deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. . Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ s en angenommen. 3 63. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3 für uochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5———————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. X Leiden des jungen Werther's. Von V. von Goethe. Leipzig, Druck und Verlag von Philipp Reclam jnn. * Was ich von der Geſchichte des armen Werther's nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß geſammelt, und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet. Ihr könnt ſeinem Geiſt und ſeinem Charakter eure Bewun⸗ derung und Liebe, ſeinem Schickſale eure Thränen nicht ver⸗ agen. ſas Und du, gute Seele, die du eben den Drang fühlſt wie er, ſchöpfe Troſt aus ſeinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund ſein, wenn du aus Geſchick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannſt! Erſtes Buch. . Am 4. Mai. Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Beſter Freund, was iſt das Herz des Menſchen! Dich zu verlaſſen, den ich ſo liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu ſein! Ich weiß, du verzeihſt mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgeſucht vom Schickſal, um ein Herz wie das meinige zu ängſtigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unſchuldig. Konntz ich dafür, daß, während die eigenſinnigen Reize ihrer Schweſter mir eine angenehme Unterhaltung verſchafften, daß eine Leidenſchaft in dem ar⸗ men Herzen ſich bildete? Und doch— bin ich ganz un⸗ ſchuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? hab ich mich nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns ſo oft zu lachen machten, ſo wenig lächerlich ſie waren, ſelbſt ergötzt? hab' ich nicht— O, was iſt der Menſch, daß er über ſich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verſpreche dir's, ich will mich beſſern, will nicht mehr ein bischen Uebel, das uns das Schickſal vorlegt, wieder⸗ käuen, wie ich's immer gethan habe; ich will das Gegen⸗ 3 8 wärtige genießen, und das Vergangene ſoll mir vergangen ſein. Gewiß, du haſt Recht, Beſter, der Schmerzen wären minder unter den Menſchen, wenn ſie nicht Gott weiß, warum ſie ſo gemacht ſind!— mit ſo viel Emſigkeit der Einbildungskraft ſich beſchäftigten, die Erinnerungen des 4 „ 4—„ Leiden des jungen Werther's. vergangenen Uebels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu tragen.— Du biſt ſo gut meiner Mutter zu ſagen, daß ich ihr Geſchäft beſtens betreiben, und ihr eheſtens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante geſprochen, und bei weitem das böſe Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr macht. Sie iſt eine muntere, heftige Frau von dem beſten Herzen. Ich erklärte ihr meiner Mutter Beſchwerden über den zurückgehaltenen Erbſchaftsantheil; ſie ſagte mir ihre Gründe, Urſachen und die Bedingungen, unter welchen ſie bereit wäre alles heraus zu geben, und mehr als wir verlangten— kurz, ich mag jetzt nichts davon ſchreiben; ſage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, mein Lieber, wieder bei dieſem kleinen Geſchäft gefunden, daß Mißverſtändniſſe und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als Liſt und Bosheit. Wenigſtens ſind die beiden letzteren gewiß ſeltener.— Uebrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Ein⸗ ſamkeit iſt meinem Herzen köſtlicher Balſam in dieſer para⸗ dieſiſchen Gegend, und dieſe Jahreszeit der Jugend wärmt⸗ mit aller Fülle mein oft ſchauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke iſt ein Strauß von Blüthen, und man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumſchweben und alle ſeine Nahrung darin finden zu können. 4 Die Stadt ſelbſt iſt unangenehm, dagegen rings umher eine unausſprechliche Schönheit der Natur. Das bewog den verſtorbenen Grafen von Me:, ſeinen Garten auf einem der Hügel anzulegen, die mit der ſchönſten Mannichfaltigkeit ſich kreuzen, und die lieblichſten Thäler bilden. Der Garten iſt einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritte, daß nicht ein wiſſenſchaftlicher Gärtner, ſondern ein fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das ſeiner ſelbſt hier genießen wollte. Schon manche Thräne hab' ich dem Abgeſchiedenen in dem verfalle⸗ nen Cabinetchen geweint, das ſein Lieblingsplätzchen war, und auch meines iſt. Bald werde ich Herr vom Garten ſein; der Gärtner iſt mir zugethan, nur ſeit den paar Tagen, und er wird ſich nicht übel dabei befinden. 4 3. Leiden des jungen Werther's. 5 — Am 10. Mai. Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele ein⸗ genommen, gleich den ſüßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein, und freue mich meines Lebens in dieſer Gegend, die für ſolche Seelen ge⸗ ſchaffen iſt, wie die meine. Ich bin ſo glücklich, mein Beſter, ſo ganz in dem Gefühle von ruhigem Daſein verſunken, daß meine Kunſt darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler geweſen, als in dieſen Augenblicken. Wenn das liebe Thal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurch⸗ dringlichen Finſterniß meines Waldes ruht, und nur ein⸗ zelne Strahlen ſich in das innere Heiligthum ſtehlen, ich dann im hohen Graſe am fallenden Bache liege, und näher 4 an der Erde tauſend mannichfaltige Gräschen mir merk⸗ würdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwiſchen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Geſtalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach ſeinem Bilde ſchuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne ſchwebend trägt und erhält! Mein Freund, wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Geſtalt einer Geliebten; dann ſehne ich mich oft und denke: Ach! könnteſt du das wieder ausdrücken, könnteſt dem Papier das einhauchen, was ſo voll, ſo warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele iſt der Spiegel des unendlichen Gottes!— Mein Freund!— Aber ich gehe darüber zu Grundo, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieſer Erſcheinungen. Am 12. Mai. Ich weiß nicht, ob täuſchende Geiſter um dieſe Gegend ſchweben, oder ob die warme, himmliſche Phantaſie in * meinem Herzen iſt, die mir alles rings umher ſo paradieſiſch macht. Da iſt gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brun⸗ nen, an den ich gebannt bin, wie Meluſine mit ihren Schwe⸗ ſtern.— Du gehſt einen kleinen Hügel hinunter, und findeſt dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinab⸗ Leiden des jungen Werther's. gehen, wo unten das klarſte Waſſer aus Marmorfelſen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfaſſung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts— das hat alles ſo was Anzügliches, was Schauer⸗ liches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da ſitze. Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Waſſer, das harmloſeſte Geſchäft und das nöthigſte, das ehemals die Töchter der Könige ſelbſt verrichteten. Wenn ich da ſitze, ſo lebt die patriarchaliſche Idee ſo lebhaft um mich, wie ſie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntſchaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohlthätige Geiſter ſchweben. O, der muß nie nach einer ſchweren Sommertagswanderung ſich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann. Am 13. Mai. Du fragſt, ob du mir meine Bücher ſchicken ſollſt?— Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir ſie vom Halſe! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert ſein; brauſ't dieſes Herz doch genug aus ſich ſelbſt; ich brauche Wiegengeſang, und den habe ich in ſeiner Fülle ge⸗ funden in meinem Homer. Wie oft lull' ich mein empörtes Blut zur Ruhe; denn ſo ungleich, ſo unſtät haſt du nichts geſehen als dieſes Herz. Lieber! brauch' ich dir das zu ſagen, der du ſo oft die Laſt getragen haſt, mich vom Kummer zur Ausſchweifung, und von ſüßer Melancholie zur ver⸗ derblichen Leidenſchaft übergehen zu ſehen! Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm geſtattet. Sage das nicht weiter! es giebt Leute, die mir es verübeln würden. Am 15. Mai. Die geringen Leute des Ortes kennen mich ſchon, und lieben mich, beſonders die Kinder. Wie ich im Anfange mich zu ihnen geſellte, ſie freundſchaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer ſpotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrie⸗ ßen; nur fühlte ich, was ich ſchon oft bemerkt habe, auf das lebhafteſte: Leute von einigem Stande werden ſich im⸗ Leiden des jungen Werther's. 7 mer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten ſie durch Annäherung zu verlieren; und dann jebt's Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die ſich herab zu 1 kaſſen ſcheinen, um ihren Uebermuth dem armen Volke L deſto empfindlicher zu machen. . Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich ſind, noch ſein kön⸗ nen: aber ich halte dafür, daß der, der nöthig zu haben glaubt, vom ſogenannten Pöbel ſich zu entfernen, um den Reſpect zu erhalten, eben ſo tadelhaft iſt als ein Feiger, der ſich vor ſeinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet. Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienſtmädchen, das ihr Gefäß auf die unterſte Treppe ge⸗ ſetzt hatte und ſich umſah, ob keine Kamerädin kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich ſtieg hinunter, und ſah ſie an. Soll ich Ihr helfen, Jungfer? ſagte ich. — Sie ward roth über und über. O nein, Herr! ſagte ſie. — Ohne Umſtände!— Sie legte ihren Kringen zurecht, und ich half ihr. Sie dankte und ſtieg hinauf. Den 17. Mai. Ich habe allerlei Bekanntſchaft gemacht; Geſellſchaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menſchen haben muß; es mögen mich ihrer ſo viele und hängen ſich an mich, und da thut mir's weh, wenn unſer Weg nur eine kleine Strecke mit einander geht. Wenn du fragſt, wie die Leute hier ſind? muß ich dir ſagen: Wie überall! Es iſt ein einförmiges Ding um das Menſchen⸗ geſchlecht. Die meiſten verarbeiten den größten Theil der Zeit, um zu leben, und das bischen, das ihnen von Frei⸗ heit übrig bleibt, ängſtigt ſie ſo, daß ſie alle Mittel aufſu⸗ chen, um es los zu werden. O Beſtimmung des Menſchen! 3 Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manch⸗ mal vergeſſe, manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die den Menſchen noch gewährt ſind, an einem artig beſetzten Tiſch mit aller Offen⸗ und Treuherzigkeit ſich herumzuſpa⸗ ßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzu⸗ ordnen, und dergleichen, das thut eine ganz gute Wirkung aauf mich; nur muß mir nicht einfallen, daß noch ſo viele Leiden des jungen Werther's. andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern, und die ich ſorgfältig verbergen muß. Ach, das engt das ganze Herz ſo ein!— Und doch! mißverſtanden zu werden iſt das Schickſal von unſer Einem. Ach, daß die Freundin meiner Jugend dahin iſt! ach, daß ich ſie je gekannt habe!— Ich würde ſagen, du biſt ein Thor; du ſuchſt, was hienieden nicht zu finden iſt. Aber ich habe ſie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir ſchien mehr zu ſein, als ich war, weil ich alles war, was ich ſein konnte. Guter Gott! blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl ent⸗ wickeln, mit dem mein Herz die Natur umfaßt? War unſer Umgang nicht ein ewiges Weben von der feinſten Empfin⸗ dung, dem ſchärfſten Witze, deſſen Modificationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genie's bezeichnet waren? Und nun!— Ach, ihre Jahre, die ſie voraus hatte, führten ſie früher an's Grab als mich. Nie werde ich ſie vergeſſen, nie ihren feſten Sinn und ihre göttliche Duldung. Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offenen Jungen, mit einer gar glücklichen Geſichtsbildung. Er kommt erſt von Akademien, dünkt ſich eben nicht weiſe, aber glaubt doch, er wiſſe mehr als andere. Auch war er fleißig, wie ich an allerlei ſpüre; kurz, er hat hübſche Kennt⸗ niſſe. Da er hörte, daß ich viel zeichnete und Griechiſch könnte(zwei Meteore hier zu Lande), wandte er ſich an mich, und kramte viel Wiſſens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winckelmann, und verſicherte mich, er habe Sulzer's Theorie, den erſten Theil, ganz durchgeleſen, und beſitze ein Manuſcript von Heynen über das Studium der Antike. Ich ließ das gut ſein. Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürſtlichen Amtmann, einen offenen, treuherzigen Men⸗ ſchen. Man ſagt, es ſoll eine Seelenfreude ſein, ihn unter ſeinen Kindern zu ſehen, deren er neun hat; beſonders macht man viel Weſens von ſeiner älteſten Tochter. Er hat mich zu ſich gebeten, und ich will ihn eheſter Tage be⸗ ſuchen. Er wohnt auf einem fürſtlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier, wohin er nach dem Tode ſeiner Frau e — Leiden des jungen Wetther's. 9 zu ziehen die Erlaubniß erhielt, da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthauſe zu weh that. Sonſt ſind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen alles unausſtehlich iſt, am unerträglich⸗ ſten ihre Freundſchaftsbezeigungen. Leb' wohl! Der Brief wird dir recht ſein; er iſt ganz hiſtoriſch. Am 22. Mai. Daß das Leben des Menſchen nur ein Traum ſei, iſt manchem ſchon ſo vorgekommen, und auch mit mir zieht dieſes Gefühl immer herum. Wenn ich die Einſchräukung anſehe, in welcher die thätigen und forſchenden Kräfte des Menſchen eingeſperrt ſind; wenn ich ſehe, wie alle Wirk⸗ ſamkeit dahinaus läuft, ſich die Befriedigung von Bedürf⸗ niſſen zu verſchaffen, die wieder keinen Zweck haben als 4 unſere arme Exiſtenz zu verlängern, und dann, daß alle Be⸗ 5 ruhigung über gewiſſe Punkte des Nachforſchens nur eine 3 träumende Reſignation iſt, da man ſich die Wände, zwiſchen 4 denen man gefangen ſitzt, mit bunten Geſtalten und lichten 7 Ausſichten bemalt— das alles, Wilhelm, macht mich ſtumm. 1 Ich kehre in mich ſelbſt zurück, und finde eine Welt! wie⸗ der mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darſtellung und lebendiger Kraft. Und da ſchwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann ſo träumend weiter in die Welt. Daß die Kinder nicht wiſſen, warum ſie wollen, darin ſind alle hochgelahrte Schul⸗ und Hofmeiſter einig: daß 6 aber auch Erwachſene gleich Kindern auf dieſem Erdboden 3 herumtaumeln, und wie jene nicht wiſſen, woher ſie kom⸗ men, und wohin ſie gehen, eben ſo wenig nach wahren Zwecken handeln, eben ſo durch Biskuit und Kuchen und 3 Birkenreiſer regiert werden, das will niemand gern glauben, 4 und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen. Ich geſtehe dir gern— denn ich weiß, was du mir hier⸗ 5 auf ſagen möchteſt— daß diejenigen die Glücklichſten ſind, f die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Pup⸗ pen herumſchleppen, aus⸗ und anziehen, und mit großem Reſpect um die Schublade umher ſchleichen, wo Mama das Zuckerbrod hinein geſchloſſen hat, und wenn ſie das ge⸗ — Leiden des jungen Werther's wünſchte endlich erhaſchen, es mit vollen Backen verzehren, und rufen: Mehr!— Das ſind glückliche Geſchöpfe. Auch denen iſt's wohl, die ihren Lumpenbeſchäftigungen oder wohl gar ihren Leidenſchaften prächtige Titel geben, und ſie dem Menſchengeſchlechte als Rieſenoperationen zu deſſen Heil und Wohlfahrt anſchreiben.— Wohl dem, der ſo ſein kann! Wer aber in ſeiner Demuth erkennt, wo das alles hinaus läuft, wer da ſieht, wie artig jeder Bürger, dem es wohl iſt, ſein Gärtchen zum Paradieſe zuzuſtutzen weiß, und wie un⸗ verdroſſen auch der Unglückliche unter der Bürde ſeinen Weg fortkeucht, und alle gleich intereſſirt ſind, das Licht dieſer Sonne noch eine Minute länger zu ſehen— ja der iſt ſtill, und bildet auch ſeine Welt aus ſich ſelbſt, und iſt auch glücklich, weil er ein Menſch iſt. Und dann, ſo einge⸗ ſchränkt er iſt, hält er doch immer im Herzen das ſüße Ge⸗ fühl der Freiheit, und daß er dieſen Kerker verlaſſen kann, wann er will. Am 26. Mai. Du kennſt von Alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem vertraulichen Orte ein Hüttchen auf⸗ zuſchlagen, und da mit aller Einſchränkung zu herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchen angetroffen, das mich angezogen hat. Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den ſie Wahlheim*) nennen. Die Lage an einem Hügel iſt ſehr intereſſant, und wenn man oben auf dem Fußpfade zum Dorf herausgeht, überſieht man auf einmal das ganze Thal. Eine gute Wirthin, die gefällig und munter in ihrem Alter iſt, ſchenkt Wein, Bier, Kaffee; und was über alles geht, ſind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Aeſten den kleinen Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäuſern, Scheuern und Höfen eingeſchloſſen iſt. So vertraulich, ſo heimlich hab' ich nicht leicht ein Plätzchen ge⸗ funden, und dahin laſſ' ich mein Tiſchchen aus dem Wirths⸗ hauſe bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da *) Der Leſer wird ſich keine Mühe geben, die hier genannten Orte zu ſuchen: man hat ſich genöthigt geſehen, die im Original befindlichen wahren Namen zu verändern. 4 — — — — — — Leiden des jungen Werther's. 11 und leſe meinen Homer. Das erſtemal, als ich durch einen Zufall an einem ſchönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen ſo einſam. Es war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahren ſaß an der Erde, und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm zwiſchen ſeinen Füßen ſitzendes Kind mit beiden Armen wider ſeine Bruſt, ſo daß er ihm zu einer Art von Seſſel diente, und ungeachtet der Munterkeit, womit er aus ſeinen ſchwarzen Augen herumſchaute, ganz ruhig ſaß. Mich vergnügte der Anblick: ich ſetzte mich auf einen Pflug, der gegenüber ſtand, und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergötzen. Ich fügte den nächſten Zaun, ein Scheunenthor und einige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie es hinter einander ſtand, und fand nach Verlauf einer Stunde, daß ich eine wohl geordnete, ſehr intereſſante Zeichnung verfertiget hatte, ohne das mindeſte von dem Meinen hinzuzuthun. Das be⸗ ſtärkte mich in meinem Vorſatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein iſt unendlich reich, und ſie allein bildet den großen Künſtler. Man kann zum Vor⸗ theile der Regeln viel ſagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Geſellſchaft ſagen kann. Ein Menſch, der ſich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeſchmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der ſich durch Geſetze und Wohlſtand modeln läßt, nie ein unerträglicher Nach⸗ bar, nie ein merkwürdiger Böſewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede, was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck der⸗ ſelben zerſtören! Sag’ du, das iſt zu hart! ſie ſchränkt nur ein, beſchneidet die geilen Reben ꝛc.— Guter Freund, ſoll ich dir ein Gleichniß geben? Es iſt damit, wie mit der Liebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden ſeines Tages bei ihr zu, verſchwendet alle ſeine Kräfte, all ſein Vermögen, um ihr jeden Augen⸗ blick auszudrücken, daß er ſich ganz ihr hingiebt. Und da käme ein Philiſter, ein Mann, der in einem öffentlichen Amte ſteht, und ſagte zu ihm: Feiner junger Herr! Lieben iſt menſchlich; nur müßt ihr menſchlich lieben! Theilet eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungs⸗ ſtunden widmet eurem Mädchen. Berechnet euer Vermögen, Leiden des jungen Werther's. und was euch von eurer Nothdurft übrig bleibt, davon ver⸗ wehr' ich euch nicht, ihr ein Geſchenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts⸗ und Namenstage ꝛc.— Folgt der Menſch, ſo giebt's einen brauchbaren jungen Men⸗ ſchen, und ich will ſelbſt jedem Fürſten rathen, ihn in ein Collegium zu ſetzen; nur mit ſeiner Liebe iſt's am Ende, und wenn er ein Künſtler iſt, mit ſeiner Kunſt. O meine Freunde! warum der Strom des Genie's ſo ſelten aus⸗ bricht, ſo ſelten in hohen Fluthen hereinbrauſ't und eure ſtaunende Seele erſchüttert?— Liebe Freunde, da wohnen die gelaſſenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zu Grunde gehen würden, die daher in Zeiten mit Dämmen und Ab⸗ leiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wiſſen. Am 27. Mai. Ich bin, wie ich ſehe, in Verzückung, Gleichniſſe und Declamation verfallen, und habe darüber vergeſſen, dir aus⸗ zuerzählen, was mit den Kindern weiter geworden iſt. Ich ſaß, ganz in maleriſche Empfindung vertieft, die dir mein geſtriges Blatt ſehr zerſtückt darlegt, auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da kommt gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die ſich indeß nicht gerührt hat⸗ ten, mit einem Körbchen am Arm, und ruft von weitem: Philipps, du biſt recht brav. Sie grüßte mich; ich dankte ihr, ſtand auf, trat näher hin, und fragte ſie, ob ſie Mutter von den Kindern wäre? Sie bejahte es, und indem ſie dem älteſten einen halben Weck gab, nahm ſie das kleine auf, und küßte es mit aller mütterlichen Liebe.— Ich habe, ſagte ſie, meinem Philipps das Kleine zu halten gegeben, und bin mit meinem Aelteſten in die Stadt gegangen, um Weißbrod zu holen, und Zucker, und ein irden Breipfänn⸗ chen.— Ich ſah das alles in dem Korbe, deſſen Deckel abgefallen war.— Ich will meinem Hans(das war der Name des Jüngſten) ein Süppchen kochen zum Abende; der loſe Vogel, der Große, hat mir geſtern das Pfännchen zer⸗ brochen, als er ſich mit Philippſen um die Scharre des Brei's zankte.— Ich fragte nach dem Aelteſten, und ſie hatte mir kaum geſagt, daß er ſich auf der Wieſe mit ein Leiden des jungen Werther's. 13 paar Gänſen herumjage, als er geſprungen kam und dem zweiten eine Haſelgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich wei⸗ ter mit dem Weibe, und erfuhr, daß ſie des Schulmeiſters Tochter ſei, und daß ihr Mann eine Reiſe in die Schweiz gemacht habe, um die Erbſchaft eines Vetters zu holen.— Sie haben ihn drum betrügen wollen, ſagte ſie, und ihm auf ſeine Briefe nicht geantwortet; da iſt er ſelbſt hineinge⸗ gangen. Wenn ihm nur kein Unglück widerfahren iſt! ich höre nichts von ihm.— Es ward mir ſchwer, mich von dem Weibe loszumachen, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und auch für's jüngſte gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur Suppe mitzubringen, wenn ſie in die Stadt ginge, und ſo ſchieden wir von einander. Ich ſage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, ſo lindert all den Tumult der Anblick eines ſolchen Geſchöpfs, das in glücklicher Gelaſſenheit den engen Kreis ſeines Daſeins hingeht, von einem Tage zum andern ſich durchhilft, die Blätter abfallen ſieht, und nichts dabei denkt, als daß der Winter kommt. Seit der Zeit bin ich oft draußen. Die Kinder ſind ganz an mich gewöhnt, ſie kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und theilen das Butterbrod und die ſaure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie; und wenn ich nicht nach der Betſtunde da bin, ſo hat die Wir⸗ thin Ordre, ihn auszuzahlen. Sie ſind vertraut, erzählen mir allerhand, und beſon⸗ ders ergötze ich mich an ihren Leidenſchaften und ſimpeln Aus⸗ brüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe ſich verſammeln. Viel Mühe hat mich's gekoſtet, der Mutter ihre Beſorg⸗ niß zu nehmen, ſie möchten den Herrn incommodiren. Am 30. Mai. Was ich dir neulich von der Malerei ſagte, gilt gewiß auch von der Dichtkunſt, es iſt nur, daß man das Vor⸗ treffliche erkenne, und es auszuſprechen wage, und das iſt freilich mit wenigem viel geſagt. Ich habe hent eine Scene gehabt, die, rein abgeſchrieben, die ſchönſte Idylle von der Welt gäbe; doch was ſoll Dichtung, Scene und Idylle? muß 14 Leiden des jungen Werther's. es denn immer geboſſelt ſein, wenn wir Theil an einer Na⸗ turerſcheinung nehmen ſollen? Wenn dn auf dieſen Eingang viel Hohes und Vorneh⸗ mes erwarteſt, ſo biſt du wieder übel betrogen; es iſt nichts als ein Bauerburſch, der mich zu dieſer lebhaften Theilneh⸗ mung hingeriſſen hat.— Ich werde, wie gewöhnlich, ſchlecht erzählen, und du wirſt mich, wie gewöhnlich, denk ich, über⸗ trieben finden; es iſt wieder Wahlheim, und immer Wahl⸗ heim, das dieſe Seltenheiten hervorbringt. Es war eine Geſellſchaft draußen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil ſie mir nicht ganz anſtand, ſo blieb ich unter einem Vorwande zurück. Ein Bauerburſch kam aus einem benachbarten Hauſe, und beſchäftigte ſich, an dem Pfluge, den ich neulich gezeich⸗ net hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir ſein Weſen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach ſeinen Umſtänden; wir waren bald bekannt, und wie mir's gewöhnlich mit dieſer Art Leuten geht, bald vertraut. Er erzählte mir, daß er bei einer Wittwe in Dienſten ſei, und von ihr gar wohl gehalten werde. Er ſprach ſo vieles von ihr, und lobte ſie dergeſtalt, daß ich bald merken konnte, er ſei ihr mit Leib und Seele zugethan. Sie ſei nicht mehr jung, ſagte er, ſie ſei von ihrem erſten Mann übel gehalten worden, wolle nicht mehr heirathen, und aus ſeiner Erzählung leuchtete ſo merklich hervor, wie ſchön, wie reizend ſie für ihn ſei, wie ſehr er wünſche, daß ſie ihn wählen möchte, um das Andenken der Fehler ihres erſten Mannes auszulöſchen, daß ich Wort für Wort wiederholen müßte, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieſes Menſchen anſchaulich zu machen. Ja, ich müßte die Gabe des größten Diehters beſitzen, um dir zugleich den Ausdruck ſeiner Geberden, die Harmonie ſeiner Stimme, das heimliche Feuer ſeiner Blicke lebendig darſtellen zu können. Nein, es ſprechen keine Worte die Zartheit aus, die in ſeinem ganzen Weſen und Aus⸗ druck war; es iſt alles nur plump, was ich wieder vorbrin⸗ gen könnte. Beſonders rührte mich, wie er fürchtete, ich möchte über ſein Verhältniß zu ihr ungleich denken und an ihrer guten Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn er von ihrer Geſtalt, von ihrem Körper ſprach, der ihn ohne Leiden des jungen Werther's. 15 jugendliche Reize gewaltſam an ſich zog und feſſelte, kann ich mir nur in meiner innerſten Seele wiederholen. Ich hab' in meinem Leben die dringende Begierde und das heiße, ſehnliche Verlangen nicht in dieſer Reinheit geſehen; ja wohl kann ich ſagen, in dieſer Reinheit nicht gedacht und geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir ſage, daß bei der Erin⸗ nerung dieſer Unſchuld und Wahrheit mir die innerſte Seele glüht, und daß mich das Bild dieſer Treue und Zärtlich⸗ keit überall verfolgt, und daß ich, wie ſelbſt davon entzün⸗ det, lechze und ſchmachte! Ich will nun ſuchen, auch ſie eheſtens zu ſehen, oder vielmehr, wenn ich's recht bedenke, ich will's vermeiden. Es iſt beſſer, ich ſehe ſie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erſcheint ſie mir vor meinen eigenen Augen nicht ſo, wie ſie jetzt vor mir ſteht; und warum ſoll ich mir das ſchöne Bild verderben? Am 16. Junius. Warum ich dir nicht ſchreibe?— Fragſt du das, und biſt doch auch der Gelehrten einer? Du ſollteſt rathen, daß ich mich wohl befinde, und zwar— kurz und gut, ich habe eine Bekanntſchaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe— ich weiß nicht— Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen iſt, daß ich eines der liebenswürdigſten Geſchöpfe habe kennen lernen, wird ſchwer halten. Ich bin vergnügt und glücklich, und alſo kein guter Hiſtorienſchreiber. Einen Engel! Pfuil! das ſagt jeder von der Seinigen. Nicht wahr? Und doch bin ich nicht im Stande, dir zu ſa⸗ gen, wie ſie vollkommen iſt, warum ſie vollkommen iſt; ge⸗ nug, ſie hat allen meinen Sinn gefangen genommen. So viel Einfalt bei ſo viel Verſtand, ſo viel Güte bei ſo viel Feſtigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Thätigkeit!— Das iſt alles garſtiges Gewäſch, was ich da von ihr ſage, leidige Abſtractionen, die nicht einen Zug ihres Selbſt aus⸗ drücken. Ein andermal— nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir's erzählen. Thu ich's jetzt nicht, ſo ge⸗ ſchäh' es niemals. Denn, unter uns, ſeit ich angefangen 16 Leiden des jungen Werther's. habe zu ſchreiben, war ich ſchon dreimal im Begriffe die Feder niederzulegen, mein Pferd ſatteln zu laſſen, und hin⸗ auszureiten. Und doch ſchwur ich mir heute früh, nicht hin⸗ auszureiten, und gehe doch alle Augenblick an's Fenſter, zu ſehen, wie hoch die Sonne noch ſteht.——— Ich hab's nicht überwinden können, ich mußte zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, will mein Butterbrod zu Nacht eſſen, und dir ſchreiben. Welch eine Wonne das für meine Seele iſt, ſie in dem Kreiſe der lieben, muntern Kinder, ihrer acht Geſchwiſter, zu ſehen! Wenn ich ſo fortfahre, wirſt du am Ende ſo klug ſein, wie am Anfange. Höre denn! ich will mich zwingen in's Detail zu gehen. Ich ſchrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen, und wie er mich gebeten habe, ihn bald in ſeiner Einſiedelei, oder vielmehr ſeinem kleinen Königreiche zu beſuchen. Ich vernachläſſigte das, und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der ſtillen Gegend verborgen liegt. Unſere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angeſtellt, zu dem ich mich denn auch willig finden ließ. Ich bot einem hieſigen guten, ſchönen, übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, daß ich eine Kutſche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrer Baſe nach dem Ort der Luſtbarkeit hinausfahren, und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen ſollte.— Sie werden ein ſchönes Frauenzimmer kennen lernen, ſagte meine Geſellſchafterin, da wir durch den weiten ausgehauenen Wald nach dem Jagdhauſe fuhren. Nehmen Sie ſich in Acht, verſetzte die Baſe, daß Sie ſich nicht verlieben!— Wie ſo ſagte ich. braven Mann, der weggereiſtt iſt, ſeine Sachen in Ordnung zu bringen, weil ſein Vater geſtorben iſt, und ſich um eine anſehnliche Verſorgung zu bewerben. Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig. Die Sonne war noch eine Viertelſtunde vom Gebirge, als wir vor dem Hofthore anfuhren. Es war ſehr ſchwül, und die Frauenzimmer äußerten ihre Beſorgniß wegen eines Gewitters, das ſich in weißgrauen, dumpfichten Wölkchen —= Sdie iſt ſchon vergeben, antwortete jene, an einen ſehr Leiden des jungen Werther's. 17 rings am Horizonte zuſammenzuziehen ſchien. Ich täuſchte ihre Furcht mit anmaßlicher Wetterkunde, ob mir gleich ſelbſt zu ahnen anfing, unſere Luſtbarkeit werde einen Stoß leiden. Ich war ausgeſtiegen, und eine Magd, die an's Thor kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen; Mamſell Lott⸗ chen würde gleich kommen. Ich ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hauſe, und da ich die vorliegende Treppe hinaufgeſtiegen war, und in die Thür trat, fiel mir das reizendſte Schauſpiel in die Augen, das ich je geſehen habe. In dem Vorſaale wimmelten ſechs Kinder, von eilf zu zwei Jahren, um ein Mädchen von ſchöner Geſtalt, mittlerer Größe, die ein ſimples weißes Kleid mit blaßrothen Schleifen an Arm und Bruſt anhatte.