kann. Nun iſt aber ein Vertrag, der zwiſchen zwey Meuſchen nicht zu Recht beſtehen kann, eben ſo unguͤltig unter hundert, oder hundert tau⸗ ſend; denn, ſo wie zehn Millionen Zirkel nie⸗ mals ein Viereck machen koͤnnen, ſo koͤnnen auch die vereinigten Stimmen von Myriaden kein Unrecht zu Recht machen; das ſagt die Philo⸗ ſophie, und die unverſchrobne Natur ſagt eben das. Die Wilden, welche bloß dem Geſetze der Natur folgen, ſind einer gegen des andern Leben ſehr zaͤrtlich. Sie vergieſſen ſelten Men⸗ ſchenblut, als vorhergegangne Grauſamkeit zu vergelten.. 4 Unſre Angelſaͤchſiſche Vorfahren, ſo barba⸗ riſch ſie im Kriege waren, hatten nur wenige Executions zu Friedenszeiten; und in allen an⸗ gehenden Regierungsformen, welche das Ge⸗ praͤge der Natur noch deutlich an ſich haben, werden faſt gar keine Verbrechen fuͤr capital geachtet⸗ Unter — 287 Unter den Buͤrgern eines verfeinerten Staa⸗ tes iſt es, daß peinliche Verordnungen, welche in den Haͤnden der Reichen ſind, gemacht, und auf die Armen gelegt werden. Eine Regierung, die alt wird, ſcheint das muͤrriſche Weſen der Greiſe anzunehmen, und gleichſam, als ob das Eigenthum theurer geworden, ſo wie es ſich anhaͤuft, als ob unſre Furcht ſich vermehrte, je ungeheuer groͤſſer unſer Reichthum wird, um⸗ pfaͤhlen wir unſer Vermoͤgen jeden Tag mit neuen Edicten, und bebauen es rund herum mit Galgen, um ja die Diebe davon zu ſcheuchen. Ich kann nicht ſagen, koͤmmt es her von der Menge unſrer peinlichen Verordnungen, oder von der Ruchloſigkeit unſers Volks, daß bey uns in einem Jahre mehr Uebelthaͤter abgethan werden, als in der Haͤlfte aller uͤbrigen euro⸗ paͤiſchen Staaten zuſammen genommen, Viel⸗ leicht von deydem; denn das Eine erzeugt wechſelsweiſe das Andre. Wenn eine Nation, nach einer fehlerhaften Halsgerichtsordnung, Verbrechen von verſchiedenen Graden mit einer⸗ ley Strafe belegen ſiehet, ſo koͤmmt das Volk nach und nach dahin, wenn es keinen Unter⸗ ſchied in den Strafen ſieht, auch den Begriff des Unterſchieds in den Verbrechen zu verlieren, und dieſer deutliche Begriff iſt die groſſe Sicherheit aller Moralitaͤt. Auf dieſe Weiſe etzeugen die — Men⸗ —— 1————ʒ;y‧:„,—— 288 Menge der Geſetze neue Vergehungen, und neue Vergehungen heiſchen neue Zwangsgeſetze. Es waͤre alſo zu wuͤnſchen, daß die obrig⸗ keitliche Gewalt, anſtatt neue Geſetze zu erſin⸗ nen, Vergehungen zu beſtrafen, anſtatt die Bande der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſo ſtraff zu⸗ ſammen zu ziehen, daß eine Convulſion kommen muß, die ſie zerſprengt, anſtatt Uebelthaͤter als unnuͤtze Glieder abzuthun, eh' man noch ihre Nutzbarkeit verſucht hat, anſtatt beſſernde Zuͤchtigung in raͤchende Strafe zu verwandeln, waͤr' es zu wuͤnſchen, daß man einmal die Kunſt der Regierung verſucht, die Maͤchtigern einzu⸗ ſchraͤnken, und die Geſetze zu Beſchuͤtzern und nicht zu Tyrannen des Volkes machte. Wir wuͤrden alsdann finden, daß die Geſchoͤpfe, deren Seelen fuͤr Spreu geachtet werden, bloß der Hand eines Polirers beduͤrfen; wir wuͤrden dann finden, daß die Ungluͤckſeligen, die man itzt langen Quaalen unterwirft, damit die weich⸗ liche Ueppigkeit nicht der geringſten Gemaͤch⸗ lichkeit entbebre, wofern man ſie nur gehͤrig behandelte, dem Staate, zu Zeiten der Gefahr, ſehr ſtarke Nerven werden koͤunten; wir wuͤrden finden, daß ihre Herzen eben ſowohl, als ihre Geſichter, mit den unſrigen Gleichheit haben; daß wenige Gemuͤther ſo ſehr ruchlos ſind, daß ſie nicht durch anhaltenden Fleiß zu gewinnen woͤren; daß ein Mann die Gröſe ſeines Ver⸗ bre⸗ 1 ſind.*. 1 Jo hatte nun ſchon uͤber vierzehn Tage ge⸗ 8 2 — 389 brechens kann einſehen lernen, ohn' es eben mit dem Leben zu bezahlen; und daß nur ſehr we⸗ nig Blutvergieſſen zu unſrer Thorheit nothwen⸗ dig iſt. —— Acht und zwanzigſtes Kapitel. Gluͤckſeligkeit und Elend in dieſem Leben ſind mehr ein Reſultat der Kiugheit, als der Tugend. Zeitliche lebel oder zeitliches Wobhlergehen betrachtet der Himmel als Dinge, die an und fuͤr ſich ſelbſt un⸗ wichtig, und ſeiner Sorgfalt im Vertheilen nicht wuͤrdig ſeſſen, hatte aber ſeit meiner Ankunft noch keinen Beſuch von meiner lieben Olivie erhalten, und mich verlangte herzlich, ſie einmal zu ſe⸗ hen. Nachdem ich dieſes Verlangen meiner Frau geſagt hatte, trat das arme Kind des naͤchſten Morgens in meine Kammer herein, und lehnte ſich auf den Arm ihrer Schweſter⸗ Die Veraͤnderung machte mich ſtutzig, die ich n ihrem Geſichte bemerkte. Die Grazien alle⸗ welche vordem auf demſelben wohnten, waren entwichen, und jeder Geſichtszug ſchien von —+ der 8 290— der Hand des Todes geformt zu ſeyn, mich zu erſchrecken. Ihre Schlaͤfe waren eingeſunken⸗ ihre Stirne in die Hoͤhe gezogen, und eine dro⸗ hende Blaͤſſe hatte ihre Wangen uͤberzogen.. „Es iſt mir lieb, Dich zu ſehen, meine liebe Tochter,“ rief ich;„aber warum ſo niederge⸗ ſchlagen, mein Lievchen? Ich hoffe, Du haſt mich zu lieb, um Deinem Kummer und Ver⸗ druſſe die Macht einzuraͤumen, daß er ein Leben untergraben koͤnne, das ich ſo hochſchaͤtze, als mein eignes. Heitre Dich auf, mein Kind; es kann uns noch ganz gluͤcklich ergehen. 8 „Sie ſind immer ſo guͤtig gegen mich gewe⸗ ſen, liebſter Papa,“ antwortete ſie,„und es mehret meinen Kummer, daß ich keine Gele⸗ genheit haben werde, an dem Gluͤcke Theil zu nehmen, welches Sie uns prophezeyhen. Gluͤckſeligkeit, ich fuͤrchte, iſt mir in dieſem Le⸗ ben nicht mehr aufbewahrt; und ich ſehne mich, aus einer Welt erloͤſet zu werden, worinn ich nur Jammer gefunden habe. In der That, mein theureſter Papa, ich wuͤnſchte, Sie woll⸗ ten ſich ſo viel moͤglich nach Herrn Tornhills Willen bequemen; das wuͤrde ihn einigermaſſen dahin vermoͤgen, Mitleid mit Ihnen zu haben, und mir wuͤrde das ein Troſt im Sterben ſeyn.“ „Nein, mein Kind,“ verſetzte ich,„nun und nimmermehr ſoll man mich dahin bringen, mei⸗ 8 ue —— —ę—ÿ—ÿ—ͦ—ꝛꝛ: 291 ne Tochter fuͤr ein entehrtes Maͤdchen zu erklaͤ⸗ ren; denn, wenn ſchon die Welt bey Deinem Verſehen die Naſe ruͤmpfen mag, ſo laß michs beſtaͤndig als einen Beweiß Deiner Leichtglaͤu⸗ bigkeit, und nicht Deiner Leichtſinnigkeit anſe⸗ hen. Meine liebſte Tochter, ich bin an dieſem Orte hier gar nicht ſo elend, ſo traurig er auch ſcheinen mag, und ſey Du verſichert, ſo lang' ich die Freude habe, Dich beym Leben zu ſe⸗ hen, ſoll er meine Einwilligung nie erhalten, Dich dadurch noch ungluͤcklicher zu machen, daß er eine andre heyrathete.“ Nachdem mich meine Tochter verlaſſen hatte, machte mir mein Mitgefangener, der bey die⸗ ſer Underredung gegenwaͤrtig geweſen, ganz vernuͤnftige Vorſtellungen uͤber meinen Starr⸗ ſinn, und daß ich eine Einwilligung verſagte, welche mir meine Freyheit verſpraͤche. Er fuͤhr⸗ te als einen Grund an, daß die uͤbrigen meiner Angehͤrigen nicht einem einzigen Kinde aufge⸗ opfert werden ſollten, und zwar der Einen, die mich beleidigt haͤtte.„Ueberdem,“ ſetzte er hinzu,„weiß ich nicht, ob es recht iſt, die Einig⸗ keit zwiſchen Mann und Frau zu verhindern; und das thun Sie doch, indem Sie Ihre Ein⸗ willigung zu einer Heyrath zuruͤckhalten, die Sie nicht hemmen, wohl aber ungluͤcklich ma⸗ chen koͤnnen.“ T 2„Herr,“ . 4—— 202— „Herr,“ ſagte ich,„Sie kennen den Mann nicht, der uns druͤckt. Ich weiß gewiß, ich mag ſo viel nachgeben, als ich will, das wuͤr⸗ de mir keine Freyheit ſchaffen; nicht einmal auf Eine Stunde. Ich habe erfahren, daß noch voriges Jahr ein N ann, den er Schulden halber hatte ſetzen laſſen, in eben dieſem Ge⸗ faͤngniſſe vor Mangel geſtorben iſt. Aber koͤnn⸗ te mich auch mein Nachgeben und Billigen von hieraus in ſeine ſchoͤnſten Zimmer verſetzen, ſo thaͤt' ich dennoch keins von beyden, weil mir immer iſt, als ob ich dadurch einen Ehebruch beſtaͤtigte. So lange meine Tochter lebt, wird keine andre Heyrath, die er treffen kann, in meinen Augen rechtmaͤßig ſeyn. Waͤre ſie aus dem Wege, ſo waͤr' ich wirklich ein ſchaͤndlicher Mann, wenn ich aus rachgieriger Feindſchaft ſuchte, diejenigen zu trennen, die ſich zu verei⸗ nigen wuͤnſchen. Nein, ſo ein Boͤſewicht er auch iſt, alsdann wuͤrd' ich wuͤnſchen, daß er ſich verheyrathete, damit er dadurch von ſei⸗ nem luͤderlichen Leben zuruͤckkommen moͤchte⸗ Itzt aber waͤr' ich der grauſamſte unter allen Vaͤtern, wenn ich eine Schrift unterzeichnete, die meine Tochter ins Grab ſchicken muͤßte, und das bloß, damit ich mich ſelbſt aus einem Ge⸗ faͤngniß befreyete; und, damit ich mich von ei⸗ nem Leiden losmachte, meiner Sochter durch tauſend das Herz braͤche,“ Er Er fand die Richtigkeit dieſer Antwort, konn⸗ te ſich aber nicht entbrechen anzumerken, daß er fuͤrchtete, mit dem Leben meiner Tochter ſey es ſchon zu ſehr auf der Neige, daß das mei⸗ ne Verhaft langwierig machen duͤrfte.„Unter⸗ deſſen,“ fuhr er fort,„ob Sie gleich dem Nef⸗ fen nicht nachgeben wollen, ſo hoff' ich doch, werden Sie keine Bedenklichkeit finden, Ihre Sache dem Oncle vorzulegen, der im ganzen Lande den Ruhm hat, daß er der gerechteſte und billigſte Mann iſt. Ich wollte Ihnen wohl rathen an den mit der Poſt zu ſchreiben, und ihm alle Mißhandlungen ſeines Neffen zu ſchrei⸗ ben; und ich ſetze mein Leben darauf, in drey Tagen haben Sie eine Antwort.“ Ich dankte ihm fuͤr den Einfall, und ſetzte mich alſobald hin, ihn ins Werk zu ſetzen; allein, es fehlte mir an Papier, und all' unſer Geld war den Morgen ungluͤcklicher Weiſe fuͤr Eſſen und Trin⸗ ken ausgegeben. Indeſſen verſchaffte er mir welches. Die drey folgenden Tage war ich voller Un⸗ ruhe, zu erfahren, wie mein Brief aufgenom⸗ men worden, wurde aber waͤhrend dieſer Zeit von meiner Fran fleißig angelegen, mich doch lieber allen Bedingungen zu unterwerfen, als hier zu bleiben, und ſtuͤndlich erhielt ich ſchlech⸗ tere Nachrichten von dem Befinden meiner Toch⸗ T 3 ter. — 294—— ter. Der dritte Tag brach an, und der vierte dazu, es kam aber keine Antwort auf meinen Brief; die Klagen eines Fremden uͤber einen Neffen und Liebling konnten wahrſcheinlicher Weiſe nicht viel fruchten; ſo, daß auch dieſe Hoffnung, ſo wie alle meine vorigen, ſehr bald verſchwunden war. Mein Geiſt blieb indeſſen in ſich immer noch ſtandhaft, obgleich der enge Verhaft und die ſchlechte Luft eine merkliche Veraͤnderung in meiner Geſundheit anrichteten, und mein Arm, der bey der Feuersbrunſt beſchaͤ⸗ digt worden, ſchlimmer wurde. Unterdeſſen ſaſſen meine Kinder bey mir, und loͤſeten einan⸗ der im Leſen ab, derweile ich auf meinem Stroh ausgeſtreckt lag, oder hoͤrten meine Vermahnun⸗ gen an, und weinten dabey. Meiner Tochter Geſundheit aber nahm ſchnel⸗ ler ab, als die meinige; jede Botſchaft von ihr vermehrte meine Beſorgniß und meinen Kum⸗ mer. Den fuͤnften Morgen, nachdem ich den Brief an Sir William Tornhill geſchrieben hat⸗ te, ward ich durch die Nachricht erſchreckt, daß ſie ohne Sprache laͤge. Itzt erſt ward mir mein Verhaft wirklich ſchmerzhaft. Meine Seele wollte ſich aus ihrem Gefaͤngniſſe losreiſſen, und nach dem Sterbebette meines Kindes eilen, um ſie zu troͤſten, zu ſtaͤrken, ihre letzten Wuͤnſche zu empfangen, und ihrer Seele den Weg zum Himmel zu weiſen! Es kam noch eine Botſchaft. 1 —— 295 Sie rang mit dem Tode; und dennoch war mir der elende Troſt geraubt, an ihrem Lager zu weinen. Mein Mitgefangener kam einige Zeit darauf mit der letzten Nachricht herein. Er bat mich, ich moͤchte mich faſſen.— Sie waͤre todt!— Des folgenden Morgens kam er abermal zu mir, und fand mich mit meinen beyden Kleinen, itzt meinen einzigen Gefaͤhrten, welche alle ihre unſchuldige Muͤhe anwendeten, mich zu troͤſten. Sie baten mich, ob ſie mir nichts vorleſen ſoll⸗ ten, ſagten, ich moͤchte doch nicht weinen, denn ich waͤre ja ſchon zu alt zum Weinen.„Iſt nicht liebe Schweſter nun ein Engel, Papa?“ ſagte der Aelteſte;,warum weinen Sie denn um ſie? Ich wollte, daß ich auch ſchon ein En⸗ gel waͤre, und aus dieſem haͤßlichen Hauſe weg, wenn lieber Papa nur auch da mit waͤre!“ „Ja,“ ſagte mein juͤngſter Liebling,„im Him⸗ mel, wo die liebe Schweſter iſt, iſt es viel huͤb⸗ ſcher, als hier, und da ſind lauter artige und fromme Leute; und hier, da ſind viele Leute recht unartig.“ Jenkinſon unterbrach ihr kindliches Geſchwaͤtz durch die Erinnerung, daß nunmehr, da meine Tochter nicht mehr waͤre, ich doch recht ernſtlich auf die uͤbrigen Meinigen denken, und das Er⸗ corderliche thun moͤchte, mein eigenes Leben zu T 4 retten 296—,— retten, welches mit jedem Tage in groͤffre Ge⸗ fahr geriethe, wegen Mangel am Nothwendi⸗ gen, und an geſunder Luft. Er fuͤgte hinzu, itzt war' es meine Pflicht, meinen Stolz und mei⸗ ne Empſindlichkeit um derentwillen bey Seite zu ſetzen, die keine andre Stuͤtze haͤtten, als mich; und aus Vernunft und Gerechtigkeit waͤr' ich nunmehr verbunden, eine Ausſoͤhnung mit meinem Gutsherrn zu ſuchen. „Gott ſey gelobt,“ verſetzte ich,„Stolz be⸗ ſitz' ich gar nicht mehr, und ich wuͤrde mein eig⸗ nes Herz haſſen, wenn ich wuͤßte, daß es Stolz oder heimlichen Groll hegte. Vielmehr hoff“ ich, weil mein Verfolger ehemals mein Pfarr⸗ kind geweſen iſt, daß ich einſt ſeine Seele vor dem ewigen Richterſtuhle unbefleckt darſtellen kann. Nein, Herr, meine Empfindlichkeit iſt voruͤber, und ob er mich gleicheum das gebracht bat, was ich theurer hielt, als alle ſeinen Reich⸗ thum, ob er mir gleich mein Herz zerklemmer hat, denn ich bin krank, mein Freund, ſehr krank, faſt ohnmaͤchtig, dennoch ſoll mir das keine Rache einfloͤſſen. Ich bin unn bereit, ſeine Heyrath zu billigen, und wenn ihm das Ge⸗ ſtaͤndniß einiges Vergnuͤgen machen kann, ſo mag mann's ihm ſagen, daß, wenn ich ihn beleidigt habe, es mir ſehr leid thue.