ᷣ — — J. W. von Goethe. Erſter Theil. NeuedhAusgabe Reutlingen,— bei Fleiſchhauer n d S 1835. — Goethe's Ged. An die Guüͤnſtigen. Dicter lieben nicht zu ſchweigen, Wollen ſich der Menge zeigen. Lob und Tadel muß ja ſeyn! Niemand beichtet gern in Proſa; Doch vertraun wir oft ſub Roſa In der Muſen ſtillem Hain. Was ich irrte, was ich ſtrebte, Was ich litt und was ich lebte, Sind hier Blumen nur im Strauß! Und das Alter wie die Jugend, Und der Fehler wie die Tugend Nimmt ſich gut in Liedern aus. Der neue Amadis. Als ich noch ein Knabe war, Sperrte man mich ein; Und ſo ſaß ich manches Jahr Ueber mir allein, Wie in Mutterleib. Doch du warſt mein Zeitvertreib, Gold'ne Fantaſie, Und ich ward ein warmer Held, 1 † Wie der Prinz Piyi, Und durchzog die Welt. Baute manch kryſtallen Schloß, Und zerſtoͤrt' es auch, 4 Warf mein blinkendes Geſchoß 4 Drachen durch den Bauch, Ja ich war ein Mann! Ritterlich befreit' ich dann Die Prinzeſſin Fiſch; Sie war gar zu obligeant, Fuͤhrte mich zu Diſch, Und ich war galant. Und ihr Kuß war Goͤtterbrod, 3„ Gluͤhend wie der Wein. Ach! ich liebte faſt mich todt!+ Rings mit Sonnenſchein War ſie emaillirt. Ach! wer hat ſie mir entfuͤhrt? Hielt kein Zauberband Sie zurück vom ſchnellen Fliehn? Sagt, wo iſt ihr Land? Wo der Weg dahin? —— Stirbt der Fuchs, ſo gilt der Balg. 1 Nach Mittage ſaßen wir Junges Volk im Kuͤhlen; Amor kam, und ſtirbt der Fuchs Wollt' er mit uns ſpielen. —— — 52— Jeder meiner Freunde ſaß Froh bei ſeinem Herzchen; Amor blies die Fackel aus, Sprach: hier iſt das Kerzchen! Und die Fackel, wie ſie glomm, Ließ man eilig wandern, Jeder druͤckte ſie geſchwind In die Hand des andern. Und mir reichte Dorilis Sie mit Spott und Scherze; Kaum beruͤhrt mein Finger ſie, Hell entflammt die Kerze. Sengt mir Augen und Geſicht, Setzt die Bruſt in Flammen, Ueber meinem Haupte ſchlug Faſt die Gluth zuſammen. Loͤſchen wollt' ich, patſchte zu; Doch es brennt beſtaͤndig; Statt zu ſterben ward der Fuchs Recht bei mir lebendig. Heidenroöslein. Sah ein Knab' ein Roͤslein ſtehn, Noͤslein auf der Heiden, War ſo jung und mortgenſchoͤn, Lief er ſchn ell es nah zu ſehn, Sah's mit vielen Freuden. Roͤslein, Roͤslein, Roͤslein roth, Roͤslein auf der Heiden. — 6— Knabe ſprach: ich breche dich, Noͤslein auf der Heiden; Roͤslein ſprach: ich ſteche dich, Daß du ewig denkſt an mich, Und ich will's nicht leiden. Roͤslein, Roͤslein, Roͤslein roth, Roͤslein auf der Heiden. Und der wilde Knabe brach 's Roͤslein auf der Heiden; Roͤslein wehrte ſich und ſtach, Half ihr doch kein Weh und Ach, Mußt' es eben leiden. Roͤslein, Roͤslein, Roͤslein roth, Roͤslein auf der Heiden. Blinde Kuh⸗ O liebliche Thereſe! Wie wandelt gleich ins Boͤſe Dein offnes Auge ſich! Die Augen zugebunden, Haſt du mich ſchnell gefunden, Und warum fingſt du eben mich? Du faßteſt mich aufs beſte, Und hielteſt mich ſo feſte, Ich ſank in deinen Schooß. Kaum warſt du aufgebunden, War alle Luſt verſchwunden; Du ließeſt kalt den Blinden los. z — 4—— — 7— Er tappte hin und wieder, Verrenkte faſt die Glieder, Und alle foypten ihn. Und willſt du mich nicht lieben; So geh' ich ſtets im Truͤben, Wie mit verbundnen Augen hin. Die Sprode. An dem reinſten Fruͤhlingsmorgen Ging die Schaͤferin und ſang, Jung und ſchoͤn und ohne Sorgen, Daß es durch die Felder klang, So la la! le ralla! Thyrſis bot ihr fuͤr ein Maͤulchen Zwei, drei Schaͤfchen gleich am Ort, Schalkhaft blickte ſie ein Weilchen: Doch ſie ſang und lachte fort, So la la! le ralla. Und ein Andrer bot ihr Baͤnder, Und der Dritte bot ſein Herz; Doch ſie trieb mit Herz und Baͤndern So wie mit den Laͤmmern Scherz, Nur la la! le ralla. Die Bekehrte. Bei dem Glanze der Abendroͤthe Ging ich ſtill den Wald entlang, Damon ſaß und blies die Floͤte, — 3— Daß es von den Felſen klang, So la la! und er zog mich, ach! an ſich nieder, Kuͤßte mich ſo hold, ſo ſuͤß. Und ich ſagte: blaſe wieder! Und der gute Junge blies, So la la! Meine Ruhe iſt nun verloren,„ Meine Freude floh davon, Und ich hoͤre vor meinen Ohren Immer nur den alten Ton, So la la, le ralla u. ſ. w. Der Muſenſohn. Durch Feld und Wald zu ſchweifen, Mein Liedchen wegzupfeifen, So gehts von Ort zu Ort! Und nach dem Dacte reget, Und nach dem Maß beweget Sich alles an mir fort. Ich kann ſie kaum erwarten Die erſte Blum' im Garten, Die erſte Bluͤth' am Baum. Sie gruͤßen meine Lieder, 4 Und kommt der Winter wieder, 3 Sing' ich noch jenen Traum. Ich ſing' ihn in der Weite,* Auf Eiſes Laͤng' und Breite, Da bluͤht der Winter ſchoͤn! Auch dieſe Bluͤthe ſchwindet, Und neue Freude findet Sich auf bebauten Hoͤhn. Denn wie ich bei der Linde Das junge Voͤlkchen ſinde, Sogleich erreg' ich ſie. Der ſtumpfe Burſche blaͤht ſich, Das ſteife Maͤdchen dreht ſich Nach meiner Melodie. Ihr gebt den Sohlen Fluͤgel, Und treibt, durch Thal und Huͤgel, Den Liebling weit von Haus. Ihr lieben holden Mufen, Wann ruh' ich ihr am Buſen 1 Auch endlich wieder aus? Stiftungslied. Was gehſt du, ſchoͤne Nachbarin, Im Garten ſo allein? Und wenn du Haus und Felder pflegſt, Will ich dein Diener ſeyn. Mein Bruder ſchlich zur Kellnerin Und ließ ihr keine Ruh'. Sie gab ihm einen friſchen Trunk Und einen Kuß dazu. 5 Mein Vetter iſt ein kluger Wicht, Er iſt der Koͤchin hold. Den Braten dreht er, fuͤr und fuͤr, Um ſuͤßen Minneſold. Die ſechſe die verzehrten dann Zuſammen ein gutes Mahl, Und ſingend kam ein viertes Paar+ Geſprungen in den Saal. Willkommen! und willkommen auch! Fuͤrs wackre fuͤnfte Paar, Das voll Geſchicht' und Neuigkeit Und friſcher Schwaͤnke war. Noch blieb fuͤr Naͤthſel, Witz und Geiſt Und feine Spiele Platz: Ein ſechstes Paͤrchen kam heran⸗ Gefunden war der Schatz. Doch eines fehlt' und fehlte ſehr⸗ † Was doch das Beſte thut. Ein zaͤrtlich Paͤrchen ſchloß ſich an, Ein treues— nun war's gut. Geſellig feiert, fort und fort, Das ungeſtoͤrte Mahl, 8 Und eins im andern freue ſich Der heil'gen Doppelzahl. ——— Zum neuen Jahr e. Zwiſchen dem Alten, Zwiſchen dem Neuen,. Hier uns zu freuen 4 Schenkt uns das Gluͤck. — —— Und das Vergangne Heißt, mit Vertrauen, Vorwaͤrts zu ſchauen, Schauen zuruͤck. Stunden der Plage, Leider, ſie ſcheiden Treue von Leiden, Liebe von Luſt; Beſſere Tage Sammlen uns wieder, Heitere Lieder Staͤrken die Bruſt. Leiden und Freuden, Jener verſchwundnen, Sind die Verbundnen Froͤhlich gedenk. O! des Geſchickes Seltſamer Wendung! Alte Verbindung, Neues Geſchenk! Dankt es dem regen Wogenden Gluͤcke, Dankt dem Geſchicke Maͤnniglich Gut. Freut euch des Wechſels Heiterer Triebe, Offener Liebe, Heimlicher Gluth⸗ — — 12— Andere ſchauen Deckende Falten, Ueber dem Alten, Traurig und ſcheu; Aber uns leuchtet+ Freundliche Treue. Sehet das Neue 3 Findet uns neu. So wie im Tanze Bald ſich verſchwindet, Wieder ſich findet Liebendes Paar; So, durch des Lebens Wirrende Beugung, Fuͤhre die Neigung Uns in das Jahr. Wechſellied zum Tanze. Die Gleichgültigen. Komm mit, o Schoͤne, komm mit mir zum Tanze; Tanzen gehoͤret zum feſtlichen Tag. Biſt du mein Schatz nicht, ſo kannſt du es werden, Wirſt du es nimmer, ſo tanzen wir doch. Komm mit, o Schoͤne, komm mit mir zum Tanze; Tanzen verherrlicht den feſtlichen Tag. Die Zärtlichen. Ohne dich, Liebſte, was waͤren die Feſte? Ohne dich, Suͤße, was waͤre der Tanz? Waͤrſt du mein Schatz nicht ſo moͤcht' ich nicht tanzen; —— —— — 13— Bleibſt du es immer, iſt Leben ein Feſt. Ohne dich, Liebſte, was waͤren die Feſte? Ohne dich, Suͤße, was waͤre der Tanz? Die Gleichgültigen. Laß ſie nur lieben, und laß du uns tanzen! Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz. Schlingen wir froͤhlich den drehenden Reihen, Schleichen die andern zum daͤmmernden Wald. Laß ſie nur lieben, und laß du uns tanzen! Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz. Die Zärtlichen. Laß ſie ſich drehen, und laß du uns wandeln! Wandeln der Liebe iſt himmliſcher Tanz. Amor, der Nahe, der höͤret ſie ſpotten, Naͤchet ſich ein Mahl, und raͤchet ſich bald. Laß ſie ſich drehen, und laß du uns wandeln! Wandeln der Liebe iſt himmliſcher Tanz. Selbſtbetrug. Der Vorhang ſchwebet hin und her Bei meiner Nachbarin. Gewiß ſie lauſchet uͤber quer, Ob ich zu Hanſe bin. Und ob der eiferſuͤcht ge Groll, Den ich am Dag gehegt, Sich, wie er nun auf immer ſoll, Im tiefen Herzen regt. Doch leider hat das ſchoͤne Kind Dergleichen nicht gefuͤhlt. Ich ſeh', es iſt der Abendwind, Der mit dem Vorhang ſpielt. Kriegserkläͤrung.+ Wenn ich doch ſo ſchoͤn waͤr' Wie die Maͤdchen auf dem Land! Sie tragen gelbe Huͤte Mit roſenrothem Band. Glanben, daß man ſchoͤn ſey, V Daͤcht' ich, iſt erlaubt. 3 In der Stadt ach! ich hab' es 4 Dem Junker geglaubt. Nun im Fruͤhling ach! iſt's Um die Freuden gethan;+ Ihn ziehen die Dirnen, Die laͤndlichen, an. Und die Taill' und den Schlepp Veraͤndr' ich zur Stund', Das Leibchen iſt laͤnger, Das Roͤckchen iſt rund. 3 Trage gelblichen Hut, 1 uUnd ein Mieder wie Schnee; Und ſichle mit andern Den bluͤhenden Klee. 1 . Spuͤrt er unter dem Chor— Etwas Zierliches aus; Der luͤſterne Knabe Er winkt mir ins Haus. S Ich begleit' ihn verſchaͤmt, Und er kennt mich noch nicht, Er kneipt mir die Wangen Und ſieht mein Geſicht. Die Staͤdterin droht Ench Dirnen den Krieg, Und doppelte Reize Behaupten den Sieg. Antworten, bei einem geſellſchaftlichen Frageſpiel. aA. Die Dame. Was ein weiblich Herz erfreue In der klein⸗ und großen Welt? Ganz gewiß iſt es das Nenue, Deſſen Bluͤthe ſtets gefaͤllt; Doch viel werther iſt die Treue, Die, auch in der Fruͤchte Zeit, Noch mit Bluͤthen uns erfreut. Der junge Herr. Paris war, in Wald und Hoͤhlen, Mit den Nymphen wohl bekannt, Bis ihm Zeus, um ihn zu quaͤlen, Drei der Himmliſchen geſandt; Und es fuͤhlte wohl im Waͤhlen, In der alt⸗ und neuen Zeit, Niemand mehr Verlegenheit. — 16— Der Erfahrene. Geh den Weibern zart entgegen, Du gewinnſt ſie auf mein Wort; Und wer raſch iſt und verwegen, Kommt vielleicht noch beſſer fort; Doch wem wenig dran gelegen Scheinet, ob er reizt und ruͤhrt, Der beleidigt, der rfuͤhrt. Der Zufriedene. Vielfach iſt der Menſchen Streben, Ihre Unruh', ihr Verdruß; Auch iſt manches Gut gegeben, Mancher liebliche Genuß; Doch das groͤßte Gluͤck im Leben Und der reichlichſte Gewinn Iſt ein guter, leichter Sinn. Der luſtige Rath. Wer der Menſchen thoͤricht Treiben Taͤglich ſieht und taglich ſchilt, Und, wenn Andre Narren bleiben, Selbſt fuͤr einen Narren gilt, Der traͤgt ſchwerer, als zur Muͤhle Irgend ein beladen Thier. Und, wie ich im Buſen fuͤhle, Wahrlich! ſo ergeht es mir. ———44j—— 5— — Verſchiedene Empfindungen an einem Platze. Das Mädchen. Ich hab' ihn geſehen! Wie iſt mir geſchehen? ——— — — 17— O himmliſcher Blick! Er kommt mir entgegen, Ich weiche verlegen, Ich ſchwanke zuruͤck. Ich irre, ich traͤume! Ihr Felſen, ihr Baͤume, Verbergt meine Freude! Verberget mein Gluk! Der Jüngling. Hier muß ich ſie finden! Ich ſah ſie verſchwinden, Ihr folgte mein Blick! Sie kam mir entgegen, Dann trat ſie verlegen Und ſchamroth zuruͤck. Iſt's Hoffnung? ſind's Traͤume? Ihr Felſen, ihr Baͤume, Entdeckt mir die Liebſte, Entdeckt mir mein Gluͤck! Der Schmachtende. Hier klag' ich, verborgen, Dem thauenden Morgen Mein einſam Geſchick. Verkannt von der Menge, Wie zieh' ich ins Enge Mich ſtille zuruͤck! Ol zaͤrtliche Seele, Ol ſchweige, verhehle Die ewigen Leiden, Verhehle dein Gluͤck! — 18— Der Jäger. Es lohnet mich heute Mit doppelter Beute Ein gutes Geſchick. Der redliche Diener Bringt Haſen und Huͤhner Beladen zuruͤck. Hier find' ich gefangen Auch Voͤgel noch hangen. Es lebe der Jaͤger! Es lebe ſein Gluͤck! Wer kauft Liebesgöͤtter? Von allen ſchoͤnen Waaren, Zum Markte hergefahren, Wird keine mehr behagen, Als die wir euch getragen Aus fremden Laͤndern bringen. O hoͤret, was wir ſingen! Und ſeht die ſchoͤnen Voͤgel, Sie ſtehen zum Verkauf. Zuerſt beſeht den großen, Den luſtigen, den loſen! Er huͤpfet, leicht und muntetr, Von Baum und Buſch herunter; Gleich iſt er wieder droben. Wir wollen ihn nicht loben. O ſeht den muntern Vogel! Er ſteht hier zum Verkauf⸗ —--- ——— Betrachtet nun den kleinen, Er will bedaͤchtig ſcheinen, Und doch iſt er der Loſe, So gut als wie der Große; Er zeiget meiſt im Stillen Den allerbeſten Willen. Der loſe kleine Vogel, Er ſteht hier zum Verkauf. O! ſeht das kleine Taͤubchen, Das liebe Turtelweibchen! Die Maͤdchen ſind ſo zierlich, Verſtaͤndig und manierlich; Sie mag ſich gerne putzen Und eure Liebe nutzen. Der kleine zarte Vogel, Er ſteht hier zum Verkauf. Wir wollen ſie nicht loben, Sie ſtehn zu allen Proben. Sie lieben ſich das Neue; Doch uͤber ihre Treue Verlangt nicht Brief und Siegel, Sie haben alle Fluͤgel. Wie artig ſind die Vöͤgel! Wie reizend iſt der Kauf! Der Abſchied. Laß mein Aug' den Abſchied ſagen, Den mein Mund nicht nehmen kann! Schwer, wie ſchwer iſt er zu tragen! Und ich bin doch ſonſt ein Mann. —— Traurig wird in dieſer Stunde Selbſt der Liebe ſuͤßſtes Pfand, Kalt der Kuß von deinem Munde, Matt der Druck von deiner Hand. Sonſt, ein leicht geſtohlnes Maͤulchen, O wie hat es mich entzuͤckt! So erfreuet uns ein Veilchen, Das man fruͤh im Maͤrz gepfluͤckt. Doch ich pfuͤcke nun kein Kraͤnzchen, Keine Roſe mehr fuͤr dich, Fruͤhling iſt es, liebes Fraͤnzchen, Aber leider Herbſt fuͤr mich. Die ſchoͤne Nacht. Nun verlaſſ' ich dieſe Huͤtte, Meiner Liebſten Aufenthalt, Wandle mit verhuͤlltem Schritte Durch den oͤden, finſtern Wald; Lung bricht durch Buſch und Eichen, Zephyr meldet ihren Lauf⸗ Und die Birken ſtreun mit Neigen Ihr den ſuͤßſten Weihrauch auf. Wie ergoͤt' ich mich im Kuͤhlen Dieſer ſchoͤnen Sommernacht! O wie ſtill iſt hier zu fuͤhlen, Was die Seele gluͤcklich macht! aͤßt ſich kaum die Wonne faſſen; Und doch, wollt' ich, Himmel, dir, „.„ — 21— Tauſend ſolcher Naͤchte laſſen, Gaͤb' mein Maͤdchen eine mir⸗ An die Er waͤhlte. Hand in Hand! und Lipp' auf Lippe! Liebes Maͤdchen, bleibe treup Lebe wohl! und manche Klippe Faͤhrt dein Liebſter noch vorbei; Aber wenn er einſt den Hafen Nach dem Sturme wieder gruͤßt, Moͤgen ihn die Goͤtter ſtrafen, Wenn er ohne dich genießt. Friſch gewagt iſt ſchon gewonnen, Halb iſt ſchon mein Werk vollbracht! Sterne leuchten mir wie Sonnen, Nur dem Feigen iſt es Nacht. Waͤr' ich muͤßig dir zur Seite, Druͤckte noch der Kummer mich; Doch in aller dieſer Weite Wirk' ich raſch und nur fuͤr dich. Schon iſt mir das Thal gefunden, Wo wir einſt zuſammen gehn, Und den Strom in Abendſtunden Sauft hinunter gleiten ſehn. Dieſe Pappeln auf den Wieſen, Dieſe Buchen in dem Hain! Ach! und hinter allen dieſen Wird doch auch ein Huͤttchen ſeyn. Ich denke dein, wenn mir der — 22— Erſter Verluſt. Ach! wer bringt die ſchoͤnen Tage, Jene Tage der erſten Liebe, Ach! wer bringt nur eine Stunde Jener holden Zeit zuruͤck! Einſam naͤhr' ich meine Wunde, Und mit ſtets erneuter Klage Traur' ich um's verlorne Gluͤck. Ach! wer bringt die ſchoͤnen Tage, Jene holde Zeit zuruͤck! —— Nachgefü⸗ h I. Wenn die Reben wieder bluͤhen, Ruͤhret ſich der Wein im Faſſe; Wenn die Roſen wieder gluͤhen, Weiß ich nicht, wie mir geſchieht. Thraͤnen rinnen von den Wangen, Was ich thue, was ich laſſe; Nur ein unbeſtimmt Verlangen Fuͤhl' ich, das die Bruſt durchgluͤht. Und zuletzt muß ich mir ſagen, Wenn ich mich bedenk' und faſſe, Daß in ſolchen ſchoͤnen Tagen Doris einſt fuͤr mich gegluͤht. Nähe des Geliebten. Sonne Schimme Vom Meere ſtrahlt⸗ 3 —— — 23— Ich denke dein, wenn ſich des Mondes Flimmer In Quellen mahlt. Ich ſehe dich, wenn auf dem fernen Wege Der Staub ſich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem ſchmalen Stege Der Wandrer bebt. Ich hoͤre dich, wenn dort mit dumpfem Rauſchen Die Welle ſteigt. Im ſtillen Haine geh' ich oft zu lauſchen, Wenn alles ſchweigt. Ich bin bei dir, du ſeyſt auch noch ſo ferne Du biſt mir nah! Die Sonne ſinkt, bald leuchten mir die Sterne. O waͤrſt du da! An die Entfernte. So hab' ich wirklich dich verloren? Biſt du, o Schoͤne, mir entflohn? Noch klingt in den gewohnten Ohren Ein jedes Wort, ein jeder Ton. So wie des Wand'rers Blick am Morgen Vergebens in die Luͤfte dringt, Wenn in dem blauen Raum verborgen, Hoch uͤber ihm die Lerche ſingt: So dringet aͤngſtlich hin und wieder Durch Feld und Buſch und Wald mein Blick: Dich rufen alle meine Lieder; O komm,, Geliebte, mir zuruͤck! — 24— Am Fluſ ſe. Verfließet, vielgeliebte Lieder, Zum Meere der Vergeſſenheit! Kein Knabe ſing' entzuͤckt euch wieder, Kein Maͤdchen in der Bluͤthenzeit. vV Ihr ſanget nur von meiner Lieben, Nun ſpricht ſie meiner Treue Hohn. Ihr war't ins Waſſer eingeſchrieben; So fließt denn auch mit ihm davon. Die Freude. Es flattert um die Quelle Die wechſelnde Libelle,. Mich freut ſie lange ſchon; 3 Bald dunkel und bald helle, Wie der Chamaͤleon, Bald roth, bald blau, Bald blau, bald gruͤn; O daß ich in der Naͤhe Doch ihre Farben ſäͤhe! Sie ſchwirrt und ſchwebet, raſtet nie! Doch ſtill, ſie ſetzt ſich an die Weiden. 3 Da hab' ich ſie! Da hab' ich ſie! V Und nun betracht' ich ſie genau,* Und ſeh' ein tranrig dunkles Blau.— So geht es dir, Zerglied'rer deiner Freuden 2 zꝛ — 25— Abſchied. Zu lieblich iſt's, ein Wort zu brechen, Zu ſchwer die wohl erkannte Pflicht, Und leider kann man nichts verſprechen, Was unſerm Herzen widerſpricht. Du uͤbſt die alten Zauberlieder, Du lockſt ihn, der kaum ruhig war, Zum Schaukelkahn der ſuͤßen Thorheit wieder, Erneuſt, verdoppelſt die Gefahr. Was ſuchſt du mir dich zu verſtecken! Sey offen, flieh' nicht meinen Blick! Fruͤh oder ſpaͤt mußt' ich's entdecken, Und hier haſt du dein Wort zuruͤck. Was ich geſollt, hab' ich vollendet; Durch mich ſey dir von nun an nichts verwehrt; Allein verzeih' dem Freund, der ſich nun von dir wendet, Und ſtill in ſich zuruͤcke kehrt. Weichſfe. Auf Kieſeln im Bache da lieg' ich, wie helle! Verbreite die Arme der kommenden Welle, Und buhleriſch druͤckt ſie die ſehnende Bruſt; Dann fuͤhrt ſie der Leichtſinn im Strome danieder; Es naht ſich die zweite, ſie ſtreichelt mich wieder: So fuͤhl' ich die Freuden der wechſelnden Luſt. Und doch, und ſo tranrig, verſchleiſſt du vergebens Die koͤſtlichen Stunden des eilenden Lebens, Weil dich das geliebteſte Maͤdchen vergißt! Goethe's Ged. 3 — 26— O ruf ſie zuruͤcke die vorigen Zeiten! Es kuͤßt ſich ſo ſuͤße die Lippe der zweiten, Als kaum ſich die Lippe der erſten gekuͤßt. Beherzigung. Ach, was ſoll der Menſch verlangen? Iſt es beſſer, ruhig bleiben? Klammernd feſt ſich anzuhangen? Iſt es beſſer, ſich zu treiben? Soll er ſich ein Haͤuschen bauen? Soll er unter Zelten leben? Soll er auf die Felſen trauen? Selbſt die feſten Felſen beben. Eines ſchickt ſich nicht fuͤr alle; Sehe jeder, wie er's treibe, Sehe jeder, wo er bleibe, V Und wer ſteht, daß er nicht falle. Meeresſtille. Tiefe Stille herrſcht im Waſſer, —õ Ohne Regung ruht das Meer, 6 Und bekuͤmmert ſieht der Schiffer Glatte Flaͤche rings umher. 1 Keine Luft von keiner Seite! Todesſtille fuͤrchterlich! In der ungehenern Weite Reget keine Welle ſich. Gluͤckliche Fahrt. Die Nebel zerreißen, Der Himmel iſt helle, Und Aeolus loͤſet Das aͤngſtliche Band. Es ſaͤuſeln die Winde, Es ruͤhrt ſich der Schiffer. Geſchwinde! Geſchwinde! Es theilt ſich die Welle, Es naht ſich die Ferne; Schon ſeh' ich das Land! M u t h. Sorglos uͤber die Flaͤche weg, Wo vom kuͤhnſten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben du ſiehſt, Mache dir ſelber Bahn! Stille, Liebchen, mein Herz! Kracht's gleich, bricht's doch nicht! Bricht's gleich, bricht's nicht mit dir! Erinnerung. Willſt du immer weiter ſchweifen? Sieh, das Gute liegt ſo nah'. Lerue nur das Gluͤck ergreifen; Denn das Gluͤck iſt immer da. 3*† — 28— Willkommen und Abſchied. Es ſchlug mein Herz, geſchwind zu Pferde! Es war gethan faſt eh' gedacht; Der Abend wiegte ſchon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht: 1 Schon ſtand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgethuͤrmter Rieſe, da, Wo Finſterniß aus dem Geſtraͤuche Mit hundert ſchwarzen Augen ſah. Der Mond von einem Wolkenhuͤgel Sah klaͤglich aus dem Duft hervor; Die Winde ſchwangen leiſe Fluͤgel, Umſauſ ten ſchauerlich mein Ohr; Die Nacht ſchuf tanſend Ungeheuer; Doch friſch und froͤhlich war mein Muth: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Gluth! Dich ſah ich, und die milde Freude Floß von dem ſuͤßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Athemzug fuͤr dich. Ein roſenfarbnes Fruͤhlingswetter Umgab das liebliche Geſicht, Und Zaͤrtlichkeit fuͤr mich— Ihr Goͤtter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht!* Doch ach! ſchon mit der Morgenſonne Verengt' der Abſchied mir das Herz: In deinen Kuͤſſen, welche Wonne! In deinem Auge, welcher Schmerz! — 29— Ich ging, du ſtandſt und ſahſt zur Erden, Und ſahſt mir nach mit naſſem Blick: Und doch, welch Gluͤck, geliebt zu werden! Und lieben, Goͤtter, welch ein Gluͤck! Neue Liebe neues Leben. Herz, mein Herz, was ſoll das geben? Was bedraͤnget dich ſo ſehr? Welch ein fremdes, neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg iſt alles, was du liebteſt, Weg, warum du dich betruͤbteſt, Weg dein Fleiß und deine Ruh'— Ach wie kamſt du nur dazu! Feſſelt dich die Jugendbluͤthe, Dieſe liebliche Geſtalt, Dieſer Blick voll Treu' und Guͤte, Mit unendlicher Gewalt? Will ich raſch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Fuͤhret mich im Augenblick Ach! mein Weg zu ihr zuruͤck. Und an dieſem Zauberfaͤdchen, Das ſich nicht zerreißen laͤßt, Haͤlt das liebe, loſe Maͤdchen Mich ſo wider Willen feſt; Muß in ihren Zauberkreiſe Leben nun auf ihre Weiſe. — 30— Die Veraͤnd'rung ach wie groß! Liebe! Liebe! laß mich los! An Belinden. Warum ziehſt du mich unwiderſtehlich Ach in jene Pracht?. War ich guter Junge nicht ſo ſelig In der oͤden Nacht? Heimlich in mein Zimmerchen verſchloſſen, Lag im Mondenſchein Ganz von ſeinem Schauerlicht umfloſſen, Und ich daͤmmert' ein. Traͤumte da von vollen goldnen Stunden Ungemiſchter Luſt, Hatte ſchon das liebe Bild empfunden Tief in meiner Bruſt, Bin ich's noch, den du bei ſo viel Lichtern An dem Spieltiſch haͤltſt? Oft ſo unertraͤglichen Geſichtern Gegen uͤber ſtellſt? Reizender iſt mir des Fruͤhlings Bluͤthe Nun nicht auf der Flur; Wo du, Engel, biſt, iſt Lieb' und Guͤte, Wo du biſt, Natur. Mailied. Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! — 31— Wie glaͤnzt die Sonne! Wie lacht die Flur! Es dringen Bluͤthen Aus jedem Zweig, Und tauſend Stimmen Aus dem Geſtraͤuch. Und Freud' und Wonne Aus jeder Bruſt. O Erd'! o Sonne! O Gluͤck! o Luſt! O Lieb'! o Liebe! So golden ſchoͤn, Wie Morgenwolken Auf jenen Hoͤhn! Du ſegneſt herrlich Das friſche Feld, Im Bluͤthendampfe Die volle Welt. O Maͤdchen, Maͤdchen! Wie lieb' ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebſt du mich! So liebt die Lerche Geſang und Luſt, Und Morgenblumen Den Himmelsduft; Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud' und Muth Zu neuen Liedern Und Taͤnzen gibſt. Sey ewig gluͤcklich, Wie du mich liebſt! Mit einem gemahlten Bande. Kleine Blumen, kleine Blaͤtter Streuen mir mit leichter Hand Gute junge Fruͤhlingsgoͤtter Taͤndelnd auf ein luftig Band. Zephyr, nimm's auf deine Fluͤgel, Schling's um meiner Liebſten Kleid; Und ſo tritt ſie vor den Spiegel All in ihrer Munterkeit. Sieht mit Roſen ſich umgeben, Selbſt wie eine Roſe jung. Einen Blick, geliebtes Leben! And ich bin belohnt genng. Fuͤhle, was dieß Herz empfindet, Reiche frei mir deine Hand, . Und das Band, das uns verbindet, Sey kein ſchwaches Roſenband! Mit einem goldnen Halskettchen. Dir darf dieß Blatt ein Kettchen bringen, Das, ganz zur Biegſam keit gewoͤhnt, — 33— Sich mit viel hundert kleinen Schlingen Um deinen Hals zu ſchmiegen ſehnt. Gewaͤhr' dem Naͤrrchen die Begierde, Sie iſt voll Unſchuld, iſt nicht kuͤhn; Am Tag iſt's eine kleine Zierde, Am Abend wirfſt du's wieder hin. Doch bringt dir einer jene Kette, Die ſchwerer druͤckt und ernſter faßt, Verdenk' ich dir es nicht, Liſette, Wenn du ein klein Bedenken haſt. An Lottchen. Mitten im Getuͤmmel mancher Freuden, Mancher Sorgen, mancher Herzensnoth, Denk' ich dein, o Lottchen, denken dein die Beiden, Wie beim ſtillen Abendroth Du die Hand uns freundlich reichteſt, Da du uns auf reich bebauter Flur, In dem Schooße herrlicher Natur, Manche leicht verhuͤllte Spur Einer lieben Seele zeigteſt. Wohl iſt mir's, daß ich dich nicht verkannt, Daß ich gleich dich in der erſten Stunde, Ganz den Herzensausdruck in dem Munde, Dich ein wahres gutes Kind genannt. Still und eng und ruhig auferzogen, Wirft man uns auf einmal in die Welt; Uns umſpuͤlen hundert tauſend Wogen, b — — 34— Alles reizt uns, mancherlei gefaͤllt, Mancherlei verdrießt uns, und von Stund' zu Stunden Schwankt das leicht unruhige Gefuͤhl, Wir empfinden, und was wir empfunden, Spuͤlt hinweg das bunte Weltgewuͤhl. Wohl, ich weiß es, da durchſchleicht uns innen Manche Hoffnung, mancher Schmerz. Lottchen, wer kennt unſre Sinnen? Lottchen, wer kennt unſer Herz? Ach! es moͤchte gern gekannt ſeyn, uͤberfließen In das Mitempfinden einer Creatur, 1 Und vertrauend zwiefach neu genießen Alles Leid und Freude der Natur. Und da ſucht das Aug' ſo oft vergebens Rings umher, und findet alles zu; So vertaumelt ſich der ſchoͤnſte Theil des Lebens Ohne Sturm und ohne Ruh'; Und zu deinem ew'gen Unbehagen Stoͤßt dich heute, was dich geſtern zog. Kannſt du zu der Welt nur Neigung tragen, Die ſo oft dich trog, Und bei deinem Weh, bei deinem Gluͤcke, Blieb in eigenwill'ger, ſtarrer Ruh'? Sieh, da tritt der Geiſt in ſich zuruͤcke, Und das Herz— es ſchließt ſich zu. So fand ich dich, und ging dir frei entgegen. O ſie iſt werth zu ſeyn geliebt! Rief ich, erftehte dir des Himmels reinſten Segen, Den er dir nun in deiner Freundin gibt. Bundeslied. In allen guten Stunden, Erhoͤht von Lieb' und Wein, Soll dieſes Lied verbunden Von uns geſungen ſeyn! Uns haͤlt der Gott zuſammen, Der uns hierher gebracht, Erneuert unſre Flammen, Er hat ſie angefacht. So gluͤhet froͤhlich heute, Seyd recht von Herzen eins! Auf, trinkt erneuter Freude Dieß Glas des echten Weins! 85 Auf! in der holden Stunde Stoßt an, und kuͤſſet treu, Bei jedem neuen Bunde, Die alten wieder neu! Wer lebt in unſerm Kreiſe, Und lebt nicht ſelig drin? Genießt die freie Weiſe Und treuen Bruderſinn! So bleibt durch alle Zeiten Herz Herzen zugekehrt! Von keinen Kleinigkeiten Wird unſer Bund geſtoͤrt. Uns hat ein Gott geſegnet Mit freiem Lebensblick, Und alles, was begegnet, Erneuert unſer Gluͤck. Durch Grillen nicht gedraͤnget, Verknickt ſich keine Luſt; Durch Zieren nicht geenget, Schlaͤgt freier unſre Bruſt. Mit jedem Schritt wird weiter Die raſche Lebensbahn, Und heiter, immer heiter Steigt unſer Blick hinan. Uns wird es nimmer bauge, Wenn Alles ſteigt und faͤllt! Und bleiben lange! lange! Auf ewig ſo geſellt. — Tiſchlied. Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmliſches Behagen. Will mich's etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen? Doch ich bleibe lieber hier, Kann ich redlich ſagen, Beim Geſang und Glaſe Wein Auf den Diſch zu ſchlagen. Wundert euch, ihr Freunde, nicht, Wie ich mich geberde; Wirklich iſt es allerliebſt Auf der lieben Erde: Darum ſchwoͤr' ich feierlich, Und ohn' alle Faͤhrde, Daß ich mich nicht freventlich Wegbegeben werde, Da wir aber allzumahl So beiſammen weilen, Daͤcht' ich, klaͤnge der Pokal Zu des Dichters Zeilen. Gute Freunde ziehen fort, Wohl ein hundert Meilen, Darum ſoll man hier am Ort Anzuſtoßen eilen. Lebe hoch, wer Leben ſchafft! Das iſt meine Lehre. Unſer Koͤnig denn voran, Ihm gebuͤhrt die Ehre. Gegen in⸗ und aͤußern Feind Setzt er ſich zur Wehre; Ans Erhalten denkt er zwar, Mehr noch, wie er mehre. Nun begruͤß' ich ſie ſogleich, Sie die einzig Eine. Jeder denke, ritterlich, Sich dabei die Seine. Merket auch ein ſchoͤnes Kind, Wen ich eben meine, Nun ſo nicke ſie mir zu: Leb' auch ſo der Meine! Freunden gilt das dritte Glas, Zweien oder dreien, Die mit uns, am guten Tag, Sich im Stillen freuen, Und der Nebel truͤbe Nacht — 38— Leiſ' und leicht zerſtreuen; Dieſen ſey ein Hoch gebracht, Alten oder Neuen. Breiter wallet nun der Strom, Mit vermehrten Wellen, Leben jetzt, im hohen Ton, Redliche Geſellen! Die ſich, mit gedraͤngter Kraft, Brav zuſammen ſtellen, In des Gluͤckes Sonnenſchein Und in ſchlimmen Faͤllen. Wie wir nun zuſammen ſind, Sind zuſammen Viele. Wohl! gelingen denn, wie uns, Andern ihre Spiele! Von der Quelle bis ans Meer Mahlet manche Muͤhle, Und das Wohl der ganzen Welt Iſt's, worauf ich ziele. General⸗Beichte. Laſſet heut, im edeln Kreis, Meine Warnung gelten! Nehmt die ernſte Stimmung wahr; Denn ſie kommt ſo ſelten. Manches habt ihr vorgenommen, Manches iſt euch ſchlecht bekommen, Und ich muß euch ſchelten. — 39— Reue ſoll man doch ein Mahl In der Welt empfinden! So bekennt, vertraut und fromm, Eure groͤßten Suͤnden! Aus des Irrthums falſchen Weiten Sammelt Euch und ſucht, bei Zeiten, Euch zurecht zu finden. Ja, wir haben, ſey's bekannt! Wachend oft getraͤumet, Nicht geleert das friſche Glas, Wenn der Wein geſchaͤumet, Manche raſche Schaͤferſtunde, Fluͤcht'gen Kuß vom lieben Munde, Haben wir verſaͤumet. Still und maulfaul ſaßen wir, Wenn Philiſter ſchwaͤtzten⸗ Ueber goͤttlichen Geſang Ihr Geklatſche ſchaͤtzten, Wegen gluͤcklicher Momente, Deren man ſich ruͤhmen koͤnnte, Uns zur Rede ſetzten. Willſt du Abſolution Deinen Treuen geben, Wollen wir nach deinem Wink Unablaͤſſig ſtreben, Uns vom Halben zu entwoͤhnen, Und, im Ganzen, Guten, Schoͤnen, Reſolut zu leben. — 40— Den Philiſtern allzumahl Wohlgemuth zu ſchnippen, Jenen Perlenſchaum des Weins Nicht nur flach zu nippen, Nicht zu liebeln, leiſ' mit Augen, Sondern feſt uns anzuſaugen An geliebte Lippen. Weltſeele. Vertheilet Euch, nach allen Regionen, Von dieſem heil'gen Schmaus! e Begeiſtert reißt Euch durch die naͤchſten Zonen Ins All und fuͤllt es aus. Schon ſchwebet Ihr, in ungemeßnen Fernen, Den ſel'gen Goͤttertraum, Und leuchtet neu, geſellig, unter Sternen Im lichtbeſaͤten Raum. Dann treibt Ihr Euch, gewaltige Kometen, Ins Weit' und Weitr' hinan. Das Labyrinth der Sonnen und Planeten Durchſchneidet Eure Bahn. Ihr greifet raſch nach ungeformten Erden, Und wirket, ſchoͤpfriſch jung, Daß ſie belebt und ſtets belebter werden, Im abgemeßnen Schwung. Und kreiſend fuͤhrt Ihr in bewegten Luͤften Den wandelbaren Flor, Und ſchreibt dem Stein, in allen ſeinen Gruͤften, Die feſten Formen vor. — 41— Nun alles ſich, mit goͤttlichem Erkuͤhnen, Zu uͤbertreffen ſtrebt; Das Waſſer will, das unfruchtbare, gruͤnen, Und jedes Staͤubchen lebt. Und ſo verdraͤngt, mit liebevollem Streiten, Der feuchten Qualme Nacht; Nun gluͤhen ſchon des Paradieſes Weiten, In uͤberbunter Pracht. Wie regt ſich bald, ein holdes Licht zu ſchauen, Geſtaltenreiche Schaar, Und Ihr erſtaunt, auf den begluͤckten Auen, Nun als das erſte Paar. Und bald verliſcht ein unbegraͤnztes Streben, Im ſel'gen Wechſelblick. Und ſo empfangt, mit Dank, das ſchoͤnſte Leben Vom All ins All zuruͤck. Dauer im Wechſel. Hielte dieſen fruͤhen Segen Auch nur Eine Stunde feſt! Aber vollen Bluͤthenregen Schuͤttelt ſchon der laue Weſt. Soll ich mich des Gruͤnen freuen? Dem ich Schatten erſt verdankt; Bald wird Sturm auch das zerſtreuen, Wenn es falb im Herbſt geſchwankt. Willſt du nach den Fruͤchten greifen; Eilig nimm dein Theil davon! 4 — 42— Dieſe fangen an zu reifen Und die andern keimen ſchon; Gleich, mit jedem Regenguſſe, Aendert ſich dein holdes Thal, Ach! und in demſelben Fluſſe Schwimmſt du nicht zum zweiten Mahl. Du nun ſelbſt! Was felſenfeſte Sich vor dir hervor gethan, Mauern ſiehſt du, ſiehſt Pallaͤſte Stets mit andern Augen an. Weggeſchwunden iſt die Lippe, Die im Kuſſe ſonſt genas, Jener Fuß, der an der Klippe Sich mit Gemſenfreche maß. Jene Hand, die gern und milde Sich bewegte wohlzuthun, Das gegliederte Gebilde, Alles iſt ein andres nun. Und was ſich, an jener Stelle, Nun mit deinem Namen nennt, Kam herbei, wie eine Welle, Und ſo eilt's zum Element. Laß den Anfang mit dem Ende Sich in Eins zuſammen ziehn! Schneller als die Gegenſtaͤnde Selber dich voruͤber fliehn. Danke, daß die Gunſt der Muſen Unvergaͤngliches verheißt, — 43— Den Gehalt in deinem Buſen Und die Form in deinem Geiſt. Die glücklichen Gatten. Nach dieſem Fruͤhlingsregen, Den wir, ſo warm, erfleht, Weibchen! o! ſieh den Segen, Der un re Flur durchweht. Nur in der blauen Truͤbe Verliert ſich fern der Blick; Hier wandelt noch die Liebe, Hier hauſet noch das Gluͤck⸗ Das Paͤrchen weißer Tauben, Du ſiehſt, es fliegt dorthin, Wo, um beſonnte Lauben, Gefuͤllte Veilchen bluͤhn. Dort banden wir zuſammen Den allererſten Strauß, Dort ſchlugen unſre Flammen, Zuerſt, gewaltig aus. Doch als uns vom Altare, Nach dem beliebten Ja, Mit manchem jungen Paare, Der Pfarrer eilen ſah; Da gingen andre Sonnen Und andre Monden auf, Da war die Welt gewonnen, Fuͤr unſern Lebenslauf. — 44— Und hundert tauſend Siegel Bekraͤftigten den Bund, Im Waͤldchen auf dem Huͤgel, Im Buſch am Wieſengrund, In Hoͤhlen, im Gemäuer Auf des Gekluͤftes Hoͤh, und Amor trug das Feuer Selbſt in das Rohr am See. Wir wandelten zufrieden,. Wir glaubten uns zu zwei; Doch anders war's beſchieden, Und ſieh! wir waren drei. Und vier' und fuͤnf und ſechſe, Sie ſaßen um den Topf, und nun ſind die Gewaͤchſe Faſt all' uns uͤbern Kopf. Und dort, in ſchoͤner Flaͤche, Das neu gebaute Haus Umſchlingen Pappelbaͤche, So freundlich ſieht's heraus. Wer ſchaffte wohl, da druͤben, Sich dieſen frohen Sitz? Iſt es, mit ſeiner Lieben, Nicht unſer braver Fritz? Und wo, im Felſengrunde, Der eingeklemmte Fluß. Sich, ſchäumend, aus dem Schlunde Auf Naͤder ſtuͤrzen muß. Man ſpricht von Muͤllerinnen, — 45— Und wie ſo ſchoͤn ſie ſind; Doch immer wird gewinnen Dort hinten unſer Kind. Doch wo das Gruͤn, ſo dichte, Um Kirch' und Raſen ſteht, Da, wo die alte Fichte Allein zum Himmel weht; Da ruhet unſrer Todten Fruͤhzeitiges Geſchick, Und leitet, von dem Boden, Zum Himmel unſern Blick. Es blitzen Waffenwogen Den Huͤgel, ſchwankend, ab. Das Heer, es kommt gezogen, Das uns den Frieden gab. Wer, mit der Ehrenbinde, Bewegt ſich ſtolz voraus? Es gleichet unſerm Kinde! So kommt der Carl nach Haus. Den liebſten aller Gaͤſte Bewirthet nun die Braut; Sie wird, am Friedensfeſte, Dem Treuen angetraut; Und zu den Feiertaͤnzen Draͤngt jeder ſich herbei, Da ſchmuͤckeſt du mit Kraͤnzen Der juͤngſten Kinder drei. Bei Floͤten und Schalmeien Erneuert ſich die Zeit, Da wir uns einſt, im Reihen, Als junges Paar gefreut, Und in des Jahres Laufe, Die Wonne fuͤhl' ich ſchon! Begleiten wir zur Taufe Den Enkel und den Sohn. Auf dem See. Und friſche Nahrung, neues Blut Saug' ich aus freier Welt; Wie iſt Natur ſo hold und gut, Die mich am Buſen haͤlt! Die Welle wieget unſern Kahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unſerm Lauf. Aug', mein Aug', was ſinkſt du nieder? Goldne Traͤume, kommt ihr wieder? Weg, du Traum! ſo Gold du biſt; Hier auch Lieb' und Leben iſt. Auf der Welle blinken Tauſend ſchwebende Sterne, Weiche Nebel trinken Rings die thuͤrmende Ferne; Morgenwind umfuuͤgelt Die beſchattete Bucht, Und im See beſpiegelt Sich die reifende Frucht. — 47— Vom Berge. Wenn ich, liebe Lili, dich nicht liebte, Welche Wonne gaͤb' mir dieſer Blick! Und doch, wenn ich, Lili, dich nicht liebte, Faͤnd' ich hier und faͤnd' ich dort mein Gluͤck? Frühzeitiger Frühling. Tage der Wonne Kommt ihr ſo bald? Schenkt mir die Sonne, Huͤgel und Wald? Reichlicher fließen Baͤchlein zumahl. Sind es die Wieſen? Iſt es das Thal? Blauliche Friſche! Himmel und Hoͤh'! Goldene Fiſche Wimmeln im See. Buntes Gefieder Rauſchet im Hain, Himmliſche Lieder Schallen darein. Unter des Gruͤnen Bluͤhender Kraft Naſchen die Bienen Summend am Saft. — 48— Leiſe Bewegung Bebt in der Luft, Reizende Regung, Schlaͤfernder Duft. Maͤchtiger ruͤhret Bald ſich ein Hauch, Doch er verlieret Gleich ſich im Strauch. Aber zum Buſen Kehrt er zuruͤck, Helfet, ihr Muſen, Tragen das Gluͤck! Saget ſeit geſtern, Wie mir geſchah? Liebliche Schweſtern, Liebchen iſt da! Fekter gruͤne, du Laub, Am Rebengelaͤnder Hier mein Feuſter herauf! Gedraͤngter quellet, Zwillingsbeeren, und reifet Schneller und glaͤnzend voller! Euch bruͤtet der Mutter Sonne Scheideblick; euch umſaͤuſelt Des holden Himmels Fruchtende Fuͤlle; Euch kuͤhlet des Mondes Herbſtgefühl. — 49— Freundlicher Zauberhauch, Und euch bethauen, ach! Aus dieſen Augen Der ewig belebenden Liebe Vollſchwellende Thraͤnen. Raſtloſe Liebe. Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Dampf der Kluͤfte, Durch Nebelduͤfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Raſt und Ruh'! Lieber durch Leiden Moͤcht' ich mich ſchlagen, Als ſo viel Freuden Des Lebens ertragen. Alles das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach wie ſo eigen Schaffet das Schmerzen! Wie ſoll ich fliehen? Waͤlderwaͤrts ziehen? Alles vergebens! Krone des Lebens, Gluͤck ohne Ruh', Liebe, biſt du! Goethe's Ged. 5 4 — 50— Schaͤfers Klagelied. Da droben auf jenem Berge Da ſteh' ich tauſend Mahl, An meinem Stabe gebogen, Und ſchaue hinab in das Thal. Dann folg' ich der weidenden Heerde, Mein Huͤndchen bewahret mir ſie. Ich bin herunter gekommen Und weiß doch ſelber nicht wie. Da ſtehet von ſchoͤnen Blumen Die ganze Wieſe ſo voll. Ich breche ſie, ohne zu wiſſen, Wem ich ſie geben ſoll. Und Regen, Sturm und Gewitter Verpaſſ' ich unter dem Baum. Die Thuͤre dort bleibet verſchloſſen; Doch alles iſt leider ein Traum. Es ſtehet ein Regenbogen Wohl uͤber jenem Haus! Sie aber iſt weggezogen, Und weit in das Land hinaus. Hinaus in das Land und weiter, Vielleicht gar uͤber die See. Voruͤber, ihr Schafe, voruͤber, Dem Schaͤfer iſt gar ſo weh. Troſt in Thränen. Wie kommt's, daß du ſo traurig biſt, Da alles froh erſcheint? — 51— Man ſieht dir's an den Augen an, Gewiß du haſt geweint. „Und hab' ich einſam auch geweint, So iſt's mein eigner Schmerz. Und Thraͤnen fließen gar ſo ſuͤß, Erleichtern mir das Herz.“ Die frohen Freunde laden dich, O! komm an unſre Bruſt! Und was dy auch verloren haſt, Vertraure den Verluſt. „Ihr laͤrmt und rauſcht, und ahnet nicht, Was mich den Armen quaͤlt. Ach nein! Verloren hab' ich's nicht, So ſehr es mir auch fehlt.“ So raffe denn dich eilig auf, Du biſt ein junges Blut. In deinen Jahren hat man Kraft, Und zum Erwerben Muth. „Ach nein! erwerben kann ich's nicht, Es ſteht mir gar zu fern. Es weilt ſo hoch, es blinkt ſo ſchoͤn, Wie droben jener Stern.“ Die Sterne, die begehrt man nicht, Man freut ſich ihrer Pracht, Und mit Entzuͤcken blickt man auf In jeder heitern Nacht. „Und mit Entzuͤcken blick' ich auf⸗ So manchen lieben Tag, 5* — 52— Verweinen laßt die Naͤchte mich, So lang' ich weinen mag.“ Nachtgeſang. O! gieb, vom weichen Pfuͤhle, Traͤumend ein halb Gehoͤr! Bei meinem Saitenſpiele Schlafe! was willſt du mehr? Bei meinem Saitenſyiele Segnet der Sterne Heer Die ewigen Gefuͤhle; Schlafe! was willſt du mehr? ie ewigen Gefuͤhle Heben mich, hoch und hehr, Aus irdiſchem Gewuͤhle; Schlafe! was willſt du mehr? Vom irdiſchen Gewuͤhle Trennſt du mich nur zu ſehr⸗ Bannſt mich in dieſe Kuͤhle; Schlafe! was willſt du mehr? Bannſt mich in dieſe Kuͤhle, Gibſt nur im Traum Gehor. Ach! auf dem weichen Pfuͤhle Schlafe! was willſt du mehr? Sehinſucht. Was zieht mir das Herz ſo? Was zieht mich hinaus? — 53— Und windet und ſchraubt mich Aus Zimmer und Haus? Wie dort ſich die Wolken Um Felſen verziehn! Da moͤcht' ich hinuͤber, Da moͤcht' ich wohl hin! Nun wiegt ſich der Raben Geſelliger Flug, Ich miſche mich drunter Und folge dem Zug. Und Berg und Gemaͤuer Umſittigen wir, Sie weilet da drunten; Ich ſpaͤhe nach ihr. Da kommt ſie und wandelt; Ich eile ſo bald, Ein ſingender Vogel, Zum buſchigen Wald. Sie weilet und horchet, Und laͤchelt mit ſich: „Er ſinget ſo lieblich Und ſingt es an mich.“ Die ſcheidende Sonne Vergoldet die Hoͤhn, Die ſinnende Schoͤne Sie kaͤßt es geſchehn. Sie wandelt am Bache Die Wieſen entlang, Und ſinſter und finſtrer Umſchlingt ſich der Gang. — 94— Auf einmal erſchein' ich Ein blinkender Stern. „Was glaͤnzet da droben? So nah und ſo fern?“ Und haſt du, mit Staunen, Das Leuchten erblickt; Ich lieg' dir zu Fuͤßen, Da bin ich begluͤckt! An Mignon. Ueber Thal und Fluß getragen Ziehet rein der Sonne Wagen. Ach! ſie regt, in ihrem Lauf, So wie deine, meine Schmerzen, Tief im Herzen, Immer Morgens wieder auf. Kaum will mir die Nacht noch frommen, Denn die Traͤume ſelber kommen Nun in trauriger Geſtalt, Und ich fuͤhle dieſer Schmerzen, Still im Herzen, Heimlich bildende Gewalt. Schon ſeit manchen ſchoͤnen Jahren Seh' ich unten Schiffe fahren; Jedes kommt an ſeinen Ort; Aber ach, die ſteten Schmerzen,. Feſt im Herzen, 1 Schwimmen nicht im Strome fort. — 55— Schoͤn in Kleidern mus ich kommen, Aus dem Schrank ſind ſie genommen, Weil es heute Feſitag iſt; Niemand ahnet, daß von Schmerzen Herz im Herzen Grimmig mir zerriſſen iſt. Heimlich muß ich immer weinen, Aber freundlich kann ich ſcheinen Und ſogar geſund und roth; Waͤren toͤdtlich dieſe Schmerzen Meinem Herzen, Ach! ſchon lange waͤr' ich todt. — Bergſchloß. Da droben auf jenem Berge Da ſteht ein altes Schloß, Wo hinter Thoren und Thuͤren Sonſt lauerten Ritter und Roß. Verbrannt ſind Thuͤren und Thore uUnd uͤberall iſt es ſo ſtill; Das alte verfallne Genaaͤuer Durchklettr' ich, wie ich nur will. Hierneben lag ein Keller, So voll von koͤſtlichem Wein, Nun ſteiget nicht mehr, mit Kruͤgen, Die Kellnerin heiter hinein. Sie ſetzt den Gaͤſten, im Saale, Nicht mehr die Becher umher, — 56— Sie fuͤllt, zum heiligen Mahle, Dem Pfaffen das Flaͤſchchen nicht mehr. Sie reicht dem luͤſternen Knappen Nicht mehr, auf dem Gange, den Trank, Und nimmt fuͤr fluͤchtige Gabe Nicht mehr den fluͤchtigen Dank. Denn alle Balken und Decken, Sie ſind ſchon lange verbrannt, Und Trepp' und Gang und Capelle In Schutt und Truͤmmer verwandt. Doch als mit Zither und Flaſche Nach dieſen felſigen Hoͤhn Ich, an dem heiterſten Tage, Mein Liebchen ſteigen geſehn; Da draͤngte ſich frohes Behagen Hervor aus veroͤdeter Ruh': Da ging's wie in alten Tagen Recht feierlich wieder zu⸗ Als waͤren fuͤr ſtattliche Gaͤſte Die weiteſten Raͤume bereit, Als kam' ein Paͤrchen gegangen Aus jener tuͤchtigen Zeit. Als ſtaͤnd', in ſeiner Cayelle, Der würdige Pfaſſe ſchon da, Und fragte: wollt ihr einander? Wir aber laͤchelten: Ja! 4 Und tief bewegten Geſaͤnge Des Herzens innigſten Grund, — 357— Es zeugte, ſtatt der Menge, Der Echo ſchallender Mund. Und als ſich, gegen den Abend, Im Stillen alles verlor, Da blickte die gluͤhende Sonne Zum ſchroffen Gipfel empor. Und Knapp' und Kellnerinn glaͤnzen, Als Herren, weit und breit; Sie nimmt ſich zum Kredenzen, Und er zum Danke ſich Zeit. Geiſtesgruß. Hoch auf dem alten Thurme ſteht Des Helden edler Geiſt, Der, wie das Schiff voruͤber geht, Es wohl zu fahren heißt. „Sieh, dieſe Senne war ſo ſtark, „Dieß Herz ſo feſt und wild, „Die Knochen voll von Rittermark, „Der Becher augefuͤllt; „Mein halbes Leben ſtuͤrmt' ich fort, „Verdehnt' die Haͤlft' in Ruh⸗, „Und du, du Menſchenſchifflein dort, „Fahr' immer, immer zu.