Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ d Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 4 LCeih- und Seſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für iopchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Verſuch' ich wohl euch dießmal feſt zu halten? ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? dranat uch zu! nun gut, ſo moͤgt ihr walten, Wie ihr aus Dunſt und Nebel um mich ſteigt; Mein Buſen fühlt ſich jugendlich erſchüttert Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage, Und manche liebe Schatten ſteigen auf; Gleich einer alten halbverklungnen Sage, Kommt erſte Lieb' und Freundſchaft mit herauf; Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage Des Lebens labyrinthiſch irren Lauf, Und nennt die Guten, die, um ſchoͤne Stunden lück getäuſcht, vor mir hinweggeſchwunden. Sie hören nicht die folgenden Geſänge, Die Seelen, denen ich die erſten ſang; Zerſtoben iſt das freundliche Gedränge, 83 Verklungen ach! der erſte Wiederklang. Mein Lied ertönt der unbekannten Menge, ——— Ihr Beifall ſelbſt macht meinem Herzen bang; Und was ſich ſonſt an meinem Lied erfreuet, Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerſtreuet. Und mich ergreift ein längſt entwoͤhntes Sehnen Nach jenem ſtillen ernſten Geiſterreich;— 2 Es ſchwebet nun in unbeſtimmten Toͤnen 5 5 Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe gleich; 4 4 Ein Schauer faßt mich, Thraͤne folgt den Thraͤnen, 4 Das ſtrenge Herz es fühlt ſich mild und weich; 4 Was ich beſitze ſeh' ich wie im Weiten, Und was verſchwand wird mir zu Wirklichkeiten. 5 4„ . b — Vorſpiel auf dem Theater. Director. Theaterdichter. Inſtige Perſon. Director. Ihr Beiden, die ihr mir ſo oft In Noth und Trübſal beigeſtanden, Sagt was ihr wohl in deutſchen Landen Von unſrer Unternehmung hofft? Ich wünſchte ſehr der Menge zu behagen, Beſonders weil ſie lebt und leben läßt. Die Pfoſten ſind, die Bretter aufgeſchlagen, Und jedermann erwartet ſich ein Feſt. Sie ſitzen ſchon, mit hohen Augenbraunen, Gelaſſen da und möchten gern erſtaunen. Ich weiß wie man den Geiſt des Volks verſöhnt; Doch ſo verlegen bin ich nie geweſen; Zwar ſind ſie an das Beſte nicht gewöhnt, Allein ſie haben ſchrecklich viel geleſen. Wie machen wir's, daß alles friſch und neu Und mit Bedeutung auch gefällig ſey? Denn freilich mag ich gern die Menge ſehen, Wenn ſich der Strom nach unſrer Bude drängt, und mit gewaltig wiederholten Wehen Sich durch die enge Gnadenpforte zwaͤngt, Bei hellem Tage, ſchon vor Vieren, Mit Stoͤßen ſich bis an die Kaſſe ſicht, und wie in Hungersnoth um Brot an Bäckerthüren, Um ein Billet ſich faſt die Halſe bricht. 6 Dieß Wunder wirkt auf ſo verſchiedne Leute Der Dichter nur; mein Freund, o thu' es heute! Dichter. O ſprich mir nicht von jener bunten Menge, Bei deren Anblick uns der Geiſt entflieht. Verhülle mir das wogende Gedränge, Das wider Willen uns zum Strudel zieht. Nein, führe mich zur ſtillen Himmelsenge, Wo nur dem Dichter reine Freude blüht; Wo Lieb' und Freundſchaft unſres Herzens Segen Mit Götterhand erſchaffen und erpflegen. Ach! was in tiefer Bruſt uns da entſprungen, Was ſich die Lippe ſchüchtern vorgelallt, Mißrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen, Verſchlingt des wilden Augenblicks Gewalt. Oft wenn es erſt durch Jahre durchgedrungen Erſcheint es in vollendeter Geſtalt. Was glaͤnzt iſt für den Augenblick geboren; Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren. Luſtige Perſon. Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören ſollte; Geſetzt daß ich von Nachwelt reden wollte, Wer machte denn der Mitwelt Spaß? Den will ſie doch und ſoll ihn haben. Die Gegenwart von einem braven Knaben Iſt, dacht' ich, immer auch ſchon was. Wer ſich behaglich mitzutheilen weiß, Den wird des Volkes Laune nicht erbittern; Er wünſcht ſich einen großen Kreis, Um ihn gewiſſer zu erſchͤttern.. 3 Drum ſeyd nur brav und zeigt euch muſterhaft; Laßt Phantaſie, mit allen ihren Chören, Vernunft, Verſtand, Empfindung, Leidenſchaft, Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hoͤren. — — Director. Beſonders aber laßt genug geſchehn! Man kommt zu ſchaun, man will am liebſten ſehn, Wird Vieles vor den Augen abgeſponnen, So daß die Menge ſtaunend gaffen kann, Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen, Ihr ſeyd ein vielgeliebter Mann. Die Maſſe könnt ihr nur durch Maſſe zwingen, Ein jeder ſucht ſich endlich ſelbſt was aus. Wer Vieles bringt, wird manchem Etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus. Gebt ihr ein Stück, ſo gebt es gleich in Stücken! Solch ein Ragout es muß euch glücken; Leicht iſt es vorgelegt, ſo leicht als ausgedacht. Was hilft's, wenn ihr ein Ganzes dargebracht! Das Publicum wird es euch doch zerpflücken. Dichter. Ihr fuͤhlet nicht, wie ſchlecht ein ſolches Handwerk ſey! Wie wenig das dem ächten Künſtler zieme! Der ſaubern Herren Pfuſcherei Iſt, merk' ich, ſchon bei euch Maxime. Director. Ein ſolcher Vorwurf läßt mich ungekrankt; Ein Mann, der recht zu wirken denkt, Muß auf das beſte Werkzeug halten. Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu ſpalten, und ſeht nur hin für wen ihr ſchreibt! Wenn dieſen Langeweile treibt, Kommt jener ſatt vom übertiſchten Mahle, und, was das allerſchlimmſte bleibt, Gar mancher kommt vom Leſen der Journale. Man eilt zerſtreut zu uns, wie zu den Maskenfeſten, Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt; Die Damen geben ſich und ihren Putz zum beſten ————-—õyõꝛ Und ſpielen ohne Gage mit. Was träumet ihr auf eurer Dichter⸗ Hoͤher Was macht ein volles Haus euch froh? Beſeht die Gönner in der Nähe! Halb ſind ſie kalt, halb ſind ſie roh. Der, nach dem Schauſpiel, hofft ein Kartenſpiel, Der eine wilde Nacht an einer Dirne Buſen. Was plagt ihr armen Thoren viel, Zu ſolchem Zweck, die holden Muſen? Ich ſag' euch, gebt nur mehr, und immer immer mehr, So könnt ihr euch vom Ziele nie verirren. Sucht nur die Menſchen zu verwirren, Sie zu befriedigen iſt ſchwer—— Was fäͤllt euch an? Entzückung oder Schmerzen? Dichter. Geh hin und ſuch' dir einen andern Knecht! Der Dichter ſollte wohl das höchſte Recht, Das Menſchenrecht, das ihm Natur vergöͤnnt, Um deinetwillen freventlich verſcherzen! Wodurch bewegt er alle Herzen? Wodurch beſiegt er jedes Element? Iſt es der Einklang nicht, der aus dem Buſen dringt, Und in ſein Herz die Welt zurücke ſchlingt? Wenn die Natur des Fadens ew'ge Laͤnge, Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt, Wenn aller Weſen unharmon'ſche Menge Verdrießlich durch einander klingt; Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe Belebend ab, daß ſie ſich rhythmiſch regt? Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe, Wo es in herrlichen Accorden ſchlaägt? Wer laͤßt den Sturm zu Leidenſchaften wuͤthen? Das Abendroth im ernſten Sinne glühn? Wer ſchüttet alle ſchönen Fruͤhlingsblüthen 9 Auf der Geliebten Pfade hin? Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter Zum Ehrenkranz Verdienſten jeder Art? Wer ſichert den Olymp, vereinet Götter? Des Menſchen Kraft im Dichter offenbart. 8 Luſtige Perſon. So braucht ſie denn die ſchoͤnen Kräfte Und treibt die dicht'riſchen Geſchäfte, Wie man ein Liebesabenteuer treibt. Zufällig naht man ſich, man fühlt, man bleibt Und nach und nach wird man verflochten; Es wachſt das Gluͤck, dann wird es angefochten, Man iſt entzückt, nun kommt der Schmerz heran, Und eh man ſich's verſieht, iſt's eben ein Roman.. Laßt uns auch ſo ein Schauſpiel geben! Greift nur hinein ins volle Menſchenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen iſt's bekannt, Und wo ihr's packt, da iſt's intereſſant. In bunten Bildern wenig Klarheit, Viel Irrthum und ein Fuͤnkchen Wahrheit, So wird der beſte Trank gebraut, Der alle Welt erquickt und auferbaut. Dann ſammelt ſich der Jugend ſchoͤnſte Blüthe Vor eurem Spiel und lauſcht der Offenbarung, Dann ſauget jedes zärtliche Gemuͤthe Aus eurem Werk ſich melanchol'ſche Nahrung, Dann wird bald dieß, bald jenes aufgeregt, Ein jeder ſieht was er im Herzen trägt. Noch ſind ſie gleich bereit zu weinen und zu lachen, Sie ehren noch den Schwung, erfreuen ſich am Schein: Wer fextig iſt, dem iſt nichts recht zu machen; Ein Werdender wird immer dankbar ſeyn. Dichter. So gieb mir auch die Zeiten ber⸗ Da ich noch ſelbſt im Werden war, Da ſich ein Quell gedrängter Lieder Ununterbrochen neu gebar, Da Nebel mir die Welt verhüllten, Die Knospe Wunder noch verſprach, Da ich die tauſend Blumen brach, Die alle Thäler reichlich füllten. Ich hatte nichts und doch genug! Den Drang nach Wahrheit und die Luſt am Trug. Gieb ungebändigt jene Triebe, Das tiefe ſchmerzenvolle Glück, Des Haſſes Kraft, die Macht der Liebe, Gieb meine Jugend mir zurück! Luſtige Perſon. Der Jugend, guter Freund, bedarfſt du allenfalls, Wenn dich in Schlachten Feinde drängen, Wenn mit Gewalt an deinen Hals Sich allerliebſte Mädchen hangen, Wenn fern des ſchnellen Laufes Kranz Vom ſchwer erreichten Ziele winket, Wenn nach dem heft'gen Wirbeltanz Die Naͤchte ſchmauſend man vertrinket. Doch ins bekannte Saitenſpiel Mit Muth und Anmuth einzugreifen, Nach einem ſelbſtgeſteckten Ziel Mit holdem Irren hinzuſchweifen, Das, alte Herr'n, iſt eure Pflicht, Und wir verehren euch darum nicht minder. Das Alter macht nicht kindiſch, wie man ſpricht, Es findet uns nur noch als wahre Kinder. Director. Der Worte ſind genug gewechſelt, Laßt mich auch endlich Thaten ſehn; Indeß ihr Complimente drechſelt, —— — 11 Kann etwas Nuͤtzliches geſchehn. Was hilft es viel von Stimmung reden? Dem Zaudernden erſcheint ſie nie. Gebt ihr euch einmal für Poeten, So commandirt die Poeſie. Euch iſt bekannt, was wir beduͤrfen, Wir wollen ſtark Getränke ſchlürfen; Nun braut mir unverzüglich dran! Was heute nicht geſchieht, iſt morgen nicht gethan. Und keinen Tag ſoll man verpaſſen, Das Möͤgliche ſoll der Entſchluß Beherzt ſogleich beim Schopfe faſſen, Er will es dann nicht fahren laſſen, Und wirket weiter, weil er muß. Ihr wißt, auf unſern deutſchen Bühnen Probirt ein jeder was er mag; Drum ſchonet mir an dieſem Tag Proſpecte nicht und nicht Maſchinen. Gebraucht das groß' und kleine Himmelslicht, Die Sterne dürfet ihr verſchwenden; An Waſſer, Feuer, Felſenwänden, An Thier und Vogeln fehlt es nicht. So ſchreitet in dem engen Bretterhaus Den ganzen Kreis der Schöpfung aus, Und wandelt mit bedacht'ger Schnelle Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Prolog im Himmel. Der Herr, die himmliſchen Heerſchaaren, nachber Mephiſtopheles. Die drei Erzengel treten vor. Raphael. Die Sonne toͤnt nach alter Weiſe In Bruderſphären Wettgeſang, Und ihre vorgeſchrieb'ne Reiſe Vollendet ſie mit Donnergang. Ihr Anblick giebt den Engeln Stärke, Wenn keiner ſie ergruͤnden mag; Die unbegreiflich hohen Werke Sind herrlich wie am erſten Tag. Gabriel. Und ſchnell und unbegreiflich ſchnelle Dreht ſich umher der Erde Pracht; Es wechſelt Paradieſes⸗Helle Mit tiefer ſchauervoller Nacht; Es ſchäumt das Meer in breiten Fluͤſſen 1 Am tiefen Grund der Felſen auf, Und Fels und Meer wird fortgeriſſen In ewig ſchnellem Sphaͤrenlauf. Michael. Und Stürme brauſen um die Wette, Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer, Und bilden wuͤthend eine Kette Der tiefſten Wirkung rings umher. ——— Da flammt ein blitzendes Verheeren Dem Pfade vor des Donnerſchlags; Doch deine Boten, Herr, verehren Das ſanfte Wandeln deines Tags. Bu Drei. Der Anblick giebt den Engeln Stärke Da keiner dich ergründen mag, Und alle deine hohen Werke Sind herrlich wie am erſten Tag. Mephiſtopheles. Da du, o Herr, dich einmal wieder nahſt uUnd fragſt wie alles ſich bei uns befinde, und du mich ſonſt gewöhnlich gerne ſahſt; So ſiehſt du mich auch unter dem Geſinde. Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen, Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt; Mein Pathos brachte dich gewiß zum Lachen, Haͤtt'ſt du dir nicht das Lachen abgewöhnt. Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu ſagen, Ich ſehe nur wie ſich die Menſchen plagen. Der kleine Gott der Welt bleibt ſtets von gleichem Schlag, Und iſt ſo wunderlich als wie am erſten Tag. Ein wenig beſſer wuͤrd' er leben, Haͤtt'ſt du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt's Vernunft und braucht's allein, Nur thieriſcher als jedes Thier zu ſeyn. Er ſcheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden, Wie eine der langbeinigen Cicaden, Die immer fliegt und fliegend ſpringt Und gleich im Gras ihr altes Liedchen ſingt; Und läg' er nur noch immer in dem Graſe! In jedem Quark begräbt er ſeine Naſe. Der Herr. Haſt du mir weiter nichts zu ſagen? 14 Kommſt du nur immer anzuklagen? Iſt auf der Erde ewig dir nichts recht? Mephiſtopheles. Nein, Herr! ich find' es dort, wie immer, herzlich ſchlecht. Die Menſchen dauern mich in ihren Jammertagen, Ich mag ſogar die armen ſelbſt nicht plagen. Der Herr. Kennſt du den Fauſt? Mephiſtopheles. Den Doctor? Der Herr. Meinen Knecht! 3 Mephiſtopheles. Fürwahr! er dient euch auf beſondre Weiſe. Nicht irdiſch iſt des Thoren Trank noch Speiſe. Ihn treibt die Gährung in die Ferne, Er iſt ſich ſeiner Tollheit halb bewußt; Vom Himmel fordert er die ſchoͤnſten Sterne, Und von der Erde jede höchſte Luſt, Und alle Näh' und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Bruſt. Der Herr. Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient; So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen.„ Weiß doch der Gärtner, wenn das Baumchen gruͤnt, Daß Bluͤth' und Frucht die künft'gen Jahre zieren. Mephiſtopheles. Was wettet ihr? den ſollt ihr noch verlieren, Wenn ihr mir die Erlaubniß gebt, Ihn meine Straße ſacht zu führen! Der Herr. So lang' er auf der Erde lebt, So lange ſey dir's nicht verboten. Es irrt der Menſch ſo lang' er ſtrebt. 15 Mephiſtopheles. Da dank' ich euch; denn mit den Todten Hab' ich mich niemals gern befangen. Am meiſten lieb' ich mir die vollen friſchen Wangen. Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus; Mir geht es wie der Katze mit der Maus. Der Herr. Nun gut, es ſey dir überlaſſen! Zieh dieſen Geiſt von ſeinem Urquell ab, und führ' ihn, kannſt du ihn erfaſſen, Auf deinem Wege mit herab, Und ſteh beſchämt, wenn du bekennen mußt: Ein guter Menſch in ſeinem dunkeln Drange Iſt ſich des rechten Weges wohl bewußt. Mephiſtopheles. Schon gut! nur dauert es nicht lange. Mir iſt für meine Wette gar nicht bange. Wenn ich zu meinem Zweck gelange, Erlaubt ihr mir Triumph aus voller Bruſt. „Staub ſoll er freſſen, und mit Luſt, Wie meine Muhme, die berühmte Schlange. Der Herr. Du darfſt auch da nur frei erſcheinen; Ich habe deines Gleichen nie gehaßt. Von allen Geiſtern die verneinen Iſt mir der Schalk am wenigſten zur Laſt. Des Menſchen Thaäͤtigkeit kann allzuleicht erſchlaffen, Er liebt ſich bald die unbedingte Ruh; Drum geb' ich gern ihm den Geſellen zu, Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, ſchaffen. Doch ihr, die echten Götterſöhne, Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, Umfaſſ' euch mit der Liebe holden Schranken, 16 Und was in ſchwankender Erſcheinung ſchwebt, Befeſtiget mit dauernden Gedanken. (Der Himmel ſchließt, die Erzengel vertheilen ſich.) Mephiſtopheles Kallein). Von Zeit zu Zeit ſeh' ich den Alten gern, Und huͤte mich mit ihm zu brechen. Es iſt gar hübſch von einem großen Herrn, So menſchlich mit dem Teufel ſelbſt zu ſprechen. * 17 Der Tragödie Erſter Theil. 4 Naſcht. 3 In einem hochgewölbten, engen, gothiſchen Zimmer Fauſt unruhig auf ſeinem Seſſel am Pult. Fauſt. Habe nun, ach! Philoſophie, 1 Juriſterei und Medicin, Und leider auch Theologie! Durchaus ſtudirt, mit heißem Bemuͤhn. Da ſteh' ich nun, ich armer Thor! 8 und bin ſo klug als wie zuvor;— Heiße Magiſter, heiße Doctor gar, uUnd ziehe ſchon an die zehen Jahr, Herauf, herab und quer und krumm, Meine Schuͤler an der Naſe herum— 6 und ſehe, daß wir nichts wiſſen können!— 3 Das will mir ſchier das Herz verbrennen. Zwar bin ich geſcheiter als alle die Laffen, Doctoren, Magiſter, Schreiber und Pfaffen; Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel, Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel— Dafur iſt mir auch alle Freud' entriſſen, 5* Bilde mir nicht ein was rechts zu wiſſen, 1 Bilde mir nicht ein ich könnte was lehren, Die Menſchen zu beſſern und zu bekehren. 3 Auch hab' ich weder Gut noch Geld, 1 Goethe, Fauſt. 2 18 Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt; Es möchte kein Hund ſo länger leben! Drum hab' ich mich der Magie ergeben, Ob mir, durch Geiſtes Kraft und Mund, Nicht manch Geheimniß würde kund; Daß ich nicht mehr, mit ſauerm Schweiß, Zu ſagen brauche, was ich nicht weiß; Daß ich erkenne was die Welt Im Innerſten zuſammenhäaͤlt, Schau' alle Wirkenskraft und Samen, Und thu' nicht mehr in Worten kramen. O ſähſt du, voller Mondenſchein, Zum letzten Mal auf meine Pein, Den ich ſo manche Mitternacht An dieſem Pult herangewacht: Dann, über Büchern und Papier, Truͤbſel'ger Freund, erſchienſt du mir! Ach! könnt' ich doch auf Bergeshöh'n, In deinem lieben Lichte gehn, Um Bergeshoͤhle mit Geiſtern ſchweben, Auf Wieſen in deinem Dämmer weben,. Von allem Wiſſensqualm entladen In deinem Thau geſund mich baden! — Wehl ſteck' ich in dem Kerker noch? Verfluchtes dumpfes Mauerloch! Wo ſelbſt das liebe Himmelslicht Trüb' durch gemalte Scheiben bricht! Beſchränkt von dieſem Bücherhauf, Den Würme nagen, Staub bedeckt, Den, bis ans hohe Gewölb' hinauf, Ein angeraucht Papier umſteckt; Mit Gläſern, Büchſen rings umſtellt, Mit Inſtrumenten vollgepfropft, 19 Urvaͤter Hausrath drein geſtopft— Das iſt deine Welt! das heißt eine Welt! Und fragſt du noch, warum dein Herz Sich bang' in deinem Buſen klemmt? Warum ein unerklärter Schmerz Dir alle Lebensregung hemmt? Statt der lebendigen Natur, Da Gott die Menſchen ſchuf hinein, Umgiebt in Rauch und Moder nur Dich Thiergeripp' und Todtenbein. Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land! Und dieß geheimnißvolle Buch, Von Noſtradamus eigner Hand, Iſt dir es nicht Geleit genug? Erkenneſt dann der Sterne Lauf, Und wenn Natur dich unterweiſ't, Dann geht die Seelenkraft dir auf, Wie ſpricht ein Geiſt zum andern Geiſt. umſonſt, daß trocknes Sinnen hier Die heil'gen Zeichen dir erklärt. Ihr ſchwebt, ihr Geiſter, neben mir; Antwortet mir, wenn ihr mich hört! (Er ſchlägt das Buch auf, und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.) Hal welche Wonne fließt in dieſem Blick Auf einmal mir durch alle meine Sinnen! Ich fuͤhle junges heil'ges Lebensglück Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen. War es ein Gott, der dieſe Zeichen ſchrieb, Die mir das inn're Toben ſtillen, Das arme Herz mit Freude füllen, Und mit geheimnißvollem Trieb, Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen? Bin ich ein Gott? Mir wird ſo licht! 3 20 Ich ſchau' in dieſen reinen Zügen Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen. Jetzt erſt erkenn' ich was der Weiſe ſpricht: „Die Geiſterwelt iſt nicht verſchloſſen; „Dein Sinn iſt zu, dein Herz iſt todt! „Auf, bade, Schuͤler, unverdroſſen „Die ird'ſche Bruſt im Morgenroth!“ (Er beſchaut das Zeichen.) Wie alles ſich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder ſteigen Und ſich die goldnen Eimer reichen! Mit ſegenduftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmoniſch all' das All durchklingen! Welch Schauſpiel! aber ach! ein Schauſpiel nur! Wo faſſ' ich dich, unendliche Natur? Euch Brüſte, wo? Ihr Quellen alles Lebens, An denen Himmel und Erde hängt, Dahin die welke Bruſt ſich drängt— Ihr quellt, ihr tränkt, und ſchmacht' ich ſo vergebens? 3 (Er ſchlägt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeichen des Erdgeiſtes.) Wie anders wirkt dieß Zeichen auf mich ein! Du, Geiſt der Erde, biſt mir näher; Schon fühl' ich meine Kräfte höher, Schon gluͤh' ich wie von neuem Wein, Ich fühle Muth mich in die Welt zu wagen, Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen, Mit Stürmen mich herumzuſchlagen, Und in des Schiffbruchs Knirſchen nicht zu zagen, Es wölbt ſich über mir— Der Mond verbirgt ſein Licht— Die Lampe ſchwindet! Es dampft!— Es zucken rothe Strahlen Mir um das Haupt— Es weht Ein Schauer vom Gewölb' herab und faßt mich an! Ich fühl's, du ſchwebſt um mich, erflehter Geiſt. Enthulle dich! Ha! wie's in meinem Herzen reißt! Zu neuen Gefühlen All' meine Sinnen ſich erwuͤhlen! Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben! Du mußt! du mußt! und koſtet' es mein Leben! (Er faßt das Buch und ſpricht das Zeichen des Geiſtes geheimnißvoll aus. Es zuckt eine röthliche Flamme, der Geiſt erſcheint in der Flamme.) Geiſt. Wer ruft mir? Fauſt(abgewendet). Schreckliches Geſicht! Geiſt. Du haſt mich mächtig angezogen, An meiner Sphäre lang' geſogen, Und nun— Fauſt. Wehl ich ertrag' dich nicht! Geiſt. Du flehſt erathmend mich zu ſchauen, Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu ſehn; Mich neigt dein mächtig Seelenflehn, Da bin ich!— Welch erbarmlich Grauen Faßt Uebermenſchen dich! Wo iſt der Seele Ruf? Wo iſt die Bruſt, die eine Welt in ſich erſchuf, und trug und hegte, die mit Freudebeben Erſchwoll, ſich uns, den Geiſtern, gleich zu heben? Wo biſt du, Fauſt, deß Stimme mir erklang, Der ſich an mich mit allen Kräften drang? Biſt Du es? der, von meinem Hauch umwittert, (2 — Deer trockne Schleicher ſtören muß! In allen Lebenstiefen zittert, Ein furchtſam weggekrümmter Wurm! Fauſt. Soll ich dir, Flammenbildung, weichen? Ich bin's, bin Fauſt, bin deines Gleichen! Geiſt. In Lebensfluthen, im Thatenſturm Wall' ich auf und ab, Webe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewiges Meer, Ein wechſelnd Weben, Ein glühend Leben, So ſchaff' ich am ſauſenden Webſtuhl der Zeit, Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. Fauſt. Der du die weite Welt umſchweifſt, Geſchäftiger Geiſt, wie nah' fühl ich mich dir! Geiſt. Du gleichſt dem Geiſt, den du begreifſt, Nicht mir! (Verſchwindet.) Fauſt(zu ſammenſtürzend). Nicht dir? Wem denn? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir! (Es klopft.). O Tod!l ich kenn's— das iſt mein Famulus— Es wird mein ſchoͤnſtes Glück zu nichte! Daß dieſe Fuͤlle der Geſichte 23 Wagner im Schlafrocke und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Fauſt wendet ſich unwillig. Wagner. Verzeiht! ich hoͤr' euch declamiren; Ihr laſ't gewiß ein griechiſch Trauerſpiel? In dieſer Kunſt möcht' ich was profitiren, Denn heut zu Tage wirkt das viel. Ich hab' es oͤfters ruͤhmen horen, Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren. Fauſt. Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant iſt; Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag. Wagner. Ach! wenn man ſo in ſein Muſeum gebannt iſt, und ſieht die Welt kaum einen Feiertag, Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten, Wie ſoll man ſie durch Ueberredung leiten? Fauſt. Wenn ihr's nicht fuͤhlt, ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt, und mit urkraͤftigem Behagen Die Herzen aller Hoͤrer zwingt. Sitzt ihr nur immer! Leimt zuſammen, Braut ein Ragout von andrer Schmaus, und blaſ't die kümmerlichen Flammen Aus eurem Aſchenhäaufchen'raus! Bewund'rung von Kindern und Affen, Wenn euch darnach der Gaumen ſteht; Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen ſchaffen, Wenn es euch nicht von Herzen geht. A Wagner. Allein der Vortrag macht des Redners Glück; Ich fühl' es wohl, noch bin ich weit zurück. 24 Fauſt. Such' Er den redlichen Gewinn! Sey Er kein ſchellenlauter Thor! Es traͤgt Verſtand und rechter Sinn Mit wenig Kunſt ſich ſelber vor; und wenn's euch Ernſt iſt, was zu ſagen, Iſt's nöthig Worten nachzujagen? Ja, eure Reden, die ſo blinkend ſind, In denen ihr der Menſchheit Schnitzel kräuſelt, Sind unerquicklich wie der Nebelwind, Der herbſtlich durch die dürren Blätter ſäuſelt! Wagner. Ach Gott! die Kunſt iſt lang! uUnd kurz iſt unſer Leben. Mir wird, bei meinem kritiſchen Beſtreben, Doch oft um Kopf und Buſen bang'. Wie ſchwer ſind nicht die Mittel zu erwerben, Durch die man zu den Quellen ſteigt! und eh' man nur den halben Weg erreicht, Muß wohl ein armer Teufel ſterben.. 2 Fauſt.* Das Pergament iſt das der heil'ge Bronnen, Woraus ein Trunk den Durſt auf ewig ſtillt? Erquickung haſt du nicht gewonnen, Wenn ſie dir nicht aus eigner Seele auillt. Wagner. Verzeiht! es iſt ein groß Ergetzen Sich in den Geiſt der Zeiten zu verſetzen, Zu ſchauen wie vor uns ein weiſer Mann gedacht, Und, wie wir's dann zuletzt ſo herrlich weit gebracht. Fauſt. O ja, bis an die Sterne weit! Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit ſieben Siegeln; 25 Was ihr den Geiſt der Zeiten heißt, Das iſt im Grund der Herren eigner Geiſt, In dem die Zeiten ſich beſpiegeln. Da iſt's denn wahrlich oft ein Jammer! Man lauft euch bei dem erſten Blick davon. Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer, uUnd höchſtens eine Haupt⸗ und Staatsaction, Mit trefflichen pragmatiſchen Marimen, Wie ſie den Puppen wohl im Munde ziemen! Wagner. Allein die Welt! des Menſchen Herz und Geiſt! Möcht' jeglicher doch was davon erkennen. Fauſt. Ja was man ſo erkennen heißt! Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen? Die wenigen, die was davon erkannt, 4 Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefuhl, ihr Schauen offenbarten, Hat man von je gekreuzigt und verbrannt. Ich bitt' euch, Freund, es iſt tief in der Nacht, Wir müſſen's dießmal unterbrechen. Wagner. Ich hätte gern nur immer fortgewacht, Um ſo gelehrt mit euch mich zu beſprechen. Doch morgen, als am erſten Oſtertage, Erlaubt mir ein' und andre Frage. Mit Eifer hab' ich mich der Studien befliſſen; Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wiſſen. (Ab.) Fanſt allein). AN Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung ſchwindet, Der immerfort an ſchalem Zeuge klebt, „Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt, Und froh iſt wenn er Regenwürmer findet! 26 Darf eine ſolche Menſchenſtimme hier, Wo Geiſterfüͤlle mich umgab, ertönen? Doch ach! fuͤr dießmal dank' ich dir, Dem äarmlichſten von allen Erdenſöhnen. Du riſſeſt mich von der Verzweiflung los, Die mir die Sinne ſchon zerſtören wollte. Ach! die Erſcheinung war ſo rieſen⸗groß, Daß ich mich recht als Zwerg empfinden ſollte. Ich, Ebenbild der Gottheit, das ſich ſchon Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit, Sein ſelbſt genoß in Himmelsglanz und Klarheit, und abgeſtreift den Erdenſohn; Ich, mehr als Cherub, deſſen freie Kraft Schon durch die Adern der Natur zu fließen uUnd ſchaffend, Götterleben zu genießen Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß ich's büßen! Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft. Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermeſſen. Hab' ich die Kraft dich anzuziehn beſeſſen, So hatt' ich dich zu halten keine Kraft. In jenem ſel'gen Augenblicke Ich fuͤhlte mich ſo klein, ſo groß; Du ſtießeſt grauſam mich zurücke, Ins ungewiſſe Menſchenloos. Wer lehret mich? was ſoll ich meiben? Soll ich gehorchen jenem Drang? Ach! unſre Thaten ſelbſt, ſo gut als unſre Leiden, Sie hemmen unſres Lebens Gang. Dem Herrlichſten, was auch der Geiſt empfangen, Drangt immer fremd und fremder Stoff ſich an; Wenn wir zum Guten dieſer Welt gelangen, Dann heißt das Beſſ're Trug und Wahn. 27 Die uns das Leben gaben, herrliche Gefüͤhle, Erſtarren in dem irdiſchen Gewühle. Wenn Phantaſie ſich ſonſt, mit kühnem Flug, Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert, So iſt ein kleiner Raum ihr nun genug, Wenn Gluͤck auf Glück im Zeitenſtrudel ſcheitert. Die Sorge niſtet gleich im tiefen Herzen, Dort wirket ſie geheime Schmerzen, Unruhig wiegt ſie ſich und ſtoͤret Luſt und Ruh; Sie deckt ſich ſtets mit neuen Masken zu, Sie mag als Haus, und Hof, als Weib und Kind er⸗ ſcheinen, Als Feuer, Waſſer, Dolch und Gift; Du bebſt vor allem was nicht trifft, und was du nie verlierſt das mußt du ſtets beweinen. Den Goͤttern gleich' ich nicht! Zu tief iſt es gefuͤhlt; Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwuͤhlt; Den, wie er ſich im Staube nahrend lebt, Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt. Iſt es nicht Staub was dieſe hohe Wand, Aus hundert Fächern, mir verenget; Der Troͤdel, der mit tauſendfachem Tand, In dieſer Mottenwelt mich dränget? Hier ſoll ich finden was mir fehlt? Soll ich vielleicht in tauſend Büchern leſen, Daß überall die Menſchen ſich gequält, Daß hie und da ein Glücklicher geweſen? Was grinſeſt du mir hohler Schädel her? Als daß dein Hirn, wie meines, einſt verwirret, Den leichten Tag geſucht und in der Dämmrung ſchwer, Mit Luſt nach Wahrheit, jämmerlich geirret. Ihr Inſtrumente freilich ſpottet mein, 28 Mit Rad und Kämmen, Walz' und Bugel. Ich ſtand am Thor, ihr ſolltet Schlüſſel ſeyn; Zwar euer Bart iſt kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel. Geheimnißvoll am lichten Tag Läßt ſich Natur des Schleiers nicht berauben, und was ſie deinem Geiſt nicht offenbaren mag, Das zwingſt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. Du alt Geräthe, das ich nicht gebraucht, Du ſtehſt nur hier, weil dich mein Vater brauchte. Du alte Rolle, du wirſt angeraucht, So lang an dieſem Pult die truͤbe Lampe ſchmauchte. Weit beſſer hätt' ich doch mein Weniges verpraßt, Als mit dem Wenigen belaſtet hier zu ſchwitzen! Was du ererbt von deinen Vätern haſt Erwirb es um es zu beſitzen. Was man nicht nützt iſt eine ſchwere Laſt; Nur was der Augenblick erſchafft das kann er nützen. Doch warum heftet ſich mein Blick auf jene Stelle? Iſt jenes Fläſchchen dort den Augen ein Magnet? Warum wird mir auf einmal lieblich helle, Als wenn im nächt'gen Wald uns Mondenglanz um⸗ weht? Ich gruͤße dich, du einzige Phiole! Die ich mit Andacht nun herunterhole, In dir verehr' ich Menſchenwitz und Kunſt. Du Inbegriff der holden Schlummerſäfte, Du Auszug aller tödtlich feinen Kräfte, Erweiſe deinem Meiſter deine Gunſt! Ich ſehe dich, es wird der Schmerz gelindert, Ich faſſe dich, das Streben wird gemindert, Des Geiſtes Fluthſtrom ebbet nach und nach. Ins hohe Meer werd' ich hinausgewieſen, 29 Die Spiegelfluth erglänzt zu meinen Fuͤßen, Zu neuen ufern lockt ein neuer Tag. Ein Feuerwagen ſchwebt, auf leichten Schwingen, An mich heran! Ich fuͤhle mich bereit Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen, Zu neuen Sphaͤren reiner Thätigkeit. Dieß hohe Leben, dieſe Goͤtterwonne! Du, erſt noch Wurm, und die verdienteſt du? Ja, kehre nur der holden Erdenſonne Entſchloſſen deinen Rücken zu! Vermeſſe dich die Pforten aufzureißen, Vor denen jeder gern vorüber ſchleicht. Hier iſt es Zeit durch Thaten zu beweiſen, Daß Manneswuüͤrde nicht der Göͤtterhoͤhe weicht, Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben, In der ſich Phantaſie zu eigner Qual verdammt, Nach jenem Durchgang hinzuſtreben, Um deſſen engen Mund die ganze Höͤlle flammt; Zu dieſem Schritt ſich heiter zu entſchließen und, waͤr' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu kließen. Nun komm herab, kryſtallne reine Schale! Hervor aus deinem alten Futterale, An die ich viele Jahre nicht gedacht. Du glänzteſt bei der Väͤter Freudenfeſte, Erheiterteſt die ernſten Gaͤſte, Wenn einer dich dem andern zugebracht. Der vielen Bilder künſtlich reiche Pracht, Des Trinkers Pflicht, ſie reimweiſ' zu erklären, Auf Einen Zug die Höhlung auszuleeren, Erinnert mich an manche Jugendnacht; Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen, Ich werde meinen Witz an deiner Kunſt nich Hier iſt ein Saft, der eilig trunken macht 30 Mit brauner Fluth erfuͤllt er deine Höhle. Den ich bereite, den ich wähle, Der letzte Trunk ſey nun, mit ganzer Seele, Als feſtlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht! (Er ſetzt die Schale an den Mund.) Glockenklang und Chorgeſang. Chor der Engel. Chriſt iſt erſtanden! Freude dem Sterblichen, 1 Den die verderblichen, Schleichenden, erblichen Mängel umwanden. Fauſt. Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton, Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde? Verkündiget ihr dumpfen Glocken ſchon Des Oſterfeſtes erſte Feierſtunde? Ihr Chöͤre ſingt ihr ſchon den troͤſtlichen Geſang 1 Der einſt, um Grabesnacht, von Engelslippen klang, Gewißheit einem neuen Bunde? Chor der Weiber. Mit Spezereien Hatten wir ihn gepflegt, Wir ſeine Treuen Hatten ihn hingelegt; Tücher und Binden Reinlich umwanden wir, Du Ach! und wir finden — Chriſt nicht mehr hier. Erweiſe Ich ſehe Chor der Engel. Ich faſſe du Chriſt iſt erſtanden! Des Geiſtes Selig der Liebende, Ins hohe MeerDer die betruͤbende, 4 1 31 Heilſam' und uͤbende* Prüfung beſtanden. Fauſt. Was ſucht ihr, mäͤchtig und gelind, Ihr Himmelstoͤne, mich am Staube? Klingt dort umher, wo weiche Menſchen ſind. Die Botſchaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube; Das Wunder iſt des Glaubens liebſtes Kind. Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu ſtreben, Woher die holde Nachricht toͤnt;— Und doch, an dieſen Klang von Jugend auf gewoͤhnt, Ruft er auch jetzt zuruͤck mich in das Leben. Sonſt ſtürzte ſich der Himmelsliebe Kuß Auf mich herab, in ernſter Sabathſtille; Da klang ſo ahnungsvoll des Glockentones Fuͤlle, und ein Gebet war brünſtiger Genuß; Ein unbegreiflich holdes Sehnen Trieb mich durch Wald und Wieſen hinzugehn, Und unter tauſend heißen Thränen, Fühlt' ich mir eine Welt entſtehn. Dieß Lied verkündete der Jugend muntre Spiele, Der Frühlingsfeier freies Glück; Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle, Vom letzten, ernſten Schritt zurüͤck. O tönet fort ihr ſüßen Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder! Chor der Jünger. Hat der Begrabene Schon ſich nach oben, Lebend Erhabene, Herrlich erhoben; Iſt er in Werdeluſt Schaffender Freude nah; Ach! an der Erde Bruſt, 32 Sii8nd wir zum Leide da. Ließ er die Seinen Schmachtend uns hier zuruͤck; Ach! wir beweinen Meiſter dein Gluͤck! Chor der Engel. Chriſt iſt erſtanden, Aus der Verweſung Schooß. Reißet von Banden Freudig euch los! Thäͤtig ihn preiſenden, Liebe beweiſenden, Bruͤderlich ſpeiſenden, Predigend reiſenden, Wonne verheißenden Euch iſt der Meiſter nah', Euch iſt er da! Vor dem Thor. Spaziergänger aller Art zeehen vinaus. Einige Handwerksburſche. Warum denn dort hinaus? Andere. Wir gehn hinaus aufs Jägerhaus. Die Erſten. Wir aber wollen nach der Mühle wandern. Ein Handwerksburſch. Ich rath' euch nach dem Waſſerhof zu gehn. Zweiter. Der Weg dahin iſt gar nicht ſchoͤn. Die Zweiten. Was thuſt denn du? 1 “ 33 Ein Dritter. Ich gehe mit den Andern. Vierter. Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr Die ſchoͤnſten Mädchen und das beſte Bier, Und Händel von der erſten Sorte. Fünfter. Du uberluſtiger Geſell, Juckt dich zum dritten Mal das Fell? Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte. Dienſtmädchen. Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zuruͤck. Andere. Wir finden ihn gewiß bei jenen Pappeln ſtehen. Erſte. Das iſt für mich kein großes Glück; Er wird an deiner Seite gehen, Mit dir nur tanzt er auf dem Plan. Was gehn mich deine Freuden an! ¹ Andere. Heut iſt er ſicher nicht allein, Der Krauskopf, ſagt er, wuͤrde bei ihm ſeyn. — Schüler. Blitz, wie die wackern Dirnen ſchreiten! Herr Bruder, komm! wir müſſen ſie begleiten. Ein ſtarkes Bier, ein beizender Toback, und eine Magd im Putz, das iſt nun mein Geſchmack. Bürgermädchen. Da ſieh mir nur die ſchönen Knaben! Es iſt wahrhaftig eine Schmach; Geſellſchaft könnten ſie die allerbeſte haben, Und laufen dieſen Mäͤgden nach! Goethe, Fauſt. 2 3 Bweiter Schüler zum erſten). Nicht ſo geſchwind! dort hinten kommen zwei, Sie ſind gar niedlich angezogen, 's iſt meine Nachbarin dabei; Ich bin dem Maͤdchen ſehr gewogen. Sie gehen ihren ſtillen Schritt Und nehmen uns doch auch am Ende mit. Erſter. Herr Bruder, nein! Ich bin nicht gern genirt. Geſchwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren. Die Hand, die Samstags ihren Beſen führt, Wird Sonntags dich am beſten careſſiren. Vürger. Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeiſter! Nun, da er's iſt, wird er nur täglich dreiſter. Und für die Stadt was thut denn er? Wird es nicht alle Tage ſchlimmer? Gehorchen ſoll man mehr als immer, Und zahlen mehr als je vorher. Bettler cCiinngt): Ihr guten Herr'n, ihr ſchönen Frauen, So wohlgeputzt und backenroth,. Belieb' es euch mich anzuſchauen, und ſeht und mildert meine Noth! Laßt hier mich nicht vergebens leiern! Nur der iſt froh, der geben mag. Ein Tag, den alle Menſchen feiern, Er ſey für mich ein Erntetag. Anderer Bürger. Nichts beſſers weiß ich mir an Sonn⸗ und Feiertagen, Als ein Geſpräch von Krieg und Kriegsgeſchrei, Wenn hinten, weit, in der Türkei, Die Völker auf einander ſchlagen. Man ſteht am Fenſter, trinkt ſein Gläschen aus 35 und ſieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man Abends froh nach Haus, und ſegnet Fried' und Friedenszeiten. Dritter Vürger. Herr Nachbar, ja! ſo laß ich's auch geſchehn, Sie mögen ſich die Köpfe ſpalten, Mag alles durcheinandergehn; Doch nur zu Hauſe bleib's beim Alten. Alte Gau den Burgermädchen). Ei! wie geputzt! das ſchöne junge Blut! Wer ſoll ſich nicht in euch vergaffen?— Nur nicht ſo ſtolz! Es iſt ſchon gut! und was ihr wünſcht, das wußt' ich wohl zu ſchaffen. Bürgermädchen. Agathe fort! ich nehme mich in Acht Mit ſolchen Hexen öffentlich zu gehen; Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht, Den künft'gen Liebſten leiblich ſehen. Die Andere. Mir zeigte ſie ihn im Kryſtall, Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen; Ich ſeh' mich um, ich ſuch' ihn überall, Allein mir will er nicht begegnen. Soldaten. Burgen mit hohen Mauern und Zinnen, Maͤdchen mit ſtolzen Höhnenden Sinnen Möoͤcht' ich gewinnen! Kuͤhn iſt das Muͤhen, Herrlich der Lohn! 1 und die Trompete 3 Laſſen wir werben,& Wie zu der Freude, So zum Verderben. Das iſt ein Sturmen! Das iſt ein Leben! Mädchen und Burgen Muͤſſen ſich geben. Kuͤhn iſt das Muhen, Herrlich der Lohn! Und die Soldaten Ziehen davon. Fanſt und Wagner. Fauſt. Vom Eiſe befreit ſind Strom und Bäche Durch des Fruhlings holden, belebenden Blick; Im Thale grünet Hoffnungsglück: Der alte Winter, in ſeiner Schwäche, Zog ſich in rauhe Berge zurück. Von dorther ſendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eiſes In Streifen uͤber die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes, Ueberall regt ſich Bildung und Streben, Alles will ſich mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt's im Revier, Sie nimmt geputzte Menſchen dafür. Kehre dich um, von dieſen Höhen Nach der Stadt zurück zu ſehen. Aus dem hohlen finſtern Thor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder ſonnt ſich heute ſo gern. Sie feiern die Auferſtehung des Herrn, Denn ſie ſind ſelber auferſtanden, Aus niedriger Häuſer dumpfen Gemächern, Aus Handwerks⸗ und Gewerbes⸗Banden, S 37 Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetſchender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind ſie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, ſieh! wie behend ſich die Menge Durch die Gaͤrten und Felder zerſchlägt, Wie der Fluß, in Breit' und Länge, So manchen luſtigen Nachen bewegt, und, bis zum Sinken überladen, Entfernt ſich dieſer letzte Kahn. Selbſt von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre ſchon des Dorfs Getümmel, Hier iſt des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Menſch, hier darf ich's ſeyn. Wagner. Mit euch, Herr Doctor, zu ſpazieren Iſt ehrenvoll und iſt Gewinn; Doch würd' ich nicht allein mich her verlieren,⸗ Weil ich ein Feind von allem Rohen bin. Das Fiedeln, Schreien, Kegelſchieben, Iſt mir ein gar verhaßter Klang; Sie toben wie vom böſen Geiſt getrieben Und nennen's Freude, nennen's Geſang. Vauern unter der Linde. Tanz und Geſang. Der Schäfer putzte ſich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz, Schmuck war er angezogen, Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte ſchoͤn wie toll. Juchhe! Juchhe! 38 Juchheiſa! Heiſa! He! So ging der Fiedelbogen. Er drückte haſtig ſich heran, Da ſtieß er an ein Maͤdchen an Mit ſeinem Ellenbogen; Die friſche Dirne kehrt ſich um und ſagte: nun das find' ich dumm! Juchhe! Juchhe! Juchheiſa! Heiſa! He! Seyd nicht ſo ungezogen. Doch hurtig in dem Kreiſe ging's, Sie tanzten rechts, ſie tanzten links Und alle Röcke flogen. Sie wurden roth, ſie wurden warm und ruhten athmend Arm in Arm, Juchhe! Juchhe! Juchheiſa! Heiſa! He! Und Huͤft' an Ellenbogen. und thu' mir doch nicht ſo vertraut! Wie mancher hat nicht ſeine Braut Belogen und betrogen! Er ſchmeichelte ſie doch bei Seit' und von der Linde ſcholl es weit: Juchhe! Juchhe! Juchheiſa! Heiſa! He! Geſchrei und Fiedelbogen. Alter Baner. Herr Doctor, das iſt ſchön von euch, Daß ihr uns heute nicht verſchmäht, und unter dieſes Volksgedräng', Als ein ſo Hochgelahrter, geht. So nehmet auch den ſchönſten Krug, 39 Den wir mit friſchem Trunk gefüllt, Ich bring' ihn zu und wünſche laut, Daß er nicht nur den Durſt euch ſtillt; Die Zahl der Tropfen, die er hegt, Sey euren Tagen zugelegt. Fauſt. Ich nehme den Erquickungs⸗Trank, Erwiedr' euch allen Heil und Dank. (Das Volk ſammelt ſich im Kreis umher.) Alter Bauer. Fürwahr es iſt ſehr wohlgethan, Daß ihr am frohen Tag erſcheint; Habt ihr es vormals doch mit uns An böſen Tagen gut gemeint! Gar mancher ſteht lebendig hier, Den euer Vater noch zuletzt Der heißen Fieberwuth entriß, Als er der Seuche Ziel geſetzt, Auch damals ihr, ein junger Mann, Ihr gingt in jedes Krankenhaus, Gar manche Leiche trug man fort, Ihr aber kamt geſund heraus; Beſtandet manche harte Proben; Dem Helfer half der Helfer droben. Alle. Geſundheit dem bewährten Mann, Daß er noch lange helfen kann! Fauſt. Vor jenem droben ſteht gebückt, Der helfen lehrt und Hülfe ſchickt. (Er geht mit Wagnern weiter.) Wagner. Welch ein Gefuhl mußt du, o großer Mann, Bei der Verehrung dieſer Menge haben! 40 O glücklich! wer von ſeinen Gaben Solch einen Vortheil ziehen kann. Der Vater zeigt dich ſeinem Knaben, Ein jeder fragt und drängt und eilt, Die Fiedel ſtockt, der Tänzer weilt. Du gehſt, in Reihen ſtehen ſie, Die Mützen lliegen in die Höh': und wenig fehlt, ſo beugten ſich die Knie, Als käm' das Venerabile. Fauſt. Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein, Hier wollen wir von unſrer Wandrung raſten. Hier ſaß ich oft gedankenvoll allein Und qualte mich mit Beten und mit Faſten. An Hoffnung reich, im Glauben feſt, Mit Thranen, Seufzen, Händeringen Dacht' ich das Ende jener Peſt Vom Herrn des Himmels zu erzwingen. Der Menge Beifall toͤnt mir nun wie Hohn. O könnteſt du in meinem Innern leſen, Wie wenig Vater und Sohn Solch eines Ruhmes werth geweſen; Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann, Der über die Natur und ihre heil'gen Kreiſe, In Redlichkeit, jedoch auf ſeine Weiſe, Mit grillenhafter Mühe ſann. Der, in Geſellſchaft von Adepten, Sich in die ſchwarze Küche ſchloß, und, nach unendlichen Recepten, Das Widrige zuſammengoß. Da ward ein rother Leu, ein kühner Freier, Im lauen Bad, der Lilie vermaͤhlt Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer, Aus einem Brautgemach ins andere gequalt. Erſchien darauf mit bunten Farben 41 Die junge Koͤnigin im Glas, Hier war die Arzenei, die Patienten ſtarben Und niemand fragte: wer genas? So haben wir, mit höoͤlliſchen Latwergen, In dieſen Thälern, dieſen Bergen, Weit ſchlimmer als die Peſt getobt.“ Ich habe ſelbſt den Gift an Tauſende gegeben, Sie welkten hin, ich muß erleben Daß man die frechen Moͤrder lobt. Wagner. Wie könnt ihr euch darum betrüben! Thut nicht ein braver Mann genug, Die Kunſt, die man ihm übertrug, Gewiſſenhaft und pünktlich auszuuüben. Wenn du, als Jüͤngling, deinen Vater ehrſt, So wirſt du gern von ihm empfangen; Wenn du, als Mann, die Wiſſenſchaft vermehrſt, So kann dein Sohn zu höh'rem Ziel gelangen. Fauſt. O glücklich! wer noch hoffen kann Aus dieſem Meer des Irrthums aufzutauchen. Was man nicht weiß, das eben brauchte man, Und was man weiß kann man nicht brauchen. Doch laß uns dieſer Stunde ſchönes Gut Durch ſolchen Trübſinn nicht verkümmern! Betrachte wie in Abendſonne⸗Gluth Die grünumgebnen Huͤtten ſchimmern. Sie rückt und weicht, der Tag iſt überlebt, Dort eilt ſie hin und fördert neues Leben. O daß kein Fluͤgel mich vom Boden hebt, Ihr nach und immer nach zu ſtreben! Ich ſäh' im ewigen Abendſtrahl Die ſtille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Thal, 42 Den Silberbach in goldne Ströme fließen. Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen ſeinen Schluchten; Schon thut das Meer ſich mit erwarmten Buchten Vor den erſtaunten Augen auf. Doch ſcheint die Goͤttin endlich wegzuſinken; Allein der neue Trieb erwacht, Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken, Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht, Den Himmel uͤber mir und unter mir die Wellen. Ein ſchoͤner Traum, indeſſen ſie entweicht. Ach! zu des Geiſtes Fluͤgeln wird ſo leicht Kein körperlicher Flügel ſich geſellen. Doch iſt es jedem eingeboren, Daß ſein Gefühl hinauf und vorwaͤrts dringt, „Wenn über uns, im blauen Raum verloren,— Ihr ſchmetternd Lied die Lerche ſingt; Wenn über ſchroffen Fichtenhoͤhen Der Adler ausgebreitet ſchwebt, Und über Flächen, uͤber Seen, Der Kranich nach der Heimat ſtrebt. Wagner. Ich hatte ſelbſt oft grillenhafte Stunden, Doch ſolchen Trieb hab' ich noch nie empfunden. Man ſieht ſich leicht an Wald und Feldern ſatt, Des Vogels Fittig werd' ich nie beneiden. Wie anders tragen uns die Geiſtesfreuden, Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! Da werden Winternächte hold und ſchön, Ein ſelig Leben wärmet alle Glieder, Und ach! entrollſt du gar ein würdig Pergamen, So ſteigt der ganze Himmel zu dir nieder. Fauſt. Du biſt dir nur des einen Triebs bewußt; 43 O lerne nie den andern kennen! Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Bruſt, Die eine will ſich von der andern trennen; Die eine haͤlt, in derber Liebesluſt, Sich an die Welt, mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltſam ſich vom Duſt Zu den Gefilden hoher Ahnen. O giebt es Geiſter in der Luft, Die zwiſchen Erd' und Himmel herrſchend weben, So ſteiget nieder aus dem goldnen Duft Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben! Ja, waͤre nur ein Zaubermantel mein! und trüg' er mich in fremde Länder, Mir ſollt' er um die köſtlichſten Gewaͤnder, Nicht feil um einen Koͤnigsmantel ſeyn. Wagner. Berufe nicht die wohlbekannte Schaar, Die ſtroͤmend ſich im Dunſtkreis überbreitet, Dem Menſchen tauſendfaͤltige Gefahr, Von allen Enden her, bereitet. Von Norden dringt der ſcharfe Geiſterzahn Auf dich herbei, mit pfeilgeſpitzten Zungen; Von Morgen ziehn, vertrocknend, ſie heran, Und nähren ſich von deinen Lungen; Wenn ſie der Mittag aus der Wüſte ſchickt, Die Gluth auf Gluth um deinen Scheitel häufen, So bringt der Weſt den Schwarm, der erſt erquickt, Um dich und Feld und Aue zu erſäufen. Sie hören gern, zum Schaden froh gewandt, Gehorchen gern, weil ſie uns gern betrügen, Sie ſtellen wie vom Himmel ſich geſandt, Und lispeln engliſch, wenn ſie lügen. Doch gehen wir! Ergraut iſt ſchon die Welt, Die Luft gekühlt, der Nebel fällt! Am Abend ſchätzt man erſt das Haus.— 44 Was ſtehſt du ſo und blickſt erſtaunt hinaus? Was kann dich in der Dammrung ſo ergreifen? Fauſt. Siehſt du den ſchwarzen Hund durch Saat und Stoppel ſtreifen? Wagner. Ich ſah ihn lange ſchon, nicht wichtig ſchien er mir. Fauſt. Betracht' ihn recht! Fuͤr was hältſt du das Thier? Wagner. Fuͤr einen Pudel, der auf ſeine Weiſe Sich auf der Spur des Herren plagt. Fauſt. Bemerkſt du, wie in weitem Schneckenkreiſe 4 Er um uns her und immer naäher jagt? Und irr' ich nicht, ſo zieht ein Feuerſtrudel Auf ſeinen Pfaden hinterdrein. Wagner. Ich ſehe nichts als einen ſchwarzen Pudel; Es mag bei euch wohl Augentäuſchung ſeyn. Fauſt. Mir ſcheint es, daß er magiſch leiſe Schlingen Zu künft'gem Band um unſre Füße zieht. Wagner. Ich ſeh' ihn ungewiß und furchtſam uns umſpringen,.. Weil er, ſtatt ſeines Herrn, zwei Unbekannte ſieht. Fauſt. Der Kreis wird eng, ſchon iſt er nah! Wagner. Du ſiehſt, ein Hund, und kein Geſpenſt iſt da. Er knurrt und zweifelt, legt ſich auf den Bauch, Er wedelt. Alles Hunde⸗Brauch. — 45 Fauſt. Geſelle dich zu uns! Komm hier! Wagner. Es iſt ein pudelnärriſch Thier. Du ſteheſt ſtill, er wartet auf; Du ſprichſt ihn an, er ſtrebt an dir hinauf, Verliere was, er wird es bringen, Nach deinem Stock ins Waſſer ſpringen. Fauſt. Du haſt wohl Recht; ich finde nicht die Spur Von einem Geiſt, und alles iſt Dreſſur. . Wagner. Dem Hunde, wenn er gut gezogen, Wird ſelbſt ein weiſer Mann gewogen. Ja deine Gunſt verdient er ganz und gar, Er der Studenten trefflicher Scolar. (Sie gehen in das Stadt⸗Thor.) Studierzimmer. Fa u ſt mit dem Pudel hereintretend. Verlaſſen hab' ich Feld und Auen, Die eine tiefe Nacht bedeckt, Mit ahnungsvollem heil'gem Grauen In uns die beſſ're Seele weckt. Entſchlafen ſind nun wilde Treebe, Mit jedem ungeſtümen Thun; Es reget ſich die Menſchenliebe, Die Liebe Gottes regt ſich nun. Sey ruhig Pudel! renne nicht hin und wieder! An der Schwelle was ſchnoberſt du hier? Lege dich hinter den Ofen nieder, 8 Mein beſtes Kiſſen geb' ich dir. 46 Wie du draußen auf dem bergigen Wege Durch Rennen und Springen ergetzt uns haſt, So nimm nun auch von mir die Pflege, Als ein willkommner ſtiller Gaſt. Ach wenn in unſrer engen FZelle Die Lampe freundlich wieder brennt, Dann wird's in unſrem Buſen helle, Im Herzen, das ſich ſelber kennt. Vernunft fängt wieder an zu ſprechen, Und Hoffnung wieder an zu blühn; Man ſehnt ſich nach des Lebens Bächen, Ach! nach des Lebens Quelle hin. Knurre nicht, Pudel! Zu den heiligen Toͤnen, Die jetzt meine ganze Seel' umfaſſen, Will der thieriſche Laut nicht paſſen. Wir ſind gewohnt, daß die Menſchen verhoͤhnen Was ſie nicht verſtehn, Daß ſie vor dem Guten und Schönen, Das ihnen oft beſchwerlich iſt, murren; Will es der Hund, wie ſie, beknurren? Aber ach! ſchon fuͤhl' ich, bei dem beſten Willen, Befriedigung nicht mehr aus dem Buſen qguillen. Aber warum muß der Strom ſo bald verſiegen, Und wir wieder im Durſte liegen? Davon hab' ich ſo viel Erfahrung. Doch dieſer Mangel läßt ſich erſetzen,. Wir lernen das Ueberirdiſche ſchätzen, Wir ſehnen uns nach Offenbarung, Die nirgends würd'ger und ſchöͤner brennt, 4 Als in dem neuen Teſtament.. Mich dräͤngt's den Grundtext aufzuſchlagen, Mit redlichem Gefühl einmal 47 Das heilige Original In mein geliebtes Deutſch zu uͤbertragen. (Er ſchlägt ein Volum auf und ſchickt ſich an.) Geſchrieben ſteht:„im Anfang war das Wort!“ Hier ſtock' ich ſchon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort ſo hoch unmöglich ſchätzen, Ich muß es anders überſetzen, Wenn ich vom Geiſte recht erleuchtet bin. Geſchrieben ſteht: im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erſte Zeile, Daß deine Feder ſich nicht uͤbereile! Iſt es der Sinn, der alles wirkt und ſchafft? Es ſollte ſtehn: im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieſes niederſchreibe, Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geiſt! Auf einmal ſeh' ich Rath und ſchreibe getroſt: im Anfang war die That! Soll ich mit dir das Zimmer theilen, Pudel, ſo laß das Heulen, So laß das Bellen! Solch einen ſtoͤrenden Geſellen Mag ich nicht in der Naͤhe leiden. Einer von uns beiden Muß die Zelle meiden. Ungern heb' ich das Gaſtrecht auf, Die Thuͤr' iſt offen, haſt freien Lauf. Aber was muß ich ſehen! Kann das natürlich geſchehen? Iſt es Schatten? iſt's Wirklichkeit? Wie wird mein Pudel lang und breit! Er hebt ſich mit Gewalt, Das iſt nicht eines Hundes Geſtalt! Welch ein Geſpenſt bracht' ich ins Haus! Schon ſieht er wie ein Nilpferd aus, 48 Mit feurigen Augen, ſchrecklichem Gebiß. 5 O! du biſt mir gewiß! 4 Für ſolche halbe Höllenbrut Iſt Salomonis Schluͤſſel gut. Geiſter auf dem Gange. Drinnen gefangen iſt einer! Bleibet haußen, folg' ihm keiner. Wie im Eiſen der Fuchs Zagt ein alter Höllenluchs Aber gebt Acht! Schwebet hin, ſchwebet wieder, Auf und nieder, Und er hat ſich losgemacht. Koͤnnt ihr ihm nützen, Laßt ihn nicht ſitzen! Denn er that uns allen Schon viel zu Gefallen. Fauſt. Erſt zu begegnen dem Thiere, Brauch' ich den Spruch der Viere: Salamander ſoll glühen, Undene ſich winden, Sylphe verſchwinden, Kobold ſich mühen. Wer ſie nicht kennte. Die Elemente, Ihre Kraft Und Eigenſchaft, Wäre kein Meiſter Ueber die Geiſter. Verſchwind' in Flammen Salamander! Rauſchend fließe zuſammen * 49 Undene! Leucht' in Meteoren⸗Schöne Sylphe! Bring' haͤusliche Huͤlfe Incubus! incubus! Tritt hervor und mache den Schluß. Keines der Viere Steckt in dem Thiere. Es liegt ganz ruhig und grinſ't mich an; Ich hab' ihm noch nicht weh gethan. Du ſollſt mich hoͤren Stärker beſchwoͤren. Biſt du Geſelle Ein Flüchtling der Hölle? So ſieh dieß Zeichen! Dem ſie ſich beugen Die ſchwarzen Schaaren. Schon ſchwillt es auf mit borſtigen Haaren. Verworfnes Weſen! Kannſt du ihn leſen? Den nie entſproß'nen, Unausgeſprochnen, Durch alle Himmel gegoß'nen, Freventlich durchſtochnen? Hinter den Ofen gebannt Schwillt es wie ein Elephant, Den ganzen Raum fuͤllt es an, Es will zum Nebel zerfließen. Steige nicht zur Decke hinan! Lege dich zu des Meiſters Füßen! Du ſiehſt daß ich nicht vergebens drohe. Ich verſenge dich mit heiliger Lohe! 4 Goethe, Fauſt. 3 50 Erwarte nicht Das dreimal glühende Licht! Erwarte nicht Die ſtaͤrkſte von meinen Kuͤnſten! Mephiſtopheles tritt, indem der Nebel fällt, gekleidet wie ein fahrender Scholaſticus, ter dem Ofen hervor. Wozu der Lärm? was ſteht dem Herrn zu Dienſten? Fauſt. Das alſo war des Pudels Kern! Ein fahrender Scolaſt? Der Caſus macht mich lachen. Mephiſtopheles. Ich ſalutire den gelehrten Herrn! Ihr habt mich weidlich ſchwitzen machen. Fauſt. Wie nennſt du dich? Mephiſtopheles. Die Frage ſcheint mir klein Füͤr einen der das Wort ſo ſehr verachtet, Der, weit entfernt von allem Schein, Nur in der Weſen Tiefe trachtet. Fauſt. Bei euch, ihr Herrn, kann man das Weſen Gewöhnlich aus dem Namen leſen, Wo es ſich allzudeutlich weiſ't, Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt. Nun gut, wer biſt du denn? Mephiſtopheles. Ein Theil von jener Kraft, Die ſtets das Böſe will und ſtets das Gute ſchafft. 4 Fauſt. Was iſt mit dieſem Räthſelwort gemeint? — 51 Mephiſtopyeles. Ich bin der Geiſt der ſtets verneint! Und das mit Recht; denn alles was entſteht Iſt werth daß es zu Grunde geht; Drum beſſer wär's daß nichts entſtünde. So iſt denn alles was ihr Sünde, Zerſtörung, kurz das Böſe nennt, Mein eigentliches Element. Fauft. Du nennſt dich einen Theil, und ſtehſt doch ganz vor mir? Mephiſtopheles. Beſcheidne Wahrheit ſprech' ich dir. Wenn ſich der Menſch, die kleine Narrenwelt, Gewöhnlich für ein Ganzes hält; Ich bin ein Theil des Theils, der anfangs alles war, Ein Theil der Finſterniß, die ſich das Licht gebar, Das ſtolze Licht, das nun der Mutter Nacht Den alten Rang, den Raum ihr ſtreitig macht, und doch gelingt's ihm nicht, da es, ſo viel es ſtrebt, Verhaftet an den Körpern klebt. Von Körpern ſtroͤmt's, die Körper macht es ſchön, Ein Koͤrper hemmt's auf ſeinem Gange, So, hoff' ich, dauert es nicht lange Und mit den Koͤrpern wird's zu Grunde gehn. Fauſt. Nun kenn' ich deine würd'gen Pflichten! Du kannſt im Großen nichts vernichten„ und fängſt es nun im Kleinen an. Mepyiſtopheles. Und freilich iſt nicht viel damit gethan. Was ſich dem Nichts entgegenſtellt, Das Etwas, dieſe plumpe Welt,— So viel als ich ſchon unternommen, Ich wußte nicht ihr beizukommen, 8 52 Mit Wellen, Stuͤrmen, Schuͤtteln, Brand, Geruhig bleibt am Ende Meer und Land! Und dem verdammten Zeug, der Thier⸗ und Menſchenbrut, Dem iſt nun gar nichts anzuhaben. Wie viele hab' ich ſchon begraben! Und immer zirkulirt ein neues, friſches Blut. So geht es fort, man moͤchte raſend werden! Der Luft, dem Waſſer, wie der Erden Entwinden tauſend Keime ſich, Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten; Ich hatte nichts Apart's für mich. Fauſt. So ſetzeſt du der ewig regen, Der heilſam ſchaffenden Gewalt Die kalte Teufelsfauſt entgegen, Die ſich vergebens tückiſch ballt! Was anders ſuche zu beginnen Des Chaos wunderlicher Sohn! Mephiſtopheles. Wir wollen wirklich uns beſinnen, Die naͤchſten Male mehr davon! Dürft' ich wohl dießmal mich entfernen? Fauſt. Ich ſehe nicht warum du fragſt. Ich habe jetzt dich kennen lernen, Beſuche nun mich wie du magſt. Hier iſt das Fenſter, hier die Thüre, 1 Ein Rauchfang iſt dir auch gewiß. Mephiſtopheles. Gaſteh' ich's nur! Daß ich hinausſpaziere bietet mir ein kleines Hinderniß, 4 r Drudenfuß auf eurer Schwelle— 2 53 Fauſt. Das Pentagramma macht dir Pein? Ei ſage mir, du Sohn der Hölle, Wenn das dich bannt, wie kamſt du denn herein? Wie ward ein ſolcher Geiſt betrogen? . Mephiſtopheles. Beſchaut es recht! es iſt nicht gut gezogen; Der eine Winkel, der nach außen zu, Iſt, wie du ſiehſt, ein wenig offen. Fauſt. Das hat der Zufall gut getroffen! und mein Gefangner waͤrſt denn du? Das iſt von ohngefahr gelungen! Mephiſtopheles. Der Pudel merkte nichts als er hereingeſprungen, Die Sache ſieht jetzt anders aus; Der Teufel kann nicht aus dem Haus. Fauſt. Doch warum gehſt du nicht durchs Fenſter? Mephiſtopheles. 's iſt ein Geſetz der Teufel und Geſpenſter: Wo ſie hereingeſchluͤpft, da müͤſſen ſie hinaus. Das erſte ſteht uns frei, beim zweiten ſind wir Knechte. Fauſt. Die Hölle ſelbſt hat ihre Rechte? Das find' ich gut, da ließe ſich ein Pakt, und ſicher wohl, mit euch, ihr Herren, ſchließen? Mephiſtopheles. Was man verſpricht, das ſollſt du rein genießen, Dir wird davon nichts abgezwackt. Doch das iſt nicht ſo kurz zu faſſen, und wir beſprechen das zunachſt; Doch jetzo bitt' ich, hoch und höchſt, Für dieſes Mal mich zu entlaſſen. Fauſt. So bleibe doch noch einen Augenblick, um mir erſt gute Mähr zu ſagen. Mephiſtopheles. Jetzt laß mich los! ich komme bald zuruͤck; Dann magſt du nach Belieben fragen. Fauſt. Ich habe dir nicht nachgeſtellt, Biſt du doch ſelbſt ins Garn gegangen. Den Teufel halte wer ihn hält! Er wird ihn nicht ſobald zum zweiten Male fangen. Mephiſtopheles. Wenn dir's beliebt, ſo bin ich auch bereit Dir zur Geſellſchaft hier zu bleiben; Doch mit Bedingniß, dir die Zeit Durch meine Kuͤnſte würdig zu vertreiben. Fauſt. Ich ſeh' es gern, das ſteht dir frei; Nur daß die Kunſt gefäͤllig ſey! 8 Mephiſtopheles. Du wirſt, mein Freund, für deine Sinnen In dieſer Stunde mehr gewinnen, Als in des Jahres Einerlei. Was dir die zarten Geiſter ſingen, Die ſchönen Bilder die ſie bringen, Sind nicht ein leeres Zauberſpiel. Auch dein Geruch wird ſich ergetzen, Dann wirſt du deinen Gaumen letzen, und dann entzückt ſich dein Gefühl. Bereitung braucht es nicht voran, Beiſammen ſind wir, fanget an! Geiſter. Schwindet, ihr dunkeln Woͤlbungen droben! 5⁵ Reizender ſchaue Freundlich der blaue Aether herein! Wären die dunkeln Wolken zerronnen! Sternelein funkeln, Mildere Sonnen Scheinen darein. Himmliſcher Söhne Geiſtige Schöne, Schwankende Beugung Schwebet vorüber, Sehnende Neigung Folget hinüber; Und der Gewaänder Flatternde Bänder Decken die Länder, Decken die Lauve, Wo ſich fürs Leben Tief in Gedanken, Liebende geben. Laube bei Laube! Sproſſende Ranken! Laſtende Traube Stürzt ins Behälter Drängender Kelter, Stürzen in Bächen Schäumende Weine, Rieſeln durch reine Edle Geſteine, Laſſen die Höhen Hinter ſich liegen, Breiten zu Seen Sich ums Genügen Grünender Hugel. 56 Und das Gefluͤgel Schlürfet ſich Wonne, Flieget der Sonne, Flieget den hellen Inſeln entgegen, Die ſich auf Wellen Gaukelnd bewegen; Wo wir in Chören Jauchzende hoͤren, Ueber den Auen Tanzende ſchauen, Die ſich im Freien Alle zerſtreuen. Einige klimmen Ueber die Höhen, Andere ſchwimmen Ueber die Seen, Andere ſchweben; Alle zum Leben, Alle zur Ferne, Liebender Sterne Seliger Huld. Mephiſtopheles. Er ſchläft! So recht, ihr luft'gen zarten Jungen! Ihr habt ihn treulich eingeſungen! Für dieß Concert bin ich in eurer Schuld. Du biſt noch nicht der Mann den Teufel feſt zu halten! Umgaukelt ihn mit ſüßen Traumgeſtalten, Verſenkt ihn in ein Meer des Wahns; Doch dieſer Schwelle Zauber zu zerſpalten Bedarf ich eines Rattenzahns. Nicht lange brauch' ich zu beſchwören, Schon raſchelt eine hier und wird ſogleich mich hören. Der Herr der Ratten und der Mäuſe, Der Fliegen, Fröſche, Wanzen, Lauſe, 57 Befiehlt dir dich hervor zu wagen und dieſe Schwelle zu benagen, So wie er ſie mit Oel betupft— Da kommſt du ſchon hervorgehupft! Nur friſch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte, Sie ſitzt ganz vornen an der Kante. Noch einen Biß, ſo iſt's geſchehn!— Nun, Fauſte, träume fort, bis wir uns wiederſehn. Fauſt(erwachend). Bin ich denn abermals betrogen? Verſchwindet ſo der geiſterreiche Drang, Daß mir ein Traum den Teufel vorgelogen, und daß ein Pudel mir entſprang? Studierzimmer. Fauſt. Mephiſtopheles. Fauſt. Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen? Mephiſtopheles. Ich bins. Fauſt. Herein! Mephiſtopheles. Du mußt es dreimal ſagen. Fauſt. Mephiſtopheles. So gefällſt du mir. Wir werden, hoff' ich, uns vertragen! Denn dir die Grillen zu verjagen Bin ich, als edler Junker, hier, In rothem goldverbrämten Kleide, Das Mantelchen von ſtarrer Seide, Herein denn! 58 Die Hahnenfeder auf dem Hut, Mit einem langen, ſpitzen Degen, Und rathe nun dir, kurz und gut, Dergleichen gleichfalls anzulegen; Damit du, losgebunden, frei, Erfahreſt was das Leben ſey. Fauſt. In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein Des engen Erdelebens fühlen. Ich bin zu alt, um nur zu ſpielen, Zu jung, um ohne Wunſch zu ſeyn. Was kann die Welt mir wohl gewähren? Entbehren ſollſt du! ſollſt entbehren! Das iſt der ewige Geſang, Der jedem an die Ohren klingt, Den, unſer ganzes Leben lang, Uns heiſer jede Stunde ſingt. Nur mit Entſetzen wach' ich Morgens auf, Ich möchte bittre Thränen weinen,. Den Tag zu ſehn, der mir in ſeinem Lauf Nicht Einen Wunſch erfüllen wird, nicht Einen, Der ſelbſt die Ahnung jeder Luſt Mit eigenſinnigem Krittel mindert, Die Schöpfung meiner regen Bruſt Mit tauſend Lebensfratzen hindert. Auch muß ich, wenn die Nacht ſich niederſenkt, Mich angſtlich auf das Lager ſtrecken; Auch da wird keine Raſt geſchenkt, Mich werden wilde Traume ſchrecken. Der Gott, der mir im Buſen wohnt, Kann tief mein Innerſtes erregen; Der über allen meinen Kräften thront, Er kann nach außen nichts bewegen; Und ſo iſt mir das Daſeyn eine Laſt, Der Tod erwuünſcht, das Leben mir verhaßt. 