“ Jenki ſon nahm Feder und Dinte, und ſchrieb meiner Antrag zum Dergleich mit t ungeſeht ebe 1 Wo Worten nieder, wie ich hier geſagt, und ich ſchrieb meinen Namen darunter. Mein Sohn bekam den Auftrag, den Brief zu Herrn Torn⸗ hill zu bringen, der dazumal eben auf ſeinem Landgute war. Er ging hin, und kam in un⸗ gefehr ſechs Stunden mit einer muͤndlichen Ant⸗ wort zuruͤck. Er haͤtte, wie er erzaͤhlte, einige Schwierigkeiten gefunden, vor den Herrn ge⸗ laſſen zu werden, weil die Bedienten grob und argwoͤhniſch geweſen; er haͤt'' ihn aber zufaͤlli⸗ ger Weiſe geſprochen, weil er eben ausgehen wollen, einige Auſtalten auf ſeine Verheyra⸗ thung zu machen, welche in drey Tagen vor ſich gehen ſollte. Er fuhr weiter fort, uns zu benachrichtigen, daß er auf die demuͤthigſte Art zu ihm ging, und den Brief uͤberreichte; daß Herr Tornhill, nachdem er ſolchen geleſen, zu ihm geſagt, alles Einwilligen und um Verge⸗ bung bitten ſey nun zu ſpaͤt und vergebens; er habe gehoͤrt, daß wir uns an ſeinen Oncle mit einem Brief gewendet haͤtten, der mit der Verachtung aufgenommen worden, die er ver⸗ diener; und uͤbrigens, wenn wir kuͤnftig Vor⸗ ſchlaͤge zu thun haͤtten, muͤßten ſolche an ſeinen Verwalter oder Einnehmer gelangen, und nicht an ihn. Indeſſen haͤtte er doch geſagt, er habe eine ſo gute Meynung von dem Verſtande mei⸗ uer beyden Toͤchter, daß das wohl die ange⸗ 8 Aehmſzen Fürbitterinnen geweſen ſeyn moͤchten. T3535„Nun, 2 —— 208 „Nun, Herr,“ ſagt' ich zu meinem Mitge⸗ fangenen,„da ſehn Sie, was mein Verfolger fuͤr eine Gemuͤthsart hat. Er kann ſpaßhaft und grauſam zugleich ſeyn. Aber laß ihn mir mitſpielen, wie er will; ich werde bald frey ſeyn, trotz ſeiner Schloͤſſer und Riegel, womit er mich eingeſperrt halten will. Ich bin ſchon auf gutem Wege, nach einer Wohnung, die im⸗ mer glaͤnzender wird, jemehr ich mich ihr naͤhe: re; dieſe Ausſicht lindert meinen Kummer, und ob ich gleich eine huͤlfloſe Wittwe und Wayſen nachlaſſe, ſo werden ſolche dennoch nicht ohne einen Verſorger bleiben. Vielleicht findet ſich ein Freund, der ſich ihrer aus Liebe zu ihrem Vater annimmt; und andre werden ſich ihrer mit chriſtlicher Milde erbarmen, aus Liebe zu ihrem himmliſchen Vater.“ Noch als ich das ſagte, trat meine Frau, die ich in zwey Tagen nicht geſehn hatte, herein, mit ganz erſchrockenem Geſicht, und wollte ger⸗ ne ſprechen, konnte aber nicht.„Nun, mein geliebtes Weib,“ ſagt' ich zu ihr,„warum willſt Du meinen Jammer durch den Deinigen vermehren! Denn, obgleich unſer harter Glaͤu⸗ biger durch kein Bitten zu erweichen ſteht, ob er gleich ſeinen Sinn darauf geſetzt hat, daß ich an dieſem Orte des Elendes vergehen ſoll, und ob wir gleich ein innig geliebtes Kind verloren haben: ſo wirſt Du doch noch immer Troſt an — Deinen — Deinen uͤbrigen Kindern haben, wenn Du mich nicht mehr haben wirſt.“—„Ach freylich, frey⸗ lich,“ erwiederte ſie,„haben wir ein innig ge⸗ liebtes Kind verloren. Meine Sophie, meine liebſte Tochter, iſt fort! geſtohlen! von Raͤu⸗ bern weggefuͤhrt!“ „Was? Madame,“ rief mein Mitgefangener, „Mademoiſelle Sophie waͤre von Raͤubern ent⸗ fuͤhrt? das waͤre ja entſetzlich!“ Sie konnte bloß mit einem ſtarren Blicke und mit einem Thraͤnenguß antworten. Aber eine Frau eines Mannes, der auch da gefangen ſaß, welche mit der meinigen gekommen war, gab uns eine deutliche Nachricht. Sie erzaͤhlte uns: als ſie ſelbſt, meine Frau und meine Tochter, zuſammen ein wenig auf der Heerſtraſſe ſpatzie⸗ ren gegangen, waͤre, in einer kleinen Entfer⸗ nung von der Stadt, eine Poſtchaiſe mit zwey Pferden auf ſie zugefahren, und habe ploͤtzlich ſtill gehalten. Darauf waͤre ein wohlgekleide⸗ ter Mann, aber nicht Herr Tornhill, heraus⸗ geſprungen, habe meine Tochter um den Leib gefaßt und mit Gewalt in den Wagen geſetzt, worauf er dem Poſtillon befohlen, zuzupeitſchen, und ſo waͤren ſie ihnen den Augenblick aus dem Geſichte verſchwunden. „Nun,“ ſagt' ich,„ſo iſt das Maaß meiner Leiden geruttelt voll, und auf dieſer Welt iſt weiter 2 300— 4 weiter nichts mehr, das meine Seele verwun⸗ den koͤnnte. Wie! Nicht Eine mehr! Nicht Eine mir laſſen! Das Ungeheuer! Das Kind, das mir ans Herz gewachſen war! Sie war ſchoͤn, wie ein Engel, und hatte Weisheit faſt wie ein Erzengel.— O Jenkinſon, faſſen Sie doch meine Frau, daß ſie nicht hinſinkt. Mir kelne Einzige zu laſſen!“—— „Ach, liebſter Mann,“ ſagte meine Frau, mich deucht Du nimmſt Dir es faſt uoch mehr zu Herzen als ich, und haſt von uns beyden den Troſt am noͤthigſten. Unſer Verluſt iſt groß, aber, ich wollt' ihn ertragen, und waͤr's auch noch mehr, wenn ich nur Dich ruhig ſaͤhe. Wenn ſie mir auch alles nehmen, was ich in der Welt habe, und meine Kinder dazu, wenn ſie mir nur Dich laſſen.“ Mein Sohn, der hierbey ſtund, bemuͤhte ſich, unſern Harm zu maͤßigen; er ſagte, wir ſollten uns troͤſten, denn er hoffte, wir ſollten noch Urſach haben, Gott zu danken!—„Mein Sohn,“ rief ich,„ſiehe Dich in der ganzen Welt umher, und ſage mir, iſt noch wohl die geringſte Gluͤckſeligkeit fuͤr mich uͤbrig? Iſt nicht jeder Strahl von Troſt und Hoffnung ver⸗ ſchwunden? Fuͤr uns iſt keine Ausſicht mehr, als jenſeit des Grabes!“—„Theureſter Va⸗ ter,“ erwiederte er,„ich hoffe, etwas giebts . noch 301 noch dieſſeits, daß Ihnen zwiſchen durch einige zufriedene Augenblicke machen ſoll; denn ich hab' einen Brief vom Bruder George.— „Was ſchreibt er? was ſchreibt er?“ unter⸗ brach ich ihn;„weiß er, wie's uns geht? Ich hoffe, der arme Burſche ſoll nichts erfahren haben, das ihm uͤber das Ungluͤck der Seinigen das Herz nagt?“—„Nein, liebſter Vater,“ verſetzte er,„er iſt ganz munter, vergnuͤgt und froͤhlich. Sein Brief bringt lauter gute Zei⸗ tung; er iſt der Guͤnſtling ſeines Oberſten, und der hat verſprochen, ihm die erſte Lieutenants⸗ ſtelle zu verſchaffen, die beym Regiment auf⸗ koͤmmt!“ „Weißt Du das alles auch recht gewiß? rief meine Frau;„weißt Du's auch recht zu⸗ verlaͤßig, daß meinem George nichts Uebels be⸗ gegnet iſt?“—„ In der Welt Nichts! liebſte Mutter,“ antwortete mein Sohn,„Sie ſollen den Brief ſehn, der Ihnen eine rechte Freude machen wird; und wenn Sie noch etwas troͤſten kann, ſo wird's der Brief thun, das weiß ich gewiß.“„Ja, weißt Du aber auch gewiß, ob der Brief von ihm ſelbſt iſt? wiederholte ſie; „und daß er wirklich ſo vergnuͤgt iſt?— „Ja, liebe Mama,“ verſetzte er,„und er wird noch eines Tages die Ehre und die Stuͤtze ſeiner Familie werden!“—„Nun, ſo ſey die Füͤrſehung Piobet, rief ſie,„ daß mein letzter 3 Brief 302 — Brief an ihm nicht zurecht gekommen iſt; ja mein liebſter Mann,“ fuhr ſie fort, und wen⸗ dete ſich an mich,„itzt muß ich bekennen, wenn gleich in andern Dingen die Hand des Himmels ſchwer auf uns liegt, ſo iſt ſie uns doch hierinn ſehr gnaͤdig geweſen ⸗In dem letzten Briefe, den ich an meinen Sohn ſchrieb, welches in heftigem Eifer geſchah, foderte ich von ihm, ſo lieb er ſeiner Mutter Fluch vermeiden, und wenn er mir zeigen wollte, daß er Herz haͤtte, wie ein Mann, ſollte er ſeinem Vater und ſeiner Schwe⸗ ſter Gerechtigkeit verſchaffen, und unſer Unrecht raͤchen. Aber gedankt ſey es dem, der alle Din⸗ ge lenkt, daß der Brief nicht an ihn gelangt iſt, und ich ruhig ſeyn kann.“—„Frau, Frau,“ rief ich,„Du haſt ſehr uͤbel gethan, und zu einer andern Zeit moͤcht' ichs nicht haben ſo leicht hingehen laſſen. O, was fuͤr einen eutſetzli⸗ chen Abgrunde biſt Du entgangen, der Dich und ihn in ein unendliches Verderben wuͤrde begraben haben! Die Fuͤrſehung iſt hier wirk⸗ lich mehr fuͤr uns beſorgt geweſen, als wir ſelbſt. Sie hat den Sohn erhalten, daß er der Vater und Beſchuͤtzer meiner Kinder ſeyn ſoll, wenn ich dahin bin. Wie nungerecht waren mei⸗ ne Klagen, daß ich alles Troſtes beraubet waͤ⸗ re, da ich noch hoͤre, daß er wohl und vergnuͤgt iſt, und von unſern Leiden nichts weiß; daß er noch aufgeſpart iſt, feiner verwittweten Mutter bey⸗ beyzuſpringen, und ſeine verwayſeten Bruͤder und Schweſtern zu ſchuͤtzen, Aber, was Schwe⸗ ſtern! Er hat keine Schweſtern mehr; ſie ſind alle dahin; ſind mir alle geraubt, und ich bin ein ungluͤcklicher Vater!“—„Vater;“ unter⸗ brach mich mein Sohn,„ich bitte, laſſen Sie mich Ihnen den Brief vorleſen, ich weiß, er wird Ihnen gefallen.“ Worauf er mit meiner Erlaubniß las, wie folget: Geehrteſter und geliebteſter Herr Vater, Ich habe meine Gedanken auf einige Augen⸗ blicke von den angenehmen Gegenſtaͤnden, die mich umgeben, weggewendet, um ſie auf ſol⸗ che zu richten, die mir noch lieber und ange⸗ nehmer ſind, bey unſerm lieben Kaminfeuer zu Hauſe. Meine Einbildung ſtellt mir dieſe ſüͤſſe Gruppe vor, wie ſie ganz emſig nach je⸗ der von dieſen Zeilen hinhorcht. Ich ſehe dieſe Angeſichter mit herzlicher Wonne, welche nie⸗ mals die entſtellende Hand des Ehrgeitzes oder des Kummers fuͤhlten! Aber Sie moͤgen zu Hauſe auch noch ſo gluͤcklich ſeyn, ſo weiß ich doch, daß es Ihre Freude vermehren wird, wenn Sie hoͤren, daß ich mit meinem gegen⸗ waͤrtigen Zuſtande voͤllig zufrieden, und hier auf alle Art recht vergnuͤgt bin, Un⸗ 304 Unſer Regiment hat Contreordre erhalten, und wird nun nicht marſchiren; der Oberſte, der mir ſeine Freundſchaft geſchenkt hat, nimmt mich mit in alle Geſellſchaften, wo er bekannt iſt, und nach dem erſten Beſuche werde ich ge⸗ meiniglich mit groͤſſrer Hoͤflichkeit aufgenom⸗ men, wenn ich wieder hinkomme. Geſtern Abend tanzte ich mit Lady G—, und wenn ich eine gewiſſe Perſon, die Sie leicht errathen, vergeſſen koͤnnte, waͤr' es nicht unmoͤglich, daß ich mein Gluͤck bey ihr machte. Aber, das iſt nun mein Schickſal einmal, daß ich beſtaͤndig an andre denke, derweile ich von den meiſten meiner abweſenden Freunde vergeſſen werde, und ich fuͤrchte faſt, mein liebſter Vater, daß ich Sie mit darunter rechnen muß; denn ich habe ſchon lange vergebens auf die Freude ge⸗ hofft, einen Brief von Hauſe zu empfangen⸗ Olivia ſowohl, als Sophie, haben verſprochen, mir zu ſchreiben, ſie ſcheinen mich aber vergef⸗ ſen zu haben. Sagen Sie ihnen doch, daß es ein Paar erzboͤſe C Dirnen ſind, und daß ich ih⸗ nen in dieſem Augenblicke von Herzen boͤſe bin: und dennoch, ich weiß nicht, wie es zugeht, ob ich mich gleich ein wenig mit ihnen herumzanken moͤchte, will ſich doch mein Herz auf keine au⸗ dre, als zaͤrtliche Empfindungen gegen ſie ein⸗ laſſen. Sagen Sie ihnen alſo, liebſter Vater⸗ daß, beym Lichte beiehen, ich ſie dennoch recht 8 von — 2— 303 von Herzen lieb habe; und ſeyn Sie ſelbſt ver⸗ ſichert, daß ich Zeitlebens beharre Ihr gehorſamſter Sohn. „Was haben wir bey allen unſern Leiden, rief ich,„nicht fuͤr Urſach zum Danke, daß doch wenigſtens Einer von der Familie iſt, der nicht mit leidet! Moͤg' ihn doch der Himmel in ſeinen Schutz nehmen, und ihn zum Stecken und Stab ſeiner verwittweten Mutter, und zum Vater dieſer zwey Unmuͤndigen im Wohl⸗ ſeyn erhalten; denn darinn beſteht das vaͤterli⸗ che Erbtheil ganz, das ich ihm hinterlaſſen kann. Gott gebe, daß er ihre Unſchuld vor den Ver⸗ ſuchungen des Mangels bewahren, und ihr Wegweiſer auf dem Pfade der Ehren bleiben moͤge!“ Ich hatte kaum dieſe Worte geſagt, als ich ein Geraͤuſch, als ein Getoͤſe von vie⸗ len Leuten hoͤrte, das mir von der Gegend des Geſangenſaales herzukommen ſchien; es legte ſich bald darauf wieder, und man hoͤrte ein Ge⸗ klirre, als von Ketten, auf dem Gange, der nach meiner Kammer fuͤhrte. Der Kerkermei⸗ ſter trat herein, und hielt einen Mann, der ganz blutruͤnſtig, und mit den ſchwerſten Feſ⸗ eln beladen war. Ich ſah mit Mitleiden nach dem Ungluͤcklichen, als er ſich mir naͤherte, wel⸗ ches ſich in Entſetzen verwandelte, als ich fand, u daß 305— daß es mein eigner Sohn waͤre.—„Mein Ge⸗ orge! mein George! Muß ich Dich ſo ſehen! Verwundet! gefeſſelt! Iſt das Dein Wohler⸗ gehen? In den Umſtaͤnden kommſt Du zu mir! O, daß mir der Anblick doch auf einmal das Herz brechen, und mich vollig toͤdten moͤchte!“ „Wo bleibt Ihre Standhaftigkeit, mein lieb⸗ ſter Vater?“ ſagte mein Sohn zu mir, mit ei⸗ ner unerſchrockenen Stimme.„Ich muß meine Strafe leiden; ich habe mein Leben verwirkt, und laß ſie's hinnehmen!“ Ich verſucht' es einige Minuten, meine Lei⸗ denſchaften im Stillſchweigen zuruͤck zu halten, aber ich glaube, der Zwang haͤtte mir das Le⸗ ben gekoſtet.