“ An ein goldnes Herz, das er am Halſe trug. Angedenken du verklung'ner Freude, Das ich immer noch am Halſe trage, — 58— Haͤltſt du laͤnger als das Seelenband uns beide? Verlaͤngerſt du der Liebe kurze Tage? Flieh' ich, Lili, vor dir! Muß noch an deinem Bande Dufrch fremde Lande, Durch ferne Thaͤler und Waͤlder wallen! Ach, Lili's Herz konnte ſo bald nicht Von meinem Herzen fallen. Wie ein Vogel, der den Faden bricht Und zum Walde kehrt, Er ſchleppt des Gefaͤngniſſes Schmach, Noch ein Stuͤckchen des Fadens nach; Er iſt der alte freigeborne Vogel nicht, Er hat ſchon jemand angehoͤrt. Wonne der Wehmuth. Trocknet nicht, trocknet nicht, Thtaͤnen der ewigen Liebe! Ach! nur dem halb getrockneten Auge Wie oͤde, wie todt die Welt ihm erſcheint! Trocknet nicht, trocknet nicht, Thraͤnen ungluͤcklicher Liebe! Wanderers Nachtlied. Der du von dem Himmel biſt, Alles Leid und Schmerzen ſiilleſt, Den, der doppelt elend iſt, Doppelt mit Ergnickung fuͤlleſt, Ach! ich bin des Treibens muͤde! — 39— Was ſoll all der Schmerz und Luſt? Suͤßer Friede! Komm, ach komm in meine Bruſt! Jägers Abendlied. Im Felde ſchleich' ich ſtill und wild, Geſpannt mein Feuerrohr. Da ſchwebt ſo licht dein liebes Bild, Dein ſuͤßes Bild mir vor. Du wandelſt jetzt wohl ſtill und mild Durch Feld und liebes Thal, Und ach mein ſchnell verrauſchend Bild, Stellt ſich dir's nicht einmal? Des Menſchen, der die Welt durchſireift Voll Unmuth und Verdruß, 1 Nach Oſten und nach Weſten ſchweift/ Weil er dich laſſen muß. Mir iſt es, denk' ich nur an dich, Als in den Mond zu ſehn, Ein ſtiller Friede kommt auf mich, Weiß nicht, wie mir geſchehn. An den Mond. Fuͤlleſt wieder Buſch und Thal Still mit Nebelglanz, Loͤſeſt endlich auch einmal Meine Seele ganz; — 60— Breiteſt uͤber mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge, mild Ueber mein Geſchick. Jeden Nachklang fuͤhlt mein Herz Froh⸗ und truͤber Zeit, Wandle zwiſchen Freud' und Schmerz In der Einſamkeit. Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh, So verrauſchte Scherz und Kuß, Und die Treue ſo. Ich beſaß es doch einmal, Was ſo koͤſtlich iſt! Daß man doch zu ſeiner Qual Nimmer es vergißt! Rauſche, Fluß, das Thal entlang, Ohne Raſt und Ruh', Rauſche, fluͤſtre meinem Sang Melodien zu! Wenn du in der Winternacht Wuͤthend uͤberſchwillſt, Oder um die Fruͤhlingspracht Junger Kuoſpen quillſt. Selig, wer ſich vor der Welt Ohne Haß verſchließt, Einen Freund am Buſen haͤlt, Und mit dem genießt, — 61— Was von Menſchen nicht gewußt, Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Bruſt. Wandelt in der Nacht. Einſchränkung. Ich weiß nicht, was mir hier gefaͤllt, In dieſer engen, kleinen Welt Mit holdem Zauberband mich haͤlt? Vergeſſ' ich doch, vergeſſ' ich gern, Wie ſeltſam mich das Schickſal leitet; Und ach! ich fuͤhle, nah' und fern Iſt mir noch manches zubereitet. O waͤre doch das rechte Maß getroffen! Was bleibt mir nun, als, eingehuͤllt, Von holder Lebenskraft erfuͤllt, In ſtiller Gegenwart die Zukunſt zu erhoffen! Hoffnunn g. Schaff, das Tagwerk meiner Haͤnde, Hohes Gluͤck, daß ich's vollende! Laß! o laß mich nicht ermatten! Nein, es ſind nicht leere Traͤnme: Jetzt nur Staugen, dieſe Baͤume Geben einſt noch Frucht und Schatten. S. g e. Kehre nicht in dieſem Kreiſe Neu und immer neu zuruͤck! — 62— Laß, o laß mir meine Weiſe, Goͤnn', o goͤnne mir mein Gluͤck! Soll ich fliehen? Soll ich's faſſen? Nun gezweifelt iſt genug. Willſt du mich nicht gluͤcklich laſſen, Sorge, nun ſo mach mich klug! Stoßſeufzer. Ach, man ſparte viel! Seltner waͤre verruckt das Spiel, Waͤr' weniger Dumpfheit, vergebenes Sehnen, Ich koͤnnte viel gluͤcklicher ſeyn— Gaͤb's nur keinen Wein, Und keine Weiberthraͤnen! Räthſel. Ein Bruder iſt's von vielen Bruͤdern, In allem ihnen voͤllig gleich, Ein noͤthig Glied von vielen Gliedern In eines großen Vaters Reich. Jedoch erblickt man ihn nur ſelten, Faſt wie ein eingeſchobnes Kind, Die andern laſſen ihn nur gelten Da, wo ſie unvermoͤgend ſind. Das Sonett. Sich in ernentem Kunſtgebrauch zu uͤben Iſt heil'ge Pflicht, die wir dir auferlegen. Du kannſt dich auch, wie wir, beſtimmt bewegen Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeſchrieben. — 6s— Denn eben die Beſchraͤnkung laͤßt ſich lieben, Wenn ſich die Geiſter gar gewaltig regen; Und wie ſie ſich denn auch geberden moͤgen, Das Werk zuletzt iſt doch vollendet blieben. So moͤcht' ich ſelbſt in kuͤnſtlichen Sonetten, In ſprachgewandter Maßen kuͤhnem Stolze, Das Beſte, was Gefuͤhl mir gaͤbe, reimen; Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten, Ich ſchneide ſonſt ſo gern aus ganzem Holze, Und muͤßte nun doch auch mitunter leimen. —xãx Perfectibilität. Moͤcht' ich doch wohl beſſer ſeyn, Als ich bin!— Was waͤr' es? Soll ich aber beſſer ſeyn, Als du biſt; ſo lehr' es! Moͤcht' ich auch wohl beſſer ſeyn, Als ſo mancher Andre! „Willſt du beſſer ſeyn als wir, Lieber Freund, ſo wandre.“ Vorſchlag zur Gute. Er. Du gefaͤllſt mir ſo wohl, mein liebes Kind, Und wie wir hier bei einander ſind, So moͤcht' ich nimmer ſcheiden; Da waͤr' es wohl uns beiden. Sie. Gefall' ich dir, ſo gefaͤllſt du mir. Du ſagſt es frei, ich ſag' es dir. — 64— Ey nun! Heirathen wir eben! Das uͤbrige wird ſich geben. Er. Heirathen, Engel, iſt wunderlich Wort. Ich meint', da muͤßt' ich gleich wieder fort⸗ Sie. Was iſt's denn ſo großes Leiden? Geht's nicht, ſo laſſen wir uns ſcheiden. Vanitas! vanitatum vanitas! Ich hab' mein Sach auf Nichts geſtellt. Juchhe! Drum iſt's ſo wohl mir in der Welt. Juchhe! Und wer will mein Kamerade ſeyn, Der ſtoß' mit an, der ſtimm' mit ein, Bei dieſer Neige Wein. Ich ſtellt' mein Sach auf Geld und Gut. Juchhe! Daruͤber verlor ich Freud' und Muth. O weh! Die Muͤnze rollte hier und dort, Und haſcht' ich ſie an einem Ort, Am andern war ſie fort. Auf Weiber ſtellt' ich nun mein Sach, Juchhe! Daher mir kam viel Ungemach. O weh! Die Falſche ſucht ſich ein ander Theil, — 65— Die Treue macht mir lange Weil'; Die Beſte war nicht feil. Ich ſtellt' mein Sach auf Reiſ' und Fahrt. Juchhe! Und ließ meine Vaterlandesart. O weh! Und mir behagt' es nirgends recht, Die Koſt war fremd, das Bett war ſchlecht, Niemand verſtand mich recht. Ich ſtellt' mein Sach auf Ruhm und Ehr'. Juchhe! Und ſieh! gleich hatt' ein Andrer mehr. O weh! Wie ich mich hatt' hervor gethan, Da ſahen die Leute ſcheel mich an, Hatte Keinem Recht gethan. Ich ſetzt' mein Sach auf Kampf und Krieg. Juchhe! Und uns gelang ſo mancher Sieg. Juchhe! Wir zogen in Feindes Land hinein, Dem Freunde ſollt's nicht viel beſſer ſeyn, Und ich verlor ein Bein. Nun hab' ich mein Sach auf Nichts geſtellt. Juchhe! Und mein gehoͤrt die ganze Welt. Juchhe! Zu Ende geht nun Saug und Schmaus, 6 — 6e— Nur trinkt mir alle Neigen aus; Die letzte muß heraus! Kophtiſches Lied⸗ Laſſet Gelehrte ſich zanken und ſtreiten, Streng und bedaͤchtig die Lehrer auch ſeyn! Alle die Weiſeſten aller der Zeiten Laͤcheln und winken und ſtimmen mit ein: Thoͤricht, auf Beſſ'rung der Thoren zu harren! Kinder der Klugheit, o habet die Narren Eben zum Narren auch, wie ſich's gehoͤrt! Merlin der Alte, im leuchtenden Grabe, Wo ich als Juͤngling geſprochen ihn habe, Hat mich mit aͤhnlicher Antwort belehrt: Thoͤricht, auf Beſſ'rung der Thoren zu harren! Kinder der Klugheit, o habet die Narren Eben zum Narren auch, wie ſich's gehoͤrt! und auf den Hoͤhen der Indiſchen Luͤfte, Und in den Tiefen aͤgyptiſcher Gruͤfte Hab' ich das heilige Wort nur gehoͤrt: Thoͤricht auf Beſſ'rung der Thoren zu harren! Kinder der Klugheit, o habet die Narren Eben zum Narren auch, wie ſich's gehoͤrt! Ein Anderes. Geh! gehorche meinen Winken, 6 Nutze deine jungen Tage, Lerne zeitig kluͤger ſeyn: Auf des Gluͤckes großer Wage . — 67— Steht die Zunge ſelten ein; Du mußt ſteigen oder ſinken, Du mußt herrſchen und gewinnen, Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphiren, Amboß oder Hammer ſeyn. Muſen und Grazien in der Mark. O! wie iſt die Stadt ſo wenig, Laßt die Maurer kuͤnftig ruhn! Unſre Buͤrger, unſer Koͤnig Koͤnnten wohl was Beſſers thun. Ball und Oper wird uns toͤdten; Liebchen, komm auf meine Flur, Denn beſonders die Poeten, Die verderben die Natur. O wie freut es mich, mein Liebchen, Daß du ſo natuͤrlich biſt; Unſre Maͤdchen, unſre Buͤbchen, Spielen kuͤnftig auf dem Miſt! Und auf unſern Promenaden Zeigt ſich erſt die Neigung ſtark. Liebes Maͤdchen! laß uns waden, Waden noch durch dieſen Quark. Dann im Sand uns zu verlieren, Der uns keinen Weg verſperrt! Dich den Anger hin zu fuͤhren, Wo der Dorn das Roͤckchen zerrt! Zu dem Doͤrfchen laß uns ſchleichen, — 68— Mit dem ſpitzen Thurme hier; Welch ein Wirthshaus ſonder gleichen! Trocknes Brod! und ſaures Bier! Sagt mir nichts von gutem Boden, Nichts vom Magdeburger Land! Unſre Samen, unſre Todten, Ruhen in dem leichten Sand. Selbſt die Wiſſenſchaft verlieret. Nichts an ihrem raſchen Lauf; Denn bei uns, was vegetiret, 3 Alles keimt getrocknet auf. Geht es nicht in unſerm Hofe 1 Wiie im Paradieſe zu? 3 Statt der Dame, ſtatt der Zofe Macht die Heune Glu! glu! glu! uns beſchaͤftigt nicht der Pfauen, MNur der Gaͤnſe Lebenslauf; Meine Mutter zieht die grauen, Meine Frau die weißen auf. Laß den Witzling uns beſticheln! 4 Gluͤcklich, wenn ein deutſcher Mann Seinem Freunde, Vetter Micheln, 1 Guten Abend bieten kann. Wie iſt der Gedanke labend: Solch ein Edler bleibt uns nah! Immer ſagt man: geſtern Abend War doch Vetter Michel da! 5 Und in unſern Liedern keimet Sylb' aus Sylbe, Wort aus Wort. — 69— Ob ſich gleich auf Deutſch nichts reimet, Reimt der Deutſche dennoch fort. Ob es kraͤftig oder zierlich,“ Geht nus ſo genau nicht an; Wir ſind bieder und natuͤrlich, Und das iſt genug gethan. Der Rattenfänger. Ich bin der wohlbekannte Saͤnger, Der vielgereiſite Rattenfaͤnger, Den dieſe altberuͤhmte Stadt Gewiß beſonders noͤthig hat. Und waͤren's Ratten noch ſonviele, Und waͤren Wieſel mit im Spiele; Von allen ſaͤubr' ich dieſen Ort, Sie muͤſſen mit einander fort. Dann iſt der gut gelaunte Saͤnger Mitunter auch ein Kinderfaͤnger, Der ſelbſt die wildeſten bezwingt, Wenn er die gold'nen Maͤhrchen ſingt. Und waͤren Knaben noch ſo trutzig, Und waͤren Maͤdchen noch ſo ſtutzig, In meine Saiten greif' ich ein, Sie muͤſſen alle hinter drein. Dann iſt der vielgewandte Saͤnger Gelegentlich ein Maͤdchenfaͤnger; In keinem Staͤdtchen langt er an, Wo er's nicht mancher angethan. Und waͤren Maͤdchen noch ſo bloͤde, — 0— Und waͤren Weiber noch ſo ſproͤde; Doch allen wird ſo liebebang Bei Zauberſaiten und Geſang. (Won Anfang.) Frühlings⸗Orakel, Du prophet'ſcher Vogel du, Bluͤthenſaͤnger, o! Coucon! Bitten eines jungen Paares, In der ſchoͤnſten Zeit des Jahres, Hoͤre, liebſter Vogel du. Kann es hoffen; ruf ihm zu: Dein Coucou, dein Gucou, Immer mehr Coucon, Coucou. Hoͤrſt du! ein verliebtes Paar Sehnt ſich herzlich zum Altar; Und es iſt, bei ſeiner Jugend, Voller Treue, voller Tugend. Iſt die Stunde denn noch nicht voll? Sag', wie lange es warten ſoll? Horch! Coucou! Horch! Coucon! Immer ſtille! Nichts hinzu. Iſt es doch nicht unſre Schuld! Nur zwei Jahre noch Geduld! Aber, wenn wir uns genommen, Werden Pa, pa, payas kommen? Wiſſe, daß du uns erfreueſt, Wenn du viele prophezeiſt. — 71— Eins! Coucou! Zwei! Coucou! Immer weiter Coucou, Coucou, Cou. Haben wir wohl recht gezaͤhlt; Wenig am halb Dutzend fehlt. Wenn wir gute Worte geben, Sagſt du wohl, wie lang wir leben? Freilich, wir geſtehen dir's, Gern zum laͤugſten trieben wir's. Cou Coucou, Con Coucou, Cou, Cou, Cou, Cor, Cou, Cou, Con, Cou, Con. Leben iſt ein großes Feſt, Wenn ſich's nicht berechnen laͤßt. Sind wir nun zuſammen blieben; Bleibt denn auch das treue Lieben? Koͤnnte das zu Ende gehn; Waͤr' doch alles nicht mehr ſchoͤn. Cou Coucou, Con Coucou:: Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Con, Cou, Cou, Cou. (Mit Grazie in inſinitum.) An Lina. Liebchen, kommen dieſe Lieder Jemals wieder dir zur Hand, Sitze beim Claviere nieder, Wo der Freund ſonſt bei dir ſtand. Laß die Saiten raſch erklingen, Und dann ſieh ins Buch hinein. Nur nicht leſen! immer ſingen! Und ein jedes Blatt iſt dein. — 72— Ach! wie traurig ſieht in Lettern, Schwarz auf weiß, das Lied mich an, Das aus deinem Mund vergoͤttern, Das ein Herz zerreißen kann. Vermiſchte Gedichte. Goethe's Ged. 2 Klagegeſang von der edlen Frauen des Aſan Aga. Aus dem Morlackiſchen. Was iſt Weißes dort am gruͤnen Walde? Iſt es Schnee wohl, oder ſind es Schwaͤne? Waͤr' es Schnee, er waͤre weggeſchmolzen; Waͤren's Schwaͤne, waͤren weggeflogen. Iſt kein Schnee nicht, es ſind keine Schwaͤne, 's iſt der Glanz der Zelten Aſan Aga. Niederliegt er drin an ſeiner Wunde; Ihn beſucht die Mutter und die Schweſter; Schamhaft ſaͤumt ſein Weib, zu ihm zu kommen. Als nun ſeine Wunde linder wurde, Ließ er ſeinem treuen Weibe ſagen: „Harre mein nicht mehr an meinem Hofe, „Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen.“ Als die Frau dieß harte Wort vernommen, Stand die Treue ſtarr und voller Schmerzen, Hoͤrt der Pferde Stampfen vor der Thuͤre, Und es daͤncht ihr, Aſan kaͤm', ihr Gatte, Springt zum Thurme, ſich herab zu ſtuͤrzen. Aengſtlich folgen ihr zwei liebe Toͤchter, Rufen nach ihr, weinend bittre Thraͤnen: „Sind nicht unſers Vaters Aſan Roſſe, „Iſt dein Bruder Pintorowich kommen!“ 7* — 76— Und es kehret die Gemahlin Aſans, Schlingt die Arme jammernd um den Bruder: „Sieh die Schmach, o Bruder deiner Schweſter! „Mich verſtoßen! Mutter dieſer Fuͤnfe!“ 8 Schweigt der Bruder, ziehet aus der Taſche, Eingehuͤllet in hochrothe Seide, Ausgefertiget den Brief der Scheidung, Daß ſie kehre zu der Mutter Wohnung, Frei ſich einem Andern zu ergeben. Als die Frau den Trauerſcheidbrief ſahe, Kuͤßte ſie der beiden Knaben Stirne, Kuͤßt' die Wangen ihrer beiden Maͤdchen. Aber ach! vom Saͤugling in der Wiege Kann ſie ſich im bittern Schmerz nicht reißen! Reißt ſie los der ungeſtume Beuder, Hebt ſie auf das muntre Roß behende, Und ſo eilt er mit der bangen Frauen Grad' nach ſeines Vaters hoher Wohnung. Kurze Zeit war's, noch nicht ſieben Tage, Kurze Zeit g'nug; von viel großen Herren Unſre Frau in ihrer Wittwentrauer, Unſre Fran zum Weib begehret wurde. Und der groͤßte war Imoskis Cadi; 3 Und die Frau bat weinend ihren Bruder: „Ich beſchwoͤre dich bei deinem Leben, „Gib mich keinem Andern mehr zur Frauen, „Daß das Wiederſehen meiner lieben „Armen Kinder mir das Herz nicht breche!“ — ˙— Ihre Reden achtet nicht der Bruder, Feſt, Imoskis Cadi ſie zu trauen. Doch die Gute bittet ihn unendlich: Schicke wenigſtens ein Blatt, o Bruder, Mit den Worten zu Imoskis Cadi: „Dich begruͤßt die junge Wittib freundlich, „Und laͤßt durch dieß Blatt dich hoͤchlich bitten, „Daß, wenn dich die Suaten her begleiten, „Du mir einen langen Schleier bringeſt, „Daß ich mich vor Aſans Haus verhuͤlle, „Meine lieben Waiſen nicht erblicke.“ Kaum erſah der Cadi dieſes Schreiben, Als er ſeine Suaten alle ſammelt, Und zum Wege nach der Braut ſich ruͤſtet, Mit den Schleier, den ſie heiſchte, tragend. Gluͤcklich kamen ſie zur Fuͤrſtin Hauſe, Gluͤcklich ſie mit ihr vom Hauſe wieder. Aber als ſie Aſan's Wohnung naht'en, Sah'n die Kinder oben ab die Mutter, Riefen:„Komm zu deiner Halle wieder! „Iß das Abendbrod mit deinen Kindern.“ Traurig hoͤrt' es die Gemahlin Aſans, Kehrete ſich zu der Suaten Fuͤrſten: „Laß doch, laß die Suaten und die Pferde „Halten wenig vor der Lieben Thuͤre, „Daß ich meine Kleinen noch beſchenke.“ Und ſie bielten vor der Lieben Thuͤre, Und den armen Kindern gab ſie Gaben; Gab den Knaben goldgeſtickte Stiefel, — 78— Gab den Maͤdchen lange reiche Kleider, Und dem Saͤugling, huͤlflos in der Wiege, Gab ſie fuͤr die Zukunft auch ein Roͤckchen. Das beiſeit ſah Vater Aſan Aga, Rief gar traurig ſeinen lieben Kindern: „Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen! „Eurer Mutter Bruſt iſt Eiſen worden, „Feſt verſchloſſen, kann nicht Mitleid fuͤhlen.“ Wie das hoͤrte die Gemahlin Aſans, Stuͤrzt' ſie bleich den Boden ſchuͤtternd nieder, Und die Seel' entfloh dem bangen Buſen, Als ſie ihre Kinder vor ſich fliehn ſah. Mahomets Geſang. Seht den Felſenquell, Freudehell, Wie ein Sternenblick; Ueber Wolken Naͤhrten ſeine Jugend Gute Geiſter Zwiſchen Klippen im Gebuͤſch. Juͤnglingfriſch Tanzt er aus der Wolke Auf die Marmorfelſen nieder, Jauchzet wieder Nach dem Himmel. Durch die Gipfelgaͤnge Jagt er bunten Kieſeln nach, Und mit fruͤhem Fuͤhrertritt 3 — 79— Reißt er ſeine Bruderquellen Mit ſich fort. Drunten werden in dem Thal Unter ſeinem Fußtritt Blumen, Und die Wieſe Lebt von ſeinem Hauch. Doch ihn haͤlt kein Schattenthal, Keine Blumen, Die ihm ſeine Knie umſchlingen, Ihm mit Liebesaugen ſchmeicheln: Nach der Ebne dringt ſein Lauf Schlangenwandelnd⸗ Baͤche ſchmiegen Sich geſellig an. Nun tritt er In die Ebne ſilberprangend, Und die Ebne prangt mit ihm, Und die Fluͤſſe von der Ebne, Und die Baͤche von den Bergen, Jauchzen ihm und rufen: Bruder! Bruder, nimm die Bruͤder mit, Mit zu deinem alten Vater, Zu dem ew'gen Ocean, Der mit ausgeſpannten Armen Unſer wartet, Die ſich ach! vergebens oͤffnen, Seine Sehnenden zu faſſen; Denn uns frißt in oͤder Wuͤſte Gier'ger Sand; die Sonne droben Saugt an unſerm Blut, ein Huͤgel — 36— Hemmet uns zum Teiche! Bruder, Nimm die Bruͤder von der Ebne, Nimm die Bruͤder von den Bergen Mit, zu deinem Vater mit! Kommt ihr alle!— Und nun ſchwillt er Herrlicher, ein ganz Geſchlechte Traͤgt den Fuͤrſten hoch empor! Und im rollenden Triumphe Gibt er Laͤndern Namen, Staͤdte Werden unter ſeinem Fuß. Unaufhaltſam rauſcht er weiter, Laͤßt der Thuͤrme Flammengipfel, Marmorhaͤuſer, eine Schoͤpſung Seiner Fuͤlle, hinter ſich. Cedern⸗Haͤuſer traͤgt der Atlas Auf den Rieſenſchultern; ſauſend Wehen uͤber ſeinem Haupte Tauſend Flaggen durch die Luͤfte, Zeugen ſeiner Herrlichkeit. Und ſo traͤgt er ſeine Bruͤder, Seine Schäͤtze, ſeine Kinder, Dem erwartenden Erzenger Freudebrauſend an das Herz. Geſang der Geiſter üͤber den Waſſern. Des Menſchen Seele Gleicht dem Waſſer: Vom Himmel kommt es, — 81— Zum Himmel ſteigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechſelnd⸗ Stroͤmt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann ſtaͤubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen, Wallt er verſchleiernd, Leiſ' rauſchend, Zur Tiefe nieder. Nagen Klippen Dem Sturz' entgegen, Schaͤumt er unmuthig Stufenweiſe Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wieſenthal hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Geſtirne. Wind iſt der Welle Lieblicher Buhler; Wind miſcht vom Grund aus Schaͤumende Wogen. — 32— Seele des Menſchen, Wie gleichſt du dem Waſſer! Schickſal des Menſchen, Wie gleichſt du dem Wind! Meine Gottin. Welcher Unſterblichen Soll der hoͤchſte Preis ſeyn? Mit niemand ſtreit' ich, Aber ich geb' ihn Der ewig beweglichen, Immer neuen, Seltſamen Tochter Jovis, Seinem Schooßkinde, Der Fantaſie, Denn ihr hat er Alle Launen, Die er ſonſt nur allein Sich vorbehaͤlt, Zugeſtanden, Und hat ſeine Freude An der Thoͤrin. Sie mag roſenbekraͤnzt Mit dem Lilienſtaͤngel Blumenthaͤler betreten, Sommervoͤgeln gebieten, Und leicht naͤhrenden Than Mit Bienenlippen Von Bluͤthen ſaugen: ——— — 83— Oder ſie mag, Mit fliegendem Haar Und duͤſterm Blicke, Im Winde ſauſen Um Felſenwaͤnde, Und tauſendfarbig Wie Morgen und Abend, Immer wechſelnd Wie Mondesblicke, Den Sterblichen ſcheinen. Laßt uns alle Den Vater preiſen! Den alten, hohen, Der ſolch eine ſchoͤne, Unverwelkliche Gattin Dem ſterblichen Menſchen Geſellen moͤgen! Denn uns allein Hat er ſie verbunden Mit Himmelsband, Und ihr geboten, In Freud' und Elend, Als treue Gattin, Nicht zu entweichen. Alle die andern Armen Geſchlechter Der kinderreichen Lebendigen Erde Wandeln und weiden — 84— Im dunkeln Genuß Und truͤben Schmerzen Des augenblicklichen Beſchraͤnkten Lebens, Gebengt vom Joche Der Nothdurft. Uns aber hat er Seine gewandteſte, Verzaͤrtelte Tochter, Freut euch! gegoͤnnt. Begegnet ihr lieblich, Wie einer Geliebten! Laßt ihr die Wuͤrde Der Frauen im Haus! Und daß die alte Schwiegermutter Weisheit Das zarte Seelchen Ja nicht beleid'ge! Doch kenn' ich ihre Schweſter, Die aͤltere, geſetztere, Meine ſtille Freundin: O daß die erſt Mit dem Lichte des Lebens Sich von mir wende, Die edle Treiberin, Troͤſterin, Hoffnnng! — 85— Harzreiſe im Winter. Dem Geyer gleich, Der auf ſchweren Morgenwolken Mit ſanftem Fittig ruhend Nach Beute ſchaut, Schwebe mein Lied. Denn ein Gott hat Jedem ſeine Bahn Vorgezeichnet, Die der Gluͤckliche Naſch zum freudigen Ziele rennt: Wem aber Ungluͤck Das Herz zuſammen zog, Er ſtraͤubt vergebens Sich gegen die Schranken Des ehernen Fadens, Den die doch bitt're Scheere Nur ein Mahl loͤſt. In Dickichtsſchauer Draͤngt ſich das rauhe Wild, Und mit den Sperlingen Haben laͤngſt die Reiher In ihre Suͤmpfe ſich geſenkt. Leicht iſt's, folgen dem Wagen, Den Fortuna fuͤhrt, Wie der gemaͤchliche Troß Auf gebeſſerten Wegen, Hinter des Fuͤrſten Einzug. — 86— Aber abſeits wer iſt's? Ins Gebuͤſch verliert ſich ſein Pfad, Hinter ihm ſchlagen Die Straͤuche zuſammen, Das Gras ſteht wieder auf, Die Oede verſchlingt ihn. Aber wer heilet die Schmerzen Deß, dem Balſam zu Gift ward? Der ſich Menſchenhaß Aus der Fuͤlle der Liebe trank! Erſt verachtet, nun ein Veraͤchter, Zehrr er heimlich auf Seinen eignen Werth In ung'nuͤgender Selbſtſucht. Iſt auf deinem Pſalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke ſein Herz! Oeffne den umwoͤlkten Blick Ueber die tauſend Quellen Neben dem Durſtenden In der Wuͤſte. Der du der Freuden viel ſchaffſt, Jedem ein uͤberfließend Maß, Segne die Bruͤder der Jagd Auf der Faͤhrte des Wilds, Mit jugendlichem Uebermuth Froͤhlicher Mordſucht, Spaͤte Naͤcher des Unbilds, — 87— Dem ſchon Jahre vergeblich Wehrt mit Knuͤtteln der Bauer. Aber den Einſamen huͤll' In deine Goldwolken, Umgib mit Wintergruͤn, Bis die Roſe wieder heran reift, Die feuchten Haare, O Liebe, deines Dichters! Mit der daͤmmernden Fackel Leuchteſt du ihm Durch die Furten bei Nacht, Ueber grundloſe Wege Auf oͤden Gefilden; Mit dem tauſendfarbigen Morgen Lachſt du ins Herz ihm; Mit dem beizenden Sturm Traͤgſt du ihn hoch empor; Winterſtroͤme ſtuͤrzen vom Felſen In ſeine Pſalmen, Und Altar des lieblichſten Danks Wird ihm des gefuͤrchteten Gipfels Schneebehangner Scheitel, Den mit Geiſterreihen Kraͤnzten ahnende Voͤlker. Du ſtehſt mit unerforſchtem Buſen Geheimnißvoll offenbar Ueber der erſtaunten Welt, Und ſchauſt aus Wolken Auf ihre Reiche und Herrlichkeit, 1 — 88— Die du aus den Adern deiner Bruͤder Neben dir waͤſſerſt. An Schwager Kronos. Spude dich, Kronos! Fort den raſſelnden Trott! Berg ab gleitet der Weg; Ekles Schwindeln zoͤgert Mir vor die Stirne dein Zandern. Friſch, holpert es gleich, Ueber Stock und Steine den Trott Raſch in's Leben hinein! Nun ſchon wieder Den erathmenden Schritt Muͤhſam Berg hinauf! Auf denn, nicht traͤge denn, Strebend und hoffend hinan! Weit, hoch, herrlich der Blick Rings ins Leben hinein, Vom Gebirg' zum Gebirg Schwebet der ewige Geiſt, Ewigen Lebens ahndevoll. Seitwaͤrts des Ueberdachs Schatten Zieht dich an, Und ein Friſchung verheißender Blick Auf der Schwelle des Maͤdchens da. Labe dich— Mir auch, Maͤdchen, Dieſen ſchaͤumenden Trank, Dieſen friſchen Geſundheitsblick! — 89— Ab denn, raſcher hinab! Sieh, die Sonne ſinkt! Eh' ſie ſinkt, eh' mich Greiſen Ergreift im Moore Nebelduft, Entzahnte Kiefer ſchnattern Und das ſchlotternde Gebein. Trunknen vom letzten Strahl Reiß mich, ein Feuermeer Mir im ſchaͤumenden Aug', Mich geblendeten Taumelnden In der Hoͤlle naͤchtliches Thor. Toͤne, Schwager, ins Horn, Raßle den ſchallenden Trab, Das der Orcus vernehme: wir kommen, Daß gleich an der Thuͤre Der Wirth uns freundlich empfange. Seefaht t. Lange Tag' und Naͤchte ſtand mein Schiff befrachtet, Guͤnſt'ger Winde harrend, ſaß mit treuen Freunden, Mir Geduld und guten Muth erzechend, Ich im Hafen. Und ſie waren doppelt ungeduldig: Gerne goͤnnen wir die ſchnellſte Reiſe, Gern die hohe Fahrt dir; Guͤterfuͤlle Wartet druͤben in den Welten deiner, Wird Nuͤckkehrendem in unſern Armen Lieb' und Preis dir. 8 — 90— Und am fruͤhen Morgen wards Getuͤmmel, Und dem Schlaf entzauchzt uns der Matroſe, Alles wimmelt, alles lebet, webet, Mit dem erſten Segenshauch zu ſchiffen. Und die Segel blaͤhen in dem Hauche, Und die Sonne lockt mit Feuerliebe, Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wollken, Jauchzen an dem Ufer aller Freunde Hoffnungslieder nach, im Freudetaumel Reiſefreuden waͤhnend, wie des Einſchiffsmorgens, Wie der erſten hohen Sternennaͤchte. Aber gottgeſandte Wechſelwinde treiben Seitwaͤrts ihn der vorgeſteckten Fahrt ab, Und er ſcheint ſich ihnen hinzugeben, Strebet leiſe ſie zu uͤberliſten, Tren dem Zweck auch auf dem ſchiefen Wege. Aber aus der dumpfen, grauen Ferne Kuͤndet leiſe wandelnd ſich der Sturm an, Druͤckt die Voͤgel nieder aufs Gewaͤſſer, Druͤckt der Menſchen ſchwellend Herz darnieder, Und er kommt. Vor ſeinem ſtarren Wuͤthen Streckt der Schiffer klug die Segel nieder; Mit dem angſterfuͤllten Balle ſpielen Wind und Wellen. Und an jenem Ufer druͤben ſtehen Freund und Lieben, beben auf dem Feſten: Ach, warum iſt er nicht hier geblieben! Ach, der Sturm! Verſchlagen weg vom Gluͤckel — 914— Soll der Gute ſo zu Grunde gehen? Ach er ſollte, ach er koͤnnte! Goͤtter! Doch er ſtehet maͤnnlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe ſyielen Wind und Wellen; Wind und Wellen nicht mit ſeinem Herzen: Herrſchend blickt er auf die grimme Diefe Und veetrauet, ſcheiternd oder landend, Seinen Goͤttern. Adler und Taube. Ein Adlersjuͤngling hob die Fluͤgel Nach Raub aus; Ihn traf des Jaͤgers Pfeil und ſchnitt Der rechten Schwinge Sennkraft ab. Er ſtuͤrzt' hinab in einen Myrtenhain, Fraß ſeinen Schmerz drei Tage lang, Und zuckt' an Qual Drei lange, lange Naͤchte lang: Zuletzt heilt ihn Allgegenwaͤrt'ger Balſam Allheilender Natur. Er ſchleicht aus dem Gebuͤſch hervor Und reckt die Fluͤgel— ach! Die Schwingkraft weggeſchnitten— Hebt ſich muͤhſam kaum Am Boden weg Unwuͤrd'gem Raubbeduͤrfniß nach, Und ruht tieftrauernd Auf dem niedern Fels am Bach; — 92— Er blickt zur Eich' hinauf⸗ Hinauf zum Himmel, Und eine Thraͤne fuͤllt ſein hohes Aug'. Da kommt muthwillig durch die Myrtenaͤſte 3. Daher gerauſcht ein Taubenpaar, Laͤßt ſich herab, und wandelt nickend Ueber gold'nen Sand und Bach, Und ruckt einander an; 1 Ihr roͤthlich Auge buhlt umher, Erblickt den Innigtrauernden. Der Tauber ſchwingt neugiergeſellig ſich Zum nahen Buſch, und blickt Mit Selbſtgefaͤlligkeit ihn freundlich an. Du trauerſt, liebelt er, Sey guten Muthes, Freund! Haſt du zur ruhigen Gluͤckſeligkeit Nicht alles hier? Kannſt du dich nicht des gold'nen Zweiges freun, Der vor des Tages Gluth dich ſchuͤtzt? Kannſt du der Abendſonne Schein Auf weichem Moos am Bache nicht Die Bruſt entgegen heben? Du wandelſt durch der Blumen friſchen Thau, Pfluͤckſt aus dem Ueberfluß Des Waldgebuͤſches dir Geleg'ne Speiſe, letzeſt Den leichten Durſt am Silberquell,— O Freund, das wahre Gluͤck Iſt die Genuͤgſamkeit, Und die Genuͤgſamkeit s Hat uͤberall genug. O Weiſe! ſyrach der Adler, und tief ernſt Verſinkt er tiefer in ſich ſelbſt, O Weisheit! Du redſt wie eine Taube! Prometheus. Bedecke deinen Himmel, Zevs, Mit Wolkendunſt, Und uͤbe, dem Knaben gleich, Der Diſteln koͤpft, An Eichen dich und Bergeshoͤhn; Mußt mir meine Erde Doch laſſen ſtehn, Und meine Huͤtte, die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um deſſen Gluth Du mich beneideſt. Ich kenne nichts Aermeres Unter der Sonn', als euch, Goͤtter! Ihr naͤhret kuͤmmerlich Von Opferſteuern Und Gebetshauch Eure Majeſtaͤt, Und darbtet, waͤren Nicht Kinder und Bettler Hoffuungsvolle Thoren. Da ich ein Kind war, Nicht wußte wo aus noch ein, Kehrt' ich mein verirrtes Auge 1 3 — 94— Zur Sonne, als wenn druͤber waͤr' Ein Ohr, zu hoͤren meine Klage, Ein Herz, wie mein's, Sich des Bedraͤngten zu erbarmen. Wer half mir Wider der Titanen Uebermuth? Wer rettete vom Tode mich, Von Sclaverei? Haſt du nicht alles ſelbſt vollendet, Heilig gluͤhend Herz? Und gluͤhteſt jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben? Ich dich ehren? Wofuͤr? Haſt du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Haſt du die Thraͤnen geſtillet Je des Geaͤngſteten? Hat nicht mich zum Manne geſchmiedet Die allmaͤchtige Zeit Und das ewige Schickſal, Meine Herrn und deine? Waͤhnteſt du etwa, Ich ſollte das Leben haſſen, In Wuͤſten fliehen, Weil nicht alle Bluͤthentraͤume reiften? Hier ſitz' ich, forme Menſchen Nach meinem Bilde, — 95— Ein Geſchlecht, das mir gleich ſey, Zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen ſich Und dein nicht zu achten, Wie ich! Ganymed. Wie im Morgenglanze Du rings mich angluͤhſt, Fruͤhling, Geliebter! Mit tauſendfacher Liebeswonn“ Sich an mein Herz draͤngt Deiner ewigen Waͤrme Heilig Gefuͤhl, Unendliche Schoͤne! Daß ich dieſen faſſen moͤcht' In dieſen Arm! Ach an deinem Buſen Lieg' ich, ſchmachte, Und deine Blumen, dein Gras Draͤngen ſich an mein Herz. Du kuͤhlſt den brennenden Durſt meines Buſens, Lieblicher Morgenwind! Ruft drein die Nachtigall Liebend nach mir aus dem Nebelthal. Ich komm'! ich komme! Wohin? Ach, wohin? — 96— Hinauf! Hinauf ſtrebt's. Es ſchweben die Wolken Abwaͤrts, die Wolken Neigen ſich der ſehnenden Liebe. Mir! Mir! In euerm Schooße Aufwaͤrts! Umfangend umfangen! Aufwaͤrts an deinen Buſen, Allliebender Vater! Gränzen der Menſchheit. Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelaſſener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Ueber die Erde ſaͤ't, Kuͤſſ' ich den letzten Saum ſeines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Bruſt. Deenn mit Goͤttern Soll ſich nicht meſſen Irgend ein Menſch. Hebt er ſich aufwaͤrts, Und beruͤhrt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann — 97— Die unſichern Sohlen, Und mit ihm ſpielen Wolken und Winde. Steht er mit feſten, Markigen Knochen Auf der wohlgegruͤndeten, Dauernden Erde; Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen. Was unterſcheidet Goͤtter von Menſchen? Daß viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verſchlingt die Welle, Und wir verſinken. Ein kleiner Ring Begraͤnzt unſer Leben, Und viele Geſchlechter Reihen ſich dauernd An ihres Daſeyns Unendliche Kette. Das Göttliche. Edel ſey der Menſch, Huͤlfreich und gut! Goethe's Ged. 9 — 98— Denn das allein Unterſcheidet ihn Von allen Weſen, Die wir kennen. Heil dem unbekannten Hoͤhern Weſen, Die wir ahnen! Sein Beiſypiel lehr' uns Jene glauben. Denn unfuͤhlend Iſt die Natur: Es leuchtet die Sonne Ueber Boͤſ' und Gute, Und dem Verbrecher Glaͤnzen, wie dem Beſten, Der Mond und die Sterne. Wind und Stroͤme, Donner und Hagel Rauſchen ihren Weg, Und ergreifen, Voruͤber eilend, Einen um den andern. Auch ſo das Gluͤck Tappt unter die Menge, Faßt bald des Knaben Lockige Unſchuld, Bald auch den kahlen, Schuldigen Scheitel. — 99— Nach ewigen, ehrnen, Großen Geſetzen Muͤſſen wir alle Unſeres Daſeyns Kreiſe vollenden. Nur allein der Menſch Vermag das Unmoͤgliche: Er unterſcheidet, Waͤhlet und richtet; Er kann dem Augenblick Dauer verleihen. Er allein darf Den Guten lohnen, Den Boͤſen ſtrafen, Heilen und retten, Alles Irrende, Schweifende Nuͤtzlich verbinden. Und wir verehren Die Unſterblichen, Als waͤren ſie Menſchen, Thaͤten im Großen, Was der Beſte im Kleinen Thut oder moͤchte. Der edle Menſch Sey huͤlfreich und gut! Unermuͤdet ſchaff' er Das Nuͤtzliche, Rechte, Sey uns ein Vorbild Jener geahneten Weſen! —;—ᷣ—ᷣ—’—’Y’—: 9* — 1⁰⁰0— Herzog Leopold von Braunſchweig. Dich ergriff mit Gewalt der alte Herrſcher des Fluſſes, Haͤlt dich, und theilet mit dir ewig ſein ſtroͤmendes Reich. Ruhig ſchlummerſt du nun beim ſtilleren Nauſchen der Urne, Bis dich ſtuͤrmende Fluth wieder zu Thaten erweckt. Huͤlfreich werde dem Volke! ſo wie du ein Sterblicher wollteſt, Und vollend' als ein Gott, was dir als Menſchen mißlang. Dem Ackermann. Flach bedecket und leicht den goldenen Samen die Furche, Guter, die tiefere deckt endlich dein ruhend Gebein. Froͤhlich gepfluͤgt und geſaͤkt! Hier keimet lebendige Nahrung, Und die Hoffnung entfernt ſelbſt von dem Grabe ſich nicht. Anakreons Grab. Wo die NRoſe hier bluͤht, wo Reben um Lorbeern ſich ſchlingen, Wo das Turtelchen lockt, wo ſich das Grillchen ergetzt, Welch ein Grab iſt hier, das alle Goͤtter mit Leben Schoͤn bepflanzt und geziert? Es iſt Angkreons Ruh'. Fruͤhling, Sommer und Herbſt genoß der gluͤckliche 3 Dichter, Vor dem Winter hat ihn endlich der Huͤgel geſchuͤtzt. — 104— Die Geſchwiſter. Schlummer und Schlaf, zwei Bruͤder, zum Dienſte der Goͤtter berufen, Bat ſich Prometheus herab ſeinem Geſchlechte zum Troſt: Aber den Goͤttern ſo leicht, doch ſchwer zu ertragen den Menſchen, Ward nun ihr Schlummer uns Schlaf, ward nun ihr Schlaf uns zum Tod. Z el t maß. Eros, wie ſeh' ich dich hier! In jeglichem Haͤndchen die Sanduhr! Wie? Leichtſinniger Gott, miſſeſt du doppelt die Zeit? „Laugſam rinnen aus einer die Stunden entfernter Ge⸗ liebten, Gegenwaͤrtigen fließt eilig die zweite herab.“ Warmnen g. Wecke den Amor nicht auf! Noch ſchlaͤft der liebliche Knabe; Geh', vollbring' dein Geſchaͤft, wie es der Tag dir gebeut! So der Zeit bedienet ſich klug die ſorgliche Mutter, Wenn ihr Knaͤbchen entſchlaͤft; denn es erwacht nur zu bald. —— — 102— Einſamkeit. Die ihr Felſen und Baͤume bewohnt, o heilſame Nym⸗ phen, Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt! Schaffet dem Traurigen Troſt, dem Zweifelhaften Be⸗ lehrung, Und dem Liebenden goͤnnt, daß ihm begegne ſein Gluͤck. Denn euch gaben die Goͤtter, was ſie den Menſchen verſagten, Jeglichem, der euch vertraut, troͤſtlich und huͤlflich zu ſeyn. Erkanntes Glück. Was bedächtlich Natur ſonſt unter Viele vertheilet, Gab ſie mit reichlicher Hand alles der Einzigen, ihr. Und die ſo herrlich Begabte, von vielen ſo innig Verehrte, Gab ein liebend Geſchick freundlich dem Gluͤcklichen, mir. Erwählter Fels. Hier im Stillen gedachte der Liebende ſeiner Geliebten; Heiter ſprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein! Doch erhebe dich nicht, du haſt noch viele Geſellen; Jedem Felſen der Flur, die mich, den Gluͤcklichen, — naͤhrt, Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich ſchlinge, — 103— Denkmahl bleibe des Gluͤcks! ruf' ich ihm weihend und froh. Doch die Stimme verleih' ich nur dir, wie unter der Menge Einen die Muſe ſich waͤhlt, freundlich die Lippen ihm kuͤßt. Landliches Glück. Seyd, o Geiſter des Hains, o ſeyd, ihr Nymphen des Fluſſes, Eurer Entfernten gedenk, eurer Nahen zur Luſt! Weihend feierten ſie im Stillen die laͤndlichen Feſte; Wir, dem gebahnten Pfad folgend, beſchleichen das Gluͤck. Amor wohnte mit uns, es macht der himmliſche Knabe Gegenwaͤrtige lieb, und die Enrfernten euch nah'. Philomele. Dich hat Amor gewiß, o Saͤngerin, fuͤtternd erzogen; Kindiſch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Koſt. So, durchdrungen von Gift die harmlos athmende Kehle, Trifft mit der Liebe Gewalt nun Philomele das Herz. Geweihter Plazz. Wenn zu den Reihen der Nymyhen, verſammelt in 1 heiliger Mondnacht, Sich die Grazien heimlich herab vom Olympus geſellen — 404— Hier belauſcht ſie der Dichter, und hoͤrt die ſchoͤnen Geſaͤnge, Sieht verſchwiegener Taͤnze geheimnißvolle Bewegung. Was der Himmel nur Herrliches hat, was gluͤcklich die Erde Reizendes immer gebar, das erſcheint dem wachenden Traͤumer. Alles erzaͤhlt er den Muſen, und daß die Goͤtter nicht zuͤrnen, Lehren die Muſen ihn gleich beſcheiden Geheimniſſe ſprechen. Der Park. Welch ein himmliſcher Garten entſpringt aus Oed' und aus Wuͤſte, Wird und lebet und glaͤnzt herrlich im Lichte vor mir. Wohl den Schoͤpfer ahmet ihr nach, ihr Goͤtter der Erde! Fels und See und Gebuͤſch, Voͤgel und Fiſch und Gewild. Nur daß euere Staͤtte ſich ganz zum Eden vollende, Fehlt hier ein Gluͤcklicher, fehlt euch am Sabbath die Ruh'. Die Lehrer. Als Diogenes ſtill in ſeiner Tonne ſich ſonnte, Und Calanus mit Luſt ſtieg in das flammende Grab, Welche herrliche Lehre dem raſchen Sohn des Philippus, WMaͤre der Herrſcher der Welt nicht auch der Lehre zu groß! — 105— Verſuchung. Reichte die ſchaͤdliche Frucht einſt Mutter Eva dem Gatten, Ach! vom thoͤrichten Biß kraͤnkelt das ganze Ge⸗ ſchlecht. Nun, vom heiligen Leibe, der Seelen ſpeiſet und heilet, Koſteſt du, Lydia, fromm, liebliches, buͤßendes Kind! Darum ſchick' ich dir eilig die Frucht voll irdiſcher Suͤße, Daß der Himmel dich nicht deinem Geliebten entzieh'. Ungleiche Heirath. Selbſt ein ſo himmliſches Paar fand nach der Verbin⸗ dung ſich ungleich: Pſoche ward aͤlter und klug, Amor iſt immer noch Kind. Heilige Familie. O des ſuͤßen Kindes, und o der gluͤcklichen Mutter, Wie ſie ſich einzig in ihm, wie es in ihr ſich ergetzt! Welche Wonne gewaͤhrte der Blick auf dieß herrliche Bild mir, Stuͤnd' ich Armer nicht ſo heilig, wie Joſeph, dabei! Entſchuldigung. Du verklageſt das Weib, ſie ſchwanke von Einem zum Andern! Tadle ſie nicht, ſie ſucht einen beſtaͤndigen Mann. — 106— Der Chineſe in Rom. Einen Chineſen ſah ich in Rom; die geſammten Gebaͤude Alter und neuerer Zeit ſchienen ihm laͤſtig und ſchwer. Ach! ſo ſeufzt' er, die Armen! ich hoffe, ſie ſollen be⸗ greifen, Wie erſt Saͤulchen von Holz tragen des Daches Gezelt, Daß an Latten und Pappen, Geſchnitz und bunter Ver⸗ goldung Sich des gebildeten Aug's feinerer Sinn nur erfreut. Siehe, da glaubt' ich, im Bilde, ſo manchen Schyaͤr⸗ mer zu ſchauen, Der ſein luftig Geſpinnſt mit der ſoliden Natur Ewigem Teppich vergleicht, den echten reinen Geſunden Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, geſund. Phöbos und Hermes. Delos ernſter Beherrſcher und Maja's Sohn, der ge⸗ wandte, Rechteten heftig, es wuͤnſcht' jeder den herrlichen Preis. Hermes verlangte die Leyer, die Leyer verlangt auch Apollon, Doch vergeblich erfuͤllt Hoffnung den Beiden das Herz;* Denn raſch draͤnget ſich Ares heran, gewaltſam entſchei⸗ dend, Schlaͤgt das goldene Spiel, wild, mit dem Eiſen entzwei. Hermes lacht unmaͤßig, der ſchadenfrohe; doch Phöͤbos N — 107— Und den Muſen ergreift inniger Schmerz das Ge⸗ muͤth. Spiegel der Muſe. Sich zu ſchmuͤcken begierig verfolgte den rinnenden Bach einſt Fruͤh die Muſe hinab, ſie ſuchte die ruhigſte Stelle. Eilend und rauſchend indeß verzog die ſchwankende Flaͤche Stets das bewegliche Bild, die GoͤtFtin wandte ſich zuͤr⸗ nend; Doch der Bach rief hinter ihr drein, und hoͤhnte ſie: Freilich. Magſt du die Wahrheit nicht ſehn, wie rein dir mein Spiegel ſie zeiget! Aber indeſſen ſtand ſie ſchon fern, am Winkel des Sees, Ihrer Geſtalt ſich erfreuend, und ruͤckte den Kranz ſich zurechte. Der neue Amor. Amor, nicht das Kind, der Juͤngling, der Pſychen verfuͤhrte, Sah im Olympus ſich um, frech und der Siege ge⸗ wohnt; Eine Goͤttin erblickt' er, vor allen die herrlichſte Schoͤne, Venus Urania war's, und er entbrannte fuͤr ſie. Ach! die Heilige ſelbſt, ſie widerſtand nicht dem Werben, Und der Verwegene hielt feſt ſte im Arme beſtrickt. Da entſtand aus ihnen ein neuer, lieblicher Amor, Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt. — 108— Immer findeſt du ihn in holder Muſen Geſellſchaft, Und ſein reizender Pfeil ſtiftet die Liebe der Kunſt. Liebebe duüurfniß.* Wer vernimmt mich? ach! wem ſoll ich's klagen? Wer's vernaͤhme, wuͤrd' er mich bedauern? Ach! die Lipye, die ſo manche Freude Sonſt genoſſen hat und ſonſt gegeben, Iſt geſpalten, und ſie ſchmerzt erbaͤrmlich⸗ Und ſie iſt nicht etwa wund geworden, Weil die Liebſte mich zu wild ergriffen, Hold mich angebiſſen, daß ſie feſter Sich des Freunds verſichernd ihn gendͤſſe: Nein, das zarte Lippchen iſt geſprungen, Weil nun uͤber Reif und Froſt die Winde 3 Spitz und ſcharf und lieblos mir begegnen. Und nun ſoll mir Saft der edlen Traube, Mit dem Saſt der Bienen, bei dem Feuer Meines Heerds vereinigt, Lind'rung ſchaffen. Ach, was will das helfen, miſcht die Liebe Nicht ein Troͤpſchen ihres Balſams drunter? An li e gee n.. O ſchoͤnes Maͤdchen du, Du mit dem ſchwarzen Haar, Die du ans Fenſter trittſt, Auf dem Balkone ſtehſt! Und ſtehſt du wohl umſonſt? O ſtuͤndeſt du fuͤr mich, — 109— Und zoͤgſt die Klinke los, Wie gluͤcklich waͤr' ich da! Wie ſchnell ſpraͤng' ich hinauf! An ſeine Sprode. Siehſt du die Pomeranze? Noch haͤngt ſie an dem Baume, Schon iſt der Maͤrz verfloſſen, Und neue Bluͤthen kommen. Ich trete zu dem Baume, Und ſage: Pomeranze, Du reife Pomeranze, Du ſuͤße Pomeranze, Ich ſchuͤttle, fuͤhl', ich ſchuͤttle, O fall' in meinen Schooß! Die Muſageten. Oft in tiefen Winternaͤchten Rief ich an die holden Muſen: Keine Morgenroͤthe leuchtet Und es will kein Tag erſcheinen, Aber bringt zur rechten Stunde Mir der Lampe fromm Geleuchte, Daß es, ſtatt Auror' und Phoͤbus, Meinen ſtillen Fleiß belebe. Doch ſie ließen mich im Schlafe, Dumpf und unerguicklich, liegen, Und nach jedem ſpaͤten Morgen Folgten ungenuͤtzte Tage. Da ſich nun der Fruͤhling regte: Sagt' ich zu den Nachtigallen: Liebe Nachtigallen, ſchlaget Fruͤh, o fruͤh'! vor meinem Fenſter, Weckt mich aus dem vollen Schlafe, Der den Juͤngling maͤchtig feſſelt. Doch die lieberfuͤllten Saͤnger Dehnten Nachts vor meinem Fenſter Ihre ſuͤßen Melodien, Hielten wach die liebe Seele, Regten zartes neues Sehnen Aus dem neu geruͤhrten Buſen. Und ſo ging die Nacht voruͤber, Und Aurora fand mich ſchlafen, Ja, mich weckte kaum die Sonne. Endlich iſt es Sommer worden, Und beim erſten Morgenſchimmer, Reizt mich aus dem bolden Schlummer Die geſchaͤftig fruͤhe Fliege. Unbarmherzig kehrt ſie wieder, Wenn auch oft der halb Erwachte Ungeduldig ſie verſcheuchet, Lockt die unverſchaͤmten Schweſtern, Und von meinen Augenliedern Muß der holde Schlaf entweichen. Ruͤſtig ſpring' ich von dem Lager, Suche die geliebten Muſen, Finde ſie im Buchenhaine, Mich gefaͤllig zu empfangen. Und den leidigen Inſekten — 111— Dank' ich manche goldne Stunde. Seyd mir doch, ihr Unbequemen, Von dem Dichter hoch geprieſen, Als die wahren Muſageten. Morgenklagen. O du loſes, leidigliebes Maͤdchen, Sag' mir an, womit hab' ich's verſchuldet, Daß du mich auf dieſe Folter ſpanneſt, Daß du dein gegeben Wort gebrochen? Druͤckteſt doch ſo freundlich geſtern Abend Mir die Haͤnde, liſpelteſt ſo lieblich: Ja, ich komme, komme gegen Morgen Ganz gewiß, mein Freund, auf dein Stube. Angelehnet ließ ich meine Thuͤre, Hatte wohl die Angeln erſt gepruͤfet, Und mich recht gefreut, daß ſie nicht knarrten. Welche Nacht des Wartens iſt vergangen! Wacht' ich doch und zaͤhlte jedes Viertel: Schlief ich ein auf wenig Augenblicke, War mein Herz beſtaͤndig wach geblieben, Wechte mich von meinem leiſen Schlummer. Ja, da ſegnet' ich die Finſterniſſe, Die ſo ruhig alles uͤberdeckten, Freute mich der allgemeinen Stille, Horchte lauſchend immer in die Stille, Ob ſie nicht ein Laut bewegen moͤchte. „Haͤtte ſie Gedanken, wie ich denke, „Hätte ſie Gefuͤhl, wie ich empfinde, — 112— „Wuͤrde ſie den Morgen nicht erwarten, „Wuͤrde ſchon in dieſer Stunde kommen.