59 Mephiſtopheles. und doch iſt nie der Tod ein ganz willkommner Gaſt. Fauſt. O ſelig der, dem er im Siegesglanze Die blut'gen Lorbeer'n um die Schläfe windet, Den er, nach raſch durchraſ'tem Tanze, In eines Maädchens Armen findet. O waͤr' ich vor des hohen Geiſtes Kraft Entzuͤckt, entſeelt dahin geſunken! Mephiſtopheles. Und doch hat Jemand einen braunen Saft, In jener Nacht, nicht ausgetrunken. Fauſt. Das Spioniren, ſcheint's, iſt deine Luſt. Mephiſtopheles. Allwiſſend bin ich nicht; doch viel iſt mir bewußt. Fauſt. Wenn aus dem ſchrecklichen Gewühle Ein ſüß bekannter Ton mich zog, Den Reſt von kindlichem Gefühle Mit Anklang froher Zeit betrog; So fluch ich allem was die Seele Mit Lock⸗ und Gaukelwerk umſpannt, und ſie in dieſe Trauerhöhle Mit Blend⸗ und Schmeichelkräften bannt! Verflucht voraus die hohe Meinung, Womit der Geiſt ſich ſelbſt umfaͤngt! Verflucht das Blenden der Erſcheinung, Die ſich an unſre Sinne drängt! Verflucht was uns in Traͤumen heuchelt, Des Ruhms, der Namensdauer Trug! Verflucht was als Beſitz uns ſchmeichelt, Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug! Verflucht ſey Mammon, wenn mit Schätzen Er uns zu kühnen Thaten regt, Wenn er zu müßigem Ergetzen Die Polſter uns zurechte legt! Fluch ſey dem Balſamſaft der Trauben! Fluch jener höchſten Liebeshuld! Fluch ſey der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allen der Geduld! Geiſter-Chor unſcchtbar. Weh! weh! Du haſt ſie zerſtoͤrt, Die ſchoͤne Welt, Mit mächtiger Fauſt; Sie ſturzt, ſie zerfallt! Ein Halbgott hat ſie zerſchlagen! Wir tragen Die Trümmern ins Nichts hinuber, Und klagen Ueber die verlorne Schöne. Machtiger Der Erdenſöhne, Prächtiger Baue ſie wieder, In deinem Buſen baue ſie auf! Neuen Lebenslauf Beginne, Mit hellem Sinne, Und neue Lieder Tönen darauf! Mephiſtopheles. Dieß ſind die kleinen Von den Meinen. Hoͤre, wie zu Luſt und Thaten Altklug ſie rathen! In die Welt weit, —— 61 Aus der Einſamkeit, Wo. Sinnen und Saͤfte ſtocken, Wollen ſie dich locken. Hör' auf mit deinem Gram zu ſpielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt; Die ſchlechteſte Geſellſchaft läßt dich fuͤhlen, Daß du ein Menſch mit Menſchen biſt. Doch ſo iſt's nicht gemeint Dich unter das Pack zu ſtoßen, Ich bin keiner von den Großen; Doch willſt du, mit mir vereint, Deine Schritte durchs Leben nehmen, So will ich mich gern bequemen Dein zu ſeyn, auf der Stelle. Ich bin dein Geſelle Und mach' ich dir's recht, Bin ich dein Diener, bin dein Knecht! Fauſt. Und was ſoll ich dagegen dir erfüllen? Mephiſtopheles. Dazu haſt du noch eine lange Friſt. Fauſt. Nein, nein! der Teufel iſt ein Egoiſt Und thut nicht leicht um Gottes Willen Was einem Andern nützlich iſt. Sprich die Bedingung deutlich aus; Ein ſolcher Diener bringt Gefahr ins Haus. Mephiſtopheles. Ich will mich hier zu deinem Dienſt verbinden, Auf deinen Wink nicht raſten und nicht ruhn; Wenn wir uns drüben wieder finden, So ſollſt du mir das Gleiche thun. 5 Fauſt. Das Druͤben kann mich wenig kümmern, Schlaͤgſt du erſt dieſe Welt zu Trümmern, Die andre mag darnach entſtehn. Aus dieſer Erde quillen meine Freuden, Und dieſe Sonne ſcheinet meinen Leiden; Kann ich mich erſt von ihnen ſcheiden, Dann mag was will und kann geſchehn. Davon will ich nichts weiter hören, Ob man auch künftig haßt und liebt, und ob es auch in jenen Sphäaren Ein Oben oder Unten giebt. Mephiſtopheles.. In dieſem Sinne kannſt du's wagen. Verbinde dich; du ſollſt, in dieſen Tagen, Mit Freuden meine Künſte ſehn, Ich gebe dir was noch kein Menſch geſehn. Fauſt. Was willſt du armer Teufel geben? Ward eines Menſchen Geiſt, in ſeinem hohen Streben, Von deines Gleichen je gefaßt? Doch haſt du Speiſe, die nicht ſättigt, haſt Du rothes Gold, das ohne Raſt, Queckſilber gleich, dir in der Hand zerrinnt, Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt, Ein Mädchen, das an meiner Bruſt Mit Aeugeln ſchon dem Nachbar ſich verbindet, Der Ehre ſchöne Götterluſt, 4 Die, wie ein Meteor, verſchwindet. Zeig' mir die Frucht, die fault, eh man ſie bricht, und Baͤume, die ſich täglich neu begrünen! Mephiſtopheles. Ein ſolcher Auftrag ſchreckt mich nicht, Mit ſolchen Schätzen kann ich dienen; Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran, Wo wir was Gut's in Ruhe ſchmauſen mögen. 63 Fauſt. Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, So ſey es gleich um mich gethan! Kannſt du mich ſchmeichelnd je beluͤgen Daß ich mir ſelbſt gefallen mag, Kannſt du mich mit Genuß betrügen; Das ſey fur mich der letzte Tag! Die Wette biet' ich! Mephiſtopheles. Top! Fauſt. Und Schlag auf Schlag! Werd' ich zum Augenblicke ſagen: Verweile doch! du biſt ſo ſchön! Dann magſt du mich in Feſſeln ſchlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn! Dann mag die Todtenglocke ſchallen, Dann biſt du deines Dienſtes frei, Die Uhr mag ſtehn, der Zeiger fallen, Es ſey die Zeit fuͤr mich vorbei! Mephiſtopheles. Bedenk' es wohl, wir werden's nicht vergeſſen. Fanſt. Dazu haſt du ein volles Recht, Ich habe mich nicht freventlich vermeſſen. Wie ich beharre, bin ich Knecht, Ob dein, was frag' ich, oder weſſen. Mephiſtopheles. Ich werde heute gleich, beim Doctorſchmaus, Als Diener, meine Pflicht erfüllen. Nur eins!— Um Lebens oder Sterbens willen, Bitt' ich mir ein paar Zeilen aus. Fauſt. Auch was Geſchriebnes forderſt du Pedant? Haſt du noch keinen Mann, nicht Mannes⸗Wort gekannt? Iſt's nicht genug, daß mein geſprochnes Wort Auf ewig ſoll mit meinen Tagen ſchalten? Raſ't nicht die Welt in allen Strömen fort, und mich ſoll ein Verſprechen halten?— Doch dieſer Wahn iſt uns ins Herz gelegt, Wer mag ſich gern davon befreien?* Begluͤckt wer Treue rein im Buſen trägt, Kein Opfer wird ihn je gereuen! Allein ein Pergament, beſchrieben und beprägt, Iſt ein Geſpenſt, vor dem ſich Alle ſcheuen. Das Wort erſtirbt ſchon in der Feder, Die Herrſchaft fuͤhren Wachs und Leder. Was willſt du böſer Geiſt von mir? Erz, Marmor, Pergament, Papier? Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder ſchreiben? Ich gebe jede Wahl dir frei. Mephiſtopheles. Wie magſt du deine Rednerei Nur gleich ſo hitzig übertreiben? Iſt doch ein jedes Blättchen gut. Du unterzeichneſt dich mit einem Troͤpfchen Blut. Fauſt. Wenn dieß dir völlig G'nüge thut, So mag es bei der Fratze bleiben. Mephiſtopheles. Blut iſt ein ganz beſondrer Saft. Fauſt. Nur keine Furcht, daß ich dieß Buͤndniß breche! Das Streben meiner ganzen Kraft Iſt grade das was ich verſpreche. Ich habe mich zu hoch gebläht; —— ———— 65 In deinen Rang gehör' ich nur. Der große Geiſt hat mich verſchmäht, Vor mir verſchließt ſich die Natur. Des Denkens Faden iſt zerriſſen, Mir ekelt lange vor allem Wiſſen. Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit Uns gluͤhende Leidenſchaften ſtillen! In undurchdrungnen Zauberhüllen Sey jedes Wunder gleich bereit! Stürzen wir uns in das Rauſchen der Zeit, Ins Rollen der Begebenheit! Da mag denn Schmerz und Genuß, Gelingen und Verdruß, Mit einander wechſeln wie es kann; Nur raſtlos bethaͤtigt ſich der Mann. Mephiſtopheles. Euch iſt kein Maß und Ziel geſetzt. Beliebt's euch überall zu naſchen, Im Fliehen etwas zu erhaſchen, Bekomm' euch wohl, was euch ergetzt. Nur greift mir zu und ſeyd nicht blöde. Fauſt. Du höreſt ja, von Freud' iſt nicht die Rede. Dem Taumel weih' ich mich, dem ſchmerzlichſten Genuß, Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß. Mein Buſen, der vom Wiſſensdrang geheilt iſt, Soll keinen Schmerzen künftig ſich verſchließen, Und was der ganzen Menſchheit zugetheilt iſt, Will ich in meinem innern Selbſt genießen, Mit meinem Geiſt das Höchſt' und Tiefſte greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Buſen häufen, Und ſo mein eigen Selbſt zu ihrem Selbſt erweitern, und, wie ſie ſelbſt, am End' auch ich zerſcheitern. Goethe, Fauſt. 5 — — 66 Mephiſtopheles. O glaube mir, der manche tauſend Jahre An dieſer harten Speiſe kaut, Daß von der Wiege bis zur Bahre Kein Menſch den alten Sauerteig verdaut! Glaub' unſer einem, dieſes Ganze Iſt nur für einen Gott gemacht! Er findet ſich in einem ew'gen Glanze, Uns hat er in die Finſterniß gebracht⸗ und euch taugt einzig Tag und Nacht. Fauſt. Mephiſtspheles. Das läßt ſich hören! Doch nur vor Einem iſt mir bang', Die Zeit iſt kurz, die Kunſt iſt lang. Ich dacht', ihr ließet euch belehren. Aſſociirt euch mit einem Poeten. Laßt den Herrn in Gedanken ſchweifen, und alle edlen Qualitäten Auf euren Ehren⸗Scheitel häufen, Des Löwen Muth, Des Hirſches Schnelligkeit, Des Italiäners feurig Blut, Des Nordens Dau'rbarkeit. Laßt ihn euch das Geheimniß finden, Großmuth und Argliſt zu verbinden, Und euch, mit warmen Jugendtrieben, Nach einem Plane, zu verlieben. Möchte ſelbſt ſolch einen Herren kennen, Wuͤrd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen. Fauſt. Was bin ich denn, wenn es nicht möglich iſt, Der Menſchheit Krone zu erringen, Nach der ſich alle Sinne dringen? Allein ich will! 67 Mephiſtopheles. Du biſt am Ende— was du biſt. Setz' dir Perrücken auf von Millionen Locken, Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibſt doch immer was du biſt. Fauſt. Ich fuͤhl's, vergebens hab' ich alle Schätze Des Menſchengeiſt's auf mich herbeigerafft, Und wenn ich mich am Ende niederſetze, Quillt innerlich doch keine neue Kraft; Ich bin nicht um ein Haar breit höher, Bin dem Unendlichen nicht näher. Mephiſtopheles. Mein guter Herr, ihr ſeht die Sachen, Wie man die Sachen eben ſieht; Wir muͤſſen das geſcheidter machen, Eh' uns des Lebens Freude flieht. Was Henker! freilich Händ' und Fuͤße und Kopf und H—— die ſind dein! Doch alles, was ich friſch genieße, Iſt das drum weniger mein? Wenn ich ſechs Hengſte zahlen kann, Sind ihre Krafte nicht die meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, Als hätt' ich vierundzwanzig Beine. Drum friſch! Laß alles Sinnen ſeyn, und grad' mit in die Welt hinein! Ich ſag' es dir: ein Kerl, der ſpeculirt, Iſt wie ein Thier, auf durrer Heide, Von einem böſen Geiſt im Kreis herum geführt, und rings umher liegt ſchöne grüne Weide. Fauſt. Wie fangen wir das an? Mepyiſtopheles. Wir gehen eben fort. Was iſt das für ein Marterort? Was heißt das fur ein Leben führen, Sich und die Jungens ennuyiren? Laß du das dem Herrn N 3 achbar Wanſt! Was willſt du dich das Stroh zu dreſchen plagen? Das Beſte, was du wiſſe n kannſt, Darfſt du den Buben doch nicht ſagen. Gleich hör' ich einen auf dem Gange. Fauſt. Mir iſt's nicht möglich ihn zu ſehn. Mephiſtopheles. Der arme Knabe wartet lange, Der darf nicht ungetröſtet gehn. Komm, gieb mir deinen Rock und Mütze; Die Maske muß mir köſtlich ſtehn. (Er kl Nun überlaß es meinem eidet ſich um.) Witze! Ich brauche nur ein Viertelſtündchen Zeit; Indeſſen mache dich zur ſchönen Fahrt bereit! Mephiſtopheles in Fauſt „s langem Kleide). (Fauſt ab.) Verachte nur Vernunft und Wiſſenſchaft, Des Menſchen allerhöchſt Laß nur in Blend⸗ und Dich von dem Lügengeiſt e Kraft, Zauberwerken beſtärken, So hab' ich dich ſchon unbedingt— Ihm hat das Schickſal einen Geiſt gege ben, Der ungebändigt immer vorwärts dringt, und deſſen übereiltes Streben Der Erde Freuden überſpringt. Den ſchlepp' ich durch da s wilde Leben, 5 5 69 Durch flache unbedeutenheit, Er ſoll mir zappeln, ſtarren, kleben, Und ſeiner unerſättlichkeit Soll Speiſ' und Trank vor gier'gen Lippen ſchweben; Er wird Erquickung ſich umſonſt erflehn, und hätt' er ſich auch nicht dem Teufel übergeben, Er müßte doch zu Grunde gehn! Ein Schüler riitt auf. Schüler. Ich bin allhier erſt kurze Zeit, Und komme voll Ergebenheit, Einen Mann zu ſprechen und zu kennen, Den Alle mir mit Ehrfurcht nennen. Mephiſtopheles. Eure Höllichkeit erfreut mich ſehr! Ihr ſeht einen Mann wie andre mehr. Habt ihr euch ſonſt ſchon umgethan? Schüler. Ich bitt' euch, nehmt euch meiner an! Ich komme mit allem guten Muth, Leidlichem Geld und friſchem Blut; Meine Mutter wollte mich kaum entfernen; Möchte gern was Recht's hieraußen lernen. Mephiſtopheles. Da ſeyd ihr eben recht am Ort. Schüler. Aufrichtig, möchte ſchon wieder fort; In dieſen Mauern, dieſen Hallen, Will es mir keineswegs gefallen. Es iſt ein gar beſchraͤnkter Raum, Man ſieht nichts Grünes, keinen Baum, und in den Saͤlen, auf den Bänken, Vergeht mir Hören, Sehn und Denken. (5*) „ — 70 Mephiſtopheles. Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt ein Kind der Mutter Bruſt Nicht gleich im Anfang willig an, Doch bald ernährt es ſich mit Luſt. So wird's euch an der Weisheit Bruͤſten Mit jedem Tage mehr geluͤſten. Schüler. An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen; Doch ſagt mir nur, wie kann ich hingelangen? Mephiſtopheles. Erklärt euch, eh' ihr weiter geht, Was wählt ihr fuͤr eine Facultät? Schüler. Ich wünſchte recht gelehrt zu werden, Und möchte gern was auf der Erden Und in dem Himmel iſt, erfaſſen, Die Wiſſenſchaft und die Natur. Mephiſtopheles. Da ſeyd ihr auf der rechten Spur; Doch müßt ihr euch nicht zerſtreuen laſſen. Schüler. Ich bin dabei mit Seel' und Leib; Doch freilich würde mir behagen Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib An ſchoͤnen Sommerfeiertagen. Mephiſtopheles. Gebraucht der Zeit, ſie geht ſo ſchnell von hinnen Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen. Mein theurer Freund, ich rath' euch drum Zuerſt Collegium Logicum. Da wird der Geiſt euch wohl dreſſirt, In ſpaniſche Stiefeln eingeſchnürt, 71 Daß er bedaͤchtiger ſo fortan Hinſchleiche die Gedankenbahn, Und nicht etwa, die Kreuz und Quer, Irrlichtelire hin und her. Dann lehret man euch manchen Tag, Daß, was ihr ſonſt auf einen Schlag Getrieben, wie Eſſen und Trinken frei, Eins! Zwei! Drei! dazu nöthig ſey. Zwar iſt's mit der Gedanken⸗Fabrik, Wie mit einem Weber⸗Meiſterſtück, Wo Ein Tritt tauſend Fäden regt, Die Schifflein herüber hinuͤber ſchießen, Die Faden ungeſehen fließen, Ein Schlag tauſend Verbindungen ſchlägt: Der Philoſoph der tritt herein, Und beweiſ't euch, es müßt' ſo ſeyn: Das Erſt' wär' ſo, das Zweite ſo, Und drum das Dritt' und Vierte ſo; Und wenn das Erſt' und Zweit' nicht waͤr', Das Dritt' und Viert' war' nimmermehr. Das preiſen die Schuͤler aller Orten, Sind aber keine Weber geworden. Wer will was Lebendig's erkennen und beſchreiben, Sucht erſt den Geiſt heraus zu treiben, Dann hat er die Theile in ſeiner Hand, Fehlt leider! nur das geiſtige Band. Encheiresin naturae nennt's die Chemie, Spottet ihrer ſelbſt und weiß nicht wie. Schüler. Kann euch nicht eben ganz verſtehen. Mephiſtopheles. Das wird nächſtens ſchon beſſer gehen, Wenn ihr lernt alles reduciren Und gehörig klaſſificiren. 7² Schüler. Mir wird von alle dem ſo dumm, Als ging' mir ein Mühlrad im Kopf herum. Mephiſtopheles. Nachher, vor allen andern Sachen Müßt ihr euch an die Metaphyſik machen! Da ſeht, daß ihr tiefſinnig faßt, Was in des Menſchen Hirn nicht paßt; Für was drein geht und nicht drein geht, Ein prächtig Wort zu Dienſten ſteht. Doch vorerſt dieſes halbe Jahr Nehmt ja der beſten Ordnung wahr. Fünf Stunden habt ihr jeden Tag; Seyd drinnen mit dem Glockenſchlag! Habt euch vorher wohl präparirt, 4 Paragraphos wohl einſtudirt, Damit ihr nachher beſſer ſeht, Daß er nichts ſagt, als was im Buche ſteht; Doch euch des Schreibens ja befleißt, Als dictirt' euch der Heilig' Geiſt! Schüler. Das ſollt ihr mir nicht zweimal ſagen! Ich denke mir wie viel es nützt; Denn, was man ſchwarz auf weiß beſitzt, Kann man getroſt nach Hauſe tragen. Mephiſtopheles. Doch waͤhlt mir eine Facultät! Schüler. Zur Rechtsgelehrſamkeit kann ich mich nicht bequemen. Mephiſtopheles. Ich kann es euch ſo ſehr nicht übel nehmen, Ich weiß, wie es um dieſe Lehre ſteht. Es erben ſich Geſetz' und Rechte Wie eine ew'ge Krankheit fort; — 73 Sie ſchleppen von Geſchlecht ſich zum Geſchlechte, Und ruͤcken ſacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unſinn, Wohlthat Plage; Weh dir, daß du ein Enkel biſt! Vom Rechte, das mit uns geboren iſt, Von dem iſt leider! nie die Frage. Schüler. Mein Abſcheu wird durch euch vermehrt. O gluͤcklich der! den ihr belehrt. Faſt moͤcht' ich nun Theologie ſtudiren. Mephiſtopheles. Ich wuͤnſchte nicht euch irre zu führen. Was dieſe Wiſſenſchaft betrifft, Es iſt ſo ſchwer den falſchen Weg zu meiden, Es liegt in ihr ſo viel verborgnes Gift, Und von der Arzenei iſt's kaum zu unterſcheiden. Am beſten iſt's auch hier, wenn ihr nur Einen hört, Und auf des Meiſters Worte ſchwört. Im Ganzen— haltet euch an Worte! Dann geht ihr durch die ſichre Pforte Zum Tempel der Gewißheit ein. Schüler. Doch ein Begriff muß bei dem Worte ſeyn. Mephiſtopheles. Schon gut! Nur muß man ſich nicht allzu aͤngſtlich quäèlen; Denn eben wo Begriffe fehlen, Da ſtellt ein Wort zur rechten Zeit ſich ein. Mit Worten läßt ſich trefflich ſtreiten, Mit Worten ein Syſtem bereiten, An Worte läßt ſich trefflich glauben, Von einem Wort läßt ſich kein Jota rauben. Schüler. Verzeiht, ich halt' euch auf mit vielen Fragen, Allein ich muß euch noch bemühn. 74 Wollt ihr mir von der Medicin Nicht auch ein kräftig Wortchen ſagen? Drei Jahr' iſt eine kurze Zeit, und, Gott! das Feld iſt gar zu weit. Wenn man einen Fingerzeig nur hat, Läaͤßt ſich's ſchon eher weiter fühlen. Meyhiſtopheles Ccoor ſich. Ich bin des trocknen Tons nun ſatt, Muß wieder recht den Teufel ſpielen. (Laut.) Der Geiſt der Medicin iſt leicht zu faſſen; Ihr durchſtudirt die groß' und kleine Welt Um es am Ende gehn zu laſſen, Wie's Gott gefällt. Vergebens daß ihr ringsum wiſſenſchaftlich ſchweift, Ein jeder lernt nur was er lernen kann; Doch der den Augenblick ergreift, Das iſt der rechte Mann. Ihr ſeyd noch ziemlich wohlgebaut, An Kuhnheit wird's euch auch nicht fehlen, Und wenn ihr euch nur ſelbſt vertraut, Vertrauen euch die andern Seelen. Beſonders lernt die Weiber fuͤhren; Es iſt ihr ewig Weh und Ach So tauſendfach Aus Einem Punkte zu curiren, und wenn ihr halbweg ehrbar thut, Dann habt ihr ſie all' unterm Hut. Ein Titel muß ſie erſt vertraulich machen, Daß eure Kunſt viel Künſte überſteigt; Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebenſachen, Um die ein andrer viele Jahre ſtreicht, Verſteht das Pulslein wohl zu drücken, und faſſet ſie, mit feurig ſchlauen Blicken, * 4 — 75 Wohl um die ſchlanke Huͤfte frei, Zu ſehn, wie feſt geſchnürt ſie ſey. Schüler. Das ſieht ſchon beſſer aus! Man ſieht doch wo und wie? Mephiſtopheles. Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum. Schüler. Ich ſchwör' euch zu, mir iſt's als wie ein Traum. Duͤrft' ich euch wohl ein andermal beſchweren, Von eurer Weisheit auf den Grund zu horen? Mephiſtopheles. Was ich vermag, ſoll gern geſchehn. Schüler. Ich kann unmoͤglich wieder gehn, Ich muß euch noch mein Stammbuch überreichen. Gönn' eure Gunſt mir dieſes Zeichen! Mephiſtopheles. Sehr wohl. (Er ſchreibt und giebt's.) Schüler(lieſ't). Eritis sicut Deus, scientes honum et malum. (Macht's ehrerbietig zu und empfiehlt ſich.) Mephiſtopheles. Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange, Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! Fauſt ruitt auf. Fauſt. Wohin ſoll es nun gehn? Mephiſtopheles. Wohin es dir gefaͤllt. Wir ſehn die kleine, dann die große Welt. 76 Mit welcher Freude, welchem Nutzen, Wirſt du den Curſum durchſchmarutzen! Fauſt. Allein bei meinem langen Bart Fehlt mir die leichte Lebensart. Es wird mir der Verſuch nicht glucken; Ich wußte nie mich in die Welt zu ſchicken, Vor andern fühl' ich mich ſo klein; Ich werde ſtets verlegen ſeyn. Mephiſtopheles. Mein guter Freund, das wird ſich Alles geben; Sobald du dir vertrauſt, ſobald weißt du zu leben. Fauſt. Wie kommen wir denn aus dem Haus? Wo haſt du Pferde, Knecht und Wagen? Mephiſtopheles. Wir breiten nur den Mantel aus, Der ſoll uns durch die Lüfte tragen. Du nimmſt bei dieſem kühnen Schritt Nur keinen großen Bündel mit. Ein Bischen Feuerluft, die ich bereiten werde, Hebt uns behend von dieſer Erde. Und ſind wir leicht, ſo geht es ſchnell hinauf; Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf. Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche Iuſtiger Geſellen. Froſch.. Will keiner trinken? keiner lachen? Ich will euch lehren Geſichter machen! Ihr ſeyd ja heut wie naſſes Stroh, Und brennt ſonſt immer lichterloh. Die Kehlen ſind geſtimmt. 77 Vrander. Das liegt an dir; du bringſt ja nichts herbei, Nicht eine Dummheit, keine Sauerei. Froſch (gießt ihm ein Glas Wein über den Kopf). Da haſt du beides! Brander. Doppelt Schwein! Froſch. Ihr wollt' es ja, man ſoll es ſeyn! Siebel. Zur Thuͤr hinaus wer ſich entzweit! Mit offner Bruſt ſingt Runda, ſauft und ſchreit! Auf! Holla! Ho! Altmayer. Weh mir, ich bin verloren! Baumwolle her! der Kerl ſprengt mir die Ohren. Siebel. Wenn das Gewöͤlbe wiederſchallt, Fuͤhlt man erſt recht des Baſſes Grundgewalt. Froſch. So recht, hinaus mit dem der etwas uͤbel nimmt! Al tara lara da! Altmayer. 8 Al tara lara da! Froſch. (Singt.) Das liebe, heil'ge Röm'ſche Reich, Wie haͤlt's nur noch zuſammen? Brander. Ein garſtig Lied! Pfui! ein politiſch Lied! Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, 78 Daß ihr nicht braucht fuͤrs Röm'ſche Reich zu ſorgen! Ich halt' es wenigſtens fuͤr reichlichen Gewinn, Daß ich nicht Kaiſer oder Kanzler bin. Doch muß auch uns ein Oberhaupt nicht fehlen; Wir wollen einen Papſt erwählen. Ihr wißt, welch eine Qualität Den Ausſchlag giebt, den Mann erhöht. Froſch Cingt). Schwing dich auf, Frau Nachtigall, Gruͤß' mir mein Liebchen zehntauſendmal. Siebel. Dem Liebchen keinen Gruß! Ich will davon nichts hören! Froſch. 1 Dem Liebchen Gruß und Kuß! du wirſt mir's nicht ver⸗ wehren! (Singt.) Riegel auf! in ſtiller Nacht. Riegel auf! der Liebſte wacht. Riegel zu! des Morgens früh. Siebel. Ja, ſinge, ſinge nur, und lob' und ruͤhme ſie! Ich will zu meiner Zeit ſchon lachen. Sie hat mich angeführt, dir wird ſie's auch ſo machen. Zum Liebſten ſey ein Kobold ihr beſcheert! 3 Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg ſchaͤkern; Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt, Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern! Ein braver Kerl von echtem Fleiſch und Blut Iſt für die Dirne viel zu gut. Ich will von keinem Gruße wiſſen, Als ihr die Fenſter eingeſchmiſſen. Brander aauf den Tiſch ſchlagend). Paßt auf! paßt auf! Gehorchet mir! Ihr Herrn geſteht, ich weiß zu leben; Verliebte Leute ſitzen hier, und dieſen muß, nach Standsgebühr, Zur guten Nacht ich was zum Beſten geben. Gebt Acht! Ein Lied vom neuſten Schnitt! und ſingt den Rundreim kraͤftig mit! (Er ſingt.) Es war eine Ratt' im Kellerneſt, Lebte nur von Fett und Butter, Hatte ſich ein Ränzlein angemäͤſt't Als wie der Doctor Luther. Die Köchin hatt' ihr Gift geſtellt; Da ward's ſo eng ihr in der Welt, Als hätte ſie Lieb' im Leibe. Chorus(auchzend). Als hätte ſie Lieb' im Leibe. Brander. Sie fuhr herum, ſie fuhr heraus, Und ſoff aus allen Pfützen, Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus, Wollte nichts ihr Wüthen nützen; Sie thät' gar manchen Aengſteſprung, Bald hatte das arme Thier genung, Als häͤtt' es Lieb' im Leibe. 8 Chorus. Als hätt' es Lieb' im Leibe. Brander. Sie kam vor Angſt am hellen Tag Der Küche zugelaufen, Fiel an den Herd und zuckt' und lag, Und thät erbarmlich ſchnaufen. Da lachte die Vergifterin noch; Hal ſie pfeift auf dem letzten Loch, Als hatte ſie Lieb' im Leibe. Chorus. Als hätte ſie Lieb' im Leibe. 80 Siebel. Wie ſich die platten Burſche freuen! Es iſt mir eine rechte Kunſt Den armen Ratten öift zu ſtreuen! BVrander. Sie ſtehn wohl ſehr in deiner Gunſt? Altmayer. Der Schmerbauch mit der kahlen Platte! Das Ungluͤck macht ihn zahm und mild; Er ſieht in der geſchwollnen Ratte Sein ganz natürlich Ebenbild. Fanſt und Mephiſtopheles. Mephiſtopheles. Ich muß dich nun vor allen Dingen In luſtige Geſellſchaft bringen, Damit du ſiehſt wie leicht ſich's leben laßt. Dem Volke hier wird jeder Tag ein Feſt. Mit wenig Witz und viel Behagen Dreht jeder ſich im engen Zirkeltanz, Wie junge Katzen mit dem Schwanz. Wenn ſie nicht über Kopfweh klagen, So lang' der Wirth nur weiter borgt, Sind ſie vergnügt und unbeſorgt. Brander. Die kommen eben von der Reiſe, Man ſieht's an ihrer wunderlichen Weiſe; Sie ſind nicht eine Stunde hier. Froſch. Wahrhaftig du haſt Recht! Mein Leipzig lob' ich mir! Es iſt ein klein Paris, und bildet ſeine Leute. Siebel. Für was ſiehſt du die Fremden an? 4 „* — — 81 Froſch. Laßt mich nur gehn! Bei einem vollen Glaſe Zieh' ich, wie einen Kinderzahn, Den Burſchen leicht die Würmer aus der Naſe. Sie ſcheinen mir aus einem edlen Haus, Sie ſehen ſtolz und unzufrieden aus. BVrander. Marktſchreier ſind's gewiß, ich wette! Altmayer. Vielleicht. Froſch. Gieb Acht, ich ſchraube ſie! Mephiſtopheles(u Fauſt). Den Teufel ſpuͤrt das Voͤlkchen nie, Und wenn er ſie beim Kragen hätte! Fauſt. Seyd uns gegrüßt, ihr Herr'n! Siebel. Viel Dank zum Gegengruß. (Leiſe, Mephiſtopheles von der Seite anſehend.) Was! hinkt der Kerl auf Einem Fuß? Mephiſtopheles.. Iſt es erlaubt, uns auch zu euch zu ſetzen? Statt eines guten Trunks, den man nicht haben kann, Soll die Geſellſchaft uns ergetzen. Altmayer. Ihr ſcheint ein ſehr verwoͤhnter Mann. Froſch. Ihr ſeyd wohl ſpät von Rippach aufgebrochen? Habt ihr mit Herren Hans noch erſt zu Nacht geſpeiſ't? Mephiſtopheles. Heut ſind wir ihn vorbeigereiß't! Wir haben ihn das letzte Mal geſprochen. Goethe, Fauſt. 4 6 8² Von ſeinen Vettern wußt' er viel zu ſagen, Viel Grüße hat er uns an jeden aufgetragen. (Er neigt ſich gegen Froſch.) Altmayer(ceiſe). Da haſt du's! der verſteht's! Siebel. Ein pfiffiger Patron! Froſch. Nun, warte nur, ich krieg' ihn ſchon! Mephiſtopheles. Wenn ich nicht irrte, hörten wir Geuͤbte Stimmen Chorus ſingen? Gewiß, Geſang muß trefflich hier Von dieſer Wolbung wiederklingen! Froſch. Seyd ihr wohl gar ein Virtuos? Mephiſtopheles. O nein! die Kraft iſt ſchwach, allein die Luſt iſt groß. Altmayer. Gebt uns ein Lied! Mephiſtopheles. Wenn ihr begehrt, die Menge. Siebel. Nur auch ein nagelneues Stüͤck! Mephiſtopheles. Wir kommen erſt aus Spanien zuruͤck, Dem ſchönen Land des Weins und der Geſänge. (Singt.) Es war einmal ein Köͤnig, Der hatt' einen großen Floh— Froſch. 5 Horcht! Einen Floh! Habt ihr das wohl gefaßt? Ein Floh iſt mir ein ſtüprrer Gaſt. 83³ Mephiſtopheles cingt). Es war einmal ein König, Der hatt' einen großen Floh, Den liebt' er gar nicht wenig, Als wie ſeinen eignen Sohn. Da rief er ſeinen Schneider, Der Schneider kam heran: Da, miß dem Junker Kleider, Und miß ihm Hoſen an! Vrander. Vergeßt nur nicht, dem Schneider einzuſchärfen, Daß er mir aufs genauſte mißt, Und daß, ſo lieb ſein Kopf ihm iſt, Die Hoſen keine Falten werfen! Mephiſtopheles. In Sammet und in Seide, War er nun angethan, Hatte Baͤnder auf dem Kleide, Hatt' auch ein Kreuz daran, Und war ſogleich Miniſter, und hatt' einen großen Stern, Da wurden ſeine Geſchwiſter Bei Hof' auch große Herr'n. uUnd Herr'n und Frau'n am Hofe, Die waren ſehr geplagt, Die Koͤnigin und die gofe, Geſtochen und genagt, Und durften ſie nicht knicken, Und weg ſie jucken nicht. Wir knicken und erſticken Doch gleich, wenn einer ſticht. Chorus Gauchzend). N. knicken und erſticken Doch gleich, wenn einer ſticht. 84 Froſch. Bravo! Bravo! Das war ſchöͤn! Siebel. So ſoll es jedem Floh ergehn! Vrander. Spitzt die Finger und packt ſie fein! Altmayer. Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein! Mephiſtopheles. Ich tränke gern ein Glas, die Freiheit hoch zu ehren, Wenn eure Weine nur ein bischen beſſer wären. Siebel. Wir mögen das nicht wieder hoͤren! Mephiſtopheles. Ich fürchte nur der Wirth beſchweret ſich; Sonſt gaͤb' ich dieſen werthen Gäſten Aus unſerm Keller was zum Beſten. Siebel. Nur immer her; ich nehm's auf mich. Froſch. Schafft ihr ein gutes Glas, ſo wollen wir euch loben. Nur gebt nicht gar zu kleine Proben; Denn wenn ich judiciren ſoll, Verlang' ich auch das Maul recht voll. Altmayer ceeiſe). Sie ſind vom Rheine, wie ich ſpuͤre. . WMephiſtaphele⸗. Schafft einen Bohrer an! BVrander. Was ſoll mit dem geſchehn? Ihr habt doch nicht die Fäſſer vor der Thüre? Altmayer. Dahinten hat der Wirth ein Körbchen Wertzeng ſtehn. 8⁵ Mephiſtopheles duimmt den Bohrer). (Zu Froſch.) Nun ſagt, was wuünſchet ihr zu ſchmecken? Froſch. Wie meint ihr das? Habt ihr ſo mancherlei? Mephiſtopheles. Ich ſtell' es einem jeden frei. Altmayer(zu Froſch). Aha, du faͤngſt ſchon an die Lippen abzulecken. Froſch. Gut! wenn ich wählen ſoll, ſo will ich Rheinwein haben. Das Vaterland verleiht die allerbeſten Gaben. Mephiſtopheles (indem er an dem Platz, wo Froſch ſitzt, ein Loch in den Tiſchrand bohrt). Verſchafft ein wenig Wachs, die Pfropfen gleich zu machen! Altmayer(zu Froſch). Ach das ſind Taſchenſpielerſachen. Mephiſtopheles Gu Brander). Und ihr? BVrander. Ich will Champagner⸗Wein, Und recht mouſirend ſoll er ſeyn! Mephiſtopheles (bohrt; einer hat indeſſen die Wachspfropfen gemacht und verſtopft). Brander. Man kann nicht ſtets das Fremde meiden, Das Gute liegt uns oft ſo fern. Ein echter deutſcher Mann mag keinen Franzen leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern. Siebel Lindem ſich Mephiſtopheles ſeinem Platze nähert). Ich muß geſtehn, den ſauren mag ich nicht, Gebt mir ein Glas vom echten ſüßen! 8 — —.— 86 Mephiſtopheles Cbohrt). Euch ſoll ſogleich Tokaier fließen. Altmayer. Nein, Herren, ſeht mir ins Geſicht! Ich ſeh' es ein, ihr habt uns nur zum Beſten. Mephiſtpheles. Ei! Ei! Mit ſolchen edlen Gaͤſten Waͤr' es ein bischen viel gewagt. Geſchwind! Nur grad' heraus geſagt! Mit welchem Weine kann ich dienen? Altmayer. Mit jedem! Nur nicht lang gefragt. (Nachdem die Löcher alle gebohrt und verſtopft ſind.) Mephiſtopheles amit ſeltſamen Geberden). Trauben trägt der Weinſtock! Hoͤrner der Ziegenbock; Der Wein iſt ſaftig, Holz die Reben, Der hoͤlzerne Tiſch kann Wein auch geben. Ein tiefer Blick in die Natur! Hier iſt ein Wunder, glaubet nur! Nun zieht die Pfropfen und genießt! Alle (indem ſie die Pfropfen ziehen und jedem der verlangte Wein ins Glas läuft). O ſchöner Brunnen, der uns fließt! Mephiſtopheles. Nur hütet euch, daß ihr mir nichts vergießt! (Sie trinken wiederholt.) 4 Alle(ſingen). Uns iſt ganz kanibaliſch wohl, Als wie fünfhundert Säuen! Mephiſtopheles. Das Volk iſt frei, ſeht an, wie wohl's ihm geht! „ 87 Fauſt. Ich haͤtte Luſt nun abzufahren. Mephiſtopheles. Gieb nur erſt Acht, die Beſtialität Wird ſich gar herrlich offenbaren. Siebel ctrinkt unvorſichtig, der Wein fließt auf die Erde, und wird zur Flamme). Helft! Feuer! Helft! Die Hölle brennt! Mephiſtopheles(ie Flamme beſprechend). Sey ruhig, freundlich Element! (Zu den Geſellen.) Fuͤr dießmal war es nur ein Tropfen Fegefeuer. Siebel. Was ſoll das ſeyn? Wart! Ihr bezahlt es theuer! Es ſcheinet, daß ihr uns nicht kennt. Froſch. Laß Er uns das zum zweiten Male bleiben! Altmayer. Ich dächt', wir hießen ihn ganz ſachte ſeitwaͤrts gehn. Siebel. Was Herr? Er will ſich unterſtehn, und hier ſein Hokuspokus treiben? Mephiſtopheles. Still, altes Weinfaß!. Siebel. Beſenſtiel! Du willſt uns gar noch grob begegnen? Brander. VWart' nur! Es ſollen Schläge regnen! Altmayer (zieht einen Pfropf aus dem Tiſch, es ſpringt ihm Feuer entgegen). Ich brenn'! ich brenne! 88 Siebel. Zauberei! Stoßt zu! der Kerl iſt vogelfrei! (Sie ziehen die Meſſer und gehen auf Mephiſtopheles los.) Mephiſtopheles anit ernſthafter Geberde). Falſch Gebild und Wort Verandern Sinn und Ort! Seyd hier und dort! (Sie ſtehn erſtaunt und ſehn einander an.) Altmayer. Wo bin ich? Welches ſchoͤne Land? Froſch. Weinberge! Seh' ich recht? Siebel. Und Trauben gleich zur Hand! Vrander. Hier unter dieſem gruͤnen Laube, Seht, welch ein Stock! Seht, welche Traube! (Er faßt Siebeln bei der Naſe. Die andern thun es wechſelſeitig und heben die Meſſer.) Mephiſtopheles(wie oben). Irrthum, laß los der Augen Band! Und merkt euch wie der Teufel ſpaße. (Er verſchwindet mit Fauſt, die Geſellen fahren auseinander.) Siebel. Was giebt's? Altmayer. Wie? Froſch. War das deine Naſe? — Brander(zu Siebel). Und deine hab' ich in der Hand! 89 Altmayer. Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder! Schafft einen Stuhl, ich ſinke nieder! Froſch. Nein, ſagt mir nur, was iſt geſchehn? Siebel. Wo iſt der Kerl? Wenn ich ihn ſpüre, Er ſoll mir nicht lebendig gehn! Altmayer. Ich hab' ihn ſelbſt hinaus zur Kellerthüre— Auf einem Faſſe reiten ſehn—— Es liegt mir bleiſchwer in den Füßen. (Sich nach dem Tiſche wendend.) Mein! Sollte wohl der Wein noch fließen? Siebel. Betrug war alles, Lug und Schein. Froſch. Mir daͤuchte doch als trank' ich Wein. Brander. Aber wie war es mit den Trauben? Altmayer. Nun ſag' mir eins, man ſoll kein Wunder glauben! Hexenküche. Auf einem niedrigen Herde ſteht ein großer Keſſel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe ſteigt, zeigen ſich verſchiedene Ge⸗ ſtalten. Eine Mleerkatze ſitzt be: dem Keſſel und ſchäumt ihn, und ſorgt daß er nicht überläuft. Der Meerkater mit den Jun⸗ gen ſitzt darneben und wärmt ſich. Wände und Decke ſind mit dem ſeltſam⸗ ſten Hexenhausrath ausgeſchmückt. Fanſt. Mephiſtopheles. Fauſt. Mir widerſteht das tolle Zauberweſen; Verſprichſt du mir, ich ſoll geneſen, 4 90 In dieſem Wuſt von Raſerei? Verlang' ich Rath von einem alten Weibe? Und ſchafft die Sudelköcherei Wohl dreißig Jahre mir vom Leibe? Weh mir! wenn du nichts Beſſers weißt! Schon iſt die Hoffnung mir verſchwunden. Hat die Natur und hat ein edler Geiſt Nicht irgend einen Balſam ausgefunden? Mephiſtopheles. Mein Freund, nun ſprichſt du wieder klug! Dich zu verjüngen giebt's auch ein naturlich Mittel; Allein es ſteht in einem andern Buch, und iſt ein wunderlich Capitel. Fauſt. Ich will es wiſſen. Mephiſtopheles. Gut! Ein Mittel, ohne Geld Und Arzt und Zauberei, zu haben: Begieb dich gleich hinaus aufs Feld, Fang' an zu hacken und zu graben, Erhalte dich und deinen Sinn In einem ganz beſchränkten Kreiſe, Ernaͤhre dich mit ungemiſchter Speiſe, Leb' mit dem Vieh als Vieh, und acht' es nicht fuͤr Raub, Den Acker, den du ernteſt, ſelbſt zu duͤngen; Das iſt das beſte Mittel, glaub', Auf achtzig Jahr dich zu verjungen! 3 Fanſt. Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht be⸗ quemen Den Spaten in die Hand zu nehmen. Das enge Leben ſteht mir gar nicht an. Mephiſtopheles. So muß denn doch die Here dran. 9¹ Fauſt. Warum denn juſt das alte Weib! Kannſt du den Trank nicht ſelber brauen? Mephiſtopheles. Das waͤr' ein ſchoͤner Zeitvertreib! Ich wollt' indeß wohl tauſend Brücken bauen. Nicht Kunſt und Wiſeenſchaft allein, Geduld will bei dem Werke ſeyn. Ein ſtiller Geiſt iſt Jahre lang geſchäftig; Die Zeit nur macht die feine Gaͤhrung kraͤftig. Und alles was dazu gehört Es ſind gar wunderbare Sachen! Der Teufel hat ſie's zwar gelehrt; Allein der Teufel kann's nicht machen. (Die Thiere erblickend.) Sieh, welch ein zierliches Geſchlecht! Das iſt die Magd! das iſt der Knecht! (Zu den Thieren:) Es ſcheint, die Frau iſt nicht zu Hauſe? Die Thiere. Beim Schmauſe, Aus dem Haus Zum Schornſtein hinaus! Mephiſtopheles. Wie lange pflegt ſie wohl zu ſchwaärmen? Die Thiere. So lange wir uns die Pfoten wärmen. Mephiſtopheles(u Fauſt). Wie findeſt du die zarten Thiere? Fauſt. So abgeſchmackt als ich nur jemand ſah! Mephiſtopheles. Nein, ein Discours wie dieſer da, Iſt grade der, den ich am liebſten führe! 92 (Zu den Thieren:) So ſagt mir doch, verfluchte Puppen! Was quirlt ihr in dem Brei herum? Thiere. Wir kochen breite Bettelſuppen. Mephiſtopheles. Da habt ihr ein groß Publikum. Der Kater (macht ſich herbei und ſchmeichelt dem Mephiſtopheles). O wuͤrfle nur gleich Und mache mich reich, Und laß mich gewinnen! Gar ſchlecht iſt's beſtellt, Und war' ich bei Geld, So wär' ich bei Sinnen. Mephiſtopheles. Wie gluͤcklich wuͤrde ſich der Affe ſchätzen, Koͤnnt' er nur auch ins Lotto ſetzen! „(FAndeſſen haben die jungen Meerkätzchen mit einer großen Kugel geſpielt und rollen ſie hervor.) Der Kater. Das iſt die Welt; Sie ſteigt und fällt Und rollt beſtändig; Sie klingt wie Glas; Wie bald bricht das? Iſt hohl inwendig. Hier glänzt ſie ſehr, Und hier noch mehr, Ich bin lebendig, Mein lieber Sohn, Halt dich davon! Du mußt ſterben! Sie iſt von Thon, Es giebt Scherben. — 93 Mephiſtopheles. Was ſoll das Sieb? Der Kater(bolt es herunter). Wärſt du ein Dieb, Wollt' ich dich gleich erkennen. (Er läuft zur Kätzin und läßt ſie durchſehen.) Sieh durch das Sieb! Erkennſt du den Dieb, Und darfſt ihn nicht nennen? Mephiſtopheles ſich dem Feuer nähernd). Und dieſer Topf? Kater und Kätzin. Der alberne Tropf! Er kennt nicht den Topf, Er kennt nicht den Keſſel! Mephiſtopheles. Unhöfliches Thier! Der Kater. Den Wedel nimm hier, Und ſetz' dich in Seſſel! (Er nöthigt den Mephiſtopheles zu ſitzen.) Fauſt (welcher dieſe Zeit über vor einem Spiegel geſtanden, ſich ihm bald ge⸗ nähert, bald ſich von ihm entfernt hat). Was ſeh' ich? Welch ein himmliſch Bild Zeigt ſich in dieſem Zauberſpiegel! O Liebe, leihe mir den ſchnellſten deiner Flügel, Und führe mich in ihr Gefild! Ach wenn ich nicht auf dieſer Stelle bleibe, Wenn ich es wage nah' zu gehn, Kann ich ſie nur als wie im Nebel ſehn!— Das ſchönſte Bild von einem Weibe! Iſt's moͤglich, iſt das Weib ſo ſchön? Muß ich an dieſem hingeſtreckten Leibe 94 Den Inbegriff von allen Himmeln ſehn? So etwas findet ſich auf Erden? Mephiſtopheles. Natürlich, wenn ein Gott ſich erſt ſechs Tage Plaht⸗ Und ſelbſt am Ende Bravo ſagt, Da muß es was Geſcheidtes werden. Für dießmal ſieh dich immer ſatt; Ich weiß dir ſo ein Schaͤtzchen auszuſpüren, Und ſelig wer das gute Schickſal hat, Als Bräutigam ſie heimzuführen! (Fauſt ſieht immerfort in den Spiegel. Mephiſtopheles, ſich in dem Seſſel dehnend und mit dem Wedel ſpielend, fährt fort zu ſprechen.) Hier ſitz' ich wie der König auf dem Throne, Den Zepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone. Die Thiere (welche bisher allerlei wunderliche Bewegungen durch einander gemacht haben, bringen dem Mephiſtopheles eine Krone mit großem Geſchrei). O ſey doch ſo gut, Mit Schweiß und mit Blut Die Krone zu leimen! (Sie gehn ungeſchickt mit der Krone um und zerbrechen ſie in zwei Stücke, mit welchen ſie herumſpringen.) Nun iſt es geſchehn! Wir reden und ſehn, Wir hören und reimen! Fauſt(gegen den Spiegel). Weh mir! ich werde ſchier verrückt. Mephi ſto pheles(auf die Thiere deutend). Nun fäͤngt mir an faſt ſelbſt der Kopf zu ſchwanken. Die Thiere. Und wenn es uns glückt, Und wenn es ſich ſchickt, So ſind es Gedanken! 95 Fa u ſt(wie oben). Mein Buſen faͤngt mir an zu brennen! Entfernen wir uns nur geſchwind! Mephiſtopheles(in obiger Stellung). Nun, wenigſtens muß man bekennen, Daß es aufrichtige Poeten ſind. Der Keſſel, welchen die Kätzin bisher außer Acht gelaſſen, fängt an über⸗ zulaufen; es entſteht eine große Flamme, welche zum Schornſtein hinaus ſchlägt. Die Here kommt durch die Flamme mit entſetzlichem Ge⸗ ſchrei herunter gefahren. Die Here. Au! Au! Au! Au! Verdammtes Thier! verfluchte Sau! Verſäumſt den Keſſel, verſengſt die Frau! Verfluchtes Thier! (Fauſt und Mephiſtopheles erblickend.) Was iſt das hier? Wer ſeyd ihr hier? Was wollt ihr da? Wer ſchlich ſich ein? Die Feuerpein Euch ins Gebein! (Sie fährt mit dem Schaumlöffel in den Keſſel und ſpritzt Flammen nach Fauſt, Mephiſtopheles und den Thieren. Die Thiere winſeln.) Mephiſtopheles (welcher den Wedel, den er in der Hand hält, umkehrt, und unter die Gläſer und Töpfe ſchlägt). Entzwei! entzwei! Da liegt der Brei! Da liegt das Glas! Es iſt nur Spaß, Der Tact, du Aas, Zu deiner Melodei. (Indem die Hexe voll Grimm und Entſetzen zurücktritt.) 96 Erkennſt du mich? Gerippe! Scheuſal du! Erkennſt du deinen Herrn und Meiſter? Was hält mich ab, ſo ſchlag' ich zu, Zerſchmettre dich und deine Katzen⸗Geiſter! Haſt du vorm rothen Wamms nicht mehr Reſpect? Kannſt du die Hahnenfeder nicht erkennen? Hab' ich dieß Angeſicht verſteckt? Soll ich mich etwa ſelber nennen? Die Here. O Herr, verzeiht den rohen Gruß! Seh' ich doch keinen Pferdefuß. Wo ſind denn eure beiden Raben? Mephiſtopheles. Für dießmal kommſt du ſo davon; Denn freilich iſt es eine Weile ſchon, Daß wir uns nicht geſehen haben. Auch die Cultur, die alle Welt beleckt, Hat auf den Teufel ſich erſtreckt; Das nordiſche Phantom iſt nun nicht mehr zu ſchauen; Wo ſiehſt du Hörner, Schweif und Klauen? und was den Fuß betrifft, den ich nicht miſſen kann, Der würde mir bei Leuten ſchaden;— Darum bedien' ich mich, wie mancher junge Mann, Seit vielen Jahren falſcher Waden. Die Here ctanzend). Sinn und Verſtand verlier' ich ſchier, Seh' ich den Junker Satan wieder hier! Mephiſtopheles. Den Namen, Weib, verbitt' ich mir! Die Here. Warum? Was hat er euch gethan? Mephiſtopheles. Er iſt ſchon lang' ins Fabelbuch geſchrieben; Allein die Menſchen ſind nichts beſſer dran, —— 97 Den Böſen ſind ſie los, die Böſen ſind geblieben. Du nennſt mich Herr Baron, ſo iſt die Sache gut; Ich bin ein Cavalier, wie andre Cavaliere. Du zweifelſt nicht an meinem edlen Blut; Sieh her, das iſt das Wappen, das ich führe! (Er macht eine unanſtändige Geberde.) Die Herxe(lacht unmäßig). Ha! Ha! Das iſt in eurer Art! Ihr ſeyd ein Schelm, wie ihr nur immer war't! Mephiſtopheles Gu Fauſt). Mein Freund, das lerne wohl verſtehn! Dieß iſt die Art mit Hexen umzugehn. Die Here. Nun ſagt, ihr Herren, was ihr ſchafft. Mephiſtopheles. Ein gutes Glas von dem bekannten Saft, Doch muß ich euch ums äalt'ſte bitten; Die Jahre doppeln ſeine Kraft. Die Here. Gar gern! Hier hab' ich eine Flaſche, Aus der ich ſelbſt zuweilen naſche, Die auch nicht mehr im mind'ſten ſtinkt; Ich will euch gern ein Gläschen geben. 1(Leiſe.) Doch wenn es dieſer Mann unvorbereitet trinkt, So kann er, wißt ihr wohl, nicht eine Stunde leben. Mephiſtopheles. Es iſt ein guter Freund, dem es gedeihen ſoll; Ich gönn' ihm gern das Beſte deiner Küche. Zieh deinen Kreis, ſprich deine Sprüche, Und gieb ihm eine Taſſe voll! Die Here (mit ſeltſamen Geberden, zieht einen Kreis und ſtellt wunderbare Sachen hinein; indeſſen fangen die Gläſer an zu klingen, die Keſſel zu tönen, und Goethe, Fauſt. 5 7 98 machen Muſik. Zuletzt bringt ſie ein großes Buch, ſtellt die Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten müſſen. Sie winkt Fauſten, zu ihr zu treten). Fauſt(zu Mephiſtopheles). Nein, ſage mir, was ſoll das werden? Das tolle Zeug, die raſenden Geberden, Der abgeſchmackteſte Betrug, Sind mir bekannt, verhaßt genug. Meyphiſtopheles. Ei, Poſſen! Das iſt nur zum Lachen; Sey nur nicht ein ſo ſtrenger Mann! Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen, Damit der Saft dir wohl gedeihen kann. (Er nöthigt Fauſten in den Kreis zu treten.) Die Here(mit großer Emphaſe fängt an aus dem Buche zu declamiren). Du mußt verſtehn! Aus Eins mach' Zehn, Und Zwei laß gehn, Und Drei mach' gleich, So biſt du reich. Verlier' die Vier! Aus Fünf und Sechs, So ſagt die Hex', Mach' Sieben und Acht, So iſt's vollbracht: Und Neun iſt Eins, Und Zehn iſt keins. Das iſt das Hexen⸗Einmal⸗Eins! Fauſt. Mich duͤnkt, die Alte ſpricht im Fieber. Mephiſtopheles. Das iſt noch lange nicht vorüber, Ich kenn' es wohl, ſo klingt das ganze Buch; . —-— ———— 99 Ich habe manche Zeit damit verloren, Denn ein vollkommner Widerſpruch Bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren. Mein Freund, die Kunſt iſt alt und neu. Es war die Art zu allen Zeiten, Durch Drei und Eins, und Eins und Drei Irrthum ſtatt Wahrheit zu verbreiten. So ſchwätzt und lehrt man ungeſtört; Wer will ſich mit den Narr'n befaſſen? Gewöhnlich glaubt der Menſch, wenn er nur Worte hört, Es muͤſſe ſich dabei doch auch was denken laſſen. Die Here Cfäbrt fort). Die hohe Kraft Der Wiſſenſchaft Der ganzen Welt verborgen! Und wer nicht denkt, Dem wird ſie geſchenkt, Er hat ſie ohne Sorgen. Fauſt. Was ſagt ſie uns für Unſinn vor? Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen. Mich duͤnkt, ich hör' ein ganzes Chor Von hunderttauſend Narren ſprechen. Mephiſtopheles. Genug, genug, o treffliche Sibylle! Gieb deinen Trank herbei, und fülle Die Schale raſch bis an den Rand hinan; Denn meinem Freund wird dieſer Trank nicht ſchaden: Er iſt ein Mann von vielen Graden, Der manchen guten Schluck gethan. Die Here. (mit vielen Ceremonien, ſchenkt den Trank in eine Schale; wie ſie Fauſt an den Mund bringt, entſteht eine leichte Flamme). 100 Mephiſtopheles. Nur friſch hinunter! Immer zu! Es wird dir gleich das Herz erfreuen. Biſt mit dem Teufel du und du, Und willſt dich vor der Flamme ſcheuen? Die Hexe löſ't den Kreis. Fauſt tritt heraus. Mephiſtopheles. Nun friſch hinaus! Du darfſt nicht ruhn. — Die Here. Moͤg' euch das Schluͤckchen wohl behagen! Mephiſtopheles Gur Hexe). Und kann ich dir was zu Gefallen thun, So darfſt du mir's nur auf Walpurgis ſagen. Die Here. Hier iſt ein Lied! wenn ihr's zuweilen ſingt, So werdet ihr beſondre Wirkung ſpuren. Mephiſtopheles Gu Fauſt). Komm nur geſchwind und laß dich führen; Du mußt nothwendig tranſpiriren, Damit die Kraft durch Inn⸗ und Aeußres dringt. Den edlen Muͤßiggang lehr' ich hernach dich ſchätzen, Und bald empfindeſt du mit innigem Ergetzen, Wie ſich Cupido regt und hin und wieder ſpringt. Fauſt. Laß mich nur ſchnell noch in den Spiegel ſchauen! Das Frauenbild war gar zu ſchoͤn! Mlephiſtopheles. Nein! Nein! Du ſollſt das Muſter aller Frauen Nun bald leibhaftig vor dir ſehn. (Leiſe.) Du ſiehſt, mit dieſem Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe. 101 Straße. Fauſt. Margarete vorüber gehend. Fauſt. Mein ſchoͤnes Fraͤulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen? Margarete. Bin weder Fräulein, weder ſchoͤn, Kann ungeleitet nach Hauſe gehn. (Sie macht ſich los und ab.) Fauſt. Beim Himmel, dieſes Kind iſt ſchoͤn! So etwas hab' ich nie geſehn. Sie iſt ſo ſitt- und tugendreich, Und etwas ſchnippiſch doch zugleich. Der Lippe Roth, der Wange Licht, Die Tage der Welt vergeß' ich's nicht! Wie ſie die Augen niederſchlägt, Hat tief ſich in mein Herz gepraͤgt; Wie ſie kurz angebunden war, Das iſt nun zum Entzuͤcken gar! Mephiſtopheles tritt auf. Fauſt. Hoͤr', du mußt mir die Dirne ſchaffen! Mephiſtopheles. Nun, welche? Fauſt. Sie ging juſt vorbei. Mephiſtopheles. Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen, Der ſprach ſie aller Sünden frei; Ich ſchlich mich hart am Stuhl vorbei, Es iſt ein gar unſchuldig Ding, — 10² Das eben für nichts zur Beichte ging; Ueber die hab' ich keine Gewalt! Fauſt. Iſt über vierzehn Jahr doch alt. Mephiſtopheles. Du ſprichſt ja wie Hans Liederlich, Der begehrt jede liebe Blum' für ſich, Und dünkelt ihm es waͤr' kein Ehr' Und Gunſt die nicht zu pflücken wär'; Geht aber doch nicht immer an. Fauſt. Mein Herr Magiſter Lobeſan, Laß er mich mit dem Geſetz in Frieden! Und das ſag' ich ihm kurz und gut, Wenn nicht das ſuͤße junge Blut Heut Nacht in meinen Armen ruht, So ſind wir um Mitternacht geſchieden. Mephiſtopheles. Bedenk' was gehn und ſtehen mag! Ich brauche wenigſtens vierzehn Tag', Nur die Gelegenheit auszuſpuren. Fauſt. Hätt' ich nur ſieben Stunden Ruh, Brauchte den Teufel nicht dazu, So ein Geſchöpfchen zu verführen. Mephiſtopheles. Ihr ſprecht ſchon faſt wie ein Franzos; Doch bitt' ich, laßt's euch nicht verdrießen: Was hilft's nur grade zu genießen? Die Freud' iſt lange nicht ſo groß, Als wenn ihr erſt herauf, herum, Durch allerlei Brimborium, 3 Das Püppchen geknetet und zugericht't, Wie's lehret manche welſche Geſchicht'. 103 Fauſt. Hab' Appetit auch ohne das. Mephiſtopheles. Jetzt ohne Schimpf und ohne Spaß. Ich ſag' euch, mit dem ſchöͤnen Kind Geht's ein- für allemal nicht geſchwind. Mit Sturm iſt da nichts einzunehmen; Wir muͤſſen uns zur Liſt bequemen. Fauſt. Schaff' mir etwas vom Engelsſchatz! Fuͤhr' mich an ihren Ruheplatz! Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Bruſt, Ein Strumpfband meiner Liebesluſt! Mephiſtopheles. Damit ihr ſeht, daß ich eurer Pein Will förderlich und dienſtlich ſeyn; Wollen wir keinen Augenblick verlieren, Will euch nach. heut' in ihr Zimmer fuͤhren. Fauſt. und ſoll 1 ſehn? ſie haben? Mephiſtopheles. . Nein! Sie wird bei einer Nachbarin ſeyn. Indeſſen koͤnnt ihr ganz allein An aller Hoffnung künft'ger Freuden In ihrem Dunſtkreis ſatt euch weiden. Fauſt. Können wir hin? Mephiſtopheles. Es iſt noch zu fruͤh. Fauſt. Sorg' du mir für ein Geſchenk fuͤr ſie. (Ab.) 104 Mephiſtopheles. Gleich ſchenken? Das iſt brav! Da wird er reuͤſſiren! Ich kenne manchen ſchönen Platz Und manchen alt vergrabnen Schatz; Ich muß ein bischen revidiren. (Ab.) Abend. Ein kleines reinliches Zimmer. Margarete ihre Zöpfe flechtend und aufbindend. Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt' Wer heut der Herr geweſen iſt! Er ſah gewiß recht wacker aus, Und iſt aus einem edlen Haus; Das konnt' ich ihm an der Stirne leſen— Er wär' auch ſonſt nicht ſo keck geweſen. .(Ab) Mephiſtopheles. Fauft. Mephiſtopheles.— Herein, ganz leiſe, nur herein! Fa uſt(nach einigem Stillſchweigen). Ich bitte dich, laß mich allein! Mephiſtopheles cherumſpürend). Nicht jedes Madchen häͤlt ſo rein. (Ab.) Fau ſt(rings aufſchauend). Willkommen ſüßer Daͤmmerſchein! Der du dieß Heiligthum durchwebſt. Ergreif mein Herz, du ſüße Liebespein! 3 Die du vom Thau der Hoffnung ſchmachtend lebſt. Wie athmet rings Gefühl der Stille, Der Ordnung, der Zufriedenheit! 105 In dieſer Armuth welche Fülle! In dieſem Kerker welche Seligkeit! (Er wirft ſich auf den ledernen Seſſel am Bette.) O nimm mich auf! der du die Vorwelt ſchon Bei Freud' und Schmerz im offnen Arm empfangeu! Wie oft, ach! hat an dieſem Vaͤterthron Schon eine Schaar von Kindern rings gehangen! Vielleicht hat, dankbar fuͤr den heil'gen Chriſt, Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen, Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküßt. Ich fühl', o Madchen, deinen Geiſt Der Füll' und Ordnung um mich ſäuſeln, Der mütterlich dich täglich unterweißt, Den Teppich auf den Tiſch dich reinlich breiten heißt, Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuſeln. O liebe Hand! ſo goͤttergleich! Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich. Und hier! (Er hebt einen Bettvorhang auf.) Was faßt mich für ein Wonnegraus! Hier möcht' ich volle Stunden ſäumen. Natur! Hier bildeteſt in leichten Träumen Den eingebornen Engel aus; Hier lag das Kind! mit warmem Leben Den zarten Buſen angefüllt, Und hier mit heilig reinem Weben Entwirkte ſich das Götterbild! Und du! Was hat dich hergeführt? Wie innig fühl' ich mich gerührt! Was willſt du hier? Was wird das Herz dir ſchwer? Armſel'ger Fauſt! ich kenne dich nicht mehr. Umgiebt mich hier ein Zauberduft? Mich drang's ſo grade zu genießen, Und fuͤhle mich in Liebestraum zerfließen! Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft? 106 und träte ſie den Augenblick herein,* Wie wuͤrdeſt du für deinen Frevel büßen! Der große Hans, ach wie ſo klein! Läg', hingeſchmolzen, ihr zu Fuͤßen. Mephiſtopheles. Geſchwind! ich ſeh' ſie unten kommen. Fauſt. Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr! Mephiſtopheles. Hier iſt ein Käſtchen leidlich ſchwer, Ich hab's wo anders hergenommen. Stellt's hier nur immer in den Schrein, Ich ſchwor' euch, ihr vergehn die Sinnen; Ich that euch Säͤchelchen hinein, Um eine andre zu gewinnen. Zwar Kind iſt Kind und Spiel iſt Spiel. Fauſt. Ich weiß nicht, ſoll ich? Mephiſtopheles. Fragt ihr viel? Meint ihr vielleicht den Schatz zu wahren? Dann rath' ich eurer Lüſternheit Die liebe ſchoͤne Tageszeit Und mir die weitre Müh' zu ſparen. Ich hoff' nicht, daß ihr geizig ſeyd! Ich kratz' den Kopf, reib' an den Händen— (Er ſtellt das Käſichen in den Schrein und drückt das Schloß wieder zu.) Nur fort! geſchwind!— Um euch das ſuͤße junge Kind Nach Herzens Wunſch und Will' zu wenden; Und ihr ſeht drein, Als ſolltet ihr in den Hörſaal hinein, Als ſtuͤnden grau leibhaftig vor euch da Phyſik und Metaphyſika! Nur fort!—(Ab.) 107 Margarete mit einer Lampe). Es iſt ſo ſchwül, ſo dumpfig hie (Sie macht das Fenſter auf.) und iſt doch eben ſo warm nicht drauß'. Es wird mir ſo, ich weiß nicht wie— Ich wollt', die Mutter kam' nach Haus. Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib— Bin doch ein thöricht furchtſam Weib! (Sie fängt an zu ſingen, indem ſie ſich auszieht.) Es war ein König in Thule Gar treu bis an das Grab, Dem ſterbend ſeine Buhle Einen goldnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber, Er leert ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus. und als er kam zu ſterben, Zahlt' er ſeine Städt' im Reich, Goͤnnt' alles ſeinem Erben, Den Becher nicht zugleich. Er ſaß beim Königsmahle, Die Ritter um ihn her, Auf hohem Väter⸗Saale, Dort auf dem Schloß am Meer. Dort ſtand der alte Zecher, Trank letzte Lebensgluth, und warf den heiligen Becher Hinunter in die Fluth. Er ſah ihn ſturzen, trinken Und ſinken tief ins Meer, 108 Die Augen thäten ihm ſinken, Trank nie einen Tropfen mehr. (Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkäſichen.) Wie kommt das ſchöne Käſtchen hier herein? Ich ſchloß doch ganz gewiß den Schrein. Es iſt doch wunderbar! Was mag wohl drinne ſeyn? Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand, Und meine Mutter lieh darauf. Da hangt ein Schluͤſſelchen am Band, Ich denke wohl ich mach' es auf! Was iſt das? Gott im Himmel! Schau', So was hab' ich mein' Tage nicht geſehn! Ein Schmuck! Mit dem könnt' eine Edelfrau Am höchſten Feiertage gehn. Wie ſollte mir die Kette ſtehn? Wem mag die Herrlichkeit gehören? (Sie putzt ſich damit auf und tritt vor den Spiegel.) Wenn nur die Ohrring' meine waͤren!* Man ſieht doch gleich ganz anders drein. Was hilft euch Schönheit, junges Blut? Das iſt wohl alles ſchön und gut, Allein man läßt's auch alles ſeyn; 2 Man lobt euch halb mit Erbarmen. Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles. Ach wir Armen! Spaziergang. Fauſt in Gedanken auf und abgehend. Zu om KMephiſtapheles. — Mephiſtopheles.. Bei aller verſchmaͤhten Liebe! Beim hölliſchen Elemente! Ich wollt' ich wuͤßte was argers, daß ich's fluchen könnte! * 8 109 Fauſt. Was haſt? was kneipt dich denn ſo ſehr? So kein Geſicht ſah' ich in meinem Leben! Mephiſtopheles. Ich moͤcht' mich gleich dem Teufel uübergeben, Wenn ich nur ſelbſt kein Teufel wär'! Fauſt. Hat ſich dir was im Kopf verſchoben? Dich kleidet's, wie ein Raſender zu toben! Mephiſtopheles. Denkt nur, den Schmuck für Gretchen angeſchafft, Den hat ein Pfaff hinweggerafft!— Die Mutter kriegt das Ding zu ſchauen, Gleich fängt's ihr heimlich an zu grauen: Die Frau hat gar einen feinen Geruch, Schnuffelt immer im Gebetbuch, Und riecht's einem jeden Möbel an, Ob das Ding heilig iſt oder profan; Und an dem Schmuck da ſpürt ſie's klar, Daß dabei nicht viel Segen war. Mein Kind, rief ſie, ungerechtes Gut Befängt die Seele, zehrt auf das Blut. Wollen's der Mutter Gottes weihen, Wird uns mit Himmels⸗Manna erfreuen! Margretlein zog ein ſchiefes Maul, Iſt halt, dacht' ſie, ein geſchenkter Gaul, Und wahrlich! gottlos iſt nicht der, Der ihn ſo fein gebracht hierher. Die Mutter ließ einen Pfaffen kommen; Der hatte kaum den Spaß vernommen, Ließ ſich den Anblick wohl behagen. Er ſprach: So iſt man recht geſinnt! Wer überwindet der gewinnt. Die Kirche hat einen guten Magen, .* * — — 110 Hat ganze Länder aufgefreſſen, Und doch noch nie ſich übergeſſen; Die Kirch' allein, meine lieben Frauen, Kann ungerechtes Gut verdauen. Fauſt. Das iſt ein allgemeiner Brauch, Ein Jud' und König kann es auch. Mephiſtopheles. Strich drauf ein Spange, Kett' und Ring', Als wären's eben Pfifferling', Dankt' nicht weniger und nicht mehr, Als ob's ein Korb voll Nüſſe wär', Verſprach ihnen allen himmliſchen Lohn— Und ſie waren ſehr erbaut davon. Fauſt. Mephiſtopheles. Sitzt nun unruhvoll, Weiß weder was ſie will noch ſoll, Denkt ans Geſchmeide Tag und Nacht, Noch mehr an den, der's ihr gebracht. Fanſt. Des Seuans Kummer thut mir leid. Schaff' du ihr gleich ein neu Geſchmeid'! Am erſten war ja ſo nicht viel. Mephiſtopheles. O ja, dem Herrn iſt Alles Kinderſpiel! Fauſt. Und mach', und richt's nach meinem Sinn! Häng' dich an ihre Nachbarin. Sey Teufel doch nur nicht wie Brei, Und ſchaff' einen neuen Schmuck herbei! Mephiſtopheles. Ja, gnaͤd'ger Herr, von Herzen gerne. Und Gretchen? 4 (Fauſt ab.) 111 Mephiſtopheles. So ein verliebter Thor verpufft Euch Sonne, Mond und alle Sterne Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft. Der Nachbarin Haus. Marthe allein. Gott verzeih's meinem lieben Mann, Er hat an mir nicht wohlgethan! Geht da ſtracks in die Welt hinein, Und laͤßt mich auf dem Stroh allein. Thaät' ihn doch wahrlich nicht betruͤben, Thät' ihn, weiß Gott, recht herzlich lieben. (Sie weint.) Vielleicht iſt er gar todt!— O Pein!—— Hätt' ich nur einen Todtenſchein! Margarete bommt. Margarete. Frau Marthe! Marthe. 8 Gretelchen, was ſoll's? Margarete. Faſt ſinken mir die Kniee nieder! Da find' ich ſo ein Käſtchen wieder In meinem Schrein, von Ebenholz, Und Sachen herrlich ganz und gar, Weit reicher als das erſte war. Marthe. Das muß Sie nicht der Mutter ſagen; Thaͤt's wieder gleich zur Beichte tragen. Margarete. Ach ſeh' Sie nur! ach ſchau' Sie nur! (Ab.) — — Marthe(putt ſie auf). O du gluͤckſel'ge Creatur! Margarete. Darf mich, leider, nicht auf der Gaſſen, Noch in der Kirche mit ſehen laſſen. Marthe. Komm du nur oft zu mir herüber, Und leg den Schmuck hier heimlich an; Spazier' ein Stündchen lang dem Spiegelglas vorüber, Wir haben unſre Freude dran; Und dann giebt's einen Anlaß, giebt's ein Feſt, Wo man's ſo nach und nach den Leuten ſehen läͤßt. Ein Kettchen erſt, die Perle dann ins Ohr; 74 Die Mutter ſieht's wohl nicht, man macht ihr auch was vor. Margarete. Wer konnte nur die beiden Käſtchen bringen? Es geht nicht zu mit rechten Dingen! (Es klopft.) Margarete. Ach Gott! mag das meine Mutter ſeyn? 3 Marthe(durchs Vorhängel guckend). Es iſt ein fremder Herr— Herein! Mephiſtopheles niit auf. Mephiſtopheles. Bin ſo frei grad herein zu treten, Muß bei den Frauen Verzeihn erbeten. (Tritt ehrerbietig vor Margareten zurück.)— 2 Wollte nach Frau Marthe Schwerdtlein fragen!* Marthe. 8 Ich bin's, was hat der Herr zu ſagen? Mephiſtopheles(ceiſe zu ihr).. Ich kenne Sie jetzt, mir iſt das genug; 113 Sie hat da gar vornehmen Beſuch. Verzeiht die Freiheit, die ich genommen, Will Nachmittage wieder kommen. Marthe claut). Denk', Kind, um alles in der Welt! Der Herr dich für ein Fraͤulein haͤlt. Margarete. Ich bin ein armes junges Blut; Ach Gott! der Herr iſt gar zu gut: Schmuck und Geſchmeide ſind nicht mein. Mephiſtopheles. Ach, es iſt nicht der Schmuck allein; Sie hat ein Weſen, einen Blick ſo ſcharf! Wie freut mich's, daß ich bleiben darf. Marthe. Was bringt Er denn? Verlange ſehr— Mephiſtopheles. Ich wollt' ich hätt' eine frohere Mähr'! Ich hoffe Sie läßt mich's drum nicht büßen: Ihr Mann iſt todt und läßt Sie grüßen. Marthe. Iſt todt? das treue Herz! O weh! Mein Mann iſt todt! Ach ich vergeh'! Margarete. Ach! liebe Frau, verzweifelt nicht!— Mephiſtopheles. So hört die traurige Geſchicht'! Margarete. Ich moͤchte drum mein' Tag' nicht lieben, Würde mich Verluſt zu Tode betrüben. 2* Mephiſtopheles. Freud' muß Leid, Leid muß Freude haben. Goethe, Fauſt. 8 ——— 114 Marthe. Erzaͤhlt mir ſeines Lebens Schluß! Mephiſtopheles. Er liegt in Padua begraben Beim heiligen Antonius, An einer wohlgeweihten Stätte Zum ewig kühlen Ruhebette. Marthe. Habt ihr ſonſt nichts an mich zu bringen? Mephiſtopheles. Ja, eine Bitte, groß und ſchwer; Laß Sie doch ja für ihn dreihundert Meſſen ſingen! Im übrigen ſind meine Taſchen leer. Marthe. Was! Nicht ein Schauſtück? Kein Geſchmeid'? Was jeder Handwerksburſch im Grund des Säckels ſpart, Zum Angedenken aufbewahrt, Und lieber hungert, lieber bettelt! Mephiſtopheles. Madam, es thut mir herzlich leid; Allein er hat ſein Geld wahrhaftig nicht verzettelt. Auch er bereute ſeine Fehler ſehr, Ja, und bejammerte ſein Unglück noch viel mehr. Margarxrete. Ach! daß die Menſchen ſo unglücklich ſind! Gewiß ich will für ihn manch Requiem noch beten. Mephiſtopheles. Ihr waͤret werth, gleich in die Eh' zu treten: Ihr ſeyd ein liebenswurdig Kind. Margarete. 8 Ach nein, das geht jetzt noch nich uu. Mephiſtopheles. Iſt's nicht ein Mann, ſey's derweil' ein Gaͤlan. 115 's iſt eine der groͤßten Himmelsgaben, So ein lieb Ding im Arm zu haben. Margarete. Das iſt des Landes nicht der Brauch. Mephiſtopheles. Brauch oder nicht! Es giebt ſich auch. Marthe. Erzählt mir doch! Mephiſtopheles. 2 Ich ſtand an ſeinem Sterbebette. Es war was beſſer als von Miſt, Von halbverfaultem Stroh; allein er ſtarb als Chriſt, Und fand, daß er weit mehr noch auf der Zeche hätte. Wie, rief er, muß ich mich von Grund aus haſſen, So mein Gewerb, mein Weib ſo zu verlaſſen! Ach! die Erinnrung toͤdtet mich. Vergäb' ſie mir nur noch in dieſem Leben!— 3 Marthe weinend). Der gute Mannl ich hab' ihm laͤngſt vergeben. Mephiſtopheles. Allein, weiß Gott! ſie war mehr Schuld als ich. Marthe. Das luͤgt er! Was! am Rand des Grab's zu lügen! Mephiſtopheles. Er fabelte gewiß in letzten Zügen, Wenn ich nur halb ein Kenner bin. Ich hatte, ſprach er, nicht zum Zeitvertreib zu gaffen, Erſt Kinder, und dann Brot für ſie zu ſchaffen, Und Brot im allerweit'ſten Sinn, Und konnte nicht einmal mein Theil in Frieden eſſen. 1 3 Marthe. Hat er ler Treu', ſo aller Lieb' vergeſſen, Der Plackerei bei Tag und Nacht! 116 Mephiſtopheles. Nicht doch, er hat euch herzlich dran gedacht. Er ſprach: Als ich nun weg von Malta ging, Da betet' ich für Frau und Kinder brünſtig; Uns war denn auch der Himmel günſtig, Daß unſer Schiff ein Türkiſch Fahrzeug fing, Das einen Schatz des großen Sultans fuͤhrte. Da ward der Tapferkeit ihr Lohn, und ich empfing denn auch, wie ſich's gebührte, Mein wohlgemeß'nes Theil davon. Marthe. Ei wie? Ei wo? hat er's vielleicht vergraben? Mephiſtopheles. Wer weiß, wo nun es die vier Winde haben. Ein ſchönes Fraͤulein nahm ſich ſeiner an, Als er in Napel fremd umher ſpazierte; Sie hat an ihm viel Lieb's und Treu's gethan, Daß er's bis an ſein ſelig Ende ſpürte. Marthe. Der Schelm! der Dieb an ſeinen Kindern! Auch alles Elend, alle Noth Konnt' nicht ſein ſchändlich Leben hindern! Mephiſtopheles. Ja ſeht! dafür iſt er nun todt. Wär' ich nun jetzt an eurem Platze, Betraurt' ich ihn ein züchtig Jahr; Viſirte dann unterweil' nach einem neuen Schatze. 8 Marthe. Ach Gott! wie doch mein erſter war,* Find' ich nicht leicht auf dieſer Welt den a dern! Es konnte kaum ein herziger Näkrchen ſeyn. Er liebte nur das allzuviele Wandern; Und fremde Weiber, und fremden Wein, Und das verfluchte Würfelſpiel. „ 117 Mephiſtopheles. Nun, nun, ſo konnt' es gehn und ſtehen, Wenn er euch ungefähr ſo viel Von ſeiner Seite nachgeſehen. Ich ſchwör' euch zu, mit dem Beding Wechſelt' ich ſelbſt mit euch den Ring! Marthe. O es beliebt dem Herrn zu ſcherzen! Mephiſtopheles coor ſich). Nun mach' ich mich bei Zeiten fort! Die hielte wohl den Teufel ſelbſt beim Wort. (Zu Gretchen.) Wie ſteht es denn mit Ihrem Herzen? Margarete. Was meint der Herr damit? Mephiſtopheles oor ſich). Du gut's, unſchuldig's Kind! 8 3(Laut.) Lebt wohl, ihr Fraun! Margarete. Lebt wohl! Marthe. O ſagt mir doch geſchwind! Ich moͤchte gern ein Zeugniß haben, Wo, wie und wann mein Schatz geſtorben und begraben. Ich bin von je der Ordnung Freund geweſen, Möcht' ihn auch todt im Wochenblättchen leſen. 8 Mephiſtopheles. Jag gute Fuau, durch zweier Zeugen Mund Wird allerwegs die Wahrheit kund; Habe noch gar einen feinen Geſellen, Den will ich euch vor den Michter ſtellen. Ich bring' ihn her. 118 Marthe. O thut das ja! Mephiſtopheles. Und hier die Jungfrau iſt auch da? Ein braver Knab'! iſt viel gereiſt, Fräuleins alle Huütihii erweiſt. Mlargarete. Müͤßte vor dem Herren ſchamroth werden. Mephiſtopheles. Vor keinem Könige der Erden. Marthe. Da hinterm Haus in meinem Garten Wollen wir der Herr'n heut Abend warten. Straße. fFauſt. Mephiſtopheles. Fauſt. Wie iſt's? Will's fördern? Will's bald gehn? Mephiſtopheles. Ah bravo! Find' ich euch in Feuer? In kurzer Zeit iſt Gretchen euer. Heut Abend ſollt' ihr ſie bei Nachbar' Marthen ſehn: Das iſt ein Weib wie auserleſen Zum Kuppler⸗ und Zigeunerweſen! Fauſt. So recht!. Mephiſtopheles. Doch wird auch was von uns taebef. Fauſt. Ein Dienſt iſt wohl des andern werthy. 