Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für öcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —¼4 ⁰ y—— auf 1 Monat: 1e— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Mk.— Pf. „„„ 3,„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für, beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Wanen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 3 feſtgeſetzt und wird der Buücher nicht ſtattfinden darf, indem das Weiterverleihen 3 3. ich iejenigen, welche die⸗ f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Stuttgart und Tuͤbingen, Cotta ſchen Buchhandlung, 8— in der J. G. Wilhelm Neiſters Lehrjahre. Er ſtes Capitel. 3 Das Schauſpiel dauerte ſehr lange. Die alte Bar⸗ bara trat einigemal ans Fenſter und horchte, ob die Kut⸗ ſchen nicht raſſeln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre ſchoͤne Gebieterin, die heute im Nachſpiele, als junger Officier gekleidet, das Publikum entzuͤckte, mit groͤße⸗ rer Ungedult, als ſonſt, wenn ſie ihr nur ein maͤßiges Abendeſſen vorzuſetzen hatte; diesmal ſollte ſie mit ei⸗ nem Packet üͤberraſcht werden, das Norberg, ein junger reicher Kaufmann, mit der Poſt geſchickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung ſeiner Geliebten gedenke. ᷓ 3 Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Rath⸗ geberin, Unterhaͤndlerin und Haushälterin, im Beſitz des Rechtes, die Siegel zu eroͤffnen, und auch dieſen Abend konnte ſie ihrer Neugierde um ſo weniger widet⸗ ſtehen, als ihr die Gunſt des freygebigen Liebhabers mehr als ſelbſt Marianen am Herzen lag. Zu ihrer größten Freude hatte ſie in dem Packet ein feines Stuck Neſſeltuch und die neueſten Baͤnder für Marianen, füt ſ ch aber ein Stuͤck Kattun, Halstuͤcher und ein Roͤllchen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, welcher Dank⸗ barkeit erinnerte ſie ſich des abweſenden Norbergs! wie lebhaft nahm ſie ſich vor, auch bey Marianen ſeiner im Beſten zu gedenken, ſie zu erinnern, was ſie ihm ſchuldig ſey und was er von ihrer Treue hoſßen und erwarten muͤſſe. Das Neſſeltuch, durch die Falbe der halbaufgeroll⸗ ten Bäͤnder belebt, lag wie ein Chriſtgeſchenk auf dem Tiſchchen; die Stellung der Lichter erhoͤhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegen eilte. Aber wie ſehr verwundert trat ſie zuruͤck, als das weib⸗ tche Officierchen/ ohne auf die Liebkoſungen zu achten, ſich an ihr vorbeydrängte, mit ungewoͤhnlicher Haſt und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und Degen auf den Tiſch warf, unruhig auf und nieder ging und den feyerlich angezundeten Lichtern keinen Blick goͤnnte. „Was haſt du, Liebchen? rief die Alte verwundert aus. Ums Himmels willen, Toͤchterchen, was gibts? Sieh hier dieſe Geſchenke! Von wem koͤnnen ſie ſeyn, als voon deinem zartlichſten Freunde? Norberg ſchickt dir das Stuͤck Mouſſelin zum Nachtkleide; bald iſt er ſel⸗ t da; er ſcheint mir eifriger und freygebiger als jemals. Die Alte kehrte ſich um, und wollte die Gaben, wo⸗ mit er auch ſie bedacht, vorweiſen, als Mariane, ſich von den Geſchenken wegwendend, mit Leidenſchaft aus⸗ rief: Fort! Fort! heute will ich nichts von allem dieſem hören; ich habe dir gehorcht, du haſt es gewollt, es ſey ſo! Wenn Norberg zuruͤckkehrt, bin ich wieder ſein, bin ich dein, mache mit mir, was du willſt, aber bis dahin will ich mein ſeyn, und haͤtteſt du tauſend Zungen, du ſollteſt mir meinen Vorſatz nicht ausreden. Dieſes ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und den ich liebe. Keine Geſichter! Ich will mich dieſer eidenſchaft uüͤber⸗ laſſen, als wenn ſie ewig dauern ſollte. Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorſtellungen und Grunden; doch da ſie in fernerem Wortwechſel heftig und bitter ward, ſprang Mariane auf ſie los und faſſte ſie bey der Bruſt. Die Alte lachte überlaut. Ich werde ſorg⸗ muͤſſen, rief ſie aus, daß ſie wieder bald in lange Kleider kommt, wenn ich meines Lebens ſicher ſeyn will. Fort, zieht euch aus! Ich hoffe das Maͤdchen wird mir abbit⸗ ten, was mir der fluͤchtige Junge Leids zugefuͤgt hat; herunter mit dem Rock und immer ſo fott alles herunter! Es iſt eine unbequeme Tracht, und fur euch geſaͤhrlich, wie ich merke. Die Achſelbaͤnder begeiſtern euch.. Die Alte hatte Hand an ſie gelegt, Mariane riß ſich los. Nicht ſo geſchwind! rief ſie aus; ich habe noch ben denu zu erwarten.“ 2 „Das iſ nicht gut, verſette die Alte. Doch nicht den jungen, zaͤrtlichen, unbefiederten Kaufmäͤnnsſohn? Eben den, verſetzte Mariane. Es ſcheint, als wenn die Großmuth eure herrſchende Leidenſchaft werden wollte, erwiederte die Alte ſpottend; ihr nehmt euch der Unmuͤndigen, der Unvermoͤgenden mit großem Eifer an. Es muß reizend ſeyn, als uneigen⸗ nuͤtzige Geberinn angebetet zu werden.— Worte aus! Das ſü dieſe denſ 4 geſtellt habe, von der ich keinen Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn faſſen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze Liebe zeigen, ſeine Liebe in ihrem ganzen Umfang genießen.— Maßigt euch, ſagte die Alte gelaſſen: mäͤßigt euch! Ich muß eure Freude durch Ein Wort unterbrochen: Nor⸗ berg kommt! In vierzehn Tagen kommt er! Hier iſt ſein Brief, der die Geſchenke begleitet hat.— und wenn mir die Morgenſonne meinen Freund rau⸗ ben ſollte, will ich mirs verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen, was kann da nicht Polſalen⸗ was kann ſich da nicht veraͤndern! Wilhelm trat hinein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog ſie ihm entgegen! mit welchem Entzucken umſchlang er die rothe Uniform! druͤckte er das weiße Atlaßweſtchen« an ſeine Bruſt! Wer wagte hier zu beſchreihen, wem geziemt es, die Seligkeit zweyer Liebenden auszuſprechen! Die Alte ging murrend bey Seite; wir entfernen uns mit ihr und laſſen die Gluͤcklichen allein. Zweytes Capitel. Als Wilhelm ſeine Mutter des andern Morgens be gruͤßte, eroͤffnete ſie ihm, daß der Vater ſehr verdrießlich ſey, und ihm den taͤglichen Beſuch des Schauſpiels naͤch⸗ ſtens unterſagen werde. Wenn ich gleich ſelbſt, fuhr ſie fort, manchmal gern ins Theater gehe; ſo moͤchte ich es doch oft verwuͤnſchen, da meine haͤusliche Ruhe durch deine unmaͤßige Leidenſchaft zu dieſem Vergnuͤgen geſtoͤrt wird. Der Vater wiederholt immer, wozu es nur nuͤtze ſey? wie man ſeine Zeit ſo verderben koͤnne?— Ich habe es auch ſchon von ihm hoͤren muͤſſen, ver⸗ ſetzte Wilhelm, und habe ihm vielleicht zu haſtig geant⸗ „ wortet; aber ums Himmelswillen, Mutter! iſt denn alles unnuͤtz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns nicht den allernaͤchſten Beſitz verſchafft? Hatten wir in dem alten Hauſe nicht Raum genug? und war es noͤthig, ein neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jaͤhrlich einen anſehnlichen Theil ſeines Handels⸗ Gewinnes zur Verſchoͤnerung der Zimmer? Dieſe ſeide⸗ nen Tapeten, dieſe engliſchen Mobilien ſind ſie nicht anch unnuͤtz? Koͤnnten wir uns nicht mit geringern begnu⸗ gen? Wenigſtens bekenne ich, daß mir dieſe geſtreiften A 1. Waͤnde, dieſe hundertmal wiederholten Blumen, Schnoͤr⸗ kel, Koͤrbchen und Figuren einen durchaus unangeneh⸗ men Eindruck machen. Sie kommen mir hoͤchſtens vor, wie unſer Theatervorhang. Aber wie anders iſts, vor dieſem zu ſitzen! Wenn man noch ſo lange warten muß, ſo weiß man doch, er wird in die Hoͤhe gehen, und wir werden die mannigfaltigſten Gegenſtaͤnde ſehen, die uns unterhalten, aufklaͤren und erheben.— Mach' es nur maͤßig, ſagte die Mutter, der Vater will auch Abends unterhalten ſeyn; und dann glaubt er, es zerſtreue dich, und am Ende trag' ich, wenn er ver⸗ drießlich wird, die Schuld. Wie oft muſſte ich mir das verwuͤnſchte Puppenſpiel vorwerfen laſſen, das ich euch vor zwoͤlf Jahren zum heiligen Chriſt gab, und das euch zuerſt Geſchmack am Schauſpiel beybrachte. Schelten ſie das Puppenſpiel nicht, laſſen Sie ſich Ihre Liebe und Vorſorge nicht gereuen! Es waren die eerrſten vergnuͤgten Augenblicke, die ich in dem neuen lee⸗ ren Hauſe genoß; ich ſehe es dieſen Augenblick noch vor mir, ich weiß, wie ſonderbar es mir vorkam, als man uns, nach Empfang der gewoͤhnlichen Chriſtgeſchenke, vor einer Thuͤre niederſitzen hieß, die aus einem andern Zimmer herein ging. Sie eroͤffnete ſich; allein nicht wie ſonſt zum Hinundwiederlaufen, der Eingang war durch eine unerwartete Feſtlichkeit ausgefuͤllt. Es baute ſich ein Portal in die Hoͤhe, das von einem myſtiſchen Vor⸗ hang verdeckt war. Erſt ſtanden wir alle von ferne, und — — * wie unſre Neugierde groͤßer ward, um zu ſehen was wohl Blinkendes und Raſſelndes ſich hinter der halb durch⸗ ſichtigen Huͤlle verbergen moͤchte, wies man jedem ſein Stuͤhlchen an und gebot uns, in Gedult zu warten. So ſaß nun alles und war ſtill; eine Pfeife gab das Signal, der Vorhang rollte in die Hoͤhe, und zeigte eine hochroth gemahlte Ausſicht in den Tempel. Der Hohe⸗ prieſter Samuel erſchien mit Jonathan, und ihre wech⸗ ſelnden wunderlichen Stimmen kamen mir hoͤchſt ehrwuͤr⸗ dig vor. Kurz darauf betrat Saul die Scene, in großer Verlegenheit uͤber die Impertinenz des ſchwerloͤthigen Kriegers, der ihn und die Seinigen herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher als der zwerggeſtaltete . 4 Sohn Iſai mit Schaͤferſtab, Hirtentaſche und Schleuder N hervorhupfte und ſprach: Großmaͤchtigſter Koͤnig und Herr Herr! es entſalle Keinem der Muth um deßwillen; wenn Ihro Majeſtaͤt mir erlauben wollen, ſo will ich „ hingehen und mit dem gewaltigen Rieſen in den Streit treten.— Der erſte Akt war geendet und die Zuſchauer hoͤchſt begierig zu ſehen, was nun weiter vorgehen ſollte; jedes wuͤnſchte, die Muſik moͤchte nur bald aufhoͤren. Endlich ging der Vorhang wieder in die Hoͤhe. David weihte das Fleiſch des Ungeheuers den Voͤgeln unter dem Himmel und den Thieren auf dem Felde; der Philiſter . ſprach Hohn, ſtampfte viel mit beyden Fuͤßen, fiel end⸗ lich wie ein Klotz und gab der ganzen Sache einen herr⸗ lichen Ausſchlag. Wie dann nachher die Jungfrauen 4 7 — ——; 1 * —— 10 ſangen: Saul hat Tauſend geſchlagen, David aber Zehn⸗ tauſend! der Kopf des Rieſen vor dem kleinen Ueberwin⸗ der hergetragen wurde, und er die ſchoͤne Koͤnigstochter zur Gemahlinn erhielt, verdroß es mich doch bey aller Freude, daß der Gluͤcksprinz ſo zwergmaͤßig gebildet ſey. Denn nach der Idee des großen Goliath und kleinen Da⸗ vid hatte man nicht verfehlt, beyde recht charakteriſtiſch zu machen. Ich bitte Sie, wo ſind die Puppen hingekom⸗ men? Ich habe verſprochen, ſie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnugen machte, indem ich ihn neulich voon dieſem Kinderſpiel unterhielt. Es wundert mich nicht, daß du dich dieſer Dinge ſo lebhaft erinnerſt: denn du nahmſt gleich den groͤßten An⸗ theil daran. Ich weiß, wie du mir das Buͤchlein ent⸗ wendeteſt und das ganze Stuͤck auswendig lernteſt; ich wurde es erſt gewahr, als du eines Abends dir einen Go⸗ liath und David von Wachs machteſt, ſie beyde gegen einander peroriren lieſſeſt, dem Rieſen endlich einen Stoß gabſt und ſein unfoͤrmliches⸗Haupt auf einer groſ⸗ ſen Stecknadel mit waͤchſernem Griff dem kleinen David in die Hand klebteſt. Ich hatte damals ſo eine herzliche mutterliche Freude uͤber dein gutes Gedaͤchtniß und deine pathetiſche Rede, daß ich mir ſogleich vornahm, dir die hoͤlzerne Truppe nun ſelbſt zu uͤbergeben. Ich dachte damals nicht, daß es mir ſo manche verdrießliche Stunde machen ſollte.— Laſſen Sie ſich's nicht gereuen, verſetzte Wilhelm: ——* — 2 — ———ꝙ 11 denn es haben uns dieſe Scherze manche vergnuͤgte Stunde gemacht. Und mit dieſem erbat er ſich die Schluͤſſel, eilte, fand die Puppen und war einen Augenblick in jene Zeiten ver⸗ ſetzt, wo ſie ihm noch belebt ſchienen, wo er ſie durch die Lebhaftigkeit ſeiner Stimme, durch die Bewegung ſeiner Hände zu beleben glaubte. Er nahm ſie mit auf ſeine Stube und verwahrte ſie ſorgfaͤltig. 8 Drihtes Capilel. Wenn die erſte Liebe, wie ich allgemein behaupten hoͤre, das Schoͤnſte iſt, was ein Herz fruͤher oder ſpaͤter empfinden kann; ſo muͤſſen wir unſern Helden dreyfach gluͤcklich preiſen, daß ihm gegoͤnnt ward, die Wonne dieſer einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu genießen. Nur wenig Menſchen werden ſo vorzuͤglich, beguͤnſtigt, indeß die meiſten von ihren fruͤhern Empfin⸗ dungen nur durch eine harte Schule gefuͤhrt werden, in welcher ſie, nach einem kuͤmmerlichen Genuß, gezwun⸗ gen ſind, ihren beſten Wuͤnſchen entſagen, und das, was ihnen als hoͤchſte Gluͤckſeligkeit vorſchwebte, fuͤr immer entbehren zu lernen. Auf den Fluͤgeln der Einbildungskraft hatte ſich Wil⸗ helms Begierde zu dem reizenden Maͤdchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigungen gewon⸗ nen, er fand ſich im Beſitz einer Perſon, die er ſo ſehr liebte, ja verehrte: denn ſie war ihm zuerſt in dem guͤn⸗ 1 ſtigen Lichte theatraliſcher Vorſtellung erſchienen, und ſeine Leidenſchaft zur Buhne verband ſich mit der erſten Liebe zu einem weiblichen Geſchoͤpfe. Seine Jugend ließ ihn reiche Freuden genießen, die von einer lebhaften .„ 13* 6 Dichtung erhoͤht und erhalten wurden. Auch der Zu⸗ ſtand ſeiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stim⸗ mung, welche ſeinen Empfindungen ſehr zu Huͤlfe kam; die Furcht, ihr Geliebter moͤchte ihre uͤbrigen Verhaͤltniſſe vor der Zeit entdecken, verbreitete über ſie einen liebens⸗ 8 würdigen Anſchein von Sorge und Scham, ihre Leiden⸗ ſchaft fuͤr ihn war lebhaft, ſelbſt ihre Unruhe ſchien ihre Zartlichkeit zu vermehren; ſie war das beliſaſte Ge⸗ ſchoͤpf in ſeinen Armen.. Als er aus dem erſten Taumel der Irende erwachte, und auf ſein Leben und ſeine Verhaͤltniſſe zuruͤckblickte, erſchien ihm alles neu, ſeine Pflichten heiliger, feine Lieb⸗ habereyen lebhafter, ſeine Kenntniſſe deutlicher, ſeine Ta⸗ lente kraͤftiger, ſeine Vorſaͤtze entſchiedener. Es ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vor⸗ wurfen ſeines Vaters zu entgehen, ſeine Mutter zu be⸗ ruhigen und Marianens Liebe ungeſtoͤrt zu genießen. Er verrichtete des Tags ſeine Geſchaͤfte puͤnktlich, entſagte gewoͤhnlich dem Schauſpiel, war Abends bey Tiſche un⸗ terhaltend, und ſchlich, wenn alles zu Bette war, in ſei⸗ nen Mantel gehüllt, ſachte zu dem Garten hinaus, und eilte, alle Lindors und Leanders im Buſen, unaufhalt⸗ ſam zu ſeiner Geliebten. Was bringen Sie? fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel hervorwies, das die Alte, in Hoff⸗ nung angenehmer Geſchenke, ſehr aufmerkſam betrachtete. Sie werden es nicht errathen, verſetzte Wilhelm. 24 Wie verwunderte ſich Mariane, wie entſetzte ſich Bar⸗ bara, als die aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen ſpannelanger Puppen ſehen ließ. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Draͤte auseinander zu wickeln und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemuͤhet war. Die Alte ſchlich verdrießlich bey Seite. Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwey Liebende zu unterhalten, und ſo vergnuͤgten ſich unſte Freunde dieſen Abend aufs Beſte. Die kleine Truppe wurde gemuſtert, ſede Figur genau betrachtet und belacht. Koͤnig Saul im ſchwarzen Sammtrocke mit der goldenen Krone wollte Marianen gar nicht gefallen; er ſaͤhe ihr, ſagte ſie, zu ſteif und pedantiſch aus. Deſto beſſer behagte ihr Jona⸗ than, ſein glattes Kinn, ſein gelb und rothes Kleid und der Turban. Auch wuſſtte ſie ihn gar artig am Drate hin und her zu drehen, ließ ihn Reverenzen machen und Lie⸗ beserklaͤrungen herſagen. Dagegen wollte ſie dem Pro⸗ pheten Samuel nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit ſchen⸗ ken, wenn ihr gleich Wilhelm das Bruſtſchildchen anpries und erzaͤhlte, daß der Schillertaft des Leibrocks von einem 4 alten Kleide der Großmutter genommen ſey. David war ihr zu klein, und Goliath zu groß, ſie hielt ſich an ihren Jonathan. Sie wuſſte ihm ſo artig zu thun, und zuletzt ihre Liebkoſungen von der Puppe auf unſern Freund her⸗ über zu tragen, daß auch dießmal wieder ein geringes 1 Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward. Aus der Sußigkeit ihrer zaͤrtlichen Traͤume wurden ſie ——— 7 15 3 durch einen Lerm geweckt, welcher auf der Straße ent⸗ ſtand. Mariane rief der Alten, die, nach ihrer Gewohn⸗ heit noch fleißig, die veraͤnderlichen Materialien der Thea⸗ tergarderobe zum Gebrauch des naͤchſten Stuͤckes anzu⸗ paſſen beſchaͤftigt war. Sie gab die Auskunft, daß eben eine Geſellſchaft luſtiger Geſellen aus dem Italiaͤner Kel⸗ ler nebenan heraus taumle, wo ſie bey friſchen Auſtern, die eben angekommen, des Champagners nicht geſchont haͤtten. 1 3 Schade, ſagte Mariane, daß es uns nicht fruͤher ein⸗ gefallen iſt; wir haͤtten uns auch was zu Gute thun ſollen. Es iſt wohl noch Zeit, verſetzte Wilhelm und reichte der Alten einen Louisdor hin: verſchafft Sie uns, was wir wuͤnſchen, ſo ſoll Sie's mit genießen. Die Alte war behend, und in kurzer Zeit ſtand ein artig beſtellter Tiſch mit einer wohlgeordneten Collation vor den Liebenden. Die Alte muſſte ſich dazu ſetzen; man aß, trank und ließ ſich's wohl ſeyn. In ſolchen Faͤllen fehlt es nie an Unterhaltung. Ma⸗ riane nahm ihren Jonathan wieder vor, und die Alte wuſſte das Geſpraͤch auf Wilhelms Lieblingsmaterie zu wenden. Sie haben uns ſchon einmal, ſagte ſie, von der erſten Auffuͤhrung eines Puppenſpiels am Weihnachts⸗ Abend unterhalten; es war luſtig zu hoͤren. Sie wurden eben unterbrochen, als das Ballet angehen ſollte. Nun kennen wir das herrliche Perſonal, das jene großen Wir⸗ kungen hervorbrachte. ——— Ja, ſagte Mariane: erzaͤhle uns weiter, wie war dir's zu Muthe? Es iſt eine ſchoͤne Empſindung. liebe Ma diane, ver⸗ ſetzte Wilhelm: wenn wir uns alter Zeiten und alter unſchädlicher Irrthuͤmer erinnern, beſonders wenn es in einem Augenblick geſchieht, da wir eine Hoͤhe gluͤcklich erreicht haben, von welcher wir uns umſehen und den zurückgelegten Weg uberſchauen koͤnnen. Es iſt ſo ange⸗ nehm, ſelbſtzufrieden ſi ſich mancher Hinderniſſe zu erinnern, die wir oft mit einem peinlichen Gefuhle fuͤr unuͤberwind⸗ lich hielten, und dasjenige, was wir jetzt entwickelt ſind, mit dem 15n vergleichen, was wir damals unentwickelt waren. Aber unausſprechlich gluͤcklich fuͤhl' ich mich jetzt, da ich in dieſem Augenblicke mit dir von dem Ver⸗ gangnen rede, weil ich zugleich vorwaͤrts in das reizende Land ſchaue, das wir zuſammen Hand in Hand durch⸗ wandern koͤnnen. Wie war es mit dem Ballet? fiel die Alte ihm ein. Ich fuͤrchte, es iſt nicht alles abgelaufen, wie es ſollte. O ja, verſetzte Wilhelm: ſehr gut! Von jenen wun⸗ derlichen Spruͤngen der Moyren und Mohrinnen, Schaͤ⸗ fer und Schaͤferinnen, Zwerge und Zwerginnen, iſt mir eine dunkle Erinnrung auf mein ganzes Leben geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Thure ſchloß ſich und die ganze kleine Geſellſchaft eilte wie betrunken und taumelnd u Bett; ich weiß aber wohl, daß ich nicht einſchlafen konnte, daß ich noch etwas erzahlt haben wollte, daß ich 1 17 noch viele Fragen that, und daß ich nur ungern die Waͤrterin entließ, die uns zur Ruhe gebracht hatte. Den andern Morgen war leider das magiſche Ge⸗ ruͤſte wieder verſchwunden, der myſtiſche Schleyer weg⸗ gehoben, man ging durch jene Thuͤre wieder frey aus einer Stube in die andere, und ſo viel Abenteuer hat⸗ ten keine Spur zuruͤckgelaſſen. Meine Geſchwiſter lie⸗ fen mit ihren Spielſachen auf und ab, ich allein ſchlich hin und her; es ſchien mir unmoͤglich, daß da nur zwo Thuͤrpfoſten ſeyn ſollten, wo geſtern ſo viel Zauberey geweſen war. Ach, wer eine verlorne Liebe ſucht, kann nicht ungluͤcklicher ſeyn, als ich mir damals ſchien. Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, uͤberzeugte ſie, daß er nicht fuͤrchtete, jemals in dieſen Fall kommen zu koͤnnen. 1 Goethe's Werke. III. Bd. 4 Viertes Capitel. — Mein einziger Wunſch war nunmehr, fuhr Wil⸗ helm fort, eine zweyte Auffuͤhrung des Stuͤcks zu ſehen. Ich lag der Mutter an, und dieſe ſuchte zu einer gele⸗ genen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre Muͤhe war vergebens. Er behauptete, nur ein ſeltenes Ver⸗ gnuͤgen koͤnne bey den Menſchen einen Werth haben, Kinder und Alte wuͤſſten nicht zu ſchaͤtzen, was ihnen Gutes taͤglich begegnete. Wir haͤtten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten muͤſſen, haͤtte nicht der Erbauer und heimliche Director des Schauſpiels ſelbſt Luſt ge⸗ fuͤhlt, die Vorſtellung zu wiederholen und dabey in ei⸗ nem Nachſpiele einen ganz friſch fertig gewordnen Hans⸗ wurſt zu produziren. Ein junger Mann von der Attillerie, mit vielen Talenten begabt, beſonders in mechaniſchen Arbeiten geſchickt, der dem Vater waͤhrend des Baues viele we⸗ ſentliche Dienſte geleiſtetehatte und von ihm reichlich be⸗ ſchenkt worden war, wollte ſich am Chriſtfeſte der klei⸗ nen Familie dankbar erzeigen, und machte dem Hauſe ſeines Goͤnners ein Geſchenk mit dieſem ganz eingerich⸗ 19 teten Theater, das er ehemals in muͤßigen Stunden zu⸗ ſammengebaut, geſchnitzt und gemahlt hatte. Er war es, der mit Hulfe eines Bedienten ſelbſt die Puppen regierte und mit verſtellter Stimme die verſchiedenen Rollen herſagte. Ihm ward nicht ſchwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefaͤlligkeit zuge⸗ ſtand, was er ſeinen Kindern aus Ueberzeugung abge⸗ ſchlagen hatte. Genug, das Theater ward wieder auf⸗ geſtellt, einige Nachbarskinder gebeten und das Stuͤck wiederholt. Hatte ich das erſtemal die Freude der Ueberraſchung und des Staunens, ſo war zum zweytenmale die Wol⸗ luſt des Aufmerkens und Forſchens groß. Wie das zugehe? war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen nicht ſelbſt redeten, hatte ich mir ſchon das erſtemal geſagt; daß ſie ſich nicht von ſelbſt bewegten, vermu⸗ thete ich auch; aber warum das Alles doch ſo huͤbſch war? und es doch ſo ausſah, als wenn ſie ſelbſt rede⸗ ten und ſich bewegten? und wo die Lichter und die Leute ſeyn moͤchten? Dieſe Naͤthſel beunruhigten mich um deſto mehr, je mehr ich wuͤnſchte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu ſeyn, zugleich meine Haͤnde verdeckt im Spiel zu haben und als Zuſchauer die Freude der Illuſion zu genießen. Das Stuͤck war zu Ende, man machte Vorbereitun⸗ gen zum Nachſpiel, die Zuſchauer waren aufgeſtanden und ſchwatzten durcheinander. Ich draͤngte mich naͤher 20 an die Thuͤre und hoͤrte inwendig am Klappern, daß man mit Aufraͤumen beſchaͤftigt ſey. Ich hub den un⸗ tern Teppich auf und guckte zwiſchen dem Geſtelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog mich zuruͤck; allein ich hatte doch ſo viel geſehen, daß man Freunde und Feinde, Saul und Goliath und wie ſie alle heißen mochten, in Einen Schiebkaſten packte, und ſo erhielt meine halbbefriedigte Neugierde friſche e Nahrung. Da⸗ bey hatte ich zu meinem groͤßten Erſtaunen den Lieu⸗ tenant im Heiligthume ſehr geſchaͤftig erblickt. Nun⸗ mehr konnte mich der Hanswurſt, ſo ſehr er mit ſeinen Abſaͤtzen klapperte, nicht unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieſer Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erſt vor, als ob ich gar nichts wiſſe, und ich hatte Recht: denn es fehlte mir der Zuſammenhang, und darauf kommt doch eigentlich Alles an. Funftes Capitel. Die Kinder haben, fuhr Wilhelm fort, in wohleit⸗ gerichteten und geordneten Haͤuſern eine Empfindung, wie ungefaͤhr Ratten und Maͤuſe haben moͤgen; ſie ſind aufmerkſam auf alle Ritzen und Loͤcher, wo ſie zu ei⸗ nem verbotenen Naſchwerk gelangen koͤnnen; ſie genießen es mit einer ſolchen verſtohlnen wolluͤſtigen Furcht, die einen großen Theil des kindiſchen Gluͤcks ausmacht. Ich war vor allen meinen Geſchwiſtern aufmerkſam, wenn irgend ein Schluͤſſel ſtecken blieb. Je größer die Ehrfurcht war, die ich fuͤr die verſchloſſenen Thüren in meinem Herzen herumtrug, an denen ich Wochen und Monate lang vorbeygehen muſſte, und in die ich nur manchmal, wenn die Mutter das Heiligthum oͤffnete, um etwas heraus zu holen, einen verſtohlnen Blick that; deſto ſchneller war ich, einen Augenblick zu benutzen, den mich die Nachlaͤſſigkeit der Wirthſchafterinnen manchmal treffen ließ. Unter allen Thuͤren war, wie man leicht erachten kann, die Thuͤre der Speiſekammer diejenige, auf die meine Sinne am ſchaͤrfſten gerichtet waren. Wenig ah⸗ nungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung, wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, um ihr ——— , — * 22 etwas heraustragen zu helfen, und ich dann einige ge⸗ doͤrrte Pflaumen entweder ihrer Gute oder meiner Liſt zu danken hatte. Die aufgehaͤuften Schaͤtze uͤbereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fülle, und ſelbſt der wunderliche Geruch, den ſo mancherley Spe⸗ cereyen durcheinander aushauchten, hatte ſo eine leckere Wirkung auf mich, daß ich niemals verſaͤumte, ſo oft ich in der Naͤhe war, mich wenigſtens an der eroͤffneten Atmoſphaͤre zu weiden. Dieſer merkwuͤrdige Schluͤſſel blieb eines Sonntag Morgens, da die Mutter von dem Gelaͤute uͤbereilt ward, und das ganze Haus in einer tie⸗ fen Sabbathſtille lag, ſtecken. Kaum hatte ich es be⸗ merkt, als ich etlichemal ſachte an der Wand hin und her ging, mich endlich ſtill und fein andraͤngte, die Thuͤre oͤffnete, und mich mit Einem Schritt in der Nähe ſo vie⸗ ler langgewuͤnſchter Gluͤckſeligkeit fuͤhlte. Ich beſah Kaͤ⸗ ſten, Saͤcke, Schachteln, Buͤchſen, Glaͤſer mit einem ſchnellen zweifelnden Blicke, was ich waͤhlen und nehmen ſollte? griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflau⸗ men, verſah mich mit einigen getrockneten Aepfeln, und nahm genugſam noch eine eingemachte Pomeranzenſchale dazu; mit welcher Beute. ich meinen Weg wieder ruck⸗ waͤrts glitſchen wollte, als mir ein paar nebeneinander⸗ ſtehende Kaſten in die Augen fielen, aus deren einem Draͤte, oben mit Haͤckchen verſehen, durch den uͤbel ver⸗ ſchloſſenen Schieber heraushingen. Ahnungsvoll fiel ich daruber her: und mit welcher uͤberirdiſchen Empfindung —— 23 entdeckte ich, daß darin meine Helden⸗ und Frendenwelt aufeinander gepackt ſey. Ich wollte die oberſten aufhe⸗ ben, betkgahten, die unterſten hervorziehen; allein gar bald verwierte ich die leichten Draͤte, kam daruͤber in Un⸗ ruhe und Bangigkeit, beſonders da die Koͤchin in der be⸗ nachbarten Kuͤche einige Bewegungen machte, daß ich al⸗ les, ſo gut ich konnte, zuſammendruͤckte, den Kaſten zu⸗ ſchob, nur ein geſchriebenes Buͤchelchen, worin die Ko⸗ moͤdie von David und Goliath aufgezeichnet war, das oben aufgelegen hatte, zu mir ſteckte, und mich mit dieſer Beute leiſe die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete. Von der Zeit an wandte ich alle verſtohlenen einſa⸗ men Stunden darauf, mein Schauſpiel wiederholt zu le⸗ ſen, es auswendig zu lernen, und mir in Gedanken vor⸗ zuſtellen, wie herrlich es ſeyn muͤſſte, wenn ich auch die Geſtalten dazu mit meinen Fingern beleben koͤnnte. Ich ward daruͤber in meinen Gedanken ſelbſt zum David und Goliath. In allen Winkeln des Bodens, der Ställe, 4 des Gartens, unter allerley Umſtaͤnden, ſtudierte ich das Stuͤck ganz in mich hinein, ergriff alle Rollen, und lernte ſie auswendig, nur daß ich mich meiſt an den Platz der Haupthelden zu ſetzen pflegte, und die uͤbrigen wie Tra⸗ banten nur im Gedaͤchtniſſe mitlaufen ließ. So lagen m die großmuͤthigen Reden Davids, mit denen er den uͤber⸗ muͤthigen Rieſen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im Sinne; ich murmelte ſie oft vor mich hin, niemand gab Acht darauf, als der Vater, der manchmal einen ſol⸗ . 24 cher Ausruf bemerkte, und bey ſich ſelbſt das gute Ge⸗ daͤchtniß ſeines Knaben pries, der von ſo wenigem Zuhs⸗ ren ſo mancherley habe behalten koͤnnen. 4 Hierdurch ward ich immer verwegener, und rezitirte eines Abends das Stuͤck zum größten Theile vor meiner Mutter, indem ich mir einige Wachsklumpchen zu Schau⸗ ſpielern bereitete. Sie merkte Kuf. drang in mich, und ich geſtand. 1 Gkücklicher Weiſe fiel dieſe Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant ſelbſt den Wunſch geaͤußert hatte, mich in dieſe Geheimniſſe einweihen zu duͤrfen. Meine Mut⸗ ter gab ihm ſogleich Nachricht von dem unerwarteten Talente ihres Sohnes, und er wuſſte nun einzuleiten, daß man ihm ein Paar Zimmer im oberſten Stocke, die gewoͤhnlich leer ſtanden, uͤberließ, in deren einem wieder die Zuſchauer ſitzen, in dem andern die Schauſpieler ſeyn, und das Proſcenium abermals die Oeffnung der Thuͤre. ausfüllen ſollte. Der Vater hatte ſeinem Freunde das alles zu veranſtakten erlaubt; er ſelbſt ſchien nur durch die Finger zu ſehen, naech dem Grundſatze, man muͤſſe den Kindern nicht merken laſſen, wie lieb man ſie habe, ſie griffen i immer zu weit um ſich; er meinte, man muͤſſe bey 3 ihren Freuden ernſt ſcheinen, und ſie ihnen manghmal ver⸗ derben, damit ihre 3iedenbeit ſi ſie nicht ubermaͤßig und uͤbermuͤthig mache.. Sechstes Capitel. Der Lieutenant ſchlug nunmehr das Theater auf, und beſorgte das Uebrige. Ich merkte wohl, daß er die Woche mehrmals zu ungewoͤhnlicher Zeit ins Haus kam, und vermuthete die Abſicht. Meine Begierde wuchs unglaublich, da ich wohl fuͤhlte, daß ich vor Sonnabends keinen Theil an dem, was zubereitet wur⸗ de, nehmen durfte. Endlich erſchien der gewuͤnſchte Tag. Abends um fuͤnf Uhr kam mein Fuͤhrer, und nahm mich mit hinauf. Zitternd vor Freude trat ich hinein, und erblickte auf beyden Seiten des Geſtelles die herabhaͤngenden Puppen in der Ordnung, wie fie auftreten ſollten; ich betrachtete ſie ſorgfaͤltig, ſtieg auf den Tritt, der mich uͤber das Theater erhub, ſo daß ich nun uͤber der kleinen Welt ſchwebte. Ich ſah nicht ohne Ehrfurcht zwiſchen die Bretchen hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das Ganze von außen thue, und das Gefuͤhl, in welche Geheimniſſe ich eingeweiht ſey, mich umfaſſten. Wir machten einen Verſuch, und es ging gut. 8 26 Den andern Tag, da eine Geſellſchaft Kinder gela⸗ den war, hielten wir uns treflich, außer daß ich in dem Feuer der Aktion meinen Jonathan fallen ließ, und genothigt war, mit der Hand hinunter zu greifen, und ihn zu holen: ein Zufall, der die Illuſion ſehr un⸗ terbrach, ein großes Gelaͤchter verurſachte, und mich unſaͤglich kraͤnkte. Auch ſchien dieſes Verſehn dem Va⸗ ter ſehr willkommen zu ſeyn, der das große Vergnuͤ⸗ gen, ſein Soͤhnchen ſo faͤhig zu ſehen, wohlbedaͤchtig nicht an den Tag gab, nach geendigtem Stuͤcke ſich gleich an die Fehler hing, und ſagte, es waͤre recht ar⸗ tig geweſen, wenn nur dies oder das nicht verſagt haͤtte. Mich kraͤnkte das innig, ich war traurig fuͤr den Abend, hatte aber am kommenden Morgen allen Ver⸗ druß ſchon wieder verſchlafen, und war in dem Gedan⸗ ken ſelig, daß ich, außer jenem Ungluͤck, treflich ge⸗ ſpielt habe. Dazu kam der Beyfall der Zuſchauer, wel⸗ che durchaus behaupteten: obgleich der Lieutenant in Abſicht der groben und feinen Stimme ſehr viel gethan habe, ſo perorire er doch meiſt zu affektirt und ſteif; dagegen ſpreche der neue Anfaͤnger ſeinen David und Jonathan vortreflich; beſonders lobte die Mutter den freymuthigen Ausdruck, wie ich den Goliath herausge⸗ fordert, und dem Köoͤnige den beſcheidenen Sieger vor⸗ geſtellt habe. Nun blieb zu meiner groͤßten Freude das Theater aufgeſchlagen, und da der Fruͤhling herbeykam, und 27 man ohne Feuer beſtehen konnte, lag ich in meinen Frey⸗ und Spielſtunden in der Kammer, und ließ die Puppen wacker durch einander ſpielen. Oft lud ich meine Geſchwiſter und Kameraden hinauf; wenn ſie aber auch nicht kommen wollten, war ich allein oben. Meine Einbildungskraft bruͤtete uͤber der kleinen Welt, die gar bald eine andere Geſtalt gewann. Ich hatte kaum das erſte Stuͤck, wozu Theater und Schauſpieler geſchaffen und geſtempelt waren, etliche⸗ mal aufgefuͤhrt, als es mir ſchon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den Buͤchern des Großvaters die deutſche Schaubuhne und verſchiedene italiaͤniſch-deutſche Opern in die Haͤnde gekommen, in die ich mich ſehr vertiefte und jedesmal nur erſt vorne die Perſonen uͤberrechnete, und dann ſogleich, ohne weiteres, zur Auffuͤhrung des Stuͤckes ſchritt. Da muſſte nun Koͤnig Saul in ſeinem ſchwarzen Sammt⸗ kleide den Chaumigrem, Cato und Darius ſpielen; wo⸗ bey zu bemerken iſt, daß die Stuͤcke niemals ganz, ſon⸗ dern meiſtentheils nur die fuͤnſten Akte, wo es an ein Todtſtechen ging, aufgefuhrt wurden. Auch war es natuͤrlich, daß mich die Oper mit ih⸗ ren mannichfaltigen Veraͤnderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen muſſte. Ich fand darin ſtürmiſche Meere, Göotter, die in Wolken herabkommen, und was mich vorzuͤglich glücklich machte, Blitze und Don⸗ ner. Ich half mir mit Pappe, Farbe und Papier, ——————— wuſſte gar treflich Nacht zu machen, der Blitz war fuͤrch⸗ tterlich anzuſehen, nur der Donner gelang nicht immer, doch das hatte ſo viel nicht zu ſagen. Auch fand ſich in den Opern mehr Gelegenheit, meinen David und Go⸗ liath anzubringen, welches im regelmaͤßigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fuͤhlte taͤglich mehr Anhäng⸗ lichkeit fur das enge Plaͤtzchen, wo ich ſo manche Freude genoß; und ich geſtehe, daß der Geruch, den die Pup⸗ pen aus der Speiſekammer an ſich gezogen hatten, nicht wenig dazu beytrug. Die Dekorationen meines Theaters waren nunmehr in ziemlicher Vollkommenheit; denn, daß ich von Ju⸗ gend auf ein Geſchick gehabt hatte, mit dem Zirkel um⸗ zugehen, Pappe auszuſchneiden, und Bilder zu illumi⸗ niren, kam mir jetzt wohl zu Statten. Um deſto weher that es mir, wenn mich gar oft das Perſonal an Aus⸗ fuͤhrung großer Sachen hinderte. Meine Schweſtern, indem ſie ihre Puppen aus⸗ und ankleideten, erregten in mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche Kleider zu ver⸗ ſchaffen. Man trennte ihnen die Laͤppchen vom Leibe, ſetzte ſie, ſo gut man konnte, zuſammen, ſparte ſich etwas Geld, kaufte neues Band und Flittern, bettelte ſich manches Stüͤckchen Taft zuſammen, und ſchaffte nach und nach eine Theater⸗Garderobe an, in welcher beſonders die Reifroͤcke fuͤr die Damen nicht vergeſſen waren. einmal das erſte große Stuͤck mehr aufgefuͤhrt werden und gab ihm ſcheinbare Zeichen ihrer Au merkſamkeit 29. Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern fuͤr das groͤßte Stuͤck verſehen, und man haͤtte denken ſollen, es wuͤrde nun erſt recht eine Auffuͤhrung der andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern oͤfter zu gehen pflegt, ſie faſſen weite Plane, machen große An⸗ ſtalten, auch wohl einige Verſuche, und es bleibt alles zuſammen liegen. Dieſes Fehlers muß ich mich ankla⸗ gen. Die groͤßte Freude lag bey mir in der Erfin⸗ dung, und in der Beſchaͤftigung der Einbildungskraft. Dieß oder jenes Stuͤck intereſſirte mich um irgend ei⸗ ner Scene willen, und ich ließ gleich wieder neue Klei⸗ der dazu machen. Ueber ſolchen Anſtalten waren die urſpruͤnglichen Kleidungsſtuͤcke meiner Helden in Unord⸗ nung gerathen und verſchleppt woörden, daß alſo nicht — — — 5 konnte. Ich uͤberließ mich meiner Phantaſie, probirte und bereitete ewig, baute tauſend Luftſchloͤſſer, und ſpürte nicht, daß ich den Grund des kleinen Gebaͤudes zerſtoͤrt hatte. 3 Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen Wilhelm aufgeboten, um ihre Schlaͤfrigkeit zu verbergen. So ſcherzhaft die Bege⸗ benheit von einer Seite ſchien; ſo war ſie ihr doch zu einfach, und die Betrachtungen dabey zu ernſthaft. Sie ſetzte zaͤrtlich ihren Fuß auf den Fuß des Geliebten, — — und ihres Beyfalls. Sie trank aus ſeinem Glaſe, und —— 30 Wilhelm war uͤberzeugt, es ſey kein Wort ſeiner Ge⸗ ſchichte auf die Erde gefallen. Nach einer kleinen Pauſe rief er aus: Es iſt nun an dir, Mariane, mir auch deine erſten jugendlichen Freuden mitzutheilen. Noch waren wir immer zu ſehr mit dem Gegenwaͤrtigen be⸗ ſchaͤftigt, als daß wir uns wechſelſeitig um unſere vo⸗ rige Lebensweiſe haͤtten bekuͤmmern koͤnnen. Sage mir: unter welchen Umſtaͤnden biſt du erzogen? Wel⸗ che ſind die erſten lebhaften Eindruͤcke, deren du dich erinnerſt? Dieſe Fragen wuͤrden Marianen in große Verle⸗ genheit geſetzt haben, wenn ihr die Alte nicht ſogleich zu Hülfe gekommen waͤre. Glauben Sie denn, ſagte das kluge Weib, daß wir auf das, was uns früh be⸗ gegnet, ſo aufmerkſam ſind, daß wir ſo artige Bege⸗ benheiten zu erzaͤhlen haben, und, wenn wir ſie zu er⸗ zaͤhlen haͤtten, daß wir der Sache auch ein ſolches Ge⸗ ſchick zu geben wuͤſſten? Als wenn es deſſen beduͤrfte! rief Wilhelm aus. Ich liebe dieſes zaͤrtliche, gute, liebliche Geſchoͤpf ſo ſehr, daß mich jeder Augenblick meines Lebens ver⸗ drießt, den ich ohne ſie zugebracht habe. Laß mich we⸗ nigſtens durch die Einbildungskraft Theil an deinem vergangenen Leben nehmen! Erzaͤhle mir alles, ich will dir alles erzaͤhlen. Wir wollen uns wo moglich täͤu⸗ ſchen, und jene fuͤr die Liebe verlorne Zeiten wieder zu gewinnen ſuchen. 31 Wenn Sie ſo eifrig darauf beſtehen, koͤnnen wir Sie wohl befriedigen, ſagte die Alte. Erzaͤhlen Sie uns nur erſt, wie Ihre Liebhaberey zum Schauſpiele nach und nach gewachſen ſey, wie Sie ſich geuͤbt, wie Sie ſo gluͤcklich zugenommen haben, daß Sie nunmehr fuͤr einen guten Schauſpieler gelten koͤnnen? Es hat Ihnen dabey gewiß nicht an luſtigen Begebenheiten ge⸗ mangelt. Es iſt nicht der Muͤhe werth, daß wir uns zur Nuhe legen, ich habe noch eine Flaſche in Reſerve; und wer weiß, ob wir bald wieder ſo ruhig und zufrie⸗ den zuſammenſitzen. Mariane ſchaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm nicht bemerkte, und in ſeiner Erzaͤh⸗ lung fortfuhr. — hn Siebentes Capitel. Die Zerſtreuungen der Jugend, da meine Geſpann⸗ ſchaft ſich zu vermehren anfing, thaten dem einſamen ſtillen Vergnuͤgen Eintrag. Ich war wechſelsweiſe bald Jaͤger, bald Soldat, bald Reiter, wie es unſre Spiele mit ſich brachten; doch hatte ich immer darin einen klei⸗ nen Vorzug vor den Andern, daß ich im Stande war, ihnen die nöthigen Geraͤhſchaften ſchicklich auszubilden. So waren die Schwerter meiſtens aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein ge⸗ heimer Inſtinkt ließ mich nicht ruhen, bis ich unſre Mi⸗ liz ins Antike umgeſchaffen hatte. Helme wurden ver⸗ fertiget, mit papiernen Buͤſchen geſchmuͤckt, Schilde, ſogar Harniſche wurden gemacht, Arbeiten, bey denen die Bedienten im Hauſe, die etwa Schneider waren, und die Naͤtherinnen manche Nadel zerbrachen. Einen Theil meiner jungen Geſellen ſah ich nun wohlgeruſtet; die uͤbrigen wurden auch nach und nach, doch geringer, ausſtaffirt, und es kam ein ſtattliches Korps zuſammen. Wir marſchirten in Hoͤfen und Gaͤrten, ſchlugen uns brav auf die Schilde und auf die Köͤpfe; es gab manche Mißhelligkeit, die aber bald beygelegt war. —— 8 — Dieſes Spiel, das die andern ſehr unterhielt, war kaum etlichemal getrieben worden, als es mich ſchon nicht mehr befriedigte. Der Anblick ſo vieler geruͤſteten Geſtalten muſſte in mit nothwendig die Ritter⸗Ideen aufreizen, die ſeit einiger Zeit, da ich in das Leſen al⸗ ter Romane gefallen war, meinen Kopf anfuͤllten. Das befreyte Jeruſalem, davon mir Koppens Ueber⸗ ſetzung in die Haͤnde fiel, gab meinen herumſchweifen⸗ den Gedanken endlich eine beſtimmte Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht leſen; es waren aber Stellen, die ich auswendig wuſſte, deren Bilder mich umſchwebten. Befonders feſſelte mich Chlorinde mit ih⸗ rem ganzen Thun und Laſſen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fuͤlle ihres Daſeyns, thaten mehr Wirkung auf den Geiſt, der ſich zu entwickeln anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete. Aber hundert und hundertmal, wenn ich Abends auf dem Altan, der zwiſchen den Giebeln des Hauſes an⸗ gebracht iſt, ſpazirte, über die Gegend hinſah, und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein am Horizont heraufdaͤmmerte, die Sterne hervortraten, aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang, und der klingende Ton der Grillen durch die feyerliche Stille ſchrillte, ſagte ich mir die Geſchichte des traurigen Zweu⸗ kampfs zwiſchen Tancred und Chlorinden vor. So ſehr ich, wie billig, von der Partey der Chri⸗ Goethe's Werke. III. Bd. 3 —— ——— 34 ſten war, ſtand ich doch der heidniſchen Heldin mit gan⸗ 63 zem Herzen bey, als ſie unternahm, den großen Thurm der Belagerer anzuzuͤnden. Und wie nun Tancred dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der duſtern Huͤlle der Streit beginnt, und ſie gewaltig kaͤm⸗ pfen— ich konnte nie die Worte ausſprechen: Allein das Lebensmaß Chlorindens iſt nun voll, Und ihre Stunde kommt, in der ſie ſterben ſoll! daß mir nicht die Thraͤnen in die Augen kamen, die reichlich floſſen, wie der ungluͤckliche Liebhaber ihr das Schwert in die Bruſt ſtößt, der Sinkenden den Helm lost, ſie erkennt, und zur Taufe bebend das Waſſer holt. Aber wie ging mir das Herz uͤber, wenn in dem be⸗ zanberten Walde Tancredens Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fließt, und eine Stimme ihm in die Ohren toͤnt, daß er auch hier Chlorinden verwunde, daß er vom Schickſal beſtimmt ſey, das was er liebt uͤberall unwiſſend zu verletzen! un on Es bemaͤchtigte ſich die Geſchichte meiner Einbildungs⸗ kraft ſo, daß ſich mir, was ich von dem Gedichte geleſen hatte, dunkel zu einem Ganzen in der Seele bildete, von dem ich dergeſtalt eingenommen war, daß ich es auf ir⸗ gend eine Weiſe vorzuſtellen gedachte. Ich wollte Tan⸗ creden und Reinalden ſpielen, und fand dazu zwey Rü⸗ ſtungen ganz bereit, die ich ſchon gefertigt hatte. Die eine von dunkelgrauem Papier mit Schuppen ſollte den ernſten Tancred, die andre von Silber⸗ und Goldpa⸗ 35 pier den glaͤnzenden Reinald zieren. In der Lebtaftig⸗ keit meiner Vorſtellung erzaͤhlte ich alles meinen Geſpan⸗ nen, die davon ganz entzuͤckt wurden, und nur nicht wohl begreifen konnten, daß das alles aufgefuͤhrt, und zwar von ihnen aufgefuͤhrt werden ſollte. Dieſen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich diſponirte gleich über ein paar Zimmer in eines be⸗ nachbarten Geſpielen Haus, ohne zu berechnen, daß die alte Tante ſie nimmermehr hergeben wuͤrde; eben ſo war es mit dem Theater, wovon ich auch keine beſtimmte Idee hatte, außer daß man es auf Balken ſetzen, die Couliſſen von getheilten ſpaniſchen Waͤnden hinſtellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen muͤſſe. Woher aber die Materialien und Geraͤthſchaften kommen foll⸗ ten, hatte ich nicht bedacht.—) 4 Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten Bedienten aus einem der Haͤuſer, der nun Förſter geworden war, gute Worte, daß er uns junge Birken und Fichten ſchaffen moͤchte, die auch wirk⸗ lich geſchwinder, als wir hoffen konnten, herbeygebracht wurden. Nun aber fand man ſich in großer Verlegen⸗ heit, wie man das Stuͤck, eh die Baͤume verdorrten, zu Stande bringen koͤnne. Da waͤr guter Rath theuer! Es fehlte an Platz, am Theater, an Vorhaͤngen. Die ſpaniſchen Waͤnde waren das einzige, was wir hatten. In dieſer Verlegenheit gingen wir wieder den Lieu⸗ tenant an, dem wir eine weitlaͤufige Penhteidung von 36 der Herrlichkeit machten, die es geben ſollte. So wenig er uns begriff, ſo behuͤlflich war er, ſchob in eine kleine Stube, was ſich von Tiſchen im Hauſe und der Nach⸗ barſchaft nur finden wollte, an einander, ſtellte die Waͤn⸗ de darauf, machte eine hintere Ausſicht von grünen Vor⸗ haͤngen, die Baͤume wurden auch gleich mit in die Reihe geſtellt. Indeſſen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezuͤndet, die Maͤgde und Kinder ſaßen auf ihren Plaͤtzen, das Stuck ſollte angehn, die ganze Hel⸗ denſchaar war angezogen; nun ſpuͤrte aber jeder zum erſtenmal, daß er nicht wiſſe, was er zu ſagen habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von meinem Gegenſtande durchdrungen war, hatte ich vergeſſen, daß doch jeder wiſſen muſſe, was und wo er es zu ſagen habe; und in der Lebhaftigkeit der Ausfuͤhrung war es den uͤbrigen auch nicht beygefallen; ſie glaubten, ſie wuͤr⸗ den ſich leicht als Helden darſtellen, leicht ſo handeln und reden koͤnnen, wie die Perſonen, in deren Welt ich ſie verſetzt hatte. Sie ſtanden alle erſtaunt, fragten ſich einander, was zuerſt kommen ſollte? und ich, der ich mich als Tancred vorne an gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verſe aus dem Heldengedichte herzu⸗ ſagen an. Weil aber die Stelle gar zu bald ins Er⸗ zaͤhlende uͤberging, und ich in meiner eignen Rede end⸗ lich als dritte Perſon vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war, nicht herauskommen wollte; ſo —— 37 muſſte ich unter großem Gelaͤchter meiner Zuſchauer eben wieder abziehen; ein Unfall, der mich tief in der Seele krankte. Verungluͤckt war die Expedition; die Zuſchauer ſaßen da, und wollten etwas ſehen. Gekleidet waren wir; ich raffte mich zuſammen, und entſchloß mich kurz und gut, David und Goliath zu ſpielen. Einige der Geſellſchaft hatten ehemals das Puppenſpiel mit mir aufgefuͤhrt, alle hatten es oft geſehn; man theilte die Rollen aus, es verſprach jeder ſein Beſtes zu thun, und ein kleiner drolliger Junge mahlte ſich einen ſchwar⸗ zen Bart, um, wenn ja eine Luͤcke einfallen ſollte, ſie als Hanswurſt mit einer Poſſe auszufuͤllen, eine An⸗ ſtalt, die ich, als dem Ernſte des Stuͤckes zuwider, ſehr ungern geſchehen ließ. Doch ſchwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieſer Verlegenheit gerettet waͤre, mich nie, als mit der groͤßten Ueberlegung, an die Vorſtel⸗ lung eines Stuͤcks zu wagen. —ÿ —— Achtes Capitel. Mariane, vom Schlaf uͤberwaͤltigt, lehnte ſich an ihren Geliebten, der ſie feſt an ſich druͤckte und in ſeiner Erzaͤhlung fortfuhr, indeß die Alte den Ueberreſt des Weins mit gutem Bedachte genoß. Die Verlegenheit, ſagte er, in der ich mich mit mei⸗ nen Freunden befunden hatte, indem wir ein Stuͤck das nicht exiſtirte, zu ſpielen unternahmen, war bald vergeſſen. Meiner Leidenſchaft, jeden Roman den ich las, jede Ge⸗ ſchichte die man mich lehrte, in einem Schauſpiele dar⸗ zuſtellen, konnte ſelbſt der unbiegſamſte Stoff nicht wider⸗ ſtehen. Ich war völlig uͤberzeugt, daß alles, was in der Erzaͤhlung ergetzte, vorgeſtellt, eine viel groͤßere Wir⸗ kung thun muſſe; alles ſollte vor meinen Augen, alles auf der Buͤhne vorgehen. Wenn uns in der Schule die Weltgeſchichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir ſorg⸗ faͤltig aus, wo einer auf eine beſondere Weiſe erſtochen oder vergiftet wurde, und meine Einbildungskraft ſah uͤber Erpoſition und Verwicklung hinweg und eilte dem intereſſanten fuünften Akte zu. So fing ich auch wirklich an, einige Stuͤcke von hinten hervor zu ſchreiben, ohne daß ich auch nur bey einem einzigen bis zum Anfange gekommen waͤre. 3 39 Zu gleicher Zeit las ich, theils aus eignem Antrieb, theils auf Veranlaſſung meiner guten Freunde, welche in den Geſchmack gekommen waren, Schauſpiele aufzufuͤhren, einen ganzen Wuſt theatraliſcher Productionen durch, wie ſie der Zufall mir in die Haͤnde fuͤhrte. Ich war in den gluͤcklichen Jahren, wo uns noch alles gefaͤllt, wo wir 17 ————ä in der Menge und Abwechslung unſre Befriedigung fin⸗ den. Leider aber ward mein Urtheil noch auf eine andere Weiſe heſtochen. Die Stuͤcke gefielen mir beſonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige, die ich nicht in dieſer angenehmen Taͤuſchung durchlas; und meine lebhafte Vorſtellungskraft, da ich mich in alle Rol⸗ len denken konnte, verfuͤhrte mich zu glauben, daß ich auch alle darſtellen wuͤrde: gewoͤhnlich waͤhlte ich daher bey der Austheilung diejenigen, welche ſich gar nicht fuͤr mich ſchickten, und wenn es nur einigermaßen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen. Kinder wiſſen beym Spiele aus allem alles zu ma⸗ chen: ein Stab wird zur Flinte, ein Stuͤckchen Holz zum Degen, jedes Buͤndelchen zur Puppe, und jeder Winkel zur Huͤtte. In dieſem Sinne entwickelte ſich unſer Pri⸗ vattheater. Bey der völligen Unkenntniß unſrer Kraͤfte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro quo, und waren uͤberzeugt, jeder muͤſſe uns dafuͤr nehmen, wofuͤr wir uns gaben. Leider ging alles einen ſo ge⸗ meinen Gang, daß mir nicht einmal eine merkwuͤrdige Albernheit zu erzaͤhlen uͤbrig bleibt. Erſt ſpielten wir 40 die wenigen Stuͤcke durch, in welchen nur Mannsperſo⸗ nen auftreten; dann verkleideten wir einige aus unſerm Mittel, und zogen zuletzt die Schweſtern mit ins Spiel. In einigen Haͤuſern hielt man es fuͤr eine nützliche Be⸗ ſchaftigung und lud Geſellſchaften darauf. Unſer Artil⸗ lerie⸗Lieutenant verließ uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen und gehen, deklamiren und ge⸗ ſtikuliren ſollten; allein er erntete fuͤr ſeine Bemuͤhung meiſtens wenig Dank, indem wir die theatraliſchen Kuͤnſte ſchon beſſer als er zu verſtehen glaubten. Wir verfielen gar bald auf das Trauerſpiel: denn wir hatten oft ſagen hören, und glaubten ſelbſt, es ſey leichter, eine Tragoͤdie zu ſchreiben und vorzuſtellen, als im Luſtſpiele vollkommen zu ſeyn. Auch fuͤhlten wir uns beym erſten tragiſchen Verſuche ganz in unſerm Ele⸗ mente; wir ſuchten uns der Hoͤhe des Standes, der Vor⸗ treflichkeit der Charaktere, durch Steifheit und Affecta⸗ tion zu naͤhern, und dünkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen gluͤcklich waren wir nur, wenn wir recht raſen, mit den Fußen ſtampfen und uns wohl gar vor Wuth und Verzweiflung auf die Erde werfen durften. Knaben und Maͤdchen waren in dieſen Spielen nicht lange beyſammen, als die Natur ſich zu regen, und die Geſellſchaft ſich in verſchiedene kleine Liebesgeſchichten zu theilen anfing, da denn meiſtentheils Komoͤdie in der Ko⸗ moͤdie geſpielt wurde. Die gluͤcklichen Paare druͤckten ſich hinter den Theaterwaͤnden die Haͤnde auf das zaͤrt⸗ 41— lichſte; ſie verſchwammen in Gluͤckſeligkeit, wenn ſie einander, ſo bebaͤndert und aufgeſchmuͤckt, recht idea⸗ liſch vorkamen, indeß gegenuͤber die ungluͤcklichen Ne⸗ benbuhler ſich vor Neid verzehrten, und mit Trotz und Schadenfreude allerley Unheil anrichteten. Dieſe Spiele, obgleich ohne Verſtand unternommen und ohne Anleitung durchgefuͤhrt, waren doch nicht ohne Nutzen fuͤr uns. Wir uͤbten unſer Gedaͤchtniß und un⸗ ſern Koͤrper, und erlangten mehr Geſchmeidigkeit im Sprechen und Betragen, als man ſonſt in ſo fruͤhen Jahren gewinnen kann. Fuͤr mich aber war jene Zeit beſonders Epoche, mein Geiſt richtete ſich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Gluͤck, als Schau⸗ ſpiele zu leſen, zu ſchreiben und zu ſpielen. Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort, man hatte mich dem Handelsſtand gewidmet, und zu unſerm Nach⸗ bar auf das Comptoir gethan; aber eben zu ſelbiger Zeit entfernte ſich mein Geiſt nur gewaltſamer von allem, was ich fuͤr ein niedriges Geſchaͤft halten muſſte. Der Buͤhne wollte ich meine ganze Thotigkeit widmen, auf ihr mein Gluͤck und meine Zufriedenheit finden. Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das ſich un⸗ ter meinen Papieren finden muß, in welchem die Muſe der tragiſchen Dichtkunſt und eine andere Frauensgeſtalt, in der ich das Gewerbe perſonifizirt hatte, ſich um meine werthe Perſon recht wacker zanken. Die Erfindung iſt gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verſe etwas 4² taugen; aber Ihr ſollt es ſehen, um der Furcht, des Abſcheues, der Liebe und der Leidenſchaft willen, die darin herrſchen. Wie aͤngſtlich hatte ich die alte Haus⸗ mutter geſchildert mit dem Rocken im Gürtel, mit Schluſſeln an der Seite, Brillen auf der Naſe, immer fleißig, immer in Unruhe, zaͤnkiſch und haushaͤlteriſch, kleinlich und beſchwerlich! Wie kummerlich beſchrieb ich den Zuſtand deſſen, der ſich unter ihre Ruthe buͤcken und ſein knechtiſches Tagewerk im Schweiße des Angeſichtes verdienen ſollte! Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erſchei⸗ nung ward ſie dem bekummerten Herzen! Herrlich ge⸗ bildet, in ihrem Weſen und Betragen als eine Tochter der Freyheit anzuſehen. Das Gefuͤhl ihrer ſelbſt gab ihr Wurde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, ſie um⸗ huͤllten jedes Glied, ohne es zu zwaͤngen, und die reich⸗ lichen Falten des Stoffes wiederholten, wie ein tauſend⸗ faches Echo, die reizenden Bewegungen der Goͤttlichen. Welch ein Contraſt! und auf welche Seite ſich mein Herz wandte, kannſt du leicht denken. Auch war nichts ver⸗ geſſen, um meine Muſe kenntlich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie ſie mir meine Vorgaͤnger überliefert hatten, waren ihr auch hier zuge⸗ theilt. Der Wettſtreit war heftig, die Reden beyder Perſonen kontraſtirten gehoͤrig, da man im vierzehnten Jahre gewoͤhnlich das Schwarze und Weiſſe recht nah an einander zu mahlen pflegt. Die Alte redete, wie es ei⸗ 43 ner Perſon geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und jene, wie eine, die Koͤnigreiche verſchenkt. Die war⸗ nenden Drohungen der Alten wurden verſchmaͤht; ich ſah die mir verſprochenen Reichthuͤmer ſchon mit dem Ruͤcken an; enterbt und nackt. uͤbergab ich mich der Muſe, die mir ihren goldnen Schleyer zuwarf und meine Bloͤße bedeckte.— Haͤtte ich denken koͤnnen, o meine Geliebte! rief er aus, indem er Marianen feſt an ſich druͤckte, daß eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit kommen, mich in meinem Vorſatz ſtaͤrken, mich auf meinem Wege beglei⸗ ten wuͤrde; welch eine ſchoͤnere Wendung wuͤrde mein Gedicht genommen haben, wie intereſſant wuͤrde nicht der Schluß deſſelben geworden ſeyn! Doch es iſt kein Gedicht, es iſt Wahrheit und Leben, was ich in deinen Armen finde; laß uns das ſuͤße Gluͤck mit Bewuſſtſeyn genießen! Durch den Druck ſeines Armes, durch die Lebhaf⸗ ttigkeit ſeiner erhoͤhten Stimme, war Mariane erwacht, und verbarg durch Liebkoſungen ihre Verlegenheit: denn ſie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Theile ſeiner Erzaͤhlung vernommen, und es iſt zu wuͤnſchen, daß unſer Held fur ſeine Lieblingsgeſchichten aufmerk⸗ ſamere Zuhoͤrer kuͤnftig finden moͤge. 4 ——nV.õ— Neuntes Capitel. So brachte Wilhelm ſeine Naͤchte im Genuſſe ver⸗ traulicher Liebe, ſeine Tage in Erwartung neuer ſeliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fuhlte er ſich wie neu belebt, er fuͤhlte, daß er ein anderer Menſch zu werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die Be⸗ friedigung ſeiner Wuͤnſche ward eine reizende Gewohn⸗ heit. Sein Herz ſtrebte, den Gegenſtand ſeiner Leiden⸗ ſchaft zu veredeln, ſein Geiſt, das geliebte Maͤdchen mit ſich empor zu heben. In der kleinſten Abweſenheit ergriff ihn ihr Andenken. War ſie ihm ſonſt nothwendig geweſen, ſo war ſie ihm jetzt unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menſe chheit an ſie geknuͤpft war. Seine reine Seele fuͤhlte, daß ſie die Haͤlfte, mehr als die Haͤlfte ſeiner ſelbſt ſey. Er war dankbar und hingege⸗ ben ohne Graͤnzen. 3 Auch Mariane konnte ſich eine Zeitlang taͤuſchen; ſie theilte die Empfindung ſeines lebhaften Gluͤcks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte Hand des * 45 Vorwurfs ihr uͤber das Herz gefahren waͤre! Selbſt an dem Buſen Wilhelms war ſie nicht ſicher davor, ſelbſt unter den Fluͤgeln ſeiner Liebe. Und wenn ſie nun gar wieder allein war, und aus den Wolken, in denen ſeine Leidenſchaft ſie emportrug, in das Bewuſſtſeyn ihres Zuſtandes herabſank, dann war ſie zu bedauern. Denn Leichtſinn kam ihr zu Huͤlfe, ſo lange ſie in niedriger Verworrenheit lebte, ſich uͤber ihre Verhaͤltniſſe betrog, oder vielmehr ſie nicht kannte; da erſchienen ihr die Vorfaͤlle, denen ſie ausgeſetzt war, nur einzeln: Ver⸗ gnuͤgen und Verdruß loͤsten ſich ab, Demuͤthigung wur⸗ de durch Eitelkeit, und Mangel oft durch augenblicklichen Ueberfluß verguͤtet; ſie konnte Noth und Gewohnheit ſich als Geſetz und Rechtfertigung anfuͤhren, und ſo lange lieſſen ſich alle unangenehme Empfindungen von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abſchuͤtteln. Nun aber hatte das arme Maͤdchen ſich Augenblicke in eine beſſere Welt hinuͤber geruͤckt gefuͤhlt, hatte, wie von oben herab, aus Licht und Freude ins Oede, Verworfene ihres Lebens herunter geſehen, hatte gefühlt, welche elende Creatur ein Weib iſt, das mit dem Verlang gen nicht zugleich Liebe und Ehrfurcht einfloͤßt, und fand ſich aͤußerlich und innerlich um nichts gebeſſert. Sie hatte nichts, was ſie aufrichten konnte. Wenn ſie in ſich blickte und ſuchte, war es in ihrem Geiſte leer, und ihr Herz hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieſer Zuſtand war, deſto heftiger ſchloß ſich ihre Neigung an 6 6 ſ — ͦ—4, 46 den Geliebten feſt; ja die Leidenſchaft wuchs mit jedem Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren, mit jedem Ta⸗ ge naͤher ruͤckte.:* Dagegen ſchwebte Wilhelm gluͤcklich in hoͤheren Re⸗ gionen; ihm war auch eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Ausſichten. Kaum ließ das Uebermaß der erſten Freude nach, ſo ſtellte ſich das hell vor ſeine Seele, was ihn bisher dunkel durchwuͤhlt hatte. Sie iſt dein! Sie hat ſich dir hingegeben! Sie, 1 das geliebte, geſuchte, angebetete Geſchoͤpf, dir auf Treu und Glauben hingegeben; aber ſie hat ſich keinem Undankbaren uͤberlaſſen. Wo er ſtand und ging, redete er mit ſich ſelbſt; ſein Herz floß beſtaͤndig uͤber, und er ſagte ſich in einer Fuͤlle von praͤchtigen Worten die erhabenſten Geſinnungen vor. Er glaubte den hellen Wink des Schickſals zu verſtehen, das ihm durch Ma⸗ rianen die Hand reichte, ſich aus dem ſtockenden, ſchlep⸗ penden, buͤrgerlichen Leben heraus zu reißen, aus dem er ſchon ſo lange ſich zu retten gewuͤnſcht hatte. Sei⸗ nes Vaters Haus, die Seinigen zu verlaſſen, ſchien ihm etwas Leichtes. Er war jung und neu in der Welt, und ſein Muth, in ihren Weiten nach Gluͤck und Be⸗. friedigung zu rennen, durch die Liebe erhoͤht. Seine Beſtimmung zum Theater war ihm nunmehr klar; das hohe Ziel, das er ſich vorgeſteckt ſah, ſchien ihm naͤher, indem er an Marianens Hand hinſtrebte, und in ſelbſt⸗ gefaͤlliger Beſcheidenheit erblickte er in ſich den trefflichen 1 8 ———— re— — Schauſpieler, den Schöͤpfer eines kuͤnftigen National⸗ Theaters, nach dem er ſo vielfaͤltig hatte ſeufzen hoͤren. Alles, was in den innerſten Winkeln ſeiner Seele bisher geſchlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus den vielerley Ideen mit Farben der Liebe ein Gemaͤhlde auf Nebelgrund, deſſen Geſtalten freylich ſehr in einander floſſen; dafuͤr aber auch das Ganze eine deſto reizendere Wirkung that. Zehntes Capitel. Er ſaß nun zu Hauſe, kramte unter ſeinen Papieren, und ruͤſtete ſich zur Abreiſe. Was nach ſeiner bisherigen Beſtimmung ſchmeckte, ward bey Seite gelegt; er wollte bey ſeiner Wanderung in die Welt auch von jeder unan⸗ genehmen Erinnerung frey ſeyn. Nur(Werke des Ge⸗ ſchmacks, Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwaͤhlten geſtellt; und da er bisher die Kunſtrichter ſehr wenig genutzt hatte, ſo erneuerte ſich ſeine Begierde nach Belehrung, als er ſeine Buͤcher wieder durchſah und fand, daß die theoretiſchen Schriften noch meiſt unaufgeſchnitten waren. Er hatte ſich, in der voͤlligen Ueberzeugung von der Nothwendigkeit ſolcher Werke, viele davon angeſchafft, und mit dem beſten Willen in keines auch nur bis in die Haͤlfte ſich hinein leſen koͤnnen. Dagegen hatte er ſich deſto eifriger an Beyſpiele ge⸗ halten, und in allen Arten, die ihm bekannt worden waren, ſelbſt Verſuche gemacht. Werner trat herein, und als er ſeinen Freund mit den bekannten Heften beſchaͤftigt ſah, rief er aus: Biſt du ſchon wieder uͤber dieſen Papieren? Ich wette, du haſt 49 nicht die Abſicht, eins oder das andere zu vollenden! Du ſiehſt ſie durch und wieder durch, und beginnſt allen⸗ falls etwas Neues.— Zu vollenden iſt nicht die Sache des Schuͤlers, es iſt genug, wenn er ſich uͤbt.— Aber doch fertig macht, ſo gut er kann. Und doch lieſſe ſich wohl die Frage aufwerfen: ob man nicht eben gute Hoffnung von einem jungen Men⸗ ſchen faſſen koͤnne, der bald gewahr wird, wenn er etwas Ungeſchicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht fort⸗ faͤhrt, und an etwas, das niemals einen Werth haben kann, weder Muͤhe noch Zeit verſchwenden mag. Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zu Stande zu bringen, du warſt immer mude, eh' es zur Haͤlfte kam. Da du noch Direktor unſers Puppenſpiels warſt, wie oft wurden neue Kleider fuͤr die Zwerggeſell⸗ ſchaft gemacht? neue Dekorationen ausgeſchnitten! Bald ſollte dieſes, bald jenes Trauerſpiel aufgefuhrt werden, und hoͤchſtens gabſt du einmal den fuͤnften Akt, wo alles recht bunt durch einander ging, und die Leute ſich erſtachen. Wenn du von jenen Zeiten ſprechen willſt, wer war denn Schuld, daß wir die Kleider, die unſern Puppen angepaſſt und auf den Leib feſt genaͤht waren, herunter trennen lieſſen, und den Aufwand einer weitlaͤufigen und unnuͤtzen Garderobe machten? Warſt du's nicht, der im⸗ mer ein neues Stück Band zu berhandein hatte, der meine Liebhaberey anzufeuern und zu nuͤtzen wuſſte?— Goethe's Werke. III. Bd, —;— 50 Werner lachte und rief aus: Ich erinnere mich im⸗ mer noch mit Freuden, daß ich von euren theatraliſchen Feldzugen Vortheil zog, wie Lieferanten vom Kriege. Als Ihr Euch zur Befreyung Jeruſalems ruͤſtetet, machte ich auch einen ſchoͤnen Profit, wie ehemals der Venetianer im aͤhnlichen Falle. Ich finde nichts vernuͤnftiger in der Welt, als von den Thorheiten Anderer Vortheil zu ziehen. Ich weiß nicht, ob es nicht ein edleres Vergnugen waͤre, die Menſchen von ihren Thorheiten zu heilen.— Wie ich ſie kenne, moͤchte das wohl ein eitles Beſtre⸗ ben ſeyn. Es gehoͤrt ſchon etwas dazu, wenn ein einzi⸗ ger Menſch klug und reich werden ſoll, und meiſtens wird er es auf Unkoſten der Andern. Es faͤllt mir eben recht der Jüngling am Scheidewege in die Haͤnde, verſetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den uͤbrigen Papieren herauszog: das iſt doch fertig ge⸗ worden, es mag uͤbrigens ſeyn wie es will. . Leg es bey Seite, wirf es ins Feuer! verſetzte Wer⸗ ner. Die Erfindung iſt nicht im geringſten lobenswuͤrdig; ſchon vormals aͤrgerte mich dieſe Kompoſition genug, und zog dir den Unwillen des Vaters zu. Es moͤgen ganz artige Verſe ſeyn; aber die Vorſtellungsart iſt grund⸗ falſch. Ich erinnere mich noch deines perſonifizirten Ge⸗ werbes, deiner zuſammengeſchrumpften erbaͤrmlichen Si⸗ bylle. Du magſt das Bild in irgend einem elenden Kramladen aufgeſchnappt haben. Von der Handlung — — 51 hatteſt du damals keinen Begriff; ich wuͤſſte nicht, weſ⸗ ſen Geiſt ausgebreiteter waͤre, ausgebreiteter ſeyn muͤſſte, als der Geiſt eines aͤchten Handelsmannes. Welchen ueberblick verſchafft uns nicht die Ordnung, in der wir unſere Geſchaͤfte fuühren! Sie laͤſſt uns jederzeit das Ganze uͤberſchauen, ohne daß wir noͤthig haͤtten, uns durch das Einzelne verwirren zu laſſen. Welche Vortheile gewaͤhrt die doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es iſt eine der ſchoͤnſten Erfindungen des menſchlichen Geiſtes, und ein jeder gute Haushalter ſollte ſie in ſeiner Wirthſchaft einfuͤhren. Verzeih mir, ſagte Wilhelm laͤchelnd, du faͤngſt von der Form an, als wenn das die Sache waͤre; gewoͤhnlich vergeſſt ihr aber auch uͤber eurem Addiren und Bilanciren das eigentliche Facit des Lebens. Leider ſiehſt du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins iſt, eins ohne das andere nicht beſtehen könnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die Luſt zu ſparen und zu erwerben. Ein Menſch, der uͤbel haushaͤlt, befindet ſich in der Dunkelheit ſehr wohl; er mag die Poſten nicht gerne zuſammen rechnen, die er ſchuldig iſt. Dagegen kann einem guten Wirthe nichts angenehmer ſeyn, als ſich alle Tage die Summe ſeines wachſenden Gluͤckes zu ziehen. Selbſt ein Unfall, wenn er ihn verdrießlich uͤberraſcht, erſchreckt ihn nicht; denn er weiß ſogleich, was fuͤr erworbene Vortheile er auf die andere Waagſchale zu legen hat. Ich bin uͤberzeugt, ————— 52 mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geſchmack an unſern Geſchaͤften finden koͤnnteſt, ſo wuͤr⸗ deſt du dich uͤberzeugen, daß manche Faͤhigkeiten des Gei⸗ ſtes auch dabey ihr freyes Spiel haben koͤnnen. Es iſt moͤglich, daß mich die Reiſe, die ich vorhabe, auf andere Gedanken bringt. O gewiß! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer großen Thaͤtigkeit, um dich auf immer zu dem un⸗ ſern zu machen; und wenn du zuruͤck kommſt, wirſt du dich gern zu denen geſellen, die durch alle Arten von Spe⸗ dition und Spekulation einen Theil des Geldes und Wohl⸗ befindens, das in der Welt ſeinen nothwendigen Kreis⸗ lauf fuͤhrt, an ſich zu reißen wiſſen. Wirf einen Blick auf die natuͤrlichen und kuͤnſtlichen Producte aller Welt⸗ theile, betrachte, wie ſie wechſelsweiſe zur Nothdurft ge⸗ worden ſind! Welch eine angenehme geiſtreiche Sorgfalt iſt es, alles, was in dem Augenblicke am meiſten geſucht wird, und doch bald fehlt, bald ſchwer zu haben iſt, zu kennen, Jedem, was er verlangt, leicht und ſchnell zu ver⸗ ſchaffen, ſich vorſichtig in Vorrath zu ſetzen, und den Vortheil jedes Augenblickes dieſer großen Cirkulation zu genießen! Dieß iſt, duͤnkt mich, was jedem, der Kopf hat, eine große Freude machen wird. 4 Wilhelm ſchien nicht abgeneigt, und Werner fuhr fort. Beſuche nur erſt ein paar große Handelsſtaͤdte, ein paar Haͤfen, und du wirſt gewiß mit fortgeriſſen wer⸗ den. Wenn du ſiehſt, wie viele Menſchen beſchaͤftiget 53 ſind, wenn du ſiehſt, wo ſo manches herkommt, wo es hingeht, ſo wirſt du es gewiß auch mit Vergnügen durch deine Haͤnde gehen ſehen. Die geringſte Waare ſiehſt du im Zuſammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum haͤltſt du nichts fuͤr zu gering, weil alles die Cirku⸗ lation vermehrt, von welcher dein Leben ſeine Nahrung zieht. Werner, der ſeinen richtigen Verſtand in dem Um⸗ gange mit Wilhelm ausbildete, hatte ſich gewoͤhnt, auch an ſein Gewerbe, an ſeine Geſchaͤfte mit Erhebung der Seele zu denken, und glaubte immer, daß er es mit mehrerem Rechte thue, als ſein ſonſt verſtaͤndiger und ge⸗ ſchaͤtzter Freund, der, wie es ihm ſchien, auf das Unreellſte von der Welt einen ſo großen Werth, und das Gewicht ſeiner ganzen Seele legte. Manchmal dachte er, es koͤnne gar nicht fehlen, dieſer falſche Enthuſiasmus muͤſſe zu uͤberwaͤltigen, und ein ſo guter Menſch auf den rechten Weg zu bringen ſeyn. In dieſer Hoffnung fuhr er fort: es haben die Großen dieſer Welt ſich der Erde bemaͤchti⸗ get, ſie leben in Herrlichkeit und Ueberfluß. Der kleinſte Raum unſers Welttheils iſt ſchon in Beſitz genommen, jeder Beſitz befeſtiget, Aemter und andere buͤrgerliche Ge⸗ ſchaͤfte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtmaͤßigeren Erwerb, eine billigere Eroberung, als den Handel? Haben die Fuͤrſten dieſer Welt die Fluſſe, die Wege, die Haͤfen in ihrer Gewalt, und nehmen von dem, was durch und vorbey geht, einen ſtarken Gewinn: ſollen wir nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, und durch unſere Thaͤtigkeit auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die theils das Beduͤrfniß, theils der Uebermuth den Men⸗ ſchen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir verſi⸗ chern, wenn du nur deine dichteriſche Einbildungskraft an⸗ wenden wollteſt, ſo koͤnnteſt du meine Goͤttin als eine unuüberwindliche Siegerin der deinigen kuͤhn entgegenſtel⸗ len. Sie fuͤhrt freylich lieber den Oelzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt ſie gar nicht: aber Kro⸗ nen theilet ſie auch ihren Lieblingen aus, die, es ſey ohne Verachtung jener geſagt, von aͤchtem aus der Quelle ge⸗ ſchoͤpftem Golde und von Perlen glaͤnzen, die ſie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer geſchaͤftigen Diener geholt hat. Wilhelmen verdroß dieſer Ausfall ein wenig, doch ver⸗ barg er ſeine Empfindlichkeit; denn er erinnerte ſich, daß Werner auch ſeine Apoſtrophen mit Gelaſſenheit anzuhoͤ⸗ ren pflegte. Uebrigens war er billig genug, gerne zu ſehen, wenn Jeder von ſeinem Handwerk aufs Beſte dach⸗ te; nur muſſte man ihm das Seinige, dem er ſich mit Leidenſchaft gewidmet hatte, unangefochten laſſen. Und dir, rief Werner aus, der du an menſchlichen Dingen ſo herzlichen Antheil nimmſt, was wird es dir fuͤr ein Schauſpiel ſeyn, wenn du das Gluͤck, das muthige Unternehmungen begleitet, vor deinen Augen den Men⸗ ſchen wirſt gewaͤhrt ſehen! Was iſt reizender, als der Anblick eines Schiffes, das von einer gluͤcklichen Fahrt 55 wieder anlangt, das von einem reichen Fange fruͤhzeitig zuruͤckkehrt! Nicht der Verwandte, der Bekannte, der Theilnehmer allein, ein jeder fremde Zuſchauer wird hin⸗ geriſſen, wenn er die Freude ſieht, mit welcher der einge⸗ ſperrte Schiffer ans Land ſpringt, noch ehe ſein Fahrzeug es ganz beruͤhrt, ſich wieder frey fuͤhlt, und nunmehr das, was er dem falſchen Waſſer entzogen, der getrenen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erſcheint uns der Gewinn; das Gluͤck iſt die Goͤttin der lebendigen Menſchen, und um ihre Gunſt wahrhaft zu empfinden, muß man leben und Menſchen ſehen, die ſich recht lebendig bemuͤhen und recht ſinnlich genießen. Eilftes Capitel. Es iſt nun Zeit, daß wir auch die Vaͤter unſrer bey⸗ den Freunde naͤher kennen lernen; ein paar Maͤnner von ſehr verſchiedener Denkungsart, deren Geſinnungen aber darin übereinkamen, daß ſie den Handel fuͤr das edelſte Geſchaͤft hielten, und beyde hoͤchſt aufmerkſam auf jeden Vortheil waren, den ihnen irgend eine Spekulation brin⸗ 8 gen konnte. Der alte Meiſter hatte gleich nach dem Tode ſeines Vaters eine koſtbare Sammlung von Gemaͤhlden, Zeichnungen, Kupferſtichen und Antiquitaͤten ins Geld geſetzt, ſein Haus nach dem neueſten Geſchmack von Grund aus aufgebaut und moͤblirt, und ſein uͤbriges Ver⸗ moͤgen auf alle moͤgliche Weiſe gelten gemacht. Einen anſehnlichen Theil davon hatte er dem alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein thaͤtiger Handelsmann beruͤhmt war, und deſſen Spekulationen gewoͤhnlich durch das Gluͤck beguͤnſtigt wurden. Nichts wuͤnſchte aber der alte Meiſter ſo ſehr, als ſeinem Sohne Eigenſchaften zu geben, die ihm ſelbſt fehlten, und ſeinen Kindern Guͤter zu hinterlaſſen, auf deren Beſitz er den groͤßten Werth legte. Zwar empfand er eine beſondere Neigung zum 57 Praͤchtigen, zu dem was in die Augen faͤllt, das aber auch zugleich einen innern Werth und eine Dauer haben ſollte. In ſeinem Hauſe muſſte alles ſolid und maſſiv ſeyn, der Vorrath reichlich, das Silbergeſchirr ſchwer, das Tafelſeroice koſtbar; dagegen waren die Gaͤſte ſelten, denn eine jede Mahlzeit ward ein Feſt, das ſowohl wegen der Koſten als wegen der Unbequemlichkeit nicht oft wie⸗ derholt werden konnte. Sein Haushalt ging einen ge⸗ laſſenen und einfoͤrmigen Schritt, und alles, was ſich darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was Niemandeu einigen Genuß gab. Ein ganz entgegengeſetztes Leben fuͤhrte der alte Wer⸗ ner in einem dunkeln und finſtern Hauſe. Hatte er ſeine Geſchaͤfte in der engen Schreibſtube am uralten Pulte vollendet; ſo wollte er gut eſſen, und wo möglich noch beſſer trinken, auch konnte er das Gute nicht allein ge— nießen: neben ſeiner Familie muſſte er ſeine Freunde, alle Fremde, die nur mit ſeinem Hauſe in einiger Verbindung ſtanden, immer bey Tiſche ſehen; ſeine Stuͤhle waren ur⸗ alt, aber er lud taͤglich Jemanden ein, darauf zu ſitzen. Die guten Speiſen zogen die Aufmerkſamkeit der Gaͤſte auf ſich, und Niemand bemerkte, daß ſie in gemeinem Ge⸗ ſchirr aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der ausgetrunkene ward gewoͤhnlich durch einen beſſern erſetzt. So lebten die beyden Vaͤter, welche oͤfter zuſammen kamen, ſich wegen gemeinſchaftlicher Geſchaͤfte berath⸗ 58 ſchlagten, und eben heute die Verſendung Wilhelms in Handelsangelegenheiten beſchloſſen. Er mag ſich in der Welt umſehen, ſagte der alte Mei⸗ ſter, und zugleich unſre Geſchaͤfte an fremden Orten be⸗ treiben; man kann einem jungen Menſchen keine groͤßere Wohlthat erweiſen, als wenn man ihn zeitig in die Be⸗ ſtimmung ſeines Lebens einweiht. Ihr Sohn iſt von ſei⸗ ner Expedition ſo gluͤcklich zuruͤckgekommen, hat ſeine Geſchaͤfte ſo gut zu machen gewuſſt, daß ich recht neugie⸗ rig bin, wie ſich der meinige betraͤgt; ich fuͤrchte, er wird mehr Lehrgeld geben, als der Ihrige. 