eee rauen⸗Liebe Leben. Erzählungen von 1. Godin Fünfter Baut. Eruſt Jilins Giiether. — 85 27 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 93 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für öpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1I u1— uu— 1 17— tr 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. .6. Schadenersatz. 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Obgleich Baiern am Vor⸗ abend verhängnißvoller Kriegsereigniſſe ſtand, ſchien doch der Ernſt der Zeit keinen Einfluß auf die allge⸗ meine, durch den hohen Feſtgeber immer neu angefachte Heiterkeit auszuüben. Das lebensvolle, ja lebensgierige Temperament Maximilian Emanuels äußerte ſich gern in Glanz und Pracht; bei jeder von ihm ausgehenden Veranſtaltung geſellte ſich erleſenſter Geſchmack dem Prunke, welcher ſelbſt in jenen verſchwenderiſchen Tagen ſeinem Fürſtenhofe hervorragenden Ruf geſchaffen hatte. Das heutige, vom ſchönſten Wetter begünſtigte Feſt hatte in den Blumengärten begonnen, welche, an große Höfe grenzend, die einzelnen Abtheilungen des weitaus⸗ 1* 4 gedehnten Schloſſes innerhalb mit einander verbanden. Nachdem die Sonne geſunken, wurden die Gäſte in den herrlichen Saal der Alterthümer geleitet, der an einen dieſer Gärten ſtieß, und bei ſeiner hohen Wöl⸗ bung eben ſo erfriſchende Kühle bot, als die Sommer⸗ nacht draußen. Die Schildereien von de Witte's ſinni⸗ gem Pinſel, welche von der Wölbung niederlächelten, Bruſtbilder denkwürdiger Männer vergangener Zeiten, die, von koſtbaren Verzierungen und mancherlei Kunſt⸗ werken umgeben, die Wände ſchmückten, bildeten in ihrer Pracht doch nur eine Folie für all' die glänzenden Ge⸗ ſtalten, welche in voller Lebensfriſche durch den weiten Saal wogten. Gold und Silber blitzte, leuchtende Far⸗ ben ſchimmerten an der koſtbaren Gewandung der Ca⸗ valiere und Edeldamen, die hier des Zeichens zum Auf⸗ bruch nach den oberen Räumen harrten, wo der Ball ſtattfinden ſollte. Plaudernde Paare durchwallten den Saal, oder vereinten ſich zu Gruppen, aus denen Scherzwort und zierliche Rede erklang, während ſich die ritterliche Geſtalt des Kurfürſten bald hier, bald dort zeigte, und, wohin er ſich auch wandte, hellen Sonnenſchein auf den Zügen der Angeredeten zu⸗ rückließ. Ein junger Mann von ausgezeichneter Erſcheinung ſchien von der allgemeinen Heiterkeit nicht berührt. Er 5 ſtand aus dem Gewühl zurückgezogen; obgleich ſeine Haltung in dieſem Moment ſelbſtvergeſſend nachläſſig war, zeigte ſie dennoch Anmuth, mit Kraft gepaart. Eine geiſtvolle Stirne wölbte ſich über träumeriſchen Augen, deren Ausdruck dem des feinen, faſt herben Mundes widerſprach; doch gewann ſein unverwandt auf einen Punkt gerichteter Blick zuweilen eine Spann⸗ kraft, welche ihm düſtere Gluth verlieh. Der Gegenſtand dieſer leidenſchaftlichen Aufmerk⸗ ſamkeit war ein junges Mädchen, welche inmitten einer, durch den Kurfürſten wiederholt ausgezeichneten Gruppe ſaß. Ihr knospenhafter Reiz wurde durch die impoſanten Formen einer neben ihr ruhenden Matrone noch gehoben, deren ſtattliche Haltung viel Selbſtbewußtſein aus⸗ ſprach. Die Marſchallin von Wolframsdorf vertrat heute auf Anſuchen des Feſtgebers die vor drohender Kriegsgefahr nach Ingolſtadt geflüchtete Kurfürſtin, und ſah ſich noch mehr umgeben, als ihr Rang und die Schönheit ihrer jungen Nichte dies überhaupt zu veranlaſſen pflegten. Als das Muſikſignal zum Be⸗ ginne des Balles erklang, und Max Emanuel auf die Gattin ſeines im Felde befindlichen Heerführers zu⸗ ſchritt, erhob ſich die Dame mit einer Stattlichkeit, welche die zugedachte Ehre als Berechtigung zu bezeich⸗ nen ſchien, und bewegte ſich, ihre Fingerſpitzen in die — des hohen Herrn gelegt, als Anführerin des Reigens ſtolz durch den Saal. Bei dem erſten Klang der Hörner begab ſich der junge Mann, welcher die Damen von ferne beobachtete, an des Kurfürſten Seite, und als derſelbe mit der Marſchallin voranſchritt, boten ſich dem zurückgebliebe⸗ nen ſchönen Mädchen zwei Hände zu gleicher Zeit. Während ſie ihre Linke erglühend in die Hand des eben Hinzugetretenen legte, neigte ſie entſchuldigend ihr Haupt gegen den Cavalier, der ſie bis jetzt mit großer Be⸗ fliſſenheit unterhalten, und folgte ihrem Führer die hohe, mit rieſenhaften Marmorgeſtalten geſchmückte Treppe hinauf. Während das Paar eine lange Reihe farbenprächtiger Gemächer durchſchritt, wechſelten Beide weder Blick noch Wort. Kaum hatte aber im Tanzſaale der beginnende Reigen die Möglichkeit gegeben, ein unbelauſchtes Wort zu ſprechen, als der Cavalier in leidenſchaftlichen Vorwurf ausbrach, deſſen gedämpfter Klang ihm nichts von ſeiner Heftigkeit nahm:„Ihr ſeid ja wunderſam heiter, Mathilde! ich ſtaune Eure Munterkeit ſchon ſeit Stunden aus der Ferne an, ver⸗ gönnt mir nun gleichfalls, daran Theil zu nehmen!“ „Ihr thut mir weh, Graf Arco“, entgegnete das junge Mädchen, indem ſie das langbewimperte Auge traurig zu ihm erhob.„Wie könnt Ihr glauben, ich 7 ſei heiter, und es mir ſo vorwurfsvoll ſagen! Heut, wo ich mit doppelt ſchwerem Herzen kam, nur deshalb kam, um Euch mitzutheilen, daß ich mehr Gründe habe zu weinen, als je— denn, glaubt mir, Ferdinand, ich weine oft, aber nur in der Nacht, wenn ich wache, um an Euch zu denken.“ „Vergib!“ ſagte Arco lebhaft.„Wüßteſt Du, wie mir zu Muthe iſt, wenn ich ſo aus der Ferne mit an⸗ ſchaue, wie Dieſer und Jener Dich mit endloſem Ge⸗ rede, mit faden Huldigungen in Beſchlag nehmen darf, — Du würdeſt begreifen, wie ſchwer ſich's trägt, Dich dazu lächeln zu ſehen! Gleich einem Verbannten muß ich ſtehen, und Fremden meinen Himmel überlaſſen, will ich nicht die ſchnöde Behandlung Deiner Sippe tragen. Das muß ein Ende finden, und ſoll es finden, noch ehe ich ſcheide! In wenigen Tagen zieht der Kur⸗ fürſt zum Heere; bevor ich München mit ihm verlaſſe, trete ich vor Deinen Vater!“ „Um Gotteswillen!“ unterbrach ihn Mathilde er⸗ blaſſend,„der Augenblick wäre übel gewählt. Und doch— vielleicht iſt es der einzige Ausweg aus dem neuen Wirrſal, das uns droht. Geſtern ſagte mir mein Vater—“ Ein leiſes Zeichen, das Arco mit den Wimpern gab, ließ ſie inne halten. Die Figuren des Tanzes 8 trennten das Paar, und es währte geraume Zeit, ehe die Wiederaufnahme eines Geſprächs möglich wurde, das keinen Lauſcher vertrug. Auch dann waren nur Augenblicke zu erhaſchen, ſie wurden mit herzklopfender Haſt benützt.„Ich muß Dich ungeſtört ſprechen, durch⸗ aus!“ flüſterte Ferdinand, indem er mit halbabge⸗ wandtem Geſicht der bebenden Tänzerin die Hand bot, um ſie für kurze Momente wieder als Partner durch die Reihen zu führen.„Vielleicht wäre es zu erreichen! Oefters ſehe ich Dich in Geſellſchaft der Gräfin Tauff⸗ kirchen. Sie iſt mir wohlgewogen— darf ich mich ihr vertrauen oder willſt Du es ſelbſt thun, willlſt ſie bitten, uns eine Zwieſprache in ihrer Gegenwart zu geſtatten? Bedenke, es gilt unſere Zukunft, vielleicht gilt es ein Scheiden für ewig— ich ziehe in's Feld, Mathilde!“ Des Mädchens Augen füllten ſich mit Thränen. „Still, ſtill!“ athmete ſie kaum hörbar.„Ich will mit der Gräfin ſprechen! Morgen, im Hochamt treffe ich Euch, Ferdinand, vielleicht wird es mir dann möglich, Euch Kunde zu geben, oder Ihr erfahrt durch die Gräfin ſelbſt, ob ſie einwilligt. Ja, wir müſſen uns ſprechen — hier kann ich Euch nicht ſagen, was von mir ge⸗ fordert wird! Den Muth, es zu weigern, werdet Ihr mir ſtärken, und vielleicht—“ Wieder mußte die kalte kleine Hand in die eines 9 anderen Tänzers gleiten, und die Liebenden fanden keinen günſtigen Augenblick mehr, ihr Herz von allem was darauf laſtete, zu erlöſen. Dennoch war auf Arco's ſtolzedlen Zügen jetzt Ruhe eingekehrt. Freude ſchien dort keine Stätte zu finden. Der Morgen, welcher dieſer Feſtnacht folgte, ſah Münchens Straße von wogenden Menſchenmaſſen an⸗ gefüllt. Wie ein Lauffeuer hatte ſich die Nachricht vom bevorſtehenden Abmarſche des Heeres nach Tyrol, und der heute beabſichtigten Einſegnung des Kurfürſten durch den Biſchof, welcher ſeinem Kriegszuge die gött⸗ liche Weihe ertheilen ſollte, in der Hauptſtadt verbreitet. Seit dem Beginn des ſpaniſchen Erbfolgekrieges mit Frankreich verbündet, hatte Maximilian Emanuel gegen Ende des vorigen Jahres Ulm ohne Kriegser⸗ klärung überrumpelt, ſich den Oeſterreichern überlegen behauptet, und ſich dann auf geſchickte Weiſe mit dem Marſchall Villars vereinigt. Vor Kurzem war ſeine offene Kriegserklärung an den Kaiſer gelangt. Die letzten Rüſtungen, womit er ſich zum Einfall in Tyrol vorbereitet, fanden jetzt ihren Abſchluß. Ein erbitterter Haß beider Gegner, die ſich gegen⸗ ſeitig ſchwere Unbill vorwarfen, war an die Stelle 10 vormaliger Freundſchaft getreten. Als dereinſt Frank⸗ reich und Oeſterreich wetteiferten den jugendlichen, eben zu Macht und Anſehen gelangten Kurfürſten für ein Bündniß zu Schutz und Trutz zu gewinnen, endete ein perſönliches Zuſammentreffen mit dem Kaiſer Leopold das lange Schwanken Maximilians und ſtimmte deſſen leichtbewegliches Gemüth ganz für Jenen. Von dem Tage dieſes Bündniſſes an, athmete der weiche, in der Wahl ſtets zögernde, aber der That ganz hingegebene, leicht auflodernde Kurfürſt nur für Oeſterreich. Er ſtützte den Kaiſer mit ſeiner ganzen Heeresmacht im Kriege gegen die Osmanen, wich ihm in den Schlachten nie von der Seite, und betheuerte während des Wie⸗ dereinzuges in Wien vor allem Volke, das Schwert, welches er als Gaſtgeſchenk von Leopold empfangen, ſolle ewiglich deſſem Dienſte geweiht bleiben. Der Kaiſer hatte dieſen Feuereifer mit der Hand ſeiner Tochter gelohnt, die Maximilian Anwartſchaft auf den Beſitz der ſpaniſchen Niederlande zubrachte. Zum Entgelt er⸗ ſchöpfte der junge Eidam ſeine und Baierns Kraft und Schätze, das Blut ſeiner Unterthanen in unabläſſigem Beſtreben, Oeſterreichs ſchwer erſchütterte Größe auf⸗ recht zu erhalten, die Keinem gefährlicher werden konnte, als ihm ſelbſt. Kaum von den Siegesfeldern aus Ungarn nach 11 München zurückgekehrt, galt es neuen Auszug gegen Frankreich. Der Uebermuth Ludwigs XIV. hatte, um ſich unbefriedigter Erbanſprüche wegen genug zu thun, Deutſchland ohne Kriegserklärung überzogen, und ſein Heer trug Mord und Brand, und unmenſchliche Ge⸗ waltthat in viele Städte und Lande des Reiches. Wäh⸗ rend namentlich die Rheinlande durch den mit geſchäf⸗ tiger Grauſamkeit vorſchreitenden Feind Unſägliches litten, zauderten Deutſchlands Fürſten ſich zu raſcher Unternehmung zu entſchließen. Während man unter ſchwerfälligen, engherzigen Berathungen auf den Reichs⸗ tagen miteinander haderte, und den Krieg in einzelnen Gefechten und langwierigen Belagerungen träge hin⸗ ſchleppte, gingen große Landſtriche verloren. Selbſt Max Emanuels unerſchrockenes Heldenherz unterlag dem Einfluß der allgemeinen Lethargie, und ſchien dieſen Kampf mehr als eine fürſtliche Zerſtreuung, als wie heilige Aufgabe eines deutſchen Fürſten zu betrachten. Von der Belagerung von Mainz hinweg eilte er zu den Krönungsfeſten der Kaiſerin und des kaiſerlichen Prinzen nach Augsburg, um durch ungeheuren Auf⸗ wand den Prunk aller übrigen Fürſten zu verdunkeln. Von den Feſten wieder zum Reichsheere, vom Winter⸗ lager am Rhein in die Niederlande, nachdem die Ver⸗ bündeten bei Fleurus unterlegen waren, dann an der 12 Spitze der Hilfsvölker zur Rettung Savoyens nach Italien ziehend, hatte ſtete Geſchäftigkeit und glänzende Tapferkeit, von äußerem Glanz und Reichthum gehoben, Maximilians Ruf und Ruhm im Lager ſowohl als an den Höfen weit verbreitet und befeſtigt. In Venedig trafen ihn die Boten des Königs Karl II. von Spa⸗ nien, der ihm die Statthalterſchaft der Niederlande übertrug. War dies auch nur glänzende Bedienung im Sold eines fremden Königs, ſo zögerte doch der feu⸗ rige, tief ehrgeizige Kurfürſt keinen Augenblick ſie an⸗ zunehmen, denn ſchon ſah er ſich im Geiſt als einzigen Erben der ſpaniſchen Krone und Herrſcher beider In⸗ dien, wozu ihm die niederländiſche Statthalterſchaft nur als erſte, ſichere Stufe erſchien. Der bald darauf erfolgende Verluſt ſeiner Gemahlin erſchütterte dieſe Hoffnung keineswegs, denn ſie hinterließ ihm einen Sohn, deſſen Wiege alle Träume ſeines Ehrgeizes, und jeder Wahrſcheinlichkeit nach, das Schickſal der Bewohner dreier Welttheile umſchloß. Wie unzerreißbar ſchienen damals die Bande, welche Max Emanuel mit Oeſterreich verknüpften, und dennoch ſtand er heute demſelben Oeſterreich in Waffen und erbitterter Geſinnung gegenüber! Von jener Wiege, worin den Wittelsbachern eine Weltſtellung höchſter Ordnung ſchlummerte, ging das 13 Verhängniß aus. Die Erbfolge Spaniens, welche alle europäiſchen Mächte in Ehrgeiz oder Furcht beſchäftigte, ward von denſelben am wenigſten beſprochen, aber im Geheimen um ſo ernſtlicher behandelt. Im Haag ward zwiſchen Frankreich, England und Baiern ein Vertrag abgeſchloſſen, der Joſeph von Baiern die Krone und Länder Spaniens in Curopa und den entfernten In⸗ dien ſicherte, dagegen dem franzöſiſchen Thronerben die in Spaniens Beſitz befindlichen Landſchaften Unteritaliens, und dem Erzherzog Karl von Oeſterreich die Lombardei zuſprach. Kaum war dieſe Uebereinkunft getroffen, als der kranke König Karl, bitter beleidigt von den Verfügun⸗ gen fremder Mächte über das künftige Schickſal ſeiner Reiche, einen letzten Willen niederlegte, und durch deſſen Unterſchrift den unmündigen Sohn Max Emanuels zum Alleinerben der geſammten ſpaniſchen Reiche ein⸗ ſetzte. Indem er hiermit alle Entwürfe der europäiſchen Höfe vernichtete, ſandte er Eilboten mit der wichtigen Botſchaft, welche des Prinzen Joſeph Erhebung zum Fürſten von Aſturien verkündete, nach Brüſſel, wo Maximilian reſidirte. Wenn die unerwartete Nachricht aller Orten zündete, ſo erſchütterte ſie in der Burg von Wien gleich einem Donnerſchlage. Als der Kaiſer einſt den Kurfürſten zum Eidam 14 gewählt, hatte ſich dieſer in geheimem Vertrag verpflichtet, für die Nachkommen ſeiner Gemahlin zu Gunſten des öſterreichiſchen Manneszweiges auf Spaniens Erbfolge zu verzichten. Jetzt ſah der Kaiſer, welcher für ſeinen Sohn Karl auf Spanien und Indien gerechnet, dies Wort gebrochen, und klagte den Kurfürſten in hohem Zorn ſchwerer Treuloſigkeit an. Max Emannuel rechtfertigte den Bruch dieſes Ne⸗ benvertrages mit dem Erweis, daß der Kaiſer die Pakta des zwiſchen Beiden ausgefertigten Hauptvertrages nicht gehalten, ihm ſeit vierzehn Jahren weder das Heirathsgut ſeiner Gemahlin, noch einen Erſatz für die zahlloſen Opfer an Gut und Blut zugeſtellt habe, welche Baiern für das Haus Habsburg und deſſen Größe gebracht, und er ſich darum weder für gebunden noch verpflichtet erachte, ſeinem eigenen Kinde eine Krone vom Haupt zu reißen, welche der freie Wille des Erb⸗ laſſers demſelben zugeſprochen.. Bitterſte Feindſchaft war die Folge. Das unſchul⸗ dige Haupt, um deſſentwillen grimmiger Haß entloderte, ſollte deſſen Frucht aber nicht erndten. Schon lag eine ſtattliche Flotte von Kriegsſchiffen ſegelfertig vor Amſterdam, um den jungen Fürſten von Aſturien an die ſpaniſche Küſte zu führen, als das zarte, eben ſechsjährige Kind erkrankte, und ſchon nach 15 wenigen Tagen ſeinen Geiſt aushauchte. Verzweifelnd flehte der Vater am Sterbelager ſeines Lieblings: „Nimm mich aus der Welt, Gott, und erhalte meinen Sohn!“ Er hatte umſonſt gefleht. Das Glück ſeines Herzens, die Wonne ſeines Lebens war dahin— dahin zugleich alle ſtolzen Träume von Macht und Größe. Wie mit einem Schlage war jählings Alles rings verwandelt, Spanien verloren, der Erwerb der Nieder⸗ lande in Frage geſtellt, Kaiſer Leopold zu unverſöhn⸗ lichem Haß gereizt, und im eigenen Erblande eine Ber⸗ geslaſt von Schulden gehäuft. Der Tod des erwählten Thronerben entflammte neue Kämpfe der Hofparteien, in welchen Frankreich ſiegte; es gewann dem ſterbenden Könige von Spanien ein Vermächtniß zu Gunſten des Herzogs von Anjou ab, der ſofort nach Eintritt von Karls II. Tode nach Madrid eilte, während franzöſiſche Schiffe und Kriegs⸗ völker Häfen und Küſten Spaniens anfüllten. Zugleich ſandte Ludwig XIV. einen Geſandten an Max Ema⸗ nuel, um den, ſowohl als Statthalter der Niederlande, als durch ſeine Stellung in Süddeutſchland einfluß⸗ reichen Kurfürſten zum Bündniß gegen Oeſterreichs bis jetzt nur als Drohung und durch Rüſtungen auftretende Anſprüche zu gewinnen. Gedrückt von Leopold's feind⸗ ſeliger, öffentlich dargelegter Stimmung, von der eigenen 16 ſchweren Schuldenlaſt, und manchem Widerſtande ſeiner niederländiſchen Statthalterei, unterhandelte Maximi⸗ lian, und ſchloß endlich das von Frankreich erſtrebte Bündniß unter ſtrenger Heimlichkeit von beiden Seiten, die bald durch ihre Wirkungen zur Oeffentlichkeit wer⸗ den ſollte. Der Würfel war gefallen. Unterhandlungen zwiſchen dem Kurfürſten und dem Kaiſer wurden von beiden Seiten ohne Ernſt und Hoffnung fortgeſetzt, während bereits die Frucht ehe⸗ maliger Siege durch Beſetzung aller feſten Plätze der Niederlande von franzöſiſchen Truppen, und Prokla⸗ mirung des Herzogs von Anjou als König von Spa⸗ nien, in Frankreichs Händen lag; während ein bairi⸗ ſcher Feldmarſchall bis zum Rhein und Schwarzwald vorgedrungen, Ulm gefallen war, und Maximilian mit⸗ ten im Winter Heer und Land zum Feldzuge vorbe⸗ reitete. Seine Betheuerung, daß er wünſchte mit dem Reiche Frieden zu halten, und nur Nothwehr ihn vor⸗ wärts treibe, ging mit Forderungen Hand in Hand, welche Leopold einem ſchwächeren Fürſten zu bewilligen, zu karg und ſtolz war. Die Vorwürfe, welche er dem abtrünnigen Eidam machte, wurden mit dem Vor⸗ wurf der Undankbarkeit beantwortet. Der Kaiſer erließ ein Aufgebot an die bairiſchen 17 Unterthanen: daß er ſie alle von Eid und Pflicht ent⸗ binde, ihrem Landesherrn Gehorſam und Abgaben zu leiſten. So ſehr aber auch Baiern eine Wiederkehr aller Schrecken des dreißigjährigen Krieges befürchtete deſſen Erinnerung dem Lande nicht erloſchen war, und vor einer dunkeln Zukunft bangte, verachtete das treue Volk ſolche Aufforderung zum Meineid. War auch durch aus⸗ ländiſchen Einfluß ſeit geraumer Zeit eine Leichtfertig⸗ keit des Tones und der Sitten an den Höfen heimiſch geworden, die weichlichen mitunter knechtiſchen Sinn zur Folge hatte, ſo war unter den Reihen der Bürger⸗ ſchaft und des Landvolkes doch nirgend das ehrliche, altdeutſche Gemüth und Weſen geſchädigt. Kein Schick⸗ ſal konnte das Volk zwingen, Gottes und ihres Fürſten zu vergeſſen. Dies Bewußtſein verlieh Maximilian Emanuel das hohe Vertrauen deſſen er bedurfte um auf der betretenen ſteilen Bahn vorwärts zu ſchreiten. Er wußte, das Wort jenes gefangenen Hauptmanns, dem der Markgraf von Ansbach Abfall vom Kaiſer vorgeworfen:„Der Kurfürſt iſt mein Herr, ihm danke ich meine Ehre. Ich bin ein Baier!“ galt für alle ſeine Unterthanen. Daß dieſe Ueberzeugung ihn nicht trog, erwies ſich auch heute durch tauſendfachen Zuruf des, in den Godin, Frauenliebe und Leben. V. 2 Straßen Münchens wogenden Volkes, als der Kurfürſt mit glänzendem Gefolge auf einem Umwege von ſeinem Reſidenzſchloſſe nach der Michaelskirche ritt. Tauſende von Menſchen füllten Gaſſen und Plätze und drängten ſich im Gotteshauſe dicht aneinander. Die Erwartung, den geliebten Herrſcher noch einmal vor ſeinem Aus⸗ zuge zu ſehen, ihn vielleicht ſprechen zu hören, hatte ſelbſt Krüppel und Greiſe aus ihrer Klauſe gelockt. Eine unzählbare Menge füllte den weiten Raum des großartigen Tempels, und mächtig brauſte der von Orgelton begleitete, tauſendſtimmige Choral zu der von keiner einzigen Säule getragenen hochgewölbten Kuppel auf. Das Hochamt war beendet. Eben hatte der Biſchof den Segen geſprochen, der fromme Geſang ſchwieg, und unter einzelnen leiſe verhallenden Accorden der Orgel trat der Kurfürſt mit feſten Schritten vor den Hochaltar. Athemloſe Stille hielt Alles in Bann, jedes Auge haftete mit Stolz und Begeiſterung auf der Ge⸗ ſtalt des Landesfürſten, der von der Natur ſelbſt dazu geſchaffen ſchien einen hervorragenden Platz einzu⸗ nehmen. Maximilian Emanuel war ein ſchöner Mann von gefälligem Wuchs und männlichen, aber feingemeißelten Zügen des ovalen Geſichtes; eine jener Erſcheinungen, 19 die bei ihrem erſten Anblick einnehmen, weil ſich Lei⸗ denſchaft Geiſt und Zartſinn zugleich bei ihnen aus⸗ prägt. Das Feuerauge ſtrahlte gleich dem eines Jüng⸗ lings, obgleich ſchon vierzig Jahre über des Fürſten vielbewegtes Daſein hingegangen. Das lebensvolle Antlitz blickte kühn aus dem reichen Gekräuſel des locki⸗ gen Flachshaares hervor, welches ihm, nach damaligen Geſchmack über Schultern Bruſt und Rücken nieder⸗ wallte. Während er mit leichter Kniebeugung geſenkten Hauptes vor dem Biſchof ſtand, fielen durch die feu⸗ rigen Farben der Glasfenſter glühende Reflexe auf die Gruppe. Des greiſen Prälaten kurze Segensworte drangen kraftvoll durch den menſchenerfüllten Raum, und als ſich bei dem Schlußworte:„Für Gott und Vaterland!“ das geſalbte Haupt des Fürſten kühn auf⸗ richtete, brauſte der alte Wahlſpruch Baiern's gleich einem tauſendſtimmigen Echo jubelnd durch das Got⸗ teshaus. Max Emanuel wandte der Menge ſein leuchten⸗ des Antlitz zu.„Für Gott und Vaterland!“ wieder⸗ holte auch er mit ſonorer Stimme.„Wir ziehen aus zum Schutz unſerer Freiheit und Ehre! der Allmächtige wird uns beiſtehen. Es gilt unſerem geliebten Volke, gilt dem eigenen Heerd! Nur als Selbſtvertheidiger 2* 20 haben wir die Waffen wider das Erzhaus ergriffen, das uns mit unerhörter Unbill im eigenen Lande ver⸗ folgt, der deutſchen Stände Freiheit gewaltthätig ver⸗ nichtet! Mit Einſatz unſeres Leibes und Blutes werden wir bis auf den letzten Athemzug für Euch leben und ſterben, wie es einem theuren Landesfürſten zuſteht! Die Ihr in unſerer Heeresfolge mit uns zieht ſeid tapfer und getreu, die Ihr daheimbleibt betet für den Sieg unſerer gerechten Sache. Amen.“ Das athemloſe Schweigen welches während dieſer Rede alles Volk in Bann gehalten, löſte ſich in begei⸗ ſtertem Zuruf, während der Fürſt von ſeinen Edlen gefolgt die Kirche verließ. Gleich einem entfeſſelten Strome wälzte ſich die Menge dem glänzenden Zuge nach. Arco deſſen eifriges Auge den Platz, an welchem die Geliebte kniete bald erſpäht hatte, benutzte den Moment des Aufbruchs um in ihre Nähe zu gelangen, obgleich er nicht hoffen durfte an der geweihten Stätte ein Wort mit ihr tauſchen zu können. Doch trog ihn die Hoffnung nicht, ein Zeichen von ihr mit hinweg zu nehmen; während er an ihrem Betſtuhl vorüber ſchritt neigte ſie mit unmerklich bejahender Bewegung den Kopf, und ſchlug mit der Rechten dreimal in kur⸗ zen Pauſen gegen ihre Bruſt. 1 † 24 Sekunden hatten genügt um verſtanden zu wer⸗ den, und obgleich das zarte, glühende Geſichtchen ſich nicht mehr erhob, fühlte ſich Ferdinand doch wie be⸗ flügelt. Das iſt ja Recht und Kraft junger Liebe, daß ſie jeden Widerſtreit lächelnd vergißt, ſobald ihr in der Gegenwart eine beglückende Stunde winkt! Der dritte Schlag der Thurmuhr hatte noch nicht ausgetönt, als der junge Edelmann bereits die Schwelle des gräflich Tauffkirchen'ſchen Palaſtes überſchritt. Er fand ſofort Einlaß bei der Gräfin, traf ſie aber allein. „Seid willkommen, Graf Arco“, ſprach die Matrone in würdigem Ton, als er ſich ſtumm vor ihr verneigte. „Meine Zuſtimmung zu Eurem heutigen Beſuch beweiſt Euch ein großes Vertrauen, und ich rechne auf Eure Chre, daſſelbe zu rechtfertigen. Ich darf nicht billigen daß Ihr Mathilde Wolframsdorf zu dem gewagten Schritt verleitet habt, wider Wiſſen und Willen ihres Vaters am dritten Ort mit ihr zuſammen zu treffen. Um Arges zu verhüten willigte ich trotzdem ein, Euch Beiden zu ſolcher Zwieſprache mein Haus als Aſyl zu leihen, fordere aber Zeugin dieſer Unterredung zu ſein.“ „Ihr fordert was ich zu erbitten dachte, gnädigſte Frau“, erwiderte Ferdinand ernſt.„Was Ihr gewährt, darf mir als Zeichen Eurer Achtung gelten, deshalb hoffe ich auf Euren Beiſtand. Mathilde iſt mutterlos, der ſtarre Sinn ihres Vaters tritt mir als ſchwer überwindliche Schranke entgegen, und doch will und muß ich bis zum Aeußerſten an dem Rechte feſthalten, welches mir Mathildens Liebe gibt.“ 8 Die Gräfin blickte ihn freundlich an und öffnete dann, ſchweigend vorangehend, die Thüre eines Neben⸗ zimmers in welchem Arco ſein geliebtes Mädchen fand. Das junge Geſicht ſah blaß und verweint aus, und obgleich ſie ihm mit lächelndem Erröthen entgegentrat, lauſchte doch in den ſanften Augen ſo viel Trauer, vaß ſein eigenes Freudenfeuer davor erloſch. Stumm zog er ihre Hand an ſeine Lippen, während die Gräfin in einem Armſtuhl Platz nahm, als wollte ſie hiermit ein freiwilliges Zurückziehen andeuten.„Ihr habt mir Beſonderes zu vertrauen, Mathilde, falls ich Euch ge⸗ ſtern recht verſtanden?“ ſagte er endlich, nachdem Mi⸗ nuten den Liebenden in jener beredten Sprache des Blickes hingeſchwunden waren denen keine Beredtſam⸗ keit der Lippe je die Wage hält.„Und ich muß fürch⸗ ten, es iſt nichts Tröſtliches?“ Das junge Mädchen ſchüttelte den Kopf und blickte mit traurigen Augen zu ihm auf.„Es iſt Troſtloſes“, athmete ſie leiſe;„geſtern Morgen war mein Oheim bei dem Vater, als ich im Nebengemache ſaß; hatten ſie nun meine Nähe vergeſſen, oder ſollte ich anhören, 23 was geſprochen wurde, kurz, ich vernahm wie mein Vater berichtete, daß er dem Grafen Pappenheim meine Hand zugeſagt habe, und nur die Heimkehr des edlen Herrn erwarte um mir dies zu verkündigen. Nun iſt es vorbei mit jedem Hoffen— der Wille des Vaters iſt nicht zu beugen.“ „Und ſo wollt Ihr Euch ohne Widerſtand hierein ergeben Mathilde?“ rief Arco leidenſchaftlich.„Was wird aus Eurem Gelöbniß ſtandhafter Liebe und Treue? Wenn Ihr auch nur ſolchen Gedanken zu faſſen ver⸗ mögt, dann— bin ich Euch Nichts, bin Euch nie etwas geweſen!“ Mathilde ſah ihn an, wie ein wundes Reh, aber ſie ſchwieg; ihr banges Auge irrte von ſeinem finſteren Geſicht zu der mütterlichen Freundin hinüber, die ſich ohne ihren Sitz zu verlaſſen, Arco zuwandte. „Verzeiht mir, Graf“, ſagte ſie mild,„wenn ich das Anrecht des Vertrauens geltend mache, das Ihr mir freiwillig vergönntet. Wozu ſtürmt Ihr mit Vor⸗ würfen in dies arme Kind ein? was kann, was ſoll ſie bei ſolchem Stande der Dinge thun? Sich weigern? Das würdet Ihr nicht erwarten, noch entſchuldigen, handelte es ſich um Eure Schweſter in einem gleichen Falle. Die Herrſchaft der Entſcheidung in allen wich⸗ tigen Dingen gebührt den Eltern über die Kinder. Laßt 4—2 4 4 uns lieber auf Mittel denken, das Drohende, aber noch Ungeſchehene friedſam abzuwenden. Ich weiß, daß der Freiherr von Wolframsdorf alten, böſen Groll auf Euer Haus nährt; die Urſachen deſſelben kenne ich nicht, und ſo viel mir bewußt, hat auch Mathildens Mutter nie erfahren, wodurch die Freundſchaft, welche Euren Vater und den Freiherrn einſt verband, ſo plötz⸗ lich in Haß gewandelt worden. Wollt und dürft Ihr hierüber offen ſein, ſo ließe ſich vielleicht jetzt vermit⸗ teln! Jahre ſind vergangen ſeit Euer edler Vater die ewige Ruhe gefunden.“ Ferdinand blickte finſter vor ſich nieder, und zögerte lange mit der Antwort. Endlich ſagte er gepreßten Tones:„Was Ihr zu erfahren fordert, Gräfin, darf ich nicht äußern. Nur das Eine wißt tief wurzelt Groll und Feindſchaft, und der, dem davon die bitter⸗ ſten Früchte reiften, war mein Vater. Nie dachte ich den Namen Wolframsdorf in Liebe auszuſprechen, und doch mußte ich erfahren, daß nichts ſich ſo tief und feſt im Herzen feſtwächſt, als ein Empfinden dem man lange widerſtreitet. Ich mußte Mathilde lieben— Gott verzeihe mir daß mir die Kraft gebrach das vor ihr zu bergen, denn ich wußte gut genug, daß ich ſie nur in hoffnungsloſe Stürme zog!“ Das junge Mädchen trat dicht an ſeine Seite. Schüchtern berührte ihre leichte Hand die ſeine, als ſie erglühend, mit leiſem tief innigem Tone ſprach: „Nein, Ferdinand, Ihr dürft das Glück nicht bereuen, das Ihr mir gegeben. Mag es enden, wie es wolle, mein einziger Troſt, mein höchſter Beſitz bleibt Eure Liebe!“ Er vergaß Leid und Groll, vergaß die fremden Augen und ſchloß ſie an ſeine Bruſt, was ſein war, ſich als ſein bekannte. Es geſchah zum erſten Male. Als er ihrem leiſen Erbeben nachgab und ſie aus ſei⸗ nen Armen ließ, zuckte es ihm jäh durch's Bewußtſein, daß es vielleicht auch zum letzten Male geweſen. „Ich nahm Euer Wort in ſeiner ganzen Schwere“, unterbrach die Gräfin das Schweigen,„und dennoch Arco, frage ich weshalb Ihr nicht wenigſtens einen Verſuch wagen wollt, zum guten Ziel zu gelangen? Herr von Wolframsdorf iſt ein ſtrenger aber gerechter Mann— iſt es denkbar daß er den Sohn für den Vater büßen laſſen wird, nachdem Jener, der ihn be⸗ leidigt, die Augen geſchloſſen? Die Gunſt des Kurfür⸗ ſten zeichnet Euch aus— wenn Ihr den hohen Herrn erſuchen wolltet, Euer Freiwerber zu ſein?“ „Unmöglich!“ brach Arco in Heftigkeit aus, doch führte ihn der Gräfin betroffener Blick raſch zur Ruhe zurück.„Dies geht nicht an“, ſagte er in tiefem Ernſt, „doch ſei Anderes gewagt. Ich werde heute noch zu 26 Eurem Vater gehen, Mathilde, und Auge in Auge Eure Hand von ihm erbitten— demüthig will ich bitten, wenn ſein Stolz dies fordert. Größeres könnte ich nicht thun, Euch meine Liebe zu erweiſen— zehnfach in den Tod zu gehen wäre leichter, als anhören was Cuer Vater mir ſagen kann, was er mir ſchwerlich erſparen wird. Doch iſt der Preis des höchſten Opfers werth, das ein Mann zu bringen vermag! Mathilde— ich liebe Euch! Gott ſei uns gnädig!“ In leidenſchaftlicher Erregung berührten ſeine Lip⸗ pen ihre Stirn, und mit kurzem Neigen ſeines ſchönen Kopfes gegen die Gräfin wandte er ſich ohne weiteres Wort und verließ das Haus. Das ergraute Haupt in düſterem Sinnen auf die Hand geſtützt, ſaß der Freiherr von Wolframsdorf zur Dämmerſtunde in ſeinem Arbeitscabinet. Die hohen, mit dunkelm Holzgetäfel bekleideten Wände, die düſteren Farbentöne des ſchweren Stoffes der Einrichtung dieſes Gemaches, ſpiegelten gleichſam den finſtern Zug wie⸗ der, der auf dem Antlitz ſeines Inhabers lagerte. Herr von Wolframsdorf war ſchon bejahrt; ſein von tau⸗ ſend Furchen durchzogenes Geſicht, ſein erbleichtes, ſpärliches Haar ließen ihn ſogar noch älter erſcheinen, als er in der That war, dennoch verliehen ihm die — 27 ſtraffe Haltung der hohen Geſtalt, die kalten grauen Augen einen Ausdruck von Kraft, der den verwitterten Zügen widerſprach. Ein bitteres Lächeln ruhte auf den ſchmalen Lippen; hinter der faltigen Stirn ſchienen ſchwere Gedanken zu arbeiten, in welche er ſo tief ver⸗ ſenkt war, daß er bei Eintritt eines Dieners jäh auf⸗ ſchreckte. „Was ſoll's?“ fuhr er ihn rauh an. „Der Kämmerer Graf Arco wünſcht Euch zu ſprechen.“ „Mich?!— Einführen!— Mag eine Botſchaft des Kurfürſten ſein“, murmelte er verdroſſen, während der Diener in's Vorzimmer zurückkehrte. Ferdinand trat ein, und blieb nahe der Thüre mit ehrerbietigem Gruße ſtehen. Der Freiherr maß den Schweigenden mit ſtrengem Auge.„Was führt Euch zu mir?“ fragte er kalt. „Was mich zu Euch führt“, erwiderte Ferdinand mit freier Haltung,„darf ein Edelmann dem andern ohne Umſchweife bekennen. Ich komme, in Chrerbietung um die Hand Eurer Tochter zu werben.