— Sie hielt ein ſchwarzes Brod, und ſchnitt ihren Kleinen rings herum jedem ſein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit ſolcher Freundlichkeit, und jedes rufte ſo ungekünſtelt ſein: Danke! indem es mit den kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeſchnitten war, und nun mit ſeinem Abendbrode vergnügt entweder wegſprang oder, nach ſeinem ſtillern Charakter, gelaſſen davon ging, nach dem Hofthore zu, um die Fremden und die Kutſche zu ſehen, darinnen ihre Lotte wegfahren ſollte.— Ich bitte m Vergebung, ſagte ſie, daß ich Sie herein bemühe, und ie Frauenzimmer warten laſſe. Ueber dem Anziehen und allerlei Beſtellungen für's Haus in meiner Abweſenheit habe ich vergeſſen, meinen Kindern ihr Veſperbrod zu geben, und ſie wollen von Niemand Brod geſchnitten haben als von mir.— Ich machte ihr ein unbedeutendes Compliment; meine ganze Seele ruhte auf der Geſtalt, dem Tone, dem Betragen: und ich hatte eben Zeit, mich von der Ueberra⸗ ſchung zu erholen, als ſie in die Stube lief, ihre Hand⸗ ſchuhe und den Fächer zu holen. Die Kleinen ſahen mich in einiger Entfernung ſo von der Seite an, und ich ging auf das Jüngſte los, das ein Kind von der glücklichſten Geſichtsbildung war. Es zog ſich zurück, als eben Lotte zur Thüre herauskam, und ſagte: Louis, gieb dem Herrn Vet⸗ ter eine Hand! Das that der Knabe ſehr freimüthig, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn, ungeachtet ſeines klei⸗ 2 — 1 Leiden des jungen Werther's. 19 ſichtszügen hervorbrechen, die ſich nach und nach vergnügt zu entfalten ſchienen weil ſie an mir fühlte, daß ich ſie verſtand. Wie ich jünger war, ſagte ſie, liebte ich nichts ſo ſehr als Ramane. Weiß Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags ſo in ein Eckchen ſetzen, und mit ganzem Her⸗ zen an dem Glück und Unſtern einer Miß Jenny Theil nehmen konnte. Ich läugne auch nicht, daß die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich ſo ſelten an ein Buch komme, ſo muß es auch recht nach meinem Geſchmack ſein. Und der Autor iſt mir der liebſte, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht wie um mich, und deſſen Ge⸗ ſchichte mir doch ſo intereſſant und herzlich wird als mein eigen häuslich Leben das freilich kein Paradies, aber doch im Ganzen eine Quelle unſäglicher Glückſeligkeit iſt. Ich bemühte mich, meine Bewegungen über dieſe Worte zu verbergen. Das ging freilich nicht weit: denn da ich ſie mit ſolcher Wahrheit im Vorbeigehen vom Landprieſter von Wakefield, vom**)— reden hörte, kam ich ganz außer mich, ſagte ihr alles, was ich wußte, und bemerkte erſt nach einiger Zeit, da Lotte das Geſpräch an die anderen wen⸗ dete, daß dieſe die Zeit über mit offenen Augen, als ſäßen ſie nicht da, dageſeſſen hatten. Die Baſe ſah mich mehr als einmal mit einem ſpöttiſchen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war. „Das Geſpräch fiel auf's Vergnügen am Tanze. Wenn dieſe Leidenſchaft ein Fehler iſt, ſagte Lotte, ſo geſtehe ich Ihnen gern, ich weiß mir nichts über's Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe, und mir auf meinem verſtimmten Clavier einen Contretanz vortrommle, ſo iſt alles wieder gut. Wie ich mich unter dem Geſpräche in den ſchwarzen Au⸗ gen weidete! wie die lebendigen Lippen und die friſchen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen! wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz verſunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen ſie ſich ausdrückte!— davan *) Man hat auch bier die Namen einiger vaterländiſchen Autoren wegge⸗ laſſen. Wer Theil an Lottens Beifalle hat, wird es gewiß an ſeinem Herzen ſfen⸗ wenn er dieſe Stelle leſen ſollte, und ſonſt braucht es ja Niemand zu 2* 20 Leiden des jungen Werther's. haſt du eine Vorſtellung, weil du mich kennſt. Kurz, ich ſtieg aus dem Wagen, wie ein Träumender, als wir vor dem Luſthauſe ſtille hielten, und war ſo in Träumen rings in der dämmernden Welt verloren, daß ich auf die Muſik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saal herunter entgegenſchallte. Die zwei Herren Audran, und ein gewiſſer N. N.— wer behält alle die Namen!— die der Baſe und Lottens Tänzer waren, empfingen uns am Schlage, bemächtigten ſich ihrer Frauenzimmer, und ich führte das meinige hinauf. 3 Wir ſchlangen uns in Menuets um einander herunm;: ich forderte ein Frauenzimmer nach dem andern auf, und juſt die unleidlichſten konnten nicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer fingen einen Engliſchen an, und wie wohl mir's war, als ſie auch in der Reihe die Figur mit uns anfing, magſt du fühlen. Tanzen muß man ſie ſehen! Siehſt du, ſie iſt ſo mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, ſo ſorglos, ſo unbe⸗ fangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn ſie ſonſt nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiß ſchwindet alles andere vor ihr. Ich bat ſie um den zweiten Contretanz; ſie ſagte mir den dritten zu, und mit der liebenswürdigſten Freimüthige keit von der Welt verſicherte ſie mir, daß ſie herzlich gern Deutſch tanze. Es iſt hier ſo Mode, fuhr ſie fort, dasß jedes Paar, das zuſammen gehört, beim Deutſchen zuſama menbleibt, und mein Chapeau walzt ſchlecht, und dankt 3 mir's, wenn ich ihm die Arbeit erlaſſe. Ihr Frauenzima mer kann's auch nicht, und mag nicht, und ich habe lim Engliſchen geſehen, daß Sie gut walzen; wenn Sie nun mein ſein wollen für's Deutſche, ſo gehen Sie, und bitten ſich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer dame gehen.— Ich gab ihr die Hand darauf, und wir machten 4 aus, daß ihr Tänzer inzwiſchen meine Tänzerin unterhal⸗ ten ſollte. Nun ging's an, und wir ergötzten uns eine Weile an mannichfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem 4 Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte ſie ſich! und da wir 4 ß 1 Leiden des jungen Werther's. 21 nun gar au's Walzen kamen, und wie die Sphären um einander herum rollten, ging's freilich Anfangs, weil's die wenigſten können, ein bischen bunt durch einander. Wir waren klug, und ließen ſie austoben; und als die Ungeſchick⸗ teſten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein, und hielten mit noch einem Paare, mit Audran und ſeiner Tänzerin, wacker aus. Nie iſt mir's ſo leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Menſch mehr. Das liebenswürdigſte Geſchöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß alles rings umher verging, und— Wilhelm, um ehrlich zu ſein, that ich aber doch den Schwur, daß ein Mödchen, das ich liebte, auf das ich Anſprüche hätte, mir nie mit einem anderen walzen ſollte als mit mir, und wenn ich drüber zu Grunde gehen müßte. Du verſtehſt mich! Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verſchnaufen. Dann ſetzte ſie ſich, und die Orangen, die ich bei Seite gebracht hatte, die nun die einzigen noch übrigen waren, thaten vortreffliche Wirkung, nur daß mir mit je⸗ dem Schnittchen, das ſie einer unbeſcheidenen Nachbarin ehrenhalber zutheilte, ein Stich durch's Herz ging. Beim dritten Engliſchen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe durchtanzten, und ich, weiß Gott, mit wie viel Wonnel an ihrem Arm und Auge hing, das voll vom wahreſten Ausdruck des offenſten, reinſten Vergnü⸗ gens war, kommen wir an eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Geſichte merkwürdig geweſen war. Sie ſieht Lotten lächelnd an, hebt einen drohenden Finger auf, und nennt den Na⸗ men Albert zweimal im Vorbeifliegen mit Bedeutung. Wer iſt Albert, ſagte ich zu Lotten, wenn's nicht Ver⸗ meſſenheit iſt zu fragen? Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns ſcheiden mußten, um die große Achte zu machen, und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu ſehen, als wir ſo vor einander vorbeikreuzten.— Was ſoll ich's Ihnen läugnen, ſagte ſie, indem ſie mir die Hand zur Pro⸗ menade bot, Albert iſt ein braver Menſch, dem ich ſo gut als verlobt bin.— Nun war mir das nichts Neues(denn die Mädchen hatten mir's auf dem Wege geſagt), und war * Leiden des jungen Werther's. mir doch ſo ganz neu, weil ich es noch nicht im Verhält⸗ niß auf ſie, die mir in ſo wenig Augenblicken ſo werth ge⸗ 8 worden war, gedacht hatte. Genug, ich verwirrte mich, ver⸗ gaß mich, und kam zwiſchen das unrechte Paar hinein, daß alles drunter und drüber ging, und Lottens ganze Gegen⸗ wart und Zerren und Ziehen nöthig war, um es ſchnell wie⸗ der in Ordnung zu bringen. Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir ſchon lange am Horizonte leuchten geſehen, und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel ſtärker zu werden anfingen, und der Donner die Muſik überſtimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Her⸗ ren folgten; die Unordnung wurde allgemein, und die Mu⸗ ſik hörte auf. Es iſt natürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas Schreckliches im Vergnügen überraſcht, daß es ſtärkere Eindrücke auf uns macht als ſonſt, theils wegen des Ge⸗ genſatzes, der ſich ſo lebhaft empfinden läßt, theils, und noch mehr, weil unſere Sinne einmal der Fühlbarkeit ge⸗ öffnet ſind, und alſo deſto ſchneller einen Eindruck anneh⸗ men. Dieſen Urſachen muß ich die wunderbaren Grimaſſen zuſchreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen ſah. Die Klügſte ſetzte ſich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das Fenſter, und hielt die Ohren zu. Eine andere kniete vor ihr nieder, und verbarg den Kopf in der erſten Schooß. Eine dritte ſchob ſich zwiſchen beide hinein, und umfaßte ihre Schweſterchen mit tauſend Thränen. Einige wollten nach Hauſe; andere, die noch weniger wußten, was ſie thaten, hatten nicht ſo viel Beſinnungskraft, den Keck⸗ heiten unſerer jungen Schlucker zu ſteuern, die ſehr beſchäf⸗ tigt zu ſein ſchienen, alle die ängſtlichen Gebete, die dem Himmel beſtimmt waren, von den Lippen der ſchönen Be⸗ drängten wegzufangen. Einige unſerer Herren hatten ſich hinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen, und die übrige Geſellſchaft ſchlug es nicht aus, als die Wirthin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweiſen, das Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren wir da an⸗ gelangt, als Lotte beſchäftigt war, einen Kreis von Stühlen zu ſtellen und, als ſich die Geſellſchaft auf ihre Bitte geſetzt hatte, den Vorſchlag zu einem Spiele zu thun. — Leiden des jungen Werther's. 23 Ich ſah manchen, der in Hoffnung auf ein ſaftiges Pfand ſein Mäulchen ſpitzte, und ſeine Glieder reckte.— Wir ſpie⸗ len Zählens, ſagte ſie. Nun gebt Acht! Ich geh' im Kreiſe herum von der Rechten zur Linken, und ſo zählt ihr auch rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muß gehen wie ein Lauffeuer, und wer ſtockt oder ſich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und ſo bis tauſend.— Nun war das luſtig anzuſehen. Sie ging mit ausgeſtrecktem Arm im Kreiſe herum. Eins fing der erſte an, der Nachbar zwei, drei der folgende, und ſo fort. Dann fing ſie an, geſchwin⸗ der zu gehen, immer geſchwinder; da verſah's einer, patſch! eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch patſch! und immer geſchwinder. Ich ſelbſt kriegte zwei Maul⸗ ſchellen, und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, daß ſie ſtärker ſeien, als ſie ſie den übrigen zuzumeſſen pflegte. Ein allgemeines Gelächter und Geſchwärm endigte das Spiel, ehe noch das Tauſend ausgezählt war. Die Vertrauteſten zogen einander bei Seite; das Gewitter war vorüber, und ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs ſagte ſie: Ueber die Ohrfeigen haben ſie Wetter und alles vergeſſen!— Ich konnte ihr nichts antworten.— Ich war, fuhr ſie fort, eine der furchtſamſten, und indem ich mich herzhaft ſtellte, um den anderen Muth zu geben, bin ich muthig geworden.— Wir traten an's Fenſter. Es donnerte abſeitwärts, und der herrliche Regen ſäuſelte auf das Land, und der erquickendſte Wohlgeruch ſtieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie ſtand, auf ihren Ellenbogen geſtützt; ihr Blick durchdrang die Gegend, ſie ſah gen Him⸗ mel und auf mich; ich ſah ihr Auge thrännevoll, ſie legte ihre Hand auf die meinige, und ſagte: Klopſtock!— Ich erinnerte mich ſogleich der herrlichen Ode, die ihr in Ge⸗ danken lag, und verſank in dem Strome von Empfindun⸗ gen, den ſie in dieſer Loſung über mich ausgoß. Ich er⸗ trug's nicht, neigte mich auf ihre Hand, und küßte ſie unter den wonnevollſten Thränen, und ſah nach ihrem Auge wie⸗ der.— Sdler! hätteſt du deine Vergötterung in dieſem Blicke geſehen, und möchte ich nun deinen ſo oft entweihten Na⸗ men nie wieder nennen hören! — y—— Leiden des jungen Werther's. 4 Am 19. Junius. Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin, weiß ich nicht mehr; das weiß ich, daß es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und daß, wenn ich dir hätte vorſchwatzen können, ſtatt zu ſchreiben, ich dich vielleicht bis an den Morgen aufgehalten hätte. Was auf unſerer Hereinfahrt vom Balle geſchehen iſt, habe ich noch nicht erzählt, habe auch heute keinen Tag dazu. Es war der herrlichſte Sonnenaufgang! Der tröpfelnde Wald und das erfriſchte Feld umher! Unſere Geſellſchaf⸗ terinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie ſein wollte? ihretwegen ſollt' ich unbekümmert ſein.— So lange ich dieſe Augen offen ſehe, ſagte ich, und ſah ſie feſt an, ſo lange hat's keine Gefahr.— Und wir haben beide ausgehalten, bis an ihr Thor, da ihr die Magd leiſe aufmachte, und auf ihr Fragen verſicherte, daß Vater und Kleine wohl ſeien, und alle noch ſchliefen. Da verließ ich ſie mit der Bitte, ſie ſelbigen Tages noch ſehen zu dürfen; ſie geſtand mir's zu, und ich bin gekommen, und ſeit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirth⸗ ſchaft treiben, ich weiß weder daß Tag noch daß Nacht iſt, und die ganze Welt verliert ſich um mich her. Am 21. Junius. Ich lebe ſo glückliche Tage, wie ſie Gott ſeinen Hei⸗ ligen ausſpart; und mit mir mag werden, was will, ſo darf ich nicht ſagen, daß ich die Frenden, die reinſten Freu⸗ den des Lebens nicht genoſſen habe.— Du kennſt mein Wahlheim; dort bin ich völlig etablirt; von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl ich mich ſelbſt, und alles Glück, das dem Menſchen gegeben iſt. Hätt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke mei⸗ ner Spaziergänge wählte, daß es ſo nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun alle meine Wünſche einſchließt, auf meinen weitern Wanderungen, bald vom Berge bald von der Ebene über den Fluß, geſehen. Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier im Menſchen, ſich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuſchweifen; und dann wieder über den —— —,—— Leiden des jungen Werther's. 25 inneren Trieb, ſich der Einſchränkung willig zu ergeben, in dem Gleiſe der Gewohnheit ſo hinzufahren, und ſich weder um Rechts noch um Links zu bekümmern. Es iſt wunderbar, wie ich hierher kam, und vom Hügel in das ſchöne Thal ſchaute, wie es mich rings umher an⸗ zog.— Dort das Wäldchen!— Ach, könnteſt du dich in ſeine Schatten miſchen!— Dort die Spitze des Berges! — Ach, könnteſt du von da die weite Gegend überſchauen! — Die in einander geketteten Hügel und vertraulichen Thäler!— O, könnte ich mich in ihnen verlieren!—— Ich eilte hin, und kehrte zurück, und hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O, es iſt mit der Ferne, wie mit der Zu⸗ kunft! Ein großes dämmerndes Ganzes ruht vor unſerer Seele; unſere Empfindung verſchwimmt darin, wie unſer Auge, und wir ſehnen uns, ach! unſer ganzes Weſen hin⸗ zugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen, herr⸗ lichen Gefühls ausfüllen zu laſſen.— Und, ach! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, iſt alles vor wie nach, und wir ſtehen in unſerer Armuth, in unſerer Eingeſchränktheit, und unſere Seele lechzt nach entſchlüpf⸗ tem Labſale. So ſehnt ſich der unruhigſte Vagabund zuletzt wieder nach ſeinem Vaterlande, und findet in ſeiner Hütte, an der Bruſt ſeiner Gattin, in dem Kreiſe ſeiner Kinder, in den Geſchäften zu ihrer Erhaltung, die Wonne, die er in der weiten Welt vergebens ſuchte. 3 Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinaus gehe nach meinem Wahlheim, und dort im Wirthsgarten mir meine Zuckererbſen ſelbſt pflücke, mich hinſetze, ſie ab⸗ fädne, und dazwiſchen in meinem Homer leſe, wenn ich in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aus⸗ ſteche, meine Schoten an's Feuer ſtelle, zudecke, und mich dazu ſetze, ſie manchmal umzuſchütteln: da fühl' ich ſo leb⸗ haft, wie die übermüthigen Freier der Penelope Ochſen und Schweine ſchlachten, zerlegen und braten. Es iſt nichts, das mich ſo mit einer ſtillen, wahren Empfindung ausfüllte, als die Züge patriarchaliſchen Lebens, die ich, Gott ſei Dank! ohne Affeetation in meine Lebensart verweben kann. Wie wohl iſt mir's, daß mein Herz die ſimple, harmloſe 8 Leiden des jungen Werther's.* Wonne des Menſchen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf ſeinen Tiſch bringt, das er ſelbſt gezogen, und nun nicht den Kohl allein, ſondern all die guren Tage, den ſchönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoß und da er an dem fortſchreitenden Wachsthum 1 5 ſeine Freude hatte, alle in Einem Augenblicke wieder mit⸗ genießt. Am 29. Junius. Vorgeſtern kam der Medieus hier aus der Stadt hin⸗ aus zum Amtmann, und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, an⸗ dere mich neckten, und wie ich ſie kitzelte, und ein großes Geſchrei mit ihnen erregte. Der Doctor, der eine ſehr dog⸗ matiſche Drahtpuppe iſt, unter'm Reden ſeine Manſchetten in Falten legt und einen Kräuſel ohne Ende herauszupft, fand dieſes unter der Würde eines geſcheidten Menſchen; das merkte ich an ſeiner Naſe. Ich ließ mich aber in nichts ſtö⸗ ren, ließ ihn ſehr vernünftige Sachen abhandeln, und baute den Kindern ihre Kartenhäuſer wieder, die ſie zerſchlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum, und be⸗ klagte, des Amtmanns Kinder wären ſo ſchon ungezogen genug, der Werther verderbe ſie nun völlig. Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen ſind die Kinder am nächſten auf der Erde. Wenn ich ihnen zuſehe, und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte ſehe, die ſie einmal ſo nöthig brauchen werden; wenn ich in dem Eigenſinne künftige Standhaftigkeit und Feſtigkeit des Cha⸗ rakters, in dem Muthwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuſchlüpfen, erblicke, alles ſo unverdorben, ſo ganz!— immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menſchen: Wenn ihr nicht werdet wie eines von dieſen! Und nun, mein Beſter, ſie, die unſeres Gleichen ſind, die wir als unſere 1 Muſter anſehen ſollten, behandeln wir als Unterthanen. Sie ſollen keinen Willen haben!— Haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht?— Weil wir älter ſind und geſcheidter!— Guter Gott von deinem Himmel! alte Kin⸗ der ſiehſt du, und junge Kinder, und nichts weiter; und an —— ——C— 2 Leiden des jungen Werther's.. 27 welchen du mehr Freude haſt, das hat dein Sohn ſchon lange verkündigt. Aber ſie glauben an ihn, und hören ihn nicht— das iſt auch was Altes— und bilden ihre Kinder nach ſich, und— Adien, Wilhelm! ich mag darüber nicht weiter radotiren. Am 1. Julius. Was Lotte einem Kranken ſein muß, fühl' ich an meinem eigenen armen Herzen, das übler dran iſt, als manches, das auf dem Siechbette verſchmachtet. Sie wird einige Tage in der Stadt bei einer rechtſchaffenen Frau zubringen, die ſich nach der Ausſage der Aerzte ihrem Ende naht, und in die⸗ ſen letzten Augenblicken Lotten um ſich haben will. Ich war vorige Woche mit ihr, den Pfarrer von St. zu beſuchen, ein Oertchen, das eine Stunde ſeitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen gegen vier dahin. Lotte hatte ihre zweite Schweſter mitgenommen. Als wir in den mit zwei hohen Nußbäumen überſchatteten Pfarrhof traten, ſaß der gute alte Mann auf einer Bank vor der Hausthür, und da er Lotten ſah, ward er wie neu belebt, vergaß ſeinen Knotenſtock, und wagte ſich auf, ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm, nöthigte ihn ſich niederzulaſſen, indem ſie ſich zu ihm ſetzte, brachte viele Grüße von ihrem Vater, herzte ſeinen garſtigen, ſchmutzigen jüngſten Buben, das Quakelchen ſeines Alters. Du hätteſt ſie ſehen ſollen, wie ſie den Alten beſchäftigte, wie ſie ihre Stimme erhob, um ſeinen halbtauben Ohren vernehmlich zu werden, wie ſie ihm von jungen, robuſten Leuten erzählte, die unvermuthet geſtorben wären, von der Vortrefflichkeit des Carlsbades, und wie ſie ſeinen Entſchluß lobte, künf⸗ tigen Sommer hinzugehen, wie ſie fand, daß er viel beſſer ausſähe, viel munterer ſei als das letztemal, da ſie ihn geſehen.— Ich hatte indeß der Frau Pfarrerin meine Höf⸗ ichkeit gemacht. Der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte, die ſchönen Nußbäume zu loben, die uns ſo lieblich beſchatteten, fing er an, uns, wiewohl mit einiger Beſchwerlichkeit, die Geſchichte davon zu geben.— Den alten, ſagte er, wiſſen wir nicht, wer den gepflanzt hat; einige ſagen dieſer, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dort hinten iſt ſo alt als meine Frau, im October Leiden des jungen Werther's. 29 recht herzlich gegen die üble Laune zu reden. Wir Men⸗ ſchen beklagen uns oft, fing ich an, daß der guten Tage ſo wenig ſind, und der ſchlimmen ſo viel, und, wie mich dünkt, meiſt mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu genießen, das uns Gott für je⸗ den Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Uebel zu tragen, wenn es kommt.— Wir ha⸗ ben aber unſer Gemüth nicht in unſerer Gewalt, verſetzte die Pfarrerin: wie viel hängt vom Körper ab! wenn einem nicht wohl iſt, iſt’s einem überall nicht recht.— Ich geſtand ihr das ein. Wir wollen es alſo, fuhr ich fort, als eine Krankheit anſehen, und fragen, ob dafür kein Mittel iſt?— Das läßt ſich hören, ſagte Lotte: ich glaube wenigſtens, daß viel von uns abhängt. Ich weiß es an mir: wenn mich etwas neckt, und mich verdrießlich machen will, ſpring' ich auf, und ſing' ein paar Contretänze den Garten auf und ab; gleich iſt's weg.— Das war's, was ich ſagen wollte, verſetzte ich: es iſt mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit; denn es iſt eine Art von Trägheit. Unſere Natur hängt ſehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit friſch von der Hand, und wir finden in der Thätigkeit ein wahres Ver⸗ gnügen.— Friederike war ſehr aufmerkſam, und der junge Meenſch wandte mir ein, daß man nicht Herr über ſich ſelbſt ſei, und am wenigſten über ſeine Empfindungen gebieten könne.— Es iſt hier die Frage von einer unangenehmen Em⸗ pfindung, verſetzte ich, die doch jedermann gerne los iſt; und niemand weiß, wie weit ſeine Kräfte gehen, bis er ſie ver⸗ ſucht hat. Gewiß, wer krank iſt, wird bei allen Aerzten herumfragen, und die größten Reſignationen, die bitterſten Arzneien wird er nicht abweiſen, um ſeine gewünſchte Ge⸗ ſundheit zu erhalten. Ich bemerkte, daß der ehrliche Alte ſein Gehör anſtrengte, um an unſerm Discurſe Theil zu nehmen; ich erhob die Stimme, indem ich die Rede gegen ihn wandte. Man predigt gegen ſo viele Laſter, ſagte ich: ich habe noch nie gehört, daß man gegen die üble Laune vom Predigtſtuhle gearbeitet hätte.*)— Das müſſen die *) Wir haben nun von Lavatern eine treffliche Predigt hieruber, unter denen über das Buch Jonas. uche Peedigt 9 4 Leiden des jungen Werther's. Stadtpfarrer thun, ſagte er; die Bauern haben keinen bö⸗ ſen Humor; doch könnte es auch zuweilen nicht ſchaden, es wäre eine Lection für ſeine Frau wenigſtens, und für den Herrn Amtmann.— Die Geſellſchaft lachte, und er herzlich mit, bis er in einen Huſten verfiel, der unſern Discurs eine Zeit lang unterbrach; darauf denn der junge Menſch wieder das Wort nahm. Sie nannten den böſen Humor ein Laſter; mich däucht, das iſt übertrieben.— Mit nichten, aab ich zur Antwort, wenn das, womit man ſich ſelbſt und Fnen Nächſten ſchadet, dieſen Namen verdient. Iſt es nicht genug, daß wir einander nicht glücklich machen kön⸗ nen? müſſen wir auch noch einander das Vergnügen rau⸗ ben, das jedes Herz ſich noch manchmal ſelbſt gewähren kann? Und nennen Sie mir den Menſchen, der übler Laune iſt, und ſo brav dabei, ſie zu verbergen, ſie allein zu tra⸗ gen, ohne die Freude um ſich her zu zerſtören! Oder iſt ſie nicht vielmehr ein innerer Unmuth über unſere eigene Un⸗ würdigkeit, ein Mißfallen an uns ſelbſt, das immer mit einem Neide verknüpft iſt, der durch eine thörichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir ſehen glückliche Menſchen, die wir 5 nicht glücklich machen, und das iſt unerträglich.— Lotte llächelte mich an, da ſie die Bewegung ſah, mit der ich re⸗ dete, und eine Thräne in Friederikens Auge ſpornte mich felehe— Wehe denen, ſagte ich, die ſich der Gewalt bedienen, die ſie über ein Herz haben, um ihm die einfa⸗ chen Freuden zu rauben, die aus ihm ſelbſt hervorkeimen! Alle Geſchenke, alle Gefälligkeiten der Welt erſetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an ſich ſelbſt, den uns eine nei⸗ diſche Unbehaglichkeit unſeres Tyrannen vergällt hat. Mein ganzes Herz war voll in dieſem Augenblicke; die Erinnerung ſo manches Vergangenen drängte ſich an meine Seele, und die Thränen kamen mir in die Augen. Wer ſich das nur täglich ſagte, rief ich aus: Du ver⸗ magſt nichts auf deine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu laſſen und ihr Glück zu vermehren, indem du es mit ihnen genießeſt. Vermagſt du, wenn ihre innere Seele von einer ingſtigenden Leidenſchaft gequält, vom Kummer zerrüttet iſt, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?— Und wenn die letzte, bangſte Krankheit dann über das Geſchöpf her Leiden des jungen Werther's 31 fällt, das du in blühenden Tagen untergraben haſt, und ſie nun da liegt in dem erbärmlichſten Ermatten, das Auge ge⸗ fühllos gen Himmel ſieht, der Todesſchweiß auf der blaſſen Stirne abwechſelt, und du vor dem Bette ſtehſt wie ein Ver⸗ dammter, in dem innigſten Gefühl, daß du nichts vermagſt mit deinem ganzen Vermögen, und die Angſt dich inwendig krampft, daß du alles hingeben möchteſt, dem untergehenden Geſchöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Muth ein⸗ flößen zu können! Die Erinnerung einer ſolchen Scene, wobei ich gegenwär⸗ tig war, fiel mit ganzer Gewalt bei dieſen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen, und verließ die Geſellſchaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief: Wir wollen fort! brachte mich zu mir ſelbſt. Und wie ſie mich auf dem Wege ſchalt über den zu warmen Antheil an allem, und daß ich darüber zu Grunde gehen würdel daß ich mich ſchonen ſollte!— O der Engel! Um deinetwillen muß ich leben! Am 6. Julius. Sie iſt immer um ihre ſterbende Freundin, und iſt im⸗ mer dieſelbe, immer das gegenwärtige, holde Geſchöpf, das, wo ſie hinſieht, Schmerzen lindert und Glückliche macht. Sie ging geſtern Abend mit Mariannen und dem kleinen Mal⸗ chen ſpazieren; ich wußte es und traf ſie an, und wir gin⸗ gen zuſammen. Nach einem Wege von anderthalb Stun⸗ den kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir ſo werth, und nun tauſendmal werther iſt. Lotte ſetzte ſich auf's Mäuerchen, wir ſtanden vor ihr. Ich ſah umher, ach! und die Zeit, da mein Herz ſo allein war, lebte wieder vor mir auf. Lieber Brunnen, ſagte ich, ſeither hab' ich nicht mehr an deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehen dich manchmal nicht angeſehen.— Ich blickte hinab, und ſah, daß Malchen mit einem Glaſe Waſſer ſehr beſchäftigt heraufſtieg.— Ich ſah Lotten an, und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem kommt Malchen mit einem Glaſe. Marianne wollt' es ihr abnehmen: nein! rief das Kind mit dem ſüßeſten Ausdrucke, nein, Lottchen, du ſollſt zuerſt trinken!— Ich ward über die Wahrheit, 32 Leiden des jungen Werther's. meine Empfindung mit nichts ausdrücken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde, und küßte es lebhaft, das ſogleich zu ſchreien und zu weinen anfing.— Sie haben übel gethan, ſagte Lotte.— Ich war betroffen.— Komm', Malchen! fuhr ſie fort, indem ſie es bei der Hand nahm, und die Stufen hinabführte. Da waſche dich aus der fri⸗ ſchen Quelle. Geſchwind, geſchwind! Da thut's nichts.— Wie ich ſo da ſtand, und zuſah, mit welcher Emſigkeit das Kleine mit ſeinen naſſen Händchen die Backen rieb, mit wel⸗ chem Glauben, daß durch die Wunderquelle alle Verunrei⸗ nigung abgeſpült, und die Schmach abgethan würde, einen häßlichen Bart zu kriegen, wie Lotte ſagte: Es iſt genug und das Kind doch immer eifriger fortwuſch, als wenn viel mehr thäte als wenig— ich ſage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Reſpect nie einer Taufhandlung beigewohnt!— Und als Lotte herauf kam, hätte ich mich gern vor ihr nie⸗ dergeworfen, wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat. Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall einem Manne zu erzählen, dem ich Menſchenſinn zutraute, weil er Verſtand hat; aber wie kam ich an! Er ſagte, daß ſei ſehr übel von Lotten geweſen; man ſolle den Kindern nichts weiß machen; der⸗ Flelchen gebe zu unzähligen Irrthümern und Aberglauben Anlaß, wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müſſe. — Nun fiel mir ein, daß der Mann vor acht Tagen hatte taufen laſſen; drum ließ ich's vorbeigehen, und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: Wir ſollen es mit 3 den Kindern machen, wie Gott mit uns, der uns am glück⸗ lichſten macht, wenn er uns in freundlichem Wahne ſo 3 hintaumeln läßt. Den 8. Julius. Was man ein Kind iſt! Was man nach einem Blicke geißtt Was man ein Kind iſt!— Wir waren nach Wahl⸗ heim gegangen. Die Frauenzimmer fuhren hinaus, und während unſerer Spaziergänge glaubte ich in Lottens ſchwar⸗ zen Augen— ich bin ein Thor, verzeih' mir's! du ſollteſt 8 über die Güte, womit ſie das ausrief, ſo entzückt, daß ich 4 1 4 Leiden des jungen Werther's. 33 ſie ſehen, dieſe Augen!