8 DRewenee ee rauen⸗Liebe„ Leben. Erzählungen von A. Godin. Vierter Band 5E Leipzig, Ernſt Julius Günther. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von —— eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Sceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens H jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 8. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für aoöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 3„ 2„=„„=„„.=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, ds das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Frauen⸗Liebe Leben. —.— Erzählungen von A. Godin. — Vierter Band. 1 ——ò———=P— eipzig, Ernſt Tulius Günther. 1876. St. Maximin. 1960. Motto: Der Einzelne, wie die Zeit, lernt aus der Vergangenheit und lehrt die Zukunft. Hirſch). Godin, Frauenliebe und Leben IV. 1 Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in Paris kehrte Robert Roͤſay gegen Ende des Jahres 1790 nach der kleinen Stadt St. Maximin zurück, zu deren angeſehenſten Familien die ſeinige zählte. Seiner längſt gehegten Abſicht folgend, etablirte er ſich dort als Ad⸗ vokat, und ſuchte in ernſten und angeſtrengten Studien Schutz gegen die beengende Einförmigkeit des äußeren Lebens, die an die Stelle einer auf die mannigfaltigſte Weiſe belebten Exiſtenz getreten war. Von den nutz⸗ loſen Anſtrengungen entmuthigt, wodurch er bisher vergebens ſeine bedeutenden Geiſtesgaben dem Intereſſe ſeines Vaterlandes zu weihen geſucht hatte, war er feſt entſchloſſen, ſich aus allen politiſchen Kämpfen und Wirren jener verhängnißvollen Zeit zurückzuziehen, und ſein jetziger Aufenthaltsort erleichterte es ihm, bei dieſem Vorſatz zu beharren. Trotz der Nähe von Marſeille, wo, wie in allen bedeutenden Städten Frank⸗ reichs, das Elend der Zeit längſt den Samen zu einer 1* 4 gewaltſamen Löſung der Verhältniſſe ausgeſtreut hatte, herrſchte in St. Maximin noch die ſelbſtſüchtige Unbe⸗ kümmertheit einer kleinen Stadt, die mit ihren eigenen Intereſſen zu ſehr beſchäftigt iſt, um an Ereigniſſen, die ſie nicht unmittelbar berühren, einen mehr als oberflächlichen Antheil zu nehmen. So war anch Ro⸗ ſay's Vater ſchon in den erſten Tagen nach ſeiner Rückkehr mit einem Plan hervorgetreten, den er an das Etabliſſement ſeines Sohnes in St. Maximin ge⸗ knüpft hatte. Er wünſchte ihn verheirathet zu ſehen und hatte bereits für ihn gewählt. Robert hörte mit halbem Lächeln dieſen Vorſchlag an; ſeine Ideen, ſeit langer Zeit faſt ausſchließlich mit folgewichtigen, öffentlichen Angelegenheiten beſchäf⸗ tigt, hatten ſich den Intereſſen des Familienlebens genug entfremdet, um ihn einen Gedanken dieſer Art als ferne liegend betrachten zu laſſen. Als jedoch ſein reger, lebhafter Geiſt nach einiger Zeit das Bedürf⸗ niß empfand, aus der Abgeſchloſſenheit ſeiner Studien heraus in die kleine Welt einzutreten, die ihm geöffnet war, fühlte er ſich von dem geiſtigen Stillſtand des Lebens, von der prätenziöſen Kleinlichkeit der er dort beſtändig begegnete, ſo unbehaglich berührt, daß der Gedanke, ſich eine Häuslichkeit zu gründen, in ihm ſelbſt auftauchte und ihm eine freundliche Seite bot. 9 Doch hatte derſelbe auch etwas Beunruhigendes für ihn, das ihn lange abhielt ihm Folge zu geben. Réèſay war ein Mann von gediegener Richtung, und ſah klar über die Anforderungen, die er an das Leben ſtellte; er hatte ſich von der Ehe einen ernſten Begriff gebildet, der mit der geſchäftsmäßigen Art und Weiſe, wie dies Verhältniß in Frankreich begründet wird, in grellem Widerſpruch ſtand, und die Betrachtung, wie ſchwer es ihm werden würde, über dieſe Schranken des Herkömmlichen hinüberzureichen, drängte ſeinen aufſteigenden Wunſch ſtets wieder in den Hintergrund. Sobald jedoch ſeine Familie bemerkte, daß der junge Mann ſich dem geſelligen Leben zugänglicher zeigte, erwachte auf's Neue der Wunſch, ihn die pro⸗ jektirte Verbindung ſchließen zu ſehen, und er wurde ſcheinbar abſichtslos mit dem jungen Mädchen, das man ihm beſtimmte, öfters zuſammengeführt. Eliſe Vaubert war ſehr jung, von anmuthiger Lebhaſtigkeit und reizender, zierlicher Schönheit. Ihr neckiſches We⸗ ſen beſchäftigte und unterhielt Robert, die Güte und Freimüthigkeit, welche auf ihrem friſchen Geſichte lag ſchien ihm die Bürgſchaft eines liebenswürdigen Cha⸗ rakters. Ohne die tieferen Saiten ſeines Gemüths zu berühren zog ſie ihn an; nach und nach ward er mit dem Gedanken vertraut, ſie als ſeine künftige Gattin G zu betrachten, und willigte darein, daß die nöthigen Einleitungen getroffen und der Tag der Verbindung feſtgeſetzt wurde. Die Hochzeit der beiden jungen Leute ſollte der Verlobung bald folgen, doch trat der plötz⸗ liche Tod von Robert's Vater dazwiſchen und ſchob den Zeitpunkt derſelben um einige Monate hinaus. In dieſer Zeit lernte der junge Advokat ſeine Braut näher kennen, und fand, als er ſie genauer beobachtete, daß jenes erſte Urtheil, das er ſich über ſie gebildet hatte, nicht frei von Illuſionen war. Eliſe war ein liebenswürdiges, warmherziges Kind, aber flüchtig und ſchwach bis zum Aeußerſten. Robert hatte gehofft, es würde nicht ſchwer ſein dieſen kindlichen, beweglichen Geiſt zu einer gewiſſen Feſtigkeit und zu größerem Ernſt heranzubilden; bald überzeugte er ſich aber, daß alles, was er für natürliche Unvollkom⸗ menheiten ihres Alters genommen hatte, Schwäche ihres Charakters war. Bei großer Herzensgüte war ſie doch nicht frei von einem gewiſſen Eigenſinn, und die Flüchtigkeit ihres Weſens ſo groß, daß es ihr ge⸗ radezu unmöglich ward, ſich mit irgend etwas anhal⸗ tend zu beſchäftigen. Ihre Aeußerungen waren voll Originalität und Grazie und ſie begriff raſch; was aber von ihr nicht ſogleich aufgefaßt werden konnte, Alles, was eine Arbeit des Gedankens erforderte, 6 erregte ihr unüberwindliche Langweile. Dabei war ſie leicht geneigt ſich für alle Dinge zu enthuſiasmiren, ließ aber die Eindrücke, die ſie empfing, eben ſo leicht wieder fallen. Roſay dagegen war einer jener Männer, deren Jugendlichkeit mehr im Gefühle liegt, als im Geiſte, der Gedanke eilte bei ihm ſtets der Phantaſie voraus. Er begriff nicht, wie es möglich ſei das Leben nur als Vergnügen zu betrachten, und ſein Bedürfniß zu reflektiren war ſo groß, daß er leicht in Gefahr kam, einem Charakter, dem Wille oder Fähigkeit zum Nach⸗ denken mangelten, jeden moraliſchen Halt abzubrechen. Bei ſo großer Verſchiedenheit ihrer Naturen konnte es nicht fehlen, daß zuweilen Verſtimmungen zwiſchen den Verlobten auftauchten. Eliſe, deren hübſches Ge⸗ ſicht und anmuthiges Weſen ſie zum verwöhnten Kinde ihres Kreiſes gemacht hatten, fand Roberts Benehmen gegen ſie nachläſſig und kalt, und nannte ihn oft im Grunde ihres Herzens unfreundlich. War er traurig, ſo verletzte es ſie; ſie verſtand ihn nicht, deßhalb mißlan⸗ gen ſelbſt ihre Verſuche ſich nach ihm zu richten. Ihr heiteres gutmüthiges Naturell ließ ſie allerdings mit graziöſer Freundlichkeit über ſolche Stunden des Un⸗ muths hinweggleiten, aber in Robert's Seele hinter⸗ ließen ſie einen Stachel, ein tiefes Unbehagen, das 8 ihn den Gedanken an die Zukunft nicht heiter in's Auge faſſen ließ. Dennoch machte er keinen Verſuch das Band, das er geſchloſſen hatte, zu löſen; er empfand die Bedeu⸗ tung eines gegebenen und angenommenen Wortes zu lebhaft, um an die Zurücknahme deſſelben zu denken. So gingen zwei Monate dahin. Die Ereigniſſe in Paris waren während dieſer Zeit vorwärts geſchritten, das erſte Blut war gefloſſen, und Begebenheiten wie dieſe vermochten hinreichend Robert's freudloſe Stim⸗ mung, ſo wie den Wunſch beider Familien zu recht⸗ fertigen, unter ſolchen Verhältniſſen die Verbindung des verlobten Paares noch nicht zu vollziehen. Nach einer Geſchäftsreiſe, die ihn einige Tage entfernt gehalten hatte, begab ſich Rèſay in das Haus ſeiner Braut, wo er heute ein ihm noch unbekanntes Glied ihrer Familie finden ſollte. Die älteſte Tochter der Madame Vaubert, vor drei Jahren an Herrn v. Doville verheirathet und ſeit etwa einem halben Jahre Wittwe, war, nachdem ſie ihre Angelegenheiten geord⸗ net und die Verwaltung der Güter dem Vormunde ihres Knaben übergeben hatte, nach St. Maximin zu⸗ rückgekehrt, um längere Zeit im Kreiſe der Ihrigen zu verleben. Als Robert eintrat, fiel ſein erſter Blick auf Frau 9 v. Doville und ihr Anblick überaſchte ihn ſo ſehr, daß er unbeweglich ſtehen blieb. Blanche Deville war groß, leicht gebaut und von außerordentlicher Anmuth der Haltung. Die edle Bil⸗ dung ihres mit dunklen Flechten geſchmückten Kopfes, die reinen Linien des Profils erinnerten an eine jener griechiſchen Cameen. Während Roͤſay ſich näherte, trat Madame Vau⸗ bert zu ihr und ſagte freundlich:„Hier, liebe Blanche, laß Dir Herrn Robert Roſay vorſtellen, den Bräuti⸗ gam unſerer Eliſe.“ Blanche ſah auf und der Ausdruck von Kälte, der auf ihren ſchönen Zügen lag, wurde auf wun⸗ derbare Art durch die Milde ihrer ſammetnen tie⸗ fen Augen verändert. Robert bebte unter dem ſanften BZlick, den ſie auf ihn richtete, während ſie ihm freund⸗ lich die Hand reichte und mit ſüßer, leiſer Stimme zu ihm ſagte:„Es wird mir nicht ſchwer, Sie als Bruder zu begrüßen, ich nehme ſchon länger Theil an Ihnen, als Sie glauben.“ „Ohne Zweifel hat mir meine ſchöne Braut dieſen gütigen Empfang vorbereitet, gnädige Frau“, erwiderte Robert.„Wie dankbar bin ich ihr dafür!“ —„Eliſe hat gewiß genug Anſprüche an Ihre Dankbarkeit, um mir nicht zu zürnen, wenn ich ihr 10 dieſen entziehe,“ entgegnete Blanche mit halbem Lächeln. „Lange ehe ich ahnen konnte Sie als Glied unſerer Familie zu begrüßen, habe ich oft, ſehr oft mit einer Perſon von Ihnen geſprochen, der Sie theuer waren, — Sie errathen daß ich von Ihrer trefflichen Mutter ſpreche! Sie müſſen wiſſen, daß die theure Frau mich täglich zu ſich rief ehe ich Maximin verließ, und ihr liebſtes Thema war ihr Sohn. Die arme Mutter hatte ſich ſchon ſo früh von Ihnen trennen müſſen!“ „Und für immer“, ſagte Robert trübe.„Ich habe ſie nicht wieder geſehen.“ —„Verzeihen Sie mir!“ ſprach Blanche herzlich, als ſie die Trauer ſeiner Züge wahrnahm.„Wie leid thut es mir, Ihnen trübe Erinnerungen geweckt zu haben. Es iſt eine unglückliche Folge langer Einſam⸗ keit, daß man ſich daran gewöhnt, ſich allen Eindrücken ohne Zögern hinzugeben. Wenn man nur ſich ſelbſt gegenüber iſt, haben wehmüthige Gedanken einen ſo tiefen Reiz, daß man ſie lieb gewinnt und vergißt, daß ſie zu Schmerzen werden, ſobald man ſie in Worte faßt und ausſpricht. Ich habe ſeit langer Zeit Nie⸗ mand um mich gehabt als meinen Knaben“, fuhr ſie fort, indem ſie über die blonden Locken eines zweijäh⸗ rigen Kindes ſtrich, das ſich an ſie drängte,„und da⸗ bei übt man ſich nur in der Freimüthigkeit.“ 11 Robert beugte ſich zu dem Knaben hinab und küßte ihn mit einem Gefühl ſeltſamer Befangenheit. „Nun, Herr Roſay“, tönte plötzlich eine helle Stimme neben ihm,„werde ich denn heute ganz ver⸗ geſſen? Schon ſeit zehn Minuten warte ich darauf, Sie mit meinem gnädigſten Lächeln für den Blumen⸗ ſtrauß zu belohnen, den Sie mir zuſchickten, und doch kommen Sie nicht? Schnell um Verzeihung gebeten, oder ich ſpreche Sie erſt los, wenn Sie den ganzen Frühling als Fürſprecher ausſenden!“ Robert führte Eliſens Hand an die Lippen und entgegnete heiter, indem er ihr eine bonbonnidère über⸗ reichte:„Zum Glück habe ich Waffen gegen Ihren Zorn bei mir, ſonſt würde ich heute ernſtlich Furcht bekommen.“ „Wirkich? Und weßhalb heute mehr als ſonſt?“ —„Weßhalb? Ci nun, Sie haben ja heute eine ganz beunruhigende Toilette gemacht. Welcher Gedanke von Ihnen, ſich gelb zu kleiden! Trotz Ihrer allerlieb⸗ ſten kleinen Bosheiten ſind Sie doch nicht genug Teu⸗ felchen, um in einer Wolke von Schwefel erſcheinen zu müſſen!“ Der Eintritt einiger Freunde des Hauſes unter⸗ brach dieſe Neckereien. Madame Vaubert, die Wittwe des vorigen Präfekten, eine angenehme und kluge Frau, 12 war der Mittelpunkt aller liebenswürdigen Perſonen, die St. Maximin bewohnten. Zwar war ſie dieſem kleinen Zirkel kein eigentlich belebendes Clement, denn ihre Richtung war ernſt und innerlich und ihr Weſen ſchweigſam, doch begleitete ſie das Urtheil und die Anſicht jedes Einzelnen mit ſtiller Aufmerkſamkeit, und verſtand es, zur rechten Zeit durch einige verſtändige Worte Irrthümer aufzuklären und gewaltſame Gedan⸗ kenſprünge zu mäßigen. Eine klare, geiſtige Atmoſphäre belebte dieſen Verein von Menſchen, die, ſo ſehr auch ihre Individualität von einander abweichen mochte, doch nie des vereinigenden Punktes eines gegenſeitigen Verſtändniſſes entbehrten. Bald kam ein lebhaftes Geſpräch in den Gang, das, wie ſo oft, auch heute wieder die allgemeinen Intereſſen der Gegenwart be⸗ rührte. „Ich habe Briefe aus Paris“, erzählte Roſay, „und leider bringen ſie wieder eine neue üble Nachricht, die ſich kaum erklären läßt. Wie Sie wiſſen, iſt die konſtituirende Verſammlung in eine geſetzgebende ver⸗⸗ wandelt worden, und nun hat man die Wiedererwäh⸗ lung der Mitglieder jener Verſammlung in dieſe ver⸗ boten. Welch unüberlegter, ſchildbürgerlicher Beſchluß!“ —„Ueberlegt genug ohne Zweifel von dem Geiſte, der ihn ausgebrütet“, fiel heftig der Reviſionsrath 13 Gerdolle ein, ein Vierziger mit ſtruppigem Haar, feu⸗ rigem Blick und lebhafter, ſtets unruhiger Geberde. „Da iſt ja Thür und Thor geöffnet, für die Jakobiner und Orleaniſten, die ſich mit ihren weltverbeſſernden Theorien an die Stelle all' der geſcheiten Männer ſetzen werden, die durch dieſen unſinnigen Beſchluß von der Berathung der Landesangelegenheiten ohne Weiteres ausgeſchloſſen ſind.“ „Wie ſchrecklich iſt bei alle dem die Lage des Kö⸗ nigs“, ſagte Blanche gedankenvoll.„Ich habe nur eine ganz ſchwankende Ueberſicht der öffentlichen Ver⸗ hältniſſe, denn außer den Zeitungen iſt von all' den brauſenden Ungewittern unſerer Zeit nichts in meine ländliche Einſamkeit gedrungen. So oft ich aber ver⸗ ſuchte aus dieſen ſo parteilichen und einander wider⸗ ſprechenden Stimmen der Gegenwart die Wahrheit herauszufinden, tauchte ſtets das troſtloſe Bild dieſes unglücklichen Mannes vor mir auf, der eine Stütze nach der andern brechen, eine Hoffnung nach der an⸗ dern untergehen ſieht und deſſen Kämpfe nur die Ar⸗ beit des Siſyphus ſind. Der arme König!“ —„Er iſt wirklich ſehr zu beklagen, dieſer arme König!“ fiel herb Doctor Maſteau ein, ein hagerer Greis mit ſcharf ausgeprägten, ſchroffen und geiſtrei⸗ chen Zügen.„Dieſer Mann ohne Kraft und Energie, ohne Einſicht und Fähigkeiten! Wer trägt die Schuld daran, daß die Stützen, die er ſich wählt, unter ihm zuſammenbrechen? Wer hieß ihn die Löſung unſerer finanziellen Kriſis dem ſtutzerhaften Necker, dem un⸗ wiſſenden Brienne übertragen? Was wird jetzt Alles hereinbrechen über unſer armes Land! Der König iſt ein machtloſer Sklave der Nationalverſammlung, der Fraktionsgeiſt der Demokratie herrſcht überall vor, in den andern Parteien iſt kein Halt und keine Einigkeit. Am Rhein rüſten ſich die Emigranten und ſchon hat die Einmiſchung der fremden Mächte in unſere Ange⸗ legenheiten begonnen. Die Anarchie wird ihren Hydra⸗ kopf erheben und bei der heutigen Unterwühlung aller Grundſätze iſt zu erwarten, daß unſere künſtlich aufge⸗ thürmten Verhältniſſe wie Kartenhäuſer umgeworfen werden. Sie ſehen mich zweifelnd an, meine Damen“, fuhr er hitziger fort.„Es ſoll mich freuen, wenn ich ein falſcher Prophet bin, aber Sie werden ſich vielleicht meiner Worte erinnern, wenn Sie nicht Haus, nicht Hof mehr haben!“ „Nun, in Gottes Namen!“ unterbrach hier Eliſe den Eiferer, indem ſie ihre kleinen zierlichen Glieder dehnte.„Wenn man uns Alles nimmt, ſo müſſen wir uns eben helfen ſo gut es geht. Ich für meinen Theil werde mich darauf verlegen, hohe Flüchtlinge zu 15 verſtecken, natürlich nur gegen angemeſſenes Hono⸗ rar!“ Es war dieß eine kleine Kriegsliſt der ſchelmiſchen Eliſe, die gar wohl wußte, daß nichts den Doctor mehr erbittern konnte, als wenn ſie in ſeine leidenſchaftlichen Ausbrüche einen ihrer kindiſchen Scherze hineinwarf, und die ſich dieſes probaten Mittels ſtets bediente, wenn die ihr ſo langweilige Politik ſich des Geſprächs bemächtigte. Wirklich verfehlte der harmloſe Scherz auch dießmal ſeine Wirkung nicht. Uebellaunig ergriff der Doctor eine der umherliegenden Broſchüren, wäh⸗ rend eine heitere junge Frau Eliſens Scherz aufnahm, und als das Hinzukommen anderer Bekannten den Kreis vergrößerte, kam eine weniger allgemeine Unter⸗ haltung in Gang. Robert wendete ſich zu Frau von Deville.„Es muß Ihnen ſeltſam erſcheinen“, ſagte er,„ſo auf ein⸗ mal aus der ruhigen Klarheit des einſamen Natur⸗ lebens in die Wirren einer kleinen Stadt geworfen zu ſein. Es koſtet wirklich einige Anſtrengung, ſich in die Anforderungen einer Menge von unbedeutenden per⸗ ſönlichen Intereſſen und Angelegenheiten zu finden, denen auszuweichen hier geradezu unmöglich iſt.“ „Noch bin ich allzu kurze Zeit hier, um dieß beur⸗ theilen zu können“, entgegnete Blanche,„aber ich muß 16 Ihnen geſtehen, daß der Gedanke an das geſellige Le⸗ ben mir eine kindiſche Furcht einflößt. Als ich Maxi⸗ min verließ, war ich ſehr jung und deßhalb dem äuße⸗ ren Leben ganz fremd. Nun habe ich beinahe vier Jahre auf dem Lande gelebt, in völliger Einſamkeit. Es koſtete mich einen großen Entſchluß, meinen ein⸗ ſiedleriſchen Gewohnheiten zu entſagen und mein liebes Neuvillers zu verlaſſen. Jeder Abſchied wird mir überhaupt ſo ſchwer! Ich weiß nicht, ob es bei mir nur ein individuelles Gefühl iſt, aber es ſcheint mir als gewinne jeder Ort, den zu verlaſſen man im Be⸗ griff ſteht, einen ganz beſonderen Reiz. Mich hat er ſelbſt bei Reiſen erfaßt; wenn ich Orte verließ, die keinen lichten Punkt einer perſönlichen Erinnerung hat⸗ ten, goß der Gedanke, von ihnen zu ſcheiden, vielleicht für immer, einen poetiſchen, eigenthümlichen Zauber über ſie aus, und weckte unbeſtimmte Unruhe.“ „Gewiß!“ fiel Robert lebhaft ein.„Auch ich habe dieſe ſeltſame Befangenheit oft empfunden, und bin mir ihrer nie lebhafter bewußt geweſen, als bei mei⸗ ner Abreiſe von Paris im vorigen Jahre. Ich hatte dort trübe, verhängnißvolle Jahre verlebt, viel Unan⸗ genehmes erlitten und keine rechte Freude dagegen ein⸗ getauſcht, keinerlei Verbindung geſchloſſen, die mich da⸗ hin gefeſſelt hätte, und dennoch wollte es mich wie — 47 mit tauſend unſichtbaren Fäden halten, als ich den beſtimmten Entſchluß gefaßt hatte, es hinter mir zu laſſen.“ —„Das iſt auch leicht erklärlich“, ſagte Blanche. „Ich denke mir, für Männer müſſe der Uebergang aus dem Leben in Paris zu dem einer ſo kleinen Stadt eine grauſame Aufgabe ſein. Wie haben Sie ſich denn darein gefunden?“ „Anfangs leichter, als für die Dauer. So ſelt⸗ ſam es klingt, muß ich Ihnen doch geſtehen, daß, was ich am meiſten und ſchwerſten vermiſſe, die äuße⸗ ren Umgebungen, die ſtumme Größe einer bedeutenden Stadt ſind. Ich habe an mir ſelbſt die Erfahrung gemacht, daß der lähmende Einfluß, den kleine Orte ſo häufig auf den Geiſt ausüben, größtentheils dem Stillſtand und den engen Verhältniſſen des Lebens im weiteren Sinne zuzuſchreiben iſt; ich meine das Leben, das uns nicht unmittelbar berührt, aber doch die At⸗ moſphäre ausmacht, die den geſonderten Exiſtenzen ihre Bedingungen ſtellt. Jeder lebendige Geiſt bedarf nicht allein innerer, ſondern auch äußerer Anregung. Bedeutende Umgebungen erzeugen ſtets Gedanken, wäh⸗ rend im ewigen Einerlei alle Kräfte ſtagniren müſſen. Ich fühle mit Beſchämung, daß die Lethargie, die hier herrſcht, auch mich ergreift, und daß die eitderhält Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 18 niſſe, die in Tagen wie die heutigen die beſten Kräfte des Geiſtes zur Thätigkeit wecken ſollten, mir mitunter wie Fremdes, nicht wie mein Eigenthum erſcheinen.“ —„Mich ängſtigen alle dieſe öffentlichen Ange⸗ legenheiten“, ſagte Frau von Déville nach einer kleinen Pauſe.„Ich habe mich früher nie um dergleichen bekümmert. So lebhaft mich in meiner erſten Jugend alle Studien, beſonders die Geſchichte, feſſelten, ſo hatte ich von Allem, was die jüngſte Vergangenheit betrifft, doch nur ganz oberflächliche und unſichere Be⸗ griffe. Als das, was man die Folge lang andauern⸗ der falſcher Zuſtände nennt, zum Ausbruch kam, war ich davon betroffen, wie von etwas Unglaublichem. Seitdem habe ich mich bemüht, den Zuſammenhang zu ergründen, und hatte mir in meinem Stillleben ein Gebäude der beſtehenden Verhältniſſe zuſammengeſetzt, das mir Alles genügend zu erklären ſchien. Seit den wenigen Tagen, die ich hier verlebt, ſind aber alle meine Ideen und Begriffe wieder auf's Neue verwirrt worden, ich kann aus dieſen widerſprechenden Mei⸗ nungen die meinige kaum wieder herausfinden, und weiß nicht mehr, was Wahrheit, was Irrthum iſt.“ „Halten Sie ſich an Ihren erſten Gedanken, Frau von Déville“, ſprach Robert mit achtungsvoller Innig⸗ keit, indem er aufſtand, um ſich zu verabſchieden.„Ein 19 reiner, klarer Geiſt trifft ſtets in allen Dingen das Richtige.“ Als Réſay ſich ſpäter in der Einſamkeit ſeines Zimmers wieder fand, vermochte er nicht, ſich von dem Gedanken an die junge Frau loszumachen. Er fühlte dunkel, daß der Zauber, den ſie ſo vom erſten Augen⸗ blick an auf ihn ausübte, eine jener Offenbarungen war, die über ein ganzes Leben entſcheiden. Wirklich lebte er von dieſem Tage an nur durch ſie, eine eigen⸗ thümliche Unruhe hielt ihn ab, ſich ihr mehr zu nähern; aber ſobald er ſie ſah, war nichts mehr für ihn da, außer ihr. Sie nur ſprechen zu hören, war für ihn eine Quelle geheimer Freude, jedes ihrer Worte ent⸗ ſprach ſeinen Sympathien, ſeinen Ideen und Grund⸗ ſätzen. Ohne aus den Schranken eines faſt fremden Benehmens gegen einander zu treten, trafen dieſe bei⸗ den gleich begabten Weſen in jedem belebenden Ein⸗ druck zuſammen, der im Geſpräch ihren Geiſt berührte. Es bedarf, um ſich zu verſtehen, keines langen Aus⸗ tauſches der Gedanken;— wer iſt nicht ſchon Men⸗ ſchen begegnet, die durch Zufälligkeiten und äußere Verhältniſſe ſeinem Leben ſtets fremd blieben, die aber in einem Augenblick geiſtiger Erhebung durch ein Wort, einen Blick Alles weckten und erſchütterten, was an keimenden, lebendigen Gedanken in ſeinem Herzen lag! 2* 20 Solchen Einfluß übte Blanche's Auge und Wort auf den jungen Advokaten. Ihre Gegenwart regte ſeinen Geiſt und ſeine Phantaſie lebhaft an; was er ſprach, was er dachte, hatte Bezug auf ſie, denn er fühlte ſich von ihr ſtets verſtanden. Sie blieb dagegen für ihn ein geheimnißvolles Räthſel. Es lag eine ſeltſame Miſchung in dem Weſen dieſer jungen Frau. Sobald ihr Geiſt angeregt wurde, war ſie von lebhafter Freimüthigkeit, und zeigte eine bewunderungswürdige Beurtheilungskraft; die Aufrich⸗ tigkeit womit ſie ſich ausſprach, war bezaubernd lie⸗ benswürdig, denn ſie ging aus einem feſten, in ſich einigen Geiſte hervor, und es ſchien als ſei es eine leichte Aufgabe, bis in den Grund dieſer klaren Seele zu ſchauen. Dennoch war Alles, was über das Reich der Gedanken hinausging, in ihr undurchdringlich ver⸗ hüllt. Réſay ſuchte oft mit glühender Neugier die Ge⸗ ſchichte ihrer Vergangenheit aus ihren Zügen zu leſen, aber nie gelang es ihm, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, womit dieß zugleich ſtolze und ſchüchterne Herz ſich umgab. Zwar trug Blanche's ſchönes Ge⸗ ſicht jenen eigenthümlichen Zug von Nachdenken, der allen denen eigen iſt, die gelitten haben; die Ruhe aber, die über ihr Benehmen, ihre Aeußerungen verbreitet d 21 4 lag, ſobald dieſelben die Saiten des Gefühls berühr⸗ ten, hemmte jeden forſchenden Gedanken. Die Welt, und das die Welt einer kleinen Stadt, hatte ſich vergebens bemüht, die Geſchichte ihrer vier⸗ jährigen Ehe zu enthüllen. Obgleich Herr von Déville als ein Mann von ſchlimmen Neigungen und ernſten Charakterfehlern gegolten, vermochte dennoch Niemand zu behaupten, daß dieſe Ehe eine unglückliche gewe⸗ ſen ſei. Die immer gleiche Ruhe der jungen Frau wurde von den Meiſten als Kälte beurtheilt. Für Jemand, der ſie mit ſo tiefem Intereſſe beobachtete, wie Robert, war ein ſolches Urtheil über ſie unmöglich; Blanche's ſchwermüthige Augen waren für ihn längſt ein Dol⸗ metſcher der Innigkeit ihres Weſens geworden. Er verlor ſich oft in Phantaſien über die Tiefen dieſes geheimnißvollen Charakters, deſſen Zauber ihn immer mächtiger feſſelte. In eben dem Maaße wuchs aber auch die Spannung ſeines Verhältniſſes zu Eliſen, und ward um ſo peinlicher, als ihre Löſung faſt un⸗ möglich ſchien. Eliſe fühlte, daß das Benehmen ihres Verlobten ihr gegenüber, nicht mehr wie ſonſt gleichgültige Freund⸗ lichkeit, ſondern ein vollſtändiges Ueberſehen geworden war. Sie vermochte nicht die Urſache dieſer Verän⸗ derung herauszufinden, denn der junge Mann benahm ſich gegen Blanche mit einer ſo großen Zurückhaltung, daß jeder unbefangene Beobachter ſie für Kälte hätte nehmen können. Hätte Eliſe ihn geliebt, ſo würde der Scharfblick dieſer Liebe ſie ohne Zweifel fähig gemacht haben zu errathen, was in dieſen beiden ihr ſo nahe⸗ ſtehenden Weſen, was in ihrer Gegenwart vorging. Dieſe flüchtigen Blicke voll Begeiſterung, dieſes Auf⸗ leuchten in Robert's Zügen, ſo oft Blanche eines jener überraſchend tiefen Worte ausſprach die ihrer Unter⸗ haltung ſtets ſo eigenthümlichen Reiz verliehen, würden in ihr einen Inſtinkt der Gefahr wachgerufen haben. Aber die Empfindung des jungen Mädchens für ihren Verlobten wurzelte mehr in der Phantaſie als im Herzen, und war überdieß durch die Gleichgültigkeit ſeines Benehmens ſchon in ihrem Entſtehen erkältet worden. So war auch jetzt mehr ihre Eitelkeit gekränkt, als ihr Herz verletzt, und wirklich gehörte Eliſens große Gutmüthigkeit dazu, ſich auch nur eine Zeit lang in Robert's Benehmen gegen ſie zu finden. Er fuhr fort, wie früher ihr die in ihrem gegenſeitigen Verhältniſſe herkömmlichen äußeren Aufmerkſamkeiten zu erzeigen, aber dieſe allein erinnerten daran, daß er ſich noch als ihren Verlobten betrachtete. Ihre niedlichen, un⸗ 23 ſchuldigen Koketterien, ihre oft ſo reizenden naiven Ein⸗ fälle prallten ſtets an der grenzenloſen Zerſtreutheit ab, die ihn meiſt an ihrer Seite überfiel. Zuweilen, wenn eines jener ernſten Geſpräche geführt ward, die durch die gereifte Bildung des Famlienkreiſes oft hervor⸗ gerufen wurden, wandte er ſich mit einer Art von Aufregung und Ungeduld an Eliſe, und verlangte auch ihr Urtheil zu hören. Das junge Mädchen, theils durch ſein Weſen eingeſchüchtert, theils von einem Ge⸗ fühle des Unbehagens in einem ihr fremden Element ergriffen, ſuchte ſich dann gewöhnlich durch einen Scherz aus den ſo neuen Anforderungen herauszuflüchten, die man an ihre ſiebzehn Jahre erhob. Solche Momente verſtimmten Robert unbeſchreiblich, er verſank in trü⸗ bes Sinnen und blickte wie Hülfe ſuchend auf Blanche. Es war natürlich, daß die arme Eliſe, die von Allem was in ihm vorging nichts begriff, ihn launenhaft und herzlos fand, von ſeiner Verſtimmung angeſteckt wurde, und im Innerſten ihrer Gedanken anfing, ſich recht herzlich vor der Verbindung mit ihm zu fürchten. Was, während das Netz dieſer heimlichen Ver⸗ ſtimmungen ſeine unſichtbaren Fäden immer beengen⸗ der um die ganze Familie zog, in Blanche vorging, vermochte Niemand aus ihrem Benehmen zu enträth⸗ ſeln. Robert, der ſie mit dem Herzen beobachtete, be⸗ 24 merkte allein, daß ſie ſtiller und bleicher war als in der erſten Zeit ihrer Anweſenheit, aber ſie benahm ſich gegen ihn mit derſelben Zurückhaltung, manchmal wollte es ihm ſogar ſcheinen mit noch mehr Kälte, als gegen alle anderen jungen Männer, die Gelegenheit hatten ſich ihr zu nähern. Zuweilen ſchien es ihm, als errathe ſie die geheime Leidenſchaft, die ihn ver⸗ zehrte; zuweilen, wenn die Qual und Aufregung ſei⸗ nes Herzens wider ſeinen Willen hervorbrach, traf ihr Auge ihn mit einem Ausdruck tödtlicher Angſt; aber ſolche Augenblicke kamen ſo ſelten, und wurden durch die ſpätere Ruhe ihres Benehmens ſo ganz verwiſcht, daß er ſich ſagte, er ſei der Thor ſeiner eigenen un⸗ ſinnigen Träume geweſen. Seine Stimmung wurde immer ſchwerer. Wenn er verſuchte, Sinn und Ge⸗ danken von dieſer ſteigenden Fluth der Leidenſchaft mit Gewalt loszureißen und andern Intereſſen zuzu⸗ wenden, ſo begegnete ſein Blick unverrückt dem Schreck⸗ bilde des Unheils, das immer drohender über ſein Vaterland niederſank. Die Weigerung des Königs, in die Deportation des eidverweigernden Klerus zu wil⸗ ligen, hatte auf's Neue einen furchtbaren Aufruhr her⸗ beigeführt, der vierzehn Tage ſpäter noch ſchrecklicher erneuert wurde, indem die Jakobiner durch wüthende, von Marſeille her anlangende Volkshaufen Verſtärkung 25 erhielten. Die Clubs der Jakobiner breiteten ſich über ganz Frankreich aus. Auch in St. Maximin hatte ſich, durch das nachbarliche Marſeille angeregt, eine patriotiſche Geſellſchaft gebildet, die indeſſen bis jetzt mehr dem Namen als der That nach exiſtirte, und ihre Wirkſamkeit auf häufige Zuſammenkünfte und donnernde, aber harmloſe Reden beſchränkte. Dennoch hatte die alte Sorgloſigkeit der Einwohner der kleinen Stadt ſchon ſeit einiger Zeit einer lebhaften Unruhe Platz gemacht, die ängſtlichſte Vorſicht wurde in allen Aeußerungen, ſelbſt in den häuslichen Sitten und Ge⸗ wohnheiten beobachtet, und trübe, ahnungsſchwere Stimmung lag über jedem Einzelnen. Eines Abends verließ Robert ſeine Behauſung etwas früher als gewöhnlich, um ſich zu Madame Vaubert zu begeben, und ihr neu eingelaufene Nach⸗ richten aus Paris mitzutheilen. Als er in den kleinen Salon eintrat, ſah er Frau von Doville allein am Fenſter ſitzen. Der Abend dämmerte; die Umriſſe ihres faltigen ſchwarzſeidenen Kleides zeichneten ſich nur ſchwach von den Damaſtgardinen ab, die ſie faſt ver⸗ hüllten; ſie hatte ihre beiden Arme auf das Geſims geſtützt, und beſchattete ihr, der Straße zugewendetes Geſicht mit den feinen Händen. Blanche war ſo in Gedanken verſunken, daß ſie des Freundes Näherkom⸗ 26 men nicht wahrnahm; er ſtand einige Augenblicke ſchweigend neben ihr, endlich wagte er es ſie mit ſanf⸗ tem Gruße leiſe anzureden. Beim erſten Tone ſeiner Stimme wandte ſie ſich lebhaft um und tiefes, mädchenhaftes Erröthen über⸗ zog für einen Augenblick ihr Geſicht. Als Robert die Aufregung ihrer Züge und die Thränen gewahrte, die ihre Wangen bedeckten, näherte er ſich ihr mit raſcher Bewegung. Blanche hielt ihn mit dem Blick ihrer ſanften Augen zurück, und ſagte mit bewegter Stimme: „Ich habe mich wieder einmal in die fernen Kinder⸗ erinnerungen hineingeträumt und ſie haben ihr altes Recht eingefordert, mich weich zu machen wie ein Kind.“ „Es iſt ein beängſtigendes Gefühl, ſo in ſich hineinzuſchauen und die Trümmer von dem aufzu⸗ wühlen, was einſt das ganze Leben ausmachte“, ſagte Robert gedankenvoll.„Wenn die alten Erinnerungen auftauchen, wenn das alte Kinderherz aufwacht, fragt man ſich verwundert: Bin ich das wirklich geweſen? Welch eine Ironie auf das Leben ſind die funkelnden Mährchen, die man ſich damals aufgebaut hatte! Es iſt Thorheit, ſie zurückzurufen. Warum wecken, was ſchon ſo lange ſchläft?“ —„Warum?“, erwiderte Blanche mit feuchten L Sne 6——— 27 Augen,—„ach, weil es ſüß iſt, ſich in die Zeiten zurückzuträumen, wo man noch an die Zukunft glaubte, an dieſe trügeriſche, wortbrüchige Phantasmagorie des Glückes, deren Roſenfarben mit jedem Schritte näher immer mehr erbleichen. Wie viel Reichthum bewahrt das Leben für die, die noch ſorglos zu hoffen ver⸗ ſtehen!“ „Sie haben Recht. Aber wie lange behält man Kraft und Muth, aus jedem zerſtörten Lebenstraum wieder einen neuen Phönix der Hoffnung erzeugen zu können? Das Herz bleibt wohl immer voll Gluth und Schöpfungskraft, aber das Leben iſt unerbittlich und drückt mit ſeiner eiſigen Hand jede Blume nieder, die der Seele erblüht,— ach, es ſchont nicht einmal die Wunderblumen, die ſich alle hundert Jahre nur ein⸗ mal entfalten. Die Hoffnung iſt ein Aberglaube.“ —„Nein, Herr Réſay, nein! Sie iſt eine ewige Wahrheit!“ rief Blanche, indem ein Zug göttlicher Ueberzeugung ihr ſchönes Geſicht überflog.„Ihr Licht kann ſich verdunkeln, es kann bleich werden unter Schmerz und Thränen, aber untergehen wird es nie! Ein Gefühl tiefer Entmuthigung ſprach aus Ihnen in dieſem Augenblick, aber bald genug wird die Himmels⸗ gabe, die Sie verleugnen wollen, ſich Ihnen auf's Neue offenbaren. Selbſt unter Leid und Zagen klammert ——ÿ——— 1— 28 ſich das bange Herz an die unerſchöpflichen Quellen des Lebens.“ „Ich bin dreißig Jahre alt“, erwiderte Robert düſter.„In dieſem Alter hat man keine Illuſionen mehr. Ich hoffe nichts mehr. Mein Leben war eine Kette von Täuſchungen, von vergeblichen Anſtrengungen, zerſplitterten Kräften. Als ich noch jung war an Geiſt und Herz, trug ich den Reichthum eines ernſten Men⸗ ſchenvertrauens der Welt entgegen, ich ward ſtets miß⸗ verſtanden, oft betrogen. Alle Ideale, die ich— nicht wie ein Schwärmer, nein, wie ein Mann, deſſen ein⸗ ziges Verlangen die Wahrheit iſt— aufſuchte, ſtürzten in Trümmer vor meinem forſchenden Auge. Jetzt liegt das Leben hinter mir wie ein zerbrochenes Gefäß. Mein Vaterland war mein erſtes Intereſſe, und es giebt kein Frankreich mehr. Mein Herz— das hat ſeine Liebe noch, aber eine troſtloſe. Welche Hoffnung ſollte mir bleiben? O Sie, deren Leben ruhig, deren Seele rein iſt, deren Vergangenheit vielleicht glücklich war, begreifen Sie welches Elend darin liegt, auf die Zukunft verzichten zu müſſen und dennoch ohne Erinnerungen zu ſein?“ —„Halten Sie ein!