“ „Ihr?!“— fuhr der Freiherr auf. „Erlaubt mir zu enden“, unterbrach Arco gelaſſen, während doch auf ſeiner hellen Stirn die Ader ſchwoll. „Ich ſtehe Euch gleich an Rang und Gütern. Zwar — 28 hat mein eigener Name nur noch ſchwachen Klang, doch hoffe ich, mein Schwert ſoll ihn demnächſt des Vorzugs werth machen, den die Gnade unſeres durch⸗ lauchtigſten Herrn mir bisher unverdient erwieſen. Daß ich Euer Kind liebe, verbürgt meine Werbung bei ſo bedrängter Zeit— und ſomit lege ich meine höchſte Hoffnung in Eure Entſcheidung.“ „Nie!“ entgegnete der Freiherr mit ſtarker Stimme, „nie willige ich in dieſe Verbindung Ueberdies iſt die Hand meiner Tochter bereits dem Grafen Pappenheim zugeſprochen“ Er neigte kurz das Haupt, als betrachte er das Geſpräch für beendet. „Weiſet mich nicht ſo von Euch“, rief Ferdinand lebhaft, indem er ihm einige Schritte näher trat;„es handelt ſich nicht um mich allein! Mathilde liebt mich, ſie hat mir Herz und Treue verpfändet, es gilt das Glück Eures einzigen, Eures letzten Kindes!“ „Ihr ſeid es alſo, der meine Tochter zum Wider⸗ ſtande verleitet habt!“ ſagte der Freiherr mit gedämpf⸗ ter, tief erbitterter Stimme;„Euch habe ich es zu dan⸗ ken, daß die immer Fügſame mir vor kaum einer Stunde zu ſagen wagte, ſie könnte mir nicht gehorchen? Und Ihr denkt, ich würde dem gewiſſenloſen Verführer ihre Hand geben? Ihr thatet wohl, mich daran zu er⸗ innern, daß ſie mein letztes Kind iſt! Ja, drei Söhne 29 fielen mir im Kampf für Fürſt und Vaterland— aber jedes dieſer drei Gräber gibt dem Namen Wolframs⸗ dorf neue Ehre, und den letzten, einzigen Zweig des edlen Stammes ſollte ich Euch hingeben, dem Sohne des— Chrloſen!“ Ferdinand wurde fahl bis in die Lippen.„Iſt das Ehre“, rief er außer ſich,„einen Todten noch im Grabe zu ſchmähen? Dem Sohne die ſchwer gebüßte Schuld des Vaters wie einen Fluch zuzuſchleudern? War es nicht genug daß Euer herber Wille dem Manne, dem Edelmanne die Waffe entwand wie einem Knaben ihn aus der Heimath bannte? nicht genug, daß mir dem Schuldloſen, die Jahre froher Kindheit im frem⸗ den Welſchland, an der Seite des verdüſterten Vaters hinfloſſen, bis derſelbe eiſerne Wille dem gebrochenen Mann, den Ihr einſt Freund genannt, vergönnte, we⸗ nigſtens in heimiſcher Erde zu ſterben!“ Der Freiherr ſtand betroffen. Sein kaltes, finſteres Auge bohrte ſich tief in das Flammenauge des Zür⸗ nenden, als er mit Nachdruck ſprach:„Ihr klagt an, und wißt doch ſchwerlich, um was die ſchwere Sühne galt. Dinge wie die, ſo geſchehen, gehen nicht über die Lippen des Schuldigen, am wenigſten ſeinem Kinde gegenüber. Und da außer mir und Eurem Vater kein Sterblicher weiß was zwiſchen uns vorgegangen, will ich mich herbeilaſſen, es Euch als Antwort auf Euren Vorwurf zu berichten.“ „Deſſen bedarf es nicht“, ſagte Ferdinand, bleicher noch als zuvor;„lieber, als die Schmach von Euren Lippen zu hören, zähle ich ſie ſelbſt auf, damit Ihr wißt, es fehlt kein Stein an der vollen Laſt. Oft räth⸗ ſelte ich als Knabe darüber, weshalb mein Vater der rüſtige Mann, gleich einem Einſiedler auf ſeinem Schloſſe im Fremdlande ſaß, und auf jede ritterliche Uebung, jede Mithülfe an den Kriegen verzichtete, welche Baiern bewaffneten. Wir kehrten heim auf unſere hei⸗ miſchen Güter, es blieb wie es war. Mit Unmuth wurden meine Fragen abgewieſen, ich ſelbſt durfte aber alle Waffenübung früh betreiben, und, kaum ſechzehn⸗ jährig mit dem Kurfürſten zum Beiſtand des Kaiſers an den Rhein ziehen. Als ich von dieſem erſten Feld⸗ zug heimkehrte, fand ich meinen Vater auf dem Todten⸗ bett; die gelähmte Zunge verſagte ihm den Dienſt, doch enträthſelte ich aus ſeinen angſtvollen Zeichen, daß er ein Käſtchen begehrte, das in verſchloſſenem Schreine ſtand. Was damit geſchehen ſollte, vermochte ich nicht zu errathen— ohne Zweifel verlangte er es vernichtet, der Flamme übergeben zu ſehen— ich ver⸗ ſtand nicht ſeine heftigen Zeichen zu deuten, und er⸗ —yyy 31 brach vor ſeinen Augen das verſchloſſene Fach. Als er mich die darin verborgenen Blätter entfalten ſah, zuckte gräßliches Leben über die gelähmten Züge. Im nächſten Augenblick war er dahin. Dann erfuhr ich, was in dem Schreiben ſtand— es war Euer Brief, Freiherr von Wolframsdorf! Derſelbe Brief, worin Ihr verkündet, daß ein Mißgriff des Boten Euch in jene Unterhandlung mit Turenne eingeweiht, die, wäre ſie gelungen, meinen Vater nicht blos mit dem Vorſatz ſondern durch die That zum Verräther an ſeinem Für⸗ ſten und Vaterlande gemacht. Ihr machtet den Ver⸗ rath unſchädlich, und ſchwieget, alter Freundſchaft zur Ehre. Das war edel! Gerecht auch war es vielleicht, aber hart, daß Ihr als Sühne von dem Schuldigen gefordert er müßte ſich fortan freiwillig jeder Waffen⸗ ehre begeben, und ſich aus der Heimath verbannen, bis der Tod die Augen des Fürſten geſchloſſen den er zu verrathen gedacht.— Weiß ich Alles, was Ihr mir berichten wolltet, Freiherr von Wolframsdorf?“ Der alte Mann ſtand mit feſt auf einander ge⸗ preßten Lippen, und neigte bejahend das Haupt, ohne zu antworten. Wie glühende Lavaſtrömung brach aber die entfeſſelte Qual aus des Jüngeren leidenſchaftlicher Bruſt in neuen Wogen hervor:„Ihr habt gerichtet und geſtraft, Freiherr, und dachtet vielleicht noch mild 32 zu ſein. Auch klage ich Euch nicht an, weder um des Büßers noch um mein eigenes Leid. Heißt es doch in der Schrift: die Sünden der Väter rächen ſich ins dritte und vierte Glied! Euren Haß aber habe ich nicht verdient! Während Alle mir hold und gutgeſinnt wa⸗ ren, zeigtet nur Ihr mir ſeit früheſter Jünglingszeit ſtets eine finſtere, feindliche Stirn. Und was habe ich Euch je gethan? Sättigt es Euren unverjährten Groll, ſo erfahrt, daß ich der treue Erbe meines Vaters bin und bleibe! Was gilt es mir, daß die Welt den Flecken auf der Ehre meines Namens nicht kennt! Er iſt da— und Einer lebt, der das Recht hat, ſich das Recht zu⸗ erkennt, dieſen Namen mit Füßen zu treten. Ihr habt nicht auf dies jammervolle Recht verzichten mögen Freiherr, habt es am Sohne geübt wie am Vater. Und ſomit wäre denn das letzte Band zerriſſen, das mich mit dem Leben zuſammenhält. Es gibt noch ein Hoffen — den Tod für's Vaterland!“ Mit ſtolzem Gruß, den edelſchönen Kopf frei er⸗ hoben, verließ Arco den Freiherrn ſo raſch, daß dem⸗ ſelben kaum eine Entgegnung möglich geweſen wäre. Vielleicht hatte er auch keine beabſichtigt. Noch Minu⸗ ten lang, nachdem der junge Mann verſchwunden, ſtand der Greis regungslos mit verſchränkten Armen auf der gleichen Stelle, den Blick in's Leere gerichtet, als 4 — 33 horchte er noch den glühenden Worten die auf ihn nie⸗ dergeſtrömt. Dann warf er ſich finſterer als zuvor in den Nuheſeſſel und murmelte einzelne Laute in ſich hinein. Godin, Frauenliebe und Leben V. 3 Zweites Kapitel. In einem, ſeitwärts der nach Innsbruck führenden Heerſtraße gelegenen Dorfe wurde ein Hochzeitsfeſt ge⸗ feiert. Das Brautpaar war mit Sang und Klang ein⸗ geholt worden und nach vollzogener Trauung wandte ſich der fröhliche Zug ſingend, geigend und jubelnd dem Wirthshauſe zu, welches auf erhöhter, thalabwärts ge⸗ ſenkter Fläche erbaut, den erhofften Feſtfreuden weiten Tummelplatz bot. Der Bräutigam, von hünenhaftem Bau, war eine nicht ungefällige Erſcheinung, obgleich ſein wohlgebil⸗ detes Geſicht durch eine breite Narbe entſtellt ward, die ihm quer über die Stirn lief, und ihn älter er⸗ ſcheinen ließ als er war. Die ſtattliche Geſtalt harmo⸗ nirte mit der des ſchönen, üppig aufgebauten Mädchens an ſeiner Seite, deren dunkle Kirſchenaugen lebhaft 35 nach allen Seiten blitzten, während dem Brautzuge vom Wegrande her immer neues Glückauf! zutönte. Die Gruppen, in welche ſich die Reihen der Paare auflöſten, boten maleriſche Scenen, deren Bewe⸗ gung immer wechſelte und immer lebensvoll war. Das Scherzwort der ſtämmigen Tyrolerburſchen ließ beſtän⸗ dig die blitzenden Zahnreihen unter dem dichten Schnurr⸗ bart hervorſchimmern, und die friſchen Mädels blieben keine Antwort ſchuldig. Feſtſchmaus, Spiel und Tanz folgten einander zu immer neuer Luſt, laute Juchzer erklangen, der Jubel ſtieg mit jedem Augenblick. Die neuvermählte Frau, welche ſich während des Mahles und auch nachher allerwärts an Scherz und Luſt betheiligt hatte, ſtand jetzt abſeits, und ſah mit trotzig gewölbtem Munde dem Tanze zu; als ihr Ehe⸗ herr, der eben nach dem Schießſtand geſehen, zu ihr trat und den Arm um ſie ſchlang um ſie zum Reigen zu führen, änderte ſich ihre ſtörriſche Miene keineswegs; ſie wies ihn kurz ab:„Ich mag nicht.“ „Sei nit wild, Liſerl!“ ſagte er mit einem zärt⸗ lichen Blick, der dem Goliathkopfe wunderlich ſtand. „Biſt ja heut gar nit zum Haben! Nit einmal den Brautkuß haſt mir geben wollen, nach der Kirch wie's Brauch iſt. Das war nit ſchön von Dir, mir den Schimpf anzuthun vor der Sippſchaft.“ 3* 36 „Hör Martin“, ſagte ſie, und ſah ihn feſt an; „Du wiißt ſo gut als ich, daß ich gar nit mit Dir in die Kirch' gangen wär, wenn's nach meinem Sinn hätt kommen dürfen. Der Vater hat's gewollt, ich nit. Das haſt gewußt, alſo klag' Dich nit, wenn ich's mit dem Küſſen nit eilig hab.“ Martin lachte.„Hex, die Du biſt! Weißt doch, daß Du mich um den Finger wickelſt. Na, ſei gut!“ Vom Scheibenſtand herüber ward eine Stimme laut:„Was Zeiler, willſt den ganzen Tag mit dem Schatz ſcharmiren? Dafür haſt lebenslang Zeit! jetzt komm und nimm den Stutzen! Der bairiſche Löw ſteht auf der Scheiben.“ „Haſt Recht, Seppel, dem muß ich Eins verſetzen! Her den Stutzen“, rief Zeiler, und war mit zwei Schrit⸗ ten bei den Schützen. „Sag mal Zeiler“, fragte ein blutjunger Burſche, „was haſt eigentlich gegen die Grenzler? Haben ſie Dir was gethan, mit Verlaub?“ „Schweig ſtill“, brummte ſein Nebenmann;„ver⸗ dirb ihm nicht den Humor am Hochzeittag. Die alte Geſchicht' macht ihn allemal wild.“ „Nichts da!“ donnerte Zeiler.„Kann dem Bürſch⸗ chen nichts ſchaden, wenn er erfährt, was für liebe Nachbarn uns die Baiern ſind! Siehſt das Zeichen in meinem Geſicht? Das haben ſie mir hineingemalt, blos weil ich einen Gemsbock aufnahm, den ich hüben ſchoß, und der drüben ſtürzte. Dafür haben ſie mich ſechs Tage in's Loch geſteckt, und dann auf eines Hirſchen Rücken feſtgebunden, und den über die Grenze in den Wald gepeitſcht. Zerfetzt am ganzen Leib, bin ich knapp mit dem Leben davon gekommen. Drüben ſagten ſie, mir wär nach Recht und Geſetz geſchehen— ſtraf mich Gott, wenn ich's vergeſſe!“ Er legte die Büchſe an die braune Wange und ſchoß den Löwen mitten durch den Kopf. Ein Laut, der allen Jubel der Luſtbarkeit über⸗ tönte, fuhr plötzlich wie Donner zwiſchen die Feſtfreude. Vom Dorfe her erklang das Geläut der Sturmglocke. Feuer! war der erſte Gedanke, welcher alle Gruppen auseinanderſtieben und der Ortſchaft zueilen ließ. Zwar ſpähten die Erſchreckten vergebens nach einem Rauch⸗ oder Flammenzeichen, doch ſollte ihnen früh genug Auf⸗ klärung über den Anlaß zum Lärmrufe werden. Wer nur immer im Dorfe zurückgeblieben, meiſt Alte und Kinder, ſtrömte den Heimeilenden wehklagend entgegen. In ihrer Mitte ſchritt der Kloſtervoigt von Viecht, und hielt nicht zurück mit der Schreckensbotſchaft, welche ihn hergeführt. Bald ging es von Mund zu Mund: 38 „Die Baiern ſind in's Land gefallen, der Kufſtein iſt erſtiegen und angezündet!“ „Iſt's wahr, hochwürdiger Herr?“ fragte Zeiler mit ſtarker Stimme, indem er bis an ſeine Seite vor⸗ drang. „Leider Gottes nur zu wahr!“ klagte der Voigt. „Zwei flüchtige Bauern, die über Seefeld ins Kloſter kamen, brachten uns die erſte Mär, daß der Fernſtein und der Ehrenberg vom General Lützelburg genommen wären. Die Kaiſerlichen laſſen uns im Stich, der Oberſt Wolkenſtein und der General Geſchwind ſind mit ihrer Mannſchaft auf der Flucht durch's Puſterthal. Der Kurfürſt ſoll ſchon in Schwaz eingezogen ſein, mit 6000 Männ hinter ſich. Gott erbarm's, es iſt ja Alles wahr! Uns iſt der böſe Feind in's Kloſter gebrochen und hat alle Brüder aus den Zellen verjagt. Den hochwürdigſten Herrn Abt haben die Böſewichter als Geißel nach Schwaz geſchleppt, unſer heiliges Viecht iſt zur Kaſerne gemacht!“ „Gott verdamme ſie!“ ſchrie Zeiler wüthend.„Zu den Waffen, wer die Arme rühren kann! Sind ſie ſchon ſo weit, dann werden wir ſie bald genug hier haben. Um ſo beſſer! mit den Baiern zu raufen, hab' ich mir lang gewünſcht, das gibt den rechten Hoch⸗ zeitstag!“ 39 „Brav mein Sohn“, rief der Voigt;„geht Alle mannhaft vor! Sie haben das Heiligthum des Kloſters geſchändet, drum rottet ſie aus, rottet ſie aus mit Stumpf und Stiel. Der Herrgott wird's Euch ſegnen. Amen!“ Die erſte Beſtürzung des ſo plötzlich mit Krieges⸗ grauen überzogenen Landes wich faſt unmittelbar ener⸗ giſchem Handeln. Der Tyroler iſt tapfer geboren, ſtolz auf die Freiheit ſeines Gebirges und voll Zutrauen auf deſſen, durch Naturgewalt befeſtigten Schutz. Die Flucht der kaiſerlichen Soldaten regte den Trotz hei⸗ mathlicher Kraft doppelt auf; alle Landleute ſammelten und bewaffneten ſich mit demn Gelöbniß, ihr Land wie⸗ der frei zu machen. Muthig beſchloſſen ſie Thäler und Hütten preis zu geben, Weib und Kind auf die Höhen zu flüchten, und aus dem Hinterhalt der Schluchten und Büſche dem Feinde ſo viel Schaden zu thun als denkbar. Die Nacht, welche dem geſtörten Hochzeitsfeſt folgte, ward in ſolcher Weiſe genützt; die Mannſchaften aller tiefer liegenden Ortſchaften ſtrömten in dem Dorfe zu⸗ ſammen, welches durch dahinter aufſteigende Felſen eine natürliche Warte bot. Max Emanuel war unbehindert durch Ratenberg, Schwaz und Hall vorwärts gerückt, und es ſchien als ſollte er ohne ferneren Schwerdt⸗ 40 ſtreich Tyrols Hauptſtadt gewinnen. Als er jedoch durch die Thäler dem Inn entlang zog, ward es hinter und über dem Wege plötzlich lebendig; Felſen und Gebüſche ſandten Schuß um Schuß aus— jeder traf! Felſentrümmer und Baumſtämme rollten nieder und in der unmittelbaren Nähe des Dorfes brach eine mit jedem Augenblick wachſende Schaar muthiger Angreifer aus dem Thalgrunde. Ein heftiges Gefecht entſpann ſich und wurde ſo erbittert geführt daß der Kurfürſt endlich zu Fuß, an der Spitze ſeiner Grenadiere ſelbſt gegen die Häuſer anſtürmte, in welchen ſich die Tyroler verſchanzten, als es ihnen nicht gelungen war das Vordringen der Baiern zu hindern. Nachdem das Dorf mit Handgranaten beworfen und in Brand geſteckt wor⸗ den, blieben die Baiern Herren des Platzes; viele Ver⸗ wundete, mehr Todte fielen in ihre Hände. Max Ema⸗ nuel hielt noch auf dem Marktplatz und ertheilte ſeine Befehle, als ein ſchneidender Angſtruf, der von dem Altane eines der brennenden Häuſer ertönte aller Au⸗ gen auf ein Bauernmädchen lenkte, welches dort um Hilfe rief. Die Unglückliche ſchien verloren; allerwärts leckten die Flammen an den Holzwänden empor. Das friſche Geſicht der geſtern Vermählten, die ihre trotzige Tollkühnheit nicht flüchten zu wollen, ſo hart büßen ſollte, war todesblaß; aus dem ſtarken Herzen der Ty⸗ 41 rolerin brach der Angſtruf des verlaſſenen Weibes— ein unabweislicher Zoll der Natur. Max Emanuel blickte fragend umher; obgleich Ret⸗ tung unmöglich ſchien, war doch das jammervolle Bild für die Zuſchauer kaum erträglich, und Beifallsruf ward vielſtimmig laut, als mitten in Rauch und Dampf eine ſtarke Leiter gegen den Altan geſtemmt wurde und eine elaſtiſche Männergeſtalt deren Sproſſen kühn er⸗ ſtieg. Ein neues Aufzucken der Flammen enthüllte die Züge des Wagemuthigen und der Kurfürſt trat lebhaft einige Schritte vor, denn mit Ueberraſchung hatte er einen ſeiner Lieblinge erkannt. Athemlos vor Spannung ſtand die eben noch durch einander wogende Menge, bis nach wenigen Minuten ein Freudenlaut hervorbrach — Ferdinand Arco kehrte mit der geretteten Bürde zurück und legte die Bewußtloſe auf den Raſen nieder. Hut und Mantel waren ihm von den Flammen ver⸗ ſehrt, er ſelbſt und die vom Tode ſo nahe Bedrohte unverletzt. Ein Händedruck ſeines Fürſten ehrte die raſche That der Menſchlichkeit, doch war das Lächeln womit Arco zu ſeinem Herrſcher aufſah kein freudiges. Er ſtand in ſich gekehrt und blickte ſinnend auf das noch gebundene junge Leben nieder; vielleicht frug er ſich ob es für ſie ſo gleichgültig ſei, dem Tode entgan⸗ gen zu ſein, als für ihn? 42 Inzwiſchen wurden die Gefangenen vor den Kur⸗ fürſten geführt; ſtumm und finſter ſtanden die über⸗ wundenen Kämpfer, ihre Haltung ſprach keine Unter⸗ werfung aus nur trotzigen Widerſtand; gefaßt auf das Aeußerſte ſchienen ſie bereit, jedem Looſe das ihnen fiel, zu ſtehen. Max Emanuel wandte ihnen das edle Haupt zu und ſprach, nachdem ſein Blick feſt auf ihnen geruht, mit großer Mäßigung:„Ich bekriege den Kaiſer nicht Euch. Kehret heim in Frieden, aber zieht nicht wieder aus zum Kampfe gegen Euren rechtmäßigen Herrſcher, denn nicht als Feind, ſondern als ange⸗ ſtammter Erbe Eurer Thäler komme ich zu Euch!“ Nach dieſen Worten ſchwang er ſich auf ſein, von zwei mohriſchen Läufern herbeigeführtes Streitpferd und ritt von dannen. Die Edlen ſchloſſen ſich ihm an, und der ſtattliche Zug folgte dem bereits zur Herſtellung eines Lagers in der Thalebene vorausmarſchirten Trup⸗ pen. Während die Reiter den Platz verließen, erwachte Liſa aus der Betäubung, in welche der Todesſchreck ſie geworfen und ſtarrte ihnen nach. Plötzlich entfuhr ihr die Frage:„Wer war er?“ „Wer?“ antworteten ihr die eben Freigegebenen; „der Kurfürſt ſelber war's, Max Emanuel von Baiern.“ Liſa wurde glühend roth; ihre Hände preßten ſich ——— 43 feſt auf der Bruſt zuſammen, und leiſe murmelte ſie in ſich hinein:„Der Kurfürſt von Baiern!“ Das Geſicht ihres Retters, welches ſie in voller Nähe erſchaut und erfaßt, ehe ihr die Sinne ſchwan⸗ den, verließ Liſa keinen Augenblick während der fol⸗ genden Tage und Nächte. Ihr Wahn, daß der Fürſt ſelbſt um ſie ſein Leben gewagt, bewirkte in der feu⸗ rigen Seele einen wunderbaren Umſchlag; den ſie als Feind ihres Landes noch eben gehaßt, war ihr zum Gott geworden. Sie war ein echtes Kind der Berge, offen, kühn und eigenwillig. In unbeſchränkter Freiheit aufgewachſen, entwickelte ſich ihr energiſches Naturell ohne Hemmniß. Bis zur jüngſten Zeit war kein zün⸗ dender Funke in die feurige Erregbarkeit des jungen Mädchens gefallen; hatte ſie auch mit Unmuth dem Vater nachgegeben, als dieſer ihr den reichen Zeiler als ſeinen erwählten Schwiegerſohn bezeichnete, ſo fügte ſie ſich doch ohne beſonderen Widerſtand; der Freier ſelbſt war ihr nur als Beſchränker ihrer Freiheit zu⸗ wider, ſie haßte ihn eben ſo wenig als ſie ihn liebte. Zum erſten Male war heute ihre Phantaſie er⸗ weckt worden. Alle Einzelnheiten der erlebten Scene zogen gerufen oder unfreiwillig, immer von Neuem an ihren Sinnen vorüber. Sie ſchaute unaufhörlich die ausdrucksvollen Züge des Mannes, der ſie in demſelben 44 Augenblick, als ſie ſchon ihre Seele Gott befohlen hatte, in ſeine Arme nahm und aus den Flammen trug. Mit ſeltſamen Schauern erinnerte ſie ſich daran wie das Bewußtſein langſam von ihr gewichen war, während ſich dies edle Geſicht über ſie beugte. Ihre ganze Seele flog dem Fürſten zu, den die Ihrigen verwünſchten und bekriegten, ſie vergaß die Schwerter, welche ſich am gleichen Tage mit dem Blute ihrer Landsleute gefärbt, die Flammen welche des Vaters und des Gatten Haus in Aſche gelegt— ſie vergaß, daß der Fürſt dem ſie ihr Leben ſchuldig zu ſein glaubte, dafür tauſend Leben ihres Volkes ſchon gefordert habe, noch fordern würde. Als der Tag anbrach, litt es ſie nicht mehr in dem verwüſteten Dorfe, ſie mochte aber auch nicht das Verſteck aufſuchen, welches ſie ſchon geſtern mit den andern Frauen zu theilen verſchmähte. Ein Verlangen deſſen ſie ſelbſt nicht klar bewußt war, trieb ſie in die Nähe des bairiſchen Lagers; ſie beſchönigte es mit dem Vorwand, die Schaar aufſuchen zu wollen, welche von Zeiler befehligt auf den Höhen weiter gerückt war, nachdem ſich Alle geſammelt, die von dem geſtrigen Gefechte lebend geblieben. Ihr kundiger Fuß eilte in der erſten Morgenfrühe über die Bergkette hin, einem Höhenpunkte zu, von dem aus ein weiter Blick in die Thalebene geboten war. Die erſten Strahlen der Sonne 1 5 vergoldeten die nackten, von tauſendjährigen Wettern kahl gewaſchenen Felswände, welche in weiten Kreiſen zum Himmel aufſtarrten; nach Süden ſenkten ſich wald⸗ und wieſenumgrünte Gebirgsſtrecken thalabwärts und aus tief eingeriſſener Schlucht drängte ſich eine wilde Bergfluth mit reißender Schnelle dem Inn entgegen. Dort im Thalgelände des Stromes breitete ſich das Lager der Baiern aus. Als ſei die Ruhe der lieblichen Niederung durch nichts geſtört worden, ſo ſtill und friſch war es um dieſe Stunde hier drunten. Noch war die Reveille nicht im Lager erklungen; der eintönige Schritt der Wachpoſten, welche allein von Leben zwiſchen den Zeltreihen zeugten, war auf der Höhe wo die Ein⸗ ſame lauſchte nicht vernehmbar. Liſa ſaß ſtumm, beide Hände gegen das hochſchlagende Herz gedrückt auf einem Vorſprung des Felſens, den dichtes Buſchwerk krönte. Ihr war ſeltſam zu Muth. Sie weinte und wußte weder um wen, noch um was. Mit einem Male hob ſie die gefalteten Hände zum Himmel und murmelte ein Gebet: es galt dem Feinde ihres Landes. Da vernahm ſie näher kommende Schritte und ſpähte durch die Büſche, welche ſie verbargen, nach dem Pfade, der ſie ſelbſt hierhergeführt. Zwei Männer kamen den Weg entlang und blieben etwa zwanzig Schritte von ihr entfernt, in eifrigem Geſpräche ſtehen. 46 Mit einem Schreck, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben verſuchte, erkannte ſie in einem derſelben ihren Mann, den ſie ſeit der ſo gewaltſam unterbrochenen Hochzeitsfeier nur auf Minuten wiedergeſehen. Es ſetzte ſie in Erſtaunen ihn hier oben, ohne ſeine Truppe mit einem Begleiter zu treffen den ſie nicht erkannte, da er ihr den Rücken zuwandte, deſſen langes, geiſtliches Gewand ſie aber aufmerkſam machte, denn Zeiler pflegte wenig mit geiſtlichen Herren zu verkehren. Unwillkürlich drängte ſie ſich dichter an das ber⸗ gende Gebüſch und zog den dunkeln Rock gleich einem Mantel über ihr Haupt— ihr ganzes Denken drängte ſich in ihr Ohr, doch bedurfte es keines angeſtrengten Lauſchens; die beiden Genoſſen glaubten ſich in weitem Umkreis allein. „Wozu haſt Du mich hierher geführt?“ fragte Martin bitter.„Meinſt Du, Voigt, der Zeiler brauche ſeinen Haß damit zu ſchüren, daß er das Baiervolk im Lande ſeiner Väter niedergelaſſen ſieht.“ „Gemach!“ ſagte der Andere und ſeine Stimme beſtätigte Liſa, was Martin's Wort ſie ſchon hatte vermuthen laſſen: es war der Kloſtervoigt von Viecht. „Ja, ich will Dir das bairiſche Lager zeigen aber zu beſſerem Zweck als nur Deinen Zorn zu ſchüren— ich will Dir ſagen, wie Du ihn befriedigen ſollſt. Siehſt 47 Du dort das Zelt mit der blau und weißen Fahne? Es herbergt den Feind Tyrols und Oeſterreichs, es herbergt Den, welcher Willen und Macht hat ein ver⸗ haßtes Joch auf unſern Nacken zu werfen. Sollen wir das dulden? Wir werden in allen Treffen geſchlagen, die Päſſe ſind genommen, der Weg bis Innsbruck iſt frei. Nur ein Mittel kann den Feind noch aufhalten — es liegt in der Hand jedes guten Schützen. Dort unten Martin, iſt ein Ziel Deines Meiſterſchuſſes werth. Das ganze Land würde Dir Dank jubeln. Der Kaiſer—“ „Den Kurfürſten meinſt Du?“ unterbrach Martin mit langſam gewichtiger Frage. „Wen anders? Sieh hier hinab— von der Fels⸗ platte drunten kann Dein Rohr ihn treffen inmitten all ſeiner Leute, ein Sprung bringt Dich aus dem Bereich, biſt ja ein erprobter Gemsjäger! Leicht iſt die Aufgabe und unvergänglich der Ruhm.“ „Ruhm?“ wiederholte Martin herb;„denkſt Du mir einzureden, Voigt, daß dem Fürſtenmörder nicht Schmach und Verwünſchung folgen würde von Land zu Land? Was! Wie ein feiger Straßenräuber ſoll der Zeiler auf den Feind lauern, den Wehrloſen ſoll ich meuchlings niederſchießen, wenn er inmitten der Sei⸗ nigen einher wandelt, keines Angriffs gewärtig? Pfui! Dank es Deinem Kleide, Voigt, wenn das meine ganze Antwort iſt.“ Er wandte trotzig den Rücken und that ein paar Schritte, um von dannen zu gehen, der Voigt ergriff aber ſeinen Arm und ſagte beſchwichtigend:„Immer oben hinaus Zeiler! Was Du da vorbringſt, paßt ſchlecht für einen treuen Tyroler. Was? Handelt es ſich nicht um den Erbfeind, bedenkſt Du nicht daß ein Druck Deines Fingers tauſend und abertauſend Lands⸗ leute vor Tod und Gefangenſchaft bewahrt? Meu⸗ chelmord ſagſt Du und doch wär' das Nichts als das alte, ewige Recht des Krieges! Aber ich will Deinen Scrupeln nachgeben. Gut, laß ihn im Frieden wäh⸗ rend er im Lager verweilt. Laß ihn einrücken nach Innsbruck, wenn Du ſo ſchämig biſt, Deinem Land ſolche Schmach nicht erſparen zu mögen. Fängt er aber nochmals an unſere Thäler mit Blut zu düngen, willſt Du ihm dann wenigſtens Gleiches mit Gleichem ver⸗ gelten? Oder willſt Du die Verantwortung auf Dich nehmen für alle Gräuel die geſchehen, dafür, daß unſer Land dem verhaßten Nachbarvolk frohnbar wird für Kind und Kindeskind? Die heilige Kirche hat Dich durch meinen unwürdigen Mund zu des Kaiſers Schützer er⸗ leſen, und ich ſage Dir, weigerſt Du zu thun wozu Du beſtellt worden, ſo ſoll Dich die Schuld von allem 49 Uebel treffen, wovon Du dies arme Land nicht erlöſeſt. Amen!“ „Hört auf“, ſagte Martin finſter.„Kämpft er in der Schlacht, ſo hab' ich ein Recht auf ſein Leben, wie auf das eines jeden ſeiner Söldlinge. Woran aber erkennt man ihn? Ich war geſtern droben bei den Scharfſchützen und hab' ihn nie geſehen.“ „Du findeſt ihn leicht heraus unter ſeinen Edel⸗ leuten. Er pflegt in ſeinen Landesfarben zu prahlen, das blaue, ſilbergeſtickte Kleid, die gleiche Schärpe und die weiß und blauen Schwungfedern am Helm ſind ſein Kennzeichen. Sein Schlachtroß iſt ein Schimmel und er reitet immer zur Rechten.“ „Gut“, rief Martin dumpf.„Laß mich den Erb⸗ feind vor mir haben in Wehr und Waffen, Voigt, dann ſollſt Du erleben, was des Zeilers Rohr vermag.“ „So recht mein Sohn! Der Segen der Kirche und reicher Lohn des Kaiſers wird Dein Dank ſein“, ent⸗ gegnete der Voigt indem er Zeiler folgte, der ſchon während ſeiner letzten Worte den zuvor unterbrochenen Rückweg fortgeſetzt hatte. Schon waren ihre Schritte bis auf den letzten Hall verklungen, als Liſa noch immer mit angehalte⸗ nem Athem regungslos in ihrem Verſteck kauerte. Das erblaßte Geſicht in die Hände gedrückt, ſann ſie, wie Godin, Frauenliebe und Leben. V. 4 50 das Unheil abzuwenden ſei von dem ihr ſo theuer ge⸗ wordenen fürſtlichen Haupte. Noch ſchien die Gefahr nicht in unmittelbarer Nähe, aber wer vermochte ſie zu wenden wenn der Tag kam! Zeiler's Rohr hatte weit und breit den Ruf und Ruhm nie zu fehlen— der Gedanke hieran erfüllte Liſa mit Stolz und Schreck zugleich. Doppelte Gewalten ſtritten in ihr— der kühne, hochherzige Sinn des jungen Weibes war durch ihres rauhen Gatten Weigerung des Mordes lebhaft ergriffen worden. Er wuchs in ihren Augen, ſie freute ſich, ſei⸗ nen Namen zu tragen und beſchloß ihm zu folgen in Gefahr und Tod— vielleicht auch als Wächterin des Armes, der ſich der feigen That geweigert, zur kecken, männlichen Rachethat aber ſo bereit war. Raſch er⸗ hob ſie ſich, ihr ſcharfes Auge erſpähte fernhin noch die, gleich zwei dunkeln Punkten niederwärts ſichtbaren Geſtalten. Als ſie die Höhe verließ, ſchmetterte drunten im Thal die Reveille welche das Lager zum Aufbruche nach Innsbruck rief. Nachdem Max Emanuel mit größerem Glück als er ſelbſt erwartet, binnen vierzehn Tagen Meiſter allen Landes dieſſeits des Brennergebirges geworden war 51 und ohne Schwertſtreich in die Hauptſtadt Tyrols ein⸗ gezogen, wünſchte er, nun dem franzöſiſchen Heere jen⸗ ſeits der Alpen die Hand zu reichen. Der Oberſtfeld⸗ wachtmeiſter Markgraf von Nouvion wurde von Inns⸗ bruck nach Italien abgeſandt, den Marſchall Vendéme zu verſtändigen. Der bei der Aufregung des tyroler Volkes gefahrvolle Zug dieſes Abgeſandten wurde für ihn und ſein Geleite verhängnißvoll— nicht Einer des Gefolges gelangte an das Ziel; bei Landeck wurde der ganze Trupp zerſprengt, niedergemacht oder gefangen; Letzteres geſchah auch dem Führer. Inzwiſchen hatte Max Emanuel der Vendöme's Anrücken erwartete, vier Schlachthaufen ausgeſandt die ſich der Höhen des Brennergebirges und der Straße nach Trient verſichern ſollten, welche jedoch das Vor⸗ dringen ſchwierig erfanden, denn die Schützen aus Meran hielten alle Berggipfel beſetzt und vor den Ge⸗ ſchoſſen dieſer Alpenjäger war auf drei bis vierhundert Schritte weit kein Leben ſicher. Falſche Botſchaft täuſchte den Kurfürſten in den Glauben hinein, Ven dome ziehe bereits über Trient herauf, und er zog ihm mit dem größten Theil ſeines Heeres und C Geſchützes ſelbſt über das Gebirge hinauf entgegen. Kaum war in den Thälern dieſer Abzug des Kur⸗ fürſten bekannt geworden, als ſich hinter ihm das ganze 4* 52 Land erhob. An einem und demſelben Tage ward nach muthigem Widerſtande der Baiern, in Gefechten die von beiden Parteien mit gleicher Wuth geführt wur⸗ den, Hall und Ratenberg überwältigt, die bairiſche Be⸗ ſatzung niedergemacht, und mit Beiſtand eines kaiſer⸗ lichen Führers der mit einigen Heerbanden über Landeck hereingelangt die Scharnitz wieder erſtürmt, das Pul⸗ verhaus der Feſte geſprengt. Das Volk hatte ſich ein⸗ müthig erhoben; es focht in unzählbarer Menge, mit heißer Energie; in allen Thälern auf und ab läuteten die Sturmglocken. Selbſt das ſtark beſetzte Innsbruck war bedroht. Der Tag dieſes allgemeinen Aufgebotes war der einundzwanzigſte des Heumonats. Noch ſpät Abends empfing der Kurfürſt die Schreckensbotſchaften und brach während der Nacht mit dem ganzen Heere auf, um nach Innsbruck zurückzukehren, wo er die Beſtä⸗ tigung aller üblen Berichte und zugleich den vereinten Entſchluß der Tyroler vernahm, ihn ſammt all ſeinen Schaaren in den Thälern einzuſchließen und zu ver⸗ nichten. Auf der einen Seite befeſtigten ſie Hall; auf der andern, wo der Weg nach Baiern vom Inn und der mauerſteilen Martinswand eingeſchloſſen iſt, ver⸗ rammelten Schanzen den Durchgang. Max Emanuel ſandte Trompeter nach Hall und 52 53 ließ den Aufſtändiſchen Gnade und Vergebung entbieten, falls ſie friedlich auseinander zogen. Alle ſchworen bis auf den letzten Mann gegen ihn zu ſtehen und zu fallen. Darauf beſchloß er, die Straße nach der Scharnitz wieder zu erobern und rückte ſelbſt der Martinswand zu. Sobald er dieſem, über hundert Klafter ſenkrecht aufſteigenden Felſen nahe kam, ſah er den ſchmalen Fahrweg mit ungeheuren Steintrümmern geſchloſſen, Wall an Wall hieran gereiht, bis abwärts zum Inn. Den Angriff zu berathen, welcher hier ebenſo un⸗ vermeidlich als ſchwer durchführbar erſchien, hielt der Kurfürſt Angeſichts des Verhau's, welcher den Fahr⸗ weg bedeckte, mit ſeinen Hauptleuten kurze Berathung. Ferdinand Arco ſtand in geringer Entfernung von dem Häuflein der Feldoberſten, an der Spitze einer kleinen Schaar die er zur Bedeckung hierhergeführt, und ließ das ſchwermüthige Auge über den Engpaß hinſchweifen der wieder ſo Vielen den Tod bringen ſollte. An ihm, der ihn ſuchte, war er bisher ſtets vorübergegangen. Da hörte er ſich von einer leiſen Stimme angerufen, die über ſeinem Haupt aus einer Felsſpalte zu dringen ſchien:„Hoher Herr!