“ Huͤpft' ein Kaͤtzchen oben uͤber'n Boden, Kniſterte das Maͤuschen in der Ecke, Regte ſich, ich weiß nicht was, im Hauſe, Immer hofft' ich deinen Schritt zu hoͤren, Immer glaubt' ich, deinen Tritt zu hoͤren. Und ſo lag ich lang' und immer laͤnger, Und es fing der Tag ſchon an zu grauen, Und es rauſchte hier und rauſchte dorten. „Iſt es ihre Thuͤre? Waͤrs die meine!“ Saß ich aufgeſtemmt in meinem Bette, Schaute nach der halb erhellten Thuͤre, Ob ſie nicht ſich wohl bewegen moͤchte. Angelehnet blieben beide Fluͤgel Auf den leiſen Angeln ruhig hangen. Und der Tag ward immer hell und heller; Hoͤrt' ich ſchon des Nachbars Thuͤre gehen, Der das Taglohn zu gewinnen eilet, Hoͤrt ich bald darauf die Wagen raſſeln, War das Thor der Stadt nun auch erdffnet, Und es regte ſich der ganze Plunder Des bewegten Marktes durch einander. Ward nnun in dem Haus ein Gehn und Kommen, Auf und ab die Stiegen, hin und wieder Knarrten Thuͤren, klapperten die Tritte; Und ich konnte, wie vom ſchoͤnen Leben, Mich noch nicht von meiner Hoffnung ſcheiden. — 113— Endlich, als die ganz verhaßte Sonne Meine Fenſter traf und meine Waͤnde, Sprang ich auf, und eilte nach dem Garten, Meinen heißen, ſehnſuchtsvollen Athem Mit der kuͤhlen Morgenluft zu miſchen, Dir vielleicht im Garten zu begegnen; Und nun biſt du weder in der Laube, Noch im hohen Lindengang zu finden. Der Beſuch. Meine Liebſte wollt' ich heut beſchleichen, Aber ihre Thuͤre war verſchloſſen. Hab' ich doch den Schluͤſſel in der Taſche! Oeffn' ich leiſe die geliebte Thuͤre! Auf dem Saale fand ich nicht das Maͤdchen, Fand das Maͤdchen nicht in ihrer Stube, Endlich da ich leis die Kammer oͤffne, Find' ich ſie gar zierlich eingeſchlafen, Angekleidet auf dem Sopha liegen. Bei der Arbeit war ſie eingeſchlafen, Das Geſtrickte mit den Nadeln ruhte Zwiſchen den gefaltnen zarten Haͤnden; Und ich ſetzte mich an ihre Seite, Ging bei mir zu Rath, ob ich ſie weckte. Da betrachtet' ich den ſchoͤnen Frieden, Der auf ihren Augenliedern ruhte: Auf den Lippen war die ſtille Treue, Auf den Wangen Lieblichkeit zu Hauſe, Und die Unſchuld eines guten Herzens 10 — 114— Regte ſich im Buſen hin und wieder. Jedes ihrer Glieder lag gefaͤllig Aufgeloͤſ't von ſuͤßem Goͤtterbalſam. Freudig ſaß ich da, und die Betrachtung Hielte die Begierde, ſie zu wecken, Mit geheimen Banden feſt und feſter. O du Liebe, dacht' ich, kann der Schlummer, Der Verraͤther jedes falſchen Zuges, Kann er dir nicht ſchaden, nichts entdecken, Was des Freundes zarte Meinung ſtoͤrte? Deine holden Augen ſind geſchloſſen, Die mich offen ſchon allein bezaubern; Es bewegen deine ſuͤßen Lippen Weder ſich zur Rede noch zum Kuſſe; Aufgeloͤſ't ſind dieſe Zauberbande Deiner Arme, die mich ſonſt umſchlingen, Und die Hand, die reizende Gefaͤhrtin Suͤßer Schmeicheleien, unbeweglich. Waͤt's ein Jrrthum, wie ich von dir denke, Waͤr' es Selbſtbetrug, wie ich dich liebe, Muͤßt' ich's jetzt entdecken, da ſich Amor Ohne Binde neben mich geſtellet. Lange ſaß ich ſo, und freute herzlich Ihres Werthes mich und meiner Liebe; Schlafend hatte ſie mir ſo gefallen, Daß ich mich nicht trante, ſie zu wecken. Leiſe leg' ich ihr zwei Pomeranzen Und zwei Roſen auf das Tiſchchen nieder, Sachte, ſachte ſchlich ich meiner Wege. — 115— Oeffnet ſie die Augen, meine Gute, Gleich erblickt ſie dieſe bunte Gabe, Staunt, wie immer bei verſchloßnen Thuͤren Dieſes freundliche Geſchenk ſich finde. Seh' ich dieſe Nacht den Engel wieder, O wie freut ſie ſich, vergilt mir doppelt Dieſes Opfer meiner zarten Liebe. Magiſches Netz. Zum erſten Mai 18083. Sind es Kaͤmpfe, die ich ſehe? Sind es Spiele? Sind es Wunder? Fuͤnf der allerliebſten Knaben, Gegen fuͤnf Geſchwiſter ſtreitend, Regelmaͤßig, taktbeſtaͤndig, Einer Zaub'rin zu Gebote. Blanke Spieße fuͤhren jene, Dieſe flechten ſchnelle Faͤden, Daß man glaubt, in ihren Schlingen Werde ſich das Eiſen fangen. Bald gefangen ſind die Spieße; Doch im leichten Kriegestanze Stiehlt ſich einer nach dem andern Aus der zarten Schleifenreihe, Die ſogleich den Freien haſchet, Wenn ſie den Gebundnen loͤſet. So mit Ringen, Streiten, Siegen, Wechſelflucht und Wiederkehren Wird ein kuͤnſtlich Netz geflochten, — 116— Himmelsflocken gleich an Weiße, Die, vom Lichten in das Dichte, Muſterhafte Streifen ziehen, Wie es Farben kaum vermoͤchten. Wer empfaͤngt nun der Gewaͤnder Allerwuͤnſchtes? Wen beguͤnſtigt Unſre vielgeliebte Herrin, Als den anerkannten Diener? Mich begluͤckt des holden Looſes Treu und ſtill erſehntes Zeichen; Und ich fuͤhle mich umſchlungen, Ihrer Dienerſchaft gewidmet. Doch indem ich ſo behaglich Aufgeſchmuͤckt, ſtolzirend wandle, Sieh! da knuͤpfen jene Loſen, Ohne Streit, geheim geſchaͤftig,. Andre Netze, fein und feiner, Daͤmm rungsfaͤden, Mondenblicke, 2 Nachtviolen⸗Duft verwebend. Eh' wir nur das Netz bemerken, Iſt ein Gluͤcklicher gefangen; Den wir andern, den wir alle, Segnend und beneidend, gruͤßen. Der Becher. Einen wohlgeſchnitzten vollen Becher Hielt ich druͤckend in den beiden Haͤnden, Spog begierig ſuͤßen Wein vom Rande, Gram und Sorg' auf Einmgl zu vertrinken. — 117— Amor trat herein und fand mich ſitzen, Und er laͤchelte beſcheidenweiſe, Als den Unverſtaͤndigen bedauernd. „Freund, ich kenn' ein ſchoͤneres Gefaͤße, „Werth, die ganze Seele drein zu ſenken; „Was gelobſt du, wenn ich dir es goͤnne, „Es mit anderm Nectar dir erfuͤlle?“ O wie freundlich hat er Wort gehalten! Da er, Lida, dich mit ſanfter Neigung Mir, dem lange Sehnenden, geeignet. Wenn ich deinen lieben Leib umfaſſe, Und von deinen einzig treuen Lippen Langbewahrter Liebe Balſam koſte, Selig ſprech' ich dann zu meinem Geiſte: Nein, ein ſolch Gefaͤß hat, außer Amorn, Nie ein Gott gebildet noch beſeſſen! Solche Formen treibet nie Vulcanus Mit den ſinnbegabten, feinen Haͤmmern! Auf belaubten Huͤgeln mag Lyaͤus Durch die aͤltſten, kluͤgſten ſeiner Faunen Ausgeſuchte Trauben keltern laſſen, Selbſt geheimnizvoller Gaͤhrung vorſtehn: Solchen Trank verſchafft ihm keine Sorgfalt! Nacht gedanken. 3 Euch bedaur' ich, ungluͤckſel'ge Sterne, Die ihr ſchoͤn ſeyd und ſo herrlich ſcheinet, Dem bedraͤngten Schiffer gerne leuchtet, — 118— Unbelohnt von Goͤttern und von Menſchen; Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe! Unaufhaltſam fuͤhren ew'ge Stunden Eure Reihen durch den weiten Himmel. Welche Reiſe habt ihr ſchon vollendet! Seit ich weilend in dem Arm der Liebſten Euer und der Mitternacht vergeſſen. An Silvien. Wenn die Zweige Wurzeln ſchlagen, Wachſen, gruͤnen, Fruͤchte tragen; Moͤchteſt du dem Angedenken Deines Freunds ein Laͤcheln ſchenken. Fern e. Koͤnigen, ſagt man, gab die Natur vor andern Gebornen Eines laͤngeren Arms weit hinaus faſſende Kraft. Doch auch mir dem Geringen verlieh ſie das fuͤrſtliche Vorrecht: Denn ich faſſe von fern, halte dich, Lida, mir feſt. An Ki d a. Den Einzigen, Lida, welchen du lieben kannſt, Forderſt du ganz fuͤr dich, und mit Recht. Auch iſt er einzig dein. Denn, ſeit ich von dir bin, Scheint mir des ſchuellſten Lebens Laͤrmende Bewegung — 119— Nut ein leichter Flor, durch den ich deine Geſtalt Immerfort wie in Wolken erblicke: Sie leuchtet mir freundlich und treu, Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen Ewige Sterne ſchimmern. Näaä h e. Wie du mir oft, geliebtes Kind, Ich weiß nicht wie, ſo fremde biſt! Wenn wir im Schwarm der vielen Menſchen ſind, Das ſchlaͤgt mir alle Freude nieder. Doch ja, wenn alles ſtill und finſter um uns iſt, Erkenn' ich dich an deinen Kuͤſſen wieder. Süße Sorgen. Weichet, Sorgen, von mir!— Doch ach! den ſterblichen Menſchen Laͤſſet die Sorge nicht los, eh' ihn das Leben verlaͤßt. Soll es einmal denn ſeyn: ſo kommt ihr, Sorgen der Liebe, Treibt die Geſchwiſter hinaus, nehmt und behauptet mein Herz! An die Cicade. Nach dem Anakreon. Selig biſt du, liebe Kleine,. Die du auf der Baͤume Zweigen, Von geringem Trank begeiſtert, — 120— Singend, wie ein Koͤnig lebeſt! Dir gehoͤret eigen Alles, Was du auf den Feldern ſieheſt, Alles, was die Stunden bringen; Lebeſt unter Ackersleuten, Ihre Freundin, unbeſchaͤdigt, Du den Sterblichen Verehrte, Suͤßen Fruͤhlings ſuͤßer Bote! Ja, dich lieben alle Muſen, Phoͤbus ſelber muß dich lieben, Gaben dir die Silberſtimme, Dich ergreifet nie das Alter, Weiſe, zarte Dichterfreundin, Ohne Fleiſch und Blut Geborne, Leidenloſe Erdentochter, Faſt den Goͤttern zu vergleichen. Die Nectar⸗Tropfen. Als Minerva jenen Liebling, Den Prometheus, zu beguͤnſt'gen, Eine volle Nectar⸗Schale Von dem Himmel niederbrachte, Seine Menſchen zu begluͤcken, Und den Trieb zu holden Kuͤnſten Ihrem Buſen einzufuoͤßen; Eilte ſie mit ſchuellen Fuͤßen, Daß ſie Jupiter nicht ſaͤhe; Und die goldne Schale ſchwankte, Und es fielen wenig Tropfen Auf den gruͤnen Boden nieder. — 121— Emſig waren drauf die Bienen Hinterher, und ſaugten fleißig; Kam der Schmetterling geſchaͤftig, Auch ein Troͤpfchen zu erhaſchen; Selbſt die ungeſtalte Spinne Kroch herbei und ſog gewaltig. Gluͤcklich haben ſie gekoſtet, Sie und andre zarte Thierchen; Denn ſie theilen mit dem Menſchen Nun das ſchoͤnſte Gluͤck, die Kunſt. Der Wanderer. Wanderer. Gott ſegne dich, junge Frau⸗ Und den ſaͤugenden Knaben An deiner Bruſt! Laß mich an der Felſenwand hier, In des Ulmbaums Schatten, Meine Buͤrde werfen, Neben dir ausruhn. Frau. Welch Gewerb treibt dich Durch des Tages Hitze Den ſtaubigen Pfad her? Bringſt du Waaren aus der Stadt Im Land herum? Laͤchelſt, Fremdling, Ueber meine Frage? Goethe's Ged. 11 — 122— Wanderer. Keine Waaren bring' ich aus der Stadt, Kuͤhl wird nun der Abend. Zeige mir den Brunnen, Draus du trinkeſt, Liebes junges Weib! Frau. Hier den Felſenpfad hinauf. Geh voran! Durchs Gebuͤſche Geht der Pfad nach der Huͤtte, Drin ich wohne, Zu dem Brunnen, Den ich trinke. Wanderer. Spuren ordnender Menſchenhand Zwiſchen dem Geſtraͤuch! Dieſe Steine haſt du nicht gefuͤgt, Reich hinſtreuende Natur! Frau. Weiter hinauf! Wanderer. Von dem Moos gedeckt ein Architrav! Ich erkenne dich, bildender Geiſt! Haſt dein Siegel in den Stein gepraͤgt! Frau. 8 Weiter, Fremdling! Wanderer. Eine Inſchrift, uͤber die ich trete! Nicht zu leſen! Weggewandelt ſeyd ihr, — 123— Tief gegrabne Worte, Die ihr eures Meiſters Andacht Tauſend Enkeln zeigen ſolltet. Frau. Stauneſt, Fremdling, Dieſe Stein' an? Droben ſind der Steine viel Um meine Huͤtte. Wanderer. Droben? Frau. Gleich zur Linken. Durchs Gebuͤſch hinan; Hier. Wanderer. Ihr Muſen und Grazien! 2 Frau. Das iſt meine Huͤtte. Wanderer. Eines Tempels Truͤmmern! Frau. Hier zur Seit' hinab Quillt der Brunnen, Den ich trinke. Wanderer. Gluͤhend webſt du Ueber deinem Grabe, Genius! Ueber dir Iſt zuſammen geſtuͤrzt Dein Meiſterſtuͤck, O du Unſterblicher! 11*† — 124— Frau. Wart', ich hole das Gefaͤß Dir zum Trinken. Wanderer. Epheu hat deine ſchlanke Goͤtterbildung umkleidet. Wie du empor ſtrebſt Aus dem Schutte, Saͤulenpaar! Und du einſame Schweſter dort, Wie ihr,— Duͤſtres Moos auf dem heiligen Haupt, Majzeſtaͤtiſch trauernd herab ſchaut Auf die zertruͤmmerten 8 Zu euern Fuͤßen, Eure Geſchwiſter! 8 In des Brombeergeſtraͤuches Schatten Deckt ſie Schutt und Erde, Und hohes Gras wankt druͤber hin! 5 Schaͤtzeſt du ſo, Natur, 6. Deines Meiſterſtuͤcks Meiſterſtuͤck? Unempfindlich zertruͤmmerſt du „ Dein Heiligthum? Saͤeſt Diſteln drein? 18 Frau. 1 Wie der Knabe ſchlaͤft! Willſt du in der Huͤtte ruhn, Fremdling? Willſt du hier Lieber in dem Freien bleiben? 8 Es iſt kuͤhl! Nimm den Knaben,* — 425— Daß ich Waſſer ſchoͤpfen gehe. Schlafe, Lieber! ſchlaf'! Wanderer. Suͤß iſt deine Ruh'! Wie's, in himmliſcher Geſundheit Schwimmend, ruhig athmet! Du, geboren uͤber Reſten Heiliger Vergangenheit, Ruh' ihr Geiſt auf dir! Welchen der umſchwebt, Wird in Goͤtterſelbſtgefuͤhl Jedes Dags genießen. Voller Keim bluͤh' auf, Des glaͤnzenden Fruͤhlings Herrlicher Schmuck, Und leuchte vor deinen Geſellen! und welkt die Bluͤthenhuͤlle weg, Dann ſteig' aus deinem Buſen Die volle Frucht, Und reife der Sonun' entgegen. Frau. Geſegne's Gott!— und ſchlaͤft er noch? Ich habe nichts zum friſchen Trunk, Als ein Stuͤck Brod, das ich dir bieten kann. Wanderer. Ich danke dir. Wie herrlich alles bluͤht umher Und gruͤnt! Frau. Mein Mann wird bald Nach Hauſe ſeyn — 126— Vom Feld. O bleibe, bleibe, Mann! Und iß mit uns das Abendbrod! Wanderer. Ihr wohnet hier? Frau. Da, zwiſchen dem Gemaͤuer her. Die Huͤtte baute noch mein Vater Aus Ziegeln und des Schuttes Steinen. Hier wohnen wir. Er gab mich einem Ackersmann, Und ſtarb in unſern Armen.— Haſt du geſchlafen, liebes Herz? Wie er munter iſt, und ſpielen will! Du Schelm! Wanderer. Natur! du ewig keimende, Schaffſt jeden zum Genuß des Lebens, Haſt deine Kinder alle muͤtterlich Mit Erbtheil ausgeſtattet, einer Huͤtte. Hoch baut die Schwalb' an das Geſims, Unfuͤhlend, welchen Zierrath Sie verklebt. Die Raup' umſpinnt den goldnen Zweig Zum Winterhaus fuͤr ihre Brut; Und du flickſt zwiſchen der Vergangenheit Erhabne Truͤmmer Fuͤr deine Beduͤrfniſſ' Eine Huͤtte, o Menſch, Genießeſt uͤber Graͤbern!— Leb' wohl, du gluͤcklich Weib! 8 — 127— Frau. Du willſt nicht bleiben? Wanderer. Gott erhalt' euch, Segn' euern Knaben! Frau. Gluͤck auf den Weg! Wanderer. Wohin fuͤhrt mich der Pfad Dort uͤber'n Berg? Frau. Nach Cuma. Wanderer. Wie weit iſt's hin? Frau. Drei Meilen gut. Wanderer. Leb' wohl! O leite meinen Gang, Natur! Den Fremdlings⸗Reiſetritt, Den uͤber Graͤber Heiliger Vergangenheit Ich wandle. Leit' ihn zum Schutzort, Vor'm Nord gedeckt, Und wo dem Mittagsſtrahl Ein Pappelwaͤldchen wehrt. Und kehr' ich dann Am Abend heim Zur Huͤtte, — 128— Vergoldet vom letzten Sonnenſtrahl; Laß mich empfangen ſolch ein Weib, V Den Knaben auf dem Arm! Künſtlers Morgenlied. Der Tempel iſt euch aufgebaut, 1 Ihr hohen Muſen all,. Und hier in meinem Herzen iſt Das Alerheiligſte⸗ Wenn Morgens mich die Sonne weckt, Warm, froh ich ſchaut umher, Steht rings ihr Ewiglebenden Im heil'gen Morgenglanz. Ich bei' hinan, und Lobgeſang Iſt lauter mein Gebet, Und freudeklingend Saitenſpiel Begleitet mein Gebet. Ich trete vor den Altar hin, und leſe, wie ſich's ziemt, f Andacht liturg'ſcher Lection Im heiligen Homer. Und wenn er ins Getuͤmmel mich Von Loͤwenkriegern reißt, Und Goͤtterſoͤhn' auf Wagen hoch Nachgluͤhend ſtuͤrmen an, Und Roß dann vor dem Wagen ſtuͤrzt, und drunter und druͤber ſich Freund, Feinde waͤlzen in Todesblut— Er ſengte ſie dahin — 129— Mit Flammenſchwert, der Heldenſohn, Zehn tauſend auf ein Mahl, Bis dann auch er, gebaͤndiget Von einer Goͤtterhand, Ab auf den Rogus nieder ſuuͤrzt, Den er ſich ſelbſt gehaͤuft, Und Feinde nun den ſchoͤnen Leib Verſchaͤndend taſten an: Da greif' ich muthig auf, es wird Die Kohle zum Gewehr, Und jene meine hohe Wand In Schlachtfeldwogen brauſ't. Hinan! Hinan! Es beulet laut Gebruͤll der Feindeswuth, Und Schild an Schild, und Schwert auf Helm, Und um den Todten Tod. Ich draͤnge mich hinan, hinan, Da kaͤmpfen ſie um ihn, Die tapfern Freunde, tapferer In ihrer Thraͤnenwuth. Ach rettet! Kaͤmpfet! Rettet ihn! Ins Lager tragt ihn fort, Und Balſam gießt dem Todten auf, Und Thraͤnen Todtenehr'! und find' ich mich zuruͤck hierher, Empjaͤngſt du, Liebe, mich, Mein Maͤdchen, ach, im Bilde nur, Und ſo im Bilde warm! 54 — — — ——— — 1830— Ach, wie du ruhteſt neben mir, Und ſchmachteteſt mich an, Und mir's vom Aug' durch's Herz hindurch Zum Griffel ſchmachtete! Wie ich an Ang' und Wange mich Und Mund mich weidete, Und mir's im Buſen jung und friſch, Wie einer Gottheit, war! O kehre doch und bleibe dann In meinen Armen feſt, Und keine, keine Schlachten mehr, Nur dich in meinem Arm! Und ſollſt mir, meine Liebe, ſeyn Alldeutend Ideal, 1 Madonna ſeyn, ein Erſtlingskind, Ein heiligs an der Bruſt; Und haſchen will ich, Nymphe, dich, Im tiefen Waldgebuͤſch; O fliehe nicht die rauhe Bruſt, Mein aufgeregtes Ohr! Und liegen will ich Mars zu dir, Du Liebesgoͤttin ſtark, Und ziehn ein Netz um uns herum, Und rufen dem Olymp. Wer von den Goͤttern kommen will, Beneiden unſer Gluͤck, Und ſoll's die Fratze Eiferſucht Am Bettfuß angebannt. — 181— Amor ein Landſchaftsmahler. Saß ich fruͤh auf einer Felſenſpitze, Sah mit ſtarren Augen in den Nebel, Wie ein grau grundirtes Tuch geſpannet, Deckt' er alles in die Breit' und Hoͤhe. Stellt' ein Kuabe ſich mir an die Seite, Sagte: Lieber Freund, wie magſt du ſtarrend Auf das leere Tuch gelaſſen ſchauen? Haſt du denn zum Mahlen und zum Bilden Alle Luſt auf ewig wohl verloren? Sah ich an das Kind, und dachte heimlich: Will das Buͤbchen doch den Meiſter machen! Willſt du immer truͤb und muͤßig bleiben, Sprach der Knabe, kann nichts Kluges werden; Sieh, ich will dir gleich ein Bildchen mahlen, Dich ein huͤbſches Bildchen mahlen lehren. Und er richtete den Zeigefinger, Der ſo roͤthlich war, wie eine Roſe, Nach dem weiten, ausgeſpannten Teypich, Fing mit ſeinem Finger an zu zeichnen; Oben mahlt' er eine ſchoͤne Sonne, Die mir in die Augen maͤchtig glaͤnzte, Und den Saum der Wolken macht' er golden, Ließ die Strahlen durch die Wolken dringen; Mahlte dann die zarten, leichten Wipfel Friſch erquickter Baͤume, zog die Huͤgel, Einen nach dem andern, frei dahinter; Unten ließ er's nicht an Waſſer fehlen, — 132— Zeichnete den Fluß ſo ganz natuͤrlich, Daß er ſchien im Sonnenſtrahl zu glitzern, Daß er ſchien am hohen Rand zu rauſchen. Ach, da ſtanden Blumen an dem Fluſſe, Und da waren Farben auf der Wieſe, Gold und Schmelz und Purpur und ein Gruͤnes, Alles wie Smaragd und wie Karfunkel! Hell und rein laſirt' er drauf den Himmel, Und die blauen Berge fern und ferner: Dcaß ich ganz entzuͤckt und neu geboren Bald den Mahler, bald das Bild beſchaute.. Hab' ich doch, ſo ſagt' er, dir bewieſen, Daß ich dieſes Handwerk gut verſtehe; Doch es iſt das Schwerſte noch zuruͤcke. Zeichnete darnach mit ſpitzem Finger Und mit großer Sorgfalt an dem Waͤldchen, G'rad' ans Ende, wo die Sonne kraͤftig Von dem hellen Boden wiedergläͤnzte, Zeichnete das allerliebſte Maͤdchen, Wohlgebildet, zierlich angekleidet, Friſche Wangen unter braunen Haaren, Und die Wangen waren von der Farbe, Wie das Fingerchen, das ſie gebildet. O du Knabe! rief ich, welch ein Meiſter 8 Hat in ſeine Schule dich genommen, Daß du ſo geſchwind und ſo natuͤrlich Alles klug beginnſt und gut vollendeſt! Da ich noch ſo rede, ſieh, da ruͤhret Sich ein Windchen, und bewegt die Gipfel, — 133— Kraͤuſelt alle Wellen auf dem Fluſſe, Fuͤllt den Schleier des vollkommnen Maͤdchens, Und was mich Erſtaunten mehr erſtaunte, Faͤngt das Maͤdchen an den Fuß zu ruͤhren, Geht zu kommen, naͤhert ſich dem Orte, Wo ich mit dem loſen Lehrer ſitze. Da nnn alles, alles ſich bewegte, Baͤume, Fluß und Blumen und der Schleier, Und der zarte Fuß der Allerſchoͤnſten; Glaubt ihr wohl, ich ſey auf meinem Felſen, Wie ein Felſen, ſtill und feſt geblieben? —— Künſtlers Abendlied. Ach, daß die innre Schoͤpfungskraft Durch meinen Sinn erſchoͤlle! Daß eine Bildung voller Saft Aus meinen Fingern quoͤlle! Ich zittre nur, ich ſtottre nur, Und kann es doch nicht laſſen; Ich fuͤhl,, ich kenne dich, Natur, Und ſo muß ich dich faſſen. Bedenk' ich dann, wie manches Jahr Sich ſchon mein Sinn erſchließet, Wie er, wo duͤrre Heide war, Nun Frendenquell genießet; Wie ſehn' ich mich, Natur, nach dir, Dich treu und lieb zu fuͤhlen! Ein luſt'ger Springbrunn, wirſt du mir Aus tauſend Roͤhren ſpielen. — 134— Wirſt alle meine Kraͤfte mir In meinem Sinn erheitern, Und dieſes enge Daſeyn mir Zur Ewigkeit erweitern. Kenner und Kuͤnſtler. Kenner. Gut! Brav, mein Herr! Allein Die linke Seite Nicht ganz gleich der rechten; Hier ſcheint es mir zu lang, Und hier zu breit; Hier zuckt's ein wenig, Und die Lippe Nicht ganz Natur, So todt noch alles! Künſtler, O rathet! Helft mir, Daß ich mich vollende! Wo iſt der Urquell der Natur, Daraus ich ſchoͤpfend Himmel fuͤhl' und Leben In die Fingerſpitzen hervor, Daß ich mit Goͤtterſinn Und Menſchenhand Vermoͤge zu bilden, Was bei meinem Weib Ich animaliſch kann und muß. — 135— Kenner. Da ſehen Sie zu. Künſtler. So! — Kenner und Enthuſiaſt. Ich fuͤhrt' einen Freund zum Maidel jung, Wollt' ihm zu genießen geben, Was alles es haͤtt', gar Freud' genung, Friſch junges warmes Leben. Wir fanden ſie ſitzen an ihrem Bett, Thaͤt' ſich auf ihr Haͤndlein ſtuͤtzen. Der Herr, der macht' ihr ein Compliment, Thaͤt' gegen ihr uͤber ſitzen. Er ſpitzt die Naſe, er ſturt ſie an, Betracht ſie heruͤber, hinuͤber: Und um mich war's gar bald gethan, Die Sinnen gingen mir uͤber. Der liebe Herr fuͤr allen Dank Fuͤhrt mich drauf in eine Ecken, Und ſagt, ſie waͤr' doch allzu ſchlank, Und haͤtt' auch Sommerflecken. Da nahm ich von meinem Kind Adieu, Und ſcheidend ſah ich in die Hoͤh': Ach Herre Gott, ach Herre Gott, Erbarm' dich doch des Herren! Da fuͤhrt' ich ihn in die Gallerie Voll Menſchengluth und Geiſtes; Mir wird's da gleich, ich weiß nicht wie, Mein ganzes Herz zerreißt es. O Mahler! Mahler! rief ich laut, Belohn' dir Gott dein Mahlen! Und nur die allerſchoͤnſte Braut Kann dich fuͤr uns bezahlen. Und ſieh, da ging mein Herr herum, Und ſtochert ſich die Zaͤhne, Regiſtrirt in Catalogum Mir meine Goͤtterſoͤhne. Mein Buſen war ſo voll und bang, Von hundert Welten traͤchtig; Ihm war bald was zu kurz, zu lang,— Waͤgt' alles gar bedaͤchtig. Da warf ich in ein Eckchen mich, Die Eingeweide brannten. Um ihn verſammelten Maͤnner ſich, Die ihn einen Kenner nannten. Monolog des Liebhabers. Was nutzt die gluͤhende Natur Vor deinen Augen dir, Was nutzt dir das Gebildete Der Kunſt rings um dich her,. Wenn liebevolle Schoͤpfungskraft Nicht deine Seele fuͤllt, Und in den Fingerſpitzen dir Nicht wieder bildend wird? —— — 137— Guter Rath. Geſchieht wohl, daß man einen Tag Weder ſich noch Andre leiden mag, Will nichts dir nach dem Herzen ein; Sollt's in der Kunſt wohl anders ſeyn? Drum hetze dich nicht zur ſchlimmen Zeit; Denn Fuͤll' und Kraft ſind nimmer weit: Haſt in der boͤſen Stund' geruht, Iſt dir die gute doppelt gut. Deutſcher Parnaß. Unter dieſen Lorbeerbuͤſchen, Auf den Wieſen, An den friſchen Waſſerfaͤllen, Meines Lebens zu genießen, Gab Apoll dem heitern Knaben; Und ſo haben Mich, im Stillen, Nach des Gottes hohem Willen, Hehre Muſen auferzogen, Aus den hellen Silberquellen Des Parnaſſus mich erquicket, Und das keuſche, reine Siegel Auf die Lippen mir gedruͤcket. Und die Nachtigall umkreiſet Mich mit dem beſcheidnen Fluͤgel. 12 1 — 138— Hier in Buͤſchen, dort auf Baͤumen, Ruft ſie die verwandte Menge, Und die himmliſchen Geſaͤnge Lehren mich von Liebe traͤumen. Und im Herzen waͤchst die Fuͤlle Der geſellig edlen Triebe, Naͤhrt ſich Freundſchaft, keimet Liebe, Und Avpoll belebt die Stille Seiner Thaͤler, ſeiner Hoͤhen. Suͤße, laue Luͤfte wehen. Alle, denen er gewogen, Werden maͤchtig angezogen, Und ein Edler folgt dem andern. Dieſer kommt mit munterm Weſen Und mit offnem, heitrem Blicke; Dieſen ſeh' ich ernſter wandeln; Und ein Andrer, kaum geneſen, Ruft die alte Kraft zuruͤcke. Denn ihm drang durch Mark und Leben Die verderblich holde Flamme, Und was Amor ihm entwendet, Kann Apoll nur wieder geben, Ruh' und Luſt und Harmonien Und ein kraͤftig rein Beſtreben. Auf, ihr Bruͤder, Ehrt die Lieder! Sie ſind gleich den guten Thaten. Wer kann beſſer, als der Saͤnger, Dem verirrten Freunde rathen? — 139— Wirke gut, ſo wirkſt du laͤnger, Als es Menſchen ſonſt vermoͤgen. Ja! ich hoͤre ſie von weiten, Ja! ſie greifen in die Saiten, Mit gewalt'gen Goͤtterſchlaͤgen Rufen ſie zu Recht und Pflichten, Und bewegen, Wie ſie ſingen, wie ſie dichten, Zum erhabenſten Geſchaͤfte, Zu der Bildung aller Kraͤfte. Auch die holden Fantaſien Bluͤhen 1 Rings umher auf allen Zweigen, Die ſich balde, Wie im holden Zauberwalde, Voller goldnen Fruͤchte beugen. Was wir fuͤhlen, was wir ſchauen In dem Land der hoͤchſten Wonne, Dieſer Boden, dieſe Sonne, Locket auch die beſten Frauen. Und der Hauch der lieben Muſen Weckt des Maͤdchens zarten Buſen, Stimmt die Kehle zum Geſange, Und mit ſchoͤn gefaͤrbter Wange Singet ſie ſchon wuͤrd'ge Lieder, Setzt ſich zu den Schweſtern nieder⸗ Und es ſingt die ſchoͤne Kette, Zart und zaͤrter, um die Wette. — 140— Doch die eine, Geht alleine, Bei den Buchen, Unter Linden Dort zu ſuchen, Dort zu finden, Was im ſtillen Morgenhaine Amor ſchalkiſch ihr entwendet. Ihres Herzens holde Stille, Ihres Buſens erſte Fuͤlle. Und ſie traͤget in die gruͤnen Schattenwaͤlder, Was die Maͤnner nicht verdienen, Ihre lieblichen Gefuͤhle; Scheuet nicht des Tages Schwuͤle⸗ Achtet nicht des Abends Kuͤhle, Und verliert ſich in die Felder. Stoͤrt ſie nicht auf ihren Wegen! Muſe, geh' ihr ſtill entgegen! Doch was hoͤr' ich, welch ein Schall Ueberbrauſ't den Waſſerfall? Sauſet heftig durch den Hain? Welch ein Laͤrmen, welches Schrei'n? Iſt es moͤglich, ſeh' ich recht? 1 Ein verwegenes Geſchlecht 6 Dringt ius Heiligthum herein. Hier hervor Stroͤmt ein Chor! Liebeswuth, Weinesgluth, — 441— Raſ't im Blick, Straͤubt das Haar! Und die Schaar Mann und Weib— Tiegerfell Schlägt umher— Ohne Scheu, Zeigt dein Leib. Und Metall Rauher Schall Grellt ins Ohr. Wer ſie hoͤrt, Wird geſtoͤrt. Hier hervor Draͤngt das Chor;z Alles flieht, Wer ſie ſieht. Ach, die Buͤſche ſind geenickt! Ach, die Blumen ſind erſtickt Von den Sohlen dieſer Brut. Wer begegnet ihrer Wuth? Bruͤder, laßt uns alles wagen, Enre reine Wange gluͤht. Phoͤbus hilft ſie uns verjagen, Wenn er unſre Schmerzeu ſieht. Und uns Waffen Zu verſchaffen, Schuͤttert er des Berges Wipfel. Und vom Gipfel Praſſeln Steine Durch die Haine. Bruͤder, faßt ſie maͤchtig auf! Schloßenregen Stroͤme dieſer Brut entgegen, Und vertreib' aus unſern milden, Himmelreinen Luftgefilden Dieſe Fremden, dieſe Wilden! Doch was ſeh' ich? Iſt es moͤglich? Unertraͤglich Faͤhrt es mir durch alle Glieder, Und die Hand Sinket von dem Schwunge nieder⸗ Iſt es moͤglich? Keine Fremden! Unſre Bruͤder Zeigen ihnen ſelbſt die Wege! O! die Frechen! Wie ſie mit den Klapperblechen Selbſt voraus im Tacte ziehn! Gute Bruͤder, laßt uns fliehn! Doch ein Wort zu den Verwegnen! Ja, ein Wort ſoll euch begegnen, Kraͤftig wie ein Donnerſchlag. Worte ſind des Dichters Waffen. Will der Gott ſich Recht verſchaffen, Folgen ſeine Pfeile nach. War es moͤglich, eure hohe Goͤtterwuͤrde — 143— Zu vergeſſen! Iſt der rohe Schwere Thyrſus keine Buͤrde Fuͤr die Hand, auf zarten Saiten Nur gewoͤhnet hinzugleiten? Aus den klaren Waſſerfaͤllen, Aus den zarten Rieſelwellen, Traͤnket ihr Gar Silens abſcheulich Thier? Dort entweiht es Aganippen Mit den rothen breiten Lippen, Stampft mit ungeſchickten Fuͤßen, Bis die Wellen truͤbe fließen. O! wie moͤcht' ich gern mich raͤuſchen; Aber Schmerzen fuͤhlt das Ohr, Aus den keuſchen Heil'gen Schatten Dringt verhaßter Ton hervor. Wild Gelaͤchter, Statt der Liebe ſuͤßem Wahn! Weiberhaſſer und Veraͤchter Stimmen ein Triumphlied an. Nachtigall und Turtel fliehen Das ſo keuſch erwaͤrmte Neſt, Und in wuͤthendem Ergluͤhen Haͤlt der Faun die Nymphe feſt. Hier wird ein Gewand zerriſſen, Dem Genuſſe folgt der Spott, Und zu ihren frechen Kuͤſſen Leuchtet mit Verdruß der Gott. — 144— Ja, ich ſehe ſchon von weiten Wolkenzug und Dunſt und Rauch. Nicht die Leyer nur hat Saiten, Saiten hat der Bogen auch. Selbſt den Buſen des Verehrers Schuͤttert das gewalt'ge Nahn; Denn die Flamme des Verheerers Kuͤndet ihn von weiten an. O! vernehmt noch meine Stimme Meiner Liebe Bruderwort! Fliehet vor des Gottes Grimme, Eilt aus unſern Graͤnzen fort! Daß ſie wieder heilig werde, Lenkt hinweg den wilden Zug! Vielen Boden hat die Erde Und unheiligen genug. Uns umleuchten reine Sterne, Hier nur hat das Edle Werth. Doch wenn ihr aus rauher Ferne Wieder einſt zu uns begehrt, Wenn euch nichts ſo ſehr begluͤcket, Als was ihr bei uns erprobt, Euch nicht mehr ein Spiel entzuͤcket, Das die Schranken uͤbertobt; Kommt als gute Pilger wieder, Steiget froh den Berg heran, Tief gefuͤhlte Reuelieder Kuͤnden uns die Bruͤder an, Und ein neuer Kranz umwindet Eure Schlaͤfe feierlich. — 145— Wenn ſich der Verirrte findet, Freuen alle Goͤtter ſich. Schneller noch als Lethe's Fluthen Um der Dodten ſtilles Haus, Loͤſcht der Liebe Kelch den Guten Jedes Fehls Erinn'rung aus⸗ Alles eilet euch entgegen, Und ihr kommt verklaͤrt heran, Und man fleht um euren Segen; Ihr gehoͤrt uns doppelt an! Patabel n, werden fortgeſetzt bis zum Dutzend, wodurch man den hier angedeuteten Charakter völlig zu umzeichnen hofft, und zugleich unſerer Zeit, welche das Charakteriſtiſche in der Kunſt ſo ſehr zu ſchälzen weiß, einigen Dienſt zu leiſten glaubt. I. Ein Meiſter einer laͤndlichen Schule Erhob ſich einſt von ſeinem Stuhle, Und hatte feſt ſich vorgenommen, In beſſere Geſellſchaft zu kommen; Deßwegen er im nahen Bad In den ſogenanuten Salon eintrat. Verbluͤfft war er gleich an der Thuͤr, Als wenn's ihm zu vornehm widerfuͤhr'; Macht daher dem erſten Fremden rechts Einen tiefen Buͤckling, es war nichts Schlechts; Aber hinten haͤtt' er nicht vorgeſehn, Daß da auch wieder Leute ſtehn, Gab Einem zur Linken in den Schooß Goethe's Ged. 13 — 146— Mit ſeinem Hintern einen derben Stoß. Das haͤtt' er ſchnell gern abgebuͤßt; Doch, wie er eilig den wieder begruͤßt, So ſtoßt er rechts einen Andern an; Er hat wieder jemand was Leid's gethan. Und wie er's dieſem wieder abbittet, Er's wieder mit einem Andern verſchuͤttet. Und complimentirte ſich zu ſeiner Qual, Von hinten und vorn, ſo durch den Saal, Bis ihm endlich ein derber Geiſt, Ungeduldig, die Thuͤre weiſ't. Möge doch Mancher, in ſeinen Suͤnden, Hiervon die Nutzanwendung finden. ——— II. 3 Da er nun ſeine Straße ging, Dacht' er: ich machte mich zu gering; Will mich aber nicht weiter ſchmiegen; Denn wer ſich gruͤn macht, den freſſen die Ziegen. So ging er gleich friſch quer Feld ein, Und zwar nicht uͤber Stock und Stein; Sondern uͤber Aecker und gute Wieſen, Zertrat das alles mit latſchen Fuͤßen. Ein Beſtter begegnet ihm ſo,. Und fragt nicht weiter wie? noch wo? Sondern ſchlaͤgt ihn tuͤchtig hinter die Ohren.. Bin ich doch gleich, wie neu geboren! Ruft unſer Wandrer hoch entzuͤckt, Wer biſt du Mann, der mich begluͤckt? — 147— Moͤchte mich doch Gott immer ſegnen, Daß mir ſo ſeoͤhliche Geſellen begegnen! Legende. Als noch, verkannt und ſehr gering, Unſer Herr auf der Erde ging, Und viele Juͤnger ſich zu ihm fanden, Die ſehr ſelten ſein Wort verſtanden, Liebt' er ſich gar uͤber die Maßen, Seinen Hof zu halten auf der Straßen, Weil unter des Himmels Angeſicht Man immer beſſer und freier ſpricht. Er ließ ſie da die hoͤchſten Lehren Aus ſeinem heiligen Munde hoͤren; Beſonders durch Gleichniß und SExempel Macht' er einen jeden Markt zum Tempel. So ſchlendert' er, in Geiſtesruh', Mit ihnen einſt einem Staͤdtchen zu, Sah etwas blinken auf der Straß', Das ein zerbrochen Hufeiſen war. Er ſagte zu St. Peter drauf: Heb' doch einmal das Eiſen auf! Sanct Peter war nicht aufgeraͤumt, Er hatte ſo eben im Gehen getraͤumt, So was vom Regiment der Welt, Was einem jeden wohlgefaͤllt: Denn im Kopf hat das keine Schranken; Das waren ſeine liebſten Gedanken. Nun war der Fund ihm viel zu klein, 13* — 148— Haͤtte muͤſſen Kron' und Zepter ſeyn; Aber wie ſollt' er ſeinen Ruͤcken Nach einem halben Hufeiſen buͤcken? Er alſo ſich zur Seite kehrt, Und thut, als haͤtt' er's nicht gehoͤrt, Der Herr, nach ſeiner Langmuth, drauf Hebt ſelber das Hufeiſen auf, Und thut auch weiter nicht dergleichen. Als ſie nun bald die Stadt erreichen, Geht er vor eines Schmiedes Thuͤr, Nimmt von dem Mann drei Pfennig dafuͤr. Und als ſie uͤber den Markt nun gehen, Sieht er daſelbſt ſchoͤne Kirſchen ſtehen, Kauft ihrer ſo wenig oder ſo viel, Als man fuͤr einen Dreier geben will, Die er ſodann nach ſeiner Art⸗ Ruhig im Aermel aufbewahrt. Nun ging's zum andern Thor hinaus, Durch Wieſ' und Felder ohne Haus, Auch war der Weg von Baͤumen bloß; Die Sonne ſchien, die Hitz' war groß⸗ So, daß man viel an ſolcher Staͤtt' Fuͤr einen Trunk Waſſer gegeben haͤtt'⸗ Der Herr geht immer voraus vor allen, Laͤßt unverſehens eine Kirſche fallen. Sanct Peter war gleich dahinter her⸗ Als wenn es ein goldner Apfel waͤr'; Das Beerlein ſchmeckte ſeinem Gaum. Der Herr, nach einem kleinen Raum, Ein ander Kirſchlein zur Erde ſchickt, — 4149— Wornach Sanct Peter ſchnell ſich buͤckt. So laͤßt der Herr ihn ſeinen Ruͤcken Gar vielmal nach den Kirſchen buͤcken. Das dauert eine ganze Zeit. Dann ſprach der Herr mit Heiterkeit: Thaͤt'ſt du zur rechten Zeit dich regen, Häͤtt'ſt du's bequemer haben moͤgen: Wer geringe Ding' wenig acht't, Sich um geringere Muͤhe macht. Erklaͤrung eines alten Holzſchnittes, vorſtellend: Hans Sachſens poetiſche Sendung. In ſeiner Werkſtatt Sonntags fruͤh Steht unſer theurer Meiſter hie, Sein ſchmutzig Schurzfell abgelegt, Einen ſaubern Feierwamms er traͤgt; Laͤßt Pechdraht, Hammer und Kneipe raſten, Die Ahl' ſteckt an dem Arbeitskaſten! Er ruht nun auch am ſieb'nten Tag Von manchem Zug und manchem Schlag. Wie er die Fruͤhlingsſonne ſpuͤrt, Die Ruh' ihm neue Arbeit gebiert: Er fuͤhlt, daß er eine kleine Welt In ſeinem Gehirne bruͤtend haͤlt, Daß die faͤngt an zu wirken und zu leben, Daß er ſie gerne möͤcht' von ſich geben. Er haͤtt' ein Auge treu und klug, Und waͤr' auch liebevoll genug, — 150— Zu ſchauen Manches klar und rein, Und wieder alles zu machen fein, Haͤtt' auch eine Zunge, die ſich ergoß, Und leicht und fein in Worte floß; Deß thaͤten die Muſen ſich erfreun, Wollten ihn zum Meiſterſaͤnger weihn. Da tritt herein ein junges Weib, Mit voller Bruſt und rundem Leib, Kraͤftig ſie auf den Fuͤßen ſteht, Gar edel vor ſich hin ſie geht, Ohne mit Schlepp' und Steiß zu ſchwenzen, Oder mit den Augen herum zu ſcharlenzen. Sie traͤgt einen Maßſtab in ihrer Hand, Ihr Guͤrtel iſt ein guͤlden Band, Haͤtt' auf dem Haupt einen Kornaͤhrenkranz, Ihr Auge war lichten Tages Glanz; Man nenut ſie thaͤtig Ehrbarkeit, Sonſt auch Großmuth, Rechtfertigkeit. Die tritt mit gutem Grus herein; Er drob nicht mag verwundert ſeyn; Denn wie ſie iſt, ſo gut und ſchoͤn, Meint er, er haͤtt' ſie lang geſehn. Die ſpricht: ich habe dich auserleſen, Vor Vielen in dem Weltwirrweſeu, Daß du follſt haben klare Sinnen, Nichts Ungeſchicklichs magſt beginnen. Wenn Andre durch einander rennen, Sollſt du's mit treuem Blick erkennen; Wenn Andre baͤrmlich ſich beklagen, — 151— Sollſt ſchwankweis deine Sach' fuͤrtragen; Sollſt halten uͤber Ehr' und Recht, In allen Dingen ſeyn ſchlicht und ſchlecht, Frummkeit und Tugend bieder preiſen, Das Böoͤſe mit ſeinem Namen heißen, Nichts verlindert und nichts verwitzelt; Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt. Sondern die Welt ſoll vor dir ſtehn, Wie Albrecht Duͤrer ſie hat geſehn, Ihr feſtes Leben und Naͤnnlichkeit, Ihre innre Kraft und Staͤndigkeit. Der Natur Genius an der Hand⸗ Soll dich fuͤhren durch alle Land', Soll dir zeigen alles Leben, Der Menſchen wunderliches Weben, Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben, Schieben, Reißen, Draͤngen und Reiben, Wie kunterbunt die Wirthſchaft tollert, Der Ameishauf' durch einander kollert, Mag dir aber bei allem geſchehn, Als thaͤt'ſt in einen Zauberkaſten ſehn. Schreib das dem Menſchenvolk auf Erden, Ob's ihm moͤcht' eine Witzung werden. Da macht' ſie ihm ein Fenſter auf⸗ Zeigt ihm draußen viel bunten Hauf, Unter dem Himmel allerlei Weſen, Wie ihr moͤgt in ſeinen Schriften leſen. Wie nun der liebe Meiſter ſich An der Natur freut wunniglich, Da ſeht ihr an der andern Seiten — 152— Ein altes Weiblein zu ihm gleiten; Man nennet ſie Hiſtoria, Mythologia, Fabula; Sie ſchleppt mit Keuchen und wankenden Schritten. Eine große Tafel in Holz geſchnitten; Darauf ſeht ihr mit weiten Aermeln und Falten Gott Vater Kinderlehre halten, Adam, Eva, Paradies und Schlang', Sodom und Gomorrg's Untergang, Koͤnnt auch die zwoͤlf durchlauchtigen Frauen Darin einem Ehrenſpiegel ſchauen; Dann allerlei Blutdurſt, Frevel und Mord, Der zwoͤlf Tyrannen Schandenport, Auch allerlei Lehr' und gute Weis. Koͤnnt ſehen St. Peter mit der Gais, Ueber der Welt Regiment unzufrieden, Von unſerm Herrn zurecht beſchieden, Auch war bemahlt der weite Raum Ihres Kleids und Schlepys und auch der Saum Mit weltlich Tugend und Laſter Geſchicht. Unſer Meiſter das all⸗ erſicht, Und freut ſich deſſen wunderſam; Denn es dient ſehr in ſeinen Kram, Von wannen er ſich eignet ſehr Gut Exempel und gute Lehr', Erzaͤhlt das eben fixr und treu, Als waͤr' er ſelbſt geſyn dabei, Sein Geiſt war ganz dahin gebannt, Er haͤtt' kein Auge davon verwandt, — 153— Haͤtt' er nicht hinter ſeinem Rucken Hoͤren mit Klappern und Schellen ſpucken. Da thaͤt' er einen Narren ſpuͤren Mit Bocks⸗ und Affenſpruͤng hofiren, Und ihm mit Schwank und Narretheiden Ein luſtig Zwiſchenſpiel bereiten. Schleppt hinter ſich an einer Leinen Alle Narren, groß und kleinen, Dick und hager, geſtreckt und krumb, Allzu witzig und allzu dumb. Mit einem großen Farrenſchwanz Regiert er ſie wie ein'n Affentanz. Beſpottet eines jeden Fuͤrm, Treibt ſie ins Bad, ſchneidt ihnen die Wuͤrm, und fuͤhrt gar bitter viel Beſchwerden, Daß ihrer doch nicht wollen weniger werden. Wie er ſich ſteht ſo nm und um, Kehrt ihm das faſt den Kopf herum, Wie er wollt' Worte zu allem finden? Wie er moͤcht' ſo viel Schwall verbinden? Wie er moͤcht' immer muthig bleiben, So fortzuſingen und zu ſchreiben? Da ſteigt auf einer Wolke Saum Herein zu's Oberfenſters Raum Die Muſe, heilig anzuſchauen, Wie ein Bild unſrer lieben Frauen. Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit Immer kraͤftig wirkender Wahrheit. Sie ſpricht: Ich komm', um dich zu weihn. Nimm meinen Segen und Gedeihn! — 154— Das heilig Feuer, das in dir ruht, Schlag' aus in hohe, lichte Gluth! Doch, daß das Leben, das dich treibt, Immer bei holden Kraͤften bleibt, Hab' ich deinem innern Weſen Nahrung und Balſam auserleſen, Daß deine Seel' ſey wonnereich Einer Knoſpe im Thaue gleich. Da zeigt ſie ihm hinter ſeinem Haus Heimlich zur Hinterthuͤr hinaus In dem eng umzaͤunten Garten Ein holdes Maͤgdlein ſitzend warten Am Bäͤchlein, beim Hollunderſtrauch; Mit abgeſenktem Haupt und Ang' Sitzt's unter einem Apfelbaum, Und ſpuͤrt die Welt rings um ſich kaum; Hat Roſen in ihren Schooß gepfuͤckt, Und bindet ein Kraͤnzlein ſehr geſchickt, Mit hellen Knoſpen und Blaͤttern drein: Fuͤr wen mag wohl das Kraͤnzel ſeyn? So ſitzt ſie in ſich ſelbſt geneigt, In Hoffnungsfuͤlle ihr Buſen ſteigt, Ihr Weſen iſt ſo ahndevoll, Weiß nicht, was ſie ſich wuͤnſchen ſoll, Und unter vieler Grillen Lauf Steigt wohl einmal ein Seufzer auf. Warum iſt deine Stirn ſo truͤb? Das, was dich draͤnget, ſüße Lieb', Iſt volle Wonn' und Seligkeit, Die dir in einem iſt bereit, — 1⁵⁵— Der manches Schickſal wirrevoll An deinem Auge ſich lindern ſoll; Der durch manch wonniglichen Kuß Wiedergeboren werden muß, Wie er den ſchlanken Leib umfaßt, Von aller Muͤhe findet Raſt, Wie er ins liebe Aermlein ſinkt, Neue Lebens’sg' und Kraͤfte trinkt. und dir kehrt neues Jugendgluͤck, Deine Schalkheit kehret dir zuruͤck. Mit Necken und manchen Schelmereien Wirſt ihn bald nagen, bald erfreuen, So wird die Liebe nimmer alt, Und wird der Dichter nimmer kalt. Wie er ſo heimlich gluͤcklich lebt⸗ Da droben in den Wolken ſchwebt Ein Eichkranz ewig jung belaubt, Den ſetzt die Nachwelt ihm auf's Haupt, In Froſchpfuhl all das Volk verbannt, Das ſeinen Meiſter je verkannt. Auf Mieding's Tod. Welch ein Getuͤmmel fuͤllt Thaliens Haus? Welch ein geſchaͤftig Volk eilt ein und aus? Von hohlen Bretern toͤnt des Hammers Schlag, Der Sonntag feiert nicht, die Nacht wird Tag. Was die Erfindung ſtill und zart erſann, Beſchaͤftigt laut den rohen Zimmermann. Ich ſehe Hauenſchild gedankenvoll; — 156— Iſt's Tuͤrk, iſt's Heide, den er kleiden ſoll? Und Schumann, froh, als waͤr' er ſchon bezahlt, Weil er einmahl mit ganzen Farben malt. Ich ſehe Thielens leicht bewegten Schritt, Der luſt'ger wird, je mehr er euch verſchnitt. Der Iude Elkan laͤuft mit manchem Reſt, Und dieſe Gaͤhrung dentet auf ein Feſt. Allein, wie viele hab' ich hererzaͤhlt, Und nenn' ihn nicht, den Mann, der nie gefehlt, Der ſinnreich ſchnell, mit ſchmerzbeladner Bruſt, Den Lattenbau zu fuͤgen wohl gewußt, Das Bretgeruͤſt, das nicht von ihm belebt, Wie ein Skelett, an todten Draͤhten ſchwebt. Wo iſt er? ſagt!— Ihm war die Kunſt ſo lieb, Dasß Kolik nicht, nicht Huſten ihn vertrieb. „Er liegt ſo krank, ſo ſchlimm es nie noch war!