“ rief Blanche erſchüttert. „Sie wiſſen nicht, wie wehe Sie mir thun. Ich ver⸗ ſtehe Sie, ich vermag den ganzen Umfang Ihrer * 29 Schmerzen zu ermeſſen, und dennoch rufe ich Ihnen zu: Muth und Vertrauen! Sie ſprechen von mir, Sie berufen ſich auf meine Vergangenheit,— Sie wiſſen alſo nicht, daß dieſe Vergangenheit öde und troſtlos war? Sie wiſſen nicht, daß ich litt, ſeit ich fühlen lernte, und daß auch ich allein litt, wie Sie! Es giebt keinen Blick rückwärts, keinen Gedanken an die Zu⸗ kunft, der nicht für mich mit Schmerz und Bitterkeit vermiſcht wäre, und dennoch hoffe ich noch— hoffe auf Gott und mein Kind! Wer ſtände wohl ſo ein⸗ ſam, ſo verlaſſen in der Welt, daß er berechtigt wäre, den Glauben an ſeine Zukunft aufzugeben? Auch Sie nicht, mein Freund! Wer wie Sie, eine ſo reiche Quelle des Geiſtes in ſich trägt, wer ſo für alles Schöne und Erhabene in und außer ſich empfänglich i*ſt, für den iſt das Leben nie ohne Befriedigung, wenn es auch arm an Glück iſt. Ich rufe Ihnen ein Wort zu von heiliger, nicht wie ſo Viele glauben, von troſt⸗ loſer Bedeutung, ein Wort, an das auch ich mich in mancher ſchweren Stunde geklammert habe— es heißt Reſignation! Nehmen Sie es auf, es iſt Alles, was ich Ihnen geben kann— und darf.“ Von ihren Gefühlen überwältigt, konnte die junge Frau ihre Thränen nicht länger zurückhalten, und ſtand raſch auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Robert je⸗ 2 doch, der von Allem, was ſie ihm geſagt hatte, nichts auffaßte, als ihre letzten Worte, hielt ſie zurück und ſtammelte in mächtiger Aufregung:„Blanche, hören Sie mich! Sagen Sie mir nur Ein Wort, ſagen Sie mir, ob die Liebe, die Sie errathen haben, nicht von Ihnen verurtheilt wird, ſagen Sie mir, daß dieſe Thränen mir gelten, und es kann noch Alles gut werden!“ „Unglücklicher, und wenn es ſo wäre?“ ſprach Blanche erſchüttert. —„Du liebſt mich!“ rief Robert außer ſich, in⸗ dem er ſie mit ſeinen Armen umfaßte. Mit unwider⸗ ſtehlicher Geberde entzog ſie ſich ihm und eilte hin⸗ aus. Als Blanche ſich in ihrem Zimmer allein fand, überließ ſie ſich der ganzen Gewalt eines Schmerzes, der, ſeit langer Zeit erſtickt und zurückgedrängt, nur um ſo heftiger hervordrang. Ach, alle ihre ſeit Jah⸗ ren ſo mühſam aufgehäufte Kraft wollte nicht mehr hinreichen! Sie fragte ſich, wie es möglich ſei, daß ſie, die mehrere Jahre lang unter dem eiſigen Gewicht einer freudloſen Ehe gelebt hatte, der es ſo lange Zeit hindurch gelungen war, die tödtliche Einſamkeit ihres Herzens, die troſtloſe Leere ihrer Häuslichkeit Aller Augen zu verbergen, jetzt auf einmal dieſe oft geprüfte 31 Selbſtbeherrſchung ſo ganz verlieren konnte. Wie ſonſt flüchtete ſie ihre Verzweiflung zu dem Theuerſten was ſie beſaß; leiſe ſchlich ſie ſich zu der Wiege ihres Kindes, und beugte ſich über den kleinen Schläfer. Ihre glühenden Thränen fielen auf das blonde Köpfchen, ihre zuckenden Lippen küßten die kleinen Hände, aber der Troſt, der ſonſt in ihren ſchweren Stunden von dem lieben Weſen ausging, vermochte heute nichts über ihre Qual. Sie ſchauerte, wenn ſie an den nächſten Tag dachte, wo ſie das würde zurück⸗ nehmen müſſen, was ſie dem Geliebten vor wenigen Augenblicken beinahe eingeſtanden hatte. Und dieſem Tage würden dann alle folgenden gleichen! Dann ſchien es ihr wieder, als ſei es ja kein Unrecht, eine Liebe anzunehmen, die ſchon ihr gehörte, als ſei es kein Raub, ein Herz an ſich zu feſſeln, das ja doch nicht für jene Andere ſchlug!— aber ein junges Mädchen um ihre Zukunft und ihre Hoffnungen zu betrügen? — und dieſes junge Mädchen war ihre Schweſter! Sie hielt es gar nicht für denkbar, daß Eliſe ih⸗ ren Verlobten nicht mit aller Macht ihres Herzens lieben ſollte, und ſie, ſie ſollte hintreten und ihr ſa⸗ gen: ich will die Liebe, die Dir gehört, ich will das Glück, das ſchon Dein Eigenthum war. Nein, nein! das war unmöglich. 32 Ueberwältigt von dem ſchmerzlichen Kampf, der ihr Herz zerriß, warf ſie ſich auf die Kniee, und ſtrömte ihre beängſtigte Seele in heißem Gebet gegen Gott aus; aber ach, in ihr Flehen um Muth und Kraft drängte ſich ſtets die gebieteriſche Stimme, womit ihr Herz ihr zurief, Entſagung ſei unmöglich. Es war ihr in dieſem Augenblicke, als wäre es wahr, was der heißgeliebte Mann geſagt hatte, als gäbe es wirk⸗ lich keine Hoffnung auf Erden, keine Zuflucht, keine Rettung vor dem Schmerz. Eine unendliche Sehnſucht nach dem Tode nahm ihre ganze Seele ein; wie müßte es ſo gut ſein, nicht mehr zu leiden! Aber während ſie dieſem Gedanken nachhing, während dieſe Sehn⸗ ſucht nach Frieden in ihr aufgeregtes Herz einzog, wurde ihr Schmerz milder, weicher; die tiefe Fröm⸗ migkeit, das innige Pflichtgefühl, das ſie ſchon ſo viel Schweres ſtill hatte ertragen laſſen, gewannen wieder Macht über ſie, und in dieſer gehobenen Stimmung trat die Aufgabe, muthig einer Liebe zu entſagen, die ſie nicht annehmen durfte, in einem milderen Lichte vor ſie hin.— Nein! ſie wollte dieß junge Mädchen, das ſie ſo innig liebte, dem der Schmerz noch fremd war, nicht zu dem Jammer hoffnungsloſer Liebe verurtheilen, ſie wollte in ihre Familie nicht Spannung und trübe, peinliche Tage bringen! Stumm wollte ſie ſcheiden, ſtumm in ihr fernes, liebes Aſyl zurückkehren, und dort die alten Tröſtungen aufſuchen. Sie war ja ſeit langer Zeit an Einſamkeit gewöhnt, ihre ſo oft ſchon wundgedrückte, ſo lange ſchon freudloſe Seele war beſſer geeignet, Schmerz und Gram zu ertragen, als das junge, friſche, vom Leben noch unberührte Herz ihrer Schweſter. Und dann, wenn ſie auch Alles hin⸗ gab, Eines blieb ihr doch— ihr Kind! Die Nothwendigkeit dieſen Weg einzuſchlagen, wenn ſie ſich Frieden mit ſich ſelbſt erhalten wollte, ward ihr immer klarer, und ihr Entſchluß, es um je⸗ den Preis zu thun, immer feſter. Sie betete lange und innig, ſie fühlte die Beruhigung, die ſtets die Wahl des Rechten begleitet, aber dennoch zuckte ihr armes Herz unter ſcharfem und bitterem Weh, und die brennenden Thränen, die in dieſer Nacht ihr Kiſ⸗ ſen benetzten, waren beredte Zeugen ihrer inneren Qual. Plötzlich weckte lautes, verworrenes Geſchrei ſie aus dem fieberhaften Schlummer, dem ihre Erſchöpfung unterlegen war. Sie ſchrak auf; die Sonne ſiel freund⸗ lich durch die halbgeſchloſſenen Jalouſien in ihr Zim⸗ mer, und ängſtlich horchend fragte ſich Blanche, ob, was ſie eben vernommen, nicht blos die Wirkung ihrer Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 3 34 aufgeregten Phantaſie geweſen ſei. Aber nach wenigen Sekunden erhob ſich nochmals der vorige Lärm von der Straße her. Die Marſeillaiſe tönte von mehr als hundert rauhen Kehlen geſungen herauf, und ward dazwiſchen von einzelnen wilden, unzuſammenhängenden Ausrufungen noch übertönt. Von einer ungewiſſen Angſt befangen, warf die junge Frau raſch ein Mor⸗ genkleid um, und eilte an das Fenſter. Der Anblick, der ſie hier erwartete, kontraſtirte ſo lebhaft mit der gewöhnlichen Ruhe des Städtchens, daß der unbeſtimmte Schreck der ſich ihrer bemächtigte, zu grenzenloſer Höhe wuchs. Eine Schaar von meh⸗ reren hundert Menſchen nahm den kleinen Platz vor dem Hauſe ein, und drängte ſich dem gegenüber⸗ ſtehenden Gebäude zu. Es war dies ein altes, ſeit langer Zeit nicht mehr benütztes Nonnenkloſter, deſſen eingeroſtete Schlöſſer eben mit verſchiedenen Werkzeu⸗ gen bearbeitet wurden. Während Einige damit be⸗ ſchäftigt waren die Eingangspforte zu öffnen, wurde die Maſſe der Uebrigen immer lärmender, ſchien aber nach kurzer Zeit eine neue Richtung zu gewinnen, und wogte die Straße hinauf, einer Gruppe von Männern entgegen, deren Umriſſe Blanche noch kaum zu unter⸗ ſcheiden vermochte. Immer mehr wuchs der Tumult, Verwünſchungen und Drohungen wurden laut; das 35 von Schreck verdunkelte Auge der jungen Frau haftete ſtarr auf der ſich nähernden, geſonderten Gruppe, es ſchien ihr, als ſollte ſie unter ihr eine bekannte Geſtalt herausfinden.—— Plötzlich entrang ſich ihrer wogen⸗ den Bruſt ein erſtickter Schrei, und ihre Hände klam⸗ merten ſich konvulſiviſch an das Fenſterkreuz. Sie hatte Robert Réſay erkannt, der, von manchen andern, ihr nur zu wohl bekannten Geſtalten umgeben, mitten unter einer Anzahl von wilden, jubelnden, mit der verhängnißvollen rothen Mütze bekleideten Männern als Gefangener ſchritt. Bei dieſem Anblick verließ Blanche alle Beſinnung; ohne zu überlegen, eilte ſie vom Fenſter, flog aus dem Zimmer, theilte, ohne es nur zu wiſſen, die be⸗ ſtürzte Gruppe der Ihrigen, die Alle in höchſter Auf⸗ regung verſammelt waren, und ſtürzte mit fliegender Haſt auf die Straße. Eben war der verhängnißvolle Zug auf dem Platze vor dem Hauſe angekommen. Die Gruppe der Ge⸗ fangenen beſtand aus ungefähr fünfundzwanzig Per⸗ ſonen; unter ihnen bemerkte man einige Frauen, die jung, ſchön und gut gekleidet, einen peinlichen Con⸗ traſt gegen die zu ihrer Bewachung um ſie verſammel⸗ ten Rotten bildeten. Réſay warf einen langen, düſtern Blick nach den 9 3*½ 36 Fenſtern des Hauſes, das ſein Theuerſtes umſchloß, er begegnete keiner befreundeten Geſtalt; als er aber ſein Auge trübe ſenkte, fiel es auf das geiſterbleiche Antlitz Blanche's, die, auf der Schwelle des Hauſes ſtehend, mit vorgeſtreckten Armen, ſtarr und bewegungs⸗ los die trockenen, brennenden Augen auf ihn gehaftet hielt. In dem weißen Morgenkleide, mit den unge⸗ ordneten Haaren und den unbeweglichen, aſchbleichen Zügen glich ſie einer Irrſinnigen. Als Robert's Blick ſie traf, löſte ſich der Bann, der ſie in Feſſeln hielt; ſie machte eine heftige Bewegung nach ihm hin, der Name„Robert! Robert!“ tönte in immer wachſenden, immer angſtvolleren Lauten aus ihrem Munde, und würde ohne Zweifel bald genug die Aufmerkſamkeit der tobenden Menge wachgerufen und ſie zu ſeiner Unglücksgefährtin gemacht haben, hätte nicht ihre Mut⸗ ter ſie in dieſem Augenblicke raſch ins Haus zurück⸗ gezogen, und. die halb Bewußtloſe in ihren bebenden Armen die Treppe hinaufgetragen. Als einige Stunden ſpäter die Aufregung nach⸗ ließ ſich auf den Straßen zu äußern, erfuhren die ein⸗ zelnen, ängſtlich in ihren Häuſern ſich bergenden Fami⸗ lien die Veranlaſſung zu einer ſo wenig vorherge⸗ ſehenen Maßregel. Die Nachricht von der Suspenſion des Königs, von ſeiner Verweiſung in den Tempel⸗ . 5 37 thurm, war in die Provinzen gedrungen; in Paris waren in Folge dieſer Ereigniſſe alle Gemäßigte als Königsfreunde eingekerkert worden, und nur zu ſchnell griff dieſe neue Ausdehnung der Verhaftungen in alle Departements ein. Das Comité in Marſeille hatte ſeine Wirkſamkeit nach allen Richtungen hin ausge⸗ dehnt, die ihm zu Gebote ſtanden; ein Aufruf an den Club in St. Maximin war durch die Ankunft einiger Marſeiller Jakobiner unterſtützt worden, und Alle, die nur im entfernteſten durch frühere oder neuere Ver⸗ bindungen mit der Partei des Königs verknüpft waren, ſahen ſich plötzlich ihrer Freiheit beraubt und den ſchlimmſten Ausſichten hingegeben, da die Vertreter der Volksfreiheit in St. Maximin, von der ausge⸗ ſprochenen Unzufriedenheit des Marſeiller Comité's mit ihrer bisherigen Wirkſamkeit erſchreckt, nur noch als Werkzeuge jenes Comité's zu handeln begannen. Im Hauſe der Madame Vaubert waren die Be⸗ fürchtungen, die dieſe Veränderung in ſo vielen Fa⸗ milien hervorgerufen hatte, noch von einer peinlichen Spannung begleitet. Seit jener Stunde, wo Blanche's heimliche Liebe ſich ihrer Familie ſo ungeſtüm ver⸗ rathen hatte, war Allen klar geworden, was ſeit lan⸗ ger Zeit in dem Benehmen des jungen Advokaten räthſelhaft erſchienen war. Ohne daß ein Wort dar⸗ 22 38 über gewechſelt wurde, ward das bräutliche Verhält⸗ niß Eliſens zu Réſay nicht nur durch das ihm drohende Schickſal, ſondern überhaupt für gelöſt angeſehen. Dennoch kamen die Motive dieſes ſtillſchweigenden Uebereinkommens auch nicht einmal in Andeutungen zur Sprache; Blanche war ſeit jenem verhängnißvollen Tage in ihrem ganzen Weſen ſo vernichtet und ver⸗ ſtört, daß Niemand wagte, ihr von dem Vorgefallenen zu ſprechen. Stumm faß ſie Stunden lang am Fen⸗ ſter und wandte ihr bleiches Geſicht und ihre heißen, trockenen Augen unbeweglich nach dem alten Gemäuer gegenüber, obgleich das geliebte Antlitz, das ſie ſuchte, nie hinter den vergitterten Fenſtern erſchien. In dieſer Zeit des Kummers entwickelte ſich Eli⸗ ſens Charakter in ſeiner ganzen herzlichen Liebens⸗ würdigkeit. Der Ernſt der jüngſten Ereigniſſe, der tiefe wortloſe Schmerz, den ſie in der gebrochenen Haltung ihrer Schweſter las, hielten jede Empfindlich⸗ keit von ihr ferne, und ſie war es, die Blanche mit inniger und unermüdlicher Sorge umgab, und trotz ihres leichten Sinnes zuweilen ſo gute tröſtende Worte fand, ſo zart und ſchonend auf den Schmerz ihrer Schweſter einging, daß es ihr nicht ſelten gelang, dies arme gequälte Herz zu erleichtern. So vergingen Monate, und trotz des raſchen 4 4 Ganges, den die Ereigniſſe in Paris nahmen, blieb in der kleinen Stadt Alles unverändert. 33 An einem Auguſtabende des Jahres 1793 eilte ein junger, ſchlanker Mann mit raſchen Schritten durch die Hauptſtraße von St. Maximin, und trat, das Haupt beugend, durch das niedere Portal eines ziem⸗ lich großen alterthümlichen Gebäudes. Zögernd hielt er einen Augenblick auf dem weiten, mit breiten Qua⸗ dern gepflaſterten Hausflur an, bis ihm ein verwor⸗ renes Geſumme von Stimmen die geſuchte Richtung gab, und ihn veranlaßte, ſich der ſchweren Eichenthüre rechts zuzuwenden. Als er eingetreten war, blieb er neben der Thüre ſtehen, und ließ ſeinen feſten, ruhigen Blick über die Verſammlung hinſchweifen, die den großen Raum bei weitem nicht ausfüllte. Der Saal, in dem er ſich befand, war von ziem⸗ licher Ausdehnung, entbehrte aber jedes Schmuckes. Die mit ſchweren, ſchlecht gearbeiteten Stulkaturen überladene Decke ſenkte ſich von geringer Höhe nieder, und trug dazu bei, den Eindruck von Düſterkeit zu verſtärken, den die mangelhafte Ausſtattung und die ſpärliche Beleuchtung dieſes großen, halb leeren Saa⸗ les bereits hervorriefen. Verſchiedene Reihen von Bän⸗ ken und Stühlen waren von einer ſeltſam gemiſchten 40 Geſellſchaſt beſetzt. Männer, faſt durchſchnittlich von gemeinem, derbem Aeußern, ſaßen dort mit Frauen bunt vermiſcht, unter denen manches feine, vornehme Geſicht hervorleuchtete, das vergebens darnach rang, den unbeſchreiblichen Zwang und Widerwillen, die es beherrſchten, unter einem Anſchein von Ruhe und Auf⸗ merkſamkeit zu verbergen. In der Tiefe des Saales war eine Tribüne er⸗ richtet, die mit ihrer beſſern Beleuchtung und den Draperien von hellrothem Tuch grell aus dem däm⸗ merigen Halbdunkel des übrigen Raumes hervorblickte. Der Mann, der heftig geſtikulirend und eifrig ſprechend dieſe Tribüne einnahm, zog durch ſein auffallendes Aeußere die Aufmerkſamkeit des jungen Fremden zu⸗ nächſt auf ſich. Er war von mittlerer Größe, aber mächtigen Verhältniſſen, ſeine breiten, kräftigen Schultern trugen einen unverhältnißmäßig großen Kopf, aus deſſen buſchigen, ſchwarzen Haaren der helle Kranz einer Tonſur hervorleuchtete. Seine kleinen, lebhaften Augen blitzten mit dem Feuer der Ueberſpannung unter einer niedern, krauſen Stirne, die ſtarke Naſe ſprang ſcharf aus dem hochgerötheten Geſicht, und bog ſich über derbe Lippen und ein gewaltiges feſtes Kinn. In den erſten Minuten war es unſerm jungen Beobachter faſt ——— 41 unmöglich, den Sinn der Worte des Sprechers zu enträthſeln, ſo raſch und heftig, mit ſo eigenthümlichem Accent, und einer ſolchen Menge von Provinzialismen vermiſcht, ſtieß derſelbe ſeine Rede heraus. Als er ſich aber endlich mit geſpannter Aufmerkſamkeit zum Ver⸗ ſtehen durchgearbeitet hatte, übte der Sinn der leiden⸗ ſchaftlichen Worte auch auf ihn ſeinen aufregenden Einfluß. Die Nachricht, daß Toulon, in dem Glau⸗ ben, ſich den Bourbonen zu übergeben, den Engländern in die Falle gegangen ſei, war das Thema, das alle Zuhörer mit gleicher Macht aufregte. Der Redner ſchwieg und ſchickte ſich an, von der Tribüne hinabzuſteigen; da trat der junge Fremde mit raſchen Schritten an ihn heran und ſagte ihm einige Worte.„Der Bürger Buonaparte verlangt das Wort“, rief hierauf der Ex⸗Prieſter der Menge zu, und als einige Stimmen das erwartete: Bewilligt! hören ließen, räumte er ſeinem Nachfolger den Platz ein. Lucian Buonaparte erſtieg mit aufgerichteter, feſter Haltung die Stufen zur Tribüne und neugierig er⸗ wartete der bewegte Kreis ſeine Worte. Lucian war damals neunzehn Jahre alt; ſeine ſchlanke, jugendliche Geſtalt, kühne, angenehme Züge, die Leichtigkeit ſeiner Bewegungen und die Weichheit eines klangvollen Organs erhöhten die Wirkung ſeiner, 42 von Enthuſiasmus und Leben ſprudelnden Rede. Der Gegenſtand, der in ihm den Wunſch zu ſprechen er⸗ regt hatte, riß ihn hin. Er, der den Verrath und das Joch der Fremden ohnedem ſo glühend haßte, war doppelt ſtürmiſch erregt, da er in dieſen Erb⸗ ſchleichern Toulon's dieſelben Engländer ſah, die Paoli herbeirief, nachdem er Corſika von Frankreich losge⸗ riſſen hatte, dieſelben, um derenwillen er ſelbſt und die Seinigen vom häuslichen Heerde vertrieben worden waren. Seine jugendliche Entrüſtung fand flammende Worte gegen das ihm verhaßte Volk, und dieſes Thema weckte in ſeinen Zuhörern eine leicht berühr⸗ bare Saite. Der Enthuſiasmus, den der junge Red⸗ ner erregte, war unbeſchreiblich; ehe er noch geendet hatte, ward er mit ſtürmiſchem Beifall überſchüttet, die Männer drängten ſich herbei und erſtickten ihn mit Umarmungen. Man wollte ihn die Tribüne nicht ver⸗ laſſen ſehen, er mußte von Neuem beginnen, und ward von Neuem bis in die Wolken erhoben. Von dieſem Tage an gewann der junge Flücht⸗ ling einen ſchrankenloſen und unbeſtrittenen Einfluß auf die Bewohner von St. Maximin. Die Stelle als Proviantmeiſter, wozu er dahin berufen war, ward in ihren Augen nur ſein Nebengeſchäft; er wurde wenige Tage nach ſeinem erſten Auftreten zum Präſi⸗ 43 denten des revolutionären Comité's erwählt, und nahm von nun an eine kleine Diktatur ein. Bis dahin hatte dieſem Comité, das größtentheils aus Handwerkern und Leuten aus dem Volke gebildet war, ein alter, ehemaliger Mönch vorgeſtanden, derſelbe, deſſen Rede Lucian bei ſeinem erſten Auftreten in der politiſchen Welt des kleinen Städtchens mit angehört hatte. Die⸗ ſer Pater Martin, der ſeit ſeinem Wiedereintritt in's bürgerliche Leben ſeinen Familiennamen Robineau wieder angenommen hatte, war von niederer Herkunft und mangelhafter Bildung. Dennoch hatte ſein energiſches Weſen den Mitgliedern des Comité's imponirt und da er leſen konnte, hatte er einen großen Einfluß auf ſie ge⸗ wonnen. Dieſer Mann, der Einzige, in deſſen Intereſſe es vielleicht gelegen hätte, Lucian ſeinen neu gewonnenen Platz zu beſtreiten, faßte von der erſten Stunde an eine enthuſiaſtiſche Verehrung für den jungen Corſen, hing ſich an ſeine Schritte, und fühlte ſich nicht wenig glücklich und geehrt, als dieſer ihn zu ſeinem Sekretär ernannte. Um ſeinen Einfluß zu befeſtigen, brachte Lucian regelmäßig ſeine Abende im patriotiſchen Club zu, und bald dehnten ſſich die Sitzungen des revolutio⸗ nären Vereins zu geſelligen Zuſammenkünften aus. Die ganze Stadt kam dahin, Lucian's Vorträge zu hören, ſelbſt die Frauen beſuchten die Sitzungen regel⸗ 44 mäßig, und manche friſche, ausgebildete Stimme miſchte ihre ſüßen Klänge in die wilden, patriotiſchen Hymnen, die dort geſungen wurden. Niemand wagte es, ſich von dieſer Sitte auszuſchließen, um nicht unbürger⸗ licher Geſinnungen beſchuldigt zu werden. Es war wohl begreiflich, daß dieſe ſo neue Lage, dieſe leichten Erfolge, dieſer große Einfluß das Selbſt⸗ gefühl des jungen Corſen erweckten, und ſeinem Ehr⸗ geiz lebhaft ſchmeichelten. Wäre er zu verdammen ge⸗ weſen, wenn ihn der Schwindel dieſer ganz unerwar⸗ tet und bei ſo großer Jugend errungenen Herrſchaft erfaßt hatte? Wenn auch er dem Fluche jener unſeligen Zeit anheimgefallen wäre, die ſo manche Männer von trefflicher Erziehung zu Henkern ſtempelte, weil ſie der Furcht unterlagen, als Opfer zu fallen?— Zum Glück war Lucian edel, faſt ſchwärmeriſch; ſeine, unter dem Einfluſſe eines exaltirten Freiheitsgedankens auf⸗ geblühte Jugend ſchauderte vor dem blutigen Gange, den die Revolution genommen hatte, und mit aller Energie und allem Zartgefühle, die ihm eigen waren, ſuchte er den ihm zuerkannten Einfluß zum Schutze, nicht zur Vernichtung der ihm unterworfenen kleinen Gemeinde geltend zu machen. Der Eindruck, den er am erſten Tage ſeines Aufenthaltes in Marſeille em⸗ pfangen hatte, wo ſeine Frage nach der Urſache des 49 Feſtes, das die Mienen erheiterte und die Straßen belebte, mit einem Fingerzeig nach der Gulllotine be⸗ antwortet wurde, die eben wieder zwanzig Menſchen⸗ leben forderte, hatten ein unwiderrufliches Gefühl des Abſcheus in ihm zurückgelaſſen, das ſtark genug war, jeder Verſuchung zu widerſtehen. Auch kamen die Verhältniſſe ſeinem guten Willen zu Hülfe. Seine Umgebung beſtand aus ziemlich ge⸗ mäßigten leidenſchaftsloſen Menſchen, die der guten Leitung, die er auf ſie ausübte, eben ſo willig folgten, als ſie ſich einer üblen würden überlaſſen haben, und die um ſo unbedenklicher ſeinen Vorſchlägen und An⸗ ordnungen nachkamen, als ſeine Lage als patriotiſcher Flüchtling, als Märtyrer der Sache der Revolution ihn von jedem Argwohn, als Ariſtokrat oder Gemäßigter betrachtet zu werden, befreit hielten. Seine erſte Sorge war, das Schickſal der Gefangenen zu mildern, und ihnen die Beſuche der Ihrigen zu geſtatten. Als die Nachricht von dieſer Begünſtigung ſich verbreitete, füllten zum erſten Male wieder Thränen die vertrockneten Augen Blanche's, und Eliſe warf ſich voll Theilnahme und reiner Zärtlichkeit in die Arme ihrer tief erſchütterten Schweſter. Sie war es auch, die die zitternde Blanche ſtützte, als beide Schweſtern die Straße überſchritten, und auf das Vorzeigen ihrer 46 Erlaubnißkarte in den Hof des Kloſters eingeführt wurden. Es war ein rührender Anblick, wie dieſe beiden jungen, ſchönen Weſen in tiefer Bewegung durch die gewölbten Bogengänge des einſtigen Aſyls der Ruhe wandelten, wie die Jüngſte, die Zarteſte von Beiden mit einem Ausdruck faſt mütterlicher Sorgfalt und Zärtlichkeit die Schritte der Andern leitete, und nur von Zeit zu Zeit mit einer ſtummen Liebkoſung ihren ſchwankenden Gang aufhielt. Als die Thüre zu Réſay's Zimmer ihnen geöffnet wurde, als ſeine bleiche, veränderte Geſtalt den Blicken der Schweſtern erſchien, ergriff ſie eine ſo mächtige Bewegung, daß alle äußeren Formen und Rückſichten davon überwältigt wurden. Ohne ein Wort der Er⸗ klärung, ohne das Zögern eines Augenblicks warf Blanche ſich in Robert's Arme und weinte ihre erlöſten Thränen an ſeiner Bruſt aus. Kaum war aber die junge Frau von dieſer erſten Bewegung zurückgekommen, als ſie ſich mit einem Aus⸗ vruck voll Demuth und Trauer ihrer Schweſter zu⸗ wandte, und, indem ſie ihr erglühendes Geſicht an Eliſens Buſen drückte, flüſterte ſie mit faſt unverſtänd⸗ licher Stimme:„Verzeih, verzeih!“ Auch Réſay hatte ſich Eliſen genähert; ohne ein Wort zu ſprechen faßte 47 er ihre bebende Hand, und ſein dunkles Auge blickte ſie mit einem ſo beredten Ausdruck an, daß ihr Herz vor Bewegung ſchwoll. „Seid keine Kinder“, unterbrach Eliſe endlich die ſtumme Pauſe, indem ſie verſuchte, ihre Rührung unter einem Scherze zu verdecken,„ſeht, wir leben ja in einer wunderlichen Zeit, da muß man über Das, was ſich löſen will, nur raſch hinweggehen. Ich bin jetzt euer Revolutionstribunal, ihr Beide ſeid gar ſchlimme Verdächtige, und erſt dann ſpreche ich euch los, wenn ihr mit mir das Loſungswort der Gegen⸗ wart anerkannt habt, es heißt— Freiheit!“ Hier brach aber dem jungen Mädchen die ſcherzende Stimme; der Ernſt und die Bedeutung dieſes Wiederſehens, die Un⸗ gewißheit der Zukunft, das ergreifende Gefühl ihrer eigenen, zwar ſchmerzloſen, aber doch wehmüthigen Re⸗ ſignation ſchwellten ihr das Herz. Ihr Lächeln ſchlug in Thränen um und ſie nahm den ſtummen Dank, der ihr durch tauſend Zeichen der Liebe erwieſen wurde, mit lebhafter, gehobener Empfindung auf. Von dieſem Tage an lebte Blanche wieder auf. Ihre Liebe, durch keinen Vorwurf belaſtet, durch keine Pflicht zurückgedrängt, entfaltete ſich in ihrer ganzen glänzenden Herrlichkeit, und warf tauſend Blüthen in ihr Herz, tauſend Strahlen über ihre Tage. In einer 48 ſo reichen und feurigen Organiſation mußte dies Ge⸗ fühl, ſobald es ſich ihrer ohne Widerſtand ganz und vollſtändig bemächtigen konnte, eine wunderbare Ent⸗ wicklung und Glorie hervorrufen; all' die glänzende Poeſie, all' das Feuer dieſer ſtrahlenden Einbildungs⸗ kraft, die ſeit Jahren durch eine trübe, farbloſe Exi⸗ ſtenz, durch unharmoniſche Eindrücke und Umgebungen mit Gewalt zurückgedrängt worden waren, flammten jetzt mit doppelter Allmacht auf und goſſen leidenſchaft⸗ liches Entzücken über dieſes ſonſt ſo ſtille Herz aus, das, verſchämt und betroffen, erſt jetzt ſeine eigene Kraft und Gluth ermeſſen lernte. Ein kühner Gedanke, der ſie beherrſchte, trug dazu bei, ihre natürliche Geiſteskraft mit doppelter Energie und Klarheit wieder aufleben zu laſſen. Seit einiger Zeit hörte ſie überall von dem mächtigen Einfluſſe ſpre⸗ chen, den Lucian Buonaparte über die Verhältniſſe von St. Maximin ausübte, und der Gedanke, durch ihn auf das Schickſal ihres Geliebten einzuwirken, ward zum leitenden Sterne ihres Geiſtes. Von dieſer Hoffnung geleitet ſuchte ſie die Bekannt⸗ ſchaft Lucian's mit dem glühenden Wunſche, Einfluß auf ihn zu gewinnen, und es gelang ihr. Dieſe ſo ſtolze, ſo reine Frau lernte zum erſten Male in ihrem Leben Koketterie üben; ſie feſſelte ihre Schmer⸗ 49 zen, ſie verſchlang ihre Thränen, um in Gegenwart des jungen Corſen heiter, liebenswürdig, hinreißend zu ſein. Lucian war bezaubert von der ſchönen Frau; ſeine neunzehnjährige Phantaſie war lebhaft erregt, und obgleich er nur zu klar ſah, daß ihr Herz nicht frei war, lag doch ein großer Zauber für ihn darin, ihr gefällig zu ſein. Als ſie das Ziel erreicht hatte, das ihr ſtets vor Augen ſchwebte, als ſie des innigen Intereſſes, der warmen Freundſchaft ſicher ſein konnte, die ſie dem jungen Manne eingeflößt hatte, enthüllte ſie ihm eines Tages mit edler Freimüthigkeit das Geheimniß ihres Herzens, ihres Lebens. Mit feurigen, flammenden Wor⸗ ten flehte ſie ihn an, ihr Glück zu ſchützen, ihre Zu⸗ kunft ſicher zu ſtellen; in begeiſterten Ausdrücken ſchil⸗ derte ſie ihm die große Aufgabe, die ernſte Verant⸗ wortlichkeit ſeiner jetzigen Stellung, und Lucian, ent⸗ zückt, berauſcht von ihrer Schönheit und ihrer feurigen Beredſamkeit, gelobte ihr mit heiligen Eiden, eher ſein Leben in die Wage zu werfen, als in die Verurthei⸗ lung ihres Geliebten zu willigen. Bald bewies er durch die That, daß es ihm mit dieſem Verſprechen Ernſt war. Er veranlaßte in einer Sitzung des Comité's den allgemeinen Beſchluß, die Gefangenen nie und unter keiner Bedingung dem Re⸗ Godin, Frauenliebe und Leben IV. 4 50 volutionstribunal in Orange auszuliefern, das der wür⸗ dige Helfer von Fouquier⸗Tinville war, und verpfän⸗ dete ſogar öffentlich ſein Wort für die Aufrechterhal⸗ tung deſſelben. Immer mehr wirkte er darauf hin, ge⸗ mäßigte Anſichten bei Denen zu befeſtigen, die nächſt ihm die Zügel der öffentlichen Verwaltung in Händen hielten, und ſein erfinderiſcher Geiſt erſann ſtets neue Mittel, die Gemüther zu beſchäftigen, ohne ſie zu er⸗ hitzen. Durch ihn veranlaßt, gingen häufige Adreſſen an die Jakobiner in Paris ab, deren feurige Sprache den Mangel an Thaten im Geiſte der herrſchenden Gewalt verbergen ſollten. Im Club ließ er eine don⸗ nernde Rede der andern folgen und veranlaßte alle ſeine Anhänger, mit ihm der herrſchenden Mode zu folgen und antike Namen anzunehmen. Um nach und nach die ſpätere Befreiung der Ge⸗ fangenen vorzubereiten, fiel der großmüthige junge Mann auf ein Mittel, das durch ſeinen friedlichen Charakter in jener ſchreckensvollen Zeit doppelt ſeltſam war. Er ſchlug vor, ein republikaniſches Theater zu organiſiren, eine Idee, die den lebhafteſten Anklang fand, und mit Eifer zur Ausführung gebracht wurde. In dem ehemaligen Refektorium des Kloſters ward eine Bühne errichtet, die, überall mit Attributen der Freiheit und den Farben der Republik decorirt, ſchon 4 6 3 4 4 51 in ihrer äußern Ausſtattung auf ihre Beſtimmung hin⸗ deutete. Vorſichtig fing er an, einzelne der Gefangenen an den Aufführungen dieſer Stücke theilnehmen zu laſſen; er knüpfte gewiſſe Berechtigungen, gewiſſe Süh⸗ nungen an die Uebernahme einzelner, im Geiſte der Republik handelnder Rollen, und durch dieſes unſchul⸗ dige Mittel gelang es ihm, einigen der Verhafteten ſogar vollſtändige Freiheit, Allen aber große Zugeſtänd⸗ niſſe und zugleich eine gewiſſe Sicherſtellung zu ver⸗ ſchaffen, da natürlich den Mitgliedern des republika⸗ niſchen Comité's der Gedanke immer ferner trat, Men⸗ ſchen zum Tode zu verurtheilen, mit denen ſie bei einem geſelligen und der Republik gemäßen Vergnügen faſt unter den Bedingungen der Gleichheit zuſammen wirkten. Bei dieſen Aufführungen traf Blanche oft mit dem Geliebten zuſammen; das Glück, ihm nahe zu ſein und alle Beweiſe einer Liebe hinzunehmen, die täglich an Stärke und Innigkeit wuchs, erhielt ihren Muth kräf⸗ tig genug aufrecht, um ſie den Stürmen, welche die Zukunft noch bergen konnte, getroſter als bisher ent⸗ gegen blicken zu laſſen. Auf dieſe Weiſe verſtrichen mehrere Monate dieſes unſeligen Jahres, und wohl wenige Städte Frankreichs konnten ſich, wie das kleine, vergeſſene St. Maximin, 4* 52 dazu Glück wünſchen, kein Opfer beweint, und ſtatt des tragiſchen Schauſpiels der Guillotine nur friedliche Komödien und harmloſe Deklamationen vor Augen zu haben. Während man ſich aber dieſen friedlichen Be⸗ ſchäftigungen noch ſorglos überließ, bereitete ſich von außen her ein Sturm vor, der alle Erfolge der groß⸗ herzigen Bemühungen Lucian's mit einem Schlage zu vernichten drohte. Die letzten Monate hatten die Ver⸗ brechen und die Erfolge der Jakobiner gehäuft. Lyon war unterlegen, und ſeine Kinder ſtürzten unter Collot d'Herbois und Fouché's Kugeln; die Armee des Ge⸗ nerals Carteaux belagerte Toulon; die Proſkription der Verdächtigen dehnte ſich über dreihunderttauſend Bürger aus. Marie Antoinette war auf's Schaffot ge⸗ ſchleppt, der wahnſinnige Cultus der Vernunftreligion organiſirt worden, und allmächtige Conventsmitglieder reiſten durch alle Departements, um die Wuth der Be⸗ völkerung überall noch mehr zu entflammen. Barras und Fréron waren in Marſeille, und von daher zün⸗ dete der Blitz, der in die friedliche Stätte von St. Maximin niederſchlagen ſollte. An einem heitern Novembertage ſaßen Blanche und Eliſe mit einer Handarbeit beſchäftigt am Fenſter, und hatten eben das herzliche Geſpräch, das ſie zuſam⸗ men führten, unterbrochen, um mit der in jener Zeit — 53 ſo leicht erweckten Unruhe einer Bewegung und Auf⸗ regung zu horchen, die ſich hier und da auf der Straße kundgab. Während ſie mit ſteigender Sorge die Grup⸗ pen beobachteten, die ſich flüchtig bildeten, um nach einigen trüb ausgetauſchten Worten wieder auseinan⸗ der zu ſtieben, während ſie mit einer Angſt, die keinen Namen hat, jedem haſtig Vorübereilenden nachſahen, ſo weit er ſichtbar blieb, öffnete ſich die Thüre und ließ Madame Vaubert ein, die raſcher als gewöhnlich und mit einem lebhaften Ausdruck von Aufregung in ihrem milden Geſicht ſich ihren Töchtern näherte. Als ihr trüb verſchleierter Blick Blanche traf, ergriff dieſe lebhaft ihre Hand und deutete, ohne eines Wortes mächtig zu ſein, durch das Fenſter nach dem Gebäude gegenüber, mit einem Blick, deſſen Frage Todesangſt ausſprach. „Ja, mein armes Kind“, ſagte Madame Vaubert traurig, indem ſie den bleichen Kopf der jungen Frau an ihre Bruſt drückte,„ja, der Himmel ſchickt uns eine neue Prüfung. Aber vertraue Gott, noch iſt Hilfe mög⸗ lich. Sage mir vor Allem, weißt Du nicht, wo Buo⸗ naparte ſich aufhält? Er war dieſen Morgen bei Dir, — Niemand vermag ihn aufzufinden, und doch hängt jetzt Alles an ſeiner Gegenwart. Es ſteht ſchlimm“, fuhr ſie fort,„eben iſt eine Expedition von Barras 54 hier angelangt, bevollmächtigt, die Verhafteten nach Orange abzuführen.“ —„Nach Orange?“ rief Blanche mit einem Schrei der Verzweiflung.„Aber Orange, das iſt der Tod!“ Sie preßte die Hand an die brennende Stirne, und ſammelte mit Anſtrengung ihre verſtörten Gedanken— — plötzlich erinnerte ſie ſich wieder an Lucian Buona⸗ parte, und ſein heilig beſchworener Eid leuchtete in ihrem Gedächtniß auf wie eine Bürgſchaft der Rettung. „Sie haben Recht, Mutter“, ſagte ſie in fliegen⸗ dem Ton, indem ſie in ungeſtümer Haſt den Mantel um die Schultern warf;„hier kann nur Er helfen, und zu finden weiß ich ihn.“ Erſchreckt hielt Madame Vaubert die Forteilende auf und ſagte bittend:„Nicht Du ſelbſt, Blanche! ver⸗ traue Deinen Auftrag wem Du willſt, aber geh nicht ſelbſt!“ „Mutter, halten Sie mich nicht auf!“ entgegnete die junge Frau mit bebender Stimme, indem ſie ſich losmachte.„Es handelt ſich hier um Leben und Tod!“ Seufzend ging die ſanfte Mutter zu ihrem zweiten weinenden Kinde, um mit ihm ihre eigenen Thränen zu vermiſchen, und aus der von neuen Sorgen ge⸗ gequälten Bruſt zu Gott zu beten. Währenddem eilte Blanche, wie von Todesangſt 55 gejagt, der Richtung zu, in der ſie den Freund zu fin⸗ den wußte. Sie begegnete bald da, bald dort einzelnen Perſonen, die wie ſie die Felder durchſtreiften, um ihn zu ſuchen, aber ſie hielt nicht an, ſie tauſchte kein Er⸗ kennungszeichen aus; ſtumm, athemlos eilte ſie vor⸗ wärts, und als ſie endlich den Meierhof erreicht hatte, der das Ziel ihrer Wanderung war, als ſie Lucian vor ſich ſah, ſank ſie faſt beſinnungslos auf eine Bank nieder und ſtammelte nur mit ſchwacher Stimme: „Hilfe, Hilfe!