“ Ueberraſcht hob er den Kopf und ſah, etwa um Armeslänge über ſich ein Mädchen⸗ geſicht, das ſich aus einer der Klüftungen des Felſens 54 niederbog, und mit wunderbar bekannten Zügen an ſeine Erinnerung pochte, ohne ſie doch ſogleich zu wecken. Er ritt dicht an die Felswand und fragte lebhaft: „Gilt Dein Ruf mir?“ „Dir allein, Kurfürſt!“ flüſterte Liſa in athem⸗ loſer Haſt.„Ich komme Dein Leben zu retten, wie Du das meinige gerettet haſt! Verachte des geringen Wei⸗ bes Warnung nicht— Dir droht Gefahr, noch heute! Hörſt Du nicht auf mich, ſo biſt Du verloren!“ „Welche Gefahr droht dem Kurfürſten?“ rief Arco beſtürzt, mit gleich gedämpfter Stimme.„Sprich, es drängt die Zeit!“ „Wenn es heut zum Gefecht kommt, wird das Rohr des beſten Schützen Tyrols auf Deine Perſon gerichtet ſein. Ich hörte zu, wie er's dem Kloſtervoigt zugeſchworen. Du darfſt mir glauben Fürſt, der es thun will, iſt mein eigener Mann. Sein Grimm iſt gewaltig, und trifft er Dich nicht im Getümmel, dann ſchickt er wohl gar eine Kugel von den Höhen auf Dich nieder. Wahre Dich, Herr! Um der heiligen Jungfrau Willen, ändere Deine Kleidung, Dein Pferd! Er kennt Dich nicht von Angeſicht, weil er immer bei den Scharf⸗ ſchützen zu thun hat, die im Gebirg kämpfen, aber er weiß, daß Du dies blaue, ſilbergeſtickte Gewand trägſt und auf einem Schimmel immer zur Rechten reiteſt. 55 Verachteſt Du meinen Rath, dann biſt Du dahin— Zeiler fehlt nie ſein Ziel!“ „Max Emanuel wird nicht fallen!“ rief Ferdinand auflodernd.„Dein Rath ſoll geachtet werden, wackeres Kind, womit aber kann ich ihn lohnen?“ „Lohnen, Herr?“ ſagte Liſa mit einem Blick voll Schüchternheit, der ihrem Feuerauge den weichſten Aus⸗ druck gab.„Seit Ihr Euer fürſtlich Haupt gewagt, das Leben eines armen Mädchens zu retten, hatte ich nur das eine Verlangen Das vergelten zu dürfen. Bin ich gleich ein tyroler Kind, glaubt' mir gern Rrd ich um Euch!“ Die Trompeten ſchmetterten ein Signal. Jerdinand wandte den Kopf und ſah den Kurfürſten im Aufbruch begriffen. „Hab Dank!“ ſagte er raſch, indem er gegen die erſchrockene zurückweichende Geſtalt über ihm den Hut lüftete und zugleich die Zügel ſeines Roſſes ſtraffer faßte.„Gott vergelte Dir und ſegne uns das Gelingen!“ Seine ſchwermüthigen Züge beſeelten ſich, wie Leuchten ging es in ſeinem Auge auf— ein hoher Gedanke keimte und wuchs im gleichen Moment zum Entſchluß. Während ſich die Schaaren zum Angriff ordneten, vertauſchte er raſch ſeinen Goldfuchs mit dem Schim⸗ mel eines der Reitersleute und zog die Kette mit dem 56 goldenen Chrenzeichen, welche er auf dem Marſche ein⸗ geknöpft getragen, prunkend über ſein blauweißes Ge⸗ wand. Dann ſprengte er dem Kurfürſten nach. Es galt ihm als das glücklichſte Omen, daß dieſer heute einen einfachen Waffenrock von dunkler Farbe trug, während er ſelbſt bei Hofe, wie im Felde ſtets in den Farben ſeines Herrn, deſſen Kämmerer er war, zu erſcheinen gewohnt war. Max Emanuel befehligte die Truppen von ſeinen dienſtthuenden Edelleuten umgeben, von ſeinem bisherigen Standpunkte in der Nähe der Schan⸗ zen aus, ohne ſich perſönlich an den wiederholt unter⸗ nommenen, wiederholt abgeſchlagenen Angriffen zu be⸗ theiligen. Während Ferdinand in ſeiner Nähe hielt, hing ſein Herz und ſein Auge hingebend an des Für⸗ ſten mannhafter Geſtalt. Stolze Charakter lieben immer die, welchen ſie dienen; für ſeinen Herrſcher, ſeinen perſönlichen Gönner ſterben zu dürfen, erſchien ihm als der höchſte Preis den das Leben zu bieten vermochte. Tief empfand er in dieſem Augenblick, daß er ſein Blut eben ſo freudig hingeben würde, wenn ihm auch jede Luſt des Lebens winkte. Drei Stunden über folgten ſich fruchtloſe Kämpfe, bis endlich die Verſchanzung der Scharfſchützen am rechten Ufer des Inn von den Baiern genommen war; ihre ſchweren Geſchütze donnerten dem Feinde im Rücken. 57 Nun erſt flohen die Tyroler, von ihren Angreifern in wilder, raſender Wuth verfolgt. Rechts und links vom Inn brannten die Dörfer. Der Weg nach der Schar⸗ nitz war frei. Eine kleine Wegſtrecke unterhalb Zirl, nahe der Martinswand, fädelt zwiſchen Strom und Berg ein ſchmaler Pfad hin, welcher von den ſo eben erſtürmten Schanzen nach der Ortſchaft führt. Der ſenkrecht auf⸗ ſteigende Fels, welcher dieſe Wegſtrecke begrenzt, heißt: Die reißende Wand. Dichtes Gebüſch krönt deſſen Scheitel, auf dem nur eine ſchmale Plattform dem Fußwanderer einen Standpunkt bietet. Unter dem Buſchwerk, welches dieſe beſchränkte Höhenfläche vom Wege aus nicht ſichtbar erſcheinen läßt, kauerte die einſame Geſtalt eines Schützen, der ſcharfen Auges niederſpähte. Die rieſenhaften Formen des Mannes harmonirten mit der Scenerie, welcher ſein Bild doppelt kraftvolles Leben aufprägte. Den zum Anſchlag bereiten Stutzen in der Fauſt, den Hut mit der halbgeknickten Spielhahnfeder im Nacken, mit glühendem Auge, jede Muskel geſpannt, ſchien ſich all dieſe Kraft einzig im Auge zu concentriren, das jeden andern Sinn beherrſchte. Wenigſtens überhörte der Spähende den, keineswegs gedämpften Tritt eines na⸗ henden Fußes, unter welchem das Geſtrüpp knickte, und er fuhr mit zornigem Erſchrecken herum, als eine Hand ſich feſt auf ſeine Schulter legte. „Was haſt Du vor?“ frug eine Stimme, welche er hier am letzten zu vernehmen erwartete; es war die ſeines Weibes. „Geht's Dich was an!“ ſchrie er rauh, indem er aufſprang, und Liſa mit zornigem Stirnrunzeln be⸗ trachtete.„Was ſchleichſt Du mir nach? Lang genug hab' ich Deinen tollen Einfällen nachgegeben! Geh an Deine Spindel, Krieg iſt kein Weiberhandwerk.“ „Schweig ſtill“, ſagte ſie feſt;„von Krieg iſt jetzt nit die Red! Du lauerſt dem Kurfürſten auf, und willſt ihn hinterrücks niederſchießen. Das leid' ich aber nit.“ Martin wurde fahl.„Du faſelſt“, ſagte er mit unſicherer Stimme. „Ich hab' zugehört, wie Dir der Voigt eingeredet, Du ſollteſt die Schandthat begehen, Martin! Damals haſt Du ſelber geſagt, das wär' feiger Fürſtenmord, und haſt dem Voigt die Wahrheit hören laſſen, ſo, daß ich vor Dir Reſpekt bekam, und bin Dir von der Stund' an gehorſam geweſen, und nit von Dir ge⸗ wichen in Noth und Gefahr. Willſt' jetzt aber doch 59 zum Heimtücker werden, dann bin ich Dein Weib ge⸗ weſen! Ich leid's nit, ſag ich Dir, Du weißt, daß mich der Fürſt aus dem Feuer geholt hat, und willſt Du ihm an's Leben, ſo werd' ich's hindern.“ „Mich hindern?“ ſchrie Martin wild.„Immer wieder bringſt' die alte dummheit vor. Was Du Dir einbildeſt, iſt ja gar nit wahr, wo wird der Kurfürſt dran denken, um ein Bauermädel in's Feuer zu gehn — ein Söldling war's, und wär's auch zehnmal der Fürſt geweſen, mich hindert's nit! Was ich thun will iſt Gotteswerk, der Voigt hat's mir zugeſchworen, und wär's auch Satanswerk, geſchehen wird's und ſoll's. Schau da hinunter— ſieh wie's brennt und raucht drüben im Zirl. Mein Bruder liegt erſchlagen, nie⸗ dergemetzelt haben ſie uns noch auf der Flucht. Blut und Brand, wohin das Auge ſchaut. Das muß ein End haben! Ich wollt' erſt nit, ſo hinterrücks, aber der Tag hat mir den Skrupel vertrieben. Dein tap⸗ ferer Held hat ſich ja gar nit hineingetraut in die Rauferei, iſt fein rückwärts hinter den Schanzen ge⸗ blieben— wie's ſcheint hat er's jetzt ſatt gekriegt, immer vorn dran zu ſein, wie vordem. Da muß man ihm halt auch von hinten ankommen. Genug des Gered's, aus dem Weg' Weib, ſonſt wird's nit gut.“ Pferdegetrappel ließ ſich von Weitem vernehmen. 60 Zeiler ſtieß Liſa, die ſeinen rechten Arm umklammert hielt, mit der Linken ſo heftig gegen die Bruſt, daß ſie ihn losließ, und niedertaumelte. Im nächſten Augen⸗ blick hatte er ſeinen vorigen Standpunkt wieder ein⸗ genommen. Das junge Weib war mit der Stirn gegen einen knorrigen Baumſtumpf geſtürzt, und blieb einige Se⸗ kunden wie betäubt. Als jedoch die Hufe der Pferde immer vernehmlicher von unten herauftönten, entriß ſie ſich mit gewaltiger Kraftanſtrengung dem lähmen⸗ den Zuſtand all ihrer Sinne, raffte ſich auf und ſtürzte vorwärts. Ein dumpfer Schrei entfuhr ihr; ſchon waren die Reiter nahe; der Fürſt hatte ihre Warnung verachtet! Zwei reichgekleidete Läufer vor ſich, ritt er auf dem ſchmalen Pfade dicht an einen ſchlicht gekleideten Genoſſen gedrängt zu deſſen Rechten, etwa um Kopfeslänge des Schimmels voraus, den er doch beſtiegen. Zwar nickten keine blauweißen Federn von ſeinem Hute, doch trug er das lichte ſilberverbrämte Gewand, die gleiche Schärpe. In demſelben Moment, als Liſa das ſchreckensvoll erſchaute, knackte der Hahn an Zeilers Büchſe. Ohne Beſinnen war ſie mit einem Sprung neben ihm und fiel ihm in den Arm. Zu ſpät — der Schuß brannte los, doch fand die Ladung ein anderes Ziel, als das erwählte! In ihrer Richtung ——-—— ———— 61 gehindert, traf die Kugel Liſa's Bruſt. Sie ſtürzte auf Martin's Füße nieder, ein Blutſtrom färbte ihr Gewand. Leiſe wie ein Hauch klang der eine Laut: „Gerettet“ an das Ohr des entſetzten Schützen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, er riß die regungs⸗ loſe Geſtalt empor und ließ ſie mit einem gurgelnden Ton wieder fallen; ſein Blick hatte das ſchon gebro⸗ chene Auge getroffen. In der nächſten Sekunde ſtand er frei auf dem Rand der Klippe, den aufgerafften Stutzen in der Hand, den er mit Blitzesſchnelle lud und an die Wange legte. Eben ritt der Mann, den er nun tauſendfach haßte, dicht unter ihm dem Felſenhange entlang. Ein Knall— und der reichgeſchmückte Reiter des Schimmels ſtürzte vom Pferde. Wild auflachend beugte ſich der Schütze hinab, ſein Werk zu ſchauen. Ein Dutzend Schüſſe knallten nach der reißenden Wand hinauf. Mit trotzigem Hohn ſchwenkte der Unverletzte den Hut, beugte ſich nieder um die lebloſe Geſtalt ſeines Weibes auf die Schulter zu laden, und verſchwand mit ihr zwiſchen den Klippen. Vergebens bemühte ſich indeſſen ein Arzneikundiger aus dem Gefolge des Kurfürſten um den Gefallenen, und verließ ihn endlich kopfſchüttelnd, um raſche Her⸗, ſtellung einer Bahre anzuordnen. Max Emanuel ſtand 62 ſchwermüthig vor der lebloſen Geſtalt ſeines Vaſallen, noch ſchien der Athem nicht entflohen, aber nur ſchwache Hoffnung knöpfte ſich an den leiſen Hauch, welchem ſich kein Zeichen des Bewußtſeins geſellte. Der Fürſt hatte ſchon gar Manchen der Seinen fallen ſehen— im Getümmel der Schlachten war mehr als einer ſei⸗ ner Waffengefährten, ſelbſt ſeiner Lieblinge ihm von der Seite geriſſen worden. Sterben war ja des Krie⸗ gers Loos, konnte täglich ſein eigenes Loos werden, wie das ſeiner Getreuen. Hier aber dämmerte ihm die Ahnung auf, daß dies vielverſprechende Leben als freiwilliges Opfer ſtatt des ſeinen gefallen war. Was er bemerkt hatte, ohne es doch rügen zu mögen, das Zudrängen des ſonſt allzeit ehrfurchtsvollen Jünglings an ſeine fürſtliche Rechte, während der ganzen Dauer des heutigen Rittes— der Schmuck des goldenen Ehrenzeichens, welches Fürſt und Edle im Felde ein⸗ geknüpft zutragen pflegte der Wechſel des gewohnten Pferdes— all dies drängte ſich ihm plötzlich auf, und ſchien Zeugniß abzulegen für eine Unterthanentreue, die beſondere Gefahr für den Fürſten errathen oder gewußt. Dieſer Gedanke mochte nicht ihm allein auf⸗ geſtiegen ſein; der, Arco ſonſt ſo offenkundig entfrem⸗ dete Freiherr von Wolframsdorf war einer der Erſten geweſen, die aus dem Sattel ſprangen, dem Gefallenen beizuſtehen und wich nicht von ihm, während der Trupp hielt, bis Anſtalt zum Weiterſchaffen des Verwundeten getroffen war. Als Arco auf die raſch aus ſtarken Zweigen zu⸗ ſammengefügte Bahre gehoben wurde, zuckte der bis dahin regungsloſe Körper zuſammen und ſein Auge öffnete ſich mit einem Strahl des Bewußtſeins. Max Emanuel beugte ſich über ihn und legte die Hand auf ſeine Stirn. In dem todtblaſſen Geſicht ging ein Leuchten auf:„Ihr lebt!“ hauchte er ſchwach. „Um hohen Preis wie mir ſcheint“, ſagte der Fürſt mit feuchtem Auge.„Du Treueſter! Gott er⸗ halt' Dich mir!“ „Gönnt mir den ſchönen Tod—“ ſagte Ferdi⸗ nand, indem die ſchweren Lider wieder ſanken, doch machte er neue Anſtrengung ſie zu erheben, als eine Hand zu ſeiner Linken mit feſtem Druck die kalten Finger umſchloß, und zugleich ſein Name von wohlbe⸗ kannter Stimme erklang. Der alte Wolframsdorf ſchob einen Mantel als Kiſſen unter das ſchwere Haupt des Verwundeten und ſprach lauten kräftigen Tones: „Vergebt begangene Ungerechtigkeit, Graf Arco. Lebt Ihr und wünſcht noch, was Ihr vor unſerm Aus⸗ zug gewünſcht, dann bin ich willig zufrieden.“ Ein ſchwaches Lächeln irrte um Ferdinand's Lip⸗ 64 pen; er verſuchte zu ſprechen, aber das Wort verſagte, ſelbſt die Augen gehorchten ihm nicht mehr. Nur der Druck, womit er die, ihm ſo lang abgewandte Hand umklammerte, bewies dem Freiherrn, daß er verſtan⸗ den worden. Der ſchwache Lebenshauch ſchien auf's Neue zu erſtarren, und während der Zug langſam ſeinen Weg fortſetzte, lag der junge Held ohne Be⸗ ſinnung auf der Bahre. Gegen Ende November des Jahres 1709 ſaß Kurfürſt Max Emanuel mit ſchweren Gedanken in einem Saale der Tuilerien— ein Geächteter, der ſeit Jahren ſchon aus dem Erbe ſeiner Väter verbannt und ver⸗ ſtoßen, heimathlos umherirrte. Nie war das altherr⸗ liche Geſchlecht der Schyren ſo tiefgebeugt worden, ſeit es in Baiern geherrſcht. Ein Flüchtling ohne Land, im Sold fremder Könige dienend, hatte der vertriebene Fürſt bald in Brüſſel, bald im Hennegau Stätte aber keine dauernde Raſt gefunden. Seine zweite Gemahlin, die edelgeſinnte Thereſia, lebte von ihrem eigenen Hauſe verſtoßen, in erzwungener hundertmeilenweiter Ferne vom Gatten, von ihren Kindern, welche Oeſter⸗ reich in feindlicher Verwahrung hielt. Seines Stam⸗ mes theuer erworbenes Gut war verſchleudert, ſein Volk zertreten und geknechtet. Von Hoffnung zu Hoff⸗ 65 nung, von Verzichten zu Verzichten war er immer tie⸗ fer abwärts geführt worden. Ludwig XIV. um deſſen Bundesgenoſſenſchaft willen er Alles verloren, hatte ſeine letzten Erwartungen auf Regierung der Nieder⸗ lande als Selbſtherrſcher nicht zur Wirklichkeit gemacht. Ihm war nichts geworden als das Loos, den Befehlen des Hofes von Verſailles zu folgen, deſſen unzarter Ton und laue Behandlung ihn den ſcharfen Contraſt mit vergangenem Glanze und eigener, vielumworbener Größe doppelt bitter empfinden ließ. 2 Lährend er ſolch ſchweren Betrachtungen nach⸗ hing, wurde ihm ein Bote aus Baiern gemeldet, mit dem Bemerken, daß derſelbe ſich ſeinem Landesherrn ſelbſt zu nennen wünſche. Jugendlich belebt durch die Ausſicht, von ſeinem Volk und Lande durch einen treuen Unterthan Kunde zu empfangen, gab Max Ema⸗ nuel Befehl denſelben einzuführen, und eilte dem An⸗ kömmling lebhaft entgegen, als er in ihm ſeinen ein⸗ ſtigen Kämmerer und Liebling erkannte. Ferdinand Arco beugte ſich in tiefer Erregung über die Hand ſeines Fürſten, und ſagte nachdem er ſie mit ſeinen Lippen berührt:„Ich bringe Euch wichtige Kunde, mein höchſter Herr— Kaiſer Joſeph hat das Zeitliche geſegnet.“ Das Auge des Kurfürſten blitzte. Sein Todfeind, Godin, Frauenliebe und Leben V. 5 66 der unverſöhnlichſte aller Gegner, welche ſein Loos be⸗ ſiegelt hatten, war nicht mehr— nun konnten noch lichtere Sterne an ſeinem Horizont aufgehen. Er drückte wortlos die Hand Arco's, der lebhaft fortfuhr:„Bai⸗ ern hofft nun wieder, und ſo Gott will grüßt es ſeinen angeſtammten Herrn in Bälde auf dem ver⸗ waiſten Thron! Ich erbat mir die Gunſt Euch davon die erſte Kunde zu bringen, und beuge mein Knie, Euch im Namen Eures treuen Volkes zu huldigen.“ Max Emanuel empfing den ſich Niederbeugenden in ſeinen Armen.„Wollte Gott, daß Du wahr ſprichſt, Arco“, ſagte er bewegt.„Wohl iſt zu hoffen daß ſich die verbündeten Fürſten zu meinen Gunſten vereinigen, nun der ärgſte Widerſacher aus dem Wege— wer aber bürgt heute ſchon gutes Gelingen! Oeſterreich wird nur mit hartem Sträuben auf den Beſitz meines theu⸗ ren Baierlandes verzichten— nun vielleicht hilft Eng⸗ lands Vortheil und Frankreichs Staatsklugheit dennoch zum guten Ende. Ludwig kann nicht vergeſſen was er mir ſchuldig geworden, ſonſt träfe Frankreich für alle Zukunft der gerechte Vorwurf, daß das Loos Derer zu beklagen ſei welche um ſeinetwillen unglück⸗ lich geworden. Daß Unglück immer ein Fehler iſt, habe ich in harten Jahren bitter genug erfahren müſſen!“ * —— 67 „Wie gerne hätte ich Euer Loos getheilt, mein Fürſt“, ſagte Arco mit lebendigem Mitgefühl.„Ihr habt gefordert daß ich im Lande bleibe, und ich ge⸗ horchte, doch war der Gedanke ſtets lebendig daß mein Platz an Eurer Seite ſein ſollte, wo Ihr auch weilen möget.“ „Du haſt mir beſſer gedient, während Du im Vaterlande bliebſt nach meinem Willen, Ferdinand. Was ſollteſt Du neben mir, ſeitdem ich ohne Heerbe⸗ fehl ſtand? die Ergötzlichkeiten von Paris, dieſes ewi⸗ gen Faſchingsmarktes der Thorheit, hätten Dich nicht entſchädigt für die nutzlos geopferte Heimath. Dort konnte Dein Arm und Deine Treue für mich wirken, hier hätteſt Du nur zuſchauen müſſen, wie Dein Fürſt der Hofbedienſteten kalte Behandlung ertragen mußte — ſchweigen wir hiervon. Sage mir lieber wie es Dir daheim ergangen. Wie lebt und webt Deine ſchöne Hausfrau? Hat ſie dich gern ziehen laſſen, und zürnte ſie mir nicht als Du um meinetwillen dazumal ſiech und beinahe ſterbend zu ihr zurückgekehrt?“ „Mathilde iſt ein Baiernkind, der Gedanke an ihren Fürſten ſteht neben dem an ihren Gott. Daß ich für Euch habe bluten dürfen, iſt ihr Stolz! die beiden Söhne, die ſie mir geſchenkt hat, tragen die hochgeliebten Namen Max und Emanuel. Vergönnt 5* 5 68 Ihr es mir jetzt, Euch nahe und zu Eurer Verfügung zu bleiben, bis Ihr in Euer Land zu Rechtens einzieht, mein Fürſt und Herr? Mit dieſer Hoffnung kam ich — das ganze Land theit ſie mit mir, und alle Wun⸗ den vernarben bei dem ſtolzen Gedanken:„lieber bai⸗ riſch ſterben, als kaiſerlich verderben!„Ihr wißt es, unter dieſem Wahlſpruch erhob ſich vor fünf Jahren das ganze Land, und ward auch viel Blut umſonſt vergoſſen, es galt uns als Saat aus welcher dereinſt Gutes aufgehen müßte! Baiern ward unterjocht und in Stücke geriſſen, wie ein Wild in das ſich die Jä⸗ ger theilen— unſern Muth hat auch Dies nicht beu⸗ gen können, wir litten das Aergſte, aber Ihr lebtet, und mit Euch unſere Zukunft. Glaubt meiner Weiſ⸗ ſagung, Ihr kehrt uns heim, und an dem Tage wer⸗ den die Greiſe wieder jung, alle Todfeinde miteinan⸗ der verſöhnt werden— Amen!“ „Amen!“ wiederholte Max Emannel feierlich. „Meine Feinde, die mir Alles genommen, haben mir Eines laſſen müſſen— des Volkes und der Meinen Treue!“ 7 Ein Orangenzweig. 1972 Motto: Die Probe und Kraft aller Empfindung iſt nicht das Geben, ſondern das Vergeben. (Jean Paul.) Erſte Abtheilung. J. In bengaliſchen Flammen. Im Sommer 1868 war die Zahl der in Wies⸗ baden anweſenden Fremden ungewöhnlich groß. Die Stammgäſte, deren jeder Badeort ein kleines Contingent beſitzt, ſtellten heitere Vergleiche zwiſchen dieſer Saiſon und den beiden vorhergegangenen an. Allerdings folgte dem Kriegesgrauen von 1866 im nächſten Jahre ein ungeſtörter Sommer; dennoch ſchien ein Nachklang übrig geblieben. Die Zugvögel waren nur in Pauſen, in vereinzelten Schaaren erſchienen, und hatten ſich nicht ſo freudig dort niedergelaſſen wie ehemals; die heimiſcheren Leidensgeſtalten der Hülfeſuchenden traten in den Vordergrund. Im gegenwärtigen Sommer jedoch ſchien der ſchöne Badeort in höchſter Blüthe zu ſtehen, und der Zudrang der Curgäſte ſteigerte ſich von Tag zu Tag. Ein warmer Auguſtabend dämmerte herein. Es hatte den Tag über geregnet, noch hing eine weiche, gewitterſchwüle Luft über der träge dem Schlummer entgegendunkelnden Welt, doch begannen die Wolken ſich jetzt zu theilen, und ſchon zitterten einzelne Sterne auf den, mit Menſchen dicht beſetzten Curplatz nieder. In den Sälen, unter der Veranda und am feuchten Ufer des Weihers wogte und drängte ſich eine mit jeder Minute wachſende Menge. Der König war im Laufe des Nachmittags angekommen, und wurde jetzt im Curhauſe erwartet. Die ſchwarzweiße Fahne flat⸗ terte luſtig im Abendwinde von der Spitze des reich⸗ geſchmückten, erhöhten Pavillon's, von welchem der Monarch einem für ihn vorbereiteten Feuerwerke zu⸗ ſehen ſollte. Als, pünktlich zur angeſetzten Stunde, die ſtattlich ſchöne Geſtalt des hohen Gaſtes erſchien, und von zahlreichem Gefolge umgeben mit dem be⸗ kannten energiſchen Schritt den Pavillon betrat, ſchallte ihm von der Gallerie des Curhauſes die, jedem Preu⸗ ßen theure Hymne:„Heil Dir im Siegeskranz“, voll⸗ tönig entgegen. Zugleich ſtieg die erſte Rakete von der kleinen, inmitten des Weihers ruhenden Inſel zu den Sternen empor. Im bunten Wiederſchein eines, 73 dem Signal unmittelbar folgenden Bouquets farben⸗ prächtiger Leuchtkugeln zogen vereinzelte Schwäne in gelaſſener Ruhe über das Waſſer hin. Wer könnte ein Feuerwerk ſchildern? es läßt ſich ſo wenig beſchreiben als ein lebendiges, in Gedanken blitzendes, in Witzen hin und herſprühendes Geſpräch. Der dunkle wolkenſchwere Nachthimmel bildete gleich⸗ ſam eine Folie für all die bunten Sterne, Purpur⸗ kugeln und goldenen Pfeile die in hoher Luftregion verſchwanden, nachdem ſie, bald hier, bald dort in geheimnißvoller Helle irdiſche Gruppen enthüllt— hier Baum und Strauch— dort ein Menſchenantlitz. Eben war ſolch flüchtiger Glanz auf ein Angeſicht gefallen, das wohl verdiente von Göttern und Men⸗ ſchen geſchaut zu werden. Wenige Schritte vom Ufer⸗ rande entfernt ſtand, auf den Arm eines ſtattlichen Mannes gelehnt ein junges Mädchen von entzückender Schönheit. Ein dunkler Burnus verhüllte die Geſtalt, und ließ nur erkennen daß dieſelbe mittlere Größe nicht überſchritt. Der zierliche Hals leuchtete unver⸗ hüllt, denn die Kaputze des Mantels welche vorher Haupt und Nacken bedeckt haben mochte, war herabge⸗ glitten. Die blonde Lockenfülle des feingeformten Ko⸗ pfes floß, durch die feuchte Luft halb aufgelöſt ſchwer auf Bruſt und Schultern. Was den künſtleriſch ſchönen 74 Zügen ſo hinreißenden Reiz verlieh, konnte auf den erſten Blick unentſchieden bleiben, bei dem zweiten empfand man ſchon, daß der Zauber vor Allem in den langen, leicht gebogenen Wimpern und den köſtlich geſchweiften Lippen ruhte. Von Zeit zu Zeit hob ſie den Kopf, um ihrem Gefährten eine Bemerkung zuzu⸗ flüſtern; in dieſer Bewegung lag vollendete Anmuth. Das Feuerwerk hatte ſeinen Höhepunkt erreicht. Eine, von kreiſenden Sternen umgebene Sonne ent⸗ faltete ihre glänzenden Strahlen, und das Muſikcorps welches bis jetzt heitere Tanzweiſen geſpielt, ſchmetterte jubelnd das Lied;„Ich bin ein Preuße, kennt Ihr meine Farben?“ Hurrahruf erſchallte, Hände ſchlugen kräftig aneinander, Tücher und Mützen wurden ge⸗ ſchwenkt, und Aller Blicke wandten ſich dem Pavillon zu, wo die königliche Heldengeſtalt freundlich dankend das Haupt neigte. Der an die Platane gelehnte Mann auf deſſen Arm ſich das ſchöne Mädchen ſtützte, fuhr zuſammen. Sie ſchmiegte ſich an ihn und ſagte leiſe:„Ich wußte wohl, daß es Dir wehe thun würde. Wir hätten nicht kommen ſollen!“ Nur ein ungeduldiges Kopfſchütteln gab ihr Ant⸗ wort. Im gleichen Moment erklang aus einer Gruppe junger Männer, welche einige Schritte näher am Wei⸗ 5 5 75 her ſtanden, halblaut ein ſpöttifches Wort:„Dieſer alberne Pöbel! wie armſelig ſchwach der Hurrahruf— das ſoll wohl gar eine Demonſtration ſein? Sie müß⸗ ten ihrem Schöpfer danken, daß ihnen die Ehre gewor⸗ den, Preußen zu heißen!“ Eine ſonore Stimme fiel ein, ohne ſich die Mühe zu geben, ihren Klang zu dämpfen:„Ehre dafür dieſen Naſſauern! ſie beweiſen damit, daß ſie deutſcher Art ſind! Wäre es etwa erfreulich heute ſchon ein ſerviles Uniſono zu hören? An unſeres Königs Statt würde ich ſo leichten Erwerb wenig ſchätzen. Männer tauſchen nicht Regenten wie Gewänder, und ich kenne auf der Welt überhaupt nur ein Ernſthaftes:„Treue!“ Des jungen Mädchens Arm drückte den ihres Begleiters, lebhafte Gluth ſtieg ihr bis zu den Schlä⸗ fen auf, ihr Auge ſchien das Dunkel durchdringen zu wollen. Als hätte es Kraft, dem Licht ein:„Werde!“ zuzurufen, erglänzte plötzlich Alles ringsum in benga⸗ liſchen Flammen. Gleich einem Feenlande ſtiegen Park, See und Inſel im grüngoldigen Schimmer aus dem Dunkel. Die leichte Brücke von Birkenrinde wandelte ſich zum farbigen Regenbogen, und nun hob ſich, vom zarteſten Roth angehaucht, die Fontaine langſam aus dem ſchimmernden Waſſer empor. Hochauf ſprühten roſige Perlen, wie Schleiergewänder wallte es nieder. 76 Dem Echo gleich, welches weithin verhallten Tönen folgt, huſchte ſanfter Wiederſchein über die fernſten, längſt im Dunkel verſchwundenen Plätze. Die lautloſe Menge ſtand wie gebannt durch die Magie des Moments— kaum ein tiefer Athemzug des Entzückens klang durch die nur von weichen Melodien erfüllte Luft. An der Platane aber ſeufzte eine junge, von Poeſie der Schönheit erfüllte Bruſt tief auf; leiſe ſanken die Wimpern vom Gipfel der verglühenden, gleichſalls ſinkenden Waſſerſäule— wie ſuchend, tauchte das Auge in die nächſte, tageshell erleuchtete Gruppe. Ein aufleuchtender Blick begegnete ihr aus feurig blauem Augenpaare, über dem eine blendende Stirn ſich wölbte, und mit dieſem Blick zugleich brach mit demſelben ſonoren Klang, der vorhin in dem Worte „Treue“ verhallt war, jetzt der Laut hervor:„Undine!“ Im nächſten Moment verſank die Waſſerkönigin in ihre feuchten Tiefen, der Roſenglanz erloſch— Nacht und Dunkel umhüllte die Welt. 4 II. Zehn Flaſchen Champagner. Die Table d'höte im„Naſſauer Hofe“ war bereits vorüber und der Speiſeſaal größtentheils geleert. Nur an einem Seitentiſche ſaß noch gegen ſieben Uhr Abends eine Gruppe von Officiren, theils in Uniform, theils in Civil, in angeregteſter Stimmung beiſammen. Le⸗ bensluſt und Rheinwein funkelten aus den muntern Augen, gute und ſchlechte Witze flogen wie Fangbälle hin und wieder— Alle, oder doch faſt Alle ſchienen in jener beneidenswerthen Stimmung, worin man be⸗ reit iſt, Erde und Himmel für Momente verpuffen zu laſſen. „Kellner!“ rief ein für die knappe Uniform faſt zu wohlbeleibter Huſarenofficier über die Schulter hin⸗ weg,„noch eine Flaſche Sect!“ — 78 Sein Tiſchnachbar legte abwehrend die Hand auf ſeinen Arm, indem er die Uhr zog.„Gleich ſieben! ich dächte, es wäre Zeit, daß Jeder ſich nach ſeinem Tusculum zurückzöge und Toilette machte. In einer Stunde beginnt die Réunion.“ „Und lohnt es hinzugehen, wirklich, Wellenberg?“ frug ein eleganter Mann in Civilkleidung, deſſen nach⸗ läſſig zurückgelehnte Haltung das ausgezeichnete Eben⸗ maß ſeiner Geſtalt nicht beeinträchtigte.„Wir ſitzen hier ſo ſehr gemüthlich! Können Sie mir für das Opfer, dieſem dolce far niente zu entſagen, dort et⸗ was Hübſches zur Augenweide verſprechen?“ „Hübſches, Schönes, Brillantes— Alles, was das Herz begehrt! Seit Jahren waren die Réunions nicht ſo glänzend als während dieſer Saiſon, und heute wird deren Krone zugegen ſein, denn man erzählt ſich, daß unſere Majeſtät dort erſcheinen wird. Dies ge⸗ ſchieht übrigens nicht, wie ich aus beſter Quelle er⸗ fuhr— einerlei, um ſo beſſer, möchte ich ſagen, man iſt bei ſolchen Gelegenheiten durch Anweſenheit der höchſten Herrſchaften doch immer etwas genirt. Jeden⸗ falls garantirt die hohe Sage doppelt entzückende Toi⸗ letten und einen Flor aller fremden und einheimiſchen Schönheiten. Wenn Sie Luſt haben, auf den Fiſch⸗ fang zu gehen, Triefels, ſo könnte ich Ihnen einige 79 ganz annehmbare Goldfiſchchen nachweiſen— Sie müß⸗ ten dann freilich den Gedanken aufgeben, ſchon mor⸗ gen abzureiſen, ſonſt wäre die Zeit zum Kapern einer Erbin doch zu kurz.“ „Was gehen mich Ihre Erbinnen an“, lächelte Triefels;„ich frug nach Schönheiten! Im Uebrigen — ein Ballabend zu kurz, um ein Weiberherz zu ge⸗ winnen?— das iſt mir neu!“ „Bramarbas! ſpottete Wellenberg. „Was gilt die Wette?“ rief Triefels übermüthig, indem er, den Antinouskopf leicht zurückwerfend, auf⸗ ſprang und das halbgefüllte Glas erhob.„Sucht eine Eurer Ballſchönheiten aus, ganz nach Belieben, und ich mache mich verbindlich, bis zum Schluß der heuti⸗ gen Réunion ihr Jawort gewonnen zu haben! Kann ich nicht die Wette nicht halten, ſo gebe ich zehn Fla⸗ ſchen Champagner verloren! Nur eine Gegenbedingung: es darf keine Braut ſein, weder eine heimliche, noch eine öffentliche— die nehme ich aus!“ „Die nimmt er aus!“ höhnte der dicke Huſar. „Nur wegen allzubeſchränkter Zeit!“ lachte der Geneckte. Er hatte vielleicht etwas Anderes erwidern wollen, denn bei den zuletzt getauſchten Worten war ein blitzartiger Glanz in den feurigen Augen aufgeſtie⸗ gen, doch traf ihn, noch ehe er ſprach, aus einem 80 Augenpaare gegenüber ein Blick, welcher den vorigen Uebermuth zu verdoppeln ſchien. Es war ein ernſter, faſt ſtrafender Blick geweſen und ging von einem kaum dem Jünglingsalter entwachſenen Manne aus, der, gleich der Mehrzahl der Tiſchgenoſſen, die Uniform des in Wiesbaden garniſonirenden Regiments trug. Bis jetzt ein ſchweigſamer Geſellſchafter, ließ er der ſtummen Oppoſition, die er, vielleicht unwillkürlich, jedenfalls wirkungslos, an ſein Gegenüber gerichtet, auch jetzt kein ausgeſprochenes Wort folgen. Um ſo lebhafter ſchwirrte dagegen das Zurufen, Lachen und Applaudiren der Andern durcheinander. „Topp!“ rief Wellenberg,„wir halten die Wette, — nun gilt es aber auch, den Wahnſinn mit Methode zu betreiben. Ein Vorſchlag! Wir Hieſigen kennen ja die Damenwelt der Saiſon ziemlich genau— ich ent⸗ werfe eine Liſte, ſie ſoll die Runde machen. Iſt eine Name vergeſſen, oder zu viel, ſo bleibt Jedem das Recht eines Veto! Sobald die Liſte fertig— bis zu Tauſend und drei wird ſie wohl nicht ſteigen— ſchüt⸗ teln wir die Urne, und Don Juan zieht ſeine Göttin als Loos!“ „Bravo!“ „Doch einmal eine Abwechſelung in dieſem Jam⸗ merleben!“ 81 „Vorwärts, hier iſt mein Notizbuch mit Blei⸗ feder!“ „Das gibt ein Göttervergnügen!“ jubelte die ganze Tafelrunde durcheinander. Während Wellenberg ſchrieb und eine Minute ſpäter das Blatt circuliren ließ, beobachtete Triefels mit halbem Blick ſein Gegenüber, und die gewölbte Lippe zuckte unmerklich unter dem lockigen Bärtchen, als der junge Mann die Liſte, ohne ſie nur anzuſehen, weitergab. „Oho, Eckhardt, nicht geſchwänzt, das gilt nicht!“ rief ſein Nachbar. Der Angeredete zuckte leiſe die Achſeln, ohne ein Wort zu erwidern. „Laß doch“, unterbrach Wellenberg mit einem Theaterflüſtern,„der jungen Dame ſind wir wieder einmal zu frivol.“ Der Officier wandte mit ruhiger Bewegung den Kopf und ſagte einfach, indem er das intelligente Auge feſt auf den Sprecher richtete:„Sie meinten, Herr von Wellenberg?“ Wellenberg lachte.„Ich meine, Sie ſollten kein Spielverderber ſein, Eckhardt! Aber— suum cuique! — ſehen Sie wohl, wenn ich auch lieber Champagner trinke, als, wie gewiſſe Leute, mit alten und neuen Godin, Frauenliebe und Leben V. 6⸗ 82 Claſſikern handgemein werde, mein Schullatein iſt noch nicht vergeſſen, ich kann ſogar mit Ueberſetzung auf⸗ warten: Jedes Thierchen hat ſein Manierchen! Aber nun zur Sache! Die Liſte iſt vollſtändig— Kellner! eine Scheere und einen leeren Aſchenbecher!