8 8 f —— 119 Mephiſtopheles. Wir legen nur ein gültig Zeugniß nieder, Daß ihres Ehherrn ausgereckte Glieder In Padua an heil'ger Stätte ruhn. Fauſt. Sehr klug! Wir werden erſt die Reiſe machen muͤſſen! Mephiſtopheles. Sancta Simplicitas! darum iſt's nicht zu thun; Bezeugt nur ohne viel zu wiſſen. Fanſt. Wenn Er nichts Beſſers hat, ſo iſt der Plan zerriſſen. Mephiſtopheles. O heil'ger Mann! Da wäͤr't ihr's nun! Iſt es das erſte Mal in eurem Leben, Daß ihr falſch Zeugniß abgelegt? Habt ihr von Gott, der Welt und was ſich d'rin bewegt, Vom Menſchen, was ſich ihm in Kopf und Herzen regt, Definitionen nicht mit großer Kraft gegeben? Mit frecher Stirne, kühner Bruſt? Und wollt ihr recht ins Innre gehen, Habt ihr davon, ihr müßt es grad geſtehen, So viel als von Herrn Schwerdtleins Tod gewußt! Fauſt. Du biſt und bleibſt ein Luͤgner, ein Sophiſte. Mephiſtopheles. Ja, wenn mans nicht ein bischen tiefer wüßte. Denn morgen wirſt, in allen Ehren, Das arme Gretchen nicht bethören, Und alle Seelenlieb ihr ſchwören? Fauſt. Und zwar von Herzen. Mephiſtopheles. 8 Gut und ſchön! Dann wird von ewiger Treu' und Liebe, 4 120 Von einzig uͤberallmächt'gem Triebe— Wird das auch ſo von Herzen gehn? Fauſt. Laß das! Es wird!— Wenn ich empfinde, Fuͤr das Gefühl, für das Gewühl Nach Namen ſuche, keinen finde, Dann durch die Welt mit allen Sinnen ſchweife, Nach allen hoͤchſten Worten greife, Und dieſe Gluth, von der ich brenne, Unendlich, ewig, ewig nenne, Iſt das ein teufliſch Lügenſpiel? Mephiſtopheles. Ich hab' doch recht! Fauſt. Hör'! merk' dir dieß— Ich bitte dich, und ſchone meine Lunge— Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge, Behält's gewiß. Und komm',, ich hab des Schwätzens Ueberdruß, Denn du haſt Recht, vorzüglich weil ich muß. Garten. Mlargarete an Fanſtens Arm. AMlarthe mit Mephi⸗ ſtopheles auf und ab ſpazierend. Margarete. Ich fuͤhl' es wohl, daß mich der Herr nur ſchont, Herab ſich läßt, mich zu beſchamen. 8 den Reiſender iſt ſo gewohnt 1 Aus Gütigkeit fürlieb zu nehmen; Ich weiß zu gut, daß ſolch erfahrnen Mann Mein arm Geſprach nicht unterhalten kann. 121 Fauſt. Ein Blick von dir, Ein Wort mehr unterhält, Als alle Weisheit dieſer Welt. (Er küßt ihre Hand.) Margarete. Incommodirt euch nicht! Wie könnt ihr ſie nur küſſen? Sie iſt ſo garſtig, iſt ſo rauh! Was hab' ich nicht ſchon alles ſchaffen müſſen! Die Mutter iſt gar zu genau. (Gehn vorüber.) Marthe. Und ihr, mein Herr, ihr reiſt ſo immer fort? Mephiſtopheles. Ach, daß Gewerb' und Pflicht uns dazu treiben! Mit wie viel Schmerz verläßt man manchen Ort, Und darf doch nun einmal nicht bleiben! Marthe. In raſchen Jahren geht's wohl an, So um und um frei durch die Welt zu ſtreifen; Doch kömmt die böſe Zeit heran, Und ſich als Hageſtolz allein zum Grab zu ſchleifen, Das hat noch Keinem wohl gethan. Mephiſtopheles. Mit Grauſen ſeh' ich das von weiten. Marthe. Drum, werther Herr, berathet euch in Zeiten. .(Gehn vorüber.) . Margarete. Ja, gus den Augen aus dem Sinn! Die doflhrei iſt euch gelaufig; Allein ihr habt der Freunde häufig, Sie ſind verſtändiger als ich bin. 4 122 Fauſt. O Beſte! glaube, was man ſo verſtaͤndig nennt, Iſt oft mehr Eitelkeit und Kurzſinn. Margarete. Wie? Fauſt. Ach, daß die Einfalt, daß die Unſchuld nie Sich ſelbſt und ihren heil'gen Werth erkennt! Daß Demuth, Niedrigkeit, die hoͤchſten Gaben Der liebevoll austheilenden Natur— Margarete. Denkt ihr an mich ein Augenblickchen nur, Ich werde Zeit genug an euch zu denken haben. Fauſt. Ihr ſeyd wohl viel allein? Margarete. Ja, unſre Wirthſchaft iſt nur klein, Und doch will ſie verſehen ſeyn. Wir haben keine Magd; muß kochen, fegen, ſtricken Und nähen, und laufen früh und ſpat; Und meine Mutter iſt in allen Stücken So accurat! Nicht daß ſie juſt ſo ſehr ſich einzuſchränken hat; Wir könnten uns weit eh'r als andre regen: Mein Vater hinterließ ein hübſch Vermögen, Ein Haäuschen und ein Gäͤrtchen vor der Stadt. Doch hab' ich jetzt ſo ziemlich ſtille Tage; Mein Bruder iſt Soldat, Mein Schweſterchen iſt todt. Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Noth; Doch übernähm' ich gern noch einmal alle Plage, So lieb war mir das Kind. Fauſt. Ein Engel, wenn dir's glich. 123 Margarete. Ich zog es auf, und herzlich liebt' es mich. Es war nach meines Vaters Tod geboren, Die Mutter gaben wir verloren, So elend wie ſie damals lag, Und ſie erholte ſich ſehr langſam, nach und nach. Da konnte ſie nun nicht d'ran denken, Das arme Wuͤrmchen ſelbſt zu traͤnken, Und ſo erzog ich's ganz allein, Mit Milch und Waſſer; ſo ward's mein. Auf meinem Arm, in meinem Schooß War's freundlich, zappelte, ward groß. Fauſt. Du haſt gewiß das reinſte Gluͤck empfunden. Margarete. Doch auch gewiß gar manche ſchwere Stunden. Des Kleinen Wiege ſtand zu Nacht An meinem Bett', es durfte kaum ſich regen, War ich erwacht; Bald mußt' ich's tranken, bald es zu mir legen, Bald, wenn's nicht ſchwieg, vom Bett' aufſteh'n, Und tänzelnd in der Kammer auf und nieder gehn, Und fruͤh am Tage ſchon am Waſchtrog ſtehn; Dann auf dem Markt und an dem Herde ſorgen, Und immerfort wie heut ſo morgen. Da geht's, mein Herr, nicht immer muthig zu; Doch ſchmeckt dafuͤr das Eſſen, ſchmeckt die Ruh. (Gehn vorüber.) Marthe. Die armen Weiber ſind doch übel dran: Ein Hageſtolz iſt ſchwerlich zu bekehren. Mephiſtopheles. Es kame nur auf eures Gleichen an, Mich eines Beſſern zu belehren. 124 Marthe. Sagt grad, mein Herr, habt ihr noch nichts gefunden? Hat ſich das Herz nicht irgendwo gebunden? Mephiſtopheles. Das Sprichwort ſagt: Ein eigner Herd, Ein braves Weib, ſind Gold und Perlen werth. Marthe. Ich meine, ob ihr niemals Luſt bekommen? Mephiſtopheles. Man hat mich überall recht höflich aufgenommen. Marthe. Ich wollte ſagen: ward's nie Ernſt in eurem Herzen? Mephiſtopheles. Mit Frauen ſoll man ſich nie unterſtehn zu ſcherzen. Marthe. Ach, ihr verſteht mich nicht! Mephiſtapheles. Das thut mir herzlich leid! Doch ich verſteh'— daß ihr ſehr gütig ſeyd. (Gehn vorüber.) Fauſt. Du kannteſt mich, o kleiner Engel, wieder, Gleich als ich in den Garten kam? Margarete. Saht ihr es nicht? ich ſchlug die Augen nieder. Fauſt.. Und du verzeihſt die Freiheit, die ich nahm, Was ſich die Frechheit unterfangen, Als du jungſt aus dem Dom gegangen? Margarete. Ich war beſtuͤrzt, mir war das nie geſchehn; Es konnte niemand von mir Uebels ſagen. Ach, dacht' ich, hat er in deinem Betragen 4 125 Was Freches, Unanſtaͤndiges geſehn? Es ſchien ihn gleich nur anzuwandeln, Mit dieſer Dirne grade hin zu handeln. Geſteh' ich's doch! Ich wußte nicht was ſich Zu eurem Vortheil hier zu regen gleich begonnte; Allein gewiß, ich war recht böſ' auf mich, Daß ich auf euch nicht böſer werden konnte. Fauſt. Süß Liebchen! Margarete. Laßt einmal! (Sie pflückt eine Sternblume und zupft die Blätter ab, eins nach dem andern.) Fauſt. Was ſoll das? Einen Strauß? Margarete. Nein, es ſoll nur ein Spiel. Fauſt. Wie? Margarete. Geht! ihr lacht mich aus. (Sie rupft und murmelt.) Fauſt. Was murmelſt Du? Margarete(halb laut). Er liebt mich— liebt mich nicht. Fauſt. Du holdes Himmels⸗Angeſicht! Margarete(cährt fort). Liebt mich— Nicht— Liebt mich— Nicht— (Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.) Er liebt mich! Fanſt. Ja, mein Kind! Laß dieſes Blumenwort 126 Dir Goͤtter⸗Ausſpruch ſeyn. Er liebt dich! Verſtehſt du, was das heißt? Er liebt dich! (Er faßt ihre beiden Hände.) Margarete. Fauſt. O ſchaudre nicht! Laß dieſen Blick, Laß dieſen Händedruck dir ſagen, Was unausſprechlich iſt: Sich hinzugeben ganz und eine Wonne Zu fühlen, die ewig ſeyn muß! Ewig!— Ihr Ende wuͤrde Verzweiflung ſeyn. Nein, kein Ende! Kein Ende! Margarete (drückt ihm die Hände, macht ſich los und läuft weg. Er ſteht einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr). Marthe(kommend). Die Nacht bricht an. Mephiſtopheles. Ja, und wir wollen fort. Marthe. Ich bät' euch länger hier zu bleiben, Allein es iſt ein gar zu boͤſer Ort. Es iſt als hätte niemand nichts zu treiben Und nichts zu ſchaffen, Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen, Mich überläuft's! Und man kommt ins Gered', wie man ſich immer ſtellt. Und unſer Pärchen? Mephiſtopheles. Iſt den Gang dort aufgeflogen. Muthwill'’ge Sommervoͤgel! Marthe. Er ſcheint ihr gewogen. Mephiſtopheles.. und ſie ihm auch. Das iſt der Lauf der Welt. . — — 127 Ein Gartenhäuschen. Margarete ſpringt herein, ſteckt ſich hinter die Thür, hält die Fingerſpitze an die Lippen, und guckt durch die Ritze. Margarete. Er kommt! Fauſt ckommt). Ach Schelm, ſo neckſt du mich! Treff' ich dich! (Er küßt ſie.) Margarete Kihn faſſend und den Kuß zurückgebend). Beſter Mann! von Herzen lieb' ich dich! Miephiſtopheles klopft an. Fauſt(ſtampfend). Wer da? Mephiſtopheles. Gut Freund! Fauſt. Ein Thier! Mephiſtopheles. Es iſt wohl Zeit zu ſcheiden. — Marthe(kommt). Ja, es iſt ſpat, mein Herr. Fauſt. Darf ich euch nicht geleiten? Margarete. Die Mutter wuͤrde mich— Lebt wohl! Fauſt. Muß ich denn gehn? Lebt wohl! Marthe. Ade! 128 Margarete. Auf baldig Wiederſehn! (Fauſt und Mephiſiopheles ab.) Margarete. Du lieber Gott! was ſo ein Mann Nicht alles alles denken kann! Beſchämt nur ſteh' ich vor ihm da, Und ſag' zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwiſſend Kind, Begreife nicht was er an mir find't. (Ab.) Wald und Höhle. Fauſt allein. Erhabner Geiſt, du gabſt mir, gabſt mir alles, Warum ich bat. Du haſt mir nicht umſonſt Dein Angeſicht im Feuer zugewendet. Gabſt mir die herrliche Natur zum Köͤnigreich, Kraft, ſie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt ſtaunenden Beſuch erlaubſt du nur, Vergönneſt mir in ihre tiefe Bruſt Wie in den Buſen eines Freund's zu ſchauen. Du führſt die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei, und lehrſt mich meine Brüder Im ſtillen Buſch, in Luft und Waſſer kennen. Und wenn der Sturm im Walde brauſ't und knarrt, Die Rieſenfichte ſtürzend Nachbaräſte und Nachbarſtämme qguetſchend niederſtreift, Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert; Dann führſt du mich zur ſichern Höhle, zeigſt Mich dann mir ſelbſt, und meiner eignen Bruſt Geheime tiefe Wunder oͤffnen ſich. Und ſteigt vor meinem Blick der reine Mond Beſänftigend herüber; ſchweben mir A⁴ 9 129 Von Felſenwaͤnden, aus dem feuchten Buſch, Der Vorwelt ſilberne Geſtalten auf, Und lindern der Betrachtung ſtrenge Luſt. O daß dem Menſchen nichts Vollkomm'nes wird, Empfind' ich nun. Du gabſt zu dieſer Wonne, Die mich den Göttern nah' und näher bringt, Mir den Gefährten, den ich ſchon nicht mehr Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech, Mich vor mir ſelbſt erniedrigt, und zu Nichts, Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt. Er facht in meiner Bruſt ein wildes Feuer Nach jenem ſchoͤnen Bild geſchäftig an. So tauml' ich von Begierde zu Genuß, Und im Genuß verſchmacht' ich nach Begierde. Mephiſtopheles tritt auf. Mephiſtopheles. Habt ihr nun bald das Leben g'nug gefuͤhrt? Wie kann's euch in die Laͤnge freuen? Es iſt wohl gut, daß man's einmal probirt; Dann aber wieder zu was Neuen! Fauſt. Ich wollt', du hätteſt mehr zu thun, Als mich am guten Tag zu plagen. Mephiſtopheles. Nun nunl ich laſſ' dich gerne ruhn, Du darfſt mir's nicht im Ernſte ſagen. An dir Geſellen unhold, barſch und toll, Iſt wahrlich wenig zu verlieren. Den ganzen Tag hat man die Haände voll! Was ihm gefällt und was man laſſen ſoll, Kann man dem Herrn nie an der Naſe ſpuren. Fauſt. Das iſt ſo juſt der rechte Ton! Er will noch Dank, daß er mich ennuͤyirt. Goethe, Fauſt. 6 9 130 Mephiſtopheles. Wie hätt'ſt du, armer Erdenſohn, Dein Leben ohne mich geführt? Vom Kribskrabs der Imagination Hab' ich dich doch auf Zeiten lang curirt; Und waͤr' ich nicht, ſo waäͤr'ſt du ſchon Von dieſem Erdball abſpazirt. Was haſt du da in Höhlen, Felſenritzen Dich wie ein Schuhu zu verſitzen? Was ſchlürfſt aus dumpfem Moos und triefendem Geſtein, Wie eine Kröte, Nahrung ein? Ein ſchöner, ſüßer Zeitvertreib! Dir ſteckt der Doctor noch im Leib. Fauſt. Verſtehſt du, was für neue Lebenskraft Mir dieſer Wandel in der Oede ſchafft? Ja, wuͤrdeſt du es ahnen können, Mephiſtopheles. Ein uͤberirdiſches Vergnügen! In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen, Und Erd und Himmel wonniglich umfaſſen, Zu einer Gottheit ſich aufſchwellen laſſen, Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen, Alle ſechs Tagewerk' im Buſen fühlen, In ſtolzer Kraft ich weiß nicht was genießen, Bald liebewonniglich in alles überfließen, Verſchwunden ganz der Erdenſohn, Und dann die hohe Intuition— (Mit einer Geberde.) Ich darf nicht ſagen wie— zu ſchließen. Fauſt. Pfui uͤber dich! Du wäareſt Teufel g'nug mein Glück mir nicht zu zuunen. 131 Mephiſtopheles. Das will euch nicht behagen; Ihr habt das Recht geſittet pfui zu ſagen. Man darf das nicht vor keuſchen Ohren nennen, Was keuſche Herzen nicht entbehren konnen. Und kurz und gut, ich goͤnn' Ihm das Vergnügen, Gelegentlich ſich etwas vorzulügen; Doch lange hält Er das nicht aus. Du biſt ſchon wieder abgetrieben, und, wäͤhrt es länger, aufgerieben In Tollheit oder Angſt und Graus. Genug damit! Dein Liebchen ſitzt dadrinne, Und alles wird ihr eng' und truͤb'. Du kommſt ihr gar nicht aus dem Sinne, Sie hat dich uͤbermächtig lieb. Erſt kam deine Liebeswuth übergefloſſen, Wie vom geſchmolznen Schnee ein Bächlein überſteigt; Du haſt ſie ihr ins Herz gegoſſen; Nun iſt dein Baͤchlein wieder ſeicht. Mich dünkt, anſtatt in Waͤldern zu thronen, Ließ es dem großen Herren gut, Das arme affenjunge Blut Für ſeine Liebe zu belohnen. Die Zeit wird ihr erbärmlich lang; Sie ſteht am Fenſter, ſieht die Wolken ziehn Ueber die alte Stadtmauer hin. Wenn ich ein Vöglein wär'! ſo geht ihr Geſang Tage lang, halbe Nächte lang. Einmal iſt ſie munter, meiſt betruͤbt, Einmal recht ausgeweint, Dann wieder ruhig, wie's ſcheint, Und immer verliebt. Fauſt. Schlange! Schlange! 132 Mephiſtopheles oor ſich. Gelt! daß ich dich fange!. Fauſt. 8 Verruchter! hebe dich von hinnen, Und nenne nicht das ſchöne Weib! Bring' die Begier zu ihrem ſüßen Leib Nicht wieder vor die halb verruückten Sinnen! Mephiſtopheles. Was ſoll es denn? Sie meint, du ſeyſt entfloh'n, Und halb und halb biſt du es ſchon. Fauſt. Ich bin ihr nah', und wär' ich noch ſo fern, Ich kann ſie nie vergeſſen, nie verlieren; Ja, ich beneide ſchon den Leib des Herrn, Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren. Mephiſtopheles. Gar wohl, mein Freund! Ich hab' euch oft beneidet* Ums Zwillingspaar, das unter Roſen weidet. 4 Fauſt. Entfliehe, Kuppler! Mephiſtopheles. Schön! Ihr ſchimpft und ich muß lachen. Der Gott, der Bub' und Madchen ſchuf, Erkannte gleich den edelſten Beruf, Auch ſelbſt Gelegenheit zu machen. Nur fort, es iſt ein großer Jammer! Ihr ſollt in eures Liebchens Kammer, Nicht etwa in den Tod. Fauſt. Was iſt die Himmelsfreud' in ihren Armen? Laß mich an ihrer Bruſt erwarmen! Fuͤhl' ich nicht immer ihre Noth? Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauſ'te? 133 Der Unmenſch ohne Zweck und Ruh? 4 Der wie ein Waſſerſturz von Fels zu Felſen brauſ'te Begierig wuthend nach dem Abgrund zu. und ſeitwaͤrts ſie, mit kindlich dumpfen Sinnen, Im Huͤttchen auf dem kleinen Alpenfeld, Und all ihr häusliches Beginnen Umfangen in der kleinen Welt. und ich, der Gottverhaßte, hatte nicht genug, Daß ich die Felſen faßte und ſie zu Truͤmmern ſchlug! Sie, ihren Frieden mußt' ich untergraben! Du, Hölle, mußteſt dieſes Opfer haben! Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angſt verkürzen! Was muß geſchehn, mag's gleich geſchehn! Mag ihr Geſchick auf mich zuſammenſtuͤrzen und ſie mit mir zu Grunde gehn. Mephiſtopheles. Wie's wieder ſiedet, wieder glüht! Geh ein und troͤſte ſie, du Thor! Wo ſo ein Köpfchen keinen Ausgang ſieht, Stellt er ſich gleich das Ende vor. Es lebe wer ſich tapfer hält! Du biſt doch ſonſt ſo ziemlich eingeteufelt. Nichts Abgeſchmackters find' ich auf der Welt, Als einen Teufel der verzweifelt. Gretchens Stube. Gretchen am Spinnrade allein. Meine Ruh' iſt hin, Mein Herz iſt ſchwer; Ich finde ſie nimmer Und nimmermehr. 134 Wo ich ihn nicht hab' Iſt mir das Grab, Die ganze Welt Iſt mir vergällt. Mein armer Kopf Iſt mir verruͤckt, Mein armer Sinn Iſt mir zerſtückt. Meine Ruh' iſt hin, Mein Herz iſt ſchwer; Ich finde ſie nimmer Und nimmermehr. Nach ihm nur ſchau' ich Zum Fenſter hinaus, Nach ihm nur geh' ich Aus dem Haus. Sein hoher Gang, Sein' edle Geſtalt, Seines Mundes Lächeln, Seiner Augen Gewalt, Und ſeiner Rede Zauberfluß, Sein Haͤndedruck, Und ach ſein Kuß! Meine Ruh' iſt hin, Mein Herz iſt ſchwer; Ich finde ſie nimmer Und nimmermehr. Mein Buſen draͤngt Sich nach ihm hin, Ach dürft' ich faſſen Und halten ihn! — 8 2 In —— Und küſſen ihn So wie ich wollt', An ſeinen Kuͤſſen Vergehen ſollt'! Marthens Garten. Margarete. Fanſt. Margarete. Verſprich mir, Heinrich! Fauſt. Was ich kann! Margarete. Nun ſag', wie haſt du's mit der Religion? Du biſt ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub', du hält'ſt nicht viel davon. Fauſt. Laß das, mein Kind! Du fühlſt, ich bin dir gut; Fuͤr meine Lieben ließ ich Leib und Blut, Will niemand ſein Gefühl und ſeine Kirche rauben. Margarete. Das iſt nicht recht, man muß d'ran glauben! . Fauſt. Muß man? Margarete. Ach, wenn ich etwas auf dich koͤnnte! Du ehrſt auch nicht die heil'gen Sakramente. Fauſt. Ich ehre ſie. Margarete. Doch ohne Verlangen. Zur Meſſe, zur Beichte biſt du lange nicht gegangen. Glaubſt du an Gott? 136 Fauſt. Mein Liebchen, wer darf ſagen, Ich glaub' an Gott? Magſt Prieſter oder Weiſe fragen, Und ihre Antwort ſcheint nur Spott Ueber den Frager zu ſeyn. Margarete. So glaubſt du nicht? Fa u ſt. Mißhör' mich nicht, du holdes Angeſicht! Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub' ihn. Wer empfinden Und ſich unterwinden Zu ſagen: ich glaub' ihn nicht? Der Allumfaſſer, Der Allerhalter, Faßt und erhaͤlt er nicht Dich, mich, ſich ſelbſt? Wolbt ſich der Himmel nicht dadroben? Liegt die Erde nicht hierunten feſt? Und ſteigen freundlich blickend Ewige Sterne nicht herauf? Schau' ich nicht Aug' in Auge dir, Und drängt nicht alles Nach Haupt und Herzen dir, Und webt in ewigem Geheimniß Unſichtbar ſichtbar neben dir? Erfüll' davon dein Herz, ſo groß es iſt, Und wenn du ganz in dem Gefühle ſelig biſt, Nenn' es dann wie du willſt, Nenn's Gluͤck! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl iſt alles; F. — d 137 Name iſt Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsgluth. Margarete. Das iſt alles recht ſchön und gut; Ungefaͤhr ſagt das der Pfarrer auch, Nur mit ein bischen andern Worten. Fauſt. Es ſagen's aller Orten Alle Herzen unter dem himmliſchen Tage, Jedes in ſeiner Sprache; Warum nicht ich in der meinen? Margarete. Wenn manss ſo hört, möoͤcht's leidlich ſcheinen, Steht aber doch immer ſchief darum; Denn du haſt kein Chriſtenthum. Fauſt. Lieb's Kind! Margarete. Es thut mir lang' ſchon weh, Daß ich dich in der Geſellſchaft ſeh'. Fauſt. Margarete. Der Menſch, den du da bei dir haſt, Iſt mir in tiefer inn'rer Seele verhaßt; Es hat mir in meinem Leben So nichts einen Stich in's Herz gegeben, Als des Menſchen widrig Geſicht. Fauſt. Liebe Puppe, fuͤrcht' ihn nicht! Margarete. Seine Gegenwart bewegt mir das Blut. Ich bin ſonſt allen Menſchen gut; Aber, wie ich mich ſehne dich zu ſchauen, Wie ſo? Hab' ich vor dem Menſchen ein heimlich Grauen, 138 Und halt' ihn für einen Schelm dazu! 1 Gott verzeih' mir's, wenn ich ihm Unrecht thu'! Fauſt.. Es muß auch ſolche Käuze geben. Mlargarete. Wollte nicht mit ſeines Gleichen leben! Kommt er einmal zur Thür' herein, Sieht er immer ſo ſpöttiſch drein, Und halb ergrimmt; Man ſieht, daß er an nichts keinen Antheil nimmt; Es ſteht ihm an der Stirn' geſchrieben, Daß er nicht mag eine Seele lieben. Mir wird's ſo wohl in deinem Arm, So frei, ſo hingegeben warm, Und ſeine Gegenwart ſchnuͤrt mir das Inn're zu. Fauſt. Du ahnungsvoller Engel du! Margarete. Das uͤbermannt mich ſo ſehr, Daß, wo er nur mag zu uns treten, Mein' ich ſogar, ich liebte dich nicht mehr.. Auch wenn er da iſt, koͤnnt' ich nimmer beten, Und das frißt mir ins Herz hinein; Dir, Heinrich, muß es auch ſo ſeyn. Fauſt. 4 Du haſt nun die Antipathie! Margarete. Ich muß nun fort. Fauſt. 4 Ach kann ich nie Ein Stuͤndchen ruhig dir am Buſen haͤngen, Und Bruſt an Bruſt und Seel' in Seele drangen? Margarete. Ach wenn ich nur alleine ſchlief'! er r 139 Ich ließ dir gern heut Nacht den Riegel offen; Doch meine Mutter ſchläft nicht tief: 3 Und würden wir von ihr betroffen, Ich wäͤr' gleich auf der Stelle todt! Fauſt. Du Engel, das hat keine Noth. Hier iſt ein Fläſchchen! Drei Tropfen nur In ihren Trank umhüllen Mit tiefem Schlaf gefäaͤllig die Natur. Margarete. Was thu' ich nicht um deinetwillen? Es wird ihr hoffentlich nicht ſchaden! Fauſt. Wuͤrd' ich ſonſt, Liebchen, dir es rathen? Margarete. Seh' ich dich, beſter Mann, nur an, Weiß nicht was mich nach deinem Willen treibt; Ich habe ſchon ſo viel für dich gethan, Daß mir zu thun faſt nichts mehr ubrig bleibt.(Ab.) Mephiſtopheles tritt auf Mephiſtopheles. Der Grasaff'! iſt er weg? Fauſt. Haſt wieder ſpionirt? Mephiſtopheles. Ich hab's ausfuͤhrlich wohl vernommen, Herr Doctor wurden da katechiſirt; Hoff' es ſoll Ihnen wohl bekommen. Die Maͤdels ſind doch ſehr intereſſirt, Ob einer fromm und ſchlicht nach altem Brauch. Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch. 1 Fauſt. Du Ungeheuer ſiehſt nicht ein, 140 Wie dieſe treue liebe Seele Von ihrem Glauben voll, 4 Der ganz allein Ihr ſeligmachend iſt, ſich heilig quäle, Daß ſie den liebſten Mann verloren halten ſoll. Mephiſtopheles. Du üuͤberſinnlicher, ſinnlicher Freier, Ein Magdelein nasführet dich. Fauſt. Du Spottgeburt von Dreck und Feuer! Mephiſtopheles. Und die Phyſiognomie verſteht ſie meiſterlich. In meiner Gegenwart wird's ihr ſie weiß nicht wie, Mein Maskchen da weiſſagt verborgnen Sinn; Sie fhlt, daß ich ganz ſicher ein Genie, Vielleicht wohl gar der Teufel bin.. Nun heute Nacht—? Fauſt. Was geht dich's an? Mephiſtopheles. Hab' ich doch meine Freude d'ran! Am Brunnen. Gretchen und Kieschen mit Krügen.. Lieschen. Haſt nichts von Barbelchen gehört?. Gretchen. 4 Kein Wort. Ich komm' gar wenig unter Leute. Lieschen. Gewiß, Sibylle ſagt' mir's heute!.. Die hat ſich endlich auch bethört. 4 Das iſt das Vornehmthun! 141 Gretchen. Wie ſo? Lieschen. Es ſtinkt! Sie füttert zwei, wenn ſie nun ißt und trinkt. Gretchen. Lieschen. So iſt's ihr endlich recht ergangen, Wie lange hat ſie an dem Kerl gehangen! Das war ein Spazieren, Auf Dorf und Tanzplatz Führen, Mußt' uͤberall die erſte ſeyn, Curteſirt' ihr immer mit Paſtetchen und Wein; Bild't ſich was auf ihre Schöͤnheit ein, War doch ſo ehrlos ſich nicht zu ſchämen Geſchenke von ihm anzunehmen. War ein Gekoſ' und ein Geſchleck'; Da iſt denn auch das Blümchen weg! Gretchen. Ach! Das arme Ding! Lieschen. Bedauerſt ſie noch gar; Wenn unſer eins am Spinnen war, uns Nachts die Mutter nicht hinunterließ; Stand ſie bei ihrem Buhlen ſuß, Auf der Thuͤrbank und im dunkeln Gang Ward ihnen keine Stunde zu lang. Da mag ſie denn ſich ducken nun, Im Suͤnderhemoͤchen Kirchbuß' thun! Gretchen. Er nimmt ſie gewiß zu ſeiner Frau. Lieschen. Er war' ein Narr! Ein flinker Jung' 142 Hat anderwaͤrts noch Luft genung, Er iſt auch fort.⸗ Gretchen. Das iſt nicht ſchön! Lieschen. Kriegt ſie ihn, ſoll's ihr übel gehn, Das Kränzel reißen die Buben ihr, Und Hackerling ſtreuen wir vor die Thur! Gretchen nach Hauſe gehend). Wie konnt' ich ſonſt ſo tapfer ſchmälen, Wenn thaͤt ein armes Magdlein fehlen! Wie konnt' ich üͤber andrer Sunden Nicht Worte g'nug der Zunge finden! Wie ſchien mir's ſchwarz, und ſchwärzt's noch gar, Mir's immer doch nicht ſchwarz g'nug war, Und ſegnet' mich und that ſo groß, Und bin nun ſelbſt der Sünde bloß! Doch— alles was dazu mich trieb, Gott! war ſo gut! ach war ſo lieb! Zwinger. In der Mauerhöhle ein Andachtsbild der Mater dolorosa, Blumentrüge davor. Gretchen (ſteckt friſche Blumen in die Krüge). Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnadig meiner Noth! Das Schwert im Herzen, Mit tauſend Schmerzen Blickſt auf zu deines Sohnes Tod. æK * — — — 4 143 Zum Vater blickſt du, Und Seufzer ſchickſt du Hinauf um ſein' und deine Noth. Wer fühlet, Wie wühlet Der Schmerz mir im Gebein? Was mein armes Herz hier banget, Was es zittert, was verlanget, Weißt nur du, nur du allein! Wohin ich immer gehe, Wie weh, wie weh, wie wehe Wird mir im Buſen hier! Ich bin ach kaum alleine, Ich wein', ich wein', ich weine, Das Herz zerbricht in mir. Die Scherben vor meinem Fenſter Bethaut' ich mit Thränen, ach! Als ich am fruͤhen Morgen Dir dieſe Blumen brach. Schien hell in meine Kammer Die Sonne früh herauf, Saß ich in allem Jammer In meinem Bett ſchon auf. Hilf! rette mich von Schmach und Tod! Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Noth! — 144 Naſcht. Straße vor Gretchens Thüre. Palentin Soldat. Gretchens Bruder. Wenn ich ſo ſaß bei einem Gelag, Wo mancher ſich beruͤhmen mag, Und die Geſellen mir den Flor Der Maͤgdlein laut geprieſen vor, Mit vollem Glas das Lob verſchwemmt, Den Ellenbogen aufgeſtemmt; Saß ich in meiner ſichern Ruh, Hört' all' dem Schwadroniren zu, Und ſtreiche lächelnd meinen Bart, Und kriege das volle Glas zur Hand Und ſage: Alles nach ſeiner Art! Aber iſt eine im ganzen Land, Die meiner trauten Gretel gleicht, Die meiner Schweſter das Waſſer reicht? Top! Top! Kling! Klang! das ging herum! Die einen ſchrieen: er hat Recht, Sie iſt die Zier vom ganzen Geſchlecht! Da ſaßen alle die Lober ſtumm. Und nun!— ums Haar ſich auszuraufen Und an den Waͤnden hinauf zu laufen!— Mit Stichelreden, Naſenruͤmpfen Soll jeder Schurke mich beſchimpfen! Soll wie ein böſer Schuldner ſitzen, Bei jedem Zufallswörtchen ſchwitzen! Und möcht' ich ſie zuſammenſchmeißen; Könnt' ich ſie doch nicht Lügner heißen. Was kommt heran? Was ſchleicht herbei? Irr' ich nicht, es ſind ihrer zwei. Iſt er's, gleich pack' ich ihn beim Felle, Soll nicht lebendig von der Stelle! 85—— „ 145 Fanſt. Mephiſtopheles. Fauſt. Wie von dem Fenſter dort der Sakriſtei Aufwärts der Schein des ew'gen Lampchens flämmert Und ſchwach und ſchwächer ſeitwaͤrts dammert, Und Finſterniß drängt ringsum bei! So ſieht's in meinem Buſen nachtig. Mephiſtopheles. Und mir iſt's wie dem Katzlein ſchmäͤchtig, Das an den Feuerleitern ſchleicht, Sich leiſ' dann um die Mauer ſtreicht; Mir iſt's ganz tugendlich dabei,— Ein bischen Diebsgelüſt, ein bischen Rammelei. So ſpukt mir ſchon durch alle Glieder Die herrliche Walpurgisnacht. Die kommt uns uͤbermorgen wieder, Da weiß man doch warum man wacht. Fauſt.— Rückt wohl der Schatz indeſſen in die Höh', Den ich dort hinten flimmern ſeh'? Mephiſtopheles. Du kannſt die Freude bald erleben, Das Keſſelchen herauszuheben. Ich ſchielte neulich ſo hinein, Sind herrliche Löwenthaler drein. Fauſt. Nicht ein Geſchmeide? Nicht ein Ring? Meine liebe Buhle damit zu zieren. Mephiſtopheles. Ich ſah dabei wohl ſo ein Ding, Als wie eine Art von Perlenſchnüren. 1 Fauſt. So iſt es recht! Mir thut es weh, Wenn ich ohne Geſchenke zu ihr geh'. Goethe, Fauſt. 7 10 146 Mephiſtopheles. Es ſollt' euch eben nicht verdrießen Umſonſt auch etwas zu genießen. Jetzt da der Himmel voller Sterne glüht, Sollt ihr ein wahres Kunſtſtück hören: Ich ſing' ihr ein moraliſch Lied, Um ſie gewiſſer zu bethören. (Singt zur Zither.) Was machſt du mir Vor Liebchens Thur Kathrinchen hier Bei fruͤhem Tagesblicke? Laß, laß es ſeyn! Er läßt dich ein Als Mäadchen ein, Als Mädchen nicht zuruͤcke. Nehmt euch in Acht! Iſt es vollbracht, 4 Dann gute Nacht Ihr armen, armen Dinger! Habt ihr euch lieb, Thut keinem Dieb Nur nichts zu Lieb', 3 Als mit dem Ring am Finger. Valentin(tritt vor). t Wem lockſt du hier? beim Element! Vermaledeiter Rattenfäaͤnger! Zum Teufel erſt das Inſtrument! Zum Teufel hinter drein den Sänger! Mephiſtopheles. 3 Die Zither iſt entzwei! an der iſt nichts zu halten. Valentin. Nun ſoll es an ein Schaädelſpalten! 147 Mephiſtopheles Gu Fauſt). Herr Doctor nicht gewichen! Friſch! Hart an mich an, wie ich euch fuͤhre. Heraus mit eurem Flederwiſch! Nur zugeſtoßen! Ich parire. Valentin. Parire den! Mephiſtopheles. Warum denn nicht? Valentin. Auch den! Mephiſtopheles. Gewiß! Valentin. Ich glaub' der Teufel ficht! Was iſt denn das? Schon wird die Hand mir lahm. Mephiſtopheles Gu Fauſt). Stoß zu! Valentin Cällt). O weh! Mephiſtopheles. Nun iſt der Lümmel zahm! Nun aber fort! Wir müſſen gleich verſchwinden: Denn ſchon entſteht ein mörderlich Geſchrei. Ich weiß mich trefflich mit der Polizei, Doch mit dem Blutbann ſchlecht mich abzufinden. Marthe Kam Fenſter). Heraus! Heraus! Gretchen Kam Fenſter). Herbei ein Licht! Marthe(wie oben). Man ſchilt und rauft, man ſchreit und ſicht. 148 Volk. 4 Da liegt ſchon einer todt! 3 Marthe(beraustretend). Die Möͤrder ſind ſie denn entflohn? Gretchen Cheraustretend). Wer liegt hier? Volk. Deiner Mutter Sohn Gretchen. Allmaͤchtiger! welche Noth! Valentin. Ich ſterbe! das iſt bald geſagt Und bälder noch gethan. Was ſteht ihr Weiber, heult und klagt? Kommt her und hört mich an! 1 (Alle treten um ihn.) Mein Gretchen, ſieh! du biſt noch jung, Biſt gar noch nicht geſcheidt genung, Machſt deine Sachen ſchlecht. Ich ſag' dir's im Vertrauen nur: Du biſt doch nun einmal eine Hur'; So ſey's auch eben recht. 3 3 6 Gretchen. Mein Bruder! Gott! Was ſoll mir das? Valentin. Laß unſern Herr Gott aus dem Spaß. Geſchehn iſt leider nun geſchehn,. Und wie es gehn kann, ſo wird's gehn. Du fingſt mit Einem heimlich an, Bald kommen ihrer mehre dran, Und wenn dich erſt ein Duzend hat, So hat dich auch die ganze Stadt. r 149 Wenn erſt die Schande wird geboren, Wird ſie heimlich zur Welt gebracht, Und man zieht den Schleier der Nacht Ihr über Kopf und Ohren; Ja, man mochte ſie gern ermorden. Waͤchſt ſie aber und macht ſich groß, Dann geht ſie auch bei Tage bloß, Und iſt doch nicht ſchöner geworden. Je haͤßlicher wird ihr Geſicht, Je mehr ſucht ſie des Tages Licht. Ich ſeh' wahrhaftig ſchon die Zeit, Daß alle brave Bürgersleut', Wie von einer angeſteckten Leichen, Von dir, du Metze! ſeitab weichen. Dir ſoll das Herz im Leib verzagen, Wenn ſie dir in die Augen ſehn! Sollſt keine goldne Kette mehr tragen! In der Kirche nicht mehr am Altar ſtehn! In einem ſchönen Spitzenkragen Dich nicht beim Tanze wohlbehagen! In eine finſtre Jammerecken Unter Bettler und Krüppel dich verſtecken, Und wann dir denn auch Gott verzeiht, Auf Erden ſeyn vermaledeit! Marthe. Befehlt eure Seele Gott zu Gnaden! Wollt ihr noch Läſtrung auf euch laden? Valentin. Könnt' ich dir nur an den dürren Leib, Du ſchandlich kuppleriſches Weib! Da hofft' ich aller meiner Sünden Vergebung reiche Maß zu finden. Gretchen. Mein Bruder! Welche Höllenpein! Valentin. Ich ſage, laß die Thraͤnen ſeyn! Da du dich ſprachſt der Ehre los, Gabſt mir den ſchwerſten Herzensſtoß. Ich gehe durch den Todesſchlaf Zu Gott ein als Soldat und brav. (Stirbt.) Dom. Amt, Orgel und Geſang. Gretchen unter vielem Volke. Vöſer Geiſt hinter Gretchen. Böſer Geiſt. Wie anders, Gretchen, war dir's, Als du noch voll Unſchuld Hier zum Altar trat'ſt, Aus dem vergriffnen Büchelchen Gebete lallteſt, Halb Kinderſpiele, Halb Gott im Herzen, Gretchen! Wo ſteht dein Kopf? In deinem Herzen, Welche Miſſethat? Bet'ſt du fuͤr deiner Mutter Seele, die Durch dich zur langen, langen Pein hinüberſchlief? Auf deiner Schwelle weſſen Blut? — Und unter deinem Herzen Regt ſich's nicht quillend ſchon, Und angſtigt dich und ſich Mit ahnungsvoller Gegenwart? Gretchen. Weh! Weh! Wär' ich der Gedanken los, 151 Die mir heruͤber und hinüber gehen Wider mich! Chor. Dies irae, dies illa Solvet seclum in favilla. (Orgelton.) BVöſer Geiſt. Grimm faßt dich! Die Poſaune toͤnt! Die Gräber beben! Und dein Herz, Aus Aſchenruh', Zu Flammenqualen Wieder aufgeſchaffen, Bebt auf! Gretchen. Wär' ich hier weg! Mir iſt als ob die Orgel mir Den Athem verſetzte, Geſang mein Herz Im Tiefſten löſte. Chor. Judex ergo cum sedebit, Quidquid latet adparebit, Nil inultum remanebit. Gretchen. Mir wird ſo eng'! Die Mauern⸗Pfeiler Befangen mich! Das Gewölbe Draͤngt mich!— Luft! Väſer Geiſt. Verbirg dich! Sünd' und Schande Bleibt nicht verborgen. — ÿ ÿÿÿ—VꝛV——B—B—B—B—B—B—P—PP 152 Luft? Licht? Weh dir! Chor. Quid sum miser tunc dicturus? Quem patronum rogaturus? Cum vix justus sit securus. BVöſer Geiſt. Ihr Antlitz wenden Verklärte von dir ab. Die Haͤnde dir zu reichen, Schauert's den Reinen! Weh! Chor. Quid sum miser tunc dicturus? Gretchen. Nachbarin! Euer Fläſchchen!— (Sie fällt in Ohnmacht.) Walpurgisnacht. Harzgebirg. Gegend von Schirke und Elend. Fanſt. Miephiſtopheles. Mephiſtopheles. Verlangſt du nicht nach einem Beſenſtiele? Ich wuünſchte mir den allerderbſten Bock. Auf dieſem Weg ſind wir noch weit vom Ziele. Fauſt. V 1 So lang' ich mich noch friſch auf meinen Beinen fühle, Genügt mir dieſer Knotenſtock. Was hilft's, daß man den Weg verkürzt! Im Labyrinth der Thäͤler hinzuſchleichen, Dann dieſen Felſen zu erſteigen, Von dem der Quell ſich ewig ſprudelnd ſtürzt, 153 Das iſt die Luſt, die ſolche Pfade würzt! Der Fruͤhling webt ſchon in den Birken und ſelbſt die Fichte fühlt ihn ſchon; Sollt' er nicht auch auf unſre Glieder wirken? Mephiſtopheles. Fürwahr ich ſpure nichts davon! Mir iſt es winterlich im Leibe; Ich wunſchte Schnee und Froſt auf meiner Bahn. Wie traurig ſteigt die unvollkommne Scheibe Des rothen Monds mit ſpaͤter Gluth heran, Und leuchtet ſchlecht, daß man bei jedem Schritte, Vor einen Baum, vor einen Felſen rennt! Erlaub' daß ich ein Irrlicht bitte! Dort ſeh' ich eins, das eben luſtig brennt. He da! mein Freund! Darf ich dich zu uns fodern? Was willſt du ſo vergebens lodern? Sey doch ſo gut und leucht' uns da hinauf! Irrlicht. Aus Ehrfurcht, hoff' ich, ſoll es mir gelingen, Mein leichtes Naturell zu zwingen; Nur Zickzack geht gewöhnlich unſer Lauf. Mephiſtopheles. Ei! Ei! Er denkt's den Menſchen nachzuahmen. Geh' Er nur grad', ins Teufels Namen! Sonſt blaſ' ich ihm ſein Flacker⸗Leben aus. Irrlicht. Ich merke wohl, ihr ſeyd der Herr vom Haus, Und will mich gern nach euch bequemen. Allein bedenkt! der Berg iſt heute zaubertoll, Und wenn ein Irrlicht euch die Wege weiſen ſoll, So müßt ihr's ſo genau nicht nehmen. Fauſt, Mephiſtopheles, Irrlicht im Wechſelgeſang. In die Traum- und Zauberſphare Sind wir, ſcheint es, eingegangen. 154 Führ' uns gut und mach' dir Ehre! Daß wir vorwärts bald gelangen, In den weiten oͤden Räumen. Seh' die Baͤume hinter Baäumen, Wie ſie ſchnell vorüber ruͤcken, Und die Klippen, die ſich bücken, Und die langen Felſennaſen, Wie ſie ſchnarchen, wie ſie blaſen! Durch die Steine, durch den Raſen Eilet Bach und Bachlein nieder. Hoͤr' ich Rauſchen? hör' ich Lieder? Hoͤr' ich holde Liebesklage, Stimmen jener Himmelstage? Was wir hoffen, was wir lieben! Und das Echo, wie die Sage Alter Zeiten, hallet wieder. 8 Uhu! Schuhu! toͤnt es naͤher, Kautz und Kibitz und der Häher, Sind ſie alle wach geblieben? Sind das Molche durchs Geſträuche? 1 Lange Beine, dicke Baͤuche!* Und die Wurzeln, wie die Schlangen, Winden ſich aus Fels und Sande, Strecken wunderliche Bande, Uns zu ſchrecken, uns zu fangen; Aus belebten derben Maſern Strecken ſie Polypenfaſern Nach dem Wandrer. Und die Maͤuſe 3 Tauſendfärbig, ſchaarenweiſe, Durch das Moos und durch die Heide! Und die Funkenwürmer fliegen, Mit gedraͤngten Schwäaärme⸗Zügen, Zum verwirrenden Geleite. — 155 Aber ſag' mir, ob wir ſtehen, Oder ob wir weiter gehen? Alles, alles ſcheint zu drehen, Fels und Baͤume, die Geſichter Schneiden, und die irren Lichter, Die ſich mehren, die ſich blähen. Mephiſtopheles. Faſſe wacker meinen Zipfel! Hier iſt ſo ein Mittelgipfel, Wo man mit Erſtaunen ſieht, Wie im Berg der Mammon glüht. Fauſt. Wie ſeltſam glimmert durch die Gründe Ein morgenroͤthlich truͤber Schein! Und ſelbſt bis in die tiefen Schluͤnde Des Abgrunds wittert er hinein. Da ſteigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden, Hier leuchtet Gluth aus Dunſt und Flor, Dann ſchleicht ſie wie ein zarter Faden, Dann bricht ſie wie ein Quell hervor. Hier ſchlingt ſie eine ganze Strecke, Mit hundert Adern, ſich durchs Thal, Und hier in der gedrangten Ecke Vereinzelt ſie ſich auf einmal. Da ſprühen Funken in der Näͤhe, Wie ausgeſtreuter goldner Sand. Doch ſchau'! in ihrer ganzen Hoͤhe Entzuͤndet ſich die Felſenwand. Mephiſtopheles. Erleuchtet nicht zu dieſem Feſte Herr Mammon prachtig den Palaſt? Ein Gluͤck daß du's geſehen haſt; Ich ſpülf ſchon die ungeſtümen Gaͤſte. 6* Fauſt. Wie raſ't die Windsbraut durch die Luft! Mit welchen Schlaͤgen trifft ſie meinen Nacken! Mephiſtopheles. Du mußt des Felſens alte Rippen packen; Sonſt ſtürzt ſie dich hinab in dieſer Schlünde Gruft. Ein Nebel verdichtet die Nacht. Höre wie's durch die Waͤlder kracht! Aufgeſcheucht fliegen die Eulen. Hoͤr' es ſplittern die Säulen Ewig grüner Paläſte. Girren und Brechen der Aeſte, Der Stämme maäͤchtiges Droͤhnen Der Wurzeln Knarren und Gähnen! Im fürchterlich verworrenen Falle Ueber einander krachen ſie alle, Und durch die ubertrümmerten Klüfte Ziſchen und heulen die Lüfte. Hörſt du Stimmen in der Hoͤhe? In der Ferne, in der Nähe? Ja, den ganzen Berg entlang Strömt ein wüthender Zaubergeſang! Heren im Chor. Die Hexen zu dem Brocken ziehn, Die Stoppel iſt gelb, die Saat iſt gruͤn. Dort ſammelt ſich der große Hauf, Herr Urian ſitzt oben auf. So geht es über Stein und Stock Es fecgt die Hexe, es ſtient der Bock. Stimme. Die alte Baubo kommt allein; Sie reitet auf einem Mutterſchwein. Chor. So Ehre dem, wem Ehre gebührt! * 157 Frau Baubo vor! und angeführt! Ein tuͤchtig Schwein und Mutter drauf, Da folgt der ganze Hexenhauf. Stimme. Welchen Weg kommſt du her? Stimme. Uebern Ilſenſtein! Da guckt' ich der Eule ins Neſt hinein. Die macht' ein Paar Augen! Stimme. O fahre zur Hölle! Was reit'ſt du ſo ſchnelle! Stimme. Mich hat ſie geſchunden, Da ſieh nur die Wunden! Heren. Chor. Der Weg iſt breit, der Weg iſt lang, Was iſt das für ein toller Drang? Die Gabel ſticht, der Beſen kratzt, Das Kind erſtickt, die Mutter platzt. Herenmeiſter. Halbes Chor. Wir ſchleichen wie die Schneck' im Haus, Die Weiber alle ſind voraus. Denn, geht es zu des Böſen Haus, Das Weib hat tauſend Schritt voraus. Andere Hälfte. Wir nehmen das nicht ſo genau, Mit tauſend Schritten macht's die Frau; Doch, wie ſie auch ſich eilen kann, Mit einem Sprunge macht's der Mann. Stimme(oben). Kommt mit, kommt mit, vom Felſenſee! 158 Stimmen(coon unten). Wir moͤchten gerne mit in die Hoͤh'. Wir waſchen und blank ſind wir ganz und gar;. Aber auch ewig unfruchtbar. Veide Chöre. Es ſchweigt der Wind, es flieht der Stern, Der truͤbe Mond verbirgt ſich gern, Im Sauſen ſprüht das Zauber⸗Chor Viel tauſend Feuerfunken hervor. Sti mme(von unten). Halte! Halte! Stimme Cvon oben). Wer ruft da aus der Felſenſpalte? . Stimme unten). Nehmt mich mit! Nehmt mich mit! Ich ſteige ſchon dreihundert Jahr,. Und kann den Gipfel nicht erreichen. Ich wäre gern bei meines Gleichen. Veide Chöre. Es träͤgt der Beſen, traͤgt der Stock, Die Gabel trägt, es traägt der Bock; Wer heute ſich nicht heben kann, Iſt ewig ein verlorner Mann. Halbhere(unten). Ich tripple nach, ſo lange Zeit; Wie ſind die Andern ſchon ſo weit! Ich hab' zu Hauſe keine Ruh, 3 Und komme hier doch nicht dazu.. Chor der Heren. Die Salbe giebt den Hexen Muth, Ein Lumpen iſt zum Segel gut, Ein gutes Schiff iſt jeder Trog; Der flieget nie, der heut nicht flog. — — 159 Veide Chöre. Und wenn wir um den Gipfel ziehn, So ſtreichet an dem Boden hin, Und deckt die Heide weit und breit Mit eurem Schwarm der Herenheit. (Sie laſſen ſich nieder.) Mephiſtopheles. Das drängt und ſtoͤßt, das ruſcht und klappert! Das ziſcht und quirlt, das zieht und plappert! Das leuchtet, ſprüht und ſtinkt und brennt! Ein wahres Hexenelement! Nur feſt an mir! ſonſt ſind wir gleich getrennt. Wo biſt du? Fauſt(Ein der Ferne). Hier! Mephiſtopheles. Was! dort ſchon hingeriſſen? Da werd' ich Hausrecht brauchen müſſen. Platz! Junker Voland kommt. Platz! ſuͤßer Pöbel, Platz! Hier, Doctor, faſſe mich! und nun, in Einem Satz, Laß uns aus dem Gedrang' entweichen; Es iſt zu toll, ſogar für meines Gleichen. Dort neben leuchtet was mit ganz beſond'rem Schein, Es zieht mich was nach jenen Straͤuchen. Komm, komm! wir ſchlupfen da hinein. Fauſt. Du Geiſt des Widerſpruchs! Nur zu! du magſt mich fuͤhren. Ich denke doch, das war recht klug gemacht; Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht, Um uns beliebig nun hieſelbſt zu iſoliren. Mephiſtopheles Da ſieh nur welche bunten Flammen! Es iſt ein muntrer Klub beiſammen. Im Kleinen iſt man nicht allein. 160 Fauſt. Doch droben moͤcht' ich lieber ſeyn! Schon ſeh' ich Gluth und Wirbelrauch. Dort ſtroͤmt die Menge zu dem Böſen; Da muß ſich manches Räthſel löſen. Mephiſtopheles. Doch manches Raͤthſel knuͤpft ſich auch. Laß du die große Welt nur ſauſen, Wir wollen hier im Stillen hauſen. Es iſt doch lange hergebracht, Daß in der großen Welt man kleine Welten macht. Da ſeh' ich junge Herchen nackt und bloß, und alte, die ſich klug verhüllen. Seyd freundlich, nur um meinetwillen; Die Müh' iſt klein, der Spaß iſt groß. Ich hoͤre was von Inſtrumenten toͤnen! Verflucht Geſchnarr! Man muß ſich dran gewoͤhnen. Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders ſeyn, Ich tret' heran und führe dich herein, Und ich verbinde dich auf's neue. Was ſagſt du, Freund? das iſt kein kleiner Raum. Da ſieh nur hin! du ſiehſt das Ende kaum. Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe; Man tanzt, man ſchwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt; Nun ſage mir, wo es was beſſers giebt? Fauſt. Willſt du dich nun, um uns hier einzuführen, Als Zaub'rer oder Teufel produziren? Mephiſtopheles. Zwar bin ich ſehr gewohnt incognito zu gehn; Doch läßt am Gallatag man ſeinen Orden ſehn. Ein Knieband zeichnet mich nicht aus, Dooch iſt der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus. Siehſt du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen; 161 Mit ihrem taſtenden Geſicht Hat ſie mir ſchon was abgerochen. Wenn ich auch will, verläugn' ich hier mich nicht. Komm nurb! von Feuer gehen wir zu Feuer, Ich bin der Werber und du biſt der Freier. (Zu einigen, die um verglimmende Kohlen ſitzen.) Ihr alten Herr'n, was macht ihr hier am Ende? Ich lobt' euch, wenn ich euch hübſch in der Mitte fäͤnde, Von Saus umzirkt und Jugendbraus; Genug allein iſt jeder ja zu Haus. General. Wer mag auf Nationen trauen! Man habe noch ſo viel für ſie gethan; Denn bei dem Volk, wie bei den Frauen, Steht immerfort die Jugend oben an. Miniſter. Jetzt iſt man von dem Rechten allzuweit, Ich lobe mir die guten Alten; Denn freilich, da wir alles galten, Da war die rechte goldne Zeit. Parvenü. Wir waren wahrlich auch nicht dumm, Und thaten oft was wir nicht ſollten; Doch jetzo kehrt ſich alles um und um. Und eben da wir's feſt erhalten wollten. Autor. Wer mag wohl überhaupt jetzt eine Schrift Von maͤßig klugem Inhalt leſen! Und was das liebe junge Volk betrifft, Das iſt noch nie ſo naſeweis geweſen. Mephiſtopheles (der auf einmal ſehr alt erſcheint). Zum juͤngſten Tag fühl' ich das Volk gereift, Da ich zum letzten Mal den Hexrenberg erſteige, Goethe, Fauſt. 11 162 Und, weil mein Faͤßchen trübe läuft, So iſt die Welt auch auf der Neige. Srd elhexe. Ihr Herren geht nicht ſo vorbei! Laßt die Gelegenheit nicht fahren! Aufmerkſam blickt nach meinen Waaren; Es ſteht dahier gar mancherlei. Und doch iſt nichts in meinem Laden, Dem keiner auf der Erde gleicht, Das nicht einmal zum tücht'gen Schaden Der Menſchen und der Welt gereicht. Kein Dolch iſt hier, von dem nicht Blut gefloſſen, Kein Kelch, aus dem ſich nicht, in ganz geſunden Leib, Verzehrend heißes Gift ergoſſen, Kein Schmuck, der nicht ein liebenswürdig Weib Verführt, kein Schwert das nicht den Bund gebrochen, Nicht etwa hinterruͤcks den Gegenmann durchſtochen. Mephiſtopheles. Frau Muhme! Sie verſteht mir ſchlecht die Zeiten, Gethan, geſchehn! Geſchehn, gethan! Verleg' ſie ſich auf Neuigkeiten! Nur Neuigkeiten ziehn uns an. Fauſt. Daß ich mich nur nicht ſelbſt vergeſſe! Heiß' ich mir das doch eine Meſſe! Mephiſtopheles. Der ganze Strudel ſtrebt nach oben; Du glaubſt zu ſchieben und du wirſt geſchoben. Fauſt. Wer iſt denn das? 8 Mephiſtopheles. Betrachte ſie genau! Lilith iſt das. — 4 163 Fauſt. Wer? Mephiſtopheles. Adams erſte Frau. Nimm dich in Acht vor ihren ſchönen Haaren Vor dieſem Schmuck, mit dem ſie einzig prangt, Wenn ſie damit den jungen Mann erlangt, So läßt ſie ihn ſobald nicht wieder fahren. Fauſt. Da ſitzen zwei, die alte mit der jungen; Die haben ſchon was rechts geſprungen! Mephiſtopheles. Das hat nun heute keine Ruh. Es geht zum neuen Tanz! nun komm! wir greifen zu. Fa u ſt(mit der Jungen tanzend). Einſt hatt' ich einen ſchönen Traum; Da ſah ich einen Apfelbaum, Zwei ſchoͤne Aepfel glänzten dran, Sie reizten mich, ich ſtieg hinan. Die Schäne. Der Aepfelchen begehrt ihr ſehr Und ſchon vom Paradieſe her. Von Freuden fühl' ich mich bewegt, Daß auch mein Garten ſolche träͤgt. Mephiſtopheles(nit der Alten). Einſt hatt' ich einen wuſten Traum; Da ſah' ich einen geſpaltnen Baum, Der hatt' ein.— 4 So ee es war, gefiel mir's doch. Die Alte. Ich biete meinen beſten Gruß Dem Ritter mit dem Pferdefuß! Halt' er einen—— bereit, Wenn er——— nicht ſcheut. 164 Vroktaphantasmiſt. Verfluchtes Volk! was unterſteht ihr euch? Hat man euch lange nicht bewieſen, Ein Geiſt ſteht nie auf ordentlichen Füßen? Nun tanzt ihr gar, uns andern Menſchen gleich! Die Schöne(tanzend). Was will denn der auf unſerm Ball? Fauſt(tanzend). Ei! der iſt eben überall. Was Andre tanzen muß er ſchaͤtzen. Kann er nicht jeden Schritt beſchwätzen, So iſt der Schritt ſo gut als nicht geſchehn. Am meiſten ärgert ihn, ſobald wir vorwaͤrts gehn. Wenn ihr euch ſo im Kreiſe drehen wolltet, Wie er's in ſeiner alten Mühle thut, Das hieß er allenfalls noch gut; Beſonders wenn ihr ihn darum begrüßen ſolltet. YProktophantasmiſt. Ihr ſeyd noch immer da! Nein das iſt unerhöoͤrt. Verſchwindet doch! Wir haben ja aufgeklaͤrt! Das Teufelspack es fragt nach keiner Regel. Wir ſind ſo klug und dennoch ſpukt's in Tegel. Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt und nie wird's rein, das iſt doch unerhoͤrt! Die Schöne. So hört doch auf uns hier zu ennuyiren! Proktaphantasmiſt. Ich ſag's euch Geiſtern ins Geſicht, Den Geiſtesdeſpotismus leid' ich nicht; Mein Geiſt kann ihn nicht exerciren. 3 (Es wird fortgetanzt.) 6 Heut, ſeh' ich, will mir nichts gelingen; Doch eine Reiſe nehm' ich immer mit Und hoffe noch, vor meinem letzten Schritt, Die Teufel und die Dichter zu bezwingen. 165 Mephiſtopheles. Er wird ſich gleich in eine Pfütze ſetzen, Das iſt die Art wie er ſich ſoulagirt, Und wenn Blutegel ſich an ſeinem Steiß ergetzen, Iſt er von Geiſtern und von Geiſt curirt. (Zu Fauſt, der aus dem Tanz getreten iſt.) Was laͤſſeſt du das ſchöne Madchen fahren? Das dir zum Tanz ſo lieblich ſang. Fauſt. Ach! mitten im Geſange ſprang Ein rothes Maͤuschen ihr aus dem Munde. Mephiſtopheles. Das iſt was rechts! Das nimmt man nicht genau; Genug die Maus war doch nicht grau. Wer fragt darnach in einer Schaͤferſtunde? Fa u ſt. Dann ſah' ich— Mephiſtopheles. Was? Fauſt. Mephiſto, ſiehſt du dort Ein blaſſes, ſchönes Kind allein und ferne ſtehen? Sie ſchiebt ſich langſam nur vom Ort, Sie ſcheint mit geſchloſſ'nen Füßen zu gehen. Ich muß bekennen, daß mir däaucht, Daß ſie dem guten Gretchen gleicht. Mephiſtopheles. Laß das nur ſtehn! Dabei wird's niemand wohl. Es iſt ein Zauberbild, iſt leblos, ein Idol. Ihm zu begegnen iſt nicht gut; Vom ſtarren Blick erſtarrt des Menſchen Blut, Und er wird faſt in Stein verkehrt, Von der Meduſe haſt du ja gehört. 4 (11) ————,— 166 Fauſt. Fuͤrwahr es ſind die Augen einer Todten, Die eine liebende Hand nicht ſchloß. Das iſt die Bruſt, die Gretchen mir geboten, Das iſt der ſüße Leib, den ich genoß. Mephiſtopheles. Das iſt die Zauberei, du leicht verführter Thor! Denn jedem kommt ſie wie ſein Liebchen vor. Fauſt. Welch eine Wonne! welch ein Leiden! Ich kann von dieſem Blick nicht ſcheiden. Wie ſonderbar muß dieſen ſchoͤnen Hals Ein einzig rothes Schnurchen ſchmücken, Nicht breiter als ein Meſſerrücken! Mephiſtopheles. Ganz recht! ich ſeh' es ebenfalls. 1 Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen; Denn Perſeus hat's ihr abgeſchlagen.— Nur immer dieſe Luſt zum Wahn! Komm doch das Hügelchen heran, Hier iſt's ſo luſtig wie im Prater; Und hat man mir's nicht angethan, So ſeh' ich wahrlich ein Theater. Was giebt's denn da? Servibilis. Gleich fängt man wieder Ein neues Stuͤck, das letzte Stück von ſieben; Soviel zu geben iſt allhier der Brauch. Ein Dilettant hat es geſchrieben, Und Dilettanten ſpielen's auch. Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verſchwinde; Mich dilettirt's den Vorhang aufzuziehn. . Mephiſtopheles. Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde, Das find' ich gut; denn da gehört ihr hin. Walpurgisnachtstraum oder Oberans und Titanias goldne Hochzeit. Intermezzo. Theatermeiſter. Heute ruhen wir einmal Miedings wackre Soͤhne. Alter Berg und feuchtes Thal, Das iſt die ganze Scene! Herold. Daß die Hochzeit golden ſey Soll'n fünfzig Jahr ſeyn vorüber; Aber iſt der Streit vorbei, Das golden iſt mir lieber. Oberon. Seyd ihr Geiſter wo ich bin, So zeigt's in dieſen Stunden; König und die Königin, Sie ſind aufs neu verbunden. Puck. Kommt der Puck und dreht ſich quer Und ſchleift den Fuß im Reihen; Hundert kommen hinterher Sich auch mit ihm zu freuen. Ariel. Ariel bewegt den Sang In himmliſch reinen Tönen; Viele Fratzen lockt ſein Klang, Doch lockt er auch die Schönen. Oberon. Gatten die ſich vertragen wollen, Lernen's von uns beiden! Venn ſich zweie lieben ſollen, Braucht man ſie nur zu ſcheiden. 170 Titania. Schmollt der Mann und grillt die Frau, So faßt ſie nur behende, Führt mir nach dem Mittag Sie Und Ihn an Nordens Ende. Orcheſter Tutti. Fortissimo. Fliegenſchnauz' und Müͤckennaſ' Mit ihren Anverwandten, 4 Froſch im Laub' und Grill' im Graß' Das ſind die Muſikanten! Solo. Seht, da kommt der Dudelſack! Es iſt die Seifenblaſe, Hört den Schneckeſchnickeſchnack Durch ſeine ſtumpfe Naſe. Geiſt der ſich erſt bildet. Spinnenfuß und Krötenbauch Und Fluügelchen dem Wichtchen! Zwar ein Thierchen giebt es nicht, Doch giebt es ein Gedichtchen. Ein Pärchen. Kleiner Schritt und hoher Sprung Durch Honigthau und Duͤfte; Zwar du trippelſt mir genung, Doch geht's nicht in die Lufte. Neugieriger Reiſender. Iſt das nicht Maskeraden⸗Spott? Soll ich den Augen trauen?* Oberon den ſchoͤnen Gott Auch heute hier zu ſchauen!. Orthodor. Keine Klauen, keinen Schwanz! Doch bleibt es außer Zweifel, ——— 171 So wie die Goͤtter Griechenlands, So iſt auch er ein Teufel. Nordiſcher Künſtler. Was ich ergreife das iſt heut Fürwahr nur ſkizzenweiſe; Doch ich bereite mich bei Zeit Zur italiän'ſchen Reiſe. Puriſt. Ach! mein Ungluͤck führt mich her: Wie wird nicht hier geludert! Und von dem ganzen Hexenheer Sind zweie nur gepudert. Junge Here. Der Puder iſt ſo wie der Rock Für alt' und graue Weibchen; Drum ſitz' ich nackt auf meinem Bock Und zeig' ein derbes Leibchen. Matrone. Wir haben zu viel Lebensart Um hier mit euch zu maulen; Doch hoff' ich, ſollt ihr jung und zart, So wie ihr ſeyd, verfaulen. Capellmeiſter. Fliegenſchnauz' und Mückennaſ' Umſchwarmt mir nicht die Nackte! Froſch im Laub' und Grill' im Graſ' So bleibt doch auch im Tacte! Wind fa h ne(nach der einen Seite). Geſellſchaft wie man wünſchen kann. Wahrhaftig lauter Bräute! Und Junggeſellen, Mann für Mann, Die hoffnungsvollſten Leute. 172 Windfahne nach der andern Seite). Und thut ſich nicht der Boden auf Sie alle zu verſchlingen, So will ich mit behendem Lauf Gleich in die Hoͤlle ſpringen. Tenien. Als Inſecten ſind wir da, Mit kleinen ſcharfen Scheeren, Satan, unſern Herrn Papa, Nach Wurden zu verehren. Hennings. Seht! wie ſie in gedraͤngter Schaar Naiv zuſammen ſcherzen. Am Ende ſagen ſie noch gar, Sie hätten gute Herzen. Muſaget. Ich mag in dieſem Hexenheer Mich gar zu gern verlieren; Denn freilich dieſe wuͤßt' ich eh'r Als Muſen anzuführen. Ci-devant Genius der Beit. Mit rechten Leuten wird man was. Komm, faſſe meinen Zipfel! Der Blocksberg, wie der deutſche Parnaß Hat gar einen breiten Gipfel. Neugieriger Reiſender. Sagt wie heißt der ſteife Mann? Er geht mit ſtolzen Schritten. Er ſchnopert was er ſchnopern kann. 3 „Er ſpürt nach Jeſuiten.“ Kranich. In dem Klaren mag ich gern Und auch im Trüben fiſchen; 7 3 173 Darum ſeht ihr den frommen Herrn Sich auch mit Teufeln miſchen. Weltkind. Ja für die Frommen, glaubet mir, Iſt alles ein Vehikel; Sie bilden auf dem Blocksberg hier Gar manches Conventikel. Tänzer. Da kommt ja wohl ein neues Chor? Ich hoͤre ferne Trommeln. Nur ungeſtört! es ſind im Rohr Die uniſonen Dommeln. Tanzmeiſter. Wie jeder doch die Beine lupft! Sich wie er kann herauszieht! Der Krumme ſpringt, der Plumpe hupft Und fragt nicht wie es ausſieht. Fideler. Das haßt ſich ſchwer das Lumpenpack Und gaͤb' ſich gern das Reſtchen; Es eint ſie hier der Dudelſack Wie Orpheus Leier die Beſtjen. Dogmatiker. Ich laſſe mich nicht irre ſchrein, Nicht durch Kritik noch Zweifel: Der Teufel muß doch etwas ſeyn, Wie gäͤb's denn ſonſt auch Teufel? Idealiſt. Die Phantaſie in meinem Sinn Iſt dießmal gar zu herriſch; Fürwahr, wenn ich das alles bin, So bin ich heute närriſch. Realiſt. Das Weſen iſt mir recht zur Qual Und muß mich bas verdrießen; Ich ſtehe hier zum erſten Mal Nicht feſt auf meinen Füßen. Supernaturaliſt. Mit viel Vergnügen bin ich da Und freue mich mit dieſen; Denn von den Teufeln kann ich ja Auf gute Geiſter ſchließen. Skeptiker. Sie gehn den Flämmchen auf der Spur, Und glaub'n ſich nah dem Schatze. Auf Teufel reimt der Zweifel nur; Da bin ich recht am Platze. Capellmeiſter. 5 Froſch im Laub' und Grill' im Graſ', Verfluchte Dilettanten! Fliegenſchnauz' und Mückennaſ' Ihr ſeyd doch Muſikanten! Die Gewandten. Sansſouci ſo heißt das Heer Von luſtigen Geſchöpfen, Auf den Füßen geht's nicht mehr, Drum gehn wir auf den Köpfen. Die Unbehülflichen.. Sonſt haben wir manchen Biſſen erſchranzt,* Nun aber Gott befohlen!. uUnſere Schuhe ſind durchgetanzt, Wir laufen auf nackten Sohlen. Irrlichter. Von dem Sumpfe kommen wir, Woraus wir erſt entſtanden; 175 Doch ſind wir gleich im Reihen hier Die glänzenden Galanten. Sternſchnuppe. Aus der Höhe ſchoß ich her Im Stern- und Feuerſcheine, Liege nun im Graſe quer, Wer hilft mir auf die Beine? Die Maſſiven. Platz und Platz! und ringsherum! So gehn die Gräschen nieder, Geiſter kommen, Geiſter auch Sie haben plumpe Glieder. Puck. Tretet nicht ſo maſtig auf Wie Elephantenkälber, Und der plumpſt' an dieſem Tag Sey Puck der derbe ſelber. Ariel. Gab die liebende Natur Gab der Geiſt euch Flügel, Folget meiner leichten Spur, Auf zum Roſenhügel! Orcheſter. Pianissimo. Wolkenzug und Nebelflor Erhellen ſich von oben. Luft im Laub und Wind im Rohr, Und alles iſt zerſtoben. 176 Trüber Tag. Feld. Fauſt. Alephiſtopheles. Fauſt. Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Miſſethäterin im Kerker zu entſetzlichen Qualen eingeſperrt, das holde un⸗ ſelige Geſchöpf! Bis dahin! dahin!— Verrätheriſcher, nichtswürdiger Geiſt, und das haſt du mir verheimlicht! — Steh nur, ſteh! Wälze die teufliſchen Augen in⸗ grimmend im Kopf herum! Steh und trutze mir durch deine unerträgliche Gegenwart! Gefangen! Im un⸗ wiederbringlichen Elend! Boͤſen Geiſtern ubergeben und der richtenden gefühlloſen Menſchheit! Und mich wiegſt du indeß in abgeſchmackten Zerſtreuungen, verbirgſt mir ihren wachſenden Jammer und läſſeſt ſie hülflos ver⸗ derben! Mephiſtopheles. Sie iſt die erſte nicht. Fauſt. Hund! abſcheuliches Unthier!— Wandle ihn, du unendlicher Geiſt! wandle den Wurm wieder in ſeine Hundsgeſtalt, wie er ſich oft nächtlicher Weiſe gefiel vor mir herzutrotten, dem harmloſen Wandrer vor die Fuͤße zu kollern und ſich dem niederſtürzenden auf die Schultern zu hangen. Wandl' ihn wieder in ſeine Lieblingsbildung, daß er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit Fuͤßen trete, den Verworfnen!— Die erſte nicht!— 177 Jammer! Jammer! von keiner Menſchenſeele zu faſſen, daß mehr als ein Geſchöpf in die Tiefe dieſes Elendes verſank, daß nicht das erſte genugthat für die Schuld aller übrigen in ſeiner windenden Todesnoth vor den Augen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieſer einzigen; du grinſeſt gelaſſen üͤber das Schickſal von Tauſenden hin! Mephiſtopheles. Nun ſind wir ſchon wieder an der Graͤnze unſeres Witzes, da wo euch Menſchen der Sinn überſchnappt. Warum machſt du Gemeinſchaft mit uns, wenn du ſie nicht durchführen kannſt? Willſt fliegen und biſt vorm Schwindel nicht ſicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns? Fauſt. Fletſche deine gefräßigen Zähne mir nicht ſo ent⸗ gegen! Mir ekelt's!— Großer herrlicher Geiſt, der du mir zu erſcheinen würdigteſt, der du mein Herz kenneſt und meine Seele, warum an den Schandgeſellen mich ſchmieden, der ſich am Schaden weidet und an Verderben ſich letzt? Mephiſtopheles. Endigſt du? Fauſt. Rette ſie! oder weh dir! Den graͤßlichſten Fluch uͤber dich auf Jahrtauſende! Mephiſtopheles. Ich kann die Bande des Raächers nicht loͤſen, ſeine Riegel nicht öffnen.— Rette ſie!— Wer war's, der ſie ins Verderben ſtürzte? Ich oder du? Fauſt cblickt wild umber). Mephiſtopheles. Greifſt du nach dem Donner? Wohl, daß er euch elenden Sterblichen nicht gegeben ward! Den unſchuldig Goethe, Fauſt. 8 12 3 178 Entgegnenden zu zerſchmettern, das iſt ſo Tyrannen⸗Art ſich in Verlegenheiten Luft zu machen. Fauſt. Bringe mich hin! Sie ſoll frei ſeyn! Mephiſtopheles. Und die Gefahr, der du dich ausſetzeſt? Wiſſe, noch liegt auf der Stadt Blutſchuld von deiner Hand. Ueber des Erſchlagenen Statte ſchweben rächende Geiſter und lauern auf den wiederkehrenden Mörder. Fauſt. Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt uber dich Ungeheuer! Führe mich hin, ſag' ich, und be⸗ frei' ſie! Mephiſtopheles.. Ich füͤhre dich und was ich thun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden? Des Thür⸗ ners Sinne will ich umnebeln, bemaäͤchtige dich der Schlüſſel und führe ſie heraus mit Menſchenhand. Ich wache! die Zauberpferde ſind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich. Fauſt. Auf und davon! Nacht, offen Feld. Fanſt, Mlephiſtopheles, auf ſchwarzen Pferden daher brauſend. Fauſt. Was weben die dort um den Rabenſtein? 3 Mephiſtopheles. Weiß nicht was ſie kochen und ſchaffen. . Fauſt. Schweben auf, ſchweben ab, neigen ſich, beugen ſich. — 179 Mephiſtopheles. Eine Hexenzunft. Fauſt. Sie ſtreuen und weihen. Mephiſtopheles. Vorbei! Vorbei! Keyfer. fauſt, mit einem Bund Schlüſſel und einer Lampe, vor einem eiſernen Thürchen. Mich faßt ein langſt entwohnter Schauer, Der Menſchheit ganzer Jammer faßt mich an. Hier wohnt ſie hinter dieſer feuchten Mauer, Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn! Du zauderſt zu ihr zu gehen! Du fürchteſt ſie wieder zu ſehen! 8 Fort! Dein Zagen zögert den Tod heran. (Er ergreift das Schloß. Es ſingt inwendig.) Meine Mutter, die Hur', Die mich umgebracht hat!, Mein Vater, der Schelm, Der mich geſſen hat! Mein Schweſterlein klein Hub auf die Bein, An einem kühlen Ort; Da ward ich ein ſchönes Waldvogelein; Fliege fort, fliege fort! Fau ſt(aufſchließend). Sie ahnet nicht, daß der Geliebte lauſcht,„—* Die Ketten klirren hört, das Stroh das rauſcht. (Er tritt ein.) Margarete icch auf dem Lager verbergend). Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod! 180 Fauſt ceiſe). Still! Still! ich komme dich zu befreien. Margarete(icch vor ihn hinwälzend) Biſt du ein Menſch, ſo fühle meine Noth. Fauſt. Du wirſt die Wächter aus dem Schlafe ſchreien! (Er faßt die Ketten, ſie aufzuſchließen.) Margarete(auf den Knieen). Wer hat dir Henker dieſe Macht Ueber mich gegeben! Du holſt mich ſchon um Mitternacht. Erbarme dich und laß mich leben! Iſt's morgen früh nicht zeitig genung? (Sie ſteht auf.) Bin ich doch noch ſo jung, ſo jung! Und ſoll ſchon ſterben! Schön war ich auch, und das war mein Verderben. Nah war der Freund, nun iſt er weit; Zerriſſen liegt der Kranz, die Blumen zerſtreut. Faſſe mich nicht ſo gewaltſam an! Schone mich! Was hab' ich dir gethan? Laß mich nicht vergebens flehen, Hab' ich dich doch mein Tage nicht geſehen! Fauſt. Werd' ich den Jammer überſtehen! Margarete. Ich bin nun ganz in deiner Macht. Laß mich nur erſt das Kind noch tranken. Ich herzt' es dieſe ganze Nacht; Sie nahmen mir's um mich zu kränken Und ſagen nun, ich hätt' es umgebracht. und niemals werd' ich wieder froh. Sie ſingen Lieder auf mich! Es iſt bös von den Leuten! 181 Ein altes Mährchen endigt ſo, Wer heißt ſie's deuten? Fa u ſt(wirft ſich nieder). Ein Liebender liegt dir zu Füßen Die Jammerknechtſchaft aufzuſchließen. Mlargarete(wirft ſich zu ihm). O laß uns knien die Heil'gen anzurufen! Sieh! unter dieſen Stufen, Unter der Schwelle Siedet die Hoͤlle! Der Böſe, Mit furchtbarem Grimme, Macht ein Getoͤſe! Fauſt(laut). Gretchen! Gretchen! Ma rgarete(aufmerkſam). Das war des Freundes Stimme! (Sie ſpringt auf. Die Ketten fallen ab.) Wo iſt er? Ich hab' ihn rufen hoͤren. Ich bin frei! Mir ſoll niemand wehren An ſeinen Hals will ich fliegen, An ſeinem Buſen liegen! Er rief Gretchen! Er ſtand auf der Schwelle. Mitten durchs Heulen und Klappen der Hölle, Durch den grimmigen, teufliſchen Hohn, Erkannt' ich den ſüßen, den liebenden Ton. Fauſt. Ich bin's! Margarete. Du biſt's! O ſag' es noch einmal! (Ihn faſſend) Er iſt's! Er iſt's! Wohin iſt alle Qual? Wohin die Angſt des Kerkers? der Ketten? Du biſt's! Kommſt mich zu retten! 182 Ich bin gerettet!— Schon iſt die Straße wieder da, Auf der ich dich zum erſten Male ſah. 3 Und der heitere Garten, Wo ich und Marthe deiner warten. Fauſt(fortſtrebend). Komm mit! Komm mit! Margarete. O weile! Weil' ich doch ſo gern wo du weileſt. (Liebkoſend.) Fauſt. Eile! Wenn du nicht eileſt, Werden wir's theuer büßen muͤſſen. Margarete. Wie? du kannſt nicht mehr küſſen? Mein Freund, ſo kurz von mir entfernt, Und haſt's Küſſen verlernt? Warum wird mir an deinem Halſe ſo bang? Wenn ſonſt von deinen Worten, deinen Blicken Ein ganzer Himmel mich uͤberdrang, 15 Und du mich kußteſt als wollteſt du mich erſticken.: Küſſe mich! 1 Sonſt kuͤſſ' ich dich! (Sie umfaßt ihn.) O wehl deine Lippen ſind kalt, 5 Sijnd ſtumm. Wo iſt dein Lieben. Geblieben? Wer brachte mich drum?* (Sie wendet ſich von ihm.) Fauſt. Komm! Folge mir! Liebchen, faſſe Muth! 183 Ich herze dich mit tauſendfacher Gluth; Nur folge mir! Ich bitte dich nur dieß! Marga rete(zu ihm gewendet). Und biſt du's denn? Und biſt du's auch gewiß? Fauſt. Ich bin's! Komm mit! 1 Margarxrete. Du machſt die Feſſeln los, Nimmſt wieder mich in deinen Schooß. Wie kommt es, daß du dich vor mir nicht ſcheuſt?— Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreiſt? Fauſt. Komm! komm! Schon weicht die tiefe Nacht. Margarete. 8. Meine Mutter hab' ich umgebracht, Mein Kind hab' ich ertränkt. War es nicht dir und mir geſchenkt? Dir auch— Du biſt's! ich glaub' es kaum. Gieb deine Hand! Es iſt kein Traum! Deine liebe Hand!