—„O mein Sohn, mein Herz blutet mir, Dich ſo zu ſehn, und ich kanns nicht, kann's nicht wehren. In eben dem Au⸗ genblicke, da ich Dich wohl und vergnuͤgt glaub⸗ te, und den Himmel anflehte, Dich dabey zu erhalten, muß ich Dich ſo wieder ſehen! Gefeſ⸗ ſelt! verwundet! Und doch iſt der Tod des Juͤnglings noch gluͤcklich. Aber ich, ich bin alt, ein ſehr alter Mann, und habe ſo alt wer⸗ den maͤſſen, dieß zu erleben. Meine Kinder alle, noch ehe ſie zur Reife gekommen, um mich her fallen ſehen, und ich, der einſame Uebrige, mitten unter den Truͤmmern! Moͤge aller Fluch, der jemals eine Seele belaſtet, mit volle 2 307 vollem Gewicht den Moͤrder meiner Kinder tref⸗ fen! Moͤge er leben, und ſehen wie ich, wie— „Halt ein, Vater,“ rief mein Sohn,„oder ich muß fuͤr Dich erroͤthen. Wie kann mein ſo guͤtiger frommer Vater dergeſtalt ſein Alter und ſeinen ehrwuͤrdigen Stand vergeſſen, der Gerechtigkeit des Himmels vorgreifen, und ei⸗ nen ſolchen Fluch in die Hoͤhe werfen, der bald zuruͤckfallen und ſein eignes graues Haupt zer⸗ malmen muͤßte! Nein, beſter Vater, laſſen Sie es Ihre Sorge ſeyn, mich zu dem ſchmäͤh⸗ lichen Tode vorzubereiten, den ich bald auszu⸗ ſtehen habe, mich mit Hoffnung und Entſchloſ⸗ ſenheit zu waffnen, mir Muth einzufloͤſſen, den mir bevorſtehenden bittern Kelch zu trinken. „Mein Sohn, Du mußt nicht ſterben! Ich bin gewiß, Du kannſt nichts verbrochen haben, das eine ſo ſchmachvolle Strafe verdiene. Mein Sohn George kann ſich keine That zu Schul⸗ den kommen laſſen, die ſeinen Voraͤltern Schimpf und Schande machte.“ „Mein Vergehn, liebſter Vater,“ verſetzte mein Sohn, iſt, fuͤrcht' ich, ein unverzeihli⸗ ches. Als ich meiner Mutter Brief empfangen, reiſete ich alſobald herunter nach Hauſe, mit dem Vorſatze, den Schaͤnder unſrer Ehre zu zuͤchtigen; ich ſchickte ihm eine Ordre, ſich mir zu ſtellen, worauf er zur Antwort nicht in Per⸗ u2 ſon * ſon erſchien, ſondern viere von ſeinen Bedien⸗ ten ſchickte, die ſich meiner bemaͤchtigen ſollten⸗ Ich verwundete den Einen davon, der ſich zu⸗ erſt an mir vergriff, und ich fuͤrchte, gefaͤhrlich; allein die Uebrigen machten mich zu ihrem Ge⸗ fangenen. Der Feigherzige iſt entſchloſſen, die Strenge der Geſetze gegen mich anzurufen; er hat unleugbare Beweiſe in Haͤnden. Ich habe ihm eine Ausfodrung geſchickt, und da ich nach dem Duellmandat der angreifende Theil bin, ſo ſeh' ich fuͤr mich keine Hoffnung zum Pardon. Sie haben mich aber oft durch Ihre Ermahnun⸗ gen zur Standhaftigkeit im Ungluͤck entzuͤckt, itzt laſſen Sie mich ſolche in Ihrem Beyſpiele finden.“— „Und die ſollſt Du finden, mein Sohn. Ich bin nun uͤber dieſe Welt erhaben, und uͤber alle die Freuden, die ſie zu geben vermag. Von dieſem Augenblicke an entledige ich mein Herz von allen den Banden, die es an die Erde ge⸗ bunden hielten, und will daran arbeiten, uns beyde auf die Ewigkeit vorzubereiten. Ja⸗ mein Sohn, ich will die Bahn auszeichnen, und meine Seele ſoll Dich in die Hoͤhe leiten, denn wir wollen unſern Flug zuſammen nehmen. Ich ſeh' es ein, und bin nun uͤberzengt, Du kannſt hier auf keine Begnadigung hoffen, und ich kann Dich nur ermahnen, ſolche bey dem hoͤchſten Riche — 309 Richterſtuhl zu ſuchen, vor dem wir bald bey⸗ de zur Verantwortung ſtehen werden. Aber laß uns allen unſern Mitgefangenen ihren Theil an unſrer Vorbereitung goͤnnen! Lieber Kerker⸗ meiſter, laß Er ſie Erlaubniß haben, hieher zu kommen, da ich mich beſtreben werde, ſie zu erbauen.“ Mit dieſen Worten bemuͤhte ich mich, von meinem Strohlager aufzuſtehen, es fehlte mir aber an Kraͤften, und ich kounte nur mit Muͤhe an die Wand gelehnt ſtehen. Die Gefangenen verſammleten ſich nach meiner An⸗ weiſung, denn ſie mochten gerne meinen Rath anhoͤren. Mein Sohn und meine Frau unter⸗ ſtuͤtzten mich auf beyden Seiten. Ich ſah um⸗ her, und da ich fand, daß niemand mehr fehlte, hielt' ich ihnen die folgende Vermahnung. ——==—= x Neun und zwanzigſtes Kapitel. Die Unpartheiligkeit der Fuͤrſehung bewie⸗ ſen, in Anſehung der Gluͤcklichen und Un⸗ gluͤcklichen auf dieſer Welt hienieden. Daß nach der Natur des Vergnuͤgens und der Schmerzen, der Ungruͤckliche den Ueberſchuß ſeiner Leiden in einem zukuͤnftigen Leben erſetzt bekommen muß. 4 Meine Freunde, meine Kinder, und meine Bruͤder an Kreutz und Leiden! Wenn ich u 3 uͤber 310— uͤber die Vertheilung des Guten und des Uebels hienieden nachdenke, ſo finde ich, daß dem Men⸗ ſchen der Freuden viel gegeben ſind, noch mehr aber der Leiden. Koͤnnten wir auch die ganze Welt durchgehen, wir wuͤrden doch nicht Einen Menſchen antreffen, der ſo gluͤcklich waͤre, daß er gar nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig haͤtte; aber derer ſehen wir taͤglich, und bey Tauſen⸗ den, welche uns dadurch, daß ſie ſich ſelbſt ent⸗ leiben, beweiſen, daß ihnen gar keine Hoffnung mehr bleibt. Es ſcheint alſo, daß wir in die⸗ ſem Leben nicht voͤllig gluͤcklich, wohl aber vol⸗ lig elend werden koͤnnen⸗ Warum der Menſch dergeſtalt ſo ſchmerzhaf⸗ 3 te Empfindungen haben mußte? warum unſre Mangelhaftigkeit bey der Beſchaffenheit allge⸗ meiner Gluͤckſeligkeit erforderlich war? warum, da alle uͤbrige Syſteme durch die Vollkommen⸗ heit ihrer untergeordneten Theile, ſelbſt voll⸗ kommen gemacht ſind, das groſſe Syſtem zu ſeiner Vollkommenheit Theile erfordern mußte, die nicht allein untergeordnet, ſondern in ſich ſelbſt mangelhaft waren? Das ſind Fragen, die wir niemals apfloͤſen koͤnnen, oder wenn wir koͤnnten, unnuͤtz ſeyn moͤchten. Ueber dieſen Punkt hat es der ewigen Weisheit gefallen, un⸗ ſre Neugierde unbefriedigt zu laſſen, und ſich damit begnuͤgt, uns Gruͤnde des Troſtes zu 6 geben. In —— 317 In dieſem Zuſtande hat der Menſch die Phi⸗ loſophie um ihren liebreichen Beyſtand angeru⸗ fen, und der Himmel, welcher ihr Unvermoͤgen kannte, ihn zu troͤſten, hat ihm die Huͤlfe der Religion gegeben. Der Troſt der Philoſophie iſt eine angenehme Beſchaͤftigung, aber oft taͤu⸗ ſchend und falſch. Sie ſagt uns, das Leben ſey mit Freuden angefuͤllet, wenn wir ſie nur genieſſen wollen; und dann ſagt ſie wieder, daß, wenn wir gleich unvermeidliche Uebel dulden muͤſſen, ſo ſey doch das Leben nur kurz, und muͤſſen ſie alſo bald voruͤbergehn. Auf dieſe Weiſe heben die Troͤſtungen ſich einander auf. Denn, wenn das Leben ein behaͤglicher Zuſtand iſt, ſo iſt ſeine Kuͤrze ein Uebel, und iſt es lang, ſo verlaͤngert es unſre Noth. So ſchwach ſteht es um die Philoſophie; die Reli⸗ gion aber troͤſtet nachdruͤcklicher. Der Menſch iſt hier, lehrt ſie, ſeinen Geiſt zu entwicklen, und auf einen andern Aufenthalt vorzubereiten. Wenn der gute Menſch ſeinen Koͤrper verlaͤßt, und nun ganz ein verklaͤrter Geiſt iſt, ſo wird er finden, daß er hieraus ſich ſelbſt einen Him⸗ mel von Seligkeit gemacht hat, dahingegen der Unſelige, der ſich durch Laſter verſtuͤmmelt und verwuͤſtet, ſeinen Koͤrper mit Graun und Ent⸗ ſetzen verlaͤßt, und inne wird, daß er die Stra⸗ fe des Himmels ſchon im voraus auf ſich gela⸗ den. An die Religion alſo muͤſſen wir uns in u 4 jedem 31²—— jedem Umſtande des Lebens halten, wenn es uns um wahren Troſt zu thun iſt. Denn, wenn wir ſchon gluͤcklich ſind, ſo iſts Seligkeit zu denken, daß wir dieſes Gluͤck von unendli⸗ cher Dauer machen koͤunen; und ſind wir un⸗ gluͤcklich, ſo iſt es ſehr troͤſtlich zu wiſſen, daß uns ein Ort der Ruhe bevorſteht. Dergeſtalt haͤlt die Religion dem Gluͤcklichen eine fortwaͤh⸗ rende Dauer ſeiner Gluͤckſeligkeit vor, und dem Kreutztraͤger einen Wandel ſeiner Leiden. Ob aber gleich die Religion ſehr wohlthaͤtig fͤr alle Menſchen iſt, ſo hat ſie doch dem Un⸗ gluͤcklichen beſondre Belohnungen verheiſſen. Der Sieche und Kranke, der Nackende, der Freundloſe, der Verlaſſene, der mit Kummer Beladene, der arme Gefangene, haben allent⸗ halben in unſrer heiligen Schrift öftre Verheiſ⸗ fungen erhalten. Der Stifter unſerer Religion bekennt ſich allenthalben als ein Freund der Un⸗ gluͤcklichen und Verlaſſenen, und, den falſchen Freunden dieſer Welt ganz unaͤhnlich, wendet er alle ſeine Liebkoſungen an die Armen und Niedrigen. Die Unbeſonnenheit hat dieſes als eine Partheylichkeit getadelt, oder als einen Vorzug, der ohne Verdienſt ertheilet wordenz ſie bedachte aber nicht, daß es ſelbſt nicht im Vermoͤgen des Himmels ſteht, das Geſchenk ei⸗ ner ewigen Gluͤckſeligkeit dem Gluͤcklichen zu 8 einer . einer eben ſo theuren Gabe zu machen, als den Armen und Bedraͤngten. Dem Erſten iſt die Ewigkeit nur ein einfaches Gluͤck, weil ſie hoͤchſtens nur das vermehrt und ſichert, was er bereits beſitzt, dem Letztern aber gewaͤhrt ſie doppelte Vortheile; denn ſie befreyet ihn von ſchmerzhaften Leiden hier, und belohnet ihn mit himmliſcher Seligkeit dort oben.— Aber noch in einer andern Betrachtung iſt die Fuͤrſehung dem Armen gnaͤdiger, als dem Reichen. Denn well ſie dergeſtalt das Leben nach dem Tode wuͤnſchenswuͤrdiger macht, ſo macht ſie auch den Pfad dahin ebener. Der Ungluͤckliche iſt ſchon lange mit jeder Geſtalt des Schreckens bekannt geworden. Der Kummer⸗ volle Mann, der keine Guͤter hinterlaͤßt, die ihm am Herzen hangen, und den nur wenige Bande ans Leben knuͤpfen, legt ſich ruhig hin, die Welt zu ſegnen; er fuͤhlt bloß den Schau⸗ der der Natur, bey der endlichen Trennung, und der iſt keinesweges groͤſſer, als diejenigen, unter denen er ſchon oft erlegen iſt; denn nach einem gewiſſen Grade von Schmerzen iſt die Natur ſo liebreich, jeden Riß, den der Tod in den Geſundheitsbau des Koͤrpers macht, mit Unempfindlichkeit zu bedecken. Solchergeſtalt hat die Fuͤrſehung dem Un⸗ gluͤcklichen in dieſem Leben zwey Vortheile uͤber 4 u 5 den 1 316 den Gluͤcklichen verliehen, eine groͤſſere Leich⸗ tigkeit im Sterben, und im Himmel alle die uͤberwiegenden Freuden, die aus einem errun⸗ genen Vergnuͤgen entſpringen. Und dieſes Aebergewicht, meine Freunde, iſt kein geringer Vortheil, und ſcheint eine von den Seligkeiten des armen Maunes in der Parabel geweſen zu ſeyn; denn ob er gleich allbereit im Himmel war, und alles Entzuͤcken deſſelben genoß, ſo wird es dennoch als ein Zuwachs ſeiner Selig⸗ keit erwähnt, daß er ehedem Boͤſes empfangen haͤtte, und nun getroſtet wuͤrde, daß er ehedem das Elend gekannt, und nun empfinde, was Seligkeit ſey⸗ 3 Hier, meine Freunde, ſeht ihr, daß die Re⸗ ligion das thut, was die Philoſophie niemals ausrichten konnte. Sie zeigt das unparther i⸗ ſche Verfahren des Himmels gegen den Armen und den Reichen, und macht ihr beſchieden Theil am Genuß menſchlicher Freuden ziemlich gleich⸗ Sie giebt beyden, dem Hohen und dem Niedri⸗ gen, gleiche Hoffnungen auf einerley kuͤnftige Seligkeit; allein, wenn die Reichen den Vor⸗ theil haben, auf dieſer Welt Vergnuͤgungen zu genieſſen, ſo haben die Armen die unendliche Zufriedenheit, zu wiſſen, was es heißt, ehedem elend geweſen zu ſeyn, wenn ſie dort ſchon mit endloſer Wonne gekroͤnt ſind; und weun man auch ſelbſt dieß einen geringen Vorzug nennen wollte, —— 315 wollte, ſo muß er doch dadurch, daß er ewig iſt, das durch die Dauer erſetzen, was die zeit⸗ liche Gluͤckſeligkeit der Hohen und Reichen an innerlicher Fuͤlle voraus hatte⸗ Das ſind alſo die Troſtgruͤnde, welche die Leidtragenden allein angehen, und in Anſehung deren ſie vor allen uͤbrigen Menſchen bevorthei⸗ let ſind. In andern Betrachtungen ſind ſie ih⸗ nen nachgeſetzt. Diejenigen, welche das trau⸗ rige Loos der Armuth kennen wollen, muͤßtens aus der Erfahrung lernen. Wenn man viel von den zeitlichen Vortheilen ſpricht, die damit verknuͤpft ſeyn ſollen, ſo ſagt man etwas, das man weder glaubt noch uͤbt. Die Menſchen, welche die nothwendigen Beduͤrfniſſe des Lebens beſitzen, ſind nicht arm, und diejenigen, die ſolcher ermangeln, muͤſſen elend ſeyn. Ja, meine Freunde, wir muͤſſen elend ſeyn. Keine vergebne Anſtrengung einer erhoͤhten Einbil⸗ dungskraft kann die Forderungenz der Natur befriedigen, kann den faulen Duͤnſten eines Ker⸗ kers nicht die erquickende Kraft der friſchen Luft, dem aͤngſtlichen Klopfen eines brechenden Her⸗ zens keine Erleichterung geben. Laß den Phi⸗ loſophen uns von ſeinem weichen Polſter herab erzaͤhlen, daß wir dem allen widerſtehen koͤn⸗ nen. Leider iſt die Anſtrengung, womit wir ihm widerſtehen, ſchon der groͤſſeſte Schmerz. Sterben iſt ein geringes, und jeder Menſch kann es 315 3— 2s aushalten; aber Martern ſind füͤrchterlich⸗ und allen Menſchen unausſtehlich. Uns alſo, meine Freunde, ſollten die Ver⸗ heiſſungen der Seligkeit im Himmel vorzuͤglich theuer und werth ſeyn; denn waͤre unſer Theil nur in dieſem Leben allein, ſo waͤren wir wirk⸗ lich unter allen Menſchen die allerelendeſten. Wenn ich in dieſen Mauren umher ſehe, die uns eben ſowohl ſchrecken als verfeſten ſollen; dieſe Daͤmmerung, die nur eben hinreicht, das Grau⸗ envolle des Ortes zu zeigen; dieſe Feſſeln, wel⸗ che die Tyranney verordnet, oder die Bosheit nothwendig gemacht hat; wenn ich dieſe abge⸗ haͤrmten Blicke betrachte, dieſe Seufzer des Jammers vernehme— O, meine Freunde, was fuͤr ein herrlicher Wechſel, dieſes alles mit dem Himmel zu vertauſchen! Gegenden durchwan⸗ deln, die unbeſchraͤnkt ſind, wie die Luft; ſich an den Strahlen ewiger Wonne erwaͤrmen; ein ewigs frohes Halleluja ſingen; keinen Herrn haben, der uns droht oder mißhandelt; ſondern das Urbild aller Guͤte ohn Unterlaß vor unſern Augen; weun ich daran denke, ſo wird mir der Tod ein gar lieblicher Bothe des Friedens; denk ich daran, ſo wird mir ſein ſchaͤrfſter Pfeil ein ſichrer Stab in meiner Hand; denk' ich daran, ſo hat das Leben nichts