— So, nun ſind die Präliminarien vollendet— jetzt zum Pakt!“ Er rollte die ausgeſchnittenen ſchmalen Strei⸗ fen auf, warf ſie in die Schale und ſchüttelte ſie durch⸗ einander. Indem er den Becher mit feierlicher Miene emporhob, ſagte er mit Emphaſe:„Ehe Sie das große Loos ziehen, Triefels, müſſen noch verſchiedene Stipu⸗ lationen gehört und insgeſammt genehmigt werden: Paragraph Eins: Der Bevollmächtigte wird ohne jeden Einwand derjenigen Schönen die Cour ſchneiden, welche ihm Fortuna beſtimmt, auch in dem Falle, daß ihm eine Andere beſſer gefällt.“ „Angenommen“, nickte Triefels. „Paragraph Zwei: Er giebt ſein Ehrenwort, daß er, der Feldzug möge ablaufen, wie er wolle, nach Beendigung des Balles im zweiten Reſtaurationszim⸗ mer mit uns zuſammentrifft und Sieg oder Niederlage bekennt.“ „Abgemacht, verſteht ſich von ſelbſt!“ „Paragraph Drei: Im Fall er abblitzt, werden die zehn Flaſchen Chamgner ſofort gemeinſchaftlich 83 vertilgt, reüſſirt er, ſo wird Ort und Zeit des Ban⸗ kets ſeinem Ermeſſen anheimgeſtellt, wir Alle aber jedenfalls zur Hochzeit geladen!“ „Halt da!“ rief Triefels,„Hochzeit?! Warum nicht gar! Meinen Sie etwa, ich hätte Luſt, mich, wenn überhaupt je, ſchon jetzt in den Käfig ſperren zu laſ⸗ ſen?— origineller Gedanke!“ „Ich glaubte verſtanden zu haben, daß es ſich um ein Jawort handle, Herr Rittmeiſter?“ fragte Eckhardt, ruhig aufblickend. „Allerdings, und was weiter? Der Traum einer Ballnacht— man ſchläft aus und er iſt zerſtoben— . Liebeserklärungen empfangen zu haben, bleibt für jede Dame eine angenehme Erinnerung, und ſeufzt ſie da⸗ bei ihr Ja, ſo iſt das nichts als ſchuldige Dankbar⸗ keit. Sie blicken d'rein, als ließe der Scherz ſich tra⸗ giſch nehmen, lieber Camerad? Glauben Sie mir, nach fünf, ſechs Jahren ſehen Sie das Leben und nun gar die Weiber ganz anders an. Ich kenne dieſe zarten Weſen ſehr genau, ſie ſind insgeſammt große Lebens⸗ künſtlerinnen, denen ſo leicht keine Aufgabe zu ſchwie⸗ rig wird. Suchen, Finden, Fliehen iſt das Thema, nach dem ſich alle Variationen ihrer Tage abſpielen, verſchwindet ein Bild— pahl! der gefällige Rahmen bleibt, und raſch wird ein anderes hineingeſchoben!“ 6* 84 „Hört! hört!“ rief der Huſar,„Triefels hält Vor⸗ träge zur Ausbildung der Jugend!“ „Und vergißt darüber, was ſeines Amtes iſt,“ grollte Wellenberg, indem er zum zweiten Male den Becher hinüberreichte. Triefels hob die Hand— eine feine, wohlgepflegte Hand, deren Weiße ſich ein Mädchen hätte rühmen dürfen. Am kleinen Finger der Rechten funkelte ein Brillant; offenbar war der Ring urſprünglich für eine Frau beſtimmt, oder von ihr getragen worden.— Lä⸗ chelnd hielt der junge Mann das erfaßte Röllchen einen Moment zwiſchen den Fingern, dann glättete er es mit ſchelmiſchem Aufblick, und las in klarem, halb fragendem Ton:„Eugenie Wallmoden?“ Noch klang der Name, als ein raſch unterdrückter, unverſtändlicher Laut den Blick des Leſenden auf ſein Gegenüber zog, deſſen bis in die Lippen hinein erblaß⸗ tes Geſicht eine Secunde lang faſſungsloſe Aufregung verrieth. Im nächſten Moment verdrängte jedoch ſchon ein geringſchätziges Lächeln den leidenſchaftlichen Zug von Entrüſtung und Eckhardt lehnte ſich in gleichgül⸗ tiger Haltung in ſeinen Seſſel zurück. Nicht auf ihn allein ſchien jedoch der eben ausgeſprochene Name Eindruck gemacht zu haben, denn hier und dort in der Runde 85 hörte Triefels wiederholen:„Fräulein Eugenie?“— „Die Wallmoden?“—„Merkwürdig!“ „Nun?“ frug er lebhaft. „Nun!“ wiederholte Wellenberg,„Sie ſind ein Glückspilz, Triefels! Die Sache wird nun wirklich intereſſant. Eugenie Wallmoden iſt das ſchönſte und reichſte Mädchen unſerer guten Stadt Wiesbaden, üb⸗ rigens eine ziemlich hoch in Wolken thronende Göttin, zu welcher empor der Flug ſich ſchon für Manchen als Ikarusgeſchäft erwieſen. Gewinnen Sie hier bin⸗ nen einer Nacht, ſo ziehe ich vor Ihnen den Hut ab.“ „Na, Triefels, in dieſem Falle ſind Sie wenig⸗ ſtens ſicher, daß kein Bühnenvater Sie aus dem Ball⸗ ſaale zum Altar ſchleppt—“ rief laut lachend der Huſar.„Sich dem Staatsrath Wallmoden als lieber Schwiegerſohn in königlich preußiſcher Uniform zu präſentiren— ha, ha, ha! Anomalie— Anachronis⸗ mus— wer weiß noch mehr ſolche franzöſiſche Worte?“ Trriefels hob leicht die Brauen:„Ein Preußen⸗ haſſer?“ „Und wie! Hat ſofort nach der Annexion ſein Amt niedergelegt, auf Penſionsbezüge verzichtet und lebt ſeitdem im tiefſten Hintergrunde ſeiner allerdings ganz erträglichen Höhle— ſtolz ſchweigend, wie ein eingeſperrter Löwe.“ 86 „Eben deßhalb wird das ganze Vergnügen zur Seifenblaſe, Ihr Herren“, warf ein ſpitznaſiger Haupt⸗ mann ſarkaſtiſch ein.„Wallmodens, die man über⸗ haupt nie auf einer Réunion im Curſaale trifft, wer⸗ den heute, wo man dort den König erwartet, ganz ſicher nicht hinkommen!“ „Wüßte ich nicht das Gegentheil, ſo hätte ich den Namen überhaupt nicht auf die Liſte geſetzt“, erklärte Wellenberg ſiegreich.„Der Alte kommt natürlich nicht, wohl aber Fräulein Eugenie. Die Familie hat Beſuch aus Köln, einen reizenden Backfiſch, dem zu Liebe meine Wenigkeit ſo genau orientirt iſt, und dem zu Liebe die excluſive Schöne heute einmal den Curſaal mit ihrem Beſuche beehren wird. Beide junge Damen erſchei⸗ nen unter den Flügeln der Verſchönerungspräſidentin.“ „Wer iſt denn das?“ lachte Triefels.. „Sie haben noch nichts von der Verſchönerungs⸗ präſidentin gehört?— o Vandale! Ja ſo, ich vergeſſe, daß Sie erſt ſeit wenigen Tagen ſo glücklich ſind, in der einzig menſchenwürdigen Atmoſphäre der Wiesba⸗ dener Geſellſchaft zu athmen. Nun Herr von Fulhem iſt Vorſtand aller Annehmlichkeiten, die aus der Caſſe der Bank in die der Stadt fließen, und ſeine würdige Gattin beſitzt eine ſeltene Anziehungskraft für mutter⸗ oder tantenloſe Schönheiten. So oft ſie erſcheint, per⸗ 87 ſönlich mehr einer gefüllten Sonnenblume, als der Sonne ſelbſt zu vergleichen, wird ſie von den anzie⸗ hendſten Planeten umkreiſt. Nie alſo ward ein viel⸗ verſprechender Name mit größerem Rechte verliehen!“ Triefels ſah nach der Uhr.„Auf Wiederſehen, Ihr Herren; à propos, wer von Ihnen wird die Güte haben, mich meiner Zukünftigen vorzuſtellen?“ „J!“ ſagte der Sarkaſtiſche im harmloſeſten Ton —„Lieutenant Eckhardt etwa.“ Der Genannte blickte auf. Während der lebhaft getauſchten letzten Sätze war die gleichgültige Haltung, die er angenommen, bereits wieder mühſam bekämpf⸗ tem Unmuth gewichen; die feinen Lippen hatten ſich feſt auf einander gepreßt und öffneten ſich jetzt nur um in ſchneidendem Tone das Wort fallen zu laſſen: „Dieſe Ehre muß ich ablehnen.“ „ und weßhalb, Herr Camerad?“ fragte Triefels aufmerkſam, indem ſeine hohe Geſtalt zu wachſen ſchien. „Weil ich Fräulein Wallmoden zu ſehr ſchätze, um in dem ſie betreffenden Luſtſpiel eine Rolle über⸗ nehmen zu können.“ Auch er hatte ſich erhoben; die beiden jungen Männer maßen ſich einen Moment mit ziemlich zweifel⸗ haftem Ausdruck. Eckhardt's ſchmächtige Geſtalt und feingeſchnittene Züge ließen ihn der männlich kräftigen Erſcheinung des ältern Offiziers gegenüber noch jugend⸗ licher ausſehen, als er wirklich war. Dennoch lag in den grauen Augen des Jüngern eine eben ſo zwingende Macht, wie in dem leuchtenden Feuerblick des Andern. Es war nur ein Moment. Dann wandten ſich Beide faſt gleichzeitig ab. Eckhardt griff nach Degen und Mütze, und war ſchon im Begriff, ſich zu entfernen, als das verdrießlich gemurmelte Wort Wellenberg's ihn aufhielt: „Dieſer junge Cato wird uns noch den ganzen Spaß verderben.“ Eckhardt berührte zum Gruß die Mütze und ſagte, ruhig über die Schulter zurückblickend:„Ich denke zu wiſſen, was Cameradſchaft heißt, Herr von Wellenberg. Uebrigens habe ich nur die Ehre, der Familie Wall⸗ moden bekannt, keineswegs aber verwandt zu ſein.“ „Pedant und kein Ende!“ lachte der Huſar hinter ihm her, ſobald die Thür ſich geſchloſſen.„Na Kin⸗ der, man muß ihm chriſtlich vergeben! Solch einen Nebenbuhler, wie unſeren lieben Gaſt hier, gleichſam aus einer Verſenkung plötzlich aufſteigen zu ſehen, wäre Jedwedem ungemüthliche Ueberraſchung. Gott ſei Dank, daß man über ſolche Kinderkrankheiten hin⸗ aus iſt! Brrr— o wie ſchmeckt mir täglich mein Di⸗ ner ſo gut!“ Triefels ſtand einen Augenblick in Gedanken. Jetzt hob er mit eigenartig unterjochendem Ausdrucke das Auge und ſagte in hellem Tone:„Sie hatten Recht, Wellenberg— die Sache beginnt intereſſant zu werden. Auf's Wohl der Schönen!“ Er ließ ſein Glas anklingen und leerte es in raſchem Zuge ſprü⸗ hende Lebensluſt in jeder Muskel. ——————.— —,——— 4 III. Rudolph Eckhardt. Im Bowling⸗Green nächſt dem Theaterplatze wanderte eine einſame Geſtalt ruhelos auf und ab. Die Cascaden waren erleuchtet; immer neue Wogen ſtürzten rauſchend aus einem Marmorbecken in das andere, über die Lichtringe hinfluthend, welche, goldenen Reifen gleich, hinter den Waſſerſchleiern zitterten. Von hohen Candelabern herab ſchwankte ungewiſſes Licht auf die farbenbunten Blumenbeete, dunkel begrenzt von mächtigen Platanen, in deren Allee ſich die Gruppen der Spaziergänger ſchattenhaft bewegten, oder an denen Wagen auf Wagen vorüberrollten und mit ihren Lam⸗ pen gleich feurigen Augen neugierig in die ſtille Däm⸗ merung hinübergrüßten. Inmitten all' des wogenden Abendlebens draußen ſchien Duft, Licht und Frieden ſich in dieſen Zauberkreis geflüchtet zu haben. v—— Nichts von Frieden lag aber in Bewegung und Zügen des Wanderes, der dort raſtlos auf und nie⸗ derſchritt. Eckhardt's Auge ſchweifte zerſtreut über die duftenden Beete, welche ſein Fuß ſtreifte, nur zu⸗ weilen hob es ſich und ſchien ſcharf durch die Nacht zu dringen— einem Hauſe am Theaterplatze zu, deſſen Umriſſe ſelbſt die davor brennende Gasflamme nicht klar von hier aus unterſcheiden ließ. Wie ſtürmte es in ihm! Wer es je erlebte, einen geliebten Namen ſpöttelnd ausſprechen zu hören, weiß, daß dies allein ſchon empfunden wird wie ein Schlag. Erfaßt uns doch ſchon ein gewiſſes Staunen, wenn das, was wir im Allerheiligſten unſerer Seele vor jedem fremden Hauche ſchützen, von Dritten überhaupt nur, ſo obenhin, als Geſprächsgegenſtand abgefertigt wird! Und Eckhardt hatte mit anhören, hatte dulden müſſen, daß der Name des Mädchens, welchelder lichte, 6 unerreichbare Morgenſtern ſeiner Tage war, zum Thema des frivolſten Geſpräches— des geringſchätzigſten Planes geworden! Und nichts, nichts gab ihm ein Recht, gegen ſolchen Frevel einzuſchreiten— er mußte ſchwei⸗ gen, der Ausführung des kecken Spieles unthätig zu⸗ ſchauen— wirklich! konnte, durfte er das? Obgleich er im Geſellſchaftsanzuge ſeine Wohnung verlaſſen hatte, jagten ſich noch immer Zweifel und 92 Ungewißheit in ihm, ob er ſich die Folter dieſes Bal⸗ les auferlegen ſolle, oder nicht. Der Inſtinkt, ſein Theuerſtes womöglich zu ſchützen, trieb ihn vorwärts; der noch ſtärkere Inſtinkt nahender Schmerzen ſuchte ihn zurückzuhalten. Er warf ſich mit tiefem Athemzuge auf die Bank gegenüber einer der Caskaden. Achtlos hing ſein Auge an der breiten Lichtwoge, welche auf dem ſtillen Waſ⸗ ſer des Baſſins zu ruhen ſchien. Mit einem Male trat der Vollmond aus dem Gewölk, ruhig und groß. Ein eigenthümlich beſänftigendes Gefühl ergriff den Aufgeregten— die Bürde, welche ihn eben noch ſo ſchwer bedrückt, war gelüftet, faſt geſchwunden. Das reine Bild der Geliebten ſchien ihm hoch über jeder frevelnd ausgeſtreckten Hand zu ſtehen— wie das klare, ewige Himmelslicht droben über den zuckenden Flämmchen ſtand, die vor ihm flackerten. Plötzliche Zuverſicht erfüllte das noch immer bewegte Gemüth — ſein Gedanke hing an dem edeln Mädchenbilde, er dankte es ihr, daß ſie auf der Welt war. Da ſtieg neben ihr die Geſtalt des Mannes auf, der den Sinnenden heute ſo aus allen Fugen geriſſen, und von Neuem krampfte ſich ſein Herz zuſammen— war dies Herz ein Orakel, oder flohen Ruhe und Sicherheit vor der Erinnerung an Triefels⸗ Perſönlich⸗ 4 —2— —— 93 keit? Eckhardt leugnete es nicht, ihm war vorher nie ſeines Gleichen begegnet. Nie hatte eine fremde In⸗ dividualität ſo lebhaft auf ihn gewirkt, als dieſe, deren ſtarkes inneres Leben ſich in allen Facetten reichſter Empfindungs⸗ und Genußfähigkeit wiederſpiegelte. Ver⸗ ſtändnißvoll für die feinſten Regungen des Geiſtes, für jeden Pulsſchlag der Begeiſterung— einem Cul⸗ tus des Schönen hingegeben, der den lachenden Him⸗ mel heitern Griechenthums über die gegenwärtige Stunde zu wölben verſtand— dazwiſchen ſelten anklingende, aber volle Harfentöne männlicher Kraft und Ehre— dies Alles zum Bilde verkörpert in einer Erſcheinung, die nirgends überſehen, niemals mit Andern verglichen werden konnte— hatte Triefels den jüngeren Mann ſeit der erſten Stunde des Zuſammentreffens zu einer Bewunderung hingeriſſen, die um ſo energiſcher wirkte, als es ihr an Widerſtreit nicht fehlte. Rudolph Eckhardt war ein Charakter von bedeu⸗ tendem, eigenartigem Gepräge und fühlte ſich unter den Cameraden einſam und unverſtanden. Nichts iſt in einem Verbande ganz verſchiedenartiger Naturen gefährlicher, als nicht gerade auf der Linie der Mittel⸗ mäßigkeit zu ſtehen. Jedes Hervortreten bringt um ſo mehr in Gefahr, ironiſirt zu werden, als eine Eigen⸗ thümlichkeit mancher geiſtestiefer Menſchen iſt, daß ſie ſelbſt unbedeutend erſcheinen, ſobald ſie nur über un⸗ bedeutende Dinge zu ſprechen haben. Triefels dagegen verſtand es, jeden ſchlummernden Funken zu wecken, und hatte ſich dem Zurückhaltenden anfangs mit unver⸗ holener Sympathie zugewandt, ohne ſich jedoch je in Aeußerungen eines Weſens zu beſchränken, das Eckhardt mitunter aus allen Geleiſen ſchleuderte Ein keckes Vorwerfen allgemeiner Geſetze— ein frivoler Ueber⸗ muth, womit jener hier und da Menſchen und Dinge behandelte, und für welchen Nichts zu exiſtiren ſchien, was ihm ein„Halt“ zurief— der von feinen Formen verhüllte, darum aber doch dem tiefer blickenden Auge nicht unſichtbare ſtarke Glaube an das eigene Ueber⸗ gewicht— waren Züge, die Triefels faſt gefliſſentlich gerade in Eckhardt's Gegenwart aufblitzen ließ und die zu ſagen ſchienen:„ich ſchätze Dich doch nicht genug, um Deinethalben zu unterdrücken, was mir eben durch den Kopf fährt.“ Heute ſteigerte ſich der innere Widerſpruch, der Rudolph ſeit einigen Tagen bald an dieſe Erſcheinung feſſelte, bald von ihr abſtieß, faſt zum Haß.— Würde— konnte Eugenie dem Zauber des Verwe⸗ genen anheimfallen, im Laufe weniger Stunden?!— Alles iſt denkbar, Alles war darum auch möglich! Und er ſelbſt ſollte ein müßiger Zuſchauer bleiben, 95 während mit ihrem Glück, ihrem Frieden geſpielt wurde wie mit einem Würfelbecher? Sie warnen! Der Gedanke war ſchon wiederholt aufgeſtiegen, jetzt ſtand er gleichſam greifbar vor ihm. Eugenie war immer gütig gegen ihn geweſen, er hatte das Bewußtſein, ihr ſympathiſch näher zu ſtehen als mancher Andere, und durfte ein freundſchaftliches Wort wohl wagen. Und doch klang in ihm ein leiſeſtarker Ton, der abmahnte! Zu ſehr war er ſich der heiligen Unbeholfenheit bewußt, welche tiefſtes Gefühl leicht be⸗ gleitet, um ein Wort finden zu können, durch welches ſolche Warnung nicht der Achtung zu nahe treten würde, die hohe Weiblichkeit als Schutz vor jeder Unbill von ſelbſt umgiebt. Die Thurmuhr ſchlug acht; Eckhardt erhob ſich. Sein Blick ſchweifte noch einmal zum Theaterplatze hinüber. Vor dem Eckhauſe zur Rechten ſchimmerten zwei Lichtpunkte, die ſich eben in Bewegung ſetzten, und eine Minute ſpäter rollte ein geſchloſſener Wagen dicht am Staket des Bowling⸗Green vorüber. Eckhardt unterſchied im Schein des naheſtehenden Candelabers hinter dem Wagenfenſter die Geſtalt einer wohlbeleibten, reichfriſirten Dame, welche allein den Sitz einnahm. Er folgte dem Wagen mit den Augen, bis er ihn zur 96 Linken des Curhauſes dem Parke zurollen ſah, und murmelte vor ſich hin:„Wirklich, ſie fährt nach der Villa.“ Dann ging er feſten Schrittes dem Cur⸗ hauſe zu. —:—— 4 1 IV. Gewonnen? Das federngeſchmückte Haupt der ſtattlichen Ver⸗ gnügungspräſidentin ſtrahlte heute von ungewöhnlicher Befriedigung, während ſie mit ihren beiden Schutzbe⸗ fohlenen den Saal durchſchritt, um den ſtets für ſie reſervirten, bevorzugten Platz auf dem erhöhten Pur⸗ purdivan einzunehmen. Lautes und leiſes Flüſtern hatte ſie bewundernd auf dem kurzen Wege begleitet und ihre ſchon im Toilettenzimmer gemachte Wahr⸗ nehmung beſtätigt, daß ihre„Balltöchter“ verdienten, die allgemeine Aufmerkſamkeit heute auf ſich zu lenken. Während ſie ſich majeſtätiſch niederließ, ſah ſie Beide ſchon von Tänzern umringt, und es befriedigte ſie ungemein, nicht nur Eugenie Wallmoden, ſondern auch die ihrem mütterlichen Schutz anvertraute Fremde ſo raſch umworben zu ſehen. Godin, Frauenliebe und Leben. V. 7. ᷑—O 98 Allerdings war auch Gerta von Röder eine Er⸗ ſcheinung, die wohl nirgend unbeachtet bleiben mochte. Beim Anblick ihrer Figur wurde unwillkurlich an jene in der Antike öfter vorkommenden Venusgeſtalten unter Lebensgröße erinnert— das lieblichſte Ebenmaß ließ vergeſſen, daß ſie mehr einem zierlichen Cabinetsſtücke glich, als einem richtigen mit gewöhnlichen Organen ausgeſtatteten Menſchenkinde, und das Geſichtchen, friſch wie Thau, blickte ſo ſchelmiſch befriedigt der Gegenwart in's Auge, als wäre jede Stunde eine ſchimmernde Regenbogenbrücke, die ſich leicht ſchwebend überſchreiten läßt. Jene köſtliche Naivetät, die ſechzehn⸗ jährige Mädchen zuweilen umwebt, wie der Flaum eine friſche Frucht, quoll aus jedem ihrer Worte und ſchaute als helle Wahrheit aus den treuherzig frohen Augen. Wer dieſem Kindesblick begegnete, empfand: ihr war noch keine Ahnung davon aufgegangen, daß auf der Welt nicht Alles Freude und Liebe ſei. In zartblaue Gazewellen gekleidet mit der raſchen, flattern⸗ den Beweglichkeit, die ihr eigen, glich ſie einer Tochter der Luft. Aber der leichte Vergißmeinnichtkranz in den braunen Flechten und das blitzende Blauauge ſprachen von der frohen Schönheit der Erde. Trotz aller Leben⸗ digkeit war die kleine Libelle doch ſichtlich darauf be⸗ dacht, immer dicht in der Nähe ihrer Gefährtin zu 99 bleiben, zu welcher ſie im Gedränge all der Vorſtellun⸗ gen und Engagements häufig hinüber oder vielmehr aufſchaute, denn ihr Scheitel reichte höchſtens bis zum Nacken der edelſchönen Mädchengeſtalt neben ihr. Seit Eugenie Wallmoden den Saal betreten, haf⸗ tete manches Auge bewundernd auf der ſelten auf⸗ tretenden, ſtets aber als Krone der Geſellſchaft aner⸗ kannten Erſcheinung. Sie trug ein wallendes Kleid vom zarteſten Gewebe, das weiß und weich glitzerte, wie eine friſchgefallene Schneeflocke. Ein leichtes Ge⸗ winde von Heckenroſen feſſelte die Pracht der blonden Locken. Eben beſchäftigt, den Namen eines Tänzers, dem ſie zugeſagt, in ihre Ballkarte zu zeichnen, zuckte plötzlich ihre Hand, ein zartes Roth ſtieg bis zu den Brauen empor und wurde tiefer, als ſie mit unwill⸗ kürlicher Bewegung den Kopf nach Gerta umwandte, die, hinter ihr ſtehend, einige Worte mit einem hoch⸗ gewachſenen Offizier tauſchte und ihr faſt im gleichen Augenblicke halb verlegen ſagte:„Dieſer Herr wünſcht Dir vorgeſtellt zu ſein, Eugenie, aber—“ „Nun, mein Fräulein?“ „Ei, wie kann man vorſtellen, wenn man den Namen ſelbſt nicht weiß!“ platzte die Kleine halb 1 ſchmollend heraus.„Herr von Wellenberg hat ihn gewiß mit Fleiß ſo undeutlich ausgeſprochen und ſich 7*½ 100 fortgemacht, nur um Dich dann ſtecken zu laſſen. Alſo Eugenie, nimm vorlieb, wenn ich Dir präſentire den Herrn Rittmeiſter, den Herrn Baron von— Unbe⸗ nannt!“ Schon war das lächelnde Kind wieder neu in Anſpruch genommen, und der ſo eigenthümlich Vor⸗ geſtellte ſtand einen Moment ſchweigend vor Eugenie, den Blick auf ihre fein gezeichneten Züge geheftet. Der ſeltſame Ausdruck, mit welchem ſein Auge ſie gleich⸗ ſam umſpann, hätte ihr auffallen müſſen, wäre das ihrige nicht geſenkt geblieben, bis er mit dem leiſen, ſonoren Klang, der ihr Ohr bereits einmal getroffen, ſagte:„Mein Name iſt Triefels.“ Nun ſah ſie ſinnend auf.„Seltſam“, erwiderte ſie mit halbem Lächeln.„Ihr Name klingt mir bekannt, und doch weiß ich mich keines Portraits zu ſolcher Unterſchrift zu erinnern!“ „Vielleicht eines landſchaftlichen? Kennen Sie die Pfalz, gnädiges Fräulein?“ Noch während er ſprach, wölbten ſich die feinen Lippen zuſtimmend:„Nun bin ich daheim, nun weiß ich, was mich aus dem Namen grüßte und weshalb ich dabei an eine Geſtalt dachte, ſtatt an die ſagen⸗ reiche, ſchöne Stätte— es war der Schatten von Richard Löwenherz, der aufſtieg!“ „Vor Alters hauſten dort die Meinen“, ſagte Trie⸗ —4.-—————————— 101 fels, indem er mit bittender Bewegung die Tanzkarte aus Eugeniens Fingern nahm und ſich nach raſchem Ueberblick einzeichnete. Weder in dem Worte, noch in der Beſchäftigung lag eine Erklärung für das faſt ner⸗ vöſe Erzittern, von welchem Eugenie ſich ergriffen fühlte, für das neue, heiße Erglühen ihrer Wange und Schläfe. Wie ein Blitz hatte es ſie bei ihren eigenen Worten durchzuckt, denn die ritterlichſte Geſtalt in Geſchichte und Sage, deren Schatten ſie erinnerungsträumeriſch herbeibeſchworen, ſchien ihr verkörpert gegenüber zu ſtehen. Ein nie gekanntes Gefühl ergriff ſie— die Scheu davor, ihre Gedanken errathen zu ſehen, und vergebens ſuchte das weltvertraute, ſtets der Beherr⸗ ſchung ſichere Mädchen heute nach einem Uebergang zu Ballgeſprächen; ſie fand doch nur die Frage:„So war das poeſievolle Triefels Ihr Stammhaus?“ Die Antwort wurde dem Cavalier abgeſchnitten, denn das Orcheſter hatte ſchon die„Träume auf dem Ocean“ angeſtimmt, und Eugeniens Tänzer ſtand vor ihr, ſie zum erſten Walzer abzuholen. Während Triefels ſich zurückzog, ſagte er halblaut:„Ich hoffe auf Ihre Genehmigung, Ihnen ſpäter hiſtoriſchen Vortrag halten zu dürfen?“ Der Ton klang ſo leicht, daß Eugenie lächelnd umblickte, doch erſtarb 102 die Entgegnung vor dem magnetiſchen Wlite, der ſi traf, auf ihrer Lippe. Die Stunde des Soupers war herangekommen, und die Vergnügungspräſidentin thronte als Vor⸗ ſitzende an einem runden Tiſche, deſſen Plätze für Alle, die ſich während der großen Pauſe anzuſchließen ge⸗ wünſcht, keineswegs ausreichten. Seit langer Zeit war der guten Dame die, trotz Verheirathung der eigenen Töchter nie aufgegebene Stellung einer vielge⸗ ſuchten Ballmutter nicht mehr ſo wohlthuend zum Be⸗ wußtſein gekommen. Chren aller Art floſſen ihr heute zu. An ihrer Rechten ſaß ein durch Rang und Ruf hervorragender Mann aus der nächſten Umgebung des Königs, welch Letzerer zwar nicht in der Geſellſchaft erſchienen, jedoch durch die Mehrzahl ſeines Gefolges vertreten war; zum Nachbar ihrer Linken hatte ihr eigener gnädiger Wink Rittmeiſter Triefels beſtimmt— weniger, um die ihr anvertraute junge Dame, welche er zu Tiſche geführt, unter ihren Flügeln zu behalten, als hauptſächlich, weil ſie von dieſem Muſter eines Cavaliers, der ſich wiederholt im Laufe des Abends ihrer Unterhaltung gewidmet, ganz bezaubert war. Dennoch überließ ſie ihn jetzt ſeiner Partnerin, um ſich ſelbſt ganz dem hochgeſtellten Gaſte zur Rechten zu widmen, was ſie jedoch nicht abhielt, den geübten Blick 1 — 103 über den buntbeſetzten Tiſch hinweg zu ihrem zweiten Küchlein fliegen zu laſſen, dem ſie wiederholt, wenn auch erfolglos, mit den beweglichen Augenbraunen telegraphirte. Es war nicht zu leugnen, Greta plauderte leb⸗ haft, zu lebhaft; und wenn Bruno Wellenberg ſchon am Tage vorher geſchworen, daß in ganz Europa kein reizenderer Backfiſch zu finden ſei als dieſe kleine Köl⸗ nerin, ſo war er heute, während er bei Tafel an ihrer Seite ſaß, ſicherlich nicht in der Stimmung, dies Wort zurückzunehmen. Eben jetzt hörte ſie ihrem Nach⸗ bar mit ſolchem Eifer zu, daß alles an ihr funkelte, und antwortete dann noch eifriger:„Natürlich war ich dort und habe alles geſehen— o, es war wie in einem Mährchen! Denken Sie nur, ſogar Onkel Wallmoden iſt mitgegangen, er wollte uns nicht mit Stettens al⸗ lein laſſen, weil es lauter Damen waren. Aber wirk⸗ lich, wir hätten ihn gar nicht gebraucht! Wir fanden eine Bank und ſtellten uns darauf; da ſah man über alle Köpfe weg, die ſich drollig regten! Eugenie hatte keinen ſo guten Platz; ſie wollte durchaus unten beim Onkel bleiben und hat ſich dabei ſicher feuchte Füße gehöolt, denn ſie kam ganz blaß und ſchweigſam nach Hauſe. Ach wie ſchön iſt meine Couſine, nicht wahr? und dabei ſo klug, ſo gut— nur— nur—“ 104 „Nun?“ ermuthigte Wellenberg. „Ein bischen zu ernſthaft!“ flüſterte die Kleine mit ſchalkhaftem Aufblick.„Ich begreife gar nicht, wie man ſo ernſthaft ſein kann! Wiſſen Sie, ich glaube, der Onkel hat an ihr abgefärbt, denn Der kann erſt einmal feierlich d'reinſehen— hu!“ Wellenberg warf einen raſchen Blick hinüber. „Nun, heute wenigſtens ſieht Fräulein Wallmoden nicht feierlich aus“, ſcherzte er;„die Lebhaftigkeit ihrer Unter⸗ haltung läßt nichts zu wünſchen übrig, und daß ſie trotz des ſündhaften Ernſtes, den Sie ihr vorwerfen, ſehr ſonnig zu lächeln verſteht, können Sie in dieſem Moment beobachten. Uebrigens haben Sie Recht, Fräu⸗ lein Gerta, Ihre Couſine iſt in der That eine Schön⸗ heit; ſo ſtrahlend wie heute ſah ich ſie noch nie!“ „Sagen Sie einmal, Herr von Wellenberg——* „Ja, wenn Sie mitten im Satze ſtumm werden, kann ich gar nichts ſagen!“ „Hat Eugenie dieſen Triefels wirklich erſt heute Abend kennen gelernt?“ „Weshalb fragen Sie?“ erwiderte Wellenberg lebhaft. „Ja— das möchte ich lieber nicht ſagen!“ „Mir aber doch?“ lächelte er.„Vergeſſen Sie denn ſchon wieder, daß wir Nachbarskinder ſind, Fräu⸗ 105 lein Gerta? Als Sie noch klein waren“— ſein Blick ſtreifte das Kinderhändchen, welches auf dem Tiſche ruhte—„als Sie noch ganz klein waren, habe ich Sie ja alle Tage geſchaukelt und auf den Knieen rei⸗ ten laſſen— ſolch einem uralten Freunde kann man doch Alles ſagen!“ „Das iſt wahr,“ nickte ſie heiter,„aber es bleibt hübſch unter uns— ja? Nun, ſehen Sie ich frug des⸗ halb: als ich heute Ihren Freund Eugenien vorſtellte, nachdem Sie ihn zu mir geführt, merkte ich gleich, daß ſie ihn ſo eigen anſah, als beſänne ſie ſich auf etwas, und es kam mir vor, als wäre ſie erſchrocken. Deshalb meine ich, die Beiden müßten einander ſchon früher begegnet ſein.“ „Immerhin möglich“, ſagte Wellenberg.„Vielleicht war Fräulein Wallmoden einmal in Berlin?“ „Nein,“ ſchüttelte Gerta das Köpfchen;„das weiß ich gewiß! Tante Wallmoden war ja vier Jahre lang krank, damals iſt Eugenie nicht von ihr gewichen, dann kam die Trauer, und außer einem Beſuche bei uns, iſt ſie nie von Wiesbaden fortgeweſen.“ „In dieſem Falle iſt allerdings kaum ein früheres Zuſammentreffen denkbar, denn Triefels hat immer in Norddeutſchland gelebt, ſo viel ich weiß; noch geſtern 106 äußerte er, daß er jetzt zum erſten Mal den Rhein beſucht./. „Dann iſt es aber doch wirklich ſonderbar,“ ſagte die Kleine mit gehobenen Brauen,„daß ſolch ein fremder Herr den ganzen Abend nicht von Engeniens Seite weicht, und ſie ihm fortwährend Audienz giebt!“ „Dabei kann ich nichts Sonderliches entdecken, mein Fräulein! Triefels hatte ja auch das Vergnügen, mit Ihnen zu tanzen, da kann es Ihnen ſicher nicht entgangen ſein, daß er zu unterhalten weiß?“ Sie bewegte leicht die kleinen, weichen Schultern, und ſah mit ſchelmiſchen Augen auf.„Mit mir hat er ſich unterhalten wie mit—“ „Heraus, heraus mit der Sprache, Madonnina!“ „Wie mit einem Schooßhündchen!“ brach der Kinderzorn feurig hervor.„Ich weiß gar nicht, was dieſer Herr ſich denkt! Fragt mich nach meinem Canarienvogel in Köln— hier, in Wiesbaden auf dem Balle! Und wie lange ich in der erſten Claſſe ſitzen würde, und wie meine Lieblingspuppe getauft iſt! Er hat aber einen andern Begriff bekommen! O, ich kann auch feierliche Geſichter aufſetzen, wenn es darauf ankommt!“ Wellenberg betrachtete die würdige Haltung, zu welcher ſeine Nachbarin das feine Hälschen ſtreckte, 107 mit innerlichem Vergnügen, während er mit unver⸗ wüſtlichem Ernſt erwiederte:„Mein Freund hat ohne Zweifel die Lection begriffen.“ „Das verſteht ſich“, verſicherte ſie arglos;„v, er fing gleich an von Politik mit mir zu ſprechen, ich glaube wenigſtens, es war Politik, denn er erkundigte ſich bei mir, wie man in Naſſau über Preußen dächte, und ob der Onkel Wallmoden wirklich ſo böſe darüber wäre, daß Ihr den Herzog fortgeſchickt habt. Da haben wir uns noch eine Weile ganz vernünftig unter⸗ halten, es dauerte nur nicht lange, dann war der Tanz zu Ende. Ihr Freund kann aber meinethalben ſo unterhaltend und intereſſant ſein, wie er will, ich be⸗ greife Eugenie doch nicht. Vorigen Winter, als ſie einige Wochen bei uns zu Gaſte war und ſo ſehr ge— fallen hat, durfte keiner der Herren ſie der Art in Be⸗ ſchlag nehmen.“ „Im vorigen Winter, Fräulein Gerta, haben Sie da ſchon Ballbetrachtungen angeſtellt? Ich meine, da— mals ſaßen wir wirklich noch in der erſten Claſſe?“ Gerta wurde purpurroth und warf einen unſiche⸗ ren Blick auf ihren Nachbar; als ſeine frohen Augen ſie aber trafen, lachte ſie friſch auf— das klang wie der Ton einer rieſelnden Quelle. Ehe ſie noch Zeit zur Antwort gefunden, ertönte das Signal zum Cotillon. 108 Wellenberg kam der Bewegung zuvor, mit der ſie eil— fertig nach ihren im Weinglaſe aufbewahrten Hand⸗ ſchuhen griff, und glättete das feine Leder, indem er es wie eine Curioſität betrachtete.„Nummer vierund⸗ einhalb?“ ſcherzte er, als die winzigen Finger eben hinein ſchlüpfen wollten. Ein Schlag auf die ſeinen, mit demſelben Kinderhandſchuh gegeben, entſetzte die gleichfalls aufſtehende Präſidentin. Ehe dieſer verant⸗ wortliche Schutzgeiſt aber noch ſeine ſtattliche Fülle um den Tiſch bewegt hatte, um vor weiteren Exceſſen zu warnen, war bereits das Pärchen in den Ballſaal verſchwunden. Tour folgte auf Tour. Von den Divans aus, an den Wänden entlang, ſehnten ſich die Mütter hoffend und harrend dem letzten Geigenſtrich entgegen, der ihnen geſtatten würde, dem lang unterdrückten Gähnen volle menſchliche Berechtigung zu gönnen. Die Väter waren längſt in den Nebenräumen ſeßhaft geworden. Und doch war das Bild, welches ſich den Zuſchauern wäh⸗ rend dieſer letzten Feſtſtunde bot, ebenſo hübſch, als geſtaltenreich! Der herrliche Saal, eines Landes elaſ⸗ ſiſcher Vorzeit würdig, kam unter den Strahlen von ſieben glänzenden Kronleuchtern zur vollen Geltung. Fremdartig ſchön ſchimmerten all die Bildwerke von carrariſchem Marmor aus ihren Purpurniſchen hervor — 1 109 — in ihrer ewigen Ruhe eine ſeltſame Folie für den in beſtändig wechſelnden Tanzfiguren hin⸗ und wieder⸗ wogenden bunten Kreis, der ſich innerhalb der ſchwarz⸗ grauen Marmorſäulen zum Ring geſchloſſen. Und doch — wer weiß! vieleicht fühlte ſich manche dieſer moder⸗ nen, geſchmückten lächelnden Geſtalten im Innern eben⸗ ſo leblos wie jene Marmorbilder! Jedenfalls war der Ausdruck im Geſicht Rudolph Eckhardt's nicht weniger ſteinern als ſie. Den Rücken gegen eine der Säulen gelehnt, deren Reihen die Länge des Saales durchtheilten, ſtarrte der junge Mann in das wogende Gewühl des Cotillons. Es iſt eine ſeltſame Empfindnng, mit einer Angſt im Herzen ſolchem geſelligen Treiben zuzuſchauen! Das Regen all dieſer Geſtalten kömmt Einem da ſo geſpenſ⸗ terhaft, ſo unnatürlich vor— ihr Frohſinn wie ge⸗ machte Lüge— ihr Reigen ein Todtentanz.