“ „Um Gotteswillen, was iſt Ihnen widerfahren“, rief Lucian beſtürzt.„Wie kommen Sie hierher, und allein, und in dieſer Aufregung?“ Blanche hörte ihn nicht, ſie erhob ſich, faßte ſeine beiden Hände, und rief mit einer ſo ſchmerzlichen Stimme, wie eine Mutter, der man ihr Kind entriſſen hat:„Kommen Sie, retten, vertheidigen Sie uns! Man will ihn nach Orange führen, ihn und alle An⸗ dern. Denken Sie an Ihr Verſprechen, aus Barm⸗ herzigkeit, verlaſſen Sie uns nicht!“ „Nach Orange?“ rief Lucian betroffen—„und ohne die Einwilligung des Comité's? Das wird nim⸗ mer geſchehen! Beruhigen Sie ſich, ich werde das Wort löſen, das ich Ihnen, das ich ganz Maximin gegeben habe.“ 1 Sanft ließ er bei dieſen Worten die erſchütterte Frau auf die Bank nieder, und eilte in ſtürmiſchem Laufe der Stadt zu. Dort hatte ſich indeſſen die Schreckensnachricht überall verbreitet, die Aufregung und Beſtürzung war allgemein geworden, und als Lucian St. Maximin erreichte, fand er die Straßen mit ſtürmiſch bewegten Gruppen angefüllt, und ward mit einem Jubelgeſchrei und mit Zurufen empfangen, die ihm über die Stim⸗ mung der heimiſchen Bevölkerung keinen Zweifel ließen. Als er vernahm, daß die Bevollmächtigten Barras' bereits zu eigenmächtigen Thaten geſchritten waren, befahl er die Sturmglocke zu läuten, und berief das Comité und die patriotiſche Geſellſchaft auf den Platz vor das Kloſter. Dort drängte ſich bereits eine An⸗ zahl aufgeregter und beſtürzter Menſchen, die ſich, als die Sturmglocke ihr eintöniges, ſchauerliches Geläute begann, mit jedem Augenblicke vergrößerte, und deren theils erbleichte, theils drohende Geſichter der Gruppe zugewendet waren, die ſich vor der Eingangsthüre des Kloſters einer verhängnißvollen Beſchäftigung hingab. Fünf bis ſechs Wagen hielten dort, von Gendar⸗ men umgeben, welche die Gefangenen, die ihnen zuge⸗ führt wurden, in Empfang nahmen und ſie gefeſſelt auf den Wagen unterbrachten. Ein kleiner, magerer 50 Mann, mit der dreifarbigen Schärpe umgürtet und einem Federhute bedeckt, ertheilte den Gendarmen Be⸗ fehle, und blickte mit einem Ausdruck von Keckheit, der jedoch eine gewiſſe Beſorgniß nicht ganz zu ver⸗ bergen vermochte, aus funkelnden grauen Augen von Zeit zu Zeit auf die Menge zurück, die immer näher herbeidrängte, und deren murrende Stimmen gleich dem Brauſen des fernen Meeres immer wogender und lauter zu ihm heran tönte. Da drang, umgeben von ſeinem Comité, Lucian Buonaparte durch die Schaaren, die ſich willig vor ihm theilten, und als er ſich dem Anführer der Gen⸗ darmen näherte, ſchwiegen plötzlich alle jene tauſend Stimmen, um dem Geſpräch zu horchen, das ſich jetzt entſpann. „Wer biſt Du, Bürger, und welch geſetzwidriges Beginnen erlaubſt Du Dir?“ rief der junge Corſe heftig dem Fremden zu.„Ich verlange, daß Du Dich augenblicklich zurückziehſt. Das revolutionäre Comité hat keinen Befehl zu einer Auslieferung erhalten. Die Volksgeſellſchaft wird ſich ſogleich verſammeln; dort kannſt Du Deine Vollmacht vorzeigen, und bis dahin führe man die Gefangenen dahin zurück, woher man ſie geholt hat. Gendarmen, im Namen des Geſetzes, bindet die Verdächtigen los.“ 58 —„Du weißſt wohl nicht, wen Du vor Dir haſt“, ſchrie der Andere zornig.„Ich bin Barras' Abgeſand⸗ ter, und habe nicht Luſt von einem Gemäßigten, von einem ci-devant, der Du biſt, Befehle anzunehmen,— ſieh' Dich vor, daß ich Dich dieſen Verdächtigen nicht ſelbſt beigeſelle! Gendarmen, an euer Werk!“ Währenddem hatte die Sturmglocke aber die ganze Bevölkerung herbeigerufen. Die Verwandten und Freunde der Opfer hatten bei Lucian's energiſchem Auftreten wieder Muth gefaßt. Viele derſelben waren bewaffnet, und als Lucian, dieſe Vortheile wahrneh⸗ mend, ihnen befahl, die Gefangenen loszubinden, ward dieſer Befehl mit Jubel aufgenommen; nach wenigen Minuten befanden ſich die Gefangenen wieder in ihren Zellen, und die Thüren des Hauſes, gut verſchloſſen, waren von einer zahlreichen Menge bewacht, die ſich nur nach den Befehlen des jungen Corſen richtete. Lucian befahl dem Abgeſandten, ihm vor das verſam⸗ melte Comité zu folgen, und dieſer, eingeſchüchtert durch die Menge, die eine ziemlich drohende Haltung angenommen hatte, leiſtete dieſem Befehle mit ſehr veränderter Haltung Folge. Wirklich befand ſich Barras' Abgeſandter in keiner geringen Verlegenheit. Als einer jener Elenden, die in jener Zeit die Spürhunde der Guillotine ausmachten. 59 Barras und Fréron die Anzeige machte, daß St. Maximin der Gulllotine nicht ein einziges Opfer ge⸗ liefert habe, daß man das Gefängniß der dortigen Verdächtigen nicht allein den Familien derſelben geöff⸗ net hatte, ſondern die Nachſicht ſo weit triebe, ſie faſt täglich Komödie ſpielen zu laſſen, beſchloß Barras, dieſem Unfug ein Ende zu machen, und ſandte die uns bekannte Deputation nach der kleinen Stadt ab. Die Unbedeutenheit des lang vergeſſenen Städtchens war jedoch Veranlaſſung, daß zum Bevollmächtigten dieſer Sendung ein erbärmlicher Menſch gewählt wurde, der, der Dienerſchaft Barras' angehörig, ſeine Fähigkeit nur darauf erſtreckte, der Guillotine neue Opfer zuzuführen. Ohne mit ſchriftlichen Vollmachten ausgerüſtet zu ſeyn, einer Anzahl entſchloſſener und kräftiger Männer gegenüber, bereute dieſer Feigling es nicht wenig, einen Auftrag dieſer Art übernommen zu haben, und als er ſich vor dem verſammelten Co⸗ mité einfand, war er innerlich feſt entſchloſſen, ſich um jeden Preis aus dieſer unangenehmen Lage loszu⸗ machen, und machte kaum einen ſchwachen Verſuch, ſich in der anfangs ſo übermüthig ergriffenen Stellung noch feſt zu halten. „Deine Papiere!“ ſagte Lucian in würdiger Haltung. 60 —„Ich habe nicht nöthig ſie vorzuzeigen,“ ent⸗ gegnete der Abgeſande halb trotzig, halb eingeſchüchtert. „Du wirſt ſie vorzeigen! Ein Verfahren, was ſo wider alles Geſetz und Ordnung ſtreitet, kann kaum durch die ausgedehnteſten Vollmachten gerechtfertigt werden. Ich vermuthe faſt, daß Deine Papiere viel⸗ leicht mehr Gründe liefern, Deinen Herrn beim Con⸗ vente in Paris zu verklagen, als Deiner Sendung Folge zu geben.“ —„Ei nun,“ ſagte der Andere uunt milderem Tone,„es iſt auch möglich, daß ich mich geirrt habe; ich handle aber nur aus Patriotismus, und nach den Befehlen der Conventsmitglieder. Was meine Papiere betrifft, ſo habe ich ſie nicht bei mir; ich verlaſſe mich aber auf Dich, Bürgerpräſident, und da das revolu⸗ tionäre Comité, dem ein korſiſcher Patriot vorſteht, und die ganze populäre Geſellſchaft einſtimmig keine Expedition nach Orange wollen, habe ich nichts mehr einzuwenden.“ Das Comité nahm dieſe Redensarten auf, ohne viel Gewicht darauf zu legen; als der Abgeſandte ſah, daß die ernſte, mißtrauiſche Haltung der Maximiner nicht vor ſeiner Nachgiebigkeit zurückwich, wurde er immer unruhiger, entſchloß ſich trotz der Anerbietungen, die ihm für einen längeren Aufenthalt in der Stadt 61 gemacht wurden, plötzlich zur Abreiſe, und ließ ſich nicht einmal bewegen die Nacht in St. Maximin zu⸗ zubringen. Sobald er mit ſeinem Gefolge die Stadt verlaſſen hatte, begab ſich Lucian nach dem Kloſter, und dort, umgeben von einer noch immer lebhaft auf⸗ geregten Menge, belebt und begeiſtert von großmüthiger Freude über die Rettung ſo vieler Menſchenleben, die ihm gelungen war, forderte er von den Patrioten St. Maximin'’s, ihr Werk zu krönen, ihren erlangten Tri⸗ umph über die Willkür der Fremden zu befeſtigen, indem ſie die Verdächtigen ohne Ausnahme ihren Fa⸗ milien zurückgäben. Der Augenblick war glücklich ge⸗ wählt. Wenn auch die Theilnahme an dem allgemei⸗ nen Freiheitstaumel die friedlichen Bürger dahin ge⸗ führt hatte, Männer, die ihnen früher als die Erſten und Unfehlbarſten ihres Geſichtskreiſes erſchienen wa⸗ ren, während langer Zeit gefangen zu halten, ſo hatte der Umſturz der alten Verhältniſſe doch nicht vermocht, die Erinnerung und Gewöhnung daran vollkommen zu erſchüttern, und die nie feſt in's Auge gefaßte Mpöllichkeit, dieſe Männer aus ihrem Bereiche geführt und dem Tode überliefert zu ſehen, die ihnen heute zum erſten Male nahe getreten war, hatte alle jene unauslöſchlichen Sympathieen wieder in's Leben geru⸗ fen, die ſtets Menſchen miteinander verknüpfen, die 62 in einem engen Umkreiſe ſich zuſammen bewegt, und während geraumer Zeit durch die verſchiedenſten In⸗ tereſſen von einander abhängig waren. So fand denn Lucian's Antrag eine allgemeine und jubelnde Aner⸗ kennung, und mit all' den Uebertreibungen und Freu⸗ denbezeugungen, die ein auf die Spitze getriebener Enthuſiasmus nothwendig bei dieſem gutmüthigen und leichtſinnigen Völkchen hervorrufen mußte, wurden die Verdächtigen ihrer Haft entbunden, im Triumphe durch die Straßen geführt, und erſt nachdem ſie mit allen Patrioten angeſtoßen hatten, in ihre Wohnungen und zu ihren Familien entlaſſen. Lucian begleitete Robert Réſay in das Haus, das deſſen liebſte Hoffnungen umſchloß, und der Dank, den er dort erntete, war ihm der ſüßeſte Lohn für die kühne Hingebung ſeines Benehmens. Als Blanche's heiße Thränen auf ſeine Hand fielen, als er in Réſay's edlen Zügen den Ausdruck der lebhafteſten Bewunderung und Dankbarkeit las, ſchwellte eine ſtolze, innige Be⸗ friedigung ſeine Bruſt, und lange Zeit nachher, als Jahre ungeahnter Erhebung und die Zeiten des Falles ſchon hinter ihm lagen, erinnerte er ſich jenes Tages noch, als des glücklichſten ſeines Lebens. Ernſt und bewegt war der Wiedereintritt Réſay's in die Familie, der ſeine Zukunft angehören ſollte, ernſt der Augenblick, in dem er die Mutter ſeiner frü⸗ heren Verlobten um ihren Segen zu einer andern Verbindung bat, die ihm doch den Namen ihres Sohnes nicht rauben ſollte; und wer möchte ergründen, was in der ſtillen Bruſt der würdigen Frau vorging, als ſie Dem, den ſie ſchon ſeit drei Jahren als ihren Sohn betrachtete, das geliebteſte Kind ihres Herzens zuführte, und dann das andere, das unter Thränen lächelnd ihr zur Seite ſtand, mit einer Bewegung der höchſten Zärtlichkeit in die Arme ſchloß! Von dieſem Tage an, der alle Schreckniſſe jener Zeit der aufgeregten Einbildungskraft der Betheiligten näher als je gerückt und ihre Kraft am höchſten ge⸗ prüft hatte, ſchien ſich endlich der Horizont der Zukunft für die Liebenden zu lichten. Die Ereigniſſe dieſes Tages ſelbſt blieben ohne Folgen. Der feige Knecht, dem die gewaltſame Miſſion übertragen war, ſtattete, zufrieden mit heiler Haut davon gekommen zu ſeyn, einen ſo verworrenen Bericht von ſeiner Sendung ab, daß dieſelbe unbeachtet blieb, und während der folgen⸗ den, von tauſend Verbrechen bezeichneten Epoche kein neuer Schritt dieſer Art gethan wurde. Kurz darauf befreite der neunte Thermidor Frank⸗ reich von der jakobiniſchen Schreckensherrſchaft, und die politiſchen Verhältniſſe St. Maximin's hatten ſich 64 in der jüngſten Zeit ſchon der Art geſtaltet, daß die jetzt hervortretende Reaktion mehr Vorhandenes beſtä⸗ tigte, als neue Veränderungen hervorrief. Unter dem Aufathmen Frankreichs, das langſam die alten Familien⸗ und Berufsverhältniſſe wieder auf⸗ leben ließ, gab Blanche der Bitte ihres Verlobten nach, ſich mit ihm vor dem Altare zu verbinden. Lu⸗ cian Buonaparte führte die reizende Braut an den Altar, und wenn auch das Feuer ſeines Blickes durch die Mißdeutungen, die ihn verfolgten, ſeit die allgemeine Meinung ſich gewaltſam nach einer neuen Ideenrich⸗ tung ſtürzte, getrübt war, ſo fühlte er doch an dieſem Tage ſein Herz höher ſchlagen, als er Zeuge eines Glückes war, das ihm ſein Beſtehen und ſeine Sicher⸗ heit verdankte. Seine eigene Zukunft gehört der Geſchichte an, und wenn in ihren Aufzeichnungen manche Anklage und mancher Vorwurf auf ſein Haupt gelegt wurde, ſo ſegnen doch Réſay's Enkel noch jetzt die Zeit ſeines Wirkens in St. Maximin. Arnold Nobeling. 1860. Motto: Wer auf das Herz hört, dem hat es immer etwas von Dem zu ſagen, was geſchehen wird. Aber was weiß es, das Herz? Kaum ein wenig von Dem, was ſchon gefchehen iſt. Manzoni. ꝙ Godin, Frauenliebe und Leben. IV. —-—— Erſte Abtheilung. Ein Kind. I. Wilde Verwirrung herrſchte in Warſchau am Nachmittage des 31. Auguſt 1704. Seit einigen Stun⸗ den war Auguſt der Starke Herr der Stadt, und ſeine undisciplinirten von allen Seiten her zuſammenge⸗ rafften Truppen plünderten mit gierigem Ungeſtüm Paläſte Kirchen und Klöſter, und übten ihre Exceſſe mit um ſo größerer Gewaltthätigkeit, als kein ernſter Wille da war, denſelben zu ſteuern. Vergebens hatte der Magiſtrat der Stadt als er genöthigt war, dem Churfürſten Auguſt von Sachſen die Thore zu öffnen, eine Summe von fünfzigtauſend Thalern vor ihm niedergelegt, um damit die Plünderung abzuwenden. Auguſt hatte es zu ſchwer empfunden, daß ihm die 5* 68 mit ſo großen Opfern erworbene und behauptete Krone Polens nach kaum dreijährigem Beſitz wieder entriſſen worden war. Den früheren Vaſallen Stanislaus Les⸗ czynski ſtatt ſeiner auf dem Throne zu ſehen ertrug er um ſo weniger, als ihm in Polen wirklich noch eine große Partei anhing; ſelbſt jene Großen, deren Unzufriedenheit mit Auguſt's Regierung die Bildung der Conföderation veranlaßt hatte, durch die ſeine Ab⸗ ſetzung und eine neue Königswahl bewirkt wurde, konnten es nicht verſchmerzen, daß Karl XII. der Re⸗ publik Polen das Recht der freien Wahl genommen hatte. Zwar ſuchte der König von Schweden den Vorſchriften die ſein eiſerner Wille dem Lande diktirte, die mildeſte Färbung zu geben; ſeine Proteſtationen, daß er als Feind vor Allem mit Auguſt von Sachſen, 3 nicht aber mit Polen ſelbſt zu thun hätte, hatten ihn aber nicht gehindert ſeinem Schützling Stanislaus durch die ſtumme Drohung bewaffneter Truppen die Wahl zum König der Republik zu erzwingen. Wenn auch der vielvermögende Kardinal Primas, der Con⸗ föderations⸗Marſchall, kurz Alle die ſich anfangs die⸗ ſer Wahl heftig widerſetzt hatten, dem neuen König huldigten nachdem der Biſchof von Poſen ihn am 13. Juli geweiht hatte, ſo war es doch dem abgeſetzten Herrſcher nicht unbekannt wie ungern ſich Alle dem —.——— — 69 Neugewählten unterordneten und wie ſchwer bereits die erſten Wochen der Regierung dem bis dahin ſo allgemein beliebten Stanislaus gemacht worden waren. Mitt der Hoffnung, Stanislaus und die treuloſen Kronbeamten zu überraſchen und ſich ihrer Perſonen zu bemächtigen, hatte Auguſt, den ſeine Gegner an der Grenze von Volhynien lagernd und den Beiſtand von Mazeppa's Koſakenſchaar erwartend glaubten, einen geſchickt ausgeführten Eilmarſch nach der Hauptſtadt unternommen und ſie mit ſeinem nur aus Kavallerie, größtentheils aus Koſaken beſtehenden Corps ſo raſch erreicht, daß Stanislaus, deſſen Familie und die höch⸗ ſten Würdenträger kaum Zeit zur eiligen Flucht be⸗ hielten. Daß dieſe aber dennoch gelungen, daß nur der ſchwer erkrankte Biſchof von Poſen in ſeine Hände gefallen war, verdroß Auguſt tief und ließ ihn kaum zur Freude über die Einnahme der Hauptſtadt kommen. Um ſo rückſichtsloſer gab er daher auch das Hab und Gut der geflüchteten von ihm abgefallenen Großen, namentlich des gehaßten Gegenkönigs preis. Es war Nachmittags gegen ſechs Uhr. Praſſelnd ſtürzte der Regen nieder und wob ſeinen naſſen Schleier um die mannigfachen Scenen der Rohheit und des Jammers die auf den Straßen von Warſchau geſpielt wurden. Nur ein Theil von Auguſt's Schaaren war 70 zum Angriff des königlichen Schloſſes geſammelt wor⸗ den, in das der ſchwediſche General Horn ſich zurück⸗ gezogen hatte, als die Stadt weichen mußte; entfeſſelt drängten ſich die übrigen truppweiſe in die Häuſer und Paläſte. Ein junger Mann in der Tracht eines pol⸗ niſchen Bauers, durchnäßt und beſchmutzt, miſchte ſich unter einen Schwarm dieſer Plünderer die ſich eben in das Sommerpalais wälzten, das Stanislaus mit ſeiner Familie bis zur Stunde der Flucht bewohnt hatte, alle Räume deſſelben durchſtreichend, eben ſo viel zerſtörend als ſie raubten. Die Schaar der beuteluſtigen Koſacken war viel zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um einen Einzelnen zu beachten; doch würde ein aufmerkſamer Beobachter bald bemerkt haben, daß der junge Mann jeden neuen Raum den er betrat mit haſtig ſuchendem Blick durch⸗ lief, und ohne Wahl irgend einen der umherliegenden halbzertrümmerten Gegenſtände aufgriff und in den Sack ſteckte, der ihm über die Schulter hing, ſo oft ein zufälliger Blick der Genoſſen ihn traf. Steigende Unruhe malte ſich von Zeit zu Zeit auf ſeinen ſprechenden Zügen, als er von Raum zu Raum eilte ohne den Gegenſtand zu finden, den er zu ſuchen ſchien. — 74 Alle Stockwerke waren durchwandert; mißſtimmt und niedergeſchlagen ſchlüpfte der Bauer, der hier voll⸗ kommen heimiſch zu ſein ſchien, in den menſchenleeren Hof, begann in dem daran grenzenden, ganz verlaſſenen Wirthſchaftsgebäude von Neuem ſein vergebliches Su⸗ chen und blieb endlich, in den Hofraum zurückgekehrt, einige Augenblicke nachſinnend ſtehen. Plötzlich fuhr er mit haſtiger Geberde auf; wenige Schritte von ihm ertönte deutlich das klagende Schreien einer Kinder⸗ ſtimme, und ſchnell wie ein Gedanke folgte er dem Laut, der ihn in einen der längſt verlaſſenen Pferde⸗ ſtälle führte. In einem Winkel deſſelben lag auf einem Bund Stroh ein Kind von etwa anderthalb Jahren. Es war ein blondes, roſiges Mädchen, das, obgleich es zart ausſah wie ein Blümchen, doch mit einer Stimme die von der Vortrefflichkeit ſeiner Lunge Zeugniß gab ſo ſehr ſchrie, als es nur möglich iſt zu ſchreien. Der Eintretende ſtürzte auf das Kind zu, nahm es auf den Arm und ſuchte es zu beſchwichtigen, während er haſtig die allerdings beſchmutzten, aber urſprünglich koſtbaren Hüllen der Kleinen unterſuchte; beim Anblick der darin befindlichen Namenszeichen malte ſich ſichtliche Befrie⸗ digung auf ſeinen Zügen; dennoch ſtreifte er zuletzt noch den Aermel zurück und ſuchte und fand mit 72 einem Laut der Freude ein kleines, dunkel gefärbtes Mal auf dem runden Oberärmchen. Von Neuem bemühte er ſich nun das Kind, das ihn mit großen, erſchreckten Augen anſah zu beruhigen, obgleich ſeine ganze Haltung verrieth wie wenig er das Amt einer Kinderwärterin gewöhnt ſei. War dem armen verlaſſenen Geſchöpf die Nähe eines menſchlichen Weſens, einer liebkoſenden Stimme wirklich eine Beruhigung, oder hatte es ſich durch langes Schreien ſchon bis zum Aeußerſten ermüdet; genug es währte nicht lange, ſo ſchlief es in den Armen ſeines unbekannten Wärters ein, nachdem das laute Geſchrei in leiſes Schluchzen übergegangen war. Dieſer Zufall ſchien dem jungen Mann höchſt willkommen, und er benützte ihn ſogleich zu ſeinem Zweck. Raſch entfernte er die verſchiedenen Gegenſtände aus ſeinem Sack, knüpfte einen Theil derſelben in ein Tuch, und ließ den zarten Körper der kleinen Schläfe⸗ rin vorſichtig in den Sack gleiten. Als er ſich dann denſelben mit großer Sorgfalt ſo über die Schulter gelegt hatte, daß der Kopf des Kindes auf ſeiner Achſel ruhte, faßte er den Bündel mit den Beuteſtücken, der ihm zur Durchführung ſeiner Nolle nöthig ſchien, und ſchritt hinaus auf die Straße. Mindeſtens eine 73 Stunde war vergangen ſeit er das Sommerpalais betreten hatte, und die Verwirrung die in der Stadt herrſchte, inzwiſchen noch gewachſen. Der Angriff der Sachſen auf das königliche Schloß wurde mit Erbit⸗ terung fortgeſetzt. Schon begannen die glühenden Ku⸗ geln der Angreifer im Schloß zu zünden, ſchon wuchs unter ihren Händen die von General Horn halb abge⸗ brochene Brücke wieder von Neuem. Es war voraus⸗ zuſehen, daß der tapfere Schwede den Platz nicht würde behaupten können, denn Karl XII., der es in unglaublicher Sorgloſigkeit verſäumt hatte, den kaum durch ihn geſchaffenen König in ſeiner Hauptſtadt ſicher zu ſtellen, war fern in Lemberg, und unmöglich vermochte Horn das Schloß ſo lange zu halten bis Entſatz kommen konnte. Wie in einem Wirbel ward der junge Bauer von den Schaaren die dem Schloßplatz zudrängten fort⸗ geriſſen, und von der Richtung entfernt die er ein⸗ ſchlagen wollte. Dennoch gelang es ihm nach und nach, indem er mit Aufwand einer aalgleichen Gewandt⸗ heit jede entſtehende Lücke benützte, mit ſeiner ängſtlich behüteten, in dieſem Gewühl ſtets neuer Gefahr aus⸗ geſetzten Bürde das Ufer der Weichſel zu erreichen. Längſt ſchon war das Kind erwacht, und erhob nun auf's Neue ſeine Stimme zu jammernden Klagen— wer aber achtete in dieſem ſtürmiſchen Durcheinander einzelner Laute? Tief aufathmend fand ſich der Schützer der Klei⸗ nen endlich an einer verlaſſenen, ganz öden Stelle des Ufers. Noch immer ſtrömte der Regen und brachte weit frühere Dämmerung, als der Jahreszeit angemeſ⸗ ſen war. Schwer hingen die Wolken vom Himmel nieder und ſchon dunkelte es ſo ſehr, daß der junge Mann erſt nach einigen Augenblicken die Umriſſe einer nahen Fiſcherhütte unterſchied. Nach kurzem Bedenken ſchritt er darauf zu. Die roh gezimmerte Thüre ſtand weit offen, die Hütte war leer. Des günſtigen Zufalles froh, trat der Flüchtling ein, löste das weinende Kind aus ſeiner groben Hülle und entdeckte mit einer Freude, die kaum eine ſorgliche Mutter lebhafter hätte empfinden können, auf einem Brett an der Wand unter verſchiedenen Gefäßen einen halb mit Milch angefüllten Topf. Gierig ſchlürfte die Kleine das dargebotene Getränk und ſchlief abermals ein, dießmal auf der Pritſche gebettet die das ärm⸗ liche Lager des Fiſchers ausmachte. Nun ſtreckte der Flüchtling ſich auf die Erde hin und gönnte ſeinen arbeitenden Lungen endlich Erholung. Doch war kaum eine Viertelſtunde vergangen, als er ſchon wieder aufſprang und vorſichtig forſchend den 75 Kopf hinausſtreckte, die Dunkelheit aber noch nicht dicht genug für das nächſte Wagniß fand. Eine wei⸗ tere Stunde verging in ſchweigendem, peinlichem Ab⸗ warten. Endlich ſchien ihm der Augenblick günſtig. Er hüllte das ſchlafende Kind in die Binſenmatte, die dem Lager des Fiſchers als Decke diente, band ſich die zarte Laſt mit zuſammengeknüpften Angelſchnüren feſt auf den Rücken, und trat hinaus. Pechſchwarze Finſterniß umgab ihn; dennoch prüfte er mit ſicherem Fuß den Uferrand und fand nach kurzem Suchen eine Stelle, welche die Möglichkeit bot, an der ſteinigen Brüſtung hinabzuklettern und das Flußbett zu er⸗ reichen. Kräftig theilten die Arme des geübten Schwim⸗ mers die Fluthen, und nach einer Viertel⸗Stunde ner⸗ viger Anſtrengung war das rechte Ufer der Weichſel erreicht. Schwere, keuchende Athemzüge zeugten von der Erſchöpfung des Flüchtlings; aber ohne ſich Ruhe zu gönnen ſchlug er den Weg nach dem nahen Praga ein, das, gleichſam eine Vorſtadt Warſchau's, durch eine Schiffbrücke mit der Hauptſtadt zuſammenhing Der junge Mann mußte hier vollkommen orientirt ſein, denn trotz der Dunkelheit verfolgte er ſeinen Weg ohne 76 Aufenthalt durch einige Seitenſtraßen Praga's, bis er vor einem Hauſe ſtille ſtand, deſſen Rücken dem Strom zugewendet war. Den Hammer erfaſſend der damals die heutige Klingel vertrat, ließ er mehre Schläge gegen die Thüre ertönen. Nach kurzem Zögern öffnete ſich ein Schiebe⸗ fenſter im erſten Stockwerk und eine mänliche Stimme frug:„Wer klopft?“ —„Ich muß Doktor Orſelski ſprechen, augen⸗ blicklich, es geht um Leben und Tod.“ Eine Pauſe des Schweigen entſtand. Dann ſagte die Stimme des Hausbewohners mit eigenthümlichem Ton:„Ich komme hinab.“ Wenige Sekunden vergingen dann knarrte ein ſchwerer Riegel und der Fremde verſchwand mit dem Kinde im Innern des Hauſes. Etwa zehn Minuten mochten vergangen ſein, als die Thüre ſich wieder öffnete, um den Flüchtling zu entlaſſen, der ohne das Kind heraustrat. Es war tiefe Nacht. Mit einer Ortskenntniß, die jedes Zö⸗ gern überflüſſig machte, glitt der junge Maun durch einige öde Straßen der Vorſtadt und ſchlug nun den Weg quer durch das Feld ein. Während dieſer Wan⸗ derung begannen ſeine Kräfte trotz der jugendlichen Elaſticität ſeines Körpers ſichtlich zu ermatten; dennoch — 6 ſchritt er weiter, offenbar einem beſtimmten Ziele zu, denn als er die Umriſſe eines verwitterten, von der großen Fahrſtraße weit abgelegenen Gebäudes unter⸗ ſchied, gewann ſein Tritt neue Spannkraft, und er ſchritt haſtig auf daſſelbe zu. Eine Verwünſchung bebte auf ſeinen Lippen, als er nahe genug war, die Umriſſe einer ſich bewegenden Geſtalt dicht bei dem ſonſt immer verlaſſenen Gemäuer zu entdecken; bald unterſchied indeß ſein an die Dunkelheit gewöhntes Auge, daß es nur ein dort feſtgebundenes Pferd ſei. Ein Freudenſchimmer belebte die kräftigen Züge, mit der Gewandtheit eines Zigeuners ſprang er vorwärts, durchſchnitt den Strick der das Pferd band, mit ſei⸗ nem Taſchenmeſſer, ſchwang ſich auf den ſattelloſen Rücken des Thieres und ſprengte in ſauſendem Galopp davon. Obgleich die Hufe des Pferdes in dem lehmigen, durch den Regen ganz durchweichten Boden nur wenig Geräuſch verurſachten, genügte daſſelbe doch, den Wach⸗ poſten zu wecken, der ſich wegen des ſtrömenden Re⸗ gens in's Innere des Gemäuers zurückgezogen hatte und dort halb eingeſchlummert war. Mit dem ſchar⸗ fen Inſtinkt der Steppenbewohner erriethen die Koſa⸗ ken augenblicklich, was vorgefallen war— ein Sprung vor die Thüre— ein wilder Schrei der Wuth— 78 und ſchon ſaß einer der Koſaken auf dem zweiten Pferde, das an der Rückſeite des Gebäudes unterge⸗ bracht war, und ſprengte dem Flüchtling nach. Mit feſt aufeinander gebiſſenen Zähnen bot der junge Mann Alles auf, um ohne Sporn und Zügel den gewonnenen Vorſprung zu behaupten— umſonſt! Der Verfolger kannte ſein Pferd, das, jedem Laut der vertrauten Stimme gehorchend mit Windeseile immer näher und näher kam, und ſchon hörte der Flüchtling den Hahn der Piſtole knacken die auf ihn angeſchlagen ward, ſchon tönte das donnernde:„Halt, oder Du biſt des Todes!“ in ſein Ohr. Der Fliehende beugte ſich tief herab bis auf den Kopf ſeines Pferdes, zog während dieſer Bewegung einen Gegenſtand von geringem Umfang aus ſeiner Bruſttaſche und ſchleuderte denfelben in das nächſte Feld, ſtets wüthend vorwärts galoppirend. Noch we⸗ nige Sekunden— dann knallte der Schuß, und laut⸗ los ſank der Flüchtling vornüber. Das Pferd ſetzte ſeinen Lauf unaufhaltſam fort den lebloſen Körper des Reiters ſchleifend, bis der Koſak es vollends ein⸗ geholt und gefaßt hatte. Nachdem er den entſeelten Körper des Flüchtlings durchſucht, und außer einem ſcharfen Stilet nichts bei ihm gefunden hatte was ihm des Mitnehmens werth ſchien, ſtieß der Sohn der Steppe ihn verächtlich mit dem Fuße zur Seite, und kehrte auf ſeinen Poſten zurück. In derſelben Stunde war noch ein anderes Leben erloſchen. In jenem Hauſe in Praga, das der jetzt Entſeelte vor kaum zwei Stunden verlaſſen hatte, um⸗ gab eine Gruppe von drei Tiefbetrübten das Sterbe⸗ bett eines Greiſes. Mit jenem Lächeln, das allein ſchon eine Beſtätigung jenſeitigen Lebens ſein könnte, wenn es keine andere gäbe, mit jenem Lächeln tiefen Friedens das nur den Todten gehört, lag der alte Mann auf ſeinem Lager. Zwei junge Leute, ein Mann von kaum zweiundzwanzig Jahren, ein Mädchen, das faſt noch ein Kind zu nennen war, knieten weinend und betend vor ihm, wärend ein bejahrter Diener mit ſtarrem Schmerz auf die Gruppe blickte. Lange Zeit unterbrach nur das unterdrückte Schluchzen des Ge⸗ ſchwiſterpaares die Todtenſtille, plötzlich aber vermiſchte ſich mit dieſen leiſen Klagelauten das helle Weinen eines Kindes, und gleichzeitig wendeten ſich die Blicke der Trauernden auf das kleine Weſen, das bis jetzt ſchlafend zu Füßen des Hingeſchiedenen geruht hatte. Leiſe ſtand das junge Mädchen auf und trug das Kind in's Nebenzimmer; zu dem weiblichen Bedürfniß das hülfloſe Geſchöpf zu beruhigen, ge⸗ ſellte ſich die beklommene Scheu im heiligen Sterbe⸗ 80 zimmer des Vaters die Stille unterbrochen zu ſehen, oder gar dort ein irdiſches Geſchäft vornehmen zu müſſen. Bald gelang es ihr die Kleine wieder zu beruhigen, und durch den Zwiſchenfall einiger Faſſung zurückgegeben, trat ſie dem Bruder, der bald nachher zu ihr heraustrat, mit trübem Lächeln entgegen, indem ſie ſagte:„Das arme Kind!“ —„Wohl haſt Du Recht, es ſo zu nennen,“ ſagte der junge Manu mit unruhigem Ausdrucke. „Wenn für uns Alle der Tod des theuren Vaters zu früh kam, ſo iſt dieß beſonders für dieſes kleine Ge⸗ ſchöpf der Fall geweſen. Was ſollen wir nur anfan⸗ gen? Wie dieſen nur halb gegebenen Auftrag zu Ende führen?“ „Des Vaters Wille muß erfüllt werden!“ entgeg⸗ nete das junge Mädchen ruhig.„Er iſt im Vertrauen auf unſeren Schwur dahingegangen, keine Schwierig⸗ keit darf uns abſchrecken zu thun was wir gelobten.“ —„Gewiß nicht!“ rief er lebhaft, indem er mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging.„Wie es aber anzufangen iſt, das Kind bald von hier fort⸗ zubringen, oder es bis zur Aufklärung dieſer Angele⸗ genheit bei uns zu behalten, und dadurch kein Auf⸗ ſehen zu erregen, das iſt mir bis jetzt noch ein Räth⸗ ſel! Vor Allem liebe Schweſter, bring' jetzt das Kleine 81 auf Dein Zimmer und ſuche Dich ſo einzurichten, daß die Weiber unten im Hauſe nichts gewahr werden. Ich werde ſchon eine Auskunft finden; jetzt iſt dieß Alles zu plötzlich gekommen, der Tod des guten Vaters iſt al⸗ lein ſchon genügend, die Gedanken zu lähmen; finde ich einige Ruhe, dann wird mir gewiß ein Mittel in den Sinn kommen dieſe ſchwierige Aufgabe zu löſen.“ Sie ſtrich dem Bruder liebkoſend über die Stirne. „Nun hab' ich nur Dich auf der Welt“, ſprach ſie mit feuchten Augen.„Und nicht wahr, Du läßt mich bei Dir bleiben?“ —„Geduld, mein Mädchen“, entgegnete er mit wehmüthigem Lächeln;„noch. keine Pläne jetzt! Wo möglich wollen wir uns nicht trennen; vor Allem muß des Vaters Auftrag unſere nächſte Sorge ſein.“ Liebevoll geleitete er die zarte Geſtalt die Treppe hinauf nach dem zweiten Stockwerk. Dann kehrte er zurück und ordnete mit dem alten Diener die Sorge für den theuren Todten an. Tief traurig begab ſich der junge Herr des Hau⸗ ſes ein paar Stunden ſpäter wieder hinauf in das Zimmer ſeiner Schweſter, die ihm mit geröthetem Antlitz und ſtrahlenden Augen entgegenkam, indem ſie, ihn in die Arme ſchließend, lebhaft ausrief:„Ich habe das Mittel gefunden!“ Godin, Frauenliebe und Leben IV. 6 Zweite Abtheilung. Martha. J. ½ Im Speiſeſaal des Gaſthofes zum Engel, der zu⸗ gleich Poſthof und Geſellſchaftslokal des ſächſiſchen Landſtädtchens Scheßlitz war, ſaßen an einem Mai⸗ abend des Jahres 1705 die gewöhnlichen Stammgäſte länger beiſammen als gewöhnlich. Bei jedem Geräuſch von außen ſtockte das Geſpräch, man ſchien offenbar etwas zu erwarten. Endlich erſchallte der Klang eines Poſthornes und faſt zu gleicher Zeit raſſelte die Poſt⸗ kutſche ſchwerfällig durch das Thor; ihr alterthümliches Ausſehen und die mageren, ziemlich bejahrten Pferde 3 verriethen daß ſie auf einer wenig belebten Straße zun fungiren hatten. Wirklich ſaß auch nur ein Paſſa⸗ gier darin, der alsbald mit raſcher Bewegung aus 83 dem Wagen ſprang, dem Poſtillon ein Trinkgeld in die Hand drückte, und nun durch den Hof ſchritt dem Eingang des Hauſes zu, wo er von dem Wirth mit feierlicher Verbeugung empfangen wurde. Herr Metzler, der Beſitzer des Gaſthofs zum Engel, war ſich der bedeutenden Rolle die er an ſeinem Heimathtsorte ſpielte tief bewußt. Groß und ſtattlich, aber durchaus nicht beleibt, erinnerte ſeine Haltung an den ehemaligen Soldaten, und dieſe kriegeriſche Vergangenheit bildete doppelt oft den Stoff zur Unter⸗ haltung ſeiner Gäſte, ſeit die polniſchen Wirren das leidige Tagesgeſpräch in Sachſen ausmachten. Daß die halb verſtümmelte linke Hand ihn zum Kriegshand⸗ werk untauglich gemacht hatte, verdroß ihn jetzt oft genug, obgleich es ihm in ſeinem friedlichen Lebensbe⸗ rufe gar wohl erging. Neben dem Bewußtſein, ſeiner trefflichen Küche und reinen Weine halber den Ruf des beſten Gaſtwirths weit und breit zu haben, gab er ſich auch der Ueberzeugung hin, perſönlich nicht der ſchwächſte Anziehungspunkt ſeines Hauſes zu ſein. Das ſchon ſtark geſprenkelte Haar verrieth den be⸗ ginnenden Sechziger. Der Glanz des ſcharfen grauen Auges aber und eine beſonders kräftige Geſichtsfarbe ließen ihn jünger erſcheinen. Er ſaß ſeit Jahren im Rathe der Stadt, und ſeine Meinung voll und ge⸗ * 6* 84 wichtig ausgeſprochen, hatte bedeutenden Einfluß auf das Wohl und Wehe der Kleinbürger. Ueberhaupt war Herr Metzler gewöhnt mitzuſprechen, ſo oft es im Umkreiſe des Städtchens etwas galt, und dieſes Bewußtſein ſprach ſich auch in der Art und Weiſe aus, wie er protektormäßig den Ankömmling begrüßte und ſogleich mit der Frage anredete:„Ohne Zweifel habe ich die Ehre, unſern neuen Herrn Doktor zu be⸗ grüßen?“ —„Ja wohl! Haben Sie die Güte gehabt, ein Zimmer für mich bereit zu halten?“ „Gewiß Herr Doktor, es iſt Alles in Ordnung; aber wäre es nicht gefällig in den Speiſeſaal einzu— treten? Nach der ermüdenden Reiſe wird Fhien ein Abendbrod gewiß gut thun.“ —„Nicht dort, ich wünſche vor Allem mein Zimmer, wohin Sie mir eine Flaſche Bier und etwas kalte Küche ſenden mögen.“ Herr Metzler winkte würdevoll den harrenden Hausknecht herbei, dem der Fremde folgte, und, den Saal durchſchreitend, mit kurzem Gruß das Anſtarren der Tiſchgenoſſen erwiderte. „Ein feiner Menſch, der Doktor!“ nickte der Amts⸗ ſchreiber beifällig, indem er das geleerte Glas zurück⸗ ſchob und ſich zum Rückzuge anſchickte.„Wird unſeren 85 Frauen behagen. Aber jung, jung! Kennt ihn denn der Herr Baron perſönlich?“ —„Bewahre!“ warf Herr Metzler ein.