weiter, das ich wuͤnſchen moͤchte; denk' ich daran, was wuͤßte ich dann noch auſſerdem, das ich nicht far Scha⸗ d den achten ſollte? Koͤnige in ihren Pallaͤſten ſollten ſeufzen nach ſolchem Gewinn; und uns, demuͤthig und niedrig wie wir ſind, uns ſollte nicht darnach geluͤſten? Und ſollen wir alles deſſen theilhaftig wer⸗ den? Ja, gewißlich ſollen wirs, wenn wir nur darnach trachten. Und was noch ein Troſt iſt, wir entgehen manchen Verſuchungen, die uns in unſrem Beſtreben darnach aufhalten könnte. Laß uns nur darnach trachten, und es wird uns gewißlich zufallen, und, was gleichfals noch ein Troſt iſt, ſehr bald zufallen; denn wenn wir auf unſer vergangnes Leben zuruͤck ſchauen, ſo deucht es uns nur eine Spanne lang, und wie wir auch unſer uͤbriges Leben ſchaͤtzen moͤgen, ſo werden wir es doch von noch kuͤrzrer Dauer befinden. So wie wir am Alter zunehmen, ſo ſcheinen unſre Tage an Laͤnge ab⸗ zunehmen; und unſre Bekanntſchaft mit der Zeit laͤßt uns ihre Fluͤchtigkeit immer mehr bemer⸗ ken. Darum laßt uns denn getroſt ſeyn, denn bald werden wir ans Ende unſrer Wallfarth ge⸗ langen; bald werden wir die Buͤrde ablegen, die der Himmel uns auferlegt hat; und obgleich der Tod, der einzige Freund des Muͤhſeligen, auf eine kleine Weile den ermatteten Pilger mit ſeinem Anblick taͤuſcht, und wie ſein Luftkreis vor ihm entweichet; ſo wird doch gewiß und bald die Zeit erſcheinen, da wir von aller un⸗ ſrer ſrer Arbeit ausruhen, da die uͤppigen Hohen der Welt uns nicht laͤnger zu Boden treten, da wir mit Wonne an die Leiden dieſer Zeit zuruͤck denken, da uns unſre Freunde alle umgeben werden, oder doch ſolche Seelen, die unſrer Freundſchaft werth waren, da unſre Seligkeit unausſprechlich, und, daß ich mit Einem Wor⸗ te Alles faſſe, da ſie ohn' alles Ende ſeyn wird. 8——— o⸗ Dreyßigſtes Kapitel. Es beginnt ſich eine gluͤcklichere Ausſicht zu eroͤffnen. Laß uns nur ſtandhaft ge⸗ nug ſeyn, ſo wird das Gluͤck ſich endlich auf unſre Seite neigen. 4 Aës ich meine Rede geendigt, und meine Zu⸗ hoͤrer ſich hinweg begeben hatten, aͤuſſer⸗ tte ſich der Kerkermeiſter, der einer der menſch⸗ lichſten von allen ſeines gleichen war, er hoffe, ich wuͤrde mich darein finden, und es ihm nicht uͤbel deuten, er thaͤte nur nach ſeinem Amt und Pflicht, daß er meinen Sohn nach einer feſtern Zelle bringen muͤßte; er ſollte aber die Frey⸗ heit haben, mich alle Morgen zu beſuchen. Ich dankte ihm fuͤr ſeine Gaͤte, und ſagte meinem Sohn, deſſen Hand ich herzlich druͤckte, Lebe⸗ 1 wohl, * wohl, und erinnerte ihn nochmals, die groſſe Angelegenheit, die ihm bevorſtuͤnde, nicht aus dem Sinne zu laſſen⸗ Ich legte mich alſo wieder nieder, und mei⸗ ne beyden Kleinen ſaſſen bey meinem Bette und laſen, als Jenkinſon hereintrat und mir ſagte, man habe Nachricht von meiner Tochter; es haͤtte ſie jemand vor ein Paar Stunden in der Geſellſchaft eines fremden Herrn geſehn, und haͤtten ſie in einem benachbarten Dorfe ſtill ge⸗ halten, um etwas zu ſich zu nehmen, uͤbrigens haͤtten ſie geſchienen, auf dem Ruͤckwege nach dem Staͤdchen begriffen zu ſeyn. Er hatte die⸗ ſe Nachricht kaum geendigt, als der Kerkermei⸗ ſter mit einem eiligen und freudigen Geſicht her⸗ ein kam, mir zu ſagen, daß meine Tochter wie⸗ der gefunden waͤre. Einen Augenblick darauf kam Moſes angeraunt, und jauchzte, ſeine Schweſter Sophie waͤre drauſſen, und wuͤrde gleich mit unſerm alten Freunde Burchill her⸗ einkommen. Noch als er das ſagte, trat mein theureſtes Maͤdchen herein, und mit Blicken, faſt wild vor Freuden, lief ſie auf mich zu, und herzt' und kuͤßte mich. Auch ich weinte ſtillſchwei⸗ gend Thraͤnen der Freude.—„Hier, Papa,“ rief das liebe Maͤdchen,„hier iſt der brave Mann, dem ich n meine Befreyung danke; der Herz⸗ 32²⁰—BV Herzhaftigkeit dieſes Herrn bin ich meine Si⸗ cherheit und Wohlfarth ſchuldig—“ Ein Kuß vom Herrn Burchill, deſſen Freude faſt noch groͤſſer ſchien, als die ihrige, unterbrach ſie in dem, was ſie noch hinzuſetzen wollte. „Ab, Herr Burchill,“ rief ich,„Sie finden uns hier in einer ſehr ſchlechten Wohnung; un⸗ ſre Umſtaͤnde haben ſich entſetzlich veraͤndert, ſeidem wir uns nicht geſehn haben. Sie ſind beſtaͤndig unſer Freund geweſen: wir ſind laͤngſt dahinter gekommen, wie ſehr wir uns uͤber Sie geirrt, und haben unſern Undank bereuet. Nach der unartigen Begegnung, die ich Ihnen da⸗ mals wiederfahren ließ, ſchaͤm' ich mich faſt, Ihnen unter die Augen zu ſehn; aber, ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, denn ich war von einem nichtswuͤrdigen niedertraͤchtigen Buben hinters Licht gefuͤhrt, der mich unter der Larve der Freundſchaft ins Ungluͤck geſtuͤrzt hat.“ „Es iſt unmoͤglich,“ verſetzte Herr Burchill, „daß ich Ihnen verzeihe, weil Sie niemals mei⸗ nen Unwillen verdient haben. Ich ſah damals ſchon den Irrthum zum Theil, worinn Sie wa⸗ ren, und weil es nicht in meiner Gewalt ſtand. Sie heraus zu reiſſen, ſo konnt' ich nichts wei⸗ ter thun, als Sie bedauren.“ 4 „Ich habe beſtaͤndig vermuthet,“ ſagt' ich „daß Ihre Seele groß und edel waͤre; und itzt find 1 — 321 — find' ich's wahr. Aber, erzaͤhle mir doch, mei⸗ ne liebſte Tochter, wie biſt Du befreyet wor⸗ den, und wer waren die Nufſiäͤne welche Dich wegſchleppten?“ „In Wahrheit, Papa,“ antwortete ſie,„wer der gottloſe Menſch geweſen iſt, der mich ent⸗ fuͤhrte, weiß ich ſelbſt noͤch nicht. Denn als meine Mama und ich ſpatzieren gingen, kam er hinter uns drein, und faſt noch eh ich um Huͤlfe rufen konnte, ſchleppte er mich in die Poſtſchaiſe, und augenblicklich fuhr der Kerl fort. Ich ſah verſchiedne Menſchen auf der Heerſtraſſe, die ich um Beyſtand anflehte; ſie achteten aber nicht auf mein Bitten. Mitler⸗ weile wendete der Ruffian alle Kuͤnſte an, mich vom Schreyen abzuhalten, bald durch guͤtli⸗ ches Zureden, bald durch Drohen, und ſchwur, wenn ich nur ſtillſchwiege, wollt' er mir gewiß nichts zu leide thun. Unterdeſſen hatte ich den Schieber zerbrochen, den er aufgezogen hatte, und zu allem Gluͤck ward ich in einiger Entfer⸗ nung unſern alten Freund, Herrn Burchill, ge⸗ wahr, mit ſeinem gewoͤhnlichen ſchnellen Gan⸗ ge, und dem groſſen Stock in der Hand, wo⸗ mit wir ihn zu ſchrauben pflegten. Sobald ich dachte, daß er mich hoͤren koͤnnte, ruft' ich ihm bey Namen, und bat ihn um Huͤlfe. Ich wie⸗ derholte mein Geſchrey verſchiedenemale, wor⸗ auf er dem Poſtillion mit ſehr lauter Stimme „ E befahl, 322—— befahl, er ſollte ſtill halten; der Kerl that aber, als ob ers nicht hoͤrte, und peitſchte nur immer noch ſtaͤrker zu. Ich dachte nun, er wuͤrde uns gewiß nicht einholen koͤnnen, als ich in we⸗ niger als einer Minute ſah, daß Herr Burchill bey den Pferden herlief, und den Poſtillion mit Einem Sreiche zu Boden ſchlug. Die Pferde ſtanden von ſelbſt ſtill, als der Poſtillion her⸗ unter gefallen war, und mein Raͤuber ſtieg aus, und zog unter Fluchen und Drohen den Degen, und wollt' ihn zwingen, daß er ſich eurfernen ſollte. Herr Burchill aber rannte auf ihn zu, ſchlug ihm den Degen in Stuͤcken und ſetzte ihm einige hundert Schritte nach; aber er entkam. Um dieſe Zeit war ich ſelbſt aus der Chaiſe ge⸗ kommen, in dem Vorſatze, meinem Befreyer beyzuſtehn; aber er kam bald darauf im Tri⸗ umph zuruͤck. Der Poſtillion war unterdeſſen wieder zu ſich ſelbſt gekommen, und wollte nun auch die Flucht nehmen; aber Herr Burchill befahl ihm, bey ſeinem Leben, er ſollte ſich wie⸗ der zu Pferde ſetzen, und hieher zuruͤckfahren. So ungern er daran wollte, ſah' er doch wohl, daß ers nicht aͤndern konnte, obgleich die Wun⸗ de, die er davon getragen hatte, wenigſtens mir gefaͤhrlich ſchien. So wie er fort fuhr, klagte und jammerte er uͤber Schmerzen, ſo, daß er zuletzt Herrn Burchills Mitleiden rege ——— 323 nem Wirthshauſe, vor dem wir ſtill hielten, gegen einen andern vertauſchte.“ „Nun, willkommen,“ rief ich,„willkommen, mein Kind! und Sie, ihr tapfrer Befreyer— ſeyd mir tauſendmal willkommen! Die Bewir⸗ thung, die wir geben koͤnnen, iſt zwar auſſerſt ſchlecht, aber unſre Herzen ſind deſto waͤrmer⸗ Und nun, Herr Burchill, da Sie meine Toch⸗ ter erloͤſet haben, wenn Sie ſie fuͤr eine Beloh⸗ nung halten, ſo iſt Sie die Ihrige; wenn Sie ſich herablaſſen koͤnnen, in eine Familie zu hey⸗ rathen, die ſo arm iſt, als die meinige, ſo neh⸗ men Sie ſie; laſſen Sie ſich ihr Jawort geben, wie ich weiß, daß Sie ſchon ihr Herz eben ſo gut gewonnen haben, als das meinige. Und das laſſen Sie ſich von mir ſagen, mein lieber Herr, daß ich Ihnen keinen kleinen Schatz ge⸗ be; Sie iſt fuͤr eine Schoͤnheit bekannt geweſen, das iſt wahr, aber davon ſprech' ich nicht, ich gebe Ihnen einen Schatz an ihrem Ge⸗ muͤthe.“ „Aber, mein lieber Doktor,“ ſagte Herr Bur⸗ chill,„ich daͤchte, Sie wuͤßten ja meine Um⸗ ſtaͤnde, und daß ich nicht im Stande bin, ſie ſo zu unterhalten, als ſie verdient.“ „Wenn dieſer Einwurf,“ erwiederte ich, als eine Ablehnung meines Anerbietens gemeint iſt, ſo hab' ich nichts weiter zu ſagen: ich ken⸗ 68 X 2 ne 324— ne aber keinen Mann, der ihrer ſo wuͤrdig waͤ⸗ re, als Sie; und koͤnnt' ich ihr Tauſende mit⸗ geben, und Tauſende ſpraͤchen mich um ſie an, ſo ſollte doch mein redlicher braver Burchill mir der Liebſte ſeyn.“ Auf alles dieſes ſchien mir ſein bloſſes Still⸗ ſchweigen eine demuͤthigende abſchlaͤgige Ant⸗ wort zu geben, und, ohne ſich im geringſten uͤber mein Anerbieten zu aͤuſſern, fragt' er, ob wir nicht aus dem naͤchſten Wirthshauſe mit Erfriſchungen verſehn werden koͤnnten, und auf die Bejahung ſchickte er hin, daß ſie eine gute Mahlzeit, als in der Eile moͤglich, anrichten und herbringen ſollten. Er beſtellte auch ein Paar Dutzend Flaſchen Wein, nebſt einigen Herzſtaͤrkungen fuͤr mich. Er ſetzte mit Laͤcheln hinzu, er wolle ſich einmal angreifen, und ver⸗ ſicherte, obs gleich in einem Gefaͤngniſſe waͤre, ſo habe er doch in ſeinem Leben noch keinen groͤſſern Trieb zum Luſtigſeyn gefuͤhlt. Der Tafeldecker aus dem Wirthshauſe blieb mit den Anſtalten zum Mittagseſſen nicht lange aus. Der Kerkermeiſter lieh' uns einen Tiſch, der uͤberhaupt ſehr geſchaͤftig ſchien; der Wein ward aufgeſetzt, und man hatte zwey wohl zu⸗ gerichtete Schuͤſſeln angeſchafft.* Meine Tochter hatte noch nichts von dem betruͤbten Zuſtande ihres armen Bruders ver⸗ — uom⸗ 65 . 81 —— —— 325 nommen, und keiner von uns wollte gerne dar⸗ an, ihre Freude durch die Erzaͤhlung niederzu⸗ ſchlagen. All mein Beſtreben aber, froͤhlich zu ſcheinen, war vergebens; die Umſtaͤnde meines ungluͤcklichen Sohnes brachen durch alle Muͤhe, mich zu verſtellen, hindurch; ſo daß ich zuletzt genoͤthiget war, unſre Munterkeit durch die Nachricht davon zu erſticken, wobey ich erſuch⸗ te, es moͤchte ihm vergoͤnnt werden, an dieſer kleinen Zwiſchenerholung Theil zu nehmen. Nachdem ſich meine Gaͤſte von der Beſtuͤrzung erholt hatten, in welche ſie meine Erzaͤhlung verſetzt hatte, bat ich auch, daß Jenkinſon, mein Mitgefangener gerufen werden duͤrfte, und der Kerkermeiſter bewilligte mir mein Be⸗ gehren mit ungewoͤhnlich unterthaͤniger Miene⸗ Das Gelklirre der Feſſeln meines Sohnes ließ ſich nicht ſobald auf dem Gange hoͤren, als ihm ſeine Schweſter voller Ungeduld entgegen lief; unterdeſſen daß Herr Burchill mich fragte, ob meines Sohnes Name Gevorge hieſſe? wel⸗ ches ich bejahte, und worauf er weiter nichts ſagte. Sobald mein Sohn ins Zimmer trat, bemerkt' ich, daß er Herrn Burchill mit Erſtau⸗ nen und Ehrfurcht betrachtete.„Komm naͤher, mein Sohn,“ rief ich,„ob wir gleich tief gefal⸗ len ſind, ſo hat's doch der Fuͤrſehung gefallen, uns eine kleine Erholung von unſern Schmerzen zu erlauben. Deine Schweſter iſt uns wieder X 3 ge⸗ 326— geſchenkt, und da iſt ihr Erldſer; dieſem braven Manne hab' ich's zu verdanken, daß ich noch eine Tochter habe. Komm, mein Sohn, gieb ihm die Hand, als unſerm Freunde; er verdient unſern waͤrmſten Dank.“ Mein Sohn ſchien die ganze Zeit uͤber darauf nicht zu achten, was ich ſagte, und hielt ſich immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung.— „Lieber Bruder,“ rufte ihm ſeine Schweſter zu, „warum dankſt Du meinem guͤtigen Befreyer nicht. Tapfre Maͤnner ſollten ſich allemal ein⸗ ander lieben.“ Er blieb bey ſeinem Stillſchweigen und Er⸗ ſtaunen, bis unſer Gaſt endlich merkte, daß er erkannt waͤre, da er alle ſeine ihm eigne Wuͤrde annahm, und meinem Sohn befahl, naͤher zu treten. In meinem Leben hatte ich noch nichts ſo majeſtaͤtiſches geſehen, als das Weſen, was er bey dieſer Gelegenheit an ſich blicken ließ. Der groͤſſeſte Gegenſtand in der Welt, ſagt' ein gewiſſer Philoſoph, iſt der rechtſchaffne Mann, der mit Widerwaͤrtigkeiten ringt. Es giebt aber noch einen groͤſſern, das iſt der rechtſchaffne Mann, der ihm zur Huͤlfe beyſpringt. Nach⸗ dem er meinen Sohn eine Zeitlang mit der Mie⸗ ne eines Obern angeſehen hatte, ſagte er zu ihm:„Ich ſehe, unbeſonnener junger Mencch, daß Sie daſſelbe Vergehen— e hier aber ward 1 er . ——— er durch einen von des Kerkermeiſters Knechten unterbrochen, welcher die Borſchaft herein brachte,, Aß ein vornehmer Mann, der in ei⸗ ner Kutſche mit Sechſen und vielen Bedienten in die Stadt angefahren gekommen, dem Herrn, der bey uns waͤre, ſeinen Reſpekt vermelden, und ſich die Stunde ausbitten lieſſe, wenn er ihm aufwarten duͤrfte.