— Ach aber ſie iſt feucht! Wiſche ſie ab! Wie mich daucht Iſt Blut dran. Ach Gott! Was haſt du gethan! Stecke den Degen ein; Ich bitte dich drum! Fauſt. Laß das Vergang'ne vergangen ſeyn, Du bringſt mich um. Margarete. Nein, du mußt üͤbrig bleiben! Ich will dir die Graͤber beſchreiben, Für die mußt du ſorgen Gleich morgen; Der Mutter den beſten Platz geben, 184 Meinen Bruder ſogleich darneben, Mich ein wenig bei Seit', Nur nicht gar zu weit! Und das Kleine mir an die rechte Bruſt. Niemand wird ſonſt bei mir liegen!— Mich an deine Seite zu ſchmiegen Das war ein ſüßes, ein holdes Gluͤck! Aber es will mir nicht mehr gelingen; Mir iſt's als muͤßt' ich mich zu dir zwingen, Als ſtießeſt du mich von dir zurück; Und doch biſt du's und blickſt ſo gut, ſo fromm. Fauſt. Fühlſt du daß ich es bin, ſo komm! Margarete. Dahinaus? Fauſt. Ins Freie. Margarete. Iſt das Grab drauß', Lauert der Tod, ſo komm! Von hier in's ewige Ruhebett Und weiter keinen Schritt— Du gehſt nun fort? O Heinrich, koͤnnt' ich mit! Fauſt. Du kannſt! So wolle nur! Die Thuͤr ſteht offen. Margarete. Ich darf nicht fort; für mich iſt nichts zu hoffen. Was hilft es fliehn? Sie lauern doch mir auf. Es iſt ſo elend betteln zu müſſen, Und noch dazu mit böſem Gewiſſen! Es iſt ſo elend in der Fremde ſchweifen, Und ſie werden mich doch ergreifen! Fauſt. Ich bleibe bei dir. ——— 185 Margarete. Geſchwind! Geſchwind! Rette dein armes Kind. Fort! Immer den Weg Am Bach hinauf, Ueber den Steg In den Wald hinein, Links wo die Planke ſteht, Im Teich. Faß es nur gleich! Es will ſich heben, Es zappelt noch! Rette! rette! Fauſt. Beſinne dich doch! Nur Einen Schritt, ſo biſt du frei! Margarete. Waͤren wir nur den Berg vorbei! Da ſitzt meine Mutter auf einem Stein, Es faßt mich kalt beim Schopfe! Da ſitzt meine Mutter auf einem Stein, Und wackelt mit dem Kopfe; Sie winkt nicht, ſie nickt nicht, der Kopf iſt ihr ſchwer, Sie ſchlief ſo lange, ſie wacht nicht mehr. (Sie ſchlief damit wir uns freuten. Es waren glückliche Zeiten! Fauſt. Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen; So wag' ich's dich hinweg zu tragen. Margarete. Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt! Faſſe mich nicht ſo moͤrderiſch an! Sonſt hab' ich dir ja alles zu lieb gethan. Fauſt. Der Tag graut! Liebchen! Liebchen! 186 Margarete. Tag! Ja es wird Tagl der letzte Tag dringt herein, Mein Hochzeittag ſollt' es ſeyn! Sag niemand daß du ſchon bei Gretchen warſt. Weh meinem Kranze! Es iſt eben geſchehn! Wir werden uns wiederſehn; Aber nicht beim Tanze. Die Menge draͤngt ſich, man hört ſie nicht. Der Platz, die Gaſſen Koͤnnen ſie nicht faſſen. Die Glocke ruft, das Staͤbchen bricht. Wie ſie mich binden und packen! Zum Blutſtuhl bin ich ſchon entrückt. Schon zuckt nach jedem Nacken Die Schaͤrfe, die nach meinem zückt. Stumm liegt die Welt wie das Grab! Fauſt. O waͤr' ich nie geboren! Mephiſtopheles cerſcheint draußen). Auf! oder ihr ſeyd verloren. Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern! Meine Pferde ſchaudern, 1 Der Morgen dämmert auf. Margarete. Was ſteigt aus dem Boden herauf? Der! der! Schick' ihn fort! Was will der an dem heiligen Ort? Er will mich! — Fauſt. Du ſollſt leben! Margarete. Gericht Gottes! Dir hab' ich mich übergeben! 187 Mephiſtopheles Gu Fauſ). Komm! komm! Ich laſſe dich mit ihr im Stich. Margarete. Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren, Lagert euch umher, mich zu bewahren! Heinrich! Mir graut's vor dir. Mephiſtopheles. Sie iſt gerichtet! Stimme(von oben). Iſt gerettet! Mephiſtopheles Gu Fauſt). Her zu mir! (Verſchwindet mit Fauſt.) Stimme(von innen, verhallend)⸗ Heinrich! Heinrich! †f auſft. Der Tragödie zweiter Theil in fünf Acten. (Vollendet im Sommer 1831.) Erſter Aet. Anmuthige Gegend. Fauſt auf blumigen Raſen gebettet, ermüdet, unruhig, ſchlaffuchend. Dämmerung. Geiſter-Kreis ſchwebend, bewegt, anmuthige kleine Geſialten. Ariel. (Geſang von Aeolsharfen begleitet.) Wenn der Blüthen Fruͤhlings⸗Regen Ueber alle ſchwebend ſinkt, . Wenn der Felder grüner Segen Allen Erdgebornen blinkt, Kleiner Elfen Geiſtergröße Eilet wo ſie helfen kann, Ob er heilig? ob er böſe? Jammert ſie der Unglücksmann. Die ihr dieß Haupt umſchwebt im luft'gen Kreiſe Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weiſe, Beſäͤnftiget des Herzens grimmen Strauß; Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile, Sein Innres reinigt von erlebtem Graus. Vier ſind die Pauſen nächtiger Weile, Nun ohne Saäumen füllt ſie freundlich aus. Erſt ſenkt ſein Haupt aufs kühle Polſter nieder, Dann badet ihn im Thau aus Lethe's Fluth; Gelenk ſind bald die krampferſtarrten Glieder, Wenn er geſtaͤrkt dem Tag entgegen ruht. Vollbringt der Elfen ſchönſte Pflicht, Gebt ihn zuruͤck dem heiligen Licht. 4 192 Chor. (Einzeln, zu zweien und vielen, abwechſelnd und geſammelt.) Wenn ſich lau die Lüfte füllen Um den grünumſchränkten Plan, Süße Düfte, Nebelhüllen Senkt die Dämmerung heran; Liſpelt leiſe ſüßen Frieden, Wiegt das Herz in Kindesruh, Und den Augen dieſes Müden Schließt des Tages Pforte zu. Nacht iſt ſchon hereingeſunken, Schließt ſich heilig Stern an Stern; Große Lichter, kleine Funken, Glitzern nah und glänzen fern; Glitzern hier im See ſich ſpiegelnd, Glänzen droben klarer Nacht; Tiefſten Ruhens Glück beſiegelnd Herrſcht des Mondes volle Pracht. Schon verloſchen ſind die Stunden, Hingeſchwunden Schmerz und Gluͤck; Fühl' es vor! Du wirſt geſunden; Traue neuem Tagesblick. Thäler grünen, Hugel ſchwellen, Buſchen ſich zu Schatten⸗Ruh; Und in ſchwanken Silberwellen Wogt die Saat der Ernte zu. Wunſch um Wünſche zu erlangen Schaue nach dem Glanze dort! Leiſe biſt du nur umfangen, Schlaf iſt Schale, wirf ſie fort! Saume nicht dich zu erdreiſten Wenn die Menge zandernd ſchweift; 193 Alles kann der Edle leiſten, Der verſteht und raſch ergreift. (Ungeheures Getöſe verkündet das Herannahen der Sonne.) Ariel. Horchet! horcht! dem Sturm der Horen, Töonend wird für Geiſtes⸗Ohren Schon der neue Tag geboren. Felſenthore knarren raſſelnd, Phoͤbus Raͤder rollen praſſelnd; Welch Getoͤſe bringt das Licht! Es trommetet, es poſaunet, Auge blinzt und Ohr erſtaunet, Unerhoͤrtes hört ſich nicht. Schluͤpfet zu den Blumenkronen, Tiefer tiefer, ſtill zu wohnen, In die Felſen, unters Laub; Trifft es euch ſo ſeyd ihr taub. Fauſt. Des Lebens Pulſe, ſchlagen friſch lebendig, Aetheriſche Dämm'rung milde zu begrüßen; Du Erde warſt auch dieſe Nacht beſtändig, Und athmeſt neu erquickt zu meinen Füßen, Beginneſt ſchon mit Luſt mich zu umgeben, Du regſt und rührſt ein kräftiges Beſchließen, Zum hoͤchſten Daſeyn immerfort zu ſtreben.— In Dämmerſchein liegt ſchon die Weit erſchloſſen, Der Wald ertönt von tauſendſtimmigem Leben, Thal aus, Thal ein iſt Nebelſtreif ergoſſen; Doch ſenkt ſich Himmelsklarheit in die Tiefen, Und Zweig und Aeſte, friſch erquickt, entſproſſen Dem duft'gen Abgrund wo verſenkt ſie ſchliefen; Auch Farb' an Farbe klärt ſich los vom Grunde, Wo Blum' und Blatt von Zitterperle triefen, Ein Paradies wird um mich her die Runde. Goethe, Fauſt. 9 13 194 Hinaufgeſchaut!— Der Berge Gipfelrieſen Verkünden ſchon die feierlichſte Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen Das ſpater ſich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grungeſenkten Wieſen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit geſpendet, Und ſtufenweis herab iſt es gelungen; Sie tritt hervor!— und, leider ſchon geblendet, Kehr' ich mich weg, vom Augenſchmerz durchdrungen. So iſt es alſo, wenn ein ſehnend Hoffen Dem hoͤchſten Wunſch ſich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen; Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen Ein Flammen⸗-Uebermaß, wir ſtehn betroffen, Des Lebens Fackel wollten wir entzünden, Ein Feuermeer umſchlingt uns, welch ein Feuer! Iſt's Lieb? Iſt's Haß? die glühend uns umwinden, Mit Schmerz und Freuden wechſelnd ungeheuer, So daß wir wieder nach der Erde blicken, 3 Zu bergen uns in jugendlichſtem Schleier. So bleibe denn die Sonne mir im Ruͤcken! Der Waſſerſturz, das Felſenriff durchbrauſend, Ihn ſchau' ich an mit wachſendem Entzuücken, Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tauſend Dann aber tauſend Strömen ſich ergießend, Hoch in die Luͤfte Schaum an Schaͤume ſauſend. Allein wie herrlich dieſem Sturm erſprießend, Wölbt ſich des bunten Bogens Wechſel⸗Dauer, Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,— Umher verbreitend duftig kühle Schauer. Der ſpiegelt ab das menſchliche Beſtreben. Ihm ſinne nach und du begreifſt genauer: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben. 195 Kaiſerliche Pfalz. Saal des Thrones. Staatsrath in Erwartung des Kaiſers. Trompeten. Hofgeſinde aller Art, prächtig gekleidet, tritt ein. Der Kaiſer gelangt auf den Thron; zu ſeiner Rechten der Aſtrolog. Kaiſer. Ich gruͤße die Getreuen, Lieben, Verſammelt aus der Naͤh' und Weite;— Den Weiſen ſeh' ich mir zur Seite, Allein wo iſt der Narr geblieben? Junker. Gleich hinter deiner Mantel⸗Schleppe Stürzt' er zuſammen auf der Treppe, Man trug hinweg das Fett⸗Gewicht, Todt oder trunken? weiß man nicht. Zweiter Junker. Sogleich mit wunderbarer Schnelle Draͤngt ſich ein andrer an die Stelle; Gar köſtlich iſt er aufgeputzt, Doch fratzenhaft daß jeder ſtutzt; Die Wache halt ihm an der Schwelle Kreuzweis die Hellebarden vor— Da iſt er doch der küͤhne Thor! Mephiſtopheles —(am Throne knieend). Was iſt verwünſcht und ſtets willkommen? u Was iſt erſehnt und ſtets verjagt? Was immerfort in Schutz genommen? Was hart geſcholten und verklagt? Wen darfſt du nicht herbeiberufen, Wen hoͤret jeder gern genannt? 196 Was naht ſich deines Thrones Stufen? Was hat ſich ſelbſt hinweggebannt? Kaiſer. Für diesmal ſpare deine Worte! Hier ſind die Räthſel nicht am Orte, Das iſt die Sache dieſer Herr'n.— Da löſe du! das hört' ich gern. Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite; Nimm ſeinen Platz und komm an meine Seite. Mephiſtopheles (ſteigt hinauf und ſtellt ſich zur Linken). Gemurmel der Menge. Ein neuer Narr— Zu neuer Pein— Wo kommt er her— Wie kam er ein—. Der alte fiel— der hat verthan— Es war ein Faß— Nun iſt's ein Span— Kaiſer. Und alſo ihr Getreuen, Lieben, Willkommen aus der Naͤh' und Ferne; 4 Ihr ſammelt euch mit günſtigem Sterne: Da droben iſt uns Glück und Heil geſchrieben. Doch ſagt warum in dieſen Tagen, Wo wir der Sorgen uns entſchlagen, Schönbärte mummenſchänzlich tragen Und Heitres nur genießen wollten, Warum wir uns rathſchlagend qualen ſollten? Doch weil ihr meint es ging nicht anders an, Geſchehen iſt's, ſo ſey's gethan. Kanzler. Die höchſte Tugend, wie ein Heiligen-Schein, Umgiebt des Kaiſers Haupt, nur er allein Vermag ſie gültig auszuüben: Gerechtigkeit!— Was alle Menſchen lieben, Was alle fordern, wünſchen, ſchwer entbehren, Es liegt an ihm dem Volk' es zu gewaͤhren. 2 197 Doch ach! Was hilft dem Menſchengeiſt Verſtand, Dem Herzen Guͤte, Willigkeit der Hand, Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wüthet, Und Uebel ſich in Uebeln uͤberbrütet. Wer ſchaut hinab von dieſem hohen Raum Ins weite Reich, ihm ſcheint's ein ſchwerer Traum, Wo Mißgeſtalt in Mißgeſtalten ſchaltet, Das Ungeſetz geſetzlich uͤberwaltet, Und eine Welt des Irrthums ſich entfaltet. Der raubt ſich Heerden, der ein Weib, Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare, Berühmt ſich deſſen manche Jahre Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib. Jetzt drängen Kläger ſich zur Halle, Der Richter prunkt auf hohem Pfuhl, Indeſſen wogt, in grimmigem Schwalle Des Aufruhrs wachſendes Gewüͤhl. Der darf auf Schand und Frevel pochen Der auf Mitſchuldigſte ſich ſtützt, Und: Schuldigl hörſt du ausgeſprochen Wo Unſchuld nur ſich ſelber ſchützt. So will ſich alle Welt zerſtückeln, Vernichtigen was ſich gebührt; Wie ſoll ſich da der Sinn entwickeln Der einzig uns zum Rechten führt? Zuletzt ein wohlgeſinnter Mann Neigt ſich dem Schmeichler, dem Beſtecher; Ein Richter, der nicht ſtrafen kann, Geſellt ſich endlich zum Verbrecher; Ich malte ſchwarz, doch dichtern Flor Zög' ich dem Bilde lieber vor. (Pauſe.) Entſchluͤſſe ſind nicht zu vermeiden, Wenn Alle ſchaͤdigen, Alle leiden, Geht ſelbſt die Majeſtät zu Raub. 198 Heermeiſter. Wie tobt's in dieſen wilden Tagen! Ein jeder ſchlaägt und wird erſchlagen, Und fürs Commando bleibt man taub. Der Bürger hinter ſeinen Mauern, Der Rittecr auf dem Felſenneſt, Verſchwuren ſich uns auszudauern Und halten ihre Kraͤfte feſt. Der Miethſoldat wird ungeduldig, Mit Ungeſtüm verlangt er ſeinen Lohn, Und waͤren wir ihm nichts mehr ſchuldig Er liefe ganz und gar davon. Verbiete wer was Alle wollten, Der hat in's Weſpenneſt geſtört; Das Reich, das ſie beſchützen ſollten, Es liegt geplündert und verheert. Man laͤßt ihr Toben, wuͤthend Hauſen, Schon iſt die halbe Welt verthan; Es ſind noch Könige da drauſen, Doch keiner denkt es ging' ihn irgend an. Schatzmeiſter. Wer wird auf Bundsgenoſſen pochen! Subſidien die man uns verſprochen, Wie Röhrenwaſſer bleiben aus. Auch Herr, in deinen weiten Staaten An wen iſt der Beſitz gerathen? Wohin man kommt da haͤlt ein Neuer Haus, Und unabhaͤngig will er leben; Zuſehen muß man wie er's treibt; Wir haben ſo viel Rechte hingegeben, Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrig bleibt. Auch auf Parteien, wie ſie heißen, Iſt heut zu Tage kein Verlaß; Sie möͤgen ſchelten oder preiſen, Gleichgültig wurden Lieb' und Haß. 199 Die Ghibellinen wie die Guelfen Verbergen ſich um auszuruhn! Wer jetzt will ſeinem Nachbar helfen? Ein jeder hat für ſich zu thun. Die Goldespforten ſind verrammelt, Ein jeder kratzt und ſcharrt und ſammelt Und unſre Caſſen bleiben leer. Marſchalk. Welch Unheil muß auch ich erfahren; Wir wollen alle Tage ſparen Und brauchen alle Tage mehr, Und taglich wächſt mir neue Pein. Den Koͤchen thut kein Mangel wehe; Wildſchweine, Hirſche, Haſen, Rehe, Welſchhühner, Huͤhner, Gaͤnſ' und Enten, Die Deputate, ſichre Renten, Sie gehen noch ſo ziemlich ein; Jedoch am Ende fehlt's an Wein. Wenn ſonſt im Keller Faß an Faß ſich häufte, Der beſten Berg' und Jahresläufte, So ſchlürft unendliches Geſäufte Der edlen Herr'n den letzten Tropfen aus. Der Stadtrath muß ſein Lager auch verzapfen, Man greift zu Humpen, greift zu Napfen, Und unterm Tiſche liegt der Schmaus. Nun ſoll ich zahlen, alle lohnen; Der Jude wird mich nicht verſchonen, Der ſchafft Anticipationen, Die ſpeiſen Jahr um Jahr voraus. Die Schweine kommen nicht zu Fette, Verpfändet iſt der Pfuͤhl im Bette, Und auf den Tiſch kommt vorgegeſſen Brod. Kaiſer cnach einigem Nachdenken zu Mephiſtopheles). Sag, weißt du Narr nicht auch noch eine Noth? * 200 Mephiſtopheles. Ich keineswegs. Den Glanz umherzuſchauen, Dich und die deinen!— Mangelte Vertrauen, Wo Majeſtaͤt unweigerlich gebeut? Bereite Macht Feindſeliges zerſtreut, Wo guter Wille, kräftig durch Verſtand Und Thätigkeit, vielfältige, zur Hand? Was koöͤnnte da zum Unheil ſich vereinen, Zur Finſterniß, wo ſolche Sterne ſcheinen? Gemurmel. Das iſt ein Schalk— der's wohl verſteht— Er lügt ſich ein— So lang' es geht— Ich weiß ſchon— was dahinter ſteckt— Und was denn weiter?— Ein Project— Mephiſtopheles. Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieſer Welt? Dem dieß, dem das, hier aber fehlt das Geld. 4 Vom Eſtrich zwar iſt es nicht aufzuraffen; Doch Weisheit weiß das Tiefſte herzuſchaffen. In Bergesadern, Mauergründen Iſt Gold gemünzt und ungemünzt zu finden, 4 Und fragt ihr mich wer es zu Tage ſchafft: Begabten Mann's Natur⸗ und Geiſteskraft. Kanzler. Natur und Geiſt— ſo ſpricht man nicht zu Chriſten. Deßhalb verbrennt man Atheiſten Weil ſolche Reden höͤchſt gefährlich ſind. Natur iſt Sünde, Geiſt iſt Teufel; Sie hegen zwiſchen ſich den Zweifel, 1 Ihr mißgeſtaltet Zwitterkind. Uns nicht ſo!— Kaiſers alten Landen* Sind zwei Geſchlechter nur entſtanden, Sie ſtuͤtzen würdig ſeinen Thron: Die Heiligen ſind es und die Ritter; 201 Sie ſtehen jedem Ungewitter Und nehmen Kirch' und Staat zum Lohn. Dem Pöbelſinn verworr'ner Geiſter Entwickelt ſich ein Widerſtand, Die Ketzer ſind's! die Herenmeiſter! Und ſie verderben Stadt und Land. Die willſt du nun mit frechen Scherzen In dieſe hohen Kreiſe ſchwarzen, Ihr hegt euch an verderbtem Herzen, Dem Narren ſind ſie nah verwandt. Mephiſtopheles. Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht taſtet, ſteht euch meilenfern; Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar; Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr ſey nicht wahr; Was ihr nicht waͤgt, hat für euch kein Gewicht; Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht. Kaiſer. Dadurch ſind unſre Maͤngel nicht erledigt, Was willſt du jetzt mit deiner Faſtenpredigt? Ich habe ſatt das ewige Wie und Wenn; Es fehlt an Geld, nun gut, ſo ſchaff es denn! Mephiſtopheles. Ich ſchaffe was ihr wollt und ſchaffe mehr; Zwar iſt es leicht, doch iſt das Leichte ſchwer. Es liegt ſchon da, doch um es zu erlangen Das iſt die Kunſt, wer weiß es anzufangen? Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften, Wo Menſchenfluthen Land und Volk erſäuften, Wie der und der, ſo ſehr es ihn erſchreckte, Sein Liebſtes da⸗ und dortwohin verſteckte; So war's von je in maächtiger Römer Zeit, Und ſo fortan bis geſtern, ja bis heut. Das alles liegt im Boden ſtill begraben, Der Boden iſt des Kaiſers, der ſoll's haben. 202 Schatzmeiſter. Für einen Narren ſpricht er gar nicht ſchlecht, Das iſt fürwahr des alten Kaiſers Recht. Kanzler. Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen, Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen. Marſchalk. Schafft er uns nur zu Hof willkommne Gaben, Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben. Heermeiſter. Der Narr iſt klug, verſpricht was jedem frommt; Fragt der Soldat doch nicht woher eskommt. Mephiſtopheles. Und glaubt ihr euch vielleicht durch mich betrogen; Hier ſteht ein Mann! dal fragt den Aſtrologen. In Kreiſ' um Kreiſe kennt er Stund' und Haus, So ſage denn: wie ſieht's am Himmel aus? Gemurmel. Zwei Schelme ſind's— Ver ehn ſich ſchon— Narr und Phantaſt— So nah dem Thron— Ein mattgeſungen— alt Gedicht— Der Thor bläſ't ein— der Weiſe ſpricht— Aſtrolog 3(ſpricht, Mephiſtopheles bläſ't ein). Die Sonne ſelbſt ſie iſt ein lautres Gold, Mercur der Bote dient um Gunſt und Sold, Frau Venus hat's euch allen angethan, So früh als ſpat blickt ſie euch lieblich an; Die keuſche Luna launet grillenhaft,* Mars trifft er nicht, ſo dräut euch ſeine Kraft. Und Jupiter bleibt doch der ſchönſte Schein,. Saturn iſt groß, dem Auge fern und klein, Ihn als Metall verehren wir nicht ſehr, 3 An Werth gering, doch im Gewichte ſchwer. 4 203 Ja, wenn zu Sol ſich Luna fein geſellt, Zum Silber Gold, dann iſt es heitre Welt, Das Uebrige iſt alles zu erlangen: Palaſte, Gärten, Bruͤſtlein, rothe Wangen, Das alles ſchafft der hochgelahrte Mann, Der das vermag was unſer keiner kann. Kaiſer. Ich hoͤre doppelt was er ſpricht, Und dennoch überzeugt's mich nicht. Gemurmel. Was ſoll uns das— Gedroſchner Spaß— Calenderei— Chymiſterei— Das hört' ich oft— Und falſch gehofft— Und kommt er auch— So iſt's ein Gauch— Mephiſtopheles. Da ſtehen ſie umher und ſtaunen, Vertrauen nicht dem hohen Fund; Der eine faſelt von Alraunen, Der andre von dem ſchwarzen Hund. Was ſoll es daß der eine witzelt, Ein andrer Zauberei verklagt, Wenn ihm doch auch einmal die Sohle kitzelt, Wenn ihm der ſichre Schritt verſagt. Ihr alle fuͤhlt geheimes Wirken Der ewig waltenden Natur, und aus den unterſten Bezirken Schmiegt ſich herauf lebend'ge Spur. Wenn es in allen Gliedern zwackt, Wenn es unheimlich wird am Platz, Nur gleich entſchloſſen grabt und hackt, Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz! Gemurmel. Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht— Mir krampft's im Arme— das iſt Gicht— 204 Mir krabbelt's an der großen Zeh'— Mir thut der ganze Rücken weh— Nach ſolchen Zeichen ware hier Das allerreichſte Schatzrevier. Kaiſer. Nur eilig! du entſchlüpfſt nicht wieder, Erprobe deine Lügenſchäume, Und zeig' uns gleich die edeln Räume. Ich lege Schwert und Scepter nieder, Und will mit eignen hohen Händen, Wenn du nicht lügſt, das Werk vollenden, Dich, wenn du lügſt, zur Hölle ſenden! Mephiſtopheles. Den Weg dahin wüßt' allenfalls zu finden— Doch kann ich nicht genug verkünden Was überall beſitzlos harrend liegt. Der Bauer, der die Furche pflügt, Hebt einen Goldtopf mit der Scholle, Salpeter hofft er von der Leimenwand Und findet golden⸗goldne Rolle, Erſchreckt, erfreut in kümmerlicher Hand. Was für Gewölbe ſind zu ſprengen, In welchen Klüften, welchen Gäangen Muß ſich der Schatzbewußte drängen, Zur Nachbarſchaft der Unterwelt! In weiten, allverwahrten Kellern, Von goldnen Humpen, Schüſſeln, Tellern, Sieht er ſich Reihen aufgeſtellt; Pokale ſtehen aus Rubinen, Und will er deren ſich bedienen,* Daneben liegt uraltes Naß. Doch— werdet ihr dem Kundigen glauben—⸗ Verfault iſt laͤngſt das Holz der Dauben, Der Weinſtein ſchuf dem Wein ein Faß. 3 Eſſenzen ſolcher edlen Weine, 205. Gold und Juwelen nicht alleine, Umhüllen ſich mit Nacht und Graus. Der Weiſe forſcht hier unverdroſſen, Am Tag' erkennen das ſind Poſſen, Im Finſtern ſind Myſterien zu. Haus. Kaiſer. Die laſſ' ich dir! Was will das Duͤſtre frommen? Hat etwas Werth, es muß zu Tage kommen. Wer kennt den Schelm in tiefer Nacht genau? Schwarz ſind die Kühe, ſo die Katzen grau. Die Töpfe drunten, voll von Goldgewicht, Zieh' deinen Pflug, und ackre ſie ans Licht. Mephiſtopheles. Nimm Hack' und Spaten, grabe ſelber, Die Bauernarbeit macht dich groß, Und eine Heerde goldner Kälber Sie reißen ſich vom Boden los. Dann ohne Zaudern, mit Entzuücken, Kannſt du dich ſelbſt, wirſt die Geliebte ſchmcken; Ein leuchtend Farb⸗ und Glanzgeſtein erhöht Die Schönheit wie die Majeſtät. Kaiſer. Nur gleich, nur gleich! Wie lange ſoll es währen! Aſtrolosg wie oben). Herr, mäßige ſolch dringendes Begehren! Laß erſt vorbei das bunte Freudenſpiel; Zerſtreutes Weſen führt uns nicht zum Ziel. Erſt muͤſſen wir in Faſſung uns verſühnen, Das Untre durch das Obere verdienen. Wer Gutes will, der ſey erſt gut; Wer Freude will, beſänftige ſein Blut; Wer Wein verlangt, der keltre reife Trauben; Wer Wunder hofft, der ſtärke ſeinen Glauben. H Kaiſer. So ſey die Zeit in Froͤhlichkeit verthan! Und ganz erwuͤnſcht kommt Aſchermittwoch an. Indeſſen feiern wir, auf jeden Fall, Nur luſtiger das wilde Carneval. (Trompeten. Exeunt.) Mephiſtopheles. Wie ſich Verdienſt und Gluüͤck verketten Das fällt den Thoren niemals ein; Wenn ſie den Stein der Weiſen hätten, Der Weiſe mangelte dem Stein. Weitläufiger Saal, mit Nebengemächern, verziert und aufgeputzt zur Mummenſchanz. Herold. Denkt nicht ihr ſeyd in deutſchen Gränzen Von Teufels⸗, Narren⸗ und Todtentänzen; Ein heitres Feſt erwartet euch. Der Herr, auf ſeinen Römerzügen,— Hat, ſich zu Nutz, euch zum Vergnügen, Die hohen Alpen überſtiegen, Gewonnen ſich ein heitres Reich. Der Kaiſer, er, an heiligen Solen Erbat ſich erſt das Recht zur Macht, Und als er ging die Krone ſich zu holen, Hat er uns auch die Kappe mitgebracht. Nun ſind wir alle neugeboren; Ein jeder weltgewandte Mann Zieht ſie behaglich über Kopf und Ohren; Sie ähnelt ihn verrückten Thoren, Er iſt darunter weiſe wie er kann. Ich ſehe ſchon wie ſie ſich ſchaaren, Sich ſchwankend ſondern, traulich paaren 207 Zudringlich ſchließt ſich Chor an Chor. Herein, hinaus, nur unverdroſſen; Es bleibt doch endlich nach wie vor, Mit ihren hunderttauſend Poſſen, Die Welt ein einz'ger großer Thor. Gärtnerinnen. (Geſang, begleitet von Mandolinen.) Euren Beifall zu gewinnen, Schmückten wir uns dieſe Nacht, Junge Florentinerinnen, Folgten deutſchen Hofes Pracht; Tragen wir in braunen Locken Mancher heitern Blume Zier; Seidenfäden, Seidenflocken, Spielen ihre Rollen hier. Denn wir halten es verdienſtlich, Lobenswürdig ganz und gar; Unſere Blumen, glänzend künſtlich, Bluͤhen fort das ganze Jahr. Allerlei gefärbten Schnitzeln Ward ſymmetriſch Recht gethan; Moͤgt ihr Stuͤck für Stück bewitzeln, Doch das Ganze zieht euch an. Niedlich ſind wir anzuſchauen, Gärtnerinnen und galant; Denn das Naturell der Frauen Iſt ſo nah mit Kunſt verwandt. Herold. Laßt die reichen Koͤrbe ſehen Die ihr auf den Häuptern traget, Die ſich bunt am Arme blähen; Jeder wähle was behaget. Eilig! daß in Laub und Gängen 208 Sich ein Garten offenbare; Würdig ſind ſie zu umdrängen Krämerinnen wie die Waare. Gärtnerinnen. Feilſchet nun am heitern Orte, Doch kein Markten finde ſtatt! Und mit ſinnig kurzem Worte Wiſſe jeder was er hat. Olivenzweig mit Früchten. Keinen Blumenflor beneid' ich; Allen Widerſtreit vermeid' ich; Mir iſt's gegen die Natur: Bin ich doch das Mark der Lande, Und, zum ſichern Unterpfande, Friedenszeichen jeder Flur; Heute, hoff' ich, ſoll mir's gluͤcken Würdig ſchönes Haupt zu ſchmücken. Aehrenkranz Ggolden). Ceres Gaben, euch zu putzen, Werden hold und lieblich ſtehn: Das Erwünſchteſte dem Nutzen Sey als eure Zierde ſchoͤn. Phantaſiekranz. Bunte Blumen, Malven ähnlich, Aus dem Moos ein Wunderflor! Der Natur iſt's nicht gewöhnlich, Doch die Mode bringt's hervor. Phantaſieſtrauß. Meinen Namen euch zu ſagen Wüͤrde Theophraſt nicht wagen, 3 Und doch hoff' ich, wo nicht allen, 8 Aber mancher zu gefallen, Der ich mich wohl eignen möchte, Wenn ſie mich ins Haar verflöchte, 209 Wenn ſie ſich entſchließen könnte, Mir am Herzen Platz vergönnte. Ausforderung. Mogen bunte Phantaſien Für des Tages Mode blühen, Wunderſeltſam ſeyn geſtaltet Wie Natur ſich nie entfaltet; Grüne Stiele, goldne Glocken Blickt hervor aus reichen Locken!— Doch wir Roſenknoſpen halten uns verſteckt; Glücklich, wer uns friſch entdeckt. Wenn der Sommer ſich verkündet, Roſenknoſpe ſich entzündet, Wer mag ſolches Glück entbehren? Das Verſprechen, das Gewähren, Das beherrſcht, in Florens Reich, Blick und Sinn und Herz zugleich. (Unter grünen Laubgängen putzen die Gärtnerinnen zierlich ihren Kram auf.) Gärtner. (Geſang begleitet von Theorben.) Blumen ſehet ruhig ſprießen, Reizend euer Haupt umzieren; Früchte wollen nicht verführen, Koſtend mag man ſie genießen. Bieten bräunliche Geſichter Kirſchen, Pfirſchen, Königspflaumen, Kauft! denn gegen Zung' und Gaumen Hält ſich Auge ſchlecht als Richter. Kommt! von allerreifſten Früchten Mit Geſchmack und Luſt zu ſpeiſen; Ueber Roſen läßt ſich dichten, In die Aepfel muß man beißen. Goethe, Fauſt. 1 — 210 Sey's erlaubt uns anzupaaren Eurem reichen Jugendflor, Und wir putzen reifer Waaren Fülle nachbarlich empor. Unter luſtigen Gewinden, In geſchmückter Lauben Bucht, Alles iſt zugleich zu finden: Knoſpe, Blätter, Blume, Frucht. unter Wechſelgeſang, begleitet von Guitarren und Theorben, fahren beide Chöre fort ihre Waaren ſtufenweis in die Höhe zu ſchmücken und auszubieten.) Mlutter und Tochter. Mutter. Maͤdchen, als du kamſt an's Licht, Schmückt' ich dich im Haubchen, Warſt ſo lieblich von Geſicht Und ſo zart am Leibchen. Dachte dich ſogleich als Braut, Gleich dem Reichſten angetraut, Dachte dich als Weibchen. Ach! nun iſt ſchon manches Jahr Ungenützt verflogen, Der Sponſirer bunte Schaar Schnell vorbeigezogen; Tanzteſt mit dem Einen flink, Gabſt dem Andern ſtillen Wink* Mit dem Ellenbogen. Welches Feſt man auch erſann, Ward umſonſt begangen; Pfänderſpiel und dritter Mann Wollten nicht verfangen; Heute ſind die Narren los, Liebchen öffne deinen Schooß, Bleibt wohl einer hangen. — 211 Geſpielinnen ciung und ſchön geſellen ſich hinzu, ein vertrauliches Geplauder wird laut). Fiſcher und Vogelſteller (mit Netzen, Angel und Leimruthen, auch ſonſtigem Geräthe, treten auf, miſchen ſich unter die ſchönen Kinder. Wechſelſeitige Verſuche zu gewin⸗ nen, zu fangen, zu entgehen und feſtzuhalten, geben zu den angenehmſten Dialogen Gelegenheit). 9 olzhauer ctreten ein ungeſtüm und ungeſchlacht). Nur Platz! nur Blöße! Wir brauchen Raͤume, Wir fällen Baͤume Die krachend ſchlagen; Und wenn wir tragen Da giebt es Stoͤße. Zu unſerm Lobe Bringt dieß ins Reine; Denn wirkten Grobe Nicht auch im Lande, Wie kämen Feine 4 Für ſich zu Stande, So ſehr ſie witzten? Deß ſeyd belehret; Denn ihr erfröret Wenn wir nicht ſchwitzten. Puleinelle(täppiſch, faſt läppiſch). Ihr ſeyd die Thoren Gebückt geboren; Wir ſind die Klugen 1 Die nie was trugen: Denn unſre Kappen, Jacken und Lappen Sind leicht zu tragen; Und mit Behagen Wir immer müͤßig, Pantoffelfüßig, 212 Durch Markt und Haufen Einher zu laufen, Gaffend zu ſtehen Uns anzukraͤhen;.* Auf ſolche Klänge Durch Drang und Menge Aalgleich zu ſchlüpfen, Geſammt zu hüpfen, Vereint zu toben. Ihr mögt uns loben, Ihr moͤgt uns ſchelten, Wir laſſen's gelten. Para ſi ten(ſchmeichelnd⸗lüſtern). Ihr wackern Träger, Und eure Schwaͤger Die Kohlenbrenner, Sind unſre Maͤnner; 3 Denn alles Bücken, Bejah'ndes Nicken, Gewundne Phraſen, Das Doppelblaſen, Das waͤrmt und kühlet Wie's einer fühlet, Was könnt' es frommen? Es möchte Feuer Selbſt ungeheuer Vom Himmel kommen, Gäb' es nicht Scheite Und Kohlentrachten, Die Herdesbreite Zur Gluth entfachten. Da brät's und prudelt's, Da kocht's und ſtrudelt's. Der wahre Schmecker, Der Tellerlecker, 213 Er riecht den Braten, Er ahnet Fiſche; Das regt zu Thaten An Gönners Tiſche. Trunkener Cunbewußt). Sey mir heute nichts zuwider! Fühle mich ſo frank und frei; Friſche Luſt und heitre Lieder Holt' ich ſelbſt ſie doch herbei. Und ſo trink' ich! Trinke, trinke! Stoßet an ihr! Tinke, tinke! Du dort hinten komm heran! Stoßet an, ſo iſt's gethan. Schrie mein Weibchen doch entrüſtet, Rümpfte dieſem bunten Rock, Und, wie ſehr ich mich gebrüſtet, Schalt mich einen Maskenſtock. Doch ich trinke! Trinke, trinke! Angeklungen! Tinke, tinke! Maskenſtoͤcke ſtoßet an! Wenn es klingt, ſo iſt's gethan. Saget nicht daß ich verirrt bin, Bin ich doch wo mir's behagt. Borgt der Wirth nicht, borgt die Wirthin, Und am Ende borgt die Magd. Immer trink' ich! Trinke, trinke! Auf ihr Andern! Tinke, tinke! 5 Jeder jedem! ſo fortan! Dünkt mich's doch es ſey gethan. Wie und wo ich mich vergnuge Mag es immerhin geſchehn; Laßt mich liegen wo ich liege, Denn ich mag nicht laͤnger ſtehn. 61à*) 214 Chor. Jeder Bruder trinke, trinke! Toaſtet friſch ein Tinke, Tinke! Sitzet feſt auf Bank und Span, Unterm Tiſch Dem iſt's gethan. Der Herold (kündigt verſchiedene Poeten an, Naturdichter, Hof⸗ und Ritterſänger, zärtliche ſo wie Enthuſiaſten. Im Gedräng von Mitwerbern aller Art läßt keiner den andern zum Vortrag kommen. Einer ſchleicht mit wenigen Worten vorüber). Satyriker. Wißt ihr was mich Poeten Erſt recht erfreuen ſollte? Duͤrft' ich ſingen und reden Was niemand hören wollte. (Die Nacht⸗ und Grabddichter laſſen ſich entſchuldigen, weil ſie ſo eben im intereſſanteſten Geſpräch mit einem friſcherſtandenen Vampyren begriffen ſeyen, woraus eine neue Dichtart ſich vielleicht entwickeln könnte; der Herold muß es gelten laſſen und ruft indeſſen die griechiſche Mythologie hervor, die, ſelbſt in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert.) Die Grazien. Aglaia. Anmuth bringen wir ins Leben; Leget Anmuth in das Geben. Hegemone. Leget Anmuth ins Empfangen, Lieblich iſt's den Wunſch erlangen. Euphroſyne. und in ſtiller Tagen Schranken Höchſt anmuthig ſey das Danken. Die Parzen. Atropos.. Mich die älteſte zum Spinnen Hat man dießmal eingeladen; ,— „ 215 Viel zu denken, viel zu ſinnen Giebt's beim zarten Lebensfaden. Daß er euch gelenk und weich ſey Wußt' ich feinſten Flachs zu ſichten; Daß er glatt und ſchlank und gleich ſey Wird der kluge Finger ſchlichten. Wolltet ihr bei Luſt und Tänzen Allzu üppig euch erweiſen, Denkt an dieſes Fadens Gränzen, Huͤtet euch! er möchte reißen! Klotho. Wißt! in dieſen letzten Tagen Ward die Scheere mir vertraut; Denn man war von dem Betragen Unſrer Alten nicht erbaut. Zerrt unnützeſte Geſpinnſte Lange ſie an Licht und Luft, Hoffnung herrlichſter Gewinnſte Schleppt ſie ſchneidend zu der Gruft. Doch auch ich im Jugend⸗Walten Irrte mich ſchon hundertmal; Heute mich im Zaum zu halten Scheere ſteckt im Futteral. Und ſo bin ich gern gebunden, Blicke freundlich dieſem Ort; Ihr in dieſen freien Stunden Schwarmt nur immer fort und fort. Lacheſis. Mir, die ich allein verſtändig, Blieb das Ordnen zugetheilt; Meine Weiſe, ſtets lebendig, Hat noch nie ſich übereilt. 216 Faden kommen, Fäden weifen, Jeden lenk' ich ſeine Bahn, Keinen laſſ' ich überſchweifen, Füg' er ſich im Kreis heran.. Könnt' ich einmal mich vergeſſen 4 Wär' es um die Welt mir bang; Stunden zählen, Jahre meſſen, Und der Weber nimmt den Strang. Herold. Die jetzo kommen werdet ihr nicht kennen, Wär't ihr noch ſo gelehrt in alten Schriften; Sie anzuſehn, die ſo viel Uebel ſtiften, Ihr würdet ſie willkommne Gäſte nennen. Die Furien ſind es, niemand wird uns glauben, Huͤbſch, wohlgeſtaltet, freundlich, jung von Jahren; Laßt euch mit ihnen ein, ihr ſollt erfahren Wie ſchlangenhaft verletzen ſolche Tauben. Zwar ſind ſie tückiſch, doch am heutigen Tage, Wo jeder Narr ſich ruͤhmet ſeiner Mängel, Auch ſie verlangen nicht den Ruhm als Engel,* Bekennen ſich als Stadt- und Landesplage. 4 Alecta. 1 Was hilft es euch, ihr werdet uns vertrauen, Denn wir ſind hübſch und jung und Schmeichelkäͤtzchen; Hat einer unter euch ein Liebe⸗Schätzchen, Wir werden ihm ſo lang' die Ohren krauen, Bis wir ihm ſagen dürfen, Aug' in Auge: Daß ſie zugleich auch Dem und Jenem winke, Im Kopfe dumm, im Rücken krumm, und hinke, Und wenn ſie ſeine Braut iſt, gar nichts tauge. So wiſſen wir die Braut auch zu bedrängen: Es hat ſogar der Freund, vor wenig Wochen, — 8 Veraͤchtliches von ihr zu Der geſprochen! Verſöhnt man ſich ſo bleibt doch etwas haͤngen. Megära. Das iſt nur Spaß! denn, ſind ſie erſt verbunden, Ich nehm' es auf, und weiß, in allen Fällen, Das ſchoͤnſte Gluͤck durch Grille zu vergällen; Der Menſch iſt ungleich, ungleich ſind die Stunden. Und niemand hat Erwünſchtes feſt in Armen, Der ſich nicht nach Erwünſchterm thörig ſehnte, Vom höchſten Glück, woran er ſich gewöhnte; Die Sonne flieht er, will den Froſt erwarmen. Mit dieſem allen weiß ich zu gebahren, Und führe her Asmodi, den getreuen, Zu rechter Zeit Unſeliges auszuſtreuen, Verderbe ſo das Menſchenvolk in Paaren. Tiſiphone. Gift und Dolch, ſtatt böſer Zungen, Miſch' ich, ſchaͤrf' ich dem Verraͤther; Liebſt du andre, früher, ſpäter Hat Verderben dich durchdrungen. Muß der Augenblicke Sußtes Sich zu Giſcht und Galle wandeln! Hier kein Markten, hier kein Handeln, Wie er es beging', er büßt es. Singe keiner vom Vergeben! Felſen klag' ich meine Sache; Echo, horch! erwiedert: Rache! Und wer wechſelt, ſoll nicht leben. Herold. Belieb' es euch zur Seite wegzuweichen, Denn was jetzt kommt iſt nicht von eures Gleichen. Ihr ſeht wie ſich ein Berg herangedrangt, Mit bunten Teppichen die Weichen ſtolz behängt; Ein Haupt mit langen Zähnen, Schlangenruͤſſel, Geheimnißvoll, doch zeig' ich euch den Schlüſſel. Im Nacken ſitzt ihm zierlich⸗zarte Frau, Mit feinem Stäbchen lenkt ſie ihn genau; Die andre drobenſtehend herrlich hehr Umgiebt ein Glanz der blendet mich zu ſehr. Zur Seite gehn gekettet edle Frauen, Die eine bang, die andre froh zu ſchauen; Die eine wünſcht, die andre fühlt ſich frei, Verkuͤnde jede wer ſie ſey. Furcht. Dunſtige Fackeln, Lampen, Lichter, 3 Dämmern durchs verworrne Feſt, Zwiſchen dieſe Truggeſichter 3 Bannt mich, ach! die Kette feſt. Fort, ihr lächerlichen Lacher! Euer Grinſen giebt Verdacht; Alle meine Widerſacher Draͤngen mich in dieſer Nacht. Hier! ein Freund iſt Feind geworden, Seine Maske kenn' ich ſchon; Jener wollte mich ermorden, Nun entdeckt ſchleicht er davon. Ach wie gern in jeder Richtung Flöh' ich zu der Welt hinaus; Doch von drüben droht Vernichtung, 4 Hält mich zwiſchen Dunſt und Graus. Hoffnung. Seyd gegrüßt, ihr lieben Schweſtern! Habt ihr euch ſchon heut und geſtern In Vermummungen gefallen, Weiß ich doch gewiß von allen Morgen wollt ihr euch enthüllen. 219 Und wenn wir bei Fackelſcheine Uns nicht ſonderlich behagen, Werden wir in heitern Tagen Ganz nach unſerm eignen Willen, Bald geſellig, bald alleine, Frei durch ſchöne Fluren wandeln, Nach Belieben ruhn und handeln Und in ſorgenfreiem Leben, Nie entbehren, ſtets erſtreben. Ueberall willkommne Gaͤſte Treten wir getroſt hinein: Sicherlich es muß das Beſte Irgendwo zu finden ſeyn. Klugheit. Zwei der groͤßten Menſchenfeinde, Furcht und Hoffnung, angekettet Halt' ich ab von der Gemeinde; Platz gemacht! ihr ſeyd gerettet! Den lebendigen Coloſſen Fuͤhr' ich, ſeht ihr, umkeliden⸗ Und er wandelt unverdroſſen Schritt vor Schritt auf ſteilen Pfaden. Droben aber auf der Zinne Jene Göttin, mit behenden Breiten Flügeln, zum Gewinne Allerſeits ſich hinzuwenden. Rings umgiebt ſie Glanz und Glorie Leuchtend fern nach allen Seiten; Und ſie nennet ſich Victorie, Göttin aller Thaͤtigkeiten. Boils-Therſites. Hu! Hul! da komm ich eben recht, Ich ſchelt' euch allzuſammen ſchlecht! 220 Doch was ich mir zum Ziel erſah Iſt oben Frau Victoria. Mit ihrem weißen Flügelpaar, Sie dünkt ſich wohl ſie ſey ein Aar, Und wo ſie ſich nur hingewandt Gehoͤr' ihr alles Volk und Land; Doch, wo was Rühmliches gelingt Es mich ſogleich in Harniſch bringt. Das Tiefe hoch, das Hohe tief, Das Schiefe grad, das Grade ſchief, Das ganz allein macht mich geſund, So will ich's auf dem Erdenrund. Herold. So treffe dich, du Lumpenhund, Des frommen Stabes Meiſterſtreich! Da krümm' und winde dich ſogleich!— Wie ſich die Doppelzwerggeſtalt So ſchnell zum eklen Klumpen ballt!— — Doch Wunder!— Klumpen wird zum Ei, Das blaäͤht ſich auf und platzt entzwei; Nun fällt ein Zwillingspaar heraus, Die Otter und die Fledermaus; Die eine fort im Staube kriecht, Die andre ſchwarz zur Decke fliegt; Sie eilen draußen zum Verein, Da möcht' ich nicht der Dritte ſeyn. Gemurmel. Friſch! dahinten tanzt man ſchon— Nein! ich wollt' ich wär' davon— Fuhlſt du, wie uns das umflicht, Das geſpenſtiſche Gezücht? Sauſt' es mir doch über's Haar— Ward ich's doch am Fuß gewahr— Keiner iſt von uns verletzt— Alle doch in Furcht geſetzt— 221 Ganz verdorben iſt der Spaß— Und die Beſtien wollten das. Herold. Seit mir ſind bei Maskeraden Heroldspflichten aufgeladen, Wach' ich ernſtlich an der Pforte, Daß euch hier am luſtigen Orte Nichts Verderbliches erſchleiche; Weder wanke, weder weiche. Doch ich fürchte, durch die Fenſter Ziehen luftige Geſpenſter, Und von Spuk und Zaubereien Wüßt' ich euch nicht zu befreien. Machte ſich der Zwerg verdächtig, Nun dort hinten ſtröͤmt es maächtig. Die Bedeutung der Geſtalten Möͤcht' ich amtsgemäß entfalten; Aber was nicht zu begreifen Wüßt' ich auch nicht zu erklären, Helfet alle mich belehren!— Seht ihr's durch die Menge ſchweifen? Vierbeſpannt ein prächtiger Wagen Wird durch alles durchgetragen; Doch er theilet nicht die Menge Nirgend ſeh' ich ein Gedränge; Farbig glitzert's in der Ferne, Irrend leuchten bunte Sterne, Wie von magiſcher Laterne Schnaubt's heran mit Sturmgewalt. Platz gemacht! mich ſchaudert's! K nabe(Wagenlenker). Halt . Roſſe hemmet eure Flügel, Fühlet den gewohnten Zügel, Meiſtert euch wie ich euch meiſtre Rauſchet hin wenn ich begeiſtre— Dieſe Räume laßt uns ehren! Schaut umher wie ſie ſich mehren Die Bewundrer, Kreis um Kreiſe. Herold auf! nach deiner Weiſe, Ehe wir von euch entfliehen, Uns zu ſchildern, uns zu nennen; Denn wir ſind Allegorien Und ſo ſollteſt du uns kennen. Herold. Wüßte nicht dich zu benennen, Eher könnt' ich dich beſchreiben. Knabe Lenker. So probir's! Herold. Man muß geſtehn: Erſtlich biſt du jung und ſchön. Halbwüchſiger Knabe biſt du; doch die Frauen Sie moͤchten dich ganz ausgewachſen ſchauen. Du ſcheineſt mir ein künftiger Sponſirer, Recht ſo von Haus aus ein Verführer. Knabe Lenker. Das läßt ſich hören! fahre fort, Erfinde dir des Räthſels heitres Wort. Herold. Der Augen ſchwarzer Blitz, die Nacht der Locken Erheitert von juwelnem Band! und welch ein zierliches Gewand Fließt dir von Schultern zu den Socken, Mit Purpurſaum und Glitzertand! Man könnte dich ein Mädchen ſchelten; Doch würdeſt du, zu Wohl und Weh, Auch jetzo ſchon bei Madchen gelten: Sie lehrten dich das A. B. C. 223 Knabe Lenker. Und dieſer, der als Prachtgebilde Hier auf dem Wagenthrone prangt? Herold. Er ſcheint ein Koͤnig, reich und milde, Wohl dem, der ſeine Gunſt erlangt! Er hat nichts weiter zu erſtreben; Wo's irgend fehlte, ſpaht ſein Blick, Und ſeine reine Luſt zu geben Iſt größer als Beſitz und Glück. Knabe Lenker. Hiebei darfſt du nicht ſtehen bleiben, Du mußt ihn recht genau beſchreiben. Herold. Das Burdige beſchreibt ſich nicht. Doch das geſunde Mondgeſicht, Ein voller Mund, erblühte Wangen, Die unterm Schmuck des Turbans prangen; Im Faltenkleid ein reich Behagen! Was ſoll ich von dem Anſtand ſagen? Als Herrſcher ſcheint er mir bekannt. Knabe Lenker. Plutus, des Reichthums Gott genannt; Derſelbe kommt in Prunk daher, Der bohe Kaiſer wunſcht ihn ſehr. Herold. Sag' von dir ſelber auch das Was und Wie? Knabe Lenker. Bin die Verſchwendung, bin die Poeſie; Bin der Poet, der ſich vollendet, Wenn er ſein eigenſt Gut verſchwendet. Auch ich bin unermeßlich reich Und ſchätze mich dem Plutus gleich, 224 Beleb' und ſchmück' ihm Tanz und Schmaus, Das was ihm fehlt das theil' ich aus. Herold. Das Prahlen ſteht dir gar zu ſchön, Doch laß uns deine Kuͤnſte ſehn. Knabe Lenker. Hier ſeht mich nur ein Schnippchen ſchlagen, Schon glänzt's und glitzert's um den Wagen. Da ſpringt eine Perlenſchnur hervor. (Immerſort umherſchnippend.) Nehmt goldne Spange für Hals und Ohr; Auch Kamm und Krönchen ohne Fehl; In Ringen köſtlichſtes Juwel; Auch Flämmchen ſpend' ich dann und wann, Erwartend wo es zünden kann. Herold. Wie greift und haſcht die liebe Menge! Faſt kommt der Geber ins Gedrange. Kleinode ſchnippt er wie im Traum, Und alles haſcht im weiten Raum. Doch da erleb' ich neue Pfiffe: Was einer noch ſo emſig griffe Deß hat er wirklich ſchlechten Lohn, Die Gabe flattert ihm davon. Es löſ't ſich auf das Perlenband, Ihm krabbeln Käfer in der Hand, Er wirft ſie weg der arme Tropf, Und ſie umſummen ihm den Kopf. Die andern, ſtatt ſolider Dinge, Erhaſchen freyle Schmetterlinge. Wie doch der Schelm ſo viel verheißt, Und nur verleiht was golden gleißt! Knabe Lenker. zuar Masken, merk' ich, weißt du zu verkünden, Allein der Schale Weſen zu ergründen 225 Sind Herolds Hofgeſchäfte nicht; Das fordert ſcharferes Geſicht. Doch hüt' ich mich vor jeder Fehde; An dich, Gebieter, wend' ich Frag' und Rede. (Zu Plutus gewendet.) Haſt du mir nicht die Windesbraut Des Viergeſpannes anvertraut? Lenk' ich nicht glücklich wie du leiteſt? Bin ich nicht da wohin du deuteſt? Und wußt' ich nicht auf kühnen Schwingen Für dich die Palme zu erringen? Wie oft ich auch für dich gefochten, Mir iſt es jederzeit gegluckt; Wenn Lorbeer deine Stirne ſchmückt, Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten? Plutus. Wenn's nöthig iſt daß ich dir Zeugniß leiſte, So ſag' ich gern: biſt Geiſt von meinem Geiſte. Du handelſt ſtets nach meinem Sinn, Biſt reicher als ich ſelber bin. Ich ſchaͤtze, deinen Dienſt zu lohnen, Den grünen Zweig vor allen meinen Kronen. Ein wahres Wort verkund' ich allen: Mein lieber Sohn an dir hab' ich Gefallen. Knabe Tenker dzur Menge). Die größten Gaben meiner Hand, Seht! hab' ich rings umher geſandt; Auf dem und jenem Kopfe glüht Ein Flämmchen das ich angeſprüht, Von einem zu dem andern hüpft's, An dieſem hält ſich's, dem entſchlüpft's, Gar ſelten aber flammt's empor Und leuchtet raſch in kurzem Flor; Doch vielen, eh' man's noch erkannt, Verliſcht es, traurig ausgebrannt. Goethe, Fauſt. 10 15 weiber Geklatſch. Da droben auf dem Viergeſpann Das iſt gewiß ein Charlatan; Gekauzt da hintendrauf Hanswurſt, Doch abgezehrt von Hunger und Durſt, Wie man ihn niemals noch erblickt; Er fuͤhlt wohl nicht wenn man ihn zwickt. Der Abgemagerte. Vom Leibe mir ekles Weibsgeſchlecht! Ich weiß dir komm' ich niemals recht.— Wie noch die Frau den Herd verſah, Da hieß ich Avaritia; Da ſtand es gut um unſer Haus: Nur viel herein, und nichts hinaus! Ich eiferte für Kiſt' und Schrein; Das ſollte wohl gar ein Laſter ſeyn! Doch als in allerneuſten Jahren Das Weib nicht mehr gewohnt zu ſparen, und, wie ein jeder boͤſe Zahler, Weit mehr Begierden hat als Thaler, Da bleibt dem Manne viel zu dulden, Wo er nur hinſieht da ſind Schulden; Sie wendet's, kann ſie was erſpulen, An ihren Leib, an ihren Buhlen; Auch ſpeiſ't ſie beſſer, trinkt noch mehr Mit der Sponſirer leidigem Heer; Das ſteigert mir des Goldes Reiz: Bin männlichen Geſchlechts, der Geiz! Hauptmeib. Mit Drachen mag der Drache geizen, Iſt's doch am Ende Lug und Trug! Er kommt die Manner aufzureizen, Sie ſind ſchon unbequem genug. 227 Weiber in Maſſe. Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe! Was will das Marterholz uns dräu'n? Wir ſollen ſeine Fratze ſcheu'n! Die Drachen ſind von Holz und Pappe, Friſch an und dringt auf ihn hinein! Herold. Bei meinem Stabe! Ruh gehalten!— Doch braucht es meiner Hülfe kaum; Seht wie die grimmen Ungeſtalten, Bewegt im raſch gewonnenen Raum, Das Doppel⸗Flügelpaar entfalten! Entrüſtet ſchütteln ſich der Drachen Umſchuppte, feuerſpeiende Rachen; Die Menge flieht, rein iſt der Platz. (Plutus ſteigt vom Wagen.) Herold. Er tritt herab, wie königlich! Er winkt, die Drachen rühren ſich; Die Kiſte haben ſie vom Wagen Mit Gold und Geiz herangetragen, Sie ſteht zu ſeinen Füßen da: Ein Wunder iſt es wie's geſchah. Plutus(zum Lenker). Nun biſt du los der allzuläͤſtigen Schwere, Biſt frei und frank, nun friſch zu deiner Sphäre! Hier iſt ſie nicht! Verworren, ſchäckig, wild Umdraͤngt uns hier ein fratzenhaft Gebild. Nur wo du klar ins holde Klare ſchauſt, Dir angehörſt und dir allein vertrauſt, Dorthin wo Schönes, Gutes nur gefällt, Zur Einſamkeit!— Da ſchaffe deine Welt. Knabe Lenker. So acht' ich mich als werthen Abgeſandten, 228 So lieb' ich dich als nächſten Anverwandten. Wo du verweilſt iſt Fuͤlle, wo ich bin Fühlt jeder ſich im herrlichſten Gewinn; Auch ſchwankt er oft im widerſinnigen Leben: Soll er ſich dir? ſoll er ſich mir ergeben? Die Deinen freilich können müßig ruhn, Doch wer mir folgt hat immer was zu thun. Nicht insgeheim vollführ' ich meine Thaten, Ich athme nur, und ſchon bin ich verrathen. So lebe wohl! Du gönnſt mir ja mein Gluͤck; Doch liſple leiſ' und gleich bin ich zurüͤck. (Ab wie er kam.) Plutus. Nun iſt es Zeit die Schaͤtze zu entfeſſeln! Die Schlöſſer treff' ich mit des Herolds Ruthe. Es thut ſich auf! ſchaut her! in ehrnen Keſſeln Entwickelt ſich's und wallt von goldnem Blute; Zunächſt der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen; Es ſchwillt und droht ihn ſchmelzend zu verſchlingen. Wechſelgeſchrei der Menge. Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt, Die Kiſte bis zum Rande füllt.— Gefäße goldne ſchmelzen ſich, Gemuͤnzte Rollen wälzen ſich,— Ducaten hüpfen wie geprägt, O wie mir das den Buſen regt— Wie ſchau' ich alle mein Begehr! Da kollern ſie am Boden her.— Man bietet's euch, benutzt's nur gleich, Und bückt euch nur und werdet reich.— Wir andern, rüſtig wie der Blitz, Wir nehmen den Koffer in Beſitz. Herold. Was ſoll's, ihr Thoren? ſoll mir das? Es iſt ja nur ein Maskenſpaß. 229 Heut Abend wird nicht mehr begehrt; Glaubt ihr man geb' euch Gold und Werth? Sind doch für euch in dieſem Spiel Selbſt Rechenpfennige zu viel. Ihr Täaͤppiſchen! ein artiger Schein Soll gleich die plumpe Wahrheit ſeyn. Was ſoll euch Wahrheit?— Dumpfen Wahn Packt ihr an allen Zipfeln an.— Vermummter Plutus, Maskenheld, Schlag' dieſes Volk mir aus dem Feld! Plutus. Dein Stab iſt wohl dazu bereit, Verleih ihn mir auf kurze Zeit.— Ich tauch' ihn raſch in Sud und Gluth.— Nun! Masken ſeyd auf eurer Hut. Wie'’s blitzt und platzt, in Funken ſprüht! Der Stab ſchon iſt er angeglüht. Wer ſich zu nah herangedrängt Iſt unbarmherzig gleich verſengt— Jetzt fang' ich meinen Umgang an. Geſchrei und Gedräng. O weh! Es iſt um uns gethan.— Entfliehe wer entfliehen kann!— Zurück, zuruͤck, du Hintermann!— Mir ſprüht es heiß in's Angeſicht.— Mich drückt des glühenden Stabs Gewicht— Verloren ſind wir all und all.— Zuruͤck, zuruͤck, du Maskenſchwall! Zuruck, zurück, unſinniger Hauf— O! hätt' ich Flügel, flög' ich auf.— Plutus. Schon iſt der Kreis zurückgedrängt Und niemand, glaub' ich, iſt verſengt. Die Menge weicht, Sie iſt verſcheucht.— Doch ſolcher Ordnung Unterpfand Zieh' ich ein unſichtbares Band. Herold. Du haſt ein herrlich Werk vollbracht, Wie dank' ich deiner klugen Macht! Plutus. Noch braucht es, edler Freund, Geduld: Es droht noch mancherlei Tumult. Geiz. So kann man doch, wenn es beliebt, Vergnüglich dieſen Kreis beſchauen; Denn immerfort ſind vornen an die Frauen Wo's was zu gaffen, was zu naſchen giebt. Noch bin ich nicht ſo völlig eingeroſtet! Ein ſchönes Weib iſt immer ſchön; Und heute, weil es mich nichts koſtet, So wollen wir getroſt ſponſiren gehn. Doch weil am überfüllten Orte Nicht jedem Ohr vernehmlich alle Worte, Verſuch' ich klug und hoff' es ſoll mir glücken, Mich pantomimiſch deutlich auszudrücken. Hand, Fuß, Geberde reicht mir da nicht hin, Da muß ich mich um einen Schwank bemühn. Wie feuchten Thon will ich das Gold behandeln, Denn dieß Metall läßt ſich in alles wandeln. Herold. Was faͤngt der an, der magre Thor! Hat ſo ein Hungermann Humor? Er knetet alles Gold zu Teig, Ihm wird es untern Händen weich; Wie er es drückt und wie es ballt Bleibt's immer doch nur ungeſtalt. Er wendet ſich zu den Weibern dort, Sie ſchreien alle, möchten fort, 231 Geberden ſich gar widerwaͤrtig; Der Schalk erweiſ't ſich übelfertig. Ich fürchte daß er ſich ergetzt Wenn er die Sittlichkeit verletzt. Dazu darf ich nicht ſchweigſam bleiben, Gieb meinen Stab ihn zu vertreiben. Plutus. Er ahnet nicht was uns von außen droht, Laß ihn die Narrentheidung treiben, Ihm wird kein Raum fuͤr ſeine Poſſen bleiben; Geſetz iſt mächtig, maͤchtiger iſt die Noth. Getümmel und Geſang. Das wilde Heer es kommt zumal Von Bergeshöh' und Waldesthal, Unwiderſtehlich ſchreitet's an: Sie feiern ihren großen Pan. Sie wiſſen doch was keiner weiß Und drängen in den leeren Kreis. Plutus. Ich kenn' euch wohl und euren großen Pan! Zuſammen habt ihr kühnen Schritt gethan. Ich weiß recht gut was nicht ein jeder weiß, Und oͤffne ſchuldig dieſen engen Kreis. Mag ſie ein gut Geſchick begleiten! Das Wunderlichſte kann geſchehn; Sie wiſſen nicht wohin ſie ſchreiten, Sie haben ſich nicht vorgeſehn. Wildgeſang. Geputztes Volk du, Flitterſchau! Sie kommen roh, ſie kommen rauh, In hohem Sprung, in raſchem Lauf, Sie treten derb und tüchtig auf. Faunen. Die Faunenſchaar Im luſtigen Tanz, Den Eichenkranz Im krauſen Haar, Ein feines zugeſpitztes Ohr Dringt an dem Lockenkopf hervor, Ein ſtumpfes Näaͤschen, ein breit Geſicht, Das ſchadet alles bei Frauen nicht. Dem Faun, wenn er die Patſche reicht, Verſagt die ſchönſte den Tanz nicht leicht. Satyr. Der Satyr hüpft nun hinterdrein Mit Ziegenfuß und durrem Bein, Ihm ſollen ſie mager und ſehnig ſeyn. Und gemſenartig auf Bergeshöhn Beluſtigt er ſich umherzuſehn. In Freiheitsluft erquickt alsdann Verhöhnt er Kind und Weib und Mann, Die tief, in Thales Dampf und Rauch, Behaglich meinen ſie lebten auch, Da ihm doch, rein und ungeſtört, Die Welt dort oben allein gehört. . Gnomen. Da trippelt ein die kleine Schaar, Sie hält nicht gern ſich Paar und Paar; Im mooſigen Kleid mit Lamplein hell Bewegt ſich's durch einander ſchnell, Wo jedes für ſich ſelber ſchafft, Wie Leuchtameiſen wimmelhaft; Und wuſelt emſig hin und her, Beſchaͤftigt in die Kreuz und Quer. ——— Den frommen Guͤtchen nah verwandt, Als Felschirurgen wohl bekannt; Die hohen Berge ſchröpfen wir, Aus vollen Adern ſchöpfen wir; 233 Metalle ſtürzen wir zu Hauf Mit Gruß getroſt: Glück auf! Glück auf! Das iſt von Grund aus wohlgemeint, Wir ſind der guten Menſchen Freund. Doch bringen wir das Gold zu Tag Damit man ſtehlen und kuppeln mag; Nicht Eiſen fehle dem ſtolzen Mann Der allgemeinen Mord erſann. Und wer die drei Gebot veracht't Sich auch nichts aus den andern macht. Das alles iſt nicht unſre Schuld, Drum habt ſofort wie wir Geduld. Uieſen. Die wilden Mäaͤnner ſind's genannt, Am Harzgebirge wohl bekannt; Natürlich nackt in alter Kraft, Sie kommen ſaͤmmtlich rieſenhaft. Den Fichtenſtamm in rechter Hand Und um den Leib ein wulſtig Band, Den derbſten Schurz von Zweig und Blatt: Leibwache wie der Papſt nicht hat. Nymphen im Chor. (Sie umſchließen den großen Pan.) Auch kommt er an! Das All der Welt Wird vorgeſtellt Im großen Pan. Ihr Heiterſten umgebet ihn, Im Gaukeltanz umſchwebet ihn; Denn weil er ernſt und gut dabei, So will er daß man fröhlich ſey. Auch unterm blauen Wölbedach Verhielt er ſich beſtändig wach; Doch rieſeln ihm die Bäche zu, Und Lüftlein wiegen ihn mild in Ruh. 234 Und wenn er zu Mittage ſchlaͤft Sich nicht das Blatt am Zweige regt; Geſunder Pflanzen Balſamduft Erfüllt die ſchweigſam ſtille Luft; Die Nymphe darf nicht munter ſeyn Und wo ſie ſtand da ſchlaͤft ſie ein. Wenn unerwartet mit Gewalt Dann aber ſeine Stimm' erſchallt, Wie Blitzes Knattern, Meergebraus, Dann Niemand weiß wo ein noch aus, Zerſtreut ſich tapfres Heer im Feld Und im Getuͤmmel bebt der Held. So Ehre dem, dem Ehre gebuͤhrt! Und Heil ihm der uns hergeführt! Deputation der Gnomen (an den großen Pan). Wenn das glaäͤnzend reiche Gute Fadenweis durch Klufte ſtreicht, Nur der klugen Wünſchelruthe Seine Labyrinthe zeigt, Wölben wir in dunklen Grüften Troglodytiſch unſer Haus, Und an reinen Tageslüften Theilſt du Schätze gnädig aus. Nun entdecken wir hieneben Eine Quelle wunderbar, Die bequem verſpricht zu geben Was kaum zu erreichen war. Dieß vermagſt du zu vollenden, Nimm es, Herr, in deine Hut! Jeder Schatz in deinen Handen Kommt der ganzen Welt zu gut. 235 Plutus Gzum Herold). Wir muͤſſen uns im hohen Sinne faſſen Und was geſchieht getroſt geſchehen laſſen, Du biſt ja ſonſt des ſtärkſten Muthes voll. Nun wird ſich gleich ein Gräulichſtes ereignen; Hartnaͤckig wird es Welt und Nachwelt leugnen, Du ſchreib' es treulich in dein Protocoll. Herold (den Stab anfaſſend, welchen Plutus in der Hand behält). Die Zwerge führen den großen Pan Zur Feuerquelle ſacht heran; Sie ſiedet auf vom tiefſten Schlund, Dann ſinkt ſie wieder hinab zum Grund, Und finſter ſteht der offne Mund; Walt wieder auf in Gluth und Sud, Der große Pan ſteht wohlgemuth, Freut ſich des wunderſamen Dings, Und Perlenſchaum ſprüht rechts und links. Wie mag er ſolchen Weſen traun? Er buͤckt ſich tief hinein zu ſchaun.— Nun aber fällt ſein Bart hinein!— Wer mag das glatte Kinn wohl ſeyn? Die Hand verbirgt es unſerm Blick.— Nun folgt ein großes Ungeſchick, Der Bart entflammt und fliegt zurück, Entzündet Kranz und Haupt und Bruſt, Zu Leiden wandelt ſich die Luſt.— Zu löſchen läuft die Schaar herbei, Doch keiner bleibt von Flammen frei, Und wie es patſcht und wie es ſchlagt Wird neues Flammen aufgeregt; Verflochten in das Element Ein ganzer Maskenklump verbrennt. Was aber hör' ich wird uns kund Von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund! 236 O ewig unglückſelige Nacht Was haſt du uns fuͤr Leid gebracht! Verkünden wird der nächſte Tag Was Niemand willig hoͤren mag; Doch hör' ich aller Orten ſchrein „Der Kaiſer,“ leidet ſolche Pein. O waͤre doch ein andres wahr! Der Kaiſer brennt und ſeine Schaar. Sie ſey verflucht die ihn verführt, In harzig Reis ſich eingeſchnürt, Zu toben her mit Brüll⸗Geſang Zu allerſeitigem Untergang. O Jugend, Jugend wirſt du nie Der Freude reines Maß bezirken? O Hoheit, Hoheit wirſt du nie Vernuͤnftig wie allmächtig wirken? Schon geht der Wald in Flammen auf, Sie züngeln leckend ſpitz hinauf, Zum holzverſchränkten Deckenband, Uns droht ein allgemeiner Brand. Des Jammers Maß iſt uͤbervoll, Ich weiß nicht wer uns retten ſoll. Ein Aſchenhaufen einer Nacht Liegt morgen reiche Kaiſerpracht. Plutus. Schrecken iſt genug verbreitet, Hülfe ſey nun eingeleitet!— Schlage heiligen Stabs Gewalt, Daß der Boden bebt und ſchallt! Du, geraͤumig weite Luft, Fülle dich mit kühlem Duft! Zieht heran, umherzuſchweifen, Nebeldünſte, ſchwangre Streifen, Deckt ein flammendes Gewühl! Rieſelt, ſäuſelt, Wölkchen krauſelt, Schlupfet wallend, leiſe dämpfet, Löſchend überall bekämpfet; Ihr, die lindernden, die feuchten, Wandelt in ein Wetterleuchten Solcher eitlen Flamme Spiel!— Drohen Geiſter uns zu ſchädigen, Soll ſich die Magie bethätigen. Luſtgarten. Morgenſonne. Der Kaiſer, deſſen Hofſtaat, Männer und Frauen, Fanſt, Mephiſtopheles, anſtändig, nicht auſſallend, nach Sitte gekleidet; beide knieen. Fauſt. Verzeihſt du Herr das Flammengaukelſpiel? Kaiſer (zum Aufſtehen winkend). Ich wuͤnſche mir dergleichen Scherze viel.— Auf einmal ſah ich mich in glühender Sphare, Es ſchien mir faſt als ob ich Pluto wäre. Aus Nacht und Kohlen lag ein Felſengrund, Von Flämmchen glühend. Dem und jenem Schlund Aufwirbelten viel tauſend wilde Flammen, Und flackerten in Ein Gewoͤlb zuſammen. Zum höchſten Dome züngelt' es empor, Der immer ward und immer ſich verlor. Durch fernen Raum gewundner Feuerſäulen Sah ich bewegt der Voͤlker lange Zeilen, Sie drängten ſich im weiten Kreis heran, Und huldigten, wie ſie es ſtets gethan. Von meinem Hof erkannt' ich ein⸗ und andern, Ich ſchien ein Fürſt von tauſend Salamandern. 238 Mephiſtopheles. Das biſt du, Herr! Weil jedes Element Die Majeſtät als unbedingt erkennt. Gehorſam Feuer haſt du nun erprobt, Wirf dich ins Meer wo es am wildſten tobt, Und kaum betrittſt du perlenreichen Grund, So bildet wallend ſich ein herrlich Rund; Siehſt auf und ab lichtgrüne ſchwanke Wellen, Mit Purpurſaum, zu ſchönſter Wohnung ſchwellen, Um dich, den Mittelpunkt. Bei jedem Schritt Wohin du gehſt gehn die Paläſte mit. Die Wände ſelbſt erfreuen ſich des Lebens, Pfeilſchnellen Wimmelns, Hin⸗ und Wiederſtrebens. Meerwunder draͤngen ſich zum neuen milden Schein, Sie ſchießen an, und keines darf herein. Da ſpielen farbig goldbeſchuppte Drachen, Der Haifiſch klafft, du lachſt ihm in den Rachen. Wie ſich auch jetzt der Hof um dich entzückt, Haſt du doch nie ein ſolch Gedraͤng erblickt. Doch bleibſt du nicht vom Lieblichſten geſchieden: Es nahen ſich neugierige Nereiden Der prächtigen Wohnung in der ewigen Friſche, Die jüngſten ſcheu und lüſtern wie die Fiſche, Die ſpätern klug; ſchon wird es Thetis kund, Dem zweiten Peleus reicht ſie Hand und Mund.— Den Sitz alsdann auf des Olymps Revier!— Kaiſer. Die luftigen Räume die erlaß ich dir; Noch fruͤh genug beſteigt man jenen Thron. Mephiſtopheles. Und, höchſter Herr! die Erde haſt du ſchon. . Kaiſer. Welch gut Geſchick hat dich hierher gebracht? Unmittelbar aus Tauſend Einer Nacht. 239 Gleichſt du an Fruchtbarkeit Scheheraſaden, Verſichr' ich dich der höchſten aller Gnaden. Sey ſtets bereit, wenn eure Tageswelt, Wie's oft geſchieht, mir widerlichſt mißfällt. Marſchalh(tritt eilig auf). Durchlauchtigſter, ich dacht in meinem Leben Vom ſchönſten Gluͤck Verkündung nicht zu geben Als dieſe, die mich hoch beglückt, In deiner Gegenwart entzückt: Rechnung für Rechnung iſt berichtigt, Die Wucherklauen ſind beſchwichtigt, Los bin ich ſolcher Höllenpein; Im Himmel kann's nicht heitrer ſeyn. Heermeiſter colgt eilig). Abſchläglich iſt der Sold entrichtet, Das ganze Heer aufs neu verpflichtet, Der Lanzknecht fühlt ſich friſches Blut, Und Wirth und Dirnen haben's gut. Kaiſer. Wie athmet eure Bruſt erweitert! Das faltige Geſicht erheitert! Wie eilig tretet ihr heran! Schatzmeiſter(der ſich einfindet). Befrage dieſe die das Werk gethan. Fauſt. Dem Kanzler ziemt's die Sache vorzutragen. Kanzler (der langſam herankommt). Beglückt genug in meinen alten Tagen.— So hoͤrt und ſchaut das ſchickſalſchwere Blatt, Das alles Weh in Wohl verwandelt hat. (Er lieſ't.) „Zu wiſſen ſey es jedem der's begehrt: Der Zettel hier iſt tauſend Kronen werth. Ihm liegt geſichert, als gewiſſes Pfand, Unzahl vergrabnen Guts im Kaiſerland. Nun iſt geſorgt damit der reiche Schatz, Sogleich gehoben, diene zum Erſatz.“ Kaiſer. Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug! Wer fälſchte hier des Kaiſers Namenszug? Iſt ſolch Verbrechen ungeſtraft geblieben? Schatzmeiſter. Erinnre dich! haſt ſelbſt es unterſchrieben; Erſt heute Nacht. Du ſtandſt als großer Pan, Der Kanzler ſprach mit uns zu dir heran: „Gewähre dir das hohe Feſtvergnügen, Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen.“ Du zogſt ſie rein, dann ward's in dieſer Nacht Durch Tauſendkünſtler ſchnell vertauſendfacht. Damit die Wohlthat allen gleich gedeihe, So ſtempelten wir gleich die ganze Reihe, Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert ſind parat. Ihr denkt euch nicht wie wohl's dem Volke that. Seht eure Stadt, ſonſt halb im Tod verſchimmelt, Wie alles lebt und luſtgenießend wimmelt! Obſchon dein Name laͤngſt die Welt beglückt, Man hat ihn nie ſo freundlich angeblickt. Das Alphabet iſt nun erſt überzählig, In dieſem Zeichen wird nun jeder ſelig. . Kaiſer. Und meinen Leuten gilt's für gutes Gold? Dem Heer, dem Hofe gnügt's zu vollem Sold? So ſehr mich's wundert muß ich's gelten laſſen. 3 Marſchalk. Unmoöglich wär's die Fluͤchtigen einzufaſſen; Mit Blitzeswink zerſtreute ſich's im Lauf. 241 Die Wechsler⸗Bänke ſtehen ſperrig auf, Man honorirt daſelbſt ein jedes Blatt Durch Gold und Silber, freiwillig mit Rabatt. Nun geht's von da zum Fleiſcher, Baͤcker, Schenken; Die halbe Welt ſcheint nur an Schmaus zu denken, Wenn ſich die andre neu in Kleidern bläht. Der Kraͤmer ſchneidet aus, der Schneider näht. Bei:„Hoch dem Kaiſer!“ ſprudelt's in den Kellern, Dort kocht's und brat's und klappert's mit den Tellern. Mephiſtopheles. Wer die Terraſſen einſam abſpaziert, Gewahrt die Schoͤnſte, herrlich aufgeziert, Ein Aug' verdeckt vom ſtolzen Pfauenwedel, Sie ſchmunzelt uns und blickt nach ſolcher Schedel; Und hurtiger als durch Witz und Redekunſt Vermittelt ſich die reichſte Liebesgunſt. Man wird ſich nicht mit Börſ' und Beutel plagen, Ein Bläͤttchen iſt im Buſen leicht zu tragen, Mit Liebesbrieflein paart's bequem ſich hier. Der Prieſter träͤgt's andächtig im Brevier, Und der Soldat, um raſcher ſich zu wenden, Erleichtert ſchnell den Gürtel ſeiner Lenden. Die Majeſtät verzeihe wenn ins Kleine Das hohe Werk ich zu erniedern ſcheine. Fauſt. Das Uebermaß der Schätze, das, erſtarrt, In deinen Landen tief im Boden harrt, Liegt ungenutzt. Der weiteſte Gedanke Iſt ſolches Reichthums kümmerlichſte Schranke; Die Phantaſie, in ihrem höchſten Flug, Sie ſtrengt ſich an und thut ſich nie genug; Doch faſſen Geiſter, würdig tief zu ſchauen, Zum Graͤnzenloſen gränzenlos Vertrauen. Mephiſtopheles. Ein ſolch Papier, an Gold und Perlen Statt, Goethe, Fauſt. 11 16 242 Iſt ſo bequem, man weiß doch was man hat; Man braucht nicht erſt zu markten noch zu tauſchen, Kann ſich nach Luſt in Lieb' und Wein berauſchen. Will man Metall, ein Wechsler iſt bereit, Und fehlt es da, ſo gräbt man eine Zeit. Pokal und Kette wird verauctionirt, Und das Papier, ſogleich amortiſirt, Beſchamt den Zweifler, der uns frech verhoͤhnt. Man will nichts anders, iſt daran gewöhnt. So bleibt von nun an allen Kaiſer⸗Landen An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden. Kaiſer. Das hohe Wohl verdankt euch unſer Reich, Wo möglich ſey der Lohn dem Dienſte gleich. Vertraut ſey euch des Reiches innrer Boden, Ihr ſeyd der Schätze wuͤrdigſte Cuſtoden. Ihr kennt den weiten wohlverwahrten Hort, Und wenn man gräbt, ſo ſey's auf euer Wort. Vereint euch nun, ihr Meiſter unſres Schatzes, Erfüllt mit Luſt die Wuͤrden eures Platzes, Wo mit der obern ſich die Unterwelt, In Einigkeit beglückt, zuſammenſtellt. Schatzmeiſter. Soll zwiſchen uns kein fernſter Zwiſt ſich regen, Ich liebe mir den Zaubrer zum Collegen. 