„Unſer gnädiger Herr hat mir ſelbſt mitgetheilt, daß er ſich, als der alte Doktor wegziehen wollte, an den Profeſ⸗ ſor Berner in Königsberg gewendet hat, der ja früher Hausarzt in der freiherrlichen Familie war, und ihn erſuchte, einen paſſenden Arzt zu wählen. Kann ſich gratuliren, der junge Herr! Bezieht nun den ſchönen Gehalt aus dem Schloß und iſt der einzige Doktor auf zehn Meilen ringsum. Gebt Acht, der wird ge⸗ wiß bald heirathen!“ „Hoffentlich ein Zuwachs zu unſerem Sonntags⸗ kränzchen, ſo lange er ledig bleibt“, ertönte die dünne Stimme des Schreibers. „Wollen's abwarten“, meinte der Apotheker, in⸗ dem er ſeiner Naſe eine ſtattliche Priſe zuführte.„Der junge Herr ſcheint mir verdammt kurz angebunden!“ —„Reiſemüde, Herr Apotheker, reiſemüde!“ Mit dieſen entſchuldigenden Worten leuchtete Herr Metzler ſeinen Gäſten hinaus. Der Gegenſtand dieſer Betrachtungen rechtfertigte die Anſicht ſeines Gaſtwirthes. Von der unbequemen Poſtkutſche gründlich durchgerüttelt, ſeit zwei Tagen 86 auf ſchlechten Wegen umhergeworfen, hatten ſeine Glieder ganz das Gefühl ihrer Perſönlichkeit verloren. Kaum zu dem kleinen Imbiß aufgelegt, den er ſich hatte bringen laſſen, warf ſich der junge Mann als⸗ bald auf ſein Bett und ſchlief mit aller Gründlichkeit eines Sechsundzwanzigjährigen. Als ihn die Morgenſonne weckte, erhob er ſich mit dem Gefühl friſchen Wohlbehagens. Freundlich grüßte das helle Licht zu den Fenſtern herein, freund⸗ lich war die nächſte Umgebung, und eben ſo heiter die Stimmung unſeres Helden. Ziemlich ereignißloſe, aber fleißig benützte Studienjahre hinter ſich, fand er ſich in einem Alter, wo die meiſten jungen Mediziner noch mit ihrer Unberühmtheit zu kämpfen haben, an der Schwelle einer vielverſprechenden Zukunft. Wäh⸗ rend er ſich behaglich dehnte und das trefflich berei⸗ tete Frühſtück genoß, überdachte er nochmals die Ge⸗ ſtaltung ſeiner Verhältniſſe und fand von Neuem Grund den glücklichen Zufall zu ſegnen, der gerade den ihm ſo gewogenen Gönner und Lehrer die Wahl eines Arztes für ſeinen jetzigen Wirkungskreis übertrug. Die Jahre, welche ſeinen Studien auf der Univerſität folgten, waren für ihn als Hülfsarzt des dortigen be⸗ deutenden Spitals von großem Nutzen geweſen, und hei aller Beſcheidenheit ſeines Charakters konnte er — 87 ſich ſagen, daß Studium und Erfahrungen ihn wohl zu einer ſelbſtſtändigen Stellung berechtigten. Ju der behaglichſten Stimmung legte er ſich in's Fenſter, um das Terrain ſeines künftigen Wirkens von hier aus zu beſchauen. Der Gaſthof zum Engel lag auf einem geräumigen Marktplatz, deſſen Mitte durch einen Brunnen geſchmückt war, auf dem ein grimmig ausſehender Neptun ſeinen Dreizack ſchwang. Der Platz der in vier Straßen mündete welche eine Kreuzform bildeten, war mit Häuſern beſetzt, die meiſtens gut gehalten und überall durch Hofräume ge⸗ trennt waren, hinter denen das Grün geräumiger Gärten hervorſchimmerte. Eines dieſer Häuſer das dem Gaſthof ſchräg gegenüber lag, fiel dem Späher ſogleich durch ſeine freundliche Lage auf. Es beſtand nur aus dem Erdgeſchoß und einem Stockwerk nnd war rings von einem Garten umgeben, den ein ſchma⸗ er, gepflaſterter Weg bis zur Hausthüre durchſchnitt. Obgleich das friſch getünchte, mit Reben bezogene Häuschen auf dieſe Weiſe etwas zurück lag, konnte der junge Mann doch von ſeinem Fenſter aus einen Blick in die weit geöffneten Fenſter des erſten Stock⸗ werkes werfen. Eine Fülle von Blumen zeigte ſich zwiſchen den ſchneeigen Gardinen, und eben tauchte ein blühender, blondlockiger Kinderkopf inmitten der 88 Blüthen auf, um in den von oben herabhängenden Bauer des Kanarienvogels mit dem kleinen, dicken Händchen ein Stück Zucker zu ſtecken. Mit dem be⸗ friedigten Blick eines Zeichners hing des Doktors Auge an dem anmuthigen Bilde, das ihm aber durch zwei weiße Hände bald entzogen ward die eine hinter den Gardinen verborgene Geſtalt um das hübſche Kind ſchloß und es vom Fenſter entfernte. Bald nachher begab ſich der junge Mann hinab, um den Wirth aufzuſuchen, der den gewöhnlichen Morgenſpaziergang nach ſeinen Wieſen aufgeſchoben hatte, um den Gaſt bei hellem Tage ſchärfer in's Auge zu faſſen.„Gut geſchlafen, Herr Doktor?“ war ſeine bereit gehaltene Anrede.„Sind Sie mit Ihrem Zim⸗ mer zufrieden, oder wünſchen Sie ein anderes?“ —„So zufrieden, daß ich mit der Anfrage komme, ob ich daſſelbe und etwa noch ein anſtoßendes wohl für längere Dauer miethen könnte? Es behagt mir dort; zum Mittagstiſch melde ich mich ohnehin bei Ihnen an, und da ich hoffentlich bald viel beſchäftigt ſein werde, wäre es mir in jeder Weiſe bequem hier im Hauſe zu wohnen.“ „Warum nicht, Herr Doktor? Sie wiſſen ja, daß unſer Städtchen von der großen Straße weit ab liegt; an Reiſenden iſt alſo kein Ueberfluß. Ich kann die — —y———— 89 Zimmer leicht abgeben; ſehen Sie ſich indeſſen auch die anderen Räume des Hauſes an, gefällt Ihnen eine andere Stube beſſer, oder wünſchen Sie die Mö⸗ bel der Ihrigen umgewechſelt, ſo ſteht Ihnen die Wahl völlig frei.“ —„Nein, Herr Poſthalter, gerade ſo wie es jetzt iſt, ſagt es mir zu. Das wäre alſo abgemacht, und da wir nun Hausgenoſſen ſind und hleiben, geben Sie mir wohl einigen guten Rath, wie ich mich im Uebrigen auf's Schnellſte hier zurechtfinde? Um den Anfang zu machen, bitte ich um Ihren Familiennamen; daß ich Arnold Nobeling heiße, wiſſen Sie vielleicht. Wenn Sie dann dem Ihrigen auch die Namen der Perſonen beifügen wollen, mit denen der Arzt hier zunächſt in Beziehung tritt, ſo würde mir das lieb ſein.“ Auf dem feierlichen Geſichte Herrn Metzler's malte ſich unverkennbare Befriedigung.„Daß ich Ihnen mit Vergnügen in jeder Weiſe zu Dienſten ſtehe, Herr Doktor, bedarf keiner Betheuerung; hätte Doktor Wolff nicht ſo große Eile gehabt nach der Univerſität abzu⸗ gehen, wo ihm die Profeſſur zu Theil wurde, ſo würde er Ihnen vielleicht ſelbſt geſagt haben, daß man ſich, was gute Auskunft betrifft, hier an Niemand ſicherer wenden kann als an Ihren ergebenen Diener Metzler. 90 Ohne Ruhm zu melden wird meine Stimme hier ge⸗ hört, ſelbſt der Herr Baron beehrt mich zuweilen mit ſeinem Vertrauen.“ —„Natürlich werde ich meine Aufwartung vor Allem dem Herrn Baron Schöning machen, dem ich meinen Ruf hierher zu verdanken habe. So viel ich hörte iſt er ſeit längerer Zeit Wittwer und hat Nie⸗ mand von ſeiner Familie um ſich. „Doch, Herr Doktor! die beiden Baroneſſen ſind zwar verheirathet, aber ſeit ein paar Monaten iſt ſeine Frau Schweſter, die gnädige Frau v. Rechenberg im Schloſſe, ob nur zum Beſuche oder für längere Dauer weiß ich nicht zu ſagen.“ —„Frau v. Rechenberg? hier?“ äußerte Arnold befremdet. „Kennen Sie die gnädige Frau?“ frug Metzler mit lauerndem Ausdruck. —„Nicht perſönlich“, war die kühle Antwort; „doch habe ich ſie zuweilen nennen hören und glaubte ſie an einem andern Orte.“ „Ich ſehe, Sie ſind unterrichtet, Herr Doktor!“ flüſterte der Gaſtwirth mit wichtiger Miene;„freilich iſt die Wahrheit des Gerüchtes, daß die gnädige Frau nicht, wie angegeben war, auf ihren Gütern, ſondern auf dem Königſtein ſaß, ziemlich bekannt. Sie ———— —— 91 ſcheinen aber nicht zu wiſſen daß ſie ſeit einiger Zeit von dort entlaſſen iſt; natürlich kann und will ſie nicht an den Hof zurück, und lebt bei dem Herrn Bruder für's Erſte ganz zurückgezogen. Daß der Herr Baron ſchon ſeit vielen Jahren hier wohnt, werden Sie gehört haben; ſeine Liebhaberei iſt es, zu bauen. Das Schloß iſt in manchen Theilen reſtaurirt worden, und nun hat der gnädige Herr eine neue Kirche bauen. laſſen, was freilich ſchon ſeit mehr als fünfzig Jahren wünſchenswerth war. Wenn Sie nach dem Schloſſe gehen, werden Sie wohl den Neubau ſehen. Seit etwa zwei Monaten iſt ein Maler aus Breslau hier, den der Herr Baron engagirt hat um das Innere der Kirche mit Wandgemälden zu zieren. Der junge Herr wird Ihnen gefallen; er ſollte eigentlich im Schloſſe wohnen, hat es aber vorgezogen ſich hier im Städtchen ein Logis nach ſeinem Geſchmack auszuſuchen. Dage⸗ gen wohnt der Herr Amtmann mit ſeiner ſtarken Fa⸗ milie in einem Seitenflügel des Schloſſes— dort werden Sie manchmal zu thun haben Daß Sie mit dem Herrn Apotheker gleich in Beziehung treten wer⸗ den, liegt in den Verhältniſſen; er iſt Junggeſelle und ein täglicher Gaſt an meinem Tiſche. Im Uebrigen möchte ich Ihnen rathen, nächſt dem Herrn Pfarrer noch den Stadträthen einen Beſuch abzuſtatten; Ihr 92 Vorgänger hat das auch gethan, und ſie halten'was darauf. Namen und Wohnungen werde ich Ihnen gerne notiren.“ —„Das nehme ich mit Dank an, Herr Metzler, und nun Gott befohlen! Ich will noch vor Tiſche in's Schloß gehen, und da wird es Zeit, mich umzukleiden. Läßt ſich der Weg leicht finden?“ „Gewiß, Herr Doktor! Folgen Sie nur der Straße dem Engel gegenüber, da ſehen Sie das Schloß bald vor ſich.“ Beifällig blickte der Gaſtwirth dem ſchlanken jun⸗ gen Mann nach, der raſch die Treppe hinaufſprang und nach einer halben Stunde in einfacher aber ſorg⸗ fältiger Toilette das Haus verließ. Ehe er den be⸗ zeichneten Weg einſchlug, warf Arnold noch einen Blick über den Marktplatz, von deſſen Mitte man die von dort ausgehenden Straßen, und ſomit ziemlich die ganze Ausdehnung des Städtchens überſehen konnte. Die Perſpektive der links liegenden Straße ward durch eine kleine Kirche abgeſchloſſen, ein baufälliges, gefähr⸗ lich ausſehendes Denkmal längſt vergangener Zeiten, das mit manchen anderen alten Dingen Das gemein hatte, daß es nur einen häßlichen, aber keineswegs einen ehrwürdigen Eindruck machte. Die gegenüberlie⸗ gende Straße mündete in ein Labyrinth von Scheunen 93 und armſeligen Hütten, während jene, zu welcher der Gaſthof zum Engel das Eckhaus bildete, den Blick auf weite Flächen von Kornfeldern frei ließ. Die Häuſerreihe der unſer Freund folgte, ward durch eine unmittelbar am letzten Hauſe beginnende Lindenallee fortgeſetzt, und der Anblick der ſich ihm darbot, ſobald er in's Freie trat, war ihm eine angenehme Ueber⸗ raſchung. In einer Entfernung von etwa tauſend Schritten erblickte er das Schloß, dem er zuwanderte; es lag auf einer mäßigen Anhöhe, und die Lindenallee ſetzte ſich, eine gut gepflegte Fahrſtraße einfaſſend, bis zu dem ſtattlichen Gebäude fort. Das Schloß war von großartigen Verhältniſſen und ſchien, ſeiner Bauart nach, aus dem dreizehnten Jahrhundert zu ſtammen. Es war auf einem Plateau erbaut, deſſen Ausdehnung man von der Ebene aus nicht ſo bedeutend anſchlug, als ſie wirklich war, und die Form der verſchiedenen Thürmchen und Zinnen, die das Gebäude ſchmückten, führten ſogleich auf den Gedanken, es möge urſprüng⸗ lich ein geiſtiges Beſitzthum geweſen ſein. Die Facade von vierzehn Fenſtern Fronte ward von einem ſpitz⸗ bogigen Thor durchſchnitten, das nicht völlig in der Mitte derſelben ſtand und eine zinnenartige Einfaſſung trug, von der ſich zwei ſchlanke Thürmchen bis zur 94 Höhe des Daches erhoben; ein biſchöfliches Wappen, in Stein gemeiſelt, ruhte zwiſchen denſelben. Oeſtlich dehnte ſich der Hügel flach ab bis nach dem kleinen Fluſſe hin, an deſſen Ufer Arnold geſtern entlang ge⸗ kommen war, und von der Weſtſeite aus mußte man einen freundlichen Blick auf die Bergkette genießen, die dort eine fruchtbare und fleißig benützte Landſtrecke abſchloß. Ein geräumiger Freiplatz vor dem Schloſſe, auf den die Linden, in einen Halbkreis auslaufend mündeten, war mit friſchen Raſenplätzen und Gruppen üppiger Ziergeſträuche geſchmückt, während unmittelbar vor dem Gebäude ein kleiner Blumengarten mehr zur Zierde der ihn durchſchneidenden Auffahrt, als zur Be⸗ nützung durch Spaziergänger angelegt ſchien und im vollen Schmuck des Frühlings ſchimmerte. Mit lebhaftem Intereſſe muſterte Arnold dieſe Umgcbungen, die er ſich kaum ſo großartig vorgeſtellt hatte; der Geſchmack der hier waltete, ließ ihn der Bekanntſchaft des Beſitzers nicht ohne Spannung ent⸗ gegenſehen, obgleich er nicht von dem Schlage war, ſich durch Aeußerlichkeiten imponiren zu laſſen. Ein paar Hammerſchläge an die Wohnung des Pförtners benachrichtigte dieſen von der Anweſenheit eines Be⸗ ſuches, und nach wenigen Minuten folgte der junge Arzt dem in dunkle Livree gekleideten Kammerdiener — —— 95 über die weite Treppe in ein gediegen ausgeſtattetes Vorzimmer, wo er deſſen Meldung abwartete; nach kurzer Friſt kam derſelbe zurück, um den Harrenden bei Frau v. Rechenberg einzuführen. Der Herr Baron ſei ausgeritten, hieß es. Nachdem einige mit fürſtlicher Pracht möblirte Empfangsſäle durchſchritten waren, ſchlug der Diener die Portiére eines zierlich ausgeſtat⸗ teten Eckzimmers zurück, nannte mit lauter Stimme: „Herrn Doktor Nobeling!“ und zog ſich zurück. Eine feine Geſtalt erhob ſich halb mit leichter Verbeugung, als Arnold eingetreten war. Der raſche Blick, womit unſer Freund die Erſcheinung der Dame umfaßte, war prüfend genug; die vielbeſprochene Ge⸗ liebte des Großkanzlers Beichlingen, deſſen plötzlicher Sturz vor etwa zwei Jahren ganz Sachſen in Auf⸗ regung geſetzt und auch die ſchöne Frau mit in ſeine Ungnade verwickelt hatte, erregte lebhaft ſeine Neu⸗ gierde. Er hatte ſie ſich anders gedacht, imponirender, wenn auch gewiß nicht reizender. Sie mochte etwa dreißig Jahre zählen, ſah aber weit jünger aus. Klein, blond, roſig, mit einem feinen, ſpöttiſchen Mund, und ſchönen, doch etwas matt und kurzſichtig blickenden Augen, mit dem Teint und der Grazie eines Kindes, feſſelte ſie ſicher jedes Auge durch ungewöhnlichen Lieb⸗ reiz. Doch folgte nach wenig Sekunden des Geſpräches dieſem auch auf Arnold hervorgebrachten Eindruck ein zweiter, weniger günſtiger, obgleich er ſich ſelbſt nicht klar ward, was ihn die Anmuth dieſer Erſcheinung nicht recht harmoniſch empfinden ließ. Während ihm die ſchöne Frau mit flüchtiger Be⸗ wegung einen Fauteuil bezeichnete, ſtreifte ein blitzſchnel⸗ ler Blick Geſicht und Geſtalt des jungen Mannes, und eine helle Sopranſtimme ſprach:„Recht freundlich von Ihnen, Herr Doktor, daß Sie uns ſo bald nach Ihrer Ankunft aufſuchen. Willkommen auf dem Lande! Sie ſind ein Großſtädter, wenn ich nicht irre— da müſſen Sie ſchon viel guten Willen mitbringen, wenn es Ihnen hier gefallen ſoll!“ —„Und warum nicht, gnädigſte Frau? Allerdings habe ich, wenn auch nicht als Großſtädter doch nach meiner Perſönlichkeit, wenig Anlage zur Idylle, doch denke ich mir bei hinreichender Beſchäftigung an der es mir hier nicht mangeln kann, das freiere Leben auf dem Lande ganz nach meinem Geſchmack.“ „Ein freies Leben— der Doktor aller Gevatte⸗ rinnen einer Landſtadt, welcher Traum! Sie werden noch nicht drei Wochen hier ſein, ſo ſind Sie in den Schlingen der Scheßlitzer Geſelligkeit gefangen.“ Ein faſt unmerkliches Lächeln ſpielte um Arnold's Lippen, die ſich eben zur Antwort öffneten, als Sporn⸗ — ——— 97 klingende Schritte ſich raſch näherten, und ein Herr im Jagdkleide geräuſchvoll eintrat.„Mein Bruder, Baron von Schöning!— unſer Arzt, Doktor Nobeling“ — ſtellte die ſchöne Frau die Männer einander vor. Während der unbedeutenden Begrüßungsworte, die der Hausherr ausſprach, heftete Arnold ſein ruhiges Auge auf denſelben. Es war eine Erſcheinung von ſcharfem Gepräge. Nur mittelgroß, gab ihm doch ein ihm ganz eigenthümliches Strecken des Halſes das Anſehen einer ziemlich langen Geſtalt, die ſich ſteif in höchſt gewähl⸗ ter Kleidung bewegte. Faſt zu geſucht war dieſe Toi⸗ lette für einen Sechsziger. Kalte, graue Augen unter buſchigen Brauen, ein eigenſinniger Mund und ein ſtark gewölbtes Kinn verliehen dem ſonſt gut gebilde⸗ ten Geſicht einen mehr entſchiedenen als einnehmenden Ausdruck. Bald ſchnitt der Baron das ſich ziemlich in Gemeinplätzen bewegende Geſpräch durch die lebhafte Frage ab:„Haben Sie ſchon meinen Kirchenbau ge⸗ ſehen, Doktor?“ —„Geſehen nicht Herr Baron, wohl aber davon gehört, und da ich mich für Architektur intereſſire, werde ich ihn bei erſter Gelegenheit in Augenſchein nehmen.“ „Gut! die Gelegenheit iſt da— ich wollte eben einen Gang dahin thun, wollen Sie mich begleiten?“ Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 7 98 Der junge Mann verbeugte ſich ſchweigend und erhob ſich zugleich mit dem Schloßherrn, um ſeiner Aufforderung zu folgen. Frau v. Rechenberg verab⸗ ſchiedete Beide mit nachläßigem Gruße.„Dn ſiehſt heute ſehr gelangweilt aus, meine Liebe!“ ſagte der Baron ſpitz, indem er vor ihr ſtehen blieb.„Mein armes Schloß hat Deinen Beifall nicht; freilich weiß ich, Du liebſt Schlöſſer nur wenig!“ Wie Wetterleuchten flog es bei dieſer Taktloſigkeit über das Geſicht der ſchönen Frau, der ſelbſt in der Ruhe ſpöttiſche Mund zuckte, und aus dem eben noch ſo matten Auge flog ein Blitz über Arnold hin, der ſofort den Reiz zum Lächeln verſcheuchte. Nachdenklich folgte unſer Freund dem Edelmann. Die Aimoſphäre des Schloſſes behagte ihm wenig, und kaum gewann er ſich eine ſcheinbare Aufmerkſamkeit für die weitläufige Rede ab, womit der Baron ihm ſeine Anſichten über Architektur und Frescomalerei mit gewichtigen Ausdrücken entwickelte. In dieſer Zerſtreutheit beachtete Arnold kaum ſeine augenblick⸗ liche äußere Umgebung und konnte einen leiſen Ruf des Staunens nicht unterdrückeu, als ein Gegenſtand, der ſich zwiſchen ſeinen Blick und den bis dahin freien Horizont ſchob, ihn auf dieſelbe aufmerkſam machte. Er hatte das Schloß zur Hälfte umgangen und befand 99 ſich jetzt auf einer Plattform, die etwas tiefer lag als die Fläche, die jenes Gebäude trug, und für die Lage der Kirche gar glücklich gewählt war. Die reizende Ausſicht, die ſich von dort aus bot, feſſelte vor Allem das entzückte Auge des Naturfreundes. Gleich einem Garten dehnte ſich eine weite Ebene hin, deren ſorglicher Anbau von der Wohlhabenbeit der zahlreichen Dörfer und kleinen Gehöfte Kunde gab, die mit ihren rothen Ziegeldächern dem Auge die freund⸗ lichſten Ruhepunkte gewährten. Der kleine Fluß der die Flur in oft wiederkehrender Krümmung durchzog, ſetzte eine Anzahl Mühlen in Bewegung, und ließ ſich weit verfolgen; ein dichter Buchenwald begrenzte dieß liebliche, in der Beleuchtung der Morgenſonne doppelt heitere Stückchen Welt. Ein Blick zurück nach dem Schloſſe zeigte Arnold bald, daß wenn auch die Hauptfront nach der entgegengeſetzten Seite lag, doch die Vorliebe der Bewohner ihre Wohnzimmer nach dieſer hin gewählt hatte. Die Fenſter verriethen durch zierliche Umrankung und manchen kleinen Schmuck, daß dort Frauenhände walteten. Eine in Stein gehauene Madonna mit dem Kinde, über Lebensgröße, fiel an der Stelle, wo auf der Vorderfronte die Thürmchen ſich erhoben, durch künſtleriſche Vollendung ſogleich in's Auge; die Niſche, worin ſie ſtand, erhob ſich über 7* 7 einer mit der zierlichſten Architektur geſchmückten Pforte, deren geöffnete Doppelthüren aus dem Gartenſaal auf einen Perron und durch deſſen breite Stufen in den trefflich gepflegten Blumengarten führten. Der Baron lenkte Arnold's Aufmerkſamkeit auf den Kirchenbau, der ſogleich ſein Intereſſe in An⸗ ſpruch nahm. Die Kirche ſtand in geſchmackvoller Harmonie mit dem ohnehin geiſtlichen Style des Schloſ⸗ ſes. Der damals ſchon beginnende Zopfſtyl, vor deſ⸗ ſen Herrſchaft der Genius des guten Geſchmackes bald händeringend auf lange Zeit entfliehen ſollte, hatte zum Glück hier noch nicht gewaltet; von pausbackigen Engeln, von ungeſtalten, vieleckigen Glockenthürmen war keine Spur; einfach und edel waren Plan und Ausführung des kleinen Gotteshauſes. Obgleich die ſtes abſchweifende und ſtets auf das eigene Ich wieder zurückkehrende Geſprächsweiſe des Barons ſchon begann unſern Freund zu ermüden, hörte er doch jetzt ſeiner Erläuterung, wie man die Grundmauern einer ſchon früher, noch vor dem Bau des Schloſſes beſtehenden Kirche für den Neubau benutzt habe, theinehmend zu. Eben trat ein junger Mann aus dem Inneren und näherte ſich der Gruppe mit freiem Anſtand. „Guten Morgen, Herr Roloff!“ nickte der Baron.„Der heitere Morgen iſt Ihnen wohl zur Arbeit recht will⸗ 10¹ kommen. Hier ſehen Sie unſern neuen Doktor, Herrn Nobeling;— unſer Künſtler iſt genannt!“ Sie traten in die Kirche, wo für die Frescogemälde bei der eben beginnenden Sommerzeit erſt die vorbereitenden Arbei⸗ ten vorgenommen waren. Mit ſachverſtändiger Miene lobte der Baron hier, tadelte dort, und richtete manche Bemerkung an den Maler, die dieſer, ohne weiter da⸗ rauf einzugehen, freundlich hinnahm. Endlich zog er die Uhr und empfahl ſich den jungen Männern. „Wollen Sie einen Augenblick auf mich warten, Herr Doktor? In dieſem Falle könnten wir den Weg zuſammen machen“, ſagte Roloff. Arnold ſtimmte bei, und ſein Blick folgte vergnügt den lebhaften Bewegungen ſeines neuen Bekannten, der den Malerkittel abſtreifte und ſein Geräth zuſammenſtellte. Der junge Künſtler war eine durchaus angenehme Erſcheinung; er ſchien kaum dreiundzwanzig Jahre zu zählen, das brünette, heitere Geſicht, die elaſtiſche Geſtalt und die raſchen Geberden zeigten eine wohlthuende Lebensfriſche, die unſern Freund ſchon als Arzt angenehm berührte. Bald drückte Roloff das Barett auf's krauſe Haar, und die Gefährten wanderten in belebtem Geſpräch in's Städtchen zurück. Am Gaſthofe angelangt, machte der Maler Miene, ſich zu verabſchieden. „Wie?“ ſagte Arnold,„ſpeiſen Sie nicht auch hier?“ 102 —„Bewahre! Ich muß jetzt nach Hauſe, mein Frauchen wartet gewiß ſchon ungeduldig.“ „Schon verheirathet?“ rief der Doktor betroffen. —„Wie erſtaunt Sie ausſehen!“ lachte Roloff. „Habe ich etwa die Kinderſchuhe noch nicht ausgetreten? Damit Sie ſich überzeugen, daß ich wirklich Weib und Kind habe, lade ich Sie ein, heute Abend zu mir hin⸗ über zu kommen; Martha wird Sie freundlich willkom⸗ men heißen, wie ich ſelbſt. „Wenn ich nicht ſtöre“, war die zögernde Aut⸗ wort. —„Wir erwarten Sie alſo— Ihr Weg iſt nicht weit!“ Indem der junge Mann Arnold die Hand zum Abſchied reichte, zeigte er mit der andern nach dem hübſchen Häuschen, das unſerem Freunde ſchon am Morgen ſo angenehm aufgefallen war, und dem Jener nun raſch zueilte. Beſuche bei Kranken und Geſunden füllten die Nachmittagsſtunden aus, und mit Behagen pochte er Abends an die Thüre ſeines neuen Bekannten. Ein nettes Dienſtmädchen führte ihn durch den Hausflur in jenen Theil des Gartens, der hinter dem Hauſe lag, und dort trat ihm Roloff entgegen. Das kleine Mädchen, welches er mit ſo vielem Vergnügen am Fenſter beobachtet hatte, trippelte neben dem Maler 103 her und reichte dem Ankömmling das Händchen, wäh⸗ rend eine junge Frau aus der Laube trat und den Gaſt mit freundlicher Begrüßung einlud, dort Platz zu nehmen. Schon nach wenigen Augenblicken fühlte Arnold ſeine gewohnte Zurückhaltung vor dem heitern Behagen ſchwinden das hier zu Hauſe war. Ein belebtes Ge⸗ ſpräch kam bald in Gang, und ein ſolcher Duft von Frohſinn und Herzlichkeit lag auf dem jungen Paare, daß er ſich höchſt angenehm berührt fühlte. Mit in⸗ nigem Vergnügen wanderte ſein Blick von Einem zu dem Andern ſeiner neuen Bekannten, und er geſtand ſich, nie ein paſſenderes und anziehenderes Paar geſe⸗ hen zu haben. Die junge Frau konnte höchſtens zwan⸗ zig Jahre zählen; ohne das Kind an ihrer Seite hätte Arnold ihr ſelbſt dieſes Alter kaum gegeben, ſo kind⸗ lich waren die Umriſſe der Wangen und des Kinns, ſo hell die freien Schläfen. Derſelbe Ausdruck liebens⸗ würdiger Heiterkeit, der den Maler auszeichnete, belebte die Züge der jungen Frau; ein zarter Zug um den Mund, ein plötzliches Lächeln das zwei tiefe Grübchen wach rief, feſſelten den Blick im erſten Augenblick, im Ge⸗ ſpräch aber mehr noch das dunkle Auge, das ſo ſchelmiſch blicken konnte, und das ſobald ſie ernſt ward den ge⸗ heimnißvollen Blick eines nachdenkenden Kindes annahm. 104 Das Geſpräch wendete ſich auf die Verhältniſſe des Städtchens, auf die hervorſtechendſten Perſönlich⸗ keiten deſſelben.„Wie gefällt Ihnen Baron Schöning?“ frug Roloff. —„Ich kenne ihn kaum, doch ſcheint mir er liebt ſehr zu imponiren.“ „Gut geurtheilt! Wollen Sie ſein Uebergewicht gelten laſſen, ſo werden Sie finden daß es leicht iſt, mit ihm zu verkehren. Aber freilich, Oppoſition liebt er keineswegs— nicht wahr, Martha?“ Die junge Frau lachte.„Neckſt Du wieder, Fritz? Ich wage mich ja auch nicht zum Widerſpruch gegen den geſtrengen Herrn heran; Du haſt ja ſelbſt ſchon gehört, daß er mit ſauerſüßem Lächeln nur meine liebenswürdige Offenheit rühmt, wenn ich das Herz habe eine eigene Meinung auszuſprechen. Mir impo⸗ niren eben nur die Menſchen, die ich lieb habe, die können mich ſchüchtern machen, ob ich aber dem Herrn Baron gefalle oder nicht....“ Sie ſchüktelte den dunklen Kopf und lachte harmlos wie ein Schulkind. „Wohnen Sie ſchon lange in Scheßlitz?“ frug Arnold. —„Nein“, entgeguete Roloff;„metn eigentlicher Wohnort iſt Breslau. Doch hat der Baron mich ſchon vorigen Herbſt zum Ausmalen der Kirche engagirt; 105 ich war damals kurze Zeit hier um Maaß zu nehmen, habe den Winter über die Cartons entworfen nnd bin nun ſeit etwa ſechs Wochen hier mit den Meinigen eingerichtet. Im Spätherbſt reiſen wir zurück, und ich würde auch nur ungern länger bleiben, ſchon um Martha's willen der es an paſſendem Umgang fehlt. Frau v. Rechenberg iſt zwar ſehr artig und zuvorkom⸗ mend, doch iſt der Standesunterſchied und noch man⸗ cher andere Unterſchied zu groß, um es mir wünſchens⸗ werth erſcheinen zu laſſen daß Martha dieſen Verkehr ſo häufig pflegt, als unſere ſchöne Schloßdame die ſich hier nicht wenig langweilt, es eingeleitet hat. So muß denn meine Kleine ſich ohne geſelligen Umgang behelfen.“ „Ich habe ja Dich und Maria!“ unterbrach ihn die junge Frau mit ſeelenvollem Aufblick.„Genügte mir das nicht, ſo wäre es ein Armuthszeugniß für Geiſt und Herz, was ich mir ſelbſt gäbe.“ Sie reichte dem Gatten die Hand; das Kind, eiferſüchtig auf dieſe Liebkoſung, kletterte ihr auf den Schoß und ſchlang die runden Aermchen um ihren Hals. Arnold blickte ſinnend auf die anmuthige Gruppe. Selbſt noch ein Kind! war ſein Gedanke, und der Ausdruck deſſelben trat leſerlich auf ſeine Züge. Eine Scharlachröthe überzog das Antlitz Martha's, raſch ſetzte ſie das kleine 106 Mädchen nieder, und ein blitzſchneller Blick voll ſelt⸗ ſamen Ausdruckes fiel auf ihren Gatten. Dieſer Moment, ſo vorübergehend er war, änderte ihr neckiſches faſt muthwilliges Weſen zu leiſer Be⸗ fangenheit, die ſie auch während der Dauer von des Gaſtes Anweſenheit an jenem Abend nicht mehr verließ. II. Nach wenigen Wochen ſchon hatte Arnold ſein Leben in Scheßlitz recht zu ſeinem Behagen eingerichtet. Jung und thätig wie er war, fühlte er ſich bei ſeiner oft anſtrengenden Berufsthätigkeit wohl und behaglich, und ſein beſtimmtes, ſicheres Weſen ließ ihn im Ueb⸗ rigen genau die Stellung feſthalten, die ihm zuſagte. Von allen Seiten geſucht, ließ er ſich ſelten finden, obgleich ſich gewiß Niemand über Mangel an ärztlicher Aufmerkſamkeit oder der Artigkeit des gebildeten Man⸗ nes beſchweren konnte. Mit Ruhe wußte en den geſel⸗ ligen Zumuthungen der kleinſtädtiſchen Kreiſe zu ent⸗ ſchüpfen und trat nur zu der Familie des Malers in engere Beziehung. Die beiden jungen Männer ſahen ſich täglich und faßten herzliche Zuneigung zu einander. Roloff's Haus ward bald für unſern jungen Freund 107 eine wirkliche Heimath; ſo angenehm er ſich anch ſeine Junggeſellenwirthſchafn eingerichtet hatte, ſo ſehr ihm die ſtillen Stunden Bedürfniß waren, die er dort bei ſeinen Büchern zubrachte, fühlte er doch erſt im Hauſe der Freunde jenes allgemeine, ſtille Wohlſein, das volle Befriedigung verſchafft. In kürzerer Zeit als er, ein Fremden gegenüber ſpröder Charakter es für möglich gehalten hätte, war jede Schranke beengender Rückſichten und Formen zwiſchen ihm und den neuen Bekannten gewichen; er ſah und fühlte, daß ſein Erſcheinen den Lauf der häuslichen Gewohnheiten in keiner Weiſe ſtörte, und ließ ſich in dem lang entbehrten Gefühl, eine Hei⸗ math zu haben, ſo recht behaglich gehen. Wirklich konnte mau kein anmuthigeres Familien⸗ leben finden, als das im Hauſe des Künſtlers. Das Verhältniß des jungen Paares war einzig zu nennen, ein ſtets bereiter Wunſch einander gefällig zu ſein, eine Herzlichkeit, die indeſſen vor Arnold's Augen nie den Charakter von Zärtlichkeit annahm, beſonders ein hei⸗ terer neckiſcher Ton, waltete zwiſchen den Beiden, der den jungen Mann ſtets angenehm berührte. Roloff war ein ziemlich geübter Violinſpieler, und beſaß eine ſchöne, gut ausgebildete Baritonſtimme; Martha hatte unter der Leitung des Gatten ein entſchiedenes Zeichen⸗ talent mit Glück gepflegt, und da auch unſer Freund . es ihnen Allen nicht an gemeinſchaftlichen Intereſſen mit Vorliebe Dilettant in dieſer Kunſt war, ſo fehlte und abwechſelnden, anregenden Beſchäftigungen für die zuſammen verlebten Mußeſtunden. Martha's ganze Art und Weiſe gefiel Arnold un- gemein, ihr echt weibliches Bedürfniß, ihrer ganzen Um⸗ gebung wohl zu thun, kam auch ihm in hundert namen⸗ loſen und doch froh empfundenen Kleinigkeiten zu Gute; ihr mädchenhaftes Benehmen, ihre tändelnde, ſtets geiſtvolle Heiterkeit waren ein großer Reiz für den, an häuslichen Umgang mit Frauen bis dahin nicht ge wöhnten Mann, und noch ehe ein paar Monate ver⸗ gangen waren, empfand er dieſen Verkehr als ein wirkliches Lebensbedürfniß. 