— Nur ein Paar war unter dieſen Schemen für Eckhardt lebendig— ſehr lebendig!— Eugenie und ihr Partner. Mit gewandtem, geübtem Blick hatte Triefels den Platz für ſeine Tänzerin ſo zü wählen gewußt, daß eine Säule ſie von dem nächſten Paare iſolirte— die Nachbarſäule jener, an welche Eckhardt ſich ſtützte. Da Eugenie heute, wie immer, jede Extratour ablehnte, 110 gehörte ſie ihrem Tänzer ganz, ja ganz! Eckhardt ſah Das, fühlte Das— nie hatte er in ihrem Auge dies Leuchten, nie um ihren Mund dies Lächeln geſchaut! Und jetzt— hörte er es ſogar! Seine überreizten Ner⸗ ven ſogen die gedämpften Töne, welche wenige Schritte vor ihm gewechſelt wurden, ein, als wären ſie Wohl⸗ laut ſtatt Vernichtung; ſeinen Platz zu verlaſſen, kam ihm nicht einmal in den Sinn. Eiferſucht! dämoniſche, elementare Macht, wie die Liebe ſelbſt— ein tiefgründigeres Räthſel der Men⸗ ſchenbruſt vielleicht, als jene! Wer hätte je den geheimniß⸗ vollen Inſtinct erklärt, der ſich unter hundert Gefahren an die eine klammert und an ſie glauben lehrt? Ueber⸗ all trägt Bewunderung ein Bedürfniß nach Sympathie, nach getheilter Anſchauung in ſich, heiſcht ſie ſogar gebieteriſch für das geliebte Weſen und doch ſteht plötz⸗ lich, einem Einzigen gegenüber, dieſe gleiche Bewun⸗ derung als Raub, als Beſtehlung der eigenen Empfin⸗ dung vor der Seele und regt alle Dämonen auf, die unerkannt im tiefſten Grunde geſchlummert. Oft hatte Rudolph ſich geſagt, daß der Tag kom⸗ men müſſe, wo Eugenie einem Andern angehören würde — und doch brannte jetzt der Schnitt in's Herz, als ſei er nie vorhergeſehen. Er konnte verzichten, ja, er vermochte ſie ſich an der Seite, in den Armen eines 111 Andern zu denken— nur nicht in Dieſes— nicht in Dieſes Armen! „Wo ſehe ich Sie wieder?“ fragte Triefels mit jenem gedämpften Laut, der harte Stimmen rundet, melodiſche aber vibriren läßt.„Morgen? Könnte es doch bei der Fontaine ſein, an der Stelle, wo ich Sie zum erſten Male ſah— auftauchend, verſchwindend wie ein Traum der Nacht. Da ſchien es mir, als grüßte Undine— Thorheit! ich ſah dort eben nur Ihre Locken, nicht Ihre Augen. Und doch bleibt Ihnen Verwandtes mit der ſüßen Waſſernixe, die— eine Seele fordert! Undine, ich biete die meine!— Wo ſehe ich Sie wieder?“ Eugenie ſah auf, ihre Hand zuckte.„Nirgend“, ſagte ſie leiſe. Triefels blickte ſie mit den bezwingenden Augen voll an:„Soll das mein Urtheil ſein?“ „Es iſt unmöglich— unmöglich— mein Vater—.“ Eine Flamme lohte in ſeinem Blick auf:„Dank für dies Wort— es iſt ein Wort der Hoffnung! Ich weiß, Ihr Vater haßt uns Preußen, ich weiß, Sie lieben Ihren Vater! Eugenie— wollen Sie mich des⸗ halb nicht wiederſehen?“ Des ſchönen Mädchens Schläfen erglühten. Sie blieb ſtumm. Gerade die völlige Regungsloſigkeit ihrer 112 Haltung ließ den fliegenden Athem, das leiſe Zittern der geſenkten Wimpern um ſo ſichtbarer erſcheinen. „Wohlan“, ſagte Triefels mit feſter Stimme; „dann gilt es nur Eines: wir ſehen uns wieder im Hauſe Ihres Vaters.“ Ihre abwehrende Bewegung unterbrach ihn nicht, mit leiſe ſtreifender Berührung machte er ihre erhobene Hand ſinken.„Wenn ich ſein Haus betrete, ſo kann es nur geſchehen mit offenem Viſir. Ich verſtehe Sie — ja, Sie haben Recht! Dieſer edlen Stirn muß die Berechtigung gewahrt bleiben, ſich frei emporzu⸗ heben. Gehörte ich Ihnen nicht ſchon ganz, ſo würde der hohe Zug von Wahrheit allein mich an Sie feſſeln. Geſtatten Sie mir, morgen mit der Bitte um Ihre Hand vor Ihren Vater zu treten! Er kann weigern, aber nicht verwerfen— dies Recht ſteht nur Ihnen zu! Was äußerliche Verhältniſſe betrifft, bin ich in der glücklichen Lage, allen Anforderungen entſprechen zu können, und Vorurtheile laſſen ſich beſiegen! Ich fürchte Nichts— als Sie! Eugenie, erſcheine ich Ihnen allzu kühn? Zeit und Verhältniſſe laſſen ſich nicht über⸗ all nach alltäglichem Maßſtabe handhaben— ich fühle ganz, wie ſeltſam ſolch' frühes Werben Ihnen erſcheint. Denken Sie groß! Bleiben Sie vor ſich ſelbſt wahr— wahr auch für mich! Spricht Ihr Herz heute nicht, 113 ſo habe ich überhaupt Nichts zu hoffen! Jetzt oder nie— Eugenie, darf ich Sie morgen wiederſehen?“ Ein Moment tiefſten Schweigens— dann ath⸗ mete ſie:„Ja!“ Der muntere Kreis, welcher heute im Naſſauer V Hofe getafelt, hatte ſich nach Schluß der Réunion, wie verabredet, im zweiten Reſtaurationszimmer zuſammen⸗ gefunden. Das Geplauder der jungen Männer wir⸗ belte durcheinander wie Schneegeſtöber; ein wahres Ballſpiel von Neckereien flog hinüber und herüber; die geſchaute Damenwelt mußte eine gefährliche Revue paſ⸗ ſiren, und manche Schöne, die vielleicht jetzt ihrem Kopfkiſſen anvertraute, was ihr heute zugeflüſtert wor⸗ den, ließ ſich nicht träumen, in welcher Weiſe dieſelben Worte und ihre Aufnahme hier wiederholt und mit b Randbemerkungen verſehen wurden. Die Tafelrunde war vollzählig, auch Eckhardt fehlte nicht, und nahm mehr, als ihm ſonſt eigen, Theil am Geſpräch. Nur Der, deſſen Erſcheinen mit lebhafter Spannung erwartet wurde, nur Triefels hatte ſich noch nicht eingefunden. Jetzt trat auch er ein. In ſeinem Auge ſchwärmte ein ſeltſamer Glanz. Die 3 elaſtiſch hinſchreitende Geſtalt ſchien den edlen Kopf noch freier und ſtolzer zu tragen, als ſonſt. Ihm Godin, Frauenliebe und Leben. V. 8 ᷣ-——— ——n — 114 folgte ein Kellner mit gefülltem Champagnerkorbe. Leuchtend überflog der Blick des Ankömmlings den Kreis. „Schön, Ihr Herren, daß Alle Wort gehalten! auch ich löſe das meine, indem ich, wie Sie ſehen, meine Wette verloren gebe. Auf's Wohl Ihrer eige⸗ nen Herzensdamen alſo!“ Er löſte den Pfropfen, deſ⸗ ſen Knall vor dem Geſchwirr allgemeiner Zurufe kaum gehört wurde. „Wirklich abgefallen?“—„Ei, während des Balles ſah es danach ja gar nicht aus!“—„Condolire, con⸗ dolire!“—„Na der Kranz hing auch gar zu hoch!“ „Tröſten Sie ſich mit Ihrem vom Satan geholtem Doppelgänger; der bekam die Donna Anna auch nicht!“ —„Für dieſe Wallmoden muß einmal ein Feenprinz aus den Wolken fallen!“—„Sie ſollte ſich Einen vom Zuckerbäcker verfertigen laſſen!“—„Wie ging es denn aber zu? der ſtolze Schwan ſchien ja die Körnchen aus der Hand zu picken!“—„So laſſen wir uns nicht abſpeiſen— Details, Details!“ Triefels ging mit Schlagfertigkeit auf jeden Scherz ein, pikante Erwiderungen flogen nach allen Seiten, während er mit überlegener Gewandtheit jede Frage zu pariren verſtand. Die Gefährten fanden ihn glän⸗ zender als je. Eine ſo eingeſtandene und getragene 115 Niederlage hob ihn noch; Keinem fiel es ein, an der Thatſache ſelbſt zu zweifeln. Nur Einer wußte es beſſer! War auch Eugeniens leiſe hingehauchtes Ja nicht bis an ſein Ohr gedrungen, ſo hatte er doch die Frage, welche es entſchied, um ſo deutlicher verſtanden — der Ausdruck ihrer Züge, ihres ganzen Weſens bis zum Moment ihres Verſchwindens bedurfte für ihn keiner Beſtätigung mehr. Es war geſchehen! Von dem Entſchluß getragen, mit Blut und Leben für die Geliebte einzutreten, im Falle Triefels es wa⸗ gen ſollte, ſie wirklich preiszugeben, war Eckhardt hier erſchienen. Daß es nicht geſchah, legte ihm Schweigen auf, und er hiel aus, bis der hereinbrechende Tages⸗ ſchimmer die Geſellſchaft zum Aufbruche trieb. Während der Kreis ſich auflöſte, entſchlüpfte er und wandte ſich dem Parke zu; der bloße Gedanke an die Enge ſeiner vier Wände erſtickte ihn. Endlich allein! aus dem Bereich all der Augen, der Stimmen, Nichts um ſich als den ſchweigenden Wald, Nichts über ſich, als den vom aufglühenden Morgenroth gelichteten Himmel. Das Rauſchen des Frühwindes, der grüßend durch die Blätter fuhr, das friſche Plätſchern des Rambaches zu ſeinen Füßen wirkte erquickend, und ſein dumpfes Wehgefühl formte ſich wieder zu Gedanken. Was nun?! Der Würfel war gefallen, aber noch 116 lag es vielleicht in ſeiner Hand, denſelben nicht weiter⸗ rollen zu laſſen. Aus Triefels's Haltung während der letzten Stunden glaubte er zu erkennen, daß Dieſer ſeinem Thun eine Folge zu geben dachte. Aber durfte Eugenie in ſolcher Weiſe gewonnen werden? Wer ſich in tollem Uebermuthe nach dem glänzenden Etwas bückt, das ihm ein Zufall in den Weg geworfen, und nun ſieht, das es kein Kieſel iſt, ſondern ein Diamant, wird freilich den Fund behalten!— Nein, tauſendmal nein! Solchen Frevel zulaſſen, hieße ſelbſt zum Frev⸗ ler werden. Es gab einen Weg! Ein Onkel Rudolph's ſtand mit dem Staatsrathe auf vertrautem Fuße, durch ihn war er ſelbſt bei Wallmodens eingeführt worden, und wo ihm das Zartgefühl verbot, eine ſo verletzende Mittheilung zu machen, konnte der alte Freund des Hauſes ohne Scheu ſprechen. Dies mußte geſchehen, es war ein Gebot der Gerechtigkeit. Und doch ſtieg bei dieſem Gedanken eine Flamme zu Eckhardt's Stirn auf; zum erſten Male zerröthete er vor ſich ſelbſt! Mit unerbittlicher Deutlichkeit rief es in ihm: nicht Gerechtigkeit, nicht Ehrfurcht vor ver⸗ letzter Frauenwürde treibt Dich vorwärts— es iſt ein Anderes— Du willſt ſie ſchützen— wovor? Weißt Du denn, was Du ihr damit zerſtörſt?— fühlſt Du denn auch, daß Du ſie in Wahrheit lieber leiden, als mit dieſem glücklich ſehen willſt?— Er verhüllte ſeine Augen vor dem Lichte des Ta⸗ ges. Zum erſten Male rang dies aufrichtige Herz mit dem Zwieſpalt, der keinem Sterblichen erſpart bleibt. An ſich ſelbſt irre werden, aus demſelben Born, den man bisher als Quell alles Lebens empfunden plötzlich wilde Strudel aufwirbeln zu ſehen, hinabzu⸗ ſteigen aus den lichten Regionen reinen Willens in die ungeahnten Abgründe einer Selbſtſucht, die uns in ihren Folgerungen ſchaudern macht— welche Qual! Eckhardt ward ihrer Herr. Sein Denken war zu ernſt geſchult, um ihm nicht endlich das lichte Bild der Wahrheit ſiegend zu zeigen. Alle die eben noch ſo ſchneidend empfundenen Zweifel formten ſich, wie die einzeln fallenden Tropfen zum Stein, zur Säule eines feſten, berechtigten Willens. Was er zu thun geſonnen, war kein Irrlicht ſelbſtiſcher Kleinlichkeit, deſſen ward er ſich klar bewußt! Eugenie ſtand ja alledem gegen⸗ über einſam und ohne Gewalt. Liebte ſie wirklich, dann hieß es allerdings für ſie, durch ein Stück Nacht zu gehen, aber es konnte ſie dennoch dem Lichte ent⸗ gegenführen. Er ſtand ſogar dem Gedanken, daß ſie ſein Einſchreiten erfahren würde, es verurtheilen könnte. Wohlan, auch Das durfte ihn nicht aufhalten! Es 118 giebt im Leben Manches, wobei ſich Gnade für uns nur von Gott und dem eigenen Gewiſſen erwarten läßt. Nachdenkend wanderte er unter dem voll herein⸗ brechenden Tagesſtrahl noch eine Stunde zwiſchen den Bäumen auf und nieder; ſein Geiſt ſuchte geſammelt die Form für den beſchloſſenen Schritt. Dann ſchlug er langſam den Weg zurück nach der Stadt ein. Als die Thurmuhr ſieben ſchlug, zitterte unter ſeiner Hand die Klingel am Hauſe des Regierungsraths Gotter, ſeines Onkels. —— V. Engenie. In einer der Villen, welche von leichtaufſteigender Anhöhe aus den Blick über Stadt und Park beherr⸗ ſchen, ſaßen zwei Männer in lebhaftem Geſpräch, rich⸗ tiger geſagt, bei eifriger Auseinanderſetzung des Einen und geſpanntem Zuhören des Andern. Beide Herren gehörten bereits jenem Stadium an, wo das Leben ſich abwärts neigt. Während die beweglichen Geſichts⸗ muskeln des ſtark geſticulirenden Sprechers ſich jeden Moment veränderten, ſeine kleine Geſtalt mit dem kurzen Oberkörper wie auf Springfedern zu ruhen ſchien und der Wald ſchlohweißer Haare ſich zu tauſend Silberlöckchen ringelte, erſchien die hohe, ſtraff aufge⸗ richtete Figur ſeines Zuhörers völlig unbeweglich. Nur ein ſtarkes Pulſiren der linken Schläfe und ein zuneh⸗ 120 mendes eigenthümliches Vertiefen der Furche, welche ſich von der Stirn zur Naſenwurzel ſenkte, ließ ihn von einer Bildſäule unterſcheiden. Es war ein frap⸗ panter Kopf, die von dunkelm, bereits ſpärlichem Haar nur an den Seiten eingerahmte Stirn ſteil aufſteigend und trotz der Magerkeit des Geſichts von keiner Quer⸗ falte durchzogen, während ſich um Schläfen, Wangen und Mund tiefere Linien eingegraben hatten, als ſonſt einem Fünfziger eigen zu ſein pflegen. Namentlich er⸗ ſchien der Mund alt, trotz des kräftig ausgearbeiteten Kinns; nicht eine Spur jener Anmuth, die Freund⸗ lichkeit auch noch ſpäteren Jahren verleiht, lag um die ſchmalen, ſchwach gefärbten, feſt eingezogenen Lip⸗ pen, welche der ſorgfältig raſirte Bart unverhüllt ließ. Aus dem ſtrengen, ja harten Geſicht leuchteten mächtige Augen, die dem ſteinernen Bilde ein faſt unheimliches Leben verliehen, beſonders wenn ſie, wie jetzt, mehr in ſich hinein, als aus ſich heraus zu blicken ſchienen. Er unterbrach die im erregteſten Ton hervorgeſprudel⸗ ten Mittheilungen ſeines Gegenüber mit keiner Silbe. Erſt als dieſer innehielt, erhob er ſich und ſchritt mit gemeſſener, leidenſchaftsloſer Miene ein⸗ oder zweimal durch das Zimmer, um endlich zu dem kleinen Manne zurückzukehren, deſſen raſtloſe Augen ihn auf Schritt und Tritt verfolgten. 421 „Dank, alter Freund“, ſagte er mit mehr Wärme, als man dieſen Zügen zugetraut haben würde, während er die lange, muskulöſe Hand auf die Schulter des Sitzenden legte;„ich weiß genug. Bitte, laſſen Sie mich jetzt allein! Möglich, daß man dieſen Morgen mit der Zeit haushalten muß. Mein anfänglich ge⸗ gebenes Wort ſei wiederholt, und nun Lebewohl für heute!“ „Aber Wallmoden!“ rief der Andere,„Sie wer⸗ den mich doch nicht heimſchicken, ohne daß ich erfahre, was nun wird! Denn das bitte ich mir aus, das Kind muß aus dem Spiele bleiben, Eugenie darf kein Wort erfahren! Waſchen Sie dem gottverlaſſenen Bur⸗ ſchen gründlich den Kopf und ſchicken Sie ihn in's Pfefferland! Aber mein Pathchen ſoll mir von der ſauberen Windbeutelei nicht berührt werden— Hand darauf!“ Der Staatsrath ſchlug nicht ein.„Das überlaſſen Sie mir, Gotter!“— Der Ausdruck, womit der kleine Mann aufſah, war ſo beſtürzt, daß etwas wie ein Lächeln über Wallmoden's Züge huſchte.„Beſuchen Sie Eugenie heute Abend! Sie werden ſich überzeugan, daß ihr nicht mehr zugemuthet wird, als dem ſie gewachſen iſt. Keine überflüſſigen Worte, bitte ſehr,“ unterbrach er den neuen Proteſt, der eben über die 122 Lippen ſtürzen wollte, mit leichtem Stirnrunzeln;„es fehlt dazu, wie geſagt, an Zeit. Alſo—“ „Gehe ſchon, gehe ſchon“, polterte Gotter aufge⸗ bracht;„hätte mir's denken können! Geſchieht mir ganz recht, warum bin ich nicht meiner erſten Eingebung gefolgt und habe Ihnen gar nichts geſagt, ſondern es lieber dem Kinde ſelbſt glimpflich beigebracht! Ja, da⸗ von wollte Keiner etwas wiſſen, der Junge nicht, und ich ſelber nicht! Sie ſollte aus der ganzen elenden Geſchichte fortbleiben; es giebt ja Gründe genug, ihr zu erklären, warum man dem Nichtsnutz heimleuchtet. Und jetzt erfährt ſie doch, wie mit ihr umgeſprungen worden, und weiß Gott, wie ſie es erfährt! Wallmo⸗ den, Sie ſind ein Oger. Sie wiſſen mit ſolch einem zarten Herzchen nicht beſſer umzugehen, als der Mann im Walde, der die kleinen Kinder frißt! Sie werden mir mein Herzblatt ſo ſcheu machen, daß ſie von nun an allen Leuten aus dem Wege ſchleicht! Himmel und Erde!“ Er rannte wie ein Wieſel an's andere Ende des Zimmers, ergriff ſeinen Hut, fuhr damit in wir⸗ belndem Kreiſe durch die Luft und ſchoß endlich mit böſem Blick, puſtend und ſchnaubend gleich einer Loco⸗ motive, zur Thür hinaus. Der Staatsrath ſah ſeinem Freunde Gotter nach, ohne während des ganzen Ausbruchs ein Wort zu 123 verlieren. Als der Gaſt verſchwunden war, ſtand er einen Augenblick in Gedanken und klingelte dann. „Fragen Sie Roſe, ob meine Tochter auf iſt; in dieſem Falle laſſe ich ſie bitten, bald herunterzu⸗ kommen.“ V Der Bediente verſchwand. Ueber des Hausherrn ſtrenges Geſicht zog plötzlich ein ihm ſonſt fremder Ausdruck von Weichheit; er ließ ſich abgeſpannt in den Lehnſtuhl ſinken, der an den noch unberührten Frühſtückstiſch gerückt war, und ſtützte den Kopf in tiefem Sinnen auf die Hand. Wenige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Eugenie trat ein. Der weiße Morgenanzug ließ die leichte Bläſſe des reizenden Geſichts noch mehr hervor⸗ treten; ihr welliges Haar, das nur geringer Nachhülfe bedurfte, um ſich in die ſchweren Locken zu ringeln, welche ſo oft Aufmerkſamkeit erregten, ruhte loſe im Filetnetze. Als ſie ihrem Vater mit freundlicher Be⸗ grüßung die Hand bot und ſeinem prüfenden Blicke begegnete, erröthete ſie und machte ſich mit dem Früh⸗ ſtücksgeräth zu ſchaffen. „Du haſt auf mich gewartet?“ äußerte ſie, be⸗ ſchäftigt, die noch unberührte Taſſe ihres Vaters zu füllen.„Das iſt ja wider alle Abrede! Hätte ich das geahnt, ſo wäre ich früher heruntergekommen. Die ——— 8—ÿ—ÿ—ÿ—’ͦxxxꝛ: 3* 124 Langſchläferin glaubte Dich bereits in Deinem Arbeits⸗ zimmer. Du fühlſt Dich doch wohl, lieber Vater?“ Ihr Auge ruhte mit ſorgender Innigkeit auf den ernſten Zügen— war es nur die eigene Beklemmung, welche ihr dieſelben heute ſo verdüſtert erſcheinen ließ? Seine leicht abwehrende Geberde ſchien der auf⸗ getauchten Sorge zu widerſtehen, mehr noch der gelaſ⸗ ſene Ton, womit er frug:„Habt Ihr Euch geſtern gut unterhalten? Erzähle mir!“ Wieder jagte eine Flamme über Wangen und Schläfen hin.„Gerta war glückſelig, alles Ballfieber, welches uns vorher an ihr beluſtigt, ſchon nach den erſten Minuten verflogen; ich glaube, jedes Härchen in ihren Augenbrauen weiß von Vergnügen zu ſagen. Sie ſchläft noch tief.“ „Und Du?“— In der Frage tönte jetzt ein Klang, der des Mädchens Herz bis zur Athemloſigkeit klopfen machte. Die Taſſe klirrte in ihrer Hand. Sie lehnte ſich ſtumm in ihren Seſſel zurück, die ſchlanken Finger falteten ſich auf dem Schooße ineinander. Nach einer Pauſe athmete ſie tief auf und ſagte erblaſſend, aber mit klarer Stimme: „Mir, mein Vater, iſt dieſer Ball zur Wende des Lebens geworden. Vater, lieber Vater! ich habe mir ge⸗ ſtern ein Herz gewonnen und— das meinige vergeben!“ 125 Der Staatsrath machte eine ſo ungeſtüme Bewe⸗ gung, daß die Rollen ſeines Lehnſtuhls ihn einige Schritte von ſeiner Tochter entfernten.. „Du, Eugenie— Du? Kann ich Dich verſtanden haben? Dein Herz vergeben im Laufe einer Ballnacht?! Oder war dies etwa nur die Schlußſcene eines Ro⸗ mans, den Du ſchon früher ohne mein Wiſſen abge⸗ ſpielt?“ Die tiefen Mädchenaugen blickten feſt in die flam⸗ mend leuchtenden, deren Abbild ſie waren. „Ich habe Dir nie verhehlt, was mein Leben ausmacht, das weißt Du, Vater— ich thue es auch heute nicht, obgleich ich fühle, wie unbegreiflich ich Dir erſcheinen muß— verſtehe ich mich doch ſelbſt nicht! Haſt Du je geliebt, mein Vater? Du haſt— ich leſe Antwort in Deinem Auge— Du haſt! Dann ſage mir, erfaßt es Jeden ſo ungeahnt, ſo unwider⸗ ſtehlich? Ich weiß es nicht— weiß nur, was mir geſchehen! Erinnerſt Du Dich an vorgeſtern Abend, an die Stimme beim Weiher, die von Treue ſprach? Dieſelbe Stimme hat mich geſtern mit dem erſten Tone, den ſie an mich gerichtet, in ihre Welt gezogen, iſt bis in den Grund der meinigen getaucht! Dieſe Stimme führte mich in ſeltſamen Geſprächen— keine Ballge⸗ ſpräche, Vater— an Allem vorüber, was es zwiſchen 126 Himmel und Erde giebt, und zwang mich mit magne⸗ tiſcher Gewalt zur Antwort— daß ich mein Denken und Fühlen an ſie hingab, wie Keinem gegenüber je geſchehen, ſelbſt Dir nicht! Ich habe darüber geſonnen die ganze Nacht— es wich nicht— auch heute im Scheine des Tages pocht der eine Ton an jeden Ge⸗ danken— ihn wieder, ihn immer zu hören, erſcheint mir unentbehrlich wie Licht und Luft— keine Zukunft denkbar ohne dieſen Klang, dem Alles antwortet, was in mir lebt!“ Jedes Wort war fliegend hingeathmet worden, während ſie ſeine beiden Hände ergriffen und gehalten, während der Blick in's Weite ſchwärmte. Jetzt ſah ſie den Vater an. Der tief ſchmerzliche Zug um ſeine feſtgeſchloſſenen Lippen erſchreckte ſie, trieb ſie aber auch vorwärts. Sie ließ ſeine Hände los, preßte die ihrigen gegen die Bruſt und ſagte mit geſenkten Wim⸗ pern ganz langſam: „Er iſt preußiſcher Officier, Vater, ſein Name Triefels, Baron Triefels. Er hat meine Erlaubniß erbeten, bei Dir um meine Hand zu werben— heute!“ „Und Du gabſt ihm dieſe Erlaubniß?“ „Ja, Vater.“ Der Staatsrath erhob ſich und trat, ohne ſeine Tochter anzuſehen, zum Fenſter, wo er, die Stirn 127 gegen die Scheiben gedrückt, unbeweglich ſtehen blieb. Eugenie folgte ihm mit den Blicken, ihr Herz drohte ſtill zu ſtehen; ſie zögerte einen Moment, flog dann durch das Zimmer und warf beide Hände um die theure Geſtalt. „Du zürnſt!“ rief ſie klagend.„O Gott, ich fühle Dein Recht dazu, aber ich konnte— ich kann nicht anders!“ Wallmoden wandte den Kopf, und Eugenie ſchrak zuſammen; was ſie nie geſchaut, ſelbſt nicht am Sterbe⸗ bette ihrer Mutter, das ſah ſie heute— an der Wim⸗ per des Vaters hing ein ſchwerer Tropfen. Wortlos verhüllte ſie ihr zuckendes Geſicht und wich zurück. Er folgte ihr und zog ſie neben ſich auf ein So⸗ pha nieder.„Nein Eugenie“, ſagte er mit ungewohn⸗ ter Weichheit,„ich zürne nicht. Der Kummer, den Deine Worte mir bereitet, gilt Dir— nicht mir ſelbſt! Längſt weiß ich, wie unerbittlich das Leben iſt; wenn es jetzt das Herz meines einzigen Kindes dort⸗ hin gewendet, wo mein Haß ſteht, ſo iſt das nicht mehr als irgend eine andere ſeiner Conſequenzen. Man ſollte auf Alles gefaßt ſein— und doch, auf Das, was der heutige Tag gebracht, war ich es nicht. Du glaubſt nur meine Antipathie zu verletzen, vielleicht mein eiferſüchtiges Vatergefühl zu kränken— armes Kind, Du biſt es, Du ſelbſt, die den bittern Trank leeren muß— bis zur Hefe. Daß Du vor Allem der Wahrheit bedarfſt, überall, in jeder Lage, weiß ich nicht erſt von heute. Sie ſoll Dir werden. Die Men⸗ ſchen, welche einander ſchonen, lieben ſich nicht. Ich kenne Deine Kraft, Eugenie, faſſe ſie zuſammen! Dieſer Mann, dem Du bereit biſt, Dein Schickſal anzuver⸗ trauen, hat ein unwürdiges Spiel mit Dir getrieben — laß mich ausſprechen, Kind! Ich phantaſire nicht, wir ſtehen nackter Thatſache gegenüber. Im Ueber⸗ muthe halbtrunkener Tafelrunde hat er ſich vermeſſen, ſeine Unwiderſtehlichkeit für Weiber durch ein Beiſpiel zu bethätigen; unter einer Schaar junger Leute wur⸗ den Looſe geworfen, Dein Name gezogen, unſer Name, Eugenie! So biſt Du gewonnen worden— denkſt Du noch daran, Dich auch ſo zu verſchenken?“ Das junge Mädchen erſchien wie von unſichtbaren Kräften in die Höhe gezogen. Sie ſtand gleich einer Säule; kein Laut kam über ihre Lippen. Nur ein ſtarres Kopfſchütteln zeigte, daß noch Leben in ihr war. Endlich brach das Wort hervor:„Durch wen erfuhrſt Du—“ „Verlangſt Du es, ſo bin ich berechtigt worden, Dir die Quelle zu nennen. Laß Dir vorerſt genügen, wenn ich Dir mit meinem Ehrenworte beſtätige, daß 129 ſie zuverläſſig iſt und nicht den Schatten eines Zwei⸗ fels übrig läßt. Die Mittheilung ſtammt von einem Zeugen. Jetzt frage ich Dich, glaubſt Du, daß dieſer — Bube es bis zum Aeußerſten treiben, daß er wagen wird, heute wirklich in mein Hans zu dringen und die Hand meiner Tochter von mir zu fordern?“ Die mächtigen Augen des jungen Mädchens ſchie⸗ nen tief in ſich hineinzublicken, ihr Körper erzitterte, wie der Zweig zittert, von dem plötzlich ein Vogel aufgeflogen. Mit leiſer Bewegung der Lippen, die ebenſo farblos waren wie ihre Wangen, erwiderte ſie: „Ich glaube es.“ „Und wozu entſchließeſt Du Dich?“ Mit unwillkürlicher, doch beredter Geberde ſtrich Eugeniens Hand über die Sophalehne und ſtreifte das thränenfeuchte Battiſttuch, welches dort lag, zu Boden. In dem Blicke, womit ſie dabei den Vater anſah, lag unſäglicher Stolz. Der Staatsrath war wieder ganz er ſelhſt, jede Weichheit aus den feſtgemeißelten Zügen verſchwunden, ſein Auge kalt, die ganze Haltung unnahbarer als je. „Du wirſt den Namen dieſes Menſchen nie wieder ausſprechen hören, Eugenie. Ich werde den Herrn empfangen und verſpreche Dir Genugthuung.“ „Nicht ſo, Vater“, entgegnete ſie jeis„welche Godin, Frauenliebe und Leben. V. 130 Genugthuung könnteſt Du mir ſchaffen? Was hier verbrochen wurde, geht mich allein an! Soll ich fortan leben und die Augen aufſchlagen, ſo muß ich— ich ſelbſt dieſem Manne noch ein letztes Mal gegenüber⸗ treten. Kein Dritter kann mich von der Schmach dieſer Werbung erlöſen, auch Du nicht! Was ſollte es mir frommen, wenn Du ihm den beleidigten Vater zeigſt? Das hebt meine geſchädigte Frauenwürde nicht aus dem Staub empor! Ich fordere, daß er mir allein überlaſſen bleibt, und dann, mein Vater, ſei außer Sorgen, dann ſoll mir Genugthuung werden!“ Wallmoden blickte ſeine Tochter ſchweigend an. In ihren Worten flammte eine Kraft, deren Höhe er noch nicht gekannt.„Ich erkenne Dir das Recht der Entſcheidung zu“, ſagte er endlich,„und weiß, daß Du Dich zu beherrſchen verſtehſt, Du haſt dieſe Fähig⸗ keit jahrelang am Krankenbett Deiner Mutter bewährt. Dennoch, Eugenie, überſchätzeſt Du vielleicht Deine Kraft. Ich kenne den Mann nicht, mit welchem Du ſolchen Kampf zu beſtehen forderſt, aber ich kenne dieſe Norddeutſchen! Nicht gewillt, das Auge, vor was es auch ſei, zu Boden zu ſchlagen, von ihrer kecken Höhe herab nur die eigene Berechtigung der Geltung werth haltend, verſchloſſen für jede Rückſicht auf Billigkeit, ja, auf ſreies Menſchenthum, ſobald ſie ſich in ihrem Ziele gehemmt ſehen— wie ſollte Dein Zartgefühl gegen die Waffen ſiegen, die eine ſolche Natur jedem Deiner Worte entgegenhalten wird, Waffen, die Du — ihm ſelbſt in die Hand gegeben? Ein gewöhnlicher Charakter würde Dich nimmer ſo aus allen Fugen Deines ſonſtigen Weſens gedrängt haben— Du ſtehſt alſo einem überlegenen Geiſte gegenüber, Eugenie! Wo ein ſolcher jedoch einen Zweck verfolgt, der mit kaltem Blute, vielleicht aber mit um ſo größerem Eigenſinn feſtgehalten wird, ſobald er in Gefahr er⸗ ſcheint, zu ſcheitern, da bleibt das Weib gegen den Mann immer im Nachtheil. Eine Frau iſt nur dort allmächtig, wo ſie— geliebt wird.“ Eugenie erröthete heftig und verſtummete. Das Wort hatte getroffen, wie ein Schlag; ſie wäre lieber auf der Stelle geſtorben, als daß ſie dem Vater ein⸗ geſtanden, daß ſich auf den Glauben an dieſe letzte Bedingung ihre ganze Macht der Vergeltung ſtützte. Trotz des Schreckens, der ſie ſo vernichtend durchfuhr, geſtand ſie ſich dies im gegenwärtigen Moment ſelbſt nicht ein. Das Auge voll aufſchlagend, ſagte ſie mit Hoheit:„Auch die Wahrheit iſt allmächtig, Vater, ihr gegenüber bleibt Trug und Lüge immerdar im Nach⸗ theil; ob Mann, ob Mädchen, ihr Träger darf und muß jedem Kampfe ſtehen! Laß mich gewähren.“ 9⸗ Der Staatsrath ſchritt mit geſenktem Haupte auf und nieder, endlich hielt er den Schritt vor ſeiner Tochter an, ein ſeltſamer Glanz funkelte in ſeinem Blick:„Und Eines noch, Eugenie! ich berühre es un⸗ gern. Vergaßeſt Du ganz, was Du mir vor wenigen Minuten ſo leidenſchaftlich eingeſtanden? Dieſe Stimme, welche die Seele meines ſtolzen Mädchens binnen kur⸗ zen Stunden in Bande geſchlagen, fürchteſt Du ſie nicht? Du frugſt mich, Kind, ob ich die Liebe kenne! Wohl kenne ich ſie, und war es wirklich Liebe, was Dich ſo ſeltſam plötzlich erfaßte, dann laß Dich war⸗ nen! wage nicht den Kampf mit einer Macht, die ſich gerade dann, wenn wir uns Herren des Tages glau⸗ ben, mit erſtickender Umſchlingung zurückwendet, um uns hohnlachend zuzurufen: Tödte, was ſterblich iſt! Wer liebt, verliert die Fähigkeit, kalt zu verachten, auch die, Maß zu halten, und glaube mir, mein Kind, ſobald das Recht zur Leidenſchaft hinreißt, erfährt es ſtets das Geſchick des Unrechtes.“ Bei des Vaters ernſten Worten legten ſich immer tiefere Schatten auf Eugeniens Stirn; als er nun ſchwieg, beugte ſie ſich über ſeine Hand und küßte die⸗ ſelbe.„Vertraue mir“, ſagte ſie gelaſſen,„Du darfſt es.“ Seine Lippen berührten ihren Scheitel. dann ſchob er ſie ſanft zurück und ſprach mit Ernſt;„Es ſei!“ VI. Verloren. Heiter lachte die Sonne in das Balconzimmer im erſten Stock der Wallmoden'ſchen Villa; ihre Strahlen ſchlüpften wie im neckiſchen Tanze hin und wieder zwiſchen all den Blüthen und Pflanzen, welche, nächſt der gußeiſernen Brüſtung des Balcons aufgeſtellt, die dort Ruhenden dem Blick Derer verhüllten, welche auf der Fahrſtraße unten vorüberkamen, während ſie Je⸗ nen doch den Ausblick auf Nähe und Ferne vergönn⸗ ten. Ein zarter Duft von Reſeda und Heliotrop zog von dort aus durch das mittelgroße, hochgewölbte Zimmer und erſchien in Harmonie mit deſſen Ausſtat⸗ tung. Leichte Säulen, welchen ſich die in Stuck aus⸗ geführten Ornamente der Decke als Fortſetzung anzu⸗ ſchließen ſchienen, theilten die nicht tapezirten, ſondern 134 anmuthig gemalten Wände in Fächer. Ein Nähtiſch im Mittelfenſter, die zierliche Staffelei mit dem ver⸗ hangenen Bilde darauf und eine ſchöne Harfe, welche in der entgegengeſetzten Ecke lehnte, deuteten darauf hin, daß hier der Lieblingsaufenthalt der Tochter des Hauſes war. Seit einigen Minuten ſtand Arno Triefels in voller Galauniform in dieſem Gemache und ließ den Blick über jede Einzelnheit deſſelben hinſchweifen. Im erſten Augenblick hatte es ihn frappirt, daß er, auf ſeine Frage nach dem Staatsrathe und die darauf er⸗ folgte Meldung in dieſen Raum geführt worden war, der offenbar weder das Zimmer des Hausherrn, noch ein allgemeiner Empfangsſalon ſein konnte. Während des kurzen Harrens erfaßte ihn aber, vor all den Zeichen und Spuren von Eugeniens häufiger Gegen⸗ wart, eine eigenthümliche Bewegung, ſtark genug, um momentan ſelbſt die Spannung zurückzudrängen, wo⸗ mit er dem inhaltsſchweren Geſpräch entgegenſah, das ihm mit ihrem Vater bevorſtand. Sehr widerſtandsgerüſtet, ſehr ſiegesgewiß hatte Triefels die Schwelle dieſes Hauſes betreten. Gewöhnt, jedes Hinderniß mit zudringendem Verlangen zu durch⸗ brechen, gab er den Begriff eines Unerreichbaren kaum zu. Der Güter, die er in die Wagſchale zu legen 135 hatte, voll bewußt, galt ihm der vorausſichtliche Wi⸗ derſtand eines alten Mannes höchſtens als Frage der Zeit. Eugenie ſelbſt war ſein eigen! der Stolz, wel⸗ cher das bisher durch kein Erreichtes geſättigte Herz bei dieſem Gedanken ſchwellen ließ, war ihm eine nie ſo empfundene Regung— auch Das wußte er ihr Dank! Dankte ihr nach tauſend Erfahrungen, wo ſeine überreichen Kräfte nur geſpielt, die eine, bei aller Ge⸗ nußfähigkeit nie mehr erhoffte, eines thaufriſchen Ge⸗ fühls. Eugenie! Leiſe bewegte er ſich im Zimmer umher, ſeine Finger ſtreiften über die Saiten hin. b Harmoniſch— wie dieſe! Was war in dem Gedanken, wovon er plötzlich erſchauerte? Seit ſeinem Eintritt hatte es ihn wie ein Gruß umklungen:„Willkommen, ſüßer Dämmerſchein, der Du dies Heiligthum durch⸗ webſt—“ jetzt mahnten die Dichterworte ernſt:„Und Du!— was hat Dich hergeführt?“ Unwillkürlich ſtarrte er nach der Thür, rief es in ihm weiter:„und G träte ſie im Augenblick herein, wie würdeſt Du für Deinen Frevel büßen?