4 (Ab mit Fauſt.) Kaiſer. Beſchenk' ich nun bei Hofe Mann für Mann, Geſteh er mir wozu er's brauchen kann. Page(empfangend). 1 Ich lebe luſtig, heiter, guter Dinge. Ein Andrer Glleichſalls). Ich ſchaffe gleich dem Liebchen Kett' und Ringe. 243 K ämmerer cannehmend). Von nun an trink' ich doppelt beſſ're Flaſche. Ein Anderer gleichfalls). Die Wuͤrfel jucken mich ſchon in der Taſche. Vannerherr mit Bedacht). Mein Schloß und Feld ich mach' es ſchuldenfrei. Ein Andrer ggleichfalls). Es iſt ein Schatz, den leg' ich Schätzen bei. Kaiſer. Ich hoffte Luſt und Muth zu neuen Thaten; Doch wer euch kennt, der wird euch leicht errathen. Ich merk' es wohl, bei aller Schäͤtze Flor Wie ihr geweſen bleibt ihr nach wie vor. Narr cherbeikommend). Ihr ſpendet Gnaden, gönnt auch mir davon. Kaiſer. Und lebſt du wieder? du vertrinkſt ſie ſchon. 3 Narr. Die Banber⸗Wlatter, ich verſteh's nicht recht. Kaiſer. Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchſt ſie ſchlecht. Narr. Da fallen andre, weiß nicht was ich thu'. Kaiſer. Nimm ſie nur hin, ſie fielen dir ja zu.(Ab.) Naxr. Fuͤnftauſend Kronen wären mir zu Handen! Mephiſtopheles. Zweibeiniger Schlauch, biſt wieder auferſtanden? Narr. Geſchieht mir oft, doch nicht ſo gut als jetzt. Mephiſtopheles. Du freuſt dich ſo, daß dich's in Schweiß verſetzt. 244 Narr. Da ſeht nur her, iſt das wohl geldeswerth? Mephiſtopheles. Du haſt dafür was Schlund und Bauch begehrt. Naxrr. Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh? Mephiſtopheles. Verſteht ſich! biete nur, das fehlt dir nie. Naxr. Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fiſchbach? Mephiſtopheles. Traun! Ich moͤchte dich geſtrengen Herrn wohl ſchaun! Narxr. Heut Abend wieg' ich mich im Grundbeſitz!—(Ab.) Mephiſtopheles(solus). Wer zweifelt noch an unſres Narren Witz! Finſtere Galerie. Fauſt. Mephiſtopheles. Mephiſtopheles. Was ziehſt du mich in dieſe düſtern Gange? Iſt nicht da drinnen Luſt genug, Im dichten, bunten Hofgedränge Gelegenheit zu Spaß und Trug? Fauſt. Sag' mir das nicht, du haſt's in alten Tagen Längſt an den Sohlen abgetragen; Doch jetzt, dein Hin- und Wiedergehn Iſt nur um mir nicht Wort zu ſtehn. Ich aber bin gequält zu thun, Der Marſchalk und der Kämm'rer treibt mich nun. 245 Der Kaiſer will, es muß ſogleich geſchehn, Will Helena und Paris vor ſich ſehn; Das Muſterbild der Maͤnner, ſo der Frauen, In deutlichen Geſtalten will er ſchauen. Geſchwind ans Werk! ich darf mein Wort nicht brechen. Mephiſtopheles. Unſinnig war's, leichtſinnig zu verſprechen. Fauſt. Du haſt, Geſelle, nicht bedacht, Wohin uns deine Künſte führen; Erſt haben wir ihn reich gemacht, Nun ſollen wir ihn amuſiren. Mephiſtopheles. Du wähnſt es füge ſich ſogleich; Hier ſtehen wir vor ſteilern Stufen, Greifſt in ein fremdeſtes Bereich, Machſt frevelhaft am Ende neue Schulden, Denkſt Helenen ſo leicht hervorzurufen Wie das Papiergeſpenſt der Gulden.— Mit Hexen⸗Fexen, mit Geſpenſt⸗Geſpinnſten, Kielkröpfigen Zwergen ſteh' ich gleich zu Dienſten; Doch Teufels⸗Liebchen, wenn auch nicht zu ſchelten Sie können nicht für Heroinen gelten. Fauſt. Da haben wir den alten Leierton! Bei dir geräth man ſtets ins Ungewiſſe. Der Vater biſt du aller Hinderniſſe, Für jedes Mittel willſt du neuen Lohn. Mit wenig Murmeln, weiß ich, iſt's gethan, Wie man ſich umſchaut bringſt du ſie zur Stelle. . Mephiſtopheles. Das Heidenvolk geht mich nichts an, Es hauſ't in ſeiner eignen Hölle; Doch giebt's ein Mittel. 7 246 Fauſt. Sprich, und ohne Saͤumniß! Mephiſtopheles. Ungern entdeck' ich höheres Geheimniß.— Göttinnen thronen hehr in Einſamkeit, Um ſie kein Ort, noch weniger eine Zeit; Von ihnen ſprechen iſt Verlegenheit. Die Mütter ſind es! Fa u ſt(aufgeſchreckt). Mütter! Mephiſtopheles. Schaudert's dich? Fauſt. Die Muͤtter! Mütter!—'s klingt ſo wunderlich! Mephiſtopheles. Das iſt es auch. Göttinnen, ungekannt Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt. Nach ihrer Wohnung magſt ins Tiefſte ſchürfen; Du ſelbſt biſt Schuld daß ihrer wir bedürfen. Fauſt. Wohin der Weg? Mephiſtopheles. Kein Weg! Ins Unbetretene, Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene Nicht zu Erbittende. Biſt du bereit?— Nicht Schlöſſer ſind, nicht Riegel wegzuſchieben, Von Einſamkeiten wirſt umhergetrieben. Haſt du Begriff von Oed' und Einſamkeit? Fauſt. Du ſparteſt dächt' ich ſolche Sprüche, Hier wittert's nach der Hexenküche, Nach einer längſt vergangnen Zeit. Mußt' ich nicht mit der Welt verkehren? 247 Das Leere lernen, Leeres lehren?— Sprach ich vernunftig, wie ich's angeſchaut, Erklang der Widerſpruch gedoppelt laut; Mußt' ich ſogar vor widerwärtigen Streichen Zur Einſamkeit, zur Wilderniß entweichen; und, um nicht ganz verſaͤumt, allein zu leben, Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben. Mephiſtopheles. Und hätteſt du den Ocean durchſchwommen, Das Gränzenloſe dort geſchaut, So ſaͤhſt du dort doch Well' auf Welle kommen, Selbſt wenn es dir vor'm Untergange graut. Du ſaͤhſt doch etwas. Sähſt wohl in der Gruͤne Geſtillter Meere ſtreichende Delphine; Sähſt Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne; Nichts wirſt du ſehn in ewig leerer Ferne, Den Schritt nicht hören den du thuſt, Nichts Feſtes finden wo du ruhſt. Fauſt. Du ſprichſt als erſter aller Myſtagogen, Die treue Neophyten je betrogen; Nur umgekehrt. Du ſendeſt mich ins Leere, Damit ich dort ſo Kunſt als Kraft vermehre; Behandelſt mich, daß ich, wie jene Katze, Dir die Kaſtanien aus den Gluthen kratze. Nur immer zu! wir wollen es ergruͤnden, In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden. Mephiſtopheles. Ich rühme dich eh du dich von mir trennſt, Und ſehe wohl, daß du den Teufel kennſt; Hier dieſen Schluſſel nimm. Fauſt. Das kleine Ding! 248 Mephiſtopheles. Erſt faß' ihn an und ſchätz' ihn nicht gering. Fauſt. Er wächſ't in meiner Hand! er leuchtet, blitzt! Mephiſtopheles. Merkſt du nun bald was man an ihm beſitzt! Der Schlüſſel wird die rechte Stelle wittern, Folg' ihm hinab, er führt dich zu den Muͤttern. Fauſt(ſchaudernd). Den Muͤttern! Trifft's mich immer wie ein Schlag! Was iſt das Wort, das ich nicht hören mag? Mephiſtopheles. Biſt du beſchränkt, daß neues Wort dich ſtört? Willſt du nur hoͤren, was du ſchon gehort? Dich ſtoͤre nichts, wie es auch weiter klinge, Schon langſt gewohnt der wunderbarſten Dinge. Fauſt. Doch im Erſtarren ſuch' ich nicht mein Heil, Das Schaudern iſt der Menſchheit beſter Theil; Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure, Ergriffen, fuͤhlt er tief das Ungeheure. Mephiſtopheles. Verſinke denn! Ich könnt' auch ſagen: ſteige! 's iſt einerlei. Entfliehe dem Entſtandnen, In der Gebilde losgebundne Räume; Ergetze dich am laͤngſt nicht mehr Vorhandnen; Wie Wolkenzüge ſchlingt ſich das Getreibe, Den Schlüſſel ſchwinge, halte ſie vom Leibe. Fauſt(begeiſtert). Wohl! feſt ihn faſſend, fühl' ich neue Staͤrke, Die Bruſt erweitert, hin zum großen Werke. Mephiſtonhelrs. Ein glühnder Dreifuß thut dir endlich kund 249 Du ſeyſt im tiefſten, allertiefſten Grund. Bei ſeinem Schein wirſt du die Mütter ſehn; Die einen ſitzen, andre ſtehn und gehn, Wie's eben kommt. Geſtaltung, Umgeſtaltung, Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung, Umſchwebt von Bildern aller Creatur; Sie ſehn dich nicht, den Schemen ſehn ſie nur. Da faß ein Herz, denn die Gefahr iſt groß, Und gehe grad' auf jenen Dreifuß los, Berühr' ihn mit dem Schlüſſel! Fanſt (macht eine entſchieden gebietende Attitude mit dem Schlüſſel). Mephiſtopheles ihn betrachtend). So iſt's recht! Er ſchließt ſich an, er folgt als treuer Knecht; Gelaſſen ſteigſt du, dich erhebt das Gluͤck, Und eh ſie's merken biſt mit ihm zurück. Und haſt du ihn einmal hierher gebracht, So rufſt du Held und Heldin aus der Nacht, Der erſte der ſich jener That erdreiſtet; Sie iſt gethan und du haſt es geleiſtet, Dann muß fortan, nach magiſchem Behandeln, Der Weihrauchsnebel ſich in Götter wandeln. Fauſt. Und nun was jetzt? Mephiſtopheles. Dein Weſen ſtrebe nieder; Verſinke ſtampfend, ſtampfend ſteigſt du wieder. Fa u ſt(ſtampft und verſinkt). Mephiſtopheles. Wenn ihm der Schlüſſel nur zum beſten frommt! Neugierig bin ich ob er wieder kommt. 250 Hell erleuchtete Säle. Kaiſer und Fürſten, Hof in Bewegung. Kämmerer(zu Mephiſtopheles). Ihr ſeyd uns noch die Geiſterſcene ſchuldig; Macht euch daran! der Herr iſt ungeduldig. Marſchalk. So eben fragt der Gnädigſte darnach; Ihr! zaudert nicht der Majeſtät zur Schmach. Mephiſtopheles. Iſt mein Cumpan doch deßhalb weggegangen, Er weiß ſchon wie es anzufangen, Und laborirt verſchloſſen ſtill; Muß ganz beſonders ſich befleißen, Denn wer den Schatz, das Schoͤne, heben will, Bedarf der höchſten Kunſt, Magie der Weiſen. Marſchalk. Was ihr fuͤr Künſte braucht iſt einerlei, Der Kaiſer will daß alles fertig ſey. Blondine(zu Mephiſtopheles). Ein Wort, mein Herr! Ihr ſeht ein klar Geſicht, Jedoch ſo iſt's im leidigen Sommer nicht! Da ſproſſen hundert braunlich rothe Flecken, Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken. Ein Mittel! Mephiſtopheles. Schade! ſo ein leuchtend Schätzchen, Im Mai getupft wie eure Pantherkätzchen. Nehmt Froſchlaich, Krötenzungen, cohobirt, Im vollſten Mondlicht ſorglich deſtillirt, Und, wenn er abnimmt, reinlich aufgeſtrichen, Der Frühling kommt, die Tupfen ſind entwichen. BVraune. Die Menge drängt heran euch zu umſchranzen. Ich bitt' um Mittel! Ein erfrorner Fuß 251 Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen, Selbſt ungeſchickt beweg' ich mich zum Gruß. Mephiſtopheles. Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß. Braune. Nun das geſchieht wohl unter Liebesleuten. Mephiſtopheles. Mein Fußtritt, Kind! hat Groͤßres zu bedeuten. Zu Gleichem Gleiches, was auch einer litt; Fuß heilet Fuß, ſo iſt's mit allen Gliedern. Heran! Gebt Acht! Ihr ſollt es nicht erwiedern. D raune(ſchreiend). Weh! Weh! das brennt! das war ein harter Tritt, Wie Pferdehuf. Mephiſtopheles. Die Heilung nehmt ihr mit. Du kannſt nunmehr den Tanz nach Luſt verüben, Bei Tafel ſchwelgend füßle mit dem Lieben. Dame(berandringend). Laß mich hindurch! zu groß ſind meine Schmerzen, Sie wühlen ſiedend mir im tiefſten Herzen; Bis geſtern ſucht Er Heil in meinen Blicken, Er ſchwatzt mit ihr und wendet mir den Rücken. Mephiſtopheles. Bedenklich iſt es, aber hoͤre mich. An ihn heran mußt du dich leiſe drücken; Nimm dieſe Kohle, ſtreich ihm einen Strich Auf Aermel, Mantel, Schulter, wie ſich's macht; Er fuͤhlt im Herzen holden Reueſtich. Die Kohle doch mußt du ſogleich verſchlingen, Nicht Wein, nicht Waſſer an die Lippen bringen; Er ſeufzt vor deiner Thür noch heute Nacht. Dame. Iſt doch kein Gift? 252 Mephiſtopheles centrüſtet). Reſpect wo ſich's gebührt! Weit muͤßtet ihr nach ſolcher Kohle laufen; Sie kommt von einem Scheiterhaufen Den wir ſonſt emſiger angeſchürt. Page. Ich bin verliebt, man hält mich nicht fuͤr voll. Mephiſtopheles(bei Seite). Ich weiß nicht mehr, wohin ich höͤren ſoll. (Zum Pagen.) Muͤßt euer Glück nicht auf die juͤngſte ſetzen; Die Angejahrten wiſſen euch zu ſchaͤtzen.— (Andere drängen ſich herzu.) Schon wieder Neue! welch ein harter Strauß! Ich helfe mir zuletzt mit Wahrheit aus; Der ſchlechteſte Behelf! die Noth iſt groß.— O Mütter, Mütter! laßt nur Fauſten los! (Umherſchauend.) Die Lichter brennen trübe ſchon im Saal, Der ganze Hof bewegt ſich auf einmal. Anſtaͤndig ſeh' ich ſie in Folge ziehn, Durch lange Gaͤnge, ferne Galerien. Nun! ſie verſammeln ſich im weiten Raum Des alten Ritterſaals, er faßt ſie kaum. Auf breite Waͤnde Teppiche ſpendirt, Mit Ruſtung, Eck' und Niſchen ausgeziert. Hier braucht es, daͤcht' ich, keine Zauberworte; Die Geiſter finden ſich von ſelbſt zum Orte. Nitterſaal. Dämmernde Beleuchtung. Kaiſer und Hof ſind eingezogen. Herold. Mein alt Geſchäft, das Schauſpiel anzukünden, Verkümmert mir der Geiſter heimlich Walten; 253 Vergebens wagt man aus verſtändigen Gruͤnden Sich zu erklären das verworrne Schalten. Die Seſſel ſind, die Stühle ſchon zur Hand; Den Kaiſer ſetzt man grade vor die Wand; Auf den Tapeten mag er da die Schlachten Der großen Zeit bequemlich ſich betrachten. Hier ſitzt nun alles, Herr und Hof im Runde, Die Baͤnke drängen ſich im Hintergrunde; Auch Liebchen hat, in duͤſtern Geiſterſtunden, Zur Seite Liebchens lieblich Raum gefunden. Und ſo, da alle ſchicklich Platz genommen, Sind wir bereit, die Geiſter mögen kommen! (Poſaunen.) Aſtrolog. Beginne gleich das Drama ſeinen Lauf, Der Herr befiehlt's, ihr Waͤnde thut euch auf! Nichts hindert mehr, hier iſt Magie zur Hand, Die Teppiche ſchwinden, wie gerollt vom Brand; Die Mauer ſpaltet ſich, ſie kehrt ſich um, Ein tief Theater ſcheint ſich aufzuſtellen, Geheimnißvoll ein Schein uns zu erhellen, Und ich beſteige das Proſcenium. Mephiſtopheles (aus dem Souffleurloche auftauchend). Von hier aus hoff' ich allgemeine Gunſt, Einblaͤſereien ſind des Teufels Redekunſt. (Zum Aſtrologen.) Du kennſt den Tact in dem die Sterne gehn, Und wirſt mein Flüſtern meiſterlich verſtehn. Aſtrolog. Durch Wunderkraft erſcheint allhier zur Schau, Maſſiv genug, ein alter Tempelbau. Dem Atlas gleich, der einſt den Himmel trug, Stehn, reihenweiſ', der Saͤulen hier genug; 254 Sie moͤgen wohl der Felſenlaſt genügen, Da zweie ſchon ein groß Gebaͤude trügen. Architekt. Das wär' antik! ich wüͤßt' es nicht zu preiſen, Es ſollte plump und überläſtig heißen. Roh nennt man edel, unbehülflich groß. Schmal⸗Pfeiler lieb' ich, ſtrebend, gränzenlos; Spitzbogiger⸗Zenith erhebt den Geiſt; Solch ein Gebäu erbaut uns allermeiſt. Aſtrolog. Empfangt mit Ehrfurcht ſterngegoͤnnte Stunden; Durch magiſch Wort ſey die Vernunft gebunden; Dagegen weit heran bewege frei Sich herrliche verwegne Phantaſei. Mit Augen ſchaut nun was ihr kühn begehrt, Unmoglich iſt's, drum eben glaubenswerth. Fanſt ſteigt auf der andern Seite des Proſceniums herauf. Aſtrolsg. Im Prieſterkleid, bekränzt, ein Wundermann, Der nun vollbringt was er getroſt begann. Ein Dreifuß ſteigt mit ihm aus hohler Gruft, Schon ahn' ich aus der Schale Weihrauchduft. Er rüſtet ſich das hohe Werk zu ſegnen, Es kann fortan nur Glüͤckliches begegnen. Fauſt(großartig). In eurem Namen, Muͤtter, die ihr thront Im Gränzenloſen, ewig einſam wohnt, Und doch geſellig. Euer Haupt umſchweben Des Lebens Bilder, regſam, ohne Leben. Was einmal war, in allem Glanz und Schein, Es regt ſich dort; denn es will ewig ſeyn. Und ihr vertheilt es, allgewaltige Mächte, Zum Zelt des Tages, zum Gewolb der Nachte, 255 Die einen faßt des Lebens holder Lauf, Die andern ſucht der kühne Magier auf; In reicher Spende laßt er voll Vertrauen Was jeder wuͤnſcht, das Wunderwürdige ſchauen. Aſtrolog. Der glühende Schlüſſel rührt die Schale kaum, Ein dunſtiger Nebel deckt ſogleich den Raum, Er ſchleicht ſich ein, er wogt nach Wolkenart, Gedehnt, geballt, verſchränkt, getheilt, gepaart. Und nun erkennt ein Geiſter⸗Meiſterſtück! So wie ſie wandeln machen ſie Muſik. Aus luftigen Toͤnen quillt ein Weißnichtwie, Indem ſie ziehn wird alles Melodie. Der Saulenſchaft, auch die Triglyphe klingt, Ich glaube gar der ganze Tempel ſingt. Das Dunſtige ſenkt ſich; aus dem leichten Flor Ein ſchöner Jüngling tritt im Tact hervor. Hier ſchweigt mein Amt, ich brauch' ihn nicht zu nennen, Wer ſollte nicht den holden Paris kennen! Dame. O! welch ein Glanz aufblühnder Jugendkraft! Iweite. Wie eine Pfirſche friſch und voller Saft! Dritte. Die fein gezognen, ſüß geſchwollnen Lippen! Vierte. Du moͤchteſt wohl an ſolchem Becher nippen? Fünfte. Er iſt gar huͤbſch, wenn auch nicht eben fein. . Sechſte. Ein bischen könnt' er doch gewandter ſeyn. Nitter. Den Schaferknecht glaub' ich allhier zu ſpüren; Vom Prinzen nichts und nichts von Hofmanieren. 256 Andrer. Eh nun! halb nackt iſt wohl der Junge ſchön! Doch müßten wir ihn erſt im Harniſch ſehn! Dame. Er ſetzt ſich nieder, weichlich, angenehm. Ritter. Auf ſeinem Schoße war' euch wohl bequem? Andre. Er lehnt den Arm ſo zierlich übers Haupt. Kämmerer. Die Flegelei! das find' ich unerlaubt! Dame. Ihr Herren wißt an allem was zu maͤkeln. Derſelbe. In Kaiſers Gegenwart ſich hinzuraͤkeln! Dame. Er ſtellt's nur vor! Er glaubt ſich ganz allein. Derſelbe. Das Schauſpiel ſelbſt, hier ſollt' es höflich ſeyn. Dame. Sanft hat der Schlaf den Holden übernommen. Derſelbe. Er ſchnarcht nun gleich, natürlich iſt's vollkommen. Junge Dame(entzückt). Zum Weihrauchsdampf was duftet ſo gemiſcht, Das mir das Herz zum innigſten erfriſcht? Aeltere. Furwahr! es dringt ein Hauch rief ins Gemuthe, Er kommt von ihm! Aelteſte. Es iſt des Wachsthums Blüthe, Im Jüngling als Ambroſia bereitet, Und atmoſphariſch rings umher verbreitet. 257 Helena bervortretend. Mephiſtopheles. Das wäͤr' ſie denn! Vor dieſer hätt' ich Ruh'; Huͤbſch iſt ſie wohl, doch ſagt ſie mir nicht zu. Aſtrolog. Für mich iſt dießmal weiter nichts zu thun. Als Ehrenmann geſteh', bekenn' ich's nun. Die Schöne kommt, und haäͤtt' ich Feuerzungen!— Von Schoͤnheit ward von jeher viel geſungen— Wem ſie erſcheint wird aus ſich ſelbſt entruͤckt, Wem ſie gehoͤrte ward zu hoch beglückt. Fauſt. Hab' ich noch Augen? Zeigt ſich tief im Sinn Der Schönheit Quelle vollen Stroms ergoſſen? Mein Schreckensgang bringt ſeligſten Gewinn. Wie war die Welt mir nichtig, unerſchloſſen! Was iſt ſie nun ſeit meiner Prieſterſchaft? Erſt wünſchenswerth, gegrundet, dauerhaft! Verſchwinde mir des Lebens Athemkraft, Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!— Die Wohlgeſtalt die mich voreinſt entzückte, In Zauberſpiegelung beglückte, War nur ein Schaumbild ſolcher Schöne!— Du biſt's der ich die Regung aller Kraft, Den Inbegriff der Leidenſchaft, Dir Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnſinn zolle. Meph iſto pheles caus dem Kaſten). So faßt euch doch und fallt nicht aus der Rolle! Aeltere Dame. Groß, wohlgeſtaltet, nur der Kopf zu klein. Jüngere. Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper ſeyn? Goethe, Fauſt. 17 258 Diplomat. Fuͤrſtinnen hab' ich dieſer Art geſehn, Mich daucht ſie iſt vom Kopf zum Fuße ſchoͤn. Hofmann. Sie nähert ſich dem Schlaͤfer liſtig mild. Dame. Wie häßlich neben jugendreinem Bild! Poet. Von ihrer Schöoͤnheit iſt er angeſtrahlt. Dame. Endymion und Luna! wie gemalt! Derſelbe. Ganz recht! die Göttin ſcheint herabzuſinken, Sie neigt ſich über, ſeinen Hauch zu trinken; Beneidenswerth!— Ein Kuß!— Das Maaß iſt voll. Duenna. Vor allen Leuten! das iſt doch zu toll! Fauſt. Furchtbare Gunſt dem Knaben!— Mephiſtopheles. Ruhig! ſtill! Laß das Geſpenſt doch machen was es will. Hofmann. Sie ſchleicht ſich weg, leichtfüßig; er erwacht. Dame. Sie ſieht ſich um! das hab' ich wohl gedacht. Hofmann. Er ſtaunt! ein Wunder iſt's was ihm geſchieht. Dame. Ihr iſt kein Wunder was ſie vor ſich ſieht. Hofmann. Mit Anſtand kehrt ſie ſich zu ihm herum. 259 Dame. Ich merke ſchon ſie nimmt ihn in die Lehre; In ſolchem Fall ſind alle Manner dumm, Er glaubt wohl auch daß er der erſte waͤre. Uitter. Laßt mir ſie gelten! Majeſtätiſch fein!— Dame. Die Buhlerin! Das nenn' ich doch gemein! Page. Ich moͤchte wohl an ſeiner Stelle ſeyn! Hofmann. Wer würde nicht in ſolchem Netz gefangen? Dame. Das Kleinod iſt durch manche Hand gegangen, Auch die Verguldung ziemlich abgebraucht. Andre. Vom zehnten Jahr an hat ſie nichts getaugt. Ritter. Gelegentlich nimmt jeder ſich das Beſte; Ich hielte mich an dieſe ſchönen Reſte. Gelahrter. Ich ſeh' ſie deutlich, doch geſteh' ich frei, Zu zweifeln iſt ob ſie die rechte ſey. Die Gegenwart verführt, ins Uebertriebne, Ich halte mich vor allem ans Geſchriebne. Da leſ' ich denn: ſie habe wirklich allen Graubarten Troja's ſonderlich gefallen; Und wie mich dünkt, vollkommen paßt das hier, Ich bin nicht jung und doch gefällt ſie mir. Aſtrolog. Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann Umfaßt er ſie, die kaum ſich wehren kann. 260 Geſtärkten Arms hebt er ſie hoch empor, Entführt er ſie wohl gar? Fauſt. Verwegner Thor! Du wagſt! Du hoͤrſt nicht! halt! das iſt zu viel. Mephiſtopheles. Machſt du's doch ſelbſt das Faatzengeiſterſpiel! Aſtrolog. Nur noch ein Wort! Nach allem was geſchah Nenn' ich das Stück: den Raub der Helena. Fauſt. Was Raub! Bin ich für nichts an dieſer Stelle! Iſt dieſer Schluͤſſel nicht in meiner Hand! Er führte mich, durch Graus und Wog' und Welle Der Einſamkeiten, her zum feſten Stand. Hier faß' ich Fuß! Hier ſind es Wirklichkeiten, Von hier aus darf der Geiſt mit Geiſtern ſtreiten, Das Doppelreich, das große, ſich bereiten. So fern ſie war, wie kann ſie naͤher ſeyn! Ich rette ſie und ſie iſt doppelt mein. Gewagt! Ihr Mütter! Mütter müßt's gewähren! Wer ſie erkennt der darf ſie nicht entbehren. Aſtrolog. Was thuſt du Fauſte! Fauſte!— Mit Gewalt Faßt er ſie an, ſchon trübt ſich die Geſtalt. Den Schlüſſel kehrt er nach dem Jüͤngling zu, Berührt ihn!— Weh uns, Wehe! Nu! im Nu! (Exploſion, Fauſt liegt am Boden. Die Geiſter gehen in Dunſt auf.) Mephiſtopheles (der Fauſten auf die Schulter nimmt). Da habt ihr's nun! mit Narren ſich beladen Das kommt zuletzt dem Teufel ſelbſt zu Schaden. (Finſterniß, Tumult.) 261 Zweiter Aet. Hochgewölbtes, enges gothiſches Zimmer, ehemals Fauſtens, unverändert. Mephiſtopheles chinter einem Vorhang hervortretend. Indem er ihn aufhebt und zurück⸗ ſieht, erblickt man Fauſten hingeſtreckt auf einem altväteriſchen Bette). Hier lieg', Unſeliger! verführt Zu ſchwergelöſ'tem Liebesbande! Wen Helena paralyſirt Der kommt ſo leicht nicht zu Verſtande. (Sich umſchauend.) Blick' ich hinauf, hierher, hinüber, Allunveraͤndert iſt es, unverſehrt: Die bunten Scheiben ſind, ſo duͤnkt mich, trüber, Die Spinneweben haben ſich vermehrt; Die Dinte ſtarrt, vergilbt iſt das Papier; Doch alles iſt am Platz geblieben; Sogar die Feder liegt noch hier, Mit welcher Fauſt dem Teufel ſich verſchrieben. Ja! tiefer in dem Rohre ſtockt Ein Tröpflein Blut, wie ich's ihm abgelockt. Zu einem ſolchen einzigen Stück Wuͤnſcht' ich dem größten Sammler Glück. Auch haͤngt der alte Pelz am alten Haken, Erinnert mich an jene Schnaken Wie ich den Knaben einſt belehrt, Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt. Es kommt mir wahrlich das Gelüſten, Rauhwarme Hülle, dir vereint, (17) 262 Mich als Docent noch einmal zu erbrüſten, Wie man ſo völlig Recht zu haben meint. Gelehrte wiſſen's zu erlangen, Dem Teufel iſt es längſt vergangen. (Er ſchüttelt den herabgenommenen Pelz, Cicaden, Käfer und Farſarellen fahren heraus.) Chor der Inſecten. Willkommen! willkommen Du alter Patron, Wir ſchweben und ſummen Und kennen dich ſchon. Nur einzeln im Stillen Du haſt uns gepflanzt, Zu Tauſenden kommen wir, Vater, getanzt, Der Schalk in dem Buſen Verbirgt ſich ſo ſehr, Vom Pelze die Läuschen Enthüllen ſich eh'r. Mephiſtopheles. Wie überraſchend mich die junge Schöpfung freut! Man ſae nur, man erntet mit der Zeit. Ich ſchuͤttle noch einmal den alten Flaus, Noch eines flattert hier und dort hinaus.— Hinauf! umher! in hunderttauſend Ecken Eilt euch ihr Liebchen zu verſtecken. Dort wo die alten Schachteln ſtehn, Hier im bebräunten Pergamen, In ſtaubigen Scherben alter Töpfe, Dem Hohlaug' jener Todtenköpfe. In ſolchem Wuſt und Moderleben Muß es für ewig Grillen geben. (Schlüpft in den Pelz.) Komm, decke mir die Schultern noch einmal! Heut bin ich wieder Prinzipal. 263 Doch hilft es nichts mich ſo zu nennen, Wo ſind die Leute, die mich anerkennen! (Er zieht die Glocke, die einen gellenden, durchdringenden Ton erſchallen läßt, wovon die Hallen erbeben und die Thüren aufſpringen.) Famulus (den langen, finſtern Gang herwankend). Welch ein Tönen! welch ein Schauer! Treppe ſchwankt, es bebt die Mauer; Durch der Fenſter buntes Zittern Seh' ich wetterleuchtend Wittern; Springt das Eſtrich, und von Oben Rieſelt Kalk und Schutt verſchoben; Und die Thüre feſt verriegelt, Iſt durch Wunderkraft entſiegelt.— Dort! Wie fürchterlich! Ein Rieſe Steht in Fauſtens altem Vließe! Seinen Blicken, ſeinem Winken Möͤcht' ich in die Kniee ſinken. Soll ich fliehen? Soll ich ſtehn? Ach wie wird es mir ergehn! Mephiſtopheles(winkend). Heran, mein Freund!— Ihr heißet Nicodemus. Famulus. Hochwürdiger Herr! ſo iſt mein Nam'— Oremus. Mephiſtopheles. Das laſſen wir! Famulus. Wie froh! daß ihr mich kennt. Mephiſtopheles. Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student, Bemooſ'ter Herr! Auch ein gelehrter Mann Studirt ſo fort, weil er nicht anders kann. So baut man ſich ein mäßig Kartenhaus, Der größte Geiſt baut's doch nicht völlig aus. 264 Doch euer Meiſter, das iſt ein Beſchlagner: Wer kennt ihn nicht den edlen Doctor Wagner, Den erſten jetzt in der gelehrten Welt! Er iſt's allein der ſie zuſammenhält, Der Weisheit täglicher Vermehrer. Allwißbegierige Horcher, Horer Verſammeln ſich um ihn zu Hauf. Er leuchtet einzig vom Katheder; Die Schluͤſſel übt er wie Sanct Peter, Das Untre ſo das Obre ſchließt er auf. Wie er vor Allen glüht und funkelt, Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter Stand; Selbſt Fauſtus Name wird verdunkelt, Er iſt es, der allein erfand. Famulus. Verzeiht! Hochwurdiger Herr! wenn ich euch ſage, Wenn ich zu widerſprechen wage: Von allem dem iſt nicht die Frage; Beſcheidenheit iſt ſein beſchieden Theil. Ins unbegreifliche Verſchwinden Des hohen Manns weiß er ſich nicht zu finden; Von deſſen Wiederkunft erfleht er Troſt und Heil. Das Zimmer, wie zu Doctor Fauſtus' Tagen, Noch unberuͤhrt ſeitdem er fern, Erwartet ſeinen alten Herrn. Kaum wag' ich's mich hereinzuwagen. Was muß die Sternenſtunde ſeyn?— Gemäuer ſcheint mir zu erbangen; Thuͤrpfoſten bebten, Riegel ſprangen, Sonſt kamt ihr ſelber nicht herein. Mephiſtopheles. Wo hat der Mann ſich hingethan? Führt mich zu ihm, bringt ihn heran. Famulus. Ach! ſein Verbot iſt gar zu ſcharf, 265 Ich weiß nicht ob ich's wagen darf. Monate lang, des großen Werkes willen, Lebt' er im allerſtillſten Stillen. Der zarteſte gelehrter Manner Er ſieht aus wie ein Kohlenbrenner, Geſchwaͤrzt vom Ohre bis zur Naſen, Die Augen roth vom Feuerblaſen; So lechzt er jedem Augenblick, Geklirr der Zange giebt Muſik. Mephiſtopheles. Sollt' er den Zutritt mir verneinen? Ich bin der Mann das Glück ihm zu beſchleunen. (Der Famulus geht ab, Mephiſtopheles ſetzt ſich gravitätiſch nieder., Kaum hab' ich Poſto hier gefaßt Regt ſich dort hinten, mir bekannt, ein Gaſt. Doch dießmal iſt er von den Neuſten; Er wird ſich gränzenlos erdreuſten. Vacralaureus (den Gang herſtürmend). Thor und Thuͤre find' ich offen! Nun, da laͤßt ſich endlich hoffen, Daß nicht, wie bisher, im Moder, Der Lebendige wie ein Todter Sich verkümm're, ſich verderbe, Und am Leben ſelber ſterbe. Dieſe Mauern, dieſe Waͤnde Neigen, ſenken ſich zum Ende; Und wenn wir nicht bald entweichen Wird uns Fall und Sturz erreichen. Bin verwegen, wie nicht einer, Aber weiter bringt mich keiner. Doch was ſoll ich heut erfahren! War's nicht hier, vor ſo viel Jahren, 266 Wo ich, angſtlich und beklommen, War als guter Fuchs gekommen? Wo ich dieſen Bärtigen traute, Mich an ihrem Schnack erbaute. Aus den alten Bücherkruſten Logen ſie mir was ſie wußten; Was ſie wußten ſelbſt nicht glaubten, Sich und mir das Leben raubten. Wie?— Dort hinten in der Zelle Sitzt noch Einer dunkel⸗helle! Nahend ſeh' ich's mit Erſtaunen, Sitzt er noch im Pelz, dem braunen, Wahrlich wie ich ihn verließ, Noch gehüllt im rauhen Vließ! Damals ſchien er zwar gewandt, Als ich ihn noch nicht verſtand; Heute wird es nichts verfangen, Friſch an ihn herangegangen! Wenn, alter Herr, nicht Lethe's trübe Fluthen Das ſchiefgeſenkte, kahle Haupt durchſchwommen, Seht anerkennend hier den Schüler kommen, Entwachſen academiſchen Ruthen. Ich find' euch noch wie ich euch ſah; Ein Andrer bin ich wieder da. Mephiſtopheles. Mich freut daß ich euch hergeläutet. Ich ſchätzt' euch damals nicht gering; Die Raupe ſchon, die Chryſalide deutet Den künftigen bunten Schmetterling. Am Lockenkopf und Spitzenkragen Empfandet ihr ein kindliches Behagen.— Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?— Heut ſchau' ich euch im Schwedenkopf. 267 Ganz reſolut und wacker ſeht ihr aus, Kommt nur nicht abſolut nach Haus. Baccalaureus. Mein alter Herr! Wir ſind am alten Orte; Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf Und ſparet doppelſinnige Worte; Wir paſſen nun ganz anders auf. Ihr hänſeltet den guten treuen Jungen; Das iſt euch ohne Kunſt gelungen, Was heut zu Tage niemand wagt. Mephiſtopheles. Wenn man der Jugend reine Wahrheit ſagt, Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt, Sie aber hinterdrein nach Jahren Das alles derb an eigner Haut erfahren, Dann dünkeln ſie, es käm' aus eignem Schopf; Da heißt es denn: der Meiſter war ein Tropf. BVaccalaureus. Ein Schelm vielleicht!— denn welcher Lehrer ſpricht Die Wahrheit uns direct ins Angeſicht? Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern, Bald ernſt, bald heiter klug, zu frommen Kindern. Mephiſtopheles. Zum Lernen giebt es freilich eine Zeit; Zum Lehren ſeyd ihr, merk' ich, ſelbſt bereit. Seit manchen Monden, einigen Sonnen, Erfahrungsfuͤlle habt ihr wohl gewonnen. acralaureus. Erfahrungsweſen! Schaum und Duſt! Und mit dem Geiſt nicht ebenbürtig. Geſteht! was man von je gewußt Es iſt durchaus nicht wiſſenswürdig. Mephiſtopheles(nach einer Pauſe). Mich daäucht es längſt. Ich war ein Thor, Nun komm' ich mir recht ſchaal und albern vor. 268 Baccalaureus. Das freut mich ſehr! da höͤr' ich doch Verſtand; Der erſte Greis, den ich vernünftig fand! Mephiſtopheles. Ich ſuchte nach verborgen⸗goldnem Schatze, Und ſchauerliche Kohlen trug ich fort. Vaccalaureus. Geſteht nur, euer Schadel, eure Glatze Iſt nicht mehr werth als jene hohlen dort? Mephiſtopheles gemüthlich). Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du biſt? BVacralaureus. Im Deutſchen lügt man, wenn man höllich iſt. Mephiſtopheles (der mit ſeinem Rollſtuhle immer näher ins Proſcenium rückt, zum Parterre). Hier oben wird mir Licht und Luft benommen, Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen? Vaccealaureus. Anmaßlich find' ich, daß zur ſchlechtſten Friſt Man etwas ſeyn will, wo man nichts mehr iſt. Des Menſchen Leben lebt im Blut, und wo. Bewegt das Blut ſich wie im Jüngling ſo? Das iſt lebendig Blut in friſcher Kraft, Das neues Leben ſich aus Leben ſchafft. Da regt ſich alles, da wird was gethan, Das Schwache fällt, das Tuͤchtige tritt heran. Indeſſen wir die halbe Welt gewonnen Was habt ihr denn gethan? genickt, geſonnen, Getraumt, erwogen, Plan und immer Plan. Gewiß! das Alter iſt ein kaltes Fieber Im Froſt von grillenhafter Noth; Hat einer dreißig Jahr' vorüber, So iſt er ſchon ſo gut wie todt. Am beſten war's, euch zeitig todtzuſchlagen. 269 Mephiſtopheles. Der Teufel hat hier weiter nichts zu ſagen. Vacralaureus. Wenn ich nicht will, ſo darf kein Teufel ſeyn. Mephiſtopheles gabſeits). Der Teufel ſtellt dir nächſtens doch ein Bein. BVaccalaureus. Dieß iſt der Jugend edelſter Beruf! Die Welt ſie war nicht eh ich ſie erſchuf; Die Sonne führt' ich aus dem Meer herauf; Mit mir begann der Mond des Wechſels Lauf; Da ſchmückte ſich der Tag auf meinen Wegen, Die Erde grünte, blühte mir entgegen. Auf meinen Wink, in jener erſten Nacht, Entfaltete ſich aller Sterne Pracht. Wer, außer mir, entband euch aller Schranken Philiſterhaft einklemmender Gedanken? Ich aber frei, wie mir's im Geiſte ſpricht, Verfolge froh mein innerliches Licht, Und wandle raſch, im eigenſten Entzücken, Das Helle vor mir, Finſterniß im Rücken.(Ab.) Mephiſtopheles. Original fahr' hin in deiner Pracht!— Wie würde dich die Einſicht kränken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken Das nicht die Vorwelt ſchon gedacht?— Doch ſind wir auch mit dieſem nicht gefährdet, In wenig Jahren wird es anders ſeyn: Wenn ſich der Moſt auch ganz abſurd gebärdet, Es giebt zuletzt doch noch'n Wein. (Zu dem jüngern Parterre das nicht applaudirt.) Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, Euch guten Kindern laß ich's gehen; Bedenkt: der Teufel der iſt alt, So werdet alt, ihn zu verſtehen! 270 Laboratorium im Sinne des Mittelalters, weitläufige, unbehülfliche Apparate, zu phantaſtiſchen Zwecken. Wagner(am Herde). Die Glocke toͤnt, die fuͤrchterliche Durchſchauert die berußten Mauern, Nicht langer kann das Ungewiſſe Der ernſteſten Erwartung dauern. Schon hellen ſich die Finſterniſſe; Schon in der innerſten Phiole Erglüht es wie lebendige Kohle, Ja wie der herrlichſte Karfunkel Verſtrahlend Blitze durch das Dunkel. Ein helles weißes Licht erſcheint! O daß ich's dießmal nicht verliere!— Ach Gott! was raſſelt an der Thüre? Mephiſtopheles leintretend). Willkommen! es iſt gut gemeint. Wagner(ängſtlich). Willkommen! zu dem Stern der Stunde. (Leiſe.) Doch haltet Wort und Athem feſt im Munde, Ein herrlich Werk iſt gleich zu Stand gebracht. Mephiſtopheles(ceiſer). Was giebt es denn? Wagner(leiſer). Es wird ein Menſch gemacht. Mephiſtopheles. Ein Menſch? Und welch verliebtes Paar Habt ihr ins Rauchloch eingeſchloſſen? Wagner. Behüte Gott! wie ſonſt das Zeugen Mode war Erklären wir fuͤr eitel Poſſen. Der zarte Punkt aus dem das Leben ſprang, 271 Die holde Kraft die aus dem Innern drang Und nahm und gab, beſtimmt ſich ſelbſt zu zeichnen, Erſt Nachſtes, dann ſich Fremdes anzueignen, Die iſt von ihrer Wuͤrde nun entſetzt; Wenn ſich das Thier noch weiter dran ergetzt, So muß der Menſch mit ſeinen großen Gaben Doch kuͤnftig reinern, höhern Urſprung haben. (Zum Herd gewendet.) Es leuchtet! ſeht!— Nun läͤßt ſich wirklich hoffen Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen Durch Miſchung— denn auf Miſchung kommt es an— Den Menſchenſtoff gemaͤchlich componiren, In einen Kolben verlutiren Und ihn gehörig cohobiren, So iſt das Werk im Stillen abgethan. (Wieder zum Herd gewendet.) Es wird! die Maſſee regt ſich klarer! Die Ueberzeugung wahrer, wahrer! Was man an der Natur Geheimnißvolles pries, Das wagen wir verſtändig zu probiren, Und was ſie ſonſt organiſiren ließ, Daß laſſen wir kryſtalliſiren. Mephiſtopheles. Wer lange lebt hat viel erfahren, Nichts Neues kann für ihn auf dieſer Welt geſchehn; Ich habe ſchon in meinen Wanderjahren, Kryſtalliſirtes Menſchenvolk geſehn. Wagner (bisher immer aufmerkſam auf die Phiole). Es ſteigt, es blitzt, es haͤuft ſich an, Im Augenblick iſt es gethan! Ein großer Vorſatz ſcheint im Anfang toll; Doch wollen wir des Zufalls kunftig lachen, Und ſo ein Hirn, das trefflich denken ſoll, Wird künftig auch ein Denker machen. (Entzückt die Phiole betrachtend.) 272 Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt, Es trübt, es klärt ſich; alſo muß es werden! Ich ſeh' in zierlicher Geſtalt Ein artig Mannlein ſich geberden. Was wollen wir, was will die Welt nun mehr? Denn das Geheimniß liegt am Tage: Gebt dieſem Laute nur Gehör, Er wird zur Stimme, wird zur Sprache. Homunculus ein der Phiole zu Wagner). Nun Vaͤterchen! wie ſteht's? es war kein Scherz! Komm, drücke mich recht zaͤrtlich an dein Herz! Doch nicht zu feſt, damit das Glas nicht ſpringe. Das iſt die Eigenſchaft der Dinge: Natürlichem genügt das Weltall kaum, Was künſtlich iſt, verlangt geſchloſſ'nen Raum. (Zu Mephiſtopheles.) Du aber, Schalk, Herr Vetter, biſt du hier? Im rechten Augenblick, ich danke dir. Ein gut Geſchick führt dich zu uns herein; Dieweil ich bin, muß ich auch thaͤtig ſeyn. Ich möchte mich ſogleich zur Arbeit ſchürzen, Du biſt gewandt die Wege mir zu kürzen. Wagner. Nur noch ein Wort! bisher mußt' ich mich ſchamen, Denn Alt und Jung beſtürmt mich mit Problemen. Zum Beiſpiel nur: noch niemand konnt' es faſſen Wie Seel' und Leib ſo ſchön zuſammenpaſſen, So feſt ſich halten als um nie zu ſcheiden, Und doch den Tag ſich immerfort verleiden. Sodann— Mephiſtopheles. Halt ein! ich wollte lieber fragen: Warum ſich Mann und Frau ſo ſchlecht vertragen? 273 Du kommſt, mein Freund, hierüber nie ins Reine. Hier giebt's zu thun, das eben will der Kleine. Homunculus. Was giebt's zu thun? 4 Mephiſtopheles (auf eine Seitenthüre deutend). Hier zeige deine Gabe! Wagner (immer in die Phiole ſchauend). Fürwahr, du biſt ein allerliebſter Knabe! (Die Seitenthür öffnet ſich, man ſieht Fauſt auf dem Lager hingeſtreckt.) Homunculus cerrſtaunt). Bedeutend!— (Die Phiole entſchlüpft aus Wagners Gänden, ſchwebt über Fauſt und beleuchtet ihn.) Schoͤn umgeben!— Klar Gewaͤſſer Im dichten Haine, Fraun die ſich entkleiden; Die allerliebſten!— das wird immer beſſer. Doch eine läßt ſich glänzend unterſcheiden, Aus höchſtem Helden-, wohl aus Goͤtterſtamme. Sie ſetzt den Fuß in das durchſichtige Helle; Des edlen Koͤrpers holde Lebensflamme Kühlt ſich im ſchmiegſamen Kryſtall der Welle.— Doch welch Getoͤſe raſch bewegter Flügel, Welch Sauſen, Plätſchern wuͤhlt im glatten Spiegel? Die Maͤdchen fliehn verſchüchtert; doch allein Die Königin ſie blickt gelaſſen drein, Und ſieht, mit ſtolzem, weiblichem Vergnügen, Der Schwäne Fürſten ihrem Knie ſich ſchmiegen, Zudringlich zahm. Er ſcheint ſich zu gewöhnen.— Auf einmal aber ſteigt ein Dunſt empor, Und deckt mit dichtgewebtem Flor Die lieblichſte von allen Scenen. Mephiſtopheles. Was du nicht alles zu erzaͤhlen haſt! Goethe, Fauſt. 12 18 274 So klein du biſt, ſo groß biſt du Phantaſt. Ich ſehe nichts— Homunculus. 1 Das glaub' ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wuſt von Ritterthum und Pfäfferei, Wo waͤre da dein Auge frei! Im Düſtern biſt du nur zu Hauſe. (Umherſchauend.) Verbraͤunt Geſtein, bemodert, widrig, Spitzbögig, ſchnörkelhafteſt, niedrig!— Erwacht uns dieſer, giebt es neue Noth, Er bleibt gleich auf der Stelle todt. Waldquellen, Schwane, nackte Schönen, Das war ſein ahnungsvoller Traum; Wie wollt' er ſich hierher gewöhnen! Ich, der bequemſte, duld' es kaum. Nun fort mit ihm. Mephiſtopheles. Der Ausweg ſoll mich freuen. Homuneulus. Befiehl den Krieger in die Schlacht, Das Maädchen führe du zum Reihen, So iſt gleich alles abgemacht. Jetzt eben, wie ich ſchnell bedacht, Iſt claſſiſche Walpurgisnacht; Das Beſte was begegnen könnte Bringt ihn zu ſeinem Elemente. Mephiſtopheles. Dergleichen hab' ich nie vernommen. Homunculus. Wie wollt' es auch zu euren Ohren kommen? Romantiſche Geſpenſter kennt ihr nur allein, Ein echt Geſpenſt auch claſſiſch hat's zu ſeyn. —, 275 Mephiſtopheles. Wohin denn aber ſoll die Fahrt ſich regen? Mich widern ſchon antikiſche Collegen. Homuneulus. Nordweſtlich, Satan, iſt dein Luſtrevier; Suͤdöſtlich dießmal aber ſegeln wir— An großer Flache fließt Peneios frei, Umbuſcht, umbaumt, in ſtill' und feuchten Buchten; Die Ebne dehnt ſich zu der Berge Schluchten,— Und oben liegt Pharſalus alt und neu. Mephiſtopheles. O wehl hinweg! und laßt mir jene Streite Von Tyrannei und Sklaverei bei Seite. Mich langeweilt's; denn kaum iſt's abgethan, So fangen ſie von vorne wieder an; Und keiner merkt: er iſt doch nur geneckt Vom Asmodaus der dahinter ſteckt. Sie ſtreiten ſich, ſo heißt's, um Freiheitsrechte, Genau beſehn ſind's Knechte gegen Knechte.⸗ Homunculus. Den Menſchen laß ihr widerſpenſtig Weſen, Ein jeder muß ſich wehren wie er kann, Vom Knaben auf, ſo wird's zuletzt ein Mann. Hier fragt ſich's nur wie dieſer kann geneſen? Haſt du ein Mittel ſo erprob' es hier, Vermagſt du's nicht, ſo überlaß es mir. Mephiſtopheles. Manch Brockenſtuͤckchen waͤre durchzuproben, Doch Heidenriegel find' ich vorgeſchoben. Das Griechenvolk es taugte nie recht viel! Doch blendet's euch mit freiem Sinnen⸗Spiel, Verlockt des Menſchen Bruſt zu heitern Sünden, Die unſern wird man immer düſter finden. Und nun was ſoll's? 276 Homunculus. Du biſt ja ſonſt nicht bloͤde; Und wenn ich von Theſſaliſchen Hexen rede, So, denk' ich, hab' ich was geſagt. Mephiſtopheles Güſtern). Theſſaliſche Heren! Wohl! das ſind Perſonen, Nach denen hab' ich lang' gefragt. Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen Ich glaube nicht daß es behagt; Doch zum Beſuch, Verſuch,— Homunculus. Den Mantel her, Und um den Ritter umgeſchlagen! Der Lappen wird euch, wie bisher, Den einen mit dem andern tragen, Ich leuchte vor. Wagner Längſtlich). Und ich? Homuneulus. Eh nun, Du bleibſt zu Hauſe Wichtigſtes zu thun. Entfalte du die alten Pergamente, Nach Vorſchrift ſammle Lebens⸗Elemente Und füge ſie mit Vorſicht eins ans andre. Das Was bedenke, mehr bedenke Wie? Indeſſen ich ein Stückchen Welt durchwandre Entdeck' ich wohl das Tüpfchen auf das J. Dann iſt der große Zweck erreicht; Solch einen Lohn verdient ein ſolches Streben: Gold, Ehre, Ruhm, geſundes langes Leben, Und Wiſſenſchaft und Tugend— auch vielleicht. Leb' wohl! Wagner(betrübt). Leb' wohl! Das drückt das Herz mir nieder. Ich fürchte ſchon ich ſeh' dich niemals wieder. 277 Mephiſtopheles. Nun zum Peneios friſch hinab, Herr Vetter iſt nicht zu verachten. (Ad Spectatores.) Am Ende häͤngen wir doch ab Von Creaturen die wir machten. Claſſiſche Walpurgisnacht. Pharſaliſche Felder. Finſterniß. Erichtho. Zum Schauderfeſte dieſer Nacht, wie öͤfter ſchon, Tret' ich einher, Erichtho, ich die düſtere; Nicht ſo abſcheulich wie die leidigen Dichter mich Im Uebermaß verlaͤſtern... Endigen ſie doch nie In Lob und Tadel... Ueberbleicht erſcheint mir ſchon Von grauer Zelten Woge weit das Thal dahin, Als Nachgeſicht der ſorg⸗ und grauenvollſten Nacht. Wie oft ſchon wiederholt ſich's! Wird ſich immerfort Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich Dem Andern, dem gönnt's keiner der's mit Kraft erwarb Und kräftig herrſcht. Denn jeder, der ſein innres Selbſt Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern Des Nachbars Willen, eignem ſtolzem Sinn gemäß... Hier aber ward ein großes Beiſpiel durchgekämpft: Wie ſich Gewalt Gewaltigerm entgegenſtellt, Der Freiheit holder, tauſendblumiger Kranz zerreißt, Der ſtarre Lorbeer ſich um's Haupt des Herrſchers biegt. Hier traͤumte Magnus früher Größe Blüthentag, Dem ſchwanken Zuͤnglein lauſchend wachte Caſar dort! Das wird ſich meſſen. Weiß die Welt doch wem's gelang. Wachfeuer glühen, rothe Flammen ſpendende; Der Boden haucht vergoſſ'nen Blutes Wiederſchein, 278 und angelockt von ſeltnem Wunderglanz der Nacht, Verſammelt ſich helleniſcher Sage Legion. uUm alle Feuer ſchwankt unſicher, oder ſitzt Behaglich, alter Tage fabelhaft Gebild... Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell, Erhebt ſich, milden Glanz verbreitend überall: Der Zelten Trug verſchwindet, Feuer brennen blau. Doch, uͤber mir! welch unerwartet Meteor? Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball. Ich wittre Leben. Da geziemen will mir's nicht Lebendigem zu nahen, dem ich ſchädlich bin; Das bringt mir böſen Ruf und frommt mir nicht. Schon ſinkt es nieder. Weich' ich aus mit Wohlbedacht. (Entfernt ſich.) (Die Luſtfahrer oben.) Homuneulus. Schwebe noch einmal die Runde Ueber Flamm⸗ und Schaudergrauen, Iſt es doch im Thal und Grunde, Gar geſpenſtiſch anzuſchauen. Mephiſtopheles. Seh ich, wie durchs alte Fenſter In des Nordens Wuſt und Graus, Ganz abſcheuliche Geſpenſter; Bin ich hier wie dort zu Haus. Homunculus. Sieh! da ſchreitet eine Lange Weiten Schrittes vor uns hin. Mephiſtopheles. Iſt es doch als wär' ihr bange, Sah uns durch die Lüfte ziehn. Homunculus. Laß ſie ſchreiten! ſetz' ihn nieder Deinen Ritter, und ſogleich 279 ¹ Kehret ihm das Leben wieder, Denn er ſucht's im Fabelreich. Fau ſt(den Boden berührend). Wo iſt ſie?— Homuneulus. Wüßten's nicht zu ſagen. Doch hier wahrſcheinlich zu erfragen. In Eile magſt du, eh' es tagt, Von Flamm' zu Flamme ſpürend gehen: Wer zu den Müttern ſich gewagt Hat weiter nichts zu überſtehen. Mephiſtopheles. Auch ich bin hier an meinem Theil; Doch wüßt' ich beſſres nicht zu unſerm Heil, Als: jeder möge durch die Feuer Verſuchen ſich ſein eigen Abenteuer. Dann, um uns wieder zu vereincn, Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend ſcheinen. Homunculus. So ſoll es blitzen, ſoll es klingen. (Das Glas dröhnt und leuchtet gewaltig.) Nun friſch zu neuen Wunderdingen! Fauſt callein). Wo iſt ſie?— Frage jetzt nicht weiter nach... Waͤr's nicht die Scholle die ſie trug, Die Welle nicht die ihr entgegen ſchlug, So iſt's die Luft die ihre Sprache ſprach. Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland! Ich fühlte gleich den Boden wo ich ſtand. Wie mich, den Schläfer, friſch ein Geiſt durchglühte, So ſteh' ich, ein Antäus an Gemüthe. und find' ich hier das Seltſamſte beiſammen, Durchforſch' ich ernſt dieß Labyrinth der Flammen. (EEntfernt ſich.) 280 Mephiſtopheles(umherſpürend) Und wie ich dieſe Feuerchen durchſchweife, So find' ich mich doch ganz und gar entfremdet, Faſt alles nackt, nur hie und da behemdet: Die Sphinre ſchamlos, unverſchämt die Greife, Und was nicht alles, lockig und beflügelt, Von vorn und hinten ſich im Auge ſpiegelt.... Zwar ſind auch wir von Herzen unanſtändig, Doch das Antike find' ich zu lebendig; Das müßte man mit neuſtem Sinn bemeiſtern Und mannichfaltig modiſch überkleiſtern... Ein widrig Volk! doch darf mich's nicht verdrießen Als neuer Gaſt anſtäͤndig ſie zu gruͤßen.... Glück zu! den ſchönen Frau'n, den klugen Greiſen. Greif(ſchnarrend). Nicht Greiſen! Greifen!— Niemand hört es gern Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt Der Urſprung nach wo es ſich her bedingt: Grau, grämlich, griesgram, gräulich, Graͤber, grimmig, Etymologiſch gleicherweiſe ſtimmig, Verſtimmen uns. Mephiſtopheles. Und doch, nicht abzuſchweifen, Gefaͤllt das Grei im Ehrentitel Greifen. Greif (wie oben und immer ſo fort). Natuͤrlich! die Verwandtſchaft iſt erprobt, Zwar oft geſcholten, mehr jedoch gelobt; Man greife nun nach Maͤdchen, Kronen, Gold, Dem Greifenden iſt meiſt Fortuna hold. Ameiſen (von der koloſſalen Art). Ihr ſprecht von Gold, wir hatten viel geſammelt In Fels und Höhlen heimlich eingerammelt; Q.OQ..————— 281 Das Arimaſpen⸗Volk hat's ausgeſpuͤrt, Sie lachen dort, wie weit ſie's weggeführt. Greife. Wir wollen ſie ſchon zum Geſtaͤndniß bringen. Arimaſpen. Nur nicht in freier Jubelnacht. Bis morgen iſt's alles durchgebracht, Es wird uns dießmal wohl gelingen. Mephiſtopheles (hat ſich zwiſchen die Sphinxe geſetzt). Wie leicht und gern ich mich hieher gewöhne, Denn ich verſtehe Mann für Mann. Sphinr. Wir hauchen unſre Geiſtertöne Und ihr verkörpert ſie alsdann. Jetzt nenne dich bis wir dich weiter kennen. Mephiſtopheles. Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen— Sind Briten hier? Sie reiſen ſonſt ſo viel, Schlachtfeldern nachzuſpüren, Waſſerfällen, Geſtuͤrzten Mauern, claſſiſch dumpfen Stellen, Das wäre hier für ſie ein wuͤrdig Ziel. Sie zeugten auch: im alten Bühnenſpiel Sah man mich dort als old Iniquity. Sphinr. Wie kam man drauf? Mephiſtopheles. Ich weiß es ſelbſt nicht wie. Sphinr. Mag ſeyn! Haſt du von Sternen einige Kunde? Was ſagſt du zu der gegenwartigen Stunde? Mephiſtopheles(aufſchauend). Stern ſchießt nach Stern, beſchnittner Mond ſcheint helle uUnd mir iſt wohl an dieſer trauten Stelle, 282 Ich waͤrme mich an deinem Löwenfelle. Hinauf ſich zu verſteigen wär' zum Schaden, Gieb Räthſel auf, gieb allenfalls Charaden. Sphinr. Sprich nur dich ſelbſt aus, wird ſchon Räthſel ſeyn. Verſuch' einmal dich innigſt aufzulöſen: „Dem frommen Manne nöthig wie dem böſen, Dem ein Plaſtron, aſcetiſch zu rapiren, Cumpan dem andern, Tolles zu vollführen, Und beides nur, um Zeus zu amüſiren.“ Erſter Greif(cchnarrend). Den mag ich nicht! Zweiter Greif Cſüärker ſchnarrend). Was will uns der? Beide. Der Garſtige gehöret nicht hierher! Mephiſtopheles(örutan. Du glaubſt vielleicht des Gaſtes Naͤgel krauen Nicht auch ſo gut wie deine ſcharfen Klauen? Verſuch's einmal! Sphinr(milde). Du magſt nur immer bleiben, Wird dich's doch ſelbſt aus unſrer Mitte treiben; In deinem Lande thuſt dir was zu Gute, Doch, irr' ich nicht, hier iſt dir ſchlecht zu Muthe. Mephiſtopheles. Du biſt recht appetitlich oben anzuſchauen, Doch unten hin, die Beſtie macht mir Grauen. Sphinr. Du Falſcher kommſt zu deiner bittern Buße, Denn unſre Tatzen ſind geſund; Dir mit verſchrumpftem Pferdefuße Behagt es nicht in unſerm Bund. 283 Sirenen präludiren oben. Menhiſtopheles. Wer ſind die Vögel in den Aeſten Der Stromes⸗Pappeln hingewiegt? Sphinr. Gewahrt euch nur! die Allerbeſten Hat ſolch ein Sing⸗Sang ſchon beſiegt. Sirenen. Ach was wollt ihr euch verwoͤhnen In dem haßlich Wunderbaren! Horcht, wir kommen hier zu Schaaren Und in wohlgeſtimmten Tönen, So geziemet es Sirenen. Sphinre (ſie verſpottend in derſelben Melodie). Noͤthigt ſie herabzuſteigen! Sie verbergen in den Zweigen Ihre garſtigen Habichtskrallen, Euch verderblich anzufallen, Wenn ihr euer Ohr verleiht. Sirenen. Weg! das Haſſen, weg! das Neiden, Sammeln wir die klarſten Freuden, Unterm Himmel ausgeſtreut! Auf dem Waſſer, auf der Erde, Sey's die heiterſte Geberde Die man dem Willkommnen beut. Mephiſtopheles. Das ſind die ſaubern Neuigkeiten Wo aus der Kehle, von den Saiten Ein Ton ſich um den andern flicht. Das Trallern iſt bei mir verloren, Es krabbelt wohl mir um die Ohren Allein zum Herzen dringt es nicht. 284 Sphinre. Sprich nicht vom Herzen! das iſt eitel; Ein lederner verſchrumpfter Beutel Das paßt dir eher zu Geſicht. Fauſt(berantretend). Wie wunderbar! das Anſchaun thut mir Gnüge, Im Widerwaͤrtigen große tüchtige Züge. Ich ahne ſchon ein günſtiges Geſchick; Wohin verſetzt mich dieſer ernſte Blick? (Auf die Sphinxe deutend.) Vor ſolchen hat einſt Oedipus geſtanden; (Auf die Sirenen deutend.) Vor ſolchen krümmte ſich Ulyß in hänfnen Banden; (Auf die Ameiſen deutend.) Von ſolchen ward der höchſte Schatz geſpart; (Auf die Greife deutend.) Von dieſen treu und ohne Fehl bewahrt. Vom friſchen Geiſte fühl' ich mich durchdrungen, Geſtalten groß, groß die Erinnerungen. Mephiſtopheles. Sonſt hätteſt du dergleichen weggeflucht, Doch jetzo ſcheint es dir zu frommen; Denn wo man die Geliebte ſucht Sind Ungeheuer ſelbſt willkommen. Fa uſt(zu den Sphinxen). Ihr Frauenbilder müßt mir Rede ſtehn: Hat eins der Euren Helena geſehn Sphinre. Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen, Die letzteſten hat Hercules erſchlagen. Von Chiron könnteſt du's erfragen; Der ſprengt herum in dieſer Geiſternacht, Wenn er dir ſteht ſo haſt du's weit gebracht. Sirenen. Sollte dir's doch auch nicht fehlen!... 1 285 Wie Ulyß bei uns verweilte, Schmäͤhend nicht vorüͤbereilte, Wußt' er vieles zu erzählen; Wüͤrden alles dir vertrauen, Wollteſt du zu unſern Gauen Dich ans grüne Meer verfügen. Sphinr. Laß dich, Edler, nicht betrügen. Statt daß Ulyß ſich binden ließ, Laß unſern guten Rath dich binden; Kannſt du den hohen Chiron finden, Erfährſt du was ich dir verhieß.. (Fauſt entſernt ſich.) Mephiſtopheles(cerdrießlich). Was krächzt vorbei mit Flügelſchlag? So ſchnell daß man's nicht ſehen mag, Und immer eins dem andern nach, Den Jäͤger wuͤrden ſie ermüden. Sphinr. Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar, Alcides Pfeilen kaum erreichbar, Es ſind die raſchen Stymphaliden. Und wohlgemeint ihr Krächzegruß, Mit Geierſchnabel und Gaͤnſefuß. Sie moͤchten gern in unſern Kreiſen Als Stammverwandte ſich erweiſen. Mep hiſtopheles(wie verſchüchtert). Noch andres Zeug ziſcht zwiſchen drein. 4 Sphinr. Vor dieſen ſey euch ja nicht bange, Es ſind die Köpfe der Lernaiſchen Schlange, Vom Rumpf getrennt und glauben was zu ſeyn. Doch ſagt was ſoll nur aus euch werden? Was für unruhige Geberden? 286 Wo wollt ihr hin? Begebt euch fort!.. Ich ſehe, jener Chorus dort Macht euch zum Wendehals. Bezwingt euch nicht, Geht hin! Begrüßt manch reizendes Geſicht. Die Lamien ſind's, luſtfeine Dirnen, Mit Laͤchelmund und frechen Stirnen Wie ſie dem Satyrvolk behagen; Ein Bocksfuß darf dort alles wagen. Mephiſtopheles. Ihr bleibt doch hier? daß ich euch wiederfinde. Sphinr. Ja! Miſche dich zum luftigen Geſinde. Wir, von Egypten her, ſind längſt gewohnt Daß unſereins in tauſend Jahre thront. Und reſpectirt nur unſre Lage, So regeln wir die Mond- und Sonnentage, Sitzen vor den Pyramiden, Zu der Völker Hochgericht, Ueberſchwemmung, Krieg und Frieden— Und verziehen kein Geſicht. Peneios umgeben von Gewäſſern und Rymphen. Peneios. ₰△ Rege dich, du Schilfgeflüſter! 4. Hauche leiſe, Rohrgeſchwiſter,. Säuſelt, leichte Weidenſträuche, Liſpelt, Pappelzitterzweige, Unterbrochnen Träumen zu! Weckt mich doch ein grauslich Wittern, Heimlich allbewegend Zittern Aus dem Walleſtrom und Ruh. 4 287 Fauſt (an den Fluß tretend). Hoͤr' ich recht, ſo muß ich glauben: Hinter den verſchränkten Lauben Dieſer Zweige, dieſer Stauden Tönt ein menſchenaͤhnlichs Lauten. Scheint die Welle doch ein Schwäͤtzen, Luͤftlein wie— ein Scherzergetzen. Nymphen(zu Fauſt). Am beſten geſchäͤh' dir Du legteſt dich nieder, Erholteſt im Kühlen Ermüdete Glieder, Genöͤſſeſt der immer Dich meidenden Ruh; Wir ſäuſeln, wir rieſeln, Wir flüſtern dir zu. Fauſt. Ich wache ja! O laßt ſie walten Die unvergleichlichen Geſtalten Wie ſie dorthin mein Auge ſchickt. So wunderbar bin ich durchdrungen! Sind's Träume? Sind's Erinnerungen? Schon einmal warſt du ſo beglückt. Gewäſſer ſchleichen durch die Friſche Der dichten, ſanft bewegten Büſche, Nicht rauſchen ſie, ſie rieſeln kaum; Von allen Seiten hundert Quellen Vereinen ſich, im reinlich hellen, Zum Bade flach vertieften Raum. Geſunde junge Frauenglieder Vom feuchten Spiegel doppelt wieder Ergetztem Auge zugebracht! Geſellig dann und frohlich badend, Erdreiſtet ſchwimmend, furchtſam watend; 288 Geſchrei zuletzt und Waſſerſchlacht. Begnügen ſollt' ich mich an dieſen, Mein Auge ſollte hier genießen, Doch immer weiter ſtrebt mein Sinn. Der Blick dringt ſcharf nach jener Hülle, Das reiche Laub der grunen Fülle Verbirgt die hohe Koͤnigin. Wunderſam! auch Schwaͤne kommen Aus den Buchten hergeſchwommen, Majeſtäͤtiſch rein bewegt. Ruhig ſchwebend, zart geſellig, Aber ſtolz und ſelbſtgefällig Wie ſich Haupt und Schnabel regt... Einer aber ſcheint vor allen Bruͤſtend kuͤhn ſich zu gefallen, Segelnd raſch durch alle fort; Sein Gefieder blaͤht ſich ſchwellend, Welle ſelbſt auf Wogen wellend, Dringt er zu dem heiligen Ort.... Die andern ſchwimmen hin und wieder Mit ruhig glaͤnzendem Gefieder, Bald auch in regem prächtigen Streit Die ſcheuen Maͤdchen abzulenken, Daß ſie an ihren Dienſt nicht denken, Nur an die eigne Sicherheit. Nymphen.. Leget Schweſtern euer Ohr An des Ufers grüne Stufe; Hör' ich recht ſo kommt mir's vor Als der Schall von Pferdes⸗Hufe. Wüßt' ich nur, wer dieſer Nacht Schnelle Botſchaft zugebracht. Fauſt. Iſt mir doch als dröhnt die Erde Schallend unter eiligem Pferde. 289 Dorthin mein Blick! Ein guͤnſtiges Geſchick Soll es mich ſchon erreichen? O Wunder ohnegleichen! Ein Reiter kommt herangetrabt, Er ſcheint von Geiſt und Muth begabt, Von blendend⸗weißem Pferd getragen... Ich irre nicht, ich kenn' ihn ſchon, Der Philyra beruͤhmter Sohn!— Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu ſagen... Chiron. Was giebt's? Was iſt's? Fauſt. Bezäͤhme deinen Schritt! Chiron. Ich raſte nicht. Fauſt. So bitte! Nimm mich mit! Chiron. Sitz' auf! ſo kann ich nach Belieben fragen: Wohin des Wegs? Du ſtehſt am Ufer hier, Ich bin bereit dich durch den Fluß zu tragen. Fauſt(aufſitend). Wohin du willſt. Für ewig dank' ich's dir.. Der große Mann, der edle Padagog, Der, ſich zum Nuhm, ein Heldenvolk erzog, Den ſchönen Kreis der edlen Argonauten, Und alle die des Dichters Welt erbauten. Chiron. Das laſſen wir an ſeinem Ort! Selbſt Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren; Am Ende treiben ſie's nach ihrer Weiſe fort Als wenn ſie nicht erzogen waͤren. Goethe, Fauſt. 13 19 290 Fauſt. Den Arzt der jede Pflanze nennt, Die Wurzeln bis ins Tiefſte kennt, Dem Kranken Heil, dem Wunden Lindrung ſchafft, Umarm' ich hier in Geiſt⸗ und Körperkraft! Chiron. Ward neben mir ein Held verletzt, Da wußt' ich Hülf' und Rath zu ſchaffen; Doch ließ ich meine Kunſt zuletzt Den Wurzelweibern und den Pfaffen. 3 Fauſt. Du biſt der wahre große Mann, Der Lobeswort nicht hören kann. Er ſucht beſcheiden auszuweichen Und thut als gäͤb' es ſeines Gleichen. Chiron. Du ſcheineſt mir geſchickt zu heucheln, Dem Fürſten wie dem Volk zu ſchmeicheln. Fauſt. So wirſt du mir denn doch geſtehn: Du haſt die Größten deiner Zeit geſehn, 4 Dem Edelſten in Thaten nachgeſtrebt, 3 Halbgöttlich-⸗ernſt die Tage durchgelebt. Doch unter den heroiſchen Geſtalten Wen haſt du für den Tüchtigſten gehalten? Chiron. Im hehren Argonautenkreiſe War jeder brav nach ſeiner eignen Weiſe, und, nach der Kraft, die ihn beſeelte, Konnt' er genügen wo's den andern fehlte. Die Dioskuren haben ſtets geſiegt Wo Jugendfüll' und Schoͤnheit überwiegt.„ Entſchluß und ſchnelle That zu andrer Heil, Den Boreaden war's zum ſchönen Theil. 291 Nachſinnend, kräftig, klug, im Rath bequem, So herrſchte Jaſon, Frauen angenehm. Dann Orpheus, zart und immer ſtill bedachtig Schlug er die Leier Allen uͤbermächtig. Scharfſichtig Lynceus, der, bei Tag und Nacht, Das heilige Schiff durch Klipp' und Strand gebracht. Geſellig nur läßt ſich Gefahr erproben: Wenn einer wirkt, die andern alle loben. Fauſt. Von Herkules willſt nichts erwähnen? Chiron. O weh!l errege nicht mein Sehnen.. Ich hatte Phöbus nie geſehn, Noch Ares, Hermes, wie ſie heißen; Da ſah ich mir vor Augen ſtehn Was alle Menſchen goͤttlich preiſen. So war er ein geborner König, Als Juͤngling herrlichſt anzuſchaun; Dem altern Bruder unterthanig uUnd auch den allerliebſten Fraun. Den zweiten zeugt nicht Gaa wieder; Nicht führt ihn Hebe himmelein; Vergebens mühen ſich die Lieder, Vergebens qualen ſie den Stein. Fa u ſt So ſehr auch Bildner auf ihn pochen, So herrlich kam er nie zur Schau. Vom ſchoͤnſten Mann haſt du geſprochen, Nun ſprich auch von der ſchönſten Frau! Chiron. Was!.. Frauen⸗Schönheit will nichts heißen, Iſt gar zu oft ein ſtarres Bild; Nur ſolch ein Weſen kann ich preiſen Das froh und lebensluſtig quillt. 292 Die Schoͤne bleibt ſich ſelber ſelig; Die Anmuth macht unwiderſtehlich, Wie Helena, da ich ſie trug. Fauſt. Du trugſt ſie? Chiron. Ja, auf dieſem Ruͤcken. Fauſt. Bin ich nicht ſchon verwirrt genug, Und ſolch ein Sitz muß mich begluͤcken! Chiron. Sie faßte ſo mich in das Haar Wie du es thuſt. Fauſt. . O ganz und gar Verlier' ich mich! Erzähle wie? Sie iſt mein einziges Begehren! Woher, wohin, ach trugſt du ſie? Chiron. Die Frage läͤßt ſich leicht gewahren. Die Dioskuren hatten jener Zeit Das Schweſterchen aus Räuberfauſt befreit. Doch dieſe, nicht gewohnt beſiegt zu ſeyn, Ermannten ſich und ſtürmten hinterdrein. Da hielten der Geſchwiſter eiligen Lauf Die Sümpfe bei Eleuſis auf; Die Brüder wateten, ich patſchte, ſchwamm hinüber; Da ſprang ſie ab und ſtreichelte Die feuchte Mahne, ſchmeichelte Und dankte lieblich⸗klug und ſelbſtbewußt. Wie war ſie reizend! jung, des Alten Luſt Fauſt. Erſt ſieben Jahr!... 293 Chiron. Ich ſeh' die Philologen, Sie haben dich, ſo wie ſich ſelbſt betrogen. Ganz eigen iſt's mit mythologiſcher Frau: Der Dichter bringt ſie, wie er's braucht, zur Schau; Nie wird ſie mundig, wird nicht alt, Stets appetitlicher Geſtalt, Wird jung entführt, im Alter noch umfreit; G'nug, den Poeten bindet keine Zeit. Fauſt. So ſey auch ſie durch keine Zeit gebunden! Hat doch Achill auf Pherä ſie gefunden Selbſt außer aller Zeit;— welch ſeltnes Gluͤck! Errungen Liebe gegen das Geſchick. und ſollt' ich nicht, ſehnſüchtigſter Gewalt, Ins Leben ziehn die einzigſte Geſtalt? Das ewige Weſen, Goͤttern ebenbürtig, So groß als zart, ſo hehr als liebenswurdig. Du ſahſt ſie einſt, heut hab' ich ſie geſehn, So ſchön wie reizend, wie erſehnt ſo ſchön. Nun iſt mein Sinn, mein Weſen ſtreng umfangen, Ich lebe nicht, kann ich ſie nicht erlangen. Chiron. Mein fremder Mann! als Menſch biſt du entzückt; Doch unter Geiſtern ſcheinſt du wohl verrückt. Nun trifft ſich's hier zu deinem Glücke; Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke, Pfleg' ich bei Manto vorzutreten, Der Tochter Aeſculaps; im ſtillen Beten Fleht ſie zum Vater: daß, zu ſeiner Ehre, Er endlich dech der Aerzte Sinn verklare Und vom verwegnen Todtſchlag ſie bekehre. Die liebſte mir aus der Sibyllengilde; Nicht fratzenhaft bewegt, wohlthätig milde; —ÿ—ÿʒÿ—⁊—y—B—B—V—Vʒÿ—V——n IIII 294 Ihr gluͤckt es wohl, bei einigem Verweilen, Mit Wurzelkraͤften dich von Grund zu heilen. fauſt. Geheilt will ich nicht ſeyn! mein Sinn iſt mächtig! Da wär' ich ja wie andre niederträchtig. Chiron. Verſaͤume nicht das Heil der edlen Quelle! Geſchwind herab! Wir ſind zur Stelle. Fauſt. Sag' an! Wohin haſt du, in grauſer Nacht, Durch Kiesgewaſſer, mich ans Land gebracht? Chiron. Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite, Peneios rechts, links den Olymp zur Seite, Das größte Reich das ſich im Sand verliert. Der König flieht, der Bürger triumphirt. Blick' auf! hier ſteht bedeutend nah, Im Mondenſchein der ewige Tempel da. Manto (inwendig träumend). Von Pferdes Hufe Erklingt die heilige Stufe, Halbgötter treten heran. 4 Chiron. Ganz recht! Nur die Augen aufgethan! Manto eerwachend). Willkommen! ich ſeh' du bleibſt nicht aus. Chiron. Steht dir doch auch dein Tempelhaus! Manto. Streifſt du noch immer unermüdet? Chiron. Wohnſt du doch immer ſtill umfriedet, Indeß zu kreiſen mich erfreut. Manto. Ich harre, mich umkreiſ't die Zeit. Und dieſer? Chiron. . Die verruf'ne Nacht Hat ſtrudelnd ihn hierher gebracht. Helenen mit verrückten Sinnen, Helenen, will er ſich gewinnen, Und weiß nicht wie und wo beginnen; Aſklepiſcher Cur vor andern werth. Manto. Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt. Chiron (iſt ſchon weit weg). Manto. Tritt ein, Verwegner, ſollſt dich freuen! Der dunkle Gang führt zu Perſephoneien. In des Olympus hohlem Fuß Lauſcht ſie geheim verbotnem Gruß. Hier hab' ich einſt den Orphens eingeſchwärzt, Benutz' es beſſer, friſch! beherzt! (Sie ſteigen hinab.) Am obern Peneios wie zuvpr. Sirenen. Stürzt euch in Peneios Fluth! Plätſchernd ziemt es da zu ſchwimmen, Lied um Lieder anzuſtimmen, Dem unſeligen Volk zu gut. — — 296 Ohne Waſſeer iſt kein Heil! Führen wir mit hellem Heere Eilig zum aͤgaͤiſchen Meere, Würd uns jede Luſt zu Theil. Erdbeben. Sirenen. Schaumend kehrt die Welle wieder, Fließt nicht mehr im Bett darnieder; Grund erbebt, das Waſſer ſtaucht, Kies und ufer berſtend raucht. Flüchten wir! Kommt alle, kommt! Niemand dem das Wunder frommt. Fort! ihr edlen frohen Gaͤſte Zu dem ſeeiſch heitern Feſte, Blinkend, wo die Zitterwellen, Ufernetzend, leiſe ſchwellen; Da wo Luna doppelt leuchtet, Uns mit heiligem Thau befeuchtet. Dort ein freibewegtes Leben, Hier ein ängſtlich Erde⸗Beben; Eile jeder Kluge fort! Schauderhaft iſt's um den Ort. Seismos Ein der Tieſe brummend und polternd). Einmal noch mit Kraft geſchoben, Mit den Schultern brav gehoben! So gelangen wir nach oben, Wo uns alles weichen muß. Sphinre. Welch ein widerwärtig Zittern, Häßlich grauſenhaftes Wittern! Welch ein Schwanken, welches Beben, Schaukelnd Hin⸗ und Wiederſtreben! Welch unleidlicher Verdruß! 297 Doch wir andern nicht die Stelle, Bräche los die ganze Hoͤlle. Nun erhebt ſich ein Gewölbe Wunderſam. Es iſt derſelbe Jener Alte, längſt Ergraute Der die Inſel Delos baute, Einer Kreiſenden zu Lieb; Aus der Wog' empor ſie trieb. Er mit Streben, Drängen, Druͤcken Arme ſtraff, gekrümmt den Rucken, Wie ein Atlas an Geberde, Hebt er Boden, Raſen, Erde, Kies und Gries und Sand und Letten, Unſres ufers ſtille Betten. So zerreißt er eine Strecke Quer des Thales ruhige Decke Angeſtrengteſt, nimmer müde, Koloſſal⸗Karyatide, Trägt ein furchtbar Steingeruͤſte, Noch im Boden bis zur Buſte; Weiter aber ſoll's nicht kommen, Sphinre haben Platz genommen. Seismos. Das hab' ich ganz allein vermittelt, Man wird mir's endlich zugeſtehn: Und haͤtt' ich nicht geſchüttelt und gerüttelt, Wie ware dieſe Welt ſo ſchön?