3 Um ſo ſchmerzlicher berührte es ihn als er ge⸗ wahrte, wie nach und nach, faſt unmerklich, das Be⸗ nehmen der jungen Frau gegen ihn ſich änderte. Ihr zutrauliches Weſen wich einer ſichtlichen Befangen⸗ heit, einer Zurückhaltung, die ihrem ganzen Naturell fremd war und deßhalb dem Freund des Hauſes um ſo mehr auffiel. Befremdet fragte er ſich im Anfang, ob denn auch dieſes ſüße, heitere Geſchöpf der Schwäche ſo vieler Frauen unterliegen und grundloſe Launen zeigen könne; vergebens ſuchte er in ſeinem Gedächtniſf, womit er ſie etwa verletzt haben möge— er fand — 109 nichts. So oft ihm auch eine Frage auf den Ltppen ſchwebte, drängte ein unbeſtimmtes Gefühl dieſelbe wieder zurück. Wirklich war auch dieſe Aenderung nur ihm bemerkbar, es war etwas, das man nicht ſah, nur fühlte; ſo oft er darüber ſprechen wollte, ward er gewahr, daß es kein Recht zur Klage oder gar zum Vorwurf für ihn gab, und daß ein ausgeſprochenes Wort ihn ſelbſt in's Licht kränklicher Empfindlichkeit ſtellen würde. Trotzdem beſchäftigte dieſe Zurückhaltung Martha's des jungen Mannes Gedanken um ſo häufiger, als er mit dem ſcharfen Blick des Arztes nicht ſelten die Spuren ſchlafloſer Nächte oder vergoſſener Thränen auf ihrem ſonſt ſo friſchen Geſicht entdeckte, während doch ihr häusliches Verhältniß ſichtlich ſo ungetrübt und innig war als je. Doch trat die innere Reizbar⸗ keit der jungen Fran, wenn auch niemals ihrem Gat⸗ ten gegenüber, doch zuweilen mit ſeltſamer Schärfe gegen ihr Kind hervor. Das kleine Weſen ward mit⸗ unter von ihr mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit überſchüttet, zuweilen aber auch ward Arnold durch eine Geberde oder einen Blick des Unwillens nicht wenig befremdet, womit ſie die anſchmiegende Kleine von ſich abwies. Weit öfter als er ſich deſſen bewußt war, grübelte unſer Freund über dieſe Eigenthümlichkeiten nach, und bald ſollte ſich ihm das Räthſel in einer Weiſe löſen, die er vielleicht nur nicht hatte ahnen wollen. Eines Abends war Geſellſchaft im Schloſſe. Ob⸗ gleich dem jungen Arzt häufig eine Einladung zu Theil wurde, dort zum Mittag⸗ oder Abendbrod zu erſcheinen, leiſtete er nur dann Folge wenn er es durchaus nicht vermeiden konnte, und ſeine Berufsgeſchäfte boten ihm oft genug den willkommenen Vorwand einer Abſage. Stets fühlte er ſich unangenehm berührt wenn er in den Familienkreis des Barons Schöning trat, deſſen innere Verhältniſſe zu überſchauen nur kurze Zeit er⸗ forderte. Der ſtille, obgleich durch die höflichſten For⸗ men verſchleierte Kampf, der zwiſchen der despotiſchen Natur des Barons und dem eben ſo herrſchſüchtigen Charakter ſeiner Schweſter beſtand, konnte einen vor⸗ übergehenden Beobachter ergötzen, machte aber auf den, als Arzt zu häufigerem Verkehr gezwungenen Freund einen höchſt unangenehmen Eindruck. Da der Baron trotz allem Nimbus eines vielſeitig gebildeten Mannes, den er ſich mit ziemlichem Geſchick zu geben verſtand, im Grunde von ganz mittelmäßigem Schlage, und in einem Grade von ſich eingenommen war der ihm ſtets die richtige Schätzung Anderer verdarb, blieb der ſcharfe Verſtand der an Geiſt weit überlegenen Frau von Rechenberg in dieſen kleinen Scharmützeln ge⸗ 111 wöhnlich Herr, wenn auch meiſt auf Koſten des Zart⸗ gefühls. Es konnte Arnold nicht entgehen, daß die Dame des Schloſſes gleich in der erſten Zeit ſeines Ver⸗ kehres mit ihr geneigt war, ein Spiel flüchtiger Koket⸗ terie mit ihm zu beginnen, das bei der offenbaren Gelangweiltheit der ſchönen Frau kaum ſeiner Eitel⸗ keit einige Lockung bieten konnte. Er wußte mit voll⸗ kommenen Takt jedem Schritt zur Annäherung auszu⸗ weichen, und bot bei äußerſter Artigkeit der Dame durchaus keine Handhabe, in ein traulicheres Verhält⸗ niß zu ihrem Arzt zu treten. Dieſe Zurückhaltung, überhaupt Arnold's ganzes, eigenthümliches Weſen, reizten indeſſen die junge Frau unbeſchreiblich, und was ihr erſt ein geringgeſchätzter Zeitvertreib ſein ſollte, beſchäftigte ſie bald ganz und gar. Noch hatten wir keine Gelegenheit die äußere Erſcheinung unſeres Freundes zu ſchildern, die nun, wo er die Aufmerkſamkeit einer ſo weltgewandten Frau auf ſich gezogen hat, wohl unſer Intereſſe erregen mag. Er war von Mittelgröße nnd elegantem Bau; der hübſche Fuß trug eine ſchlanke Geſtalt der jede Be⸗ wegung gelang, und die dabei den Eindruck vollkom⸗ mener Einfachheit machte. Das lichtbraune Haar war leicht gepudert und ſo ſchlicht geordnet, als es die 112 Mode der Zeit nur erlaubte. Das etwas blaſſe Ge⸗ ſicht trug feſſelnde, wenn auch unregelmäßige Züge und war durch Augen von entſchiedener Schönheit be⸗ lebt; groß und von wechſelnder Färbung, waren ſie im Zuſtand der Ruhe hellblau, faſt grau und von ſtillem, klugem Blick, bei innerer Aufregung aber färb⸗ ten ſie ſich ganz dunkel und zeigten dann ein Leuchten das Keiner je vergaß, der es beobachtet hatte. Bald entdeckte der ſcharfe Blick der Baronin, daß er trotz ſeines ruhigen Ausſehens durchaus nicht ruhig war und zu den Menſchen gehörte, die ihr Leben lang be⸗ harrlich mit ſich im Kampfe liegen, um ſo kalt zu bleiben, als ſie dem flüchtigen Blick erſcheinen. Ein raſcher Widerſpruchsgeiſt verrieth ſich häufig genug, ein eiſerner Stolz ward nicht immer von den Formen anerzogener Rückſichten bedeckt. Dieſe Eigenthümlichkeiten wurden für die ſchöne Frau zu einem Reiz, der ſie immer weiter und weiter verlockte. Sie hatte den Blitz erkannt der in dieſen tiefen Augen ſchlummerte, und die Frage, ob die Ruhe die auf ſeiner Stirne lag auch in ſeinem Herzen wal⸗ tete, füllte bald ihre Phantaſie aus. Ihre früheren Erfolge, die Vergötterung die ihr als Geliebte des allmächtigen Großkanzlers von allen Seiten gezollt worden war, ließen ihr keinen Zweifel zu daß die 113 Zurückhaltung des jungen Arztes keine freiwillige ſei, ſondern daß er nur die Maske derſelben als Schutz gegen ſein eigenes Herz feſthielt. Ihr Wille war, ihn zu ihren Füßen zu ſehen, und auf dieß Ziel richtete ſich ihr ganzes Benehmen, immer umſonſt und doch nicht zurückgeſchreckt. Seit Jahren an das Spiel der Intrigue, an mannigfache Abwechslung und Aufregung gewöhnt— nun alles Einfluſſes beraubt, in die Ein⸗ öde verbannt, von Langeweile faſt erſchöpft, erzeugte die bisherige Erfolgloſigkeit ihrer ſonſt immer ſiegreichen Koketterie zuletzt eine ſo echte innere Aufregung, daß ſie ſich mitunter ſelbſt geſtand ihr nicht mehr die Grenze ſtecken zu können. Die bei Hofe lang geübte Kunſt der Selbſtbeherrſchung und die Citelkeit der ver⸗ wöhnten Schönheit gaben ihr allerdings ein äußerlich genügendes Gegengewicht; nur ſelten brach der Auf⸗ ruhr ihres Innern durch wie ein Blitz, und hatte dann ſtets von Neuem die Wirkung, bei unſerm Freunde tiefes Unbehagen zu erzeugen. Er kannte ſehr wohl ihre früheren Verhältniſſe, und für einen Charakter ſeines Gepräges konnte es nichts Erkältenderes geben, als die Schlüſſe, die er von der Vergangenheit auf die Gegenwart daraus zog. Wittwe eines reichen Greiſes, den ihr Vater, der berühmte Feldmarſchall Schöning ihr aufgedrungen Godin, Frauenliebe und Leben IV. 8 ſie auch bei der zweiten Ehe mit dem Baron v. Rechen⸗ berg demſelben eiſernen Willen nachgeben müſſen, und nur zu wörtlich die Drohung gehalten, weder gehorſam noch treu ſein zu wollen, die ſie dem verhaßten Gatten zuſchleuderte, als er ihrem Flehen, auf ihren Beſitz zu verzichten nicht nachgegeben hatte. Nach einer kurzen Verbindung mit dem Kurfürſten Auguſt von Sachſen, der eben jetzt in Polen um den Wiedergewinn der entriſſenen Herrſchaft kämpfte, rächte ſie ſich für die Schnelligkeit, womit dieſer flatterhafte Fürſt ſie auf⸗ gegeben hatte, durch manchen boshaften Streich, na⸗ mentlich durch fortwährende Ausſaat von Streitigkeiten unter ſeinen Favoritinnen; dieß ward dem König ſo läſtig, daß er ſeinen Großkanzler, den Grafen Beich⸗ lingen, beſtürmte, er möge die ſchöne Feindin für ſich gewinnen und ihn auf dieſe Weiſe von ihr befreien. Der gefällige Diener ließ ſich zur Ausführung dieſes bedenklichen Auftrages bereden, empfand aber bald, daß man ſo raſch nicht wieder loskommt, wenn man einmal gefeſſelt iſt; die geiſtreiche und zur Koketterie geborne Frau wußte ſich ſeines Geiſtes ſo ganz zu be⸗ mächtigen, daß er bald nichts mehr ohne ſie unternahm. Als der König merkte, daß ſie ſich auch in die Staats⸗ angelegenheiten zu miſchen begann, verlangte er vom hatte als ſie faſt noch ein Kind zu nennen war, hatte —— —-— 115 Grafen den Bruch dieſes Verhältniſſes, und da derſelbe ſich dazu nicht beſtimmen ließ, verbot Auguſt der ſchönen Frau das Schloß. Da der Großkanzler ſich weder entſchließen konnte, ſich von ihr zu trennen, noch es wagen durfte, ſie an den Hof zu bringen, legte er den erſten Grund zu ſeinem Sturze, indem er dem König nicht nach Polen folgte, ſondern mit ihr in Sachſen blieb, wo ſie durch ihn ein Jahr lang faſt allmächtig herrſchte. Ihr bis dahin höchſt einnehmendes und ge⸗ fälliges Weſen hatte ſich in Stolz und Hochmuth um⸗ gewandelt und ſie machte ſich um ſo mehr Feinde als es bekannt war, wie rückſichtslos ſie ihre Stellung benützte um ſich zu bereichern. Die abſolute Voll⸗ macht die der König ſeinem Großkanzler gegeben hatte, ſchmeichelte dieſem und machte ihn allzu ſicher über ſeine Stellung und Unentbehrlichkeit, ſo daß er es ſo⸗ gar wagte einem wiederholten Ruf des Königs nach Polen nicht Folge zu leiſten. Erſt als er zu ahnen begann daß der Einfluß des Statthalters von Sach⸗ ſen, Prinzen von Fürſtenberg, der Geliebten Auguſt's, Fürſtin von Teſchen, und des Großkämmerers, Gra⸗ fen von Pflug, die ihm alle Drei feindlich geſinnt waren, ſeinen Kredit bei dem König ernſtlich erſchüt⸗ terten, begab er ſich nach Polen, Louiſe von Rechen⸗ berg begleitete ihn nur bis Danzig. Als der Graf 8* 116 nach Warſchau kam, war es ſchon zu ſpät; zu geſchickt hatten ſeine Feinde den Boden unterminirt, und na⸗ mentlich das Verlangen des Königs nach dem Beſitz der großen Reichthümer zu ſtacheln gewußt, die der Großkanzler notoriſch ſeit ſechs Jahren aufgehäuft hatte. Mit jener Falſchheit, die durch manchen Zug das ritterliche Bild Auguſt's des Starken entſtellte nahm dieſer den bisherigen Günſtling voll Auszeichnug auf, ſchenkte ihm das ausgedehnteſte Vertrauen, ließ ihn aber plötzlich des Nachts mit allen ſeinen Brüdern aufheben und nach dem Sonnenſtein bringen. Derſelbe unerwartete Schlag traf zu gleicher Zeit Frau von Rechenberg in Danzig, da man ihr den Vorwurf machte, mit Rath und That an Allem Theil genommen zu haben deſſen der Großkanzler beſchuldigt ward, namentlich an den Veruntreuungen des Staatseigen⸗ thums. Da die Mehrzahl der Anſchuldigungen ſich um den letzteren Punkt drehten, wurden die Güter aller Betheiligten konfiszirt. Dieſe ganz der Oeffentlichkeit gehörende Vergangen⸗ heit der Baronin war unſerm Freunde ſchon bei ſeiner Ankunft in Scheßlitz längſt bekannt. Daß die Fürbitten ihrer Freunde die jetzt über den König Auguſt herrſchende Gräfin Coſel bewogen hatten, die Entlaſſung der jun⸗ gen Frau vom Königſtein zu erwirken, erfuhr er erſt 3 447 dort. Obgleich die Anweſenheit Auguſt's Frau von Rechenberg nicht gehindert hätte, in Dresden zu leben, hatte ſie doch, von den Mitteln entblößt, den ge⸗ wohnten verſchwenderiſchen Glanz aufrecht zu erhalten, noch voll Unmuth über die erlittene Niederlage, und von Plänen erfüllt, den erſten günſtigen Moment für Wiederaufnahme der früheren Intriguen abzuwarten, die ſelbſtgewählte Verbannung auf den Landſitz ihres Bruders für jetzt vorgezogen. Aber ſelbſt der Vergleich der beiden auf dem Königſtein verlebten Jahre, wo ſie im Verkehr mit den gleich ihr dort feſtgeſetzten Standesgenoſſen und den Offizieren der Beſatzung nicht beſchränkt worden war, diente dazu ihr das eintönige Leben das ſie hier führte, unerträglich erſcheinen zu laſſen. Louiſe von Rechenberg war keineswegs dazu geſchaffen nur auf ſich ſelbſt angewieſen zu ſein, und ertrug mit täglich ſteigender Ungeduld die Konſequenzen ihrer Lage. Dieſe ſo ganz ungewohnten, im Rückblick auf frühere Lebensgewohnheiten ſo ganz unerträglichen Ver⸗ hältniſſe waren allerdings dazu gemacht, den Boden für Aufnahme einer neuen Nahrung ihrer dürſtenden Phantaſie zu lockern, und erklären die Entſtehung eines Gefühls, das unter andern Umgebungen und Stimmun⸗ gen der ſchönen Frau unmöglich, ja ſelbſt lächerlich 118 geſchienen haben würde. Daß ſie bei ihrem feinen Geiſte ſehr wohl fühlte, wie ſehr hier auch der Relief fehlte, durch den ſie in der vornehmen Welt geglänzt hatte, ſteigerte noch ihre Reibarkeit. Ihre vielgerühmte Ge⸗ wandtheit in fremden Sprachen, ihre Kunſt, mit Geiſt und Witz Fangball zu ſpielen, ihre Manieren der großen Welt entbehrten hier jedes Anknüpfungspunktes, um ſich geltend zu machen. Allerdings blieb ihr die vielgeübte Kunſt der Koketterie. Es war Geſellſchaft im Schloſſe. Zu einigen Fa⸗ milien des benachbarten Landadels waren diesmal auch Roloff und Martha gebeten, ein ſeltenes Vorkommniß, da die Baronin das ausweichende Benehmen der jun⸗ gen Frau geringſchätzig bemerkt hatte. Arnold war einige Tage nicht im Schloſſe gewe⸗ ſen und Louiſe von Rechenberg nahm die Miene eines Schmollens gegen ihn an, das mehr zugeſtand als jede Freundlichkeit hätte thun können, und nach kurzer Zeit in lebhafte Neckereien überging. Unſer Freund war an dieſem Abend aufgeregter als er ſich ſelbſt erklären konnte, wie denn zuweilen Stimmungen auf⸗ tauchen die dem gewohnten Gedankengange fremd, ja widerſprechend ſind. Er fühlte ſich eigenthümlich er⸗ regt durch die ganze üppige Atmoſphäre der äußern Umgebungen, durch die Nähe all der hübſchen Frauen, 119 und empfand vielleicht zum erſten Male wirklich ein lebhaftes Gefühl geſchmeichelter Eitelkeit über die Art und Weiſe, wie die reizende Dame des Schloſſes ihn vor den Augen Aller auszeichnete. Ohne irgend Jemand außer ihr zu beachten, verließ er den Platz an ihrer Seite nicht, ſeine Augen blitzten, ein lebhaftes Kreuz⸗ feuer des Geſpräches warf Witzfunken zwiſchen den Beiden hin und her, und ſie bildeten den Mittelpunkt des ganzen Kreiſes, deſſen Worten mit Bewunderung gelauſcht ward. Das Abendbrod ward im Gartenſaal eingenommen. Durch die weit geöffneten Flügelthüren drang der bal⸗ ſamiſche Duft der Blumen und Sträuche, die mond⸗ helle Sommernacht lockte in's Freie, wo das Licht des Himmels und zahlreiche, zwiſchen den Bäumen ver⸗ theilte bunte Lampen Streiflichter verſchiedener Wirkung durch die ſich kaum bewegenden Blätter fallen ließen. Mit Vergnügen folgten die Gäſte dem Vorſchlag der Baronin, eine Promenade durch den Garten zu machen, und bald wanderten einzelne Gruppen zwiſchen den Düften der Beete hin. Sie ſelbſt legte ihren Arm in den Arnold's und wählte ihn ſo zu ihrem Begleiter. Mit ſeltſamer Empfindung fühlte er die Nähe ihres duftigen Haares, ihrer rauſchenden Gewänder, empfand er die Wärme des ſchönes Armes, der auf dem ſeinen 120 ruhte, mehr noch den Ton der plötzlich verwandelten, gedämpften Stimme, womit die reizende Frau einen leiſen Vorwurf über ſein Ausbleiben ausſprach; er antwortete mit einem lebhaften Kuß auf die feine Hand. Als er nach dieſer Bewegung das geſenkte Haupt erhob, fiel ſein wanderndes Auge von ungefähr auf Martha, die regungslos an der Thüre ſtand, welche er eben mit ſeiner Begleiterin zu durchſchreiten im Be⸗ griff war. Ein Blick traf ihn, raſch wie ein Blitz, denn augenblicklich ſenkten ſich ihre Lider auf die er— blaßten Wangen, aber auch mit der Gewalt eines Blitzes ſchlug dieſer leidvolle Blick bis in ſeine innerſte Seele hinein. Es wirbelte vor ſeinen Sinnen, es dröhnte in ſeinem Kopfe, dann ward Alles klar und deutlich, und ſollte nie wieder verwiſcht werden— er ward geliebt und er liebte das Weib ſeines Freundes! III. Der Abend dämmerte. Von vielen Krankenbeſuchen ermüdet, war Arnold nach Hauſe gekommen; die er⸗ ſtickende Schwüle eines herannahenden Gewitters machte die Luft ſeines Zimmers faſt unerträglich. Er öffnete beide Flügel des Fenſters, rückte den Lehnſtuhl dahin und warf ſich hinein. Es lag ſchwer auf ihm, ſchwer 121 wie die fahlen Wolken über der Stadt hingen— er fand ſich ſelbſt nicht wieder. Sein Auge fiel auf das kleine Haus gegenüber, das er ſeit mehreren Tagen gemieden hatte. Auch dort waren die Fenſter geöffnet und Martha's dunkler Kopf erſchien zwiſchen den Gar⸗ dinen. Sie ſaß und las, wenigſtens hielt ſie ein Buch in der Hand und blieb unbeweglich mit darauf geſenk⸗ tem Auge. Erbebend haftete Arnold's Blick auf dem geliebten Geſicht, das ſo müde und blaß ausſah; er dachte zu⸗ rück an den Tag, wo er ſie zuerſt geſehen, an das friſche heitere Bied, das ihn damals angelächelt hatte. Ernſt frug er ſich ob er es ſei, der die Schuld dieſer Veränderung trüge; mit reinem Bewußtſein ſagte ihm ſein Gewiſſen: Nein! Kein Wort hatte je den Zuſtand ſeines Gemüthes verrathen— ob er ſeine Blicke ſtets ebenſo in ſeiner Gewalt gehabt hatte als ſeine Worte, das mochte Gott richten. Er war ſich bewußt, ſein Auge frei vor Roloff aufſchlagen zu können. Seltſam empfand er es, daß keine Aenderung in ſeinem Gefühl für den Freund eingetreten ſei— im Gegentheil, ſeit er ſich des allmächtigen Zuges zu Martha bewußt war, hatte ſich ſeine Zuneigung für den Maler noch ge⸗ ſteigert. Oft grübelte er nach, wie es möglich ſei daß die junge Frau bei dem offenbar ſo ungetrübten häus⸗ lichen Verhältniß Raum für ein anderes Gefühl hatte finden können. Auch war ihr Benehmen gegen Roloff ganz unverändert geblieben, ihm gegenüber kam ſelbſt der frühere Ton von Heiterkeit, das ſchalkhafte Gepräge ihres Naturells noch manchmal zum Vorſchein. Die unſchuldigen Liebkoſungen die ſie dem Gatten erwies, hatten in Arnold's Gegenwart weder einen andern Ausdruck angenommen, noch aufgehört, und doch konnte unſer Freund über das Gefühl das ihm Martha zu eigen gab, längſt keinen Zweifel mehr hegen. Wie er ſo hinüberblickte auf das holde, junge Geſicht, faßte ihn eine Sehnſucht wie nie zuvor. Es zog ihn hinüber, ihm war zu Muth, als würde der Alp, der ihm die Seele wund drückte, ihrem kindlichen, klaren Blick weichen müſſen. Er fühlte ſich Herr ſeiner ſelbſt und dachte ſich nicht allein Muth zu holen, auch ihn zu bringen. Nach wenigen Minuten war er drüben und pochte an die Thür des Wohnzimmers. Martha war allein; nur das Kind ſpielte in einer Ecke mit ſeiner Puppe. Sie hatte ſein Klopfen überhört und fuhr nun beim raſchen Eintritt des Freundes heftig zuſammen; das Buch entfiel ihrer Hand, und wie Arnold es aufnahm um es ihr zurückzugeben, fiel ein Blättchen heraus, das er ergriff und beim erſten Blick darauf ſein eigenes Bild in flüchtiger, aber ſprechend ähnlicher Skizze er⸗ kannte. Indem er darauf hinſtarrte, traf ſein Auge ein paar mit Bleiſtift an den Rand geſchriebene Zei⸗ len von Martha's kleiner, feſter Schrift: Darf ich auch nimmer Dir mein Herz entſchleiert zeigen So bin und bleib ich doch in Ewigkeit Dein eigen! O Herz, verlerne nie, feſt an Dein Glück zu glauben Die Liebe, die Du fühlſt, die kann Dir Niemand rauben! Das Blut rauſchte Arnold bis in die Schläfen empor, er ſah Martha an die unbeweglich vor ihm ſtand, blaß wie eine Lilie, zitternd wie ein Halm im Winde. Einer jener Augenblicke war gekommen wo die Fähigkeit zu denken und zu wollen wie Nebel dahin ſchwindet, wo das lange zurückgedämmte Gefühl allein herrſcht, und Vergangenheit und Zukunft der wogenden Seele nichts mehr ſind. Leiſe zog er die zarte Geſtalt an ſich und das geflüſterte Wort:„Meine Martha!“ drückte das einzige Bewußtſein aus, das ihn in dieſem Augenblick beherrſchte— das Bewußtſein, ſein Eigenes im Arme zu halten. Wie ein Echo klang es kaum hörbar aus dem Munde der Geliebten:„Deine Martha!“ Tief tauchten die Blicke der Beiden in einander, in beredtem Schweigen ſtanden ſie unbeweglich, faſt athemlos. Ein leiſes Geräuſch zerſtörte den Traum. Die Thüre des Zimmers hatte ſich geöffnet. Roloff war eingetreten und ſtand ruhig wenige Schritte von ihnen, den ernſten Blick auf ſie geheftet. Arnold ließ die junge Frau los, als wenn ihn eine Natter geſtochen hätte, und ſein edles Geſicht nahm jene Wachsfarbe an, die leidenſchaftlichen Menſchen bei tiefſter Erregung eigenthümlich iſt. Martha aber flog in derſelben Se⸗ kunde auf Roloff zu, ſchlang beide Arme um ſeinen Hals, küßte ihn mit lebhafter Zärtlichkeit und rief mit allem Feuer ihres Weſens:„Fürchte nichts, Fritz! Ich habe mein Wort nicht gebrochen, ich habe geſchwiegen und werde es immer thun!“ Bei dieſen Worten brach ſie in Thränen aus und eilte hinweg. Roloff trat nach kurzem Schweigen zu dem noch immer faſſungslos ſtehenden Freunde, ſah ihm ernſt, aber ruhig ins Auge und reichte ihm dann mit den Worten die Hand:„Ich kenne Dich, Arnold, und will und werde nicht an Dir zweifeln, dafür erwarte ich aber auch Dein Vertrauen. Längſt ſchon habe ich klar geſehen und willſt Du offen gegen mich ſein, ſo kann noch Alles gut werden.“ —„Keine Erklärung in dieſem Augenblick“, war die kaum verſtändliche Antwort.„Laß mich jetzt— wenn Du mich wirklich nicht aufgibſt, ſo gönne mir eine Friſt der Einſamkeit! Sobald ich es vermag ſehen 125 wir uns wieder, und ich gelobe Dir daß dann kein Schatten zwiſchen uns bleiben ſoll!“ Stürmiſch drückte er die Hand des Freundes und eilte aus dem Zimmer, aus dem Hauſe. Roloff hatte indeſſen Martha aufgeſucht und fand ſie in ihrem Schlafzimmer, in Thränen aufgelöſt. Leiſe faßte er ſie in ſeine Arme, zog ſie zum Sopha und ſuchte nur zuweilen durch ſtumme Liebkoſung ihr Schluchzen zu dämmen. Als endlich ihre heftige Er⸗ regung in ſtilles Weinen überging, ſagte er mit liebe⸗ vollem Ton:„Was iſt zwiſchen Euch vorgefallen, Martha? Ich glaube Dir ohne Wiederholung daß Du Dein heiliges Verſprechen nicht gebrochen haſt, aber ich muß um Deinetwillen wiſſen, wie ein Vorgang möglich ward, der mich faſt an Arnold irre machen könnte.“ —„Es war meine eigene Schuld, Fritz!“ flüſterte die junge Frau tief erröthend.„Natürlich ſollſt Du Alles wiſſen, ſchon um ſeinetwillen!“ Mit geſenktem Blick und ſtockender Stimme wiederholte ſie jede Einzel⸗ heit der ſo kurzen und doch ſo verhängnißvollen Scene und von Neuem brach ſich die kaum gedämpfte Auf⸗ regung Bahn.„Ich kann es nicht länger tragen, Fritz!“ rief ſie, indem ſie die kleinen Hände ſchmerzlich rang. „Was wird, was muß er von mir denken? Laß Dich erbitten, ſprich mit ihm— Du kennſt ja ſeine Zuver⸗ 126 läſſigkeit und ſchon ſeine Liebe iſt Dir Bürge, daß er Dein Vertrauen heilig halten wird!“ „Ich habe einen heiligen Eid geſchworen, Martha! Ich kann und will ihn weder brechen noch umgehen. Armes Kind, ſchon damals als Du den Vorſchlag machteſt unſere Verpflichtung ſo zu löſen wie wir es gethan, ſagte ich Dir, daß Dich der ſchwerſte Theil dieſer Aufgabe treffen würde! Ich war ſchwach genug, Deinen Bitten nachzugeben— nun darf ich aber auch die bittere Prüfung nicht von Dir nehmen. Trage ſie muthig, mein Herz! die Zeit, in der Alles ſich auf⸗ klären wird kann nicht ferne ſein, und bewährt ſich Arnold's Charakter jetzt, dann haben wir Beide eine Bürgſchaft für die Zukunft, die ich zum höchſten Werth anſchlage.“ —„Wenn er bis dahin nicht gelernt hat, mich zu verachten, wenn er dies nicht jetzt ſchon thut! Glaubſt Du, daß ſeine Liebe dem Urtheil widerſteht, das er über mich fällen muß— hältſt Du es für möglich, daß jetzt, wo ſolche Worte zwiſchen uns gefallen ſind, Alles noch ſo bleiben, oder wieder ſo werden kann, wie es war? Sollen wir ihn gering ſchätzen lernen wenn er ſeinem Herzen nachgibt, oder ſoll ich, deren Geſtändniß dem ſeinigen zuvorkam, vor Scham in die Erde ſinken, wenn er Kraft findet ihm zu widerſtehen? 127 Nein Fritz, das iſt mehr als ich ertragen, mehr als ich verſprechen kann!“ Der Maler ging mit großen Schritten auf und nieder.„Du haſt Recht, Kind,“ ſagte er endlich. „Es hieße Gott verſuchen, dieſen Zuſtand noch weiter zu treiben. Doch bleibt uns ein Mittel, freilich ein neues Opfer für uns Beide, aber nur ſo kann Dein Zartgefühl geſchont, kann die bedenkliche Lage, in die wir gerathen ſind, verbeſſert werden. Du mußt ſo⸗ gleich nach Breslau zurück, natürlich mit dem Kinde; während des Winters den wir dort verlebten, haben wir uns Freunde gewonnen, die Dich in den jetzigen Verhältniſſen kennen gelernt haben, und ſich theil⸗ nehmend um Dich und Maria annehmen werden. Biſt Du damit einverſtanden, ſo ſchreibe ich noch heute an den Profeſſor Helff und melde Dich an. Seine gute Frau wird die nöthigen Vorbereitungen in unſerer Wohnung gern beſorgen und Dir mütterlich zur Seite ſtehen. Schwer genug werde ich Dich entbehren, aber in ſechs Wochen hoffe ich hier fertig zu ſein, und dann mein armes Kind, wollen wir ſehen was zu thun iſt.“ —„Es iſt ein herbes Mittel, Fritz! auch Dich noch entbehren, gerade jetzt, mit dem ſchweren Herzen, allein unter Fremden leben zu müſſen! Aber doch danke ich Dir dafür, denn die Trennung von Dir und von— 128 ihm iſt immer noch leichter zu tragen, als das Zuſam⸗ menſein, wie es ſich jetzt geſtalten müßte.“ „Muthig und gut wie immer!“ ſprach Roloff ge⸗ rührt, indem er die junge Fran auf die Stirne küßte und wehmüthig auf das zarte, blaſſe Geſicht nieder⸗ blickte.„Ich habe die feſte Zuverſicht, daß auch für Dich die Zeit des Lächelns wiederkehren wird, meine Martha! Gute Nacht nun, ich will noch heute an den Profeſſor ſchreiben, in zwei bis drei Tagen reiſen wir. Kann ich Dich auch nicht bis Breslau brin⸗ gen, ſo begleite ich Dich jedenfalls einen Theil des Weges.“ —„Und was wirſt Du Arnold ſagen?“ „Er hat mich gebeten, ihn vorerſt nicht aufzuſuchen. Doch will und muß ich ihn ſprechen, ehe wir reiſen, und kann es um ſo leichter thun, als dieſer Entſchluß die Nothwendigkeit peinlicher Crörterungen aufhebt. Kaum glaube ich daß er eine Erklärung ſuchen wird, wenn er hört daß Du Dich von hier entfernſt, und ich werde jetzt gewiß nichts der Art herbeiführen, denn ich würde ihm doch unverſtändlich bleiben müſſen, und in der Hauptſache könnte nichts gebeſſert werden— im Gegentheil. Den herzlich ergebenen Freund ſoll er an mir finden, mehr als je. In keinem Falle aber, 129 wünſche ich daß Du noch einmal mit ihm zuſammen triffſt.“ — ‚„Gewiß nicht, Fritz! Ich werde bis zu unſerer Abreiſe in meinem Zimmer bleiben,— es iſt kein leerer Vorwand, wenn ich ſage daß ich nicht wohl bin. Gute Nacht alſo Du mein lieber, mein beſter Freund! wenn Du hinüber gehſt, ſende mir das Kind, ich will es zu Bett bringen. Ich muß es jetzt recht, recht lieb haben, ſonſt könnte ich, Gott verzeihe mir! verſucht werden, das unſchuldige kleine Geſchöpf zu haſſen.“ Während dieſes bewegte Geſpräch zwiſchen den Beiden geführt ward, ſaß unſer Freund lange ſtumm und unbeweweglich in ſeinem einſamen Gemach. Was ſollte nun werden? In ihm tobte ein Aufruhr, den er kaum zu bändigen vermochte. Wie mit Flammen⸗ zügen brannte jeder Wechſel der eben erlebten Scene in ſeinem Gedächtniß und rief unbezähmbaren Tumult in ſeiner Seele wach. Mit einem Gefühl brennenden Unmuthes dachte er an Martha. War es möglich, war es nur denkbar! Aus ſeinem Arm in dem ſie einen Augenblick ſo hingegeben geruht, das Geſtändniß der Liebe zu ihm noch auf ihren Lippen zitternd, konnte ſie ohne Zeichen der Entfremdung, ohne eine Regung der Scham vor ſeinen Augen in die Arme ihres Gatten eilen, konnte Jenem Worte zurufen, die Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 9 aus dem tiefſten Herzen zu kommen ſchienen. Was war dieß junge Weib? Noch tönten und klangen die Worte: Deine Martha! vor ſeinem Ohre, noch brannte das Blättchen in ſeiner Hand, das den erſten Anlaß zu dieſen Stürmen gegeben hatte,— ſie war ſich alſo des Gefühls für ihn im vollen Maaße bewußt, gab ſich ihm hin ohne Widerſtand, und betheuerte dem Gatten, ſie hätte geſchwiegen! Konnte ein ſo junges Geſchöpf ſo tief verdorben ſein? Wie eine Erſcheinnng ſtand bei dieſer Frage ſeines Innern Martha's Bild vor ihm, und die großen ernſten Kinderaugen ſahen ihn vorwurfsvoll an. Nein,— es war unmöglich gering von ihr zu denken, und doch war das Erlebte nicht wieder aus dem Gedächtniß zu verwiſchen. Auch den Freund konnte er nicht begreifen. Er kannte ihn und ſein ganzes Weſen, er wußte wie Fritz Roloff bei einem durchaus treuherzigen und liebe⸗ vollen Naturell doch keineswegs jene naive Kindlichkeit des Gemüthes beſaß, die zuweilen bis zur Charakter⸗ ſchwäche führt. Er wußte durch manches Geſpräch daß der Freund durch eigene und fremde Erfahrungen das Leben kannte, ſeine Urtheile hatten nie einen Schatten von überſpannten Anſichten gezeigt; friſch, praktiſch, ſtets am rechten Fleck, war Roloff gewöhnt, die Dinge bei ihren Namen zu nennen, alles an die 4341 richtige Stelle zu bringen. Wie kam nun dieſer Mann auf den unmöglichen Gedanken, das Verhältniß, das zwiſchen ihnen beſtanden hatte, für unverändert halten, es fortführen zu wollen! Aus ſeinen Worten ging klar hervor, daß er Martha's Gefühle kannte, und dabei ſprach er die Hoffnung aus, alles würde ſich fügen, würde gut endigen. Verwirrend kreiſten die Gedanken vor Arnold's Geiſt bei dieſen Ueberlegungen, nur Eines fühlte er klar und deutlich: Er wollte, er konnte Martha nicht wieder ſehen. Fort— fort von hier! drängte ſein ganzes Innere, während der grübelnde Geiſt umſonſt nach der Möglichkeit ſuchte, dieſem gebieteriſchen Ge⸗ fühl genügen zu können. So ging die Nacht hin, in erſchöpfender Qual. Des endlich anbrechenden Tages froh, warf ſich der junge Mann ſchon früh in die Kleider, um in den Be⸗ rufsgeſchäften eine augenblickliche Rettung vor ſeinen nagenden Gedanken zu ſuchen, und es war ihm willkom⸗ men, als er gegen Mittag zu einem ſchwer Erkrankten in ein ziemlich entferntes Dorf gerufen wurde. Erſt gegen Abend kehrte er nach Scheßlitz zurück. Als er ſich dem Gaſthauſe näherte ſah er ſchon aus einiger Entfernung Herrn Metzler unter der Thüre ſtehen, mit einem Geſicht, auf dem eine Neuigkeit ſo 9* 5 132 deutlich zu leſen war, als auf einem Anſchlagezettel. „Beſuch für den Herrn Doktor!“ verkündigte er, ſobald der Ton ſeiner Stimme den Näherkommenden erreichen konnte.„Beſuch, mit der Mittagspoſt angelangt! Der junge Herr hat bereits geſpeiſt und erwartet den Herrn Doktor in Dero Wohnzimmer.“ Verwundert eilte Arnold hinauf und begrüßte mit einem Ausruf der Freude ſeinen liebſten Jugend⸗ freund, an den ihn ſowohl gleiche Kinderſpiele und gemeinſchaftliche Studien, als auch große Sympathie der Anſichten und Lebensgewohnheiten ſeit Jahren band. „Willkommen, Dietrich, herzlich willlkommen! Was führt Dich ſo unverhofft in dieſen Winkel der Welt? Was es auch ſei, ich will es loben!“ —„Davon ſpäter, Arnold“, ſagte der Freund mit befangenem Ausdruck.„Erſt laß uns plaudern, laß mich Deiner froh werden nach Monate langer Trennung. Aber zum Teufel, Junge, Dir ſcheint die Luft hier nicht ſehr zu bekommen, es iſt ja kaum ein Vierteljahr ſeit wir zuletzt beiſammen waren und Du ſiehſt ſo merkwürdig aus, als wäreſt Du der Alte nicht mehr.“ „Der bin ich auch nicht mehr, Freund! Aber laß das, Du weißt, das ich keinen Stoff des Geſpräches 133 unerſprießlicher finde, als den über mein langweili⸗ ges Ich.“ —„Ja, wohl weiß ich von ſonſther, daß Du immer Deine eigenen Geheimniſſe bewahrſt, während alle Andern, die in Deinen Bereich kommen, es nicht laſſen können, ihr Herz vor Dir auszuſchütten. Aber höre wohl, lebendiges Räthſel, dießmal ſcheint mir der Augenblick gekommen zu ſein wo es für Dich ſelbſt gut und heilſam wäre, wenn Du dem alten Stubenkameraden vertrauen möchteſt, was Dir im Kopf herumgeht.“ Arnold ſchüttelte den Kopf.„Laß das, Freund, es kommt eben Eines zu dem Andern— ſage Du mir lieber was Dich ſo weit ab von der Heimath geführt hat?“ Schweigend ſah der Gaſt ihn einen Augenblick an.„Im Grunde“, ſagte er zögernd,„iſt es beſſer, ich ſage Dir gleich Alles, lange läßt es ſich doch nicht verſchieben, und auf Deinem Geſicht iſt deutlich zu leſen, daß ich nicht erſt fürchten muß Dir die Laune zu verderben. Gut iſt meine Botſchaft freilich nicht, lieber Junge— mit einem Wort, Deine Mutter iſt krank und wünſcht Dich zu ſehen; ich war gerade an⸗ weſend, als ſie mit der alten Frau debattirten, ſie möge ſich dieſen Wunſch verſagen, Du könnteſt als Arzt 134 hier nicht abkommen, Du würdeſt Deine Zukunft auf's Spiel ſetzen, und was der vernünftigen und unver⸗ nünftigen Reden mehr waren. Da ich bis jetzt nur noch eine ſehr ſchwache Praxis habe, alſo leichter ab⸗ kömmlich bin als mir lieb iſt, habe ich mich als Bote und Stellvertreter angeboten: kannſt Du mich brauchen und willſt Du reiſen, ſo gib mir Deine Weiſungen und verliere keine Zeit, denn ehrlich geſtanden fürchte ich, daß es der letzte Wunſch iſt, den Du der guten Frau erfüllen kannſt.“ Arnold blickte lange ſchweigend vor ſich nieder Thränen, die der Qual der jüngſt verlebten Stunden verſagt waren, kamen ihm nun erlöſend zu Hülfe. Das ſo ganz menſchliche und berechtigte Leid um die Mutter löſte die ſtarre Rinde die ſich um ſein Herz gelegt hatte, und ſo wenig er es ſich auch geſtand, lag in dieſem mit keiner Bitterkeit vermiſchten Schmerz, ſowie in der Nothwendigkeit die ihn nun zu dem ge⸗ wünſchten Entſchluß der Abreiſe drängte, eine Art von Erleichterung für ſeine, vorher bis zum Unerträglichen angeſpannte Seele. Sobald er ſich in Fragen nach dem Zuſtand der theuren Kranken genug gethan hatte, bedachte er die nöthigſten Vorbereitungen zur nahen Abreiſe. Nach dem Bericht des Freundes mußte dieſe ohne Zögern 135 unternommen werden, wenn der Zweck der Mutter letzte Lebenstage zu erleichtern, erreicht werden ſollte. Die Abendpoſt war bereits abgegangen, bis um zehn Uhr des andern Morgens blieb dem Bekümmerten eine unvermeidliche, überdieß nothwendige Friſt. Obgleich der Abend ſchon vorgeſchritten war, hielt er es doch für paſſend, ſich noch heute von Baron Schöning zu beurlauben. Allerdings war er keineswegs von demſelben abhängig, da er ihm aber ſeine jetzige Stellung verdankte, und als Hausarzt ein beſtimmtes Jahrgehalt bezog, ſchien es ihm ſchicklich und nothwen⸗ dig, dort wenigſtens der Form nach die Zuſtimmung zu ſeiner Reiſe zu erbitten, und den ſelbſtgewählten Stellvertreter perſönlich vorzuſtellen. Eben ſchlug es acht Uhr, als die Freunde im Schloß anlangten und dem Baron gemeldet wurden. Mit der vollkommenen Artigkeit die dem einſtigen Höfling ſtets eigen war wenn ſeine perſönliche Eitel⸗ keit nicht in's Spiel kam, nahm er Arnold's Mitthei⸗ lung auf, erklärte ſich mit ſeiner Reiſe einverſtanden und empfing Doktor Vogler mit Zuvorkommenheit als Stellvertreter ſeines Arztes. Inzwiſchen erſchien der Kammerdiener der Frau von Rechenberg mit dem Er⸗ ſuchen ſeiner Gebieterin, Doktor Nobeling möge ſie eines leichten Unwohlſeins halber in ihrem Zimmer aufſuchen. 136 Unſer Freund, dem die Zeit kurz zugemeſſen war und der gehofft hatte, der ſpäten Stunde halber eine perſönliche Verabſchiedung von der Baronin umgehen zu können, folgte unmuthig dieſem Rufe. Ueberzeugt, daß ihr Unwohlſein nur ein Vorwand ſei, das oft verſuchte Spiel wieder aufzunehmen, durchaus nicht aufgelegt, in die gewohnte Art und Weiſe der redegewandten Dame einzugehen, trat er bei ihr ein, getheilt zwiſchen Langeweile und mißmuthiger Erregung. Die ſchöne Frau lag halb gebettet auf einem Lehn⸗ ſtuhl, die Füße auf hochaufgethürmten Kiſſen ruhend, und zu ſeiner Ueberraſchung fand er ihr Ausſehen wirklich leidend und angegriffen. Die ſeltſame Stimmung in der ſich Louiſe von Rechenberg ſeit Monaten befand, und deren Wogen einen zarter gebildeten Körper wohl ſchon früher er⸗ ſchüttert haben würden, begann trotz der Widerſtands⸗ fähigkeit ihres geiſtigen und körperlichen Naturells nun doch auf ſie zu wirken. Sie litt und war ſich deſſen be⸗ wußt— zuweilen wirkte dies auf ſie wie ein Sporn und Stachel, zuweilen auch veränderte es ihr Weſen zu einer Weichheit, in der ſie ſich ſelbſt fremd und neu war, und die aus dieſem Grunde Reiz für ſie hatte. In ſolcher träumeriſchen Stimmung befand ſich die Baronin heute Abend und ihre ganze Erſcheinung 437 trug das Gepräge derſelben. Ein Zug von Er⸗ ſchöpfung verlieh ihren ſprechenden Zügen einen weichen Ausdruck, der ihr ſonſt nicht eigen war nnd ihr be⸗ ſonders gut ſtand. Sie war im Negligè, die Wangen frei von Schminke, das üppige aſchblonde Haar unge⸗ pudert über die runde Stirne zurückgeſchlagen; nur das ſchwarze Löckchen, das ihr an der Schläfe wuchs und nach der Verſicherung ihrer Zeitgenoſſen ihrer Phyſiognomie einen beſondern Reiz gab, hatte mit ge⸗ wohnter Sorgfalt die nach der Mode der Zeit übliche Schneckenform erhalten. Während der junge Arzt den ſtockenden, fiebern⸗ den Puls prüfte, frug er:„Seit wann ſind Sie lei⸗ dend, gnädige Frau?“ Ein vorwurfsvoller Blick traf ihn zwiſchen den langen Wimpern hervor.„Schon ſeit einiger Zeit, Sie wiſſen es ja!“ „Ich muß allerdings doppelt um Entſchuldigung bitten, daß ich mich durch einige ſchwere Krankheits⸗ fälle in der Umgegend ſeit ein paar Tagen habe ab⸗ halten laſſen, in's Schloß zu kommen— Sie erwähn⸗ ten wohl neulich eines leichten Unwohlſeins, Frau Baronin, doch wollten Sie damals von ärztlichen Rath nichts hören. Die kleine Fieberaufregung wird indeſſen vorübergehend ſein, und ich bedaure nur, daß ich Ihnen, 138 gnädige Frau, nicht ſelbſt zu der raſchen Geneſung werde Glück wünſchen können. Ich muß mich für einige Zeit von Ihnen verabſchieden, und werde morgen abreiſen.“ Die ſchöne Frau fuhr lebhaft in die Höhe, Röthe und Bläſſe jagten ſich auf ihrem Antlitz.„Sie wollen fort? Wohin ſo plötzlich— weshalb?“ —„Die Veranlaſſung zu meiner Reiſe iſt keine ſelbſtgewählte, Frau Baronin. Ich bin auf dem Punkt, meine alte Mutter zu verlieren, und da ein wackerer Freund mich hier als Arzt genügend vertreten wird, darf ich nicht zögern, ihrem Rufe Folge zu leiſten.“ Louiſe ſah den jungen Mann lange ſchweigend an.„Ihre Mutter?“ ſagte ſie endlich mit gedämpfter Stimme;„das iſt ein Klang, den ich nicht kenne— ich habe wohl einen Vater gehabt, dem ich nichts war, als ein Mittel zum Zweck, aber nie hat eine Mutter mich geliebt und behütet. Die Ihrige iſt gewiß ſtolz auf ihren Sohn! Ich begreife Ihren Schmerz, mein Freund, denn wie ſehr muß Ihre Mutter Sie lieben!