3 Der alte Meiſter, welcher von ſeinem Sohne und deſſen Faͤhigkeiten einen großen Begriff hatte, ſagte dieſe Worte in Hoffnung, daß ſein Freund ihm widerſprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen Mannes heraus⸗ ſtreichen ſollte. Allein hierin betrog er ſich; der alte Wer⸗ ner, der in praktiſchen Dingen Niemanden traute, als dem, den er gepruͤft hatte, verſetzte gelaſſen: Man muß alles verſuchen; wir konnen ihn eben denſelben Weg ſchi⸗ cken, wir geben ihm eine Vorſchrift, wornach er ſich rich⸗ tet; es ſind verſchiedene Schulden einzukaſſiren, alte Be⸗ kanntſchaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die Spekulation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befoͤrdern helfen; denn ohne genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu ſammeln, laͤſſt ſich dabey wenig thun. Er mag ſich vorbereiten, verſetzte der alte Meiſter, 59 und ſobald als moͤglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd fuͤr ihn her, das ſich zu dieſer Expedition ſchickt? Wir werden nicht weit darnach ſuchen. Ein Kraͤmer in H**, der uns noch einiges ſchuldig, aber ſonſt ein guter Mann iſt, hat mir eins an Zahlungsſtatt angebo⸗ ten; mein Sohn kennt es, es ſoll ein recht brauchbares Thier ſeyn. 3 Er mag es ſelbſt holen, mag mit dem Poſtwagen hinuͤberfahren, ſo iſt er uͤbermorgen bey Zeiten wieder da; man macht ihm indeſſen den Mantelſack und die Briefe zurechte, und ſo kann er zu Anſang der kuͤnftigen Woche aufbrechen. Wilhelm wurde gerufen und man machte ihm den Entſchluß bekannt. Wer war froher als er, da er die Mittel zu ſeinem Vorhaben in ſeinen Haͤnden ſah, da ihm die Gelegenheit ohn ſein Mitwirken zubereitet worden! So groß war ſeine Leidenſchaft, ſo rein ſeine Ueberzeu⸗ gung, er handle vollkommen recht, ſich dem Drucke ſei⸗ nes bisherigen Lebens zu entziehen, und einer neuen ed⸗ lern Bahn zu folgen, daß ſein Gewiſſen ſich nicht im min⸗ deſten regte, keine Sorge in ihm entſtand, ja daß er viel⸗ mehr dieſen Betrug fuͤr heilig hielt. Er war gewiß, daß ihn Eltern und Verwandte in der Folge fuͤr dieſen Schritt preiſen und ſegnen ſollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schickſals an dieſen zuſammentreffenden Um⸗ ſtaͤnden. Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur — G—* 60 Stunde, in der er ſeine Geliebte wieder ſehen ſollte! Er ſaß auf ſeinem Zimmer und üͤberdachte ſeinen Reiſeplan, wie ein kuͤnſtlicher Dieb oder Zauberer in der Gefangen⸗ ſchaft manchmal die Fuͤße aus den feſtgeſchloſſenen Ket⸗ ten herauszieht, um die Ueberzeugung bey ſich zu naͤhren, daß ſeine Rettung moͤglich, ja noch naͤher ſey, als kurz⸗ ſichtige Waͤchter glauben. Endlich ſchlug die naͤchtliche Stunde; er entfernte ſich aus ſeinem Hauſe, ſchuͤttelte allen Druck ab, und wan⸗ delte durch die ſtillen Gaſſen. Auf dem großen Platze hub er ſeine Haͤnde gen Himmel, fuͤhlte alles hinter und unter ſich; er hatte ſich von allem los gemacht. Nun dachte er ſich in den Armen ſeiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden Theatergeruͤſte, er ſchwebte in einer Fulle von Hoffnungen, und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwaͤchters, daß er noch auf dieſer Erde wandle. Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie ſchoͤn! wie lieblich! In dem neuen weiſſen Negligee empfing ſie ihn, er glaubte ſie noch nie ſo rei⸗ zend geſehen zu haben. So weihte ſie das Geſchenk des abweſenden Liebhabers in den Armen des gegenwaͤrtigen ein, und mit wahrer Leidenſchaft verſchwendete ſie den ganzen Reichthum ihrer Liebkoſungen, welche ihr die Na⸗ tur eingab, welche die Kunſt ſie gelehrt hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er 5 gluͤcklich, ob er ſich ſelig ſuylte 61 Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ ihr im Allgemeinen ſeinen Plan, ſeine Wuͤnſche ſehen. Er wolle unterzukommen ſuchen, ſie alsdann abholen, er hoffe, ſie werde ihm ihre Hand nicht verſagen. Das arme Maͤdchen aber ſchwieg, verbarg ihre Thraͤnen und druͤckte den Freund an ihre Bruſt, der, ob er gleich ihr Verſtummen auf das Guͤnſtigſte auslegte, doch eine Ant⸗ wort gewuͤnſcht haͤtte, beſonders da er ſie zuletzt auf das Beſcheidenſte, auf das Freundlichſte fragte: ob er ſich denn nicht Vater glauben duͤrfe? Aber auch darauf antwortete ſie nur mit einem Seußzer, einem Kuſſe. Z woͤlftes Capitel. Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer /Betruͤbniß; ſie fand ſich ſehr allein, mochte den Tag nicht ſehen, blieb im Bette und weinte. Die Alte ſetzte ſich zu ihr, ſuchte ihr einzureden, ſie zu troͤſten; aber es ge⸗ lang ihr nicht, das verwundete Herz ſo ſchnell zu heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Maͤdchen wie dem letzten ihres Lebens entgegen geſehen hatte. Konnte man ſich auch in einer aͤngſtlichern Lage fuͤhlen? Ihr Geliebter entfernte ſich, ein unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das groͤßte Unheil ſtand bevor, wenn beyde, wie es leicht moͤglich war, einmal zuſam⸗ mentreffen ſollten. Beruhige dich, Liebchen, rief die Alte: verweine mir deine ſchoͤne Augen nicht! Iſt es denn ein ſo großes Un⸗ gluͤck, zwey Liebhaber zu beſitzen? Und wenn du auch deine Zaͤrtlichkeit nur dem Einen ſchenken kannſt; ſo ſey wenigſtens dankbar gegen den Andern, der, nach der Art wie er fuͤr dich ſorgt, gewiß dein Freund genannt zu wer⸗ den verdient. Es ahnte meinem Geliebten, verſetzte Mariane da⸗ 63 gegen mit Thraͤnen, daß uns eine Trennun gbevorſtehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm fo ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchen. Er ſchlief ſo ruhig i meiner Seite⸗ Auf einmal hoͤrt ich ihn aͤngſtliche, unvernehmliche Toͤne ſtammeln. Mirr wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher Liebe, mit welcher Zaͤrtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt' er mich! O Mariane! rief er aus, welchem ſchrecklichen Zuſtande haſt du mich entriſſen! Wie ſoll ich dir danken, daß du mich aus dieſer Hoͤlle befreyt haſt? Mir traͤumte, fuhr er fort, ich befaͤnde mich, entfernt von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild ſchwebte mir vor; ich ſah dich auf einem ſchoͤnen Huͤgel, die Sonne beſchien den ganzen Platz, wie reizend kamſt du mir vor! Aber es waͤhrte nicht lange, ſo ſah ich dein Bild hinuntergleiten, immer hin⸗ untergleiten, ich ſtreckte meine Arme nach dir aus, ſie reichten nicht durch die Ferne. Immer ſank dein Bild und naͤherte ſich einem großen See, der am Fuße des Huͤgels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir ein Mann die Hand, er ſchien dich hinauffuͤhren zu wollen, aber leitete dich ſeitwaͤrts, und ſchien dich nach ſich zu ziehen. Ich rief, da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, ſo ſchien der Boden mich feſt zu halten; konnt' ich gehen, ſo hinderte mich das Waſſer, und ſogar mein Schreyen erſtickte in der beklemmten Bruſt.— So er⸗ zaͤhlte der Arme, indem er ſich von ſeinem Schrecken an meinem Buſen etholte, und drängt zu ſehen. die Poeſie ihrer Freun bens herunter zu locken, ſie durch ein men ſuchen, welch Geſtalt, ſeine Augen, ſchien ruhiger. Alte ſchmeichel beleidigen, ich denke dir Darfſt du meine Abſi ſen, daß ich jederzeit me häbe? Sag mir nur, Was kann ich wollen elend, auf mein ganzes Le furchterlichen Traum durch d zu ſehen wuͤnſchen. Sie lob ſeine Liebe. Das arme Maͤdchen hoͤrte ihr gerne zu, ſtand au Mein Kind, mein Liebchen, fuhr die nd fort, ich will dich nicht betruͤben, nicht ſehen, wie wir es ausfuͤhren. mich liebt, ſehe, daß ich mi weiß nicht, wie ich es uͤberleben kann. dem wir unſere ganze Exiſt nicht entbehren koͤnnen. W er kann nichts fuͤr mich thun.— 82 Ja, er iſt ungluͤcklicherweiſe von jenen Liebhabern, ſich gluͤcklich pries, einen ie ſeligſte Wirklichkeit ver⸗ Die Alte ſuchte ſo viel moͤglich durch ihre Proſe din ins Gebiet des gemeinen Le⸗ und bediente ſich dabey der gu⸗ ten Art, welche Vogelſtellern zu gelingen pflegt, indem Pfeiſchen die Toͤne derjenigen nachzuah⸗ e ſie bald und haͤufig in ihrem Garne te Wilhelmen, ruͤhmte ſeine f, ließ ſich ankleiden und nicht dein Gluͤck zu ranben. cht verkennen, und haſt di vergeſ⸗ hr fuͤr dich als fur miß geſorgt was du willſt; wir wollen ſchon 2 verſetzte Mariane; ich bin ben elend; ich liebe ihn, der ch von ihm trennen muß, und Norberg kommt, enz ſchuldig ſind, den wir ilhelm iſt ſehr eingeſchraͤnkt, die nichts als ihr Herz bringen, und eben dieſe haben die meiſten Pratenſionen. Spotte nicht! Der Unglüͤckliche denkt ſein Haus zu verlaſſen, auf das Theater zu gehen, mir ſeine Hand anzubieten. Leere Haͤnde haben wir ſchon vier. Ich habe keine Wahl, fuhr Mariane fort, entſcheide du! Stoße mich da oder dort hin, nur wiſſe noch eins: wahrſcheinlich trag' ich ein Pfand im Buſen, das uns noch mehr an einander feſſeln ſollte; das bedenke und entſcheide, wen ſoll ich laſſen? wem ſoll ich folgen? Nach einigem Stillſchweigen rief die Alte: daß 2 die Jugend immer zwiſchen den Extremen ſchwankt! J finde nichts natuͤrlicher, als alles zu verbinden, was uns Vergnuͤgen und Vortheil bringt. Liebſt du den Einen, ſo mag der Andere bezahlen; es kommt nur darauf an, daß wir klug genug ſind, ſie Beyde aus⸗ einander zu halten.— Mache was du willſt, ich kann nichts denken; aber folgen will ich.. Wir haben den Vortheil, daß wir den Eigenſinn des Directors, der auf die Sitten ſeiner Truppe ſtolz iſt, vorſchützen koͤnnen. Beyde Liebhaber ſind ſchon gewohnt, heimlich und vorſichtig zu Werke zu gehen. Fuͤr Stunde und Gelegenheit will ich ſorgen; nur muſſt du hernach die Rolle ſpielen, die ich dir vorſchreibe. Wer weiß, wel⸗ cher Umſtand uns hilft. Kaͤme Norberg nar jetzt, da Goethe's Werke⸗ III. Br⸗ 5 66 Wilhelm entfernt iſt! Wer wehrt dir, in den Armen des Einen an den Andern zu denken? Ich wuͤnſche dir zu einem Sohne Gluͤck; er ſoll einen reichen Vater haben. Mariane war durch dieſe Vorſtellungen nur fuͤr kurze Zeit gebeſſert. Sie konnte ihren Zuſtand nicht in Har⸗ monie mit ihrer Empfindung, ihrer Ueberzeugung brin⸗ gen; ſie wuͤnſchte dieſe ſchmerzlichen Verhaͤltniſſe zu ver⸗ geſſen, und tauſend kleine Umſtaͤnde muſſten ſie jeden Augenblick daran erinnern. 6 1 Dreyzehntes Capitel. Wilhelm hatte indeſſen die kleine Reiſe vollendet, und uͤberreichte, da er ſeinen Handelsfreund nicht zu Hauſe fand, das Empfehlungsſchreiben der Gattin des Abweſenden. Aber auch dieſe gab ihm auf ſeine Fra⸗ gen wenig Beſcheid; ſie war in einer heftigen Gemuths⸗ bewegung und das ganze Haus in großer Verwirrung. Es waͤhrte jedoch nicht lange, ſo vertraute ſie ihm Cund es war auch nicht zu verheimlichen) daß ihre Stieftochter mit einem Schauſpieler davon gegangen ſey, mit einem Menſchen, der ſich von einer kleinen Geſellſchaft vor Kurzem los gemacht, ſich im Orte auf⸗ gehalten, und im Franzöͤſiſchen Unterricht gegeben habe. Der Vater, außer ſich vor Schmerz und Verdruß, ſey ins Amt gelaufen, um die Fluͤchtigen verfolgen zu laſ⸗ ſen. Sie ſchalt ihre Tochter heftig, ſchmaͤhte den Lieb⸗ haber, ſo daß an Beyden nichts Lobenswurdiges ubrig blieb, beklagte mit vielen Worten die Schande, die da⸗ durch auf die Familie gekommen, und ſetzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der ſich und ſein heim⸗ liches Vorhaben durch dieſe Sibylle gleichſam mit prophe⸗ tiſchem Geiſte voraus getadelt und geſtraft fuͤhlte. Noch ſtaͤrkern und innigern Antheil muſſte er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zu⸗ ruͤckkam, mit ſtiller Trauer und halben Worten ſeine Expedition der Frau erzaͤhlte, und, indem er, nach ein⸗ geſehenem Briefe, das Pferd Wilhelmen vorfuͤhren ließ, ſeine Zerſtreuung und Verwirrung nicht verbergen konnte. Wilhelm gedachte ſogleich das Pferd zu beſteigen, und ſich aus einem Hauſe zu entfernen, in welchem ihm, unter den gegebenen Umſtaͤnden, unmoͤglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn eines Hauſes, dem er ſo viel ſchuldig war, nicht unbewirthet und ohne ihn eine Nacht unter ſeinem Dache behalten. zu haben, entlaſſen. Unſer Freund hatte ein trauriges Abendeſſen einge⸗ nommen, eine unruhige Nacht ausgeſtanden, und eilte fruͤhmorgens ſobald als moͤglich ſich von Leuten zu ent⸗ fernen, die, ohne es zu wiſſen, ihn mit ihren Erzaͤh⸗ lungen und Aeußerungen auf das Empfindlichſte gequaͤlt hatten. Er ritt langſam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen ſah, die et an ihren langen und weiten Röcken, großen Aufſchlaͤgen, unſöͤrmlichen Huͤten und plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen ihres Koͤrpers ſoglei 69 Kommando Landmiliz erkannte. Unter einer alten Eiche hielten ſie ſtille, ſetzten ihre Flinten nieder, und lager⸗ ten ſich bequem auf dem Raſen, um eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bey ihnen, und ließ ſich mit einem jungen Menſchen, der zu Pferde herbey kam, in ein Geſpraͤch ein. Er muſſte die Geſchichte der bey⸗ den Entflohenen, die ihm nur zu ſehr bekannt war, lei⸗ der noch einmal und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern ſonderlich güͤnſtig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, daß man hier⸗ her gekommen ſey, die jungen Leute wirklich in Em⸗ pfang zu nehmen, die in dem benachbarten Staͤdtchen eingeholt und angehalten worden waren. Nach einiger Zeit ſah man von ferne einen Wagen herbeykommen, der von einer Buͤrgerwache mehr laͤcherlich als fuͤrchter⸗ lich umgeben war. Ein unfoͤrmlicher Stadtſchreiber ritt voraus, und komplimentirte mit dem gegenſeitigen Ak⸗ tuarius(denn das was der junge Mann, mit dem Wil⸗ helm geſprochen hatte) an der Graͤnze mit großer Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und wunderlichen Geberden, wie es etwa Geiſt und Zauberer, der eine inner⸗ der andere außerhalb des Kreiſes, bey geſaͤhrlichen naͤchtlichen Operationen thun moͤgen. Die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer war indeß auf den Bauerwagen gerichtet, und man betrachtete die ar⸗ men Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar Buͤndeln Stroh bey einander ſaßen, ſich zaͤrtlich an⸗ 70 blickten, und die Umſtehenden kaum zu bemerken ſchie⸗ nen. Zufaͤlligerweiſe hatte man ſich genoͤthigt geſehen, ſie von dem letzten Dorfe auf eine ſo unſchickliche Art fort zu bringen, indem die alte Kutſche, in welcher man die Schoͤne transportirte, zerbrochen war. Sie erbat ſich bey dieſer Gelegenheit die Geſellſchaft ihres Freundes, den man, in der Ueberzeugung, er ſey auf einem kapitalen Verbrechen betroffen, bis dahin mit Ketten beſchwert nebenher gehen laſſen. Dieſe Ketten trugen denn freylich nicht wenig bey, den Anblick der zaͤrt⸗ lichen Gruppe intereſſanter zu machen, beſonders weil der junge Mann ſich mit vielem Anſtand bewegte, in⸗ dem er wiederholt ſeiner Geliebten die Haͤnde kuͤſſte. Wir ſind ſehr unglucklich! rief ſie den Umſtehenden zu; aber nicht ſo ſchuldig, wie wir ſcheinen. So beloh⸗ nen grauſame Menſchen treue Liebe, und Eltern, die das Glück ihrer Kinder gaͤnzlich vernachlaͤſſigen, reißen ſie mit Ungeſtuͤm aus den Armen der Freude, die ſich ihrer nach langen trüben Tagen bemaͤchtigte! 4 Indeß die Umſtehenden auf verſchiedene Weiſe ihre Theilnahme zu erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien abſolvirt; der Wagen ging weiter, und Wilhelm, der an dem Schickſal der Verliebten großen Theil nahm, eilte auf dem Fußpfade voraus, um mit dem Amtmanne, noch ehe der Zug ankaͤme, Bekannt⸗ ſchaft zu machen. Er erreichte aber kaum das Amt⸗ haus, wo alles in Bewegung und zum Empfang der 71 Fluͤchtlinge bereit war, als ihn der Aktuarius einholte, und durch eine umſtaͤndliche Erzaͤhlung, wie alles ge⸗ gangen, beſonders aber durch ein weitlaͤufiges Lob ſei⸗ nes Pferdes, das er erſt geſtern vom Juden getanſcht, jedes andere Geſpraͤch verhinderte. Schon hatte man das ungluͤckliche Paar außen am Garten, der durch eine kleine Pforte mit dem Amthauſe zuſammenhing, abgeſetzt, und ſie in der Stille hinein⸗ gefuͤhrt. Der Aktuarius nahm üͤber dieſe ſchonende Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich eigentlich dadurch nur das vor dem Amt⸗ hauſe verſammelte Volk necken, und ihm das angeneh⸗ me Schauſpiel einer gedemuͤthigten Mitburgerin entzie⸗ hen wollte. Der Amtmann, der von ſolchen außerordentlichen Faͤllen kein ſonderlicher Liebhaber war, weil er meiſten⸗ theils dabey einen und den andern Fehler machte, und für den beſten Willen gewoͤhnlich von fuͤrſtlicher Regie⸗ rung mit einem derben Verweiſe belohnt wurde, ging mit ſchweren Schritten nach der Amtsſtube, wohin ihm der Aktuarius, Wilhelm und einige angeſehene Buͤrger folgten. Zuerſt ward die Schoͤne vorgefuͤhrt, die, ohne Frechheit, gelaſſen und mit Bewuſſtſeyn ihrer ſelbſt hereintrat. Die Art, wie ſie gekleidet war und ſich uͤberhaupt betrug, zeigte, daß ſie ein Maͤdchen ſey, die etwas auf ſich halte. Sie fing auch, ohne ge⸗ 72 fragt zu werden, uͤber ihren Zuſtand nicht mſcietch zu reden an. Der Aktuarius gebot ihr zu ſchweigen, und hielt ſeine Feder uͤber dem gebrochenen Blatte. Der Amt⸗ mann ſetzte ſich in Faſſung, ſah ihn an, raͤuſperte ſich, und fragte das arme Kind, wie ihr Name heiße und wie alt ſie ſey? er Ich bitte Sie, mein Herr, verſetzte ſie, es muß mir gar wunderbar vorkommen, daß Sie mich um mei⸗ nen Namen und mein Alter fragen, da Sie ſehr gut wiſſen, wie ich heiße, und daß ich ſo alt wie Ihr aͤl⸗ teſter Sohn bin. Was Sie von mir wiſſen wollen, und was Sie wiſſen muͤſſen, will ich gern ohne Um⸗ ſchweife ſagen. Seit meines Vaters zweyter Heirath werde ich zu Hauſe nicht zum beſten gehalten. Ich haͤtte einige huͤbſche Partien thun koͤnnen, wenn nicht meine Stief⸗ mutter, aus Furcht vor der Ausſtattung, ſie zu ver⸗ eiteln gewuſſt haͤtte. Nun habe ich den jungen Me⸗ lina knen lernen, ich habe ihn lieben muͤſſen, und da wir die Hinderniſſe vorausſahen, die unſerer Verbin⸗ dung im Wege ſtunden, entſchloſſen wir uns, mit ein⸗ ander in der weiten Welt ein Gluͤck zu ſuchen, das uns zu Hauſe nicht gewaͤhrt ſchien. Ich habe nichts mitgenommen, als was mein eigen war; wir ſind nicht als Diebe und Raͤuber entflohen, und mein Geliebter verdient nicht, daß er mit Ketten und Banden belegt falls durch die reizenden Farbe der Schamhaftigkeit. 23 herumgeſchleppt werde. Der Fuͤrſt iſt gerecht, er wird dieſe Haͤrte nicht billigen. Wenn wir ſtrafbar ſind, ſo ſind wir es nicht auf dieſe Weiſe.. 4 Der alte Amtmann kam hieruͤber doppelt und drey⸗ fach in Verlegenheit. Die gnaͤdigſten Ausputzer ſumm⸗ ten ihm ſchon um den Kopf, und die gelaͤufige Rede des Maͤdchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls gaͤnzlich zerrüttet. Das Uebel wurde noch groͤßer, als ſie bey wiederholten ordentlichen Fragen ſich nicht wei⸗ ter einlaſſen wollte, ſondern ſich auf das, was ſie eben geſagt, ſtandhaft berief. Ich bin keine Verbrecherin, ſagte ſie. Man hat mich auf Strohbundeln zur Schande hierher gefuͤhrt; es iſt eine hoͤhere Gerechtigkeit, die uns wieder zu Ehren bringen ſoll. Der Aktuarius hatte indeſſen immer die Worte nachgeſchrieben, und fluͤſterte dem Amtmanne zu: er ſolle nur weiter gehen; ein foͤrmliches Protokoll wuͤrde ſich nachher ſchon verfaſſen laſſen. Der Alte nahm wieder Muth, und fing nun an, nach den ſuͤßen Geheimniſſen der Liebe mit durren Wor⸗ ten und in hergebrachten trockenen Formeln ſich zu er⸗ kundigen. Wilhelmen ſtieg die Roͤthe ins Geſicht, und die Wangen der artigen Verbrecherin belebten ſich gleich⸗ 74 Sie ſchwieg und ſtockte, bis die Verlegenheit ſelbſt zuletzt ihren Muth zu erhoͤhen ſchien. Seyn Sie verſichert, rief ſie aus, daß ich ſtark genug ſeyn würde, die Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich ſelbſt ſprechen muͤſſte; ſollte ich nun zaudern und ſtocken, da ſie mir Ehre macht? Ja, ich habe ihn won dem Augenblicke an, da ich ſeiner Neigung und ſeiner Treue gewiß war, als meinen Ehe⸗ mann angeſehen; ich habe ihm alles gerne gegoͤnnt, was die Liebe fordert, und was ein uͤberzeugtes Herz nicht verſagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn ich einen Augenblick zu geſtehen zau⸗ derte, ſo war die Furcht, daß mein Bekenntniß fuͤr meinen Geliebten ſchlimme Folgen haben konnte, allein daran Urſache. „ Wilhelm faſſte, als er ihr Geſtändniß höͤrte, ei⸗ nen hohen Begriff von den Geſinnungen des Maͤdchens, indeß ſie die Gerichtsperſonen fuͤr eine freche Dirne er⸗ kannten, und die gegenwaͤrtigen Buͤrger Gott dankten, daß dergleichen Faͤlle in ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren. Wilhelm verſetzte ſeine Mariane in dieſem Augen⸗ blicke vor den Richterſtuhl, legte ihr noch ſchoͤnere Worte in den Mund, ließ ihre Aufrichtigkeit noch herz⸗ licher und ihr Bekenntniß noch edler werden. Die hef⸗ tigſte Leidenſchaft, beyden Liebenden zu helfen, bemaͤch⸗ tigte ſich ſeiner. Er verbarg ſie nicht, und bat den zau⸗ 68 dernden Amtmann heimlich, er moͤchte doch der Sache ein Ende machen, es ſey ja alles ſo klar als möglich, und beduͤrfe keiner weitern Unterſuchung. Dieſes half ſo viel, daß man das Maͤdchen abtre⸗ ten, dafuͤr aber den jungen Menſchen, nachdem man ihm vor der Thuͤre die Feſſeln abgenommen hatte, her⸗ einkommen ließ. Dieſer ſchien uͤber ſein Schickſal mehr nachdenkend. Seine Antworten waren geſetzter, und wenn er von einer Seite weniger heroiſche Freymuͤthig⸗ keit zeigte, ſo empfahl er ſich hingegen durch Beſtimmt⸗ heit und Ordnung ſeiner Ausſage. Da auch dieſes Verhor geendiget war, welches mit dem vorigen in Allem uͤbereinſtimmte, nur daß er, um das Maͤdchen zu ſchonen, hartnaͤckig laͤugnete, was ſie ſelbſt ſchon bekannt hatte, ließ man auch ſie endlich wieder vortreten, und es entſtand zwiſchen Beyden eine Scene, welche ihnen das Herz unſers Freundes gaͤnzlich zu eigen machte. Was nur in Romanen und Komoͤdien vorzugehen pflegt, ſah er hier in einer unangenehmen Gerichtsſtube vor ſeinen Augen: den Streit wechſelſeitiger Großmuth, die Staͤrke der Liebe im Ungluͤck. b Iſt es denn alſo wahr, ſagte er bey ſich ſelbſt, daß die ſchüͤchterue Zaͤrtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menſchen ſich verbirgt, und nur in abgeſon⸗ derter Einſamkeit, in tiefem Geheimniſſe zu genießen wagt, wenn ſie durch einen feindſeligen Zufall hervor⸗ 42 geſchleppt wird, ſich alsdann muthiger, ſtaͤrker, tapferer zeigt, als andere brauſende und großthuende Leiden⸗ ſchaften?. Zu ſeinem Troſte ſchloß ſich die ganze Handlung noch ziemlich bald. Sie wurden Beyde in leidliche Ver⸗ wahrung genommen, und wenn es moͤglich geweſen waͤre, ſo haͤtte er noch dieſen Abend das Frauenzimmer zu ihren Eltern hinuͤber gehracht. Denn er ſetzte ſich feſt vor, hier ein Mittelsmann zu werden, und die gluͤckliche und anſtaͤndige Verbindung beyder Liebenden zu befördern..— Er erbat ſich von dem Amtmanne die Erlaubniß, mit Melina allein zu reden, welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verſtattet wurde. Vierzehntes Capitel. Das Geſpraͤch der beyden neuen Bekanuten wurde gar bald vertraut und lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeſchlagenen Juͤngling ſein Verhaͤltniß zu den El⸗ tern des Frauenzimmers entdeckte, ſich zum Mittler anbot, und ſelbſt die beſten Hoffnungen zeigte, erhei⸗ terte ſich das traurige und ſorgenvolle Gemuͤth des Ge⸗ fangnen, er fuͤhlte ſich ſchon wieder befreyt, mit ſeinen Schwiegereltern verſoͤhnt, und es war nun von künfti⸗ gem Erwerb und Unterkommen die Rede. Daruͤber werden Sie doch nicht in Verlegenheit ſeyn, verſetzte Wilhelm; denn Sie ſcheinen mir beyderſeits von der Natur beſtimmt, in dem Stande, den Sie gewaͤhlt haben, Ihr Gluͤck zu machen. Eine angenehme Geſtalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefuͤhlvolles Herz! Koͤnnen Schauſpieler beſſer ausgeſtattet ſeyn? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, ſo wird es mir viel Frende machen. ch danke Ihnen von Herzen, verſetzte der Andere; aber ich werde wohl ſchwerlich davon Gebrauch machen 78 koͤnnen, denn ich denke, wo möglich, nicht auf das Theater zurückzukehren. 4 Daran thun Sie ſehr uͤbel, ſagte Wilhelm nach einer Pauſe, in welcher er ſich von ſeinem Erſtaunen erholt hatte; denn er dachte nicht anders, als daß der Schau⸗ ſpieler, ſo bald er mit ſeiner jungen Gattin befreyt wor⸗ den, das Theater aufſuchen werde. Es ſchien ihm eben ſo natuͤrlich und nothwendig, als daß der Froſch das Waſſer ſucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran ge⸗ zweifelt, und muſſte nun zu ſeinem Erſtaunen das Ge⸗ gentheil erfahren.— Ja, verſetzte der Andere, ich habe mir vorgenom⸗ men, nicht wieder auf das Theater zuruckzukehren, viel⸗ mehr eine buͤrgerliche Bedienung, ſie ſey auch welche ſie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann. Das iſt ein ſonderbarer Entſchluß, den ich nicht bil⸗ ligen kann; denn ohne beſondere Urſache iſt es niemals rathſam, die Lebensart, die man ergriffen hat, zu ver⸗ aͤndern, und uͤberdieß wuͤſſte ich keinen Stand, der ſo viel Annehmlichkeiten, ſo viel reizende Ausſichten darboͤte, als den eines Schauſpielers. Man ſieht, daß Sie keiner geweſen ſind, verſetzte Jener.— Darauf ſagte Wilhelm: mein Herr, wie ſelten iſt der Maenſch mit dem Zuſtande zufrieden, in dem er ſich befin⸗ det! Er wuͤnſcht ſich immer den ſeines Naͤchſten, aus wel⸗ chem ſich dieſer gleichfalls herausſehnt.— 79 Indeß bleibt doch ein Unterſchied, verſetzte Melina, zwiſchen dem Schlimmen und dem Schlimmern; Erfah⸗ rung, nicht Ungeduld, macht mich ſo handeln. Iſt wohl irgend ein Stuͤckchen Brot kuͤmmerlicher, unſicherer und muͤhſeliger in der Welt? Beynahe waͤre es eben ſo gut, vor den Thuüren zu betteln. Was hat man von dem Neide ſeiner Mitgenoſſen, und der Parteylichkeit des Directors, von der veraͤnderlichen Laune des Publikums auszuſtehen! Wahrhaftig, man muß ein Fell haben wie ein Baͤr, der in Geſellſchaft von Affen und Hunden an der Kette herumgefuͤhrt und geprüͤgelt wird, um bey dem Tone eines Dudelſacks vor Kindern und Pöbel zu tanzen. Wilhelm dachte Allerley bey ſich ſelbſt, was er jedoch dem guten Menſchen nicht ins Geſicht ſagen wollte. Er ging alſo nur von ferne mit dem Geſpräch um ihn herum. Jener ließ ſich deſto aufrichtiger und weitlaͤufi⸗ ger heraus.— Thaͤte es nicht Noth, ſagte er, daß ein Director jedem Stadtrathe zu Fuͤßen fiele, um nur die Erlaubniß zu haben, vier Wochen zwiſchen der Meſſe ein paar Groſchen mehr an einem Orte cirkuliren zu laſ⸗ ſen. Ich habe den unſrigen, der ſo weit ein guter Mann war, oft bedauert, wenn er mir gleich zu ande⸗ rer Zeit Urſache zu Mißvergnügen gab. Ein guter Ak⸗ teur ſteigert ihn, die ſchlechten kann er nicht los werden; und wenn er ſeine Einnahme einigermaßen der Ausgabe gleich ſetzen will; ſo iſt es dem Publikum gleich zu viel, 1 — 80 das Haus ſteht leer, und man muß, um nur nicht gar zu Grunde zu gehen, mit Schaden und Kummer ſpie⸗ len. Nein, mein Herr! da ſie ſich unſrer, wie Sie ſa⸗ gen, annehmen moͤgen; ſo bitte ich Sie, ſprechen Sie auf das Ernſtlichſte mit den Eltern meiner Geliebten! Man verſorge mich hier, man gebe mir einen kleinen Schreiber⸗ oder Einnehmer⸗Dienſt, und ich will mich gluͤcklich ſchaͤtzen. 45 Nachdem ſie noch einige Worke gewechſelt hatten, ſchied Wilhelm mit dem Verſprechen, Morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu ſehen, was er aus⸗ richten koͤnne. Kaum war er allein, ſo muſſte er ſich in folgenden Ausrufungen Luft machen: Unglucklicher Melina, nicht in deinem Stande, ſondern in dir liegt das Armſelige, über das du nicht Herr werden kannſt! Welcher Menſch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunſt oder irgend eine Lebensart ergriffe, muͤſſte nicht wie du ſeinen Zuſtand unertraͤglich finden? Wer mit einem Talente zu einem Talente geboren iſt, findet in demſelben ſein ſchoͤnſtes Daſeyn! Nichts iſt auf der Erde ohne Beſchwerlichkeit! Nur der innre Trieb, die Luſt, die Liebe helfen uns Hinderniſſe uͤberwinden, Wege bahnen, und uns aus dem engen Kreiſe, worin ſich andere kümmerlich abaͤngſtigen, em⸗ porheben. Dir ſind die Breter nichts als Breter, und die Rollen, was einem Schulknaben ſein Penſum iſt. Die Zuſchauer ſiehſt du an, wie ſie ſich ſelbſt an Wer⸗ 8 81 keltagen vorkommen. Dir koͤnnte es alſo freylich einer⸗ ley ſeyn, hinter einem Pult uͤber liniirten Buͤchern zu ſitzen, Zinſen einzutragen und Reſte herauszuſtochern⸗ Du fuühlſt nicht das zuſammenbrennende, zuſammentref⸗ fende Ganze, das allein durch den Geiſt erfunden, be⸗ griffen und ausgefuͤhrt wird; du fuͤhlſt nicht, daß in den Menſchen ein beſſerer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhaͤlt, wenn er nicht geregt wird, von der Aſche taͤglicher Beduͤrfniſſe und Gleichguͤltigkeit tiefer bedeckt, und doch ſo ſpaͤt und faſt nie erſtickt wird. Du fuͤhlſt in deiner Seele keine Kraft ihn aufzublaſen, in deinem eig⸗ nen Herzen keinen Reichthum, um dem erweckten Nah⸗ rung zu geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequem⸗ lichkeiten ſind dir zuwider, und es iſt dir verborgen, daß in jedem Stande die Feinde lauren, die nur mit Freudigkeit und Gleichmuth zu uͤberwinden ſind. Du thuſt wohl, dich in jene Graͤnzen einer gemeinen Stelle zu ſehnen; denn welche wuͤrdeſt du wohl ausfuͤllen, die Geiſt und Muth verlangt! Gib einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geiſtlichen deine Geſinnungen, und mit eben ſo viel Recht wird er ſich uͤber das Kuͤmmerliche ſeines Standes beſchweren können. Ja, hat es nicht ſo⸗ gar Menſchen gegeben, die von allem Lebensgefuͤhl ſo ganz verlaſſen waren, daß ſie das ganze Leben und We⸗ ſen der Sterblichen fuͤr ein Nichts, fuͤr ein kummervolles und ſtaubgleiches Daſeyn erklaͤrt haben? Regten ſich lebendig in deiner Seele die Geſtalten wirkender Men⸗ Goethe's Werke. III. Bd. 6 8² ſchen, waͤrmte deine Bruſt ein theilnehmendes Feuer, ver⸗ breitete ſich uͤber deine ganze Geſtalt die Stimmung, die aus dem Innerſten kommt, waͤren die Toͤne deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhoͤren, fuͤhl⸗ teſt du dich genug in dir ſelbſt, ſo wuͤrdeſt du dir gewiß Ort und Gelegenheit aufſuchen, dich in Andern fuͤhlen zu koͤnnen. Unter ſolchen Worten und Gedanken hatte ſich unſer Freund ausgekleidet„ und ſtieg mit einem Gefuͤhle des in⸗ nigſten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwuͤrdigen morgenden Tages thun wuͤrde, entwickelte ſich in ſeiner Seele, angenehme Phan⸗ taſien begleiteten ihn in das Reich des Schlafes ſanft hinuͤber, und überlieſſen ihn dort ihren Geſchwiſtern, den Traͤumen, die ihn mit offenen Armen aufnahmen, und das ruhende Haupt unſers Freundes mit dem Vorbilde des Himmels umgaben. Am fruͤhen Morgen war er ſchon wieder erwacht, und dachte ſeiner vorſtehenden Unterhandlung nach. Er kehrte in das Haus der verlaſſnen Eltern zurück, wo man ihn mit Verwunderung aufnahm. Er trug ſein Anbringen beſcheiden vor, und fand gar bald mehr und weniger Schwierigkeiten, als er vermuthet hatte. Geſchehen war es einmal, und wenn gleich außerordentlich ſtrenge und harte Leute ſich gegen das Vergangene und Nichtzuaͤn⸗ dernde mit Gewalt zu ſetzen, und das Uebel dadurch zu vermehren pflegen, ſo hat dagegen das Geſchehene auf die — 6 83 Gemuther der meiſten eine unwiderſtehliche Gewalt, und was unmoͤglich ſchien, nimmt ſogleich, als es geſchehen iſt, neben dem Gemeinen ſeinen Platz ein. Es war alſo bald ausgemacht, daß der Herr Melina die Tochter heirathen ſollte; dagegen ſollte ſie wegen ihrer Unart kein Heirathsgut mitnehmen und verſprechen, das Vermaͤcht⸗ niß einer Tante, noch einige Jahre, gegen geringe In⸗ tereſſen, in des Vaters Haͤnden zu laſſen. Der zweyte Punkt, wegen einer buͤrgerlichen Verſorgung, fand ſchon groͤßere Schwierigkeiten. Man wollte das ungerathene Kind nicht vor Augen ſehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menſchen mit einer ſo aͤngeſehenen Familie, welche ſogar mit einem Superintendenten ver⸗ wandt war, ſich durch die Gegenwart nicht beſtaͤndig aufruͤcken laſſen; man konnte eben ſo wenig hoffen, daß die fuͤrſtlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen wuͤr⸗ den. Beyde Eltern waren gleich ſtark dagegen, und Wilhelm, der ſehr eifrig dafuͤr ſprach, weil er dem Men⸗ ſchen, den er geringſchaͤtzte, die Ruͤckkehr auf das Thea⸗ ter nicht goͤnnte, und uͤberzeugt war, daß er eines ſolchen Gluckes nicht werth ſey, konnte mit allen ſeinen Argu⸗ menten nichts ausrichten. Haͤtte er die geheimen Trieb⸗ federn gekannt, ſo wurde er ſich die Muͤhe gar nicht gegeben haben, die Eltern uͤberreden zu wollen. Denn der Vatex, der ſeine Tochter gerne bey ſich behalten haͤtte, haſſte den jungen Menſchen, weil ſeine Frau ſelbſt ein Auge auf ihn geworſen hatte, und dieſe konnte in 84 ihrer Stieftochter eine gluͤckliche Nebenbuhlerinn nicht vor Augen leiden. Und ſo muſſte Melina wider ſeinen Willen mit ſeiner jungen Braut, die ſchon groͤßere Luſt bezeugte, die Welt zu ſehen und ſich der Welt ſehen zu laſſen, nach einigen Tagen abreiſen, um bey irgend einer Geſellſchaft ein Unterkommen zu finden. 5 8 Funfzehntes Capitel. Gluckliche Jugend! Glüͤckliche Zeiten des erſten Lie⸗ bebeduͤrfniſſes! Der Menſch iſt dann wie ein Kind, das ſich am Echo ſtundenlang ergetzt, die Unkoſten des Ge⸗ ſpraͤches allein traͤgt, und mit der Unterhaltung wohl zufrieden iſt, wenn der unſichtbare Gegenpart auch nur die letzten Sylben der ausgerufenen Worte wiederholt. So war Wilhelm in den fruͤhern, beſonders aber in den ſpaͤtern Zeiten ſeiner Leidenſchaft fuͤr Marianen, als er den ganzen Reichthum ſeines Gefuͤhls auf ſie hinuͤber trug, und ſich dabey als einen Bettler anſah, der von ihren Almoſen lebte. Und wie uns eine Gegend rei⸗ zender, ja allein reizend vorkommt, wenn ſie von der Sonne beſchienen wird; ſo war auch alles in ſeinen Au⸗ gen verſchoͤnert und verherrlicht, was ſie umgab, was ſie beruͤhrte. Wie oft ſtand er auf dem Theater hinter den Waͤn⸗ den, wozu er ſich das Privilegium von dem Direktor er⸗ beten hatte. Dann war freylich die perſpectiviſche Magie verſchwunden, aber die viel maͤchtigere Zauberey der Liebe fing erſt an zu wirken. Stundenlang konnte er am ſchmutzigen Lichtwagen ſtehen, den Qualm der Unſchlitt⸗ 84 der Geliebten hinausblicken, at und ihn freundlich an⸗ dicht an dem Balken⸗ und Lampen einziehen, nach und, wenn ſie wieder hereintr ſah, ſich in Wonne verloren, Latten⸗Gerippe, in einen paradieſiſchen Zuſtand verſetzt Die ausgeſtopften Laͤmmchen, die Waſſerfaͤlle fuͤhlen. von Zindel, die pappenen Roſenſtoͤcke und die einſeiti⸗ hm liebliche dichteriſche gen Strohhuͤtten erregten in i Bilder uralter Schaͤferwelt. Sogar die in der Naͤhe haͤß⸗ lich erſcheinenden Taͤnzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil ſie auf Einem Brete mit ſeiner Vielge⸗ liebten ſtanden. Und ſo iſt es gewiß, daß Liebe, wel⸗ che Roſenlauben, Myrthenwaͤldchen und Mondſchein erſt beleben muß, auch ſogar Hobelſyaͤnen und Papier⸗ ſchnitzeln einen Anſchein belebter Naturen geben kann. Sie iſt eine ſo ſtarke Wuͤrze, daß ſelbſt ſchale und ekle Bruͤhen davon ſchmackhaft werden.. Solch einer Wuͤrze bedurft' es freylich, um jenen Zuſtand leidlich, ja in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewoͤhnlich ihre Stube, ja gelegentlich ſie ſelbſt antraf. Buͤrgerhauſe erzogen, war Ordnung In einem ſeinen 2 und Reinlichkeit das Element, worin er athmete, und Theil geerbt indem er von ſeines Vaters Prunkliebe einer in den Knabenjahren, ſein Zimmer, das ch anſah, ſtattlich auszuſtaffiren. Falten aufgezogen orzuſtellen hatte, wuſſte er, er als ſein kleines Rei Seine Bettvorhaͤnge weren in große und mit Quaſten befeſtigt, wie man Throne v 87 er hatte ſich einen Teppich in die Mitte des einern auf den Tiſch anzuſchaffen te und ſtellte daß ein niederlaͤndiſcher Mahler gute Gruppen zu ſeinen Still⸗Leben haͤtte heraus neh⸗ men koͤnnen. Eine weiſſe Muͤtze hatte er wie einen Tur⸗ ban zurecht gebunden, und die Ermel ſeines Schlafrocks nach orientaliſchem Coſtüͤme kurz ſtutzen laſſen. Doch gab er hiervon die Urſache an, daß die langen weiten Ermel ihn im Schreiben hinderten. Wenn er Abends ganz allein war, und nicht mehr fuͤrchten durfte geſtoͤrt zu werden, trug er gewoͤhnlich eine ſeidene Schaͤrpe um den Leib, und er ſoll manchmal einen Dolch, den er ſich aus einer alten Rüſtkammer zugeeignet, in den Guͤr⸗ tel geſteckt, und ſo die ihm zugetheilten tragiſchen Rol⸗ len memorirt und probirt, ja in eben dem Sinne ſein Gebet kniend auf dem Teppich verrichtet haben. Wie gluͤcklich pries er daher in jenen Zeiten den Schauſpieler, den er im Beſitz ſo mancher majeſtäͤtiſchen Kleider, Ruſtungen und Waffen, und in ſteter Uebung eines edlen Betragens ſah, deſſen Geiſt einen Spiegel des herrlichſten und prächtigſten, was die Welt an Ver⸗ und Leidenſchaften hervorge⸗ bracht, darzuſtellen ſchien. Eben ſo dachte ſich Wilhelm das haͤusliche Leben eines Schauſpielers als e igen Handlungen und Beſchaͤftiungen, Theater diße außerſte pflegt; Zimmers und einen f her und Geraͤthſchaften leg gewuſſt; ſeine Buͤch er faſt mechaniſch ſo, a haͤltniſſen, Geſinnungen auch Reihe von wuͤrd davon die Erſcheinung auf dem 88 Spitze ſey, etwa wie ein Silber, das vom Lauter⸗ Feuer lange herum getrieben worden, endlich farbig⸗ſchoͤn vor den Augen des Arbeiters erſcheint, und ihm zu⸗ gleich andeutet, daß das Metall nunmehr von allen fremden Zuſaͤtzen gereiniget ſey. Wie ſehr ſtutzte er daher Anfangs, wenn er ſich bey ſeiner Geliebten befand, und durch den gluͤcklichen Ne⸗ bel, der ihn umgab, nebenaus auf Tiſche, Stuͤhle und Boden ſah. Die Truͤmmer eines augenblicklichen, leich⸗ ten und ſalſchen Putzes lagen, wie das glaͤnzende Kleid eines abgeſchuppten Fiſches, zerſtreut in wilder Unord⸗ nung durch einander. Die Werkzeuge menſchlicher Rein⸗ lichkeit, als Kaͤmme, Seife, Tuͤcher waren mit den Spu⸗ ren ihrer Beſtimmung gleichfalls nicht verſteckt. Mu⸗ ſik, Rollen und Schuhe, Waͤſche und italiaͤniſche Blu⸗ men, Etuis, Haarnadeln, Schminktoͤpfchen und Baͤnder, Buͤcher und Strohhute, keines verſchmaͤhte die Nachbar⸗ ſchaft des andern, alle waren durch ein gemeinſchaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch da Wilhelm in ihrer⸗Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja vielmehr ihm alles, was ihr gehoͤrte, ſie beruͤhrt hatte, lieb werden muſſte; ſo ſand er zuletzt in dieſer verworrenen Wirthſchaft einen Reiz, den er in ſei⸗ ner ſtattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte. 89 mit unbefangener Freymuͤthigkeit manches Natuͤrliche, das man ſonſt gegen einen andern aus Anſtand zu ver⸗ heimlichen pflegt, vor ihm nicht zu verbergen ſuchte— es war ihm, ſag ich, als wenn er ihr mit jedem Augen⸗ blicke naͤher wuͤrde, als wenn eine Gemeinſchaft zwiſchen ihnen durch unſichtbare Bande beſeſtigt wuͤrde. Nicht eben ſo leicht konnte er die Auffuͤhrung der uͤbrigen Schauſpieler, die er bey ſeinen erſten Beſuchen manch'nal bey ihr antraf, mit ſeinen Begriffen vereini⸗ gen. Geſchaͤftig im Muͤßiggange ſchienen ſie an ihren Beruf und Zweck am wenigſten zu denken; uͤber den poe⸗ tiſchen Werth eines Stuͤckes hoͤrte er ſie niemals reden, und weder richtig noch unrichtig daruͤber urtheilen; es war immer nur die Frage: was wird das Stuͤck ma⸗ chen? Iſt es ein Zugſtuͤck? Wie lange wird es ſpielen? Wie oft kann es wohl gegeben werden? und was Fragen und Bemerkungen dieſer Art mehr waren. Dann ging es gewoͤhnlich auf den Director kos, daß er mit der Gage zu karg, und beſonders gegen den Einen und den Andern ungerecht ſey, dann auf das Publikum, daß es mit ſeinem Beyfall ſelten den rechten Mann belohne, daß das deutſche Theater ſich taͤglich verbeſſere, daß der Schau⸗ ſpieler nach ſeinen Verdienſten immer mehr geehrt werde, und nicht genug geehrt werden koͤnne. Dann ſprach man viel von Kaffeehaͤuſern und Weingaͤrten, und was daſelbſt vorgefallen, wie viel irgend ein Camerad Schul⸗ den habe und Abzug leiden muͤſſe, von Disproportion . der woͤchentlichen Gage, von Cabalen einer Gegenpar⸗ tey; wobey denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerkſamkeit des Publikums wieder in Betracht kam, und der Einfluß des Theaters auf die Bildung einer Na⸗ tion und der Welt nicht vergeſſen wurde. Alle dieſe Dinge, die Wilhelmen ſonſt ſchon manche unruhige Stunde gemacht hatten, kamen ihm gege nwaͤr⸗ tig wieder ins Gedaͤchtniß, als ihn ſein Pferd langſam nach Hauſe trug, und er die verſchiedenen Vorfaͤlle, die ihm begegnet waren, uͤberlegte. Die Bewegung, welche durch die Flucht eines Maͤdchens in eine gute Buͤrgerfa⸗ milie, ja in ein ganzes Staͤdtchen gekommen war, hatte er mit Augen geſehen; die Scenen auf der Landſtraße und/ im Amthauſe, die Geſinnungen Melinas, und was ſonſt noch vorgegangen war, ſtellten ſich ihm wieder dar, und brachten ſeinen lebhaften, vordringenden Geiſt in eine Art von ſorglicher Unruhe, die er nicht lange ertrug, ſondern ſeinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt zueilte. Allein auch auf dieſem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten entgegen. Werner, ſein Freund und vermuthlicher Schwager, wartete auf ihn, um ein ernſt⸗ haftes, bedeutendes und unerwartetes Geſpraͤch mit ihm anzufangen. Werner war einer von den gepruͤften, in ihrem Da⸗ ſeyn beſtimmten Leuten, die man gewoͤhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil ſie bey Anlaͤſſen weder ſchnell ₰ 91 noch ſichtlich auflodern; auch war ſein Umgang mit Wil⸗ helmen ein anhaltender Zwiſt, wodurch ſich ihre Liebe aber nur deſto feſter knuͤpfte: denn ungrachtet ihrer ver⸗ ſchiedenen Denkungsart fand Jeder ſeine Rechnung bey dem Andern. Werner that ſich darauf etwas zu gute, daß er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich ausſchwei⸗ fenden Geiſt Wilhelms mitunter Zuͤgel und Gebiß an⸗ zulegen ſchien, und Wilhelm fuͤhlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er ſeinen bedaͤchtlichen Feens in war⸗ mer Aufwallung mit ſich fortnahm. So übte ich Einer an dem Andern, ſie wurden gewohnt ſich tiglich zu ſe⸗ hen, und man haͤtte ſagen ſollen, das V zerlangen ei nan⸗ der zu finden, ſich mit einander zu beſprechen, ſey durch die Unmoͤglichkeit, einander verſtaͤndlich zu werden, ver⸗ mehrt worden. Im Grunde aber gingen ſie doch, weil, ſie beyde gute Menſchen waren, neben einander, mit ein⸗ ander nach Einem Ziel, und konnten niemals begreifen, warum denn Keiner den Andern auf ſeine Geſinnung redu⸗ ciren koͤnne. Werner bemerkte ſeit einiger Zeit, daß Wilhelms Be⸗ ſuche ſeltner wurden, daß er in Lieblingsmaterien kurz und zerſtreut abbrach, daß er ſich nicht mehr in lebhafte Aus⸗ bildung ſeltſamer Vorſtellungen vertiefte, an welcher ſich freylich ein freyes, in der Gegenwart des Freundes Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemuͤth am ſicherſten erken⸗ nen laͤſſt. Der puͤnktliche und bedaͤchtige Werner ſuchte anfangs den Fehler in ſeinem eignen Betragen, bis ihn einige Stadtgeſpraͤche auf die rechte Spur brachten, und einige Unvorſichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewiß⸗ heit naͤher führten. Er ließ ſich auf eine Unterſuchung ein, und entdeckte gar bald, daß Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauſpielerin oͤffentlich beſucht, mit ihr auf dem Theater geſprochen und ſie nach Hauſe gebracht habe; er waͤre troſtlos geweſen, wenn ihm auch die naͤchtlichen Zuſammenkuͤnfte bekannt geworden waͤren; denn er hörte, daß Mariane ein verfuͤhreriſches Maͤdchen ſey, die ſeinen Freund wahrſcheinlich ums Geld bringe, und ſich noch nebenher von dem unwurdigſten Liebhaber un⸗ terhalten laſſe: Sobald er ſeinen Verdacht ſo viel moͤglich zur Ge⸗ wißheit erhoben, beſchloß er einen Angriff auf Wilhel⸗ men, und war mit allen Anſtalten vöͤllig in Bereitſchaft, als dieſer eben verdrießlich und verſtimmt von ſeiner Reiſe zuruͤckkam. Werner trug ihm noch denſelben Abend alles, was er wuſſte, erſt gelaſſen, dann mit dem dringenden Ernſte einer wohldenkenden Freundſchaft vor, ließ keinen Zug unbeſtimmt, und gab ſeinem Freunde alle die Bitterkei⸗ ten zu koſten, die ruhige Menſchen an Liebende mit tu⸗ gendhafter Schadenfreude ſo freygebig auszuſpenden pfle⸗ gen. Aber wie man ſich denken kann, richtete er wenig gus. Wilhelm verſetzte mit inniger Bewegung, doch mit großer Sicherheit: du kennſt das Maͤdchen nicht! Der 93 Schein iſt vielleicht nicht zu ihrem Vortheil, aber ich bin ihrer Treue und Tugend ſo gewiß, als meiner Liebe. Werner beharrte auf ſeiner Anklage, und erbot ſich zu Beweiſen und Zeugen. Wilhelm verwarf ſie, und entfernte ſich von ſeinem Freunde verdrießlich und er⸗ ſchuͤttert, wie einer, dem ein ungeſchickter Zahnarzt einen ſchadhaften feſtſitzenden Zahn gefaſſt und vergebens daran geruͤckt hat. Hoͤchſt unbehaglich fand ſich Wilhelm, das ſchoͤne Bild Marianens erſt durch die Grillen der Reiſe, dann durch Werners Unfreundlichkeit in ſeiner Seele getruͤbt und beynahe entſtellt zu ſehen. Er griff zum ſicherſten Mittel, ihm die völlige Klarheit und Schoͤnheit wieder herzuſtellen, indem er Nachts auf den gewoͤhnlichen We⸗ gen zu ihr hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn er war bey ſeiner Ankunft vorbey geritten, ſie hatte ihn dieſe Nacht erwartet, und es laͤſſt ſich den⸗ ken, daß alle Zweifel bald aus ſeinem Herzen vertrieben wurden. Ja, ihre Zaͤrtlichkeit ſchloß ſein ganzes Ver⸗ trauen wieder auf, und er erzaͤhlte ihr, wie ſehr ſich das Publikum, wie ſehr ſich ſein Freund an ihr ver⸗ ſuͤndiget. Mancherley lebhafte Geſpraͤche fuͤhrten ſie auf die erſten Zeiten ihrer Bekanntſchaft, deren Erinnerung eine der ſchoͤnſten Unterhaltungen zweyer Liebenden bleibt. Die erſten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe bringen, ſind ſo angenehm, die erſten Ausſichten ſo rei⸗ 94 zend, das man ſie gar zu gern in ſein Gedaͤchtniß zuruͤck ruft. Jeder Theil ſucht einen Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe fruͤher, uneigennutziger geliebt, und Jedes wuͤnſcht in dieſem Wettſtreite lieber uͤberwunden zu werden, als zu überwinden. Wilhelm wiederholte Marianen, was ſie ſchon ſo oft gehoͤrt haͤtte, daß ſie bald ſeine Aufmerkſamkeit von dem Schauſpiel ab und auf ſich allein gezogen habe, daß ihre Geſtalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn gefeſſelt; wie er zuletzt nur die Stuᷣcke, in denen ſie geſpielt, beſucht habe, wie er endlich aufs Theater geſchlichen ſey, oft, ohne von ihr bemerkt zu werden, neben ihr geſtanden habe; dann ſprach er mit Entzuͤcken von dem gluͤcklichen Abende, an dem er eine Gelegenheit gefunden, ihr eine Gefaͤllig⸗ keit zu erzeigen, und ein Geſpraͤch einzuleiten. Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß ſie ihn ſo lange nicht bemerkt haͤtte; ſie behauptete, ihn ſchon auf dem Spaziergange geſehen zu haben, und be⸗ zeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am ſelbigen Tage angehabt; ſie behauptete, daß er ihr damals vor allen Andern gefallen, und daß ſie ſeine Bekanntſchaft ge⸗ wuͤnſcht habe. Wie gern glaubte Wilhelm das alles! wie gern ließ er ſich uͤberreden, daß ſie zu ihm, als er ſich ihr genaͤhert, durch einen unwiderſtehlichen Zug hingefuͤhrt worden, daß ſie abſichtlich zwiſchen die Couliſſen neben ihn getre⸗ ten ſey, um ihn naͤher zu ſehen und Bekanntſchaft mit 95 ihm zu machen, und daß ſie zuletzt, da ſeine Zuruͤckhal⸗ tung und Bloͤdigkeit nicht zu uͤberwinden geweſen, ihm ſelbſt Gelegenheit gegeben, und ihn gleichſam genoͤthigt habe, ein Glas Limonade herbeyzuholen. Unter dieſem liebevollen Wettſtreit, den ſie durch alle kleine Umſtaͤnde ihres kurzen Romans verfolgten, vergin⸗ gen ihnen die Stunden ſehr ſchnell, und Wilhelm verließ vöͤllig beruhigt ſeine Geliebte, mit dem feſten Vorſatze, ſein Vorhaben unverzuͤglich ins Werk zu richten. 7 4 Sechszehntes Capitel. —x Was zu ſeiner Abreiſe noͤthig war, hatten Vater und Mutter beſorgt; nur einige Kleinigkeiten, die an der Equipage fehlten, verzoͤgerten ſeinen Aufbruch auf einige Tage. Wilhelm benutzte die Zeit, um an Marianen ei⸗ nen Brief zu ſchreiben, wodurch er die Angelegenheit end⸗ lich zur Sprache bringen wollte, uͤber welche ſie ſich mit ihm zu unterhalten bisher immer vermieden hatte. Fol⸗ gendermaßen lautete der Brief: „Unter der lieben Hulle der Nacht, die mich ſonſt in deinen Armen bedeckte, ſitze ich und denke und ſchreibe an dich, und was ich ſinne und treibe, iſt nur um deinetwil⸗ len. O Mariane! mir, dem gluͤcklichſten unter den Mannem, iſt es wie einem Braͤutigam, der ahnungs⸗ voll, welch' eine neue Welt ſich in ihm und durch ihn ent⸗ wickeln wird, auf den feſtlichen Teppichen, ſteht, und, waͤhrend der heiligen Zeremonien, ſich gedankenvoll luͤſtern vor die geheimnißreichen Vorhaͤnge verſetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegen ſaͤuſelt. Ich habe uͤber mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu ſehen; es war leicht, in Hoffnung einer ſolchen Entſchäͤdigung, ewig mit dir zu ſeyn, ganz der dei⸗ — 97 nige zu bleiben! Soll ich wiederholen was ich wuͤnſche? und doch iſt es noͤthig; denn es ſcheint, als habeſt du mich bisher nicht verſtanden. Wie oft habe ich mit leiſen Toͤnen der Treue, die, weil ſie alles zu halten wünſcht, wenig zu ſagen wagt, an deinem Herzen geforſcht nach dem Verlangen einer ewigen Verbindung. Verſtanden haſt du mich gewiß: denn in deinem Herzen muß eben der Wunſch keimen; vernommen haſt du mich in jedem Kuſſe, in der an⸗ ſchmiegenden Ruhe jener gluͤcklichen Abende. Da lernt' ich deine Beſcheidenheit kennen, und wie vermehrte ſich meine Liebe! Wo eine andere ſich kuͤnſtlich betragen haͤtte, um durch uͤberfluͤſſigen Sonnenſchein einen Entſchluß in dem Herzen ihres Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklaͤrung hervor zu locken, und ein Verſprechen zu befeſtigen, eben da ziehſt du dich zuruͤck, ſchließeſt die halbgeoͤffnete Bruſt deines Geliebten wieder zu, und ſuchſt durch eine anſcheinende Gleichguͤltigkeit deine Bey⸗ ſtimmung zu verbergen; aber ich verſtehe dich! Welch ein Elender muͤſſte ich ſeyn, wenn ich an dieſen Zei⸗ chen die reine, uneigennützige, nur füͤr den Freund be⸗ ſorgte Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir eund ſey ruhig! Wir gehoͤren einander an, und keins von eyden verlaͤſſt oder verliert etwas, wenn wir fuͤr ein⸗ r leben. Niim ſie hin, dieſe Hand! ſeyerlich noch dies uͤber⸗ fluͤſſige Zeichen! Alle Freuden der Liebe haben wir em⸗ Goes Werke, III. Bd. 98 pfunden, aber es ſind neue Seligkeiten in dem beſtaͤtigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie? Sorge nicht! Das Schickſal ſorgt fuͤr die Liebe, und um ſo gewiſſer, da Liebe genüͤgſam iſt. Mein Herz hat ſchon lange meiner Eltern Haus ver⸗ laſſen; es iſt bey dir, wie mein Geiſt auf der Buͤhne ſchwebt. O meine Geliebte! Iſt wohl einem Menſchen ſo gewaͤhrt, ſeine Wuͤnſche zu verbinden, wie mir? Kein Schlaf koͤmmt in meine Augen, und wie eine ewige Mor⸗ genroͤthe ſteigt deine Liebe und dein Gluͤck vor mir auf und ab. Kaum daß ich mich halte, nicht auffahre, zu dir hin⸗ renne und mir deine Einwilligung erzwinge, und gleich morgen fruͤhe weiter in die Welt nach meinem Ziele hin⸗ ſtrebe.— Nein, ich will mich bezwingen! ich will nicht unbeſonnen thoͤrichte, verwegene Schritte thun; mein Plan iſt entworfen, und ich will ihn ruhig ausfuͤhren. Ich bin mit Director Serlo bekannt, meine Reiſe geht gerade zu ihm, er hat vor einem Jahre oft ſeinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude am Theater gewuͤnſcht, und ich werde ihm gewiß willkommen ſeyn; denn bey eurer Truppe moͤchte ich aus mehr als einer Urſache nicht eintreten; auch ſpielt Serlo ſo weit von hier, daß ich anfangs meinen Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt finde ich da gleich; ich ſehe mich in dem Publiko um, lerne die Geſellſchaft ken⸗ nen, und hole dich nach. G 99 Mariane, du ſiehſt, was ich uͤber mich gewinnen kann, um dich gewiß zu haben; denn dich ſo lange nicht zu ſehen, dich in der weiten Welt zu wiſſen! recht leb⸗ haft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich mir dann aber wieder deine Liebe vorſtelle, die mich vor Allem ſichert, wenn du meine Bitte nicht verſchmaͤhſt, ebe wir ſcheiden, und du mir deine Hand vor dem Prieſter reichſt; ſo werde ich ruhig gehen. Es iſt nur eine For⸗ mel unter uns, aber eine ſo ſchoͤne Formel, der Seegen des Himmels zu dem Seegen der Erde. In der Nach⸗ barſchaft, im Ritterſchaftlichen, geht es leicht und heim⸗ lich an. Fuͤr den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen theilen, es wird fuͤr uns Beyde hinreichen; ehe das ver⸗ zehrt iſt, wird der Himmel weiter helfen. Ja, Liebſte, es iſt mir gar nicht bange. Was mit ſo viel Froͤhlichkeit begonnen wird, muß ein glüͤckliches Ende erreichen. Ich habe nie gezweifelt, daß man ſein Fortkommen in der Welt finden koͤnne, wenn es einem Ernſt iſt, und ich fuͤhle Muth genug fuͤr zwey, ja fͤr mehrere einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die Welt iſt undankbar, ſagen Viele; ich habe noch nicht ge⸗ funden, daß ſie undankbar ſey, wenn man auf die rechte Art etwas fuͤr ſie zu thun weiß. Mir gluͤht die ganze Seele bey dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menſchen in das Herz hinein zu reden, was ſie ſich ſo lange zu hoͤren ſehnen. Wie tauſendmal iſt es 100 freylich mir, der ich von der Herrlichkeit des Theaters ſo eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich die Elendeſten geſehen habe ſich einbilden, ſie könnten uns ein großes treffliches Wort ans Herz reden. Ein Ton, der durch die Fiſtel gezwungen wird, klingt viel beſſer und reiner; es iſt unerhoͤrt, wie ſich dieſe Burſche in ihrer groben Ungeſchicklichkeit verſuͤndigen. Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel ge⸗ habt; ſie ſollten, duͤnkt mich, nicht mit einander hadern. Wie ſehr waͤre zu wuͤnſchen, daß an beyden Orten nur durch edle Menſchen Gott und Natur verherrlicht wür⸗ den! Es ſind keine Traͤume, meine Liebſte! Wie ich an deinem Herzen habe fuͤhlen koͤnnen, daß du in Liebe biſt; ſo ergreife ich auch den glaͤnzenden Gedanken und ſage— ich will's nicht ausſagen, aber hoffen will ich, daß wir einſt als ein Paar gute Geiſter den Menſchen erſcheinen werden, ihre Herzen aufzuſchließen, ihre Gemuͤther zu be⸗ ruͤhren, und ihnen himmliſche Genuͤſſe zu bereiten, ſo ge⸗ wiß mir an deinem Buſen Freuden gewaͤhrt waren, die immer himmliſch genennt werden muͤſſen, weil wir uns in jenen Augenblicken, aus uns ſelbſt geruͤckt, uͤber uns ſelbſt erhaben fuͤhlen. Ich kann nicht ſchließen; ich habe ſchon zu viel geſagt, und weiß nicht, ob ich dir ſchon Alles geſagt habe, Alles, was dich angeht: denn die Bewegung des Rades, das ſich in meinen Herzen dreht, ſind keine Worte vermoͤgend auszudrüͤcken. r —j 101 Nimm dieſes Blatt indeß, meine Liebe! ich habe es wieder durchgeleſen und finde, daß ich von vorne anfan⸗ gen ſollte; doch enthaͤlt es Alles, was du zu wiſſen noͤthig haſt, was dir Vorbereitung iſt, wenn ich bald mit Froͤh⸗ lichkeit der ſuͤßen Liebe an deinen Buſen zuruͤckkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauſchend ſeine Feſſeln abfeilt. Ich ſage gute Nacht mei⸗ nen ſorglos ſchlafenden Eltern!— Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Fuͤr dießmal ſchließ' ich; die Augen ſind mir zwey⸗, dreymal zugefallen; es iſt ſchon tief in der Nacht.“ Ahst 1 Siebzehntes Capitel. Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, ſeinen Brief ſchön gefaltet in der Taſche, ſich zu Marianen hin⸗ ſehnte; auch war es kaum duͤſter geworden, als er ſich wider ſeine Gewohnheit nach ihrer Wohnung hinſchlich. Sein Plan war: ſich auf die Nacht anzumelden, ſeine Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlaſſen, ihr, eh' er wegginge, den Brief in die Hand zu drücken, und bey ſeiner Ruͤckkehr in tiefer Nacht ihre Antwort, ihre Ein⸗ willigung zu erhalten, oder durch die Macht ſeiner Lieb⸗ koſungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme und konnte ſich an ihrem Buſen kaum wieder faſſen. Die Leb⸗ haftigkeit ſeiner Empfindungen verbarg ihm anfangs, daß ſie nicht wie ſonſt mit Herzlichkeit antwortete; doch konnte ſie einen aͤngſtlichen Zuſtand nicht lange verbergen; ſie ſchuͤtzte eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit vor; ſie be⸗ klagte ſich uber Kopfweh, ſie wollte ſich auf den Vor⸗ ſchlag, daß er heute Nacht wieder kommen wolle, nicht einlaſſen. Er ahnte nichts Boͤſes, drang nicht weiter in ſie; fuͤhlte aber, daß es nicht die Stunde ſey, ihr ſei⸗ —— — 103 nen Brief zu uͤbergeben. Er behielt ihn bey ſich, und da verſchiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine hoͤfliche Weiſe wegzugehen noͤthigten, ergriff er im Tau⸗ mel ſeiner ungenügſamen Liebe eines ihrer Halstuͤcher, ſteckte es in die Taſche, und verließ wider Willen ihre Lippen und ihre Thuͤre. Er ſchlich nach Hauſe, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete ſich um, und ſuchte wieder die freye Luft. Als er einige Straßen auf und abgegangen war, be⸗ gegnete ihm ein Unbekannter, der nach einem gewiſſen Gaſthofe fragte; Wilhelm erbot ſich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte ſich nach dem Namen der Straße, nach den Beſitzern verſchiedener großen Ge⸗ baͤude, vor denen ſie vorbey gingen, ſodann nach einigen Polizey⸗Einrichtungen der Stadt, und ſie waren in einem ganz intereſſanten Geſpraͤche begriffen, als ſie am Thore des Wirthshauſes ankamen. Der Fremde noͤthigte ſei⸗ nen Fuͤhrer hinein zu treten, und ein Glas Punſch mit ihm zu trinken; zugleich gab er ſeinen Namen an und ſeinen Geburtsort, auch die Geſchaͤfte, die ihn hierher gebracht haͤtten, und erſuchte Wilhelmen um ein gleiches Vertrauen. Dieſer verſchwieg eben ſo wenig ſeinen Na⸗ men, als ſeine Wohnung. Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meiſters, der die ſchoͤne Kunſtſammlung beſaß? fragte der Fremde. Ja, ich bins. Ich war zehn Jahre, als der Groß⸗ 5 6 1 101 vater ſtarb, und es ſchmerzte mich lebhaft, dieſe ſchoͤnen Sachen verkaufen zu ſehen. 4 Ihr Vater hat eine große Summe Geldes dafuͤr er⸗ halten. Sie wiſſen alſo davon?. O ja, ich habe dieſen Schatz noch in Vhrem Hauſe geſehen. Ihr Großbvater war nicht blos ein Sammler, er verſtand ſich auf die Kunſt, er war in einer fruͤhern glücklichen Zeit in Italien geweſen, und hatte Schaͤtze von dort mit zurüͤck gebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr zu haben waͤren. Er beſaß treffliche Gemählde von den beſten Meiſtern; man traute kaum ſeinen Augen, wenn man ſeine Handzeichnungen durchſah; unter ſeinen Marmorn waren einige unſchaͤtzbare Fragmente; von Bronzen beſaß er eine ſehr inſtructive Suite; ſo hatte er auch ſeine Muͤnzen fuͤr Kunſt und Geſchichte zweckmaͤßig geſammelt; ſeine wenigen geſchnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut aufgeſtellt, wenn gleich die Zimmer und Saͤle des alten Hauſes nicht ſym⸗ metriſch gebaut waren. Sie koͤnnen denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen herunter genommen und eingepackt wur⸗ den. Es waren die erſten traurigen Zeiten meines Le⸗ bens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer vorka⸗ men, als wir die Gegenſtaͤnde nach und nach verſchwin⸗ den ſahen, die uns von Jugend auf unterhalten hatten, 8 103 und die wir eben ſo unveraͤnderlich hielten, als das Haus und die Stadt ſelbſt. Wenn ich nicht irre, ſo gab Ihr Vater das geloͤste Capital in die Handlung eines Nachbars, mit dem er eine Art Geſellſchafts⸗Handel einging. Gunz richtig! und ihre geſellſchaftlichen Speculatio⸗ nen ſind ihnen wohl gegluͤckt; ſie haben in dieſen zwoͤlf Jahren ihr Vermoͤgen ſehr vermehrt, und ſind Beyde nur deſto heftiger auf den Erwerb geſtellt; auch hat der alte Werner einen Sohn, der ſich viel beſſer zu dieſem Hand⸗ werke ſchickt, als ich. Es thut mir leid, daß dieſer Ort eine ſolche Zierde verloren hat, als das Kabinet Ihres Großvaters war. Ich ſah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, und ich darf wohl ſagen, ich war Urſache, daß der Kauf zu Stande kam. Ein reicher Edelmann, ein großer Liebha⸗ ber, der aber bey ſo einem wichtigen Handel ſich nicht allein auf ſein eigen Urtheil verließ, hatte mich hierher geſchickt, und verlangte meinen Rath. Sechs Tage be⸗ ſah ich das Kabinet, und am ſiebenten rieth ich meinem Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anſtand zu bezahlen. Sie waren als ein munterer Knabe oft um mich herum; Sie erklaͤrten mir die Gegenſtaͤnde der Ge⸗ mählde, und wuſſten überhaupt das Kabinet recht gut auszulegen. Ich erinnere mich einer ſolchen Perſon, aber in Ihnen haͤtte ich ſie nicht wieder erkannt. 106 Es iſt auch ſchon eine geraume Zeit, und wir veraͤn⸗ dern uns doch mehr oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein Lieblings⸗Bild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglaſſen wollten. Ganz richtig! es ſtellte die Geſchichte vor, wie der kranke Königsſohn ſich uͤber die Braut ſeines Vaters in Liebe verzehrt. Es war eben nicht das beſte Gemaͤhlde, nicht gut zu⸗ ſammengeſetzt, von keiner ſonderlichen Farbe, und die Ausfuͤhrung durchaus manierirt. Das verſtand ich nicht, und verſteh' es noch nicht; der Gegenſtand iſt es, der mich an einem Gemaͤhlde reizt, nicht die Kunſt. Da ſchien Ihr Großvater anders zu denken; denn der groͤßte Theil ſeiner Sammlung beſtand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das Verdienſt ihres Mei⸗ ſters bewunderte, ſie mochten vorſtellen was ſie wollten; auch hing dieſes Bild in dem aͤußerſten Vorſaale, zum Zeichen, daß er es wenig ſchaͤtzte. Da war es eben, wo wir Kinder immer ſpielen durf⸗ ten, und wo dieſes Bild einen unausloͤſchlichen Eindruck auf mich machte, den mir ſelbſt Ihre Kritik, die ich uͤbri⸗ gens verehre, nicht ausloͤſchen koͤnnte, wenn wir auch jetzt vor dem Bilde ſtünden. Wie jammerte mich, wie jammert mich noch ein Jungling, der die ſuͤßen Triebe, das ſchoͤnſte Erbtheil, das uns die Natur gab, in ſich —,— —— 107 verſchließen, und das Feuer, das ihn und andere erwaͤr⸗ men und beleben ſollte, in ſeinem Buſen verbergen muß, ſo daß ſein Innerſtes unter ungeheuren Schmerzen ver⸗ zehrt wird. Wie bedaure ich die Ungluͤckliche, die ſich einem Andern widmen ſoll, wenn ihr Herz ſchon den wuͤr⸗ digen Gegenſtand eines wahren und reinen Verlangens gefunden hat. Dieſe Gefühle ſind freylich ſehr weit von jenen Be⸗ trachtungen entfernt, unter denen ein Kunſtliebhaber die Werke großer Meiſter anzuſehen pflegt; wahrſcheinlich wuͤrde Ihnen aber, wenn das Kabinet ein Eigenthum Ihres Hauſes geblieben waͤre, nach und nach der Sinn fur die Werke ſelbſt aufgegangen ſeyn, ſo daß Sie nicht immer nur ſich ſelbſt und Ihre Neigung in den Kunſt⸗ werken geſehen haͤtten. Gewiß that mir der Verkauf des Kabinets gleich ſehr leid, und ich habe es auch in reifern Jahren oͤfters ver⸗ miſſt; wenn ich aber bedenke, daß es gleichſam ſo ſeyn muſſte, um eine Liebhaberey, um ein Talent in mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken ſollten, als jene lebloſen Bilder je gethan haͤtten; ſo beſcheide ich mich dann gern, und verehre das Schickſal, das mein Beſtes und eines Jeden Beſtes einzuleiten weiß. Leider hoͤre ich ſchon wieder das Wort Schickſal von eeinem jungen Manne ausſprechen, der ſich eben in einem Alter befindet, wo man gewoͤhnlich ſeinen lebhaf⸗ pflegt. ten Neigungen den Willen hoͤherer Weſen unterzuſchieben So glauben Sie kein Schickſal? Keine Macht, die uͤber uns waltet, und Alles zu unſerm Beſten lenkt? Es iſt hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort, auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich ſind, einigermaßen denkbar zu ma⸗ chen ſuche; hier iſt nur die Frage, welche Vorſtellungs⸗ art zu unſerm Beſten gereicht. Das Gewebe dieſer Welt iſt aus Nothwendigkeit und Zufall gebildet, die Vernunft des Menſchen ſtellt ſich zwiſchen beyde, und weiß ſie zu beherrſchen; ſie behandelt das Nothwen⸗ dige als den Grund ihres Daſeyns; das Zufaͤllige weiß ſie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, in⸗ dem ſie feſt und unerſchuͤtterlich ſteht, verdient der Menſch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der ſich von Jugend auf gewoͤhnt, in dem Noth⸗ wendigen etwas Willkuͤhrliches finden zu wollen, der dem Zufäͤlligen eine Art von Vernunft zuſchreiben moͤchte, welcher zu folgen ſogar eine Religion ſey. Heißt das etwas weiter, als ſeinem eignen Verſtande entſagen, und ſeinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu ſeyn, indem wir ohne Ueber⸗ legung hinſchlendern, uns durch angenehme Zufaͤlle de⸗ terminiren laſſen, und endlich dem Reſultate eines ſol⸗ chen ſchwankenden Lebens den Namen einer goͤttlichen Führung geben. —— 109 Waren Sie niemals in dem Falle, daß ein kleiner Umſtand Sie veranlaſſte, einen gewiſſen Weg einzuſchla⸗ gen, auf welchem bald eine gefaͤllige Gelegenheit Ihnen entgegen kam, und eine Reihe von unerwarteten Vorfaͤl⸗ len Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie ſelbſt noch kaum ins Auge gefaſſt hatten? Sollte das nicht Erge⸗ benheit in das Schickſal, Zutrauen zu einer ſolchen Lei⸗ tung einfloͤßen?— Mit dieſen Geſinnungen koͤnnte kein Maͤdchen ihre Tugend, Niemand ſein Geld im Beutel behalten; denn es gibt Anlaͤſſe genug, Beydes los zu werden. Ich kann mich nur uͤber den Menſchen freuen, der weiß, was ihm und Andern nuͤtze iſt, und ſeine Willkuͤhr zu be⸗ ſchraͤnken arbeitet. Jeder hat ſein eigen Gluͤck unter den 8 Haͤnden, wie der Kuͤnſtler eine rohe Materie, die er zu einer Geſtalt umbilden will. Aber es iſt mit dieſer Kunſt wie mit allen; nur die Faͤhigkeit dazu wird uns angebo⸗ ren, ſie will gelernt und ſorgfaͤltig ausgeuͤbt ſeyn. Dieſes und Mehreres wurde noch unter ihnen abge⸗ handelt; endlich trennten ſie ſich, ohne daß ſie einander ſonderlich uͤberzeugt zu haben ſchienen, doch beſtimm⸗ ten ſie auf den folgenden Tag einen Ort der Zuſam⸗ menkunft. Wilhelm ging noch einige Straßen auf und nieder; er hoͤrte Clarinetten, Waldhoͤrner und Fagotte, es ſchwoll ſein Buſen. Durchreiſende Spielleute machten eine an⸗ 110 genehme Nachtmuſik. Er ſprach mit ihnen, und um ein Stuͤck Geld folgten ſie ihm zu Marianens Woh⸗ nung. Hohe Baͤume zierten den Platz vor ihrem Hauſe, darunter ſtellte er ſeine Saͤnger; er ſelbſt ruhte auf ei⸗ ner Bank in einiger Entfernung, und uͤberließ ſich ganz den ſchwebenden Toͤnen, die in der labenden Nacht um ihn ſaͤuſelten. Unter den holden Sternen hingeſtreckt war ihm ſein Daſeyn wie ein goldner Traum.— Sie hört auch dieſe Floͤten, ſagt' er in ſeinem Herzen; ſie fuͤhlt, weſſen Andenken, weſſen Liebe die Nacht wohl⸗ klingend macht; auch in der Entfernung ſind wir durch dieſe Melodien zufammengebunden, wie in jeder Ent⸗ fernung durch die feinſte Stimmung der Liebe. Ach! zwey liebende Herzen, ſie ſind wie zwey Magnetuhren; was in der einen ſich regt, muß auch die andere mit bewegen, denn es iſt nur Eins, was in beyden wirkt, Eine Kraft, die ſie durchgluͤht. Kann ich in ihren Ar⸗ men eine Moͤglichkeit fuͤhlen, mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern von ihr ſeyn, werde einen Heilort fuͤr unſere Liebe ſuchen, und werde ſie immer mit mir haben. 3 Wie oft iſt mir's geſchehen, daß ich abweſend von ihr, in Gedanken an ſie verloren, ein Buch, ein Kleid oder ſonſt etwas beruͤhrte, und glaubte ihre Hand zu fuͤhlen, ſo ganz war ich mit ihrer Gegenwart umkleidet. Und jener Augenblicke mich zu erinnnern, die das Licht des Tages wie das Auge des kalten Zuſchauers fliehen, die III zu genießen Götter den ſchmerzloſen Zuſtand der reinen Seligkeit zu verlaſſen ſich entſchließen duͤrften!— Mich zu erinnern?— Als wenn man den Rauſch des Tau⸗ melkelchs in der Erinnerung erneuern koͤnnte, der unſere Sinne, von himmliſchen Banden umſtrickt, aus aller ihrer Faſſung reißt.— Und ihre Geſtalt—— Er verlor ſich im Andenken an ſie, ſeine Ruhe ging in Verlangen uͤber, er umfaſſte einen Baum, kuͤhlte ſeine heiße Wange an der Rinde, und die Winde der Nacht ſaugten begierig den Hauch auf, der aus dem reinen Buſen bewegt hervor⸗ drang. Er fuͤhlte nach dem Halstuch, das er von ihr mitgenommen hatte, es war vergeſſen, es ſteckte im vo⸗ rigen Kleide. Seine Lippen lechzten, ſeine Glieder zit⸗ terten vor Verlangen. Die Muſik hörte auf, und es war ihm, als waͤr' er aus dem Elemente gefallen, in dem ſeine Empfindungen bisher empor getragen wurden. Seine Unruhe ver⸗ mehrte ſich, da ſeine Gefuͤhle nicht mehr von den ſanf⸗ ten Toͤnen genaͤhrt und gelindert wurden. Er ſetzte ſich auf ihre Schwelle nieder, und war ſchon mehr beruhigt. Er kuͤſſte den meſſingenen Ring, womit man an ihre Thuͤre pochte, er kuͤſſte die Schwelle, uͤber die ihre Fuͤße aus und ein gingen, und erwaͤrmte ſie durch das Feuer ſeiner Bruſt. Dann ſaß er wieder eine Weile ſtille, und dachte ſie hinter ihren Vorhaͤngen, im weißen Nacht⸗ kkleide mit dem rothen Band um den Kopf in ſußer Ruhe, und dachte ſich ſelbſt ſo nahe zu ihr hin, daß — 112- ihm vorkem, ſie muͤſſte nun von ihm traͤumen. Seine Gedanken waren lieblich, wie die Geiſter der Daͤmme⸗ rung; Ruhe und Verlangen wechſelten in ihm; die Liebe lief mit ſchaudernder Hand tauſendfaͤltig uͤber alle Sai⸗ ten ſeiner Seele; es war, als wenn der Geſang der Sphaͤren uͤber ihm ſtille ſtuͤnde, um die leiſen Melodien ſeines Herzens zu belauſchen. Haͤtte er den Hauptſchluſſel bey ſich gehabt, der ihm ſonſt Marianens Thuͤre offnete, er wuͤrde ſich nicht gehal⸗ ten haben, wuͤrde ins Heiligthum der Liebe eingedrun⸗ gen ſeyn. Doch er entfernte ſich langſam, ſchwankte halb traͤumend unter den Baͤumen hin, wollte nach Hauſe, und ward immer wieder umgewendet; endlich als er's uͤber ſich vermochte, ging, und an der Ecke noch einmal zuruͤckſah, kam es ihm vor, als wenn Maria⸗ nens Thuͤre ſich oͤffnete, und eine dunkle Geſtalt ſich heraus bewegte. Er war zu weit, um deutlich zu ſe⸗ hen, und eh er ſich faſſte und recht aufſah, hatte ſich die Erſcheinung ſchon in der Nacht verloren; nur ganz weit glaubte er ſie wieder an einem weißen Hauſe vorbey ſtreifen zu ſehen. Er ſtund und blinzte, und ehe er ſich ermannte und nacheilte, war das Phantom ver⸗ ſchwunden. Wohin ſollt' er ihm folgen? Welche Straße hatte den Menſchen aufgenommen, wenn es einer war? Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Win⸗ kel erhellte, gleich darauf mit geblendeten Augen die vo⸗ rigen Geſtalten, den Zuſammenhang der Pfade in der Finſterniß vergebens ſucht, ſo war's vor ſeinen Augen, ſo war's in ſeinem Herzen. Und wie ein Geſpenſt der Mitternacht, das ungeheure Schrecken erzeugt, in fol⸗ genden Augenblicken der Faſſung fuͤr ein Kind des Schreckens gehalten wird, und die furchterliche Erſchei⸗ nung Zweifel ohne Ende in der Seele zurüͤcklaͤſſt; ſo war auch Wilhelm in der groͤßten Unruhe, als er, an einen Eckſtein gelehnt, die Helle des Morgeus und das Geſchrey der Haͤhne nicht achtete, bis die fruͤhen Ge⸗ werbe lebendig zu werden anfingen, und ihn nach Hauſe trieben. Er hatte, wie er zuruͤck kam, das unerwartete Blend⸗ werk mit den triftigſten Gruͤnden beynahe aus der Seele vertrieben; doch die ſchoͤne Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erſcheinung zuruͤck dachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel ſei⸗ nem wiederkehrenden Glauben aufzudruͤcken, nahm er das Halstuch aus der vorigen Taſche. Das Rauſchen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm das Tuch von den Lippen; er hob auf und las: „So hab' ich dich lieb, kleiner Narre! Was war dir auch geſtern? Heute Nacht komm' ich zu dir. Ich glaube wohl, daß dir's leid thut, von hier weg⸗ zugehen; aber habe Gedult; auf die Meſſe komm' ich dir nach. Hoͤre, thu mir nicht wieder die ſchwarz⸗gruͤn⸗ Goethe's Werfe. III. Pd. 8 braune Jacke an, du ſiehſt drin aus wie die Hexe von Endor. Hab' ich dir nicht das weiſſe Neglige darum geſchickt, daß ich ein weiſſes Schaͤfchen in meinen Ar⸗ men haben will. Schick mir deine Zettel immer durch die alte Sibylle; die hat der Teufel ſelbſt zur Jris beſtellt.