— Wie ſtänden eure Berge droben In praächtig-reinem Aetherblau, Hätt' ich ſie nicht hervorgeſchoben Zu maleriſch⸗entzückter Schau! Als, Angeſichts der höchſten Ahnen, Der Nacht, des Chaos, ich mich ſtark betrug, Und, in Geſellſchaft von Titanen, 298 Mit Pelion und Oſſa als mit Ballen ſchlug. Wir tollten fort in jugendlicher Hitze, Bis überdrüͤſſig, noch zuletzt Wir dem Parnaß, als eine Doppelmüͤtze, Die beiden Berge frevelnd aufgeſetzt.... Apollen hält ein froh Verweilen Dort nun mit ſeliger Muſen Chor. Selbſt Jupitern und ſeinen Donnerkeilen Hob ich den Seſſel hoch empor. Jetzt ſo, mit ungeheurem Streben, Drang aus dem Abgrund ich herauf, Und fordre laut, zu neuem Leben, Mir froͤhliche Bewohner auf. Sphinre. Uralt, müßte man geſtehen, Sey das hier Emporgebürgte, Hatten wir nicht ſelbſt geſehen Wie ſich's aus dem Boden würgte. Bebuſchter Wald verbreitet ſich hinan, Noch draͤngt ſich Fels auf Fels bewegt heran; Ein Sphinx wird ſich daran nicht kehren: Wir laſſen uns im heiligen Sitz nicht ſtören. Greife. Gold in Blättchen, Gold in Flittern, Durch die Ritzen ſeh' ich zittern. Laßt euch ſolchen Schatz nicht rauben; Imſen auf! es auszuklauben. Chor der Ameiſen. Wie ihn die Rieſigen Empor geſchoben, Ihr Zappelfüßigen Geſchwind nach oben! Behendeſt aus und ein! In ſolchen Ritzen 299 Iſt jedes Bröſelein Werth zu beſitzen. Das Allermindeſte Müßt ihr entdecken Auf das geſchwindeſte In allen Ecken. Allemſig müßt ihr ſeyn, Ihr Wimmelſchaaren; Nur mit dem Gold herein! Den Berg laßt fahren. Greife. Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf! Wir legen unſre Klauen drauf, Sind Riegel von der beſten Art, Der groͤßte Schatz iſt wohlverwahrt. Pygmäen. Haben wirklich Platz genommen, Wiſſen nicht wie es geſchah. Fraget nicht woher wir kommen, Denn wir ſind nun einmal da! Zu des Lebens luſtigem Sitze Eignet ſich ein jedes Land; Zeigt ſich eine Felſenritze, Iſt auch ſchon der Zwerg zur Hand. Zwerg' und Zwergin, raſch zum Fleiße, Muſterhaft ein jedes Paar. Weiß nicht, ob es gleicher Weiſe Schon im Paradieſe war. Doch wir finden's hier zum beſten, Segnen dankbar unſern Stern; Denn, im Oſten wie im Weſten, Zeugt die Mutter Erde gern. Daktyle. Hat ſie in einer Nacht Die Kleinen hervorgebracht; 300 Sie wird die Kleinſten erzeugen, Finden auch ihres Gleichen. Pygmäen-Aelteſte. Eilet, bequemen Sitz einzunehmen, Eilig zum Werke! Schnelle für Stärke. Noch iſt es Friede; Baut euch die Schmiede, Harniſch und Waffen Dem Heer zu ſchaffen. Ihr Imſen alle, Rührig im Schwalle, Schafft uns Metalle! Und ihr Daktyle, Kleinſte, ſo viele, Euch ſey befohlen Hoͤlzer zu holen! Schichtet zuſammen Heimliche Flammen, Schaffet uns Kohlen. Generaliſſimus. Mit Pfeil und Bogen Friſch ausgezogen! An jenem Weiher Schießt mir die Reiher Unzäͤhlig niſtende, Hochmuͤthig brüſtende, Auf einen Ruck! Alle wie Einen; Daß wir erſcheinen Mit Helm und Schmuck. Imſen und Daktyle. Wer wird uns retten! 301 Wir ſchaffen's Eiſen, Sie ſchmieden Ketten. Uns los zu reißen Iſt noch nicht zeitig, Drum ſeyd geſchmeidig. Die Kraniche des Ibykus. Mordgeſchrei und Sterbeklagen! Aengſtlich Flügelflatterſchlagen! Welch ein Aechzen, welch Geſtoͤhn Dringt herauf zu unſern Höhn! Alle ſind ſie ſchon ertödtet, See von ihrem Blut geroͤthet; Mißgeſtaltete Begierde Raubt des Reihers edle Zierde. Weht ſie doch ſchon auf dem Helme Dieſer Fettbauch⸗Krummbein⸗Schelme. Ihr Genoſſen unſres Heeres; Reihenwanderer des Meeres, Euch berufen wir zur Rache In ſo nahverwandter Sache. Keiner ſpare Kraft und Blut, Ewige Feindſchaft dieſer Brut! (Zerſtreuen ſich krächzend in den Lüften.) Mephiſtopheles(in der Cbene). Die nordiſchen Hexen wußt' ich wohl zu meiſtern, Mir wird's nicht juſt mit dieſen fremden Geiſtern. Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Local, Wo man auch ſey, man findet ſich zumal. Frau Ilſe wacht für uns auf ihrem Stein, Auf ſeiner Höh' wird Heinrich munter ſeyn, Die Schnarcher ſchnauzen zwar das Elend an, Doch alles iſt für tauſend Jahr gethan. Wer weiß denn hier nur wo er geht und ſteht, Ob unter ihm ſich nicht der Boden bläht? Ich wandle luſtig durch ein glattes Thal Und hinter mir erhebt ſich auf einmal Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen, Von meinen Sphinren mich jedoch zu trennen— Schon hoch genug— hier zuckt noch manches Feuer Das Thal hinab, und flammt ums Abenteuer... Noch tanzt und ſchwebt mir lockend, weichend, vor, Spitzbübiſch gaukelnd, der galante Chor. Nur ſachte drauf! Allzugewohnt ans Naſchen Wo es auch ſey, man ſucht was zu erhaſchen. Lamien (Mephiſtopheles nach ſich ziehend). Geſchwind, geſchwinder! Und immer weiter! Dann wieder zaudernd, Geſchwätzig plaudernd. Es iſt ſo heiter Den alten Suͤnder uns nach zu ziehen; Zu ſchwerer Buße Mit ſtarrem Fuße Kommt er geholpert Einher geſtolpert; Er ſchleppt das Bein, Wie wir ihn fliehen, Uns hinterdrein. Mephiſtopheles Cſillſtehend). Verflucht Geſchick! Betrogne Manſen: Von Adam her verführte Hanſen! Alt wird man wohl, wer aber klug? Warſt du nicht ſchon vernarrt genug! Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts; Geſchnürten Leibs, geſchminkten Angeſichts; Nichts haben ſie Geſundes zu erwiedern, Wo man ſie anfaßt, morſch in allen Gliedern. 303 Man weiß, man ſieht's, man kann es greifen, Und dennoch tanzt man wenn die Luder pfeifen. Lamien(innehaltend). Halt! er beſinnt ſich, zaudert, ſteht; Entgegnet ihm daß er euch nicht entgeht! Mephiſtopheles(cortſchreitend). Nur zu! und laß dich ins Gewebe Der Zweifelei nicht thörigt ein; Denn wenn es keine Hexen gäbe, Wer Teufel möchte Teufel ſeyn! Lamien(anmuthigſt). Kreiſen wir um dieſen Helden; Liebe wird in ſeinem Herzen Sich gewiß für Eine melden. Mephiſtopheles. Zwar bei ungewiſſem Schimmer Scheint ihr hübſche Frauenzimmer, Und ſo möcht' ich euch nicht ſchelten. Empuſe ceindringend). Auch nicht mich! als eine ſolche Laßt mich ein in eure Folge. Lamien. Die iſt in unſerm Kreis zuviel, Verdirbt doch immer unſer Spiel. Empuſe dzu Mephiſtopheles). Begruͤßt von Mühmichen Empuſe, Der Trauten mit dem Eſelsfuße! Du haſt nur einen Pferdefuß, Und doch, Herr Vetter, ſchönſten Gruß! Mephiſtopheles. Hier dacht' ich lauter Unbekannte, Und finde leider Nahverwandte, Es iſt ein altes Buch zu blattern: Vom Harz bis Hellas immer Vettern! 304 Empuſe. Entſchieden weiß ich gleich zu handeln, In vieles könnt' ich mich verwandeln; Doch euch zu Ehren hab' ich jetzt Das Eſelsköpfchen aufgeſetzt. Mephiſtopheles. Ich merk' es hat bei dieſen Leuten Verwandtſchaft Großes zu bedeuten; Doch mag ſich was auch will ereignen Den Eſelskopf möcht' ich verläugnen. Lamien. Laß dieſe Garſtige, ſie verſcheucht Was irgend ſchon und lieblich daucht; Was irgend ſchön und lieblich wär', Sie kommt heran, es iſt nicht mehr. Mephiſtopheles. Auch dieſe Mühmchen, zart und ſchmaͤchtig, Sie ſind mir alleſammt verdächtig; uUnd hinter ſolcher Wäͤnglein Roſen, Fürcht' ich doch auch Metamorphoſen. Lamien. Verſuch' es doch! ſind unſer Viele. Greif zu! Und haſt du Gluͤck im Spiele Erhaſche dir das beſte Loos. Was ſoll das luſterne Geleier? Du biſt ein miſerabler Freier, Stolzirſt einher und thuſt ſo groß!— Nun miſcht er ſich in unſre Schaaren; Laßt nach und nach die Masken fahren, Und gebt ihm euer Weſen bloß. Mephiſtopheles. Die ſchoͤnſte hab' ich mir erleſen... (Sie umfaſſend.) 305 O weh mir! welch ein dürrer Beſen! (Eine andere ergreifend.) Und dieſe?.... Schmäͤhliches Geſicht! Lamien. Verdienſt du's beſſer? dünk' es nicht. Mepyiſtopheles. Die Kleine moͤcht' ich mir verpfänden.... Lacerte ſchlüpft mir aus den Händen! Und ſchlangenhaft der glatte Zopf. Dagegen faß' ich mir die Lange.... Da pack' ich eine Thyrſusſtange! Den Pinienapfel als den Kopf. Wo will's hinaus?.... Noch eine Dicke, An der ich mich vielleicht erquicke; Zum letzten Mal gewagt! Es ſey! Recht quammig, quappig, das bezahlen Mit hohem Preis Orientalen. Doch ach! der Boviſt platzt entzwei! Lamien. Fahrt auseinander, ſchwankt und ſchwebet! Blitzartig, ſchwarzen Flugs, umgebet Den eingedrungnen Hexenſohn! unſichre ſchauderhafte Kreiſe! Schweigſamen Fittigs, Fledermäuſe; Zu wohlfeil kommt er doch davon. Mephiſtopheles Cicch ſchütteind). Viel klüger, ſcheint es, bin ich nicht geworden; Abſurd iſt's hier, abſurd im Norden, Geſpenſter hier wie dort vertract, Volk und Poeten abgeſchmackt. Iſt eben hier eine Mummenſchanz, Wie überall ein Sinnentanz. Ich griff nach holden Maskenzugen Und faßte Weſen daß mich's ſchauerte.... Goethe, Fauſt. 20 306 Ich moͤchte gerne mich betruͤgen, Wenn es nur laͤnger dauerte. (Sich zwiſchen dem Geſtein verirrend.) Wo bin ich denn? Wo will's hinaus? Das war ein Pfad, nun iſt's ein Graus. Ich kam daher auf glatten Wegen, Und jetzt ſteht mir Geröll entgegen. Vergebens klettr' ich auf und nieder, Wo find' ich meine Sphinxe wieder? So toll hätt' ich mir's nicht gedacht, Ein ſolch Gebirg in Einer Nacht! Das heiß ich friſchen Hexenritt, Die bringen ihren Blocksberg mit. Oreas(vom Naturfels). Herauf hier! Mein Gebirg iſt alt, Steht in urſprünglicher Geſtalt. Verehre ſchroffe Felſenſteige, Des Pindus letztgedehnte Zweige. Schon ſtand ich unerſchüttert ſo Als über mich Pompejus floh. Daneben, das Gebild des Wahns, Verſchwindet ſchon beim Kraͤhn des Hahns. Dergleichen Mährchen ſeh' ich oft entſtehn Und plöͤtzlich wieder untergehn. Mephiſtopheles. Sey Ehre dir, ehrwürdiges Haupt! Von hoher Eichenkraft umlaubt. Der allerklarſte Mondenſchein Dringt nicht zur Finſterniß herein.— Doch neben am Gebüſche zieht Ein Licht das gar beſcheiden glüht. Wie ſich das alles fügen muß! Fürwahr! es iſt Homunculus. Woher des Wegs, du Kleingeſelle? 307 Homunculus. Ich ſchwebe ſo von Stell' zu Stelle Und moͤchte gern im beſten Sinn entſtehn, Voll Ungeduld mein Glas entzwei zu ſchlagen; Allein was ich bisher geſehn, Hinein da moͤcht' ich mich nicht wagen. Nur, um dir's im Vertraun zu ſagen: Zwei Philoſophen bin ich auf der Spur, Ich horchte zu, es hieß: Natur! Natur! Von dieſen will ich mich nicht trennen, Sie müſſen doch das irdiſche Weſen kennen; Und ich erfahre wohl am Ende Wohin ich mich am allerklügſten wende. Mephiſtopheles. Das thu' auf deine eigne Hand! Denn, wo Geſpenſter Platz genommen, Iſt auch der Philoſoph willkommen. Damit man ſeiner Kunſt und Gunſt ſich freue, Erſchafft er gleich ein Dutzend neue. Wenn du nicht irrſt, kommſt du nicht zu Verſtand; Willſt du entſtehn, entſteh' auf eigne Hand! Homunculus. Ein guter Rath iſt auch nicht zu verſchmahn. Mephiſtopheles. So fahre hin! Wir wollen's weiter ſehn. (Trennen ſich.) Anaxagoras(zu Thales). Dein ſtarrer Sinn will ſich nicht beugen, Bedarf es weit'res dich zu überzeugen? Thales. Die Welle beugt ſich jedem Winde gern, Doch hält ſie ſich vom ſchroffen Felſen fern. Anaxagaras. Durch Feuerdunſt iſt dieſer Fels zu Handen. 308 Thales. Im Feuchten iſt Lebendiges erſtanden. Homuneulus(zwiſchen beiden). Laßt mich an eurer Seite gehn, Mir ſelbſt gelüſtet's zu entſtehn! Anarxragoras. Haſt du, o Thales, je, in Einer Nacht, Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht? Thales. Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen Auf Tag und Nacht und Stunden angewieſen; Sie bildet regelnd jegliche Geſtalt, Und ſelbſt im Großen iſt es nicht Gewalt. Anaragoras. Hier aber war's! Plutoniſch grimmig Feuer, Aeoliſcher Dunſte Knallkraft, ungeheuer, Durchbrach des flachen Bodens alte Kruſte Daß neu ein Berg ſogleich entſtehen mußte. Thales. Was wird dadurch nun weiter fortgeſetzt? Er iſt auch da, und das iſt gut zuletzt. Mit ſolchem Streit verliert man Zeit und Weile Und führt doch nur geduldig Volk am Seile. Anaragoras. Schnell quillt der Berg von Myrmidonen, Die Felſenſpalten zu bewohnen, Pygmaen, Imſen, Daͤumerlinge, Und andre thätig kleine Dinge. (Zu Homunculus.) Nie haſt du Großem nachgeſtrebt, Einſiedleriſch⸗beſchrankt gelebt; Kannſt du zur Herrſchaft dich gewöhnen, — So laß ich dich als König krönen. —— 309 Homunenlus. Was ſagt mein Thales? Thales. Will's nicht rathen; Mit Kleinen thut man kleine Thaten, Mit Großen wird der Kleine groß. Sieh hin! die ſchwarze Kranich⸗Wolke! Sie droht dem aufgeregten Volke und würde ſo dem Köoͤnig drohn. Mit ſcharfen Schnäbeln, Krallen⸗Beinen, Sie ſtechen nieder auf die Kleinen; Verhängniß wetterleuchtet ſchon. Ein Frevel toͤdtete die Reiher, uUmſtellend ruhigen Friedensweiher. Doch jener Mordgeſchoſſe Regen, Schafft grauſam-⸗blutigen Rache⸗Segen, Erregt der Nahverwandten Wuth, Nach der Pygmäen frevlem Blut. Was nützt nun Schild und Helm und Speer? Was hilft der Reiherſtrahl den Zwergen? Wie ſich Daktyl und Imſe bergen! Schon wankt, es flieht, es ſtuͤrzt das Heer. Anaxagoras (nach einer Pauſe feierlich). Konnt' ich bisher die Unterirdiſchen loben, So wend ich mich in dieſem Fall nach oben... Dul droben ewig unveraltete, Dreinamig⸗Dreigeſtaltete, Dich ruf' ich an bei meines Volkes Weh, Diana, Luna, Hekate! Du Bruſtserweiternde, im Tiefſten⸗ſinnige, Du ruhig⸗ſcheinende, gewaltſam⸗innige, Eröffne deiner Schatten grauſen Schlund, Die alte Macht ſey ohne Zauber kund! (Pauſe.) (20*) 310 Bin ich zu ſchnell erhört! Hat mein Flehn Nach jenen Höhn Die Ordnung der Natur geſtoͤrt? Und groͤßer, immer größer nahet ſchon Der Göttin rundumſchriebner Thron, Dem Auge furchtbar, ungeheuer! Ins Düſtre röthet ſich ſein Feuer... Nicht naͤher! drohend⸗maͤchtige Runde, Du richteſt uns und Land und Meer zu Grunde! So wäͤr' es wahr, daß dich theſſaliſche Frauen, In frevlend magiſchem Vertrauen, Von deinem Pfad herabgeſungen? Verderblichſtes dir abgerungen?... Das lichte Schild hat ſich umdunkelt, Auf einmal reißt's und blitzt und funkelt! Welch ein Gepraſſel! Welch ein Ziſchen! Ein Donnern, Windgethüm dazwiſchen!— Demuthig zu des Thrones Stufen— Verzeiht! Ich hab' es hergerufen. (Wirft ſich aufs Angeſicht.) Thales. Was dieſer Mann nicht alles hört' und ſah! Ich weiß nicht recht wie uns geſchah, Auch hab' ich's nicht mit ihm empfunden. Geſtehen wir, es ſind verrückte Stunden, Und Luna wiegt ſich ganz bequem An ihrem Platz ſo wie vordem. Homunculus. Schaut hin nach der Pygmaen Sitz, Der Berg war rund, jetzt iſt er ſpitz. Ich ſpürt' ein ungeheures Prallen, Der Fels war aus dem Mond gefallen; Gleich hat er, ohne nachzufragen, So Freund als Feind geguetſcht, erſchlagen. 311 Doch muß ich ſolche Kunſte loben, Die ſchoöpferiſch, in einer Nacht, Zugleich von unten und von oben, Dieß Berggebäu zu Stand gebracht. Thales. Sey ruhig! Es war nur gedacht. Sie fahre hin die garſtige Brut! Daß du nicht König warſt iſt gut. Nun fort zum heitern Meeresfeſte, Dort hofft und ehrt man Wundergaſte. (Entfernen ſich.) Mephiſtopheles (an der Gegenſeite klerternd). Da muß ich mich durch ſteile Felſentreppen, Durch alter Eichen ſtarre Wurzeln ſchleppen! Auf meinem Harz der harzige Dunſt Hat was vom Pech und das hat meine Gunſt; Zunächſt der Schwefel.... Hier, bei dieſen Griechen Iſt von dergleichen kaum die Spur zu riechen; Neugierig aber wär' ich, nachzuſpüren Womit ſie Hoͤllenqual und Flamme ſchüren. 1 Dryas. In deinem Lande ſey einheimiſch klug, Im fremden biſt du nicht gewandt genug. Du ſollteſt nicht den Sinn zur Heimath kehren, Der heiligen Eichen Wuͤrde hier verehren. Mephiſtopheles. Man denkt an das was man verließ, Was man gewohnt war bleibt ein Paradies. Doch ſagt: was in der Höhle dort, Bei ſchwachem Licht, ſich dreifach hingekauert? Dryas. Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort, Und ſprich ſie an, wenn dich nicht ſchauert. 312 Mephiſtopheles. Warum denn nicht!— Ich ſehe was, und ſtaune! So ſtolz ich bin, muß ich mir ſelbſt geſtehn: Dergleichen hab' ich nie geſehn, Die ſind ja ſchlimmer als Alraune.... Wird man die urverworfnen Sünden Im mindeſten noch haͤßlich finden, Wenn man dieß Dreigethüm erblickt? Wir litten ſie nicht auf den Schwellen Der grauenvollſten unſrer Höllen. Hier wurzelt's in der Schönheit Land, Das wird mit Ruhm antik genannt.... Sie regen ſich, ſie ſcheinen mich zu ſpüren, Sie zwitſchern pfeifend, Fledermaus⸗Vampyren. Phorkyaden. Gebt mir das Auge, Schweſtern, daß es frage, Wer ſich ſo nah an unſre Tempel wage. Mephiſtopheles. Verehrteſte! Erlaubt mir euch zu nahn Und euren Segen dreifach zu empfahn. Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter, Doch, irr' ich nicht, weitläufiger Verwandter. Altwürdige Götter hab' ich ſchon erblickt, Vor Ops und Rhea tiefſtens mich gebückt; Die Parzen ſelbſt, des Chaos, eure Schweſtern, Ich ſah ſie geſtern— oder ehegeſtern; Doch eures Gleichen hab' ich nie erblickt, Ich ſchweige nun und fühle mich entzückt. Phorkyaden. Er ſcheint Verſtand zu haben dieſer Geiſt. Mephiſtopheles. Nur wundert's mich, daß euch kein Dichter preiſ't. Und ſagt! wie kam's, wie konnte das geſchehn? Im Bilde hab' ich nie euch, Würdigſte, geſehn; 313 Verſuch's der Meißel doch euch zu erreichen, Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen. Phorkyaden. Verſenkt in Einſamkeit und ſtillſte Nacht Hat unſer Drei noch nie daran gedacht! Mephiſtopheles. Wie ſollt' es auch? da ihr der Welt entruckt, Hier niemand ſeht und niemand euch erblickt. Da müßtet ihr an ſolchen Orten wohnen Wo Pracht und Kunſt auf gleichem Sitze thronen, Wo jeden Tag, behend, im Doppelſchritt, Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt. Wo— Phorkyaden. Schweige ſtill und gieb uns kein Gelüſten! Was huͤlf' es uns und wenn wir's beſſer wüßten? In Nacht geboren, Naͤchtlichem verwandt, Beinah uns ſelbſt, ganz allen unbekannt. Mephiſtopheles. In ſolchem Fall hat es nicht viel zu ſagen, Man kann ſich ſelbſt auch andern übertragen. Euch Dreien gnügt Ein Auge, gnügt Ein Zahn, Da ging es wohl auch mythologiſch an In zwei die Weſenheit der drei zu faſſen, Der dritten Bildniß mir zu überlaſſen, Auf kurze Zeit. Eine. Wie dünkt's euch! ging es an? Die Andern. Verſuchen wir's!— doch ohne Aug' und Zahn. Mephiſtopheles. Nun habt ihr grad das Beſte weggenommen, Wie wuͤrde da das ſtrengſte Bild vollkommen! 314 Eine. Druck' du ein Auge zu,'s iſt leicht geſchehn, Laß alſofort den Einen Raffzahn ſehn, und, im Pprofil, wirſt du ſogleich erreichen Geſchwiſterlich vollkommen uns zu gleichen. Mephiſtopheles. Viel Ehr'! Es ſey! Phorkyaden. Es ſey! Mephiſtopheles (als Phorkyas im Profil). Da ſteh' ich ſchon, Des Chaos vielgeliebter Sohn! Phorkyaden. Des Chaos Töchter ſind wir unbeſtritten. Mephiſtopheles. Man ſchilt mich nun, o Schmach! Hermaphroditen. Phorkyaden. Im neuen Drei der Schweſtern welche Schoͤne! Wir haben zwei der Augen, zwei der Zahne. Mephiſtopheles. Vor aller Augen muß ich mich verſtecken, Im Höllenpfuhl die Teufel zu erſchrecken.(Ab.) Felsbuchten des Aegäiſchen Meers. Mond im Zenith verharrend. Sirenen. (auf den Klippen umher gelagert, ſtötend und ſingend). Haben ſonſt bei naͤchtigem Grauen Dich theſſaliſche Zauberfrauen Frevelhaft herabgezogen, Blicke ruhig von dem Bogen 315 Deiner Nacht auf Zitterwogen Mildeblitzend Glanzgewimmel, Und erleuchte das Getümmel, Das ſich aus den Wogen hebt. Dir zu jedem Dienſt erbötig, Schöne Luna, ſey uns gnädig! Nereiden und Tritonen (als Meerwunder). Toͤnet laut in ſchärfern Toͤnen, Die das breite Meer durchdroͤhnen, Volk der Tiefe ruft fortan!— Vor des Sturmes grauſen Schlünden Wichen wir zu ſtillſten Gründen, Holder Sang zieht uns heran. Seht! Wie wir im Hochentzücken Uns mit goldnen Ketten ſchmücken; Auch zu Kron' und Edelſteinen, Spang⸗ und Gürtelſchmuck vereinen. Alles das iſt eure Frucht! Schätze, ſcheiternd hier verſchlungen, Habt ihr uns herangeſungen, Ihr Daͤmonen unſrer Bucht. Sirenen. Wiſſen's wohl, in Meeresfriſche Glatt behagen ſich die Fiſche, Schwanken Lebens ohne Leid; Doch! ihr feſtlich regen Schaaren, Heute moͤchten wir erfahren, Daß ihr mehr als Fiſche ſeyd. Nereiden und Tritonen. Ehe wir hieher gekommen Haben wir's zu Sinn genommen, Schweſtern, Bruͤder, jetzt geſchwind! Heut bedarf's der kleinſten Reiſe, 316 Zum vollguͤltigſten Beweiſe, Daß wir mehr als Fiſche ſind. (Entſernen ſich.) Sirenen. Fort ſind ſie im Nu! Nach Samothrace grade zu, Verſchwunden mit günſtigem Wind. Was denken ſie zu vollführen Im Reiche der hohen Kabiren? Sind Götter! wunderſam eigen, Die ſich immerfort ſelbſt erzeugen, Und niemals wiſſen was ſie ſind. Bleibe auf deinen Hoͤhn, Holde Luna, gnädig ſtehn; Daß es nächtig verbleibe, Uns der Tag nicht vertreibe. Thales (am Ufer zu Homunculus). Ich führte dich zum alten Nereus gern; Zwar ſind wir nicht von ſeiner Höhle fern, Doch hat er einen harten Kopf Der widerwärtige Sauertopf. Das ganze menſchliche Geſchlecht Macht's ihm, dem Griesgram, nimmer recht. Doch iſt die Zukunft ihm entdeckt, Dafür hat jedermann Reſpect, Und ehret ihn auf ſeinem Poſten; Auch hat er manchem wohlgethan. Homunenlus. Probiren wir's und klopfen an! Nicht gleich wird's Glas und Flamme koſten. Nereus. Sind's Menſchenſtimmen, die mein Ohr vernimmt? 4 Wie es mir gleich im tiefſten Herzen grimmt! 3 Gebilde, ſtrebſam Goͤtter zu erreichen, 317 Und doch verdammt ſich immer ſelbſt zu gleichen. Seit alten Jahren konnt' ich göttlich ruhn, Doch trieb mich's an den Beſten wohlzuthun; Und ſchaut' ich dann zuletzt vollbrachte Thaten, So war es ganz als hätt' ich nicht gerathen. Thales. Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir; Du biſt der Weiſe, treib' uns nicht von hier! Schau dieſe Flamme, menſchenähnlich zwar, Sie deinem Rath ergiebt ſich ganz und gar. Nereus. Was Rath! Hat Rath bei Menſchen je gegolten? Ein kluges Wort erſtarrt im harten Ohr. So oft auch That ſich grimmig ſelbſt geſcholten, Bleibt doch das Volk ſelbſtwillig wie zuvor. Wie hab' ich Paris väterlich gewarnt, Eh ſein Gelüſt ein fremdes Weib umgarnt. Am griechiſchen Ufer ſtand er kuͤhnlich da, Ihm kuüͤndet' ich was ich im Geiſte ſah: Die Lüfte qualmend, überſtrömend Roth, Gebälke glühend, unten Mord und Tod: Troja's Gerichtstag, rhythmiſch feſtgebannt, Jahrtauſenden ſo ſchrecklich als gekannt. Des Alten Wort dem Frechen ſchien's ein Spiel, Er folgte ſeiner Luſt und Ilion fiel— Ein Rieſenleichnam, ſtarr nach langer Qual, Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl. Ulyſſen auch! ſagt' ich ihm nicht voraus Der Circe Liſten, des Cyklopen Graus? Das Zaudern ſein, der Seinen leichten Sinn, Und was nicht alles! bracht' ihm das Gewinn? Bis vielgeſchaukelt ihn, doch ſpät genug, Der Woge Gunſt an gaſtlich Ufer trug. Thales. Dem weiſen Mann giebt ſolch Betragen Qual; 318 Der gute doch verſucht es noch einmal. Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnuͤgen, Die Centner Undanks voͤllig überwiegen. Denn nichts Geringes haben wir zu flehn: Der Knabe da wuünſcht weislich zu entſtehn. Nereus. Verderbt mir nicht den ſeltenſten Humor! Ganz andres ſteht mir heute noch bevor: Die Toͤchter hab' ich alle herbeſchieden, Die Grazien des Meeres, die Doriden. Nicht der Olymp, nicht euer Bogen trägt Ein ſchon Gebild das ſich ſo zierlich regt. Sie werfen ſich, anmuthigſter Geberde, Vom Waſſerdrachen auf Neptunus Pferde, Dem Element außs zarteſte vereint, Daß ſelbſt der Schaum ſie noch zu heben ſcheint. Im Farbenſpiel von Venus' Muſchelwagen Kommt Galatee, die ſchönſte nun, getragen, Die, ſeit ſich Kypris von uns abgekehrt, In Paphos wird als Göttin ſelbſt verehrt. Und ſo beſitzt die Holde, lange ſchon, Als Erbin, Tempelſtadt und Wagenthron. Hinweg! Es ziemt, in Vaterfreudenſtunde, Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde. Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann: Wie man entſtehn und ſich verwandeln kann. (Entfernt ſich gegen das Meer.) Thales. Wir hahen nichts durch dieſen Schritt gewonnen. Trifft man auch Proteus, gleich iſt er zerronnen, Und ſteht er euch, ſo ſagt er nur zuletzt Was Staunen macht und in Verwirrung ſetzt. Du biſt einmal bedürftig ſolchen Raths, Verſuchen wir's und wandeln unſres Pfads! (Entfernen üch.) 319 Sirenen(oben auf den Felſen), Was ſehen wir von Weiten Das Wellenreich durchgleiten? Als wie nach Windes Regel Anzögen weiße Segel, So hell ſind ſie zu ſchauen, Verklaͤrte Meeresfrauen. Laßt uns herunter klimmen, Vernehmt ihr doch die Stimmen. Nereiden und Tritonen. Was wir auf Händen tragen Soll allen euch behagen. Chelonen's Rieſen⸗Schilde Entglänzt ein ſtreng Gebilde: Sind Götter die wir bringen; Muͤßt hohe Lieder ſingen. Sirenen. Klein von Geſtalt, Groß von Gewalt, Der Scheiternden Retter, Uralt verehrte Götter. Nereiden und Tritonen. Wir bringen die Kabiren, Ein friedlich Feſt zu führen; Denn wo ſie heilig walten, Neptun wird freundlich ſchalten. Sirenen. Wir ſtehen euch nach; Wenn ein Schiff zerbrach, Unwiderſtehbar an Kraft Schuͤtzt ihr die Mannſchaft. Nereiden und Tritonen. Drei haben wir mitgenommen, Der Vierte wollte nicht kommen; 320 Er ſagte er ſey der Rechte, Der fuͤr ſie alle dächte. Sirenen. Ein Gott den andern Gott Macht wohl zu Spott. Ehrt ihr alle Gnaden, Fuͤrchtet jeden Schaden. Nereiden und Tritonen. Sind eigentlich ihrer Sieben. Sirenen. Wo ſind die drei geblieben? Nereiden und Tritonen. Wir wuüͤßten's nicht zu ſagen, Sind im Olymp zu erfragen; Dort weſ't auch wohl der Achte, An den noch niemand dachte! In Gnaden uns gewäͤrtig, Doch alle noch nicht fertig. Dieſe Unvergleichlichen Wollen immer weiter,f Sehnſuchtsvolle Hungerleider Nach dem Unerreichlichen. Sirenen. Wir ſind gewohnt: Wo es auch thront, In Sonn' und Mond Hinzubeten, es lohnt. Nereiden und Tritonen. Wie unſer Ruhm zum hoͤchſten prangt Dieſes Feſt anzufuͤhren! Sirenen. Die Helden des Alterthums Ermangeln des Ruhms, Wo und wie er auch prangt, Wenn ſie das goldne Vließ erlangt, Ihr die Kabiren. (Wiederholt als Allgeſang.) Wenn ſie das goldne Vließ erlangt, Wir! ihr! die Kabiren. Nereiden und Tritonen (ziehen vorüber). Homuneulus. Die Ungeſtalten ſeh' ich an Als irden-ſchlechte Töpfe, Nun ſtoßen ſich die Weiſen dran Und brechen harte Köpfe. Thales. Das iſt es ja was man begehrt! Der Roſt macht erſt die Munze werth. Proteus(unbemerkt). So etwas freut mich alten Fabler! Je wunderlicher deſto reſpectabler. Thales. Wo biſt du Proteus? Proteus (bauchredneriſch, bald nah, bald fern). Hier! und hier! Thales. Den alten Scherz verzeih' ich dir; Doch, einem Freund nicht eitle Worte! Ich weiß du ſprichſt vom falſchen Orte. Proteus aals aus der Ferne). Leb' wohl! Thales(ceiſe zu Homunculus). Er iſt ganz nah. Nun leuchte friſch! Er iſt neugierig wie ein Fiſch; Und wo er auch geſtaltet ſtockt, Durch Flammen wird er hergelockt. Goethe, Fauſt. 4 14 21 322 Homuneunlus. Ergieß' ich gleich des Lichtes Menge, Beſcheiden doch, daß ich das Glas nicht ſprenge. Proteus (in Geſtalt einer Rieſen⸗Schildkröte). Was leuchtet ſo anmuthig ſchoͤn? Thales (den Homunculus verhüllend). Gut! Wenn du Luſt haſt kannſt du's näher ſehn. Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen, Und zeige dich auf menſchlich beiden Fuͤßen. Mit unſern Gunſten ſey's, mit unſerm Willen, Wer ſchauen will was wir verhüllen. Prateus cedel geſtaltet). Weltweiſe Kniffe ſind dir noch bewußt. Thales. Geſtalt zu wechſeln bleibt noch deine Luſt. (Hat den Homunculus enthüllt.) Proteus(erſtaunt). Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch geſehn! Thales. Es fragt um Rath, und moͤchte gern entſtehn. Er iſt, wie ich von ihm vernommen, Gar wunderſam nur halb zur Welt gekommen. Ihm fehlt es nicht an geiſtigen Eigenſchaften, Doch gar zu ſehr am greiflich Tuͤchtighaften. Bis jetzt giebt ihm das Glas allein Gewicht, Doch wär' er gern zunächſt verkörperlicht. Proteus. Du biſt ein wahrer Jungfern-Sohn, Eh du ſeyn ſollteſt biſt du ſchon! Thales(ceiſe). Auch ſcheint es mir von andrer Seite kritiſch, Er iſt, mich dünkt, hermaphroditiſch. 323 Proteus. Da muß es deſto eher gluͤcken, So wie er anlangt wird ſich's ſchicken. Doch gilt es hier nicht viel beſinnen, Im weiten Meere mußt du anbeginnen! Da fängt man erſt im Kleinen an Und freut ſich Kleinſte zu verſchlingen, Man wächſt ſo nach und nach heran, Und bildet ſich zu höherem Vollbringen. Homunculus. Hier weht gar eine weiche Luft, Es grunelt ſo und mir behagt der Duft! Proteus. Das glaub' ich, allerliebſter Junge! und weiter hin wird's viel behäͤglicher, Auf dieſer ſchmalen Strandeszunge Der Dunſtkreis noch unſaͤglicher; Da vorne ſehen wir den Zug, Der eben herſchwebt, nah genug. Kommt mit dahin! Thales. Ich gehe mit. Homunculus. Dreifach merkwürdiger Geiſterſchritt! Telchinen von Ahodnus auf Hippokampen und Meerdrachen, Neptunens Drelzack handhabend Chor. Wir haben den Dreizack Neptunen geſchmiedet, Womit er die regeſten Wellen begütet. Entfaltet der Donn'rer die Wolken, die vollen, Entgegnet Neptunus dem graͤulichen Rollen; 324 Und wie auch von oben es zackig erblitzt, Wird Woge nach Woge von unten geſpritzt; Und was auch dazwiſchen in Aengſten gerungen, Wird, lange geſchleudert, vom Tiefſten verſchlungen; Weßhalb er uns heute den Scepter gereicht,— Nun ſchweben wir feſtlich, beruhigt und leicht. Sirenen. Euch, dem Helios Geweihten, Heiteren Tags Gebenedeiten, Gruß zur Stunde, die bewegt Luna's Hochverehrung regt! Telchinen. Alllieblichſte Goͤttin am Bogen da droben! Du hörſt mit Entzücken den Bruder beloben. Der ſeligen Rhodus verleihſt du ein Ohr, Dort ſteigt ihm ein ewiger Päan hervor. Beginnt er den Tagslauf und iſt es gethan, Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an. Die Berge, die Stäͤdte, die Ufer, die Welle, Gefallen dem Gotte, ſind lieblich und helle. Kein Nebel umſchwebt uns, und ſchleicht er ſich ein, Ein Strahl und ein Luftchen und die Inſel iſt rein! Da ſchaut ſich der Hohe in hundert Gebilden, Als Jüngling, als Rieſen, den großen, den milden. Wir erſten wir waren's, die Goͤttergewalt Aufſtellten in wurdiger Menſchengeſtalt. Proteus. Laß du ſie ſingen, laß ſie prahlen! Der Sonne heiligen Lebeſtrahlen Sind todte Werke nur ein Spaß. Das bildet ſchmelzend, unverdroſſen; Und haben ſie's in Erz gegoſſen, Dann denken ſie es ware was. Was iſt's zuletzt mit dieſen Stolzen? —— 325 Die Goͤtterbilder ſtanden groß,— Zerſtoͤrte ſie ein Erdeſtoß; Längſt ſind ſie wieder eingeſchmolzen. Das Erdetreiben, wie's auch ſey, Iſt immer doch nur Plackerei; Dem Leben frommt die Welle beſſer; Dich trägt ins ewige Gewäſſer Proteus⸗Delphin. (Er verwandelt ſich.) Schon iſt's gethan! Da ſoll es dir zum ſchönſten glücken, Ich nehme dich auf meinen Rücken, Vermähle dich dem Ocean. Thales. Gieb nach dem löblichen Verlangen Von vorn die Schoͤpfung anzufangen! Zu raſchem Wirken ſey bereit! Da regſt du dich nach ewigen Normen, Durch tauſend abertauſend Formen, und bis zum Menſchen haſt du Zeit. Homunculus (beſteigt den Proteus⸗Delphin). Proteus. Komm geiſtig mit in feuchte Weite, Da lebſt du gleich in Läng' und Breite, Beliebig regeſt du dich hier; Nur ſtrebe nicht nach höhern Orden: Denn biſt du erſt ein Menſch geworden, Dann iſt es völlig aus mit dir. Thales. Nachdem es kommt;'s iſt auch wohl fein Ein wackrer Mann zu ſeiner Zeit zu ſeyn. Proteus Gzu Thales). So einer wohl von deinem Schlag! 1 326 Das hält noch eine Weile nach; Denn unter bleichen Geiſterſchaaren Seh' ich dich ſchon ſeit vielen hundert Jahren. Sirenen cauf dem Felſen). Welch ein Ring von Wölkchen ründet Um den Mond ſo reichen Kreis? Tauben ſind es, liebentzündet, Fittige wie Licht ſo weiß. Paphos hat ſie hergeſendet Ihre brünſtige Vogelſchaar; Unſer Feſt, es iſt vollendet, Heitre Wonne voll und klar! Nerxeus(zu Thales tretend). Nennte wohl ein nächtiger Wandrer Dieſen Mondhof Lufterſcheinung; Doch wir Geiſter ſind ganz andrer Und der einzig richtigen Meinung: Tauben ſind es, die begleiten Meiner Tochter Muſchelpfad,. Wunderflugs beſondrer Art, Angelernt vor alten Zeiten. Thales. Auch ich halte das fuͤr'e Beſte Was dem wackern Mann gefällt, Wenn im ſtillen warmen Neſte Sich ein Heiliges lebend hält. Pſyllen und Marſen (auf Meerſtieren, Meerkälbern und Widdern). In Cyperns rauhen Höhle⸗Grüften, Vom Meergott nicht verſchüttet, Vom Seismos nicht zerruͤttet, Umweht von ewigen Lüften, und, wie in den älteſten Tagen, In ſtill-bewußtem Behagen 327 Bewahren wir Cypriens Wagen und führen, beim Sauſeln der Nächte, Durch liebliches Wellengeflechte, unſichtbar dem neuen Geſchlechte, Die lieblichſte Tochter heran. Wir leiſe Geſchaͤftigen ſcheuen Weder Adler, noch gefluͤgelten Leuen, Weder Kreuz noch Mond, Wie es oben wohnt und thront, Sich wechſelnd wägt und regt, Sich vertreibt und todtſchlägt, Saaten und Staͤdte niederlegt. Wir, ſo fortan, Bringen die lieblichſte Herrin heran. Sirenen. Leicht bewegt, in mäͤßiger Eile, b um den Wagen, Kreis um Kreis, Bald verſchlungen, Zeil' an Zeile Schlangenartig reihenweiſ', Naht euch, rüſtige Nereiden, Derbe Fraun, gefällig wild, Bringet, zärtliche Doriden, Galatee'n, der Mutter Bild: Ernſt, den Göttern gleich zu ſchauen, Würdiger Unſterblichkeit, Doch wie holde Menſchenfrauen Lockender Anmuthigkeit. . 8₰ Doriden (im Chor am Nereus vorbeiziehend, ſämmtlich auf Delphinen). Leih uns Luna Licht und Schatten, Klarheit dieſem Jugendflor! Denn wir zeigen liebe Gatten Unſerm Vater bittend vor. (Zu Nereus.) Knaben ſind's, die wir gerettet 328 Aus der Brandung grimmem Zahn, Sie, auf Schilf und Moos gebettet, Aufgewaͤrmt zum Licht heran; Die es nun mit heißen Küſſen Traulich uns verdanken müſſen Schau die Holden günſtig an! Nereus. Hoch iſt der Doppelgewinn zu ſchätzen: Barmherzig ſeyn, und ſich zugleich ergötzen. Doriden. Lobſt du Vater unſer Walten, Goͤnnſt uns wohlerworbne Luſt; Laß' uns feſt, unſterblich halten Sie an ewiger Jugendbruſt. Nereus. Moͤgt euch des ſchoͤnen Fanges freuen, Den Jüngling bildet euch als Mann; Allein ich könnte nicht verleihen Was Zeus allein gewaͤhren kann. Die Welle, die euch wogt und ſchaukelt, Läßt auch der Liebe nicht Beſtand, Und hat die Neigung ausgegaukelt, So ſetzt gemächlich ſie ans Land. BDoriden. Ihr, holde Knaben, ſeyd uns werth; Doch müſſen wir traurig ſcheiden: Wir haben ewige Treue begehrt, Die Göͤtter wollen's nicht leiden. Die Jünglinge. Wenn ihr uns nur ſo ferner labt, Uns wackre Schiffer⸗Knaben; Wir haben's nie ſo gut gehabt Und wollen's nicht beſſer haben. 329 Galatee (auf dem Muſchelwagen nähert ſich). Nereus. Du biſt es, mein Liebchen! Galatee. O Vater! das Glück! Delphine, verweilet! mich feſſelt der Blick. Nereus. Voruͤber ſchon, ſie ziehen vorüber In kreiſenden Schwunges Bewegung! Was kümmert ſie die innre, herzliche Regung! Ach! naͤhmen ſie mich mit hinüuber! Doch ein einziger Blick ergoͤtzt, Daß er das ganze Jahr erſetzt. Thales. Heil! Heil! aufs neue! Wie ich mich blühend freue, Vom Schoͤnen, Wahren durchdrungen... Alles iſt aus dem Waſſer entſprungen!! Alles wird durch das Waſſer erhalten! Ocean goͤnn' uns dein ewiges Walten. Wenn du nicht Wolken ſendeteſt, Nicht reiche Bäche ſpendeteſt, Hin und her nicht Flüſſe wendeteſt, Die Stroͤme nicht vollendeteſt, Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt? Du biſt's der das friſcheſte Leben erhält. Scho (Chorus der ſämmtlichen Kreiſe). Du biſt's dem das friſcheſte Leben entquellt. Nereus. Sie kehren ſchwankend fern zuruͤck, Bringen nicht mehr Blick zu Blick In gedehnten Kettenkreiſen, 330 Sich feſtgemaͤß zu erweiſen, Windet ſich die unzählige Schaar. Aber Galateg's Muſchelthron Seh' ich ſchon und aber ſchon, Er glaͤnzt wie ein Stern Durch die Menge. Geliebtes leuchtet durchs Gedränge! Auch noch ſo fern Schimmert's hell und klar, Immer nah und wahr. Homuneulus. In dieſer holden Feuchte Was ich auch hier beleuchte Iſt alles reizend ſchön. Proteus. In dieſer Lebensfeuchte Erglänzt erſt deine Leuchte Mit herrlichem Getön. Nerxeus. Welch neues Geheimniß in Mitte der Schaaren Will unſeren Augen ſich offenbaren? Was flammt um die Muſchel um Galatee's Füße? Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald ſüße, Als war' es von Pulſen der Liebe gerührt. Thales. Homunculus iſt es, von Proteus verführt... Es ſind die Symptome des herriſchen Sehnens, Mir ahnet das Aechzen beängſteten Dröhnens; Er wird ſich zerſchellen am glänzenden Thron; Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet ſich ſchon. Sirenen. Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen, Die gegeneinander ſich funkelnd zerſchellen? So leuchtet's und ſchwanket und hellet hinan: 331 Die Körper ſie glühen auf nächtlicher Bahn, Und rings iſt alles vom Feuer umronnen; So herrſche denn Eros, der alles begonnen! Heil dem Meere! Heil den Wogen! Von dem heiligen Feuer umzogen; Heil dem Waſſer! Heil dem Feuer! Heil dem ſeltnen Abenteuer! All Alle. Heil den mildgewognen Lüften! Heil geheimnißreichen Grüften! Hochgefeiert ſeyd allhier Element' ihr alle vier! Dritter Aet. Vor dem Palaſte des Menelas zu Sparta. Helena tritt auf und Chor gefangener Trojanerinnen. Pan- thalis, Chorführerin. Helena. Bewundert viel und viel geſcholten, Helena, Vom Strande komm' ich wo wir erſt gelandet ſind, Noch immer trunken von des Gewoges regſamem Geſchaukel, das vom phrygiſchen Blachgefild uns her Auf ſtraͤubig-hohem Rücken, durch Poſeidons Gunſt Und Euros Kraft in vaterländiſche Buchten trug. Dort unten freuet nun der König Menelas Der Rückkehr ſammt den tapferſten ſeiner Krieger ſich. Du aber heiße mich willkommen hohes Haus, Das Tyndareos, mein Vater, nah dem Hange ſich Von Pallas Hügel wiederkehrend aufgebaut; und, als ich hier mit Klytäamneſtren ſchweſterlich, Mit Caſtor und auch Pollur froͤhlich ſpielend wuchs, Vor allen Häuſern Sparta's herrlich ausgeſchmuͤckt. Gegrüßet ſeyd mir der ehr'nen Pforte Flügel ihr! Durch euer gaſtlich ladendes Weiteroffnen einſt Geſchah's, daß mir, erwahlt aus vielen, Menelas In Braͤutigams⸗Geſtalt entgegenleuchtete. Eröffnet mir ſie wieder, daß ich ein Eilgebot Des Königs treu erfülle, wie der Gattin ziemt. Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir Was mich umſtuͤrmte bis hieher, verhängnißvoll. Denn ſeit ich dieſe Stelle ſorgenlos verließ, 333 Cytherens Tempel beſuchend, heiliger Pflicht gemäß, Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygiſche, Iſt viel geſchehen, was die Menſchen weit und breit So gern erzählen, aber der nicht gerne hoͤrt Von dem die Sage wachſend ſich zum Mährchen ſpann. Chor. Verſchmäͤhe nicht, o herrliche Frau, Des höchſten Gutes Ehrenbeſitz! Denn das größte Glück iſt dir einzig beſcheert: Der Schoͤnheit Ruhm, der vor allen ſich hebt. Dem Helden tont ſein Name voran, Drum ſchreitet er ſtolz, Doch beugt ſogleich hartnäckigſter Mann Vor der allbezwingenden Schöne den Sinn. Helena.. Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeſchifft und nun von ihm zu ſeiner Stadt vorausgeſandt; Doch welchen Sinn er hegen mag errath' ich nicht. Komm' ich als Gattin? komm' ich eine Königin? Komm ich ein Opfer für des Fürſten bittern Schmerz und für der Griechen lang erduldetes Mißgeſchick? Erobert bin ich, ob gefangen weiß ich nicht! Denn Ruf und Schickſal beſtimmten fürwahr die Unſterb⸗ lichen Zweideutig mir, der Schöngeſtalt bedenkliche Begleiter, die an dieſer Schwelle mir ſogar Mit düſter drohender Gegenwart zur Seite ſtehn. Denn ſchon im hohlen Schiffe blickte mich der Gemahl Nur ſelten an, auch ſprach er kein erquicklich Wort.. Als wenn er Unheil ſänne faß er gegen mir. Nun aber, als des Eurotas tiefem Buchtgeſtad Hinangefahren, der vordern Schiffe Schnäbel kaum Das Land begrüßten, ſprach er, wie vom Gott bewegt: Hier ſteigen meine Krieger nach der Ordnung aus, Ich muſtre ſie am Strand des Meeres hingereiht, 334 Du aber ziehe weiter, ziehe des heiligen Eurotas fruchtbegabtem Ufer immer auf, Die Roſſe lenkend auf der feuchten Wieſe Schmuck, Bis daß zur ſchoͤnen Ebene du gelangen magſt, Wo Lakedämon, einſt ein fruchtbar weites Feld, Von ernſten Bergen nah umgeben, angebaut. Betrete dann das hochgethuͤrmte Füͤrſtenhaus, Und muſtre mir die Mägde, die ich dort zurück Gelaſſen, ſammt der klugen alten Schaffnerin. Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor, Wie ſie dein Vater hinterließ und die ich ſelbſt In Krieg und Frieden, ſtets vermehrend, aufgehäuft. Du findeſt alles nach der Ordnung ſtehen: denn Das iſt des Fürſten Vorrecht, daß er alles treu In ſeinem Hauſe, wiederkehrend, finde, noch An ſeinem Platze jedes wie er's dort verließ. Denn nichts zu aͤndern hat für ſich der Knecht Gewalt. Chor. Erquicke nun am herrlichen Schatz, Dem ſtets vermehrten, Augen und Bruſt; Denn der Kette Zier, der Krone Geſchmuck Da ruhn ſie ſtolz und ſie dünken ſich was; Doch tritt nur ein und fordre ſie auf, Sie rüſten ſich ſchnell. Mich freuet zu ſehn Schönheit in dem Kampf Gegen Gold und Perlen und Edelgeſtein. Helena. Sodann erfolgte des Herrn ferneres Herrſcherwort: Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgeſehn, Dann nimm ſo manchen Dreifuß, als du nöthig glaubſt, Und mancherlei Gefäße, die der Opfrer ſich Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Feſtgebrauch. Die Keſſel, auch die Schalen, wie das flache Rund; Das reinſte Waſſer aus der heiligen Quelle ſey In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz 335 Der Flamme ſchnell empfanglich, halte da bereit; Ein wohlgeſchliffnes Meſſer fehle nicht zuletzt; Doch alles andre geb' ich deiner Sorge hin. So ſprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts Lebendigen Athems zeichnet mir der Ordnende, Das er, die Olympier zu verehren, ſchlachten will. Bedenklich iſt es; doch ich ſorge weiter nicht, Und alles bleibe hohen Göttern heimgeſtellt, Die das vollenden, was in ihrem Sinn ſie däucht; Es möge gut von Menſchen, oder möge bös Geachtet ſeyn, die Sterblichen wir ertragen das. Schon manchmal hob das ſchwere Beil der Opfernde Zu des erdgebeugten Thieres Nacken weihend auf, Und konnt' es nicht vollbringen, denn ihn hinderte Des nahen Feindes oder Gottes Zwiſchenkunft. C h dr. Was geſchehen werde ſinnſt du nicht aus. Koͤnigin, ſchreite dahin Guten Muths! Gutes und Böſes kommt Unerwartet dem Menſchen; Auch verkündet glauben wir's nicht. Brannte doch Troja, ſahen wir doch Tod vor Augen, ſchmählichen Tod; Und ſind wir nicht hier Dir geſellt, dienſtbar freudig, Schauen des Himmels blendende Sonne Und das Schönſte der Erde Huldvoll, dich, uns Glücklichen! Helena. Sey's wie es ſey! Was auch bevorſteht, mir geziemt Hinaufzuſteigen ungeſäumt in das Königshaus, Das lang entbehrt, und viel erſehnt, und faſt verſcherzt Mir abermals vor Augen ſteht, ich weiß nicht wie. 336 Die Fuͤße tragen mich ſo muthig nicht empor Die hohen Stufen, die ich kindiſch überſprang. Chor. Werfet, o Schweſtern, ihr Traurig gefangenen, Alle Schmerzen ins Weite; Theilet der Herrin Glück, Theilet Helenens Glück, Welche zu Vaterhauſes Herd, Zwar mit ſpät zurückkehrendem, Aber mit deſto feſterem Fuße freudig herannaht Preiſet die heiligen, Glücklich herſtellenden Und heimführenden Götter! Schwebt der Entbundene Doch wie auf Fittigen Ueber das Rauhſte, wenn umſonſt Der Gefangene, ſehnſuchtsvoll, Ueber die Zinne des Kerkers hin, Armausbreitend ſich abhärmt. Aber ſie ergriff ein Gott Die Entfernte; Und aus Ilios Schutt Trug er hierher ſie zuruͤck In das alte, das neugeſchmückte Vaterhaus, Nach unſaglichen Freuden und Qualen, Fruher Jugendzeit Angefriſcht zu gedenken. Panthalis(als Chorführerin). Verlaſſet nun des Geſanges freudumgebnen Pfad und wendet nach der Thüre Fluͤgeln euren Blick. 337 Was ſeh' ich, Schweſtern? Kehret nicht die Königin Mit heftigen Schrittes Regung wieder zu uns her? Was iſt es, große Königin, was konnte dir In deines Hauſes Hallen, ſtatt der Deinen Gruß, Erſchuͤtterndes begegnen? Du verbirgſt es nicht; Denn Widerwillen ſeh' ich an der Stirne dir, Ein edles Zuͤrnen, das mit Ueberraſchung kämpft. Helena (welche die Thürflügel offen gelaſſen hat, bewegt). Der Tochter Zeus geziemet nicht gemeine Furcht, Und fluͤchtig⸗leiſe Schreckenshand berührt ſie nicht; Doch das Entſetzen, das dem Schooß der alten Nacht, Vom Urbeginn entſteigend, vielgeſtaltet noch Wie gluͤhende Wolken aus des Berges Feuerſchlund Herauf ſich walzt, erſchuͤttert auch des Helden Bruſt. So haben heute grauenvoll die Stygiſchen Ins Haus den Eintritt mir bezeichnet, daß ich gern Von oft betretner, langerſehnter Schwelle mich, Entlaſſ'nem Gaſte gleich, entfernend ſcheiden mag. Doch nein! gewichen bin ich her ans Licht, und ſollt' Ihr weiter nicht mich treiben, Machte, wer ihr ſeyd! Auf Weihe will ich ſinnen, dann gereinigt mag Des Herdes Gluth die Frau begrüßen wie den Herrn. Chorführerin. Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau, Die dir verehrend beiſtehn, was begegnet iſt. Helena. Was ich geſehen ſollt ihr ſelbſt mit Augen ſehn, Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht ſogleich Zuruͤckgeſchlungen in ihrer Tiefe Wunderſchooß. Doch daß ihr's wiſſet, ſag ich's euch mit Worten an: Als ich des Königs-Hauſes ernſten Binnenraum, Der naͤchſten Pflicht gedenkend, feierlich betrat, Erſtaunt' ich ob der öden Gaͤnge Schweigſamkeit. Goethe, Fauſt. 15 22 338 Nicht Schall der emſig wandelnden begegnete Dem Ohr, nicht raſchgeſchaͤftiges Eiligthun dem Blick, Und keine Magd erſchien mir, keine Schaffnerin, Die jeden Fremden freundlich ſonſt begrüßenden. Als aber ich dem Schooße des Herdes mich genaht, Da ſah ich, bei verglommener Aſche lauem Reſt, Am Boden ſitzen welch verhulltes großes Weib, Der Schlafenden nicht vergleichbar, wohl der Sinnenden. Mit Herrſcherworten ruf' ich ſie zur Arbeit auf, Die Schaffnerin mir vermuthend, die indeß vielleicht Des Gatten Vorſicht hinterlaſſend angeſtellt; Doch eingefaltet ſitzt die unbewegliche; Nur endlich ruͤhrt ſie, auf mein Dräun, den rechten Arm, Als wieſe ſie von Herd und Halle mich hinweg. Ich wende zürnend mich ab von ihr und eile gleich Den Stufen zu, worauf empor der Thalamos Geſchmückt ſich hebt und nah daran das Schatzgemach; Allein das Wunder reißt ſich ſchnell vom Boden auf, Gebieteriſch mir den Weg vertretend, zeigt es ſich In hagrer Groͤße, hohlen, blutig-trüben Blicks, Seltſamer Bildung, wie ſie Aug' und Geiſt verwirrt. Doch red' ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht Sich nur umſonſt Geſtalten ſchöpferiſch aufzubaun. Da ſeht ſie ſelbſt! ſie wagt ſogar ſich ans Licht hervor! Hier ſind wir Meiſter, bis der Herr und König kommt. Die grauſen Nachtgeburten drängt der Schoͤnheitsfreund Phöbus hinweg in Höhlen, oder bändigt ſie. Pyorkyas auf der Schwelle zwiſchen den Thürpſoſten auftretend. Chor. Vieles erlebt' ich, obgleich die Locke Jugendlich wallet mir um die Schläfe; Schreckliches hab' ich vieles geſehen, Kriegriſchen Jammer, Ilios' Nacht, Als es fiel.— 339 Durch das umwölkte, ſtaubende Toſen Draängender Krieger hort' ich die Götter Fürchterlich rufen, hort' ich der Zwietracht Eherne Stimme ſchallen durchs Feld, Mauerwärts. Ach! ſie ſtanden noch, Ilios' Mauern, aber die Flammengluth Zog vom Nachbar zu Nachbar ſchon, Sich verbreitend von hier und dort, Mit des eignen Sturmes Wehn, Ueber die nächtliche Stadt hin. Fluͤchtend ſah ich, durch Rauch und Gluth Und der züngelnden Flamme Lohe, Graͤßlich zürnender Goͤtter Nahn, Schreitend Wundergeſtalten, Rieſengroß, durch düſteren Feuerumleuchteten Qualm hin. Sah ich's, oder bildete Mir der angſtumſchlungene Geiſt Solches Vorworrene? ſagen kann Nimmer ich's; doch daß ich dieß Gräßliche hier mit Augen ſchau' Solches gewiß ja weiß ich; Könnt' es mit Haͤnden faſſen gar, Hielte von dem Gefährlichen Nicht zuruͤcke die Furcht mich. Welche von Phorkys Töchtern nur biſt du? Denn ich vergleiche dich Dieſem Geſchlechte. Biſt du vielleicht der graugebornen, Eines Auges und Eines Zahns Wechſelsweis theilhaftigen Graien eine gekommen? 340 Wageſt du Scheuſal, Neben der Schoͤnheit, Dich vor dem Kennerblick Phöbus zu zeigen? Tritt du dennoch hervor nur immer, Denn das Haͤßliche ſchaut Er nicht, Wie ſein heiliges Auge noch Nie erblickte den Schatten. Doch uns Sterbliche nöthigt, ach Leider! trauriges Mißgeſchick Zu dem unſaglichen Augenſchmerz, Den das Verwerfliche, Ewig⸗unſelige Schönheitliebenden rege macht. Ja ſo höre denn, wenn du frech Uns entgegeneſt, hoöre Fluch, Hoͤre jeglicher Schelte Drohn Aus dem verwuüͤnſchenden Munde der Gluüͤcklichen, Die von Göttern gebildet ſind. Phorkyas. Alt iſt das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn: Daß Scham und Schönheit nie zuſammen, Hand in Hand, Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad. Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß, Daß, wo ſie immer irgend auch des Weges ſich Begegnen, jede der Gegnerin den Ruͤcken kehrt. Dann eilet jede wieder heftiger weiter fort, Die Scham betruͤbt, die Schönheit aber frech geſinnt, Bis ſie zuletzt des Orcus hohle Nacht umfaͤngt, Wenn nicht das Alter ſie vorher gebändigt hat. Euch find' ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her Mit Uebermuth ergoſſen, gleich der Kraniche Laut-heiſer klingendem Zug, der über unſer Haupt, In langer Wolke, kraͤchzend ſein Getön herab Schickt, das den ſtillen Wandrer über ſich hinauf 341 Zu blicken lockt; doch ziehn ſie ihren Weg dahin, Er geht den ſeinen; alſo wird's mit uns geſchehn. Wer ſeyd denn ihr, daß ihr des Koͤnigs Hochpalaſt Maͤnadiſch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft? Wer ſeyd ihr denn, daß ihr des Hauſes Schaffnerin Entgegen heulet, wie dem Mond der Hunde Schaar? Wähnt ihr, verborgen ſey mir welch Geſchlecht ihr ſeyd? Du kriegerzeugte, ſchlachterzogne, junge Brut! Mannluſtige du, ſo wie verführt, verfuhrende! Entnervend beide, Kriegers auch und Bürgers Kraft. Zu Hauf euch ſehend ſcheint mir ein Cicaden-Schwarm Herabzuſtürzen, deckend grünende Felderſaat. Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naſchende Vernichterinnen aufgekeimten Wohlſtands ihr! Erobert, marktverkauft, vertauſchte Waare du! Helena. Wer gegenwarts der Frau die Dienerinnen ſchilt, Der Gebiet'rin Hausrecht taſtet er vermeſſen an; Denn ihr gebührt allein das Lobenswürdige Zu rühmen, wie zu ſtrafen was verwerflich iſt. Auch bin des Dienſtes ich wohl zufrieden, den ſie mir Geleiſtet als die hohe Kraft von Ilios Umlagert ſtand und fiel und lag; nicht weniger Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechſelnoth Ertrugen, wo ſonſt jeder ſich der naͤchſte bleibt. Auch hier erwart' ich gleiches von der muntern Schaar; Nicht was der Knecht ſey, fragt der Herr, nur wie er dient. Drum ſchweige du und grinſe ſie nicht länger an. Haſt du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher, Anſtatt der Hausfrau, ſolches dient zum Ruhme dir; Doch jetzo kommt ſie ſelber, tritt nun du zurück, Damit nicht Strafe werde ſtatt verdienten Lohns. Phorkyas. Den Hausgenoſſen drohen bleibt ein großes Recht, 342 Das gottbegluͤckten Herrſchers hohe Gattin ſich Durch langer Jahre weiſe Leitung wohl verdient. Da du, nun Anerkannte, nun den alten Platz Der Königin und Hausfrau wiederum betrittſt, So faſſe laͤngſt erſchlaffte Zügel, herrſche nun, Nimm in Beſitz den Schatz und ſämmtlich uns dazu. Vor allem aber ſchütze mich die altere Vor dieſer Schaar, die, neben deiner Schoöͤnheit Schwan, Nur ſchlecht befittigt ſchnatterhafte Gänſe ſind. Chorführerin. Wie haͤßlich neben Schoͤnheit zeigt ſich Häßlichkeit. Phorkyas. Wie unverſtändig neben Klugheit Unverſtand. (Von hier an erwiedern die Choretiden, einzeln aus dem Chor heraustretend.) Choretide 1. Von Vater Erebus melde, melde von Mutter Nacht. Phorkyas. So ſprich von Scylla, leiblich dir Geſchwiſterkind. Choretide 2. An deinem Stammbaum ſteigt manch Ungeheu'r empor. Phorkyas. Zum Orcus hin! da ſuche deine Sippſchaft auf. Choretide 3. Die dorten wohnen ſind dir alle viel zu jung. Phorkyas. Tireſias, den Alten, gehe buhlend an. Choretide 4. Orions Amme war dir Ur⸗urenkelin. Phorkyas. Harpyen, wähn' ich, fütterten dich im Unflath auf. Choretide 5. Mit was ernährſt du ſo gepflegte Magerkeit? 343 Pyorkyas. Mit Blute nicht, wonach du allzulüſtern biſt. Choretide 6. Begierig du auf Leichen, ekle Leiche ſelbſt! Phorkyas. Vampyren⸗Zaͤhne glänzen dir im frechen Maul. Chorführerin. Das deine ſtopf' ich, wenn ich ſage wer du ſeyſt. Phorkyas. So nenne dich zuerſt, das Räthſel hebt ſich auf. Helena. Nicht zürnend, aber trauernd ſchreit' ich zwiſchen euch, Verbietend ſolches Wechſelſtreites Ungeſtüm! Denn ſchädlicheres begegnet nichts dem Herrſcherherrn Als treuer Diener heimlich unterſchworner Zwiſt. Das Echo ſeiner Befehle kehrt alsdann nicht mehr In ſchnell vollbrachter That wohlſtimmig ihm zurück, Nein, eigenwillig brauſend toſ't es um ihn her, Den ſelbſtverirrten, ins Vergeb'ne ſcheltenden. Dieß nicht allein. Ihr habt in ſitteloſem Zorn, Unſel'ger Bilder Schreckgeſtalten hergebannt, Die mich umdrängen, daß ich ſelbſt zum Orcus mich Geriſſen fühle, vaterländ'ſcher Flur zum Trutz. Iſt's wohl Gedaͤchtniß? war es Wahn der mich ergreift? War ich das alles? Bin ich's? Werd' ich's künftig ſeyn, Das Traum⸗ und Schreckbild jener Städteverwüſtenden? Die Maäͤdchen ſchaudern, aber du die alteſte Du ſtehſt gelaſſen, rede mir verſtändig Wort. Phorkyas. Wer langer Jahre mannigfaltigen Glücks gedenkt, Ihm ſcheint zuletzt die hoͤchſte Göttergunſt ein Traum. Du aber, hochbegünſtigt, ſonder Maß und Ziel, In Lebensreihe ſahſt nur Liebesbrünſtige, Entzuͤndet raſch zum kühnſten Wagſtück jeder Art. 344 Schon Theſeus haſchte früh dich, gierig aufgeregt, Wie Herakles ſtark, ein herrlich ſchön geformter Mann. Helena. Entfuͤhrte mich, ein zehenjährig ſchlankes Reh, Und mich umſchloß Aphidnus Burg in Attika. Phorkyas. Durch Caſtor dann und Pollux aber bald befreit, Umworben ſtandſt du ausgeſuchter Helden⸗Schaar. Helena. Doch ſtille Gunſt vor allen, wie ich gern geſteh', Gewann Patroclus, er, des Peliden Ebenbild. Phorkyas. Doch Vaterwille traute dich an Menelas, Den kuͤhnen Seedurchſtreicher, Hausbewahrer auch. Helena. Die Tochter gab er, gab des Reichs Beſtellung ihm. Aus ehlichem Beiſeyn ſproßte dann Hermione. Phorkyas. Doch als er fern ſich Creta's Erbe kuͤhn erſtritt, Dir Einſamen da erſchien ein allzuſchoner Gaſt. Helena. Warum gedenkſt du jener halben Witwenſchaft? Und welch Verderben gräßlich mir daraus erwuchs! Phorkyas. Auch jene Fahrt mir freigebornen Creterin Gefangenſchaft erſchuf ſie, lange Sclaverei. Helena. Als Schaffnerin beſtellt' er dich ſogleich hieher, Vertrauend vieles, Burg und kühnerworbnen Schatz. Phorkyas. Die du verließeſt, Ilios' umthürmter Stadt Und unerſchöpften Liebesfreuden zugewandt. 345 Helena. Gedenke nicht der Freuden! allzuherben Leid's Unendlichkeit ergoß ſich uͤber Bruſt und Haupt. Pharkyas. Doch ſagt man, du erſchienſt ein doppelhaft Gebild, In Ilios geſehen und in Aegypten auch. Helena. Verwirre wüſten Sinnes Aberwitz nicht gar. Selbſt jetzo, welche denn ich ſey, ich weiß es nicht. Phorkyas. Dann ſagen ſie: aus hohlem Schattenreich herauf Geſellte ſich inbrünſtig noch Achill zu dir! Dich fruͤher liebend gegen allen Geſchicks Beſchluß. Helena. Ich als Idol, ihm dem Idol verband ich mich. Es war ein Traum, ſo ſagen ja die Worte ſelbſt. Ich ſchwinde hin und werde ſelbſt mir ein Idol. (Sinkt dem Halbchor in die Arme.) Chor. Schweige, ſchweige! Mißblickende, mißredende du! Aus ſo graͤßlichen einzahnigen Lippen! was enthaucht wohl Solchem furchtbaren Grauelſchlund. Denn der Bösartige wohlthäͤtig erſcheinend, Wolfsgrimm unter ſchafwolligem Vließ, Mir iſt er weit ſchrecklicher als des drei⸗ koͤpfigen Hundes Rachen. Aengſtlich lauſchend ſtehn wir da, Wann? wie? wo nur bricht's hervor Solcher Tuͤcke Tiefauflauerndes Ungethüm? Nun denn, ſtatt freundlich mit Troſt reichbegabten Letheſchenkenden holdmildeſten Worts, Regeſt du auf aller Vergangenheit Böſeſtes mehr denn Gutes, Und verdüſterſt allzugleich, Mit dem Glanz der Gegenwart, Auch der Zukunft Mild aufſchimmerndes Hoffnungslicht. Schweige, ſchweiße!⸗ 2 Daß der Königin Seele, Schon zu entfliehen bereit, Sich noch halte, feſt halte Die Geſtalt aller Geſtalten, Welche die Sonne jemals beſchien. (Helena hat ſich erholt und ſteht wieder in der Mitte.) Phorkyas. Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieſes Tags, Die verſchleiert ſchon entzückte, blendend nun im Glanze herrſcht. Wie die Welt ſich dir entfaltet ſchauſt du ſelbſt mit holdem Blick. Schelten ſie mich auch für haͤßlich, kenn' ich doch das Schoͤne wohl.. Helena. Tret' ich ſchwankend aus der Oede, die im Schwindel mich umgab, Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn ſo müd' iſt mein Gebein; Doch es ziemet Koniginnen, allen Menſchen ziemt es wohl, Sich zu faſſen, zu ermannen, was auch drohend überraſcht Phorkyas. Stehſt du nun in deiner Großheit, deiner Schoͤne vor uns da, Sagt dein Blick, daß du befiehleſt; was beſiehlſt du? ſprich es aus. 347 Helena. Eures Haders frech Verſäumniß auszugleichen ſeyd bereit, Eilt ein Opfer zu beſtellen wie der König mir gebot. Phorkyas. Alles iſt bereit im Hauſe, Schale, Dreifuß, ſcharfes Beil, Zum Beſprengen, zum Berauchern; das zu Opferndezeig'an. Helena. Nicht bezeichnet' es der Koͤnig. Phorkyas. Sprach's nicht aus? O Jammerwort! Helena. Welch ein Jammer üuͤberfällt dich? Phorkyas. Königin du biſt gemeint! Helena. Ich? Phorkyas. Und dieſe. Chor. Weh und Jammer! Phyorkyas. Fallen wirſt du durch das Beil. Helena. Graßlich! doch geahnt, ich Arme! Phorkyas. Unvermeidlich ſcheint es mir. Chor. Ach! Und uns? was wird begegnen? Phorkyas. Sie ſtirbt einen edlen Tod; Doch am hohen Balken drinnen, der des Daches Giebel tragt, Wie im Vogelfang die Droſſeln, zappelt ihr der Reihe nach. 348 Helena und Chor (ſtehen erſtaunt und erſchreckt, in bedeutender, wohl vorbereiteter Gruppe). Phorkyas. Geſpenſter!—— Gleich erſtarrten Bildern ſteht ihr da, Geſchreckt vom Tag zu ſcheiden der euch nicht gehoͤrt. Die Menſchen, die Geſpenſter ſämmtlich gleich wie ihr, Entſagen auch nicht willig hehrem Sonnenſchein; Doch bittet oder rettet niemand ſie vom Schluß; Sie wiſſen's alleé, wenigen doch gefällt es nur. Genug, ihr ſeyd verloren! Alſo friſch ans Werk. (Klatſcht in die Hände; darauf erſcheinen an der Pforte vermummte Zwerg⸗ geſtalten, welche die ausgeſprochenen Beſehle alſobald mit Behendigkeit ausführen.) Herbei du duͤſtres, kugelrundes Ungethüm, Wälzt euch hieher, zu ſchaden giebt es hier nach Luſt. Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz; Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand; Die Waſſerkrüge füllet, abzuwaſchen giebt's Des ſchwarzen Blutes gräuelvolle Beſudelung. Den Teppich breitet koͤſtlich hier am Staube hin, Damit das Opfer niederkniee königlich, Und eingewickelt, zwar getrennten Haupts, ſogleich Anſtändig würdig, aber doch beſtattet ſey. Chorführerin. Die Koͤnigin ſtehet ſinnend an der Seite hier, Die Mädchen welken gleich gemähtem Wieſengras; Mir aber daucht, der Aelteſten, heiliger Pflicht gemäͤß Mit dir das Wort zu wechſeln, Ur⸗Urälteſte. Du biſt erfahren, weiſe, ſcheinſt uns gut geſinnt, Obſchon verkennend hirnlos dieſe Schaar dich traf. Drum ſage, was du möglich noch von Rettung weißt. Phorkyas. Iſt leicht geſagt: von der Königin hängt allein es ab Sich ſelbſt zu erhalten, euch Zugaben auch mit ihr. Entſchloſſenheit iſt nöthig und die behendeſte. 349 Chor. Ehrenwuͤrdigſte der Parzen, weiſeſte Sibylle du, Halte geſperrt die goldne Scheere, dann verkünd' uns Tag und Heil! Denn wir fuͤhlen ſchon im Schweben, Schwanken, Baumeln, unergötzlich unſere Gliederchen, die lieber erſt im Tanze ſich ergöͤtzten, Ruhten drauf an Liebchens Bruſt. Helena. Laß dieſe bangen! Schmerz empfind' ich, keine Furcht; Doch kennſt du Rettung, dankbar ſey ſie anerkannt. Dem Klugen, Weitumſichtigen zeigt fürwahr ſich oft Unmögliches noch als möglich. Sprich und ſag' es an!— Chor. Sprich und ſage, ſag' uns eilig: wie entrinnen wir den grauſen, Garſtigen Schlingen, die bedrohlich, als die ſchlechteſten Geſchmeide, Sich um unſre Haͤlſe ziehen? Vorempfinden wir's, die Armen, Zum Entathmen, zum Erſticken, wenn du Rhea, aller Götter Hohe Mutter, dich nicht erbarmſt. Pharkyas. Habt ihr Geduld des Vortrags langgedehnten Zug Still anzuhoͤren? Mancherlei Geſchichten ſind's. Chor. Geduld genug! Zuhöͤrend leben wir indeß. Phorkyas. Dem der zu Hauſe verharrend edlen Schatz bewahrt Und hoher Wohnung Mauern auszukitten weiß, Wie auch das Dach zu ſichern vor des Regens Drang, Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch: Wer aber ſeiner Schwelle heilige Richte leicht Mit flüchtigen Sohlen uberſchreitet freventlich, 350 Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz, Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerſtoͤrt. Helena. Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier! Du willſt erzählen, rege nicht an Verdrießliches. Phorkyas. Geſchichtlich iſt es, iſt ein Vorwurf keineswegs. Raubſchiffend ruderte Menelas von Bucht zu Bucht; Geſtad' und Inſeln, alles ſtreift' er feindlich an, Mit Beute wiederkehrend, wie ſie drinnen ſtarrt. Vor Ilios verbracht' er langer Jahre zehn, Zur Heimfahrt aber weiß ich nicht wie viel es war. Allein wie ſteht es hier am Platz um Tyndareos Erhabnes Haus? wie ſtehet es mit dem Reich umher? Helena. Iſt dir denn ſo das Schelten gänzlich einverleibt, Daß ohne Tadeln du keine Lippe regen kannſt? Phorkyas. So viele Jahre ſtand verlaſſen das Thal-Gebirg, Das hinter Sparta nordwärts in die Höhe ſteigt, Taygetos im Ruͤcken, wo als muntrer Bach Herab Eurotas rollt und dann durch unſer Thal An Rohren breit hinfließend eure Schwäne nährt. Dort hinten ſtill im Gebirgthal hat ein kühn Geſchlecht Sich angeſiedelt, dringend aus cimmeriſcher Nacht, Und unerſteiglich feſte Burg ſich aufgethürmt, Von da ſie Land und Leute placken wie's behagt. Helena. Das konnten ſie vollführen? Ganz unmöglich ſcheint's. Pharkyas. Sie hatten Zeit, vielleicht an zwanzig Jahre ſind's. Helena. Iſt Einer Herr? ſind's Räuber viel, Verbündete? 351 Phorkyas. Nicht Räuber ſind es, Einer aber iſt der Herr. Ich ſchelt' ihn nicht und wenn er ſchon mich heimgeſucht. Wohl konnt' er alles nehmen, doch begnügt' er ſich Mit wenigen Freigeſchenken, nannt' er's, nicht Tribut. Helena. Wie ſieht er aus? Phorkyas. Nicht uͤbel! mir gefällt er ſchon. Es iſt ein munterer, kecker, wohlgebildeter, Wie unter Griechen wenig ein verſtändiger Mann. Man ſchilt das Volk Barbaren, doch ich dachte nicht Daß grauſam einer wäͤre, wie vor Ilios Gar mancher Held ſich menſchenfreſſeriſch erwies. Ich acht' auf ſeine Großheit, ihm vertraut' ich mich. Und ſeine Burgl die ſolltet ihr mit Augen ſehn! Das iſt was anderes gegen plumpes Mauerwerk Das eure Väaͤter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt, Cyklopiſch wie Cyklopen, rohen Stein ſogleich Auf rohe Steine ſtuürzend; dort hingegen, dort Iſt alles ſenk- und wagrecht und regelhaft. Von außen ſchaut ſie! himmelan ſie ſtrebt empor, So ſtarr, ſo wohl in Fugen, ſpiegelglatt wie Stahl. Zu klettern hier— ja ſelbſt der Gedanke gleitet ab. Und innen großer Höfe Raumgelaſſe, rings Mit Baulichkeit umgeben aller Art und Zweck. Da ſeht ihr Saulen, Saͤulchen, Bogen, Bögelchen, Altane, Galerie'n zu ſchauen aus und ein, Und Wappen. Chor. Was ſind Wappen? Phorkyas. Ajax führte ja Geſchlungne Schlang' im Schilde, wie ihr ſelbſt geſehn. 