“— Sie trat herein. dit einem Laut lebhafteſter Ueberraſchung eilte 8 ihr Triefels entgegen, um nach dem erſten Blick in ihr Auge betroffen vor ihr ſtehen zu bleiben. Er em⸗ b pfand auf der Stelle, daß etwas mit ihr vorgegangen, ——————— “ 136 und ſein Bewußtſein ließ keine Frage zu. Kaum hatte dieſe Ueberzeugung ihn durchzuckt, als er ſich zuſam⸗ menfaßte und ihrem Winke, ſich neben ihr am Sopha⸗ tiſch niederzulaſſen, mit ſicherer Haltung Folge leiſtete. Beide blickten einander ſtumm an, ohne nachher zu wiſſen, wie lange dieſe Pauſe gedauert. Selbſt in dieſem Augenblick tiefinnerſter Unruhe entzückte Eugeniens Erſcheinung Arno Triefels, und doch machte ſie ihm heute einen ganz veränderten Ein⸗ druck. Das war nicht mehr die in Wolkenduft ge⸗ hüllte Sylphe von geſtern, an der jede Bewegung zu wallen und zu ſchweben ſchien, aus deren Blick und Zügen ein märchenhaft ſüßer Zauber ſprach— die hohe Waldfrau der Sage war es, welche verſchwindet, wenn man ſie zu berühren wagt. Stolze Ruhe ſprach aus jeder Linie des mit leichter Röthe angehauchten Geſichtes, nur die langen, gebogenen Wimpern ſchienen faſt unmerklich zu zittern, als ſie jetzt das Schweigen brach:„Sie wünſchten meinen Vater zu ſprechen, Herr Baron?“ „Wie Sie erwarten durften, Fräulein Wallmo⸗ den.“ Sein Ton war ein Echo des ihrigen, förmlich und kühl. Beiden zugleich bewölkte ſich die Stirn. Nach einem Moment fuhr er fort:„Und es iſt— Zufall, was mir das Glück verſchafft, Sie mein 137 Fräulein, ſtatt des Herrn Staatsrathes erſcheinen zu ſehen?“ Eugenie ſah lebhaft auf.„Mein Wunſch, Herr von Triefels; ich war geſpannt, vorher von Ihnen zu erfahren, ob der Zweck der mit meinem Vater gewünſch⸗ ten Unterhaltung heute derſelbe geblieben, den Sie geſtern— angedeutet?“ „Ohne Zweifel, mein Fräulein.“ „Das überraſcht mich, Herr Baron. Ich glaubte, Ihre Wette könnte für gewonnen gelten, ohne daß es nöthig erſchien, auch noch den letzten Act der Komödie abzuſpielen.“ Triefels zuckte nicht mit den Wimpern. Sein Kopf ſchien ſtolzer als je auf dem Nacken zu ruhen, als er auf die mit langſamer Deutlichkeit geſprochenen Worte ebenſo gemeſſen erwiderte:„Ihr Empfang, mein gnädiges Fräulein, ließ mir kaum Zweifel darü⸗ ber, daß Sie von einem Vorgange Kenntniß erhalten, deſſen ungünſtige Auffaſſung ich beklagen muß, ohne mir doch dadurch die Aufnahme, welche mir von Ihnen wird, ganz erklären zu können, denn derſelbe berührt Sie perſönlich keineswegs.“ Eugeniens Augen wurden tief dunkel.„Unerhört!“ flammte tiefſte Empörung hervor. „Und was könnte der tolle Uebermuth einer leicht⸗ fertigen Stunde Sie wohl angehen, Eugenie?“ rief er in plötzlich verändertem, leidenſchaftlichem Tone.„Was wußte ich von Ihnen, als ich mich in kecker Laune vermaß, das ‚va banque' eines flüchtigen Geſellſchafts⸗ ſpieles zu halten! Sind Sie fähig, Alles, was vom erſten Augenblicke unſeres Begegnens an zwiſchen uns vorging, auch nur mit dem Schatten eines Gedankens an jenen Vorgang zu verknüpfen, dann, Eugenie, bin ich es, der gekränkt, der bis in's innerſte Leben ver⸗ wundet vor Ihnen ſteht!“ Er war aufgeſprungen und neigte ſich zu dem Mädchen herab, ſein bezwingender Feuerblick ſenkte ſich bannend in ihr Auge. Jeder Nerv in ihr erſchauerte — ja, das war wieder die glühend hinſtrömende Lava Alles verzehrender Empfindung, die ihr nicht nur ge⸗ ſtern Wahrheit geweſen, die noch heute dem empörten Herzen Wahrheit geblieben! Mit der ganzen Kraſt ihres Willens rang ſie nach Standhaftigkeit, denn hoch über dem Strudel, der ſie fortzureißen drohte, ſtand als feſtes, ewiges Himmelsgewölbe die Ueberzeugung, daß Schwäche hier tödtlich— Nachgeben ein Verzicht auf den eigenen Menſchenwerth ſei. Sie hatte ſich geſammelt. „Unſere Anſchauungen gehen weit auseinander“, ſprach ſie feſt;„ſo weit, daß ich darauf verzichte, mich 139 über die meinigen zu äußern. Sie ſagten vorhin rich⸗ tig, Herr von Triefels, daß Sie nichts von mir wuß⸗ ten, als Sie meinen Namen zum Einſatz eines— Geſellſchaftsſpieles gemacht. Nun, jedes Ihrer Worte beweiſt, daß Sie auch jetzt nichts von mir wiſſen, ſonſt würden Sie es nicht wagen, auf Anſprüche hinzudeu⸗ ten, die für mich demüthigend ſind!“ Triefels loderte auf:„Sie vergeſſen, mein Fräu⸗ lein, daß Der, welcher dieſe Anſprüche zu erheben wagt, zugleich mit dem Höchſten vor Sie tritt, was er ſelbſt zu bieten hat. Sollte der Name, die Ehre, die ganze Zukunft eines Mannes als ein ſo werthloſer Einſatz in Ihren, ja, in ſeinen eigenen Augen erſcheinen, daß hier von Demüthigung die Rede ſein kann? Wer Ih⸗ nen ſeine Hand für das Leben anbietet, giebt genügende Bürgſchaft für die Wahrheit ſeiner Empfindung, wenn Sie wirklich ſolcher Bürgſchaft bedürfen ſollten.“ Ihr mächtiges Auge ruhte voll auf ihm. „Momentane Wahrheiten ſind mir keine“, ſagte ſie ernſt,„und an das Leben einer ewigen Wahrheit glaube ich nur da, wo ich zugleich an Achtung vor dem Bewußtſein Anderer glauben kann. Daß Ihr Spiel ſich auf mich gerichtet, Herr Baron, geht mich allerdings wenig an, denn dies war Zufall— daß es überhaupt unternommen worden, iſt keiner! Und wem 140 ſolches Spiel möglich geweſen, dem würde ſich mein Innerſtes für ewig abwenden und fremd bleiben müſ⸗ ſen, und wäre er ſelbſt ein mit jedem bisherigen Athemzuge geliebter Bruder.“ „Eugenie“, rief er ſtürmiſch,„hören Sie Ihr Herz, ehe Sie unwiderruflich mein Urtheil ſprechen! Es hat mir geſtern freiwillig das verheißende Ja ge⸗ geben, und wenn Sie mir allen Glauben verweigern, ſo glaube ich um ſo feſter an Sie! Ein Mädchen Ihres Charakters verſchenkt ſich nicht an einen höher ſchlagenden Puls des Augenblicks— dies Ja, das mich ſo tief beglückte, das Sie jetzt unerbittlich zurück⸗ nehmen, kam aus dem Grunde Ihrer Seele! Im Na⸗ men der Wahrheit, die Sie mir als flammendes Schwert entgegenhalten, frage ich Sie: Eugenie, war es nur ein aufflackerndes Irrlicht, das uns Beide mit ſchnell verlöſchendem Scheine getäuſcht? Antworten Sie auch hierauf Ja— wenn Sie dürfen!“ Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und ſah ſie an, als vermöchte er in die tiefſten Gründe ihres In⸗ neren zu tauchen. Ungeſtüm entzog ſie ſich ihm und verhüllte ihre Augen. Es war nicht Jubel, aber doch war es energiſche Zuverſicht, die in Triefels' Tone vibrirte, als er wei⸗ ter ſprach:„Dank für Ihr Verſtummen— ich hoffe, 141 ich athme wieder!— Liebe hat noch immer verziehen, ſelbſt die bitterſte Kränkung! Fordern Sie Zeit, das verletzte Gefühl ſchonend zu heilen, fordern Sie jede Genugthuung von mir, nur— laſſen Sie mir Hoff⸗ nung, Eugenie!“ Ihre Hand ſank langſam herab, blaß ſtand ſie vor ihm, die zarte Bruſt hob ſich in heftigem Kampfe; als ſie aber endlich ſprach, klang ihre Stimme hell und voll wie Glockenton: „Es wäre meiner nicht würdig, die Wahrheit zu verleugnen— ich nehme nicht zurück, was ich geſtern ſo unſelig ausgeſprochen. Aber wenn auch das frevle Spiel wirklich uns Beiden zum ſchweren Ernſt gewor⸗ den— es trennt nicht minder! Hier gilt es nicht, eine Kränkung zu vergeben, es gilt die innerſte Exiſtenz! Nicht Freundſchaft, nicht Liebe iſt fortan möglich zwi⸗ ſchen uns Beiden! Man kann in einem nächſten Ver⸗ hältniſſe anderer Meinung ſein— nicht anderer Ge⸗ ſinnung! Vertrauen läßt ſich nur ſäen, nicht künſtlich in die Seele pflanzen, es keimt und ſteht da— und wird es gebrochen, ſo iſt Unerſetzliches dahin.—— Leben Sie wohl!“ Triefels ſtand in ſich gekehrt. Wie Schatten über eine Landſchaft fallen, wenn die Sonne verſchwindet, fiel plötzlich die Erkenntniß eines Unüberwindlichen 142 auf ſeine Zuverſicht. Er ſah, wie zwei Thränen ſich aus den großen, tiefen Augen löſten und auf ihre Hand niederfielen, er ſah dieſe Hand gegen das Herz gepreßt, deſſen heftiges Schlagen durch das Gewand zu dringen ſchien— und dennoch kam ihm kein Ge⸗ danke an Hoffnung mehr. Wie aus ſchwerem Traume heraus wiederholte er ihr letztes Wort:„Leben Sie wohl!“ und wandte ſich dann, um von ihr zu gehen. An der Thür des Gemaches blickte er noch einmal zu⸗ rück. Eugenie ſtand wie leblos, nicht ein Hauch ſchien ſich in ihr zu regen. Er eilte zu ihr hin, ein letztes Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen. Es blieb ungeſpro⸗ chen. Nur einmal noch ſah er in ihre Augen, zog aus der blumengefüllten Schale, welche auf dem Tiſche ſtand, einen Orangenzweig, drückte ihn an die ſtumme Lippe und verſchwand. ——— Zweite Abtheilung. J. Der Donnergrollt. Seit langen Wochen hing unabläſſige Sonnengluth über der verſchmachtenden Erde; Wiesbadens vulcani⸗ ſcher Boden ſchien unter jedem Tritte der darüber Hin⸗ eilenden zu erglühen. Noch ſengendere Schwüle lag auf allen Geiſtern. Es war im Juli 1870, und die aus Ems, Paris und Berlin kommenden Nachrichten fielen Schlag auf Schlag, gleich zündenden Blitzen;— des Kriegsgottes drohende Fackel flammte immer näher! An dem vielbeſuchten Badeorte, wo alle Nationalitäten in bunteſter Miſchung mit einander verkehren, alle öffentlichen, wie Privatnachrichten gleichſam in einen Brennpunkt zuſammenſchießen, trieben die ſteigenden 144 Wogen der Erregung wunderliche Schaumgebilde auf. Während die Einen bereits ihr Reiſebündel ſchnürten, wurden ſie von Andern als kindiſch furchtſam beſpöttelt. In den heiteren Weltfrieden geſelligen Einverſtändniſſes einer feingebildeten internationalen Geſellſchaft zuckten ſchon falbe Lichter hinein, welche dem Verkehr derſelben einen veränderten Charakter aufdrängten und ahnen ließen, daß ſie naher Auflöſung entgegengehe. Doch ſchien es, als ſollten die Friedensgläubigen Recht be⸗ halten, denn die Nachricht von der Verzichtleiſtung des Prinzen von Hohenzollern hatte die hochgehenden Wo⸗ gen aufgeregter Spannung beſänftigt. Allerdings liefen faſt zu gleicher Zeit aus Paris, aus Hannover Privat⸗ briefe ein, die dem raſch geweckten Sicherheitsgefühl ſcharf widerſprachen und ſchnelle Verbreitung fanden, denn jede Correſpondenznachricht wurde in jenen Tagen ſofort Gemeingut. Noch ließen aber die Sanguiniker die weiße Friedensfahne luſtig flattern. Der Nachmittag rückte vor. Ein ſchweres Gewitter hatte vor einigen Stunden die Hitze des Tages wohl⸗ thuend gemäßigt und die lechzende Vegetation erfriſcht. Eugenie Wallmoden ſaß auf dem Balcon des Wohn⸗ zimmers und athmete mit Genuß den köſtlichen Wal⸗ desduft ein, der nach kurzem Regenſchauer aus dem nahen Parke emporſtieg. Die leichte Arbeit, mit der ſie 145 beſchäftigt geweſen, ruhte in der weißen Hand auf dem Schooße; ſie ſah den Vögeln zu, die, ihre feuchten Federchen ſchüttelnd, von Zweig zu Zweig hüpften und den warm hervorbrechenden Sonnenſtrahl anäugelten. Ein ruhiges Lächeln ſpielte um ihre ſelbſt im Schwei⸗ gen ſtets beredſamen Lippen, und ſie war in Schauen und Sinnen ſo vertieft, daß ſie das Hinzutreten ihres Vaters nicht eher bemerkte, bis er ihren Namen nannte. Freundlich umblickend, nahm ſie den verſiegelten Brief entgegen, welchen er ihr reichte; ihr Blick ſchweifte von den fremden Schriftzügen der Adreſſe fragend zu ſeinen Augen empor. Der Staatsrath lächelte in ſeiner ernſten Weiſe. „Von Hochſtetter“, ſagte er, nicht ohne Nachdruck; „der Brief an Dich war einigen an mich gerichteten Zeilen mit der Bitte beigeſchloſſen, ihn Dir zuzuſtellen.“ Ihr heiteres Auge bewölkte ſich; ſie ließ die Hand, welche eben das Siegel erbrochen, mit dem Briefe ſinken, während ſie mit der Rechten den Arm des Vaters berührte, um ihn neben ſich zurückzuhalten.„Das thut mir leid“, ſagte ſie gedämpft;„wie konnte es nur wie⸗ der ſo weit kommen?— ich habe ihm keine Berech⸗ tigung gegeben, das weißt Du, Vater.“ „Keine beſtimmte Berechtigung, Dein Ja zu er⸗ warten, liebes Kind, aber wenn eine ſo ausgezeichnete Godin, Frauenliebe und Leben. V. 10 146 Perſönlichkeit wie Hochſtetter als Bewerber auftritt, darf ſie auf Berückſichtigung hoffen, wo Hand und Herz als frei gelten.“ „Verſtehe ich Dich recht, lieber Vater,— wün⸗ ſcheſt Du dieſen Bewerber berückſichtigt zu ſehen?“ Wallmoden ließ ſich neben ſeiner Tochter nieder, ſtützte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles und ſagte herzlich:„Ja!— ich kenne kaum einen beſſeren Mann, ſein Charakter, ſeine Verhältniſſe bieten jede Bürg⸗ ſchaft, und er liebt Dich, weiß Dich zu ſchätzen. Haſt Du Vertrauen, Neigung genug, die Seine zu werden, ſo würde ich Deiner Zukunft beruhigt, ja beglückt ent⸗ gegenſehen.“ Eugenie ſenkte die Stirn gegen ihre Hand und beſchattete ſo die leicht erblaßte Wange. Tief verſunken ſchwieg ſie lange; als ſie endlich aufblickte, war der Strahl ihres Auges ſanft, aber feſt.„Gern möchte ich Dir Freude machen“, ſagte ſie innig,„aber, lieber Vater, ich kann nicht. Laß mich bei Dir bleiben! An Deiner Seite bin ich zufrieden, Fremdes erſchreckt mich, und es würde mich nicht glücklicher machen, wenn ich von Dir ginge.“ Ein ſchwerer Blick begegnete ihrem klaren.„Ich aber werde von Dir gehen, mein Kind, früher oder ſpäter, dann biſt Du allein!— So lange man jung iſt, 147 weiß man nicht, was dies Wort bedeutet. Fern liegt mir der Gedanke, je Deinen freien Entſchluß beſchrän⸗ ken, Dich vorwärts drängen zu wollen, aber ich leugne nicht, daß es mich ſchmerzt, mein einziges Kind durchs Leben gehen zu ſehen, ohne Glück zu geben und zu empfangen, und Das nur— weil gedankenloſer Frevel die Blüthe des Menſchenvertrauens gebrochen, nur— weil jener—“. Eugeniens Wangen wurden wie Schnee; ſchwer⸗ athmend unterbrach ſie ihn:„Nicht weiter, Vater, nicht weiter! Du hatteſt mir verſprochen, den Namen nie wieder zu nennen—“ „Jahre ſind vergangen— wozu noch heute ſolche Reizbarkeit, die mich ſchon öfters, und nicht wohl⸗ thuend berührte! Alles muß einmal überwunden wer⸗ den und abgethan ſein. Solche Unverſöhnlichkeit des Gedankens gleicht Dir nicht, iſt— nicht weiblich, Eu⸗ genie. Und überdies, ſo berechtigt dieſer Erfahrung ge⸗ genüber ſtrenges Urtheil war, bleibt es dennoch frag⸗ würdig, ob Verurtheilung unbedingt gerecht iſt.“ „Du redeſt ihm das Wort?!“ rief ſie mit er⸗ glühendem Angeſicht. „Unmöglich kannſt Du mich mißverſtehen“, ſagte der Staatsrath gemeſſen;„das, was vorgefallen, läßt nur eine Auffaſſung zu. Wohl aber habe ich ſeitdem — 10* —— öͤͤͤ 148 die Ueberzeugung gewonnen, daß es wenigſtens nicht dem Sumpfe eines vergifteten Charakters entſproßte. Ich ſpreche nicht davon, daß wir Beweiſe geübter Dis⸗ cretion erhalten haben— das iſt eine Cavaliertugend, die ſelbſt der Erbärmlichkeit anerzogen werden kann. Aber ich habe den Lebensgang dieſes Mannes ver⸗ folgt; mir ſtehen dazu Verbindungen genug zu Gebote. Wer ſo in das innerſte Leben einer Familie eingegriffen, darin ſolche Spuren zurückgelaſſen hat, wie Deine Ab⸗ neigung vor jeder Werbung, auch der beſten Männer — den verliert das Haupt der Familie nicht wieder aus den Augen. Es giebt Züge in ſeinem Charakter, die mir Achtung abgewonnen haben. Und wäre es nur das Eine— daß er auf Gefahr ſeiner Zukunft hin dem großen Lügner in Paris die Stirn der Wahrheit gezeigt.“ „Wovon ſprichſt Du?“ fragte Eugenie aufmerkſam. „Ja ſo, Du weißt nicht. Nun, Rittmeiſter Triefels wurde im Winter, nachdem er ſich hier gezeigt, als militäriſcher Attaché unſerer Pariſer Geſandtſchaft bei⸗ gegeben. Die Wahl mag keine glückliche geweſen ſein, denn zum Diplomaten ſcheint der junge Mann geringes Talent zu beſitzen. Es heißt, daß er mit Liebhaberei geſchichtliche Studien betreibt; das veranlaßte denn wohl den kaiſerlichen Hiſtoriker, der ſich ſo glücklich 149 einen Parvenu nennt, den Attaché der um Schwert und Feder beneideten Macht heranzuziehen und als Quelle auszubeuten— man weiß, wie Perſönlichkeiten dort aus⸗ und abgenutzt werden! Plötzlich kam es zu einer Colliſion— welcher Art ſie geweſen, erfuhr man nicht in außerofficiellen Kreiſen— Triefels wurde nach Berlin zurückcommandirt, man ſprach von Un⸗ gnade, von Verſetzung in ein Linienregiment der Pro⸗ vinz. Von alledem geſchah übrigens Nichts, er blieb nach wie vor in der Garde. Achtung aber dem Manne, der ſich in den großen Fragen der Menſchheit und der Geſchichte nicht mit dieſem Gleißner einigen konnte, von dem die eigene Mutter geſagt: ‚Wenn er ſchweigt, ſo conſpirirt er, wenn er ſpricht, ſo lügt er.““ Eugenie blickte mit den ſinnenden Augen voll Ernſt in des Vaters energiſch belebtes Geſicht.„Du ſprachſt nie hiervon“, ſagte ſie. „Wie ich überhaupt nie von ihm geſprochen, wie ich es auch heute nicht ſo eingehend gethan haben würde, hätte mich Dein Auflodern vorhin nicht dazu veranlaßt. In alten Wunden zu wühlen, iſt Thorheit und Schwäche; brennen ſie jedoch unerwartet lange fort, ſo thut Balſam Noth. Erlittenes Unrecht verwin⸗ det ſich leichter, wo man den Beleidiger achten kann. Meine Tochter wird niemals klein denken.“ 150 Er war, während er die letzten Worte ſprach, in das Zimmer zurückgetreten, und wanderte dort, die Hände auf dem Rücken ineinander geſchlungen, auf und nieder. Eugenie lehnte unbeweglich am Gitter des Balcons, ihr Auge wurzelte im Laube der nahen Linde, das ſich trotz der Windſtille ſichtlicher bewegte, als ihr leiſer Athemzug. Das Schweigen, welches Vater und Tochter gedankenreich befangen hielt, wurde aber bald und geräuſchvoll unterbrochen, denn nach haſtigem, ſchallendem Klopfen ſchoß plötzlich die kleine Geſtalt des Regierungsrathes Gotter mitten in's Zimmer. Sein bewegliches Geſicht war ſtark geröthet, alle Löckchen ſeines Haarwaldes ſchienen doppelt ſo kraus wie ſonſt, und die ruheloſen Augen glimmten wie Kohlen, als er ſtürmiſch rief:„Wiſſen Sie ſchon, Wallmoden?“ „Was?“ fragte der Staatsrath zerſtreut. „Sie wiſſen alſo Nichts— Nichts?!“ rief Gotter ſprudelnd vor Aufregung.„Die große Frage iſt ent⸗ ſchieden— der Sturm iſt herauf! Es giebt Krieg!“ „Alſo in Wahrheit—“ ſagte Wallmoden, indem er mit finſterm Blick vor dem Freunde ſtehen blieb; „dachte ich's doch! Das Gelüſte, die beneidete Nation ganz Europa als gehorſamen Vaſallen vorzuführen, ward zu hoffärtig gezeigt, als daß ſich nicht ein zweiter 151 Vorwand vom Zaune brechen ließe, nachdem der erſte mit Würde beſeitigt worden. Was iſt geſchehen?“ „Das errathen Sie nimmermehr! Benedetti hat die Unverſchämtheit ſo weit getrieben, dem Könige die ſchmählichſten Zumuthungen auszuſprechen! hat frech die Zuſage begehrt, daß in aller Zukunft kein Hohen⸗ zoller den ſpaniſchen Thron beſteigen dürfe— und, was das Tollſte iſt, ein Entſchuldigungsſchreiben an Napoleon über die ganze Candidatur gefordert!!“ „Und der König?“ fiel Wallmoden mit geſpanntem Blicke ein. „Unſer König hat ſein Hausrecht gebraucht!“ rief Gotter mit ſtarkem Nachdruck,„und als der Un⸗ verſchämte wiederkam, fand er die Thür verboten. Jetzt gilt es! Norgen ſchon reiſt König Wilhelm nach Berlin, die Kriegserklärung wird nicht auf ſich warten laſſen, die Mobilmachung ebenſowenig! Es gilt Unabhängigkeit und Ehre— es gilt die höchſten irdi⸗ ſchen Güter— wer ein deutſches Herz hat, muß und wird zu Preußen ſtehen!“ Der Staatsrath ging mit weiten Schritten auf und nieder.„Was wird der Süden thun?“ drang es aus der Tiefe ſeiner Bruſt hervor. „Und kann das noch eine Frage ſein?“ ſchnitt ihm der Freund das Wort ab, während jedes Glied 152 ſeines Leibes mitzudemonſtriren ſchien.„Wenn vor ſolchem Moment nicht Hader und Mißvergnügen, jeder Parteigroll weggeblaſen wird wie Spreu, dann wäre das ganze Daſein wahrlich keinen Strohhalm werth. Wallmoden! Wir ſind zuſammen jung geweſen— ſind wir ſo alt geworden, daß der höchſte Gedanke unſerer jungen Jahre heute, wo Verwirklichung vor uns ſteht, daß der Gedanke an deutſche Einheit uns leerer Wahn erſcheinen könnte? Nein, unſer Volk wird die große Probe beſtehen, in Süd und Nord läßt ſich nur eins fühlen:— heiligſter Zorn gegen den anmaßenden Fremden, männlicher Entſchluß, vereint voranzugehen! Ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, alter Freund: kann Sehnſucht nach dem Alten, kann Aerger über Neues Ihnen verdrängen, in dieſem Augenblicke noch verdrän⸗ gen, daß Sie ein deutſcher Mann ſind und daß in der beleidigten Majeſtät des deutſchen Königs unſer Aller Ehre geſchädigt und bedroht iſt?“ Wallmoden erfaßte Gotter's Hand mit feſtem Druck.„Walte Gott!“ entgegnete er mit ſtarker Stimme.„Vielleicht iſt es in ſeinem Rathe beſchloſſen, daß ein Lügner zu Stande bringt, woran ſich manch großes Herz ohne Erfolg verblutet. Gewaltige Ereig⸗ niſſe machen aus allen Zwiſchenſcenen den Staub ihres 153 Weges— das bleibt ewig wahr! Jetzt gilt es, ſeine Pflicht thun!“ Sein ernſter Blick ſtreifte Eugenie, welche den gleich Blitzen aufeinanderfolgenden Worten der Männer in ſtummer Erregung gefolgt war. Sie brach in Thrä⸗ nen aus und warf ſich an ſeine Bruſt. II. Mobil. Die Panik unter den Fremden wuchs von Tag zu Tage, ja von Stunde zu Stunde mit jedem neu⸗ eintreffenden Briefe oder Telegramm. Gaſt⸗ und Bade⸗ häuſer begannen ſich zu leeren und die Coupés der Eiſenbahnen zu füllen, während ſich die Einheimiſchen vom Strome der ſo Gewaltiges im Schooße tragenden Gegenwart nicht weniger ſtark erfaßt fühlten. In ſolcher Zeit höchſter Spannung ergreift den Einzelnen ein ſeltſames Bewußtſein:— lebhaft empfindet er den nahen Flügelſchlag dunkler, Alles umwühlender Zu⸗ kunft und muß wartend auf der Stelle bleiben, wäh⸗ rend die Gedanken ſo raſtlos geſtaltend arbeiten, daß er ſich bereits fortgeriſſen erſcheint. Jedem zufälligen Pochen an der Thür, jedem momentan unerklärten Laute antwortet der Pulsſchlag dieſes Bewußtſeins: 155 Jetzt!— jetzt gilt es, auch für Dich! Näher drängt man ſich an die Seinen, jeder folgende Augenblick er⸗ ſcheint eine verhüllte Pforte, während doch der gegen⸗ wärtige in Wahrheit noch alltäglich in ſeiner Erſchei⸗ nung iſt, wie der vorige geweſen. Dieſe Stimmung ließ Eugenie Wallmoden wider⸗ ſtreben, als die Verſchönerungspräſidentin gegen Abend des 16. Juli in Begleitung einiger Bekannten an ihre Thür klopfte, um ſie zum Genuß der angenehmen Kühle nach dem Neroberge abzuholen. Es war Eugenie un⸗ behaglich, heute den Vater, das Haus zu verlaſſen, doch wußte ſie dem lebhaften Zureden, das auf ſie einſtürmte, keinen andern Grund entgegenzuhalten, als Unſtimmung, und fand ſich endlich, vom Staatsrathe ſelbſt gedrängt, faſt willenlos entführt. Während die kleine Gruppe durch Park und Pla⸗ tanenallee der Trinkhalle zuſteuerte, wo ſie noch eine befreundete Familie unter den Colonnaden erwartete, empfand Eugenie doch, welche Wohlthat ihr nach meh⸗ reren in Abgeſchloſſenheit verlebten Tagen die köſtliche Friſche des Sommerabends war. Ihre Wange färbte ſich, ihr Schritt wurde elaſtiſcher, während ſie auf das heitere Geplauder der ſie umkreiſenden jungen Mädchen einging. Plötzlich glitt aber etwas wie ein Schatten über das ausdrucksvolle Geſicht— es war nur ein 156 momentaner, ſogleich verſchwindender Zug, der aber trotzdem Jenem, deſſen Anblick ihn hervorgerufen, nicht entgangen war. Lieutenant Eckhardt kam die Geisbergſtraße ab⸗ wärts, den Spaziergängern entgegen, und hatte eben gegrüßt. Faſt war es, als zöge wirklich eine lichtver⸗ hüllende Wolke dahin, denn auch ſeine Stirn um⸗ ſchattete ſich; zugleich ſtieg in ſeinem Auge ein Blitz auf; er hemmte ſeinen Schritt, hielt eine Secunde an, wandte ſich dann zurück und trat mit einem Worte der Begrüßung an die Präſidentin heran, welche den kundigen Regimentsadjutanten ſofort mit hundert Zu⸗ kunftsfragen über Mobilmachung und Waffengeklirr, Zuaven und Turcos in Beſchlag nahm. Eckhardt ant⸗ wortete gefällig, ohne jedoch den Blick von den Mäd⸗ chengeſtalten abzuwenden, die während ſeiner Anſprache vorausgeeilt waren. Die jüngſte derſelben, eine pikante Brünette, ſandte ihre Kirſchenaugen mehr als einmal rückwärts nach dem„Intereſſanten“, und ſollte auch bald das Vergnügen genießen, den jungen Officier an ihrer Seite zu ſehen.. Die Spaziergänger hatten die Wieſengelände des Dambachthales durchwandert und waren nun den ſproſſenden Weinbergen entlang bis zum Rande der Waldung gelangt, wo die Vorangeeilten Halt machten, 157 um die Nachkommenden zu erwarten; hier miſchten ſich die Gruppen und ſchlugen den ſchmal aufſteigenden Waldweg einzeln oder paarweiſe ein. Eugenie blieb einen Augenblick zurück, um ihr Kleid von einem Dornen⸗ zweige zu löſen, und Eckhardt benutzte dieſen Zufall, ſich zu ihr zu geſellen. Sie ging an ſeiner Seite, ohne den Raum, der ſie von den Uebrigen trennte, durch beſchleunigteren Schritt zu verkürzen. Beide ſchwiegen. In den Kronen des Laubwaldes flüſterte leiſe be⸗ wegender Windhauch, tiefe Ruhe, durch einzelne Vogel⸗ ſtimmen mehr begleitet als unterbrochen, webte ſich über all das Grün, welches dicht den Pfad begrenzte. Einzelne Bäume berührten ſich und ſchlangen die weit⸗ ausgeſtreckten Zweige zur hohen Laube ineinander, als wollten ſie den engen Waldpfad von Himmel und Erde abgrenzen; dennoch drängte ſich von Zeit zu Zeit ein ſeltſam blendendes Leben durch die ſanften Farben⸗ töne der Buchen und Eichen. Goldene Punkte fun⸗ kelten, glühten durch die Wipfel— auftauchend, wieder verſchwindend, plötzlich vergrößert— bald eine Kugel, bald Pfeil oder Ring, als trieben ſchwebende Luft⸗ geiſter ein ſeltſames Spiel mit unirdiſchen Kleinodien. Und doch war es nur die Sonne, welche all dies bli⸗ tzende Spielzeug ſchuf, während ihre Abendgluthen die Goldkuppeln der vom Walde verhüllten griechiſchen Capelle küßten. Eugeniens Augen hingen mit eigenthümlichem Glanze an dem magiſchen Gefunkel. Nach minuten⸗ langem Schweigen wandte ſie ſich mit tiefem Athem⸗ zuge ihrem Begleiter zu:„Iſt es wahr, was wir heute gehört? Erwartet ihr Armeecorps Marſchordre?“ „Stündlich“, antwortete Eckhardt,„Alles iſt zum Aufbruch gerüſtet und der Befehl zum Ausrücken wird höchſtens noch Tage auf ſich warten laſſen— vielleicht hängt er an Stunden. Dies meine Entſchuldigung dafür, daß ich Ihnen heute meine Geſellſchaft aufge⸗ drungen, Fräulein Wallmoden. Es iſt ſehr möglich, daß ich nicht zurückkehre— bitte, mich nicht mißzuver⸗ ſtehen“, fuhr er mit kaltem Lächeln fort, als ſie eine Bewegung machte, ihn zu unterbrechen,„ich wollte nur andeuten, daß die Garniſonen nach einem Feldzuge meiſtens zu wechſeln pflegen, und möchte deshalb Ihre Erlaubniß erbitten, ein lange unterdrücktes Wort aus⸗ ſprechen zu dürfen.“ Eugenie ſah ihn an. In den ernſten, faſt ſtrengen Zügen des jungen Mannes lag nichts, was eine un⸗ erwünſchte Deutung ſeiner letzten Worte als möglich erſcheinen ließ. 8 159 „Sprechen Sie frei!“ ſagte ſie, den Kopf leiſe neigend, mit ſanfter Stimme. Eine ſchwache Röthe huſchte über Eckhardt's Wange.„Wäare mir früher das Glück geworden, ſo freundlichen Ton von Ihnen zu hören, Fräulein Eu⸗ genie, ſo würde ich nicht in der immerhin peinlichen Lage ſein, auf Vorfälle zurückzugreifen, deren Berüh⸗ rung Ihnen kaum erwünſcht ſein kann. Doch bin ich mir ſelbſt ſchuldig, dieſelben nicht für immer uner⸗ örtert zu laſſen. Es wäre längſt geſchehen, wenn Ihre Haltung mir nicht jedes Recht entzogen hätte, mich Ihnen zu nähern.“ Eugenie erglühte bis unter die Haare.„Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht— was hätte ich Ihnen vorzuwerfen? von welcher Rechtfertigung ſprechen Sie— 24 Eckhardt blieb ſtehen und blickte ihr mit großem Ernſt feſt in die Augen.„Mich nicht verſtehen zu wollen, wäre ein Mangel an Achtung, den ich— nicht verdiene, mein Fräulein. Zu rechtfertigen giebt es für mich nichts; daß Sie mir aber viel vorzuwerfen haben, beweiſt mir ſeit langen Monden jeder Blick, jeder Ton. Vielleicht iſt es Ihnen ſelbſt nicht ganz bewußt, wie ſehr, vielleicht iſt die Abneigung nur unwillkürlich, dann aber um ſo bezeichnender, welche Ihnen gebot, ſich abzuwenden von dem— Denuncianten.“ 160 Es war heraus. Beide erblaßten. „Welch ein Wort!“ rief Eugenie erregt. „Sollte es ſchärfer klingen, als Ihr Urtheil?“ fragte er finſter.„Ich wähnte früher einmal, von Ihnen mehr gekannt zu ſein, als von der Maſſe— es war nicht alſo. Daß Sie unmittelbar nach jenem Vorfalle jede Berührung mit mir zu vermeiden wünſchten, mußte ich begreiflich finden; auch darauf war ich ge⸗ faßt, daß der Unwille beleidigten Zartgefühls ſich von der Botſchaft auf den Boten miterſtrecken würde. Doch vertraute ich feſt darauf, daß eine Zeit kommen würde, wo Sie Dem, der im Dienſte der Wahrheit und Ge⸗ rechtigkeit gehandelt, auch Gerechtigkeit widerfahren laſſen würden! Ich täuſchte mich— dieſe Zeit kam niemals. So oft ich in Ihren Bereich trat— und dies geſchah bis zum heutigen Tage ſtets unfreiwillig, — hatte ich immer auf's Neue ein Abwenden zu em⸗ pfinden, das in ſeiner Dauer faſt der— Geringſchätzung gleich kam. Sie ſtehen zu hoch in Aller Urtheil, Fräu⸗ lein Wallmoden, als daß ich wagen dürfte, Sie einer Unbilligkeit zu zeihen; darum bleibt mir nur die An⸗ nahme, daß Sie meine Motive unrichtig aufgefaßt. Was ich je gethan und geſprochen, geſchah immer mit offenem Viſir! Daß ich damals einen Mittelsmann mit der Eröffnung betraute, gebot mir das einfachſte Zart⸗ 161 gefühl. Ich war auf jede Erklärung gefaßt, zu jeder Genugthuung bereit. Sie wurde mir von dem Manne, der es gewagt, Sie zu beleidigen, nicht abgefordert, von Ihnen nicht einmal geſtattet. Auf Ihre Beachtung, mein Fräulein, habe ich nie Anſpruch erheben können — wohl aber will und muß ich es auf Ihre Achtung, und deshalb frage ich, ehe ich aus Ihrem Geſichtskreiſe ſcheide: womit verdiente ich, in dieſer Weiſe von Ihnen behandelt zu werden?“ Eugenie athmete raſch; tief betroffen ſchien ſie nach Worten zu ſuchen, die ſich endlich mit ſeltſamem beben⸗ dem Tone losrangen:„Sie haben mich mißverſtanden, ganz, völlig mißverſtanden! Wie hätte ich je daran denken können, Ihnen ſetwas an den Tag zu legen, das der Geringſchätzung gliche— Ihnen, dem ich— — dem ich Dank ſchulde! Und doch— doch darf ich Ihnen nicht widerſprechen, denn es iſt wahr, ich ſcheute jede Berührung mit Ihnen, floh Sie ſogar! Aber nicht, um Sie zu kränken, Sie gar ſtrafen zu wollen, nein, Eckhardt, nein! Es war nur—— ich kann dieſe Er⸗ innerung nicht ertragen!“ „Sie haben ihn alſo nicht vergeſſen!“ loderte es gleich einer Flamme aus Eckhardt's Bruſt empor. Es war einer jener ſturmwindartigen Momente, Godin, Frauenliebe und Leben. V. 11 wo jede Beherrſchung aufhört. Eugenie wußte plötzlich, was ſie bisher nur zuweilen geahnt, daß hier ein zer⸗ malmtes Herz zu ihren Füßen zitterte! Sie ſtand wie eingewurzelt, die Spitze ihres Sonnenſchirms bohrte ſich zwiſchen die Flechten des Bodens, dann hob ſie das tiefe Auge und richtete es mit wunderbarem, wie aus weiter Ferne zurückkehrendem Ausdruck auf Eck⸗ hardt.„Vergeben Sie mir!“ ſagte ſie leiſe, indem ſie ihm die Hand entgegenbot.„Innerlich einwilligen, iſt ja wohl die große Lehre des Lebens— ich glaube, wir Beide haben ſie ſchon geübt. Vergeſſen iſt ſchwer. Gott ſei mit Ihnen!