“ Die Stimme der nervös erregten Frau bebte bei die⸗ ſen Worten, und Thränen rollten langſam über ihre Wangen. Dieſer Ton des Mitgefühls berührte alle Saiten, die in Arnold's Seele ſo heftig vibrirogn, 139 ſeine blaſſe Wange ward noch bleicher und ſeinen Lippen entſchlüpften die Worte:„Ja, ſie hat mich ge⸗ liebt, ſie allein!“ Mit ungeſtümer Bewegung glitt Louiſe von Rechen⸗ berg von den Ruhekiſſen herab und faßte, dicht vor ihm ſtehend, ſeine Hand in ihre beiden.„Nicht ſie allein!“ flüſterte ſie, indem ſie ihn feſt anſah.„Nein, Arnold, Sie ſollen nicht gehen mit der doppelten Laſt auf Ihrem Herzen. Glauben Sie denn, die Veränderung, die mit Ihnen vorgegangen iſt, ſei mir ein Räthſel geblieben— glauben Sie, ich hätte nicht errathen, was eit jenem Abend, der Sie mir zuerſt genähert, Ihre Wange ſo blaß, Ihren Blick ſo trübe hat werden laſſen— warum Sie mich ſo ängſtlich vermieden ha⸗ ben, was überhaupt dies ſtolze Herz bewegt? Reiſen Sie immerhin! Jetzt ſoll die Mutter ihr Recht haben, und ich will es nicht beeinträchtigen— wenn Sie aber wiederkehren, dann will ich Sie ermeſſen laſſen, was ſtärker iſt, die Liebe einer Mutter oder die Liebe einer Frau!“ War Louiſe jemals ſchön geweſen, ſo war ſie es in dieſem Augenblick. Jedes zarte und innige Gefühl, das in der Bruſt eines unſprünglich hochherzigen Wei⸗ bes auch da noch ſchlummert, wann Schuld und ſelbſt Erniedrigung ſchon längſt das reine Bild entſtellt haben, 140 regte ſich in dieſem Augenblick. Die Dämonen der ECitel⸗ keit, der ungezügelten Herſchſucht waren eingelullt von dem erſten ganz uneigennützigen, ganz ſelbſtvergeſſen⸗ den Gefühl, das unmerklich ſeine ſtarken Wurzeln durch ihr Weſen verzweigt und wenigſtens für jetzt alles dort wuchernde Unkraut erſtickt hatte. Wie denn überhaupt die Liebe in einem Frauenherzen um ſo ge⸗ waltiger wirkt, wenn ſie es an der Grenze der Jugend ergreift, wo ohnehin ſo manche leiſe Umgeſtaltung der Gefühle, des Geſchmackes, überhaupt des ganzen inne⸗ ren Menſchen ihr kaum merkliches, aber unfehlbares Werk beginnt, ſo fühlte Louiſe ſich von einem Strome getragen, dem ſie willenlos folgte und in deſſen Wo⸗ gen ſie Vergangenheit und Zukunft zu verſenken dachte. Arnold ſtand erſchüttert vor der ſchönen, athem⸗ loſen Frau. Was ihm hier geſchah, kam ihm ſo ganz unerwartet, daß er beſtürzt und ſtumm blieb, unfähig, ein paſſendes Wort zu finden, nur ſein Auge ſprach im dunkeln, leuchtenden Blick die mächtige Erregung aus, die in ihm wogte. Wo er ſtets nur das Spiel einer gelangweilten Kokette zu ſehen geglaubt hatte, war hier Liebe und Leidenſchaft für ihn aufgeblüht— ein Gefühl, das er nicht theilte, das aber in ſeiner ohnehin ſo hoch geſpannten Stimmung nicht ohne Ein⸗ druck auf ihn bleiben konnte. Nach kurzer, faſſungs⸗ 141 loſer Pauſe durchbrach er den unerträglichen Zuſtand gewaltſam mit den abgebrochenen, kaum verſtändlichen Worten:„Leben Sie wohl!“ Mit einem haſtigen Kuß auf die ſchöne Hand die noch immer die ſeinige feſt⸗ hielt, machte er ſich von ihr frei und hatte das Zim⸗ mer verlaſſen, ehe er noch zu klarer Beſinnung gekom⸗ men war. Nur dröhnte die Stimme, die ihn ſeit geſtern nicht mehr verlaſſen hatte, abermals das Wort: Fort, fort! vor ſeinem Ohre, und ſo verließ er drängend und treibend mit dem Freunde das Schloß, um es nie wieder zu betreten. Mit gewaltſamer Ueberwindung ſammelte ſich Arnold, um dem zurückbleibenden Stellvertreter die nöthigſten Weiſungen über die in ſeiner Behandlung befindlichen Kranken zu geben, und athmete auf wie von ſchwerer Laſt erlöſt, als er endlich allein blieb, die ſtille Nacht vor ſich, und keine Stimme mehr hörte, die leere Worte zu ihm ſprach. Iſt es nicht als brächen Schloß und Riegel, wenn eine kämpfende, rin⸗ gende Seele die Einſamkeit vor ſich ſieht? Haſt Du Dein Leid erſt niedergekämpft, in eine gewiſſe Grenze des Wollens und Könnens eingepreßt— dann fliehe das Alleinſein, das Dich nur auf's Neue in den Strom untertaucht, aus deſſen Strudel Du Dich kaum geret⸗ tet haſt. Brauſen aber die Wogen noch im Sturm, —yöꝛqI ͤ⅞ͤghh h 142 ſchwankt Dein Lebensſchifflein und droht Dir zu ſtran⸗ den, dann iſt ſie wie Erlöſung von Kerkerhaft! Fort mit den Blicken und Worten der Menſchen— je treuer ſie gemeint ſind, aus je liebevollerer Seele ſie kommen, deſto ätzender berühren ſie Deine Wunde, wenn Du mit jenen Schmerzen ringſt, die ſich nicht erzählen, nicht theilen laſſen. So löſte auch Arnold ſobald er ſich von dem fragenden Blick des Freundes frei ſah, mit Ungeſtüm die Ketten ſo wilder Schmerzen, als eine ungebrochene Jugendkraft nur zu erſchaffen weiß. Wer hat nicht erfahren, was Scheiden heißt? Und in dieſer Nacht ſchied er von ſeiner Liebe, ſchied zugleich von all' ſei⸗ nen Lebensplänen. Die Zukunft ſchwankte vor ihm her wie ein graues, undeutliches Nebelbild. Ein neues Blatt ſeiner Erfahrungen und Entſchlüſſe lag vor ihm, ein folgenreiches. Ehe er heute Abend das Schloß betrat, hatte er nur beſchloſſen fortzugehen— nun kam er zurück mit dem Entſchluß, fortzugehen, um nicht wieder zu kommen. Kein Kleines iſt es, eine bereits feſtgeſtellte Zukunft, einen ganzen Lebensplan aufzugeben; Arnold fühlte dieß klar durch alle Auf⸗ regung hindurch, aber mit der ſichern Urtheilskraft, die ihn auszeichnete, war er ſich auch bewußt, daß er nicht zurückkehren wolle, es nicht könne, ſeit Louiſe von 143 Rechenberg jene verhängnißvollen Worte geſprochen, und er dazu geſchwiegen hatte. Drüben in Roloff's kleinem Häuschen war alles ſtill und dunkel; der Scheidende ſetzte ſich nieder um an Fritz zu ſchreiben, die Nothwendigkeit ſeiner raſchen Abreiſe darzuthun und Näheres auf die Zeit des Wie⸗ derſehens zu verweiſen. Obgleich er letzteren Punkt nur andeutete, widerſtrebte es ihm dennoch halb zu verſprechen, was er nicht halten wollte; der Brief wollte nicht gelingen, zwei, drei Blätter wurden zerriſ⸗ ſen, das eine ſagte zu viel, das andere zu wenig. Mit dem Vorſatz, den Freund morgen früh an ſeinem gewöhnlichen Arbeitsplatze aufzuſuchen, und ihm dort mündlich zu ſagen was der Feder nicht gelang, löſchte er endlich das Licht, als ſchon der grauende Morgen nahte, und warf ſich auf das noch unberührte Lager. Als Arnold am nächſten Morgen mit haſtigem Schritt den Platz erreicht hatte, an dem er Roloff täglich von acht Uhr an beſchäftigt wußte, erfuhr er zu ſeiner unangenehmen Ueberraſchung durch den Ge⸗ hülfen des Malers, der Freund ſei vor kurzer Zeit hier geweſen, habe ſich aber nach einigen ihm gegebenen Weiſungen ſogleich wieder entfernt und dabei bemerkt, er würde erſt nach Tiſche wieder hinaufkommen. Noch einen theilnahmsvollen Blick warf der Scheidende auf 144 das, der Vollendung entgegenreifende Werk des Freun⸗ des, deſſen Fortſchritten er mit ſo großem Antheil ſeit Monaten gefolgt war. Vor Allem hing ſein Auge an jener Engelsgruppe, die das Hauptbild der gen Him⸗ mel ſchwebenden Madonna umgab— einer dieſer Engelsköpfe trug in lebendiger, ſprechender Aehnlich⸗ keit Martha's holde Züge, und ſchon gar manches Mal hatte er ſich mit dem Maler gemeinſchaftlich des gelungenen Portraits erfreut. Lebe wohl! tönte es in ſeinem innerſten Herzen— lebe wohl, und für alle Zeit! Als er den Gaſthof zum Engel wieder erreicht hatte, ſandte er ſogleich in die Wohnung Roloff's hin⸗ über und ließ ihn bitten, zu ihm zu kommen. Nur noch eine halbe Stunde fehlte bis zum Abgang der Poſt, und mit ſteigendem Unbebagen erhielt er den Beſcheid, der Maler ſei zur gewohnten Zeit ausgegan⸗ gen und noch nicht wieder zurück. Nun mußte doch abermals zur Feder gegriffen werden; daß er den Freund vergeblich aufgeſucht, welches Unerwartete ihn zur plötzlichen Abreiſe trieb, daß er die Zeit ſeiner Wiederkehr nicht beſtimmen könnte, und die Bitte, ihm einmal nach Danzig zu ſchreiben, im Fall ſeine Ab⸗ weſenheit ſich verzögern ſollte,— das war der In⸗ halt eines haſtig geſchriebenen Blättchens, das er dem 145 zurückbleibenden Stellvertreter mit der Bitte um Beſtel⸗ lung übergab, als er ihm Lebewohl ſagte. Noch we⸗ nige Augenblicke, und der Wagen rollte dahin. Nur drei Monate waren vergangen, ſeit der junge Arzt in dem Städtchen angelangt war, das er jetzt wieder verließ— ſie hatten genügt, jenen Zug in ſein Geſicht zu prägen, den wie ein Freimaurerzeichen alle erkennen, die den Becher der Jedem gereicht wird, nicht bloß gekoſtet, ſondern ihn geleert haben. Godin, Frauenliebe und Leben IV. 10 ohnehin, ſeine Gedanken auf das Nächſtliegende zu Dritte Abtheilung. Die Prinzeſſin. J. Als Arnold Danzig erreichte, war ſeine Mutter ſchon hinüber. Die erſten Tage vergingen im dumpfen Leid langſamer Gewöhnung des Gedankens an das Unerwartete, nun doch Erlebte. Nicht allzulange vermochte aber der energiſche Charakter unſeres Freun⸗ des ſich blos unthätigen Empfindungen hinzugeben; die drängende Entſcheidung über ſeine Zukunft zwang ihn richten. Das kleine Erbtheil das ihm die Mutter hinterlaſſen hatte, reichte zwar hin ſeine Exiſtenz für einige Zeit zu ſichern, aber nichts war ſeinem Naturell mehr entgegen, als planlos dahin zu leben, nichts wäre ihm in ſeinem jetzigen Gemüthszuſtande unerträglicher geweſen. Zwar hatte er äußerlich noch keinen Schritt gethan, um ſich von der jüngſt eingenommenen Stellung 147 zu löſen, ſein Entſchluß in dieſer Richtung ſtand jedoch feſt, und er wollte nur erſt über die Geſtaltung der nächſten Zukunft mit ſich einig ſein, um ſich darüber auszuſprechen. Während der Reiſe war ihm der Gedanke gekom⸗ men ſich nach Polen zu begeben, und bei einem der dort kampirenden Corps eine Stelle als Militärarzt nachzuſuchen; als er aber in Danzig die Lage der Dinge beſſer überſehen lernte, deren Fortſchritte ihm in der ſächſiſchen Landſtadt nur ſehr ungenügend be⸗ kannt worden waren, gab er dieſen Plan wieder auf. Zum Verſtändniß der folgenden Lebenswendung unſe⸗ res Freundes wird uns hier ein kurzer Ueberblick der augenblicklichen Lage Polens nothwendig ſein. Auguſt's Triumph über die Einnahme von War⸗ ſchau war nicht von langer Dauer geweſen. Allerdings traten die Wirkungen dieſes gelungenen Zuges im An⸗ fang günſtig für ſeine Sache hervor; das Vertrauen auf die kaum begonnene Regierung Stanislaus' war durch den raſchen Fall der Hauptſtadt erſchüttert, viele der Conföderirten traten offen auf Auguſt's Seite über, und vor Allem wirkte die Erklärung des Kronfeldherrn Lubomirski, daß er bei Anerkennung der Wahl Sta⸗ nislaus' nur der Gewalt der ſchwediſchen Waffen nach gegeben habe, auf die öffentliche Meinung. Doch hatte 10* Stanislaus' ſchon gegen Ende deſſelben Monats Lem⸗ berg mit Karl XII. verlaſſen, um den Feind anzugrei⸗ fen, vor dem er vor wenigen Tagen geflüchtet war. Zwar zählte Auguſt's Armee mehr als 45,000 Mann, doch war ſie größtentheils aus käuflichen, unzuver⸗ läſſigen Truppen zuſammengeſetzt, die ſchon bei dem bloßen Namen Karl's XII. zitterten. Deshalb hatte er dieſelbe in mehrere Corps getheilt, deren bedeutend⸗ ſtes er dem General Schullemberg mit dem Auftrage anvertraute, das Palatinat Poſen anzugreifen, wo die bedeutendſten Anhänger Stanislaus' ſich aufhielten. Au⸗ guſt ſelbſt begab ſich mit der Cavallerie nach Krakau, wo Lubomirski ihm noch etwa tauſend Reiter zuführte. Die beiden verbündeten Könige verfolgten Schullem⸗ burg's Corps und überraſchten es nach einem forcirten und geheim gehaltenen Marſch. Obgleich nun Schullem⸗ burg mit großer Geiſtesgegenwart ſeine kleine, nur aus Infanterie beſtehende Armee ſo vortheilhaft als mög⸗ lich aufſtellte, gelang es doch den Schweden ihn nach dreiſtündigem Kampfe zum Rückzug zu nöthigen, wel⸗ chen er durch einen nächtlichen Uebergang über die Oder ſo geſchickt bewerkſtelligte, daß Karl XII. ſelbſt ſich für übertroffen erklärte. Indeſſen floh Alles vor der ſchwediſchen Armee, die jeden Landſtrich eroberte, welchen ſie durchſtrich, 149 und in Folge davon verbeſſerten ſich Stanislaus' An⸗ gelegenheiten von Tag zu Tag. Die Zahl ſeiner An⸗ hänger mehrte ſich beſtändig. Selbſt Potoski, der Pa⸗ latin von Kioviesz, der als ſelbſtſtändiger Parteigänger ein großes Corps verſammelt hatte das von beiden feindlichen Armeen gleichzeitig geſchont ward, da jede auf ſeinen Anſchluß hoffte, trat jetzt offen auf die Seite Stanislaus'; er gehörte zu jenen Menſchen die ſich ſtets dem Stärkeren anſchließen, obgleich er ſich für einen Schützer der Gerechtigkeit und der Geſetze gelten laſſen wollte. Indem ſich auf dieſe Weiſe Karl's XII. Macht in Polen ſeit dem Beginn des Jahres 1705 auf's Neue befeſtigt hatte, und Auguſt's Anſprüche auf den Thron auf ſo ſchwankenden Grundlagen beruhten, daß ſie, trotz den bewaffneten Corps, die er noch hier und dort aufrecht erhielt, in Nichts zu zerfallen drohten, fühlten dennoch Stanislaus und namentlich Karl ſehr wohl, daß zur Wiederbefeſtigung der neuen Herrſchaft, und als Gegengewicht der verhaßten ſchwediſchen Vermitt⸗ lung ein gewichtiger moraliſcher Einfluß auf das Land nothwendig ſei. Zu dieſem Zwecke ſchien Niemand paſſender, als der Cardinal⸗Primas, Michael Stephan Radziejowski. Obgleich derſelbe von allen Parteien mehr gefürch⸗ tet als geliebt ward, war doch ſein Einfluß in Polen ein ſehr bedeutender geweſen, wozu theils ſeine Stel⸗ lung als höchſter geiſtlicher Würdenträger des Staates, theils ſeine imponirende Perſönlichkeit beitrugen. Ein ſchöner ſtattlicher Mann von hohem Wuchſe und liebens⸗ würdigen Manieren, ein frommer und herablaſſender Prälat, und ein Staatsmann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, war er in jeder Weiſe mit dem Beſitz je⸗ ner Eigenſchaften ausgeſtattet, die Einfluß ſowohl auf ſeine nächſte Umgebung als auf die Menge übten. Als er bei der drohenden Einnahme Warſchau's die Flucht ergriffen hatte, wählte er ſeine Zuflucht in Dan⸗ zig, da ihm das zerriſſene, in Feindes Hand blutende Vaterland keine Freiſtätte bot. Mit Recht fürchtete er ſich davor, in Auguſt's Hände zu fallen, denn er war es geweſen deſſen gewichtiger Einfluß ſeine Abſetzung namentlich herbeigeführt hatte, obgleich bei ihm ganz andere Pläne damit verknüpft waren, als er hatte durchführen können. Schon auf der Flucht hatte er die Zerſtörung ſei⸗ ner Paläſte und werthvollen Beſitzthümer erfahren, die ſich nicht blos auf Warſchau, ſondern auch auf ſeine Landgüter erſtreckt hatte, und von Auguſt ſchonungslos angeordnet worden war. Den laut ausgeſprochenen Groll darüber benutzte der König von Schweden, um, 15¹ als die dazu paſſende Zeit gekommen war, eine An⸗ näherung an den Kardinal anzuknüpfen; deſſen Unmuth gegen Karl war aber noch zu neu, um ſo leicht aus ſeinem ehrſüchtigen Herzen zu verſchwinden; der ſtolze Prälat vermochte es dem Könige von Schweden nie zu vergeben, daß er gegen ſeine Anſicht Polen's Krone Stanislaus zugetheilt hatte. Deshalb antwortete er auf die erſten Vorſchläge, die Karl XII. ihm zuſandte, daß er das Unheil, das aus bürgerlichen Streitigkeiten entſtehe, nun zur Genüge kennen gelernt habe, und ſich weder dazu hergeben möge, die dem Haupte Auguſt's bereits entfallene Krone, noch den ſchwachen Scepter Stanislaus' zu ſchützen. Karl aber, der es klar erkannte, daß man bei der gegenwärtigen Lage der Dinge den Cardinal nicht leicht entbehren könne, bot alles auf, ihn zu verſöhnen, und ihm das Verſprechen eines Beſuches in Rawicz abzu⸗ gewinnen, wo auch Stanislaus mit ihm zuſammen treffen ſollte. Auf dieſem Punkte ſtanden die öffentlichen Ange⸗ legenheiten, als Arnold in Danzig eintraf, und durch die nahe bevorſtehende Feſtſtellung der polniſchen Wir⸗ ren zerfiel ſein allerdings nur flüchtig gefaßter Plan von ſelbſt. Unmuthig ſtreifte er eines Tages in der Umgegend umher; der einſame Spaziergang, den er unternommen hatte, diente nur dazu, ihm ſeine Ver⸗ ſtimmung ſo recht quälend zum Bewußtſein zu bringen. Schon acht Tage hatte er nun in Danzig zugebracht und noch war er unſchlüſſig wohin er ſich wenden wollte, noch hatte er nicht nach Scheßlitz ge⸗ ſchrieben. Die dortige Anſtellung aufzugeben ohne eine irgend haltbare Erklärung ſeiner Gründe dazu an⸗ geben zu können, widerſtrebte ihm ſehr; welche Schlüſſe würde der Freund der ihn dort vertrat, würde Baron Schöning, überhaupt alle mit denen er als Arzt in Verbindung ſtand, ans einem ſo unbegreiflichen Ent⸗ ſchluß ziehen, deſſen plötzliche Ausführung kaum die tollſte Launenhaftigkeit erklären könnte? Die Vorſtellung wie man ſich bei dieſer Veranlaſſung mit ſeiner Per⸗ ſon beſchäftigen, wie man ſein Thun und Laſſen noch nachträglich prüfen würde war ihm äußerſt zuwider. Das Getrappel mehrerer Pferde ſtörte ihn in den unerquicklichen Betrachtungen. Er blickte auf und er⸗ kannte die ſtattliche Figur des Cardinals⸗Primas, der mit einem zahlreichen Gefolge über einen Feldweg ritt. Während Arnold langſamer ging, um mit Intereſſe die bedeutende Erſcheinug des Prälaten zu verfolgen, den er noch nicht ſo nahe geſehen hatte, ſcheute plötzlich deſſen Pferd vor einer jener Vogelſcheuchen, die man im Auguſt ſo häufig im Freien wahrnimmt. Der 153 Cardinal batte im Geſpräch mit dem neben ihm rei⸗ tenden Marſchall Bronicz, ſeinem Gefährten auf der Flucht aus Polen, die Zügel ſo locker gefaßt, daß ſie beim erſten Satz des feurigen Thieres ſeiner Hand entſchlüpften. Hoch auf bäumte ſich das Roß, der Reiter wankte im Sattel, vergebens ſnchten ſeine Be⸗ gleiter den Zügel des geängſtigen Rappen zu faſſen — ein, zwei Sätze und der Prälat lag nach gewal⸗ tigem Schwung durch die Lüfte regungslos am Boden. Raſch war die Mehrzahl ſeiner Begleiter aus den Sätteln und bemühte ſich den Geſtürzten aufzurichten. Arnold vernahm den lauten Befehl:„Nach dem Arzte, augenblicklich!“ und ſah wie einer der Reiter mit ver⸗ hängtem Zügel in der Richtung der Stadt davon ſprengte. Ohne Zögern näherte er ſich der um den Cardinal beſchäftigten Gruppe, nannte ſich und bot den für den Augenblick nothwendigen ärztlichen Bei⸗ ſtand an. Der Prälat war bewußtlos; aus einer nicht un⸗ bedeutenden Kopfwunde, die ein ſcharfkantiger Stein gegeben hatte, ſtrömte das Blut ſo heftig, daß hier die nächſte Gefahr lag. Arnold reinigte und verband die Wunde, ließ dann den Bewußtloßen vorſichtig anf⸗ heben und in eine nahe Schäferhütte tragen, wo für ihn ſo gut es anging ein nothdürftiges Lager aus den 154 Schabraken der Pferde und den einzelnen Kleidungs⸗ ſtücken bereitet ward. Darauf entfernte der Arzt alle Anweſenden aus der unmittelbaren Nähe des Kranken und hatte die Genugthuung, daß derſelbe nach einiger Zeit zum Bewußtſein kam im erſten Augen⸗ blick ruhte ſein matter Blick mit Befremdung auf Arnold, der an ſeinem Lager ſaß und ſeinen Puls prüfte, auf der ganzen fremdartigen Umgebung; bald aber bewieſen einige halblaute Worte daß ſeine Er⸗ innerung deutlich ward und ihn den Zuſammenhang dieſer Situation überſchauen ließ. Da der Unfall den Cardinal in ziemlicher Ent⸗ fernung von der Stadt betroffen hatte, vergingen beinahe zwei Stunden bis der aus Danzig herbei⸗ gerufene Arzt erſchien. Arnold gab demſelben Bericht über das Verfahren, das er beochachtet hatte, und nach ſorgfältiger Unterſuchung des Verbandes er⸗ klärte der ältere Arzt, die Wunde ſei in den beſten Händen geweſen und der Transport des Cardinals könne gefahrlos unternommen werden, ſobald die be⸗ ſtellte Sänfte aus der Stadt angelangt ſei. Dieſen Moment wollte unſer Freund benützen, um ſich ſtill zu entfernen; der vornehme Patient hielt ihn jedoch zurück, indem er voll Freundlichkeit den Wunſch ausſprach, ſein junger Arzt möge die ſo glücklich 455 begonnene Heilung ſeiner Verletzung nun auch fort⸗ ſetzen, und ihm während der Ueberſiedlung nach Dan⸗ zig zur Seite bleiben. Unſchlüſſig ob dieſe Aufforderung ſich weiter er⸗ ſtreckte als auf den Tag des Unfalls, hielt es Arnold doch jedenfalls für nothwendig, ſich am nächſten Mor⸗ gen zeitig nach dem Befinden des Cardinals zu er⸗ kundigen. Gleich beim Eintritt in den Palaſt fand er, daß er erwartet ward, und die Art und Weiſe in der der Prälat ſelbſt ihn empfing, ließ ihm keinen Zweifel, daß derſelbe ſich ganz ſeiner Behandlung an⸗ 3 vertrauen wollte. Einige Tage waren vergangen; ſchon ſaß der Geneſende, zwar noch mit verbundenem Haupt, aber mit der gewohnten ſtattlichen Haltung, im Lehnſtuhl, und dehnte heute das Geſpräch, das er bei jedem Be⸗ ſuche mit ſeinem jungen Arzt anknüpfte, länger aus als gewöhnlich; ja er ſchien es recht abſichtlich auf Arnolds Perſönlichkeit hinleiten zu wollen. —„Sind Sie ein geborner Danziger?“ war die erſte direkte Frage des geiſtlichen Herrn. „Nein, Eminenz, ich bin von Geburt ein Sachſe, doch ſchon während meiner erſten Kindheit wandte ſich meine Mutter, nachdem ſie Witwe geworden, zurück in ihre Heimath nach Danzig, wo ich aufwuchs, das 156 ich aber ſeit meinem Abgang nach der Univerſität Königsberg bis jetzt nicht wieder beſucht hatte.“ —„Man hat mir ſchon geſagt, lieber Doktor, welche traurige Veranlaſſung Sie jetzt hieher geführt hat, und zugleich erfuhr ich, daß Sie bereits in Sachſen eine feſte Lebensſtellung angenommen haben. Es thut mir leid, daß Sie gebunden ſind, denn was ich bis jetzt von Ihnen gehört, hat mir den Wunſch erweckt, Sie in näheren Beziehungen zu mir zu wiſſen, und die Verpflichtung, die ich für Ihren rechtzeitigen und geſchickten Beiſtand gegen Sie habe, zu einer dauernden zu machen.“ „Obgleich ich fühle, daß ein Ausſprechen der Wahrheit mich nach dieſen gnädigen Aeußerungen Eu⸗ rer Eminenz faſt unbeſcheiden erſcheinen läßt“, ſagte Arnold nach kurzem Zögern„ſo will ich doch nicht verſchweigen, daß ich aus perſönlichen Gründen ent⸗ ſchloſſen bin, jene Stellung in Sachſen aufzugeben, oder daß ich ſie vielmehr ſchon aufgegeben habe.“ —„Wirklich?“ erwiderte der Prälat, indem er den jungen Mann prüfend anſah.„Ich kann mich darüber nur freuen, und habe keine Veranlaſſung nach Ihren Gründen zu fragen. Wenn Sie nun an der Stelle dieſes aufgegebenen Verhältniſſes nicht bereits 157 einen neuen Lebensplan gewählt haben, mein junger Freund, ſo hoffe ich, Sie weiſen den Vorſchlag nicht zurück, einen Theil Ihrer Zeit und Geſchicklichkeit mir zu widmen. Verſtehen Sie mich wohl, mir Ste⸗ phan Radziejowski, nicht dem Cardinal⸗Primas von Polen, wenn ſich dagegen etwa Ihr ſächſiſches Herz auflehnen ſollte. Zwar iſt es höchſt wahrſcheinlich, daß ich bald nach Polen zurückkehre, es handelt ſich alſo bei dieſem Entſchluſſe für Sie darum, Ihre Hei⸗ math auf längere Zeit zu verlaſſen; Sie ſollen aber an die Stellung meines Leibarztes nicht für eine be⸗ ſtimmte Dauer gebunden ſein und natürlich ſtets Herr Ihres freien Willens bleiben. Unter den Verhältniſſen, bei denen ich im vorigen Jahre Warſchau verließ, konnte ich den mir dort attachirten Arzt nicht mit mir nehmen; hier habe ich überhaupt mein Haus nicht auf dem früheren Fuße eingerichtet. Sagt Ihnen alſo die angebotene Stellung zu, ſo braucht Sie nicht etwa die Beſorgniß zurückzuhalten, einen Andern aus derſelben zu verdrängen.“ Arnold erhob ſich lebhaft und berührte mit ſeinen Lippen die weiße Hand des Prälaten, die derſelbe ihm bei den letzten Worten mit wohlwollendem Lächeln gereicht hatte.„Nichts könnte meinen Wünſchen mehr entſprechen, als dieſer huldvolle Vorſchlag Eurer Emi⸗ 158 nenz. Wenn Ihre Gnade auch mein Verdienſt weit überſteigt, ſo werde ich mich doch redlich bemühen, ein ſo großes Vertrauen zu rechtfertigen, ſo weit es in meinen Kräften ſteht.“ „Wohlan!“ erwiderte der Cardinal;„treffen Sie Ihre Einrichtungen, ſo bald als möglich mein Haus⸗ genoſſe zu werden, In etwa 14 Tagen werde ich Danzig verlaſſen um mich nach Rawicz zu begeben, und ich denke der dortige Aufenthalt wird auch für Sie nicht ohne Intereſſe ſein.“ So war durch Vermittlung eines Zufalles und ſeiner Folgen allem Schwanken ein Ende gemacht, und wenn Arnold ſich auch mehr Beſchäftigung ge⸗ wünſcht hätte, als die neu gewonnene Stellung ihm vorausſichtlich bieten würde, ſo war dieß doch die einzige Schattenſeite derſelben, die ſich bis jetzt über⸗ ſehen ließ. In ganz neue Verhältniſſe zu treten, in unmittelbarem Gefolge und perſönlichem Verkehr mit einem hochſtehenden und geiſtig bedeutenden Mann einen neuen Geſichtskreis von Erfahrung und Erleb⸗ niſſen in ſich aufzunehmen, ſagte ihm entſchieden zu und die geiſtige Elaſtizität ſeines Weſens, die ſeit Monaten durch grenzenloſe Verſtimmung niedergehalten war, ward ihm wieder fühlbar. Was konnte auch beſſer geeignet ſein, ihm die gewünſchte Vergeſſenheit 159 ſeiner Perſönlichkeit zu gewähren, als eine ſo vollſtän⸗ dige Löſung von der Vergangenheit. Seine erſte Aufgabe war nun die Fäden zu löſen, die ihn äußerlich noch banden. Er ſchrieb vor allem an den Baron Schöning, theilte ihm in Kürze mit, was er in Danzig erlebt und beſchloſſen hatte, und verabſchiedete ſich von ihm, indem er für jede empfan⸗ gene Freundlichkeit Dank ſagte und ſeinen jetzigen Stellvertreter dem Baron als bleibenden Nachfolger empfahl. Auch die Briefe an beide Freunde boten den Stoff von ſelbſt. Daß Dietrich Vogler mit Freuden die geſicherte Stellung in Scheßlitz feſthalten würde, wenn der Einfluß des Barons ihm zu derſelben be⸗ hülflich war, ließ ſich nicht bezweifeln; er kannte des Freundes Berhältniſſe und wußte, daß er nirgend ge⸗ bunden ſei. An Fritz Roloff ſchrieb er im gewohnten freund⸗ ſchaftlichen Tone. Seine Handlungsweiſe ſprach ihn von der Nothwendigkeit frei, auf ihr letztes Geſpräch zurückzukommen, nur mit wenigen Worten deutete er an, daß er mit dieſem Entſchluß für ſich und Andere das Richtige ergriffen zu haben glaube. Einen Gruß an Martha und die Bitte um öftere Nachricht vom Ergehen der Freunde verſagte er ſich nicht; doch war der Ton des ganzen Briefes ruhig und ge⸗ 160 halten und berührte ſeine eigene Stimmung mit keiner Silbe. Schwieriger ward es ihm, darüber mit ſich in's Reine zu kommen, ob er auch an Louiſe von Rechen⸗ herg einige Zeilen richten ſolle oder nicht. Er fühlte wohl, daß er nach dem letzten Zuſammentreffen mit ihr die Rolle ſpiele, als hätte er die Flucht vor ihr ergriffen; wie er ſie kannte, zweifelte er nicht daran, daß unter dieſen Umſtänden völliges Schweigen ihn in ihren Augen herabſetzen würde, und ſein Män⸗ nerſtolz bäumte ſich bei dieſem Gedanken. Dennoch blieb ihm keine Wahl, als ihr entweder wie ein feiger Liebender zu erſcheinen, oder ihr auf Koſten des Zart⸗ gefühls die Täuſchung zu benehmen, der ſie ſich über ſein Gefühl hingegeben hatte. Das Letztere entſprach mehr ſeinem Wunſche; als er aber die Aufgabe zur Aus⸗ führung bringen wollte, einer Frau, die ihm ihre Liebe geſtanden, ohne daß er ſie ſogleich aus dem Irrthum geriſſen, nun ſchriftlich ſeine Gleichgültigkeit auseinan⸗ der zu ſetzen, erſchien ihm dieß ſo unmöglich, daß er es vorzog, lieber eine alberne Rolle zu ſpielen. Er ſchrieb alſo nicht und begnügte ſich mit dem ceremoni⸗ ellen Gruße, den er bereits in dem Briefe an den Baron der gnädigen Frau überſandt hatte. Die übrigen Vorbereitungen zu ſeiner neuen Lauf⸗ 161 bahn koſteten ihm wenig Zeit, und zwei Tage nach jenem Geſpräche mit dem Cardinal⸗Primas war er in deſſen Palaſt untergebracht, und verlebte den größten Theil des Tages um den Prälaten. Der Zuſtand deſſelben als Rekonvaleszent, der die Zahl ſeiner Um⸗ gebung beſchränkte und manche ſonſt herrſchende Ein⸗ richtung veränderte, ward Veranlaſſung, daß er ſeinem Arzt manche Beſchäftigung übertrug, die deſſen Beruf eigentlich fremd war. Schon nach ſehr kurzer Zeit wußte der Cardinal, der als Prieſter und Staatsmann ein Menſchenkenner war, Arnold richtig zu beurtheilen und überſah den Nutzen, welchen er aus dem zugleich ſcharfſichtigen und beſonnenen Charakter eines redlichen Mannes ziehen könne. Unmerklich als die Geſundheit des Kirchen⸗ fürſten ſich immer mehr beſſerte, waren Nobelings Funktionen weit mehr die eines geheimen Sekre⸗ tärs, als die eines Arztes geworden. In manche ver⸗ wickelte und perſönliche Angelegenheit ſeines Gönners eingeweiht, zeigte er obgleich er ſich nach dieſer Rich⸗ tung ſehr zurückhielt, dennoch in der Auffaſſung und Ausführung gegebener Thema's jeder Art, daß er wohl im Stande ſei den neuen Geſichtskreis klar zu über⸗ ſchauen, und nicht bloß eine einſeitig wiſſenſchaftliche, ſondern eine menſchlich tiefe Bildung beſaß. Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 11 F 162 Als etwa vierzehn Tage nach ſeinem völligen An⸗ ſchluſſe an das Haus des Cardinals dieſer die Reiſe nach Rawicz antrat, fühlte Arnold ſeine Stellung be— reits befeſtigt, und ſah ſich in der vielbeneideten Lage des entſchiedenen Günſtlings eines der bedeutendſten Männer ſeiner Zeit. II. In Rawicz herrſchte das bunteſte Leben, und die Aufmerkſamkeit des jungen Arztes ward durch die mannigfaltigſten Scenen gefeſſelt, während ſein Inte⸗ 3 reſſe für die politiſchen Unterhandlungen die dort ge⸗ führt wurden um ſo mehr wuchs, je mehr er die leitenden Fäden derſelben überſehen lernte. Um der Zuſammenkunft mit Stanislaus und dem Cardinal⸗Primas den rein politiſchen Charakter zu nehmen, hatte Karl XII. beſchloſſen, in Rawicz zu⸗ gleich die Hochzeit ſeines Lieblings Arwed Horn mit. der ſchönen Ingeborg Törnflykt zu feiern, was mit großem Pomp geſchah. Das fürſtlich ausgeſtattete Paar mit ſeinem zahlreichen Anhang von Verwandten und Freunden bildete gleichſam den Fixſtern, um den ſich die ſtrahlenden Planeten bewegten. Scheinbar dreh⸗ ten ſich alle Feſte und Zuſammenkünfte um das Braut⸗ 163 paar, in Wirklichkeit war aber Rawicz dem Schau⸗ platze eines kleinen Fürſtenkongreſſes zu vergleichen, denn Krieg und Frieden, Wohl und Weh der Staaten wurden dort unter der Form freundſchaftlichen Zu⸗ ſammentreffens verhandelt. Die beiden Könige von Schweden und Polen er⸗ regten Arnold's lebhaftes Intereſſe. Kaum konnten, was die äußere Erſcheinung betraf, zwei verſchieden⸗ artigere Perſönlichkeiten gedacht werden. Karl XII., damals kaum dreiundzwanzig Jahre alt, war unter Mittelgröße, ſeine Geſtalt ziemlich ge⸗ wandt und von richtigen Verhältniſſen. Sein langes Geſicht zeigte eine hohe Stirne, eine Adlernaſe und blaue, hervorſtechende Augen mit lebhaftem und durch, dringendem Blick; es war faſt ganz bartlos, wodurch das allzuhäufige Lachen, das Karl's Gewohnheit war noch bemerklicher wurde, und von braunen, kurzen und vernachläßigten Haaren beſchattet. Seine ur⸗ ſprünglich weiße, aber von der Luft gebräunte Geſichts⸗ farbe war kräftig, ſeine Haltung ſtolz und majeſtätiſch Stanislaus, der jetzt achtundzwanzig Jahre zählte, war ein hochgewachſener, ſchöner Mann von einneh⸗ mendem und würdigem Aeußern; ſeine regelmäßigen, beſeelten Züge trugen das Gepräge des freien Charak⸗ ters und einer menſchenfreundlichen Seele, und der 11* 164 häufig ſchroffe Ausdruck Karl's fand in den liebens⸗ würdigen Manieren des Königs von Polen einen frap⸗ panten Gegenſatz. Dagegen trafen die beiden im Aeußern ſo ver⸗ ſchiedenen Monarchen in einzelnen Charakterzügen zu großer Aehnlichkeit zuſammen. Beide trugen den Kern einer durchaus redlichen, keinerlei Falſch und Verſtellung fähigen Natur in ſich, und dieſe bei den polniſchen Großen ſo ſeltene Eigenſchaft, ſo wie die ſoldatiſchen Gewohnheiten Stanislaus', der von früher Jugend an auf hartem Lager ſchlief, jede perſönliche Bedienung verſchmähte und keinerlei Bedürfniſſe weichlichen Lebens hatte, war es, was Karl von Anfang an für ihn ein⸗ genommen uund für die Dauer ſeines Lebens zum Freund des ritterlichen Polen gemacht hatte. Er war feſt entſchloſſen, die Krone auf ſeinem Haupt zu be⸗ feſtigen, beſſer als dies im vorigen Jahre geſchehen war, wo ſeine Stellung ſchon ſo kurze Zeit nach ſeiner Wahl zum König der Republik erſchüttert worden war, daß es jetzt neuer Schritte zum Wiedergewinn derſel⸗ ben bedurfte. Von dem Einfluſſe des Cardinal⸗Primas hing vornehmlich der baldige Zuſammentritt einer Reichsverſammlung in Polen ab und er bot alles auf, ihn zu der Zuſage zu beſtimmen, daß er den Reichs⸗ tag anbahnen und zuſammenrufen wolle. * 465 Der Entſchluß des Prälaten war bereits gefaßt als er nach Rawicz kam; er ſelbſt wünſchte nichts leb⸗ hafter, als ſeine frühere Stellung zum polniſchen Thron wieder einzunehmen, ſeine zerrütteten Finanzen zu ord⸗ nen, und vor Allem zitterte er heimlich vor der Mög⸗ lichkeit, daß ihn das Schickſal des Biſchofs von Poſen treffen könnte, dem Papſt ausgeliefert zu werden. Der heilige Vater hatte gedroht, den Abfall der Kirchenfür⸗ ſten von Auguſt dem Starken und den Anſchluß an den von einem ketzeriſchen Fürſten gewählten König ſtreng zu ahnden, und hatte dieſe Drohung in vollem Maß an dem Biſchof von Poſen ausgeführt, als Au⸗ guſt ihm denſelben nach der Einnahme von Warſchau überlieferte. Um ſeine künftige Stellung zu ſichern, und dem Schritte, der von ihm begehrt ward, jede Würde zu geben, ſtellte der Cardinal indeſſen feſte Be⸗ dingungen auf. Er verlangte, daß der König von Schweden ſich verpflichten möge, Polen während der nächſten ſechs Jahre zu beſchützen und zu vertheidigen, daß er jeden Einfall fremder Truppen, namentlich der Sachſen, von der Republik fern halten würde; daß während dieſer Zeit Polen ihm keine Contribution zu leiſten hätte, damit den erſchöpften Kräften des Landes Zeit bliebe, ſich zu erheben, und endlich, daß man alles aufbieten 166 möge, ihn ſelbſt vor dem Zorn des päpſtlichen Hofes zu ſchützen. Karl XII. ging auf dieſe Bedingung mit voller Bereitwilligkeit ein, machte ſich verbindlich, achttauſend Mann als Schutztruppen für Stanislaus in ſchwediſch Pommern zu erhalten, nur die nothwendige Natural⸗ verpflegung für dieſelben, ſonſt aber nichts vom Lande zu fordern und auf dem projektirten Reichstag eine Deputation wählen zu laſſen, die in Rom die Angele⸗ genheiten Seiner Eminenz vertheidigen und die Unzu⸗ friedenheit des Papſtes abwenden ſollte. Das Reſultat dieſer Verhandlungen war des Cardinal⸗Primas beſtimmte Zuſage, in möglichſt kurzer Zeit eine Reichsverſammlung in Prozowicz im Pala⸗ tinat von Krakau zuſammen zu berufen und dort die entſchiedene Anerkennung und baldige Krönung des neuen Königs durchzuſetzen. Sobald der Cardinal ſich auf dieſe Weiſe ent⸗ ſchieden für Stanislaus erklärt hatte, that dieſer was in ſeinen Kräften ſtand, um dem Prälaten perſönlich näher zu treten. Er wußte gar wohl, daß er nicht allein allgemeine Vorurtheile, ſondern einen ganz per⸗ ſönlichen Unmuth zu bekämpfen hatte, daß namentlich viele ſeiner Anſichten in geradem Gegenſatz zu denen des erſten Würdenträgers ſeines Staates ſtanden. 