— Daß ich kurz bin(denn die Au⸗ gen fallen mir zu vor Schlaf,, ſiehe, die Frauenzimmer ſtie⸗ gen ein; da ſtanden um die Kntſche der junge W., Selſtadt und Audran und ich. Da ward aus dem Schlage geplau⸗ dert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lüftig genug waren.— Ich ſuchte Lottens Augen; ach! ſie gingen von einem zum andern! Aber auf mich! mich! mich! der ganz allein auf ſie reſignirt da ſtand, fielen ſie nicht!— Mein Herz ſagte ihr tauſend Adieun! Und ſie ſah mich nicht! Die Kutſche fuhr vorbei, und eine Thräne ſtand mir im Auge. Ich ſah ihr nach, und ſah Lottens Kopfputz ſich zum Schlage heraus lehnen, und ſie wandte ſich um zu ſehen— ach! nach mir? Lieber! in dieſer Ungewißheit ſchwebe ich; das iſt mein Troſt: Vielleicht hat ſie ſich nach mir umgeſehen! Vielleicht!— Gute Nacht! O was ich ein Kind bin! Am 10. Julius. Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Geſellſchaft von ihr geſprochen wird, ſollteſt du ſehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie ſie mir gefällt?— Gefällt! Das Wort haſſe ich auf den Tod. Was muß das für ein Menſch ſein, dem Lotte gefällt, dem ſie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt! Gefällt! Neulich fragte mich einer, wie mir Oſſian gefiele! 1 Am 11. Julius. Frau M. iſt ſehr ſchlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde. Ich ſehe ſie ſelten bei meiner Freun⸗ din, und heute hat ſie mir einen wunderbaren Vorfall er⸗ zählt.— Der alte M. iſt ein geiziger, rangiger Filz, der ſeine Frau im Leben was Recht's geplagt und eingeſchränkt hat; doch hat ſich die Frau immer durchzuhelfen gewußt. Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgeſpro⸗ chen hatte, ließ ſie ihren Mann kommen(Lotte war im Zimmer), und redete ihn alſo an: Ich muß dir eine Sache geſtehen, die nach meinem Tode Verwirrung und Verdruß machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, ſo ordentlich und ſparſam als möglich: allein du wirſt mir verzeihen, daß ich dich dieſe dreißig Jahre hintergangen 3 *⁴ 34 Liden des jungen Werther's. habe. Du beſtimmteſt im Anfange unſerer Heirath ein Ge⸗ ringes für die Beſtreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben. Als unſere Haushaltung ſtärker wurde, unſer Gewerbe größer, warſt du nicht zu bewegen, mein Wochen⸗ geld nach dem Verhältniſſe zu vermehren; kurz, du weißt, daß du in den Zeiten, da ſie am größten war, verlangteſt, ich ſolle mit ſieben Gulden die Woche auskommen.— Die habe ich denn ohne Widerrede angenommen, und mir den Ueberſchuß wöchentlich aus der Loſung geholt, da niemand vermuthete, daß die Fran die Kaſſe beſtehlen würde. Ich habe nichts verſchwendet, und wäre auch, ohne es zu be⸗ kennen, getroſt der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das Hausweſen zu führen hat, ſich nicht zu helfen wiſſen würde, und du doch immer darauf beſtehen könnteſt, deine erſte Frau ſei damit ausgekommen. Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblen⸗ dung des Menſchenſinns, daß einer nicht argwohnen ſoll, dahinter müſſe was Anders ſtecken, wenn Eins mit ſieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand um zweimal ſo viel ſieht. Aber ich habe ſelbſt Leute gekannt, die des Pro⸗ pheten ewiges Oelkrüglein ohne Verwunderung in ihrem Hauſe angenommen hätten. 3 Am 13. Julius. Nein, ich betrüge mich nicht! Ich leſe in ihren ſchwarzen Augen wahre Theilnehmung an mir und meinem Schick⸗ ſal. Ja, ich fühle, und darin darf ich meinem Herzen trauen, daß ſie— o darf ich, kann ich den Himmel in dieſen Wor⸗ ten ausſprechen?— daß ſie mich liebt! Mich liebt!— Und wie werth ich mir ſelbſt werde, wie ich— dir darf ich's wohl ſagen, du haſt Sinn für ſo etwas — wie ich mich ſelbſt anbete, ſeitdem ſie mich liebt! Ob das Vermeſſenheit iſt oder Gefühl des wahren Ver⸗ hältniſſes?— Ich kenne den Menſchen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete: und doch, wenn ſie von ihrem Bräutigam ſpricht, mit ſolcher Wärme, ſolcher Liebe von ihm ſpricht— da iſt mir wie Einem, der aller ſeiner Ehren und Würden entſetzt, und dem der Degen genom⸗ men wird. 3 35 Leiden des jungen Werther's. . Am 16. Julius. Ach! wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unverſehens den ihrigen berührt, wenn unſere Füße ſich unter dem Tiſche begegnen! Ich ziehe zurück, wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts — mir wird's ſo ſchwindlig vor allen Sinnen!— O! und ihre Unſchuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie ſehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen! Wenn ſie gar im Geſpräch ihre Hand auf die meinige legt, und im In⸗ tereſſe der Unterredung näher zu mir rückt, daß der himm⸗ liſche Athem ihres Mundes meine Lippen erreichen kann— ich glaube zu verſinken, wie vom Wetter gerührt.— Und Wilhelm! wenn ich mich jemals unterſtehe, dieſen Himmel, dieſes Vertrauen— du verſtehſt mich. Nein, mein Herz iſt ſo verderbt nicht! Schwach! ſchwach genug!— Und iſt das nicht Verderben? 3 Sie iſt mir heilig. Alle Begier ſchweigt in ihrer Gegen⸗ wart. Ich weiß nie, wie mir iſt, wenn ich bei ihr bin; es iſt, als wenn die Seele ſich mir in allen Nerven umkehrte. Sie hat eine Melodie, die ſie auf dem Claviere ſpielet miit der Kraft eines Engels, ſo ſimpel und ſo geiſtvoll! Es iſt ihr Leiblied, und mich ſtellt es von aller Pein, Ver⸗ wirrung und Grillen her, wenn ſie nur die erſte Note da⸗ von greift. Kein Wort von der alten Zauberkraft der Muſik iſt mir unwahrſcheinlich. Wie mich der einfache Geſang angreift! Und wie ſie ihn anzubringen weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf ſchießen möchte!— Die Irrung und Finſterniß meiner Seele zerſtreut ſich, und ich athme wieder freier. Am 18. Julius. Wilhelm, was iſt unſerem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne iſt ohne Licht! Kaum bringſt du das Lämpchen hinein, ſo ſcheinen dir die bunteſten Bilder an deine weiße Wand! Und wenn's nichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, ſo macht's doch immer unſer Glück, wenn wir wie friſche Jungen davor ſtehen, und uns über die Wundererſcheinungen entzücken. Heute konnte ich 3* 3 ——,— 36 Leiden des jungen Werther's. nicht zu Lotten; eine unvermeidliche Geſellſchaft hielt mich ab. Was war zu thun? Ich ſchickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menſchen um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich ihn er⸗ wartete, mit welcher Freude ich ihn wiederſah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküßt, wenn ich mich nicht geſchämt hätte. Man erzählt von dem Bononiſchen Steine, daß er, wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Strahlen anzieht, und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit dem Burſchen. Das Gefühl, daß ihre Augen auf ſeinem Geſicht, ſeinen Backen, ſeinen Rockknöpfen und dem Kragen am Sür⸗ tout geruht hatten, machte mir das alles ſo heilig, ſo werth! Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tauſend Thaler gegeben. Es war mir ſo wohl in ſeiner Gegenwart. — Bewahre dich Gott, daß du darüber lacheſt! Wilhelm, ſind das Phantome, wenn es uns wohl iſt? Am 19. Julius. Ich werde ſie ſehen! ruf' ich Morgens aus, wenn ich mich ermuntere, und mit aller Heiterkeit der ſchönen Sonne entgegenblicke; ich werde ſie ſehen! Und da habe ich für den ganzen Tag keinen Wunſch weiter. Alles, alles ver⸗ ſchlingt ſich in dieſer Ausſicht. Am 20. Julius. Eure Idee will noch nicht die meinige werden, daß ich mit dem Geſandten nach wer gehen ſoll. Ich liebe die Su⸗ bordination nicht ſehr, und wir wiſſen alle, daß der Mann noch dazu ein widriger Menſch iſt. Meine Mutter möchte mich gern in Activität haben, ſagſt du; das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch activ? und iſt's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbſen zähle oder Linſen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Menſch, der um anderer willen, ohne daß es ſeine eigene Leidenſchaft, ſein eigenes Bedürfniß iſt, ſich um Geld oder Ehre oder ſonſt was abarbeitet, iſt immer ein Thor. Am 24. Julius. Da dir ſo gern daran gelegen iſt, daß ich mein Zeich⸗ Leiden des jungen Werther's. 37 nen nicht vernachläſſige, möchte ich lieber die ganze Sache übergehen, als dir ſagen, daß zeither wenig gethau wird. Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Em⸗ pfindung an der Natur, bis aufs Steinchen, auf's Gräschen herunter, voller und inniger; und doch— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll— meine vorſtellende Kraft iſt ſo ſchwach, alles ſchwimmt und ſchwankt ſo vor meiner Seele, daß ich keinen Umriß packen kann; aber ich bilde mir ein, denn ich Thon hätte oder Wachs, ſo wollte ich's wohl herausbilden. Ich werde auch Thon nehmen, wenn's länger währt, und kneten— und ſollten’s Kuchen werden! Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal proſtituirt; das mich um ſo mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit ſehr glücklich im Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriß gemacht, und da⸗ mit ſoll mir genügen. Am 25. Julius. Ja, liebe Lotte, ich will alles beſorgen und beſtellen; geben Sie mir nur mehr Aufträge, nur recht oft! Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die Zettelchen, die Sie mir ſchreiben! Heute führte ich es ſchnell nach der Lippe, und die Zähne kniſterten mir. Am 26. Julius. 3 Ich habe mir ſchon manchmal vorgenommen, ſie nicht ſo oft zu ſehen. Ja, wer das halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Verſuchung, zund verſpreche mir heilig: Morgen willſt du einmal wegbleiben; und wenn der Mor⸗ gen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderſtehliche Ur⸗ ſache, und ehe ich mich's verſehe, bin ich bei ihr. Entweder ſie hat des Abends geſagt: Sie kommen doch mörgen?— wer könnte da wegbleiben? oder ſie giebt mir einen Auf⸗ trag, und ich finde ſchicklich, ihr ſelbſt die Antwort zu brin⸗ en; oder der Tag iſt gar zu ſchön, ich gehe nach Wahl⸗ den, und wenn ich nun da bin, iſt's nur noch eine halbe Stunde zu ihr!— ich bin zu nahe in der Atmoſphäre— zuck! ſo bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Mähr⸗ chen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, —-——— 38 Leiden des jungen Werther's. wurden auf einmal alles Eiſenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden ſcheiterten zwiſchen den über einander ſtürzenden Brettern. Am 30. Julius. Albert iſt angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beſte, der edelſte Menſch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu ſtellen bereit wäre, ſo wär's unerträg⸗ lich, ihn vor meinem Angeſicht im Beſitz ſo vieler Vollkom⸗ menheiten zu ſehen.— Beſitz!— Genug, Wilhelm, der Bräutigam iſt da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut ſein muß. Glücklicher Weiſe war ich nicht beim Em⸗ pfange! Das hätte mir das Herz zerriſſen. Auch iſt er ſo ehrlich, und hat Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn ihm Gott! Um des Re⸗ ſpeets willen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich vermuthe, das iſt Lot⸗ tens Werk mehr als ſeiner eigenen Empfindung; denn darin ſind die Weiber fein, und haben Recht: wenn ſie zwei Ver⸗ ehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, iſt der Vortheil immer ihr, ſo ſelten es auch angeht. Indeß kann ich Alberten meine Achtung nicht verſagen. Seine gelaſſene Außenſeite ſticht gegen die Unruhe meines Charakters ſehr lebhaft ab, die ſich nicht verbergen läßt. Er hat viel Gefühl, und weiß, was er an Lotten hat. Er ſcheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, das iſt die Sünde, die ich ärger haſſe am Menſchen als alle andere. Er hält mich für einen Menſchen von Sinn; und meine „Anhänglichkeit an Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt ſeinen Triumph, und er liebt ſie nur deſto mehr. Ob er ſie nicht manchmal mit kleiner Eiferſüchtelei peinigt, das laſſe ich dahin geſtellt ſein; wenigſtens würd’ ich an ſeinem Platze nicht ganz ſicher vor dieſem Teufel bleiben.. Dem ſei nun, wie ihm wolle! meine Freude, bei Lotten zu ſein, iſt hin. Soll ich das Thorheit nennen oder Ver⸗ blendung?— Was braucht's Namen! Erzählt die Sache au ſich!— Ich wußte alles, was ich jetzt weiß, ehe Albert kam; ich wußte, daß ich keine Prätenſion an ſie zu machen Leiden des jungen Werther's. 39 hatte, machte auch keine— das heißt, in ſofern es möglich iſt, bei ſo viel Liebenswürdigkeit nicht zu begehren— und jetzt macht der Fratze große Augen, da der andere nun wirk⸗ lich kommt, und ihm das Mädchen wegnimmt. 4 Ich beiße die Zähne aufeinander, und ſpotte über mein Elend, und ſpottete derer doppelt und dreifach, die ſagen könnten, ich ſollte mich reſigniren, und weil es nun einmal nicht anders ſein könnte— Schafft mir dieſe Strohmänner vom Halſe!— Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr ſitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, ſo bin ich aus gelaſſen närriſch, und fange viel Poſſen, viel verwirrtes Zeug an.— Um Gottes willen! ſagte mir Lotte heut, ich bitte Sie, keine Scene, wie die von geſtern Abend! Sie ſind fürchterlich, wenn Sie ſo luſtig ſind.— Unter uns, ich paſſe die Zeit ab, wenn er zu thun hat; wutſch! bin ich draus, und da iſt mir's immer wohl, wenn ich ſie allein finde. Am 8. Auguſt. Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiß nicht auf dich geredt, wenn ich die Menſchen unerträglich ſchalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche Schickſale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, daß du von ähnlicher Mei⸗ nung ſein könnteſt. Und im Grunde haſt du Recht. Nur eins, mein Beſter! In der Welt iſt es ſehr ſelten mit dem Entweder Oder gethan; die Empfindungen und Hand⸗ lungsweiſen ſchattiren ſich ſo mannichfaltig, als Abfälle zwi⸗ ſchen einer Habichts⸗ und Stumpfnaſe ſind. Du wirſt mir alſo nicht übel nehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument einräume, und mich doch zwiſchen dem Entweder Oder durchzuſtehlen ſuche. Entweder, ſagſt du, haſt du Hoffuung auf Lotten oder du haſt keine. Gut! im erſten Fall ſuche ſie durchzutreiben, ſuche die Erfüllung deiner Wünſche zu umfaſſen; im auderen Fall ermanne dich, und ſuche einer elenden Empfindung los zu werden, die alle deine Kräfte verzehren muß!— Beſter! das iſt wohl geſagt, und— bald geſagt. Und kannſt du von dem Unglücklichen, deſſen Leben unter einer ſchleichenden Krankheit unaufhaltſam allmählich ab⸗ 40 Leiden des jungen Werther's. ſtirbt, kannſt du von ihm verlangen, er ſolle durch einen Dolchſtoß der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das Uebel, das ihm die Kräfte verzehrt, ihm nicht auch zugleich den Muth, ſich davon zu befreien? Zwar könnteſt du mir mit einem verwandten Gleich⸗ niſſe antworten: Wer ließe ſich nicht lieber den Arm ab⸗ nehmen, als daß er durch Zaudern und Zagen ſein Leben auf's Spiel ſetzte?— Ich weiß nicht!— und wir wollen uns nicht in Gleichniſſen herumbeißen. Genug— Ja, Wil⸗ helm, ich habe manchmal ſo einen Augenblick aufſpringen⸗ den, abſchüttelnden Muths, und da— wenn ich nur wüßte wohin? ich ginge wohl. Abends. Mein Tagebuch, das ich ſeit einiger Zeit vernachläſſiget, ſiel mir heut wieder in die Hände, und ich bin erſtaunt, wie ich ſo wiſſentlich in das alles, Schritt vor Schritt, hinein⸗ gegangen bin; wie ich über meinen Zuſtand immer ſo klar geſehen, und doch gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch ſo klar ſehe, und es noch keinen Anſchein zur Beſſerung hat! Am 10. Auguſt. Ich könnte das beſte, glücklichſte Leben führen, wenn ich nicht ein Thor wäre. So ſchöne Umſtände vereinigen ſich nicht leicht, eines Menſchen Seele zu ergötzen, als die ſind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach! ſo gewiß iſt's, daß unſer Herz allein ſein Glück macht.— Ein Glied der lie⸗ benswürdigſten Familie zu ſein; von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater; und von Lotten!— dann der ehrliche Albert! der durch keine launiſche Unart mein Glück ſtört; der mich mit herz⸗ licher Freundſchaft umfaßt; dem ich nach Lotten das Liebſte auf der Welt bin!— Wilhelm, es iſt eine Freude, uns zu hören, wenn wir ſpazieren gehen, und uns einander von Lotten unterhalten: es iſt in der Welt nichts Lächerli⸗ cheres erfunden worden als dieſes Verhältniß, und doch kommen mir oft darüber die Thränen in die Augen. „Wenn er mir von ihrer rechtſchaffenen Mutter erzählt, wie ſie auf ihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Leiden des jungen Werther's. 41 Kinder übergeben und ihm Lotten anbefohlen habe; wie ſeit der Zeit ein ganz anderer Geiſt Lotten belebt habe; wie ſie in der Sorge für ihre Wirthſchaft und in dem Ernſte eine ihre Mutter geworden; wie kein Augenblick ihrer Zeit ohne ge Liebe, ohne Arbeit verſtrichen, und dennoch ihre Mun⸗ rkeit, ihr leichter Sinn ſie nie dabei verlaſſen habe!— gehe ſo neben ihm hin, und pflücke Blumen am Wege, ſie ſehr ſorgfältig in einen Strauß, und— werfe ſie in den vorüberfließenden Strom, und ſehe ihnen nach, wie ſie leiſe hinunterwallen.— Ich weiß nicht, ob ich dir ge⸗ ſchrieben habe, daß Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hof erhalten wird, wo er ſehr beliebt iſt. In Ordnung und Emiigkeit in Geſchäften habe ich wenig ſeines Gleichen geſehen. Am 12. Auguſt. Gewiß, Albert iſt der beſte Menſch unter dem Himmel. Ich habe geſtern eine wunderbare Scene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abſchied von ihm zu nehmen; denn mich wandelte die Luſt an, in's Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch jetzt ſchreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir ſeine Piſtolen in die Augen. Borge mir die Piſtolen, ſagte ich, zu meiner Reiſe. Meinet⸗ wegen, ſagte er, wenn du dir die Mühe nehmen willſt, ſie zu laden; bei mir hängen ſie nur pro forma. Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: Seit mir meine Vorſicht einen ſo unartigen Streich geſpielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu thun haben. Ich war neugierig, die Geſchichte zu wiſſen.— Ich hielt mich, erzählte er, wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein Paar Terzerolen ungeladen, und ſchlief ruhig. Einmal an einem regnigten Nachmittage, da ich müßig ſitze, weiß ich nicht, wie mir einfällt: Wir könnten überfallen werden, wir könnten die Terzerolen nöthig haben, und könnten— du weißt ja, wie das iſt.— Ich gab ſie dem Bedienten, ſie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mäd⸗ chen, will ſie erſchrecken, und Gott weiß wie? das Gewehr geht los, da der Ladſtock noch drin ſteckt, und ſchießt den ladſtock einem Mädchen zur Maus herein an der rechten 42 Leiden des jungen Werther'’s. Hand, und zerſchlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentiren und die Cur zu bezahlen obendrein, und ſeit der Zeit laſſ' ich alles Gewehr ungeladen. Lieber Schatz, Du wirſt mir zugeben, ſagte Albert, daß gewiſſe Hand⸗ lungen laſterhaft bleiben, ſie mögen geſchehen, aus wel⸗ chem Beweggrunde ſie wollen. Ich zuckte die Achſeln, und gab's ihm zu. Doch, mein Lieber, fuhr ich fort, finden ſich auch hier einige Ausnah⸗ men. Es iſt wahr, der Diebſtahl iſt ein Laſter: aber der Menſch, der, um ſich und die Seinigen vom gegenwärtigen Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den erſten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne ſein untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? gegen Leiden des jungen Werther's. 43 das Mädchen, das in einer wonnevollen Stunde ſich in den unaufhaltſamen Freuden der Liebe verliert? Unſere Geſetze e dieſe kaltblütigen Pedanten, laſſen ſich rühren, und ten ihre Strafe zurück. Das iſt ganz was anders, verſetzte Albert, weil ein Menſch, den ſeine Leidenſchaften hinreißen, alle Beſinnungs⸗ aft verliert, und als ein Trunkener, als ein Wahnſinni⸗ ugeſehen wird. 4 Ach ihr vernünftigen Leute, rief ich lächelnd aus. Lei⸗ denſchaft! Trunkenheit! Wahnſinn! Ihr ſteht ſo gelaſſen, ſo ohne Theilnehmung da, ihr ſittlichen Meuſchen! ſcheltet den Trinker, verabſcheut den Unſinnigen, geht vorbei, wie der Prieſter, und dankt Gott, wie der Phariſäer, daß er euch nicht gemacht hat wie einen von dieſen. Ich bin mehr als einmal trunken geweſen, meine Leidenſchaften waren nie weit vom Wahnſinn, und beides reut mich nicht; denn ich habe in meinem Maße begreifen lernen, wie man alle außeror⸗ ddeentlichen Menſchen, die etwas Großes, etwas Unmöglich⸗ ſcheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahn⸗ ſinnige ausſchreien mußte.— Aber auch im gemeinen Le⸗ ben iſt's unerträglich, faſt einem jeden bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten That nachrufen zu hören: Der Menſch iſt trunken, der iſt närriſch! Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch, ihr Weiſen! Das ſind nun wieder von deinen Grillen, ſagte Albert. Du überſpannſt alles, und haſt wenigſtens hier gewiß Un⸗ recht, daß du den Selbſtmord, wovon jetzt die Rede iſt, mit großen Handlungen vergleichſt, da man es doch für nichts anders als eine Schwäche halten kann. Denn freilich iſt es leichter zu ſterben als ein qualvolles Leben ſtandhaft zu ertragen. Ich war im Begriff abzubrechen; denn kein Argument bringt mich ſo aus der Faſſung, als wenn einer mit einem unbedeutenden Gemeinſpruche angezogen kommt, wenn ich aus ganzem Herzen rede. Doch faßte ich mich, weil ich's ſchon oft gehört, und mich öfter darüber geärgert hatte, und verſetzte ihm mit einiger Lebhaftigkeit: Du neunſt das Schwäche? Ich bitte dich laß dich vom Anſcheine nicht verführen! Ein Volk, das unter dem unerträglichen Joch 44 Leiden des jungen Werther's. eines Tyrannen ſeufzt, darfſt du das ſchwach heißen, wenn es endlich aufgährt und ſeine Ketten zerreißt? Ein Menſch, der über dem Schrecken, daß Feuer ſein Haus ergriffen hat, alle Kräfte geſpannt fühlt, und mit Leichtigkeit L. en wegträgt, die er bei ruhigem Sinn kaum bewegen kann; einer, der in der Wuth der Beleidigung es mit Ses aufnimmt, und ſie überwältigt, ſind die ſchwach zu nenner Und, mein Guter, wenn Anſtrengung Stärke iſt, warn ſoll die Ueberſpannung das Gegentheil ſein?— Albert ſah mich an, und ſagte: Nimm mir's nicht übel, die Beiſpiele, die du da giebſt, ſcheinen hierher gar nicht zu gehören.— Es mag ſein, ſagte ich; man hat mir ſchon öfters vorge⸗ worfen, daß meine Combinationsart manchmal an Rado⸗ tage grenze. Laßt uns denn ſehen, ob wir uns auf eine andere Weiſe vorſtellen können, wie dem Menſchen zu Muthe ſein mag, der ſich entſchließt, die ſonſt angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen; denn nur in ſofern wir mitempfin⸗ den, haben wir Ehre von einer Sache zu reden. Die menſchliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Grenzen; ſie kann Freude, Leid, Schmerzen bis auf einen gewiſſen Grad ertragen, und geht zu Grunde, ſobald der überſtie⸗ gen iſt. Hier iſt alſo nicht die Frage, ob einer ſchwach oder ſtark iſt? ſondern ob er das Maß ſeines Leidens ausdauern kann? es mag nun moraliſch oder körperlich ſein; und ich finde es eben ſo wunderbar zu ſagen: Der Menſch iſt feige, der ſich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber ſtirbt. Paradox! ſehr paradox! rief Albert aus.— Nicht ſo ſehr, als du denkſt, verſetzte ich. Du giebſt mir zu, wir neunen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur ſo an⸗ gegriffen wird, daß theils ihre Kräfte verzehrt, theils ſo außer Wirkung geſetzt werden, daß ſie ſich nicht wieder auf⸗ zuhelfen, durch keine glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzuſtellen fähig iſt. Nun, mein Lieber, laß uns das auf den Geiſt anwenden. Sieh den Menſchen an in ſeiner Eingeſchränktheit, wie Eindrücke auf ihn wirken, Ideen ſich bei ihm feſtſetzen, bis endlich eine wachſende Leidenſchaft ihn aller ruhigen Sinneskraft beraubt, und ihn zu Grunde richtet. Vergebeus, daß der Leiden des jungen Werther's. 45 gelaſſene, vernünftige Menſch den Zuſtand des Unglücklichen überſieht, vergebens, daß er ihm zuredet! Eben ſo wie ein Geſunder, der am Bette des Kranken ſteht, ihm von ſeinen Kräften nicht das Geringſte einflößen kann. Alberten war das zu allgemein geſprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das man vor weniger Zeit im Waſſer todt gefunden, und wiederholte ihm ihre Geſchichte.— Ein gutes junges Geſchöpf, das in dem engen Kreiſe häuslicher Beſchäftigungen, wöchentlicher beſtimmter Arbeit herange⸗ wachſen war, das weiter keine Ausſicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zu⸗ ſammengeſchafften Putz mit ihres Gleichen um die Stadt ſpazieren zu gehen, vielleicht alle hohe Feſte einmal zu tan⸗ zen, und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des herzlichſten Antheils manche Stunde über den Anlaß eines Gezänkes, einer üblen Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern — deren feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürf⸗ niſſe, die durch die Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach und nach unſchmackhaft, bis ſie endlich einen Menſchen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl ſie unwiderſtehlich hinreißt, auf den ſie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um ſich vergißt, nichts hört, nichts ſieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, ſich nur ſehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leeren Vergnügen einer unbeſtändigen Eitelkeit nicht ver⸗ dorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck; ſie will die Seinige werden, ſie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller Freuden genießen, nach denen ſie ſich ſehnte. Wiederholtes Verſprechen, daß ihr die Gewißheit aller Hoffnungen ver⸗ ſiegelt, kühne Liebkoſungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; ſie ſchwebt in einem dumpfen Bewußtſein, in einem Vorgefühl aller Freuden, ſie iſt bis auf den höchſten Grad geſpannt, ſie ſtreckt endlich ihre Arme aus, alle ihre Wünſche zu umfaſſen— und ihr Geliebter verläßt ſie.— Erſtarrt, ohne Sinne, ſteht ſie vor einem Abgrunde; alles iſt Finſterniß um ſie her, keine Ausſicht, kein Troſt, keine Ahnung! denn der hat ſie verlaſſen, in dem ſie allein ihr Daſein fühlte. Sie ſieht nicht die weite 46 Leiden des jungen Werther's. Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Ver⸗ luſt erſetzen könnten, ſie fühlt ſich allein, verlaſſen von der Welt— und blind, in die Enge gepreßt von der entſetz⸗ lichen Noth ihres Herzens, ſtürzt ſie ſich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu erſticken. — Sieh, Albert, das iſt die Geſchichte ſo manches Menſchen! Und ſag', iſt das nicht der Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenen und widerſprechenden Kräfte, und der Menſch muß ſterben. Wehe dem, der zuſehen und ſagen könnte: Die Thörin! Hätte ſie gewartet, hätte ſie die Zeit wirken laſſen, die Ver⸗ zweiflung würde ſich ſchon gelegt, es würde ſich ſchon ein anderer, ſie zu tröſten, vorgefunden haben.— Das iſt eben, als wenn einer ſagte: Der Thor ſtirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis ſeine Kräfte ſich erholt, ſeine Säfte ſich verbeſſert, der Tumult ſeines Blutes ſich geleget hätten, alese at gut gegangen, und er lebte bis auf den heuti⸗ gen Tag. Albert, dem die Vergleichung noch nicht anſchaulich war, wandte noch einiges ein, und unter anderm, ich hätte nur von einem einfültigen Mädchen geſprochen: wie aber ein Menſch von Verſtande, der nicht ſo eingeſchränkt ſei, der mehr Verhältniſſe überſehe, zu entſchuldigen ſein möchte, könne er nicht begreifen.— Mein Freund! rief ich aus, der Menſch iſt Menſch, und das bißchen Verſtand, das einer haben mag, kömmt wenig oder nicht in Anſchlag, wenn Leidenſchaft wüthet, und die Grenzen der Menſchheit einen drängen. Vielmehr— Ein andermal davon, ſagte ich, und griff nach meinemoHute. O! mir war das Herz ſo volli — Und wir gingen aus einander, ohne einander verſtau⸗ den zu haben. Wie denn auf dieſer Welt Keiner leicht den Andern verſteht. 1 . Am 15. Auguſt. Es iſt doch gewiß, daß in der Welt den Menſchen nichts nothwendig macht als die Liebe. Ich fühl's an Lotten, daß ſie mich ungern verlöre, und die Kinder haben keinen an⸗ deren Begriff, als daß ich immer morgen wiederkommen würde. Heute war ich hinausgegangen, Lottens Clavier zu Laden des jungen Werther's. 47 ſtimmen; ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Klei⸗ nen verfolgten mich um ein Mährchen, und Lotte ſagte ſelbſt, ich ſollte ihnen den Willen thun. Ich ſchnitt ihnen das Abendbrod, das ſie faſt ſo gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen das Hauptſtückchen von der Prinzeſſin, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel dabei, das verſichere ich dich, und ich bin erſtaunt, was es auf ſie für Eindrücke macht. Weil ich manchmal einen In⸗ cidentpunkt erfinden muß, den ich beim zweitenmal vergeſſe, ſagen ſie gleich, das vorigemal wär' es anders geweſen, ſo daß ich mich jetzt übe, ſie unveränderlich in einem ſingenden Sylbenfall an einem Schnürchen weg zu recitiren. Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine zweite, veränderte Ausgabe ſeiner Geſchichte, und wenn ſie poetiſch noch ſo beſſer geworden wäre, nothwendig ſeinem Buche ſchaden muß. Der erſte Eindruck findet uns willig, und der Menſch iſt gemacht, daß man ihn das Abenteuerlichſte überreden kann; das haftet aber auch gleich ſo feſt, und wehe dem, der es wieder auskratzen und austilgen will! Den 18. Auguſt. Mußte denn das ſo ſein, daß das, was des Menſchen Glückſeligkeit macht, wieder die Quelle ſeines Elendes würde? Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der leben⸗ digen Natur, das mich mit ſo vieler Wonne überſtrömte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradieſe ſchuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geiſt, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich ſonſt vom Felſen über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Thal überſchaute, und alles um mich her keimen und quellen ſah; wenn ich jene Berge, vom Fuße bis auf zum Gipfel mit hohen, dichten Bäumen bekleidet, jene Thäler in ihren mannichfaltigen Krümmungen von den lieblichſten Wäldern beſchattet ſah, und der ſanfte Fluß zwi⸗ ſchen den lispelnden Rohren dahingleitete, und die lieben Wolken abſpiegelte, die der ſanfte Abendwind am Hinunel herüberwiegte; wenn ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenſchwärme im letzten rothen Strahle der Sonne muthig tanzten, und ihr letzter 48 Leiden des jungen Werther's. zuckender Blick den ſummenden Käfer aus ſeinem Graſe be⸗ freite; und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerkſam machte, und das Moos, das meinem harten Felſen ſeine Nahrung abzwingt, und das Geniſte, das den dürren Sandhügel hinunterwächſt, mir das innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der über⸗ fließenden Fülle wie vergöttert, und die herrlichen Geſtalten der unendlichen Welt bewegten ſich allbelebend in meiner Seele! Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche ſtürzten herunter, die Flüſſe ſtröm⸗ ten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich ſah ſie wirken und ſchaffen in einander in den Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geſchlechter der mannich⸗ faltigen Geſchöpfe, alles, alles bevölkert mit tauſendfachen Geſtalten; und die Menſchen dann ſich in Häuslein zuſam⸗ menſichern, und ſich anniſten, und herrſchen in ihrem Sinne über die weite Welt! Armer Thor“ der du alles ſo gering achteſt, weil du ſo klein biſt!— Vom unzugänglichen Ge⸗ birge über die Einöde, die kein Fuß betrat, bis an’s Ende des unbekannten Oceans weht der Geiſt des Ewigſchaffen⸗ den, und freut ſich jedes Staubes, der ihn vernimmt und lebt.— Ach, damals, wie oft habe ich mich mit Fittigen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem Ufer des un⸗ gemeſſenen Meeres geſehnt, aus dem ſchäumenden Becher des Unendlichen jene ſchwellende Lebenswonne zu trinken, und nur einen Augenblick in der eingeſchrankten Kraft mei⸗ nes Buſens einen Tropfen der Seligkeit des Weſens zu füh⸗ len, das alles in ſich und durch ſich hervorbringt. Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbſt dieſe Anſtrengung, jene unſäglichen Gefühle zurückzurufen, wieder auszuſprechen, hebt meine Seele über ſich ſelbſt, und läßt mich dann das Bange des Zuſtandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgiebt.. Es hat ſich vor meiner Seele, wie ein Vorhang, weg⸗ gezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens ver⸗ wandelt ſich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes. Kannſt du ſagen: Das iſt! da alles vorübergeht? Leiden des jungen Werther's. 49 da alles mit der Wetterſchnelle vorüberrollt, ſo ſelten die ganze Kraft ſeines Daſeins ausdauert, ach! in den Strom fortgeriſſen, untergetaucht und an Felſen zerſchmettert wird? Da iſt kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerſtörer biſt, ſein mußt: der harmloſeſte Spaziergang koſtet tauſend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fuß⸗ tritt die mühſeligen Gebäude der Ameiſen, und ſtampft eine kleine Welt in ein ſchmähliches Grab. Hal nicht die große, ſeltene Noth der Welt, dieſe Fluthen, die eure Dörfer weg⸗ ſpülen, dieſe Erdbeben, die eure Städte verſchlingen, rühren mich; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht ſeinen Nachbar, nicht ſich ſelbſt zerſtörte. Und ſo taumle ich beängſtigt, Himmel und Erde und ihre weben⸗ den Kräfte um mich her; ich ſehe nichts als ein ewig ver⸗ ſchlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer 3 Am 21. Auguſt. Umſonſt ſtrecke ich meine Arme nach ihr aus, Morgens, wenn ich von ſchweren Träumen aufdämmere; vergebens ſuche ich ſie Nachts in meinem Bette, wenn mich ein glück⸗ licher, unſchuldiger Traum getäuſcht hat, als ſäß' ich neben ihr auf der Wieſe, und hielte ihre Hand, und deckte ſie mit tauſend Küſſen. Ach, wenn ich dann noch halb im Tau⸗ mel des Schlafes nach ihr tappe, und darüber mich ermun⸗ tere— ein Strom von Thränen bricht aus meinem gepreß⸗ ten Herzen, und ich weine troſtlos einer finſtern Zukunft entgegen. Am 22. Auguſt. Es iſt ein Unglück, Wilhelm! Meine thätigen Kräfte ſind zu einer unruhigen Läſſigkeit verſtimmt, ich kann nicht mü⸗ ßig ſein, und kann doch auch nichts thun. Ich habe keine Vorſtellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bü⸗ cher ekeln mich an. Wenn wir uns ſelbſt fehlen, fehlt uns doch alles. Ich ſchwöre dir, manchmal wünſchte ich ein Ta⸗ gelöhner zu ſein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Ausſicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine 4 50 Leiden des jungen Werther's. Hoffnung zu haben. Oft beneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Acten vergraben ſehe, und bilde mir ein, mir wäre wohl, wenn ich an ſeiner Stelle wäre! Schon etlichemal iſt mir's ſo aufgefahren, ich wollte dir ſchreiben und dem Miniſter, und um die Stelle bei der Geſandt⸗ ſchaft anhalten, die, wie du verſicherſt, mir nicht verſagt wer⸗ den würde. Ich glaube es ſelbſt. Der Miniſter liebt mich ſeit langer Zeit, hatte lange mir angelegen, ich ſollte mich irgend einem Geſchäfte widmen; und eine Stunde iſt mir's auch wohl drum zu thun. Hernach wenn ich wieder dran denke, und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, ſeiner Freiheit ungeduldig, ſich Sattel und Zeug auflegen läßt, und zu Schanden geritten wird— ich weiß nicht, was ich ſoll!— Und, mein Lieber! iſt nicht vielleicht ds Sehnen in mir nach Veränderung des Zuſtandes eine innere, unbe⸗ hagliche Ungeduld, die mich überallhin verfolgen wird? Am 28. Auguſt. Es iſt wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, ſo würden dieſe Menſchen es thun. Heute iſt mein Geburts⸗ tag, und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen von Al⸗ 4 berten. Mir fällt beim Eröffnen ſogleich eine der blaßrothen Schleifen in die Augen, die Lotte vorhatte, als ich ſie ken⸗ nen lernte, und um die ich ſie ſeither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der kleine Wetſteiniſche Homer, eine Ausgabe, nach der ich ſo oft ver⸗ langt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Erneſtiſchen nicht zu ſchleppen. Sieh, ſo kommen ſie meinen Wünſchen zuvor, ſo ſuchen ſie alle die kleinen Gefälligkeiten der Freund⸗ ſchaft auf, die tauſendmal werther ſind als jene blenden⸗ den Geſchenke, wodurch uns die Eitelkeit des Gebers er⸗ niedrigt. Ich küſſe dieſe Schleife tauſendmal, und mit jedem Athemzuge ſchlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage überfüllten. Wilhelm, es iſt ſo, und ich murre nicht die Blüthen des Lebens ſind nur Erſcheinungen! Wie viele gehen vorüber, ohne eine Spur hinter ſich zu laſſen! wie wenige ſetzen Frucht an, und wie wenige dieſer Früchte werden reif! Und doch ſind deren noch genug da; und doch Leiden des jungen Werther's. 51 — O mein Bruder! können wir gereifte Früchte vernach⸗ läſſigen, verachten, ungenoſſen verfaulen laſſen? Lebe wohl! Es iſt ein herrlicher Sommerv; ich ſitze oft auf den Obſtbäumen in Lottens Baumſtück mit dem Obſt⸗ brecher, der langen Stange, und hole die Birnen aus dem Gipfel. Sie ſteht unten und nimmt ſie ab, wenn ich ſie ihr herunterlaſſe. 3 Am 30. Auguſt. Unglücklicher! Biſt du nicht ein Thor? Betrügſt du dich nicht ſelbſt? Was ſoll dieſe tobende, endloſe Leiden⸗ ſchaft? Ich habe kein Gebet mehr, als an ſie; meiner Ein⸗ bildungskraft erſcheint keine andere Geſtalt, als die ihrige, und Alles in der Welt um mich her ſehe ich nur im Ver⸗ hältniſſe mit ihr. Und das macht mir denn ſo manche glück⸗ liche Stunde— bis ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! wozu mich mein Herz oft drängt!— Wenn ich bei ihr geſeſſen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer Geſtalt, an ihrem Betragen, an dem himmliſchen Aus⸗ druck ihrer Worte geweidet habe, nach und nach alle meine Sinne aufgeſpannt werden, mir es düſter vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt, wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlä⸗ gen den bedrängten Sinnen Luft zu machen ſucht, und ihre Verwirrung nur vermehrt— Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und wenn nicht manchmal die Wehmuth das Uebergewicht nimmt, und Lotte mir den elenden Troſt erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen— ſo muß ich fort, muß hinaus! und ſchweife dann weit im Feld umher! einen jähen Berg zu klettern iſt dann meine Freude, durch einen unwegſamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da wird mir's etwas beſſerl Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durſt manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir ſteht, im ein⸗ ſamen Walde auf einen krummgewachſenen Baum mich ſetze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verſchaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem 4* 52 eiden des jungen Werther's. Dämmerſchein hinſchlummere! O Wilhelm! die einſame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Sta⸗ chelgürtel wären Labſale, nach denen meine Seele ſchmachtet. Adieu! Ich ſehe dieſes Elendes kein Ende als das Grab. Am 3. September. Ich muß fort! Ich danke dir, Wilhelm, daß du meinen wankenden Entſchluß beſtimmt haſt. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem Gedanken um, ſie zu verlaſſen. Ich muß fort. Sie iſt wieder in der Stadt bei einer Freundin. Und Albert— und— ich muß fort! Am 10. September. Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überſtehe ich alles. Ich werde ſie nicht wiederſehen! O daß ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tauſend Thränen und Ent⸗ zückungen ausdrücken kann, mein Beſter, die Empfindungen, die mein Herz beſtürmen! Hier ſitze ich und ſchnappe nach Luft, ſuche mich zu beruhigen, erwarte den Morgen, und mit Sonnenaufgang ſind die Pferde beſtellt. 3 Ach! ſie ſchläft ruhig, und denkt nicht, daß ſie mich nie wiederſehen wird. Ich habe mich losgeriſſen; bin ſtark ge⸗ nug geweſen, in einem Geſpräch von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verrathen. Und, Gott] welch ein Geſpräch! Albert hatte mir verſprochen, gleich nach dem Nachteſſen mit Lotten im Garten zu ſein. Ich ſtand auf der Terraſſe, unter den hohen Kaſtanienbäumen, und ſah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmal über dem lieblichen Thale, über dem ſanften Fluß unterging. So oft hatte ich hier geſtan⸗ den mit ihr, und eben dem herrlichen Schauſpiele zugeſehen, und nun!— Ich ging in der Allee auf und ab, die mir ſo lieb war; ein geheimer ſympathetiſcher Zug hatte mich⸗ hier ſo oft gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang unſerer Bekanntſchaft die wechſelſeitige Neigung zu dieſem Plätzchen entdeckten! das wahrhaftig eines von den romantiſchſten iſt, die ich von der Kunſt hervorgebracht geſehen habe. 3 Erſt haſt du zwiſchen Kaſtanienbäumen die weite Ausſicht — ach!l ich erinnere mich, ich habe dir, denk' ich, ſchon viel Leiden des jungen Werther's. 53 davon geſchrieben, wie hohe Buchenwände Einen endlich ein⸗ ſchließen, und durch ein daran ſtoßendes Bosket die Allee immer düſterer wird, bis zuletzt alles ſich in ein geſchloſſenes Plätzchen endigt, das alle Schauer der Einſamkeit umſchwe⸗ ben. Ich fühle es noch, wie heimlich mir's war, als ich zum erſtenmal an einem hohen Mittage hineintrat: ich Raahnete ganz leiſe, was für ein Schauplatz das noch werden ſollte von Seligkeit und Schmerz. Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den ſchmach⸗ tenden, ſüßen Gedanken des Abſcheidens, des Wiederſehens geweidet, als ich ſie die Terraſſe heraufſteigen hörte. Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer faßte ichrihre Hand und küßte ſie. Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem buſchigen Hügel aufging; wir redeten mancherlei, und kamen unvermerkt dem düſtern Cabinete näher. Lotte trat hinein, und ſetzte ſich, Albert neben ſie, ich auch; doch meine Unruhe ließ mich nicht lange ſitzen; ich ſtand auf, trat vor ſie, ging auf und ab, ſetzte mich wieder: es war ein ängſtlicher Zuſtand. Sie machte uns aufmerkſam auf die ſinie Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der Buchenwände die ganze Terraſſe vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der um ſo viel frappanter war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einſchloß. Wir waren ſtill, und ſie fing nach einer Weile an: Niemals gehe ich im Mondenlichte ſpazieren, niemals, daß mir nicht der Gedanke an meine Verſtorbenen begegnete, daß nicht das Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme. Wir werden ſein! fuhr ſie mit der Stimme des herrlichſten Gefühls fort; aber, Werther, ſollen wir uns wiederfinden? wiedererkennen? Was ahnen Sie? Was ſagen Sie? ooete, ſagte ich, indem ich ihr die Hand reichte, und mir die Augen voll Thränen wurden, wir werden uns wieder⸗ ſehen! hier und dort wiederſehen!— Ich konnte nicht weiter reden.—Wilhelm, mußte ſie mich das fragen, da ich dieſen ängſtlichen Abſchied im Herzen hatte! Und ob die lieben Abgeſchiedenen von uns wiſſen, fuhr ſie fort, ob ſie fühlen, wenn's uns wohl geht, daß wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? Ol die Geſtalt meiner Mutter ſchwebt immer um mich, wenn ich am ſtillen Abend 54 4 Leiden des jungen Werther's. unter ihren Kindern, unter meinen Kindern ſitze, und ſie um mich verſammelt ſind, wie ſie um ſie verſammelt waren. Wenn ich dann mit einer ſehnenden Thräne gen Himmel ſehe, und wünſche, daß ſie hereinſchauen könnte einen Augen⸗ blick, wie ich mein Wort halte, das ich ihr in der Stunde des Todes gab, die Mutter ihrer Kinder zu ſein!— mit welcher Empfindung rufe ich aus: Verzeihe mir's, Theuerſte, wenn ich ihnen nicht bin, was du ihnen warſt! Ach! thue ich doch alles, was ich kann; ſind ſie doch gekleidet, genährt, ach! und was mehr iſt als das alles, gepflegt und geliebt. Könnteſt du unſere Eintracht ſehen, liebe Heilige! du würdeſt mit dem heißeſten Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bitterſten Thränen um die Wohlfahrt deiner Kinder bateſt.— Sie ſagte das!— o Wilhelm, wer kann wiederholen, was ſie ſagte! Wie kann der kalte todte Buchſtabe dieſe himmliſche Blüthe des Geiſtes darſtellen! Albert fiel ihr ſanft in die Rede: es greift Sie zu ſtark an, liebe Lotte! Ich weiß, Ihre Seele hängt ſehr nach dieſen Ideen, aber ich bitte Sie!— O Albert! ſagte ſie, ich weiß, du vergiſſeſt nicht die Abende, da wir zuſammenſaßen an dem kleinen runden Tiſchchen, wenn der Papa verreiſſt war, und wir die Kleinen ſchlafen geſchickt hatten. Du hatteſt oft ein gu⸗ tes Buch, und kamſt 1 ſelten dazu, etwas zu leſen.— War der Umgang dieſer herrlichen Seele nicht mehr als alles? die ſchöne, ſanfte, muntere und immer thätige Frau! Gott kennt meine Thränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr gleich machen. Lotte! rief ich aus, indem ich mich vor ſie hinwarf, ihre Hand nahm und mit tauſend Thränen netzte, Lotte! der Segen Gottes ruht über dir, und der Geiſt deiner Mutter! — Wenn Sie ſie gekannt hätten! ſagte ſie, indem ſie mir die Hand drückte; ſie war werth, von Ihnen gekannt zu ſein!— Ich glaubte zu vergehen. Nie war ein größeres, ſtolzeres Wort über mich ausgeſprochen worden.— Und ſie fuhr fort: Und dieſe Frau mußte in der Blüthe ihrer Jahre dahin, da ihr jüngſter Sohn nicht ſechs Monate alt war!. Ihre Krankheit dauerte nicht lange: ſie war ruhig, hinge⸗ geben; nur ihr Kinder thaten ihr weh, beſonders das kleine. t Leiden des jungen Werther's. 55 Wie es gegen das Ende ging, und ſie zu mir ſagte: Bringe mir ſie herauf! und wie ich ſie hereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die älteſten, die ohne Sinne waren, wie ſie um's Bette ſtanden, und wie ſie die Hände aufhob und über ſie betete, und ſie küßte nach einander und ſie wegſchickte, und zu mir ſagte: Sei ihre Mutter! Ich gab ihr die Hand darauf. Du verſprichſt viel, meine Tochter, ſagte ſie, das Herz einer Mutter, und das Aug' einer Mut⸗ ter. Ich habe oft an deinen dankbaren Thränen geſehen, daß du fühlſt, was das ſei. Habe es für deine Geſchwiſter und für deinen Vater, die Treue und den Gehorſam einer Frau! Du wirſt ihn tröſten. Sie fragte nach ihm; er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu ver⸗ bergen, den er fühlte; der Mann war ganz zerriſſen.— Albert, du warſt im Zimmer. Sie hörte jemand gehen, und fragte, und forderte dich zu ſich, und wie ſie dich anſah und mich, mit dem getröſteten ruhigen Blicke, daß wir glück⸗ lich ſein, zuſammen glücklich ſein würden!— Albert fiel ihr um den Hals und küßte ſie, und rief: Wir ſind es! wir werden es ſein! Der ruhige Albert war ganz aus ſeiner Faſſung, und ich wußte nichts von mir ſelber. Werther, fing ſie an, und dieſe Frau ſollte dahin ſein! Gott! wenn ich manchmal denke, wie man das Liebſte ſei⸗ nes Lebens wegtragen läßt, und niemand, als die Kinder, das ſo ſcharf fühlt, die ſich noch lange beklagten, die ſchwar⸗ zen Männer hätten die Mama weggetragen! Sie ſtand auf und ich ward erweckt und erſchüttert, blieb ſitzen, und hielt ihre Hand. Wir wollen fort! ſagte ſie; es wird Zeit. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt ſie feſter. Wir werden uns wiederſehen, rief ich, wir werden uns finden, unter allen Geſtalten werden wir uns erkennen. Ich gehe, fuhr ich fört, ich gehe willig, und doch, wenn ich ſagen ſollte: auf ewigl ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir ſehen uns wieder!— Morgen, denke ich, verſetzte ſie ſcher⸗ zend.— Ich fühlte das Morgen! Ach, ſie wußte nicht, als ſie ihre Hand aus der meinen zog— Sie gingen die Allee hinaus, ich ſtand, ſah ihnen nach im Mondſcheine, und warf mich an die Erde und weinte mich aus, und ſprang g 56 Leiden des jungen Werther's. auf, und lief auf die Terraſſe hervor, und ſah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartenthür ſchimmern, ich ſtreckte meine Arme aus, und es verſchwand. Zweites Buch. Am 20. Octkober 1771. Geſtern ſind wir hier angelangt. Der Geſandte iſt un⸗ paß, und wird ſich alſo einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht ſo unhold wäre, wär' alles gut. Ich merke, ich merke, das Schickſal hat mir harte Prüfungen zugedacht. Doch gutes Muths! Ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter Sinn? das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O, ein bischen leichteres Blut würde mich zum Glücklichſten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrem bischen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbſtgefälligkeit herumſchwadroniren, ver⸗ zweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter Gott, der du mir das alles ſchenkteſt, warum hielteſt du nicht die Hälfte zurück, und gabſt mir Selbſtvertrauen und Genügſamkeit! Geduld! Geduld! es wird beſſer werden; denn ich ſage dir, Lieber, du haſt Recht. Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und ſehe, was ſie thun, und wie ſie's treiben, ſtehe ich viel beſſer mit mir ſelbſt. Gewiß, weil wir doch einmal ſo gemacht ſind, daß wir alles mit uns, und uns mit allem vergleichen, ſo liegt Glück oder Elend in den Gegenſtänden, womit wir uns zuſammenhal⸗ ten, und da iſt nichts gefährlicher als die Einſamkeit. Unſere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen ſich zu erhe⸗ ben, durch die phantaſtiſchen Bilder der Dichtkunſt genährt, bildet ſich eine Reihe Weſen hinauf, wo wir das unterſte ſind, und alles außer uns herrlicher erſcheint, jeder andere vollkommener iſt. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen ſo oft, daß uns manches mangelt und eben, was uns fehlt, ſcheint uns oft ein anderer zu beſitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch Leiden des jungen Werther’s. 57 eine gewiſſe idealiſche Behaglichkeit dazu. Und ſo iſt der Glückliche vollkommen fertig, das Geſchöpf unſerer ſelbſt. Daeßen wenn wir mit all unſerer Schwachheit und Mühſeligkeit nur gerade fortarbeiten, ſo finden wir gar oft, daß wir mit unſerem Schlendern und Laviren es weiter bringen, als andere mit ihrem Segeln und Rudern— und das iſt doch ein wahres Gefühl ſeiner ſelbſt, wenn man andern gleich oder gar vorläuft. Am 26. November 1771. Ich fange an, mich in ſofern ganz leidlich hier zu befin⸗ den. Das Beſte iſt, daß es zu thun genug giebt; und dann die vielerlei Menſchen, die allerlei neuen Geſtalten machen mir ein buntes Schauſpiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen C. kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muß, einen weiten, großen Kopf, und der deßwegen nicht kalt iſt, weil er viel überſieht; aus deſe ſen Umgange ſo viel Empfindung für Freundſchaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahm Theil an mir, als ich einen Ge⸗ ſchäftsauftrag an ihn ausrichtete, und er bei den erſten Worten merkte, daß wir uns verſtanden, daß er mit mir reden konnte, wie nicht mit jedem. Auch kann ich ſein offe⸗ nes Betragen gegen mich nicht genug rühmen. So eine wahre, warme Freude iſt nicht in der Welt, als eine große Seele zu ſehen, die ſich gegen Einen öffnet. Am 24. December 1771. Der Geſandte macht mir viel Verdruß; ich habe es vorausgeſehen. Er iſt der pünktlichſte Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt, und umſtändlich wie eine Baſe; ein Menſch, der nie mit ſich ſelbſt zufrieden iſt, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es ſteht, ſo ſteht es: da iſt er im Stande, mir einen Aufſatz zurückzugeben und zu ſagen: Er iſt gut, aber ſehen Sie ihn durch; man findet immer ein beſſeres Wort, eine reinere Partikel. Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inverſionen, die mir manchmal entfahren, iſt er ein Todfeind; wenn man ſeinen Perioden 58 Leiden des jungen Werther's. nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, ſo ver⸗ ſteht er gar nichts drin. Das iſt ein Leiden, mit ſo einem Menſchen zu thun zu haben. Das Vertrauen des Grafen von C. iſt noch das Ein⸗ zige, was mich ſchadlos hält. Er ſagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langſamkeit und Be⸗ denklichkeit meines Geſandten ſei. Die Leute erſchweren es ſich und andern, doch, ſagte er, man muß ſich darein re⸗ ſigniren, wie ein Reiſender, der über einen Berg muß; freilich wäre der Berg nicht da, ſo wäre der Weg viel be⸗ uemer und kürzer; er, iſt nun aber da, und man ſoll ſinüber!— Mein Alter ſpürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm giebt, und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Uebels gegen mich vom Grafen zu reden: ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur ſchlimmer. Geſtern gar brachte er mich auf; den ich war mit gemeint: Zu ſo Weltgeſchäften ſei der Graf ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten, und führe eine gute Feder; doch an gründlicher Gelehrſamkeit mangle es ihm, wie allen Belletriſten. Dazu machte er eine Miene, als ob er ſagen wollte, Fühlſt du den Stich? Aber es that bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menſchen, der ſo denken und ſich ſo betragen konnte. Ich hielt ihm Stand, und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich ſagte, der Graf ſei ein Mann, vor dem man Achtung haben müſſe, wegen ſeines Charakters ſowohl, als wegen ſeiner Kennt⸗ niſſe. Ich habe, ſagt' ich, niemand gekannt, dem es ſo geglückt wäre, ſeinen Geiſt zu erweitern, ihn über unzählige Gegenſtände zu verbreiten, und doch dieſe Thätigkeit für's gemeine Leben zu behalten. Das waren dem Gehirne Spa⸗ niſche Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über ein wei⸗ teres Deräſonnement noch mehr Galle zu ſchlucken. Und daran ſeid ihr alle Schuld, die ihr mich in das Joch geſchwatzt, und mir ſo viel von Activität vorgeſungen habt. Activität! Wenn nicht der mehr thut, der Kartof⸗ feln legt, und in die Stadt reitet, ſein Korn zu verkaufen, als ich, ſo will ich zehn Jahre mich noch auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeſchmiedet bin! Leiden des jungen Werther's. 59 Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garſtigen Volke, das ſich hier neben einander ſieht! Die Rangſucht unter ihnen, wie ſie nur wachen und aufpaſſen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendeſten, er⸗ bärmlichſten Leidenſchaften, ganz ohne Röckchen. Da iſt ein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, ſo daß jeder Fremde denken muß: Das iſt eine Närrin, die ſich auf das bischen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderſtreiche einbildet.— Aber es iſt noch viel ärger: eben das Weib iſt hier aus der Nach⸗ barſchaft eine Amtsſchreiberstochter.— Sieh, ich kann das Menſchengeſchlecht nicht begreifen, das ſo wenig Sinn hat, um ſich ſo platt zu proſtituiren. Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie thöricht man iſt, andere nach ſich zu berechnen. Und weil ich ſo viel mit mir ſelbſt zu thun habe, und dieſes Herz ſo ſtürmiſch iſt— achl ich laſſe gern die andern ihres Pfades gehen, wenn ſie mich nur auch könnten gehen laſſen. Was mich am meiſten neckt, ſind die fatalen bürger⸗ lichen Verhältniſſe. Zwar weiß ich ſo gut als einer, wie nöthig der Unterſchied der Stände iſt, wie viel Vortheile er mir ſelbſt verſchafft; nur ſoll er mir nicht eben gerade im Wege ſtehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieſer Erde genießen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange eine Fräulein von B. kennen, ein liebenswürdiges Geſchöpf, das ſehr viel Natur mitten in dem ſteifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unſerem Geſpräche, und da wir ſchieden, bat ich ſie um Erlaubniß, ſie bei ſich ſehen zu dürfen. Sie geſtattete mir das mit ſo vieler Freimüthigkeit, daß ich den ſchicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie iſt nicht von hier, und wohnt bei einer Tante im Hauſe. Die Phyſiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel Aufmerkſamkeit, mein Geſpräch war meiſt an ſie ge⸗ wandt, und in minder als einer halben Stunde hatte ich ſo ziemlich weg, was mir das Fräulein hernach ſelbſt ge⸗ ſtand: daß die liebe Tante in ihrem Alter Mangel an allem, kein anſtändiges Vermögen, keinen Geiſt, und keine Stütze hat, als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm, als ————ÿ—ÿ—— 60 Leiden des jungen Werther's. den Stand, in den ſie ſich verpalliſadiret, und kein Er⸗ götzen, als von ihrem Stockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzuſehen. In ihrer Jugend ſoll ſie ſchön geweſen ſein, und ihr Leben weggekaukelt, erk mit ihrem Eigenſinne manchen armen Jungen gequält, und in den reiferen Jah⸗ ren ſich unter den Gehorſam eines alten Offiziers geduckt haben, der gegen dieſen Preis und einen leidlichen Unterhalt das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte, und ſtarb. Nun ſieht ſie im eiſernen ſich allein, und würde nicht angeſehen, wäre ihre Nichte nicht ſo liebenswürdig. Den 8. Januar 1772. Was das für Menſchen ſind, deren ganze Seele auf dem Ceremoniel ruht, deren Dichten und Trachten Jahre lang dahin geht, wie ſie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tiſche ſich einſchieben wollen! Und nicht, daß ſie ſonſt keine Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen ſich die Arbei⸗ ten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vo⸗ rige Woche gab es bei der Schlättenfahrt Händel, und der ganze Spaß wurde verdorben. Die Thoren, die nicht ſehen, daß es eigentlich auf den Platz gar nicht ankommt, und daß der, der den erſten hat, ſo ſelten die erſte Rolle ſpielt! Wie mancher König wird durch ſeinen Miniſter, wie mancher Miniſter durch ſeinen Secretär regiert? Und wer iſt denn der Erſte? Der, dünkt mich, der die andern überſieht, und ſo viel Gewalt oder Liſt hat, ihre Kräfte und Leidenſchaften zu Ausführung ſeiner Plane anzuſpannen. Am 20. Januar. Ich muß Ihnen ſchreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen Bauernherberge, in die ich mich vor einem ſchweren Wetter geflüchtet habe. So lange ich in dem trau⸗ rigen Neſte D., unter dem fremden, meinem Herzen ganz fremden Volke herumziehe, habe ich keinen Augenblick ge⸗ habt, keinen, an dem mein Herz mich geheißen hätte, Ihnen zu ſchreiben; und jetzt in dieſer Hütte, in dieſer Einſamkeit, in dieſer Einſchränkung, da Schnee und Schloßen wider Leiden des jungen Werther's. 61 mein Fenſterchen wüthen, hier waren Sie mein erſter Ge⸗ danke. Wie ich hereintrat, überfiel mich Ihre Geſtalt, Ihr Andenken, o Lotte!l ſo heilig, ſo warm! Guter Gott! der erſte glückliche Augenblick wieder! Wenn Sie mich ſähen, meine Beſte, in dem Schwall von Zerſtreuung! wie ausgetrocknet meine Sinne werden! nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens, nicht Eine ſe⸗ lige Stunde! nichts! nichts! Ich ſtehe wie vor einem Ra⸗ ritätenkaſten, und ſehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken, und frage mich oft, ob es nicht ein optiſcher Betrug iſt. Ich ſpiele mit, vielmehr ich werde geſpielt wie eine Marionette, und faſſe manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und ſchaudre zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den Sonnenaufgang zu genießen, und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich, mich des Mondſcheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht recht, warum ich aufſtehe, warum ich ſchlafen gehe. Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung ſetzte, fehlt; der Reiz, der mich in tiefen Nächten munter erhielt, iſt hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe weckte, iſt weg. Ein einzig weibliches Geſchöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein von B.; ſie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann. Eil! werden Sie ſagen, der Menſch legt ſich auf niedliche Complimente! Ganz unwahr iſt es nicht. Seit einiger Zeit bin ich ſehr artig, weil ich doch nicht anders ſein kann, habe viel Witz, und die Frauen⸗ zimmer ſagen: es wüßte niemand ſo fein zu loben, als ich (und zu lügen, ſetzen Sie hinzu; denn ohne das geht es nicht ab, verſtehen Sie?). Ich wollte von Fräulein B. reden. Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervor blickt. Ihr Stand iſt ihr zur Laſt, der kei⸗ nen der Wünſche ihres Herzens befriedigt. Sie ſehnt ſich aus dem Getümmel, und wir phantaſiren manche Stunde in ländlichen Scenen von ungemiſchter Glückſeligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft muß ſie Ihnen huldigen! muß nicht, thut es freiwillig, hört ſo gern von Ihnen, liebt Sie.— O ſäß' ich zu Ihren Füßen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unſere kleinen Lieben wälzten ſich mit einander um mich herum, und wenn ſie Ihnen zu laut wür⸗ 62 Leiden des jungen Werther's. den, wollte ich ſie mit einem ſchauerlichen Mährchen um mich zur Ruhe verſammeln. Die Sonne geht herrlich unter über der ſchneeglänzenden Gegend, der Sturm iſt hinüber gezogen, und ich— muß mich wieder in meinen Käfig ſperren.— Adieu! Iſt Albert bei Ihnen? Und wie?