“ Eckhardt empfand den leiſen Druck der Hand, die ſich aus der ſeinigen löſte; er verſtand ihn als Abſchied. Noch einmal blickte er in die unvergeßlichen Augen, dann verneigte er ſich ſchweigend und ſchlug den Pfad abwärts ein. In Sinnen tief verloren, folgte Eugenie langſam der übrigen, bereits auf dem Gipfel angelangten Ge⸗ ſellſchaft. Daß ſie allein erſchien, ſetzte nur wenig in Verwunderung, da Eckhardt bereits, als er ſich den Spaziergängern anſchloß, geäußert hatte, der ganzen Garniſon ſei bedeutet, ſich an den näheren Umkreis der Stadt zu binden. Als ſie ſich den im Säulentem⸗ pel Verſammelten geſellte, ruhten alle Blicke gefeſſelt 163 auf der wundervollen Fernſicht, deren Linien der klare Sommerabend in voller Reinheit zeichnete. Das goldene Mainz ſchien ſo nahe gerückt, daß man glaubte, die Häuſer zählen zu können, Darmſtadts Thürme hoben ſich ſchlank und deutlich vom blauen Himmel ab und die untergehende Sonne goß Verklärung über das ſchöne Thal und Naſſaus maleriſche Hauptſtadt. Bläulich grüßten die Bergketten des Taunus und des Odenwaldes zum Rhein hernieder, der, ein Silberſtreif, die geſegneten Fluren und Weingelände durchſchnitt. Es war ein Bild lachenden Friedens; um ſo ſchnei⸗ dender wirkte das Bewußtſein des Gegenſatzes zwiſchen der heute noch ſo ſchönheitserfüllten Gegenwart und der in kurzen Wochen, vielleicht ſchon in Tagen herein⸗ drohenden Zukunft. Mit dunkler Schwinge konnte ſich Tod und Verwüſtung nur zu bald über dieſe im Son⸗ nenglanze gebadete Landſchaft niederſenken——! Walte Gott!— Die durch die Mittheilung des jungen Officiers neuaufgeregte Empfindung der bedrückenden Weltlage breitete ſich gleich einer ſchweren Wolke über die Stimmung Aller; ſelbſt das jüngſte, ſorgloſeſte Mädchenherz ſchlug banger im Gedanken an den Bruder, den Verwandten, den Freund des Hauſes, der mit der Waffe in der Haud vielleicht ſchon morgen, übermorgen ausziehen ſollte, der Kugel des Feindes zu begegnen. 11* Und bald wurden die Gedanken zu Worten! Unruhe, die keinen Genuß an beſchaulicher Raſt vergönnte, er⸗ griff in ſteigendem Unbehagen den kleinen Kreis und veranlaßte ſchon nach einer Stunde zum Aufbruch. Je näher die Heimkehrenden kamen, deſto mehr fiel ihnen im Umkreiſe der Stadt eine eigenthümlich wogende Bewegung auf. Ein Trupp Studenten zog des Weges, ihre glühenden Geſichter voll Erregung; im Chorgeſang ließen die friſchen Stimmen begeiſtert jene Worte ertönen, die ſich nach wenigen Wochen als voller Klang der Leier überall dem deutſchen Schwert geſellen ſollten:„Lieb' Vaterland, kannſt ruhig ſein!“ In der Stadt flutheten Menſchen jedes Alters und Standes durch die Straßen. Die Worte des Tele⸗ gramms zu unterſcheiden, welches an den Gckplätzen angeſchlagen und von dichtgedrängten Maſſen umgeben war, blieb den Frauen unmöglich, doch drangen aus den lebhaft ſprechenden Gruppen, an denen ihr Weg ſie wieder und wieder vorüberführte, einzelne ſchlagende Worte an ihre Ohren. Hier mit knirſchendem Laut: „brusquez le roi!“ Dort mit gewichtigem Klang: „Das koſtet ihnen Elſaß!“ Mit eiligeren Schritten drängten die Frauen vor⸗ wärts, an den gefüllten Colonnaden vorüber, durch die ungewöhnlich belebte Platanenallee, dem Curhausplatze 165 zu, wo der Staatsrath ſeine Tochter in Empfang zu nehmen verſprochen. Dort ſchien die ſteigende Woge der Bewegung auf ihren Gipfelpunkt gelangt zu ſein; Säle, Veranda und Park waren voll ruheloſer Gruppen, welche ſich beſtändig löſten und immer von Neuem wieder bildeten, bald den Träger einer Uniform, bald den Vorleſer eines Druckblattes, eines Briefes zum Mittelpunkte wählend. Aus einer dieſer Gruppen trat die hohe Geſtalt Wallmoden's den Frauen entgegen und begrüßte ſie mit den Worten:„Das Heer iſt mobil!“ III. Die Saat gehtauf. Der Staatsrath hatte mit ſeiner Tochter die ſtets vollſtändig eingerichtete Stadtwohnung bezogen, um dem Mittelpunkte der vielfältigen Bewegung näher zu ſein, als dies in der Villa geboten war. Das ent⸗ feſſelte patriotiſche Leben fluthete höher und höher. Seit der Bürgermeiſter auf offenem Markte, unter freiem Himmelsgewölbe die Einmüthigkeit aller Mit⸗ bürger für die deutſche Sache angerufen und ſeine Worte bei den um ihn geſchaarten Tauſenden freu⸗ digen Widerhall gefunden, hatte ſich ein Bedürfniß opferwilliger Thätigkeit jedes Einzelnen bemächtigt. Vereine bildeten ſich; in den Familien, wie an den Sammelpunkten öffentlichen Wirkens pulſirte thatkräf⸗ tiges Leben und Treiben. Statt der entwichenen Cur⸗ gäſte und Fremden, aus deren Zahl zumeiſt nur ſolche 167 zurückgeblieben waren, die ſich aus Geſundheits⸗ oder Privatrückſichten für mehrmonatliches Verweilen ſeß⸗ haft eingerichtet, füllten ſich Straßen und Plätze mit der Menge der Einberufenen. Alles drängte ſich zur Fahne, Niemand blieb zurück, bei Alt und Jung der⸗ ſelbe Sturm der Begeiſterung, dieſelbe brennende Em⸗ pfindung für die frevelhaft angetaſtete Ehre des Königs und der Nation, derſelbe Schwur, nicht zu ruhen und zu raſten, bis Genugthuung gewonnen ſei! Aus weiter Ferne flog die deutſche Jugend zum Dienſte des Vater⸗ landes herbei. Hunderte von Familienvätern, die un⸗ gerufen erſchienen, um die arbeitsgewohnte Hand be⸗ gierig nach der Waffe auszuſtrecken, mußten auf ſpä⸗ tere Zeit verwieſen werden, da die Schaaren in un⸗ glaublich kurzer Friſt vollzählig bereit ſtanden. Mit rſchüttertem Herzen, aber klarem Blick drückte der Mann Weib und Kind an die Bruſt, vielleicht auf Nimmerwiederſehen, und brach auch die Kraft der Mütter in Thränen, ſo begehrte ſelbſt die Wittwe nicht, den Sohn zu halten— willig ließ das zuckende Herz den Liebling ziehen. Das auf Kriegsſtärke gebrachte achtzigſte Regi⸗ ment zog in der erſten Morgenfrühe von vannen. Als die Bataillone mit klingendem Spiel durch die Stadt nach dem Bahnhofe marſchirten, lehnte Eugenie an 168 der Seite ihres Vaters am Fenſter. Die ganze Straße entlang waren Fenſter und Thüren beſetzt, weiße Tü⸗ cher flatterten, hier und dort fiel aus zitternder Hand eine Blüthe, ein Zweig nieder, nachdem ein letzter, verhängnißvoller Gruß getauſcht worden. Manche jugendliche Geſtalt beugte ſich beim Nahen der Trup⸗ pen weit über die Brüſtung und verſchwand, vom ge⸗ heimen Schmerz überwältigt, vom Fenſter, ehe noch der Eine, dem ein Abſchiedswinken gelten ſollte, nahe genug kam, es zu empfangen. Manches todtblaſſe Frauengeſicht blickte thränenlos und ſtarr dem im Dufte des Morgens verſchwindenden Sohne, dem Gatten nach, manche kalte Hand preßte das heiße, gequälte Herz. Auf den Straßen aber, zur Rechten und Linken der ſcheidenden Truppen, drängte ſich Kopf an Kopf — die Heimbleibenden, die Verlaſſenen gaben ihnen das Geleite! Harmoniſch ſtimmte der Jubelruf, das Hurrah der Manner zu den Cymbeln und Pauken an der Spitze des Zuges, und doch übertönte der muthige Kampfes⸗ und Siegesklang das troſtloſe Schluchzen der Frauen und Kinder nicht, die neben dem fort⸗ ziehenden Schützer und Ernährer liefen, aus ſtrömen⸗ den Augen immer wieder nach der kräftigen Geſtalt blickend, die heute ſtatt der Pflugſchaar, des Hand⸗ werksgeräths, Wehr und Waffen führte— nach dem 169 treuen Auge, das umſonſt mit feſtem Mannesmuth die den Verlaſſenen immer neuaufſteigende Zähre zerdrückte. — Das heißt Scheiden! Eugeniens feuchter Blick ſuchte und fand Eckhardt um ſo leichter, da er als Adjutant zur Seite des Re⸗ giments⸗Commandeurs ritt. Dem Hauſe nahe gelangt, hob er den edlen, ernſten Kopf und ſenkte langſam grüßend den Degen. Der Staatsrath bog ſich über die Brüſtung und rief kräftig hinab:„Gott befohlen!“ Eugenie neigte das Haupt, ihre Wange wurde von unaufhaltſamen Thränen überſtrömt; während Ru⸗ dolph's Auge noch auf ſie geheftet war, winkte ſie mit der Hand und trat dann, ihrer Bewegung nicht mehr mächtig, vom Fenſter zurück. Troſtlos ſchluchzend begrub ſie ihr Geſicht in den Kiſſen des Sophas. Ihr war, als ging ein nie zu hei— lender Riß durch ihre Seele, die dunkle Pforte des Todes that ſich vor ihrem Geiſte auf, ſchauernd betrat ſie die Brücke zur Ewigkeit! Wer würde heimkehren von Allen, die von dannen zogen, hier— und ander⸗ wärts! Sie erbebte— in dieſem Augenblick heftete ſich ihr die ſchwere Frage nur an zwei Geſtalten! Der Eine hatte ſie verſöhnt verlaſſen— der Andere—? Ihr Herz drohte ſtill zu ſtehen. Der letzte Sang und Klang verhallte; gleich Wogen, 170 die nach dem Sturme in immer ſchwächerem Anprall gegen den Strand ſchlagen, verlief ſich die Menge auf den Straßen. Wallmoden ſchloß das Fenſter und ge⸗ ſellte ſich zu ſeiner Tochter.„Du biſt ſehr bewegt, Eugenie“, ſagte er, indem er ihre Hand erfaßte. „Willſt Du Dich nicht doch entſchließen, Wiesbaden zu verlaſſen? Noch bleibt mir Zeit, Dich aus der Pro⸗ vinz an ſichere Stätte zu bringen, Du magſft ſelbſt be⸗ ſtimmen, zu welchem unſerer entfernten Verwandten oder Freunde; an Anerbietungen hat es ja nicht ge⸗ fehlt. Daß Deutſchland in dieſem nationalen Kampfe ſiegen wird, ſteht mir außer Frage, aber wie beim Beginn des Krieges die Würfel fallen, läßt ſich nicht vorausſehen. Viele ſind überzeugt, daß der Feind in wenig Tagen über unſere Grenze, noch vor Ende des Monats vielleicht in Frankfurt und Mainz ſein wird — das bedenke!“ Eugenie ſah ihn mit den gerötheten, aber wieder klar blickenden Augen voll Ernſt an:„Und Du willſt hier bleiben, Vater?“ „Das iſt meine Pflicht“, ſagte der Staatsrath. „Und die meine!“ fiel Eugenie lebhaft ein.„Hältſt Du es für möglich, daß das einfach hohe Wort der Königin unverſtanden vor mir verhallt iſt? Was ein Krieg an Elend und Aufgaben im Gefolge bringt, iſt 474 für uns kein bloßer Begriff, lieber Vater! Wir haben es erlebt, wir haben es geſchaut— in unvergeſſener, kaum verklungener Zeit!“ „Wohl!“ ſagte Wallmoden in ſchwerem Ton. „Und damals, Vater, durfte, konnte ich Nichts thun für alle die Armen, die Leidenden! Damals hielt mich heiligere Pflicht, hielt mich die Liebe am Kranken⸗ bett der Mutter, aber ſo jung ich war, lieber Vater, ſo unerfahren und egoiſtiſch traurig, vergeſſen habe ich es doch nie, was ich in jener Zeit erfuhr von den Opfern und Leiden des Krieges. Wie könnte ich Ruhe finden in der Ferne, im feigen Sicherheitsgefühl, wenn in der Heimath alle Hände, alle Herzen thätig ſind! Nicht wahr, Du gönnſt dies auch mir?“ Mit einem leuchtenden Strahl des mächtigen, meiſt ſo düſteren Auges legte Wallmoden leiſe den Arm um ihre Schultern.„Du wählſt, wie es Dir ziemt“, ſagte er ruhig,„ich dachte Dich auch nicht ab⸗ zumahnen, nur Dir Freiheit des Entſchluſſes zu wah⸗ ren. Wirke, hilf und tröſte denn in Gottes Namen, ſo weit Deine Kraft reicht. Daß es, ſo viel als mög⸗ lich, innerhalb der Grenzen unſeres Hauſes geſchieht, wird denke ich, Dein Wunſch ſein wie der meine; es ſoll Dir ein ſo großes Feld bieten, als Du begehrſt, und daß Du frei über unſere Mittel verfügen kannſt, 172 bedarf wohl keines Wortes. Sobald die erſten Schlach⸗ ten geſchlagen, wird es hier an Verwundeten nicht fehlen; ſchon wird vielſach vorgeſorgt. Die Turnhalle, Schule und Caſerne, auch das Paulinenſtift ſollen zu Lazarethen eingerichtet werden; für Leichtverwundete wird auf Privatpflege gerechnet. Ich ſtelle Dir an⸗ heim, zu dieſem Zwecke in der Villa Vorbereitungen zu treffen. Hier im Hauſe iſt für Einquartirung wei⸗ ter zu ſorgen, wie bisher, der jungen Hausfrau wird alſo ein weites Feld der Wirkſamkeit eröffnet. Ich ſtehe natürlich mit Rath und That zu Deiner Dis⸗ poſition, ſoweit der Dienſt es mir erlaubt.“ „Der Dienſt?“ fragte Eugenie überraſcht. „Ich habe mich dem Regierungspräſidenten zur Verfügung geſtellt, und meine Wirkſamkeit iſt ange⸗ genommen worden“, ſagte Wallmoden gelaſſen, indem er das freudige Umfangen ſeiner Tochter faſt abwei⸗ ſend hinnahm;„woher Dein Erſtaunen über Selbſt⸗ verſtändliches, Eugenie? Herzog Adolph hat ſich und die Seinen dem Kriegsherrn des deutſchen Heeres zur Verfügung anheim gegeben, mit derſelben Würde, die ihn ſtets im Ertragen ſeines herben Geſchickes geleitet. Ich habe es nie verhehlt, daß mir der depoſſetirte Fürſt mein Fürſt geblieben, und ehre ihn heute mehr denn je als deutſchen Herzog, deutſchen Mann, deſſen 173 Wege ſeine alten Diener allzeit einſchlagen dürfen, denn ſie ſind von Würde und Edelmuth vorgezeichnet.“ Eugenie hob das ſchöne Angeſicht mit ſtrahlendem Ausdruck zu ihm empor und flüſterte, indem ſie ihre heiße Wange an ſeine Schulter lehnte:„Ja Friede, ſchöner Gottesfriede muß das Ende dieſes heiligen Kampfes werden, denn Friede iſt ſchon ſein Anfang!“ IV. Ein Feldpoſtbrief. Die erſten Schlachten waren geſchlagen. Von je⸗ nem Tage an, wo der Zeitungsträger zum erſten Mal mit einem Papierſtreifen um den Hut, der in Rieſen⸗ buchſtaben das Wort„Sieg“ trug, Morgens am Koch⸗ brunnen erſchienen war, wo ganz Wiesbaden wenige Stunden ſpäter der Heldengeſtalt des vom Hauptqnar⸗ tier in Mainz herübergekommenen Königs zugejauchzt hatte, folgte eine Siegesbotſchaft der andern. Die Häuſer legten den bunten Flaggenſchmuck nicht mehr ab, Glockengeläute und Böllerſchüſſe gaben jeder neuen, 1 berauſchenden Mähr weithin ſchallenden Ausdruck, und die Tauſende, welche im Sonnenlicht gejubelt, verein⸗ ten ſich im Sternenſchein auf dem Markte, um im Angeſichte des Gotteshauſes dem höchſten Lenker aller 175 Schlachten in begeiſtertem Chorgeſang dankbare Lob und Preislieder anzuſtimmen. Aber all dies Jauchzen vermochte das Stöhnen, das Schluchzen nicht zu übertönen, welches zu gleicher Zeit mit geiſterhafter Allgegenwart das Land durch⸗ klang. Schon waren in Biebrich ganze Schiffe voll Verwundeter angekommen, ſchon wußte man in Wies⸗ baden, wie hart das achtzigſte Regiment gelitten, ſah man tiefgebeugte Geſtalten im ſchwarzen Ehrenkleide einherwanken. Aus dem einen Hauſe haſtete man angſtvoll in die Ferne, um den theuren Verwundeten heimzuholen, oder doch wenigſtens Troſt und Pflege zu bringen; in dem andern harrte man mit erſtarren⸗ der Furcht von Stunde zu Stunde vergebens auf ein noch immer ausbleibendes Lebenszeichen. Die Namen der verwundeten, gefallenen Offiziere wurden raſch be⸗ kannt, die der Soldaten, der Freiwilligen ließen lange auf ſich warten, und in den höchſten, wie in den ärmſten Ständen zitterten brechende Herzen in verzweif⸗ lungsvoller Ungewißheit um ihr Theuerſtes. Täglich brachten die Bahnzüge Verwundete und Gefangene; die Lazarethe füllten ſich und ihre Ränme fingen an nicht mehr zu genügen. Unter der Leitung des Regierungsrathes Gotter ließ die Behörde die ausgedehnten Räumlichkeiten eines leerſtehenden Privat⸗ 176 hauſes zu einem von Frauen aller Stände geleiteten und bedienten Hoſpitale einrichten. Mit heiligem Ei⸗ fer ſetzte Jede, die ſich dem freiwilligen Liebesdienſt gewidmet, die ganze Summe ihrer Kraft ein. Mochte es nun gelten, mit klugem Hausfrauenblick die Thätig⸗ keit in der zur Speiſeanſtalt erweiterten Küche zu lei⸗ ten, oder im Verbandzimmer ſchaffend und ordnend zu wirken, mochte es gelten, mit Aufgebot aller geiſtigen Kraft in den von hundert Bildern des Jammers an⸗ gefüllten Sälen von Lager zu Lager zu wandeln— überall war und blieb es doch das gleiche, unermüdliche Selbſtvergeſſen, die gleiche Opferwilligkeit! Mit jener Energie, die hoher Wille verleiht, ſtählten ſich die reiz⸗ barſten Nerven gegen den ſteten Anblick herzzerreißen⸗ den Wehs, und viele bis dahin nur an Ruhe und Behagen gewöhnte Frauen ermüdeten nimmer, mit leichter Hand Wunden zu verbinden, mit frommem Troſteswort das brechende, ſehnſuchtsvoll die ferne Heimath ſuchende Auge aufzuhellen. Auch Eugenie fand und übte dieſe Kraft. In den hohen, luftigen Räumen der Villa ſtanden zwanzig Lagerſtätten vertheilt, auf denen mehr oder weniger ſchwer verwundete Soldaten der endlichen Geneſung entgegenharrten. War unter ihnen auch kein Amputir⸗ ter, kein ganz Hoffnungsloſer, ſo veranlaßte doch die 4 vorzügliche Einrichtung, welche dort zur Pflege getrof⸗ fen war, den leitenden Arzt, dieſem Aſyl namentlich ſolche Verwundete zuzuweiſen, deren Zuſtand beſondere Sorgfalt erheiſchte. Eine Diaconiſſin, von zwei Die⸗ nerinnen des Hauſes unterſtützt, übte die eigentliche Krankenpflege, der ſich Eugenie, von ihr unterwieſen, nur in einzelnen Fällen perſönlich widmete, denn die Zeit der jungen Hausfrau war durch Leitung des Ganzen vielfach in Anſpruch genommen. Doch gab es beſtimmte Stunden, von deren Einhalten Eugenie ſich durch Nichts abhalten ließ; ſtets war ſie bei Verthei⸗ lung der ſorgſam zubereiteten Mahlzeiten, ſtets zur Stunde der ärztlichen Beſuche anweſend, trug überhaupt den ganzen Reichthum ihres eigenſten Weſen auf die Sorge für Wohlergehen und Tröſtung ihrer Kranken über. So oft die anmuthige Geſtalt bei ihren Pflegebe⸗ fohlenen eintrat, wandten ſich ihr alle Augen aufleuch⸗ tend zu, denn für Jeden brachte ſie das wohlthuende Wort, den erquickenden, freundlichen Blick und meiſt für Einen unter ihnen eine beſondere Gabe, deren Empfang mit um ſo neidloſerer Freude von den An⸗ deren miterlebt wurde, als morgen die Reihe froher Ueberraſchung an einen Zweiten kam. War es nun ein Brief aus der Heimath, den ſie frohlockend an's Godin, Frauenliebe und Leben. V. 12 178 Lager des Sehnſuchtsvollen trug, war es ein illuſtrirtes Blatt, eine friſche Roſe, eine ſaftige Frucht, deren Ge⸗ nuß der Arzt ausnahmsweiſe geſtattet— das Kleinſte wurde gereicht und empfangen mit dem reinen Gefühl doppelter Freude. Heute brachte ſie dem blutjungen Füſilier ein buntes Shawlchen, das er voll Stolz um den Hals ſchlang, da es ihm als ſelbſtgeſtrickt bezeich⸗ net wurde, morgen dem bärtigen Landwehrmann ein Kiſtchen mit Spielzeug, an deſſen Theilen die vorher abgefragten Namen ſeiner kleinen Kinder befeſtigt wa⸗ ren, um es nun eigenhändig mit der Adreſſe zu ver⸗ ſehen. Jetzt erklärte ſie mit heiterem Lächeln ein hu⸗ moriſtiſches Kriegsbild, dann ſaß ſie am kleinen Tiſche neben dem Bett, die Feder in der Hand, und ließ ſich mit ſanftem Aufblick den Brief in das heimathliche Dorf dictiren. Wenn die weiße Mädchenhand leiſe, wie kühlender Windhauch über die fieberheiße Stirn ſtrich, wurde der Stöhnende ruhiger und die von der⸗ ſelben Hand gereichte Limonade erfriſchte mehr als vorher. Hier ein Kiſſen höher rückend, dort ein mit⸗ leidig tröſtendes Wort ſpendend, überall empfangen wie ein auf's dunkle Lager fallender Sonnenſtrahl, glitt das holde Bild der Barmherzigkeit von Bett zu Bett, das Herz erſchüttert, vom tiefſten Ernſte durch⸗ haucht, und doch von einem Gefühl der Erhebung ge⸗ 179 tragen, welches Kraft zum Miterleben der ſchweren Leiden verlieh. Zum erſten Male empfing das in abgeſchloſſenem Kreiſe aufgewachſene Mädchen einen Begriff von dem natürlichen Adel der Nation, welcher ſie angehörte⸗ Faſt mit Ehrfurcht ſtaunte ſie die geiſtige Kraft, den moraliſchen Muth an, womit von einfachen Männern des Volkes die quälendſten Schmerzen erlitten, die härteſten Geduldsproben ertragen wurden. Das ange⸗ borene, dem eigenen reinen, kraftvollen Sinne entſproſ⸗ ſene Schicklichkeitsgefühl, die warme, für den kleinſten Beiſtand geäußerte Dankbarkeit, die tiefe Liebe zu Hei⸗ math, Weib und Kind, welche ſich in hundert rühren⸗ den Zügen äußerte, ergriff ihr Herz täglich von Neuem und flößte ihr höheren Stolz ein, eine Deutſche zu ſein und zu heißen, als alle Triumphe der Schlachten. Das Tagewerk war beendet. Der Arzt hatte ſeinen Abendbeſuch gemacht, die Kranken waren friſch verbunden, die letzte Mahlzeit vertheilt, und Eugenie zog ſich zurück, nachdem ſie den Wunſch einer guten Nacht von dankbaren Stimmen empfangen. Nun ſaß ſie ruhend am Fenſter des Balkonzimmers, deſſen Ein⸗ richtung unverändert geblieben war, und gab ſich, ehe ſie zur Stadtwohnung zurückging jenem Träumen hin, das bei körperlicher Ermüdung und geiſtiger Regſam⸗ 12* keit ſo leicht die Sinne umfängt. Was unter der drängenden Thätigkeit der letzten Wochen in ihr ver⸗ ſtummt war, trat mit plötzlichem Mahnen wieder heran — Vergangenheit! Vergangenheit! Gefährliche Erinne⸗ rungen zogen ſie an, lockten zum Verſinken, wie das Waſſer mitunter locken kann, wenn man zu lange träumend in die Wellen blickt. Wie mit einem Zau⸗ berſchlage erſtand vor ihrem Auge und Ohr jene Ab⸗ ſchiedsſcene, die, ewig unvergeſſen, in dieſen Räumen erlebt worden! Als deren erſter Jahrestag wiederkehrte, brannte die Wunde noch ſo heiß, daß ſie es kaum zu ertragen gemeint— vor Kurzem hatte ſich der Tag zum zweiten Male erneut und, verdrängt von tauſend Pflich⸗ ten und Sorgen, nicht einmal ihr Gedächtniß berührt. Warum nun heute? Warum ewig wieder der Blick dieſer Augen, der Klang dieſer Stimme, die vielleicht jenes Ta⸗ ges längſt vergeſſen, oder doch, wenn Erinnerung leben⸗ dig geblieben, der Abſchiedsſtunde in Groll gedachten?! Heiße Gluth brannte auf Stirn und Wange, haſtig, als wollte ſie fliehen, erhob ſie ſich und griff nach Hut und Schirm. Ehe ſie aber noch das Zimmer verlaſſen, öffnete ſich die Thür und mit ſoldatiſchem Schritt trat eine Ordonanz des Etappenbureaus ein, ſtellte ſich kerzengerade vor ihr auf und überreichte ihr einige Briefe. Dieſe Erſcheinung bot nichts Ungewöhn⸗ 181 liches, da faſt täglich ein oder der andere Feldpoſtbrief für ihre Pflegebefohlenen abgegeben wurde. Mit lei⸗ ſem Bedauern, daß ihr nicht vergönnt war, noch heute Freudenbringer zu ſein, öffnete ſie, nachdem die Ordo⸗ nanz gegangen, ihr Pult, um die Briefe bis zum näch⸗ ſten Morgen zu verwahren. Während ſie dieſelben durch ihre Finger gleiten ließ, um zu ſehen, welche Adreſſen ſie trugen, fuhr ſie plötzlich zuſammen. Unter den unſcheinbaren Couverts ſchimmerte eines hervor, das, von feſter charaktervoller Männerhand beſchrieben, ihren eigenen Namen trug. Die Schriftzüge waren ihr fremd; gleich den übrigen Schreiben war auch die⸗ ſes mit der Bezeichnung:„Feldpoſtbrief“, und dem gleichen Stempel, ohne Ortsbezeichnung, verſehen. Der Name des Abſenders fehlte. Zögernd wog Eugenie den Brief in der bebenden Hand; er ſchien mehr zu umſchließen als nur ein be⸗ ſchriebenes Blatt. Endlich erbrach ſie das mit einem einfachen Genfer Kreuze bezeichnete Siegel. Aus dem loſen Bogen, welchen ſie hervorzog, fiel ihr ein Oran⸗ genzweig entgegen, die Blätter friſch, wie eben gepflückt, die zarten Blüthen welk, aber vom ſüßeſten Duft durch⸗ drungen. Blaß wie dieſe Blüthen ſtarrte Eugenie das Briefblättchen an; es trug nichts als ein Datum— das des unvergeßlichſten Tages ihres Lebens! —y —— V. Vor Sedan. Schwül und ſternenlos breitete ſich die letzte Nacht des Auguſt über die weiten, von der Maas durchſchnittenen Thalflächen aus. Zur Rechten und Linken des Fluſſes hatten ſich Tags über zwei Armeen nordwärts bewegt, die vom Kronprinzen von Sachſen geführte öſtlich, jene des Kronprinzen von Preußen weſtlich des Stromes. Mit einbrechender Nacht hatte letztere ihre Bivou⸗ acs bezogen, deren vorderſte Ausläufer ſich faſt bis zum Dorfe Vendreſſe erſtreckten. Mitunter blitzte ein Wetterleuchten auf, als wollte es die Wachtfeuer grü⸗ ßen, welche meilenweit hin aufflackerten. Um dieſelben her lagerten die Mannſchaften vor brodelnden Kochge⸗ ſchirren; fröhlicher Lärm und allerlei Kurzweil tönten 183 aus den beweglichen Gruppen. In gemeſſenen Entfer⸗ nungen ſtanden gewaltige Pyramiden aus Gewehren, die Helme auf den Bajonetten, die Riemen der Patron⸗ taſchen um die Schäfte geſchlungen, lange Reihen von Laubhütten und Zelten dazwiſchen, hier und da ſogar eine von den Pionniren raſch zuſammengeſchlagene Bretterbude. Da die Nacht erſt vor Kurzem hereinge⸗ brochen, war noch überall Leben; dennoch blieb der allgemeine Eindruck der einer gebundenen Stille, die jeden Laut einzeln unterſcheiden ließ. Vom Ufer her ertönte Pferdegetrappel; ein Ca⸗ vallerieoffizier ritt an der Spitze einer Patrouille quer⸗ feldein, dem Lager zu, und befragte den nächſten Poſten nach der Richtung, in welcher das Standquartier des Generals von Gersdorff aufzuſuchen wäre. Dann ſprengte er weiter durch die Zelte, hier und dort an⸗ haltend, bis er das Lager des elften Armeecorps ge⸗ wonnen hatte. Im Helldunkel blitzte die Schärpe eines Adjutan⸗ ten; der Reiter hielt an und bat um Orientirung, um eine für General von Gersdorff beſtimmte Meldung baldmöglichſt abzugeben. „Bedaure, Herr Rittmeiſter, daß eine Verzögerung von mindeſtens einer Stunde unvermeidlich“, entgeg⸗ nete eine Stimme, deren Klang ſeltſam bekannt an 184 das Ohr des Gardeoffiziers ſchlug. Zugleich trat der Sprechende einen Schritt vor, und ein Schein des nahen Wachtfeuers fiel auf ſein Geſicht.„Der Gene⸗ ral iſt augenblicklich nicht anweſend, wird aber noch vor Mitternacht in ſein Zelt zurückkehren. Iſt Ihnen gefällig, einſtweilen abzuſitzen, Herr von Triefels, und meine Begleitung zu den Cameraden anzunehmen?“ „Gern, Herr Lieutenant“, ſagte Triefels verbind⸗ lich;„ich würde Ihnen aber doppelt dankbar ſein, wenn Sie mir Ihre Begleitung vorerſt zu einer kurzen Promenade gönnen wollten, falls nichts Sie abhält; nach dem ſcharfen Ritt wäre mir ſolche Fußwande⸗ rung in Geſellſchaft eines alten Bekannten beſonders erwünſcht.“ Eckhardt verbeugte ſich, und nachdem er ſeinen Leuten Weiſung gegeben, ſchritt Triefels neben ihm durch die Zeltreihen. Der Pfad war dämmerig, faſt dunkel, kein Lüftchen regte ſich; hin und wieder blin⸗ zelte ein einzelner Stern wie verloren zwiſchen den Wolkenmaſſen. Hörbar klangen die Schritte der beiden Offiziere durch die Nachtſtille; mitunter klirrten die Sporen der ſchweren Reiterſtiefel dazwiſchen. „Darf man fragen, welcher Anlaß Sie über die Maas geführt, Herr Camerad?“ fragte Eckhardt nach geraumer Pauſe. 185 „Soweit er mir bekannt, gewiß“, antwortete Trie⸗ fels;„die Depeſche, welche ich überbringe, bezieht ſich auf Marſchbewegungen der nächſten Tage. So viel man vernimmt, wird unſere Armee öſtlich der Maas vorgehen und den Weg zwiſchen dem Fluſſe und der belgiſchen Grenze ſperren; bis wir beiderſeits die nörd⸗ liche Spitze erreicht, ſoll Fühlung mit der Ihrigen er⸗ halten bleiben.“ Wieder ſchritten Beide ſchweigend vorwärts. „Sind Sie in brieflicher Verbindung mit Ihrem Garniſonsorte?“ fragte Triefels plötzlich. „Ja.“ „Und wie geht es—— erfuhren Sie Neueres über die Familie Wallmoden?“ Eckhardt blieb unwillkürlich ſtehen, wie feſtgemau⸗ ert. Sein Blick bohrte ſich durch das Dunkel in den ſeines Begleiters. Er antwortete nicht. „Sie begreifen, Herr Lieutenant, daß dieſes Thema einmal zwiſchen uns zur Sprache kommen muß, je früher, deſto beſſer“, ſagte Triefels mit Nachdruck. „Ein Zweifel über die Vorgänge, wobei wir han⸗ delnde Rollen geſpielt, iſt uns Beiden ſchwerlich ge⸗ blieben. Vielleicht hat es Sie überraſcht, daß ich da⸗ mals abreiſte, ohne Sie— aufzuſuchen.“ „Es hat mich überraſcht.“ 186 „Wirklich!— In dieſem Falle unterſchätzen Sie mich mehr, als ich erwartete. Ich habe mir, Ihnen gegenüber, gleichen Vorwurf nicht zu machen, denn ich ließ Ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Sie haben ge⸗ handelt, wie es Ihnen ziemte. Ich gleichfalls. Was bedeutet ſogenannte Genugthuung, einem Rieſenverluſte gegenüber! Ueberdies ſcheint mir ein Duell, bei dem der Fordernde ſich als Schuldiger fühlt, nicht von größerem Werth, als die ohnmächtige Thräne eines Wei⸗ bes, die zuletzt nur auf ihre eigene Wange zurückfällt.“ „Sie ehren mich durch ein Vertrauen, das ich nur mit der Verſicherung erwidern kann, daß ich Ihre Auffaſſung verſtehe und theile“, entgegnete Eckhardt in zurückhaltendem, aber weniger kaltem Tone als bisher. „Und würden Sie ſich jetzt dazu verſtehen, mir einige Fragen zu beantworten?“ fragte Triefels raſch. „Dann bitte ich, mir einen Rückblick zu geſtatten. Waren meine Schritte den Cameraden gegenüber von dauerndem Erfolge? iſt jenes— Tiſchgeſpräch im Naſſauer Hofe nicht in weiteren Kreiſen bekannt ge⸗ worden?“ „Darüber kann ich Sie beruhigen. Man mag hin und wieder geflüſtert haben, laut wurde Nichts; jedes auftauchende Gerücht verklang, ehe es Boden gewonnen; allerdings mehr, als zu erwarten ſtand.“ 187 Triefels runzelte leicht die Stirn.„Ich hatte mir Stillſchweigen nachdrücklich erbeten und— nicht in allen Fällen verzichte ich auf Ausgleich durch die Waffe! Nun zur Gegenwart— wie geht es bei Wall⸗ modens?“ „Der Staatsrath iſt neuerdings wieder amtlich thätig. Daß Fräulein Eugenie noch im vöäterlichen Hauſe lebt, iſt Ihnen vielleicht bekannt“, ſagte Eckhardt mit Ueberwindung;„mein Onkel ſchreibt, daß ſie ſich mit großer Hingabe der Pflege Verwundeter widmet. Ich ſelbſt ſprach ſie kurz vor dem Ausmarſche; ſie be⸗ findet ſich wohl.“ Von Neuem ſenkte ſich Todtenſtille faſt greifbar zwiſchen die Wanderer, bis auf einmal, gleich einer Windsbraut, die Frage hervorbrach:„Hat ſie je das Vergangene gegen Sie berührt?!“ „Herr von Triefels!!“ „Sie haben Recht; entſchuldigen Sie mich“, mur⸗ melte Triefels düſter;„ſelbſt unter Freunden hat Of⸗ fenheit ihre Grenzen— geſchweige denn—“ Die jungen Männer waren, achtlos weiterſchrei⸗ tend, auf einer freien, links von Buſchwerk begrenzten Stelle angelangt. Die Wolkenmaſſen hatten begonnen, ſich zu theilen, nur in der Ferne ſprühten noch einzelne Blitze durch die Schwüle; rings wurde es lichter, der 188 Mond ſtieg auf, halbverſchleiert. Sein Strahl küßte in gebrochenem Schimmer das Laub der Büſche, die thauige Wieſe; jeder Grashalm erzitterte in weichem Lichte. Vom nächſten Poſten her klang leiſe eine me⸗ lodiſche Baritonſtimme durch tiefſte Stille: „Will mir die Hand noch reichen, Derweil ich eben lad'“— Eckhardt hielt den Schritt an; ſein abgewandtes Auge richtete ſich ernſt auf ſeinen Begleiter.„Came⸗ raden ſollten ſich in der That keine Antwort ſchuldig bleiben“, ſagte er ruhig.„Ja, Herr von Triefels, Eugenie hat über das Vergangene mit mir geſprochen; es waren die letzten Worte, die wir tauſchten. Viel⸗ leicht gilt dies heute auch für uns Beide. Wie es auch kommen mag, Sie ſollen Wahrheit hören. Ich glaubte einſt, Kämpe für das Recht ſein zu müſſen— vielleicht ward dabei ein Glück zerſtört. Vergeſſen— ſind Sie nicht!“ Triefels ergriff mit feſtem Druck die kalte Hand, welche ſich ihm raſch wieder entzog. Ohne ein weiteres Wort zu wechſeln, ſchlugen Beide den Weg zurück nach den Zelten des Hauptquartiers ein. Der Nachmittag des erſten September rückte vor. In ſiegendem Glanze ſtrahlte die den Nebelſchleiern 189 des Morgens längſt entrungene Sonne auf die Thal⸗ ſchlucht nieder, in deren Mitte die Feſtung Sedan lag, umſchloſſen von den dichtbewaldeten Ardennen. Hell ſchlängelte ſich die blitzende Maas durch üppiges Wie⸗ ſengelände. Ueber den Wipfeln der Laubwälder hingen noch einzelne Nebelſtreifen wie geiſterhaftes Geſpinnſt. Und auf den Höhen, in den Gründen hatte ſeit ſechs Uhr Morgens die verhängnißvollſte aller Schlachten gewüthet. Seit einer Stunde ſchwiegen die Batterien; im Kampfe war eine Pauſe eingetreten. Einer lebendigen Mauer gleich ſchloſſen ſich die Sieger des blutigen Tages als doppelter, dreifacher Ring um die Veſte und blickten voll wachſender Spannung nach den Wäl⸗ len, auf denen ſich die erwartete Parlamentärflagge noch immer nicht zeigte. Und doch war den Franzoſen nur noch die eine Wahl zwiſchen Ergebung und Ver⸗ nichtung geblieben. Tauſende von Gefangenen wurden in Schaaren zuſammengetrieben, Tauſende von Todten und Verwun⸗ deten bedeckten das weite Schlachtfeld— Mann und Roß, Freund und Feind in jammervoller Eintracht auf einander gehäuft. Hinter den Kampfeslinien zogen ſich ringsum die Sanitätsdetachements. In unheimlicher Geſchäftigkeit wanderten Krankenträger mit Bahren 190 und Matratzen raſtlos hin und wieder; jene leichten, auf Federn ruhenden, mit Riemen und verhängnißvol⸗ len Vorrichtungen aller Art ausgeſtatteten Fahrzeuge, mit Friſchverbundenen immer von Neuem gefüllt, roll⸗ ten in langſamer Behutſamkeit von den Verbandplätzen den nächſtgelegenen Lazarethen zu, um dann, ihrer ſtöhnenden Inſaſſen entledigt, in raſchem Trabe zu⸗ rückzukehren. Einen Schleier über die Stätten, wo blühendes Leben wider Qual und Tod ſtreitet! Eben ſprengt ein Adjutant über das Feld hin; er ſcheint in höchſter Eile; plötzlich aber reißt er ſo ſcharf den Zügel zurück, daß ſein Schimmel ſich hoch aufbäumt, ehe er ihn zum Stehen bringen und abſitzen kann. Das Pferd am Zügel, folgt er raſchen Schrit⸗ tes einer eben vorübergetragenen Bahre, auf deren Matratze ein Offizier ruht, die Augen geſchloſſen, das Haupt zurückgeſunken. Wie ein Marmorbild ſtarrt Eckhardt auf den Regungsloſen. Er faßt die ſchlaff herabhängende Hand und ruft mit dringendem Ton: „Triefels!