352 Die Sieben dort vor Theben trugen Bildnerei'n Ein jeder auf ſeinem Schilde, reich bedeutungsvoll. Da ſah man Mond und Stern' am naͤchtigen Himmelsraum, Auch Göttin, Held und Leiter, Schwerter, Fackeln auch, Und was Bedraͤngliches guten Städten grimmig droht. Ein ſolch Gebilde führt auch unſre Heldenſchaar Von ſeinen Ur⸗Urahnen her in Farbenglanz. Da ſeht ihr Löwen, Adler, Klau' und Schnabel auch, Dann Büffelhörner, Flügel, Roſen, Pfauenſchweif, Auch Streifen, gold und ſchwarz und ſilbern, blau und roth. Dergleichen hängt in Salen Reih' an Reihe fort, In Saͤlen, gränzenloſen, wie die Welt ſo weit; Da könnt ihr tanzen! Chor. Sage, giebt's auch Täͤnzer da? Phorkyas. Die beſten! goldgelockte, friſche Bubenſchaar; Die duften Jugend! Paris duftete einzig ſo, Als er der Königin zu nahe kam. Helena. Du fällſt Ganz aus der Rolle, ſage mir das letzte Wort! Phorkyas. Du ſprichſt das letzte, ſagſt mit Ernſt vernehmlich Ja! Sogleich umgeb' ich dich mit jener Burg. Chor. O ſprich Das kurze Wort! und rette dich und uns zugleich. Helena. Wie? ſollt' ich fürchten, daß der König Menelas So grauſam ſich verginge mich zu ſchadigen? Phorkyas. Haſt du vergeſſen, wie er deinen Deiphobus, Des todtgekäampften Paris Bruder, unerhört 353 Verſtuͤmmelte, der ſtarrſinnig Witwe dich erſtritt Und glücklich kebſ'te; Naſ' und Ohren ſchnitt er ab Und ſtümmelte mehr ſo; Gräuel war es anzuſchaun. Helena. Das that er jenem, meinetwegen that er das. Phorkyas. Um jenes willen wird er dir das Gleiche thun. Untheilbar iſt die Schönheit; der ſie ganz beſaß Zerſtoͤrt ſie lieber, fluchend jedem Theilbeſitz. (Trompeten in der Ferne, der Chor fährt zuſammen.) Wie ſcharf der Trompete Schmettern Ohr und Eingeweid' Zerreißend anfaßt, alſo krallt ſich Eiferſucht Im Buſen feſt des Mannes, der das nie vergißt Was einſt er beſaß und nun verlor, nicht mehr beſitzt. Chor. Hoͤrſt du nicht die Hoͤrner ſchallen? ſiehſt der Waffen Blitze nicht? Phorkyas. Sey willkommen Herr und Koͤnig, gerne geb' ich Rechenſchaft. Chor. Aber wir? Phorkyas. Ihr wißt es deutlich, ſeht vor Augen ihren Tod, Merkt den eurigen da drinne; nein, zu helfen iſt euch nicht. (Pauſe.) Helena. Ich ſann mir aus das Näͤchſte was ich wagen darf. Ein Widerdämon biſt du, das empfind' ich wohl, Und fürchte, Gutes wendeſt du zum Böſen um. Vor allem aber folgen will ich dir zur Burg; Das andre weiß ich; was die Königin dabei In tiefem Buſen geheimnißvoll verbergen mag, Sey jedem unzuganglich. Alte! geh voran. Goethe, Fauſt. 23 354 Chor. O wie gern gehen wir hin, Eilenden Fußes; Hinter uns Tod, Vor uns abermals Ragender Veſte Unzugängliche Mauer. Schütze ſie eben ſo gut, Eben wie Ilios' Burg, Die doch endlich nur Niederträchtiger Liſt erlag. (Nebel verbreiten ſich, umhüllen den Hintergrund, auch die Nähe nach Belieben.) Wie? aber wie! Schweſtern ſchaut euch um! War es nicht heiterer Tag? Nebel ſchwanken ſtreifig empor Aus Eurotas heil'ger Fluth; Schon entſchwand das liebliche Schilfumkraͤnzte Geſtade dem Blick, Auch die frei, zierlich⸗ſtolz Sanfthingleitenden Schwäne In geſell'ger Schwimmluſt Seh' ich, ach, nicht mehr! Doch, aber doch 3 Toͤnen hör' ich ſie, Toͤnen fern heiſeren Ton; Tod verkuͤndenden, ſagen ſie; Ach daß uns er nur nicht auch, Statt verheißener Rettung Heil, Untergang verkünde zuletzt, Uns den ſchwangleichen, lang⸗ Schöͤn weißhalſigen, und ach! Unſ'rer Schwanerzeugten. Weh uns, weh, weh! Alles deckte ſich ſchon Rings mit Nebel umher. Sehen wir doch einander nicht! Was geſchieht? gehen wir? Schweben wir nur Trippelnden Schrittes am Boden hin? Siehſt du nichts? ſchwebt nicht etwa gar Hermes voran? Blinkt nicht der goldne Stab Heiſchend, gebietend uns wieder zuruͤck Zu dem unerfreulichen, grautagenden, Ungreifbarer Gebilde vollen, Ueberfüllten, ewig leeren Hades? Ja auf einmal wird es duſter, ohne Glanz entſchwebt der Nebel Dunkelgräulich, mauerbraͤunlich. Mauern ſtellen ſich dem Blicke Freiem Blicke ſtarr entgegen. Iſt's ein Hof? iſt's tiefe Grube? Schauerlich in jedem Falle! Schweſtern ach! wir ſind ge⸗ fangen, So gefangen wie nur je. (Innerer Burghof, umgeben von reichen phantaſtiſchen Gebäuden des 3 Mittelalters.) Chorführerin. Vorſchnell und thöricht, ächt wahrhaftes Weibsgebild! Vom Augenblick abhängig, Spiel der Witterung Des Glücks und Unglücks, keins von beiden wißt ihr je Zu beſtehn mit Gleichmuth. Eine widerſpricht ja ſtets Der andern heftig, überquer die andern ihr; In Freud' und Schmerz nur heult und lacht ihr gleichen Ton's. Nun ſchweigt! und wartet horchend was die Herrſcherin Hochſinnig hier beſchließen mag für ſich und uns. Helena. Wo biſt du Pythoniſſa? heiße wie du magſt, 356 Aus dieſen Gewölben tritt hervor der düſtern Burg. Gingſt etwa du, dem wunderbaren Heldenherrn Mich anzukündigen, Wohlempfang bereitend mir, So habe Dank und führe ſchnell mich ein zu ihm; Beſchluß der Irrfahrt wünſch' ich, Ruhe wünſch' ich nur. Chorführerin. Vergebens blickſt du, Köͤnigin, allſeits um dich her; Verſchwunden iſt das leidige Bild, verblieb vielleicht Im Nebel dort, aus deſſen Buſen wir hieher, Ich weiß nicht wie, gekommen, ſchnell und ſonder Schritt. Vielleicht auch irrt ſie zweifelhaft im Labyrinth Der wunderſam aus vielen einsgewordnen Burg, Den Herrn erfragend fürſtlicher Hochbegrüßung halb. Doch ſieh, dort oben regt in Menge ſich allbereits In Galerien, am Fenſter, in Portalen raſch Sich hin und her bewegend viele Dienerſchaft, Vornehm⸗willkommnen Gaſtempfang verkündet es. Chor. Aufgeht mir das Herz! o, ſeht nur dahin, Wie ſo ſittig herab mit verweilendem Tritt Jungholdeſte Schaar anſtändig bewegt Den geregelten Zug. Wie? auf weſſen Befehl Nur erſcheinen gereiht und gebildet ſo früh, Von Jünglingsknaben das herrliche Volk? Was bewundr' ich zumeiſt! Iſt es zierlicher Gang, Etwa des Haupts Lockhaar um die blendende Stirn Etwa der Wänglein Paar, wie die Pfirſiche roth, Und eben auch ſo weichwollig beflaumt? Gern biß ich hinein, doch ich ſchaudre davor, Denn in ahnlichem Fall, da erfüllte der Mund Sich, gräßlich zu ſagen! mit Aſche. Aber die ſchönſten Sie kommen daher; Was tragen ſie nur? 357 Stufen zum Thron, Teppich und Sitz, Umhang und zelt⸗ artigen Schmuck; Ueber überwallt er, Wolkenkränze bildend, Unſrer Koͤnigin Haupt; Denn ſchon beſtieg ſie Eingeladen herrlichen Pfühl. Tretet heran, Stufe für Stufe, Reihet euch ernſt. Würdig, o wuürdig, dreifach würdig Sey geſegnet ein ſolcher Empfang! (Alles vom Chor Ausgeſprochene geſchieht nach und nach.) Fauſt. (Nachdem Knaben und Knappen in langem Zug herabgeſtiegen, erſcheint er oben an der Treppe in ritterlicher Hofkleidung des Mittelalters und kommt langſam wurdig herunter.) Chorführerin (ihn aufmerkſam beſchauend). Wenn dieſem nicht die Götter, wie ſie öfter thun, Für wenige Zeit nur wundernswürdige Geſtalt, Erhabnen Anſtand, liebenswerthe Gegenwart Voruͤbergänglich liehen; wird ihm jedesmal Was er beginnt gelingen, ſey's in Mannerſchlacht, So auch im kleinen Kriege mit den ſchönſten Fraun. Er iſt fürwahr gar vielen andern vorzuziehn, Die ich doch auch als hochgeſchätzt mit Augen ſah. Mit langſam ernſtem, ehrfurchtsvoll gehaltnem Schritt Seh' ich den Fürſten; wende dich, o Koͤnigin! Fauſt (herantretend, einen Gefeſſelten zur Seite). Statt feierlichſten Grußes, wie ſich ziemte, Statt ehrfurchtsvollem Willkomm bring' ich dir (23*) 358 In Ketten hartgeſchloſſen ſolchen Knecht, Der, Pflicht verfehlend, mir die Pflicht entwand. Hier kniee nieder! dieſer hoͤchſten Frau Bekenntniß abzulegen deiner Schuld. Dieß iſt, erhabne Herrſcherin, der Mann Mit ſeltnem Augenblitz vom hohen Thurm Umherzuſchaun beſtellt, dort Himmelsraum Und Erdenbreite ſcharf zu überſpähn, Was etwa da und dort ſich melden mag, Vom Hügelkreis ins Thal zur feſten Burg Sich regen mag, der Heerden Woge ſey's, Ein Heereszug vielleicht; wir ſchützen jene, Begegnen dieſem. Heute, welch Verſäumniß! Du kommſt heran, er meldet's nicht, verfehlt Iſt ehrenvollſter ſchuldigſter Empfang So hohen Gaſtes. Freventlich verwirkt Das Leben hat er, läge ſchon im Blut Verdienten Todes; doch nur du allein Beſtrafſt, begnadigſt, wie dir's wohl gefaͤllt. Helena. So hohe Wuͤrde wie du ſie vergönnſt, Als Richterin, als Herrſcherin, und wär's Verſuchend nur, wie ich vermuthen darf, So uͤb' ich nun des Richters erſte Pflicht Beſchuldigte zu hoͤren. Rede denn! Thurmwächter, Tynceus. Laß mich knieen, laß mich ſchauen, Laß mich ſterben, laß mich leben, Denn ſchon bin ich hingegeben Dieſer gottgegebnen Frauen. Harrend auf des Morgens Wonne, Oeſtlich ſpähend ihren Lauf, Ging auf einmal mir die Sonne Wunderbar im Süden auf. 359 Zog den Blick nach jener Seite, Statt der Schluchten, ſtatt der Höhn, Statt der Erd- und Himmelsweite, 4 Sie die Einzige zu ſpahn. Augenſtrahl iſt mir verliehen Wie dem Luchs auf hoͤchſtem Baum; Doch nun mußt' ich mich bemühen Wie aus tiefem duͤſterm Traum. Wuͤßt' ich irgend mich zu finden? Zinne? Thurm? geſchloſſ'nes Thor? Nebel ſchwanken, Nebel ſchwinden, Solche Göttin tritt hervor! Aug' und Bruſt ihr zugewendet Sog ich an den milden Glanz, Dieſe Schoͤnheit, wie ſie blendet, Blendete mich Armen ganz. Ich vergaß des Wächters Pflichten, Völlig das beſchworne Horn; Drohe nur mich zu vernichten, Schönheit bändigt allen Zorn. Helena. Das Uebel das ich brachte darf ich nicht Beſtrafen. Wehe mir! Welch ſtreng Geſchick Verfolgt mich, uͤberall der Mäͤnner Buſen So zu bethören, daß ſie weder ſich Noch ſonſt ein Würdiges verſchonten. Raubend jetzt, Verführend, fechtend, hin und her entruckend, Halbgötter, Helden, Götter, ja Dämonen, Sie führten mich im Irren her und hin. Einfach die Welt verwirrt' ich, doppelt mehr, Nun dreifach, vierfach bring' ich Noth auf Noth. Entferne dieſen Guten, laß ihn frei; Den Gottbethörten treffe keine Schmach. 360 Fauſt. Erſtaunt, o Köͤnigin, ſeh' ich zugleich Die ſicher Treffende, hier den Getroffnen; Ich ſeh' den Bogen, der den Pfeil entſandt, Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen Mich treffend. Allwarts ahn' ich überquer Gefiedert ſchwirrend ſie in Burg und Raum. Was bin ich nun? Auf einmal machſt du mir Rebelliſch die Getreuſten, meine Mauern uUnſicher. Alſo fürcht' ich ſchon, mein Heer Gehorcht der ſiegend unbeſiegten Frau. Was bleibt mir übrig, als mich ſelbſt und alles, Im Wahn das Meine, dir anheim zu geben? Zu deinen Fuͤßen laß mich, frei und treu, Dich Herrin anerkennen, die ſogleich Auftretend ſich Beſitz und Thron erwarb. Lynceus (mit einer Kiſte und Männer die ihm andere nachtragen). Du ſiehſt mich, Königin, zurück! Der Reiche bettelt einen Blick, Er ſieht dich an und fühlt ſogleich Sich bettelarm und fürſtenreich. Was war ich erſt? was bin ich nun? Was iſt zu wollen? was zu thun? Was hilft der Augen ſchaͤrfſter Blitz! Er prallt zurück an deinem Sitz. Von Oſten kamen wir heran Und um den Weſten war's gethan; Ein lang und breites Volksgewicht, Der erſte wußte vom letzten nicht. Der erſte fiel, der zweite ſtand, Des dritten Lanze war zur Hand; Ein jeder hunderrfach geſtärkt, Erſchlagne Tauſend unbemerkt. 361 Wir draͤngten fort, wir ſtuͤrmten fort, Wir waren Herrn von Ort zu Ort; Und wo ich herriſch heut befahl Ein andrer morgen raubt' und ſtahl. Wir ſchauten,— eilig war die Schau; Der griff die allerſchoͤnſte Frau, Der griff den Stier von feſtem Tritt, Die Pferde mußten alle mit. Ich aber liebte zu erſpaͤhn Das Seltenſte was man geſehn, Und was ein andrer auch beſaß, Das war für mich gedörrtes Gras. Den Schätzen war ich auf der Spur, Den ſcharfen Blicken folgt' ich nur, In alle Taſchen blickt' ich ein, Durchſichtig war mir jeder Schrein. Und Haufen Goldes waren mein, Am herrlichſten der Edelſtein: Nur der Smaragd allein verdient Daß er an deinem Herzen grünt. Nun ſchwanke zwiſchen Ohr und Mund Das Tropfenei aus Meeresgrund; Rubinen werden gar verſcheucht, Das Wangenroth ſie niederbleicht. Und ſo den allergrößten Schatz Verſetz' ich hier auf deinen Platz; Zu deinen Fuͤßen ſey gebracht Die Ernte mancher blutigen Schlacht. So viele Kiſten ſchlepp' ich her, Der Eiſenkiſten hab' ich mehr; Erlaube mich auf deiner Bahn Und Schatzgewölbe füll' ich an. 362 Denn du beſtiegeſt kaum den Thron, So neigen ſchon, ſo beugen ſchon Verſtand und Reichthum und Gewalt Sich vor der einzigen Geſtalt. Das alles hielt ich feſt und mein, Nun aber loſe, wird es dein, Ich glaubt' es würdig, hoch und baar, Nun ſeh' ich, daß es nichtig war. Verſchwunden iſt was ich beſaß, Ein abgemahtes welkes Gras. O gieb mit einem heitern Blick Ihm ſeinen ganzen Werth zurück. Fauſt. Entferne ſchnell die kühn erworbne Laſt, Zwar nicht getadelt aber unbelohnt. Schon iſt ihr alles eigen was die Burg Im Schooß verbirgt, Beſondres ihr zu bieten Iſt unnuͤtz. Geh und häͤufe Schatz auf Schatz Geordnet an. Der ungeſeh'nen Pracht Erhabnes Bild ſtell' auf! Laß die Gewölbe Wie friſche Himmel blinken, Paradieſe Von lebeloſem Leben richte zu. Voreilend ihren Tritten laß beblümt An Teppich Teppiche ſich wälzen; ihrem Tritt Begegne ſanfter Boden; ihrem Blick, Nur Goͤttliche nicht blendend, hoͤchſter Glanz. Lynceus. Schwach iſt was der Herr befiehlt, Thut's der Diener, es iſt geſpielt: Herrſcht doch uͤber Gut und Blut Dieſer Schoͤnheit Uebermuth. Schon das ganze Heer iſt zahm, Alle Schwerter ſtumpf und lahm, Vor der herrlichen Geſtalt 363 Selbſt die Sonne matt und kalt, Vor dem Reichthum des Geſichts Alles leer und alles nichts.(Ab.) Helena(Gu Fauſt). Ich wuͤnſche dich zu ſprechen, doch herauf An meine Seite komm'! der leere Platz Beruft den Herrn und ſichert mir den meinen. Fauſt. Erſt knieend laß die treue Widmung dir Gefallen, hohe Frau; die Hand, die mich An deine Seite hebt, laß mich ſie küſſen. Beſtärke mich als Mitregenten deines Gränzunbewußten Reichs, gewinne dir Verehrer, Diener, Wächter all' in Einem. Helena. Vielfache Wunder ſeh' ich, hoͤr' ich an. Erſtaunen trifft mich, fragen moͤcht' ich viel. Doch wuüͤnſcht' ich Unterricht, warum die Rede Des Manns mir ſeltſam klang, ſeltſam und freundlich: Ein Ton ſcheint ſich dem andern zu bequemen, Und hat ein Wort zum Ohre ſich geſellt, Ein andres kommt, dem erſten liebzukoſen. Fauſt. Gefäallt dir ſchon die Sprechart unſrer Voͤlker O ſo gewiß entzückt auch der Geſang, Befriedigt Ohr und Sinn im tiefſten Grunde. Doch iſt am ſicherſten wir üben's gleich, Die Wechſelrede lockt es, ruft's hervor. Helena. So ſage denn, wie ſprech' ich auch ſo ſchön? Fauſt. Das iſt gar leicht, es muß vom Herzen gehn. Und wenn die Bruſt von Sehnſucht uberfließt, Man ſieht ſich um und fragt— 364 Helena. Wer mitgenießt. Fauſt. Nun ſchaut der Geiſt nicht vorwärts nicht zuruͤck, Die Gegenwart allein— Helena. Iſt unſer Gluͤck. Fauſt. Schatz iſt ſie, Hochgewinn, Beſitz und Pfand; Beſtätigung wer giebt ſie? Helena. Meine Hand. Chor. Wer verdacht' es unſrer Furſtin, Goͤnnet ſie dem Herrn der Burg Freundliches Erzeigen. Denn geſteht, ſämmtliche ſind wir Ja Gefangene, wie ſchon öfter Seit dem ſchmählichen Untergang Ilios' und der angſtlich⸗ Labyrinthiſchen Kummerfahrt. Fraun, gewöhnt an Maͤnnerliebe, Wählerinnen ſind ſie nicht, Aber Kennerinnen; Und wie goldlockigen Hirten, Vielleicht ſchwarzborſtigen Faunen, Wie es bringt die Gelegenheit, Ueber die ſchwellenden Glieder Vollertheilen ſie gleiches Recht. Nah und näher ſitzen ſie ſchon An einander gelehnet, Schulter an Schulter, Knie an Knie; Hand in Hand wiegen ſie ſich Ueber des Throns 365 Aufgepolſterter Herrlichkeit. Nicht verſagt ſich die Majeſtät Heimlicher Freuden Vor den Augen des Volkes Uebermüthiges Offenbarſeyn. Helena. Ich fühle mich ſo fern und doch ſo nah, Und ſage nur zu gern: da bin ich! da! Fauſt. Ich athme kaum, mir zittert, ſtockt das Wort; Es iſt ein Traum, verſchwunden Tag und Ort. Helena. Ich ſcheine mir verlebt und doch ſo neu, In dich verwebt, dem Unbekannten treu. Fauſt. Durchgrüble nicht das einzigſte Geſchick, Daſeyn iſt Pflicht und wär's ein Augenblick. Phorkyas(Cceftig eintretend). Buchſtabirt in Liebes-Fibeln, Tändelnd grübelt nur am Liebeln, Muüͤßig liebelt fort im Grübeln, Doch dazu iſt keine Zeit. Fuͤhlt ihr nicht ein dumpfes Wettern? Hört nur die Trompete ſchmettern, Das Verderben iſt nicht weit. Menelas mit Volkes Wogen Kommt auf euch herangezogen; Rüſtet euch zu herbem Streit! Von der Siegerſchaar umwimmelt, Wie Deiphobus verſtümmelt, Büßeſt du das Fraun⸗Geleit. Bammelt erſt die leichte Waare, Dieſer gleich iſt am Altare Neugeſchliffnes Beil bereit. 366 Fauſt. Verwegne Stoͤrung! widerwärtig dringt ſie ein, Auch nicht in Gefahren mag ich ſinnlos Ungeſtüm. Den ſchönſten Boten Unglücksbotſchaft haͤßlicht ihn Du haͤßlichſte gar nur ſchlimme Botſchaft bringſt du gern. Doch dießmal ſoll dir's nicht gerathen, leeres Hauchs Erſchuͤttere du die Lüfte. Hier iſt nicht Gefahr, Und ſelbſt Gefahr erſchiene nur als eitles Dräun. (Signale, Exploſionen von den Thürmen, Trompeten und Zinken, kriegeriſche Muſik, Durchmarſch gewaltiger Heereskraft.) Fauſt. Nein, gleich ſollſt du verſammelt ſchauen Der Helden ungetrennten Kreis: Nur der verdient die Gunſt der Frauen, Derr kraͤftigſt ſie zu ſchuͤtzen weiß. (Zu den Heerführern, die ſich von den Colonnen abſondern und heran⸗ treten.) Mit angehaltnem ſtillen Wüthen, Das euch gewiß den Sieg verſchafft, Ihr Nordens jugendliche Bluͤthen, Ihr Oſtens blumenreiche Kraft. In Stahl gehüllt, vom Strahl umwittert, Die Schaar die Reich um Reich zerbrach, Sie treten auf, die Erde ſchüttert, Sie ſchreiten fort, es donnert nach. An Pylos traten wir zu Lande, Der alte Neſtor iſt nicht mehr! Und alle kleinen Koͤnigsbande Zerſprengt das ungebundne Heer. Draͤngt ungeſäumt von dieſen Mauern Jetzt Menelas dem Meer zurück! Dort irren mag er, rauben, lauern, Ihm war es Neigung und Geſchick. Herzoge ſoll ich euch begrüßen, Gebietet Sparta's Königin, Nun legt ihr Berg und Thal zu Fuͤßen, Und euer ſey des Reichs Gewinn. Germane du! Corinthus' Buchten Vertheidige mit Wall und Schutz, Achaia dann mit hundert Schluchten Empfehl' ich, Gothe, deinem Trutz. Nach Elis ziehn der Franken Heere, Meſſene ſey der Sachſen Loos, Normanne reinige die Meere Und Argolis erſchaff' er groß. Dann wird ein jeder häuslich wohnen, Nach außen richten Kraft und Blitz; Doch Sparta ſoll euch uͤberthronen, Der Koͤnigin verjaͤhrter Sitz. All-Einzeln ſieht ſie euch genießen Des Landes dem kein Wohl gebricht; Ihr ſucht getroſt zu ihren Fuͤßen Beſtätigung und Recht und Licht. (Fauſt ſteigt herab, die Fürſten ſchließen einen Kreis um ihn, Befehl und Anordnung näher zu vernehmen.) Chor.. Wer die Schoͤnſte für ſich begehrt, Tüchtig vor allen Dingen Seh' er nach Waffen weiſe ſich um; Schmeichelnd wohl gewann er ſich Was auf Erden das Höchſte; Aber ruhig beſitzt er's nicht: Schleicher liſtig entſchmeicheln ſie ihm, Räuber kühnlich entreißen ſie ihm, Dieſes zu hindern ſey er bedacht. 368 Unſern Fuͤrſten lob' ich drum, Schätz' ihn höher vor andern, Wie er ſo tapfer klug ſich verband, Daß die Starken gehorchend ſtehn Jedes Winkes gewäaͤrtig. Seinen Befehl vollziehn ſie treu, Jeder ſich ſelbſt zu eignem Nutz, Wie dem Herrſcher zu lohnendem Dank, Beiden zu höchlichem Ruhmes⸗Gewinn. Denn wer entreißet ſie jetzt Dem gewalt'gen Beſitzer? Ihm gehört ſie, ihm ſey ſie gegönnt, Doppelt von uns gegoͤnnt, die er Sammt ihr zugleich innen mit ſicherſter Mauer, Außen mit mächtigſtem Heer umgab. Fauſt. Die Gaben, dieſen hier verliehen— An jeglichen ein reiches Land— Sind groß und herrlich, laß ſie ziehen! Wir halten in der Mitte Stand. Und ſie beſchützen um die Wette, Rings um von Wellen angehüpft, Nichtinſel dich, mit leichter Hügelkette Europens letztem Bergaſt angeknüpft. Das Land, vor aller Laänder Sonnen Sey ewig jedem Stamm begluckt, Nun meiner Königin gewonnen, Das früh an ihr hinaufgeblickt. Als, mit Eurotas Schilfgeflüſter, Sie leuchtend aus der Schale brach, Der hohen Mutter, dem Geſchwiſter Das Licht der Augen überſtach. 369 Dieß Land, allein zu dir gekehret, Entbietet ſeinen höchſten Flor; Dem Erdkreis, der dir angehöret, Dein Vaterland, o zieh' es vor! Und duldet auch auf ſeiner Berge Rücken Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil, Läßt nun der Fels ſich angegrünt erblicken, Die Ziege nimmt genaͤſchig kargen Theil. Die Quelle ſpringt, vereinigt ſtürzen Bache, Und ſchon ſind Schluchten, Hänge, Matten gruͤn. Auf hundert Huͤgeln unterbrochner Flaͤche Siehſt Wollenheerden ausgebreitet ziehn. Vertheilt, vorſichtig, abgemeſſen ſchreitet Gehoͤrntes Rind hinan zum jaͤhen Rand; Doch Obdach iſt den ſämmtlichen bereitet, Zu hundert Höͤhlen wölbt ſich Felſenwand. Pan ſchuͤtzt ſie dort, und Lebensnymphen wohnen In buſchiger Klüfte feucht erfriſchtem Raum; und, ſehnſuchtsvoll nach höhern Regionen, Erhebt ſich zweighaft Baum gedrangt an Baum. Alt⸗Wälder ſind's! die Eiche ſtarret mächtig, Und eigenſinnig zackt ſich Aſt an Aſt; Der Ahorn mild, von ſüßem Safte trachtig, Steigt rein empor und ſpielt mit ſeiner Laſt. Und muͤtterlich im ſtillen Schattenkreiſe Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm; Obſt iſt nicht weit, der Ebnen reife Speiſe, Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm. Hier iſt das Wohlbehagen erblich, Die Wange heitert wie der Mund, Ein jeder iſt an ſeinem Platz unſterblich, Sie ſind zufrieden und geſund. Goethe, Fauſt. 16 24 370 und ſo entwickelt ſich am reinen Tage Zu Vaterkraft das holde Kind. Wir ſtaunen drob; noch immer bleibt die Frage: Ob's Götter, ob es Menſchen ſind? So war Apoll den Hirten zugeſtaltet Daß ihm der ſchoͤnſten einer glich; Denn wo Natur im reinen Kreiſe waltet, Ergreifen alle Welten ſich. .(Neben ihr ſitzend.) So iſt es mir, ſo iſt es dir gelungen; Vergangenheit ſey hinter uns gethan! O fühle dich vom hoͤchſten Gott entſprungen, Der erſten Welt gehörſt du einzig an. Nicht feſte Burg ſoll dich umſchreiben! Noch zirkt, in ewiger Jugendkraft Für uns, zu wonnevollem Bleiben, Arkadien in Sparta's Nachbarſchaft. Gelockt auf ſeligem Grund zu wohnen Du fluͤchteteſt ins heiterſte Geſchick! Zur Laube wandeln ſich die Thronen, Arkadiſch frei ſey unſer Gluͤck! (Der Schauplatz verwandelt ſich durchaus. An eine Reihe von Felſen⸗ höhlen lehnen ſich geſchloſſene Lauben. Schattiger Hain bis an die rings umgebende Felſenſteile hinan. Fauſt und Gelena werden nicht geſehen. Der Chor liegt ſchlafend vertheilt umher.) Phorkyas. Wie lange Zeit die Madchen ſchlafen weiß ich nicht, Ob ſie ſich träumen ließen, was ich hell und klar Vor Augen ſah, iſt ebenfalls mir unbekannt. Drum weck' ich ſie. Erſtaunen ſoll das junge Volk; Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten ſitzend harrt, Glaubhafter Wunder Löſung endlich anzuſchaun. Hervor! hervor! Und ſchüttelt eure Locken raſch; Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht ſo, und hört mich an! 371 Chor. Rede nur, erzaäͤhl', erzähle was ſich Wunderlich's begeben, Hoͤren moͤchten wir am liebſten was wir gar nicht glauben können, Denn wir haben lange Weile dieſe Felſen anzuſehn. Phorkyas. Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr ſchon? So vernehmt: in dieſen Höoͤhlen, dieſen Grotten, dieſen Lauben Schutz und Schirmung war verliehen, wie idylliſchem Liebespaare, Unſerm Herrn und unſrer Frauen. Chor. Wie, da drinnen? Phorkyas. Abgeſondert Von der Welt, nur mich die Eine riefen ſie zu ſtillem Dienſte. Hochgeehrt ſtand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet, Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier⸗ und dorthin, Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirk⸗ ſamkeiten, Und ſo blieben ſie allein. Chor. Thuſt du doch als ob da drinnen ganze Weltenraͤume wären, Wald und Wieſe, Baͤche, Seen; welche Mahrchen ſpinnſt du ab! Phorkyas. Allerdings, ihr Unerfahrnen! das ſind unerforſchte Tiefen: Saal an Salen, Hof an Höoͤfen, dieſe ſpürt' ich ſinnend aus. 372 Doch auf einmal ein Gelächter echo't in den Hoͤhlen⸗ Räumen; Schau' ich hin, da ſpringt ein Knabe von der Frauen Schooß zum Manne, Von dem Vater zu der Mutrer; das Gekoſe, das Getändel Thoͤriger Liebe Neckereien, Scherzgeſchrei und Luſtgejauchze Wechſelnd übertäͤuben mich. Nackt ein Genius ohne Fluͤgel, faunenartig ohne Thierheit Springt er auf den feſten Boden, doch der Boden gegen⸗ wirkend Schnellt ihn zu der luftigen Höhe, und im zweiten, dritten Sprunge Rührt er an das Hochgewölb. Aengſtlich ruft die Mutter: ſpringe wiederholt und nach Belieben, Aber huͤte dich zu fliegen, freier Flug iſt dir verſagt. und ſo mahnt der treue Vater: in der Erde liegt die Schnellkraft, Die dich aufwaͤrts treibt, berühre mit der Zehe nur den Boden Wie der Erdenſohn Antäus biſt du alſobald geſtarkt. und ſo huͤpft er auf die Maſſe dieſes Felſens, von der Kante, Zu dem andern und umher ſo wie ein Ball geſchlagen ſpringt. Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht iſt er verſchwunden, Und nun ſcheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröſtet, Achſelzuckend ſteh' ich ängſtlich. Doch nun wieder welch Erſcheinen! Liegen Schätze dort verborgen? Blumenſtreifige Gewande Hat er würdig angethan. Quaſten ſchwanken von den Armen, Binden flattern um den Buſen, 373 In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus, Tritt er wohlgemuth zur Kante, zu dem Ueberhang; wir ſtaunen. Und die Eltern vor Entzücken werfen wechſelnd ſich ans Herz. Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was ergläͤnzt iſt ſchwer zu ſagen, Iſt es Goldſchmuck, iſt es Flamme übermächtiger Geiſtes⸗ kraft. Und ſo regt er ſich geberdend, ſich als Knabe ſchon ver⸗ küͤndend Kuͤnftigen Meiſter alles Schönen, dem die ewigen Melodieen Durch die Glieder ſich bewegen; und ſo werdet ihr ihn hoͤren, Und ſo werdet ihr ihn ſehn zu einzigſter Bewunderung. Chor. Nennſt du ein Wunder dieß, Creta's Erzeugte? Dichtend belehrendem Wort Haſt du gelauſcht wohl nimmer? Niemals noch gehoͤrt Joniens, Nie vernommen auch Hellas' Urväterlicher Sagen Göttlich⸗heldenhaften Reichthum? Alles was je geſchieht Heutiges Tages Trauriger Nachklang iſt's Herrlicher Ahnherrn⸗Tage; Nicht vergleicht ſich dein Erzaͤhlen Dem, was liebliche Lüge, Glaubhafter als Wahrheit, Von dem Sohne ſang der Maja. Dieſen zierlich und kraftig doch Kaum geborenen Saäugling 374 4 — Faltet in reinſter Windeln Flaum, Strenget in köſtlicher Wickeln Schmuck Klatſchender Wärterinnen Schaar Unvernuünftigen Wähnens. Kräftig und zierlich aber zieht Schon der Schalk die geſchmeidigen Doch elaſtiſchen Glieder Liſtig heraus, die purpurne Aengſtlich drückende Schale Laſſend ruhig an ſeiner Statt, Gleich dem fertigen Schmetterling, Der aus ſtarrem Puppenzwang Flugel entfaltend behendig ſchlüpft, Sonnedurchſtrahlten Aether kühn Und muthwillig durchflatternd. So auch er, der behendeſte, Daß er Dieben und Schäalken, Vortheil-ſuchenden allen auch Ewig günſtiger Daͤmon ſey, Dieß bethätigt er alſobald Durch gewandteſte Künſte. Schnell des Meeres Beherrſcher ſtiehlt Er den Trident, ja dem Ares ſelbſt Schlau das Schwert aus der Scheide, Bogen und Pfeil dem Phöbus auch, . Wie dem Hephaͤſtos die Zange; Selber Zeus, des Vaters, Blitz Nähm' er, ſchreckt' ihn das Feuer nicht; Doch dem Eros ſiegt er ob In beinſtellendem Ringerſpiel. Raubt auch Cyprien, wie ſie ihm koſ't, Noch vom Buſen den Guͤrtel. (Ein reizendes, reinmelodiſches Saitenſpiel erklingt aus der Höhle. Alle merken auf und ſcheinen bald innig gerührt. Von hier an bis zur bemerk⸗ ten Pauſe durchaus mit vollſtimmiger Muſik.) 375 Phorkyas. Hoͤret allerliebſte Klange,„ Macht euch ſchnell von Fabeln frei! Eurer Goͤtter alt Gemenge Laßt es hin, es iſt vorbei. Niemand will euch mehr verſtehen, Fordern wir doch höhern Zoll: Denn es muß von Herzen gehen, Was auf Herzen wirken ſoll. (Sie zieht ſich nach dem Felſen zurück.) Chor. Biſt du fuͤrchterliches Weſen Dieſem Schmeichelton geneigt, Fuͤhlen wir, als friſch geneſen, Uns zur Thraͤnenluſt erweicht. Laß der Sonne Glanz verſchwinden, Wenn es in der Seele tagt, Wir im eignen Herzen finden Was die ganze Welt verſagt. Helena, Fanſt, Euphorion in dem oben beſchriebenen Coſtume. Euphorion. Hoͤrt ihr Kindeslieder ſingen, Gleich iſt's euer eigner Scherz; Seht ihr mich im Tacte ſpringen, Hüpft euch elterlich das Herz. Helena. Liebe, menſchlich zu beglücken Nähert ſie ein edles Zwei; Doch zu göttlichem Entzücken Bildet ſie ein köſtlich Drei. Fauſt. Alles iſt ſodann gefunden: Ich bin dein und du biſt mein; 376 Und ſo ſtehen wir verbunden, Duͤrft' es doch nicht anders ſeyn! Chor. Wohlgefallen vieler Jahre In des Knaben mildem Schein Sammelt ſich auf dieſem Paare. Ol wie rührt mich der Verein. Euphorion. Nun laßt mich huͤpfen, Nun laßt mich ſpringen! Zu allen Luͤften Hinauf zu dringen Iſt mir Begierde, Sie faßt mich ſchon. Fauſt. Nur mäͤßig! mäͤßig! Nicht ins Verwegne; Daß Sturz und Unfall Dir nicht begegne, Zu Grund' uns richte Der theure Sohn. Euphorion. Ich will nicht länger Am Boden ſtocken; Laßt meine Haͤnde, Laßt meine Locken, Laßt meine Kleider, Sie ſind ja mein. Helena. O denk'! o denke Wem du gehoͤreſt! Wie es uns kränke, Wie du zerſtoͤreſt Das ſchön errungene Mein, Dein und Sein. Chor. Bald loͤſ't, ich fuͤrchte, Sich der Verein! Helena und Fauſt. Bäͤndige! bändige, Eltern zu Liebe, Ueberlebendige Heftige Triebe! Ländlich im Stillen Ziere den Plan. Euphorion. Nur euch zu Willen Halt' ich mich an. (Durch den Chor ſich ſchlingend und ihn zum Tanz fortziehend.) Leichter umſchweb' ich hie Muntres Geſchlecht. Iſt nun die Melodie, Iſt die Bewegung recht? Helena. Ja, das iſt wohlgethan; Führe die Schoͤnen an Künſtlichem Reihn. Fauſt. Waͤre das doch vorbei! Mich kann die Gaukelei Gar nicht erfreun. Euphorion und Chor (tanzend und ſingend bewegen ſich in verſchlungenen Reihen). Wenn du der Arme Paar Lieblich bewegeſt, Im Glanz dein lockig Haar Schüttelnd erregeſt; Wenn dir der Fuß ſo leicht 378 Ueber die Erde ſchleicht, Dort und da wieder hin Glieder um Glied ſich ziehn: Haſt du dein Ziel erreicht, Liebliches Kind! All unſre Herzen ſind All' dir geneigt. (Pauſe.) Euphorion. Ihr ſeyd ſo viele Leichtfüßige Rehe, Zu neuem Spiele Friſch aus der Nähe! Ich bin der Jäͤger, Ihr ſeyd das Wild. Chor. Willſt du uns fangen, Sey nicht behende; Denn wir verlangen Doch nur am Ende Dich zu umarmen, Du ſchönes Bild! Euphorion. Nun durch die Haine! Zu Stock und Steine! Das leicht Errungene Das widert mir, Nur das Erzwungene Ergoͤtzt mich ſchier. Helena und Fauſt. Welch ein Muthwill, welch ein Raſen! Keine Maäßigung iſt zu hoffen; Klingt es doch wie Hörnerblaſen Ueber Thal und Wäaͤlder droͤhnend. Welch ein Unfug! Welch Geſchrei! 379 Chor(einzeln ſchnell eintretend). Uns iſt er vorbeigelaufen; Mit Verachtung uns verhoͤhnend, Schleppt' er von dem ganzen Haufen Nun die wildeſte herbei. Euphorion (ein junges Mädchen hereintragend). Schlepp ich her die derbe Kleine Zu erzwungenem Genuſſe; Mir zur Wonne, mir zur Luſt Druͤck' ich widerſpenſtige Bruſt, Kuͤſſ' ich widerwärtigen Mund, Thue Kraft und Willen kund. Mädchen. Laß mich los! In dieſer Huͤlle Iſt auch Geiſtes Muth und Kraft; Deinem gleich iſt unſer Wille Nicht ſo leicht hinweggerafft. Glaubſt du wohl mich im Gedraänge? Deinem Arm vertrauſt du viel! Halte feſt, und ich verſenge Dich den Thoren mir zum Spiel. (Sie flammt auf und lodert in die Höhe.) Folge mir in leichte Lüfte, Folge mir in ſtarre Grüfte, Haſche das verſchwundne Ziel. Euphorion (die letzten Flammen abſchüttelnd). Felſengedraͤnge hier Zwiſchen dem Waldgebuſch, Was ſoll die Enge mir, Bin ich doch jung und friſch. Winde ſie ſauſen ja, Wellen ſie brauſen da; 380 Höoͤr' ich doch beides fern, Nah war' ich gern. (Er ſpringt immer höher Fels auf.) Helena, Fauſt und Chor. Wollteſt du den Gemſen gleichen? Vor dem Falle muß uns graun. Euphorion. Immer höͤher muß ich ſteigen, Immer weiter muß ich ſchaun. Weiß ich nun wo ich bin! Mitten der Inſel drinn, Mitten in Pelops Land, Erde⸗ wie ſeeverwandt. Chor. Magſt nicht in Berg und Wald Friedlich verweilen, Suchen wir alſobald Reben in Zeilen, Reben am Hügelrand; Feigen und Apfelgold. Ach, in dem holden Land Bleibe du hold! Euphorion. Träumt ihr den Friedenstag? Träume wer träumen mag. Krieg iſt das Loſungswort! Sieg! und ſo klingt es fort. Chor. Wer im Frieden Wuüͤnſchet ſich Krieg zurück, Der iſt geſchieden Vom Hoffnungsgluͤck. 381 Euphorion. Welche dieß Land gebar Aus Gefahr in Gefahr, Frei, unbegränzten Muths, Verſchwenderiſch eignen Bluts, Mit nicht zu dämpfendem Heiligem Sinn, Alle den Kämpfenden Bring' es Gewinn! Chor. Seht hinauf wie hoch geſtiegen! Und erſcheint uns doch nicht klein. Wie im Harniſch, wie zum Siegen, Wie von Erz und Stahl der Schein. Euphorion. Keine Welle, keine Mauern, Jeder nur ſich ſelbſt bewußt; Feſte Burg um auszudauern Iſt des Mannes eh'rne Bruſt. Wollt ihr unerobert wohnen, Leicht bewaffnet raſch ins Feld; Frauen werden Amazonen Und ein jedes Kind ein Held. Chor. Heilige Poeſie Himmelan ſteige ſie! Glänze, der ſchoͤnſte Stern, Fern und ſo weiter fern, Und ſie erreicht uns doch Immer, man hört ſie noch, Vernimmt ſie gern. Euphorion. Nein, nicht ein Kind bin ich erſchienen, In Waffen kommt der Jüngling an! 382 Geſellt zu Starken, Freien, Kühnen, Hat er im Geiſte ſchon gethan. Nun fort! Nun dort Eröffnet ſich zum Ruhm die Bahn. Helena und Fauſt. Kaum ins Leben eingerufen, Heitrem Tag gegeben kaum, Sehneſt du von Schwindelſtufen Dich zu ſchmerzenvollem Raum. Sind denn wir Gar nichts dir? Iſt der holde Bund ein Traum? Euphorion. Und hört ihr donnern auf dem Meere? Dort wiederdonnern Thal um Thal, In Staub und Wellen, Heer dem Heere, In Drang um Drang zu Schmerz und Qual. Und der Tod Iſt Gebot, Das verſteht ſich nun einmal. Helena, Fauſt und Chor. Welch Entſetzen! welches Grauen! Iſt der Tod denn dir Gebot? Euphorion. Sollt' ich aus der Ferne ſchauen? Nein! ich theile Sorg' und Noth. Die Vorigen. Uebermuth und Gefahr! Tödtliches Loos. Euphorion. Doch!— und ein Flügelpaat Faltet ſich los! 383 Dorthin! Ich muß! ich muß! Gönnt' mir den Flug! (Er wirft ſich in die Lüfte, die Gewande tragen ihn einen Augenblick, ſein Haupt ſtrahlt, ein Lichtſchweif zieht nach.) Chor. Ikarus! Ikarus! Jammer genug. (Ein ſchöner Jüngling ſtürzt zu der Eltern Füßen, man glaubt in dem Todten eine bekannte Geſtalt zu erblicken; doch das Körperliche verſchwin⸗ det ſogleich, die Aureole ſteigt wie ein Komet zum Himmel auf, Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen.) Helena und Fauſt. Der Freude folgt ſogleich Grimmige Pein. Euphorions(Stimme aus der Tieſe). Laß mich im duͤſtern Reich, Mutter, mich nicht allein! (Pauſe.) Chor.(Trauergeſang.) Nicht allein!— wo du auch weileſt, Denn wir glauben dich zu kennen; Ach! wenn du dem Tag enteileſt Wird kein Herz von dir ſich trennen. Wuͤßten wir doch kaum zu klagen, Neidend ſingen wir dein Loos: Dir in klar' und trüben Tagen Lied und Muth war ſchön und groß. Ach! zum Erdenglück geboren, Hoher Ahnen, großer Kraft, Leider! früh dir ſelbſt verloren, Jugendblüthe weggerafft; Scharfer Blick die Welt zu ſchauen, Mitſinn jedem Herzensdrang, Liebesgluth der beſten Frauen Und ein eigenſter Geſang. 384 Doch du rannteſt unaufhaltſam Frei ins willenloſe Netz, So entzweiteſt du gewaltſam Dich mit Sitte, mit Geſetz; Doch zuletzt das höchſte Sinnen Gab dem reinen Muth Gewicht Wollteſt Herrliches gewinnen, Aber es gelang dir nicht. Wem gelingt es?— Trübe Frage, Der das Schickſal ſich vermummt, Wenn am unglückſeligſten Tage Blutend alles Volk verſtummt. Doch erfriſchet neue Lieder, Steht nicht länger tief gebeugt; Denn der Boden zeugt ſie wieder Wie von je er ſie gezeugt. (Völlige Pauſe. Die Muſik hört auf.) Helena(u Fauſt). Ein altes Wort bewährt ſich leider auch an mir: Daß Gluück und Schönheit dauerhaft ſich nicht vereint. Zerriſſen iſt des Lebens wie der Liebe Band; Bejammernd beide, ſag' ich ſchmerzlich Lebewohl! Und werfe mich noch einmal in die Arme dir. Perſephoneia nimm den Knaben auf und mich. (Sie umarmt Fauſt, das Körperliche verſchwindet, Kleid und Schleier bleiben ihm in den Armen.) Phorkyas u Fauſt). Halte feſt was dir von allem übrig blieb. Das Kleid laß es nicht los. Da zupfen ſchon Damonen an den Zipfeln, möchten gern Zur Unterwelt es reißen. Halte feſt! Die Göttin iſt's nicht mehr die du verlorſt, Doch goͤttlich iſt's. Bediene dich der hohen Unſchätzbar'n Gunſt und hebe dich empor, 385 Es tragt dich über alles Gemeine raſch Am Aether hin, ſo lange du dauern kannſt. Wir ſehn uns wieder, weit gar weit von hier. (Helenens Gewande löſen ſich in Wolken auf, umgeben Fauſt, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber.) Phorkyas enimmt Euphorions Kleid, Mantel und Lyra von der Erde, tritt ins Proſcenium, hebt die Exuvien in die Höhe und ſpricht). Noch immer glücklich aufgefunden! Die Flamme freilich iſt verſchwunden, Doch iſt mir um die Welt nicht leid. Hier bleibt genug Poeten einzuweihen, Zu ſtiften Gild- und Handwerksneid; Und kann ich die Talente nicht verleihen, Verborg' ich wenigſtens das Kleid. (Sie ſetzt ſich im Proſcenium an eine Säule nieder.) Panthalis. Nun eilig, Madchen! Sind wir doch den Zauber los, Der alt⸗theſſaliſchen Vettel wüſten Geiſteszwang; So des Geklimpers viel verworrner Töne Rauſch, Das Ohr verwirrend, ſchlimmer noch den innern Sinn. Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin Mit ernſtem Gang hinunter. Ihrer Sohle ſey Unmittelbar getreuer Magde Schritt gefügt. Wir finden ſie am Throne der Unerforſchlichen. Chor. Königinnen freilich überall ſind ſie gern; Auch im Hades ſtehn ſie oben an, Stolz zu ihres Gleichen geſellt, Mit Perſephonen innigſt vertraut; Aber wir im Hintergrunde Tiefer Asphodelos⸗Wieſen, Langgeſtreckten Pappeln, Unfruchtbaren Weiden zugeſellt, Welchen Zeitvertreib haben wir? Goethe, Fauſt. 4 17 386 Fledermausgleich zu pipſen, Gefluͤſter, unerfreulich, geſpenſtig. Chorführerin. Wer keinen Namen ſich erwarb, noch Edles will, Gehört den Elementen an, ſo fahret hin! Mit meiner Köͤnigin zu ſeyn verlangt mich heiß; Nicht nur Verdienſt, auch Treue wahrt uns die Perſon. (Ab.) Alle. Zurückgegeben ſind wir dem Tageslicht; Zwar Perſonen nicht mehr, Das fühlen, das wiſſen wir, Aber zum Hades kehren wir nimmer. Ewig lebendige Natur Macht auf uns Geiſter, Wir auf ſie vollgültigen Anſpruch. Ein Theil des Chors. Wir in dieſer tauſend Aeſte Fluͤſterzittern, Sauſel⸗ ſchweben, Reizend tändelnd, locken leiſe, wurzelauf des Lebens Quellen Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüthen überſchwenglich Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn. Fällt die Frucht, ſogleich verſammeln, lebensluſtig Volk und Heerden Sich zum Greifen, ſich zum Naſchen, eilig kommend, emſig drangend, und, wie vor den erſten Göttern, buͤckt ſich alles um uns her. Ein andrer Theil. Wir an dieſer Felſenwaͤnde weithinleuchtend glattem Spiegel Schmiegen wir, in ſanften Wellen uns bewegend, ſchmei⸗ chelnd an; 387 Horchen, lauſchen jedem Laute, Vogelſingen, Röhrigfloͤten; Sey es Pans furchtbarer Stimme, Antwort iſt ſogleich bereit; Saͤuſelt's, ſaͤuſeln wir erwiedernd, donnert's, rollen unſre Donner In erſchuͤtterndem Verdoppeln, dreifach zehnfach hinten nach. Ein dritter Theil. Schweſtern! Wir bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter; Denn es reizen jener Ferne reichgeſchmuͤckte Hügelzüge. Immer abwärts, immer tiefer, waͤſſern wir, maͤandriſch wallend, Jetzt die Wieſe, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus. Dort bezeichnen's der Cypreſſen ſchlanke Wipfel, uͤber Land⸗ ſchaft, Uferzug und Wellenſpiegel nach dem Aether ſteigende. Ein pierter Theil. Wallt ihr andern wo's beliebet, wir umzingeln, wir um⸗ rauſchen Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe gruͤnt; Dort zu aller Tage Stunden laͤßt die Leidenſchaft des Winzers Un. 1 des liebevollſten Fleißes zweifelhaft Gelingen ſehn. 2 Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden, Berer er zu allen Goͤttern, vörderſamſt zum Sonnengott. Bacchus kümmert ſich, der Weichling, wenig um den treuen Diener, Ruht in Lauben, lehnt in Hoͤhlen, faſelnd mit dem jüngſten Faun. Was zu ſeiner Träͤumereien halbem Rauſch er je bedurfte, Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Kruͤgen und Gefäßen, Rechts und links der kühlen Grüfte ewige Zeiten aufbe⸗ wahrt. Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen, Lüftend, feuchtend, wärmend, gluthend, Beeren⸗Füllhorn aufgehäuft, Wo der ſtille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig, Und es rauſcht in jedem Laube, raſchelt um von Stock zu Stock; Koͤrbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin, Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräftigem Tanz; Und ſo wird die heilige Fülle reingeborner ſaftiger Beeren Frech zertreten; ſchaͤumend, ſpruhend miſcht ſich's wider⸗ lich zerquetſcht. und nun gellt ins Ohr der Cymbeln mit der Becken Erz⸗ . getöne, Denn es hat ſich Dionyſos aus Myſterien enthüllt; Kommt hervor mit Zügenfüßlern, ſchwenkend Ziegenfuf lerinnen, Und dazwiſchen ſchreit unbandig grell Silenus oͤhrig Thier. Nichts geſchont! Geſpaltne Klauen treten alle Siete nieder, Alle Sinne wirbeln taumlich, graßlich uͤbertaͤubt Das Ohr. Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt ſind Koß'f und Waͤnſte, Sorglich iſt noch ein und andrer, doch vermehrt er Die Tumulte, Denn um neuen Moſt zu bergen, leert man raſch den alten Schlauch! A der Vorhang fällt.) Phorkyas (im Proſcenium richtet ſich rieſenhaft auf, tritt von den Cothurnen herun⸗ ter, lehnt Maske und Schleier zurück und zeigt ſich als Mephiſtopheles, um, inſofern es nöthig wäre, im Epilog das Stück zu commentiren) 389 Vierter Aet. Hochgebirg, ſtarke zackige Felſen⸗Gipfel. Eine Wolke zieht herbei, lehnt ſich an, ſenkt ſich auf eine vorſtehende Platte herab. Sie theilt ſich. Fauſt tritt hervor. Der Einſamkeiten tiefſte ſchauend unter meinem Fuß, Betret' ich wohlbedächtig dieſer Gipfel Saum, Entlaſſend meiner Wolke Tragwerk, die mich ſanft An klaren Tagen über Land und Meer geführt. Sie loͤſ't ſich langſam, nicht zerſtiebend, von mir ab. Nach Oſten ſtrebt die Maſſe mit geballtem Zug, Ihr ſtrebt das Auge ſtaunend in Bewundrung nach. Sie theilt ſich wandelnd, wogenhaft, veranderlich. Doch will ſich's modeln.— Jal das Auge trügt mich nicht!— Auf ſonnbeglänzten Pfühlen herrlich hingeſtreckt, Zwar rieſenhaft, ein göttergleiches Fraungebild, Ich ſeh's! Junonen ahnlich, Leda'n, Helenen, Wie majeſtätiſch lieblich mir's im Auge ſchwankt. Ach! ſchon verrückt ſich's! Formlos breit und aufgethürmt, Ruht es in Oſten, fernen Eisgebirgen gleich, Und ſpiegelt blendend fluͤchtiger Tage großen Sinn. Doch mir umſchwebt ein zarter lichter Nebelſtreif Noch Bruſt und Stirn, erheiternd, küht und ſchmeichelhaft. Nun ſteigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf, Fügt ſich zuſammen.— Tauſcht mich ein entzuͤckend Bild, Als jugenderſtes, langſtentbehrtes höchſtes Gut? Des tiefſten Herzens frühſte Schatze quellen auf, Aurorens Liebe, leichten Schwungs, bezeichnet's mir, 390 Den ſchnellempfundnen, erſten, kaum verſtandnen Blick, Der, feſtgehalten, uͤberglänzte jeden Schatz. Wie Seelenſchönheit ſteigert ſich die holde Form, Löſ't ſich nicht auf, erhebt ſich in den Aether hin, und zieht das beſte meines Innern mit ſich fort. Ein Sieben-Meilenſtiefel tappt auf. Ein Anderer folgt alsbald. Mephiſtophe les ſteigt ab. Die Stiefel ſchreiten eilig weiter. Mephiſtopheles. Das heiß' ich endlich vorgeſchritten! Nun aber ſag', was fällt dir ein? Steigſt ab in ſolcher Grauel Mitten, Im gräßlich gähnenden Geſtein? Ich kenn' es wohl, doch nicht an dieſer Stelle, Denn eigentlich war das der Grund der Hölle. Fauſt. Es fehlt dir nie an närriſchen Legenden, Fängſt wieder an dergleichen auszuſpenden. Mephiſtopheles cernſthaft). Als Gott der Herr— ich weiß auch wohl warum,— Uns, aus der Luft, in tiefſte Tiefen bannte, Da, wo centraliſch glühend, um und um, Ein ewig Feuer flammend ſich durchbrannte, Wir fanden uns bei allzugroßer Hellung In ſehr gedrängter unbequemer Stellung. Die Teufel fingen ſämmtlich an zu huſten, Von oben und von unten auszupuſten; Die Hölle ſchwoll von Schwefelſtank und Säure, Das gab ein Gas! das ging ins Ungeheure, So daß gar bald der Laͤnder flache Kruſte, So dick ſie war, zerkrachend berſten mußte. Nun haben wir's an einem andern Zipfel, 391 Was ehmals Grund war iſt nun Gipfel. Sie gruͤnden auch hierauf die rechten Lehren Das Unterſte ins Oberſte zu kehren. Denn wir entrannen knechtiſch⸗heißer Gruft Ins Uebermaß der Herrſchaft freier Luft. Ein offenbar Geheimniß wohl verwahrt Und wird nur ſpät den Völkern offenbart. (Ephes. 6. 12.) Fauſt. Gebirgesmaſſe bleibt mir edel⸗ſtumm, Ich frage nicht woher und nicht warum?— Als die Natur ſich in ſich ſelbſt gegründet, Da hat ſie rein den Erdball abgeründet, Der Gipfel ſich, der Schluchten ſich erfreut, Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht; Die Hügel dann bequem hinabgebildet, Mit ſanftem Zug ſie in das Thal gemildet. Da grünt's und waͤchſt's, und um ſich zu erfreuen Bedarf ſie nicht der tollen Strudeleien. Mephiſtopheles. Das ſprecht ihr ſo! Das ſcheint euch ſonnenklar, Doch weiß es anders der zugegen war. Ich war dabei, als noch da drunten, ſiedend, Der Abgrund ſchwoll und ſtrömend Flammen trug; Als Molochs Hammer, Fels an Felſen ſchmiedend, Gebirges⸗Trümmer in die Ferne ſchlug. Noch ſtarrt das Land von fremden Centnermaſſen; Wer giebt Erklärung ſolcher Schleudermacht? Der Philoſoph, er weiß es nicht zu faſſen, Da liegt der Fels, man muß ihn liegen laſſen, Zu Schanden haben wir uns ſchon gedacht.— Das treu-⸗gemeine Volk allein begreift Und läßt ſich im Begriff nicht ſtören; Ihm iſt die Weisheit längſt gereift: Ein Wunder iſt's, der Satan kommt zu Ehren. 392 Mein Wandrer hinkt an ſeiner Glaubenskruͤcke, Zum Teufelsſtein, zur Teufelsbrücke. Fauſt. Es iſt doch auch bemerkensweeth zu achten, Zu ſehn wie Teufel die Natur betrachten. Mephiſtopheles. Was geht mich's an! Natur ſey wie ſie ſey! 's iſt Ehrenpunkt: der Teufel war dabei! Wir ſind die Leute Großes zu erreichen; Tumult, Gewalt und unſinn! ſieh das Zeichen!— Doch, daß ich endlich ganz verſtäͤndlich ſpreche, Gefiel dir nichts an unſrer Oberfläche? Du überſahſt, in ungemeſſ'nen Weiten, „Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten.“ (Matth. 4.) Doch, ungenügſam, wie du biſt, Empfandeſt du wohl kein Gelüſt? Fauſt. Und doch! ein Großes zog mich an. Errathe! Mephiſtopheles. Das iſt bald gethan. Ich ſuchte mir ſo eine Hauptſtadt aus, Im Kerne Bürger⸗Nahrungsgraus, Krummenge Gaßchen, ſpitze Giebeln, Beſchränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln; Fleiſchbänke wo die Schmeißen hauſen, Die fetten Braten anzuſchmauſen; Da findeſt du zu jeder Zeit Gewiß Geſtank und Thaͤtigkeit. Dann weite Pläͤtze, breite Straßen, Vornehmen Schein ſich anzumaßen; uUnd endlich, wo kein Thor beſchränkt, Vorſtadte graͤnzenlos verlängt. 393 Da freut' ich mich an Rollekutſchen, Am laͤrmigen Hin- und Wiederrutſchen, Am ewigen Hin⸗ und Wiederlaufen, Zerſtreuter Ameis⸗Wimmelhaufen. Und, wenn ich führe, wenn ich ritte, Erſchien ich immer ihre Mitte, Von Hunderttauſenden verehrt. Fauſt. Das kann mich nicht zufrieden ſtellen! Man freut ſich, daß das Volk ſich mehrt, Nach ſeiner Art behaglich nährt, Sogar ſich bildet, ſich belehrt,— Und man erzieht ſich nur Rebellen. Mephiſtopheles. Dann baut' ich, grandios, mir ſelbſt bewußt, Am luſtigen Ort ein Schloß zur Luſt. Wald, Hugel, Flachen, Wieſen, Feld Zum Garten praͤchtig umbeſtellt. Vor grünen Waͤnden Sammetmatten, Schnurwege, kunſtgerechte Schatten, Cascadenſturz, durch Fels zu Fels gepaart, Und Waſſeerſtrahlen aller Art; Ehrwuͤrdig ſteigt es dort, doch an den Seiten, Da ziſcht's und piſcht's, in tauſend Kleinigkeiten. Dann aber ließ ich allerſchönſten Frauen, Vertraut-bequeme Häuslein bauen; Verbrächte da gränzenloſe Zeit In allerliebſt-geſelliger Einſamkeit. Ich ſage Frau'n; denn ein für allemal Denk' ich die Schönen im Plural. Fauſt. Schlecht und modern! Sardanapal! Mephiſtopheles. Erraͤth man wohl wornach du ſtrebteſt? 394 Es war gewiß erhaben⸗kühn. Der du dem Mond um ſo viel näher ſchwebteſt, Dich zog wohl deine Sucht dahin? Faufl. Mit nichten! dieſer Erdenkreis Gewährt noch Raum zu großen Thaten. Erſtaunenswuͤrdiges ſoll gerathen, Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß. Mephiſtopheles. Und alſo willſt du Ruhm verdienen? Man merkt's du kommſt von Heroinen. Fauſt. Herrſchaft gewinn' ich, Eigenthum! Die That iſt alles, nichts der Ruhm. Mephiſtopheles. Doch werden ſich Poeten finden, Der Nachwelt deinen Glanz zu kuüͤnden, Durch Thorheit Thorheit zu entzünden. Fauſt. Von allem iſt dir nichts gewährt. Was weißt du, was der Menſch begehrt? Dein widrig Weſen, bitter, ſcharf, Was weiß es, was der Menſch bedarf? Mephiſtopheles. Geſchehe denn nach deinem Willen! Vertraue mir den Umfang deiner Grillen. Fauſt. Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen; Es ſchwoll empor, ſich in ſich ſelbſt zu thürmen, Dann ließ es nach und ſchüttelte die Wogen, Des flachen Ufers Breite zu beſtürmen. Und das verdroß mich; wie der Uebermuth Den freien Geiſt, der alle Rechte ſchätzt, 395 Durch leidenſchaftlich aufgeregtes Blut Ins Mißbehagen des Gefühls verſetzt. Ich hielt's für Zufall, ſchärfte meinen Blick, Die Woge ſtand und rollte dann zurück, Entfernte ſich vom ſtolz erreichten Ziel; Die Stunde kommt, ſie wiederholt das Spiel. Mephiſtopheles(ad Spectatores). Da iſt fuͤr mich nichts Neues zu erfahren, Das kenn' ich ſchon ſeit hunderttauſend Jahren. Fauſt (leidenſchaftlich fortfahrend). Sie ſchleicht heran, an abertauſend Enden Unfruchtbar ſelbſt Unfruchtbarkeit zu ſpenden; Nun ſchwillt's und wächſt und rollt und überzieht Der wüſten Strecke widerlich Gebiet. Da herrſchet Well' auf Welle kraftbegeiſtet, Zieht ſich zuruͤck und es iſt nichts geleiſtet, Was zur Verzweiflung mich beaͤngſtigen könnte! Zweckloſe Kraft unbändiger Elemente! Da wagt mein Geiſt ſich ſelbſt zu überfliegen; Hier moͤcht' ich kaämpfen, dieß möcht' ich beſiegen. Und es iſt möglich!— fluthend wie ſie ſey, An jedem Hügel ſchmiegt ſie ſich vorbei; Sie mag ſich noch ſo übermuͤthig regen, Geringe Hoͤhe ragt ihr ſtolz entgegen, Geringe Tiefe zieht ſie mächtig an. Da faßt' ich ſchnell im Geiſte Plan auf Plan: Erlange dir das köͤſtliche Genießen Das herriſche Meer vom Ufer auszuſchließen, Der feuchten Breite Gränzen zu verengen und, weit hinein, ſie in ſich ſelbſt zu draͤngen. Von Schritt zu Schritt wußt' ich mir's zu eroͤrtern. Das iſt mein Wunſch, den wage zu befördern! (Trommeln und kriegeriſche Muſik im Rücken der Zuſchauer, aus der Ferne, von der rechten Seite her.) 396 Mephiſtopheles. Wie leicht iſt das!— hoͤrſt du die Trommeln fern? Fanſt. Schon wieder Krieg! der Kluge hört's nicht gern. Mephiſtopheles. Krieg oder Frieden— klug iſt das Bemühen Aus jedem Umſtand ſeinen Vortheil ziehen. Man paßt, man merkt auf jedes günſtige Nu; Gelegenheit iſt da, nun Fauſte greife zu! Fauſt. Mit ſolchem Räthſelkram verſchone mich! Und kurz und gut, was ſoll's? Erkläre dich. Mephiſtopheles. Auf meinem Zuge blieb mir nicht verborgen, Der gute Kaiſer ſchwebt in großen Sorgen, Du kennſt ihn ja. Als wir ihn unterhielten, Ihm falſchen Reichthum in die Hände ſpielten, Da war die ganze Welt ihm feil. Denn jung ward ihm der Thron zu Theil, Und ihm beliebt' es falſch zu ſchließen: Es könne wohl zuſammengehn, Und ſey recht wünſchenswerth und ſchön, Regieren und zugleich genießen. Fauſt. Ein großer Irrthum. Wer befehlen ſoll, Muß im Befehlen Seligkeit empfinden. Ihm iſt die Bruſt von hohem Willen voll, Doch was er will, es darf's kein Menſch ergründen. Was er den Treuſten in das Ohr geraunt, Es iſt gethan und alle Welt erſtaunt. So wird er ſtets der Allerhöchſte ſeyn, Der Wüͤrdigſte—; Genießen macht gemein. Mephiſtopheles. So iſt er nicht! Er ſelbſt genoß und wie! 397 Indeß zerfiel das Reich in Anarchie, Wo Groß und Klein ſich kreuz und quer befehdeten, Und Bruͤder ſich vertrieben, tödteten, Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt, Zunft gegen Adel Fehde hat, Der Biſchof mit Capitel und Gemeinde; Was ſich nur anſah waren Feinde. In Kirchen Mord und Todtſchlag, vor den Thoren Iſt jeder Kauf- und Wandersmann verloren. Und allen wuchs die Kühnheit nicht gering; Denn leben hieß: ſich wehren— Nun, das ging. . Fauſt. Es ging, es hinkte, fiel, ſtand wieder auf, Dann uͤberſchlug ſich's, rollte plump zu Hauf. Mephiſtopheles. Und ſolchen Zuſtand durfte niemand ſchelten, Ein jeder konnte, jeder wollte gelten: Der Kleinſte ſelbſt er galt für voll; Doch war's zuletzt den Beſten allzutoll. Die Tuͤchtigen ſie ſtanden auf mit Kraft Und ſagten: Herr iſt der uns Ruhe ſchafft. Der Kaiſer kann's nicht, will's nicht— laßt uns waͤhlen Den neuen Kaiſer, neu das Reich beſeelen, Indem er jeden ſicher ſtellt, In einer friſchgeſchaffnen Welt Fried' und Gerechtigkeit vermählen. Fauſt. Das klingt ſehr pfäffiſch. Mephiſtopheles Pfaffen waren's auch, Sie ſicherten den wohlgenährten Bauch; Sie waren mehr, als andere betheiligt. Der Aufruhr ſchwoll, der Aufruhr ward geheiligt; Und unſer Kaiſer, den wir froh gemacht, Zieht ſich hieher, vielleicht zur letzten Schlacht. 398 Fauſt. Er jammert mich, er war ſo gut und offen. Mephiſtopheles. Komm, ſehn wir zu, der Lebende ſoll hoffen. Befrein wir ihn aus dieſem engen Thale! Einmal gerettet iſt's für tauſend Male. Wer weiß wie noch die Würfel fallen? und hat er Glück, ſo hat er auch Vaſallen. (Sie ſieigen über das Mittelgebirg herüber und beſchauen die Anordnung des Heeres im Thal. Trommeln und Kriegsmuſik ſchallt von unten auf.) Mephiſtopheles. Die Stellung, ſeh' ich, gut iſt ſie genommen! Wir treten zu, dann iſt der Sieg vollkommen. Fauſt. Was kann da zu erwarten ſeyn? Trug! Zauberblendwerk! Hohler Schein. Mephiſtopheles. Kriegsliſt um Schlachten zu gewinnen: Befeſtige dich bei großen Sinnen, Indem du deinen Zweck bedenkſt. Erhalten wir dem Kaiſer Thron und Lande, So knieſt du nieder und empfangſt Die Lehn von gränzenloſem Strande. Fauſt. Schon manches haſt du durchgemacht, Nun ſo gewinn' auch eine Schlacht. Mephiſtopheles. Nein, du gewinnſt ſie! dieſes Mal Biſt du der Obergeneral. Fauſt. Das waͤre mir die rechte Hoͤhe, Da zu befehlen wo ich nichts verſtehe! Mephiſtopheles. Laß du den Generalſtab ſorgen 399 Und der Feldmarſchall iſt geborgen. Kriegsunrath hab' ich längſt verſpuͤrt, Den Kriegsrath gleich voraus formirt Aus Urgebirgs Urmenſchenkraft; Wohl dem der ſie zuſammenrafft. Fauſt. Was ſeh' ich dort was Waffen traägt? Haſt du das Bergvolk aufgeregt? Mephiſtopheles. Nein! aber gleich Herrn Peter Squenz Vom ganzen Praß die Quinteſſenz. Die drei Gewaltigen neten auf. (Sam. II. 23. 8.) Mephiſtopheles. Da kommen meine Burſche ja! Du ſiehſt, von ſehr verſchiednen Jahren, Verſchiednem Kleid und Rüſtung ſind ſie da; Du wirſt nicht ſchlecht mit ihnen fahren. (Ad Spectatores.) Es liebt ſich jetzt ein jedes Kind Den Harniſch und den Ritterkragen; uUnd, allegoriſch wie die Lumpen ſind, Sie werden nur um deſto mehr behagen. Raufebold (jung, leicht bewaffnet, bunt gekleidet). Wenn einer mir ins Auge ſieht Werd' ich ihm mit der Fauſt gleich in die Freſſe fahren, Und eine Memme, wenn ſie flieht, Faſſ' ich bei ihren letzten Haaren. Habebald (männlich, wohl bewaffnet, reich gekleidet). So leere Händel das ſind Poſſen, Damit verdirbt man ſeinen Tag; 400 Im Nehmen ſey nur unverdroſſen, Nach allem andern frag' hernach. Haltefeſt (bejahrt, ſtark bewaffnet, ohne Gewand). Damit iſt auch nicht viel gewonnen! Bald iſt ein großes Gut zerronnen, Es rauſcht im Lebensſtrom hinab. Zwar nehmen iſt recht gut, doch beſſer iſt's behalten; Laß du den grauen Kerl nur walten Und niemand nimmt dir etwas ab. (Sie ſteigen allzuſammen tiefer.) Auf dem Vorgebirg. Trommeln und kriegeriſche Muſik von unten. Des Kaiſers Zelt wird aufgeſchlagen.. Kaiſer. Obergeneral. Trabanten. Obergeneral. Noch immer ſcheint der Vorſatz wohl erwogen, Daß wir in dieß gelegene Thal Das ganze Heer gedrängt zuruͤckgezogen; Ich hoffe feſt uns gluckt die Wahl. Kaiſer. Wie es nun geht, es muß ſich zeigen; Doch mich verdrießt die halbe Flucht, das Weichen. Obergeneral.* Schau hier, mein Fuͤrſt, auf unſre rechte Flanke! Solch ein Terrain wünſcht ſich der Kriegsgedanke Nicht ſteil die Hügel, doch nicht allzugaͤnglich, Den Unſern vortheilhaft, dem Feind verfaͤnglich, Wir, halb verſteckt, auf wellenförmigem Plan Die Reiterei ſie wagt ſich nicht heran. Kaiſer. Mir bleibt nichts übrig als zu loben; Hier kann ſich Arm und Bruſt erproben. 401 Obergeneral. Hier, auf der Mittelwieſe flachen Räumlichkeiten, Siehſt du den Phalanx, wohlgemuth zu ſtreiten. Die Piken blinken flimmernd in der Luft, Im Sonnenglanz, durch Morgennebelduft. Wie dunkel wogt das mächtige Quadrat! Zu Tauſenden glüht's hier auf große That. Du kannſt daran der Maſſe Kraft erkennen, Ich trau' ihr zu der Feinde Kraft zu trennen. Kaiſer. Den ſchoͤnen Blick hab' ich zum erſten Mal Ein ſolches Heer gilt für die Doppelzahl. Obergeneral. Von unſrer Linken hab' ich nichts zu melden, Den ſtarren Fels beſetzen wackre Helden.. Das Steingeklipp, das jetzt von Waffen blitzt, Den wichtigen Paß der engen Klauſe ſchützt. Ich ahne ſchon hier ſcheitern Feindeskraͤfte Unvorgeſehn im blutigen Mohifi— Kaiſer. Dort ziehn ſie her die falſchen Anverwandten, Wie ſie mich Oheim, Vetter, Bruder nannten, Sich immer mehr und wieder mehr erlaubten, Dem Zepter Kraft, dem Thron Verehrung raubten, Dann, unter ſich entzweit, das Reich verheerten, uUnd nun geſammt ſich gegen mich empörten. Die Menge ſchwankt im ungewiſſen Geiſt, Dann ſtroͤmt ſie nach, wohin der Strom ſie reißt. Obergeneral. Ein treuer Mann, auf Kundſchaft ausgeſchickt, Kommt eilig felſenab; ſey's ihm gegluͤckt! Erſter Kundſchafter. Glücklich iſt ſie uns gelungen, Liſtig, muthig unſre Kunſt, Goethe, Fauſt. 26 402 Daß wir hin und her gedrungen; Doch wir bringen wenig Gunſt. Viele ſchworen reine Huldigung Dir, wie manche treue Schaar; Doch Unthätigkeits⸗Entſchuldigung, Innere Gaͤhrung, Volksgefahr. Kaiſer. Sich ſelbſt erhalten bleibt der Selbſtſucht Lehre, Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und Ehre. Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll, Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren ſoll? Obergeneral. Der Zweite kommt, nur langſam ſteigt er nieder, Dem müͤden Manne zittern alle Glieder. Zweiter Kundſchafter. Erſt gewahrten wir vergnüglich Wilden Weſens irren Lauf; Unerwartet, unverzüglich Trat ein neuer Kaiſer auf. Und auf vorgeſchriebenen Bahnen Zieht die Menge durch die Flur; Den entrollten Lügenfahnen Folgen alle.— Schafsnatur! Kaiſer. Ein Gegenkaiſer kommt mir zum Gewinn, Nun fühl' ich erſt, daß Ich der Kaiſer bin. Nur als Soldat legt' ich den Harniſch an, Zu hoͤh'rem Zweck iſt er nun umgethan. Bei jedem Feſt, wenn's noch ſo glänzend war, Nichts ward vermißt, mir fehlte die Gefahr. Wie ihr auch ſeyd, zum Ringſpiel riethet ihr, Mir ſchlug das Herz, ich athmete Turnier; Und hättet ihr mir nicht vom Kriegen abgerathen, Jetzt glänzt' ich ſchon in lichten Heldenthaten. 403 Selbſtſtändig fühlt' ich meine Bruſt beſiegelt Als ich mich dort im Feuerreich beſpiegelt; Das Element drang gräßlich auf mich los; Es war nur Schein, allein der Schein war groß. Von Sieg und Ruhm hab' ich verwirrt getraäumt, Ich bringe nach was frevelhaft verſäumt. (Die Herolde werden abgefertigt zur Herausforderung des Gegenkaiſers.) Fanſt geharniſcht, mit halbgeſchloſſenem Helme. Die drei Gewaltigen gerüſtet und gekleidet wie oben. Fauſt. Wir treten auf und hoffen ungeſcholten; Auch ohne Noth hat Vorſicht wohl gegolten. Du weißt das Bergvolk denkt und ſimulirt, Iſt in Natur und Felſenſchrift ſtudirt. Die Geiſter, langſt dem flachen Land entzogen, Sind mehr als ſonſt dem Felsgebirg gewogen. Sie wirken ſtill durch labyrinthiſche Klüfte Im edlen Gas metalliſch reicher Duͤfte; Im ſteten Sondern, Prüfen und Verbinden Ihr einziger Trieb iſt Neues zu erfinden. Mit leiſem Finger geiſtiger Gewalten Erbauen ſie durchſichtige Geſtalten; Dann im Krpſtall und ſeiner ewigen Schweigniß Erblicken ſie der Oberwelt Ereigniß. Kaiſer. Vernommen hab ich's und ich glaube dir; Doch wackrer Mann, ſag' an: was ſoll das hier? Fauſt. Der Nekromant von Norcia, der Sabiner, Iſt dein getreuer, ehrenhafter Diener. Welch gräulich Schickſal droht' ihm ungeheuer, Das Reiſig praſſelte, ſchon züngelte das Feuer; Die trocknen Scheite, rings umher verſchrankt, 404 Mit Pech und Schwefelruthen untermengt; Nicht Menſch, noch Gott, noch Teufel konnte retten; Die Majeſtät zerſprengte glühende Ketten. Dort war's in Rom. Er bleibt dir hoch verpflichtet, Auf deinen Gang in Sorge ſtets gerichtet. Von jener Stund' an ganz vergaß er ſich, Er fragt den Stern, die Tiefe nur für dich. Er trug uns auf, als eiligſtes Geſchäfte, Bei dir zu ſtehn. Groß ſind des Berges Kraͤfte; Da wirkt Natur ſo uͤbermächtig frei, Der Pfaffen Stumpfſinn ſchilt es Zauberei. Kaiſer. Am Freudentag wenn wir die Gaͤſte grußen, Die heiter kommen, heiter zu genießen, Da freut uns jeder wie er ſchiebt und draͤngt, Und, Mann für Mann, der Säle Raum verengt; Doch hoͤchſt willkommen muß der Biedre ſeyn, Tritt er als Beiſtand kräftig zu uns ein, Zur Morgenſtunde, die bedenklich waltet, Weil über ihr des Schickſals Wage ſchaltet. Doch lenket hier, im hohen Augenblick, Die ſtarke Hand vom willigen Schwert zuruck, Ehrt den Moment, wo manche Tauſend ſchreiten, Fuͤr oder wider mich zu ſtreiten. Selbſt iſt der Mann! Wer Thron und Kron begehrt Perſönlich ſey er ſolcher Ehren werth. Sey das Geſpenſt, das gegen uns erſtanden, Sich Kaiſer nennt und Herr von unſern Landen, Des Heeres Herzog, Lehnsherr unſrer Großen, Mit eigner Fauſt ins Todtenreich geſtoßen! Fauſt. Wie es auch ſey das Große zu vollenden, Du thuſt nicht wohl dein Haupt ſo zu verpfanden. Iſt nicht der Helm mit Kamm und Buſch geſchmückt? Er ſchützt das Haupt, das unſern Muth entzückt. 405 Was, ohne Haupt, was föͤrderten die Glieder? Denn ſchläfert jenes, alle ſinken nieder; Wird es verletzt, gleich alle ſind verwundet; Erſtehen friſch, wenn jenes raſch geſundet. Schnell weiß der Arm ſein ſtarkes Recht zu nutzen, Er hebt den Schild, den Schaͤdel zu beſchützen; Das Schwert gewahret ſeiner Pflicht ſogleich, Lenkt kräftig ab und wiederholt den Streich; Der tüchtige Fuß nimmt Theil an ihrem Glück, Setzt dem Erſchlagnen friſch ſich ins Genick. Kaiſer. Das iſt mein Zorn, ſo möͤcht' ich ihn behandeln, Das ſtolze Haupt in Schemeltritt verwandeln! H erolde ckommen zurück). Wenig Ehre, wenig Geltung Haben wir daſelbſt genoſſen, Unſrer kräftig edlen Meldung Lachten ſie als ſchaler Poſſen: „Euer Kaiſer iſt verſchollen, Echo dort im engen Thal; Wenn wir ſein gedenken ſollen, Mährchen ſagt:— Es war einmal.“ Fauſt. Dem Wunſch gemäͤß der Beſten iſt's geſchehn, Die, feſt und treu, an deiner Seite ſtehn. Dort naht der Feind, die Deinen harren brünſtig; Befiehl den Angriff, der Moment iſt günſtig. Kaiſer. Auf das Commando leiſt' ich hier Verzicht. (Zum Oberſeldherrn.) In deinen Haͤnden, Fürſt, ſey deine Pflicht. Obergeneral. So trete denn der rechte Flügel an! Des Feindes Linke, eben jetzt im Steigen, (26*) 406 Soll, eh' ſie noch den letzten Schritt gethan, Der Jugendkraft gepruͤfter Treue weichen. Fauſt. Erlaube denn, daß dieſer muntre Held Sich ungeſäumt in deine Reihen ſtellt, Sich deinen Reihen innigſt einverleibt und, ſo geſellt, ſein kräftig Weſen treibt. (Er deutet zur Rechten.) Raufebold(tritt vor). Wer das Geſicht mir zeigt der kehrt's nicht ab Als mit zerſchlagnen Unter⸗ und Oberbacken; Wer mir den Rüͤcken kehrt, gleich liegt ihm ſchlapp Hals, Kopf und Schopf hinſchlotternd graß im Nacken. Und ſchlagen deine Manner dann, S Mit Schwert und Kolben wie ich wüthe, So ſtürzt der Feind, Mann über Mann, Erſauft im eigenen Geblüte.