— Gott verzeihe mir dieſe Frage! Den 8. Februar. Wir haben ſeit acht Tagen das abſcheulichſte Wetter, und mir iſt es wohlthätig. Denn ſo lang ich hier bin, iſt mie noch kein ſchöner Tag am Himmel erſchienen, den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hätte. Wenn's nun recht regnet, und ſtöIbert, und fröſtelt, und thaut, hal denk ich, kann's doch zu Hauſe nicht ſchlimmer werden als es drau⸗ ßen iſt, oder umgekehrt, und ſo iſt's gut. Geht die Sonne des Morgens auf, und verſpricht einen feinen Tag, erwehr’ ich mir niemals auszurufen: Da haben ſie doch wieder ein himmliſches Gut, worum ſie einander bringen können! Es iſt nichts, worum ſie einander nicht bringen! Geſundheit, guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meiſt aus Al⸗ bernheit, Unbegriff und Enge, und wenn man ſie anhört, mit der beſten Meinung. Manchmal möcht' ich ſte auf den Knieen bitten, nicht ſo raſend in ihre eigenen Eingeweide zu wüthen. Am 17. Februar. Ich fürchte, mein Geſandter und ich halten es zuſam⸗ men nicht lange mehr aus. Der Mann iſt ganz und gar unerträglich. Seine Art, zu arbeiten und Geſchäfte zu trei⸗ ben, iſt ſo lächerlich, daß ich mich nicht enthalten kann, ihm zu widerſprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, das ihm denn, wie natürlich, nie⸗ mals recht iſt. Darüber hat er mich neulich bei Hofe ver⸗ klagt, und der Miniſter gab mir einen zwar ſanſten Verweis, aber es war doch ein Verweis, und ich ſtand im Begriffe, meinen Abſchied zu begehren, als ich einen Privatbriefs) von *) Man hat aus Ehrfurcht für dieſen trefflichen Herrn gedachten Brief, und 3 einen andern, deſſen weiter hinten erwähnt wird, dieſer Sammlung entzogen, weil man nicht glaubte, eine ſolche Kühnheit durch den wärmſten Dank des Pub: licums entſchuldigen zu können. ihm erhielt, einen Brief, vor dem ich niedergekniet, und den vohen, edlen, weiſen Sinn angebetet habe. Wie er meine Leiden des jungen Werther's. 63 allzugroße Empfindlichkeit zurecht weiſet, wie er meine über⸗ ſpannten Ideen von Wirkſamkeit, von Einfluß auf andere, ooon Durchdringen in Geſchäften als jugendlichen guten Muth wmar ehrt, ſie nicht auszurotten, nur zu mildern und dahin zu leiten ſucht, wo ſie ihr wahres Spiel haben, ihre kräf⸗ tige Wirkung thun können! Auch bin ich auf acht Tage ſgeſtärkt, und in mir ſelbſt einig geworden. Die Ruhe der Seele iſt ein herrliches Ding und die Freude an ſich ſelbſt. Lieber Freund, wenn nur das Kleinod nicht eben ſo zer⸗ brechlich wäre, als es ſchön und koſtbar iſt! Am 20. Februar. Gott ſegne euch, meine Lieben, gebe euch alle die guten Tage, die er mir abzieht! Ich danke dir, Albert, daß du mich betrogen haſt: ich wartete auf Nachricht, wann euer Hochzeittag ſein würde, und hatte mir vorgenommen, feierlichſt an demſelben Lot⸗ tens Schattenriß von der Wand zu nehmen, und ihn unter aandere Papiere zu begraben. Nun ſeid ihr ein Paar, und ihr Bild iſt noch hier! Nun ſo ſoll es bleiben! und warum nicht? Ich weiß, ich bin ja auch bei euch, bin dir unbe⸗ ſchadet in Lottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz darin, und will und muß ihn behalten. O, ich würde ra⸗ ſend werden, wenn ſie vergeſſen könnte— Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert, leb' wohl! Leb' wohl, Engel des Himmels! Leb' wohl, Lotte! Den 15. März. Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier weg⸗ treiben wird. Ich knirſche mit den Zähnen! Teufel! er iſt 3 Aicht zu erſetzen, und ihr ſeid doch allein Schuld daran, die ihr mich ſporntet und triebt und quältet, mich in einen Poſten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's! nun habt ihr's! Und daß du nicht wieder agſt, meine überſpannten Ideen verdürben alles, ſo haſt du hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenſchreiber das aufzeichnen würde. 64 Leiden des jungen Werther's. Der Graf von C. liebt mich, diſtinguirt mich, das iſt be⸗ kannt, das habe ich dir ſchon hundertmal geſagt. Nun war ich geſtern bei ihm zu Tafel, eben an dem Tage, da Abends die noble Geſellſchaft von Herren und Frauen bei ihm zu⸗ ſammenkommt, an die ich nicht gedacht habe, auch mir nie aufgefallen iſt, daß wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich ſpeiſe bei dem Grafen, und nach Tiſche gehen wir in dem großen Saal auf und ab; ich rede mit ihmn, mit dem Obriſten B., der dazu kommt, und ſo rückt die Stunde der Geſellſchaft heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter, mit der flachen Bruſt und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zu⸗ wider iſt, wollte ich mich eben empfehlen, und wartete nur, bis der Graf vom garſtigen Gewäſche frei wäre, als meine Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein biß⸗ chen aufgeht, wenn ich ſie ſehe, blieb ich eben, ſtellte mich hinter ihren Stuhl, und bemerkte erſt nach einiger Zeit, daß ſie mit weniger Offenheit als ſonſt, mit einiger Verlegen⸗ heit mit mir redete. Das fiel mir auf. Iſt ſie auch wie alle das Volk! dachte ich, und war angeſtochen, und wollte gehen; und doch blieb ich, weil ich ſie gerne entſchuldigt hätte, und es nicht glaubte, und noch ein gut Wort von ihr hoffte, und— was du willſt. Unterdeſſen füllt ſich die Ge⸗ ſellſchaft. Der Baron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des erſten her, der Hofrath R. hier aber in qualitate Herr von R. genannt, mit ſeiner tauben Fran ac., den übel fournirten J. nicht zu vergeſſen, der die Ich dachte— und gab nur auf meine B. Acht. Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saales ſich in die Oh⸗ ren flüſterten, daß es auf die Männer circulirte, daß Frau von S. mit dem Grafen redete(das alles hat mir Fräu⸗ lein B. nachher erzähet), bis endlich der Graf auf mich los ging, und mich in ein Fenſter nahm. Sie wiſſen, ſagte — ücken ſeiner altfränkiſchen Garderobe mit neumodi⸗ ſchen Lappen ausflickt: das kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntſchaft, die alle ſehr lakoniſch ſind. Leiden des jungen Werther's. 65 3 er, unſere wunderbaren Verhältniſſe: die Geſellſchaft iſt un⸗ zufrieden, merke ich, Sie hier zu ſehen. Ich wollte nicht uum alles— Ihro Exeellenz, fiel ich ein, ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken ſollen, und ich weiß, Sie vergeben mir dieſe Inconſequenz. Ich wollte ſſcchon vorhin mich empfehlen, ein böſer Genius hat mich zurückgehalten, ſetzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich naeigte. Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfin⸗ dung, die alles ſagte. Ich ſtrich mich ſachte aus der vor⸗ nehmen Geſellſchaft, ging, ſetzte mich in ein Cabriolet, und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu ſehen, und dabei in meinem Homer den herrlichen Geſang zu leſen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinhirten be⸗ wirthet wird. Das war alles gut. Des Abends komme ich zurück zu Tiſche, es waren noch wenige in der Gaſtſtube; die würfelten auf einer Ecke, hat⸗ ten das Tiſchtuch zurück geſchlagen. Da kommt der ehrliche A. hinein, legt ſeinen Hut nieder, indem er mich anſieht, tritt zu mir, und ſagt leiſe: Du haſt Verdruß gehabt? Ich; ſagte ich. Der Graf hat dich aus der Geſellſchaft ge⸗ wwieſen.— Hole ſie der Teufel! ſagt' ich; mir war's lieb, daß ich in die freie Luft kam.— Gut, ſagte er, daß du es auf die leichte Achſel nimmſt! Nur verdrießt mich's, es iſt ſchon überall herum.— Da fing mich das Ding erſt an zu wurmen. Alle, die zu Tiſche kamen, und mich an⸗ Phen, dachte ich, die ſehen dich darum an! Das gab böſes ut. Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich be⸗ dauert, da ich höre, daß meine Neider nun triumphiren, und ſagen, da ſähe man's, wo es mit den Uebermüthigen hinausginge, die ſich ihres bißchen Kopfs überhöben, und glaubten ſich darum über alle Verhältniſſe hinausſetzen zu dürfen, und was des Hundegeſchwätzes mehr iſt— da möchte man ſich ein Meſſer in's Herz bohren; denn man rede von Selbſtſtändigkeit, was man will, den will ich ſe⸗ hen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn ſie einen Vortheil über ihn haben; wenn ihr Geſchwätze leer iſt, ach! da kann man ſie leicht laſſen. en 66 Leiden des jungen Werther's. 3 Am 16. März. Es hetzt mich alles. Heute treffe ich Fräulein B. in der Allee; ich konnte mich nicht enthalten ſie anzureden, und ihr, ſobald wir etwas entfernt von der Geſellſchaft waren, meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen zu zeigen. O Werther! ſagte ſie, mit einem innigen Tone, konnten ſie meine Verwirrung ſo auslegen, da Sie mein Herz ken⸗ nen? Was ich gelitten habe um Ihretwillen, von dem Au⸗ 1 genblicke an, da ich in den Saal trat! Ich ſah alles vor⸗ aus; hundertmal ſaß mir's auf der Zunge, es Ihnen zu ſa⸗ gen. Ich wußte, daß die von S. und T. mit ihren Min⸗ nern eher aufbrechen würden, als in Ihrer Geſellſchaft zu bleiben; ich wußte, daß der Graf es mit ihnen nicht ver⸗ derben darf— und jetzo der Lärm!— Wie, Fräulein? ſagte ichr und verbarg meinen Schrecken; denn alles, was Ade⸗ 3 lin mir ehegeſtern geſagt hatte, lief mir wie ſiedend Waſſer durch die Adern in dieſem Augenblicke.— Was hat mich es ſchon gekoſtet! ſagte das ſüße Geſchöpf, indem ihr die Thrä⸗ nen in den Augen ſtanden.— Ich war nicht Herr mehr von mir ſelbſt, war im Begriffe, mich ihr zu Füßen zu werfen. Erklären Sie ſich! rief ich. Die Thränen liefen ihr die Wan⸗ gen herunter. Ich war außer mir. Sie trocknete ſie ab, ohne ſie verbergen zu wollen. Meine Tante kennen Sie, fing ſie an; ſie war gegenwärtig, und hat, ol mit was für Augen hat ſie das angeſehen! Werther, ich habe geſtern Nacht ausgeſtanden, und heute früh eine Predigt über mei⸗ nen Umgang mit Ihnen, und ich habe müſſen zuhören Sie herabſetzen, erniedrigen und konnte und durfte Sie nur halb vertheidigen. 3 Jedes Wort, das ſie ſprach, ging mir wie ein Schwert durch's Herz. Sie fühlte nicht, welche Barmherzigkeit es ge⸗ weſen wäre, mir das alles zu verſchweigen; und nun fügte ſie noch dazu, was weiter würde geträtſcht werden, was eine Art Menſchen darüber triumphiren würde, wie man ſich nunmehr über die Strafe meines Uebermuths und meiner Geringſchätzung anderer, die ſie mir ſchon lange vorwerfen, kitzeln und freuen würde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu hören, mit der Stimme der wahreſten Theilnehmung — ich war zerſtört, und bin noch wüthend in mir. Ich Leiden des jungen Werther's. 67 woollte, daß ſich einer unterſtünde, mir es vorzuwerfen, daß ich ihm den Degen durch den Leib ſtoßen könnte; wenn ich Blut ſähe, würde mir es beſſer werden. Ach! ich habe hundertmal ein Meſſer ergriffen, um dieſem gedrängten Her⸗ zen Luft zu machen. Man erzählt von einer edeln Art Pferde, die, wenn ſie ſchrecklich erhitzt und aufgejagt ſind, ſich ſelbſt aus Inſtinct eine Ader aufbeißen, um ſich zum Athem zu helfen. So iſt mir's oft; ich möchte mir eine Ader öffnen ddie mir die ewige Freiheit ſchaffte. Am 24. März. ch habe meine Entlaſſung vom Hofe verlangt, und werde ſie, hoffe ich, erhalten, und ihr werdet mir verzeihen, daß ich nicht erſt Erlaubniß dazu bei euch geholt habe. Ich muß nun einmal fort, und was ihr zu ſagen hattet, um mir das Bleiben einzureden, weiß ich alles, und alſo — ABringe das meiner Mutter in einem Säftchen beil ich kann mir ſelbſt nicht helfen, und ſie mag ſich gefallen laſſen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muß es ihr wehe thun. Den ſchönen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrath und Geſandten anſetzte, ſo auf einmal Halte zu ſehen, und rückwärts mit dem Thierchen in den Stall! Macht nun daraus, was ihr wollt, und combinirt die möglichen Fälle, unter denen ich hätte bleiben können und ſollen; genug, ich gehe; und damit ihr wißt, wo ich hin⸗ komme, ſo iſt hier der Fürſt*, der vielen Geſchmack an meiner Geſellſchaft findet; der hat mich gebeten, da er von meiner Abſicht hörte, mit ihm auf ſeine Güter zu gehen, und den ſchönen Frühling da zuzubringen. Ich ſoll ganz mir ſelbſt gelaſſen ſein, hat er mir verſprochen, und da wir uns zuſammen bis auf einen gewiſſen Punkt verſtehen, ſo will ich es denn auf gut Glück wagen, und mit ihm gehen. Zur Nachricht. — Am 19. April. Danke für deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich dieſes Blatt liegen ließ, bis mein Abſchied vom Hofe da wäre; ich fürchtete, meine Mutter möchte ſich an den Mi⸗ niſter wenden, und mir mein Vorhaben erſchweren. Nun 5* 68 Leiden des jungen Werther's. aber iſt es geſchehen, mein Abſchied iſt da. Ich mag euch nicht ſagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat, und was mir der Miniſter ſchreibt; ihr würdet in neue Lamen⸗ tationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abſchiede fünfundzwanzig Ducaten geſchickt, mit einem Worte, das mich bis zu Thränen gerührt hat; alſo brauche ich von der Mutter das Geld nicht, um das ich neulich ſchrieb. 4 Am 5. Mai. Morgen gehe ich von hier ab, und weil mein Geburts⸗ ort nur ſechs Meilen vom Wege liegt, ſo will ich den auch wiederſehen, will mich der alten, glücklich verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Thore will ich hineingehen, aus dem meine Mutter mit mir herausfuhr, als ſie nach dem Dode meines Vaters den lieben, vertraulichen Ort verließ, um ſich in ihre unerträgliche Stadt einzuſperren. Adien, Wilhelm! du ſollſt von meinem Zuge hören. Am 9. Mai. 3 Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimath mit aller Andacht eines Pilgrims vollendet, und manche unerwarte⸗ ten Gefühle haben mich ergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelſtunde vor der Stadt nach S. zu ſteht, ließ ich halten, ſtieg aus, und hieß den Poſtillon fortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinem Herzen zu koſten. Da ſtand ich nun unter der Linde, die ehedem, als Knabe, das Ziel und die Grenze meiner Spa⸗ ziergänge geweſen. Wie anders! Damals ſehnte ich mich in glüglicher Unwiſſenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz ſo viele Nahrung, ſo vielen Genuß hoffte, meinen ſtrebenden, ſehnenden Buſen auszufüllen und zu befriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt — o mein Freund! mit wie viel fehlgeſchlagenen Hoffnun⸗ gen, mit wie viel zerſtörten Planen!— Ich ſah das Ge⸗ birge vor mir liegen, das ſo tauſendmal der Gegenſtand meiner Wünſche geweſen war. Stundenlang konnt' ich hier ſitzen, und mich hinüberſehnen, mit inniger Seele mich in den Wäldern, den Thälern verlieren, die ſich meinen Augen ſo freundlich dämmernd darſtellten, und wenn ich dann um .* — — Leiden des jungen Werther'’s..69 eſtimmte Zeit wieder zurück mußte, mit welchem Wider⸗ willen verließ ich nicht den lieben Platz!— Ich kam der Stadt näher; alle die alten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mir zuwider, ſo auch alle Veränderungen, die man ſonſt vorgenommen hatte. Ich trat zum Thor hinein, und fand mich doch gleich und ganz wieder. Lieber, ich mag nicht in's Detail gehen; ſo reizend als es mir war, ſo einförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beſchloſſen, auf dem Markte zu woh⸗ nen, gleich neben unſerem alten Hauſe. Im Hingehen be⸗ merkte ich, daß die Schulſtube, wo ein ehrliches altes Weib unſere Kindheit zuſammengepfercht hatte, in einen Kramla⸗ den verwandelt war. Ich erinnerte mich der Unruhe, der Thränen, der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangſt, die ich in dem Loche ausgeſtanden hatte.— Ich that keinen Schritt, der nicht merkwürdig war. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht ſo viele Stätten religiöſer Erinnerungen an, und ſeine Seele iſt ſchwerlich ſo voll heiliger Bewegung. — Noch eins für tauſend. Ich ging den Fluß hinab bis an einen gewiſſen Hof; das war ſonſt auch mein Weg, und die Plätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meiſten Sprünge der flachen Steine im Waſſer hervorzubringen. Ich erinnerte mich ſo lebhaft, wenn ich manchmal ſtand und dem Waſſer nachſah, mit wie wunderbaren Ahnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegenden vorſtellte, wo es nun hinflöſſe, und wie ich da ſo bald Grenzen meiner Vorſtellungskraft fand, und doch mußte das weiter gehen, immer weiter, bis ich mich ganz in dem An⸗ ſchauen einer unſichtbaren Ferne verlor.— Sieh, mein Lie⸗ der, ſo beſchränkt und ſo glücklich waren die herrlichen Alt⸗ väter! ſo kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! Wenn Ulyß von dem ungemeſſenen Meer und von der unendlichen Erde ſpricht, das iſt ſo wahr, menſchlich, innig, eng und ge⸗ heimnißvoll. Was hilft mich's, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachſagen kann, daß ſie rund ſei? Der Menſch braucht nur wenige Erdſchollen, um drauf zu genießen, we⸗ niger, um drunter zu ruhen. „Nun bin ich hier, auf dem fürſtlichen Jagdſchloß. Es läßt ſich noch ganz wohl mit dem Herrn leben; er iſt wahr ———————⸗— L——üä4 70 Leiden des jungen Werther's. und einfach. Wunderliche Menſchen ſind um ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie ſcheinen keine Schelme, und ha⸗ ben doch auch nicht das Anſehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen ſie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid thut, iſt, daß er oft von Sachen redet, die er nur gehört und geleſen hat, und zwar aus eben dem Geſichtspunkte, wie ſie ihm der andere vorſtellen mochte. 8 Auch ſchätzt er meinen Verſtand und meine Talente mehr, als dies Herz, das doch mein einziger Stolz iſt, das ganz allein die Quelle von Allem iſt, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach! was ich weiß, kann je⸗ der wiſſen— mein Herz habe ich allein. Am 25. Mai. 5 Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts ſagen wollte, bis es ausgeführt wäre: jetzt, da nichts draus wird, iſt es eben ſo gut. Ich wollte in den Krieg; das hat mir lange am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich dem Fürſten hierher gefolgt, der General in*Er Dienſten iſt. Auf einem Spaziergang entdeckte ich ihm mein Vorhaben; er widerrieth mir es, und es müßte bei mir mehr Leiden⸗ ſchaft als Grille geweſen ſein, wenn ich ſeinen Gründen nicht hätte Gehör geben wollen. Am 11. Julius. Sage, was du willſt, ich kann nicht länger bleiben. Was ſoll ich hier? Die Zeit wird mir lang. Der Fürſt hält mich, ſo gut man nur kann, und doch bin ich nicht in meiner Lage. Wir haben im Grunde nichts gemein mit ein⸗ ander. Er iſt ein Mann von Verſtande, aber von ganz gemeinem Verſtande; ſein Umgang unterhält mich nicht mehr, als wenn ich ein wohlgeſchriebenes Buch leſe. Noch acht Tage bleibe ich, und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beſte, was ich hier gethan habe, iſt mein Zeichnen. Der Fürſt fühlt in der Kunſt, und würde noch ſtärker fühlen, wenn er nicht durch das garſtige wiſſenſchaft⸗ liche Weſen und durch die gewöhnliche Terminologie einge⸗ ſchränkt wäre. Manchmal knirſche ich mit den Zähnen, Leiden des jungen Werther's. 71 wenn ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunſt herumführe, und er es auf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem geſtempelten Kunſtworte drein ſtolpert. 3 Am 16. Julius. Ja, wohl bin ich nur ein Wanderer, ein Waller auf der Erde! Seid ihr denn mehr? Am 18. Julius. Wo ich hin will? Das laß dir im Vertrauen eröffnen. Vierzehn Tage muß ich doch noch hier bleiben, und dann habe ich mir weiß gemacht, daß ich die Bergwerke im esſchen beſuchen wollte; iſt aber im Grunde nichts dran; ich will nur Lotten wieder näher, das iſt alles. Und ich lache über mein eigenes Herz— und thu' ihm ſeinen Willen. Am 29. Julius. Nein, es iſt gut! es iſt alles gut!— Ich ihr Mann! O Gott, der du mich machteſt, wenn du mir dieſe Selig⸗ keit bereitet hätteſt, mein ganzes Leben ſollte ein anhalten⸗ des Gebet ſein. Ich will nicht rechten, und verzeihe mir dieſe Thränen, verzeihe mir meine vergeblichen Wünſche! — Sie meine Frau! Wenn ich das liebſte Geſchöpf unter der Sonne in meine Arme geſchloſſen hätte!— Es geht mir ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert ſie um den ſchlanken Leib faßt. Und darf ich es ſagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mir glücklicher geworden, als mit ihm! Ol! er iſt nicht der Menſch, die Wünſche dieſes Herzens alle zu füllen. Ein gewiſſer Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel — nimm es, wie du willſt!— daß ſein Herz nicht ſym⸗ pathetiſch ſchlägt, bei— oh!— bei der Stelle eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in Einem zuſammen⸗ treffen; in hundert andern Vorfällen, wenn es kommt, daß unſere Empfindungen über eine Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm!— Zwar er liebt ſie von gan⸗ zer Seele, und ſo eine Liebe, was verdient die nicht!— Ein unerträglicher Menſch hat mich unterbrochen. Meine Thränen ſind getrocknet. Ich bin zerſtreut. Adieu, Lieber! 72 usden des jungen Werther's. Am 4. Auguſt. Es geht mir nicht allein ſo. Alle Menſchen werden in ihren Hoffnungen getäuſcht, in ihren Erwartungen betrogen. Ich beſuchte mein gutes Weib unter der Linde. Der älteſte Junge lief mir entgegen; ſein Freudengeſchrei führte die Mutter herbei, die ſehr niedergeſchlagen ausſah. Ihr erſtes Wort war: Guter Herr, ach! mein Hans iſt mir geſtorben! Es war der jüngſte ihrer Knaben. Ich war ſtille. Und mein Mann, ſagte ſie, iſt aus der Schweiz zurück, und hat nichts mitgebracht, und ohne gute Leute hätte er ſich heraus betteln müſſen; er hatte das Fieber unterwegs gekriegt.— Ich konnte ihr nichts ſagen, und ſchenkte dem Kleinen was; ſie bat mich, einige Aepfel anzunehmen, das ich that, und den Ort des traurigen Andenkens verließ. Am 21. Auguſt. Wie man eine Hand umwendet, iſt es anders mit mir. Manchmal will wohl ein freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach! nur für einen Augenblick!— Wenn ich mich ſo in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn Albert ſtürbe? Du würdeſt! ja, Sie würde— und dann laufe ich dem Hirngeſpinſte nach, bis es mich an Abgründe führet, vor denen ich zu⸗ rückbebe. Wenn ich zum Thor hinausgehe, den Weg, den ich zum erſtenmal fuhr, Lotten zum Tanze zu holen, wie war das ſo ganz anders! Alles, alles iſt vorüber gegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsſchlag meines damaligen Gefühles. Mir iſt es, wie es einem Geiſte ſein müßte, der in das ausgebrannte, zerſtörte Schloß zurückkehrte, das er als blühender Fürſt einſt gebaut, und, mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgeſtattet, ſterbend ſeinem geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlaſſen hatte. Am 3. September. Ich begreife manchmal nicht, wie ſie ein anderer lieb haben kaun, lieb haben darf, da ich ſie ſo ganz allein, ſo innig, ſo voll liebe, nichts anders kenne, noch weiß, noch habe, als ſie. 3 — — Leiden des jungen Werther's. 73 Am 4. September. Ja, es iſt ſo! Wie die Natur ſich zum Herbſte neigt, wird es Herbſt in mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb, und ſchon ſind die Blätter der benachbarten Bäume abgefallen. Hab' ich dir nicht einmal von einem Bauerburſchen geſchrieben, gleich da ich herkam? Jetzt er⸗ kundigte ich mich wieder nach ihm in Wahlheim; es hieß, er ſei aus dem Dienſte gejagt worden, und niemand wollte was weiter von ihm wiſſen. Geſtern traf ich ihn von un⸗ gefähr auf dem Wege nach einem andern Dorfe; ich redete ihn an, und er erzählte mir ſeine Geſchichte, die mich dop⸗ pelt und dreifach gerührt hat, wie du leicht begreifen wirſt, wenn ich dir ſie wieder erzähle. Doch wozu das alles? warum behalt' ich nicht für mich, was mich ängſtigt und kränkt? warum betrüb' ich noch dich? warum geb' ich dir immer Gelegenheit, mich zu bedauern und mich zu ſchelten? Sei's denn! auch das mag zu meinem Schickſal gehören. Mit einer ſtillen Traurigkeit, in der ich ein wenig ſcheues Weſen zu bemerken ſchien, antwortete der Menſch mir erſt auf meine Fragen; aber gar bald offener, als wenn er ſich und mich auf einmal wieder erkennte, geſtand er mir ſeine Fehler, klagte er mir ſein Unglück. Könnt' ich dir, mein Freund, jedes ſeiner Worte vor Gericht ſtellen! Er bekannte, ja er erzählte mit einer Art von Genuß und Glück der Wie⸗ dererinnerung, daß die Leidenſchaft zu ſeiner Hausfrau ſich in ihm tagtäglich vermehrt, daß er zuletzt nicht gewußt habe, was er thue, nicht, wie er ſich ausdrückte, wo er mit dem Kopfe hin geſollt? Er habe weder eſſen, noch trinken, noch ſchlafen können; es habe ihm an der Kehle geſtockt; er habe gethan, was er nicht thun ſollen; was ihm aufgetra⸗ een worden, hab' er vergeſſen; er ſei als wie von einem böſen Geiſt verfolgt geweſen; bis er eines Tags, als er ſie in einer obern Kammer gewußt, ihr nachgegangen, ja viel⸗ mehr ihr nachgezogen worden ſei. Da ſie ſeinen Bitten kein Gehör gegeben, hab' er ſich ihrer mit Gewalt bemäch⸗ tigen wollen; er wiſſe nicht, wie ihm geſchehen ſei, und nehme Gott zum Zeugen, daß ſeine Abſichten gegen ſie im⸗ mer redlich geweſen, und daß er nichts ſehnlicher gewünſcht, als daß ſie ihn heirathen, daß ſie mit ihm ihr Leben zu⸗ 74 Leiden des jungen Werther's. bringen möchte. Da er eine Zeit lang geredet hatte, fing er an zu ſtocken, wie einer, der noch etwas zu ſagen hat, und ſich es nicht herauszuſagen getraut; endlich geſtand er mir auch mit Schüchternheit, was ſie ihm für kleine Vertrau⸗ lichkeiten erlaubt, und welche Nähe ſie ihm vergönnet. Er brach zwei⸗, dreimal ab, und wiederholte die lebhafteſten Proteſtationen, daß er das nicht ſage, um ſie ſchlecht zu machen, wie er ſich ausdrückte, daß er ſie liebe und ſchätze, wie vorher, daß ſo etwas nicht über ſeinen Mund gekom⸗ men ſei, und daß er es mir nur ſage, um mich zu über⸗ zeugen, daß er kein ganz verkehrter und unſinniger Menſch ſei.— Und hier, mein Beſter, fang' ich mein altes Lied wie⸗ der an, das ich ewig anſtimmen werde: Könnt' ich dir den Menſchen vorſtellen, wie er vor mir ſtand, wie er noch vor mir ſteht! Könnt' ich dir alles recht ſagen, damit dnu fühlteſt, wie ich an ſeinem Schickſale Theil nehme, Theil nehmen muß! Doch genug! da du auch mein Schickſal kennſt, auch mich kennſt, ſo weißt du nur zu wohl, was mich zu allen Unglücklichen, was mich beſonders zu dieſem Unglücklichen hinzieht. Da ich das Blatt wieder durchleſe, ſeh ich, daß ich das Ende der Geſchichte zu erzählen vergeſſen habe, das ſich aber Aeicht hinzudenken läßt. Sie erworhrie ſich ſein; ihr Bruder kam dazu, der ihn ſchon lange gehaßt, der ihn ſchon lange aus dem Hauſe gewünſcht hatte, weil er fürchtete, durch eine neue Heirath der Schweſter werde ſeinen Kindern die Erb⸗ ſchaft entgehen, die ihnen jetzt, da ſie kinderlos iſt, ſchöne Hoffnungen giebt; dieſer habe ihn gleich zum Hauſe hin⸗ ausgeſtoßen und einen ſolchen Lärm von der Sache gemacht, daß die Frau, auch ſelbſt wenn ſie gewollt, ihn nicht wieder 3 hätte aufnehmen können. Jetzo habe ſie wieder einen an⸗ dern Knecht genommen; auch über den, ſage man, ſei ſie mit dem Bruder zerfallen, und man behaupte für gewiß, ſie erde 5 heirathen, aber er ſei feſt entſchloſſen, das nicht zu erleben. Was ich dir erzähle, iſt nicht übertrieben, nichts ver⸗ zärtelt; ja, ich darf wohl ſagen, ſchwach, ſchwach hab' ich's erzählt, und vergröbert hab' ich’s, indem ich's mit unſern hergebrachten ſittlichen Worten vorgetragen habe. Leiden des jungen Werther's. 75 Dieſe Liebe, dieſe Treue, dieſe Leidenſchaft iſt alſo keine dichteriſche Erfindung, ſie lebt, ſie iſt in ihrer größten Rein⸗ heit unter der Klaſſe von Menſchen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten— zu nichts Verbildeten! Lies die Geſchichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute ſtill, indem ich das hinſchreibe; du ſiehſt an meiner Hand, daß ich nicht ſo ſtrudele und ſudele, wie ſonſt. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, daß es auch die Geſchichte dei⸗ nes Freundes iſt! Ja, ſo iſt mir's gegangen ſo wird mir's gehen, und ich bin nicht halb ſo brav, nicht halb ſo ent⸗ ſchloſſen, als der arme Unglückliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich faſt nicht getraue. Am 5. September. Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann auf's Land ge⸗ ſchrieben, wo er ſich Geſchäfte wegen aufhielt. Es fing an: Beſter, Liebſter, komme, ſobald du kannſt! ich erwarte dich mit tauſend Freuden.— Ein Freund, der hereinkam, brachte Nachricht, daß er wegen gewiſſer Umſtände ſo bald noch nicht zurückkehren würde. Das Billet blieb liegen, und fiel mir Abends in die Hände. Ich las es und lächelte; ſie fragte, worüber?— Was die Einbildungskraft für ein gött⸗ liches Geſchenk iſt! rief ich aus; ich konnte mir einen Au⸗ genblick vorſpiegeln, als wäre es an mich geſchrieben. Sie brach ab; es ſchien ihr zu mißfallen, und ich ſchwieg. Am 6. September. Es hat ſchwer gehalten, bis ich mich entſchloß, meinen blauen, einfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum erſten⸗ mal tanzte, abzulegen; er ward aber zuletzt gar unſchein⸗ bar. Auch habe ich mir einen machen laſſen, ganz wie den vorigen, Kragen und Auſfſchlag, und auch wieder ſo gelbe Weſte und Beinkleider dazu. Ganz will es doch die Wirkung nicht thun. Ich weiß wiiht— Ich denke, mit der Zeit ſoll mir der auch lieber werden. Am 12. September. Sie war einige Tage verreiſ't, Alberten abzuholen. 76 Leiden des jungen Werther's. Heute trat ich in ihre Stube; ſie kam mir entgegen, und ich küßte ihre Hand mit tauſend Freuden. Ein Kanarienvogel flog von dens Spiegel ihr auf die Schulter. Einen neuen Freund! ſagte ſie, und lockte ihn auf ihre Hand; er iſt meinen Kleinen zugedacht. Er thut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brod gebe, flattert er mit den Flügeln, und pickt ſo artig. Er küßt mich auch, ſehen Sie! Als ſie dem Thierchen den Mund hinhielt, drückte es ſich ſo lieblich in die ſüßen Lippen, als wenn es die Se⸗ ligkeit hätte fühlen können, die es genoß. Er ſoll Sie auch küſſen, ſagte ſie, und reichte den Vogel herüber. Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genuſſes. Sein Kuß, ſagte ich, iſt nicht ganz ohne Begierde; er ſucht Nahrung, und kehrt unbefriedigt von der leeren Leeb⸗ koſung zurück. Er ißt mir auch aus dem Mundo, ſagte ſie. Sie reichte ihm einige Broſamen mit ihren Lippen, aus de⸗ nen die Freuden unſchuldig theilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.. Ich kehrte das Geſicht weg. Sie ſollte es nicht thun! ſollte nicht meine Einbildungskraft mit dieſen Bildern himm⸗ liſcher Unſchuld und Seligkeit reizen, und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgültigkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!— Und warum nicht?— Sie traut mir ſol ſie weiß, wie ich ſie liebe! Am 15. September. Man möchte raſend werden, Wilhelm, daß es Men⸗ ſchen geben ſoll, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Werth hat. Du kennſt die Nuß⸗ bäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St. mit Lotten geſeſſen, die herrlichen Nußbäume, die mich, Gott weiß! immer mit dem größten Seelenvergnügen füll⸗ ten! Wie vertraulich ſie den Pfarrhof machten, wie kühl! und wie herrlich die Aeſte waren! und die Erinnerung bis zu den ehrlichen Geiſtlichen, die ſie vor ſo vielen Jahren pflanzten! Der Schulmeiſter hat uns den einen Namen Leiden des jungen Werther's. 77 oft denannt, den er von ſeinem Großvater gehört hatte; ſo ein braver Mann ſoll es geweſen ſein, und ſein Andenken war mir immer heilig unter den Bäumen. Ich ſage dir, dem Schulmeiſter ſtanden die Thränen in den Augen, da wir geſtern davon redeten, daß ſie abgehauen worden.