“ Wilhelm Neiſters Lehrjahre. Zweytes Buch. Erſtes Capitel. Jeder, der mit lebhaften Kraͤften vor unſern Augen eine Abſicht zu erreichen ſtrebt, kann, wir möoͤgen ſeinen Zweck loben oder tadeln, ſich unſre Theilnahme verſpre⸗ chen; ſobald aber die Sache entſchieden iſt, wenden wir unſer Auge ſogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was abgethan da liegt, kann unſre Aufmerkſamkeit keineswegs feſſeln, beſonders wenn wir ſchon fruͤhe der Unternehmung einen uͤbeln Ausgans prophezeiht haben. Deswegen ſollen unſre Leſer nicht umſtaͤndlich mit dem Jammer und der Noth unſers verungluͤckten Freun⸗ des, in die er gerieth, als er ſeine Hoffnungen und Wuͤnſche, auf eine ſo unerwartete Weiſe, zerſtoͤrt ſah, unterhalten werden. Wir uͤberſpringen vielmehr einige Jahre, und ſuchen ihn erſt da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Thaͤtigkeit und Genuß zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kuͤrzlich ſo viel, als zum Zuſam⸗ menhang der Geſchichte noͤthig iſt, vorgetragen haben. Die Peſt, oder ein boͤſes Fieber raſen in einem ge⸗ ſunden, vollſaftigen Koͤrper, den ſie anfallen, ſchneller und heftiger, und ſo ward der arme Wilhelm unvermu⸗ thet von einem ungluͤcklichen Schickſale uͤberwaͤltigt, daß in Einem Augenblicke ſein ganzes Weſen zerruͤttet war. Wie wenn von ungefähr unter der Zuruſtung ein Feuer⸗ werk in Brand gerath, und die kunſtlich gebohrten und gefuͤllten Huͤlſen, die, nach einem gewiſſen Plane geord⸗ net und abgebrannt, praͤchtig abwechſelnde Feuer⸗Bilder in die Luft zeichnen ſollten, nunmehr unordentlich und gefaͤhrlich durch einander ziſchen und ſauſen; ſo gingen auch jetzt in ſeinem Buſen Gluck und Hoffnung, Wolluſt und Freuden, Wirkliches und Getraͤumtes auf einmal ſchei⸗ ternd durch einander. In ſolchen wuͤſten Augenblicken erſtarrt der Freund, der zur Rettung hinzu eilt, und dem, den es trifft, iſt es eine Wohlthat, daß ihn die Sinne verlaſſen.. Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vor⸗ ſatz erneuerten Schmerzens folgten darauf; doch ſind auch dieſe fuͤr eine Gnade der Natur zu achten. In ſolchen Stunden hatte Wilhelm ſeine Geliebte noch nicht ganz verloren; ſeine Schmerzen waren unermuͤdet er⸗ neuerte Verſuche, das Gluͤck, das ihm aus der Seele entfloh, noch feſt zu halten, die Moͤglichkeit deſſelben in der Vorſtellung wieder zu erhaſchen, ſeinen auf immer abgeſchiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu verſchaf⸗ fen. Wie man einen Koͤrper, ſo lange die Verweſung * dauert, nicht ganz todt nennen kann, ſo lange die Kräͤfte, die vergebens nach ihren alten Beſtimmungen zu wirken ſuchen, an der Zerſtoͤrung der Theile, die ſie ſonſt beleb⸗ ten, ſich abarbeiten; nur dann, wenn ſich alles an einan⸗ der aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichguͤlti⸗ gen Staub zerlegt ſehen, dann entſteht das erbaͤrmliche, leere Gefuͤhl des Todes in uns, nur durch den Athem des Ewiglebenden zu erquicken. In einem ſo neuen, ganzen, lieblichen Gemuͤthe war viel zu zerreißen, zu zerſtoͤren, zu ertoͤdten, und die ſchnellheilende Kraft der Jugend gab ſelbſt der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der Streich hatte ſein ganzes Daſeyn an der Wurzel getrof⸗ fen. Werner, aus Noth ſein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer verhaſſten Leidenſchaft, dem Ungeheuer, ins innerſte Leben zu dringen. Die Gelegenheit war ſo gluͤcklich, das Zeugniß ſo bey der Hand, und wieviel Geſchichten und Erzaͤhlungen wuſſt' er nicht zu nutzen. Er trieb's mit ſolcher Heftigkeit und Grauſamkeit Schritt vor Schritt, ließ dem Freunde nicht das Labſal des mindeſten augenblicklichen Betru⸗ ges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er ſich vor der Verzweiflung haͤtte retten koͤnnen, daß die Na⸗ tur, die ihren Liebling nicht wollte zu Grunde gehen laſſen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm von der an⸗ dern Seite Luft zu machen. Ein lebhaftes Fieber mit ſeinem Gefolge„ den Arze⸗ —— 120 neyen, der Ueberſpannung und der Mattigkeit; dabey die Bemuhungen der Familie, die Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Bedurfniſſe ſich erſt recht fuͤhlbar macht, waren ſo viele Zerſtreuungen eines veraͤnderten Zuſtandes, und eine kümmerliche Unterhaltung. Erſt als er wieder beſſer wurde, das heißt, als ſeine Kraͤfte er⸗ ſchoͤpft waren, ſah Wilhelm mit Entſetzen in den qual⸗ vollen Abgrund eines duͤrren Elendes hinab, wie man in den ausgebrannten hohlen Becher eines Vulkans hin⸗ unter blickt.. Nunmehr machte er ſich ſelbſt die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er, nach ſo großem Verluſt, noch einen ſchmerzenlo⸗ ſen, ruhigen, gleichguͤltigen Augenblick haben koͤnne. Er verachtete ſein eigen Herz, und ſehnte ſich nach dem Lab⸗ ſal des Jammers und der Thraͤnen. Um dieſe wieder in ſich zu erwecken, brachte er vor ſein Andenken alle Scenen des vergangenen Gluͤcks. Mit der groͤßten Lebhaftigkeit mahlte er ſie ſich aus, ſtrebte wieder in ſie hinein, und wenn er ſich zur moͤg⸗ lichſten Hoͤhe hinauf gearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenſchein voriger Tage wieder die Glieder zu bele⸗ ben, den Buſen zu heben ſchien, ſah er ruͤckwaͤrts auf den ſchrecklichen Abgrund, labte ſein Auge an der zerſchmet⸗ ternden Tiefe, warf ſich hinunter, und erzwang von der Natur die bitterſten Schmerzen. Mit ſo wiederholter Grauſamkeit zerriß er ſich ſelbſt; denn die Jugend, die ſo reich an eingehuͤllten Kraͤften iſt, weiß nicht, was ſie 121 verſchleudert, wenn ſie dem Schmerz, den ein Verluſt erregt, noch ſo viele erzwungene Leiden zugeſellt, als wollte ſie dem Verlornen dadurch noch erſt einen rech⸗ ten Werth geben. Auch war er ſo uͤberzeugt, daß die⸗ ſer Verluſt der einzige, der erſte und der letzte ſey, den er in ſeinem Leben empfinden koͤnne, daß er jeden Troſt verabſcheute, der ihm dieſe Leiden als endlich vorzuſtel⸗ len unternahm. Zweytes Capitel. Gewohnt, auf dieſe Weiſe ſich ſelbſt zu quaͤlen, griff er nun auch das Uebrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die gröͤßten Freuden und Hoffnungen gegeben hatte, ſein Talent als Dichter und Schauſpieler, mit haͤ⸗ miſcher Kritik von allen Seiten an. Er ſah in ſeinen Ar⸗ beiten nichts als eine geiſtloſe Nachahmung einiger herge⸗ brachten Formen, ohne innern Werth; er wollte darin nur ſteife Schul⸗Exercitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeiſterung fehle. In ſeinen Gedichten fand er nur ein monotones Sylben⸗ maß, in welchem, durch einen armſeligen Reim zuſam⸗ men gehalten, ganz gemeine Gedanken und Empfindun⸗ gen ſich hinſchleppten; und ſo benahm er ſich auch jede Ausſicht, jede Luſt, die ihn von dieſer Seite nuch allen⸗ falls haͤtte wieder aufrichten koͤnnen. Seinem Schauſpieler⸗„Talente ging es nicht beſſer. Er ſchalt ſich, daß er nicht fruͤher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieſer Anmaßung zum Grunde gelegen. Seine Figur, ſein Gang, ſeine Bewegung und Deklamation muſſten herhalten; er ſprach ſich jede Ari gon Vorzug, 123 jedes Verdienſt, daß ihn uͤber das Gemeine empor gehoben haͤtte, entſcheidend ab, und vermehrte ſeine ſtumme Ver⸗ zweiflung dadurch auf den hoͤchſten Grad. Denn, wenn es hart iſt, der Liebe eines Weibes zu entſagen, ſo iſt die Empfindung nicht weniger ſchmerzlich, von dem Um⸗ gange der Muſen ſich loszureißen, ſich ihrer Gemein⸗ ſchaft auf immer unwuͤrdig zu erklaͤren, und auf den ſchoͤn⸗ ſten und naͤchſten Beyfall, der unſrer Perſon, unſerm Betragen, unſrer Stimme oͤffentlich gegeben wird, Ver⸗ zicht zu thun. So hatte ſich denn unſer Freund voͤllig reſignirt, und ſich zugleich mit großem Eifer den Handelsgeſchaͤften gewidmet. Zum Erſtaunen ſeines Freundes und zur groͤßten Zufriedenheit ſeines Vaters war Niemand auf dem Comtoir und der Boͤrſe, im Laden nnd Gewölbe thaͤtiger, als er; Correſpondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wurde, beſorgte und verrichtete er mit groͤßtem Fleiß und Eifer. Freylich nicht mit dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geſchaͤftigen Be⸗ lohnung iſt, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren ſind, mit Ordnung und Folge verrichten, ſondern mit dem ſtillen Fleiße der Pflicht, der den beſten Vorſatz zum Grunde hat, der durch Ueberzeugung genaͤhrt und durch ein innres Selbſtgefuͤhl belohnt wird; der aber doch oft, ſelbſt dann, wenn ihm das ſchoͤnſte Bewuſſtſeyn die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu er⸗ ſticken vermag. — 124 1 Auf dieſe Weiſe hatte Wilhelm eine Zeitlang ſehr em⸗ ſig fortgelebt und ſich uüberzeugt, daß jene harte Pruͤ⸗ fung vom Schickſale zu ſeinem Beſten veranſtaltet wor⸗ den. Er war froh, auf dem Wege des Lebens ſich bey Zeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu ſehen, anſtatt daß Andere ſpaͤter und ſchwerer die Mißgriffe buͤßen, wozu ſie ein jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn gewoͤhnlich wehrt ſich der Menſch ſo lange als er kann, den Thoren, den er im Buſen hegt, zu verabſchieden, einen Hauptirrthum zu bekennen, und eine Waheheit ein⸗ zugeſtehen, die ihn zur Verzweiflung bringt. So entſchloſſen er war, ſeinen liebſten Vorſtellun⸗ gen zu entſagen, ſo war doch einige Zeit noͤthig, um ihn von ſeinem Unglücke voͤllig zu uberzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des poetiſchen Her⸗ vorbringens und der perſoͤnlichen Darſtellung, mit trif⸗ tigen Gruͤnden, ſo ganz in ſich vernichtet, daß er Muth faſſte, alle Spuren ſeiner Thorheit, alles, was ihn ir⸗ gend noch daran erinnern könnte, völlig auszuloͤſchen. Er hatte daher an einem kuͤhlen Abende ein Kaminfeuer angezuͤndet, und holte ein Reliquienkaͤſtchen hervor, in welchem ſich hunderterley Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden Augenblicken von Marianen erhalten, oder derſelben geraubt hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da ſie noch friſch in ihren Haa⸗ ten bluͤhte; jedes Zettelchen an die gluͤckliche Stunde, wozu ſie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den liebli⸗ 2 5„. A chen Ruheplatz ſeines Hauptes, ihren ſchoͤnen Buſen. Muſſte nicht auf dieſe Weiſe jede Empfindung, die er ſchon lange getoͤdtet glaubte, ſich wieder zu bewegen an⸗ fangen? Muſſte nicht die Leidenſchaft, uͤber die er, abge⸗ ſchieden von ſeiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieſer Kleinigkeiten wieder maͤchtig wer⸗ den? Denn wir merken erſt, wie traurig und unangenehm ein truͤber Tag iſt, wenn ein einziger, durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer hei⸗ tern Stunde darſtellt. Nicht ohne Bewegung ſah er daher dieſe ſo lange be⸗ wahrten Heiligthuͤmer nach einander in Rauch und Flamme vor ſich aufgehen. Einigemal hielt er zaudernd inne, und hatte noch eine Perlenſchnur und ein flornes Halstuch uͤbrig, als er ſich entſchloß, mit den dichteriſchen Ver⸗ uchen ſeiner Jugend das abnehmende Feuer wieder an⸗ zufriſchen. Bis jetzt hatte er alles ſorgfaͤltig aufgehoben, was ihm, von der fruͤhſten Entwicklung ſeines Geiſtes an, aus der Feder gefloſſen war. Noch lagen ſeine Schriften in Buͤndel gebunden auf dem Boden des Koffers, wohin er ſie gepackt hatte, als er ſie auf ſeiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eroͤffnete er ſie jetzt, als er ſie damals zuſammen band! Wenn wir einen Brief, den wir unter gewiſſen Um⸗ ſtaͤnden geſchrieben und geſiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht antrifft, ſondern wieder zu uns zuruͤck gebracht wird, nach einiger Zeit er⸗ oͤffnen, uberfaͤllt uns eine ſonderbare Empfindung, indem wir unſer eignes Siegel erbrechen, und uns mit unſerm veraͤnderten Selbſt wie mit einer dritten Perſon unterhal⸗ ten. Ein aͤhnliches Gefuͤhl ergriff mit Heſtigkeit unſern Freund, als er das erſte Packet eroͤffnete, und die zertheil⸗ ten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltſam aufloderten, als Werner hereintrat, ſich uͤber die lebhafte Flamme ver⸗ wunderte, und fragte, was hier vorgehe? Ich gebe einen Beweis, ſagte Wilhelm, daß es mir Ernſt ſey, ein Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht ge⸗ boren ward; und mit dieſen Worten warf er das zweyte Packet in das Feuer.„Werner wollte ihn abhalten, allein es war geſchehen. 4 Ich ſehe nicht ein, wie du zu dieſem Extrem kommſt; ſagte dieſer. Watum ſollen denn nun dieſe Arbeiten, wenn ſie nicht vortrefflich ſind, gar vernichtet werden? Weil ein Gedicht entweder vortrefflich ſeyn, oder gar nicht exiſtiren ſoll. Weil jeder, der keine Anlage hat, das Beſte zu leiſten, ſich der Kunſt enthalten, und ſich vor jeder Verfuͤhrung dazu ernſtlich in Acht nehmen ſollte. Denn freylich regt ſich in jedem Menſchen ein ge⸗ wiſſes unbeſtimmtes Verlangen, dasjenige, was er ſieht, nachzuahmen; aber dieſes Verlangen beweist gar nicht, daß auch die Kraft in uns wohne, mit dem was wir unternehmen, zu Stande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie ſie jedesmal, ſo oft Seiltaͤnzer in der —— —— —:—— wieder gehen und balanciren, bis ein anderer Reiz ſie daß ein Werk, deſſen erſte Vorſtellung die ganze Seele fuͤllen muß, in unterbrochenen, zuſammen gegeizten 127 Stadt geweſen, auf allen Planken und Balken hin und wieder zu einem aͤhnlichen Spiele hinzieht. Haſt du es nicht in dem Zirkel unſrer Freunde bemerkt? So oft ſich ein Virtuoſe hoͤren laͤſſt, finden ſich immer einige, die ſo⸗ gleich daſſelbe Inſtrument zu lernen anſangen. Wie viele irren auf dieſem Wege herum! Gluͤcklich, wer den Fehlſchluß von ſeinen Wuͤnſchen auf ſeine Kraͤſte bald gewahr wird! 3 Werner widerſprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konute nicht ohne Bewegung die Argu⸗ mente, mit denen er ſich ſelbſt ſo oft gequaͤlt hatte, gegen. ſeinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es ſey nicht vernuͤnftig, ein Talent, zu dem man nur einiger⸗ maßen Neigung und Geſchick habe, deswegen, weil man es niemals in der größten Vollkommenheit ausuͤben werde, ganz aufzugeben. Es finde ſich ja ſo manche leere Zeit, die man dadurch ausfuͤllen, und nach und nach etwas her⸗ vorbringen koͤnne, wodurch wir uns und Andern ein Ver⸗ gnuͤgen bereiten. Unſer Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm ſogleich ein, und ſagte mit großer Lebhaf⸗ tigkeit: Wie ſehr irrſt du, lieber Freund, wenn du glaubſt, Stunden koͤnne hervorgebracht werden. Nein, der Dich⸗ — 138 ter muß ganz ſich, ganz in ſeinen geliebten Gegenſtaͤn⸗ den leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das koͤſt⸗ lichſte begabt iſt, der einen ſich immer ſelbſt vermehrenden Schatz im Buſen bewahrt, er muß auch von außen unge⸗ ſtoͤrt mit ſeinen Schaͤtzen in der ſtillen Gluͤckſeligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehaͤuften Guͤtern um ſich hervorzubringen ſucht. Sieh die Menſchen an, wie ſie nach Gluͤck und Vergnugen rennen! Ihre Wuͤnſche, ihre Muͤhe, ihr Geld jagen raſtlos, und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefuͤhl ſeiner ſelbſt in Andern, nach einem harmoniſchen Zuſammenſeyn mit vielen oft unvereinbaren Dingen. Was beunruhigt die Menſchen, als daß ſie ihre Be⸗ griffe nicht mit den Sachen verbinden köoͤnnen, daß der Genuß ſich ihnen unter den Haͤnden wegſtiehlt, daß das Gewuünſchte zu ſpaͤt kommt, und daß alles Erreichte und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung thut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnen laͤſſt. Gleichſam wie einen Gott hat das Schickſal den Dichter uͤber dieſes alles hinuͤber geſetzt. Er ſieht das Gewirre der Leiden⸗ ſchaften, Familien und Reiche ſich zwecklos bewegen, er ſieht die unaufloͤslichen Raͤthſel der Mißverſtaͤndniſſe, denen oft nur ein einſylbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unſaͤglich verderbliche Verwirrungen verurſachen. Er fuͤhlt das Traurige und das Freudige jedes Men⸗ ſchenſchickſals mit. Wenn der Weltmenſch in einer — 1²9 abzehrenden Melancholie uͤber großen Verluſt ſeine Tage hinſchleicht, oder in ausgelaſſener Freude ſeinem Schick⸗ ſale entgegen geht, ſo ſchreitet die empfaͤngliche leichtbe⸗ wegliche Seele des Dichters, wie die wandelnde Sonne, von Nacht zu Tag fort, und mit leiſen Uebergaͤngen ſtimmt ſeine Harfe zu Freud' und Leid. Eingeboren auf dem Grund ſeines Herzens wchst die ſchoͤne Blume der Weisheit hervor, und wenn die Andern wachend traͤu⸗ men, und von ungeheuren Vorſtellungen aus allen ihren Sinnen geaͤngſtiget werden, ſo lebt er den Traum des Lebens als ein Wachender, und das Seltenſte, was ge⸗ ſchieht, iſt ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und ſo iſt der Dichter zugleich Lehrer, Wahrſager, Freund der Goͤtter und der Menſchen. Wie! willſt du, daß er zu einem kuͤmmerlichen Gewerbe herunter ſteige? er, der wie ein Vogel gebaut iſt, um die Welt zu uͤber⸗ ſchweben, auf hohen Gipfeln zu niſten, und ſeine Nah⸗ rung von Knoſpen und Fruͤchten, einen Zweig mit dem andern leicht verwechſelnd, zu nehmen, er ſollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie der Hund ſich auf eine Faͤhrte gewoͤhnen, oder vielleicht gar an die Kette geſchloſſen einen Meyerhof durch ſein Bellen ſichern? Werner hatte, wie man ſich denken kann, mit Ver⸗ wunderung zugehoͤrt. Wenn nur auch die Menſchen, fiel er ihm ein, wie die Voͤgel gemacht waͤren, und, ohne daß ſie ſpinnen und weben, holdſelige Tage in beſtaͤndi⸗ gem Genuß zubringen könnten. Wenn ſie nur auch bey Goethe's Werke. III. Bd. 9 ——— —— 130 . Ankunft des Winters ſich ſo leicht in ferne Gegenden be⸗ geben koͤnnten, dem Mangel auszuweichen, und ſich vor dem Froſte zu ſichern. 1 So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo d das Ehr⸗ wurdige mehr erkannt ward, rief Wilhelm aus, und ſo ſollten ſie immer leben. Genugſam in ihrem Innerſten ausgeſtattet bedurften ſie wenig von außen; die Gabe, ſchoͤne Empfindungen, herrliche Bilder den Menſchen in ſuͤßen, ſich an jeden Gegenſtand anſchmiegenden Worten und Melodien mitzutheilen, bezauberte von jeher die Welt, und war fuͤr den Begabten ein reichliches Erb⸗ theil. An der Könige Hofen, an den Tiſchen der Reichen, 3 vor den Thuͤren der Verliebten horchte man auf ſie, in⸗ demm ſich das Ohr und die Seele fuͤr alles Andere ver⸗ ſchloß; wie man ſich ſelig preist und entzuͤckt ſtille ſteht, wenn aus den Gebuͤſchen, durch die man wandelt, die Stimme der Nachtigall gewaltig ruͤhrend hervordringt! Sie fanden eine gaſtfreye Welt, und ihr niedrig ſcheinen⸗ der Stand erhoͤhte ſie nur deſto mehr. Der Held lauſchte ihren Geſaͤngen, und der Ueberwinder der Welt huldigte einem Dichter, weil er fuͤhlte, daß, ohne dieſen, ſein ungeheures Daſeyn nur wie ein Sturmwind voruüberfahe ren wuͤrde; der Liebende wuͤnſchte ſein Verlangen und ſeinen Genuß ſo tauſendfach und ſo harmoniſch zu fuͤh⸗ len, als ihn die beſeelte Lippe zu ſchildern verſtand; und ſelbſt der Reiche konnte ſeine Beſitzthuͤmer, ſeine Abgoͤt⸗ ter, nicht mit eigenen Augen ſo koſtbar ſehen, als ſie ihm — 131 vom Glanz des allen Werth fuͤhlenden und erhöhenden Geiſtes beleuchtet erſchienen. Ja, wer hat, wenn du willſt, Goͤtter gebildet, uns zu ihnen erhoben, ſie zu uns herniedergebracht, als der Dichter? Mein Freund, verſetzte Werner nach einigem Nach⸗ denken, ich habe ſchon oft bedauert, daß du das, was du ſo lebhaft fuͤhlſt, mit Gewalt aus deiner Seele zu ver⸗ bannen ſtrebſt. Ich muͤſſte mich ſehr irren, wenn du nicht beſſer thaͤteſt, dir ſelbſt einigermaßen nachzugeben, als dich durch die Widerſpruͤche eines ſo harten Entſa⸗ gens aufzureiben, und dir mit der Einen unſchuldigen Freude den Genuß aller uͤbrigen zu entziehen. Darf ich dir's geſtehen, mein Freund, verſetzte der Andre, und wirſt du mich nicht laͤcherlich finden, wenn ich dir bekenne, daß jene Bilder mich noch immer ver⸗ folgen, ſo ſehr ich ſie fliehe, und daß, wenn ich mein Herz unterſuche, alle fruͤhen Wuͤnſche feſt, ja noch feſter als ſonſt darin haften? Doch was bleibt mir Ungluͤck⸗ lichen gegenwaͤrtig übrig? Ach! wer mit vorausgeſagt haͤtte, daß die Arme meines Geiſtes ſobald zerſchmettert werden ſollten, mit denen ich ins Unendliche griff, und mit denen ich doch gewiß ein Großes zu umfaſſen hoffte, wer mir das vorausgeſagt haͤtte, wuͤrde mich zur Ver⸗ zweiflung gebracht haben. Und noch jetzt, da das Ge⸗ richt uͤber mich ergangen iſt, jetzt, da ich die verloren habe, die anſtatt einer Gottheit mich zu meinen Wuͤn⸗ ſchen hinüber fuͤhren ſollte, was bleibt mir übtig, als mich den bitterſten Schmerzen zu überlaſſen? O mein Bruder, fuhr er fort, ich leugne nicht, ſie war mir bey meinen heimlichen Anſchlaͤgen der Kloben, an den eine Strickleiter befeſtigt iſt; gefaͤhrlich hoffend ſchwebt der Abenteurer in der Luft, das Eiſen bricht, und er liegt zerſchmettert am Fuße ſeiner Wuͤnſche. Es iſt auch nun fuͤr mich kein Troſt, keine Hoffnung mehr! Ich werde, rief er aus, indem er aufſprang, von dieſen ungluͤckſe⸗ ligen Papieren keines üͤbrig laſſen. Er faſſte abermals ein Paar Hefte an, riß ſie auf und warf ſie ins Feuer. Werner wollte ihn abhalten, aber vergebens. Laß mich! rief Wilhelm, was ſollen dieſe elenden Blaͤtter? Fuͤr mich ſind ſie weder Stufe noch Aufmunterung mehr. Sollen ſie uͤbrig bleiben, um mich bis ans Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen ſie vielleicht einmal der Welt zum Geſpoͤtte dienen, anſtatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh uͤber mich und uͤber mein Schickſal! Nun verſtehe ich erſt die Klagen der Dichter, der aus Noth weiſe gewordnen Traurigen. Wie lange hielt ich mich fuͤr unzerſtorbar, fuͤr unverwundlich, und ach! nun ſeh' ich, daß ein tiefer fruͤher Schade nicht wieder auswachſen, ſich nicht wieder herſtellen kann; ich fuͤhle, daß ich ihn mit ins Grab nehmen muß. Nein! keinen Tag des Lebens ſoll der Schmerz von mir weichen, der mich noch zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken ſoll bey mir bleiben, mit mir leben und ſterben, das Anden⸗ ken der Unwuͤrdigen— ach, mein Freund! wenn ich 133 von Herzen reden ſoll— der gewiß nicht ganz Un⸗ wuͤrdigen! Ihr Stand, ihre Schickſale haben ſie tau⸗ ſendmal bey mir entſchuldigt. Ich bin zu grauſam ge⸗ weſen, du haſt mich in deine Kaͤlte, in deine Häͤrte unbarmherzig eingeweiht, meine zerruͤtteten Sinne ge⸗ fangen gehalten und mich verhindert, das fuͤr ſie und für mich zu thun, was ich uns Beyden ſchuldig war. Wer weiß, in welchen Zuſtand ich ſie verſetzt habe, und erſt nach und nach faͤllt mir's auf's Gewiſſen, in welcher Verzweiflung, in welcher Huͤlfloſigkeit ich ſie verließ. War's nicht moͤglich, daß ſie ſich entſchuldigen konnte? War's nicht moͤglich? Wie viel Mißverſtaͤndniſſe koͤnnen die Welt verwirren, wie viel Umſtaͤnde koͤnnen dem groͤß⸗ ten Fehler Vergebung erflehen?— Wie oft denke ich mir ſie, in der Stille fuͤr ſich ſitzend, auf ihren Ellen⸗ bogen geſtuͤtzt.— Das iſt, ſagt ſie, die Treue, die Liebe, die er mir zuſchwur! Mit dieſem unſanften Schlag das ſchoͤne Leben zu endigen, das uns verband!— Er brach in einen Strom von Thraͤnen aus, indem er ſich mit dem Geſichte auf den Tiſch warf, und die uͤberge⸗ bliebenen Papiere benetzte.: Werner ſtand in der groͤßten Verlegenheit dabey. Er hatte ſich dieſes raſche Auflodern der Leidenſchaft nicht vermuthet. Etlichemal wollte er ſeinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Geſpraͤch wo anders hinlenken, vergebens! er widerſtand dem Strome nicht. Auch hier uͤbernahm die ausdauernde Freundſchaft wie⸗ 134 der ihr Amt. Er ließ den heftigen Anfall des Schmer⸗ zes voruͤber, indem er durch ſeine ſtille Gegenwart eine aufrichtige reine Theilnehmung am beſten ſehen ließ, und ſo blieben ſie dieſen Abend: Wilhelm ins ſtille Nachgefuͤhl des Schmerzens verſenkt, und der Andere erſchreckt durch den neuen Ausbruch einer Leidenſchaft, die er lange bemeiſtert und durch guten Rath und ei⸗ friges Zureden uͤberwaͤltigt zu haben glaubte. Viertes Capitel. Als er in einem Wirthshauſe auf dem Markte ab⸗ trat, ging es darin ſehr luſtig, wenigſtens ſehr lebhaft zu. Eine große Geſellſchaft Seiltaͤnzer, Springer und Gaukler, die einen ſtarken Mann bey ſich hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen, und machten, indem ſie ſich auf eine oͤffentliche Erſcheinung bereiteten, einen Unfug uͤber den andern. Bald ſtvitten ſie mit dem Wirthe,. bald unter ſich ſelbſt; und wenn ihr Zank unleidlich war, ſo waren die Aeußerungen ihres Vergnuͤgens ganz und gar unertraͤglich. Unſchlüſſig, ob er gehen oder bleiben ſollte, ſtand er unter dem Thore, und ſah den Arbeitern zu, die auf dem Platze ein Geruͤſt aufzuſchlagen anfingen. Ein Maͤdchen, das Roſen und andere Blumen her⸗ umtrug, bot ihm ihren Korb dar, und er kaufte ſich einen ſchoͤnen Strauß, den er mit Liebhaberey anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenſter eines, an der Seite des Platzes ſtehenden, andern Gaſthauſes ſich aufthat, und ein wohlgebildetes Frauenzimmer ſich an demſelben zeigte. Er konnte ungeachtet der Entfer⸗ nung bemerken, daß eine angenehme Heiterkeit ihr Ge⸗ ſicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlaͤſſig auf⸗ geloͤst um ihren Nacken; ſie ſchien ſich nach dem Frem⸗ den umzuſehen. Einige Zeit darauf trat ein Knabe, der ein Friſirſchürze umgegürtet, und ein weiſſes Jaͤckchen an hatte, aus der Thuͤr jenes Hauſes, ging auf Wil⸗ helmen zu, begruͤßte ihn und ſagte: das Frauenzimmer am Fenſter laͤſſt Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen Theil der ſchoͤnen Blumen abtreten wollen?— Sie ſtehn ihr alle zu Dienſten, verſetzte Wilhelm, indem er dem leichten Boten das Bouquet uͤberreichte, und zugleich der Schoͤnen ein Kompliment machte, welches ſie mit einem freundlichen Gegengruß erwiederte, und ſich vom Fenſter zuruͤckzog. Nachdenkend uͤber dieſes artige Abenteuer ging er nach ſeinem Zimmer die Treppe hinauf, als ein junges Geſchoͤpf ihm entgegen ſprang, das ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Ein kurzes ſeidnes Weſtchen mit ge⸗ ſchlitzten ſpaniſchen Ermeln, knappe lange Beinkleider mit Puffen ſtanden dem Kinde gar artig. Lange ſchwarze Haare waren in Locken und Zoͤpfen um den Kopf gekraͤuſelt und gewunden. Er ſah die Geſtalt mit Verwunderung an, und konnte nicht mit ſich einig wer⸗ den, ob er ſie fuͤr einen Knaben oder fuͤr ein Maͤdchen erklaͤren ſollte. Doch entſchied er ſich bald fuͤr das letzte, und hielt ſie auf, da ſie bey ihm vorbey kam, bot ihr einen guten Tag, und fragte ſie, wem ſie angehoͤre? ob er ſchon leicht ſehen konnte, daß ſie ein Glied der 7— 143 3 ſpringenden und tanzenden Geſellſchaft ſeyn muͤſſe. Mit einem ſcharfen, ſchwarzen Seitenblick ſah ſie ihn an, indem ſie ſich von ihm losmachte, und in die Kuͤche lief, ohne zu antworten. Als er die Treppe hinauf kam, fand er auf dem wei⸗ ten Vorſaale zwey Mannsperſonen, die ſich im Fechten uͤbten, oder vielmehr ihre Geſchicklichkeit an einander zu verſuchen ſchienen. Der Eine war offenbar von der Ge⸗ ſellſchaft, die ſich im Hauſe befand, der Andere hatte ein weniger wildes Anſehn. Wilhelm ſah ihnen zu, und hatte Urſache, ſie beyde zu bewundern, und als nicht lange darauf der ſchwarzbaͤrtige nervige Streiter den Kampf⸗ platz verließ, bot der Andere, mit vieler Artigkeit, Wil⸗ helmen das Rappier an. Wenn Sie einen Schuͤler, verſetzte dieſer, in die Lehre nehmen wollen, ſo bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gaͤnge zu wagen. Sie fochten zuſammen, und obgleich der Fremde dem Ankoͤmmling weit uͤberlegen war, ſo war er doch hoͤflich genug, zu verſichern, daß alles nur auf Uebung ankomme; und wirklich hatte Wil⸗ helm auch gezeigt, daß er fruͤher von einem guten und gruͤndlichen deutſchen Fechtmeiſter unterrichtet wor⸗ den war.. Ihre Unterhaltung ward durch das Getoͤſe unter⸗ brochen, mit welchem die bunte Geſellſchaft aus dem Wirthshauſe auszog, um die Stadt von ihrem Schau⸗ ſpiel zu benachrichtigen, und auf ihre Kuͤnſte begierig zu — 144 machen. Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine Taͤnzerin auf einem aͤhnlichen Ge⸗ rippe, die ein Kind vor ſich hielt, das mit Bändern und Flittern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die uͤbrige Truppe zu Fuß, wovon einige auf ihren Schul⸗ tern Kinder, in abenteuerlichen Stellungen, leicht und bequem daher trugen, unter denen die junge, ſchwarz⸗ koͤpfige, duͤſtere Geſtalt Wilhelms Aufmerkſamkeit aufs Neue erregte. Pagliaſſo lief unter der andringenden Menge drollig hin und her, und theilte mit ſehr begreiflichen Spaͤßen, indem er bald ein Maͤdchen kuͤſſte, bald einen Knaben pritſchte, ſeine Zettel aus, und erweckte unter dem Volke eine unuüberwindliche Begierde, ihn naͤher kennen zu lernen. 5 6 In den gedruckten Anzeigen waren die mannichfalti⸗ gen Kuͤnſte der Geſellſchaft, beſonders eines Monſieur Narciß und der Demoiſelle Landrinette herausgeſtrichen, welche beyde, als Hauptperſonen, die Klugheit gehabt hatten, ſich von dem Zuge zu enthalten, ſich dadurch ein vornehmeres Anſehn zu geben, und groͤßre Neugier zu erwecken. Waͤhrend des Zuges hatte ſich auch die ſchoͤne Nach⸗ barin wieder am Fenſter ſehen laſſen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, ſich bey ſeinem Geſellſchafter nach ihr zu erkundigen. Dieſer, den wir einſtweilen Laertes nennen wollen, erbot ſich, Wilhelmen zu ihr hinuͤber zu begleiten. „ 545 „ Ich und das Frauenzimmer, ſagte er laͤchelnd, ſind ein paar Truͤmmer einer Schauſpielergeſellſchaft, die vor Kurzem hier ſcheiterte. Die Anmuth des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben, und unſre wenige geſammelte Baarſchaft in Ruhe zu verzehren, indeß ein Freund ausgezogen iſt, ein Unterkommen fuͤr ſich und uns zu ſuchen. Laertes begleitete ſogleich ſeinen neuen Bekannten zu Philinens Thuͤre, wo er ihn einen Augenblick ſtehen ließ, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu holen. Sie werden mir es gewiß danken, ſagte er, indem er zuruͤck kam, daß ich Ihnen dieſe artige Bekanntſchaft verſchaffe. Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten Pantöffelchen mit hohen Abſaͤtzen aus der Stube ent⸗ gegen getreten. Sie hatte eine ſchwarze Mantille uͤber ein weißes Negligee geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein haͤusliches und bequemes An⸗ ſehn gab; ihr kurzes Roͤckchen ließ die uidlichſte Fuͤße von der Welt ſehen. Seyn Sie mir willkommen! rief ſie Wilhelmen zu, und nehmen Sie meinen Dank fuͤr die ſchoͤnen Blumen. Sie fuͤhrte ihn mit der einen Hand ins Zimmer, indem ſie mit der andern den Strauß an die Bruſt druͤckte. Als ſie ſich niedergeſetzt hatten, und in gleichguͤltigen Geſpraͤch en begriffen waren, denen ſie eine reizende Wen⸗ dung zu geben wuſſte, ſchuttete ihr Laertes gebrannte Gocihe's Werte. III. Br.— 10 —.— — OQ——— 1 46 Mandeln in den Schoß, von denen ſie ſogleich zu na⸗ ſchen anfing. Sehn Sie, welch ein Kind dieſer junge Menſch iſt! rief ſie aus: er wird Sie uͤberreden wollen, daß ich eine große Freundin von ſolchen Naͤſchereyen ſey, und er iſt's, der nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu genießen. Laſſen Sie uns nur geſtehn, verſetzte Laertes, daß wir hierin, wie in mehrerem, einander gern Geſellſchaft leiſten. Zum Beyſpiel, ſagte er, es iſt heute ein ſehr ſchoͤner Tag; ich daͤchte wir fuͤhren ſpazieren und naͤh⸗ men unſer Mittagsmahl auf der Muͤhle.— Recht gern, ſagte Philine, wir muſſen unſerm neuen Bekannten eine kleine Veraͤnderung machen. Laertes ſprang fort, denn 3 er ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hauſe, um ſeine Haare, die von der Reiſe noch ver⸗ worren ausſahen, in Ordnung bringen zu laſſen. Das können Sie hier! ſagte ſie, rief ihren kleinen Diener, nothigte Wilhelmen auf die artigſte Weiſe, ſeinen Rock auszuziehen, ihren Pudermantel anzulegen, und ſich in ihrer Gegenwart friſiren zu laſſen. Man muß ja keine Zeit verſaͤumen, ſagte ſie; man weiß nicht, wie lange man noch beyſammen bleibt. 1 Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als unge⸗ ſchickt, benahm ſich nicht zum Beſten, raufte Wilhelmen, und ſchien ſo bald nicht fertig werden zu wollen. Phi⸗ line verwies ihm einigemal ſeine Unart, ſtieß ihn endlich ungeduldig hinweg, und jagte ihn zur Thuͤre hinaus. — 147 Nun uͤbernahm ſie ſelbſt die Bemuͤhung, und kraͤuſelte die Haare unſers Freundes mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob ſie gleich auch nicht zu eilen ſchien, und bald dieſes bald jenes an ihrer Arbeit auszuſetzen hatte, indem ſie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knieen die ſeinigen zu beruͤhren, und Strauß und Buſen ſo nahe an ſeine Lippen zu bringen, daß er mehr als einmal in Verſuchung geſetzt ward, einen Kuß darauf zu druͤcken. Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermeſſer ſeine Stirne gereinigt hatte, ſagte ſie zu ihm: ſtecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabey. Es war ein ar⸗ tiges Meſſer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte die freundlichen Worte: Gedenktmein. Wilhelm ſteckte es zu ſich, dankte ihr, und bat um die Erlaubniß, ihr ein kleines Gegengeſchenk machen zu duͤrfen. Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutſche gebracht, und nun begann eine ſehr luſtige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der ſie anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem ſie ihm zugleich ein mun⸗ teres und freundliches Wort zurief. Sie waren kaum auf der Muͤhle angekommen, und hatten ein Eſſen beſtellt, als eine Muſik vor dem Hauſe ſich hören ließ. Es waren Bergleute, die, zu Zitter und Triangel, mit lebhaften und grellen Stimmen, verſchie⸗ dene artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte eine herbeyſtroͤmende Menge einen Kreis um ſie geſchloſſen, und die Geſellſchaft nickte ihnen ihren Bey⸗ ſ ——————— 1 1 8 148 fall aus den Fenſtern zu. Als ſie dieſe Aufmerkſamkeit geſehen, erweiterten ſie ihren Kreis, und ſchienen ſich zu ihrem wichtigſten Stuͤckchen vorzubereiten. Nach einer Pauſe trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor, und ſtellte, indeß die Andern eine ernſthafte Melodie ſpielten, die Handlung des Schuͤrfens vor. Es waͤhrte nicht lange, ſo trat ein Bauer aus der Menge, und gab Jenem pantomimiſch drohend zu ver⸗ ſtehen, daß er ſich von hier hinwegbegeben ſolle. Die Geſellſchaft war daruͤber verwundert, und erkannte erſt den, in einen Bauer verkleideten, Bergmann, als er den Mund aufthat, und in einer Art von Rezitativ den An⸗ dern ſchalt, daß er wage, auf ſeinem Acker zu hanti⸗ ren. Jener kam nicht aus der Faſſung, ſondern fing an, den Landmann zu belehren, daß er Recht habe, hier ¹ einzuſchlagen, und gab ihm dabey die erſten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die fremde Terminolo⸗ gie nicht verſtand, that allerley alberne Fragen, woruͤber die Zuſchauer, die ſich kluͤger fuͤhlten, ein herzliches Ge⸗ laͤchter aufſchlugen. Der Bergmann ſuchte ihn zu be⸗ richten, und bewies ihm den Vortheil, der zuletzt auch auf ihn fließe, wenn die unterirdiſchen Schaͤtze des Lan⸗ des herausgewuͤhlt wuͤrden. Der Bauer, der Jenem 4 zuerſt mit Schlaͤgen gedroht hatte, ließ ſich nach und nach beſaͤnftigen, und ſie ſchieden als gute Freunde von einander; beſonders aber zog ſich der Bergmann auf die honorabelſte Art aus dieſem Streite. —,— 149 Wir haben, ſagte Wilhelm bey Tiſche, an dieſem klei⸗ nen Dialog das lebhafteſte Beyſpiel, wie nutzlich allen Staͤnden das Theater ſeyn könnte, wie vielen Vortheil der Staat ſelbſt daraus ziehen muͤſſte, wenn man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Men⸗ ſchen von ihrer guten, lobenswurdigen Seite und in dem Geſichtspunkte auf das Theater braͤchte, aus welchem ſie der Staat ſelbſt ehren und ſchuͤtzen muß. Jetzt ſtellen wir nur die laͤcherliche Seite der Menſchen dar; der Luſtſpieldichter iſt gleichſam nur ein haͤmiſcher Contro⸗ leur, der auf die Fehler ſeiner Mitbuͤrger uͤberall ein wachſames Auge hat und froh zu ſeyn ſcheint, wenn er ihnen eins anhaͤngen kann. Sollte es nicht eine ange⸗ nehme und wuͤrdige Arbeit fuͤr einen Staatsmann ſeyn, den natuͤrlichen, wechſelſeitigen Einfluß aller Staͤnde zu uͤberſchauen, und einen Dichter, der Humor genug haͤtte, bey ſeinen Arbeiten zu leiten? Ich bin uͤberzeugt, es koͤnnten auf dieſem Wege manche ſehr unterhaltende, zu⸗ gleich nuͤtzliche und luſtige Stuͤcke erſonnen werden. So viel ich, ſagte Laertes, uͤberall wo ich herumge⸗ ſchwaͤrmt bin, habe bemerken koͤnnen, weiß man nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen; ſelten aber zu ge⸗ bieten, zu befoͤrdern und zu belohnen. Man laͤſſt Alles in der Welt gehn, bis es ſchaͤdlich wird; dann zuͤrnt man und ſchlaͤgt drein.. Laſſt mir den Staat und die Staatsleute weg, ſagte Philine, ich kann mir ſie nicht anders als in Perruͤcken 8 —— ——— H,A Kʒ.:nj:2:’éõJ— * 150 vorſtellen, und eine Perruͤcke, es mag ſie aufhaben wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Be⸗ wegung; ich mochte ſie gleich dem ehrwuͤrdigen Herrn herunter nehmen, in der Stube herumſpringen und den Kahlkopf auslachen. Mit einigen lebhaften Geſaͤngen, welche ſie ſehr ſchon vortrug, ſchnitt Philine das Geſpraͤch ab, und trieb zu einer ſchnellen Ruͤckfahrt, damit man die Kuͤnſte der Seiltaͤnzer am Abende zu ſehen nicht verſaͤumen moͤchte. Drollig bis zur Ausgelaſſenheit, ſetzte ſie ihre Freygebig⸗ keit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem ſie zuletzt, da ihr und ihren Reiſegefaͤhrten das Geld aus⸗ ging, einem Maͤdchen ihren Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinaus warf. Philine lud beyde Begleiter zu ſich in ihre Wohnung,— weil man, wie ſie ſagte, aus ihren Fenſtern das oͤffent⸗ liche Schauſpiel beſſer als im andern auiahahiuſ ſehen koͤnne. Als ſie ankamen, fanden ſie das Geruͤſt auſgeſchla⸗ gen, und den Hintergrund mit aufgehaͤngten Teppichen geziert. Die Schwungbreter waren ſchon gelegt, das Schlappſeil an die Pfoſten befeſtigt, und das ſtraffe Seil üͤber die Böcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk gefuͤllt, und die Fenſter mit Zuſchauern einiger Art beſetzt. Pagliaß bereitete erſt die Verſammlung mit einigen Albernheiten, woruͤber die Zuſchauer immer zu lachen —, — 151 1 pflegen, zur Aufmerkſamkeit und guten Laune vor. Ci⸗ nige Kinder, deren Köoͤrper die ſeltſamſten Verrenkungen darſtellten, erregten bald Verwunderung, bald Grauſen, und Wilhelm konnte ſich des tiefen Mitleidens nicht ent⸗ halten, als er das Kind, an dem er beym erſten Anblicke Theil genommen, mit einiger Muͤhe die ſonderbaren Stellungen hervorbringen ſah. Doch bald erregten die luſtigen Springer ein lebhaftes Vergnuͤgen, wenn ſie erſt einzeln, dann hinter einander und zuletzt alle zuſammen ſich vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts in der Luft uͤberſchlugen. Ein lautes Haͤndeklatſchen und Jauchzen erſcholl aus der ganzen Verſammlung. Nun aber ward die Aufmerkſamkeit auf einen ganz andern Gegenſtand gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, nuſſten das Seil betreten, und zwar die Lehr⸗ linge zuerſt, damit ſie durch ihre Uebungen das Schau⸗ ſpiel verlaͤngerten, und die Schwierigkeit der Kunſt ins Licht ſetzten. Es zeigten ſich auch einige Maͤnner und erwachſene Frauensperſonen mit ziemlicher Geſchicklich⸗ keit; allein es war noch nicht Monſieur Narciß, noch nicht Demoiſelle Landrinette. Endlich traten auch dieſe aus einer Art von Zelt hin⸗ ter aufgeſpannten rothen Vorhaͤngen hervor, und erfuͤll⸗ ten durch ihre angenehme Geſtalt und zierlichen Putz die bisher gluͤcklich genaͤhrte Hoffnung der Zuſchauer. Er, ein munteres Buͤrſchchen von mittlerer Groͤße, ſchwarzen Augen und einem ſtarken Haarzopf; Sie, “ ' nicht minder wohl und kraͤftig gebildet; Beyde zeigten ſich nach einander auf dem Seile mit leichten Bewe⸗ gungen, Sprungen und ſeltſamen Poſituren. Ihre Leichtigkeit, ſeine Verwegenheit, die Genauigkeit, womit Beyde ihre Kunſtſtuͤcke ausfuͤhrten, erhoͤhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnuügen. Der Anſtand, womit ſie ſich betrugen, die anſcheinenden Be⸗ muͤhungen der andern um ſie, gaben ihnen das Anſehn, „als wenn ſie Herr und Meiſter der ganzen Truppe waͤren, und Jedermann hielt ſie des Ranges werth. Die Begeiſterung des Volks theilte ſich den Zu⸗ ſchauern an den Fenſtern mit, die Damen ſahen unver⸗ wandt nach Narciſſen, die Herrn nach Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt ſich nicht des Klatſchens; kaum daß man noch uͤber Pagliaſſen lachte. Wenige nur ſchlichen ſich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu ſammlen, ſich mit zinnernen Tellern durch die Menge draͤngten. Sie haben ihre Sache, dunkt mich, gut gemacht, b ſagte Wilhelm zu Philinen, die bey ihm am Fenſter lag; ich bewundere ihren Verſtand, womit ſie auch geringe Kunſtſtuͤckchen, nach und nach und zur rechten Zeit an⸗ gebracht, geltend zu machen wuſſten, und wie ſie aus der Ungeſchicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuoſitaͤt ihrer Beſten ein Ganzes zuſammen arbeiteten, das erſt unſre Aufmerkſamkeit erregte, und dann uns auf das Anngenehmſte unterhielt. —— — —-— Das Volk hatte ſich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer geworden, indeß Philine und Laertes über die Geſtalt und die Geſchicklichkeit Narciſſens und Landrinettens in Streit geriethen, und ſich wechſelsweiſe neckten. Wilhelm ſah das wunderbare Kind auf der Straße bey andern ſpielenden Kindern ſtehen, machte Philinen darauf aufmerkſam, die ſogleich, nach ihrer leb⸗ haften Art, dem Kinde rief und winkte, und da es nicht kommen wollte, ſingend die Treppe hinunter klapperte⸗ und es herauffuͤhrte..’ Hier iſt das Raͤthſel, rief ſie, als ſie das Kind zur Thuͤre herein zog. Es blieb am Eingange ſtehen, eben als wenn es gleich wieder hinaus ſchluͤpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Bruſt, die linke vor die Stirn, und büͤckte ſich tief. Fuͤrchte dich nicht, liebe Kleine, ſagte Wilhelm, indem er auf ſie los ging. Sie ſah ihn mit unſicherm Blick an, und trat einige Schritte naͤher. Wie nenneſt du dich? fragte er.— Sie heißen mich Mignon.— Wie viel Jahre haſt du?— Es hat ſie Niemand gezaͤhlt.— Wer war dein Vater?— Der große Teufel iſt todt.— Nun das iſt wunderlich genug! rief Philine aus. Man fragte ſie noch Einiges; ſie brachte ihre Antworten in einem gebrochnen Deutſch und mit einer ſonderbar feyerlichen Art vor; dabey legte ſie jedesmal die Hande an Bruſt und Haupt, und neigte ſich tief. 154 7 Wilhelm konnte ſie nicht genug anſehen. Seine Au⸗ gen und ſein Herz wurden unwiderſtehlich von dem ge⸗ heimnißvollen Zuſtande dieſes Weſens angezogen. Er ſchaͤtzte ſie zwoͤlf bis dreyzehn Jahre; ihr Köoͤrper war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen ſtärkern Wuchs verſprachen, oder einen zuruͤckgehaltenen ankuͤndigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig, aber auffallend; ihre Stirne geheimnißvoll, ihre Naſe außerordentlich ſchoͤn, und der Mund, ob er ſchon fuͤr ihr Alter zu ſehr geſchloſſen ſchien, und ſie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und rei⸗ zend genug. Ihre braͤunliche Geſichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Dieſe Geſtalt praͤgte ſich Wilhelmen ſehr tief ein; er ſah ſie noch immer an, ſchwieg und vergaß der Gegenwaͤrtigen uͤber ſeinen Be⸗ trachtungen. Philine weckte ihn aus ſeinem Halbtraume, indem ſie dem Kinde etwas uͤbriggebliebenes Zuckerwerk reichte, und ihm ein Zeichen gab, ſich zu entfernen. Es machte ſeinen Buckling, wie oben, und fuhr blitzſchnell zur Thuͤre hinaus. Als die Zeit nunmehr herbey kam, daß unſre neuen Bekannten ſich fuͤr dieſen Abend trennen ſollten, redeten ſie vorher noch eine Spazierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem andern Ort, auf ei⸗ nem benachbarten Jaͤgerhauſe, ihr Mittagsmahl einnehmen. Wilhelm ſprach dieſen Abend noch Manches zu Philinens Lobe, woranf Laertes nur kurz und leichtſinnig antwortete. —— 155 Den andern Morgen, als ſie ſich abermals eine Stunde im Fechten geubt hatten, gingen ſie nach Phi⸗ linens Gaſthofe, vor welchem ſie die beſtellte Kutſche ſchon hatten anfahren ſehen. Aber wie verwundert war Wilhelm, als die Kutſche verſchwunden, und wie noch mehr, als Philine nicht zu Hauſe anzutreffen war. Sie hatte ſich, ſo erzaͤhlte man, mit ein paar Fremden, die dieſen Morgen angekommen waren, in den Wagen ge⸗ ſetzt, und war mit ihnen davon gefahren. Unſer Freund, der ſich in ihrer Geſellſchaft eine angenehme Unterhaltung verſprochen hatte, konnte ſeinen Verdruß nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes, und rief: So gefaͤllt ſie mir! Das ſieht ihr ganz aͤhnlich! Laſſen Sie uns nur gerade nach dem Jagdhauſe gehen; ſie mag ſeyn, wo ſie will, wir wollen ihretwegen unſere Promenade nicht verſaͤumen. Als Wilhelm unterwegs dieſe Inkonſequenz des Be⸗ tragens zu tadeln fortfuhr, ſagte Laertes: Ich kann nicht inkonſequent finden, wenn Jemand ſeinem Charakter treu bleibt. Wenn ſie ſich etwas vornimmt oder Jemanden etwas verſpricht, ſo geſchieht es nur unter der ſtillſchwei⸗ genden Bedingung, daß es ihr auch bequem ſeyn werde, den Vorſatz auszufuͤhren oder ihr Verſprechen zu halten. Sie verſchenkt gern, aber man muß immer bereit ſeyn, ihr das Geſchenkte wieder zu geben. Dies iſt ein ſeltſamer Charakter, verſetzte Wilhelm. Nichts weniger als ſeltſam, nur daß ſie keine Heuch⸗ lerin iſt. Ich liebe ſie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil ſie mir das Geſchlecht ſo rein darſtellt, das ich zu haſſen ſo viel Urſache habe. Sie iſt mir die wahre Eva, die Stammmutter des weiblichen Geſchlechts; ſo ſind alle, nur wollen ſie es nicht Wort haben. Unter mancherley Geſpraͤchen, in welchen Laertes ſeinen Haß gegen das weibliche Geſchlecht ſehr lebhaft ausdrückte, ohne jedoch die Urſache davon anzugeben, waren ſie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm ſehr verſtimmt eintrat, weil die Aeußerungen des Laer⸗ tes ihm die Erinnerung an ſein Verhaͤltniß zu Maria⸗ nen wieder lebendig gemacht hatten. Sie fanden nicht weit von einer beſchatteten Quelle, unter herrlichen alten Baͤumen, Philinen allein, an einem ſteinernen Tiſche ſitzen. Sie ſang ihnen ein luſtiges Liedchen entgegen, und als Laertes nach ihrer Geſellſchaft fragte, rief ſie aus: Ich habe ſie ſchön angefuͤhrt; ich habe ſie zum Be⸗ ſten gehabt, wie ſie es verdienten. Schon unterwegs ſetzte ich ihre Freygebigkeit auf die Probe, und da ich bemerkte, daß ſie von den kargen Naͤſchern waren, nahm ich mir gleich vor, ſie zu beſtrafen. Nach unſrer An⸗ kunft fragten ſie den Kellner, was zu haben ſey? der mit der gewoͤhnlichen Gelaͤufigkeit ſeiner Zunge Alles, was da war, und mehr als da war, hererzaͤhlte. Ich ſah ihre Verlegenheit, ſie blickten einander an, ſtotterten, und fragten nach dem Preiſe. Was bedenken Sie ſich lange, rief ich aus, die Tafel iſt das Geſchäft eines Frauenzimmers, laſſen Sie mich dafür ſorgen. Ich 157 fing darauf an, ein unſinniges Mittagmahl zu b len, wozu noch Manches durch Boten aus der Nachbaͤ ſchaft geholt werden ſollte. Der Kellner, den ich durch ein paar ſchiefe Maͤuler zum Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und ſo haben wir ſie durch die Vor⸗ ſtellung eines herrlichen Gaſtmahls dergeſtalt geaͤngſtigt, daß ſie ſich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entſchloſſen, von dem ſie wohl ſchwerlich zu⸗ ruͤck kommen werden. Ich habe eine Viertelſtunde auf meine eigene Hand gelacht, und werde lachen, ſo oft ich an die Geſichter denke. Bey Tiſche erinnerte ſich Laertes an aͤhnliche Faͤlle; ſie kamen in den Gang, lu⸗ ſtige Geſchichten, Mißverſtaͤndniſſe und Prellereyen zu erzaͤhlen. Ein junger Mann, von ihrer Bekanntſchaft aus der Stadt, kam mit einem Buche durch den Wald geſchli⸗ chen, ſetzte ſich zu ihnen, und ruͤhmte den ſchoͤnen Platz. Er machte ſie auf das Rieſeln der Quelle, auf die Be⸗ wegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Geſang der Voͤgel aufmerkſam. Philine ſang ein Liedchen vom Kuckuck, welches dem Anköͤmmling nicht zu behagen ſchien; er empfahl ſich bald. Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Natur⸗ ſcenen hoͤren ſollte, rief Philine aus, als er weg war; es iſt nichts unertraͤglicher, als ſich das Vergnuͤgen vor⸗ rechnen zu laſſen, das man genießt. Wenn ſchoͤn Wet⸗ ter iſt, geht man ſpazieren, wie man tanzt, wenn auf⸗ 158 eelt wird. Wer mag aber nur einen Angenblick an ² Muſik, wer an's ſchoͤne Wetter denken? Der Taͤn⸗ Vzer intereſſirt uns, nicht die Violine, und in ein paar ſchoͤne ſchwarze Augen zu ſehen, thut einem paar blauen Augen gar zu wohl. Was ſollen dagegen Quellen und Brunnen, und alte morſche Linden! Sie ſah, indem ſie ſo ſprach, Wilhelmen, der ihr gegenuͤber ſaß, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte, wenig⸗ ſtens bis an die Thuͤre ſeines Herzens vorzudringen. Sie haben Recht, verſetzte er mit einiger Verlegen⸗ heit, der Menſch iſt dem Menſchen das Intereſſanteſte, und ſollte ihn vielleicht ganz allein intereſſiren. Alles Andere, was uns umgibt, iſt entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, deſſen wir uns bedienen. Jemehr wir uns dabey aufhalten, jemehr wir darauf merken und Theil daran nehmen, deſto ſchwaͤcher wird das Gefuͤhl unſers eignen Werthes und das Gefuͤhl der Geſellſchaft. Die Menſchen, die einen großen Werth auf Gaͤrten, Gebaͤude, Kleider, Schmuck oder irgend ein Beſitzthum legen, ſind weniger geſellig und gefaͤllig; ſie verlieren die Menſchen aus den Augen, welche zu er⸗ freuen und zu verſammlen nur ſehr wenigen gluͤckt. Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauſpieler macht uns bald eine elende, unſchickliche Dekoration vergeſſen, dahingegen das ſchoͤnſte Theater den Mangel an guten Schauſpielern erſt recht fuͤltbar macht. ——-——— —— — 159 hohe Gras. Ihre beyden Freunde muſſten ihr Blumen in Menge herbeyſchaffen. Sie wand ſich einen vollen Kranz, und ſetzte ihn auf; ſie ſah unglaublich reizend aus. Die Blumen reichten noch auch den flocht ſie, indem ſich beyde Maͤnner neben ſie ſetzten. Als er unter allerley Scherz und Anſpielungen fertig geworden war, druͤckte ſie ihn Wilhelmen mit der groͤßten Anmuth aufs Haupt und ruͤckte ihn mehr als einmal anders, bis er recht zu ſitzen ſchien. Und ich werde, wie es ſcheint, leer ausgehen, ſagte Laertes. Mit nichten, verſetzte Philine. Ihr ſollt Euch kei⸗ nesweges beklagen. Sie nahm ihren Kranz vom Haupte, und ſetzte ihn Laertes uf. Waͤren wir Nebenbuhler, ſagte dieſer, ſo wuͤrden wir ſehr heftig ſtreiten kͤnnen, welchen von Beyden du am meiſten beguͤnſtigſt. Da waͤr't ihr rechte Thoren, verſetzte ſie, indem ſie ſich zu ihm hinuͤberbog, und ihm den Mund zum Kuß reichte, ſich aber ſogleich umwendete, ihren Arm um Wilhelmen ſchlang und einen lebhaften Kuß auf ſeine Lippen druͤckte. Welcher ſchmeckt am beſten? fragte ſie neckiſch. Wunderlich! rief Laertes. zu einem andern hin; Es ſcheint, als wenn ſo 1 etwas niemals nach Wermuth ſchmecken koͤnne. So wenig, ſagte Philine, als irgend eine Gabe, die Nach Tiſche ſetzte Philine ſich in das beſchattete Jemand ohne Neid und Eigenſinn genießt. Nun haͤtte * — 160„ ich, rief ſie aus, noch Luſt, eine Stunde zu tanzen, und dann muͤſſen wir wohl wieder nach unſern Springern ſehen. 4 Man ging nach dem Hauſe, und fand Mufil daſelbſt. Philine, die eine gute Taͤnzerin war, belebte ihre beyden Geſellſchafter. Wilhelm war nicht ungeſchickt, allein es ſehlte ihm an einer kuͤnſtlichen Uebung. Seine beyden Freunde nahmen ſich vor, ihn zu unterrichten. Man verſpaͤtete ſich. Die Seiltaͤnzer hatten ihre Kuͤnſte ſchon zu produziren angefangen. Auf dem Platze hatten ſich viele Zuſchauer eingefunden, doch war un- ſern Freunden, als ſie ausſtiegen, ein Getuͤmmel merk⸗ wuͤrdig, das eine große Anzahl Menſchen nach dem Thore des Gaſthofes in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte. Wilhelm ſprang hinuber, um zu ſehen, was es ſey, und mit Entſetzen erblickte er, als er ſich durch's Volk draͤngte, den Herrn der Selltaͤnzer⸗ geſellſchaft, der das intereſſante Kind bey den Haaren aus dem Hauſe zu ſchleppen bemuͤht war, und mit einem Peitſchenſtiel unbarmherzig auf den kleinen Koͤrper los⸗ ſchlug. 1d Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu, und faſſte ihn bey der Bruſt. Laß das Kind los! ſchrie er wie ein Raſender, oder Einer von uns bleibt hier auf der Stelle. Er faſſte zugleich den Kerl mit einer Ge⸗ 85 walt, die nur der Zorn geben kann, bey der Kehle, daß dieſer zu erſticken glaubte, das Kind losließ, und ſich 161 gegen den Angreifenden zu vertheidigen ſuchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden fuͤhlten, aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seiltaͤnzer ſogleich in die Arme, entwaffneten ihn, und drohten ihm mit vielen Schimpfreden. Dieſer, der ſich jetzt nur auf die Waffen ſeines Mundes reduzirt ſah, fing graͤßlich zu drohen und zu fluchen an; die faule unnuͤtze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht thun; ſie verweigere den Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko verſprochen habe; er wolle ſie todtſchlagen, und es ſolle ihn Nie⸗ mand daran hindern. Er ſuchte ſich los zu machen, um das Kind, das ſich unter der Menge verkrochen hatte, aufzuſuchen. Wilhelm hielt ihn zuruͤck, und rief: Du ſollſt nicht eher dieſes Geſchoͤpf weder ſehen noch be⸗ ruͤhren, bis du vor Gericht Rechenſchaft gibſt, wo du es geſtohlen haſt; ich werde dich aufs aͤußerſte treiben; du ſollſt mir nicht entgehen. Dieſe Rede, welche Wil⸗ helm in der Hitze, ohne Gedanken und Abſicht, aus ei⸗ nem dunkeln Gefuͤhl, oder wenn man will, aus Inſpi⸗ ration ausgeſprochen hatte, brachte den wuͤthenden Men⸗ ſchen auf einmal zur Ruhe. Er rief: Was hab' ich mit der unnuͤtzen Kreatur zu ſchaffen! Zahlen Sie mir, was mich ihre Kleider koſten, und Sie moͤgen ſie behalten; wir wollen dieſen Abend noch einig werden. Er eilte darauf, die unterbrochene Vorſtellung fortzuſetzen, und die Unruhe des Publikums durch einige bedeutende Kunſt⸗ ſtücke zu befriedigen. Goethe's Werte. III. Bd. 11 ——— 162 Wilhelm ſuchte nunmehr, da es ſtille geworden war, nach dem Kinde, das ſich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden„ andere auf den Daͤchern der benachbarten Haͤuſer geſehen haben. Nachdem man es aller Orten geſucht hatte, muſſte man ſich beruhigen, und abwarten, ob es nicht von ſelbſt wieder herbey kom⸗ men wolle. . Indeß war Narciß nach Hauſe gekommen, welchen Wilhelm über die Schickſale und die Herkunſt des Kin⸗ des befragte. Dieſer wuſſte nichts davon, denn er war nicht lange bey der Geſellſchaft, erzaͤhlte dagegen mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtſinne ſeine eigenen Schickſale. Als ihm Wilhelm zu dem großen Beyfall Gluͤck wuͤnſchte, deſſen er ſich zu erfreuen hatte, aͤußerte er ſich ſehr gleichguͤltig daruͤber. Wir ſind gewohnt, ſagte er, daß man uͤber uns lacht, und unſre Kuͤnſte be⸗ wundert; aber wir werden durch den außerordentlichen Beyfall um nichts gebeſſert. Der Entrepreneur zahlt uns, und mag ſehen, wie er zurechte koͤmmt. Er beur⸗ laubte ſich darauf, und wollte ſich eilig entfernen. Auf die Frage, wo er ſo ſchnell hin wolle? laͤchelte der junge Menſch, und geſtand, daß ſeine Figur und Talente ihm einen ſolidern Beyfall zugezogen, als der des großen Publikums ſey. Er habe von einigen Frau⸗ enzimmern Botſchaft erhalten, die ſehr eifrig verlang⸗ ten, ihn naͤher kennen zu lernen, und er fuͤrchte, mit den Beſuchen, die er abzulegen habe, vor Mitternacht —=—— — kaum fertig zu werden. Er fuhr fort mit der groͤßten Aufrichtigkeit ſeine Abenteuer zu erzaͤhlen, und haͤtte die Namen, Straßen und Haͤnfer angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine ſolche Indiskretion abgelehnt und ihn hoͤf⸗ lich entlaſſen haͤtte. Laertes hatte indeſſen Landrinetten unterhalten, und verſicherte, ſie ſey vollkommen wuͤrdig, ein Weib zu ſeyn und zu bleiben. Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an, das unſerm Freunde fuͤr dreyßig Thaler uͤberlaſſen wurde, gegen welche der ſchwarzbaͤrtige heftige Italiaͤner ſeine Anſpruͤche voͤllig abtrat, von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als daß er ſolches nach dem Tode ſeines Bruders, den man, wegen ſeiner außerordentlichen Geſchicklichkeit, den großen Teufel genannt, zu ſich genommen habe. Der andere Morgen ging meiſt mit Aufſuchen des Kindes hin. Vergebens durchkroch man alle Winkel des Hauſes und der Nachbarſchaft; es war verſchwunden, und man fuͤrchtete, es moͤchte in ein Waſſer geſprungen ſeyn, oder ſich ſonſt ein Leids angethan haben. Philinens Reize konnten die Unruhe unſers Freundes nicht ableiten. Er hrachte einen traurigen nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da Springer und Taͤnzer alle ihre Kraͤfte aufboten, um ſich dem Publiko aufs Beſte zu empfehlen, konnte ſein Gemuͤth nicht erheitert und zer⸗ ſtreut werden. — 164 Durch den Zulauf aus benachbarten Ortſchaſten hatte die Anzahl der Menſchen außerordentlich zugenommen, und ſo waͤlzte ſich auch der Schneeball des Beyfalls zu einer ungeheuren Groͤße. Der Sprung uͤber die Degen und durch das Faß mit papiernen Boͤden machte eine große Senſation. Der ſtarke Mann ließ zum allgemeinen Grau⸗ ſen, Entſetzen und Erſtaunen, indem er ſich mit dem Kopf und den Füßen auf ein Paar auseinander geſchobene Stuͤhle legte, auf ſeinen hohlſchwebenden Leib einen Am⸗ bos heben und auf demſelben, von einigen wackern Schmiedegeſellen, ein Hufeiſen fertig ſchmieden. Auch war die ſogenannte Herkules⸗Staͤrke, da eine Reihe Maͤnner, auf den Schultern einer erſten Reihe ſte⸗ hend, abermals Frauen und Juͤnglinge traͤgt, ſo daß zu⸗ letzt eine lebendige Pyramide entſteht, deren Spitze ein Kind, auf den Kopf geſtellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in dieſen Gegenden noch nie geſehen worden, und endigte wuͤrdig das ganze Schauſpiel. Narciß und Lan⸗ drinette lieſſen ſich in Tragſeſſeln auf den Schultern der uͤbrigen durch die vornehmſten Straßen der Stadt unter lautem Freudengeſchrey des Volks tragen. Man warf ihnen Baͤnder, Blumenſtraͤuße und ſeidene Tuͤcher zu, und draͤngte ſich, ſie ins Geſicht zu faſſen. Jederman ſchien gluͤcklich zu ſeyn, ſie anzuſehn, und von ihnen eines Blicks gewuͤrdigt zu werden. Welcher Schauſpieler, welcher Schriftſteller, ja wel⸗ cher Menſch uberhaupt wuͤrde ſich nicht auf dem Gipfel —jj.,— — . 165 ſeiner Wuͤnſche ſehen, wenn er durch irgend ein edles Wort oder eine gute That einen ſo allgemeinen Eindruck hervorbraͤchte? Welche koͤſtliche Empfindung muͤſſte es ſeyn, wenn man gute, edle, der Menſchheit wuͤrdige Ge⸗ fuͤhle eben ſo ſchnell durch einen elektriſchen Schlag aus⸗ breiten, ein ſolches Entzuͤcken unter dem Volke erregen konnte, als die ſe Leute durch ihre koͤrperliche Geſchicklich⸗ keit gethan haben; wenn man der Menge das Mitge⸗ fuͤhl alles Menſchlichen geben, wenn man ſie mit der Vorſtellung des Gluͤcks und Ungluͤcks, der Weisheit und Thorheit, ja des Unſinns und der Albernheit entzuͤnden, erſchuͤttern, und ihr ſtockendes Innere in freye, lebhafte und reine Bewegung ſetzen koͤnnte! So ſprach unſer Freund, und da weder Philine noch Laertes geſtimmt ſchienen, einen ſolchen Diskurs fortzuſetzen, unterhielt er ſich allein mit dieſen Lieblingsbetrachtungen, als er bis ſpaͤt in die Nacht um die Stadt ſpazierte, und ſeinen al⸗ ten Wunſch, das Gute, Edle, Große durch das Schau⸗ ſpiel zu verſinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftig⸗ keit und aller Freyheit einer losgebundenen Einbildungs⸗ kraft verfolgte. 6 —— Fuͤnftes Capikel. Des andern Tages, als die Seiltaͤnzer mit großem Geraͤuſch abgezogen waren, fand ſich Mignon ſogleich wieder ein, und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes ihre Fechtuͤbungen auf dem Saale fortſetzten. Wo haſt du geſteckt? fragte Wilhelm freundlich: du haſt uns viel Sorge gemacht. Das Kind antwortete nichts, und ſah ihn an. Du biſt nun unſer, rief Laertes, wir haben dich gekauft.— Was haſt du bezahlt? fragte das Kind ganz trocken.— Hundert Dukaten, verſetzte Laertes; wenn du ſie wieder gibſt, kannſt du frey ſeyn.— Das iſt wohl viel? fragte das Kind.— O ja, du magſt dich nur gut auffuͤhren.— Ich will dienen, ver⸗ ſetzte ſie, Von dem Augenblicke an merkte ſie genau, was der Keellner den beyden Freunden fuͤr Dienſte zu leiſten hatte, und litt ſchon des andern Tages nicht mehr, daß er ins Zimmer kam. Sie wollte Alles ſelbſt thun, und machte auch ihre Geſchaͤfte, zwar langſam und mitunter unbe⸗ huͤlflich, doch genau und mit großer Sorgfalt. Sie ſtellte ſich oft an ein Gefaͤß mit Waſſer, und wuſch ihr Geſicht mit ſo Nooßer Emſigkeit und Heftig⸗ 167 keit, daß ſie ſich faſt die Backen aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, daß ſie die Schminke von ihren Wangen auf alle Weiſe los zu werden ſuche, und über dem Eifer, womit ſie es that, die Roͤthe, die ſie durchs Reiben hervorgebracht hatte, fuͤr die hart⸗ naͤckigſte Schminke halte. Man bedeutete ſie, und ſie ließ ab, und nachdem ſie wieder zur Ruhe gekommen war, zeigte ſich eine ſchoͤne braune, obgleich nur von wenigem Roth erhoͤhte Geſichtsfarbe. Durch die frevelhaften Reize Philinens, duch die ge⸗ heimnißvolle Gegenwart des Kindes, mehr als er ſich ſelbſt geſtehen durfte, unterhalten, brachte Wilhelm ver⸗ ſchiedene Tage in dieſer ſonderbaren Geſellſchaft zu, und rechtfertigte ſich bey ſich ſelbſt durch eine fleißige Uebung in der Fecht⸗ und Tanzkunſt, wozu er ſo leicht nicht wieder Gelegenheit zu finden glaubte. Nicht wenig verwundert, und gewiſſermaßen erfreut war er, als er eines Tages Herrn und Frau Melina ankommen ſah, welche, gleich nach dem erſten frohen Gruße, ſich nach der Directrice und den uͤbrigen Schau⸗ ſpielern erkundigten, und mit großem Schrecken vernah⸗ men, daß jene ſich ſchon lange entfernt habe, und dieſe bis auf wenige zerſtreut ſeyen. Das junge Paar hatte ſich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir wiſſen, Wilhelm behuͤlflich geweſen, an einigen Orten nach Engagement umgeſehen, keines funden, und war endlich in dieſes Staͤdtchen 1 worden, wo einige Perſonen, die ihnen unterwegs begeg⸗ neten, ein gutes Theater geſehen haben wollten. Philinen wollte Madam Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes, als ſie Bekanntſchaft machten, keinesweges gefallen. Sie wuͤnſchten die neuen An⸗ koͤmmlinge gleich wieder los zu ſeyn, und Wilhelm konnte ihnen keine guͤnſtigen Geſinnungen beybringen, ob er ih⸗ nen gleich wiederholt verſicherte, daß es recht gute Leute ſeyen. Eigentlich war auch das bisherige luſtige Leben unſrer drey Abenteurer durch die Erweiterung der Geſellſchaft auf mehr als eine Weiſe geſtoͤrt; denn Melina fing im Wirthshauſe(er hatte in eben demſelben, in welchem Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quaͤngeln an. Er wollte fuͤr weniges Geld beſſeres Quartier, reichlichere Mahlzeit und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirth und Kellner ver⸗ drießliche Geſichter, und wenn die Andern, um froh zu leben, ſich Alles gefallen lieſſen, und nur geſchwind be⸗ zahlten, um nicht laͤnger an das zu denken, was ſchon verzehrt war; ſo muſſte die Mahlzeit, die Melina regel⸗ maͤßig ſogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder durchgenommen werden, ſo daß Philine ihn, ohne Um⸗ ſtaͤnde, ein wiederkaͤuendes Thier nannte. Noch verhaſſter war Madam Melina dem luſtigen aͤdchen. Dieſe junge Frau war nicht ohne Bildung; ehlte es ihr gaͤnzlich an Geiſt und Seele. Sie —= 169 deklamirte nicht uͤbel, und wollte immer deklamiren; allein man merkte bald, daß es nur eine Wortdeklamation war, die auf einzelnen Stellen laſtete, und die Empfindung des Ganzen nicht ausdruͤckte. Bey dieſem Allen war ſie nicht leicht Jemanden, beſonders Maͤnnern, unangenehm. Vielmehr ſchrieben ihr diejenigen, die mit ihr umgingen, gewoͤhnlich, einen ſchoͤnen Verſtand zu: denn ſie war, was ich mit einem Worte eine Anempfinderinn nennen moͤchte; ſie wuſſte einem Freunde, um deſſen Ach⸗ tung ihr zu thun war, mit einer beſondern Aufmerkſam⸗ keit zu ſchmeicheln, in ſeine Ideen ſo lange als moͤglich einzugehen, ſobald ſie aber ganz uͤber ihren Horizont wa⸗ ren, mit Extaſe eine ſolche neue Erſcheinung aufzuneh⸗ men. Sie verſtand zu ſprechen und zu ſchweigen, und ob ſie gleich kein tuͤckiſches Gemuͤth hatte, mit großer Vorſicht aufzupaſſen, wo des Andern ſchwache Seite ſeyn moͤchte. 4 G 8 3 * † 6 Sechstes Capitel. 1 Melina hatte ſich indeſſen nach den Truͤmmern der vorigen Direktion genau erkundigt. Sowohl Oekoratio⸗ nen als Garderobe waren an einige Handelsleute ver⸗ ſetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der Di⸗ rektrice erhalten, unter gewiſſen Bedingungen, wenn ſich Liebhaber faͤnden, in den Verkauf an freyer Hand zu willigen. Melina wollte die Sachen beſehen, und zog Wilhelmen mit ſich. Dieſer empfand, als man ihnen die Zimmer eröͤffnete, eine gewiſſe Neigung dazu, die er ſich jedoch ſelbſt nicht geſtand. In ſo einem ſchlechten Zuſtande auch die gekleckſten Dekorationen waren, ſo we⸗ nig ſcheinbar auch tuͤrkiſche und heidniſche Kleider, alte Karikatur⸗Roͤcke fuͤr Maͤnner und Frauen, Kutten fuͤr Zauberer, Inden und Pfaffen, ſeyn mochten; ſo konnt' er ſich doch der Empfindung nicht erwehren, daß er die glücklichſten Augenbl licke ſeines Lebens in der Naͤhe eines aͤhnlichen Troͤdelkrams gefunden hatte. Haͤtte Melina in ſein Herz ſehen koͤnnen, ſo wuͤrde er ihm eifriger zu⸗ geſetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreyung, Aufſtellung und neue Belebung dieſer zerſtreuten Glieder zu einem ſchoͤnen Ganzen herzugeben. Welch ein gluͤck⸗ — ℳ 171 licher Menſch, rief Melina aus, koͤnnte ich ſeyn, wenn ich nur zweyhundert Thaler beſaͤſee, um zum Anſange den Beſitz dieſer erſten theatraliſchen Beduͤrfniſſe zu er⸗ langen. Wie bald wollt' ich ein kleines Schauſpiel bey⸗ ſammen haben, das uns in dieſer Stadt, in dieſer Ge⸗ gend, gewiß ſogleich ernaͤhren ſollte. Wilhelm ſchwieg, und Beyde verlieſſen nachdenklich die wieder eingeſperrten Schaͤtze. 4 Melina hatte von dieſer Zeit an keinen andern Dis⸗ kurs als Projecte und Vorſchlaͤge, wie man ein Theater einrichten, und dabey ſeinen Vortheil finden koͤnnte. Er ſuchte Philinen und Laertes zu intereſſiren, und man that Wilhelmen Vorſchlaͤge, Geld herzuſchießen, und Sicher⸗ heit dagegen anzunehmen. Dieſem fiel aber erſt bey die⸗ ſer Gelegenheit recht auf, daß er hier ſo lange nicht haͤtte verweilen ſollen; er entſchuldigte ſich, und wollte Anſtal⸗ ten machen, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Indeſſen war ihm Mignons Geſtalt und Weſen im⸗ mer reizender geworden. In alle ſeinem Thun und Laſ⸗ ſen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging die Treppe weder auf noch ab, ſondern ſprang; es ſtieg auf den Gelaͤndern der Gaͤnge weg, und eh' man ſich's ver⸗ ſah, ſaß es oben auf dem Schranke, und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, daß es fuͤr Jeden eine beſondere Art von Gruß hatte. Ihn gruͤßte ſie, ſeit einiger Zeit, mit uͤber die Bruſt geſchlagenen Ar⸗ men. Manche Tage war ſie ganz ſtumm, zu Zeiten —— antwortete ſie mehr auf verſchiedene Fragen, immer ſon⸗ derbar, doch ſo, daß man nicht unterſcheiden konnte, ob es Witz oder Unkenntniß der Sprache war, indem ſie ein gebrochnes, mit Franzoͤſiſch und Italiaͤniſch durchfloch⸗ tenes, Deutſch ſprach. In ſeinem Dienſte war das Kind unermudet, und fruͤh mit der Sonne auf; es verlor ſich dagegen Abends zeitig, ſchlief in einer Kammer auf der nackten Erde, und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohſack anzunehmen. Er fand ſie oft, daß ſie ſich wuſch. Auch ihre Kleider waren rein⸗ lich, obgleich Alles faſt doppelt und dreyfach an ihr ge⸗ flickt war. Man ſagte Wilhelmen auch, daß ſie alle Morgen ganz fruͤh in die Meſſe gehe, wohin er ihr ein⸗ mal folgte, und ſie in der Ecke der Kirche mit dem Roſen⸗ kranze knien und andächtig beten ſah. Sie bemerkte ihn nicht, er ging nach Hauſe, machte ſich vielerley Gedan⸗ ken uber dieſe Geſtalt, und konnte ſich bey ihr nichts Be⸗ ſtimmtes denken. Neues Andringen Melinas um eine Summe Gel⸗ des, zur Ausloͤſung der mehr erwaͤhnten Theatergeraͤth⸗ ſchaften, beſtimmte Wilhelmen noch mehr, an ſeine Abreiſe zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm gehoͤrt hatten, noch mit dem heutigen Poſttage ſchreiben; er fing auch wirklich einen Brief an Werner an, und war mit Erzaͤhlung ſeiner Aben⸗ teuer, wobey er, ohne es ſelbſt zu bemerken, ſich mehr⸗ mal von der Wahrheit entfernt hatte, ſchon ziemlich weit gekommen, als er, zu ſeinem Verdruß, auf der hintern Seite des Briefblatts ſchon einige Verſe geſchrie⸗ ben fand, die er fuͤr Madam Melina aus ſeiner Schreib⸗ tafel zu kopiren angeſangen hatte. Unwillig zerriß er das Blatt und verſchob die Wiederholung ſeines Bekenntniſſes auf den naͤchſten Poſttag. — Siebentes Capitel. unſre Geſellſchaft befand ſich abermals beyſammen, und Philine, die auf jedes Pferd, das vorbey kam, auf jeden Wagen, der anfuhr, aͤußerſt aufmerkſam war, rief mit großer Lebhaftigkeit: Unſer Pedant! Da kommt unſer allerliebſter Pedant! Wen mag er bey ſich haben? Sie rief und winkte zum Fenſter hinaus, und der Wa⸗ gen hielt ſtille. Ein kuͤmmerlich armer Teufel, den man an ſeinem verſchabten, graulich⸗braunem Rocke und an ſeinen uͤbel⸗ conditionirten Unterkleidern fuͤr einen Magiſter, wie ſie auf Akademien zu vermodern pflegen, haͤtte halten ſol⸗ len, ſtieg aus dem Wagen, und entblößte, indem er Phi⸗ linen zu gruͤßen den Hut abthat, eine uͤbelgepuderte, aber uͤbrigens ſehr ſteife Perruͤcke, und Philine warf ihm hundert Kußhaͤnde zu. So wie ſie ihre Gluckſeligkeit fand, einen Theil der Maͤnner zu lieben und ihre Liebe zu genießen; ſo war das Vergnuͤgen nicht viel geringer, das ſie ſich ſo oft als moͤglich gab, die uͤbrigen, die ſie eben in dieſem Au⸗ genblicke nicht liebte, auf eine ſehr leichtfertige Weiſe zum Beſten zu haben. Ueber den Laͤrm, womit ſie dieſen alten Freund em⸗ pfing, vergaß man auf die Uebrigen zu achten, die ihm nachſolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwey Frauen⸗ zimmer, und einen aͤltlichen Mann, der mit ihnen herein⸗ trat, zu kennen. Auch entdeckte ſich's bald, daß er ſie alle drey vor einigen Jahren bey der Geſellſchaft, die in ſeiner Vaterſtadt ſpielte, mehrmals geſehen hatte. Die Toͤchter waren ſeit der Zeit heran gewachſen; der Alte aber hatte ſich wenig veraͤndert. Dieſer ſpielte gewoͤhn⸗ lich die gutmuͤthigen, polternden Alten, wovon das deut⸗ ſche Theater nicht leer wird, und die man auch im ge⸗ meinen Leben nicht ſelten antrifft. Denn da es der Cha⸗ rakter unſrer Landsleute iſt, das Gute ohne viel[ Prunk zu thun und zu leiſten, ſo denken ſie ſelten daran, daß es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und An⸗ muth zu thun, und verfallen vielmehr, von einem Geiſte des Widerſpruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein muͤrriſches Weſen ihre liebſte Tugend im Kontraſte darzuſtellen. Solche Rollen ſpielte unſer Schauſpieler ſehr gut, und er ſpielte ſie ſo oft und ausſchließlich, daß er daruͤber eine aͤhnliche Art ſich zu betragen im gemeinen Leben an⸗ genommen hatte. Wilhelm gerieth in große Bewegung, ſobald er ihn erkannte; denn er erinnerte ſich, wie oft er dieſen Mann neben ſeiner geliebten Mariane auf dem Theater geſehen hatte; er hoͤrte ihn noch ſchelten, er hoͤrte ihre ſchmei⸗ 2 176 chelnde Stimme, mit der ſie ſeinem rauhen Weſen in manchen Rollen zu begegnen hatte. Die erſte lebhafte Frage an die neuen Ankoͤmmlinge, ob ein Unterkommen auswaͤrts zu finden und zu hoffen ſey? ward leider mit Nein beantwortet, und man muſſte vernehmen, daß die Geſellſchaften, bey denen man ſich erkundigt, beſetzt, und einige davon ſogar in Sorgen ſeyen, wegen des bevorſtehenden Krieges auseinander gehen zu muͤſſen. Der polternde Alte hatte mit ſeinen Toͤchtern, aus Verdruß und Liebe zur Abwechſelung, ein vortheilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs antraf, einen Wagen gemiethet, um hieher zu kommen, wo denn auch, wie ſie fanden, guter Rath theuer war. Die Zeit, in welcher ſich die Uebrigen uͤber ihre Ange⸗ legenheiten ſehr lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wuͤnſchte den Alten allein zu ſpre⸗ chen, wuͤnſchte und fuͤrchtete von Marianen zu hoͤren, und befand ſich in der groͤßten Unruhe. Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzim⸗ mer konnten ihn nicht aus ſeinem Traume reißen; aber ein Wortwechſel, der ſich erhub, machte ihn aufmerkſam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen auf⸗ zuwarten pflegte, ſich aber dießmal lebhaft widerſetzte, als er den Tiſch decken und Eſſen herbeyſchaffen ſollte. Ich habe mich verpflichtet, rief er aus, Ihnen zu dienen, aber nicht allen Menſchen aufzuwarten. Sie geriethen 177 daraͤber in einen heftigen Streit. Philine beſtand dar⸗ auf, er habe ſeine Schuldigkeit zu thun, und als er ſich hartnaͤckig widerſetzte, ſagte ſie ihm ohne Umſtaͤnde, er koͤnnte gehn, wohin er wolle. Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Innen entfernen koͤnne? rief er aus, ging trotzig weg, machte ſeinen Bundel zuſammen, und eilte ſogleich zum Hauſe hinaus. Geh, Mignon, ſagte Philine, und ſchaff' uns was wir brauchen; fag⸗ es dem Kellner, und hilf auf⸗ warten! Mignon trat vor Wilbelm hin, und fragte in ihrer lakoniſchen Art: Soll ich? darf ich? und Wilhelm ver⸗ ſetzte: thu, mein Kindz was Mademoiſelle dir ſagt. Das Kind beſorgte alles, und wartete den ganzen Abend mit großer Sorgfalt den Gaͤſten auf. Nach Tiſche ſuchte Wilhelm mit dem Alten einen Spaziergang allein zu machen; es gelaug ihm, und nach mancherley Fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete ſich das Geſpraͤch auf die ehmalige Geſellſchaft, und Wilhelm wagte zuletzt nach Marianen zu fragen. Sagen Sie mir nichts von dem abſcheulichen Ge⸗ ſchoͤpf! rief der Alte, ich habe verſchworen, nicht mehr an ſie zu denken. Wilhelm erſchrak uͤber dieſe Aeuße⸗ tung, war aber noch in groͤßerer Verlegenheit, als der Alte fortfuhr, auf ihre Leichtſertigkeit und Liederlichkeit zu ſchmaͤhlen. Wie gern haͤtte unſer Freund das Geſpraͤch Goeihe's Werke. III. Pd. 12 178— abgebrochen; allein er muſſte nun einmal die polternden Ergießungen des wunderlichen Mannes aushalten. Ich ſchaͤme mich, fuhr dieſer fort, daß ich ihr ſo geneigt war. Doch haͤtten Sie das Maͤdchen naͤher ge⸗ kannt, Sie wuͤrden mich gewiß entſchuldigen. Sie war ſo artig, natuͤrlich und gut, ſo gefaͤllig und in jedem Sinne leidlich. Nie haͤtt' ich mir vorgeſtellt, daß Frech⸗ heit und Undank die Hauptzuͤge ihres Charakters ſeyn ſollten. Schon hatte ſich Wilhelm gefaſt gemacht, das Schlimmſte von ihr zu hoͤren, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, daß der Ton des Alten milder wurde, ſeine Rede endlich ſtockte, und er ein Schnupf⸗ tuch aus der Taſche nahm, um die Thränen zu trocknen, di⸗ ſe zuleßt ſeine Rede unterbrachen. 2 Was iſt Ihnen? rief Wilhelm aus. Was gibt Ih⸗ ren Empfindungen auf einmal eine ſo entgegengeſetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht; ich nehme an dem Schickſale dieſes Maͤdchens mehr Antheil, als Sie glauben; nur laſſen Sie mich alles wiſſen. 4 Ich habe wenig zu ſagen, verſetzte der Alte, indem er wieder in ſeinen ernſtlichen, verdrießlichen Ton uͤber⸗ ging: ich werde es ihr nie vergeben, was ich um ſie ge⸗ duldet habe. Sie hatte, fuhr er fort, immer ein gewiſ⸗ ſes Zutrauen zu mir; ich liebte ſie wie meine Tochter, und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entſchluß ge⸗ faſſt, ſie zu mir zu nehmen, und ſie aus den Haͤnden der — ——: 179 Alten zu retten, von deren Anleitung ich mir nicht viel Gutes verſprach. Meine Frau ſtarb, das Project zer⸗ ſchlug ſich. Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vater⸗ ſtadt, es ſind nicht gar drey Jahre, merkte ich ihr eine ſichtbare Traurigkeit an; ich fragte ſie, aber ſie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reiſe. Sie fuhr mit mir in Einem Wagen, und ich bemerkte, was ſie mir auch bald geſtand, daß ſie guter Hoffnung ſey, und in der groͤßten Furcht ſchwebe, von unſerm Director verſtoßen zu werden. Auch dauerte es nur kurze Zeit, ſo machte er die Entdeckung, kuͤndigte ihr den Kontract, der ohne⸗ dieß nur auf ſechs Wochen ſtand, ſogleich auf, zahlte was ſie zu fordern hatte, und ließ ſie, aller Vorſtellungen un⸗ geachtet, in einem kleinen Staͤdtchen, in einem ſchlech⸗ ten Wirthshauſe zuruͤck. Der Henker hole alle liederlichen Dirnen! rief der Alte mit Verdruß, und beſonders dieſe, die mir ſo manche Stunde meines Lebens verdorben hat. Was ſoll ich lange erzaͤhlen, wie ich mich ihrer angenommen, was ich fuͤr ſie gethan, was ich an ſie gehaͤngt, wie ich auch in der Abweſenheit fuͤr ſie geſorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, und meine Zeit hinbringen, raͤudige Hunde zu erziehen, als nur jemals wieder auf ſo ein Geſchoͤpf die mindeſte Aufmerk⸗ ſamkeit wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Dankſagungsbriefe, Nachricht von einigen Orten ihres — Aufenthalts, und zuletzt kein Wort mehr, nicht einmal Dank fuͤr das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen ge⸗ ſchickt hatte. O die Verſtellung und der Leichtſinn der Weiber iſt ſo recht zuſammengepaart, um ihnen ein be⸗ quemes Leben, und einem ehrlichen Kerl manche ver⸗ drießliche Stunde zu ſchaffen! Achtes Capitel. Man denke ſich Wilhelms Zuſtand, als er von dieſer Unterredung nach Hauſe kam. Alle ſeine alten Wunden waren wieder aufgeriſſen, und das Gefuͤhl, daß ſie ſei⸗ ner Liebe nicht ganz unwuͤrdig geweſen, wieder lebhaft geworden; denn in dem Intereſſe des Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben muſſte, war un⸗ ſerm Freunde ihre ganze Liebenswuͤrdigkeit wieder erſchie⸗ nen; ja ſelbſt die heftige Anklage des leidenſchaftlichen Mannes enthielt nichts, was ſie vor Wilhelms Augen haͤtte herabſetzen koͤnnen. Denn dieſer bekannte ſich ſelbſt als Mitſchuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schwei⸗ gen zuletzt ſchien ihm nicht tadelhaft; er machte ſich viel⸗ mehr nur traurige Gedanken daruͤber, ſah ſie als Woͤch⸗ nerin, als Mutter, in der Welt ohne Huͤlfe herumirren, wahrſcheinlich mit ſeinem eigenen Kinde herumirren, Vorſtellungen, welche das ſchmerzlichſte Gefuͤhl in ihm erregten. 3 Mignon hatte auf ihn gewartet, und leuchtete ihm die Treppe hinauf. Als ſie das Licht niedergeſetzt hatte, bat ſie ihn, zu erlauben, daß ſie ihm heute Abend mit einem Kunſtſtuͤcke aufwarten duͤrfe. Er haͤtte es lieber verbeten, beſonders da er nicht wuſſte, was es werden ſollte. Allein er konnte dieſem guten Geſchoͤpfe nichts abſchlagen. Nach einer kurzen Zeit trat ſie wieder her⸗ ein. Sie trug einen Teppich unter dem⸗ Arme, den ſie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm ließ ſie gewaͤhren, Sie brachte darauf vier Lichter, ſtellte eins auf jeden Zipfel des Teppichs. Ein Koͤrbchen mit Eiern, das ſie darauf holte, machte die Abſicht deutlicher. Kuͤnſtlich abgemeſſen ſchritt ſie nunmehr auf dem Teppich hin und her, und legte in gewiſſen Maßen die Eier auseinan⸗ der; dann rief ſie einen Menſchen herein, der im Hauſe aufwartete und die Violine ſpielte. Er trat mit ſeinem Inſtrument in die Ecke; ſie verband ſich die Augen, gab das Zeichen, und fing zugleich mit der Muſik, wie ein aufgezogenes Raͤderwerk, ihre Bewegungen an, indem ſie Takt und Melodie mit dem Schlage der Caſtagnetten begleitete. Behende, leicht, taſch, genau fuͤhrte ſie den Tanz. Sie teat ſo ſcharf und ſo ſicher zwiſchen die Eier hinein, bey den Eiern nieder, daß man jeden Augenblick dachte, ſie müͤſſe eins zertreten, oder bey ſchnellen Wendungen das andre fortſchlendern. Mit nichten! Sie beruͤhrte keines, ob ſie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja ſogar mit Spruͤngen, und zuletzt halb knieend ſich durch die Reihen durchwand. Unaufhaltſam, wie ein Uhrwerk, lief ſie ihren Weg⸗ und die ſonderbare Muſik gab dem immer wieder don —— —— . —.,— 183 vorne anfangenden und losrauſchenden Tanze bey jeder Wiederholung einen neuen Stoß. Wilhelm war von dem ſonderbaren Schauſpiele ganz hingeriſſen; er vergaß ſeiner Sorgen, folgte jeder Bewegung der geliebten Krea⸗ tur, und war verwundert, wie in dieſem Tanze ſich ihr Charakter vorzuͤglich entwickelte. Streng, ſcharf, trocken, heftig, und in ſanften Stellungen mehr feyerlich als angenehm, zeigte ſie ſich. Er empfand, was er ſchon fuͤr Mignon gefuͤhlt, in die⸗ ſem Augenblicke auf einmal. Er ſehnte ſich, dieſes ver⸗ laſſene Weſen an Kindesſtatt ſeinem Herzen einzuverlei⸗ ben, es in ſeine Arme zu nehmen, und mit der Liebe eines Vaters Freude des Lebens in ihm zu erwecken. Der Tanz ging zu Ende; ſie rollte die Eier mit den Füßen ſachte zuſammen auf ein Haͤufchen, ließ keines zu⸗ rück, beſchaͤdigte keines, und ſtellte ſich dazu, indem ſie die Binde von den Augen nahm, und ihr Kunſtſtuͤck mit einem Buͤcklinge endigte. Wilhelm dankte ihr, daß ſie ihm den Tanz, den er zu ſehen gewuͤnſcht, ſo artig und unvermuthet vorgetra⸗ gen habe. Er ſtreichelte ſie, und bedauerte, daß ſie ſich's habe ſo ſauer werden laſſen. Er verſprach ihr ein neues Kleid, worauf ſie heftig antwortete: deine Farbe! Auch das verſprach er ihr, ob er gleich nicht dentlich wuſſte, was ſie darunter meine. Sie nahm die ECier zuſammen, den Teppich unter den Arm, fragte, ob er 184 noch etwas zu befehlen habe, und dſchmang ſich zur Thuͤre hinaus. Von dem Muſikus erfuhr er, daß ſie ſich ſeit eini⸗ ger Zeit viele Muͤhe gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, ſo lange vorzuſingen, bis er ihn habe ſpielen koͤnnen. Auch habe ſie ihm für ſeine Bemuͤhungen etwas Geld angeboten, das er ühet nicht nehmen wollen. —— ———³— Neuntes Capitel. Nach einer unruhigen Nacht, die unſer Freund theils wachend, theils von ſchweren Traͤumen geaͤngſtigt, zu⸗ brachte, in denen er Marianen bald in aller Schoͤnheit, bald in kuͤmmerlicher Geſtalt, jetzt mit einem Kinde auf dem Arm, bald deſſelben beraubt ſah, war der Morgen kaum angebrochen, als Mignon ſchon mit einem Schnei⸗ der hereintrat. Sie brachte graues Tuch und blauen Taffet, und erklaͤrte nach ihrer Art, daß ſie ein neues Weſtchen und Schifferhoſen, wie ſie ſolche an den Kna⸗ ben in der Stadt geſehen, mit blauen Aufſehligen und Baͤndern haben wolle. Wilhelm hatte ſeit dem Verluſt Marianens alle mun⸗ tre Farben abgelegt. Er hatte ſich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewoͤhnt, und nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieſer Farbe belebte einigermaßen jene ſtille Kleidung. Mig⸗ non, begierig ſeine Farbe zu tragen, trieb den Schneider, der in Kurzem die Arbeit zu liefern verſprach. Die Tanz⸗und Fecht⸗Stunden, die unſer Freund heute mit Laertes nahm, wollten nicht zum Beſten gluͤcken. Auch wurden ſie bald durch Melinas Ankunft unterbro⸗ chen, der umſtaͤndlich zeigte, wie jetzt eine kleine Geſell⸗ ſchaft beyſammen ſey, mit welcher man ſchon Stuͤcke genug aufführen koͤnne. Er erneuerte ſeinen Antrag, daß Wilhelm einiges Geld zum Etabliſſement vorſtrecken ſolle, wobey dieſer abermals ſeine Unentſchloſſenheit zeigte. Philine und die Maͤdchen kamen bald hierauf mit Lachen und Laͤrmen herein. Sie hatten ſich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht: denn Veraͤnderung des Orts und der Gegenſtaͤnde war eine Luſt, nach der ſie ſich im⸗ mer ſehnten. Täglich an einem andern Orte zu eſſen, war ihr hoͤchſter Wunſch. Dießmal ſollte es eine Waſſe fahrt werden. Das Schiff, womit ſie die Krüͤmmungen des ange⸗ nehmen Fluſſes hinunterfahren wollten, war ſchon durch den Pedanten beſtellt. Philine trieb, die Geisbithalt zauderte nicht, und war bald eingeſchifft. 6 m Was fangen wir nun an? ſagte Philine, indem ſi h alle auf die Baͤnke niedergelaſſen hatten.— Das Kürzeſte waͤre, verſetzte Laertes, wir extempo⸗ rirten ein Stuͤck. Nehme jeder eine Rolle, die ſeinem Charakter am angemeſſenſten iſt, und wir wollen ſehen, wie es uns gelingt. Fuͤrtrefflich! ſagte Wilhelm; denn in einer Geſell⸗ ſchaft, in der man ſich nicht verſtellt, in welcher Jedes nur ſeinem Sinne folgt, kann Anmuth und Zufrie⸗ denheit nicht lange wohnen, und wo man ſich immer verſtellt, dahin kommen ſie gar nicht. Es iſt alſo nicht * 187 uͤbel gethan, wir geben uns die Verſtellung agleich von Anfang zu, und ſind nachher unter der Maske ſo auf⸗ richtig, als wir wollen. Ja, ſagte Laertes, deswegen geht ſich's ſo angenehm mit Weibern um, die ſich niemals in ihrer natuͤrlichen Geſtalt ſehen laſſen. Das macht, verſetzte Madam Melina, daß ſie nicht ſo eitel ſind, wie die Maͤnner, welche ſich einbilden, ſie ſeyen ſchon immer liebenswuͤrdig genug, wie ſie die Na⸗ tur hervorgebracht hat.— Indeſſen war man zwiſchen angenehmen Buͤſchen und Huͤgeln, zwiſchen Gaͤrten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer, beſonders aber Madam Melina, druͤckten ihr Entzuͤcken uͤber die Gegend aus. Letztre fing ſogar an, ein artiges Gedicht von der beſchrei⸗ benden Gattung uͤber eine aͤhnliche Naturſcene feyerlich herzuſagen; allein Philine unterbrach ſie, und ſchlug ein Geſetz vor, daß ſich Niemand unterfangen ſolle, von einem unbelebten Gegenſtande zu ſprechen; ſie ſetzte vielmehr den Vorſchlag zur extemporirten Komoͤdie mit Eifer durch. Der polternde Alte ſollte einen penſionirten Officier, Laer⸗ tes einen vacirenden Fechtmeiſter, der Pedant einen Ju⸗ den vorſtellen, ſie ſelbſt wolle eine Tyrolerin machen, und uͤberließ den Uebrigen ſich ihre Rollen zu waͤhlen. Man ſollte fingiren, als ob ſie eine Geſellſchaft weltfrem⸗ der Menſchen ſeyen, die ſo eben auf einem Marktſchiffe zuſammen komme. n 4 1 188. Sie ng ſogleich mit dem Juden ihre Rolle zu ſpie⸗ len an, und eine allgemeine Heiterkeit verbreitete ſich. Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer ſtille hielt, um mit Erlaubniß der Geſellſchaft noch Je⸗ mand einzunehmen, der am Ufer ſtand, und gewinkt hatte. Das iſt eben noch, was wir brauchten, rief Philine: ein blinder Paſſagier fehlte noch der Reiſegeſellſchaft. Ein wohlgebildeter Mann ſtieg in das Schiff, den man an ſeiner Kleidung und ſeiner ehrwuͤrdigen Miene wohl fuͤr einen Geiſtlichen haͤtte nehmen koͤnnen. Er be⸗ grüßte die Geſellſchaft, die ihm nach ihrer Weiſe dankte, und ihn bald mit ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines Landgeiſtlichen an, die er zur Verwunderung aller auf das artigſte durchſetzte, in⸗ dem er bald ermahnte, bald Hiſtörchen erzaͤhlte, einige ſchwache Seiten blicken ließ, und ſich doch im Reſpekt zu erhalten wuſſte. Indeſſen hatte Jeder, der nur ein einzigesmal aus ſei⸗ nem Charakter herausgegangen war, ein Pfand geben muͤſſen. Philine hatte ſie mit großer Sorgſalt geſam⸗ melt, und beſonders den geiſtlichen Herrn mit vielen Kuͤſſen bey der kuͤnftigen Einloͤſung bedroht, ob er gleich ſelbſt nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war völlig ausgepluͤndert, Hemdenknöpfe und Schnal⸗ len, und alles, was Bewegliches an ſeinem Leibe war, hatte Philine zu ſich genommen. Denn er wollte einen ———— —õ— 189 reiſenden Englaͤnder vorſtellen, und konnte auf keine Weiſe in ſeine Rolle hineinkommen. Die Zeit war indeß auf das Angenehmſte vergangen, Jedes hatte ſeine Einbildungskraft und ſeinen Witz aufs moͤglichſte angeſtrengt, und Jedes ſeine Nolle mit ange⸗ nehmen und unterhaltenden Scherzen ausſtaffirt. So kam man an dem Orte an, wo man ſich den Tag uͤber aufhalten wollte, und Wilhelm gerieth mit dem Geiſt⸗ lichen, wie wir ihn, ſeinem Ausſehn und ſeiner Rolle nach, nennen wollen, auf dem Spaziergange bald in ein intereſſantes Geſpraͤch.— Ich finde dieſe Uebung, ſagte der Unbekaunte, unter Schauſpielern, ja in Geſellſchaft von Freunden und Be⸗ kannten, ſehr nutzlich. Es iſt die beſte Art, die Men⸗ ſchen aus ſich heraus und durch einen Umweg wieder in ſich hinein zu fuͤhren. Es ſollte bey jeder Truppe ein⸗ gefuͤhrt ſeyn, daß ſie ſ ch manchmal auf dieſe Weiſe üben muͤſſte, und das Publikum wuͤrde gewiß dabey gewinnen, wenn alle Monate ein nicht geſchriebenes Stuͤck aufgefuͤhrt wuͤrde, worauf ſich freylich die Schauſpieleri in mehreren Proben muͤſſten vorbereitet haben. Man duͤrfte ſich, verſetzte Wilhelm, ein ertempor orir⸗ tes Stuͤck nicht als ein ſolches denken, das aus dem Stegreife ſogleich komponirt wuͤrde, ſondern als ein ſol⸗ ches, wovon zwar Plan, Handlung und Scenen⸗ Einthei⸗ lung gegeben waͤren, deſſen Ausfuͤhrung aber dem Schau⸗ ſpieler uͤberlaſſen bliebe. 190 Ganz chtig, ſagte der Unbekannte, und eben was dieſe Ausführung betrifft, wuͤrde ein ſolches Stuͤck, ſo⸗ bald die Schauſpielter nur einmal im Gang waͤren, außer⸗ ordentlich gewinnen. Nicht die Ausfuͤhrung durch Worte, deenn dutch dieſe muß freylich der uͤberlegende Schriftſtel⸗ ler ſeine Arbeit zieren, ſondern die Ausführung durch Ge⸗ berden nnd Mienen, Ausrufungen und was dazu gehort; kurz das ſtumme, halblaute Spiel, welches nach und nach bey uns ganz verloren zu gehen ſcheint. Es ſind wohl Schauſpieler in Deutſchland, deren Koͤrper das zeigt, was ſie denken und fuͤhlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch zarte, anmuthige Bewegun⸗ gen des Koͤrpers eine Rede vorzubereiten, und die Pau⸗ ſen des Geſpraͤchs durch eine gefaͤllige Pantomine mit dem Ganzen zu verbinden wiſſen; aber eine Uebung, die einem gluͤcklichen Naturell zu Huͤlfe kaͤme, und es lehrte, mit dem Schriftſteller zu wetteifern, iſt nicht ſo im Gange, als es zum Troſte derer, die das Theater beſu⸗ chen, wohl zu wuͤnſchen waͤre. Sollte aber nicht, verſetzte Wilhelm, ein glückliches Naturell als das Erſte und Letzte, einen Schauſpieler, wie jeden andern Künſtler, ja vielleicht wie jeden Men⸗ ſchen, allein zu einem ſo hochaufgeſteckten Ziele bringen? Das Erſte und Letzte, Anfang und Ende moͤchte es wohl ſeyn und bleiben; aber in der Mitte duͤrfte dem Kunſtler manches fehlen, wenn nicht Bildung das erſt aus ihm macht, was er ſeyn ſoll, und zwar fruͤhe Bil⸗ 2 191 dung; deun vielleicht iſt derjenige, dem man Genie zu⸗ ſchreibt, uͤbler daran als der, der nur gewoͤhnliche Faͤ⸗ higkeiten beſitzt; denn jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falſche Wege geſtoßen werden, als dieſer. Aber, verſetzte Wilhelm, wird das Genie ſich nicht ſelbſt retten, die Wunden, die es ſich geſchlagen, ſelbſt heilen? Mit nichten, verſetzte der Andere, oder wenigſtens nur nothduͤrftig; denn Niemand glaube die erſten Ein⸗ druͤcke der Jugend uͤberwinden zu koͤnnen. Iſt er in einer löblichen Freyheit, umgeben von ſchönen und edlen Ge⸗ genſtaͤnden, in dem Umgange mit guten Menſchen auf⸗ gewachſen, haben ihn ſeine Meiſter das gelehrt, was er zuerſt wiſſen muſſte, um das Uebrige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu verlernen braucht„ wurden ſeine erſten Handlungen ſo geleitet, daß er das Gute kuͤnftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne ſich irgend etwas abgewoͤhnen zu muͤſſen; ſo wird dieſer Menſch ein reineres, vollkommneres und gluͤcklicheres Leben fuͤhren, als ein Anderer, der ſeine erſten Jugend⸗ kraͤfte im Widerſtand und im Irrthum zugeſetzt hat. Es wird ſo viel von Erziehung geſprochen und geſchrieben, und ich ſehe nur wenig Menſchen, die den einfachen aber großen Begriff, der alles Andere in ſi ch ſchließt, faſe und in die Ausfuͤhrung uͤbertragen koͤnnen. Das mag wohl wahr ſeyn, ſagte Wilhelm, denn jeder Menſch iſt beſchraͤnkt genug, den andern zu ſeinem Ebenbild erziehen zu wollen. Glucklich ſind diejenigen 19² daher, deren ſich das Schickſal annimmt, das Jeden nach ſeiner Weiſe erzieht! Das Schickſal, verſetzte laͤchelnd der Andere, iſt ein vornehmer, aber theurer Hofmeiſter. Ich wuͤrde mich immer lieber an die Vernunft eines menſchlichen Meiſters halten. Das Schickſal, fuͤr deſſen Weisheit ich alle Ehr⸗ furcht trage, mag an dem Zufall, durch den es wirkt, ein ſehr ungelenkes Organ haben. Denn ſelten ſcheint dieſer genau und rein auszuführen, was jenes beſchloſe ſen hatte. Sie ſcheinen einen ſehr ſonderbaren Gedanken aus⸗. zuſprechen, verſetzte Wilhelm. Mit nichten! Das meiſte, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen großen Sinn, und gehen die mei⸗ ſten nicht auf etwas Albernes hinaus? 4 Sie wollen ſcherzen. und iſt es nicht, fuhr der Andere fort, mit dem⸗ was einzelnen Menſchen begegnet, eben ſo? Geſetzt, das Schickſal haͤtte einen zu einem guten Schauſpieler be⸗ ſtimmt,(und warum ſollt' es uns nicht auch mit guten Schauſpielern verſorgen?) ungluͤcklicherweiſe fuͤhrte der Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenſpiel, wo er ſich fruͤh nicht enthalten koͤnnte, an etwas Abgeſchmack⸗ tem Theil zu nehmen, etwas Albernes leidlich, wohl gar intereſſant zu finden, und ſo die jugendlichen Ein⸗ 4 druͤcke, welche nie verloͤſchen⸗ denen wir eine gewiſſe An⸗ —= — 193 haͤnglichkeit nie entziehen koͤnnen, von einer falſchen Seite zu empfangen. Wie kommen Sie auf's Puppenſpiel? fiel ihm Wil⸗ helm mit einiger Beſtuͤrzung ein. Es war nur ein unwillkuͤrliches Beyſpiel; wenn es Ihnen nicht gefaͤllt, ſo nehmen wir ein anderes. Geſetzt, das Schickſal haͤtte einen zu einem großen Mahler be⸗ ſtimmt, und dem Zufall beliebte es, ſeine Jugend in ſchmutzige Huͤtten, Staͤlle und Scheunen zu verſtoßen, glauben Sie, daß ein ſolcher Mann ſich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freyheit der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn er das Unreine in ſeiner Jugend angefaſſt und nach ſeiner Art veredelt hat, deſto gewaltſamer wird es ſich in der Folge ſeines Lebens an ihm raͤchen, indem es ſich, inzwiſchen daß er es zu uͤbe r winden ſuchte, mit ihm auf's innigſte verbunden hat. Wer fruͤh in ſchlechter unbedeutender Geſellſchaft gelebt hat, wird ſich, wenn er auch ſpaͤter eine beſſere haben kann, immer nach jener zuruͤckſehnen, deren Eindruck ihm, zugleich mit der Erinnerung jugendlicher, nur ſel⸗ ten zu wiederholender Freuden, geblieben iſt. Man kann denken, daß unter dieſem Geſpraͤch ſich nach und nach die ubrige Geſellſchaft entfernt hatte. Be⸗ ſonders war Philine gleich vom Anfang auf die Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen zuruͤck. Philine brachte die Pfaͤnder hervor, welche auf Goeihe's Werke, III. Bd. 13 194 allerley Weiſe geloͤst werden muſſten, wobey der Frem⸗ de ſich durch die artigſten Erfindungen und durch eine ungezwungene Theilnahme der ganzen Geſellſchaft, und beſonders den Frauenzimmern, ſehr empfahl, und ſo floſſen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, Kuͤſſen und allerley Neckereyen auf das Angenehmſte vorbey. —— Zehntes Capit el. Als ſie ſich wieder nach Hauſe begeben wollten, ſa⸗ hen ſie ſich nach ihrem Geiſtlichen um; allein er war ver⸗ ſchwunden, und an keinem Orte zu finden. Es iſt nicht artig von dem Manne, der ſonſt viel Lebensart zu haben ſcheint, ſagte Madam Melina, eine Geſellſchaft, die ihn ſo freundlich aufgenommen, ohne Ab ſchied zu verlaſſen. Ich habe mich die ganze Zeit her ſchon beſonnen, ſagte Laertes, wo ich dieſen ſonderbaren Mann ſchon ehe⸗ mals moͤchte geſehen haben. Ich war eben im Begriff, ihn beym Abſchiede daruͤber zu befragen. Mir ging es eben ſo, verſetzte Wilhelm, und ich häͤtte ihn gewiß nicht entlaſſen, bis er uns etwas Naͤheres von ſeinen Umſtaͤnden entdeckt haͤtte. Ich muͤſſte mich ſehr ir⸗ ren, wenn ich ihn nicht ſchon irgendwo geſprochen haͤtte. Und doch koͤnntet ihr euch, ſagte Philine, darin wirk⸗ lich irren. Dieſer Mann hat eigentlich nur das falſche Anſehen eines Bekannten, weil er ausſieht wie ein Menſch, und nicht wie Hans oder Kunz. — 196 Was ſoll das heißen, ſagte Laertes, ſehen wir nicht auch aus wie Menſchen? Ich weiß, was ich ſage, verſetzte Philine, und wenn ihr mich nicht begreift, ſo laſſt's gut ſeyn. Ich werde nicht am Ende noch gar meine Worte auslegen ſollen. . Zwey Kutſchen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der ſie beſtellt hatte. Philine nahm neben Madam Melina, Wilhelmen gegenuber, Platz, und die Uebrigen richteten ſich ein, ſo gut ſie konnten. Laertes ſelbſt ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit heriis gekommen war, nach der Stadt zuruͤck. Philine ſaß kaum in dem Wagen, als ſie artige Lie⸗ der zu ſingen und das Geſpraͤch auf Geſchichten zu len⸗ ken wuſſte, von denen ſie behauptete, daß ſie mit Gluͤck dramatiſch behandelt werden koͤnnten. Durch dieſe kluge Wendung hatte ſie gar bald ihren jungen Freund in ſeine beſte Laune geſetzt, und er komponirte aus dem Reichthum ſeines lebendigen Bildervorraths ſogleich ein ganzes Schauſpiel mit allen ſeinen Acten, Scenen, Cha⸗ ractern und Verwicklungen. Man fand fuͤr gut, einige Arien und Geſaͤnge einzuflechten; man dichtete ſie, und Philine, die in alles einging, paſſte ihnen gleich bekannte Melodieen an, und ſang ſie aus dem Stegreife. Sie hatte eben heute ihren ſchoͤnen, ſehr ſchoͤnen Tag, ſie wuſſte mit allerley Neckereyen unſern Freund zu be⸗ leben; es ward ihm wohl, wie es ihm lange nicht ge⸗ weſen war. 1 197 Seitdem ihn jene grauſame Entdeckung von der Seite Marianens geriſſen hatte, war er dem Geluͤbde treu geblieben, ſich vor der zuſammenſchlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten, das treuloſe Ge⸗ ſchlecht zu meiden, ſeine Schmerzen, ſeine Neigung, ſeine ſuͤßen Wuͤnſche in ſeinem Buſen zu verſchließen. Die Gewiſſenhaftigkeit, womit er dieß Geluͤbde beob⸗ achtete, gab ſeinem ganzen Weſen eine geheime Nah⸗ rung, und da ſein Herz nicht ohne Theilnehmung blei⸗ ben konnte, ſo ward eine liebevolle Mittheilung nun zum Beduͤrfniſſe. Er ging wieder wie von dem erſten Jugendnebel begleitet umher, ſeine Augen faſſten jeden reizenden Gegenſtand mit Freuden auf, und nie war ſein Urtheil uͤber eine liebenswuͤrdige Geſtalt ſchonender ge⸗ weſen. Wie gefaͤhrlich ihm in einer ſolchen Lage das verwegene Maͤdchen werden muſſte, laͤſſt ſich leider nur zu gut einſehen. Zu Hauſe fanden ſie auf Wilhelms Zimmer ſchon alles zum Empfange bereit, die Stuͤhle zu einer Vorle⸗. ſung zurechte geſtellt, und den Tiſch in die Mitte geſetzt, auf welchem der Punſchnapf ſeinen Platz nehmen ſollte. Die deutſchen Ritterſtuͤcke waren damals eben neu, und hatten die Aufmerkſamkeit und Neigung des Publi⸗ kums an ſich gezogen. Der alte Polterer hatte eines die⸗ ſer Art mitgebracht, und die Vorleſung war beſchloſſen worden. Man ſetzte ſich nieder. Wilhelm bemaͤchtigte ſich des Exemplars, und fing zu leſen an. 198 Die geharniſchten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit, Rechtlichkeit und Redlichkeit, beſonders aber die Unabhaͤngigkeit der handelnden Perſonen wurden mit großem Beyſall aufgenommen. Der Vorleſer that ſein Moͤglichſtes, und die Geſellſchaft kam außer ſich. Zwiſchen dem zweyten und dritten Act kam der Punſch in einem großen Napfe, und da in dem Stuͤcke ſelbſt ſehr viel getrunken und angeſtoßen wurde; ſo war nichts natuͤrlicher, als daß die Geſellſchaft, bey jedem ſolchen Falle, ſich lebhaft an den Platz der Helden verſetzte, gleichfalls anklingte, und die Günſtlinge unter den han⸗ delnden Perſonen hoch leben ließ. 4 Jederman war von dem Feuer des edelſten National⸗ geiſtes entzuͤndet., Wie ſehr gefiel es dieſer deutſchen Geſellſchaft, ſich, ihrem Character gemaͤß, auf eignem Grund und Boden poetiſch zu ergetzen! Beſonders thaten die Gewölbe und Keller, die verfallenen Schloͤſ⸗ ſer, das Moos und die hohlen Baͤume, uͤber alles aber die naichtlichen Zigennerſcenen und das heimliche Gerccht eine ganz unglaubliche Wirkung. Jeder Schauſpieler ſah nun, wie er bald in Helm und Harniſch, jede Schau⸗ ſpielerin, wie ſie mit einem großen ſtehenden Kragen ihre— Deutſchheit vor dem Publiko produziren werde. Jeder wollte ſich ſogleich einen Namen aus dem Stuͤcke oder aus der deutſchen Geſchichte zueignen, und Madam Melina betheuerte, Sohn oder Tochter, wozu ſie Hoffnung hatte, nichts anders als Adelbert oder Mathilde taufen zu laſſen. und dadurch den Laͤrm nicht wenig vermehrte. Gegen den fünften Akt ward der Beyfall laͤrmender und lauter, ja zuletzt, als der Held wirklich ſeinem un⸗ terdruͤcker entging, und der Tyrann geſtraft wurde, war das Entzuͤcken ſo groß, daß man ſchwur, man habe nie ſo gluͤckliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank begeiſtert hatte, war der lauteſte, und da der zweyte Punſchnapf geleert war, und Mitternacht herannahte, ſchwur Laertes hoch und theuer, es ſey kein Menſch wuͤr⸗ dig, an dieſe Glaͤſer jemals wieder eine Lippe zu ſetzen, und warf mit dieſer Betheuerung ſein Glas hinter ſich und durch die Scheiben auf die Gaſſe hinaus. Die ubri⸗ gen folgten ſeinem Beyſpiele, und ungeachtet der Prote⸗ ſtationen des herbeyeilenden Wirthes wurde der Punſch⸗ napf ſelbſt, der nach einem ſolchen Feſte durch unheiliges Getraͤnk nicht wieder entweiht werden ſollte, in tauſend Stuͤcke geſchlagen. Philine, der man ihren Rauſch am wenigſten anſah, indeß die beyden Maͤdchen nicht in den anſtaͤndigſten Stellungen auf dem Kanape lagen, reizte die Andern mit Schadenfreude zum Lerm. Madam Me⸗ lina rezitirte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im Rauſche nicht ſehr liebenswuͤrdig war, fing an auf die ſchlechte Bereitung des Punſches zu ſchelten, ver⸗ ſicherte, daß er ein Feſt ganz anders einzurichten verſtehe, und ward zuletzt, als Laertes Stillſchweigen gebot, im⸗ mer groͤber und lauter, ſo daß dieſer, ohne ſich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf warf. 8 N 200 Indeſſen war die Schaarwache herbey gekommen und verlangte ins Haus eingelaſſen zu werden. Wilhelm, vom Leſen ſehr erhitzt, ob er gleich nur wenig getrunken, hatte genug zu thun, um mit Beyhuͤlfe des Wirths die Leute durch Geld und gute Worte zu befriedigen, und die Glieder der Geſellſchaft in ihren mißlichen Umſtaͤnden nach Hauſe zu ſchaffen. Er warf ſich, als er zuruͤck kam, vom Schlafe uͤberwaͤltigt, voller Unmuth, unausgekleidet auf's Bette, und nichts glich der unangenehmen Empfin⸗ dung, als er des andern Morgens die Augen aufſchlug, und mit duͤſterm Blick auf die Verwuͤſtungen des vergan⸗ genen Tages, den Unrath nnd die boͤſen Wirkungen hin⸗ ſah, die ein geiſtreiches, lebhaftes und wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte. Eilftes Sapitel. Nach einem kurzen Bedenken rief er ſogleich den Wirth herbey, und ließ ſowohl den Schaden als die Zeche auf ſeine Rechnung ſchreiben. Zugleich vernohm er nicht ohne Verdruß, daß ſein Pferd von Laertes ge⸗ ſtern bey dem Hereinreiten dergeſtalt angegriffen worden, daß es wahrſcheinlich, wie man zu ſagen pflegt, ver⸗ ſchlagen habe, und daß der Schmidt wenig Hoffnung zu ſeinem Aufkommen gebe. Ein Gruß von Philinen, den ſie ihm aus ihrem Fenſter zuwinkte, verſetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zuſtand, und er ging ſogleich in den naͤchſten Laden, um ihr ein kleines Geſchenk, das er ihr gegen das Pudermeſſer noch ſchuldig war, zu kaufen, und wir müͤſſen bekennen, er hielt ſich nicht in den Grenzen eines proportionirten Gegengeſchenks. Er kaufte ihr nicht al⸗ lein ein Paar ſehr niedliche Ohrringe, ſondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch, und einige andere Kleinigkeiten, die er ſie den erſten Tag hatte verſchwen⸗ deriſch wegwerfen ſehen. 1 Madam Melina, die ihn eben, als er ſeine Gaben oäberreichte, zu beobachten kam, ſuchte noch vor Tiſche 202 1 eine Gelegenheit, ihn ſehr ernſtlich uͤber die Empfindung fuͤr dieſes Maͤdchen zur Rede zu ſetzen, und er war um ſo erſtaunter, als er nichts weniger denn dieſe Vorwuͤrfe zu verdienen glaubte. Er ſchwur hoch und theuer, daß es ihm keineswegs eingefallen ſey, ſich an dieſe Perſon, deren ganzen Wandel er wohl kenne, zu wenden; er ent⸗ ſchuldigte ſich, ſo gut er konnte, uber ſein freundliches und artiges Betragen gegen ſie, befriedigte aber Madam Me⸗ lina auf keine Weiſe, vielmehr ward dieſe immer ver⸗ drießlicher, da ſie bemerken muſſte, daß die Schmei⸗ cheley, wodurch ſie ſich eine Art von Neigung unſers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, dieſen Beſitz gegen die Angriffe einer lebhaften, juͤngern und gluͤck⸗ licher begabten Natur zu vertheidigen. Ihren Mann fanden ſie gleichfalls, da ſie zu Tiſche kamen, bey ſehr uͤblem Humor, und er fing ſchon an, ihn uͤber Kleinigkeiten auszulaſſen, als der Wirth her⸗ eintrat und einen Harfenſpieler anmeldete. Sie werden, ſagte er, gewiß Vergnuͤgen an der Muſik und an den Geſaͤngen dieſes Mannes finden; es kann ſich Niemand, der ihn hoͤrt, enthalten, ihn zu bewundern⸗ und ihm etwas Weniges mitzutheilen. Laſſen Sie ihn weg, verſetzte Melina, ich bin nichts weniger als geſtimmt, einen Leyermann zu hoͤren, und wir haben allenfalls Saͤnger unter uns, die gern etwas verdienten. Er begleitete dieſe Worte mit einem tuͤckiſchen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verſtand 203 ihn, und war gleich bereit, zu ſeinem Verdruß, den an⸗ gemeldeten Saͤnger zu beſchuͤtzen. Sie wendete ſich zu Wilhelmen, und ſagte: ſollen wir den Mann nicht hoͤren⸗ ſollen wir nichts thun, um uns aus der erbaͤrmlichen Langenweile zu retten? 8 Melina wollte ihr antworten, und der Streit waͤre lebhafter geworden, wenn nicht Wilhelm den im Au⸗ genblick hereintretenden Mann begruͤßt und ihn herbey⸗ gewinkt haͤtte. Die Geſtalt dieſes ſeltſamen Gaſtes ſetzte die ganze Geſellſchaft in Erſtaunen, und er hatte ſchon von einem Stuhle Beſitz genommen, ehe Jemand ihn zu fragen oder ſonſt etwas vorzubringen das Herz hatte. Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkraͤnzt, große blaue Augen blickten ſanft unter langen weiſſen Augen⸗ braunen hervor. An eine wohlgebildete Naſe ſchloß ſich ein langer weiſſer Bart an, ohne die gefaͤllige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand um⸗ huͤllte den ſchlanken Koͤrper vom Halſe bis zu den Fuͤßen; und ſo fing er auf der Harfe, die er vor ſich genommen hatte, zu praͤludiren an. Die angenehmen Toͤne, die er aus dem Inſtrumente hervorlockte, erheiterten gar bald die Geſellſchaft. Ihr pflegt auch zu ſu en, guter Alter, ſagte Philine. Gebt uns etwas, das Herz und Geiſt zugleich mit den Sinnen ergetze, ſagte Wilhelm. Das Inſtrument ſollte nur die Stimme begleiten; denn Melodien, Gaͤnge und Laͤufe ohne Worte und Sinn, ſcheinen mir Schmet⸗ terlingen oder ſchoͤnen bunten Voͤgeln aͤhnlich zu ſeyn, die in der Luft vor unſern Augen herum ſchweben, die wir allenfalls haſchen und uns zueignen moͤchten; da ſich der Geſang dagegen wie ein Genius gen Himmel hebt, und das beſſere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt. Der Alte ſah Wilhelmen an, alsdann in die Hoͤhe, that einige Griffe auf der Harfe, und begann ſein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Geſang, pries das Gluͤck der Saͤnger, und ermahnte die Menſchen, ſie zu ehren. Er es ſchien, als haͤtte er es in dieſem Augenblicke und bey dieſem Anlaſſe gedichtet. Wilhelm enthielt ſich kaum, ihm um den Hals zu fallen; nur die Furcht, ein lautes Gelaͤchter zu erregen, zog ihn auf ſeinen Stuhl zuruͤck; denn die Uebrigen machten ſchon halb laut einige alberne Anmerkungen, und ſtritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude ſey. 4 Als man nach dem Verfaſſer des Liedes fragte, gab er keine beſtimmte Antwort; nur verſicherte er, daß er reich an Geſaͤngen ſey, und wuͤnſche nur, daß ſie gefal⸗ len moͤchten. Der größte Theil der Geſellſchaft war froͤh⸗ lich und freudig, ja ſelbſt Melina nach ſeiner Art offen geworden, und indem man unter einander ſchwatzte und ſcherzte, fing der Alte das Lob des geſelligen Lebens auf das Geiſtreichſte zu ſingen an. Er pries Einigkeit und trug das Lied mit ſo viel Leben und Wahrheit vor, daß Gefaͤlligkeit mit einſchmeichelnden Toͤnen. Auf einmal 205 ward ſein Geſang trocken, rauh und verworren, als er gehaͤſſige Verſchloſſenheit, kurzſinnige Feindſchaft und ge⸗ faͤhrlichen Zwieſpalt bedauerte, und gern warf jede Seele dieſe unbequemen Feſſeln ab, als er, auf den Fittigen einer vordringenden Melodie getragen, die Friedensſtifter pries, und das Gluͤck der Seelen, die ſich wieder fin⸗ den, ſang. Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: wer du auch ſeyſt, der du, als ein huͤlfreicher Schutz⸗ geiſt, mit einer ſegnenden und belebenden Stimme zu uns kommſt, nimm meine Verehrung und meinen Dank! fuͤhle, daß wir alle dich bewundern, und vertrau' uns, wenn du etwas bedarfſt! Der Alte ſchwieg, ließ erſt ſeine Finger uͤber die Sai⸗ ten ſchleichen, dann griff er ſie ſtaͤrker an, und ſang: Was hoͤr' ich draußen vor dem Thor, Was auf der Bruͤcke ſchallen? Laſſt den Geſang zu unſerm Ohr Im Saale wiederhallen! Der Koͤnig ſprach's, der Page lief, Der Knabe kam, der Koͤnig rief: Bring' ihn herein den Alten! Gegruͤßet ſeyd ihr hohen Herrn, Gegruͤßt ihr, ſchoͤne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bey Stern! Wer kennet ihre Namen? 206 Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier iſt nicht Zeit Sich ſtaunend zu ergetzen. Der Saͤnger druͤckt die Augen ein, Und ſchlug die vollen Toͤne; Der Ritter ſchaute muthig drein, Und in den Schoß die Schoͤne. Der Koͤnig, dem das Lied gefiel, Ließ ihm, zum Lohne fuͤr ſein Spiel, Eine goldne Kette holen. Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kuͤhnem Angeſicht Der Feinde Lanzen ſplittern. Gib ſie dem Kanzler, den du haſt, Und laß ihn noch die goldne Laſt Zu andern Laſten tragen. 13 8 8 Ich ſinge, wie der Vogel ſingt, Der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle dringt, Iſt Lohn, der reichlich lohnet; Doch darf ich bitten, bitt' ich eins, Laß einen Trunk des beſten Weins In reinem Glaſe bringen. Er ſetzt es an, er trank es aus. O Trank der ſuͤßen Labe! Ol dreymal hochbegluͤcktes Haus, Wo das iſt kleine Gabe! 207 Ergeht's euch wohl, ſo denkt an mich, Und danket Gott ſo warm, als ich Fuͤr dieſen Trunk euch danke. Da der Säͤnger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das fuͤr ihn eingeſchenkt da ſtand, ergriff, und es mit freundlicher Miene, ſich gegen ſeine Wohlthaͤter wendend, austrank, entſtand eine allgemeine Freude in der Verſammlung. Man klatſchte, und rief ihm zu, es moͤge dieſes Glas zu ſeiner Geſundheit, zur Staͤr⸗ kung ſeiner alten Glieder gereichen. Er ſang noch ei⸗ nige Romanzen, und erregte immer mehr Munterkeit in der Geſellſchaft. Kannſt du die Melodie, Alter, rief Philine, der Schaͤfer putzte ſich zum Tanz? O ja, verſetzte er; wenn Sie das Lied ſingen und auffuhren wollen, an mir ſoll es nicht ſehlen. Philine ſtand auf, und hielt ſich fertig. Der Alte begann die Melodie, und ſie ſang ein Lied, das wir un⸗ ſern Leſern nicht mittheilen koͤnnen, weil ſie es vielleicht abgeſchmackt oder wohl gar unanſtaͤndig finden koͤnnten. Inzwiſchen hatte die Geſellſchaft, die immer heiterer geworden war, noch manche Flaſche Wein ausgetrun⸗ ken, und fing an ſehr lant zu werden. Da aber un⸗ ſerm Freunde die boͤſen Folgen ihrer Luſt noch in fri⸗ ſchem Andenken ſchwebten, ſuchte er abzubrechen, ſteckte dem Alten fuͤr ſeine Bemuͤhung eine reichliche Beloh⸗ nung in die Hand, die Andern thaten auch etwas, ———— 208 man ließ ihn abtreten und ruhen, und verſprach ſich auf den Abend eine wiederholte Freude von ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit. Als er hinweg war, ſagte Wilhelm zu Philinen: ich kann zwar in Ihrem Leibgeſange weder ein dichteriſches noch ſittliches Verdienſt finden; doch wenn Sie mit eben der Naivetat, Eigenheit und Zierlichkeit etwas Schickliches auf dem Theater jemals ausfuͤhren, ſo wird Ihnen all⸗ gemeiner lebhafter Beyfall gewiß zu Theil werden. Ja, ſagte Philine, es muͤſſte eine recht angenehme Empfindung ſeyn, ſich am Eiſe zu waͤrmen. Ueberhaupt, ſagte Wilhelm, wie ſehr beſchaͤmt dieſer Mann manchen Schanſpieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatiſche Ausdruck ſeiner Romanzen war? Gewiß, es lebte mehr Darſtellung in ſeinem Geſang, als in unſern ſteifen Perſonen auf der Buͤhne; man ſollte die Auffuͤhrung mancher Stuͤcke eher fuͤr eine Erzaͤhlung hal⸗ ten, und dieſen muſikaliſchen Erzaͤhlungen eine ſinnliche Gegenwart zuſchreiben. Sie ſind ungerecht! verſetzte Laertes: ich gebe mich weder fuͤr einen großen Schauſpieler noch Saͤnger; aber das weiß ich, daß, wenn die Muſik die Bewegungen des Koͤrpers leitet, ihnen Leben gibt, und ihnen zugleich das Maß vorſchreibt; wenn Deklamation und Aus⸗ druck ſchon von dem Compoſiteur auf mich uͤbergetragen werden: ſo bin ich ein ganz andrer Menſch, als wenn ich im proſaiſchen Drama das Alles erſt erſchaffen, und 269 Takt und Deklamation mir erſt erfinden ſoll, worin mich noch dazu jeder Mitſpielende ſtoͤren kann. So viel weiß ich, ſagte Melina, daß uns dieſer Mann in Einem Punkte gewiß beſchaͤmt, und zwar in einem Hauptpunkt e. Die Staͤrke ſeiner Talente zeigt ſi ſich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir viel⸗ leicht bald in Verlegenheit ſeyn werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unſre Mahlzeit mit ihm zu theilen. Er weiß uns das Geld, das wir an⸗ wenden koͤnnten, um uns in einige Verfaſſung zu ſetzen, durch ein Liedchen aus der Taſche zu locken. Es ſcheint. ſo angenehm zu ſeyn, das Geld zu verſchleudern, wo⸗ mit man ſich und Andern eine Eriſtenz verſch affen koͤnnte. Das Geſpraͤch bekam durch dieſe Bemerkung nicht die angenehmſte Wendung. Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete mit einiger Leiden⸗ ſchaft, und Melina, der ſich eben nicht der groͤßten Fein⸗ heit befliß, brachte zuletzt ſeine Beſchwerden mit ziemlich trockenen Worten vor. Es ſind nun ſchon vierzehn Tage⸗ ſagte er, daß wir das hier verpfaͤndete Theater und die Garderobe beſehen haben, und beydes konnten wir fuͤr eine ſehr leidliche Summe haben. Sie machten mir damals Hoffnung, daß Sie mir ſo viel creditiren wuͤrden, und bis jetzt habe ich noch nicht geſehen, daß Sie die Sache weiter bedacht oder ſich einem Entſchluß genaͤhert haͤtten. Griffen Sie damals zu, ſo waͤren wir jetzt im Gange. Ihre Abſicht zu verreiſen habon Sie auch noch nicht aus⸗ Goethe“ Werke III. Bd. 14 ———— 210 gefuͤhrt, und Geld ſcheinen Sie mir dieſe Zeit uͤber auch nicht geſpart zu haben; wenigſtens gibt es Perſonen, die immer Gelegenheit zu verſchaffen wiſſen, daß es geſchwin⸗ der weggehe. Dieſer nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unſern Freund. Er verſetzte Einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit, und ergriff, da die Geſellſchaft aufſtand und ſich zerſtreute, die Thuͤre, indem er nicht undeutlich — zu erkennen gab, daß er ſich nicht lange mehr bey ſo un⸗ freundlichen und undankbaren Menſchen aufhalten wolle. Er eilte verdrießlich hinunter, ſich auf eine ſteinerne Bank zu ſetzen, die vor dem Thore ſeines Gaſthofs ſtand, und bemerkte nicht, daß er halb aus Luſt, halb aus Verdruß mehr als gewoͤhnlich getrunken hatte. e Zwoͤlftes Capitel. Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von man⸗ — cherley Gedanken, ſitzend und vor ſich hinſehend zugebracht hatte, ſchlenderte Philine ſingend zur Hausthuͤre heraus, ſetzte ſich zu ihm, ja man duͤrfte beynahe ſagen, auf ihn, ſo nahe ruͤckte ſie an ihn heran, lehnte ſich auf ſeine Schultern, ſpielte mit ſeinen Locken, ſtreichelte ihn, und gab ihm die beſten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er moͤchte ja bleiben, und ſie nicht in der Geſellſchaft allein laſſen, in der ſie vor langer Weile ſterben muͤſſte; ſie koͤnne nicht mehr mit Melina unter Einem Dache aus⸗ dauern, und habe ſich deswegen herüͤber quartirt. Vergebens ſuchte er ſie abzuweiſen, ihr begreiflich zu machen, daß er laͤnger weder bleiben koͤnne noch dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab, ja unvermuthet ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals, und kuͤſſte ihn mit dem lob⸗ hafteſten Ausdrucke des Verlangens. Sind Sie toll, Philine? rief Wilhelm aus, indem er ſich loszumachen ſuchte, die oͤffentliche Straße zum Zeugen ſolcher Liebkoſungen zu machen, die ich auf keins 212 Weiſe verdiene! Laſſen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde nicht bleiben. Und ich werde dich feſt halten, ſagte ſie, und ich werde dich hier auf öffentlicher Gaſſe ſo lange kuͤſſen, bis du mir verſprichſt, was ich wuͤnſche. Ich lache mich zu Tode, fuhr ſie fort; nach dieſer Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiß fuͤr deine Frau von vier Wochen, und die Ehemaͤnner, die eine ſo anmuthige Scene ſehen, werden mich ihren Weibern als ein Muſter einer kindlich unbefangenen Zaͤrtlichkeit anpreiſen. Eben gingen einige Leute vorbey, und ſie liebkoſte ihn auf das Anmuthigſte, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehe⸗ mannes zu ſpielen. Dann ſchnitt ſie den Leuten Geſichter im Ruͤcken, und trieb voll Uebermuth allerhand Ungezo⸗ genheiten, bis er zuletzt verſprechen muſſte, noch heute und morgen und uͤbermorgen zu bleiben. Sie ſind ein rechter Stock! ſagte ſie darauf, indem ſie von ihm abließ; und ich eine Thoͤrin, daß ich ſo viel Freundlichkeit an Sie verſchwende. Sie ſtand verdrieß⸗ lich auf, und ging einige Schritte; dann kehrte ſie lachend zurück, und rief: ich glaube eben, daß ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen Strick⸗ ſſtrumpf holen, daß ich etwas zu thun habe. Bleibe ja, damit ich den ſteinernen Mann auf der ſteinernen Bank wieder finde. 8— 213 Dießmal that ſie ihm unrecht: denn ſo ſehr er ſich von ihr zu enthalten ſtrebte, ſo wuͤrde er doch in die⸗ ſem Augenblicke, haͤtte er ſich mit ihr in einer einſamen Laube befunden, ihre Liebkoſungen wahrſcheinlich nicht unerwiedert gelaſſen haben. Sie ging, nachdem ſie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen neuen Wi⸗ derwillen in ihm erregt; doch hob er ſich, ohne ſelbſt recht zu wiſſen warum, von der Bank, um ihr nach⸗ zugehen. Er war eben im Begriff, in die Thuͤre zu treten, als Melina herbeykam, ihn beſcheiden anredete, und ihn we⸗ gen einiger im Wortwechſel zu hart ausgeſprochenen Aus⸗ drucke um Verzeihung bat. Sie nehmen mir nicht uͤbel, fuhr er fort, wenn ich in dem Zuſtande, in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu aͤngſtlich bezeige; aber die Sorge fuͤr eine Frau, vielleicht bald fuͤr ein Kind, ver⸗ hindert mich von einem Tag zum andern, ruhig zu le⸗ ben, und meine Zeit mit dem Genuß angenehmer Em⸗ pfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt iſt. Ueberdenken Sie, und wenn es Ihnen möglich iſt, ſo ſetzen Sie mich in den Beſitz der theatraliſchen Geraͤth⸗ ſchaften, die ſich hier vorfinden. Ich werde nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafuͤr ewig dankbar bleiben. Wilhelm, der ſich ungern auf der Schwelle aufgehal⸗ ten ſah, uber die ihn eine unwiderſtehliche Neigung in dieſem Augenblicke zu Philinen hinaberzog, ſagte mit ei⸗ ner überraſchten Zerſtreuung und eilfertigen Gutmuͤthig⸗ keit: wenn ich Sie dadurch gluͤcklich und zufrieden machen kann, ſo will ich mich nicht laͤnger bedenken. Gehn Sie hin, machen Sie Alles richtig. Ich bin bereit, noch die⸗ ſen Abend oder morgen früͤh das Geld zu zahlen. Er gab hierauf Melina'n die Hand zur Beſtaͤtigung ſeines Verſprechens, und war ſehr zufrieden, als er ihn eilig uͤber die Straße weggehen ſah; leider aber wurde er von ſeinem Eindringen ins Haus zum zweytenmal und auf eine unangenehmere Weiſe zuruͤck gehalten. Ein junger Menſch mit einem Buͤndel auf dem Rücken kam eilig die Straße her, und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich fuͤr Friedrichen erkannte. Da bin ich wieder! rief er aus, indem er tſeine großen blauen Augen freudig umher und hinauf an alle Fenſter gehen ließ; wo iſt Mamſell? Der Henker mag es laͤnger in der Welt aushalten, ohne ſie zu ſehen. Der Wirth, der eben dazu getreten war, verſetzte, ſie iſt oben, und mit wenigen Spruͤngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf der S Schwelle wie einge⸗ wurzelt ſtehen. Er hätte in den erſten Augenblicken den Jungen bey den Haaren rückwaͤrts die Treppe herunter⸗ reißen mögen; dann hemmte der heftige Krampf einer ge⸗ waltſamen Eiſerſucht auf einmal den Lauf ſeiner Lebens⸗ geiſter und ſeiner Ideen, und da er ſich nach und nach von ſeiner Erſtarrung erholte, uberfiel ihn eine Unruhe, 215 ein Unbehagen, dergleichen ex in ſeimem Leben noch nicht empfunden hatte. Er ging auf ſeine Stube, und fand Mignon mit Schreiben beſchaͤftigt. Das Kind hatte ſich eine Zeit her mit großem Fleiße bemüht, Alles, was es auswendig wuſſte, zu ſchreiben, und hatte ſeinem Herrn und Freund das Geſchriebene zu korrigiren gegeben. Sie war uner⸗ müdet, und faſſte gut; aber die Buchſtaben blieben un⸗ gleich und die Linien krumm. Auch hier ſchien ihr Koͤr⸗ per dem Geiſte zu widerſprechen. Wilhelm, dem die Auf⸗ merkſamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, große Freude machte, achtete dießmal wenig auf das, was ſie ihm zeigte; ſie fuͤhlte es, und betruͤbte ſich dar⸗ uͤber nur deſto mehr, als ſie glaubte, dießmal ihre Sache recht gut gemacht zu haben. Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gaͤngen des Hau⸗ ſes auf und ab, und bald wieder an die Hausthuͤre. Ein Reiter ſprengte vor, der ein gutes Anſehn hatte, und der bey geſetzten Jahren noch viel Munterkeit verrieth. Der Wirth eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekann⸗ ten Freunde die Hand, und rief: Ey, Herr Stalmeiſter, ſieht man Sie auch einmal wieder!— Ich will nur hier fuͤttern, verſetzte der Fremde, ich muß gleich hinuͤber auf das Gut, um in der Geſchwin⸗ digkeit allerley einrichten zu laſſen. Der Graf koͤmmt morgen mit ſeiner Gemahlin, ſie werden ſich eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen von*** auf das 216 Beſte zu bewirthen, der in dieſer Gegend veheſhenuc Es iſt Schade, daß Sie nicht bey uns bleiben koͤnnen. verſetzte der Wirth: wir haben gute Geſellſchaft. Der Reitknecht, der nachſprengte, nahm dem Stallmeiſter das Pferd ab, der ſi ch unter der Thuͤre mit dem Wirth unterhielt, und Wil lhelmen von der Seite anſah⸗ Dieſer, da er merkte, daß von ihm die Rede ſey, begab ſich weg, und ging einige Straßen auf und ab. ſein Hanptauartier aufſchlägt. — —ę——O—Q—ę—ę—ÿñ/OO—O—COCOV—:————— Dreyzehntes Capitel. n der verdrießlichen unruhe, in der er ſich befand, fiel ihm ein, den Alten aufzuſuchen, durch deſſen Harfe er die böſen Geiſter zu verſcheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an ein ſchlechtes Wirthshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens, und in demſelben die Treppe hinauf, bis auf den Boden, wo ihm der ſuͤße Harfenklang aus einer Kammer entgegen ſchallte. Es waren herzruͤhrende, klagende Toͤne, von einem traurigen, aͤngſtlichen Geſange begleitet. Wilhelm ſchlich an die Thüre, und da der gute Alte eine Art von Phantaſie vortrug, und wenige Strophen theils ſingend theils recitirend immer wiederholte, konnte der Horcher, nach einer kurzen Aufmerkſamkeit, ungefähr Folgendes verſtehen: 3 1 a Wer nie ſein Brot mit Thraͤnen aß, Wer nie die kummervollen Naͤchte Auf ſeinem Bette weinend ſaß⸗ Der kennt euch nicht, ihr himmliſchen Maͤchte, Ihr füͤhrt ins Leben uns hinein, Ihr laſſt den Armen ſchuldig werden; Dann uͤberlaſſt ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld raͤcht ſich auf Erden, Die wehmuthige herzliche Klage drang tief in die Seele des Hoͤrers. Es ſchien ihm, als ob der Alte manch⸗ mal von Thranen gehindert wuͤrde fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis ſich wieder die Stimme leiſe i in gebrochenen Lauten darein miſchte. Wilhelm ſtand an dem Pfoſten, ſeine Seele war tief geruͤhrt, die Trauer des Unbekannten ſchloß ſein beklommenes Herz auf; er widerſtand nicht dem Mitgefuhl, und konnte un wollte die Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, die des Alten lerzlche Klage endlich auch aus ſeinen Augen hervorlockte. Alle Schmerzen, die ſeine Seele druͤckten, lösten ſich zu glei⸗ cher Zeit auf, er uͤberließ ſich ihnen ganz, ſtieß die Kam⸗ merthuͤre auf, und ſtand vor dem Alten, der ein ſchlech⸗ tes Bette, den einzigen Hausrath dieſer armſeligen Woh⸗ nung, zu ſeinem Sitze zu nehmen benoͤthigt geweſen. Was haſt du mir fuͤr Empfindungen rege gemacht, guter Alter! rief er aus: Alles, was in meinem Her⸗ zen ſtockte, haſt du los geloͤst; laß dich nicht ſtören, ſondern fahre fort, indem du deine Leiden linderſt, einen Freund gluͤcklich zu machen. Der Alte wollte aufſtehen und etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn daran; denn er hatte zu Mittage bemerkt, daß der Mann ungern ſprach; er etzte ſich vielmehr zu ihm auf den Strohſack nieder. Der Alte trocknete ſeine Thraͤnen, und fragte mit einem freundlichen Laͤcheln: wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen dieſen Abend wieder aufwarten. 1 4 3 Wir ſind hier ruhiger, verſetzte Wilhelm; ſinge mir, 8 was du willſt, was zu deiner Lage paſſt, und thue nur, als ob ich gar nicht hier waͤre. Es ſcheint mir, als ſob du heute nicht irren koͤnnteſt. Ich finde dich ſehr glücklich, daß du dich in der Einſamkeit ſo angenehm ibeſchaͤftigen und unterhalten kannſt, und da du uͤberall ſein Fremdling biſt, in deinem Herzen die angenehmſte Bekangtſchaft findeſt. 8 Der Alte blickte auf ſeine Saiten, und nachdem er ſanft praͤdulirt hatte, ſtimmte er an und ſang: 219 Wer ſich der Einſamkeit ergibt, Ach! der iſt bald allein; Ein Jeder lebt, ein Jeder liebt, Und laͤſſt ihn ſeiner Pein. Jal laſſt mich meiner Qual! Und kann ich nur einmal Recht einſam ſeyn, Dann bin ich nicht allein. Es ſchleicht ein Liebender lauſchend ſacht! Ob ſeine Freundin allein? So uͤberſchleicht bey Tag und Nacht Mich Einſamen die Pein, Mich Einſamen die Qual. Ach werd' ich erſt einmal Einſam im Grabe ſeyn, Da laͤfft ſie mich allein! ———QO—Q—᷑—Q—.— —————— K 220 Wir wuͤrden zu weitlaͤufig werden, und doch die An⸗ muth der ſeltſamen Unterredung nicht ausdrucken konnen, die unſer Freund mit dem abenteuerlichen Fremden hielt. Auf Alles, was der Jüngling zu ihm ſagte, antwortete der Alte mit der reinſten Uebereinſtimmung durch An⸗ klänge, die alle verwandten Empfindungen rege mach⸗ ten, und der Einbildungskraft ein weites Feld eroͤff⸗ neten. Wer einer Verſammlung frondmer Menſchen, die— ſich, abgeſondert von der Kirche, reiner, herzlicher und ge ſtreicher zu erbauen glauben, beygewohnt hat, wird ſich auch einen Begriff von der gegenwaͤrtigen Scene ma⸗ chen koͤnnen; er wird ſich erinnern, wie der Liturg ſei⸗ nen Worten den Vers eines Geſanges anzupaſſen weiß, der die Seele dahin erhebt, wohin der Redner wuͤnſcht, daß ſie ihren Flug nehmen möge, wie bald darauf ein anderer aus der Gemeinde, in einer andern Melodie, den Vers eines andern Liedes hinzufuͤgt, und an dieſen wieder ein dritter einen dritten anknüpft, wodurch die„ verwandten Ideen der Lieder, aus denen ſie entlehnt ſind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn ſie in dem Augenblicke erfunden worden waͤre; wodurch denn aus einem bekannten Kreiſe von Ideen, aus bekannten Liedern und Spruͤchen, fuͤr dieſe beſondere Geſellſchaft, fuͤr dieſen Augenblick ein eigenes Ganzes entſteht, durch deſſen Genuß ſie belebt, geſtärkt und erquickt wirdd. So 4 erbaute der Alte ſeinen Gaſt, indem er, durch bekannte und unbekannte Lieder und Stellen, naye und ferne Ge⸗ fͤhle, wachende und ſchlummernde, angenehme und ſchmerzliche Empfindungen in eine Zirkulation brachte, von der in dem gegenwaͤrtigen Zuſtande unſers Freundes das Beſte zu hoffen war. 1— Vierzehntes Capitel.— Denn wirklich fing er auf dem Ruͤckwege über ſeine Lage lebhafter, als bisher geſchehen, zu denken an, und war mit dem Vorſatze, ſich aus derſelben heraus zu reißen, nach Hauſe gelangt, als ihm der Wirth ſogleich im Vertrauen eröffnete, daß Mademoiſelle Philine an dem Stallmeiſter des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er ſeinen Auftrag auf dem Guthe ausgerichtet, in höͤchſter Eile zuruͤck gekommen ſey, und ein gutes Abendeſſen oben auf ihrem Zimmer mit ihr verzehre. In eben dieſem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; ſie gingen zuſammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieſer, wiewohl mit einigem Zaudern, ſei⸗ nem Verſprechen Genuge leiſtete, dreyhundert Thaler⸗ auf Wechſel, an Melina auszahlte, welche dieſer ſo⸗ gleich dem Notarius uͤbergab, und dagegen das Docu⸗ ment uͤber den geſchloſſenen Kauf der ganzen theatra⸗ liſchen Geraͤthſchaft erhielt, welche ihm morgen fruͤh uͤbergeben werden ſollte. 2* — 223 1 Kaum waren ſie aus einander gegangen, als Wil⸗ helm ein entſetzliches Geſchrey in dem Hauſe vernahm. Er horte eine jugendliche Stimme, die, zornig und dro⸗ hend, durch ein unmaͤßiges Weinen und Heulen, durch⸗ brach. Er hoͤrte dieſe Wehklage von oben herunter, an ſeiner Stube vorbey, nach dem Hausplatze eilen. Als die Neugierde unſern Freund herunter lockte, fand er Friedrichen in einer Art von Raſerey. Der Knabe weinte, knirſchte, ſtampfte, drohte mit geballten Faͤu⸗ ſten, und ſtellte ſich ganz ungeberdig vor Zorn und Verdruß. Mignon ſtand gegenuͤber und ſah mit Ver⸗ wunderung zu, und der Wirth erklärte einigermaßen dieſe Erſcheinung. Der Knabe ſey nach ſeiner Ruͤckkunft, da ihn Phi⸗ line gut aufgenommen, zufrieden, luſtig und munter geweſen, habe geſungen und geſprungen bis zur Zeit, da der Stallmeiſter mit Philinen Bekanntſchaft gemacht. Nun habe das Mittelding zwiſchen Kind und Juͤngling angefangen, ſeinen Verdruß zu zeigen, die Thuͤren zu⸗ zuſchlagen, und auf und nieder zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute Abend bey Tiſche aufzuwarten, woruber er nur noch muͤrriſcher und trotziger geworden; endlich habe er eine Schuͤſſel mit Ragout, anſtatt ſie auf den Tiſch zu ſetzen, zwiſchen Mademoiſelle und den Gaſt, die ziemlich nahe zuſammen geſeſſen, hineinge⸗ worfen, worauf ihm der Stallmeiſter ein paar tuͤchtige Ohrfeigen gegeben, und ihn zur Thuͤre hinausgeſchmiſſen. Er, der Wirth, habe darauf die beyden Perſonen ſaͤubern helfen, deren Kleider ſehr uͤbel zugerichtet geweſen. Als der Knabe die gute Wirkung ſeiner Rache ver⸗ nahm, fing er laut zu lachen an, indem ihm noch immer die Thraͤnen an den Backen herunter liefen. Er freute ſich einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, den ihm der Staͤrkere angethan, wieder einfiel, da er denn von Neuem zu henlen und zu drohen anfing. Wilheim ſtand naͤchdenklich und beſchaͤmt vor dieſer Scene. Er ſah ſein eignes Innerſtes, mit ſtarken und übertriebenen Zuͤgen dargeſtellt; auch er war von einer unüberwindlichen Eiferſucht entzündet, auch er, wenn ihn der Wohlſtand nicht zuruͤckgehalten haͤtte, wuͤrde gern ſeine wilde Laune befriedigt, gern, mit tückiſcher Schadeufreude, den geliebten Gegenſtand verletzt, und ſeinen Nebenbuhler aufgefordert haben; er haͤtte die Menſchen, die nur zu ſeinem Verdrüſſe da zu feyn ſchienen, veutilgen moͤgen. Laertes, der auch herben ekonmen war, und die Geſchichte vernommen hatte, heſtaͤrkte ſchelmiſch den aufgebrachten Knaben, als dieſer betheuerte und ſchwur: der Stallmeiſter muͤſſe ihm Satisfaction geben, er habe noch keine Beleidigung auf ſich ſitzen laſſen; weigere ſich der Stallmeiſter, ſo werde er ſich zu raͤchen wiſſen. 5 3 229 Laertes war hier grade in ſeinem Fache. Er ging ernſthaft hinauf, den Stallmeiſter im Namen des Knaben heraus zu fordern. Das iſt luſtig, ſagte dieſer; einen ſolchen Spaß haͤtte ich mir heute Abend kaum vorgeſtellt. Sie gingen hinunter, und Philine folgte ihnen. Mein Sohn, ſagte der Stallmeiſter zu Friedrichen, du biſt ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur da die Ungleichheit unſrer Jahre und Kraͤfte die Sache ohnehin etwos abenteuerlich macht, ſo ſchlag' ich ſtatt anderer Waffen ein Paar Rapiere vor; wir wollen die Knöpfe mit Kreide beſtreichen, und wer dem Andern den erſten, oder die meiſten Stoͤße auf den Rock zeichnet, ſoll für den Ueberwinder gehalten, und von dem Andern mit dem beſten Weine, der in der Stadt zu haben iſt, trac⸗ tirt werden. Laertes entſchied, daß dieſer Vorſchlag angenommen werden konnte; Friedrich gehorchte ihm als ſeinem Lehr⸗ meiſter. Die Rapiere kamen herbey, Philine ſetzte ſich hin, ſtrickte, und ſah beyden Kaͤmpfern mit großer Ge⸗ müthsruhe zu. Der Stallmeiſter, der ſehr gut ſocht, war gefaͤllig genng, ſeinen Gegner zu ſchonen, und ſich einige Krei⸗ denflecke auf den Rock bringen zu laſſen, worauf ſie ſich umarmten, und Wein herbeygeſchafft wurde. Der Stall⸗ meiſter wollte Friedrichs Herkunft und ſeine Geſchichte Goethe's Weske. nn B 15 f 1 5 —— 226. wiſſen, der denn ein Maͤhrchen erzaͤhlte, das er ſchon oſt wiederholt hatte, und mit dem wir ein andermal unſte Leſer bekannt zu machen gedenken. In Wilhelms Seele vollendete indeſſen dieſer Zwey⸗ kampf die Darſtellung ſeiner eigenen Gefuͤhle: denn er konnte ſich nicht leugnen, daß er das Rapier, ja lieber noch einen Degen ſelbſt gegen den Stallmeiſter zu fuͤhren wunſchte, wenn er ſchon einſah, daß ihm dieſer in der Fechtkunſt weit uͤberlegen ſey. Doch wuͤrdigte er Phi⸗ linen nicht eines Blicks, hütete ſich vor jeder Aeußerung, die ſeine Empfindung haͤtte verrathen koͤnnen, und eilte, nachdem er einigemal auf die Geſundheit der Kaͤmpfer Beſcheid gethan, auf ſein Zimmer, wo ſich tauſend unan⸗ genehme Gedanken auf ihn zudraͤngten. Er erinnerte ſich der Zeit, in der ſein Geiſt durch ein unbedingtes hoffnungsreiches Streben empor gehoben wurde, wo er in dem lebhafteſten Genuſſe aller Art, wie in einem Elemente ſchwamm. Es ward ihm deutlich, wie er jetzt in ein unbeſtimmtes Schlendern gerathen war, in welchem er nur noch ſchluͤrfend koſtete, was er ſonſt mit vollen Zuͤgen eingeſogen hatte; aber deutlich konnte er nicht ſehen, welches unüberwindliche Bedurfniß ihm die Natur zum Geſetz gemacht hatte, und wie ſehr dieſes Beduͤrfniß durch Umſtaͤnde nur gereizt, halb befriedigt und irre gefuͤhrt werden war. 1 227 Es darf alſo Niemand wundern, wenn er bey Be⸗ trachtung ſeines Zuſtandes, und indem er ſich aus dem⸗ ſelben heraus zu denken arbeitete, in die groͤßte Verwir⸗ rung gerieth. Es war nicht genug, daß er durch ſeine Freundſchaft zu Laertes, durch ſeine Neigung zu Phili⸗ nen, durch ſeinen Antheil an Mignon, laͤnger als billig an einem Orte und in einer Geſellſchaft feſtgehalten wurde, in welcher er ſeine Lieblingsneigung hegen, gleichſam verſtohlen ſeine Wuͤnſche befriedigen, und ohne ſich einen Zweck vorzuſetzen, ſeinen alten Traͤumen nachſchleichen konnte. Aus dieſen Verhaͤltniſſen ſich loszureißen, und gleich zu ſcheiden, glaubte er Kraft genug zu beſitzen. Nun hatte er aber vor wenigen Augenblicken ſich mit Me⸗ lina in ein Geldgeſchaͤfte eingelaſſen, er hatte den raͤthſel⸗ haften Alten kennen lernen, welchen zu entziffern er eine unbeſchreibliche Begierde füuhlte. Allein auch dadurch ſich nicht zuruͤck halten zu laſſen, war er nach lange hin und her geworfenen Gedanken entſchloſſen, oder glaubte wenig⸗ ſtens entſchloſſen zu ſeyn. Ich muß fort, rief er aus, ich will fort! Er warf ſich in einen Seſſel, und war ſehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob ſie ihn auf⸗ wickeln dürfe? Sie kam ſtill; es ſchmerzte ſie tief, daß er ſte heute ſo kurz abgefertigt hatte. Nichts iſt rührender, als wenn eine Liebe, die ſich im Stillen genaͤhrt, eine Treue, die ſich im Verborgenen befeſtigt hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht werth 228 geweſen, zur rechten Stunde nahe kommt, und ihm of⸗ fenbar wird. Die lange und ſtreng verſchloſſene Knoſpe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglie cher ſeyn. 2 Siee ſtand vor ihm, und ſah ſeine Unruhe.— Herr! rief ſie aus, wenn du unglüuͤcklich biſt, was ſoll Mig⸗ non werden?— Liebes Geſchoͤpf, ſagte er, indem er ihre Haͤnde nahm, du biſt auch mit unter meinen Schmer⸗ zen.— Ich muß fort.— Sie ſah ihm in die Augen, die von verhaltenen Thraͤnen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder. Er behielt ihre Hände, ſie legte ihr Haupt auf ſeine Knie, und war ganz ſtill. Er ſpielte mit ihren Haaren, und war freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fuͤhlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz ſachte anfing, und ſich durch alle Glieder wach⸗ ſend verbreitete.— Was iſt dir, Mignon? rief er aus, was iſt dir?— Sie richtete ihr Koͤpfchen auf, und ſah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Geberde, welche Schmerzen verbeißt. Er hob ſie auf, und ſie fiel auf ſeinen Schoß, er druͤckte ſie an ſich, und küſſte ſie. Sie antwortete durch keinen Haͤndedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt ihr Herz feſt, und auf ein⸗ mal that ſie einen Schrey, der mit krampfigen Bewegun⸗ gen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf, und fiel auch ſogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nie⸗ der. Es war ein graͤßlicher Anblick!— Mein Kind! rief er aus, indem er ſie aufhob, und feſt umarmte, mein Kind, 229 was iſt dir?— Die Zuckung dauerte fort, die vom Her⸗ zen ſich den ſchlotternden Gliedern mittheilte; ſie hing nur in ſeinen Armen. Er ſchloß ſie an ſein Herz, und benetzte ſie mit ſeinen Thraͤnen. Auf einmal ſchien ſie wieder angeſpannt, wie eins, das den hoͤchſten köoͤrperli⸗ chen Schmerz ertraͤgt; und bald mit einer neuen Heftig⸗ keit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und ſie warf ſich ihm, wie ein Reſſort, das zuſchlaͤgt, um den Hals, indem in ihrem Innerſten wie ein gewaltiger Riß geſchah, und in dem Augenblicke floß ein Strom von Thraͤnen aus ihren geſchloſſenen Augen in ſeinen Buſen. Er hielt ſie feſt. Sie weinte, und keine Zunge ſpricht die Gewalt dieſer Thraͤnen aus. Ihre langen Haare waren aufgegan⸗ gen, und hingen von der Weinenden nieder, und ihr gan⸗ zes Weſen ſchien in einen Bach von Thraͤnen unaufhalt⸗ ſam dahin zu ſchmelzen. Ihre ſtarren Glieder wu den gelinder, es ergoß ſich ihr Innerſtes, und in der Verir⸗ rung des Augenblickes fuͤrchtete Wilhelm, ſie werde in ſei⸗ nen Armen zerſchmelzen, und er nichts von ihr uͤbrig be⸗ halten. Er hielt ſie nur feſter und feſter.— Mein Kind! rief er aus, mein Kind! Du biſt ja mein! wenn dich das Wort tröͤſten kann. Du biſt mein! Ich werde dich be⸗ halten, dich nicht verlaſſen!— Ihre Thraͤnen floſſen noch immer.— Endlich richtete ſie ſich auf. Eine weiche Heiterkeit glaͤnzte von ihrem Geſichte.— Mein Vater! rief ſie, du willſt mich nicht verlaſſen! willſt mein Vater ſeyn!— Ich bin dein Kind! N „ 8 230 Sanft fing vor der Thuͤre die Harfe an zu klingen; der Alte brachte ſeine herzlichſten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, ſein Kind immer feſter in Armen hal⸗ tend, des reinſten unbeſchreiblichſten Glückes genoß. — Wilhelm Meiſters Lehrjahre. 2 5 Drittes Buchh. Erſtes Capitel. Keunſt du das Land? wo die Citronen bluͤhn, Im dunkeln Laub die Gold⸗Orangen gluͤhn, Ein ſanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte ſtill und hoch der Lorbeer ſteht, Kennſt du es wohl?. Dahin! Dahin Moͤcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn. Kennſt du das Haus? auf Saͤulen ruht ſein Dach⸗ Es glaͤnzt der Saal, es ſchimmert das Gemach, Und Marmorbilder ſtehn und ſehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind gethan? Kennſt du es wohl? Dahin! Dahin Moͤcht' ich mit dir, o mein Beſchuͤtzer, ziehn. Kennſt du den Berg und ſeinen Wolkenſtegy Das Maulthier ſucht im Nebel ſeinen Weg, In Hoͤlen wohnt der Drachen alte Brut, Es ſtuͤrzt der Fels und uͤber ihn die Fluth. Kennſt du ihn wohl? Dahin! Dahin Geht unſer Weg! o Vater, laß uns ziehn — 1 434 Als Wilhelm des Morgens ſich nach Mignon im Hauſe umſah, fand er ſie nicht, hoͤrte aber, daß ſie fruͤh mit Melina ausgegangen ſey, welcher ſich, um die Gar⸗ derobe und die uͤbrigen Theater⸗Geraͤthſchaften zu uͤber⸗ nehmen, bey Zeiten aufgemacht hatte. 1 Nach Verlauf einiger Stunden hoͤrte Wilhelm Muſik vor ſeiner Thuͤre. Er glaubte anfaͤnglich, der Harfen⸗ ſpieler ſey ſchon wieder zugegen; allein er unterſchied bald ddie Toͤne einer Zitter, und die Stimme, welche zu ſingen 3 anfing, war Mignons Stimme. Wilhelm oͤffnete die Thuͤre, das Kind trat herein und ſang das Lied, das wit ſo eben aufgezeichnet haben. Melodie und Ausdruck gefielen unſerm Freunde be⸗ ſonders, ob er gleich die Worte nicht alle verſtehen konnte. Er ließ ſich die Strophen wiederholen und erklaͤren, ſchrieb ſie auf und uͤberſetzte ſie ins Deutſche. Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur von ferne nach⸗ ahmen; die kindliche Unſchuld des Ausdrucks verſchwand, indem die gebrochene Sprache uͤbereinſtimmend, und das 3 Unzuſammenhaͤngende verbunden ward. Auch konnte dder Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden. Sie fing jeden Vers feyerlich und praͤchtig an, als ob ſie auf etwas Sonderbares aufmerkſam machen, als ob ſie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bey der dritten Zeile ward der Geſang dumpfer und duͤſterer, das: kennſt du es wohl? druͤckte ſie geheimnißvoll und bedächtig aus; in dem: dahin! dahin! lag eine un⸗ 235 widerſtehliche Sehnſucht, und ihr: Laß uns ziehn! wuſſte ſie, bey jeder Wiederholung, dergeſtalt zu modi⸗ fiziren, daß es bald bittend und dringend, bald treibend und vielverſprechend war. Nachdem ſie das Lied zum zweytenmal geendigt hatte, hielt ſie einen Augenblick inne, ſah Wilhelmen ſcharf an und fragte: kennſt du das Land?— Es muß wohl Ita⸗ lien gemeint ſeyn, verſetzte Wilhelm; woher haſt du das Liedchen?— Italien! ſagte Mignon bedeutend: gehſt du nach Italien, ſo nimm mich mit, es friert mich hier. — Biſt du ſchon dort geweſen, liebe Kleine? fragte Wil⸗ helm.— Das Kind war ſtill und nichts weiter aus ihm zu bringen. Melina, der hereinkam, beſah die Zitter und freute ſich, daß ſie ſchon ſo huͤbſch zurecht gemacht ſey. Das Inſtrument war ein Inventarienſtuͤck der alten Garderobe. Mignon hatte ſich's dieſen Morgen ausgebeten, der Har⸗ fenſpieler bezog es ſogleich, und das Kind entwickelte bey dieſer Gelegenheit ein Talent, was man an ihm bisher noch nicht kannte. 