„Sagt ihm,“ rief un⸗ ſer Gaſt,„ich woll's ihm ſchon ſagen laſſen, wenn mir's gelegen iſt!“ und darauf wandte er ſich zu meinem Sohn und fuhr fort:„Ich finde, daß Sie daſſelbe Vergehen von neuem begangen, mein guter Freund, woruͤber ich Ih⸗ nen ſchon Einmal den Text geleſen habe, und wofuͤr Ihnen itzt die Geſetze die gerechte Stra⸗ fe zuerkennen werden. Sie bilden ſich vielleicht ein, daß Ihnen die Geringſchaͤtzung Ihres eig⸗ nen Lebens ein Recht uͤber das Leben andrer Menſchen giebt; aber, mein junger Herr, wo ſteckt der Unterſchied zwiſchen einem Duellan⸗ ten, der ein gering geſchaͤtztes Leben wagt, und zwiſchen einem Moͤrder, der mit groͤſſrer Sicher⸗ heit toͤdtet. Entſchuldigt es den Betrug des falſchen Spielers, wenn er anfuͤhren wollte, er habe doch wenigſtens Zahlpfennige gegen Gold⸗ ſtücke geſetzt?“ „Ach, lieber Herr,“ ſagt' ich,„ich weiß nicht, wer Sie ſind, aber haben Sie doch Mit⸗ leiden mit einem armen mißleiteten Juͤngling! X 4 Denn 32²8*e Denn was er that, that er aus Gehorſam ge⸗ gen eine aufgebrachte Mutter, die ihm in der Heftigkeit ihrer Empfindungen bey ihrem muͤt⸗ terlichen Fluche beſchwor, ihre Sache zu raͤchen. Hier, mein Herr, iſt der Brief, der Sie von ihrer Uebereilung uͤberzeugen, und ſeine Straf⸗ barkeit verringern wird.⸗ Er nahm den Brief und las ihn fluͤchtig durch. „Dieß,“ ſagt' er,„iſt zwar keine voͤllige Recht⸗ fertigung, indeſſen iſt ſo viel Entſchuldigung ſeines Fehlers darinn, daß es mich bewegt, ihm zu verzeihen. Und nun, junger Herr,“ fuhr er fort, und faßte meinen Sohn freundſchaftlich bey der Hand,„ich ſeh', es wundert Sie, mich hier zu finden; aber ich habe wohl eher, bey weniger wichtigen Veranlaſſungen, Gefaͤngniſſe beſucht. Itzt bin ich hergekommen, einem wuͤr⸗— digen Manne, fuͤr den ich die aufrichtigſte Hoche achtung habe, Gerechtigkeit verſchaffen zu hek⸗ fen. Ich bin ſchon lange ein verkleideter Zeuge von Ihres Vaters wohlthaͤtigen Geſinnungen geweſen. Ich habe in ſeiner kleinen Wohnung Ehre genoſſen, die nichts von dem Geſtanke der Schmeicheley hatte, und ſolche vergnuͤgte Stun⸗ den vor ſeinem Kamine, bey ungekuͤnſtelten, un⸗ ſchuldigem Zeitvertreibe, dergleichen kein koͤnig⸗ licher Hof gewaͤhren kann. Mein Neffe iſt von meinem Vorſatze, hierher zu reiſen, benachrichtigt, und ich ſehe, daß er auch augekommen iſt; es wuͤrde — 4 3²9 wuͤrde unrecht gegen Sie und ihn gehandelt ſeyn, wenn ich ihn ungehoͤrt verdammen wollte. Hat er Unrecht gethan, ſoll ers buͤſſen; und das kann ich ohne Ruhmredigkeit ſagen, daß ſich noch niemand uͤber Sir William Tornhills Ungerechtigkeit beſchwert hat.“ Da ſahen wir nun, daß die Perſon, die wir ſo lange als einen unbeſchwerlichen luſtigen Ge⸗ ſellen aufgenommen hatte, niemand anders war, als der ſo beruͤhmte Sir William Tornhill, deſ⸗ ſen vortreflicher und auch ſonderlarer Charakter faſt niemand unbekannt war. Der arme Herr Burchill war in ſeiner wahren Perſon von groſ⸗ ſem Vermoͤgen, und vielvermoͤgendem Anſehn; den die Richter mit Beyfall, und die Partheyen mit Ueberzeugung ſprechen hoͤrten; der Freund ſeines Vaterlandes, aber dabey ſeinem Koͤnige treu. Meine arme Frau, der ihre ehemalige Dreiſtigkeit gegen ihn aufs Herz fiel, ſchien nicht zu wiſſen, wo ſie ſich vor Angſt laſſen ſollte. Aber Sophie, die ihn noch vor wenigen Augenblicken, als den ihrigen betrachtet hatte, und nun die ungeheure Kluft ſah, welche das Gluͤck zwiſchen beyden befeſtigt haͤtte, war nicht vermoͤgend, ihre Thraͤnen zu verbergen. „Ach, mein Herr,“ ſtotterte meine Frau, mit einem klaͤglichen Geſicht, wie iſt es moͤglich, daß Sie mir's jemals vergeben koͤnnen! Ich begegnete Ihnen das letztemal, da ich die Ehre 2 X 5 hatte⸗ —— 330 hatte, Sie in unſerm Hauſe zu ſehen, ſo uͤber⸗ muͤthig, und ließ ſogar meinem Witze den Zuͤ⸗ gel ſchieſſen— o dieſen Witz, mein theureſter Herr, den, fuͤrcht' ich, werden Sie mir nicht vergeben.“ „ Herzensgute liebe Madame, erwiederte er laͤchelnd,„Sie lieſſen mich Ihren Witz fuͤhlen, und ich blieb Ihnen die Antwort nicht ſchuldig: ich wills der ganzen Geſellſchaft uͤberlaſſen zu urtheilen, ob meine Stacheln nicht eben ſo ſpitz waren, als Ihre. Die Wahrheit zu ſagen, wuͤßte ich itzt keinen Menſchen, dem ich boͤſe ſeyn koͤnnte, als dem Kerl, der mein kleines ſuͤſſes Maͤdchen hier ſo erſchreckt hat. Ich habe nicht einmal ſo viel Zeit gehabt, mir ſo viel von der Perſon des Schurken zu merken, als zu einem Steckbriefe gehoͤrt. Koͤnnen Sie mir nicht ſa⸗ gen, meine liebſte Sophie, ob Sie ihn wohl wieder zu kennen daͤchten, wenn Sie ihn ſaͤhen? 2* „Das kann ich wirklich nicht mit Gewißheit ſagen,“ verſetzte ſie;„doch ich beſinn' mich itzt, daß er uͤber dem einen Auge eine groſſe Schmar⸗ re hatte.“„Ich bitte um Vergebung,“ ſagte Jenkinſon, der dabey war,„haben Sie doch die Guͤte, Mademoiſell, und ſagen mir, trug der Kerl nicht ſein eignes rothes Haar?“„Ja, ich glaube,“ ſagte Sophie.—„Und haben Ew. Gnaden,“ fuhr er fort, indem er ſich an Sir William — William wendete,„nicht die Laͤnge ſeiner Bei⸗ ne bemerkt?“—„Ob ſie lang oder kurz wa⸗ ren, weiß ich nicht,“ ſagte der Baronet,„aber das weiß ich, daß er ſie gut brauchen konnte; denn er entlief mir: und das, daͤcht' ich, ſoll⸗ ten wenige Menſchen im ganzen Reiche thun koͤnnen.“— Eur' Gnaden koͤnnen ſich darauf verlaſſen,“ rief Jenkinſon,„ich kenne den Mann, er iſts ganz gewiß; der beſte Laͤufer in ganz England. Timotheus Baxyter heißt er, ich kenn' ihn ſehr genau, und weiß, wo er ſich dieſen Augenblick aufhaͤlt. Wenn Eur' Gna⸗ den dem Herrn Stockmeiſter befehlen wollen, daß er ein Paar von ſeinen Knechten mitſchickt, ſo ſoll er ſpaͤteſtens in einer Stunde hier ſei⸗ ne Aufwartung machen, er mag wollen oder nicht.“ Hieruͤber ward der Kerkermeiſter gerufen, welcher den Augenblick kam. Sir William fragt' ihn, ob er ihn kenne?„Was wollt' ich nicht,'r Gnaden!“ ſagte der Kerkermeiſter, „ich kenn''r Gnaden recht wohl, und wer nur vom Herrn Baron Tornhill erzaͤhlen hoͤrt, will immer gern noch mehr von ihm wiſſen,“„Gut denn,“ ſagte der Baronet,„mein Begehren iſt, daß Er dieſen Mann auf eine gewiſſe Ver⸗ richtung ausgehen laſſe, und ihm zwey von Seinen Knechten mitgebe, die das thun, was ich befehle, und was ich, als Friedensrichter, rich⸗ —y— auf meine Verantwortung nehme. Ich ſteh⸗ Ihm fuͤr alles.“—„Eur' Gnaden Wort iſt genug,“ verſetzte der andre, und wenn ichs nur eine Minute vorher weiß, ſo koͤnnen ihn Eur⸗ Gnaden uͤber und durch ganz England ver⸗ ſchicken. 8 Zufolge der Einwilligung des Kerkermeiſters ward Jenkinſon abgefertigt, den Timotheus Baxter aufzuſuchen, unterdeſſen wir unſre Freude au meinem kleinſten Sohn Wilhelmchen hatten, welcher eben herein gekommen war, und ſich an Sir William haͤugte, und ihm am Leibe herauf kletterte, um ihn zu kuͤſſen. Seine Mutter war gleich bey der Hand, ihm ſeine Dreiſtigkeit einzutraͤnken, aber der wuͤr⸗ dige Mann wehrte ihr, und nahm das Kind, ſo zerlumpt es ausſah, auf ſeinen Schooß. „Was, Du kleines Rotznaͤschen,“ rief er.„kennſt Du Deinen alten Spielcammerad Burchill noch? Und Du, Dietrich, mein alter verſtaͤndiger Knabe, biſt Du auch hier? Ihr ſollt ſehn, ich hab Euch nicht vergeſſen.” Mit dieſen Worten gab er jedem ein groß Stuͤck Honigkuchen, wel⸗ ches die armen Jungen mit groſſen Happen verzehrten, weil ſie den Morgen nur ſehr knapp gefruͤhſtuͤckt hatten. Wir ſetzten uns nun zum Eſſen, welches bey⸗ nahe kalt geworden waͤre; vorher aber noch verſchrieb mir Sir William etwas fuͤr meinen vers — 333 Arm, der mir noch immer ſehr wehe that, denn er hatte ſich zum Vergnuͤgen auf die Medicin gelegt, und hatte es darinn weiter als zum Mittelmaͤßigen gebracht. Als der verſchriebe⸗ ne Umſchlag aus der Apotheke geholt worden, ward mein Arm verbunden, und ich ſpuͤrte faſt augenblickliche Linderung⸗ Die Aufwartung bey Tiſche verrichtete der Kerkermeiſter ſelbſt, der unſerm Gaſte gerne ſo viel Ehre erzeigen wollte, als er konnte. Wir hatten noch nicht voͤllig abgegeſſen, als von ſeinem Neffen abermal ein Compliment ge⸗ bracht ward, mit Bitte, ihm zu erlauben, daß er vorkommen duͤrfte, um ſeine Unſchuld und Ehre zu retten. Der Baronet verwilligte ihm ſein Begehr, und ließ ihn herkommen. Ein und dreyßigſtes Kapitel. Ehemalige Gutthaͤtigkeit wird nunmehr mit unerwarteten Zinſen bezahlt. err Tornhill, der juͤngere, machte ſeinen Auftritt mit einem Laͤcheln, welches ihm ſelten entſtund, und wollte ſeinen Oncle umar⸗ men, der es aber mit einer Miene der Verach⸗ tung ablehnte.„Keine Gleißnerey hier, jun⸗ ger Herr!“ rufte der Baronet mit einem ſtren⸗ gen 334— gen Geſichte.„Zu meinem Herzen geht kein andrer Weg, als die Bahn der Ehre; hier aber ſeh' ich nichts als ein Gewirre von Falſchheit, Feigheit und boshafter Tuͤcke. Wie koͤmmt's Herr, daß dieſem armen Manne, fuͤr deſſen Freund, wie ich weiß, der Herr ſich ausgaben, ſo hart begegnet wird? Zum Dante fuͤr ſeine Gaſtfreyheit verfuͤhrt man ihm ſchaͤndlicher Wei⸗ ſe die Tochter, und ihn ſelbſt wirft man ins Ge⸗ fuͤngniß, vielleicht, weil er die Beſchimpfung uͤbel nuahm? Seinen Sohn, obendrein, dem der junge Herr ſich als ein Mann darzuſtellen das Herz nicht hatten——“ „Iſts moͤglich, Herr Oncle,“ unterbrach ihn der Neffe,„daß Sie mir daraus ein Verbrechen machen ſollten, was ich nur in Befolgung Ih⸗ rer oft wiederholten Lehren und Vermahnungen gethan habe? „Gut verantwortet!“ rufte Sir William; „bey dieſer Gelegenheit haſt Du recht und klug gehandelt, obgleich nicht voͤllig ſo, wie Dein Vater es gemacht haben wuͤrde; aber mein Bruder war auch ein Mann, der wahre Ehre im Leibe hatte, und Du— Doch, in dieſem Punkte haſt Du voͤllig recht gehandelt, und es hat meinen Beyfall vollkommen.“ „ Und ich hoffe auch,“ ſagte der Neffe,„daß Sie an meiner uͤbrigen Auffuͤhrung nichts Ta⸗ delnswuͤrdiges finden ſollen. Ich habe mich, Herr 3 Herr Oucle, mit der Tochter dieſes Herrn bey einigen oͤffentlichen Luſtbarkeiten ſehen laſſen; und dieſe jugendliche Unbedachtſamkeit haben verlaͤumderiſche Zungen aͤrger ausgelegt, und ausgeſprengt, ich haͤtte ſie verf hrt. Ich bin darauf ſelbſt zu ihm gegangen, in der Abſicht, ihm alles zu ſeiner Beruhigung aufzuklaͤren, aber er empfing mich bloß mit Schelten und Schimpfen. Was das Uebrige anbetrifft, wa⸗ rum er hierher gebracht iſt, davon koͤnnen Ih⸗ nen mein Inſpektor und Caßirer die beſte Nach⸗ richt geben, weil ich denen die Verwaltung mei⸗ ner Geldſachen gaͤnzlich uͤbertragen habe. Wenn er Schulden gemacht hat, die er nicht bezahlen will, vielleicht wohl nicht kann, ſo iſt es Ihre Pflicht, einen Ernſt zu der Sache zu thun, und ich ſehe weder Haͤrte noch Ungerechtigkeit dabey, wenn man die ordentliche Rechtshuͤlfe braucht, zu ſeiner Bezahlung zu gelangen.“ „Wenn die Sache ſich ſo verhaͤlt,“ ſagte Sir William,„wie Du ſie da vorſtelleſt, ſo iſt nichts Unverzeihliches dabey; und ob Dein Verfahren gleich großmuͤthiger geweſen wuͤre, wenn Du nicht zugegeben haͤtteſt, daß dieſer Mann von der Tyraney Deiner Beamten gedruͤckt wuͤrde; ſo iſts doch wenigſtens nach den Geſetzen recht.“ „Er kann es mit keiner Sylbe anders ſagen,“ erwiederte der Neffe.„Ich fodr' ihn hiermit offentlich auf, wenn er meynt, daß er kann; 1 und 336 3 8— und verſchiedene von meinen Bedienten ſind be⸗ reit, zu bezeugen, was ich geſagt habe. Hier⸗ mit alſo, Herr Oncle,“ fuhr er fort, weil er ſah', daß ich nichts ſagte, wie ich ihm denn wirklich nicht widerſprechen konnte,„hiemit al⸗ ſo haͤtt' ich meine eigne Unſchuld zwar gerettet; allein, ob ich gleich bereitwillig bin, dem Herrn Doktor, auf Ihr Begehren, alle andre Belei⸗ digungen zu verzeihen, ſo hat mir doch ſein Be⸗ muͤhen, mich bey Ihnen anzuſchwaͤrzen, zu weh gethan, als daß ichs ſo verſchmerzen konn⸗ te; und noch dazu, eben zu einer Zeit, da ſein Sohn wirklich alle Anſtalten machte, mir mein Leben zu uehmen; dieß, ſag' ich, war ſo ſchwarz⸗ daß ich deswegen auch entſchloſſen bin, der Ge⸗ rechtigkeit ihren Lauf zu laſſen. Ich habe hier den Ausfodrungsbrief, den er mir geſchickt hat, und zwey Zeugen, die es eidlich erhaͤrten koͤn⸗ nen. Einen von meinen Leuten hat er toͤdlich verwundet; und alſo, wenn auch mein Herr Oncle ſelbſt mir abrathen ſollte, wie er doch nicht wird, deß ich uͤberzeugt bin, ſo werd' ich die Sache doch treiben, daß ein Exempel an ihm ſtatuirt werden, und er ſeine Sttäfe dafuͤr leiden ſoll.“ „O Du Ungeheuer,“ ſchrie meine Frau⸗ „haſt Du noch nicht Rache genug, ſoll auch mein armer Sohn Deine Grauſamkeit fuͤhlen? Ich hoffe, der großmuͤthige Sir Williams wird . uns — —— 337 uns in ſeinen Schutz nehmen, denn mein Sohn iſt ſo unſchuldig, als ein Kind in der Wiege gewiß, das iſt er, und hat niemals Einem Men⸗ ſchen etwas zu leide gethan.“ „Madame,“ erwiederte der gute Mann, „Ihre Wuͤnſche fuͤr ſeine Errettung ſind nicht ſtaͤrker, als die meinigen; es thut mir aber leid, daß ich ſehe, ſein Verbrechen iſt zu erwei⸗ ſen; und wenn mein Neffe darauf beſteht— Allein, die Ankunft des Jenkinſons und der beyden Knechte des Kerkermeiſters lenkte anſre Aufmerkſamkeit auf etwas anders; ſie zerrten einen langen Kerl herein, der ganz fein geklei⸗ det war, und welcher der Beſchreibung des Ruffians gleich, der meine Tochter entfuͤhrt hatte.