“ Ach, Freunde! Weh! Ich fuͤhle die Gefahr; Haͤlt Krankheit ihn zuruͤck, ſo iſt es Noth, Er iſt nicht krank, nein, Kinder! er iſt todt! Wie? Mieding todt? erſchallt bis unters Dach Das hohle Haus, vom Echo kehrt ein Ach! Die Arbeit ſtockt, die Hand wird jedem ſchwer, Der Leim wird kalt, die Farbe fließt nicht mehr; Ein jeder ſteht betaͤubt an ſeinem Ort, Und nur der Mittwoch treibt die Arbeit fort. Ja, Mieding todt! O ſcharret ſein Gebein Nicht undankbar, wie manchen Andern, ein! Laßt ſeinen Sarg erdͤffnet, tretet her, Klagt jedem Buͤrger, der gelebt, wie er, — 157— Und laßt am Rand des Grabes, wo wir ſtehn, Die Schmerzen in Betrachtung uͤbergehn. O Weimar, dir fiel ein beſonder Loos! Wie Bethlehem in Juda, klein und groß, Bald wegen Geiſt und Witz beruft dich weit Europens Mund, bald wegen Albernheit. Der ſtille Weiſe ſchaut, und ſieht geſchwind, Wie zwei Exptreme nah' verſchwiſtert ſind. Eroͤffne du, die du beſondre Luſt Am Guten haſt, der Ruͤhrung deine Bruſt! Und du, o Muſe! rufe weit und laut Den Namen aus, der hent uns ſtill erbaut! Wie manchen, werth und unwerth, hielt mit Gluͤck Die ſanfte Hand von ew'ger Nacht zuruͤck; O laß auch Miedings Namen nicht vergehn! Laß ihn ſtets neu am Horizonte ſtehn! Nenn' ihn der Welt, die krieg'riſch oder fein, Dem Schickſal dient, und glaubt, ihr Herr zu ſeyn, Dem Rath der Zeit vergebens widerſteht, Verwirrt, beſchaͤftigt und betaͤubt ſich dreht; Wo jeder, mit ſich ſelbſt genng geplagt, So ſelten nach dem naͤchſten Nachbar fragt, Doch gern im Geiſt nach fernen Zonen eilt, Und Gluͤck und Uebel mit dem Fremden theilt. Verkuͤnde laut, und ſag' es uͤberall: Wo einer fiel, ſeh' jeder ſeinen Fall! 4 Du, Staatsmann: tritt herbei! Hier liegt der Mann, Der, ſo wie du, ein ſchwer Geſchaͤft begann; — 158— Mit Luſt zum Werke mehr, als zum Gewinn, Schob er ein leicht Geruͤſt mit leichtem Sinn, Den Wunderbau, der aͤußerlich entzuͤckt, Indeß der Zaub'rer ſich im Winkel druͤckt. Er war's, der ſaͤumend manchen Tag verlor, So ſehr ihn Autor und Acteur beſchwor; Und dann zuletzt, wenn es zum Treffen ging, Des Stuͤckes Gluͤck an ſchwache Federn hing. . Wie oft trat nicht die Herrſchaft ſchon herein! Es ward gepocht, die Symphonie fiel ein, Daß er noch kletterte, die Stangen trug, Die Seile zog, und manchen Nagel ſchlug. Oft gluͤckt's ihm; kuͤhn betrog er die Gefahr; Doch auch ein Bock macht' ihm kein graues Haar. Wer preiſ't genug des Mannes kluge Hand, Wenn er aus Draht elnſt'ſche Federn wand,. Vielfaͤlt'ge Pappen auf die Laͤttchen ſchlug, Die Rolle fuͤgte, die den Wagen trug; Von Zindel, Blech, gefaͤrbt Papier und Glas, Dem Ausgang laͤchelnd, rings umgeben ſaß; 5 So treu dem unermuͤdlichen Beruf', War Er's, der Held und Schaͤfer leicht erſchuf. Was alles zarte, ſchoͤne Seelen ruͤhrt,. Ward treu von ihm, nachahmend, ausgefuͤhrt: 4 Des Raſens Gruͤn, des Waſſers Silberfall, Der Voͤgel Sang, des Donners lauter Knall, Der Laube Schatten und des Mondes Licht— Ja ſelbſt ein Ungeheu'r erſchreckt' ihn nicht. — 159— Wie die Natur manch widerwaͤrt'ge Kraft Verbindend zwingt, und ſtreitend Koͤrper ſchafft: So zwang er jedes Handwerk, jeden Fleiß; Des Dichters Welt entſtand auf ſein Geheiß, Und, ſo verdient, gewaͤhrt die Muſe nur Den Namen ihm— Director der Natur. Wer faßt nach ihm, voll Kuͤhnheit und Verſtand, Die vielen Zuͤgel mit der Einen Hand? Hier, wo ſich jeder ſeines Weges treibt, Wo ein Factotum unentbehrlich bleibt; Wo ſelbſt der Dichter, heimlich voll Verdruß, Im Fall der Noth die Lichter putzen muß. O ſorget nicht! Gar Viele regt ſein Tod! Sein Witz iſt nicht zu erben, doch ſein Brod; Und, ungleich ihm, denkt mancher Ehrenmann: Verdieu' ichs nicht, wenn ich's nur eſſen kann. Was ſtutzt ihr? Seht den ſchlecht verzierten Sarg, Auch das Gefolg ſcheint euch gering und karg; Wie! ruft ihr, wer ſo künſtlich und ſo fein, So wirkſam war, muß reich geſtorben ſeyn! Warum verſagt man ihm den Trauerglanz, Den aͤußern Anſtand letzter Ehre ganz? Nicht ſo geſchwind! Das Gluͤck macht alles gleich, Den Faulen und den Thaͤt'gen— arm und reich. Zum Guͤterſammeln war er nicht der Mann; Der Dag verzehrte, was der Tag gewann. Bedauert ihn, der, ſchaffend bis ans Grab, Was kuͤnſtlich war, und nicht, was Vortheil gab, 8 — 160— In Hoffnung taͤglich weniger erwarb, Vertroͤſtet lebte, und vertroͤſtet ſtarb. Nun laßt die Glocken toͤnen, und zuletzt Werd' er mit lauter Trauer beigeſetzt! Wer iſt's, der ihm ein Lob zu Grabe bringt, Eh' noch die Erde rollt, das Chor verklingt? Ihr Schweſtern, die ihr, bald auf Theſpis Karrn, Geſchleypt von Eſeln, und umſchrien von Narr'n, Vor Hunger kaum, vor Schande nie bewahrt, Von Dorf zu Dorf, euch feil zu bieten, fahrt; Bald wieder durch der Menſchen Gunſt begluͤckt, In Herrlichkeit der Welt die Welt entzuͤckt, Die Maͤdchen eurer Art ſind ſelten karg, Kommt, gebt die ſchoͤnſten Kraͤnze dieſem Sarg; Vereinet hier, theilnehmend, euer Leid, Zahlt, was ihr Ihm, was ihr uns ſchuldig ſeyd! Als euern Tempel grauſe Gluth verheert, War't ihr von uns drum weniger geehrte Wie viel Altaͤre ſtiegen vor euch auf! Wie manches Raͤuchwerk brachte man euch drauf! An wie viel Plaͤtzen lag, vor euch gebuͤckt, Ein ſchwer befriedigt Publikum entzuͤckt! In engen Huͤtten und im reichen Saal, Auf Hoͤhen Ettersburgs, in Tiefurts Thal, Inm leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht, Und unter dem Gewoͤlb' der hohen Nacht, Erſcheint ihr, dir ihr vielgeſtaltet ſeyd, Im Reitrock bald und bald im Gallg⸗Kleid. — 161— Auch das Gefolg, das um euch ſich ergießt, Dem der Geſchmack die Thuͤren ekel ſchließt, Das leichte, tolle, ſcheckige Geſchlecht, Es kam zu Hauf, und immer kam es recht. 0 An weiße Wand bringt dort der Zauberſtab Ein Schattenvolk aus mytholog'ſchem Grab. Im Poſſenſpiel regt ſich die alte Zeit, Gutherzig, doch mit Ungezogenheit. Waͤs Gahier und Britte ſich erdacht, Ward, wohl verdeutſcht, hier Deutſchen vorgebracht; Und oftmals liehen Waͤrme, Leben, Glanz, Dem armen Dialesg— Geſang und Tanz. Des Carnevals zerſtreuter Flitterwelt Ward ſinnreich Spiel und Handlung zugeſellt. Dramatiſch ſelbſt erſchienen hergefandt Drei Koͤnige aus fernem Morgenland; Und ſittſam bracht' auf reinlichem Altar Dianens Prieſterin ihr Opfer dar. Nun ehrt uns auch in dieſer Trauerzeit! Gebt uns ein Zeichen! denn ihr ſeyd nicht weit⸗ Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt! Seht, wer da kommt und feſtlich naͤher tritt? Sie iſt es ſelbſt; die Gute fehlt uns nie; Wir ſind erhoͤrt, die Muſen ſenden ſie. Ihr kennt ſie wohl: ſie iſt's, die ſtets gefaͤllt; Als eine Blume zeigt ſie ſich der Welt: Zum Muſter wuchs das ſchoͤne Bild empor⸗ Vollendet nun, ſie iſt's und ſtellt es vor. „Es goͤnnten ihr die Muſen jede Gunſt, 14 — 162— und die Natur erſchuf in ihr die Kunſt, So haͤuft ſie willig jeden Reiz auf ſich, Und ſelbſt dein Name ziert, Corona, dich. Sie tritt herbei. Seht ſie gefaͤllig ſtehn! Nur abſichtslos, doch wie mit Abſicht ſchoͤn. Und hoch erſtaunt, ſeht ihr in ihr vereint Ein Ideal, das Kuͤnſtlern nur erſcheint. Anſtaͤndig fuͤhrt die leiſ' erhobne Hand Den ſchoͤnſten Kranz, umknuͤpft von Trauerband. Der Roſe frohes, volles Angeſicht, Das treue Veilchen, der Narziſſe Licht, Vielfaͤltger Nelken, eitler Tulpen Pracht, Von Naͤdchenhand geſchickt hervor gebracht, Durchſchlungen von der Myrte ſanfter Zier Vereint die Kunſt zum Trauerſchmucke hier: Und durch den ſchwarzen, leichtgeknuͤpften Flor Sticht eine Lorbeerſpitze ſtill hervor. Es ſchweigt das Volk. Mit Augen voller Glanz, Wirft ſie ins Grab den wohlverdienten Kranz. Sie oͤffnet ihren Mund, und lieblich fließt Der weiche Ton, der ſich ums Herz ergießt. Sie ſpricht: den Dank fuͤr das, was du gethan, Geduldet, nimm, du Abgeſchiedner, an! Der Gute, wie der Boͤſe, muͤht ſich viel, Und beide bleiben weit von ihrem Ziel. Dir gab ein Gott in holder, ſteter Kraft Zu deiner Kunſt die ew'ge Leidenſchaft. Sie war's, die dich zur boͤſen Zeit erhielt, Mit der du krank, als wie ein Kind geſpielt, — 163— Die auf den blaſſen Mund ein Laͤcheln rief⸗ In deren Arm dein muͤdes Haupt entſchlief! Ein jeder, dem Natur ein gleiches gab, Beſuche pilgernd dein beſcheiden Grab! Feſt ſteh dein Sarg in wohlgegoͤnnter Ruh', Mit lockrer Erde deckt ihn leiſe zu, Und ſanfter, als des Lebens liege dann Auf dir des Grabes Buͤrde, guter Mann! Epilog zu Schillers Glocke. Freude dieſer Stadt bedeute, Friede ſey ihr erſt Geläute. Und ſo geſchah's! Dem friedenreichen Klange Bewegt' ſich neu das Land und ſegenbar. Ein friſches Gluͤck erſchien; im Hochgeſange Begruͤßten wir das junge Fuͤrſtenpaar; Im Vollgewuͤhl, im lebensregen Drange Vermiſchte ſich die thaͤt'ge Voͤlkerſchaar, Und feſtlich ward an die geſchmuͤckten Stufen Die Huldigung der Kunſte vorgerufen. Da hoͤr' ich ſchreckhaft mitternaͤcht'ges Laͤuten, Das dumpf und ſchwer die Trauertoͤne ſchwellt. Iſt's moͤglich? ſoll es unſern Freund bedeuten? An dem ſich jeder Wunſch geklammert haͤlt. Den Lebenswuͤrd'gen ſoll der Tod erbeuten? Ach! wie verwirrt ſolch ein Verluſt die Welt! Ach! was zerſtoͤrt ein ſolcher Riß den Seinen! Nun weint die Welt, und ſollten wir nicht weinen? — 164— Denn er war unſer! Wie bequem, geſellig Den hohen Mann der gute Tag gezeigt, Wie bald ſein Ernſt, anſchließend, wohlgefaͤllig, Zur Wechſelrede heiter ſich geneigt, Bald raſchgewandt, geiſtreich und ſicherſtellig, Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt, Und fruchtbar ſich in Rath und That ergoſſen, Das haben wir erfahren und genoſſen. Denn er war unſer! Mag das ſtolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig uͤbertoͤuen! Er mochte ſich bei uns, im ſichern Port, Nach wildem Sturm, zum Dauernden gewoͤhnen. Indeſſen ſchritt ſein Geiſt gewaltig fort Ins Ewige des Wahren, Guten, Schoͤnen, Und hinter ihm, in weſenloſem Scheine, Lag, was uns alle baͤndigt, das Gemeine. Da ſchmuͤckt' er ſich die ſchoͤne Gartenzinne, Von wannen er der Sterne Wort vernahm, Das dem gleich ew'gen, gleich lebend'gen Sinne 3 Geheimnißvoll und klar entgegen kam. Dort, ſich und uns zu koͤſtlichem Gewinne, Verwechſelt' er die Zeiten wunderſam. Nun ſank der Mond, und zu erneuter Wonne, Vom klaren Berg heruͤber ſchien die Sonne. Nun gluͤhte ſeine Wange roth und roͤther Von jener Jugend, die uns nie verfliegt, Von jenem Muth, der fruͤher oder ſpaͤter Den Widerſtand der ſtumpfen Welt beſiegt, Von jenem Glauben, der ſich ſiets erhoͤhter, —, — 165— Bald kuͤhn hervor draͤngt, bald geduldig ſchmiegt, Damit das Gute wirke, wachſe, fromme, Damit der Tag dem Edlen endlich komme. Doch hat er, ſo geuͤbt, ſo vollgehaltig Dieß breterne Geruͤſte nicht verſchmaͤht; Hier ſchildert' er das Schickſal, das gewaltig Von Tag zu Nacht die Erdenachſe dreht, Und manches tiefe Werk hat, reich geſtaltig, Den Werth der Kunſt, des Kuͤnſtlers Werth erhoͤht. Er wendete die Bluͤthe hoͤchſten Strebens, Das Leben ſelbſt an dieſes Bild des Lebens. So kennt ihr ihn, wie er mit Rieſenſchritte Den Kreis des Wollens, des Vollbringens maß, Durch Zeit und Land, der Voͤlker Sinn und Sitte, Das dunkle Buch mit heitrem Blicke las. Doch, wie er athemlos, in unſrer Mitte, In Leiden bangte, kuͤmmerlich genas, Das haben wir, in traurig ſchoͤnen Jahren, Denn er war unſer, leidend miterfahren. 3 Ihn, wenn er vom zerruͤttenden Gewuͤhle Des bittern Schmerzens wieder aufgeblickt, Ihn haben wir dem laͤſtigen Gefuͤhle Der Gegenwart, der ſtockenden, entruͤckt, Mit guter Kunſt und ausgeſuchtem Spiele Den neubelebten, edeln Sinn erquickt, Und noch am Abend vor den letzten Sonnen Ein holdes Laͤcheln gluͤcklich abgewonnen. Er hatte fruͤh das ſtrenge Wort geleſen, Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. — 1e6— So ſchied er nun, wie er ſo oft geneſen, Nun ſchreckt uns das, wofuͤr uns kaͤngſt gegrant. Doch jetzt empfindet ſein verklaͤrtes Weſen Nur Einen Wunſch, wenn es hernieder ſchaut. O moͤge doch den heil'gen, letzten Willen Das Vaterland vernehmen und erfuͤllen! Die Geheimniſſe. Ein Fragment. Der Morgen kam; es ſcheuchten ſeine Tritte Den leiſen Schlaf, der mich gelind umäng, Daß ich erwacht, aus meiner ſtillen Huͤtte Den Berg hinauf mit friſcher Seele ging; Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neuen Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob ſich mit Entzuͤcken, Und alles war erquickt, mich zu erquicken. Und wie ich ſtieg, zog von dem Flus der Wieſen Ein Nebel ſich in Streifen ſacht' hervor. Er wich urd wechſelte, mich zu umfließen, Und wuchs geftuͤgelt mir um's Haupt empor: Des ſchoͤnen Blicks ſollt ich nicht mehr genießen, Die Gegend deckte mir ein truͤber Flor; Bald ſah ich mich von Wolken wie umgoſſen, Und mit mir ſelbſt in Daͤmm rung eingeſchloſſen. Auf einmal ſchien die Sonne durchzudringen, Im Nebel ließ ſich eine Klarheit ſehn. Hier ſank er leiſe ſich hinab zu ſchwingen, Hier theilt' er ſteigend ſich um Wald und Hoͤhn. — —,.— — , — 167— Wie hofft' ich ihr den erſten Gruß zu bringen! Sie hofft' ich nach der Truͤbe doppelt ſchoͤn. Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet, Ein Glanz umgab mich, und ich ſtand geblendet. Bald machte mich, die Augen aufzuſchlagen, Ein inn'rer Trieb des Herzens wieder kuͤhn, Ich konnt' es nur mit ſchuellen Blicken wagen; Denn alles ſchien zu brennen und zu gluͤhn. Da ſchwebte, mit den Wolken hergetragen, Ein goͤttlich Weib vor meinen Augen hin, Kein ſchoͤner Bild ſah ich in meinem Leben, Sie ſah mich an und blieb verweilend ſchweben. Kennſt du mich nicht? ſprach ſte mit einem Munde, Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß: Erkennſt du mich? die ich in mauche Wunde Des Lebens dir den reinſten Balſam goß. Du kennſt mich wohl, an die, zu ew'gem Bunde, Dein ſtrebend Herz ſich feſt und feſter ſchloß. Sah ich dich nicht mit heißen Herzeusthraͤnen Als Kuaben ſchon nach mir dich eifrig ſehnen? Ja! rief ich aus, indem ich ſelig nieder Zur Erde ſank, lang' hab' ich dich gefuͤhlt; Du gabſt mir Ruh', wenn durch die jungen Glieder Die Leidenſche ſich raſtlos durchgewuͤhlt; Du haſt mir, wie mit himmliſchem Gefieder, Am heißen Tag die Stirne ſanft gekuͤhlt; Du ſchenkteſt mir der Erde beſte Gaben, 4 Und iedes Glück will ich durch dich nur haben! — — 168— Dich nenn' ich nicht. Zwar hoͤr' ich dich von vielen Gar oft genannt, und jeder heißt dich ſein, Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen, Faſt jedem Auge wird dein Strahl zur Pein. Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Geſpielen, Da ich dich kenne, bin ich faſt allein; Ich muß mein Gluͤck nur mit mir ſelbſt genießen, Dein holdes Licht verdecken und verſchließen. Sie laͤchelte, ſie ſprach: Du ſiehſt, wie klug, Wie noͤthig war's, euch wenig zu enthuͤllen! Kaum biſt du ſicher vor dem groͤbſten Trug, Kaum biſt du Herr vom erſten Kinderwillen; So glaubſt du dich ſchon Uebermenſch genug, Verſaͤumſt die Pflicht des Mannes zu erfuͤllen! Wie viel biſt du von andern unterſchieden? Erkenne dich! leb' mit der Welt in Frieden. Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut, Soll ich umſonſt die Augen offen haben? Ein froher Wille lebt in meinem Blut, Ich kenne ganz den Werth von deinen Gaben! Fuͤr andre waͤchst in mir das edle Gut, Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben! Warum ſucht' ich den Weg ſo ſehnſuchtsvoll, Wenu ich ihn nicht den Bruͤdern zeigen ſoll? Und wie ich ſprach, ſah mich das hohe Weſeu Mit einem Blick mitleid'ger Nachſicht an; Ich konnte mich in ihrem Auge leſen, Was ich verfehlt und was ich recht gethan. Sie laͤchelte, da war ich ſchon geneſen, 1 — 169— Zu neuen Freuden ſtieg mein Geiſt heran: Ich konnte nun mit innigem Vertrauen Mich zu ihr nahn und ihre Naͤhe ſchauen. Da reckte ſie die Hand aus in die Streifen Der leichten Wolken und des Dufts umher, Wie ſie ihn faßte, ließ er ſich ergreifen, Er ließ ſich ziehn, es war kein Nebel mehr. Mein Auge konnt' im Thale wieder ſchweifen, Gen Himmel blickt' ich; er war hell und hehr. Nur ſah ich ſie den reinſten Schleier halten, Er floß um ſie und ſchwoll in tauſend Falten. Ich kenne dich, ich kenne deine Schwaͤchen, Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt! So ſagte ſie, ich hoͤr' ſie ewig ſprechen, Empfange hier, was ich dir lang beſtimmt, Dem Gluͤcklichen kann es an nichts gebrechen, Der dieß Geſchenk mit ſtiller Seele nimmt; Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit, Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit. Und wenn es dir und deinen Freunden ſchwuͤle Am Mittag wird, ſo wirf ihn in die Luft! Sogleich umſaͤuſelt Abendwindes Kuͤhle Umhaucht euch Blumenwuͤrzgeruch und Duft. Es ſchweigt das Wehen banger Erdgefuͤhle, Zum Wolkenbette wandelt ſich die Gruft, Beſaͤnftiget wird jede Lebenswelle, Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle. So kommt denn, Freunde, wenn auf Euern Wegen Des Lebens Buͤrde ſchwer und ſchwerer druͤckt, Goethe's Ged. 15 4 — 170— Wenn Eure Bahn ein friſcherneuter Segen Mit Blumen ziert, mit goldnen Fruͤchten ſchmuͤckt, Wir gehn vereint dem naͤchſten Tag entgegen! So leben wir, ſo wandeln wir begluͤckt. Und dann auch ſoll, wenn Enkel um uns trauern, Zu ihrer Luſt noch unſre Liebe dauern. Ein wunderbares Lied iſt euch bereitet: Vernehmt es gern, und jeden ruft herbei! Durch Berg und Thaͤler iſt der Weg geleitet; Hier iſt der Blick beſchraͤnkt, dort wieder frei⸗ Und wenn der Pfad ſacht' in die Buͤſche gleitet, So denket nicht, daß es ein Irrthum ſey, Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen, Zur rechten Zeit dem Ziele naͤher kommen. Doch glaube keiner, daß mit allem Sinnen Das ganze Lied er je entraͤthſeln werde: Gar viele muͤſſen vieles hier gewinnen, Gar manche Bluͤthen bringt die Mutter Erde; Der Eine flieht mit duͤſterm Blick von hinnen, Der Andre weilt mit froͤhlicher Geberde: Ein jeder ſoll nach ſeiner Luſt genießen, Fuͤr manchen Wand'rer ſoll die Quelle fließen. Ermuͤdet von des Tages langer Reiſe Die auf erhabnen Antrieb er gethan, An einem Stab, nach frommer Wand'rer Weiſe, Kam Brnder Markus, außer Steg und Bahn, Verlangend nach geringem Trank und Speiſe, In einem Thal am ſchoͤnen Abend an, Voll Hoffnung, in den waldbewachſ'nen Gruͤnden Ein gaſtfrei Dach fuͤr dieſe Nacht zu finden. — 171— Am ſteilen Berge, der nun vor ihm ſtehet, Glaubt er die Spuren eines Wegs zu ſehn, Er folgt dem Pfade, der in Kruͤmmen gehet, Und muß ſich ſteigend um die Felſen drehn; Bald ſieht er ſich hoch uͤber's Thal erhoͤhet, Die Sonne ſcheint ihm wieder freundlich ſchoͤn, Und bald ſieht er, mit innigem Vergnuͤgen, Den Gipfel nah' vor ſeinen Augen liegen. Und nebenhin die Sonne, die im Neigen Noch prachtvoll zwiſchen dunkeln Wolken thront: Er ſammelt Kraft, die Hoͤhe zu erſteigen, Dort hofft er ſeine Muͤhe bald belohnt. Nun, ſpricht er zu ſich ſelbſt, nun muß ſich zeigen, Ob etwas Menſchlichs in der Naͤhe wohnt! Er ſteigt und horcht, und iſt wie neu geboren, Ein Glockenklang erſchallt in ſeinen Ohren. Und wie er nun den Gipfel ganz erſtiegen, Sieht er ein nahes, ſanft geſchwungnes Thal, Sein ſtilles Auge leuchtet von Vergnuͤgen; Denn vor dem Walde ſieht er auf einmal In gruͤner Au' ein ſchoͤn Gebaͤnde liegen, So eben trifft's der letzte Sonnenſtrahl: Er eilt durch Wieſen, die der Thau befeuchtet, Dem Kloſter zu, das ihm entgegen leuchtet. Schon ſieht er dicht ſich vor dem ſtillen Orte, Der ſeinen Geiſt mit Ruh' und Hoffnung füllt, Und auf dem Bogen der geſchloſſ'nen Pforte Erblickt er ein geheimnißvolles Bild. Er ſteht und ſinnt, und liſpelt leiſe Worte 15*† — 172— Der Andacht, die in ſeinem Herzen quillt, Er ſteht und ſinnt, was hat das zu bedeuten? Die Sonne ſinkt, und es verklingt das Laͤnten! Das Zeichen ſieht er praͤchtig aufgerichtet, Das aller Welt zu Troſt und Hoffnung ſteht, Zu dem viel tauſend Geiſter ſich verpflichtet, Zu dem viel tauſend Herzen warm gefleht, Das die Gewalt des bittern Tod's vernichtet, Das in ſo mancher Siegesfahne weht: Ein Labequell durchdringt die matten Glieder, Er ſieht das Kreuz, und ſchlaͤgt die Augen nieder. Er fuͤhlet neu, was dort fuͤr Heil entſprungen, Den Glauben fuͤhlt er einer halben Welt; Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen, Wie ſich das Bild ihm hier vor Augen ſtellt; Es ſteht das Kreuz mit Roſen dicht umſchlungen. Wer hat dem Kreuze Roſen zugeſellt? Es ſchwillt der Kranz, um recht von allen Seiten Das ſchroffe Herz mit Weichheit zu begleiten. Und leichte Silberhinmelswolken ſchweben, Mit Kreuz und Roſen ſich empor zu ſchwingen, Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben Dreifacher Strahlen, die aus Einem Punkte dringen; Von keinen Worten iſt das Bild umgeben, Die dem Geheimniß Sinn und Klarheit bringen. Im Daͤmmerſchein, der immer tiefer grauet, Steht er und ſinnt, und fuͤhlet ſich erbauet. Er klopft zuletzt, als ſchon die hohen Sterne Ihr helles Auge zu ihm nieder wenden. — 173— Das Thor geht auf, und man empfaͤngt ihn gerne Mit offnen Armen, mit bereiten Haͤnden. Er ſagt, woher er ſey, von welcher Ferne Ihn die Befehle hoͤherer Weſen ſenden. Man horcht und ſtaunt. Wie man den Unbekannten Als Gaſt geehrt, ehrt man nun den Geſandten. Ein jeder draͤngt ſich zu, um auch zu hoͤren, Und iſt bewegt von heimlicher Gewalt, Kein Odem wagt, den ſeltnen Gaſt zu ſtoͤren, Da jedes Wort im Herzen wiederhallt. Was er erzäͤhket, wirkt, wie tiefe Lehren Der Weisheit, die von Kinderlippen ſchallt: An Offenheit, an Unſchuld der Geberde Scheint er ein Menſch von einer andern Erde. Willkommen! ruft zuletzt ein Greis, willkommen, Wenn deine Sendung Troſt und Hoffnung traͤgt! Du ſiehſt uns an: wir alle ſtehn bekliommen, Obgleich dein Anblick unſre Seele regt: Das ſchoͤnſte Gluͤck, ach! wird uns weggenommen, Vdn Sorgen ſind wir und von Furcht bewegt. Zur wicht'gen Stunde nehmen unſre Mauern Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern: Denn ach! der Mann, der alle hier verbindet, Den wir als Vater, Freund und Fuͤhrer kennen, Der Licht und Muth dem Leben angezuͤndet, In wenig Zeit wird er ſich von uns trennen, Er hat es erſt vor kurzem ſelbſt verkuͤndet; Doch will er weder Art noch Stunde nennen; — 174— Und ſo iſt uns ſein ganz gewiſſes Scheiden Geheimnißvoll und voller bittrer Leiden. Du ſieheſt alle hier mit grauen Haaren, Wie die Natur uns ſelbſt zur Ruhe wies: Wir nahmen keinen auf, den, jung an Jahren, Sein Herz zu fruͤh der Welt entſagen hieß. Nachdem wir Lebensluſt und Laſt erfahren, Der Wind nicht mehr in unſre Segel blies, War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen, Getroſt, daß wir den ſichern Hafen fanden. Dem edeln Manne, der uns hergeleitet, Wohnt Friede Gottes in der Bruſt; Ich hab' ihn auf des Lebens Pfad begleitet, Und bin mir alter Zeiten wohl bewußt; Die Stunden, da er einſam ſich bereitet, Verkuͤnden uns den nahenden Verluſt. Was iſt der Menſch, warum kann er ſein Leben Umſonſt, und nicht fuͤr einen Beſſern geben? Dieß waͤre nun mein einziges Verlangen! Warum muß ich des Wunſches mich entſchlagen? Wie viele ſind ſchon vor mir hingegangen! Nur ihn muß ich am bitterſten beklagen. Wie haͤtt' er ſonſt ſo freundlich dich empfangen! Allein er hat das Haus uns uͤbertragen; Zwar keinen noch zum Folger ſich ernennet, Doch lebt er ſchon im Geiſt von uns getrennet. Und kommt nur taͤglich eine kleine Stunde, Erzaͤhlet, und iſt mehr als ſonſt geruͤhrt: Wir hoͤren dann aus ſeinem eignen Munde, — 155— Wie wunderbar die Vorſicht ihn gefuͤhrt; Wir merken auf, damit die ſichre Kunde Im Kleinſten auch die Nachwelt nicht verliert; Auch ſorgen wir, daß einer fleißig ſchreibe, und ſein Gedaͤchtniß rein und wahrhaft bleibe. Zwar vieles wollt' ich lieber ſelbſt erzaͤhlen, Als ich jetzt nur zu hoͤren ſtille bin; Der kleinſte Umſtand ſollte mir nicht fehlen, Noch hab' ich alles lebhaft in dem Sinn; Ich hoͤre zu, und kann es kaum verhehlen, Daß ich nicht ſtets damit zufrieden bin: Sprech' ich einmal von allen dieſen Dingen, Sie ſollen praͤchtiger aus meinem Munde klingen. Als dritter Maun erzaͤhlt' ich mehr und freier Wie ihn ein Geiſt der Mutter fruͤh verhieß, Und wie ein Stern bei ſeiner Taufefeier Sich glaͤnzender am Abendhimmel wies, Und wie mit weiten Fittigen ein Geier Im Hofe ſich bei Tauben niederließ; Nicht grimmig ſtoßend, und wie ſonſt zu ſchaden, Er ſchien ſie ſanft zur Einigkeit zu laden. Dann hat er uns beſcheidentlich verſchwiegen, Wie er als Kind die Otter uͤberwand, Die er um ſeiner Schweſter Arm ſich ſchmiegen, Um die Entſchlaf'ne feſt gewunden fand. Die Amme floh, und ließ den Saͤugling liegen; Er droſſelte den Wurm mit ſich'rer Hand: Die Mutter kam, und ſah mit Freudebeben Des Sohnes Thaten und der Tochter Leben. — 176— Und ſo verſchwieg er auch, daß eine Quelle Vor ſeinem Schwert aus trocknem Felſen ſprang, Stark, wie ein Bach, ſich mit bewegter Welle Den Berg hinab bis in die Tiefe ſchlang: Noch quillt ſie fort ſo raſch, ſo ſilberhelle, Als ſie zuerſt ſich ihm entgegen drang, Und die Geſaͤhrten, die das Wunder ſchauten, Den heißen Durſt zu ſtillen kaum getrauten. Wenn einen Menſchen die Natur erhoben, Iſt es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt; Man muß in ihm die Macht des Schoͤpfers loben, Der ſchwachen Thon zu ſolcher Ehre beingt: Doch, wenn ein Mann von allen Lebensproben Die ſanerſte beſteht, ſich ſelbſt bezwingt: Dann kann man ihn mit Freuden Andern zeigen, Und ſagen: das iſt er, das iſt ſein eigen! Denn alle Kraft dringt vorwaͤrts in die Weite, Zu leben und zu wirken hier und dort; Dagegen engt und hemmt von jeder Seite Der Strom der Welt, und reißt uns mit ſich fort: In dieſem innern Sturm und aͤußern Streite Vernimmt der Geiſt ein ſchwer verſtanden Wort: Von der Gewalt, die alle Weſen bindet, Befreit der Menſch ſich, der ſich uͤberwindet. Wie fruͤhe war es, daß ſein Herz ihn lehrte, Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf; Daß er des Vaters ſtrenges Wort verehrte, Und willig war, wenn jener rauh und ſchatf Der Jugend freie Zeit mit Dienſt beſchwerte, — 177— Dem ſich der Sohn mit Freuden unterwarf, Wie, aͤlternlos und irrend, wohl ein Knabe Aus Noth es thut um eine kleine Gabe. Die Streiter mußt' er in das Feld begleiten, Zuerſt zu Fuß bei Sturm und Sonnenſchein, Die Pferde warten und den Tiſch bereiten, Und jedem alten Krieger dienſtbar ſeyn. Gern und geſchwind lief er zu allen Zeiten Bei Tag und Nacht als Bote durch den Hain, Und ſo gewohnt, fuͤr Andre nur zu leben, Schien Muͤhe nur ihm Froͤhlichkeit zu geben. Wie er im Streit mit kuͤhnem, muntern Weſen Die Pfeile las, die er am Boden fand, Eilt' er hernach, die Kraͤuter ſelbſt zu leſen, Mit denen er Verwundete verband: Was er beruͤhrte, mußte gleich geneſen, Es freute ſich der Kranke ſeiner Hand: Wer wollt' ihn nicht mit Froͤhlichkeit betrachten? and nur der Vater ſchien nicht ſein zu achten. Leicht, wie ein ſegelnd Schiff, das keine Schwere Der Ladung fuͤhlt, und eilt von Port zu Port, Trug er die Laſt der aͤlterlichen Lehre, Gehorſam war ihr erſt und letztes Wort; Und wie den Knaben Luſt, den Juͤngling Ehre, So zog ihn nur der fremde Wille fort. Der Vater ſann umſonſt auf neue Proben, Und wenn er fordern wollte, mußt' er loben. Zuletzt gab ſich auch dieſer uͤberwunden, Bekannte thaͤtig ſeines Sohnes Werth; Die Ranhigkeit des Alten war verſchwunden, — 178— Er ſchenkt' auf einmal ihm ein koͤſtlich Pferd; Der Juͤngling ward vom kleinen Dienſt entbunden, Er fuͤhrte ſtatt des kurzen Dolchs ein Schwert: Und ſo trat er gepruͤft in einen Orden, Zu dem er durch Geburt berechtigt worden. So koͤnnt' ich dir noch Tage lang berichten, Was jeden Hoͤrer in Erſtaunen ſetzt; Sein Leben wird den koͤſtlichſten Geſchichten Gewiß dereinſt von Enkeln gleich geetzt: Was dem Gemuͤth in Fabeln und Gedichten Unglaublich ſcheint, und es doch hoch ergetzt, Vernimmt es hier, und mag ſich gern bequemen, Zwiefach erfreut, fuͤr wahr es anzunehmen. und fragſt du mich, wie der Erwaͤhlte heiße, Den ſich das Aug' der Vorſicht auserſah, Den ich zwar oft, doch nie genugſam preiſe, An dem ſo viel Unglaubliches geſchah? Humanus heißt der Heilige, der Weiſe, Der beſte Mann, den ich mit Augen ſah: Und ſein Geſchlecht, wie es die Fuͤrſten nennen, Sollſt du zugleich mit ſeinen Ahnen kennen. Der Alte ſprach's, und haͤtte mehr geſprochen; Denn er war ganz der Wunderdinge voll, Und wir ergetzten uns noch manche Wochen An allem, was er uns erzaͤhlen ſoll; Doch eben ward ſein Reden unterbrochen, Als gegen ſeinen Gaſt das Herz am ſaaͤrkſten quoll. Die andern Bruͤder gingen bald und kamen, Bis ſie das Wort ihm von dem Munde nahmen. — 179— Und da nun Markus nach genoſſenem Mahle Dem Heerrn und ſeinen Wirthen ſich geneigt, Erbat er ſich noch eine reine Schale Voll Waſſer, und auch die ward ihm gereicht. Dann fuͤhrten ſie ihn zu dem großen Saale, Worin ſich ihm ein ſeltner Anblick zeigt'. Was er dort ſah, ſoll nicht verborgen bleiben, Ich will es euch gewiſſenhaft beſchreiben. Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden, Ein kuͤhnes Kreuzgewoͤlbe ſtieg empor, Und dreizehn Stuͤhle ſah er an den Waͤnden Umher geordnet, wie im frommen Chor, Gar zierlich ausgeſchnitzt von klugen Haͤnden; Es ſtand ein kleiner Pult an jedem vor. Man fuͤhlte hier der Andacht ſich ergeben, und Lebensruh' und ein geſellig Leben. Zu Haͤupten ſah er dreizehn Schilde hangen; Denn jedem Stuhl war eines zugezaͤhlt; Sie ſchienen hier nicht ahnenſtolz zu prangen, Ein jedes ſchien bedentend und gewaͤhlt, Und Bruder Markus brannte vor Verlangen, Zu wiſſen, was ſo manches Bild verhehlt; Im mittelſten erblickt er jenes Zeichen Zum zweiten Mahl, ein Kreuz mit Roſenzweigen. Die Seele kann ſich hier gar Vieles bilden, Ein Gegenſtand zieht von dem andern fort; Und Helme haͤngen uͤber manchen Schilden, Auch Schwert und Lanze ſieht man hier und dort, Die Waffen, wie man ſie von Schlachtgeſilden — 180— Aufleſen kann, verzieren dieſen Ort: Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande, und, ſeh' ich recht, auch Ketten dort und Bande! Ein jeder ſinkt vor ſeinem Stuhle nieder, Schlaͤgt auf die Bruſt in ſtill Gebet gekehrt; Von ihren Liypen toͤnen kurze Lieder, In denen ſich andaͤcht'ge Freude naͤhrt; Dann ſegnen ſich die treu verbundnen Bruͤder Zum kurzen Schlaf, den Fantaſie nicht ſtoͤrt: Nur Markus bleibt, indem die Andern gehen, Mit Einigen im Saale ſchauend ſtehen. So muͤd' er iſt, wuͤnſcht er noch fort zu wachen; Denn kraͤftig reizt ihn manch und manches Bild: Hier ſieht er einen feuerfarbnen Drachen, Der ſeinen Durſt in wilden Flammen ſtillt; Hier einen Arm in eines Baͤren Rachen, Von dem das Blut in heißen Stroͤmen quillt! Die beiden Schilder hingen gleicher Weite Beim Roſenkreuz zur recht⸗ und linken Seite, Du kommſt hierher auf wunderbaren Pfaden,⸗ Spricht ihn der Alte wieder freundlich an; Laß dieſe Bilder dich zu bleiben laden, Bis du erfaͤhrſt, was mancher Held gethan. Was hier verborgen, iſt nicht zu errathen, Man zeige denn es dir vertraulich an; Du ahneſt wohl, wie Manches hier gelitten, Gelebt, verloren ward, und was erſtritten. Doch glaube nicht, daß nur von alten Zeiten Der Greis erzaͤhlt, hier geht noch Manches vor; — 181— Das, was du ſiehſt, will mehr und mehr bedeuten; Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor. Geliebt es dir, ſo magſt du dich bereiten: Du kamſt, o Freund, nur erſt durch's erſte Thor; Im Vorhof biſt du freundlich aufgenommen, Und ſcheinſt mir werth ins Innerſte zu kommen. Nach kurzem Schlaf in einer ſtillen Zelle Weckt unſern Freund ein dumpfer Glockenton. Er rafft ſich auf mit unverdroſſ'ner Schnelle, Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelsſohn. Geſchwind bekleidet eilt er nach der Schwelle, Es eilt ſein Herz voraus der Kirche ſchon, Gehorſam, ruhig, durch Gebet befluͤgelt; Er klinkt am Schloß, und findet es verriegelt. Und wie er horcht, ſo wird in gleichen Zeiten Drei Mahl ein Schlag auf hohles Erz erneut, Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenlaͤuten, Ein Floͤtenton miſcht ſich von Zeit zu Zeit; Der Schall, der ſeltſam iſt und ſchwer zu deuten, Bewegt ſich ſo, daß er das Herz erfreut, Einladend eryſt, als wenn ſich mit Geſaͤngen Zufriedne Paare durch einander ſchlaͤngen. Er eilt ans Fenſter, dort vielleicht zu ſchauen, Was ihn verwirrt und wunderbar ergreiſt; Er ſieht den Tag im fernen Oſten grauen, Den Horizont mit leichtem Duft geſtreift. Und— ſoll er wirklich ſeinen Augen trauen?— Ein ſeltſam Licht, das durch den Garten ſchweift: Drei Juͤnglinge mit Fackeln in den Haͤnden Sieht er ſich eilend durch die Gaͤnge wenden. — 182— Er ſieht genau die weißen Kleider glaͤnzen, Die ihnen knapp und wohl am Leibe ſtehn, Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkraͤnzen, Mit Roſen ihren Gurt umwunden ſehn; Es ſcheint, als käͤmen ſie von naͤcht'gen Taͤnzen, Von froher Muͤhe recht erquickt und ſchoͤn. Sie eilen nun, und loͤſchen wie die Sterne, Die Fackeln aus, und ſchwinden in die Ferne. Lilies Park. Iſt doch keine Menagerie So bunt, als meiner Lili ihre! Sie hat darin die wunderbarſten Thiere, Und kriegt ſie'rein, weiß ſelbſt nicht wie. O, wie ſie huͤpfen, laufen, trappeln, Mit abgeſtumpften Fluͤgeln zappeln, Dje armen Prinzen allzumal, In nie geloͤſchter Liebesqual! Wie hieß die Fee?— Lili?— Fragt nicht nach ihr! Kennt ihr ſie nicht, ſo danket Gott dafuͤr. Welch ein Geraͤuſch, welch ein Gegacker, Wenn ſie ſich in die Thuͤre ſtellt, Und in der Hand das Futterkoͤrbchen haͤlt! Welch ein Gequick, welch ein Gequacker! Alle Baͤume, alle Buͤſche ſcheinen lebendig zu werden: So ſtuͤrzen ſich ganze Herden Zu ihren Fuͤßen; ſogar im Baſſin die Fiſche Patſchen ungeduldig mit den Koͤpfen heraus, Und ſie ſtreut dann das Futter aus — 183— Mit einem Blick— Göoͤtter zu entzuͤcken, Geſchweige die Beſtien. Da gehts an ein Picken, An ein Schluͤrfen, an ein Hacken; 1 Sie ſtuͤrzen einander uͤber die Nacken, Schieben ſich, draͤngen ſich, reißen ſich, Jagen ſich, aͤngſten ſich, beißen ſich, Und das all um ein Stuͤckchen Brod, Das, trocken, aus den ſchoͤnen Haͤnden ſchmeckt, Als haͤtt' es in Ambroſia geſteckt. Aber der Blick auch! Der Ton! Wenn ſie ruft: Pipi! Pipi! Zoͤge den Adler Jupiters vom Thron; Der Venus Taubenpaar, Ja, der eitle Pfau ſogar, Ich ſchwoͤre, ſie kaͤmen, Wenn ſie den Ton von weitem nur vernaͤhmen. Denn ſo hat ſie aus des Waldes Nacht Einen Baͤren, ungeleckt und ungezogen, Unter ihren Beſchluß herein betrogen, Unter die zahme Compagnie gebracht, Und mit den andern zahm gemacht: Bis auf einen gewiſſen Punkt, verſteht ſich! Wie ſchoͤn, und ach! wie gut Schien ſie zu ſeyn! Ich haͤtte mein Blut Gegeben, um ihre Blumen zu begießen. „Ihr ſagtet ich! Wie? Wer?"“ Gut denn, ihr Herrn, g'rad aus: Ich bin der Baͤr! In einem Filetſchurz gefaugen, An einem Seidenfaden ihr zu Fuͤßen. — 184— Doch, wie das alles zugegangen, Erzaͤhl' ich euch zur andern Zeit; Dazu bin ich zu wuͤthig heut. Denn ha! ſteh' ich ſo an der Ecke, Und hoͤr' von weitem das Geſchnatter, Seh' das Geflitter, und Gefiatter, Kehr' ich mich um Und brumm', Und renne ruͤckwaͤrts eine Strecke, Und ſeh' mich um, Und brumm', Und laufe wieder eine Strecke, Und kehr'’ doch endlich wieder um. Daun faͤngt's auf einmal an zu raſen, Ein maͤcht'ger Geiſt ſchnaubt aus der Naſen, Es wildſt die innere Natur. Was, du ein Thor, ein Haͤschen nur! So ein Pipi! Eichhoͤruchen, Nuß zu knacken! Ich ſtraͤnbe meinen borſt'gen Nacken, Zu dienen ungewoͤhnt. Ein jedes auſgeſtutztes Baͤumchen hoͤhnt Mich an! ich flieh' vom Boulingreen, Vom niedlich glatt gemaͤhten Graſe; Der Buchsbaum zieht mir eine Naſe, Ich flieh' ins dunkelſte Gebuͤſche bin, Durchs Gehaͤge zu dringen, Ueber die Planken zu ſpringen! Mir verſagt Klettern und Sprung, Ein Zauber bleit mich nieder, — 185— Ein Zauber haͤkelt mich wieder,. ö Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung, Dann lieg' ich an gekuͤnſtelten Cascaden, Und kau' und wein’ und waͤlze halb mich todt, Und ach! es hoͤren meine Noth Nur porzellanene Oreaden. Auf Einmahl! Ach, es dringt Ein ſeliges Gefuͤhl durch alle meine Glieder! Sie iſt's, die dort in ihrer Laube ſingt! Ich hoͤre die liebe, liebe Stimme wieder, Die ganze Luft iſt warm, iſt bluthevoll. Ach! ſingt ſie wohl, daß ich ſie hoͤren ſoll? Ich dringe zu, tret' alle Straͤuche nieder, Die Buͤſche, die Baͤume weichen mir, Und ſo— zu ihren Fuͤßen liegt das Thier. Sie ſieht es an:„Ein Ungeheuer! doch drollig! Fuͤr einen Baͤren zu mild, Fuͤr einen Pudel zu wild, So zottig, taͤyſig, knollig!“⸗ Sie ſtreicht ihm mit dem Fuͤßchen uͤbern Ruͤcken; Er denkt im Paradieſe zu ſeyn. Wie ihn alle ſieben Sinne juͤcken! Und Sie ſieht ganz gelaſſen drein. Ich kuͤſſ' ihre Schuhe„ kau' an den Sohlen, So ſittig, als ein Baͤr nur mag, Ganz ſachte heb' ich mich, und ſchwinge mich verſtohlen Leiſ an ihr Knie.— Am guͤnſt'gen Tag eaͤßt ſie's geſchehn, und kraut mir um die Ohren, Und patſcht mich mit muthwillig derbem Schlag; 16 — 186— Ich knurr', in Wonne neu geboren; Dann fordert ſie mit ſuͤßem, eitlem Spotte: Allons tout doux! eh la menotte! Et faites Serviteur, Comme un joli Seigneur. So treibt ſie's fort mit Spiel und Lachen; Es hofft der oft betrogne Thor; Doch, will er ſich ein Bißchen unnuͤtz machen, Haͤlt ſie ihn kurz, als wie zuvor. Doch hat ſie auch ein Flaͤſchchen Balſamfeuers, Dem keiner Erde Honig gleicht, Wovon ſie wohl einmal, von Lieb' und Treu’ erweicht, Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers Ein Troͤpfchen mit der Fingerſpitze ſtreicht, Und wieder flieht, und mich mir uͤberlaͤßt, Und ich dann, losgebunden, feſt Gebannt bin, immer nach ihr ziehe, Sie ſuche, ſchaudre, wieder fliehe— So laͤßt ſie den zerſtoͤrten Armen gehn, Iſt ſeiner Luſt, iſt ſeinem Schmerzen ſtill; b Ha! manchmal laͤßt ſie mir die Thuͤr halb offen ſtehn, Seitblickt mich ſpottend an, ob ich nicht fliehen will. Und ich!— Sötter, iſt's in euren Haͤnden, Dieſes dumpfe Zauberwerk zu enden; Wie dank' ich, wenn ihr mir die Freiheit ſchafft! Doch, ſendet ihr mir keine Huͤlfe nieder— Nicht ganz umſonſt ſtreck' ich ſo meine Glieder: Ich fuͤhl's, ich ſchwoͤr's! noch hab' ich Kraft. 4 — 187— Johanna Sebus. Zum Andenken der ſiebzehnjährigen Schönen, Guten, aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eis⸗ gange des Rheines und dem großen Bruche des Dammes von Eleverham, Hülfe reichend, unterging. Der Damm zerreißt, das Feld erbrauſ't, Die Fluthen ſpielen, die Flaͤche ſauſ't. „Ich trage dich, Mutter, durch die Fluth, Noch reicht ſie nicht hoch, ich wate gut.“ „Auch uns bedenke, bedraͤngt wie wir ſind, Die Hausgenoſſin, drei arme Kind! Die ſchwache Frau!... Du gehſt davon?“— Sie traͤgt die Mutter durch's Waſſer ſchon. „Zum Böuͤhle da rettet euch! harret derweil, Gleich kehr' ich zuruͤck, uns allen iſt Heil. Zum Buͤhl iſt's noch trocken und wenige Schritt; Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“ Der Damm zerſchmilzt, das Feld erbrauſ't, Die Fluthen wuͤhlen, die Flaͤche ſauſ't. Sie ſetzt die Mutter auf ſichres Land, Schoͤn Suschen, gleich wieder zur Fluth gewandt. „Wohin? Wohin? Die Breite ſchwoll, Des Waſſers iſt huͤben und druͤben voll. Verwegen ius Tiefe willſt du hinein?“ „Sie ſollen und muͤſſen gerettet ſeyn!“ Der Damm verſchwindet, die Welle brauſ't, Eine Meereswoge, ſie ſchwankt und ſauſ't. Schoͤn Suschen ſchreitet gewohnten Steg, Umſtroͤmt auch gleitet ſie nicht vom Weg, * — 188— Erreicht den Buͤhl und die Nachbarin; Doch der und den Kindern kein Gewinn! Der Damm verſchwand, ein Meer erbrauſ'ts, Den kleinen Huͤgel im Kreis umſauſ'ts. Da gaͤhnet und wirbelt der ſchaͤumende Schlund, Und ziehet die Fran mit den Kindern zu Grund; Das Horn der Ziege faßt das Ein', So ſollten ſte alle verloren ſeyn! Schoͤn Suschen ſteht noch ſtrack und gut: Wer rettet das junge, das edelſte Blut! Schoͤn Suschen ſteht noch wie ein Stern; Doch alle Werber ſind alle fern. Rings um ſie her iſt Waſſerbahn, Kein Schifflein ſchwimmet zu ihr heran. Noch einmal blickt ſie zum Himmel hinauf, Da nehmen die ſchmeichelnden Fluthen ſie auf! Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort. Bedeckt iſt alles mit Waſſerſchwall; Doch Suschens Bild ſchwebt uͤberall.— Das Waſſer ſinkt, das Land erſcheint, Und uͤberall wird ſchoͤn Suschen beweint.— Und dem ſey, wer's nicht ſingt und ſagt, Im Leben und Tod nicht nachgefragt! Menſchenſchickſat, Wer nie ſein Brod mit Thraͤnen aß, Wer nie die kummervollen Naͤchte — 189— Auf ſeinem Bette weinend ſaß, Der kennt euch nicht, ihr himmliſchen Maͤchte. Ihr fuͤhrt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen ſchuldig werden, Dann uͤberlaßt ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld raͤcht ſich auf Erden. Der Einſame. „Wer ſich der Einſamkeit ergibt, Ach! der iſt bald allein, Ein jeder lebt, ein jeder liebt, Und laͤßt ihn ſeiner Pein. Ja, laßt mich meiner Qual! Und kanu ich nur einmal Recht einſam ſeyn, Dann bin ich nicht allein. Es ſchleicht ein Liebender lauſchend ſacht“, Ob ſeine Freundin allein? So uͤberſchleicht bei Tag und Nacht Mich Einſamen die Pein, Mich Einſamen die Qual. Ach! werd' ich erſt einmal Einſam im Grabe ſeyn, Da laͤßt ſie mich allein. Mignon’s Sehnſucht. Kennſt du das Land? wo die Citronen bluͤhn, Im dunkeln Laub die Gold⸗Orangen gluͤhn, Ein ſaufter Wind vom blauen Himmel weht, — 190— Die Myrte ſtill, und hoch der Lorbeer ſteht. Kennſt du es wohl? Dahin! Dahin! Moͤcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn. Kennſt du das Haus? auf Saͤulen ruht ſein Dach, Es glaͤnzt der Saal, es ſchimmert das Gemach, Und Marmorbilder ſtehn und ſehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, gethan? Kennſt du es wohl? Dahin! Dahin! Moͤcht' ich mit dir, o mein Beſchuͤtzer, ziehn. Kennſt du den Berg und ſeinen Wolkenſteg? Das Maulthier ſucht im Nebel ſeinen Weg; In Hoͤhlen wohnt der Drachen alte Brut, Es ſtuͤrzt der Fels, und uͤber ihn die Fluth. Kennſt du ihn wohl? Dahin! Dahin! Geht unſer Weg! o Vater, laßt uns ziehn! Die Nacht. Singet nicht in Trauertoͤnen Von der Einſamkeit der Nacht, Nein, ſie iſt, o holde Schoͤnen, Zur Geſelligkeit gemacht. Wie das Weib dem Mann gegeben Als die ſchoͤnſte Haͤlfte war, Iſt die Nacht das halbe Leben, Und die ſchoͤnſte Haͤlfte zwar. — 191— Koͤnnt ihr euch des Tages freuen, Der nur Freuden unterbricht? Er iſt gut, ſich zu zerſtreuen, Zu was Anderm taugt er nicht. Aber wenn in naͤcht'ger Stunde Suͤßer Lampe Daͤmm'rung fließt, Und vom Mund zum nahen Munde Scherz und Liebe ſich ergießt; Wenn der raſche, loſe Knabe, Der ſonſt wild und feurig eilt, Oft, bei einer kleinen Gabe, Unter leichten Spielen weilt; Wenn die Nachtigall Verliebten Liebevoll ein Liedchen ſingt, Das Gefangnen und Betruͤbten Nur wie Ach und Wehe klingt: Mit wie leichtem Herzensregen Horchet ihr der Glocke nicht, Die mit zwoͤlf bedaͤcht'gen Schlaͤgen Ruh' und Sicherheit verſpricht! Darum an dem langen Tage Merke dir es, liebe Bruſt: Jeder Tag hat ſeine Plage, Und die Nacht hat ihre Luſt. Das Geheimniß. Heiß mich nicht reden, heiß mich ſchweigen, Denn mein Geheimniß iſt mir Pflicht; — 192— Ich moͤchte dir mein ganzes Innre zeigen, Allein das Schickſal will es nicht. Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf Die ſinſtre Nacht, und ſie muß ſich erhellen, Der harte Fels ſchließt ſeinen Buſen auf, Mißgoͤnnt der Erde nicht die tiefoerborgnen Quellen. Ein jeder ſucht im Arm des Freundes Ruh', Dort kann die Bruſt in Klagen ſich ergießen; Allein ein Schwur druckt mir die Lippen zu, Und nur ein Gott vermag ſie aufzuſchließen. Maͤdchenſehnſucht nach dem Tode. So laßt mich ſcheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der ſchoͤnen Erde Hinab in jenes feſte Haus. Dort euh' ich eine kleine Stille, Dann oͤffnet ſich der friſche Blick, Ich laſſe dann die reine Huͤlle, Den Gurtel und den Kranz zu ruͤck. Und jene himmllſche Geſtalten, Sie fragen nicht nach Mann und Weib, Und keine Kleider, keine Falten Umgeben den verklaͤrten Leib. Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Muͤhe, DDoch fuͤhlt' ich tiefen Schmerz gennng. Vor Kummer altert' ich zu fruͤhe; Macht mich auf ewig wieder jung. Balladen und Romanzen. Göoethe's Ged. Der Saͤnger. Was hoͤr' ich draußen vor dem Thor, Was auf der Bruͤcke ſchallen? Laß den Geſang vor unſerm Ohr Im Saale wiederhallen! Der Koͤnig ſprach's, der Page lief; Der Page kam, der Koͤnig rief: Laß mir herein den Alten! Gegruͤßet ſeyd mir, edle Herrn, Gegruͤßt ihr, ſchoͤne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier iſt nicht Zeit, Sich ſtaunend zu ergetzen. Der Saͤnger druͤckt' die Augen ein, Und ſchlug in vollen Toͤnen; Die Ritter ſchauten muthig drein, Und in den Schooß die Schoͤnen. Der Koͤnig, dem es wohlgeſiel, Ließ, ihn zu ehren fuͤr ſein Spiel, Eine goldne Kette holen. Die goldne Kette gib mir nicht; Die Kette gib den Rittern, 17*† — 196— Vor deren kuͤhnem Angeſicht Der Feinde Lanzen ſplittern; Gib ſie dem Kanzler, den du haſt, Und laß ihn noch die goldne Laſt Zu andern Laſten tragen. Ich ſinge, wie der Vogel ſingt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Iſt Lohn, der reichlich lohnet. Doch, darf ich bitten, bitt' ich eins: Laß mir den beſten Becher Weins In purem Golde keichen. Er ſetzt' ihn an, er trank ihn aus: O, Trank voll ſuͤßer Labe! O, wohl dem hoch begluͤckten Haus, Wo das iſt kleine Gabe! Ergeht's euch wohl, ſo denkt an mich, Und danket Gott ſo warm, als ich Fuͤr dieſen Trunk euch danke. Das Veilchen. Ein Veilchen auf der Wieſe ſtand⸗ Gebuͤckt in ſich und unbekannt; Es war ein herzig's Veilchen. Da kam eine junge Schaͤferin, Mit leichtem Schritt und munterm Sinn, Daher, daher, Die Wieſe her, und ſang. — 197— Ach! denkt das Veilchen, waͤr' ich nur Die ſchoͤnſte Blume der Natur, Ach, nur ein kleines Weilchen, Bis mich das Liebchen abgepfluͤckt, Und an dem Buſen matt gedruͤckt, Ach nur, ach nur, Ein Viertelſtuͤndchen lang! Ach! aber ach! das Maͤdchen kam, Und nicht in Acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen. Es ſang und ſtarb und freut ſich noch: Und ſterb' ich denn, ſo ſterb' ich doch Durch ſie, durch ſie, Zu ihren Fuͤßen doch. Der untreue Knabe. Es war ein Knabe frech genung, War erſt aus Frankreich kommen, Der hatt' ein armes Maͤdel jung, Gar oft in Arm genommen, Und liebgekoſ't und liebgeherzt, Als Braͤutigam herum geſcherzt, Und endlich ſie verlaſſen. Das braune Maͤdel das erfuhr, Vergingen ihr die Sinnen, Sie lacht' und weint' und bet't' und ſchwur; So fuhr die Seel' von hinnen. Die Stund', da ſie verſchieden war, — 198— Wird bang dem Buben, grauſ't ſein Haar, Es treibt ihn fort zu Pferde. Er gab die Sporen kreuz und quer, Und ritt auf alle Seiten, Heruͤber, hinuͤber, hin und her, Kann keine Ruh' erreiten, Reit't ſieben Tag' und ſieben Nacht; Es blitzt und donnert, ſtuͤrmt und kracht, Die Fluthen reißen uͤber. Und reit't in Blitz und Wetterſchein Gemaͤuerwerk entgegen. Bind't's Pferd hauß' an, und kriecht hinein, Und duckt ſich vor dem Regen. Und wie er tappt, und wie er fuͤhlt, Sich unter ihm die Erd' erwuͤhlt; Er ſtuͤrzt wohl hundert Klafter. Und als er ſich ermannt vom Schlag, Sieht er drei Lichtlein ſchleichen. Er rafft ſich auf und krabbelt nach; Die Lichtlein ferne weichen; Irr' fuͤhren ihn, die Quer' und Laͤng', Trepp' auf, Trepy' ab, durch enge Gaͤng“, Verfallne, wuͤſte Keller. Auf einmal ſteht er hoch im Saal, Sieht ſitzen hundert Gaͤſte, Hohlaͤugig grinſen allzumal, Und winken ihm zum Feſte. Er ſieht ſein Schaͤtzel unten an, — 199— Mit weißen Tuͤchern angethan, Die wend't ſich.— Er I k 5 n g9. Wer reitet ſo ſpaͤt durch Nacht und Wind? Es iſt der Vater mit ſeinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn ſicher, er haͤlt ihn warm. Mein Sohn, was birgſt du ſo bang dein Geſicht?— Siehſt, Vater, du den Erlkoͤnig nicht? Den Erlenkoͤnig mit Kron' und Schweif? Mein Sohn, es iſt ein Nebelſtreif.— „Du liebes Kind, komm, geh mit mir! „Gar ſchoͤne Spiele ſpiel' ich mit dir; „Manch' bunte Blumen ſind an dem Strand; „Meine Mutter hat manch' guͤlden Gewand.“— Mein Vater, mein Vater, und hoͤreſt du nicht, Was Erlenkoͤnig mir leiſe verſpricht?— Sey ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In duͤrren Blaͤttern ſaͤuſelt der Wind.— „Willſt, feiner Knabe, du mit mir gehn? „Meine Doͤchter ſollen dich warten ſchoͤn; „Meine Toͤchter fuͤhren den naͤchtlichen Reihn, „Und wiegen und tanzen und ſingen dich ein.“ Mein Vater, mein Vater, und ſiehſt du nicht dort Erlkoͤnigs Toͤchter am duͤſtern Ort?— Mein Sohn, mein Sohn, ich ſeh' es genau: Es ſcheinen die alten Weiden ſo grau.— „Ich liebe dich, mich reizt deine ſchoͤne Geſtalt, „Und biſt du nicht willig, ſo brauch' ich Gewalt.“— Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkoͤnig hat mir ein Leids gethan!— Dem Vater grauſet's, er reitet geſchwind, Er haͤlt in Armen das aͤchzende Kind, Erreicht den Hof mit Muͤhe und Noth; In ſeinen Armen das Kind war todt. Der Fiſcher. Das Waſſer rauſcht, das Waſſer ſchwoll, Ein Fiſcher ſaß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll, Kuͤhl bis ans Herz hinan. Und wie er ſitzt, und wie er lauſcht, Theilt ſich die Fluth empor; Aus dem bewegten Waſſer rauſcht Ein feuchtes Weib hervor. Sie ſang zu ihm, ſie ſprach zu ihm: Was lockſt du meine Brut, Mit Menſchenwitz und Menſchenliſt, Hinauf in Todesgluth? Ach! wuͤßteſt du, wie's Fiſchlein iſt So wohlig auf dem Grund, Du ſtiegſt herunter, wie du biſt, Und wuͤrdeſt erſt geſund. Labt ſich die liebe Sonne nicht, Der Mond ſich nicht im Meer? Kehrt wellenathmend ihr Geſicht * Nicht doppelt ſchoͤner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklaͤrte Blau? Lockt dich dein eigen Angeſicht Nicht her in ew'gen Thau? Das Waſſer rauſcht', das Waſſer ſchwoll, Netzt' ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm ſo ſehnſuchtsvoll Wie bei der Liebſten Gruß. Sie ſprach zu ihm, ſie ſang zu ihm; Da war's um ihn geſchehn: Halb zog ſie ihn, halb ſank er hin, Und ward nicht mehr geſehn. Der König in Thule. Es war ein Koͤnig in Thule Gar treu bis au das Grab, Dem ſterbend ſeine Buhle Einen goldnen Becher gab. Es ging ihm nichts daruͤber, Er leert' ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm uͤber, So oft er trank daraus. Und als er kam zu ſterben, Zaͤhlt' er ſeine Staͤdt' im Reich, Goͤnnt' alles ſeinem Erben, Den Becher nicht zugleich. Er ſaß beim Koͤnigsmahle, Die Ritter um ihn her, — 20⁰02— Auf hohem Vaͤterſaale, Dort auf dem Schloß am Meer. ſ Dort ſtand der alte Zecher, Trank letzte Lebensgluth, Und warf den heil'gen Becher Hinunter in die Fluth. Er ſah ihn ſtuͤrzen, trinken Und ſinken tief ins Meer. s Die Augen thaͤten ihm ſinken; Trank nie einen Tropfen mehr. Das Blümlein Wunderſchoͤn. Lied des gefangenen Grafen. Graſf. Ich kenn' ein Bluͤmlein Wunderſchoͤn Und trage darnach Verlangen; Ich moͤcht' es gerne zu ſuchen gehn, Allein ich bin gefangen. Die Schmerzen ſind mir nicht gering; Denn als ich in der Freiheit ging, Da hatt' ich es in der Naͤhe. Von dieſem ringsum ſteilen Schloß Laſſ' ich die Augen ſchweifen, Und kann's vom hohen Thurmgeſchoß Mit Blicken nicht ergreifen; Und wer mir's vor die Augen braͤcht', Es waͤre Ritter oder Knecht, Der ſollte mein Trauter bleiben. — 2038— Roſe. Ich bluͤhe ſchoͤn, und hoͤre dieß Hier unter deinem Gitter. Du meineſt mich, die Roſe, gewiß, Du edler, armer Ritter! Du haſt gar einen hohen Sinn; Es herrſcht die Blumenkoͤnigin Gewiß auch in deinem Herzen. Graf. Dein Purpur iſt aller Ehren werth, Im gruͤnen Ueberkleide, Darob das Maͤdchen dein begehrt, Wie Gold und edel Geſchmeide. Dein Kranz erhoͤht das ſchoͤnſte Geſicht: Allein du biſt das Bluͤmchen nicht, Das ich im Stillen verehre. Lilie. Das Roͤslein hat gar ſtolzen Brauch, Und ſtrebet immer nach oben; Doch wird ein liebes Liebchen auch Der Lilie Zierde loben. Wem's Herze ſchlaͤgt in treuer Bruſt, Und iſt ſich rein, wie ich, bewußt, Der haͤlt mich wohl am hoͤchſten. Graf. Ich nenne mich zwar keuſch und rein, Und rein von boͤſen Fehlen; Doch muß ich hier gefangen ſeyn, Und muß mich einſam quaͤlen. Du biſt mir zwar ein ſchoͤnes Bild — 2⁰4— Von mancher Jungfrau, rein und mild Doch weiß ich noch was Liebers. Nelke. Das mag wohl ich, die Nelke, ſeyn, Hier in des Waͤchters Garten, Wie wuͤrde ſonſt der Alte mein Mit ſo viel Sorge warten? Im ſchoͤnen Kreis der Blaͤtter Drang, Und Wohlgeruch das Leben lang, Und alle tanſend Farben. Graf. Die Nelke ſoll man nicht verſchmaͤhn, Sie iſt des Gaͤrtners Wonne: Bald muß ſie in dem Lichte ſtehn, Bald ſchuͤtzt er ſie vor Sonne; Doch was den Grafen gluͤcklich macht, Es iſt nicht ausgeſuchte Pracht: Es iſt ein ſtilles Bluͤmchen. Veilchen. Ich ſteh' verborgen und gebuͤckt, Und mag nicht gerne ſorechen, Doch will ich, weil ſich's eben ſchickt, Mein tiefes Schweigen brechen. Wenn ich es bin, du guter Mann, Wie ſchmerzt mich's, daß ich hinauf nicht kann Dir alle Geruͤche ſenden. Graf. Das gute Veilchen ſchaͤtz' ich ſehr: Es iſt ſo gar beſcheiden, Und duftet ſo ſchoͤn; doch brauch' ich mehr — 205— In meinem herben Leiden. Ich will es euch nur eingeſtehn: Auf dieſen duͤrren Felſenhoͤhn Iſt's Liebchen nicht zu finden. Doch wandelt unten, an dem Bach, Das treuſte Weib der Erde, Und ſeufzet leiſe manches Ach, Bis ich erloͤſet werde. Wenn ſie ein blaues Bluͤmchen bricht, Und immer ſagt: Vergiß mein nicht! So fuͤhl' ich's in der Ferne. Ja, in der Ferne fuͤhlt ſich die Macht, Wenn Zwei ſich redlich lieben; Drum bin ich in des Kerkers Nacht Auch noch lebendig geblieben. Und wenn mir faſt das Herze bricht, So ruf' ich nur: Vergiß mein nicht! Da komm' ich wieder ins Leben. Ritter Curts Brautfahrt. Mit des Braͤutigams Behagen Schwingt ſich Ritter Curt auf's Roß⸗ Zu der Trauung ſoll's ihn tragen, Auf der edlen Liebſten Schloß; Als am oͤden Felſenorte Drohend ſich ein Gegner naht; Ohne Zoͤgern, ohne Worte Schreiten ſie zu raſcher That. ⸗ — 206— Lange ſchwankt des Kampfes Welle, Bis ſich Curt im Siege freut; Er entfernt ſich von der Stelle, Ueberwinder und geblaͤut. Aber was er bald gewahret In des Buſches Zitterſchein! Mit dem Saͤugling ſtill gepaaret, Schleicht ein Liebchen durch den Hain. Und ſie winkt ihn auf das Plaͤtzchen: Lieber Herr, nicht ſo geſchwind! Habt ihr nichts an euer Schaͤtzchen? Habt ihr nichts fuͤr euer Kind? Ihn durchgluͤhet ſuͤße Flamme, Daß er nicht vorbei begehrt, Und er findet nun die Amme, Wie die Jungfrau, liebenswerth. Doch er hoͤrt die Diener blaſen, Denket nun der hohen Braut, Und nuun wird auf ſeinen Straßen Jahresfeſt und Markt ſo laut, Und er waͤhlet in den Buden Manches Pfand zu Lieb und Huld; Aber ach! da kommen Juden Mit dem Schein vertagter Schuld. Und nun halten die Gerichte Den behenden Ritter auf. O! verteufelte Geſchichte! Heldenhafter Lebenslauf! Soll ich heute mich gedulden? 7 Die Verlegenheit iſt groß. Widerſacher, Weiber, Schulden, Ach! kein Ritter wird ſie los. Hochzeitlied. Wir ſingen und ſagen vom Grafen ſo gern, Der hier in dem Schloſſe gehauſet, Da, wo ihr den Enkel des ſeligen Herrn, Den heute vermaͤhlten, beſchmauſet. Nun hatte ſich jener im heiligen Krieg Zu Ehren geſtritten durch mannigen Sieg, Und als er zu Hauſe vom Roͤſeelein ſtieg, Da fand er ſein Schloͤſſelein oben; Doch Diener und Habe zerſtoben. Da biſt du nun, Graͤflein, da biſt du zu Haus, Das Heimiſche findeſt du ſchlimmer! Zum Fenſter da ziehen die Winde hinaus, Sie kommen durch alle die Zimmer. Was waͤre zu thun in der herbſtlichen Nacht? So hab' ich doch manche noch ſchlimmer vollbracht, Der Morgen hat alles wohl beſſer gemacht. Drum raſch bei der mondlichen Helle, Ins Bett, in das Stroh, ins Geſtelle. Und als er im willigen Schlummer ſo lag, Bewegt es ſich unter dem Bette. Die Natte die raſchle ſo lange ſie mag! Ja, wenn ſie ein Broͤſelein haͤtte! Doch ſiehe! da ſtehet ein winziger Wicht, Ein Zwerglein ſo zierlich mit Ampelenlicht, — 208— Mit Rednergeberden und Sprechergewicht, Zum Fuß des ermuͤdeten Grafen, Der, ſchlaͤft er nicht, moͤcht' er doch ſchlafen. Wir haben uns Feſte hier oben erlaubt, Seit dem du die Zimmer verlaſſen, Und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt; So dachten wir eben zu praſſen. Und wenn du vergoͤnneſt, und wenn dir nicht graut, So ſchmanſen die Zwerge, behaglich und laut, Zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut. Der Graf, im Behagen des Traumes: Bedienet euch immer des Raumes! Da kommen drei Reiter, ſie reiten hervor, Die unter dem Bette gehalten, Dann folget ein ſingendes, klingendes Chor Poſſierlich kleiner Geſtalten; Und Wagen auf Wagen mit allem Geraͤth, Daß einem ſo Hoͤren als Sehen vergeht, Wie's nur in den Schloͤſſern der Koͤnige ſteht; Zuletzt auf vergoldetem Wagen, Die Braut und die Gaͤſte getragen. So rennet nun alles in vollem Galopp, Und kuͤhrt ſich im Saale ſein Plaͤtzchen. Zum Drehen und Walzen und luſtigen Hopp Erkieſet ſich jeder ein Schätzchen. Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, Da ringelt's und ſchleift es und rauſchet und wirrt, Da piſpert's und kniſtert's und fliſterts und ſchwiert; Das Graͤflein, es blicket hinuͤber, Es duͤnkt ihn, als laͤg' er im Fieber. Nun dappelt's und rappelt's und klappert's im Saal, Von Baͤnken und Stuͤhlen und Tiſchen, Da will nun ein jeder, am feſtlichen Mahl, Sich neben dem Liebchen erfriſchen. Sie tragen die Wuͤrſte, die Schinken ſo klein Und Braten und Fiſch und Gefluͤgel herein; Es kreiſet beſtaͤndig der koͤſtliche Wein. Das toſet und koſet ſo lange, Verſchwindet zuletzt mit Geſange. Und ſollen wir ſingen, was weiter geſchehn; So ſchweige das Toben und Toſen. Denn was er, ſo artig, im Kleinen geſehn, Erfuhr er, genoß er im Großen. Trompeten und klingender, ſingender Schall, Und Wagen und Reiter und braͤutlicher Schwall, Sie kommen und zeigen und neigen ſich all, Unzaͤhlige, ſelige Leute. So ging es und geht es noch heute. Der Schatzgraͤber. Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt' ich meine langen Tage. Armuth iſt die groͤßte Plage, Reichthum iſt das hoͤchſte Gut! Und zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. „. 18 — 210— Meine Seele ſollſt du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut. und ſo zog ich Kreiſ' um Kreiſe, Stellte wunderbare Flammen, Kraut und Knochenwerk zuſammen: Die Beſchwoͤrung war vollbracht. Und auf die gelernte Weiſe Grub ich nach dem alten Schatze, Auf dem angezeigten Platze. Schwarz und ſtuͤrmiſch war die Nacht. Und ich ſah ein Licht von weiten; Und es kam gleich einem Sterne, Hinten aus der fernſten Ferne, Eben als es zwoͤlfe ſchlug. Und da galt kein Vorbereiten. Heller ward's mit einem Mahle Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein ſchoͤner Knabe trug⸗ Holde Augen ſah ich blinken Unter dichtem Blumenkranze; In des Trankes Himmelsglaute Trat er in den Kreis herein. Und er hieß mich freundlich trinken; Und ich dacht': es kann der Knabe, Mit der ſchoͤnen lichten Gabe, Wahrlich! nicht der Boͤſe ſeyn. Trinke Muth des reinen Lebens! Dann verſtehſt du die Belehrung, Kommſt, mit aͤngſilicher Beſchwoͤrung, Nicht zuruͤck an dieſen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens. Tages Arbeit! Abends Gaͤſte! Saure Wochen! Frohe Feſte! Sey dein kuͤnftig Zauberwort. Die Spinnerin. Als ich ſtill und ruhig ſpann, Ohne nur zu ſtocken, 2 Trat ein ſchoͤner junger Mann Nahe mir zum Rocken. Lobte, was zu loben war, Sollte das was ſchaden? Mein dem Flachſe gleiches Haar, Und den gleichen Faden. Ruhig war er nicht dabei, Ließ es nicht beim Alten; Und der Faden riß entzwei, Den ich lang' erhalten. Und des Flachſes Steingewicht Gab noch viele Zahlen; Aber, ach! ich konnte nicht Mehr mit ihnen prahlen. Als ich ſie zum Weber trug, Fuͤhlt' ich was ſich regen, Und mein armes Herze ſchlug Nit geſchwindern Schlägen. Nun, beim heißen Sonnenſtich, Bring' ich's auf die Bleiche, — 212— Und mit Muͤhe buͤck' ich mich Nach dem naͤchſten Deiche. Was ich in dem Kaͤmmerlein Still und fein geſponnen, Kommt— wie kann es anders ſeyn?— Endlich an die Sonnen. Der Edelknabe und die Muͤllerin. Edelknabe. Wohin? wohin? Schoͤne Muͤllerin! Wie heißt du? Müllerin. Liſe. Edelknabe. Wohin denn? Wohin, Mit dem Rechen in der Hand? Müllerin. Auf des Vaters Land, Auf des Vaters Wieſe. Edelknabe.. Und gehſt ſo allein? Müllerin. Das Heu ſoll herein, Das bedeutet der Rechen; Und im Garten daran Fangen die Birn zu reifen an, Die will ich brechen. Edelknabe. Iſt nicht eine ſtille Laube dabei? V V Müllerin. Sogar ihrer zwei, An beiden Ecken. Edelknabe. Ich komme dir nach, Und am heißen Mittag Wollen wir uns drein verſtecken. Nicht wahr, im gruͤnen vertraulichen Haus— Müllerin. Das gaͤbe Geſchichten. Edelknabe. Ruhſt du in meinen Armen aus? Müllerin. Mit nichten!— Denn wer die artige Muͤllerin kuͤßt, Auf der Stelle verrathen iſt. Euer ſchoͤnes dunkles Kleid Thaͤt mir leid So weiß zu faͤrben. Gleich und gleich! ſo allein iſt's recht! Darauf will ich leben und ſterben. Ich liebe mir den Muͤllerknecht; An dem iſt nichts zu verderben. Der Junggeſell und der Mühlbach. Geſell. Wo willſt du klares Baͤchlein hin, So munter? Du eilſt, mit frohem, leichten Sinn Hinunter. — 214— Was ſuchſt du eilig in dem Thal? So hoͤre doch und ſprich einmahl! Bach. Ich war ein Baͤchlein, Junggeſell; Sie haben Mich ſo gefaßt, damit ich ſchnell, Im Graben, Zur Muͤhle dort hinunter ſoll, Und immer bin ich raſch und voll. Geſell. Du eileſt mit gelaſſ'nem Muth, Zur Muͤhle, Und weißt nicht, was ich junges Blut Hier fuͤhle. Es blickt die ſchoͤne Muͤllerinn Wohl freundlich manchmal nach dir hin? Baſch. Sie oͤffnet fruͤh, beim Morgenlicht, Den Laden, Und kommt, ihr liebes Angeſicht Zu baden. 3 Ihr Buſen iſt ſo voll und weiß; Es wird mir gleich zum Dampfen heiß. Geſell. Kann ſie im Waſſer Liebesgluth Entzuͤnden; Wie ſoll man Ruh' mit Fleiſch und Blut Wohl finden? 1 Wenn man ſie ein Mahl nur geſehn, Ach! immer muß man nach ihr gehn. Baſch. Dann ſtuͤrz' ich auf die Raͤder mich Mit Brauſen, Und alle Schaufeln drehen ſich Im Sauſen. Seit dem das ſchoͤne Maͤdchen ſchafft, Hat auch das Waſſer beſſ're Kraft. Geſell. Du Armer, fuͤhlſt du nicht den Schmerz, Wie Andre? Sie lacht dich an, und ſagt im Scherz: Nun wandre! Sie hielte dich wohl ſelbſt zuruͤck Mit einem ſuͤßen Liebesblick? Bach. Mir vird ſo ſchwer, ſo ſchwer, vom Ort Zu fließen: Ich kruͤmme mich nur ſachte fort Durch Wieſen; Und kaͤm' es erſt auf mich nur an, Der Weg waͤr' bald zuruͤck gethan. Geſell. Geſelle meiner Liebesqual, Ich ſcheide; Du murmelſt mir vielleicht einmal Zur Freude. Geh', ſag' ihr gleich, und ſag' ihr oft, Was ſtill der Knabe wuͤnſcht und hofft. — 216— Der Müllerin Verrath. Woher der Freund ſo fruͤh und ſchnelle, Da kaum der Tag im Oſten graut? Hat er ſich in der Wald⸗Capelle, So kalt und friſch es iſt, erbaut? Es ſtarret ihm der Bach entgegen; Mag er mit Willen barfuß gehn? Was flucht er ſeinen Morgenſegen Durch die beſchneiten, wilden Hoͤh'n? Ach, wohl! er kommt vom warmen Bette, Wo er ſich andern Spaß verſprach; Und wenn er nicht den Mantel haͤtte, Wie ſchrecklich waͤre ſeine Schmach! Es hat ihn jener Schalk betrogen, Und ihm den Buͤndel abgepackt; Der arme Freund iſt ausgezogen, Und faſt, wie Adam, bloß und nackt. Warum auch ſchlich er dieſe Wege Nach einem friſchen Aepfelyaar, Das freilich ſchoͤn im Muͤhlgehaͤge, So wie im Paradieſe, war. Er wird den Scherz nicht leicht erneuen; Er druͤckte ſchnell ſich aus dem Hans, Und bricht auf einmal nun, im Freien,. In bittre, laute Klagen aus. „Ich las in ihren Feuerblicken Nicht eine Sylbe von Verrath; Sie ſchien mit mir ſich zu entzuͤcken, Und ſann auf ſolche ſchwarze That! — — ——;—— — 8 — 217— Konnt' ich in ihren Armen traͤumen, Wie meuchleriſch der Buſen ſchlug? Sie hieß den holden Amor ſaͤumen, Und guͤnſtig war er uns genug. Sich meiner Liebe zu erfreuen! Der Nacht, die nie ein Ende nahm! Und erſt die Mutter anzuſchreien, Nun eben als der Morgen kam! Da drang ein Dutzend Anverwandten Herein, ein wahrer Menſchenſtrom, Da kamen Vettern, guckten Tanten, Es kam ein Bruder und ein Ohm. Das war ein Toben, war ein Wuͤthen! Ein jeder ſchien ein andres Thier. Sie forderten des Maͤdchens Bluͤthen, Mit ſchrecklichem Geſchrei, von mir.— Was dringt ihr alle, wie von Sinnen, Auf den unſchuld'gen Juͤngling ein? Denn ſolche Schaͤtze zu gewinnen, Da muß man viel behender ſeyn. Weiß Amor ſeinem ſchoͤnen Spiele Doch immer zeitig nachzugehn. Er laͤßt fuͤrwahr nicht in der Muͤhle Die Blumen ſechszehn Jahre ſtehn.— Sie raubten nun das Kleiderbuͤndel, Und wollten auch den Mantel noch. Wie nur ſo viel verflucht Geſindel Im engen Hauſe ſich verkroch! Goethe's Ged. 19 — .“ Zu Amors falſcher —— Nun ſprang ich auf, und tobt' und fluchte, Gewiß, durch alle durchzugehn. Ich ſah noch ein Mahl die Verruchte, Und ach! ſie war noch immer ſchoͤn. Sie alle wichen meinem Grimme; Da flog noch manches wilde Wort; Da macht' ich mich, mit Donnerſtimme, Noch endlich aus der Hoͤhle fort. Man ſoll euch Maͤdchen auf dem Lande, Wie Maͤdchen aus den Staͤdten, ſliehn. So laſſet doch den Frau'n von Stande Die Luſt, die Diener auszuziehn! Doch ſeyd ihr auch von den Geuͤbten, und kennt ihr keine zarte Pflicht, So aͤndert immer die Geliebten, Doch ſie verrathen muͤßt ihr nicht.“ So ſingt er in der Winterſtunde, Wo nicht ein armes Haͤlmchen gruͤnt⸗ Ich lache ſeiner tiefen Wunde; Denn wirklich iſt ſie wohlverdient. So geh' es jedem, der am Tage Sein edles Liebchen frech bekriegt, Und Nachts, mit ache kuͤhner Wage, Kuͤhle kilecht Der Müllerin Reue. Jünglins. N fort, du braune Hexe, fort! n nem gereinigten Hauſe, — 219— Daß ich dich, nach dem ernſten Wort, Nicht zauſe! Was ſingſt du hier fuͤr Heuchelei Von Lieb' und ſtiller Maͤdchentreu'? Wer mag das Maͤhrchen hoͤren! Zigeunerin. Ich ſinge von des Maͤdchens Reu', Und langem, heißem Sehnen; Denn Leichtſinn wandelte ſich in Treu⸗ Und Thraͤnen. Sie fuͤrchtet der Mutter Drohen nicht mehr⸗ Sie fuͤrchtet des Bruders Fauſt nicht ſo ſehr, Als den Haß des herzlich Geliebten. Jüngling. Von Eigennutz ſing' und von Verrath, Von Mord und diebiſchem Rauben; Man wird dir jede falſche That Wohl glauben. 1 Wenn ſie Beute vertheilt, Gewand und Gut, Schlimmer als je ihr Zigeuner thut, 4 Das ſind gewohnte Geſchichten. Zigeunerin. „Ach weh! ach weh! Was hab' ich gethan! Was hilft mir nun das Lauſchen! Ich hoͤr' an meine Kammer heran Ihn rauſchen. 3 Da klopfte mir hoch das Herz, ich dacht: O, haͤtteſt du doch die Liebesnacht Der Mutter nicht verrathen!“ 19* 8 4 — 220— Jüngling. Ach, leider! trat ich auch einſt hinein, uUnd ging verfuͤhrt im Stillen: Ach Suͤßchen! laß mich zu dir ein Mit Willen. 1 Doch gleich entſtand ein Laͤrm und Geſchrei; Es rannten die tollen Verwandten herbei. Noch ſiedet das Blut mir im Leibe. Zigeunerin. „Kommt nun dieſelbige Stunde zuruͤck, Wie ſtill mich's kraͤnket und ſchmerzet! Ich habe das nahe, das einzige Gluͤck Verſcherzet. Ich armes Maͤdchen, ich war zu jung! Es war mein Bruder verrucht genung⸗ So ſchlecht an dem Liebſten zu handeln.“ Der Dichter. So ging das ſchwarze Weib in das Haus, In den Hof zur ſpringenden Quelle; Sie wuſch ſich heftig die Augen aus⸗ Und helle Ward Aug' und Geſicht, und weiß und klar Stellt ſich die ſchoͤne Muͤllerin dar Dem erſtaunt erzuͤrnten Knaben. 3 Müllerin. Ich fuͤrchte fuͤrwahr dein erzuͤrnt Geſicht, Du Suͤßer, Schoͤner und Trauter! Und Schlaͤg' und Meſſerſtiche nicht; Nur lauter Sag' ich von Schmerz und Liebe dit, “ 4 — 221— Und will zu deinen Fuͤßen hier Nun leben oder auch ſterben. Jüngling. O Neigung, ſage, wie haſt du ſo tief Im Herzen dich verſtecket? Wer hat dich, die verborgen ſchlief⸗ Gewecket? Ach Liebe, du wohl unſterblich biſt! Nicht kann Verrath und haͤmiſche Liß. Dein goͤttlich Leben toͤdten. Müllerin. Liebſt du mich noch ſo hoch und ſehr, Wie du mir ſonſt geſchworen, So iſt uns Beiden auch nichts mehr Verloren. Nimm hin das vielgeliebte Weib! Den jungen unberuͤhrten Leib, Es iſt nun alles dein eigen! Beide. Nun, Sonne, gehe hinab und hinauf⸗ Ihr Sterne, leuchtet und dunkelt! Es geht ein Liebesgeſtirn mir auf, Und funkelt. So lange die Quelle ſpringt und rinnt, So lange bleiben wir gleichgeſinnt, Eins an des Andern Herzen. —ʒ—— Wanderer und Päͤchterin. Er. Kannſt du, ſchoͤne Paͤcht'rin ohne gleichen, Unter dieſer breiten Schattenlinde, Wo ich Wand'rer kurze Ruhe finde, Labung mir, fuͤr Durſt und Hunger, reichen? Sie. . Willſt du Vielgereiſter hier dich laben; Sauren Rahm und Brod und reife Fruͤchte, Nur die ganz natuͤrlichſten Gerichte, Kannſt du reichlich an der Quelle haben. Er. Iſt mir doch, ich muͤßte ſchon dich kennen, Unvergeſſ'ne Zierde holder Stunden! Aehnlichkeiten hab' ich öft gefunden, Dieſe muß ich doch ein Wunder nennen. Sie. Ohne Wunder findet ſich, bei Wand'rern, Oft ein ſehr erklaͤrliches Erſtaunen. Ja, die Blonde gleichet oft der Braunen; Eine reizet eben, wie die andern. Er. Heute nicht, fuͤrwahr, zum erſten Mahle Hat mir's dieſe Bildung abgewonnen! Damals war ſie Sonne aller Sonnen, In dem feſtlich aufgeſchmuͤckten Saale Sie. Freut es dich, ſo kann es wohl geſchehen, aß man deinen Maͤhrchenſcherz vollende: Purpurſeide floß von ihrer Lende, Da du ſie zum erſten Mahl geſehen. Er. Nein, fuͤrwahr, das haſt du nicht gedichtet! Konnten Geiſter dir es offenbaren; Von Juwelen haſt du auch erfahren Und von Perlen, die ihr Blick vernichtet. Sie. Dieſes Eine ward mir wohl vertrauet: Daß die Schoͤne, ſchamhaft zu geſtehen, Und in Hoffnung, wieder dich zu ſehen, Manche Schlöſſer in die Luft erbauet. Er. Trieben mich umher doch alle Winde! Sucht' ich Ehr' und Geld auf jede Weiſe! Doch geſegnet, wenn, am Schluß der Reiſe, Ich das edle Bildniß wieder finde. Sie. Nicht ein Bildniß, wirklich ſiehſt du jene Hohe Dochter des verdraͤngten Blutes: Nun im Pachte des verlaßnen Gutes Mit dem Bruder freuet ſich Helene. Er. Aber dieſe herrlichen Gefilde Kann ſie der Beſitzer ſelbſt vermeiden? Reiche Felder, breite Wieſ' und Weiden, Maͤcht'ge Quellen, ſuͤße Himmelsmilde. Sie. Iſt er doch in alle Welt entlaufen! Wir Geſchwiſter haben viel erworben. Wenn der Gute, wie man ſagt, geſtorben, Wollen wir das Hinterlaſſ'ne kaufen. — 224— Er. Wohl zu kaufen iſt es, meine Schoͤne! Vom Beſitzer hoͤrt' ich die Bedinge; Doch der Preis iſt keineswegs geringe, Denn das letzte Wort, es iſt: Helene! Sie. Konnt' uns Gluͤck und Hoͤhe nicht vereinen! Hat die Liebe dieſen Weg genommen? Doch ich ſeh' den wackern Bruder kommen, Wenn er's hoͤren wird, was kann er meinen? Die erſte Walpurgis⸗Nacht. Ein Druide. Es lacht der Mai! Der Wald iſt frei Von Eis und Reiſgehaͤnge. Der Schnee iſt fort; Am gruͤnen Ort Erſchallen Luftgeſaͤnge. Ein reiner Schnee Liegt auf der Hoͤh'; Doch eilen wir nach oben, Begehn den alten, heil'gen Brauch, Allvater dort zu loben. Die Flamme lodre durch den Rauch! So wird das Herz erhoben. Die Druiden. Die Flamme lodre durch den Rauch! Begeht den alten, heil'gen Brauch, — 225— Allvater dort zu loben! Hinauf! hinauf nach oben! Siner aus dem Volke. Koͤnnt ihr ſo verwegen handeln? Wollt ihr denn zum Tode wandein? Kennet ihr nicht die Geſetze Unſrer harten Ueberwinder? Rings geſtellt ſind ihre Netze Auf die Heiden, auf die Suͤnder. Ach! ſie ſchlachten auf dem Walle Unſre Weiber, unſre Kinder, Und wir alle Nahen uns gewiſſem Falle. Chor der Weiber. Auf des Lagers hohem Walle Schlachten ſie ſchon unſre Kinder. Ach! die ſtrengen Ueberwinder! Und wir alle Nahen uns gewiſſem Falle. Ein Druide. Wer Opfer heut Zu bringen ſcheut, Verdient erſt ſeine Bande. Der Wald iſt frei! Das Holz herbei, und ſchichtet es zum Brande! Doch bleiben wir Im Buſch⸗Revier Am Tage noch im Stillen, Und Maͤnner ſtellen wir zu Huth, Um enrer Sorge willen. Dann aber laßt, mit friſchem Muth, uns unſre Pflicht erfuͤllen. Chor der Wächter. Vertheilt euch, wackre Maͤnner, hier Durch dieſes ganze Wald⸗Revier, und wachet hier im Stillen, Wenn ſie die Pflicht erfuͤllen. Ein Wächter. Dieſe dumpfen Pfaſſen⸗Chriſten, Laßt uns keck ſie uͤberliſten! Mit dem Teufel, den ſie fabeln, Wollen wir ſie ſelbſt erſchrecken. Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln, Und mit Gluth und Klapperſtoͤcken Laͤrmen wir bei naͤcht'ger Weile Durch die engen Felſenſtrecken. Kautz und Eule Heul' in unſer Rundgeheule. Chor der Wächter. Kommt mit Zacken und mit Gabeln, Wie der Teufel, den ſie fabeln, und mit wilden Klapperſtoͤcken, Durch die leeren Felſenſtrecken! Kautz und Eule Henl' in unſer Rundgehenle. Ein Druide. So weit gebracht, Daß wir bei Nacht Allvater heimlich ſingen! „ Doch iſt es Tag, So bald man mag Ein reines Herz dir bringen. Du kannſt zwar heut, Und manche Zeit, Dem Feinde viel erlauben. Die Flamme reinigt ſich vom Rauch: So reinig' unſern Glauben; Und raubt man uns den alten Brauch; Dein Licht, wer will es rauben! Ein chriſtlicher Wächter. Hilf, ach hilf mir, Kriegsgeſelle! Ach, es kommt die ganze Hoͤlle! Sieh, wie die verhexten Leiber Durch und durch von Flamme gluͤhen! Menſchen⸗Woͤlf' und Drachen⸗Weiber, Die im Flug voruͤber ziehen! Welch entſetzliches Getoͤſe! Laßt uns, laßt uns alle fliehen! Oben flammt und ſaust der Boͤſe; Aus dem Boden Dampfet rings ein Hoͤllenbroden. Chor der hhriſtlichen Wächter. Schreckliche, verhexte Leiber, Menſchen⸗Woͤlf' und Drachen⸗Blut! Welch entſetzliches Getoͤſe! Sieh! da flammt, da zieht der Boͤſe! Aus dem Boden Dampfet rings ein Hoͤllenbroden. ———— — 228— Chor der Druiden. Die Flamme reinigt ſich vom Nauch: So reinig' unſern Glauben! und raubt man uns den alten Brauch; Dein Licht, wer kann es rauben! 4+ ———————— Der Zauberlehrling⸗ Hat der alte Hexenmeiſter Sich doch einmal wegbegeben! Und nun ſollen ſeine Geiſter Auch nach meinem Willen leben. Seine Wort' und Werke Merkt' ich, und den Brauch⸗ Und mit Geiſtesſtaͤrke Thu' ich Wunder auch.+ Walle! walle! Manche Strecke, Daß, zum Zwecke, Waſſer fließe, und, mit reichem, vollem Schwalle, Zu dem Bade ſich ergieße. Und nun komm, du alter Beſen, Nimm die ſchlechten Lumpenhuͤllen! 1 Biſt ſchon lange Knecht geweſen;+ Nun erfuͤlle meinen Willen. Auf zwei Beinen ſtehe, Oben ſey ein Kopf, Eile nun, und gehe Mit dem Waſſertopf! + Walle! walle! Manche Strecke, Daß, zum Zwecke, Waſſer fließe, Und, mit reichem, vollem Schwalle, Zu dem Bade ſich ergieße. Seht, er laͤuft zum Ufer nieder; Wahrlich! iſt ſchon an dem Fluſſe, Und mit Blitzesſchnelle wieder Iſt er hier mit raſchem Guſſe. Schon zum zweiten Mahle! Wie das Becken ſchwillt! Wie ſich jede Schale Voll mit Waſſer fuͤllt! Stehe! ſtehe! Denn wir haben Deiner Gaben Vollgemeſſen!— Ach, ich merk' es! Wehe! Wehe! Hab' ich doch das Wort vergeſſen! Ach! das Wort, worauf am Ende Er das wird, was er geweſen. Ach, er laͤuft und bringt behende! Waͤrſt du doch der alte Beſen! Immer neue Guͤſſe Bringt er ſchnell herein, Ach! und hundert Fluͤſſe Stuͤrzen auf mich ein. Nein, nicht laͤnger Kann ich's laſſen; Will ihn faſſen. Das iſt Duͤcke! Ach! nun wird mir immer baͤnger! Welche Miene! welche Blicke! O du Ausgeburt der Hoͤlle! Soll das ganze Haus erſaufen? Seh' ich uͤber jede Schwelle Doch ſchon Waſſerſtroͤme laufen. Ein verruchter Beſen, Der nicht hoͤren will! Stock, der du geweſen, Steh doch wieder ſtill! Willſt's am Ende Gar nicht laſſen! Mill dich faſſen, Will dich halten, Und das alte Holz behende Mit dem ſcharfen Beile ſpalten. Seht, da kommt er ſchleppend wieder! Wie ich mich nun auf dich werfe, Gleich, o Kobold, liegſt du nieder; Krachend trifft die glatte Schaͤrfe, Wahrlich! brav getroffen! Seht, er iſt entzwei! nun kann ich hoffen, 4₰ Wehe! wehe! Beide Theile Stehn in Eile Schon als Knechte Voͤllig fertig in die Hoͤhe! Helft mir, ach! ihr hohen Maͤchte! Und ſie laufen! Naß und naͤſſer Wird's im Saal und auf den Stufen. Welch entſetzliches Gewaͤſſer! Herr und Meiſter! hoͤr' mich rufen!— Ach, da kommt der Meiſter! Herr, die Noth iſt groß! Die ich rief, die Geiſter, Werd' ich nun nicht los. „In die Ecke, Beſen! Beſen! Seyd's geweſen. Denn als Geiſter Ruft euch nur, zu ſeinem Zwecke, Erſt hervor der alte Meiſter.“ Die Braut von Corinth. Nach Corinthus von Athen gezogen Kam ein Juͤngling, dort noch undekannt. Einen Buͤrger hofft' er ſich gewogen; Beide Vaͤter waren gaſtverwandt, Hatten fruͤhe ſchon 1 Toͤchterchen und Sohn Brant und Braͤutigam voraus geuannt. Aber wird er auch willkommen ſcheinen, Wenn er theuer nicht die Gunſt erkauft? Er iſt noch ein Heide mit den Seinen, Und ſie ſind ſchon Chriſten und getauft. Keimt ein Glaube neu, Wird oft Lieb' und Treu' Wie ein boͤſes Unkraut ausgerauft. Und ſchon lag das ganze Haus im Stillen, Vater, Toͤchter, nur die Mutter wacht; Sie empfaͤngt den Gaſt mit beſtem Willen, Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht. Wein und Eſſen prangt, Eh' er es verlangt! So verſorgend wuͤnſcht ſie gute Nuct. Aber bei dem wohlbeſtellten Eſſen Wird die Luſt der Speiſe nicht erregt; Muͤdigkeit laͤßt Speiſ' und Trank vergeſſen, Daß er angekleidet ſich auf's Bette legt; Und er ſchlummert faſt, Als ein ſeltner Gaſt. Sich zur offnen Thuͤr herein bewegt. Denn er ſieht, bei ſeiner Lampe Schimmer, Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,. 2 Sittſam ſtill ein Maͤdchen in das Zimmer, Um die Stirn ein ſchwarz⸗ und goldnes Band⸗ Wie ſie ihn erblickt, Hebt ſte, die erſchrickt, Mit Erſtaunen eine weiße Hand. — 233— Bin ich, rief ſie aus, ſo fremd im Hauſe, Daß ich von dem Gaſte nichts vernahm? Ach, ſo haͤlt man mich in meiner Klauſe! Und nun uͤberfaͤllt mich hier die Schaam. Ruhe nur ſo fort Auf dem Lager dort, Und ich gehe ſchnell, ſo wie ich kam. Bleibe, ſchoͤnes Maͤdchen! ruft der Knabe, Nafft von ſeinem Lager ſich geſchwind: Hier iſt Ceres, hier iſt Baechus Gabe; Und du bringſt den Amor, liebes Kind; Biſt vor Schrecken blaß! Liebe, komm und laß, Laß uns ſehn, wie froh die Goͤtter ſind. Ferne bleib', o Juͤngling! bleibe ſtehen; Ich gehoͤre nicht den Freuden au. Schon der letzte Schritt iſt, ach! geſchehen, Durch der guten Mutter kranken Wahn, Die geneſend ſchwur: Jugend und Natur Sey dem Himmel kuͤnftig unterthan. Und der alten Goͤtter bunt Gewimmel Hat ſogleich das ſtille Haus geleert. Unſichtbar wird Einer nur im Himmel, Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt; Opfer fallen hier, Weder Lamm noch Stier, Aber Menſcheuopfer unerhoͤrt. 20 ————ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛꝛꝛ—,, — 234— Und er fragt und waͤget alle Worte, Deren keines ſeinem Geiſt entgeht. Iſt es moͤglich, daß am ſtillen Orte Die geliebte Braut hier vor mir ſteht? Sey die meine nur! Unſrer Vaͤter Schwur Hat vom Himmel Segen nns erfleht. 3 Mich erhaͤltſt du nicht, du gute Seele! Meiner zweiten Schweſter goͤnnt man dich. Wenn ich mich in ſtiller Klauſe quaͤle, Ach! in ihren Armen denk' an mich, Die an dich nur denkt, Die ſich liebend kraͤnkt; In die Erde bald verbirgt ſte ſich. Nein! bei dieſer Flamme ſey's geſchworen, Guͤtig zeigt ſie Hymen uns voraus; Biſt der Freude nicht und mir verloren, Kommſt mit mir in meines Vaters Haus. Liebchen, bleibe hier! Feire gleich mit mir Unerwartet unſern Hochzeitſchmaus. b V V Und ſchon wechſeln ſie der Treue Zeichen; Golden reicht ſie ihm die Kette dar, Und er will ihr eine Schale reichen, Silbern, kunſtlich, wie nicht eine war. Die iſt nicht fuͤr mich; Doch, ich bitte dich, Eine Locke gib von deinem Haar. — 235— Eben ſchlug die dumpfe Geiſterſtunde, Und nun ſchien es ihr erſt wohl zu ſeyn. Gierig ſchluͤrfte ſie, mit blaſſem Munde, Nun den dunkel blutgefaͤrbten Wein; Doch vom Weizenbrod, Das er freundlich bot, Nahm ſie nicht den kleinſten Biſſen ein. Und dem Juͤngling reichte ſie die Schale, Der, wie ſie, nun haſtig luͤſtern trank. Liebe fordert er beim ſtillen Mahle; Ach, ſein armes Herz war liebekrank. Doch ſie widerſteht, Wie er immer fleht, Bis er weinend auf das Bette ſank. Und ſie kommt und wirft ſich zu ihm nieder: Ach! wie ungern ſeh' ich dich gequaͤlt! Aber ach! beruͤhrſt du meine Glieder, Fuͤhlſt du ſchaudernd, was ich dir verhehlt. Wie der Schuee ſo weiß, Aber kalt wie Eis, Iſt das Liebchen, das du dir erwaͤhlt. Heftig faßt er ſie, mit ſtarken Armen, Von der Liebe Ingendkraft durchmannt: Hoffe doch bei mir noch zu erwarmen, Waͤr'ſt du ſelbſt mir aus dem Grab geſandt! Wechſelhauch und Kuß! Liebesuͤberfluß! Brennſt du nicht und fuͤhleſt mich entbrannt? — 236— Liebe ſchließet feſter ſie zuſammen, Thraͤnen miſchen ſich in ihre Luſt; Gierig ſaugt ſie ſeines Mundes Flammen; Eins iſt nur im andern ſich bewußt. Seine Liebeswuth Waͤrmt ihr ſtarres Blut, Doch es ſchlaͤgt kein Herz in ihrer Bruſt. Unterdeſſen ſchleichet auf dem Gange Haͤuslich ſpaͤt die Mutter noch vorbei, Horchet an der Thuͤr, und horchet lange, Welch ein ſonderbarer Ton es ſey. Klag⸗ und Wonnelaut Braͤutigams und Braut, Und des Liebeſtammelns Raſerei. Unbeweglich bleibt ſie an der Thuͤre, Weil ſie erſt ſich uͤberzeugen muß, Und ſie hoͤrt die hoͤchſten Liebesſchwuͤre, Lieb' und Schmeichelworte, mit Verdruß— Still! der Hahn erwacht!— Aber morgen Nacht Biſt du wieder da?— und Kuß auf Kuß. Laͤnger haͤlt die Mutter nicht das Zuͤrnen, Oeffnet das bekaunte Schloß geſchwind:— SGibbt es hier im Hauſe ſolche Dirnen, Die dem Fremden gleich zu Willen ſind?— So zur Thuͤr hinein Bei der Lampe Schein Sieht ſie— Gott! ſie ſieht ihr eigen Kind. Und der Juͤngling will im erſten Schrecken Mit des Maͤdchens eignem Schleierftor, Mit dem Teypich die Geliebte decken; Doch ſie windet gleich ſich ſelbſt hervor, Wie mit Geiſt's Gewalt, Hebet die Geſtalt Laug und laugſam ſich im Bett empor⸗ Mutter! Mutter! ſpricht ſie hohle Worte: So mißgoͤunt Ihr mir die ſchoͤne Nacht! Ihr vertreibt mich von dem warmen Ortte. Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht? Iſt's euch nicht genug, Daß ins Leichentuch, Daß Ihr fruͤh mich in das Grab gebracht? Aber ans der ſchwerbedeckten Enge Treibet mich ein eigenes Gericht. Eurer Prieſter ſummende Geſaͤnge, Und ihr Segen haben kein Gewicht; Salz und Waſſer kühlt Nicht, wo Jugend fuͤhlt; Ach! die Erde kuͤhlt die Liebe nicht. Dieſer Juͤngling war mir erſt verſprochen, Als noch Venus heitrer Tempel ſtand. Mutter, habt ihr doch das Wort gebrochen, Weil ein fremd, ein falſch Geluͤbd' Euch band! Doch kein Gott erhoͤrt, Wenn die Mutter ſchwoͤlt, Zu verſagen ihrer Tochter Hand. — 238— Aus dem Grabe werd' ich ausgetrieben, Noch zu ſuchen das vermißte Gut, Noch den ſchon verlornen Mann zu lieben, Und zu ſaugen ſeines Herzens Blut. Iſt's um den geſchehn, Muß nach Andern gehn, Und das junge Volk erliegt der Wuth. Schoͤner Juͤngling! kannſt nicht laͤnger leben; Du verſiecheſt nun an dieſem Ort. Meine Kette hab' ich dir gegeben; Deine Locke nehm' ich mit mir fort. Sieh ſie an genau! Morgen biſt du grau, Und nur brann erſcheinſt du wieder dort. Hoͤre, Mutter, nun die letzte Bitte: Einen Scheiterhaufen ſchichte du; Oeffne meine bange kleine Huͤtte, Bring' in Flammen Liebende zur Ruh'. Wenn der Funke ſpruͤht, Wenn die Aſche gluͤht, Eilen wir den alten Goͤttern zu. Der Gott und die Bajadere. Indiſche Legende. Mahadoͤh, der Herr der Erde, Kommt herab zum ſechsten Mahl, Daß er unſers gleichen werde, Mit zu fuͤhlen Freud' und Qual. Er bequemt ſich hier zu wohnen, Laͤßt ſich alles ſelbſt geſchehn. Soll er ſtrafen oder ſchonen, Muß er Menſchen menſchlich ſehn. und hat er die Stadt ſich als Wand'rer betrachtet, Die Großen belauert, auf Kleine geachtet, Verlaͤßt er ſie Abends, um weiter zu gehn. Als er nun hinausgegangen, Wo die letzten Haͤuſer ſind, Sieht er, mit gemahlten Wangen, Ein verlornes ſchoͤnes Kind. Gruͤß dich Jungfran!— Dank der Ehre! Wart', ich komme gleich hinaus— Und wer biſt du?— Bajadere, Und dieß iſt der Liebe Haus. Sie ruͤhrt ſich, die Zimbeln zum Tanze zu ſchlagen; Sie weiß ſich ſo lieblich im Kreiſe zu tragen, Sie neigt ſich und biegt ſich, und reicht ihm den Strauß. Schmeichelnd zieht ſie ihn zur Schwelle, Lebhaft ihn ins Haus hinein. Schoͤner Fremdling, lampenhelle Soll ſogleich die Huͤtte ſeyn. Biſt du muͤd', ich will dich laben, Lindern deiner Fuͤße Schmerz. Was du willſt, das ſollſt du haben, Ruhe, Freuden oder Scherz. Sie lindert geſchaͤftig geheuchelte Leiden. Der Goͤttliche laͤchelt; er ſiehet mit Frenden, Durch tiefes Verderben, ein menſchliches Herz. Und er fordert Sclaven⸗Dienſte; Immer heitrer wird ſie nur, Und des Maͤdchens fruͤhe Kuͤnſte Werden nach und nach Natur. Und ſo ſtellet auf die Bluͤthe Bald und bald die Frucht ſich ein; Iſt Gehorſam im Gemuͤthe, Wird nicht fern die Liebe ſeyn. Aber, ſie ſchaͤrfer und ſchaͤrfer zu pruͤfen, Waͤhlet der Kenner der Hoͤhen und Tiefen Luſt und Entſetzen und grimmige Pein. Und er kuͤßt die bunten Wangen Und ſie fuͤhlt der Liebe Qual, Und das Maͤdchen ſteht gefangen, Und ſie weint zum erſten Mahl; Sinkt zu ſeinen Fuͤßen nieder, Nicht um Wolluſt noch Gewinnſt, Ach! und die gelenken Glieder, Sie verſagen allen Dienſt. Und ſo zu des Lagers vergnuͤglicher Feier Bereiten den dunklen, behaglichen Schleier Die naͤchtlichen Stunden das ſchoͤne Geſpinuſt. Spaͤt entſchlummert, unter Scherzen, Fruͤh erwacht, nach kurzer Raſt, Findet ſie, an ihrem Herzen, Todt den vielgeliebten Gaſt. Schreiend ſtuͤrzt ſie auf ihn nieder;. Aber nicht erweckt ſie ihn, Und man traͤgt die ſtarren Glieder Bald zur Flammengrube hin. —- 241— Sie hoͤret die Prieſter, die Todtengeſaͤnge, Sie raſet und rennet, und theilet die Menge. Wer biſt du? was draͤngt zu der Grube dich hin? Bei der Bahre ſtuͤrzt ſie nieder, Ihr Geſchrei durchdringt die Luft: Meinen Gatten will ich wieder! uUnd ich ſuch' ihn in der Gruft. Soll zu Aſche mir zerfallen Dieſer Glieder Goͤtterpracht? Mein! er war es, mein vor allen! Ach, nur Eine ſuͤße Nacht! Es ſingen die Prieſter: wir tragen die Alten, Nach langem Ermatten und ſpaͤtem Erkalten, Wir tragen die Jugend, noch eh' ſie's gedacht. Hoͤre deiner Prieſter Lehre: Dieſer war dein Gatte nicht. Lebſt du doch als Bajadere, Und ſo haſt du keine Pfliccht. Nur dem Koͤrper folgt der Schatten In das ſtille Todtenreich; Nur die Gattin folgt dem Gatten: Das iſt Pflicht und Ruhm zugleich. Ertoͤne, Drommete, zu heiliger Klage! O, nehmet, ihr Goͤtter! die Zierde der Tage, O, nehmer den Juͤngling in Flammen zu euch. DSpo das Chor, das ohn' Erbarmen Mehret ihres Herzens Noth; Und mit ausgeſtreckten Armen Springt ſie in den heißen Tod. Goethe's Ged. 21 — 242— Doch der Goͤtterjuͤngling hebet Aus der Flamme ſich empor, Und in ſeinen Armen ſchwebet Die Geliebte mit hervor. Es freut ſich die Gottheit der reuigen Suͤnder; Unſterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor. + — — 21*† I. Saget, Steine, mir an, o! ſyrecht, ihr hohen Pallaͤſte! Straßen, redet ein Wort! Genius, regſt du dich nicht? Ja, es iſt alles beſeelt in deinen heiligen Mauern, Ewige Roma; nur mir ſchweiget noch alles ſo ſtill. O! wer fliſtert mir zu, an welchem Fenſter erblick' ich Einſt das holde Geſchoͤpf, das mich verſengend er⸗ quickt? Ahn' ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer, Zu ihr und von ihr zu gehn, odfre die koͤſtliche Zeit? Noch betracht' ich Kirch' und Pallaſt, Ruinen und Saͤulen, Wie ein bedaͤchtiger Mann ſchicklich die Reiſe benutzt. Doch bald iſt es vorbei; dann wird ein einziger Dempel, Amors Tempel nur ſeyn, der den Geweihten em⸗ pfaͤngt. Eine Welt zwar biſt du, o Rom, doch ohne die Liebe Waͤre die Welt nicht die Welt, waͤre denn Rom guch nicht Rom. II. Ehret, wen ihr wollt! Nun bin ich endlich geborgen! Schoͤne Damen und ihr Herren der feineren Welt, — 246— Fraget nach Oheim und Vetter und alten Muhmen und Tanten; Und dem gebund'nen Geſpraͤch folge das traurige Spiel. Auch ihr Uebrigen fahret mir wohl, in großen und kleinen Zirkeln, die ihr mich oft nah' der Verzweiflung ge⸗ bracht Wiederholet, politiſch und zwecklos, jegliche Meinung, Die den Wand'rer mit Wuth uͤber Euroypa verfolgt. So verfolgte das Liedchen Malbrough den reiſenden Britten Einſt von Paris nach Livorn, daun von Livorno nach Rom, Weiter nach Napel hinunter; und waͤr' er nach Smyrna geſegelt, Malbrough! empſieng ihn auch dort! Malbrough! im Hafen das Lied. Und ſo mußt' ich bis jetzt auf allen Tritten und Schrit⸗ — ten Schelten hoͤren das Volk, ſchelten der Koͤnige Rath. Nun entdeckt ihr mich nicht ſo leicht in meinem Aſyle, Das mir Amor der Fuͤrſt, doͤniglich ſchuͤtzend, ver⸗ lieh. Hier bedecket er mich mit ſeinem Fittig; die Liebſte Fuͤrchtet, Roͤmiſch geſinnt, wuͤthende Gallier nicht; Sie erkundigt ſich nie nach neuer Maͤhre, ſie ſpaͤhet Sorglich den Wuͤnſchen des Mann's, dem ſie ſich eignete, nach. Sie ergetzt ſich an ihm, dem freien, ruͤſtigen Frem⸗ den, Der von Bergen und Schnee, hoͤlzernen Haͤuſern er⸗ zaͤhlt; — 247— Theilt die Flammen, die ſie in ſeinem Buſen entzuͤn⸗ det, Freut ſich, daß er das Gold nicht wie der Roͤmer bedenkt. Beſſer iſt ihr Tiſch nun beſtellt; es fehlet an Kleidern, Fehlet am Wagen ihr nicht, der nach der Oper ſie bringt. Mutter und Tochter erfreun ſich ihres nordiſchen Gaſtes, und der Barbare beherrſcht Noͤmiſchen Buſen und Leib, III. Laß dich, Geliebte, nicht reu'n, daß du mir ſo ſchnell dich ergeben! Glaub' es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig von dir. Vielfach wirken die Pfeile des Amor: einige ritzen, Und vom ſchleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz. Aber maͤchtig beſiedert, mit friſch geſchliffener Schaͤrfe, Dringen die andern ins Mark, zuͤnden behende das 3 Blut. In der heroiſchen Zeit, da Goͤtter und Goͤttinnen lieb⸗ ten, Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier. Glaubſt du, es habe ſich lange die Goͤttin der Liebe beſonnen, Als im Idaͤiſchen Hain einſt ihr Anchiſes geſiel? Haͤtte Luna geſaͤumt, den ſchoͤnen Schlaͤfer zu kuͤſſen; O, ſo haͤtt' ihn geſchwind, neidend, Aurorg geweckt. . — 248— Hero erblickte Leandern am lauten Feſt, und behende Stuͤrzte der Liebende ſich heiß in die naͤchtliche Fluth. Rhea Sylvia wandelt, die fuͤrſtliche Jungfrau, der Ti⸗ 2 ber Waſſer zu ſchöpfen, hinab, und ſie ergreifet der Gott. So erzeugte die Soͤhne ſich Mars!