(Ab.) Obergeneral. Der Phalanr unſrer Mitte folge ſacht, Dem Feind begegn' er, klug mit aller Macht; Ein wenig rechts dort hat bereits, erbittert, Der Unſern Streitkraft ihren Plan erſchuttert. Fau ſt(auf den Mittelſten deutend). So folge denn auch dieſer deinem Wort. Habebald(tritt hervor). Dem Heldenmuth der Kaiſerſchaaren Soll ſich der Durſt nach Beute paaren; Und allen ſey das Ziel geſtellt: Des Gegenkaiſers reiches Zelt. Er prahlt nicht lang auf ſeinem Sitze, Ich ordne mich dem Phalanx an die Spitze. Eilebeute (Marketenderin, ſich an ihn anſchmiegend). Bin ich auch ihm nicht angeweibt, 407 Er mir der liebſte Buhle bleibt. Für uns iſt ſolch ein Herbſt gereift! Die Frau iſt grimmig wenn ſie greift, Iſt ohne Schonung wenn ſie raubt; Im Sieg voran! und alles iſt erlaubt. (Beide ab.) Obergeneral. Auf unſre Linke, wie vorauszuſehn, Stuͤrzt ihre Rechte, kraͤftig. Widerſtehn Wird Mann fuͤr Mann dem wüthenden Beginnen Den engen Paß des Felswegs zu gewinnen. . Fauſt(winkt nach der Linken). So bitte, Herr, auch dieſen zu bemerken, Es ſchadet nichts wenn Starke ſich verſtärken. H altefe ſt ctritt vor). Dem linken Fluͤgel keine Sorgen! Da wo ich bin iſt der Beſitz geborgen; In ihm bewähret ſich der Alte, Kein Strahlblitz ſpaltet was ich halte.(Ab.) Mep hiſtopheles von oben herunterkommend). Nun ſchauet wie im Hintergrunde, Aus jedem zackigen Felſenſchlunde Bewaffnete hervor ſich drängen, Die ſchmalen Pfade zu verengen; Mit Helm und Harniſch, Schwertern, Schilden, In unſerm Rücken eine Mauer bilden, Den Wink erwartend zuzuſchlagen. (Leiſe zu den Wiſſenden.) Woher das kommt müßt ihr nicht fragen. Ich habe freilich nicht geſaͤumt, Die Waffenſaͤle ringsum aufgeraumt, Da ſtanden ſie zu Fuß, zu Pferde, Als waren ſie noch Herrn der Erde; Sonſt waren's Ritter, König, Kaiſer, Jetzt ſind es nichts als leere Schneckenhauſer; 408 Gar manch Geſpenſt hat ſich darein geputzt, Das Mittelalter lebhaft aufgeſtutzt. Welch Teufelchen auch drinne ſteckt Für dießmal macht es doch Effect. (Laut.) Hört wie ſie ſich voraus erboßen, Blechklappernd an einander ſtoßen! Auch flattern Fahnenfetzen bei Standarten, Die friſcher Lüftchen ungeduldig harrten. Bedenkt, hier iſt ein altes Volk bereit Und miſchte gern ſich auch zum neuen Streit. (Furchtbarer Poſaunenſchall von oben, im feindlichen Heere merkliche Schwankung.) Fauſt. Der Horizont hat ſich verdunkelt, Nur hie und da bedeutend funkelt Ein rother ahnungsvoller Schein; Schon blutig blinken die Gewehre, Der Fels, der Wald, die Atmoſphare, Der ganze Himmel miſcht ſich ein. Mephiſtopheles. Die rechte Flanke hält ſich kräftig; Doch ſeh' ich ragend unter dieſen, Hans Raufbold, den behenden Rieſen, Auf ſeine Weiſe raſch beſchaftigt. Kaiſer. Erſt ſah ich Einen Arm erhoben, Jetzt ſeh' ich ſchon ein Dutzend toben, Naturgemäß geſchieht es nicht. Fauſt. Vernahmſt du nichts von Nebelſtreifen Die auf Siciliens Küſten ſchweifen? Dort ſchwankend klar im Tageslicht, Erhoben zu den Mittellüften, Geſpiegelt in beſondern Düften, 409 Erſcheint ein ſeltſames Geſicht: Da ſchwanken Städte hin und wieder, Da ſteigen Gaͤrten auf und nieder, Wie Bild um Bild den Aether bricht. Kaiſer. Doch wie bedenklich! Alle Spitzen Der hohen Speere ſeh' ich blitzen; Auf unſrer Phalanx blanken Lanzen Seh' ich behende Flämmchen tanzen Das ſcheint mir gar zu geiſterhaft. Fauſt. Verzeih, o Herr, das ſind die Spuren Verſchollner geiſtiger Naturen, Ein Wiederſchein der Dioskuren, Bei denen alle Schiffer ſchwuren; Sie ſammeln hier die letzte Kraft. Kaiſer. Doch ſage: wem ſind wir verpflichtet Daß die Natur, auf uns gerichtet, Das Seltenſte zuſammenrafft? Mephiſtopheles. Wem als dem Meiſter, jenem hohen, Der dein Geſchick im Buſen trägt? Durch deiner Feinde ſtarkes Drohen Iſt er im Tiefſten aufgeregt. Sein Dank will dich gerettet ſehen, Und ſollt' er ſelbſt daran vergehen. Kaiſer. Sie jubelten mich pomphaft umzuführen; Ich war nun was, das wollt' ich auch probiren, und fand's gelegen, ohne viel zu denken, Dem weißen Barte kühle Luft zu ſchenken. Dem Klerus hab' ich eine Luſt verdorben, Und ihre Gunſt mir freilich nicht erworben. 410 Nun ſollt' ich, ſeit ſo manchen Jahren, Die Wirkung frohen Thuns erfahren? Fauſt. Freiherzige Wohlthat wuchert reich; Laß deinen Blick ſich aufwärts wenden! Mich daͤucht Er will ein Zeichen ſenden, Gieb Acht, es deutet ſich ſogleich. Kaiſer. Ein Adler ſchwebt im Himmelhohen, Ein Greif ihm nach mit wildem Drohen. Fauſt. Gieb Acht: gar günſtig ſcheint es mir. Greif iſt ein fabelhaftes Thier; Wie kann er ſich ſo weit vergeſſen Mit achtem Adler ſich zu meſſen? Kaiſer. Nunmehr, in weit gedehnten Kreiſen, Umziehn ſie ſich;— in gleichem Nu Sie fahren auf einander zu Sich Bruſt und Häͤlſe zu zerreißen. Fauſt. Nun merke wie der leidige Greif, Zerzerrt, zerzauſ't nur Schaden findet, Und mit geſenktem Löwenſchweif, Zum Gipfelwald geſtürzt, verſchwindet. Kaiſer. Sey's, wie gedeutet, ſo gethan! Ich nehm' es mit Verwundrung an. Mephiſtopheles(Gegen die Rechte). Dringend wiederholten Streichen Müſſen unſre Feinde weichen, Und, mit ungewiſſem Fechten, Drängen ſie nach ihrer Rechten Und verwirren ſo im Streite 411 Ihrer Hauptmacht linke Seite. Unſers Phalanx feſte Spitze Zieht ſich rechts, und gleich dem Blitze Fährt ſie in die ſchwache Stelle.— Nun, wie ſturmbewegte Welle Spruhend, wüthen gleiche Mäͤchte Wild in doppeltem Gefechte; Herrlichers iſt nichts erſonnen, Uns iſt dieſe Schlacht gewonnen! Kai ſer aan der linken Seite zu Fauſt). Schau'! Mir ſcheint es dort bedenklich, Unſer Poſten ſteht verfänglich. Keine Steine ſeh' ich fliegen, Niedre Felſen ſind erſtiegen, Obre ſtehen ſchon verlaſſen. Jetzt!— der Feind zu ganzen Maſſen Immer näͤher angedrungen, Hat vielleicht den Paß errungen. Schlußerfolg unheiligen Strebens! Eure Künſte ſind vergebens. (Pauſe.) Mephiſtopheles. Da kommen meine beiden Raben, Was moͤgen die für Botſchaft haben? Ich fürchte gar es geht uns ſchlecht. Kaiſer. Was ſollen dieſe leidigen Vögel? Sie richten ihre ſchwarzen Segel Hierher vom heißen Felsgefecht. Mephiſtopheles Gu den Raben). Setzt euch ganz nah zu meinen Ohren. Wen ihr beſchützt iſt nicht verloren, Denn euer Rath iſt folgerecht. Fauſt(zum Kaiſer). Von Tauben haſt du ja vernommen, 412 Die aus den fernſten Landen kommen, Zu ihres Neſtes Brut und Koſt. Hier iſt's mit wichtigen Unterſchieden: Die Taubenpoſt bedient den Frieden, Der Krieg befiehlt die Rabenpoſt. Mephiſtopheles. Es meldet ſich ein ſchwer Verhängniß. Seht hin! gewahret die Bedraͤngniß uUm unſrer Helden Felſenwand. Die nächſten Höhen ſind arſtiegen, und würden ſie den Paß beſiegen, Wir hätten einen ſchweren Stand. Kaiſer. So bin ich endlich doch betrogen! Ihr habt mich in das Netz gezogen, Mir graut ſeitdem es mich umſtrickt. Mephiſtopheles. Nur Muth! Noch iſt es nicht mißglückt.“ Geduld und Pfiff zum letzten Knoten! Gewöhnlich geht's am Ende ſcharf. Ich habe meine ſichern Boten, Befehlt daß ich befehlen darf. Obergeneral .(der indeſſen herangekommen). Mit dieſen haſt du dich vereinigt, Mich hat's die ganze Zeit gepeinigt; Das Gaukeln ſchafft kein feſtes Glück. Ich weiß nichts an der Schlacht zu wenden; Begannen ſie's, ſie mögen's enden, Ich gebe meinen Stab zurück. Kaiſer. Behalt' ihn bis zu beſſern Stunden, Die uns vielleicht das Glück verleiht. 413 Mir ſchaudert vor dem garſtigen Kunden und ſeiner Rabentraulichkeit. (Zu Mepbiſtopheles.) Den Stab kann ich dir nicht verleihen, Du ſcheinſt mir nicht der rechte Mann; Befiehl, und ſuch' uns zu befreien! Geſchehe, was geſchehen kann. (Ab ins Zelt mit dem Obergeneral.) Mephiſtopheles. Mag ihn der ſtumpfe Stab beſchutzen! Uns andern könnt' er wenig nützen, Es war ſo was vom Kreuz daran. Fauſt. Was iſt zu thun? Mephiſtopheles. Es iſt gethan!— Nun ſchwarze Vettern, raſch im Dienen, Zum großen Bergſee! gruͤßt mir die Undinen, Und bittet ſie um ihrer Fluthen Schein. Durch Weiberkuͤnſte, ſchwer zu kennen, Verſtehen ſie vom Seyn den Schein zu trennen, Und jeder ſchwoͤrt das ſey das Seyn. (Pauſe.) Fauſt. Den Waſſerfraulein muͤſſen unſre Raben Recht aus dem Grund geſchmeichelt haben; Dort fängt es ſchon zu rieſeln an. An mancher trocknen, kahlen Felſenſtelle Entwickelt ſich die volle, raſche Quelle; Um jener Sieg iſt es gethan. Mephiſtapheles. Das iſt ein wunderbarer Gruß, Die kühnſten Klettrer ſind confus. Fauſt. Schon rauſcht ein Bach zu Bächen machtig nieder, 414 Aus Schluchten kehren ſie gedoppelt wieder; Ein Strom nun wirft den Bogenſtrahl, Auf einmal legt er ſich in flache Felſenbreite und rauſcht und ſchaͤumt nach der und jener Seite, und ſtufenweiſe wirft er ſich ins Thal. Was hilft ein tapfres heldenmäßiges Stemmen? Die maͤchtige Woge ſtrömt ſie wegzuſchwemmen; Mir ſchaudert ſelbſt vor ſolchem wilden Schwall. Mephiſtopheles. Ich ſehe nichts von dieſen Waſſerlügen, Nur Menſchen⸗Augen laſſen ſich betrügen und mich ergöͤtzt der wunderliche Fall. Sie ſtuͤrzen fort zu ganzen hellen Haufen, Die Narren wähnen zu erſaufen, Indem ſie frei auf feſtem Lande ſchnaufen, und lächerlich mit Schwimmgeberden laufen. Nun iſt Verwirrung überall. (Die Raben ſind wiedergekommen.) Ich werd' euch bei dem hohen Meiſter loben; Wollt ihr euch nun als Meiſter ſelbſt erproben, So eilet zu der gluͤhnden Schmiede, Wo das Gezwerg⸗Volk, nimmer müde, Metall und Stein zu Funken ſchlägt. Verlangt, weitläufig ſie beſchwatzend, Ein Feuer, leuchtend, blinkend, platzend, Wie man's im hohen Sinne hegt. Zwar Wetterleuchten in der weiten Ferne, Blickſchnelles Fallen allerhöchſter Sterne, Mag jede Sommernacht geſchehn; Doch Wetterleuchten in verworrnen Büſchen, Und Sterne die am feuchten Boden ziſchen, Das hat man nicht ſo leicht geſehn. So müßt ihr, ohn' euch viel zu quälen, Zuvörderſt bitten, dann befehlen.(Raben ab.) (Es geſchieht wie vorgeſchrieben.) 415 Den Feinden dichte Finſterniſſe! Und Tritt und Schritt ins Ungewiſſe! Irrfunken⸗Blick an allen Enden, Ein Leuchten plöͤtzlich zu verblenden. Das alles ware wunderſchön, Nun aber braucht's noch Schreckgetoͤn. Fauſt. Die hohlen Waffen aus der Saͤle Grüften, Empfinden ſich erſtarkt in freien Lüften; Da droben raſſelt's, klappert's lange ſchon, Ein wunderbarer falſcher Ton. Mephiſtopheles. Ganz recht! ſie ſind nicht mehr zu zuͤgeln; Schon ſchallt's von ritterlichen Prügeln, Wie in der holden alten Zeit. Armſchienen, wie der Beine Schienen, Als Guelfen und als Ghibellinen, Erneuen raſch den ewigen Streit. Feſt, im ererbten Sinne wöhnlich, Erweiſen ſie ſich unverſöhnlich, Schon klingt das Toſen weit und breit. Zuletzt, bei allen Teufelsfeſten, Wirkt der Parteihaß doch zum Beſten, Bis in den allerletzten Graus; Schallt wider-widerwärtig paniſch, Mitunter grell und ſcharf ſataniſch, Erſchreckend in das Thal hinaus. (Kriegstumult im Orcheſter, zuletzt übergehend in militäriſch beitre Weiſen.) Des Gegenkaiſers Zelt, Thron, reiche Umgebung. Habebald. Eilebente. Eilebeute. So ſind wir doch die erſten hier! 416 Habebald. Kein Rabe fliegt ſo ſchnell als wir. Eilebeute. O! welch ein Schatz liegt hier zu Hauf! Wo fang' ich an! Wo hoͤr' ich auf? Habebald. Steht doch der ganze Raum ſo voll! Weiß nicht wozu ich greifen ſoll. Eilebente. Der Teppich wär' mir eben recht, Mein Lager iſt oft gar zu ſchlecht. Habebald. Hier hängt von Stahl ein Morgenſtern, Dergleichen häͤtt' ich lange gern. Eilebeute. Den rothen Mantel goldgeſäumt, So etwas hatt' ich mir geträumt. 9 abebald(die Waffe nehmend). Damit iſt es gar bald gethan, Man ſchlägt ihn todt und geht voran. Du haſt ſo viel ſchon aufgepackt, Und doch nichts Rechtes eingeſackt. Den Plunder laß an ſeinem Ort, Nehm' eines dieſer Kiſtchen fort! Dieß iſt des Heers beſchiedner Sold, In ſeinem Bauche lauter Gold. 1 Eilebeute. Dieß hat ein moͤrderiſch Gewicht! Ich heb' es nicht, ich trag' es nicht. Habebald. Geſchwinde duck' dich! Mußt dich bücken! Ich huck' dir's auf den ſtarken Rücken. 417 Eilebeute. O weh! O weh! nun iſt's vorbei; Die Laſt bricht mir das Kreuz entzwei. (Das Kiſichen ſtürzt und ſpringt auf.) Habebald. Da liegt das rothe Gold zu Hauf, Geſchwinde zu und raff' es auf. Eilebeute(cauert nieder). Geſchwinde nur zum Schooß hinein! Noch immer wird's zur Gnüge ſeyn. Habebald. uUnd ſo genug! und eile doch! (Sie ſieht auf.) O weh die Schuͤrze hat ein Loch! Wohin du gehſt und wo du ſtehſt Verſchwenderiſch die Schätze ſa'ſt. Trabanten(unſres Kaiſers). Was ſchafft ihr hier am heiligen Platz? Was kramt ihr in dem Kaiſerſchatz? Habebald. Wir trugen unſre Glieder feil, Und holen unſer Beutetheil. In Feindes-Zelten iſt's der Brauch, Und wir, Soldaten ſind wir auch. Trabanten. Das paſſet nicht in unſern Kreis: Zugleich Soldat und Diebsgeſchmeiß; Und wer ſich unſerm Kaiſer naht, Der ſey ein redlicher Soldat. Habebald. Die Redlichkeit die kennt man ſchon, Sie heißet: Contribution. Ihr alle ſeyd auf gleichem Fuß: Gieb her! das iſt der Handwerksgruß. Goethe, Fauſt. 18 418 (Zu Eilebeute.) Mach fort und ſchleppe was du haſt, Hier ſind wir nicht willkommne Gaſt.(Ab. Erſter Trabant. Sag', warum gabſt du nicht ſogleich Dem frechen Kerl einen Backenſtreich? Zweiter. Ich weiß nicht, mir verging die Kraft, Sie waren ſo geſpenſterhaft. Dritter. Mir ward es vor den Augen ſchlecht, Da flimmert' es, ich ſah nicht recht. Vierter. Wie ich es nicht zu ſagen weiß: Es war den ganzen Tag ſo heiß, So bäͤnglich, ſo beklommen ſchwül, Der eine ſtand, der andere fiel; Man tappte hin und ſchlug zugleich, Der Gegner fiel vor jedem Streich; Vor Augen ſchwebt' es wie ein Flor, Dann ſummt's und ſauſt's und ziſcht' im Ohr; Das ging ſo fort, nun ſind wir da Und wiſſen ſelbſt nicht wie's geſchah. Kaiſer mi Vier Fürſten neten auf. Die Trabanten entfſernen ſich. Kaiſer. Es ſey nun wie ihm ſey! uns iſt die Schlacht gewonnen, Des Feinds zerſtreute Flucht im flachen Feld zerronnen. Hier ſteht der leere Thron, verrätheriſcher Schatz, Von Teppichen umhüllt, verengt umher den Platz. Wir, ehrenvoll, geſchuͤtzt von eigenen Trabanten, Erwarten Kaiſerlich der Völker Abgeſandten; Von allen Seiten her kommt frohe Botſchaft an: 419 Beruhigt ſey das Reich, uns freudig zugethan. Hat ſich in unſern Kampf auch Gaukelei geflochten, Am Ende haben wir uns nur allein gefochten. Zufälle kommen ja den Streitenden zu gut. Vom Himmel fällt ein Stein, dem Feinde regnet's Blut, Aus Felſenhöhlen tönt's von maͤchtigen Wunderklängen, Die unſre Bruſt erhöhn, des Feindes Bruſt verengen. Der Ueberwundne fiel, zu ſtets erneutem Spott; Der Sieger, wie er prangt, preiſ't den gewognen Gott, Und alles ſtimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen, Herr Gott dich loben wir! aus Millionen Kehlen. Jedoch zum höchſten Preis, wend' ich den frommen Blick, Das ſelten ſonſt geſchah, zur eignen Bruſt zuruck. Ein junger muntrer Fuͤrſt mag ſeinen Tag vergeuden, Die Jahre lehren ihn des Augenblicks Bedeuten. Deßhalb denn ungeſäumt, verbind' ich mich ſogleich Mit euch Vier Wuͤrdigen, für Haus und Hof und Reich. (Zum Erſten.) Dein war, o Fuͤrſt! des Heers geordnet kluge Schichtung, Sodann, im Hauptmoment, heroiſch kühne Richtung; Im Frieden wirke nun wie es die Zeit begehrt, Erbmarſchall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert. Erbmarſchall. Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beſchaftigt, Wenn's an der Graͤnze dich und deinen Thron bekräftigt, Dann ſey es uns vergoͤnnt, bei Feſtesdrang im Saal Geraͤumiger Vaterburg, zu rüſten dir das Mahl. Blank trag' ich's dir dann vor, blank halt' ich dir's zur Seite, Der hoͤchſten Majeſtat zu ewigem Geleite. Der Kaiſer Gzum Zweiten). Der ſich, als tapfrer Mann, auch zart gefallig zeigt, Dul ſey Erzkämmerer, der Auftrag iſt nicht leicht. Du biſt der Oberſte von allem Hausgeſinde, Bei deren innerm Streit ich ſchlechte Diener finde; 420 Dein Beiſpiel ſey fortan in Ehren aufgeſtellt, Wie man dem Herrn, dem Hof und Allen wohlgefällt. Erzkämmerer. Des Herren großen Sinn zu foͤrdern bringt zu Gnaden: Den Beſten hülfreich ſeyn, den Schlechten ſelbſt nicht ſchaden, Dann klar ſeyn ohne Liſt, und ruhig ohne Trug! Wenn du mich, Herr, durchſchauſt, geſchieht mir ſchon . genug. Darf ſich die Phantaſie auf jenes Feſt erſtrecken? Wenn du zur Tafel gehſt reich' ich das goldne Becken, Die Ringe halt' ich dir, damit zur Wonnezeit, Sich deine Hand erfriſcht, wie mich dein Blick erfreut. Kaiſer. Zwar fuhl' ich mich zu ernſt auf Feſtlichkeit zu ſinnen, Doch ſey's! Es fördert auch frohmüthiges Beginnen. (Zum Dritten.) Dich wähl' ich zum Erztruchſeß! Alſo ſey fortan, Dir Jagd, Geflügel⸗Hof und Vorwerk unterthan; Der Lieblingsſpeiſe Wahl laß mir zu allen Zeiten Wie ſie der Monat bringt und ſorgſam zubereiten. Erztruchſeß. Streng Faſten ſey für mich die angenehmſte Pflicht, Bis, vor dich hingeſtellt, dich freut ein Wohlgericht. Der Küche Dienerſchaft ſoll ſich mit mir verein'gen, Das Ferne beizuziehn, die Jahrszeit zu beſchleun'gen. Dich reizt nicht Fern und Früh, womit die Tafel prangt, Einfach und kraͤftig iſt's wornach dein Sinn verlangt. Kaiſer Gzum Vierten). Weil unausweichlich hier ſich's nur von Feſten handelt, So ſey mir, junger Held, zum Schenken umgewandelt. Erzſchenke, ſorge nun, daß unſre Kellerei Aufs reichlichſte verſorgt mit gutem Weine ſey. Du ſelbſt ſey maͤßig, laß nicht über Heiterkeiten, Durch der Gelegenheit Verlocken, dich verleiten. 421 Erzſchenk. Mein Fürſt, die Jugend ſelbſt, wenn man ihr nur ver⸗ traut, Steht, eh' man ſich's verſieht, zu Mannern auferbaut. Auch ich verſetze mich zu jenem großen Feſte; Ein Kaiſerlich Buffet ſchmück' ich aufs allerbeſte Mit Prachtgefäßen, guͤlden, ſilbern allzumal; Doch waͤhl' ich dir voraus den lieblichſten Pokal: Ein blank venediſch Glas, worin Behagen lauſchet, Des Weins Geſchmack ſich ſtärkt und nimmermehr be⸗ rauſchet. Auf ſolchen Wunderſchatz vertraut man oft zu ſehr; Doch deine Mäßigkeit, du Höchſter, ſchützt noch mehr. Kaiſer. Was ich euch zugedacht in dieſer ernſten Stunde, Vernahmt ihr mit Vertraun aus zuverläſſigem Munde. Des Kaiſers Wort iſt groß und ſichert jede Gift, Doch zur Bekraͤftigung bedarf's der edlen Schrift, Bedarf's der Signatur. Die förmlich zu bereiten, Seh' ich den rechten Mann zu rechter Stunde ſchreiten. Der Erzbiſchof-Erzkanzler tritt auf. Kaiſer. Wenn ein Gewöoͤlbe ſich dem Schlußſtein anvertraut, Dann iſt's mit Sicherheit für ewige Zeit erbaut. Du ſiehſt vier Fürſten da! Wir haben erſt erörtert, Was den Beſtand zunächſt von Haus und Hof befördert. Nun aber, was das Reich in ſeinem Ganzen hegt, Sey, mit Gewicht und Kraft, der Füͤnfzahl auferlegt. An Landern ſollen ſie vor allen andern glänzen, Deßhalb erweitr' ich gleich jetzt des Beſitzthums Gränzen, Vom Erbtheil jener die ſich von uns abgewandt. Euch Treuen ſprech' ich zu ſo manches ſchoͤne Land, Zugleich das hohe Recht euch, nach Gelegenheiten, 422 Durch Anfall, Kauf und Tauſch ins Weitre zu ver⸗ breiten; Dann ſey beſtimmt vergöonnt, zu uͤben ungeſtört Was von Gerechtſamen euch Landesherrn gehört. Als Richter werdet ihr die Endurtheile fällen, Berufung gelte nicht von euern hoͤchſten Stellen. Dann Steuer, Zins und Beed', Lehn und Geleit und Zoll, Berg-⸗, Salz-⸗ und Muͤnzregal euch angehöͤren ſoll. Denn meine Dankhbarkeit vollgültig zu erproben, Hab ich euch ganz zunäͤchſt der Majeſtät erhoben. Erzbiſchof. Im Namen aller ſey dir tiefſter Dank gebracht, Du machſt uns ſtark und feſt und ſtärkeſt deine Macht. Kaiſer. Euch Fünfen will ich noch erhöht're Würden geben. Noch leb' ich meinem Reich und habe Luſt zu leben; Doch hoher Ahnen Kette zieht bedächtigen Blick Aus raſcher Strebſamkeit ins Drohende zurück. Auch werd' ich, ſeiner Zeit, mich von den Theuren trennen, Dann ſey es eure Pflicht den Folger zu ernennen. Gekroͤnt erhebt ihn hoch auf heiligen Altar, Und friedlich ende dann was jetzt ſo ſturmiſch war. Erzkanzler. Mit Stolz in tiefſter Bruſt, mit Demuth an Geberde, Stehn Fuͤrſten dir gebeugt, die erſten auf der Erde. So lang das treue Blut die vollen Adern regt, Sind wir der Körper, den dein Wille leicht bewegt. Kaiſer. Und alſo ſey, zum Schluß, was wir bisher bethätigt Für alle Folgezeit durch Schrift und Zug beſtätigt. Zwar habt ihr den Beſitz als Herren völlig frei, Mit dem Beding jedoch, daß er untheilbar ſey; Und wie ihr auch vermehrt was ihr von uns empfangen, Es ſoll's der ält'ſte Sohn in gleichem Maß erlangen. 423 Erzkanzler. Dem Pergament alsbald vertrau' ich wohlgemuth, Zum Gluͤck dem Reich und uns, das wichtigſte Statut; Reinſchrift und Sieglung ſoll die Kanzelei beſchaͤft'gen, Mit heiliger Signatur wirſt du's, der Herr, bekräft'gen. Kaiſer. Und ſo entlaſſ' ich euch, damit den großen Tag, Geſammelt, jedermann ſich überlegen mag. (Die weltlichen Fürſten entfernen ſich.) Der Geiſtliche (bleibt und ſpricht pathetiſch). Der Kanzler ging hinweg, der Biſchof iſt geblieben, Vom ernſten Warnegeiſt zu deinem Ohr getrieben! Sein vaͤterliches Herz von Sorge bangt um dich. Kaiſer. Was haſt du Baͤngliches zur frohen Stunde? ſprich! Erzbiſchof. Mit welchem bittern Schmerz find' ich, in dieſer Stunde, Dein hochgeheiligt Haupt mit Satanas im Bunde. Zwar, wie es ſcheinen will, geſichert auf dem Thron, Doch leider! Gott dem Herrn, dem Vater Papſt zum Hohn. Wenn dieſer es erfährt, ſchnell wird er ſtraflich richten, Mit heiligem Strahl dein Reich, das ſündige, zu ver⸗ nichten. Denn noch vergaß er nicht wie du, zur höchſten Zeit, An deinem Kroͤnungstag, den Zauberer befreit. Von deinem Diadem, der Chriſtenheit zum Schaden, Traf das verfluchte Haupt der erſte Strahl der Gnaden. Doch ſchlag' an deine Bruſt und gieb vom frevlen Glück, Ein maͤßig Schäͤrflein, gleich dem Heiligthum zurüuͤck; Den breiten Hügelraum, da wo dein Zelt geſtanden, Wo boͤſe Geiſter ſich zu deinem Schutz verbanden, Dem Lügenfürſten du ein horchſam Ohr geliehn, 424 Den ſtifte, fromm belehrt, zu heiligem Bemühn; Mit Berg und dichtem Wald, ſo weit ſie ſich erſtrecken, Mit Höhen die ſich grün zu ſteter Weide decken, Fiſchreichen klaren Seen, dann Bäͤchlein ohne Zahl, Wie ſie ſich, eilig ſchlängelnd, ſtürzen ab zu Thal; Das breite Thal dann ſelbſt, mit Wieſen, Gauen, Gründen: Die Reue ſpricht ſich aus, und du wirſt Gnade finden. Kaiſer. Durch meinen ſchweren Fehl bin ich ſo tief erſchreckt, Die Graͤnze ſey von dir nach eignem Maß geſteckt. Erzbiſchof. Erſt: der entweihte Raum wo man ſich ſo verſündigt, Sey alſobald zum Dienſt des Höͤchſten angekündigt. Behende ſteigt im Geiſt Gemäuer ſtark empor, Der Morgenſonne Blick erleuchtet ſchon das Chor; Zum Kreuz erweitert ſich das wachſende Gebäude, Das Schiff erlängt, erhöht ſich zu der Gläubigen Freude; Sie ſtrömen brünſtig ſchon, durchs würdige Portal, Der erſte Glockenruf erſcholl durch Berg und Thal, Von hohen Thürmen toͤnt's, wie ſie zum Himmel ſtreben, Der Büßer kommt heran, zu neugeſchaffnem Leben. Dem hohen Weihetag— er trete bald herein!— Wird deine Gegenwart die höͤchſte Zierde ſeyn. Kaiſer. Mag ein ſo großes Werk den frommen Sinn verkünd'gen, Zu preiſen Gott den Herrn, ſo wie mich zu entſünd'gen. Genug! Ich fühle ſchon wie ſich mein Sinn erhöht. Erzbiſchof. Als Kanzler fördr' ich nun Schluß und Formalität. Kaiſer. Ein formlich Document, der Kirche das zu eignen, Du legſt es vor, ich will's mit Freuden unterzeichnen. 425 Erzbiſchof (hat ſich beurlaubt, kehrt aber beim Ausgang wieder um). Dann widmeſt du zugleich dem Werke, wie's entſteht, Geſammte Landsgefälle: Zehnten, Zinſen, Beed, Für ewig. Viel bedarf's zu wuͤrdiger Unterhaltung, Und ſchwere Koſten macht die ſorgliche Verwaltung. Zum ſchnellen Aufbau ſelbſt auf ſolchem wuͤſten Platz, Reichſt du uns einiges Gold aus deinem Beuteſchatz. Daneben braucht man auch, ich kann es nicht verſchweigen, Entferntes Holz und Kalk und Schiefer und dergleichen. Die Fuhren thut das Volk, vom Predigtſtuhl belehrt, Die Kirche ſegnet den, der ihr zu Dienſten fährt. Kaiſer. Die Sünd' iſt groß und ſchwer womit ich mich beladen, Das leidige Zaubervolk bringt mich in harten Schaden. Erzbiſchof (abermals zurückkehrend mit tiefſter Verbeugung). Verzeih, o Herr! Es ward dem ſehr verrufnen Mann, Des Reiches Strand verliehn; doch dieſen trifft der Bann, Verleihſt du reuig nicht der hohen Kirchenſtelle Auch dort den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle. Kaiſer(cerdrießlich). Das Land iſt noch nicht da, im Meere liegt es breit. Erzbiſchof. Wer's Recht hat und Geduld für den kommt auch die Zeit. Fuͤr uns mög' Euer Wort in ſeinen Kraͤften bleiben! Kaiſer aaltein). So könnt' ich wohl zunächſt das ganze Reich verſchreiben. (Ab.) Fünfter Aet. Offene Gegend. Wanderer. Ja! ſie ſind's die dunkeln Linden, Dort, in ihres Alters Kraft. Und ich ſoll ſie wieder finden, Nach ſo langer Wanderſchaft! Iſt es doch die alte Stelle, Jene Hütte, die mich barg, Als die ſturmerregte Welle Mich an jene Dünen warf! Meine Wirthe möcht' ich ſegnen, Huͤlfsbereit, ein wackres Paar, Das, um heut mir zu begegnen, Alt ſchon jener Tage war. Ach! das waren fromme Leute! Poch' ich? ruf' ich?— Seyd gegrüßt! Wenn, gaſtfreundlich, auch noch heute,. Ihr des Wohlthuns Gluͤck genießt. Vaucis(Mütterchen, ſehr alt). Lieber Kömmling! Leiſe! Leiſe! Ruhe! laß den Gatten ruhn; Langer Schlaf verleiht dem Greiſe Kurzen Wachens raſches Thun. Wanderer. Sage, Mutter, biſt du's eben, Meinen Dank noch zu empfahn, Was du für des Jünglings Leben Mit dem Gatten einſt gethan? 427 Biſt du Baucis, die, geſchäftig, Halberſtorbnen Mund erquickt? (Der Gatte tritt auf.) Du Philemon, der, ſo kräftig, Meinen Schatz der Fluth entruckt? Eure Flammen raſchen Feuers, Eures Gloͤckchens Silberlaut, Jenes grauſen Abenteuers Löſung war euch anvertraut. Und nun, laßt hervor mich treten, Schaun das graͤnzenloſe Meer; Laßt mich knieen, laßt mich beten, Mich bedraͤngt die Bruſt ſo ſehr. (Er ſchreitet vorwärts auf der Düne.) Philemon qzu Vaucis). Eile nur den Tiſch zu decken, Wo's im Gaͤrtchen munter blüht. Laß ihn rennen, ihn erſchrecken, Denn er glaubt nicht was er ſieht. (Ihm folgend.) Philemon (neben dem Wanderer ſtehend). Das euch grimmig mißgehandelt, Wog' auf Woge, ſchäaumend wild, Seht als Garten ihr behandelt, Seht ein paradieſiſch Bild. Aelter, war ich nicht zu Handen, Hulfreich nicht wie ſonſt bereit; uUnd, wie meine Krafte ſchwanden, War auch ſchon die Woge weit. Kluger Herren kühne Knechte Gruben Graͤben, dammten ein, Schmalerten des Meeres Rechte, Herrn an ſeiner Statt zu ſeyn. Schaue gruͤnend Wieſ' an Wieſe, N 428 Anger, Garten, Dorf und Wald; Komm nun aber und genieße, Denn die Sonne ſcheidet bald.— Dort im Fernſten ziehen Segel! Suchen nächtlich ſichern Port— Kennen doch ihr Neſt die Voͤgel— Denn jetzt iſt der Hafen dort. So erblickſt du in der Weite Erſt des Meeres blauen Saum, Rechts und links, in aller Breite, Dichtgedrängt bewohnten Raum. Im Gärtchen. (Am Tiſche zu Drei.) BVauris Gzum Frendling). Bleibſt du ſtumm? und keinen Biſſen Bringſt du zum verlechzten Mund? Philemon. Moͤcht' er doch vom Wunder wiſſen, Sprichſt ſo gerne, thu's ihm kund. Baurcis. Wohl! ein Wunder iſt's geweſen! Läßt mich heut noch nicht in Ruh; Denn es ging das ganze Weſen Nicht mit rechten Dingen zu. Philemon. Kann der Kaiſer ſich verſündigen Der das Ufer ihm verliehn? Thaͤt's ein Herold nicht verkündigen Schmetternd im Vorüberziehn? Nicht entfernt von unſern Dünen Ward der erſte Fuß gefaßt, Zelte, Hütten!— Doch im Grünen Richtet bald ſich ein Palaſt. 429 BVaucis. Tags umſonſt die Knechte lärmten, Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag; Wo die Flämmchen nächtig ſchwärmten Stand ein Damm den andern Tag. Menſchenopfer mußten bluten, Nachts erſcholl des Jammers Qual; Meerab floſſen Feuergluthen, Morgens war es ein Canal. Gottlos iſt er, ihn gelüſtet Unſre Hütte, unſer Hain; Wie er ſich als Nachbar brüſtet Soll man unterthänig ſeyn. Philemon. Hat er uns doch angeboten Schoͤnes Gut im neuen Land! Bauris. Traue nicht dem Waſſerboden, Halt auf deiner Hoͤhe Stand. Philemon. Laßt uns zur Capelle treten! Letzten Sonnenblick zu ſchaun; Laßt uns läuten, knieen, beten! Und dem alten Gott vertraun. Palaſt. Weiter Ziergarten, großer gradgeführter Canal. Fauſt, im höchſten Alter wandelnd, nachdenkend. Lynceus der Thürmer (durchs Sprachrohr). Die Sonne ſinkt, die letzten Schiffe Sie ziehen munter hafenein. Ein großer Kahn iſt im Begriffe 430 Auf dem Canale hier zu ſeyn. Die bunten Wimpel wehen fröhlich, Die ſtarren Maſten ſtehn bereit; In dir preiſ't ſich der Bootsmann ſelig, Dich grüßt das Glück zur höchſten Zeit. (Das Glöckchen läutet auf der Düne.) Fauſt(auffahrend). Verdammtes Lauten! Allzuſchändlich Verwundet's, wie ein tuͤckiſcher Schuß; Vor Augen iſt mein Reich unendlich, Im Ruͤcken neckt mich der Verdruß, Erinnert mich durch neidiſche Laute Mein Hochbeſitz er iſt nicht rein; Der Lindenraum, die braune Baute, Das morſche Kirchlein iſt nicht mein. Und wünſcht' ich dort mich zu erholen, Vor fremden Schatten ſchaudert mir, Iſt Dorn den Augen, Dorn den Sohlen, O! waͤr' ich weit hinweg von hier! Thürmer(wie oben). Wie ſegelt froh der bunte Kahn, Mit friſchem Abendwind heran! Wie thürmt ſich ſein behender Lauf In Kiſten, Kaſten, Saͤcken auf! (Prächtiger Kahn, reich und bunt beladen mit Erzeugniſſen fremder Weltgegenden.) Mephiſtopheles. Die drei gewaltigen Geſellen. Chorus. Da landen wir, Da ſind wir ſchon. Gluͤck an! dem Herren, Dem Patron. (Sie ſteigen aus, die Güter werden ans Land geſchafft.) 431 Mephiſtopheles. So haben wir uns wohl erprobt, Vergnügt wenn der Patron es lobt. Nur mit zwei Schiffen ging es fort, Mit zwanzig ſind wir nun im Port. Was große Dinge wir gethan, Das ſieht man unſrer Ladung an. Das freie Meer befreit den Geiſt, Wer weiß da was Beſinnen heißt! Da fördert nur ein raſcher Griff, Man faͤngt den Fiſch, man faͤngt ein Schiff, Und iſt man erſt der Herr zu drei Dann hackelt man das vierte bei; Da geht es denn dem fünften ſchlecht, Man hat Gewalt, ſo hat man Recht. Man fragt ums Was? und nicht ums Wie? Ich mußte keine Schifffahrt kennen: Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig ſind ſie, nicht zu trennen. Die drei gemwaltigen Geſellen.ü Nicht Dank und Gruß! Nicht Gruß und Dank! Als brächten wir Dem Herrn Geſtank! Er macht ein wi⸗ derlich Geſicht; Das Königsgut Gefäͤllt ihm nicht. Mephiſtopheles. Erwartet weiter Keinen Lohn, Nahmt ihr doch euren Theil davon. Die Geſellen. Das iſt nur fuͤr Die Langeweil, Wir alle fordern Gleichen Theil. Mephiſtopheles. Erſt ordnet oben Saal an Saal Die Koſtbarkeiten Allzumal. Und tritt er zu Der reichen Schau, Berechnet er alles Mehr genau, Er ſich gewiß Nicht lumpen laͤßt Und giebt der Flotte Feſt nach Feſt. Die bunten Vögel kommen morgen, Für die werd' ich zum beſten ſorgen. (Die Ladung wird weggeſchafft.) Mephiſtopheles Gu Fauſt). Mit ernſter Stirn, mit duſterm Blick Vernimmſt du dein erhaben Gluͤck. Die hohe Weisheit wird gekrönt, Das Ufer iſt dem Meer verſöhnt; Vom Ufer nimmt, zu raſcher Bahn, Das Meer die Schiffe willig an; So ſprich daß hier, hier vom Palaſt Dein Arm die ganze Welt umfaßt. Von dieſer Stelle ging es aus, Hier ſtand das erſte Breterhaus;„ Ein Graͤbchen ward hinabgeritzt Wo jetzt das Ruder emſig ſpritzt. Dein hoher Sinn, der Deinen Fleiß Erwarb des Meers, der Erde Preis. Von hier aus— 43³ Fauſt. Das verfluchte hier! Das eben leidig laſtet mir. Dir Vielgewandten muß ich's ſagen, Mir giebt's im Herzen Stich um Stich, Mir iſt's unmoͤglich zu ertragen! Und wie ich's ſage, ſchäm' ich mich. Die Alten droben ſollten weichen, Die Linden wüͤnſcht' ich mir zum Sitz; Die wenigen Baume, nicht mein eigen, Verderben mir den Weltbeſitz. Dort wollt' ich, weit umher zu ſchauen, Von Aſt zu Aſt Gerüſte bauen, Dem Blick eröffnen weite Bahn, Zu ſehn was alles ich gethan, Zu uͤberſchaun mit einem Blick Des Menſchengeiſtes Meiſterſtück, Bethaͤtigend, mit klugem Sinn, Der Völker breiten Wohngewinn. So ſind am haͤrtſten wir gequalt: Im Reichthum fuhlend was uns fehlt. Des Glöckchens Klang, der Linden Duft Umfäͤngt mich wie in Kirch' und Gruft. Des Allgewaltigen Willens⸗Kur Bricht ſich an dieſem Sande hier. Wie ſchaff' ich mir es vom Gemuͤthe! Das Glocklein läutet und ich wüthe. Mephiſtopheles. Natuͤrlich, daß ein Hauptverdruß Das Leben dir vergällen muß. Wer läugnet's! Jedem edlen Ohr Kommt das Geklingel widrig vor. Und das verfluchte Bim⸗-Baum-⸗Bimmel, Umnebelnd heitern Abendhimmel, Goethe, Fauſt.— 149 28 434 Miſcht ſich in jegliches Begebniß, Vom erſten Bad bis zum Begräͤbniß, Als ware, zwiſchen Bimm und Baum, Das Leben ein verſchollner Traum. Fauſt. Das Widerſtehn, der Eigenſinn Verkuͤmmern herrlichſten Gewinn, Daß man, zu tiefer, grimmiger Pein, Ermuͤden muß gerecht zu ſeyn. Mephiſtopheles. Was willſt du dich denn hier geniren, Mußt du nicht längſt coloniſiren? Fauſt. So geht und ſchafft ſie mir zur Seite! Das ſchöne Gütchen kennſt du ja, Das ich den Alten auserſah. Mephiſtopheles. Man trägt ſie fort und ſetzt ſie nieder, Eh man ſich umßeht ſtehn ſie wieder; Nach überſtandener Gewalt Verſöhnt ein ſchoͤner Aufenthalt. (Er pfeift gellend.) Die Drei treten auf. Mephiſtopheles. Kommt! Wie der Herr gebieten läßt, Und morgen giebt ein Flottenfeſt. Die Drei. Der alte Herr empfing uns ſchlecht, Ein flottes Feſt iſt uns zu Recht. Mephiſtopheles(ad Spectatores) Auch hier geſchieht was längſt geſchah, Denn Naboths Weinberg war ſchon da. (Regum I. 21.) 435 TiefeNacht. Lyneeus der Thürmer (auf der Schloßwarte ſingend). Zum Sehen geboren, Zum Schauen beſtellt, Dem Thurme geſchworen, Gefällt mir die Welt. Ich blick' in die Ferne, Ich ſeh' in der Naͤh', Den Mond und die Sterne Den Wald und das Reh. So ſeh' ich in allen Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen Gefall' ich auch mir. Ihr gluͤcklichen Augen Was je ihr geſehn, Es ſey wie es wolle, Es war doch ſo ſchön! (Pauſe.) Nicht allein mich zu ergoͤtzen Bin ich hier ſo hoch geſtellt; Welch ein gräuliches Entſetzen Droht mir aus der finſtern Welt! Funkenblicke ſeh' ich ſprühen Durch der Linden Doppelnacht, Immer ſtarker wühlt ein Glühen Von der Zugluft angefacht. Ach! die innre Hutte lodert, Die bemooſ't und feucht geſtanden; Schnelle Hülfe wird gefodert, Keine Rettung iſt vorhanden. Ach! die guten alten Leute, Sonſt ſo ſorglich um das Feuer, Werden ſie dem Qualm zur Beute! 436 Welch ein ſchrecklich Abenteuer! Flamme flammet, roth in Gluthen Steht das ſchwarze Moosgeſtelle; Retteten ſich nur die Guten Aus der wildentbrannten Hölle! Zungelnd lichte Blitze ſteigen Zwiſchen Bläͤttern, zwiſchen Zweigen; Aeſte dürr, die flackernd brennen, Glühen ſchnell und ſtuͤrzen ein. Sollt ihr Augen dieß erkennen! Muß ich ſo weitſichtig ſeyn! Das Capellchen bricht zuſammen Von der Aeſte Sturz und Laſt; Schlängelnd ſind, mit ſpitzen Flammen, Schon die Gipfel angefaßt. Bis zur Wurzel glühn die hohlen Stämme, purpurroth im Glühn. (Lange Pauſe, Geſang.) Was ſich ſonſt dem Blick empfohlen, Mit Jahrhunderten iſt hin. Fauſt (auf dem Balkon, gegen die Dünen). Von oben welch ein ſingend Wimmern? Das Wort iſt hier, der Ton zu ſpat. Mein Thürmer jammert; mich, im Innern Verdrießt die ungeduldige That. Doch ſey der Lindenwuchs vernichtet Zu halbverkohlter Stämme Graun, Ein Luginsland iſt bald errichtet, Um ins unendliche zu ſchaun. Da ſeh' ich auch die neue Wohnung, Die jenes alte Paar umſchließt, Das, im Gefühl großmuthiger Schonung, Der ſpäten Tage froh genießt. 437 Mephiſtopheles und die Dreir(unten). Da kommen wir mit vollem Trab, Verzeiht! es ging nicht guͤtlich ab. Wir klopften an, wir pochten an, Und immer ward nicht aufgethan; Wir rüttelten, wir pochten fort, Da lag die morſche Thuͤre dort; Wir riefen laut und drohten ſchwer, Allein wir hatten kein Gehör. und wie's in ſolchem Fall geſchicht, Sie hörten nicht, ſie wollten nicht; Wir aber haben nicht geſäumt Behende dir ſie weggeräumt. Das Paar hat ſich nicht viel gequält, Vor Schrecken fielen ſie entſeelt. Ein Fremder, der ſich dort verſteckt, Und fechten wollte, ward geſtreckt; In wilden Kampfes kurzer Zeit, Von Kohlen, rings umher geſtreut, Entflammte Stroh. Nun lodert's frei, Als Scheiterhaufen dieſer drei. Fauſt. War't ihr für meine Worte taub! Tauſch wollt' ich, wollte keinen Raub. Dem unbeſonnenen wilden Streich Ihm fluch ich! theilt es unter euch. Chorus. Das alte Wort, das Wort erſchallt: Gehorche willig der Gewalt! und biſt du kühn, und hältſt du Stich, So wage Haus und Hof und— Dich.(Ab.) Fauſt(auf dem Balkon). Die Sterne bergen Blick und Schein, Das Feuer ſinkt und lodert klein; 438 Ein Schauerwindchen fächelt's an, Bringt Rauch und Dunſt zu mir heran. Geboten ſchnell, zu ſchnell gethan!— Was ſchwebet ſchattenhaft heran? Mitternacht. Vier grane Weiber neten auf. Erſte. Ich heiße der Mangel. Zweite. Ich heiße die Schuld. Dritte. Ich heiße die Sorge. Vierte. Ich heiße die Noth. Zu drei. Die Thür iſt verſchloſſen, wir koͤnnen nicht ein, Drinn wohnet ein Reicher wir moöͤgen nicht'nein. Mangel. Da werd' ich zum Schatten. Schuld. Da werd' ich zu nicht. Noth. Man wendet von mir das verwoͤhnte Geſicht. Sarge. Ihr Schweſtern ihr koͤnnt nicht und durft nicht hinein; Die Sorge ſie ſchleicht ſich durchs Schlüſſelloch ein. (Sorge verſchwindet.) Mangel. Ihr, graue Geſchwiſter, entfernt euch von hier. Schuld. Ganz nah an der Seite verbind' ich mich dir. 439 Noth. Ganz nah an der Ferſe begleitet die Noth. Zu drei. Es ziehen die Wolken, es ſchwinden die Sterne! Dahinten, dahinten! von ferne von ferne, Da kommt er, der Bruder, da kommt er der— —— Tod. Fauſt(im Palaſt). Vier ſah ich kommen, drei nur gehn; Den Sinn der Rede konnt' ich nicht verſtehn. Es klang ſo nach als hieß es— Noth, Ein duͤſtres Reimwort folgte— Tod. Es toͤnte hohl, geſpenſterhaft gedämpft. Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekäampft. Koͤnnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen, Die Zauberſpruͤche ganz und gar verlernen, Stuͤnd' ich, Natur! vor dir ein Mann allein, Da wär's der Muͤhe werth ein Menſch zu ſeyn. Das war ich ſonſt, eh ich's im Duͤſtern ſuchte, Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte. Nun iſt die Luft von ſolchem Spuk ſo voll Daß niemand weiß wie er ihn meiden ſoll. Wenn auch Ein Tag uns klar vernuͤnftig lacht, In Traumgeſpinnſt verwickelt uns die Nacht; Wir kehren froh von junger Flur zuruͤck, Ein Vogel kraäͤchzt; was krächzt er? Mißgeſchick. Von Aberglauben fruͤh und ſpat umgarnt— Es eignet ſich, es zeigt ſich an, es warnt— und ſo verſchüchtert, ſtehen wir allein; Die Pforte knarrt und niemand kommt herein. (Erſchüttert.) Iſt jemand hier? Sorge. Die Frage fordert Ja! 440 Fauſt. und du, wer biſt denn du? Sorge. Bin einmal da. Fauſt. 1 Entferne dich! Sorge. Ich bin am rechten Ort. Fauſt (erſt ergrimmt, dann beſänftigt vor ſich). Nimm dich in Acht und ſprich kein Zauberwort, Sorge. Würde mich kein Ohr vernehmen, Muͤßt' es doch im Herzen droͤhnen; In verwandelter Geſtalt Ueb' ich grimmige Gewalt. Auf den Pfaden, auf der Welle, Ewig angſtlicher Geſelle; Stets gefunden, nie verſucht, So geſchmeichelt wie geflucht. Haſt du die Sorge nie gekannt?— Fauſt. Ich bin nur durch die Welt gerannt; Ein jed' Geluͤſt ergriff ich bei den Haaren, Was nicht genugte ließ ich fahren, Was mir entwiſchte ließ ich ziehn. Ich habe nur begehrt und nur vollbracht, Und abermals gewünſcht, und ſo mit Macht Mein Leben durchgeſtürmt; erſt groß und mächtig; Nun aber geht es weiſe, geht bedächtig. Der Erdenkreis iſt mir genug bekannt, Nach druͤben iſt die Ausſicht uns verrannt; Thor! wer dorthin die Augen blinzend richtet, Sich über Wolken ſeines Gleichen dichtet! 441 Er ſtehe feſt und ſehe hier ſich um; Dem Tuͤchtigen iſt dieſe Welt nicht ſtumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu ſchweifen! Was er erkennt läßt ſich ergreifen. Er wandle ſo den Erdentag entlang; Wenn Geiſter ſpuken geh' er ſeinen Gang; Im Weiterſchreiten find' er Qual und Gluͤck, Er! unbefriedigt jeden Augenblick. Sorge. Wen ich einmal mir beſitze Dem iſt alle Welt nichts nütze: Ewiges Düſtre ſteigt herunter, Sonne geht nicht auf noch unter, Bei vollkommnen außern Sinnen Wohnen Finſterniſſe drinnen, Und er weiß von allen Schätzen Sich nicht in Beſitz zu ſetzen. Glück und Unglück wird zur Grille, Er verhungert in der Fülle; Sey es Wonne, ſey es Plage, Schiebt er's zu dem andern Tage, Iſt der Zukunft nur gewartig, Und ſo wird er niemals fertig. Fauſt. Hoͤr' auf! ſo kommſt du mir nicht bei! Ich mag nicht ſolchen Unſinn hören. Fahr hinl die ſchlechte Litanei Sie könnte ſelbſt den klügſten Mann bethöͤren. Sorge. Soll er gehen? ſoll er kommen? Der Entſchluß iſt ihm genommen; Auf gebahnten Weges Mitte Wankt er taſtend halbe Schritte. Er verliert ſich immer tiefer, Siehet alle Dinge ſchiefer, 442 Sich und andre laͤſtig druͤckend, Athem holend und erſtickend; Nicht erſtickt und ohne Leben, Nicht verzweifelnd, nicht ergeben. So ein unaufhaltſam Rollen, Schmerzlich Laſſen, widrig Sollen, Bald Befreien, bald Erdrüͤcken, Halber Schlaf und ſchlecht Erquicken Heftet ihn an ſeine Stelle Und bereitet ihn zur Höͤlle. Fauſt. Unſelige Geſpenſter! ſo behandelt ihr Das menſchliche Geſchlecht zu tauſendmalen; Gleichguͤltige Tage ſelbſt verwandelt ihr In garſtigen Wirrwarr netzumſtrickter Qualen. Dämonen, weiß ich, wird man ſchwerlich los, Das geiſtig⸗ſtrenge Band iſt nicht zu trennen; Doch deine Macht, o Sorge, ſchleichend groß, Ich werde ſie nicht anerkennen. Sorge. Erfahre ſie, wie ich geſchwind Mich mit Verwünſchung von dir wende! Die Menſchen ſind im ganzen Leben blind, Nun, Fauſte, werde du's am Ende!— (Sie haucht ihn an.) Fauſt cerblindet). Die Nacht ſcheint tiefer tief hereinzudringen, Allein im Innern leuchtet helles Licht; Was ich gedacht ich eil' es zu vollbringen; Des Herren Wort es giebt allein Gewicht. Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann! Laßt glücklich ſchauen was ich kühn erſann. Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten! Das Abgeſteckte muß ſogleich gerathen. Auf ſtrenges Ordnen, raſchen Fleiß, 443 Erfolgt der allerſchönſte Preis; Daß ſich das größte Werk vollende Genuͤgt Ein Geiſt fuͤr tauſend Hande. Großer Vorhof des Palaſta. Fackeln. Mephiſtopheles als Aufſeher voran), Herbei herbei! Herein herein! Ihr ſchlotternden Lemuren, Aus Baͤndern, Sehnen und Gebein Geflickte Halbnaturen. Lemuren(im Chor). Wir treten dir ſogleich zur Hand, Und, wie wir halb vernommen, Es gilt wohl gar ein weites Land Das ſollen wir bekommen. Geſpitzte Pfahle die ſind da, Die Kette lang zum Meſſen; Warum an uns der Ruf geſchah Das haben wir vergeſſen. Mephiſtopheles. Hier gilt kein kuͤnſtleriſch Bemuhn; Verfahret nur nach eignen Maaßen; Der Laͤngſte lege längelang ſich hin, Ihr andern lüftet ringsumher den Raſen; Wie man's für unſre Väter that, Vertieft ein längliches Quadrat! Aus dem Palaſt ins enge Haus, So dumm laͤuft es am Ende doch hinaus. Lem urxen(mit neckiſchen Geberden grabend). Wie jung ich war und lebt' und liebt', Mich daͤucht das war wohl ſüße; Wo's froͤhlich klang und luſtig ging Da rührten ſich meine Füße. 444 Nun hat das tuͤckiſche Alter mich Mit ſeiner Kruͤcke getroffen; Ich ſtolpert' über Grabes Thuͤr, Warum ſtand ſie juſt offen! Fauſt 8(aus dem Polaſte tretend, taſtet an den Thürpfoſten). Wie das Geklirr der Spaten mich ergoͤtzt! Es iſt die Menge, die mir froͤhnet, Die Erde mit ſich ſelbſt verſohnet, Den Wellen ihre Granze ſetzt, Das Meer mit ſtrengem Band umzieht. Mephiſtopheles(bei Seite). Du biſt doch nur für uns bemüht Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen; Denn du bereiteſt ſchon Neptunen, Dem Waſſerteufel, großen Schmaus. In jeder Art ſeyd ihr verloren;— Die Elemente ſind mit uns verſchworen, und auf Vernichtung lauft's hinaus. Fauſt. Aufſeher! Mephiſtopheles. Hier! Fauſt. Wie es auch moͤglich ſey, Arbeiter ſchaffe Meng' auf Menge, Ermuntre durch Genuß und Strenge, Bezahle, locke, preſſe bei! Mit jedem Tage will ich Nachricht haben Wie ſich verlängt der unternommne Graben. Mephiſtopheles(halblaut). Man ſpricht, wie man mir Nachricht gab, Von keinem Graben, doch vom— Grab. Fauſt. Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, Verpeſtet alles ſchon Errungne; Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, Das Letzte waͤr' das Höͤchſterrungne. Eroͤffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht ſicher zwar doch thätig-frei zu wohnen. Grun das Gefilde, fruchtbar; Menſch und Heerde Sogleich behaglich auf der neuſten Erde, Gleich angeſiedelt an des Hügels Kraft, Den aufgewaͤlzt kühn-emſige Völkerſchaft. Im Innern hier ein paradieſiſch Land, Da raſe draußen Fluth bis auf zum Rand, Und wie ſie naſcht gewaltſam einzuſchießen, Gemeindrang eilt die Lücke zu verſchließen. Ja! dieſem Sinne bin ich ganz ergeben, Das iſt der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient ſich Freiheit wie das Leben, Der täglich ſie erobern muß. und ſo verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis ſein tuͤchtig Jahr. Solch ein Gewimmel moͤcht' ich ſehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke ſtehn. Zum Augenblicke durft' ich ſagen: Verweile doch, du biſt ſo ſchoͤn! Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn.— Im Vorgefühl von ſolchem hohen Gluͤck Genieß' ich jetzt den höchſten Augenblick. (Fauſt ſinkt zurück, die Lemuren faſſen ihn auf und legen ihn auf den Boden.) Mephiſtopheles. Ihn ſättigt keine Luſt, ihm g'nügt kein Glück, So buhlt er fort nach wechſelnden Geſtalten; Den letzten, ſchlechten, leeren Augenblick 446 Der Arme wuͤnſcht ihn feſt zu halten. Der mir ſo kraͤftig widerſtand, Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand. Die Uhr ſteht ſtill— Chor. Steht ſtill! Sie ſchweigt wie Mitternacht. Der Zeiger fällt. Mephiſtopheles. Er fällt, es iſt vollbracht. Chor. Mephiſtopheles. Vorbei! ein dummes Wort. Warum vorbei? Vorbei und reines Nichts, vollkommnes Einerlei! Was ſoll uns denn das ew'ge Schaffen! Geſchaffenes zu nichts hinwegzuraffen! „Da iſt's vorbei?“ Was iſt daran zu leſen? Es iſt ſo gut als waͤr' es nicht geweſen, Und treibt ſich doch im Kreis als wenn es waͤre. Ich liebte mir dafür das Ewig⸗Leere. — Grabl egung. Lemur. Solo. Wer hat das Haus ſo ſchlecht gebaut, Mit Schaufeln und mit Spaten? Lemuren. Chor. Dir, dumpfer Gaſt im haͤnfnen Gewand, Iſt's viel zu gut gerathen. Lemur. Solo. Wer hat den Saal ſo ſchlecht verſorgt? Wo blieben Tiſch und Stühle? Lemuren. Chor. Es war auf kurze Zeit geborgt Der Glaubiger ſind ſo viele. Es iſt vorbei. 447 Mephiſtopheles. Der Koͤrper liegt und will der Geiſt entfliehn, Ich zeig' ihm raſch den blutgeſchriebnen Titel;— Doch leider hat man jetzt ſo viele Mittel Dem Teufel Seelen zu entziehn. Auf altem Wege ſtößt man an, Auf neuem ſind wir nicht empfohlen; Sonſt hätt' ich es allein gethan, Jetzt muß ich Helfershelfer holen. Uns geht's in allen Dingen ſchlecht! Herkömmliche Gewohnheit, altes Recht, Man kann auf gar nichts mehr vertrauen. Sonſt mit dem letzten Athem fuhr ſie aus, Ich paßt' ihr auf und, wie die ſchnellſte Maus, Schnapps! hielt' ich ſie in feſt verſchloßnen Klauen. Nun zaudert ſie und will den düſtern Ort, Des ſchlechten Leichnams ekles Haus nicht laſſen; Die Elemente die ſich haſſen, Die treiben ſie am Ende ſchmählich fort. Und wenn ich Tag und Stunden mich zerplage, Wann? wier und wor? das iſt die leidige Frage; Der alte Tod verlor die raſche Kraft, 2 Das Ob? ſogar iſt lange zweifelhaft; Oft ſah ich luͤſtern auf die ſtarren Glieder; Es war nur Schein, das ruͤhrte, das regte ſich wieder. (Phantaſtiſch⸗Flügelmänniſche Beſchwörungs⸗Geberden.) Nur friſch heran! verdoppelt euren Schritt, Ihr Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne, Vom alten Teufelsſchrot und Korne Bringt ihr zugleich den Hoͤllenrachen mit. Zwar hat die Höͤlle Rachen viele! viele! Nach Standsgebühr und Würden ſchlingt ſie ein; Doch wird man auch bei dieſem letzten Spiele Ins künftige nicht ſo bedenklich ſeyn. (Der gräuliche Höllenrachen thut ſich links auf.) 448 Eckzähne klaffen; dem Gewölb des Schlundes Entquillt der Feuerſtrom in Wuth, Und in dem Siedequalm des Hintergrundes Seh' ich die Flammenſtadt in ewiger Gluth. Die rothe Brandung ſchlägt hervor bis an die Zaͤhne, Verdammte, Rettung hoffend, ſchwimmen an; Doch koloſſal zerknirſcht ſie die Hyäne und ſie erneuen ängſtlich heiße Bahn. 4 In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken, 4 So viel Erſchrecklichſtes im engſten Raum! b 8 Ihr thut ſehr wohl die Suͤnder zu erſchrecken, Sie halten's doch für Lug und Trug und Traum. (Zu den Dickteufeln vom kurzen, graden Horne.) 5 Nun wanſtige Schuften mit den Feuerbacken! Ihr glüht ſo recht vom Höllenſchwefel feiſt; 4 Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken! Hier unten lauert ob's wie Phosphor gleißt: Das iſt das Seelchen, Pſyche mit den Flügeln, Die rupft ihr aus, ſo iſt's ein garſtiger Wurm; Mit meinem Stempel will ich ſie beſiegeln, Dann fort mit ihr im Feuer⸗Wirbelſturm. — Paßt auf die niedern Regionen, Ihr Schläuche, das iſt eure Pflicht; Ob's ihr beliebte da zu wohnen, So accurat weiß man das nicht. Im Nabel iſt ſie gern zu Haus, Nehmt es in Acht ſie wiſcht euch dort heraus. (Zu den Dürrteufeln vom langen, krummen Horne.) Ihr Firlefanze, flügelmänniſche Rieſen! Greift in die Luft, verſucht euch ohne Raſt; Die Arme ſtrack, die Klauen ſcharf gewieſen, Daß ihr die Flatternde, die Flüchtige faßt. Es iſt ihr ſicher ſchlecht im alten Haus, Und das Genie es will gleich obenaus. 449 Glorie von oben, rechts. Himmliſche Heerſchaar. Folget Geſandte, Himmelsverwandte, Gemächlichen Flugs! Suͤndern vergeben, Staub zu beleben, Allen Naturen Freundliche Spuren Wirket im Schweben Des weilenden Zugs. Mephiſtapheles. Mißtoͤne hör' ich, garſtiges Geklimper, Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag; Es iſt das buͤbiſch⸗maͤdchenhafte Geſtümper, Wie froͤmmelnder Geſchmack ſich's lieben mag. Ihr wißt wie wir, in tiefverruchten Stunden, Vernichtung ſannen menſchlichem Geſchlecht: Das Schandlichſte was wir erfunden Iſt ihrer Andacht eben recht. Sie kommen gleißneriſch, die Laffen! So haben ſie uns manchen weggeſchnappt, Bekriegen uns mit unſern eignen Waffen; Es ſind auch Teufel, doch verkappt. Hier zu verlieren wär' euch ew'ge Schande; Ans Grab heran und haltet feſt am Rande! Chor der Engel(Roſen ſtreuend). Roſen, ihr blendenden, Balſam verſendenden! Flatternde, ſchwebende, Heimlich belebende, Zweigleinbefluͤgelte, Knoſpenentſiegelte, Eilet zu blühn. Goethe, Fauſt. * 29 450 Fruͤhling entſprieße! Purpur und Gruͤn; Tragt Paradieſe Dem Ruhenden hin. Mep hi ſto pheles Gu den Satanen). Was duckt und zuckt ihr? iſt das Höoͤllenbrauch? So haltet Stand und laßt ſie ſtreuen. An ſeinen Platz ein jeder Gauch! Sie denken wohl mit ſolchen Blümeleien Die heißen Teufel einzuſchneien; Das ſchmilzt und ſchrumpft vor eurem Hauch. Nun puſtet, Püſtriche!— Genug, genug! Vor eurem Broden bleicht der ganze Flug.— Nicht ſo gewaltſam! ſchließet Maul und Naſen! Fuͤrwahr, ihr habt zu ſtark geblaſen. Daß ihr doch nie die rechten Maaße kennt! Das ſchrumpft nicht nur, es braͤunt ſich, dorr't, es brennt! Schon ſchwebt's heran mit giftig klaren Flammen; Stemmt euch dagegen, drängt euch feſt zuſammen!— Die Kraft erliſcht! dahin iſt aller Muth! Die Teufel wittern fremde Schmeichelgluth. Engel. Blüthen die ſeligen, Flammen die froͤhlichen, Liebe verbreiten ſie, Wonne bereiten ſie, Herz wie es mag. Worte die wahren, Aether im Klaren Ewigen Schaaren Ueberall Tag! Mephiſtopheles. O Fluch! o Schande ſolchen Troͤpfen! Satane ſtehen auf den Köpfen, ,—— 3 451 Die Plumpen ſchlagen Rad auf Rad und ſtürzen ärſchlings in die Hoͤlle. Geſegn' euch das verdiente heiße Bad! Ich aber bleib' auf meiner Stelle.— (Sich mit den ſchwebenden Roſen herumſchlagend.) Irrlichter fort! Dul leuchte noch ſo ſtark, Du bleibſt gehaſcht ein ekler Gallert⸗Quark. Was flatterſt du? Willſt du dich packen!—. Es klemmt wie Pech und Schwefel mir im Nacken. Engel. Chor. Was euch nicht angehört Muͤſſet ihr meiden, Was euch das Innre ſtoͤrt Duͤrft ihr nicht leiden. Dringt es gewaltig ein, Müſſen wir tuͤchtig ſeyn; Liebe nur Liebende Fuͤhret herein! Mephiſtopheles. Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt, Ein uberteufliſch Element! Weit ſpitziger als Hoͤllenfeuer! Drum jammert ihr ſo ungeheuer, uUngluͤckliche Verliebte! die verſchmaͤht, Verdrehten Halſes nach der Liebſten ſpaͤht. Auch mir! Was zieht den Kopf auf jene Seite? Bin ich mit ihr doch im geſchwornen Streite! Der Anblick war mir ſonſt ſo feindlich ſcharf. Hat mich ein Fremdes durch und durchgedrungen? Ich mag ſie gerne ſehn die allerliebſten Jungen; Was häͤlt mich ab, daß ich nicht fluchen darf?— Und wenn ich mich bethoͤren laſſe, 4 Wer heißt denn künftighin der Thor?— Die Wetterbuben, die ich haſſe, Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!— 452 Ihr ſchoͤnen Kinder laßt mich wiſſen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geſchlecht? Ihr ſeyd ſo huͤbſch, fürwahr ich möcht' euch küſſen, Mir iſt's als kommt ihr eben recht. Es iſt mir ſo behaglich, ſo natürlich, Als hätt' ich euch ſchon tauſendmal geſehn; So heimlich⸗kätzchenhaft begierlich; Mit jedem Blick aufs neue ſchöner ſchoͤn. O nähert euch, o gönnt mir Einen Blick! Engel. 4 Wir kommen ſchon, warum weichſt du zuruͤck? 3 Wir nähern uns und wenn du kannſt ſo bleib. (Die Engel nehmen, umherziehend, den ganzen Raum ein.) Mephiſtopheles (der ins Proſcenium gedrängt wird). Ihr ſcheltet uns verdammte Geiſter, Und ſeyd die wahren Hexenmeiſter; 6 Denn ihr verführet Mann und Weib.— 3 Welch ein verfluchtes Abenteuer! Iſt dieß das Liebeselement? 6 Der ganze Körper ſteht in Feuer, Ich fuͤhle kaum daß es im Nacken brennt.— Ihr ſchwanket hin und her, ſo ſenkt euch nieder, Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder; Fuͤrwahr der Ernſt ſteht euch recht ſchön! Doch moͤcht' ich euch nur einmal lächeln ſehn; Das wäre mir ein ewiges Entzücken. Ich meine ſo, wie wenn Verliebte blicken, Ein kleiner Zug am Mund ſo iſt's gethan. 1 Dich langer Burſche, dich mag ich am liebſten leiden, Die Pfaffenmiene will dich gar nicht kleiden, So ſieh' mich doch ein wenig lüſtern an! Auch könntet ihr anſtändig-nackter gehen, Das lange Faltenhemd iſt uͤberſittlich— Sie wenden ſich— Von hinten anzuſehen!— Die Racker ſind doch gar zu appetitlich!— Chor der Engel. Wendet zur Klarheit Euch, liebende Flammen! Die ſich verdammen Heile die Wahrheit; Daß ſie vom Böſen 3 Froh ſich erlöſen, 1 Um in dem Allverein 6 Selig zu ſeyn. Mephiſtopheles(ich faſſend). Wie wird mir!— Hiobsartig, Beul' an Beule Der ganze Kerl, dem's vor ſich ſelber graut Und triumphirt zugleich wenn er ſich ganz durchſchaut, Wenn er auf ſich und ſeinen Stamm vertraut: Gerettet ſind die edlen Teufelstheile! — Der Liebeſpuk er wirft ſich auf die Haut. Schon ausgebrannt ſind die verruchten Flammen, 3 Und, wie es ſich gehört, fluch' ich euch allzuſammen! Char der Engel. Heilige Gluthen! Wen ſie umſchweben Fühlt ſich im Leben Selig mit Guten. Alle vereinigt Hebt euch und preiſ't; Luft iſt gereinigt, Athme der Geiſt! (Sie erheben ſich, Fauſtens Unſterbliches entfuͤhrend.) Mephiſtopheles cſich umſehend). Doch wie?— wo ſind ſie hingezogen? 2‿ Unmündiges Volk du haſt mich überraſcht, Sind mit der Beute himmelwaäͤrts entflogen; (29) 454 b Drum haben ſie an dieſer Gruft genaſcht! Mir iſt ein großer einziger Schatz entwendet; G Die hohe Seele die ſich mir verpfändet 3 Die haben ſie mir pfiffig weggepaſcht. 4 Bei wem ſoll ich mich nun beklagen? Wer ſchafft mir mein erworbnes Recht? Du biſt getäuſcht in deinen alten Tagen, Du haſt's verdient, es geht dir grimmig ſchlecht. Ich habe ſchimpflich mißgehandelt, Ein großer Aufwand, ſchmaͤhlich! iſt verthan; Gemein Gelüſt, abſurde Liebſchaft wandelt Den ausgepichten Teufel an. Und hat mit dieſem kindiſch⸗tollen Ding Der Klugerfahrne ſich beſchäftigt, 8 So iſt fürwahr die Thorheit nicht gering 8 Die ſeiner ſich am Schluß bemächtigt. 4 Bergſchluchten, Wald, Fels, Einöde. Heilige Anachoreten gebirgauf vertheilt, gelagert zwiſchen Klüften. Chor und Echo. Waldung, ſie ſchwankt heran, Felſen, ſie laſten dran, Wurzeln, ſie klammern an, Stamm dicht an Stamm hinan; V Woge nach Woge ſpritzt, Hoͤhle die tiefſte ſchuͤtzt; Loͤwen ſie ſchleichen ſtumm⸗ Freundlich um uns herum, Ehren geweihten Ort Heiligen Liebeshort. ater ecstaticus Lauf⸗ und abſchwebend). Ewiger Wonnebrand, 455 Gluͤhendes Liebeband, Siedender Schmerz der Bruſt, Schäumende Gottes⸗Luſt. Pfeile durchdringet mich, Lanzen bezwinget mich, Keulen zerſchmettert mich, Blitze durchwettert mich; Daß ja das Nichtige Alles verflüchtige, 1 Glänze der Dauerſtern 1 Ewiger Liebe Kern. Pater profundus (tieſe Region). —— Wie Felſenabgrund mir zu Fußen Auf tiefem Abgrund jaſtend ruht, Wie tauſend Bäche ſtrahlend fließen 4 Zum grauſen Sturz des Schaums der Fluth, 1 VWie ſtrack, mit eignem kräftigen Triebe, 4 Der Stamm ſich in die Lüfte trägt: So iſt es die allmächtige Liebe Die alles bildet, alles hegt. Iſt um mich her ein wildes Brauſen Als wogte Wald und Felſengrund! und doch ſtürzt, liebevoll im Sauſen, Die Waſſerfülle ſich zum Schlund, Berufen gleich das Thal zu wäͤſſern; Der Blitz, der flammend niederſchlug Die Atmoſphäre zu verbeſſern, Die öift und Dunſt im Buſen trug: Sind Liebesboten, ſie verkünden 4 Was ewig ſchaffend uns umwallt. Mein Innres mög' es auch entzuünden Wo ſich der Geiſt, verworren, kalt, Verqualt in ſtumpfer Sinne Schranken, Scharf angeſchloßnem Kettenſchmerz. O Gott! beſchwichtige die Gedanken, Erleuchte mein bedurftig Herz. Pater Seraphicus (mittlere Region). Welch ein Morgenwöͤlkchen ſchwebet Durch der Tannen ſchwankend Haar! Ahn' ich was im Innern lebet? Es iſt junge Geiſterſchaar. Chor ſeliger Knaben. Sag' uns, Vater, wo wir wallen, Sag' uns, Guter, wer wir ſind? Gluͤcklich ſind wir, allen allen Iſt das Daſeyn ſo gelind. Pater Seraphicus. Knaben! Mitternachts Geborne, Halb erſchloſſen Geiſt und Sinn, Für die Eltern gleich Verlorne, Für die Engel zum Gewinn. Daß ein Liebender zugegen Fuͤhlt ihr wohl, ſo naht euch nur; Doch von ſchroffen Erdewegen, Glückliche! habt ihr keine Spur. Steigt herab in meiner Augen Welt⸗ und eroͤgemäß Organ, Könnt ſie als die euern brauchen, Schaut euch dieſe Gegend an. (Er nimmt ſie in ſich.) Das ſind Bäume, das ſind Felſen, Waſſerſtrom, der abeſtürzt Und mit ungeheurem Walzen Sich den ſteilen Weg verkürzt. 8 elige Knaben oon innen). Das iſt mäͤchtig anzuſchauen; Doch zu düſter iſt der Ort, 457 Schüttelt uns mit Schreck und Grauen. Edler, Guter, laß uns fort! Pater Seraphicus. Steigt hinan zu hoͤh'rem Kreiſe, Wachſet immer unvermerkt, Wie, nach ewig reiner Weiſe, Gottes Gegenwart verſtärkt. Denn das iſt der Geiſter Nahrung Die im freiſten Aether waltet: Ewigen Liebens Offenbarung Die zur Seligkeit entfaltet. Chor ſeliger Knaben (um die höchſten Gipfel kreiſend). Haͤnde verſchlinget Freudig zum Ringverein, Regt euch und ſinget Heilige Gefühle drein; Göttlich belehret Duͤrft ihr vertraun, Den ihr verehret Werdet ihr ſchaun. Engel cſchwebend in der höhern Atmoſphäre, Fauſtens Unſterbliches tragend). Gerettet iſt das edle Glied Der Geiſterwelt vom Böſen: Wer immer ſtrebend ſich bemüht Den können wir erlöſen; und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die ſelige Schaar Mit herzlichem Willkommen. Die züngeren Engel. Jene Roſen, aus den Händen Liebend⸗heiliger Büßerinnen, Halfen uns den Sieg gewinnen, 458 Und das hohe Werk vollenden, Dieſen Seelenſchatz erbeuten. Böſe wichen als wir ſtreuten, Teufel flohen als wir trafen. Statt gewohnter Höͤllenſtrafen Fühlten Liebesqual die Geiſter; Selbſt der alte Satans-Meiſter War von ſpitzer Pein durchdrungen. Jauchzet auf! es iſt gelungen. Die vollendeteren Engel. Uns bleibt ein Erdenreſt Zu tragen peinlich, Und wär' er von Asbeſt Er iſt nicht reinlich. Wenn ſtarke Geiſteskraft Die Elemente An ſich herangerafft,. Kein Engel trennte* Geeinte Zweinatur Der innigen Beiden, Die ewige Liebe nur Vermag's zu ſcheiden. Die zjüngern Engel. Nebelnd um Felſenhöh' Spür' ich ſo eben, Regend ſich in der Nah', Ein Geiſter⸗Leben. Die Wölkchen werden klar, Ich ſeh' bewegte Schaar 4 Seliger Knaben, Los von der Erde Druck, Im Kreis geſellt, Die ſich erlaben Am neuen Lenz und Schmuck Der obern Welt. 459 Sey er zum Anbeginn Steigendem Vollgewinn, Dieſen geſellt! † Die ſeligen Knaben. Freudig empfangen wir Dieſen im Puppenſtand; Alſo erlangen wir 4 Engliſches Unterpfand. Loͤſet die Flocken los Die ihn umgeben, Schon iſt er ſchön und groß Von heiligem Leben. 4 Doctor Marianus (in der höchſten reinlichſten Zelle). Hier iſt die Ausſicht frei, Der Geiſt erhoben. * Dort ziehen Fraun vorbei, Schwebend nach oben; Die Herrliche mittenin Im Sternenkranze, Die Himmelskoͤnigin, Ich ſeh's am Glanze. (Entzückt.) Hoͤchſte Herrſcherin der Welt! Laſſe mich, im blauen, Ausgeſpannten Himmelszelt Dein Geheimniß ſchauen. Billige was des Mannes Bruſt 3 Ernſt und zart beweget Und mit heiliger Liebesluſt Dir entgegen träget. 4 Unbezwinglich unſer Muth 1 Wenn du hehr gebieteſt, Plötzlich mildert ſich die Gluth Wie du uns befriedeſt. 460 Jungfrau, rein im ſchoͤnſten Sinn, Mutter, Ehren wuͤrdig, Uns erwaͤhlte Königin, Goͤttern ebenbürtig. Um ſie verſchlingen Sich leichte Woͤlkchen, Sind Büßerinnen, Ein zartes Völkchen, Um ihre Knie Den Aether ſchluͤrfend, Gnade beduͤrfend. Dir, der Unberuͤhrbaren, Iſt es nicht benommen Daß die leicht Verführbaren Traulich zu dir kommen. In die Schwachheit hingerafft Sind ſie ſchwer zu retten; Wer zerreißt aus eigner Kraft Der Geluͤſte Ketten? Wie entgleitet ſchnell der Fuß Schiefem glattem Boden? Wen bethört nicht Blick und Gruß? Schmeichelhafter Odem? Mater gloriosa(ſcwebt einher). Chor der Büßerinnen. Du ſchwebſt zu Höhen Der ewigen Reiche, Vernimm das Flehen Du Ohnegleiche! Du Gnadenreiche! Magna peccatrix(St. Lueae VII, 36) Bei der Liebe, die den Fuͤßen 461 Deines gottverklaärten Sohnes Thranen ließ zum Balſam fließen, Trotz des Phariſäer⸗Hohnes; Beim Gefaͤße das ſo reichlich Tropfte Wohlgeruch hernieder; Bei den Locken die ſo weichlich Trockneten die heiligen Glieder— Mulier Samaritana(S:. Joh. Iv). Bei dem Bronn, zu dem ſchon weiland Abram ließ die Heerde führen; Bei dem Eimer, der dem Heiland Kuͤhl die Lippe durft berühren; Bei der reinen reichen Quelle, Die nun dorther ſich ergießet, Ueberflüſſig, ewig helle, Rings durch alle Welten fließet— Maria Aegyptiaca(Acta Sanctorum). Bei dem hochgeweihten Orte, Wo den Herrn man niederließ; Bei dem Arm, der von der Pforte Warnend mich zuruͤcke ſtieß; Bei der vierzigjährigen Buße, Der ich treu in Wüſten blieb; Bei dem ſeligen Scheidegruße, Den im Sand ich niederſchrieb—— Zu drei. Die du großen Sunderinnen Deine Naͤhe nicht verweigerſt, Und ein büßendes Gewinnen In die Ewigkeiten ſteigerſt, Gönn' auch dieſer guten Seele, Die ſich einmal nur vergeſſen, Die nicht ahnte, daß ſie fehle, Dein Verzeihen angemeſſen! EEEEE 462 Neige, neige Du Ohnegleiche, Du Strahlenreiche, Dein Antlitz gnadig meinem Gluͤck! Der fruͤh Geliebte, Nicht mehr Getrübte, Er kommt zuruͤck. Selige Knaben (in Kreisbewegung ſich nähernd). Er überwachst uns ſchon An mächtigen Gliedern, Wird treuer Pflege Lohn Reichlich erwiedern. Wir wurden fruͤh entfernt Von Lebechoͤren; Doch dieſer hat gelernt, Er wird uns lehren. Die eine Büßerin ſonſt Gretchen genannt. Vom edlen Geiſterchor umgeben, Wird ſich der Neue kaum gewahr, Er ahnet kaum das friſche Leben So gleicht er ſchon der heiligen Schaar. Sieh wie er jedem Erdenbande Der alten Hülle ſich entrafft, Und aus atheriſchem Gewande Hervortritt erſte Jugendkraft! Vergöͤnne mir ihn zu belehren, Noch blendet ihn der neue Tag. Mater gloriosa. Komm! hebe dich zu höhern Sphären, Wenn er dich ahnet folgt er nach. Una Poenitentium (ſonſt Gretchen genannt. Sich anſchmiegend). 3 5 3 463 Doctor Marianus(auf dem Angeſicht anbetend)⸗ Blicket auf zum Retterblick Alle reuig Zarten, Euch zu ſeligem Geſchick Dankend umzuarten. Werde jeder beßre Sinn Dir zum Dienſt erbötig; Jungfrau, Mutter, Koͤnigin, Göttin bleibe gnaͤdig! Chorus mysticus. Alles Vergängliche Iſt nur ein Gleichniß; Das Unzulängliche Hier wird's Ereigniß; Das Unbeſchreibliche Hier iſt es gethan; Das Ewig⸗Weibliche Zieht uns hinan. Finis.