— Abgehauen! Ich möchte toll werden, ich könnte den Hund ermorden, der den erſten Hieb dran that. Ich, der ich mich vertrauern könnte, wenn ſo ein paar Bäume in meinem Hofe ſtänden, und einer davon ſtürbe vor Alter ab, ich muß zuſehen.— Lieber Schatz, eins iſt doch dabei! Was Men⸗ ſchengefühl iſt! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die Frau Pfarrerin ſoll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen ſpüren, was für eine Wunde ſie ihrem Orte ge⸗ geben hat. Denn ſie iſt es, die Frau des neuen Pfarrers (unſer alter iſt auch geſtorben), ein hageres, kränkliches Ge⸗ ſchöpf, das ſehr Urſache hat, an der Welt keinen Antheil zu nehmen; denn niemand nimmt Antheil an ihr. Eine När⸗ rin, die ſich abgiebt, gelehrt zu ſein, ſich in die Unterſu⸗ chung des Kanons melirt, gar viel an der neumodiſchen, moraliſch⸗critiſchen Reformation des Chriſtenthums arbeitet, und über Lavaters Schwärmereien die Achſeln zuckt, eine ganz zerrüttete Geſundheit hat, und deßwegen auf Gottes Errdboden keine Freude. So einer Creatur war es auch allein möglich, meine Nußbäume abzuhauen. Siehſt du, ich komme nicht zu mir! Stelle dir vor, die abfallenden Blät⸗ ter machen ihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht, und wenn die Nüſſe reif ſind, ſo werfen die Knaben mit Steinen darnach, und das fällt ihr auf die Nerven, das ſtört ſie in ihren tiefen Ueberlegun⸗ gen, wenn ſie Kennikot, Semler und Michaelis gegen ein⸗ ander abwiegt. Da ich die Leute im Dorfe, beſonders die Alten, ſo unzufrieden ſah, ſagte ich: Warum habt ihr es gelitten?— Wenn der Schulze will, hier zu Lande, ſagten ſie, was kann man machen? Aber eins iſt recht ge⸗ ſchehen! der Schulze und der Pfarrer, der doch auch von ſeiner Frau Grillen, die ihm ohnedieß die Suppen nicht fett machen, was haben wollte, dachten es mit einander zu thei⸗ len; da erfuhr es die Kammer, und ſagte: Hier herein! denn ſie hatte noch alte Prätenſionen an den Theil des 78 Leiden des jungen Werther's. Pfarrhofes, wo die Bäume ſtanden, und verkaufte ſie an den Meiſtbietenden. Sie liegen! O! wenn ich Fürſt wäre! ich wollte die Pfarrerin, den Schulzen und die Kammer — Fürſt!— Ja, wenn ich Fürſt wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande! Am 16. October. Wenn ich nur ihre ſchwarzen Augen ſehe, iſt mir es ſchon wohl! Sieh, und was mich verdrießt, iſt, daß Albert nicht ſo beglückt zu ſein ſcheint, als er— hoffte, als ich — zu ſein glaubte, wenn— Ich mache nicht gern Gedan⸗ kenſtriche, aber hier kann ich mich nicht anders ausdrücken — und mich dünkt, deutlich genug. . Am 12. October. Oſſian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt! Zu wan⸗ dern über die Heide, umſauſ't vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln, die Geiſter der Väter, im dämmernden Lichte des Mondes hinführt, zu hören vom Gebirge her, im Gebrülle des Waldſtroms, halb verwehtes Aechzen der Geiſter aus ihren Höhlen, und die Wehklagen des zu Tode ſich jammernden Mädchens um die vier moosbedeckten, grac⸗ bewachſenen Steine des Edelgefallenen, ihres Geliebten! Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die Fußttapfen ſeiner Väter ſucht, und ach! ihre Grabſteine findet, und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends hinblickt, der ſich in's rol⸗ lende Meer verbirgt, und die Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch der freundliche Strahl den Gefahren der Tapfern leuchtete, und der Mond ihr bekränztes, ſiegrückkehrendes Schiff beſchien; wenn ich den tiefen Kummer auf ſeiner Stirn leſe, den letzten, verlaſſenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken ſehe, wie er immer neue, ſchmerzlichglühende Freuden in der kraft⸗ loſen Gegenwart der Schatten ſeiner Abgeſchiedenen einſaugt, und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Graſe nie⸗ derſieht, und ausruft: Der Wanderer wird kommen, kom⸗ men, der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo „ Leiden des jungen Werther's. 79 iſt der Sänger, Fingal's trefflicher Sohn? Sein Fußtritt ggeeht über mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde.— O Freund! ich möchte gleich einem edeln Waffenträger das Schwert ziehn, meinen Fürſten von der zückenden Qual des langſam abſterbenden Lebens auf eeinmal befreien, und dem befreiten Halbgott meine Seele nachſenden. Am 19. October. Ach! dieſe Lücke, dieſe entſetzliche Lücke, die ich hier in meinem Buſen fühle!— Ich denke oft, wenn du ſie nur Einmal, nur Einmal an dieſes Herz drücken könnteſt, dieſe ganze Lücke würde ausgefüllt ſein. Am 26. October. Ja, es wird mir gewiß, Lieber! gewiß und immer ge⸗ wiſſer, daß an dem Daſein eines Geſchöpfes wenig gelegen iſt, ganz wenig. Es kam eine Freundin zu Lotten, und ich 4 ging herein in's Nebenzimmer, ein Buch zu nehmen, und onnte nicht leſen, und dann nahm ich eine Feder, zu ſchreiben. Ich hörte ſie leiſe reden; ſie erzählten einander unbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten: wie dieſe heirathet, wie jene krank, ſehr krank iſt. Sie hat einen trockenen Hu⸗ ſten, die Knochen ſtehen ihr zum Geſicht heraus, und kriegt Ohnmachten; ich gebe keinen Kreuzer für ihr Leben, ſagte ddie eine. Der N. N. iſt auch ſo übel dran, ſagte Lotte. Er iſt geſchwollen, ſagte die andere.— Und meine lebhafte Einbildungskraft verſetzte mich an's Bett dieſer Armen; ich ſah ſie, mit welchem Widerwillen ſie dem Leben den Rücken wandten, wie ſie— Wilhelm! und meine Weibchen redeten davon, wie man eben davon redet— daß ein Fremder ſtirbt. — Und wenn ich mich umſehe, und ſehe das Zimmer an, und rings um mich herum Lottens Kleider, und Albert's Scripturen, und dieſe Meubeln, denen ich nun ſo befreun⸗ det bin, ſogar dieſem Dintenfaſſe, und denke: Siehe, was du nun in dieſem Hauſe biſt! Alles in allem. Deine Freunde ehren dich! du machſt oft ihre Freude, und deinem Derzen ſcheint es, als wenn es ohne ſie nicht ſein könnte; und doch— wenn du nun gingſt, wenn du aus dieſem Leiden des jungen Werther's. Kreiſe ſchiedeſt) würden ſie, wie lange würden ſie die Lücke fühlen, die dein Verluſt in ihr Schickſal reißt? wie lange? — Ol ſo vergänglich iſt der Menſch, daß er auch da, wo er ſeines Daſeins eigentliche Gewißheit hat, da, wo er den einzigen wahren Eindruck ſeiner Gegenwart macht, in dem Andenken, in der Seele ſeiner Lieben, daß er auch da ver⸗ löſchen, verſchwinden muß, und das ſo bald! Am 27. October. Ich möchte mir oft die Bruſt zerreißen, und das Ge⸗ hirn einſtoßen, daß man einander ſo wenig ſein kann. Ach, die Liebe, Freude, Wärme und Wonne, die ich nicht hinzu⸗ bringe, wird mir der andere nicht geben, und mit einem gan⸗ 6 zen Herzen voll Seligkeit werde ich den andern nicht be⸗ glücken, der kalt und kraftlos vor mir ſteht. Am 27. October Abends. Ich habe ſo viel, und die Empfindung an ihr ver⸗ ſchlingt alles; ich habe ſo viel, und ohne ſie wird mir alles zu nichts. Am 30. October. Wenn ich nicht ſchon hundertmal auf dem Punkte ge⸗ ſtanden bin, ihr um den Hals zu fallen! Weiß der große Gott, wie einem das thut, ſo viele Liebenswürdigkeit vor Einem herumkreuzen zu ſehen, und nicht zugreifen zu dür⸗ fen; und das Zugreifen iſt doch der natürlichſte Trieb der Menſchheit! Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihne in den Sinn fällt?— Und ich? Am 3. November. Weiß Gott! ich lege mich ſo oſt zu Bette mit dem Wunſch, ja manchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und Morgens ſchlage ich die Augen auf, ſehe die Sonne wieder, und bin elend. O daß ich launiſch ſein könnte, könnte die Schuld auf's Wetter, auf einen Dritten, auf eine fehlgeſchlagene Unternehmung ſchieben, ſo würde die unerträgliche Laſt des Unwillens doch nur halb auf mir ru⸗ hen. Wehe mirl ich fühle zu wahr, daß an mir allein alle Leiden des jungen Werther's. 81 Schuld liegt— nicht Schuld! Genug, daß in mir die Quelle alles Elendes verborgen iſt, wie ehemals die Quelle aller Seligkeit. Bin ich nicht noch eben derſelbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindung herumſchwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfaſſen? Und dies Herz iſt jetzt todt, aus ihm fließen keine Entzückungen mehr; meine Augen ſind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Thränen gelabt werden, ziehen ängſtlich meine Stirn zu⸗ ſammen. Ich leide viel; denn ich habe verloren, was mei⸗ nes Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich ſchuf; ſie iſt dahin!— Wenn ich zu meinem Fenſter hinaus an den fernen Hügel ſehe, wie die Morgenſonne über ihn her den Nebel durchbricht und den ſtillen Wieſengrund beſcheint, und der ſanfte Fluß zwiſchen ſeinen entblätterten Weiden zu mir herſchlängelt — oi wenn da dieſe herrliche Natur ſo ſtarr vor mir ſteht wie ein lackirtes Bildchen, und alle die Wonne keinen Tro⸗ pfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angeſicht ſteht wie ein verſiegter Brunn, wie ein verlechzter Eimer! Ich habe mich oft auf den Boden geworfen, und Gott um Thränen gebeten, wie ein Ackersmann um Regen, wenn de Pirnnel ehern über ihm iſt, und um ihn die Erde ver⸗ dürſtet. Aber achl ich fühle es, Gott giebt Regen und Sonnen⸗ ſchein nicht unſerem ungeſtümen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich quält, warum waren ſie ſo ſelig, als weil ich mit Geduld ſeinen Geiſt erwartete, und die Wonne, die er über mich ausgoß, mit ganzem innig dankbarem Herzen aufnahm! Am 8. November. Sie hat mir meine Exceſſe vorgeworfen! ach, mit ſo viel Liebenswürdigkeit! Meine Exceſſe, daß ich mich manchmal von einem Glaſe Wein verleiten laſſe, eine Bouteille zu trin⸗ ken. Thun Sie es nicht! ſahie ſie; denken Sie an Lotten! — Denken! ſagte ich: brauchen Sie mir das zu heißen? Ich denke!— ich denke nicht! Sie ſind immer vor meiner 6 82 Leiden des jungen Werther's. Seele. Heute ſaß ich an dem Flecke, wo Sie neulich aus der Kutſche ſtiegen— ſie redete was anders, um mich nicht tiefer in den Text kommen zu laſſen. Beſter! ich bin dahin! Sie kann mit mir machen, was ſie will. Am 15. November. Ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Antheil, füur deinen wohlmeinenden Rath, und bitte dich ruhig zu ſein. Laß mich ausdulden! ich habe bei all meiner Müdſeligkeit noch Kraft genug durchzuſetzen. Ich ehre die Religion, das weißt du; ich fühle, daß ſie manchem Ermatteten Stab, manchem Verſchmachtenden Erquickung iſt. Nur— kann ſte denn, muß ſie denn das einem Jeden ſein? Wenn du die große Welt anſiehſt, ſo ſiehſt du Tauſende, denen ſie es nicht war, Tauſende denen ſie es nicht ſein wird, gepre⸗ digt oder ungepredigt: und muß ſie mir es denn ſein? Sagt nicht ſelbſt der Sohn Gottes, daß die um ihn ſein würden, die ihm der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin? wenn mich nun der Vater für ſich behalten will, wie mir mein Herz ſagt?— Ich bitte dich, lege das nicht falſch aus, ſieh nicht etwa Spott in dieſen unſchuldigen Worten! es iſt meine ganze Seele, die ich dir vorlege; ſonſt wollte ich lieber, ich hätte geſchwiegen: wie ich denn über alles das, wovon jedermann ſo wenig weiß als ich, nicht gerne ein Wort verliere. Was iſt es anders als Menſchenſchickſal, ſein Maß auszuleiden, ſeinen Becher aus⸗ zutrinken?— Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf ſeiner Menſchenlippe zu bitter, warum ſoll ich groß thun, und mich ſtellen, als ſchmeckte er mir ſüß? Und warum ſollte ich mich ſchämen, in dem ſchrecklichen Augenblick, da mein ganzes Weſen zwiſchen Sein und Nichtſein zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finſtern Abgrunde der Zukunft leuchtet, und alles um mich her verſinkt, und mit mir die Welt untergeht— iſt es da nicht die Stimme der ganz in ſich gedrängten, ſich ſelbſt ermangelnden und unaufhaltſam hinabſtürzenden Creatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirſchen: Mein Gott! mein Gott! warum haſt du mich verlaſſen? Und ſollt' ich mich des Ausdrucks ſchämen, ſollte es mir vor dem Leiden des jungen Werther's. 83 Augenblicke bange ſein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zuſammenrollt wie ein Tuch? Am 21. November. Sie ſieht nicht, ſie fühlt nicht, daß ſie ein Gift bereitet, das mich und ſie zu Grunde richten wird; und ich, mit voller Wolluſt ſchlürfe den Becher aus, den ſie mir zu mei⸗ nem Verderben reicht. Was ſoll der gütige Blick, mit dem ſie mich oft— oft?— nein, nicht oft, aber doch manchmal anſieht, die Gefälligkeit, womit ſie einen unwillkürlichen Aus⸗ druck meines Gefühles aufnimmt, das Mitleiden mit mei⸗ ner Duldung, das ſich auf ihrer Stirne zeichnet? Geſtern, als ich wegging, reichte ſie mir die Hand, und ſagte: Adieu, lieber Werther!— Lieber Werther! Es war das erſtemal, daß ſie mich Lieber hieß, und es ging mir durch Mark und Bein. Ich habe es mir hundertmal wie⸗ derholt, und geſtern Nacht, da ich zu Bette gehen wollte, und mit mir ſelbſt allerlei ſchwatzte, ſagte ich ſo auf ein⸗ mal: Gute Nacht, lieber Werther! und mußte hernach ſelbſt über mich lachen. 3 Am 22. November. Ich kann nicht beten: Laß mir ſie! und doch kommt ſie mir oft als die Meine vor. Ich kann nicht beten: Gieb mir ſie! denn ſie iſt eines Andern. Ich witzle mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir's nachließe, es gäbe eine ganze Litanei von Antitheſen. Am 24. November. Sie fühlt, was ich dulde. Heute iſt mir ihr Blick tief durch's Herz gedrungen. Ich fand ſie allein; ich ſagte nichts, und ſie ſah mich an. Und ich ſah nicht mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen Geiſtes: das war alles vor meinen Augen verſchwunden. Ein weit herrlicherer Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigſten Antheils, des ſüßeſten Mitleidens. Warum durfte ich mich nicht ihr zu Füßen werfen? warum durfte ich nicht an ihrem Hals mit tauſend Küſſen antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zum Clavier, und hauchte mit 6* Leiden des jungen Werther's. ſüßer, leiſer Stimme harmoniſche Laute zu ihrem Spiele. Nie habe ich ihre Lippen ſo reizend geſehen; es war, als wenn ſie ſich lechzend öffneten, jene ſüßen Töne in ſich zu ſchlürfen, die aus dem Inſtrument hervorquollen, und nur der himmliſche Wiederhall aus dem reinen Munde zurück⸗ klänge.— Ja, wenn ich dir das ſo ſagen könnte!— Ich widerſtand niche länger, neigte mich und ſchwur: Nie will ich es wagen, einen Kuß eu⸗ aufzudrücken, Lippen, auf de⸗ nen die Geiſter des Himmels ſchweben!— Und doch— ich will— Hal ſiehſt du, das ſteht wie eine Scheidewand vor meiner Seele— dieſe Seligkeit— und dann untergegangen, dieſe Sünde abzubüßen!— Sünde? Am 26. November. Manchmal ſag' ich mir: Dein Schickſal iſt einzig; preiſe die übrigen glücklich!— ſo iſt noch keiner gequält worden. Dann leſe ich einen Dichter der Vorzeit, und es iſt mir, als ſäh' ich in mein eigenes Herz. Ich habe ſo viel auszuſte⸗ hen! Ach! ſind denn Menſchen vor mir ſchon ſo elend geweſen? Am 30. November. 1 Ich ſoll, ich ſoll nicht zu mir ſelbſt kommen! Wo ich hintrete, begegnet mir eine Erſcheinung, die mich aus aller Faſſung bringt. Heute! o Schickſal! o Menſchheit! Ich gehe an dem Waſſer hin in der Mittagsſtunde; ich hatte keine Luſt zu eſſen. Alles war öde, ein naßkalter Abendwind blies vom Berge, und die grauen Regenwolken zogen das Thal hinein. Von fern ſah ich einen Menſche in einem grünen, ſchlechten Rocke, der zwiſchen den Felſen herumkrabbelte, und Kräuter zu ſuchen ſchien. Als ich nä⸗ her zu ihm kam, und er ſich auf das Geräuſch, das ich machte, herumdrehte, ſah ich eine intereſſante Phyſiognomie, darin eine ſtille Trauer den Hauptzug machte, die aber ſonſt nichts, als einen geraden, guten Sinn ausdrückte; ſeine ſchwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen geſteckt, und die übrigen in einen ſtarken Zopf geflochten, der ihm den Rücken herunterhing. Da mir ſeine Kleidung einen Menſchen von geringem Stande zu bezeichnen ſchien, — Leiden des jungen Werther's. 85 glaubte ich, er würde es nicht übel nehmen, wenn ich auf ſeine Beſchäftigung aufmerkſam wäre, und daher fragte ich ihn, was er ſuchte? Ich ſuche, antwortete er mit einem tiefen Seufzer, Blumen— und finde keine.— Das iſt auch die Jahrszeit nicht, ſagte ich lächelnd.— Es giebt ſo viele Blumen, ſagte er, indem er zu mir herunter kam. In meinem Garten ſind Roſen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein Vater gegeben, ſie wachſen wie Unkraut; ich ſuche ſchon zwei Tage darnach, und kann ſie nicht finden. Da haußen ſind auch immer Blumen, gelbe und blaue und rothe, und das Tauſendgüldenkraut hat ein ſchönes Blümchen. Keines kann ich finden.— Ich merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Um⸗ weg: Was will Er denn mit den Blumen? Ein wunder⸗ bares, zuckendes Lächeln verzog ſein Geſicht.— Wenn Er mich nicht verrathen will, ſagte er, indem er den Finger auf den Mund drückte, ich habe meinem Schatz einen Strauß verſprochen. Das iſt brav, ſagte ich. Ol ſagte er, ſie hat viel andere Sachen, ſie iſt reich.— Und doch hat ſie Seinen Strauß lieb, verſetzte ich. Ol fuhr er fort, ſie hat Juwelen und eine Krone.— Wie heißt ſie denn?— Wenn mich die Generalſtaaten bezahlen wollten, verſetzte er, ich wär' ein anderer Menſch! Ja, es war einmal eine Zeit, da mir es ſo wohl war! Jetzt iſt es aus mit mir. Ich bin nun— Ein naſſer Blick zum Himmel drückte alles aus. Er war alſo glücklich? fragte ich. Achl! ich wollte, ich wäre wieder ſo! ſagte er. Da war mir es ſo wohl, ſo luſtig, ſo leicht, wie einem Fiſche im Waſſer!— Heinrich! rief eine alte Frau, die den Weg herkam, Heinrich! wo ſteckſt du? wir hab i dich überall geſucht! komm' zum Eſſen! — Iſt das euer Sohn? fragt' ich, zu ihr tretend. Wohl, mein armer Sohnl! verſetzte ſie. Gott hat mir ein ſchwe⸗ res Kreuz aufgelegt. Wie lange iſt er ſo? fragte ich. So ſtille, ſagte ſie, iſt er nun ein halbes Jahr. Gott ſei Dank, daß er nur ſo weit iſt! vorher war er ein ganzes Jahr raſend, da hat er an Ketten im Tollhauſe gelegen. Jetzt thut er niemand nichts; nur hat er immer mit Königen und Kaiſern zu ſchaffen. Er war ein ſo guter, ſtiller Menſch, der mich ernähren half, ſeine ſchöne Hand ſchrieb; und auf ein⸗ — ͦ ⸗— 86 Leiden des jungen Werther's. mal wird er tiefſinnig, fällt in ein hitziges Fieber, daraus in Raſerei, und nun iſt er, wie Sie ihn ſehen. Wenn ich Ihm erzählen ſollte, Herr— Ich unterbrach den Strom ihrer Worte mit der Frage: Was war denn das für eine Zeit, von der er rühmt, daß er ſo glücklich, ſo wohl darin eweſen ſei? Der thörichte Menſch! rief ſie mit mitleidigem ächeln; da meint er die Zeit, da er von ſich war, das rühmt er immer; das iſt die Zeit, da er im Tollhauſe war, wo er nichts von ſich wußte.— Das fiel mir auf, wie ein Donnerſchlag; ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand, und verließ ſie eilend. Da du glücklich warſt! rief ich aus, ſchnell vor mich hin nach der Stadt zu gehend, da dir es wohl war, wie einem Fiſch im Waſſer!— Gott im Himmel! Haſt du das zum Schickſal der Menſchen gemacht, daß ſie nicht glücklich ſind, als ehe ſie zu ihrem Verſtande kommen, und wenn ſie ihn wieder verlieren!— Elender, und auch wie beneide ich dei⸗ nen Trübſinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du verſchmachteſt! Du gehſt hoffnungsvoll aus, deiner Köni⸗ gin Blumen zu pflücken— im Winter!— und trauerſt, da du keine findeſt, und begreifſt nicht, warum du keine fin⸗ den kannſt. Und ich— und ich gehe ohne Hoffnung, ohne Zweck heraus, und kehre wieder heim, wie ich gekommen bin.— Du wähnſt, welcher Menſch du ſein würdeſt, wenn die Generalſtaaten dich bezahlten. Seliges Geſchöpf, das den Mangel ſeiner Glückſeligkeit einem irdiſchen Hinderniß zuſchreiben kann! Du fühlſt nicht! du fühlſt nicht, daß in deinem zerſtörten Herzen, in deinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige der Erde dir nicht helfen können. Müſſe der troſtlos umkommen, der eines Kranken ſpot⸗ tet, der nach der entfernteſten Quelle reiſt, die ſeine Krank⸗ heit vermehren, ſein Ausleben ſchmerzhafter machen wird! der ſich über das bedrängte Herz erhebt, das, um ſeine Gewiſſensbiſſe los zu werden, und die Leiden ſeiner Seele abzuthun, eine Pilgrimſchaft nach dem heiligen Grabe thut! Jeder Fußtritt, der ſeine Sohlen auf ungebahntem Wege durchſchneidet, iſt ein Linderungstropfen der geängſteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereiſe legt ſich das Leiden des jungen Werther's. 87 Herz um viele Bedrängniſſe leichter nieder.— Und dürft öhr das Wahn nennen, ihr Wortkrämer auf euern Polſtern! — Wahn!— O Gott! du ſiehſt meine Thränen! Muß⸗ teſt du, der du den Menſchen arm genug erſchufſt, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bißchen Armuth, das bißchen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf ddih, du Allliebender! Denn das Vertrauen zu einer heilen⸗ den Wurzel, zu den Thränen des Weinſtockes, was iſt es, als Vertrauen zu dir, daß du in alles, was uns umgiebt, Heil⸗ und Linderungskraft gelegt haſt, der wir ſo ſtünd⸗ lich bedürfen? Vater! den ich nicht kenne! Vater! der ſonſt meine ganze Seele füllte, und nun ſein Angeſicht von mir ggewendet hatl rufe mich zu dir! ſchweige nicht länger! dein Scchweigen wird dieſe dürſtende Seele nicht aufhalten.— und würde ein Menſch, ein Vater zürnen können, dem ſein unvermuthet rückkehrender Sohn um den Hals fiele und iefe: Ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, daß ich ddie Wanderſchaft abbreche, die ich nach deinem Willen län⸗ ggeer aushalten ſollte! Die Welt iſt überall einerlei, auf Miühe und Arbeit, Lohn und Freude; aber was ſoll mir das? mir iſt nur wohl, wo du biſt, und vor deinem Ange⸗ ſicht will ich leiden und genießen.— Und du, lieber him⸗ mlſſcher Vater, ſollteſt ihn von dir weiſen? . Am 1. December. Wilhelm! der Menſch, von dem ich dir ſchrieb, der glück⸗ liche Unglückliche, war Schreiber bei Lottens Vater, und eine Leidenſchaft zu ihr, die er nährts, verbarg, entdeckte, und worüber er aus dem Dienſt geſchickt wurde, hat ihn ra⸗ ſend gemacht. Fühle bei dieſen trockenen Worten, mit wel⸗ chem Unſinne mich die Geſchichte ergriffen hat, da mir ſie Albert eben ſo gelaſſen erzählte, als du ſie vielleicht lieſeſt. 1 Am 4. December. Ich bitte dich!— Siehſt du, mit mir iſt's aus, ich trag' es nicht länger! Heute ſaß ich bei ihr— ſaß, ſie ſpielte auf ihrem Clavier, mannichfaltige Melodien, und all den Aus⸗ druck! all!— all!l— Was willſt du?— Ihr Schweſter⸗ chen putzte ihre Puppe auf meinem Knie. Mir kamen die Leiden des jungen Werther's. Thränen in die Augen. Ich neigte mich, und ihr Trauring fiel mir in's Geſicht— meine Thränen floſſen.— Und auf einmal fiel ſie in die alte himmelſüße Melodie ein, ſo auf einmal, und mir durch die Seele gehen ein Troſtgefühl und eine Erinnerung des Vergangenen, der Zeiten, da ich das Lied gehört, der düſtern Zwiſchenräume, des Verdruſſes, der fehlgeſchlagenen Hoffnungen, und dann— Ich ging in der Stube auf und nieder; mein Herz erſtickte unter dem Zu⸗ dringen. Um Gottes willen, ſagte ich, mit einem heftigen Ausbruch hin gegen ſie fahrend, um Gottes willen, hören Sie auf! Sie hielt und ſah mich ſtarr an. Werther, ſagte ſie mit einem Lächeln, das mir durch die Seele ging, Wer⸗ ther, Sie ſind ſehr krank; Ihre Lieblingsgerichte widerſtehen Ihnen. Gehen Sie! Ich bitte Sie, beruhigen Sie ſich! Ich riß mich von ihr weg und,— Gott! du ſiehſt mein Elend, und wirſt es enden. Am 6. December. Wie mich die Geſtalt verfolgt! Wachend und träumend füllt ſie meine ganze Seele! Hier, wenn ich die Augen ſchließe, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft ſich vereinigt, ſtehen ihre ſchwarzen Augen. Hier! ich kann dir es nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, ſo ſind ſie da; wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen ſie vor mir, in mir, füllen die Sinne meiner Stirn. Was iſt der Menſch, der geprieſene Halbgott! Erman⸗ geln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er ſie am nöthig⸗ ſten braucht? Und wenn er in Freude ſich aufſchwingt, oder im Leiden verſinkt, wird er nicht in beiden eben da aufge⸗ halten, eben da zu dem ſtumpfen, kalten Bewußtſein wieder zurückgebracht, da er ſich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren ſehnte? Der Herausgeber an den Leſer. Wie ſehr wünſcht' ich, daß uns von den letzten merk⸗ würdigen Tagen unſeres Freundes ſo viel eigenhändige Zeugniſſe übrig geblieben wären, daß ich nicht nöthig hätte, Leiden des jungen Werther's. 89 die Folge ſeiner hinterlaſſenen Briefe durch Erzählung zu unterbrechen. Ich habe mir angelegen ſein laſſen, genaue Nachrichten aus dem Munde derer zu ſammeln, die von ſeiner Geſchichte wohl unterrichtet ſein konnten; ſie iſt einfach, und es kom⸗ men alle Erzählungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten mit einander überein; nur über die Sinnesarten der han⸗ delnden Perſonen ſind die Meinungen verſchieden, und die Urtheile getheilt. Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Mühe erfahren können, gewiſſenhaft zu erzählen, die von dem Abſcheidenden hinterlaſſenen Briefe einzuſchalten, und das kleinſte aufgefundene Blättchen nicht gering zu achten; zumal, da es ſo ſchwer iſt, die eigenſten, wahren Triebfedern auch nur einer einzelnen Handlung zu entdecken, wenn ſie unter Menſchen vorgeht, die nicht gemei⸗ ner Art ſind! 5 1 Unmuth und Unluſt hatten in Werther's Seele immer tiefer Wurzel geſchlagen, ſich feſter unter einander verſchlun⸗ gen und ſein ganzes Weſen nach und nach eingenommen. Die Harmonie ſeines Geiſtes war völlig zerſtört; eine in⸗ nerliche Hitze und Heftigkeit, die alle Kräfte ſeiner Natur durch einander arbeitete, brachte die widrigſten Wirkungen hervor, und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung übrig, aus der er noch ängſtlicher emporſtrebte, als er mit allen Uebeln bisher gekämpft hatte. Die Beängſtigung ſeines Her⸗ zens zehrte die übrigen Kräfte ſeines Geiſtes, ſeine Lebhaf⸗ tigkeit, ſeinen Scharfſinn auf; er ward ein trauriger Ge⸗ ſellſchafter, immer unglücklicher, und immer ungerechter, je unglücklicher er ward. Wenigſtens ſagen dies Albert's Freunde; ſie behaupten, daß Werther einen reinen, ruhigen Mann, der nun eines langgewünſchten Glückes theilhaftig geworden, und ſein Betragen, ſich dieſes Glück auch auf die Zukunft zu erhalten, nicht habe beurtheilen können, er, der gleichſam mit jedem Tage ſein ganzes Vermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert, ſa⸗ gen ſie, hatte ſich in ſo kurzer Zeit nicht verändert, er war noch immer derſelbige, den Werther ſo von Anfang her kannte, ſo ſehr ſchätzte und ehrte. Er liebte Lotten über alles, er war ſtolz auf ſie, und wünſchte ſie auch von jeder⸗ Leiden des jungen Werther's. mann als das herrlichſte Geſchöpf anerkannt zu wiſſen. War es ihm daher zu verdenken, wenn er auch jeden Schein des Verdachts abzuwenden wünſchte, wenn er in dem Au⸗ genblicke mit Niemand dieſen köſtlichen Beſitz auch auf die unſchuldigſte Weiſe zu theilen Luſt hatte? Sie geſtehen ein, daß Albert oft das Zimmer ſeiner Frau verlaſſen, wenn Werther bei ihr war, aber nicht aus Haß, noch Abneigung gegen ſeinen Freund, ſondern nur, weil er gefühlt habe, daß dieſer von ſeiner Gegenwart gedrückt ſei. Lottens Vater war von einem Uebel befallen worden, das ihn in der Stube hielt; er ſchickte ihr ſeinen Wagen, und ſie fuhr hinaus. Es war ein ſchöner Wintertag; der erſte Schnee war ſtark gefallen, und deckte die ganze Gegend. Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Al⸗ bert ſie nicht abzuholen käme, ſie herein zu begleiten. Das klare Wetter konnte wenig auf ſein trübes Gemüth wirken; ein dumpfer Druck lag auf ſeiner Seele, die traurigen Bilder hatten ſich bei ihm feſtgeſetzt, und ſein Gemüth kannte keine Bewegung, als von einem ſchmerzlichen Gedanken zum an⸗ dern. Wie er mit ſich im ewigen Unfrieden lebte, ſchien ihm auch der Zuſtand anderer nur bedenklicher und ver⸗ worrener; er glaubte, das ſchöne Verhältniß zwiſchen Albert und ſeiner Gattin geſtört zu haben, er machte ſich Vorwürfe darüber, in die ſich ein heimlicher Unwille gegen den Gat⸗ ten miſchte. Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf dieſen Gegenſtand. Ja, jal ſagte er zu ſich ſelbſt mit heim⸗ lichem Zähneknirſchen, das iſt der vertraute, freundliche, zärt⸗ liche, an allem theilnehmende Umgang, die ruhige, dauernde Treue! Sattigkeit iſt's und Gleichgültigkeit! Zieht ihn nicht jedes elende Geſchäft mehr an, als die theure, köſtliche Frau? Weiß er ſein Glück zu ſchätzen? weiß er ſie zu achten, wie ſie es verdient? Er hat ſie, nun gut, er hat ſie.— Ich weiß das, wie ich was anders auch weiß, ich glaube an den Gedanken gewöhnt zu ſein, er wird mich noch raſend ma⸗ chen, er wird mich noch umbringen.— Und hat denn die Freundſchaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht in mei⸗ ner Anhänglichkeit an Lotten ſchon einen Eingriff in ſeine Rechte, in meiner Aufmerkſamkeit für ſie einen ſtillen Vor⸗ wurfe Ich weiß es wohl, ich fühl' es, er ſieht mich un⸗ Leiden des jungen Werther's. 91 gern er wünſcht meine Entfernung; meine Gegenwart iſt ihm beſchwerlich. 3 Oft hielt er ſeinen raſchen Schritt an, oft ſtand er ſtille, und ſchien umkehren zu wollen: allein er richtete ſeinen Gang immer wieder vorwärts, und war mit dieſen Gedan⸗ ken und Selbſtgeſprächen endlich gleichſam wider Willen bei dem Jagdhauſe angekommen. Er trat in die Thür, fragte nach dem Alten und nach Lotten; er fand das Haus in einiger Bewegung. Der äl⸗ teſte Knabe ſagte ihm, es ſei drüben in Wahlheim ein Un⸗ glück geſchehen; es ſei ein Bauer erſchlagen worden.— Es mmachte das weiter keinen Eindruck auf ihn.— Er trat in ddie Stube, und fand Lotten beſchäftigt, dem Alten zuzure⸗ den, der ungeachtet ſeiner Krankheit hinüber wollte, um an 1 Drt und Stelle die That zu unterſuchen. Der Thäter war nooch unbekannt; man hatte den Erſchlagenen des Morgens vor der Hausthüre gefunden, man hatte Muthmaßungen: der Entleibte war Knecht einer Wittwe, die vorher einen an⸗ dern im Dienſte gehabt, der mit Unfrieden aus dem Hauſe gekommen war. Da Werther dieſes hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf. Iſt's möglich! rief er aus; ich muß hinüber, ich kann nicht einen Augenblick ruhen. Er eilte nach Wahlheim zu; jede Erin⸗ nerung ward ihm lebendig, und er zweifelte nicht einen Au⸗ genblick, daß jener Menſch die That begangen, den er ſo manchmal geſprochen, der ihm ſo werth geworden war. Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo ſie den Körper hingelegt hatten, entſetzt' er ſich vor dem ſonſt ſo geliebten Platze. Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder ſo oft geſpielt hatten, war mit Blut be⸗ ſudelt. Liebe und Treue, die ſchönſten menſchlichen Empfin⸗ dungen, hatten ſich in Gewalt und Mord verwandelt. Die ſtarken Bäume ſtanden ohne Laub und bereift; die ſchönen Secken, die ſich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten, waren entblättert und die Grabſteine ſahen, mit Schnee be⸗ ddeckt, durch die Lücken hervor. Als er ſich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Doorf verſammelt war, entſtand auf einmal ein Geſchrei. Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter Männer, 92 Leiden des jungen Werther's. und ein jeder rief, daß man den Thäter herbeiführe. Wer⸗ ther ſah hin und blieb nicht lange zweifelhaft. Ja! es war der Knecht, der jene Wittwe ſo ſehr liebte, den er vor eini⸗ ger Zeit, mit dem ſtillen Grimme, mit der heimlichen Ver⸗ zweiflung umhergehend, angetroffen hatte. Was haſt du begangen, Unglücklicher! rief Werther aus, indem er auf den Gefangenen losging. Dieſer ſah ihn ſtill an, ſchwieg, und verſetzte endlich ganz gelaſſen:„Keiner wird ſie haben; ſie wird Keinen haben.“ Man brachte den Gefangenen in die Schenke, und Werther eilte fort. Durch die entſetzliche, gewaltige Berührung war alles, was in ſeinem Weſen lag, durch einander geſchüttelt wor⸗ den. Aus ſeiner Trauer, ſeinem Mißmuth, ſeiner gleichgül⸗ tigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick her⸗ ausgeriſſen; unüberwindlich bemächtigte ſich die Theilneh⸗ mung ſeiner, und es ergriff ihn eine unſägliche Begierde, den Menſchen zu retten. Er fühlte ihn ſo unglücklich, er fand ihn als Verbrecher ſelbſt ſo ſchuldlos, er ſetzte ſich ſo tief in ſeine Lage, daß er gewiß glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Schon wünſchte er, für ihn ſprechen zu kön⸗ nen, ſchon drängte ſich der lebhafteſte Vortrag nach ſeinen Lippen; er eilte nach dem Jagdhauſe, und konnte ſich un⸗ terwegs nicht enthalten, alles das, was er dem Amtmanm vorſtellen wollte, ſchon halb laut auszuſprechen. Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwär⸗/ tig; dies verſtimmte ihn einen Augenblick, doch faßte er ſich bald wieder, und trug dem Amtmann feurig ſeine Geſin⸗ nungen vor. Dieſer ſchüttelte einigemal den Kopf, und ob⸗ gleich Werther mit der größten Lebhaftigkeit, Leidenſchaft und Wahrheit alles vorbrachte, was ein Menſch zur Entſchuldi⸗ ung eines Menſchen ſagen kann, ſo war doch, wie ſich's eicht denken läßt, der Amtmann dadurch nicht gerührt. Er ließ vielmehr unſern Freund nicht ausreden, widerſprach ihm eifrig, und tadelte ihn, daß er einen Meuchelmörder in Schutz nehme: er zeigte ihm, daß auf dieſe Weiſe jedes Ge⸗ ſetz aufgehoben, alle Sicherheit des Staats zu Grunde ge⸗ richtet werde; auch ſetzte er hinzu, daß er in einer ſolchen Sache nichts thun könne, ohne ſich die größte Verantwor⸗ Leiden des jungen Werther's. 93 tung aufzuladen; es müſſe alles in der Ordnung, in dem vorgeſchriebenen Gang gehen. t Werther ergab ſich noch nicht, ſondern bat nur, der Amtmann möchte durch die Finger ſehen, wenn man dem Maenſchen zur Flucht behülflich wäre. Auch damit wies ihn dder Amtmann ab. Albert, der ſich endlich in's Geſpräch mmiſchte, trat auch auf des Alten Seite; Werther wurde überſtimmt, und mit einem entſetzlichen Leiden machte er ſich auf den Weg, nachdem ihm der Amtmann einigemal ge⸗ ſagt hatte: Nein! er iſt nicht zu retten! Wie ſehr ihm dieſe Worte aufgefallen ſein müſſen, ſehen wir aus einem Zettelchen, das ſich unter ſeinen Papieren fand, und das gewiß an dem nämlichen Tage geſchrieben worden: „Du biſt nicht zu retten, Unglücklicher! Ich ſehe wohl, daß wir nicht zu retten ſind.“ Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns geſprochen, war Werthern höchſt zuwider geweſen; er glaubte einige Empfindlichkeit gegen ſich darin bemerkt zu haben, und wenn gleich bei mehrerem Nachdenken ſeinem Scharfſinne nicht entging, daß beide Männer Recht haben möchten, ſo war es ihm doch, als ob er ſeinem innerſten Daſein entſagen müßte, wenn er es geſtehen, wenn er es zugeben ſollte. Ein Blättchen, das ſich darauf bezieht, das vielleicht ſein anzes Verhältniß zu Albert ausdrückt, finden wir unter ſamen Papieren: „Was hilft es, daß ich mir's ſage und wieder ſage, er iſt brav und gut, aber es zerreißt mir mein inneres Ein⸗ geweide; ich kann nicht gerecht ſein.“ Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing ſicc zum Thauen zu neigen, ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück. Unterwegs ſah ſie ſich hier und da um, eben als wenn ſie Werther's Begleitung vermißte. Albert fing voon ihm an zu reden, er tadelte ihn, indem er ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ; er berührte ſeine ungllickliche Lei⸗ denſchaft und wünſchte, daß es möglich ſein möchte, ihn zu 94 Leiden des jungen Werther's. d Von ſeiner Verworrenheit, Leidenſchaft, von ſeinem raſt⸗ loſen Treiben und Streben, von ſeiner Lebensmüde, ſind einige hinterlaſſene Briefe die ſtärkſten Zeugniſſe, die wir hier einrücken wollen. Am 12. December. „Aieber Wilhelm, ich bin in einem Zuſtande, in dem jene Unglücklichen geweſen ſein müſſen, von denen man glaubte, ſie würden von einem böſen Geiſte umhergetrieben. Leiden des jungen Werther's. 95 Manchmal ergreift mich's; es iſt nicht Angſt, nicht Begier — es iſt ein inneres unbekanntes Toben, das meine Bruſt zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! wehe! Und dann ſchweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Scenen dieſer menſchenfeindlichen Jahreszeit. Geſtern Abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Thau⸗ wetter eingefallen; ich hatte gehört, der Fluß ſei übergetre⸗ lten, alle Bäche geſchwollen, und von Wahlheim herunter mmein liebes Thal überſchwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauſpiel, vom Fels her⸗ unter die wühlenden Fluthen in dem Mondenlichte wir⸗ beln zu ſehen, über Aecker und Wieſen und Hecken und alles, und das weite Thal hinauf und hinab Eine ſtür⸗ maende See im Sauſen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat, und über der ſchwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Fluth in fürchterlich herrli⸗ chem Wiederſchein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach! mit offenen Armen ſtand ich gegen den Abgrund und athmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinab zu ſtürmen! dahinzubrauſen, wie die Wellen! Oh! — und den Fuß vom Boden zu heben vermochteſt du nicht, und alle Qualen zu enden!— Meine Uhr iſt noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! wie gern hätte ich mein Menſchſein drum gegeben, mit jenem Sturm⸗ winde die Wolken zu zerreißen, die Fluthen zu faſſen! Ha! und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal dieſe Wonne zu Theil? Und wie ich wehmüthig hinabſah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange— das war auch überſchwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte, Wilhelm! Und ihre Wieſen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! wie verſtört jetzt vom reißenden Strom unſere Laubel dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenſtrahl blickte herein, wie einem Ge⸗ fangenen ein Traum von Heerden, Wieſen und Ehrenäm⸗ tern! Ich ſtand!— Ich ſchelte mich nicht! denn ich habe Muth zu ſterben.— Ich hätte— Nun ſitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen ſtoppelt und ihr Leiden des jungen Werther's. Brod an den Thüren, um ihr hinſterbendes, freudeloſes Da- ſein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.“ Den 14. December. „Was iſt das, mein Lieber? Ich erſchrecke vor mir ſelbſt! Iſt nicht meine Liebe zu ihr, die heiligſte, reinſte, brüderlichſte Liebe? Habe ich jemals einen ſtrafbaren Wunſch in meiner Seele gefuͤhlt?— Ich will nicht betheuern! Und nun— Träume! Ol! wie wahr fühlten die Men⸗ ſchen, die ſo widerſprechende Wirkungen fremden Mächten zuſchrieben! Dieſe Nacht! ich zittre es zu ſagen, hielt ich ſie in meinen Armen, feſt an meinen Buſen gedrückt, und deckte ihren Liebe lispelnden Mund mit unendlichen Küſſen; mein Auge ſchwamm in der Trunkenheit des ihrigen! Gott! bin ich ſtrafbar, daß ich auch jetzt noch eine Seligkeit fühle, mir dieſe glühenden Freuden mit voller Innigkeit zurück⸗ zurufen? Lotte! Lotte!— Und mit mir iſt es aus! meine Sinne verwirren ſich; ſchon acht Tage habe ich keine Be⸗ ſinnungskraft mehr, meine Augen ſind voll Thränen; ich bin nirgend wohl, und überall wohl! ich wünſche nichts, ich verlange nichts; mir wäre beſſer, ich ginge.“ Der Entſchluß, die Welt zu verlaſſen, hatte in dieſer Zeit, unter ſolchen Umſtänden, in Werther's Seele immer mehr Kraft gewonnen. Seit der Rückkehr zu Lotten war es immer ſeine letzte Ausſicht und Hoffnung geweſen; doch hatte er ſich geſagt, es ſolle keine übereilte, keine raſche That ſein, er wolle mit der beſten Ueberzeugung, mit der mög⸗ lichſt ruhigen Entſchloſſenheit dieſen Schritt thun. 1 Seine Zweifel, ſein Streit mit ſich ſelbſt blicken aus einem Zettelchen hervor, das wahrſcheinlich ein angefange⸗ ner Brief an Wilhelm iſt, und ohne Datum unter ſeinen Papieren gefunden worden:. „Ihre Gegenwart, ihr Schickſal, ihre Theilnehmung an dem meinigen preßt noch die letzte Thräne aus meinem verſengten Gehirne.. Den Vorhang aufzuheben und dahinter zu treten! das iſt alles! Und warum das Zaudern und Zagen? Weil man nicht weiß, wie es dahinten ausſieht? und man nicht Leiden des jungen Werther's. 97 wiederkehrt? Und daß das nun die Eigenſchaft unſeres Geiſtes iſt, da Verwirrung und Finſterniß zu ahnen, wovon wir nichts Beſtimmtes wiſſen!“— Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt und befreundet, und ſein Vorſatz feſt und unwiderruflich, wovon folgender zweideutige Brief, den er an ſeinen Freund ſchrieb, ein Zeugniß abgiebt: Am 20. December. „Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort ſo aufgefangen haſt. Ja, du haſt Recht: mir wäre beſſer, ich ginge. Der Vorſchlag, den du zu einer Rückkehr zu euch thuſt, gefällt mir nicht ganz; wenigſtens möchte ich noch gerne einen Umweg machen, beſonders da wir anhaltenden Froſt und gute Wege zu hoffen haben. Auch iſt mir es ſehr lieb, daß du kommen willſt, mich abzuholen; verziehe nur noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren. Es iſt nöthig, daß nichts gepflückt werde, ehe es reif iſt; und vierzehn Tage auf oder ab thun viel. Meiner Mutter ſollſt du ſagen, daß ſie für ihren Sohn beten ſoll, und daß ich ſie um Vergebung bitte wegen alles Verdruſſes, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein Schickſal, die zu betrüben, denen ich Freude ſchuldig war! Leb' wohl, mein Theuerſter! Allen Segen des Himmels über dich! Leb' wohl!“ Was in dieſer Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Geſinnung gegen ihren Mann, gegen ihren unglücklichen Freund geweſen, getrauen wir uns kaum mit Worten aus⸗ 1 zudrücken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntniß ihres Charakters, wohl einen ſtillen Begriff machen können, und Jeeine ſchöne weibliche Seele ſich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann. So viel iſt gewiß, ſie war feſt bei ſich entſchloſſen, alles zu thun, um Werthern zu entfernen, und wenn ſie zauderte, ſo war es eine herzliche, freundſchaftliche Schonung, weil ſie wußte, wie viel es ihm koſten, ja, daß es ihm beinahe unmöglich ſein würde. Doch ward ſie in dieſer Zeit mehr gedrängt, Ernſt zu machen; es ſchwieg ihr Mann ganz 7 Leiden des jungen Werther's. über dies Verhältniß, wie ſie auch immer darüber geſchwie⸗ gen hatte, und um ſo mehr war ihr angelegen, ihm durch die That zu beweiſen, wie ihre Geſinnungen der ſeinigen werth ſeien. „ An demſelben Tage, als Werther den zuletzt eingeſchal⸗ teten Brief an ſeinen Freund geſchrieben, es war der Sonn⸗ tag vor Weihnachten, kam er Abends zu Lotten, und fand ſie allein. Sie beſchäftigte ſich, einige Spielwerke in Ord⸗ nung zu bringen, die ſie ihren kleinen Geſchwiſtern zum Chriſtgeſchenk zurecht gemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da Einen die unerwartete Oeffnung der Thür und die Erſcheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslich⸗ tern, Zuckerwerk und Aepfeln in paradieſiſche Entzückung ſetzte. Sie ſollen, ſagte Lotte, indem ſie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, Sie ſollen auch beſcheert kriegen, wenn Sie recht geſchickt ſind; ein Wachsſtöckchen und noch was.— Und was heißen Sie geſchickt ſein? rief er aus; wie ſoll ich ſein? wie kann ich ſein? beſte Lotte! Donnerstag Abend, ſagte ſie, iſt Weihnachtsabend; da kommen die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch— aber nicht eher!— Wer⸗ ther ſtutzte.— Ich bitte Sie, fuhr ſie fort, es iſt nun ein⸗ mal ſo; ich bitte Sie um meiner Ruhe willen; es kann nicht, es kann nicht ſo bleiben!— Er wendete ſeine Au⸗ gen von ihr, und ging in der Stube auf und ab, und murmelte das: Es kann nicht ſo bleiben! zwiſchen den ähnen. Lotte, die den ſchrecklichen Zuſtand fühlte, worein ihn dieſe Worte verſetzt hatten, ſuchte durch allerlei Fra⸗ gen ſeine Gedanken abzulenken, aber vergebens. Nein, Lotte! rief er aus, ich werde Sie nicht wiederſehen! Warum dass verſetzte ſie, Werther, Sie können, Sie müſſen uns wie⸗ derſehen; nur mäßigen Sie ſich! Ol warum mußten Sie mit dieſer Heftigkeit, dieſer unbezwinglich haftenden Leiden⸗ ſchaft für alles, was Sie einmal anfaſſen, geboren werden! Ich bitte Sie, fuhr ſie fort, indem ſie ihn bei der Hand nahm, mäßigen Sie ſich! Ihr Geiſt, Ihre Wiſſenſchaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannichfaltige Ergötzungen dar? Sein Sie ein Mann! wenden Sie dieſe Leiden des jungen Werther's. 99 traurige Anhänglichkeit von einem Geſchöpf, das nichts thun kann, als Sie bedauern!— Er knirrte mit den Zähnen, und ſah ſie düſter an. Sie hielt ſeine Hand. Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther! ſagte ſie. Fühlen Sie nicht, daß Sie ſich betrügen, ſich mit Willen zu Grunde rich⸗ ten! Warum denn mich, Werther? juſt mich, das Eigen⸗ thum eines Andern? juſt das? Ich fürchte, ich fürchte, es iſt nur die Unmöglichkeit, mich zu beſitzen, die Ihnen dieſen Wunſch ſo reizend macht. Er zog ſeine Hand aus der ihri⸗ gen, indem er ſie mit einem ſtarren, unwilligen Blick anſah. Weiſel rief er, ſehr weiſe! Hat vielleicht Albert dieſe Anmer⸗ kung gemacht? Politiſch! ſehr politiſch!— Es kann ſie je⸗ der machen, verſetzte ſie drauf. Und ſollte denn in der wei⸗ ten Welt kein Mädchen ſein, das die Wünſche Ihres Her⸗ zens erfüllte? Gewinnen Sie's über ſich, ſuchen Sie dar⸗ nach, und ich ſchwöre Ihnen, Sie werden ſie ſinden; denn ſchon lange ängſtigt mich, für Sie und uns, die Einſchrän⸗ ung, in die Sie ſich dieſe Zeit her ſelbſt gebannt haben. Gewinnen Sie es über ſich! Eine Reiſe wird Sie, muß Sie zerſtreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werthen Ge⸗ geenſtand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück, und laſſen Siie uns zuſammen die Seligkeit einer wahren Freundſchaft geenießen! Das könnte man, ſagte er mit einem kalten La⸗ chen, drucken laſſen, und allen Hofmeiſtern empfehlen. Liebe Lotte! laſſen Sie mir noch ein klein wenig Ruhl es wird alles werden!— Nur das, Werther, daß Sie nicht eher kommen, als Weihnachtsabend!— Er wollte antworten, und Albert trat in die Stube. Man bot ſich einen froſtigen Guten Abend, und ging verlegen im Zimmer neben ein⸗ ander auf und nieder. Werther fing einen unbedeutenden Discurs an, der bald aus war, Albert deßgleichen, der fodann ſeine Frau nach gewiſſen Aufträgen fragte, und als ker hörte, ſie ſeien noch nicht ausgerichtet, ihr einige Worte ſagte, die Werthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte ggeehen, er konnte nicht, und zauderte bis achte, da ſich denn ſein Unmuth und Unwillen immer vermehrte, bis der Tiſch ggeedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm. Albert lud üihn zu bleiben; er aber, der nur ein unbedeutendes Compli⸗ Bnnent zu hören glaubte, dankte kalt dagegen, und ging weg. 7* 100 Leiden des jungen Werther's. Er kam nach Hauſe, nahm ſeinen Burſchen, der ihm leuchten wollte, das Licht aus der Hand, und ging allein in ſein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht mit ſich ſelbſt, ging heftig die Stube auf und ab, und warf ſich end⸗ lich in ſeinen Kleidern auf's Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehen, um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefein ausziehen ſollte? das er denn zuließ, und dem Bedienten verbot, den andern Morgen in's Zimmer zu kommen, bis er ihn rufen würde. Montags früh, den einundzwanzigſten December, ſchrieb er folgenden Brief an Lotten, den man nach ſeinem Tode verſiegelt auf ſeinein Schreibtiſche gefunden und ihr über⸗ bracht hat, und den ich abſatzweiſe hier einrücken will, ſo wie aus den Umſtänden erhellet, daß er ihn geſchrieben habe. „Es iſt beſchloſſen, Lotte, ich will ſterben, und das ſchreibe ich dir ohne romantiſche Ueberſpannung, gelaſſen, an dem Morgen des Tages, an dem ich dich zum letztenmal ſehen werde. Wenn du dieſes lieſeſt, meine Beſte, deckt ſchon das kühle Grab die erſtarrten Reſte des Unruhigen, Unglückli⸗ chen, der für die letzten Augenblicke ſeines Lebens keine grö⸗ ßere Süßigkeit weiß, als ſich mit dir zu unterhalten. Ich habe eine ſchreckliche Nacht gehabt, und ach! eine wohlthä⸗ tige Nacht. Sie iſt es, die meinen Entſchluß befeſtigt, be⸗ ſtimmt hat: Ich will ſterben! Wie ich mich geſtern von dir riß, in der fürchterlichen Empörung meiner Sinne, wie ſich alles das nach meinem Herzen drängte, und mein hoff⸗ nungsloſes, freudeloſes Daſein neben dir in gräßlicher Kälte mich anpackte— ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich außer mir auf meine Kniee, und o Gott! du gewähr⸗ teſt mir das letzte Labſal der bitterſten Thränen! Tauſend Anſchläge, tauſend Ausſichten wütheten durch meine Seele, und zuletzt ſtand er da, feſt, ganz, der letzte einzige Gedanke: Ich will ſterben!— Ich legte mich nieder, und Morgens, in der Ruhe des Erachens, ſteht er noch feſt, noch ganz ſtark in meinem Herzen: Ich will ſterben!— Es iſt nicht Verzweiflung, es iſt Gewißheit, daß ich ausgetragen habe, und daß ich mich opfere für dich. Ja Lottel warum ſollte ich es verſchweigen? Eins von uns Dreien muß hinweg, Leiden des jungen Werther's. 101 and das will ich ſein! O meine Beſte! in dieſem zerriſſenen Herzen iſt es wüthend herumgeſchlichen oft— deinen Mann zu ermorden!— dich!— mich! So ſei es!— Wenn du hinaufſteigſt auf den Berg an einem ſchönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich ſo oft das Thal herauf⸗ kam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach mei⸗ nem Grabe! wie der Wind das hohe Gras im Scheine der ſinkenden Sonne hin und her wiegt!— Ich war ruhig, da ich anfing; nun, nun weine ich wie ein Kind, da alles da ſo lebhaft um mich wird.“— Gegen zehn Uhr rief Werther ſeinen Bedienten, und unter dem Anziehen ſagte er ihm, wie er in einigen Tagen verreiſen würde, er ſolle daher die Kleider auskehren, und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Be⸗ fehl, überall Conto's zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen, und einigen Armen, denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugetheiltes auf zwei Monate vorauszubezahlen. Er ließ ſich das Eſſen auf die Stube bringen, und nach Tiſche ritt er hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hauſe antraf. Er ging tiefſinnig im Garten auf und ab, und ſchien noch zuletzt alle Schwermuth der Erinnerung auf ſich häufen zu wollen. Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, ſie verfolg⸗ ten ihn, ſprangen an ihm hinauf, erzählten ihm, daß, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag wäre, ſie die Chriſtgeſchenke bei Lotten holten, und erzählten ihm Wunder, die ſich ihre kleine Einbildungskraft verſprach. Morgen! rief er aus, und wieder morgen! und noch ein Tag! und küßte ſie alle herzlich, und wollte ſie verlaſſen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr ſagen wollte. Der verrieth ihm, die großen Brüder hätten ſchöne Neu⸗ jahrswünſche geſchrieben, ſo groß! und einen für den Papa, für Albert und Lotten einen, auch einen für Herrn Werther; die wollten ſie am Neujahrstage früh überreichen. Das übermannte ihn; er ſchenkte jedem etwas, ſetzte ſich zu Pferde, ließ den Alten grüßen, und ritt mit Thränen in den Au⸗ gen davon. 102 Leiden des jungen Werther's. Gegen fünf Uhr kam er nach Hauſe, befahl der Magd, nach dem Feuer zu ſehen, und es bis in die Nacht zu unter⸗ halten. Den Bedienten hieß er Bücher und Wäſche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen. Darauf ſchrieb er wahrſcheinlich folgenden Abſatz ſeines letzten Brie⸗ fes an Lotten: „Du erwarteſt mich nicht! du glaubſt, ich würde gehor⸗ chen, und erſt Weihnachtsabend dich wiederſehen. O Lotte! heut oder nie mehr! Weihnachtsabend hältſt du dieſes Papier in deiner Hand, zitterſt, und benetzeſt es mit deinen lieben Thränen. Ich will, ich muß! Ol wie wohl iſt es mir, daß ich entſchloſſen bin!“ Lotte war indeß in einen ſonderbaren Zuſtand gerathen. Nach der letzten Unterredung mit Werthern hatte ſie em⸗ pfunden, wie ſchwer es ihr fallen werde, ſich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenn er ſich von ihr entfer⸗ nen ſollte. Es war wie im Vorübergehen in Albert's Gegenwart ge⸗ ſagt worden, daß Werther vor Weihnachtsabend nicht wieder⸗ kommen werde, und Albert war zu einem Beamten in der Nachbarſchaft geritten, mit dem er Geſchäfte abzuthun hatte, und wo er über Nacht ausbleiben mußte. Sie ſaß nun allein, keins von ihren Geſchwiſtern war um ſie; ſie überließ ſich ihren Gedanken, die ſtille über ihren Verhältniſſen herumſchweiften. Sie ſah ſich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, deſſen Liebe und Treue ſie kannte, dem ſie von Herzen zugethan war, deſſen Ruhe, deſſen Zu⸗ verläſſigkeit recht vom Himmel dazu beſtimmt zu ſein ſchien, daß eine wackere Frau das Glück ihres Lebens darauf grün⸗ den ſollte; ſie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf im⸗ mer ſein würde. Auf der andern Seite war ihr Werther ſo theuer geworden, gleich von dem erſten Augenblick ihrer Bekanntſchaft an hatte ſich die Uebereinſtimmung ihrer Ge⸗ müther ſo ſchön gezeigt, der lange dauernde Umgang mit ihm, ſo manche durchlebte Situationen hatten einen unaus⸗ löſchlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was ſie Intereſſantes fühlte und dachte, war ſie gewohnt, mit ihm zu theilen, und ſeine Entfernung drohete, in ihr ganzes We⸗ Leiden des jungen Werther's. 103 ſen eine Lücke zu reißen, die nicht wieder ausgefüllt werden ckonnte. O, hätte ſie ihn in dem Augenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre ſie geweſen!— hätte ſie ihn einer ihrer Freundinnen verheirathen dürfen, hätte ſie hoffen können, auch ſein Verhältniß gegen Albert ganz wieder herzuſtellen! Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht, und fand bei einer jeglichen etwas auszuſetzen, fand keine, der ſie ihn gegönnt hätte.. Ueber allen dieſen Betrachtungen fühlte ſie erſt tief, ohne ſich es deutlich zu machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen ſei, ihn für ſich zu behalten, und ſagte ſich da⸗ neben, daß ſie ihn nicht behalten könne, behalten dürfe; ihr reines, ſchönes, ſonſt ſo leichtes und leicht ſich helfendes Ge⸗ müth empfand den Druck einer Schwermuth, dem die Aus⸗ ſicht zum Glück verſchloſſen iſt. Ihr Herz war gepreßt, und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge. So war es halb ſieben geworden, als ſie Werthern die Treppe heraufkommen hörte, und ſeinen Tritt, ſeine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie ſchlug ihr Herz, und wir dürfen faſt ſagen zum erſtenmal bei ſeiner Ankunft. Sie hätte ſich gern vor ihm verläugnen laſſen, und als er hereintrat, rief ſie ihm mit einer Art von leidenſchaftlicher Verwirrung entgegen: Sie haben nicht Wort gehalten!— Ich habe nichts verſprochen, war ſeine Antwort. So hätten Sie wenigſtens meiner Bitte Statt geben ſollen, verſetzte ſie; ich bat Sie um unſerer beider Ruhe. Sie wußte nicht recht, was ſie ſagte, eben ſo wenig was ſie that, als ſie nach einigen Freundinnen ſchickte, um nicht mit Werthern allein zu ſein. Er legte einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und ſie wünſchte, bald daß ihre Freundinnen kommen, bald daß ſie wegblei⸗ ben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte die Nachricht, daß ſich beide entſchuldigen ließen. Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Ne⸗ benzimmer ſitzen laſſen, dann beſann ſie ſich wieder anders. Werther ging in der Stube auf und ab; ſie trat an's Cla⸗ vier und fing eine Menuet an, ſie wollte nicht fließen. Sie nahm ſich zuſammen, und ſetzte ſich gelaſſen zu Werthern, 104 Leiden des jungen Werther's. der ſeinen gewöhnlichen Platz auf dem Canapee eingenom⸗ men hatte. Haben Sie nichts zu leſen? ſagte ſie. Er hatte nichts. Dadrin in meiner Schublade, fing ſie an, liegt Ihre Ueber⸗ ſetzung einiger Geſänge Oſſian's; ich habe ſie noch nicht ge⸗ leſen; denn ich hoffte immer, ſie von Ihnen zu hören; aber ſeither hat ſich's nicht finden, nicht machen wollen. Er lächelte, holte die Lieder, ein Schauder überfiel ihn, als er ſie in die Hände nahm, und die Augen ſtunden ihm voll Thränen, als er hineinſah. Er ſetzte ſich nieder und las. „Stern der dämmernden Nacht, ſchön funkelſt du in We⸗ ſten, hebſt dein ſtrahlend Haupt aus deiner Wolke, wandelſt ſtattlich deinen Hügel hin. Wornach blickſt du auf die Heide? Die ſtürmenden Winde haben ſich gelegt; von Ferne kommt des Gießbachs Murmeln; rauſchende Wellen ſpielen am Fel⸗ ſen ferne; das Geſumme der Abendfliegen ſchwärmt über's Feld. Wornach ſiehſt du, ſchönes Licht? Aber du lächelſt und gehſt; freudig umgeben dich die Wellen, und baden dein liebliches Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl! Erſcheine, du herrliches Licht von Oſſian's Seele! „Und es erſcheint in ſeiner Kraft. Ich ſehe meine ge⸗ ſchiedenen Freunde, ſie ſammeln ſich auf Lora, wie in den Tagen, die vorüber ſind!— Fingal kommt wie eine feuchte Nebelſäule; um ihn ſind ſeine Helden, und, ſiehe! die Bar⸗ den des Geſanges! Grauer Ullin! Stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger! und du, ſanftklagende Minona!— Wie verändert ſeid ihr, meine Freunde, ſeit den feſtlichen Tagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Geſanges, wie Frühlingslüfte den Hügel hin wechſelnd beugen das ſchwach Kspelnde Gras. „Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit nieder⸗ geſchlagenem Blick und thränenvollem Auge; ſchwer floß ihr Haar im unſtäten Winde, der von dem Hügel her ſtieß. — Düſter ward's in der Seele der Helden, als ſie die lieb⸗ liche Stimme erhub; denn oft hatten ſie das Grab Sal⸗ gar's geſehen, oft die finſtere Wohnung der weißen Colma. Colma verlaſſen auf dem Hügel mit der harmoniſchen Stimme! Salgar verſprach zu kommen; aber ringsum zog Leiden des jungen Werther's. 105 ſich die Nacht. Höret Colma's Stimme, da ſie auf dem Hü⸗ gel allein ſaß! Colma. „Es iſt Nacht!— ich bin allein, verloren auf dem ſtür⸗ miſchen Hügel. Der Wind ſauſ't im Gebirge. Der Strom heult den Felſen hinab. Keine Hütte ſchützt mich vor dem Regen, mich Verlaſſene auf dem ſtürmiſchen Hügel. „Tritt, o Mond, aus deinen Wolken! erſcheinet, Sterne der Nacht] Leite mich irgend ein Strahl zu dem Orte, wo maeine Liebe ruht, von den Beſchwerden der Jagd, ſein Bo⸗ gen neben ihm abgeſpannt, ſeine Hunde ſchnobend um ihn! Aber hier muß ich ſitzen allein auf dem Felſen des ver⸗ weachſenen Stroms. Der Strom und der Sturm ſauſt, ich höre nicht die Stimme meines Geliebten. „Warum zaudert mein Salgar? Hat er ſein Wort ver⸗ geſſen?— Da iſt der Fels und der Baum, und hier der rauſchende Strom! Mit einbrechender Nacht verſprachſt du hier zu ſein; ach! wohin hat ſich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich fliehen, verlaſſen Vater und Bruder! die ſtol⸗ zen! Lange ſind unſere Geſchlechter Feinde, aber wir ſind keine Feinde, o Salgar! „Schweig' eine Weile, o Wind! ſtill eine kleine Weile, o Strom! daß meine Stimme klinge durch's Thal, daß mein Wanderer mich höre! Salgar! ich bin's, die ruft! Hier iſt der Baum und der Fels! Salgar! mein Lieber! hier bin ich; warum zauderſt du zu kommen? 4„Sieh, der Mond erſcheint, die Fluth glänzt im Thale, ddie Felſen ſtehen grau den Hügel hinauf; aber ich ſeh' ihn nicht auf der Höhe, ſeine Hunde vor ihm her verkündigen nicht ſeine Ankunft. Hier muß ich ſitzen allein. „Aber wer ſind, die dort unten liegen auf der Heide? 1— Mein Geliebter? Mein Bruder?— Redet, o meine Freundel Sie antworten nicht. Wie geängſtet iſt meine Seelel— Ach, ſie ſind todt! Ihre Schwerter roth vom Gefechte! O mein Bruder, mein Bruder! warum haſt du meinen Salgar erſchlagen? O mein Salgar! warum haſt du meinen Bruder erſchlagen? Ihr wart mir beide ſo lieb! O du warſt ſchön an dem Hügel unter tauſenden! Er 106 Leiden des jungen Werther's. war ſchrecklich in der Schlacht. Antwortet mir! hört meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach! ſie ſind ſtumm! ſtumm auf ewig! kalt wie die Erde, iſt ihr Buſen! 3 „O von dem Felſen des Hügels, von dem Gipfel des ſtürmenden Berges redet, Geiſter der Todten! redet, mir ſoll es nicht grauſen!— Wohin ſeid ihr zur Ruhe gegangen? In welcher Gruft des Gebirges ſoll ich euch finden?— Keine ſchwache Stimme vernehme ich im Winde, keine we⸗ hende Antwort im Sturme des Hügels. „Ich ſitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Thränen. Wühlet das Grab, ihr Freunde der Todten, aber ſchließt es nicht, bis ich komme! Mein Leben ſchwindet wie ein Traum; wie ſollt' ich zurückbleiben? Hier will ich wohnen mit meinen Freunden, an dem Strome des klingenden Felſens.— Wenn's Nacht wird auf dem Hügel, und Wind kommt über die Heide, ſoll mein Geiſt im Winde ſtehen und trauern den Tod meiner Freunde. Der Jäger hört mich aus ſeiner Laube, fürchtet meine Stimme und liebt ſie; denn ſüß ſoll meine Stimme ſein um meine Freunde; ſie waren mir beide ſo lieb!. „Das war dein Geſang, o Minona, Thorman's ſanft erröthende Tochter. Unſere Thränen floſſen um Colma, und unſere Seele ward düſter. „Ullin trat auf mit der Harfe, und gab uns Alpin's Geſang.