—„Hier,“ rief Jenkinſon, als er ihn hereinſchleppte,„hier haben wir ihn; ſo ſchnell⸗ fuͤßig er iſt, dem Galgen ſoll er doch nicht ent⸗ laufen, da ſteh' ich fuͤr!“ Sobald der Neffe Tornhill den Gefangenen und Jenkinſon, der ihn gewaltſam hielt, anſich⸗ tig wurde, prallt' er vor Schrecken zuruͤck. Er ward blaß und bleich, wie ein armer Suͤnder, und ſuchte ſich davon zu ſchleichen; Jenkinſon aber, der ſein Vorhaben merkte, hielt ihn an.— „Wie nun, Junker,“ ſagt' er zu ihm,„ſchaͤmen Sie ſich Ihrer beyden alten Bekannten, Jen⸗ kinſons und Baxters? Aber ſo machens die vor⸗ nehmen Leute alle, daß ſie ihre Freunde vergeſ⸗ P ſen; 338—— ſen; doch ich habe mirs vorgenommen, daß wir Ihrer nicht vergeſſen wollen. Unſer Arreſtant, kann ich Eur' Gnaden ſagen,“ fuhr er fort, und wendete ſich gegen Sir William,„hat bereits alles geſtanden. Dieß iſt der Mann, von dem ausgeſprengt worden, daß er ſo gefaͤhrlich ver⸗ wundet waͤre. Er ſagt aus, daß ihn der Jun⸗ ker Tornhill in dieſer Sache gebraucht hat; daß der ihm die Kleider gegeben, die er da noch an hat, damit er wie ein feiner Mann ausſehen ſollte, und auch mit der Poſtchaiſe hat er ihn ausgeruͤſtet. Die Verabredung unter ihnen war, er ſollte Mademoiſelle Sophie erſt nach einem ſichern Orte bringen, und da ſollte er ihr drohen, und ſie erſchrecken und angſt machen; dann ſollte Herr Tornhill als von ungefehr da⸗ zu kommen, und ſie befreyen; und erſt wollten ſie ein wenig thun, als ob ſie ſich ſchluͤgen⸗ und dann ſollt' er davon laufen, wodurch Herr Junker Tornhill eine gute Gelegenheit bekommen wuͤrde, ſich die Gunſt des Frauenzimmers, als ihr Beſchuͤtzer, zu erwerben.“ Sir William erinnerte ſich, das er das Kleid ſeinen Neffen oͤfters habe tragen geſehen, und alles uͤbrige beſtaͤtigte der Arreſtant ſelbſt, durch eine umſtaͤndlichere Erzaͤhlung, und ſetzte am Ende hinzu, daß der Junker oft verſichert ha⸗ be, wie er in beyde Schweſtern zugleich verliebt waͤre, „Guͤ⸗ 1 „Guͤtiger Gott,“ rief Sir William,„was fuͤr eine giftige Schlange habe ich in meinem Buſen genaͤhrt! Und ſo eifrig fuͤr die heilige Juſtitz geſinnt, wie er ſchien! Aber ſie ſoll ihm auch. wiederfahren! Kerkermeiſter, nehm Er ihn in ſeine Verwahrung— doch halt ich beſorge, die Geſetze erfordern noch andre Formalitaͤten zu einer Verhaftung.“ Hieruͤber bat der Neffe, mit der groͤſſeſten Demuth, man moͤchte doch zwey ſolche elende erle nicht als Zeugen gegen ihn aufſtellen, ſon⸗ dern lieber ſeine Bedienten abhoͤren.—„Deine Bedienten!“ ſagte Sir William;„Schuft, nenne ſie nicht laͤnger Deine Bedienten! Aber komm, laß uns horen, was die Kerls vorzu⸗ bringen haben! Laß den Tafeldecker herein⸗ kommen!“ Als der Taſeldecker vorgebracht wurde, ſah er bald aus den Gebehrden ſeines bisherigen Herrn, daß es mit ſeiner Gewalt ein Ende haͤtte⸗ „Sagt hier die Wahrheit!“ ſprach Sir William, mit ernſthafter ſtrenger Stimme.„Habt Ihr jemals Euren Herrn, und den Kerl, der da in ſeinen Kleidern ſteht, beyſammen geſehn?“„Ja, r Gnaden“ ſagte der Tafeldecker,„wohl mehr als hundertmal. Er brachte ihm gewoͤhnlich die Menſcher zu.”“ „Wie? was?“ fiel ihm der junge Tornhill in die Rede;„mir ſo was ins Angeſicht!— N 2 i„Nu, „Nu, warum denn nicht?“ verſetzte der Tafel⸗ decker,„'s iſt ja beſſer, als hinterm Ruͤcken! —'ch will Ihnen wohl die Wahrheit ſagen, ich hab' Sie niemals lieben oder leiden moͤgen; und ich ſcher' mich viel drum, ob's der Herr weiß, oder nicht.— „Nun denn,“ ſagte Jenkinſon,„ſo ſagen Sie Seiner Gnaden, ob Sie von mir wiſſen?“— „Je nu,“ verſetzte der Tafeldecker,„biel Guts kann ich eben nicht ſagen, daß ich von Ihm wuͤßte. Die Nacht, da des Herrn Doktprs Tochter nach unſerm Hauſe prakticirt wurde, war der Herr doch auch mit dabey.“— „So, ſole ſagte Sir William,„der Herr Neffe hat, wie ich ſehe, einen feinen Zeugen ſeiner Unſchuld aufgeſtellt: Du Schandfleck der Menſchheit! mit ſolchen Schaͤchern ſich abzuge⸗ ben!“(Indem er aber ſeine Unterſuchung fort⸗ ſetzte,)„Ihr ſagt mir, Tafeldecker, dieſer Mann iſts, der ihm des alten Herrn ſeine Tochter zu⸗ brachte?“—„Nein, mit'r Gnaden Erlaub⸗ niß, ſo meyn’ ichs nicht;“ ſagte der Menſch, „gebracht hat er ſie nicht, denn das Stuͤck Ar⸗ beit, that der Junker ſelbſt; aber den Paſtor bracht' er, der ſo that, als ob er ſie trauete.“ —„Leider nur zu wahr,“ ſagte Jenkinſon,„ich kanns nicht leugnen, das war mein angewie⸗ ſenes Geſchaͤft; und ich bekenn' es zu meiner Schande.“ „Guͤ⸗ 3 1 —— — 8341 „Guͤtiger Gott!“ rief der Baronet aus,„wie mich jede neue Entdeckung ſeiner Buͤberey er⸗ ſchreckt. Seine Gottloſigkeit liegt zu klar am Tage, und ich ſehe, ſeine gegenwärtige Ver⸗ folgung iſt ein Werk ſeiner Grauſamkeit, Feig⸗ herzigkeit und Rachgier⸗ Mein guter Kerker⸗ meiſter, ſetz' Er auf mein Wott, den jungen Officier, den Er itzt in Verwahrung hat, auf freyen Fuß; und verlaß' Er ſich auf mich, we⸗ en der Folgen. Ich nehm' es uͤber mich, mei⸗ g 9 nem Freunde, dem Richter, der den Verhafts⸗ befehl ausgeſtellt hat, die Sache ins gehorige Licht zu ſetzen. Aber, wo iſt denn das liebe un⸗ gluͤckliche Maͤdchen ſelbſt? Laß ſie doch her⸗ kommen, um ſie mit dem ſaubern Vetter zu confrontiren! Mich verlangt recht, zu wiſſen, durch was fuͤr Kuͤnſte er ſie in ſein Garn gelockt hat. Ich laſſe ſie bitten, herein zu kommen⸗ Wo iſt ſie?“ „Ach, mein Herr,“ ſagt; ich,„die Frage geht mir durchs Herz. Einſt war ich wirklich ſo gluͤcklich— aber die Leiden dieſer Tochter—“ Eine abermalige neue Erſcheinung unterbrach mich— und das niemand anders, als Miß Arabella Wilmot, welche des folgenden Tages hatte mit Junker Tornhill vermaͤhlt werden ſollen. Nichts war ſo groß, als ihr Erſtaunen, als ſie Sir William und ſeinen Neffen hier zu ſehen bekam; denn ihr Zuſpruch war blos nur zufaͤl⸗ Y 3 lig. 34—— lig. Es war von ungefehr, daß ſie und der alte Mann, ihr Vater, auf dem Wege nach ihrer Tante, die darauf gedrungen, daß die Hochzeit in ihrem Hauſe ſeyn ſollte, durch dieß Städtchen kamen. Sie waren in einem Gaſt⸗ hofe, am andern Ende des Orts, ausgeſtiegen, um etwas zu ſich zu nehmen. Da hatte ſie aus dem Fenſter einen von meinen Kleinen wahrgenommen, der auf der Gaſſe ſpielte, hatte gleich einen Bedienten hingeſchickt, ihr das Kind zu holen, von dem ſie denn einige Nachricht von unſerm Ungluͤcke erfuhr. Davon aber wußte ſie noch nichts, daß Herr Tornhill Schuld aaran waͤre. Ihr Vater that ihr zwar verſchiedene Vor⸗ ſtellungen, uͤber dieſe Unſchicklichkeit, uns in ei⸗ nem Gefaͤugniſſe zu beſuchen; richtete aber da⸗ mit nichts aus. Sie ließ ſich durch das Kind zu uns weiſen, und auf dieſe Weiſe uͤberraſchte ſie uns bey einer ſo unerwarteten Gelegenheit. Ich muß hier, eh ich weiter ſchreibe, eine Anmerkung uͤber dieſe zufaͤlligen Begegnungen machen, welche, ob ſie ſich gleich taͤglich zu⸗ tragen, uns dennoch ſelten anders, als bey ganz auſſerordentlichen Vorfaͤllen befremden. Was fuͤr ungefaͤhren Zufuaͤlligkeiten haben wir nicht jede Freude uns Bequemlichkeit des Lebens zu verdanken! Wie manches ſcheinbares Unge⸗ faͤhr muß nicht zuſammen treffen, ehe wir ge⸗ ſpeiſet ſpeiſet und gekleidet werden koͤnnen! Der Bauer muß geneigt ſeyn zu arbeiten; der Regen muß zu rechter Zeit kommen; der Wind muß dem Schiffe des Kaufmanns guͤnſtig wehen, oder eine Menge Menſchen muß das Nothwendige entbehren.— 3. Wir alle ſahn uns einige Augenblicke ſtill⸗ ſchweigend au, derweile meine liebenswuͤrdige Schuͤlerinn,(das war der Name, den ich die⸗ ſem jungen Frauenzimmer gewoͤhnlich gab) in ihrem Geſichte Mitleiden und Erſtaunen verei⸗ nigte, welches denn ihre Schoͤnheit noch mehr derhoͤhete.„In Wahrheit, mein lieber Herr Tornhill,“ redete ſie den Junker an, von dem ſie vorausſetzte, er ſey hierher gekommen uns zu helfen, und nicht zu unterdruͤcken,„ich ſollte billig ein wenig mit Ihnen ſchmollen, daß Sie mich hier nicht mit hergenommen haben, oder mir niemals von den Umſtaͤnden einer Familie et⸗ was geſagt, die uns beyden ſo werth iſt. Sie wiſſen gleichwohl, daß ich eben ſo viel Ver gnuͤ⸗ gen daran finden wuͤrde, als Sie ſelbſt, zur Erleichterung meines alten ehrwuͤrdigen Lehrers das Meinige beyzutragen, den ich zeitlebens hochſchaͤtzen werde. Aber ich ſehe, Sie finden, wie Ihr Herr Oncle, mehr Vergnuͤgen, das Gute insgeheim zu thun.“ „Er? Vergnuͤgen daran, das Gute insge⸗ heim zu thun?“ fiel ihr Sir William in die Re⸗ 4 344 de.„Nein, meine Beſte, ſeine Vergnuͤgungen ſind eben ſo ſchaͤndlich, als der ganze Kerl ſelbſt. Sie ſehn an ihm, Mademoiſelle, einen ſo abge⸗ feimten Schurken, als jemals die Menſchheit entehrt hat. Einen Nichtswuͤrdigen, der erſt dieſes armen Mannes Tochter verfuͤhrt, dann ruchtoſe Anſchlaͤge auf die Unſchuld der zwoten macht, darauf den Vater ins Gefaͤngniß bringt, und den aͤlteſten Sohn in Feſſeln, weil er Muth hatte, ſeinem Verfolger in den Weg zu treten. Und erlauben Sie mir, Mademviſelle, daß ich, Ihnen nunmehr daruͤber meinen Gluͤckwunſch abſtatten darf, daß Sie noch zu rechter Zeit der Verbindung mit einem Ungeheuer entgau⸗ gen ſind. „Lieber Himmel,“ rief das liebe Maͤdchen, „wie bin ich hintergangen worden! Herr Torn⸗ bill ſagte mir fuͤr gewiß, dieſes guten Doktors alteſter Sohn, der Lieutenant Primroſe, waͤre mit ſeiner Frau, die er eben geheyrathet, nach Amerika gegangen.“ „Mein ſuͤſſeſt Kind,“ rief meine Frau,„Luͤ⸗ gen ſinds, lauter Luͤgen, was er Ihnen vorge⸗ ſagt hat. Mein Sohn George iſt niemals aug dem Lande gekommen, und hat ſein Lebtage nicht geheyrathet. Ob ſie gleich wankelmuͤthig gegen ihn geworden ſind, ſo hat er Sie doch beſtaͤndig viel zu lieb gehabt, daß er auf eine Andre haͤt⸗ te denken ſollen; und ich hab s aus ſälnemn ei⸗ 3 nnen — ——— 345 nen Munde, er wollte Ihrentwegen als ein Ein⸗ ſpaͤnner leben und ſterben. Sie fuhr noch weiter fort, ein Langes und Breites von der aufrichtigen Liebe ihres Sohnes zu ſagen, ſetzte ſeinen Zweykampf mit Junker Tornhill ius wahre Licht, und von da machte ſie einen ſchnellen Uebergang zu dem liederlichen Leben des Junkers, ſeinen vielen Winkelchen, und endigte mit einem ſehr ſchimpflichen Ge⸗ maͤhlde ſeiner Feigheit. „Gott behuͤte!“ rief Miß Wilmot,„wie nahe hab' ich am Rande eines Abgrundes ge⸗ ſtanden! Wie herzlich freu' ich mich, daß ich ſo entronnen bin! Wie viel tauſend Unwahrheiten mir der unartige Herr weiß gemacht hat! Er war zuletzt liſtig genug, mich zu uͤberreden, daß mein Verſprechen an den einzigen Mann, den ich ſchaͤtze, nicht laͤnger verbindlich waͤre, weil er mir untren geworden. Seine Vorſpie⸗ geley brachte mich dahin, einen Mann einer Un⸗ 4 treue wegen in Verdacht zu haben, der eben ſo treu, als tapfer iſt!« Waͤhrend dieſer Zeit war mein Sohn feines gerichtlichen Verhafts entledigt, weil die vor⸗ geblich verwundete Perſon als ein Betruͤger er⸗ tadpt worden. Jenkinſon, der Kammerdiener⸗ Dienſte bey ihm verrichtet, hatte ihn auch un⸗ terdeſſen friſirt, und ihm alles verſchafft, was noͤthig war, um lich ordentlich ſehn zu laſſen. 8 346 Er trat alſo herein, artig gekieidet in ſeiner Re⸗ gimentsuniform, und, ohne Ruhmredigkeit, (denn daruͤber bin ich weg!) er war darinn ein ſo ſchoͤner Mann, als jemals einer Uniform getragen hat. Wie er herein trat, machte er der Miß Wilmot eine beſcheidene und ehrerbie⸗ tig fremde Verbengung, denn er wußte noch nicht, was die Beredſamkeit ſeiner Mutter zu ſeinem Beſten ausgerichtet hatte. Kein Deco⸗ rum aber konnie die Ungeduld ſeiner erroͤthen⸗ den Geliebten unterdruͤcken, ſich mit ihm aus⸗ zuſoͤhnen. Ihre Thraͤnen, ihre Blicke, alles verrieth die wahren Geſinnungen ihres Herzens, und die Reue, daß ſie ihr ehmaliges Verſpre⸗ 8 chen, hintangeſetzt, und ſich durch einen Betruͤ⸗ ger haͤtte hinreiſſen laſſen. Mein Sohn bezeig⸗ te ſein Erſtaunen uͤber ihre Herablaſſung, und konnte es kaum fuͤr wirklich halten.—„Gewiß, Mademoiſelle,“ rief er,„das muß ein Traum ſeyn! Womit wollt' ich das verdient haben! Dieß Gluͤck waͤre gar zu unbegreiflich groß.““ „Nein,“ antwortete ſie,„nein, Herr Primroſe, man hat mich hintergangen, ſchaͤndlich hinter⸗ gangen, ſonſt haͤtte mich in der Welt nichts be⸗ wegen koͤnnen, meinem Verſprechen nugetreu zu werden. Sie koͤnnen meine Freundſchaft fuͤr Sie; Sie haben ſie lange gekannt; aber besßee ſen Sie, was ich gethan habe, und ſo wi Ihnen ehemals die waͤrmſten Geluͤbde der B ſuͤn 1 d5 3 ſtäͤndigkeit gethan, will ich Ihnen ſolche hie⸗ mit wiederholen; und ſeyn Sie verſichert, kann Ihre Arabella nicht die Ihrige werden, ſo ſoll ſie doch gewiß niemals eines Andern werden.— „Und die Seinige ſollen Sie werden,“ rief Sir William,„wenn ich irgend noch etwas uͤber Ihren Vater vermag.