“ Kein noch ſo leiſes Regen antwortet ihm. Während er die kalte Hand aus der ſeinen gleiten läßt, wendet er ſich zu einem der Träger:„Schwer verwundet?“— „Durch die Bruſt geſchoſſen!“— 191 Mtt einem Seufzer, der aus dem Grunde der Seele kommt, ſchwingt ſich der Offizier aufs Pferd und reitet in geſtrecktem Laufe weiter. Im nächſten Augenblicke dröhnt es von Neuem auf; der Befehl zur Beſchießung der Feſtung war an die vor den Höhen ſtehenden baieriſchen Batterien ge⸗ langt. Zündend fliegen die Granaten auf Wälle und Straßen, Alles zerſtückelnd, zertrümmernd. Jetzt lo⸗ dort ein mit Stroh gefülltes Magazin hoch auf; zu⸗ gleich mit der aus dunkelm Rauchwirbel aufſchlagenden Flamme erhebt ſich auf dem Walle der Feſtung die weiße Fahne. Wie der Sturmwind von Wipfel zu Wipfel über den Wald hinfährt, brauſte bei dieſem Anblick aus hunderttauſend Kehlen ein donnerndes Hurrah! Jauch⸗ zen und Springen, Mützenſchwenken und Helmeheben, Hochrufe für König und Vaterland blitzten, zündeten geich einem Lauffeuer durch alle Bataillone und Schwa⸗ dronen! Als Eckhardt bei ſeinem Regiment anlangte, ritt eben deſſen Commandeur vor die Front. Auf einmal wurde es todtenſtill; in kurzen, begeiſternden Worten forderte der Oberſt ſeine Truppen zum Danke gegen Gott auf. Wie durch ſympathiſche Uebereinkunft ſtimmten beide Chöre der Brigade auf denſelben Tact⸗ ſchlag den Choral an:„Nun danket Alle Gott!“ und 192 entblößten Hauptes fielen Tauſende von Kehlen in ſtrömendem Geſange ein. Die Schatten des Abends begannen ſich über die Betenden herabzuſenken. Plötzlich tauchte glühender Wiederſchein die Gruppen in helle Beleuchtung— die Flammen von Bazeilles rötheten den Himmel mit feu⸗ riger Lohe. * VI. Ein Mädchenherz. Von Novemberſtürmen geſchüttelt, ſank das bunt⸗ gefärbte Laub täglich reichlicher nieder, und die Bäume des Parkes ſtreckten ſchon öde, kahle Arme aus, als zwei Damen zur Mittagszeit deſſen Gänge durchſchritten. Noch wärmte die Sonne; zu dem ſprach und erzählte die Aeltere von Beiden mit ſo großer Lebhaftigkeit, daß Eifer in dieſem Augenblicke ihr wohl ebenſo ſehr die Wangen röthete, als die herbſtlich friſche Luft. Mitten in ihrem Vortrage unterbrach ſich die würdige Dame jedoch mit einem Male, um ihrer ſchweigſamen Begleiterin vorwurfsvoll zuzurufen:„Aber Eugenie, intereſſirt Sie denn das gar nicht?!“ Obgleich die ſtattliche Geſtalt der Präſidentin, Godin, Frauenliebe und Leben. V. 13 194 welche dieſe Worte ertönen ließ, noch immer die Hälfte des Pfades ausfüllte, finden wir doch heute ihre vollen Wangen etwas ſchmaler als dereinſt. Kein Wunder! denn unter jenen Wiesbadener Damen, welche den Frauendienſt des Krieges übten, wurde ſie in erſter Linie genannt. Freilich ſpielte dabei zuweilen ein Lä⸗ cheln mit, und die in ſolchem Zuſammenhange faſt 1 frivol klingende Behauptung Mancher, daß ſie ihr Amt 4 der Menſchenliebe con amore betreibe, war nicht ohne* harmloſe Berechtigung. Das ſtete Bedürfniß der eben⸗ ſo gutherzigen als lebensfrohen Frau, auf Andere zu wirken und ſich in ihrer Umgebung zu ſonnen, ließ ſie die ihr übertragene Leitung des Regierungslazareths mit einer Art von Leidenſchaft führen. Frei von per⸗ ſönlichen Pflichten, ging ſie in der Sorgfalt und den Intereſſen für ihr Hoſpital völlig auf und war davon ſo durchdrungen, daß ſie auch außerhalb deſſelben nicht im Stande war, ihre Gedanken auf irgend einen anderen Punkt zu richten. Wurde ihr halb ſcherzend vorgeworfen, das Knochenſplitter ihr liebſtes Thema wären, ſo begann ſie, jede Ironie arglos überhörend, ſofort eine neue Krankheitsgeſchichte. Kein Zug entging ihrer Beachtung, weder jener des Humors, der auf dem Januskopfe alles Menſchlichen auch inmitten des größ⸗ ten Elends ſeine ſchalkhaften Linien zeichnet, noch die 195 rührenden Epiſoden, welche an nahe oder ferne Fäden geknüpft, dieſen Krankenbetten mitunter ſo weihevoll nahten. Sie legte überall Hand an, wo es Noth that, griff geſchickt zu, wenn es galt, einen ſchwer Leidenden umzubetten, hielt mit ihrem ſtarken Nervenſyſteme ſelbſt bei Operationen muthig aus und war die beſte Ge⸗ hülfin des Arztes. Dabei kannte ſindie Leiden, Wünſche und Bedürfniſſe, ſelbſt die Launen jedes Einzelnen in allen Sälen, und wo immer ihr rundes mütterliches Geſicht ſich blicken ließ, konnte man ſicher ſein, zugleich Behagen und Humor auftauchen zu ſehen. Ja, es war ihr wirklich begegnet, von einem jungen Blute ganz treuherzig als„Mama“ bezeichnet zu werden, und, weit entfernt davon, dies dem gemüthlichen Rheinländer übel zu nehmen, war ſie nicht wenig ſtolz auf ihre Popularität. Nichts war ihr unbegreiflicher als ein Mangel an Enthuſiasmus, wo es dieſe Intereſſen galt, und des⸗ halb hatte ſie auch jetzt voll ſtaunenden Vorwurfs ge⸗ rufen:„Aber intereſſirt Sie denn das nicht?“ Eugeniens von der Sprecherin halb abgewandtes Profil veränderte ſeine Richtung nicht. Wie in tiefſter Zerſtreuung hingen ihre Augen auf dem welken Laube, das den Boden deckte; ſie ging vorwärts, doch glich ihre Bewegung der einer ſchreitenden Statue, ſo laut⸗ 132 196 los, ſo, man möchte ſagen, regungslos glitt die ſchöne Geſtalt dahin; Alles an ihr ſchwieg und lauſchte, nur die langen Wimpern zitterten leiſe. „Sie können doch dieſen reizenden Menſchen un⸗ möglich bis auf den Namen vergeſſen haben!“ eiferte die Präſidentin, als ſelbſt ihr Anruf keine Erwiderung fand.„Den vollendetſten Cavalier, der ſich vor ein paar Jahren ſo angelegenilich um Sie bemüht hat! Ach, denk ich an dieſe Ballnacht und ſehe ihn jetzt ſo hülflos auf dem Krankenlager, dann ſteigen mir Thrä⸗ nen in die Augen! Solch herrliches Bild friſcheſten Le⸗ bens, und nun ſeit Monaten im jammervollſten Zu⸗ ſtande; nach unſäglichen Leiden kaum dem Tode ent⸗ gangen!“ „Aber jetzt—“ ſprach Eugenie tonlos,„ſagten Sie nicht vorhin, Herr von Triefels ſei außer Gefahr?“ „Außer Lebensgefahr, ja!“ nickte die Präſidentin, „aber wie elend noch! Bedenken Sie nur, liebes Kind, was ich Ihnen eben erzählte! Viele Wochen lang im Hoſpital zu Donchery, ohne daß nur daran zu denken war, ihn zu evacuiren, und nun die Anſtrengung des Transports, von Etappe zu Etappe! Noch geſtern ſagte er mir, wie er ſich an's Ziel geſehnt, daß er ſolch Ver⸗ trauen zur hieſigen Quelle hat, und wie es ihn gequält, daß die Aerzte immer wieder tagelange Raſt gefordert, 197 ehe ſie die Weiterreiſe geſtatteten. Wir wollen ihn aber ſchon geſund pflegen! Ich bin ſehr froh, daß die Officierszimmer in der Wilhelmsheilanſtalt alle beſetzt waren und er zu uns gekommen iſt. Es freut ihn ſelbſt, er hat es mir geſagt, und ich mußte ihm täglichen Beſuch verſprechen. Ci, verſteht ſich! Von Unterhaltung iſt nun freilich nicht die Rede, die Bruſt muß noch ſehr geſchont werden, und vieles Sprechen iſt ihm unterſagt, aber man kann doch ein paar Worte wech⸗ ſeln, kann ihm Dies und Jenes zu Gefallen thun!“ „Und er wird geneſen?“ fragte das junge Mäd⸗ chen kaum hörbar. „Vollſtändig!“ erklärte die Präſidentin zuverſicht⸗ lich.„Der Arzt iſt ganz zufrieden. Alles geht gut, weit beſſer als man zuerſt erwarten konnte. Noch ei⸗ nige Wochen und wir ſehen den tapfern Helden wieder als brillanten Cavalier. Denken Sie, Eugenie, er hat nach Ihnen gefragt, wollte wiſſen, ob Sie in Wies⸗ baden anweſend wären. Ich werde ihn von Ihnen grüßen.“ Die kleine, ſelbſt durch den Handſchuh eiſig zu fühlende Hand ſpannte ſich mit heftigem Drucke um den Arm der alten Dame.„In keinem Falle“, ſagte Eugenie mit halberſtickter Stimme—„in keinem Falle!“ „Das iſt aber Prüderie, meine Liebe“, erwiderte die Präſidentin verdrießlich;„mein Gott, ein ſo ſchwa⸗ ches Zeichen der Theilnahme, wie ein Gruß iſt, kann man doch wahrlich einem alten Bekannten auf ſeinem Schmerzenslager gönnen.“ „Einem alten Bekannten, ja!“ ſagte Eugenie jetzt mit voller Herrſchaft über Ton und Blick;„aber wenn Sie bedenken, wie viel Zeit, welche Ereigniſſe zwiſchen einem längſt verklungenen Ballabend und heute liegen, ſo geben Sie mir gewiß zu, daß ein Gruß von mir Herrn von Triefels befremden müßte, wenn ihn auch das Zuſammentreffen mit Ihnen flüchtig an ſeine Tän⸗ zerin erinnert hat. Bitte alſo, laſſen Sie es lieber!“ „Wie Sie wollen“, ſchmollte die Präſidentin; „wäre ich an Ihrer Stelle, ſo ſchickte ich ihm nicht nur einen Gruß, ſondern eine Roſe, oder ſonſt etwas Zar⸗ tes, wie es dem Kranken wohl thut, einem Helden ge⸗ bührt! Aber ganz, wie Sie wollen; ich beſcheide mich ja!“ Eugenie lächelte gedankenvoll, während ſie der alten Dame in die vergebens unwilligen Ausdruck ver⸗ ſuchenden Augen blickte und ſtehen blieb, um ſich von ihr zu verabſchieden, da Beide an dem zur Villa ſich abzweigenden Pfade angelangt waren. Mit raſcher Bewegung hob ſie die Hand der Präſidentin an ihre Lippen und ſagte liebevoll:„Wer von Ihnen gepflegt und gehegt wird bedarf Nichts von außen!“— Verſöhnt 199 und befriedigt blickte die gute Frau der lieblichen Ge⸗ ſtalt nach, die im Hauſe verſchwand, und ſetzte mit Ruhe ihren Weg nach der Stadt fort, nicht ahnend, welchen Sturm ihre Mittheilung im Innerſten ihrer jungen Freundin zuüückgelaſſen. Er war hier! in ihrer Nähe! Verwundet— ſeit Monaten von Schmerzen gequält!— ſo nahe war ihm der Tod geweſen, daß eine Linie tiefer ſein Herz für ewig ſtill ſtehen ließ— das Herz welches ſie ſo ſtreng von ſich gewieſen!— Heute kämpfte ſie nicht mehr gegen das ihre! Jeder Pulsſchlag flog dem Geliebten zu, ſie wog weder eine Schuld, noch dachte ſie an Ver⸗ geben; nur ein Bewußtſein war kraftvoll lebendig: ſie fühlte ſich die Seine! Niemals hatte ſie dem Erlebten freiwillig nachgehangen, es immer von Neuem faſt ge⸗ waltſam von ſich geſcheucht und doch empfunden, daß Erinnerung gleich einer ewigen Lampe im tiefſten Schacht ihrer Seele glühte. Eugenien war zu Mutho, als ſei ein Reif gelöſt, der gewaltige Kräfte gefeſſelt— und ſie irrte nicht, denn die höchſte Kraft ihrer Natur war Treue! Ihr ſtets zu den Höhen des Lebens ſtrebendes Weſen hatte unter dem langen Widerſtreite des Nichtwollens und doch Müſſens unendlich gelitten, jetzt hob befreites Be⸗ wußtſein ſie plötzlich weit über Kampf und Streit. 200 Zugleich aber pochten die verzärtelten Kinder der Liebe, Sehnſucht und Erbarmen, mit mächtiger Stimme an ihr Innerſtes! Seit dem Empfang jener Blüthen wußte ſie daß ihr Bild unerloſchen in Triefels' Seele lebte — durfte, mußte ſie nicht jetzt durch ein ähnliches ſtum⸗ mes Zeichen, das ihrer Frauenwürde nichts vergab, Licht über ſein Schmerzenslager gießen? Alle die Ge⸗ ſtalten, welchen ihre Hand ſeit Monaten Tröſtung ge⸗ reicht, all die Leiden, welche ſie geſchaut und mitempfun⸗ den, verkörperten ſich ihr zu dem einen Bilde, deſſen ſehnſüchtige Augen ſie anzuflehen ſchienen:„Einen Tro⸗ pfen Deines ſüßen Troſtes!“ Und doch klang durch all das Locken und Drängen die gleiche Empfindung tiefſter Scheu, welche ſie den Gruß durch eine Dritte hatte verweigern laſſen, gleich dem Refrain jenes alten Liedes:„Sei ſtill, mein Herz!“ VII. Weihnacht im Lazareth. „Gehen Sie ſchon?“ fragte Triefels bedauernd, als die Präſidentin ſich nach kurzem Morgenbeſuch er⸗ hob. Das Zimmer worin der Kranke gebettet, war nicht eben geräumig, aber hoch; es erſchien luftig, da ein dreitheiliges Fenſter, welches faſt die ganze Breite der Front einnahm, ein großes Stück Himmelblau zeigte und den vollen Strahl der heiteren Winterſonne einließ. Ein kleiner, mit Mappen, Büchern und Zei⸗ tungen beſetzter Tiſch war dicht an das Lager gerückt; —q—— an der Wand gegenüber ſtand auf der Commode ein mit ſilbernen und goldenen Nüſſen, blitzenden Glas⸗ kugeln und allerlei militäriſchen Emblemen aus Zucker⸗ werk reichbehangenes Weihnachtsbäumchen. „O, die Zeit wird Ihnen nicht lang werden. Sie — 202 bekommen ſicher viel Feiertagsbeſuch“, tröſtete die gute Dame.„Ich muß aber durchaus hinüber, es giebt heute alle Hände voll zu thun für die Weih⸗ nachtsbeſcheerung!“ „Bekommt Jeder ein Bäumchen?“ lächelte Triefels, indem er mit einem Blick auf die kleine Tanne dank⸗ bar ihre Hand an die Lippen zog. „Jeder freilich nicht!“ entgegnete ſie geſchmeichelt, „aber Alle zuſammen bekommen einen Baum, den größten und ſchönſten, der nur aufzutreiben war. Und ein kleines Geſchenk bekommt Jeder, ſogar die Fran⸗ zoſen! Es wird wunderſchön; ich freue mich wie ein Kind darauf! Die guten Leutchen werden ſo vergnügt ſein!“ Triefels ſtreifte mit dem müden Blicke des Gefan⸗ genen die engen Wände ſeines Zimmers.„Könnte man dabei ſein!“ äußerte er mit einem leichten Seufzer. „Ei, warum denn nicht!“ rief die Präſidentin eifrig.„Nichts leichter, wenn Ihnen das Freude macht! Vier oder fünf der Leute werden mit Erlaubniß des Doctors ſammt ihren Betten in den großen Saal ge⸗ tragen, um der Beſcheerung beizuwohnen; gewiß hat er nichts dagegen, wenn man auch Ihr Bett ſachte hinüberbringt, der Weg führt ja nur die paar Schritte 203 über den Corridor. Ein prächtiger Gedanke! nun freue ich mich noch einmal ſo ſehr!“ Triefels ſchüttelte den Kopf:„Es war ja nur ein Einfall.“ „Aber ein guter!“ eiferte die lebhafte Frau,„und er muß ausgeführt werden! Nein, Sie dürfen es mir jetzt nicht zu Leide thun, ſich anders zu beſinnen! Es wird ſolch hübſche Abwechſelung für Sie ſein, und Sie werden ſehen, wie bequem ich Ihnen Alles einrichte. Sie ſollen ſo leicht und vorſichtig wie möglich hinüber⸗ getragen werden. Auf Wiederſehen alſo, gegen Abend!“ Che Triefels nochmals einen kaum ernſtlich gemeinten Widerſpruch erhoben hatte, war ſie verſchwunden, überzeugt, ihren Lieblingspatienten heute wie immer erheitert zu haben. Zwiſchen Beiden hatte ſich in den vier Wochen, welche der Offizier im Lazarethe zugebracht, das zutrau⸗ lichſte Verhältniß herausgebildet; was aber dem Tone des Pfleglings eine ſo beſondere Wärme verlieh, ahnte die gute Präſidentin doch nicht. Wie man den Ort der Liebe liebt, ſo wird auch jede Geſtalt, die, wenn auch noch ſo paſſiv, mit theuren Erinnerungen ver⸗ knüpft iſt, dem Herzen ſympathiſch, und hier wurde die harmloſe, mittheilungsluſtige Frau ſogar zu einem Bindeglied zwiſchen Vergangenheit und Gegenwart, —n 204 welches dem ſtummen, ſchweigend immer mehr erſtar⸗ kenden Leben Klang und Ton verlieh. Für Triefel's Gewandtheit war es eine leichte Aufgabe, die Präſi⸗ dentin häufig zu einer Aeußerung, einem Bericht über Eugenie hinzuleiten, und dies geſchah ſo unmerklich, war bei der Vorliebe, welche die leichtplaudernde alte Freundin für das liebe Mädchen hegte, ſo natürlich, daß ihr ſelbſt am wenigſten auffiel, wie oft und man⸗ nigfaltig dies Thema verhandelt wurde. Längſt hatte Triefels Alles erfahren, was über Eugenie zu berichten war; ihre Liebenswürdigkeit, ihre Hingabe an die neuerdings übernommenen Pflichten, ihr hoher Sinn wurden gebührend gerühmt, aber auch ſanfter Tadel blieb nicht aus, denn nach Anſicht der Präſidentin war ſie für ihre Jugend doch gar zu ernſt, und die Conſequenz, mit der ſie jede Bewerbung um ihre Hand ablehnte, wurde als Marotte bezeichnet; es klang hier⸗ bei ſogar ein Ton von Empfindlichkeit durch, und kaum verhüllte Andeutungen ließen errathen, daß die mütterliche Freundin mit der Fürſprache für einen von ihr bevorzugten Freier ſelbſt geſcheitert war. Noch war die Geliebte alſo frei! aber ſie blieb darum nicht minder für ihn verloren! Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hoffte Triefels mit heißem Wunſche auf ein wenn auch noch ſo leiſes Zeichen der Theilnahme— es blieb aus. Er wußte, daß die Präſidentin mit Eugenie von ihm geſprochen; es er⸗ ſchien ihm ſo naheliegend, daß ſie wenigſtens einmal einen Gruß an ihn ſandte, der ihm die Möglichkeit neuer Anknüpfung gegeben hätte, aber er hoffte und harrte vergebens, und Muthloſigkeit zog erſt jetzt mit ihrer ganzen Oede in ſein Herz ein. Bis dahin hatte er noch immer an eine Zukunft geglaubt, mit jenem Rechte echten Gefühls, das ſich im Schweigen mehr noch vertieft als im Ausſprechen. Es war ein Traum, ein allzukühner Traum geweſen! Auf die Macht der einſt geweckten, einſt zugeſtandenen Liebe hatte er ge⸗ baut, und nicht einmal Theilnahme war als ſchwacher Bodenſatz zurückgeblieben. Oft verwünſchte er jetzt den glühenden Eifer, womit er den Vorſchlag des Arztes in Douchery ergriffen, ſeine Heilung in dem für Schuß⸗ wunden ſo günſtigen Wiesbaden zu vollenden; er ſehnte ſich fort, in die ferne nordiſche Heimath, zur Schweſter, die ſich nur in Rückſicht auf die Gefahren eines wei⸗ tern Transports, ſowie auf den Nutzen, welchen die Heilquelle gewährte, hatte bewegen laſſen, auf ſeine Pflege in ihrem Hauſe zu verzichten. Und nie hatte ſich dieſe Reue ſo lebhaft geregt wie geſtern, am Chriſt abende, wo er, an das einſame Lager gefeſſelt, mit geſchloſſenen Augen die jubelnden Kinderſtimmen der 206 kleinen Nichten zu hören träumte und mit der ganzen Sehnſuchtsſchwere eines verletzten Herzens nach der Heimath verlangte. Zugleich mit den Kerzen des Chriſt⸗ bäumchens, das ihm die mütterliche Hand der Präſiden⸗ tin beſcheert, war ihm die letzte, kaum ſich ſelbſtgeſtan⸗ dene Hoffnung erloſchen. Die trüben Gedanken wichen nicht von ihm, auch heute nicht, trotz der fröhlichen Weihnachtsglocken, die den Feſtmorgen eingeläutet, trotz des lachenden Son⸗ nenſcheins, der die von Haus eingetroffenen Liebesga⸗ ben beleuchtete, und Arno war der in Ausſicht ſtehen⸗ den Zerſtreuung wirklich froh, als bald nach Dunkel⸗ werden vier Träger anlangten und ihn unter der Auf⸗ ſicht einer Pflegerin vorſichtig ſammt dem Bette in den großen Saal hinübertrugen. Dort ſtand die Prä⸗ ſidentin ſchon zu ſeinem Empfange an der Schwelle bereit und wies die Leute an, ſein Lager an die Mitte der langen Seitenwand zu ſtellen, wo ſich die beſte Ueberſicht des Ganzen bot. Intereſſirt umfaßte ſein Blick das geſtaltenreiche Bild, welches ſich hier entwickelte. In der Mitte des großen, reich ausgeſtatteten Saales, welcher zu ande⸗ ren Zeiten glänzende Geſellſchaft zu vereinigen pflegte, ſtand auf einem Tiſche der mit Lichterglanz übergoſſene, über und über geſchmückte Weihnachtsbaum. Zur Rechten und Linken deſſelben ſenkten ſich mächtige Kron⸗ leuchter von der Zimmerdecke herab, deren glitzernde Kryſtallverzierungen im Schimmer der Kerzen farbige Lichter ſprühten. Unter jedem derſelben ſtand eine lange weißgedeckte Tafel, mit Zierbäumchen beſetzt; auf der einen lagen zahlloſe Päckchen Tabak und Cigarren; die andere war mit einer Menge farbiger Tücher und Shawls, Notizbücher, Pfeifen und anderer Kleinigkeiten bedeckt, welche eben noch von jugendlichen Frauengeſtal⸗ ten beſchaut und geordnet wurden. Rings an den Wänden ſtanden Lagerſtätten, theils von ihren darauf gefeſſelten Inhabern beſetzt, theils von Geneſenden als Sitzplätze benutzt. Zwiſchen den Betten und vor denſelben drängten ſich Soldaten aller Waffengattungen, den Arm, den Kopf noch in der Binde, den Fuß im weiten Filzſchuh, von der Krücke geſtützt, Mancher das Glied entbehrend, welches die Kugel ihm entriſſen, Andere blaß und hager von lange erduldeten inneren Leiden, Dieſer gekrümmt von Gicht, Jener mit unförmlich geſchwollener Wange— Alle aber in dieſer Stunde mit dem gleichen Blicke heiterer Aufmerkſamkeit, erwartungsvollen Vergnügens, unter⸗ einander Scherzwort und fröhliches Geplauder tauſchend. 81 Eine gewiſſe Stille, die faſt gleichzeitig im ganzen Saal entſtand, lenkte Triefel's Blick dem Eingang zu. 208 Eben war der Geiſtliche angelangt und ſchritt freund⸗ lich grüßend der Hinterwand entgegen, um von dort aus kurze, ſchlichte Worte an die lauſchenden Krieger zu richten. Es waren nur wenige Sätze und Gedan⸗- ken und ſie fanden den einfachſten Ausdruck— dennoch wurden faſt Aller Augen feucht beim Hinweis auf den Gott der Schlachten, der manchen guten Cameraden bereits in ſein himmliſches Reich genommen, der Allen, die ſich hier zur ſchönſten heimathlichen Feier vereint, die hohe Gabe des Lichtes und des Lebens bewahrt; bei der Erinnerung an die Cameraden im Feindeslande, welche vielleicht in demſelben Augenblick ſtritten um Leben und Tod, denen keine Weihnachtskerzen friedlich leuchteten wie hier!— Lautlos ſtand Jeder, bis der Geiſtliche ſich am Schluß ſeiner herzerhebenden Worte dem in ſeiner Nähe aufgeſtellten Pianino zuwandte, mit feſtem Griff einige Accorde anſchlug und dann mit bewegtem Tone das Weihnachtslied anſtimmte: „O, du heilige, o du ſelige, wonnevolle Weihnachts⸗ zeit!“ Wie zurückgedämmte, entfeſſelte Fluth unaufhalt⸗ ſam hervorbricht, ſtrömte, brauſte der Chorgeſang gleich⸗ zeitig aus allen Kehlen und füllte den weiten Saal. Für einen Moment that ſich der Himmel auf, Weihnachtskerzen ſtrahlten überirdiſ ches Licht aus, höe — 7 209 Weihe trug alle Herzen über Zeit und Raum. Hell langen Frauen⸗ und Kinderſtimmen zwiſchen den kräf⸗ tigen Lauten der Krieger, harmoniſch wie die Empfin⸗ dung, die Alle vereinte. Triefels war, auf den rechten Arm geſtützt, den Worten und Bewegungen des Predigers aufmerkſam gefolgt; nun, beim Beginn des Geſanges, wandte er den Blick in die Tiefe des Saals zurück. Ein unwill⸗ kürlicher, ihm entſchlüpfter Laut verhallte unter dem Brauſen des Chors. An dem ſeinem Bette faſt gegen⸗ überſtehenden Mitteltiſche, wo Stühle für die anweſen⸗ den Damen aufgeſtellt waren, hatte er Eugenie erblickt. Sie mußte eben erſt eingetreten ſein, denn ſie ſaß nicht, gleich den Andern, ſondern ſtand hinter einem der Sitze. Ihre Wangen waren durchſichtig bleich; die ſchweren Locken ſielen kaum geordnet auf das ſchwarze Gewand, welches ſie trug. Während Strophe auf Strophe des Geſanges dahinrauſchte, ſtürzten im⸗ mer neue Thränen auf die leichtgefalteten Hände nie⸗ der, die ſich an die Lehne des Seſſels ſtützten. Der ſchöne Kopf war tiefgeſenkt. 3 Und tief in ſich geſenkt waren auch Eugeniens Gedanken. Gleich einem Traum wogte Alles an ihr vorüber, ihr war nicht weihnachtsfreudig zu Muthe. Seit einigen Tagen ruhte ſchwere Kunde in ihrem Her⸗ :.. 4 Godin, Frauenliebe und Leben. V. 14 210 zen und webte ſich durch all ihr Fühlen und Denken: Rudolph Eckhardt war vor dem Mont⸗Avron gefallen, und die Beſtätigung der Nachricht durch Gotter an ſie gelangt. Wie mächtig dieſe Botſchaft an ihrem Inner⸗ ſten gerüttelt, kam ihr ſelbſt erſt allmählig zum Bewußt⸗ ſein. Während ſie in der Einſamkeit ihres Zimmers weinte und betete wie auf einem Grabe, entrang ſich der Trauer ein Entſchluß, der ohnedies wohl noch langer Kämpfe bedurft hätte. Das junge Herz, deſſen Hingebung ſie erſt in der letzten Stunde erkannt, dem ſie durch ihr Abwenden ſo namenlos weh gethan, war ſtumm geworden— kein Blick, kein Wort vermochte fortan gutzumachen, was es um ſie, durch ſie gelitten! Ein anderes Herz aber, ihr mit gleicher Treue ergeben, ſchlug noch dem Leben, der Zukunft, und auch dies ließ ſie leiden, durch gleiches Abwenden leiden, nur— weil Stolz und weibliche Scheu dem eigenen Wunſche des Verge⸗ bens und Gewährens den Sieg nicht gönnen wollten! Tief blickte Eugenie in die Gründe ihrer erſchütterten Seele hinab! Unter dem Geläute der Weihnachtsglocken ward der letzte Kampf durchgerungen— dem Lebenden gerecht zu werden, erſchien ihrer hochgeſpannten Empfin⸗ dung zugleich als Sühne für den Todten. Die letzte Strophe des Weihnachtsliedes verhallte. 211 Eugenie erhob den Kopf und ließ ihren träumeriſchen Blick durch den Saal irren. War es magnetiſche Gewalt, die ihr Auge plötzlich mit jenem andern zu⸗ ſammentreffen ließ, das an ihr hing, als gälte es Tod oder Leben? Sie ſenkte es nicht; leuchtend, tief, uner⸗ meßlich tief ruhten über den Raum hinweg, der ſie trennte, die Augen ineinander. Nur für einen Moment. Dann ſchob ſich durch den Saal fluthende allgemeine Bewegung als Schranke vor das ſtummberedte Er⸗ kennen. Unter Anführung der Präſidentin, deren füllreiche Geſtalt in wunderbarer Beweglichkeit bald hierhin, bald dorthin kugelte, begann die Vertheilung der Ge⸗ ſchenke. Ein Schwarm junger Mädchen, theils zum heutigen Feſte geladen, theils Pflegerinnen des Hauſes, trug all die kleinen Gaben gleichzeitig in verſchiedene Richtung und theilte mit lächelnder Freude den Weih⸗ nachtsgruß in all die heiter dargeſtreckten Hände aus. Eugenie hatte an einem der Tiſche Poſten genommen und reichte den hin und wieder Schwärmenden uner⸗ müdlich die Geſchenke zu. Schon war das Meiſte ausgetheilt, als die Präſidentin zu ihr kam und bittend ſagte:„Nun Eugenichen, heute müſſen Sie lieb und gut ſein und mir auch einmal einen Gefallen thun! Ja? Bringen Sie meinem armen Triefels ein Geſchenk! 14* —— was Sie wollen, ein Pfeifchen oder ein Notizbuch, nur damit er nicht ganz leer ausgeht! Von all den jungen Dingern will keine zu dem einzigen anweſenden Offizier hingehen, und es wäre doch nicht nett, wenn ſolch alte dicke Mutter wie ich ein Andenken an den hüb⸗ ſchen Abend brächte. Ueberdies ſind ſie die Einzige hier, die er von früher kennt; ich weiß gewiß, daß es ihn freuen würde, nicht wahr, Sie thun es mir zu Liebe?“ Eugenie nickte ſtumm, und während die Präſiden⸗ tin befriedigt weiter eilte, ſuchte ſie mit bebender Hand unter den vor ihr liegenden Kleinigkeiten herum, ohne zur Wahl zu kommen. Unſchlüſſig blickte ſie vor ſich hin; da ſtreifte ihr Auge die zwiſchen den Sachen ſtehenden Ziergewächſe. Purpur flatterte über ihr Ge⸗ ſicht. Sie neigte ſich haſtig vor und brach von einem der Bäumchen einen grünen Zweig. Dann blieb ſie regungslos ſtehen. Im nächſten Augenblick jedoch ſchritt ſie langſam und ruhig, mit gewohnter Anmuth um den Tiſch, nach der andern Seite des Saales hinüber und ſtand an Triefels Lager. Er hatte ihre ihm durch den Weihnachtsbaum halb verdeckte Geſtalt während der letzten Minuten nur undeutlich unterſcheiden können, und als er ſie jetzt ſo unerwartet in ſeiner Nähe ſah, ſtockte ihm —— — 3 „ 213 Puls und Stimme. Ganz in Gluth getaucht, ſtand ſie ſtumm vor dem Schweigenden. Plötzlich hob ſie die Wimpern und ſah ihn an. Die zitternde Hand reichte ihm einen Orangen⸗ zweig. 4 5 —-——————— VIII. Dankfeſt. Im weiten deutſchen Reiche lag die Menge auf den Knieen, den Ewigen zu preiſen! Wohl hatten ſchon vor Monden allerwärts die Fahnen dem Friedens⸗ feſte geweht, war der Glocken Feierſtimme ihm erklun⸗ gen— heute aber hob ſich der Lobgeſang überall zur gleichen Stunde und millionenfältig drang das Te Deum durch alle Lande. Wo immer deutſche Zunge ſich regte, ein deutſcher Tempel ſich wölbte, trug das heilige Echo vollen Geläutes den gleichen Dankeslaut empor. Mit Blumen, den Symbolen des Friedens, ſchmückte ſich die kleinſte Waldkapelle ſo freudig wie der Hochaltar des ſtolzeſten Doms— weit über Land und Meer, im fernen Welttheil ertönte heute das hohe Lied:„Großer Gott, Dich loben wir!“ —— —y 215 Und im Palaſte der Könige, wie im Dachſtübchen des Aermſten, überall wurden Feſte gefeiert— wärmer drückte der heimkehrende Krieger Weib und Kind an's Herz, theurer als je ward ihm der heimiſche Heerd, den er mit ſeinem Blute geſchirmt. Wohl wallte manche trauernde Geſtalt geſenkten Hauptes zwiſchen all den Frohen dahin, aber wenn auch die Thräne noch ſo heiß niederſtürzte, ſo ward doch empfunden, daß heute das ſchwarze Gewand nicht nur der Trauer, auch dem Preiſe der Theuren galt, daß die brennenden Schmerzen der Wittwe, der Waiſe nicht vergebens durchgerungen wurden, daß ſich der Phönix Friede aus der Aſche der Geliebten emporge⸗ ſchwungen. Dem Boden, welchen ſie mit ihrem Blute gedüngt, war ſtolze Saat entſproſſen! Um Süd und Nord, von der Oſtſee bis zur Alpe, ſpannte der alte deutſche Volksgeiſt kraftvoll den liebenden Arm, alles Getrennte vereinend, auch die lang entriſſenen Stamm⸗ genoſſen trotz ihres ſpröden Abwendens mit dem Be⸗ wußtſein an ſich ziehend, daß über allem Gewöhnen und Entwöhnen das treue vaterländiſche Herz mit ſei⸗ nem ewigen Beſttzrechte ſteht. Die Glocken, welche das Dankfeſt des 18. Juni eingeläutet, bedeuteten einem glücklichen Paare doppelte Feier. Vor demſelben blumengeſchmückten Altar, von 246 dem aus das feierliche Loblied angeſtimmt worden, reichte Eugenie Arno Triefels die Hand zum Bunde für das Leben. Noch lag durchſcheinende Bläſſe auf den Zügen des Geneſenen, die feſte Haltung der hohen Geſtalt bewies aber, daß er ſich wieder fähig fühlte, dem liebreizenden Weſen an ſeiner Seite nicht Liebe nur, auch Schutz und Stütze zu bieten. Vielleicht lag in der Stimmung, womit Staats⸗ rath Wallmoden der Trauung beiwohnte, etwas von der Empfindung, welche wir eben noch als die des neugewonnenen Stammlandes angedeutet— die Ach⸗ tung war erobert, die unauflösliche Verbindung als Schluß und Recht des Schickſals erkannt und ange⸗ nommen; um aber das Opfer in Neigung zu wandeln, bedurfte es noch— der Zeit. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. —— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Das Thurmhätherlein. Roman aus dem Elſaß von Auguſt Becker. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 12 Mark. Roman von Zulius Groſſe. 2 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 5 Mark 25 Pf. As Ad8 Offene Wunden. Novellen von Julius Groſſe. Inhalt: Graziana.— Die neue Hagar.— Lorbeer und Myrte. 3 Bände. 80. Eleg. broch. Preis 7 Mark 50 Pf. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Johannes Scherr: Nichel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit. Dritte, neu durchgeſehene Auflage. 2 ſtarke Bände. Clegant. broſchirt 9 Mark. Die Hekreuzigte oder Das Paſſionsſpiel von Wildisbuch. Zweite Auflage. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Novellenbuch JohannesScherr. 6 Bände. Preis pro Band 4 Mark 50 Pfg. Verlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Robespierre. Geſchichtlicher Roman von Karl Wartenburg. 2 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 4 Mark 50 Pf. Wilden der Grſolll chuft. Eine Erzählung von AMlar von Schlägel. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 3 Mark. Krieg und Frieden. Novellenbuch von Levin Schücking. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 7 Mark 50 Pf. Neue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Die Türken in München. Roman von Herman Schmid. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 6 Mark. Eoncordia. 1 Eine deutſche Kaiſergeſchichte aus Bayern von 8 b Herman Schnid. 6 5 Bände. Preis 13 Mark 50 Pf. 4 —— 6 1 4 8 Verfloſſene Stunden 4 Novelle 3 von S. Junghans. 1 Band. 8o0. Elegant geheftet. Preis 2 Mark 25 Pf. S Hae. e