1 3 Melina hatte ſchon die Garderobe mit allem Zugehoͤr uͤbernommen; einige Glieder des Stadtraths verſprachen ihm gleich die Erlaubniß, einige Zeit im Orte zu ſpielen. Mit frohem Herzen und erheitertem Geſichte kam er nun⸗ mehr wieder zuruͤck. Er ſchien ein ganz anderer Menſch zu ſeyn: denn er war ſanſt, höflich gegen Jedermann, ja zuvorkommend und einnehmend. Er wunſchte ſich Gluͤck, 7 236 daß er nunmehr ſeine Freunde, die bisher verlegen und. müßig geweſen, werde beſchaͤftigen und auf eine Zeitlang engagiren koͤnnen, wobey er zugleich bedauerte, daß er freyl ch zum Anſange nicht im Stande ſey, die vortreff⸗ lichen Subjecte, die das Gluͤck ihm zugefuͤhrt, nach ihren Faͤhigkeiten und Talenten zu belohnen, da er ſeine Schuld einem ſo großmuthigen Freunde, als Wilhelm ſich ge⸗ zeigt habe, vor allen Dingen abtragen muͤſſe. Ich kaun Ihnen nicht ausdrucken, ſagte Melina zu ihm, welche Freundſchaft Sie mir erzeigen, indem Sie . mir zur Direction eines Theaters verhelfen. Denn als ich Sie antraf„befand ich mich in einer ſehr wunderlichen Lage. Sie erinnern ſich, wie lebhaft ich Ihnen bey un⸗ ſrer erſten Bekanntſchaft meine Abneigung gegen das Theater ſehen ließ, und doch muſſte ich mich, ſobald ich verheirathet war, aus Liebe zu meiner Frau, welche ſich viel Freude und Beyfall verſprach, nach einem Engage⸗ ment umſehen. Ich fand keins, wenigſtens kein beſtaͤn⸗ diges, dagegen aber, glücklicherweiſe, einige Geſchaͤfts⸗ maͤnner, die eben in außerordentlichen Faͤllen Jemanden brauchen kommten, der mit der Feder umzugehen wuſſte, Franzoͤſiſch verſtand, und im Rechnen nicht ganz uner⸗ fahren war. So ging es mir eine Zeitlang recht gut, ich Verhaͤltniſſe machten mir keine Schande. Allein die auſ⸗ ſerordentlichen Auftraͤge meiner Goͤnner gingen zu Ende, an eine dauerhafte Verſorgung war nicht zu denken. und war leidlich bezahlt, ſchaffte mir manches an, und meine 237 meine Frau verlangte nur deſto eifriger nach dem Thea⸗ ter, leider zu einer Zeit, wo ihre Umſtaͤnde nicht die vor⸗ theilhafteſten ſind, um ſich dem Publikum mit Ehren dar⸗ zuſtellen. Nun, hoffe ich, ſoll die Anſtalt, die ich durch Ihre Huͤlfe einrichten werde, fuͤr mich und die Meinigen ein guter Anfang ſeyn, und ich verdauke Ihnen mein kuͤnf⸗ tiges Gluͤck, es werde auch wie es wolle. Wilhelm hoͤrte dieſe Aeußerungen mit Zufriedenheit an, und die ſämmtlichen Schauſpieler waren gleichfalls mit den Erklaͤrungen des neuen Directors ſo ziemlich zu⸗ frieden, freuten ſich heimlich, daß ſich ſo ſchnell ein En⸗ gagement zeige, und waren geneigt, füͤr den Anfang, mit einer geringen Gage vorlieb zu nehmen, weil die meiſten dasjenige, was ihnen ſo unvermuthet angeboten wurde, als einen Zuſchuß anſahen, auf den ſie vor Kurzem noch nicht Rechnung machen konnten. Melina war im Begriff dieſe Dispoſition zu benutzen, ſuchte auf eine geſchickte Weiſe jeden beſonders zu ſprechen, und hatte bald den einen auf dieſe, den andern auf eine andere Weiſe zu be⸗ reden gewuſſt, daß ſie die Contracte geſchwind abzuſchlieſ⸗ ſen geneigt waren, uber das neue Verhaͤltniß kaum nach⸗ dachten, und ſich ſchon geſichert glaubten, mit ſechswö⸗ chentlicher Aufkuͤndigung wieder loskommen zu koͤnnen. Nun ſollten die Bedingungen in gehoͤrige Form ge⸗ bracht werden, und Melina dachte ſchon an die Stuͤcke, mit denen er zuerſt das Publikum anlocken wollte, als ein Courier dem Stallmeiſter die Ankunft der Herrſchaft 238 verkuͤndigte, und dieſer die untergelegten Pferde vorzufuͤh⸗ ren befahl. Bald darauf fuhr der hochbepackte Wagen, von deſ⸗ ſen Bocke zwey Bedienten herunterſprangen, vor dem Gaſthauſe vor, und Philine war nach ihrer Art am erſten bey der Hand und ſtellte ſich unter die Thuͤre. Wer iſt Sie? fragte die Graͤfin im Hereintreten. Eine Schauſpielerin, Ihro Excellenz zu dienen, war die Antwort, indem der Schalk mit einem gar frommen Geſichte und demuͤthigen Geberden ſich neigte und der Dame den Rock küſſte. Der Graf, der noch einige Perſonen umher ſtehen ſah, die ſich gleichfalls fuͤr Schauſpieler ausgaben, erkundigte ſich nach der Staͤrke der Geſellſchaft, nach dem letzten Orte ihres Aufenthalts und ihrem Director. Wenn es Franzoſen waͤren, ſagte er zu ſeiner Gemahlin, köoͤnnten wir dem Prinzen eine unerwartete Freude machen, und ihm bey uns ſeine Lieblingsunterhaltung verſchaffen. Es käme darauf an, verſetzte die Graͤfin, ob wir nicht dieſe Leute, wenn ſie ſchon unglücklicherweiſe nur Deutſche ſind, auf dem Schloß, ſo lange der Fuͤrſt bey uns bleibt, ſpielen lieſſen. Sie haben doch wohl einige Geſchicklich⸗ keit. Eine große Sotietaͤt laͤſſt ſich am beſten durch ein Theater unterhalten und der Baron wuͤrde ſie ſchon zu⸗ ſtutzen. Unter dieſen Worten gingen ſie die Treppe hinauf, und Melina praͤſentirte ſich oben als Dirertor. Ruf Er 239 ſeine Leute zuſammen, ſagte der Graf, und ſtell' Er ſie mir vor, damit ich ſehe, was an ihnen iſt. Ich will auch zugleich die Liſte von den Stuͤcken ſehen, die ſie al⸗ lenfalls auffuͤhren koͤnnten. Melina eilte mit einem tiefen Buͤcklinge aus dem Zim⸗ mer, und kam bald mit den Schauſpielern zuruͤck. Sie dru ten ſich vor und hinter einander, die einen praͤſen⸗ 3 tirt, ſich ſchlecht, aus großer Begierde zu gefallen, und die andern nicht beſſer, weil ſie ſich leichtſinnig darſtell⸗ ten. Philine bezeigte der Graͤfin, die außerordentlich gnaͤdig und freundlich war, alle Chrfurcht; der Graf muſterte indeß die uͤbrigen. Er fragte einen jeden nach ſeinem Fache, und aͤußerte gegen Melina: daß man ſtreng auf Faͤcher halten muͤſſe, welchen Ausſpruch dieſer in der groͤßten Devotion aufnahm. Der Graf bemerkte ſodann einem jeden, worauf er beſonders zu ſtudiren, was er an ſeiner Figur und Stel⸗ lung zu beſſern habe, zeigte ihnen einleuchtend, woran es den Deutſchen immer fehle, und ließ ſo außerordent⸗ liche Kenntniſſe ſehen, daß alle in der groͤßten Demuth vor ſo einem erleuchteten Kenner und erlauchten Beſchuͤ⸗ tzer ſtanden, und kaum Athem zu holen ſich getrauten. Wer iſt der Menſch dort in der Ecke? fragte der Graf, indem er nach einem Subjecte ſah, das ihm noch nicht vorgeſtellt worden war, und eine hagre Figur nahte ſich in einem abgetragenen, auf dem Ellenbogen mit „ ——— 240 Flechchen beſetzten Rocke; eine kuͤmmerliche Perruͤcke be⸗ deckte das Haupt des demüthigen Klienten. Dieſer Menſch, den wir ſchon aus dem vorigen Buche als Philinens Liebling kennen, pflegte gewoͤhnlich Pedan⸗ ten, Magiſter und Poeten zu ſpielen, und meiſtens die Rolle zu übernehmen, wenn Jemand Schlaͤge kriegen odet begoſſen werden ſollte. Er hatte ſich gewiſſe kriechende, lächerliche, furchtſame Buͤcklinge angewoͤhnt, und ſeine ſtockende Sprache, die zu ſeinen Rollen paſſte, machte die Zuſchauer lachen, ſo daß er immer noch als ein brauchba⸗ res Glied der Geſellſchaft angeſehen wurde, beſonders da er übrigens ſehr dienſtfertig und gefallig war. Er nahte ſich auf ſeine Weiſe dem Grafen, neigte ſich vor demſel⸗ ben, und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er ſich in ſeinen Rollen auf dem Theater zu geberden pflegte. Der Graf ſah ihn mit gefaͤlliger Aufmerkſamkeit und mit Ueberlegung eine Zeit lang an, alsdann rief er, indem er ſich zu der Graͤfin wendete: mein Kind, betrachte mir dieſen Mann genau; ich hafte dafür, das iſt ein großer Schauſpieler, oder kann es werden. Der Menſch machte von ganzem Herzen einen albernen Buſckling, ſo daß der Graf laut uͤber ihn lachen muſſte, und ausrief: Er macht ſeine Sachen excellent! Ich wette, dieſer Menſch kann ſpielen was er will, und es iſt Schade, daß man ihn bis⸗ her zu nichts Beſſerm gebraucht hat.. Ein ſo außerordentlicher Vorzug war für die uͤbrigen ſehr kraͤnkend, nur Melina empfand nichts davon, er 2421 gab oielmehr dem Grafen vollkommen recht, und verſetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein ſolcher Kenner und eine ſolche Aufmunterung geſehlt, wie wir ſie gegenwaͤrtig an Ew. Excellenz gefunden haben. Iſt das die ſaͤmmtliche Geſellſch aft? ſagte der Graf. Es ſind einige Glieder abweſend, verſetzte der kluge Melina, und überhaupt köͤnnten wir, wenn wir nur Un⸗ ſttzung faͤnden, ſehr bald aus der Nachbarſchaft voll⸗ zaͤhlig ſeyn. Indeſſen ſagte Philine zur Graͤfin: es iſt noch ein recht huͤbſcher junger Mann oben, der ſi ch gewiß bald zum erſten Liebhaber qualifiziren würde. Warum laͤſſt er ſich nicht ſehen? verſetzte die Graͤfin. Ich will ihn holen, rief Philine, und eilte zur Thuͤre hinaus.— Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beſchaͤftigt, und beredete ihn mit herunter zu gehen. Er folgte ibr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier: denn da er von vornehmen Perſonen hoͤrte, war er voll Ver⸗ langen, ſie naͤher kennen zu lernen. Er trat ins Zim⸗ mer, und ſeine Augen begegneten ſogleich den Augen der Graͤfin, die auf ihn gerichtet waren. Philine zog ihn zu der Dame, indeß der Graf ſich mit den uͤbrigen be⸗ ſchaͤftigte. Wilhelm neigte ſich, und gab auf verſchie⸗ dene Fragen, welche die reizende Dame an ihn tpar nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre Schoͤnheit, Jugend, Goethe's Werke. III. Bd. 15 ——yy— 242 Aumuth, Zierlichkeit und feines Betragen machten den angenehmſten Eindruck auf ihn, um ſo mehr, da ihre Re⸗ den und Geberden mit einer gewiſſen Schamhaftigkeit, ja man duͤrfte ſagen, Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen ward er vorgeſtellt, der aber wenig Acht auf ihn hatte, ſondern zu ſeiner Gemahlin ans Fenſter trat, und ſie um etwas zu fragen ſchien. Man konnte bemerken, daß ihre Meinung auf das Lebhafteſte mit der ſeinigen uͤbereinſtimmte, ja daß ſie ihn eifrig zu bitten und ihn in ſeiner Geſinnung zu beſtärken ſchien. 3 Er kehrte ſich darauf bald zu der Geſellſchaft, und ſagte: ich kann mich gegenwaͤrtig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch ſchicken, und wenn ihr bil⸗ lige Bedingungen macht, und euch recht viel Muͤhe geben wollt, ſo bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schloſſe ſpielen zu laſſen. Alle bezeigten ihre große Freude daruͤber, und beſon⸗ ders kuſſte Philine mit der groͤßten Lebhaftigkeit der Graͤfin die Haͤnde. Sieht Sie, Kleine, ſagte die Dame, indem ſie dem leichtfertigen Maͤdchen die Backen klopfte: ſieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir, ich will ſchon mein Verſprechen halten, Sie muß ſich nur beſſer an⸗ ziehen. Philine entſchuldigte ſich, daß ſle wenig auf ihre Garderobe zu verwenden habe, und ſogleich befahl die Graͤfin ihren Kammerfrauen, einen engliſchen Hut und ein ſeidnes Halstuch, die leicht auszupacken waren, her⸗ t 243 auf zu geben. Nun putzte die Graͤfin ſelbſt Philinen an, die fortfuhr ſich mit einer ſcheinheiligen, unſchuldigen Miene gar artig zu geberden und zu betragen. Der Graf bot ſeiner Gemahlin die Hand und fuͤhrte ſie hinunter. Sie gruͤßte die ganze Geſellſchaft im Vor⸗ beygehen freundlich, und kehrte ſich nochmals gegen Wil⸗ helmen um, indem ſie mit der huldreichſten Miene zu ihm ſagte: wir ſehen uns bald wieder. So gluͤckliche Ausſichten belebten die ganze Geſell⸗ ſchaft; jeder ließ nunmehr ſeinen Hoffnungen, Wuͤnſchen und Einbildungen freyen Lauf, ſprach von den Rollen, die er ſpielen, von dem Beyfall, den er erhalten wollte. Melina uͤberlegte, wie er noch geſchwind, durch einige Vorſtellungen, den Einwohnern des Staͤdtchens etwas Geld abnehmen und zugleich die Geſellſchſaft in Athem ſetzen koͤnne, indeß andre in die Kuͤche gingen, um ein beſſeres Mittagseſſen zu beſtellen, als man ſonſt einzu⸗ nehmen gewohnt war. Zweytes Capitel. — Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne Furcht. Der Graf hatte ihn als einen Kenner angekuͤndigt, und es war zu beſorgen, er werde gar bald die ſchwache Seite des kleinen Haufens entdecken, und einſehen, daß er keine ſormirte Truppe vor ſich habe, indem ſie kaum Ein Stuͤck gehoͤrig beſetzen konn⸗ ten; allein ſowohl der Director als die ſaͤmmtlichen Glie⸗ der waren bald aus aller Sorge, da ſie an dem Baron einen Mann fanden, der mit dem größten Enthuſiasmus das vaterländiſche Theater betrachtete, dem ein jeder Schauſpieler und jede Geſellſchaft willkommen und er⸗ freulich war. Er begruͤßte ſie alle mit Feyerlichkeit, pries ſich gluͤcklich eine deutſche Buͤhne ſo unvermuthet anzu⸗ treffen, mit ihr in Verbindung zu kommen, und die va⸗ terlaͤndiſchen Muſen in das Schloß ſeines Verwandten einzuführen. Er brachte bald darauf ein Heft aus der Taſche, in welchem Melina die Punkte des Contracts zu erblicken hoffte; allein es war ganz etwas Anderes. Der Baron bat ſie, ein Drama, das er ſelbſt verfertigt, und das er von ihnen geſpielt zu ſehen wuͤnſchte, mit Auf⸗ merkſamkeit anzuhoͤren. Wilig ſchloſſen ſie einen Kreis, 245 und waren erfreut, mit ſo geringen Koſten ſich in der Gunſt eines ſo nothwendigen Mannes befeſtigen zu koͤn⸗ nen, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes uͤber⸗ maͤßig lange Zeit befuͤrchtete. Auch war es wirklich ſo; das Stuck war in fuͤnf Akten geſchrieben, und von der Art, die gar kein Ende nimmt. Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, großmü⸗ thiger und dabey verkannter und verfolgter Mann, der aber denn doch zuletzt den Sieg über ſeine Feinde davon trug, uͤber welche ſodann die ſtrengſte poetiſche Gerechtig⸗ keit ausgeubt worden waͤre, wenn er ihnen nicht auf der Stelle verziehen haͤtte. Indem dieſes Stuck vorgetragen wurde, hatte jeder Zuhoͤrer Raum genug an ſich ſelbſt zu denken, und ganz ſachte aus der Demuth, zu der er ſich noch vor Kurzem geneigt fühlte, zu einer gluͤcklichen Selbſtgefaͤlligkeit em⸗ por zu ſteigen, und von da aus die anmuthigſten Aus⸗ ſichten in die Zukunft zu uͤberſchauen. Diejenigen, die keine ihnen angemeſſene Rolle in dem Stuͤck fanden, er⸗ klaͤrten es bey ſich für ſchlecht, und hielten den Baron für einen ungluͤcklichen Autor, dagegen die Andern eine Stelle, bey der ſie beklatſcht zu werden hofften, mit dem groͤßten Lobe zur moͤglichſten Zufriedenheit des Verfaſſers verfolgten. Mit dem Oekonomiſchen waren ſie geſchwind fertig. Melina muſſte zu ſeinem Vortheil mit dem Baron den 8 246 3 Contract abzuſchließen, und ihn vor den uͤbrigen Schau⸗ ſpielern geheim zu halten. Ueber Wilhelmen ſprach Melina den Baron im Vor⸗ beygehen, und verſicherte, daß er ſich ſehr gut zum Thea⸗ terdichter qualiftzire, und zum Schauſpieler ſelbſt keine uͤblen Anlagen habe. Der Baron machte ſogleich mit ihm als einen Collegen Bekanntſchaft, und Wilhelm produzirte einige kleine Stuͤcke, die nebſt wenigen Reli⸗ quien an jenem Tage, als er den groͤßten Theil ſeiner Ar⸗ beiten in Feuer aufgehen ließ, durch einen Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte ſowohl die Stuͤcke als den Vortrag, nahm als bekannt an, daß er mit hinuͤber auf das Schloß kommen wuͤrde, verſprach, bey ſeinem Ab⸗ ſchiede, Allen die beſte Aufnahme, bequeme Wohnung, gutes Eſſen, Beyfall und Geſchenke, und Melina ſetzte noch die Verſicherung eines beſtimmten Taſchengeldes hinzu. Man kann denken, in welche gute Stimmung durch dieſen Beſuch die Geſellſchaft geſetzt war, indem ſie ſtatt eines aͤngſtlichen und niedrigen Zuſtandes auf einmal Ehre und Behagen vor ſich ſah. Sie machten ſich ſchon zum voraus auf jene Rechnung luſtig, und jedes hielt fuͤr un⸗ ſchicklich, nur noch irgend einen Groſchen Geld in der Taſche zu behalten. Wilhelm ging indeſſen mit ſich zu Rathe, ob er die Geſellſchaft auf das Schloß begleiten ſolle, und fand in mehr als einem Sinne raͤthlich dahin zu gehen. Melina 247 hoffte bey dieſem vortheilhaften Engagement ſeine Schuld wenigſtens zum Theil abtragen zu können, und unſer Freund, der auf Menſchenkenntniß ausging, wollte die Gelegenheit nicht verſaͤumen, die große Welt naͤher ken⸗ nen zu lernen, in der er viele Aufſchluͤſſe uͤber das Leben, uͤber ſich ſelbſt und die Kunſt zu erlangen hoffte. Dabey durfte er ſich nicht geſtehen, wie ſehr er wuͤnſche, der ſchö⸗ nen Graͤfin wieder naͤher zu kommen. Er ſuchte ſich viel⸗ mehr im Allgemeinen zu uͤberzeugen, welchen großen Vor⸗ theil ihm die naͤhere Kenntniß der vornehmen und reichen Welt bringen wuͤrde. Er machte ſeine Betrachtungen üͤber den Grafen, die Graͤfin, den Baron, uͤber die Si⸗ cherheit, Bequemlichkeit und Anmuth ihres Betragens, und rief, als er allein war, mit Entzücken aus: Dreymal gluͤcklich ſind diejenigen zu preiſen, die ihre Geburt ſogleich uͤber die untern Stufen der Menſchheit hinaus hebt; die durch jene Verhäͤltniſſe, in welchen ſich manche gute Menſchen die ganze Zeit ihres Lebens ab⸗ angſtigen, nicht durchzugehen, auch nicht einmal darin als Gaͤſte zu verweilen brauchen. Allgemein und richtig muß ihr Blick auf dem hoͤheren Standpunkte werden, leicht ein jeder Schritt ihres Lebens! Sie ſind von Ge⸗ burt an gleichſam in ein Schiff geſetzt, um bey der Ue⸗ berfahrt, die wir Alle machen muͤſſen, ſich des guͤnſtigen Windes zu bedienen, und den widrigen abzuwarten, an⸗ ſtatt daß Andere nur fuͤr ihre Perſon ſchwimmend ſich ab⸗ arbeiten, vom guͤnſtigen Winde wenig Vortheil genießen, ——ͦ—ͦ————⸗LꝑM⁷—⏑¼——ꝶꝑꝓ3 . 248 und im Sturme mit bald erſchoͤpften Kraͤften untergehen. Welche Bequemlichkeit, welche Leichtigkeit gibt ein ange⸗ V bornes Vermoͤgen! und wie ſicher bluͤhet ein Handel, der auf ein gutes Kapital gegrundet iſt, ſo daß nicht jeder mißlungene Verſuch ſogleich in Unthaͤtigkeit verſetzt! Wer kann den Werth und Unwerth irdiſcher Dinge beſ⸗ ſer kennen, als der ſie zu genießen von Jugend auf im Falle war, und wer kann ſeinen Geiſt fruͤher auf das Nothwendige, das Nutzliche, das Wahre leiten, als der ſich von ſo vielen Irrthuͤmern in einem Alter uͤberzeugen muß, wo es ihm noch an Kraͤften nicht gebricht, ein neues Leben anzufangen! So rief unſer Freund allen denenſenigen Gluͤck zu, die ſich in den hoͤheren Regionen befinden; aber auch de⸗ nen, die ſich einem ſolchen Kreiſe naͤhern, aus dieſen Ouellen ſchoͤpfen koͤnnen, und pries ſeinen Genius, der Anſtalt machte, auch ihn dieſe Stufen hinan zu fuͤhren. Indeſſen muſſte Melina, nachdem er lange ſich den Kopf zerbrochen, wie er, nach dem Verlangen des Gra⸗ ſen und nach ſeiner eigenen Ueberzeugung, die Geſellſchaft in Fäͤcher eintheiten und einem jeden ſeine beſſimmte Mitwirkung uͤbertragen wollte, zuletzt, da es an die Aus⸗ fuͤhrung kam, ſehr zufrieden ſeyn, wenn er bey einem ſo geringen Perſonal die Schauſpieler willig fand, ſich nach Moͤglichkeit in dieſe oder jene Rollen zu ſchicken. Doch uͤbernahm gewoͤhnlich Laertes die Liebhaber, Philine die Kammermaͤdchen, die beyden jungen Frauenzimmer theil⸗ 41 249 ten ſich in die naiven und zaͤrtlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward am beſten geſpielt. Melina ſelbſt glaubte als Chevalier auftreten zu duͤrfen, Madam Me⸗ lina muſſte, zu ihrem groͤßten Verdruß, in das Fach der jungen Frauen, ja ſogar der zaͤrtlichen Muͤtter uͤber⸗ gehen, und weil in den neuern Stuͤcken nicht leicht mehr ein Pedant oder Poet, wenn er auch vorkommen ſollte, laͤcherlich gemacht wird; ſo muſſte der bekannte Guͤnſt⸗ ling des Grafen nunmehr die Praͤſidenten und Miniſter ſpielen, weil dieſe gewoͤhnlich als Boͤſewichter vorgeſtellt und im fuͤnften Akte uͤbel behandelt werden. Eben ſo ſteckte Melina mit Vergnuͤgen, als Kammerjunker oder Kammerherr, die Grobheiten ein, welche ihm von biedern deutſchen Maͤnnern, hergebrachter Maßen, in mehreren beliebten Stuͤcken aufgedrungen wurden, weil er ſich doch bey dieſer Gelegenheit artig herausputzen konnte, und das Air eines Hofmannes, das er vollkommen zu beſitzen glaubte, anzunehmen die Erlaubniß hatte. Es dauerte nicht lange, ſo kamen von verſchiedenen Gegenden mehrere Schauſpieler herbeygefloſſen, welche ohne ſonderliche Pruͤfung angenommen, aber auch ohne ſonderliche Bedingungen feſtgehalten wurden. Wilhelm, den Melina vergebens einigemal zu einer Liebhaberrolle zu bereden ſuchte, nahm ſich der Sache mit vielem guten Willen an, ohne daß unſer neuer Di⸗ rector ſeine Bemuͤhungen im mindeſten anerkannte; viel⸗ mehr glaubte dieſer mit ſeiner Wuͤrde auch alle nöͤthige 8 y————————— 250 4 3— Einſicht uͤberkommen zu haben; beſonders war das Strei⸗ chen eine ſeiner angenehmſten Beſchaͤftigungen, wodurch er ein jedes Stuͤck auf das gehoͤrige Zeitmaß herunter zu ſetzen wuſſte, ohne irgend eine andere Ruͤckſicht zu neh⸗ . men. Er hatte viel Zuſpruch, das Publikum war ſehr zufrieden, und die geſchmackvollſten Einwohner des Staͤdt⸗ chens behaupteten, daß das Theater in der Reſidenz kei⸗ nesweges ſo gut als das ihre beſtellt ſey. 65 20 5ℳ 4, k. 1 1 —**44 8 8* 4„ Drittes Capitel. Endlich kam die Zeit herbey, da man ſich zur Ueber⸗ fahrt ſchicken, die Kutſchen und Wagen erwarten ſollte, die unſere ganze Truppe nach dem Schloſſe des Grafen hinuͤber zu fuͤhren beſtellt waren. Schon zum voraus fielen große Streitigkeiten vor, wer mit dem andern fah⸗ ren, wie man ſitzen ſollte. Die Ordnung und Einthei⸗ lung ward endlich nur mit Muͤhe ausgemacht und feſt⸗ geſetzt, doch leider ohne Wirkung. Zur beſtimmten Stunde kamen weniger Wagen als man erwartet hatte, und man muſſte ſich einrichten. Der Baron, der zu Pferde nicht lange hinterdrein folgte, gab zur Urſache an: daß im Schloſſe Alles in großer Bewegung ſey, weil nicht allein der Fuͤrſt einige Tage fruͤher eintreffen werde, als man geglaubt, ſondern weil auch unerwarteter Beſuch ſchon gegenwaͤrtig angelangt ſey; der Platz gehe ſehr zu⸗ ſammen, ſie wuͤrden auch deswegen nicht ſo gut logiren, als man es ihnen vorher beſtimmt habe, welches ihm außerordentlich leid thue. Man theilte ſich in die Wagen, ſo gut es geher wollte, und da leidlich Wetter und das Schloß nur einige Stunden entfernt war, machten ſich die Luſtigſten lieber ———— ——-xnAAAÖOꝑᷓ;O;E;E; 252 zu Fuße auf den Weg, als daß ſie die Ruͤckkehr der Kut⸗ ſchen haͤtten abwarten ſollen. Die Caravane zog mit Freudengeſchrey aus, zum erſtenmal ohne Sorgen, wie der Wirth zu bezahlen ſey. Das Schloß des Grafen ſtand ihnen wie ein Feengebaͤude vor der Seele, ſie waren die gluͤcklichſten und froͤhlichſten Menſchen von der Welt, und Jeder knupfte unterwegs an dieſen Tag, nach ſeiner Art zu denken, eine Reihe von Gluͤck, Ehre und Wohl⸗ ſtand. Ein ſtarker Regen, der unerwartet einfiel, konnte ſie nicht aus dieſen angenehmen Empfindungen reißen; da er aber immer anhaltender und ſtaͤrker wurde, ſpuͤrten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. Die Nacht kam herbey, und erwuͤnſchter konnte ihnen nichts erſcheinen, als der durch alle Stockwerke erleuchtete Pa⸗ laſt des Grafen, der ihnen von einem Hugel entgegen glaͤnzte, ſo daß ſie die Fenſter zaͤhlen konnten. Als ſie naͤher kamen, fanden ſie auch alle Fenſter der Seitengebaͤude erhellet. Ein Jeder dachte bey ſich, wel⸗ ches wohl ſein Zimmer werden moͤchte, und die Meiſten begnugten ſich beſcheiden mit einer Stube in der Man⸗ ſarde oder den Flügeln. Nun fuhren ſie durch das Dorf und am Wirths⸗ hauſe vorbey. Wilhelm ließ halten, um dort abzuſteigen; allein der Wirth verſicherte, daß er ihm nicht den ge⸗ ringſten Raum anweiſen koͤnne. Der Herr Graf habe, weil unvermuthete Gaͤſte angekommen, ſogleich das ganze 253 Wirthshaus beſprochen, an allen Zimmein ſtehe ſchon ſeit geſtern mit Kreide deutlich angeſchrieben, wer darin woh⸗ nen ſolle. Wider ſeinen Willen muſſte alſo unſer Freund mit der uͤbrigen Geſellſchaft zum Schloßhofe hineinfahren. Um die Kuͤchenfeuer in einem Seitengebaͤude ſahen ſie geſchaͤftige Koͤche ſich hin und her bewegen, und wa⸗ ren durch dieſen Anblick ſchon erquickt; eilig kamen Be⸗ diente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebaͤudes geſprungen, und das Herz der guten Wanderer quoll uͤber dieſen Ausſichten auf. Wie ſehr verwunderten ſie ſich dagegen, als ſich dieſer Empfang in ein entſetzliches Fluchen aufloͤſte. Die Bedienten ſchimpften auf die Fuhr⸗ leute, daß ſie hier hereingefahren ſeyen; ſie ſollten um⸗ wenden, rief man, und wieder hinaus nach dem alten Schloſſe zu, hier ſey kein Raum fuͤr dieſe Gaͤſte! Einem ſo unfreundlichen und unerwarteten Beſcheide fuͤgten ſie noch allerley Spoͤttereyen hinzu, und lachten ſich unter⸗ einander aus, daß ſie durch dieſen Irrthum in den Regen geſprengt worden. Es goß noch immer, keine Sterne ſtanden am Himmel, und nun wurde die Geſellſchaft durch einen holprichten Weg zwiſchen zwey Mauern in das alte hintere Schloß gezogen, welches unbewohnt da ſtand, ſeit der Vater des Grafen das vordere gebaut hatte. Theils im Hofe, theils unter einem langen gewoͤlbten Thorwege hielten die Wagen ſtill, und die Fuhrleute, Anſpanner aus dem Dorfe, ſpannten aus und ritten ih⸗ rer Wege. t 4 1 —— ſ— 254 Da Niemand zum Empfange der Geſellſchaft ſich zeigte, ſtiegen ſie aus, riefen, ſuchten; vergebens! Alles blieb finſter und ſtille. Der Wind blies durch das hohe Thor, und grauerlich waren die alten Thuͤrme und Höfe, wovon ſie kaum die Geſtalten in der Finſterniß unterſchie⸗ den. Sie froren und ſchauerten, die Frauen fuͤrchteten ſich, die Kinder fingen an zu weinen, ihre Ungeduld ver⸗ mehrte ſich mit jedem Augenblicke, und ein ſo ſchneller Gluͤckswechſel, auf den Niemand vorbereitet war, brachte ſie alle ganz und gar aus der Faſſung. Da ſie jeden Augenblick erwarteten, daß Jemand kom⸗ men und ihnen aufſchließen werde, da bald Regen bald Sturm ſie taͤuſchte, und ſie mehr als einmal den Tritt des erwuͤnſchten Schloßvogts zu hoͤren glaubten, blieben ſie eine lange Zeit unmuthig und unthaͤtig, es fiel Keinem ein, in das neue Schloß zu gehen, und dort mitleidige Seelen um Huͤlfe anzurufen. Sie konnten nicht begreifen, wo ihr Freund, der Baron, geblieben ſey, und waren in einer hoͤchſtbeſchwerlichen Lage⸗ Endlich kamen wirklich Menſchen an, und man er⸗ kannte an ihren Stimmen jene Fußgaͤnger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zuruͤck geblieben waren. Sie erzaͤhlten, daß der Baron mit dem Pferde geſtüͤrzt ſey, ſich am Fuß ſtark beſchaͤdigt habe, und daß man auch ſi e, da ſie im Schloſſe nachgefragt, mit Ungeſtum hieher ge⸗ wieſen habe. 4 235 Die ganze Geſellſchaft war in der groͤßten Verlegen⸗ heit; man rathſchlagte, was man thun ſollte, und konnte keinen Entſchluß faſſen. Endlich ſah man von weitem eine Laterne kommen, und holte friſchen Athem; allein die Hoffnung einer baldigen Erloͤſung verſchwand auch wieder, indem die Erſcheinung naͤher kam und deut⸗ lich ward. Ein Reitknecht leuchtete dem bekannten Stall⸗ meiſter des Grafen vor, und dieſer erkundigte ſich, als er naͤher kam, ſehr eifrig nach Mademoiſelle Philinen. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er ihr ſehr dringend anbot, ſie in das neue Schloß zu fuͤhren, wo ein Plaͤtzchen fuͤr ſie bey den Kammer⸗ jungfern der Graͤfin bereitet ſey. Sie beſann ſich nicht lange das Anerbieten dankbar zu ergreifen, faſſte ihn bey dem Arme und wollte, da ſie den Andern ihren Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat, beſchwor den Stallmeiſter, daß er endlich, um nur mit ſeiner Schoͤnen los zu kommen, Alles verſprach, und verſicherte: in Kurzem ſolle das Schloß eroͤffnet und ſie auf das Beſte einquartieret werden. Bald darauf ſahen ſie den Schein ſeiner Laterne ver⸗ ſchwinden, und hofften lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vielem Warten, Schelten und Schmaͤhen erſchien, und ſie mit einigem Troſte und Hoftraug belebte. Ein alter Hausknecht eroͤffnete die Thüre des alten Gege, in das ſie mit Gewalt eindrangen. Ein Jeder 256 ſorgte nun fur ſeine Sachen, ſie abzupacken, ſie herein zu ſchaſſen. Das meiſte war, wie die Perſonen ſelbſt, tuͤchtig durchweicht. Bey dem Einen Lichte ging Alles ſehr langſam. Im Gebaͤude ſtieß man ſich, ſtolperte, fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um Feuerung. Der einſylbige Hausknecht ließ mit genauer Noth ſeine Laterne da, ging, und kam nicht wieder. Nun fing man an das Haus zu durchſuchen; die Thuͤ⸗ ren aller Zimmer waren offen, große Oefen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fußboͤden waren von ſeiner vorigen Pracht noch uͤbrig; von anderm Hausgeräthe aber nichts zu finden, kein Tiſch, kein Stuhl, kein Spiegel, kanm einige ungeheure leere Bettſtellen, alles Schmuckes und alles Rothwendigen beraubt. Die naſſen Koffer und Mantelſaͤcke wurden zu Sitzen gewaͤhlt, ein Theil der muͤden Wandrer bequemte ſich auf dem Fußboden, Wil⸗ helm hatte ſich auf einige Stufen geſetzt, Mignon lag auf ſeinen Knieen; das Kind war unruhig, und huf ſeine Frage, was ihm fehlte? antwortete es: mich hungert! Er fand nichts bey ſich, um das Verlangen des Kindes zu ſtillen; die uͤbrige Geſellſchaft hatte jeden Vorrath auch aufgezehrt, und er muſſte die arme Kreatur ohne Erqui⸗ kung laſſen. Er blieb bey dem ganzen Vorfalle unthätig, ſtill in ſich gekehrt: denn er war ſehr verdrießlich und grimmig, daß er nicht auf ſeinem Sinne beſtanden und bey dem Witthshauſe abgeſtiegen ſey, wenn er auch auf dem oberſten Boden haͤtte ſein Lager nehmen ſollen. 257 Die Uebrigen geberdeten ſich Jeder nach ſeiner Art. Einige hatten einen Haufen altes Gehölz in einen un⸗ geheuren Kamin des Saals geſchafft und zundeten, mit großem Jauchzen, den Scheiterhaufen an. Unglücklicher⸗ weiſe ward auch dieſe Hoffnung ſich zu trocknen und zu waͤrmen auf das Schrecklichſte getaͤuſcht, denn dieſer Ka⸗ min ſtand nur zur Zierde da, und war von oben herein vermauert, der Dampf trat ſchnell zuruͤck und erfüllte auf etnmal die Zimmer; das durre Holz ſchlug praſſelnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward herausgetrie⸗ ben; der Zug, der durch die zerbrochenen Fenſterſcheiben drang, gab ihr eine unſtaͤte Richtung, man fuͤrchtete das Schloß anzuzünden, muſſte das Feuer auseinander ziehen, austreten, daͤmpfen, der Rauch vermehrte ſich, der Zuſtand wurde unertraͤglicher, man kam der Ver⸗ zweiflung nahe. Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zim⸗ mer gewichen, wohin ihm bald Mignon folgte und ei⸗ nen wohlgekleideten Bedienten, der eine hohe hellbren⸗ nende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinfuͤhrte; dieſer wendete ſich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem ſchoͤnen porzellanenen Teller Konfekt und Fruchte uͤberreichte, ſagte er: dies ſchickt Ihnen das junge Frauenzimmer von druͤben, mit der Bitte, zur Geſellſchaft zu kommen; ſie laͤſſt ſagen, ſetzte der Bediente mit einer leichtfertigen Miene hinzu: es gehe ihr ſehr wohl, und ſie wunſche ihre Zuſriedenheit mit ihren Freunden zu theilen. Goethe's Werke MI. Bd. 17 ſ t —— 25b Wilhelm erwartete nichts weniger als dieſen An⸗ trag, denn er hatte Philinen, ſeit dem Abenteuer der ſteinernen Bank, mit entſchiedener Verachtung begegnet, und war ſo feſt entſchloſſen, keine Gemeinſchaft mehr mit ihr zu machen, daß er im Begriff ſtand, die ſuͤße Gabe wieder zuruͤck zu ſchicken, als ein bittender Blick Mignons ihn vermochte, ſie anzunehmen, und im Na⸗ men des Kindes dafuͤr zu danken; die Einladung ſchlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge fuͤr die angekommene Geſellſchaft zu haben, und erkundigte ſich nach dem Baron. Dieſer lag zu Bette, hatte aber ſchon, ſoviel der Bediente zu ſagen wuſſte, einem An⸗ dern Auftrag gegeben, fuͤr die elend Beherbergten zu ſorgen. Der Bediente ging und hinterließ Wilhelmen eins von ſeinen Lichtern, das dieſer in Ermanglung eines Leuchters anf das Fenſtergeſims kleben muſſte, und nun wenigſtens bey ſeinen Betrachtungen die vier Waͤnde des Zimmers erhellt ſah. Denn es waͤhrte noch lange, ehe die Anſtalten rege wurden, die unſere Gaͤſte zur Ruhe bringen ſollten. Nach und nach kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stuhle, eine Stunde dar⸗ auf Deckbetten, dann Kiſſen, alles wohl durchnetzt, und es war ſchon weit uͤber Mitternacht, als endlich Stroh⸗ ſaͤcke und Matratzen herbeygeſchafft wurden, die, wenn man ſie zuerſt gehabt haͤtte, hoͤchſtwillkommen geweſen waͤren. . 259 In der Zwiſchenzeit war auch etwas von Eſſen und Trinken angelangt, das ohne viele Kritik genoſſen wur⸗ de, ob es gleich einem ſehr unordentlichen Abhub aͤhnlich ſah, und von der Achtung, die man fuͤr die Gaͤſte hatte, kein ſonderliches Zeugniß ablegte. Viertes Capitel. 4 Durch die Unart und den Uebermuth einiger leichtfer⸗ tigen Geſellen, vermehrte ſich die Unruhe und das Uebel der Nacht, indem ſie ſich einander neckten, aufweckten und ſich wechſelsweiſe allerley Streiche ſpielten. Der an⸗ dere Morgen brach an, unter lauten Klagen uber ihren Freund, den Baron, daß er ſie ſo getaͤuſcht und ihnen ein ganz anderes Bild von der Ordnung und Bequem⸗ lichkeit, in die ſie kommen wuͤrden, gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Troſt erſchien in aller Fruͤhe der Graf ſelbſt mit einigen Bedienten, und erkundigte ſich nach ihren Umſtaͤnden. Er war ſehr entruͤſtet, als er horte, wie uͤbel es ihnen ergangen, und der Baron, der gefuͤhrt herbey hinkte, verklagte den Haushofmeiſter, wie befehlswidrig er ſich bey dieſer Gelegenheit gezeigt, und glaubte ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben. Der Graf befahl ſogleich, daß Alles in ſeiner Gegen⸗ wart zur moͤglichſten Bequemlichkeit der Gaͤſte geordnet werden ſolle. Darauf kamen einige Offiziere, die von den Aktricen ſogleich Kundſchaft nahmen, und der Graf ließ ſich die ganze Geſellſchaft vorſtellen, redete einen Jeden bey ſeinem Namen an, und miſchte einige Scherze in die 261 Unterredung, daß Alle uͤber einen ſo gnaͤdigen Herrn ganz entzuͤckt waren. Endlich muſſte Wilhelm auch an die Reihe, an den ſich Mignon anhing. Wilhelm entſchul⸗ digte ſich ſo gut er konnte uͤber ſeine Freyheit; der Graf hingegen ſchien ſeine Gegenwart als bekannt anzunehmen. Ein Herr, der neben dem Grafen ſtand, den man fuͤr einen Offizier hielt, ob er gleich keine Uniſorm anhatte, ſprach beſonders mit unſerm Freunde, und zeichnete ſich vor allen Andern aus. Große hellblaue Augen leuch⸗ teten unter einer hohen Stirn hervor, nachlaͤſſig waren ſeine blonden Haare aufgeſchlagen, und ſeine mittlere Steatur zeigte ein ſehr wackres, feſtes und beſtimmtes Weſen. Seine Fragen waren lebhaft, und er ſchien ſich auf Alles zu verſtehen, wonach er fragte. Wilhelm erkundigte ſich nach dieſem Manne bey dem Baron, der aber nicht viel Gutes von ihm zu ſagen wuſſte. Err habe den Charakter als Major, ſey eigentlich der Guͤnſt⸗ ling des Prinzen, verſehe deſſen geheimſte Geſchaͤfte und werde fuͤr deſſen rechten Arm gehalten, ja man habe ur⸗ ſach zu glauben, er ſey ſein natuͤrlicher Sohn. In Frank⸗ reich, England, Italien ſey er mit Geſandtſchaften gewe⸗ ſen, er werde uͤberall ſehr diſtinguirt, und das mache ihn einbildiſch; er waͤhne, die deutſche Literatur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube ſich allerley ſchale Spot⸗ tereyen gegen dieſelbe. Er, der Baron, vermeide alle Un⸗ teiredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl thun, ſich auch von ihm entfernt zu halten, denn am Ende gebe er ———— 26² Jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wiſſe aber nicht recht, was man aus dem Namen machen ſolle. Wilhelm hatte darauf nichts zu ſagen, denn er em⸗ pfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abſtoßendes hatte, eine gewiſſe Neigung. Die Geſellſchaft wurde in dem Schloſſe eingetheilt, und Melina befahl ſehr ſtrenge, ſie ſollten ſich nunmehr ordentlich halten, die Frauen ſollten beſonders wohnen, und Jeder nur anf ſeine Rollen, auf die Kunſt ſein Augen⸗ merk und ſeine Neigung richten. Er ſchlug Vorſchriften und Geſetze, die aus vielen Puncten beſtanden, an alle Thuͤren. Die Summe der Strafgelder war beſtimmt, die ein jeder Uebertreter in eine gemeine Buͤchſe entrich⸗ ten ſollte. Ies V Dieſe Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus und ein, ſpaßten nicht eben auf das Feinſte mit den Aktricen, hatten die Akteure zum beſten, und vernichteten die ganze kleine Polizeyordnung, noch ehe ſie Wurzel faſſen konnte. Man jagte ſich durch die Zimmer, verkleidete ſich, verſteckte ſich. Melina, der Anfangs einigen Ernſtz zeigen wollte, ward mit allerley Muthwillen auf das Aeußerſte gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um den Platz zu ſehen, wo das Theater aufgerichtet werden ſollte, ward das Uebel nur immer aͤrger. Die jungen Herren erſannen ſich al⸗ lerley platte Spaͤße, durch Huͤlfe einiger Akteure wurden. ſie noch plumper, und es ſchien, als wenn das ganze alte 263 Schloß vom wuͤthenden Heere beſeſſen ſey; auch endigte der Unſug nicht eher, als bis man zur Tafel ging. Der Graf hatte Melma'n in einen großen Saal ge⸗ fuͤhrt, der noch zum alten Schloſſe gehörte, durch eine Gallerie mit dem neuen verbunden war, und worin ein kleines Theater ſehr wohl aufgeſtellt werden konnte. Da⸗ ſelbſt zeigte der einſichtsvolle Hausherr, wie er Alles wolle eingerichtet haben. Nun ward die Arbeit in großer Eile vorgenommen, das Theatergeruſte aufgeſchlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepaͤcke hatte und brau⸗ chen konnte, angewendet, und das uͤbrige mit Huͤlfe eini⸗ ger geſchickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff ſelbſt mit an, half die Perſpektive beſtimmen, die Umriſſe abſchnuͤren, und war hoͤchſt beſchaͤftigt, daß es nicht unſchicklich werden ſollte. Der Graf, der oͤfters dazu kam, war ſehr zufrieden damit, zeigte, wie ſie das, was ſie wirklich thaten, eigentlich machen ſollten, und ließ dabey ungemeine Kenntniſſe jeder Kunſt ſehen. Nun fing das Probiren recht ernſtlich an, wozu ſie auch Raum und Muße genug gehabt haͤtten, wenn ſie nicht von den vielen anweſenden Fremden immer geſtoͤrt worden waͤren. Denn es kamen taͤglich neue Gaͤſte an, und ein jeder wollte die Geſellſchaft in Augenſchein nehmen. Fuͤnftes Capitel. b 4 Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, daß er der Graͤfin noch beſonders vorgeſtellt werden ſollte.— Ich habe, ſagte er, dieſer vortrefflichen Dame ſo viel von Ihren geiſtreichen und empfindungsvollen Stuͤcken erzaͤhlt, daß ſie nicht erwar⸗ ten kann, Sie zu ſprechen und ſich eins und das andere vorleſen zu laſſen. Halten Sie ſich ja gefaſſt auf den erſten Wink hinuͤber zu kommen, denn bey dem naͤchſten ruhigen Morgen werden Sie gewiß gerufen werden. Er bezeichnete ihm darauf das Nachſpiel, welches er zuerſt vorleſen ſollte, wodurch er ſich ganz beſonders empfehlen wuͤrde. Die Dame bedaure gar ſehr, daß er zu einer ſolchen unruhigen Zeit eingetroffen ſey, und ſich mit der uͤbrigen Geſellſchaft in dem alten Schloſſe ſchlecht beje fen muͤſſe.— Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wilheim das Stück vor, womit er ſeinen Eintritt in die große Welt machen ſollte. Du haſt, ſagte er, bisher im Stillen fur dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden Beyfall er⸗ halten; du haſt eine Zeit lang ganz an deinem Talente verzweifelt, und du muſſt immer noch in Sorgen ſeyn, ob 1 263 du dann auch auf dem rechten Wege biſt, und ob du ſo viel Talent als Neigung zum Theater haſt. Vor den Ohren ſolcher geuͤbten Kenner, im Kabinette, wo keine Zlluſion ſtatt findet, iſt der Verſuch weit gefaͤhrlicher als anderwaͤrts, und ich moͤchte doch auch nicht gerne zuruͤck bleiben, dieſen Genuß an meine vorigen Freuden knuͤpfen, und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern. Er nahm darauf einige Stuͤcke durch, las ſie mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, korrigirte hier und da, rezitirte ſie ſich laut vor, um auch in Sprache und Ausdruck recht gewandt zu ſeyn, und ſteckte dasjenige, welches er am meiſten geuͤbt, womit er die groͤßte Ehre einzulegen glaub⸗ te, in die Taſche, als er an einem Morgen hinuͤber vor die Graͤfin gefordert wurde. Der Baron hatte ihm verſichert, ſie wuͤrde allein mit einer guten Freundin ſeyn. Als er in das Zimmer trat, kam die Baroneſſe von C** ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute ſich ſeine Bekanntſchaft zu machen, und praͤſentirte ihn der Graͤfin, die ſich eben friſiren ließ, und ihn mit freundlichen Worten und Blicken empfing; neben deren Stuhl er aber leider Philinen knien und allerley Thorheiten machen ſah.— Das ſchoͤne Kind, ſagte die Baroneſſe, hat uns Verſchiedenes vorgeſungen. Endige Sie doch das angefangene Liedchen, damit wir nichts da⸗ von verlieren.— Wilhelm hoͤrte das Stuͤckchen mit großer Geduld an, indem er die Entſernung des Friſeurs wuͤnſchte, ehe er . “ 8 266 . Neine Vorleſung anſangen wollte. Man bot ihm eine Taſſe Cbokolade an, wozu ihm die Baroneſſe ſelbſt den Zwieback reichte. Deßungeachtet ſchmeckte ihm das Fruͤh⸗ ſtuck nicht, denn er wunſchte zu lebhaft der ſchoͤnen Graͤfin irgend etwas vorzutragen, was ſie interefſiren, wodurch er ihr gefallen koͤnnte. Auch Philine war ihm nur zu ſehr im Wege, die ihm als Zuhoͤrerin oft ſchon unbequem geweſen war. Er ſah mit Schmerzen dem Friſeur auf die Haͤnde, und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des Baues. Indeſſen war der Graf hereingetreten, und erzählte von den heut zu erwartenden Gaͤſten, von der Einthei⸗ lung des Tages, und was ſonſt etwa Haͤusliches vorkom⸗ men moͤchte. Da er hinaus ging, lieſſen einige Offiziere bey der Graͤfin um die Erlaubniß bitten, ihr, weil ſie noch vor Tafel wegreiten muſſten, aufwarten zu duͤrfen. Der Kammerdiener war indeſſen fertig geworden, und ſie ließ die Herren hereinkommen. Die Baroneſſe gab ſich inzwiſchen Muͤhe unſern Freund zu unterhalten, und ihm viele Achtung zu bezei⸗ gen, die er mit Ehrſurcht, obgleich etwas zerſtreut, auf⸗ nahm. Er füͤhlte manchmal nach dem Manuſcripte in der Taſche, hoffte auf jeden Augenblick, und faſt wollte ſeine Geduld reißen, als ein Galanteriehaͤndler hereinge⸗ laſſen wurde, der ſeine Pappen, Kaſten, Schachteln un⸗ barmherzig eine nach der andern eroͤffnete, und jede Sorte 267 ſeiner Waaren mit einer dieſem Geſchlechte eigenen Zu⸗ dringlichkeit vorwies. Die Geſellſchaft vermehrte ſich. Die Baroneſſe ſah Wilhelmen an, und ſprach leiſe mit der Graͤfin; er be⸗ merkte es, ohne die Abſicht zu verſtehen, die ihm endlich zu Hauſe klar wurde, als er ſich nach einer aͤngſtlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein ſchoͤnes engliſches Portefenille in der Taſche. Die Baro⸗ neſſe hatte es ihm heimlich beyzuſtecken gewuſſt, und gleich darauf folgte der Graͤfin kleiner Mohr, der ihm eine artig geſtickte Weſte uͤberbrachte, ohne recht deutlich zu ſagen, woher ſie komme. 1 T ö Sechstes Capitel. Das Gemiſch der Empfindungen von Verdruß und Dankbarkeit verdarb ihm den ganzen Reſt des Tages, bis er gegen Abend wieder Beſchaͤftigung fand, indem Me⸗ lina ihm eroͤffnete, der Graf habe von einem Vorſpiele geſprochen, das dem Prinzen zu Ehren, den Tag ſeiner Ankunft, aufgefuͤhrt werden ſollte. Er wolle darin die Eigenſchaften dieſes großen Helden und Menſchenfreundes perſonifizirt haben. Dieſe Tugenden ſollten mit einander auftreten, ſein Lob verkuͤndigen und zuletzt ſeine Buͤſte mit Blumen⸗ und Lorberkraͤnzen umwinden, wobey ſein ver⸗ zogener Name mit dem Furſtenhute durchſcheinend glaͤn⸗ zen ſollte. Der Graf habe ihm aufgegeben, fuͤr die Ver⸗ ſifikation und uͤbrige Einrichtung dieſes Stuͤckes zu ſor⸗ gen, und er hoffe, daß ihm Wilhelm, dem es etwas Leich⸗ tes ſey, hierin gerne beyſtehen werde. Wie!l rief dieſer verdrießlich aus, haben wir nichts als Portraͤte, verzogene Namen und allegoriſche Figuren, um einen Furſten zu ehren, der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem ver⸗ nunftigen Manne ſchmeicheln, ſich in Effigie aufgeſtellt und ſeinen Namen auf geoͤhltem Papiere ſchimmern zu 269 ſehen! Ich fuͤrchte ſehr, die Allegorien wuͤrden, beſonders bey unſerer Garderobe, zu manchen Zweydeutigkeiten und Spaͤßen Anlaß geben. Wollen Sie das Stuͤck machen oder machen laſſen, ſo kann ich nichts dawider haben; nur bitte ich, daß ich damit verſchont bleibe. Melina entſchuldigte ſich, es ſey nur die ohngefaͤhre Angabe des Herrn Grafen, der ihnen uͤbrigens ganz uber⸗ laſſe, wie ſie das Stuͤck arrangiren wollten. Herzlich gerne, verſetzte Wilhelm, trage ich etwas zum Vergnu⸗ gen dieſer vortrefflichen Herrſchaft bey, und meine Muſe hat noch kein ſo angenehmes Geſchaͤft gehabt, als zum Lob eines Fuͤrſten, der ſo viel Verehrung verdient, auch nur ſtammelnd ſich hoͤren zu laſſen. Ich will der Sache nachdenken, vielleicht gelingt es mir, unſre kleine Truppe ſo zu ſtellen, daß wir doch wenigſtens einigen Effekt machen. 8 Von dieſem Augenblicke ſann Wilhelm eifrig dem Auf⸗ trage nach. Ehe er einſchlief, hatte er Alles ſchon ziem⸗ lich geordnet, und den andern Morgen, bey fruͤher Zeit, war der Plan fertig, die Scenen entworfen, ja ſchon ei⸗ nige der vornehmſten Stellen und Geſaͤnge in Verſe und zu Papiere gebracht. Wilhelm eilte, morgens gleich den Baron wegen ge⸗ wiſſer Umſtaͤnde zu ſprechen, und legte ihm ſeinen Plan vor. Dieſem gefiel er ſehr wohl, doch bezeigte er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen geſtern Abend ö.—— ———— —— 270 von einem ganz andern Stuͤcke ſprechen hoͤren, welches nach ſeiner Angabe in Verſe gebracht werden ſollte. Es iſt mir nicht wahrſcheinlich, verſetzte Wilhelm, daß es die Abſicht des Herrn Grafen geweſen ſey, gerade das Stuͤck, ſo wie er es Melina'n angegeben, fertigen zu laſ⸗ ſen; wenn ich nicht irré, ſo wollte er uns blos durch ei⸗ nen Fingerzeig auf den rechten Weg weiſen. Der Lieb⸗ haber und Kenner zeigt dem Kuͤnſtler an, was er wuͤnſcht, und uüberlaͤſſt ihm alsdann die Soörge das Werk hervor⸗ zubringen. Mitnichten, verſetzte der Bakon; der Herr Graf ver⸗ laͤſſt ſich darauf, daß das Stuͤck ſo und nicht anders, wie er es angegeben, aufgeführt werde. Das Ihrige hat freylich eine entfernte Aehnlichkeit mit ſeiner Idee, und wenn wir es durchſetzen und ihn von ſeinen erſten Gedan⸗ ken abbringen wollen, ſo muſſen wir es durch die Damen bewirken. Vorzuͤglich weiß die Baroneſſe dergleichen Operationen meiſterlich anzulegen; es wird die Frage ſeyn, ob ihr der Plan ſo gefaͤllt, daß ſie ſich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiß gehen. Wir brauchen ohnedieß die Huͤlfe der Damen, ſagte Wilhelm, denn es moͤchte unſer Perſonale und unſere Garderobe zu der Ausfuͤhrung nicht hinreichen. Ich ha⸗ be auf einige huͤbſche Kinder gerechnet, die im Hauſe hin und wieder laufen, und die dem Kammerdiener und dem Haushofmeiſter zugehoͤren. 271— Darauf erſuchte er den Baron, die Damen mit ſeinem Plane bekannt zu machen. Dieſer kam bald zuruck und brachte die Nachricht, ſie wollten ihn ſelbſt ſprechen. Heute Abend, wenn die Herren ſich zum Spiele ſetzten, das ohnedieß wegen der Ankunft eines gewiſſen Generals ernſthafter werden würde als gewoͤhnlich, wollten ſie ſich unter dem Vorwande einer Unpaͤßlichkeit in ihr Zim⸗ mer zuruͤckziehen, er ſollte durch die geheime Treppe eingefuͤhrt werden, und koͤnne alsdann ſeine Sache auf das Beſte vortragen. Dieſe Art von Geheimniß gebe der Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baroneſſe beſonders freue ſich wie ein Kind auf dieſes Rendesvous, und noch mehr daranf, daß es heimlich und geſchickt gegen den Willen des Grafen unternom⸗ men werden ſollte. abgeholt und mit Vorſicht hinauf gefuͤhrt. Die Art, mit ddeer ihm die Baroneſſe in einem kleinen Kabinette entge⸗ gen kam, erinnerte ihn einen Augenblick an vorige gluͤck⸗ liche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Graͤfin, und nun ging es an ein Fragen, an ein Unterſuchen. Er legte ſeinen Plan mit der möglichſten Warme und Leb⸗ haftigkeit vor, ſo daß die Damen dafür ganz eingenom⸗ men wurden, und unſere Leſer werden erlauben, daß wir ſie auch in der Kuͤrze damit bekannt machen. In einer laͤndlichen Scene ſollten Kinder das Stuͤck mit einem Tanze eroͤffnen, der jenes Spiel vorſtellte, wo Gegen Abend, um die beſtimmte Zeit, ward Wilhelm —yy— “ 272² Eins herum gehen und dem Andern einen Platz abgewin⸗ nen muß. Darauf ſollten ſie mit andern Scherzen ab⸗ wechſeln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden Reihentanze ein froͤhliches Lied ſingen. Darauf ſollte der Harfner mit Mignon herbeykommen, Neugierde er⸗ regen und mehrere Landleute herbeylocken, der Alte ſollte verſchiedene Lieder zum Lobe des Friedens, der Ruhe, der Freude ſingen, und Mignon darauf den Eyertanz tanzen. In dieſer unſchuldigen Freude werden ſie durch eine kriegeriſche Muſik geſtoͤrt, und die Geſellſchaft von einem Trupp Soldaten uͤberfallen. Die Mannsperſonen ſetzen ſich zur Wehre und werden uͤberwunden, die Maͤdchen fliehen und werden eingeholt. Es ſcheint Alles im Ge⸗ tuͤmmel zu Grunde zu gehen, als eine Perſon, uͤber de⸗ ren Beſtimmung der Dichter noch ungewiß war, herbey kommt und durch die Nachricht, daß der Heerfuͤhrer nicht weit ſey, die Ruhe wieder herſtellt. Hier wird der Cha⸗ rakter des Helden mit den ſchoͤnſten Zugen geſchildert⸗ mitten unter den Waffen Sicherheit verſprochen, dem Uebermuth und der Gewaltthaͤtigkeit Schranken geſetzt. Es wird ein allgemeines Feſt zu Ehren des großmü⸗ thigen Heerfuͤhrers begangen. Die Damen waren mit dem Plane ſehr zufrieden, nur behaupteten ſie, es müſſe nothwendig etwas Allego⸗ riſches in dem Stuͤcke ſeyn, um es dem Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron that den Vorſchlag, 273 den Anfuͤhrer der Soldaten als den Genius der Zwie⸗ tracht und der Gewaltthaͤtigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber muͤſſe Minerva herbey kommen, ihm Feſſeln anzu⸗ legen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben und deſſen Lob zu preiſen. Die Baroneſſe uͤbernahm das Geſchaͤft, den Grafen zu uͤberzeugen, daß der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger Veraͤnderung, aus⸗ gefuͤhrt worden ſey; dabey verlangte ſie ausdruͤcklich: daß am Ende des Stucks nothwendig die Buſte, der verzogene Namen und der Furſtenhut erſcheinen müſſten, weil ſonſt alle Unterhandlung vergeblich ſeyn wuͤrde. Wilhelm, der ſich ſchon im Geiſte vorgeſtellt hatte, wie fein er ſeinen Helden aus dem Munde der Minerva preiſen wollte, gab nur nach langem Widerſtande in die⸗ ſem Punkte nach, allein er fuͤhlte ſich auf eine ſehr an⸗ genehme Weiſe gezwungen. Die ſchoͤnen Augen der Grä⸗ fin und ihr liebenswuͤrdiges Betragen haͤtten ihn gar leicht bewogen, auch auf die ſchoͤnſte und angenehmſte Empfindung, auf die ſo erwuͤnſchte Einheit einer Com⸗ poſition und auf alle ſchicklichen Details Verzicht zu thun, und gegen ſein poetiſches Gewiſſen zu handeln. Eben ſo ſtand auch ſeinem buͤrgerlichen Gewiſſen ein harter Kampf bevor, indem, bey beſtimmterer Austheilung der Rollen, die Damen ausdruͤcklich darauf beſtanden, daß er mitſpie⸗ len muͤſſe. Laertes hatte zu ſeinem Theil jenen gewaltihaͤtigen Kriegsgott erhalten, Wilhelm ſollte den Anfuͤhrer der Goethe's Werke. III. Bd.. 18 274 Landleute vorſtellen, der einige ſehr artige und gefuͤhl⸗ volle Verſe zu ſagen hatte. Nachdem er ſich eine Zeit⸗ lang geſträubt, muſſte er ſich endlich doch ergeben; be⸗ ſonders fand er keine Entſchuldigung, da die Baroneſſe ihm vorſtellte, die Schaubuͤhne hier auf dem Schloſſe ſey ohnedem nur als ein Geſellſchaftstheater anzuſehen, auf dem ſie gern, wenn man nur eine ſchickliche Einleitung machen koͤnnte, mitzuſpielen wünſchte. Darauf entlieſſen die Damen unſern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die Baroneſſe verſicherte ihm, daß er ein unvergleichlicher Menſch ſey, und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo ſie ihm mit einem Haͤndedruck gute Nacht gab. K Siebentes Capitel. Befeuert durch den aufrichtigen Antheil, den die Frauenzimmer an der Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzaͤhlung gegenwaͤrtiger geworden war, ganz lebendig. Er brachte den groͤßten Theil der Nacht und den andern Morgen mit der ſorgfaͤltigſten Verſifikation des Dialogs und der Lieder zu. Er war ſo ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo er hoͤrte, daß die Herrſchaft, die eben fruͤhſtuckte, ihn ſprechen wollte. Er trat in den Saal, die Vaxoneſſe kam ihm wieder zuerſt entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn ſie ihm einen guten Morgen bieten wollte, liſpelte ſie heimlich zu ihm: Sa⸗ gen Sie nichts von Ihrem Stuͤcke, als was Sie gefragt werden. Ich hoͤre, rief ihm der Graf zu, Sie ſind recht fleißig und arbeiten an meinem Vorſpiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, daß Sie eine Mi⸗ nerva darin anbringen wollen, und ich denke bey Zeiten darauf, wie die Goͤttin zu kleiden iſt, damit man nicht gegen das Koſtuͤme verſtoͤßt. Ich laſſe deßwegen aus 276 meiner Bibliothek alle Buͤcher herbeybringen, worin ſich das Bild derſelben befindet. In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit großen Koͤrben noll Buͤcher allerley Formats in den Saal. Montſaucon, die Sammlungen antiker Statuͤen, Gemmen und Muͤnzen, alle Arten mythologiſcher Schrif⸗ ten wurden aufgeſchlagen und die Figuren verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen vortreffliches Gedaͤchtniß ſtellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten, oder ſonſt vorkommen mochten. Es muſſte deßhalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeygeſchafft werden, ſo daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Buchern ſaß. Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: Ich wollte wetten, daß nun keine Miner⸗ va mehr in der ganzen Bibliothek ſey, und es moͤchte wohl das Erſtemal vorkommen, daß eine Buͤcherſamm⸗ lung ſo ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgoͤttin entbehren muß. Die ganze Geſellſchaft freute ſich uͤber den Einfall, und beſonders Jarno, der den Grafen immer mehr Buͤ⸗ cher herbeyzuſchaffen gereizt hatte, lachte ganz unmaͤßig. Nunmehr, ſagte der Graf, indem er ſich zu Wil⸗ helm wendete, iſt es eine Hauptſache, welche Goͤttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? die Gottin des Kriegs oder der Künſte? 247 Sollte es nicht am ſchicklichſten ſeyn, Ew. Excellenz, verſetzte Wilhelm, wenn man hieruͤber ſich nicht beſtimmt ausdruckte, und ſie, eben weil ſie in der Mythologie eine doppelte Perſon ſpielt, auch hier in doppelter Qua⸗ litaͤt erſcheinen lieſſe. Sie meldet einen Krieger an, aber nur um das Volk zu beruhigen, ſie preiſ't einen Helden, indem ſie ſeine Menſchlichkeit erhebt, ſie uͤberwindet die Gewaltthaͤtigkeit, und ſtellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her. 1 Die Baroneſſe, der es bange wurde, Wilhelm moͤch⸗ ke ſich verrathen, ſchob geſchwinde den Leibſchneider der Graͤfin dazwiſchen, der ſeine Meinung abgeben muſſte, wie ein ſolcher antiker Rock auf das Beſte gefertiget wer⸗ den koͤnnte. Dieſer Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wuſſte die Sache ſehr leicht zu machen, und da Madam Melina, ungeachtet ihrer hohen Schwangerſchaft, die Rolle der himmliſchen Jungfrau uͤbernommen hatte, ſo wurde er angewieſen, ihr das Maß zu nehmen, und die Graͤfin bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die Kleider aus der Garderobe, velche dazu verſchnitten werden ſollten. 8 Auf eine geſchickte Weiſe wuſſte die Baroneſſe Wilhel⸗ min wieder bey Seite zu ſchaffen, und ließ ihn bald dar⸗ auf wiſſen, ſie habe die uͤbrigen Sachen auch beſorgt. Sie ſchickte ihm zugleich den Muſikus, der des Grafen Hanskapelle dirigirte, damit dieſer theils die nothwendi⸗ gen Stuͤcke komponiren, theils ſchickliche Melodien aus 278 dem Muſikvorrathe dazu ausſuchen ſollte. Nunmehr ging alles nach Wunſche, der Graf fragte dem Stuͤcke nicht weiter nach, ſondern war hauptſaͤchlich mit der transparenten Dekoration beſchaͤftigt, welche am Ende des Stuͤckes die Zuſchauer uͤberraſchen ſollte. Seine Er⸗ findung und die Geſchicklichkeit ſeines Konditors brach⸗ ten zuſammen wirklich eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf ſeinen Reiſen hatte er die groͤßten Feyerlichkeiten dieſer Art geſehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht, und wuſſte, was dazu gehoͤrte, mit vielem Geſchmacke anzugeben. Unterdeſſen endigte Wilhelm ſein Stuͤck, gab einem Jeden ſeine Rolle, uͤbernahm die ſeinige, und der Muſikus, der ſich zugleich ſehr gut auf den Tanz verſtand, richtete das Ballet ein, und ſo ging Alles zum Beſten. Nur ein unerwartetes Hinderniß legte ſich in den Weg, das ihm eine boͤſe Luͤcke zu machen drohte. Er hatte ſich den groͤßten Effekt von Mignons Eyertanze verſprochen, und wie erſtaunt war er daher, als das Kind ihm, mit ſeiner gewoͤhnlichen Trockenheit, abſchlug zu tanzen, ver⸗ ſicherte, es ſey nunmehr ſein und werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er ſuchte es durch allerley Zuredn zu bewegen, und ließ nicht eher ab, als bis es bitterlch zu weinen anfing, ihm zu Fuͤßen fiel und rief: liber Vater! bleib auch Du von den Bretern! Er merkte iicht auf dieſen Wink, und ſann, wie er durch eine aꝛdere Wendung die Scene intereffant machen woltte. 279 Philine, die eins von den Landmäͤdchen machte, und in dem Reihentanz die einzelne Stimme ſingen und die Verſe dem Chore zubringen ſollte, freute ſich recht aus⸗ gelaſſen darauf. Uebrigens ging es ihr vollkommen nach Wunſche, ſie hatte ihr beſondres Zimmer, war immer um die Graͤfin, die ſie mit ihren Affenpoſſen unterhielt, und dafuͤr taͤglich etwas geſchenkt bekam: ein Kleid zu dieſem Stuͤcke wurde auch fuͤr ſie zurecht gemacht; und weil ſie von einer leichten nachahmenden Natur war, ſo hatte ſie ſich bald aus dem Umgange der Damen ſo viel gemerkt, als ſich fuͤr ſie ſchickte, und war in kurzer Zeit voll Le⸗ bensart und guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeiſters nahm mehr zu als ab, und da die Offiziere auch ſtark auf ſie eindrangen, und ſie ſich in ei⸗ nem ſo reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch einmal die Sproͤde zu ſpielen, und auf eine geſchickte Weiſe ſich in einem gewiſſen vornehmen Anſehn zu uͤben. Kalt und fein wie ſie war, kannte ſie in acht Tagen die Schwaͤchen des ganzen Hauſes, daß, wenn ſie abſichtlich haͤtte verfahren koͤnnen, ſie gar leicht ihr Gluͤck wuͤrde gemacht haben. Allein auch hier bediente ſie ſich ihres Vortheils nur, um ſich zu beluſtigen, um ſich einen gu⸗ ten Tag zu machen und impertinent zu ſeyn, wo ſie merkte, daß es ohne Gefahr geſchehen konnte. Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stuͤcks ward beſohlen, der Graf wollte dabey ſeyn, und ſeine Gemahlin fing an zu ſorgen, wie er es aufnehmen moͤch⸗ 3 280 * te. Die Baroneſſe berief Wilhelmen heimlich, und man zeigte, je naͤher die Stunde herbey ruͤckte, immer mehr Verlegenheit: denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen übrig geblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimniß gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, ſeine guten Dienſte den Damen anzubieten. Es waͤre gar ſchlimm, ſagte er, gnaͤdige Frau, wenn Sie Sich aus dieſer Sache nicht allein heraus helfen wollten; doch auf alle Faͤlle will ich im Hinterhalte liegen bleiben. Die Baroneſſe erzaͤhlte hierauf, wie ſie bisher dem Grafen das ganze Stuͤck, aber nur immer ſtellenweiſe und ohne Ordnung erzaͤhlt habe, daß er alſo auf jedes Einzelne vorbereitet ſey; nur ſtehe er freylich in Gedanken, das Ganze werde mit ſeiner Idee zuſammentreffen. Ich will mich, ſagte ſie, heute Abend in der Probe zu ihm ſetzen, und ihn zu zer⸗ ſtreuen ſuchen. Den Konditor habe ich auch ſchon vor⸗ gehabt, daß er ja die Dekoration am Ende recht ſchoͤn macht, dabey aber doch etwas Geringes fehlen laͤſſt. Ich wuͤſſte einen Hof, verſetzte Jarno, wo wir ſo thaͤtige und kluge Freunde brauchten, als Sie ſind. Will es heute Abend mit Ihren Kuͤnſten nicht mehr fort, ſo winken Sie mir, und ich will den Grafen heraus holen, und ihn nicht eher wieder hinein laſſen, bis Minerva auftrſtt, und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen iſt. Ich habe ihm ſchon ſeit einigen Tagen etwas zu eroͤffnen, das ſeinen Vetter betrifft, und das ich noch immer aus 281 Urſachen aufgeſchoben habe. Es wird ihm auch das ene Distraktion geben, und zwar nicht die angenehmſte. 4 Einige Geſchaͤfte hinderten den Grafen, beym An⸗ fange der Probe zu ſeyn, dann unterhielt ihn die Baroneſſe. Jarnos Huͤlfe war gar nicht noͤthig. Denn indem der Graf genug zurecht zu weiſen, zu verbeſſern und anzu⸗ ordnen hatte, vergaß er ſich ganz und gar daruͤber, und da Frau Melina zuletzt nach ſeinem Sinne ſprach, und die Illumination gut ausfiel, bezeigte er ſich vollkommen zufrieden. Erſt als Alles vorbey war, und man zum Spiele ging, ſchien ihm der Unterſchied aufzufallen, und er fing an nachzudenken, ob denn das Stuͤck auch wirk⸗ lich von ſeiner Erfindung ſey? Auf einen Wink fiel nun Jarno aus ſeinem Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz wirklich komme, beſtaͤtigte ſich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der Nach⸗ barſchaft kampiren zu ſehen, das Haus war voll Laͤrmen und Unruhe, und unſere Schauſpieler, die nicht immer zum Beſten von den unwilligen Bedienten verſorgt wur⸗ den, muſſten, ohne daß Jemand ſonderlich ſich ihrer erinnerte, in dem alten Schloſſe ihre Zeit in Erwartungen und Uebungen zubringen. ͤͤͤͤſſͤſͤſſͤſͤſſſſ Achtes Capitel. „Endlich war der Prinz angekommen, die Generali⸗ tät, die Stabsoffiziere und das uͤbrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen Menſchen, die theils zum Beſuche, theils Geſchaͤftswegen einſprachen, machten das Schloß einem Bienenſtocke aͤhnlich, der eben ſchwaͤrmen will. Jedermann draͤngte ſich herbey, den vortrefflichen Fürſten zu ſehen, und Jedermann bewunderte ſeine Leut⸗ ſeligkeit und Herablaſſung, Jedermann erſtaunte in dem Helden und Heerfuͤhrer zugleich den gefälligſten Hofmann zu erblicken. Alle Hausgenoſſen muſſten nach Ordre des Grafen bey der Ankunft des Fuͤrſten auf ihrem Poſten ſeyn, kein Schauſpieler durfte ſich blicken laſſen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feyerlichkeiten uͤberraſcht werden ſollte, und ſo ſchien er auch des Abends, als man ihn in den großen wohlerleuchteten und mit gewirkten Tapeten des vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal fuͤhrte, ganz und gar nicht auf ein Schauſpiel, vielweniger auf ein Vorſpiel zu ſeinem Lobe, vorbereitet zu ſeyn. Alles lief auf das Beſte ab, und die Truppe muſſte nach vollendeter Vor⸗ ſtellung herbey und ſich dem Prinzen zeigen, der Jeden d 283 auf die freundlichſte Weiſe etwas zu fragen, Jedem auf die gefaͤlligſte Art etwas zu ſagen wuſſte. Wilhelm als Autor muſſte beſonders vortreten, und ihm ward gleich⸗ falls ſein Theil Beyfall zugeſpendet. Nach dem Vorſpiele fragte Niemand ſonderlich, in ei⸗ nigen Tagen war es, als wenn nichts dergleichen waͤre aufgefuͤhrt worden, außer daß Jarno mit Wilhelmen ge⸗ legentlich davon ſprach, und es ſehr verſtaͤndig lobte; nur fetzte er hinzu: es iſt Schade, daß Sie mit hohlen Nuͤſ⸗ ſen um hohle Nuͤſſe ſpielen.— Mehrere Tage lag Wil⸗ helmen diefer Ausdruck im Sinne, er wuſſte nicht, wie er ihn auslegen, noch was er daraus nehmen ſollte. Unterdeſſen ſpielte die Geſellſchaft jeden Abend ſo gut, als ſie es nach ihren Kraͤften vermochte, und that das Moͤgliche, um die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer auf ſich zu ziehen. Ein unverdienter Beyfall munterte ſie auf, und in ihrem alten Schloſſe glaubten ſie nun wirklich, ei⸗ gentlich um ihretwillen draͤnge ſich die große Verſamm⸗ lung herbey, nach ihren Vorſtellungen ziehe ſich die Men⸗ ge der Fremden, und ſie ſeyen der Mittelpunkt, um den und um deßwillen ſich Alles drehe und bewege. Wilhelm allein bemerkte zu ſeinem großen Verdruſſe gerade das Gegentheil. Denn obgleich der Prinz die er⸗ ſten Vorſtellungen, von Anfange bis zu Ende auf ſeinem Seſſel ſitzend, mit der groͤßten Gewiſſenhaftigkeit abwar⸗ tete, ſo ſchien er ſich doch nach und nach auf eine gute Weiſe davon zu diſpenſiren. Gerade diejenigen, welche 7 284 Wilhelm im Geſpraͤche als die Verſtaͤndigſten gefunden hatte, Jarno an ihrer Spitze, brachten nur fluͤchtige Au⸗ gernblicke im Theaterſaale zu, uͤbrigens ſaßen ſie im Vor⸗ zimmer, ſpielten, oder ſchienen ſich von Geſchaͤften 1 unterhalten. Wilhelmen verdroß gar ſehr, bey ſeinen Be Bemuͤhungen des erwuͤnſchteſten Beyfalls zu entbehren. Bey der Auswahl der Stucke, der Abſchrift der Rolle den haͤufigen Proben, und was ſonſt nur immer vus men konnte, ging er Melina'n eifrig zur Hand, der ihn denn auch, ſeine eigene Unzulaͤnglichkeit im Stillen fuͤh⸗ lend, zuletzt gewaͤhren ließ. Die Rollen memorirte Wil⸗ helm mit Fleiß, und trug ſie mit Waͤrme und Lebhaftig⸗ keit, und mit ſo viel Anſtand vor, als die wenige Vil⸗ dung erlaubte, die er ſich ſelbſt gegeben hatte. 8 Die fortgeſetzte Theilnahme des Barons benahm in⸗ deß der uͤbrigen Geſellſchaft jeden Zweifel, indem er ſie verſicherte, daß ſie die groͤßten Effekte hervorbringe, be⸗ ſonders indem ſie eins ſeiner eigenen Stuͤcke auffͤhrte; nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausſchließende Nei⸗ gung fuͤr das franzöſiſche Theater habe, daß ein Theil ſei-⸗ ner Leute hingegen, worunter ſich Jarno beſonders aus⸗ zeichne, den Ungeheuern der engliſchen Buͤhne einen leidenſchaftlichen Vorzug gebe. War nun auf dieſe Weiſe die Kunſt unſrer Schauſpie⸗ ler nicht auf das Beſte bemerkt und bewundert; ſo waren dagegen ihre Perſonen den Zuſchauern und Zuſchauerinnen 1 285 nicht voͤllig gleichguͤltig. Wir haben ſchon oben angezeigt, de die Schauſpielerinnen gleich von Anfang die Aufmerk⸗ amkeit junger Offiziere erregten; allein ſie waren in der olge gluͤcklicher und machten wichtigere Eroberungen. och wir ſchweigen davon und bemerken nur, daß Wil⸗ helm der Grafin von Tag zu Tag intereſſanter vorkam, p wie auch in ihm eine ſtille Neigung gegen ſie aufzu⸗ keimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, 1 Augen nicht von ihm abwenden, und er ſchien bald nur allein gegen ſie gerichtet zu ſpielen und zu rezitiren. Sich wechſelſeitig anzuſehen, war ihnen ein unausſprechliches Vergnuͤgen, dem ſich ihre harmloſen Seelen ganz uͤber⸗ lieſſen, ohne lebhaftere Wunſche zu naͤhren, oder fuͤr ir⸗ gend eine Folge beſorgt zu ſeyn. Wie uͤber einen Fluß hinuͤber, der ſie ſcheidet, zwey feindliche Vorpoſten ſich ruhig und luſtig zuſammen be⸗ ſprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchem ihre beyderſeitigen Parteyen begriffen ſind; ſo wechſelte die Graͤfin mit Wilhelm bedeutende Blicke uber die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinuͤber, und Jedes glaubte an ſeiner Seite, ſicher ſeinen Empfindungen nach⸗ haͤngen zu duͤrfen. Die Baroneſſe hatte ſich indeſſen den Laertes ausge⸗ ſucht, der ihr als ein wackrer, munterer Juͤngling be⸗ ſonders wohlgefiel, und der, ſo ſehr Weiberfeind er war, doch ein vorbeygehendes Abenteuer nicht verſchmaͤhte, und wirklich dießmal wider Willen durch die Leutſeligkeit — Herzen, daß ihn ſeine Eitelkeit nochmals verleitet habe, 286 1 und das einnehmende Weſen der Baroneſſe gefeſſelt wor⸗ den waͤre, haͤtte ihm der Baron zufaͤllig nicht einen guten, oder, wenn man will, einen ſchlimmen Dienſt erzeigt, indem er ihn mit den Geſinnungen dieſer Dame naͤher be⸗ kannt machte. Denn als Laertes ſie einſt laut ruͤhmte, und ſie allen andern ihres Geſchlechts vorzog, verſetzte der Baron ſcher⸗ zend: ich merke ſchon, wie die Sachen ſtehen; unſre liebe Freundin hat wieder einen fuͤr ihre Staͤlle gewonnen. Die⸗ ſes ungluͤckliche Gleichniß, das nur zu klar auf die gefaͤhr⸗ lichen Liebkoſungen einer Circe deutete, verdroß Laertes uͤber die Maßen, und er konnte dem Baron nicht ohne Aer⸗ gerniß zuhoͤren, der ohne Barmherzigkeit fortfuhr: Jeder Fremde glaubt, daß er der Erſte ſey, dem ein ſo angenehmes Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir Alle ſind einmal auf dieſem Wege herumgefuͤhrt worden; Mann, Juͤngling oder Knabe, er ſey wer er ſey, muß ſich eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhaͤngen, und ſich mit Sehnſucht um ſie bemuͤhen. Den Gluͤcklichen, der eben, in die Gaͤrten einer Zau⸗ berin hinein tretend, von allen Seligkeiten eines kunſtli⸗ chen Fruͤhlings empfangen wird, kann nichts unangeneh⸗ mer uͤberraſchen, als wenn ihm, deſſen Ohr ganz auf den Geſang der Nachtigall lauſcht, irgend ein verwandelter Vorfahr unvermuthet entgegen grunzt. Laertes ſchaͤmte ſich nach dieſer Entdeckung recht von 287 von irgend einer Frau auch nur im mindeſten gut zu denken. Er vernachlaͤſſigte ſie nunmehr voͤllig, hielt ſich zu dem Stallmeiſter, mit dem er fleißig focht und auf die Jagd ging, bey Proben und Vorſtellungen aber ſich betrug, als wenn dieß blos eine Nebenſache waͤre. Der Graf und die Graͤfin lieſſen manchmal morgens einige von der Geſellſchaft rufen, da Jeder denn immer Philinens unverdientes Gluͤck zu beneiden Urſache ſand. Der Graf hatte ſeinen Liebling, den Pedanten, oft Stun⸗ denlang bey ſeiner Toilette. Dieſer Menſch ward nach und nach bekleidet, und bis auf Uhr und Doſe equipirt und ausgeſtattet. Auch wurde die Geſellſchaft manchmal ſammt und ſonders nach Tafel vor die hohen Herrſchaften gefordert, Sie ſchaͤtzten ſich es zur groͤßten Ehre, und bemerkten nicht, daß man zu eben derſelben Zeit durch Jaͤger und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen, und Pferde im Schloßhoſe vorfuͤhren ließ. Man hatte Wilhelmen geſagt, daß er ja gelegentlich des Prinzen Liebling, Racine, loben, und dadurch auch von ſich eine gute Meinung erwecken ſolle. Er fand dazu an einem ſolchen Nachmittage Gelegenheit, da er auch mit vorgefordert worden war, und der Prinz ihn fragte, ob er auch fleißig die großen franzoͤſiſchen Theaterſchrift⸗ ſteller leſe, darauf ihm denn Wilhelm mit einem ſehr leb⸗ haften Ja antwortete. Er bemerkte nicht, daß der Fuͤrſt, 288 ohne ſeine Antwort abzuwarten, ſchon im Begriff war ſich weg und zu jemand Anderm zu wenden, er faſſte ihn vielmehr ſogleich und trat ihm beynah in den Weg, indem er fortfuhr: er ſchaͤtze das franzoͤſiſche Theater ſehr hoch und leſe die Werke der großen Meiſter mit Entzuͤcken; beſonders habe er zu wahrer Freude gehört, daß der Fuͤrſt den großen Talenten eines Racine voͤllige Gerechtigkeit widerfahren laſſe. Ich kann es mir vorſtellen, fuhr er fort, wie vornehme und erhabene Perſonen einen Dichter ſchaͤtzen muſſen, der die Zuſtaͤnde ihrer hoͤheren Verhaͤlt⸗ niſſe ſo vortrefflich und richtig ſchildert. Corneille hat, wenn ich ſo ſagen darf, große Menſchen dargeſtellt, und Racine vornehme Perſonen. Ich kann mir, wenn ich ſeine Stuͤcke leſe, immer den Dichter denken, der an einem glaͤnzenden Hofe lebt, einen großen Koͤnig vor Augen hat, mit den Beſten umgeht, und in die Geheimniſſe der Menſchheit draͤngt, wie ſie ſich hinter koſtbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn ich ſeinen Brittannikus, ſeine Berenice ſtudire, ſo kommt es mir wirklich vor, ich ſey am Hofe, ſey in das Große und Kleine dieſer Wohnun⸗ gen der irdiſchen Goͤtter geweiht, und ich ſehe, durch die Augen eines feinſuͤhlenden Franzoſen, Koͤnige, die eine ganze Nation anbetet, Hofleute, die von viel Tauſenden beneidet werden, in ihrer naturlichen Geſtalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine ſich zu Tode gegraͤmt habe, weil Ludwig der vierzehnte ihn nicht mehr angeſehen, ihn ſeine Unzufriedeuheit fuͤhlen v 289 laſſen, iſt mir ein Schlüſſel zu allen ſeinen Werken, und es iſt unmoͤglich, daß ein Dichter von ſo großen Talen⸗ ten, deſſen Leben und Tod an den Augen eines Köoͤniges haͤngt, nicht auch Stucke ſchreiben ſolle, die des Beyfalls eines Koͤniges und eines Fuͤrſten werth ſeyen. Jarno war herbey getreten und hoͤrte unſerem Freunde mit Verwunderung zu; der Fuͤrſt, der nicht geantwortet und nur mit einem gefaͤlligen Blicke ſeinen Beyfall gezeigt. hatte, wandte ſich ſeitwaͤrts, obgleich Wilhelm, dem es noch unbekannt war, daß es nicht anſtaͤndig ſey, unter ſolchen⸗Umſtaͤnden einen Diskurs fortſetzen und eine Ma⸗ terie erſchöpfen zu wollen, noch gerne mehr geſprochen und dem Furſten gezeigt hätte, daß er nicht ohne Nutzen und Gefühl ſeinen Lieblingsdichter geleſen. Haben Sie denn niemals, ſagte Jarno; indem er ihn beyſeite nahm, ein Stuͤck von Shakeſpearen geſehen? Nein, verſetzte Wilhelm: denn ſeit der Zeit, daß ſie in Deutſchland bekannter geworden ſind, bin ich mit dem Theater unbekannt worden, und ich weiß nicht, ob ich mich freuen ſoll, daß ſich zuſäͤllig eine alte jugendliche Liebhaberey und Beſchaͤftigung gegenwaͤrtig wieder er⸗ neuerte. Indeſſen hat mich Alles, was ich von jenen Stuͤcken gehoͤrt, nicht neugierig gemacht, ſolche ſeltſame Ungeheuer naͤher kennen zu lernen, die uͤber alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit, allen Wohlſtand hinauszuſchreiten ſcheinen. Ich will Ihnen denn doch rathen, verſetzte jener, ei⸗ nen Verſuch zu machen; es kann nichts ſchaden, wenn 4 Goethe s Werke. III Bd. 19 man auch das Seltſame mit eigenen Augen ſieht. Ich will Ihnen ein Paar Theile borgen, und Sie koͤnnen Ihre Zeit nicht beſſer anwenden, als wenn Sie ſich gleich von Allem losmachen, und in der Einſamkeit Ihrer alten Woh⸗ nung in die Zauberlaterne dieſer unbekannten Welt ſehen. Es iſt ſuͤndlich, daß Sie Ihre Stunden verderben, dieſe Affen menſchlicher auszuputzen, und dieſe Hunde tanzen zu lehren. Nur Eins bedinge ich mir aus, daß Sie ſich an der Form nicht ſtoßen; das Uebrige kann ich Ihrem rich⸗ tigen Gefuͤhle überlaſſen. 3 Die Pferde ſtanden vor der Thuͤr, und Jarno ſetzte ſich mit einigen Cavalieren auf, um ſich mit der Jagd zu erluſtigen. Wilhelm ſah ihm traurig nach. Er haͤtte gerne mit dieſem Manne noch Vieles geſprochen, der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neut Ideen gab, Ideen, deren er bedurfte. Der Menſch kommt manchmal, indem er r ſi ch einer Entwicklung ſeiner Kraͤfte, Faͤhigkeiten und Begriffe naͤ⸗ hert, in eine Verlegenheit, aus der ihm ein guter Freund leicht helfen koͤnnte. Er gleicht einem Wanderer, der nicht weit von der Herberge ins Waſſer faͤllt; griffe Je⸗ mand ſogleich zu, riſſe ihn ans Land, ſo waͤre es um ein⸗ mal naß werden gethan, anſtatt daß er ſich auch wohl ſelbſt, aber am jenſeitigen Ufer, heraus hilft, und einen beſchwerlichen weiten Umweg nach ſeinem beſtimmten Ziele zu machen hat.— Wilheln ſing an zu witern daß es in der Welt an⸗ 291 ders zugehe, als er es ſich gedacht. Er ſah das wich⸗ tige und bedeutungsvolle Leben der Vornehmen und Gro⸗ ßen in der Naͤhe, und verwunderte ſich, wie einen leich⸗ ten Anſtand ſie ihm zu geben wuſſten. Ein Heer auf dem Marſche, ein fuͤrſtlicher Held an ſeiner Spitze, ſo viele mitwirkende Krieger, ſo viele zudringende Verehrer erhoͤhten ſeine Einbildungskraft. In dieſer Stimmung erhielt er die verſprochenen Buͤcher, und in Kurzem, wie man es vermuthen kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius, und fuͤhrte ihn einem unuͤberſehlichen Meere zu, worin er ſich gar bald voͤllig vergaß und verlor. t Neuntes Capitel. Das Verhaͤltniß des Barons zu den Schauſpielern hatte ſeit ihrem Aufenthalte im Schloſſe verſchiedene Ver⸗ aͤnderungen erlitten. Im Aufange gereichte es zu beyder⸗ ſeitiger Zufriedenheit: denn indem der Baron das Erſte⸗ mal in ſeinem Leben eines ſeiner Stuͤcke, mit denen er ein Geſellſchaftstheater ſchon belebt hatte, in den Haͤn⸗ den wirklicher Schauſpieler und auf dem Wege zu einer anſtaͤndigen Vorſtellung ſah, war er von dem beſten Humor, bewies ſich freygebig, und kauſte bey jedem Ga⸗ lanteriehaͤndler, deren ſich manche einſtellten, kleine Ge⸗ ſchenke fuͤr die Schauſpielerinnen, und wuſſte den Schau⸗ ſpielern manche Bouteille Champagner extra zu verſchaf⸗ fen; dagegen gaben ſie ſich auch mit ſeinen Stuͤcken alle Muͤhe, und Wilhelm ſparte keinen Fleiß, die herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, deſſen Rolle ihm zuge⸗ fallen war, auf das Genaueſte zu memoriren. Indeſſen hatten ſich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten eingeſchlichen. Die Vorliebe des Barons fuͤr gewiſſe Schauſpieler wurde von Tag zu Tag merkli⸗ cher, un bwendig muſſt te deß die übrigen verdrießen. 