“ Dieſer Wink war hinlaͤnglich fuͤr meinen Sohn Moſes, daß er den Augenblick nach dem Wirthshauſe lief, wo der alte Herr Wilmor war, um ihm von alle dem Nachricht zu geben, was ſich zugetragen hatte. Als aber waͤhrend dieſer Zeit der Junker merkte, daß es ihm an allen Seiten ſchief gin⸗ ge, und daß er nicht mehr hoffen konnte, durch Heucheln und Schmeicheln ſeine Sachen gut zu machen, ſo ſchloß er, es ſey wohl fuͤr ihn das Beſte, eine Wendung zu machen, und ſeinen Feinden das Geſicht zuzukehren. Indem er al⸗ ſo alle Schaam bey Seite ſetzte, zeigt' er ſich unverſtellt, als den verhaͤrteſten Boͤſewicht. „Ich ſeh' wohl,“ ſagt' er,„hier darf ich keine Billigkeit erwarten; ich muß mir alſo wohl ſelbſt zu meinem Rechte verhelfen. Sie ſollen wiſſen, Herr,“ ſagte er zu ſeinem Oncle,„daß Sie nicht laͤuger den armen Schlucker vor ſich haben, der Ihrer Gnade leben muß der lach' ich! Miß Wilmots Vermoͤgen kann mir kein Mranſch eucziehn⸗ und das iſt, Dank ſeys ihres Va⸗ Vaters Zuſammenſcharren, nicht gering. Der Ehecontrackt, und die Obligation uͤber den Braurſchatz ſind unterſchrieben, und in meiner ſichern Verwahrung. Es war das Vermoͤgen und nicht die Perſon, wonach ich bey dieſer Hey⸗ rath trachtete; und wenn ich das Eine habe, ſo mag meinetwegen die Andre hinnehmeu, wer will.“ Dieſes war ein unvermutheter Streich: Sir William erkannte die Guͤltigkeit ſeiner Anſpruͤ⸗ che, denn er hatte ſelbſt den Ehecontrackt mit gemacht. Als alſo Miß Wilmot einſah, daß ihr Vermoͤgen unwiederbringlich verloren waͤre, wendete ſie ſich zu meinem Sohne, und fragte ihn, ob der Verluſt ihres Vermögens auch ih⸗ ren Werth in ſeinen Augen verringerte.„Ich bin alſo,“ ſagte ſie,„nicht im Stande, Ihnen etwas Anders zu geben, als meine Hand.“ „Und das, meine Theureſte,“ rief ihr wah⸗ rer Verehrer,„war eigentlich alles, was Sie jemals zu geben hatten; wenigſtens alles was ich fuͤr eine Gabe hielt. Und nun, meine Ara⸗ bella, betheure ich Ihnen, bey Allem was Gluͤckſeligkeit heißt, daß mir der Verluſt Ihres Vermoͤgens kein geringes Vergnuͤgen macht, weil ich dadurch mein ſuͤßeſtes Mädchen von der Aufrichtigkeit meiner Liebe uͤberzeugen kann.“ Herr Wilmot, der nun anlangte, ſchien ſich nicht wenig daruͤber zu freuen, daß ſeine Toch⸗ ter noch ſo eben der Gefahr entronnen war, und und war gar bereit und willig, ſeine Einwilli⸗ gung zu der Aufhebung der beſchloßnen Heyrath zu geben; als er aber vernahm, daß der Brant⸗ ſchatz, der dem Junker Tornhill durch eine buͤn⸗ dige Obligation verſichert war, nicht zuruͤck⸗ gegeben werden ſollte, ward er auſſerordentlich kleinglaͤuhjg. Er ſollte es erleben, daß ſein Geld alles hinginge, einen Menſchen zu berei⸗ chern, der nicht einmal was dagegen zu ſetzen haͤtte. Daß der Braͤutigam ein Schurke war, je nun, daß haͤtte ſeinetwegen hingehen moͤgen, aber das wurmte ihm zu ſehr, daß er einem Kerl einen Brautſchatz verſchreiben, der nichts dagegen verſchreiben koͤnnen. Er ſaß eini⸗ ge Minuten, und fing daruͤber die bit⸗ terſten Grillen, bis Sir William es verſuchte, ſeinen Gram zu maͤßigen.—„Ich muß beken⸗ nen, mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„daß mir Ihr gegenwaͤrtiger Verdruß nicht ganz und gar zuwider iſt. Ihre unmaͤßige Begierde nach Neichthum iſt nun billig beſtraft. Allein, ob⸗ gleich Ihre liebenswuͤrdige Tochter nicht reich ſeyn kann, ſo ſoll's ihr doch an einem gemaͤch⸗ lichen Auskommen nicht fehlen. Hier ſehen Sie einen jungen Officier, der geneigt iſt, ſie ohne alle Ausſteuer zu nehmen; ſie haben ſich ſchon laͤngſt einander geliebt, und wegen der Freund; ſchaft, die ich fuͤr ſeinen Vater hege, will ich thun, was ich kann, um ihn weiter befoͤrdern zu 1 — 350— zu helfen. Setzen Sie alſo Ihren hohen Sinn bey Seite, wodurch Sie noch nicht weiter ge⸗ kommen ſind, und laſſen Sie ſich einmal mit der Gluͤckſeligkeit begnuͤgen, die ſich Ihnen ſo ungeſucht darbietet.“ 4 „Sir William,“ ſagte der alte geiſtliche Herr, „glauben Sie mir, ich habe ihre Neigung noch niemals zwingen wollen, und auch itzt will ich das nicht. Wenn ſie den jungen Herrn Prim⸗ roſe noch immer liebt, ſo moͤgen ſie ſich heyra⸗ then, gerne! Dem Himmel ſey Dank, alles hab' ich noch nicht verſchrieben, und Ihr Ver⸗ ſprechen wird ihnen auch zu ſtatten kommen; nur muß mein alter Freund,(mich meynt' er da⸗ mit) mir verſprechen, meiner Tochter ein Mit⸗ thun von dreyßig tauſend Thalern zu verſichern, im Falle er wieder zu ſeinem Vermoͤgen gelangt; ſo bin ich bereit, die jungen Leute noch gleich dieſen Abend zuſammen zu geben.“ Da es nunmehr bey mir ſtund, das junge Paar gluͤcklich zu machen, ſo that ich das Ver⸗ ſprechen ſehr gerne, und das war von einem Menſchen, der ſo wenig zu hoffen hatte als ich, eben keine ſo groſſe Freygebigkeir. Wir hatten alſo das Vergnuͤgen zu ſehn, wie ſie ſich voller Entzuͤcken einander in die Arme flogen.„Nach allen meinen Widerwärtigkeiten,“ rief mein Sohn George,„alſo belohnt zu werden! Wahr⸗ lich, das iſt mehr als ich jemals hoffen durfte! Alles 351 Alles was Gut iſt, zu beſitzen, und nach ſo vorhergegangenen Leiden! Meine kuͤhnſten Waͤnſche haͤtten nicht ſo hoch ſteigen koͤnnen!e —„Ja, mein George,“ erwiederte ſeine lie⸗ benswuͤrdige Braut,„laß nun den elenden Menſchen mein Vermoͤgen behalten, ſind Sie ohne daſſelbe gluͤcklich, ſo bin ichs auch. O, was fuͤr einen gluͤcklichen Tauſch hab' ich getroffen, den beſten theureſten Mann um den niedertraͤch⸗ tigſten! Laß ihn von dem Unſrigen praſſen; itzt kann ich ſelbſt bey Duͤrfrigkeit vergnuͤgt ſeyn⸗“ —„Und ich verſichre Sie,“ rief der Junker mit einem haͤmiſchen Schmutzeln,„mir ſolls ganz ſanft thun, was Sie verachten!“—„Sachte, ſachte, geſtrenger Junker,“ brach Jenkinſon los, „der Kauf iſt noch nicht begottspfennigt. Von dem Vermoͤgen der Demoiſelle Braut, moͤchten Eure Ehrenveſten Geſtrengen wohl ſchwerlich jemals einen Pfennig in Dero Gewalt bekom⸗ men. Wollten Eur' Gnaden mir wohl nicht ſagen,“ fuhr er gegen Sir William fort,„ob der Junker die Erfuͤllung des Ehekontracks ver⸗ langen kann, wenn er ſchon mit einer andern getraut iſt?“—„Wie kann man eine ſo ein⸗ faͤltige Frage thun?“ verſetzte der Baronet; „ausgemachter Weiſe kann er nicht.“—„Ja, das thut mir leid,“ ſagte Jenkinſon.„Denn 3 weil dieſer Junker und ich ein paar alte Spieß⸗ geſellen ſind; ſo habe ich noch immer viel Freund⸗ — Freundſchaft fuͤr ihn. Aber das muß ich doch ſagen, ich mag ihn auch noch ſo lieb haben, daß ſein Ehzaͤrter die Schreibgebuͤhr nicht werth iſt, denn er iſt bereits verheyrathet.“—„Das luͤgt Er, wie ein Schurke,“ verſetzte der Junker, der uͤber dieſen Spott in Hitze gerieth;„ich bin nie⸗ mals geſetzmaͤßig und guͤltig verheyrathet.“— „Wenn's Eure Hochwohlgeborne Geſtrengen nicht ungnaͤdig vermerken wollten,“ verſetzte der andre,„ſo ſind Dieſelben es dennoch ganz ge⸗ wiß; und ich glaube, Sie werden es Ihren al⸗ ten lieben ehrlichen Jenkinſon mit groſſem Danke zu erkennen wiſſen, daß er Ihnen eine Gemahlinn bringt; und wenn die Geſellſchaft ſich nur ein paar Minnten gednlden will, ſo will ich ſolche praͤſentiren.“— Mit dieſen Worten ging Er mit ſeiner gewoͤhnlichen Hurtigkeit hinaus, und ließ uns alle in Ungewißheit, was wir von ſei⸗ nem Vorhaben denken ſollten.—„Ja, geh' Dn nur!“ rief der Junker;„was ich auch ſonſt ge⸗ than haben mag, hiermit laß ihn nur kommen⸗ Mit einer Fiſchblaſe laß ich mich nicht ſchrecken, dazu bin ich zu alt ſchon.⸗“ „Mich ſoll doch wundern,“ ſagte der Baro⸗ ner,„was der Kerl damit im Schilde hat. Ver⸗ nnuthlich ſo einen Faſtnachtsſtreich!“—„Viel⸗ leicht,“ verſetzt' ich, ſteckt auch wohl mehr Ernſt dahinter. Denn wenn man bedenkt, wie man⸗ cherley Plane der Junker geſchmiedet haben mag, 1 4 3253 mag, um die Unſchuld zu beruͤcken, ſo kann er wohl eine angetroffen haben, die liſtiger war, als er, und ihn alſo uͤberſchnellet hat. Wenn man bedeukt, wie manthe er ungluͤcklich ge⸗ macht, wie manche Eltern ſich wohl uͤber den Schimf und die Schande haͤrmen, die er in ihre Familie gebracht hat: ſo waͤrs wohl nicht zu verwundern, wenn jemand davon—— Wie? wo? was!— Seh' ich meine verlorne Toch⸗ ter! Seh' ich ſie wirklich? Ja, ſie iſts; mein Leben, meine Wonne! Ich hielt Dich fuͤr ver⸗ loren, meine Olivia, und ich finde Dich wie⸗ der!— Ja, Du ſollſt leben, und lange, zur Freude Deines Vaters.“ Die innigſten Ent⸗ zuͤckungen der zaͤrtlichſt Verliebten koͤnnten nicht groͤſſer ſeyn, als die meinigen, als ich ihn mein Kind herein fuͤhren ſah, und meine Tochter dar⸗ auf in meine Arme ſchloß, welche vor Freuden verſtummte.„Biſt Du alſo wieder gekommen, mein Herzblatt,“ rief ich,„daß Du mein Troſt im Alter ſeyn ſollſt!“—„Das iſt ſie,“ ſagte Jenkinſon,„und haben Sie ſie nur recht lieb, denn ſie iſt Ihr ehrenbegabtes Kind, und ein ſo ehrliches Frauenzimmer, als nur eine hier gegenmaͤrtig iſt, ſie mag ſeyn, wer ſie will, die Andre! Aber nun, Herr Junker, ſehn Sie nur, ſo gewiß und wahrbaftig, als Sie da ſtehen, ſo gewiß iſt dieſe Dame Ibre rechtmaͤßige Ge⸗ mahlinn, Und Sie zu uͤberfuͤhren, daß ich die reine 354— reine Wahrheit ſage, ſehen Sie hier den Trau⸗ 2 ſchein, der in aller Form rechtsguͤltig iſt.“— Mit dieſen Worten gab er den Trauſchein in die Haͤnde des Baronets, der ihn las, und daraus erſah, daß er ſich auf einen Erlaubnißſchein gruͤndete, den der Prediger in Haͤnden haͤtte. „Und nun, meine Herren,“ fuhr Jenkinſon fort, „ich ſehe, Sie ſind alle hieruͤber in Verwun⸗ drung; aber ein paar Worte werden den gan⸗ zen Knoten loͤſen. Der weit und breit beruͤhm⸗ te Junker da, fuͤr den ich eine groſſe Freund⸗ ſchaft hege,(doch das mag unter uns bleiben!) hat mich oft gebraucht, ſo allerley krumm' und ſchiefe Dinge fuͤr ihn auszurichten. Unter an⸗ dern gab er mir den Auftrag, ihm einen fal⸗ ſchen Erlaubnißſchein, und einen verkleideten Geiſtlichen zu beſorgen, um dieſe junge Dame zu betruͤgen. Da ich aber ſo herzlich ſein Freund war, was hatt; ich zu thun, als daß ich hin⸗ ging und einen wirklichen Erlaubnißſchein fuͤr ihn auswirkte, und einen ordinirten Geiſtlichen brachte, und ſie beyde ſo feſt mit einander ver⸗ heyrathete, daß ſie nichts ſcheiden kann, es ſey 4 deen der bittre Tod. Sie denken vielleicht, es ſey Großmuth von mir geweſen, Aber nein! Zu meiner Schande muß ichs bekennen. Meine einzige Abſicht war, und deswegen ließ ich auch mir den Trauſchein ausfertigen, dem Junker zu zeigen, daß ich ihn in meiner Gewalt haͤtte, und 355 und es ihm beweiſen koͤnnte, ſobald ich wollte; und ich alſo meine Milchkuh aus ihm machen koͤnnte, wenn mirs am Gelde fehlte.“ Ein freudiges Gelaͤchter fuͤllte hieruͤber das ganze Zimmer; unſre Freude erreichte ſogar den groſ⸗ ſen Gefangenſaal, woſelbſt die Gefangenen mit einſtimmten, und 4 Jauchzend, harmoniſch wild Mit ihren Retten kürrten. Frdlichkeit war uͤber jedes Geſicht verbreitet, und ſogar Oliviens Wangen ſchienen vor Freu⸗ de zu gluͤhen. Solchergeſtalt anf einmal wie⸗ der zu Freunden, zu Ehren und Vermoͤgen zu gelangen, verurſachte ihr ein ſolches Vergnuͤ⸗ gen, welches allein hinreichend war, ihr zu ih⸗ ter vorigen Geſundheit und Lebhaftigkeit zu ver⸗ helfen. Aber vielleicht war unter allen keine Seele, die eine reinere Freude empfand, als ich⸗ So wie ich mein innig geliebtes Kind in meinen Armen hielt, fragte ich mein Herz, ob dieſes aͤberſchwengliche Entzuͤcken nicht vielleicht ein Blendwerk ſey?„Wie konnten Sie;“ rief ich, und wendete mich an Jenkinſon,„wie konnten Sie's uͤber Ihr Herz bringen, mich durch die (Erzaͤhlung von ihrem Tode noch elender zu ma⸗ chen, als ich ſchon war? Aber thut's doch nichts; meine Freude, ſie wieder zu finden, iſt ſchon eine uͤbermaͤßige Belohnung fuͤr die Schmerzen.“ 3 2„Was 356 „Was die Frage anbetrift,“ erwiederte Jen⸗ kinſon,„ſo iſt die leicht beantwortet. Ich dach⸗ te, das einzige wahrſcheinliche Mittel, Sie aus der Gefangenſchaft zu befreyen, waͤre, wenn Sie dem Junker nachgaͤben, und in die Verhey⸗ rathung mit der andern jungen Dame willigten⸗ Sie hatten ſich aber verheiſſen, ſolche niemals zu geben, ſo lang' Ihre Tochter lebte. Es war alſo kein andrer Weg, aus dem Handel zu kom⸗ men, als Sie zu uͤberreden, ſie waͤre geſtorben. Ich vermochte Madame Primroſe dahin, den unſchuldigen Betrug mit auszufuͤhren, und wir hatten nicht eher eine ſchickliche Gelegenheit, Ihnen den Irrthum zu benehmen, als itzt.“ In der ganzen Verſammlung waren itzt nur zwey Geſichter, die nicht von Freude gluͤheten⸗ Junkern Tornhill hatte ſeine Zuverſichtlichkeit voͤllig verlaſſen; er ſah nun den Abgrund von Schande und Mangel vor ſich eroͤffnet, und es ſchauderte ihn vorm Untertauchen. Er warf ſich alſo vor ſeinem Oncle auf die Kniee, und flehte ihn mit klaͤglich wimmernder Stimme um Mitleid an. Sir William wollte ihn ſchon ver⸗ ſtoſſen, auf meine Fuͤrbitte aber hieß er ihn aufſtehen, und nachdem er ein Paar Augenbli⸗ cke nachgedacht, ſagt er zu ihm:„Deine, La⸗ ſter, Deine Verbrechen, Deine Undankbarkeit verdienen keine Erbarmung, dennoch ſollſt Du nicht ganz und gar verlaſſen werden. Ein bloß hin⸗ 1 6 hinlaͤngliches Auskommen ſoll Dir gewaͤhrt werden, die Beduͤrfniſſe des Lebens, aber keine Thorheiten zu befriedigen. Dieſes junge Frau⸗ enzimmer, Deine Gemahlinn, ſoll im Beſitz des dritten Theils von alle demjenigen geſetzt wer⸗ den, was ehemals Dein war, und von ihrer Guͤtigkeit allein ſollſt Du inskuͤnftige allen auſ⸗ ſerordentlichen Zuſchuß erwarten und verdie⸗ nen.