— Alpin's Stimme war freundlich, Ryno's Seele ein Feuerſtrahl. Aber ſchon ruhten ſie im engen Hauſe, und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einſt kehrte Ullin zurück von der Jagd, ehe die Helden noch fielen. Er hörte ihren Wettegeſang auf dem Hügel. Ihr Lied war ſanft aber traurig. Sie klagten Morar's Fall, des erſten der Helden. Seine Seele war wie Fingal's Seele, ſein Schwert wie das Schwert Oscar's.— Aber er fiel, und ſein Vater jammerte, und ſeiner Schweſter Augen ware voll Thränen, Minona's Augen waren voll Thränen, der Schweſter des herrlichen Morar's. Sie trat zurück vor Ullin's Geſang, wie der Mond im Weſten, der den Sturm⸗ regen vorausſieht, und ſein ſchönes Haupt in eine Wolke verbirgt.— Ich ſchlug die Harfe mit Ullin zum Geſange des Jammers. Leiden des jungen Werther's. 107 3 Ryno. „Vorbei ſind Wind und Regen; der Mittag iſt ſo hei⸗ teerr, die Wolken theilen ſich. Fliehend beſcheint den Hügel ddie unbeſtändige Sonne. Röthlich fließt der Strom des Berges im Thale hin. Süß iſt dein Murmeln, Strom; doch ſüßer die Stimme, die ich höre. Es iſt Alpin's Stimme, er bejammert den Todten. Sein Haupt iſt vor Alter ge⸗ beugt, und roth ſein thränendes Auge. Alpin, trefflicher Sänger! warum allein auf dem ſchweigenden Hügeld warum jammerſt du, wie ein Windſtoß im Walde, wie eine Welle am fernen Geſtade? 3 Alpin. 3„Meine Thränen, Ryno, ſind für die Todten, meine Sctimme für die Bewohner des Grabes. Schlank biſt du auf dem Hügel, ſchön unter den Söhnen der Heide! Aber du wirſt fallen wie Morar, und auf deinem Grabe der Trauernde ſitzen. Die Hügel werden dich vergeſſen, deine Bogen in der Halle liegen ungeſpannt. 3„Du warſt ſchnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, ſchrecklich wie die Nachtfener am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht wie Wetter⸗ leuchten über der Heide, deine Stimme gleich dem Wald⸗ ſtrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen vor deinem Arm, die Flamme deines Grim⸗ mes verzehrte ſie. Aber wenn du wiederkehrteſt vom Kriege, wie friedlich war deine Stimmel dein Angeſicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter, gleich dem Monde in der ſchweigenden Nacht, ruhig deine Bruſt, wie der See, wenn ſich des Windes Brauſen gelegt hat. „Eng iſt nun deine Wohnung! finſter deine Stättel mit drei Schritten meſſ' ich dein Grab, o dul der du ehe ſo groß warſt! Vier Steine mit mooſigen Häuptern ſind dein einziges Gedächtniß; ein entblätterter Baum, langes Gras, das im Winde wiſpelt, deutet dem Auge des Jä⸗ gers das Grab des mächtigen Morar's. Keine Mutter haſt du, dich zu beweinen, kein Mädchen mit Thränen der Liebe; todt iſt, die dich gebar, gefallen die Tochter von Morglan. „Wer auf ſeinem Stabe iſt das? wer iſt es, deſſen Haupt 108 Leiden des jungen Werther's. weiß iſt vor Alter, deſſen Augen roth ſind von Thränen? Es iſt dein Vater, o Morar! der Vater keines Sohnes außer dir! Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht; er hörte von zerſtobenen Feinden; er hörte Morar's Ruhm! Ach! nichts von ſeiner Wunde? Weine, Vater Morar's! weinel aber dein Sohn hört dich nicht. Tief iſt der Schlaf der Todten, niedrig ihr Kiſſen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht er auf deinen Ruf. Ol wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem Schlum⸗ merer: Erwache! „Lebe wohl, edelſter der Menſchen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich das Feld ſehen! nimmer der düſtere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls! Du hinterlie⸗ ßeſt keinen Sohn, aber der Geſang ſoll deinen Namen er⸗ halten; künftige Zeiten ſollen von dir hören, hören von 3 dem gefallenen Morar! „Laut war die Trauer der Helden, am lauteſten Armin's berſtender Seufzer. Ihn erinnerte es an den Tod ſeines Sohnes; er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor ſaß nahe bei dem Helden, der Fürſt des hallenden Galmal. Warum ſchluchzet der Seufzer Armin's? ſprach er; was iſt hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Geſang, die Seele zu ſchmelzen und zu ergötzen? Sie ſind wie ſanfter Neber, der ſteigend vom See auf's Thal ſprüht, und die blühen⸗ den Blumen füllet das Naß; aber die Sonne kommt wie⸗ der in ihrer Kraft, und der Nebel iſt gegangen. Warum biſt du ſo jammervoll, Armin, Herrſcher des ſeeumfloſſenen Gorma? 3 „Jammervoll! Wohl, das bin ich, und nicht gering die Urſache meines Wehs.— Carmor, du verlorſt keinen Sohn, verlorſt keine blühende Tochter; Colgar, der tapfere, lebt, und Amira, die ſchönſte der Mädchen. Die Zweige deines Hauſes blühen, o Carmor; aber Armin iſt der letzte ſeines Stammes. Finſter iſt dein Bett, o Daura! dumpf iſt dein Schlaf im Grabe.— Wann erwachſt du mit deinen Geſängen, mit deiner melodiſchen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbſtes! auf! ſtürmt über die finſtere Heidel Wald⸗ ſtröme brauſt! heult, Stürme im Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond! zeige wechſelnd Leiden des jungen Werther's. 109. dein bleiches Geſicht! Erinnere mich der ſchrecklichen Nacht, da meine Kinder umkamen, da Arindal, der mächtige, fiel, Daura, die liebe, verging. „Daura, meine Tochter, du warſt ſchön! ſchön, wie der Mond auf den Hügeln von Fura, weiß, wie der gefallene Schnee, ſüß, wie die athmende Luft! Arindal, dein Bogen war ſtark, dein Speer ſchnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle, dein Schild eine Feuerwolke im Sturme! „Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Daura's Liebe; ſie widerſtand nicht lange. Schön waren die Hoff⸗ nungen ihrer Freunde. „Erath, der Sohn Odgal's, grollte; denn ſein Bruder lag erſchlagen von Armar. Er kam, in einen Schiffer ver⸗ kleidet. Schön war ſein Nachen auf der Welle, weiß ſeine Locken vor Alter, ruhig ſein ernſtes Geſicht. Schönſte der Mädchen, ſagte er, liebliche Tochter von Armin, dort am Felſen, nicht fern in der See, dort wartet Armar auf Daura: ich komme, ſeine Liebe zu führen über die rollende See. „Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete, als die Stimme des Felſens. Armar! mein Lieber! mein Lieber! warum ängſteſt du mich ſo? Höre, Sohn Arnath's! höre! Daura iſt's, die dich ruft! „Erath, der Verräther, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief nach ihrem Vater und Bruder: Arindal! Armin! Iſt keiner, ſeine Daura zu retten? „Arindal betritt die Wellen in ſeinem Boote, Daura her⸗ überzubringen. Armar kam in ſeinem Grimme, drückt' ab den graubefiederten Pfeil; er klang, er ſank in dein Herz, o Arindal! mein Sohn! Statt Erath, des Verräthers, kamſt du um; das Boot erreichte den Felſen, er ſank dran nieder, und ſtarb. Zu deinen Füßen floß deines Bruders Blut; welch war dein Jammer, o Daura! 110 Leiden des jungen Werther's. „Die Wellen zerſchmetterten das Boot. Armar ſtürzte ſich in die See, ſeine Daura zu retten oder zu ſterben. Schnell ſtürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen; er ſank und hob ſich nicht wieder. 4 „Allein auf dem ſeebeſpülten Felſen hörte ich die Kla⸗ gen meiner Tochter. Viel und laut war ihr Schreien; doch konnte ſie ihr Vater nicht retten. Die ganze Nacht ſtand ich am Ufer, ich ſah ſie im ſchwachen Strahle des Mon⸗ des, die ganze Nacht hörte ich ihr Schreien; laut war der Wind, und der Regen ſchlug ſcharf nach der Seite des Ber⸗ ges. Ihre Stimme ward ſchwach, ehe der Morgen erſchien; ſie ſtarb weg, wie die Abendluft zwiſchen dem Graſe der Felſen. Beladen mit Jammer ſtarb ſie und ließ Armin allein! Dahin iſt meine Stärke im Kriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen. „Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hoch hebt, ſitze ich am ſchallenden Ufer, ſchaue nach dem ſchrecklichen Felſen. Oft im ſinkenden Monde ſehe ich die Geiſter meiner Kinder, halb dämmernd wan⸗ deln ſie zuſammen in trauriger Eintracht.“ Ein Strom von Thränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werther's Geſang. Er warf das Papier hin, faßte ihre Hand und weinte die bitterſten Thränen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen in's Schnupftuch. Die Bewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes Elend in dem Schickſale der Edeln, fühlten es zuſammen, und ihre Thränen vereinigten ſich. Die Lippen und Augen Werther's glühten an Lottens Arme; ein Schauer überfiel ſie; ſie wollte ſich entfernen, und Schmerz und Antheil lagen be⸗ täubend wie Blei auf ihr. Sie athmete, ſich zu erholen, und bat ihn ſchluchzend, fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels! Werther zitterte, ſein Herz wollte berſten; er hob das Blatt auf und las halbgebrochen: „Warum weckſt du mich, Frühlingsluft? Du buhlſt und ſprichſt: Ich bethaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens iſt nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabſtört! Morgen wird der Wanderer kommen, Leiden des jungen Werther's. 111 kommen, der mich ſah in meiner Schönheit; ringsum wird ſein Auge im Felde mich ſuchen, und wird mich nicht fin⸗ den.—* Die ganze Gewalt dieſer Worte fiel über den Unglück⸗ lichen. Er warf ſich vor Lotten nieder in der vollſten Ver⸗ zweiflung, faßte ihre Hände, drückte ſie in ſeine Augen, wider ſeine Stirn, und ihr ſchien eine Ahnung ſeines ſchreck⸗ lichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinne verwirrten ſich; ſie drückte ſeine Hände, drückte ſie wider ihre 1 4 Bruſt, neigte ſich mit einer wehmüthigen Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten ſich. Die Welt ver⸗ ging ihnen. Er ſchlang ſeine Arme um ſie her, preßte ſie an ſeine Bruſt, und deckte ihre zitternden, ſtammelnden Lip⸗ pen mit wüthenden Küſſen. Wertherl rief ſie, mit erſtickter Stimme, ſich abwendend, Werther! und drückte mit ſchwa⸗ cher Hand ſeine Bruſt von der ihrigen; Werther! rief ſie mit dem gefaßten Tone des edelſten Gefühles. Er wider⸗ ſtand nicht, ließ ſie aus ſeinen Armen, und warf ſich un⸗ ſinnig vor ſie hin. Sie riß ſich auf, und in ängſtlicher Verwirrung, bebend zwiſchen Liebe und Zorn, ſagte ſie: Das iſt das letztemal, Werther! Sie ſehen mich nicht wie⸗ der. Und mit dem vollſten Blicke der Liebe auf den Elen⸗ den eilte ſie in's Nebenzimmer und ſchloß hinter ſich zu. Werrther ſtreckte ihr die Arme nach, getraute ſich nicht ſie zu halten. Er lag an der Erde, den Kopf auf dem Ca⸗ napee, und in die ieb er über eine halbe Stunde, bis i ſich ſelbſt rief. Es war decken wollte. Er ging im ſich wieder allein ſah, ging d rief mit leiſer Stimme: Ein Wort! ein Lebewohl!— Sie bat und harrte; dann riß er ſich auf ewig lebe wohl! Wächter, die ihn ſchon gend hinaus. Es ſtiebte und erſt gegen eilfe klopfte er te, als Werther nach Hauſe Hut fehlte. Er getraute ſich 112 Leiden des jungen Werther's. nicht etwas zu ſagen, entkleidete ihn; alles war naß. Man hat nachher den Hut auf einem Felſen, der an dem Ab⸗ hange des Hügels in's Thal ſieht, gefunden, und es iſt unbegreiflich, wie er ihn in einer finſtern, feuchten Nacht, ohne zu ſtürzen, fei Jen hat. Er legte ſich zu Bette und ſchlief lange. Der Bediente fand ihn ſchreibend, als er ihm den andern Morgen auf ſein Rufen den Kaffee brachte. Er ſchrieb Folgendes am Briefe an Lotten: „Zum letztenmale denn, zum letztenmale ſchlage ich dieſe Augen auf. Sie ſollen ach! die Sonne nicht mehr ſehen; ein trüber, neblichter Tag hält ſie bedeckt. So traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht ſich ſeinem Ende. Lotte! das iſt ein Gefühl ohne Gleichen, und doch kommt es dem dämmernden Traum am nächſten, zu ſich zu ſagen: Das iſt der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich habe keinen Sinn für das Wort der letztel Stehe ich nicht da in meiner ganzen Kraft? und morgen liege ich ausgeſtreckt und ſchlaff am Boden. Sterben! was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode re⸗ den. Ich habe manchen ſterben ſehen; aber ſo eingeſchränkt iſt die Menſchheit, daß ſie für ihres Daſeins Anfang und Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einen Augenblick— getrennt, geſchieden!— vielleicht auf ewig?— Nein, Lotte, nein!— Wie kann ich vergehen? wie kannſt du vergehen? Wir ſind ja!— Ver⸗ gehen!— Was heißt das? Das iſt wieder ein Wort! ein leerer Schall! ohne Gefühl für mein Herz!— Tod, Lotte! eingeſcharrt der kalten Erde, ſo eng! ſo finſter!— Ich hatte eine Freundin, die mein Alles war meiner hülfloſen Jugend; ſie ſtarb und ich folgte ihrer Leiche, und ſtand an dem Grabe, wie ſie den Sarg hinunterließen, und die Seile ſchnurrend unter ihm weg und wieder herauf ſchnellten, dann die erſte Schaufel hinunterſchollerte, und die ängſtliche Lade einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dum⸗ pfer, und endlich bedeckt war! Ich ſtürzte neben das Grab hin— ergriffen, erſchüttert, geängſtet, zerriſſen mein Innerſtes, aber ich wußte nicht, wie mir geſchah— wie mir geſchehen wird!— Sterben! Grabl ich verſtehe die Worte nichti Leiden des jungen Werther's. 113 O vergieb mir! vergieb mir! Geſtern!— es hätte der letzte Augenblick meines Lebens ſein ſollen. O du Engel! zum erſtenmale, zum erſtenmale ganz ohne Zweifel durch mein Inniginnerſtes durchglühte mich das Wonnegefühl: Sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf mei⸗ nen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen ſtrömte; neue, warme Wonne iſt in meinem Herzen. Vergieb mir! vergieb mir! Ach ich wußte, daß du mich liebteſt, wußte es an den erſten ſeelenvollen Blicken, an dem erſten Händedruck: und doch, wenn ich wieder weg war, wenn ich Alberten an dei⸗ ner Seite ſah, verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln. Erinnerſt du dich der Blumen, die du mir ſchickteſt, als du in jener fatalen Geſellſchaft mir kein Wort ſagen, keine Hand reichen konnteſt? O!l ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und ſie verſiegelten mir deine Liebe. Aber ach! dieſe Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade ſeines Gottes allmählich wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle in heiligen ſicht⸗ baren Zeichen gereicht ward. Alles das iſt vergänglich, aber keine Ewigkeit ſoll das glihende Leben auslöſchen, das ich geſtern auf deinen Lip⸗ pen genoß, das ich in mir fühle! Sie liebt mich! Dieſer Arm hat ſie umfaßt, dieſe Lippen haben auf ihren Lippen gezittert, dieſer Mund hat an dem ihrigen geſtammelt! Sie iſt mein! Du biſt mein! ja, Lotte, auf ewig! Und was iſt das, daß Albert dein Mann iſt? Mann! Das wäre denn für dieſe Welt— und für dieſe Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ich dich aus ſeinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut; und ich ſtrafe mich dafür: ich habe ſie in ihrer ganzen Himmelswonne geſchmeckt, dieſe Sünde, habe Lebensbalſam und Kraft in mein Herz. geſaugt. Du biſt von dieſem Augenblicke mein! mein, o Lotte! Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater! Dem will ich's klagen, und er wird mich tröſten, bis du kommſt, und ich fliege dir entgegen, und faſſe dich und bleibe bei dir vor dem Angeſichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen. Ich träume nicht, ich wähne nicht. Nahe am Grabe 114 Leiden des jungen Werther's. wird mir es heller. Wir werden ſein! wir werden uns wie⸗ derſehen! Deine Mutter ſehen! ich werde ſie ſehen, werde ſie finden, ach! und vor ihr mein ganzes Herz ausſchütten! Deine Mutter, dein Ebenbild!“ Gegen eilfe fragte Werther ſeinen Bedienten, ob wohl Al⸗ bert zurückgekommen ſei? Der Bediente ſagte Ja; er habe deſſen Pferd dahinführen ſehen. Darauf giebt ihm der Herr ein offenes Zettelchen, des Inhalts: „Wollen Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reiſe Ihre Piſtolen leihen? Leben Sie recht wohl!“ Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geſchlafen; was ſie gefürchtet hatte, war entſchieden, auf eine Weiſe entſchieden, die ſie weder ahnen noch fürchten konnte. Ihr ſonſt ſo rein und leicht fließendes Blut war in einer fie⸗ 1 berhaften Empörung; tauſenderlei Empfindungen zerrütteten das ſchöne Herz. War es das Feuer von Werther's Um⸗ armungen, das ſie in ihrem Buſen fühlte? war es Un⸗ wille über ſeine Verwegenheit? war es eine unmuthige Ver⸗ gleichung ihres gegenwärtigen Zuſtandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier Unſchuld und ſorgloſen Zutrauens an ſich ſelbſt? Wie ſollte ſie ihrem Manne entgegengehen? wie ihm eine Scene bekennen, die ſie ſo gut geſtehen durfte, und die ſie ſich doch zu geſtehen nicht getraute? Sie hatten ſo lange gegen einander geſchwiegen, und ſollte ſie die erſte ſein, die das Stillſchweigen bräche, und eben zur unrechten Zeit ihrem Gatten eine ſo unerwartete Entdeckung machte? Schon fürchtete ſie, die bloße Nachricht von Werther's Be⸗ ſuch werde ihm einen unangenehmen Eindruck machen, und nun gar dieſe unerwartete Kataſtrophe! Konnte ſie wohl hoffen, daß ihr Mann ſie ganz im rechten Lichte ſehen, ganz ohne Vorurtheil aufnehmen würde? und konnte ſie wün⸗ ſchen, daß er in ihrer Seele leſen möchte? und doch wie⸗ der, konnte ſie ſich verſtellen gegen den Mann, vor dem ſie immer wie ein kryſtallhelles Glas offen und frei geſtanden, und dem ſie keine ihrer Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins und das andere machte ihr Sorgen und ſetzte ſie in Verlegenheit; und immer kehr⸗ Leiden des jungen Werther's. ten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für ſie verloren war, den ſie nicht laſſen konnte, den ſie leider! ſich ſelbſt überlaſſen mußte, und dem, wenn er ſie verloren hatte, nichts mehr übrig blieb. Wie ſchwer lag jetzt, was ſie ſich in dem Augenblick nicht deutlich machen konnte, die Stockung auf ihr, die ſich unter ihnen feſtgeſetzt hatte! So verſtändige, ſo gute Menſchen fingen wegen gewiſſer heimlicher Verſchiedenheiten unter ein⸗ ander zu ſchweigen an, jedes dachte ſeinem Recht und dem Unrechte des andern nach, und die Verhältniſſe verwickelten und verhetzten ſich dergeſtalt, daß es unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritiſchen Momente, von dem alles ab⸗ hing, zu löſen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit ſie früher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nach⸗ ſicht wechſelsweiſe unter ihnen lebendig geworden und hätte ihre Herzen aufgeſchloſſen, vielleicht wäre unſer Freund noch zu retten geweſen. Noch ein ſonderbarer Umſtand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus ſeinen Briefen wiſſen, nie ein Geheimniß daraus gemacht, daß er ſich dieſe Welt zu verlaſſen ſehnte. Albert hatte ihn oft beſtritten; auch war zwiſchen Lotten und ihrem Mann manchmal die Rede davon geweſen. Dieſer, wie er einen entſchiedenen Widerwillen gegen die That empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von Em⸗ pfindlichkeit, die ſonſt ganz außer ſeinem Charakter lag, zu erkennen gegeben, daß er an dem Ernſt eines ſolchen Vor⸗ ſatzes ſehr zu zweifeln Urſach finde, er hatte ſich ſogar dar⸗ über einigen Scherz erlaubt, und ſeinen Unglauben Lotten mitgetheilt. Dies beruhigte ſie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken ihr das traurige Bild vorführten; von der andern aber fühlte ſie ſich auch dadurch gehindert, ihrem Manne die Beſorgniſſe mitzutheilen, die ſie in dem Augen⸗ blicke quälten. Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer ver⸗ legenen Haſtigkeit entgegen; er war nicht heiter, ſein Ge⸗ ſchäft war nicht vollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegſamen, kleinſinnigen Menſchen ge⸗ funden. Der üble Weg auch hatte ihn verdrießlich gemacht. Er fragte, ob nichts vorgefallen ſei, und ſie antwortete 8* 116 Leiden des jungen Werther's. mit Uebereilung, Werther ſei geſtern Abends da geweſen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er erhielt zur Antwort, daß einige Briefe und Packete auf ſeiner Stube lägen. Er ging hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den ſie liebte und ehrte, hatte einen neuen Ein⸗ druck in ihr Herz gemacht. Das Andenken ſeines Edel⸗ muths, ſeiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüth mehr be⸗ ruhigt; ſie fühlte einen heimlichen Zug, ihm zu folgen, ſie nahm ihre Arbeit und ging auf ſein Zimmer, wie ſie mehr zu thun pflegte. Sie fand ihn beſchäftigt, die Packete zu er⸗ brechen und zu leſen. Einige ſchienen nicht das Angenehmſte zu enthalten. Sie that einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und ſich an den Pnlt ſtellte zu ſchreiben. Sie waren auf dieſe Weiſe eine Stunde neben einander geweſen, und es ward immer dunkler in Lottens Gemüth. Sie fühlte, wie ſchwer es ihr werden würde, ihrem Mann, auch wenn er bei dem beſten Humor wäre, das zu entdecken, was ihr auf dem Herzen lag; ſie verfiel in eine Wehmuth, die ihr um deſto ängſtlicher ward, als ſie ſolche zu verber⸗ gen und ihre Thränen zu verſchlucken ſuchte. Die Erſcheinung von Werther's Knaben ſetzte ſie in die größte Verlegenheit; er überreichte Alberten das Zettelchen, der ſich gelaſſen nach ſeiner Frau wendete und ſagte: Gieb ihm die Piſtolen!„Ich laſſe ihm glückliche Reiſe wünſchen,“ ſagte er zum Jungen. Das ſiel auf ſie wie ein Donner⸗ ſchlag, ſie ſchwankte aufzuſtehen, ſie wußte nicht, wie ihr geſchah. Langſam ging ſie nach der Wand, zitternd nahm ſie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und zau⸗ derte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick ſie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vor⸗ bringen zu können, und als der zum Hauſe hinaus war, machte ſie ihre Arbeit zuſammen, ging in ihr Zimmer, in dem Zuſtande der unausſprechlichſten Ungewißheit. Ihr Herz weiſſagte ihr alle Schreckniſſe. Bald war ſie im Be⸗ griffe, ſich zu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geſchichte des geſtrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen; dann ſah ſie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigſten konnte ſie hoffen, , Leiden des jungen Werther's. 117 ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tiſch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur eetwas zu fragen kam, gleich gehen wollte und— blieb, machte die Unterhaltung bei Tiſch erträglich; man zwang ſich, man redete, man erzählte, man vergaß ſich. Der Knabe kam mit den Piſtolen zu Werthern, der ſie ihm mit Entzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe ſie ihm gegeben. Er ließ ſich Brod und Wein bringen, hieß den Kna⸗ ben zu Tiſche gehen, und ſetzte ſich nieder zu ſchreiben. „Sie ſind durch deine Hände gegangen, du haſt den Staub davon geputzt; ich küſſe ſie tauſendmal, du haſt ſie berührt: und du, Geiſt des Himmels, begünſtigſt meinen Entſchluß! und du, Lotte, reichſt mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünſchte, und ach! nun empfange. O ich habe meinen Jungen aus⸗ gefragt! Du zitterteſt, als du ſie ihm reichteſt, du ſagteſt kein Lebewohl!— Wehe! wehel kein Lebewohl!— Sollteſt du dein Herz für mich verſchloſſen haben, um des Augen⸗ blicks willen, der mich ewig an dich befeſtigte? Lotte, kein Jahrtauſend vermag den Eindruck auszulöſchen! und ich fühle es, du kannſt den nicht haſſen, der ſo für dich glüht.“ Nach Tiſche hieß er den Knaben alles vollends einpa⸗ cken, zerriß viele Papiere, ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hauſe, ging wieder aus vor's Thor, ungeachtet des Regens, in den gräf⸗ lichen Garten, ſchweifte weiter in der Gegend umher, und kam mit anbrechender Nacht zurück und ſchrieb. „Wilhelm, ich habe zum letztenmale Feld und Wald und den Himmel geſehen. Lebe wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröſte ſie, Wilhelm! Gott ſegne euch! Meine Sachen ſind alle in Ordnung. Lebt wohl! wir ſe⸗ hen uns wieder und freudiger.“ „Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergiebſt mir. Ich habe den Frieden deines Hauſes geſtört, ich habe Mißtranen zwiſchen euch gebracht. Lebe wohl! ich will es enden. O! daß ihr glücklich wärt durch meinen Tod! Al⸗ bert! Albert! mache den Engel glücklich! Und ſo wohne Gottes Segen über dir!“ 118 Leiden des jungen Werther's. Er kramte den Abend noch viel in ſeinen Papieren, zer⸗ riß vieles und warf es in den Ofen, verſiegelte einige Päcke mit Adreſſen an Wilhelm. Sie enthielten kleine Aufſätze, abgeriſſene Gedanken, deren ich verſchiedene geſehen habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und ſich eine Flaſche Wein geben laſſen, ſchickte er den Bedien⸗ ten, deſſen Kammer, wie auch die Schlafzimmer der Haus⸗ leute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der ſich dann in ſeinen Kleidern niederlegte, um frühe bei der Hand zu ſein; denn ſein Herr hatte geſagt, die Poſtpferde würden vor ſechſe vor's Haus kommen. Nach eilfe. „Alles iſt ſo ſtill um mich her, und ſo ruhig meine Seele. Ich danke dir, Gott, der du dieſen letzten Augen⸗ blicken dieſe Wärme, dieſe Kraft ſchenkeſt. Ich trete an das Fenſter, meine Beſte! und ſehe, und ſehe noch durch die ſtürmenden, vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! der Ewige trägt euch an ſeinem Herzen, und mich. Ich ſehe die Deichſelſterne des Wagens, des liebſten unter allen Geſtirnen. Wann ich Nachts von dir ging, wie ich aus deinem Thore trat, ſtand er gegen mir über. Mit welcher Trunkenheit habe ich ihn oft geſehen! oft mit auf⸗ gehobenen Händen ihn zum Zeichen, zum heiligen Merk⸗ ſteine meiner gegenwärtigen Seligkeit gemacht! und noch— O Lotte! was erinnert mich nicht an dich umgiebſt du mich nicht! und habe ich nicht, gleich einem Kinde, ungenügſam allerlei Kleinigkeiten zu mir geriſſen, die du Heilige berührt hatteſt! Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zurück, Lotte, und bitte dich, es zu ehren. Tauſend, tauſend Küſſe habe ich darauf gedrückt, tauſend Grüße ihm zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hauſe kam. 1 Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu ſchützen. Auf dem Kirchhof ſind zwei Lin⸗ denbäume, hinten in der Ecke nach dem Felde zu; dort wünſche ich zu ruhen. Er kann, er wird das für ſeinen Freund thun. Bitte ihn auch! Ich will frommen Chriſten nicht zumuthen, ihren Körper neben einen armen Ungllück⸗ lichen zu legen. Ach, ich wollte, ihr begrübt mich am Weg, “ — —— “ 1 1. 119 oder im einſamen Thale, daß Prieſter und Levit vor dem bezeichneten Steine ſich ſegnend vorübergingen und der Sa⸗ mariter eine Thräne weinte. Hier, Lotte! Ich ſchaudre nicht, den kalten ſchrecklichen Kelch zu faſſen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken ſoll! Du reichteſt mir ihn und ich zage nicht. All! alle! So ſind alle die Wünſche und Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, ſo ſtarr an der ehernen Pforte des To⸗ des anzuklopfen! Daß ich des Glückes hätte theilhaftig werden können, für dich zu ſterben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte muthig, ich wollte freudig ſterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederſchaffen könnte. Aber ach! das ward nur wenigen Edeln gegeben, ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen, und durch ihren Tod ein neues hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen! In dieſen Kleidern, Lotte, will ich begraben ſein; du haſt ſie berührt, geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum ge⸗ beten. Meine Seele ſchwebt über dem Sarge. Man ſoll meine Taſchen nicht ausſuchen. Dieſe blaßrothe Schleife, die du am Buſen hatteſt, als ich dich zum erſtenmale unter deinen Kindern fand— o küſſe ſie tauſendmal und erzähle ihnen das Schickſal ihres unglücklichen Freundes! Die Lie⸗ ben! ſie wimmeln um mich! Ach! wie ich mich an dich ſchloß! ſeit dem erſten Augenblick dich nicht laſſen konnte!— Dieſe Schleife ſoll mit mir begraben werden. An meinem Ge⸗ burtstage ſchenkteſt du mir ſie! Wie ich das alles verſchlang! — Achl ich dachte nicht, daß mich der Weg hierher führen Leiden des jungen Werther's. ſollte!—— Sei ruhig, ich bitte dich, ſei ruhig! Sie ſind geladen.— Es ſchlägt zwölfel So ſei es denn!— Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl! Ein Nachbar ſah den Blitz vom Pulver und hörte den Schuß fallen. Da aber alles ſtille blieb, achtete er nicht weiter drauf. Morgens um ſechſe tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet ſeinen Herrn an der Erde, die Piſtole und Blut. Er ruft; er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelte nur noch. Er läuft nach den Aerzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glie⸗ 120 Leiden des jungen Werther's. der. Sie weckt ihren Mann, ſie ſtehen auf; der Bediente bringt heulend und ſtotternd die Nachricht, Lotte ſinkt ohn⸗ mächtig vor Alberten nieder. Als der Medicus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung; der Puls ſchlug, die Glie⸗ der waren alle gelähmt. Ueber dem rechten Auge hatte er ſich durch den Kopf geſchoſſen; das Gehirn war herausge⸗ trieben. Man ließ ihn Pun Ueberfluß eine Ader am Arme; das Blut lief, er holte noch immer Athem. Aus dem Blut auf der Lehne des Seſſels konnte man ſchließen, er habe ſitzend vor dem Schreibtiſche die That vollbracht; dann iſt er herunter geſunken, hat ſich convul⸗ ſiviſch um den Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenſter entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Klei⸗ dung, geſtiefelt, im blauen Frack mit gelber Weſte. Das Haus, die Nachbarſchaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man auf das Bette ge⸗ legt, die Stirn verbunden; ſein Geſicht ſchon wie eines Tod⸗ ten, er rührte kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchter⸗ lich, bald ſchwach, bald ſtärker; man erwartete ſein Ende. Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. Emilia Galotti lag auf dem Pulte aufgeſchlagen. Von Albert'’s Beſtürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts ſagen! Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingeſprengt; er küßte den Sterbenden unter den heißeſten Thränen. Seine älteſten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße; ſie ſielen ne⸗ ben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigſten Schmer⸗ zens, küßten ihm die Hände und den Mund, und der älteſte, den er immer am meiſten geliebt, hing an ſeinen Lippen, bis er verſchieden war und man den Knaben mit Gewalt weg⸗ riß. Um zwölfe Mittags ſtarb er. Die Gegenwart des Amt⸗ mannes und ſeine Anſtalten tuſchten einen Auflauf Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Stätte begraben, die er ſich erwählt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geiſtlicher hat ihn begleitet. Ende. 1 1 — . ——.. fffffffffffffff 8 9 10 11 12 14 16 1