293 dadurch Eiferſucht und Uneinigkeit unter die Geſellſchaft. Melina, der ſich bey ſtreitigen Faͤllen ohnedem nicht zu helfen wuſſte, befand ſich in einem ſehr unangenehmen Zuſtande. Die Geprieſenen nahmen das Lob an, ohne ſonderlich dankbar zu feyn, und die Zuruͤckgeſetzten lieſſen auf allerley Weiſe ihren Verdruß ſpuͤren, und wuſſten ihrem erſt hochverehrten Goͤnner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die andere Weiſe unangenehm zu ma⸗ chen; ja es war ihrer Schadenfreude keine geringe Nah⸗ rung, als ein gewiſſes Gedicht, deſſen Verfaſſer man nicht kannte, im Schloſſe viele Bewegung verurſachte. Bis⸗ her hatte man ſich immer, doch auf eine ziemlich feine Weiſe, uͤber den Umgang des Barons mit den Komö⸗ dianten aufgehalten, man hatte allerley Geſchichten auf ihn gebracht, gewiſſe Vorfälle ausgeputzt, und ihnen eine lu⸗ ſtige und intereſſante Geſtalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzaͤhlen, es entſtehe eine Art von Handwerksneid zwiſchen ihm und einigen Schauſpielern, die ſich auch ein⸗ bildeten, Schriftſteller zu ſeyn, und auf dieſe Sage gruͤn⸗ det ſich das Gedicht, von welchem wir ſprachen, und wel⸗ ches lautete wie folgt: Ich armer Teufel, Herr Baron, Beneide Sie um Ihren Stand, Um Ihren Platz ſo nah' am Thron, Und um manch ſchoͤn Stuͤck Acker Land, um Ihres Vaters feſtes Schlo, Um ſeine Wildbahn und Geſchoß. Mich armen Teufel, Herr Baron, Beneiden Sie, ſo wie es ſcheint, Weil die Natur vom Knaben ſchon Mit mir es muͤtterlich gemeint. Ich ward' mit leichtem Muth und Koyf, Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf. Nun daͤcht' ich, lieber Herr Baron, Wir lieſſen's Beyde wie wir ſind: Sie blieben des Herrn Vaters Sohn, Und ich blieb meiner Mutter Kind. Wir leben ohne Neid und Haß, Begehren nicht des Andern Titel, Sie keinen Platz auf dem Parnaß,⸗ Und keinen ich in dem Capitel. Die Stimmen uͤber dieſes Gedicht, das in einigen faſt unleſerlichen Abſchriften ſich in verſchiedenen Haͤnden be⸗ fand, waren ſehr getheilt, auf den Verfaſſer aber wuſſte Niemand zu muthmaßen, und als man mit einiger Scha⸗ denfreude ſich daruͤber zu ergetzen anfing, erklaͤrte ſich Wikhelm ſehr dagegen. Wir Deutſchen, rief er aus, verdienten, dns unſere Muſen in der Verachtung blieben, in der ſie ſo lange ge⸗ ſchmachtet haben, da wir nicht Maͤnner von Stande zu ſchaͤtzen wiſſen, die ſich mit unſerer Literatur auf irgend eine Weiſe abgeben mögen. Geburt, Stand und Ver⸗ moͤgen ſtehen in keinem Widerſpruch mit Genie und Ge⸗ ſchmack; das haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren beſten Koͤpfen eine große Anzahl Edelleute b 1 5 295 zaͤhlen. War es bisher in Deutſchland ein Wunder, wenn ein Mann von Geburt ſich den Wiſſenſchaften widmete; wurden bisher nur wenige berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunſt und Wiſſenſchaft noch beruͤhmter; ſtie⸗ gen dagegen manche aus der Dunkelheit hervor, und traten wie unbekannte Sterne an den Horizont: ſo wird das nicht immer ſo ſeyn, und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo iſt die erſte Klaſſe der Nation auf dem Wege, ſich ihrer Vortheile auch zu Erringung des ſchoͤnſten Kranzes der Muſen in Zukunſt zu bedienen. Es iſt mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den Buͤrger oft uͤber den Edelmann, der die Muſen zu ſchaͤtzen weiß, ſpotten, ſondern auch Perſonen von Stande ſelbſt, mit unuͤberlegter Laune und niemals zu billigender Schaden⸗ freude, Ihresgleichen von einem Wege abſchrecken ſehe⸗ auf dem einen Jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet. Es ſchien die letzte Aeußerung gegen den Grafen gerich⸗ tet zu ſeyn, von welchem Wilhelm gehoͤrt hatte, daß er das Gedicht wirklich gut finde. Freylich war dieſem Herrn, der immer auf ſeine Art mit dem Baron zu ſcher⸗ zen pflegte, ein ſolcher Aulaß ſehr erwuͤnſcht, ſeinen Ver⸗ wandten auf alle Weiſe zu plagen. Jedermann hatte ſeine eigenen Muthmaßungen, wer der Verfaſſer des Ge⸗ dichtes ſeyn koͤnnte, und der Graf, der ſich nicht gern im Scharſſinn von Jemand ubertroffen ſah, fiel auf einen Gedanken, den er ſogleich zu beſchwoͤren bereit war: das Gedicht koͤnnte ſich nur von ſeinem Pedanten herſchreiben, der ein fehr feiner Burſche ſey, und an dem er ſchon lange ſo etwas poetiſches Genie gemerkt habe. Um ſich ein rechtes Vergnuͤgen zu machen, ließ er deßwegen an einem Morgen dieſen Schauſpieler rufen, der ihm in Ge⸗ genwart der Graͤfin, der Baroneſſe und Jarno's das Ge⸗ dicht nach ſeiner Art vorleſen muſſte, und dafür Lob, Bey⸗ fall und ein Geſchenk einerntete, und die Frage des Gra⸗ fen, ob er nicht ſonſt noch einige Gedichte von fruͤhern Zeiten beſitze, mit Klugheit abzulehnen wuſſte. So kam der Pedant zum Rufe eines Dichters, eines Witzlings, und in den Augen derer, die dem Baron gunſtig waren, eines Pasquillanten und ſchlechten Menſchen. Von der Zeit an applaudirte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte ſeine Rolle ſpielen wie er wollte, ſo daß der arme Menſch zuletzt aufgeblaſen, ja beynahe verruͤckt wurde, und darauf ſann, gleich Philinen ein Zimmer im Schloſſe zu beziehen. Waͤre dieſer Plan ſogleich zu vollführen geweſen, o moͤchte er einen großen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends ſpaͤt nach dem alten Schloſſe ging, und in dem dunkeln engen Wege herum tappte, ward er auf einmal angefallen, von einigen Perſonen feſtgehal⸗ ten, indeſſen andere auf ihn wacker losſchlugen, und ihn im Finſtern ſo zerdraſchen, daß er beynahe liegen blieb, und nur mit Muͤhe zu ſeinen Kameraden hinauf kroch, die, ſo ſehr ſie ſich entrüſtet ſtellien, uͤber dieſen Unfall ihre heimliche Freude ſuͤhlten, und ſich kaum des Lachens 297 erwehren konnten, als ſie ihn ſo wohl durchwalkt, und ſeinen neuen braunen Rock uͤber und uͤber weiß, als wenn er mit Muͤllern Haͤndel gehabt, beſtaͤubt und befleckt ſahen. Der Graf, der ſogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen unbeſchreiblichen Zorn aus. Er behandelte dieſe That als das groͤßte Verbrechen, qualifizirte ſie zu einem beleidigten Burgfrieden, und ließ durch ſeinen Ge⸗ richtshalter die ſtrengſte Inquiſition vornehmen. Der weißbeſtaͤubte Rock ſollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur irgend mit Puder und Mehl im Schloſſe zu ſchaf⸗ fen haben konnte, wurde mit in die Unterſuchung gezogen, jedoch vergebens. Der Baron verſicherte bey ſeiner Ehre feyerlich: jene Art zu ſcherzen habe ihm freylich ſehr mißfallen, und das Betragen des Herrn Grafen ſey nicht das freundſchaft⸗ lichſte geweſen, aber er habe ſich daruͤber hinauszuſetzen gewuſſt, und an dem Unfall, der dem Poeten oder Pas⸗ quillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den mindeſten Antheil. Die uͤbrigen Bewegungen der Fremden und die Un⸗ ruhe des Hauſes brachten bald die ganze Sache in Ver⸗ geſſenheit, und der ungluͤckliche Guͤnſtling muſſte das Ver⸗ gnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu ha⸗ ben, theuer bezahlen. Unſere Truppe, die regelmaͤßig alle Abende fortſpielte, und im Ganzen ſehr wohl gehalten wurde, fing nun an, 298 ſe beſſer es ior ging, deſto groͤßere Anforderungen zu ma⸗ chen. In kurzer Zeit war ihnen Eſſen, Trinken, Auf⸗ wartung, Wohnung zu gering, und ſie lagen ihrem Be⸗ ſchutzer, dem Baron, an, daß er fuͤr ſie beſſer ſorgen, und ihnen zu dem Genuſſe und der Bequemlichkeit, die er ihnen verſprochen, doch endlich verhelſen ſolle. Ihre Klagen wurden lauter, und die Bemuͤhungen ihres Freun⸗ des, ihnen genug zu thun, immer fruchtloſer. Wilhelm kam indeſſen, außer in Proben und Spiel⸗ ſtunden, wenig mehr zum Vorſcheine. In einem der hinterſten Zimmer verſchloſſen, wozu nur Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verſtattet wurde, lebte und webte er in der ſhakeſpeariſchen Welt, ſo daß er außer ſich nichts kannte noch empfand. Man erzaͤhlt von Zauberern, die durch magiſche For⸗ meln eine ungeheure Menge allerley geiſtiger Geſtalten in ihre Stube herbeyziehen. Die Beſchwörungen ſind ſo kraͤftig, daß ſie bald den Raum des Zimmers ausfuͤllen, und die Geiſter, bis an den kleinen gezogenen Kreis hinan⸗ gedraͤngt, um denſelben und uͤber dem Haupte des Mei⸗ ſters in ewig drehender Verwandlung ſich bewegend ver⸗ mehren. Jeder Winkel iſt vollgepropft, und jedes Ge⸗ ſims beſetzt. Eier dehnen ſich aus und Rieſengeſtalten ziehen ſich in Pilze zuſammen. Ungluͤcklicherweiſe hat der Schwarzkuͤnſtler das Wort vergeſſen, womit er dieſe Geiſterfluth wieder zur Ebbe bringen koͤnnte.— So ſaß Wilhelm, und mit unbekannter Bewegung wurden tau⸗ 299 ſend Empfindungen und Faͤhigkeiten in ihm rege, von de⸗ nen er keinen Begriff und keine Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte ihn aus dieſem Zuſtande reißen, und er war ſehr unzufrieden, wenn irgend Jemand zu kommen Gele⸗ genheit nahm, um ihn von dem, was auswaͤrts vorging, zu unterhalten. So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht 4 brachte, es ſollte in dem Schloßhof eine Execution vor⸗ gehen und ein Knabe geſtaͤupt werden, der ſich eines naͤcht⸗ lichen Einbruchs verdaͤchtig gemacht habe, und da er den Rock eines Perruͤckenmachers trage, wahrſcheinlich mit unter den Menchlern geweſen ſey. Der Knabe laͤugne 1 zwar auf das Hartnaͤckigſte, und man koͤnne ihn deßwee, gen nicht foͤrmlich beſtrafen, wolle ihm aber als einem Vagabunden einen Denkzettel geben und ihn weiter ſchi⸗ cken, weil er einige Tage in der Gegend herumgeſchwaͤrmt ſey, ſich des Nachts in den Muͤhlen aufgehalten, endlich eine Leiter an eine Gartenmauer angelehnt habe, und her⸗ uͤber geſtiegen ſey. Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts ſ onderlich merkwurdig, als Mignon haſtig herein kam und ihm ver⸗ ſicherte, der Gefangene ſey Friedrich, der ſich ſeit den Haͤndeln mit dem Stallmeiſter von der Geſellſchaft und aus unſern Angen verloren hatte. 3 Wilhelm, den der Knabe intereſſirte, machte ſich ei⸗ lends auf, und fand im Schloßhofe ſchon Zurüſtungen; denn der Graf liebte die Feyerlichkeit auch in dergleichen — ₰ 300 Faͤllen. Der Knabe wurde herbeygebracht: Wilhelm trat dazwiſchen und bat, daß man inne halten moͤchte, indem er den Knaben kenne, und vorher erſt Verſchiedenes ſeinetwegen anzubringen habe. Er hatte Muͤhe mit ſei⸗ nen Vorſtellungen durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubniß, mit dem Delinqauenten allein zu ſprechen. Dieſer verſicherte, von dem Ueberfalle, bey dem ein Ak⸗ teur ſollte gemißhandelt worden ſeyn, wiſſe er gar nichts. Er ſey nur um das Schloß herum geſtreift, und des Nachts herein geſchlichen, um Philinen aufzuſuchen, de⸗ ren Schlafzimmer er ausgekundſchaftet gehabt und es auch gewiß wuͤrde getroffen haben, wenn er nicht unter⸗ weges aufgefangen worden waͤre. Wilhelm, der, zur Ehre der Geſellſchaft, das Verhaͤlt⸗ niß nicht gerne entdecken wollte, eilte zu dem Stallmei⸗ ſter und bat ihn, nach ſeiner Kenntniß der Perſonen und des Hauſes, dieſe Angelegenheit zu vermitteln, und den Knaben zu befreyen. Dieſer launige Mann erdachte, unter Wilhelms Bey⸗ ſtand, eine kleine Geſchichte, daß der Knabe zur Truppe gehoͤrt habe, von ihr entlaufen ſey, doch wieder ge⸗ wuünſcht, ſich bey ihr einzufinden und aufgenommen zu werden. Er habe deßwegen die Abſicht gehabt, bey Nacht⸗ zeit einige ſeiner Goͤnner aufzuſuchen, und ſich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte uͤbrigens, daß er ſich ſonſt gut aufgeführt; die Damen miſchten ſich darein, und er ward entlaſſen. 4 301 Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Perſon der wunderbaren Familie, die Wilhelm ſeit eini⸗ ger Zeit als ſeine eigene anſah. Der Alte und Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich auf, und alle drey verbanden ſich nunmehr, ihrem Freunde und Beſchuͤtzer aufmerkſam zu dienen, und ihm etwas Angenehmes zu erzeigen. Zehntes Capitel. Philine wuſſte ſich nun taͤglich beſſer bey den Damen einzuſchmeicheln. Wenn ſie zuſammen allein waren, lei⸗ tete ſie meiſtentheils das Geſpraͤch auf die Maͤnner, wel⸗ che kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man ſich beſchaͤftigte. Dem klugen Maͤdchen blieb es nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Graͤfin gemacht habe; ſie erzaͤhlte daher von ihm, was ſie wuſſte und nicht wuſſte, huͤtete ſich aber irgend etwas vorzubringen, das man zu ſeinem Nach⸗ theil haͤtte deuten koͤnnen, und ruͤhmte dagegen ſeinen Edelmuth, ſeine Freygebigkeit und beſonders ſeine Sitt⸗ ſamkeit im Betragen gegen das weibliche Geſchlecht. Alle uͤbrigen Fragen, die an ſie geſchahen, beantwortete ſie mit Klugheit, und als die Baroneſſe die zunehmende Nei⸗ gung ihrer ſchoͤnen Freundin bemerkte, war auch ihr dieſe Entdeckung ſehr willkommen. Denn ihre Verhaͤltniſſe zu mehrern Maͤnnern, beſonders in dieſen letzten Tagen zu Jarno, blieben der Graͤfin nicht verborgen, deren reine Seele einen ſolchen Leichtſinn nicht vhne Mißbilligung und ohne ſanften Tadel bemerken konnte. 303 Auf dieſe Weiſe hatte die Baroneſſe ſowol, als Pbi⸗ line, jede ein beſonderes Intereſſe, unſern Freund der Gräfin naͤher zu bringen, und⸗Philine hoffte noch uͤber⸗ dieß bey Gelegenheit wieder fuͤr ſich zu arbeiten, und die verlorne Gunſt des jungen Mannes ſich wo moͤglich wie⸗ der zu erwerben. Eines Tags, als der Graf mit der uͤbrigen Geſell⸗ ſchaft auf die Jagd geritten war, und man die Herren erſt den andern Morgen zuruͤck erwartete, erſann ſich die Baroneſſe einen Scherz, der voͤllig in ihrer Art war; denn ſie liebte die Verkleidungen und kam, um die Geſellſchaft zu uͤberraſchen, bald als Bauermaͤdchen, bald als Page, bald als Jaͤgerburſche zum Vorſchein. Sie gab ſich da⸗ durch das Anſehen einer kleinen Fee, die uͤberall, und ge⸗ rade da, wo man ſie am wenigſten vermuthet, gegen⸗ waͤrtig iſt. Nichts glich ihrer Freude, wenn ſie uner⸗ kannt eine Zeit lang die Geſellſchaft bedient, oder ſonſt unter ihr gewandelt hatte, und ſie ſich zuletzt auf eine ſcherzhafte Weiſe zu entdecken wuſſte. Gegen Abend ließ ſie Wilhelmen auf ihr Zimmer for⸗ dern, und da ſie eben noch etwas zu thun hatte, ſollte Philine ihn vorbereiten. Er kam und fand, nicht ohne Verwunderung, ſtatt der gnaͤdigen Frauen, das leichtfertige Maͤdchen im Zim⸗ mer. Sie begegnete ihm mit einer gewiſſen anſtaͤndigen Freymuthigkeit, in der ſie ſich bisher geuͤbt hatte, und noͤ⸗ thigte ihn dadurch gleichfalls zur Hoͤflichkeit. — 1 304 Zuerſt ſcherzte ſie im Allgemeinen uͤber das gute Gluck, das ihn verfolge, und ihn auch, wie ſie wohl merke, ge⸗ genwaͤrtig hierher gebracht habe; ſondann warf ſie ihm auf eine angenehme Art ſein Betragen vor, womit er ſie bisher gequaͤlt habe, ſchalt und beſchuldigte ſich ſelbſt, geſtand, daß ſie ſonſt wohl ſo ſeine Begegnung verdient, machte eine ſo aufrichtige Beſchreibung ihres Zuſtandes, den ſie den vorigen nannte, und ſetzte hinzu: daß ſie ſich ſelbſt verachten muͤſſe, wenn ſie nicht faͤhig waͤre ſich zu aͤndern, und ſich ſeiner Freundſchaft werth zu machen. Wilhelm war uͤber dieſe Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntniß der Welt, um zu wiſſen, daß eben ganz leichtſinnige und der Beſſerung unfaͤhige Menſchen ſich oft am lebhafteſten anklagen, ihre Fehler mit großer Frey⸗ muthigkeit bekennen und bereuen, ob ſie gleich nicht die mindeſte Kraft in ſich haben, von dem Wege zuruͤck zu treten, auf den eine uͤbermuͤthige Natur ſie hinreißt. Et konnte daher nicht unfreundlich gegen die zierliche Suͤnde⸗ rin bleiben; er ließ ſich mit ihr in ein Geſpraͤch ein, und vernahm von ihr den Vorſchlag zu einer ſonderbaren Ver⸗ kleidung, womit man die ſchoͤne Graͤfin zu uͤberraſchen gedachte. Er fand dabey einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte; allein die Baroneſſe, welche in dem Au⸗ genblick hereintrat, ließ ihm keine Zeit zu Zweifeln uͤbrig, ſie zog ihn vielmehr mit ſich fort, indem ſie verſicherte, es ſey eben die rechte Stunde⸗ *— —— 30⁰5⁵ Es war dunkel geworden, und ſie fuͤhrte ihn in die Garderobe des Grafen, ließ ihn ſeinen Nock ausziehen, und in den ſeidnen Schlafrock des Grafen hinein ſchluͤ⸗ pfen, ſetzte ihm darauf die Muͤtze mit dem rothen Bande auf, fuͤhrte ihn ins Kabinet und hieß ihn ſich in den großen Seſſel ſetzen und ein Buch nehmen, zuͤndete die argantiſche Lampe ſelbſt an, die vor ihm ſtand, und un⸗ terrichtete ihn, was er zu thun, und was er fuͤr eine Nolle zu ſpielen habe. Man werde, ſagte ſie, der Grafin die unvermuthete Ankunft ihres Gemahls und ſeine uͤble Laune ankuͤndi⸗ gen; ſie werde kommen, einigemal im Zimmer auf und abgehn, ſich alsdann auf die Lehne des Seſſels ſetzen, ihren Arm auf ſeine Schulter legen, und einige Worte ſprechen. Er ſolle ſeine Ehemannsrolle ſo lange und ſo gut als moͤglich ſpielen; wenn er ſich aber endlich entde⸗ cken müſſte, ſo ſolle er huͤbſch artig und galant ſeyn. Wilhelm ſaß nun unruhig genug in dieſer wunderli⸗ chen Maske; der Vorſchlag hatte ihn uͤberraſcht, und die Ausfuͤhrung eilte der Ueberlegung zuvor. Schon war die Baroneſſe wieder zum Zimmer hinaus, als er erſt be⸗ merkte, wie gefaͤhrlich der Poſten war, den er eingenom⸗ men hatte. Er leugnete ſich nicht, daß die Schoͤnheit, die Jugend, die Anmuth der Graͤfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein da er ſeiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit entſernt war, und ihm ſeine Grundſaͤtze einen Gedanken an ernſthaftere Unternehmun Goethe's Werke. III. Bd. 20 306 gen nicht erlaubten, ſo war er wirklich in dieſem Augen⸗ blicke in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Gräͤfin zu mißfallen, oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich groß bey ihm. Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte ſich wieder vor ſeiner Einbildungskraſt. Mariane erſchien ihm im weiſſen Morgenkleide, und flehte um ſein Andenken. Philinens Liebenswuͤrdigkeit, ihre ſchoͤnen Haare, und ihr einſchmeichelndes Betragen wa⸗ ren durch ihre neuſte Gegenwart wieder wirkſam gewor⸗ den; doch Alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zuruͤck, wenn er ſich die edle, bluͤhende Graͤfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an ſeinem Halſe fuͤhlen ſollte, deren unſchuldige Liebkoſungen er zu erwiedern auf⸗ gefordert war. Die ſonderbare Art, wie er aus dieſer Verlegenheit ſollte gezogen werden, ahnete er freylich nicht. Denn wie groß war ſein Erſtaunen, ja ſein Schrecken, als hin⸗ ſ ter ihm die Thuͤr ſich aufthat, und er bey dem erſten 1 verſtohlnen Blick in den Spiegel den Grafen ganz deut⸗ lich erblickte, der mit einem Lichte in der Hand herein trat. Sein Zweifel, was er zu thun habe, ob er ſitzen bleiben oder aufſtehen, fliehen, bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten ſolle, dauerte nur einige Augen⸗ blicke. Der Graf, der unbeweglich in der Thuͤr ſtehen geblieben war, trat zuruͤck und machte ſi ſie ſachte zu. In dem Moment ſprang die Baroneſſe zur Seitenthuͤr her⸗ .-. — 307 ein, loͤſchte die Lampe aus, riß Wilhelmen vom Stuhle, und zog ihn nach ſich in das Kabinet. Geſchwind warf er den Schlafrock ab, der ſogleich wieder ſeinen gewoͤhn⸗ lichen Platz erhielt. Die Baroneſſe nahm Wilhelms Rock uͤber den Arm, und eilte mit ihm durch einige Stuben, Gaͤnge und Verſchlaͤge in ihr Zimmer, wo Wilhelm, nachdem ſie ſich erholt hatte, von ihr vernahm: ſie ſey „zu der Graͤfin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen zu bringen. Ich weiß es ſchon, ſagte die Graͤfin: was mag wohl begegnet ſeyn? Ich habe ihn ſo eben zum Seitenthor herein reiten ſehen. Erſchrocken ſey die Baroneſſe ſogleich auf des Grafen Zim⸗ mer gelaufen, um ihn abzuholen.— Ungluͤcklicherweiſe ſind Sie zu ſpaͤt gekommen! rief Wilhelm aus: der Graf war vorhin im Zimmer, und hat mich ſitzen ſehen. Hat er Sie erkannt? Ich weiß es nicht. Er ſah mich im Spiegel, ſo wie ich ihn, und eh' ich wuſſte, ob es ein Geſpenſt oder er ſelbſt war, trat er ſchon wieder zuruͤck, und druͤckte die Thuͤr hinter ſich zu. 5 Die Verlegenheit der Baroneſſe vermehrte ſich, als ein Bedienter ſie zu rufen kam, und anzeigte, der Graf befinde ſich bey ſeiner Gemahlin. Mit ſchwerem Herzen ging ſi ſie hin, und fand den Grafen zwar ſtill und in ſich gekehrt, aber in ſeinen Aeußerungen milder und freund⸗ licher als gewoͤhnlich. Sie wuſſte nicht, was ſie denken ——— 3⁰⁸ ſollte. Man forich von den Vorfällen der Jagd und den urſachen ſeiner fruͤheren Zuruͤckkunft. Das Geſpraͤch ging bald aus. Der Graf ward ſtille, und beſonders muſſte der Baroneſſe auffallen, als er nach Wilhelm fragte, und den Wunſch aͤußerte, man moͤchte ihn rufen laſſen, damit er etwas vorleſe. Wilhelm, der ſich im Zimmer der Baroneſſe wieder angekleidet und einigermaßen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbey. Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Un⸗ ſicheres, Zitterndes, das gluͤcklicherweiſe dem Inhalt der Geſchichte gemaͤß war. Der Graf gab einigemal freund⸗ liche Zeichen des Beyfalls, und lobte den beſondern Aus⸗ druck der Vorleſung, da er zuletzt unſern Freund entließ. 2 — ,— —— — — Eilftes Capitel. Wilhelm hatte kaum einige Stuͤcke Shakeſpears gele⸗ ſen, als ihre Wirkung auf ihn ſo ſtark wurde, daß er weiter fortzufahren nicht im Stande war. Seine ganze Seele gerieth in Bewegung. Er ſuchte Gelegenheit, mit Jarno zu ſprechen, und konnte ihm Ticht genug fuͤr die verſchaffte Freude danken. Ich habe es wohl vorausgeſehen, ſagte dieſer, daß Sie gegen die Trefflichkeit des außerordentlichſten und wunderbarſten aller Schriftſteller nicht unempfindlich blei⸗ ben wuͤrden. Ja, rief Wilhelm aus, ich erinnere mich nicht, daß ein Buch, ein Menſch oder irgend eine Begebenheik des Lebens ſo große Wirkungen auf mich hervorgebracht haͤtte, als die koͤſtlichen Stuͤcke, die ich durch Ihre Guͤtigkeit habe kennen lernen. Sie ſcheinen ein Werk eines himm⸗ liſchen Genius zu ſeyn, der ſich den Menſchen naͤhert, um ſie mit ſich ſelbſt auf die gelindeſte Weiſe bekannt zu machen. Es ſind keine Gedichte! Man glaubt vor den aufgeſchlagenen, ungeheuren Buͤchern des Schickſals zu ſtehen, in denen der Sturmwind des bewegteſten Lebens ſauſt, und ſie mit Gewalt raſch hin und wieder blättert⸗ Ich bin uͤber die Staͤrke und Zartheit, uͤber die Gewalt und Ruhe ſo erſtaunt und außer aller Faſſung gebracht, daß ich nur mit Sehnſucht auf die Zeit warte, da ich mich in einem Zuſtande befinden werde, weiter zu leſen. Bravo, ſagte Jarno, indem er unſerm Freunde die Hand reichte und ſie ihm druͤckte; ſo wollte ich es haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden gewiß auch nicht ausbleiben.— Ich wuͤnſchte, verſetzte Wilhelm, daß ich Ihnen Al⸗ les, was gegenwaͤrtig in mir vorgeht, entdecken koͤnnte. Alle Vorgefuͤhle, die ich jemals uͤber Menſchheit und ihre Schickſale gehabt, die mich von Jugend auf, mir ſelbſt unbemerkt, begleiteten, finde ich in Shakeſpears Stücken erfullt und entwickelt. Es ſcheint, als wenn er uns alle Naͤthſel offenbarte, ohne daß man doch ſagen kann: hier oder da iſt das Wort der Aufloͤſung. Seine Men⸗ ſchen ſcheinen naturliche Menſchen zu ſeyn, und ſie ſind es doch nicht. Dieſe geheimnißvollſten und zuſammen⸗ geſetzteſten Geſchoͤpfe der Natur handeln vor uns in ſei⸗ nen Stuͤcken, als wenn ſie Uhren waͤren, deren Zifferblatt und Gehaͤuſe man von Kryſtall gebildet haͤtte; ſie zeig⸗ ten nach ihrer Beſtimmung den Lauf der Stunden an, und man kann zugleich das Naͤder⸗ und Federwerk er⸗ kennen, das ſie treibt. Dieſe wenigen Blicke, die ich in Shakeſpears Welt gethan, reizen mich mehr als irgend etwas Andres, in der wirklichen Welt ſchnellere Fort⸗ ſchritte vorwaͤrts zu thun, mich in die Fluth der Schick⸗ 311 ſale zu miſchen, die über ſie verhaͤngt ſind, und dereinſt, wenn es mir glücken ſollte, aus dem großen Meere der wahren Natur wenige Becher zu ſchoͤpfen, und ſie von der Schaubuhne dem lechzenden Publikum meines Vater⸗ landes auszuſpenden. Wie freut mich die Gemüthsverfaſfung, in der ich Sie ſehe, verſetzte Jarno, und legte dem bewegten Juͤng⸗ ling die Hand auf die Schulter. Laſſen Sie den Vor⸗ ſatz nicht fahren, in ein thaͤtiges Leben überzugehen, und eilen Sie, die guten Jahre, die ihnen gegönnt ſind, wa⸗ cker zu nutzen. Kann ich Ihnen behuͤlflich ſeyn, ſo ge⸗ ſchieht es von ganzem Herzen. Noch habe ich nicht ge⸗ fragt, wie Sie in dieſe Geſellſchaft gekommen ſind, fuͤr die Sie weder geboren noch erzogen ſeyn koͤnnen. So riel hoffe ich und ſehe ich, daß Sie ſich heraus ſehnen, Ich weiß nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren haͤusli⸗ chen Umſtaͤnden; uͤberlegen Sie, was Sie mir vertrauen wollen. So viel kann ich Ihnen nur ſagen, die Zeiten des Krieges, in denen wir leben, koͤnnen ſchnelle Wechſel des Gluͤckes hervorbringen; moͤgen Sie Ihre Kraͤfte und Talente unſerm Dienſte widmen, Muͤhe, und wenn es Noth thut, Gefahr nicht ſcheuen, ſo habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu ſtellen, den eine Zeit lang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht ge⸗ reuen wird. Wilhelm konnte ſeinen Dank nicht genug ausdrucken, und war willig ſeinem Freunde und Be⸗ ſchuͤtzer die ganze Geſchichte ſeines Lebens zu erzaͤhlen. ——— 3¹² 2 Sie hatten ſich unter dieſem Geſpraͤch weit in den — Park verloren, und waren auf die Landſtraße, welche durch denſelben ging, gekommen. Jarno ſtand einen Au, genblick ſtill, und ſagte: Bedenken Sie meinen Vorſchlag, entſchließen Sie ſich, geben Sie mir in einigen Tagen Antwort, und ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich ver⸗ ſichre Sie, es iſt mir bisher unbegreiflich geweſen, wie Sie ſich mit ſolchem Volke haben gemein machen koͤnnen. Ich hab' es oft mit Ekel und Verdruß geſehen, wie Sie, um nur einigermaßen leben zu koͤnnen, Ihr Herz an ei⸗ nen herumziehenden Baͤnkelſaͤnger und an ein albernes zwitterhaftes Geſchoͤpf haͤngen muſſten. Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Officier zu Pferde eilends herankam, dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief ihm einen lebhaften Gruß zu. Der Officier ſprang vom Pferde, Beyde umarmten ſich und unterhielten ſich mit einander, indem Wilhelm, beſtuͤrzt uͤber die letzten Worte ſeines kriegeriſchen Freun⸗ des, in ſich gekehrt au der Seite ſtand. Jarno durch⸗ blaͤtterte einige Papiere, die ihm der Ankommende uͤber⸗ reicht hatte; dieſer aber ging auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand, und rief mit Emphaſe: ich treffe Sie in einer würdigen Geſellſchaft; folgen Sie dem Rathe Ihres Freundes, und erfuͤllen Sie dadurch zugleich die Wuͤnſche eines Unbekannten, der herzlichen Theil an Ihnen nimmt. Er ſprach's, umarmte Wilhelmen, druͤckte ihn mit Leb⸗ haftigkeit an ſeine Bruſt. Zu gleicher Zeit trat Jarno n 313 herbey, und ſagte zu dem Fremden: es iſt am beſten, ich reite gleich mit Ihnen hinein, ſo konnen Sie die noͤthigen Ordres erhalten, und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort. Beyde ſchwangen ſich darauf zu Pferde, und uͤber⸗ lieſſen unſern verwunderten Freund ſeinen eigenen Be⸗ trachtungen. 1 Die letzten Worte Jarnos klangen noch in ſeinen Oh⸗ ren. Ihm war unertraͤglich, das Paar menſchlicher We⸗ ſen, das ihm unſchuldigerweiſe ſeine Neigung abgewon⸗ nen hatte, durch einen Mann, den er ſo ſehr verehrte, ſo tief herunter geſetzt zu ſehen. Die ſonderbare Umarmung des Officiers, den er nicht kannte, machte wenig Eindruck auf ihn, ſie beſchaͤftigte ſeine Neugierde und Einbildungs⸗ kraft einen Augenblick; aber Jarnos Reden hatten ſein Herz getroffen; er war tief verwundet, und nun brach er auf ſeinem Ruͤckwege gegen ſich ſelbſt in Vorwuͤrfe aus, daß er nur einen Angenblick die hartherzige Kaͤlte Jarnos, die ihm aus den Augen herausſehe, und aus allen ſeinen Geberden ſpreche, habe verkennen und vergeſſen moͤgen.— Nein, rief er aus, du bildeſt dir nur ein, du abgeſtorbe⸗ ner Weltmann, daß du ein Freund ſeyn koͤnneſt! Alles, was du mir anbieten magſt, iſt der Empfindung nicht werth, die mich an dieſe Ungluͤcklichen bindet. Welch ein Gluͤck, daß ich noch bey Zeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten haͤtte!— Er ſchloß Mignon, die ihm eben entgegen kam, in die Arme, und rief aus: nein, uns ſoll nichts trennen, dn 314 gutes kleines Geſchoͤpf! Die ſcheinbare Klugheit der Welt ſoll mich nicht vermögen, dich zu verlaſſen, noch zu vergeſ⸗ ſen, was ich dir ſchuldig bin. Das Kind, deſſen heftige Liebkoſungen er ſonſt abzu⸗ lehnen pflegte, erfreute ſich dieſes unerwarteten Ausdrucks der Zaͤrtlichkeit, und hing ſich ſo feſt an ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt los werden konnte. Seit dieſer Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht alle lobenswuͤrdig ſchienen; ja es kam wohl manches vor, daß ihm durchaus mißfiel. So hatte er zum Beyſpiel ſtarken Verdacht, das Gedicht auf den Baron, welches der arme Pedant ſo theuer hatte bezah⸗ len müuſſen, ſey Jarnos Arbeit. Da nun dieſer in Wil⸗ helms Gegenwart über den Vorfall geſcherzt hatte, glaubte unſer Freund hierin das Zeichen eines hoͤchſt ver⸗ dorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte boshafter ſeyn, als einen Unſchuldigen, deſſen Leiden man verur⸗ ſacht, zu verſpotten, und weder an Genugthuung noch Entſchaͤdigung zu denken. Gern haͤtte Wilhelm ſie ſelbſt veranlaſſt, denn er war durch einen ſeht ſonderbaren Zufall den Thaͤtern jener naͤchtlichen Mißhandlung auf die Spur gekommen. 1 Man hakte ihm bisher immer zu verbergen gewuſſt, daß einige junge Officiere, im unteren Saale des alten Schloſſes, mit einem Theile der Schauſpieler und Schau⸗ ſpielerinnen ganze Naͤchte auf eine luſtige Weiſe zubrach⸗ ten. Eines Morgens, als er nach ſeiner Gewohnheit 315 fruͤh aufgeſtanden, kam er von ohngefaͤhr in das Zimmer, und fand die jungen Herren, die eine hoͤchſt ſonderbare Toilette zu machen im Begriff ſtunden. Sie hatten in einen Napf mit Waſſer Kreide eingerieben, und trugen den Teig mit einer Buͤrſte auf ihre Weſten und Beinklei⸗ der, ohne ſie auszuziehen, und ſtellten alſo die Reinlich⸗ keit ihrer Garderobe auf das Schnellſte wieder her. Un⸗ ſerm Freunde, der ſich uͤber dieſe Handgriffe wunderte, fiel der weiß beſtaͤubte und befleckte Rock des Pedanten ein; der Verdacht wurde um ſo viel ſtarker, als er er⸗ fuhr, daß einige Verwandte des Barons ſich unter der Geſellſchaft befaͤnden. Um dieſem Verdacht naͤher auf die Spur zu kommen, ſuchte er die jungen Herren mit einem kleinen Fruühſtuͤcke zu beſchaͤftigen. Sie waren ſehr lebhaft, und erzählten viele luſtige Geſchichten. Der eine beſonders, der eine Zeitlang auf Werbung geſtanden, wuſſte nicht genug die Liſt und Thaͤtigkeit ſeines Hauptmanns zu ruͤhmen, der 4 Arten von Menſchen an ſich zu ziehen, und jeden nach ſeiner Art zu uͤberliſten verſtand. Unſſtaͤndlich erzaͤhlte er, wie junge Leute von gutem Hauſe und ſorgfältiger Erziehung, durch allerley Vorſpiegelungen einer anſtaͤndi⸗ gen Verſorgung, betrogen worden, und lachte herzlich uber die Gimpel, denen es im Anfange ſo wohl gethan habe, ſich von einem angeſehenen, tapferen, klugen und freygebigen Officier geſchaͤtzt und hervorgezogen zu ſehen. Wie ſegnete Wilhelm ſeinen Genius, der ihm ſo un⸗ vermuthet den Abgrund zeigte, deſſen Rande er ſich un⸗ ſchuldigerweiſe genaͤhert hatte. Er ſah nun in Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Offi⸗ ciers war ihm leicht erklaͤrlich. Er verabſcheute die Ge⸗ ſinnungen dieſer Maͤnner, und vermied von dem Augen⸗ blicke mit irgend Jemand, der eine Uniform trug, zuſam⸗ men zu kommen, und ſo waͤre ihm die Nachricht, daß die Armee weiter vorwaͤrts rucke, ſehr angenehm geweſen, wenn er nicht zugleich haͤtte fürchten muͤſſen, aus der Naͤhe ſeiner ſchoͤnen Freundin, vielleicht auf immer, ver⸗ bannt zu werden. — — — Z woͤlſtes Capitel. Inzwiſchen hatte die Baroneſſe mehrere Tage, von Sorgen und einer unbefriedigten Neugierde gepeinigt, zu⸗ gebracht. Denn das Betragen des Grafen ſeit jenem Abenteuer war ihr ein völliges Raͤthſel. Er war ganz aus ſeiner Manier herausgegangen; von ſeinen gewoͤhnli⸗ chen Scherzen hoͤrte man keinen. Seine Forderungen an die Geſellſchaft und an die Bedienten hatten ſehr nachge⸗ laſſen. Von Pedanterie und gebieteriſchem Weſen merkte man wenig; vielmehr war er ſtill und in ſich gekehrt, je⸗ doch ſchien er heiter, und wirklich ein anderer Menſch zu ſeyn. Bey Vorleſungen, zu denen er zuweilen Anlaß gab, waͤhlte er ernſthafte, oft religioͤſe Buͤcher, und die Baro⸗ neſſe lebte in beſtaͤndiger Furcht, es moͤchte hinter dieſer anſcheinenden Ruhe ſich ein geheimer Groll verbergen, ein ſtiller Vorſatz, den Frevel, den er ſo zufaͤllig entdeckt, zu raͤchen. Sie entſchloß ſich daher, Jarno zu ihrem Ver⸗ trauten zu machen, und ſie kounte es um ſo mehr, als ſie mit ihm in einem Verhaͤltniſſe ſtand, in dem man ſich ſonſt wenig zu verbergen pflegt. Jarno war ſeit kurzer Zeit ihr entſchiedener Freund; doch waren ſie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lermenden Welt, * 318 die ſie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Gräfin. war dieſer neue Roman nicht entgangen, und hoͤchſt wahrſcheinlich ſuchte die Baroneſſe ihre Freundin gleich⸗ falls zu beſchaͤftigen, um den ſtillen Vorwuͤrfen zu ent⸗ gehen, welche ſie denn doch manchmal von jener edlen Seele zu erdulden hatte. Kaum hatte die Baroneſſe ihrem Freunde die Ge⸗ ſchichte erzaͤhlt, als er lachend ausrief: da glaubt der Alte gewiß ſich ſelbſt geſehen zu haben! er fuͤrchtet, daß ihm dieſe Erſcheinung unglück, ja vielleicht gar den Tod be⸗ deute, und nun iſt er zahm geworden, wie alle die Halb⸗ menſchen, wenn ſie an die Aufloͤſung denken, welcher Nie⸗ mand entgangen iſt, noch entgehen wird. Nur ſtille! Da ich hoffe, daß er noch lange leben ſoll, ſo wollen wir ihn bey dieſer Gelegenheit wenigſtens ſo formiren, baß er ſeiner Frau und ſeinen Hausgenoſſen nicht mehr zur Laſt ſeyn ſoll. Sie fingen nun, ſo bald es nur ſchicklich war, in Ge⸗ genwart des Graſen an, von Ahnungen, Erſcheinungen, und dergleichen zu ſprechen. Jarno ſpielte den Zweifler, ſeine Freundin gleichfalls, und ſie trieben es ſo weit, daß der Graf endlich Jarno bey Seite nahm, ihm ſeine Frey⸗ geiſterey verwies und ihn, durch ſein eignes Beyſpiel, von der Moͤglichkeit und Wirklichkeit ſolcher Geſchichten zu üͤberzeugen ſuchte. Jarno ſpielte den Betroſſenen, Zwei⸗ felnden und endlich den Ueberzeugten, machte ſich aber gleich darauf in ſtiller Nacht mit ſeiner Freundin deſto 319 luſtiger uͤber den ſchwachen Weltmann, der nun auf ein⸗ mal von ſeinen Unarten durch einen Popanz bekehrt wor⸗ den, und der nur noch deßwegen zu loben ſey, weil er mit ſo vieler Faſſung ein bevorſtehendes Ungluͤck, ja vielleicht gar den Tod erwarte. Auf die natuͤrlichſte Folge, welche dieſe Erſcheinung haͤtte haben konnen, moͤchte er doch wohl nicht gefaſſt ſeyn, rief die Baroneſſe mit ihrer gewoͤhnlichen Munter⸗ keit, zu der ſie, ſo bald ihr eine Sorge vom Herzen ge⸗ nommen war, gleich wieder uͤbergehen konnte. Jarno ward reichlich belohnt, und man ſchmiedete neue Anſchlaͤge, den Grafen noch mehr kirre zu machen, und die Neigung der Graͤfin zu Wilhelm noch mehr zu reizen und zu be ſtärken.. In dieſer Abſicht erzaͤhlte man der Graͤfin die ganze Geſchichte, die ſich zwar anfangs unwillig daruͤber zeigte, aber ſeit der Zeit nachdenklicher ward, und in ruhigen Au⸗ genblicken jene Scene, die ihr zubereitet war, zu beden⸗ ken, zu verfolgen und auszumahlen ſchien. Die Anſtalten, welche nunmehr von allen Seiten ge⸗ troffen wurden, lieſſen keinen Zweifel mehr uͤbrig, daß die Armeen bald vorwaͤrts ruͤcken, und der Prinz zugleich ſein Hauptquartier veraͤndern wuͤrde; ja es hieß, daß der Graf zugleich auch das Gut verlaſſen und wieder nach der Stadt zuruͤckkehren werde. Unſere Schauſpieler konnten ſich alſo leicht die Nativitaͤt ſtellen; doch nur der ein⸗ zige Melina nahm ſeine Maßregeln darnach, die andern 320 ſuchten nur noch von dem Augenblicke ſo viel als moͤglich das Vergnuglichſte zu erhaſchen. 1 Wilhelm war indeſſen auf eine eigene Weiſe beſchaͤſ⸗ tigt. Die Graͤfin hatte von ihm die Abſchrift ſeiner Stuͤcke verlangt, und er ſah dieſen Wunſch der liebens⸗ wuͤrdigen Frau als die ſchoͤnſte Belohnung an. Ein junger Autor, der ſich noch nicht gedruckt geſehen, wendet in einem ſolchen Falle die größte Aufmerkſamkeit auf eine reinliche und zierliche Abſchrift ſeiner Werke. Es iſt gleichſam das goldne Zeitalter der Autorſchaft; man ſieht ſich in jene Jahrhunderte verſetzt, in denen die Preſſe noch nicht die Welt mit ſo viel unnuͤtzen Schriften über⸗ ſchwemmt hatte; wo nur wuͤrdige Geiſtesprodukte abge⸗ ſchrieben, und von den edelſten Menſchen verwahrt wur⸗ den, und wie leicht begeht man alsdann den Fehlſchluß, daß ein ſorgfaͤltig abgezirkeltes Manuſcript auch ein wür⸗ diges Geiſtesprodukt ſey, werth von einem Kenner und Beſchuͤtzer beſeſſen und aufgeſtellt zu werden. Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in Kurzem. abgehen ſollte, noch ein großes Gaſtmahl angeſtellt. Viele Damen aus der Nachbarſchaft waren geladen und die Graͤfin hatte ſich bey Zeiten angezogen. Sie hatte dieſen Tag ein reicheres Kleid angelegt, als ſie ſonſt zu thun gewohnt war. Friſur und Auſſatz waren geſuchter, ſie war mit allen ihren Iuwelen geſchmückt. Eben ſo hatte die Baroneſſe das Moͤgliche gethan, um ſich mit Pracht und Geſchmack anzukleiden. 3 321 Philine, als ſie merkte, daß den beyden Damen in rwartung ihrer Gaͤſte die Zeit zu lang wurde, ſchlug vor, Wilhelmen kommen zu laſſen, der ſein fertiges Manuſcript zu überreichen und noch einige Kleinigkeiten vorzuleſen wunſche. Er kam und erſtaunte im Hereintreten uber die Geſtalt, uͤber die Anmuth der Graͤfin, die durch ih⸗ ren Putz nur ſichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der Damen; allein ſo zerſtreut und ſchlecht, daß, wenn die Zuhoͤrerinnen nicht ſo nachſichtig geweſen waͤren, ſie ihn gar bald wurden entlaſſen haben. So oſt er die Graͤfin anblickte, ſchien es ihm, als wenn ein elektriſcher Funke ſich vor ſeinen Augen zeig⸗ te; er wuſſte zuletzt nicht mehr, wo er Athem zu ſeiner Recitation hernehmen ſolle. Die ſchoͤne Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt ſchien es ihm, als ob er nie etwas Vollkommneres geſehen haͤtte, und von den tau⸗ ſenderley Gedanken, die ſich in ſeiner Seele kreuzten, mochte ohngefaͤhr Folgendes der Inhalt ſeyn: Wie thoͤricht lehnen ſich doch ſo viele Dichter und . ſogenannte gefuͤhlvolle Menſchen gegen Putz und Pracht auf, und verlangen nur in einfachen, der Natur ange⸗ meſſenen Kleidern die Frauen alles Standes zu ſehen. Sie ſchelten den Putz, ohne zu bedenken, daß es der arme Putz nicht iſt, der uns mißfaͤllt, wenn wir eine haͤßliche oder minder ſchoͤne Perſon reich und ſonderbar gekleidet erblicken; uber ich wollte alle Kenner der Welt hier verſammeln und ſie fragen, ob ſte wuͤnſchten et⸗ Goethe's Werke I. Bd⸗ 21 3²² was von dieſen Falten, von dieſen Baͤndern und Spitzen, von dieſen Puffen, Locken und leuchtenden Steinen weg⸗ zunehmen? Wuͤrden ſie nicht fuͤrchten, den angenehmen Eindruck zu ſtoͤren, der ihnen hier ſo willig und natuͤr⸗ lich entgegen kommt? Ja, natuürlich darf ich wohl ſagen! Wenn Minerva ganz geruͤſtet aus dem Haupte des Iu⸗ piter entſprang, ſo ſcheint dieſe Goͤttin in ihrem vollen Putze aus irgend einer Blume mit leichtem Fuße hervor⸗ getreten zu ſeyn. 88 Er ſah ſie oſt im Leſen an, als wenn er dieſen Ein⸗ druck ſich auf ewig einpraͤgen wollte, und las einigemal falſch, ohne daruͤber in Verwirrung zu gerathen, ob er gleich ſonſt uͤber die Verwechſelung eines Wortes oder eines Buchſtabens als uͤber einen leidigen Schandfleck ei⸗ ner ganzen Vorleſung verzweifeln konnte. Ein ſalſcher Lärm, als wenn die Gäſte angefahren kaͤmen, machte der Vorleſung ein Ende; die Baroneſſe ging weg, und die Graͤfin, im Begriff ihren Schreih⸗ tiſch zuzumachen, der noch offen ſtand, ergriff ein Ring⸗ käſtchen und ſteckte noch einige Ringe an die Finger. Wir werden uns bald trennen, ſagte ſie, indem ſie ihre Augen auf das Käſtchen heftete: nehmen Sie ein Anden⸗ ken von einer guten Freundin, die nichts lebhafter wuͤnſcht, als daß es Ihnen wohlgehen moͤge. Sie nahm darauf einen Ring heraus, der unter einem Kryſtall ein ſchoͤn von Haaren geflochtenes Schild zeigte, und mit Steinen beſetzt war. Sie üͤberreichte ihn Wilhelmen, der, als 323 er ihn annahm, nichts zu ſagen und nichts zu thun wuſſte, ſondern wie eingewurzelt in den Boden da ſtand. Die Graͤfin ſchloß den Sehreibtiſch zu, und ſetzte ſich auf ihren Sopha. Und ich ſoll leer ausgehn, ſagte Philine, indem ſie zur rechten Hand der Graͤfin niederkniete: ſeht nur den Menſchen, der zur Unzeit ſo viele Worte im Munde fuͤhrt, und jetzt nicht einmal eine armſelige Dankſagung her⸗ ſtammeln kann. Friſch, mein Herr, thun Sie wenig⸗ ſtens pantominiſch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute ſelbſt nichts zu erfinden wiſſen, ſo ahmen Sie mir wenigſtens nach. Philine ergriff die rechte Hand der Graͤfin, und kuͤſſte ſie mit Lebhaftigkeit. Wilhelm ſtürzte auf ſeine Kniee, faſſte die linke, und druͤckte ſie an ſeine Lippen. Die Graͤfin ſchien verlegen, aber ohne Widerwillen. Ach! rief Philine aus, ſo viel Schmuck hab' ich wohl ſchon geſehen, aber noch nie eine Dame ſo wuͤrdig, ihn zu tragen. Welche Armbänder! aber auch welche Hand! Welcher Halsſchmuck! aber welche Bruſt! Stille, Schmeichletin, rief die Graͤfin. Stellt denn das den Herrn Grafen vor? ſagte Philine, indem ſie auf ein reiches Medaillon deutete, das die Graͤfin an koſtbaren Ketten an der linken Seite trug. Er iſt als Braͤntigam gemahlt, verſetzte die Graͤfin. War er denn damals ſo jung? fragte Philine: Sie ſind ja nur erſt, wie ich weiß, wenige Jahre verheirathet. 334 Dieſe Jugend kommt auf die Rechnung des Mahlers, verſetzte die Graͤfin. 4 Es iſt ein ſchoͤner Mann, ſagte Philine. Doch ſollte wohl niemals, ſuhr ſie fort, indem ſie die Hand auf das Herz der Graͤfin legte, in dieſe verborgene Kapſel ſich ein andres Bild eingeſchlichen haben? 3 3 Du biſt ſehr verwegen, Philine! rief ſie aus: ich habe dich verzogen. Laß mich ſo etwas nicht zum zwey⸗ tenmal hoͤren. Wenn Sie zuͤrnen, bin ich ungluͤcklich, rief Philine, ſprang auf und eilte zur Thuͤre hinaus. Wilhelm hielt die ſchoͤnſte Hand noch in ſeinen Haͤn⸗ den. Er ſah unverwandt auf das Armſchloß, das, zu ſeiner groͤßten Verwunderung, die Anfangsbuchſtaben ſeiner Namen in brillantenen Zuͤgen ſehen ließ. Beſitz' ich, fragte er beſcheiden, in dem koſtbaren Ringe denn wirklich Ihre Haare?.. Ja, verſetzte ſie mit halber Stimme; dann nale ſie ſich zuſammen, und ſagte, indem ſie ihm die Hand druckte: Slehen S Sie auf, und leben Sie wohl! — Hier ſteht mein Name, tief er aus, durch den ſon⸗ derbarſten Zufall! Er zeigte auf das Armſchloß. Wie? rief die Graͤfin: es iſt die Chiffer einer Freundin! Es ſind die Anfangsbuchſtaben meines Namens. Ver⸗ geſſen Sie meiner nicht. Ihr Bild ſteht unausloͤſchlich in meinem Herzen. Leben Sie wohl, laſſen Sie mich ſliehen! 325 Er kuͤſſte ihre Hand, und wollte aufſtehn; aber wie im Traum das Seltſamſte aus dem Seltſamſten ſich ent⸗ wickelnd uns überraſcht; ſo hielt er, ohne zu wiſſen wie es geſchah, die Gräfin in ſeinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den ſeinigen, und ihre wechſelſeitigen lebhaften Küſſe gewaͤhrten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem erſten aufbrauſenden Schaum des friſch eingeſchenk⸗ ten Bechers der Liebe ſchluͤrfen. Ihr Haupt ruhte auf ſeiner Schulter, und der zer⸗ druͤckten Locken und Baͤnder ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geſchlungen; er umfaſſte ſie mit Lebhaftigkeit, und druͤckte ſie wiederholend an ſeine Bruſt. O daß ein ſolcher Augenblick nicht Ewigkeiten waͤbren kann, und wehe dem neidiſchen Geſchick, das auch unſern Freunden dieſe kurzen Augenblicke unterbrach. Wie erſchrak Wilhelm, wie betaͤubt fuhr er aus einem gluͤcklichen Traume auf, als die Graͤfin ſich auf einmal mit einem Schrey von ihm losriß, und mit der Hand nach ihrem Herzen ſuhr. Er ſtand betaͤnbt vor ihr da; ſie hielt die andere Hand vor die Augen, und rief nach einer Pauſe: entfer⸗ nen Sie ſich, eilen Sie! Er ſtand noch immer. Verlaſſen Sie mich, rief ſie, und indem Sie die Hand von den Augen nahm, und ihn mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Blicke anſah, ſetzte ſie mit der lieblichſten Stimme hinzu: Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben. 4 3²26 Wilhelm war aus dem Zimmer, und wieder auf ſeiner Stube, eh' er wuſſte, wo er ſich befand. Die Ungluͤcklichen! Welche ſonderbare Warnung des Zufalls oder der Schickung riß ſie aus einander? Wilhelm Neiſters Lehrjahre, Biertes Buch. Erſtes Capitel.* Laertes ſtand nachdenklich am Fenſter und blickte, auf ſeinen Arm geſtützt, in das Feld hinaus. Philine ſchlich über den großen Saal herbey, lehnte ſich auf den Freund, und verſpottete ſein ernſthaftes Anſehen. Lache nur nicht, verſetzte er, es iſt abſcheulich, wie die Zeit vergeht, wie Alles ſich veraͤndert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier ſtand vor Kurzem noch ein ſchoͤ⸗ nes Lager. Wie luſtig ſahen die Zelte aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie ſorgfaͤltig bewachte man den ganzen Bezirk! und nun iſt Alles auf einmal verſchwun⸗ den! Nur kurze Zeit werden das zertretne Stroh und die eingegrabenen Kochloͤcher noch eine Spur zeigen; dann wird Alles bald umgepflügt ſeyn, und die Gegenwart ſo vieler tauſend rüſtigen Menſchen in dieſer Gegend wird nur noch in den Koͤpfen einiger alten Leute ſpuken. Philine fing an zu ſingen, und zog ihren Freund zu einem Tanze in den Saal. Laß uns, rief ſie e, da wir der Zeit nicht nachlaufen koͤnnen, wenn ſie voruber iſt, ſie wenigſtens als eine ſchoͤne Goͤttin, indem ſie bey uns vorheyzieht, froͤhlich und zierlich verehren. Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als Madam Melina durch den Saal ging. Philine war boshaft genug, ſie gleichfalls zum Tanze einzuladen, und ſie dadurch an die Mißgeſtalt zu erinnern, in welche ſie durch ihre Schwangerſchaft verſetzt war. Wenn ich nur, ſagte Philine hinter ihrem Ruͤcken, keine Frau mehr guter Hoffnung ſehen ſollte! d Sie bofft doch, ſagte Laertes. 4 Aber es kleidet ſie ſo haͤßlich. Haſt du die vordere Wackelfalte des verkuͤrzten Rocks geſehen, die immer voraus ſpaziert, wenn ſie ſich bewegt? Sie hat gar keine Art noch Geſchick, ſich nur ein bischen zu muſtern und ihren Zuſtand zu verbergen. 3 Laß nur, ſagte Laertes, die Zeit wird, ihr ſchon zu Huͤlfe kommen. Es waͤre doch immer hübſcher, rief Philine, wenn man die Kinder von den Baͤumen ſchüttelte. Der Baron trat herein, und ſagte ihnen etwas Freund⸗ 5 liches im Namen des Grafen und der Grafin, die ganz fruͤh abgereist waren, und machte ihnen einige Geſchenke. „Er ging darauf zu Wilhelmen, der ſich im Nebenzim⸗ mer mit Mignon beſchaͤftigte. Das Kind hatte ſich ſehr freundlich und zuthaͤtig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geſchwiſtern und Verwandten gefragt, und ihn dadurch an ſeine Pflicht erinnert, den Seinigen von ſich einige Nachricht zu geben. 331 Der Baron brachte ihm, nebſt einem Abſchiedsgruße don den Herrſchaften, die Verſicherung, wie ſehr der Graf mit ihm, ſeinem Spiele, ſeinen poetiſchen Arbeiten und ſeinen theatraliſchen Bemühungen zufrieden geweſen ſey. Er zog darauf zum Beweis dieſer Geſinnung einen Beutel hervor, durch deſſen ſchoͤnes Gewebe die reizende Farbe neuer Goldſtuͤcke durchſchimmerte; Wilhelm trat zuruͤck, und weigerte ſich ihn anzunehmen. Sehen Sie, fuhr der Baron fort, dieſe Gabe als einen Erſatz fuͤr Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit fuͤr Ihre Muͤhe, nicht als eine Belohnung Ihres Talents 4* an. Wenn uns dieſes einen guten Namen und die Nei⸗ gung der Menſchen verſchafft, ſo iſt billig, daß wir durch Fleiß und Anſtrengung zugleich die Mittel erwerben, un⸗ fni zu befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz Geiſt ſind. W Waren wir in der Stadt, wo Alles zu finden iſt; ſo haͤtte man dieſe leine Summe in eine Uhr, einen Ring der ſonſt etw wandelt; nun gebe ich aber den Zauberſtab unmit in Ihre Haͤnde; ſchaf⸗ fen Sie ſich ein Kleinod dafür, das Ihnen am liebſten 2 am dienlichſtem iſt. und Lermahren Sie es zu unſerm Andenken. Dabey balten Sie ja den Beutel in Ehren. Die Damen haben ihn ſelbſt geſtrickt, und ihre Abſicht waͤr, durch das Gefaͤß dem E Inhalt die annehmlichſte Form zu geben. Vergeben Sie, verſetzte Wilhelm, meiner Verlegen⸗ beit und meinem Zweifel, dieſes Geſcheuk anzunehmen. 33² Es vernichtet gleichſam das Wenige, was ich gethan ha⸗ be, und hindert das freye Spiel einer gluͤcklichen Erin⸗ nerung. Geld iſt eine ſchoͤne Sache, wo etwas abgethan werden ſoll, und ich wuͤnſchte nicht in dem Andenken Ih⸗ res Hauſes ſo ganz abgethan zu ſeyn. Das iſt nicht der Fall, verſetzte der Baron; aber in⸗ dem Sie ſelbſt zart empfinden, werden Sie nicht ver⸗ langen, daß der Graf ſich voͤllig als ihren Schuldner denken ſoll: ein Mann, der ſeinen größten Ehrgeiz darein ſetzt, aufmerkſam und gerecht zu ſeyn. Ihm iſt nicht entgangen, welche Mühe Sie ſich gegeben, und wie Sie ſeinen Abſichten ganz Ihre Zeit gewidmet haben; ja er weiß, daß Sie, um gewiſſe Anſtalten zu beſchleunigen, Ihr eignes Geld nicht ſchonten. Wie will ich wieder vor ihm erſcheinen, wenn ich ihn nicht verſi chern kann, daß ſeine Erkenntlichkeit Ihnen Vergnuͤgen gemacht hat. 6 Wenn ich nur an mich ſelbſt denken, wenn ich nur meinen eigenen Empfindungen folgen duͤrfte, verſetzte Wilhelm, wuͤrde ich mich, ohnerachtet aller Gründe, hartnaͤckig weigern, dieſe Gabe, ſo ſchoͤn und ehrenvoll ſie iſt, anzunehmen; aber ich laͤugne nicht, duß ſie mich in dem Angenblicke, in dem ſie mich in Verlegenheit ſetzt, aus einer Verlegenheit reißt, in der ich mich bisher ge⸗ gen die Meinigen befand, und die mir manchen ſtillen Kummer verurſachte. Ich habe ſowol mit dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenſchaft zu geben habe, nicht zum Beſten hausgehalten; nun wird es mir — —.— 333 durch den Edelmuth des Herrn Grafen moͤglich, d Meinigen getroſt von dem Gluͤcke Nachricht zu geben, zu dem mich dieſer ſonderbare Seitenweg gefuͤhrt hat. Ich opfre die Delikateſſe, die uns wie ein zartes Gewiſ⸗ ſen bey ſolchen Gelegenheiten warnt, einer hoͤhern Pflicht anf, und um meinem Vater muthig unter die Augen treten zu koͤnnen, ſteh' ich beſchaͤmt vor den Ihrigen. Es iſt ſonderbar, verſetzte der Baron, welch ein wunderlich Bedenken man ſich macht, Geld von Freun⸗ den und Goͤnnern anzunehmen, von denen man jede an⸗ dere Gabe mit Dank und Freude empfangen wuͤrde. Die menſchliche Natur bat mehr aͤhnliche Eigenheiten, ſolche Skrupel gern zu erzeugen und ſorgfaͤltig zu naͤhren. Iſt es nicht das naͤmliche mit allen Ehuendunkten⸗ fragte Wilhelm. Ach ja, verſetzte der Baron, und andern Vorurthei⸗ len. Wir wollen ſie nicht ausjaͤten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit anszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Perſonen fuͤhlen, uͤber was man ſich hinausſetzen kann und ſoll, und ich denke mit Vergnuͤgen an die Geſchichte des geiſtreichen Dichters, der fuͤr ein Hoftheater einige Stuͤcke verfertigte, welche den ganzen Beyfall des Monarchen erhielten. Ich muß ihn anſehnlich belohnen, fagte der großmuͤthige Furſt; man forſche an ihm, ob ihm irgend ein Kleinod Ver⸗ gnuͤgen macht, oder ob er nicht verſchmaͤht Geld anzu⸗ nehmen. Nach ſeiner ſcherzhaften Art antwortete der 5 334 Dichter dem abgeordneten Hofmann: ich danke lebhaft fuͤr die gnaͤdigen Geſinnungen, und da der Kaiſer alle Tage Geld von uns nimmt, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich mich ſchaͤmen ſollte, Geld von ihm anzunehmen. Der Baron hatte kaum das Zimmer verlaſſen, als Wilhelm eifrig die Baarſchaft zaͤhlte, die ihm ſo unver⸗ muthet, und, wie er glaubte, ſo unverdient zugekommen war. Es ſchien, als ob ihm der Werth und die Wuͤrde des Goldes, die uns in ſpätern Jahren erſt fühlbar wer⸗ den, ahnungsweiſe zum erſtenmal entgegen blickten, als die ſchoͤnen blinkenden Stücke aus dem zierlichen Beu⸗ tel hervorrollten. Er machte ſeine Rechnung und fand, daß er, beſonders da Melina den Vorſchuß ſogleich wie⸗ der zu bezahlen verſprochen hatte, eben ſo viel, ja noch den erſten Strauß abſordern ließ. Mit heimlicher Zu⸗ friedenheit blickte er auf ſein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Gluck, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuverſicht die Feder, um einen Brief zu ſchreiben, der auf einmal die Familie aus aller Verlegenheit, und ſein bisheriges Betragen in das beſte Licht ſetzen follte. Er vermied eine eigentliche Er⸗ zaͤhlung, und ließ nur in bedeutenden und myſtiſchen Aus⸗ drucken dasjenige, was ihm begegnet ſeyn koͤnnte, er⸗ rathen. Der gute Zuſtand ſeiner Kaſſe, der Erwerb, den er ſeinem Talent ſchuldig war, die Gunſt der Großen, mehr in Caſſa habe, als an jenem Tage, da Philine ihm die Neigung der Frauen, die Bekanntſchaft in einem 335 weiten Kreiſe, die Ausbildung ſeiner körperlichen und geiſtigen Anlagen, die Hoffnung fuͤr die Zukunft bildeten ein ſolches wunderliches Luftgemählde, daß Fata Mor⸗ gagna ſelbſt es nicht ſeltſamer haͤtte durcheinander wirken koͤnnen.. In dieſer gluͤcklichen Exaltakion fuhr er fort, nach⸗ dem der Brief geſchloſſen war, ein langes Selbſtgeſpraͤch zu unterhalten, in welchem er den Inhalt des Schreibens rekapitulirte, und ſich eine thaͤtige und wuͤrdige Zukunſt ausmahlte. Das Beyſpiel ſo vieler edlen Krieger hatte ihn angefeuert, die Shakeſpeariſche Dichtung hatte ihm eine neue Welt eröffnet, und von den Lippen der ſchoͤnen Grafin hatte er ein unausſprechliches Feuer in ſich ge⸗ ſogen. Das alles konnte, das ſogt⸗ nicht ohne Wir⸗ kung bleiben. Der Stallmeiſter kam und fragte, ob ſie mit Ein⸗ packen fertig ſeyen. Leider hatte, außer Melina, noch Nie⸗ mand daran gedacht. Nun ſollte man eilig aufbrechen. Der Graf hatte verſprochen, die ganze Geſellſchaft einige 8 Tagereiſen weit transportiren zu laſſen; die Pferde waren eben bereit, und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm ſragte nach ſeinem Koffer; Madam Melina hatte ſich ihn zu Nutze gemacht; er verlangte nach ſeinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten in den Koffer mit großer Sorgfalt gepackt. Philine ſagte: ich habe in dem meinigen noch Platz, nahm Wilhelms Kleider, und X 336 befahl Mignon, das Uebrige nachzubringen. Wilhelm muſſte es, nicht ohne Widerwillen, geſchehen laſſen. Indem man aufpackte, und Alles zubereitete, ſagte Melina: Es iſt mir verdrießlich, daß wir wie Seiltänzer und Marktſchreyer reiſen; ich wuͤnſchte, daß Mignon Wei⸗ berkleider anzoͤge, und daß der Harfenſpieler ſich noch geſchwinde den Bart ſcheren lieſſe. Mignon hielt ſi ſich feſt an Wilhelm, und ſagte mit großer Lebhaftigkeit: ich bin ein Knabe; ich will kein Maͤdchen ſeyn! Der Alte ſchwieg, und Philine machte bey dieſer Gelegenheit uͤber die Ei⸗ genheit des Grafen, ihres Beſchuͤtzers, einige luſtige An⸗ merkungen. Wenn der Harfner ſeinen Bart abſchneidet, ſagte ſie, ſo mag er ihn nur ſorgfältig auf Band naͤhen und bewahren, daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, ſo bald er dem Herrn Grafen irgendwo in der Welt be⸗ gegnet; denn dieſer Bart allein hat ihm die Gnade die⸗ ſes Herrn verſchafft. Als man in ſie drang und eine Erklaͤrung dieſer ſon⸗ derbaren Aeußerung verlangte, ließ ſie ſich folgender⸗ geſtalt vernehmen: der Graf glaubt, daß es zur Illuſion ſehr viel beytrage, wenn der Schauſpieler auch im gemei⸗ nen Leben ſeine Rolle fortſpielt, und ſeinen Charakter ſou⸗ tenirt; deßwegen war er dem Pedanten ſo günſtig, und er fand, es ſey techt geſcheid, daß der Harfner ſeinen falſchen Bart nicht allein des Abends auf dem Theater⸗ ſondern auch beſtaͤndig bey Tage trage, und freute ſich ſehr uͤber das natuͤrliche Ausſehen der Maskerade. * 337 Als die Andern uͤber dieſen Irrthum und uͤber die ſonderbaren Meinungen des Grafen ſpotteten, ging der Harfner mit Wilhelm bey Seite, nahm von ihm Ab⸗ ſchied, und bat mit Thraͤnen, ihn ja ſogleich zu ent⸗ laſſen. Wilhelm redete ihm zu, und verſicherte, daß er ihn gegen Jederman ſchuͤtzen werde, daß ihm Nie⸗ mand ein Haar kruͤmmen, vielweniger ohne ſeinen Wil⸗ len abſchneiden ſolle. Der Alte war ſehr bewegt, und in ſeinen Augen gluͤhte ein ſonderbares Feuer. Nicht dieſer Anlaß treibt mich hinweg, rief er aus; ſchon lange mache ich mir ſtille Vorwuͤrfe, daß ich um Sie bleibe. Ich ſollte nir⸗ gends verweilen, denn das Ungluͤck ereilt mich und be⸗ ſchaͤdigt die, die ſich zu mir geſellen. Fuͤrchten Sie Alles, wenn Sie mich nicht entlaſſen; aber fragen Sie mich nicht, ich gehoͤre nicht mir zu, ich kann nicht bleiben? Wem gehoͤrſt du an? Wer kann eine ſolche Gewalt uͤber dich ausuͤben?. Mein Herr, laſſen Sie mir mein ſchaudervolles Ge⸗ heimniß, und geben Sie mich los! Die Rache, die mich verfolgt, iſt nicht des irdiſchen Richters; ich gehoͤre ei⸗ nem unerbittlichen Schickſale; ich kann nicht bleiben, und ich darf nicht! In dieſem Zuſtande, in dem ich dich ſehe, werde ich ddich gewiß nicht laſſen. Es iſt Hochverrath an Ihnen, mein Wohlthaͤter, wenn Goethe's Werke. III. Bd, 23 338 ich zaudre. Ich bin ſicher bey Ihnen, aber Sie ſind in Gefahr. Sie wiſſen nicht, wen Sie in Ihrer Naͤhe he⸗ gen. Ich bin ſchuldig, aber ungluͤcklicher als ſchuldig. Meine Gegenwart verſcheucht das Gluͤck, und die gute That wird ohnmaͤchtig, wenn ich dazu trete. Fluͤchtig und unſtaͤt ſollt' ich ſeyn, daß mein ungluͤcklicher Genius mich nicht einholet, der mich nur langſam verfolgt, und nur dann ſich merken laͤſſt, wenn ich mein Haupt nieder⸗ legen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen, als wenn ich Sie verlaſſe. Sonderbarer Menſch! du kannſt mir das Vertrauen in dich ſo wenig nehmen, als die Hoffnung, dich gluͤck⸗ lich zu ſehen. Ich will in die Geheimniſſe deines Aber⸗ glaubens nicht eindringen; aber wenn du ja in Ahnung wunderbarer Verknuͤpfungen und Vorbedeutungen lebſt; ſo ſage ich dir zu deinem Troſt und zu deiner Aufmun⸗ terung: Geſelle dich zu meinem Gluͤcke, und wir wollen ſehen, welcher Genius der ſtaͤrkſte iſt; dein ſchwarzer oder mein weiſſer! Wilhelm ergriff dieſe Gelegenheit, um ihm noch mancherley Troͤſtliches zu ſagen; denn er hatte ſchon ſeit einiger Zeit in ſeinem wunderbaren Begleiter einen Men⸗ ſchen zu ſehen geglaubt, der durch Zufall oder Schickung eine große Schuld auf ſich geladen hat, und nun die Er⸗ innerung derſelben immer mit ſich fortſchleppt. Noch vor wenigen Tagen hatte Wilhelm ſeinen Geſang behorcht und folgende Zeilen wohl bemerkt: 339 Ihm faͤrbt der Morgenſonne Licht Den reinen Horizont mit Flammen, Und uͤber ſeinem ſchuld'gen Haupte bricht Das ſchoͤne Bild der ganzen Welt zuſammen. Der Alte mochte nun ſagen was er wollte, ſo hatte Wilhelm immer ein ſtaͤrker Argument, wuſſte Alles zum Beſten zu kehren und zu wenden, wuſſte ſo brav, ſo herzlich und troſtlich zu ſprechen, daß der Alte ſelbſt wie⸗ der aufzuleben und ſeinen Giillen zu entſagen ſchien. Zweytes Capitel. Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen aber wohl⸗ habenden Stadt mit ſeiner Geſellſchaft unterzukommen. Schon befanden ſie ſich an dem Orte, wohin ſie die Pfer⸗ de des Grafen gebracht hatten, und ſahen ſich nach andern Wagen und Pferden um, mit denen ſie weiter zu kommen hofften. Melina hatte den Transport uͤbernommen, und zeigte ſich, nach ſeiner Gewohnheit, uͤbrigens ſehr karg. Dagegen hatte Wilhelm die ſchoͤnen Ducaten der Graͤfin in der Taſche, auf deren froͤhliche Verwendung er das groͤßte Recht zu haben glaubte, und ſehr leicht vergaß er, daß er ſie in der ſtattlichen Bilanz, die er den Seinigen zu⸗ ſchickte, ſchon ſehr ruhmredig aufgefuͤhrt hatte. Sein Freund Shakeſpear, den er mit großer Freude auch als ſeinen Pathen auerkannte, und ſich nur um ſo lieber Wilhelm nennen ließ, hatte ihm einen Prinzen be⸗ kannt gemacht, der ſich unter geringer, ja ſogar ſchlechter Geſellſchaft eine Zeitlang aufhaͤlt, und, ungeachtet ſei⸗ ner edlen Natur, an der Roheit, Unſchicklichkeit und Al⸗ vernheit ſolcher ganz ſinnlichen Burſche ſich ergetzt, Hoͤchſt willkommen war ihm das Ideal, womit er ſeinen gegen⸗ waͤrtigen Zuſtand vergleichen konnte, und der Selbſtbe⸗ — Manier mit den Uebrigen umz 341 trug, wozu er eine faſt unuͤberwindliche Neigung ſpurte, ward ihm dadurch au ßerordentlich erleichtert. Er fing nun an über ſeine Kleidung nachzudenken. Er fand, daß ein Weſtchen, uͤber das man im Nothfall ei⸗ nen kurzen Mantel wuͤrfe, fuͤr einen Wanderer eine ſehr angemeſſene Tracht ſey. Lange geſtrickte Beinkleider und ein Paar Schnuͤrſtiefeln ſchienen die wahre Tracht eines Fußgaͤngers. Dann verſchaffte er ſich eine ſchoͤne ſeidne Schaͤrpe, die er zuerſt unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten, umband; dagegen befreyte er ſeinen Hals von der Knechtſchaft einer Binde, und ließ ſich ei⸗ nige Streifen Neſſeltuch ans Hemde heften, die aber et⸗ was breit geriethen, und das voͤllige Anſehn eines an⸗ tiken Kragens erhielten. Das ſchoͤne ſeidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag nur locker ge⸗ knuͤpft unter der neſſeltuchnen Krauſe. Ein runder Hut mit einem bunten Bande und einer großen Feder machte die Maskerade vollkommen.. Die Frauen betheuerten, dieſe Tracht laſſe ihm vor⸗ zuglich gut. Philine ſtellte ſich ganz bezaubert daruͤber, und bat ſich ſeine ſchoͤnen Haare aus, die er, um dem natuͤrlichen Ideal nur deſto naͤher zu fommen, herzig abgeſchnitten hatte. Sie empfahl ſich dadurch nicht uͤbel, und unſer Freund, der durch ſeine Freygebig⸗ keit ſich das Recht erworben hatte, auf Prinz Harry's ugehen, kam bald ſelbſt einige tolle Streiche anzugeben und unbarm⸗ in den Geſchmack, — 32 zu befoͤrdern. Man focht, man tanzte, man erfand al⸗ lerley Spiele, und in der Froͤhlichkeit des Herzens genoß man des leidlichen Weins, den man angetroffen hatte, in ſtarkem Maße, und Philine lauerte in der Unordnung dieſer Lebensart dem ſproͤden Helden auf, fuͤr den ſein guter Genius Sorge tragen möge. Eine vorzuͤgliche Unterhaltung, mit der ſich die Ge⸗ ſellſchaft beſonders ergetzte, beſtand in einem extemporir⸗ ten Spiel, in welchem ſie ihre bisherigen Goͤnner und Wohlthaͤter nachahmten und durchzogen. Einige unter ihnen hatten ſich ſehr gut die Eigenheiten des aͤußern Anſtandes verſchiedner vornehmer Perſonen gemerkt, und die Nachbildung derſelben ward von der übrigen Geſell⸗ ſchaft mit dem groͤßten Beyfall aufgenommen, und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer Erfahrungen ei⸗ nige beſondere Liebeserklaͤrungen, die an ſie geſchehen waren, vorbrachte, wuſſte man ſich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu laſſen. Wilhelm ſchalt ihre Undankbarkeit; allein man ſetzte ihm entgegen, daß ſie das, was ſie dort erhalten, genug⸗ ſam abverdient, und daß uͤberhaupt das Betragen gegen ſo verdienſtvolle Leute, wie ſie ſich zu ſeyn ruͤhmten, nicht das beſte geweſen ſey. Nun beſchwerte man ſich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet, wie ſehr man ſie zuruͤck geſetzt habe. Das Spotten, Necken und Nach⸗ ahmen ging wieder an, und man ward immer bitterer und ungerechter. 343 4 Ich wuͤnſchte, ſagte Wilhelm darauf, daß durch eure „Aeußerungen weder Neid noch Eigenliebe durchſchiene, und daß ihr jene Perſonen und ihre Verhaͤltniſſe aus dem rechten Geſichtspunkte betrachtetet. Es iſt eine eigene Sa⸗ che, ſchon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der menſchlichen Geſellſchaft geſetzt zu ſeyn. Wem ererbte Reichthuͤmer eine vollkommene Leichtigkeit des Daſeyns verſchafft haben, wer ſich, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, von allem Beyweſen der Menſchheit, von Jugend auf, reichlich umgeben findet, gewoͤhnt ſich meiſt, dieſe Guter als das Erſte und Groͤßte zu betrachten, und der Werth einer von der Natur ſchoͤn ausgeſtatteten Menſch⸗ heit wird ihm nicht ſo deutlich. Das Betragen der Vor⸗ nehmen gegen Geringere, und auch unter einander, iſt nach aͤußern Vorzuͤgen abgemeſſen; ſie erlauben Jedem ſeinen Titel, ſeinen Rang, ſeine Kleider und Equipage, nur nicht ſeine Verdienſte geltend zu machen. Dieſen Worten gab die Geſellſchaft einen unmaͤßigen Beyfall. Man fand abſcheulich, daß der Mann von Verdienſt immer zuruͤck ſtehen muͤſſe, und daß in der großen Welt keine Spur von natuͤrlichem und herzlichem Umgang zu finden ſey. Sie kamen beſonders uͤber dieſen letzten Punkt aus dem Hundertſten ins Tauſendſte. Scheltet ſie nicht daruͤber, rief Wilhelm aus, bedauert ſie vielmehr! Denn von jenem Gluͤck, das wir als das hoͤchſte erkennen, das aus dem innern Reichthum der Na⸗ tur fließt, haben ſie ſelten eine erhoͤhte Empfindung. Nur —-——— 344 uns Armen, die wir wenig oder nichts beſitzen, iſt es ge⸗ goͤnnt, das Gluͤck der Freundſchaft in reichem Maße zu genießen. Wir koͤnnen unſre Geliebten weder durch Gna⸗ de erheben, noch durch Gunſt befoͤrdern, noch durch Ge⸗ ſchenke begluͤcken. Wir haben nichts als uns ſelbſt. Die⸗ ſes ganze Selbſt muͤſſen wir hingeben, und, wenn es ei⸗ nigen Werth haben ſoll, dem Freunde das Gut auf ewig verſi chern. Welch ein Genuß, welch ein Gluͤck für den Geber und Empfaͤnger! In welchen ſeligen Zuſtand ver⸗ ſetzt uns die Treue! ſie gibt dem voruͤbergehenden Men⸗ ſchenleben eine himmliſche Gewißheit; ſie macht das Hauptkapital unſers Reichthums aus. Mignon hatte ſich ihm unter dieſen Worten genaͤhert, ſchlang ihre zarten Arme um ihn, und blieb mit dem Koͤpf⸗ chen an ſeine Bruſt gelehnt ſtehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt, und fuhr fort: Wie leicht wird es einem Großen, die Gemuther zu gewinnen; wie leicht eignet er ſich die Herzen zu. Ein gefaͤlliges, bequemes, nur einigermaßen menſchliches Betragen thut Wunder, und wie viele Mittel hat er, die einmal erworbenen Gei⸗ ſter feſt zu halten. Uns kommt Alles ſeltner, wird Alles ſchwerer, und wie natürlich iſt es, daß wir auf das, was wir erwerben und leiſten, einen groͤßern Werth legen. Welche ruͤhrende Beyſpiele von treuen Dienern, die ſich für ihre Herren aufopferten! Wie ſchoͤn hat uns Sha⸗ eſpear ſolche geſchildert! Die Treue iſt, in dieſem Falle, ein Beſtreben einer edlen Seele, einem Groͤßern gleich —— —— 345 zu werden. Durch fortdaueznde Anhaͤnglichkeit und Liebe wird der Diener ſeinem Herrn gleich, der ihn ſonſt nur als einen bezahlten Sklaven anzuſehen berechtigt iſt. Ja, dieſe Tugenden ſind nur fuͤr den geringen Stand; er kann ſie nicht entbehren, und ſie kleiden ihn ſchoͤn. Wer ſich leicht loskaufen kann, wird ſo leicht verſucht, ſich auch der Erkenntlichkeit zu überheben. Ja, in dieſem Sinne glaube ich behaupten zu koͤnnen, daß ein Großer wohl Freunde haben, aber nicht Freund ſeyn köoͤnne. Mignon druͤckte ſichzimmer feſter an ihn. Nun gut, verſetzte Einer aus der Geſellſchaft: wir brauchen ihre Freundſchaft nicht, und haben ſie niemals verlangt. Nur ſollten ſie ſich beſſer auf Kuͤnſte verſte⸗ hen, die ſie doch beſchutzen wollen. Wenn wir am Beſten geſpielt haben, hat uns Niemand zugehoͤrt; Alles war lauter Parteylichkeit. Wem man günſtig war, der ge⸗ fiel, und man war dem nicht guͤnſtig, der zu gefallen ver⸗ diente. Es war nicht erlaubt, wie oft das Alberne und Abgeſchmackte Aufmerkſamkeit und Beyfall auf ſich zog. Wenn ich abrechne, verſetzte Wilhelm, was Schaden⸗ freude und Ironie geweſen ſeyn mag; ſo denk' ich, es geht in der Kunſt, wie in der Liebe. Wie will der Weltmann bey ſeinem zerſtreuten Leben die Innigkeit erhalten, in der ein Kuͤnſtler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die ſelbſt demjenigen nicht fremd ſeyn darf, der einen ſolchen Antheil am Werke nehmen will, wie der Kunſtler ihn wünſcht und hofft. 346 Glaubt mir, meine Freunde, es iſt mit den Talenten wie mit der Tugend: man muß ſie um ihrer ſelbſt willen lieben, oder ſie ganz aufgeben. Und doch werden ſie Beyde nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man ſie, gleich einem gefährlichen Geheimniß, im Verborgenen uͤben kann. Unterdeſſen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers ſterben, rief Einer aus der Ecke. Nicht eben ſogleich, verſetzte Wilhelm. Ich habe ge⸗ ſehen, ſo lange einer lebt und ſich ruͤhrt, findet er immer ſeine Nahrung, und wenn ſie auch gleich nicht die reich⸗ lichſte iſt. Und woruͤber habt ihr euch denn zu beſchwe⸗ ren? Sind wir nicht ganz unvermuthet, eben da es mit uns am ſchlimmſten ausſah, gut aufgenommen und be⸗ wirthet worden? Und jetzt, da es uns noch an nichts ge⸗ bricht, fäͤllt es uns denn ein, etwas zu unſerer Uebung zu thun, und nur einigermaßen weiter zu ſtreben? Wir trei⸗ ben fremde Dinge, und entfernen, den Schulkindern aͤhn⸗ lich, Alles, was uns nur an unſre Lection erinnern koͤnnte. Wahrhaftig, ſagte Philine, es iſt unverantwortlich! Laſſt uns ein Stuͤck wählen; wir wollen es auf der Stelle ſpielen. Jeder muß ſein Moͤglichſtes thun, als wenn er vor dem groͤßten Auditorium ſtunde. Man überlegte nicht lange; das Stuͤck ward beſtimmt. Es war eines deren, die damals in Deutſchland großen Beyfall fanden, und nun verſchollen ſind. Einige pfiffen eine Symphonie, Jeder beſann ſich ſchnell auf ſeine Rolle, man fing an und ſpielte mit der groͤßten Aufmerkſamkeit 4 1 1 3 —,.— 347 das Stuͤck durch, und wirklich uͤber Erwartung gut. Man applaudirte ſich wechſelsweiſe; man hatte ſich ſel⸗ ten ſo wohl gehalten. Als ſie fertig waren, empfanden ſie Alle ein ausneh⸗ mendes Vergnuͤgen, theils uͤber ihre wohlzugebrachte Zeit, theils weil Jeder beſonders mit ſich zufrieden ſeyn konnte. Wilhelm ließ ſich weitlaͤufig zu ihrem Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und froͤhlich. Ihr ſolltet ſehen, rief unſer Freund, wie weit wir kommen muͤſſten, wenn wir unſre Uebungen auf dieſe Art fortſetzten, und nicht blos auf Auswendiglernen, Probi⸗ ren und Spielen uns mechaniſch pflicht⸗ und handwerks⸗ maͤßig einſchraͤnkten. Wie viel mehr Lob verdienen die Tonkünſtler, wie ſehr ergetzen ſie ſich, wie genau ſind ſie, wenn ſie gemeinſchaftlich ihre Uebungen vornehmen! Wie ſind ſie bemuͤht, ihre Inſtrumente uͤbereinzuſtimmen, wie genau halten ſie Takt, wie zart wiſſen ſie die Staͤrke und Schwaͤche des Tons auszudruͤcken! Keinem faͤllt es ein, ſich bey dem Solo eines Andern durch ein vorlautes Ac⸗ compagniren Ehre zu machen. Jeder ſucht in dem Geiſt und Sinne des Komponiſten zu ſpielen, und Jeder das, was ihm aufgetragen iſt, es mag viel oder wenig ſeyn, gut auszudruͤcken. b Sollten wir nicht eben ſo genau und eben ſo geiſtreich zu Werke gehen, da wir eine Kunſt treiben, die noch viel zarter, als jede Art von Muſik iſt, da wir die gewoͤhnlich⸗ ſten und ſeltenſten Aeußerungen der Menſchheit geſchmack⸗ 6 348 voll und ergetzend darzuſtellen berufen ſind? Kann etwas abſcheulicher ſeyn, als in den Proben zu ſudeln, und ſich bey der Vorſtellung auf Laune und gut Gluͤck zu verlaſ⸗ ſen? Wir ſollten unſer groͤßtes Gluͤck und Vergnuͤgen darein ſetzen, mit einander uͤbereinzuſtimmen, um uns wechſelsweiſe zu gefallen, und auch nur in ſo fern den Beyfall des Publikums zu ſchaͤtzen, als wir ihn uns gleichſam unter einander ſchon ſelbſt garantirt haͤtten. Warum iſt der Kapellmeiſter ſeines Orcheſters gewiſſer, als der Director ſeines Schauſpiels? Weil dort Jeder ſich ſeines Mißgriffs, der das änße re Ohr beleidigt, ſchaͤmen muß; aber wie ſelten hab' ich einen Schauſpieler verzeih⸗ liche und unverzeihliche Mißgriffe, durch die das innere Ohr ſo ſchnoͤde beleidigt wird, anerkennen und ſich ihrer ſchaͤmen ſehen! Ich wuͤnſchte nur, daß das Theater ſo ſchmal waͤre, als der Draht eines Seiltaͤnzers, damit ſich kein Ungeſchickter hinauf wagte, anſtatt daß jetzo ein Jeder ſich Fähigkeit genug fuͤhlt, darauf zu paradiren. Die Geſellſchaft nahm dieſe Apoſtrophe gut auf, in⸗ dem Jeder üͤberzeugt war, daß nicht von ihm die Rede ſeyn könne, da er ſich noch vor Kurzem nebſt den Uebrigen ſo gut gehalten. Man kam vielmehr uͤberein, daß man in dem Sinne, wie man angefangen, auf dieſer Reiſe und kuͤnftig, wenn man zuſammen bliebe, eine geſellige Bear⸗ beitung wolle obwalten laſſen. Man fand nur, daß, weil dieſes eine Sache der guten Laune und des freyen Wil⸗ lens ſey, ſo muͤſſe ſich eigentlich kein Director darein mi⸗ 349 ſchen. Man nahm als ausgemacht an, daß unter guten Menſchen die republikaniſche Form die beſte ſey; man behauptete, das Amt eines Directors muͤſſe herum ge⸗ hen; er müſſe von Allen gewaͤhlt werden, und eine Art von kleinem Senat ihm jederzeit beygeſetzt bleiben. Sie waren ſo von dieſem Gedanken eingenommen, daß ſie wuͤnſchten, ihn gleich ins Werk zu richten. Ich habe nichts dagegen, ſagte Melina, wenn ihr au der Reiſe einen ſolchen Verſuch machen wollt; ich ſuſpen⸗ dire meine Directorſchaft gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen. Er hoffte, dabey zu ſparen, und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem Interimsdirector aufzuwaͤlzen. Nun ging man ſehr lebhaft zu Rothe, wie man die Form des neuen Staates aufs Beſte einrichten wolle. Es iſt ein wanderndes Reich, ſagte Laertes; wir wer⸗ den wenigſtens keine Grenzſtreitigkeiten haben. Man ſchritt ſogleich zur Sache, und erwaͤhlte Wil⸗ helmen zum erſten Director. Der Senat war beſtellt, die Frauen erhielten Sitz und Stimme, man ſchlug Geſetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit ging un⸗ vermerkt unter dieſem Spiele voruͤber, und weil man ſie angenehm zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nutzliches gethan und durch die neue Form eine neue Aus⸗ ſicht fuͤr die vaterlaͤndiſche Buͤhne eroͤffnet zu haben, —-—, Drittes Capitel. Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Geſellſchaft in ſo guter Dispoſition ſah, ſich auch mit ihr uͤber das dich⸗ teriſche Verdienſt der Stuͤcke unterhalten zu koͤnnen. Es iſt nicht genug, ſagte er zu ihnen, als ſie des andern Ta⸗ ges wieder zuſammen kamen, daß der Schauſpieler ein Stuͤck nur ſo obenhin anſehe, daſſelbe nach dem erſten Eindrucke beurtheile, und ohne Pruͤfung ſein Gefallen oder Mißfallen daran zu erkennen gebe. Dieß iſt dem Zuſchauer wohl erlaubt, der geruͤhrt und unterhalten ſeyn, aber eigentlich nicht urtheilen will. Der Schau⸗ ſpieler dagegen ſoll von dem Stuͤcke und von den Urſa⸗ chen ſeines Lobes und Tadels Rechenſchaft geben koͤn⸗ nen: und wie will er das, wenn er nicht in den Sinn ſeines Autors, wenn er nicht in die Abſichten deſſelben einzudringen verſteht? Ich habe den Fehler, ein Stůck aus einer Rolle zu beurtheilen, eine Rolle nur an ſich und nicht im Zuſammenhange mit dem Stuͤcke zu be⸗ trachten, an mir ſelbſt in dieſen Tagen ſo⸗ lebhaft be⸗ merkt, daß ich euch das Beyſpiel erzaͤhlen will, wenn ihr mir ein geneigtes Gehoͤr goͤnnen wollt. 351 Ihr kennt Shakeſpears unvergleichlichen Hamlet aus einer Vorleſung, die euch ſchon auf dem Schloſſe das groͤßte Vergnügen machte. Wir ſetzten uns vor, das Stuͤck zu ſpielen, und ich hatte, ohne zu wiſſen was ich that, die Rolle des Prinzen uͤbernommen; ich glaubte ſie zu ſtudiren, indem ich anfing, die ſtaͤrkſten Stellen, die Selbſtgeſpraͤche und jene Auftritte zu memoriren, in denen Kraft der Seele, Erhebung des Geiſtes und Leb⸗ haftigkeit freyen Spielraum haben, wo das bewegte Ge⸗ muͤth ſich in einem gefuͤhlvollen Ausdrucke zeigen kann. Auch glaubte ich recht in den Geiſt der Rolle einzu⸗ dringen, wenn ich die Laſt der tiefen Schwermuth gleich⸗ ſam ſelbſt auf mich naͤhme, und unter dieſem Druck meinem Vorbilde durch das ſeltſame Labyrinth ſo mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen ſuchte. So me⸗ morirte ich, und ſo uͤbte ich mich, und glaubte nach und nach mit meinem Helden zu Einer Perſon zu werden. Allein je weiter ich kam, deſto ſchwerer ward mir die Vorſtellung des Ganzen, und mir ſchien zuletzt faſt un⸗ moͤglich, zu einer Ueberſicht zu gelangen. Nun ging ich das Stuͤck in einer unnnterbrochenen Folge durch, und auch da wollte mir leider Manches nicht paſſen. Bald. ſchienen ſich die Charaktere, bald der Ausdruck zu wider⸗ ſprechen, und ich verzweifelte faſt, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze Rolle mit allen Abweichun⸗ gen und Schattirungen vortragen koͤnnte. In dieſen Irr⸗ gaͤngen bemuͤhte ich mich lange vergebens, bis ich mich ———„ —— 35² endlich auf einem ganz beſondern Wege meinem Ziele zu naͤhern hoffte. Ich ſuchte jede Spur auf, die ſich von dem Cha⸗ racter Hamlets in früher Zeit vor dem Tode ſeines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhaͤngig von dieſer traurigen Begebenheit, unabhaͤngig von dem nachfolgen⸗ den ſchrecklichen Ereigniſſe, dieſer intereſſante Juͤngling geweſen war, und was er ohne ſie vielleicht geworden waͤre. 9 Zart und edel entſproſſen wuchs die koͤnigliche Blume, unter den unmittelbaren Einfluͤſſen der Majeſtaͤt, her⸗ vor; der Begriff des Rechts und der fuͤrſtlichen Wuͤrde, das Gefuͤhl des Guten und Anſtaͤndigen mit dem Be⸗ wuſſtſeyn der Hoͤhe ſeiner Geburt, entwickelten ſich zu⸗ gleich in ihm. Er war ein Fuͤrſt, ein geborner Fürſt, und wüͤnſchte zu regieren, nur damit der Gute ungehin⸗ dert gut ſeyn moͤchte. Angenehm von Geſtalt, geſittet von Natur, gefaͤllig von Herzen aus, ſollte er das Mu⸗ ſter der Jugend ſeyn, und die Freude der Welt werden. Ohne irgend eine hervorſtechende Leidenſchaft war ſeine Liebe zu Ophelien ein ſtilles Vorgefuͤhl ſuͤßer Be⸗ durfniſſe; ſein Eifer zu ritterlichen Uebungen war nicht ganz original; vielmehr muſſte dieſe Luſt, durch das Lob, das man dem Dritten beylegte, geſchaͤrft und erhoͤht werden; rein fuͤhlend kannte er die Redlichen, und wuſſte die Ruhe zu ſchaͤtzen, die ein aufrichtiges Gemuͤth an dem offnen Buſen eines Freundes genießt. Bis auf 3⁵³ einen gewiſſen Grad hatte er in Kuͤnſten und Wiſſenſchaf⸗ ten das Gute und Schoͤne erkennen und wuͤrdigen gelernt; das Abgeſchmackte war ihm zuwider, und wenn in ſeiner zarten Seele der Haß aufkeimen konnte, ſo war es nur eben ſo viel als nothig iſt, um bewegliche und falſche Hoͤf⸗ linge zu verachten, und ſpoͤttiſch mit ihnen zu ſpielen. Er war gelaſſen in ſeinem Weſen, in ſeinem Betragen einfach, weder im Muͤßiggange behaglich, noch allzube⸗ gierig nach Beſchaͤftigung. Ein akademiſches Hinſchlen⸗ dern ſchien er auch bey Hofe fortzuſetzen. Er beſaß mehr Fröͤhlichkeit der Laune als des Herzens, war ein guter Geſellſchafter, nachgiebig, beſcheiden, beſorgt, und konnte eine Beleidigung vergeben und vergeſſen; aber niemals konnte er ſich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des Anſtaͤndigen uberſchritt. Wenn wir das Stuͤck wieder zuſammen leſen werden, koͤnnt ihr beurtheilen, ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigſtens hoffe ich meine Meinung durchaus mit Stel⸗ len belegen zu koͤnnen. Man gab der Schilderung lauten Beyfall; man glaubte voraus zu ſehen, daß ſich nun die Handelsweiſe Hamlets gar gut werde erklaͤren laſſen; man freute ſich uͤber dieſe Art, in den Geiſt des Schriftſtellers einzudringen. Jeder nahm ſich vor, auch irgend ein Stuͤck auf dieſe Art zu ſtu⸗ dieren und den Sinn des Verfaſſers zu entwickeln. Goethe“ s Werke. III. Bd. 1 23 2 3 1 3 8 8 3 5 1 Wierte s Capitel. Nur einige Tage muſſte die Geſellſchaft an dem Orte liegen bleiben, und ſogleich zeigten ſich fuͤr verſchiedene Glieder derſelben nicht unangenehme Abenteuer, beſon⸗ ders aber ward Laertes von einer Dame angereizt, die in der Nachbarſchaft ein Gut hatte, gegen die er ſich aber aͤußerſt kalt, ja unartig betrug, und daruͤber von Phili⸗ nen viele Spoͤttereyen erdulden muſſte. Sie ergriff die Gelegenheit, unſerm Freunde die ungluͤckliche Liebesge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen, uͤber die der arme Juͤngling dem ganzen weiblichen Geſchlechte feind geworden war. Wer wird ihm uͤbel nehmen, rief ſie aus, daß er ein Geſchlecht haſſt, das ihm ſo uͤbel mitgeſpielt hat, und ihm alle Uebel, die ſonſt Maͤnner von Weibern zu befuͤrchten haben, in einem ſehr concentrirten Tranke zu verſchlucken gab? Stellen Sie ſich vor: binnen vier und zwanzig Stunden war er Liebhaber, Braͤutigam, Ehemann, Hahnrey, Pa⸗ tient und Wittwer! Ich wuͤſſte nicht, wie man's Einem arger machen wollte. 3 Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur Stube hinaus, und Philine fing in ihrer allerliebſten Art die Geſchichte zu erzaͤhlen an, wie Laertes als ein junget 355 Menſch von achtzehn Jahren, eben als er bey einer Theatergeſellſchaft eingetroffen, ein ſchoͤnes vierzehn⸗ jaͤhriges Maͤdchen gefunden, die eben mit ihrem Vater der ſich mit dem Director entzweyet, abzureiſen Willens geweſen. Er habe ſich aus dem Stegereife ſterblich ver⸗ liebt, dem Vater alle moͤgliche Vorſtellungen gethan zu bleiben, und endlich verſprochen, das Maͤdchen zu heira⸗ then. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautſtan⸗ des ſey er getraut worden, habe eine gluͤckliche Nacht als Ehemann zugebracht, darauf habe ihn ſeine Frau des an⸗ dern Morgens, als er in der Probe geweſen, nach Stan⸗ desgebuͤhr mit einem Hoͤrnerſchmuck beehrt; weil er aber aus allzugroßer Zartlichkeit viel zu fruͤh nach Hauſe ge⸗ eilt, habe er leider einen aͤltern Liebhaber an ſeiner Stelle gefunden, habe mit unſinniger Leidenſchaft drein ge⸗ ſchlagen, Liebhaber und Vater herausgefordert, und ſey mit einer leidlichen Wunde davon gekommen. Vater und Tochter ſeyen darauf noch in der Nacht abgereiſ't, und er ſey leider auf eine doppelte Weiſe verwundet zu⸗ rück geblieben. Sein Unglück habe ihn zu dem ſchlech⸗ teſten Feldſcheer von der Welt gefuͤhrt, und der Arme ſey leider mit ſchwarzen Zaͤhnen und triefenden Augen aus dieſem Abenteuer geſchieden. Er ſey zu bedauern, weil er uͤbrigens der bravſte Junge ſey, den Gottes Erdboden truͤge. Beſonders, ſagte ſie, thut es mir leid, daß der arme Narr nun die Weiber haſſt: denn wer die Weiber haſſt, wie kann der leben? 356 Melina unterbrach ſie, mit der Nachricht, daß Alles zum Transport voͤllig bereit ſey, und daß ſie morgen fruͤh abfahren koͤnnten. Er uͤberreichte ihnen eine Dispo⸗ ſition, wie ſie fahren ſollten. G Wenn mich ein guter Freund auf den Schoß nimmt, ſagte Philine, ſo bin ich zufrieden, daß wir eng und er⸗ baͤrmlich ſitzen; uͤbrigens iſt mir Alles einerley. Es thut nichts, ſagte Laertes, der auch herbey kam. Es iſt verdrießlich! ſagte Wilhelm, und eilte weg, Er fand fuͤr ſein Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verlaͤugnet hatte. Eine andere Eintheilung ward gemacht, und man freute ſich, bequem abreiſen zu koͤnnen, als die bedenkliche Nachricht einlief: daß auf dem Wege, den ſie nehmen wollten, ſich ein Frey⸗ rorps ſehen laſſe, von dem man nicht viel Gutes er⸗ wartete. An dem Orte ſelbſt war man ſehr auf dieſe Zeitung aufmerkſam, wenn ſie gleich nur ſchwankend und zwey⸗ deutig war. Nach der Stellung der Armeen ſchien es unmoͤglich, daß ein feindliches Corps ſich habe durch⸗ ſchleichen, oder daß ein freundliches ſo weit habe zuruck bleiben koͤnnen. Jederman war eifrig, unſrer Geſell⸗ ſchaft die Gefahr, die auf ſie wartete, recht gefaͤhrlich zu beſchreiben, und ihr einen andern Weg anzurathen. Die Meiſten waren daruͤber in Unruhe und Furcht ge⸗ ſetzt, und als nach der neuen republikaniſchen Form die ſaͤmmtlichen Glieder des Staats zuſammen gerufen wur⸗ 357 den, um uͤber dieſen außerordentlichen Fall zu berathſchla⸗ gen, waren ſie faſt einſtimmig der Meinung, daß man das Uebel vermeiden und am Orte bleiben, oder ihm auswei⸗ chen und einen andern Weg erwaͤhlen muͤſſe. Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt fuͤr ſchimpflich, einen Plan, in den man mit ſo viel Ueber⸗ legung eingegangen war, nunmehr auf ein bloßes Geruͤcht aufzugeben. Er ſprach ihnen Muth ein, und ſeine Gruͤn⸗ de waren maͤnnlich und überzengend. Noch, ſagte er, iſt es nichts als ein Geruͤcht, und wie viele dergleichen entſtehen im Kriege! Verſtändige Leute ſagen, daß der Fall hoͤchſt unwahrſcheinlich, ja beynah unmöglich ſey. Sollten wir uns in einer ſo wich⸗ tigen Sache blos durch ein ſo ungewiſſes Gerede beſtim⸗ men laſſen? Die Ronte, welche uns der Herr Graf an⸗ gegeben hat, auf die unſer Paß lautet, iſt die kuͤrzeſte, und wir finden auf ſelbiger den beſten Weg. Sie fuͤhrt uns nach der Stadt, wo Ihr Bekanntſchaften, Freunde vor euch ſeht, und eine gute Aufnahme zu hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche ſchlim⸗ men Wege verwickelt er uns, wie weit fuͤhrt er uns ab! Koͤnnen wir Hoffnung hahen, uns in der ſpaten Jahrs⸗ zeit wieder heraus zu finden, und was fuͤr Zeit und Geld werden wir indeſſen verſplittern! Er ſagte noch viel, und trug die Sache von ſo mancherley vortheilhaften Seiten vor, daß ihre Furcht ſich verringerte, und ihr Muth zu⸗ nahm. Er wuſſte ihnen ſo viel von der Mannszucht der 358 regelmäßigen Truppen vorzuſagen, und ihnen die Ma⸗ rodeurs und das hergelaufene Geſindel ſo nichtswuͤrdig zu ſchildern, und ſelbſt die Gefahr ſo lieblich und luſtig darzuſtellen, daß alle Gemuͤther aufgeheitert wurden. Laertes war vom erſten Moment an auf ſeiner Seite, und verſicherte, daß er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigſtens einige uͤbereinſtim⸗ mende Ausdruͤcke in ſeiner Manier, Philine lachte ſie Alle zuſammen aus, und da Madam Melina, die, ihrer hohen Schwangerſchaft ungeachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorſchlag heroiſch fand; ſo konnte Melina, der denn freylich auf dem naͤchſten Wege, auf den er accordirt hatte, viel zu ſparen hoffte, nicht widerſtehen, und man willigte in den Vorſchlag von gan⸗ zem Herzen. Nun fing man an, ſich auf alle Faͤlle zur Vertheidi⸗ gung einzurichten. Man kaufte große Hirſchfaͤnger, und hing ſie an wohlgeſtickten Riemen uͤber die Schultern. Wilhelm ſteckte noch uͤberdies ein Paar Terzerole i in den Guͤrtel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bey ſich, und man machte ſich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg. Den zweyten Tag ſchlugen die Fuhrleute, die der Ge⸗ gend wohl kundig waren, vor: ſie wollten auf einem wal⸗ digen Bergplatze Mittagsruhe halten, weil das Dorf weit abgelegen ſey, und man bey guten Tagen gern die⸗ ſen Weg naͤhme. —. 359 Die Witterung war ſchoͤn, und Jederman ſtimmte leicht in den Vorſchlag ein. Wilhelm eilte zu Fuß durch das Gebirge voraus, und uͤber ſeine ſonderbare Geſtalt muſſte Jeder, der ihm begegnete, ſtutzig werden. Er eilte mit ſchnellen und zufriedenen Schritten den Wald. hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen lieſſen ſich in den Wagen fortſchleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher, ſtolz auf den Hirſchfaͤnger, den man ihr, als die Geſellſchaft ſich bewaffnete, nicht ab⸗ ſchlagen konnte. Um ihren Hut hatte ſie die Perlen⸗ ſchnur gewunden, die Wilhelm von Marianens Reli⸗ quien übrig behalten hatte. Friedrich der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das friedlichſte Anſehen. Sein langes Kleid war in den Gurtel geſteckt, und ſo ging er freyer. Er ſtutzte ſich auf einen kno⸗ tigen Stab, ſein Inſtrument war bey den Wagen zuruͤck geblieben.. Nachdem ſie nicht ganz ohne Beſchwerlichkeit die Hohe erſtiegen, erkannten ſie ſogleich den angezeig⸗ ten Platz an den ſchoͤnen Buchen, die ihn umgaben und bedeckten. Eine große ſanft⸗abhaͤngige Waldwieſe lud zum Bleiben ein; eine eingefaſſte Quelle bot die lieblich⸗ ſte Erquickung dar, und es zeigte ſich an der andern Seite durch Schluchten und Waldruͤcken eine ferne, ſchoͤne und hoffnungsvolle Ausſicht. Da lagen Doͤrfer und Muͤhlen in den Gruͤnden, Staͤdtchen in der Ebene, und neue in der Ferne eintretende Berge machten die Ansſicht 360 noch hoffnungsvoller, indem ſie nur wie eine ſanfte Be⸗ ſchraͤnkung hereintraten. Die erſten Ankommenden nahmen Beſitz von der Ge⸗ gend, ruhten im Schatten aus, machten ein Feuer an, und erwarteten geſchaͤftig, ſingend, die uͤbrige Geſellſchaft, welche nach und nach herbey kam, und den Platz, das ſchoͤne Wetter, die unausſprechlich ſchoͤne Gegend mit Einem Munde begruͤßte. * Fuͤnftes Capitel. Hatte man oft zwiſchen vier Waͤnden gute und froͤh⸗ liche Stunden zuſammen genoſſen; ſo war man natür⸗ lich noch viel aufgeweckter hier, wo die Freyheit des Him⸗ mels und die Schoͤnheit der Gegend jedes Gemuͤth zu reinigen ſchien. Alle fuͤhlten ſich einander naͤher, Alle wuͤnſchten in einem ſo angenehmen Aufenthalt ihr gan⸗ zes Leben hinzubringen. Man beneidete die Jaͤger, Koͤh⸗ ler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in dieſen gluͤck⸗ lichen Wohnpläͤtzen ſeſt haͤlt; uͤber Alles aber pries man die reizende Wirthſchaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die wunderlichen Geſellen, die in ſeligem Mu⸗ ßiggange alle abenteuerliche Reize der Natur zu genie⸗ ßen berechtigt ſind; man freute ſich, ihnen einigermaßen aͤhnlich zu ſeyn. Indeſſen hatten die Frauen angefangen, Erdaͤpfel zu ſieden, und die mitgebrachten Speiſen auszupacken und zu bereiten. Einige Toͤpfe ſtanden beym Feuer, gruppenweiſe lagerte ſich die Geſellſchaft unter den Baͤu⸗ men und Buͤſchen. Ihre ſeltſamen Kleidungen und die mancherley Waffen gaben ihr ein fremdes Anſehen. Die Pferde wurden bey Seite gefuͤttert, und wenn man die Kutſchen haͤtte verſtecken wollen, ſo waͤre der Anblick die⸗ ſer kleinen Horde bis zur Illuſion romantiſch geweſen. Wilhelm genoß ein nie gefuͤhltes Vergnuͤgen. Er konnte hier eine wandernde Kolonie und ſich als An⸗ fuͤhrer derſelben denken. In dieſem Sinne unterhielt er ſich mit einem Jeden, und bildete den Wahn des Mo⸗ ments ſo poetiſch als moglich aus. Die Gefuͤhle der Ge⸗ ſellſchaft erhoͤhten ſich; man aß, trank und jubilirte, und bekannte wiederholt, niemals ſchoͤnere Augenblicke erlebt zu haben. 4 Nicht lange hatte das Vergnuͤgen zugenommen, als bey den jungen Leuten die Thaͤtigkeit erwachte. Wil⸗ helm und Laertes griffen zu den Rapieren, und fingen dießmal in theatraliſcher Abſicht ihre Uebungen an. Sie wollten den Zweykampf darſtellen, in welchem Hamlet und ſein Gegner ein ſo tragiſches Ende nehmen. Beyde Freunde waren uͤberzeugt, daß man in dieſer wichtigen Scene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geſchehen pflegt, nur ungeſchickt hin und wieder ſtoßen duͤrfe; ſie hofften ein Muſter darzuſtellen, wie man, bey der Auf⸗ fuͤhrung, auch dem Kenner der Fechtkunſt ein wuͤrdiges Schauſpiel zu geben habe. Man ſchloß einen Kreis um ſie her; Beyde fochten mit Eifer und Einſicht, das In⸗ tereſſe der Zuſchauer wuchs mit jedem Gange. Auf einmal aber ſiel im naͤchſten Buſche ein Schuß, und gleich darauf noch einer, und die Geſellſchaft fuhr erſchreckt auseinander. Bald erblickte man bewaffnete 363 Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde nicht weit von den bepackten Kutſchen ihr Futter einnahmen. Ein allgemeiner Schrey entfuhr dem weiblichen Ge⸗ ſchlechte, unſre Helden warfen die Rapiere weg, griffen nach den Piſtolen, eilten den Raͤubern entgegen, und forderten, unter lebhaften Drohungen, Rechenſchaft des Unternehmens. Als man ihnen lakoniſch mit ein paar Musketenſchuſ⸗ ſen antwortete, druckte Wilhelm ſeine Piſtole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen erſtiegen hatte, und die Sttricke des Gepaͤckes auseinander ſchnitt. Wohlgetrof⸗ fen ſtuͤrzte er ſogleich herunter; Laertes hatte auch nicht fehl geſchoſſen, und beyde Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre, als ein Theil der räuberiſchen Bande, mit Fluchen und Gebruͤll, auf ſie losbrach, einige Schuͤſſe auf ſie that, und ſich mit blinkenden Saͤbeln ihrer Kuͤhn⸗ heit entgegen ſetzte. Unſre jungen Helden hielten ſich ta⸗ pfer; ſie riefen ihren uͤbrigen Geſellen zu, und munterten ſie zu einer allgemeinen Vertheidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den Anblick des Lichtes, und das Be⸗ wuſſtſeyn deſſen, was vorging. Von einem Schuß, der ihn zwiſchen der Bruſt und dem linken Arm verwundete, von einem Hiebe, der ihm den Hut ſpaltete, und faſt bis auf die Hirnſchale durchdrang, betaͤubt, fiel er nieder, und muſſte das ungluͤckliche Ende des Ueberfalls nur erſt in der Folge aus der Erzaͤhlung vernehmen. . 364 1 Als er die Augen wieder aufſchlug, befand er ſich in der wunderbarſten Lage. Das Erſte, was ihm durch die Daͤmmerung, die noch vor ſeinen Augen lag, entgegen blickte, war das Geſicht Philinens, das ſich uͤber das ſeine heruͤber neigte. Er fuͤhlte ſich ſchwach, und da er, um ſich empor zu richten, eine Bewegung machte, fand deer ſich in Philinens Schoß, in den er auch wieder zu⸗ ruͤck ſank. Sie ſaß auf dem Raſen, hatte den Kopf des vor ihr ausgeſtreckten Juͤnglings leiſe an ſich ge⸗ druͤckt, und ihm in ihren Armen, ſo viel ſie konnte, ein ſanſtes Lager bereitet. Mignon kniete mit zerſtreuten blutigen Haaren an ſeinen Fuͤßen, und umfaſſte ſie mit vielen Thraͤnen. Als Wilhelm ſeine blutigen Kleider anſah, fragte er mit gebrochener Stimme, wo er ſich befinde, was ihm und den Andern begegnet ſey? Philine bat ihn, ruhig zu bleiben; die Uebrigen, ſagte ſie, ſeyen alle in Sicherheit, und Niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte ſie nichts erzaͤhlen, und bat ihn inſtaͤndig, er möchte ſich ruhig halten, weil ſeine Wunden nur ſchlecht und in der Eile verbunden ſeyen. Er reichte Mignon die Hand, und erkundigte ſich nach der Urſa⸗ che der blutigen Locken des Kindes, das er auch verwun⸗ det glaubte. Um ihn zu beruhigen, erzaͤhlte Philine: dieſes gut⸗ herzige Geſchoͤpf, da es ſeinen Freund verwundet geſe⸗ hen, habe ſich in der Geſchwindigkeit auf nichts beſonnen, 365 um das Blut zu ſtillen, es habe ſeine eigenen Haare die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu ſtopfen, habe aber bald von dem vergeblichen Unterneha men abſtehen muͤſſen. Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr Halstuch hergegeben.. Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Ruͤcken ge⸗ gen ihren Koffer ſaß, der noch ganz wohl verſchloſſen und unbeſchaͤdigt ausſah. Er fragte, ob die Andern auch ſo gluͤcklich geweſen, ihre Habſeligkeiten zu retten? Sie antwortete mit Achſelzucken und einem Blick auf die Wieſe, wo zerbrochene Kaſten, zerſchlagene Koffer, zer⸗ ſchnittne Mantelſaͤcke und eine Menge kleiner Geraͤth⸗ ſchaften zerſtreut hin und wieder lagen. Kein Menſch war auf dem Platze zu ſehen, und die wunderliche Gruppe fand ſich in dieſer Einſamkeit allein. Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wiſſen wollte: die uͤbrigen Maͤnner, die allenfalls noch Widerſtand haͤtten thun koͤnnen, waren gleich in Schrecken geſetzt und bald uͤberwaͤltigt; ein Theil floh, ein Theil ſah mit Entſetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die ſich noch wegen ihrer Pferde am hartnaͤckigſten gehalten hatten, wurden niedergeworfen und gebunden, und in Kurzem war Alles rein ausgepluͤndert und weggeſchleppt. Die beaͤng⸗ ſtigten Reiſenden fingen, ſobald die Sorge fuͤr ihr Leben voruͤber war, ihren Verluſt zu bejammern an, eilten, mit moͤglichſter Geſchwindigkeit, dem benachbarten Dorfe —-— ,f 8 366 zu, fuͤhrten den leicht verwundeten Laertes mit ſich, und brachten nur wenige Trümmer ihrer Beſitzthuͤmer davon. Der Harfner hatte ſein beſchaͤdigtes Inſtrument an einen Baum gelehnt, und war mit nach dem Orte geeilt, einen Wundarzt aufzuſuchen, und ſeinem fuͤr todt zuruͤckgelaſſe⸗ nen Wohlthaͤter nach Moͤglichkeit beyzuſpringen. Sechstes Capitel. Unſre drey verungluͤckten Abenteurer blieben indeß noch eine Zeitlang in ihrer ſeltſamen Lage, Niemand eilte ihnen zu Huͤlfe. Der Abend kam herbey, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichguͤltigkeit fing an in Unruhe uͤberzugehen, Mignon lief hin und wieder und die Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augen⸗ blick zu. Endlich, da ihnen ihr Wunſch gewaͤhrt ward, und Menſchen ſich ihnen naͤherten, uberfiel ſie ein neuer Schrecken. Sie hoͤrten ganz deutlich einen Trupp Pferde in dem Wege herauf kommen, den auch ſie zuruͤck gelegt hatten, und fuͤrchteten, daß abermals eine Geſellſchaft ungebetener Gaͤſte dieſen Wahlplatz beſuchen moͤchte, um Nachleſe zu halten. Wie angenehm wurden ſie dagegen berraſct, als ihnen aus den Buſchen, auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Geſichte kam, die von einem aͤlt⸗ lichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde; Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Huſaren folg⸗ ten nach. Philine, die zu dieſer Erſcheinung große Augen mach⸗ te, war eben im Begriff zu tufen und die ſchoͤne Ama⸗ 368 zone um Hulſe anzuflehen, als dieſe ſchon erſtaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, ſogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und ſtille hielt. Sie erkun⸗ digte ſich eifrig nach dem Verwundeten, deſſen Lage, in dem Schoße der leichtfertigen Samariterin, ihr hoͤchſt ſonderbar vorzukommen ſchien. Iſt es Ihr Mann? fragte ſie Philinen. Es iſt nur ein guter Freund, verſetzte dieſe mit einem Ton, der Wil⸗ helmen hoͤchſt zuwider war. Er hatte ſeine Augen auf die ſauften, hohen, ſtillen, theilnehmenden Geſichtszuͤge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres noch Liebenswuͤrdigeres geſehen zu haben. Ein weiter Manns⸗ uͤberrock verbarg ihm ihre Geſtalt; ſie hatte ihn, wie es ſchien, gegen die Einfluͤſſe der kuͤhlen Abendluft von ei⸗ nem ihrer Geſellſchafter geborgt. Die Ritter waren indeß auch naͤher gekommen; eini⸗ ge ſtiegen ab, die Dame that ein Gleiches, und fragte, mit menſchenfreundlicher Theilnehmung, nach allen Um⸗ ſtänden des Unfalls, der die Reiſenden betroffen hatte, beſonders aber nach den Wunden des hingeſtreckten Juͤng⸗ lings. Darauf wandte ſie ſich ſchnell um, und ging mit einem alten Herrn ſeitwaͤrts nach den Wagen, welche langſam den Berg herauf kamen, und auf dem Wahlplatz ſtille hielten. Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutſche geſtanden, und ſich mit den Ankommenden unterhalten hatte, ſtieg ein Mann von 1 3⁵9 unterſetzter Geſtalt heraus, den ſie zu unſerm verwun⸗ deten Helden fuͤhrte. An dem Kaͤſtchen, das er in der Hand hatte, und an der ledernen Taſche mit Inſtru⸗ menten erkannte man ihn bald fuͤr einen Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch ſeine Hand leicht, und ſeine Huͤlſe willkommen. Er unterſuchte genau, erklaͤrte, keine Wunde ſey gefaͤhrlich, er wolle ſie auf der Stelle verbinden, als⸗ dann koͤnne man den Kranken in das naͤchſte Dorf bringen. Die Beſorgniſſe der jungen Dame ſchienen ſich zu vermehren. Sehen Sie nur, ſagte ſie, nachdem ſie einigemal hin⸗ und hergegangen war, und den alten Herrn wieder herbey fuͤhrte, ſehen Sie, wie man ihn zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unſertwillen? Wilhelm hoͤrte dieſe Worte, und verſtand ſie nicht. Sie ging unruhig hin und wieder; es ſchien, als koͤnnte ſie ſich nicht von dem Anblick des Verwunde⸗ ten losreißen, und als fuͤrchtete ſie zugleich den Wohl⸗ ſtand zu verletzen, wenn ſie ſtehen bliebe, zu der Zeit, das man ihn, wiewohl mit Muͤhe, zu entkleiden anfing. Der Chirurgus ſchnitt eben den linken Ermel auf, als der alte Herr hinzutrat und ihr, mit einem ernſthaften Tone, die Nothwendigkeit, ihre Reiſe fortzuſetzen, vor⸗ ſtellte. Wilhelm hatte ſeine Augen auf ſie gerichtet, und war von ihren Blicken ſo eingenommen, daß er kaum fuͤhlte, was mit ihm vorging. Goethe's Werke. III. Bd. 24 370 Philine war indeſſen aufgeſtanden, um der gnaͤdi⸗ gen Dame die Hand zu kuſſen. Als ſie neben einander ſtanden, glaubte unſer Freund nie einen ſolchen Abſtand geſehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem ſo unguͤnſtigen Lichte erſchienen. Sie ſollte, wie es ihm vorkam, ſich jener edlen Natur nicht nahen, noch weni⸗ ger ſie berühren. 17 Die Dame fragte Philinen Verſchiedenes, aber leiſe. Endlich kehrte ſie ſich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabey ſtand, und ſagte: Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Koſten freygebig ſeyn? Sie zog ſo⸗ gleich den Ueberrock aus, und ihre Abſicht, ihn dem Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen. Wilhelm, den der heilſame Blick ihrer Augen bisher feſtgehalten hatte, war nun, als der Ueberrock fiel, von ihrer ſchoͤnen Geſtalt überraſcht. Sie trat naͤher herzu, und legte den Rock ſanft uber ihn hin. In dieſem Au⸗ genblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes ſtammeln wollte, wirkte der lebhaſte Eindruck ihrer Gegenwart ſo ſonderbar auf ſeine ſchon ange⸗ griffenen Sinne, daß es ihm auf einmal vorkam, als ſey ihr Haupt mit Strahlen umgeben, und über ihr ganzes Bild verbreite ſich nach und nach ein glaͤnzen⸗ des Licht. Der Chirurgus beruͤhrte ihn eben unſanf⸗ ter, indem er die Kugel, welche in der Wunde ſtak, 371. herauszuziehen Anſtalt machte. Die Heilige verſchwand vor den Angen des Hinſinkenden; er verlor alles Be⸗ wuſſtſeyn, und als er wieder zu ſich kam, waren Rei⸗ ter und Wagen, die Schoͤne ſammt ihren Begleitern, verſchwunden. 1 Siebentes Capitel. Nachdem unſer Freund verbunden und angekleidet war, eilte der Chirurgus weg, eben als der Harfenſpieler mit ei⸗ ner Anzahl Bauern heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen Aeſten und eingeflochtenem Reiſig eine Tra⸗ ge, luden den Verwundeten darauf, und brachten ihn un⸗ ter Anfuͤhrung eines reitenden Jaͤgers, den die Herrſchaft zuruͤckgelaſſen hatte, ſachte den Berg hinunter. Der Harfner, ſtill und in ſich gekehrt, trug ſein beſchaͤdigtes Inſtrument, einige Leute ſchleppten Philinens Koffer, ſie ſchlenderte mit einem Buͤndel nach, Mignon ſprang bald voraus, bald zur Seite durch Buſch und Wald, und blickte ſehnlich nach ihrem kranken Beſchuͤtzer hinüber. Dieſer lag, in ſeinen warmen Ueberrock gehuͤllt, ruhig auf der Bahre. Eine elektriſche Waͤrme ſchien aus der feinen Wolle in ſeinen Koͤrper uͤberzugehen; genug, er fuͤhlte ſich in die behaglichſte Empfindung verſetzt. Die ſchoͤne Beſitzerin des Kleides hatte maͤchtig auf ihn ge⸗ wirkt. Er ſah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelſte Geſtalt, von Strahlen umgeben, vor ſich ſte⸗ hen, und ſeine Seele eilte der Verſchwundenen durch Fel⸗ ſen und Waͤlder auf dem Fuße nach. Nur mit ſinkender Nacht kam der Zug im Dof vor dem Wirthshauſe an, in welchem ſich die uͤbrige Geſell⸗ ſchaft befand, und verzweiflungsvoll den unerſetzlichen Verluſt beklagte. Die einzige kleine Stube des Hauſes war von Menſchen vollgepropft; Einige lagen auf der Streue, Andere hatten die Baͤnke eingenommen, Einige ſich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina er⸗ wartete, in einer benachbarten Kammer, aͤngſtlich ihre Niederkunft. Der Schrecken hatte ſie beſchleunigt, und unter dem Beyſtande der Wirthin, einer jungen, uner⸗ fahrnen Frau, konnte man wenig Gutes erwarten. Als die neuen Ankoͤmmlinge herein gelaſſen zu wer⸗ den verlangten, entſtand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, daß man allein auf Wilhelms Rath, unter ſeiner beſondern Anfuͤhrung, dieſen gefaͤhrlichen Weg unternommen, und ſich dieſem Unfall ausgeſetzt habe. Man warf die Schuld des übeln Ausgangs auf ihn, widerſetzte ſich an der Thuͤr ſeinem Eintritt, und behauptete: er muͤſſe anderswo unterzukommen ſuchen. Philinen begegnete man noch ſchnoͤder; der Harfenſpie⸗ ler und Mignon muſſten auch das Ihrige leiden. Nicht lange hoͤrte der J Jäger, dem die Vorſorge fuͤr die Verlaſſnen von ſeiner ſchoͤnen Herrſchaft ernſtlich an⸗ befohlen war, dem Streite mit Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Geſellſchaft los, gebot ihnen zuſammenzuruͤcken, und den Ankommenden Platz zu ma⸗ chen. Man fing an ſich zu bequemen. Er bereitete Wil⸗ 374 helmen einen Platz auf einem Tiſche, den er in eine Ecke ſchob; Philine ließ ihren Koffer daneben ſtellen, und ſetzte ſich drauf. Jeder druckte ſich ſo gut er konnte, und der Jaͤger begab ſich weg, um zu ſehen, ob er nicht ein be⸗ quemes Quatier fuͤr das Ehepaar ausmachen koͤnne. Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing, und ein Vorwurf den andern draͤngte. Jederman erzaͤhlte und erhoͤhte ſeinen Verluſt, man ſchalt die Verwegenheit, durch die man ſo Vieles eingebuͤßt, man verhehlte ſogar die Schadenfreude nicht, die man über die Wunden unſers Freundes empfand, man ver⸗ hoͤhnte Philinen, und wollte ihr die Art und Weiſe, wie ſie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen machen. Aus allerley Anzüglichkeiten und Stichelreden haͤtte man ſchließen ſollen, ſie habe ſich waͤhrend der Pluͤnderung und Niederlage um die Gunſt des Anführers der Bande bemuͤht, und habe ihn, wer weiß durch welche Kuͤnſte und Gefäͤlligkeiten, vermocht, ihren Koffer frey zu geben. Man wollte ſie eine ganze Weile vermiſſt haben. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den großen Schlöſſern ihres Koffers, um ihre Neider recht von ſei⸗ ner Gegenwart zu uͤberzeugen, und die Verzweiflung des Haufens durch ihr eignes Gluͤck zu vermehren. Achtes Capitel. Wilhelm, ob er gleich durch den ſtarken Verluſt des Blutes ſchwach, und nach der Erſcheinung jenes huͤlfrei⸗ ren Engels mild und ſanft geworden war, konnte ſich doch zuletzt des Verdruſſes uͤber die harten und ungerech⸗ ten Reden nicht enthalten, welche bey ſeinem Stillſchwei⸗ gen von der unzufriednen Geſellſchaft immer erneuert wurden. Endlich fuͤhlte er ſich geſtaͤrkt genug, um ſich aufzurichten, und ihnen die Unart vorzuſtellen, mit der ſie ihren Freund und Fuͤhrer beunruhigten. Er hob ſein verbundenes Haupt in die Höhe, und fing, indem er ſich mit einiger Muͤhe ſtuͤtzte und gegen die Wand lehnte, folgendergeſtalt zu veden an: Ich vergebe dem Schmerze, den Jeder uber ſeinen Verluſt empfindet, daß ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen ſolltet, daß ihr mir wi⸗ derſteht und mich von euch ſtoßt, das Erſtemal, da ich Huͤlfe von euch erwarten koͤnnte. Fuͤr die Dienſte, die ich euch erzeigte, fuͤr die Gefaͤlligkeiten, die ich euch er⸗ wies, habe ich mich durch euren Dank, durch euer freund⸗ ſchaftliches Betragen bisher genugſam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemuth nicht, zuruͤckzu⸗ 376 gehen und zu üßerdenken, was ich für euch gethan habe. Dieſe Berechnung wuͤrde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich zu euch gefuͤhrt, Umſtaͤnde und eine heim⸗ liche Neigung haben mich bey euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren Vergnuͤgungen Theil; mei⸗ ne wenigen Kenntniſſe waren zu eurem Dienſte. Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre Weiſe den Unfall Schuld, der uns betroffen hat; ſo erinnert ihr euch nicht, daß der erſte Vorſchlag, dieſen Weg zu nehmen, von fremden Leuten kam, von euch Allen gepruͤft, und ſo gut von Jedem als von mir gebilligt worden iſt. 3 Waͤre unſre Reiſe gluͤcklich vollbracht, ſo wuͤrde ſich Jeder wegen des guten Einfalls loben, daß er dieſen Weg angerathen, daß er ihn vorgezogen; er wuͤrde ſich unſrer Ueberlegungen und ſeines ausgeuͤbten Stimmrechts mit Freuden erinnern; jetzo macht ihr mich allein verant⸗ wortlich, ihr zwingt mir eine Schuld auf, die ich willig uͤbernehmen wollte, wenn mich das reinſte Bewuſſtſeyn nicht frey ſpraͤche, ja wenn ich mich nicht auf euch ſelbſt berufen koͤnnte. Habt ihr gegen mich etwas zu ſagen, ſo bringt es ordentlich vor, und ich werde mich zu vertheidi⸗ gen wiſſen; habt ihr nichts Gegruͤndetes anzugeben, ſo ſchweigt, und guaͤlt mich nicht, jetzt da ich der Ruhe ſo aͤußerſt beduͤrftig bin. Statt aller Antwort fingen die Maͤdchen an abermals zu weinen und ihren Verluſt umſtaͤndlich zu erzaͤhlen; Melina war ganz außer Faſſung: denn er hatte freylich 377 am meiſten, und mehr als wir denken koͤnnen, einge⸗ buͤßt. Wie ein Raſender ſtolperte er in dem engen Raume hin und her, ſtieß den Kopf wider die Wand, fluchte und ſchalt auf das Unziemlichſte; und da nun gar zu gleicher Zeit die Wirthin aus der Kammer trat, mit der Nach⸗ richt, daß ſeine Frau mit einem todten Kinde niederge⸗ kommen, erlaubte er ſich die heftigſten Ausbruͤche, und einſtimmig mit ihm heulte, ſchrie, brummte und laͤrmte Alles durcheinander. Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Theilnehmung an ihrem Zuſtande und von Verdruß uber ihre niedrige Geſinnung bis in ſein Innerſtes bewegt war, fuͤhlte, ohn⸗ erachtet der Schwaͤche ſeines Koͤrpers, die ganze Kraft ſeiner Seele lebendig. Faſt, rief er aus, muß ich euch verachten, ſo beklagenswerth ihr auch ſeyn mögt. Kein Unglück berechtigt uns, einen Unſchuldigen mit Vor⸗ wuͤrfen zu beladen; habe ich Theil an dieſem falſchen Schritte, ſo büße ich auch mein Theil. Ich liege verwun⸗ det hier, und wenn die Geſellſchaft verloren hat, ſo ver⸗ liere ich das Meiſte. Was an Garderobe geraubt worden, was an Dekorationen zu Grunde gegangen, war mein: denn Sie, Herr Melina, haben mich noch nicht bezahlt, und ich ſpreche Sie von dieſer Forderung hiermit voͤllig frey. Sie haben gut ſchenken, rief Melina, was Niemand wiederſehen wird. Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, und es iſt Ihre Schuld, daß es Ihnen verloren geht. 328 Aber, o! wenn das Alles wäre!— Er fing aufs Neue zu ſtampfen, zu ſchimpfen und zu ſchreyen an. Jeverman erinnerte ſich der ſchoͤnen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der Schnallen, Uhren, Doſen, Huͤte, welche Melina von dem Kammerdiener ſo glüuͤcklich gehandelt hatte. Jedem fielen ſeine eigenen, obgleich viel geringern, Schaͤtze dabey wieder ins Gedaͤchtniß; man blickte mit Verdruß auf Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verſtehen, er habe wahrlich nicht uͤbel gethan, ſich mit dieſer Schoͤnen zu aſſociiren, und durch ihr Gluͤck auch ſeine Habſeligkeiten zu retten. Glaubt ihr denn, rief er endlich aus, daß ich etwas Eignes haben werde, ſo lange ihr darbt, und iſt es wohl das Erſtemal, daß ich in der Noth mit euch redlich theile? Man oͤffne den Koffer, und was mein iſt, will ich zum öͤffentlichen Beduͤrfniß niederlegen. Es iſt mein Koffer, ſagte Philine, und ich werde ihn nicht eher aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittige, die ich Ihnen aufgehoben, koͤnnen wenig betra⸗ gen, und wenn ſie an die redlichſten Juden verkauſt wer⸗ den. Denken Sie an ſich, was Ihre Heilung koſten, was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann. Sie werden mir, Philine, verſetzte Wilhelm, nichts vorenthalten, was mein iſt, und das Wenige wird uns aus der erſten Verlegenheit retten. Allein der Menſch be⸗ ſitzt noch Manches, womit er ſeinen Freunden beyſtehen kann, das eben nicht klingende Muͤnze zu ſeyn braucht. 379 Alles, was in mir iſt, ſoll dieſen Ungluͤcklichen gewidmet ſeyn, die gewiß, wenn ſie wieder zu ſich ſelbſt kommen, ihr gegenwaͤrtiges Betragen bereuen werden. Ja, fuhr er fort, ich fuͤhle, daß ihr beduͤrft, und was ich vermag, will ich euch leiſten; ſchenkt mir euer Vertrauen aufs Neue, beruhigt euch fuͤr dieſen Augenblick, nehmet an, was ich euch verſpreche! Wer will die Buſage i im Namen Aller von mir empfangen? Hier ſtreckte er ſeine Hand aus, und rief: ich ver⸗ ſpreche, daß ich nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlaſſen will, als bis ein Jeder ſeinen Verluſt dop⸗ pelt und dreyfach erſetzt ſieht, bis ihr den Zuſtand, in dem ihr euch, durch weſſen Schuld es wolle, befindet, voͤllig vergeſſen, und mit einem gluͤcklichern vertauſcht habt. Er hielt ſeine Hand noch immer ausgeſtreckt, und Niemand wollte ſie faſſen. Ich verſprech' es noch ein⸗ mal, rief er aus, indem er auf ſein Kiſſen zuruͤck ſank. Alle blieben ſtille; ſie waren beſchaͤmt, aber nicht getröſtet, und Philine, auf ihrem Koffer ſitzend, knackte Nuſſe auf, die ſie in ihrer Taſche geſunden hatte. 1 Neuntes Capitel. Der Jaͤger kam mit einigen Leuten zuruͤck, und machte Anſtalt, den Verwundeten wegzuſchaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das Ehepaar auf⸗ zunehmen; Philinens Koffer ward fortgetragen, und ſie folgte mit natuͤrlichem Anſtand. Mignon lief voraus, und da der Kranke im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites Ehebette, das ſchon lange Zeit als Gaſt⸗und Ehrenbette bereit ſtand, eingegeben. Hier bemerkte man erſt, daß die Wunde aufgegangen war und ſtark geblutet hatte. Man muſſte für einen neuen Verband ſorgen. Der Keanke verfiel in ein Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die Muͤdigkeit ſie uͤbermeiſterte, loͤſ'te ſie der Harfenſpieler ab; Mignon war, mit dem feſten Vorſatz zu wachen, in einer Ecke eingeſchlafen. Des Morgens, als Wilhelm ſich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von dem Jaͤger, daß die Herrſchaft, die ihnen geſtern zu Huͤlfe gekommen ſey, vor Kurzem ihre Guter verlaſſen habe, um den Kriegsbewegungen auszuweichen, und ſich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend aufzuhalten. Er nannte den aͤltlichen Herrn und „ ſeine Nichte, zeigte den Ort an, wohin ſie ſich zuerſt 381. begeben, erklaͤrte Wilhelmen, wie das Fraͤulein ihm ein⸗ gebunden, fuͤr die Verlaſſnen Sorge zu tragen. Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Dankſagungen, in welche ſich Wilhelm gegen den Jaͤger ergoß, machte eine umſtaͤndliche Beſchreibung der Wun⸗ den, verſicherte, daß ſie leicht heilen wuͤrden, wenn der Patient ſich ruhig hielte und ſich abwartete. Nachdem der Jäͤger weggeritten war, erzaͤhlte Philine, daß er ihr einen Beutel mit zwanzig Louisd'oren zuruͤck⸗ gelaſſen, daß er dem Geiſtlichen ein Douceur fuͤr die Wohnung gegeben, und die Kurkoſten fuͤr den Chirurgus bey ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus fuͤr Wil⸗ helms Frau, introduzire ſich ein fuͤr allemal bey ihm in dieſer Qualitaͤt, und werde nicht zugeben, daß er ſich nach einer andern Wartung umſehe. Philine, ſagte Wilhelm, ich bin Ihnen bey dem Un⸗ fall, der uns begegnet iſt, ſchon manchen Dank ſchuldig worden, und ich wuͤnſchte nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu ſehen. Ich bin unruhig, ſo lange Sie um mich ſind: denn ich weiß nichts, womit ich Ihnen die Muͤhe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, ſchließen Sie ſich an die uͤbrige Geſellſchaft an, ſuchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie meinen Dank und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur verlaſſen Sie mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie glauben. — 382 Sie lachte ihm ins Geſicht, als er geendigt hatte. Du biſt ein Thor, ſagte ſie, du wirſt nicht klug werden. Ich weiß beſſer, was dir gut iſt; ich werde bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle rüͤhren. Auf den Dank der Maͤnner habe ich niemals gerechnet, alſo auch auf deinen nicht; und wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an? Sie blieb, und hatte ſich bald bey dem Pfarrer und ſeiner Familie eingeſchmeichelt, indem ſie immer luſtig war, Jedem etwas zu ſchenken, Jedem nach dem Sinne zu reden wuſſte, und dabey immer that, was ſie wollte. Wilhelm befand ſich nicht uͤbel; der Chirurgus, ein un⸗ wiſſender, aber nicht ungeſchickter Menſch, ließ die Na⸗ tur walten, und ſo war der Patient bald auf dem Wege der Beſſerung. Sehnlich wuͤnſchte dieſer ſich wieder her⸗ geſtellt zu ſehen, um ſeine Plane, ſeine Wuͤnſche eifrig verfolgen zu koͤnnen. 3 Unauffhoͤrlich rief er ſich jene Begebenheit zuruͤck, wel⸗ che einen unausloͤſchlichen Eindruck auf ſein Gemüth ge⸗ macht hatte. Er ſah die ſchoͤne Amazone reitend aus den Buͤſchen hervorkommen, ſie naͤherte ſich ihm, ſtieg ab, ging hin und wieder, und bemuͤhte ſich um ſeinetwillen. Er ſah das umhuͤllende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Geſicht, ihre Geſtalt glaͤnzend verſchwinden. Alle ſeine Jugendtraͤume knupften ſich an dieſes Bild. Er glaubte nunmehr die edle heldenmuͤthige Chlorinde mit eignen Augen geſehen zu haben: ihm fiel der kranke Koͤ⸗ 383 nigsſohn wieder ein, an deſſen Lager die ſchoͤne theilneh⸗ mende Prinzeſſin mit ſtiller Beſcheidenheit hereintrat. Sollten nicht, ſagte er manchmal im Stillen zu ſich ſelbſt, uns in der Jugend wie im Schlafe, die Bilder zukuͤnftiger Schickſale umſchweben, und unſerm unbefan⸗ genen Auge ahnungsvoll ſichtbar werden? Sollten die Keime deſſen, was uns begegnen wird, nicht ſchon von der Hand des Schickſals ausgeſtreut, ſollte nicht ein Vor⸗ genuß der Fruͤchte, die wir einſt zu brechen hoffen, moöͤg⸗ lich ſeyn? Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Scene tauſend⸗ mal zu wiederholen. Tauſendmal rief er den Klang jener ſuͤßen Stimme zuruck, und wie beneidete er Philinen, die jene huͤlfreiche Hand gekuſſt hatte. Oſt kam ihm die Ge⸗ ſchichte wie ein Traum vor, und er würde ſie für ein Mäͤhrchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid zuruͤck geblieben waͤre, das ihm die Gewißheit der Erſcheinung verſicherte. Mit der groͤßten Sorgfalt fuͤr dieſes Gewand war das lebhafteſte Verlangen verbunden, ſich damit zu bekleiden. Sobald er aufſtand, warf er es über, und befuͤrchtete den ganzen Tag, es moͤchte durch einen Flecken, oder auf ſonſt eine Weiſe beſchaͤdigt werden. Zehntes Capitel. Laertes beſuchte ſeinen Freund. Er war bey jener leb⸗ haften Scene im Wirthshauſe nicht gegenwaͤrtig geweſen, denn er lag in einer obern Kammer. Ueber ſeinen Verluſt war er ſehr getröſtet, und half ſich mit ſeinem gewoͤhn⸗ lichen: was thuts? Er erzaͤhlte verſchiedne laͤcherliche Zuͤge von der Geſellſchaft; beſonders gab er Frau Me⸗ lina Schuld: ſie beweine den Verluſt ihrer Tochter nur deswegen, weil ſie nicht das altdeutſche Vergnuͤgen haben koͤnne, eine Mechtilde taufen zu laſſen. Was ihren Mann betreffe, ſo offenbare ſichs nun, daß er viel Geld bey ſich gehabt, und auch ſchon damals des Vorſchuſſes, den er Wilhelmen abgelockt, keinesweges bedurft habe. Melina wolle nunmehr mit dem naͤchſten Poſtwagen abgehen, und werde von Wilhelmen ein Empfehlungsſchreiben an ſei⸗ nen Freund den Director Serlo verlangen, bey deſſen Ge⸗ ſellſchaft er, weil die eigne Unternehmung geſcheitert, nun unterzukommen hoffe. Mignon war einige Tage ſehr ſtill geweſen, und als man in ſie drang, geſtand ſie endlich, daß ihr rechter Arm verrenkt ſey. Das haſt du deiner Verwegenheit zu danken, ſagte Philine, und zerzaͤhlte: wie das Kind im 385 Gefechte ſellen Hirſchfaͤnger gezogen, und als es ſeinen Freund in Gefahr geſehen, wacker auf die Freybeuter zugehauen habe. Endlich ſey es beym Arme ergriffen und auf die Seite geſchleudert worden. Man ſchalt auf ſie, daß ſie das Uebel nicht eher entdeckt habe, doch merke man wohl, daß ſie ſich vor dem Chirurgus geſcheut, der ſie bisher immer fuͤr einen Knaben gehalten hatte. Man ſuchte das Uebel zu heben, und ſie muſſte den Arm in der Binde tragen. Hieruͤber war ſie aufs Neue empfindlich, weil ſie den beſten Theil der Pflege und Wartung ihres Freundes Philinen uͤberlaſſen muſſte, und die angenehme Sunderin zeigte ſich nur um deſto thaͤtiger und aufmerk⸗ ſamer. Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er ſich mit ihr in einer ſonderbaren Naͤhe. Er war auf ſeinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz an die hin⸗ tere Seite gerutſcht. Philine lag queer uͤber den vordern Theil hingeſtreckt; ſie ſchien auf dem Bette ſitzend und leſend eingeſchlafen zu ſeyn. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen; ſie war zuruͤck und mit dem Kopf nah' an ſeine Bruſt geſunken, uber die ſich ihre blonden auf⸗ geloͤſ'ten Haare in Wellen ausbreiteten. Die nordnung des Schlafs erhoͤhte mehr als Kunſt und Vorſatz ihre Reize; eine kindiſche laͤchelnde Ruhe ſchwebte uͤbet ihrem Geſichte. Er ſah ſie eine Zeit lang an, und ſchien ſich ſelbſt uͤber das Vetgnugen zu tadeln, womit er ſie an ſah⸗ und wir wiſſen nicht, ob er ſeinen Zuſtand ſegnete, oder Soethe’s Werke III. Bd. 25 38⁰⁶ tadelte, der ihm Ruhe und Maͤßigung zur Pflicht machte. Er hatte ſie eine Zeit lang aufmerkſam betrachtet, als ſie ſich zu regen anfing. Er ſchloß die Augen ſachte zu, doch konnte er nicht unterlaſſen zu blinzen und nach ihr zu ſe⸗ hen, als ſie ſich wieder zurecht putzte und wegging, nach dem Fruͤhſtuͤck zu fragen. Nach und nach hatten ſich nun die ſaͤmmtlichen Schau⸗ ſpieler bey Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungs⸗ ſchreiben und Reiſegeld, mehr oder weniger unartig und ungeſtum, geſordert und immer mit Widerwillen Phili⸗ nens erhalten. Vergebens ſtellte ſie ihrem Freunde vor, daß der Jaͤger auch dieſen Leuten eine anſehnliche Summe zuruͤckgelaſſen, daß man ihn nur zum Beſten habe. Viel⸗ mehr kamen ſie daruͤber in einen lebhaften Zwiſt, und Wil⸗ helm behauptete nunmehr ein fuͤr allemal, daß ſie ſich gleichfalls an die uͤbrige Geſellſchaft anſchließen und ihr Gluͤck bey Serlo verſuchen ſollte. 1 Nur einige Augenblicke verließ ſie ihr Gleichmuth, dann erholte ſie ſich ſchnell wieder, und rief: wenn ich nur meinen Blonden wieder haͤtte, ſo wollt' ich mich um ench alle nichts kuͤmmern. Sie meinte Friedrichen, der ſich vom Wahlplatze verloren und nicht wieder gezeigt hatze. 4 Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette: daß Philine in der Nacht abgereiſ't ſey; im Nebenzimmer habe ſie Alles, was ihm gehoͤre, ſehr ordentlich zuſammen gelegt. Er empfand ihre. Abweſen⸗ heit; er hatte an ihr eine treue Waͤrterin, eine muntere Geſellſchafterin verloren, er war nicht mehr gewohnt, al⸗ lein zu ſeyn. Allein Mignon füllte die Luͤcke bald wie⸗ der aus. Seitdem jene leichtfertige Schoͤne in ihren freundli⸗ chen Bemuͤhungen den Verwundeten umgab, hatte ſich die Kleine nach und nach zuruͤckgezogen, und war ſtille fuͤr ſich geblieben; nun aber, da ſie wieder freyes Feld gewann, trat ſie mit Aufmerkſamkeit und Liebe hervor, war eifrig ihm zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten. Eilftes Capitel. Mit lebhaften Schritten nahete er ſich der Beſſerung; er hoffte nun in wenig Tagen ſeine Reiſe antreten zu koͤn⸗ nen. Er wollte nicht etwa planlos ein ſchlenderndes Le⸗ ben fortſetzen, ſondern zweckmaͤßige Schritte ſollten kuͤnf⸗ tig ſeine Bahn bezeichnen. Zuerſt wollte er die huͤlfreiche Herrſchaft aufſuchen, um ſeine Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann zu ſeinem Freunde dem Director ei⸗ len, um fur die verunglückte Geſellſchaft auf das Beſte zu ſorgen, und zugleich die Handelsfreunde, an die er mit Addreſſen verſehen war, beſuchen, und die ihm auf⸗ getragnen Geſchaͤfte verrichten. Er machte ſich Hoff⸗ nung, daß ihm das Gluͤck wie vorher auch kuͤnftig beyſte⸗ hen und ihm Gelegenheit verſchaffen werde, durch eine 4 gluͤckliche Spekulation den Verluſt zu erſetzen, und die Lucke ſeiner Kaſſe wieder auszufuͤllen. Das Verlangen, ſeine Retterin wieder zu ſehen, wuchs mit jedem Tage. Um ſeine Reiſeroute zu beſtimmen, ging er mit dem Geiſtlichen zu Rathe, der ſchöne geogra⸗ phiſche und ſtatiſtiſche Kenntniſſe hatte, und eine artige Buͤcher⸗ und Karten⸗Sammlung beſaß. Man ſuchte nach dem Orte, den die edie Familie waͤhrend des Kriegs 389 zu ihrem Sitz erwaͤhlt hatte, man ſuchte Nachrichten von ihr ſebſt auf; allein der Ort war in keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die genealogiſchen Hand⸗ buͤcher ſagten nichts von einer ſolchen Familie. Wilhelm wurde unruhig, und als er ſeine Bekuͤm⸗ merniß laut werden ließ, entdeckte ihm der Harfenſpieler: er habe Urſache zu glauben, daß der Jaͤger, es ſey aus welcher Urſache es wolle, den wahren Namen verſchwie⸗ gen habe. Wilhelm, der nun einmal ſich in der Naͤhe der Schoͤ⸗ nen glaubte, hoffte einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenſpieler abſchickte; aber auch dieſe Hoffnung ward getaͤuſcht. So ſehr der Alte ſich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen Tagen waren verſchiedene lebhafte Bewegungen und unvorgeſehene Durchmaͤrſche in dieſen Gegenden vorge⸗ fallen; Niemand hatte auf die reiſende Geſellſchaft beſon⸗ ders Acht gegeben, ſo daß der ausgeſendete Bote, um nicht fuͤr einen juͤdiſchen Spion angeſehen zu werden, wieder zuruͤck gehen und ohne Oelblatt vor ſeinem Herrn und Freund erſcheinen muſſte. Er legte ſtrenge Rechen⸗ ſchaft ab, wie er den Auftrag auszurichten geſucht, und war bemuͤht, allen Verdacht einer Nachlaͤſſigkeit von ſich zu entfernen. Er ſuchte auf alle Weiſe Wilhelms Betruͤbniß zu lindern, beſann ſich auf Alles, was er von dem Jaͤger erfahren hatte, und brachte mancherley Muth⸗ maßungen vor, wobey denn endlich ein Umſtand vor⸗ 390 kam, woraus Wilhelm einige raͤthſelhafte Worte der ſchoͤ⸗ nen Verſchwundnen deuten konnte. Die raͤuberiſche Bande nämlich hatte nicht der wan⸗ dernden Truppe, ſondern jener Herrſchaft aufgepaſſt, bey der ſie mit Recht vieles Geld und Koſtbarkeiten vermu⸗ thete, und von deren Zug ſie genaue Nachricht muſſte gehabt haben. Man wuſſte nicht, ob man die That ei⸗ nem Freycorps, ob man ſie Marodeurs oder Raͤubern zuſchreiben ſollte. Genug, zum Gluͤcke der vornehmen und reichen Caravane waren die Geringen und Armen zu⸗ erſt auf den Platz gekommen, und hatten das Schickſal erduldet, das jenen zubereitet war. Darauf bezogen ſich die Worte der jungen Dame, deren ſich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnuͤgt und gluͤck⸗ lich ſeyn konnte, daß ein vorſichtiger Genius ihn zum Opfer beſtimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, ſo war er dagegen nahe an der Verzweiflung, da ihm, ſie wieder zu finden, ſie wieder zu ſehen, we⸗ nigſtens fuͤr den Augenblick, alle Hoffnung verſchwun⸗ den war. Was dieſe ſonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die Aehnlichkeit, die er zwiſchen der Gräfin und der ſchoͤnen Unbekannten entdeckt zu haben glaubte. Sie gli⸗ chen ſich, wie ſich Schweſtern gleichen moͤgen, deren keine die juͤngere noch die aͤltere genannt werden darf, denn ſie ſcheinen Zwillinge zu ſeyn. 1 Die Erinnerung an die liebenswuͤrdige Graͤfin war 391 ihm unendlich ſuͤß. Er rief ſich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedaͤchtniß. Aber nun trat die Geſtalt der edlen Amazone gleich dazwiſchen, eine Erſcheinung ver⸗ wandelte ſich in die andere, ohne daß er im Stande gewe⸗ ſen waͤre, dieſe oder jene feſt zu halten. Wie wunderbar muſſte ihm daher die Aehnlichkeit ih⸗ rer Handſchriften ſeyn, denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Graͤfin in ſeiner Schreibtafel, und in dem Ueberrock hatte er ein Zettelchen gefunden, worin man ſich mit viel zaͤrtlicher Sorgfalt unch dem Befinden eines Oheims erkundigte. Wilhelm war uͤberzeugt, daß ſeine Retterin dieſes Billet geſchrieben; daß es auf der Reiſe in einem Wirths⸗ hauſe aus einem Zimmer in das andere geſchickt und von dem Oheim in die Taſche geſteckt worden ſey. Er hielt beyde Handſchriften gegen einander, und wenn die zierlich geſtellten Buchſtaben der Graͤfin ihm ſonſt ſo ſehr gefal⸗ len hatten; ſo fand er in den aͤhnlichen aber freyeren Zuͤ⸗ gen der Unbekannten eine unausſprechlich fließende Har⸗ monie. Das Blllet enthielt nichts, und ſchon die Zuͤge ſchienen ihn, ſo wie ehemals die Gegenwart der Schoͤnen, zu erheben. 4 Er verfiel in eine traͤumende Sehnſucht, und wie ein⸗ ſtimmend mit ſeinen Empfindungen war das Lied, das eben in dieſer Stunde Mignon und der Harfner als ein unregelmaͤßiges Duett mit dem herzlichſten Ausdiucfe ſangen: 39²2 Nur wer die Sehnſucht kennt, Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, 4 Seh' ich ans Firmament Nach jener Seite. Ach! der mich liebt und kennt, Iſt in der Weite. Es ſchwindet mir, es brennt Mein Eingeweide. Nur wer die Sehnſucht kennt, Weiß, was ich leide! —— Zwoͤlftes Capitel. Die ſanften Lockungen des lieben Schutzgeiſtes, anſtatt unſern Freund auf irgend einen Weg zu fuͤhren, naͤhrten und vermehrten die Unruhe, die er vorher empſunden hatte. Eine heimliche Gluth ſchlich in ſeinen Adern; be⸗ ſtimmte und unbeſtimmte Gegenſtaͤnde wechſelten in ſei⸗ ner Seele, und erregten ein endloſes Verlangen. Bald wuͤnſchte er ſich ein Roß, bald Fluͤgel, und indem es ihm unmöglich ſchien, bleiben zu koͤnnen, nl er ſich erſt um, wohin er denn eigentlich begehre. Der Jaden ſeines Schickſals hatte ſich ſo ſonderbar verworren; er wuͤnſchte die ſeltſamen Knoten aufgeloͤſ't oder zerſchnitten zu ſehen. Oft, wenn er ein Pferd tra⸗ ben oder einen Wagen rollen hörte, ſchaute er eilig zum Fenſter hinaus, in der Hoffnung, es wuͤrde Jemand ſeyn, der ihn aufſuchte und, waͤre es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht, Gewißheit und Freude brächte. Er er⸗ zaͤhlte ſich Geſchichten vor, wie ſein Freund Werner in dieſe Gegend kommen und ihn uberraſchen koͤnnte, daß Mariane vielleicht erſcheinen duͤrfte. Der Ton eines je⸗ den Poſthorns ſetzte ihn in Bewegung. Melina ſollte von ſeinem Schickſale Nachricht geben, vorzuͤglich aber 394 ſollte der Jaͤger wieder kommen und ihn zu jener ange⸗ betenen Schönheit einladen. Von allem dieſen geſchah leider nichts, und er muſſte zuletzt wieder mit ſich allein bleiben, und indem er das Vergangne wieder durchnahm, ward ihm ein Umſtand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete, immer widriger und unertraͤglicher. Es war ſeine verungluͤckte Heerfuͤh⸗ rerſchaft, an die er ohne Verdruß nicht denken konnte. Denn ob er gleich am Abend jenes boͤſen Tages ſich vor der Geſellſchaft ſo ziemlich herausgeredet hatte; ſo konnte er ſich doch ſelbſt ſeine Schuld nicht verleugnen. Er ſchrieb ſich vielmehr in hypochondriſchen Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu. Die Eigenliebe laͤſſt uns ſowol unſre Tugenden als unſre Fehler viel bedeutender, als ſie ſind, erſcheinen. Er hatte das Vertrauen auf ſie rege gemacht, den Wil⸗ len der Uebrigen gelenkt, und war, von Unerfahrenheit und Kuͤhnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff ſie eine Gefahr, der ſie nicht gewachſen waren. Laute und ſtille Vorwuͤrfe verfolgten ihn, und wenn er der irregefuͤhrten Geſellſchaft nach dem empfindlichen Verluſte zugeſagt hatte, ſie nicht zu verlaſſen, bis er ihnen das Verlorne mit Wucher erſetzt haͤtte; ſo hatte er ſich uͤber eine neue Verwegenheit zu ſchelten, womit er ein allgemein aus⸗ getheiltes Uebel auf ſeine Schultern zu nehmen ſich ver⸗ maß. Bald verwies er ſich, daß er durch Aufſpannung und Drang des Augenblicks ein ſolches Verſprechen ge⸗ —— 395 than hatte; bald fuͤhlte er wieder, daß jenes gutmuͤthige Hinreichen ſeiner Hand, die Niemand anzunehmen wuͤr⸗ digte, nur eine leichte Foͤrmlichkeit ſey gegen das Geluͤb⸗ de, das ſein Herz gethan hatte. Er ſann auf Mittel, ihnen wohlthaͤtig und nuͤtzlich zu ſeyn, und fand alle Urſache, ſeine Reiſe zu Serlo zu beſchleunigen. Er packte nunmehr ſeine Sachen zuſammen, und eilte, ohne ſeine voͤllige Geneſung abzuwarten, ohne auf den Rath des Paſtors und Wundarztes zu hoͤren, in der wunderbaren Geſellſchaft Mignons und des Alten, der Unthaͤtigkeit zu entfliehen, in der ihn ſein Schickſal abermals nur zu lange gehalten hatte. Dreyzehntes Capitel. Serlo empfing ihn mit offnen Armen, und rief ihm entgegen: Seh' ich Sie? Erkenn' ich Sie wieder? Sie haben ſich wenig oder nicht geaͤndert. Iſt Ihre Liebe zur edelſten Kunſt noch immer ſo ſtark und lebendig? So ſehr erfreu' ich mich uͤber Ihre Ankunft, daß ich ſelbſt das Mißtrauen nicht mehr fuͤhle, das Ihre letzten Briefe bey mir erregt haben. Wilhelm bat betroffen um eine naͤhere Erklaͤrung. Sie haben ſich, verſetzte Serlo, gegen mich nicht wie ein alter Freund betragen; Sie haben mich wie einen gro⸗ ßen Herrn behandelt, dem man mit gutem Gewiſſen un⸗ brauchbare Leute empfehlen darf. Unſer Schickſal haͤngt von der Meinung des Publikums ab, und ich fürchte, daß Ihr Herr Melina mit den Seinigen ſchwerlich hey u uns wohl aufgenommen werden duͤrfte. Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunſten ſprechen, aber Serlo fing an, eine ſo unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, daß unſer Freund ſehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat, das Geſpräch unterbrach, und ihm ſogleich als Schweſter Aurelia von ſeinem Freunde vorgeſtellt ward. Sie em⸗ 397 pfing ihn auf das Freundſchaftlichſte, und ihre Unter⸗ haltung war ſo angenehm, daß er nicht einmal einen entſchiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der ih⸗ rem geiſtreichen Geſicht noch ein beſonderes Intereſſe gab. S. Zum Erſtenmal ſeit langer Zeit fand ſich Wilhelm wieder in ſeinem Elemente. Bey ſeinen Geſpraͤchen hatte er ſonſt nur nothduͤrftig gefäͤllige Zuhoͤrer gefunden, da er gegenwaͤrtig mit Kuͤnſtlern und Kennern zu ſprechen das Gluͤck hatte, die ihn nicht allein vollkommen verſtan⸗ den, ſondern die auch ſein Geſpraͤch belehrend erwieder⸗ ten. Mit welcher Geſchwindigkeit ging man die neuſten Stuͤcke durch! Mit welcher Sicherheit beurtheilte man ſie! Wie wuſſte man das Urtheil des Publikums zu pruͤ⸗ fen und zu ſchäͤtzen! In welcher Geſchwindigkeit klaͤrte man einander auf! Nun muſſte ſich, bey Wilhelms Vorliebe fuͤr Sha⸗ keſpearen, das Geſpraͤch nothwendig auf dieſen Schrift⸗ ſteller lenken. Er zeigte die lebhafteſte Hoffnung auf die Epoche, welche dieſe vortrefflichen Stuͤ cke in Deutſchland machen muͤſſten, und bald brachte er ſeinen Hamlet vor, der ihn ſo ſehr beſchaͤftigt haͤtte. Serlo verſicherte, das er das Stuck längſt, wenn es nur moͤglich geweſen waͤre, gegeben haͤtte, daß er gern die Rolle des Polonius uͤbernehmen wolle. Dann ſetzte er mit Laͤcheln hinzu: und Ophelien finden ſich wohl auch, wenn wir nur erſt den Prinzen haben. 398 Wilhelm bemerkte nicht, daß Aurelien dieſer Scherz des Bruders zu mißfallen ſchien; er ward vielmehr nach ſeiner Art weitlaͤufig und lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet geſpielt haben wolle. Er legte ihnen die Reſultate umſtaͤndlich dar, mit welchen wir ihn oben be⸗ ſchaͤftigt geſehn, und gab ſich alle Muͤhe, ſeine Meinung annehmlich zu machen, ſo viel Zweiſel auch Serlo gegen ſeine Hypotheſe erregte. Nun gut, ſagte dieſer zuletzt, wir geben Ihnen Alles zu; was wollen Sie weiter dar⸗ aus erklaͤren? Vieles, Alles, verſetzte Wilhelm. Denken Sie ſich einen Prinzen, wie ich ihn geſchildert habe, deſſen Vater unvermuthet ſtirbt. Ehrgeiz und Herrſchſucht ſind nicht die Leidenſchaften, die ihn beleben; er hatte ſich's gefal⸗ len laſſen, Sohn eines Koͤnigs zu ſeyn; aber nun iſt er erſt genoͤthigt, auf den Abſtand aufmerkſamer zu werden, der den Koͤnig vom Unterthanen ſcheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich, und doch haͤtte ein laͤngeres Leben ſeines Vaters die Anſpruche ſeines einzigen Sohnes mehr befeſtigt, und die Hoffnung zur Krone geſichert. Dagegen ſieht er ſich nun durch ſeinen Oheim, ohnge⸗ achtet ſcheinbarer Verſprechungen, vielleicht auf immer ausgeſchloſſen; er fuͤhlte ſich nun ſo arm an Gnade, an Gutern, und fremd in dem, was er von Jugend auf als ſein Eigenthum betrachten konnte. Hiet nimmt ſein Gemuüth die erſte trautige Nichtung. Er fuͤhlt, daß er nicht mehr, ja nicht ſo viel iſt als jeder Edelmann; er 399. gibt ſich fuͤr einen Diener eines Jedem, er iſt nicht hof⸗ lich, nicht herablaſſend, nein, herabgeſunken und be⸗ durftig. 8 Nach ſeinem vorigen Zuſtande blickt er nur wie nach einem verſchwundnen Traume. Vergebens, daß ſein Oheim ihn aufmuntern, ihm ſeine Lage aus einem an⸗ dern Geſichtspunkte zeigen will; die Empfindung ſeines Nichts verlaͤſſt ihn nie. Der zweyte Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr. Es iſt die Heirath ſeiner Mutter. Ihm, einem treuen und zaͤrtlichen Sohne, blieb, da ſein Vater ſtarb, eine Mutter noch uͤbrig; er hoffte in Ge⸗ ſellſchaft ſeiner hinterlaſſenen edlen Mutter die Heldenge⸗ ſtalt jenes großen Abgeſchiednen zu verehren; aber auch ſeine Mutter verliert er, und es iſt ſchlimmer, als wenn ſie ihm der Tod geraubt haͤtte. Das zuverlaͤſſige Bild, das ſich ein wohlgerathenes Kind ſo gern von ſeinen El⸗ tern macht, verſchwindet; bey dem Todten iſt keine Huͤlfe und an der Lebendigen kein Halt. Sie iſt auch ein Weib, und unter dem allgemeinen Geſchlechtsnamen, Gebrech⸗ lichkeit, iſt auch ſie begriffen. Nun erſt fühlt er ſich recht gebeugt, nun erſt ver⸗ waiſ't, und kein Gluͤck der Welt kann ihm wieder er⸗ ſetzen, was er verloren hat. Nicht traurig, nicht nach⸗ denklich von Natur, wird ihm Traner und Nachdenken zur ſchweren Buͤrde. So ſehen wir ihn auftreten. Ich ———— 400 glaube nicht, daß ich etwas in das Stuͤck hineinlege, oder einen Zug uͤbertreibe. Serlo ſah ſeine Schweſter an, und ſagte: Habe ich Dit ein falſches Bild von unſerm Freunde gemacht? Er faͤngt gut an, und wird uns noch Manches vorerzaͤhlen und viel uͤberreden. Wilhelm ſchwur hoch und theuer, daß er nicht uͤberreden, ſondern uͤberzeugen wolle, und bat nur noch um einen Augenblick Geduld. Denken Sie ſich, rief er aus, dieſen Jüngling, die⸗ ſen Fuͤrſtenſohn recht lebhaft, vergegenwaͤrtigen Sie ſich ſeine Lage, und dann beobachten Sie ihn, wenn er er⸗ faͤhrt, die Geſtalt ſeines Vaters erſcheine; ſtehen Sie ihm bey in der ſchrecklichen Nacht, wenn der ehrwürdige:* Geiſt ſelbſt vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entſetzen ergreift ihn; er redet die Wundergeſtalt an; ſieht ſie win⸗ ken, folgt und hört.— Die ſchreckliche Anklage wider ſeinen Oheim ertoͤnt in ſeinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende wiederholte Bitte: erinnere Dich meiner!— Und da der Geiſt verſchwunden ifl, wen ſehen wir vor uns ſtehen? Einen jungen Helden, der nach Rache ſchnaubt? Einen gebornen Fürſten, der ſich glücklich fuͤhlt, gegen den Uſurpator ſeiner Krone aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Truͤbſinn uͤberſaͤllt den Einſamen; er wird bitter gegen die laͤchelnden Böſemich⸗ ur, ſchwoͤrt, den Abgeſchiedenen nicht zu vergeſſen, und ſchließt mit dem bedeutenden Seufzer: die Zeit iſt aus — 401 dem Gelenke; wehe mir, daß ich geboren ward, ſie wie⸗ der einzurichten. In dieſen Worten, dünkt mich, liegt der Schluͤſſel zu Hamlets ganzem Betragen, und mir iſt deutlich, daß Shakeſpear habe ſchildern wollen: eine große That auf eine Seele gelegt, die der That nicht gewachſen iſt. Und in dieſem Sinne find' ich das Stuck durchgaͤngig gear⸗ beitet. Hier wird ein Eichbaum in ein koͤſtliches Gefaͤß gepflanzt, das nur liebliche Blumen in ſeinen Schoß haͤtte aufnehmen ſollen; die Wurzeln dehnen aus, das Gefug wird zernichtet. Ein ſchoͤnes, reines, edles, bochſt moraliſches Weſen, ohne die ſinnliche Staͤrke, die den Helden macht, geht un⸗ ter einer Laſt zu Grunde, die es weder tragen noch abwer⸗ fen kann; jede Pflicht iſt ihm heilig, dieſe zu ſchwer. Das Unmoͤgliche wird von ihm gefordert, nicht das Un⸗ moͤgliche an ſich, ſondern das, was ihm unmöglich iſt Wie er ſich windet, dreht, aͤngſtigt, vor und zuruͤck tritt⸗ immer erinnert wird, ſich immer erinnert und zuletzt faſt ſeinen Zweck aus dem Sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden. 3 Goeihe“ z Werke. III. Bd. 26 1 Vierzehntes Capitel. Verſchiedene Perſonen traten herein, die das Geſpraͤch unterbrachen. Es waren Virtuoſen, die ſich bey Serlo gewoͤhnlich einmal die Woche zu einem kleinen Concerte verſammelten. Er liebte die Muſik ſehr, und behauptete, daß ein Schauſpieler ohne dieſe Liebe niemals zu einem deutlichen Begriff und Gefuͤhl ſeiner eigenen Kunſt ge⸗ langen koͤnne. So wie man viel leichter und anſtaͤndi⸗ ger agire, wenn die Geberden durch eine Melodie be⸗ gleitet und geleitet werden, ſo muͤſſe der Schauſpieler ſich auch ſeine proſaiſche Rolle gleichſam im Sinne komponi⸗ ren, daß er ſie nicht etwa eintoͤnig nach ſeiner individnel⸗ len Art und Weiſe hinſudele, ſondern ſie in gehoͤriger Ab⸗ wechſelung nach Takt und Maß behandle. 4 Aurelie ſchien an Allem, was vorging, wenig Antheil zu nehmen, vielmehr fuͤhrte ſie zuletzt unſern Freund in ein Seitenzimmer, und indem ſie ans Fenſter trat und den geſtirnten Himmel anſchaute, ſagte ſie zu ihm: Sie ſind uns Manches uͤber Hamlet ſchuldig geblieben; ich will zwar nicht voreilig ſeyn, und wuͤnſche, daß mein Bruder auch mit anhoͤren moͤge, was Sie uns noch zu —— 403 fagen haben, doch laſſen Sie mich ihre Gedanken uͤber Ophelien hoͤren. Von ihr laͤſſt ſich nicht viel ſagen, verſetzte Wilhelm, denn nur mit wenig Meiſterzuͤgen iſt ihr Charakter vol⸗ lendet. Ihr ganzes Weſen ſchwebt in reifer ſuͤßer Sinn⸗ lichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf deſſen Hand ſie Anſpruch machen darf, fließt ſo aus der Quel⸗ le, das gute Herz uͤberlaͤſſt ſich ſo ganz ſeinem Verlan⸗ gen, daß Vater und Bruder beyde fuͤrchten, beyde gera⸗ dezu und unbeſcheiden warnen. Der Wohlſtand, wie der leichte Flor auf ihrem Buſen, kann die Bewegung ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verraͤ⸗ ther dieſer leiſen Bewegung. Ihre Einbildungskraft iſt angeſteckt, ihre ſtille Beſcheidenheit athmet eine liebevolle Begierde, und ſollte die bequeme Goͤttin Gelegenheit das Baͤumchen ſchuͤtteln, ſo wuͤrde die Frucht ſogleich herab⸗ fallen. Und nun, ſagte Aurelie, wenn ſie ſich verlaſſen ſieht, verſtoßen und verſchmaͤht, wenn in der Seele ihres wahn⸗ ſinnigen Geliebten ſich das Hoͤchſte zum Tiefſten umwen⸗ det, und er ihr, ſtatt des ſuͤßen Bechers der Liebe, den bit⸗ tern Kelch der Leiden hinreicht— Ihr Herz bricht, rief Wilhelm aus, das ganze Geruͤſt ihres Daſeyns ruͤckt aus ſeinen Fugen, der Tod ihres Vaters ſtuͤrmt herein, und das ſchoͤne Gebaͤude ſtuͤrzt boͤl⸗ lig zuſammen. 40⁰4 Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten Worte ausſprach. Nur auf das Kunſt⸗ werk, deſſen Zuſammenhang und Vollkommenheit ge⸗ richtet, ahnete er nicht, daß ſeine Freundin eine ganz andere Wirkung empfand; nicht, daß ein eigner tiefer Schmerz durch dieſe dramatiſchen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward. Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterſtützt, und ihre Augen, die ſich mit Thraͤnen fuͤll⸗ ten, gen Himmel gewendet. Endlich hielt ſie nicht laͤnger ihren verborgnen Schmerz zuruͤck; ſie faſſte des Freundes beyde Haͤnde, und rief, indem er erſtaunt vor ihr ſtand: Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geaͤngſtigten Herzen! die Geſellſchaft ſchnurt und preſſt mich zuſammen; vor meinem unbarmherzigen Bruder muß ich mich zu verber⸗ gen ſuchen; nun hat Ihre Gegenwart alle Bande aufge⸗ loͤſ't. Mein Freund! fuhr ſie fort, ſeit einem Augen⸗ blicke ſind wir erſt bekannt, und ſchon werden Sie mein Vertrauter. Sie konnte die Worte kaum ausſprechen, und ſank an ſeine Schulter. Denken Sie nicht uͤbler von mir, ſagte ſie ſchluchzend, daß ich mich Ihnen ſo ſchnell eröffne, daß Sie mich ſo ſchwach ſehen. Seyn Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es. Er redete ihr auf das Herzlichſte zu; umſonſt! ihre Thraͤnen floſſen und erſtickten ihre Worte. In dieſem Augenblicke trat Serlo ſehr unwillkom⸗ men herein, und ſehr unerwartet Philine, die er bey 425 der Hand hielt. Hier iſt Ihr Freund, ſagte er zu ihr; er wird ſich freun, Sie zu begruͤßen. der Wie! rief Wilhelm erſtaunt, muß ich Sie hier ſehen? Mit einem beſcheidnen, geſetzten Weſen ging ſie auf ihn los, hieß ihn willkommen, ruͤhmte Serlo's Gute, der ſie ohne ihr Verdienſt, blos in Hoffnung, daß ſie ſich bilden werde, unter ſeine treffliche Truppe aufgenommen habe. Sie that dabey gegen Wilhelm terundlic doc aus einer ehrerbietigen Entfernung.. Dieſe Verſtellung waͤhrte aber nicht Tärpn als die Beyden zugegen waren. Denn als Aurelie ihren Schmerz zu verbergen wegging, und Serlo abgerufen ward, ſah Philine erſt recht genau nach den Thuͤren, ob Beyde auch gewiß fort ſeyen, dann huͤpfte ſie wie thoͤricht in der Stube herum, ſetzte ſich an die Erde, und wollte vor Kichern und Lachen erſticken. Dann ſprang ſie auf, ſchmeichelte unſerm Freunde, und ſreute ſich über alle Maßen, daß ſie ſo klug geweſen ſey, vorauszugehen, das Terrain zu re⸗ kognoſciren und ſich einzuniſten. 2detia Hier geht es bunt zu, ſagte ſie, gerade ſoum wie mir's recht iſt. Aurelie hat einen ungluͤcklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne gehabt, der ein praͤchtiger Menſch ſeyn muß, und den ich ſelbſt wohl einmal ſehen moͤchte. Er hat ihr ein Andenken hinterlaſſen, oder ich muͤſſte mich ſehr irren. Es laͤuft da ein Knabe herum, ohnge⸗ faͤhr von drey Jahren, ſchoͤn wie die Sonne; der Papa mag allerliebſt ſeyn.— Ich kann ſonſt die Kinder nicht lei⸗ 406 den, abet dieſer Junge freut mich. Ich habe ihr nachge⸗ rechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekannt⸗ ſchaft, das Alter des Kindes, Alles trifft zuſammen. Nun iſt der Freund ſeiner Wege gegangen; ſeit einem Jahre ſieht er ſie nicht mehr. Sie iſt daruͤber außer ſich und untroͤſtlich. Die Närrin!