“ Er war im Begriff, ſeine Dankbarkeit fuͤr ſolche Guͤte in einer zierlichen Rede auszu⸗ druͤcken; aber der Baronet hindert' ihn daran, indem er ihm ſagte, er ſollte nur nicht noch mehr Niedertraͤchtigkeiten zeigen; er habe be⸗ reits genug an den Tag gelegt. Sobald er uns verließ, ſtand Sir William ſehr hoͤflicher Weiſe auf, umarmte ſeine neue Nichte mit einem liebreichen Geſichte, und wuͤnſchte ihr Gluͤck. Seinem Beyſpiele folgten Miß Wilmot und ihr Vater; auch meine Frau kuͤßte ihre Tochter recht herzlich, weil, nach ih⸗ rem eignen Ausdrucke, ſie nunmehr zur ehrli⸗ chen Frau gemacht waͤre. Sophie und Moſes folgten in der Reihe, und ſogar unſer Wohl⸗ thaͤter, Jenkinſon, bat, daß ihm auch die Ehre vergoͤnnt werden moͤchte. Unfre Zufrie⸗ denheit ſchien kaum eines Zuwachſes faͤhig zu ſeyn. Sir William, deſſen groͤſſeſte Freude es war, wohlzuthun, ſah nun mit einem Blicke um ſich her, heiter wie die Sonne, und ſah in 3 3 allen —— allen Blicken nichts als Froͤlichkeit, ausgenom⸗ men in den Blicken meiner Tochter Sophie, wel⸗ che, aus Urſachen, die wir nicht begreifen konn⸗ ten, nicht ſo recht froh zu ſeyn ſchien,„Mich deucht,“ fagt' er mit einem Laͤcheln,„daß die ganze Geſellſchaft, Ein oder Zwey ausgenom⸗ men, vollig vergnügt iſt. Es iſt mir noch uͤbrig, daß ich eine Gerechtigkeit ausuͤbe. Sie ſehn wohl,“ ſagte er zu mir,„die Verbindlich⸗ keit ein, die wir beyde dem guten Jenkinſon ſchuldig ſind. Und es iſt nicht mehr als billig, daß wir dafuͤr erkenntlich ſind. Miß Sophie wird ihn, wie ich nicht zweifle, ſehr gluͤcklich machen, und voͤn mir ſoll er ein Paar tauſend Thaler zum Brautſch hatz empfangen, womit ſie eine bequeme Haushaltung einrichten und ge⸗ maͤchlich mit einander leben koͤnnen. Kommen Sie, Mademoiſelle Sophie, was ſagen Sie zu meiner Freywerberey? Wollen Sie mit dieſem Manne ziehn?“ Meine arme Dirne ſchien uͤber dieſen ſcheußlichen Vorſchlag faſt ohnmaͤchtig in ihrer Mutter Arme zu ſinken,—„Ich, Herr von Tornhill?“ ſagte ſie mit ſchwacher Stim⸗ me. Nein, ganz gewiß nicht!— „Was,“ ſagte er abermals,„Sieſchlagenherm Jenkinſon aus, Ihren Wohlthaͤter, einen huͤbſchen jungen Mann den ich ganz bequem einrichten will, und der es in der Welt noch weit bringen kann?— 13) bitte, mein Herr, verwiederte ſie mit kaum hoͤr⸗ 54 5 — 1 1 ü — 359 hoͤrbaren Worten,„nicht darauf zu dringen, und mich nicht ſo hoͤchſt ungluͤcklich zu machen.— „Hat man wohl jemals ſolchen Eigenſinn geſe⸗ hen,“ rief er von neuem,„einen Mann aus⸗ zuſchlagen, dem die Familie ſo auſſerordentlich viel ſchuldig iſt, der Ihre Schweſter vom Ver⸗ derben errettet, und der ein bequemes Auskom⸗ men hat! Was? den wollen Sie nicht!“— „Nein,“ antwortete ſie argerlich.„Lieber will ich des Todes ſeyn.“—„Nun, wenn dem ſo iſt,“ rief er,„wenn Sie ihn denn ganz und gar nicht haben wollen, ſo— ſo muß ich Sie ſelbſt haben⸗“— Und damit faßte er ſie, und Druͤckte ſie recht inbruͤnſtig an ſein Herz⸗ „Mein liebenswuͤrdigſtes, mein vernuͤnftigſtes . unter allen Maͤdchen,“ rief er dabey,„wie konnten Sie ſichs einfallen laſſen, Ihr eigner treuer Burchill koͤnnte Sie hintergehen, oder Sir William koͤnnte jemals aufhoͤren, eine Ge⸗ liebte zu bewundern und zu lieben, die ihn bloß um ſein Selbſtwillen liebte? Ich habe ſchon ſeit Jahren nach einem Frauenzimmer geſucht, die, ohne daß ſie wuͤßte, daß ich reich waͤre, glauben koͤnnte, daß ich Verdienſte als ein Mann haͤtte⸗ Nachdem ich es ſo oft mit den Naſeweiſen und den Haͤßlichen vergebens verſucht hatte, wie groß mußte nicht endlich mein Entzuͤcken ſeyn, bey einem Maͤdchen von ſo viel Veruunft und Verſtande, und ſolcher 3 4 himm⸗ — 350.—— himmliſchen Schoͤnheit, den Sieg davon zu tra⸗ gen!“ Indem er ſich darauf zu Jenkinſon wen⸗ dete, fagte er:„Da ich nun einmal das liebe Maͤdchen nicht miſſen kann, denn Sie ſehen wohl, der Schnitt meines Geſichts gefaͤllt ibr, ſo weiß ich mir nicht anders zu helfen, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, als daß ich Ihnen die Ausſteuer gebe; melden Sie ſich bey meinem Caßirer, morgendes Tages, er ſoll Or⸗ dre haben, Ihnen die Summe auszukehren.“ Auf dieſe Weiſe hatten wir ein neues Paar⸗ dem wir Gluͤck wuͤnſchten, und Lady Tornhill mußte nun ihre Wangen, der Reihe nach, eben ſo gut herbieten, als ihre Schweſter vorher hatte thun muͤſſen. Unterdeſſen kam Sir Williams Kammerdie⸗ ner, anzuſagen, daß der Wagen vor der Thuͤr hielte, uns nach dem Wirthshauſe zu bringen, woſelbſt alles zu unſrer Aufnahme eingerichtet war.*. Meine Frau und ich fuͤhrten den Vortrupp, und geſegneten dieſe dunkle Herberge der Sor⸗ gen und Noth. Der großmuͤthige Baronet ließ ein Paar hundert Thaler unter die armen Ge⸗ fangenen austheilen, und Herr Wilmot, durch dieſes Bryſpiel aufgemuntert, gab die Haͤlfte der Summe. Als wir vor die Thuͤre kamen, emp fin 361 empfingen uns eine Menge Menſchen aus dem Staͤdchen mit Jauchzen, und ich ſah' darunter ein Paar von meinen ehrlichen Pfarrkindern, denen ich die Hand gab und ſchuͤttelte. Sie begleiteten uns bis nach unſrer Herberge, wo⸗ ſelbſt eine praͤchtige Mahlzeit fuͤr uns angerich⸗ tet war. Und von andern ordentlichen Spei⸗ ſen ward eine groſſe Menge unter das herbey⸗ kommende Volk vertheilt.„ Nach dem Abendeſſen, weil meine Lebens⸗ geiſter von dem ſchnellen Uebergange vom Lei⸗ de zur Freude angegriffen und ermuͤdet waren⸗ bat ich um die Erlaubniß, mich zur Ruhe be⸗ geben zu duͤrfen. Ich verließ die Geſellſchaft mitten in ihrer Froͤlichkeit, und ſobald ich mich allein befand, brachte mein Herz dem Geber aller Freuden, und aller Leiden— ſein demuͤ⸗ thiges Dankopfer, und darauf ſchlief ich in un⸗ unterbrochener Ruhe bis an den Morgen⸗ Zoth und dreyßigſtes Kapitel. Veſchluß. Des andern Morgens, als ich die Augen aufſchlug, fand ich meinen aͤlteſten Sohn vor meinem Bette ſitzend, welcher gekommen war, meine Freude durch einen andern Gluͤcks⸗ wechſel zu vermehren. Nachdem er mich erſt von der Buͤrgſchaft, die ich den vorigen Tag⸗ fuͤr ſeine Gegenverſchreibung von mir gegeben, befreyet hatte, machte er mir bekannt, daß mein Kaufmann, der in London Bankerot ge⸗ macht, zu Antwerpen in Verhaft gebracht waͤ⸗ re, und daſelbſt eine Maſſe conſtituirt haͤtte, die ſich hoͤher betruͤge, als alle ſeine Creditores zu fodern haͤtten. Die Uneigennuͤtzigkeit mei⸗ nes Sohnes freuete mich faſt eben ſo ſehr, als die unerwartete gluͤckliche Zeitung. Ich hatte aber doch meine Zweifel, ob ich auch ſein An⸗ erbieten annehmen duͤrfte. Als ich noch hier⸗ uͤber meine Ueberlegung machte, trat Sir Willi⸗ am herein, dem ich meine Zweifel mittheilte⸗ Seine Meynung ging dahin, daß ich ſein An⸗ erbiethen ohne Bedenken annehmen koͤunte, weil mein Sohn ſchon ohnedem durch ſein Erheyra⸗ thetes reich genug waͤre. Darauf ſagt⸗ er mir, er waͤre gekommen, mich zu benachrichtigen, daß er ſchon den Abend vorher noch nach den Ei⸗ — — 363 Erlaubnißſcheinen ausgeſchickt, und da er ſol⸗ che alle Augenblicke erwartete, ſo hoffte er, ich wuͤrde nichts dagegen haben, ſie noch alle an eben dem Morgen gluͤcklich zu machen. Noch weil wir daruͤber ſprachen, kam ein Bedienter herein, zu melden, daß der Botbe wieder ge⸗ kommen waͤre; und da ich nunmehr angekleidet war, ging ich hinunter, wo ich die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſo luſtig fand, als ſie bey Ueberfluß und Unſchuld ſeyn konnten. Da ſie indeſſen ei⸗ ne ſo feyerliche Handlung vor ſich hatten, woll⸗ te mir ihr Lachen ganz und gar nicht gefallen. Ich ſagte es ihnen, wie ernſthaft, feyerlich und andaͤchtig ſie ſich bey dieſer myſtiſchen Handlung zu betragen haͤtten, und las ihnen zwey Predigten und eine andre Abhandlung von meiner eignen Arbeit vor, um ſie vorzube⸗ reiten. Aber, nein; ſie ſchienen mir immer gleich ausgelaſſen und unbaͤndig. Ja ſogar auf dem Wege nach der Kirche, da ich doch ſelbſt voran ging, ſetzten ſie die Ehrharkeit bey Seite, und ich war oft in der Verſuchung, mich mit einer Amtsmiene umzuſehen. In der Kir⸗ che that ſich eine neue Schwierigkeit hervor, die ſich ſo anließ, als ob ſie nicht leicht zu heben ſeyn wuͤrde; nemlich, welches Paar zuerſt ge⸗ trauet werden ſollte? Meines Sohns Braut behauptete mit Eifer, Lady Tornhill,(die kuͤnf⸗ lige heißt das) muͤßte den Anfang machen; und 364—— und das lehnte die andre mit eben ſo viel Waͤr⸗ me von ſich ab, mit der Betheurung, ſie moͤch⸗ te um alles in der Welt nicht, daß man eine ſolche Unhoͤflichkeit von ihr ſollte ſagen koͤnnen⸗ Das Complimentiren waͤhrte ſo eine ziemliche Zeit weg, mit gleich viel Eigenſinn und guter Lebensart von beyden Seiten. Wie ich aber die ganze Zeit dabey ſtand, mit aufgeſchlagenem Buche in der Hand, ſo ward mir endlich die Weile dabey zu lang. Ich machte mein Buch wieder zu, und ſagte:„Ich ſehe wohl, Sie haben beyde nicht Luſt, verheyrathet zu werden; wir thun alſo eben ſo gut, daß wir wieder zu Hauſe gehen: denn ich glaube doch nicht, daß wir hier heute wozu kommen werden.“ Das brachte ſie auf einmal zu Raͤſon. Der Baro⸗ net und ſeine Braut wurden zuerſt getrauet, und darauf folgte mein Sohn mit der Seinigen. Ich hatte ſchon vorher des Morgens dafuͤr geſorgt, daß eine Kutſche hingeſchickt worden, meinen redlichen Nachbar Flamborough mit den Seinigen zu holen; vermoͤge dieſer Vorſorge hat⸗ ten wir, als wir wieder in unſern Gaſthof tra⸗ ten, das Vergnuͤgen, die beyden Miß Flambo⸗ rough vorzufinden. Jenkinſon fuͤhrte die Eine, und mein Sohn Moſes die Juͤngſte;(und ich habe ſeitdem gemerkt, daß er das Maͤdchen wirklich leiden mag; und meine Einwilligung ſoll — A— —— ——— ſoll er haben, ſobald er mich nur darum an⸗ ſpricht.) Wir waren nicht ſobald in unſrer Herberge angekommen, als eine Menge von meinen Pfarrkindern, die von meinem guten Gluͤcke gehort hatten, ankam, um mir Gluͤck zu wuͤnſchen. Es waren auch verſchiedene von denen mit darunter, die mich ehemals mit Ge⸗ walt aus den Haͤnden der Gerichtsbedienten befreyen wollten, und denen ich damals ſo ſcharf den Texr las. Ich erzaͤhlte die Geſchichte mei⸗ nem neuen Schwiegerſohn, Sir William, der ging hinaus, und wuſch ihnen daruͤber die Koͤ⸗ pfe mit ſcharfer Lauge; als er aber ſah, daß ſie ganz niedergeſchlagen wurden, von ſeinen rengſten Vorwuͤrfen, gab er jedem von ihnen einen Dukaten, auf ſeine Geſundheit, und ſich wieder gutes Muths zu trinken. Bald hierauf wurden wir zu einem ſehr huͤb⸗ ſchen Gaſtmahle gerufen, welches des Junker Torhills Koch zugerichtet hatte. Es mag hiet im Vorbeygehen angemerkt werden, daß dieſer junge Menſch itzt bey einen ſeiner weitlaͤuftigen Anverwandten, als Geſellſchafter aufgenom⸗ men iſt, wo er es ziemlich gut hat, und nur ſelten am Nebentiſche eſſen muß, es ſey denn, daß an dem andern kein Raum mehr waͤre⸗ denn man geht ganz vertraulich mit ihm um⸗ Muͤßig iſt er ſelten, denn er muß ſeinen Anver⸗ wand⸗ 366 wandten, der ein wenig zur Relancholie ge⸗ neigt iſt, aufgeraͤumt zu erhalten ſuchen, und dabey lernt er das Waldhorn blaſen. Meine alteſte Tochter bedauret ihn noch oft, und hat mir ſogar geſagt,(aber ich halte das ſehr ge⸗ heim,) daß ſie ſich wohl erweichen laſſen moͤch⸗ te, wenn man ſich auf ſeine Beſſerung verlaſ⸗ ſen koͤnnte. Aber wieder zu meiner Erzaͤhlung, denn ich bin kein Liebhaber von den Einſchieb⸗ ſeln; als wir uns zu Tiſche ſetzen ſollten, waͤ⸗ re das Euinblimentiten bald wieder eben ſo arg geworden, als in der Kirche. Die Frage war, ob meine aͤlteſte Tochter, als eine laͤugſt verhey⸗ rathete Frau, nicht uͤber den beyden Braͤuten ſi⸗ tzen muͤßte: allein, dem Streite ward durch meinen Sohn George bald ein Ende gemacht, welcher vorſchlug, die Geſellſchaft ſollte durch einander ſitzen, wie es kaͤme, jeder mit ſeiner Geliebten. Dieß ward von allen mit groſſem Beyfall aufgenommen, ausgenommen von mei⸗ ner Fran, die, wie ich merken konnte, nicht ſo recht damit zufrieden war, weil ſie erwarter hatte, man wuͤrde ihr das Vergnuͤgen machen, ſie obenan zu ſetzen, damit ſie der ganzen Ge⸗ ſellſchaft von allen Schuͤſſeln haͤtte vorlegen koͤnnen. Dem ungeachtet aber iſt es unmoͤg⸗ lich, zu beſchreiben, wie gut aufgeraͤumt wir waren. Ich kann nicht ſagen, ob wir mehr Lhis hattenn als gewoͤhnlich, aber das ug —x;— — — ich, daß wir mehr lachten, und das laͤuft am Ende auf Eins hinaus. Eines Spaßes erinne⸗ re ich mich noch beſonders. Als der alte Herr Wilmot auf Moſes ſeine Geſundheit trank, der eben den Kopf anderwaͤrts hingewendet hatte, antwortete mein Sohn:„Madame ich danke Ihnen;“ worauf der alte Herr der Geſellſchaft zuwinkte und ſagte, er daͤchte an ſeine kuͤnftige Braut. Ueber dieſen Spaß wollten ſich die beyden Miß Flamboroughs bald krank lachen. Sobald das Eſſen vorbey war, verlangte ich, nach meiner alten Gewohnheit, daß die Tiſche weggebracht werden ſollten, um das Vergnuͤ⸗ gen zu haben, alle die Meinigen Einmal wie⸗ der um das Kaminfeuer verſammlet zu ſehen⸗ Meine beyden Kleinen ſaſſen mir jedes auf ei⸗ nem Kniee, und die uͤbrigen bey ihren Haͤlften. Ich hatte nun dieſſeits des Grabes nichts wei⸗ ter zu wuͤnſchen; alle meine Sorgen waren vor⸗ uͤber, und mein Vergnuͤgen war unausſprech⸗ lich. Es blieb mir nur noch uͤbrig, daß meine Dankbarkeit im Gluͤcke groͤſſer waͤre, als mei⸗ ne vorige Unterwerfung im Ungluͤck. Ende. 367