167 Trotzdem trug die große Liebenswürdigkeit Stanislaus' und die Zufriedenheit, die er innerlich darüber empfand, daß Jener ſeinen gewichtigen Einfluß von nun an zu ſeinen Gunſten verwenden wollte, viel dazu bei, ein gutes Einvernehmen herbeizuführen. Nachdem der Prälat einmal ſeinen Willen gebeugt, und die früheren Pläne, den Prinzen von Conti oder Kronfeldmarſchall Lubomirski auf den Thron zu ſetzen, unmöglch geworden ſah, verſchloß er auch ſein Urtheil nicht mehr gegen Stanislaus' ungewöhnliche anziehende Perſönlichkeit. Namentlich trug die dem König eigene Mäßigung des Charakters, ein den Polen ſeltener Zug, dazu bei, auf das bei aller Zuvorkommenheit der Manieren doch verſchloſſene und ſchwer zu ergründende Weſen des Prälaten Einfluß zu üben. Stanislaus benützte jede Gelegenheit, dem neugewonnenen Bundes⸗ genoſſen ſein volles Vertrauen an den Tag zu legen, und obgleich Jener als Prieſter und polniſcher Edel⸗ mann gleich bereit war, die königliche Gewalt einzu⸗ ſchränken deren Ohnmacht den Einfluß und den Frei⸗ heiten des Adels und der Geiſtlichkeit zu Gute kam, ſo übte doch der ritterliche Charakter des Königs eine nicht abzuweiſende Wirkung auf ihn aus. Die glückliche Phyſiognomie Stanislaus', die kühnen Muth und Milde vereinigte, zeichnete ſich beſonders durch einen Ausdruck 168 biederer Offenherzigkeit aus, die ſeinen Worten mehr Gewicht gab, als ſelbſt die ihm angeborene Veredt⸗ ſamkeit. Die Zuſammenkunft in Rawicz war auf dem Punkt, ſich zu löſen. Die Zwecke derſelben waren er⸗ reicht; der Cardinal⸗Primas beabſichtigte ſich ſogleich nach Prozowicz zu begeben um die Angelegenheiten des Reichstages zu führen, während Stanislaus ſeine Familie in Stettin beſuchen und dann in Karl's Heer⸗ lager zurückkehren wollte, um dort die Beſtimmung über die Zeit ſeiner Krönung abzuwarten. Der König von Polen gab dem Kirchenfürſten eine Abſchiedsaudienz. Noch einmal hatten Beide die Punkte erörtert, die auf dem Reichstage zur Sprache kommen ſollten. Der Cardinal ſah ſeiner Entlaſſung entgegen als Stanislaus nach kurzer Pauſe ſprach:„Nachdem das Wichtigſte beſprochen, mein lieber Cardinal, möchte ich mich noch über eine Privatangelegenheit mit Ihnen berathen, die mir ſchwer auf der Seele liegt, und de⸗ ren ſeltſame Natur Sie ſelbſt bald überſehen werden. Sie wiſſen, daß ich bei der Flucht aus Warſchau im vergangenen Jahre das Unglück hatte, mein jüngſtes Kind Maria zu verlieren. Durch die ſtrafbare Nach⸗ läſſigkeit der Aufſichtsdame blieb in der Verwirrung 169 der eiligen Flucht das Kind zurück.*) Ich ſelbſt erfuhr dieß Unglück nicht ſogleich, da ich mich, wie Ihnen bekannt iſt, nach Lemberg begab; während meine Mut⸗ ter und die Königin mit meinen beiden älteren Kindern die Richtung nach Stettin einſchlugen. Natürlich ward die arme Kleine ſehr bald vermißt, und ein treuer Diener der Königin, Graf Towienski, erbot ſich zurück⸗ zukehren und die Entführung der Prinzeſſin aus War⸗ ſchau zu verſuchen.“ „Wir glaubten ſeit langer Zeit, daß der wackere junge Mann bei dem tollkühnen Unternehmen, ſich in die kaum eroberte Hauptſtadt einzuſchleichen, ſeinen Tod gefunden hätte, denn jede Nachricht von ihm blieb aus. Umſonſt ward ſowohl offiziell, als insgeheim nach ihm und dem Kinde geforſcht, ſeine Spur blieb verloren, und nachdem alle Nachforſchungen, ſelbſt eine Reklamation an den Kurfürſten Auguſt von Sachſen ohne Erfolg geblieben waren, betrauerten wir unſer Kind als ein Opſer jenes verhängnißvollen Tages. *) Hiſtoriſch. Sowohl Lundblad in ſeiner Geſchichte Karl's XII., als Böttcher in ſeinen Biographien, führen als Faktum an, daß Stanislaus' jüngſtes Kind, die nachmalige Königin von Frankreich und Gemahlin Ludwig's XV., in der Eile der Flucht vergeſſen und in einem Pferdeſtall wiedergefunden wurde. 170 Eure Eminenz möge ſich deßhalb eine Vorſtellung der Aufregung nachen, die mich ergriff, als geſtern ein Bauer aus der Gegend von Warſchau bei mir drin⸗ gend bitten ließ, vorgelaſſen zu werden um mir eine wichtige Mittheilung zu machen. Ich gab dem Manne die erbetene Audienz ohne Zeugen, und empfing aus ſeiner Hand eine vielfach beſchädigte Brieftaſche, die er, ziemlich tief im Boden eingeſtampft, gefunden hatte, als er ſeinen Acker vor einigen Tagen umgrub, und welche auf dem erſten Blatt meine Adreſſe trug. Die, mit Bleiſtift geſchriebenen Worte lauteten: Dies Buch gehört dem König Stanislaus Leszinsky. Wer es auch in ſeine Hände bekommt, der übergebe es dem Eigenthümer, bei ſeinem Seelenheil! „Ich erkannte die Brieftaſche ſogleich. Ich ſelbſt hatte ſie vor Jahren dem jungen Grafen, der damals faſt noch ein Knabe war zum Geſchenk gemacht. Mit bebender Hand drückte ich an die Feder des geheimen Faches, das ich damals dem heiteren Jungen mit Du— katen gefüllt hatte, um ihm irgend einen knabenhaften Wunſch zu erfüllen. Ein zuſammengebrochenes Blatt und ſein eigener, ſo kurze Zeit getragener Trauring lagen darin. Das Blatt enthielt wenige aber inhalts⸗ reiche Zeilen— hier iſt es!“ Mit lebhafter Bewe⸗ gung auf dem männlichen Antlitz reichte der König 141 dem Prälaten ein mit BZleiſtift eng beſchriebenes Blättchen. Der Cardinal las:„Die Rettung des Kindes iſt gelungen. Da es unmöglich war, die Prinzeſſin un⸗ gefährdet ſogleich aus dem Lande zu bringen, habe ich ſie dem Doktor Orſelski in Praga übergeben. Er wird ſeinerſeits Eure Majeſtät benachrichtigen, und iſt von mir ſtreng angewieſen, das anvertraute Kleinod nur im Falle einer direkten Beglaubigung Eurer Maje⸗ ſtät, oder bei Vorzeigung des beifolgenden Ringes einem Dritten anzuvertrauen. Ich ſchreibe dieſe Zei⸗ len noch in ſeinem Hauſe; wenn mich ein Unfall tref⸗ fen ſollte ehe ich meine Botſchaft bringen kann, findet ſich vielleicht ſonſt Gelegenheit, ſie an Eure Majeſtät gelangen zu laſſen. Gott ſegne den König!“ „Welche wunderbare Fügung!“ rief der Cardinal ergriffen.„Hier waltet Gottes ſchützende Hand— ohne Zweifel iſt der Graf gefangen genommen, wohl gar getödtet worden und hat im Augenblicke der Ge⸗ fahr dieſe Brieftaſche von ſich geſchleudert, die als wahre Ausſaat des herrlichſten Keimes der Erde an⸗ vertraut blieb und nun als Glück und Segen für Eure Majeſtät aufgehen wird!“ „So erkläre auch ich mir den Zuſammenhang, doch bleibt es ein ungelöſtes Räthſel, warum Doktor 472 Orſelski, dem der Graf das Kind übergeben hat, ein ganzes Jahr lang nichts von ſich hat hören laſſen. Er iſt der zuverläſſigſte Mann, ſchon bejahrt und meinem Hauſe treu ergeben: Mein Vater hatte ihn als armen Waiſenknaben zufällig aufgefunden, ihn erziehen und ſtudiren laſſen; auch ich fand wiederholt Gelegenheit, dem wackern Doktor gefällig zu ſein, und habe die Ueberzeugung, daß er mit Freuden einen für mich ſo wichtigen Auftrag übernommen hat. Sein Stillſchweigen iſt mir unerklärlich; wenn auch anzu⸗ nehmen iſt, daß er mit Maria das Land verlaſſen hat ſobald es anging, und wenn auch Botſchaften an mich in dieſer bewegten Zeit verloren gegangen ſein können, ſo bleibt es unbegreiflich, warum der Doktor das Kind nicht zur Königin nach Stettin gebracht hat. Ganz beſondere Verhältniſſe müſſen dieſem Räthſel zu Grunde liegen, und deßhalb habe ich ein Anliegen an Eure Eminenz, deſſen Wichtigkeit ich nicht erſt hervorzuheben brauche. Ich möchte einen Mann von durchaus zuver⸗ läſſigem Charakter nach Warſchau ſenden, um den Fäden dieſer verwickelten Angelegenheit nachzuſpüren, und habe mehr als einen Grund, dieſelbe bis zu ihrer völligen Aufklärung geheim zu halten. Vor Allem würde es mich ſchmerzen, wenn die Königin aus ihrer ſo ſchwer errungenen Reſignation nur wieder zu neuer 173 Täuſchung aufgerüttelt würde, denn wer kann ſagen, was im Laufe dieſes Jahres aus dem armen Kinde geworden ſein mag! Deßhalb würde ich vorziehen, Niemand aus meiner Umgebung zu dieſem Auftrage zu verwenden; wirklich fehlt es mir auch an einer Perſönlichkeit, die geeignet wäre, die nöthigen Schritte ohne Aufſehen zu thun. Könnten Eure Eminenz mir etwa Jemand empfehlen?— ich brauche nicht hinzu⸗ zuſetzen, daß es eines erprobten Charakters bedarf.“ Der Prälat ſann einen Augenblick nach.„Wenn Eure Majeſtät meinen Vorſchlag genehmigen wollen, ſo kann ich Ihnen zu dieſem hochwichtigen Auftrag meinen Leibarzt, einen Deutſchen, als ganz geeignet empfehlen. Es iſt dies ein, von mir bei verſchiedenen Gelegenheiten erprobter, ebenſo diskreter als umſichtiger Mann, deſſen ganze Perſönlichkeit dem Zweck entſpricht. Der junge Mann war zwar früher noch nicht in Polen, iſt aber der Sprache vollkommen mächtig, dabei gewandt und geiſtvoll. Die Aufgabe iſt übrigens nicht ſchwierig, und verlangt vor Allem Diskretion. Wo Daten, Namen und Orte ſo beſtimmte Handhaben geben, muß die Spur dieſes Doktor Orſelski leicht aufzufinden ſein. Allerdings glaube ich ſelbſt, daß er gegenwärtig nicht mehr in der Nähe von Warſchau lebt. Zwar ſind jene Nachforſchungen Eurer Majeſtät nach der 174 Prinzeſſin der Oeffentlichkeit entzogen worden, allein ein dabei in ſolcher Weiſe Intereſſirter würde doch da⸗ rauf aufmerkſam geworden ſein, wenn er ſich in der Nähe beſunden hätte. Seltſam iſt die ganze Verwick⸗ lung, doch hoffe ich zuverſichtlich, der Himmel, der Eurer Majeſtät in ſo vieler Hinſicht gnädig war, wird auch dieſe ſchöne Hoffnung zu einem glücklichen Aus⸗ gang führen.“ —„Zwar muß ich bedauern, Eure Eminenz eines ſo geſchätzten und als Leibarzt auch ſchwer entbehr⸗ lichen Dieners auf einige Zeit zu berauben, doch bin ich aufrichtig dankbar für Ihr Anerbieten und nehme es an, indem ich mich Ihnen von Neuem verpflichtet fühle. Senden Sie mir den jungen Mann noch heute zu, und möge Gott ſeine Sendung mit dem beſten Erfolg ſegnen! So trennen wir uns denn heute mit mancher Hoffnung für die Zukunft, Eminenz, und werden manche Erfahrung auszutauſchen haben bis wir uns wiederſehen. Bis dahin möge der Himmel uns Beiden ſeinen gnädigen Schutz verleihen!“ III. Erregt kam Arnold am Abend deſſelben Tages von der Audienz bei dem Könige Stanislaus zurück. Die überraſchende Mittheilung, die ihm dort geworden, das Vertrauen, das ihm ſo hochgeſtellte Perſonen ge⸗ ſchenkt hatten, berührten ihn tief und die ganze Art und Weiſe des Königs von Polen hatte ihn lebhaft eingenommen. Der Auftrag, der ihm geworden, war ihm intereſſant und die Spannung, wie dieſe eigen⸗ thümliche Verwickelung ſich löſen würde, trieb ihn eben ſo ſehr wie der erhaltene Befehl zur augenblick⸗ lichen Abreiſe nach Warſchau. So raſch als möglich legte er den Weg dahin zurück und, wenig für äußerliche Eindrücke geſtimmt, ließ er die Gegenden, die er durchreiſte, faſt unbeachtet und gab ſich nur ſeinen ſchweifenden Gedanken hin. Wie mannigfache bunte Bilder waren in jüngſter Zeit an ihm vorbeigezogen, wie vielerlei Eindrücke hatte er in ſich aufgenommen und wie unberührt von alle dem war ſeine innerſte Seelenſtimmung geblieben! Als er ſich der Hauptſtadt Polens näherte, ward die nie ſchlummernde Erinnerung an Martha doppelt lebendig. Sie hatte ihm einſt in ihrer lebendigen mal⸗ eriſchen Weiſe die Hauptſtadt ihres Vaterlandes und deren Umgebungen geſchildert, und wie ſich denn über⸗ haupt dem Liebenden Alles einprägt, was die Geliebte geſagt und gethan, ſo ſtanden beim Anblick dieſes Landſchaftsbildes Blick, Wort und Mienen der jungen 175 176 Frau deutlich vor ſeinen Augen. Was gäbe es über⸗ haupt zwiſchen Himmel und Erde, das dem Herzen nicht Anknüpfungspunkte für ſeine Erinnerungen ge⸗ währte!— und ſeit einiger Zeit floh Arnold dieſe Erinnerungen nicht mehr wie im Anfange. Es iſt eines der ſchönen Räthſel des menſchlichen Herzens, daß die Seele ſich dem Gegenſtand ihrer Hingebung immer inniger nähert, je mehr Raum ſich zwiſchen ſie drängt. Nur oberflächliche Menſchen, oder ſolche, die mehr Phantaſie als Gefühl haben, ſind im Stande, zu vergeſſen, was ihnen ganz die Seele erfüllte— eine tiefe Liebe vergißt ſich nie, auch ſelbſt dann nicht, wenn Zeit und neue Bilder ſie ſcheinbar verwiſcht haben. Der Stamm kann entblättert und gefällt werden, die Wurzeln aber haben ſich mit jeder Seelenfaſer durch⸗ zweigt. Nun war Arnold's Liebe überhaupt noch zu neu, als daß ihr die Gefahr des Vergeſſens hätte drohen können, aber das herbe Gefühl, das damit verknüpft war, als er ſchied, ſchwand von Tag zu Tag mehr. Alles Unbegreifliche, peinlich Aufregende ſeines Ver⸗ hältniſſes zu Martha trat ſchattenhaft in den Hinter⸗ grund, die erlebten Schmerzen hatten nur dazu gedient, ihn die Tiefe ſeiner Empfindung ermeſſen zu lehren, und wie man nach dem erſten verzweifelten Jammer 177 des Verluſtes ſpäter mit weicher Innigkeit eines ge⸗ liebten Verſtorbenen gedenken lernt, ſo dachte er an Martha. Alle ihre Lieblichkeit lebte friſch in ſeinem Gedächtniſſe; jeder Blick der ſtrahlenden dunkeln Au⸗ gen, der helle Ton ihrer Stimme, ihr elaſtiſcher Gang, ihre Anmuth waren ihm nicht verloren, und ſo hei⸗ miſch war der Gedanke an ſie, daß er ihn nie zu rufen brauchte, er war immer da, wie die Luft die ihn umgab. Zweimal hatte er ſeit ſeinem Scheiden Rachricht von den Freunden erhalten, das erſte Mal von Scheß⸗ litz aus, der zweite Brief aber war aus Breslau datirt, da des Malers Werk in der kleinen Stadt been⸗ digt war. Roloffs Briefe waren ein treuer Spiegel ſeines lebhaften offenen Weſens; ſie trugen in jeder Zeile den Ausdruck der wärmſten Freundſchaft, und erwähnten Martha's ausführlich und unbefangen. Der Anblick der zahlreichen Thürme Warſchau's, die hell in dem Schein der Abendſonne erglänzten, weckte unſern Freund aus ſeinen Träumen und führten ſeinen Gedankengang ſo lebhaft auf die Aufgabe, die ihn hieher führte, daß er, jede Ermüdung vergeſſend, ſogleich nach ſeiner Ankunft in der Haupſtadt die erſten Schritte zur Ausführung derſelben unternahm. Der Abend war noch nicht genug vorgerückt, um ihn Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 12 178 abzuhalten, ſich ſogleich hinüber nach Praga zu begeben, wo er in einen, am Ufer der Weichſel gelegenen Gaſt⸗ hof trat. Während er ſich dort eine Erfriſchung reichen ließ, richtete er die Frage an den Aufwärter, ob ein früherer Bekannter von ihm, Doktor Orſelski, wohl noch in Praga wohne? —„Der alte Herr iſt ſchon ſeit einem Jahre todt“, war die Antwort.„Er hat viele Jahre hier gewohnt, und ſein Haus iſt eines der hübſcheſten in der Vorſtadt.“ „Wer bewohnt es jetzt?“ frug Arnold, betroffen von der Todesnachricht.„Wenn ich recht gehört habe, hatte der Doktor zwei Kinder, leben dieſe hier?“ —„Nein;“ erwiderte der Aufwärter.„Der junge Herr iſt auf Reiſen und das Fräulein ſo viel ich weiß in einem Mädchenpenſionate. Sie haben das Haus vermiethet, nur der alte Leibeigene des Doktors der von Kindheit auf bei ihm war, wohnt im Erdgeſchoß und führt die Geſchäfte.“ „Da möchte ich doch den Alten aufſuchen und mir Einiges von dem guten Doktor erzählen laſſen“, ſprach Arnold aufſtehend;„ich hatte keine Ahnung, daß der alte Herr ſchon hinüber ſei. Kann mir Je⸗ mand mitgegeben werden, um mir das Haus zu zeigen?“ 179 Dienſtfertig erbot ſich der Aufwärter ſelbſt zur Begleitung, und nach wenigen Minuten klopfte der Reiſende mit bewegtem Gemüth an die Pforte eines zweiſtöckigen Hauſes. Ein alter Mann öffnete mit der höflichen Frage, wem der Herr zu ſprechen wünſche? —„Seid Ihr der Diener des verſtorbenen Dok⸗ tors Orſelski?“ „Ja wohl, mein Herr, was ſteht Ihnen zu Dienſten?“ —„Ein Geſchäft führte mich hierher, und ich war nicht darauf vorbereitet, ihn nicht mehr am Leben zu finden. Vielleicht könnt Ihr mir aber einige Fra⸗ gen beantworten, die mir von Wichtigkeit find.“ „Bitte, treten Sie ein, mein Herr!“ ſagte der Alte demühig, und öffnete die Thür eines kleinen Zim⸗ mers, das reinlich und beſſer gehalten war, als man es in Polen zu finden pflegte.„Gern ſtehe ich mit jeder Auskunft zu Dienſten; nehmen Sie gefälligſt Platz und ſagen Sie mir worüber Sie Beſcheid zu haben wünſchen.“ —„Ihr waret ſeit Jahren immer um die Perſon Eures verſtorbenen Herrn, nicht wahr, alter Freund?“ „Ja wohl, Herr, immer! Ich habe ihn nie ver⸗ laſſen, habe alle ſeine Reiſen mit ihm gemacht, und war bei ihm bis zur Stunde ſeines Todes. Darum 12* iſt mir auch, ſo alt ich bin, wie einem Waiſenkind zu Muthe ſeit er hinüber iſt!“ —„In dieſem Falle werdet Ihr im vori⸗ gen Jahre zur Zeit der Einnahme von Warſchau durch die Sachſen bei ihm geweſen ſein? Iſt Euch die Nacht des letzten Auguſt nicht durch eine beſondere Begeben⸗ heit im Gedächtniß geblieben?“ Der Alte ſah befremdet auf; es gelang ihm nicht, eine leichte Veränderung ſeiner Züge zu verbergen. „Nicht, daß ich wüßte“, ſagte er zögernd—„oder vielmehr wird jene Nacht nie aus meinem Gedächtniß ſchwinden, denn während derſelben ſtarb mein armer Herr?“ —„Schon damals!“ rief Arnold betroffen.„Nun dann Freund, im Namen Eures verſtorbenen Herrn, frage ich Euch, kennt Ihr dies Zeichen?“ Mit dieſen Worten reichte er dem Greis den Ring des Grafen Towienski. Das gelbliche Antlitz des alten Mannes färbte ſich ſchwach, er griff haſtig nach dem Ring, prüfte den Topas der daran glänzte, und beſchaute prüfend die in der inneren Fläche gravirten Buchſtaben. Sein mattes Auge leuchtete auf, die welke Hand zitterte, in⸗ dem ſie das Kleinod zurückgab und er ſagte langſam: 18¹ „Ich kenne dies Zeichen und bin bereit, jede Frage zu beantworten.“ —„Lebt die Prinzeſſin und wo befindet ſie ſich in dieſem Augenblick?“ rief Arnold lebhaft erregt. „Von einer Prinzeſſin weiß ich nichts“, ſagte der Alte mit weit aufgeriſſenen Augen,„das Kind, welches in jener Nacht meinem Herrn übergeben ward, iſt aber ſchon ſeit faſt einem Jahre in Breslau bei dem jungen Herrn, und ſo viel ich weiß, iſt es vollkommen geſund.“ —„Gott ſei Dank!“ ſprach Arnold tief aufath⸗ mend.„Und nun, Alter, erzählt mir den ganzen Zu⸗ ſammenhang; ich bin hier im Auftrage eines hochgeſtell⸗ ten Mannes, der Eure Mitwirkung an der Rettung ſeines Kindes über Eure Erwartung belohnen wird. Unſere Nachrichten hören mit der Stunde auf, in der das Kind Eurem Herrn übergeben ward; von deſſen Tode, dem ſeitherigen Aufenthalt der Kleinen waren wir nicht unterrichtet, und erſt vor wenigen Tagen führte der Zufall auf die lange vergeblich geſuchte Spur hierher. Alſo ſprecht, jedes Eurer Worte iſt von Wichtigkeit!“ „Ich kann im Grunde nur wenig berichten, Herr“, ſagte der Alte.„Mein Gebieter war im vorigen Auguſt plötzlich ſchwer erkrankt, wenige Tage nachdem das Fräulein aus der Erziehungsanſtalt zurückgekommen 182 war, und wir uun gerade recht heitere Tage zu erle⸗ ben hofften. Ich hatte deßhalb einen expreſſen Boten an unſern jungen Herrn abgeſandt, der ſich auf der Malerakademie in Berlin befand. Etwa acht Tage vor dem Tode des Herrn Doktors traf ſein Sohn hier ein, und wir Drei pflegten ihn gemeinſchaftlich, leider ward er aber täglich kränker. Spät Abends an jenem Schreckenstage des letzten Auguſt klopfte Jemand hef⸗ tig an unſere Thüre und verlangte Einlaß bei Leben und Tod. Da in jener ſchlimmen Nacht wohl Keiner ohne große Noth unterwegs war, ging ich ſelbſt hinab, dem ſpäten Beſuch zu berichten, daß mein Herr dem Tode nahe und für Niemand zu ſprechen ſei. Der Fremde beſtand aber mit ſolcher Dringlichkeit darauf, für einen Augenblick wenigſtens zu ihm geführt zu werden, daß ich eintrat, um den jungen Herrn zu fragen, was ich thun ſollte. Der Kranke vernahm unſer Flüſtern, frug uns aus und befahl den Fremden einzulaſſen. Kaum hatte ſich dieſer dem Bett genähert, ſo beugte er ſich nieder und flüſterte dem Doktor einige Worte in's Ohr, worauf dieſer uns bedeutete, ihn mit dem Fremden allein zu laſſen. „Ungern genug verließen wir das Zimmer, aber ſchon nach kurzer Zeit öffnete ſich die Thür wieder und der Fremde entfernte ſich aus dem Hauſe. Voll Beſorgniß eilten wir alle Drei zu dem Kranken zurück und fanden zu unſerem höchſten Erſtaunen ein kleines, in eine Binſenmatte gehülltes Kind auf ſeinem Bette liegen. Der arme Herr war ſehr ſchwach, er ſchien ſeine erlöſchenden Fähigkeiten bei dem ſtattgehabten Geſpräche übermäßig angeſtrengt zu haben und die Veränderung ſeiner Züge fiel mir ſogleich erſchreckend auf. Dennoch gab er mir ein Zeichen ihn aufzurichten, und winkte ſeine Kinder nahe herbei. Während ich ihn mit meinem Arme ſtützte, ſprach er mit ſchon er⸗ löſchender Stimme: Ihr ſeid mir alle Drei Liebe und Gehorſam ſchuldig und habt es auch nie daran fehlen laſſen. Doch fordere ich von Euch jetzt nicht bloß ein Verſprechen, ſondern einen Schwur bei Gott und der heiligen Jungfrau, daß Ihr genau thun werdet, was ich von Euch verlangen will. „Schluchzend leiſteten wir, Einer nach dem Andern einen heiligen Eidſchwur, ſeinem Willen zu folgen, und mir war dabei um ſo feierlicher zu Muthe, da ich nur zu gut ſah, daß das Leben meines theuren Herrn raſch dem Ende entgegenging. „Dies Kind iſt mir anvertraut!“ fuhr er fort. „Es muß ſo bald als möglich von hier entfernt und verborgen gehalten werden. Sollte es bald zurückge⸗ fordert werden, ſo darfſt Du es nur an Den über⸗ 184 geben, der einen goldenen Trauring mit einem Topas geſchmückt und mit dem eingravirten Buchſtaben A. v. B. 12. Mai 1704, als Beglaubigung vorzeigt. Niemand darf bis dahin die Herkunft des Kindes ahnen, jede Spur, daß es uns übergeben wurde, muß verwiſcht werden. Geſchieht im Laufe der nächſten zwei Monate keine Nachfrage, ſo ſende einen ſichern Boten an.. — hier erloſch die Stimme des Sterbenden in unver⸗ ſtändlichem Gemurmel, ſchon dieſe letzten Worte waren kaum hörbar. Der letzte Kampf, den die angeſpannte Willenskraft des Kranken ſeit einer Stunde gehemmt hatte, trat überwältigend ein. Nach einer halben Stunde drückte ich ihm die Augen zu, während ſeine Kinder an ſeinem Lager knieten und für ſeine Seele beteten.“ —, Und was geſchah nun?“ unterbrach Arnold voll Spannung die Pauſe, die der Alte der Erinnerung widmete. „Das Weinen des Kindes rief zuerſt unſere Ge⸗ danken vom Tode zum Leben zurück, und während das Fräulein die Kleine zu beruhigen ſuchte, überlegte Herr Fritz mit mir, was zu thun ſei. Es war leicht, das Kind während der nächſten Tage im Hauſe ver⸗ borgen zu halten; die erſte Trauerzeit erklärte, daß ſich das Fräulein mit ihrem kleinen Pflegling in ihr Zimmer einſchloß, und überdieß hielt ſich in jenen 185 Schreckenstagen Jeder in den Häuſern, der es irgend konnte. Zwar hatte Praga bei Weitem nicht ſo viel gelitten, als Warſchau, doch kamen die Koſaken auch zu uns herüber, und haben hier im Hauſe zerſchlagen und mitgenommen, was ſie fanden; es gab aber aller⸗ wärts reiche Beute für ſie, und ſo hielten ſie ſich in einem einfachen Privathauſe nicht damit auf, bis in das obere Stockwerk zu dringen. Das Kind verhielt ſich ganz ruhig, da alle ſeine Bedürfniſſe befriedigt wurden, und ſelbſt die Köchin merkte nichts von ſeiner Anweſenheit im Hauſe. Als aber mein Gebieter begraben war, mußte ein Entſchluß gefaßt werden, ſeine letzten Befehle ſo weit möglich zu erfüllen. „Unſere Verlegenheit war groß. Natürlich er⸗ laubte ich mir nicht, dem jungen Herrn meinen Rath anzubieten, aber er ſelbſt ſprach wiederholt mit mir über dieſe bedenkliche Angelegenheit. Die Adreſſe, wo⸗ hin wir Auskunft ſenden ſollten, Name und Herkunft des anvertrauten Kindes hatte uns der Tod entzogen. Die Wäſche, welche es trug war mit dem Namen Maria bezeichnet, ſonſt fand ſich nichts, woraus man irgend einen Schluß hätte ziehen können. Doch ſollte des alten Herrn Wille erfüllt werden, ſo weit dies von unſern Kräften abhing. Nach reiflicher Ueberlegung entſchied ſich Herr Fritz dafür, mit ſeiner Schweſter und dem 186 Kinde nach Breslau zu ziehen, die Kleine dort bei ſich zu behalten und für die Waiſe einer nahen Verwandten auszugeben. Bei der Ungewißheit, in der wir über den Zuſammenhang der ganzen Angelegenheit geblieben waren, mochte er das Land nicht verlaſſen. Ich ſollte hier im Hauſe bleiben, da ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach die erſten Erkundigungen hieher wenden würden. Aus den Worten des Verſtorbenen glaubten wir ſchließen zu können, daß eine Aufklärung bald erfolgen würde; ein ganzes Jahr verging aber ohne daß Anfrage nach der Kleinen geſchah, und durch den Eid, den wir ab⸗ gelegt hatten, war uns jeder eigene Schritt in dieſer Sache unterſagt.“ — ,Iſt der junge Orſelski noch jetzt in Breslau? Kann ich ihn dort ſinden, ſo ſetze ich ſchon morgen früh meinen Weg dahin fort.“ „Gewiß iſt er dort,“ entgegnete der Alte; „wenn Sie aber vorziehen ihn hier zu erwarten, ſo gebe ich ihm ſogleich Nachricht; ich habe für dieſen Fall ſeine beſtimmten Weiſungen. Freilich kommen Sie raſcher zum Ziel, wenn Sie die Reiſe ſelbſt machen wollen; doch dürfen Sie den jungen Herrn nicht unter ſeinem Familiennamen aufſuchen. Er wählte Breslau deshalb zum Aufenthalt, weil er dort ganz fremd war, und um ſicher jede Spur zu verwiſchen, 187 hat er den Familiennamen ſeiner Mutter angenommen und nennt ſich Roloff.“ —„Roloff, Maler Roloff?“ rief Arnold erblaſſend, indem er, wie von einer Feder emporgeſchnellt, auf⸗ ſprang und den erſchreckten Alten mit eiſerm Griff am Arme faßte.„War er vor einiger Zeit von Breslau abweſend? Iſt ſeine Schweſter noch bei ihm?“ Der alte Mann ſah den Aufgeregten ganz beſtürzt an.„Was beunruhigt Sie lieber Herr? Allerdings war der junge Herr einige Zeit von Breslau entfernt, um einen künſtleriſchen Auftrag auszuführen; er hielt ſich ein paar Monate in Sachſen auf, natürlich habe ich ſtets ſeine Adreſſe. Er muß wohl fleißig ſein, das Erbtheil war gering, und die kleine Prinzeſſin, wie Sie das Kind vorhin einmal nannten, will auch mit er⸗ nährt ſein; es hat die Reiſe mitgemacht, und Fräulein Martha auch.“ Arnold zitterte vom Kopf bis zu den Füßen; die Ahnung der Wahrheit, kaum in ihm aufgedämmert, verbreitete ſich wie goldenes Sonnenlicht über ſeine Seele, und erhellte alles in und um ihn her.„Ich habe Fritz Roloff dort kennen gelernt,“ ſtammelte er, „ihn und ſeine— Frau.“ Der Alte lächelte.„Was die Familienverhältniſſe des jungen Herrn anbetrifft, ſo muß ich es ihm ſelbſt 188 überlaſſen, Ihnen darüber mitzutheilen, was er für gut hält. Aber bleiben Sie doch noch hier, lieber Herr“, unterbrach er ſich, als unſer Freund faſſungslos nach ſeinem Hute griff;„nehmen Sie doch erſt eine kleine Erfriſchung bei mir an!“ —„Nein, Alter, heute nicht, aber ich komme wohl noch einmal wieder hierher! Jetzt muß ich weiter, hier läßt es mir keine Ruhe mehr. Nehmt einſtweilen dieſe Börſe— nicht doch, Ihr dürft dies nicht zurück⸗ weiſen, es kömmt ja nicht von mir, iſt nur ein kleiner Abſchlag auf die Beweiſe von Dankbarkeit, die ein hoher Herr Euch ſpäter weit beſſer bezeugen wird. Zum Abſchied will ich Euch etwas vertrauen, was bald kein Geheimniß ſein wird, was Ihr jetzt aber noch als ein ſolches betrachten müßt. Das Kind, an deſſen Rettung Ihr mit betheiligt waret, iſt die Tochter Stanislaus I. Königs von Polen!“ Während der Alte noch ſtarr von Erſtaunen mit geöffnetem Mund daſtand, war unſer Freund bereits dem Hauſe entſchlüpft, und eilte mit beflügelten Schrit⸗ ten der Schiffbrücke zu, um ſobald als möglich ſich in Warſchau die nächſte Reiſegelegenheit zu ſichern. Ihm war zu Muthe, als müſſe ſein ſchwellendes Herz zer⸗ ſpringen über die Fluth von Glückſeligkeit, die darüber 189 hinwogte. Alles lag ſonnenklar vor ſeinem Blick, kein Zweifel trübte das Gefühl überſtrömender Freude, Martha war frei, war rein wie das Licht des Him⸗ mels! Seine Augen wurden feucht bei dem Gedanken, wie ſtandhaft dies junge Geſchöpf um der Pflichterfül⸗ lung willen gelitten hatte, und jeder Zweifel den er an der Reinheit ihres Herzens gehegt, laſtete jetzt wie ein ſchwerer Vorwurf auf ſeiner Seele. Wie lieblich hatte ihr die Rolle der Gattin und Mutter geſtanden — bebend fragte er ſich, ob er des Glückes werth ſei, ſie einſt wirklich als Gattin und Mutter an ſeiner Seite zu haben! Mit ſiebernder Ungeduld trieb er zur Abreiſe, und noch in derſelben Nacht fuhr er mit Extrapoſt von dannen, mit der Eile eines Couriers. Der ſtets ſo ruhige, beſonnene Mann war wie umgewandelt. Er hatte ein Gefühl als könnte der Himmel einſtürzen, die Erde untergehen, irgend etwas Ungeheures geſche⸗ hen, ehe er ſich ſein Glück geſichert hätte, und wie denn überhaupt das Herz unerſättlich iſt in Freud und Leid, wie es eben ſowohl den Stachel des Schmerzes freiwillig noch tiefer bohrt, als auch den Becher des Glückes brauſend und gährend hinabſtürzen möchte, wenn die ſeltene Stunde gekommen iſt, ſo drängte und ſtürmte alles in ihm vorwärts. 190 Endlich war das Ziel erreicht, und die alte Reichsſtadt lag vor ihm. Da er durch den Briefwech⸗ ſel mit dem Freunde Straße und Wohnung des Ma⸗ lers angeben konnte, ſo bedurfte es nur eines Führers, der ihn aus dem Ring, wo er abgeſtiegen war, durch das Labyrinth verſchiedener alter Straßen nach dem Biſchofsviertel geleitete. Zu jeder andern Zeit würde die freundliche Lage des Häuschens, das man ihm als ſein Ziel bezeichnete, Arnold's Aufmerkſamkeit erregt haben; heute aber achtete er nicht der herbſtlich roth gefärbten Guirlanden wilden Weines, die das kleine Haus umrankten, und wenn auch ſein Blick über die Oder hin nach dem alten Univerſitätsgebäude, über die ſteinerne Brücke und die nahegelegenen impoſanten Kirchen ſchweifte, ſo prägte ſich darum dem wandern⸗ den Auge nichts von dem heitern Bilde ein. Ein Ringen nach äußerlicher Faſſung, eine Beklemmung die ihm etwas Unbekanntes, Gefürchtetes vorſpiegeln wollte, hielt ihn an der Schwelle des Glücks zurück. Wer hat nicht ſchon Aehnliches empfunden! Die Seele iſt den plötzlichſten Uebergängen zu Leid und Freud gewachſen, aber ſoll nun das Unverhoffte, das den Gipfel aller Wünſche erſteigt, in Wort und That ge⸗ faßt, als etwas Sichtbares vor uns hintreten, dann fühlt ſich das bange Herz von einer ſeltſamen Scheu 191 ergriffen, und traut ſich und dem Geſchick die Wirk⸗ lichkeit des liebſten Traumes nicht mehr zu. Endlich klopfte er mit haſtiger Bewegung an die Pforte. Niemand kam; als er aber die Hand auf die Klinke legte, gab ſie ſogleich nach, und er konnte un— gehindert auf den hellen, mit einem ſchlichten Teppich belegten Flur treten. Eine Katze ſaß dort ſchnurrend und den getigerten Schweif ringelnd; ſonſt rührte ſich kein lebendes Weſen. Zögernd pochte Arnold an die Thüre des Erdgeſchoſſes, der er ſich zunächſt befand. Ein: Herein! von ſilberner, ach ſo vertrauter Stimme tönte ihm entgegen. Haſtig öffnete er, und ihm gegen⸗ über am Arbeitstiſch, ſaß Martha, das ſpielende Kind neben ihr. Sie blickte auf— ein leiſer Laut, eine blitzſchnelle Bewegung, und dicht vor ihm war das theure, holde Antlitz, wie verklärt hafteten die tiefen braunen Augen auf den ſeinigen und die nie vergeſſene Stimme flü⸗ ſterte:„Nein, es iſt kein Traum, er iſt wieder da!“ Feſt umſchloſſen Arnold's Arme die zarte Geſtalt, keine Silbe kam über ſeine Lippen, aber zum erſten Mal begegneten die feuchten Augen, die zu ihm aufblickten, einem Feuer, vor dem ſie ſich ſchüchtern ſenkten, zum erſten Mal brannten die Lippen des Zu⸗ rückgekehrten auf dem ſüßen Munde der Geliebten. 192 In dieſem Augenblicke rief dicht neben ihnen ein feines Stimmchen:„Mama, küß' mich auch!“ Erbebend fuhr Martha auf und löſte ſich faſt gewaltſam aus Arnold's Armen; bis unter die dunkeln Locken erglüht ſtand ſie regungslos, nur die Hand, die ſie auf des Kindes blondes Köpfchen gelegt hatte, zitterte wie Espenlaub. Arnold vermochte es nicht über ſich, die ſtumme Pauſe durch ein erklärendes Wort zu unter⸗ brechen, er ſah ſie nur ſchweigend unverwandt an. Plötzlich aber machte der Ausdruck tiefer Schüchtern⸗ heit, der auf ihr lag, einem energiſchen Zuge Platz, der ihrem Antlitz ſelten, aber dann mit entſchiedenem Gepräge eigen war; ſie trat ihm wieder näher und ſagte erblaſſend, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte:„Sie ſollen nicht gering von mir denken Arnold, Sie dürfen es nicht! Daß der Augenblick der Ueber⸗ raſchung mich überwältigte, entwürdigt mich nicht— kein Engel des Himmels dürfte ſich des Gefühls ſchä⸗ men, das in mir lebt. Aber dies iſt nun ſchon das zweite Mal! Gehen Sie, mein Freund, wir können, wir dürfen uns nicht wiederſehen, denn wir Beide könnten es nicht ertragen, vor einander erröthen zu müſſen. Muß ich auch Alles laſſen, Ihr Andenken und Ihre Achtung kann ich nicht entbehren!“ „Nein, mein geliebtes Mädchen!“ rief Arnold in 193 überſtrömender Empfindung,„ich laſſe mich nun nicht mehr verbannen. Laß mich ruhig den Arm um Dich ſchlingen, denn willſt Du mein ſein, ſo kannſt und darfſt Du es nicht nur vor Gott und Deinem eigenen Herzen, auch vor mir und der Welt! Ich bringe Dir Freiheit, Martha, ich bringe dieſem Kinde einen Vater, die ſeltſamſte Fügung hat mir alles enthüllt, alles aufgeklärt. Den Muttertitel mußt Du nun freilich auf⸗ geben, vertauſche ihn mit einem andern und ſei mein Weib!