— Die Zwillinge traͤnket Eine Woͤlln, und Rom nennt ſich die Fuͤrſtin der Welt. IV. Fromm ſind wir Liebende, ſtill verehren wir alle Daͤ⸗ monen, Wuͤnſchen uns jeglichen Gott, jegliche Goͤttin geneigt. Und ſo gleichen wir euch, o Noͤmiſche Sieger! Den Goͤttern Aller Voͤlker der Welt bietet ihr Wohnungen an, Habe ſie ſchwarz und ſtreng, aus altem Baſalt der Aegypter, Oder ein Grieche ſie weiß, reizend aus Marmor ge⸗ formt. Doch verdrießet es nicht die Ewigen, wenn wir beſon⸗ ders Weihrauch koͤſtlicher Art Einer der Goͤttlichen ſtreu'n. Ja, wir bekennen euch gern, es bleiben unſre Gebete, Unſer taͤglicher Dienſt Einer beſonders geweiht. Schalkhaft, munter und ernſt begehen wir heimliche Feſte Und das Schweigen geziemt allen Geweihten genau. Eh' an die Ferſe lockten wir ſelbſt, durch graͤßliche Thaten, Uns die Erinnyen her, wagten es eher des Zeus — 249— Hartes Gericht am rollenden Rad und am Felſen zu dulden, Als dem reizenden Dienſt unſer Gemuͤth zu entziehn. Dieſe Goͤttin, ſie heißt Gelegenheit! lernet ſie kennen! Sie erſcheinet euch oft, immer in andrer Geſtalt. Tochter des Proteus moͤchte ſie ſeyn, mit Thetis ge⸗ zeuget, Deren verwandelte Liſt manchen Herven betrog. So betriegt nun die Dochter den Unerfahrnen, den Bloͤden, Schlummernde necket ſie ſtets, Wachende fliegt ſie vorbei; Gern ergibt ſie ſich nur dem raſchen, thaͤtigen Manne; Dieſer findet ſie zahm, ſpielend und zaͤrtlich und hold. Einſt erſchien ſie auch mir, ein braͤunliches Maͤdchen, die Haare Fielen ihr dunkel und reich uͤber die Stirne herab. Kurze Locken ringelten ſich um's zierliche Haͤlschen, Ungeflochtenes Haar krauſ'te vom Scheitel ſich auf. Und ich verkannte ſie nicht, ergriff die Eilende, lieblich Gab ſie Umarmung und Kuß bald mir gelehrig zu⸗ ruͤck. O, wie war ich begluͤckt!— Doch ſtille, die Zeit iſt voruͤber, Und umwunden bin ich, Roͤmiſche Flechten, von euch. V. Froh empfind' ich mich nun auf claſſiſchem Boden be⸗ geiſtert, Vor⸗ und Mitwelt ſpricht lauter und reizender mir. Hier befolg' ich den Rath, durchblaͤtt're die Werke der Alten Mit geſchaͤftiger Hand, taͤglich mit neuem Genuß. Aber die Naͤchte hindurch haͤlt Amor mich anders be⸗ ſchaͤftigt; Werd' ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch dop⸗ pelt begluͤckt. Und belehr' ich mich nicht, indem ich des lieblichen Buſens Formen ſpaͤhe, die Hand leite die Huͤften hinab? Dann verſteh' ich den Marmor erſt recht; ich denk' und 5 vergleiche, Sehe mit fuͤhlendem Aug', fuͤhle mit ſehender Hand. Raubt die Liebſte mir gleich einige Stunden des Ta⸗ ges, Gibt ſie Stunden der Nacht mir zur Entſchaͤdigung K hin. Wird doch nicht immer gekuͤßt, es wird vernuͤnftig ge⸗ ſprochen; Ueberfäͤllt ſte der Schlaf, lieg' ich, und denke mir viel. Oftmals hab' ich auch ſchon in ihren Armen gedichtet, Und des Hepameters Ma, leiſe mit fingernder Hand, Ihr auf den Ruͤcken gezaͤhlt. Sie athmet in lieblichem Schlummer, Und es durchgluͤhet ihr Hauch mir bis ins Tieſſte die Bruſt. Amor ſchuͤret die Lamp' indeß, und denker der Zeiten, Da er den naͤmlichen Dienſt ſeinen Triumvirn ge⸗ than. — 251— VI. „Kannſt du, o Grauſamer! mich in ſolchen Worten betruͤben? Reden ſo bitter und hart liebende Maͤnner bei euch? Wenn das Volk mich verklagt, ich muß es dulden! und bin ich Etwa nicht ſchuldig? Doch, ach! ſchuldig nur bin ich mit dir! Dieſe Kleider, ſie ſind der neidiſchen Nachbarin Zeu⸗ gen, Daß die Wittwe nicht mehr einſam den Gatten be⸗ weint. Biſt du ohne Bedacht nicht oft bei Mondſchein gekom⸗ men, Grau, im dunkeln Suͤrtout, hinten gerundet das Haar? Haſt du dir ſcherzend nicht ſelbſt die geiſtliche Maske gewaͤhlet? Soll's ein Praͤlate denn ſeyn! gut, der Pralate biſt du. In dem geiſtlichen Rom, kaum ſcheint es zu glauben, doch ſchwoͤr ich: Nie hat ein Geiſtlicher ſich meiner Umarmung ge⸗ freut. Arm war ich leider! und jung, und wohl bekannt den Verfuͤhrern. Falconieri hat mir oft in die Augen gegafft Und ein Kuppler Albani's mich mit gewichtigen Zetteln, Bald nach Oſtia, bald nach den vier Brunnen gelockt. Aber wer nicht kam, war das Maͤdchen. So hab' ich von Herzen Rothſtrumpf immer gehaßt, und Violetſtrumpf dazu. Denn„ihr Maͤdchen bleibt am Ende doch die Betrog'⸗ nen,“ Sagte der Vater, wenn auch leichter die Mutter es nahm. Und ſo bin ich denn aurh am Ende betrogen! Du zuͤrneſt Nur zum Scheine mit mir, weil du zu fliehen ge⸗ 4 denkſt. Geh! ihr ſeyd der Frauen nicht werth! Wir tragen die Kinder Unter dem Herzen, und ſo tragen die Treue wir auch; Aber ihr Maͤnner, ihr ſchuͤttet, mit eurer Kraft und Begierde, Auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!“ Alſo ſprach die Geliebte, und nahm den Kleinen vom Stuhle, Druͤckt' ihn kuͤſſend ans Herz, Thraͤnen entquollen dem Blick.. Und wie ſaß ich beſchaͤmt, daß Reden feindlicher Men⸗ ſchen Dieſes liebliche Bild mir zu beflecken vermocht! Dunkel brennt das Feuer nur augenblicklich und dam⸗ pfet, Wenn das Waſſer die Gluth ſtuͤrzend und gaͤhling verhuͤllt. Aber ſie reinigt ſich ſchnell, verjagt die truͤbenden Daͤm⸗ pfe, Neuer und maͤchtiger dringt leuchtende Flamme hin⸗ auf. VII. O, wie fuͤhl' ich in Rom mich ſo froh! gedenk' ich der Zeiten, Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing, Truͤbe der Himmel und ſchwer auf meine Scheitel ſich ſenkte, Farb', und geſtaltlos die Welt um den Ermatteten lag, Und ich uͤber mein Ich, des unbefriedigten Geiſies Duͤſtre Wege zu ſpaͤhn, ſtill in Betrachtung verſank. Nun umleuchtet der Glanz des helleren Aethers die Stirne; Phoͤbus rufet, der Gott, Formen und Farben her⸗ vor. Sternhell glaͤnzet die Nacht, ſie klingt von weichen Ge⸗ 3 ſaͤngen, Und mir leuchtet der Mond heller als nordiſcher Tag. Welche Seligkeit ward mir Sterblichen! Traͤum' ich? Empfaͤnget Dein ambroſiſches Haus, Iupiter Vater, den Gaſt? Ach! hier lieg' ich, und ſtrecke nach deinen Knien die Haͤnde Flehend aus. O vernimm, Jupiter Penius, mich! Wie ich herein gekommen, ich kann's nicht ſagen; es . faßte Hebe den Wand'rer, und zog mich in die Hallen herau. Haſt du ihr einen Heroen herauf zu fuͤhren geboten? Irrte die Schoͤne? Vergib! Laß mir des Irrthums Gewinn! Deine Tochter Fortuna ſie auch! Die herrlichſten Gaben Theilt als ein Maͤdchen ſie aus, wie es die Laune gebeut. — 254— Biſt du der wirthliche Gott? O! dann ſo verſtoße den Gaſtfreund Nicht von deinem Olymp wieder zur Erde hinab! „Dichter, wohin verſteigeſt du dich?“— Vergib mir; . der hohe Capitoliniſche Berg iſt dir ein zweiter Olymp. Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes fuͤhre mich ſpaͤter, Ceſtius Mahl vorbei, leiſe zum Orkus hinab. VIII. Wenn du mir ſagſt, du habeſt als Kind, Geliebte, den Menſchen Nicht gefallen, und dich habe die Mutter verſchmaͤht, Bis du groͤßer geworden und ſtill dich entwickelt; ich glaub' es; Gerne denk' ich mir dich als ein beſonderes Kind. Fehlet Bildung und Farbe doch auch der Bluͤthe des Weinſtocks, Wenn die Beere, gereift, Menſchen und Goͤtter ent⸗ zuͤckt. IX. Herbſtlich leuchtet die Flamme vom laͤndlich geſelligen Herde, Kniſtert und glaͤnzet, wie raſch! ſanſend vom Rei⸗ ſig empor. Dieſen Abend erfreut ſie mich mehr; denn eh' noch zur Kohle Sich das Buͤndel verzehrt, unter die Aſche ſich neigt, Kommt mein liebliches Maͤdchen. Dann flammen Reiſig und Scheite, und die erwaͤrmte Nacht wird uns ein glaͤnzendes Feſt. Morgen fruͤhe geſchaͤftig verlaͤßt ſie das Lager der Liebe, Weckt aus der Aſche behend Flammen aufs nene her⸗ vor. Denn vor andern verlieh der Schmeichlerin Amor die Gabe, Freude zu wecken, die kaum ſtill wie zu Aſche ver⸗ ſank. X. Alexander und Caͤſar und Heinrich und Friedrich, die Großen, Gaͤben die Haͤlfte mir gern ihres erworbenen Ruhms, Koͤnnt' ich auf Eine Nacht dieß Lager jedem vergoͤnnen; Aber die Armen, ſie haͤlt ſtrenge des Orkus Gewalt. Freue dich alſo, Lebend'ger, der liebeerwaͤrmten Staͤtte, Ehe den fliehenden Fuß ſchauerlich Lethe dir netzt. XI. Euch, o Grazien, legt die wenigen Blaͤtter ein Dichter Auf den reinen Altar, Knoſpen der Roſe dazu, und er thut es getroſt. Der Kuͤnſtler freuet ſich ſeiner Werkſtatt, wenn ſie um ihn immer ein Pantheon ſcheint. Inpiter ſenket die goͤttliche Stirn, und Juno erhebt ſie; Phoͤhns ſchreitet hervor, ſchuͤttelt das lockige Haupt; Trocken ſchauet Minerva herab, und Hermes, der Leichte, Wendet zur Seite den Blick, ſchalkiſch und zaͤrtlich zugleich. Aber nach Bacchus, dem Weichen, dem Traͤumenden, hebet Cythere Blicke ſuͤßer Begier, ſelbſt in dem Marmor noch feucht. Seiner Umarmung gedenket ſie gern, und ſcheinet zu fragen: Sollte der herrliche Sohn uns an der Seite nicht ſtehn? XII. Hoͤreſt du, Liebchen, das munt're Geſchrei den Flami⸗ niſchen Weg her? Schnitter ſind es; ſie ziehn wieder nach Hanſe zuruͤck, Weit hinweg. Sie haben des Roͤmers Ernte vollendet, Der fuͤr Ceres den Kranz ſelber zu flechten ver⸗ ſchmaͤht. Keine Feſte ſind mehr der großen Goͤttin gewidmet, Die, ſtatt Sicheln, zur Koſt goldenen Weizen verlieh. Laß uns Beide das Feſt im Stillen freudig begehen! Sind zwei Liebende doch ſich ein verſammeltes Volk. Haſt du wohl je gehoͤrt von jener myſtiſchen Feier, Die von Eleuſis hierher fruͤhe dem Sieger gefolgt? Griechen ſtifteten ſie, und immer riefen nur Griechen, Selbſt in den Manern Roms:„Kommt zur gehei⸗ ligten Nacht!“ Fern entwich der Profane; da bebt' der wartende 4 Neuling, Den ein weißes Gewand, Zeichen der Reinheit, um⸗ gab, — 257— Wunderlich irrte darauf der Eingefuͤhrte durch Kreiſe Selt'ner Geſtalten; im Traum ſchien er zu wallen; denn hier Wanden ſich Schlangen am Boden umher, verſchloſ⸗ ſene Kaͤſtchen, Reich mit Aehren umkraͤnzt, trugen hier Maͤdchen vorbei, Vielbedeutend geberdeten ſich die Prieſter, und ſumm⸗ ten; Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht. Erſt nach mancherlei Proben und Pruͤfungen ward ihm enthuͤllet, Was der geheiligte Kreis ſeltſam in Bildern verbarg. Und was war das Geheimniß? als daß Demeter, die , große, Sich gefaͤllig einmal auch einem Helden bequemt, Als ſie dem Jaſon einſt, dem ruͤſtigen Koͤnig der Kre⸗ ter, Ihres unſterblichen Leib's holdes Verborgne gegoͤnnt. Da war Kreta begluͤckt; das Hochzeitbette der Goͤttin Schwoll von Aehren, und reich druͤckte den Acker die Saat. Aber die uͤbrige Welt verſchmachtete; denn es verſaͤumte Ueber der Liebe Genuß Ceres den ſchoͤnen Beruf. Voll Erſtaunen vernahm der Eingeweihte das Maͤhr⸗ chen, Winkte der Liebſten— Verſtehſt du nun, Geliebte, den Wink? Jene buſchige Myrte beſchattet ein heiliges Plaͤtzchen! Unſre Zufriedenheit bringt keine Gefäͤhrde der Welt. 22 — 258— XIII. Amor bleibet ein Schalk, und wer ihm vertraut, iſt betrogen! Heuchelnd kam er zu mir:„Dieß Mahl nur traue mir noch. Redlich mein' ich's mit dir, du haſt dein Leben und Dichten, Dankbar erkenn' ich es wohl, meiner Verehrung geweiht. Siehe, dir bin ich nun gar nach Rom gefolget, ich moͤchte Dir im fremden Gebiet gern was Gefälliges thun. Jeder Reiſende klagt, er finde ſchlechte Bewirthung; Welchen Amor empfiehlt, koͤſtlich bewirthet iſt er. Du betrachteſt mit Staunen die Truͤmmern alter Ge⸗ baͤnde, Und durchwandelſt mit Sinn dieſen geheiligten Raum. Du verehrteſt noch mehr die werthen Reſte des Bildens Einziger Kuͤnſtler, die ſtets ich in der Werkſtatt be⸗ ſucht. Die Geſtalten, ich formte ſie ſelbſt! Verzeih mir, ich prahle Dieß Mahl nicht; du geſtehſt, was ich dir ſage, ſey wahr. Nun du mir laͤfſger dienſt, wo ſind die ſchoͤnen Geſtal⸗ ten, Wo die Farben, der Glanz deiner Empfindungen hin? Denkſt du nun wieder zu bilden, o Freund? Die Schule der Griechen Blieb noch offen, das Thor ſchloſſen die Jahre nicht zu. Ich, der Lehrer, bin ewig jung, und liebe die Jungen. — 259— Altklug lieb' ich dich nicht! Munter! Begreife mich wohl! War das Antike doch nen, da jene Gluͤcklichen leb⸗ ten! Lebe gluͤcklich, und ſo lebe die Vorzeit in dir. Stoff zum Liede, wo nimmſt du ihn her? Ich muß dir ihn geben, Und den hoͤheren Styl lehret die Liebe dich nur.“ Alſo ſprach der Sophiſt. Wer widerſpraͤch' ihm? und leider Bin ich zu folgen gewoͤhnt, wenn der Gebieter be⸗ fiehlt. Nun, verraͤtheriſch haͤlt er ſein Wort, gibt Stoff zu Geſaͤngen, Ach! und raubt mir die Zeit, Kraft und Beſinnung zugleich; Blick und Haͤndedruck und Kuͤſſe, gemuͤthliche Worte, Sylben koͤſtlichen Sinns wechſelt ein liebendes Paar. Da wird Liſpeln Geſchwaͤtz, wird Stottern liebliche Rede: Solch ein Hymnus verhallt ohne proſodiſches Maß. Dich, Aurora, wie kannt' ich dich ſonſt als Freundin der Muſen! Hat, Aurora, dich auch Amor, der Loſe, verfuͤhrt? Du erſcheineſt mir nun als ſeine Freundin, und we⸗ cke Mich an ſeinem Altar witte zum feſtlichen Tag. Find' ich die Fuͤlle der Locken an meinem Buſen! das Koͤpfchen Ruhet und drucket den Arm, der ſich dem Halſe be quemt. Welch ein frendig Erwachen, erhieltet ihr ruhige Stun⸗ den, — 260— Mir das Denkmal der Luſt, die in den Schlaf uns gewiegt! Sie behehi ſich im Schlummer, und ſinkt auf die Breite des Lagers Weggewendet; und doch laͤßt ſie mir Hand noch in Hand. Herzliche Liebe verbindet uns ſtets und treues Verlan⸗ gen, Und den Wechſel behielt nur die Begierde ſich vor. Einen Druck der Hand, ich ſehe die himmliſchen Au⸗ gen Wieder offen.— O nein! laßt auf der Bildung mich ruhn! Bleibt geſchloſſen! Ihr macht mich verwirrt und trun⸗ ken, ihr raubet Mir den ſtillen Genuß reiner Betrachtung zu fruͤh. Dieſe Formen, wie groß! wie edel gewendet die Glie⸗ der! Schlief Ariadne ſo ſchoͤn; Theſeus, du konnteſt ent⸗ fliehn? Dieſen Lippen ein einziger Kuß! O Theſeus, nun ſcheide! Blia ihr ins Auge! Sie wacht!— Ewig nun haͤlt ſie dich feſt. XIV. Zuͤnde mir Licht an, Knabe!—„Noch iſt es hell, ihr verzehret Oel und Docht nur umſonſt. Schließet die Laͤden doch nicht! Hinter die Haͤuſer entwich, nicht hinter den Berg, uns die Sonne; Ein halb Stuͤndchen noch waͤhrt's bis zum Gelaͤute der Nacht.“ ungluͤckſeliger! geh und gehorch'! Mein Maͤdchen er⸗ wart' ich; Troͤſte mich, Laͤmpchen, indeß, lieblicher Bote der Nacht! XV. Caͤſarn waͤr' ich wohl nie zu fernen Britannen gefol⸗ get, Florus haͤtte mich leicht in die Popine geſchleppt! Denn mir bleiben weit mehr die Nebel des traurigen . Nordens, Als ein geſchaͤftiges Volk ſuͤdlicher Floͤhe verhaßt. Und noch ſchoͤner von heut' an ſeyd mir gegruͤßet, ihr Schenken, Oſterieen, wie euch ſchicklich der Roͤmer benennt; Denn ihr zeigtet mir heute die Liebſte begleitet vom Oheim, Den die Gute ſo oft, mich zu beſitzen, betruͤgt. Hier ſtand unſer Tiſch, den Deutſche vertraulich um⸗ gaben; Druͤben ſuchte das Kind neben der Mutter den Platz, Ruͤckte vielmals die Bank, und wußt' es artig zu ma⸗ chen, Daß ich halb ihr Geſicht, voͤllig den Nacken gewann. Lauter ſprach ſie, als hier die Roͤmerin pfleget, ere⸗ denzte, Blickte gewendet nach mir, goß und verfehlte das Glas. Wein floß uͤber den Diſch, und ſie, mit zierlichem Fin⸗ gel, Zog auf dem hoͤlzernen Blatt Kreiſe der Feuchtigkeit hin. Meinen Namen verſchlang ſie dem ihrigen; immer be⸗ gierig Schaut' ich dem Fingerchen nach, und ſie bemerkte mich wohl. Endlich zog ſie behende das Zeichen der Roͤmiſchen Fuͤnfe Und ein Strichlein davor. Schnell, und ſo bald ich's geſehn, Schlang ſie Kreiſe durch Kreiſe, die Lettern und Ziffern zu loͤſchen; Aber die koͤſtliche Vier blieb mir ins Auge gepraͤgt. Stumm war ich ſitzen geblieben, und biß die gluͤhende Lippe, Halb aus Schalkheit und Luſt, halb aus Begierde, mir wund. Erſt noch ſo lange bis Nacht! dann noch vier Stunden zu warten! 3 Hohe Sonne, dn weilſt und du beſchaueſt dein Rom! Groͤßeres ſaheſt du nichts und wirſt nichts Groͤßeres ſehen, Wie es dein Prieſter Horaz in der Entzuͤckung ver⸗ ſprach. Aber heute verweile mir nicht, und wende die Blicke Don dem Siebengebirg fruͤher und williger ab! 1 Einem Dichter zu Liebe verkuͤrze die herrlichen Stun⸗ 8 den, Die mit begierigem Blick ſelig der Mahler genießt; Gluͤhend blicke noch ſchnell zu dieſen hohen Faſſaden, Kuppeln und Saͤulen zuletzt, und Obelisken herauf; Stuͤrze dich eilig ins Meer, um morgen fruͤher zu ſe⸗ hen, Was Jahrhunderte ſchon goͤttliche Luſt dir gewaͤhrt: Dieſe feuchten, mit Rohr ſo lange bewachſ'nen Geſtade, Dieſe mit Baͤumen und Buſch duͤſter beſchatteten Hoͤhn. Wenig Huͤtten zeigten ſie erſt; dann ſahſt du auf einmal Sie vom wimmelnden Volk gluͤcklicher Raͤuber belebt. Alles ſchleppten ſie d'rauf an dieſe Staͤtte zuſammen; Kaum war das uͤbrige Rund deiner Betrachtung noch . werth; Sahſt eine Welt hier entſtehn, ſahſt dann eine Welt hier in Truͤmmern, Aus den Truͤmmern auf's neu faſt eine groͤßere Welt! Daß ich dieſe noch lange, von dir beleuchtet, erblicke, Spinne die Parze mir klug langſam den Faden herab; Aber ſie eile herbei, die ſchoͤn bezeichnete Stunde!— Gluͤcklich! Hoͤr' ich ſie ſchon? Nein; doch ich hoͤre ſchon Drei. So, ihr lieben Muſen, betrogt ihr wieder die Laͤnge Dieſer Weile, die mich von der Geliebten getrennt. Lebet wohl! Nun eil' ich, und fuͤrcht' euch nicht zu beleid'gen; Denn, ihr Stolzen, ihr gebt Amorn doch immer den Rang. dun XVI. „Warum biſt du, Geliebter, nicht heute zur Vigne gekommen? Einſam, wie ich verſprach, wartet' ich oben auf dich.“ Beſte, ſchon war ich hinein; da ſah ich zum Gluͤcke den Oheim Neben den Stoͤcken, bemuͤht, hin ſich und her ſich zu drehn. Schleichend eilt' ich hinaus!—„O, welch ein Irr⸗ thum ergriff dich! Eine Scheuche nur war's, was dich vertrieb! Die Geſtalt Flickten wir emſig zuſammen aus alten Kleidern und Rohren; Emſig half ich daran, ſelbſt mir zu ſchaden bemuͤht. Nun! des Alten Wunſch iſt erfuͤllt; den loſeſten Vogel Scheucht er heute, der ihm Gaͤrtchen und Nichte be⸗ ſtiehlt.“ XVII. Manche Toͤne ſind mir Verdruß, doch bleibet am mei⸗ ſten Hundegebell mir verhaßt, klaͤffend zerreißt es mein Ohr. Einen Hund nur hoͤr' ich ſehr oft mit frohem Behagen Bellend klaͤffen, den Hund, den ſich der Nachbar er⸗ zog. Denn er bellte mir einſt mein Maͤdchen an, da ſie ſich heimlich Zu mir ſtahl, und verrieth unſer Geheimniß beinah'. Jetzv, hoͤr' ich ihn bellen, ſo denk ich nur immer: ſie kommt wohl! Oder ich denke der Zeit, da die Erwartete kam. XVIII. Eines iſt mir verdrießlich vor allen Dingen, ein andres Bleibt mir abſcheulich, empoͤrt jegliche Faſer in mir; Nur der bloße Gedanke. Ich will es euch, Freunde, geſtehen: Gar verdrießlich iſt mir einſam das Lager zu Nacht. Aber ganz abſcheulich iſt's, auf dem Wege der Liebe Schlangen zu fuͤrchten, und Gift unter den Roſen der Luſt, Wenn im ſchoͤnſten Moment der hin ſich gebenden Freude Deinem ſinkenden Haupt liſpelnde Sorge ſich naht. Darum macht Fauſtine mein Gluͤck; ſie theilet das Lager Gerne mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen 3 genau. Reizendes Hinderniß will die raſche Jugend; ich liebe Mich des verſicherten Guts lange bequem zu erfreun. Welche Seligkeit iſt's! wir wechſeln ſichere Kuͤſſe, Athem und Leben getroſt ſaugen und floͤßen wir ein. So erfreun wir uns der langen Naͤchte, wir lauſchen, Buſen an Buſen gedraͤngt, Stuͤrmen und Regen und Guß. Und ſo daͤmmert der Morgen heran; es bringen die Stunden Neue Blumen herbei, ſchmuͤcken uns feſtlich den Tag⸗ Goͤnnet mir, o Quiriten! das Gluͤck, und jedem gewaͤhre Aller Guͤter der Welt erſtes und letztes der Gott! XIX. Schwer erhalten wir uns den guten Namen, denn Fama Steht mit Amorn, ich weiß, meinem Gebieter, in Streit. Goethe's Ged. 23 — 266— Wißt auch ihr, woher es entſprang, daß beide ſich haſ⸗ ſen? Alte Geſchichten ſind das, und ich erzaͤhle ſie wohl. Immer die maͤchtige Goͤttin, doch war ſie fuͤr die Ge⸗ ſellſchaft Unertraͤglich, denn gern fuͤhrt ſie das herrſchende Wort; Und ſo war ſie von je, bei allen Goͤttergelagen, Mit der Stimme von Erz, Großen und Kleinen verhaßt. So beruͤhmte ſie einſt ſich uͤbermuͤthig, ſie habe Jovis herrlichen Sohn ganz ſich zum Sclaven ge⸗ macht. „Meinen Herkules fuͤhr' ich dereinſt, o Vater der Goͤtter,“ Rief triumphirend ſie aus,„wiedergeboren dir zu. Herkules iſt nicht mehr, den dir Alkmene geboren; Seine Verehrung fuͤr mich macht ihn auf Erden zum 5 Gott. Schaut er nach dem Olymp, ſo glaubſt du, er ſchaue nach deinen Maͤchtigen Knien; vergib! nur in den Aether nach mir Blickt der wuͤrdigſte Mann; nur mich zu verdienen, durchſchreitet Leicht ſein maͤchtiger Fuß Bahnen, die keiner betrat; Aber auch ich begegn' ihm auf ſeinen Wegen, und preiſe Seinen Namen voraus, eh' er die That noch beginnt. Mich vermaͤhlſt du ihm einſt; der Amazonen Beſteger Werd' auch meiner, und ihn nenn' ich mit Freuden Gemahl!“ Alles ſchwieg; ſte mochten nicht gern die Prahlerin reizen: Denn ſie denkt ſich, erzuͤrnt, leicht was Gehaͤſſiges aus. Amorn bemerkte ſie nicht: er ſchlich bei Seite; den Helden Bracht' er mit weniger Kunſt unter der Schoͤnſten Gewalt. Nun vermummt er ſein Paar; ihr haͤngt er die Buͤrde des Loͤwen Ueber die Schultern, und lehnt muͤhſam die Keule dazu. D'rauf beſpickt er mit Blumen des Helden ſtraͤubende Haare, Reichet den Rocken der Fauſt, die ſich dem Scherze bequemt. So vollendet er bald die neckiſche Gruppe, dann laͤuft er, Ruft durch den ganzen Olymp:„herrliche Thaten . geſchehn! Nie hat Erd' und Himmel, die unermuͤdete Sonne Hat auf der ewigen Bahn keines der Wunder erblickt.“ Alles eilte; ſie glaubten dem loſen Knaben, denn ernſt⸗ lich Hatt' er geſprochen; und auch Fama, ſie blieb nicht zuruͤck. Wer ſich freute, den Mann ſo tief erniedrigt zu ſehen, Denkt ihr! Juno. Es galt Amorn ein freundlich Geſicht. Fama daneben, wie ſtand ſie beſchaͤmt, verlegen, ver⸗ zweifelnd! Anfangs lachte ſie nur:„Masken, ihr Göͤtter, ſind das! Meinen Helden, ich kenn' ihn zu gut! es haben Tragoͤden Uns zum beſten!“ Doch bald ſah ſie mit Schmer⸗ zen, er war's!— Nicht den tauſendſten Theil verdroß es Vulcanen, ſein Weibchen 23 † — 268— Mit dem ruͤſtigen Freund unter den Maſchen zu ſehn, Als das verſtaͤndige Netz im rechten Moment ſie um⸗ faßte, Naſch die Verſchlungnen umſchlang, feſt die Genie⸗ ßenden hielt. Wie ſich die Juͤnglinge freuten! Merkur und Bac⸗ chus! ſie beide Mußten geſtehn: es ſey, uͤber dem Buſen zu kuhn Dieſes herrlichen Weibes, ein ſchoͤner Gedanke. Sie baten: Loͤſe, Vulcan, ſie noch nicht! Laß ſie noch ein Mahl beſehn. Und der Alte war ſo Hahnrei, und hielt ſie nur feſter. Aber Fama, ſie floh raſch und voll Grimmes davon. Seit der Zeit iſt zwiſchen den Zweien der Fehde nicht Stillſtand; Wie ſie ſich Helden erwaͤhlt, gleich iſt der Knabe dar⸗ nach. Wer ſie am hoͤchſten verehrt, den weiß er am beſten zu faſſen, Und den Sittlichſten greift er am gefaͤhrlichſten an. Will ihm einer entgehn, den bringt er vom Schlimmen ins Schlimmſte. Maͤdchen bietet er an; wer ſie ihm tdricht ver⸗ ſchmaͤht, Muß erſt grimmige Pfeile von ſeinem Bogen erdulden; Mann erhitzt er auf Mann, treibt die Begierden aufs Thier. 4 Wer ſich ſeiner ſchaͤmt, der muß erſt leiden; dem Heuchler Streut er bittern Genuß unter Verbrechen und Noth. Aber auch ſie, die Goͤttin, verfolgt ihn mit Augen und Ohren, Sieht ſie ihn ein Mahl bei dir, gleich iſt ſie feindlich geſinnt, Schreckt dich mit ernſtem Blick, verachtenden Mienen, und heftig Strenge verruft ſie das Haus, das er gewoͤhnlich be⸗ ſucht. uUnd ſo geht es auch mir: ſchon leid' ich ein wenig; die Goͤttin, Eiferſuͤchtig, ſie forſcht meinem Geheimniſſe nach. Doch es iſt ein altes Geſetz, ich ſchweig' und verehre; Denn der Koͤnige Zwiſt buͤßten die Griechen, wie ich. XX. Zieret Staͤrke den Mann, und freies, muthiges Weſen, Ol ſo ziemet ihm faſt tiefes Geheimniß noch mehr. Staͤdtebezwingerin, du Verſchwiegenheit! Fuͤrſtin der Voͤlker! Theure Goͤttin, die mich ſicher durch's Leben gefuͤhrt, Welches Schickſal erfahr' ich! Es loͤſet ſcherzend die Muſe, Amor loͤſet, der Schalk! mir den verſchloſſenen Mund. Ach, ſchon wird es ſo ſchwer, der Koͤnige Schande verbergen! Weder die Krone bedeckt, weder ein Phrygiſcher Bund Midas verlaͤngertes Ohr; der naͤchſte Diener entdeckt es, Und ihm aͤngſtet und druͤckt gleich das Geheimniß die . Bruſt. In die Erde vergruͤb' er es gern, um ſich zu erleichtern. „Doch die Erde verwahrt ſolche Geheimniſſe nicht; Rohre ſprießen hervor, und rauſchen und liſpeln im Winde: — 270— Midas! Midas, der Fuͤrſt, traͤgt ein verlaͤngertes Ohr! Schwerer wird es nun mir, ein ſchoͤnes Geheimniß zu wahren; Ach, den Lippen entquillt Fuͤlle des Herzens ſo leicht! Keiner Freundin darf ich's vertraun: ſie moͤchte mich ſchelten; Keinem Freunde: vielleicht braͤchte der Freund mir . Gefahr. Mein Entzuͤcken dem Hain, dem ſchallenden Felſen zu ſagen, Bin ich endlich nicht jung, bin ich nicht einſam ge⸗ nug. Dir, Hexameter, dir, Pentameter, ſey es vertrauet, Wie ſie des Tags mich erfreut, wie ſie des Nachts mich begluͤckt. Sie, von vielen Maͤnnern geſucht, vermeidet die Schlingen, Die ihr der Kuͤhnere frech, heimlich der Liſtige legt; Klug und zierlich ſchluͤpft ſie vorbei, und kennet die Wege, Wo ſie der Liebſte gewiß lauſchend begierig empfaͤngt. Zaudre, Luna, ſie kommt! damit ſie der Nachbar nicht ſehe; RNauſche Luͤftchen, im Laub! Niemand vernehme den Tritt. und ihr, wachſet und bluͤht, geliebte Lieder, und wie⸗ get Euch im leiſeſten Hauch lauer und liebender Luft, Und entdeckt den Quiriten, wie jene Rohre geſchwaͤtzig, Eines gluͤcklichen Paars ſchoͤnes Geheimniß zuletzt. Alexis und Dora. Ach! unaufhaltſam ſtrebet das Schiff mit jedem Mo⸗ mente Durch die ſchaͤumende Fluth weiter und weiter hin⸗ aus! Langhin furcht ſich die Gleiſe des Kiels, worin die Delphine Springend folgen, als floͤh' ihnen die Beute davon. Alles deutet auf gluͤckliche Fahrt: der ruhige Bootsmann Ruckt am Segel gelind, das ſich fuͤr alle bemuͤht; Vorwaͤrts dringt der Schiffenden Geiſt, wie Flaggen und Wimpel; Einer nur ſteht ruͤckwaͤrts traurig gewendet am Maſt, Sieht die Berge ſchon blau, die ſcheidenden, ſieht in das Meer ſie Niederſinken, es ſinkt jegliche Freude vor ihm. Auch dir iſt es verſchwunden, das Schiff, das deinen Alexis, Dir, o Dora, den Freund, ach! dir den Braͤutigam kaubt. Auch du blickeſt vergebens nach mir. Noch ſchlagen die Herzen Für einander, doch, ach! nun an einander nicht mehr. Einziger Augenblick, in welchem ich lebte! du wiegeſt Alle Tage, die ſonſt kalt mir verſchwindenden, auf. — 274— Ach! nur im Augenblick, im letzten, ſtieg mir ein Leben, Unvermuthet in dir, wie von den Goͤttern, herab. Nur umſonſt verklaͤrſt du mit deinem Lichte den Ae⸗ ther; Dein allleuchtender Tag, Phoͤbus, mir iſt er verhaßt. In mich ſelber kehr' ich zuruͤck; da will ich im Stillen Wiederholen die Zeit, als ſie mir taͤglich erſchien. War es moͤglich, die Schoͤnheit zu ſehn und nicht zu empfinden? Wirkte der himmliſche Reiz nicht auf dein ſtumpfes Gemuͤth? Klage dich, Armer, nicht an!— So legt der Dich⸗ ter ein Naͤthſel, Kuͤnſtlich mit Worten verſchraͤnkt, oft der Verſamm⸗ lung ins Ohr. Jeden freuet die ſeltne, der zierlichen Bilder Verknuͤ⸗ pfung; Aber noch fehlet das Wort, das die Bedeutung verwahrt. Iſt es endlich entdeckt, dann heitert ſich jedes Gemuͤth auf, Und erblickt im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn. Ach! warum ſo ſpät, o Amor, nahmiſt du die Binde, Die du um's Aug' mir geknuͤpft, nahmſt ſie zu ſpaͤt mir hinweg! Lange ſchon harrte befrachtet das Schiff auf guͤnſtige Luͤfte; Endlich ſtrebte der Wind, gluͤcklich, vom Ufer ins Meer. Leere Zeiten der Jugend, und leere Traͤume der Zu⸗ kunft! Ihr verſchwindet, es bleibt einzig die Stunde mir nur, —-- — — 275— Ja, ſie bleibt, es bleibt mir das Gluͤck! ich halte dich, Dora! Und die Hoffnung zeigt, Dora, dein Bild mir allein. Oefter ſah ich zum Tempel dich gehn, geſchmuͤckt und geſittet, Und das Muͤtterchen ging feierlich neben dir her. Eilig warſt du und friſch, zu Markte die Fruͤchte zu tragen; Und vom Brunnen, wie kuͤhn! wiegte dein Haupt das Gefaͤß. Da erſchien dein Hals, erſchien dein Nacken vor allen, Und vor allen erſchien deiner Bewegungen Maß. Oftmals hab' ich geſorgt, es moͤchte der Krug dir ent⸗ ſtuͤrzen; Doch, er hielt ſich ſtet auf dem geringelten Tuch. Schoͤne Nachbarin, ſo war ich gewohnt dich zu ſeben, Wie man die Sterne ſieht, wie man den Mond ſich beſchaut, Sich an ihnen erfreut, und innen im ruhigen Buſen Nicht der entfernteſte Wunſch, ſie zu beſitzen, ſich regt. Jahre, ſo gingt ihr dahin! Nur zwanzig Schritte ge⸗ trennet Waren die Haͤuſer, und nie hab' ich die Schwelle be⸗ ruͤhrt. Und nun trennt uns die graͤßliche Fluth! Du luͤgſt nur den Himmel, Welle! dein herrliches Blau iſt mir die Farbe der Nacht. Alles ruͤhrte ſich ſchon; da kam ein Knabe gelau⸗ fen An mein vaͤterlich Haus, rief mich zum Strande hinab. — 276— Schon erhebt ſich das Segel, es flattert im Winde: ſo ſprach er; Und gelichtet mit Kraft, trennt ſich der Anker vom Sand. Komm, Alexis, o komm! Da druͤckte der wackere Va⸗ ter, Wuͤrdig, die ſegnende Hand mir auf das lockige Haupt, Sorglich reichte die Mutter ein nachbereitetes Buͤndel: Gluͤcklich kehre zuruͤck! riefen ſie, gluͤcklich und reich! Und ſo ſprang ich hinweg, das Buͤndelchen unter dem Arme, An der Mauer hinab, fand an der Thuͤre dich ſtehn Deines Gartens. Du laͤchelteſt mir und ſagteſt: Alexis! Sind die Laͤrmenden dort deine Geſellen der Fahrt? Fremde Kuͤſten beſucheſt du nun, und koͤſtliche Waa⸗ ren Handelſt du ein, und Schmuck reichen Matronen der Stadt. Aber bringe mir auch ein leichtes Kettchen, ich will es Dankbar zahlen: ſo oft hab' ich die Zierde gewuͤnſcht! Stehen war ich geblieben, und fragte, nach Weiſe des Kaufmanns, Erſt nach Form und Gewicht deiner Beſtellung genau. Gar beſcheiden erwogſt du den Preis; da blickt' ich in⸗ * deſſen Nach dem Halſe, des Schmucks unſerer Koͤnigin werth. Heftiger toͤnte vom Schiff das Geſchrei; da ſagteſt du freundlich: Nimm aus dem Garten noch einige Fruͤchte mit dir! Nimm die reiſſten Orangen, die weißen Feigen; das Meer bringt Keine Fruͤchte, ſie bringt jegliches Land nicht hervor. Und ſo trat ich herein. Du brachſt nun die Fruͤchte ge⸗ ſchaͤftig, Und die goldene Laſt zog das geſchuͤrzte Gewand. Oefters bat ich: es ſey nun genug! und immer noch eine Schoͤnere Frucht ſiel dir, leiſe beruͤhrt, in die Hand. Endlich kamſt du zur Laube hinan; da fand ſich ein Koͤrbchen, Und die Myrte bog, bluͤhend, ſich uͤber uns hin. Schweigend beganneſt du unn, geſchickt die Fruͤchte zu ordnen: Erſt die Orange, die ſchwer ruht, als ein goldener Ball, Dann die weichliche Feige, die jeder Druck ſchon entſtellet, Und mit Myrte bedeckt ward, und geziert, das Ge⸗ ſchenk. Aber ich hob es nicht auf; ich ſtand. Wir ſahen ein⸗ ander In die Augen, und mir ward vor dem Auge ſo truͤb. Deinen Buſen fuͤhlt' ich an meinem! Den herrlichen Nacken, Ihn umſchlang nun mein Arm; tanſend Mahl kuͤßt' ich den Hals. Mir ſank uͤber die Schulter dein Haupt; nun knuͤpften auch deine Lieblichen Arme das Band um den Begluͤckten her⸗ um. Amors Haͤnde fuͤhlt' ich: er druͤckt' uns gewaltig zu⸗ ſammen, Und ans heiterer Luft donnert' es drei Mahl; da floß Haͤufig die Thraͤne vom Aug' mir herab, du weinteſt, ich weinte, Und vor Jammer und Gluͤck ſchien uns die Welt zu vergehn. Immer heftiger rief es am Strend; da wollten die Fuͤße Mich nicht tragen, ich rief: Dora! und biſt du nicht mein? Ewig! ſagteſt du leiſe. Da ſchienen unſere Thraͤnen, Wie durch goͤttliche Luft, leiſe vom Auge gehaucht. Naͤher rief es: Alexis! Da blickte der ſuchende Knabe Durch die Thuͤre herein. Wie er das Koͤrbchen em⸗ pfing! Wie er mich trieb! Wie ich dir die Hand noch druͤck⸗ te!— Zu Schiffe Wie ich gekommen? Ich weiß, daß ich ein Drunke⸗ ner ſchien.. Und ſo hielten mich auch die Geſellen, ſchonten den Kranken; Und ſchon deckte der Hauch trüber Entfernung die Stadk. Ewig! Dora, liſpelteſt du, mir ſchallt es im Ohre Mit dem Donner des Zevs! Stand ſie doch neben dem Thron, Seine Tochter, die Goͤttin der Liebe; die Grazien ſtan⸗ . den 3 Ihr zur Seiten! Er iſt goͤtterbekraͤftigt, der Bund O, ſo eile denn, Schiff, mit allen guͤnſtigen Win⸗ den! Strebe, maͤchtiger Kiel, trenne die ſchaͤumende Fluth! Bringt dem fremden Hafen mich zu, damit mir der Goldſchmid In der Werkſtatt gleich ordne das himmliſche Pfand. Wahrlich! zur Kette ſoll das Kettchen werden, o Dora! Neun Mahl umgebe ſie dir, locker getwunden, den Hals. Ferner ſchaff' ich noch Schmuck, den mannigfaltigſten; goldne Spangen ſollen dir auch reichlich verzieren die Hand: Da wetteifre Rubin und Smaragd, der liebliche Sap⸗ phir Stelle dem Hyacinth ſich gegen uͤber, und Gold Halte das Edelgeſtein in ſchöner Verbindung zuſammen. O, wie den Braͤutigam freut, einzig zu ſchmuͤcken die Braut! Seh' ich Perlen, ſo denk' ich an dich; bei jeglichem Ringe Kommt mir der laͤnglichen Hand ſchoͤnes Gebild' in den Sinn. Tauſchen will ich und kaufen; du ſollſt das Schoͤnſte von allem Waͤhlen; ich widmete gern alle die Ladung nur dir. Doch nicht Schmuck und Juwelen allein verſchafft dein Geliebter; Was ein haͤusliches Weib freuet, das bringt er dir auch. Feine wollene Decken, mit Purpurſaͤumen, ein Lager Zu bereiten, das uns traulich und weichlich empfaͤngt; Köſtlicher Leinwand Stuͤcke Du ſitzeſt und naͤheſt und kleideſt Mich und dich und auch wohl noch ein Drittes dar⸗ ein. Bilder der Hoffnung, taͤuſchet mein Herz! O maͤßiget, Goͤtter, Dieſen gewaltigen Brand, der mir den Buſen durch⸗ tobt! Aber auch ſie verlaug' ich zuruͤck, die ſchmerzliche Frende, — 280— Wenn die Sorge ſich kalt, graͤßlich gelaſſen, mir naht. Nicht der Erinnyen Fackel, das Bellen der hoͤlliſchen Hunde Schreckt den Verbrecher ſo, in der Verzweiflung Gefilde, Als das gelaſſ'ne Geſpenſt mich ſchreckt, das die Schoͤne Hooon fern mir Zeiget: die Thuͤre ſteht wirklich des Gartens noch auf! Und ein Anderer kommt! Fuͤr ihn auch fallen die Fruͤchte! 3 Und die Feige gewaͤhrt ſtaͤrkenden Honig auch ihm! Lockt ſie auch ihn nach der Lanbe? und folgt er? O, macht mich, ihr Goͤtter, Blind, verwiſchet das Bild jeder Erinn'rung in mir! Ja, ein Maͤdchen iſt ſie! und die ſich geſchwinde dem . Einen. Gibt, ſie kehret ſich auch ſchnell zu dem Andern her⸗ . um. Lache nicht dieß Mahl, Zevs, der frech gebrochenen Schwuͤre! Donnere ſchrecklicher! triff!— Halte die Blitze zu⸗ ruͤck! Sende die ſchwankenden Wolken mir nach! Im naͤcht⸗ lichen Dunkel Treffe dein leuchtender Blitz dieſen ungluͤcklichen 3 Maſt! 3 Streue die Planken umher, und gib der tobenden Welle Dieſe Waaren, und mich gib den Delphinen zum RNaub.:— Nun, ihr Muſen, genug! Vergebens ſtrebt ihr zu ſchildern, — 281.— Wie ſich Jammer und Gluͤck wechſeln in liebender Bruſt. Heilen koͤnnet die Wunden ihr nicht, die Amor geſchla⸗ 3 gen; Aber Lindrung kommt einzig, ihr Guten, von euch. Der neue Pauſias und ſein Blumenmädchen. Pauſias von Sicyon, der Mahler, war als Jüngling in Glyceren, ſeine Mitbürgerin, verliebt, welche Blumenkränze zu winden, einen ſehr erfinderiſchen Geiſt hatte. Sie wettei⸗ ferten mit einander, und er brachte die Nachahmung der Blu⸗ men zur größten Mannigfaltigkeit. Endlich mahlte er ſeine Ge⸗ liebte, ſitzend, mit einem Kranze beſchäftigt. Dieſes Bild wurde für eins ſeiner beſten gehalten, und die Kranzwinderin oder Kranzhändlerin genannt, weil Glycere ſich auf dieſe Weiſe als ein armes Mäschen ernährt hatte. Lucius Lucullus kaufte eine Copie in Athen für zwei Talente. Plinius B. XXXV. C. Xl. Sie. Schuͤtte die Blumen nur her, zu meinen Fuͤßen und deinen! Welch ein chaotiſches Bild holder Verwirrung du ſtreuſt! E r. Du erſcheineſt als Liebe, die Elemente zu knuͤpfen; Wie du ſie bindeſt, ſo wird nun erſt ein Leben dar⸗ aus. 24 — 282— Sie. Sanft beruͤhre die Roſe, ſie bleib' im Koͤrbchen ver⸗ borgen. Wo ich dich finde, mein Freund, öffentlich reich' ich ſie dir. Er. und ich thu', als kennt' ich dich nicht, und danke dir freundlich; Aber dem Gegengeſchenk weichet die Geberin aus. Sie. Reiche die Hyacinthe mir nun, und reiche die Nelke, Daß die fruͤhe zugleich neben der ſpaͤteren ſey. Er. Laß im blumigen Kreiſe zu deinen Fuͤßen mich ſitzen, Und ich fuͤlle den Schooß dir mit der lieblichen Schaar. Sie. Reiche den Faden mir erſt; dann ſollen die Gartenver⸗ wandten Die ſich von ferne nur ſahn, neben einander ſich freun. Er. Was bewundr' ich zuerſt? was zuletzt? die herrlichen Blumen? Oder der Finger Geſchick? oder der Waͤhlerin Geiſt? Sie. Gib auch Blaͤtter, den Glanz der blendenden Blumen zu mildern; Auch das Leben Velane runige Blaͤtter im Kranz. Sage, was waͤhlſt du ſü fangt bei dieſem Strauße? EGeyiß iſt Dieſer jemand geweiht, den du beſonders bedenkſt. 4 3 4 . — 283— Sie. Hundert Straͤuße vertheil ich des Tags, und Kraͤnze die Menge; Aber den ſchoͤnſten doch bring' ich am Abende dir. Er. Ach! wie waͤre der Mahler begluͤckt, der dieſe Gewinde Mahlte, das blumige Feld, ach! und die Goͤttin zuerſt. Sie. Aber doch maͤßig begluͤckt iſt der, mich duͤnkt, der am Boden Hier ſitzt, dem ich den Kuß reichend noch gluͤcklicher bin. Er. Ach! Geliebte, noch einen! die neidiſchen Luͤfte des Morgens Nahmen den erſten ſogleich mir von den Lippen hin⸗ weg. Sie. Wie der Fruͤhling die Blumen mir gibt, ſo geb' ich die Kuͤſſe Gern dem Geliebten; und hier ſey mit dem Kuſſe der Kranz! Er. Haͤtt' ich das hohe Talent des Pauſias gluͤcklich em⸗ pfangen: Nachzubilden den Kranz, waͤr' ein Geſchaͤfte des Tags! Sie. Schoͤn iſt er wirklich. Sieh ihn nur an! Es wechſeln die ſchoͤnſten Kinder Florens um ihn, bunt und gefaͤllig, den Tanz. — 284— Er. In die Kelche verſinkt' ich mich dann, und erſchoͤpfte den ſuͤßen Zauber, den die Natur uͤber die Kronen ergoß. Sie. Und ſo faͤnd' ich am Abend noch friſch den gebundenen . Kranz hier; Unverwelklich ſpraͤch' uns von der Tafel er an. Er. Ach, wie fuͤhl' ich mich arm und unvermoͤgend! wie wuͤnſcht' ich Feſt zu halten das Gluͤck, das mir die Augen verſengt. Sie. Unzufriedner Mann! Du biſt ein Dichter, und neideſt Jenes Alten Talent? Brauche das deinige doch! Er. Und erreicht wohl der Dichter den Schmelz der farbi⸗ gen Blumen? Neben deiner Geſtalt bleibt nur ein Schatten ſein Wort! Sie. Aber vermag der Mahler wohl auszudruͤcken: ich liebe! Nur dich lieb' ich, mein Freund! lebe fuͤr dich nur allein! Er. Ach! und der Dichter ſelbſt vermag nicht zu ſagen: ich liebe! Wie du, himmliſches Kind, ſuͤß mir es ſchmeichelſt 4 8 ins Ohr. Sie. Viel vermoͤgen ſie Beide; doch bleibt die Sprache des Kuſſes, Mit der Sprache des Blicks, nur den Verliebten ge⸗ ſchenkt. Er. Du vereinigeſt alles; du dichteſt und mahleſt mit Blu⸗ men: Florens Kinder ſind dir Farben und Worte zugleich. Sie. Nur ein vergaͤngliches Werk entwindet der Hand ſich des Maͤdchens Jeden Morgen; die Pracht welkt vor dem Abende ſchon. . Er. Auch ſo geben die Goͤtter vergaͤngliche Gaben, und locken Mit erneutem Geſchenk immer die Sterblichen an. Sie. Hat dir doch kein Strauß, kein Kranz des Tages gefehlet, Seit dem erſten, der dich mir ſo von Herzen verband. Er. Ja, noch haͤngt er zu Hauſe, der erſte Kranz, in der Kammer, Welchen du mir, den Schmaus lieblich umwandelnd, gereicht. Si e. Da ich den Becher dir kraͤnzte, die Roſenknoſpe hinein fiel, 4 und du trankeſt, und riefſt: Maͤdchen, die Blumen ſind Gift! — 286— Er. Und dagegen du ſagteſt: ſie ſind voll Honig, die Blu⸗ men; Aber die Biene nur findet die Suͤßigkeit aus. Sie. Und der rohe Timanth ergriff mich, und ſagte: die Hummeln Forſchen des herrlichen Kelchs ſuͤße Geheimniſſe wohl? Er. Und du wandteſt dich weg, und wollteſt fliehen, es ſtuͤrzten, Vor dem taͤppiſchen Mann, Koͤrbchen und Blumen hinab. Sie. Und du riefſt ihm gebietend: das Maͤdchen laß nur! die Straͤuße, So wie das Maͤdchen ſelbſt, ſind fuͤr den feineren Sinn. Er. Aber feſter hielt er dich nur; es grinſ'te der Lacher⸗ Und dein Kleid zerriß oben vom Nacken herab. Sie. Und du warſſt in begeiſterter Wuth den Becher hinuͤber, Daß er am Schedel ihm, haͤßlich vergoſſen, erklang. Er. Wein und Zorn verblendeten mich; doch ſah ich den weißen Nacken, die herrliche Bruſt, die du bedeckteſt, im Blick. Sie. Welch ein Getuͤmmel ward und ein Aufſtand! Purpurn das Blut lief⸗ — 287— Mit dem Weine vermiſcht, graͤulich dem Geguer vom Haupt. Er. Dich nur ſah ich, nur dich am Boden kniend, verdrieß⸗ lich; Mit der einen Hand hieltſt das Gewand du hinauf. Sie. Ach da flogen die Teller nach dir! Ich ſorgte, den edeln Fremdling traͤfe der Wurf kreiſend geſchlungnen Me⸗ talls. Er. Und doch ſah ich nur Dich, wie raſch mit der andern Hand du Koͤrbchen, Blumen und Kranz ſammelteſt unter dem Stuhl. Sie. Schuͤtzend trateſt du vor, daß nicht mich verletzte der Zufall, Oder der zornige Wirth, weil ich das Mahl ihm ge⸗ ſtoͤrt. Er. Ja, ich erinn're mich noch: ich nahm den Teppich, wie einer, Der auf dem linken Arm gegen den Stier ihn bewegt. Sie. Ruhe gebot der Wirth und ſinnige Freunde. Da ſchluͤpft' ich Sachte hinaus; nach dir wendet' ich immer den Blick. Fr.. Ach, du warſt mir verſchwunden! Vergebens ſucht ich in allen — 288— Winkeln des Hauſes herum; ſo wie auf Straßen und Markt. Sie. Schamhaft blieb ich verborgen. Das unbeſcholtene Maͤdchen, Sonſt von den Buͤrgern geliebt, war nun das Maͤhr⸗ chen des Tags. Er. Blumen ſah ich genug und Straͤuße, Kraͤnze die Menge; Aber du fehlteſt mir, aber du fehlteſt der Stadt. Sie. Stille ſaß ich zu Hauſe. Da blaͤtterte los ſich vom Zweige Manche Roſe, ſo auch dorrte die Nelke dahin. Er. Mancher Juͤngling ſyrach auf dem Platz: da liegen die Blumen! 