— Der Bruder hat unter der Truppe eine Taͤnzerin, mit der er ſchoͤn thut, ein Aktrischen, mit der er vertraut iſt, in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwartet, und nun ſteh' ich auch auf der Liſte. Der Narr!— Vom übrigen Volke ſollſt du morgen hoͤren. Und nun noch ein Woͤrtchen von Phi⸗ linen, die Du kennſt; die Erznärrin iſt in Dich verliebt. Sie ſchwur, daß es wahr ſey, und betheuerte, daß es ein rechter Spaß ſey. Sie bat Wilhelmen inſtaͤndig, er moͤchte ſich in Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erſt recht angehen. Sie läuft ihrem Ungetreuen, Du ihr, ich Dir und der Bruder mir nach. Wenn das nicht eine Luſt auf ein halbes Jahr gibt, ſo will ich an der er⸗ ſten Epiſode ſterben, die ſich zu dieſem vierfach verſchlun⸗ genen Romane hinzuwirft. Sie bat ihn, er moͤchte ihr den Handel nicht verderben, und ihr ſo viel Achtung bezeigen, als ſie durch ihr oͤffentliches Betragen verdienen wolle. —— 4 Funfzehntes Capitel. 88 Den naͤchſten Morgen gedachte Wilhelm Madam Me⸗ lina zu beſuchen; er fand ſie nicht zu Hauſe, fragte nach den uͤbrigen Gliedern der wandernden Geſellſchaft, und erfuhr: Philine habe ſie zum Fruͤhſtuͤck eingeladen. Aus Neugier eilte er hin, und traf ſie Alle ſehr aufgeraͤumt und getröſtet. Das kluge Geſchoͤpf hatte ſie verſammelt, ſie mit Chokolade bewirthet, und ihnen zu verſtehen ge⸗ geben, noch ſey nicht alle Ausſicht verſperrt; ſie hoffe durch ihren Einfluß den Director zu uͤberzeugen, wie vor⸗ theilhaft es ihm ſey, ſo geſchickte Leute in ſeine Geſell⸗ ſchaft aufzunehmen. Sie hoͤrten ihr aufmerkſam zu, ſchluͤrften eine Taſſe nach der andern hinunter, fanden das Maͤdchen gar nicht uͤbel, und nahmen ſich vor, das Beſte von ihr zu reden. 8 1lrsS Glauben Sie denn, ſagte Wilhelm, der mit Philienn allein geblieben war, daß Serlo ſich noch entſchließen werde, unſre Gefaͤhrten zu behalten? Mit nichten, ver⸗ ſetzte Philine, es iſt mir auch gar nichts daran gelegen; ich wollte, ſie wäͤren je eher je lieber fort! Den einzigen Laertes wuͤnſcht' ich zu behalten; die Uebrigen wollen wir ſchon nach und nach bey Seite bringen. dah 1iadnam K Hlerauf gab ſie ihrem Freunde zu verſtehen, daß ſie gewiß uͤberzeugt ſey, er werde nunmehr ſein Talent nicht laͤnger vergraben, ſondern unter Direktion eines Serlo auf's Theater gehen. Sie konnte die Ordnung, den Ge⸗ ſchmack, den Geiſt, der hier herrſche, nicht genug ruͤh⸗ men; ſie ſprach ſo ſchmeichelnd zu unſerm Freunde, ſo ſchmeichelhaft von ſeinen Talenten, daß ſein Herz und ſeine Einbildungskraft ſich eben ſo ſehr dieſem Vorſchlage näherten, als ſein Verſtand und ſeine Vernunft ſich da⸗ von entfernten. Er verbarg ſeine Neigung vor ſich ſelbſt und vor Philinen, und brachte einen unruhigen Tag zu, an dem et ſich nicht entſchließen konnte, zu ſeinen Han⸗ delskorreſpondenten zu gehen, und die Briefe, die dort fuͤr ihn liegen moͤchten, abzuholen. Denn, ob er ſich gleich die Unrühe der Seinigen dieſe Zeit uͤber vorſtellen konnte, ſo ſcheute er ſich doch, ihre Sorgen und Vorwuͤrfe um⸗ ſtändlich zu erfahren, um ſo mehr, da er ſich einen gro⸗ ßen und reinen Genuß dieſen Abend von der Auſfäͤhrung eines neuen Stuͤcks verſprach. Serlo hatte ſich geweigert⸗ ihn bey der Probe zuzu⸗ laſſen. Sie muͤſſen uns, ſagte er, erſt von der beſten Seite kennen lernen, eh wir zugeben, daß Sie uns in die Karte ſehen.* Mit der groͤßten Zufriedenheit wohnte aber auch un⸗ ſer Freund den Abend darauf der Vorſtellung bey. Es war das Erſtemal, daß er ein Theater in ſolcher Vollkom⸗ menheit ſah. Man traute ſämmtlichen Schauſpielern für⸗ 4⁰9 treffliche Gaben, gluͤckliche Anlagen und einen hohen und klaren Begriff von ihrer Kunſt zu, und doch waren ſie einander nicht gleich; aber ſie hielten und trugen ſich wechſelsweiſe, feuerten einander an, und waren in ihrem ganzen Spiele ſehr beſtimmt und genau. Man fuͤhlte bald, daß Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete ſich ſehr zu ſeinem Vortheil aus. Eine heitere Laune, eine gemaͤßigte Lebhaftigkeit, ein beſtimmtes Ge⸗ fuͤhl des Schicklichen bey einer großen Gabe der Nachah⸗ mung, muſſte man an ihm, wie er aufs Theater trat, wie er den Mund oͤffnete, bewundern. Die innere Be⸗ haglichkeit ſeines Daſeyns ſchien ſich uͤber alle Zuhöͤrer auszubreiten, und die geiſtreiche Art, mit der er die feinſten Schattirungen der Rollen leicht und geſaͤllig ausdruͤckte, erweckte um ſo viel mehr Freude, als er die Kunſt zu verbergen wuſſte, die er ſich durch eine anhaltende Uebung eigen gemacht hatte. hee Seine Schweſter Aurelie blieb nicht hinter ihm, und erhielt noch groͤßeren Beyfall, indem ſie die Gemuther der Menſchen ruͤhrte, die er zu erheitern und 38 er⸗ ſreuen ſo ſehr im Stande war. Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weiſe zugebracht wurden, verlangte Aurelie nach unſerm Freund. Er eilte zu ihr, und fand ſie auf dem Kanape liegen; ſie ſchien an Kopfweh zu leiden, und ihr ganzes Weſen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr Auge erheiterte ſich, als ſie den Hereintretenden anſah. 410 Vergeben Sie! rief ſie ihm entgegen: das Zutrauen, das Sie mir einfloͤßten, hat mich ſchwach gemacht. Bis⸗ her konnt' ich mich mit meinen Schmerzen im Stillen unterhalten, ja ſie gaben mir Staͤrke und Troſt; nun haben Sie, ich weiß nicht wie es zugegangen iſt, die Bande der Verſchwiegenheit geloͤſ't, und Sie werden nun ſelbſt wider Willen Theil an dem Kampfe nehmen den ich gegen mich ſelbſt ſtreie. Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er verſicherte, daß ihr Bild und ihre Schmerzen ihm beſtaͤndig vor der Seele geſchwebt, daß er ſie um ihr Vertrauen bitte, daß er ſich ihr zum Freund widme. Indem er ſo ſprach, wurden ſeine Augen von dem Knaben angezogen, der vor ihr auf der Erde ſaß, und allerley Spielwerk durcheinander warf. Er mochte, wie Philine ſchon angegeben, ohngefaͤhr drey Jahre alt ſeyn, und Wilhelm verſtand nun erſt, warum das leichtfertige, in ihren Ausdruͤcken ſelten erhabene, Maͤdchen den Kna⸗ ben der Sonne verglichen. Denn um die offnen Au⸗ gen und das volle Geſicht kräuſelten ſich die ſchoͤnſten goldnen Locken, an einer blendend weiſſen Stirne zeig⸗ ten ſich zarte dunkle ſanftgebogene Augenbraunen, und die lebhafte Farbe der Geſundheit glaͤnzte auf ſeinen Wangen. Setzen Sie ſich zu mir, ſagte Aurelie: Sie ſehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; ge⸗ wiß, ich habe es mit Freuden auf meine Arme genom⸗ * 411 men, ich bewahre es mit Sorgfalt; nut kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen erkennen, denn ſie laſſen mich den Werth einer ſolchen Gabe nur ſelten empfinden. Erlauben Sie mir, fuhr ſie fort, daß ich nun auch von mir und meinem Schickſale rede; denn es iſt mir ſehr daran gelegen, daß Sie mich nicht verkennen. Ich glaubte einige gelaſſene Augenblicke zu haben, darum ließ ich Sie rufen; Sie ſind nun da, und ich habe mei⸗ nen Faden verloren. Ein verlaſſnes Geſchoͤpf mehr in der Welt! wer⸗ den Sie ſagen. Sie ſind ein Mann, und denken: wie geberdet ſie ſich bey einem nothwendigen Uebel, das gewiſſer als der Tod uͤber einem Weibe ſchwebt, bey der Untreue eines Mannes, die Thoͤrin!— O mein Freund, waͤre mein Schickſal gemein, ich wollte gern gemeines Uebel ertragen; aber es iſt ſo außerordentlich; warum kann ichs Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht Jemand auftragen, es Ihnen zu erzaͤhlen? O waͤre, waͤre ich verführt, überraſcht und dann verlaſſen, dann wuͤrde in der Verzweiflung noch Troſt ſeyn; aber ich bin weit ſchlimmer daran, ich habe mich ſelbſt hintergangen, mich ſelbſt wider Wiſſen betrogen, das iſts, was ich mir niemals verzeihen kann. Bey edlen Geſinnungen, wie die Ihrigen ſind, verſetzte der Freund, koͤnnen Sie nicht ganz unglücklich ſeyn. 4¹² Und wiſſen Sie, wem ich meine Gefinnung ſchuldig bin? fragte Aurelie; der allerſchlechteſten Erziehung, durch die jemals ein Maͤdchen häͤtte verderbt werden ſol⸗ len, dem ſchlimmſten Beyſpiele, u um Sinne und Neigung zu verfuͤhren. Nach dem fruͤhzeitigen Tode meiner Mutter bracht' ich die ſchoͤnſten Jahre der Entwicklung bey einer Tante zu, die ſich zum Geſetz machte, die Geſetze der Ehrbar⸗ keit zu verachten. Blindlings uberließ ſie ſich einer jeden Neigung, ſie mochte uͤber den Gegenſtand gebieten oder ſein Sklav ſeyn, wenn ſie nur im wilden Geriiß ihret ſelbſt vergeſſen konnte., us Was muſſten wir Kinder mit dem teinen und deut⸗ lichen Blick der Unſchuld uns fuͤr Begriffe von dem männlichen Geſchlechte machen? Wie dumpf, dringend, dreiſt, ungeſchickt war Jeder, den ſie herbeyreizte; wie ſatt, übermuthig, leer und abgeſchmackt dagegen, ſo⸗ bald er ſeiner Wuͤnſche Befriedigung gefunden hatte; So hab' ich dieſe Frau Jahre lang unter dem Gebote der ſchlechteſten Menſchen erniedrigt geſehen; was fuͤr Begegnungen muſſte ſie erdulden, und mit welcher Stirne wuſſte ſie ſich in ihr Schickſal zu finden, ja mit welcher Art dieſe ſchäͤndlichen Feſſeln zu tragen! So lernte ich Ihr Geſchlecht kennen, mein Freund, und wie rein haſſte ich's, da ich zu bemerken ſchien, daß ſelbſt leidliche Maͤnner, im Verhaͤltniß gegen das unſrige, jedem guten Gefuͤhl zu entſagen ſchienen, zu . 4ʃ3 dem ſie die Natur ſonſt noch mochte faͤhig gemach haben. Leider muſſt' ich auch bey ſolchen Gelegenheiten viel traurige Erfahrungen uͤber mein eigen Geſchlecht machen, und wahrhaftig, als Maͤdchen von ſechszehn Jahren war ich kluͤger als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich ſelbſt kaum verſtehe. Warum ſind wir ſo klug, wenn wir jung ſind, ſo klug, um immer thoͤrichter zu werden! Der Knabe machte Lerm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein altes Weib kam herein, ihn weg⸗ zuholen. Haſt du noch immer Zahnweh? ſagte Aurelie zu der Alten, die das Geſicht verbunden hatte. Faſt unleidliches, verſetzte dieſe mit dumpfer Stimme, hob den Knaben auf, der gerne mitzugehen ſchien, und brachte ihn weg. 4. Kaum war das Kind bey Seite, als Aurelie bitter⸗ lich zu weinen anfing. Ich kann nichts als jammern und klagen, rief ſie aus, und ich ſchaͤme mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine Beſonnen⸗ heit iſt ſchon weg, und ich kann nicht mehr erzäͤhlen. Sie ſtockte und ſchwieg. Ihr Freund, der nichts All⸗ gemeines ſagen wollte, und nichts Beſonderes zu ſa⸗ gen wuſſte, druͤckte ihre Hand, und ſah ſie eine Zeit lang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf, das er vor ſich auf dem Tiſchchen liegen fand; es waren Shakeſpears Werke, und Hamlet auf⸗ geſchlagen. m 414 Serlo, der eben zur Thuͤr herein kam, nach dem Befinden ſeiner Schweſter fragte, ſchaute in das Buch, das unſer Freund in der Hand hielt, und rief aus: find' ich Sie wieder uͤber Ihrem Hamlet? Eben recht!„ Es ſind mir gar manche Zweifel aufgeſtoßen, die das kanoniſche Anſehn, das Sie dem Stuͤcke ſo gerne ge⸗ ben moͤchten, ſehr zu vermindern ſcheinen. Haben doch die Engländer ſelbſt bekannt, daß das Hauptintereſſe ſich mit dem dritten Akt ſchloͤſſe, daß die zwey letzten Akte nur kümmerlich das Ganze zuſammen hielten, und es iſt doch wahr, das Stuͤck will gegen das Ende weder gehen noch ruͤcken. Es iſt ſehr moͤglich, ſagte Wilhelm, daß einige Glieder einer Nation, die ſo viel Meiſterſtücke aufzu⸗ weiſen hat, durch Vorurtheile und Beſchraͤnktheit auf falſche Urtheile geleitet werden; aber das kann uns nicht hindern, mit eignen Augen zu ſehen, und gerecht zu ſeyn. Ich bin weit entfernt, den Plan dieſes Stuͤcks zu tadeln, ich glaube vielmeht, daß kein groͤßerer erſon⸗ nen worden ſey; ja, er iſt nicht erſonnen, es iſt ſo. Wie wollen Sie das auslegen? fragte Serlo. Ich will nichts auslegen, verſetzte Wilhelm, ich will Ihnen nur vorſtellen, was ich mit denke. Aurelie hob ſich von ihrem Kiſſen auf, ſtützte ſich auf ihre Hand, und ſah unſern Freund an, der mit der groͤßten Verſicherung, daß er Recht habe, alſo zu reden fortfuhr: Es gefällt uns ſo wohl, es ſchmeichelt 415 ſo ſehr, wenn wir einen Helden ſehen, der durch ſich ſelbſt handelt, der liebt und haſſt, wenn es ihm ſein Herz gebietet, der unternimmt und ausfuhrt, alle Hin⸗ derniſſe abwendet und zu einem großen Zwecke gelangt. Geſchichtſchreiber und Dichter moͤchten uns gerne uͤber⸗ reden, daß ein ſo ſtolzes Loos dem Menſchen fallen koͤnne. Hier werden wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück iſt planvoll. Hier wird nicht etwa nach einer ſtarr und eigenſinnig durchgefuͤhr⸗ ten Idee von Rache ein Boͤſewicht beſtraft, nein, es ge⸗ ſchieht eine ungeheure That, ſie waͤlzt ſich in ihren Fol⸗ gen fort, reißt Unſchuldige mit; der Verbrecher ſcheint dem Abgrunde, der ihm beſtimmt iſt, ausweichen zu wollen, und ſtuͤrzt hinein, eben da, wo er ſeinen Weg gluͤcklich auszulaufen gedenkt. Denn das iſt die Eigenſchaft der Greuelthat, daß ſie auch Boͤſes uͤber den Unſchuldigen, wie der guten Hand⸗ lung, daß ſie viele Vortheile auch uͤber den Unverdien⸗ ten ausbreitet, ohne daß der Urheber von beyden oft we⸗ der beſtraft noch belohnt wird. Hier in unſerm Stücke wie wunderbar! Das Fegefeuer ſendet ſeinen Geiſt und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umſtaͤnde kommen zuſammen, und treiben die Rache, vergebens! Weder Irdiſchen noch Unterirdiſchen kann gelingen, was dem Schickſal allein vorbehalten iſt. Die Gerichtsſtunde kommt. Der Boͤſe faͤllt mit dem Guten. Ein Geſchlecht wird weggemaͤht, und das andere ſproſſt auf. — Nach einer Pauſe, in der ſie einander anſahen, nahm Serlo das Wort: Sie machen der Vorſehung kein ſonderlich Kompliment, indem ſie den Dichter erheben, und dann ſcheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres Dichters, wie Andere zu Ehren der Vorſehung, ihm Endzweck und Plan unterzuſchieben, an die er nicht gedacht hat.“.— f ½ Sechzehntes Capitel. Laſſen Sie mich, ſagte Aurelie, nun auch eine Frage thun. Ich habe Opheliens Rolle wieder angeſehen, ich bin zufrieden damit, und getraue mir, ſie unter gewiſſen Umſtäͤnden zu ſpielen. Aber ſagen Sie mir, haͤtte der Dichter ſeiner Wahnſinnigen nicht andere Liedchen unter⸗ legen ſollen? Koͤnnte mann nicht Fragmente aus me⸗ lancholiſchen Balladen waͤhlen? Was ſollen Zweydeutig⸗ keiten und luͤſterne Albernheiten in dem Munde dieſes edlen Maͤdchens? Beſte Freundin, verſetzte Wilhelm, ich kann auch hier nicht ein Jota nachgeben. Auch in dieſen Sonder⸗ barkeiten, auch in dieſer anſcheinenden Unſchicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wiſſen wir doch gleich zu An⸗ fange des Stuͤcks, womit das Gemuͤth des guten Kin⸗ des beſchaͤftigt iſt. Stillle lebte ſie vor ſich hin, aber kaum verbarg ſie ihre Sehnſucht, ihre Wunſche. Heim⸗ lich klangen die Toͤne der Luͤſternheit in ihrer Seele, und wie oft mag ſie verſucht haben, gleich einer unvorſichti⸗ gen Waͤrterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu ſingen mit Liedchen, die ſie nur mehr wach halten muſſten. Zu⸗ letzt, da ihr jede Gewalt uͤber ſich ſelbſt entriſſen iſt, Goethe's Werke. III. Bd. 8— 27 418 da ihr Herz auf der Zunge ſchwebt, wird dieſe Zunge ihre Verraͤtherin, und in der Unſchuld des Wahnſinns ergetzt ſie ſich, vor Koͤnig und Koͤnigin, an dem Nach⸗ klange ihrer geliebten, loſen Lieder: vom Maͤdchen, das gewonnen ward; vom Maͤdchen, das zum Knaben ſchleicht, und ſo weiter.— Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Scene vor ſeinen Augen entſtand, die er ſich auf keine Weiſe erklaͤren konnte. Serlo war einigemal in der Stube auf und abge⸗ gangen, ohne daß er irgend eine Abſicht merken ließ. Auf einmal trat er an Aureliens Putztiſch, griff ſchnell nach etwas, das darauf lag, und eilte mit ſeiner Beute der Thuͤr zu. Aurelie bemerkte kaum ſeine Handlung, als ſie auffuhr, ſich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher Leidenſchaft angriff, und geſchickt genug war, ein Ende des geraubten Gegenſtandes zu faſſen. Sie rangen und balgten ſich ſehr hartnaͤckig, drehten und wanden ſich lebhaft mit einander herum; er lachte, ſie ereiferte ſich, und als Wilhelm hinzu eilte, ſie auseinander zu bringen und zu beſaͤnftigen, ſah er auf einmal Aurelien mit einem bloßen Dolch in der Hand auf die Seite ſpringen, indem Serlo die Scheide, die ihm zurückgeblieben war, verdrießlich auf den Bo⸗ den warf. Wilhelm trat erſtaunt zuruͤck und ſeine ſtumme Verwunderung ſchien nach der Urſache zu fra⸗ gen, warum ein ſo ſonderbarer Streit uͤber einen ——— 419 ſo wunderbaren Hausrath habe unter ihnen entſtehen koͤnnen. Sie ſollen, ſprach Serlo, Schiedsrichter zwiſchen uns Beyden ſeyn. Was hat ſie mit dem ſcharfen Stahle zu thun? Laſſen Sie ſich ihn zeigen. Dieſer Dolch ziemt keiner Schauſpielerin; ſpitz und ſcharf wie Nadel und Meſſer! Zu was die Poſſe? Heftig wie ſie iſt, thut ſie ſich noch einmal von ohngefaͤhr ein Leides. Ich habe einen innerlichen Haß gegen ſolche Sonderbarkeiten: ein ernſtlicher Gedanke dieſer Art iſt toll, und ein ſo ge⸗ ſaͤhrliches Spielwerk iſt abgeſchmackt. Ich habe ihn wieder! rief Aurelie, indem ſie die blanke Klinge in die Hoͤhe hielt: ich will meinen treuen Freund nun beſſer verwahren. Verzeih mir, rief ſie aus, indem ſie den Stahl kuͤſſte, daß ich dich ſo ver⸗ nachlaͤſſigt habe! Serlo ſchien im Ernſte boͤſe zu werden.— Nimm es wie du willſt, Bruder, fuhr ſie fort; kannſt du denn wiſſen, ob mir nicht etwa unter dieſer Form ein koͤſtlicher Talisman beſchert iſt; ob ich nicht Huͤlfe und Rath zur ſchlimmſten Zeit bey ihm finde; muß denn Alles ſchädlich ſeyn, was gefaͤhrlich ausſieht? Dergleichen Reden, in denen kein Sinn iſt, koͤnnen mich toll machen! ſagte Serlo, und verließ mit heim⸗ lichem Grimme das Zimmer. Anurelie verwahrte den Dolch ſorgfaͤltig in der Scheide, und ſteckte ihn zu ſich⸗ Laſſen Sie uns das Geſpraͤch fortſetzen, das der un⸗ 42²0,G gluͤckliche Bruder geſtoͤrt hat, fiel ſie ein, als Wilhelm einige Fragen uber den ſonderbaren Streit vorbrachte. Ich muß Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten laſſen, fuhr ſie fort: ich will die Abſicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich ſie mehr bedauern, als mit ihr empfinden. Nun aber erlauben Sie mir eine Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben haben. Mit Bewunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen Blick, mit dem Sie Dichtung und beſonders dramatiſche Dichtung be⸗ urtheilen; die tiefſten Abgruͤnde der Erfindung ſind Ih⸗ nen nicht verborgen, und die feinſten Zuͤge der Aus⸗ fuͤhrung ſind Ihnen bemerkbar. Ohne die Gegenſtände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen Sie die Wahrheit im Bilde; es ſcheint eine Vorempfindung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die har⸗ moniſche Beruͤhrung der Dichtkunſt erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig, fuhr ſie fort, von außen kommt nichts in Sie hinein; ich habe nicht leicht Je⸗ manden geſehen, der die Menſchen, mit denen er lebt, ſo wenig kennt, ſo von Grund aus verkennt, wie Sie. Erlauben Gie mir, es zu ſagen: wenn man Sie Ihren Shakeſpear erklaͤren hoͤrt, glaubt man, Sie kaͤmen eben aus dem Rathe der Goͤtter, und haͤtten zugehoͤrt, wie man ſich daſelbſt beredet, Menſchen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, ſeh' ich in Ihnen gleich das erſte, groß geborne Kind der Schoͤpfung, —— ———— 421 das mit ſonderlicher Verwunderung und erbaulicher Gut⸗ muͤthigkeit Loͤwen und Affen, Schafe und Elephanten anſtaunt, und ſie treuherzig als ſeines Gleichen anſpricht, weil ſie eben auch da ſind und ſich bewegen. Die Ahnung meines ſchuͤlerhaften Weſens, werthe Freundin, verſetzte er, iſt mir öfters laͤſtig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir uber die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Ju⸗ gend auf die Augen meines Geiſtes mehr nach Innen als nach Außen gerichtet, und da iſt es ſehr natuͤrlich, daß ich den Menſchen bis auf einen gewiſſen Grad habe kennen lernen, ohne die Menſchen im mindeſten zu ver⸗ ſtehen und zu begreifen.. Gewiß, ſagte Aurelie, ich hatte Sie Anfangs in Verdacht, als wollten Sie uns zum Beſten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeſchickt haben, ſo manches Gute ſagten, wenn ich Ihre Briefe mit den Verdienſten dieſer Menſchen zuſammen hielt. Die Bemerkung Aureliens, ſo wahr ſie ſeyn mochte, und ſo gern ihr Freund dieſen Mangel bey ſich geſtand, fuͤhrte doch etwas Druͤckendes, ja ſogar Beleidigendes mit ſich, daß er ſtill ward, und ſich zuſammen nahm, theils um keine Empfindlichkeit merken zu laſſen, theils in ſeinem Buſen nach der Wahrheit dieſes Vorwurfs zu forſchen. Sie dürfen nicht daruͤber betreten ſeyn, fuhr Aurelie fort: zum Lichte des Verſtandes koͤnnen wir immer ge⸗ 42² langen; aber die Fuͤlle des Herzens kann uns Niemand geben. Sind Sie zum Kuͤnſtler beſtimmt; ſo koͤnnen Sie dieſe Dunkelheit und Unſchuld nicht lange genug bewahren; ſie iſt die ſchoͤne Huͤlle uüber der jungen Knoſpe; Unglucks genug, wenn wir zu fruͤh herausgetrieben wer⸗ den. Gewfß es iſt gut, wenn wir die nicht immer ken⸗ nen, fuͤr die wir arbeiten. O! ich war auch einmal in dieſem gluͤcklichen Zu⸗ ſtande, als ich mit dem hoͤchſten Begriff von mir ſelbſt und meiner Nation die Buͤhne betrat. Was waren die Deutſchen nicht in meiner Einbildung, was konnten ſie nicht ſeyn! Zu dieſer Nation ſprach ich, uͤber die mich ein kleines Geruͤſt erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz und Dampf mich hinderte, die Gegenſtaͤnde vor mir genau zu unterſcheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beyfalls, der aus der Menge herauf toͤnte; wie dankbar nahm ich das Ge⸗ ſchenk an, das mir einſtimmig von ſo vielen Haͤnden dargebracht wurde! Lange wiegte ich mich ſo hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zuruck; ich war mit meinem Publikum in dem beſten Verneh⸗ men; ich glaubte eine vollkommene Harmonie zu fuͤhlen, und jederzeit die Edelſten und Beſten der Nation vor mir zu ſehen. Ungluͤcklicherweiſe war es nicht die Schauſpielerin allein, deren Naturell und Kunſt die Theaterfreunde intereſſirte, ſie machten auch Anſpruche an das junge 7 7 ————— 423 lebhafte Maͤdchen. Sie gaben mir micht undeutlich zu verſtehen, daß meine Pflicht ſey, die Empfindungen, die ich in ihnen rege gemacht, auch perſoͤnlich mit ihnen zu theilen. Leider war das nicht meine Sache; ich wuͤnſchte ihre Gemuͤther zu erheben, aber an das, was ſie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindeſten An⸗ ſpruch; und nun wurden mir alle Staͤnde, Alter und Charaktere, einer um den andern, zur Laſt, und nichts war mir verdrießlicher, als daß ich mich nicht, wie ein anderes ehrliches Maͤdchen, in mein Zimmer verſchließen, und ſo mir manche Muͤhe erſparen konnte. Die Maͤnner zeigten ſich meiſt, wie ich ſie bey mei⸗ ner Tante zu ſehen gewohnt war, und ſie wuͤrden mir auch dießmal nur wieder Abſcheu erregt haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhal⸗ ten haͤtten. Da ich nicht vermeiden konnte, ſie bald auf dem Theater, bald an oͤffentlichen Orten, bald zu Hauſe zu ſehen, nahm ich mir vor, ſie alle auszu⸗ lauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. Und wenn Sie denken, daß vom beweglichen Ladendiener und dem eingebildeten Kaufmannsſohn, bis zum gewandten abwiegenden Weltmann, dem kuͤhnen Soldaten und dem raſchen Prinzen, alle nach und nach, bey mir vorbey gegangen ſind, und jeder nach ſeiner Art ſeinen Roman anzuknuͤpfen gedachte; ſo werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit meiner Nation ziemlich be⸗ kannt zu ſeyn. 423 Den phantaſtiſch aufgeſtutzten Studenten, den de⸗ muͤthig⸗ ſtolz verlegenen Gelehrten, den ſchwankfuͤßigen genuͤgſamen Domherrn, den ſteifen aufmerkſamen Ge⸗ ſchaͤftsmann, den derben Landbaron, den freundlich glatt⸗ platten Hofmann, den jungen aus der Bahn ſchreitenden Geiſtlichen, den gelaſſenen, ſo wie den ſchnellen und thaͤtig ſpekulirenden Kaufmann, alle habe ich in Bewe⸗ gung geſehen, und beym Himmel! wenige fanden ſich darunter, die mir nur ein gemeines Intereſſe einzufloͤßen im Stande geweſen waͤren; vielmehr war es mir außerſt verdrießlich, den Beyfall der Thoren im Einzelnen, mit Beſchwerlichkeit und langer Weile, einzukaſſiren, der mir im Ganzen ſo wohl behagt hatte, den ich mir im Großen ſo gerne zueignete. Wenn ich uber mein Spiel ein Berrünftiges Kom⸗ pliment erwartete, wenn ich hoffte, ſie ſollen einen Au⸗ tor loben, den ich hochſchaͤtzte; ſo machten ſie eine al⸗ berne Anmerkung über die andere, und nannten ein ab⸗ geſchmacktes Stuͤck, in welchem ſie wünſchten mich ſpielen zu ſehen. Wenn ich in der Geſellſchaft herum horchte, ob nicht etwa ein edler, geiſtreicher, witziger Zug nachklaͤnge, und zur rechten Zeit wieder zum Vorſchein kaͤme, konnte ich ſelten eine Spur vernehmen. Ein Fehler, der vorgekommen war, wenn ein Schauſpieler ſich verſprach oder irgend einen Provinzialism hoͤren ließ, das waren die wichtigen Punkte, an denen ſie ſich feſt hielten, von denen ſie nicht los kommen konnten. * 423 Ich wuſſte zuletzt nicht, wohin ich mich wenden ſollte; ſie duͤnkten ſich zu klug, ſich unterhalten zu laſſen, und ſie glaubten mich wunderſam zu unterhalten, wenn ſie an mir herum taͤtſchelten. Ich fieng an, ſie Alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn die ganze Nation ſich recht vorſaͤtzlich bey mir durch ihre Abgeſandten habe proſtituiren wollen. Sie kam mir im Ganzen ſo linkiſch vor, ſo ubel erzogen, ſo ſchlecht un⸗ terrichtet, ſo leer von gefaͤlligem Weſen, ſo geſchmack⸗ los. Oft rief ich auch: es kann doch kein Dentſcher ei⸗ nen Schuh zuſchnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat! Sie ſehen, wie verblendet, wie hypochondriſch unge⸗ recht ich war, und je laͤnger es waͤhrte, deſto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich haͤtte mich umbringen koͤn⸗ nen; allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich verhei⸗ rathete mich, oder vielmehr ich ließ mich verheirathen. Mein Bruder, der das Theater uͤbernommen hatte, wuͤnſchte ſehr einen Gehuͤlfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir nicht zuwider war, dem Alles mangelte, was mein Bruder beſaß, Genie, Leben, Geiſt und raſches Weſen; an dem ſich aber auch Alles fand, was jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiß, eine koͤſtliche Gabe hauszuhilten⸗ und mit Gelde umzugehen. 4 Er iſt mein Mann geworden, ohne daß ich weiß wie; wir haben zuſammen gelebt, ohne daß ich recht 4 weiß, warum. Genug, unſere Sachen gingen gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Thaͤtigkeit meines Bru⸗ ders Urſache; wir kamen gut aus, und das war das Ver⸗ dienſt meines Mannes. Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich nichts zu theilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn ich auſtrat, that ich's um zu leben; ich oͤffnete den Mund gekommen war, um zu reden. Doch, daß ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in die Abſicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beyfall und Geld zu thun: denn, unter uns, er hoͤrt ſich gerne loben und braucht biel. Ich ſpielte nun nicht mehr nach meinem Gefuͤhl, nach meiner Ueberzeu⸗ gung, ſondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich zufrieden. Er richtete ſich nach allen Schwaͤchen des Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach ſeiner Willkür leben, und wir hatten gute Tage mit ihm. Ich war indeſſen in einen handwerksmaͤßigen Schlen⸗ drian gefallen. Ich zog meine Tage ohne Freude und Antheil hin, meine Ehe war kinderlos und dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, ſeine Kraͤfte nah⸗ men ſichtbar ab, die Sorge fuͤr ihn un erbrach meine allgemeine Gleichguͤltigkeit. In dieſen Tagen machte ich eine Bekanntſchaft, nur, weil ich nicht ſchweigen durfte, weil ich doch heraus mit der ein neues Leben fuͤr mich— [——— 4²7 anfing, ein neues und ſchnelleres, denn es wird bald zu Ende ſeyn. Sie ſchwieg eine Zeit lang ſtille, dann fuhr ſie fort: auf einmal ſtockt meine geſchwäͤtzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzuthun. Laſſen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie ſollen nicht weg⸗ gehen, ohne ausfuͤhrlich all mein Ungluͤck zu wiſſen. Rufen Sie doch indeſſen Mignon herein, und hoͤren was ſie will. Das Kind war waͤhrend Aureliens Erzaͤhlung eini⸗ gemal im Zimmer geweſen. Da man bey ſeinem Ein⸗ tritt leiſer ſprach, war es wieder weggeſchlichen, ſaß auf dem Saale ſtill und wartete. Als man ſie wieder her⸗ einkommen hieß, brachte ſie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband fuͤr einen kleinen geographi⸗ ſchen Atlas erkannte. Sie hatte bey dem Pfarrer un⸗ terwegs mit großer Verwunderung die erſten Landkar⸗ ten geſehen, ihn viel daruͤber gefragt, und ſich, ſo weit es gehen wollte, unterrichtet, Ihr Verlangen, etwas zu lernen, ſchien durch dieſe neue Kenntniß noch viel leb⸗ hafter zu werden. Sie bat Wilhelmen inſtaͤndig, ihr das⸗ Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre großen ſilbernen Schnallen dafuͤr eingeſetzt, und wolle ſie, weil es heute Abend ſo ſpaͤt geworden, morgen fruͤh wieder einloͤſen. Es war ihr bewilligt, und ſie fing nun an, dasjenige, was ſie wuſſte, theils herzu⸗ ſagen, theils nach ihrer Art die wunderlichſten Fragen 4²⁸ zu thun. Man konnte auch hier wieder bemerken, daß bey einer großen Anſtrengung ſie nur ſchwer und muͤhſam begriff. So war auch ihre Handſchrift, mit der ſie ſich viele Muͤhe gab. Sie ſprach noch immer ſehr gebrochen Deutſch, und nur wenn ſie den Mund zum Singen auf⸗ that, wenn ſie die Zither ruͤhrte, ſchien ſie ſich des einzi⸗ gen Organs zu bedienen, wodurch ſie ihr Innerſtes auf⸗ ſchließen und mittheilen konnte. Wir muſſen, da wir gegenwaͤrtig von iör ſprechen, auch der Verlegenheit gedenken, in die ſie ſeit einiger Zeit unſern Freund oͤfters verſetzte. Wenn ſie kam oder ging, guten Morgen, oder gute Nacht ſagte, ſchloß ſie ihn ſo feſt in ihre Arme, und küſſte ihn mit ſolcher Inbrunſt, daß ihm die Heftigkeit dieſer aufkeimenden Natur oft angſt und bang machte. Die zuckende Leb⸗ haftigkeit ſchien ſich in ihrem Betragen taͤglich zu ver⸗ mehren, und ihr ganzes Weſen bewegte ſich in einer raſtloſen Stille. Sie konnte nicht ſeyn, ohne einen Bind⸗ faden in den Haͤnden zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Hoͤlzchen zu kauen. Jedes ihrer Spiele ſchien nur eine innere heftige Erſchuͤtterung abzuleiten. Das Einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben ſchien, war die Naͤhe des kleinen Felix, mit dem ſie ſich ſehr anig abzugeben wuſſte. Aurelie, die nach einiger Ruhe geſtimmt war, ſich mit ihrem Freunde uͤber einen Gegenſtand, der ihr ſo ſehr am Herzen lag, endlich zu erklaͤren, ward uͤber die 4²³9 Beharrlichkeit der Kleinen dießmal ungeduldig, und gab ihr zu verſtehen, daß ſie ſich wegbegeben ſollte, und man muſſte ſie endlich, da Alles nicht helſen wollte, ausdruͤck⸗ lich und wider ihren Willen ſortſchicken. Jetzt oder niemals, ſagte Aurelie, muß ich Ihnen den Reſt meiner Geſchichte erzaͤhlen. Waͤre mein zaͤrtlich geliebter, ungerechter Freund nur wenige Meilen von hier, ich wuͤrde ſagen, ſetzen Sie ſich zu Pferde, ſuchen Sie auf irgend eine Weiſe Bekanntſchaft mit ihm, und wenn Sie zuruͤckkehren, ſo haben Sie mir gewiß verzie⸗ hen, und bedauern mich von Herzen. Jetzt kann ich Ih⸗ nen nur mit Worten ſagen, wie liebenswürdig er war, und wie ſehr ich ihn liebte. Eben zu der kritiſchen Zeit, da ich fuͤr die Tage meines Mannes beſorgt ſeyn muſſte, lernt' ich ihn ken⸗ nen. Er war eben aus Amerika zuruͤck gekommen, wo er in Geſellſchaft einiger Franzoſen mit vieler Diſtink⸗ tion unter den Fahnen der vereinigten Staaten gedient hatte. Er begegnete mir mit einem gelaſſnen Anſtande, mit einer offnen Gutmüthigkeit, ſprach uͤber mich ſelbſt, meine Lage, mein Spiel, wie ein alter Bekannter, ſo theilnehmend und ſo deutlich, daß ich mich zum Erſten⸗ mal freuen konnte, meine Exiſtenz in einem andern We⸗ ſen ſo klar wieder zu erkennen. Seine Urtheile waren richtig ohne abſprechend, treffend ohne lieblos zu ſeyn. Er zeigte keine Haͤrte, und ſein Muthwille war zugleich 430 geſällig. Er ſchien des guten Glucks bey Frauen ge⸗ wohnt zu ſeyn, das machte mich aufmerkſam; er war keinesweges ſchmeichelnd und andringend, das machte mich ſorglos. In der Stadt ging er mit Wenigen um, war meiſt zu Pferde, beſuchte ſeine vielen Bekannten in der Ge⸗ gend, und beſorgte die Geſchaͤfte ſeines Hauſes. Kam er zuruͤck, ſo ſtieg er bey mir ab, behandelte meinen immer kraͤnkern Mann mit warmer Sorge, ſchaffte dem Leidenden durch einen geſchickten Arzt Linderung, und wie er an Allen, was mich betraf, Theil nahm, ließ er mich auch an ſeinem Schickſale Theil nehmen. Er erzaͤhlte mir die Geſchichte ſeiner Campagne, ſeiner un⸗ überwindlichen Neigung zum Soldatenſtande, ſeine Fa⸗ milienverhaͤltniſſe; er vertraute mir ſeine gegenwaͤrtigen Beſchaͤftigungen. Genug, er hatte nichts Geheimes vor mir; er entwickelte mir ſein Innerſtes, ließ mich in die verborgenſten Winkel ſeiner Seele ſehen; ich lernte ſeine Faͤhigkeiten, ſeine Leidenſchaften kennen. Es war das Erſtemal in meinem Leben, daß ich eines herzlichen, geiſt⸗ reichen Umgangs genoß. Ich war von ihm angezogen, von ihm hingeriſſen, eh' ich uͤber mich Ffbſ Betrachtun⸗ gen anſtellen konnte. Inzwiſchen verlor ich meinen Mann ohngefähr wie ich ihn genommen hatte. Die Laſt der theatraliſchen Geſchäͤfte fiel nun ganz auf mich. Mein Bruder, un⸗ verbeſſerlich auf dem Theater, war in der Haushaltung — . 431 niemals nuͤtze; ich beſorgte Alles, und ſtudierte dabey meine Rollen fleißiger als jemals. Ich ſpielte wieder wie vor Alters, ja mit ganz anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um ſeinetwillen, doch nicht immer gelang es mir zum beſten, wenn ich meinen ed⸗ len Freund im Schauſpiel wuſſte; aber einigemal be⸗ horchte er mich, und wie angenehm mich ſein unvermuthe⸗ ter Beyfall uͤberraſchte, koͤnnen Sie denken. Gewiß, ich bin ein ſeltſames Geſchoͤpf. Bey jeder Rolle, die ich ſpielte, war es mir eigentlich nur immer zu Muthe, als wenn ich ihn lobte und zu ſeinen Ehren ſpraͤ⸗ che; denn das war die Stimmung meines Herzens, die Worte mochten uͤbrigens ſeyn, wie ſie wollten. Wuſſt' ich ihn unter den Zuhoͤrern, ſo getraute ich mich nicht, mit der ganzen Gewalt zu ſprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht gerade zu ins Geſicht auf⸗ dringen wollte; war er abweſend, dann hatte ich freyes Spiel, ich that mein Beſtes mit einer gewiſſen Ruhe, mit einer unbeſchreiblichen Zufriedenheit. Der Beyfall freute wich wieder, und wenn ich dem Publikum Vergnuͤgen machte, haͤtte ich immer zugleich hinunter rufen moͤgen: das ſeyd ihr ihm ſchuldig! Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhaͤltniß zum Publikum, zur ganzen Nation veraͤndert. Sie er⸗ ſchien mir auf einmal wieder in dem vortheilhafteſten Lichte, und ich erſtaunte recht uͤber meine bisherige Ver⸗ blendung. 43² Wie unverſtändig, ſagt ich oft zu mir ſelbſt, war es, als du ehmals auf eine Nation ſchalteſt, eben weil es eine Nation iſt. Muͤſſen denn, koͤnnen denn einzelne Menſchen ſo intereſſant ſeyn? Keinesweges! Es fragt ſich, ob unter der großen Maſſe eine Menge von Anla⸗ gen, Kraͤften und Faͤhigkeiten vertheilt ſey, die durch guͤn⸗ ſtige Umſtände entwickelt, durch vorzuͤgliche Menſchen zu einem gemeinſamen Entzwecke geleitet werden koͤnnen. Ich freute mich nun, ſo wenig hervorſtechende Originali⸗ taͤt unter meinen Landsleuten zu finden; ich freute mich, daß ſie eine Richtung von außen anzunehmen nicht ver⸗ ſchmaͤhten; ich freute mich, einen Anfuͤhrer gefunden zu haben. Lothar— Laſſen Sie mich meinen Freund mit ſei⸗ nem geliebten Vornamen nennen— hatte mir immer die Deutſchen von der Seite der Tapferkeit vorgeſtellt, und mir gezeigt, daß keine bravere Nation in der Welt ſey, wenn ſie recht gefuͤhrt werde, und ich ſchaͤmte mich, an die erſte Eigenſchaft eines Volks niemals gedacht zu haben. Ihm war die Geſchichte bekannt, und mit den meiſten verdienſtvollen Maͤnnern ſeines Zeit⸗ alters ſtand er in Verhaͤltniſſen. So jung er war, hatte er ein Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Ju⸗ gend ſeines Vaterlandes, auf die ſtillen Arbeiten in ſo vielen Faͤchern beſchaͤftigter und thaͤtiger Maͤnner. Er ließ mich einen Ueberblick uͤber Deutſchland thun, was es ſey, und was es ſeyn koͤnne, und ich ſchaͤmte mich, 433 eine Nation nach der verworrenen Menge beurtheilt zu haben, die ſich in eine Theatergarderobe draͤngen mag. Er machte mir's zur Pflicht, auch in meinem Fache wahr, geiſtreich und belebend zu ſeyn. Nun ſchien ich mir ſelbſt inſpirirt, ſo oft ich auf das Theater trat. Mittelmaͤßige Stellen wurden zu Gold in meinem Munde, und haͤtte mir damals ein Dichter zweckmaͤßig beygeſtanden, ich haͤtte die wunderbarſten Wirkungen hervorgebracht. So lebte die junge Wittwe Monate lang fort. Er konnte mich nicht entbehren, und ich war hoͤchſt ungluͤck⸗ lich, wenn er außen blieb. Er zeigte mir die Briefe ſeiner Berwandten, ſeiner vortrefflichen Schweſter. Er nahm an den kleinſten Umſtaͤnden meiner Verhaͤltniſſe Theil; inniger, vollkommener iſt keine Einigkeit zu den⸗ ken. Der Name der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging— und nun, mein Freund, es iſt hohe Zeit, daß Sie auch gehen.. Gpethe's Werke III. Bd. 28 Siebzehntes Capitel. Wilhelm konnte nun nicht laͤnger den Beſuch bey ſeinen Handelsfreunden aufſchieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin; denn er wuſſte, daß er Briefe von den Seinigen daſelbſt antreffen werde. Er furchtete ſich vor den Vorwürfen, die ſie enthalten muſſten; wahrſcheinlich hatte man auch dem Handelshauſe Nach⸗ richt von der Vetlegenheit gegeben, in der man ſich ſeinetwegen befand. Er ſcheute ſi ch, nach ſo vielen ritterlichen Abenteuern, vor dem ſchulerhaften Anſehen, in dem er erſcheinen wuͤrde, und nahm ſich vor, recht trotzig zu thun, und auf dieſe Weiſe ſeine Verlegenheit zu verbergen. Allein zu ſeiner großen Verwunderung und Zufrieden. heit ging Alles ſehr gut und leidlich ab. In dem großen lebhaften und beſchaͤftigten Comtoir hatte man kaum Zeit, ſeine Brieſe aufzuſuchen; ſeines laͤngern Außen⸗ bleibens ward nur im Vorbeygehn gedacht. Und als er die Briefe ſeines Vaters und ſeines Freundes Werner er⸗ oͤffnete, fand er ſie ſäͤmmtlich ſehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung eines weitlaͤufigen Journals, deſſen Fuͤhrung er dem Sohne beym Abſchiede ſorgfaͤl⸗ 43⁵ tig empfohlen, und wozu er ihm ein tabellariſches Schema mitgegeben, ſchien uͤber das Stillſchweigen der erſten Zeit ziemlich beruhigt, ſo wie er ſich nur uͤber das Raͤthſethafte des erſten und einzigen vom Schloſſe des Grafen noch abgeſandten Briefes be⸗ ſchwerte. Werner ſcherzte nur auf ſeine Art, erzaͤhlte luſtige Stadtgeſchichten, und bat ſich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die Wilhelm nunmehr in der großen Handelsſtadt haͤufig wuͤrde kennen ler⸗ nen. Unſer Freund, der außerordentlich erfreut war, um einen ſo wohlfeilen Preis loszukommen, antwortete ſogleich in einigen ſehr muntern Briefen, und verſprach dem Vater ein ausfuͤhrliches Reiſe⸗Journal, mit allen verlangten geographiſchen, ſtatiſtiſchen und merkantili⸗ ſchen Bemerkungen. Er hatte Vieles auf der Reiſe ge⸗ ſehen, und hoffte daraus ein leidliches Heft zuſammen⸗ ſchreiben zu koͤnnen. Er merkte nicht, daß er beynah in eben dem Falle war, in dem er ſich befand, als er, um ein Schauſpiel, das weder geſchrieben, noch weniger memorirt war, aufzufuͤhren, Lichter angezuͤndet und Zu⸗ ſchauer herbeygerufen hatte. Als er daher wirklich an⸗ fing, an ſeine Kompoſition zu gehen, ward er leider ge⸗ wahr, daß er von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens und Geiſtes ſprechen und erzuͤhlen koͤnnte, nur nicht von aͤußern Gegenſtaͤn⸗ den, denen er, wie er nun merkte, nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte. 436 In dieſer Verlegenheit kamen die Kenntniſſe ſeines Freundes Laertes ihm gut zu Statten. Die Gewohnheit hatte beyde jungen Leute, ſo unaͤhnlich ſie ſich waren, zuſammen verbunden, und jener war, bey allen ſeinen Fehlern, mit ſeinen Sonderbarkeiten wirklich ein in⸗ tereſſanter Menſch. Mit einer heitern gluͤcklichen Sinn⸗ lichkeit begabt, haͤtte er alt werden koͤnnen, ohne uͤber ſeinen Zuſtand irgend nachzudenken. Nun hatte ihm aber ſein Ungluͤck und ſeine Krankheit das reine Ge⸗ fuͤhl der Jugend geraubt, und ihm dagegen einen Blick auf die Vergänglichkeit, auf das Zerſtuͤckelte unſers Daſeyns eroͤffnet. Daraus war eine launigte, rhapſo⸗ diſche Art uͤber die Gegenſtaͤnde zu denken, oder viel⸗ mehr ihre unmittelbaren Eindruͤcke zu aͤußern, entſtan⸗ den. Er war nicht gern allein, trieb ſich auf allen Kaffehaͤuſern, an allen Wirthstiſchen herum, und wenn er ja zu Hauſe blieb, waren Reiſebeſchreibungen ſeine liebſte, ja ſeine einzige Lektuͤre. Dieſe konnte er nun, da er eine große Leihbibliothek fand, nach Wunſch befriedigen, und bald ſpukte die halbe Welt in ſeinem guten Gedaͤchtniſſe. Wie leicht konnte er daher ſeinem Freunde Muth einſprechen, als dieſer ihm den voͤlligen Mangel an Vorrath zu der von ihm ſo feyerlich verſprochenen Relation entdeckte. Da wollen wir ein Kunſtſtuͤck machen ſagte jener, das ſeines gleichen nicht hahen ſoll. 2 —— — 437 Iſt nicht Deutſchland von einem Ende zum andern durchreist, durchkrenzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht jeder deutſche Reiſende den herrlichen Vortheil, ſich ſeine großen oder kleinen Aus⸗ gaben vom Publikum wieder erſtatten zu laſſen? Gib mir nur deine Reiſeroute, ehe du zu uns kamſt; das Andere weiß ich. Die Quellen und Huͤlfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufſuchen; an Quadrat⸗ meilen, die nicht gemeſſen ſind, und an Volksmenge, die nicht gezaͤhlt iſt, muͤſſen wir's nicht fehlen laſſen. Die Einkuͤnfte der Laͤnder nehmen wir aus Taſchen⸗ buͤchern und Tabellen, die, wie bekannt, die zuverlaͤſ⸗ ſigſten Dokumente ſind. Darauf gruͤnden wir unſre politiſchen Raͤſonnements; an Seitenblicken auf die Regiernngen ſolls nicht fehlen. Ein paar Fuͤrſten be⸗ ſchreiben wir als wahre Vaͤter des Vaterlandes, damit man uns deſto eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhaͤngen; und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger berühmten Leute durchreiſen, ſo begegnen wir ihnen in einem Wirthshauſe, laſſen ſie uns im Vertrauen das albernſte Zeug ſagen. Beſon⸗ ders vergeſſen wir nicht eine Liebesgeſchichte mit ir⸗ gend einem naiven Maͤdchen auf das Anmuthigſte ein⸗ zuflechten, und es ſoll ein Werk geben, das nicht allein Vater und Mutter mit Entzuͤcken erfuͤllen ſoll, ſondern das dir auch jeder Buchhaͤndler mit Vergnügen bezahlt. *† 1 438 Man ſchritt zum Werke, und beyde Freunde hat⸗ ten viel Luſt an ihrer Arbeit, indeß Wilhelm Abends im Schauſpiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien die groͤßte Zufriedenheit fand, und ſeine Ideen, die nur zu lange ſich in einem engen Kreiſe herumgedreht hatten, taͤglich weiter ausbreitete. — — Achtzehntes Capitel. Nicht ohne das groͤßte Intereſſe vernahm er ſtuͤck⸗ weiſe den Lebenslauf Serlo's: denn es war nicht die Art dieſes ſeltnen Mannes, vertraulich zu ſeyn, und uͤber irgend etwas im Zuſammenhange zu ſprechen. Er war, man darf ſagen, auf dem Theater geboren und geſaͤugt. Schon als ſtummes Kind muſſte er durch ſeine bloße Gegenwart die Zuſchauer ruͤhren, weil auch ſchon da⸗ mals die Verfaſſer dieſe natuͤrlichen und unſchuldigen Huͤlfsmittel kannten, und fein erſtes: Vater und Mut⸗ ter, brachte in beliebten Stuͤcken ihm ſchon den groͤßten Beyfall zuwege, ehe er wuſſte, was das Haͤndeklatſchen bedeute. Als Amor kam er, zitternd, mehr als ein⸗ mal, im Flugwerke herunter, entwickelte ſich als Har⸗ lekin aus dem Ey, und machte als kleiner Eſſenkehrer ſchon fruͤh die artigſten Streiche. Leider muſſte er den Beyfall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in den Zwiſchenzeiten ſehr theuer be⸗ zahlen. Sein Vater, uͤberzeugt, daß nur durch Schlaͤge die Aufmerkſamkeit der Kinder erregt und feſtgehalten werden könne, pruüͤgelte ihn beym Einſtudieren einer jeden Rolle zu abgemeſſenen Zeiten; nicht, weil das 440* Kind ungeſchickt war, ſondern damit es ſich deſto ge⸗ wiſſer und anhaltender geſchickt zeigen moͤge. So gab man ehemals, indem ein Graͤnzſtein geſetzt wurde, den umſtehenden Kindern tuͤchtige Ohrfeigen, und die aͤlteſten Leute erinnern ſich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran, und zeigte außerordentliche Faͤhigkei⸗ ten des Geiſtes und Fertigkeiten des Koͤrpers, und da⸗ bey eine große Biegſamkeit ſowol in ſeiner Vorſtel⸗ lungsart, als in Handlungen und Geberden. Seine Nachahmungsgabe uberſtieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Perſonen nach, ſo daß man ſie zu ſe⸗ hen glaubte, ob ſie ihm ſchon an Geſtalt, Alter und Weſen voͤllig unaͤhnlich und unter einander verſchieden waren. Dabey fehlte es ihm nicht an der Gabe, ſich in die Welt zu ſchicken, und ſobald er ſich einigermaßen ſeiner Kraͤfte bewuſſt war, fand er nichts naturlicher, als ſeinem Vater zu entfliehen, der, wie die Vernunft des Knaben zunahm, und ſeine Geſchicklichkeit ſich ver⸗ mehrte, ihnen noch durch harte Phadegnung nachzuhelfen fuͤr nothig fand. Wie gluͤcklich fuͤhlte ſich der loſe Knabe nun in der freyen Welt, da ihm ſeine Eulenſpiegelspoſſen uberall eine gute Aufnahme verſchafften. Sein guter Stern fuͤhrte ihn zuerſt in der Faſtnachtszeit in ein Kloſter, wo er, weil eben der Pater, der die Umgaͤnge zu be⸗ ſorgen, und durch geiſtliche Maskeraden die chriſtliche Gemeinde zu ergetzen hatte, geſtorben war, als ein ᷣ— — * 4 44¹ huͤlfreicher Schutzengel auftrat. Auch uͤbernahm er ſo⸗ gleich die Rolle Gabriels in der Verkuͤndigung, und miß⸗ fiel dem huͤbſchen Maͤdchen nicht, die als Maria ſei⸗ een obligeanten Gruß, mit aͤußerlicher Demuth und in⸗ nerlichem Stolze, ſehr zierlich aufnahm. Er ſpielte dar⸗ auf ſucceſſive in den Myſterien die wichtigſten Rollen, und wuſſte ſich nicht wenig, da er endlich gar als Heiland der Welt verſpottet, geſchlagen und ans Kreuz gehef⸗ tet wurde. Einige Kriegsknechte mochten bey dieſer Gelegenheit ihre Rollen gar zu naturlich ſpielen; daher er ſie, um ſich auf die ſchicklichſte Weiſe an ihnen zu raͤchen, bey Gelegenheit des juͤngſten Gerichts in die praͤchtigſten Kleider von Kaiſern, Koͤnigen ſteckte, und ihnen in dem Angenblicke, da ſie, mit ihren Rollen ſehr wohl zu⸗ frieden, auch in dem Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermuthet in Teufelsgeſtalt be⸗ gegnete, und ſie mit der Oſengabel, zur herzlichſten Er⸗ bauung ſaͤmmtlicher Zuſchauer und Bettler, weidlich durchdroſch, und umbarmherzig zuruͤck in die Grube ſtuͤrz⸗ te, wo ſie ſich von einem hervordringenden Feuer auſ's Uebelſte empfangen ſahen. Er war klug genug einzuſehen, daß die gekrönten Haͤupter ſein freches Unternehmen nicht wohl vermer⸗ ken, und ſelbſt vor ſeinem privilegirten Anklaͤger⸗ und Schergen⸗Amte keinen Reſpekt haben wuͤrden; er machte ſich daher, noch ehe das tauſendlaͤhrige Reich an⸗ *⁸△ 1 442 ging, in aller Stille davon, und ward in einer benac barten Stadt von einer Geſellſchaft, die man damals Kinder der Frende nannte, mit offnen Armen aufge⸗ nommen. Es waren verſtaͤndige, geiſtreiche, lebhafte Menſchen, die wohl einſahen, daß die Summe unſrer Exiſtenz, durch Vernunft dividirt, niemals rein aufgehe, ſondern daß immer ein wunderlicher Bruch übrig blei⸗ be. Dieſen hinderlichen, und, wenn er ſich in die ganze Maſſe vertheilt, gefaͤhrlichen Bruch ſuchten ſie zu beſtimmten Zeiten vorſetzlich los zu werden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich Narren, und ſtraften an demſelben wechſelſeitig durch allegoriſche Vor⸗ ſtellungen, was ſie waͤhrend der uͤbrigen Tage an ſich und Andern Naͤrriſches bemerkt hatten. War dieſe Art gleich roher als eine Folge von Ausbildung, in welcher der ſittliche Menſch ſich taͤglich zu bemerken, zu war⸗ nen und zu ſtraſen pflegt; ſo war ſie doch luſtiger und ſicherer: denn indem man einen gewiſſen Schoßnar⸗ ren nicht verleugnete, ſo tractirte man ihn auch nur fuͤr das, was er war, anſtatt daß er auf dem andern Wege, durch Huͤlfe des Selbſtbetrugs, oft im Hauſe zur Herrſchaft gelangt, und die Vernunft zur heimlichen Knechtſchaft zwingt, die ſich einbildet, ihn lange ver⸗ jagt zu haben. Die Narrenmaske ging in der Geſell⸗ ſchaft herum, und Jedem war erlaubt, ſie an ſeinem Tage, mit eigenen oder fremden Attributen, charakte⸗ riſtiſch auszuzieren. In der Karnavalszeit nahm man 8 * 9 b 443 ſich die groͤßte Freyheit, und wetteiferte mit der Be⸗ muͤhung der Geiſtlichen, das Volk zu unterhalten und anzuziehen. Die feyerlichen und allegoriſchen Aufzuͤge von Tugenden und Laſtern, Künſten und Wiſſenſchaften, Welttheilen und Jahrszeiten verſinnlichten dem Volke eine Menge Begriffe, und gaben ihm Ideen entfernter Gegenſtaͤnde, und ſo waren dieſe Scherze nicht ohne Nu⸗ tzen, da von einer andern Seite die geiſtlichen Mum⸗ mereyen nur einen abgeſchmackten Aberglauben noch mehr befeſtigten. Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in ſeinem Elemente; eigentliche Erfindungskraft hatte er nicht, da⸗ gegen aber das groͤßte Geſchick, was er vor ſich fand zu nutzen, zurecht zu ſtellen, und ſcheinbar zu machen. Seine Einfälle, ſeine Nachahmungsgabe, ja ſein beißender Witz, den er wenigſtens einen Tag in der Woche voͤl⸗ lig frey, ſelbſt gegen ſeinen Wohlthaͤter, uͤben durfte, machte ihn der ganzen Geſellſchaft werth, ja unent⸗ behrlich. Doch trieb ihn ſeine Unruhe bald aus dieſer vor⸗ theilhaften Lage in andere Gegenden ſeines Vaterlan⸗ des, wo er wieder eine neue Schule durchzugehen hat⸗ te. Er kam in den gebildeten aber auch bildloſen Theil von Deutſchland, wo es zur Verehrung des Guten und Schoͤnen zwar nicht an Wahrheit, aber oft an Geiſt gebricht; er konnte mit ſeinen Masken nichts mehr aus⸗ richten; er muſſte ſuchen auf Herz und Gemuͤth zu wir⸗ 444 ken. Nur kurze Zeit hielt er ſich bey kleinen und gro⸗ ßen Geſellſchaften auf, und merkte, bey dieſer Gelegen⸗ heit, ſaͤmmtlichen Stuͤcken und Schauſpielern ihre Eigen⸗ heiten ab. Die Monotonie, die damals auf dem deut⸗ ſchen Theater herrſchte, den albernen Fall und Klang der Alexandriner, den geſchraubtplatten Dialog, die Tro⸗ ckenheit und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenpredi⸗ ger hotte er bald gefaſſt, und zugleich bemerkt, wesrührte und gefiel. Nicht Eine Rolle der gungbaren Stuͤcke, ſondern die ganzen Stucke blieben leicht in ſeinem Gedaͤchtniß, und zugleich der eigenthuͤmliche Ton des Schauſpielers, der ſie mit Beyfall vorgetragen hatte. Nun kam er zufaͤlligerweiſe auf ſeinen Streifereien, da ihm das Geld voͤllig ausgegangen war, zu dem Einfall, allein ganze Stuͤcke beſonders auf Edelhoͤfen und in Doͤrfern vor⸗ zuſtellen, und ſich dadurch uͤberall ſogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verſchaffen. In jeder Schenke, jedem Zimmer und Garten war ſein Theater gleich aufgeſchla⸗ gen; mit einem ſchelmiſchen Ernſt und anſcheinenden En⸗ thuſiasmus wuſſte er die Einbildungskraft ſeiner Zu⸗ ſchauer zu gewinnen, ihre Sinne zu taͤuſchen, und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg, und einen Faͤcher zum Dolche umzuſchaffen. Seine Ju⸗ gendwaͤrme erſetzte den Mangel eines tiefen Gefuͤhls; ſeine Heftigkeit ſchien Staͤrke, und ſeine Schmeicheley Zaͤrtlichkeit. Diejenigen, die das Theater ſchon kunn⸗ — —— — 445 ten, erinnerte er an alles, was ſie geſehen und gehoͤrt hatten, und in den Uebrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem, und den Wunſch, naͤher da⸗ mit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung that, verfehlte er nicht am andern zu wiederholen, und hatte die herzlichſte Schadenfreude, wenn er alle Men⸗ ſchen, auf gleiche Weiſe, aus dem Stegreife, dunn Be⸗ ſten haben konnte. Bey ſeinem lebhaften, freyen und durch nichts gehin⸗ derten Geiſt verbeſſerte er ſich, indem er Rollen und Stü⸗ cke oft wiederholte, ſehr geſchwind. Bald rezitirte und ſpielte er dem Sinne gemaͤßer, als die Muſter, die er Anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf dieſem Wege kam er nach und nach dazu, naturlich zu ſpielen und doch im⸗ mer verſtellt zu ſeyn. Er ſchien hingeriſſen, und lauerte auf den Effekt, und ſein groͤßter Stolz war, die Menſchen ſtufenweiſe in Bewegung zu ſetzen. Selbſt das tolle Handwerk, das er trieb, noͤthigte ihn bald mit einer ge⸗ wiſſen Maͤßigung zu verfahren, und ſo lernte er, theils gezwungen, theils aus Inſtinkt, das, wovon ſo wenig Schauſpieler einen Begriff zu haben ſcheinen: mit Organ und Geberden oͤkonomiſch zu ſeyn. So wuſtte er ſelbſt rohe und unfreundliche Menſchen zu baͤndigen, und fuͤr, ſich zu intereſſiren. Da er uͤber⸗ all mit Nahrung und Obdach zufrieden war, jedes Geſchenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal gar das Geld, wenn er deſſen nach ſeiner 446 Meinung genug hatte, ausſchlug; ſo ſchickte man ihn mit Empfehlungsſchreiben einander zu und ſo wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo 4 er manches Vergnuͤgen erregte, manches genoß, und . nicht ohne die angenehmſten und artigſten Abenteuer blieb. 1 6 Bey der innerlichen Kaͤlte ſeines Gemuͤthes liebte er eigentlich Niemand; bey der Klarheit ſeines Blicks konnte er Niemand achten, denn er ſah nur immer die aͤußern Eigenheiten der Menſchen, und trug ſie in ſeine mimiſche Sammlung ein, Dabey aber war ſeine Selbſtigkeit aͤu⸗ ßerſt beleidigt, wenn er nicht Jedem gefiel, und wenn er nicht uͤberall Beyfall erregte. Wie dieſer zu erlangen ſey, darauf hatte er nach und nach ſo genau Acht gegeben, und hatte ſeinen Sinn ſo geſchaͤrft, daß er nicht allein bey ſeinen Darſtellungen, ſondern auch im gemeinen Leben nicht mehr anders als ſchmeicheln konnte. Und ſo arbei⸗ . tete ſeine Gemuͤthsart, ſein Talent und ſeine Lebensart 5 dergeſtalt wechſelsweiſe gegen einander, daß er ſich un⸗ V 5 vermerkt zu einem vollkommnen Schauſpieler ausgebildet ſah. Ja, durch eine ſeltſam ſcheinende, aber ganz natuͤr⸗ liche Wirkung und Gegenwirkung ſtieg, durch Einſicht 8 und Uebung, ſeine Rezitation, Deklamation und ſein Ge⸗ berdenſpiel zu einer hohen Stufe von Wahrheit, Freyheit und Offenheit, indem er im Leben und Umgang immer heimlicher, künſtlicher, ja beiſelt und uaſlich zu wer⸗ den ſchien. 21 3 8 44 . 447 Von ſeinen Schickſalen und Abenteuern ſprechen wir vielleicht an einem andern Orte, und bemerken hier nur ſo viel: daß er in ſpaͤteren Zeiten, da er ſchon ein gemachter Mann, im Beſitz von entſchiednem Namen, und in einer ſehr guten obgleich nicht feſten Lage war, ſich angewoͤhnt hatte, im Geſpraͤch auf eine feine Weiſe theils ironiſch, theils ſpoͤttiſch den Sophiſten zu machen, und dadurch faſt jede ernſthafte Unterhaltung zu zerſtoͤren. 4 Beſon⸗ ders gebrauchte er dieſe Manier gegen Wilhelm, ſobald dieſer, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines theore⸗ tiſches Geſpraͤch anzuknupfen Luſt hatte. Deßun eachtet waren ſie ſehr gern beyſammen, indem durch hhe he d e ſeitige Denkart die Unterhaltung lebhaft werden muſſte. Wilhelm wuͤnſchte, Alles aus den Begriffen, die er ge⸗ faſſt hatte, zu entwickeln, und wollte die Kunſt in einem Zuſammenhange behandelt haben. Er wollte ausgeſpro⸗ chene Regeln feſtſetzen, beſtimmen, was recht, ſchoͤn und gut ſey, und was Beyfall verdiene; genug, er behandelte Alles auf das Ernſtlichſte. Serlo hingegen nahm die Sache ſehr leicht, und indem er niemals direct auf eine Frage antwortete, wuſſte er, durch eine Geſchichte oder einen Schwank, die artigſte und vergnuͤglichſte Erlaͤute⸗ rung beyzubringen, und die Geſellſchaft zu untettichtan. indem er ſie erheiterte. Neuuzehntes Capitel. Indem nun Wilhelm auf dieſe Weiſe ſehr angeneh⸗ me Stunden zubrachte, befanden ſich Melina und die Uebrigen in einer deſto verdrießlichern Lage. Sie erſchie⸗ nen unſerm Freunde manchmal wie böſe Geiſter, und machten ihm nicht blos durch ihre Gegenwart, ſon⸗ dern auch oft durch flaͤmiſche Geſichter und bittre Re⸗ den einen verdrießlichen Angenblick. Serlo hatte ſie nicht einmal zu Gaſtrollen gelaſſen, geſchweige daß er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht haͤtte, und hatte deßungeachtet nach und nach ihre ſaͤmmtlichen Faͤhigkeiten kennen gelernt. So oft ſich Schauſpieler bey ihm geſellig verſammelten, hatte er die Gewohn⸗ 1 heit leſen zu laſſen, und manchmal ſelbſt mitzuleſen. Er nahm Stucke vor, die noch gegeben werden ſollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meiſtens nur Theilweiſe. So ließ er auch, nach einer erſten Auffuͤh⸗ rung, Stellen, bey denen er etwas zu erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einſicht der Schau⸗ ſpieler, und verſtaͤrkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verſtand mehr als ein verworrenes und ungeläͤutertes Genie zur 8 449 Zufriedenheit Anderer wirken kann; ſo erhub er mittelmaͤ⸗ ßige Talente, durch die deutliche Einſicht, die er ihnen unmerklich verſchaffte, zu einer bewundernswuͤrdigen Faͤ⸗ higkeit. Nicht wenig trug dazu bey, daß er auch Ge⸗ dichte leſen ließ, und in ihnen das Gefuͤhl jenes Rei⸗ zes erhielt, den ein wohlvorgetragener Rhythmus in un⸗ ſrer Seele erregt, anſtatt daß man bey andern Geſell⸗ ſchaften ſchon anfing, nur diejenige Proſa vorzutragen, wozu einem Jeden der Schnabel gewachſen war. Bey ſolchen Gelegenheiten hatte er auch die ſaͤmmt⸗ lichen angekommenen Schauſpieler kennen lernen, das was ſie waren, und was ſie werden konnten, beur⸗ theilt, und ſich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten, bey einer Revolution, die ſeiner Geſellſchaft drohete, ſogleich Vortheil zu ziehen. Er ließ die Sache eine Weile auf ſich beruhen, lehnte alle Interceſſionen Wilhelms fuͤr ſie mit Achſelzucken ab, bis er ſeine Zeit erſah, und ſeinem jungen Freunde ganz unerwartet den Vorſchlag that: er ſolle doch ſelbſt bey ihm aufs Theater gehen, und unter dieſer Bedingung wolle er auch die Uebrigen engagiren. Die Leute muͤſſen alſo doch ſo unbrauchbar nicht ſeyn, wie Sie mir ſolche bisher geſchildert haben, verſetzte ihm Wilhelm, wenn ſie jetzt auf einmal zuſammen angenom⸗ men werden koͤnnen, und ich daͤchte, ihre Talente muͤſſten auch ohne mich dieſelbigen bleiben. Goethe's Werke. III. Bd. 29 450 Serlo eroͤffnete ihm darauf, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, ſeine Lage: wie ſein erſter Liebhaber Miene mache, ihn bey der Erneuerung des Kontracts zu ſteigern, und wie er nicht geſinnt ſey, ihm nachzu⸗ geben, beſonders da die Gunſt des Publikums gegen ihn ſo groß nicht mehr ſey. Lieſſe er dieſen gehen, ſo wuͤrde ſein ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Geſellſchaft einige gute, aber auch einige mittelmaͤßige Glieder verloͤre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und ſelbſt an Frau Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er ver⸗ ſprach dem armen Pedanten als Juden, Miniſter, und uͤberhaupt als Boͤſewichte einen entſchiedenen Beyfall zu verſchaffen. 3 Wilhelm ſtutzte, und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur, um etwas zu ſagen, verſetzte er, nach⸗ dem er tief Athem geholt hatte: Sie ſprechen auf eine ſehr freundliche Weiſe nur von dem Guten, was Sie an uns finden und von uns hoffen; wie ſieht es denn aber mit den ſchwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfſinne gewiß nicht entgangen ſind? Die wollen wir bald durch Fleiß, Uebung und Nach⸗ denken zu ſtarken Seiten machen, verſetzte Serlo. Es iſt unter euch Allen, die ihr denn doch nur Natura⸗ liſten und Pfuſcher ſeyd, Keiner, der nicht mehr oder weniger Hoffnung von ſich gaͤbe: denn ſo viel ich Alle — 451¹ beurtheilen kann, ſo iſt kein einziger Stock darunter, und Stoͤcke allein ſind die Unverbeſſerlichen, ſie moͤgen nun aus Eigenduͤnkel, Dummheit oder Hypochondrie ungelenk und unbiegſam ſeyn. Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedin⸗ gungen dar, die er machen koͤnne und wolle, bat Wilhel⸗ men um ſchleunige Entſcheidung, und verließ ihn in nicht geringer Unruhe. Bey der wunderlichen und gleichſam nur zum Scherz unternommenen Arbeit jener fingirten Reiſebeſchreibung, die er mit Laertes zuſammenſetzte, war er auf die Zu⸗ ſtaͤnde und das taͤgliche Leben der wirklichen Welt auf⸗ merkſamer geworden, als er ſonſt geweſen war. Er begriff jetzt ſelbſt erſt die Abſicht des Vaters, als er ihm die Fuͤhrung des Journals ſo lebhaft empfohlen. Er fuͤhlte zum Erſtenmale, wie angenehm und nuͤtzlich es ſeyn koͤnne, ſich zur Mittelsperſon ſo vieler Ge⸗ werbe und Beduͤrfniſſe zu machen, und bis in die tiefſten Gebirge und Waͤlder des feſten Landes Leben und Thaͤtigkeit verbreiten zu helfen. Die lebhafte Han⸗ delsſtadt, in der er ſich befand, gab ihm bey der Un⸗ ruhe des Laertes, der ihn uͤberall mit herumſchleppte, den anſchaulichſten Begriff eines großen Mittelpunktes⸗ woher Alles ausfließt, und wohin Alles zuruͤckfehrt, und es war das Erſtemal, daß ſein Geiſt im Anſchauen dieſer Art von Thaͤtigkeit ſich wirklich ergetzte. In die⸗ ——— — 4 1 45² ſem Zuſtande hatte ihm Serlo den Antrag gethan, und ſeine Wünſche, ſeine Neigung, ſein Zutrauen auf ein an⸗ gebornes Talent, und ſeine Verpflichtung gegen die huͤlf⸗ loſe Geſellſchaft wieder rege gemacht. Da ſteh' ich nun, ſagte er zu ſich ſelbſt, abermals am Scheidewege zwiſchen den beyden Frauen, die mir in meiner Jugend erſchienen. Die eine ſieht nicht mehr ſo kummerlich aus, wie damals, und die andere nicht ſo praͤchtig. Der einen wie der andern zu folgen fuͤhlſt du eine Art von innerm Beruf, und von beyden Seiten ſind die aͤußern Anlaͤſſe ſtark genug; es ſcheint dir un⸗ moͤglich, dich zu entſcheiden; du wuͤnſcheſt, daß irgend ein Uebergewicht von Außen deine Wahl beſtimmen möge, und doch, wenn du dich recht unterſuchſt, ſo ſind es nur äußere Umſtaͤnde, die dir eine Neigung zu Ge⸗ werb, Erwerb und Beſitz einflößen, aber dein innerſtes Beduͤrfniß erzeugt und naͤhrt den Wunſch, die Anla⸗ gen, die in dir zum Guten und Schönen ruhen mö⸗ gen, ſie ſeyen koͤrperlich oder geiſtig, immer mehr zu entwickeln und auszubilden. Und muß ich nicht das Schickſal verehren, das mich ohne mein Zuthun hierher an das Ziel aller meiner Wünſche fuhrt? Geſchieht nicht Alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vor⸗ geſetzt, nun zufaͤllig ohne mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Menſch ſcheint mit nichts vertrauter zu ſeyn als mit ſeinen Hoffnungen und Wuͤnſchen, die er lange im Herzen naͤhrt und bewahrt, und doch, wenn 453³3 ſie ihm nun begegnen, wenn ſie ſich ihm gleichfam aufdringen, erkennt er ſie nicht und weicht vor ihnen K zuruͤck. Alles, was ich mir ſeit jener ungluͤcklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur traͤu⸗ men ließ, ſteht vor mir, und bietet ſich mir ſelbſt an. Hierher wollte ich fluͤchten, und bin ſachte hergeleitet worden; bey Serlo wollte ich unterzukommen ſuchen, er ſucht nun mich, und bietet mir Bedingungen an, die ich als Anfaͤnger nie erwarten konnte. War es denn blos Liebe zu Marianen, die mich ans Theater feſſel⸗ te? oder war es Liebe zur Kunſt, die mich an das Maͤdchen feſtknuͤpfte? War jene Ausſicht, jener Aus⸗ weg nach der Bühne blos einem unordentlichen, unru⸗ higen Menſchen willkommen, der ein Leben fortzuſetzen wuͤnſchte, das ihm die Verhältniſſe der buͤrgerlichen Welt nicht geſtatteten, oder war es Alles anders, rei⸗ ner, wuͤrdiger? und was ſollte dich bewegen koͤnnen, deine damaligen Geſinnungen zu aͤndern? Haſt du nicht vielmehr bisher ſelbſt unwiſſend deinen Plan ver⸗ folgt? Iſt nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine Nebenabſichten dabey im Spiele ſind, und da du zugleich ein feyerlich gegebenes Wort halten, und dich auf eine edle Weiſe von einer ſchweren Schuld befreyen kannſt? Alles, was in ſeinem Herzen und ſeiner Einbindungs⸗ kraft ſich bewegte, wechſelte nun auf das Lebhafteſte ge⸗ gen einander ab. Daß er ſeine Mignon sehalten koͤnne, A — ——— 4 1 N 454 daß er den Harfner nicht zu verſtoßen brauche, war kein kleines Gewicht auf der Wagſchale, und doch ſchwankte ſie noch hin und wieder, als er ſeine Freundin Aurelie gewohnterweiſe zu beſuchen ging. Zwanzigſtes Capitel. Er fand ſie auf ihrem Ruhebette; ſie ſchien ſtille. Glauben Sie noch morgen ſpielen zu koͤnnen? fragte er. O ja, verſetzte ſie lebhaft; Sie wiſſen, daran hindert mich nichts.— Wenn ich nur ein Mittel wuͤſſte, den Beyfall unſers Parterr's von mir abzulehnen: ſie meinen es gut, und werden mich noch umbringen. Vorgeſtern dacht' ich, das Herz muͤſſte mir reißen! Sonſt konnt' ich es wohl leiden, wenn ich mir ſelbſt gefiel; wenn ich lange ſtudirt und mich vorbereitet hatte, dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun ſey es ge⸗ lungen, von allen Enden wiedertoͤnte. Jetzo ſag' ich nicht, was ich will, nicht wie ich's will; ich werde hin⸗ geriſſen, ich verwirre mich, und mein Spiel macht ei⸗ nen weit groͤßern Eindruck. Der Beyfall wird lauter, und ich denke: Wuͤſſtet ihr, was euch entzuͤckt! Die dunkeln, heftigen, unbeſtimmten Anklaͤnge rühren euch, zwingen euch Bewunderung ab, und ihr fuͤhlt nicht, daß es die Schmerzenstoͤne der Ungluͤcklichen ſind, der ihr euer Wohlwollen geſchenkt habt. Heute fruͤh hab' ich gelernt, jetzt wiedetholt und verſucht. Ich bin muͤde, zerbrochen, und morgen geht 4 3 45⁵6 es wieder von vorn an. Morgen Abend ſoll geſpielt werden. So ſchlepp' ich mich hin und her, es iſt mir langweilig aufzuſtehen, und verdrießlich zu Bette zu ge⸗ hen. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Troͤſtungen vor mir auf; dann werf' ich ſie weg, und verwuͤnſche ſie. Ich will mich nicht ergeben, nicht der Nothwendigkeit ergeben— warum ſoll das nothwendig ſeyn, was mich zu Grunde richtet? Koͤnnte es nicht auch anderz ſeyn? Ich muß es eben be⸗ zahlen, daß ich eine Deutſche bin; es iſt der Charakter der Deutſchen, daß ſie uͤber Allem ſchwer werden, daß Alles uͤber ihnen ſchwer wird. O+, meine Freundin, fiel Wilhelm ein, koͤnnten Sie doch aufhoͤren, ſelbſt den Dolch zu ſchaͤrfen, mit dem Sie mich unablaͤſſig verwunden! Bleibt Ihnen denn nichts? Iſt denn Ihre Jugend, Ihre Geſtalt, Ihre Geſundheit, ſind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verſchulden verloren haben, müſſen Sie denn alles Uebrige hinterdrein werfen? Iſt das auch nothwendig? Sie ſchwieg einige Augenblicke, dann fuhr ſie auf: Ich weiß es wohl, daß es Zeitverderb iſt, nichts als Zeitverderb iſt die Liebe! Was haͤtte ich nicht thun koͤn⸗ nen! thun ſollen! Nun iſt alles rein zu nichts geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geſchöpf, nichts als ver⸗ liebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bey Gott, ich bin ein armes Geſchoͤpf! Sie verſank in ſich, und nach einer kurzen Pauſe rief ſie heftig aus: Ihr ſeyd gewohnt, daß ſich euch Alles an den Hals wirft. Nein, ihr koͤnnt es nicht fuͤhlen, kein Mann iſt im Stande, den Werth eines Weibes zu fuͤh⸗ len, das ſich zu ehren weiß! Bey allen heiligen Engeln, bey allen Bildern der Seligkeit, die ſich ein reines gut⸗ muͤthiges Herz erſchafft, es iſt nichts Himmliſchers, als ein weibliches Weſen, das ſich dem geliebten Manne hingibt! Wir ſind kalt, ſtolz, hoch, klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heißen, und alle dieſe Vorzuͤge legen wir euch zu Fuͤßen, ſobald wir lieben, ſobald wir hoffen, Gegenliebe zu erwerben. O wie hab' ich mein ganzes Daſeyn ſo mit Wiſſen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln, abſichtlich verzweifeln. Es ſoll kein Blutstropfen in mir ſeyn, der nicht geſtraft wird, keine Faſer, die ich nicht peinigen will. Laͤcheln Sie nur, lachen Sie nur uͤber den theatraliſchen Auf⸗ wand von Leidenſchaft. Fern war von unſerm Freunde jede Anmwandlung des Lachens. Der entſetzliche, halb natuͤrliche, halb erzwun⸗ gene Zuſtand ſeiner Freundin peinigte ihn nur zu ſehr. Er empfand die Foltern der ungluͤcklichen Anſpannung mit; ſein Gehirn zerruͤttete ſich, und ſein Blut war in einer fieberhaften Bewegung. Sie war aufgeſtanden, und ging in der Stube hin und wieder. Ich ſage mir Alles vor, rief ſie aus, warum eie. 45⁸ ich ihn nicht lieben ſollte. Ich weiß auch, daß er es nicht werth iſt; ich wende mein Gemuͤth ab, dahin und dorthin, beſchaͤftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm' ich eine Rolle vor, wenn ich ſie auch nicht zu ſpielen habe; ich uͤbe die alten, die ich durch und durch kenne, fleißiger und fleißiger, ins Einzelne, und uͤbe und uͤbe— Mein Freund, mein Vertrauter, welche ent⸗ ſetzliche Arbeit iſt es, ſich mit Gewalt von ſich ſelbſt zu entfernen! Mein Verſtand leidet, mein Gehirn iſt ſo angeſpannt; um mich vom Wahnſinne zu retten, uͤber⸗ laſſ' ich mich wieder dem Gefuͤhle, daß ich ihn liebe.— Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn! rief ſie unter tauſend Thraͤnen, ich liebe ihn, und ſo will ich ſterben. Er faſſte ſie bey der Hand, und bat ſie auf das Inſtaͤndigſte, ſich nicht ſelbſt aufzureiben. O, ſagte er, wie ſonderbar iſt es, daß dem Menſchen nicht allein ſo 1 manches Unmoͤgliche, ſondern auch ſo manches Moͤgliche 8 verſagt iſt. Sie waren nicht beſtimmt, ein treues Herz zu finden, das Ihre ganze Gluͤckſeligkeit wuͤrde gemacht haben. Ich war dazu beſtimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Ungluͤckliche feſtzuknuͤpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach. Er hatte Aurelien ſeine Geſchichte mit Marianen vertraut, und konnte ſich alſo jetzt darauf beziehen. Sie ſah ihm ſtarr in die Augen, und fragte: Koöͤnnen Sie ſagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, daß 459 Sie keiner mit leichtſinniger Galanterie, mit frevelhafter Betheurung, mit herzlockenden Schwuͤren ihre Gunſt ab⸗ zuſchmeicheln geſucht? Das kann ich, verſetzte Wilhelm, und zwar ohne Ruhmredigkeit: denn mein Leben war ſehr einfach, und ich bin ſelber in die Verſuchung gerathen, zu verſuchen. Und welche Warnung, meine ſchoͤne, meine edle Freun⸗ din, iſt mir der traurige Zuſtand, in den ich Sie ver⸗ ſetzt ſehe! Nehmen Sie ein Geluͤbde von mir, das mei⸗ nem Herzen ganz angemeſſen iſt, das durch die Ruͤh⸗ rung, die Sie mir einfloͤßten, ſich bey mir zur Spra⸗ che und Form beſtimmt, und durch dieſen Augenblick geheiligt wird: jeder flüchtigen Neigung will ich wider⸗ ſtehen, und ſelbſt die ernſtlichſten in meinem Buſen be⸗ wahren; kein weibliches Geſchoͤpf ſoll ein Bekenntniß der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht mein ganzes Leben widmen kann. Sie ſah ihn mit einer wilden Gleichguͤltigkeit an, und entfernte ſich, als er ihr die Hand reichte, um ei⸗ nige Schritte. Es iſt nichts daran gelegen! rief ſie: ſo viel Weiberthraͤnen mehr oder weniger, die See wird darum doch nicht wachſen. Doch, fuhr ſie fort, unter Tauſenden Eine gerettet, das iſt doch etwas, unter Tauſenden Einen Redlichen gefunden, das iſt anzuneh⸗ men! Wiſſen Sie auch, was Sie verſprechen? Ich weiß es, verſetzte Wilhelm lächelnd, und hielt ſeine Hand hin. 3 Ich nehm' es an, verſetzte ſie, und machte eine Be⸗ wegung mit ihrer Rechten, ſo daß er glaubte, ſie wurde die ſeine faſſen; aber ſchnell fuhr ſie in die Taſche, riß den Dolch blitzgeſchwind heraus, und fuhr mit Spitze und Schneide ihm raſch uͤber die Hand weg. Er zog ſie ſchnell zuruͤck, aber ſchon lief das Blut herunter. Man muß euch Maͤnner ſcharf zeichnen, wenn ihr merken ſollt, rief ſie mit einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine haſtige Geſchaͤftigkeit uͤberging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte ſeine Hand damit, um das erſte hervordringende Blut zu ſtillen. Verzeihen Sie einer Halbwahnſinnigen, rief ſie aus, und laſſen Sie ſich dieſe Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin verſoͤhnt, ich bin wieder bey mir ſelber. Auf meinen Knieen will ich Abbitte thun; laſſen Sie mir den Troſt, Sie zu heilen. Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Geraͤth, ſtillte das Blut, und beſah die Wunde ſorgfaͤltig. Der Schnitt ging durch den Ballen gerade unter dem Daumen, theilte die Lebenslinie, und lief ge⸗ gen den kleinen Finger aus. Sie verband ihn ſtill, und mit einer nachdenklichen Bedeutſamkeit in ſich gekehrt. Er fragte einigemal: Beſte, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen? Still, erwiederte ſie, indem ſie den Finger auf den Mund legte: ſtill! ——