“ Tief athmend hörte Martha ihn an, erſt nach und nach ſchien ſie die wirkliche Bedeutung ſeiner Worte zu faſſen, und ſank auf die Knie nieder, wo ſie, in Thrä⸗ nen ausbrechend, die kleine Maria an ſich zog, und über dem von all den räthſelhaften Bewegungen um ſie her beängſtigten Kind die Hände zum heißen Dank⸗ gebet faltete. Als ſie ſich nach wenigen Sekunden mit verklär⸗ tem Geſichte wieder erhob und das feuchte Auge des Geliebten traf, ſagte ſie:„Fritz muß bei uns ſein, wenn das Räthſel erklärt wird, das uns Alle ſo lange beſchäftigt hat! Rufe Papa aus dem Atelier, Marie⸗ chen, er iſt oben.“— War es kurz oder lang, bis der Gerufene erſchien, war Beſtürzung oder Freude ſein erſtes Gefühl, als er den Ferngeglaubten erblickte, ſeine Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 13 194 Schweſter im Arm,— die Liebenden wußten es nicht. Wie im Traume wechſelten ſie die erſten Fragen und Aufklärungen, das Wie? und Warum? war Beiden jetzt ſo ganz zur Nebenſache geworden, das Bedürfniß, die lang zurückgedrängte Liebe leuchten und ſtrahlen zu laſſen, ließ alles Andere gleichgültig erſcheinen. Fritz war aber um ſo geſpannter, den Zuſammen⸗ hang in allen Einzelnheiten zu erfahren, und während er durch Frage und Antwort bald die ganze Verkettung der Umſtände überſah, ergänzte er ſelbſt durch ſeine Mittheilung noch manche Lücke.„Der ganze ſchöne Plan unſerer fingirten Ehe war in Martha's Köpfchen entſprungen“, erzählte er;„freilich überſah ich das Ge⸗ wagte deſſelben beſſer als ſie, doch hatte er ſo vieles für ſich, daß ich mich bereden ließ. Es wäre keines⸗ wegs im Sinne des Vaters gehandelt geweſen, wenn ich die Kleine fremden Händen übergeben hätte; ich, als ein junger Menſch, hätte nicht ohne das größte Aufſehen das Kind mit einer Wärterin bei mir be⸗ halten können, und ſelbſt wenn Martha als meine Schweſter bei mir blieb, würde es an neugierigen Be⸗ merkungen nicht gefehlt haben, warum ein verwaiſtes Kind gerade zwei ſo jungen Leuten anheim gefallen ſei. Galt Martha dagegen als meine Frau, das Kind als das Unſrige, ſo geſtaltete ſich das ganze Verhältniß 195 ſehr einfach, und da ich anfangs feſt überzeugt war, daß es ſich nur um eine kurze Zeit handeln würde, gab ich um ſo leichter nach, als mir der ganze Plan gefiel. Du haſt ja ſelbſt geſehen, lieber Bruder, wie prächtig wir uns als Mann und Frau vertragen ha⸗ ben. Trotzdem wurde mir etwas bange, als gar keine Ausſicht einer Löſung dieſer Verhältniſſe ſich zeigen wollte; freilich hatte ich kaum zu fürchten, erkannt und dadurch in Verlegenheit gebracht zu werden, denn ſeit Jahren war ich meiner Ausbildung halber in Deutſch⸗ land geweſen, und nur wenige Perſonen im Vaterlande kannten mich als Erwachſenen. Die unbeſtimmten Be⸗ fürchtungen, die mich wegen Martha's Zukunft ergriffen, wuchſen aber zu bitterer Reue, als Du, liebſter Freund, uns näher trateſt, als ich überſah, wie ſchmerzlich der gefaßte Entſchluß in das Leben meiner Schweſter ein⸗ griff, und doch nicht im Stande war, dies zu ändern. Manchen ſchmerzlichen Kampf habe ich beſtanden, um Dir die Wahrheit zu verbergen, aber mein eidliches Verſprechen band mich, und hätte ich Dir nur ſagen wollen, daß Martha meine Schweſter und nicht mein Weib ſei, und alle Gründe dieſer ſeltſamen Stellung verſchweigen müſſen, ſo ward die Lage des armen Kindes in Deinen Augen nur noch zweideutiger. Ver⸗ gib mir darum, was Du gelitten haſt, beſter Arnold 13* 196 — ich hätte das mögliche Eintreten eines ſolchen Falles allerdings vorher bedenken ſollen!“ „Laß dich dies nicht gereuen, Fritz!“ rief Martha mit leuchtenden Augen.„Würden wir den Freund überhaupt gefunden haben, wenn alles anders gekom⸗ men wäre? Was wir erlebt und erlitten, hat uns nur um ſo feſter an einander gekettet, hat Arnold überdies in Lebensverhältniſſe eingeführt, die ſeinem hohen Geiſt entſprechen!“ Arnold drückte mit ſchweigender Zuſtimmung die Hand der Geliebten.„Was ſoll uns überhaupt jetzt das Vergangene? Die Zukunft liegt friſch und hell vor uns und hat ſich ſo harmoniſch gefügt, wie keine Be⸗ rechnung der Welt ſie hätte geſtalten können. Wie gerne folge ich jetzt der Laufbahn, die mich an Eurer Vaterland bindet! Wir werden in Warſchau bleiben, wo der Cardinal⸗Primas für die Zukunft reſidiren muß, Du mein ſüßes Mädchen bleibſt auf dieſe Weiſe auch dem liebgewonnenen Pflegling nahe. Aeußerlich iſt unſer Aller Zukunft ſicher geſtellt, und für häusliches Glück bringen wir beſſere Bürgſchaft mit als Tauſende! Dein holdes Weſen im Hauſe hat Dich zuerſt meinem Herzen ſo theuer gemacht, meine Martha, und gern will ich es mit dem erſten Beſitzer theilen! Nun aber ſoll nicht nur Glück empfangen, es ſoll auch gegeben wer⸗ 197 den! Ich verlaſſe Euch, um den frohen Bericht an den König aufzuſetzen und durch einen ſichern Courier zu befördern. Seine Weiſung iſt, daß ich, im glück⸗ lichen Falle der Auffindung der Prinzeſſin, an Ort und Stelle ſeinen Befehl erwarte, wohin ich ſie zunächſt bringen ſoll. Wenn ich ihn auch nicht mit einer Mittheilung darüber behelligen werde, wie tief unſer perſönliches Geſchick in eine Angelegenheit ver⸗ flochten iſt, die ihm ſo nahe am Herzen liegt, wird er doch zugeben müſſen, daß ich ſie mit ſolchem Eifer ver⸗ folgt habe, als wäre ſie meine eigene. Wie ſehr wird ihn die einfache Entwicklung des Räthſels überraſchen. Einen Punkt jedoch vergaß ich, mir von Dir aufklären zu laſſen, lieber Fritz; ſind Dir die Nachforſchungen des Königs nach dem verlorenen Kinde denn ganz unbekannt geblieben?“ —„Allerdings“, entgegnete der Maler;„es fällt mir ſelbſt auf, daß ich davon nie etwas erfuhr, doch erkläre ich es mir damit, daß dieſe Nachforſchungen, wie Du vorhin erwähnteſt, mit Vorſicht betrieben wor⸗ den, und deßhalb wohl kaum als vage Gerüchte in die Oeffentlichkeit drangen. Bedenke, daß ich Warſchau ſchon wenige Tage verließ, nachdem Maria uns über⸗ geben war, und daß dieſe Erkundigungen ohne Zwei⸗ fel gerade während der erſten Wochen nach dem Ver⸗ 198 ſchwinden des Kindes angeſtellt wurden— eine Zeit, in der wir alle Urſache hatten zu erwarten, daß bei uns direkte Nachfrage geſchehen würde, und uns deß⸗ halb ganz paſſiv verhielten.“ Arnold erhob ſich, um zu gehen. Mit lebhafter Bewegung nahm er die kleine Prinzeſſin auf den Arm. „Kleines Mädchen“, ſagte er lächelnd,„Du blickſt ſo unſchuldig drein, und haſt doch ſchon ſo viel Verwir⸗ rung und Leid angeſtiftet! Gebe Gott, daß all die Thränen, die ſeit einem Jahre um Deinetwillen geweint wurden, Dir ſelbſt und uns Allen nur der befruchtende Thau einer ſchönen Zukunft ſein mögen! Gute Nacht, meine Martha, mein lieber Bruder!— wie ſüß iſt es, ſcheiden zu dürfen mit dem Gedanken:„Auf Wieder⸗ ſehen auf Morgen!“ IV. Drängend folgten ſich nun die Begebenheiten für die glücklich Vereinigten und nur mit allgemeinen Zü⸗ gen können wir von hier an der Schilderung ihres Lebens folgen. Wenn auch ihre Geſtalten nicht aus dem Rahmen ſchwinden, ſo iſt doch das bewegte Zeit⸗ bild, das ſich nun ſeinem Abſchluß nähert, zu vielge⸗ ſtaltig und bedeutend, als daß uns Veranlaſſung ge⸗ 199 geben wäre, auf die Stimmung und täglichen Erleb⸗ niſſe der einzelnen Hauptfiguren näher einzugehen. Nach wenigen Tagen traf die Antwort des Königs von Polen auf Arnold's Bericht ein; er ſchrieb eigen⸗ händig und drückte ſeine wärmſte Anerkennung des ihm geleiſteten wichtigen Dienſtes, ſeine innige Vater⸗ freude mit der ihm eigenen einnehmenden Weiſe aus. Sein Befehl lautete, daß die bisherigen Pflegeeltern der Prinzeſſin ſie in Arnold's Begleitung ſogleich nach Stettin bringen ſollten, wo die Königin, die er ſelbſt mit der Freudenbotſchaft der Auffindung des verlorenen Kindes bekannt gemacht hätte, ſie erwartete. Sobald er ſeine Schutzbefohlenen der Königin übergeben haben würde, ſollte Arnold ſich in das ſchwediſche Lager be⸗ geben, um ausführlichen Bericht über ſeine Sendung zu erſtatten. Obgleich nun auf dieſe Weiſe eine nahe Trennung den Liebenden bevorſtand, fühlten ſie doch allzu leb⸗ haft ihre Verpflichtung, hier nicht in egoiſtiſcher Weiſe zu zögern, als daß ſie ihren Aufenthalt in Breslau länger ausgedehnt hätten, als die nothwendigſten Reiſe⸗ vorbereitungen es erforderten. Martha beſonders, die durch die Pflege des ihr anvertrauten Kindes das Muttergefühl kennen und würdigen gelernt hatte, ſah mit lebhafter Theilnahme dem Augenblick entgegen, 200 wo es ihr vergönnt ſein ſollte, die geliebte Kleine in die Arme ihrer Mutter zu führen. Während der won⸗ nigen Reiſetage gehörten die drei beglückten Menſchen noch ungeſtört und unbehindert einander an; eine Welt von Plänen und Mittheilungen ward ausgetauſcht; mancher Rückblick auf die Vergangenheit ſchob ſich zwiſchen die Ausſicht einer vielverheißenden Zukunft. Zwar hatten die Freunde ſich vor kaum zwei Monaten in Scheßlitz getrennt; wie viel Erlebtes hatte ſich aber namentlich für Arnold in dieſen kurzen Zeit⸗ raum zuſammengedrängt!, Das Geſchwiſterpaar, das die kleine Landſtadt vor kaum vierzehn Tagen verlaſſen hatte, erzählte dem Freunde unaufgefordert Manches von dort, wonach er aus leicht erklärlicher Befangen⸗ heit zu fragen unterließ. In dem Städtchen hatten inzwiſchen manche Veränderungen ſtattgefunden. Das Schloß ſtand leer, denn der Baron hatte ſich vor meh⸗ reren Wochen mit ſeiner Schweſter nach Dresden be⸗ geben. Nach einer Abweſenheit von ſieben in Polen verlebten Jahren war Auguſt in die Hauptſtadt ſeines Erblandes zurückgekehrt, und kaum hatte ſein üppiger Hof dort wieder Wurzel gefaßt, als Frau von Hoym, die zwei Jahre ſpäter zur Reichsgräfin von Coſel er⸗ hoben wurde, die Baronin von Rechenberg zu ſich ein⸗ lud. Ihr Bruder hatte ſie nach Dresden begleitet und 201 war bis jetzt noch nicht zurückgekehrt. Wenn hierbei auch die Mittheilungen des Malers ſtehen bleiben muß⸗ ten, ſo ſei uns geſtattet, hier einige Worte über die Zukunft Louiſen's von Rechenberg einzuſchalten, da ihre Geſtalt uns nicht mehr begegnen wird. Die erlebte Herzensniederlage hatte der ſchönen Frau die Ausſicht auf den Wiedergewinn ihrer frühe⸗ ren glänzenden Stellung doppelt reizend gemacht. Mit einem Gemiſch von Zorn und Schmerz hatte Arnold's Benehmen ſie getrofſen; doch fand ſie Waffen des Spot⸗ tes und der Eitelkeit genug in ſich, um den Schmerz zu erſticken und den Zorn in Geringſchätzung zu ver⸗ wandeln. Mit einer Offenherzigkeit, die ihrem ſchil⸗ lernden Weſen entſprach, dem die Treue des Gemüthes nie eigen geweſen ſagte ſie ſich überdies, daß ſie ihre ländliche Herzensidylle ſchwerlich auf Koſten der neuen glänzenden Ausſichten würde durchgeführt haben, und ihr raſcher Geiſt baute auf dieſe Einladung nach Dresden ſogleich den Plan, dort nach und nach die Befreiung und Gnade des Grafen Beichlingen zu ver⸗ mitteln, und durch ihn vielleicht dieſelbe glänzende Stellung wieder zu gewinnen, wie früher. Ihr Sturz hatte ſie vorſichtig gemacht, ſie nahm ihre früheren zuvorkommenden Manieren wieder an und war verbindlich gegen Jedermann, wodurch ſie 202 ſich bald viele Anhänger gewann. Mit ihrer gewöhn⸗ lichen Gewandheit wußte ſie ſich der jetzt über den König herrſchenden Favoritin bald ſo ganz zu bemäch⸗ tigen, daß Frau von Hoym ſie nicht mehr entbehren konnte. Doch koſtete es derſelben viele Mühe, den König zu beſtimmen, die Baronin wieder zu ſehen und ſie öfters um ſich zu dulden; das geſchickte Be⸗ nehmen Louiſen's, die ſich keineswegs aufdrängte, ſon⸗ dern ſich beſtändig den Anſchein gab, als liebe ſie jetzt die Zurückgezogenheit und beabſichtigte nichts, als einige Reſte ihres Vermögens zu retten, brachte es aber un⸗ merklich dahin, daß der König ſie faſt täglich zum Souper bei Frau von Hoym zuließ, wenigſtens keine Einwendung gegen ihre Anweſenheit machte. Obgleich der König ſie haßte, und ſie dies wußte und aufrichtig erwiderte, gelang es ihr dennoch, ihn oft ſo angenehm zu unterhalten, daß er die Zeit vergaß, und ſelbſt immer wieder neue Scherze mit ihr anknüpfte. Mit großer Klugheit und Vorſicht verfolgte ſie Schritt für Schritt ihren geheimen Plan. Niemals nannte ſie Beichlingen’s Namen, doch ſuchte ſie ſeine früheren Anhänger auf, gab ihnen unter verſchiedenen Vorwän⸗ den Penſionen und benützte ſie für ihre Pläne. Unter dem Vorgeben eigener Angelegenheiten machte ſie kleine Reiſen, um allerwärts die Stimmung für den Groß⸗ * 203 kanzler zu ſondiren, und nachdem es ihr endlich auch gelang, Frau von Hoym für ihn zu intereſſiren, war der Weg zu ſeiner Befreiung angebahnt. Wirklich er⸗ hielt er ſeine Begnadigung; ſcheinbar zwar unter her⸗ ben Bedingungen, doch hatte Auguſt in ſeiner gewohn⸗ ten zweideutigen Weiſe dieſe nur der Gegner Beichlin⸗ gen's wegen vorgeſchoben, und ihm durch den Gemahl der Frau von Hoym ganz anders lautende Vorſchläge machen laſſen. Da ſein großer perſönlicher Einfluß auf Auguſt bekannt war, fand ſich der frühere Groß⸗ kanzler ſogleich bei ſeiner Entlaſſung aus dem Sonnen⸗ ſtein von einer großen Anzahl von Schmeichlern und Anhängern umgeben, die ihn bald wieder in der frühe⸗ ren einflußreichen Stellung zu ſehen erwarteten. Alle ſeine Beſtrebungen richteten ſich auf das Ziel, ſeine einſtige Macht wieder zu gewinnen, und mit der Undankbarkeit eines echten Höflings vermied Beichlin⸗ gen jede Annäherung an Louiſe von Rechenberg. Er wußte recht gut, daß ſeine Befreiung das Reſultat ihrer unausgeſetzten Beſtrebungen ſei, doch kannte er auch des Königs innerliche Abneigung gegen ſie und nun, wo ſie keine Staffel, ſondern nur ein Hinderniß für ſeine Zwecke ſein konnte, bot die längſt erloſchene 3 Leidenſchaft für ihre Perſon kein Gegengewicht mehr. Noch in der Blüthe ihrer Jahre ward die Baronin 204 von Rechenberg von einem langwierigen Leiden ergrif⸗ fen, das ihre letzten Lebensjahre verbitterte. Obgleich ſie nicht den früheren, weitausgedehnten Einfluß wieder gewann, feſſelte ſie doch überall einen großen Kreis um ſich, und ihr in Karlsbad erfolgter Tod riß eine fühlbare Lücke für Viele. Fern lag aber dies Ende noch zu der Zeit, wo Arnold mit großer Befriedigung vernahm, daß die ſchöne Frau nun in einen Lebenskreis eingetreten ſei, wo ſie ihm ſo leicht nicht wieder begegnen würde. Mit heiterem Erſtaunen ließ er ſich erzählen, daß ſein Freund, der junge Doctor Vogler, im vollen Zuge der Werbung um die älteſte Tochter des Amtmanns ſei und in der von Arnold freigelaſſenen Stellung reichliches Einkom⸗ men und allgemeine Beliebtheit gefunden habe.— Herr Metzler ward in dem Bericht der Scheßlitzer Perſön⸗ lichkeiten um ſo weniger vergeſſen, als es wirklich et⸗ was von ihm zu berichten gab; der alte Knabe ging ebenfalls auf Freiersfüßen, und hatte dem Maler vor deſſen Abreiſe mit doppelter Feierlichkeit in dem ſtets wichtigen Geſichte anvertraut, daß der Engel binnen kurzer Zeit eine junge Wirthin aufweiſen könnte. Wie behaglich war es, dieſe Plaudereien zwiſchen die Erinnerungen der unvergeßlichen, in Scheßlitz zu⸗ ſammenverlebten Zeit einzuſtreuen! Ergriffen hörte 205 Arnold, daß ſeine Abreiſe damals nur dem ſchon ge⸗ faßten Beſchluß der Freunde zuvorgekommen ſei, und deſſen Ausführung dadurch unnöthig gemacht hatte. Der Gedanke, wie leicht es möglich geweſen wäre, daß dieſe ganze, für ſo Viele hochwichtige Angelegenheit vielleicht für immer der Aufklärung hätte entbehren können, erfüllte ihn mit Dank gegen den Lenker aller menſchlichen Schickſale, und ließ ihn während der be⸗ glückenden Reiſetage die ſchöne Gegenwart als ein Wunder empfinden. Der Hofcavalier, der die Reiſenden bei ihrer An⸗ kunft in Stettin empfing, war von der Königin beauf⸗ tragt, ihr die kleine Prinzeſſin in Martha's Begleitung zuzuführen. Schon beim Beginn der Reiſe hatten die Geſchwiſter den väterlichen Namen wieder angenommen, und aus der Begrüßung, die ihnen von Seiten des Kämmerers zu Theil ward, ging hervor, daß die Kö⸗ nigin das früher angenommene Verhältniß entweder nicht kannte, oder doch jedenfalls den freundlichen Takt hatte, das junge Geſchwiſterpaar den neugierigen Commentaren ihrer Umgebung nicht auszuſetzen. Martha's Herz ſchlug zum Erſticken, als ſie, ihren Pflegling an der Hand, das Schloß betrat. Zu dem aufregenden Gedanken, einer Mutter, der Königin ihres Landes, ein längſt verloren geglaubtes Kind zuzuführen, 206 geſellte ſich der Schmerz, nun der Trennung von der Kleinen entgegenzugehen, die ihr ſo theuer geworden war, wie man alles lieben lernt, das mit Leiden und Opfern erkauft wurde. Der Augenblick war gekommen. Bange ſchmiegte ſich Maria an die junge Pflegemutter, als eine hohe Geſtalt mit leidenſchaftlicher Bewegung an ihr niederſank und ſie mit heißen Küſſen in die Arme ſchloß. Katharina Opalinska, Stanislaus' Ge⸗ mahlin, war eine impoſante Brünette von fünfund⸗ zwanzig Jahren; ihre Haltung königlich, jede ihrer Bewegungen edel, die Harmonie ihrer klaſſiſchen Züge brachte faſt den Eindruck der Kälte hervor, wenn man ſie in ihrer gewöhnlichen Stimmung ſah. Wer aber die Königin in dieſem Augenblicke geſchaut hätte, wie ſie das zarte Kind in ihren Armen hielt und ſeine blonden Locken mit heißen Thränen befeuchtete, würde keinen Ausdruck in dem edlen Antlitz vermißt haben. Die ſchüchternen Augen der kleinen Prinzeſſin, die ſich von den ſtürmiſchen Liebkoſungen der fremdgewor⸗ denen Mutter beängſtigt fühlte, wendeten ſich beſtändig zurück nach Martha, die ſich etwas zurückgezogen hatte, und dadurch ward die Königin gleich unter dem Ein⸗ druck des erſten Freudenſchauers auf ſie aufmerkſam. Liebevoll ſchloß ſie das junge Mädchen in die Arme, das ihrem Kinde ein Jahr lang Mutter geweſen war, 207 und tauſend Fragen wechſelten mit Aeußerungen einer tiefempfundenen Dankbarkeit. War es das Bewußtſein, daß die Liebe zur Pflege⸗ mutter dem Kinde jetzt noch Bedürfniß ſei, daß ihre Vermittlung es erſt wieder hier heimiſch werden laſſen würde, war es Martha's einnehmendes Weſen— ge⸗ nug, die Königin faßte in dieſer erſten Stunde des Zuſammenſeins eine entſchiedene Vorliebe für das junge Mädchen und ſprach ſowohl ihr, als den beiden bald nachher zur Audienz berufenen Männern die Erwartung aus, daß die Geſchwiſter von nun an in ihrer nächſten Umgebung bleiben, und namentlich Martha ſich ihr und Maria in der Weiſe widmen würde, die ihren eigenen Wünſchen am beſten entſpräche. Obgleich nun Arnold durch einen lächelnden Seiten⸗ blick auf ſeine Braut ſtumme Einſprache gegen dieſes Verlangen that, ſo war es doch noch keineswegs an der Zeit, mit perſönlichen Plänen und Wünſchen her⸗ vorzutreten. Die Geſchwiſter erklärten ſich mit Freu⸗ den bereit, vorerſt bei der Königin zu bleiben, und ſie ſpäter nach Warſchau zu begleiten. Dort hofften die Liebenden, ſich wiederzufinden, und nachdem Arnold ſich in Stettin zwei Ruhetage vergönnt hatte, zögerte er um ſo weniger abzureiſen, als ihm ein Zuſammen⸗ ſein mit Martha unter den jetzigen Verhältniſſen nur 208 ſpärlich beſchieden war. Mit einem Schmerz, den er ſelbſt belächelte, aber nicht hinwegſcherzen konnte, riß er ſich los. Zwar ſollte ihre Trennung aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nur von kurzer Dauer ſein, aber doch trug er es ſchwer, das kaum geſicherte Glück ſchon wieder in unbeſtimmter Ferne zu wiſſen. Vergebens ſchalt er ſein ungenügſames Herz und ſuchte ſich den Contraſt zwiſchen dem erſten Scheiden und dem heu⸗ tigen recht lebhaft vor Augen zu ſtellen— die Ver⸗ gangenheit war nun einmal verſunken, mit ihr das Leid, das ihr angehörte, und das neue Glück verlangte gebieteriſch das Recht, auch ſeine eigenen Schaiths werfen zu dürfen. Als er bei Stanislaus I. anlangte, fand er den König in hochgeſpannter Stimmung. Es war für die⸗ ſen Fürſten einer jener Zeitpunkte gekommen, wo das Glück ſein Füllhorn verſchwenderiſch zu leeren ſcheint— ſo verſchwenderiſch, daß der launiſchen Göttin meiſtens keine Spende für die Zukunft mehr übrig bleibt. Alles gelang ihm. Während die kaum gehoffte glückliche Ent⸗ wicklung ſeiner Vaterſorgen ſein Herz beglückte, fanden ſein Chrgeiz und ſeine Vaterlandsliebe ebenſo viel Befrie⸗ digung. Seine Angelegenheiten nahmen einen raſchen und glücklichen Fortgang. Das Circular, das der Cardinal⸗ Primas ſchon von Rawicz aus an den Adel hatte er⸗ —— 209 gehen laſſen, führte dem in Prozowicz im Palatinat Krakau anberaumten Reichstage eine große Anzahl von Deputirten zu. Zwar hatten ſich anfänglich noch manche Stimmen für den König Auguſt erhoben, bald aber fügten ſich auch dieſe den Meinungen der Mehrzahl, und es ward einſtimmig beſchloſſen, ſich der Conföde⸗ ration anzuſchließen, die in Großpolen trotz jeder Un⸗ gunſt der Verhältniſſe ſtets die Anerkennung Stanis⸗ laus' ſtandhaft vertreten hatte. Es wurden vierzehn Deputirte ernannt, die im Namen des Reichsadels einer Verſammlung vorſtehen ſollten, welche ſchon in vierzehn Tagen in Warſchau zuſammentreten und die Anigelegenheit der Krönung zum Abſchluß bringen ſollte; ſechs andere wurden gewählt, um das Lager des Kö⸗ nigs von Schweden zu beſuchen, und Stanislaus im Namen Aller die feierliche Anerkennung ſeiner Wahl zum Könige und das Gelöbniß der Treue auszuſprechen, während einige Andere die Marſchälle und Palatine des Landes die ſich nicht in Prozowicz eingefunden hatten, dazu beſtimmen ſollten bei dem entſcheidenden Reichstage in Warſchau nicht zu fehlen. Als Arnold eintraf hatte Stanislaus eben die Deputation entlaſſen, welche ihm die ſtets entbehrte Zuſtimmung aller Parteien zu ſeiner königlichen Würde zuſicherte, und der Einfluß dieſes glücklichen Reſultates Godin, Frauenliebe und Leben. IV. 14 210 trug noch mehr dazu bei, das Herz des Königs für den Bericht ſeines Abgeſandten mit unvermiſchter Freude zu öffnen. Da es der ſchriftlichen Mittheilung des jungen Arztes natürlich an Einzelheiten hatte fehlen müſſen, verlangte Stanislaus jetzt einen umfaſſenden Bericht, der mit Ausnahme von Arnold's und der Ge⸗ ſchwiſter Orſelski perſönlichen Verhältniſſen, von unſerm Freunde bis zu ſeinem erſten Zuſammentreffen mit der kleinen Prinzeſſin in Scheßlitz zurückgeführt wurde. Der König übergab Arnold ein Schreiben des Cardinal⸗Primas, worin derſelbe dem Wunſche Sta⸗ nislaus', den jungen Arzt in Zukunft an ſeine eigene Perſon zu feſſeln, zuvorkommend beiſtimmte. Der Cardinal lobte den jungen Mann mit Nachdruck wegen der Gewandtheit, womit er in ſo kurzer Zeit den ge⸗ gebenen Auftrag erledigt hatte, und gab ihm volle Freiheit, dem Wunſche des Königs zu Folge in ſeiner Nähe zu bleiben. Die Befürchtung, welche Stanislaus ausgeſprochen haben mochte, daß die ärztliche Stel⸗ lung des Doktor Nobeling bei dem Cardinal ihn etwa für denſelben nicht leicht entbehrlich mache, war mit dem Bemerken zurückgewieſen, daß ſeine in jüngſter Zeit ſchwankende Geſundheit ihn ohnehin ge⸗ nöthigt habe, ſeinen früheren Leibarzt aus Warſchau zu ſich kommen zu laſſen, ehe der junge Mann zurück⸗ 211 gekehrt war, dem er dort mit Vergnügen als einem Diener ſeines Königs begegnen werde. Mit Befriedigung nahm Arnold die angebotene Stellung an, die ihm nach manchem Schickſalswechſel ein dauernder Hafen der Zukunft werden ſollte, und ihn auch mit der Geliebten raſcher zuſammenführen würde, als dies geſchehen wäre wenn er ſich von hier aus dem Cardinal ſogleich wieder angeſchloſſen hätte. Der König theilte ihm mit, daß nach einer Andeutnng des Prälaten derſelbe dem Reichstage in Warſchau nicht perſönlich beiwohnen, ſondern vorerſt in Danzig bleiben wolle wohin er ſich von Prozowicz aus zurück⸗ begeben hatte. In raſcher Folge drängten ſich nun die Ereigniſſe. Der anberaumte Reichstag trat in der zweiten Hälfte des Septembers zuſammen, und die Deputirten fanden ſich dort noch in größerer Anzahl ein, als in Prozo⸗ wicz. Alle ſchienen einig; die beiden verſöhnten Par⸗ teien gaben Auguſt ganz entſchieden auf, vernichteten die Akten der Reichsverſammlung, die dieſer Fürſt in Sandomir abgehalten hatte, und beſtimmte den ſieben⸗ ten Oktober als den Tag der Krönung Stanislaus I. Noch immer hatte ſich der Papſt bemüht, Auguſt von Sachſen zu unterſtützen. Nachdem er vergebens den Cardinal⸗Primas nach Rom citirt hatte, bedrohte er 14 212 alle Biſchöfe von Polen, die in dem Entſchluß beharren würden, ihren zuerſt gewählten König entthronen zu laſſen, mit ſchweren geiſtlichen Strafen. Es wurden deshalb von dem heutigen Reichstage aus neue Vor⸗ ſtellungen an ihn gerichtet, daß es ſich um keine Pri⸗ vatpartei, ſondern um das geſetzmäßige Zuſammen⸗ treten der ganzen Republik handle, die den Entſchluß, Auguſt abzuſetzen und Stanislaus zu wählen, freiwil⸗ lig gefaßt habe; der heilige Vater wurde deshalb be⸗ ſchworen, den Abſchluß einer Sache von der die Ruhe des Staates abhing, nicht mehr zu durchkreuzen. Cle⸗ mens XI. ſchwieg bei dieſer allgemeinen Stimmung des Landes, aber es war leicht zu erkennen daß es nicht das Schweigen der Zuſtimmung war. Es wurden große Vorbereitungen zu der nahe be⸗ vorſtehenden Krönung in Warſchau gemacht. Eine Deputation begab ſich nach Danzig, um den Kardinal⸗ Primas einzuladen die Krönung zu vollziehen. Der Prälat lehnte ab dies zu thun, indem er ſich mit Un⸗ wohlſein und der Unſicherheit der Wege entſchuldigte, die allerdings durch die noch immer nicht ganz zurück⸗ gedrängten ſächſiſchen Corps für hochgeſtellte Perſön⸗ lichkeiten beunruhigend waren; ſelbſt die Deputirten Großpolens hatten ſchwediſches Geleit in Anſpruch ge⸗ nommen, um ſich bei dem Reichstage einzufinden. 213 Niemand glaubte an die angegebenen Gründe. Es war leicht zu durchſchauen, daß der ſtolze Prälat War⸗ ſchau nicht eher betreten wollte, als bis der König, mit poſitiver Macht begleitet, im Stande war, ihm alle ſeine Güter und Beſitzungen, alle weltlichen Attri⸗ bute ſeiner hohen Stellung zurück zu erſtatten. Auch das Unwohlſein, das der Cardinal als einen der Gründe ſeiner Weigerung angab, ward für einen Vorwand gehalten; der Beweis des Gegentheils ſollte aber in ganz unerwarteter und erſchreckender Weiſe gegeben werden, indem der hochberühmte Prälat ſchon acht Tage nach der Krönung des Königs einer Krankheit erlag, die mit dieſem leichten Unwohlſein begonnen hatte. Als Arnold am erſten October im Gefolge des Königs in Warſchau eintraf, fand er die Geliebte und den Freund bereits dort anweſend. Die Königin hatte ſich mit ihren Kindern ſchon einige Tage früher dort⸗ hin begeben, und der Tag des Eintreffens Stanislaus war für Viele ein Freudentag. Das königliche Paar, nach ſo ſchweren Prüfungen und Sorgen endlich wie⸗ der nach langer Trennung vereint, mehr als je zur Dankbarkeit gegen Gott und zur warmen Menſchenliebe geſtimmt, ſah beglückt der nächſten Zukunft entgegen. Zu eng waren die drei Menſchen, deren inneres Leben 214 wir ſeit einigen Monaten verfolgt haben, mit der Ge⸗ ſchichte des königlichen Hauſes verflochten, als daß nicht ſchon in den erſten Stunden, die das königliche Paar im einſamen Geſpräch zuſammen verlebte, die Rede auf ſie gekommen wäre. Mochten die Ereigniſſe, welche Stanislaus im Laufe eines Jahres die Krone Polens gegeben, genommen und wiedergegeben hatten, für ihn, den Mann und Staatsbürger, auch an der Spitze alles Erlebten ſtehen,— für die Königin, für die Mutter waren der Verluſt und der Wiedergewinn ihres Lieblings das Erſte und Höchſte. So ſtreute ſie denn auch in die Zukunftspläne, die alle Glücklichen ſich machen, ſogleich ihre Abſichten für die ihr lieb und wichtig gewordenen jungen Leute ein, die ihr Kind ſo treu behütet hatten. Ihr Frauen⸗ inſtinkt hatte längſt aus Martha's Erzählungen heraus⸗ gefühlt, daß das perſönliche Geſchick des jungen Mäd⸗ chens tiefer in die Ereigniſſe die ſie berichtete, ver⸗ webt ſein mußte, als ſie zugeben wollte. Der liebreichen Güte womit ſie Martha's Vertrauen zu gewinnen ſuchte, gelang es bald ein offenes Geſtändniß alles Erlebten aus ihr zu locken, und mit tiefer Rührung ſagte ſich die Königin, daß hier mehr als Pflichter⸗ füllung ihrem Kinde zu Theil geworden ſei. Mit leb⸗ hafter Empfindung beſchloß ſie Martha's Herzensglück — 215 das um ihres Intereſſes willen dem Scheitern ſo nahe geweſen war, das ſo ſchmerzliche Prüfungen beſtanden hatte, ſo bald als möglich ſicher zu ſtellen, und erfuhr mit Befriedigung, daß Arnold bereits an das könig⸗ liche Haus gebunden ſei. Noch an demſelben Tage, der den König nach Warſchau geführt hatte ließ Ka⸗ tharina den jungen Arzt zu ſich rufen, und verlobte in Gegenwart des Königs und ihres ganzen perſön⸗ lichen Hofſtaates das liebenswürdige Paar, das mit allgemeinem Intereſſe betrachtet wurde, da es jetzt dem Hofe bekannt war, welche Rolle die anmuthige Braut in der Geſchichte des königlichen Hauſes geſpielt hatte.. Der Krönungstag des beglückten Königspaares nahte heran, und wurde am vierten Oktober mit höchſtem Pomp und traditionellen Feierlichkeiten be⸗ gangen, welche dies hochgehaltene, heißerſehnte Ziel dem Gedächtniß des Landes einprägen ſollte. Martha zog ſich am ſpäten Abend ermüdet auf ihr Zimmer zurück, um nach allen Leiſtungen und Er⸗ regungen dieſer Feierzeit etwas zu ruhen. Noch hatte ſie aber das ſilberdurchwirkte Prachtgewand, womit die Königin ſie zum heutigen Feſte beſchenkt, nicht mit einer leichten Hülle vertauſcht, als eine Kammerfrau Katharina's ſie in deren Gemächer berief. 216 Ueberraſcht, daß man ſie am Abende eines Tages, der für die hohe Frau ſo reich an Aufregung und Er⸗ müdung war, noch beſchied, folgte Martha der gegebenen Weiſung. Unter dem Cirkel vertrauter Diener, die den König und die Königin umgaben, ſuchte und fand das liebende Auge des jungen Mädchens ſogleich die Geſtalten des Geliebten und des Bruders. Die Königin trat Martha mit liebevolleu Ausdruck entgegen.„Der Tag, welcher unſer Glück geweiht, ſoll auch dem Deinigen den Segen des Himmels geben, liebes Kind!“ ſprach ſie voll Huld.„Ich ſelbſt will Dir den Myrthenkranz auf die Locken ſetzen, und der König wird Dir den Gatten zuführen.“ Zärtlich küßte ſie die erröthende Stirn des jungen Mädchens das ſich tiefbewegt vor ihr niederbeugte, nahm aus der Hand einer ihrer Damen den Brautkranz und drückte ihn auf das anmuthige Haupt Martha's.„Um meines Kindes willen haſt Du eine Dornenkrone getragen“, flüſterte Katharine,„und ſo möge der Himmel Dir dieſe Krone des Glücks dafür ſegnen!“ Die Flügelthüren öffneten ſich und unter dem Schimmer von hundert Kerzen, im Gewinde ſo friſcher Blumen, als ſei der Mai noch nicht verſchwunden in dem ihre junge Liebe zuerſt erblüht war, erblickte *½x½—— 2176 Martha einen Altar, dem der nun herantretende König ſelbſt ſie zuführte, während die Königin mit heiterem Lächeln Arnold herbeiwinkte und ihn an die Seite der holden Braut geleitete. Der Biſchof von Kammin vollzog die Trauung; ihn zu dieſer, für ein bürgerliches Paar in jenen Tagen unerhörten Auszeich⸗ nung günſtig zu ſtimmen, war ihm von der Königin die geheime Geſchichte dieſer Herzen, die in ihrer Ent⸗ ſtehung und Entwicklung ſo eng mit jener der jüngſten Prinzeſſin zuſammen hing, mitgetheilt worden, und er verſtand es in ſeiner kurzen Anſprache an die Neu⸗ vermählten, dieſe Kenntniß ihnen allein verſtändlich und ergreifend geltend zu machen. So haben wir denn das junge Paar bis zu dem Punkt begleitet, der ihnen das innere Glück verbürgt. Wer ſie lieb genug gewonnen hat, um auch ihre äuße⸗ ren Schickſale durch die Dauer ihres Lebens verfolgen zu wollen, der folge Stanislaus' wechſelvoller Ge⸗ ſchichte, die über das abgeſchloſſene Bild, das wir zu zeichnen verſuchten, hinausreicht. Nie haben Arnold Nobeling und ſeine Gattin, nie hat Fritz Orſelski das Königspaar fortan verlaſſen. Nachdem ſie die Gaben des Glückes mit ihnen getheilt, das die Dankbarkeit dieſer edlen wahrhaft fürſtlichen Naturen verſchwen⸗ deriſch über ſie ausgoß ſo lange dies in ihrer Macht 218 ſtand, theilten ſie auch ſpäter Sorgen und Gefahr und die Verbannung der Heimathloſen. In Weißenburg im Elſaß, wo Stanislaus durch den franzöſiſchen Hof, nach dem Tode Karl'’s XII., eine dauernde Heimath fand, brachten auch die drei f ihm ſo ergebenen Menſchen den größten Theil ihres Lebens zu. Wohl ſuchte Maria, als ſie in ihrem ſech⸗ zehnten Jahre als Gemahlin Ludwig's XV. auf den franzöſiſchen Thron gelangte, die ſtets geliebte und ge⸗ ehrte Pflegerin ihrer erſten Kindheit in die glänzenden Verhältniſſe hineinzuziehen, die ihr ſelbſt ſo überraſchend zu Theil wurden. Martha war aber des ſtillen Glückes, das ſie den Ihrigen bereitete, Arnold ſeines ausge⸗ 1 dehnten ärztlichen Wirkungskreiſes zu froh, um noch an der Schwelle reifer Jahre eine neue Exiſtenz be⸗ ginnen zu wollen. Nur Fritz, der ohnehin immer nur als Zugvogel das Stillleben in Weißenburg genoſſen hatte, fand in Paris für ſein herrlich entwickeltes Ta⸗ lent jetzt ein doppelt fruchtbares Feld. Sie alle fan⸗ den in häuslichem Glück, in friſchem und ſegensreichem Wirken ihr volles Genügen. Stanislaus aber hat es trotz ſeiner trefflichen, durch das Unglück noch ver⸗ edelten Gemüthsart nie verſchmerzt, daß ſein geliebtes Weib den letzten Schlaf in fremder Erde ſchläft; und obgleich er das ihm zugetheilte Herzogthum Lothringen — * —e — 219 mit väterlicher Sorgfalt bis an ſein Ende regierte, blieb doch das letzte Wort, was er unter der Qual eines ſchmerzensvollen Todeskampfes murmelte: „Polen!“ Ende des vierten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 5 päuuuuu ffffffffff ffffffß 8 9 10 11 12 13 14 15 16