3 Aber die Liebliche fehlt, die ſie verbaͤnde zum Kranz. Sie. Kraͤnze band ich indeſſen zu Hauſ', und ließ ſie ver⸗ welken. Siehſt du? da hangen ſie noch, neben dem Herde, fuͤr dich. E r. Auch ſo welkte der Kranz, dein erſtes Geſchenk! Ich 3 vergaß nicht Ihn im Getuͤmmel, ich hing neben dem Bett mir ihn auf. Sie. Abends betrachtet ich mir die welkenden, ſaß noch und weinte, — 289— Bis in der dunkelen Nacht Farbe nach Farbe ver⸗ loſch. Er. 3 Irrend ging ich umher, und fragte nach deiner Behau⸗ ſung; Keiner der Eitelſten ſelbſt konnte mir geben Beſcheid. Sie. Keiner hat je mich beſucht, und keiner weiß die ent⸗ legne Wohnung; die Groͤße der Stadt birget die Aermere leicht. Er. Irrend lief ich umher, und flehte zur ſpaͤhenden Sonne: Zeige mir, maͤchtiger Gott, wo du im Winkel ihr ſcheinſt! Sie. Große Goͤtter hoͤrten dich nicht; doch Penia hoͤrt' es. Endlich trieb die Noth nach dem Gewerbe mich aus. Er. Trieb nicht noch dich ein anderer Gott, den Beſchuͤtzer zu ſuchen? Hatte nicht Amor fuͤr uns wechſelnde Pfeile getauſcht? Sie. Spaͤhend ſucht' ich dich auf bei vollem Markt, und ich ſah dich! Er. Und es hielt das Gedraͤng' keines der Liebenden auf⸗ Sie.. Schneil wir theilten das Volk, wir kamen zuſammen, du ſtandeſt, Goethe's Ged. 25 — 290— Er. Und du ſtandeſt vor mir, ja! und wir waren allein. 3 Sie. Mitten unter den Menſchen! ſie ſchienen nur Straͤu⸗ cher und Baͤume, Er. und mir ſchien ihr Getoͤſ' nur ein Gerieſel des Quells. Sie. Immer allein ſind Liebende ſich in der groͤßten Ver⸗ ſammlung; Aber ſind ſie zu Zwei'n, ſtellt auch der Dritte ſich ein. Er. Amor, jal er ſchmuͤckt ſich mit dieſen herrlichen Kraͤn⸗ zen. Schuͤtte die Blumen nun doch fort, aus dem Schooße den Reſt! Sie. Nun, ich ſchuͤttle ſie weg, die ſchoͤnen. In deiner Umarmung, Lieber, geht mir auch heut wieder die Sonne nur auf. — Suphroſyne. Auch von des hoͤchſten Gebirgs beeiſ ten zackigen Gipfeln Schwindet Purpur und Glanz ſcheidender Sonne hinweg. Lange verhullt ſchon Nacht das Thal und die Pfade des 4 Wand'rers, Der, am toſenden Strom, auf zu der Huͤtte ſich ſehnt⸗ Zu dem Ziele des Tags, der ſtillen hirtlichen Wohnung; Und der goͤttliche Schlaf eilet gefaͤllig voraus, — 291— Dieſer holde Geſelle des Reiſenden. Daß er auch heute, Segnend, kraͤnze das Haupt mir mit dem heiligen Mohn! Aber was leuchtet mir dort vom Felſen glaͤnzend her⸗ uͤber, Und erhellet den Duft ſchaͤumender Stroͤme ſo hold? Strahlt die Sonne vielleicht durch heimliche Spalten und Kluͤfte? Denn kein irdiſcher Glanz iſt es, der wandelnde, dort. Naͤher waͤlzt ſich die Wolke, ſie gluͤht. Ich ſtaune dem Wunder! Wird der roſige Strahl nicht ein bewegtes Gebild? Welche Goͤttin nahet ſich mir, und welche der Muſen Suchet den treuen Freund, ſelbſt in dem krauſen 5 Gekluͤft? Schoͤne Goͤttin! enthuͤlle dich mir, und ꝛaͤuſche, ver⸗ . ſchwindend, Nicht den begeiſterten Sinn, nicht das geruͤhrte Ge⸗ muͤth. Nenne, wenn du es darfſt vor einem Sterblichen, dei⸗ nen Goͤttlichen Namen; wo nicht: rege bedeutſam mich auf, Daß ich fuͤhle, welche du ſeyſt von den ewigen Toͤch⸗ tern Zevs, und der Dichter ſogleich preiſe dich wuͤrdig im Lied. „Kennſt du mich, Guter, nicht mehr? Und kaͤme dieſe Geſtalt dir, Die du doch ſonſt geliebt, ſchon als ein fremdes Ge⸗ bild? Zwar der Erde gehoͤr' ich nicht mehr, und trauernd entſchwang ſich 25*† — 292— Schon der ſchauernde Geiſt jugendlich frohem Genuß; Aber ich hoffte, mein Bild noch feſt in des Freundes Erinn'rung Eingeſchrieben, und noch ſchoͤn durch die Liebe ver⸗ klaͤrt. Ja, ſchon ſagt mir geruͤhrt dein Blick, mir ſagt es die Thraͤne: Euphroſyne, ſie iſt noch von dem Freunde gekannt. Sieh, die Scheidende zieht durch Wald und grauſes Gebikge, Sucht den wandernden Mann, ach! in der Ferne noch auf; Sucht den Lehrer, den Freund, den Vater, blicket noch ein Mahl Nach dem leichten Geruͤſt irdiſcher Freuden zuruͤck. Laß mich der Tage gedenken, da mich, das Kind, du dem Spiele Fener taͤuſchenden Kunſt reizender Muſen geweiht. Laß mich der Stunde gedenken, und jedes kleineren Umſtands. Ach! wer euft nicht ſo gern Unwiederbringliches an! Fenes ſuͤße Gedraͤnge der leichteſten irdiſchen Tage, Ach, wer ſchaͤtzt ihn geuug, dieſen vereilenden Werth! Klein erſcheinet es unn, doch ach! nicht kleinlich dem Herzen; Macht die Liebe, die Kunſt, jegliches Kleine doch groß! Denkſt du der Stunde noch wohl, wie, auf dem Bre⸗ tergeruͤſte, Du mich der hoͤheren Kunſt ernſtere Stufen ge⸗ fuͤhrt? Knabe ſchien ich, ein ruͤhrendes Kind, du nanntef mich Arthur, und belebteſt in mir Brittiſches Dichtergebild, Drohteſt mit grimmiger Gluth den armen Augen, und wandteſt Selbſt den thraͤnenden Blick, innig getaͤuſchet, hinweg. Ach! da warſt du ſo hold, und ſchuͤtzteſt ein trauriges Leben, Das die verwegene Flucht endlich dem Knaben entriß. Freundlich faßteſt du mich, den Zerſchmetterten, trugſt mich von dannen, Und ich heuchelte lang', dir an dem Buſen, den Tod. Endlich ſchlug die Augen ich auf, und ſah dich, in ernſte, Stille Betrachtung verſenkt, uͤber den Liebling ge⸗ neigt. Kindlich ſtrebt' ich empor, und kuͤßte die Haͤnde dir dankbar, Reichte, zum reinen Kuß, dir den gefaͤlligen Mund. Fragte: warum, mein Vater, ſo ernſt? und hab' ich gefehlet, Ol ſo zeige mir an, wie mir das Beſſ're gelingt. Keine Muͤhe verdrießt mich bei dir, und alles und jedes Wiederhol' ich ſo gern, wenn du mich leiteſt und lehrſt. Aber du faßteſt mich ſtark, und druͤckteſt mich feſter im Arme, Und es ſchauderte mir tief in dem Buſen das Herz. Nein! mein liebliches Kind, ſo riefſt du, alles und jedes, Wie du es heute gezeigt, zeig' es auch morgen der Stadt. Ruͤhre ſie alle, wie mich du geruͤhrt, und es fließen, zum Beifall, Dir von dem trockenſten Aug' herrliche Thraͤnen herab. Aber am tiefſten trafſt du doch mich, den Freund, der im Arm dich Haͤlt, den ſelber der Schein fruͤherer Leiche geſchreckt. Ach, Natur, wie ſicher und groß in allem erſcheinſt du! Himmel und Erde befolgt ewiges, feſtes Geſetz. Jahre folgen auf Jahre, dem Fruͤhlinge reichet der Sommer, Und dem reichlichen Herbſt traulich der Winter die Hand. Felſen ſtehen gegruͤndet, es ſtuͤrzt ſich das ewige Waſſer, Aus der bewoͤlkten Kluft, ſchaͤumend und branſend hinab. Fichten gruͤnen ſo fort, und ſelbſt die entlaubten Ge⸗ buͤſche Hegen, im Winter ſchon, heimliche Knoſpen am Zweig. Alles eutſteht und vergeht nach Geſetz; doch uͤber des Menſchen Leben, den köſtlichen Schatz, herrſchet ein ſchwan⸗ kendes Loos. Nicht dem bluͤhenden nickt der willig ſcheidende Vater, Seinem trefflichen Sohn, freundlich vom Rande der Gruft; Nicht der Juͤngere ſchließt dem Aelteren immer das Auge, Das ſich willig geſenkt, kraͤftig dem Schwaͤcheren zu. 1 Defter, ach! verkehrt das Geſchick die Ordnung der Tage; Huͤlflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umſonſt⸗ Steht, ein beſchaͤdigter Stamm, dem rings zerſchmet⸗ terte Zweige um die Seiten umher ſtromende Schloſſen geſtreckt. und ſo, liebliches Kind, durchdrang mich die tiefe Betrachtung, Als du zur Leiche verſtellt uͤber die Arme mir hingſt; Aber freudig ſeh' ich dich mir, in dem Glanze der Jugend, Vielgeliebtes Geſchoͤpf, wieder am Herzen belebt. Springe froͤhlich dahin, verſtellter Knabe! das Maͤd⸗ chen Waͤchst zur Freude der Welt, mir zum Entzuͤcken heran. Immer ſtrebe ſo fort, und deine natuͤrlichen Ga⸗ ben Bilde, bei jeglichem Schritt ſteigenden Lebens, die Kunſt. Sey mir lange zur Luſt, und eh' mein Auge ſich ſchließet, Wuͤnſch' ich dein ſchoͤnes Talent gluͤcklich vollendet zu ſehn.— Alſo ſprachſt du, und nie vergaß ich der wichtigen Stunde! Deutend entwickelt' ich mich an dem erhabenen 4 Wort. O, wie ſprach ich ſo gerne zum Volk die ruͤhrenden Reden, Die du, voller Gehalt, kindlichen Lippen vertraut! O, wie bildet' ich mich an deinen Angen, und ſuchte Dich im tiefen Gedraͤng ſtaunender Hoͤrer heraus! Doch dort wirſt du nun ſeyn, und ſtehn, und nimmer bewegt ſich Euphroſyne hervor, dir zu erheitern den Blick. Du vernimmſt ſie nicht mehr, die Toͤne des wachſen⸗ den Zoͤglings, — 296— Die du zu liebendem Schmerz fruͤhe, ſo fruͤhe! ge⸗ ſtimmt. Andere kommen und gehn; es werden dir Andre ge⸗ fallen, Selbſt dem großen Talent draͤngt ſich ein groͤßeres nach. Aber du, vergeſſe mich nicht! Wenn eine dir jemals Sich im verworr'nen Geſchaͤft heiter entgegen bewegt; Deinem Winke ſich fuͤgt, an deinem Laͤcheln ſich freuet, Und am Platze ſich nur, den du beſtimmteſt, gefaͤllt; Wenn ſie Muͤhe nicht ſpart noch Fleiß, wenn thaͤtig der Kraͤfte, Selbſt bis zur Pforte des Grabs, freudiges Opfer ſie bringt; Guter! dann gedenkeſt du mein, und rufeſt auch ſpaͤt noch: Euphroſyne, ſie iſt wieder erſtanden vor mir! Vieles ſagt' ich noch gern; doch, ach! die Scheidende weilt nicht, Wie ſie wollte, mich fuͤhrt ſtreng ein gebietender Gott. Lebe wohl! ſchon zieht mich's dahin in ſchwankendem Eilen. Einen Wunſch nur vernimm, freundlich gewaͤhre mir ihn: Laß nicht ungeruͤhmt mich zu den Schatten hinab gehn! Nur die Muſe gewaͤhrt einiges Leben dem Tod. Denn geſtaltlos ſchibeben umher in Perſefoneja's Reiche, maſſenweiſt, Schatten vom Namen ge⸗ trennt; Wen der Dichter aber geruͤhmt, der wandelt, geſtal⸗ tet, Einzeln, geſellet dem Chor aller Heroen ſich zu. — 297— Freudig tret' ich einher, von deinem Liede verkuͤn⸗ det., Und der Goͤttin Blick weilet gefaͤllig auf mir. Mild empfaͤngt ſie mich dann, und nennt mich; es winken die hohen Goͤttlichen Frauen mich an, immer die naͤchſten am Thron. Penelopeja redet zu mir, die treuſte der Weiber, Auch Evadne, gelehnt auf den geliebten Gemahl. Juͤngere nahen ſich dann, zu fruͤh herunter Geſandte, Und beklagen mit mir unſer gemeines Geſchick. Wenn Antigone kommt, die ſchweſterlichſte der Seelen, Und Polyxena, truͤb' noch von dem braͤutlichen Tod, Seh' ich als Schweſtern ſie an, und trete wuͤrdig zu ihnen; Denn der tragiſchen Kunſt holde Geſchoͤpfe ſind ſie. Bildete doch ein Dichter auch mich; und ſeine Ge⸗ ſaͤnge, Ja, ſie vollenden an mir, was mir das Leben ver⸗ ſagt.“ Alſo ſprach ſie, und noch bewegte der liebliche Mund ſich, Weiter zu reden; allein ſchwirrend verſagte der Ton. Denn aus dem Purpurgewoͤlk, dem ſchwebenden, immer bewegten, Trat der herrliche Gott, Hermes, gelaſſen hervor, Mild erhob er den Stab und dentete; wallend ver⸗ ſchlangen Wachſende Wolken, im Bug, beide Geſtalten vor mir. Tiefer liegt die Nacht um mich her; die ſtuͤrzenden Waſſer Brauſen gewaltiger nun neben dem ſchluͤpfrigen Pfad. unbezwingliche Trauer befaͤllt mich, entkraͤftender Jam⸗ mer, Und ein mooſiger Fels ſtuͤtzet den Sinkenden nur. Wehmuth reißt durch die Saiten, der Bruſt; die naͤebt⸗ 1 lichen Thraͤnen Fließen, und uͤber dem Wald kuͤndet der Morgen ſich an. Das Wie derſehen. 3 Er. Suͤße Freundin, noch Einen, nur Einen Kuß noch gewaͤhre Dieſen Lippen! Warum biſt du mir heute ſo karg? Geſtern bluͤhte, wie hente, der Baum; wir wechſelten Kuͤſſe Tauſendfaͤltig; dem Schwarm Bienen verglichſt du ſie ja, Wie ſie den Bluͤthen ſich nah'n und ſaugen, ſchweben und wieder Saugen, und lieblicher Ton ſuͤßen Genuſſes er⸗ ſchallt. Alle noch uͤben das holde Geſchaͤft. Und waͤre der Fruͤhling Uns voruͤber geftohn, eh' ſich die Bluͤthe zerſtreut? Sie. Traͤume, lieblicher Freund, nur immer! rede von 1 geſtern! 3 Gerne hoͤr' ich dich an, druͤcke dich redlich ans Herz. Geſtern, ſagſt du?— Es war, ich weiß, ein koͤſtliches Geſtern; Worte verklangen im Wort, Kuͤſſe verdraͤngten den Kuß. — 299— Schmerzlich war's zu ſcheiden am Abende, traurig die lange Nacht von geſtern auf heut, die den Getrennten ge⸗ bot. Doch der Morgen kehret zuruͤck. Ach! daß mir indeſſen Zehn Mahl, leider! der Baum Bluͤthen und Fruͤchte gebracht! Amynt a 3. Nikias, trefflicher Mann, du Arzt des Leibs und der Seele! Krank! ich bin es fuͤrwahr; aber dein Mittel iſt hart. Ach! mir ſchwanden die Kraͤfte dahin, dem Rathe zu folgen; Ja, und es ſcheinet der Freund ſchon mir ein Geg⸗ ner zu ſeyn. Widerlegen kann ich dich nicht: ich ſage mir alles, Sage das haͤrtere Wort, das du verſchweigeſt, mir auch. Aber, ach! das Waſſer eutſtuͤrzt der Steile des Felſens Raſch, und die Welle des Bachs halten Geſaͤnge nicht auf. Raſ't nicht unaufhaltſam der Sturm? und waͤlzet die Sonne Sich, von dem Gipfel des Tags, nicht in die Wel⸗ len hinab? und ſo ſpricht mir rings die Natur: ach du biſt, Amyntas, unter das ſtrenge Geſetz ehrner Gewalten gebeugt. — 300— Runzle die Stirne nicht tiefer, mein Freund, und hoͤre gefäͤllig, Was mich geſtern ein Baum, dort an dem Bache, gelehrt. Wenig Aepfel traͤgt er mir nur, der ſonſt ſo be⸗ ladne;. Sieh, der Ephen iſt Schuld, der ihn gewaltig umgibt. und ich faßte das Meſſer, das krummgebogene, ſcharfe⸗ Trenute ſchneidend, und riß Ranke nach Ranken herab; Aber ich ſchauderte gleich, als, tief erſeufzend und klaͤglich, Aus den Wipfeln zu mir liſpelnde Klage ſich goß. O, verletze mich nicht! den treuen Gartengenoſſen, Dem du, als Knabe, ſo fruͤh, manche Genuͤſſe ver⸗ dankt. O, verletze mich nicht! du reißeſt mit dieſem Ge⸗ flechte, Das du gewaltig zerſtoͤrſt, grauſam das Leben mir aus. Hab' ich nicht ſelbſt ſie genaͤhrt, und ſanft ſie herauf mir erzogen? Iſt, wie mein eigenes Laub, nicht mir das ihre ver⸗ wandt? Soll ich nicht lieben die Pflanze, die, meiner einzig beduͤrſtig, Still, mit begieriger Kraſt, mir um die Seite ſich ſchlingt? Tauſend Ranken wurzelten an, mit tauſend und tau⸗ ſend Faſern ſenket ſie feſt mir in das Leben ſich ein. — 301— Nahrung nimmt ſie von mir; was ich beduͤrfte, ge⸗ nießt ſie. und ſo ſaugt ſie das Mark, ſauget die Seele mir aus. Nur vergebens naͤhr' ich mich noch; die gewaltige Wurzel Sendet lebendigen Safts, ach! nur die Haͤlfte hin⸗ auf. Denn der gefaͤhrliche Gaſt, der geliebteſte, maßet be⸗ hende Unter Weges die Kraft herbſtlicher Fruͤchte ſich an. Nichts gelangt zur Krone hinauf; die aͤußerſten Wipfel Dorren, es dorret der Aſ uͤber dem Bache ſchon hin. Ja, die Verraͤtherin iſts! ſie ſchmeichelt mir Leben und Guͤter, Schmeichelt die ſtrebende Kraft, ſchmeichelt die Hoff⸗ nung mir ab. Sie nur fuͤhl' ich, nur ſie, die umſchlingende, freue der Feſſeln, Freue des toͤdtenden Schmucks, fremder Umlaubung mich nur. Halte das Meſſer zuruͤck! o Nikias, ſchone den Armen, Der ſich in liebender Luſt, willig gezwungen, ver⸗ zehrt! Suͤß iſt jede Verſchwendung; o, laß mich der ſchoͤnſten genießen! Wer ſich der Liebe vertraut, haͤlt er ſein Leben zu Rath? — 302— Die Metamorphoſe der Pflanzen. Dich verwirret, Geliebte, die tauſendfaͤltige Miſchung Dieſes Blumengewuͤhls uͤber den Garten umher; Viele Namen hoͤreſt dn an, und immer verdraͤn⸗ get, Mit barbariſchem Klang, einer den andern im Ohr. Alle Geſtalten ſind aͤhnlich, und keine gleichet der an⸗ dern; Und ſo deutet das Chor auf ein geheimes Geſetz, Auf ein heiliges Naͤthſel. O, koͤnnt' ich dir, liebliche Freundin, Ueberliefern ſogleich gluͤcklich das loͤſende Wort! Werdend betrachte ſie nun, wie nach und nach ſich die 4 Pflanze, Stufenweiſe gefuͤhrt, bildet zu Bluͤthen und Frucht. Aus dem Samen entwickelt ſie ſich, ſo bald ihn der . Erde Stille befruchtender Schooß hold in das Leben ent⸗ laͤßt, Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig beweg⸗ ten, Gleich den zaͤrteſten Bau keimender Blaͤtter em⸗ pfiehlt. Einfach ſchlief in dem Samen die Kraft; ein beginnen⸗ des Vorbild Lag, verſchloſſen in ſich, unter die Huͤlle gebeugt, Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos; Trocken erhaͤlt ſo der Kern ruhiges Leben bewahrt, Quillet ſtrebend empor, ſich milder Feuchte vertrau⸗ end, Und erhebt ſich ſogleich aus der umgebenden Nacht. — 3038— Aber einfach bleibt die Geſtalt der erſten Erſcheinung; Und ſo bezeichnet ſich auch unter den Pflanzen das Kind. Gleich darauf ein folgender Trieb, ſich erhebend, er⸗ neuet, Knoten auf Knoten gethuͤrmt, immer das erſte Ge⸗ bild. Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig er⸗ zeugt ſich, Ausgebildet, du ſiehſt's, immer das folgende Blatt, Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Theile, Die verwachſen vorher ruhten im untern Organ, Und ſo erreicht es zuerſt die hoͤchſt beſtimmte Vollen⸗ dung, Die bei manchem Geſchlecht dich zum Erſtaunen be⸗ wegt. Viel geripyt und gezackt, auf maſtig ſtrotzender Flaͤche, Scheinet die Fuͤlle des Triebs frei und unendlich zu ſeyn. Doch hier haͤlt die Natur, mit maͤchtigen Haͤnden, die Bildung An, und lenket ſie ſanft in das Vollkommnere hin. Maͤßiger leitet ſie nun den Saft, verengt die Ge⸗ fäße, Und gleich zeigt die Geſtalt zaͤrtere Wirkungen an. Stille zieht ſich der Trieb der ſtrebenden Raͤnder zu⸗ ruͤcke, Und die Rippe des Stiels bildet ſich voͤlliger aus. Blattlos aber und ſchnell erhebe ſich der zaͤrtere Sten⸗ gel, Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an. — 304— Rings im Kreiſe ſtellet ſich nun, gezaͤhlet und ohne Zahl, das kleinere Blatt neben dem aͤhnlichen hin. Um die Achſe gedraͤngt, entſcheidet der bergende Kelch ſich, Der zur hoͤchſten Geſtalt farbige Kronen entlaͤßt. Alſo prangt die Natur in hoher, voller Erſchei⸗ nung, Und ſie zeiget, gereizt, Glieder an Glieder geſtuft. Immer erſtaunſt du aufs neue, ſo bald ſich am Sten⸗ gel die Blume Ueber dem ſchlanken Geruͤſt wechſelnder Baͤtter be⸗ wegt. Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkuͤn⸗ dung. Ja, das farbige Blatt fuͤhlet die goͤttliche Hand. Und zuſammen zieht es ſich ſchnell; die zaͤrteſten For⸗ men, Zwiefach ſireben ſie vor, ſich zu vereinen beſtimmt. Traulich ſtehen ſie nun, die holden Paare, beiſam⸗ men, Zahlreich ordnen ſie ſich um den geweihten Altar. Hymen ſchwebet herbei, und herrliche Duͤfte, gewal⸗ tig, Stroͤmen ſuͤßen Geruch, alles belebend, umher. Nun vereinzelt ſchwellen ſogleich unzaͤhlige Keime, Hold in den Mutterſchooß ſchwellender Fruͤchte ge⸗ huͤllt. und hier ſchließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; Doch ein neuer ſogleich faſſet den vorigen an,⸗ Daß die Kette ſich fort durch alle Zeiten verlaͤnge, Und das Ganze belebt, ſo wie das Einzelne, ſey⸗ — 305— Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Ge⸗ wimmel, Das verwirkend nicht mehr ſich vor dem Geiſte be⸗ wegt. Jede Pflanze verkuͤndet dir nun die ew'gen Geſetze, Jede Blume, ſie ſpricht lauter und lauter mit dir. Aber entzifferſt du hier der Goͤttin heilige Lettern, Ueberall ſiehſt dn ſie dann, auch in veraͤndertem Zug. Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile ge⸗ ſchaͤftig⸗ Bildſam aͤndre der Menſch ſelbſt die beſtimmte Ge⸗ ſtalt. O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Be⸗ kanntſchaft Nach und nach in uns holde Gewohnheit entſproß, Freundſchaft ſich mit Macht in unſerm Buſen ent⸗ huͤllte, Und wie Amor zuletzt Bluͤthen und Fruͤchte gezeugt. Denk⸗, wie mannigfach bald die, bald jene Ge⸗ ſtalten, Stil entfaltend, Natur unſern Gefuͤhlen geliehn! Freue dich auch des hentigen Tags! Die heilige Liebe Strebt zu der hoͤchſten Frucht gleicher Geſinnungen auf, Gleicher Anſicht der Dinge, damit in harmoniſchem Anſchau'n Sich verbinde das Paar, finde die hoͤhere Welt. 26 — 306— Herrmann und Dorothea. Alſo das waͤre Verbrechen, daß einſt Properz mich be⸗ geiſtert; Daß Martial zu mir auch, der Verwegne, geſellt? Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu huͤten; Daß ſie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt? Daß ich Natur und Kunſt zu ſchaun mich treulich be⸗ ſtrebe; Daß kein Name mich mͤuſcht, daß mich kein Dogma beſchraͤnkt? Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich, den Menſchen, veraͤndert; Daß ich der Heuchelei duͤrftige Maske verſchmaͤht? Solcher Fehler, die du, o Muſe, ſo emſig gepfleget, Zeihet der Poͤbel mich; Poͤbel nur ſieht er in mir. Ja, ſogar der Beſſere ſelbſt, gutmuͤthig und bieder, Will mich anders; doch du, Muſe, befiehlſt mir allein. Denn du biſt es allein, die noch mir die innere Ju⸗ gend 8 Friſch erneueſt, und ſie mir bis zu Ende verſyrichſt. Aber verdopple nunmehr, o Goͤttin, die heilige Sorg⸗ falt! Ach! die Scheitel umwallt reichlich die Locke nicht mehr: Da bedarf man der Kraͤnze, ſich ſelbſt und Andre zu . taͤuſchen; Kraͤnzte doch Caͤſar ſelbſt nur aus Beduͤrfniß das Haupt. Haſt du ein Lorbeerreis mit beſtimmt, ſo laß es am Zweige Weiter gruͤnen, und gib einſt es dem Wuͤrdigern hin; — 307— Aber Roſen winde genug zum haͤuslichen Kranze; Bald als Lilie ſchlingt ſilberne Locke ſich durch. Schuͤre die Gattin das Feuer, auf reinlichem Herde zu kochen! Werfe der Knabe das Reis, ſpielend, geſchaͤftig dazu! Laß im Becher nicht fehlen den Wein! Geſproͤchige Freunde, Gleichgeſinnte, herein! Kraͤnze! ſie warten auf euch. Erſt die Geſundheit des Mannes, der, endlich vom Namen Homeros Kuͤhn uns befreiend, uns auch ruft in die vollere Bahn. Denn wer wagte mit Goͤttern den Kampf? und wer mit dem Einen? Doch Homeride zu ſeyn, auch nur als letzter, iſt ſchoͤn. Darum hoͤret das neuſte Gedicht! Noch ein Mahl ge⸗ trunken! Euch beſteche der Wein, Freundſchaft und Liebe das Ohr. Deutſche ſelber fuͤhr' ich euch zu, in die ſtillere Woh⸗ nung, Wo ſich, nah der Natur, menſchlich der Menſch noch erzieht, Uns begleite des Dichters Geiſt, der ſeine Luiſe Raſch dem wuͤrdigen Freund, uns zu entzuͤcken, verband. Auch die traurigen Bilder der Zeit, ſie fuͤhr' ich voruͤber; Aber es ſiege der Muth in dem geſunden Geſchlecht. Hab' ich euch Thraͤnen ins Auge gelockt, und Luſt in die Seele Singend gefloͤßt, ſo kommt, druͤcket mich herzlich ans Herz! 3 — 308— Weiſe denn ſey das Geſpruch! Uns lehret Weisheit am Ende Das Jahrhundert; wen hat das Geſchick nicht ge⸗ pruͤft? Blicket heiterer nun auf jene Schmerzen zuruͤcke, Wenn euch ein froͤhlicher Sinn Manches entbehrlich erklaͤrt. Menſchen lernten wir kennen und Nationen; ſo laßt uns, Unſer eigenes Herz kennend, uns deſſen erfreun. Er ſte Epi ſrel. Jetzt, da Jeglicher lieſ't, und viele Leſer das Buch nur ungeduldig durchblaͤttern, und, ſelbſt die Feder ergrei⸗ fend, Auf das Buͤchlein ein Buch mit ſeltner Fertigkeit pfro⸗ yfen, Soll auch ich, du wilſtt es, mein Freund, dir uͤber das Schreiben Schreibend die Menge vermehren und meine Meinung verkuͤnden, Daß auch Andere wieder daruͤber meinen und immer So ins Unendliche fort die ſchwankende Woge ſich waͤlze. Doch ſo faͤhret der Fiſcher dem hohen Meer zu, ſo bald ihm Guͤnſtig der Wind und der Morgen erſcheint; er treibt ſein Gewerbe, Wenn auch hundert Geſellen die blinkende Flaͤche durch⸗ kreuzen. Edler Freund, du wuͤnſcheſt das Wohl des Menſchen⸗ geſchlechtes, Unſerer Deutſchen beſonders, und ganz vorzuͤglich des naͤchſten Buͤrgers, und fuͤrchteſt die Folgen gefaͤhrlicher Buͤcher; wir haben Leider oft ſie geſehen. Was ſollte man, oder was koͤnnten Biedere Maͤnner vereint, was koͤnnten die Herrſcher be⸗ wirken? Ernſt und wichtig erſcheint mir die Frage, doch trifft ſie mich eben In vergnuͤglicher Stimmung. Im warmen, heiteren Wetter Glaͤnzet fruchtbar die Gegend, mir bringen liebliche Luͤfte Ueber die wallende Fluth ſuͤß duftende Kuͤhlung her⸗ 3 uͤber, Und dem Heitern erſcheint die Welt auch heiter, und ferne Schwebt die Sorge mir nur in leichten Woͤlkchen vor⸗ uͤber. Was mein leichter Griffel entwirft, iſt leicht zu ver⸗ loͤſchen, Und viel tiefer praͤget ſich nicht der Eindruck der Let⸗ tern, Die, ſo ſagt man, der Ewigkeit trotzen. Freilich an Viele Spricht die gedruckte Columne, doch bald, wie Jeder ſein Antlitz, Das er im Spiegel geſehen, vergißt, die behaglichen Zuͤge, So vergißt er das Wort, wenn auch von Erze geſtem⸗ 3 pelt. Reden ſchwanken ſo leicht heruͤber, hinuͤber, wenn Viele Sprechen, und Jeder nur ſich im eigenen Worte, ſo⸗ gar auch — 313— Nur ſich ſelbſt im Worte vernimmt, das der Andere ſagte. Mit den Buͤchern iſt es nicht anders. Lieſ't doch nur Jeder 1 Aus dem Buch ſich heraus, und iſt er gewaltig, ſo lieſ't er In das Buch ſich hinein, amalgamirt ſich das Fremde. Ganz vergebens ſtrebſt du daher durch Schriften des Menſchen Schon entſchiedenen Hang und ſeine Neigung zu wen⸗ den; Aber beſtaͤrken kannſt du ihn wohl in ſeiner Geſinnung, Oder waͤr' er noch neu, in Dieſes ihn tauchen und Je⸗ nes. Sag' ich, wie ich es denke, ſo ſcheint durchaus mir, es bildet Nur das Leben den Mann, und wenig bedeuten die Worte. Denn zwar hoͤren wir gern, was unſre Meinung be⸗ ſtaͤtigt, Aber das Hoͤren beſtimmt nicht die Meinung; was uns zuwider Waͤre, glaubten wir wohl dem kuͤnſtlichen Redner; doch eilet Unſer befreites Gemuͤth, gewohnte Bahnen zu ſuchen. Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, ſo mußt du Schmeicheln. Sprichſt dn zum Volke, zu Fuͤrſten und Koͤnigen, allen Magſt du Geſchichten erzaͤhlen, worin als wirklich er⸗ ſcheinet, Was ſie wuͤnſchen, und was ſie ſelber zu leben begehr⸗ ten. Goethe's Ged.. 27 — 314— Waͤre Homer von Allen gehoͤrt, von Allen geleſen, Schmeichelt' er nicht dem Geiſte ſich ein, es ſey auch der Hoͤrer, Wer er ſey, und klinget nicht immer im hohen Pal⸗ laſte, In des Koͤniges Zelt, die Ilias herrlich dem Helden? Hoͤrt nicht aber dagegen Ulyſſens wandernde Klugheit Auf dem Markte ſich beſſer, da wo ſich der Buͤrger verſammelt? Dort ſieht jeglicher Held in Helm und Harniſch, es ſieht hier Sich der Bettler ſogar in ſeinen Lumpen veredelt. Alſo hoͤrt' ich einmal, am wohlgepflaſterten Ufer Jener Neptuniſchen Stadt, allwo man gefluͤgelte Loͤwen Goͤttlich verehrt, ein Maͤhrchen erzaͤhlen. Im Kreiſe ge⸗ ſchloſſen, Draͤngte das horchende Volk ſich um den zerlumpten Rhapſoden. Einſt, ſo ſprach er, verſchlug mich der Sturm aus Ufer der Inſel, Die Utopien heißt. Ich weiß nicht, ob ſie ein And⸗ rer Dieſer Geſellſchaft jemals betrat, ſie lieget im Meere Links von Herkules Saͤulen. Ich ward gar freundlich empfangen; In ein Gaſthaus fuͤhrte man mich, woſelbſt ich das beſte Eſſen und Trinken fand und weiches Lager und Pflege. Sol verſtrich ein Monat geſchwind. Ich hatte des Kum⸗ mers Völlig vergeſſen und jeglicher Noth; da fing ſich im Stillen — 315— Aber die Sorge nun an: wie wird die Zeche dir leider Nach der Mahlzeit bekommen? Denn nichts enthielte der Seckel. Reiche mir weniger! bat ich den Wirth; er brachte nur immer Deſto mehr. Da wuchs mir die Angſt, ich konnte nicht laͤnger Eſſen und ſorgen, und ſagte zuletzt: ich bitte, die Zeche Billig zu machen, Herr Wirth! Er aber mit finſte⸗ rem Auge Sah von der Seite mich an, ergriff den Knittel und ſchwenkte Unbarmherzig ihn uͤber mich her, und traf mir die Schultern, Traf den Kopf, und haͤtte beinah mich zu Tode ge⸗ ſchlagen. Eilend lief ich davon, und ſuchte den Richter, man holte Gleich den Wirth, der ruhig erſchien und bedaͤchtig verſetzte: Alſo muͤſſ' es allen ergehn, die das heilige Gaſtrecht Unſrer Inſel verletzen, und unanſtaͤndig und gottlos, Zeche verlangen vom Manne, der ſie doch hoͤflich be⸗ wirthet. Sollt' ich ſolche Beleidigung dulden im eignen Hauſe? Nein! es haͤtte fuͤrwahr ſtatt meines Herzens ein Schwamm nur Mir im Buſen gewohnt, wofern ich dergleichen gelitten. Darauf ſagte der Richter zu mir: vergeſſet die Schlaͤge; Denn ihr habt die Strafe verdient, ja ſchaͤrfere Schmer⸗ zeu; 27*† — 316— Aber wollt ihr bleiben und mitbewohnen die Inſel, Muͤſſet ihr euch erſt wuͤrdig beweiſen und tüͤchtig zum Buͤrger. Ach! verſetzt' ich, mein Herr, ich habe leider mich niemals Gerne zur Arbeit gefuͤgt. So hab' ich auch keine Ta⸗ lente, Die den Menſchen bequemer ernaͤhren; man hat mich im Spott nur Haus Ohnſorge genannt, und mich von Hauſe vertrie⸗ ben. O ſo ſey uns gegruͤßt! verſetzte der Richter; du ſollſt dich Oben ſetzen zu Diſch, wenn ſich die Gemeinde verſam⸗ melt, Sollſt im Rathe den Platz, den du verdieneſt, erhalten. Aber huͤte dich wohl, daß nicht ein ſchaͤndlicher Ruͤckfall Dich zur Arbeit verleite, daß man nicht etwa das Grabſcheit Oder das Ruder bei dir im Hauſe finde, du waͤreſt Gleich auf immer verloren und ohne Nahrung und Ehre. Aber auf dem Markte zu ſitzen, die Arme geſchlungen Ueber dem ſchwellenden Bauch, zu hoͤren luſtige Lieder Unſrer Saͤnger, zu ſehn die Taͤnze der Maͤdchen, der Knaben Spiele, das werde dir Pflicht, die du gelobeſt und ſcheoͤreſt. Spo erzaͤhlte der Mann, und heiter waren die Stirnen Aller Hoͤrer geworden, und alle wuͤnſchten des Tages, Solche Wirthe zu finden, ja ſolche Schläge zu dulden. — 317— Zweite Epiſtel. Wuͤrdiger Freund, du runzelſt die Stirn; dir ſchei⸗ nen die Scherze Nicht am rechten Orte zu ſeyn; die Frage war ernſt⸗ haft, 32 und beſonnen verlangſt du die Antwort; da weiß ich⸗ beim Himmel! Nicht, wie eben ſich mir der Schalk im Buſen bewegte. Doch ich fahre bedaͤchtiger fort. Du ſagſt mir: ſo . moͤchte Meinetwegen die Menge ſich halten im Leben und Leſen, Wie ſie koͤnnte; doch denke dir nur die Toͤchter im Hauſe, Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Boͤſen be⸗ kannt macht. Dem iſt leichter geholfen, verſetz' ich, als wohl ein Andrer Denken moͤchte. Die Maͤdchen ſind gut und machen ſich gerne Was zu ſchaffen. Da gib nur dem einen die Schluͤſſel zum Keller, Daß es die Weine des Vaters beſorge, ſo bald ſie vom Winzer Oder vom Kaufmann gelieſert die weiten Gewoͤlbe brei⸗ chern. Manches zu ſchaffen hat ein Maͤdchen, die vielen Gefaͤße, Leere Faͤſſer und Flaſchen in reinlicher Ordnung zu hal⸗ ten. Dann betrachtet ſie oft des ſchaͤumenden Moſtes Bewve⸗ gung, 3 a9nt 4 6 Gießt das Fehlende zu, damit die wallenden Blaſen — 318— Leicht die Oeffnung des Faſſes erreichen, trinkbar und helle Endlich der edelſte Saft ſich kuͤnftigen Jahren vol⸗ 4 lende. Unermuͤdet iſt ſie alsdann zu fuͤllen, zu ſchoͤpfen, Daß ſtets geiſtig der Trank und rein die Tafel belebe. Laß der Andern die Kuͤche zum Reich, da gibt es, wahrhaftig! Arbeit genug, das taͤgliche Mahl, durch Sommer und Winter, Schmackhaft ſiets zu bereiten und ohne Beſchwerde des Beutels. Denn im Fruͤhjahr ſorget ſie ſchon, im Hofe die Kuͤch⸗ lein Bald zu erziehen, und bald die ſchnatternden Enten zu fuͤttern. Alles, was ihr die Jahrszeit gibt, das bringt ſie bei Zeiten Dir auf den Diſch, und weiß mit jeglichem Tage die Speiſen Klug zu wechſeln, und reift nur eben der Sommer die Fruͤchte, Denkt ſie an Vorrath ſchon fuͤr den Winter. Im kuͤh⸗ len Gewoͤlbe Gaͤhrt ihr der kraͤftige Kohl, und reifen im Eſſig die Gurken; Aber die luftige Kammer bewahrt ihr die Gaben Po⸗ monens. Gerhe nimmt ſie das Lob vom Vater und allen Ge⸗ ſchwiſtern, und mligt ihr etwas, dann iſt's ein groͤßeres Un⸗ 3 gluͤck, — 319— Als wenn dir ein Schuldner entlaͤuft und den Wechſel zuruͤck laͤßt. Immer iſt ſo das Maͤdchen beſchaͤftigt und reifet im Stillen Haͤuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu be⸗ gluͤcken. Wuͤnſcht ſie dann endlich zu leſen, ſo waͤhlt ſie gewiß⸗ lich ein Kochbuch, Deren Hunderte ſchon die eifrigen Preſſen uns gaben. SEine Schweſter beſorget den Garten, der ſchwerlich zur Wildniß⸗ Deine Wohnung romantiſch und feucht zu umgeben, verdammt iſt, Sondern in zierliche Beete getheilt, als Vorhof der Kuͤche, Nuͤtzliche Kraͤuter ernaͤhrt, und Jugend begluͤckende Fruͤchte. Patriarchaliſch erzeuge ſo ſelbſt dir ein kleines gedraͤng⸗ tes Koͤnigreich, und bevoͤlkre dein Haus mit treuem Ge⸗ ſin de. Haſt du der Toͤchter noch mehr, die lieber ſitzen, und ſtille Weibliche Arbeit verrichten, da iſt's noch beſſer; die Nadel Ruht im Jahre nicht leicht; denn noch ſo haͤuslich im Hauſe, Moͤgen ſie oͤffentlich gern als muͤßige Damen erſchei⸗ nen. Wie ſich das Naͤhen und Flicken vermehrt, das Wa⸗ ſchen und Biegeln, Hundertfaͤltig ſeitdem in weißer arkadiſcher Huͤlle — 320— Sich das Maͤdchen gefaͤllt, mit langen Roͤcken und . Schleppen Gaſſen kehret und Gaͤrten, und Staub erreget im Tanzſaal. Wahrlich! waͤren mir nur der Maͤdchen ein Dutzend im 6 Hauſe, Niemals waͤr' ich verlegen um Arbeit, ſie machen ſich Arbeit 3 Selber genug, es ſollte kein Buch im Laufe des Jahres Ueber die Schwelle mir kommen, vom Buͤcherverlei⸗ her geſendet. Epigramme. Venedig 1 79 0. 1. Sarkophagen und Urnen verzierte der Heide mit Leben. Faunen tanzen umher, mit der Baechantinnen Chor Machen ſie bunte Reihe; der ziegengefuͤßete Pausback Zwingt den heißeren Ton wild aus dem ſchmettern⸗ den Horn. Cymbeln, Trommeln erklingen, wir ſehen und hoͤren den Marmor. Flatternde Voͤgel, wie ſchmeckt herrlich dem Schna⸗ bel die Frucht! Euch verſcheuchet kein Laͤmm, noch weniger ſcheucht er den Amor, Der in dem bunten Gewuͤhl erſt ſich der Fackel er⸗ freut. So uberwaͤltiget Fuͤlle den Tod; und die Aſche da drinnen Scheint, im ſtillen Bezirk, noch ſich des Lebens zu. freu'n. So umgebe denn ſpaͤt den Sarkophagen des Dichters Dieſe Rolle, von ihm reichlich mit Leben geſchmuͤckt. 2⸗ Kaum an dem blaueren Himmel erblickt' ich die glaͤn⸗ zende Sonne, Reich, vom Felſen herab, Ephen zu Kraͤnzen ge⸗ ſchmuͤckt, Sah den emſigen Winzer die Rebe der Pappel verbinden, —-—y— — 324— Ueber die Wiege Virgils kam mir ein laulicher Wind: Da geſellten die Muſen ſich gleich zum Freunde; wir pflogen Abgeriſſ'nes Geſpraͤch, wie es den Wanderer freut. 3. Immer halt' ich die Liebſte begierig im Arme geſchloſ⸗ ſen, Immer draͤngt ſich mein Herz feſt an den Buſen ihr an, Immer lehnet mein Haupt an ihren Knien, ich blicke Nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf. Weichling! ſchoͤlte mich Einer, und ſo verbringſt du die Tage? Ach, ich verbringe ſie ſchlimm! Hoͤre nur, wie mir geſchieht: Leider wend' ich den Ruͤcken der einzigen Freude des Lebens; Schon den zwanzigſten Tag ſchleppt mich der Wagen dahin. Vetturine trotzen mir nun, es ſchmeichelt der Kaͤmm'rer, Und der Bediente vom Platz ſinnet auf Luͤgen und 3 Trug. Will ich ihnen entgehn, ſo faßt mich der Meiſter der Poſten, Poſtillone ſind Herrn, dann die Dogane dazu. „Ich verſtehe dich nicht! du widerſprichſt dir, du ſchie⸗ neſt Paradieſiſch zu ruhn, ganz, wie Rinaldo, begluͤckt.“ Ach! ich verſtehe mich wohl: es iſt mein Koͤrper auf Reiſen, Und es ruhet mein Geiſt ſtets der Geliebten im Schooß. — 325— 4. Das iſt Italien, das ich verließ. Noch ſtaͤuben die Wege, Noch iſt der Fremde geprellt, ſtell' er ſich, wie er auch will. Deutſche Redlichkeit ſuchſt du in allen Winkeln verge⸗ bens; Leben und Weben iſt hier, aber nicht Ordnung und Zucht; Jeder ſorgt nur fuͤr ſich, mißtraut dem Andern, iſt eitel, Und die Meiſter des Staats ſorgen nur wieder fuͤr ſich. Schoͤn iſt das Land; doch, ach! Fauſtinen find' ich nicht wieder. Das iſt Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verließ. 5. In der Gondel lag ich geſtreckt, und fuhr durch die Schiffe, Die in dem großen Canal, viele befrachtete, ſtehn. Mancherlei Waare findeſt du da fuͤr manches Beduͤrfniß, Weizen, Wein und Gemuͤs, Scheite, wie leichtes Geſtraͤuch. Pfeilſchnell drangen wir durch; da traf ein verlorener Lorbeer. Derb mir die Wangen. Ich rief: Daphne, verletzeſt du mich? Lohn erwartet' ich eher! Die Nymphe liſpelte laͤchelnd: Dichter ſuͤnd'gen nicht ſchwer. Leicht iſt die Strafe. Nur zu! 6. Seh' ich den Pilgrim, ſo kaun ich mich nie der Thraͤ⸗ nen enthalten. „ / 1 — 326— O, wie beſeliget uns Menſchen ein falſcher Be⸗ griff! 7. Eine Liebe hatt' ich, ſie war mir lieber als Alles! Aber ich hab' ſie nicht mehr! Schweig', und er⸗ trag' den Verluſt. 8. 3 Dieſe Gondel vergleich' ich der ſanft einſchaukelnden Wiege, Und das Kaͤſtchen darauf ſcheint ein geraͤumiger Sarg. Recht ſo! Zwiſchen der Wieg' und dem Sarg wir ſchwanken und ſchweben Auf dem großen Canal ſorglos durch's Leben dahin. 9. Feierlich ſehn wir neben dem Doge den Nuncius gehen: Sie begraben den Herrn, einer verſiegelt den Stein. Was der Doge ſich denkt, ich weiß es nicht; aber der Andre Lächelt uͤber den Ernſt dieſes Gepraͤnges gewiß. 10. Warum treibt ſich das Volk ſo, und ſchreit? Es will . ſich ernaͤhren, Kinder zeugen, und die naͤhren, ſo gut es vermag. Merke dir, Reiſender, das, und thue zu Hauſe deß⸗ gleichen! Weiter bringt es kein Menſch, ſtell' er ſich, wie er auch will. 11. Wie ſie klingeln, die Pfaffen! Wie angelegen ſie's machen, — 327— Daß man komme, nur ja plappre, wie geſtern ſo heut!— Scheltet mir nicht die Pfaffen; ſie kennen des Menſchen Beduͤrfniß! Denn wie iſt er begluͤckt, plappert er morgen wie heut! 12. Mache der Schwaͤrmer ſich Schuͤler, wie Sand am Meere, der Sand iſt Sand; die Perle ſey mein, du, o vernuͤnſtiger Freund. 13. Suͤß den ſproſſenden Klee mit weichlichen Fuͤßen im Fruͤhling, Und die Wolle des Lamms taſten mit zaͤrtlicher Hand; Suͤß voll Bluͤthen zu ſehn die neulebendigen Zweige, Dann das gruͤnende Laub locken mit ſehnendem Blick. Aber fuͤßer, mit Blumen dem Buſen der Schaͤferin ſchmeicheln; Und dieß vielfache Gluͤck laͤßt mich entbehren der Mai. 14. Dieſem Amboß vergleich' ich das Land, den Hammer dem Herrſcher; Und dem Volke das Blech, das in der Mitte ſich . kruͤmmt. Wehe dem armen Blech! wenn nur willkuͤrliche Schlaͤge Ungewiß treffen, und nie fertig der Keſſel erſcheint. 15. Schuͤler macht ſich der Schwaͤrmer genug, und ruͤhret die Menge, Wenn der vernuͤnftige Mann einzelne Liebende zaͤhlt. Wunderthaͤtige Bilder ſind meiſt nur ſchlechte Gemaͤlde: — 328— Werke des Geiſt's und der Kunſt ſind fuͤr den Poͤbel nicht da. 16. Mache zum Herrſcher ſich der, der ſeinen Vortheil ver⸗ ſtehet: Doch wir waͤhlten uns den, der ſich auf unſern verſteht. 17. Noth lehrt beten, man ſagt's; will einer es lernen, er gehe Nach Ialien! Noth findet der Fremde gewiß. 18. 9 Welch ein heftig Gedraͤnge nach dieſem Laden! Wie emſig Waͤgt man, empfaͤngt man das Geld, reicht man die Waare dahin! Schnupftabak wird hier verkauft. Das heißt ſich ſelber erkennen! Nieswurz holt ſich das Volk, ohne Verordnung und Arzt. 19. Jeder Edle Venedigs kann Doge werden; das macht ihn Gleich als Knaben ſo fein, eigen, bedaͤchtig und ſtolz. Darum ſind die Oblaten ſo zart im katholiſchen Welſch⸗ land: Denn aus demſelbigen Teig weihet der Prieſter den Gott. 20. Ruhig am Arſenal ſtehn zwei Altgriechiſche Loͤwen, Klein wird neben dem Paar Pforte, wie Thurm und 3 Canal. Kaͤme die Mutter der Goͤtter herab, es ſchmiegten ſich beide — 329— Vor den Wagen, und ſie freute ſich ihres Geſpanns. Aber nun ruhen ſie traurig; der neue gefluͤgelte Kater Schnurrt uͤberall, und ihn nennet Venedig Patron. 21. Emſig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden? Hoͤren und ſehen den Mann, welcher die Wunder ge⸗ than? Nein, es fuͤhrte die Zeit ihn hinweg: du findeſt nur Reſte, Seinen Schaͤdel, ein Paar ſeiner Gebeine verwahrt. Pilgrime ſind wir Alle, die wir Italien ſuchen; Nur ein zerſtreutes Gebein ehren wir glaͤubig und froh. 22. Jupiter Pluvius, heut erſcheinſt du ein freundlicher Daͤmon; Denn ein vielfach Geſchenk gibſt du in Einem Moment: Gibſt Venedig zu trinken, dem Lande gruͤnendes Wachsthum; Manches kleine Gedicht gibſt du dem Buͤchelchen hier. 23. Gieße nur, traͤnke nur fort die rothbemaͤntelten Froͤſche, Waͤſſ're das durſtende Land, daß es uns Broccoli ſchickt. Nur durchwaͤſſe' mir nicht dieß Buͤchlein; es ſey mir 3 ein Flaͤſchchen Reinen Araks, und Punſch mache ſich jeder nach Luſt. 24. Sanct Johannes im Koth heißt jene Kirche; Venedig 28; — 330— nenn iih mit doppeltem Recht heute Sanet Marcus im Koth. 25. San du Balä geſehn, ſo keunſt du das Meer und die Fiſche. Hier it Venedig; du kennſt nun auch den Pfuhl und den Froſch. 26. Schlaͤfſt du noch immer? Nur ſtill, und laß mich ku⸗ hen; erwach' ich, Nun, was ſoll ich denn hier? Breit iſt das Bette, doch leer. Iſt uͤberall ja doch Sardinien, wo man allein ſchlaͤft; Libn, Freund, uͤberall, wo dich die Liebliche weckt. 27. Alle Neun, ſie winkten mir oft, ich meine die Muſen; Doch ich achtet' es nicht, hatte das Maͤdchen im Schooß. Nun verließ ich mein Liebchen; mich haben die Muſen verlaſſen, und ich ſchielte, verwirrt, ſuchte nach Meſſer und Strick. Doch von Göttern iſt voll der Olymp; du kamſt, mich zu retten, Lange Weile! du biſt Mutter der Muſen gegruͤßt. 28. Welch ein Maͤdchen ich wuͤnſche zu haben? Ihr fragt mich. Ich hab' ſie, Wie ich ſie wuͤnſche, das heißt, duͤnkt mich, mit Wenigem Viel. — 331— An dem Meere ging ich, und ſuchte mir Muſcheln. In einer Fand ich ein Perlchen; es bleibt nun mir am Her⸗ zen verwahrt. 29. Vieles hab' ich verſucht, gezeichnet, in Kupfer geſtochen, Oel gemahlt, in Thon hab' ich auch Manches gedruckt, Unbeſtaͤndig jedoch, und nichts gelernt noch geleiſtet; Nur ein einzig Talent bracht' ich der Meiſterſchaft nah: Deutſch zu ſchreiben. Und ſo verderb' ich ungluͤcklicher Dichter In dem ſchlechteſten Stoff leider nun Leben und Kunſt. 30. Schoͤne Kinder tragt ihr, und ſteht mit verdeckten Ge⸗ ſichtern, Bettelt: das heißt, mit Macht reden ans maͤnnliche Herz. Jeder wuͤnſcht ſich ein Knaͤbchen, wie ihr das Duͤrftige zeiget, Und ein Liebchen, wie man's unter dem Schleier ſich denkt. 31. Das iſt dein eigenes Kind nicht, worauf du bettelſt, und ruͤhrſt mich; d, wie ruͤhrt mich erſt die, die mir mein eigenes bringt! 32. Warum leckſt du dein Maͤulchen, indem du mir eilig begegneſt? — 332— Wohl, dein Zuͤngelchen ſagt mir, wie geſyraͤchig es ſey. 33. Saͤmmtliche Kuͤnſte lernt und treibet der Deutſche; zu jeder Zeigt er ein ſchoͤnes Talent, wenn er ſie ernſtlich er⸗ greift. Eine Kunſt nur treibt er, und will ſie nicht lernen, die Dichtkunſt. Darum pfuſcht er auch ſo; Freunde, wir haben's erlebt. 34. a) Oft erklaͤrtet ihr euch als Freunde des Dichters, ihr Goͤtter! Gebt ihm auch, was er bedarf! Maͤßiges braucht er, doch viel: Erſtlich freundliche Wohnung, dann leidlich zu eſſen, zu trinken Gut; der Deutſche verſteht ſich auf den Nectar, wie ihr. Dann geziemende Kleidung und Freunde, vertraulich zu ſchwatzen; Dann ein iebchen des Nachts, das ihn von Herzen begehrt. Dieſe fuͤnf natuͤrlichen Dinge verlang' ich vor Allem. Gebet mir ferner dazu Sprachen, die alten und neu'n, Daß ich der Voͤlker Gewerb' und ihre Geſchichten ver⸗ nehme; Gebt mir ein reines Gefuͤhl, was ſie in Kuͤnſten ge⸗ than. — 333— Anſehn gebt mir im Volke, verſchafft bei Maͤchtigen Einfluß, Oder was ſonſt noch bequem unter den Menſchen . erſcheint; Gut— ſchon dank' ich euch, Goͤtter; ihr habt den gluͤcklichſten Menſchen Ehſtens fertig; denn ihr goͤnntet das Meiſte mir ſchon. 34. b) Klein iſt unter den Fuͤrſten Germaniens freilich der meine, Kurz und ſchmal iſt ſein Land, maͤßig nur, was er vermag. Aber ſo wende nach innen, ſo wende nach außen die Kraͤfte Jeder: da waͤr's ein Feſt, Deutſcher mit Deutſchen zu ſeyn. Doch was prieſeſt du Ihn, den Thaten und Werke ver⸗ kuͤnden? Und beſtochen erſchien deine Verehrung vielleicht; Denn mir hat er gegeben, was Große ſelten gewaͤhren, Neigung, Muße, Vertrau'n, Felder und Garten und Haus. Niemand braucht' ich zu danken, als ihm, und Man⸗ ches bedurft' ich, Der ich mich auf den Erwerb ſchlecht, als ein Dich⸗ ter, verſtand. 4 Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gege⸗ ben? Nichts: Ich habe, wie ſchwer, meine Gedichte be⸗ zahlt. Deutſchland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich leſen. — 334— England! freundlich empfingſt du den zerruͤtteten Gaſt. Doch was foͤrdert es mich, daß auch ſogar der Chineſe Mahlet, mit aͤngſtlicher Hand, Werthern und Lot⸗ ten auf Glas? Niemals frug ein Kaiſer nach mir, es hat ſich kein Koͤnig Um mich bekuͤmmert, und Er war mir Auguſt und Maͤzen. 35. Eines Menſchen Leben, was iſt's? Doch Tauſende koͤnnen Reden uͤber den Mann, was er und wie er's gethan. Weniger iſt ein Gedicht; doch koͤnnen es Tauſend ge⸗ nießen, Tanſende tadeln. Mein Freund, lebe nur, dichte nur fort! 36. Muͤde war ich geworden, nur immer Gemaͤlde zu ſehen, Herrliche Schaͤtze der Kunſt, wie ſie Venedig bewahrt. Denn auch dieſer Genuß verlangt Erholung und Muße; Nach lebendigem Neiz ſuchte mein ſchmachtender Blick. Gauklerin! da erſah ich in dir zu den Buͤbchen das A2— Urbild, 8 In. Wie ſie Johannes Bellin reizend mit Fluͤgeln gemahlt, Wie ſie Paul Veroneſe mit Bechern dem Braͤutigam a ſendet, Deſſen Gaͤſte, getaͤuſcht, Waſſer genießen fuͤr Wein. 137. Wie, von der kunſtlichen Hand geſchnitzt, das liebe Figuͤrchen, Weich und ohne Gebein, wie die Moluska nur aſchwimmt! — 335— Alles iſt Glied, und Alles Gelenk, und Alles gefaͤllig, Alles nach Maßen gebaut, Alles nach Willkuͤhr bewegt. Menſchen hab' ich gekannt, und Thiere, ſo Voͤgel als Fiſche, Manches beſondre Gewuͤrm, Wunder der großen Natur; und doch ſtaun' ich dich an, Bettine, liebliches Wunder, Die du Alles zugleich biſt, und ein Engel dazu. 38.— Kehre nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinauf zu dem Himmel; Jupiter ſieht dich, der Schalk, und Ganymed iſt beſorgt. 39. Wende die Fuͤßchen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir ſtrecken Arme betend empor; aber nicht ſchuldlos, wie du. 40. Seitwaͤrts neigt ſich dein Haͤlschen. Iſt das ein Wun⸗ der? Es traͤget Oft dich Ganze; du biſt leicht, nur dem Haͤlschen zu ſchwer. Mir iſt ſie gar nicht zuwider die ſchiefe Stellung des Koͤpfchens; Unter ſchoͤnerer Laſt beugte kein Nacken ſich je. 41. So verwirret mit dumpf willkuͤhrlich verwebten Ge⸗ ſtalten, Hölliſch und truͤbe geſinnt, Breughel den ſchwanken⸗ den Blick; — 336— So zerruͤttet auch Duͤrer mit apokalyptiſchen Bildern, Menſchen und Grillen zugleich, unſer geſundes Gehirn; So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, Centauren Singend mit Macht Neugier in dem verwunderten Ohr; So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen, Vorwaͤrts glaubet zu gehn, alles veraͤnderlich ſchwebt: So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwech⸗ ſelnd; Doch erfreut ſie uns gleich, wenn ſie die Sohlen be⸗ tritt. 42. Gern uͤberſchreit' ich die Graͤnze, mit breiter Kreide gezogen. Macht ſie Bottegha, das Kind, draͤngt ſie mich ar⸗ . tig zuruͤck. 43. „Ach! mit dieſen Seelen, was macht er, Jeſus Maria! „Buͤndelchen Waͤſche ſind das, wie man zum Brunnen un ſie traͤgt. „Wahrlich, ſie faͤllt! Ich halt' es nicht aus! Komm, gehn wir! wie zierlich! „Sieh nur, wie ſteht ſie! wie leicht! Alles mit Laͤ⸗ cheln und Luſt!“ Altes Weib, du beiunderſt mit Recht Bettinen; du t ſcheinſt mir 8 Juͤnger zu werden und ſchoͤn, da dich mein Liebling erfreut. — 337— 44. Alles ſeh' ich ſo gerne von dir; doch ſeh' ich ain lieb⸗ ſten, Wenn der Vater behend uͤber dich ſelber dich wirft, Du dich im Schwung uͤberſchlaͤgſt, und, nach dem toͤdtlichen Sprunge, Wieder ſteheſt und laͤufſt, eben ob nichts waͤr' ge⸗ ſchehn. 45. Schon entrunzelt ſich jedes Geſicht: die Furchen der Muͤhe, Sorgen und Armuth fliehn. Gluͤckliche glaubt man zu ſehn. Dir erweicht ſich der Schiffer, und klopft dir die Wange; der Seckel Thut ſich dir kaͤrglich zwar, aber er thut ſich doch auf, Und der Bewohner Venedigs entfaltet den Mantel, und reicht dir, Eben als flehteſt du laut bei den Mirakeln Antons, Bei des Herrn fuͤnf Wunden, dem Herzen der ſeligſten Jungfrau, Bei der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt. Ieder kleine Knabe, der Schiffer, der Hoͤke, der Bettler Draͤngt ſich, und freut ſich bei dir, daß er ein Kind iſt, wie du. 46. Dichten iſt ein uſtig Metier; nur find' ich es theuer: Wie dieß Buͤchlein mir waͤchst, gehn die Zechinen mir fort. 47. „Welch ein Wahnſinn ergriff dich Muͤßigen? Häͤltſt du nicht inne? Gvethe's Ged. 29 — 338— Wird dieß Maͤdchen ein Buch? Stimme was Kluͤge⸗ res an!“ Wartet, ich ſinge die Koͤnige bald, die Großen der Erde, Wenn ich ihr Handwerk einſt beſſer begreife, wie jetzt. Doch Bettinnen ſing' ich indeß; denn Gaukler und 8 Dichter Sind gar nahe verwandt, ſuchen und finden ſich gern. 48. Boͤcke, zur Linken mit euch! ſo ordnet kuͤnftig der Rich⸗ ter: 1 Und ihr Schaͤfchen, ihr ſollt ruhig zur Rechten mir 3 ſtehn! Wohl! Doch eines iſt noch von ihm zu hoffen; dann ſagt er: Seyd, Vernuͤnftige, mir grad' gegen uͤber geſtellt! 49. Wißt ihr, wie ich gewiß zu Hunderten euch Eyigramme Fertige? Fuͤhret mich nur weit von der Liebſten hin⸗ weg! 1 50.— Alle Freiheits⸗Apoſtel, ſie waren mir immer zuwider; Willkuͤhr ſuchte doch nur jeder am Ende fuͤr ſich. Willſt du Viele befrein, ſo wag' es, Vielen zu dienen. Wie gefaͤhrlich das ſey; willſt du es wiſſen? Ver⸗ ſuch's! 51. Koͤnige wollen das Gute, die Demagogen desgleichen, Sagt man; doch irren ſie ſich: Menſchen, ach ſind ſie, wie wir. 1 Nie gelingt es der Menge, fuͤr ſich zu wollen; wir 4 wiſſen's: Doch wer derſtehet, fuͤr uns alle zu wollen; Er zeig'e. — 339— 52. Jeglichen Schwaͤrmer ſchlagt mir ans Kreuz im drei⸗ ßigſten Jahre; Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der Schelm. 53. Frankreichs traurig Geſchick, die Großen moͤgen's be⸗ denken; Aber bedenken fuͤrwahr ſollen es Kleine noch mehr. Große gingen zu Grunde: doch wer beſchuͤtzte die Menge Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Ty⸗ rann. — 54. Tolle Zeiten hab ich erlebt, und hab' nicht ermangelt, Selbſt auch thoͤricht zu ſeyn, wie es die Zeit mir gebot. 55. Sage, thun wir nicht recht? Wir muͤſſen den Poͤbel betruͤgen. Sieh nur, wie ungeſchickt, ſieh nur, wie wild er ſich zeigt! Ungeſchickt und wild ſind alle rohen Betrognen; Seyd nur redlich, und ſo fuͤhrt ihn zum Menſchli⸗ chen an. 56. Fuͤrſten praͤgen ſo oft auf kaum verſilbertes Kupfer Ihr bedeutendes Bild; lange betruͤgt ſich das Volk. Schwaͤrmer praͤgen den Stempel des Geiſt's auf Lugen und Unſinn: Wem der Probierſtein fehlt, haͤlt ſie fuͤr redliches Gold. 29* — 340— 57. Jene Menſchen ſind toll, ſo ſagt ihr von heftigen Spre⸗ chern, Die wir in Frankreich laut hoͤren auf Straßen und Markt. Mir auch ſcheinen ſie toll; doch redet ein Toller in Freiheit Weiſe Spruͤche, wenn, ach! Weisheit im Sclaven verſtummt. 53. Lange haben die Großen der Franzen Sprache geſprochen, Halb nur geachtet den Mann, dem ſie vom Munde nicht floß. Nun lallt alles Volk entzuͤckt die Sprache der Fran⸗ ken. Zuͤrnet, Maͤchtige, nicht! Was ihr verlangtet, ge⸗ 3 ſchieht. 59. „Seyd doch nicht ſo frech, Epigramme!“ Warum nicht? Wir ſind nur Ueberſchriften; die Welt hat die Capitel des Buchs. * 60. Wie dem hohen Apoſtel ein Tuch voll Thiele gezeigt ward, Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Buͤchlein ſich dir. 641. Ein Epigramm, ob wohl es gut ſey? Kannſt du's entſcheiden? Weiß man doch eben nicht ſtets, was er ſich dachte, der Schalk. — 341— 62. Um ſo gemeiner es iſt, und naͤher dem Neide, der Mißgunſt; um ſo eher begreifſt du das Gedichtchen gewiß⸗ 63. Chloe ſchwoͤret, ſie liebt mich; ich glaub's nicht. Aber ſie liebt dich! Sagt mir ein Kenner. Schon gut; glaubt' ich's, da waͤr' es vorbei. 64. Riemand liebſt du, und mich, Philarchos, liebſt du ſo heftig. Iſt denn kein andrer Weg, mich zu bezwingen, als der? 65. Iſt denn ſo groß das Geheimniß, was Gort und der Menſch und die Welt ſey? Nein! Doch niemand hoͤrt's gerne; da bleibt es ge⸗ heim. 66. Vieles kann ich ertragen. Die meiſten beſchwerlichen Dinge Duld' ich mit ruhigem Muth, wie es ein Gott mir gebeut. Wenige ſind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider; Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und †. 67. Laugſt ſchon haͤtt' ich euch gern von jenen Thierchen ge⸗ ſprochen, Die ſo zierlich und ſchnell fahren dahin und daher⸗ — 342— Schlaͤngelchen ſcheinen ſie gleich, doch viergefuͤßet; ſie laufen, Kriechen und ſchleichen, und leicht ſchleppen die Schwaͤnzchen ſie nach. Seht, hier ſind ſie! und hier! Nun ſind ſie verſchwun⸗ den! Wo ſind ſie? Welche Ritze, welch Kraut nahm die Entfliehenden auf? Wollt ibr mir's kuͤnftig erlauben, ſo nenn' ich die Thier⸗ chen Lacerten; Denn ich brauche ſie noch oft als gefaͤlliges Bild. 68. Wer Lacerten geſehn, der kann ſich die zierlichen Maͤd⸗ chen Denken, die uͤber den Platz fahren dahin und daher. Schnell und beweglich ſind ſie, und gleiten, ſtehen und ſchwatzen, Und es rauſcht das Gewand hinter den Eilenden drein. Sieh, hier iſt ſie! und hier! verlierſt du ſie einmal, ſo ſuchſt du Sie vergebens; ſo bald kommt ſie nicht wieder her⸗ vor. Wenn du aber die Winkel nicht ſcheuſt, nicht Gaͤßchen und Treppchen, Folg' ihr, wie ſie dich lockt, in die Spelunke hinein! 69. Was Spelunke nun ſey, vetlangt ihr zu wiſſen? Da wird ja Faſt zum Lexiron dieß epigrammatiſche Buch. Dunkele Haͤuſer ſind's in engen Gaͤßchen; zum Kaffee Fuͤhrt dich die Schoͤne, und ſie zeigt ſich geſchaͤftig, nicht du. — 343— 70.. Zwei der feinſten Lacerten, ſie hielten ſich immer zu⸗ ſammen; Eine beinahe zu groß, eine beinahe zu klein. Siehſt du beide zuſammen, ſo wird die Wahl dir un⸗ moͤglich; Jede beſonders, ſie ſchien einzig die Schoͤnſte zu ſeyn. 8 71. Heilige Leute, ſagt man, ſie wollten beſonders dem Suͤnder Und der Suͤnderin wohl. Gehr's mir doch eben auch ſo. 4 72. Waͤr' ich ein haͤusliches Weib, und haͤtte, was ich be⸗ duͤrfte, Treu ſeyn wollt' ich und froh, herzen und kuͤſſen den Mann. So ſang, unter andern gemeinen Liedern, ein Dirn⸗ chen Mir in Venedig, und nie hoͤrt' ich ein froͤmmer Ge⸗ bet. 73. Wundern kann es mich nicht, daß Menſchen die Hunde ſo lieben; Denn ein erbaͤrmlicher Schuft iſt, wie der Menſch, ſo der Hund. 74. Frech wohl bin ich geworden; es iſt kein Wunder. Ihr Goͤtter Wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und tren. — 344— 75. Haſt du nicht gute Geſellſchaft geſehen? Es zeigt uns dein Buͤchlein Faſt nur Gaukler und Volk, ja was noch niedri⸗ ger iſt. Gute Geſellſchaft hab' ich geſehn, man nennt ſie die — gute, Wenn ſie zum kleinſten Gedicht keine Gelegenheit gibt.— 8 76. Was mit mir das Schickſal gewollt? Es waͤre ver⸗ wegen, Das zu fragen; denn meiſt will es mit Vielen nicht viel. Einen Dichter zu bilden, die Abſicht waͤr' ihm gelun⸗ gen, Haͤtte die Sprache ſich nicht unuͤberwindlich gezeigt. 77. Mit Botanik gibſt du dich ab? mit Optik? Was thuſt du? Iſt es nicht ſchoͤn'rer Gewinn, ruͤhren ein zaͤrtliches . Herz? Ach, die zaͤrtlichen Herzen, ein Pfuſcher vermag ſie zu ruͤhren; Sey es mein einziges Gluͤck, dich zu beruͤhren, Na⸗ . tur! 78. Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar Manches Hat er: euch weiß gemacht, das ihr ein Seculum glaubt. — 345— 79. „Alles erklaͤrt ſich wohl, ſo ſagt mir ein Schuͤler, aus jenen Theorien, die uns weislich der Meiſter gelehrt.“ Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tuͤchtig gezim⸗ mert, 1 Paſſ't ein lebendiger Leib freilich zur Strafe daran. 80. Wenn auf beſchwerlichen Reiſen ein Juͤngling zur Lieb⸗ ſten ſich windet, Hab' er dieß Buͤchlein; es iſt reizend und troͤſtlich zugleich. und erwartet dereinſt ein Maͤdchen den Liebſten, ſie halte Dieſes Buͤchlein, und nur, kommt er, ſo werfe ſie's weg. 81. Gleich den Winken des Maͤdchens, des eilenden, welche verſtohlen Im Vorbeigehn nur freundlich mir ſtreifet den Arm, So vergoͤnnt, ihr Muſen, dem Reiſenden kleine Ge⸗ dichte; O, behaltet dem Freund groͤßere Gunſt noch bevor! 82. Wenn, in Wolken und Duͤnſte verhuͤllt, die Sonne nur truͤbe Stunden ſendet; wie ſtill wandeln die Pfade wir fort! Draͤnget Regen den Wand'rer; wie iſt uns des laͤndli⸗ chen Daches — 346— Schirm willkommen! Wie ſanft ruht ſich's in ſtuͤr⸗ 3 miſcher Nacht! Aber die Goͤttin kehret zuruͤck; ſchnell ſcheuche die Nebel Von der Stirne hinweg; gleiche der Mutter Natur! 83. Willſt du mit reinem Gefuͤhl der Liebe Freuden genie⸗ ßen, O, laß Frechheit und Ernſt ferne vom Herzen dir ſeyn. 4 Die will Amorn verjagen, und der gedenkt ihn zu feſſeln; Beiden das Gegentheil laͤchelt der ſchelmiſche Gott. 84. Goͤttlicher Morpheus, umſouſt bewegſt du die lieblichen Mohne; Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht ſchließt. .85. Liebe fuoͤßeſt du ein, und Begier; ich fuͤhl' es, und brenne. Liebenswuͤrdige, nun fͤße Vertrauen mir ein! 86. Ha! ich kenne dich, Amor, ſo gut als einer! Da bringſt du Deine Fackel, und ſie leuchtet im Dunkel uns vor.— Aber du fuͤhreſt uns bald verworrene Pfade; wir brauchten Deine Fackel erſt recht, ach! und die Falſche er⸗ liſcht. — 347— 8 87. Eine einzige Nacht an deinem Herzen!— Das Andre Gibt ſich. Es treunnet uns noch Amor in Nebel und Nacht. Ja, ich erlebe den Morgen, an dem Aurora die 5 Freunde Buſen an Buſen belauſcht, Phoͤbus, der Fruͤhe, ſie weckt. 88. Iſt es dir Ernſt, ſo zaudre nun laͤnger nicht; mache mich gluͤcklich! Wollteſt du ſcherzen? Es ſey, Liebchen, des Scherzes genug. 89. Daß ich ſchweige, verdrießt dich? Was ſoll ich reden? Du merkeſt Auf der Seufzer, des Blicks leiſe Beredſamkeit nicht. Eine Goͤttin vermag der Lippe Siegel zu loͤſen; Nur Aurora, ſie weckt einſt dir am Buſen mich auf. Ja, dann toͤne mein Hymnus den fruͤhen Goͤttern ent⸗ gegen, Wie das Memnoniſche Bild lieblich Geheimniſſe ſang. 90. Welch ein luſtiges Spiel! Es windet am Faden die Scheibe, Die von der Hand entfloh, eilig ſich wieder herauf! Seht, ſo ſchein' ich mein Herz bald dieſer Schoͤnen, bald jener Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zuruͤck. — 348— 91. 4 O, wie achtet' ich ſonſt auf alle Zeiten des Jahres; Gruͤßte den kommenden Lenz, ſehnte dem Herbſte mich nach! Aber unn iſt nicht Sommer noch Winter, ſeit mich Boeggluͤckten Amors Fittig bedeckt, ewiger Fruͤhling umſchwebt. 92. Sage, wie lebſt du? Ich lebe! und waͤren hundert und hundert Jahre dem Menſchen gegoͤnnt, wuͤnſcht' ich mir mor⸗ gen, wie heut. 93.„ Goͤtter, wie ſoll ich euch danken! Ihr habt mir Alles gegeben, Was der Menſch ſich erfleht; uur in der Regel faſt nichts. 94. In der Daͤmm'rung des Morgens den hoͤchſten Gipfel 1. erklimmen, Fruͤhe den Boten des Tags gruͤßen, dich, freundli⸗ chen Stern, Ungeduldig die Blicke der Himmelsfuͤrſtin erwarten, Wonne des Juͤnglings, wie oft lockteſt du Nachts mich heraus! Nun erſcheint ihr mir, Boten des Tags, ihr himmli⸗ ſchen Augen Meiner Geliebten, und ſtets kommt mir die Sonne zu fluͤh. V — 349— 95. Du erſtauneſt, und zeigſt mir das Meer; es ſchei⸗ net zu brennen. Wie bewegt ſich die Fluth flammend um's naͤchtliche Schiff! Mich verwundert es nicht, das Meer gebar Aphro⸗ diten,. Und entſyrang nicht aus ihr uns eine Flamme, der Sohn? 96. Glaͤnzen ſah ich das Meer, und blinken die liebliche Welle; Friſch mit guͤnſtigem Wind zogen die Segel da⸗ hin. Keine Sehnſucht kuͤhlte mein Herz; es wendete ruͤck⸗ waͤrts, Nach dem Schnee des Gebirgs, bald ſich der ſchmach⸗ tende Blick. Suͤdwaͤrts liegen der Schaͤtze, wie viel! Doch einer im Norden Zieht, ein großer Magnet, unwiderſtehlich zuruͤck. 97. Ach! mein Maͤdchen verreif't! Sie ſteigt zu Schiffe!— Mein Koͤnig Aeolus! maͤchtiger Fuͤrſt! halte die Stuͤrme zuruͤck! Thoͤrichter! ruft mir der Gott: befuͤrchte nicht wuͤ⸗ thende Stuͤrme; Fuͤrchte den Hauch, wenn ſanft Amor die Fluͤgel bewegt! — 350— 98. Arm und kleiderlos war, als ich ſie geworben, das Maͤdchen; Damals gefiel ſie mir nackt, wie ſie mir jetzt noch Cefäll. 99.. Oftmals hab' ich geirrt, und habe mich wieder gefun⸗ den, Aber gluͤcklicher nie; nun iſt dieß Maͤdchen mein Gluͤck! Iſt auch dieſes ein Irrthum, ſo ſchont mich, ihr kluͤ⸗ geren Goͤtter, Und benehmt mir ihn erſt druͤben am kalten Geſtad. 100. 1 Traurig, Midas, war dein Geſchick; in bebenden Haͤnden Fuͤhlteſt du, hungriger Greis, ſchwere verwandelte Koſt. Mir, im aͤhnlichen Fall, geht's luſt'ger; denn was ich beruͤhre, Wird mir unter der Hand gleich ein behendes Ge⸗ dicht. Holde Muſen, ich ſtraͤube mich nicht; nur daß ihr mein Liebchen, Druͤck' es feſt an die Bruſt, nicht mir zum Maͤhrchen verkehrt! 101. Ach, mein Hals iſt ein wenig geſchwollen! ſo ſagte die Beſte — 351— Aengſtlich.— Stille, mein Kind! ſtill! und ver⸗ nehme das Wort: Dich hat die Hand der Venus beruͤhrt; ſie deutet dir leiſe, Daß ſie das Koͤrperchen bald, ach! unaufhaltſam — verſtellt. Bald verdirbt ſie die ſchlanke Geſtalt, die zierlichen Bruͤſtchen. Alles ſchwillt nun; es paßt nirgends das neuſte Ge⸗ . wand. Sey nur ruhig! Es deutet die fallende Bluͤthe dem Gaͤrtner, Daß die liebliche Frucht ſchwellend im Herbſte ge⸗ deiht. 102. Wonniglich iſt's, die Geliebte verlangend im Arme 3 zu halten, Wenn ihr klopfendes Herz Liebe zuerſt dir ge⸗ ſteht. Wonniglicher, das Pochen des Neulebendigen fuͤh⸗ len, Das in dem lieblichen Schooß immer ſich naͤhrend bewegt. Schon verſucht es die Spruͤnge der raſchen Jugend; es klopfet Ungeduldig ſchon an, ſehnt ſich nach himmliſchem Licht. Harre noch wenige Tage! Auf allen Pfaden des Le⸗ beus. Fuͤhren die Horen dich ſtreng, wie es das Schickſal gebeut. — 352— Widerfahre dir, was dir auch will, du wachſender Liebling— Liebe bildete dich; werde dir Liebe zu Theil! 103. Und ſo taͤndelt' ich mir, von allen Freunden geſchieden, In der Neptuniſchen Stadt Tage wie Stunden hinweg. Alles, was ich erfuhr, ich wuͤrzt es mit ſuͤßer Er⸗ inn'rung,— Wuͤrzt es mit Hoffnung; ſie ſind lieblichſte Wuͤrzen der Welt. Weiſſagungen des Bakis. ——— 3⁰0 * 1. Wahnſinn ruft man dem Calchas, und Wahnſinn ruft man Caſſandren, Eh' man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt⸗ Wer kann hoͤren das Morgen und Uebermorgen? Nicht Einer!. Denn was geſtern und ehgeſtern geſprochen— wer hoͤrt's? 2. Lang und ſchmal iſt ein Weg. So bald du ihn ge⸗ heſt, ſo wird er Breiter; aber du ziehſt Schlangengewinde dir nach, Biſt du au's Ende gekommen, ſo werde der ſchreckliche Knoten Dir zur Blume, und du gib ſie dem Ganzen dahin 3. Nicht Zukünftiges nur verkuͤndet Bakis; auch jetzt noch Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an. Wuͤnſchelruthen ſind hier: ſie zeigen am Stamm nicht die Schaͤtze; Nur in der fuͤhlenden Hand regt ſich das magiſche . Reis. 4. Wenn ſich der Hals de Schwanes verkuͤrzt, und, mit Menſchengeſichte, 4 — 356— Sich der prophetiſche Gaſt uͤber den Spiegel beſtrebt: Laͤßt den ſilbernen Schleier die Schoͤne dem Nachen entfallen, Ziehen dem Schwimmenden gleich goldene Stroͤme ſich nach. 4 5. Zweie ſeh' ich! den Großen! ich ſeh' den Groͤßen! Die Beiden Reiben, mit feindlicher Kraft, Einer den Andern ſich auf. Hier iſt Felſen und Land, und dort ſind Felſen und . Wellen! Welcher der Groͤßere ſey, redet die Parze nur aus. 6. Kommt ein wandernder Fuͤrſt auf kalter Schwelle zu ſchlafen, Schlinge Ceres den Kranz, ſtille verflechtend, um ihn! Dann verſtummen die Hunde: es wird ein Geyer ihn wecken, Und ein thaͤtiges Volk freut ſich des neuen Geſchicks. 7. Sieben gehn verhuͤllt, und ſieben mit offnem Geſichte⸗ Jene fuͤrchtet das Volk, fuͤrchten die Großen der Welt. Aber die Andern ſind's, die Verraͤther! von Keinem erforſchet; Denn ihr eigen Geſicht birget, als Maske, den Schalk. 8. Geſtern war es noch nicht, und weder heute noch morgen Wird es, und jeder verſpricht Tachbarn und Freun⸗ den es ſchon; — 357— Ja, er verſpricht es den Feinden. So edel gehn wir ins neue Saͤclum hinuͤber, und leer bleibet die Hand und der Mund. 9. Maͤuſe lanfen zuſammen auf offenem Markte; der Wand'rer Kommt, auf hoͤlzernem Fuß, vierfach und klappernd heran. Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente voruͤber: Dann iſt, Tola, das Gluͤck unter der Erde dir hold. 10. Einſam ſchmuͤckt ſich, zu Hauſe, mit Gold und Seide die Jungfrau; Nicht vom Spiegel belehrt, fuͤhlt ſie das ſchickliche Kleid. Tritt ſie hervor, ſo gleicht ſie der Magd; nur Einer von Allen Kennt ſie: es zeiget ſein Aug' ihr das vollendete Bild. 11. Ja, vom Jupiter rollt ihr, maͤchtig ſtroͤmende Fluthen, Ueber Ufer und Damm, Felder und Gaͤrten mit fort. Einen ſeh' ich! Er ſitzt und harfenirt der Verwuͤſtung; Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hin⸗ weg. 1 12. 8 Maͤchtig biſt du! gebildet zugleich, und Alles verneigt ſich⸗ Wenn du, mit herrlichem Zug, uͤber den Markt dich bewegſt. — 358— Endlich iſt er voruͤber. Da liſpelt fragend ein Jeder: War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug? 4 13. Mauern ſeh' ich geſtuͤrzt, und Mauern ſeh' ich errichtet, Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel. Iſt vielleicht nur die Welt ein großer Kerker? und frei iſt Wohl der Tolle, der ſich Ketten zu Kraͤnzen erkiest. 14. 8 Laß mich ruhen, ich ſchlafe.—„Ich aber wache.“ Mit nichten!— „WTraͤumſt du?“— Ich werde geliebt!—„Freilich, du redeſt im Traum.“— Wachender, ſage, was haſt du?—„Da ſieh nur alle die Schaͤtze!“— Sehen ſoll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen geſehn? 15. Schluͤſſel liegen im Buche zerſtreut, das Raͤthſel zu loͤſen; Denn der prophetiſche Geiſt ruft den Verſtaͤndigen an. Jene neun' ich die Kluͤgſten, die leicht ſich vom Tage belehren Laſſen; es bringt wohl der Tag Naͤthſel und Loͤſung zugleich. 16. Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn ſelbſt das 3 Vergangne Ruht, verblendete Welt, oft als ein Raͤthſel vor dir. Wer das Vergangene kennte, der wuͤßte das Kuͤnſtige; 20 8 Beides b Schließt an Heute ſich rein, an ein Vollendetes, an. — 359— 17. Thun die Himmel ſich auf und regnen, ſo traͤufelt das Waſſer uUeber Felſen und Gras, Mauern und Baͤume zu⸗ gleich. Kehret die Sonne zuruͤck, ſo verdampfet vom Steine die Wohlthat; Nur das Lebendige haͤlt Gabe der Goͤttlichen feſt. 18. Sag', was zaͤhlſt du?—„Ich zaͤhle, damit ich die 4 Zehne begreife, Dann ein andres Zehn, Hundert und Tauſend her⸗ nach.“ Naͤher kommſt du dazu, ſo bald du mir folgeſt.— —„Und wie denn?“— Sage zur Zehne: ſey zehn! Dann ſind die Tauſende dein. 19. Haſt du die Welle geſehen, die uͤber das Ufer einher ſchlug? Siehe die zweite, ſie kommt! rollet ſich ſpruͤhend ſchon aus. Gleich erhebt ſich die dritte! Fuͤrwahr, du erwarteſt vergebens, Daß die letzte ſich heut ruhig zu Fuͤßen dir legt. 20. Einem moͤcht' ich gefallen! ſo denkt das Maͤdchen; den Zweiten Find' ich edel und gut, aber er reizet mich nicht. Waͤre der Dritte gewiß, ſo waͤre mir dieſer der Liebſte. Ach, daß der Unbeſtand immer das Lieblichſte bleibt! — 360— 21. Blaß erſcheineſt du mir, und todt dem Auge. Wie 3 rufſt du, Aus der innern Kraft, heiliges Leben empor? „Waͤr' ich dem Auge vollendet, ſo koͤnnteſt du ruhig genießen; Nur der Mangel erhebt uͤber dich ſelbſt dich hinweg.“ 22. Zwei Mahl faͤrbt ſich das Haar; zuerſt aus dem Blon⸗ den ins Braune, Bis das Braune ſodann ſilbergediegen ſich zeigt. Halb errathe das Raͤthſel! ſo iſt die andere Haͤlfte Voͤllig dir zu Gebot, daß du die erſte bezwingſt. 23.— Was erſchrickſt du?—„Hinweg, hinweg, mit diefen Geſpenſtern! Zeige die Blume mir doch; zeig' mir ein Menſchen⸗ geſicht!“ Ja, nun ſeh' ich die Blumen; ich ſehe die Menſchen⸗ geſichter.— Aber ich ſehe dich nun ſelbſt als betrognes Geſpenſt. 1 1 24. Einer rollet daher; es ſtehen ruhig die Neune: Nach vollendetem Lanf liegen die Viere geſtreckt. Helden finden es ſchoͤn, gepaltſam treffend zu wirken; Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu ſeyn. Wie viel Aepfel verlangſt du fuͤr dieſe Bluͤthen?— 3 Ein Tauſend; — 361— Denn der Bluͤthen ſind wohl Zwanzig der Tauſende hier. Und von Zwanzig nur Einen, das find' ich billig.“— 3 Du biſt ſchon— Gluͤcklich, wenn du dereinſt Einen von Tauſend be⸗ haͤltſt. 26. Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los? ſo ſagte der 3 Gaͤrtner: Und die Raupen dazu, ferner das Kaͤfergeſchlecht, Maulwurf, Erdfloh, Weſpe, die Wuͤrmer, das Teufels⸗ gezuͤchte?— „Laß ſie nur Alle, ſo frißt Einer den Anderen auf.“ 274. Klingeln hoͤr' ich: es ſind die luſtigen Schlittengelaͤute. Wie ſich die Thorheit doch ſelbſt in der Kaͤlte noch . ruͤhrt! „Klingeln hoͤrſt du? Mich daͤucht, es iſt die eigene Kappe, Die ſich am Ofen dir leiſ' um die Ohren bewegt. 28. Seht den Vogel! er fliegt von einem Baume zum an⸗ dern, Naſcht mit geſchaͤftigem Pick unter den Fruͤchten um⸗ her. Frag' ihn, er plappert auch wohl, und wird dir offen verſichern, Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt. 29. Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße; Auf die Scheitel geſtellt, wird es von Jedem verflucht. Gvethe's Geb. 31 — 362— Eines kenn' ich, und feſt bedruckt es zufrieden die Lippe; Doch in dem zweiten Moment iſt es der Abſchen der 8 Welt. 30. Dieſes iſt es, das Hoͤchſte, zu gleicher Zeit das Ge⸗ meinſte; Nun das Schoͤnſte, ſogleich auch das Abſcheulichſte unn. Nur im Schluͤrfen genieße du das, und koſte nicht tie⸗ fer; Unter dem reizenden Schaum ſinket die Neige zu Grund. 31. Ein beweglicher Koͤrper erfreut mich, ewig gewendet Erſt nach Norden, und dann erſt nach der Tiefe hinab. Doch ein andrer gefaͤllt mir nicht ſo; er gehorchet den Winden Und ſein ganzes Talent loͤſ't ſich in Buͤcklingen auf. 32. Ewig wird er euch ſeyn der Eine, der ſich in Viele. CTheilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige bleibt. Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen, wie Einen; Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kunſt. Vier Jahreszeiten. 31* Fruhling. Auf, ihr Diſtichen, friſch! Ihr muntern, lebendigen 8 Knaben! Reich iſt Garten und Feld! Blumen zum Kranze herbei! 2. Reich iſt an Blumen die Flur; doch einige ſind nur dem Auge, Andre dem Herzen nur ſchoͤn; waͤhle dir, Leſer, nun ſelbſt⸗ 3. Roſenknoſpe, du biſt dem bluͤhenden Maͤdchen gewid⸗ met, Die als die Herrlichſte ſich, als die Beſcheidenſte zeigt. 4 Viele der Veilchen zuſammen geknuͤpft, das Straͤuß⸗ chen erſcheinet Erſt als Blume; du biſt, haͤusliches Maͤdchen, ge⸗ meint. 3 5. Eine kannt' ich, ſie war wie die Lilie ſchlank, und ihr Stolz war Unſchuld; herrlicher hat Salomo keine geſehn. 6. Schoͤn erhebi ſich der Agley, und ſenkt das Koͤpfchen herunter. — 366— Iſt es Gefuͤhl? oder iſt's Muthwill? Ihr rathet es nicht. 7. Viele duftende Glocken, o Hyaeinthe, bewegſt du; Aber die Glocken ziehn, wie die Geruͤche, nicht an. 8. Nachtviole, dich geht man am blendenden Tage vor⸗ uͤber; Doch bei der Nachtigall Schlag haucheſt du köͤſtlichen Geiſt. 9. Tuberroſe, du rageſt hervor, und ergoͤtzeſt im Freien; Aber bleibe vom Haupt, bleibe vom Herzen mir fern! 10. Fern erblick' ich den Mohn; er gluͤht. Doch komm' . ich dir naͤher, 3 Ach! ſo ſeh ich zu bald, daß du die Roſe nur luͤgſt. 11. Tulpen, ihr werdet geſcholten von ſentimentaliſchen Kennern; Aber ein luſtiger Sinn wuͤnſcht auch ein luſtiges Blatt. . 12. Nelken, wie find' ich euch ſchoͤn! Doch alle gleicht ihr einander, unterſcheidet euch kaum, und ich entſcheide mich nicht. 4 48. Prangt mit den Farben Aurorens, Ranunkeln, Tul⸗ ben und Aſtern; Hier iſt ein dunkeles Blatt, das euch an Dufte be⸗ ſchaͤmt. — 367— 14. Keine lockt mich, Ranunkeln, von euch, und keine be⸗ gehr' ich; Aber im Beete vermiſcht ſieht euch das Auge mit Luſt. 15. Sagt! was fuͤllet das Zimmer mit Wohlgeruͤchen? Reſeda, Farblos, ohne Geſtalt, ſtilles, beſcheidenes Kraut. 16. Zierde waͤrſt du der Gaͤrten; doch wo du erſcheineſt, da ſagſt du: Ceres ſtreute mich ſelbſt aus, mit der goldenen Saat. 17. Deine liebliche Kleinheit, dein holdes Auge, ſie ſagen Immer: Vergiß mein nicht! immer: Vergiß nur nicht mein! 18.. Schwaͤnden dem inneren Ange die Bilder ſaͤmmtlicher Blumen, Eleonore, dein Bild braͤchte das Herz ſich hervor. Sommer. 19. Grauſam erweiſet ſich Amor an mir! O, ſpielet, ihr Muſen, Mit den Schmerzen, die er, ſpielend, im Buſen er⸗ regt! 20. Mannſeripte beſitz' ich, wie kein Gelehrter noch Koͤnig: Denn mein Liebchen, ſie ſchreibt, was ich ihr dich⸗ tete, mir. — 368— 21. Wie im Winter die Saat nur langſam keimet, im Sommer Lebhaft treibet und keift, ſo war die Neigung zu dir. 22. Immer war mir das Feld und der Wald, und der Fels und die Gaͤrten Nur ein Naum, und du machſt ſie, Geliebte, zum Ort. 23. Raum und Zeit, ich empfind' es, ſind bloße Formen des Auſchauns, Da das Eckchen mit dir, Liebchen, unendlich mir ſcheint. 24. Sorge! ſie ſteiget mit dir zu Roß, ſie ſteiget zu Schiffe; Viel zudringlicher noch packet ſich Amor uns auf. 25. Neigung beſiegen iſt ſchwer; geſellet ſich aber Gewohn⸗ heit, Wutzelnd, allmaͤhlig zu ihr, unuͤberwindlich iſt ſie. 26. Welche Schrift ich zwei, ja drei Mal hinter einander Leſe? Das herzliche Blatt, das die Geliebte mir ſchreibt. 27. Sie entzuͤckt mich, und taͤuſchet vielleicht. O, Dichter und Saͤnger, Mimen! lerntet ihr doch meiner Geliebten was ab. 28. Alle Freude des Dichters, ein gutes Gedicht zu er⸗ ſchaffen, Fuͤhle das liebliche Kind, das ihn begeiſterte, mit. — 369— 29. Ein Epigramm ſey zu kurz, mir etwas Herzlichs zu ſagen? Wie, mein Geliebter, iſt nicht kuͤrzer der herzliche Kuß? 30. Kennſt du das herrliche Gift der unbefriedigten Liebe? Es verſengt und erquickt, zehret am Mark und er⸗ neut's. 31. Kennſt du die herrliche Wirkung der endlich befriedigten Liebe? Koͤrper verbindet ſie ſchoͤn, wenn ſie die Geiſter be⸗ freit. 33. Das iſt die wahre Liebe, die immer und immer ſich gleich bleibt, Wenn man ihr alles gewaͤhrt, wenn man ihr alles verſagt. 33. Alles wuͤnſcht' ich zu haben, um mit ihr alles zu theilen; Alles gaͤb' ich dahin, waͤr' ſie, die Einzige, mein. 34. Kraͤnken ein liebendes Herz, und ſchweigen muͤſſen; geſchaͤrfter Koͤnnen die Qualen nicht ſeyn, die Rhadamant ſich erſinnt. 35. Warum bin ich vergaͤnglich, o Zevs? ſo fragte die Schoͤnheit. — 370— Macht' ich doch, ſagte der Gott, nur das Vergaͤug⸗ liche ſchoͤn. 36. Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend 3 vernahmen’'s; Alle gingen ſie weg, weinend, von Jupiters Thron. 37. Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe. Schuitteſt du, Parze, doch nur beiden die Faͤden zugleich! 38. Fruͤchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen ſie 4 ſelten Roth und luſtig am Zweig, wie uns ein Apfel begruͤßt. 39. Richtet den herrſchenden Stab auf Leben und Handeln, und laſſet Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muſe das Spiel! 40. Lehret! Es ziemet euch wohl, auch wir verehren die Sitte; Aber die Muſe laͤßt nicht ſich gebieten von euch. 41. Nimm dem Prometheus die Fackel, beleb', o Muſe die Menſchen: Nimm ſie dem Amor, und raſch quaͤl und begluͤcke, wie er. — 371— 42. Alle Schoͤpfung iſt Werk der Natur. Von Jupiters Throne Zuckt der allmaͤchtige Strahl, naͤhrt und erſchuͤttert die Welt. 43. Freunde, treibet nur alles mit Ernſt und Liebe; die Beiden Stehen dem Deutſchen ſo ſchoͤn, den ach, ſo Vieles entſtellt. 44. Kinder werfen den Ball an die Wand, und fangen ihn wieder, Aber ich lobe das Shiel, wirft mir der Freund ihn zuruͤck. 45. Immer ſtrebe zum Ganzen, und kaunſt du ſelber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied ſchließs an ein Ganzes dich an. 46. Waͤr't ihr, Schwaͤrmer, im Stande, die Ideale zu faſſen, O, ſo verehrtet ihr auch, wie ſich's gebuͤhrt, die Natur. 47.. 3 Wem zu glauben iſt, redlicher Freund, das kann ich dir ſagen: Glaube dem Leben; es lehrt beſſer als Redner und Buch. 48. Alle Bluͤthen muͤſſen vergehn, daß Fruͤchte begluͤcken; Bluͤthen und Frucht zugleich gebet ihr Muſen allein. 49. Schaͤdliche Wahrheit, ich ziehe ſte vor 3 Irrthum. Wahrheit heilet den Schmerz, den ſie vielleicht uns erregt. 50. Schadet ein Irrthum wohl? Nicht immer; aber das Irren Immer ſchader's. Wie ſehr, ſieht man am Ende des Wegs. 51. Fremde Kinder, wir lieben ſie nie ſo ſehr als die eignen; Jrrthum, das eigene Kind, iſt uns dem Herzen ſo nah. 52. Irrthum verlaͤßt uns nie; doch zieht ein hoͤher Beduͤrf⸗ niß Immer den ſtrebenden Geiſt leiſe zur Wahrheit hinan. 53. Gleich ſey Keiner dem Andern; doch gleich ſey Jeder dem Hoͤchſten. Wie das zu machen? Es ſey Jeder vollendet in ſich. 54. Warum vill ſich Geſchmack und Genie ſo ſelten verei⸗ nen? Jener fuͤrchtet die Kraft; dieſes verachtet den Zaum. 55. Fortzupflanzen die Welt ſind alle vernuͤnft’ge Discurſe Unvermoͤgend; durch ſie kommt auch kein Kunſtwerk hervor. 56. Welchen Leſer ich wuͤnſche? den Unbefangenſten, der mich, Sich und die Welt vergißt, und in dem Buche nur lebt. dem nüuͤlichen * 57. Dieſer iſt mir der Freund, der mit mir Strebenden wandelt; Laͤd't er zum Sitzen mich ein, ſtehl' ich fuͤr heute mich weg. 58. Wie beklag' ich es tief, daß dieſe herrliche Seele, Werth, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift! 59. Preiſe dem Kinde die Puppen, wofuͤr es begierig die Groſchen Hinwirft; wahrlich! du wirſt Kraͤmern und Kindern ein Gott. 60. Wie verfaͤhrt die Natur, um Hohes und Niedres im 3 Menſchen Zu verbinden? Sie ſtellt Eitelkeit zwiſchen hinein. 61. Auf das empfindſame Volk hab' ich nie was gehalten; es werden, Kommt die Gelegenheit, nnr ſchlechte Geſellen dar⸗ aus. 62. Franzthum draͤngt in dieſen verworrenen Tagen, wie ehmals Lutherthum es gethan, ruhige Bildung zuruͤck. 63. Wo Parreien entſtehn, haͤlt jeder ſich huͤben und druͤ⸗ ben; Viele Jahre vergehn, eh' ſie die Mitte vereint. — 374— 64. „Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen! I Aber unſre Partei, freilich, verſteht ſich von ſelbſt.“ 65. Willſt du, mein Sohn, frei bleiben, ſo lerne was Rechtes, und halte Dich genuͤgſam, und nie blicke nach oben hinauf! 4 1 66. Wer iſt der edlere Mann in jedem Stande? Der ſtets ſich Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus. — 67. Wißt ihr, wie auch der Kleine was iſt? Er mache das Kleine Recht; der Große begehrt juſt ſo das Große zu thun. 68. Was iſt heilig? Oas iſt's, was viele Seelen zuſammen Bindet; baͤnd' es auch nur leicht, wie die Binſe den Kranz. 69. Was iſt das Heiligſte? Das, was heut und ewig die Geiſter, Tiefer und tiefer gefuͤhlt, immer nur einiger macht. . 70. Wer iſt das wuͤrdigſte Glied des Staats? Ein wacke⸗ rer Buͤrger; Unter jeglicher Form bleibt er der edelſte Stoff. 71. Wer iſt deun wirklich ein Fuͤrſt? Ich hab' es immer geſehen, Der nur iſt wirklich Fuͤrſt, der es vermochte zu ſeyn. — 375— 72. Fehlet die Einſicht oben, der gute Wille von unten, Fuͤhrt ſogleich die Gewalt, oder ſie ender den Streit. 73. Republiken hab' ich geſehn, und das iſt die beſte, Die dem regierenden Theil Laſten, nicht Vortheil,. gewaͤhrt. 74. Bald, es kenne nur Jeder den eigenen, goͤnne dem Andern Seinen Vortheil, ſo iſt ewiger Friede gemacht. 75.. Keiner beſcheidet ſich gern mit dem Theile, der ihm ge⸗ buͤhret, und ſo habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg. 76. Zweierlei Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu ſa⸗ — 4 gen: Oeffentlich immer dem Volk, immer dem Fuͤrſten ge⸗ heim. 77. Wenn du laut den Einzelnen ſchiltſt, er wird ſich ver⸗ ſtocken, Wie ſich die Menge verſtockt, wenn du im Ganzen ſie lobſt. 78. Du biſt Koͤnig und Ritter, und kannſt befehlen und — ſtreiten; Aber zu jedem Vertrag rufe den Kanzler herbei. — 376— 79. Klug und thaͤtig und feſt, bekannt mit Allem, nach oben Und nach unten gewandt, ſey er Miniſter, und bleib's. 80. Welchen Hofmann ich ehre? Den klaͤrſten und fein⸗ ſten! Das Andre, Wnee er noch ſonſt beſitzt, kommt ihm als Menſchen zu gut. 81. Ob du der Kluͤgſte ſeyſt, daran iſt wenig gelegen; Aber der Biederſte ſey, ſo wie bei Rathe, zu Haus. 82.. Ob du wachſt, das kuͤmmert uns nicht, wofern du nur ſingeſt. Singe, Waͤchter, dein Lied ſchlafend, wie Mehrere thun. 83. Dieß Mahl, ſtreuſt du, o Herbſt, nur leichte, wel⸗ kende Blaͤtter; * Gib mir ein ander Mahl ſchwellende Fruͤchte dafuͤr. Winter. 84. Waſſer iſt Koͤrder und Boden der Fluß. Das neuſte Theater* Thut, in der Sonne Glanz, zwiſchen den Ufern ſich auf. 85. Wahrlich, es ſcheint nur ein Traum! Bedentende Bilder des Lebens — 377— Schweben, lieblich und ernſt, uͤber die Flaͤche dahin. 86. Eingefroren ſahen wir ſo Jahrhunderte ſtarren, Menſchengefuͤhl und Vernunft ſchlich nur verborgen am Grund. 87. Nur die Flaͤche beſtimmt die kreiſenden Bahnen des Le⸗ bens; Iſt ſie glatt, ſo vergißt Jeder die nahe Gefahr. 88. Alle ſtreben und eilen und ſuchen und fliehen einander; Aber Alle beſchraͤnkt freundlich die glaͤttere Bahn⸗ 89. Durch einander gleiten ſie her, die Schuͤler und Meiſter und das gewoͤhnliche Volk, das in der Mitte ſich haͤlt. 90. Jeder zeigt hier, was er vermag; nicht Lob und nicht Tadel Hielte Dieſen zuruͤck, foͤrderte Jenen zum Ziel. 91. Euch Praͤconen des Pfuſchers, des Meiſters Verkleine⸗ rer, wuͤnſcht' ich, Mit ohnmaͤchtiger Wuth, ſtumm hier am Ufer zu ſehn. 8 92. Lehrling, du ſchwankeſt und zauderſt, und ſcheueſt die glaͤttere Flaͤche. Nur gelaſſen! du wirſt einſt noch die Freude der Bahn. 93. Willſt du ſchon zierlich erſcheinen? und biſt nicht ſicher. Vergebens! 32 — 378— Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmuth her⸗ vor. 94-. Fallen iſt der Sterblichen Loos. So faͤllt hier der Schuͤler, Wie der Meiſter; doch 35 dieſer gefährlicher hin. Stuͤrzt der ruͤſtigſte Laͤufer u Bahn, ſo lacht man am Ufer, Wie man bei Bier und Taback uͤber Beſiegte ſich hebt. 96. Gleite froͤhlich dahin, gib Rath dem werdenden Schuͤ⸗ ler, Freue des Meiſters dich, und ſo genieße des Tags. 97. Siehe, ſchon nahet der Fruͤhling; das ſtroͤmende Waſ⸗ ſer verzehret Unten, der ſanftere Bur oben der Sonne, das Eis. Dieſes Geſchlecht iſt ünten zerſtreut die bunte Geſell⸗ ſchaft; Schiffern und Fiſchern gehoͤrt wieder die wallende Fluth. 99. Schwimme, du maͤchtige Scholle, nur hin! und kommſt du als Scholle Nicht hinunter, du kommſt doch wohl als Tropfen ins Meer. ——— Inhalt des erſten Theils. —— Lieder. An die Guͤnſtigen. Der neue Amadis... Stirbt der Fuchs, ſo gilt der Balg. Heidenroͤslein.— 3... Blinde Kuh.... 6. Die Sproͤde...... Die Bekehrte...... Der Muſenſohn....—. Stiftungslied...... Zum neuen Jahre..... Wechſellied zum Tanze... Selbſtbetrug.... Kriegserklaͤrung.... Antworten bei einem geſellſchftlichen Frageſpiel Verſchiedene Empfindungen an einem Platze Wer kauft Liebesgoͤtter?.... Der Abſchied....„ Die ſchoͤne Nacht.. An die Erwaͤhlte Erſter Verluſt..... Nachgefühl...... Naͤhe des Geliebten.... An die Entfernte..... Am Fluſſe..... Die Freuden. 3.... Abſchied.....— Wechſel 2*..**. ·. Beherzigung...... Meeresſtille..... Gluͤckliche Fahtlt... * * . . „ 2 2 4e.- „.. Q —. 710 Muth.„. Erinnerung. Willkommen und Abſchied.—.. Neue Liebe, neues Leben... An Belinden.. Mailied.. Mit einem gemalten Bande.. Mit einem goldenen Halskettchen.. An Lottchen.* Bundeslied.. Tiſchliiede.. General⸗Beichte. Weltſeele..„ Dauer im Wechſel. Die gluͤcklichen Gatten Auf dem See. Vom Berge Fruͤhzeitiger Fruͤhling. Herbſtgefuͤhl.„.. Raſiloſe Liebe.. Schaͤfers Klagelied. Troſt in Thraͤnen 4 Nachtgeſang.. Sehnſucht. An Mignon. Bergſchloß... Geiſtesgruß.. Au ein goldenes Herz, Wonne der Wehmuth Wanderers Nachtlied. Jaͤgers Abendlied. An den Mond. Einſchräͤnkung.. .*.** * Hoffnung. 3... Sorge....... Stoßſeuſſer..... Naͤthſel..„„ ⸗... Das Sonett...... Perfectibilitaͤt........ Vorſchlag zur Guäte... Vanitas! Vanitatum vanitas!... Kophtiſches Lied..... Ein anderes..— Muſen und Grazien in der Mark.. Der Rattenfaͤnger... Fruͤhlings⸗Orakel... An Lina..... Vermiſchte Gedichte. Klagegeſang von der edlen Frauen des Aſan Mahomets Geſang.. Geſang der Geiſter uͤber den Waſſern. Meine Goͤttinn.... Harzreiſe im Winter.... An Schwager Kronos... Seefahrt. 4.**.* Adler und Tanbe...„. Prometheus...*. Ganymed..... Graͤnzen der Menſchheit.... Das Goͤttliche... 3 Herzog Leopold von Braunſchweig Dem Ackermann.... Auakreons Grab.. Die Geſchwiſter.... Zeitmas...... Goethe's Ged.. 33 Seite * Warnung Einſamkeit . . Erkanntes Gluͤck Erwaͤhlter Fels Laͤndliches Gluͤck Philomele . Geweihter Platz Der Park Die Lehrer Verſuchung . . Ungleiche Heirath Heilige Familie Entſchuldigung * . Der Chineſe in Rom Phoͤbos und Hermes Spiegel der Muſe Der neue Amo r Liebebeduͤrfniß. Anliegen An ſeine Sproͤde Die Muſageten Morgenklagen Der Beſuch. Magiſches Netz Der Becher Nachtgedanken An Silvien Ferne 55 An Lida Naͤhe. Suͤße Sorgen An die Cicade. . . . ·* * opfen . * 1 Seite Der Wanderer...... 121 Kuͤnſtlers Morgenlied..... 128 Amor ein Landſchaftsmaler.. 131 Kuͤnſtlers Abendlied.... 4 133 Kenner und Kuͤnſtler„.... 134 Kenner und Enthuſiaſt..... 135 Monolog des Liebhabers...„. 136 Guter Rath......„ 137 Deutſcher Parnas.— Parabeln„...... 45 Legende.... 147 Hans Sachſens poetiſche Sendung.—. 149 Auf Mieding's Tod„„... 155 Epilog zu Schillers Glocke.. 163 Die Geheimniſſe..... 166 Lili's Park..... 1. 182 Zohanna Sebuis..... 17387 Menſchenſchickkäal.. 188 Der Einſame..—... 189 Mignon's Sehnſucht.„..— Die Nacht 3...... 190 Das Geheimniß.... 191 Maͤdchenſehnſucht nach dem Tode... 192 Balladen und Romanzen. Der Sänger....... 195 Das Veilchen..... 196 Der untreue Knabe.... 197 Erlkoͤnig....... 199 Der Fiſcher.....„ 200 Der Koͤnig in Thule.... 2⁰1 Das Bluͤmlein Wunderſchon... 202 Ritter Curts Brautfahrt.... 205 Hochzeitlied.... Der Schatzgraͤber„. Die Spinnerin.... Der Edelknabe und die Muͤllerin Der Junggeſell und der Muͤhlbach. Der Muͤllerin VBertath.. Der Muͤllerin Reue... Wanderer und Paͤchterin. Die erſte Walpurgis⸗Nacht Der Zauberlehrling... Die Braut von Corinth.. Der Gott und die Baja dere. Elegien. . 1. Römiſche. Zwanzig... II. Alexis und Dbra.. Der neue Pauſias....— Euphroſyne.„ Das Wiederſehen. 3.. Amyntas..... Die Metamorphoſe der Pflanzen. Herrmann und Dorothea.. Epiſteln. Zwei.... 3. Epigramme. Von Veuedig. Hundert und drei Zwei und dreißig.... Vier Jahreszeiten. Neun und u . . Weiſſagungen des Bakis. . —